☛— ☛ ibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 3 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende den. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für aPchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mauleon wohnte ſeit acht Tagen in der Gegend von Rennes, als eines Abends, in dem Augenblick, wo er, beladen mit einem gehörig vom herzoglichen Schreiber und dem Geſchäftsführer von Frau Tiphaine Raguenel einregiſtrirten Sack Geld zurückkehrte, der gute Ritter, der ſich eben zwiſchen der Stadt und dem Schloß be⸗ fand, in einer von Hecken begrenzten Schlucht zwei Männer von ſeltſamem Ausſehen und einer beunruhi⸗ genden Haltung erblickte. „Wer ſind dieſe Leute?“ fragte Agenor ſeinen Knappen. „Bei meiner Seele! man ſollte glauben, es wären Leute aus Caſtilien?“ rief Muſaron, indem er nach einem Reiter und einem Pagen ſchielte, welche Beide kleine andaluſiſche Pferde mit voller Mähne ritten und, die Pickelhaube auf dem Kopf, den Schild vor der Bruſt, ſich an die Hecke angelehnt hatten, um die Fran⸗ zoſen zu betrachten und im Vorüberziehen zu befragen. „In der That, es iſt die Rüſtung eines Spaniers, und die langen, feinen, flachen Klingen bezeichnen den Caſtilianer.“. „Macht das nicht eine gewiſſe Wirkung auf Euch, Herr?“ fragte Muſaron. „Ja, allerdings, doch dieſer Reiter will, glaube ich, mit mir ſprechen.“ „Oder Euch Euren Sack nehmen, edler Herr. Zum Glück habe ich meine Armbruſt.“ Der Baſtard von Mauleon, un, 1 2 „Laß Deine Armbruſt in Ruhe; ſiehe, weder der Eine noch der Andere hat nach ſeinen Waffen ge⸗ griffen.“ „Senor!“ rief der Fremde ſpaniſch. „Sprecht Ihr mit mir?“ fragte Agenor in derſelben Sprache. 4 „Ja.“ „Was wollt Ihr von mir?“ „Bezeichnet mir gefälligſt den Weg zum Schloß Laval,“ antwortete der Reiter mit jener Höflichkeit, welche den Mann von Stand überall und den Caſtilianer ins⸗ beſondere auszeichnet. „Ich will das thun, Senor,“ ſagte Agenor,„und ich kann Euch als Führer dienen; doch ich mache Euch darauf aufmerkſam, daß der Herr des Ortes, der dieſen Morgen einen Ausflug in die Nachbarſchaft gemacht hat, abweſend iſt.“ „Es iſt Niemand im Schloß?“ rief der Fremde mit ſichtbarem Aerger.„Wie? abermals ſuchen!“ mur⸗ melte er. „Ich habe nicht geſagt, es ſei Niemand dort, Senor.“ „Vielleicht mißtraut Ihr,“ ſprach der Fremde, ſein Helmpiſtr aufſchlagend, denn dieſes Viſir war wie das von Mauleon niedergelaſſen, eine kluge Gewohnheit, welche alle Reiſende befolgten, die in jenen Zeiten des Mißtrauens und der Räuberei ſtets den Angriff und den Verrath fürchteten. Doch kaum hatte der Caſtilianer ſein Geſicht ent⸗ bloͤßt ſehen laſſen, als Muſaron ausrief. „Ohl Jeſus!“ „Was gibt es?“ frage Agenor erſtaunt. Der Fremde ſchaute auch verwundert über dieſen Ausruf. 3 „Gildaz!“ flüſterte Muſaron ſeinem Herrn in's „ 3 „Wer iſt Gildaz?“ fragte Mauleon in demſelben Ton. „Der Mann, dem wir auf der Reiſe begegneten, und der damals Frau Maria begleitetez der Sohn jener guten alten Zigeunerin, die Euch in die Kapelle beſchied.“ „Gottes Güte!“ murmelte Agenor von Bangigkeit ergriffen,„was wollen ſie hier?“ „Vielleicht uns verfolgen.“ „Vorſicht!“ „Ohl Ihr wißt, daß es nicht nöthig iſt, mir das zu empfehlen.“ Während dieſes Geſprächs betrachtete der Caſtilia⸗ ner prüfend den Ritter und den Knappen und wich allmälig furchtſam zurück. „Bah! was kann uns Spanien im Mittelpunkt von Frankreich thun?“ ſagte Agenor beruhigt, nachdem er einen Augenblick überlegt hatte. „In der That, wir werden nur irgend eine neue Nachricht bekommen,“ ſprach Muſaron. „Oh! das iſt es, was mich beben macht. Ich fürchte mehr die Ereigniſſe, als die Menſchen. Gleich⸗ viel, befragen wir ihn.“ „Seien wir im Gegentheil vorſichtig; wenn es Emiſſäre von Mothril wären!“ „Aber Du erinnerſt Dich, dieſen Mann bei Maria Padilla geſehen zu haben.“ „Habt Ihr nicht Mothril bei Don Federigo ge⸗ ſehen?“ „Das iſt wahr.“ „ Seien wir alſo auf unſerer Hut,“ ſprach Muſaron, indem er wieder ſeine Armbruſt vorzog, die ſich am Bandelier ſchaukelte. Der Caſtilianer bemerkte dieſe Bewegung und rieft „Warum mißtraut Ihr? wir ſind keine Feinde. Haben wir uns unhöflich gezeigt? oder iſt es der An⸗ blick meines Geſichts, was Euch mißfallen konnte?“ 4 „Nein,“ ſtammelte Agenor,„doch... was wollt Ihr im Schloß des Sire von Laval?“ „Ich will es Euch ſagen. Senor, ich muß einen Ritter aufſuchen, der bei dem Grafen wohnt.“ Muſaron ſchoß durch die Löcher ſeines Vifirs einen ſprechenden Blick auf ſeinen Herrn. „Einen Ritter... wie heißt er?⸗ „Ohl Senor, verlangt nicht eine Indiscretion im Austauſch für den Dienſt, den Ihr mir leiſtet; ich würde ſonſt lieber warten, bis ein anderer, minder neugieriger Reiſender auf dieſer Straße vorüberkäme.“ „Das iſt wahr, Senor, das iſt wahr, ich werde Euch nicht mehr befragen.ēē. „Ich faßte eine große Hoffnung, als ich Euch mir in der Sprache meines Landes antworten hörte.“ „Welche Hoffnung?“ „Die des raſchen Gelingens meiner Sendung.“ „Bei jenem Ritter?“ „Ja, Senor.“ „Was kann es Euch ſchaden, wenn Ihr ihn mir nennt, da ich ſeinen N amen erfahren werde, ſobald wir in's Schloß kommen?“ „Dann, Senor, bin i edlen Herrn, der es nicht d mißhandelt.“ Muſaron hatte eine glückliche Eingebung. Er war immer tapfer, wenn er v ermuthete, es bedrohe ſeinen Herrn eine Gefahr. Entſchloſſen ſchlug er ſein Helmvifir auf und näherte ſich dem Caſtilianer. „Valg a me Dios!“ rief dieſer. „Guten Morgen, Gildaz,“ ſprach Muſaron. „Ihr ſeid der Mann, den ich ſuche!“ rief der Ca⸗ ſtilianer. „Und hier bin ich,“ erwiederte Muſaron, ſeine ſchweren Säbel aus der Scheide ziehend. ch unter dem Dache eines ulden wird, daß man mich — 5 „Es handelt ſich wohl hierum,“ ſagte Gildaz;„iſt dieſer Edelmann Euer Herr?“ „Welcher Edelmann, welcher Herr? „Iſt dieſer Ritter Don Agenor von Mauleon?“ „Ich bin es,“ ſprach Agenor,„laßt hören! mein Schickſal gehe in Erfüllung, und es drängt mich, das Gute oder das Böſe ſchleunigſt zu erfahren.“ Gildaz ſchaute ſogleich den Ritter mit einer Art von Erſtaunen an und fragte: „Aber wenn Ihr mich täuſcht?“ Agenor machte eine ungeſtüme Bewegung. „Hoͤrt wohl,“ ſagte der Caſtilianer,„ein guter Bote muß furchtſam ſein.“ „Du erkennſt meinen Knappen, Burſche!“ „Ja, aber ich kenne den Herrn nicht.“ „Du mißtrauſt mir alſo, Schuft?“ rief Muſaron wüthend. „Ich mißtraue der ganzen Erde, wenn es ſich darum handelt, meine Pflicht gut zu thun.“. „Nimm Dich in Acht, Gelbgeſicht, ich werde Dir eine Lehre geben!... Mein Meſſer iſt ſpitzig.“ „Ei!