7I), ee Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlenen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 9 =———= —, beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 1 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 „ R nnnn N ——— —õÿ— Roman von Alerander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. G. Fink. Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1859. ————— Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart⸗ . 2 1. Worin der Leſer mit den beiden erſten Perſonnagen des Buches Behanntſchaft macht. Der Herr Chevalier de la Graverie war an ſeinem zweiten Spaziergang durch die Stadt. Vielleicht wäre es logiſcher dem Leſer vor allen Dingen mitzutheilen, wer oder was der Herr Che⸗ valier de la Graverie war, und in welchem der ſechsundachtzig Departements Frankreichs die Stadt lag, durch welche er dahin ſchritt. Aber wir haben in einem Augenblick von hu⸗ mour, der uns wahrſcheinlich durch den Nebel ein⸗ gegeben wurde, welchen wir in der letzten Zeit in England eingeathmet, beſchloſſen, einen vollſtändig neuen Roman zu machen, d. h. von der gewöhn⸗ lichen Manier ganz abzuweichen und ihn verkehrt zu machen. Statt alſo mit dem Anfang anzufangen, wie man es bis jetzt gehalten hat, werden wir ihn am Ende anfangen. Dabei haben wir die feſte Ueber⸗ zeugung, daß unſer Beiſpiel Nachahmung finden und daß man in der nächſten Zeit die Romane nur noch am Ende anfangen wird. Ueberdieß iſt noch ein anderer Grund vorhan⸗ den, der uns zu dieſer Verfahrungsweiſe beſtimmt. 1 ½ — 4 Wir fürchten, die Trockenheit der biographiſchen Details könnte den Leſer abſchrecken, ſo daß er gleich nach dem erſten Blatt das Buch zuſchlägt. Wir werden uns alſo begnügen ihm für den Augenblick zu ſagen, übrigens ſagen wir es blos, weil wir es nicht geheim halten können, daß die Geſchichte ums Jahr 1842 in der Stadt Chartres in Beauce ſpielt, und zwar auf der ulmenbeſchat⸗ teten Promenade, welche ſich um die alten Feſtungs⸗ werke der ehemaligen Carnutenhauptſtadt ſchlängelt und zu gleicher Zeit die Champs⸗Elyſees und die kleine Provence ſämmtlicher Generationen vertritt, die ſeit zweihundert Jahren einander in Chartres abgelöst haben. 4 ¹ Nachdem wir ſomit unſere Vorbehalte in Be⸗ treff der Individualität unſeres Helden oder viel⸗ mehr des Einen von unſern Helden, damit der Leſer uns keiner argliſtigen Tücke beſchuldige, aufgeſtellt, fahren wir fort. 3 Der Chevalier de la Graverie war alſo an ſeinem zweiten Gang durch die Stadt. Er kam an denjenigen Theil des Boulevards, welcher das Reiterviertel beherrſcht und von wo das Auge die geräumigen Höfe der Reiterkaſerne in all ihren Details umfaßt. Der Chevalier blieb ſtehen. Hier pflegte er Halt zu machen. Der Chevalier de la Graverie ging jeden Tag Schlag zwölf Uhr aus, nachdem er ſeinen ſchwarzen Cafe getrunken und drei oder vier Stückchen Zucker in ſeine hintere Rocktaſche geſteckt hatte, um ſie unter⸗ wegs zu knaupeln. Den zweiten Theil ſeines Spa⸗ 5 ziergangs richtete er ſo ein, daß er immer juſt in dem Augenblicke, wo die Trompete die Reiter zum Pferdeputzen aufrief, an derſelben d. h. an der ſo eben von uns bezeichneten Stelle ankam. Nicht als ob irgend Etwas in der Welt außer dem rothen Bändchen, das er an ſeinem Fracke trug, dei dem Chevalier de la Graverie eine Nei⸗ gung zu militäriſchen Uebungen verrathen hätte; von einer ſolchen war nicht die mindeſte Spur vor⸗ handen, und der Chevalier de la Graverie war im Gegentheil das gutmüthigſte Männchen, das man ſich nur denken kann. Aber es machte ihm Vergnügen dieſes pittoreske und bewegungsreiche Gemälde zu ſehen, das ihn an die Zeit erinnerte, wo er ſelbſt— wir werden ſpäter ſagen unter welchen Umſtänden— Musketier geweſen, worauf er ſich ſehr viel einbildete, ſeitdem er es nicht mehr war. Denn ohne, wenigſtens oſtenſibel, in den Erin⸗ nerungen einer andern Epoche ſeine Tröſtungen für die Gegenwart zu ſuchen, liebte es der Chevalier de la Graverie, während er philoſophiſch Haare trug, die vom zarten Gelb in Perlgrau übergegan⸗ gen waren; während er mit ſeiner Hülle ſo zufrie⸗ den zu ſein ſchien, wie nur je eine Larve mit der ihrigen ſein kann; während er nicht mehr auf den Schmetterlingsflügeln eines ehemaligen jungen Man⸗ nes herumgaukelte; er liebte es, ſagen wir, ſich in den Augen der friedlichen Spießbürger, die gleich ihm ihre tägliche Zerſtreuung gegenüber den Reiter⸗ ſtällen ſuchten, als Kenner a fzuthun und ſeine Nachbarn ſagen zu hören: 6 „Wiſſen Sie, Chevalier, daß Sie auch in Ihrer Zeit ein hübſcher Offizier geweſen ſein müſſen?“ Eine Vorausſetzung, die dem Chevalier de la Graverie um ſo angenehmer war, je mehr ſie aller und jeder Begründung ermangelte. Die Gleichheit der Runzeln, welche nur als Vorſpiel fuͤr die große Gleichheit des Todes gelten kann, iſt der Troſt Derjenigen, die ſich über die Natur zu beklagen haben.. Nun hatte der Chevalier de la Graverie ganz und gar keine Urſache dieſe launiſche Natur ſehr zu loben, welche für die Einen eine gutherzige Amme, für die Andern eine launenhafte Stief⸗ mutter iſt. Und dieß iſt, glaube ich, der Augenblick zu ſa⸗ gen, wie der Chevalier de la Graverie phyſiſch be⸗ ſchaffen war; ſeine moraliſchen Eigenſchaften werden ſich ſpäter entwickeln. Er war ein kleines Männchen zwiſchen ſieben⸗ und achtundvierzig Jahren, fett wie die Weiber und die Eunuchen. Er hatte, wie wir bereits ge⸗ ſagt, gelbe Haare gehabt, die in ſeinen Signale⸗ ments gewöhnlich als blond eingetragen wurden; er beſaß noch jetzt große fayenceblaue Augen, deren gewöhnlicher Ausdruck Unruhe war, wenn nicht die Träumerei— denn der Chevalier träumte zuweilen — ihnen eine düſtere Starrheit gab; dabei lange, weiche, ſchlappe Ohren ohne Läppchen; ferner dicke ſinnliche Lippen, wovon die untere ein wenig nach öſterreichiſcher Manier herabhing; ſein Teint endlich war ſtellenweiſe geröthet und da, wo er nicht roth war, beinahe erdfahl. 7 Dieſer erſte Theil ſeines Körpers wurde von einem dicken, kurzen Hals getragen, der aus einem Torſo hervorkam, welcher ſich ganz in den Bauch geworfen hatte zum Schaden für die dünnen und kurzen Aermchen. Dieſer Torſo endlich bewegte ſich mit Hilfe von Beinchen, die rund wie Blutwürſte und gegen das Knie zu etwas krumm waren. Das Ganze war im Augenblick, wo wir es dem Leſer vorführen, folgender Maßen gekleidet: der Kopf mit einem ſchwarzen breitrandigen niedern Hut; der Hals mit einer feinen geſtickten Battiſt⸗ binde; der Torſo mit einer weißen Piquéweſte und einem blauen Frack mit goldenen Knöpfen; der untere Theil des Körpers endlich mit einer etwas kurzen, am Knie und Knöchel engen, Nankin⸗ hoſe, unter welcher baumwollene gefleckte Strümpfe zum Vorſchein kamen, die ſich in leichten Schuhen mit dicken Bändern verloren. So wie er war, hatte der Chevalier de la Graverie das Pferdeputzen zum Hauptvergnügen des Spaziergangs gemacht, den er täglich mit der religiöſen Sorgſamkeit ausführte, womit methodiſche Charaktere, wenn ſie in einem gewiſſen Alter an⸗ gelangt ſind, einer ärztlichen Vorſchrift nachkommen. Er betrachtete es als einen Nachtiſch; es ge⸗ lüſtete ihn darnach, wie es einen Gaſtronomen nach einem Zwiſchengericht gelüſtet. Vor der hölzernen Bank angelangt, die am Rande der Böſchung ſteht, welche zu den Ställen hinabführt, blieb Herr de la Graverie ſtehen und ſah, ob das Schauſpiel bald beginnen würde; dann 8 ſetzte er ſich methodiſch, wie ein alter täglicher Gaſt ſich in das Orcheſter der Comedie francaiſe geſetzt haben würde, und wartete, das Kinn auf beide Hände und die beiden Hände auf ſeinen goldenen Stockknopf geſtützt, bis der Trompetenſchall die drei Pfiffe des Regiſſeurs erſetzte. Und in Wahrheit hätte an dieſem Tag das in⸗ tereſſante Schauſpiel des Pferdeputzens noch viele andere Leute, die weniger neugierig und blaſirt waren als unſer Chevalier, aufhalten und feſſeln können. Nicht als ob die tägliche Operation an und für ſich etwas Ungewöhnliches oder Unübliches gehabt hätte: nein, es waren dieſelben Pferde, Braune, Füchſe, Grauſchimmel, Rappen, Schecken. Sie wieherten oder knirſchten unter der Bürſte oder dem Striegel; es waren auch dieſelben Reiter in Holzſchuhen und Drilchhoſen, dieſelben gelangweilten Unterlieutenants, derſelbe ernſte und gewiegte Ad⸗ jutantmajor, der auf eine Verletzung des Regle⸗ ments lauerte, wie die Katze auf die Maus oder der Aufſeher auf die Schuljungen. Aber an dem Tag, wo wir dem Chevalier de la Graverie begegnen, glänzte eine ſchöne Herbſt⸗ ſonne über dieſer beweglichen Maſſe von Zwei⸗ und Vierfüßlern, ſo daß der Werth des Ganzen und der Details verdreifacht wurde. Nie hatten die Rücken der Pferde ſo ſchön ge⸗ ſchillert, nie hatten die Helme ſo viel Feuer aus⸗ geſtrahlt, nie hatten die Säbel ſo viel Blitze ent⸗ ſendet, nie waren die Phyſiognomien ſo accentuirt, kurz nie war der Rahmen ſo glänzend geweſen. Die zwei majeſtätiſchen Thurmſpitzen, welche die 9 große Kathedrale beherrſchten, flammten unter einem warmen Strahl, welcher dem Himmel Italiens ab⸗ geborgt ſchien; die geringſten Details ihrer feinen Auszackungen verkündeten ſich durch die Kraft der Schatten, und die Blätter der Bäume am Eure⸗ ron ſchillerten tauſendfach in Grün, Purpur und old. 4 Obſchon der Chevalier keineswegs der romanti⸗ ſchen Schule angehörte, obſchon es ihm niemals eingefallen war Lamartines poetiſche Betrach⸗ tungen oder Victor Hugos Herbſtblätter zu leſen, ſo hatten doch dieſe Sonne, dieſe Bewegung, dieſes Getöſe, dieſe Majeſtät der Landſchaft etwas Verzauberndes für ihn, und wie alle träge Geiſter wurde er, ſtatt die Scene zu beherrſchen, ſtatt nach ſeinem eigenen Gutdünken zu träumen und ſeiner Träumerei diejenige Richtung zu geben, die ihm am angenehmſten ſein konnte, bald von ihr abſor⸗ birt und verſank in jene intellectuelle Erſchlaffung, 4 während welcher der Gedanke das Hirn und die Seele den Körper zu verlaſſen ſcheint, wo man ſchaut ohne zu ſehen, horcht ohne zu hören, und wo die Menge der Träume, die auf einander folgen wie die farbigen Flächen des Kaleidoſcops— und zwar ohne daß der Träumer die Kraft hat einen ſeiner Träume im Vorübergehen feſtzuhalten— zuletzt eine Trunkenheit hervorbringt, die eine ent⸗ fernte Aehnlichkeit mit dem Rauſch der Opium⸗ raucher und der Haſchiſcheſſer darbietet. DerChevalier de la Graverie ließ ſich ſeit eini⸗ gen Minuten von dieſer Schlafſucht überwältigen, als er auf einmal durch eine höchſt poſitive Em⸗ 10 pfindung zu dem Gefühl des wirklichen Lebens zurückgebracht wurde. Es ſchien ihm, als ſuche eine verwegene Hand vexſtohlen in die linke Taſche ſeines Ueberrockes zu gleiten. Der Chevalier de la Graverie wandte ſich raſch um und bemerkte zu ſeiner großen Ueberraſchung ſtatt des Galgengeſichtes von einem Beutelſchneider die ehrliche und friedſame Phyſiognomie eines Hundes, der ſich durch ſeine Ertappung auf der That nicht im mindeſten beirren ließ und fortwährend die Taſche des Chevaliers umſchnüffelte, indem er freundlich mit dem Schwanz wedelte und verliebt ſeine Lippen beleckte. Das Thier, das den Chevalier ſo unvermuthet ſei⸗ ner Träumerei entriß, gehörte zu der großen Race von Wachtelhunden, die uns zu gleicher Zeit mit den Hilfs⸗ truppen, welche Jakoh I. ſeinem Vetter Carl VII. ſchickte, aus Schottland zugekommen ſind. Es war ſchwarz, hatte aber einen weißen Streif, der vom Hals an immer breiter wurde und über die Bruſt hinab bis zwiſchen ſeine Vorderpfoten ging, ſo daß er eine Art von Jabot bildete; ſein Schwanz war lang und wogend; ſein ſeidenweiches Haar hatte metalliſche Reflexe, ſeine Ohren, die fein, lang waren und tief hingen, umrahmten verſtändige beinahe menſchliche Augen, zwiſchen welchen ſich eine Schnauze hinzog, die an ihrem Ende ein wenig ins Feuer⸗ farbige ſpielte. Für Jedermann war es ein prächtiges Thier, das alle Bewunderung verdiente; aber der Che⸗ valier de la Graverie, der gegen die Thiere im 82 11 Allgemeinen und gegen die Hunde insbeſondere den Gleichgiltigen ſpielte, ſchenkte den äußeren Reizen des thieriſchen Individuums vor ihm nur geringe Aufmerkſamkeit. S Er ſah ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht. Während der Sekunde, welche zur Wahrneh⸗ mung deſſen, was hinter ſeinem Rücken vorging, ausgereicht, hatte der Chevalier de la Graverie ein ganzes Drama aufgebaut. Es gab Diebe in Chartres. Eine Bande von Beutelſchneidern hatte die Hauptſtadt der Beauce heimgeſucht, um die Taſchen ihrer Bürger auszubeuten, die dafür bekannt wa⸗ ren, daß ſie dieſelben mit Werthen aller Art voll⸗ ſtopften. Wenn dieſe frechen Halunken entlarvt, feſtgenommen, vor die Aſſiſen geſchleppt, ins Bagno geſchickt werden konnten, und wenn man dieſen glänzenden Erfolg lediglich dem Scharfblick und der feinen Naſe eines einfachen Flaneurs ver⸗ dankte, ſo war dieß etwas Herrliches, und man be⸗ greift, wie ſchmerzlich es dem Chevalier ſein mußte, von dieſen wechſelreichen Höhen in die eintönige Ruhe der täglichen Begegniſſe eines Spaziergangs durch die Stadt herabzuſinken. i ſeiner erſten Regung von übler Laune gegen den Urheber dieſer Täuſchung verſuchte er es daher, den Zudringling durch ein olympiſches Stirnrunzeln fortzujagen, deſſen Allmacht das Thier unmöglich widerſtehen zu können ſchien. Aber oh Wunder! der Hund hielt das Feuer dieſes Blickes unerſchrocken aus und ſah im Gegen⸗ theil ſeinen Widerpart ganz freundlich an. Er ließ ſeine großen, gelben, ganz feuchten Augenſterne mit ſolchem Ausdruck ſtrahlen, daß der Spiegel des Herzens, welchen man bei den Hunden wie bei den Menſchen Auge nennt, ganz klar und deutlich zu dem Chevalier de la Graverie ſagte: „Bitte, Herr, ſeien Sie barmherzig!“ Und dieß mit einem ſo demüthigen, ſo kläglichen Ton, daß der Chevalier ſich bis auf den Grund der Seele gerührt fühlte und ſeine Stirne entrunzelte; dann ſtöberte er in derſelben Taſche, in welche der Wachtelhund ſeine ſpitzige Schnauze einzuführen verſucht hatte, und zog eines der Stückchen Zucker heraus, welche die Lüſternheit des Diebes angeregt. Der Hund empfing es mit allem erdenklichen Zartgefühl. Wer ihn ſeinen Schlund öffnen ſah, um dieſes leckere Almoſen hineinfallen zu laſſen, der würde nie geglaubt haben, daß ein ſchlechter Gedanke, ein Diebſtahlsgedanke in dieſes ehrliche Hirn gekommen ſei; vielleicht würde ein Beobachter einen etwas erkenntlicheren Ausdruck der Phyſiogno⸗ mie gewünſcht haben, während der Zucker zwiſchen den weißen Zähnen des Thieres krachte, allein die Gefräßigkeit, die eine der ſieben Todſünden iſt, bil⸗ dete einen Theil der liebenswürdigen Laſter des Chevalier, der ſie als eine jener Schwachheiten be⸗ trachtete, welche den geſellſchaftlichen Beziehungen Zauber verleihen. So kam es, daß er, ſtatt dem Hund den mehr ſinnlichen als dankbaren Ausdruck ſeiner Phyſiognomie zu verübeln, mit wahrhafter und beinahe neidiſcher Bewunderung die Zeichen beobachtete, wodurch das Thier ſein paſtronomiſches Hochgefühl zu erkennen gab. 13 Im Uebrigen gehörte der Wachtelhund ent⸗ ſchieden zu dem Geſchlecht der Halunken. Die Wohlthat war nicht ſo bald verſchlungen, als das Thier ſich ihrer nur zu erinnern ſchien, um eine andere zu verlangen; es that dieß mit einem verliebten Lecken ſeiner Lippen und mit den⸗ ſelben flehenden Spielen der Phyſiognomie, den⸗ ſelben demüthigen und liebkoſenden Haltungen, deren Wirkſamkeit es ſo eben erprobt hatte. Es hatte keine Ahnung davon, daß es wie beinahe alle Bett⸗ ler aufhörte intereſſant zu ſein, um überläſtig zu werden; aber ſtatt ihm ſeine Zudringlichkeit zu miß⸗ deuten, munterte der Chevalier ſeine ſchlimmen Neigungen auf, indem er ihm ſo lange Zucker⸗ ſtückchen zuwarf, bis ſeine Taſche gänzlich ausge⸗ leert war. Das Rabelaisſche Viertelſtündchen der Erkennt⸗ lichkeit rückte heran. Der Herr Chevalier de la Graverie ſah, ihm nicht ohne eine gewiſſe Beſorgniß entgegen. Es liegt in der Wohlthat, die man einem Hunde ſpendet, immer eine Schattirung von Geckenhaftigkeit und ſogar Egoismus; man glaubt gerne, daß die Hand, von welcher ſie kommt, ihren ganzen Werth ausmache, und der Chevalier hatte ſo oft Schuldner, die er zu Dank verpflichtet, nach Höflingsart den abgeleckten Tellern die Ferſen zu⸗ wenden geſehen, daß er trotz des Anflugs von Dün⸗ kelhaftigkeit, den wir bezeichnen, ſich nicht allzu ſehr der Hoffnung hinzugeben wagte, ein einfaches Mit⸗ glied der hündiſchen Gemeinde werde den Ueber⸗ lieferungen und Beiſpielen, welche die Söhne Adams ſeit der Reihenfolge der Jahrhunderte Seinesgleichen gegeben, untreu werden. So philoſophiſch auch der Chevalier de la Gra⸗ verie in Folge einer langen Lebenserfahrung über dieſen Punkt hätte denken müſſen, ſo kam es ihn doch hart an, wieder einmal auf eigene Koſten die univerſelle Undankbarkeit zu erproben. Sein ein⸗ ziger Wunſch war daher, ſeine improviſirte Bekannt⸗ ſchaft vor den Verlegenheiten dieſer furchtbaren Prüfung zu ſchützen und ſich ſelbſt die Demüthi⸗ gungen zu erſparen, die daraus erwachſen konnten; nachdem er alſo zum letzten Mal die Tiefe ſeines Ueberrocks ſondirt; nachdem er ſich feſt überzeugt, daß es unmöglich war dieſe angenehmen Beziehun⸗ gen um die Dauer eines Zuckerſtückchens zu ver⸗ längern; nachdem er vor den Augen des Wachtel⸗ hundes ſeine Taſchen umgekehrt, um ihm ſeine vollſtändige Ehrlichkeit zu beweiſen, ſtreichelte er ihn noch freundlich, was zugleich ein Lebewohl und eine Aufmunterung bedeutete; dann ſtand er auf und ſetzte ſeinen Spaziergang fort, ohne daß er es wagte hinter ſich zu ſchauen. 4 Alles das bezeichnet, wie Ihr ſehet, den Che⸗ valier de la Graverie nicht als einen ſchlechten Mann und eben ſo wenig den Wachtelhund als einen ſchlechten Hund. Wenn man einen Menſchen und einen Hund auf die Scene zu bringen hat, ſo iſt es ſchon viel, wenn der Menſch nicht böſe und der Hund nicht wüthend iſt. Ich glaube mich daher in Anbetracht dieſer erſten Unwahrſcheinlichkeit verpflichtet zu wie⸗ 15 derholen, daß ich keinen Roman erzähle, ſondern eine Geſchichte. Der Zufall hatte dießmal einen guten Menſchen und einen guten Hund zuſammengefüͤhrt. Einmal beweiſt Nichts. II. Worin Mamſell Marianne das Programm ihres Charakters gibt. Wir haben geſehen, daß der Chevalier ſeinen Spaziergang wieder begonnen hatte, ohne daß er um ſich zu ſchauen und ſich zu verſichern wagte, ob der Hund ihm folgte oder nicht. Aber er war noch nicht auf der Courtillebrücke, einem nicht blos den Chartrern, ſondern den Ein⸗ wohnern des ganzen Kantons wohlbekannten Ort, angelangt, als ſein Entſchluß bereits einen ſchweren Stoß erlitten hatte, und nicht ohne eine wahre mo⸗ raliſche Kraft hatte er den Einflüſterungen des Dämons der Neugierde Widerſtand geleiſtet. Dieſe Neugierde wurde im Augenblick, wo der Chevalier de la Graverie vor dem Morardthor an⸗ langte, ſo ſtark aufgeregt, daß die Erſcheinung der Diligence, die von der alten Pariſer Straße her im dreifachen Galopp ihrer fünf Pferde heran⸗ brauſte, ihm als ein Vorwand diente auf die Seite zu treten; bei dieſer Gelegenheit nun drehte er ſich wie aus Verſehen um und bemerkte den Hund, der ganz gravitätiſch und methodiſch, wie ein Thier, das weiß was es thut oder das nach ſeinem Gewiſſen handelt, hinter ihm einherſchritt. „Ich habe dir aber Nichts mehr zu geben, ar⸗ mes braves Thier!“ rief der Chevalier, indem er ſeine ſchlaffen Taſchen ſchüttelte. Es war, als ob der Hund den Sinn und die Bedeutung dieſer Worte begriffen hätte, denn er ſtürzte jetzt fort, machte zwei oder drei tolle Freuden⸗ ſprünge, wie wenn er ſeine Erkenntlichkeit bezeugen wwollte; dann aber, als er den Chevalier ſtehen bleiben ſah und nicht wußte, wie lange dieſer Halt dauern würde, legte er ſich platt auf ſeinen Bauch, lehnte ſeinen Kopf auf ſeine ausgeſtreckten Vorder⸗ pfoten, bellte drei⸗ oder viermal luſtig in die Luft hinaus und wartete, bis ſein neuer Freund ſich wieder auf den Marſch begeben würde. Bei der erſten Bewegung, welche der Chevalier machte, richtete der Hund ſich wieder auf ſeine vier Pfoten auf und ſprang voraus. Wie das Thier die Worte des Menſchen be⸗ griffen zu haben ſchien, ſo ſchien jetzt der Menſch die Geberden des Thieres zu begreifen. Der Chevalier de la Graverie blieb ſtehen, und indem er ſeine beiden Arme erhob, dann wieder ſinken ließ, ſagte er: „Gut! Du willſt durchaus, daß wir in Geſell⸗ ſchaft gehen ſollen, ich begreife Dich; aber Unglück⸗ licher, ich bin nicht Dein Herr, und um mir zu folgen, mußt Du irgend Jemand verlaſſen, Jemand, der Dich herangezogen, beherbergt, ernährt, ge⸗ hätſchelt, geliebkoſt hat, einen Blinden, deſſen Stab Du vielleicht biſt, eine alte Wittwe, deren Troſt Du ohne Zweifel warſt; um einiger ſchlechter Stücke Zucker willen haſt Du ſie vergeſſen, wie Du ſpäter 17 mich vergeſſen würdeſt, wenn ich ſchwach genug wäre Dich zu adoptiren. Fort, pack Dich, Medor,“ fuhr der Chevalier fort, indem er ſich dießmal di⸗ rect an das Thier wendete;„Du biſt nur ein Hund, Du haſt nicht das Recht undankbar zu ſein. Ah! wenn Du ein Menſch wäreſt,“ ſetzte er in Paren⸗ theſe hinzu,„dann wäre es etwas Anderes.“ Aber ſtatt dem Befehl zu gehorchen oder ſich an die philoſophiſche Betrachtung des Chevalier zu kehren, verdoppelte der Hund ſein Gebelle, ſeine Freudenſprünge, ſeine Einladungen zum Spazier⸗ gang. Unglücklicherweiſe hatte dieſe zweite Gedanken⸗ reihe, die dem Chevalier wie eine Dämmerungs⸗ fluth, wovon jede Woge finſterer herankommt, zu Gehirn geſtiegen war, ihn verdüſtert; ohne Zweifel hatte er ſich Anfangs geſchmeichelt gefühlt die plötzliche Zuneigung einzuflößen, welche das Thier ihm bewieſen hatte; aber in Folge eines natür⸗ lichen Umſchlags hatte er bedacht, daß dieſe An⸗ hänglichkeit ſicher eine mehr oder minder ſchwarze Undankbarkeit verberge; er hatte die Dauer einer ſo urplötzlich aus erſter Eingebung hervorgegange⸗ ner Freundſchaft erwogen und ſich endlich in einem Entſchluſſe beſtärkt, den er ſeit einer Reihe von Jahren gefaßt zu haben ſchien und demzufolge— wir werden es ſpäter erklären— weder Männer, noch Frauen, noch Thiere in Zukunft irgend einen Theil an ſeiner Liebe haben ſollten. Aus dieſer flüchtigen Skizze muß der Leſer zu erſehen anfangen, daß der Chevalier de la Graverie Dumas, Black. I. 2 4 18 der ehrenwerthen Religion angehört, welche Timon zum Gott, Alceſt zum Meſſias hat und Miſanthropie genannt wird. 1 . Feſt entſchloſſen Ernſt zu zeigen und dieſe Ver⸗ bindung gleich in ihrem Beginn wieder abzubrechen, machte Herr de la Graverie zuerſt einen Verſuch den Hund auf dem Wege der Ueberredung fortzu⸗ ſchaffen. Nachdem er ihn, wie wir geſehen haben, bei ſeiner erſten Aufforderung zum Rückzug Medor genannt, erneuerte er dieſelbe Einladung, indem er ihn abwechſelnd mit den mythologiſchen Namen Pyramus, Morpheus, Jupiter, Caſtor, Pollux, Actäon, Vulcan anrief; dann mit den antiken Namen Cäſar, Neſtor, Romulus, Tarquinius, Ajax; hier⸗ auf mit den ſcandinaviſchen Namen Oſſian, Fingal, Odin, Thor, Feuris; von dieſen ging er zu den engliſchen Namen Trim, Tom, Dick, Nick, Mylord, Stopp über; von den engliſchen zu den pittoresken Namen Sultan, Phanor, Türk, Ali, Mouton, Per⸗ dreau; kurz er erſchöpfte von den fabelhafteſten Zei⸗ ten an bis auf unſere wirklichen Zeiten ſämmtliche Namen, welche die Leidensgeſchichte der Hunde ihm liefern konnte, um es dem hartnäckigen Wachtelhund in den Kopf zu bringen, daß er unmöglich noch länger hinter ihm herlaufen könne; aber wenn es in Bezug auf die Menſchen ein Sprichwort gibt, daß der ſchlimmſte Taube derjenige ſei, der nicht hören wolle, ſo war es klar, daß dieſes Sprüchwort wenigſtens im gegebenen Falle auch auf die Hunde Anwendung finden mußte. 3 In der That ſchien der Wachtelhund, der kaum noch ſo raſch den Gedanken ſeines neuen Freundes —- c ———— — 2SDͤeen — 4 4 ANN „ͤͤ—— wna d8N—ͤ— d———— 19 geahnt hatte, ihn jetzt nicht im Entfernteſten zu begreifen; je drohender und ſtrenger die Phyſiog⸗ nomie des Chevalier de la Graverie wurde, je mehr er in ſeiner Kehle nach metalliſchen und energiſchen Tönen ſuchte, um ſo luſtigere und herausfordern⸗ dere Haltungen nahm das Thier an und ſchien ein freundliches Geſchäcker erwiedern zu wollen. Als dann der Chevalier zuletzt, zwar ſehr ungern, aber gezwungen durch die Nothwendigkeit ſeine Gedanken klar und handgreifklich zu machen, ſich entſchloß ſeinen Stock mit dem goldenen Knopf zu erheben und die ultima ratio der Hunde anzuwen⸗ den, da legte ſich das arme Thier traurig auf ſei⸗ nen Rücken und bot mit ergebungsvoller Miene ſeine Seiten dem Stocke dar. Unglückliche Erlebniſſe, aus denen wir unſern Leſern ganz und gar kein Geheimniß zu machen gedenken, hatten den Chevalier zum Menſchenfeind machen können, aber die Natur hatte ihn nicht böſe geſchaffen. Dieſe demüthige Haltung des Wachtelhundes entwaffnete ihn daher vollſtändig; er nahm ſeinen Stock aus der Rechten in die Linke, wiſchte ſich die Stirne ab— denn die Scene, die er ſo eben ge⸗ ſpielt, und worin er die Geberde zu dem Dialog gefügt, hatte ihm dicken Schweiß ausgepreßt— und indem er ſich als beſiegt erkannte, aber ſeiner Eigenliebe doch noch die Hoffnung auf Revanche retten wollte, rief er: „Zum Henker! ſo komm, wenn du willſt, Hund von einem Hund! Aber der Teufel ſoll mich holen, 1 2 5 20 wenn du weiter kommſt als bis vor meine Thüre!“ Aber der Hund gehörte wahrſcheinlich der An⸗ ſicht an, wer Zeit gewinne, der gewinne Alles, denn er ſtellte ſich ſogleich wieder auf ſeine vier Pfoten, und wie ein Thier, das ſich vollkommen ge⸗ tröſtet hat und keinerlei Beſorgniſſe kennt, belebte— er den Reſt des Spazierganges durch tauſend fröh⸗ liche Luftſprünge um den Herrn her, den er ſich ge⸗ wählt zu haben ſchien und ſo vollkommen als alten Freund behandelte, daß alle Chartrer, die dem Che⸗ valier begegneten, erſtaunt ſtehen blieben und hoch erfreut waren bei ihrer Heimkehr ihren Freunden und Bekannten in Form einer bejahenden Frage das Räthſel vorzulegen: „Was iſt denn das? hat denn der Herr de la Graverie jetzt einen Hund?“ Herr de la Graverie, mit welchem die Stadt ſich beſchäftigte und noch vielleicht zwei oder drei Tage beſchäftigen ſollte, benahm ſich ſehr würdevoll: er ließ ſich nicht die mindeſte Unruhe über die Neu⸗ gierde anmerken, die er auf ſeinem Weg rege machte, und zeigte eine prächtige Gleichgültigkeit gegenüber ſeinem Begleiter, indem er, gerade wie wenn er allein geweſen wäre, überall ſtehen blieb, wo er ſtehen zu bleiben gewohnt war: vor dem Wilhelms⸗ thor, deſſen alte Zinnen man reſtaurirte; bei dem Ballſpiel, das in Folge der Ungeſchicklichkeit von ſechs Spielern und des Geſchreis von einem Dutzend Gamins, die ſich um das Zeigeramt ſtritten, nicht recht in Gang kommen wollte; bei einem Seiler, der ſeine Werkſtätte dem Carbonarihügel entlang auf⸗ ——— S=— —,ͤ&=SSD— 82 Æ☛ 8½ N N——sAu 21 geſchlagen, und deſſen Arbeit er täglich mit einem Intereſſe beobachtete, worüber er ſich noch nie Rechenſchaft zu geben verſucht hatte. Wenn zuweilen eine graziöſe Miene, eine heraus⸗ fordernde Liebkoſung des Hundes dem Chevalier ein unwillkürliches Lächeln ablockte, ſo drängte er es ſorgfältig zurück und nahm augenblicklich ſein ſtei⸗ fes Geſicht wieder an wie ein Raufer, der, durch eine Finte ſeines Gegners blosgeſtellt, ſich wieder in die Parade legt. So langten ſie Beide vor Nr. 9 der Rue des Lices, wo der Chevalier de la Graverie ſeit einer Anzahl von Jahren wohnte. Vor der Thüre angekommen begriff der Letztere, daß alles Uebrige nur eine Art von Prolog geweſen war und daß der wahre Kampf ſich hier entſpinnen mußte. Aber der Hund ſeinerſeits ſchien gar Nichts be⸗ griffen zu haben, außer daß er am Ziel ſeines Spa⸗ zierganges eingetroffen ſei. Während der Chevalier ſeinen Hauptſchlüſſel ins Schloß ſteckte, wartete der Wachtelhund, ſcheinbar wenigſtens frei von aller Unruhe, friedlich auf ſeinem Schwanz ſitzend, bis die Thüre ſich öffnen würde, wie wenn er in Folge langer Gewohnheit das Haus als ſein eigenes betrachtete; ſobald daher der Che⸗ valier die Angeln zum Drehen gebracht, ſprang ihm der Hund raſch zwiſchen die Beine und beſchnüffelte die Schwelle, aber der Hausherr riß die bereits zum dritten Theil geöffnete Thüre ſo lebhaft an ſich, daß ſie ſich vor der Naſe des Hundes wieder 22 ſchloß, und daß der Schlüffel in Folge der Erſchüt⸗ terung mitten in die Straße flog. Der Wachtelhund ſprang ihm nach, und ſo un⸗ gern auch die Hunde im Allgemeinen trotz der beſten Dreſſur Eiſen mit ihren Zähnen berühren, ſo nahm er doch auf delikate Art den Schlüſſel zwiſchen ſei⸗ nen obern und ſeinen untern Kiefer und brachte ihn Herrn de la Graverie, und zwar, wie man in der Jägerſprache ſagt, à Panglaise d. h. indem er ihm den Rücken zukehrte und ſich auf ſeinen Hin⸗ terpfoten aufrichtete, um ihn nicht mit ſeinen Vor⸗ derpfoten zu beſchmutzen. Dieſes Manöver ließ, ſo verführeriſch es auch war, Herrn de la Graverie ungerührt, gab ihm jedoch Stoff zu einer gewiſſen Anzahl von Betrach⸗ tungen. Die erſte war, daß er es nicht mit dem näch⸗ ſten beſten Hund zu thun habe, und daß dieſer hier, der ihm ſo eben einen ſolchen Beweis von Bildung gegeben, wenn auch nicht gerade ein gelehrter, doch jedenfalls ein wohlerzogener Hund ſei. Ohne daß ſein erſter Entſchluß dadurch erſchüt⸗ tert wurde, begriff er jedoch, daß der Wachtelhund einige Rückſichten verdiente, und da bereits zwei oder drei Perſonen ſtehen geblieben waren, um ihn anzuſehen, da etliche Fenſtervorhänge auseinander⸗ flogen, ſo beſchloß er ſeine Würde nicht in einem Kampf bloszuſtellen, der in Betracht der Starr⸗ köpfigkeit und Stärke des Thieres leicht nicht zu ſeinem Vortheil enden konnte, ſondern eine dritte Per⸗ ſon zu Hilfe zu rufen.. Demgemäß ſteckte er den Schlüſſel, welchen der 23 Wachtelhund ihm ſo eben zurückgebracht hatte, wie⸗ der in ſeine Taſche, zog an einem Rehfuß, der an einer kleinen eiſernen Kette hing, und machte die Glocke im Innern ertönen. Obſchon ihr Schall deutlich zu dem Ohr des Che⸗ valier drang, ſo brachte ſie doch keine Wirkung her⸗ vor. Das Haus blieb ſtumm wie das Feenſchloß im Schlafwalde, und erſt als der Chevalier ſeine Aufforderung wiederholt und durch verdoppelte Anſtrengung zu verſtehen gegeben hatte, daß er nicht zuerſt müde zu werden gedenke, da verſchob ſich ein Fallfenſter im erſten Stock, und der gries⸗ grämige Kopf eines Frauenzimmers von etwa fünf⸗ zig Jahren kam zum Vorſchein.— Dieſer Kopf ſteckte ſich mit ſolcher Behutſamkeit hervor, wie wenn ein neuer Einfall von Norman⸗ nen oder Koſaken gedroht hätte, und ſuchte den Urheber des ſonderbaren Lärms zu erkennen. Aber Herr de la Graverie, welcher natürlich erwartete, daß die Thüre des Erdgeſchoſſes und nicht das Fenſter des erſten Stocks ſich öffnen würde, hatte ſich gegen die Thüre geſtellt, um auf möglichſt kürzeſtem Weg ins Haus gelangen zu können, und verſchwand im Schatten eines Karnie⸗ ſes, das ganz mit Mauernelken bedeckt war, welche grün und dicht wie in einem offenen Blumenbeet hervorwuchſen. Es war alſo der Haushälterin unmöglich ihn zu bemerken; ſie ſah blos den Hund, der drei Schritte von der Schwelle ſaß und, indem er wie der Chevalier das Aufgehen der Thüre erwartete, ſeinen Kopf erhob und mit ſeinem verſtändigen 24 Auge die neue Perſon betrachtete, die auf den Schauplatz trat. Der Anblick dieſes Hundes war nicht geeignet Marianne— ſo hieß die alte Haushälterin— zu beruhigen, und ſeine Farbe eben ſo wenig; man erinnert ſich, daß der Wachtelhund außer zwei Feuerflecken an der Schnauze und einem weißen Jabot am Hals rabenſchwarz war, und Marianne wußte ſich keines unter allen Bekannten des Herrn de la Graverie zu entſinnen, der einen ſchwarzen Hund hatte; ſie glaubte alſo, nur der Teufel könne einen Hund von dieſer Farbe mit ſich führen. Da ſie nun mußte, daß der Chevalier geſchwo⸗ ren hatte nie einen Hund zu halten, ſo konnte ſie ganz und gar nicht ahnen, daß dieſer Hund den Chevalier begleite. Ueberdieß läutete der Chevalier nicht. Da er nicht gerne wartete, ſo führte er überall einen Hausſchlüſſel mit ſich. Endlich nach langem Zögern wagte es die Alte zu fragen. „Wer iſt da?“ rief ſie ſchüchtern herab. Der Chevalier, der zu gleicher Zeit durch den Ton der Stimme und durch den Blick des Wach⸗ telhundes geleitet wurde, verließ ſeinen Poſten, trat drei Schritte in die Straße vor und erhob ſein Haupt, indem er ſeine Hand als Lichtſchirm vorhielt. „Ah, Ihr ſeids, Marianne?“ ſagte er;„kommt herab.“ Aber ſobald Marianne ihren Herrn erkannt, — 8B8——₰ lℳ——— — o NK 25 hatte ſie zu fürchten aufgehört; ſtatt alſo dem ge⸗ gebenen Befehl zu gehorchen, rief ſie: „Herabkommen? und was drunten thun?“ „Nun, natürlich um mir aufzumachen,“ ant⸗ wortete Herr de la Graverie. Mariannens Geſicht, das bisher ſüßlich und ängſtlich geweſen, wurde jetzt zänkiſch und wider⸗ belliſch. Sie riß eine lange Nadel, die ſie zwiſchen ihre Haube und ihre Haare geſteckt hatte, heraus, nahm ihre unterbrochene Strickarbeit wieder vor und rief: „Um Ihnen zu öffnen? um Ihnen zu öffnen?“ „Allerdings.“ „Haben Sie Ihren Hausſchlüſſel nicht?“ „Ob ich ihn habe oder nicht habe, ich ſage Euch, daß Ihr herabkommen ſollt.“ „Nun das iſt ſchön, Sie haben ihn alſo ver⸗ loren, denn ich weiß ganz gewiß, daß Sie ihn heute früh hatten: als ich Ihre Kleider bürſtete, iſt er aus Ihrer Hoſentaſche herausgefallen, und ich habe ihn wieder hineingeſteckt. Das iſt eine Gedanken⸗ loſigkeit, deren ich Sie in Ihrem Alter nicht fähig geglaubt hätte; aber man hat täglich noch etwas zu lernen.“ „Marianne,“ verſetzte der Chevalier, indem er leichte Zeichen von Ungeduld gab, welche bewieſen, daß er nicht ſo gänzlich unter der Herrſchaft ſeiner Haushälterin ſtand, wie man glauben konnte, ich ſage Euch, daß Ihr herabkommen ſollt.“ „Er hat ihn verloren!“ rief dieſe, ohne die kaum bemerkliche Schattirung zu beachten, die im 26 Ton des Chevalier vorgegangen warz„er hat ihn verloren! Ach, mein Gott, was ſoll aus uns wer⸗ den? Ich werde in der Stadt herumrennen und das Schloß, vielleicht ſogar die Thüre, verändern laſſen müſſen; denn ich werde wahrlich nicht in einem Hauſe ſchlafen, deſſen Schlüſſel auf den Straßen herumfährt.“ „Ich habe den Schlüſſel, Marianne,“ ſagte der Chevalier, der immer ungeduldiger wurde;„aber ich habe Gründe ihn nicht zu gebrauchen.“ „Jeſus, Maria und Joſeph! Welche Gründe, das frage ich Sie, kann ein Menſch, der wirklich ſeinen Hausſchlüſſel beſitzt, haben, um nicht mit ſeinem Hausſchlüſſel hereinzugehen, ſtatt daß er ein armes Frauenzimmer, das ſich halb zu todt ſchaffen muß, nöthigt die Treppen auf und ab und auf den Gängen herumzulaufen. Ah, da fällt mir ge⸗ rade ein, daß mein Eſſen am Feuer iſt.— Ach, es verbrennt, es verbrennt, ich rieche es ſchon. 35 haben Sie denn Ihren Kopf gehabt, mein ott?“ Und Mamſell Marianne machte eine Bewegung, um zurückzugehen. Aber der Chevalier de la Graverie war mit ſei⸗ ner Geduld zu Ende; mit einer gebieteriſchen Ge⸗ berde feſſelte er die Alte an ihren Platz und ſagte in ſtrengem Tone: „Schweigt jetzt einmal und öffnet mir ſogleich, alte Närrin!“ „Alte Närrin! Ihnen öffnen!“ rief Marianne, indem ſie krampfhaft ihre Strickerei über ihren Kopf erhob und eine Bewegung machte, wie man ſie bei — 8B8 8GN8 27 antiken Verwünſchungen dargeſtellt ſieht. Ei wie! Sie haben Ihren Schlüſſel, Sie geſtehen es, Sie zeigen ihn mir ſogar und Sie verlangen, ich ſoll im Hauſe herum und über den Hof laufen? Das wird nicht geſchehen, Herr, nein das wird nicht ge⸗ ſchehen! Ich bin ſchon lange Ihrer Launen müde und ich werde mich zu dieſer da nicht hergeben.“ „Oh, die abſcheuliche Megäre!“ murmelte der Chevalier de la Graverie ganz verblüfft über die⸗ ſen Widerſtand und ſchon erſchöpft durch ſeinen Kampf mit dem Hunde; ich glaube wahrhaftig, daß ich ſie trotz ihrer ausgezeichneten Krebsſuppen und Kraftbrühen werde fortſchicken müſſen; da ich jedoch um jeden Preis verhindern will, daß dieſer verwünſchte Wachtelhund ins Haus komme, ſo will ich ihr jetzt nachgeben, werde aber ſpäter meine Revanche nehmen.“ Dann ſagte er in ſanfterem Tone: „Marianne, ich begreife, daß Ihr Euch über meine ſcheinbare Inconſequenz wundert; aber die Sache iſt die: Ihr ſehet dieſen Hund...“ „Allerdings ſehe ich ihn,“ rief die zänkiſche Per⸗ ſon, welche fühlte, daß ſie alle Vortheile wieder ge⸗ wann, welche der Chevalier freiwillig aufgab. „Nun denn, er iſt mir gegen meinen Willen von der Reiterkaſerne an nachgelaufen; ich weiß nicht, wie ich ihn fortſchaffen ſoll, und deßhalb wünſche ich, daß Ihr ihn fortjaget, während ich ins Haus hineingehe.“ „Ein Hund!“ rief Marianne;„und um eines Hundes willen beläſtigen Sie ein rechtſchaffenes Mädchen, das ſeit zehn Jahren in Ihrem Dienſte 28 ſteht! Ein Hund!... nun ja wohl, ich will Ih⸗ nen zeigen, wie man die Hunde fortjagt.“ Und Marianne verſchwand für dießmal vom Fenſter. Der Chevalier de la Graverie, welcher über⸗ zeugt war, daß ſie jetzt herabkommen und ihm bei dem kleinen, ehrlichen und gemäßigten Fortjagungs⸗ programm, das er ſich dem Thier gegenüber vor⸗ gezeichnet hatte, beiſtehen würde, näherte ſich wie⸗ der der Thüre; der Hund ſeinerſeits, der feſt ent⸗ ſchloſſen war die Bekanntſchaft eines Mannes zu cultiviren, aus deſſen Taſche ſo gute Zuckerſtücke hervorkamen, näherte ſich Herrn de la Graverie. Auf einmal trennte eine Art von Sündfluth den Menſchen von dem Thiere. Eine wahre Waſſerlawine, ein Rhein⸗, ein Nia⸗ garafall ſtürzte vom erſten Stock herab und über⸗ ſchwemmte Beide. Der Hund ſtieß ein Geheul aus und entfloh. Der Chevalier zog ſeinen Hausſchlüſſel aus der Taſche, ſteckte ihn ins Schloß, öffnete die Thüre und überſchritt die Schwelle in einem Zuſtand leicht begreiflicher Erbitterung und im Augenblick, wo Marianne die etwas verſpätete Warnung verneh⸗ men ließ: „Geben Sie Obacht, Herr Chevalier.“ 29 III. Das Haus des Chevalier de la Graverir nach Außen und nach Innen... Die Numero 9 der Rue des Lices beſtand in einem Hauptgebäude, einem Garten und einem Hof. Das Hauptgebäude lag zwiſchen dem Hof und dem Garten. Nur hatte es nicht wie gewöhnlich den Hof vorn und den Garten hinten. Nein: es hatte den Hof zur Linken und den Garten zur Rechten. Mit dieſem Hof und dieſem Garten auf ſeinen Seiten bot das Haus die Front auf die Straße. In dem Hof, durch welchen man gewöhnlich kam, beſtand die einzige Verzierung aus einer alten Weinrebe, die, da ſie ſeit zehn Jahren nicht be⸗ ſchnitten worden, am Giebel des benachbarten Hau⸗ ſes entlang, an das ſie ſich lehnte, Rebhölzer von einer Kraft trieb, die an die Urwälder Amerikas erinnerte. Obſchon dieſer Hof mit Sandſteinen gepflaſtert war, ſo war doch das Gras, begünſtigt durch die Feuchtigkeit des Bodens und den Schatten der Dächer, in den Zwiſchenräumen ſo dicht hervorge⸗ wachſen, daß es eine Art von Damenbrett von er⸗ habener Arbeit bildete, wo die Felder durch das Pflaſter bezeichnet wurden. Unglücklicher Weiſe war der Chevalier de la Graverie weder Schach⸗ noch Damenſpieler und hatte daher nie daran gedacht dieſen Umſtand zu 30 benützen, der einen Mery oder Labourdonnais zum glücklichſten Sterblichen gemacht hätte. Aeußerlich hatte das Haus jenes kalte und triſte Anſehen, das die meiſten Wohnungen unſerer alten Städte kennzeichnet; der Mörtel, womit es über⸗ worfen war, hatte ſich in breiten Platten abge⸗ ſchuppt, und der Fall ſeiner Schuppen legte die Bruchſteine des Gebäudes blos, das von Stelle zu Stelle mit an einander genagelten Latten überzogen war, was der Facade Aehnlichkeit mit einem durch eine Hautkrankheit marmorirten Geſichte gab. Die Fenſter, die ihre gräuliche Farbe verloren hatten und vor Alter ſchwarz geworden waren, beſtanden aus kleinen Scheiben, die man aus Sparſamkeit von grünem Flaſchenglas genommen hatte, was nur ein grünliches Licht in die Zimmer hereinläßt. Wenn man noch nicht weiter als über den Hof gegangen und im Erdgeſchoß geblieben war, ſo mußte die Küchenthüre halboffen ſtehen, damit man eine leidliche Vorſtellung und einen genügenden Begriff von dem Hausherrn bekam; denn dann be⸗ merkte man Oefen von weißem Fayence, ſauber und glänzend wie der Fußboden eines holländiſchen Empfangzimmers und meiſtens bepurpurt durch die röthlichen Reflexe glühender Kohlen; neben dem Ofen ſtand ein rieſiger Feuerherd, worauf mächtige Scheite luſtig und ungeſpart wie zur Zeit unſerer Ahnen brannten, und hier wurden die Braten an einem Spieße bereitet, der ſich mittelſt jener claſſi⸗ ſchen Mechanik drehte, die auf ſo angenehme Weiſe den Tiktak einer Mühle nachahmt. Der mit Zie⸗ geln belegte Kochherd bildete das Bett für die Koh⸗ 31 lengluth, ohne welche es kein geröſtetes Fleiſch gibt, eine Gluth, die ſich durch gar Nichts erſetzen läßt, und ſtatt welcher moderne Oekonomiſten, die größ⸗ tentheils abſcheuliche Gaſtronomen ſind, einen Ofen von Eiſenblech einführen zu müſſen geglaubt haben. Gegenüber von dieſen Kaminen und dieſen Oefen, die wie glühende Sonnen funkelten, prangten ein Dutzend Caſſerole der Größe nach aufgeſtellt und täglich blank geſcheuert wie die Kanonen eines großen Kriegsſchiffes, von dem verzinnten Rieſenkeſſel an, wo die Confituren und die Sirope gebraut wer⸗ den, bis zu dem mikroſcopiſchen Gefäß, worin man die Kraftbrühen und andere Fineſſen der algebra⸗ iſchen Küche ausarbeitet. Für Denjenigen, der bereits wußte, daß Herr de la Graverie allein, ohne Frau und ohne Kinder, ohne Hunde oder Katzen, ohne einen Tiſchgenoſſen irgend welcher Art, mit einem Wort ohne andere Dienerſchaft als Marianne lebte, lag in dieſem culinariſchen Arſenal eine ganze Enthüllung, und man erkannte den leckerhaften Feinſchmecker, den raffinirten Gaſtronomen, der ſich den Freuden der Tafel hingab, eben ſo leicht, wie man im Mittel⸗ alter einen Alchimiſten an den Oefen, Schmelztie⸗ geln, Retorten, Brennkolben und ausgeſtopften Ei⸗ dechſen erkannte. Jetzt da die Küchenthüre geſchloſſen war, ſah man Folgendes im Erdgeſchoß. „Eine höchſt armſelige Hausflur ohne andere Zierde als zwei hölzerne Champignonaufſätze, dazu beſtimmt, daß der Chevalier an den einen ſeinen Hut, an den andern ſeinen Schirm aufhing, wenn 32 er mit einem Schirm ausging ſtatt mit einem Stock, ferner eine Bank von Eichenholz, auf welche ſich die Bedienten ſetzten, wenn der Chevalier zufällig einmal Beſuche empfing, und Platten von weißen und ſchwarzen Steinen, eine mittelmäßige Nachbil⸗ dung des Marmors, von welchem ſie die Kälte und Feuchtigkeit hatten, eine Feuchtigkeit und Kälte, die im Sommer wie im Winter anhielten. 