“ ſagte der Caſtilianer,„mein Raufdegen iſt es auch.. Ihr ſeid nicht vernünftig... Wird mein Auftrag beſorgt ſein, wenn ich todt bin?... Wird er es mehr ſein, wenn Ihr getödtet werdet?... Laßt uns, wenn es Euch beliebt, ſachte bis zum Herrenhaus von Laval reiten; dort nenne mir Einer, ohne zuvor in Kenntniß geſetzt zu ſein, den Herrn von Mauleon, und ſogleich erfülle ich den Befehl meiner Gebieterin.“ Bei dieſem Wort machte Agenor eine ungeſtüme Bewegung und rief: „Guter Knappe, Du haſt Recht, wir haben Unrecht; Du kommſt vielleicht im Auftrag von Dona Maria zu mir.“ „Ihr werdet es ſogleich erfahren, wenn Ihr wirk⸗ lich Don Agenor von Mauleon ſeid,“ ſagte der hart⸗ näckige Caſtilianer. 8 „Komm alſo!“ rief der junge Mann mit dem Fieber der Ungeduld,„komm... die Thürme des Schloſſes ſind dort... komm geſchwinde!... Du wirſt jede Befriedigung erhalten, guter Knappe... Vorwärts, Muſaron, vorwärts!“ „So bitte ich Euch, laßt mich voran reiten,“ ſagte Gildaz. „Wie Du willſt, doch nur geſchwinde.“ Und die vier Reiter gaben ihren Roſſen die Sporen. Fünßzigſtes Kapitel. Die zwei Boten. Agenor war kaum in das Herrenhaus von Laval eingeritten, als der caſtilianiſche Knappe, der weder eine Geberde, noch ein Wort unbeachtet ließ, den Thurm⸗ wächter rufen hörte: „Seid willkommen, Sire von Mauleon!“ Dieſe Worte in Verbindung mit dem vorwurfs⸗ vollen Blick, den Muſaron von Zeit zu Zeit auf Zeit heftete, genügten dem Boten. „Kann ich ein paar Worte insgeheim mit Eurer Herrlichkeit ſprechen?“ fragte er ſogleich den jungen Mann. „Sagt Euch dieſer mit Bäumen bepflanzte Hof zu?“ fragte Agenor. „Vollkommen, Senor.“ „Ihr wißt,“ fuhr Mauleon fort,„daß ich Muſaron nicht mißtraue, denn er iſt mehr ein Freund, als ein Diener für mich; was Euren Gefährten betrifft...“ „Edler Herr, Ihr ſeht, es iſt ein junger Maure, „ 7 den ich vor ungefähr zwei Monaten auf dem Weg fand, der von Burgos nach Soria führt. Er ſtarb Hungers, und war bis auf's Blut von den Leuten von Mothril und von Mothril ſelbſt geſchlagen worden, der ihn mit dem Dolch bedrohte wegen der Neigung, die dieſer arme Knabe für die Religion Chriſti offenbarte. Ich fand ihn alſo ganz bleich und ganz blutig, nahm ihn mit mir zu meiner Mutter, welche Eure Herrlichkeit vielleicht kennt,“ fügte der Knappe lächelnd bei,„und wir ver⸗ banden ihn und gaben ihm zu eſſen. Seitdem iſt er für uns ein bis auf den Tod ergebener Hund. Als mich vor zwei Wochen meine erhabene Gebieterin Dona Maria..“ Der Knappe dämpfte die Stimme. „Dona Maria!“ murmelte Mauleon. „Sie ſelbſt, Senor; als meine erhabene Gebieterin Dona Maria mich rufen ließ, um mir eine wichtige und gefährliche Sendung anzuvertrauen, ſagte ſie zu mir:„„Gildaz, Du wirſt zu Pferde ſteigen und Dich nach Frankreich begeben; ſtecke viel Gold in Deine Reiſe⸗ taſche und nimm ein gutes Schwert; Du wirſt auf dem Wege nach Paris einen Edelmann finden(hiebei ſchilderte mir meine Gebieterin Eure Herrlichkeit), der ſich ſicherlich an den Hof des großen Königs Karl des Weiſen begibt; nimm einen treuen Gefährten mit Dir, denn die Sendung, das ſage ich Dir, iſt gefahr⸗ des Ich dachte ſogleich an Hafiz und ſprach zu ihm: „„Haſiz, ſteige zu Pferde und nimm Deinen Dolch.““ „„Gut, Herr,““ erwiederte Hafiz,„„gönnt mir nur ſo viel Zeit, als ich brauche, um in die Moſchee zu gehen.““ „Denn bei uns Spaniern, wie Ihr wißt, edler Herr,“ ſagte Gildaz ſeufzend,„gibt es heute Kirchen für die Chriſten, Moſcheen für die Ungläubigen, als ob Gott zwei Wohnſtätten hätte. Ich ließ den Knaben in ſeine Moſchee laufen, ſchirrte ſelbſt ſein Pferd mit dem 8 meinigen, befeſtigte an dem Sattelbogen den großen Dolch, den Ihr dort mittelſt einer ſeidenen Schnur an⸗ gebunden ſeht, und als er nach einer halben Stunde zurückkam, brachen wir auf. Dona Maria hatte mir für Euch nur dieſen Brief geſchrieben.“ Gildaz hob ſeinen Panzer auf, öffnete ſein Wamms und ſagte zu Hafiz: „Deinen Dolch, Hafiz!“ Hafiz, mit ſeinem rußſchwarzen Geſicht, mit ſeinen weißen Augen und ſeiner unſtörbar ſteifen Haltung, hatte während der ganzen Erzählung von Gildaz ein vollkommenes Stillſchweigen, eine ſteinerne Unbeweg⸗ lichkeit beobachtet. Während der gute Knappe ſeine Eigenſchaften, ſeine Treue, ſeine Verſchwiegenheit aufzählte, blieb ſein Geſicht völlig unverändert; als er aber davon ſprach, daß er ſich auf eine halbe Stunde entfernt habe, um in die Moſchee zu gehen, da überſtrömte eine Art von Röthe, ein bleiches, unheimliches Feuer ſeine Wangen und ſchleuderte in ſeine Augen etwas wie einen Blitz der Unruhe oder der Reue.— Als Gildaz ſeinen Dolch von ihm verlangte, ſtreckte er langſam ſeine Hand aus, zog die Waffe aus der Scheide und reichte ſie Gildaz. Dieſer ſchnitt das Futter ſeines Wammſes auf und nahm einen Brief in einem ſeidenen Ueberzug heraus. Mauleon rief Muſaron zu Hülfe. Dieſer erwartete, er würde eine Rolle in der Entwicke⸗ lung der Scene ſpielen. Er nahm den Umſchlag, zerriß ihn, und las Mauleon den Inhalt des Sendſchreibens vor, während ſich Gildaz und Hafiz in ehrfurchtsvoller Entfernung hielten. 3 „Edler Don Agenor,“ ſchrieb Maria Padilla,„ich bin ſehr überwacht, ſehr beſpäht, ſehr bedroht; aber die bewußte Perſon iſt es noch mehr als ich. Ich bin Euch ungemein zugethan; doch die Perſon, für die ich — ——ÿ——⸗ʒÿʒ—;—,— 9 Euch ſchreibe, liebt Euch noch mehr als ich. Wir dachten, es wäre Euch nun, da Ihr auf franzöſiſchem Boden ſeid, angenehm, das, was Ihr beklagt, in Eurem Beſitz zu haben. „Haltet Euch alſo in der Nähe der Gränze, in Rianzares, in einem Monat nach Empfang der gegen⸗ wärtigen Kunde auf. Die Zeit Eurer Aukunft in Rianzares werde ich ſicher und genau durch den treuen Boten erfahren, den ich Euch ſchicke; wartet dort in Geduld, ohne etwas zu ſagen. Ihr werdet daſelbſt eines Abends, nicht eine Euch bekannte Sänfte, ſondern ein raſches Maulthier nahen ſehen, das Euch den Ge⸗ genſtand aller Eurer Wünſche bringt. „Dann, edler Herr Mauleon, flüchtet Euch; dann verzichtet auf das Waffenhandwerk, um nie wieder den „Fuß nach Caſtilien zu ſetzen: dies auf Euer Wort als Chriſt und Ritter. Reich durch die Mitgift, die Euch Eure Frau bringt, glücklich durch ihre Liebe und ihre Schönheit, bewahrt dann als wachſamer Herr Euren Schatz und ſegnet zuweilen Dona Maria Padilla, eine arme, ſehr unglückliche Frau, deren Lebewohl dieſer Brief iſt.“ Mauleon fühlte ſich gerührt, entzückt, berauſcht. Er ſprang auf, entriß den Brief den Händen von Muſaron und drückte einen glühenden Kuß darauf. 