7 Ein geräumiger Speiſeſaal und ein rieſiger Sa⸗ lon, wo man nur dann Feuer machte, wenn der Chevalier de la Graverie ein Diner gab, d. h. zweimal im Jahr, bildeten nebſt der Küche und der Hausflur das ganze Erdgeſchoß. Dieſe zwei Gemächer hielten übrigens in Bezie⸗ hung auf Zerfallenheit Alles was die Außenſeite des Hauſes verſprach; der Boden war aufgelockert und buckelig, die Decke grau und ſchmutzig; die Tapeten flatterten zerriſſen, zerfetzt und ſchmierig bei jedem Windhauch, wenn man die Thüre öffnete. Im Speiſeſaal beſtand das Ameublement aus ſechs Stühlen von weiß angeſtrichenem Holz, einem Nußbaumtiſch und einem Schenktiſch. Im Salon liefen drei Lehnſtühle und ſieben ge⸗ wöhnliche Stühle einander nach, ohne daß ſie ſich je einholen konnten, während eine mit Heu ausge⸗ ſtopfte Lehnbank frech den Platz und den Namen eines Kanapés uſurpirte; die Decoration und das Mobiliar dieſes Empfangzimmers, wohin der Eigen⸗ thümer außer den bezeichneten Fällen niemals kam, wurde vervollſtändigt durch einen runden Spieltiſch mit ſeiner Lampe, durch eine Pendeluhr mit ſtehen⸗ dem Zeiger und unbeweglicher Unruhe, durch einen — 8n—— ℳ—V AR G N GZX8SRAR n⸗ en 33 Spiegel in zwei Stücken, welcher die gelben und rothen Zitzvorhänge beſtrahlte, die traurig vor den Fenſtern herabbaumelten. Aber im erſten Stock war es anders: der erſte Stock wurde freilich von dem Chevalier de la Gra⸗ verie in eigener Perſon bewohnt; dahin würde in gerader Linie der von der Küche ausgegangene Fa⸗ den geführt haben, wenn das Labyrinth in der Rue des Lices eine Ariadne gehabt hätte. Man denke ſich drei Zimmer, hergerichtet, möb⸗ lirt und tapeziert mit der pünltlichen Sorgſamkeit und der comfortabeln Coketterie, welche das Erb⸗ theil vornehmer Wittwen oder eleganter Damen zu ſein ſcheint: Alles war vorhergeſehen und angeſchafft worden, um das Leben in dieſen drei Bonbonſchach⸗ teln, wovon jede ihre eigene Beſtimmung hatte, lieblich, bequem und angenehm zu machen. Der Salon, der vermöge ſeiner Größe das Hauptgemach bildete, war mit einem Möbel von moderner Art verſehen,„das mit dem größten Re⸗ ſpect und auf das Vorſorglichſte in allen Theilen, welche für die rundliche Perſon des Chevalier Stütz⸗ und Anlehnungspunkte bilden ſollten, in Flock⸗ ſeide eingewickelt war; eine Bibliothek in ſchwarzen Ständern mit Kupferincruſtationen, faſt ſo zierlich wie Bouleſche Möbel, war voll von rothen Saffian⸗ bänden, welche die Hand des Chevalier, das muß man ſagen, nur ſelten und jedenfalls nie auf lange beunruhigte; eine Standuhr, Aurora auf ihrem Wagen vorſtellend, deſſen Räder das Zifferblatt bildeten, zeigte mit der pünktlichſten Genauigkeit die Dumas, Black. I. 3 34 Stunde an; auf beiden Seiten derſelben prangte ein fünfarmiger Leuchter; Vorhänge von dickem Wollzeug und derſelben Farbe wie die Möbel in dem Salon fielen von den Fenſtern mit einer Ele⸗ ganz herab, die einem Boudoir in der Chauſſee⸗ d⸗Antin keine Schande gemacht hätte, während wei⸗ ßes Getäfel, das noch einige Spuren von Vergol⸗ dung bewahrte, von Seiten der Miethwohner oder Eigenthümer, die vor Herrn de la Graverie dage⸗ weſen, eine Eleganz verrieth, von der die ſeinige noch überboten wurde. Vom Salon ging man ins Schlafzimmer. Was gleich beim Eintritt in daſſelbe die Blicke anzog, war ein ſowohl in Bezug auf Breite als auf Höhe monumentales Bett. Es war ſo hoch, daß man auf den erſten Blick glauben mußte, wer die ehrgeizige Verwegenheit habe in dieſem Bett ſchlafen zu wollen, könne nicht anders als mittelſt einer Leiter hinaufgelangen; einmal auf dieſem Berg von Wolle und Flaum angelangt, den eine dreifache Reihe von Vorhängen umgab, beherrſchte dann der Eroberer inmitten eines Alkovens, der wie ein Stieglitzneſt wattirt und mit Flockſeide um⸗ hüllt war, die ganze Stellung: von da konnte er alle Punkte des Zimmers überſchauen, Revue halten über Stühle, Lehnſeſſel, Sopha und Canapée, Ta⸗ bourette, Kiſſen, Fuchspelze, die ſich auf einer dicken Mokette, weich wie ein ſmyrnaer Teppich, theils für den Winter mit weichem und geſchmeidigem, theils für den Svmmer mit verſchiedenartigem Le⸗ der überzogen, erhoben, ausbreiteten und hindehnten. Dieſe Möbel waren alle zuſammen von kunſtvoller, 2⏑˙———— NO*———— —— 8½ 3⁵ auf beſten Comfort berechneter, ingeniöſer Bauart und Schweifung, vortrefflich ſowohl zu längerer Ruhe als zur Sieſta eingerichtet, und in der Mitte prangte ein Kamin, auf deſſen Geſimſe Arm⸗ und Handleuchter ſtanden, mit elegantem Schirm verſe⸗ hen und ſo eingerichtet, daß kein Atom von ſeiner Wärme verloren ging. Dieſes am fernſten von der Straße abliegende Zimmer ging auf den Garten, ſo daß kein Getöſe von einem Karren oder Wagen, kein Geſchrei eines Hauſtrers und kein Hundegebell den Beſitzer in ſeinem Schlummer ſtören konnte. Wenn man aus dem Zimmer wieder in den Salon kam und denſelben in ſeiner ganzen Länge durchſchritt, ſo ſtieß man an einen ungeheuren Wind⸗ ſchirm von altem Lack, nicht blos aus China, ſon⸗ dern aus Coromandel ſtammend, der eine Thüre zu einem dritten Zimmer verdeckte; dieſes letztere war fein austapeziert und hatte keine andern Mö⸗ bel als ein rundes Tiſchchen von Mahagoniholz, einen einzigen Lehnſtuhl von Acajou und ein Neben⸗ tiſchchen gleichfalls von Acajou mit marmornem Deckel, der für die zwei Gefäſſe von plattirter Ar⸗ beit beſtimmt war, worin man den Champagner abkühlte; aber auf allen Seiten war das Zimmer mit einer Reihe von Glasſchränken verſehen, deren Inhalt ein würdiges und koſtbares Seitenſtück zu der Küche bildete.. Jeder dieſer Schränke hatte ſeinen ganz beſon⸗ deren Reiz. Im einen funkelte maſſives Silbergeſchirr, ein weißes Porzellanſervice mit grünen und goldenen Streifen und der Namenschiffre des Chevalier; fer⸗ 3 36 ner rothe und weiße böhmiſche Cryſtalle, deren Feinheit und Geſtalt die Schmackhaftigkeit der Weine, welche ſie an den Mund zu geleiten und zwiſchen zwei ſinnlichen Lippen durch den zarten Gaumenmuskeln zu präſentiren beſtimmt waren, ſicherlich noch erhöhen mußten. Der zweite Schrank enthielt Pyramiden von Tafelweißzeug, auf deren Feinheit der ſeidene Wie⸗ derſchein einen Schluß geſtattete. Im dritten entfalteten ſich, wie bei einer Revue über wohl disciplinirte Soldaten, unbeweglich und zwei oder drei Mann hoch ſtehend, Zwiſchen⸗ und Deſſertweine, geſammelt in Frankreich, Oeſterreich, Deutſchland, Italien, Sicilien, Spanien und Grie⸗ chenland, gefangen gehalten in ihren nationalen Flaſchen, die einen mit kurzen, tief zwiſchen den Schultern ſitzenden, die andern mit langen und zier⸗ lichen Hälſen, die einen mit dickem Bauch, worauf die Etiquette ſtand, die andern mit Stroh⸗ oder Rohrgeflecht umgeben, alle verlockend, verheißungs⸗ voll, die Einbildungskraft und die Neugierde zu⸗ gleich anſprechend und auf ihren Seiten cosmopoli⸗ tiſche Liqueure in ihren gläſernen Küraſſen von allen Geſtalten und Farben habend, die wie leichte Truppen um ein Armeecorps herſtanden. Im letzten und größten endlich prangten von den Ecken der Wand herab und auf den Brettern Eßmittel aller Art: Terrinen von Nerac, Arler und Lyoner Bratwürſte, Aprikoſenpaſteten von Au⸗ vergne, Apfelgeles von Rouen, Confituren von Bar, Conſerven von Mans, Ingwertöpfe von China, Pickles und engliſche Saucen von allen Sor⸗ 37 ten, Piment, Sardellen, Sardinen, Pfeffer von Cayenne, trockene und eingemachte Früchte, kurz alles Mögliche was nur der brave und gelehrte Dufouilloux mit dem ausdrucksvollen Worte Mund⸗ geräthe bezeichnet, das im Gedächtniß aller Gour⸗ mands eine bleibende Stelle verdient. Nach dieſer vielleicht etwas zu umſtändlichen, unſerer Anſicht nach aber nothwendigen Hausſu⸗ chung wird der Leſer ohne Mühe errathen, daß der Herr Chevalier de la Graverie ein Mann war, der ſich ſehr menſchenfreundlich mit ſeiner eigenen Per⸗ ſon beſchäftigte und ſich die Befriedigungen ſeines Magens im höchſten Grad angelegen ſein ließ; nur müſſen wir, um keinen einzigen Zug dieſer Skizze, die wir von ihm zu entwerfen im beſten Gange ſind, zu übergehen, hinzufügen, daß dieſer ſtark ausgeſprochenen Neigung zur Gourmandiſe in grel⸗ lem Kontraſt die Manie des würdigen Gentleman ſich beſtändig krank zu glauben und alle Viertelſtun⸗ den ſeinen Puls zu befühlen gegenüberſtand; wir wollen noch weiter hinzufügen, daß er ein höchſt leidenſchaftlicher Roſenſammler war; dann aber wollen wir, da wir, auf dieſem Punkt unſerer Er⸗ zählung angelangt, die Unmöglichkeit einſehen wei⸗ ter zu gehen, ohne einen Halt zu machen, ja ſogar ohne um vierzig bis fünfzig Jahre rückwärts zu ſchreiten, unſere Leſer um Erlaubniß erſuchen ihnen zu erzählen, wie dieſe drei moraliſchen Gebrechen an den armen Chevalier gekommen waren. 38 IV. Wie und unter welchen Umſtänden der Chevalier de la Graverie das Tageslicht erblickte. Man vundere ſich nicht allzu ſehr über dieſen Rückblick, deſſen der Leſer übrigens gewärtig ſein mußte, da er ſah, daß wir unſern Helden in dem Alter anfaßten, wo die intereſſanteſten Abenteuer des Lebens d. h. die Liebesabenteuer zu Ende ſind; wir verpflichten uns nicht über das Jahr 1793 zu⸗ rückzugreifen. Im Jahr 1793 alſo befand ſich der Herr Baron de la Graverie, Vater des Chevalier, in den Ge⸗ fängniſſen von Beſangon, unbürgerlicher Geſinnung und einer Correſpondenz mit den Emigranten an⸗ geklagt. 3 Der Herr Baron de la Graverie hätte zwar zu ſeiner Vertheidigung anführen können, daß er von ſeinem Geſichtspunkte aus blos den heiligſten Ge⸗ ſetzen der Natur gehorcht habe, indem er ſeinem älteſten Sohn und ſeinem Bruder, die ſich beide im Ausland befanden, einiges Geld zugeſchickt; aber es gibt Augenblicke, wo die Geſellſchaftsgeſetze den Geſetzen der Natur vorgehen, und er hatte nicht einmal daran gedacht dieſen Grund zu ſeiner Recht⸗ fertigung geltend zu machen; ſomit war das Ver⸗ brechen des Barons de la Graverie eines von denjenigen, welche damals einen Menſchen am aller⸗ ſicherſten zum Schaffot führten. Deßhalb gab ſich auch die Frau Baronin de la Graverie, die frei geblieben war, trotz ihrer vorge⸗ R— 8au d 9—— 8—— ⁸ 39 1 rückten Schwangerſchaft alle erdenkliche Mühe, um ihrem Gemahl zur Flucht zu verhelfen. Da die arme Frau eine Menge Gold verſchwen⸗ det hatte, ſo ging ihr kleines Complott ſeinen gu⸗ ten Weg. Der Kerkermeiſter hatte verſprochen blind zu ſein; der Stockknecht hatte dem Gefangenen eine Feile und Stricke gebracht, damit er ein Gitter durchſägen und ſich auf die Straße herablaſſen könnte, wo Frau de la Graverie ihn erwarten ſollte, um mit ihm Frankreich zu verlaſſen. Die Flucht war auf den folgenden Tag, den 14. Mai feſtgeſetzt. Nie haben die Stunden einem Sterblichen län⸗ ger geſchienen, als die Stunden dieſes Unglücksta⸗ ges der armen Frau erſchienen. Jeden Augenblick ſah ſie auf ihre Uhr und verfluchte die Langſamkeit derſelben. Zuweilen ſtrömte ihr das Blut gegen das Herz und ſie bekam plötzliche Erſtickungsanfälle, ſo daß ſie es für unmöglich hielt die Morgenröthe des ſo erſehnten folgenden Tages glänzen zu ſehen. Gegen vier Uhr Abends konnte ſie es nicht mehr aushalten, und um ihre furchtbare Angſt zu be⸗ ſchwichtigen, wollte ſie einen widerſpenſtigen Prieſter, den eine ihrer Freundinnen in ihrem Keller verbarg, aufſuchen, damit er ſeine Gebete mit den ihrigen vereinige, um die göttliche Barmherzigkeit über den unglücklichen Gefangenen herabzurufen. Frau de la Graverie ging alſo aus. Als ſie trotz ihres beläſtigenden Umfanges durch eines der engen Gäßchen gehen wollte, hörte ſie auf dem Platz das dumpfe und anhaltende Getöſe einer großen Volksmenge. Sie verſuchte jetzt umzukehren, 40 aber dieß war unmöglich: die Menge verſperrte den Ausgang. Sie ſchritt alſo vorwärts und nun wurde ſie von der wogenden Maſſe fortgeriſſen, und die Strömung drängte nach dem Hauptplatz, wie ein Fluß ſich ins Meer ſtürzt. Der Platz war vollgedrängt, und über den Kö⸗ pfen all dieſer Menſchen ragte die rothe Geſtalt der Guillotine empor, auf deren Höhe, bepurpurt von einem letzten Strahl der untergehenden Sonne, das fatale Meſſer und furchtbare Sinnbild der Gleich⸗ heit, wo nicht vor dem Geſetz, doch wenigſtens vor dem Tode, funkelte. Frau de la Graverie ſchauderte und wollte ent⸗ fliehen. Dieß war noch unmöglicher, als das erſte Mal; eine neue Volkswoge war auf den Platz gedrungen und hatte ſie bis in die Mitte vorangetrieben, von einer Durchbrechung der dichten Reihe der Menge aber konnte gar nicht die Rede ſein; wenn ſie dieß verſucht hätte, ſo riskirte ſie ſich als Ariſtokratin kund zu geben und nicht blos ihren eigenen Kopf, ſondern auch den ihres Mannes bloszuſtellen. Der Verſtand der Baronin hatte, da er ſeit einigen Tagen in größter Spannung nur auf ein einziges Ziel, nämlich auf die Flucht des Barons, gerichtet war, einen bewundernswürdigen Grad von Klarheit erlangt. 1 Sie dachte an Alles. 4 Sie ergab ſich ins Unvermeidliche und raffte all ihren Muth zuſammen, um das entſetzliche Schau⸗ ſpiel, das unter ihren Augen vor ſich gehen ſollte, 41 ſtandhaft und ohne allzu ſtarke Kundgebungen ihres Abſcheus zu ertragen. Sie bedeckte ihr Geſicht nicht mit ihren Händen, da dieſe Demonſtration die Aufmerkſamkeit ihrer Nachbarn auf ſich gezogen hätte, aber ſie ſchloß ihre Augen. Ein ſchreckliches Geſchrei, das ſich wie ein Streif brennenden Pulvers vom Einen zum Andern fort⸗ pflanzte, verkündete die Ankunft der Opfer. Bald fand ein Ablaufen der Fluth ſtatt, welches anzeigte, daß der Karren vorüberkam und ſeinen Platz einnahm. Obſchon gedrängt, hin⸗ und hergeſtoßen, ſogar in die Höhe gehoben durch die Menge, hatte Frau de la Graverie bisher wacker Stand gehalten und nicht hingeſchaut, aber in dieſem Augenblick ſchien es ihr, als ob eine unſichtbare und beſonders un⸗ überwindliche Macht ihre Wimpern in die Höhe richtete. Sie ſchlug alſo ihre Augen auf, und nun erblickte ſie einige Schritte von ſich den Karren der Verurtheilten und auf dieſem Karren ihren Gatten. Bei dieſem Anblick ſtürzte ſie vorwärts und ſtieß einen ſo furchtbaren Schrei aus, daß die Neugieri⸗ gen, die ſie umſtanden, ihre Reihen öffneten und auf die Seite traten, um dieſe verzweiflungsvolle, keuchende Frau mit den verſtörten Blicken durchzu⸗ laſſen; ſie drängte Diejenigen die ſie noch von dem Karren trennten mit der Allmacht zurück, welche ſelbſt das ſchwächſte Weib im Paroxismus eines bis zur Verzweiflung getriebenen Schmerzes empfindet, und indem ſie ſo zu ſagen ein Loch durch dieſe Maſſe machte, erreichte ſie den Karren. 42 Ihre erſten Regungen und Anſtrengungen wa⸗ ren hinaufzuſteigen, um zu ihrem Mann zu gelan⸗ gen; aber die Gendarmen, die ſich von ihrer erſten Ueberraſchung erholt hatten, ſtießen ſie zurück. Nun klammerte ſie ſich an die Leiter des Wa⸗ gens an und ſtieß ein Geheul aus wie eine Närrin; ſodann hielt ſie plötzlich ohne Uebergang inne und begann die Henker ihres Mannes anzuflehen, wie hai⸗ nie ein Verurtheilter die ſeinigen angefleht atte. Das Schauſpiel war ſo grauenhaft, daß trotz der blutdürſtigen Gelüſte, welche die tägliche Wie⸗ derkehr dieſer ſchauerlichen Dramen nothwendig bei der Menge entwickelt hatte, mehr als einem grimmigen Sansculotte, mehr als einer jener ab⸗ ſcheulichen Hallenmegären, die man mit dem ſchrecklich charakteriſtiſchen Namen Guillotinen⸗ leckerinnen bezeichnete, dicke Thränen über die Wangen floßen. Als daher die Natur unter der Qual des Schmerzes erlegen war, als Frau de la Graverie fühlte, daß ihre Kräfte ſie verließen, als ſie vom Wagen ablaſſen mußte und in Ohnmacht fiel, da fand das arme Geſchöpf⸗ mitleidige Herzen um ſich, die ſich beeiferten ihr zu Hilfe zu kommen. Man trug ſie nach Hauſe, und der Arzt wurde augenblicklich gerufen.— Aber die Erſchütterung war allzu heftig gewe⸗ ſen; die arme Frau ſtarb nach zwei Stunden in einem Anfall von Fieberwahnſinn, während ſie zwei Monate vor der Zeit ein ſchwächliches Kind, ge⸗ brechlich wie ein Rohr, zur Welt brachte, welches 43 derſelbe Chevalier de la Graverie war, deſſen inter⸗ eſſante Geſchichte wir heute ſchreiben. Die ältere Schweſter der Baronin, die Stifts⸗ dame von Beauterne, nahm ſich des armen kleinen Waiſen an, der mit ſieben Monaten ſo ſchwächlich war, daß der Arzt es für unmöglich erklärte ihn lange am Leben zu erhalten. Aber der Schmerz über den tragiſchen Tod ihrer Schweſter und ihres Schwagers entwickelte bei die⸗ ſem alten Fräulein die mütterlichen Inſtinkte, welche Gott in das Herz jeder Frau gelegt hat, die aber bei den alten Jungfern durch das Cölibat ausge⸗ trocknet und verknöchert werden. Der ſehnlichſte Wunſch der Stiftsdame von Beauterne ging dahin Diejenigen, die ſie beweinte, wieder aufzufinden, nachdem ſie würdig und fromm die Aufgabe erfüllt hätte, welche ihr durch den Tod derſelben zugefallen wäre. Mit der Hartnäckigkeit, welche unverheirathete Perſonen kennzeichnet, wollte ſie, daß das Kind am Leben bleibe, und indem ſie Schätze von Geduld und Selbſtverleugnung ver⸗ ſchwendete, brachte ſie es ſo weit, daß das Horoſ⸗ cop des Mannes der Wiſſenſchaft, das indeß weit zuverläſſiger iſt, wenn es den Tod prophezeit, als wenn es Leben verheißt, zum Lügner wurde. Sobald die Wege frei waren, ſchloß ſich Frau von Beauterne mit ihrem Schatze verſehen— ſo nannte ſie Stanislaus Dieudonné de la Graverie — unter der Gemeinde der deutſchen Stiftsdamen ein, zu denen ſie gehörte. Eine Gemeinde von Stiftsdamen iſt— geben wir unſern Leſern ſchnell dieſe Erklärung— kein 44 Kloſter, ſondern vielmehr und beinahe im Gegen⸗ theil, ſollten wir ſagen, eine Vereinigung von Da⸗ men von Stand, die ſowohl durch ihre Neigungen und Bedürfniſſe, als durch die ſtrengen Uebungen der Andacht zuſammengeführt werden; ſie gehen aus wann es ihnen gut däucht, ſie empfangen wen ſie wollen; ſelbſt ihre Toilette verkündet die Leichtig⸗ keit ihrer Gelübde, und ſo lange Eleganz, ja ſogar Coketterie nur das Seelenheil des Nebenmenſchen nicht zu gefährden ſcheinen, werden ſie im Orden geduldet. In dieſer halb weltlichen, halb religiöſen Um⸗ gebung wurde der kleine de la Graverie aufgezogen. Unter dieſen guten und liebenswürdigen Damen wuchs er heran. Die kläglichen Umſtände, die ſeine Geburt be⸗ zeichnet hatten, intereſſirten den Schweſterbund un⸗ gemein; daher wurde auch noch nie ein Kind, ſelbſt wenn es der Erbe eines Fürſten, eeines Königs oder Kaiſers war, ſo verzärtelt, verhätſchelt und verwöhnt wie dieſes. Unter den guten Damen fand ein ſol⸗ cher Verhätſchelungswetteifer ſtatt, daß Frau von Beauterne trotz ihrer Zärtlichkeit gegen den jungen Dieudonné beinahe immer überboten wurde; jede Thräne des Kindes hatte unter der ganzen Gemeinde eine allgemeine Migräne zur Folge; jeder ſeiner Zähne führte zehn ſchlafloſe Nächte herbei, und ohne den ſtrengen Geſundheitscordon, welchen die Tante gegen die Leckereien eingeführt hatte, ohne das un⸗ barmherzige Douanenſyſtem das ſie den Taſchen gegenüber ausübte, wäre der junge de la Graverie ſchon in ſeinem zarten Alter von Süßigkeiten voll⸗ gepfropft, mit Gutchen geſtopft wie ein Papagei, + eæœᷣ.& 82o7 N 38 45 erlegen, ſo daß unſere Erzählung bereits zu Ende wäre oder vielmehr gar keinen Anfang genommen hätte. Die allgemeine Sorge um ihn war ſo groß, daß ſeine Erziehung einige ſichtbare Spuren davon trug. In der That verurſachte der Vorſchlag, welchen Frau von Beauterne eines ſchönen Tags wagte, und der auf nichts Geringeres ausging, als daß man Dieudonné fortſchicken ſolle, um ſeine Erziehung bei den Jeſuiten in Freiburg zu vollenden, ein all⸗ gemeines Jammergeſchrei unter den Stiftsdamen. Man erklärte dieß als eine abſcheuliche Härte ge⸗ gen das arme Kind, und der Plan ſtieß auf eine ſo allgemeine Mißbilligung, daß die gute Tante, deren Herz Nichts ſehnlicher begehrte als ſich in die Wünſche der Gemeinde zu fügen, nicht einmal einen Verſuch machte ihr Trotz zu bieten. Demgemäß blieb es dem guten Jungen ſo ziem⸗ lich freigeſtellt zu lernen was ihm beliebte, und da die Natur ihn mit keinen übertriebenen wiſſenſchaft⸗ lichen Neigungen bedacht hatte, ſo folgte daraus, daß er ſehr unwiſſend blieb. Es wäre unvernünftig geweſen zu hoffen, daß die guten und würdigen Damen die Moralität ihres Zöglings mit mehr Scharfſinn cultiviren würden, als ſeinen Verſtand; ſie lehrten ihn daher nicht blos Nichts über die Menſchen unter denen er leben, oder über die Gebräuche an denen er den Kopf zerſtoßen ſollte, ſondern ſie hielten auch die fatalen Wirklichkeiten dieſer Welt, die Empfindungen die ſein zartes Weſen verletzen, die Erſchütterungen die 46 ſein Herz zittern machen konnten, ſo ſorgſam von ihrem Puͤppchen fern, daß ſie über alle Maßen jene nervöſe Senſibilität entwickelten, welche ſchon durch die Aufregungen, deren Gegenſtoß das Kind, wie Jacob J., im Mutterſchoß erlitten hatte, viel zu ſtärk angeregt war. 1 Eben ſo verhielt es ſich mit den phyſiſchen Stu⸗ dien, welche die Erziehung eines Edelmanns aus⸗ machen; man wollte nie erlauben, daß der junge— Diendonné Reitunterricht nahm, ſo daß das Kind auf kein anderes Thier zu ſitzen kam, als auf don. Eſel des Gärtners; und überdieß wurde, wenn der Junge auf dem Eſel ritt, das Thier von einer der guten Damen geführt, die wohlwollend bei dem jungen de la Graverie daſſelbe Geſchäft beſorgte, welchem ſich Haman mit ſo großem Widerwillen bei Mardochäi unterzog. In der Stadt, wo die religiöſe Gemeinde ihren Sitz hatte, befand ſich ein vortrefflicher Fechtmeiſter, 3 und man diskutirte einen Augenblick, ob man den jungen Dieudonné das Fechten lehren ſolle; aber fürs Erſte war dieß eine ermuͤdende Uebung, und dann ließ es ſich denn denken, daß der Chevalier de la Graverie bei ſeinem allerliebſten, ſo ſanften und anmuths⸗ vollen Charakter je einen Streit bekommen ſollte?⸗ es hätte ein Ungeheuer von Bosheit und Schlech⸗ tigkeit dazu gehört um mit ihm anzubinden, und Gott ſei Dank, die Ungeheuer ſind ſelten... Hundert Schritte vom Kloſter befand ſich ein prüchtiger Bach, deſſen Waſſer durch die mit Maß⸗ liebenr und Silberknöpfen geſchmückten Wieſen leiſe und ſpiegelglatt dahin floß; die jungen Leute von ⸗ der benachbarten Univerſität kamen täglich dahin und führten Heldenthaten aus, neben welchen die Künſte des Tauchers von Schiller gänzlich verblaß⸗ ten; man konnte den jungen Dieudonné dreimal wöchentlich an dieſen Bach ſchicken und unter der Leitung eines trefflichen Schwimmlehrers einen Per⸗ lenfiſcher aus ihm machen, allein der Bach war ein Gemiſche⸗ von Huellwaſſern deren Friſche auf die Geſundheit des Kindes einen unheilvollen Einfluß ausüben konnte; Dieudonné begnügte ſich zweimal wöchentlich in der Badwanne ſeiner Tante herum⸗ zuzappeln. Dieudonns lernte alſ fechten, noch reiten. 2*— „Es fand ſomit, wie man ſieht, eine große Aehn⸗ lichkeit zwiſchen ſeiner Erziehung und der des Achil⸗ les ſtatt; wenn jedoch mitten unter den guten Da⸗ men welche den Chevalier de la Graverie umgaben irgend ein Ulyſſes aufgetaucht wäre und ein Schwert aus der Scheide gezogen hätte, ſo iſt es wahrſchein⸗ lich, daß Dieudonné, ſtatt wie der Sohn der The⸗ tis und des Peleus auf das Schwert loszuſtürzen, geblendet von dem Blitz der Sonne auf der Klinge, ſht in den tiefſten Keller des Kloſters geflüchtet Alles das hatte zur Folge, daß Dieudonnés phyſiſche und moraliſche Anlagen auf gleich bekla⸗ genswerthe Art verwahrlöst blieben. o weder ſchwimmen, noch 3 In ſeinem ſech Thräne an der Wi zehnten Jahr konnte er keine mper eines Andern zittern ſehen, ohne daß er ſ eines Sperlin ogleich mitzuweinen anfingz der Tod gs oder Canarienvogels zog ihm Ner⸗ 48 venanfälle zu; er verfaßte rührende Elegien auf das Hinſcheiden eines Maikäfers, der aus Unvor⸗ ſichtigkeit zertreten wurde; Alles zur großen Zufrie⸗ denheit und zum einſtimmigen Beifall der Stifts⸗ damen, welche die ausgeſuchte Zartheit ſeines Her⸗ zens zum Himmel erhoben, ohne zu bedenken, daß dieſe Uebertreibung des Gefühls ihren Götzen noth⸗ wendig zu einem frühzeitigen Ende führen oder einen egoiſtiſchen Rückſchlag in ſeinen allzu philan⸗ thropiſchen Empfindungen zur Folge haben mußte. Nach dieſen Prämiſſen ſollte man nicht erwar⸗ ten, daß Dieudonné von ſeinen Erzieherinnen Lehren über die Kunſt zu gefallen und Unterricht in der Wiſſenſchaft des Liebens erhalten hätte. Und dennoch geſchah dieß. Frau von Florsheim, eine der Gefährtinnen der Frau von Beauterne, hatte ihre Nichte bei ſich, wie letztere ihren Neffen. Dieſe Nichte war zwei Jahre jünger als Dieu⸗ donné und hieß Mathilde. Sie war blond wie alle deutſche Mädchen; wie alle deutſche Mädchen hatte ſie, ſeit ſie aus dem Wickelzeug gekommen war, zwei große blaue Augen, welche Gefühl weinten. Nun fanden, ſobald die beiden kleinen Geſchöpfe ohne Gängelband gehen konnten, die guten Stifts⸗ damen ihr größtes Ergötzen darin, ſie zu einander hinzudrängen. Wenn man alſo Dieudonné nicht reiten, fechten und ſchwimmen lehrte oder lehren ließ, ſo lehrte man ihn etwas Anderes. Wenn er, nachdem er im Aufzug eines Wat⸗ ——— 1X b teauſchen Schäfers im Frack, mit himmelblauen Atlashoſen, weißer Weſte, ſeidenen Strümpfen und Schuhen mit rothen Abſätzen, im Blumengarten der Gemeinde herumgeſprungen, mit einem Mausöhr⸗ chen oder einem Geißblattzweig heimkam, ſo lehrte man ihn dieſen Geißblattzweig oder dieſes Maus⸗ öhrchen ſeiner jungen Freundin zu überreichen, und zwar, den Ueberlieferungen antiker Ritterſchaft zu⸗ folge, mit einer Kniebeugung. War das Wetter ſchlecht, ſo daß man nicht aus⸗ gehen konnte, ſo ſetzte ſich Frau von Beauterne an ihr Spinet und ſpielte das Menuet von Exaudet; dann kamen Dieudonné und Mathilde, letztere na⸗ türlich eben ſo ſchäferlich gekleidet wie ihr Tänzer, einander an der Hand haltend wie zwei Draht⸗ püppchen, zum Vorſchein, und nun begann eine choregraphiſche Vorſtellung, bei welcher Augen und Herzen der guten Stiftsfräulein vor Wonne über⸗ floſſen. Wenn endlich nach dem Menuet Dieudonné galant das weiße und parfümirte Händchen ſeiner Tänzerin küßte, da brach ein allgemeines Entzücken los: die guten Damen wußten ſich vor Freude nicht zu faſſen, preßten die Kinder in ihre Arme und erſtickten ſie mit Küſſen. Es war nicht Dieudonné, es war nicht Mathilde mehr; es war der kleine Gemahl, es war die kleine Frau; und wenn man ſie wie zwei Miniaturen von Liebenden unter den großen Bäumen des Parks ſich vertiefen ſah, ſo rief man ihnen nicht zu: Gehet nicht dahin, Kinder, die Einſamkeit iſt gefährlich und das Halblicht zu fürchten; die guten Stiftsfräulein Dumas, Black. I. 4 50 würden vielmehr, wenn es möglich geweſen wäre, das Halblicht in Dämmerung verwandelt und ſo⸗ gar die Rothkelchen und Grillen aus der Einſam⸗ keit verjagt haben. So kam es, daß die zwei Kinder die Spiele ihres Alters verſchmähten und ſich Gefühlstände⸗ leien hingaben, die ihre Sinne vor der Zeit ent⸗ nervten und ihren Seelen den Blüthenſchmuck raubten. So, rein, ſo engelgleich daher auch dieſe Liebe den guten Feen erſcheinen mußte, die ſie beſchützten, ſo gelobte ſich doch der Teufel, der ihr mit bos⸗ haftem Augenzwinkern zuſah, Nichts dabei zu ver⸗ lieren. Es war in der That ſehr unklug von den frommen Frauen ſich ſo aufzuführen. Aber was wollt Ihr? Die zwei armen Kinder waren für die weltlich geſinnten Klausnerinnen der bedauernsvolle Rück⸗ blick, welchen der Reiſende auf das ſchöne freund⸗ liche Thal wirft, das er ſo eben durchſchritten hat und nunmehr gegen eine dürre troſtloſe Sandwuſte vertauſcht; es iſt wahr, daß, wenn dieſes Schau⸗ ſpiel für Augenblicke den armen alten ſchmerzerfüll⸗ ten Herzen Ruhe verſchaffte, wenn es die Bitterkeit der Erinnerung verſüßte, wenn es die verlorenen Jugendtäuſchungen auf etliche Minuten wieder ver⸗ goldete, wenn es für eine kurze Weile die elfen⸗ beinernen Zähne und die aſchgrauen Haare ver⸗ geſſen ließ, es iſt gewiß, ſage ich, daß es den armen Frauen, wenn ſie ihre Blicke wieder auf ſich ſelbſt richteten, am Ende mehr Thränen koſtete, als es ihnen Vergnügen gemacht hatte; daß nach den flüch⸗ —xx A N= — ½ 51 tigen Freuden dieſer Luftſpiegelung die Reſignation ſchwieriger, die Hoffnung trüber, der Glaube lauer wurde, und daß manche Seufzer, die nicht aus zer⸗ knirſchten Herzen kamen, ſich in die Gebete miſch⸗ ten, die aus leidenden Herzen kamen. Was endlich noch bedeutſamer war, ohne es im Mindeſten zu ſcheinen, die ernſten Damen entweih⸗ ten das Heiligſte und Ehrwürdigſte, was es in der Welt gibt, die Kindheit.— V. Erſter und letzter Liebeshandel des Chevalier de la Graverie. Als Mathilde ihr fünfzehntes und Dieudonné ſein ſiebenzehntes Jahr erreicht hatten, ſchienen dieſe ſchönen Entzückungen ſich auffallend abzukühlen. Dieudonné brachte von ſeinen Spaziergängen weder Maßlieben noch Geißblatt mehr heim; wenn das Menuet zu Ende war, küßte er Mathilden die Hand nicht mehr, ſondern begnügte ſich einen Knix vor ihr zu machen. Auch ſah man die beiden Kin⸗ der nicht mehr allein und unſchuldsvoll im Dunkel und in dem Halbſchatten des Parkes ſich verlieren. Nur hätte ein Beobachter ſehen können, wie Mathilde verwelkte Blumenſträuße zärtlich zu ihren Lippen führte, Blumenſträuße, die ihr, man weiß nicht woher, zukamen, und die ſie haſtig wieder in ihren Schnürleib ſteckte. Ferner hätte dieſer ſelbe Beobachter bemerken können, daß, wenn Dieudonné dem Mähchen die 52 Hand bot, um die Tanzſiguren mit ihr auszufüh⸗ ren, der Jüngling erblaßte, Mathilde aber erröthete, und daß ein nervöſer Schauer wie ein electriſches Fluidum Beiden durch den Leib fuhr. 3 Endlich konnte immer wieder dieſer ſelbe Beob⸗ achter, ohne wie früher ſeine Blicke auf der Allee haften zu laſſen, auf welcher ſonſt Beide zuſammen in den Park wandelten, bemerken, wie der Jüng⸗ ling rechts und das Mädchen links ging, und wie ſie dann, nachdem ſie einander auf den entgegen⸗ geſetzten Seiten des Gehölzes hereingehen geſehen, bei einem allerliebſten Bächlein wieder, zuſammen trafen, deſſen holdes Geplätſcher ein anbetungs⸗ würdiges Accompagnement zu dem Geſang einer Nachtigall bildete, die ihr Neſt ans Ufer gebaut hatte. Als Dieudonné ſein achtzehntes und Mathilde folglich ihr ſechzehntes Jahr erreicht hatten, ver⸗ fügte ſich der Jüngling an ſeinem Geburtstag ſelbſt ins Zimmer ſeiner Tante, machte die drei Verbeu⸗ gungen, die ſie ihn gelehrt hatte, für den Fall, daß er der Großherzogin Stephanie von Baden oder der Königin Louiſe von Preußen vorgeſtellt wurde und fragte Frau von Beauterne feierlich, wann er mit Fräulein von Florsheim ehelich verbunden werden könne. 3 Die Stiftsdame bekam eine jener Anwand⸗ lungen von Heiterkeit, welche bei ihr die gefähr⸗ liche Seite hatten, daß ſie in Folge ihrer Heftigkeit beinahe immer mit einem Stichhuſten endeten. Als ſie dann bis zu Thränen gelacht und bis zu Blut gehuſtet hatte, während Dieudonné in der dritten Stellung des Menuets ſehr ernſthaft ihrer Antwort 8*½ — ³G+»— —‿—— 8 N N 8* — 53 entgegenſah, ſagte ſie zu ihm, die Sache habe keine Eile, Kinder von achtzehn Jahren haben noch we⸗ nigſtens vier oder fünf Jahre vor ſich, ehe ſie ſich mit dergleichen Dingen zu beſchäftigen brauchen, und wenn einmal die Zeit komme daran zu den⸗ ken, ſo werden ſich die Ideen des jungen Mannes in dieſer Beziehung vielleicht vollſtändig verändert haben. Dieudonné als wohlerzogener Neffe erwiederte Nichts, ſondern verabſchiedete ſich von ſeiner Tante mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung; am Abend ereignete ſich durchaus nichts Außerordentliches, aber als am folgenden Morgen die Zofe der Frau von Beauterne ins Zimmer des jungen Mannes trat, um ihm den herkömmlichen Café mit Rahm zu bringen, da fand ſie das Zimmer leer und das Bett vollkommen unberührt. Sie lief in der größten Beſtürzung fort, um ihrer Gebieterin die unglaubliche Nachricht zu über⸗ bringen. In demſelben Augenblick und als die Zofe zum dritten Mal die Phraſe wiederholte:„Ich verſichere Sie, Madame, daß der Herr Chevalier nicht einmal in ſeinem Bett geſchlafen hat,“ meldete man Frau von Florsheim. Frau von Florsheim war ſehr blaß und ſehr verſtört; ſie kam, um Frau von Beauterne anzu⸗ vertrauen, daß ihre Nichte Mathilde in der Nacht verſchwunden ſei. Das Verbrechen der jungen Leute lag gegen⸗ über dieſen beiden unberührten Betten ſo klar am 54 Tage, als hätte man ihre beiden Köpfe auf dem⸗ ſelben Kiſſen geſehen.„ Im Nu verbreitete ſich das Gerücht von dieſer Doppelflucht, und die Unruhe war groß in der Gemeinde. Die beiden Tanten waren natürlich die betrüb⸗ teſten; ſie beteten und ſchluchzten. Ihre Gefährtinnen ſpien Feuer und Flammen, ohne zu bedenken, daß die Stunde der Ernte ge⸗ kommen war, weiter Nichts, und daß ſie jetzt ern⸗ teten was ſie geſäet hatten. Endlich gab eine von ihnen ihr Gutachten da⸗ hin ab, daß Thränen und Geſchrei zu Nichts helfen, und daß man beſſer thun würde alsbald an die Verfolgung der Flüchtlinge zu denken. Der Rath erſchien gut und wurde angenommen. Die jungen Leutchen waren zu unerfahren, als daß ſie große Kunſtſtücke von Schlauheit aufgeboten hätten, um ihre Spuren zu verbergen; die zu ihrer Verfolgung ausgeſandten Emiſſäre brachten ſie daher ſchon am folgenden Tag zurück. Die verirrten Schäfchen kehrten zur Hürde wieder. Aber damit war die Sache nicht zu Ende, und Frau von Florsheim verlangte eine definitive Lö⸗ ſung des Knotens, wodurch die Breſche, welche in der Perſon ihrer Nichte in die Ehre ihres Hauſes gemacht worden, geziemend wieder ausgebeſſert würde. Frau von Beauterne weigerte ſich entſchieden. Sie hatte bedeutende Güter in Frankreich be⸗ halten und meinte daher, für den Erben dieſer Reichthümer ſei die Ehre dieſer Verwandtſchaft mit einer der angeſehenſten Familien Bayerns nicht ge⸗ 5⁵ nügend, ſondern dieſe Ehre müſſe auch von einer entfprechenden Mitgift begleitet ſein. Da nun die Florsheim ausgezeichnete Gründe hatten, um dieſe Forderung der Frau von Beauterne zurückzuweiſen, ſo beſtand die alte Dame darauf, daß man die Sache im status quo laſſe und mit dem Schwamm, wo nicht der Vergeſſenheit, doch wenigſtens der Verzeihung über die Vergangenheit fahre. Sie verſicherte, das Ganze ſei blos eine nichts⸗ ſagende kindiſche Tändelei geweſen, bei welcher Frau von Florsheim nebſt der ganzen Gemeinde ſich be⸗ theiligt habe. Frau von Beauterne verbürgte bei ihrer eige⸗ nen Ehre, daß Dieudonné zu fromm, zu wohler⸗ zogen und beſonders zu jung ſei, als daß irgend eine Unannehmlichkeit aus dieſer Reiſe entſtehen könnte, die er mit ſeiner kleinen Freundin ganz allein nach München gemacht habe;— denn in München, dieſe Thatſache haben wir aufzuführen vergeſſen, waren die beiden Kinder wieder gefun⸗ den worden. Aber nach einigen Monaten, obſchon man die jungen Leutchen ſeit ihrer Rückkehr ſorgfältig von einander fern gehalten hatte, wurde es Frau von Beauterne klar bewieſen, daß ſie mit ihrer perſön⸗ lichen Bürgſchaft für die Unſchuld ihres Neffen viel zu viel gewagt hatte. Die Sache wurde ſo ernſthaft, daß auf die Auf⸗ forderung der Frau von Florsheim der Beichtvater der Frau von Beauterne ſich einmiſchen zu müſſen glaubte. Endlich ließ ſich Frau von Beauterne durch die 56 Vorſtellungen ihres ehrwürdigen Gewiſſensrathes überzeugen; um ſich aber neue Rechte auf die Er⸗ kenntlichkeit der jungen Leutchen zu erwerben, gab ſie ſich den Anſchein, als ließe ſie ſich einzig und allein durch ihre Thränen und Bitten beſtimmen, und zur großen Freude ſämmtlicher Stiftsdamen verlieh eine Heirath dieſer Liebe, welche ſie als ihr gemeinſchaftliches Werk betrachteten, die Weihe der Geſetzlichkeit. Man richtete den neuen Haushalt in einer klei⸗ nen Villa der Umgegend ein, und unter dem Schutze der Stiftsdamen, die alle Phaſen deſſelben mit dem neugierigen übergeſchäftigen Eifer verfolgten, als ob ſie ſämmtlich Schwiegermütter wären, drohte der Honigmond der beiden Gatten ſich zu verewigen. Der Tod der Frau von Beauterne war die erſte Wolke, die über dieſes Glück hinzog; die gute Dame hinterließ ihrem Neffen etwa dreißigtauſend Franken Rente; aber, ſagen wirs zum Lobe des jungen Mannes, weder dieſes ſehr ehrenwerthe Vermögen, noch die Conjugation des Zeitworts lieben, die alle ſeine Augenblicke in Anſpruch nahm, verhinderten ihn aufrichtige und fromme Thränen zu finden, um das Andenken ſeiner zwei⸗ ten Mutter zu ehren. In der That war Dieudonné über ſein zwan⸗ zigſtes Jahr hinausgekommen, ohne daß dieſes Alter der Prüfungen an der Sanftmuth und Naivetät, welche ſeine Kindheit characteriſirten, Etwas ver⸗ ändert hätte. Er hatte noch immer ſeinen Drang zu welt⸗ umfaſſender Zärtlichkeit und unendlichem Erbarmen; 57 nur hatte ſich in dieſe Gefühle ein gewiſſer Anſtrich von Traurigkeit und Schwermuth gemiſcht, die ihm wahrſcheinlich angeboren und eine Folge der Ereig⸗ niſſe war, welche ſeine Geburt begleitet hatten. Er bot das eigenthümliche Bild eines Menſchen dar, der weder Neigungen noch Wünſche beſitzt. Der Catechismus hatte ihn den Namen der Leiden⸗ ſchaften gelehrt, aber als er größer wurde, hatte er ihn vergeſſen; gänzlich der Liebe hingegeben, voll⸗ ſtändig von Mathilde abſorbirt und in Mathilde lebend, fügte er ſich mit bewundernswürdiger Schmieg⸗ ſamkeit in die kleinen Launen ſeiner Frau, die et⸗ was aufgeweckter war als er und bei der Epiſode der Flucht zum Mindeſten die Hälfte, wo nicht drei Viertel der Schuld getragen haben mußte; im Uebrigen führten dieſe Launen, da ihnen unmittel⸗ bar nach ihrer Kundgebung willfahrt wurde, und da ſie in dem engen Rahmen begrenzt blieben, worin unſere Eheleute lebten, keine Erſchütterung, keine Wolke, keine Störung in ihrer Exiſtenz herbei, welche des goldenen Zeitalters würdig war. Nie hatte der Chevalier de la Graverie einen neugierigen Blick über die Mauern hinausgeworfen, die ſein irdiſches Paradies umſchloſſen; inſtinctmä⸗ ßig, ohne daß er ſich darüber Rechenſchaft gab, machte die Welt ihm Angſt, der Lärm von außen erregte ihm Schauder, und er hielt ihn ſo gut als möglich von ſich fern, indem er ſich bei Tag die Ohren verſtopfte und bei Nacht ſeine Decke bis über die Augen heraufzog. Er war daher gänzlich beſtürzt, als er, bereits erſchüttert durch den Tod ſeiner Tante und noch 58 nicht vollſtändig von ſeinem Schmerz geneſen, einen Brief mit dem Poſtzeichen Paris und der Unter⸗ ſchrift des Barons de la Graverie erhielt. Dieudonné hatte von dieſem älteren Bruder nur bei Gelegenheit ſeiner Verheirathung und durch Vermittlung ſeiner Tante ſprechen gehört. Wir haben geſagt, daß Dieudonné ſich die Ohren verſtopfte, um den Lärm von außen nicht zu hören. Man urtheile, ob er ſie gehörig verſtopft hatte. Von dem Lärm, welchen der erſte Sturz des napoleoniſchen Thrones verurſachte, hatte er bei⸗ nahe Nichts, und von dem Lärm in Folge des zweiten Sturzes hatte er gar Nichts gehört. Die franzöſiſche Armee hatte ihren Rückzug durch ganz Deutſchland ausgeführt, die deutſche, die öſt⸗ reichiſche und die ruſſiſche Armee waren ihr nachge⸗ zogen; die Menſchenfluth hatte ſich an der Ecke des Kloſters gebrochen, war nach rechts und nach links abgelaufen, und ſicher in ſeinem ſteinernen Schiff hatte Dieudonné vom Zuſammenſtoß dieſer leben⸗ digen Wogen Nichts verſpürt. Der Baron de la Graverie belehrte alſo ſeinen jüngern Bruder über Alles was er nicht mußte, das heißt was maßen die Reſtauration die Fürſten des Hauſes Bourbon nach Frankreich zurückgeführt, und er bedeutete ihm, daß er eine der Pflich⸗ ten ſeiner Geburt zu erfüllen und ſich an den Stu⸗ fen des Thrones aufzuſtellen habe. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die erſte Regung Dieudonnés eine Weigerung war; er verwünſchte Ludwig Xl., nicht weil er Nemours und St. Pol hatte hinrichten, nicht weil er den Grafen von Ar⸗ 59 magnac hatte ermorden laſſen, nicht weil er ſeinem eigenen Vater, dem armen Carl VII., eine ſolche Angſt eingejagt hatte, daß er aus Furcht vor Ver⸗ giftung verhungerte, ſondern weil er die Poſt er⸗ funden hatte. 3 Wir haben geſagt, daß Dieudonné kein großer Gelehrter war, ſo daß er die Fahrpoſt mit der Briefpoſt verwechſelte, aber in Wirklichkeit ſtammen alle beide von Ludwig XI., die eine war die Folge der andern. Er verſank in eine ſolche Muthloſigkeit, daß Frau de la Graverie, die in dieſem Augenblick eintrat, noch ſeine zum Himmel erhobenen Hände ſah und ihn die Worte murmeln hörte: „Warum bin ich nicht auf der Inſel des Ro⸗ binſon Cruſoe?“ Sie begriff, daß ſehr beklagenswerthe Dinge im Leben ihres Gatten vorgekommen ſein mußten, wenn er eine ſolche Geberde wagte und einen ſol⸗ chen Wunſch ſich entſchlüpfen ließ. Sie bekümmerte ſich daher augenblicklich um das Ereigniß, das ihrem Gemahl dieſes übertriebene Geberdenſpiel und dieſe miſanthropiſche Auslaſſung entriſſen hatte. Dieudonné überreichte ihr den Brief mit der⸗ ſelben Miene, wie Manlius⸗Talma den Brief über⸗ reichte, welcher dem Servilius⸗Damas ſeinen Ver⸗ rath offenbarte. Frau de la Graverie las den Brief und ſchien den Schmerz ihres Gatten in Betreff dieſer Reiſe, ſo wie ſeine Befürchtungen in Betreff der Welt keineswegs zu theilen. Inmitten der klöſterlichen 60 Strenge ihrer Erziehung hatte Mathilde dieſe alten Schwätzerinnen, ſämmtlich von ariſtokratiſcher Ab⸗ ſtammung, nicht blos vom franzöſiſchen Hof von 1789 wohl verſtanden, ſondern auch von allen an⸗ dern Höfen als von wahren Sitzen der Freude und Wonne erzählen gehört, und ihr Inſtinkt na⸗ türlicher Coketterie erregte in ihr den Wunſch dort zu glänzen. 3 Sie hatte, ohne ein einziges Mal ihren Wunſch zu geſtehen, zwanzig Gründe, um ihrem Gemahl darzuthun, daß er den Vorſchriften des Familien⸗ oberhauptes gehorchen müſſe, und ſo viel bedurfte es nicht einmal für einen Mann, welcher gewöhnt war die Worte Mathildens mit derſelben Andacht anzuhören wie ein Grieche das delphiſche Orakel. Das junge Paar entſchloß ſich alſo das bezau⸗ bernde Neſt zu verlaſſen, das ſeiner Liebe Schutz verliehen, und reiste im Monat Juli des Jahrs 1814 nach Frankreich ab. Schon auf der erſten Poſt begannen die Drang⸗ ſale für den Chevalier de la Graverie. Gänzlich von der Bewegung des Wagens, der ſie Beide entführte, und von der Freude darüber in Anſpruch genommen, daß ſie endlich neue Orte und Gegenſtände ſehen ſolle, hatte Mathilde ihre erſten Augenblicke der Zerſtreutheit und ſpielte in dem elegiſchen Zärtlichkeitsduett, das Dieudonné vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend ſingen nde⸗ ihre Rolle nicht mehr ſo gewiſſenhaft wie onſt. Dieudonné bemerkte es ſehr bald, und ſeine un⸗ 61 gemein eindrucksfähige Seele wurde ſchmerzlich da⸗ von ergriffen. So kam er denn in ziemlich trauriger Gemüths⸗ ſtimmung in Paris an, und nachdem er die Adreſſe des Barons am Schluß des unglückſeligen Briefes, der dieſe ganze Störung verurſachte, geſucht hatte, erſchien er vor ſeinem älteren Bruder, der als ächter Ariſtokrat ſeine Wohnung Rue de Varennes Nro. 4 im Faubourg St. Germain genommen hatte. Der Baron de la Graverie war beinahe neun⸗ zehn Jahre älter als ſein Bruder. Er war in voller Monarchie im Jahre der Thronbeſteigung Ludwigs XVI. geboren. 1784 hatte er ſeine Beweiſe von 1599 vorgelegt und war als Page in die Ställe des Königs ge⸗ treten. 1789, nach der Einnahme der Baſtille, war er mit ſeinem Oheim emigrirt. Daraus folgte, daß er ſeinen Bruder nie ge⸗ ſehen hatte und daher keine tief gehende Zärtlichkeit gegen ihn hegte.. In dieſen Mangel von Zättlichkeit miſchte ſich ein lebhaftes Gefühl der Eiferſucht; denn leider war, wie man in der Folge ſehen wird, der Baron de la Graverie kein Engel. Er, der nach tauſend überſtandenen Gefahren ohne alles Vermögen aus der Emigration zurückkam, konnte es ſeinem jüngern Bruder nicht verzeihen, daß er ſämmtliche Reich⸗ thümer der Stiftsdame von Beauterne geerbt, wäh⸗ rend er als älterer Sohn weit größere Anſprüche auf dieſelben zu beſitzen behauptete. Und wie hatte ſein Bruder dieſes Vermögen erworben? Indem 62 er im Schatten eines Kloſters etwa zwanzig alten Jungfern den Hof machte. Wäre dieſer jüngere Bruder Malteſerritter ge⸗ worden, wie es nach der Behauptung des Barons ſeine Pflicht war, ſo würde er ihm dieſe Erbſchlei⸗ cherei, wie er es nannte, vielleicht verziehen haben. Aber Dieudonné hatte ſich im Gegentheil ver⸗ heirathet, und der Baron ſah etwas höchſt Unge⸗ bührliches darin, daß ein jüngerer Sohn, das heißt ein Individuum, das nach ſeiner Anſicht generis neutrius war, ſichs hatte beigehen laſſen ein Weib zu nehmen und ſomit die Söhne des ältern Bru⸗ ders um ein Vermögen zu bringen, das, wenn es auch dem Vater entriſſen worden war, wenigſtens den Kindern zurückgegeben werden mußte. Der Baron ſetzte alſo dem Chevalier gleich bei der erſten Beſprechung ſeine Anſichten darüber aus⸗ einander und fügte mit merkwürdiger Dreiſtigkeit hinzu, daß die Vorſehung, welche bereits die erſte Schwangerſchaft der Frau de la Graverie habe ver⸗ unglücken laſſen, ſicherlich, ſo hoffe er wenigſtens, dieſe Schmuggelehe mit keiner Nachkommenſchaft beſchenken und die Hinterlaſſenſchaft der Stiftsdame wieder dem ältern Zweige zuwenden werde, dem ſie von Rechtswegen angehöre. 3 Dieſe Einleitung erbitterte die Chevalidre de la Graverie, die ihren Gemahl zu dem Baron begleitet hatte, und preßte den Augen Dieudonnés zwei dicke Thränen aus.. Da ſein Gefühl ihm ſagte, daß er ein vortreff⸗ licher Vater hätte werden müſſen, ſo weinte er um 63 ſeine Nachkommenſchaft, welche der Baron zur Ver⸗ nichtung verurtheilte. Er blickte bald ſeine Frau bald ſeinen Bruder an, und ſchien lebteren zu fragen, wie er ihm ſeine Mathilde, ein ſo hübſches, ſo gutes, ſo liebreiches Weibchen zum budſt machen könne. Die Reize, mit denen die junge Frau ausgeſtattet war, und die ſie vermöge ihrer Liebe verdoppelte, verdreifachte und vervierfachte, waren ſie denn keine genügende Rechtfertigung? Oder hatte der Baron gleich Alceſt den Weibern ewigen Haß geſchworen? Aber wenn er an ſich ſelbſt dachte, wenn er überlegte, daß allerdings er, der in Frankreich ge⸗ blieben war, der ſich keinen Gefahren des Kriegs ausgeſetzt, der keine der Mühſeligkeiten der Emi⸗ gration überſtanden hatte, jetzt reich war, während ſein Bruder Nichts als ſeinen Degen und ſeine Epauletten aus der Verbannung mitgebracht hatte, ſo überkam ihn einen Augenblick ein Zweifel, und er fragte ſich, ob er nicht wirklich durch Annahme der Erbſchaft von Tante Beauterne eine ſchlechte Handlung begangen habe. Ohne ſich noch mit weiterem Nachdenken zu be⸗ mühen, ohne ſich an die Zeichen des Widerſtandes zu kehren, welche ſeine holde Mathilde ihm machte, die ſich nicht wie der heilige Martin mit der Hälfte eines Mantels begnügte, bat er daher ſeinen ältern Bruder um Verzeihung wegen eines Fehlers, deſſen Folgen ihm jetzt erſt klar geworden ſeien, ver⸗ langte augenblicklich, der Baron ſolle die Hälfte vom Vermögen der Stiftsdame annehmen, und 64 wollte noch am ſelben Tag die Schenkung unter⸗ zeichnen. Der Baron willigte ein, ohne ſich lange zu be⸗ ſinnen. VWI. Der Chevalier de la Graverie bei den grauen Musketieren. Trotz aller Trockenheit ſeines Herzens ſchien der Baron durch das Zartgefühl ſeines jüngeren Bru⸗ ders gerührt zu ſein, und als die vom Notar des Barons aufgeſetzte Schenkungsurkunde von dem Chevalier unterzeichnet, auf jeder Seite unten und bei jedem Transport mit ſeinem Namenszug ver⸗ ſehen war, da ſtreckte er ihm die Arme mit einer Wärme entgegen, worin er ſeine Würde als Fa⸗ milienhaupt beinahe vergaß; der Chevalier ſtürzte ſich unter einem Thränenſtrom hinein und war ganz gewiß für dieſe einfache brüderliche Demon⸗ ſtration weit dankbarer, als der Baron für die ſünfzehntauſend Franken Rente, die ihm ſo eben zugefallen waren und, mit ſeiner bereits vorhan⸗ denen Habe zuſammengerechnet, juſt ein Einkommen von fünfzehntauſend Franken ausmachten. Der Baron ſeinerſeits erklärte nach gegebener und empfangener Umhalſung, daß er Dieudonné künftig wie ſeinen eigenen Sohn anſehen und lieben, daß er aufs Angelegentlichſte dafür ſorgen werde, daß derſelbe ſein Glück bei Hof mache. Um ihm einen unwiderleglichen Beweis für dieſe Sorgſamkeit zu geben, bat er für ihn um ein Pa⸗ 65 tent als grauer Musketier, und da er ihm die an⸗ genehmſte aller Ueberraſchungen zu bereiten meinte, ſo ſagte er ihm kein Wort von ſeinen dießfalſigen Schritten. 3 So kam es, daß Dieudonné eines Abends, als er ſich zur Tafel ſetzte, unter ſeiner Serviette ein mit der Unterſchrift„Ludwig“ verſehenes Patent antraf, kraft deſſen er der Ehre theilhaftig wurde in dieſes bevorrechtete Corps zu treten. Dieß war in der That eine große Chre: die jungen Leute aus den erſten Familien Frankreichs drängten ſich zu den rothen Haustruppen herbei, wie man das Corps damals nannte. Denn ſchwarze wie graue Musketiere waren roth uniformirt, ihre Bezeichnung kam von der Farbe ihrer Pferde, nicht ihrer Caſaken her; und überdieß hatte jeder Musketier Lieutenantsgrad. Aber ſo groß dieſe Ehre war, ſo müſſen wir doch geſtehen, daß Herr de la Graverie ſeit dem Brief, welcher ihn den Annehmlichkeiten ſeiner Ein⸗ ſiedelei entriſſen, nie eine unangenehmere Gemüths⸗ erſchütterung erlitten hatte, als jetzt beim Anblick dieſes Pergaments. Es ſchwindelte ihm vor den Augen, ein kalter Schweiß brach an ſeinem ganzen Leibe aus. Mit einer Entſchloſſenheit, die Niemand von dieſer gutmüthigen und gefälligen Natur zu erwar⸗ ten berechtigt war, wies er dieſe Ehre zurück und erwehrte ſich ihrer aus einer Menge von Gründen, worunter der beſte unſtreitig der war, daß er, im entſchiedenſten Contraſt gegen d⸗Artagnan, ſeinen Dumas, Black. I. 5 66 erlauchten Vorgänger, nicht die mindeſte Luſt zur Caſake in ſich verſpürte. Der Baron erfuhr dieſe Weigerung durch einen Brief, welchen ihm der Chevalier in der erſten Auf⸗. wallung ſeines Zornes ſchrieb. Er gerieth in eine majeſtätiſche Wuth; dieſe Weigerung des Chevalier compromittirte ihn ſchwer: er hatte ſeinen ganzen Einfluß aufgeboten, um vom König die koſtbare Unterſchrift zu erlangen. Wenn alſo ein de la Graverie ſich unfähig erklärte irgend eine militäriſche Charge auszufüllen, ſo wurde da⸗ durch er ſelbſt, der Baron, zum Geſpötte des gan⸗ zen Hofes. Er antwortete alſo ſeinem Bruder, er müſſe unter allen Umſtänden, ob er nun wolle oder nicht, die Caſake anziehen, und dem König antwortete er, der Chevalier ſei über die bewilligte Gunſt ſo hoch erfreut, daß er, da er nicht wiſſe in welchen Aus⸗ drücken er ſeinen Dank abſtatten ſolle, ihn, den Baron, beauftragt habe Seiner Majeſtät die Fülle ſeiner Dankbarkeit zu erkennen zu geben. Für den unglücklichen Dieudonné war alſo keine Abwehr mehr möglich: der Baron hatte in ſeinem Namen geantwortet und gedankt. Dieudonné hegte eine tiefe Verehrung für die Hierarchie der Familie; es war keine gewöhnliche Liebe die er einem Bruder widmete, der alle Ver⸗ 8 drießlichkeiten und Mühſeligkeiten des Lebens auf ſich genommen, ihm ſelbſt aber nur die Annehm⸗ 4 lichkeiten deſſelben überlaſſen hatte, und er bereute es nicht nur nicht, daß er ihm die Hälfte ſeiner Erbſchaft abgetreten, ſondern, beeilen wir uns es ſtand fortan unter dem Marſchall Herzog von Ra⸗ . 