1„Komm,“ ſagte er zu dem Knappen,„komm, daß ich Dich umarme, Dich, der Du vielleicht die Kleider derjenigen, welche mein Schutzengel iſt, berührt haſt.“ Und er umarmte Gildaz wie wahnſinnig. Hafiz verlor nicht einen Umſtand von dieſer Scene aus dem Blick, aber er näherte ſich nicht. „Sage Dona Maria...“ rief Mauleon. „Stille doch, edler Herr!“ unterbrach ihn Gildaz, Ldieſer aweß... ſo laut... „Du haſt Recht,“ flüſterte Agenor,„ſage alſo Dona Maria, in vierzehn Tagen..⸗ higes an 10 „Nein, edler Herr,“ entgegnete Gildaz,„die Ge⸗ heimniſſe meiner Gebieterin gehen mich nichts an; ich bin ein Eilbote, und kein Vertrauter.“ „Du biſt ein Muſter der Treue und edler Ergeben⸗ heit, Gildaz, und ſo arm ich bin, wirſt Du doch eine Handvoll Gulden von mir annehmeun.“ „Nein, Herr, nichts, meine Gebieterin bezahlt ut.“ 4„Dein Page alſo... Dein getreuer Maure.“ Hafiz riß die Augen weit auf, und beim Anblick des Goldes lief ein Schauer über ſeine Schultern hin. „Ich verbiete Dir, etwas anzunehmen, Hafiz,“ ſagte Gildaz. Eine unmerkliche Bewegung offenbarte dem ſcharf⸗ ſichtigen Muſaron den wüthenden Zwang von Haftz. „Die Mauren ſind im Allgemeinen geldgierig,“ ſagte er zu Gildaz,„und dieſer iſt es mehr als ein Maure und als ein Jude mit einander. Er hat auch ſeinem Kameraden Gildaz einen abſcheulichen Blick zu⸗ geſchleudert.“ „Bah! alle Mauren ſind häßlich, Muſaron, und der Teufel allein verſteht etwas von ihren Grimaſſen,“ erwiederte Gildaz lächelnd. Und er gab Hafiz den Dolch zurück, den dieſer beinahe krampfhaft in ſeiner Hand preßte. Auf ein Zeichen ſeines Herrn ſchickte ſich Muſaron nun an, eine Antwort an Dona Maria zu ſchreiben. Der Schreiber des Grafen von Laval ging durch den Hof. Man hielt ihn an, Muſaron entlehnte von ihm ein Pergament, eine Feder, und ſchrieb: „Edle Frau, Ihr erfüllt mich mit Glück. In einem Monat, nämlich am ſiebenten Tag des nächſten Monats, werde ich in Rianzares bereit ſein, den theuren Gegenſtand zu empfangen, den Ihr mir ſchickt. Ich leiſte nicht auf das Waffenhandwerk Verzicht, weil ich 11 ein großer Kriegsmann werden will, um meiner viel⸗ geliebten Dame Ehre zu machen; doch Spanien wird mich nicht mehr ſehen, das ſchwöre ich Euch bei Chri⸗ ſtus, wenn Ihr mich nicht dahin ruft, oder wenn nicht das Unglück Aiſſa verhindert, zu mir zu kommen, in welchem Fall ich bis in die Hölle laufen würde, um ſie aufzuſuchen. Gott befohlen, edle Dame; betet für mich.“ Der Ritter machte ein Kreuz unten an dieſes Per⸗ gament, und Muſaron ſchrieb unter das Kreuz: „Dieſes iſt die Unterſchrift: „Sire Agenor von Mauleon.“ Während Gildaz unter ſeinem Panzer den Brief von Mauleon verſchloß, beobachtete Haſiz zu Pferde eher wie ein Tiger, als wie ein getreuer Hund jede Bewegung des Knappen. Er ſah den Platz, wo das anvertraute Schreiben ruhte, und ſchien fortan gleichgültig gegen die übrige Scene, als ob er nichts mehr zu ſehen gehabt hätte, und als ob ihm ſeine Au⸗ gen unnütz geworden wären. „Was macht Ihr nun, guter Knappe?“ fragte Agenor. „Ich reiſe auf meinem unermüdlichen Pferde wie⸗ der ab, edler Herr; ich muß in zwölf Tagen bei mei⸗ ner Gebieterin angekommen ſein, ſo lautet ihr Befehl; ich muß mich alſo beeilen. Ich bin allerdings nicht ſehr entfernt, denn es ſoll einen Weg durch Poitiers geben, wodurch man abſchneidet.“ „Das iſt wahr... Auf Wiederſehen, Gildaz! Gott befohlen, guter Hafiz! Wahrhaftiger Gott! man ſoll nicht ſagen, Du werdeſt, wenn Du die Belohnung eines Herrn zurückweiſeſt, das Geſchenk eines Freundes nicht annehmen.“ Und Agenor machte ſeine goldene Kette los, welche hundert Livres werth war, und warf ſie Gildaz um den Hals. 12 Hafiz lächelte, und ſein dunkles Geſicht beleuchtete ſich auf eine ſeltſame Weiſe. Gildaz nahm das Geſchenk erſtaunt an, küßte Mauleon die Hand und ritt weg. Hafiz ritt hinter ihm, wie angezogen durch den Glanz des Goldes, das auf den breiten Schultern des Knappen, ſeines Herrn, tanzte. Einundfünfzigſtes Kapitel. Die Rückkehr. Mauleon traf alle ſeine Vorkehrungen. Er war außer ſich vor Freude. Fortan eine un⸗ auflösliche Vereinigung mit der Gebieterin ſeines Her⸗ zens; die Sicherheit in der Liebe... Reich, ſchön, liebend, kam Aiſſa zu ihm wie einer von jenen Träu⸗ men, welche Gott den Menſchen bis zum Morgen leiht, um ihnen begreiflich zu machen, daß es noch etwas Anderes gibt, als das irdiſche Leben. Muſaron theilte die Begeiſterung ſeines Herrn. Ein großes Haus in dem ſo reichen Lande der Gas⸗ cogne einrichten, wo die Erde ziemlich gut den Faul⸗ lenzer ernährt, den Fleißigen wohlhabend macht und ein Päradies für den Reichen wird, Knechten, Leibeige⸗ nen befehlen, Vieh ziehen, Pferde abrichten, Jagden anorduen, dies waren die ſüßen Viſionen, welche in Menge, die ſehr thätige Einbildungskraft des guten Knappen von Agenor ergriffen. Schon dachte Mauleon, er könnte ſich ein Jahr 84 2 13 lang nichts mehr um Kriege bekümmern, denn Aiſſa würde ihn ganz und gar in Anſpruch nehmen, denn er wäre ihr, er wäre ſich ſelbſt wenigſtens ein Jahr ruhigen Glückes für ſo viele ſchmerzliche Stunden ſchuldig. Mauleon erwartete voll Ungeduld die Rückkehr des Sire von Laval. Dieſer Herr hatte ſeinerſeits bei mehreren edlen Bretagnern beträchtliche Summen beſtimmt, das Löſegeld des Connetable zu bezahlen, eingeſammelt. Die Schrei⸗ ber des Königs und des Herzogs von Bretagne trugen ihre Rechnungen zuſammen, wonach es ſich herausſtellte, daß die Hälfte der ſiebenzigtauſend Goldgulden ſchon gefunden war. Dies war genug für Mauleon; er hoffte, der König von Frankreich würde das Uebrige thun, und er kannte den Prinzen von Wales hinreichend, um zu wiſſen, daß, wenn auch nur die erſte Hälfte des Löſegelds ankäme, die Engländer den Connetable freilaſſen würden, riethe ihnen nicht ihre Politik, ihn trotz der völligen Bezah⸗ lung der Summe zurückzuhalten. Doch zur Beruhigung ſeines ſcharfen Gewiſſens, durchzog Mauleon die übrige Bretagne mit der königlichen Standarte und ließ den Aufruf an das Volk ergehen. So oft er durch einen Flecken zog und den Trauer⸗ ruf vor ſich ertönen ließ:„Der gute Connetable iſt Gefangener der Engländer; Leute von Bretagne, werdet Ihr ihn in der Gefangenſchaft laſſen?“ ſo oft er unter dieſen Umſtänden die ſo frommen, ſo kühnen und ſo ſchwermüthigen Bretagner traf, vernahm er dieſelben Seufzer, gewahrte er dieſelbe Entrüſtung, und die Armen ſagten zu einander:„Raſch ans Werk, eſſen wir weniger von unſerem Buchweizen, und ſammeln wir einen Sou für das Löſegeld von Meſſire Bertrand Duguesclin.