5* 67 zu ſagen, er fragte ſich ſogar manchmal, ob er ſich nicht durch Behaltung der andern Hälfte ſchwer an ſeinem ältern Bruder verſündige. Die Vorwürfe des Undanks, welche der Baron ihm in eigener Perſon machte— denn wenn der Baron die ſeltene Gelegenheit hatte ſeinem Bruder eine Strafpredigt zu halten, ſo gönnte er ſich das Vergnügen dieß mündlich zu thun— dieſe Vorwürfe des Undanks, ſagen wirs, rührten Dieudonné ſo tief, daß er nicht wußte was er antworten ſollte, und ſich daher gänzlich ſtumm verhielt. Frau de la Graverie machte mit den Augen ihrem Schwager ein Zeichen, wodurch ſie um Gnade für ihren armen Mann flehte, für welchen ſie ein⸗ ſtehen zu wollen ſchien. Mathilde hatte noch nicht Zeit gehabt in der Reibung mit der franzöſiſchen Geſellſchaft ihre ger⸗ maniſchen Selbſttäuſchungen abzulegen; ſie betrach⸗ tete alſo Dieudonné als den Antonius des neun⸗ zehnten Jahrhunderts und zweifelte nicht daran, daß eine ſo elegante Uniform wie die der Muske⸗ tiere die Vorzüge, welche ſie ihm andichtete, noch ſtärker hervorheben müſſe; ſie war daher aus ehe⸗ licher Coketterie entſchloſſen die Theſis ihres Schwa⸗ gers aufrecht zu erhalten. Uebrigens bedurfte dieſe Theſis keiner Verthei⸗ digung mehr, nachdem der Baron in Dieudonnés Namen geantwortet und gedankt hatte. 3 Dieudonné war alſo, er mochte wollen oder nicht, von Kopf bis zu Fuß grauer Musketier und 68 guſa, Oberbefehlshaber der königlichen Haustruppen, der Musketiere und der Garden. In der That zog der unglückliche Chevalier ſchon nach acht Tagen die Uniform an, mit der Reſignation und Willfährigkeit eines Pudels, welchen man in die Faltenmütze und den Rock eines Trou⸗ badour ſteckt, um ihn auf dem ſtraffen Seil tanzen zu laſſen. Die Uniform war prächtig, beſonders die Gala⸗ uniform. Rother Rock, weiße Caſimirhoſe, große Stiefel die bis über das Knie reichten, Helm mit wogendem Federbuſch, Küraß mit einem Kreuz von Sonnen⸗ gold. 9 Aber der arme Dieudonné war in dieſer präch⸗ tigen Uniform ſehr beengt. Er hatte keine höhere Idee von ſich, als wozu er berechtigt war, und er fühlte, daß er unter dem Harniſch linkiſch und lächerlich ſein mußte.. Er war in der That kurz und dick, er hatte ein rothes und bartloſes Geſicht wie ein Stiftsherr der heiligen Genovefa; im Meßhemd eines Chorknaben wäre er hübſch zum Freſſen geweſen, unter der Uniform war er geradezu abgeſchmackt. Und gleichwohl war der Chevalier in Civilklei⸗ dung nicht auffallend häßlicher, als die meiſten an⸗ dern Männer ſich zu ſein erlauben, und die alther⸗ umnmliche Phraſe, womit man den Mangel an Grazie bemäntelt, der gewiſſe Individuen männlichen Geſchlechts kennzeichnet, die Phraſe: er iſt weder hübſch noch häßlich, paßte auf den Chevalier ſo gut, — — 69 und wir können ſogar ſagen noch beſſer, als auf jeden Andern. 1 Aber die Uniform, die dieſer beſcheidenen Hal⸗ tung Prätenſionen gab, hob alle Fehler aufs Grellſte hervor.. War er zu Fuͤß, ſo ſahen ſeine Stiefel aus, als wüchſen ſie aus ſeinem Bauche heraus, wie der Stiel eines Fangſtocks aus ſeiner Kugel. Dann verglich ihn Einer wegen ſeiner kurzen und ſpeckigen Aermchen mit einer Fettgans; ein Anderer fragte, wenn er ihn vorüberkommen ſah, den Nächſten Be⸗ ſten:„Bitte, mein Herr, können Sie mir nicht ſagen, wie dieſer Federbuſch heißt, der da ſpazieren geht?“ Aber dieß war noch die ſchöne Seite der Lage. Um einen Begriff von den Angſtqualen zu ha⸗ ben, die ein Menſch überſtehen kann ohne daran zu ſterben, mußte man den Chevalier de la Graverie zu Pferde ſehen. Mit zehn Jahren, wenn der kleine Chevalier ſich oben auf einer Treppe befand, rief er ſeine Tante, die Stiftsdame von Beauterne, damit ſie ihm ihre Hand gab und hinabſteigen half. Mit fünfzehn Jahren, wenn er zufällig den Eſel des Gärtners beſtiegen hatte, hielt ſich eine ſeiner edlen Beſchützerinnen fortwährend am Kopfe Thiers und eine andere am entgegengeſetzten Th damit, wenn den Eſel die Grille ankam ausrei en zu wollen, die Eine ihn am Zügel, die Andere am Schwanz feſthalten konnte. So fleißig nun auch der Chevalier die Reitſchule beſuchte, ſo viel Geduld er auch im Studium der 70 Theorie entwickelte, ſo war es doch ſeinen runden und zugleich ſteifen Gliedern unmöglich ſich den Bewegungen ſeines Pferdes anzuſchmiegen. Sein Bruder hatte es für ihn gewählt, und ob⸗ gleich der Chevalier ein ſehr frommes Thier ver⸗ langt hatte, ſo beſaß er doch jetzt ein tadelloſes Renn⸗ und Schlachtpferd voll Blut und Feuer. Der Chevalier hatte ein möglichſt niederes Thier gewünſcht; aber für die Pferde der königlichen Haustruppen, Musketiere, Garden oder Chevaule⸗ gers war eine beſtimmte Höhe vorgeſchrieben, ohne welche keines zugelaſſen wurde. Nun bekam der Chevalier ſchon, wenn er von einer unbeweglichen Freitreppe herabſchaute, Schwin⸗ delanfälle, wie viel mehr alſo, wenn er ſich im Sattel eines lebhaften und kräftigen Pferdes befand? Auf ſeinem Bayard—ſo hatte der Baron das Pferd ſeines Bruders zu taufen beliebt in Erinne⸗ rung an die vier Haimonskinder— auf ſeinem Bayard ungefähr mit derſelben Feſtigkeit und Grazie ſitzend, wie ein Mehlſack auf dem Rücken eines Maunleſels, behauptete ſich der Chevalier die meiſte Zeit nur durch ein Wunder von Gleichgewicht, und in ſchwie⸗ rigen Fällen durch die wohlwollende Beihilfe ſeiner Kameraden zur Rechten und zur Linken. Wenn unerwartet Halt commandirt wurde, hätte et ohne das reſpectable Gewicht ſeines Individunms zwanzigmal die Linie durchbrochen und wäre über den Kopf ſeines Thieres hinausgeſchoſſen. Zum Glück für den Chevalier wurden ſeine Ka⸗ meraden durch ſeine Sanftmuth, ſein verbindliches Weſen und ſeine Demuth gerührt; ſie hätten ſich 71 geſchämt ein gänzlich harmloſes Weſen zum Stich⸗ blatt ihrer Spöttereien zu machen, obgleich er, wenn er nur die geringſte Doſis Eigendünkel beſeſſen hätte, in Folge der Hilfe die ihm geleiſtet wurde ſich leicht für den glänzendſten Reiter der Schwa⸗ dron hätte halten können. Aber das that Dieudonné nicht: er fühlte ſich unter dem ſchönen geſtickten Kreuz das er auf ſei⸗ ner Uniform trug ſo unbehaglich, daß er ſeine Ca⸗ ſake gern in eine Ecke geworfen haben würde, wenn er nicht gefürchtet hätte ſeiner Frau Kummer zu bereiten und mit ſeinem älteren Bruder in Streit zu gerathen. Etwas erſchreckte ihn ganz beſonders: einmal mußte die Reihe an ihn kommen, daß er den König zu escortiren hatte. Dann war man nicht mehr in Reihe und Glied, ſondern galoppirte an den Wa- genſchlägen und Jeder für ſeine eigene Rechnung. Und die Ausfahrten des Königs fanden mit einer verzweifelten Regelmäßigkeit ſtatt; Ludwig XVIII. war in ſeinen Gewohnheiten ungemein geregelt. Nie that er an einem Tag etwas Anderes, als was er am vorhergehenden gethan hatte, was die Arbeit des modernen Dangeau ſehr vereinfacht ha⸗ ben würde, wenn Ludwig XVIII., gleich ſeinem Vorfahrer und Ahnherrn Ludwig XIV., einen Dan⸗ geau gehabt hätte. Nun war aber Folgendes das alltägliche Tage⸗ werk des Königs von ſeiner Rückkehr am 3. Mai 1814 an bis zu ſeinem Tod am 25. December 1824: — man verzeihe mir, wenn ich mich um ein paar 72² Tage täuſche; ich habe die Kunſt Data zu er⸗ weiſen nicht bei der Hand.. Morgens ſieben Uhr ſtand er auf und empfing um acht Uhr den erſten Kammerherrn oder Herrn von Blacas; um neun Uhr ließ er ſeine Geſchäfts⸗ beſuche vor; um zehn Uhr frühſtückte er mit der dazu verordneten Bedienung und denjenigen Perſo⸗ nen, die ein für alle Mal zum Frühſtück mit ihm ermächtigt waren, d. h. mit den Großwürdeträgern und den Capitänen der königlichen Haustruppen. Nach dem Frühſtück, das in den erſten Zeiten nur fünfundzwanzig Minuten, zuletzt aber drei Viertel⸗ ſtunden währte, und welchem die Frau Herzogin von Angouleme nebſt einer oder zwei von ihren Damen anwohnte, ging man ins Cabinet des Kö⸗ nigs und eine Converſation entſpann ſich; fünf Miinnuten vor eilf Uhr, niemals früher, niemals ſpä⸗ ter, ging die Herzogin weg, und nun erzählte der König irgend eine Geſchichte, die er abſichtlich in Reſerve gehalten hatte, um ſeine Zuhörer zu erhei⸗ tern; ſpäteſtens zehn Minuten nach eilf Uhr verab⸗ ſchiedete er die ganze Geſellſchaft. Von da bis zwölf fanden die Audienzen ſtatt, die Privatperſonen be⸗ willigt wurden. Um zwölf hörte der König ſammt ſeinem Geleite, das häufig aus mehr, niemals aus weniger als zwanzig Perſonen beſtand, die Meſſe; nach ſeiner Rückkehr empfing er ſeine Miniſter oder hielt ſeinen Rath, was einmal in der Woche ge⸗ ſchah; nach dem Rath verbrachte er eine oder zwei Stunden mit Schreiben, Leſen oder der Zeichnung von Häuſerplänen, die er dann ins Feuer warf; um drei oder vier Uhr, je nach der Saiſon, begab ——O 73 er ſich auf die Promenade und fuhr in einer großen Berline auf dem Pflaſter, beſtändig im Galopp, vier, fünf, ja bis zehn franzöſiſche Wegſtunden. Zehn Minuten vor ſechs kehrte er in die Tuilerien zurück; um ſechs dinirte er im Familienkreis, aß viel und mit Verſtand, denn er hatte rechtliche Anſprüche auf den Titel eines Gourmand; die kö⸗ nigliche Familie blieb bis acht Uhr beiſammen; um acht Uhr konnte Alles, was das Recht hatte ohne vorherige Audienz beim König einzutreten, Zulaſ⸗ ſung verlangen und wurde empfangen; um neun Uhr begab ſich Seine Majeſtät weg und ging in den Berathungsſaal, wo ſie die Parole für das Schloß austheilte; einige Perſonen hatten das Vorrecht in dieſem Augenblick hereinzukommen, und benützten es um dem König den Hof zu machen; dieß währte zwanzig Minuten; dann begab ſich der König in ſein Cabinet und machte ſeine Bemerkungen zu Ho⸗ raz oder las Virgil oder Racine, und um eilf Uhr legte er ſich ſchlafen. Später als Frau du Cayla und Herr von Ca⸗ ſes in Gunſt ſtanden, kam Frau du Cayla Mitt⸗ wochs nach dem Rathe und blieb zwei oder drei Stunden bei dem König, ohne daß Jemand herein⸗ durfte. An Herrn von Caſes kam die Reihe Abends; er begab ſich zu gleicher Zeit mit Seiner Majeſtät ins Zimmer des Königs, blieb allein bei ihm und entfernte ſich erſt eine Viertelſtunde vor ſeinem Schlafengehen. Mitten in dieſer langen Reihenfolge kleiner Pflichten, die der König ſich auferlegt hatte und 74 mit religiöſer Pünktlichkeit erfüllte, hatte ein ein⸗ ziger Punkt Herrn de la Graverie junior, unge⸗ mein beſchäftigt. Es waren die Worte: Seine Majeſtät wird täglich, das Wetter mag gut oder ſchlecht ſein, ausfahren und von drei bis dreiviertel auf ſechs Uhr ausbleiben. Die Haustruppen lieferten die Escorten für die Spazierfahrten, und zwar die rothen Haustruppen ſo gut wie die andern. Da aber die Haustruppen des Königs ein an⸗ ſehnliches Corps waren, ſo kam die Reihe an Jeden blos alle Monate. Der Zufall wollte, daß der Chevalier fünfund⸗ zwanzig Tage darauf warten mußte. Endlich kam der Tag. Es war ein Schreckenstag. Mathilde und der Baron waren entzückt: ſie hofften, daß ihr Bruder und Gemahl die Aufmerkſamkeit des Königs auf ſich lenken würde. Beim geringſten Geflimmer konnte das Nebel⸗ bild ein Stern werden. Ach! der arme zukünftige Stern war hinter einem furchtbaren Gewölke verborgen, dem Gewölke der Furcht. Gleich wie der Tag gekommen war, kam auch die Stunde; die Escorte wartete zu Pferd im Hofe. Der König kam herab, und wie gewöhnlich war er kaum in ſeinen Wagen geſtiegen, als die Pferde ſich in Galopp ſetzten. Wer den Chevalier de la Graverie angeſchaut 75 haben würde, hätte geſehen, daß er zum Erbarmen blaß war. Er befand ſich in der vollſtändigen Unmöglich⸗ keit ſein Pferd zu lenken. Glücklicher Weiſe war das Pferd eben ſo gut dreſſirt, als der Herr es ſchlecht war; das Pferd lenkte den Herrn. Das verſtändige Thier ſchien Alles zu begreifen, es ſtellte ſich von ſelbſt an ſeinen Platz und verließ ihn nicht mehr. Man konnte nicht ſagen, daß der Sattelknopf in Anſpruch genommen wurde: die eine Hand hielt den Zügel, die andere den Säbel. Der Chevalier ſah ſich fallen und in ſeiner ei⸗ genen Klinge ſpießen; dieß verurſachte ihm ſolche Bangigkeiten, daß ſein Körper ſich ſelbſt von ſeinem Rabe und ſeine Hand von ſeinem Körper fern ielt. An dieſem Tag war die Fahrt ungeheuer groß: man fuhr um halb Paris herum; der König zog durch die Barriere de l'Etoile hinaus und kam über die Barriere du Trone zurück. Ein guter Reiter wäre todmüde geworden; der Chevalier de la Graverie war gebrochen, als hätte man ihn vom Rade herabgenommen. Obgleich man im Januar war, floß ihm doch der Schweiß von der Stirne, und ſein Hemd war naß, wie wenn man es in die Seine getaucht hätte. Er überließ ſein Pferd ſeinem Bedienten, und ſtatt, wie es die Gewohnheit war, mit ſeinen Ca⸗ meraden im Schloß zu diniren, ſprang er in einen Fiaker und kam in einigen Secunden in die Rue de l'Univerſits Nro. 10. So kurz der Weg war, — 76 ſo hatte er doch nicht den Muth in ſich verſpürt ihn zu Fuß zurückzulegen. Mathilde ſtieß einen Schrei aus, als ſie ihn er⸗ blickte: er ſchien um zehn Jahre älter zu ſein. Der Chevalier ließ ſein Bett mit Zucker wär⸗ men, legte ſich, ſtand drei Tage nicht mehr auf und klagte vierzehn Tage lang über Schmerzen am gan⸗ zen Leibe. Ach! wie ganz anders war ſein ruhiges Leben in der kleinen bayriſchen Villa geweſen; jene lan⸗ gen mit Liebkoſungen vermiſchten téte--téte, jene lieblichen Dämmerungsſpaziergänge am Saume des Waldes und am Ufer des Fluſſes; Spaziergänge, auf welchen das Schweigen der beiden Gatten ſo beredt verliebt war wie das zärtlichſte Gekoſe, ſo vollſtändig war die Verſchmelzung ihrer Seelen! Jetzt gab es inmitten gleichgiltiger Perſonen keine egoiſtiſche Abgeſchloſſenheit mehr, es war vorüber mit jenen bezaubernden téte-A-tôte am Kaminfeuer, wo man ſich im Geiſte ein Alter à la Philemon und Baucis aufgebaut hatte. Das Schlimmſte bei all dem— und das Abenteuer mit dem Lendenweh führte ſchnell zu dieſer Ueber⸗ zeugung— war, daß Frau de la Graverie ſich durch die Vergleichung genöthigt ſah anzuerkennen, daß ihr Chevalier juſt nicht ſo hoch über allen andern Männern ſtand, wie ſie bisher angenommen hatte. Es iſt ein für die Liebesgeſchäfte fataler Au⸗ genblick und eine gefährliche Klippe für die eheliche Treue, wenn die Frau zu vermuthen anfängt, daß: der Schöpfer nicht gerade ausgeruht haben dürfte, nachdem er ganz expreß für ſie den Gegenſtand 77 verfertigt, aus welchem ſie bisher ihren Götzen ge⸗ macht hatte. Ein Gatte, der in den Zuſtand der legalen Münze übergegangen iſt, hat nur noch Zwangs⸗ cours. Nicht als ob wir ſagen wollten, Mathilde habe am Tage, als ſie dieſe unſelige Entdeckung gemacht, aufgehört ihren Gatten zu lieben; im Gegentheil, die ganz beſondere Aufmerkſamkeit, welche ſie ihm während der Unpäßlichkeit in Folge des unglückſe⸗ ligen Escorterittes widmete, war noch Nichts im Ver⸗ gleich mit derſenigen, die ſie öffentlich an den Tag legte; einige zieräffiſche Dämchen wollten ſogar in der Zärtlichkeit, welche die junge Deutſche ohne alle Scheu und Verſtellung ihrem Gemahl widmete, etwas Unziemliches finden; aber wir müſſen, um der Wahrheit in allen Punkten getreu zu blei⸗ ben, geſtehen, daß Mathilde, wenn ſie mit einander allein waren, den Mund nur noch zum Gähnen öffnete, und daß ihre Pflichten und Verbindlichkei⸗ ten als Dame von Welt ſich mit jedem Tag unge⸗ mein zu vervielfältigen anfingen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Chevalier de la Graverie Nichts bemerkte, was ihn hätte vermu⸗ then laſſen, daß er nicht fortwährend der glücklichſte aller Menſchen ſei; er ſah in ſeiner Ehe die Ver⸗ hätſchelungen, an die ſeine Kindheit gewöhnt gewe⸗ ſen, fortwähren und war allmählig ſo weit gekom⸗ men, daß er Mathildens außerordentliche Pflege und Sorgſamkeit als etwas höchſt Einfaches und Natürliches betrachtete, wie wenn dieß das Aller⸗ wenigſte wäre was ſie thun könnte. 1 78 Herr de la Graverie wäre ganz ſicher der glück⸗ lichſte aller Ehemänner geweſen, wenn er nicht mit der unglückſeligen Gunſt bedacht worden wäre un⸗ ter die grauen Musketiere aufgenommen zu werden. Ganz beſonders jener furchtbare Escortetag, der alle Monate wiederkehrte und wie ein Damocles⸗ ſchwert über ſeinem Haupt ſchwebte, vergiftete ſeine ſüßeſten Augenblicke! VII. Wo ein Ereigniß eintritt, das den Chevalier de la Gra- verie auf drei Monate ſeines Esrortiergeſchäftes entbindet. Der Monat Februar verfloß, wie der Monat Januar verfloſſen war; die Reihe des Escortirens kam wieder an den Chevalier. Es waren dieſelben Beängſtigungen, aber diesmal noch beſſer gerecht⸗ fertigt. Schlecht im Zügel gehalten ſtürzte das Pferd des Musketiers, Herr de la Graverie flog über ſeinen Kopf hinweg, rollte auf das Pflaſter und verſtauchte ſich die Schulter. Beinahe vergnügt darüber, daß er ſo wohlfeilen Kaufs davongekommen, wurde er nach Hauſe gebracht. Der Unfall des Chevalier wurde ruchbar. Die angeſehenſten Leute am Hof gaben ihre Carten bei ihm ab oder kamen perſönlich. Der König ließ dreimal nach ſeinem Befinden fragen. Die Freude des Barons war unbeſchreiblich. „Wiſſe den Umſtand auszubeuten,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und dein Glück iſt gemacht.“ 79 Der Chevalier hegte keinen andern Wunſch mehr als dieſe Ausbeutung, nur durfte ſie nicht zu Pferde bewerkſtelligt werden. Obſchon er daher privatim ſeinen Arm aus der Schärpe gezogen hatte, obſchon er, wenn er allein war, vor dem Spiegel einem unbekannten Weſen, das wohl der Baron ſein mochte, die Fauſt zeigte; obſchon er, wenn es ſich darum handelte ſeine Frau an ſein Herz zu drücken, in ſeinem verſtauchten Arm dieſelbe Kraft fand wie in dem andern, ſo erheuchelte er doch den Beſuchern, die nach ſeinem Befinden frag⸗ ten, und den Officieren der Haustruppen gegenüber, die ſich fleißig bei ihm einfanden, einen hartnäckigen Schmerz und ſchnitt bei jeder freiwilligen oder un⸗ freiwilligen Bewegung ſeines Armes wahre Teufels⸗ grimaſſen. So hoffte er ganz ſchlau wenigſtens über einen Escortetag hinweg zu kommen. Demgemäß ging er nicht nur nicht aus, ſondern verließ ſogar ſein Zimmer nicht, ſtand von ſeinem Bett bloß auf, um ſich in einem großen Lehnſeſſel zu ſtrecken, und ſo fand er jene Glückſeligkeit der téte-A-téte wieder, die er für immer verloren geglaubt. Und wirklich, während der Chevalier die Jour⸗ nale las, beſonders den Moniteur, der ſeine Lieblingslecture war, und in deſſen Friedfertigkeit er einigen Einklang mit ſeinem eigenen Character fand, ſaß Mathilde neben ihm, beſchäftigte ſich mit irgend einer Nadelarbeit und gähnte, daß ſie ſich die Kinnbacken hätte ausrenken können, verheimlichte aber dieſes unliebliche Geberdenſpiel jedesmal vor ihrem Gemahl, indem ſie ihre Tapiſſerie bis zu 80 ihrem Geſicht emporhob und hinter der Leinwand gähnte. Am Morgen des 7. März, als Mathilde an ihrer Tapiſſerie arbeitete und der Chevalier in ſei⸗ nem Lehnſtuhl ausgeſtreckt den Moniteur las, fiel ſein Auge auf folgende Proclamation. „Wir hatten am 31. Dezember vorigen Jahrs die Kammern vertagt, um ihre Sitzungen am 1. Mai wieder aufzunehmen; während dieſer Zeit widmeten Wir Uns raſtlos allen Arbeiten, welche die öffent⸗ liche Ruhe und das Glück Unſerer Völker ſichern onnten...“ 3 „Das iſt ſehr wahr,“ murmelte der Chevalier, „und ich für meine Perſon habe dem König nur eine einzige Sache vorzuwerfen, nämlich ſeine täg⸗ lichen Spazierfahrten und ſeine Manie von einer Escorte begleitet ſein zu wollen.“ Dann las er weiter: „Dieſe Ruhe iſt geſtört, dieſes Glück vielleicht gefährdet durch das Uebelwollen und den Verrath...“ „Oh, oh,“ machte der Chevalier,„hörſt Dus Mathilde?“ „Ja,“ antwortete Mathilde mit einem unter⸗ drückten Gähnen,„ich höre: durch das Uebelwollen und den Verrath; nur begreife ich nicht.“ „Ich auch nicht,“ antwortete der Chevalier, „aber wir werden bald ſehen.“ Und er fuhr fort: 81 „Wenn die Feinde des Vaterlands ihre Hoff⸗ nung auf die Uneinigkeit gegründet haben, die zu ſchüren ihr unabläſſiges Streben war, ſo werden die geſetzlichen Vertheidiger deſſelben dieſe verbrecheriſche Hoffnung durch die unangreifbare Macht einer un⸗ zerſtörbaren Einigkeit vereiteln...“ „Ganz gewiß,“ ſagte der Chevalier,„man wird dieſe verbrecheriſche Hoffnung vereiteln, und ich zu allererſt, ſobald es mit meinem Arm beſſer geht.“ Dann wandte er ſich wieder zu Mathilde. „Wie ſchön ſie ſchreibt, die Regierung! nicht wahr, meine Liebe?“ „Ja,“ antwortete Mathilde, ohne ihre Zähne auseinander zu thun, weil ſie fürchtete, ſie möchte ſonſt ihre Kinnbacken nicht mehr bemeiſtern können. „Er iſt heute intereſſant, der Moniteur,“ be⸗ merkte der Chevalier. Und er fuhr fort: „Aus dieſen Gründen, nach Anhörung des Be⸗ richts Unſeres lieben und getreuen Kanzlers von Frankreich, Herrn Dambray, Commenthurs Unſerer dlben⸗ haben, Wir verordnet und verordnen, wie olgt.. „Ah!“ machte der Chevalier,„laß ſehen, was der König verordnet.“ „Artikel I. Die Pairskammer und die Abgeord⸗ netenkammer ſind an den gewöhnlichen Ort ihrer Sitzungen einberufen. 1 „Artikel II. Die von Paris abweſenden Pairs Dumas, Black. I. 6 und Deputirten haben ſich Angeſichts der gegen⸗ wärtigen Proclamation daſelbſt einzufinden. „Gegeben im Tuilerienſchloß am 6. März 1815, im 20. Jahr unſerer Regierung. (Unterzeichnet) Ludwig.“ „Das iſt curios,“ ſagte der Chevalier,„der König beruft die Kammern ein und er ſagt nicht, warum er ſie einberuft.“ „Du haſt mir immer verſprochen mich in eine Sitzung zu führen, damit ich eine Zerſtreuung habe, Diendonné,“ verſetzte Mathilde. „Ich werde Dich hinführen,“ verſprach der Chevalier. „Ah!l das wird ſehr beluſtigend ſein,“ meinte Mathilde, indem ſie in der Hoffnung auf das in Ausſicht ſtehende Vergnügen ſo gähnte, daß ſie ſich beinahe den Mund zerriß. 4 „Ah! Aber wart einmal,“ rief der Chevalier: „Ordonnanz; es gibt da eine Ordonnanz; dieſe Ordonnanz wird uns vielleicht Alles erklären.“ Und er las: Ordonnanz. „Auf den Bericht unſeres lieben und getreuen Kanzlers von Frankreich, des Herrn Dambray, Commenthurs Unſerer Orden, haben Wir verord⸗ net und verordnen, erklärt und erklären, wie folgt: „Artikel I. Napoleon Bonaparte wird als Ver⸗ räther und Rebell erklärt, weil er mit bewaff⸗ neter Hand im Vardepartement eingedrungen iſt...“ „Ta, ta, ta, machte der Chevalier,„was 83 ſagt denn der Moniteur da? Haſt Du gehört, Mathilde?“ „Verräther und Rebell, weil er mit bewaffneter Hand im Vardepartement eingedrungen iſt; nun wer iſt denn Verräther und Rebell?“ „He, zum Henker, Napoleon Bonaparte! hatten ſie ihn nicht auf eine Inſel geſperrt?“ „Allerdings,“ antwortete Mathilde,„und zwar auf die Inſel Elba.“ „Nun wohl, dann hat er im Vardepartement nicht eindringen können, wenn nicht anders eine Brücke von der Inſel Elba nach dem beſagten De⸗ partement führt. Leſen wir weiter.“ „Demgemäß wird allen Gouverneuren, Com⸗ mandanten der bewaffneten Macht, Nationalgarden, bürgerlichen Behörden und ſogar den einfachen Behörden befohlen auf ihn zu fahnden...“ „Ich hoffe indeß, daß Du Dich ruhig verhalten wirſt,“ ſagte Mathilde,„und daß Du Dirs nicht einfallen läſſeſt auf ihn zu fahnden?“ „Das iſt noch nicht Alles. Warte doch... warte doch...“. Und der Chevalier las weiter: „Auf ihn zu fahnden, ihn zu verhaften und unverzüglich vor ein Kriegsgericht zu ſtellen, das, nachdem es die Identität ermittelt, die Vollziehung der vom Geſetz ausgeſprochenen Strafen verord⸗ nen wird.“ Hier wurde der Chevalier in ſmer Lecture 84 durch das Getöſe, womit die Thüre ſeines Schlaf⸗ zimmers ſich öffnete, und durch die Stimme ſeines Bedienten unterbrochen, der ſeinen Bruder, den Baron de la Graverie, anmeldete. Der Baron war vollſtändig zum Krieg ausge⸗ rüſtet, wie Herr von Malbrouck. Der Chevalier erblaßte, als er ihn in dieſem furchtbaren Aufzug erſcheinen ſah. „Nun,“ ſagte der Baron,„Du weißt was los iſt?“ „Ich kann mirs ſo etwa denken.“ „Der corſiſche Wehrwolf hat ſeine Inſel ver⸗ laſſen und im Golf Juan gelandet.“ „Im Golf Juan! was iſt das?“ „Ein kleiner Hafen, zwei Meilen von Antibes.“ „Von Antibes?“ „Ja, und ich komme, um Dich abzuholen.“ „Mich abzuholen! und was thun?“ „Ei, haſt Du denn nicht geleſen, daß allen Commandanten der bewaffneten Macht, jedem Na⸗ tionalgardiſten, jeder Civilbehörde und ſogar den einfachen Bürgern befohlen iſt auf ihn zu fahn⸗ den? Nun wohl denn, ich hole Dich ab, um auf ihn zu fahnden.“ Der Chevalier blickte Mathilde mit flehender Miene an; bei allen großen Veranlaſſungen er⸗ kannte er demüthig an, daß ſie mehr Erfindſamkeit beſaß als er, und er rechnete darauf, daß ſie ihn aus der Klemme ziehen würde. 3 Mathilde verſtand dieſen Blick des Jammers. „Ei, Schwager,“ ſagte ſie zu dem Baron,„es ſcheint mir, daß Sie Etwas vergeſſen.“ 8⁵ „Was 20 „Daß, wenn auch Sie ſelbſt Ihren großen Säbel nehmen und fahnden können auf wen Sie wollen, Dieudonné dieß nicht thun kann.“ „Wie ſo, er kann nicht?“ „Nein; Dieudonné gehört zu den Haustruppen des Königs; er muß thun was dieſe thun. Wenn er jetzt Paris verließe, und thäte er es auch, um auf Napoleon zu fahnden, ſo wäre er ein De⸗ ſerteur.“ Der Baron biß ſich in die Lippen. „Ah!“ ſagte er,„es ſcheint, Sie ſind Dieu⸗ donnés Major⸗General.“ „Nein,“ antwortete Mathilde einfach,„Dieu⸗ donnés Major⸗General iſt, glaube ich, der Herzog von Raguſa.“ Und ſie machte ſich ruhig wieder an ihre Ta⸗ piſſerie, während der Chevalier ſie voll Bewunde⸗ rung anſchaute. „Nun ſo ſei es denn,“ ſagte der Baron,„ſo werde ich ohne ihn gehen.“ „Und die Ehre davon wird lediglich Ihnen allein zufallen,“ ſagte Mathilde. Der Baron warf einen Blick des Haſſes auf die junge Frau und entfernte ſich. „Was ſagſt Du von dem Beſuch meines Bru⸗ ders?“ fragte Dieudonné noch ganz zitternd. „Ich ſage, daß er, nachdem er Dir die Hälfte Deines Vermögens abgelockt hat, Dich vielleicht nicht ungern tödten ließe, um den Reſt zu erben.“ Dieudonné machte eine Grimaſſe, welche be⸗ deutete:„Du könnteſt wohl Recht haben.“ Dann 86 ging er auf Mathilde zu, küßte ſie, drückte ſie bis zum Erſticken an ſein Herz und vergaß, daß er ſie ſo mit dem Arme drückte, den er nicht gebrauchen konnte. Den ganzen Tag über wurde das Haus des Chevalier nicht leer. Jeder Beſucher ſprach von dem ſeltſamen Er⸗ eigniß; Niemand zweifelte daran, daß Napoleon in Gefangenſchaft gerathen und erſchoſſen würde, ehe er zehn Stunden weit ins Land käme. Aber auf die Frage, die man zwanzigmal im Tag an den Chevalier richtete:„Und Sie, was werden Sie thun?“ antwortete der Chevalier ein Mal wie das andere: „Ich gehöre zu den königlichen Haustruppen; was die Haustruppen thun, das thue ich auch.“ Eine Antwort, die Jedermann höchſt paſſend und vernünftig fand. — Uebrigens hatten alle Beſucher den Baron mit ſeinem großen Säbel begegnet, und Jedermann wußte, daß er ſich anſchickte dem corſiſchen Wehr⸗ wolf zu Leibe zu gehen. Am ſelben Tag um zwei Uhr erfuhr man, daß der Herr Graf von Artois und der Herr Herzog von Bourbon nach der Vendée gehen ſollten. 1 Als Antwort auf dieſe Doppelnachricht kündete Dieudonné unter ſchrecklichen Grimaſſen an, daß ſein Arm ihm entſetzliche Schmerzen mache. Um 8 und 9 Uhr lauteten die Nachrichten un⸗ beſtimmt. 4 Man begegnete überall dem Baron, der nicht 87 eher aufbrechen und auf Napoleon fahnden wollte, als bis er genau wußte, wo er daran wäre. Abgeſehen von den Schmerzen, die er in ſeinem Arme erlitt, genoß Dieudonné eine große Ruhe. Woher kam ihm dieſe Philoſophie? Gehörte er der ſtoiſchen Schule an? Nein. Aber eine Idee war ihm gekommen und klam⸗ merte ſich mit der Hartnäckigkeit des Egoismus im Innerſten ſeines Geiſtes feſt. Wir wagen es kaum zu geſtehen, welcher Art dieſe Idee war. Larochefoucault hat geſagt, daß es, ſelbſt beim Unglück unſeres beſten Freundes, immer Etwas gebe, was uns nicht unangenehm ſei. Man könnte hinzufügen, daß es bei den größ⸗ ten politiſchen Umwälzungen, inmitten der Cata⸗ ſtrophen, welche die Throne, die Scepter und die Kronen über den Haufen werfen, immer einen ganz kleinen Punct gibt, welcher macht, daß der Menſch mit der Urſache der Umwälzung nicht ſo ganz un⸗ zufrieden iſt. Dieudonné hatte bedacht, daß, wenn Napoleon den Thron wieder beſtiege, Ludwig XVIII. Paris verlaſſen; daß Ludwig XVIII., wenn er Paris ver⸗ ließe, nicht mehr von drei bis ſechs Uhr ſpazieren fahren, und daß, wenn Ludwig XVIII. nicht mehr ſpazieren führe, der Escortedienſt aufhören würde. Alſo keine Todesängſte mehr einen ganzen Tag hindurch, keine Bangigkeiten mehr während der dreißig andern. An was hängen die Meinungen, großer Gott! 88 Der Chevalier hatte dieſe Idee Anfangs als ſeiner unwürdig beſeitigt, aber ſie hatte ſich all⸗ mählig immer wieder aufgedrängt, und als ſie bis ins Hirn geſtiegen war, wollte ſie nicht mehr hinaus gehen. Die Folge war, daß Dieudonné am 9., als er im Moniteur las, daß Napoleon vermuthlich am 10. Abends in Lyon einziehen würde, von dieſer Nachricht nicht ſo ſtark ergriffen wurde, wie man hätte glauben können. Der Baron hatte erklärt, daß er, da er nunmehr wiſſe, wo Napoleon zu finden ſei, unfehlbar am 11. oder 12. aufbrechen würde, d. h. ſobald ſein Einzug in der zweiten Hauptſtadt des Königreichs ſich beſtätigt hätte. Am 15. verbreitete ſich das Gerücht, der Herzog von Raguſa habe vom König das Verſprechen er⸗ langt, daß er die Tuilerien befeſtigen laſſen und ſich mit den Miniſtern, den Kammern und ſeinem ganzen militäriſchen Hofſtaat daſelbſt einſchließen wolle. Die Tuilerien konnten dreitauſend Mann faſſen. Der Baron war es, der dieſe Nachricht ſeinem Bruder brachte, mit dem Bemerken, er wolle doch hoffen, daß der Chevalier ſich zur Garniſon begeben werde. „Ich glaubte Dich ſchon am 11. abgereist,“ antwortete ihm Dieudonné. „Ich wollte allerdings abreiſen,“ ſagte der Ba⸗ ron,„aber da fiel mir ein, daß es von Lyon nach Paris zwei Wege gibt, der eine durch Burgund und der andere durch das Nivernais; ich fürchtete den 89 einen Weg zu nehmen, während er den andern nehme.“ 3 „Das iſt ein Grund,“ ſagte Mathilde. „Ja,“ antwortete der Baron,„ich ſehe aber keinen Grund, warum mein Bruder ſich nicht dem König zur Verfügung ſtellt.“ „Das wird er auch ſogleich thun,“ ſagte Ma⸗ thilde. Und ſie nahm Feder, Dinte und Papier. „Was machen Sie?“ fragte der Baron. „Sie ſehens ja, ich ſchreibe.“ „An wen?“ „An den Herzog von Raguſa.“ „Was?“ „Daß mein Gemahl ſich zu ſeiner Verfügung telle.“ „Dieudonné kann alſo nicht mehr ſelbſt ſchreiben?“ „Nein, ſo lange er ſeinen rechten Arm ver⸗ ſtaucht hat.“ Und Mathilde ſchrieb: „Herr Marſchall, „Obſchon mein Gemahl, der Chevalier Dieu⸗ donné de la Graverie, ſo ſchwer am Arm bleſſirt iſt, daß ich an Sie ſchreiben muß, ſo hat er doch die Ehre Sie daran zu erinnern, daß er zu den rothen Haustruppen des Königs gehört. Was Sie auch beſchließen mögen, er verlangt die Gefahren ſeiner Gefährten zu theilen. „Seine Ergebenheit gegen Seine Majeſtät wird ihm die nöthige Kraft verleihen. „Er hat die Ehre zu ſein, „Herr Marſchall u. ſ. w.“ 90 „Iſt es recht ſo?“ fragte Mathilde den Baron. „Ja,“ antwortete dieſer wüthend,„es iſt vor⸗ trefflich, und Dieudonné kann von großem Glück ſagen, daß er eine Frau wie Sie beſitzt.“ „Ha!“ machte Dieudonné ngiv,„ich ſagte Dirs ja, daß ſie ein wahrer Schatz iſt.“ Der Baron entfernte ſich mit der Erklärung, daß er auf Neuigkeiten ausgehe. Mathilde ſchickte ihren Brief in die Tuilerien. Am 19. Morgens neun Uhr erfuhr man in Paris, daß Napoleon am 17. in Auxerre eingezogen ſei und ſeinen Marſch gegen die Hauptſtadt fortſetze. Um 11 Uhr ließ der König, welcher den Plan des Herzogs von Raguſa verworfen hatte, den Marſchall kommen und ſagte zu ihm: „Ich reiſe um 12 ab; ertheilen Sie meinen Haustruppen die betreffenden Befehle.“ Der Herzog von Raguſa ertheilte ſeine Befehle. Um 12 meldete man bei Herrn de la Graverie einen Adjutanten des Marſchalls. Der Marſchall antwortete Frau de la Graverie direct, da der König um den ſchweren Unfall wiſſe, der Herrn de la Graverie nöthige das Zimmer zu hüten, und da er ſeine Gefühle treuer Ergebenheit gegen die Monarchie kenne, ſo erlaube er ihm zu Hauſe zu bleiben und ſei feſt überzeugt, daß, wenn er ihn in dieſem Augenblick hhöchſter Gefahr nicht um ſeine Perſon ſehe, dieß blos von der Wunde berkomme, die er ſich in ſeinem Dienſt zugezogen habe. 1 „Es iſt gut, mein Herr,“ antwortete Mathilde dem Adjutanten;„ſagen Sie dem Herrn Marſchall, 91 daß Herr de la Graverie in einer Stunde im Schloß ſein werde.“ Dieudonné riß ſeine Augen weit auf. Der Adjutant blieb eine Weile in höchſter Ueber⸗ raſchung vor dieſer Heldin ſtehen, dann ſalutirte er bewunderungsvoll und trat ab. Mathilde überreichte das Schreiben ihrem Ge⸗ mahl. „Ei,“ ſagte dieſer,„es will mich bedünken, der König habe mir Urlaub gegeben?“ „Ja,“ verſetzte Mathilde,„aber dieß ſind Gunſt⸗ bezeugungen, die ein Edelmann nicht annehmen kann; Sie müſſen den König auf ſeinem Rückzug begleiten, bis die franzöſiſche Erde vor ihm auf⸗ hört, und müßten Sie ſich auf Ihr Pferd feſtbin⸗ den laſſen.“ 1 Herr de la Graverie war ein Mann von ge⸗ ſundem Verſtand. „Sie haben Recht, Mathilde,“ ſagte er. Dann rief er mit derſelben Stimme, womit Cäſar einen ſolchen Befehl erlaſſen haben würde: „Meinen Harniſch und mein Schlachtroß!“ Eine Stunde ſpäter befand ſich der Herr Che⸗ valier de la Graverie in den Tuilerien. Um Mitternacht reiste der König ab. Als er nach Ypres kam, ſah und erkannte er den Chevalier; derſelbe hatte nebſt zwei Andern bei ihm ausgeharrt. Der König ließ ſich drei St. Ludwigskreuze brin⸗ gen und heftete ſie mit höchſt eigener Hand an die Uniformen dieſer drei Getreuen. Dann ſchickte er ſie nach Frankreich zurück mit 92 dem Bemerken, er hoffe ſie in Bälde dort wieder zu ſehen.. Der Chevalier, der beinahe hundert Lieues zu Pferd zurückgelegt, hatte genug; er perkaufte ſein Pferd um den halben Preis, nahm die Poſt und fuhr nach Paris zurück. Es iſt unmöglich dem Leſer einen Begriff von der majeſtätiſchen Geberde zu geben, womit er Ma⸗ thilde ſein St. Ludwigskreuz zeigte. Mathilde ſtrahlte vor Wonne. Dieudonné fragte nach ſeinem Bruder. Er war endlich am 17. abgereist. Nur war er nach Belgien gegangen und hatte nicht in Paris bleiben wollen, weil er ſich durch die kriegeriſche Stimmung, die er unvorſichtiger Weiſe kundgegeben, compromittirt hatte. VIII. Worin der Chevalier de la Graverie neue Bekannt- ſchaften macht. Man kennt die Ereigniſſe, welche auf die Rück⸗ kehr von der Infel Elba folgten. Als Dieudonné in ſeine Wohnung in der Rue de l'Univerſité zurückkam, hing er ſein St. Ludwigs⸗ kreuz über dem Kopfkiſſen ſeiner Frau auf, zum Andenken daran, daß er es ihr verdankte. Während der hundert Tage wurde er auf keinerlei Weiſe beunruhigt. I Dieudonné war der glückſeligſte Menſch von der elt. 93 Er war St. Ludwigsritter und war nicht mehr Musketier. Die zweite Reſtauration kam zu Stande; der Baron kehrte im Gefolge der Bourbonen zurück und bezog ſeine Wohnung in der Rue de Varennes von Neuem. Nur beſuchte er ſeinen Bruder nicht. Er be⸗ trachtete es als eine große Uebervortheilung, daß Dieudonné decorirt worden war, und er nicht. Die Folge davon war, daß der Chevalier de la Graverie, da er keinen Vermittler mehr hatte, ſeine Angelegenheit mit dem König direct abmachte. Er erhielt die Vergünſtigung, daß er ſeinen Musketiersſäbel gegen den Stab eines Ceremonien⸗ meiſters vertauſchen durfte, was ihm große Freude machte, da letztere Charge vollkommen friedlich war und daher ſeinen Neigungen weit beſſer zuſagte als die erſte. Aber als der Chevalier einmal ſeines Harniſches entledigt war, ſuchte er, in Folge einer bei Leuten ſeiner Gemüthsart ziemlich häufigen Anomalie, be⸗ gierig die Geſellſchaft Derjenigen welche die Uni⸗ form trugen. Er ſchien der ganzen Welt beweiſen zu wollen, daß auch ſein Haupt einſt mit dieſem glückſeligen Federbuſch geſchmückt geweſen, der ihn ſo ſchrecklich beläſtigt hatte, ſo lange er das Recht beſaß ihn zu tragen. Wenn er alſo von Dienſtwegen dem Diner in den Tuilerien anwohnte, ſo ſtellte er ſich mit Vor⸗ 8 liebe mitten unter die Offiziere der Haustruppen und behandelte ſie als Cameraden, 94 Eines Tags machte er dort Bekanntſchaft mit einem Capitän der Grenadiere zu Pferd, der ihm kraft des Geſetzes der Contraſte gleich bei der erſten Beſprechung gefiel. Der Capitän war weit älter als Herr de la Graverie, der um dieſe Zeit in ſein fünf⸗ oder ſechs⸗ undzwanzigſtes Jahr ging: kaum einige Monate trennten dieſen Offizier von dem Tag, wo eine mi⸗ niſterielle Ordonnanz ſeinen Rücktritt aus dem Dienſt ankündigen konnte. Seine Haare waren grau, und einige vorzeitige Runzeln furchten ſeine Stirne. Aber an Geiſt, an Herz und Charakter war Herr Dumesnil— ſo hieß der Capitän— immer noch ein Zwanziger; ja, es gab vielleicht bei der ganzen Garde keinen Unter⸗ lieutenant, der es in Bezug auf Heiterkeit, Friſche und Leichtſinn mit ihm aufnehmen konnte. In all den Leibesübungen, welche Herr de la Graverie oder vielmehr die alten Stiftsdamen, die ſeine Erziehung geleitet, ſo ſehr vernachläßigt hatten, zeichnete ſich Capitän Dumesnil im höchſten Grade aus. Sein Muth war ſprichwörtlich in der ganzen Armee. Dieſe Eigenſchaften machten auf den Chevalier eben darum, weil er ſie ſelbſt nicht beſaß, einen jehr tiefen Eindruck; er dachte ſogleich, daß ein ſolcher Freund für ein etwas trauriges Hausweſen wie das ſeinige ein ſehr koſtbarer Fund wäre; er hoffte, derſelbe würde Mathilde, die im téte⸗-A-téte immer weniger mittheilſam wurde, zerſtreuen; er berechnete, daß die gute Laune, die ſich bei ſeiner . 95 Frau nothwendig einſtellen müßte, wie ſie ſich bei ihm ſelbſt einſtellte, wenn er die witzigen Einfälle ſeines neuen Bekannten hörte, ihm zu gut kommen würde, und in Folge deſſen machte er ihm ſogleich alle Avancen, wie nur ein Verliebter ſie der Dame ſeiner Sehnſucht macht. Nach einigen Stunden war das Freundſchafts⸗ verhältniß ſo gut eingeleitet, daß Herr Dumesnil auf den folgenden Tag ein Diner bei dem Cheva⸗ lier angenommen hatte, und zwar ohne ſich lange bitten zu laſſen. Der Capitän gehörte übrigens, ſagen wirs im Vorbeigehen, zu denjenigen Leuten, die beim Teufel zu Gaſt eſſen würden, wenn ſie überzeugt ſein könn⸗ ten, daß der Braten nicht verbrannt wäre. Ohne es im Mindeſten zu ahnen, befand ſich Herr de la Graverie juſt damals in einer der cri⸗ tiſchſten Phaſen des ehelichen Lebens. Frau de la Graverie langweilte ſich ſchon ſeit geraumer Zeit. Die Langweile iſt bei den Frauen von Mathildens Temperament der Schauer, welcher dem Fieber vorangeht. Das Jahr nach der zweiten Reſtauration war ſehr heiter geweſen; die junge Frau war überſättigt von dem Lärm, den Tanz⸗ beluſtigungen, von der alltäglichen Coketterie; ſie begann dieſe Arten von Vergnügungen nicht mehr um des bloßen Vergnügens willen zu lieben; ſie fühlte die Leere in ihrem Herzen, und Frau de la Graverie war wie die Natur, die Leere war ihr ein Gräuel. Sie blieb übrigens dieſelbe oder ſo ziemlich die⸗ ſelbe gegen ihren Gatten; die Gewohnheit und der 96 Einfluß der Erziehung hatten bei ihr die aufmerk⸗ ſame und pünktliche Hausfrau ſtereotypirt; was auch der Gang ihrer Gedanken ſein mochte, ſie be⸗ wies Dieudonné keine geringere Anhänglichkeit, aber im Grund reizte die melancholiſche Zärtlichkeit des Chevalier das empfindliche Nervenſyſtem ſeiner Frau, und die Blicke, die ſie ihm unter dem Titel Liebes⸗ blicke zuwarf, begannen ſich allmählig mit jenem ungeduldigen Haß zu verſetzen, welchen Frauen wie ſie immer ein wenig auf einen Gatten werfen, der ihnen beharrlich nicht den mindeſten Grund zur Klage und folglich keine Veranlaſſung zu irgend einer, wenn auch noch ſo kleinen Rache gibt. Nun ſtellte an demſelben Tag, wo Herr de la Graverie ſeinen Freund von geſtern in ſein Haus einführte, der Baron, der zum erſten Mal⸗wieder zu Dieudonné kam, ſeiner Schwägerin einen jungen Huſarenlieutenant vor, der ihr aufs Wärmſte em⸗ pfohlen wurde. Dieſer junge Huſar war wirklich einer der rei⸗ zendſten Offiziere, die man ſehen konnte; er hatte eine ſchmächtige Taille von wahrhaft weiblicher Ge⸗ ſchmeidigkeit, eine elegante Haltung, einen zierlich aufwärts geſtrichenen Schnurrbart, ein dünkelhaftes Geſicht, kurz, er war ein vollendeter Hampelmann, der ſich darauf verſtand die goldenen Treſſen einer Huſarenjacke vortheilhaft in der Sonne glänzen zu laſſen und eine Säbeltaſche windbeutelig zu ſchleppen. Man hat nicht genug ausſtudirt und wird nie⸗ mals genug ausſtudiren, wie groß der Einfluß einer angenehmen Tournure und eines jovialen Humors auf die Geſundheit und die Gemüthsart einer hüb⸗ 97 ſchen Frau ſein kann. Von dem glückſeligen Tage an, wo der Huſarenlieutenant und der Grenadier⸗ Capitän ſich am Herde des Chevalier de la Graverie niederſetzten, trat eine merkliche Beſſerung im Zu⸗ ſtand der Gebieterin des Hauſes ein. Die Bläſſe, die für Augenblicke ihren Teint verdunkelt hatte, verging; der bläuliche Ring, der den Glanz ihrer Augen ſchwächte, verſchwand; ſie wurde wieder heiter und würzte ihre ehelichen Zuvorkommenheiten mit lächelnden Mienen, die ihren Zauber und Werth verdoppelten. Der unwillkührliche, aber ſichtbare Erfolg, wel⸗ chen die beiden unfreiwilligen Aerzte errungen hat⸗ ten, feſſelte ſie im höchſten Grad an die ſchöne Pa⸗ tientin. Sie wichen nicht mehr von ihrer Seite und noch waren keine vierzehn Tage verſtrichen, ſo waren ſie nicht blos gewöhnliche, ſondern tägliche Tiſchgäſte im Hotel de la Graverie geworden. Man fand ſie unaufhörlich auf den Promenaden und öffentlichen Plätzen zuſammen; ſie erſchienen mit⸗ einander bei den Bällen und in den Theatern; ſobald man Frau de la Graverie erſcheinen ſah, konnte man darauf wetten, daß hinter ihr Herr de la Graverie kam und hinter dem Chevalier die bei⸗ den Cavalieri servienti. Es war dieß vielleicht der außerordentlichſte, aber auch angenehmſte Haushalt. Es war kein gewöhnlicher Haushalt zu zwei; auch keiner zu drei Perſonen, wie man ſie in Ita⸗ lien auf jedem Schritt und Tritt findet. Nein, es war ein Haushalt zu vier Perſonen, bei welchem Dumas, Black. I. 7 98 der Herr, der Freund des Herrn und der Schütz⸗ ling von Madame mit den gleichen Privilegien figurirten, alle drei ſehr elegant und ſehr loyal bedacht wurden, ſo daß Jeder mit ſcrupulöſer Ge⸗ nauigkeit das in Empfang nahm, was ihm an lächelnden Mienen, freundlichen Dankſagungen und erkenntlichen Augenwürfen zukam; ſo daß an Jeden nach der Reihe das Recht kam der hübſchen Ma⸗ thilde den Arm anzubieten oder als Entſchädigung dafür ihren Shawl, ihren Fächer oder ihr Bouquet zu tragen. Die austheilende Gerechtigkeit der Frau de la Graverie war ſo vollendet, daß ſie nicht ein einziges Mal Eiferſucht oder Unzufriedenheit erregte. Aber der Zufriedenſte in dem männlichen Trio, der Dankbarſte, nicht blos gegen Mathilde, ſondern auch gegen die beiden Andern, war unſtreitig Dieu⸗ donné, der ſich vor Wonne kaum zu faſſen wußte, wenn er bedachte, daß er zwei Ventile gefunden hatte, durch welche er den Ueberfluß ſeiner Zärt⸗ lichkeit ergießen konnte, die in den Tagen ſeiner Vereinſamung aus ſeinem Herzen überſtrömte. Aber wie ſtellte es Frau de la Graverie an, um dieſen gleichmäßig guten Humor und dieſe Selbſtverleugnung an ihrem kleinen Hofe im Gang zu erhalten?. Dieß iſt, geſtehen wirs aufrichtig, eines jener Frauengeheimniſſe, in welche wir trotz unſerer unaufhörlichen und wiederholten Studien auf die⸗ ſem Gebiet noch nicht eingedrungen ſind. Und was das Außerordentlichſte von Allem iſt, die Welt wußte über dieſen ſeltſamen Freundſchafts⸗ 2——— 8&—— èN 99 bund beinahe gar nichts Böſes zu ſagen. Die junge Deutſche erſchien ſo aufrichtig; es lag ſelbſt in ihrem compromittirendſten Benehmen gegen die beiden Offiziere eine ſolche Naivetät; ihr ganzes Weſen war von ſo vollendetér Natürlichkeit, daß man ſicherlich der ſchwarzherzigſten Bosheit ange⸗ klagt worden wäre, wenn man es gewagt hätte ſich auch nur die geringſte Verdächtigung zu er⸗ lauben. Der Baron de la Graverie war der Engel mit dem flammenden Schwert, der die drei Seligen aus ihrem Paradieſe vertrieb. Eines Nachmittags war Mathilde etwas unwohl; Herr von Pontfarcy— ſo hieß der Huſarenlieu⸗ tenant— hatte zufällig Dienſt; der Chevalier de la Graverie endlich und ſein Freund, der Grenadier⸗ capitän, ſpazierten allein in den Champs Elyſees. Obſchon das gewöhnliche Quartett bedeutend ge⸗ ſchwächt war, befand ſich doch Herr de la Graverie in der roſigſten Laune; ſein Gang hatte beinahe etwas Hüpfendes, und zwar trotz einer Beleibtheit, die für ſein Alter ſehr reſpectabel geworden war. Beim unbedeutendſten Vorkommniß lachte er laut auf und rieb ſich unaufhörlich voll Vergnügen die Hände, während der Capitän Dumesnil, den heili⸗ gen Geſetzen der Freundſchaft gemäß, ſich nicht min⸗ der luſtig geberdete. Da trat ihnen ein Mann in den Weg, der mit dem Schickſal juſt nicht ſo ungemein zufrieden ſchien, wie die beiden Freunde. Dieſer Mann war der Baron de la Graverie. Er ſchritt mit ſo kummervoller, düſterer Miene 9 100 einher und hatte ſeinen Hut ſo tief über die Augen hereingedrückt, daß ſie ihn berührten, ohne ihn zu erkennen. Der Baron aber, als er ſich angeſtoßen fühlte, richtete ſein Haupt empor und erkannte ſie. „Gottes Tod! Es freut mich Sie zu treffen, Chevalier,“ ſagte der ältere Bruder, indem er den jüngeren beim Arm faßte. „Ei wirklich?“ verſetzte dieſer mit einer Schmer⸗ zensgrimaſſe, ſo feſt hatte der Baron ihn gedrückt. „Ja, ich wollte eben zu Ihnen gehen.“ Dumesnil ſchüttelte den Kopf; er witterte Unrath. Der Chevalier jedoch fand ſchnell ſeine heitere Laune wieder und ſagte: „Wie ſeltſam ſich das trifft! So eben ſagte ich zu Dumesnil: Ich muß ſogleich zu meinem Bruder gehen, um ihm dieſe glückliche Nachricht mitzutheilen.“ „Dieſe glückliche Nachricht?...“ wiederholte der Baron mit einem trübſeligen Lächeln.„Ah! Sie hahen nir eine glückliche Nachricht mitzutheilen?“ „Ja.“ „Nun, dann wird der Tauſch nicht zu Ihrem Vortheil ausfallen; denn ich meinerſeits habe Ihnen eine ſehr unangenehme Botſchaft zu hinterbringen.“ Ein ſo feiner Beobachter wie Dumesnil konnte leicht ſehen, daß dieſe Nachricht, die dem Chevalier ſo unangenehm ſein ſollte, dem Baron große Freude machte. Der Chevalier ſchauderte, und da er ſeinen Arm in den des Capitäns geſteckt hatte, ſo ſchauderte auch dieſer, mehr aus Mitgefühl als aus banger Ahnung. 101 „Nun, was iſt es denn?“ murmelte der arme Dieudonné erbleichend, ſo große Angſt hatte er zum Voraus vor dem Losplatzen der Bombe, welche der Baron mitten in ſein Glück werfen wollte. 5„Nichts für den Augenblick.“ „Wie ſo? Nichts für den Augenblick?“ „Nein, ich werde es Ihnen ſpäter ſagen, wenn wir in meinem Hotel ſind, im Fall Sie mich dahin begleiten wollen.“ Dumesnil ſah, daß der Baron mit ſeinem Bru⸗ der allein zu ſprechen wünſchte, und da der Erſtere dem Letzteren nicht verhehlt hatte, daß ſeine Mit⸗ theilung unangenehmer Art ſein würde, ſo hatte er kein übergroßes Verlangen dieſer Beſprechung an⸗ zuwohnen. „Verzeihen Sie, mein lieber Dieudonné,“ ſagte er,„da fällt mir gerade ein, daß ich bei meinem Oberſten erwartet werde.“ Und er reichte dem Chevalier eine Hand, wäh⸗ rend er mit der andern den Baron ſalutirte. Dieudonné aber, der ſich von einem unerwar⸗ teten Unglück bedroht ſah, war nicht der Mann demſelben allein die Stirne zu bieten; er nahm den Arm, den der Capitän zurückgezogen hatte, und ſteckte ihn wieder in den ſeinigen. „Bah!“ machte er,„dieſen Morgen haben Sie mir geſagt und ſogar erklärt, daß Sie für den gan⸗ zen Tag frei ſeien; Sie dürfen daher nicht allzu ſehr den Discreten ſpielen, ſondern müſſen jetzt auch meinen Bruder mitanhören. Zum Teufel! Sie haben ſo eben noch die Hälfte meiner Freude an⸗ 102 genommen, es iſt alſo das Wenigſte, daß Sie auch Ihren Theil von meinem Verdruß auf ſich nehmen.“ „In der That,“ ſagte der Baron,„ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich den Herrn Capitän nicht ebenfalls in eine Sache einweihen ſoll, bei welcher er ſo gut ſeine Rolle hat wie Sie.“ Dumesnil richtete ſeinen Kopf empor, wie ein Sah achtruß beim Trompetengetöne und erröthete eicht. „Der Teufel hole den alten Luftſpringer, der uns den Tag verdorben hat,“ flüſterte er Dieu⸗ donné ins Ohr. Dann ſagte er laut und in einem Ton, der zu⸗ gleich etwas Bittendes und Drohendes hatte: „Der Herr Baron hat ohne Zweifel wohl über⸗ legt, was er thun will; gleichwohl möchte ich mir erlauben ihm zu bemerken, daß ſolche Mittheilungen zuweilen eben ſo gefährlich für den Ueberbringer als ſchmerzlich für den Empfänger ſind.“ „Mein Herr,“ antwortete der Baron trocken, „ich weiß, wozu meine Pflichten als Haupt der Fa⸗ milie de la Graverie mich verbinden, und mir allein ſteht ein Urtheil über das zu, was meine Ehre ge⸗ bietet.“ „Was bedeutet alles das, mein Gott,“ murmelte der arme Chevalier, den Kopf ſchüttelnd.„Du⸗ mesnil ſcheint über das was mein Bruder mir ſagen will vollkommen unterrichtet zu ſein, und doch hat er mir Nichts geſagt. Wohlan, mein lieber Baron, rücken Sie ſogleich mit der Sprache heraus; die Beſtürzung, worein Sie mich verſetzt haben, iſt 103 wahrhaftig ſchmerzlicher als Das was Sie mir mittheilen werden.“ „Nun, ſo begleiten Sie mich in mein Hotel,“ ſagte der Baron. Und nun gingen die beiden Freunde an ſeiner Seite die Champs Elyſées hinab, von da über die Concordebrücke und die Rue de Bourgogne nach der Rue de Varennes, wo der Baron wohnte. Alle drei waren dermaßen von ihren eigenen Betrachtungen in Anſpruch genommen, daß auf die⸗ ſem langen Weg Keiner ein Wörtchen ſprach. Die Angſt des armen Dieudonné verdoppelte ſich, als ſein älterer Bruder ſie in das abgelegenſte Zimmer ſeiner Wohnung führte und die Thüre ſorgfältig verſchloß. Nach dieſen Vorſichtsmaßregeln, wodurch das Geheimniß der Conferenz geſichert werden ſollte, zog der Baron feierlich einen Brief aus ſeiner Ta⸗ ſche und überreichte ihn mit der rechten Hand ſei⸗ nem jüngern Bruder, während er ihm mit der lin⸗ ken die Hand drückte und im Tone innigen Mitge⸗ fühls flüſterte: „Armer Bruder! armer Bruder! unglücklicher Chevalier!“ Dieſe Einleitung war ſo unheimlich, daß Dieu⸗ donné Bedenken trug das Papier zu nehmen. Dieſe Sekunde des Bedenkens genügte Dumes⸗ nil, um ſeine Augen auf den Brief zu werfen und die feine zarte Handſchrift zu erkennen. Ehe der Chevalier einen Entſchluß gefaßt hatte, ergriff der Grenadier⸗Capitän den Brief. 104 „Beim Blute Gottes,“ ſagte er,„er ſoll ihren Brief nicht leſen, Herr Baron.“ Dann richtete er ſich auf, ſchnallte ſeine Säbel⸗ kuppel um ein Loch feſter, zog Herrn de la Gra⸗ verie den ältern in eine Ecke des Zimmers und ſagte zu ihm: „Ich laſſe mir Ihre Vorwürfe gefallen, Herr Baron, und nehme alle Folgen auf mich; aber ich werde nicht zugeben, daß man das Glück Ihres armen Bruders zerſtöre; es gibt Leute, denen es ein Bedürfniß iſt zu ſchwärmen, um zu leben, be⸗ denken Sie das wohl.“ Dann fügte er leiſer hinzu: „Ums Himmelswillen, mein Herr, tödten Sie das arme Lamm nicht, denn er iſt wahrlich der beit Kerl, den der Himmel je der Erde geſchenkt at.“ „Nein, mein Herr, nein,“ antwortete der Baron mit geſteigerter Stimme,„nein, die Ehrenfragen be⸗ herrſchen in unſerer Familie alle andern.“ „Ah bah!“ ſagte der Capitän, indem er die Sache ins Scherzhafte ziehen zu wollen ſchien,„es i*ſt nicht viel Ehre dabei im Spiel, wenn ein Che⸗ mann beleidigt wird, das müſſen Sie ſelbſt zugeben: bleibt das Ding verſchwiegen, ſo iſt die Ehre ge⸗ rettet, kommt es heraus, ſo iſt ſie kaum gereizt.“ „Aber, mein Herr, es iſt da ein Schuldiger, deſſen Strafloſigkeit man nicht befördern darf.“ Der Capitän ergriff das Handgelenke des Barons. „Und wer zum Teufel bittet Sie denn um Gnade?“ ſagte er mit einem flammenden Blick. 105— „Begreifen Sie denn nicht, daß ich mich zu Ihrer Verfügung ſtelle, mein Herr?“ „Nein,“ fuhr der Baron in immer lauterem Tone fort;„nein, Dieudonné muß erfahren, daß ſeine unwürdige Frau und ſein nicht minder un⸗ würdiger Freund...“ Der Capitän wurde leichenblaß und ſuchte den Mund des Barons mit ſeiner Hand zuzudecken. 5 Aber es war zu ſpät, der Chevalier hatte ge⸗ ört. „Meine Frau!“ rief er;„Mathilde ſollte mich getäuſcht haben, ſie? Warum nicht gar! Das iſt unmöglich.“ „Mein Gott!“ ſagte der Capitän,„der Schurke hat ſeinen Zweck erreicht.“. Und mit einem Achſelzucken ließ er den Baron los und ſetzte ſich in eine Ecke des Zimmers wie ein Mann, der alles Mögliche gethan hat, um einer Cataſtrophe vorzubeugen, der aber dieſelbe trotz ſeiner Bemühungen herankommen ſieht und ſich mit Geduld darein ergibt. „Unmöglich?“ verſetzte der Baron, ohne auf den kläglichen Ton zu achten, mit welchem ſein Bruder dieſe Worte geſprochen hatte.„Wenn Sie mir nicht glauben wollen, ſo erſuchen Sie den Herrn Capitän Ihnen den Brief zurückzugeben, deſſen er⸗ ſich allen Geſetzen der Schicklichkeit und des An⸗ ſtands zuwider bemächtigt hat, dann werden Sie den Beweis Ihrer Unehre ſehen.“ Der Capitän, der in ſeiner Ecke ſaß, ſchien ganz unempfindlich zu ſein, aber er zerbiß ſich den Schnurr⸗ 106 bart wie ein Mann, der nicht ſo ruhig iſt als er ſcheinen möchte. Während dieſer Zeit wurde Dieudonné immer bläſſer; die paar Worte, die ihm entfuhren, erklär⸗ ten dieſe zunehmende Bläſſe. „Meine Unehre!“ wiederholte er,„meine Un⸗ ehre! Aber wie iſts dann mit meinem Kinde, Bruder?“ Der Baron lachte laut auf. „Dieſes Kind,“ fuhr der Chevalier fort, wie wenn er das ſarcaſtiſche Lachen ſeines Bruders nicht gehört hätte,„dieſes Kind, von dem ich mir ſo viel Freude verſprach, ſeit Mathilde mir vor zwei Tagen die Sache mitgetheilt hat; dieſes Kind, von dem ich am hellen Tag träumte und an das ich ſchlafend dachte; dieſes Kind, das ich mit ſeinem roſenrothen und weißen Engelsgeſichtchen bereits in ſeiner Wiege ſah; dieſes Kind, deſſen holdes Lallen zum Voraus meine Ohren erfreute; dieſes Kind ſollte mir nicht gehören? O mein GCott, mein Gott!“ ſchluchzte er, „ich verliere meine Frau und mein Kind zugleich!“ Der Capitän erhob ſich, wie wenn er den Che⸗ valier in ſeine Arme nehmen wollte; aber er ſetzte ſich ſogleich wieder, und ſtatt auf ſeinen Schnurr⸗ bart zu beißen, begann er an ſeinen Fäuſten zu nagen. Der Baron aber ſchien weder den Schmerz ſei⸗ nes Bruders noch den Zorn des Capitäns zu ſehen, und antwortete brutal: „Ja, denn dieſer Brief, den der Zufall in meine Hände geſpielt, den ich Ihnen mitzutheilen wünſchte, und deſſen ſich der Capitän Dumesnil bemächtigt 107 hat, enthält Glückwünſche, die Ihre Frau ihrem Liebhaber in Betreff dieſer zukünftigen Mutterſchaft macht.“ Der arme Dieudonné antwortete nicht; er war auf ſeine Kniee geſunken, hatte ſein Geſicht mit bei⸗ den Händen bedeckt und ſtieß ein krampfhaftes Ge⸗ ſchluchze aus. Der Capitän konnte dieſe Scene nicht länger mitanſehen. Er erhob ſich, ging geradewegs auf den Baron zu und ſagte halblaut zu ihm: „Mein Herr, in dieſem Augenblick kann ich, wie Sie wohl begreifen, da Sie ſelbſt Ihr Möglichſtes zu dieſem Zwecke gethan haben, mich ſelbſt nicht beherrſchen, aber wenn Ihr Herr Bruder die ihm rechtlich zuſtehende Genugthuung erhalten haben wird, ſo werde ich Ihr Benehmen nach Verdienſt bezeichnen können, und glauben Sie mir, daß ich nicht ermangeln werde.“ Nach dieſen Worten ſalutirte der Offizier und ſchritt gegen die Thüre zu. „Sie gehen, mein Herr?“ fragte der Baron. „Ich geſtehe Ihnen,“ antwortete der Capitän, „daß ich nicht die Kraft in mir fühle dieſe ſchreck⸗ liche Scene zu ertragen.“ 1 „Nun denn, ſo gehen Sie immerhin, aber geben Sie mir den Brief der Frau de la Graverie zurück.“ „Und marum ſoll ich Ihnen dieſen Brief zurück⸗ geben?“ fragte der Capitän in hochfahrendem Ton und mit gerunzelten Brauen. „Nun, aus dem höchſt einfachen Grund, weil er nicht an Sie gerichtet iſt,“ verſetzte der Baron. 108 Der Capitän hielt ſich an der Wand, denn er wäre beinahe gefallen.. In der That hatte der Capitän, der Leſer muß es begriffen haben, bis jetzt geglaubt, daß die An⸗ klage ihm in dieſem ganzen Handel eine ſelbſtthä⸗ tigere Rolle zuweiſe, als der Baron gethan hatte. Er zog den Brief, den er in eine ſeiner Taſchen geſteckt Hatte, lebhaft heraus, entfaltete ihn und las die erſten Zeilen. Aus der Geberde, die ihm entfuhr, und aus der Bewegung ſeiner Phyſiognomie errieth der Baron Alles. „Sie auch!“ rief er, ſeine Hände zuſammen⸗ ſchlagend;„Sie auch! Nun wohl, dann iſt ſie noch um ein Drittel ſchuftiger als ich geglaubt hatte.“ „Ja, mein Herr, ich auch,“ ſagte der Lahtän, ſeine Stimme dämpfend. „Wie ſo?“ „Ja, ich bin ebenfalls ein Elender, eben ſo elend als dieſes Weib, das dieſen braven, dieſen würdigen, ehrlichen Jungen täuſchen konnte; aber ſagen Sie ihm, wenn er wieder zu ſich kommt. Aber Dieudonné, der inzwiſchen aus ſeiner Be⸗ täubung erwacht war, unterbrach ihn. „Dumesnil! Dumesnil! Verlaß mich nicht, mein Freund; bedenke, daß ich keine andere Hilfe und keinen andern Troſt mehr in der Welt habe, als Deine Freundſchaft.“ Der Capitän, den ſeine Reue zurückhielt, zögerte. „O mein Gott! mein Gott!“ rief der arme Chevalier, ſeine Hände ringend,„iſt denn die Freund⸗ ſchaft auch blos ein leeres Wort, wie die Liebe?“ 109 Der Baron machte eine Bewegung, um zu ſei⸗ nem Bruder vorzutreten. Dieſe Bewegung beſtimmte den Capitän. Er ergriff den Arm des ältern Bruders mit ſolcher Kraft, daß dieſer vor Schmerz zuckte, und ſagte halblaut, ihm das Weiß ſeiner Augen zeigend, in gebieteriſchem Tone zu ihm: 1 „Kein Wort mehr, mein Herr! Dieß iſt das erſte Mal, daß ein ſolcher Fehltritt einiges Be⸗ dauern bei mir zurückläßt; dieſen aber bedaure ich ſo ſchmerzlich, daß ich wahrhaftig nicht weiß, ob mein ganzes Leben genügen wird, um ihn zu ſüh⸗ nen. Ich werde es indeß verſuchen, mein Herr, und zwar indem ich mich ganz Ihrem Bruder widme und ihm die zärtliche Pflege zukommen laſſe, ohne die er nicht mehr leben kann. Schweigen Sie alſo, mein Herr; es ſteht weder in Ihrer noch in meiner Macht das Geſchehene ungeſchehen zu machen, aber zerreißen Sie dieſes arme Herz nicht noch mehr.“ „Ich werde jedes Mittel anwenden, mein Herr,“ verſetzte der Baron in ärgerlichem Ton,„um mei⸗ nen Bruder zu veranlaſſen, daß er eine Frau lun jagt, die ihn entehrt, und daß er ein Kind verſtößt welches ein Vermögen ſtehlen ſoll, das Andern gehört.“ „Oh, ſagen Sie vielmehr, daß es Ihnen gehöre, das wäre offener und dann wäre Ihr Benehmen vielleicht vom Geſichtspunkt des Egoismus aus ent⸗ ſchuldbar,“ antwortete der Capitän, indem er einen verachtungsvollen Blick auf den Baron warf,„aber der Brief, den Frau de la Graverie an Herrn von 110 Pontfarcy ſchrieb, dürfte Ihnen vollkommen genü⸗ gen, um ſogar auf gerichtlichem Wege Ihren Wunſch zu erreichen.“ „So geben Sie mir ihn zurück.“ Dumesnil überlegte einen Augenblick. Dann ſagte er: „Ich will es thun; aber ich knüpfe eine Be⸗ dingung daran.“ „Eine Bedingung?“ „Oh, Sie können darauf eingehen oder nicht, mein Herr,“ ſagte der Capitän, indem er ungedul⸗ dig mit dem Fuß ſtampfte,„alſo ſputen wir uns. Ihr Wort oder ich zerreiße dieſen Brief.“ „Indeſſen, mein Herr!“ Der Capitän machte Miene den Brief zu zer⸗ reißen. „Mein Herr, auf Edelmannsparole...“ „Auf Edelmannsparole!“ murmelte Dumesnil im Tone ſouveräner Verachtung;„nun wohl ja, auf Ihre Edelmannsparole, da man, wie es ſcheint, noch Edelmann iſt, wenn man ſolche Dinge thut. Schwören Sie mir, Ihrem Bruder niemals zu ſa⸗ een, daß er von den beiden Männern, die er ſeine GFreunde nannte, zu gleicher Zeit hintergangen wor⸗ den iſt; ſchwören Sie mir, mit einem Wort, daß Sie der Sühnung, der ich den Reſt meines Lebens zu widmen gedenke, Nichts in den Weg legen werden.“ „Ich ſchwöre es Ihnen, mein Herr,“ ſagte der Baron, indem er den koſtbaren Brief mit den Augen verſchlang. „Vortrefflich. Und ich rechne ſo feſt darauf, daß * 111 Sie Ihren Schwur halten, daß ich Ihnen nicht ſage, was ich zu thun gedenke, wenn Sie ihn nicht halten.“ Und der Capitän gab dem Baron Mathildens Brief an Herrn von Pontfarcy zurück. Dann trat er auf den noch immer daliegenden Chevader zu und ſagte zu ihm: „Komm Dieudonné, richte Dich auf und ſtütze Dich auf meine Bruſt; wir ſind Männer.“ „O Dank, Dank,“ ſagte der Chevalier, indem er ſich mühſam aufrichtete und dem Capitän in die Arme ſank;„Du wirſt mich nicht verlaſſen, Du?“ „Nein, nein,“ murmelte der Capitän, indem er ſeinen Freund liebkoſte, wie er ein Kind gelieb⸗ koſt hätte. „Oh, ſiehſt Du,“ fuhr der Chevalier unter lau⸗ tem Schluchzen fort,„ich fürchte ein Narr zu wer⸗ den, ſo ſehr erſchrecke ich vor der Zukunft, die ſich vor mir öffnet, ſo feſt bin ich überzeugt, daß die Vergleichung der Vergangenheit mit der Gegenwart mir das Leben verhaßt machen wird.“ „Wohlan,“ ſagte der Baron,„faſſe Muth! Die beſte Frau iſt nicht die Hälfte der Thränen werth, die Du ſeit einer Viertelſtunde vergießeſt, um wie viel weniger alſo eine ſchlechte Dirne!“ „Oh, Ihr wißt nicht, Ihr wißt nicht,“ ſchluchzte der arme Dieudonné,„was dieſe Frau mir war! Ihr habt Salons, Ihr habt den Hof, Ihr habt den Chrgeiz, der Euch beſchäftigt, Ihr habt die Ehren, denen Ihr nachjaget, Ihr habt die Vergnügungen, die neben dem Geſchwatze der beiden Kammern allen Platz in Euren Herzen ausfüllen; Ihr habt die buhler erlangen. Ich aber hatte Nichts als ſie; Beförderungen, die Auszeichnungen, die Eure Neben⸗ ſie war mein ganzes Leben, meine ganze Freude, mein ganzer Ehrgeiz auf der Erde. Die Worte, die aus ihrem Munde kamen, waren die einzigen, denen ich einen Werth beimaß, und jetzte da ich fühle, daß mir alles das auf einmal unter meinen Füßen fehlt, ſo iſt es mir, als träte ich in eine Wüſte, ohne Waſſer, ohne Sonne und ohne Licht, als ſollte ich nie mehr ein anderes Gefühl haben, 5 das meiner Schmerzen. Oh, mein Gott! mein ott!“ „Bah!“ ſagte der Baron,„das ſind lauter leere Redensarten.“ „Mein Herr,“ machte der Capitän beinahe drohend. „Oh!“ verſetzte der Baron, der ſeine Erbſchaft nicht aus dem Auge verlor,„Sie werden mich nicht verhindern meinem Bruder zu ſagen, daß er es dem Namen, den er führt, ſchuldig iſt ihn nicht herabzu⸗ würdigen zu laſſen; wenn Sie aufhören eine Ihrer unwürdige Frau zu ſchätzen, ſo hören Sie auf ſie zu lieben.“ „Alles das ſind falſche, ſophiſtiſche Paradoxen, mein Bruder,“ rief der Chevalier mit Verzweiflung im Herzen,„denn noch in dieſem Augenblick, wo Mathildens Vergehen mir das Herz bricht, wo die Schaamröthe mein Geſicht bedeckt, ſeht, noch in dieſem Augenblick liebe ich ſie! ja, ich liebe ſie.“ „Freund,“ murmelte der Capitän,„Du mußt Dich als Mann zeigen, Du mußt leben!“ „Leben! Warum jetzt noch leben? Ach ja, um 113 mich zu rächen, um ihren Liebhaber zu tödten; ja, nach dem Geſetze der Welt, nach dem Codex der Ehre muß jetzt er oder ich ſterben, weil Gott ſie als Weib d. h. niederträchtig und verrätheriſch geſchaffen, und weil ſie als niederträchtiges und verrätheriſches Geſchöpf ihre Treue verwirkt hat. Der Tod eines Mannes iſt nothwendig geworden, und zwar dieß Alles nur der Welt, nur der Ehre zuliebe, als ob die Welt ſich um die Art bekümmerte, wie man mir meine Freude raubt, als ob die Ehre nach meinem Unglück oder Glück fragte. Aber freilich bekümmern ſich die Welt und die Ehre um etwas Anderes, nämlich um Blut. Sie fragen Nichts darnach, weſſen Blut in Folge der Beleidi⸗ gung vergoſſen werden ſoll.“ „Sollten Sie etwa Furcht haben, mein Bruder?“ fragte der Baron. Der Chevalier blickte ſeinen Bruder mit einem verzweiflungsvollen Ausdruck an. „Ich fürchte blos, daß ich der Mörder ſein könnte,“ ſagte er. Und er ſprach dieſe Worte mit einer Lebhaf⸗ tigkeit und Energie, welche bewieſen wie ernſtlich ſie gemeint waren. Dann machte er eine Anſtrengung, legte ſeine bund auf die Schulter des Capitäns und ſagte zu ihm: „Komm, mein guter Dumesnil, hilf mir zu meiner Rache, da ich dieß Geſchäft der Rache nicht Gott überlaſſen darf, ohne der Feigheit beſchuldigt zu werden.“ Dumas, Black. I. 8 114 Und zu ſeinem Bruder ſich wendend fuhr er ort: „Baron, ich gebe Ihnen mein Wort, daß morgen um dieſe Stunde entweder Herr von Pontfarcy todt ſein wird, oder ich. Iſt das Alles was Sie als Vertreter der Familienehre verlangen?“ „Nein, denn ich kenne Ihre Schwäche, mein Bruder. Ich verlange eine Vollmacht, um gericht⸗ lich Ihre Trennung gegen Ihre unwürdige Frau zu verfolgen.“ „Und dieſe Vollmacht haben Sie ohne Zweifel ſchon ganz fix und fertig, mein Bruder?“ „Es fehlt nur noch Ihre Unterſchrift.“ „Ich dachte mirs wohl... Eine Feder, Dinte und die Vollmacht!“ „Da haben Sie Alles was Sie verlangen, mein lieber Dieudonné,“ ſagte der Baron, indem er ſeinem Bruder mit der einen Hand die Vollmacht, mit der andern eine eingetunkte Feder überreichte. Der Chevalier unterzeichnete, ohne eine Klage hören zu laſſen, ohne einen Seufzer auszuſtoßen. Nur war die Unterſchrift ſo zitterig, daß man ſie kaum leſen konnte. „Beim Teufel!“ ſagte der Capitän, indem er ſeinen Freund fortzog und einen letzten Blick auf den Baron warf,„man hat ſchon gar Manchen gehenkt, der es nicht ſo gut verdient hatte wie Dieſer!“ 115 IX. Ein gebrochenes Herz. An der Hausthüre kam es beinahe zu einem Streit zwiſchen dem Chevalier und ſeinem Freund. Der Chevalier wollte ſich links wenden, der Capitän verſuchte ihn rechts fortzuziehen. Dieudonné wollte um jeden Preis in ſein Hotel zurückkehren, Mathilde ihren Verrath vorwerfen, ihr ein letztes Lebewohl ſagen. Der Capitän dagegen hatte in ſeines Freundes und in ſeinem eigenen Intereſſe vortreffliche Gründe, um ſich dieſer Beſprechung zu widerſezen. Er bot daher alle ſeine Beredſamkeit auf, um Dieudonné von ſeinem Plan abzubringen; aber nur mit großer Mühe brachte er es ſoweit, daß der Chevalier de la Graverie, ſtatt in ſein Hotel zu gehen, ſich dazu verſtand auf einige Tage ſeine (des Capitäns) beſcheidene Wohnung zu beziehen. Sobald der Capitän ihn in ſeinem Stübchen hatte, zog er ſeine Uniform aus, kleidete ſich ſchwarz und traf ſeine Anſtalten um auszugehen. Der arme Chevalier war dermaßen in ſeinen Schmerz verſunken, daß er die Abſicht ſeines Freun⸗ des erſt in dem Augenblick bemerkte, wo dieſer die Thüre öffnete. Er ſtreckte die Hände gegen ihn aus, wie ein Kind gethan hätte. „Dumesnil,“ ſagte er,„Du willſt mich allein laſſen?“ „Armer Freund,“ antwortete der Capitän,„haſt 8 116 Du bereits vergeſſen, daß Du Jemand, ich will nicht ſagen wegen Deiner Ehre, ſondern wegen der ſeinigen zur Rechenſchaft zu ziehen haſt?“ e„d ich geſtehe, ja ich hatte es vergeſſen. Du⸗ mesnil! Dumesnil! ich dachte an Mathilde.“ Und der Chevalier brach von Neuem in einen Strom von Thränen aus. „Weine, weine, mein Freund!“ ſagte der Capi⸗ tän,„der liebe Gott, der Alles wohl macht, hat in den Herzen guter und ſchwacher Weſen große Ventile eingerichtet, um einen Schmerz auszugießen, der ſie ſonſt tödten würde. Weine! oh, ich werde Dir nicht rathen Deinen Thränen Einhalt zu thun.“ „Nun wohl, mein Freund, ſo geh,“ ſagte der Chevalier;„geh, ich danke Dir, daß Du mich an meine Pflicht erinnert haſt.“ „Ich gehe.“ „Noch eine einzige Bitte.“ „Welche?“ „Sorge, daß die Sache nicht in die Länge ge⸗ zogen wird; richte es wo möglich ſo ein, daß morgen früh Alles abgemacht iſt.“ „Sei ruhig, mein Freund,“ ſagte der Capitän, indem er den Chevalier an ſein Herz drückte;„ich müßte ſogar großes Unglück haben, wenn nich heute Abend ſchon Alles im Reinen wäre.“ Der Chevalier blieb allein, Und hier halten wir inne, um unſere Leſer ganz gehorſamſt um Verzeihung zu bitten. Wir haben ihnen gleich im Anfang geſagt, daß dieſes Buch kein Roman ſei wie andere Hier der deutliche Beweis. . — 117 Alle Romanhelden ſind ſchön, groß, ſchlank, von prächtiger Taille, tapfer, einſichtsvoll, geiſtreich. Sie haben ſchöne ſchwarze oder blonde Haare, große ſchwarze oder blaue Augen. Sie ſind von ſolcher Empfindlichkeit, daß bei der geringſten Beleidigung ihre Hand nach ihrem Degen greift oder ihrem Piſtolenknopf fährt. Endlich ſind ſie feſt in ihrem Entſchluſſe, wenn Haß ihren Haß, oder Liebe ihre Liebe hervorruft. Unſer Held iſt Nichts von alle Dem: er iſt eher häßlich als ſchön, eher klein als groß, eher dick als ſchmächtig, eher feig als tapfer, eher naiv als verſtändig. Er hat weder ſchwarze noch blonde, ſondern gelbliche Haare; weder ſchwarze noch blaue, ſondern grüne Augen. Der ihm angethane Schimpf iſt groß, und gleichwohl wird er ſich, wie er geſagt hat, zwar ſchlagen, aber blos weil die Welt es verlangt. Endlich iſt er unentſchloſſen, und ſtatt Diejenige die ihn hintergangen hat zu haſſen, liebt er ſie noch. Schon lange ſchien es uns, als ob man den Geringeren in der Schöpfung das Recht zu lieben und zu leiden gar zu ſehr abſpräche. Es ſchien uns, als ob es nicht ſchlechterdings nothwendig wäre ſchön wie Adonis und tapfer wie Roland zu ſein, um auf die höchſten Paroxismen der Liebe und des Schmerzes Anſpruch zu haben. Und als wir in unſerer Einbildunaskraft einen Traum ſuchten, den wir ins Leben einführen könn⸗ ten, da ließ uns der Zufall mitten in dieſer Welt juſt den Mann begegnen, den wir ſuchten: 118 Den armen Chevalier de la Graverie. Er war ein Beiſpiel dafür, daß man, ohne phy⸗ ſiſch oder moraliſch im Mindeſten ein Märchenheld zu ſein, alle menſchlichen Schmerzen erleiden kann, die in den Worten enthalten ſind: Er liebte und er iſt getäuſcht worden. Deßhalb warf ſich auch Dieudonné, als er allein gelaſſen war, nicht in intereſſante Poſen, wie An⸗ tony oder Werther, ſondern überließ ſich ganz natürlich ſeiner Verzweiflung. Er durchmaß ſein Zimmer in der Länge, in der Breite, in der Diagonale und rief Mathilde, indem er ſie nicht undankbar, treulos und grauſam ſchalt, ſondern ſie mit den ſüßeſten und bezauberndſten Na⸗ men belegte, die er ihr zu geben gewöhnt war. Er machte ihr Vorwürfe, wie wenn ſie ihn hören könnte. Er ſann, um einen Grund gegen ſich ſelbſt zu fin⸗ den, darüber nach, ob er ihr nicht irgend eine Ver⸗ anlaſſung zur Klage gegeben habe, die ihren Ver⸗ rath rechtfertigen könnte. Er trocknete ſeine Thrä⸗ nen, um ſie nach einem Augenblick von Neuem zu trocknen. Nun wohl, wir geſtehen es, das ſind Schmer⸗ zen, denen alle unſere Sympathien gehören; dieſe Schwäche des Mannes, dem die Kraftloſigkeit des Kindes noch anklebt, iſt herzzerreißend, da man ahnt, daß ſie in ſich ſelbſt keinen Troſt findet, und da ſie auch bei den Andern keinen ſuchen wird; für ſie hängt dann Alles von Gott ab; nicht als ob dieſe Schwäche Glauben hätte; nicht als ob ſie ſagte: Du haſt mir mein Gluͤck gegeben, Du haſt es mir wieder genommen; ſei geprieſen, mein Gott! ſon⸗ 119 dern weil ſie ſagt: Was habe ich gethan, um ſo ſchrecklich zu leiden? Mein Gott! mein Gott! hab Erbarmen mit mir. Wißt Ihr nun, welcher Gedanke bei dieſem un⸗ glücklichen, ſo grauſam von ſeiner Frau verrathenen Manne der vorherrſchende war? Mathilde wieder zu ſehen, ſie nur noch einmal, ein einziges Mal wieder zu ſehen. Ihr alle dieſe Vorwürfe zu ſagen, die ſeine Bruſt zuſammenpreßten. Ihr... Wer weiß? Vielleicht würde ſie ſich rechtffertigen. Nach tauſend Zweifeln, tauſend Unſchlüſſigkeiten, ſchien er auf einmal einen Entſchluß zu faſſen, und ſtürzte auf die Thüre zu. Aber er bemerkte an ihrem Widerſtand, daß ſein Freund ſie doppelt verriegelt und ihn einge⸗ ſchloſſen hatte. Er eilte ans Fenſter und begann auf ſeinen Freund zu fluchen. Plötzlich dachte er, wenn er zum Fenſter hinaus⸗ riefe, ſo würde der Concierge kommen, der einen Hauptſchlüſſel beſitzen müſſe und ihm öffnen könne. Er öffnete das Fenſter und rief. Der Hof blieb verlaſſen. Je größere Schwierigkeiten ſich zwiſchen den Chevalier und ſeinen Wunſch Mathilde wieder zu ſehen ſtellten, um ſo größer wurde dieſer Wunſch. „Ja, ja, ja,“ ſagte er ganz laut,„ich muß ſie wieder ſehen und ich werde ſie wieder ſehen.“ Dann rief er: 120 „Mathilde! Mathilde! Mathilde! theure Ma⸗ thilde!“ Und mit gewundenen Armen wälzte er ſich auf dem Teppich. Auf einmal richtete er ſich wieder auf und ſuchte mit den Augen. Seine Augen hafteten auf dem Bett; Das war es was er ſuchte. Er ſtürzte ſich darauf wie ein Tiger auf ſeinen ſaub; er nahm die Tücher herab, zerriß ſie in Streifen, und begann dieſe Streifen aneinander zu knüpfen. Dieſer Mann, der mit zehn Jahren ſeine Tante rief, damit ſie ihn eine Treppe hinab begleiten ſolle, der den Schwindel bekam, wenn er auf ſeinem Pferde ſaß, dieſer Mann hatte, ohne den mindeſten Kampf mit ſich ſelbſt, beſchloſſen mittelſt zerriſſener Tücher aus einem Fenſter im zweiten Stock hinab⸗ zuſteigen. Als die Arbeit fertig war, ging er gerade auf das Fenſter los. 3 Auf dieſem Gang kam er an der Thüre vor⸗ über. Er blieb ſtehen, verſuchte es noch einmal, aber vergebens, ſie zu öffnen; er drückte mit ſeiner gan⸗ zen Kraft darauf, aber die Thüre war ſolid, ſie leiſtete Widerſtand. „Wohlan!“ ſagte er. Die Nacht war gekommen oder doch wenigſtens die Dämmerun Und er knüpfte ſein Seil an einem der Enden an die Fenſterſtange. . N 121 Er ſah hin und taumelte zurück; die Höhe des Fenſters machte ihn ſchwindeln. „Ich habe den Schwindel weil ich hinſehe,“ ſagte er;„wenn ich nicht hinſehe, werde ich ihn nicht mehr haben.“ Und er ſchloß ſeine Augen, ſtieg zum Fenſter hinaus, klammerte ſich mit beiden Händen an die Tücher feſt und begann hinabzukletterr. Auf der Höhe des erſten Stocks d. h. halbwegs angelangt, hörte der Chevalier ein Krachen über ſeinem Kopf; dann wurde er auf einmal durch Nichts mehr gehalten und fiel fünfzehn Fuß hoch mit ſeinem ganzen Gewicht hinab. Das Seil war zerriſſen, ſei es nun daß der Knoten ſchlecht gemacht war, ſei es daß die alten Tücher, aus denen er dünne Streifen gemacht, nicht die Kraft gehabt hatten einen Mann zu tragen. Das erſte Gefühl des Chevalier war Freude, daß er ſich auf dem Boden befand. Er hatte blos eine heftige Erſchütterung am ganzen Körper verſpürt, aber keine locale Schmerzen. Er ſuchte ſich aufzurichten, fiel aber zurück. Sein linkes Bein konnte ihn nicht tragen. Es war drei Zoll über dem Knöchel gebrochen. Nichtsdeſtoweniger verſuchte er zu gehen. Aber jetzt empfand er einen ſchrecklichen Schmerz, ſo ſchrecklich, daß er einen Schrei ausſtieß, während er doch beim Fallen nicht geſchrien hatte. Dann ſchien Alles ſich um ihn zu drehen; er ſuchte die Mauer, um ſich anzulehnen; die Mauer drehte ſich wie alles Uebrige. Er fühlte, daß er ſein Bewußtſein verlor. * 122 Er ſprach noch einmal den Namen Mathilde, der lezte Blitz ſeiner Vernunft oder vielmehr ſeines Herzens, und ſiel dann in Ohnmacht. Bei dieſem Namen ſchien es ihm, als ob eine Frau, die auf ihn zukäme, ihm antwortete, und als ob dieſe Frau Mathilde wäre. Aber die Seele war bereits durch eine zu dichte Wolke verſchleiert, um Etwas mit Gewißheit zu erken⸗ nen; der Chevalier ſtreckte ſeinen Arm gegen das geliebte Bild aus, ohne zu wiſſen, ob es ein Traum oder ein wirkliches Weſen war. Dieſe Frau war wirklich Mathilde, die in gänz⸗ licher Unwiſſenheit über die Ereigniſſe des Tags, als ſie Dieudonné nicht nach Hauſe kommen ſah, die Dämmerung abgewartet, dann aber einen Schleier über ihren Hut geworfen und ſich in größter Eile zu Herrn von Pontfarcy begeben hatte. Herr von Pontfarcy war abweſend. Dann war ſie zu Herrn Dumesnil gelaufen. Als ſie über den Hof ſchritt, um auf die Ne⸗ bentreppe zu gelangen, die zu der beſcheidenen Woh⸗ nung des Capitäns führte, hatte ſie einen Schrei gehört, dann einen Mann geſehen, der wie betrun⸗ ken taumelte und endlich mit dem Ausruf Mathilde zu Boden ſank. Dann erſt hatte ſie ihren Mann erkannt. Sie ſtürzte auf ihn zu, nahm ſeine Hände in die ihrigen und rief: „Dieudonné! lieber Dieudonné!“ Bei dieſer Stimme, die ihn in ſeinem Grab auf⸗ ſpringen gemacht hätte, öffnete Dieudonné ſeine — 123 Augen, und ein unausſprechlicher Ausdruck von Freude und Glück malte ſich auf ſeinem Geſicht. Er wollte ſprechen; aber die Stimme verſagte ihm, ſeine Augen ſchloßen ſich wieder, und Mathilde konnte nur einen langen ſchmerzlichen Seufzer ver⸗ nehmen. In dieſem Augenblick miſchte ſich eine dritte Perſon in die Scene. Es war der Capitän Dumesnil. Er ſah Dieudonné ohnmächtig, Mathilde wei⸗ nend, ein Stück Bettteppich am Fenſter hängend. Er begriff Alles. „Ha! Madame,“ ſagte er,„es fehlte Ihnen nur noch, daß Sie auch ſeinen Tod verurſachten. „Wie ſo? auch ſeinen Tod?“ fragte Ma⸗ thilde;„was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß es dann zwei Todte wären.“ Und der Capitän warf zwei Degen auf das Pflaſter des Hofes, ſo daß ſie dröhnend aufprallten. Dann nahm er Dieudonné wie ein Kind auf ſeine Arme und trug ihn in ſein Zimmer. Mathilde folgte ihnen ſchluchzend. Obgleich ohnmächtig, hatte Dieudonné ein un⸗ beſtimmtes Gefühl von der Scene, die um ihn vorging. Er meinte das Zimmer des Capitäns zu erken⸗ nen; man legte ihn auf das tücherloſe Bett; er hörte die feſte und ſtark betonte Stimme Dumes⸗ nils an ſein Ohr ſchallen; Mathildens Stimme wechſelte hold und koſend mit ihr ab. Sie nannte den Capitän: Charles! 124 Dann ſchien es dem Verwundeten, als ob er in ſeinem Wahnſinn einer ſeltſamen Scene anwohnte; dieſe Scene fiel zwiſchen ſeinem Freund und ſeiner Frau vor. Nach dem was er hörte oder vielmehr zu hören glaubte, täuſchte ihn auch der Capitän. Nur verfluchte der Capitän die Frau, die ihn zu Etwas veranlaßt hatte was er jetzt als ein Ver⸗ brechen betrachtete, und bedeutete ihr, daß er dieſes Verbrechen dadurch zu ſühnen ſuchen würde, daß er ſich mit Leib und Seele ſeinem Opfer weihe. Mathilde lag vor ſeinem Bett auf den Knien; ſie hielt, drückte, küßte ſeine Hände, bat bald Du⸗ mesnil, bald ihn um Verzeihung, geſtand ihren Fehler ebenfalls ein und ſchwur ihn ihrerſeits durch ein Leben ſtrenger Pönitenz zu ſühnen. Dann erloſch das Gemurmel der Stimmen in dem dumpfen Brauſen, welches das Blut in den Ohren macht, wenn es ſich wie ein ſtürmiſcher Ca⸗ taract nach dem Herzen drängt, und der Chevalier de la Graverie verlor das Bewußtſein vollſtändig. ls er wieder erwachte, fühlte er, daß ſein Bein zwiſchen Schindeln war. Er befand ſich wieder im Zimmer des Capitäns, und beim Schein der Lampe, die auf ſeinem Nachttiſchchen brannte, erkannte er dieſen letztern, der am Fuße ſeines Bettes ſaß. „Und Mathilde,“ fragte er, nachdem er im gan⸗ zen Zimmer umhergeſchaut hatte,„wo iſt ſie?“ Bei dieſer Frage fuhr der Capitän von ſeinem Stuhle auf. „Mathilde! Mathilde!“ ſtammelte er;„warum fragſt Du nach Mathilde?“ 3 —— 922 125 „Wohin iſt ſie gegangen?... Sie war da und zwar ſo eben noch.“ Hätte Dieudonné in dieſem Augenblick das ehr⸗ liche Geſicht ſeines Freundes geſehen, ſo hätte er glauben können, er werde ebenfalls in Ohnmacht fallen, ſo blaß war es. „Mein Lieber,“ ſagte Dumesnil,„Du delirirſt: Deine Frau iſt nie hieher gekommen.“ Dieudonné ſchaute den Capitän mit fieberglü⸗ henden Augen an. „Und ich, ich ſage Dir, daß ſie ſo eben da war, daß ſie auf den Knien lag, daß ſie weinte und mir die Hände küßte.“ Der Capitän that ſich Gewalt an um zu lügen. „Du biſt ein Narr,“ ſagte er;„Frau de la Graverie iſt ganz ſicher zu Hauſe, ſie weiß von allem Vorgefallenen Nichts und hat folglich keinen Grund gehabt zu mir zu kommen.“ Der Chevalier ließ mit einem tiefen Geächze ſei⸗ nen Kopf auf das Kiſſen zurückfallen. „Und gleichwohl,“ ſagte er,„würde ich darauf geſchworen haben, daß ſie vor einem Augenblick noch da war, und daß ſie ſchluchzend ſich ſelbſt anklagte ... ja und ſie nannte Dich...“ Etwas wie ein Blitz durchzuckte das Hirn des Unglücklichen. Er richtete ſich beinahe drohend auf. „Wie heißeſt Du?“ fragte er ſeinen Freund. „Ei, Du weißt es ja, es müßte ſich nur Dein Delirium wieder eingeſtellt haben,“ ſagte Dumesnil. „Dein Taufname?“ Der Capitän begriff. „Louis,“ ſagte er;„erinnerſt Du Dich nicht?“ „Es iſt wahr,“ ſagte Dieudonné. Und wirklich war dieß der einzige Vorname, unter welchem er den Capitän gekannt hatte, der Charles Louis Dumesnil hieß. Dann aber kam ihm der Gedanke, daß ſeine Frau in ihrer Unruhe doch hätte kommen und ſich nach ihm erkundigen müſſen. „Aber wenn ſie nicht hier iſt,“ murmelte er ſchmerzlich,„wo iſt ſie dann?“ Dann fügte er ſo leiſe, daß Dumesnil ihn kaum hören konnte, hinzu: „Bei Herrn von Pontfarcy ohne Zweifel.“ Und bei dieſer Idee entbrannte ſein Zorn von Neuem. „Ah,“ ſagte er,„Du weißt, Dumesnil, daß ent⸗ weder ich ihn tödten muß oder er mich.“ „Er wird Dich nicht tödten, und Du wirſt noch weniger ihn tödten,“ antwortete der Capitän mit dumpfer Stimme. „Und warum?“ „Weil er todt iſt.“ „Todt! und wie?“ „In Folge einer Quart, die er in die volle Bruſt bekam.“ „Und wer hat ihn getödtet?“ „Ich, natürlich.“. „Du, Dumesnil! und mit welchem Recht?“ „Mit dem Recht, das ich hatte Dich zu verhin⸗ dern, daß Du einem gewiſſen Tod entgegengingſt, mein armes großes Kind; Dein Bruder wird viel⸗ 127 leicht Trauer um Dein Leben anlegen, aber um ſo ſchlimmer für ihn.“ „Und Du haſt Dich geſchlagen, Unglücklicher, indem Du ihm ſagteſt, daß Du Dich für mich ſchla⸗ geſt und weil Mathilde mich getäuſcht habe?“ „Oh ſei doch ruhig, ich habe mich mit Herrn von Pontfarcy geſchlagen, weil er ſeinen Abſinthe ohne Waſſer trank, und weil ich die Leute nicht ausſtehen kann, die dieſe abſcheuliche Gewohnheit haben.“ Der Chevalier warf ſeine beiden Arme um den Hals des Capitäns und küßte ihn mit einer rück⸗ haltsloſen Herzensergießung, indem er murmelte: „Wahrhaftig, ich hatte geträumt.“ Aber der Capitän, für welchen dieſer Ausruf ein neuer Gewiſſensbiß war, machte ſich ſanft von dieſer Umſtrickung los und ſetzte ſich ſchweigend in eine Ecke des Zimmers. 120 Mathilde! Mathilde!“ murmelte der Che⸗ valier. X. Worin es bewieſen iſt, daß Reiſen die Jugend bilden. Es wurde beſchloſſen, daß der Chevalier über die ganze Zeit ſeiner Reconvalescenz bei dem Ca⸗ pitän Dumesnil bleiben ſollte. Allerdings hatte der Capitän blos ſich ſelbſt um Rath gefragt, um dieſen Entſchluß zu faſſen. Er uberließ dem Verwundeten ſein Bett und begnügte ſich mit dem Canapee. Für einen Mann, 128 der ſo ziemlich alle Feldzüge des Kaiſerreichs mit⸗ gemacht hatte, war dieſer Bivouac nicht allzu er⸗ müdend. Der Chevalier ſchlief nicht: die ganze Nacht wälzte er ſich in ſeinem Bett und konnte zwar ſein Schluchzen bewältigen, ſtieß aber verzweiflungsvolle Seufzer aus. Am folgenden Tag verſuchte Dumesnil ihn zu zerſtreuen: er ſprach ihm von Vergnügungen, von Studien, von neuen Herzensneigungen vor; aber der Chevalier ſprach ſtatt aller Antwort immer nur von Mathilde und ſeiner Verzweiflung. Dumesnil dachte mit Recht, nur die Zeit könne Dieudonnés Kummer heilen, und um denſelben er⸗ träglicher zu machen, müſſe man den Kranken, ſo⸗ bald ſein Zuſtand es erlaube, unter andere Himmels⸗ ſtriche bringen. Er wollte ſich der einmal übernommenen Auf⸗ gabe gänzlich widmen, und da er ſchon ſeit einiger Zeit das Alter erreicht hatte, wo er einen Rück⸗ zugsgehalt anſprechen durfte, ſo that er die erfor⸗ derlichen Schritte, um den Dienſt zu verlaſſen und ſeine Penſionsangelegenheit ins Reine zu bringen. Sechs Wochen nach dem Unfall, als ſein Freund, deſſen Bruch einfach geweſen war und deſſen Re⸗ convalescenz gute Fortſchritte nahm, wieder zu gehen anfing, bat Dumesnil den Chevalier, er möchte ihn nach Havre begleiten, wo er ein Geſchäft habe. Da es das erſte Mal war, daß Dieudonné das Meer ſah, ſo beſtand der Capitän darauf, er müſſe einen Beſuch auf dem Packetboot machen; der Chevalier begleitete ihn ohne allen Widerſtand 129 dahin, aber ſobald ſie an Bord waren, erklärte ihm Dumesnil, er habe Plätze auf dem Schiff ge⸗ nommen, und am nächſten Morgen um ſechs Uhr gehe es nach Amerika. Der Chevalier hörte ihn mit Ueberraſchung an, hatte aber gegen den Plan Nichts einzuwenden. In Paris hatte ſich der Chevalier eines Tags, als ihn ſein Freund, vielleicht abſichtlich, allein ge⸗ laſſen, verſtohlener Maßen nach der Rue de lUni⸗ verſité begeben, offenbar um Frau de la Graverie wieder zu ſehen, vielleicht um ihr zu verzeihen. Der Concierge hatte ihm geantwortet, am Tag, an dem er ſelbſt nicht nach Hauſe gekommen, ſei Frau de la Graverie abgereist, und man wiſſe nicht, was aus ihr geworden.* Alle Anſtrengungen, die Herr de la Graverie gemacht, um ihren Aufenthalt zu entdecken, hatten weiter zu Nichts als zu der Gewißheit geführt, daß ſie Frankreich verlaſſen habe. Jetzt erſt, als der arme Chevalier die Ueber⸗ zeugung hatte, daß er ſeiner Frau gegenüber nicht mehr die Milde üben könne, die er ihr zu beweiſen bereit war, verſtand er ſich dazu ſeinen Freund nach Havre zu begleiten. Ueberdieß hatte Mathilde bei ihrer Abreiſe aus Frankreich ihren Weg vielleicht über Havre genom⸗ men, und in Havre konnte ihm vielleicht ein glück⸗ licher Zufall Nachrichten über ſie verſchaffen. Gleichwohl hatte der Chevalier, das muß man agen, ſein Vertrauen auf das Schickſal einiger⸗ aßen verloren und er rechnete nicht allzu ſangui⸗ Dumas, Black. I. 9 130 niſch auf einen Zufall, beſonders auf einen glück⸗ lichen Zufall. Aus dem Abſchied von Frankreich machte er ſich Nichts: Mathilde war nicht mehr in Frankreich. Er richtete ſich alſo in ſeiner Cajüte ein, ohne noch einmal ans Land zurückzuverlangen. Am folgenden Tage lichtete das Dampfboot mit amerikaniſcher Pünktlichkeit die Anker und fuhr ab. Während der ganzen Ueberfahrt war der arme Chevalier ſeekrank, ſo daß er, anſtatt an Mathilde zu denken, an gar Nichts mehr dachte; der Capitän aber hätte beinahe, wie jener Gefangene, der ſich in ſeinem Kerker langweilte und dem man die Tor⸗ tur anmeldete, geſagt: „Gut! Das hilft immer über einen Augenblick hinweg.“ Man kam nach Newyork. Der Lärm der großen Handelsſtadt, die Aus⸗ flüge in der Umgegend, die Spazierfahrten auf dem Hudſon, der Beſuch am Niagara machten, daß drei Monate auf eine erträgliche Art vorübergingen. Aber inmitten all dieſer Zerſtreuungen kamen furchtbare Erſchütterungen vor. Von Zeit zu Zeit traf der Chevalier eine Frau, die von Geſicht oder Haltung ſeiner Mathilde glich. Dann ließ er den Arm ſeines Freundes fahren, lief pfeilſchnell weg und trippelte hinter der Dame her, bis er ſeinen Irrthum erkannt hatte; war der Irrthum erkannt, ſo ſank er an der Stelle, wo er war, auf eine Bank, auf einen Markſtein oder auch aiſ dir Erde nieder, bis ſein Freund ihn dort abholte. —— nͤ 131 Deßhalb beſchloß der Capitän ihn ein für alle Mal ſolchen Prüfungen zu entziehen, indem er ihn von der Civiliſation entfernte. Er fuhr den St. Lorenzo hinauf bis an den Superiorſee. Er ſchiffte auf dem Miſſiſſippi nach Chicago, fuhr bis nach St. Louis hinab, den Miſ⸗ ſouri hinauf bis ins Fort Mandanne, und nachdem er dort eine Carawane gefunden, welche den Gelb⸗ ſteinlluß hinabfuhr, um über die Sierra de los Membres nach Santa Cruz zu reiſen, fuhr er den Rio Colorado hinab bis in den Golf von Califor⸗ nien. Er ergriff dieſe Gelegenheit, um dem Che⸗ valier neue Länder zu zeigen und beſonders neue Frauenzimmer, die er weder in Bezug auf Geſicht noch auf Haltung mit Frau de la Graverie ver⸗ wechſeln konnte. Um dieſe Zeit gehörte Californien noch zu Me⸗ xico und war folglich noch eine Wüſte. Der Ca⸗ pitän und ſein Freund quartierten ſich in einer Baracke ein, welche da lag, wo heutzutage das Theater von San Francisco ſteht, und ſich damals beinahe einſam im roſenrothen Meere ſpiegelte. Der Chevalier hatte dieſe ganze lange Reiſe bald zu Schiff, bald zu Mauleſel, bald zu Pferd gemacht; ſeine frühere Aengſtlichkeit war verſchwun⸗ den, und ohne ein Reitersmann erſten Rangs ge⸗ worden zu ſein, hatte er es doch ſo weit gebracht, daß er die verſchiedenen Thiere, auf denen er ſein Heil verſucht, ſo ziemlich bemeiſterte. Ueberdieß hatte ihm ſein Freund, indem er die Wuth benützte, in welche ihn das beſtändige Ge⸗ ſchwatze dieſer grünen Papageie verſetzte, die man 9 1³² von Santa Cruz bis an den Golf von Californien ſchaarenweiſe trifft und die ihn in ſeinen Betrach⸗ tungen ſtörten, eine Flinte in die Hand gegeben und ihn allmählig mit dem Gebrauch dieſer Waffe vertraut gemacht. Der Chevalier de la Graverie war kein Schütze erſter Categorie geworden, aber am Ende war er doch auf dreißig Schritt, und wenn er Gelegenheit zum Auflegen hatte, ſeines grünen Papageis ſo ziemlich ſicher. Um Abwechslung in die Vergnügungen zu brin⸗ gen, gab ihm der Capitän von Zeit zu Zeit ſtatt der Flinte ein Piſtol, ſo daß er mit Kugeln ſchoß. Herr de la Graverie fehlte Anfangs die erſten hundert Papageie, auf die er abdrückte; dann tödtete er einen, fehlte fünfzig andere, tödtete wie⸗ der einen, fehlte nur noch fünfundzwanzig, nur noch zwölf, nur noch ſechs. Endlich brachte er es ſo weit, daß er von vier Papageien einen zu Bo⸗ den ſtreckte. Seine Stärke im Piſtol überſchritt dieſe Grenze niemals; aber der Capitän, der auf jeden Schuß ſeinen Papagei traf, bemaß den unermeßlichen Fort⸗ ſchritt, den ſein Freund gemacht hatte, und erklärte ſich wohl zufrieden. Unter dem Vorwand, der Chevalier habe Nei⸗ gung zum Dickwerden, zwang er ihn dann zum Fechten. Da dieſe Uebung Herrn de la Graverie aus ſeiner gewöhnlichen Apathie herausnöthigte, ſo mußte der Capitän ſeine ganze Willenskraft auf⸗ bieten; aber der Chevalier hatte ſich an kindlichen Gehorſam gewöhnt, und während er es in der ¶—&— — 133 Flinte bis zur dritten, im Piſtol bis zur vierten Categorie gebracht hatte, brachte er es, ohne daß er eine Ahnung davon hatte, im Fechten bis zur ſechsten oder ſiebenten. Dieß alles war als Angriffsmittel nicht ſehr ſchrecklich, aber der Chevalier konnte ſich doch in einem gegebenen Falle vertheidigen, wozu er früher gänzlich unfähig geweſen war. Der Capitän hegte jedoch einen noch weit küh⸗ neren Plan; er wollte das erſte Schiff, das nach Taiti ging, benützen und ſeinen Freund ein Jahr in dieſem Paradies des ſtillen Meers, in dieſem Blumenkorb Polyneſiens zubringen laſſen. Die Gelegenheit bot ſich. Der Chevalier beſtieg das Verdeck, ohne zu fragen nach welchem Punkt der Welt man abſegle. Nach zwölf Tagen landete man in Papaeti. Bis jetzt hatte der Capitän niemals bemerkt, daß ſein Freund einer Landſchaft die mindeſte Auf⸗ merkſamkeit gewidmet hätte; kaum hatte der Nia⸗ garafall ihn einen Augenblick beſchäftigt; das ein⸗ zige Zeichen von Erſtaunen über dieſe Erſcheinung en geweſen, daß er ſich die Ohren verſtopfte und agte: „Laß uns gehen; ſonſt werde ich taub.“ Er war den Miſſiſſippi hinabgefahren, hatte jene drei Stock hohen Coloſſe, die einem ſchwimmenden Stadtviertel gleichen, an ſich vorbeifahren geſehen und nicht einmal die Augen bis zu ihrem Gipfel erhoben; er war durch Urwälder gezogen und hatte ſich mitten unter ihnen nicht einmal darum beküm⸗ mert, wie er ſeinen Weg herausfinden ſollte, Er hatte ſich in grenzenloſe Prärien verirrt und hatte nicht ein einziges Mal den Horizont befragt, ob ſie wohl auch ein Ende nehmen würden. Aber als er nach Papaeti kam, konnte er nicht umhin zu ſagen:— „So iſts recht! Das ſcheint einmal ein ange⸗ nehmes Land zu ſein! Wie heißt es, Dumesnil?“ „Es hat viele Namen,“ antwortete der Capi⸗ tän:„Quiros, der es zuerſt beſuchte, hat es Sahi⸗ taria genannt; Bougainville, als ächter Franzoſe aus dem achtzehnten Jahrhundert, Neu Cytherea; Cook die Freundſchaftsinſel; Du ſiehſt, daß Du die Wahl unter den Namen haſt.“ 1D6 Chevalier fragte nicht mehr, dieß war ſchon viel. Nachdem man mit Hilfe eines indianiſchen Loot⸗ ſen, der an Bord gekommen, durch einen ſchmalen Paß zwiſchen Felſenriffen gefahren war, warf man die Anker in einer Rhede, ſo ruhig wie ein Landſee. Eine Menge Nachen fuhr herbei, um die Paſſa⸗ giere abzuholen; dieſe Nachen beſtanden, gleich denen von Neuſeeland, von den Fichteninſeln und den Sandwichsinſeln, aus einem einzigen Baumſtamm. Als der Chevalier in ein ſolches Fahrzeug hin⸗ einſprang, hätte es beinahe umgeſchlagen. „Gut,“ ſagte er, ohne die mindeſte Gemüthsbe⸗ wegung zu verrathen,„noch ein klein Wenig, ſo wäre ich ertrunken.“ „Wie! Du kannſt nicht ſchwimmen?“ fragte Dumesnil. „Nein,“ antwortete der Chevalier einfach;„aber Du wirſt es mich lehren, nicht wahr, Dumesnil?“ 13⁵ Der Capitän hatte dem Chevalier ſo viele Sa⸗ chen beigebracht, daß dieſer nicht daran zweifelte, er werde ihn auch das Schwimmen lehren, wie er ihn das Fechten, das Reiten, das Flinten⸗ und das Piſtolenſchießen gelehrt hatte. „Nein,“ ſagte Dumesnil,„ich werde Dich nicht ſchwimmen lehren.“ SeD machte Dieudonné erſtaunt,„und warum nicht?“ „Weil hier zu Lande die Frauen Schwimm⸗ meiſter ſind.“ Der Chevalier wurde roth; er fand den Scherz etwas leichtfertig. „Schau nur hin,“ ſagte Dumesnil. Und als man ſich Abends fünf Uhr dem Ufer näherte, zeigte er ihm einen ganzen Haufen von Weibern, die ſich im Waſſer beluſtigten. Der Chevalier folgte dem Zeigefinger des Ca⸗ pitäns mit den Augen. 