“ 5 Auf dieſe Art brachte er noch weitere ſechstauſend Gulden zuſammen, die er den Reiſigen des Herrn von 14 Laval, den Vaſallen der Frau Tiphaine Raguenel an⸗ vertraute, zu der er ſich, ehe er aufbrach, noch einmal begab, um Abſchied zu nehmen. Nun aber kam ihm noch ein Bedenken. Er konnte abreiſen, er mußte ſeine Geliebte holen; doch damit war noch nicht Alles für ihn bei ſeinem Botſchafters⸗ auftrag vollbracht. Agenor, der Dona Maria verſpro⸗ chen hatte, nie mehr nach Spanien zurückzukehren, mußte doch Bertrand Dugueselin Meldung machen von dem durch ſeine Bemühungen in der Bretagne einge⸗ ſammelten Geld, koſtbaren Geld, nach deſſen Ankunft ohne Zweifel der Gefangene des Prinzen von Wales ſeufzen würde. Zwiſchen dieſe zwei Pflichten geſtellt, ſchwankte Agenor lange. Ein Eid, und er hatte dieſen Eid Dona Maria geleiſtet, war etwas Heiliges; ſeine Zuneigung, ſeine Ehrfurcht für den Connetable kamen ihm ebenſo heilig vor. In dieſer Beklemmung eröffnete er ſich Muſaron. „Nichts kann leichter fein,“ ſprach der verſtändige Knappe;„verlangt von Frau Tiphaine eine Escorte von einem Dutzend gewappneter Vaſallen, um das Geld zu begleiten, der Herr von Laval wird wohl vier Lan⸗ zen beifügen; der König von Frankreich gibt, inſofern es ihn nichts koſtet, ein Dutzend Reiſige; mit dieſer Truppe, die Ihr bis an die Grenze befehligt, wird das Geld wohl in Sicherheit ſein. Sobald Ihr in Rianza⸗ res ſeid, ſchreibt Ihr an den Prinzen von Wales, der Euch einen Geleitsbrief ſchickt; das Geld gelangt auf dieſe Art ſicher bis zum Connetable.“ „Aber ich... meine Abweſenheit?“ „Ihr nehmt ein Gelübde zum Vorwand.“ „Eine Lüge!“ „Das iſt keine Lüge, da Ihr in der That Dona Maria geſchworen habt. Und wäre es auch eine Lüge, ſo iſt das Glück doch wohl eine Sünde werth.“ „Muſaron!“ — —hoe ͤ—ͤ———— 12 0— 8————&R& —- — ᷣ☛ — 2 8 28—29 15 „Eil Herr, ſpielt nicht ſo den Frommen, Ihr hei⸗ rathet eine Saracenin... Das iſt doch wohl eine ganz andere Todſünde, wie mir ſcheint!“ „Du haſt Recht,“ ſeufzte Mauleon. „Und dann,“ fuhr Muſaron fort,„dann wäre der Herr Connetable ſehr anſpruchsvoll, wenn er Euch mit dem Geld haben wollte... Doch glaubt mir, ich kenne die Menſchen; ſobald die Gulden glänzen, wird man den Sammler vergeſſen... Will Euch der Connetable, wenn er einmal in Frankreich iſt, ſehen, ſo wird er Euch ſehen; ich denke, Ihr werdet Euch nicht begraben?“ Agenor machte es wie immer, er gab nach. Mu⸗ ſaron hatte übrigens vollkommen Recht. Der Sire von Laval lieferte zwölf Reiſige, Frau Tiphaine Raguenel bewaffnete zwanzig Vaſallen, der Seneſchall vom Maine ſtellte zwölf Reiſige im Namen des Königs, und Agenor, dem ſich einer von den jüngeren Brüdern von Dugnesclin anſchloß, begab ſich in großen Tagemärſchen nach der Grenze, denn es drängte ihn, mindeſtens zwei bis drei Tage vor der von Dona Maria für die Zu⸗ ſammenkunft beſtimmten Zeit an Ort und Stelle zu kommen. Die für die Loskaufung des Connetable beſtimmten ſechsunddreißigtauſend Goldgulden machten einen wah⸗ ren Triumphmarſch; die wenigen Geſellen, welche ſeit dem Aufbruch der großen Compagnien in Frankreich zurückblieben, waren Räuber, die ſich auf geringeren Erwerb beſchränkten, und die allerdings ſehr ſchöne Beute durchaus nicht zu verſchlingen gewußt hätten. Sie zogen es alſo vor, als ſie dieſelbe an ihren Krallen vorüberkommen ſahen, ritterliche Ausrufungen von ſich zu geben, den Namen des glorreichen Gefangenen zu ſegnen und ehrfurchtsvolle Mienen anzunehmen, da ſie nicht unehrerbietig ſein konnten, ohne Furcht, ihre Knochen auf dem Schlachtfeld zu laſſen. Maulleon lenkte ſeinen Marſch ſo geſchickt, daß er in der That am vierten Tag des Monats in Rianzares, 16 einem kleinen, ſeit vielen Jahren zerſtoͤrten Flecken an⸗ kam, der jedoch als ein gewöhnlicher Durchzugsort zwiſchen Frankreich und Spanien in einigem Ruf ſtand. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. 1 Rianzares. Agenor wählte ſich in dem auf dem Abhang eines Hügels liegenden Flecken eine Wohnung, von wo aus er leicht die weiße und gekrümmte Straße erſchauen konnte, die ſich zwiſchen zwei abſchüſſigen Felsmauern hinanzog. Die Truppe ruhte indeſſen aus, und Jedermann bedurfte der Ruhe. Muſaron hatte mit ſeinem ſchönſten Styl ein Send⸗ ſchreiben an den Connetable und ein anderes an den Prinzen von Wales abgefaßt, um dem Einen und dem Andern Nachricht von der Ankunft der Goldgulden zu eben. 4 Ein Reiſiger, geleitet von einem bretagniſchen. Knappen, den man aus den Vaſallen der Dame Tiphaine auswählte, war gen Burgos abgeſchickt worden, bwo ſich der Prinz, wie man ſagte, in dieſem Augenblik wegen des neuerdings im Lande ausgebrochenen Kriegs⸗ lärmens befand. Jeden Tag berechnete Mauleon mit der vollkom⸗ menen Kenntniß, die er von der Oertlichkeit beſaß, den Marſch von Gildaz und Haſtz. Seiner Berechnung nach mußten die zwei Boten 17 ſeit wenigſtens vierzehn Tagen die Grenze überſchritten haben.. In dieſen vierzehn Tagen hatten ſie Zeit gehabt, Dona Maria wiederzufinden, und dieſe hatte Vorkeh⸗ rungen zur Flucht von Aiſſa treffen können. Ein gutes Maulthier macht zwanzig Meilen in einem Tag; fünf bis ſechs Tage genügten alſo der ſchönen Maurin, um bis Rianzares zu kommen. Mauleon zog vorſichtig einige Erkundigungen über die Durchreiſe des Knappen Gildaz ein. Es ſchien in der That nicht unmöglich, daß die zwei Boten den Weg durch den Engpaß von Rianzares, einen leichten, ſiche⸗ ren und bekannten Ort genommen hatten. Aber die Bergbewohner antworteten, ſie haben in der Zeit, in der Mauleon ſprach, nur einem jungen mauriſchen Reiter von ziemlich wilder Miene durchkom⸗ men ſehen. „Einen jungen Mauren?“ „Höchſtens zwanzig Jahre alt,“ antwortete der Landmann. „Er war vielleicht roth angezogen?“ „Mit einer Saracenen⸗Pickelhaube, ja, edler Herr.“ „Bewaffnet?“ „Mit einem breiten Dolch, der an einer ſeidenen Schnur am Sattelbogen hing.“ „Und Ihr ſagt, er ſei allein durch Rianzares ge⸗ kommen?“ „Durchaus allein.“ „Was ſprach er?“ „Er ſuchte ein paar Worte Spaniſch, die er ſchlecht und raſch ausſprach, und fragte, ob der Weg durch die Felſen für die Pferde ſicher ſei, und ob man durch das Flüßchen unten am Bergabhang reiten könne; als wir dies bejahten, gab er ſeinem fluͤchtigen Rappen die Sporen und verſchwand.“ 4 „Allein! das iſt ſeltſam,“ ſagte Mauleon. Der Baſtard von Mauleon. u. 2 18 „Hm!“ machte Muſaron,„allein, das iſt ſeltſam.“ „Gildaz wird haben an einem andern Punkt über die Grenze ziehen wollen, um weniger Verdacht zu er⸗ regen; was denkſt Du davon, Muſaron.“ „Ich denke, Hafiz hatte ein ſehr häßliches Ge⸗ ſicht.“ „Wer ſagt uns übrigens, es ſei wirklich Hafiz ge⸗ weſen, der durch Rianzares gekommen,“ entgegnete Mauleon nachdenkend. „Es iſt in der That beſſer, zu glauben, daß dies nicht geſchehen.“ „Und dann habe ich bemerkt,“ fügte Mauleon bei, „daß der Menſch, der beinahe den Gipfel des Glückes erreicht hat, Allem mißtraut, und in Allem ein Hin⸗ derniß ſieht.“ „Ah! Herr, Ihr ſeit dem Glück wirklich ſehr nahe, und heute, wenn wir uns nicht getäuſcht haben, ſoll Dona Aiſſa kommen... Es wäre erſprießlich, wenn wir die ganze Nacht hindurch in der Gegend des Fluſſes gut Wache hielten.“ „La, denn ich wünſchte nicht, daß unſere Gefährten ſie kommen ſehen würden. Ich befürchte die Wirkung dieſer Flucht auf ihren etwas beſchränkten Geiſt. Ein in eine Maurin verliebter Chriſt.... das iſt genug, um den Muth der Unerſchrockenſten zu ſchwächen; man würde mir alles Unglück, das geſchehen iſt, als eine Strafe Gottes zuſchreiben. Doch der allein reitende, roth gekleidete Maure, mit dem Dolch am Sattelbogen, dieſe Aehnlichkeit mit Haſiz beunruhigt mich unwill⸗ führlich.“ „Noch einige Augenblicke, einige Stunden, einige Tage höchſtens, und wir werden erfahren, woran wir uns zu halten haben,“ erwiederte der Philoſoph.„Bis dahin, edler Herr, wollen wir, da wir keinen Grund haben, traurig zu ſein, in Freuden leben, wenn es Euch beliebt. 19 Agenor konnte wahrhaftig nichts Beſſeres thun. Er lebte in Freuden und wartete. Doch der erſte Tag, der ſiebente des Monats, ver⸗ ging, und nichts erſchien auf der Straße außer Wollen⸗ händlern und verwundeten Soldaten, oder Rittersleuten, welche bei Navarrete geflohen waren und zu Fuß, zu Grunde gerichtet, in kleinen Tagemärſchen durch die Wälder, auf großen Umwegen im Gebirg, ſo nach tau⸗ ſend Aengſten und tauſend Entbehrungen in's Vaterland zurückkehrten. Agenor erfuhr von dieſen armen Leuten, daß der Krieg ſchon wieder an mehreren Orten entflammte, daß die Tyrannei von Don Pedro, erſchwert durch die von Mothril, unerträglich auf beiden Caſtilien laſtete, daß viele Emiſſäre des bei Navarrete beſiegten Prätendenten die Städte durchzogen und die weiſen Männer gegen den Mißbrauch der wiedereingeſetzten Gewalt aufwie⸗ gelten. Dieſe Flüchtlinge verſicherten, ſie haben ſchon meh⸗ rere Corps geſehen, die ſich mit der Hoffnung auf eine nahe bevorſtehende Rückkehr von Enrique von Trans⸗ tamare gebildet. Sie fügten bei, viele von ihren Ge⸗ fährten haben auch Briefe von dieſem Fürſten geſehen, worin er bald mit einem in Frankreich angeworbenen Heere zurückzukehren verſprochen. Alle dieſe Gerüchte entflammten den kriegeriſchen Geiſt von Agenor, und da Aiſſa nicht ankam, ſo konnte die Liebe in ihm jenes Fieber nicht dämpfen, das ſich in jungen Männern beim Waffengeklirre entzündet. Muſaron fing an zu verzweifeln; er faltete die Stirne oöfter, als er es gewöhnlich that, und kam äußerſt verdrießlich wieder auf Hafiz zurück, dem er hartnäckig als einem böſen Dämon die Zögerung von Aiſſa zu⸗ ſchrieb, um nicht mehr zu ſagen, fügte er bei, wenn ſeine üble Laune den höchſten Grad erreicht hatte. Mauleon irrte, dem Leib ähnlich, der ſeine Seele ſucht, unabläßig auf der Straße umher, von der ſeine Augen, mit allen Krümmungen vertraut, jeden Buſch, jeden Stein, jeden Schatten kannten, und er errieth den Tritt eines Maulthiers auf eine Entfernung von zwei Meilen. Aiſſa kam nicht; es kam nichts von Spanien. Im Gegentheil aber kamen von Frankreich in Zwi⸗ ſchenräumen, welche wie durch den Zeiger einer Uhr abgemeſſen waren, Truppen von Kriegsleuten, welche ihre Stellung in der Umgegend nahmen und ein Sig⸗ nal abzuwarten ſchienen, um gleichzeitig über die Grenze zu ziehen. Die Anführer dieſer verſchiedenen Truppen pflogen eine Unterredung bei der Ankunft jeder neuen Truppe, und tauſchten in einigen Minuten ein Loſungswort und In⸗ ſtructionen aus, die ihnen genügend erſchienen, denn ohne eine andere Vorſichtsmaßregel verkehrten Leute von allen Waffen und allen Ländern mit einander und lebten in vollkommenem Einverſtändniß. An dem Tag, wo Mauleon, minder mit Aiſſa be⸗ ſchäftigt, mehr über dieſe Ankunft von Menſchen und Pferden wiſſen wollte, erfuhr er, daß dieſe verſchiedenen Truppen auf einen Oberanführer und auf neue Ver⸗ ſtärkungen warteten, um in Spanien einzuziehen. „Und wie heißt dieſer Anführer?“ fragte er. „Wir wiſſen es nicht; er wird uns mit ſeinem Namen ſelbſt bekannt machen.“ „So wird alle Welt in Spanien einziehen, nur ich nicht!“ rief Agenor in Verzweiflung.„Ohl mein Schwur, mein Schwur!“ „Eil edler Herr,“ erwiederte Muſaron,„der Schmerz macht, daß Ihr den Kopf verliert. Es gibt eeinen Schwur mehr, wenn Dona Aiſſa nicht kommt; ſie kommt nicht, ziehen wir weiter.“ 4 „Es iſt noch nicht Zeit, Muſaron; die Hoffnung bleibt mir, ich habe noch Hoffnung! Ich werde ſie im⸗ mer haben, denn ich werde ſie immer lieben!“ „Ich moͤchte nur eine halbe Stunde mit dem klei⸗ 21 nen ſchwarzbraunen Hafiz ſprechen,“ brummte Muſaron. „Ich möchte ihm nur ins Geſicht ſchauen...“ „Eil was vermag Hafiz gegen den allmächtigen Willen von Dona Maria?... Sie muß man anklagen, Muſaron, ſie... oder vielmehr mein Mißgeſchick!“ Es vergingen noch acht Tage, und nichts kam aus Spanien. Agenor wäre beinahe vor Ungeduld und Muſaron beinahe vor Zorn wahnſinnig geworden. Nach Verlauf dieſer acht Tage waren fünftauſend Mann an der Grenze ausgebreitet. Wagen mit Lebens⸗ mitteln, einige, wie man ſagte, auch mit Geld bela⸗ den, begleiteten dieſe impoſanten Streitkräfte. Die Leute des Sire von Laval, die Bretagner von Frau Tiphaine Raguenel warteten auch voll Ungeduld auf die Rückkehr ihres Boten, um zu erfahren, ob der Prinz von Wales den Connetable freizulaſſen einwilligte. Endlich kam der Bote an und Agenor eilte ihm bis zum Fluß entgegen. Der Bote hatte den Connetable geſehen, er hatte ihn umarmt; er war von dem engliſchen Prinzen feſtlich bewirthet worden und hatte von der Prinzeſſin von Wales ein herrliches Geſchenk erhalten. Dieſe Prin⸗ zeſſin hatte ihm gnädigſt geſagt, ſie erwarte den braven Ritter von Mauleon, um ſeine Ergebenheit zu beloh⸗ nen, und die Tugend ehre alle Menſchen, von welcher Nation ſie auch ſein möchten. Dieſer Bote fügte bei, der Prinz habe die ſechs⸗ unddreißigtauſend Goldgulden auf Abſchlag angenommen, und die Prinzeſſin habe, da ſie ihn einen Augenblick zögern geſehen, geſagt: „Mein Herr Gemahl, der gute Connetable ſoll durch mich, die ich ihn ebenſo ſehr bewundere, als ſeine Landsleute, frei werden. Wir ſind ein wenig Bretagner, wir von Großbritannien; ich werde dreißigtauſend Gold⸗ gulden zum Löſegeld von Meſſire Bertrand bezahlen.