3 Jetzt erblickte er ein Schauſpiel, das ihn unwill⸗ kührlich feſſelte. Etwa ein Dutzend Weiber, nackt wie die antiken Nereiden, ſchwammen in dieſem blauen Meer herum, wo man auf dreißig oder vierzig Schritte unter dem Waſſer jene merkwürdige unterſeeiſche Vegetation ſehen kann, die dieſe Corallenbänke bildet, welche die Inſel umgeben. Denkt Euch rieſige Steincorallen in Geſtalt un⸗ geheurer Schwämme, an denen jedes Loch ein dü⸗ ſterer klaffender Abgrund iſt, worin man Fiſche von allen Größen, Geſtalten und Farben, blau, roth, gelb und goldig, wimmeln ſieht.— 136 Dann mitten unter all Dem, unbekümmert um die Abgründe, die Felſen, die Haifiſche, die man von Zeit zu Zeit ſchnell wie Pfeile von polirtem Stahl vorbeikommen ſieht, Weiber, Nymphen, die nicht einmal dem Namen nach wiſſen was Schaam iſt: die Landesſprache hat kein Wort, um dieſe le⸗ diglich chriſtliche Tugend auszudrücken; Weiber, die ſich ohne andere Schleier als ihre langen Haare in dieſes Waſſer tauchen, das man vermöge ſeiner Klarheit für verdickte Luft halten könnte, die ſich darin drehen, wenden und dermaßen verknäueln, daß man wohl ſieht, wie das Meer ihr zweites Ele⸗ ment iſt, und daß ſie kaum auf die Oberfläche des Waſſers zurückzukommen brauchen, um zu athmen. Dem armen Chevalier gaukelte und tanzte es vor den Augen wie einem Betrunkenen. Der Capitän mußte ihn halten, als er ans Land trat. Er ſetzte ſich mit ihm unter einen blühenden Pandanus. „Nun,“ fragte ihn Dumesmil,„was hältſt Du von dieſem Lande, mein lieber Dieudonné?“ „Es iſt das Paradies,“ antwortete der Chevalier. Dann murmelte er mit einem Seufzer: „O, wenn Mathilde hier wäre!“ Und ſeine Augen verloren ſich mit einem me⸗ lancholiſchen Ausdruck, deſſen man dieſes rundliche Geſicht nicht fähig geglaubt hätte, in den Tiefen des unermeßlichen Horizonts. Der Capitän ließ ihn unter ſeinem Pandanus nachſinnen und nahm Rückſprache mit den Einge⸗ borenen; ſo mild die Luft, ſo koſend der Seewind 137 in der Bucht von Papaeti war, ſo gedachte der Ca⸗ pitän doch nicht unter freiem Himmel zu ſchlafen. Dann kam er zu Dieudonné zurück. Es war ſechs Uhr d. h. die Stunde, wo die Nacht anbricht; die Sonne ſank einer rothen Scheibe gleich raſch ins Meer hinab. In Taiti hat der Tag juſt zwölf Stunden und die Nacht eben ſo viel. 1 Zu jeder Jahrszeit geht die Sonne Morgens um ſechs auf und Abends um ſechs unter. Jeder⸗ mann kann in dieſen zwei Augenblicken des Tags ſeine Uhr mit derſelben Sicherheit nach dieſer gro⸗ ßen Himmelsuhr richten, wie früher die Pariſer nach der Uhr des Palais royal. Der Capitän berührte mit der Fingerſpitze Dieu⸗ donné bei der Schulter. „Nun?“ fragte ihn der Chevalier. „Nun, ich bins,“ ſagte der Capitän. „Was willſt Du?“ „Ich wollte Dich nur fragen, was Du zu thun gedenkſt?“ Der Chevalier ſchaute den Capitän mit verwun⸗ derten Blicken an. „Was ich zu thun gedenke?“ ſprach er nach. „Allerdings.“ „Guter Gott,“ rief er beinahe erſchrocken,„geht denn Das mich an?“ „In der Frage der Wohnung ja; gedenkſt Du einige Zeit hier zu bleiben?“ „So lange Du willſt.“ „Willſt Du nach europäiſcher Manier oder nach Landesbrauch wohnen?“ 138 „Ich frage Nichts darnach?“ „Im Hotel oder in einer Hütte?“ „Wie Du willſt.“ „Nun ſo ſei es denn wie ich will; aber Du darfſt Dich nachher nicht beklagen.“ „Hab ich mich denn je beklagt?“ fragte Dieu⸗ donné. „Es iſt wahr, armes Lamm Gottes!“ flüſterte der Capitän. Dann ſagte er laut: „Nun wohl, bleib noch zehn Minuten hier und betrachte den Sonnenuntergang, während ich mich mit unſerer Wohnung beſchäftige.“ Dieudonné nickte; er war fortwährend traurig; aber er empfand ein gewiſſes phyſiſches Wohlbeha⸗ gen, das er nie gekannt hatte. Nachdem die Sonne ſich im Meer verborgen hatte, kam die Nacht mit beinahe zauberhafter Ge⸗ ſchwindigkeit. Aber welch eine Nacht! Das war nicht die Finſterniß, ſondern nur die Abweſenheit des Tags. Eine Atmoſphäre, durchſichtig wie unſere ſchönſte Dämmerung, ein Meer wo jeder Fiſch wie ein Feuerſtrahl funkelte, ein Himmel an welchem jeder Stern wie eine Flammenroſe oder eine feurige Kornblume aufzugehen ſchien. Der Capitän ſuchte Dieudonné wieder auf. „O,“ ſagte dieſer,„laß mich all dieſe ſchönen Dinge noch länger anſehen.“ „Ah!“ verſetzte der Capitän erfreut,„Du ſiehſt alſo doch endlich.“ 139 „Ja; es iſt mir, als ob ich erſt heute Abend zu leben anfinge.“ „Komm immerhin, Du kannſt alles Das von Deinem Zimmer aus ſehen.“ „Durch das Fenſter?“ „Nein, durch die Verſchläge. Komm!“ Es war das erſte Mal, daß Dieudonné nicht auf eine erſte Aufforderung nachgab. Sie gingen mit einander auf ein Haus zu. Es fand noch ein weiterer Fortſchritt in der Beſſerung des Chevalier Statt; denn nachdem er in Paris das Zimmer des Capitäns verlaſſen hatte, war er in gar manche Häuſer gekommen, ohne ſie im Mindeſten zu beachten, aber dieſem hier ſchenkte er ſeine volle Aufmerkſamkeit. Es war auch wirklich bemerkenswerth. Auf den erſten Blick ſchien es keine menſchliche Wohnung zu ſein, ſondern ein Vogelkäfig. Es war ſo ziemlich viereckig, an beiden Enden aber abgerundet, wodurch es mehr lang als breit wurde; es war mit Pandanusblättern bedeckt, die wie Ziegel an einander lagen. Es glich einem großen Gitterwerk, wie man ſie an unſern Gartenmauern hat, um die Jungferreben und Winden daran hinaufzuziehen. Die Bedachung wurde von Pfählen getragen. Sie beſtand aus Balken, die mit rothen und ſchwarzen Matten überdeckt waren. Eine Matratze von Meergras war in eine Ecke geworfen nebſt einem großen Stück weißer Leinwand. Dieß waren das Bett und die Tücher. 140 Mitten im Zimmer ſtand ein Tiſchchen mit Früch⸗ ten, Milchſpeiſen und Brod. Döchte brannten in Cocosnußöl, das ſich in einer Art von Flaſchenkürbiſſen befand, welche die Lampe bildeten. Die Wände waren ohne Fenſter. Man ſah den Himmel, das Meer, und gleichſam zwiſchen dieſen beiden Unendlichkeiten ein gleichfalls unendliches Heer goldener Sterne. „Nun wohl,“ ſagte Dumesnil zu Dieudonné, „Du begreifſt, daß Nichts Dich verhindern wird hinauszuſehen.“ „Ja, mein Freund,“ antwortete der Chevalier, „dheLI... „Aber was?“ „Wenn Nichts mich verhindert hinauszuſehen, ſe verhindert auch Nichts mich hier innen zu ſehen.“ „Haſt Du denn etwas Böſes im Sinn?“ fragte Dumesnil. „Gott bewahre mich davor,“ antwortete der Chevalier. „Ei nun, was haſt Du alſo zu fürchten?“ „Allerdings, was habe ich zu fürchten?“ wie⸗ derholte der Chevalier. „Schlechterdings gar Nichts.“ „Keine Schlangen, keine Nattern, keine Ratten?“ „Es gibt nicht ein einziges ſchädliches Thier auf der ganzen Inſel.“ „Ah!“ murmelte der Chevalier,„Mathilde!“ Mathilde!“ „Schon wieder!“ ſagte Dumesnil. 141 „Nein, mein Freund, nein!“ rief der Chevalier. „Aber wenn ſie hier wäre.“ „Nun? „Dann würde ich niemals nach Frankreich zu⸗ rückkehren.“ 3 Der Capitän blickte ſeinen Freund an und ſeufzte gleichfalls. Aber ſo groß auch die Aehnlichkeit unter den Seufzern ſein mag, ſo glich doch der Seufzer des Chevalier dem des Capitäns nicht. Der des Erſteren war ein Seufzer der Traurigkeit. Der des Letzteren ein Seufzer der Reue. XI. Mahaouni. Der Chevalier ſetzte ſich an den Tiſch und aß eine Gojave, zwei oder drei Bananen ſo wie eine Frucht, roth wie Erdbeeren und groß wie eine Re⸗ nette, deren Namen er aber nicht wußte. Dann tunkte er ſtatt des Brods eine Manioc⸗ wurzel in eine Taſſe Cocosmilch; hernach erklärte er auf Befragen ſeines Freundes— der Chevalier ſprach beinahe blos, wenn er gefragt wurde— daß er nie in ſeinem Leben ſo gut geſpeist habe. Nach dem Mahl brachte ihn der Capitän nur mit großer Mühe dazu, daß er ſeine Kleider aus⸗ zog, um ſchlafen zu gehen. Dieſe durchſichtigen Wände beunruhigten ſeine Schaamhaftigkeit. Er entſchloß ſich erſt auf die beſtimmteſten Ver⸗ ſicherungen Dumesnils, daß Abends zehn Uhr in Papaeti Alles ſchlafe. 142 Aber obſchon der Capitän ihm erklärte, daß in dieſem Eden Polyneſiens Männer und Weiber nackt ſchlafen, indem ſie die höchſte Wolluſt darin finden ihr Fleiſch mit dem milden Nachtwind in Berührung zu bringen, ſo wollte er doch weder ſein Hemd noch ſeine Unterhoſen ausziehen. Als der Capitän ihn, wie er ſchon ſeit drei Jahren pflegte, ſchlafen gelegt hatte, begab er ſich auf ſein eigenes Zimmer d. h. in die zweite Ab⸗ theilung des Häuschens. Die zwei andern Abtheilungen wurden von der taitiſchen Familie bewohnt, welche mit dem Capitän einen Pachtvertrag abgeſchloſſen und nach den Be⸗ ſtimmungen deſſelben die beiden Zimmer augenblick⸗ lich abgetreten hatten. Der Chevalier wußte Nichts von dieſem Detail; er fragte nie nach Etwas, und nachdem der Ver⸗ ſchlag, der ihn von ſeinen Wirthsleuten trennte, wohl verſchloſſen worden, war es ihm nicht einmal eingefallen zu fragen, was auf der andern Seite des Verſchlages ſei. Was das Auge des Chevaliers anzog, wenn es ſich überhaupt von Etwas anziehen ließ, das war eines jener großen Naturſchauſpiele, welche geſchaffen ſcheinen, um einem tiefen Gefühl als Rahmen zu dienen. Und überdieß hatte ſich, wie wir bereits geſagt haben, der arme Dieudonns erſt ſeit einigen Stunden erinnert, daß er überhaupt Augen beſaß. Er legte ſich alſo nieder, und während er ſich in ſeine Erinnerungen vertiefte, ſchaute er durch die Oeffnungen des Häuschens hindurch dieſen ſchönen Himmel, dieſes azurne Meer an. 143 Einige Schritte von dem Haus ſang ein im Gebüſch unſichtbarer Vogel; es war der Bülbül Oceaniens, der Liebesvogel; der bewundernswürdige Tui, der nur wacht wenn Alles ſchläft, nur ſingt wenn Alles ſchweigt. Der Chevalier, der ſich auf ſeinen Ellbogen ſtützte und ſein Geſicht an eine der Lucken des Hau⸗ ſes drückte, hörte und ſchaute, von einer unbeſchreib⸗ lichen Atmoſphäre von Melancholie und dennoch Wohlbehagen umhüllt; man hätte ſagen können, die Ruhe dieſer Nacht, die Reinheit dieſes Himmels, die Harmonie dieſes Geſanges haben ſich materia⸗ liſirt und bilden ein atmoſphäriſches Bad, von der höchſten Vorſehung dazu beſtimmt den müden Glie⸗ dern Erquickung und den duldenden Herzen Troſt zu verleihen. Dem Chevalier war es zu Muth, als athme er zum erſten Mal ſeit drei Jahren. Auf einmal glaubte er einen leichten Kindertritt über das Gras hinſtreifen zu hören, und ſah im durchſichtigen Schatten die reizende Geſtalt eines jungen Mädchens von vierzehn bis fünfzehn Jahren erſcheinen, das keinen andern Schleier hatte als ſeine langen Haare, keinen andern Schmuck als zwei prächtige Blumen von einer Art weißem und roſarothem Lotus, wie ſie auf den Bächen ſchwim⸗ men; dieß iſt der Lieblingsſchmuck der jungen Tai⸗ tierinnen, welche ſie gleich Ringen in die Knorpeln ihrer Ohren ſtecken. ſch Nan junge Mädchen zog träge eine Matte hinter ſich her. Zehn Schritte vom Hauſe unter einem Orangen⸗ 144 baum, gegenüber dem Gebüſch worin der Tui ſang, breitete ſie dieſe Matte aus und legte ſich darauf. „Der Chevalier wußte nicht, ob er wachte oder träumte, ob er ſeine Augen offen halten oder ſchlie⸗ ßen ſollte. Nie war eine Statue vollkommener aus den Händen eines Bildhauers hervorgegangen; nur ſchien dieſe nicht von blaſſem carrariſchem oder pa⸗ riſchem Marmor, ſondern von florentiniſchem Erz zu ſein. Einige Augenblicke hörte ſie dem Geſang des Tui zu und ſchüttelte von Zeit zu Zeit durch eine Bewegung ihrer Schulter den Orangenbaum, an welchen ſie gelehnt war, worauf derſelbe den duf⸗ tigen Schnee ſeiner Blüthen auf ſie herab ergoß. Dann ſank ſie allmählig, ohne eine andere Decke als ihre langen Haare, mit denen ſie ſich übrigens beinahe ganz einhüllte, zuſammen und entſchlief, den Kopf unter ihrem Arme, wie ein Vogel den ſeinigen unter ſeine Flügel ſteckt. Der Chevalier brauchte länger um einzuſchlafen, und es gelang ihm erſt, indem er ſich gegen den Verſchlag zukehrte und Mathildens Namen dem eben Geſehenen als einen Schild entgegenhielt. Als der Capitän am folgenden Tag ins Zimmer ſeines Freundes trat, traf er ihn nicht blos wach, ſondern bereits auf den Beinen, obſchon es kaum ſechs Uhr war. Der Chevalier klagte, daß er ſchlecht geſchlafen habe. Dumesnil ſchlug ihm zu ſeiner Erholung einen Spaziergang vor und Diendonné ließ es ſich gefallen. 145 Im Augenblick wo ſie ausgehen wollten öffnete ſich die Thüre des Verſchlags, und ein junges Mäd⸗ chen kam zum Vorſchein. Sie fragte die beiden Freunde, ob ſie Nichts bedürften. Dieudonné erkannte ſeine ſchöne Schläferin von der letzten Nacht und erröthete bis an die Ohren. Nur hatte ſie ihr Tagscoſtüm. Man weiß, worin ihr Nachtcoſtüm beſtand. Das Tagscoſtüm beſtand aus einem langen weißen Kleid, das ganz glatt herabfiel, vorn offen und am Hals nicht geſchloſſen war: auf dieſem Kleid war um die Hüften eine Art Foulard von blauem Grund mit großen rothen und gelben Blu⸗ men gerollt. Die Arme, die Füße und die Beine waren nackt. Der Chevalier wurde feuerroth, betrachtete aber doch das Mädchen mehr im Detail, als er in der vorhergehenden Nacht gewagt hatte. Es war, wie wir geſagt haben, ein Kind von vierzehn Jahren; nur daß in Taiti ein vierzehn⸗ jähriges Kind ſchon Weib iſt. Sie war klein, wie die Taitierinnen gewöhnlich ſind, ſonſt aber vor⸗ trefflich gewachſen; ihre Haut war von der ſchönſten Kupferfarbe; ſie hatte, wie wir bereits wiſſen, lange Haare, aber ſeidenweich und ſchwarz wie Raben⸗ flügel; ihre Augen waren hübſch geſpalten, dunkel, von langen ſchwarzen Wimpern beſchattet; die Na⸗ ſenflügel waren offen und weit wie die Indianer⸗ naſen, welche beſtimmt ſind die Gefahr, das Ver⸗ gnügen und die Liebe zu athmen; die Naſe ſelbſt Dumas, Black. I. 10 jedoch etwas platt, die Backenknochen hervorſtehend, die Lippen rund und ſinnlich, die Zähne weiß wie Perlen, die Hände klein, fein und zart, die Taille biegſam wie ein Rohr. Der Capitän dankte der jungen Taitierin, er⸗ klärte ſeinem Freund, daß dieß die Tochter ihrer Wirthin ſei, und kündigte an, daß er erſt um neun Uhr zurückkommen werde. Das Kind begriff augenſcheinlich Alles was man ihm ſagte ſehr gut, und als der Capitän geſprochen hatte, ſchien es zu erwarten, daß ſein Freund daſ⸗ ſelbe thue: aber Dieudonné ließ ſich das nicht ein⸗ fallen. Er trat auf die Seite, um das ſchärpen⸗ artig umſchlungene Foulard nicht zu berühren, und ging an dem Mädchen mit einer Verbeugung vor⸗ über, wie er ſie vor einer Pariſerin auf dem Bou⸗ levard des Capucines gemacht haben würde. Hierauf zog er ſeinen Freund raſch fort. Es war augenſcheinlich, daß das junge Mädchen ihm eine Art von Schrecken einflößte. Der Capitän wunderte ſich nicht darüber; er kannte die ſcheue Blödigkeit des Chevalier den Frauen gegenüber; aber er hätte nicht geglaubt, daß ſein Freund eine Taitierin geradezu wie eine Frau be⸗ handeln würde. Indem er alſo auf das junge Mädchen deutete, das ihnen traurig nachſchaute, fragte er den Che⸗ valier: „Warum haſt Du gar Nichts zu Mahaouni ge⸗ ſagt? Dieß hat ſie betrübt.“ „Sie heißt Mahaouni?“ „Ja, ein ſchöner Name, nicht wahr?“ 147 Dieudonné antwortete Nichts. „Haſt Du Etwas gegen dieſes junge Mädchen? Dann quartieren wir uns aus,“ ſagte der Capitän. „Nein, nein!“ antwortete Dieudonné lebhaft. Und ſie gingen ihres Wegs weiter, während Dumesnil gleich Tarquin den höchſten Pflanzen die Köpfe abſchlug und ſeinen Bambus ziſchen ließ. Dieudonné folgte ihm ſchweigend. Dieſes Schweigen lag allerdings dermaßen in den Gewohnheiten des Chevalier, daß der Capitän es entweder gar nicht bemerkte oder ſich wenigſtens nicht darüber beunruhigte. Dieſer erſte Spaziergang genügte, um den bei⸗ den Freunden zu zeigen, daß das Land, das ſie durchſtreiften, wenigſtens in Beziehung auf Vege⸗ tation ein Wunderland war. Die Stadt hatte zugleich ein naives und aller⸗ liebſtes Ausſehen; obſchon ſie die Ehre hatte Haupt⸗ ſtadt zu ſein, ſo glich ſie doch mehr einem unge⸗ heuern Dorf als einer Stadt, denn jedes Haus hatte ſeinen Garten unter den Bäumen, in deren Schatten es gleichſam begraben lag; allmählig aber, wenn man das Ende der Häuſer erreicht hatte, als die Fußpfade auf die Straßen folgten, war es eine fortgeſetzte Laube von den allerſchönſten Bäumen mit den üppigſten Blüthen und reichſten Früchten; Gänge mit feinem Sand beſtreut, mit Gewölben von Ba⸗ nanen⸗, Cocos⸗, Gojaven⸗, Melonen⸗, Orangen⸗, Citronen⸗ und Pandanus⸗Bäumen, in deren Mitte der Eiſenbaum hervorragt mit ſeinem rothen Holz und ſeinem Aſtwerk, das einer in Samen geſchoſſe⸗ nen Rieſenſpargel gleicht. 04 1 Ferner die balſamiſche Luft inmitten dieſer Bäume, die tauſendfarbigen Vögel, das liebliche Getöne der Frauen⸗ und der Vögelſtimmen, kurz das Ganze iſt ein Feenreich, das man die Inſel der Blumen und der Wohlgerüche nennen könnte. Nachdem die beiden Freunde eine Stunde lang in den Gängen einer Art von engliſchem Garten luſtgewandelt, blieb der Capitän ſtehen; eine Art von Geſchwatze, das er ſich nicht erklären konnte, drang bis zu ihm; er verließ den Fußpfad, machte etwa fünfzig Schritte zwiſchen den Bäumen durch, ſchob die Blätter bei Seite wie einen Vorhang, den man in die Höhe hebt, und blieb unbeweglich, ſtumm, bewunderungsvoll ſtehen. Dieudonné war ihm mit den Augen gefolgt; wenn er bei dem Capitän war, ſo ſchien ſeine Willenskraft in ſeinen Freund über⸗ gegangen zu ſein; er gehorchte ihm, wie der Kör⸗ per der Seele gehorcht, er folgte ihm, wie der Schatten dem Körper folgt. Der Capitän machte ohne zu ſprechen Dieudonné ein Zeichen, daß er zu ihm kommen ſolle. Dieudonné ſchritt mechaniſch voran und ſchaute zerſtreut vor ſich hin. Aber die Zerſtreutheit währte nicht lange; der Anblick, der ſich ſeinen Augen darbot, würde ſelbſt die Aufmerkfümket des Zerſtreuten von Destouches auf ſich gezogen haben. Die Hagebuche, zwiſchen deren Zweigen der Capitän und der Chevalier hindurchſchauten, ſtand am Ufer des Baches. In dem Bach ſaßen oder lagen im Kreiſe her⸗ — — 149 um wie in einem Salon etwa dreißig ganz nackte Mädchen. Da der Bach kaum zwei Fuß Waſſer hatte, ſo befanden ſich die Sitzenden nur mit dem untern Theil des Körpers in dieſem Waſſer, welches ſo klar war, daß es nicht einmal die Dienſte eines Schleiers vertrat, während die Liegenden blos ihre Köpfe außerhalb des Waſſers hatten. Alle hatten ihre Haare aufgelöſt, Alle ſogen wollüſtig die Morgenluft ein, indem ſie ſich Kränze, Ohrgehänge und Halsbänder von Blumen machten. Die Seeroſen, die chineſiſchen Roſen und die Gardanien wurden zum Behuf dieſer Toilette ſtark in Contribution geſetzt. Wie wenn dieſe wunderbaren Geſchöpfe begrif⸗ fen, daß ſie ſelbſt weiter Nichts als lebendige Blu⸗ men ſind, gilt ihre größte Sympathie den Blumen, ihren lebloſen Schweſtern; auf Blumen geboren, leben ſie mitten unter Blumen und werden unter Blumen begraben. Und während ſie dieſe Kronen auf ihre Köpfe ſetzten und dieſe Halsbänder um ihre Hälſe ſchlan⸗ gen, dieſe Blumen an ihre Ohren hingen, war dieß ein Geplapper und ein Geſchwatze, als ob ein Schwarm Waſſervögel ſich auf einen See niederge⸗ laſſen hätte und um die Wette zwitſcherte. „Lieber Freund,“ ſagte der Chevalier mit dem Finger auf eines der Mädchen deutend,„da iſt ſie.“ „Wer?“ fragte der Capitän. Der Chevalier erröthete; er hatte die ſchöne Schläferin von der vergangenen Nacht, die reizende Wirthin vom Morgen erkannt; er vergaß, daß er 150 dem Capitän von ſeinem Traume Nichts geſagt hatte, und er zeigte ihm die ſchöne Mahaouni. Der Capitän, der nicht dieſelben Gründe wie der Chevalier hatte, um ſie ſogleich zu bemerken, wiederholte ſeine Frage. „Wer?“ ſagte er zum zweiten Mal. „Niemand,“ ſagte der Chevalier, indem er einen Schritt zurücktrat. Man hätte glauben können, dieſes Zurücktreten des Chevalier ſei das Signal, auf welches die Waſſerſitzung aufgehoben werden müſſe. Im Nu ſtanden die dreißig Badenden auf den Beinen. Sie ſprangen auf eine kleine Raſeninſel, wo ihre Kleider lagen, und ließen einen Augenblick das Waſſer über ihre ſchönen Körper, wie über eherne Statuen herabrieſeln; dann trocknete das Waſſer allmählig, die Tropfen wurden ſeltener, man hätte die Perlen zählen können, die von der Stirne auf die Wangen und von den Wangen auf den Buſen floſſen. Endlich flocht Jede ihre Haare wie Venus Aſtarte, als ſie dem Meer ennſtiegen, zog ihr Kleid an, ſchlang ihre Schärpe um ihre Hüften und ſchlug träge den Weg nach ihrem Hauſe wieder ein. Der Capitän machte ſeinem Freund bemerklich, daß dieß die Stunde des Frühſtücks ſei; er zündete ſeine Cigarre an, bot aus Gewohnheit Dieudonné eine an, die jedoch abgelehnt wurde— die Stifts⸗ fräulein, in deren Mitte er erzogen wurde, hatten den Tabak verabſcheut— und nun ſchlug man den Weg nach dem Hauſe wieder ein. Sei es Zufall, ſei es Gewohnheit der Orienti⸗ 151 rung, der Capitän nahm den kürzeſten Weg, ſo daß man die ſchöne Mahaouni, die aus Nachläſſigkeit den längſten genommen hatte, unterwegs einholte. Als ſie die beiden Freunde erblickte, blieb ſie am Rande des Wegs ſtehen, auf einer ihrer Hüf⸗ ten übergebogen, in einer jener Poſen, welche die Mädchen ganz allein annehmen und die ein Maler niemals von ſeinem Modell erlangen würde. Es ſchien ſie nach der von Dieudonné verſchmäh⸗ ten Wolluſt der Cigarre zu gelüſten und ſie ſagte zum Capitän: „Ma ava ava iti.“ Was auf taitiſch bedeutete:„Mir Cigaxre, Kleiner.“ Der Capitän verſtand die Worte nicht, da aber das junge Mädchen die Bewegung des Einathmens und Ausſtoßens von Rauch machte, ſo begriff er die Geberde. 3 Er zog eine Cigarre aus ſeiner Taſche und gab ſie ihr. „Nar, nar,“ ſagte ſie, die unberührte Cigarre zurückweiſend und auf die brennende im Munde des Capitäns deutend. Dumesnil begriff, daß das launiſche Kind die brennende Cigarre verlangte. Er gab ſie ihr. Die Taitierin nahm raſch zwei Züge, die ſie ſogleich ausſtieß. Dann ſog ſie einen dritten ein, den ſie ſo voll 3 als möglich machte. Hierauf grüßte ſie den Offizier kokett und ent⸗ fernte ſich, den Kopf zurückgeworfen und mit dem —õ 1⁵² Rauch, den ſie im Munde mitnahm und ſenkrecht in die Luft ſtieß, Ringchen machend. Alles das war von den Hüftenbewegungen be⸗ gleitet, von welchen der Capitän bis jetzt geglaubt hatte, daß nur die Spanierinnen das Geheimniß derſelben beſäßen. Dumesnil warf einen Blick ſeitwärts auf ſeinen Freund, der mit geſenkten Augen einherging und ganz leiſe einen Namen murmelte. Es war der Name Mathilde. Nur bemerkte Dumesnil mit einer gewiſſen Be⸗ friedigung, daß Dieudonné den Namen, den er ſonſt laut ausgeſprochen, ſeit einiger Zeit nur noch leiſe ausſprach. Als das junge Mädchen ihren letzten Rauchpuff ausgeſtoßen hatte, löste ſie ihre Schärpe von ihren Hüften, ſpannte ſie mit der ganzen Breite ihrer beiden Arme über ihren Kopf aus und verſchwand an der Ecke eines Citronenwäldchens. Es war, als ob ein Schmetterling dahinflöge. Als die beiden Freunde ins Haus kamen, fan⸗ den ſie ihren Tiſch gedeckt. Es war wie Tags zuvor eine Schnitte von der Frucht des Brodbaumes, eine unter der Aſche ge⸗ kochte Maniocwurzel, Früchte aller Art, Milch und Butter. Niemand war da; man hätte glauben können, der Tiſch ſei von Feenhänden gedeckt worden. Aber es ſcheint, daß die Frühſtücksſtunde der Wirthin mit der Stunde der Gäſte zuſammentraf, denn Dieudonné, der ſich ſo geſetzt hatte, daß er die Wände der Hütte ſah, bemerkte, daß das junge 153 Mädchen ſich auf ihre Zehen ſtellte, ein an den erſten Zweigen einer Gardanie hängendes Körbchen herabnahm, dann ſich mit dem Rücken an den Baum⸗ ſtamm lehnte und ihr Frühſtück herauszunehmen anfing. Daſſelbe beſtand aus einem halb Dutzend Fei⸗ gen, dem vierten Theil einer melonenähnlichen Frucht, einem Stück von einem Fiſch, der in einem Bananen⸗ blatt unter der Aſche gekocht war, und einer Schnitte von der Frucht des Brodbaumes. Der Chevalier vergaß ſelbſt zu eſſen, als er Mahaouni eſſen ſah. Dumesnil bemerkte die Zerſtreutheit ſeines Ge⸗ fährten; er drehte den Kopf um und ſah, wie das junge Mädchen frühſtückte, ohne an ſie Beide zu denken.. „Ah!“ ſagte der Capitän,„Du betrachteteſt un⸗ ſere Wirthin?“ Der Chevalier erröthete. „Ja,“ ſagte er. 3 „Soll ich ihr ſagen, ſie möge herkommen und mit uns frühſtücken?“ „O nein, nein,“ machte der Chevalier;„ich dachte blos, daß es unter dieſen Bäumen ganz gut und friſch ſein muß.“ „Wollen wir hingehen und mit ihr frühſtücken?“ „Nicht doch, nicht doch,“ antwortete der Cheva⸗ lier,„wir ſind ganz gut hier, nur laß uns die Plaͤhe wechſeln; die Sonne thut mir in den Augen weh.“ Der Capitän ſchüttelte den Kopf. Augenſchein⸗ lich errieth er, welche Sonne den Chevalier blendete. — Er wechſelte mit ihm, ohne irgend eine Bemer⸗ kung zu machen. Nach dem Frühſtück fragte der Chevalier: „Was thun wir jetzt?“ „Ganz natürlich,“ antwortete der Capitän,„was man hier zu Lande nach dem Frühſtück thut: man hält Sieſta.“ „Oh,“ ſagte der Chevalier,„ich habe in der That heute Nacht ſehr ſchlecht geſchlafen und bin ganz erſchöpft.“ „Die Sieſta wird Dich herſtellen.“ „Ich glaube es.“ Sie gingen alſo aus, um einen paſſenden Platz zu ſuchen, da die Sieſta im Freien weit angenehmer iſt als in den Hütten, ſo luftig dieſe auch ſein mögen. Nur wünſchte der Chevalier in ſeinem Schlaf nicht geſtört zu werden. Der Capitän bezeichnete ihm den Garten neben dem Hauſe als den ſicherſten Ort. Sie durchſchritten ihn zuſammen, um nach einem Plätzchen zu ſuchen, das ihnen zuſagen würde. Der Chevalier blieb vor einer weichen Raſen⸗ ſchichte ſtehen; ſie wurde von Gardanienzweigen beſchattet, die bis auf die Erde herabhingen und eine Art von Zelt bildeten. Eine Quelle friſchen und reinen Waſſers, die unter den Wurzeln der Gardanie hervorrieſelte, machte dieſen Raſen, welcher den Chevalier anzog, etwas feucht. 3 Dumesnil, der ſich mehr als ſein Freund mit den materiellen Dingen beſchäftigte, hatte ſich mit 1⁵⁵ einer großen Matte verſehen und breitete dieſelbe jetzt über den ganz beperlten Raſen aus. „ Bleib hier,“ ſagte er,„da der Ort Dir ge⸗ fällt; ich werde ſchon ein anderes Plätzchen finden, wo der Schatten eben ſo dicht und der Raſen tro⸗ cken iſt.“ Dieudonné machte ſelten eine Einwendung, wenn ſein Freund Etwas entſchieden hatte: er breitete die Matte, auf welche man vier Perſonen hätte legen können, ſorgſam aus, gab wohl Acht, daß ſie auf keinen Kieſelſtein zu liegen kam, bemerkte jetzt erſt ihre Größe und drehte ſeinen Kopf, um dem Capi⸗ tän zu ſagen, daß ſeines Erachtens für Beide Platz genug ſei. Aber der Capitän war bereits verſchwunden. Der Chevalier beſchloß alſo die Matte ganz allein zu benützen. Er zog ſeinen Rock aus, rollte ihn zuſammen und machte ſich ein Kopfkiſſen dar⸗ aus; dann betrachtete er einige Zeit die vergeblichen Bemühungen, welche die Sonne machte, um zwiſchen den Gardanienzweigen durchzudringen, beobachtete die Bewegungen zweier Vögel, die aus einem und demſelben Saphir geſchnitten ſchienen, ſchloß ſeine Augen, öffnete ſie von Neuem, ſchloß ſie wieder, ſeufzte und ſchlief ein. XII. Wie der Cheyalier de la Graverie ſchwimmen lernte. Der Schlaf bot keine ganz ſichere Zuflucht gegen die Träume, welche den Chevalier ſchon ſeit geſtern in vollkommen wachendem Zuſtand heimſuchten. 156 Auch dießmal war ſein Schlummer höchſt auf⸗ geregt. 5 Vor allen Dingen ſah er die ſchönen Schwim⸗ merinnen von geſtern wieder; nur endeten ſie, wie die Sirenen vom Cap Circe, als Fiſche und hielten, die Eine eine Leier, die Andere einen Cyſtus, kurz Alle irgend ein Inſtrument in der Hand, womit ſie eine bezaubernde Stimme voll von Verheißungen der Liebe begleiteten; aber der Chevalier, der in den mythologiſchen Traditionen des achtzehnten Jahr⸗ hunderts eingewiegt war und die Gefahr eines ſol⸗ chen Concerts kannte, wandte ſeinen Kopf ab und ſtopfte ſich wie Ulyſſes die Ohren zu. Dann landete er; wo? wußte er nicht; ohne Zweifel in Thebä oder in Memphis; denn auf ſeinem Weg ſah er rechts und links auf marmornen Piedeſtalen jene Ungeheuer mit Löwenleibern, aber Frauenbrüſten und Köpfen, Symbole der Weisheitsgöttin Neith, zuſammengekauert, welche das Alterthum mit dem Namen Sphinx getauft hat; nur waren dieſe Sphinxe, ſtatt wie ihre Piedeſtale von Marmor zu ſein, lebendig, obſchon an ihre Plätze gefeſſelt; ihre Augen öffneten und ſchloſſen ſich, ihre Brüſte hoben und ſenkten ſich, und es wollte den Chevalier be⸗ dünken, als bedeckten ſie ihn mit einem Blick der Liebe. Endlich erhob eine von ihnen mit Anſtren⸗ gung die Tatze und ſtreckte ſie gegen den Chevalier aus, der, um die Berührung zu vermeiden, einen Sprung auf die andere Seite machte; nun aber erhob eine zweite Sphinx ihre Tatze, und als die andern Sphinxe dieß ſahen, thaten ſie Alle zuſam⸗ men daſſelbe. 157 Und dennoch war es augenſcheinlich, daß die egyptiſchen Ungeheuer— die Sanftheit ihrer Blicke und das Wallen ihrer Buſen bewies es deutlich — keine ſchlimmen Abſichten mit dem Chevalier hatten. Im Gegentheil. Aber der Chevalier ſchien das Wohlwollen der Ungeheuer mehr zu fürchten als ihren Haß. Er beſann ſich, wohin und wie er fliehen ſollte. Dieß war nichts Leichtes; die giedeſtale hatten ſich, wie von einer großen Maſchine getrieben, in Bewegung geſetzt, und er war vollſtändig einge⸗ ſchloſſen. In dieſem Augenblick ſchien es dem Chevalier, als ob ſich in ſeiner Nähe eine Wolke in Geſtalt jener Glorienwagen bildete, auf welchen im Theater die ſchlafenden Prinzeſinnen herabkommen. Dieſe Wolke ſchien nur darauf zu warten, bis der Che⸗ valier ſich in ihr niederlegte, um dann die Erde zu verlaſſen. Und da die Augen der Ungeheuer immer zärt⸗ licher wurden, da ihre Buſen immer ſtärker wallten, ihre Klauen beinahe ſeinen Rockkragen berührten, ſo bedachte ſich der Chevalier nicht länger: er legte ſich auf ſeine Wolke und entfloh mit ihr. Aber jetzt ſchien es dem armen Dieudonné, als ob die Wolke ſich belebte, als ob ihre Flocken nichts Anderes als ein Gaskleid wären; als ob der feſte Theil auf welchem er lag ein Körper wäre, als ob dieſer Körper, welcher gleich dem der Iris, der Botin der Götter, den Raum durchſchritt, einem ſchönen jungen Mädchen mit runden Gliedern, zuckendem Fleiſch und flammendem Athem an⸗ gehörte. Sie hatte den Chevalier gerettet, aber für ſich ſelbſt; ſie entführte ihn, aber in ihre eigene Grotte; ſie legte ihn auf ein Bett von feinem Sand, aber ſie legte ſich an ſeine Seite; und als ob ihr Athem in die irdiſche Bruſt das Feuer gießen ſollte, das in ihrer göttlichen Bruſt brannte, ſchien die ſchöne Botin ihm das Feuer ihres Herzens auf die Lippen zu blaſen. Die Empfindung war ſo lebhaft, daß der Che⸗ valier einen Schrei ausſtieß und erwachte. Es war nur halb ein Traum geweſen. Mahaouni lag neben ihm, und der Athem der jungen Taitierin war es, der ihn brannte. Wie der Chevalier, ſo hatte auch Mahaouni nach ihrem Frühſtück ein Plätzchen geſucht, wo ſie ihre Sieſta halten konnte. Sie hatte den am reizendſten Plätzchen des Gartens ſchlafenden Chevalier bemerkt, wie er auf einer Matte lag, die für eine einzige Perſon drei⸗ mal zu groß war, und nun hatte das herrliche Naturkind nichts Böſes daran geſehen, wenn es auf ein paar Stündchen denjenigen Theil der Matte von ihm entlehnte, deſſen er ſich nicht bediente. Und auf dieſem Theil der Matte war ſie ein⸗ geſchlafen und hatte dabei ſo wenig etwas Schlim⸗ mes gedacht, als ein Kind neben ſeiner Mutter. Nur wurde auch ſie während ihres Schlafes ohne Zweifel durch irgend einen Traum aufgeweckt, ihr Arm hatte ſich ausgeſtreckt, ihre Bruſt hatte ſich 159 gehoben und ihr flammender Athem hatte die Lip⸗ pen des Chevalier gebrannt. Sie ſchlief noch immer. Der Chevalier machte auf die zarteſte Weiſe den um ſeine Schulter geſchlungenen Arm des jungen Mädchens los, rückte mit der größten Be⸗ hutſamkeit von der Welt von ihr weg und richtete ſich mühſam auf ſeine Füße auf: dann aber, als er einmal auf ſeinen Beinen ſtand, begann er Ferſengeld zu geben, ohne ſelbſt zu wiſſen wohin er rannte, und ließ ſeinen Rock zurück, den er als Kopfkiſſen für ſich niedergelegt hatte und den für den Augenblick Mahaouni als ſolches benützte. Der Chevalier entfloh gegen das Meer zu und machte erſt Halt, als dieſes ihm ſein Weiterrennen verwehrte. Es war ungefähr ein Uhr Nachmittags, d. h. die Sonne ſtand an ihrem Zenith, ſie verſengte den Fünmel und in Folge der Rückwirkung auch die rde. Der Chevalier bedachte, welchen ſüßen Genuß, welche liebliche Wolluſt die Schwimmer empfinden müſſen, die gleich den Fiſchen oder den taitiſchen Weibern zwiſchen zwei Waſſern hingleiten können. Erſt jetzt bedauerte er beinahe ſchmerzlich, daß er dieſen unerläßlichen Theil der Erziehung eines Man⸗ nes nicht ſtudirt hatte. Aber ohne das Schwimmen zu verſtehen, konnte er ſich nichtsdeſtoweniger an der Friſche des Waſ⸗ ſers erlaben; er hatte in den Krümmungen des Ufers natürliche Grotten bemerkt, wo das Meer eine Art von Badwannen bildete. Hier fanden ſich die zwei Wonnen, die er ſuchte, der Schatten und die Friſche. Der Chevalier beſchloß davon zu profitiren. Er ging am Ufer hinab, eine Operation die bei dem niedrigen Waſſer nicht ohne Schwierigkeit war, und als ob er das Zauberſtäbchen einer Fee zur Erfüllung ſeiner Wünſche in der Hand gehabt hätte, fand er eine Grotte, die ihm nach dem Muſter der bexühlen Grotte der Göttin Calypſo ausgehauen ſchien. Er betrachtete ſie von allen Seiten, ob ſie nicht bewohnt ſei. Die Grotte war gänzlich verlaſſen. Der Chevalier bedachte alſo, daß ſeine Scham⸗ haftigkeit keine Gefahr laufe; er zog ſeine Klei⸗ dungsſtücke, eins ums andere, aus, legte Alles in eine Miniaturgrotte die ſich neben der großen be⸗ fand, befühlte den Boden mit dem Fuß und begab ſich unter den vom Felſen beſchriebenen Bogengang. An der tiefſten Stelle fand der Chevalier das Waſſer kaum drei Fuß hoch. Dieſes laue Waſſer, das aber durch den vom überhängenden Felſen verbreiteten Schatten erfriſcht wurde, gewährte ihm eine der wonnigſten Empfin⸗ dungen, an denen er ſich jemals erfreut hatte. Er fragte ſich, wie es möglich ſei, daß ein Menſch nicht ſchwimmen könne. Aber er antwortete ſich, daß man um ſchwim⸗ men zu lernen ſich andern Menſchen beinahe nackt zeigen müſſe, und Dieudonné war, Dant den Stifts⸗ fräulein, in ſolchen Ideen von Schamhaftigkeit er⸗ zogen worden, daß ihn ſchon bei dem Gedanken 161 mit Dumesnil zu ſchwimmen, der doch ſein beſter Freund war, ein kalter Schauder überlief. Zum Glück hatte er dieſe Grotte entdeckt; er gedachte Niemand davon zu ſagen und einen Theil ſeiner Tage da zuzubringen, denn das Wohlbehagen das er hier empfand, war ſo groß, daß es ihm jeden andern Genuß erſetzen konnte. Offenbar verlangt der Geiſt ſelbſt keine Zer⸗ ſtreuung, wenn das materielle Wohlbehagen von der Art iſt, daß der Menſch an allen ſeinen phyſi⸗ ſchen und intellectuellen Fähigkeiten nicht zu viel hat, um es gebührend zu würdigen. Der Chevalier blieb alſo ein paar Stündchen in eine Seligkeit verſenkt, die ihm nicht einmal ge⸗ ſtattete die Zeit zu bemeſſen. Auf einmal wurde er dieſer Art von Extaſe durch das Getöſe entriſſen, womit ein ſchwerer Kör⸗ per in das Waſſer fiel. Er hatte unbeſtimmt irgend etwas in der Luft vorbeikommen geſehen, aber es war ihm unmöglich zu erkennen was. f Nach einer Weile ſah er einen lachenden Kopf auf der Oberfläche des Meeres zum Vorſchein kommen. Es war Mahaouni. Sie ſprach einige Worte, welche ein Aufruf an ihre Gefährtinnen zu ſein ſchienen. Der Aufruf war nicht vergebens. Ein Körper durchflog mit Blitzesſchnelligkeit den Raum und vertiefte ſich mit demſelben Geräuſch, das der Chevalier bereits gehört hatte, im Waſſer. Dumas, Black. I. 11 162 Dann ein drilter, dann ein vierter, dann zehn, dann zwanzig. Es waren all die ſchönen Faullenzerinnen, welche der Chevalier am Morgen ein Flußbad hatte neh⸗ men ſehen, und die jetzt, um einige Abwechslung in ihre Vergnügungen zu bringen, ein Seebad nah⸗ men. Alle Köpfe kamen, einer nach dem andern, wieder zum Vorſchein; dann überließen ſich dieſe Töchter Amphitritens, wie ein griechiſcher Dichter geſagt haben würde, ihrem Lieblingsvergnügen, dem Schwimmen. Dieudonné ſah ſie, aber ſie konnten ihn nicht ſehen, da er im Schatten ſeiner Grotte verborgen war. Eine zweite Stunde verging, und wir müſſen geſtehen, das der Chevalier ſie nicht länger fand, als die erſte. Ja, er widmete dem Schauſpiel das er vor Au⸗ gen hatte eine ſolche Aufmerkſamkeit, daß er das Zunehmen des Waſſers erſt dann bemerkte, als es ihm bis unter die Achſelhöhlen kam. Es war ganz einfach die Fluth, die eintrat. Dieudonné hatte an dieſe Erſcheinung nicht ge⸗ dacht, und empfand eine wirkliche Unruhe erſt dann, als er ſeine Kleider auf der Oberfläche des Waſſers ſchwimmen ſah. Da die Grotte, wo der Chevalier ſie abgelegt hatte, niedriger war als die andere, ſo war das Meer zuerſt in dieſe eingedrungen und hatte ſeine Kleider fortgenommen. Als der Chevalier dieſelben auf den Wogen ſich ſchaukeln ſah, wollte er rufen; aber dadurch hätte 7 163 er den Frauen ſeine Anweſenheit verrathen, und ſo wagte er es nicht. Hätte er ſeine Kleider die jetzt davon ſchwam⸗ men wenigſtens auf dem Rücken gehabt, ſo würde er kein Bedenken getragen haben ſich vor ihnen zu zeigen; denn ſie ſchienen ihm keine Göttinnen zu ſein, die ihn wie Actäon beſtraft haben würden. Aber wenn er angekleidet geweſen wäre, ſo hätte er wohl keinen Grund gehabt zu rufen. Der Chevalier täuſchte ſich, denn ſeine Lage wurde bedenklich. Das Waſſer das ihm kaum bis an den Gürtel gereicht hatte, als er die Grotte betreten, war all⸗ mählig bis unter ſeine Achſelhöhlen geſtiegen und drang ihm bereits bis ans Kinn. Allerdings konnte er, wenn er noch einige Schritte zurückging, einen Fuß gewinnen. Aber der Chevalier begann ſeine Lage zu be⸗ greifen. Die Fluth war im Anzug. Und indem er um ſich ſchaute, konnte er ſehen, wie hoch das Waſſer in der Grotte ſteigen würde. Bei voller Fluth bekam er vier Fuß Waſſer über ſeinen Kopf. Der Chevalier war einer Ohnmacht nahe; ein kalter Schweiß rann ihm über die Stirne. In dieſem Augenblick erhoben die Schwimmerin⸗ nen ein lautes Geſchrei; ſie hatten ſo eben ſeine Kleider bemerkt. Da ſie nicht wußten, was dieſe Kleider beſagen wollten, ſo ſchwammen ſie Alle nach der Grotte. Aber ſtatt ſie um Hilfe anzurufen, zog ſich 11* 164 Dleudonde voll Scham ſo weit als nur möglich zurück. Die Mädchen ergriffen, die Eine die Weſte, die Andere die Hoſen, eine Dritte das Hemd, und ſchie⸗ nen ſich zu fragen, wie dieſe Kleider hierherkämen. Man konnte ſich hierüber nicht täuſchen, es wa⸗ ren Kleider eines Europäers. Der Chevalier hatte gute Luſt ſeine Kleider zu⸗ rückzuverlangen; aber was hätte er auch damit ma⸗ chen können, da ſie ganz durchnäßt waren? Er hätte nur noch einen Pack mit ſich zu retten gehabt, und er beſaß bereits keine Ausſichten mehr ſich ganz allein zu retten. Das Waſſer ſtieg unaufhörlich. Der Chevalier ſah ein, daß es ihm in zehn Minuten über dem Kopf zuſammenſchlagen mußte. Eine Woge, die höher kam als die andern, be⸗ deckte ſein Geſicht mit Schaum. Der Chevalier ſtieß inſtinktmäßig einen Schrei aus. Dieſen Schrei hörten die Schwimmerinnen. Eine zweite Woge folgte auf die erſte. Dieudonné dachte an den Capitän, und als hätte dieſer ihn hören können, rief er: „Hierher, Dumesnil, zu Hilfe! zu Hilfe!“ Die Schwimmerinnen verſtanden die Worte nicht, aber in ihrer Betonung lag etwas ſo Klägliches, daß ſie erriethen, der Rufende müſſe in Todesgefahr ſchweben. Das Geſchrei kam offenbar von der Grotte her. Eine von ihnen ſchwamm unter dem Waſſer hinein. N 7 165 Auf einmal ſah der Chevalier zwei Schritte vor ſich einen Kopf ſich emporrichten. Es war Mahaouni. Sie errieth aus ſeinem verſtörten Geſicht die Lage, worin er ſich befand. Sie that einen Nothſchrei; alle ihre Gefähr⸗ tinnen eilten herbei. Der Chevalier befand ſich juſt in derſelben Lage wie Virginie auf dem Verdeck des St. Geran: ſie war gerettet, wenn ſie die Hilfe des nackten Ma⸗ troſen annehmen wollte, der ſich erbot ſie ans Ufer zu tragen; ſie war verloren, wenn ſie ſich weigerte. Die Taitierinnen gaben Dieudonné durch ihre Geberden zu verſtehen und ſuchten ihm auch durch Worte begreiflich zu machen, daß er ſich nur an ſie anzulehnen brauche und daß ſie ihn ans Land tra⸗ gen würden. Zwei von ihnen bildeten feſt verſchlungen eine Art von Floß, auf den er ſich legen konnte, wäh⸗ rend er ſich mit beiden Händen an den Schultern der beiden Schwimmerinnen feſtzuhalten hatte. Laſſen wir dem Chevalier die Gerechtigkeit wider⸗ fahren, daß er einen Augenblick Bedenken trug, daß er einen Augenblick die keuſche Abſicht hatte eben ſo zu ſterben wie die Jungfrau von der Isle de France. Aber die Liebe zum Leben ſiegte ob. Er ſchloß ſeine Augen, legte ſich auf den beweglichen Floß, ſtemmte ſeine Hände auf die runden Schultern der ſchönen Nymphen und ließ ſich wegtragen. Murmelte er den Namen Mathildens? Wir waren nicht dabei, ſo daß wirs hätten 166 hören können, und wir möchten nicht dafür gut⸗ ſtehen. Drei oder vier Monate nach dieſem Ereigniß, von welchem Dieudonné dem Capitän kein Wort geſagt hatte, fiel der Chevalier, als er mit ſeinem Freunde auf Seevögel Jagd machte und ſich un⸗ vorſichtig über den Nachen hinaus beugte, ins Meer. Der Capitän ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, warf ſchnell Camiſol und Weſte ab und wollte ſich ihm nachſtürzen. Aber in dem Augenblick, wo er dieſen Act der Hingebung ausführen wollte, ſah er zu ſeinem großen Staunen, wie der Chevalier mittelſt eines kräftigen Fußſtoßes ins Waſſer auf die Oberfläche zurückkam und dann nicht wie eine rothgerockte Landratte, ſondern wie eine ehrliche Theerjacke mit geſpreitzten Armen zu arbeiten anfing. Dumesnil war über dieſen Anblick ſo verblüfft, daß er nicht blos ſtumm, ſondern unbeweglich ſte⸗ hen blieb. „Nun,“ ſagte Dieudonné,„reich mir doch die Hand, daß ich wieder in den Nachen ſteigen kann.“ Dumesnil reichte ihm die Hand; der Chevalier ſtieg wieder ein. „Aber wo zum Tanie haſt Du denn ſchwim⸗ men gelernt?“ fragte ihn Dumesnil. Dieudonné wurde bis über die Ohren roth. „Ah, Duckmäuſer!“ ſagte der Capitän. Dann fügte er unter lautem Lachen hinzu: „Nun, Du mußt jedenfalls zugeben, daß dieß hier Schwimmmeiſter ſind, welche denen von De⸗ ligny nicht nachſtehen.“ N 167 3 Dieudonné antwortete nicht; aber die Gewandt⸗ heit, womit er ſich aus der Gefahr gezogen, be⸗ wies, daß der Capitän Recht hatte. XIII. Der Menſch denkts, Gott lenkts. Drei Jahre verfloſſen in dieſem irdiſchen Pa⸗ radies; nach Verfluß dieſer drei Jahre war Dieu⸗ donné, wenn auch nicht vollſtändig, doch beinahe geheilt von der tiefen Melancholie, die er aus Frankreich mitgebracht hatte. Die ganze Ehre dieſer moraliſchen Quaſiheilung mußte dem Capitän zufallen, wie die Ehre der phyſiſchen Heilung dem Arzte zukommt. Allerdings hatten Beide diejenigen Mittel angewandt, welche die Mutter Natur ihnen an die Hand gab; allein dieſe Mittel waren im Ganzen genommen doch nur die Medicamente: der wahre Heiler war Derjenige, welcher ihre Anwendung geleitet hatte. Der Chevalier ſchien alſo glücklich; wenn er Mathildens Namen noch ausſprach, ſo geſchah es nur noch im Traum. Im wachen Zuſtand war ſein Wille ſtärker, und wenn dieß keine Heilung war, ſo war es doch wenigſtens ein Sieg. Nicht ein einziges Mal während dieſer drei Jahre war von der Rückkehr des Chevalier nach Frankreich die Rede geweſen; nicht ein einziges Mal hatte er, wie es ſchien, an die Heimath ge⸗ dacht, wenigſtens hatte er ſich nicht nach ihr zurück⸗ geſehnt. 168 Allerdings hatte der Capitän, der beſtändig auf der Lauer war, um ſeinem Freund eine Zerſtreu⸗ ung zu verſchaffen, der ſtets nach Dingen ſuchte, die ihm gefallen konnten, der ihm fortwährend all die Sorgſamkeit und Zuvorkommenheit widmete, woran ſeine Erziehung und ſein häusliches Leben ihn gewöhnt hatten, nie ſeine Stirne ſich verdüſtern laſſen, ohne daß er ſie durch den heitern Humor ſeiner Jugend, den er zu bewahren gewußt, zu ent⸗ runzeln verſuchte; kurz, Dumesnil hatte ſich nicht eine einzige Minute lang der durch ſeine Gewiſſens⸗ biſſe ihm auferlegten Rolle nicht gewachſen gezeigt. Bei den liebreichen Neigungen des Chevalier de la Graverie muß man begreifen, wie theuer und beſonders wie nothwendig ihm der Freund gewor⸗ den war, dem er die Ruhe ſeines Herzens ver⸗ dankte. Das große Kind bedurfte fortwährend einer Mutter oder wenigſtens einer Amme. Dieudonné hatte daher auch vollſtändig die Ge⸗ wohnheit verloren, ſich moraliſch und phyſiſch ſelbſt zu leiten. 3 Er lebte, liebte, genoß für ſich allein, der Ca⸗ pitän aber war genöthigt für Beide zu denken. Eines Abends, als ſie zuſammen ſpazieren gin⸗ gen und der Capitän rauchte, der Chevalier Zucker⸗ ſtückchen knaupelte, inmitten dieſer anbetungswürdi⸗ gen weiblichen Bevölkerung, die von dem Einen den Ueberfluß ſeiner Zuckerſtückchen, von dem Andern den Reſt ſeiner Cigarrenſtümpchen, von Zeit zu Zeit auch noch obendrein ein Gläschen Cognac ver⸗ langte und das Alles mit Wohlgerüchen, Küſſen 169 und Liebe vergalt, fühlte ſich der Capitän plötzlich unwohl. Bei ſeiner herculiſchen Geſundheit achtete er nicht darauf und wollte ſeinen Spaziergang fort⸗ ſetzen; aber nach einer Weile verſagten ihm die Beine, Schweiß bedeckte ſeine Stirne und er fühlte ſich ſo ſchwach, daß er beinahe umfiel und man ihm einen Stuhl bringen mußte, während ſein Freund ihn aufrecht hielt. Es war kein Widerſtand möglich: irgend eine Krankheit erklärte ſich mit Symptomen von er⸗ ſchreckender Heftigkeit. Der Chevalier verlangte mit lautem Geſchrei nach einem Arzt. Um jene Zeit, welche der engliſchen Invaſion und dem franzöſiſchen Protectorat voranging, gab es keine Garniſon auf der Inſel und folglich auch keine Aerzte, außer eingebornen Charlatanen, die mittelſt gewiſſer Kräuter und gewiſſer Worte zu heilen behaupteten und vielleicht.— wenn es eine Hypotheſe gibt, bei welcher der Zweifel erlaubt iſt, ſo iſt es dieſe— ſo gut heilten wie Doctoren mit Hut und Diplom. Mahaouni, welche ſtets geneigt war dem Che⸗ valier alle Dienſte zu erweiſen, die in ihrer Macht ſtanden, erbot ſich einen dieſer Empiriker zu holen; aber der Chevalier, der es ſo weit gebracht hatte, daß er geläufig taitiſch ſprach, erklärte, er wolle einen europäiſchen, wo möglich einen franzöſiſchen Arzt, und da Schiffe von allen Nationen im Hafen lagen, unter andern ein franzöſiſches, das Tags — zuvor ſignaliſirt worden, ſo verlangte er, man ſolle dort Hilfe nachſuchen. Mahaouni ließ ſich zwei⸗ oder dreimal das be⸗ treffende Wort franzöſiſch wiederholen, bis ſie es deutlich ausſprechen konnte, dann eilte ſie fort, ſtürzte von der uns wohl bekannten Grotte herab köpflings ins Meer und ſchwamm mit der Schnellig⸗ keit eines Goldbraſſen nach dem Schiff, das ſich durch ſeine dreifarbige Fahne als franzöſiſch auswies. Dieſe letztere Zeile zeigt an, daß während des Aufenthalts unſeres Chevalier in Taiti die Revo⸗ lution von 1830 eingetreten war; aber dieſe Ver⸗ änderung, die, wenn der Chevalier in Frankreich geblieben wäre, höchſt wahrſcheinlich gar manche Dinge in ſeinem Leben über den Haufen geworfen hätte, ging jetzt, wo er ſich dreitauſend fünfhundert Meilen von Paris wegbefand, beinahe unbemerkt an ihm vorüber. Als Mahaouni in die Nähe des Dauphin kam — ſo hieß das franzöſiſche Schiff— hob ſie ihren ſchönen Rumpf aus dem Waſſer empor und rief aus Leibeskräften, obſchon in einem unendlich wei⸗ chen bittenden Ton:— „Ein Midissin! ein Midissin!