“ Daraus ging hervor, daß der Connetable frei wer⸗ 22 den ſollte, wenn er es nicht ſchon vor der Bezah⸗ lung war. Dieſe Nachrichten machten alle Bretagner, die das Löſegeld geleiteten, vor Freude ſpringen, und da ſich die Freude leichter mittheilt, als der Schmerz, ſo ſtießen alle bei Rianzares verſammelten Truppen ein Freuden⸗ geſchrei aus, worüber die alten Berge bis in ihre Gra⸗ nitwurzeln erbebten. „Ziehen wir in Spanien ein und führen wir un⸗ ſern Connetable zurück!“ riefen die Bretagner. „Wir müſſen wohl,“ ſagte ganz leiſe Muſaron zu Agenor. „Keine Aiſſa mehr, kein Schwur mehr; die Zeit vergeht, vorwärts, Herr 17 Und ſeiner glühenden Ungeduld nachgebend, erwie⸗ derte Mauleon: „Vorwärts!“ Neun Tage nach der von Maria Padilla für die Ankunft der Maurin feſtgeſetzten Friſt zog die kleine Truppe, begleitet von den Wünſchen und Segnungen Aller, durch den Engpaß. „Wir werden ſie vielleicht unter Weges finden,“ ſprach Muſaron, um ſeinen Herrn vollends zu be⸗ ſtimmen. Wir unſererſeits gehen ihnen an den Hof des Kö⸗ nigs Don Pedro voran; wir entdecken wohl die Urſache dieſes Verzugs von ſchlimmer Vorbedeutung, und theilen ſie dann dem Leſer mit. ——— ☛ 23 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Gildaz. Dona Maria verweilte auf ihrer Terraſſe und zählte die Tage und die Stunden, denn für ſich und für Aiſſa errieth, oder fühlte ſie vielmehr ein Unglück in der be⸗ harrlichen Ruhe des Mauren. Mothril war nicht der Mann, der ſo einſchlief; nie hatte er ſeine Rachgier ſo zu verſtellen gewußt, daß nichts dieſelbe während vierzehn langer Tage ſeinen Feinden verrathen hätte. Ganz beſchäftigt, dem König Feſte zu geben, Geld für die Kaſſen von Don Pedro herbeizuſchaffen, ganz bereit, die Saracenen als Hülfstruppen in Spanien einziehen zu laſſen und endlich die zwei verheißenen Kronen auf der Stirne ſeines Herrn zu vereinigen... dies war Mothril dem Scheine nach. Er vernach⸗ läßigte Aiſſa, er ſah ſie nur ein einziges Mal am Abend, und beinahe immer begleitet von Don Pedro, der dem Mädchen die ſeltenſten und prachtvollſten Geſchenke ſchickte. Gewarnt einmal durch ihre Liebe für Mauleon, ſodann durch ihre Freundſchaft für Dona Maria, nahm Aiſſa die Geſchenke an, um ſie hernach zu verachten, wenn ſie dieſelben empfangen hatte; indem ſie ſich da⸗ bei mit derſelben Kälte gegen den Prinzen benahm, ohne zu vermuthen, daß ſie hiedurch ein glühendes Verlangen aufſtachelte, ſuchte ſie für dieſes Benehmen einen Dank in dem Blick von Dona Maria, wenn ſie dieſer be⸗ gegnete. “ Maria ſagte ihr auch durch einen ſolchen ick: 24 „Hoffe! der Plan, den wir entworfen haben, reift jeden Tag in ſeinem Schatten; mein Bote wird zurück⸗ kommen und Dir ſowohl die Liebe Deines ſchönen Rit⸗ ters, als die Freiheit bringen, ohne die es keine wahre Liebe gibt.“ Endlich glänzte der Tag, nach dem ſie ſich ſo glühend ſehnte, für Dona Maria. Es war einer von jenen Morgen, wie ſie mit dem Sommer unter dem ſchönen Himmel Spaniens hervor⸗ brechen; der Thau zitterte an jedem Blatt auf den von Blüthen duftenden Terraſſen von Aiſſa, wo Dona Maria die uns bekannte Alte in ihr Zimmer eintreten ſah. „Senora!“ ſagte ſie mit einem langen Seufzer, „Senora!“ „Nun! was gibt es?“ „Senora, Haſftiz iſt da.“ „Hafiz!... wer iſt das?“ „Der Begleiter von Gildaz, Senora.“ „Wie! Hafiz und nicht Gildaz?“ „Hafiz und nicht Gildaz, ja, Senora.“ „Mein Gott! er trete ein; weißt Du ſonſt noch etwas?“ „Nein, Haſiz wollte mir nichts ſagen, nichts; und ſeht Ihr, Senora, ich weine, weil das Stillſchweigen von Hafiz grauſamer iſt, als alle unheilvolle Worte eines Andern ſein könnten.“ „Auf, tröſte Dich,“ ſprach Dona Maria ganz ſchau⸗ ernd,„tröſte Dich, es iſt nichts, eine Zögerung ohne Zweifel, und nicht mehr.“ „Warum iſt dann Haſiz nicht aufgehalten worden?“ „Siehſt Du, was mich im Gegentheil tröſtet, iſt die Rückkehr von Hafiz; Gildaz hätte ihn nicht bei ſich behalten, da er mich unruhig wußte, er ſchickt ihn, und folglich ſind die Nachrichten gut..“) Die Amme war nicht leicht zu tröſten; überdies S==SS Q☛ -——* ᷣ — ——— —.—— 25 lag wenig Wahrſcheinlichkeit in den zu haſtigen Trö⸗ ſtungen ihrer Gebieterin. Hafiz trat ein. Er war ruhig und demüthig wie gewöhnlich. Sein Auge drückte Ehrfurcht aus, wie das Auge der Katzen und Tiger, das, erweitert Jedem gegenüber, der ſie fürchtet, ſich zuſammenzieht und halb ſchließt, wenn man ſie mit einem Zorn oder einem beherrſchenden Willen an⸗ ſchaut. „Wiel allein?“ fragte Maria Padilla. „Ja, allein, hohe Frau,“ erwiederte ſchüchtern Haftz. „Und Gildaz?“. „Gildaz, Herrin,“ antwortete der Saracene um⸗ herſchauend,„Gildaz iſt todt.“ „Todt!“ rief Dona Maria Padilla, voll Angſt die Hände faltend;„todt! armer Jungel iſt es möglich?“ „Edle Frau, das Fieber hat ihn auf der Reiſe be⸗ fallen.“ „Ihn, der ſo kräftig!“ „Kräftig in der That; doch der Wille Gottes iſt ſtärker, als der des Menſchen,“ erwiederte ſpruchartig Hafiz. „Ein Fieber, ohl.... und warum hat er mich nicht davon in Kenntniß geſetzt?“ „Hohe Frau, wir waren Beide auf der Reiſe; in der Gascogne wurden wir in einem Engpaß von Berg⸗ bewohnern überfallen, welche der Klang des Goldes angelockt hatte.“ „Der Klang des Goldes: Unvorſichtige!“ „Der franzöͤſiſche Herr hatte uns Gold gegeben, er war ſo freudig! Gildaz glaubte ſich allein in dieſen Bergen, allein mit mir, und es kam ihm der Gedanke, unſern Schatz noch einmal zu zählen; da wurde er plötzlich von einem Pfeil getroffen, und wir ſahen mehrere bewaffnete Männer ſich uns nähern. Gildaz war tapfer, wir vertheidigten uns.“ 26 „Mein Gott!“ 2 „Als wir unterlagen, denn Gildaz war verwundet, ſein Blut floß...“ „Armer Gildaz! und Du 24 „Ich auch, Herrin,“ ſprach Hafiz, indem er langſam ſeinen weiten Aermel aufſchlug und einen vom Eiſen eines Dolches durchfurchten Arm zeigte;„als wir ver⸗ wundet waren, nahm man uns unſer Geld, und ſogleich entflohen die Räuber.“ „Hernach, mein Gott! hernach?“ „Hernach, Herrin, wurde Gildaz vom Fieber be⸗ fallen, und er fühlte ſich dem Tode nahe.“ „Hat er nichts geſagt?“ „Doch, Herrin, als ſeine Augen ſchwer wurden, ſagte er zu mir:„„Höre, Du wirſt entkommenl! ſei ge⸗ treu, wie ich es war; eile zu unſerer Gebieterin und händige ihr dieſes Päckchen ein, das mir der franzoͤſiſche Herr anvertraut hat.““ Hier iſt es.“ Hafiz zog aus ſeinem Buſen einen ſeidenen, ganz von Dolchſtichen durchlöcherten und mit Blut befleckten Umſchlag. Dona Maria berührte ſchauernd die Seide, unter⸗ ſuchte den Inhalt und ſprach: „Dieſer Brief iſt geöffnet worden.