“ Trotz der leichten Veränderung, welche die Tai⸗ tierin in dem Wort vorgenommen hatte, begriff der Capitän vollkommen, was ſie verlangte; er glaubte, die Königin Pomare ſei krank, und befahl dem Doc⸗ tor des Dauphin, einem jungen Mann von ſechs bis ſiebenundzwanzig Jahren, der ſeine erſte Reiſe machte, ſich ans Land zu begeben. Als Mahaouni den Nachen herablaſſen ſah und ☚ N ꝗ 8 — —-—— ð— 8 82* 171 in demfelben den Arzt erblickte, errieth ſie, daß man ſie begriffen hatte, ließ ſich aber trotz aller Vorſtellungen des jungen Doctors nicht bewegen zu ihm in die Barke zu ſteigen, ſondern tauchte unter, kam zwanzig Schritte von da wieder zum Vorſchein, tauchte von Neuem unter, kam in wei⸗ terer Ferne abermals zum Vorſchein und ſtieg lange vor der Barke mit ihren vier Ruderern in Papaeti ans Land. Dann lief ſie ſogleich in die Hütte der beiden Freunde, die eine der nächſten am Ufer war, und rief ihnen zu: 3 „Midissin, Midissin!“ Hierauf kehrte ſie ans Ufer zurück, um dem Doctor den Weg zu weiſen. Die Barke war gewiſſermaßen der von der jun⸗ gen Schwimmerin gezogenen Furche gefolgt und kam am Ufer an, als dieſe ſelbſt wieder dort eintraf. Der junge Doctor ſprang ans Land, folgte ſeiner Führerin und befand ſich in einigen Secun⸗ den vor der Hütte.. Der Chevalier ſtürzte ihm entgegen, entſchul⸗ digte ſich, daß er ihn bemüht habe, und führte ihn ans Bett des Capitäns. Als der Doctor ſah, daß er es mit Franzoſen zu thun hatte, begriff er, warum die Botin vor⸗ zugsweiſe ſich an den Dauphin und nicht an irgend ein anderes Schiff gewendet hatte. Er machte alſo keine Frage, ſondern ging ge⸗ rade auf den Kranken zu. „Wie?“ ſagte er,„Sie ſinds, Capitän?“ 4 172 Der Capitän, der bereits’ von einer beinahe gänzlichen Erſchlaffung befallen war, ſchlug die Augen auf, erkannte den Doctor gleichfalls, reichte ihm lächelnd die Hand und ſagte mit Anſtrengung: „Ja, ich bins; Sie ſehen.“ „Allerdings ſehe ich,“ ſagte der Doctor,„aber es wird Nichts ſein. Muth! was empfinden Sie?“ Der Chevalier hätte gar zu gerne gewußt, wo⸗ her der Doctor und der Capitän einander kannten; als er aber ſah, daß Letzterer ſich anſchickte ſeine Empfindungen zu ſagen, verſchob er die Frage auf ſpäter. „Was ich empfinde,“ ſagte der Capitän,„iſt ſehr ſchwer zu ſagen. Ich wurde plötzlich von einem Unwohlſein befallen, worauf eine Erſchlaffung folgte, die mich zwang ins Haus zurückzukehren und mich augenblicklich ins Bett zu legen.“ „Und ſeit Sie im Bette ſind?“ „Seitdem habe ich Zuckungen, Zittern an allen Gliedern, bald Froſtſchauer, bald trockene Hitze gehabt.“ „Ein Glas Waſſer,“ verlangte der Doctor. Dann überreichte er es dem Patienten und ſagte: „Verſuchen Sie zu trinken.“ „Alles widert mich an,“ ſagte er,„und über⸗ dieß hält das Schlucken ſchwer.“ Der Doctor hielt zwei Finger ein wenig unter den Magen. Der Kranke ſtieß einen Schrei aus. „Sie haben noch nicht das Bedürfniß empfun⸗ den ſich zu erbrechen?“ fragte der Doctor. „Noch nicht,“ antwortete der Kranke. 173 Der Doctor ſuchte mit den Augen nach Papier und einer Feder. Natürlich war weder Papier noch Feder im Hauſe. Dumesnil verlangte ſein Reiſeneceſſaire. Man brachte es ihm. Er trug den Schlüſſel davon an ſeinem Halſe. Der Capitän öffnete es vorſichtig und wie wenn es Dinge enthielte, die man nicht ſehen dürfte; er zog Papier, Tinte und Feder heraus und gab Alles dem Doctor, worauf dieſer einige Zeilen ſchrieb⸗ und Jemand verlangte, um das Billet an den Kahn zu tragen. Es war ein Befehl an ſeinen Gehülfen, ihm augenblicklich aus der Apotheke der Brigg Opium, Aether, Münzwaſſer und Ammoniac zu ſchicken. Da Mahaouni den Ruderern nicht die noth⸗ wendigen Anweiſungen geben konnte, ſo übernahm es der Chevalier das Billet an die Barke zu bringen. Er gab den vier Matroſen einen Louisdor, da⸗ mit ſie ſich beeilen ſollten, und nun glitt augenblick⸗ lich das Schiff über die glatte Fläche der Rhede hin, jenen langfüßigen Spinnen gleich, welche die Oberfläche der Seen aufkratzen. Dann kam er in die Hütte zurück. Der Doctor war nicht mehr da; Dieudonné fragte, wohin er gegangen ſei; er hatte ſich durch Vermittlung des Capitäns an den Fluß führen laſſen. Den Chevalier drängte es ihn allein zu ſprechen. Er eilte ſeinen Spuren nach und fand ihn bis 12— an die Knie im Waſſer, eine Pflanze pflückend, die man Flußpoleon nennt. „Ah, Doctor,“ rief er ihm zu,„ich ſuchte Sie.“ Der Doctor grüßte den Chevalier und ging von Neuem an ſein Geſchäft wie ein Menſch, welcher begreift, daß man Auſſchlüſſe von ihm verlangen wird, während er doch fühlt, daß er keine ſehr aus⸗ gezeichneten zu geben vermag. „Sie kennen alſo den Capitän Dumesnil?“ drängte der Chevalier. „Ich habe ihn geſtern zum erſten Mal am Bord des Dauphin geſehen,“ antwortete der Doctor. „Am Bord des Dauphin? und was wollte er am Bord des Dauphin thun?“ „Er kam um zu ſehen, ob wir keine Nachrichten aus Frankreich hätten, und er beſtand ſo feſt dar⸗ auf mit einem unſerer Paſſagiere zu ſprechen, daß er, obſchon wir ihm ſagten, das gelbe Fieber ſei am Bord, durchaus heraufzukommen verlangte.“ Bei dieſen Worten des jungen Doctors wurde dem Chevalier Alles klar. „Das gelbe Fieber!“ rief er.„Dumesnil hat alſo das gelbe Fieber?“ „Ich fürchte es,“ antwortete der junge Mann. „Aber am gelben Fieber ſtirbt man,“ ſtammelte Dieudonné, am ganzen Leibe ſchaudernd. „Wenn Sie die Mutter, die Schweſter oder der Sohn des Capitäns wären, ſo würde ich Ihnen antworten: zuweilen! Sie ſind aber ein Mann, Sie ſind blos ein Freund, deßwegen antworte ich Ihnen: beinahe immer!“ 3 Der Chevalier ſtieß einen Schrei aus. 175 „Aber,“ fragte er,„ſind Sie gewiß, daß es das gelbe Fieber iſt?“ „Ich hoffe noch, daß es eine Magenentzündung iſt,“ antwortete der Doctor;„die erſten Symptome ſind dieſelben.“ „Und von einer Magenentzündung könnten Sie ihn curiren?“ „Ich hätte wenigſtens mehr Hoffnung.“ „O mein Gott, mein Gott!“ rief der Chevalier, indem er in Thränen ausbrach. Der junge Arzt betrachtete dieſen Mann, der wie ein Weib laut ſchluchzte und weinte. „Der Capitän iſt alſo ein Verwandter von Ih⸗ nen?“ fragte er. „Er iſt weit mehr als ein Verwandter,“ ſagte Dieudonné,„er iſt ein Freund.“ „Mein Herr,“ ſagte der Doctor, gerührt von dieſem großen Schmerz, indem er Dieudonné die Hand reichte,„vom Augenblick an, wo Sie ſich an mich gewandt haben, können Sie überzeugt ſein, daß es Ihrem Freund nicht an Pflege fehlen wird. In Frankreich ſind die Franzoſen nur Landsleute für einander; in der Fremde ſind ſie Brüder.“ „O mein Gott, mein Gott! Warum mußte er auch auf dieſes Schiff gehen? warum hat er mich nicht hingeſchickt? Wenn er mich geſchickt hätte, ſo wäre ich jetzt krank und nicht er; ich würde ſterben und nicht Dumesnil.“ Der Doctor betrachtete mit einer gewiſſen Be⸗ wunderung dieſen Mann, der ſo einfach Gott ſein deben darbot, um den Mann zu retten, den er iebte. ———— — — 176 „Mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„ich wiederhole Ihnen, daß ich noch nicht alle Hoffnung aufgegeben habe. Es kann eben ſo gut eine Magenentzündung ſein, als das gelbe Fieber, und eine Magenentzün⸗ dung können wir mit Aderläſſen bewältigen.“ „Wer iſt denn dieſer Paſſagier, mit dem er ſo viel zu thun hatte?“ „Einer ſeiner Freunde.“ „Dumesnil hatte keinen andern Freund als mich, wie ich keinen andern Freund hatte als ihn,“ ſagte der Chevalier melancholiſch. „Gleichwohl,“ verſetzte der Doctor,„haben ſie einander geküßt wie zwei Freunde, die hoch erfreut ſind ſich wiederzuſehen.“ „Und wie heißt dieſer Mann?“ fragte der Che⸗ valier. „Baron von Chalier,“ ſagte der Doctor. „Baron von Chalier, Baron von Chalier.... ich kenne dieſen Namen nicht. Ach, warum hat er nicht mich zu dieſem verdammten Baron von Cha⸗ lier geſchickt?“ „Ohne Zweifel,“ ſagte der junge Doctor mit Abſicht,„weil er ſelbſt mit ihm zu ſprechen wünſchte, weil er wahrſcheinlich nicht wollte, daß Sie den Schritt erfahren ſollten, den er that, weßhalb ich Sie auch erſuche ihm kein Wort von meiner In⸗ discretion zu ſagen, da in ſeinem dermaligen Zu⸗ ſtand der geringſte Verdruß ihm tödtlich werden könnte.“ „Ach, mein Herr, ſeien Sie ruhig,“ ſagte der Chevalier, ſeine Hände faltend,„ich werde ihm kein Wort ſagen.“— 177 Man ging ins Haus zurück; der Chevalier er⸗ griff die glühenden Hände ſeines Freundes, ohne ſich um etwas Anderes zu bekümmern, als um den Zuſtand, worin er ſich befand. „Nun,“ fragte er,„wie befindeſt Du Dich?“ „Schlecht, ich habe ſchreckliche Schmerzen im Oberbauch.“ „Ich will Ihnen zu Ader laſſen,“ ſagte der Doctor. Dann wandte er ſich an la Graverie mit den Worten: „Chevalier, laſſen Sie dieſe Pflanze in einem Litre Waſſer ſieden.“ Der Chevalier gehorchte mit der Paſſivität eines Kindes und dem Eifer eines Krankenwärters. Während dieſer Zeit verband der Doctor dem Patienten den Arm und ſetzte ſeine Lanzette in Be⸗ reitſchaft. Die Adern des Arms ſchwollen an. „Chevalier,“ ſagte der Doctor,„überlaſſen Sie die Bereitung des Trankes den Weibern und halten Sie den Napf.“ Der Chevalior gehorchte. Der Doctor ſchlug die Ader an; aber es war bereits eine ſolche Störung im Organismus einge⸗ treten, daß kein Blut kam. Er machte den Einſchnitt tiefer. Dießmal kam das Blut, aber ſchwarz und be⸗ reits zerſetzt. Einige Tropfen ſprangen dem Chevalier ins Geſicht. Dumas, Black. I. 12 178 Als er die laue Feuchtigkeit verſpürte, fiel er rückwärts in Ohnmacht. Der Capitän wollte dieſen Umſtand benützen. „Mein Herr,“ ſagte er zu dem jungen Arzt, „ich bin dem Tod nahe, das fühle ich. Sagen Sie gefälligſt Herrn von Chalier, daß ich ihm von Neuem das Kind empfehle, von dem ich ihm geſtern geſagt habe, und daß ich ihn dringend erſuche, wenn der Zufall ihn mit dem Chevalier de la Graverie zuſammenführe, ihm Nichts davon zu ſagen, außer wenn die dringendſten Gründe dafür vorhanden ſeien, daß Thereſe anerkannt werde; ich laſſe ihn ſelbſt über dieſe Gründe urtheilen... Haben Sie mich wohl gehört und recht verſtanden?“ „Ja, Capitän,“ ſagte der junge Doctor, der die Wichtigkeit der Sendung einſah,„und ich will Ihnen Ihre eigenen Worte, eines ums andere, wieder⸗ holen.“ Und er wiederholte wirklich den Auftrag des Capitäns ohne die mindeſte Abänderung in der Form oder in den Details. „Es iſt gut,“ ſagte der Capitän. Dann wandte er ſich zu dem jungen Mädchen und ſagte: „Mahaouni, ſpritze dem armen Chevalier friſches Waſſer ins Geſicht.“ Mahaonni, die vor dem Feuer zuſammengekauert die Tiſane bereitete und die Ohnmacht des Cheva⸗ lier nicht einmal bemerkt hatte, gehorchte dem Be⸗ fehl des Capitäns mit einem Eifer, der ihr ganzes Intereſſe für ihren Schwimmſchüler beurkundete. Der Chevalier kam juſt in dem Augenblick, wo 179 der Doctor die Ader des Kranken unterband, wie⸗ der zu ſich. Der Aderlaß verſchaffte dem Capitän eine augen⸗ blickliche Erleichterung; aber gegen zwei Uhr Mor⸗ gens begann trotz Opium und Aether das Erbrechen. Der Doctor warf dem Chevalier einen Blick zu, welcher ſagen wollte:„Das iſt es, was ich fürchtete.“ Der Chevalier begriff und ging hinaus, um nach Herzensluſt zu weinen. Der folgende Tag verging unter abwechſelnden guten und ſchlimmen Symptomen. Gleichwohl hatten gegen Abend die ſchlimmen Erſcheinungen gänzlich obgeſiegt. Das Geſicht war purpurroth, das Schlucken bei⸗ nahe unmöglich; der Auswurf vom Erbrechen, der Anfangs gallig geweſen, war ſchwarz und rußartig geworden, auch konnte man darin leicht Theilchen von zerſetztem Blut erkennen. Der Doctor hatte den Verband vom Aderlaß abgenommen und einen ſchwarzen Ring um die Wunde her gefunden. Er hatte den Chevalier bei Seite genommen und von dem verzweiflungsvollen Zuſtand ſeines Freundes in Kenntniß geſetzt, damit der Patient, der ſich noch beim vollen Bewußtſein befand, keine Zeit verlieren ſollte, wenn er teſtamentariſche Ver⸗ fügungen zu treffen hätte. Der Doctor ſelbſt ſagte, er müſſe, wenn auch nur auf einige Stunden, nach ſeinem Schiff zurück⸗ kehren, wolle aber am folgenden Tag wiederkom⸗ men; er hinterließ dem Chevalier eine ſchriftliche Inſtruction, deren Hauptartikel darin beſtand, daß 12 180 er den Muth des Kranken ſo viel als möglich auf⸗ recht zu erhalten ſuchen ſolle. Dieſe Anweiſung war unnöthig; der ſtarke Mann war der Kranke, der ſchwache Mann der Geſunde. Seit der Capitän ſich gelegt, hatte der Chevalier keinen Augenblick ſein Bett verlaſſen und ihm alle Pflege gewidmet, die er ſelbſt aus Veranlaſſung ſeines Beinbruches von ihm empfangen; er über⸗ wachte ihn mit dem Eifer und der Zärtlichkeit einer Mutter, er duldete nicht, daß der Capitän aus einer andern Hand als der ſeinigen eine Taſſe Tiſane empfing. 4 Und in dieſem Benehmen des armen Dieudonné lag etwas ſehr Verdienſtliches, denn er ſtand eine ſolche Angſt aus, daß er zwanzigmal fühlte, wie ihn ſeine Kräfte verließen, und daß er oft auf dem Punkt war ſeinen Poſten aufzugeben und aufs Gerathewohl zu entfliehen, um die Leiden ſeines Freundes nicht mehr anſehen zu müſſen. Man hat geſehen, daß er bei der einfachen Berührung mit dem Blut des Capitäns in Ohnmacht gefallen war. Noch weit ſchlimmer war es jetzt, nachdem der Doctor dem armen Chevalier geſtanden hatte, daß keine Hoffnung mehr vorhanden ſei. Wenn der Patient ſich in ſeinem Bett herumwarf, brach dem Chevalier am ganzen Leib der kalte Schweiß aus; wenn dagegen Dumesnil einſchlummerte, ſo betrach⸗ tete Dieudonné dieſen Zuſtand als ein höchſt beun⸗ ruhigendes Symptom, ſchüttelte den Kranken und fragte ihn: „Wie befindeſt Du Dich? antworte mir; ei, ſo antworte mir doch.“ 181 Wenn der Kranke ihm nicht antworiete, ſo rang er die Hände und brach in lautes Schluchzen aus. Inmitten dieſer Ausbrüche des Schmerzes glaubte Dumesnil, der nicht ſchlief, ſondern nachſann, der Augenblick ſei gekommen, ſeinem Freund die letzten Inſtructionen zu ertheilen. Der Capitän war ein feſter ſtoiſcher Geiſt; er ſah ohne Furcht— wenigſtens für ſich ſelbſt— dem düſtern Wege entgegen, den er zurückzulegen hatte, und in dieſem Augenblick quälte ihn blos der Gedanke an die Vereinſamung, worin er ſeinen Freund hinterlaſſen ſollte. „Ei, mein lieber Dieudonné,“ ſagte er zu ihm, „hör doch auf mit dieſem Geſchrei, dieſen Wehklagen und Thränen, die eines Mannes nicht würdig ſind, und laß mich Dir einige Rathſchläge über die Art und Weiſe geben, wie Du Dein Leben einrichten mußt, wenn ich nicht mehr ſein werde.“ Bei den erſten Worten des Patienten hatte der Chevalier wie durch Zauber geſchwiegen. Dumesnil, der ſeit beinahe zwei Stunden nicht geſprochen hatte, ſprach jetzt ſo ruhig, daß man glauben konnte, Gott habe ein Wunder zu ſeinen Gunſten verrichtet; aber als er an die Worte kam:„wenn ich nicht mehr ſein werde,“ da ſtieß Dieudonné ein Verzweiflungs⸗ geſchrei aus, wälzte ſich auf dem Bett des Ster⸗ benden, preßte ihn in ſeine Arme und ergoß ſich in Klagen über die Ungerechtigkeit der Vorſehung und die Härte des Schickſals. Dem Capitän erlaubte ſeine Erſchöpfung nicht gegen die wilden Schmerzensausbrüche ſeines Freun⸗ des anzukämpfen. 182 Gleichwohl raffte er mühſam alle ſeine Kräfte zuſammen und ließ mit ſterbender Stimme die Worte fallen: „Dieudonné, Du tödteſt mich.“ Der Chevalier machte einen Sprung rückmwärts, dann ſank er mit gefalteten Händen auf ſeine Knie, rutſchte zu dem Bett heran und ſagte: „Verzeih mir, Dumesnil, verzeih emir! Ich werde mich nicht mehr rühren, ich werde den Mund nicht mehr aufthun, ich höre Dir voll Andacht zu.“ Nun floſſen dicke ſchweigſame Thränen über ſeine Wangen herab. Dumesnil ſchaute ihn einen Augenblick mit inni⸗ gem Mitleid an. „Weine nicht ſo, mein armer Camerad: ich be⸗ darf meiner ganzen Kraft, um den letzten Gang zu thun, wie es einem Manne und einem Soldaten gebührt.... aber Dein Schmerz zerreißt mir die Seele.“ Dann fügte er mit ächt militäriſcher Feſtigkeit hinzu: „Wir müſſen für dieſe Welt von einander ſchei⸗ den, Dieudonné.“ „Nein, nein, nein,“ rief Dieudonné,„Du wirſt nicht ſterben, das iſt unmöglich.“ „Gleichwohl mußt Du Dich darauf gefaßt hal⸗ ten, liebes altes Kind,“ antwortete der Kranke. „Dich nicht mehr ſehen! Dich nicht mehr ſehen! Gott iſt nicht ſo grauſam,“ rief Dieudonné. „Wenn ich nicht anders die Seelenwanderung da oben an der Tagesordnung finde,“ ſagte der 183 Capitän lächelnd,„ſo müſſen wir uns in dieſe furchtbare Trennung ergeben, mein armer Freund.“ „Ach Herr, Herr,“ wehklagte Dieudonné. „Aber ich muß geſtehen, daß dieß eben ſo un⸗ wahrſcheinlich iſt, als meine Wiederauferſtehung.“ „Die Seelenwanderung?“ wiederholte Dieudonné mechaniſch. „Ja, die Seelenwanderung, in welchem Fall ich den lieben Gott auf beiden Knien bitten würde mir das erſte beſte Hundsfell anzuvertrauen, worin ich, gleichviel wo ich wäre, meine Kette zerreißen wollte, um wieder zu Dir zu kommen.“ Dieſer an der Schwelle der Ewigkeit gemachte Scherz vermochte den Stoicismus im Herzen Dieu⸗ donnés nicht zu wecken; er ſchlug die Augen zum Himmel auf und preßte Dumesnil feſt in ſeine Arme. „Ei, ſo faß doch Muth,“ verſetzte der Letztere; „wahrhaftig, man ſollte meinen, Du ſeieſt es der abfahren müſſe. Laß mich Dir doch, ſo lange ich noch die Kraft dazu habe, einen guten Rath geben — bleibe hier, wenn Du kannſt, obſchon ich zweifle, daß Du Dich ohne mich ſehr amüſiren werdeſt.“ „O nein, nein,“ rief Dieudonné,„wenn ich das Unglück habe Dich zu verlieren, ſo werde ich nach Frankreich zurückkehren.“ „Wie Du willſt, mein armer Freund; in dieſem Fall nimm meinen Leichnam mit; dieß wird Dir eine ſchmerzliche Zerſtreuung gewähren und es wird Dir vorkommen, als ſeieſt Du noch nicht ganz von mir geſchieden. Ich bin aus einer armen, ſehr traurigen, ſehr langweiligen Provinzſtadt, aus Char⸗ 2 184 tres; aber in Chartres liegen meine Eltern und eine Schweſter, die ich ſehr liebte, begraben; unſere Familie hat da eine Gruft, wo ein leerer Platz übrig iſt; ſenke mich hinein und laß die Thüre über mir verſiegeln: ich bin der letzte in der Fa⸗ milie. Nach dieſer Ceremonie ſchließe Dich ab, lebe als alter Hageſtolz d. h. als Egoiſt; werde ein Gourmand, liebe mit dem Magen, aber liebe nicht mehr mit dem Herzen, nicht einmal einen Haſen, man könnte ihn Dir an den Spieß ſtecken. Ach, mein armer Dieudonné, Du haſt nicht das Zeug zum Lieben.“ Dumesnil ſank erſchöpft auf ſein Kiſſen zurück. Nach einigen Minuten begann er zu deliriren. Aber im Fieberwahnſinn ſchien eine Idee den Sterbenden zu verfolgen: die ſeiner Seelenwan⸗ derung. 3 Er widderholte: „Hund... guter Hund... ſchwarzer Hund... Dieudonné!“ Man konnte alſo ſehen, daß in dieſem dahin⸗ ſinkenden Geiſt der letzte Gedanke noch vorhanden war, ſeinen Freund nicht zu verlaſſen. Mittlerweile kam der junge Doctor zurück; er betrachtete dieß als eine Gewiſſensſchuld, weil er es verſprochen hatte. Beim erſten Blick auf den Capitän begriff er, daß Alles aus war. Dieudonné war, als er dieſes ängſtliche ziſchende Athmen, dieſes Röcheln, das dem letzten Seufzer vorangeht, hörte, ſchluchzend auf ſeine Knie geſun⸗ ken: er biß in ſeiner Verzweiflung in die Tücher 185 des Capitäns und verfiel allmählig in eine gänz⸗ liche Erſchöpfung, aus welcher er erſt erwachte, als der junge Doctor die Worte ſprach: „Er iſt todt!“ Nun richtete er ſich unter lautem Geſchrei wie⸗ der auf, ſtürzte ſich dann in einem ſchrecklichen Drang des Schmerzes auf den Leichnam und um⸗ ſchlang ihn ſo feſt, daß man ihn mit Gewalt davon trennen mußte. XIV. Rückkehr nach Frankreich. Glücklicher Weiſe hatte der Capitän im Sterben für Dieudonné Pflichten hinterlaſſen, die er erfül⸗ len mußte. Er kannte ſeinen Freund gut, als er zu ihm ſagte, das Geſchäft, das er ihm anvertraue, ſeinen Leichnam nach Frankreich zurückzuführen, würde ihm eine ſchmerzliche Zerſtreuung gewähren. Die Einſamkeit iſt Dasjenige was ſchwächliche Naturen am meiſten fürchten; nur auserleſene Na⸗ turen wagen es mit Sammlung und Faſſung zu leiden; die große Mehrheit der Menſchen dagegen beeilt ſich ihren Schmerz zu überreizen, wie wenn ſie vorausſähe, daß die Ruhe bald auf die Ohn⸗ macht folgen werde. Der Dauphin, der auf einer Weltumſeglung begriffen war und das gelbe Fieber im Vorbeikom⸗ men in Manilla geholt hatte, ſetzte ſeine Rückkehr nach Frankreich über das Cap Horn fort und lich⸗ tete nach zwei Tagen die Anker. 186 Das war es, was dem Chevalier Noth that; allein haßte er dieſes irdiſche Paradies, wo er mit ſeinem Freund ſo glücklich geweſen war. 3 Er ſchrieb an den Capitän des Dauphin und bat ihn für ſich und den Sarg ſeines Freundes um einen Platz an ſeinem Bord. Der junge Arzt übernahm es die Sache abzu⸗ machen; es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie auf keine Schwierigkeiten ſtieß. Als er in die Hütte zurückkam, fand er Dieu⸗ donné beſchäftigt durch die Zimmerleute des Landes biſe Bahre nach franzöſiſcher Manier verfertigen zu aſſen. Die Inſel liefert Eiſenholz, die beſte aller Holz⸗ arten für ſolche Arbeiten. Dieudonné nahm vom Halſe des Capitäns das Schlüſſelchen zum Neceſſaire, und da der Capitän während ſeines Todeskampfes mehrere Male ſeine Augen nach dieſem Möbel gerichtet hatte, als ob er es ihm empfehlen wollte, hing er das Schlüſſel⸗ chen an ſeinen Hals und war glücklich dieſe Reliquie von ſeinem Freund an ſein Herz zu drücken. Dann ließ er den Capitän in den weifeſten Stoff, den er finden konnte, hüllen, ſchlug die Bahre mit Pandanus⸗ und Bananenblättern aus, legte den Leichnam auf dieſes weiche Lager, welches die Frauen der Inſel mit Blumen beſäeten, die ſie aus ihren Haaren und Ohren zogen, küßte ſeinen Freund zum letzten Mal auf die Stirne und ließ den Sarg zunageln. Jeder Hammerſchlag preßte ihm ein Schluchzen 187 aus, aber trotz der dringendſten Vorſtellungen blieb er da, bis der letzte Nagel eingetrieben war. Mittlerweile kam die Nacht. Am nächſten Morgen ſollte das Boot des Dau⸗ phin den Todten und den Lebenden abholen. Und da die Eigenthümer des Hauſes in Folge eines hier zu Lande verbreiteten Aberglaubens nicht ge⸗ ſtatten wollten, daß der Leichnam über Nacht unter ihrem Dach bleibe, ſo ließ Dieudonné den Sarg unter den Citronenbaum legen, wo Mahaouni in der erſten Nacht ſeines Aufenthalts auf der Inſel geſchlafen hatte.— Dann breitete er ſeine Matratze aus und lehnte das obere Ende derſelben an den Sarg. 5 Und weinend legte er ſich ſchlafen, den Kopf auf der Bahre des Capitäns. Am folgenden Tag ſammelte er alle Gegen⸗ ſtände, welche Dumesnil gehört hatten, Kleider, Waffen, Stöcke u. ſ. w. Den erſten Rang nahm das Neceſſaire ein. Aber Dieudonné fühlte nicht die Kraft in ſich es zu öffnen; ohne Zweifel enthielt es ein Teſta⸗ ment, die letzten Verfügungen, die ihm das Herz brechen mußten. Er ſagte zu ſich ſelbſt, daß es noch Zeit wäre es in Frankreich, in Chartres zu öffnen, und zwar am Abend der Beerdigung des Capitäns. Dann vertheilte er an ſeine troſtloſen Freun⸗ dinnen, natürlich mit beſonderer Bevorzugung Ma⸗ haounis, all die kleinen Gegenſtände, nach welchen dieſe naiven Töchter der Natur Gelüſte gezeigt hatten. ͤe 188 Zur beſtimmten Stunde holte der Kahn den Chevalier ab; außer den vier Ruderern kamen vier Matroſen, ein Bootsmann und der Doctor. Die ganze Stadt Papaeti begleitete den Sarg und den Chevalier bis ans Meeresufer. Man liebte den Capitän, eine gerade aber rauhe Natur. Den Chevalier betete man an, denn er war eine ſanfte zärtliche Natur, ſtets bereit zu geben und, wenn er nicht gab, nehmen zu laſſen. Die Männer nahmen am Ufer Abſchied von ihrem Gaſt. Die Frauen wollten ihn noch nicht verlaſſen: ſie ſtürzten ſich ins Meer und ſchwammen wie Si⸗ renen um das Boot her. Einige, die die Fahrt etwas lang fanden, riefen dem Chevalier ihr Lebewohl zu und verließen ihn unterwegs. Fünf oder ſechs hielten aus, und Dieudonné konnte bei ſeiner Ankunft am Schiff, wenn man ihn für einen Muhamedaner hielt, immer noch nach der Vorſchrift des Propheten vier legitime Frauen aufweiſen. Im Augenblick, wo der Chevalier die Leiter der Brigg betrat, ſtürzte ſich Mahaouni ganz troſtlos in ſeine Arme und fragte ihn, ob er ſie nicht nach Frankreich mitnehmen wolle. Die Idee des Opfers, das dieſe reizende Toch⸗ ter der Natur ihm bringen wollte, rührte den Che⸗ valier tief; er beſann ſich, ob er nicht annehmen ſolle, aber da fiel ihm die Ermahnung ſeines Freundes ein:„Attachire Dich nicht einmal an ei⸗ 189 nen Haſen; man könnte ihn Dir an den Spieß ſtecken.“ Er verhärtete ſein Herz, wandte ſein Haupt ab, ſtieß die ſchöne Mahaouni zurück und ſchwang ſich auf das Verdeck des Schiffes. Die Taitierinnen ſchwammen noch einige Zeit um die Brigg her, aber da ihr Freund, der Che⸗ valier, nicht wieder zum Vorſchein kam, ſo zogen ſie ab und ſchwammen nach der Inſel zurück. Zwei⸗ oder dreimal machte Mahaouni Halt und wandte den Kopf zurück; aber als ſie Dieudonné nicht erblickte, erkannte ſie, daß ſie wirklich verlaſſen worden, tauchte unter, um ihre Thränen abzuwa⸗ ſchen, und kam mit lächelnden Lippen und ſtrahlen⸗ den Augen wieder zum Vorſchein. Wir verzeichnen dieſe Thatſache, damit unſere Leſer, welche ſich in Romanzen eingewiegt haben, worin die von Europäern im Stich gelaſſenen jun⸗ gen Inſulanerinnen am Ufer ſtehen blieben, ſehn⸗ ſüchtig nach der Seite ſchauten, wo das Schiff des Undankbaren verſchwunden war, und zuletzt vor Gram ſtarben, damit, ſagen wir, unſere Leſer ſich keiner maßloſen Rührung um die taitiſche Ariadne hingeben. Dieudonné war deßhalb nicht wieder auf dem Verdeck erſchienen, weil er den Sarg ſeines Freun⸗ des, von dem er ſich während der Fahrt nicht zu trennen entſchloſſen war, in ſeine Kajüte brin⸗ gen ließ. Während er ſich mit dieſen Details beſchäftigte, kam ein ſchöner ſchwarzer Bologneſer Hund weib⸗ lichen Geſchlechts in ſeine Kajüte und ſah mit ſeinen 190 großen, verſtändigen, beinahe menſchlichen Augen neugierig zu, was der Chevalier machte. Als der Chevalier ihn bemerkte, ſank er auf einen Stuhl und begann zu weinen. Er gedachte der liebevollen Aeußerung, welche ſein Freund vor kaum vierundzwanzig Stunden gethan hatte:„Wenn die Seelenwanderung beſteht, ſo werde ich den lieben Gott um ein Hundsfell bitten, unter welchem ich, gleichviel wo ich ſein mag, meine Kette brechen werde, um zu Dir zurück⸗ zukehren.“ Er nahm den Kopf des Hundes zwiſchen ſeine beiden Hände, wie er es mit einem menſchlichen Kopf gethan hätte.— Der Hund erſchrack ohne Zweifel über dieſe Demonſtration, bei welcher der Chevalier vielleicht nicht alle mögliche Schonung angewandt hatte, und entfloh. Der Chevalier fragte mit Thränen in den Au⸗ gen den Matroſen, der ihm den Sarg an Ort und Stelle bringen half, wem dieſer ſchöne Hund gehöre, der ſo neugierig und doch zugleich ſo ſcheu ſei. Der Matroſe antwortete, er gehöre einem Paſſagier, und um ohne Zweifel ſein Verſchwinden in den Augen des Chevalier weniger bedeutungs⸗ voll zu machen, fügte er hinzu, das Thier habe geſtern vier prächtige Junge zur Welt gebracht, wovon man drei ins Meer geworfen, und ohne Zweifel habe die Furcht, daß dem vierten daſſelbe Unglück widerfahren könne, es verhindert die Lieb⸗ koſungen des Chevalier mit mehr Hingebung zu erwiedern. 1 —— —— R — N eGQ ⁸— dAN'g;— 191 „Ueberdieß,“ antwortete dieſer den Kopf ſchüt⸗ telnd,„hat Dumesnil mir ſehr empfohlen mein Herz an Nichts zu hängen; der Hund hat alſo wohl gethan ſich zu entfernen, denn ich wäre ge⸗ nöthigt geweſen, ihn fortzujagen.“ 1 Der Matroſe hörte dieſe Antwort des Chevalier, aber als beſcheidener Junge erbat er ſich, obſchon er ſie nicht verſtand, doch keine Erklärung. Abends als der Wind günſtig war, beſchloß der Capitän unter Segel zu gehen; man lichtete alſo die Anker und fuhr ſeewärts nach Valparaiſo, wo der Dauphin einen ſeiner Paſſagiere abſetzen ſollte. Der Chevalier hatte nicht vergeſſen, wie ſchreck⸗ lich&r auf der Fahrt von Havre nach New⸗York und von San Francisco nach Taiti an der See⸗ krankheit gelitten hatte; ſobald er daher ſpürte, daß das Schiff unter ſeinen Füßen ſich bewegte, war ſein Erſtes, daß er ſich auf ſeinen Matraz⸗ rahmen legte und ſich ſeinen Matroſen empfahl. Dieſe Empfehlung war nicht unnütz; nach drei Tagen eines prächtigen Wetters, während deren ſich der Chevalier nicht auf das Verdeck wagte, kam ein heftiger Wind, der das Meer vierzehn Tage lang beunruhigte. Während dieſer Zeit blieb der Chevalier liegen und nahm ſeine Mahlzeiten im Bette ein. Er ſah dabei regelmäßig hinter dem Matroſen den Bolog⸗ neſer Hund kommen, welcher recht wohl wußte, wie viel er bei dieſem Manöver zu gewinnen hatte, da der Chevalier ſeine Platten kaum berührte und ſie dann ihm überließ. Am achtzehnten oder neunzehnten Tag, als es 192 noch ſtürmte und der Chevalier noch immer in ſei⸗ nem Bette lag, kam der Hund wie gewöhnlich, dieß⸗ mal aber gefolgt von ſeinem Jungen, das anfing ſtrauchelnd auf dem Verdeck umherzulaufen. Das Hündchen, ein Miniaturbild ſeiner Mutter, war allerliebſt. Trotz ſeines Entſchluſſes ſein Herz an Nichts zu hängen überhäufte der Chevalier den kleinen Black — ſo hieß der junge Wachtelhund— mit Lieb⸗ koſungen. Er gab ihm geſtoßenen Zucker, welchen das Hündchen ſorgfältigſt bis auf das kleinſte Stäub⸗ chen aus ſeiner hohlen Hand leckte. Zehnmal kam der Chevalier auf die Idee den Matroſen zu fragen, ob er glaube, daß der Herr des Wachtelhündchens es abgeben würde; aber da erinnerte er ſich der Mahnung Dumesnils ſein Herz an Nichts zu hängen, und verwarf dieſe Idee irgend einem Geſchöpf, wäre es auch nur ein Hund, einen Theil dieſes Herzens zu geben, das ganz vollſtän⸗ dig ſeinem Freund gehören ſollte. Unter allen andern Umſtänden würde Dieudonné dieſer langen Abgeſchloſſenheit überdrüſſig geworden ſein und, ſelbſt auf die Gefahr hin ſeine Krankheit zu verſchlimmern, irgend eine Anſtrengung gemacht haben. Aber, man vergeſſe es nicht, er war nicht allein in ſeiner Kajüte. Er war bei demjenigen Theil ſeiner ſelbſt, welchen der Tod ihm ſo grauſam entriſſen hatte, und er empfand eine gewiſſen zärtli⸗ chen Naturen eigenthümliche Art von befriedigter Selbſtliebe, wenn er ſich ſagte, daß ſeine Zärtlichkeit ſich nicht erſchöpfte, daß ſeine Thränen nicht verſiegten. 193 Vier oder fünf Tage verfloſſen noch, ohne daß das Meer ſich beruhigte; endlich aber eines Mor⸗ gens hörte ohne allen Uebergang die Bewegung des Schiffes plötzlich auf. Dieudonné rief ſeinen Matroſen und fragte ihn um die Urſache dieſer Ruhe. Der Matroſe antwortete, man befinde ſich auf der Rhede von Valparaiſo, und wenn der Chevalier aufſtehen wollte, ſo könnte er die Küſten von Chili ſo wie den Eingang in dieſes Thal ſehen, das ſo ſchön ſei, daß es den Namen Valparaiſo d. h. Thal des Paradieſes empfangen habe. Der Chevalier erklärte, er würde aufſtehen; aber da Black und ſeine Mutter da waren, ſo be⸗ gann er vor allen Dingen damit, daß er ſeine ge⸗ wöhnliche Vertheilung von Brod und Fleiſch an die Alte, ſo wie von Zucker an das Junge machte. Mitten in ihrem Mahl machte ein heftiger Pfiff die Alte auffahren; ſie hob den Kopf in die Höhe, zögerte aber. Ein zweiter Pfiff, gefolgt von dem Namen Diana, machte allem Zögern ein Ende; offenbar von ihrem Herrn zurückgerufen, verſchwand die Alte ſammt ihrem Jungen. Der Chevalier, der jetzt ſpürte, daß das Schiff ganz feſt war, dachte daran ſeine Toilette zu ma⸗ chen und auf das Verdeck zu ſteigen. Es war die Sache von etwa einer halben Stunde. Im Augenblick, wo ſein Kopf an der Lucke er⸗ ſchien, fuhr der Kahn von dem Schiffe ab, um den Paſfagier den man in Valparaiſo abſetzen ſollte ans Land zu bringen. Dumas, Black. I. 3 13 ——— 194 Geblendet von dem prächtigen Anblick dieſer herrlichen Küſte von Chili, näherte ſich der Cheva⸗ lier mechaniſch der Bruſtwehr des Schiffes. Jetzt fielen ſeine Augen auf den Kahn, der be⸗ reits etwa hundert Schritte von dem Schiff entfernt war. Er ſtieß einen Seufzer aus. Am Bord des Kahns befand ſich der ſchöne Bo⸗ logneſer Hund, den untern Kiefer auf das Knie des dahinfahrenden Paſſagiers gelegt. Dieudonné rief ſeinen Matroſen. „Francois,“ ſagte er,„nimmt man Black und ſeine Mutter mit, um nicht wieder zu kommen?“ „Ohne Zweifel, Herr Chevalier,“ antwortete der Matroſe;„dieſe beiden Thiere gehören Herrn von Chalier und gehen mit ihm fort.“ Dieudonné erinnerte ſich des Namens. Er gehörte jenem Freund, welchen Dumesnil am Bord des Dauphin beſucht hatte und der die unſchuldige Veranlaſſung vom Tode des Capitäns war. Aber ſo unſchuldig auch Herr von Chalier an dieſem Tod ſein mochte, ſo trug ihm doch Dieudonné deßhalb Groll nach. „Ah!“ ſagte er,„ich bin recht froh, daß er geht, dieſer Herr von Chalier, welchen Dumesnil ſo ſehr liebte; ſein Anblick würde mir wehe gethan haben. Nur,“ meinte er,„thut es mir um das Hündchen leid.“ Dann fügte er mit einer Regung melancholiſcher Befriedigung hinzu: „Am Ende iſt es doch ein Glück daß das Thier 195 nicht an Bord geblieben iſt, ich fing an mich zu attachiren.“ Am folgenden Tag ging man wieder unter Se⸗ gel: zwei Monate nachher landete man in Breſt. Endlich nach Verfluß einer Woche zog der Cheva⸗ lier mit ſeinem Leichengepäck in Chartres ein. XV. Worin der Chevalier dem Capitän die letzten Ehren erweist und ſich in Chartres niederläßt. Der Chevalier ſtieg im Hotel ab und zog als⸗ bald Erkundigungen ein. Der Capitän Dumesnil hatte ſeine Familie in Chartres gehabt; aber, wie er zu Dieudonné ge⸗ ſagt hatte, von dieſer Familie blieb ihm Niemand mehr übrig. Inzwiſchen hatten viele Chartrer den Capitän gekannt und ließen ſeinem Muth ſo wie ſeiner Loya⸗ lität Gerechtigkeit widerfahren. Er ſuchte den Todtengräber auf und ließ ſich die Dumesnilſche Familiengruft zeigen. Wie der Capitän geſagt hatte, war eine der Abtheilungen leer. Der Chevalier hatte nicht verabſäumt durch den Doctor ſo wie durch den Capitän und den Second⸗ Lieutenant des Dauphin einen Todtenſchein aus⸗ ſtellen zu laſſen, worin das Hinſcheiden und die Identität Dumesnils bewieſen war. 5 Mit dieſem Todtenſchein in der Hand konnte er das letzte Marmorlager, wo ſein Freund den ewigen Schlaf halten ſollte, verlangen und erhalten. 13 Er ſchickte Einladungsſchreiben an alle Notabi⸗ litäten der Stadt und ließ in die Journale ein⸗ rücken, daß der Capitän Dumesnil geſtorben ſei und am folgenden Montag begraben werden ſolle. Acht Tage ſollten zwiſchen den Einladungsſchrei⸗ ben, den Inſeraten und der Beerdigung verfließen. Wenn alſo noch Verwandte vom Capitän vor⸗ handen waren, ſo mußten ſie es erfahren. Wenn ſie in der Nähe von Chartres lebten, ſo hatten ſie Zeit zu kommen und dem Leichenbegäng⸗ niß anzuwohnen. Wenn ſie fern waren, ſo konnten ſie ſchreiben, ſich zu erkennen geben und die Erbſchaft des Ca⸗ pitäns in Anſpruch nehmen, die indeß nur aus etlichen hundert Franken beſtand, da der Capitän außer ſeinen vierzehn⸗ oder fünfzehn hundert Fran⸗ ken Rückzugsgehalt kein Vermögen beſaß. Das Leichenbegängniß fand nach Ablauf der achttägigen Friſt ſtatt; kein Verwandter kam, aber die ganze Stadt wohnte bei. Der Chevalier führte den Trauerzug an, und wahrlich, ein Sohn hätte ſeinen Vater nicht leb⸗ hafter beklagen können, als der Chevalier ſeinen Freund beklagte. Seine ſchlecht verſiegten Thränen verlangten nur eine Gelegenheit um von Neuem zu fließen, und es war ihm eine unſägliche Wonne ſie wie⸗ derum ſtrömen zu laſſen.. Als der Leib in die Gruft geſenkt war, wollte der Chevalier de la Graverie einige Worte zu der Menge ſprechen, die halb aus Neugierde, halb aus Mitgefühl den Capitän Dumesnil auf den Kirchhof ——-— — N ‿ ——-— 197 begleitet hatte, aber das Schluchzen erſtickte ſeine Stimme. Dieß war die beſte Art zu danken: von dieſem Augenblick an galt der Chevalier, wenn auch nicht für einen Mann von Geiſt, doch für einen Mann von Herz. Man begleitete ihn bis vor ſein Hotel zurück. Als er wieder in ſein Zimmer trat, da erſt fühlte ſich der Chevalier wahrhaft allein. Er hatte nicht genug geweint. Er zog die verſchiedenen Gegenſtände, die dem Capitän gehört hatten, und in ihrer Mitte das Reiſeneceſſaire an ſich her. Dieſe heiligen Reliquien führten neue Thränen in ſeine Augen. Er faßte den Entſchluß in Chartres zu bleiben; er hatte keine Vorliebe für irgend einen Ort in der Welt; eine traurige und einſame Stadt wie Chartres mit ihrer rieſigen Cathedrale, die ihre beiden Arme unaufhörlich zum Himmel emporhält, als wollte ſie die Barmherzigkeit des Herrn erflehen, ſagte ihm vollkommen zu. Er wollte Niemand von ſeinen alten Freunden wiederſehen, Niemand, der ſeine Frau gekannt hatte und ihn nach ihr fragen konnte. Und gleichwohl hatte er ſich, ſeltſam genug, bei ſeiner Rückkehr nach Frankreich durch eine unbe⸗ iidenie Hoffnung Mathilde wiederzuſehen leiten aſſen. Bei jeder Straßenecke, um die er bog, meinte er, ſie müſſe ihm in den Weg treten, ihm an den Hals ſpringen und rufen:„Biſt Du's?“ Er ſuchte alſo noch am gleichen Tag nach einem Haus und fand in der Rue des Lices dasjenige, das wir beſchrieben haben. Es gefiel ihm in jeder Beziehung. 1 Er ließ einen Tapezier kommen, beſtellte Möbel nach ſeinem Gutdünken und ſchrieb ſeinem Notar, er ſolle ihm alles Geld, was er von ihm haben möge, ſo wie ſeine koſtbarſten Möbel und ſein Sil⸗ berzeug, was Dumesnil nach der Cataſtrophe an ſicherem Ort deponirt hatte, zuſchicken. Der Notar, der dem Chevalier während ſeiner ſiebenjährigen Abweſenheit nur die Hälfte ſeines Einkommens zu ſchicken hatte, konnte über eine Summe von dreißig⸗ bis vierzigtauſend Franken verfügen. Ueberdieß beſaß der Chevalier etwa zwanzigtau⸗ ſend Franken Rente. Mit zwanzigtauſend Franken Rente iſt man un⸗ ermeßlich reich in Chartres. Nach acht Tagen war das Haus im Stand den Chevalier zu empfangen. Sein Einzug war eine große Staatsaffaire. Wir haben, wie man ſich wohl erinnern wird, geſagt, wie comfortabel der Salon, das Trink⸗ und das Speiſezimmer, beſonders aber das Schlafcabinet eingerichtet war. Abſichtlich haben wir damals den Toilettentiſch des Chevalier unbeſchrieben gelaſſen. Man erinnert ſich des Neceſſaire, das er von ſeinem Freund Dumesnil geerbt, und der Beküm⸗ merniß, womit derſelbe in den letzten Augenblicken ſeines Lebens auf dieſes Neceſſaire gedeutet hatte. —*— 8 199 Am Abend ſeines Einzugs beſchloß der Cheva⸗ lier es zu öffnen. Demgemäß bot er alle ſeine Kräfte auf, raffte ſich zuſammen, ſetzte ſich auf ſeinen guten ſmyrner Teppich, nahm ſein Neceſſaire zwiſchen ſeine Beine und öffnete es, nachdem er die Vorſicht gehabt ſein Schnupftuch in Bereitſchaft zu ſetzen. Und in der That, die erſten Gegenſtände, die er bemerkte, öffneten die Quelle ſeiner Thränen von Neuem. 8 Es waren die gewöhnlichen Toilettengeräth⸗ ſchaften des Capitäns, eines Mannes, der die ängſt⸗ lichſte Sorgfalt auf ſeine Perſon verwandt hatte. Der Chevalier nahm ein Stück ums andere aus den Lädchen hervor und ſtellte ſie um ſich her auf. Als er an das letzte kam, bemerkte er, daß das Neceſſaire einen doppelten Boden habe. Er ſuchte nach dem Geheimniß deſſelben und fand es leicht, da der Verfertiger des Neceſſaire nicht die Abſicht gehabt hatte es zu verbergen. Dieſer doppelte Boden enthielt ein ſorgfältig verſiegeltes und verſchnürtes Packet, auf deſſen Um⸗ ſchlag der Chevalier die Worte las:. „Ich bitte, und zwar bei zwei heiligen Dingen, der Freundſchaft und der Ehre, meinen Freund de la Graverie, daß er dieſes Packet der Frau de la Graverie zurückgebe, wenn er ſie je wiederſieht, und daß er es, wenn er ſie nicht wieder geſehen hat, am ſelben Tag, wo er ihren Tod erfährt, verbrenne, ohne daß er den Inhalt kennen zu lernen ſucht. Dumesnil.“ — 8 —— Der Chevalier blieb einen Augenblick ſinnend ſitzen, aber er bedachte, daß Dumesnil Mathilde wiedergeſehen habe, während er, Dieudonné, an ſeinem Beinbruch darniedergelegen, und daß ſie ihn ohne Zweifel mit irgend einer Commiſſion beauf⸗ tragt habe, die er vollzogen oder nicht vollzogen haben werde und deren Löſung in dieſem Packet enthalten ſei. Demgemäß legte er das Packet ſorgfältig wieder auf den Boden des Neceſſaire, verſchloß es, hing den Schlüſſel dazu an ſeinen Hals, verwahrte es in einem Schrank, der ſich oben an ſeinem Bett befand, und ſtellte auf ſeinen Toilettentiſch alle Ge⸗ räthſchaften, die der Capitän gebraucht hatte und die er nun zum Andenken an denſelben ebenfalls benützen wollte.. Einige Tage lang drängte ſich ihm die Er⸗ innerung an dieſes verſiegelte und verſchnürte Packet unaufhörlich auf; aber niemals ſtieg die Idee es zu öffnen und ſeinen Inhalt anzuſehen ins Gehirn des Chevalier. Allein in einer fremden Stadt, hatte Dieudonné die abgedroſchenen Tröſtungen nicht auszuhalten, die ein Herz wie das ſeinige erbittert haben wür⸗ den, ſtatt es zu beruhigen. 4 Die allgemeine Gleichgiltigkeit war das beſte Mittel für ſeinen Schmerz. Seinen eigenen Kräf⸗ ten anheimgegeben, beſchwichtigte ſich dekſelbe um ſo ſchneller, je heftiger er geweſen war. Der Chevalier war jetzt in eine tiefe aber ruhige Schwermuth verſunken und in dieſer Stimmung bezog er ſeine neue Wohnung. 201 Tags zuvor hatte er in einem Offizier der Gar⸗ niſon einen ehemaligen Kameraden von den Mus⸗ ketieren her wiedergefunden; er hatte Anſtand ge⸗ nommen die Bekanntſchaft mit ihm zu erneuern, aber da die Garniſon am folgenden Tag die Stadt verlaſſen ſollte, ſo ſetzte er ſich über ſeine Beden⸗ ken weg. Rur mit großer Mühe konnte er ſich dem Offi⸗ zier zu erkennen geben: ſie hatten ſich bald achtzehn Jahre nicht mehr geſehen. Dieudonné fragte nach Leuten, welche er jung, glänzend, voll Leben und Geſundheit verlaſſen hatte. Viele waren ins Grab geſunken, junge wie alte; der Tod hat keine Vorliebe; nur ſcheint er zuweilen Regungen von Haß zu haben. Auf den Chevalier machte der Refrain, der auf die meiſten ſeiner Fragen erfolgte, lebhaften Ein⸗ druck; dieſer Refrain lautete: „Er iſt todt!“ Als er daher in Folge dieſer necrologiſchen Un⸗ terhaltung die beim Appel Fehlenden zählte, wie ein General ſeine Todten auf einem Schlachtfeld zählt, befeſtigte er ſich in dem von Dumesnil ein⸗ gegebenen und bereits in ſeinem Herzen fixirten Beſchluß, ſich künftig von dieſen vergänglichen Nei⸗ gungen abzuſondern, welche die wenigen Freuden, die ſie gleichſam aus Mitleid ſpenden, ſo theuer be⸗ zahlen laſſen, und ſich von Allem zurückzuziehen, was künftig die Ruhe ſeines Daſeins ſtören könnte. Als er ſich daher von dem Offizier verabſchiedete, den er wahrſcheinlich nie wieder ſehen ſollte, da derſelbe am folgenden Tage nach Lille abging, ſo — gab er gleichſam Anfangs ſich ſelbſt das Wort da⸗ rauf, daß er ſich weder nach ſeinem Bruder noch ſogar nach Mathilde erkundigen wolle— das Erſtere freilich wurde ihm nicht ſehr ſchwer, das Letztere aber war ein großes Opfer für ihn. Indem ſich Dieudonné auf dieſe Art abſchloß, hatte er nur noch eine einzige Sache zu thun, näm⸗ lich ſich dem Cultus ſeiner eigenen Perſon zu wid⸗ men, und zwar zuerſt mit Methode, hernach mit Fanatismus und endlich mit Götzendienſt. Er ſchuf ſich in der Chartrer Welt keine anderen Beziehungen, als was durchaus nothwendig war, um nicht Gegenſtand der ermüdenden Neugierde zu werden, die jeder abſoluten Excentrizität in der Pro⸗ vinz nachfolgt, wo die größte von allen für einen Mann, der Paris bewohnt hat, darin beſteht, daß er ſich einbildet die Provinzleute entbehren zu können. Beſonders vermied er es ſorgfältig, daß ſeine Beziehungen von wohlwollender Höflichkeit in Ver⸗ traulichkeit ausarteten. Wenn er ſich in dem klei⸗ nen Kreis ſeiner Bekannten dem Zauber der Plau⸗ derei hingab; wenn er in Folge einiger angenehmen Augenblicke einen Anflug von Sympathie für einen Menſchen verſpürte, wenn die hakenförmigen Atome ſeines Hirnes oder Herzens mit denen einer jungen oder alten, ſchönen oder häßlichen Frau zu ver⸗ ſchmelzen drohten, da betrachtete er dieſe Stimmung ſeines Geiſtes als eine Warnung vom Himmel und floh das allzu liebenswürdige Geſchöpf, ob es nun Mann oder Frau war, wie wenn dieſes Geſchöpf ſtatt der ſüßen Gefühle der Freundſchaft ihn mit der Peſt anzuſtecken gedroht hätte. Sein freund⸗ 203 lichſtes Benehmen aber wandte er den Einfaltspin⸗ ſeln und ſchlechten Leuten zu, woran es ſelbſt unter der geringen Bevölkerung der Stadt ſeiner Wahl, der alten Stadt Chartres, keineswegs fehlte. Nicht minder ſtreng war der Chevalier de la Graverie in Bezug auf ſein häusliches Leben. Er verbannte aus ſeiner Wohnung Hunde, Katzen und Vögel, denn all dieſe Geſchöpfe konnten Veranlaſſung zu Trübſalen werden. Er hielt blos eine einzige Dienerin, und zwar nahm er eine geſchickte Köchin, aber alt und wider⸗ belliſch, damit er ſie immer in ehrerbietiger Entfer⸗ nung von ſeinem Herzen halten und unerbittlich fortſchiceen konnte, nicht wenn ſie ſeine Ungeduld reizte, ſondern im Gegentheil, ſobald er bemerkte, daß ihr Dienſt ihm allzu angenehm wurde. In dieſer Beziehung ſchien der Himmel Herrn de la Graverie mit der Fülle ſeiner Gnade zu über⸗ ſchütten, indem er ihm Marianne gab, d. h. die Dienerin, die wir im zweiten Capitel dieſer Ge⸗ ſchichte geſehen haben, wie ſie über die Köpfe ihres Herrn und des Hundes, welchen der Chevalier zu⸗ fällig getroffen hatte, einen Waſſerfall ausgoß. Marianne war häßlich und dieſer Häßlichkeit ſich bewußt, was nicht wenig dazu beigetragen hatte, ſie mit einem der widerwärtigſten Charaktere aus⸗ zuſtatten, welche Herr de la Graverie je zu treffen das Glück gehabt. Herzensleiden— denn trotz ihrer phyſiſchen Un⸗ vollkommenheiten beſaß Marianne ein Herz— Her⸗ zensleiden hatten ihr Gemüth verbittert, und unter dem ſcheinbaren Vorwand ſich an einem Lancier zu rächen, der ſie verrathen hatte, quälte ſie den armen Dieudonné, ohne die ungemeine Befriedigung zu ahnen, die ſie ihm dadurch verſchaffte, daß er ſich mit dem beſten Willen von der Welt unmöglich an ſie hätte attachiren können. Aber geſtehen wir es, Mariannes Ungezogenheit, ihre Sucht beſtändig zu zanken und zu nörgeln, ſo wie ihre ausſchweifenden Forderungen waren nicht die einzigen Eigenſchaften, die bei dem Chevalier zu ihren Gunſten ſprachen. Marianne war unſtreitig dem geprieſenſten Koch von Chartres überlegen, und wir haben dieß zu Anfang unſerer Erzählung durchſchimmern laſſen. Herr de la Graverie machte die Freuden der Tafel zu ſeiner Lieblingsſünde. Indem er ſein Herz zuſammenſchrumpfen ließ, hatte er ſeinen Ma⸗ gen eine bedeutende Entwicklung annehmen laſſen; ſeine Speiſekarte ſpielte eine ungeheure Rolle in ſeinem Leben, und obſchon einige Unverdaulichkeiten ihm bewieſen hatten, daß wie alle Genüſſe hienieden auch die des Mundes ihre Kehrſeite haben, ſo ſah er doch täglich mit nicht minderer Ungeduld der Stunde ſeines Mahles entgegen und wußte die culinariſche Wiſſenſchaft Mariannes um Nichts deſto weniger zu ſchätzen.