“ „Geöffnet!“ rief der Saracene, und riß die Augen erſtaunt weit auf. „Ja, das Siegel iſt zerbrochen.“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Hafiz. „Du haſt ihn geöffnet, Du?“ „Ich! ich kann nicht leſen, Herrin.“ „Irgend Jemand alſo 2. „Nein, Herrin, ſchau wohl die Oeffnung an der Stelle des Siegels an: der Pfeil des Gebirgers hat das *☛ Wachs und das Pergament durchbohrt.“ „Es iſt wahr! es iſt wahr!“ ſagte Dona Maria noch mißtrauiſch. 27 „Und das Blut von Gildaz iſt um die Riſſe ver⸗ breitet.“ „Es iſt wahr! armer Gildaz!“ Und einen letzten Blick auf den Saracenen heftend, fand die junge Frau dieſen ſo ruhig, ſo einfältig, fand ſie ſo vollkommen ſtumm dieſe kindiſche Phyſiognomie, daß ſie keinen Verdacht behalten konnte. „Erzähle mir das Ende, Hafiz.“ „Das Ende, Herrin, iſt, daß mir Gildaz kaum den Brief übergeben hatte, als er verſchied; ſogleich eilte ich von dannen, wie er es mir geſagt hatte, und arm, hungerig, aber ſtets rennend, bin ich angekommen, um Dir die Botſchaft zu bringen.“ „Oh! Du ſollſt gut belohnt werden, Kind,“ ſprach Dona Maria bis zu Thränen bewegt;„ja, Du ſollſt mich nicht verlaſſen, und wenn Du kreu biſt, wenn Du verſtändig biſt...“ Ein Blitz erſchien auf der Stirne des Mauren, ein Plih⸗ der ebenſo ſchnell erloſch, als er ſich entzündet hatte. Nun las Maria den uns bekannten Brief, verglich die Data und ſagte, ſich dem natürlichen Ungeſtüm ihres Charakters hingebend, zu ſich ſelbſt: „Auf! auf zum Werke.“ Sie ſchenkte dem Saracenen eine Handvoll Gold und ſprach zu ihm: „Nuhe aus, guter Hafiz, und in einigen Tagen halte Dich bereit; ich werde mich Deiner bedienen.“ Der junge Menſch ging ſtrahlend weg; er berührte, ſein Gold und ſeine Freude mit ſich nehmend, die Schwelle, als die Seufzer der Amme ſtärker hervor⸗ brachen. Sie hatte die unſelige Kunde vernommen. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Vom Auftrag von Haftz, und wie er ihn vollzogen Am Vorabend des Tages, wo Haſtz Dona Maria den Brief von Frankreich gebracht, fand ſich ein Hirte an den Thoren der Stadt ein und verlangte den edlen Herrn Mothril zu ſprechen. Mothril, der eben ſein Gebet in der Moſchee ver⸗ richtete, verließ Alles, um dieſem ſeltſamen Boten zu folgen, der keinen ſehr hohen und mächtigen Geſandten verkündigen mußte. Als Methril kaum mit ſeinem Führer die Stadt verlaſſen hatte, erblickte er auf einer Heide ein kleines andaluſiſches Pferd, das hier weidete, und, in dem ſpär⸗ lichen Gras unter Kieſelſteinen liegend, den Saracenen Haftz, der mit ſeinen großen Augen Alles beſpähte, was aus der Stadt kam. Von Mothril bezahlt, war der Hirte wieder zu ſeinen magern Ziegen auf den Bergabhang zurückge⸗ laufen. Mothril, der erſte Miniſter, ſetzte ſich, jede 1 Etiquette vergeſſend, zu dem finſteren Knaben mit dem unbeweglichen Geſichte und ſagte: „Gott ſei mit Dir, Hafiz! Du kommſt alſo zurück?“ „Ja, Herr, hier bin ich.“ „Und Du haſt Deinen Gefährten fern genug ge⸗ laſſen, daß er nichts vermuthet?“ „Sehr fern, Herr; er vermuthet ſicherlich nichts.“ Mothril kannte ſeinen Boten.... er wußte, wie ſehr der Milderungsausdruck ein allgemeines Bedürfniß für die Araber iſt, die es ſich zu einer Hauptaufgabe machen, es ſo lange als möglich zu vermeiden, das Wort todt auszuſprechen. vie niß das die Seide am Wachs 29 „Du haſt den Brief?“ fragte er. „Ja, Herr.“ „Wie haſt Du ihn. Dir verſchafft?“ „Hätte ich Gildaz darum gebeten, ſo würde er ihn mir verweigert haben. Hätte ich ihm den Brief mit Gewalt nehmen wollen, ſo würde er mich geſchlagen und ohne Zweifel getödtet haben, da er ſtärker war, als ich.“ „Du haſt Liſt gebraucht?“ „Ich wartete, bis er mit mir in das Herz des Gebirges gekommen war, das die Grenze von Spanien und Frankreich bildete; die Pferde waren ſehr müde; Gildaz ließ ſie ausruhen, und entſchlief ſelbſt auf dem Moos am Fuß eines großen Felſen. „Ich wählte dieſen Augenblick, näherte mich Gil⸗ daz kriechend, und ſtieß ihm meinen Dolch in die Bruſt: er ſtreckte die Arme aus, gab einen dumpfen Schrei von Fch⸗ und ſeine Hände wurden ganz von Blut benetzt. „Doch er war nicht todt, ich fühlte es wohl. Es gelang ihm, ſeinen Säͤbel zu ziehen und mich in den linken Arm zu ſchlagen; ich durchbohrte ihm das Herz mit meinem Meſſer, und er ſtarb auf der Stelle. im Wamms, ich zog ihn heraus: aben. Ich zog über die Grenze und vollendete meine Reiſe, ohne beunruhigt zu werden. Hier iſt der Brief, habe.“ Mothril nahm das Pergament, deſſen Siegel zwar unverſehrt, der aber von dem Dolch von Hafiz auf dem Herz von Gildaz völlig durchſtochen worden war. Mit einem Pfeil, den ſer aus dem Kocher einer Wache nahm, durchlöcherte er das Siegel dergeſtalt, daß 6 zerriſſen wurde, und durchlief ſo⸗ fort gierig den Brief. 30 „Gut,“ ſagte er,„wir werden Alle bei der Zu⸗ ſammenkunft ſein.“ Und er verſank in ein Träumen. Haſiz wartete. „Was habe ich zu thun, Herr?“ „Du ſteigſt wieder zu Pferde, nimmſt dieſen Brief mit, und klopfſt beim Morgenroth an die Thüre von Dona Maria. Du meldeſt ihr, die Gebirger haben Gildaz angegriffen und mit Pfeilen und Dolchen ver⸗ wundet; ſterbend habe er Dir den Brief übergeben. Das wird Alles ſein.“ „Gut, Herr.“ „Auf, reite die ganze Nacht; Deine Kleider müſſen am Morgen vom Thau durchnäßt ſein, Dein Pferd muß ſchwitzen, als ob Du eben erſt ankämeſt. Und dann erwarte meine Befehle und nähere Dich vor acht Tagen meinem Hauſe nicht.“. „Iſt der Prophet mit mir zufrieden?“ „Ja, Hafiz.“ „Ich danke, Herr.“ So war der Brief entſiegelt worden, ſo war der Sturm beſchaffen, der über dem Haupte von Dona Maria toſte. Mothril blieb indeſſen nicht bei dem ſtehen, was er gethan hatte. Er erwartete den Morgen, ſchmückte ſich mit prächtigen Kleidern und begab ſich zu Don Pedro. Als der Maure beim König eintrat, fand er den Fürſten, der in einem großen Lehnſtuhl von Sammet ſaß und maſchinenmäßig mit den Ohren eines jungen Wolfes ſpielte, den er zu ſeinem Vergnügen zähmte. An ſeiner Linken ſaß in einem ähnlichen Lehnſtuhl Dona Maria, bleich und wie ergrimmt. Seitdem ſie hier ſo nahe bei Don Pedro war, hatte der Prinz wirklich, ohne Zweifel mit anderen Gedanken beſchäf⸗ tigt, kein Wort an ſie gerichtet. 3 Stolz wie die Frauen ihres Landes, verſchlang Dona Maria dieſe Schmach mit Uugeduld. Sie ſprach auch nicht, und da ſie keinen vertrauten Wolf zu necken ſie nz if⸗ ng ken 31 hatte, ſo häufte ſie nur in ihrem Herzen Mißtrauen auf Mißtrauen, Zorn auf Zorn, Pläne auf Pläne an. Mothril trat ein, und dies war für Maria Padilla eine Gelegenheit, geräuſchvoll abzugehen. „Ihr geht, edle Frau?