— Allmählig gewöhnte ſich Herr de la Graverie ſo gut an dieſes Schneckenleben, daß die unbedeu⸗ tendſten Vorkommenheiten ſeines Lebens für ihn Ereigniſſe wurden. Das Geſumme eines Muskito machte ihm Fieber, und da es mit ihm wie mit allen Leuten, die ſich übermäßig mit der Sorge für ihre eigene Perſon beſchäftigen, ſo weit gekommen ͤ———+ 2 ——8——— XK 20⁵ war, daß er ſich unaufhörlich moraliſch und phyſiſch den Puls fühlte, ſo wurde auch ſeine Ruhe immer von Zeit zu Zeit geſtört; nur wurde ſie es durch die Atome, die ſeine unruhige Phantaſie im Mi⸗ kroſkop erblickte, und in den letzten Zeiten, wo er in dieſem Mangel von Empfindungen gänzlich er⸗ ſtarrt war, fürchtete er ſo ſehr Alles was ſeine Ruhe unterbrechen konnte, daß er ſich wie die Feig⸗ linge vor ſeiner eigenen Furcht fürchtete. Es wäre inzwiſchen unwahr behaupten zu wollen, daß das Herz des Herrn de la Graverie wirklich ſchlecht geworden ſei und von der Härte der Schale, in die es ſich geflüchtet hatte, Etwas angenommen habe; aber wir müſſen geſtehen, daß in Folge die⸗ ſer beſtändigen Beſchäftigung mit ſich ſelbſt ſeine urſprünglichen guten Eigenſchaften, die ſich durch ihr Uebermaß zuweilen als Fehler erwieſen, ſich bedeu⸗ tend abſtumpften und eben ſo weit dieſſeits blieben, als ſie früher jenſeits gegangen waren. Seine Güte wurde negativ; er ſah Seinesgleichen nicht gern leiden; aber ſeine Menſchlichkeit hatte ihre Quelle weit mehr in der Nervenerregung, welche ihm der Anblick von Leiden verurſachte, die zutheilen er berufen werden konnte, als in einem Gefühl wahrer Menſchenliebe; er hätte gerne die doppelten Almoſen gegeben, wenn man ihm den An⸗ blick der Bettlerserſpart hätte; das Mitleid war bei ihm eine Aufregung geworden, an welcher das Herz keinen Theil mehr nahm, und je älter er wurde, um ſo mehr ſchrumpfte dieſes Herz zur Mumie ein. Es verhält ſich mit den Tugenden und den La⸗ ſtern wie mit einer Geliebten. Wenn man einen Monat lang von ihr getrennt war und ihre Anwe⸗ ſenheit nicht begehrt hat, ſo kann man ſie nach Ver⸗ fluß dieſes Monats für ſeine ganze übrige Lebens⸗ zeit entbehren. So ſtand es um den Chevalier de la Graverie nach acht⸗ oder neunjährigem Aufenthalt in Char⸗ tres, d. h. in dem Augenblick, wo dieſe Geſchichte begonnen hat. XVI. Wo der Verfaſſer den Gang einer unterbrochenen Er⸗ zählung wieder aufnimmt. Als wir dieſe lange Abſchweifung unternahmen, die ſelbſt eine ganze Geſchichte iſt, verließen wir den Chevalier de la Graverie gänzlich durchnäßt in Folge der brutalen Einſchreitung Mariannes bei dem Streit mit ſeinem neuen Bekannten. Der arme Chevalier ging fluchend in ſein Schlaf⸗ zimmer; hätte er ſeine Haushälterin auf der Treppe begegnet, ſo würde er ſie ohne Zweifel tüchtig zu⸗ rechtgewieſen haben, aber er empfand eine eiſige Kälte, die ihm durch das Fleiſch und bis auf die Knochen drang. Er hielt es daher für unklug ſich der Heftigkeit ſeines Unmuths hinzugeben, ohne zuvor Maßregeln gegen den Schnupfen getroffen zu haben. Ein lebhaftes kniſterndes Feuer, eines jener guten Holzfeuer, wie man ſie nur in den Provinzen kennt, vertrieb zugleich den Schauder und die üble Laune des Chevalier; als er das liebliche, beinahe wollüſtige Gefühl der Rückwirkung des Wärmeſtoffes —o— A= —8 8 207 empfand, vergaß er ſeinen Zorn; dann dachte er in Folge eines natürlichen Uebergangs an den armen Hund, der, nicht minder mißhandelt als er ſelbſt, wahrſcheinlich blos die blaſſen kraftloſen Strahlen einer Herbſtſonne hatte, um ſein ſeidenes Kleid zu trocknen. Dieſer Gedanke veranlaßte den Chevalier de la Graverie, von dem Lehnſtuhle, wo er ſich ſo won⸗ nige Vergütung für die eiſige Douche gönnte, aufzu⸗ ſtehen; er ging ans Fenſter, hob ſeine Vorhänge empor und bemerkte das Thier, wie es ſchnatternd auf der andern Seite der Straße ſaß, an der Mauer des Gefängniſſes, das dem Hauſe des Herrn de la Graverie gegenüberſtand. Der unglückliche Hund ſchaute mit geſpitzten Ohren und einem Blick tiefer Wehmuth nach der Wohnung hinüber, auf deren Schwelle er ſo ungaſtlich empfangen worden war. In dieſem Augenblick hob er, ſei es Zufall, ſei es Inſtinkt, den Kopf in die Höhe und bemerkte den Chevalier de la Graverie durch die Scheiben hindurch. Seine Phyſiognomie gewann jetzt einen verdoppelten Ausdruck und belud ſich mit ſchmerz⸗ lichen Vorwürfen. Die erſte Regung des Herrn de la Graverie, dieſe Regung, der er nach dem Ausſpruch eines großen Diplomaten mißtrauen mußte, weil ſie die gute war, beſtand darin, daß er im Stillen ſein ganzes Unrecht gegenüber dieſem edeln Thier aner⸗ kannte; aber die langjährige Gewohnheit ſeine Sympathien zu bekämpfen ſiegte über den Reſt ſeines ehemaligen Gemüthes. „Ah bah!“ ſagte er laut und wie wenn er 208 ſeinen eigenen Gedanken beantwortete,„er kehre nur zu ſeinem Herrn zurück, und Marianne hätte hundert⸗ mal Recht gehabt, wenn ſie nicht ſo brüderlich zwi⸗ ſchen dem Hund und mir getheilt hätte. Wenn man alle vagirenden Hunde aufnehmen müßte, ſo würde ein fürſtliches Vermögen nicht ausreichen. Ueberdieß iſt dieſer Hund voll von Fehlern: er iſt gefräßig, und folglich muß er ſtehlen; er würde das Haus ausplündern und dann.... und dann.... will ich keine Thiere im Hauſe haben; ich habe mirs vorgenommen und ganz beſonders habe ichs Dumesnil verſprochen.“ Damit kehrte der Chevalier zu ſeinem Lehnſtuhl zurück, wo er die Gewiſſensbiſſe, die ſich in ſeinem Monolog kundthaten, zum Schweigen zu bringen verſuchte, indem er ſich einer ſüßen Schlafſucht hingab. Aber nun ging im Geiſte des armen Chevalier etwas Seltſames vor. Als er ſich in ſeine Träumereien vertiefte, ver⸗ miſchten ſich die Gegenſtände, von denen er umge⸗ ben war, allmählig, um andern Platz zu machen; die Wände öffneten ſich und wurden getäfelt, durch⸗ ſichtig wie ein Käfig; eine milde, reine, von Wohl⸗ gerüchen ſchwangere Luft drang durch alle Oeffnun⸗ gen, und von allen Seiten her ſah man, wenn man in die Höhe blickte, einen reinen Himmel, wenn man den Horizont anſchaute, ein azurblaues Meer. Ein unwillkürlicher Traum, eine magnetiſche Gewalt führte den Chevalier nach Papaeti zurück. Er befand ſich gegenüber einer Matratze; eine gelbe Kerze brannte oben und unten am Bett; auf 209 dieſem Bett lag eine menſchliche Geſtalt in ein Schweißtuch gehüllt; allmählig wurde dieſes Schweiß⸗ tuch durchſichtig und durch die Leinwand hindurch erkannte der Chevalier de la Graverie die gelben und abgemagerten Züge, die ſtarren Augen und den halboffenen Mund des Capitäns Dumesnil, und er hörte die Stimme ſeines Freundes, welcher deut⸗ lich die Worte ſprach: „Wenn ich nicht anders die Seelenwanderung da oben an der Tagesordnung finde, in welchem Fall ich den lieben Gott auf beiden Knien bitten würde mir das erſte beſte Hundsfell anzuvertrauen, worin ich, gleichviel wo ich wäre, meine Kette zer⸗ reißen wollte, um wieder zu Dir zu kommen.“ Dann breitete ſich ein Leichenſchleier zwiſchen dem Chevalier und der Leiche des Capitäns aus, und die Viſion verſchwand im Nebel. Der Chevalier ſtieß einen Schrei aus, wie wenn er in einen Abgrund hinabrollte; er erwachte und fand ſich im Erwachen an die Arme ſeines Lehn⸗ ſtuhls angeklammert. „Daß dich der Has beiß!“ rief er, ſeine in kaltem Schweiß gebadete Stirne abtrocknend,„welch ein abſcheulicher Alp! Armer Dumesnil!“ Nachdem er dann noch eine Weile ſeine Augen auf den Platz geheftet, wo die Erſcheinung aufge⸗ taucht war, ſagte er: „Er iſt es wirklich.“ Und wie wenn dieſe Ueberzeugung ihn beſtimmt hätte einen äußerſten Entſchluß zu faſſen, ſtand er auf und ſchritt haſtig nach dem Fenſter zu. Dumas, Black. I. 14 Aber auf halbem Weg hielt er inne. „Ach, es iſt doch gar zu dumm,“ murmelte er; mein armer Freund iſt todt und unglücklicher Weiſe ganz todt; Alles was ich als Chriſt glauben kann, iſt, daß Gott ihn in ſeiner Barmherzigkeit aufge⸗ nommen hat. Nein, das iſt abſurd! Ich bin heute zu viel gegangen; das Bad dieſer Marianne hat mir Fieber erregt und dieſer verdammte Hund hat mein Hirn geſtört. Weg, weg damit, denken wir nicht mehr an alles das.“ Herr de la Graverie begab ſich nach ſeiner Bibliothek, und um nicht an Alles das, d. h. an den Capitän Dumesnil und den ſchwarzen Hund zu denken, ergriff er das erſte Buch das ihm in die Hand fiel, ſetzte ſich ſo breit als möglich in ſeinen Lehnſtuhl, ſtemmte ſeine Füße an den Kaminſimms, öffnete den Band aufs Gerathewohl und gerieth auf folgende Zeilen: „Keine geſchriebene Lehre iſt uns von dem Sy⸗ ſtem geblieben, das Pythagoras vortrug, aber nach den Ueberlieferungen, die bis zu uns gelangt ſind, kann man behaupten, daß er den Tod nur für die Materie annahm und keineswegs für das Lebens⸗ prinzip, das der Menſch bei der Geburt empfängt. Dieſes Lebensprinzip kann, da es unſterblich iſt, von dem Menſchen weder abgenützt noch verderbt werden; nur ging es in andere Weſen über, Weſen von derſelben Natur, wenn die Götter ein Leben voll Muth, Hingebung und Rechtſchaffenheit beloh⸗ nen zu müſſen glaubten; Weſen von geringerer Natur, wenn der Menſch in ſeinem irdiſchen Wan⸗ del irgend ein Verbrechen oder auch nur ein Ver⸗ N=8ͤ—, R NNòAͥ'— 211 ſehen begangen hatte, das er ſühnen mußte. So behauptete er einen ſeiner Freunde, Cleomenes von Thaſos, acht oder zehn Jahre nach ſeinem Tod in Geſtalt eines Hundes erkannt zu haben...“ Der Chevalier las nicht weiter; er ließ das Buch das ſo unmittelbar auf ſeine Gedanken geant⸗ wortet hatte fallen und ging ſchüchtern ans Fen⸗ ſter, um hinauszuſehen. Der Hund war noch immer auf ſeinem Poſten, noch immer in derſelben Haltung, hatte noch immer ſeine Augen auf daſſelbe Fenſter geheftet, zwiſchen deſſen Vorhängen er ſelbſt hervorſchaute, und ſo⸗ bald er den Chevalier wieder zum Vorſchein kom⸗ men ſah, belebte ſich ſein Blick und er wedelte freundlich mit dem Schwanze. Dieſe Beharrlichkeit des Thiers harmonirte ſo vortrefflich mit den Gedanken, die das Gehirn des Chevalier bewegten, daß er an ſeine Vernunft ap⸗ pelliren mußte, um in ſeinem Zuſammentreffen mit dem ſchwarzen Hund nicht ein übernatürliches Er⸗ eigniß zu erblicken. Beſchämt über ſeine abergläubiſchen Anwandlun⸗ gen, gequält von der ſeltſamen Sympathie, die er auf einmal für ſeinen Begleiter auf dem Spazier⸗ gang empfunden hatte, beſchloß er ein gemiſchtes Mittel anzuwenden, wodurch die Schwachheit ſeines Herzens gegen einen vagabundirenden Hund geſchont würde, ohne daß jedoch ſein Haus einen unwillkom⸗ men Gaſt erhielte. 1 Er ging raſch in die Küche hinab. Marianne war abweſend. Der Chevalier athmete; er hatte die Thüre 14* 212² ſchließen gehört und hoffte in der That, die Alte werde ausgegangen ſein. Dieſe Abweſenheit rief ein lebhaftes Gefühl der Freude in ihm hervor. In der That hatte der Chevalier, als er ſich zu dieſer guten Handlung entſchloß, eine Strafpre⸗ digt von ſeiner Haushälterin befürchtet, weil er eine Sünde begehe, indem er das Brod des lieben Got⸗ tes einem Hund gebe, während doch ſo viele Arme keines hätten. Damit iſt jedoch ganz und gar nicht geſagt, daß Marianne in Anwendung dieſes Prinzips mit ihrem eigenen oder mit ihres Herrn Brod im Mindeſten Almoſen gegeben hätte. Aber der Chevalier hatte ſeinen Entſchluß ge⸗ faßt; der Kopf war ihm warm geworden. Wenn Marianne ſich nur ein Wörtchen erlaubte, ſo wollte er von ſeinem Groll wegen des über ſeinen Kopf ausgegoſſenen Waſſereimers Veranlaſſung nehmen, um ihr mit einer Majeſtät, deren Wirkſamkeit er ſchon mehrere Male erprobt hatte, zu ſagen: „Marianne, wir können nicht mehr zu⸗ ſammen leben; machen Sie Ihre Rech⸗ nung.“ Nun hatte dieſe Phraſe, wenn ſie mit der ge⸗ bührenden Majeſtät ausgeſprochen worden, ſtets zur Folge gehabt, daß Jungfer Marianne geſchmeidig geworden war wie ein Handſchuh. Aber ſeit einiger Zeit war Marianne rappel⸗ köpfiſcher als je zuvor, und der Chevalier hatte an⸗ genommen, daß dieſes Uebermaß von übler Laune gegen ihn ſeinen Grund in Anträgen habe, welche 213 der Maire von Chartres, Herr Legardinois, ihr gemacht, um ſie aus dem Dienſte des Chevalier in ſeinen eigenen zu verlocken. Nun war es wahrſcheinlich, daß Marianne, wenn der Chevalier unter ſolchen Umſtänden ſein majeſtätiſches„Machen Sie Ihre Rechnung“ wagte, ihre Rechnung wirklich machen und aus ſeinem Dienſt treten würde. Der Chevalier hatte zwar die Sympathien ſeines Herzens überwunden, aber den Schrei ſeines Ma⸗ gens noch nicht. Marianne war nicht die liebenswürdigſte, wohl aber die geſchickteſte Köchin, die es gegeben. Deßhalb fürchtete er ſo ſehr, er möchte in der Küche mit ihr zuſammentreffen, deßhalb wurde ihm das Herz ſo leicht, als er bemerkte, daß ſie nicht da war. Der Chevalier benützte dieſen Umſtand und ging raſch auf den Speiſeſchrank zu. Der Speiſeſchrank war geſchloſſen. Marianne war ein ſorgſames Madchen. Er nahm jetzt ein Meſſer, ſteckte es zwiſchen die Schließkappe und den Schloßriegel und verſuchte den Schrank ohne den Schlüſſel zu öffnen. Aber da bedachte er, was Marianne ſagen würde, wenn ſie in dieſem Augenblick zurückkäme und ihn auf offener That des Einbruchs in ſein eigenes Beſitzthum ertappte. War es auch wirklich ſein eigenes Beſitzthum? Sagte Marianne auch nur ein einziges Mal: die Küche des Herrn Chevalier? 214 Nein, wahrhaftig nicht! Marianne ſagte: meine Küche. Das Meſſer ſank Dieudonné aus den Händen und er blickte mit verzweiflungsvoller Miene um ſich. In der Nähe der Thüre, auf einem hohen Brett außerhalb des Bereichs jedes Raubthiers bemerkte er ein Huhn, wovon er am Morgen nur einen Flügel gegeſſen hatte. Abgeſehen von dem Flügel war der Braten alſo unberührt. Es war ein prächtiges Maſthühnchen von Mans. Offenbar beabſichtigte Marianne aus dieſen Ueber⸗ bleibſeln, die im höchſten Grad appetitlich, deren weißes fettes Fleiſch ſo prachtvoll gebräunt war und ſo weich in der Sauce lag, etwas ganz Aus⸗ gezeichnetss für das Diner des Chevalier herzu⸗ ſtellen. Die Einbildungskraft des Chevalier genoß in wenigen Sekunden das faftige Hühnchen fricaſſirt, marinirt, en bayonnaise oder en mahonnaise(die Gelehrten ſind über dieſen Punkt culinariſcher Tech⸗ nologie uneinig) lauter kleinen Platten, zwar aller⸗ dings etwas gar zu winzig wie alle Platten zweiter Formation, aber der Chevalier war im höchſten Grad lüſtern darnach. Sein Auge ſpähte daher in allen Ecken und auf allen Brettern herum, ob ihm nicht ein glücklicher Zufall andere Eßwaaren vorführe, die ſtatt des Hühnchens zu dem beabſichtigten Gebrauch dienen könnten. Aber er mochte ſuchen ſo lang er wollte, er fand Nichts.. 215 Er nahm das Hühnchen an den Füßen, hielt es in der Höhe ſeiner Augen, betrachtete es mit Seufzern des Bedauerns und der Begierde, erſtickte ſeinen Wunſch nach Herzensluſt einzubeißen. So weit war er in ſeiner Prüfung gekommen, und vielleicht ſtand er im Begriff der Verſuchung nachzugeben, als das Geräuſch der Straßenthüre, die ſich in ihren roſtigen Angeln drehte, ſeinen Be⸗ denklichkeiten ein Ende machte. Der Chevalier ging heroiſch aus dem Kampfe hervor, den ſein Herz gegen ſeinen Magen beſtand. Er ſteckte herzhaft das Hühnchen unter einen Schoß ſeines Schlafrockes und kletterte die Küchentreppe mit einer Behendigkeit und Schnelligkeit hinan, die er in ſeinen fünfundvierzigjährigen Beinen nicht mehr zu finden geglaubt hatte. Als er aus der Küche ging, wäre er beinahe auf Marianne geſtoßen. Er warf ſich in die Speiſekammer. Dort blieb er ganz keuchend, bis Marianne in ihre Küche hinabging, die im Soussol lag, wie man heutzutage ſagt. Jetzt ſchlich er auf den Zehen mit zurückgehal⸗ tenem Athem hinaus, ſtieg ſeine Treppe, immer zwei Tritte auf einmal, hinauf, kam auf ſein Zim⸗ mer zurück, ſchloß die Thüre wieder, ſchob den Rie⸗ gel vor und ſank auf einen Stuhl. Die Kräfte verließen ihn. Fünf Minuten genügten dem Chevalier, um wieder zu ſich zu kommen. Er erhob ſich wieder, trat ans Fenſter, öffnete es entſchloſſen, rief den Hund, der noch immer an demſelben Platz gekauert ſaß, wie wenn er eine Sphinx geworden wäre, und warf ihm mit einer prächtigen Bewegung das Hühn⸗ chen zu. Das Thier fing es im Flug auf, und ſtatt mit ſeinem Raub zu entfliehen, wie der Chevalier er⸗ wartete und vielleicht hoffte, nahm es ihn zwiſchen ſeine Pfoten und begann als Hund, der in ſeinem ſichern Rechte iſt, ihn augenſcheinlich mit einer Kraft zu zerſtückeln, welche der Solidität ſeiner Kinnbacken die größte Ehre machte. „Brapo, mein Junge,“ rief der Chevalier be⸗ geiſtert,„ſo iſts recht, nur tüchtig eingehauen. Schön! da verſchwindet bereits der ganze Flügel; gut, ein Schlegel folgt nach, ganz gut, der andere; gut, der Kopf; jetzt das Gerippe. Du warſt alſo am Verhungern, mein armes Thier?“ Und bei dieſem Gedanken ſtieß Herr de la Gra⸗ verie einen dicken Seufzer aus; denn die Idee der Seelenwanderung trat wieder vor ſeinen Geiſt und mit ihr das Bild des armen Capitäns. Der Gedanke nun, daß Derjenige der unter ſeiner menſchlichen Hülle ſo freundlich gegen ihn geweſen, unter einer beliebigen andern Hülle und ganz beſonders in Geſtalt eines Hundes, der ſeine Kette zerriſſen hätte, um wieder zu ihm zu kommen, Hunger leiden könnte, dieſer Gedanke lockte ihm Thränen in die Augen. Und Niemand kann ſagen, wie weit dieſer Ge⸗ danke den Chevalier hätte führen können, wenn er Zeit gehabt hätte länger dabei zu verweilen. Aber er wurde gewaltſam herausgeriſſen durch ein wüthendes Geſchrei, das aus dem Erdgeſchoß kam. 217 rugn ſeiner augenblicklichen Stimmung und mit ſeinem Schuldbewußtſein erkannte der Chevalier ohne Mühe die Stimme Mariannes. Er ſchloß raſch ſein Fenſter und entriegelte eilig ſeine Thüre. Es war wirklich Marianne, die bei Entdeckung des Geflügelraubes Wehklagen ausſtieß, wie wenn das ganze Haus abgebrannt wäre. Der Chevalier hielt es fürs Beſte der Gefahr entgegenzulaufen oder ſie ſogar auf ſein eigenes Haupt heranzuziehen. Wenn Marianne zufällig an die Hausthüre ging und den Hund noch am Gerippe des Huhnes nagend fand, ſo war ihr Alles klar. Wenn der Chevalier dagegen ſie auch nur fünf Minuten beſchäftigte, ſo war es ganz gewiß, daß bei der Art wie der Wachtelhund arbeitete in fünf Minueen ſelbſt die letzten Trümmer des Hundes ver⸗ ſchwunden ſein mußten.. Vielleicht blieb aber dann der Hund ſtehen, vielleicht leckte er ſeine Schnauze und wartete auf einen andern Braten; aber jedenfalls ſprach der Hund nicht, und ſelbſt wenn er geſprochen hätte, ſo ſah er viel zu geſcheidt aus, um Marianne ſeine gaſtronomiſchen Beziehungen zu dem Chevalier de la Graverie mitzutheilen. Von der Thüre ſeines Zimmers aus und oben an der Treppe, d. h. von einem Platze aus, wo er Alles beherrſchte, rief er alſo mit der Stimme des Gebieters: „He, he, Marianne, was gibt es denn? und warum dieſen ſchrecklichen Lärm?“ 218 „Warum dieſen ſchrecklichen Lärm? Ha, mein Herr, Sie fragen es?“ 4 „Allerdings frage ich.“ Dann fügte er mit zunehmender Würde hinzu: „Daß Dich der Has beiß! Ich habe, ſollte ich meinen, wohl das Recht zu erfahren, was in mei⸗ nem Hauſe vorgeht.“ Und er betonte das zueignende Fürwort mein ſowie das Hauptwort Haus auf eine ganz eigen⸗ thümliche Weiſe. Marianne fühlte den Stachel. „In Ihrem Haus!“ ſagte ſie,„in Ihrem Haus! Nun wahrhaftig, da gehen ſchöne Sachen vor.“ „Was geht da vor? laſſen Sie hören,“ fragte der Chevalier mit frecher Stirne. „Es geht da vor, daß man in Ihrem Hauſe ſtiehlt,“ ſagte Marianne mit ſtarker Betonung. Der Chevalier huſtete und fragte mit minder feſter Stimme: „Und was ſtiehlt man denn?“ „Man ſtiehlt Ihr Diner, weiter Nichts als Das; denn Sie werden ſich doch nicht einbilden, daß ich Nachmittags um vier Uhr noch einmal auf den Markt gehe; übrigens gäbe es auch Nichts mehr auf dem Markte. Und ſelbſt wenn es Hühner gäbe, ſo könnte man ſie heute nicht mehr brauchen. Je⸗ dermann weiß, daß ein Huhn wenigſtens zwei Tage liegen muß um eßbar zu ſein.“ Der Chevalier hatte gute Luſt zu ihr zu ſagen: „Ei, ſo gehen Sie doch zum Paſtetenbäcker an der Ecke und holen Sie dort einen Vol⸗au⸗vent N n! nt 219 oder irgend etwas Anderes was die Stelle Ihres Geflügels vertreten kann.“ Aber ganz ſicherlich war der Wachtelhund noch vor der Thüre, und der Chevalier wollte ihn nicht den Brutalitäten Mariannes preisgeben. Er begnügte ſich alſo zu antworten: „Bah! was macht Das? Ein ſchlechtes Diner, das iſt ja bald vorbei.“ Dieſe Philoſophie lag ſo wenig in den Gewohn⸗ heiten des Chevalier, daß Marianne, die ſich im Gegentheil täglich die ängſtlichſten und kleinlichſten Bemerkungen ihres Herrn gefallen laſſen mußte, ganz verblüfft daſtand. „ Ah,“ brummelte ſie,„ſo antworteſt Du mir; ſchon gut, ſchon gut; man wird ſich alſo nicht geniren.“ Und Marianne ging gedemüthigt in ihrem Stolz und mit dem entſchiedenen Vorſatz ſich zu rächen in ihre Küche zurück. Aber auf der andern Seite glaubte ſich der Che⸗ valier, theils wegen des Huhns das er dem Wach⸗ telhund auf Koſten ſeines eigenen Mahles octroyirt, theils wegen des Streites den er ſo eben mit Ma⸗ rianne gehabt habe, jeder neuen Aufmerkſamkeit gegen das Thier entbunden. Ohne an das Fenſter zurückzukehren, ſetzte er ſich alſo in ſeinen Lehnſtuhl, bis Marianne ſeine Thüre öffnete und in poſſenhaftem Ton zu ihm ſagte: „Das Diner iſt aufgetragen.“ Dieſe Meldung wurde regelmäßig um fünf Uhr Abends gemacht. 220 Tiader Chevalier ſtand auf und ſetzte ſich an den iſch. Marianne pflanzte ceremoniös ein Stück geſotte⸗ nes Ochſenfleiſch, eine Platte Zuckererbſen und grüne Bohnen als Salat vor ihn auf, mit dem Bemerken, daß dieſe drei Platten für heute ſein ganzes Mahl ausmachen. Der arme Chevalier machte ſich mit dem größten Widerwillen an das faſerige und ganz ſaftloſe Och⸗ ſenfleiſch, ſo daß er bald bei den grünen Bohnen ankam; aber zum Glück hatten der Spaziergang, daß Douchebad und ganz beſonders die ungewohnten Gemüthsbewegungen, die er überſtanden, ſeinem Appetit wahrſcheinlich neue Bahnen eröffnet, denn, wenn er auch dem Ochſenfleiſch nur ein einziges Mal zugeſprochen hatte, ſo hielt er ſich doch zwei⸗ mal an die Erbſen und dreimal an die Bohnen, und als er endlich aufſtand, ſchwur er der ganz verblüfften Marianne, daß er ſeit ſehr langer Zeit nicht ſo gut geſpeist habe. Nach Tiſch pflegte der Chevalier in ſeinen Cercle zu gehen. Nichts in der Welt hätte ihn von einer Gewohnheit abwendig gemacht. Was würde aus ihm geworden ſein, wenn er nicht ſein Whiſt zu zwei Liards die Marke gemacht hätte? Da er indeß fürchtete, das Huhn könnte den Wachtelhund keineswegs auf die Idee zu gehen, ſondern vielmehr auf die Idee zu bleiben gebracht haben, ſo daß er ihn beim Ausgehen an der Thüre treffen würde, ſo beſchloß er ihm einen Streich zu ſpielen. 221 Er ging alſo ganz einfach durch den Garten ſtatt durch die Hausthüre. Der Garten ging auf ein verlaſſenes Sträß⸗ chen, wo niemals ein Hund, und wenn er der ver⸗ lorenſte Vagabund war, die Idee haben konnte einen Herrn zu erwarten. So geſchah es, daß der Chevalier auf Umwegen und ohne alle läſtige Begegnung in ſeinen Club gelangte, deſſen Local auf dem Theaterplatz war. Er blieb da bis zehn Uhr. „Dieſer verdammte Wachtelhund,“ murmelte der Chevalier zwiſchen ſeinen Zähnen,„iſt ſo hartnäckig, daß er im Stande wäre auf ſeinem Poſten zu ſtehen. In dieſem Fall hätte ich nicht den Muth ihn drau⸗ ßen zu laſſen. Ich kehre alſo am beſten auf dem Wege zurück, auf dem ich gekommen bin.“ Und der Chevalier begab ſich wieder auf ſeine Umwege und in ſein Gäßchen, ging zur kleinen Gartenthüre herein und beeilte ſich ſehr, denn es blitzte und in der Ferne hörte man Donnergeroll. Als er durch den Garten ſchritt, fielen die erſten Tropfen, breit wie Sechsfrankenthaler. Auf der Treppe begegnete er Marianne, die im Bewußtſein, daß ſie in ihrer Rache vielleicht etwas weit gegangen, ihre liebenswürdigſte Miene anzunehmen ſuchte und ſagte: „Sie haben wohl gethan heimzukommen.“ „Und warum?“ fragte Dieudonné. „Warum? Ci nun, weil ein Wetter im Anzug iſt, bei dem man keinen Hund hinausjagen ſollte.“ „Hum!“ machte der Chevalier,„hum, hum.“ 222 Und er ging an Marianne vorbei auf ſein Zimmer. Er hatte große Luſt am Fenſter nachzuſehen, ob der Hund noch immer vor dem Haus ſtehe, aber er wagte es nicht. Wie alle Schwachköpfe blieb er lieber im Zweifel, als daß er einen Entſchluß faſſen wollte. Der Regen ſchlug heſtig an die Läden und das Donnergeroll kam immer näher. Der Chevalier kleidete ſich ſchnell aus, machte raſch ſeine Nachttoilette, legte ſich in ſein Bett, blies ſeine Kerzen aus und zog ſich die Decke über die Ohren. Aber trotz dieſer Vorſichtsmaßregel hörte er den Regen an ſeine Läden ſchlagen und den Donner über ſeinem Haupte rollen, denn das Gewitter war allmählig nahe gekommen und ſchien ſich zu dieſer Stunde über dem Hauſe des Chevalier geſammelt zu haben. Auf einmal meinte er mitten im praſſelnden Regen und Donnergekrach ein langes, unendlich trauriges und immer ſtärkeres Klagen zu hören wie das Geheule eines Hundes. Den Chevalier ſchüttelte es ſchaudernd an allen Gliedern. War der Wachtelhund vom Morgen noch immer da? oder war es ein anderer Hund der ſich zufäl⸗ lig hieher verlaufen hatte? Das Geheul, das er ſo eben gehört, hatte ſo wenig Aehnlichkeit mit dem freudigen Gebell vom Morgen, daß der Chevalier wohl annehmen konnte, dieſes Gebell und dieſes Geheul ſtehen in keiner 223 Verwandtſchaft zu einander und kommen nicht aus demſelben Maule. Der Chevalier verkroch ſich noch tiefer in ſein Bett. Das Gewitter fuhr noch furchtbarer zu toben fort. Der Wind ſchüttelte das Haus, als wollte er es entwurzeln. Zum zweiten Mal ließ ſich das Geheul kläglich, unheimlich, lange andauernd ver⸗ nehmen. Dießmal konnte der Chevalier nicht widerſtehen; dieſes Geheul ſchien ihn mit Gewalt aus dem Bette zu ziehen; er ſtand alſo auf, und obſchon Vorhänge, Fenſter und Jalouſien geſchloſſen waren, ſo gab doch der Wiederſchein der Blitze, die ununterbrochen auf einander folgten, Helle genug. Wie von einer übermächtigen Gewalt getrieben, wankte der Chevalier auf das Fenſter zu, hob den Vorhang in die Höhe und ſah durch die Zwiſchen⸗ räume der Jalouſien hindurch den unglücklichen Jachtelhund auf derſelben Stelle ſitzen, unter Regen⸗ güſſen, bei welchen ein Hund von Granit hätte zer⸗ ſchmelzen können. Jetzt bemächtigte ſct inniges Erbarmen des Chevalier. 3 Ueberdieß ſchien es i ,, als ob in dieſer Beharr⸗ lichkeit eines Hundes, den er zum erſten Mal ſah, etwas Uebernatürliches läge. Mechaniſch griff er nach dem Drehriegel des Fenſters, um es zu öffnen; aber in demſelben Au⸗ genblick krachte ein Donnerſchlag, wie er noch nie einen gehört hatte, juſt über ſeinem Kopfe, die Finſterniß ſpaltete ſich, eine Feuerſchlange ziſchte durch die Luft, der Hund ſtieß einen gellen Angſt⸗ 224 ſchrei aus und entfloh, der Chevalier aber, von einer electriſchen Erſchütterung getroffen, welche von der Hand, die das Eiſen des Drehriegels berührt hatte, in ſeinen ganzen Körper überging, taumelte hinter ſich und fiel rücklings und bewußtlos am Fuß ſeines Bettes nieder. XVII. Hallucination. Als der Chevalier wieder zu ſich kam, war das Gewitter vorüber, es war ſtockfinſtere Nacht und es herrſchte gänzliche Stille. Eine Zeitlang wußte er nicht was geſchehen war; er erinnerte ſich an Nichts und konnte nicht errathen, wie es gekommen war, daß er in einer ſchon ſehr kalten Herbſtnacht im bloßen Hemd unter ſeinem Bette lag. Er fühlte ſich ganz erſtarrt, in ſeinen Ohren rauſchte es wie das ferne Getöſe eines Waſſerfalls. Er richtete ſich tappend auf ſeine Knie auf, fühlte ſein Bett in Bereich ſeiner Hand, ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſchwang ſich mit unerhörter Anſtrengung auf ſeine Pyramide von Matrazen. Hier fand er ſeine Tücher noch warm— ein Beweis daß ſeine Ohnmacht nicht lange gedauert hatte— und ſeine Eiderdunen halb hinabgefallen. Er ſchlüpfte mit einem Gefühl unendlichen Wohlbehagens zwiſchen ſeine Tücher, zog ruhig ſeine Eiderdunen auf ſich her, knäuelte ſich zuſammen um deſto ſchneller wieder warm zu werden, und verſuchte es wieder einzuſchlafen. — 225 Aber allmählig ſtellte ſich ſeine Erinnerung wieder ein, und je ſtärker ſie ſich geltend machte, um ſo mehr floh der Schlaf. Der Chevalier entſann ſich jetzt auf Alles bis in die kleinſten Einzelheiten, von dem Huhne von Mans an bis zu dem Donnerſchlag. Nun horchte er, ob die Stille der Nacht nicht durch das Geheul des Hundes geſtört würde. Alles war ruhig. Hatte er nicht überdieß in demſelben Augenblick, wo er ſich von dieſer electriſchen Erſchütterung ge⸗ troffen fühlte in Folge deren ſein Arm noch erſtarrt war, den Hund voll Angſt entfliehen geſehen? Er war alſo befreit von dieſem Thiere, das ſich ſo hartnäckig wie ein Geſpenſt erwieſen hatte. Aber war dieſes Thier nicht auf eine ſeltſame Art mit den einzigen Erinnerungen die ihm theuer waren, mit dem Tod ſeines Freundes Dumesnil verkettet? Dieß alles war ſehr ſtark und ſehr rührend für den Chevalier, deſſen Leben ſeit acht oder neun Jahren glatt wie die Oberfläche eines Sees dahin⸗ gefloſſen war, ſeit geſtern aber ſich in einen ſtürmi⸗ ſchen Strom verwandelt zu haben ſchien, der un⸗ willkührlich nach einem furchtbaren Falle hin, ſo ſchrecklich wie der Rhein⸗ oder Niagarafall, fortge⸗ riſſen wurde. In dieſem Augenblick that die Uhr einen Schlag. Es konnte eine beliebige halbe Stunde oder auch Ein Uhr Morgens bedeuten. Der Chevalier konnte aufſtehen, ein Zündhölz⸗ chen anzünden und ſehen. Dumas, Black. I. 15 226 Aber ängſtlich wie ein furchtſames Kind, meinte er, die ganze natürliche Ordnung habe ſich dermaßen verſchoben, daß er nicht aufzuſtehen wagte ⸗ Er wartete. Nach einer halben Stunde that die Uhr wieder einen Schlag. Es war alſo Ein Uhr Morgens. Der Chevalier mußte ſomit noch ſechs Stunden warten, bevor es Tag wurde.. Er ſchauerte und der Angſtſchweiß brach ihm am ganzen Leibe aus; wenn er vor Tag nicht wieder einſchlafen konnte, ſo wurde er ganz gewiß ein Narr. Er biß ſeine Zähne übereinander, ballte ſeine Fäuſte und ſagte voll Wuth zu ſich: „Schlafen wir jetzt!“ ünglücklicher Weiſe beſitzt der Menſch, wie Jedermann weiß, in dieſer Beziehung keine Gewalt uͤber ſich; vergebens befahl ſich der Chevalier ein⸗ zuſchlafen, er ſchlief nicht ein. Aber in Ermanglung des Schlafes kam das Delirium, dieſer Traum des Wahnſinnigen. Der Chevalier verſank in eine Art von Erſtar⸗ rung die dem Schlafe glich, und nun dünkte es ihn, als ob er und nicht Dumesnil es ſei, der auf ſeinem Bett und in ſein Leichentuch eingewickelt daliege; nur täuſchte man ſich, man nahm eine Lethargie für den Tod und war im Begriff ihn lebendig zu begraben. Dann kam der Leichenbeſtatter, der ihn aus ſeinem Bette nahm und ihn, ohne daß er ſprechen, rufen, ſich bewegen oder irgend Widerſtand leiſten 227 konnte, in ſein Leichentuch gehüllt in die Bahre legte, den Deckel zudrückte und zu vernageln anfing. Da jedoch einer der Nägel ihm ins Fleiſch ging, ſo ſtieß der Chevalier einen Schrei aus und erwachte. Erwacht oder ſich erwacht glaubend— denn er wurde von einer fortdauernden Viſion gequält— war es ihm, als finde er ſich plötzlich in eine phan⸗ taſtiſche Welt verſetzt, voll von ſonderbaren Thieren, die ihn drohend anſchauten: er wollte fliehen; aber bei jedem Schritt erhoben ſich, wie vor dem Ritter in Armidas Garten, neue Ungeheuer und vereinigten ſich mit der Meute, die auf ihn Jagd machte; nun ſtolperte der unglückliche Chevalier, fiel, erhob ſich wieder und begann von Neuem zu laufen; aber er wurde wie ein Hirſch in Todesnoth eingeholt und erwartete den Tod ohne Kraft gegen ihn zu kämpfen; nur erwachte er am Schmerze des erſten Biſſes und ſagte von Neuem zu ſich: „Es iſt nicht wahr, ich bin in meinem Bett, ich habe nichts zu fürchten; es iſt ein Traum, ein Phantaſiegebilde, ein Alp.“ Und der Chevalier ſetzte ſich auf und bedeckte ſeinen Kopf mit beiden Händen; vergebens ſagte er zu ſich, er werde nie ſo unſinnig ſein, um einem Traum die mindeſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, die Wiederholung dieſer Erſchütterungen, ſo wie ſeine gänzliche Erſchöpfung in Folge der Schlafloſigkeit begann ſtörend auf ſein Gehirn einzuwirken. Und ſelbſt in dieſer Stellung konnte er die furchtbare Schlafſucht nicht vermeiden, mit deren Hilfe der phantaſtiſche Wirrwarr bei ihm überhand⸗ nahm und ſich all ſeiner Kräfte hanicotigt. 228. Er ließ eine ſeiner Hände über ſeine Matratze hinabfallen, aber kaum hing dieſe Hand, ſo war es ihm, als ob die ſanfte und treue Zunge eines Hundes ſie leckte, dann wurde dieſe Zunge kalt, herb und ſtarr wie ein Eiszapfen. Der Chevalier öffnete ſein Auge wieder oder glaubte es wieder zu öffnen; er beſaß in dieſem Moment ſo wenig Geiſtesfreiheit, daß er unmöglich ſagen konnte: dieß iſt der Traum und dieß iſt die Wirklichkeit, und er ſchauderte am ganzen Leib, als er den Wachtelhund an ſeinem Bette ſah; ſein ſchwarzes ſeidenes Haar glänzte in der Nacht durch eine Art von Phosphorescenz, welche das ganze Zimmer um ihn her beleuchtete; er konnte alſo den Blick des Thieres mit traurigen Augen, voll zärt⸗ lichen Vorwurfs auf ſich geheftet ſehen, dieſe Augen aber hörten auf Hundeaugen zu ſein und gewannen einen menſchlichen Ausdruck. 1 Und dieſer Ausdruck war wirklich derſelbe, wo⸗ mit der ſterbende Dumesnil ihn angeſchaut. Der Chevalier konnte nicht mehr an ſich halten; er ſprang aus ſeinem Bett und lief, in der Dunkel⸗ heit an den Möbeln ſich ſtoßend, an das Kamin, wo er Zündhölzchen in Bereitſchaft fand und eine Kerze anzündete. Nachdem er dieß mit ſchrecklichem Herzklopfen gethan, wagte es der Chevalier, der bei ſeinem Sprung aus dem Bett die Augen geſchloſſen hatte, ſie endlich wieder zu öffnen und ſchaute um ſich. Das Zimmer war gärnzlich leer. Der Chevalier kehrte ans Fenſter zurück und — ⏑⏑:⏑—— 229 hob den Vorhang von Neuem auf: die Straße war öde wie das Zimmer. Er ſank auf einen Lehnſtuhl, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne; da er eine neue Anwand⸗ lung von Froſt verſpürte, ſo legte er ſich nieder, ließ aber dießmal die Kerze brennen. Ohne Zweifel verſcheuchte das Licht die Ge⸗ ſpenſter, denn der Chevalier ſah Nichts mehr, ob⸗ ſchon er ein ſo heftiges Fieber hatte, daß er die Adern ſeiner Schläfe pochen hörte. Bei dem erſten Strahle des Tages klingelte er Marianne, damit ſie ihm ſein Feuer anzünden ſolle. Aber Marianne, die gewöhnt war erſt um halb neun Uhr ins Zimmer ihres Herrn zu kommen, be⸗ kümmerte ſich Nichts um dieſes ungebräuchliche Ge⸗ klingel und dachte ohne Zweifel, es komme von irgend einem Kobold her, der ſie in ihrer Ruhe ſtören wolle. 3 fder Chevalier ſtand auf, öffnete die Thüre und rief. Marianne blieb gegen die Stimme eben ſo taub wie gegen die Klingel. Die Folge davon war, daß der Chevalier ſeine Hoſen und ſeinen Schlafrock anziehen und ſich ent⸗ ſchließen mußte dieſes häusliche Geſchäft ſelbſt zu verrichten. Nachdem ſein Feuer angezündet war und der Chevalier ſich vom wirklichen Verſchwinden des Hundes verſichert hatte, läutete er von Neuem. Da es jetzt wirklich Mariannes Stunde war, ſo erſchien Marianne mit allen zur Feuerung nöthigen Ingredienzien. h 230 Das Feuer brannte bereits und der Chevalier wärmte ſich daran. Marianne blieb unbeweglich auf der Thürſchwelle ſtehen. „Mein Frühſtück!“ ſagte der Chevalier. Marianne wich einen Schritt zurück. Nie war der Chevalier vor neun Uhr aufge⸗ ſtanden, nie hatte er ſein Frühſtück vor zehn Uhr begehrt. Es war halb neun Uhr. Der Chevalier war wiſeſtanden, wärmte ſich bereits und verlangte ſein Frühſtück. Ueberdieß war der Chevalier blaß.— „Ah Herr,“ ſagte ſie,„was iſt denn hier ge⸗ ſchehen? Mein Gott!“ Der Chevalier würde es ihr gerne erzählt ha⸗ —, wenn er es gewagt hätte, aber er wagte es nicht. „Nun wahrhaftig,“ ſagte er, die Frage umge⸗ hend,„man würde hier ohne Hilfe ſterben; ich habe gerufen, geläutet, geſchrien; aber bah! es iſt, als ob kein Menſch im Haus geweſen wäre.“ „Ei Herr, ein armes Frauenzimmer wie ich, wenn ſie den ganzen Tag über ihre Kräfte gear⸗ beitet hat, ſchläft in der Nacht auch gern ein wenig.“ „Geſtern haben Sie nicht über Ihre Kräfte gearbeitet,“ antwortete der Chevalier mit einer ge⸗ wiſſen Herbheit;„aber ſprechen wir nicht mehr da⸗ von; ich habe mein Frühſtück von Ihnen begehrt.“ „Um dieſe Stunde frühſtücken, Jeſus Maria! iſt das die Stunde?“ 231 „Das iſt die Stunde, wenn ich am vorherge⸗ henden Tag ſchlecht dinirt habe.“ „Sie werden wohl warten müſſen, bis ich vom Markt zurückkomme; es iſt abſolut Nichts da.“ „Nun, ſo gehen Sie auf den Markt; aber kom⸗ men Sie ſogleich wieder heim.“ Marianne wollte Bemerkungen wagen. „Daß Dich der Has beiß!“ ſagte der Chevalier, indem er mit ſeiner Zange in das Feuer ſchlug, das er ſelbſt gemacht hatte, und aus welchem jetzt Millionen Funken aufflogen. Marianne hatte dieſen unſchuldigen Fluch erſt zweimal gehört; ſie unterlag dem Einfluß deſſelben. Sie kehrte den Rücken, ſchloß die Thüre, ging die Treppe hinab und ſchlug trippelnd den Weg nach dem Markte ein. Marianne beugte ihr Haupt gleich einem con⸗ ſtitutionellen Monarchen, der eine von ſeinen Kam⸗ mern aufgenöthigte Reform annimmt, aber mit dem feſten Vorſatz ſich baldigſt zu rächen. Noch immer gegen ſeine Gewohnheiten, aß der Chevalier haſtig und machte keine der traditionellen Bemerkungen, welche ihm die Erinnerung an den vortrefflichen Cafe einflößte, den er auf ſeinen Rei⸗ ſen getrunken hatte, und mit welchem der von Chartres— obgleich Chartres diejenige Stadt Frank⸗ reichs iſt, welche ſich einbildet den beſten Cafe zu brauen— eben ſo wenig eine Vergleichung aus⸗ hielt, als reine Cichorie mit ächtem Cafe. Alles im Haushalt des alten Junggeſellen war ſo geregelt, ſo abgewogen und feſtgeſetzt, daß Ma⸗ — nʒ —— 232 rianne jetzt weder ihren Augen noch ihren Ohren trauen konnte. Der Briefträger brachte das Journal. Marianne, deren Stimmung verſöhnlicher gewor⸗ den war, beeiferte ſich es ihrem Herrn heraufzu⸗ bringen. Dieſer aber, ſtatt es wie alle Tage gewiſſenhaft vom Titel an bis zur Unterſchrift des Druckers zu leſen, ließ einen zerſtreuten Blick über das Blatt hinſchweifen, warf es auf den Leuchterſtuhl und ging in ſein Schlafzimmer zurück. „Wahrhaftig,“ rief Marianne, indem ſie ihr Ge⸗ ſchirr in Ordnung brachte,„ich erkenne meinen Herrn nicht mehr; er iſt heute gar nicht wie ge⸗ wöhnlich. Er hat nicht einmal bemerkt, daß die Eier in der polniſchen Brühe klebrig, die Cotelettes verkohlt und ſeine grünen Erbſen angebrannt waren.“ Dann hob ſie beide Arme zum Himmel empor und rief wie im Drang einer plötzlichen lichtvollen Offenbarung: „Sollte er verliebt ſein?“ Aber nach kurzer Ueberlegung lachte ſie ſelbſt über eine ſo ſinnloſe Unterſtellung und fuhr fort: „Nein, nein, das iſt nicht möglich; aber was zum Teufel mag er wohl in ſeinem Zimmer einfä⸗ deln? Ich muß doch ſehen.“ Und als discrete Dienerin ſchlich ſich Marianne auf den Zehen durch den Salon und drückte ihr Auge an das Schlüſſelloch des Schlafzimmers. Sie bemerkte, wie ihr Herr trotz der ſchneidenden Kälte eines Herbſtmorgens das Fenſter geöffnet hatte und aufmerkſam in die Straße ſah. 233 „Er ſcheint wahrhaftig zu warten, bis Jemand vorüberkomme,“ ſagte Marianne.„Jeſus Maria! ſonſt fehlte Nichts mehr: eine Frau im Hauſe, ich wollte ihm noch lieber den Hund von geſtern hin⸗ gehen laſſen.“ Aber der Chevalier de la Graverie, der ver⸗ muthlich auf der Straße nicht fand, was er ſuchte, ſchloß das Fenſter wieder, und während Marianne, immer mehr von Neugierde gequält und in Ver⸗ muthungen ſich verlierend, in den Speiſeſaal zurück⸗ ging, begann er mit gekreuzten Armen, gerunzelten Brauen und unter der ſichtlichen Herrſchaft einer ſtarken Gemüthsbewegung ſein Zimmer kreuz und quer zu durchſchreiten. Dann warf er auf einmal und wie ein Menſch, der einen plötzlichen Entſchluß faßt, ſeinen Schlafrock weg und ſchlüpfte in einen Aermel ſeines Fracks. Aber während er zu dieſem Detail ſeiner Toi⸗ lette ſchritt, warf er einen Blick auf die Uhr. Sie zeigte halb eilf. Jetzt ſpazierte er einige Zeit, ſeinen Frack an einem Aermel hängend. Hätte Marianne ihn ſo geſehen, ſo wäre ſie nicht bei der Hypotheſe, daß der Chevalier verliebt ſei, ſtehen geblieben. Sie würde zu ſich geſagt haben:„Der Cheva⸗ lier iſt verrückt.“ Noch ſchlimmer wäre es geweſen, hätte ſie dem Chevalier in dieſem Zuſtand aus ſeinem Zimmer kommen und mit dem einen Arm im Frack, dem andern bloß, in den Garten gehen ſehen. 234 Erſt an der Luft bemerkte er ſeine Zerſtreuung und ſchlüpfte auch in den andern Aermel. Was wollte er im Garten thun? Das hätte Marianne ganz gewiß eben ſo wenig zu begreifen vermocht, als das Uebrige. Der Chevalier ſuchte, ging auf und ab, blieb vorzugsweiſe in den Ecken ſtehen, maß die Platten mit ſeinem Stock, bald ein Meter, bald zwei, je nach dem Raum. Dann ſagte er zwiſchen den Zähnen: „Hier, nein; dort wird er vortrefflich ſein... Heute noch laſſe ich einen Maurer holen; eine Hütte von Ziegeln oder gewöhnlichem Stein würde ſehr feucht ſein. Ich glaube, eine Holzhütte wäre weit beſſer; ich will nicht den Maurer holen laſſen, ſon⸗ dern den Schreiner.“ Es war klar, daß der Leib des Chevalier bei der Sache, ſein Geiſt aber anderswo war. Aber wo war ſein Geiſt? Die für Marianne im höchſten Grad dunkle Lö⸗ ſung dieſes Räthſels iſt, hoffen wir, für den Leſer vollkommen klar. Er ſieht wohl, daß der Entſchluß des Chevalier gefaßt war. Er war entſchloſſen den Hund zu ſeinem Tiſch⸗ genoſſen zu machen, und er ſuchte einen Platz, wo er ihn am zweckdienlichſten einquartieren konnte. Die Selbſtverleugnung, welche der Chevalier durch Aufopferung ſeines Huhns bewieſen, und wo⸗ durch er ſeine Gewiſſensbiſſe wegen der ſchlechten Behandlung Mariannes beſchwichtigt hatte, genügte nicht mehr ſeit dieſen unglückſeligen Träumen und —.——————,————— ,(01b Soͤ& 8₰ 8 x& ———/ öꝛ— 235 dieſen verhängnißvollen Viſionen, in Folge deren er auf offener That des Undanks gegen ein Thier ertappt wurde, das ihm alle Arten von Mitgefühl bewieſen hatte. Nicht als ob der Chevalier ſeit dem Wiederauf⸗ gang der Sonne noch ganz in demſelben Zuſtand der Bangigkeit geblieben wäre; nein, er konnte die Träume der Nacht, in welche ſeit Tagesanbruch einiges Licht gekommen war, nicht gelten laſſen; die Seelenwanderung war ein Syſtem, das nur in Py⸗ thagoras exiſtirt hatte. Die Vernunft und die reli⸗ giöſen Geſinnungen des Chevalier verdammten die⸗ ſen Glauben gleich ſtark. Aber trotz der Berechnungen ſeiner Vernunft, trotz der Wünſche ſeines Gewiſſens zweifelte er, und der Zweifel iſt tödtlich für Geiſter vom Gepräge des Chevalier.. Er würde wahrlich geſchworen haben, es ſei ein alberne Annahme, daß der Geiſt, der den Körper des ſchwarzen Hundes belebte, die geringſte Beziehung zu der in unbekannte Welten abgeſchiedenen Seele ſeines armen Freundes haben könnte; gleichwohl, und ſo entſchieden er es vor ſich ſelber läugnete, empfand er für den Hund ein ſo tiefes und ſo zärtliches Inte⸗ reſſe, daß er darüber erſchrack, ohne daß er ſich ent⸗. ſchließen konnte in demſelben nachzulaſſen. Er dachte an das arme Thier, wie es zwölf Stunden lang allen Unbilden der Witterung ausge⸗ ſetzt geweſen ſei, wie es im Winde geſchnattert, in den vom Himmel herabgefallenen Waſſerſtrömen ge⸗ ſchwommen habe, wie es, von den blendenden Blitzen umzüngelt, voll Angſt in der Finſterniß geflohen ſei, um dann bei Tagesanbruch wieder das Opfer der Rohheit der Kinder zu werden und ſein Früh⸗ ſtück in den Gaſſen ſuchen, kurz allen Unannehm⸗ lichkeiten der Landſtreicherei dieſes Hundeproletariats ſich unterwerfen zu müſſen, worunter die kleinſte „auch in der Gefahr beſtand todtgeſchlagen zu wer⸗ den, wie wenn er in aller Form Rechtens der Toll⸗ heit überwieſen wäre. Kurz, Herr de la Graverie, der vorgeſtern noch alle Hunde der Welt um ein dünnes Schnittchen einer Citronenſchale gegeben hätte, beſonders wenn dieſes Schnittchen einer Creme hätte Geſchmack ver⸗ leihen ſollen, Herr de la Graverie dachte jetzt mit Kummer im Herzen und Thränen in den Augen an die Leiden des armen Wachtelhundes, er hatte be⸗ ſchloſſen ihnen durch Annahme des Thieres an Kin⸗ desſtatt ein Ende zu machen und maß, wie man ſieht, den Platz, wohin die Niſche ſeines künftigen Tiſchgenoſſen gebaut werden ſollte. Ehe er zu die⸗ ſem Entſchluß gelangt war, hatte es ſchwere Kämpfe abgeſetzt, und der Chevalier war nicht beſiegt wor⸗ den, ohne ſich zu wehren. Ja, von Zeit zu Zeit erhob er ſich ſogar jetzt noch wieder und kämpfte von Neuem. Aber je mehr er ſich gegen ſeine Schwäche em⸗ pörte und je feſter er ſeiner Einbildungskraft ent⸗ gegentrat, um ſo ſtürmiſcher wurde ſeine Einbil⸗ dungskraft, um ſo mehr warf ſeine Schwäche ihn zu Boden.— Kurz, obſchon es ihm jetzt gelungen war die übernatürlichen Neigungen, welche den Hund mit der Erinnerung an den armen Dumesnil verknüpf⸗ 237 ten, aus ſeinem Hirn zu entfernen, ſo beſchäftigte ihn das Thier nichtsdeſtoweniger fortwährend; er dachte zwar an daſſelbe nur noch, wie man an eines der untergeordneten Weſen der Schöpfung denkt, aber er dachte an nichts Anderes als an das Thier. Ah, wahrlich dieſer Hund glich nicht allen Hun⸗ den: aus dem Wenigen was der Chevalier von ihm geſehen, aus der kurzen Zeit die er ihn beobachtet, hatte er die Ueberzeugung geſchöpft, daß der Wach⸗ telhund eine Menge ausgezeichneter und beſonderer Eigenſchaften beſitzen müſſe, welche der Chevalier, wenn er die Sache genau überlegte, auf der ehr⸗ lichen Phyſiognomie des Thieres geleſen zu haben ſich erinnerte. Vergebens verſchanzte ſich alſo der Chevalier als ſyſtematiſcher Egoiſt hinter ſeinen früheren Beſchlüſ⸗ ſen; vergebens rief er ſeine Schwüre zu Hilfe; ver⸗ gebens ſagte er ſich laut, daß er geſchworen habe ſein Herz keinem Weſen hienieden, ob nun zwei⸗ händig, ob vierfüßig oder geflügelt, zu öffnen; ver⸗ gebens ſtellte er ſich die tauſend Unannehmlichkeiten vor, welche die in ihm aufkeimende Neigung zu die⸗ ſem Thier unbeſtreitbar haben würde. Man hat geſehen, zu welchem Entſchluß der Chevalier gelangt war. Er dachte an eine Wohnung für den Hund, und zwar nicht unter einem der Schoppen, nicht in einem der Ställe, nicht in einem der beſtehenden Gebäude. Er ſuchte einen Platz für denſelben, und zwar wohlverſtanden, den beſten; er wollte ihm ein Häus⸗ chen erbauen laſſen, wo er es vollkommen behag⸗ lich hätte. 