“ ſagte Don Pedro, unwill⸗ kührlich unruhig über dieſen wüthenden Abgang, den er durch den gleichgültigen Empfang, welchen er ſeiner Geliebten zu Theil werden ließ, hervorgerufen hatte. „Ja,“ antwortete ſie,„ich gehe und will die Huld ſchonen, von der Ihr ohne Zweifel für den Saracenen Mothril Vorrath ſammelt.“ Mothril hörte dies, doch er ſchien ſich nicht dar⸗ über zu ärgern. Wäre Dona Maria minder wüthend geweſen, ſo hätte ſie errathen, die Ruhe des Mauren entſpringe aus der geheimen Sicherheit eines nahe be⸗ vorſtehenden Triumphes. Doch der Zorn berechnet nicht; er trägt genug Befriedigung in ſich. Er iſt wirklich eine Leidenſchaft. Wer ihn ſättigt, findet ein Vergnügen darin. „Sire,“ ſprach Mothril, einen tiefen Schmerz heu⸗ chelnd,„ich ſehe, mein König iſt nicht glücklich.“ „Nein,“ erwiederte Don Pedro mit einem Seufzer. „Wir haben viel Gold,“ fuhr Mothril fort,„Cor⸗ dua hat geſteuert.“ 4„Deſto beſſer,“ ſagte der König mit gleichgültigem on. „Sevilla bewaffnet zwölftauſend Mann; wir ge⸗ winnen zwei Provinzen.“ „Ah!“ machte der König mit demſelben Ton. „Wenn der Uſurpator nach Spanien zurückkehrt, ſo denke ich, daß wir ihn im Verlauf von acht Tagen in einer Feſte einſchließen... gefangen nehmen....“ Nie hatte der Name des Uſurpators einen heftigen Sturm beim König zu erregen verfehlt; diesmal be⸗ gnügte ſich Don Pedro, ohne Wuth zu erwiedern: „Er komme! Du haſt Gold, Soldaten; wir nehmen ihn gefangen, wir laſſen ihn richten, und man ſchlägt ihm den Kopf ab.“ 2 Mothril näherte ſich in dieſem Augenblick dem König und ſagte: „Ja, mein König iſt ſehr unglücklich.“ „Und warum, Freund?“ „Weil Dir das Geld nicht mehr gefällt, weil die Macht Dich anekelt, weil Du nichts mehr Süßes in der Rache ſiehſt, weil Du endlich für Deine Geliebte keinen Blick der Liebe mehr findeſt.“ „Es iſt wahr, ich liebe ſie nicht mehr, und wegen dieſer Leere meines Herzens ſinde ich nichts mehr wün⸗ ſchenswerth.“ „Wenn dieſes Herz ſo leer ſcheint, König, ſo ſcheint es wohl ſo, weil es voll von Wünſchen iſt? Der Wunſch, be weißt es, iſt die in den Schläuchen eingeſchloſſene uft.“ 43 „Ich weiß es, ja, mein Herz iſt voll von Wün⸗ ſchen.“ „Du liebſt alſo?“ „Ja, ich glaube, daß ich liebe.“ „Du liebſt Aiſſa, die Tochter eines mächtigen Mo⸗ narchen... Ohl ich bedaure und beneide Dich zugleich, denn Du kannſt ſehr glücklich oder ſehr beklagenswerth ſein, hoher Herr.“ „Es iſt wahr, Mothril, ich bin ſehr zu beklagen.“ „Damit willſt Du ſagen, ſie liebe Dich nicht?“ „Nein, ſie liebt mich nicht.“ „Glaubſt Du, hoher Herr, dieſes Blut, ſo rein wie das einer Göttin, werde von den Leidenſchaften bewegt, denen eine andere Frau nachgeben würde? Aiſſa taugt nicht für den Harem eines wollüſtigen Fürſten; Aiſſa iſt eine Königin und wird nur auf einem Thron lächeln. Siehſt Du, mein König, es gibt Blumen, die ſich nur auf dem Gipfel der Berge erſchließen.“ „Ein Thron... Ich, Aiſſa heirathen! Mothril, was würden die Chriſten ſagen?“ ſ 1 33 „Wer ſagt Dir, hoher Herr, Dona Aiſſa werde nicht, wenn ſie Dich liebt, weil Du ihr Gemahl ſein wirſt, Dir ihren Gott Zum Opfer bringen, da ſie Dir dann ihre Seele zum Opfer gebracht hat?“ Ein faſt wollüſtiger Seufzer entſchlüpfte der Bruſt des Königs. „Sie würde mich lieben!..„„ „Sie wird Dich lieben!“ „Nein, Mothril.“ „Nun, hoher Herr, verſinke in den Schmerz, da Du nicht würdig biſt, glücklich zu ſein; denn Du ver⸗ zweifelſt vor dem Ziel.“ 1 „Aiſſa flieht mich.“ „Ich glaubte, die Chriſten wären geiſtreicher, um die Liebe der Frauen zu errathen. Bei uns drängen ſich die Leidenſchaften zuſammen und verſchwinden ſchein⸗ bar unter der dichten Lage der Sklaverei; doch unſere Frauen, die ſo frei ſind, Alles zu ſagen, und folglich Alles zu verbergen, machen uns hellſichtiger, um in ihren Herzen zu leſen. Wie ſoll die ſtolze Aiſſa ſichtbar denjenigen lieben, welcher nur geleitet von einer Frau der Nebenbuhlerin von allen Frauen geht, die Don Pedro lieben würden.“ „Aiſſa wäͤre eiferſüchtig?“ Ein Lächeln des Mauren war ſeine Antwort, dann fügte er bei: „Bei uns iſt die Turteltaube eiferſüchtig auf ihre Gefährtin, und das edle Pantherthier kämpft mit Zäh⸗ nen und Klauen mit dem Pantherthier in Gegenwart des Tigers, der das eine oder das andere wäͤhlen ſoll.“ „Ah! Mothril, ich liebe Aiſſa.“ „Heirathe ſie.“ „Und Dona Maria?“ „Der Mann, der ſeine Frau hat tödten laſſen, um ſeiner Geliebten nicht zu mißfallen, zögert, dieſe Ge⸗ liebte, die er nicht mehr liebt, zu verabſchieden, um fünf Der Baſtard von Mauleon. Ill. 3 34 Millionen Unterthanen und eine Liebe, welche köſtlicher iſt, als die ganze Erde, zu erobern 2ℳ „Du haſt Recht, doch Dona Maria würde darüber ſterben.“ Der Maure lächelte abermals. „Sie liebt Dich alſo ſehr?“ „Ob ſie mich liebt! Du zweifelſt daran?“ „Ja, Herr.“ Don Pedro erbleichte. „Er liebt ſie noch,“ dachte Mothril;„wir wollen ſeine Eiferſucht nicht erregen, denn er würde ſie allen Anderen vorziehen.“* „Ich zweifle daran,“ ſagte er,„nicht als ob ſie untreu wäre, das glaube ich nicht, ſondern weil ſie, während ſie ſich minder geliebt ſieht, beharrlich bei Dir zu leben trachtet.“ 3 4 „Ich hätte das Liebe genannt, Mothril.“ „Ich nenne dieſes Gefühl Ehrgeiz.“ „Du würdeſt Maria wegjagen?“ „Um Aiſſa zu erhalten, ja.“ „Oh! nein.. nein!“ „Leide alſo, leide.“ „Ich glaubte,“ ſprach Don Pedro, indem er einen entflammten Blick auf Mothril heftete,„ich glaubte, wenn Du Deinen König leiden ſehen würdeſt, hätteſt Du nicht den Muth, zu ſagen:„„Leide!““ Ich glaubte, Du würdeſt unfehlbar ausrufen:„„Ich werde Dich er⸗ leichtern, hoher Herr.““ „Auf Koſten der Ehre eines großen Königs meines Landes, nein; eher den Tod.“. Don Pedro blieb in eine düſtere Träumerei ver⸗ ſunken. „Ich werde alſo ſterben,“ ſagte er,„denn ich liebe dieſes Mädchen, oder vielmehr,“ rief er mit einer un⸗ heimlichen Flamme in den Augen,„nein, ich werde nicht ſterben.“ 35 Mothril kannte den Köͤnig genau und wußle, daß kein Damm ſtark genug war, den Strom der Leiden⸗ ſchaften bei dieſem unbändigen Mann aufzuhalten. „Er würde Gewalt gebrauchen,“ dachte er,„ver⸗ hindern wir es, daß es hiezu kommt.“ „Hoher Herr,“ ſprach Mothril,„Aiſſa iſt eine ſchöne Seele, ſte würde Schwüren Glauben ſchenken.. Wenn Ihr ihr ſchwören würdet, Ihr werdet ſie heirathen, nachdem Ihr Dona Maria feierlich aufgegeben, ſo würde Aiſſa ohne allen Zweifel ihr Geſchick Eurer Liebe an