1 238 Und um ſich zu entſchuldigen, hatte Herr de la Graverie zu ſich ſelbſt geſagt:„Im Ganzen iſt es ja doch nur ein Hund.“ Und er hatte ſeinen Kopf ſchüttelnd hinzuge⸗ ügt: „Ich bin weder alt noch jung genug um, nach⸗ dem ich meinesgleichen abgeſagt habe, irgend einem Thier einen Brocken von meiner Zuneigung zukom⸗ men zu laſſen.“ Dann hatte er die Hand nach dem Platz aus⸗ geſtreckt, wo er das Häuschen für den Wachtelhund zu bauen beſchloſſen, und zu ſich ſelbſt geſagt: „Sobald ich einmal gegen dieſen Hund erfüllt haben werde, was ich ihm zu ſchulden glaube, ſo kann er verloren gehen oder ſterben, ohne daß ich mich im Mindeſten um ihn bekümmere. Wenn mir ein Hund nothwendig geworden iſt, was ich läugne, ſo brauche ich ihm ja dann nur einen Nachfolger zu geben. Betrachten wirs einmal genau, liegt denn ein Treubruch gegen meine Schwüre darin, wenn ich der Eintönigkeit eine unſchuldige Zer⸗ ſtreuung entgegenzuſtellen ſuche? Ohnehin habe ich mich, als ich mich zu dieſem einſamen Leben ent⸗ ſchloß, nicht zu einem Zuſtand der Sclaverei ver⸗ dammen wollen, der hundertmal ſchlimmer wäre als die Galeeren. Nein, daß dich der Has beiß! hun⸗ dertmal nein!“ Und bei dieſem Schwur, welcher den Zuſtand der Erbitterung anzeigte, wobei er angelangt war, richtete der Chevalier de la Graverie ſich auf, um zu ſehen, ob Jemand ſich erlauben würde einer andern Meinung zu ſein. 4 239 8, Niemand fprach ein Wort. Der Chevalier betrachtete alſo die Sache als in aller Form Rechtens beſchloſſen.* Nur fehlte ihm, um ſeinen Plan in Ausführung zu bringen, der Hauptgegenſtand: der Hund, der aus Angſt vor dem Donnergekrach mit Geheul ent⸗ flohen war. Der Chevalier beſchloß auszugehen, wie ge⸗ wöhnlich. Er wollte ſich wahrlich nicht die Mühe nehmen den Wachtelhund aufzuſuchen, aber wenn derſelbe ihm in den Weg lief, ſo ſollte er gut empfangen werden.. Dieß waren die guten Vorſätze des Chevalier de la Graverie, als es auf der großen Uhr der Cathedrale zwölf ſchlug. Obſchon Herr de la Graverie nie vor Ein Uhr ausging, ſo beſchloß er doch, in Anbetracht der Wich⸗ tigkeit der Umſtände, ſeinen Spaziergang um ſechzig Minuten vorzurücken. Er ging in ſein Zimmer zurück, nahm ſeinen Hut— wir haben geſagt, daß er ſeinen Stock hatte, denn er hatte ja damit den Platz abgemeſſen, den er für die Niſche des Wachtelhundes beſtimmte— ſtopfte ſeine Taſche voll mit Zuckerſtückchen, fügte ihnen Chocoladetäfelchen bei, falls der Zucker ſich als eine ungenügende Lockung erwieſe, und ging aus, nicht gerade um den Hund zu ſuchen, ſondern in der Hoffnung, daß der Zufall ihm denſelben in ſeinen Weg führen möchte. Der Chevalier ſchritt über die Place des Epars, begab ſich auf den St. Michaelhügel und ſetzte ſich auf die Bank gegenüber der Kaſerne. ss verſteht ſich von ſelbſt, daß Marianne mit ets zunehmender Verwunderung ſein Ausgehen be⸗ bachtet hatte. Es war ſeit den fünf Jahren, die ſie mit dem Chevalier zugebracht, das erſte Mal, daß er vor Ein Uhr ausging. 4 Da nun der Augenblick des Pferdeſtriegelns noch nicht gekommen war, ſo war die Kaſerne ganz ſtill und die Höhe gänzlich verödet. Kaum ſah man von Entfernung zu Entfernung einige auf der Wache ſtehende Reiter auf⸗ und abſchreiten. Im Uebrigen beſchäftigte dieß unſern Chevalier in ſeiner neuen Gemüthsverfaſſung keineswegs. Er ſchaute, nicht in die Höfe oder in die Woh⸗ nungen der Kaſerne, ſondern rings um ſich her unter ſteter Fortſetzung ſeiner Selbſtgeſpräche. Wenn indeß von Zeit zu Zeit der Wunſch Ei⸗ genthümer des ſchönen niedlichen Thieres zu wer⸗ den über die Reihenfolge der Widerwärtigkeiten ob⸗ ſiegte, die ſich an den Beſitz eines Hundes knüpfen, ſo erhob er ſich und ſtieg auf ſeine Bank, um eine recht umfaſſende Rundſchau zu gewinnen. Da indeß trotz dieſer Aufſteigung der Horizont beſchränkt war, ſo machte er zuletzt ſeinen Wünſchen das Zugeſtändniß, daß er einen Blick in die weite Ferne über die Bäume der Promenade hinauswarf. Herr de la Graverie verbrachte vier lange Stunden auf dieſer Bank, aber vergebens ſchaute er wie Schweſter Anna um ſich, er ſah Nichts kommen. 241„ Je mehr die Zeit verſtrich, um ſo mehr fürch⸗ tete er, der Hund möchte nicht wieder erſcheinen. Ohne Zweifel war es ein Zufall und nicht ine tägliche Gewohnheit, was den Hund an dieſen Ort geführt hatte: der Chevalier, der tagtäglich dahin kam, hatte ihn noch nie geſehen. Nach dieſem vierſtündigen Warten war der Che⸗ valier ſo feſt entſchloſſen den Hund, wenn er wie⸗ der erſchiene, mitzunehmen, daß er, falls das Thier nicht wie geſtern gutwillig folgen ſollte, bereits ſein Schnupftuch zu einem Strick zuſammengedreht hatte, den er ihm um den Hals werfen wollte. Es war vergebens: der Chevalier hörte fünf Uhr ſchlagen, ohne den Wachtelhund zu erblicken oder irgend ein anderes Thier zu ſehen, das er einen Augenblick für ihn zu halten den Troſt ge⸗ habt hätte. Der Chevalier beſchloß ihm noch ein Gnaden⸗ halbſtündchen zu geben, und zwar, was auch Ma⸗ rianne, die ihn ſonſt täglich Schlag vier Uhr nach Hauſe kommen ſah, ſagen und denken mochte. Um halb ſechs war die Promenade gärzlich verödet. Voll Aerger dachte jetzt der Chevalier zum er⸗ ſten Mal an ſein Diner, das ſeit fünf Uhr auf ihn wartete und, wenn es ſchon auf dem Tiſch ſtand, kalt, wenn es am Feuer ſtand, verbrannt ſein mußte.. In ſehr übler Laune ſchlug er den Rückweg nach ſeinem Hauſe an. Am Ende der Straße erblickte er von ferne Ma⸗ rianne, die ihn auf der Thürſchwelle erwartete. Dumas, Black. I. 16 8 242 Marianne gedachte ihre Revanche zu nehmen und ihrem Herrn tüchtig den Kopf zu waſchen, wie ſie zwei oder drei Nachbarinnen verſprochen hatte. Aber im Augenblick, wo ſie den Mund öffnen wollte, rief der Chevalier ſie barſch an: „Was machen Sie hier?“ „Sie ſehen es ja, Herr,“ antwortete Marianne verblüfft,„ich warte auf Sie.“ „Der Platz einer Köchin iſt nicht an der Haus⸗ thüre,“ ſagte der Chevalier mit Nachdruck,„ſondern in ihrer Küche und neben ihrem Herd.“ Indem er dann die Luft beroch, die aus dem Laboratorium, wie die Chemiker und die großen Köchinnen zu ſagen pflegen, kam, fügte er hinzu: „Nehmen Sie ſich wohl in Acht, daß Sie mir kein verbranntes Mittageſſen bringen; Ihr Früh⸗ ſtück von heute früh war den Teufel Nichts nutz.“ „Ah, ah,“ machte Marianne, indem ſie ganz betreten in ihre Küche zurückſchlich,„es ſcheint, ich habe mich getäuſcht und er hat es dennoch bemerkt. Verliebt iſt er offenbar nicht... aber wenn er nicht verliebt iſt, was zum Teufel hat er denn?“ XVIII. Wo Marianne über das gedankzenvolle Weſen des Chevalier Gewißheit erhält. Der Chevalier aß haſtig, fand Alles ſchlecht, ſtieß Marianne herum, ging am Abend nicht aus und hatte eine Nacht, die beinahe eben ſo ſchlecht und qualvoll war wie die letzte. ———— 2 — 89ꝗ— 243* Die Sonne des folgenden Tags fand Herrn de la Graverie beinahe krank von der Ermüdung die⸗ ſer zweiten Nacht; die Martern ſeiner Einbildungs⸗ kraft hatten einen ſolchen Charakter angenommen, daß ſein noch etwas unbeſtimmter Wunſch von ge⸗ ſtern, Beſitzer des Wachtelhundes zu werden, ſich in einen entſchiedenen Willen verwandelt hatte ihn wieder aufzufinden und ſich um jeden Preis anzu⸗ eignen. Gleich Wilhelm von der Normandie wollte Herr de la Graverie ſeine Schiffe verbrennen; er beſchickte den Schreiner, und im Angeſicht Marian⸗ nes, ohne ſich um ihre zum Himmel gehobenen Arme und ihre Ausrufungen zu bekümmern, beſtellte er eine prächtige Niſche für ſeinen künftigen Tiſch⸗ genoſſen; dann ging er aus unter dem Vorwand eine Kette und ein Halsband zu kaufen, in Wirk⸗ lichkeit aber um dem Zufall, der ihm den erſehnten Hund zurückführen ſollte, Gelegenheit zu bieten. Dießmal beſchränkte er ſich nicht wie geſtern auf eine rein zuwartende Rolle; unbekümmert um das Gerede der Leute, zog er förmliche Erkundi⸗ gungen ein, ließ in beide Journale des Departe⸗ ment eine Annonce einrücken und bedeckte alle Stra⸗ ßenecken mit Anſchlägen. Alles vergebens: der Hund war wie ein Me⸗ teor erſchienen und wieder verſchwunden. Niemand vermochte den mindeſten Aufſchluß über ihn zu er⸗ theilen. In einigen Tagen wurde Herr de la Gra⸗ verie mager wie ein Nagel und gelb wie eine Spielmarke; er aß nicht mehr, oder wenn er aß, war es nur eine mechaniſche Verrichtung, er nahm Fettammern für Lerchen, ja er verweihſelte ſogar 4 244 eine Platte Karpfenmilch mit weißer Gallerte. Er ſchlief nicht mehr, oder ſobald er einſchlief, ſah er in einer Ecke des Zimmers die Augen des Wach⸗ telhundes leuchten wie Karfunkel. Dann hatte er große Freude; der Hund war wieder gefunden und er rief ihn; der Hund kroch jetzt zu ihm heran, ohne ſeine Blicke von den Augen des Chevalier ab⸗ zuwenden, und erſtarrt durch dieſe Bezauberung ſtieß der Chevalier einen Seufzer aus und ſank träge mit hängenden Armen auf ſein Bett; der Hund begann ihm mit ſeiner eiskalten Zunge die Hand zu lecken, dann ſprang er allmählig auf das Bett und ſetzte ſich zuletzt mit heraushängender blutiger Zunge und flammenden Augen auf die Bruſt des Chevalier. Dieſer Alp, der einige Se⸗ kunden dauerte, ſchloß dann für den Unglücklichen eine ganze Ewigkeit von Leiden in ſich. 738 Herr de la Graverie erwachte gebrochener und ſchweißtriefender als der unglückliche Dufavel, als man ihn aus einem Brunnen zog. Ihr begreift wohl, daß dieſe Veränderung in der phyſiſchen Seite des Chevalier ihren Gegenſchlag in der moraliſchen Seite hatte. Bald war er ſchweigſam und mürriſch, wie ein in der Betvachtung ſeines Nabels verſunkener Fakir, bald zornig und aufbrauſend wie ein Kranker, der an der Magenentzündung darniederliegt, und Ma⸗ rianne erklärte aller Welt, die Geſchichte mit dem Hund ſei blos ein Vorwand, ihr Herr werde von einer großen Leidenſchaft gequält und der Platz ſei nicht mehr haltbar, ſogar für eine Perſon von ihrer eigenen wohlbekannten Sanftmuth. 245 Sowohl um die vom Schreiner angefertigte Niſche als auch um die Kette und das Halsband zu benützen, die er ſelbſt ausgewählt hatte, erklärte der Lhenalier daß er nunmehr einen Hund kaufen werde. Dieß war eine Aufforderung für Alles was einen Hund zu verkaufen hatte. Man meldete ihm Hunde zu Dutzenden an, vom türkiſchen Hund bis zum Bernhardiner. Aber es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Cheva⸗ lier ſich zu keiner Wahl entſchließen konnte. Nein, der Hund ſeines Herzens, das war der Wachtelhund mit den langen glänzenden Haaren, mit dem weißen Hals, mit der feuerfarbigen Schnauze, der Wachtelhund mit den ſanften traurigen Augen, mit dem beinahe menſchlichen Gebelle. Er hatte einen Grund um die armen Thiere, die man ihm vorführte, eines um das andere zurück⸗ zuſtoßen. Wenn es eine kleine Dogge war, ſo wollte er das Weibchen dazu haben, um, wie er ſagte, den Stamm fortzupflanzen, und das Weibchen war natür⸗ lich nicht aufzutreiben; war es eine Bulldogge, ſo glich ſie einem Gendarm von Chartres, und er fürchtete ſich einen ſchlimmem Handel zuzuziehen; der eine war zu bärbeißig, der andere zu ſchmutzig; an den Windhunden hatte er ihre dumme Phyſio⸗ gnomie auszuſetzen. Von den Bracken behauptete er, daß ſie mit aller Welt liebäugeln, und nachdem er ſomit das ganze Contingent der verfügbaren Hunde im Bezirk erſchöpft hatte, gerieth er in immer größere Verwunderung ob der übernatürlichen Eigen⸗ 246 ſchaften des ſchwarzen Wachtelhundes und verſank zuletzt in tiefes Staunen über den ungeheuern Un⸗ kerſchied, der zwiſchen Hund und Hund ſtattfinden önne. Es waren zehn Tage, ſeit dieſe leidenſchaftlichen Nachforſchungen im Hauſe der Rue⸗des⸗Lices die Ruhe verdrängt hatten, die ſchon ſo lange Jahre da obgewaltet. Es war ein Sonntag; eine prächtige Sonne er⸗ wärmte die Atmoſphäre, ihre Strahlen, die ohne Hinderniß zwiſchen den blätterloſen Baumzweigen durchdrangen, concentrirten ſich auf den Anhöhen vor den alten Mauern, und die ganze Chartrer Be⸗ völkerung hatte ſich auf den Promenaden ein Ren⸗ dezvous gegeben, um ſich zum letzten Mal an dieſer milden Temperatur zu erfreuen. Bürgerfrauen ſchritten am Arme ihrer Gatten feierlich zu dieſer wöchentlichen Ausſtellung ihrer ſei⸗ denen Gewande; fröhliches Geſchwatze und ſchallendes Gelächter kamen unter den mit hellfarbigen Bändern geſchmückten Hüten der Griſetten hervor; die Bäu⸗ erinnen aus der Umgegend mit ihrem platten Kopf⸗ putz, ihren kurzen Taillen, ihren rothen oder gelben Tüchlein zogen, mehr erſtaunt als vergnügt, in einer Linie wie Grenadiere vorüber und ſchnitten jeden Augenblick die Circulation ab; die Militäre mit ge⸗ ſpannten Kniekehlen, mit der rechten Hand ihren Schnurrbart ſtreichend, unter dem linken Arm den Säbel tragend, verloren ſich inmitten dieſer vielfar⸗ bigen Menge mit einem Lächeln, das ſie verführe⸗ riſch zu machen ſtrebten, während die alten Bürgers⸗ leute ſolches eitle windige Gebahren verachteten und 247 ſich begnügten als Epicuräer den letzten ſchönen Tag zu genießen, den Gott ihnen ſchenkte. Der Chevalier de la Graverie hatte ſeinen Platz inmitten all dieſer zerſtreuungsſüchtigen Leute ein⸗ genommen; er war theils aus Müßiggängerei, theils aus Gewohnheit hieher gekommen: denn fortwährend von ſeiner Viſion heimgeſucht, halb verrückt vor Verzweiflung und in Folge ſeiner ſchlafloſen Nächte, entmuthigt durch die Erfolgloſigkeit ſeiner Nachfor⸗ ſchungen, hatte er ſich zwar noch nicht in ſein her⸗ bes Schickſal ergeben, aber doch bereits alle Hoff⸗ nung verloren den phantaſtiſchen Wachtelhund wie⸗ der zu finden. Er war nicht mehr der fromme friedfertige Spa⸗ ziergänger, den wir im erſten Kapitel dieſer Geſchichte begegnet haben; wie alle Diejenigen, die von einem geheimen Schmerz gequält ſind, wurde er durch die allgemeine Heiterkeit nur noch trauriger und mürri⸗ ſcher geſtimmt; dieſe Heiterkeit erſchien ihm als eine Verhöhnung ſeiner eigenen Gefühle; er meinte, die Sonne ſelbſt habe ihren Tag um zu glänzen ſchlecht gewählt; die Maſſe des Volks ärgerte ihn; er theilte nach rechts und links Rippenſtöße aus, die zu den Empfängern zu ſagen ſchienen: „Gehet doch heim, Ihr braven Leute, Ihr ge⸗ niret mich.“ Auf einmal, im Augenblick wo unſer Chevalier immer übellauniſcher wurde und ſich fragte, ob er nicht klüger thäte ſelbſt den Rath zu befolgen, den er Andern ertheilte, und in ſein eigenes Haus zurück⸗ zukehren, ſtieß er einen Schrei aus, worüber alle Leute in ſeiner Nähe ſtutzig wurden. 248 Der Chevalier ſtand blaß, mit ſtarren Augen und ausgeſtreckten Armen da. Er hatte ſo eben hundert Schritte von ſich mitten im Gewühl einen ſchwarzen Hund geſehen, der ſei⸗ nem Wachtelhund aufs Haar glich. Er wollte ſeine Schritte beſchleunigen, um zu ihm zu gelangen, allein das Gewühl war in dieſem Augenblick ſo dicht, daß die Ausführung ſeiner Ab⸗ ſicht ſehr ſchwer hielt. 7 Die ſchönen Damen ſchleuderten dem Männlein, das die Harmonie ihrer Toiletten ſtörte, zornige Blicke zu; die Griſetten verſchonten ihn nicht mit ihren Spöttereien, und einige Offiziere, die er geſto⸗ ßen hatte, riefen ihm in herausforderndem Tone nach: „He da, lieber Mann, geben Sie doch Acht, was Sie thun!“ Aber um all dieſe Klagen, all dieſe Spöttereien, all dieſe Drohungen bekümmerte ſich der Chevalier nicht im Geringſten, ſondern fuhr fort ſich ſeinen Weg zu bahnen, den Schiffan gleich, die eine ſchäu⸗ mende und brauſende Furche hinter ſich laſſen. Unglücklicher Weiſe glitſchte, wenn er näher kam, das Thier ſeines Verlangens wie eine Schlange zwiſchen den Beinen der Männer durch, rieb ſich an den Röcken der Damen und Griſetten, lief immer weiter, und in dieſem Steeple⸗Chaſe drohte der Vortheil nicht auf Seiten des Chevalier zu bleiben, wenn er ſich nicht auf einmal in eine Nebenallee des Walles geworfen hätte und ein paar Dutzend Schritte förmlich gelaufen wäre, ſo daß er auf gleiches Niveau mit dem Vierfüßler gelangte. Es war wirklich der Wachtelhund, der einen 249 ſo gewaltigen Eindruck auf den Chevalier gemacht hatte, er war es mit ſeinen langen ſeidenen Ohren, die ſo cokett ſeine Schnauze umrahmten; er war es mit ſeinem ſchwarzen glänzenden Fell und ſeinem federbuſchartigen Schwanz. Es war um ſo weniger daran zu zweifeln, als das Thier, wie von einem magnetiſchen Faden zu Herrn de la Graverie hingezogen, umkehrte, den Chevalier erkannte, auf ihn zulief und die aus⸗ drucksvollſten Liebkoſungen an ihn verſchwendete. Aber in dieſem Augenblick drehte ein junges Mädchen, welches der Chevalier nicht im Mindeſten beachtet hatte, ſich um und ließ den einzigen Ruf vernehmen: „Black!“ Das Thier that einen Sprung, und ohne auf den Chevalier zu hören, der ſich jetzt heiſer ſchrie: „Black! Black! Black!“ kehrte es in geſtrecktem Lauf zu dem jungen Mädchen zurück. Der Cheva⸗ lier blieb wüthend ſtehen und ſtampfte mit dem Fuß. Trotz ſeiner Harmloſigkeit war es ihm zu Muthe, als ob ein Sauerteig von Haß und Eifer⸗ ſucht in ſeinem Herzen gegen dieſes junge Mädchen gährte, das die einzigen Augenblicke der Befriedi⸗ gung, welche er ſeit vierzehn Tagen gehabt hatte, abkürzte. Aber inmitten ſeines Aergers empfand er ein lebhaftes Gefühl der Freude. 3 Er hatte die Gewißheit, daß ſein Wachtelhund Eibin er war kein phantaſtiſcher Hund wie Fauſts udel. Ueberdieß wußte er ſeinen Namen: er hieß Black⸗ 250 Dem Chevalier war es wie einem verliebten jungen Menſchen, wenn er zum erſten Mal den Namen ſeiner Geliebten ausſprechen hört, und nach⸗ dem er ihn ganz laut und, wie man ſieht, ohne Erfolg gerufen, wiederholte er mehrere Male: „Black! mein lieber Black! mein guter Black!“ Aber das war noch nicht Alles; man begreift wohl, daß Herr de la Graverie, der eine beinahe vollſtändige Heerſchau über das ganze Hundege⸗ ſchlecht gehalten hatte, um ſeinen Phönix wieder zu finden, dieſe Gelegenheit zur Beſitzergreifung nicht hinauslaſſen durfte; er war feſt entſchloſſen die junge Gebieterin Blacks, wenn auch nicht durch An⸗ wendung ſeiner perſönlichen Reize, ſo doch durch ein hohes Kaufgebot zu verführen. Nur ſcheiterte dieſe ganze große Entſchloſſenheit an einer menſchlichen Rückſicht; der Chevalier de la Graverie fürchtete mit dem Character, den wir an ihm kennen, vor allen Dingen die Lächerlichkeit; er konnte ſich alſo nicht entſchließen ſeinen Handel im Freien zu unternehmen; er hielt es fürs Klügſte, wenn er dem jungen Mädchen bis an ihre Woh⸗ nung nachginge und dort angelangt, fern von den Ohren und Blicken der Neugierigen, dieſe wichtige Unterhandlung einleitete. Unglücklicher Weiſe wußte der arme Chevalier, der nie in ſeinem Leben das Handwerk eines Ver⸗ führers getrieben hatte, ganz und gar Nichts von den kleinen Kunſtgriffen, mittelſt deren man einem Frauenzimmer folgen kann, ohne daß das ganze Publikum ins Vertrauen gezogen wird. Da er ſich alſo dem Gegenſtand ſeines Sehnens 251 zu nähern wünſchte, ſo fand er Nichts natürlicher, als daß er ihm bis auf eine Entfernung von zehn Schritten nachlief; von dieſer Diſtanz aus ſchritt er ſodann hinter dem jungen Mädchen her und trat manchmal, wenn ſie in Folge des Gewühls lang⸗ ſamer gehen mußte, buchſtäblich in ihre Fußſtapfen. Wenn man nun dieſen Schritt, der ganz metho⸗ diſch nach dem Schritt einer andern Perſon geregelt wurde, ſo wie das Alter des jungen Mädchens, dem der Chevalier nachfolgte, in Anbetracht zieht, ſo wird man begreifen, daß die ganze Maſſe der Spa⸗ ziergänger von Chartres, ohne ihre Einbildungs⸗ kraft in große Unkoſten zu verſetzen, dem Chevalier lüſterne Abſichten unterſchob, die ſehr fern von ſei⸗ nen Gedanken lagen, und daß man in allen Grup⸗ pen Phraſen hörte wie folgende: „Haben Sie dieſen alten Wüſtling de la Gra⸗ verie geſehen, der am hellen Tag einem jungen Mädchen nachſtreicht? Nein, das iſt doch eine un⸗ erhörte Unſchicklichkeit!“ „Ei, die Kleine iſt hübſch.“ SDe arme Chevalier wußte dieß ganz und gar nicht. „Meine Liebe,“ verſetzte dieſelbe Frau, die das Geſpräch eingeleitet hatte,„ich habe immer eine ſchlechte Meinung von einem Manne gehabt, der ſein ganzes Vermögen verpraßt.“ „Wiſſen Sie auch, daß es nach einem ſolchen Scandal ſchwer ſein wird ihn zu empfangen? Aber ſehen Sie doch, die Augen treten ihm ja aus dem Kopfe hervor. Ei, ei, jetzt ſtreichelt er den Hund, um an das Mädchen zu kommen.“ 25² Ohne die Entrüſtung zu ahnen, die ſein Beneh⸗ men hervorrief, ſchritt der Chevalier unaufhörlich hinter dem Hunde her. Was nun die Gebieterin des Hundes betrifft, welcher der Chevalier, wie geſagt, nicht die min⸗ deſte Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, ſo war ſie ein junges Mädchen von ſechzehn bis ſiebzehn Jahren, ſchmächtig und ſchwächlich, aber merkwürdig ſchön. Sie hatte die mattweiße Farbe, welche die Bläſſe der Brünetten iſt, ſchwarze Augen, denen die Länge ihrer Wimpern einen ſchwermüthigen Ausdruck ver⸗ lieh, ebenfalls ſchwarze fein geſchweifte Brauen, und in wunderlichem Widerſpiel gegen den ſchönen matten Teint prächtige aſchblonde Haare, deren üp⸗ pige Streifen unter einem kleinen Strohhut her⸗ vorquollen. Ihr Anzug war mehr als einfach: ihr Merino⸗ röckchen war zwar ſauber, beſaß aber nicht den Glanz, welcher bei den Frauen, deren Klaſſe ſie anzugehören ſchien, das Sonntagskleid auszeichnet. Man ſah, daß dieſe beſcheidene Toilette die Arbei⸗ ten ihrer Beſitzerin getheilt haben mußte, und man kam auf die Vermuthung, daß ſie ihre ganze Gar⸗ derobe ſelbſt anfertige. Das junge Mädchen bemerkte zuletzt mit aller Welt, obſchon nach aller Welt, die Beharrlichkeit, womit der alte Herr ſich an ihre Schritte heftete; ſie ging ſchneller in der Hoffnung ihn los zu wer⸗ den; aber an einer der Schranken, welche den Pfer⸗ den und den Fuhrwerken den Eingang in die den Fußgängern vorbehaltenen Spaziergänge verbieten, mußte ſie ſtehen bleiben, um die vor ihr kommen⸗ N 253 den Perſonen voranzulaſſen, und befand ſich nun dicht an der Seite des Chevalier, der dieſen Um⸗ ſtand benützte, nicht um mit ihr Bekanntſchaft zu machen, ſondern um die Bekanntſchaft mit dem Wachtelhund zu erneuern. Zum zweiten Mal rief das Mädchen den Hund zurück, und da ſie, wie Jedermann, jetzt dachte, daß der Hund für den Chevalier nur ein Vorwand ſei um mit ihr anzubinden, ſo zog ſie eine kleine Schnur aus ihrer Taſche, ſteckte ſie durch das Halsband des Thieres und begann ihren Eilſchritt von Neuem, ohne einen Blick hinter ſich zu werfen. Aber obſchon Herr de la Graverie gänzlich mit dem Thun und Laſſen des Vierfüßlers beſchäftigt war, ſo hatte er doch, ohne im Geringſten an etwas Schlimmes zu denken, nicht umhin gekonnt auch ſeine Beſitzerin anzuſchauen, während ſie die ſo eben beſchriebene kleine Arbeit verrichtete. Er ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus und blieb unbeweglich auf ſeinem Platze ſtehen. Dieſes junge Mädchen hatte die auffallendſte Aehnlichkeit mit Frau de la Graverie. Während dieſer durch ſein Staunen gebotenen Pauſe hatte das Kind etwa dreißig Schritte gemacht. Dieſe Aehnlichkeit mit Mathilde war für den Chevalier de la Graverie nur ein weiterer Grund die Beſitzerin des Hundes zu verfolgen. Er begann alſo von Neuem aus Leibeskräften hinter ihr her⸗ zutraben. Aber die Furcht lieh dem jungen Mädchen um ſo ſchnellere Flügel, als ſie die Promenade verlaſ⸗ ſen hatte, um ein Nebengäßchen einzuſchlagen, ſo 254 daß der Chevalier, obſchon er Blut und Waſſer ſchwitzte, mit jeder Minute mehr Terrain verlor. Wenn er es nicht mit der leibhaftigen Atalanta zu thun hatte, ſo mußte er doch ſicherlich ihre Schweſter vor ſich haben. Man war auf den ſogenannten Petits-Prés, einem beinahe verlaſſenen Ort, angelangt; da nun der Chevalier die Diſtanz zwiſchen dem jungen Mäd⸗ chen und ihm mit jedem Schritt größer werden ſah, ſo veränderte er jetzt ſeine Taktik und rief mit ſei⸗ ner koſendſten Stimme: „Mamſellchen, Mamſellchen, ich bitte Sie um Alles, bleiben Sie ſtehen! Ich kann wahrhaftig nicht mehr.“ Aber die Kleine achtete keineswegs auf das Bit⸗ ten ihres vermeintlichen Verfolgers, blieb alſo nicht ſtehen, ſondern beſchleunigte im Gegentheil ihre Schritte. Der Chevalier glaubte, er ſei nicht gehört wor⸗ den, er hielt ſeine beiden Hände zuſammen, um ſich ein Sprachrohr daraus zu machen, und bot die ganze Kraft ſeines Athems auf, um ſtatt des Te⸗ nors, womit er das erſte Mal gerufen hatte, einen Baß hervorzubringen, als ihn das ſpöttiſche Lächeln, das er auf mehreren Geſichtern bemerkte, auf ein⸗ mal davon abhielt. Er ſetzte ſich von Neuem in Bewegung, nur trabte er dießmal nicht, ſondern lief.. Aber je ſtärker er lief, um ſo ſtärker lief auch das Mädchen und um ſo größer wurde folglich die Diſtanz; er bemerkte ſie bald nur noch in Zwiſchen⸗ räumen und würde ſie gänzlich aus dem Auge ver⸗ 2⁵⁵ loren haben, wenn nicht zwei Punkte ſeine Blicke unaufhörlich wieder auf ſie gelenkt hätten: die ſchot⸗ tiſchen Bänder ihres Strohhuts und Black, der in der Ferne einen ſchwarzen Punkt bildete. Am Wilhelmsthor angelangt, ſah Herr de la Graverie gar Nichts mehr von ihr. Er machte Halt. Hatte ſie ſich nach dem Faubourg gewendet? war ſie in die Stadt zurückgekehrt? Dieß war die Frage, welche ihn ſchwebend erhielt. Nach einigen Minuten der Unſchlüſſigkeit, nach⸗ dem er ſich Anfangs dem Faubourg zugeneigt, ent⸗ ſchied ſich Herr de la Graverie für die Stadt und Päürit unter den dichten Gewölben des alten Thores inein. Aber ſo bald er drinnen war, begannen ſeine Bedenklichkeiten von Neuem. Es waren zwei Straßen da, die eine rechts, die andere links, und der arme Chevalier verlor noch viele Zeit mit Berechnungen, welche von beiden das Mädchen wohl eingeſchlagen haben werde; da nun dieſe peinlichen Zweifel ſich alle zehn Minuten wie⸗ derholten, ſo war die Nacht vollſtändig eingebro⸗ chen, als Herr de la Graverie noch immer das Pflaſter der guten Stadt Chartres zertrat, ohne eine Spur von dem Gegenſtand ſeines Sehnens auf⸗ gefunden zu haben. Der Chevalier war ſo ärgerlich und ſo entmut⸗ higt, daß er ſich nicht entſchließen konnte ind ſein Haus zurückzukehren, wo Marianne ihre Betrach⸗ tungen anſtellen konnte. 256 Demgemäß trat er ins erſte beſte Cafe, ſetzte ſich an einen Tiſch und verlangte Bouillon. Der arme Chevalier, der oft ſelbſt die Zube⸗ reitung ſeiner Mahlzeit überwachte, wenn er fand, daß Mariannes Eifer erkaltete, mußte ſehr wenig mit den Gebräuchen und Gewohnheiten ſolcher Etabliſſements bekannt ſein, daß er Bouillon ver⸗ langen konnte; kaum hatte er die ihm vorgeſetzte Taſſe mit den Lippen berührt, ſo ließ er ſich ein höchſt bedeutſames Pfui entfahren, legte ſeinen Löffel wieder auf den Tiſch und begann das Brödchen zu knaupeln, das man ihm mit der abſcheulichen Brühe gebracht und glücklicher Weiſe nicht in die⸗ ſelbe hineingebröckelt hatte. Während der Chevalier ſein Brödchen knaupelte, wagte er es ſich umzuſchauen. Er war in ein Cafe gerathen, wo ſich die Offi⸗ ziere der Garniſon zuſammenzufinden pflegten: für einen Paletot oder Rock ſah man da zehn Uniformen; die Ordonnanzhüte, die Helme, die Säbel und Degen, die an den Wänden hingen, verliehen der Decoration einen ſehr pittoresken Anſtrich; unter jedem Tiſch ſtreckten ſich Krapphoſen, auf jedem Stuhl öffneten ſich roth paſſepoilirte Fräcke und Camiſole, die Einen die Strategie lehrend oder auch ein Spielchen machend, die Andern ſich in verſchiedenen Libationen verſuchend, die Einen ohne viele Umſtände ſchlafend, Andere ihren Cafe oder Abſinth ſchlürfend und ſich den Anſchein gebend, als ob ſie an gar Nichts dächten. Rechts und links kreuzten ſich die intereſſanten — 8-———*8nͤN — — 257 Unterhaltungen, der Zauber der müßigen Stunden, die Mars ſeinen Kindern geſtattet. Hier lieferte das Avancement, dieſes unerſchöpf⸗ liche Thema für Epaulettenehrgeiz, Jedem reichlichen Stoff zu unzufriedenen Bemerkungen. Hier erörterte man ernſthaft den wappenſchild⸗ artigen herzförmigen oder viereckigen Schnitt einer Säbeltaſche ſo wie den Vorzug des alten Stoßes vor dem neuen. Man beſprach die Theorie der Glanzlederſchuhe, während man etwas weiter hinweg den Redacteuren des Militäralmanachs in die Hände arbeitete, indem man mit einer Maſſe von Erörterungen, Betrach⸗ tungen und Erläuterungen die Verſetzung der ver⸗ üirdenen Cameraden beſprach, die man gekannt atte. Alle dieſe hübſchen Dinge wurden mit ſchallen⸗ den Stimmen geſprochen; kein Wort ging für die Gallerie verloren, und ſo kam es, daß die Philiſter die Belehrung wünſchten hier ungemein viel profi⸗ tiren konnten. Auf dem Schild dieſes Cafe ſtand: Die Sonne ſcheint für Jedermann. Nur zwei Unterlieutenants hielten ihre Beſpre⸗ chung mit gedämpften Stimmen. XIX, Die zwei Anterlieutenants. Dieſe zwei Unterlieutenants waren die nächſten Nachbarn des Herrn de la Graverie, der trotz all Dumas, Black. I. 17 — — — 258 ihrer Behutſamkeit beinahe unwillkührlich ihre trau⸗ lichen Mittheilungen mitanhören mußte. Einer der beiden Offiziere mochte vier⸗ bis ſechsundzwanzig Jahre alt ſein: er hatte brandrothe Haare, aber trotz dieſer verwegenen Schattirung fehlte es ſeiner Phyſiognomie nicht an einer gewiſſen Diſtinction und einem gewiſſen Zauber. Der zweite war, was man hergebrachtermaßen einen ſchönen Soldaten nennt. Er hatte fünf Fuß ſechs Zoll, breite Schultern und eine ſo ſchlanke Taille, daß Eiſerihogr⸗ woran es bei ſolchen Vorzügen niemals fehlt, verſicherten, er verdanke dieſe außerordentliche Schlankheit nur künſtlichen Mitteln, die er vom ſchönen Geſchlecht geborgt habe. Dieſe Taille hob die Entwicklung der Bruſt und das Hervortreten der Hüften, dem auch noch die weiten Hoſen zu Statten kamen, bei denen man an Crinoline hätte denken können, wenn die Crino⸗ line damals ſchon erfunden geweſen wäre, ganz vortrefflich hervor. Dieſe phyſiſche Ueberlegenheit wurde vervollſtändigt durch ein Geſicht, auf welchem alle Roſen ſo wie alle Veilchen bis zum eigentlichen Blau blühten. Letztere Farbe wurde durch einen ſchwarzen Bart hervorgebracht, der zwar ſorgfältig abraſiert war, aber ſich noch immer durch die Kraft ſeiner Tinten offenbarte. Das, wie man ſieht, ſo vielfach merkwürdige Geſicht wurde ferner durch einen Schnurrbart geſchmückt, der ſo ſorgfältig und mit einem ſo furchtbaren Schönheitsmittel gewichst war, daß man von ferne geſchworen hätte, er ſei von Holz; eine am untern Ende ſtark aufgeſtülpte A ε——————& ⏑ — VSS=SSSSREIRNEER 3t 259 Naſe öffnete an ihrer Grundlage ihre doppelten Flügel über dieſem Schnurrbart und trennte durch ihr oberes Ende zwei dicke hervorſtehende Augen, deren Blick nicht anzeigte, daß vorwaltende Intelli⸗ genz dem Wachsthum ihres Beſitzers hätte ſchaden können. Das Lächeln, das um die dicken Lippen des Unterlieutenants ſpielte, war nicht gerade geiſtreich; aber er ſchien ſo glücklich und ſo zufrieden mit dem Loos, das die Natur ihm zugetheilt hatte, daß man ein Barbar hätte ſein müſſen, um dieſen braven jungen Mann daran zu erinnern, daß ihm denn doch noch Etwas in der Welt zu wünſchen übrig bleibe. „Ich muß geſtehen, mein lieber Freund, daß Sie noch bedeutend jung ſind,“ ſagte dieſer ſchöne Offizier zu ſeinem Cameraden.„Ei wiel ſeit einem Monat empfängt eine Griſette Sie in ihrem Zimmer; ſie iſt hübſch und Sie ſind auch gar nicht übel; ſie hat achtzehn Jahre und Sie ſind kein alter Knaſter⸗ bart; ſie gefällt Ihnen, Sie gefallen ihr und Bomben und Granaten! Ihr ſeid noch am engel⸗ reinſten Platonismus. Wiſſen Sie auch, mein lie⸗ ber Gratien, daß dieß dem ganzen Offizierscorps, vom Oberſten bis zum Obertrompeter herab, Schande macht, und daß die glorreichen Lederhoſen, die Seine Majeſtät König Ludwig Philipp uns zu Ca⸗ meraden gegeben hat, ſich die Haut darüber voll lachen werden?“ „Ei, mein lieber Louville,“ antwortete der mit dem Vornamen Gratien Angeredete,„nicht Jeder⸗ mann beſitzt Ihre Kühnheit; ich rühme nic nicht 1 260 ein großer Eroberer zu ſein, und ſogar in meinen verliebteſten Augenblicken kann die Gegenwart eines Dritten mich eiskalt machen.“ „Wie ſo? eines Dritten?“ rief der Unterlieute⸗ nant, indem er ſich auf ſeinem Stuhl aufrichtete und ſich verſicherte, daß ſein Schnurrbart noch im⸗ mer die Steifheit eines Pfriems beſaß;„haben Sie mir nicht geſagt, ſie ſei ganz allein und vereinſamt; ſie ſei eines jener glücklichen Kinder des Zufalls, die weder Vater, noch Mutter, noch Bruder, noch Onkel, noch Vetter beſitzen; kurz, an ihrem Himmel ſei keine jener Wolken, welche dieſem armen Mäd⸗ chen die einzigen guten Augenblicke ihres Daſeins verdüſtern und ſie unaufhörlich an eine Haushal⸗ tung, an einen geſegneten Ehebund mit einem ehr⸗ ſamen Schreiner oder tugendhaften Keſſelflicker er⸗ innern, während der Offizier und zumal der Unter⸗ lieutenant ſie ſtolz und glücklich wie Königinnen machen kann, wobei all dieſe langweiligen Umſtände wegfallen?“ „Ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt, Louville, ſie iſt Waiſe in des Wortes traurigſter Bedeutung,“ antwortete Gratien. „Nun wohl, was hält Sie denn auf? wer ſteht Ihnen im Weg? Sollte etwa Mamſell Francotte, ihre Prinzipalin, ſichs beigehen laſſen die Süßig⸗ keiten anhören zu wollen, die Sie Ihrem Liebchen ins Ohr flüſtern? Will die verehrungswürdige Schnepfe wiſſen, ob die Liebe heutzutage eine an⸗ dere Sprache führt, als im Jahr 1808, oder ſollte ſie ſich etwa auf die Moral geworfen haben, ſeit ihre Reize gänzlich vergilbt ſind? In dieſem Fall 261 ſtellen Sie ſich feſt und dreiſt vor ſie hin, Gratien, und erzählen Sie ihr von einem Souper, bei wel⸗ chem die Huſaren vom fünften Regiment ſie ganz ſchwarz geräuchert haben zur Strafe dafür, daß ſie nicht die Vervielfältigung der Brode und Fiſche, ſondern der Liebhaber verſucht hatte. Ha! was ſagen Sie dazu? Mich däucht, ich gebe Ihnen da ein ganz gutes Specificum, um dieſen Unglücksvogel los zu werden.“ Gratien ſchüttelte den Kopf. „Das iſt noch nicht Alles,“ ſagte er. „Was gibt es denn ſonſt noch?“ fragte Louville. „Francotte läßt ihr wie ihren andern Arbeite⸗ rinnen ihre volle Freiheit.“ Und er ſtieß einen Seufzer aus. „Dann iſt es vielleicht der Eigenthümer des Zimmers?“ fragte Louville. „Nein.“ „Ahl oder etwa eine Freundin, eine eiferſüch⸗ tige Freundin? Jetzt hab ichs; Dieß iſt die ſtrengſte achubmaſſ für Mädchentugend. Ich opfere mich au.* „Wie ſo?“ „Ich nehme die Freundin auf mich, und wenn ſie häßlich wäre wie die Nacht. He, wenn Das nicht Aufopferung iſt, ſo weiß ich nicht mehr, was Sie ſo nennen wollen.“ „Sie ſind auf dem Holzweg, lieber Freund!“ „Bomben und Granaten! Was iſt es dann ſonſt?“ „Sie werden lachen, Louville. Wiſſen Sie, was mir die Liebesworte und Liebesbitten in die Kehle 262 zurückdrängt, wenn ſie ſich gerade aufs Schönſte er⸗ gießen wollen? Wiſſen Sie, was alle Freiheiten, die ich mir ſo gerne nehmen möchte, niederſchlägt? was meine leidenſchaftlichen Aufſchwünge lähmt? was mich mitten in einer angefangenen Phraſe zum Stammeln bringt? was mich keuſch und züchtig, blöde und lächerlich macht, wenn ich lieber alles Andere ſein möchte? Sie können hundertmal ra⸗ then, Sie werden es nicht herausbringen.“ „Und wenn Sie mich tauſendmal rathen ließen, ſo kämen wir damit nicht weiter. Ei, ſo rücken Sie doch einmal mit der Sprache heraus, Gratien; Sie wiſſen, daß die Rebus nicht meine ſchwache Seite ſind.“ „Nun wohl!, mein lieber Louville, was Thereſe vor den Plänen, die ich auf ſie hatte, ſchützt, was ſie bisher vertheidigt hat, was die Urſache iſt, daß ſie nicht meine Maitreſſe iſt und es niemals ſein wird, das iſt ganz einfach dieſer große Teufel von einem ſchwarzen Wachtelhund, der ſie niemals verläßt.“ „He?“ machte der Chevalier. „Wie beliebt, mein Herr?“ ſagte Louville, in⸗ dem er den Chevalier anſchaute,„ſollte man Ihnen etwa auf den Fuß getreten haben?“. „Nein, mein Herr,“ ſagte der Chevalier, indem er ſich mit ſeiner gewöhnlichen Demuth von Neuem ſetzte. Louville wandte ſich wieder gegen Gratien und murmelte: „Wahrhaftig, dieſe Spießbürger ſind unglaub⸗ lich α‿— 2——— 263 Dann nahm er das Geſpräch wieder auf und flüſterte: „Ich habe falſch gehört, nicht wahr?“ „Nein.“ Louville ſchlug ein Gelächter auf, das um ſo furchtbarer war, als er es einen Augenblick zurück⸗ halten zu müſſen geglaubt hatte. Die Fenſter des Cafe erzitterten davon. Der Chevalier benützte den Augenblick, wo der junge Mann zurückgeworfen ſich die Seiten hielt, dazu daß er den beiden Offizieren den Rücken kehrte, ihnen aber bei dieſer Gelegenheit noch näher rückte. „Ah, das iſt allerliebſt!“ rief Louville, als ſeine Heiterkeit ſich ein wenig beſchwichtigt hatte;„der Drache der Heſperiden iſt zu Ihren Gunſten wie⸗ der erſtanden, Gratien; das iſt wahnwitzig ſchön, auf Ehre.“ Gratien biß ſich auf die Lippen. „Ich war auf dieſes Gelächter zu ſehr gefaßt,“ ſagte er,„um es übel zu nehmen, und gleichwohl erzähle ich Ihnen die reinſte Wahrheit; wenn ich eine etwas ſentimentale Frage wage, ſo beginnt dieſe hölliſche Beſtie zu knurren, wie wenn ſie ihre Gebieterin warnen wollte; wenn ich fortfahre, ſo bellt ſie; wenn ich dringender werde, ſo ſchlägt ſie ein Geheul auf und ihre Stimme übertäubt die meinige; und dennoch kann ich nicht wie eine ganze Meute ſchreien, um zu Thereſe zu ſagen: Liebe Freundin, ich bete Sie an.“ „Dann, mein Theurer,“ ſagte Louville,„müſſen Sie, wie man es in der Provinz mit den Opern 264 macht, das Wort durch eine lebhafte und feurige Pantomime erſetzen.“ „Eine Pantomime! Ach, ja wohl, dann geht es noch ganz anders; denken Sie ſich, daß dieſer verdammte Hund die Pantomimen nicht ausſtehen kann. Wenn ich mir eine Geberde erlaube, ſo knurrt er nicht mehr, bellt nicht mehr, heult nicht mehr, ſondern zeigt förmlich die Zähne; wenn ich mich an dieſe Demonſtration nicht kehre, ſo begnügt er ſich nicht mehr mit dem bloßen Zeigen ſeiner Zähne, ſondern drückt ſie mir ins Fleiſch ein, und Das iſt läſtig, wenn man verliebt thun will, abgeſehen da⸗ von, daß ich bei dem grotesken Kampf, der aus dieſer Meinungsverſchiedenheit entſteht, meiner An⸗ gebeteten ſehr lächerlich erſcheinen muß.“ „Und Sie haben das Wohlwollen dieſes ab⸗ ſcheulichen Vierfüßlers durch kein Mittel gewinnen können?“ „Nein.“ „Bomben und Granaten! Als wir noch in die Schule gingen, eine Zeit nach der ich mich nicht zurückſehne, haben wir da nicht im Schwan von Mantua, wie unſer Profeſſor ihn nannte, geleſen, daß es irgendwo eine Bäckerei gebe, welche Kuchen für den Cerberus backe?“ „Black iſt unbeſtechlich, mein Lieber.“ Der Chevalier bebte; aber weder Gratien noch Louville bemerkten es. „Unbeſtechlich? Wie können Sie Das glauben?“ „Ich pfropfe mir alle meine Taſchen mit Lecker⸗ biſſen für ihn voll; er frißt ſie mit Erkenntlichkeit, 265 bleibt aber ſtets bereit mich eben ſo zu behandeln wie meine Geſchenke.“ „Und er ſchläft nicht? er geht nie aus?“ „Vor zwei oder drei Wochen war er einen Abend und eine Nacht abweſend; ich hoffte, er würde nicht wieder kommen, aber er hat ſich wieder ein⸗ gefunden.“ 1 „Und ſeitdem?“ „Hat er ſich nicht mehr geregt; dieſer verdammte Hund muß doppelt ſehen.“ „Ich glaube vielmehr,“ antwortete Louville, „daß Ihre Thereſe ein weit feineres Mädchen iſt, als Sie denken, und daß ſie dieſen Hund zu dem Manöver abgerichtet hat, das Ihren Plan ver⸗ eitelt.“ „Dem ſei nun wie ihm wolle, meine Geduld iſt zu Ende, mein Lieber, und wahrhaftig, ich bin ſehr nahe daran die Partie aufzugeben.“ „Sie hätten Unrecht.“ „Bei Gott, ich möchte Sie einmal an meinem Platz ſehen.“ Der Chevalier lauſchte mit beiden Ohren. „An Ihrem Platz, mein lieber Gratien,“ ant⸗ wortete Louville,„würde Mamſell Thereſe ſchon ſeit vierzehn Tagen Knöpfe an meine Flanellweſte nähen, und heute Abend ließe ich ſie mit den Herrn Unterlieutenants ſoupiren, um vor Euch Allen zu erproben, wie viel Champagner eine an eitel Waſſer gewöhnte Griſette ſchlürfen kann, ohne un⸗ ter den Tiſch zu rollen.“ Der Chevalier ſchauderte, ohne zu wiſſen warum. 266 „Ach, mein lieber Louville, Sie kennen das Mädchen ſchlecht,“ ſagte Gratien mit einem Seufzer. t„Oh, ich kenne ganz andere,“ antwortete Herr Louville, indem er verliebt ſeinen Schnurrbart ſtrich;„eine Griſette iſt eine Griſette, was zum Teufel!“ „Und der Hund, von dem wir nicht mehr ſpre⸗ chen?“ ſagte Gratien. „Der Hund!“ verſetzte Louville mit einem Ach⸗ ſelzucken,„der Hund! Nun, für wen macht man denn die Klöschen und die gebackenen Schwämme?“ Bei dieſen Worten machte der Chevalier einen Sprung auf ſeinen Stuhl. „Ei wahrhaftig,“ ſagte Louville, ſo daß Dieu⸗ donné ihn hören konnte,„da ſitzt ein Philiſter, der mir ganz ausſieht, als hätte ihn eine Tarantel geſtochen.“ Und er warf einen ſcharfen Blick nach dem Chevalier in der Hoffnung, Dieſer würde ſich um⸗ drehen, und ſo könnte er Gelegenheit bekommen Streit zu ſuchen. Aber der Chevalier hütete ſich wohl; er war zu ſehr auf den weitern Verlauf des Geſprächs dieſer jungen Leute geſpannt. „Ei wahrhaftig, nein!“ ſagte Gratien,„alle dieſe Mittel ſind mir zuwider; überdieß bin ich Jäger, und ich möchte lieber bei dem Mädchen durchfallen, als dieſem prächtigen Thier das mindeſte Leid zufügen.“ „Braver junger Mann!“ murmelte der Che⸗ valier. „Nun wohl denn,“ ſagte Louville,„faſſen Sie — — 267 einen Entſchluß, mein lieber Gratien; verzichten Sie auf Thereſe und dann will ich ſehen, ob ich nicht glücklicher bin als Sie.“ „Ah, ah, Sie wollen, ich ſoll Ihnen den Platz abtreten?“ ſagte Gratien, deſſen Geſicht ſich ver⸗ düſterte. „Beſſer, man tritt ihn einem Freund ab, denke ich, als daß man ihn durch einen Gleichgiltigen ein⸗ nehmen läßt.“ „Das iſt nicht meine Anſicht,“ antwortete Gratien,„und dann, ſehen Sie, Louville, will ich Ihre Eigenliebe ſchonen und Ihnen die Schmach einer Niederlage erſparen.“ „Ei, glauben Sie denn, Ihre Thereſe ſei die erſte Zierpuppe, die mir in den Weg gelaufen?“ „Ich weiß, daß Sie ein großer Eroberer ſind, Louville,“ ſagte Gratien;„aber,“ fügte er mit einem etwas ſpöttiſchen Lächeln hinzu,„ich glaube nicht, daß Sie das Nöthige beſitzen um Dieſer da zu gefallen.“ „Nun wohl, Das werden wir alſo ſehen.“ „Wie ſo! Das werden wir ſehen?“ „Ich ſchwöre es Ihnen,“ rief Louville, pur⸗ purroth vor Zorn.„Da Sie mich herausfordern, ſo ſchwöre ich Ihnen, daß ich dieſes Mädchen be⸗ ſitzen werde, und um Ihnen mein ganzes Ver⸗ trauen in Ihre Ungeſchicklichkeit zu beweiſen, laſſe ich Ihnen noch acht Tage lang das freieſte Spiel; erſt in acht Tagen werde ich den Angriff be⸗ ginnen.“— „Selbſt wenn ich Sie erſuchen würde es nicht zu thun, Louville?“ 268 „Allerdings, ſelbſt wenn Sie mich erſuchen wür⸗ den es nicht zu thun. Sie haben ſich ſo eben einen ſpöttiſchen Ton gegen mich erlaubt, der mir in den Magen gefahren iſt.“ „Und der Hund?“ ſagte Gratien, indem er zu lachen verſuchte. „Der Hund?“ antwortete Louville;„da ich wünſche, daß Sie während dieſer acht Tage ein eben ſo ſchönes Spiel haben, wie ich mir ſelbſt zu machen gedenke, ſo werden wir uns ſchon heute Ahend dieſer Beſtie entledigen.“ Der Chevalier, der Anſtands halber ein Glas Zuckerwaſſer ſchlürfte, erſtickte beinahe, als er dieſe Worte Louvilles hörte. „Schon heute Abend?“ wiederholte Gratien, der nicht wußte, ob er den Vorſchlag ſeines Kame⸗ raden annehmen ſollte oder nicht. „Haben Sie nicht heute Abend um neun Uhr an der Porte Morard ein Rendezvous mit Thereſe?“ ſagte Louville.„Nun wohl, gehen Sie zu Ihrem Rendezvous und ich ſchwöre Ihnen, daß Sie ganz nach Behagen mit Ihrem Turteltäubchen girren können, ohne von Herrn Black die mindeſte Beläſti⸗ gung fürchten zu müſſen.“ Herr de la Graverie hörte nicht mehr; er ſtand haſtig auf, ſah auf ſeine Uhr und verließ das Café mit einer ſo verſtörten Miene, daß alle Gäſte ihre Commentare darüber machten. Der Chevalier war in der That ſo verſtört, daß er zehn Schritte von dem Cafe durch einen Kellner eingeholt wurde, der ihm höflich bemerkte, daß er nicht bezahlt habe 269 „Ach mein Gott,“ rief der Chevalier,„daß Dich der Has beiß! Sie haben Recht, mein Freund, hier ſind fünf Franken, bezahlen Sie meinen Be⸗ trag und behalten Sie das Uebrige für ſich.“ Und der Chevalier begann zu laufen, ſo ſchnel ſeine kurzen Beinchen ihn tragen mochten. Es war ihm klar, daß eine große Gefahr den Hund bedrohte, dem ſein ganzes Sehnen zugekehrt war. Ende des erſten Theils. Humoriſtiſche Lektüre, . beſonders für Kaufleute und Handlungsreiſende. Freuden und Leiden 3 eines Commis Voyagenr. Dritte Auflage. Eleg. geh. mit Titelbild. 20 Ngr. od. fl. 1. rhein. Allen Freunden einer heitern und angenehmen Lek⸗ türe wird ein Buch willkommen ſein, in welchem ein bekannter deutſcher Dichter ſich ein Exemplar des gdeutſchen Commis Voyageur“ aus der ſocialen Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte und auf ſolch' originelle Weiſe charakteriſirte, daß das Werk gewiß jeden Leſer vollkommen befriedigen wird. Reiſende können ſich keine angenehmere Beſchäf⸗ tigung auf ihren Reiſen gewähren, als die Lektüre die⸗ ſes Buchs. Kurzer Auszug aus dem reichen Inhalt des Buchs: Zacharias Hartmann.— Scheiden und Meiden thut weh. Die Revolution im Omnibus.— Küſſe und Stoßſeufzer.— Moraliſcher Katzenjammer.— Die Abfütterung.— Der Blick in das Paradies.— Die Bergſtraße.— Heidelberg und ſein Schloß.— Der Frankfurter.— Der Heimgang vom Bier und der Einzug zum Wein.— Ein Bachusfeſt und deſſen Folgen. —, Die Fulder.— Schlechte Geſchäfte.— Die Schwaba⸗ mädle.— Die Reichsſtädter.— Stuttgart.— Degerloch.— Der Lieutenant.— Nachtwandler oder Dieb.— Abſchied von Stuttgart.— Der Ehninger Congreß.— Die Ehninger Krä⸗ mer.— Gaſthaus zur Traube.— Der goldene Ochſe in Reut⸗ lingen.— Urach.— Die rauhe Alp.— Blaubeuren.— Ulm. — Ein Weinreiſender.— Der glückliche Bräutigam.— Günz⸗ burg.— Die Schinkengeſchichte,— Die ſchöne Wäſcherin.— Augsburg.— Trinkgelder.— München.— Der Männerſang. — München, Liebe und Rüböl.— Münchens Sehenswürdig⸗ keiten.— Der Wiſcher.— Bräutigam.— Das Räuſchchen.— Handgemenge und Prügel.— Der fatale Mantel.— Wirth und Fremdenbuch.— Die Geſchichte vom Frack.— Das Ren⸗ dezvous.— Die ſchöne Proceſſion.— Der Brief mit einer Naſe.— Das Sängerfeſt.— Der Berliner.— Die Baroneſſe und der Schnurrbart.— Das Vielliebchen.— Auf dem Ball und nach dem Ball.— Eine Mutter.— Darmſtadt.— Krä⸗ merſeelen, merkantiliſche Thiere, Geldſäcke und wahre Kauf⸗ leute.— Frankfurt.— Frankfurt, ein klein Paris.— Hom⸗ burg.— Die aufgezwungene Braut.— Die Hochzeit ꝛc. ꝛc. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung ——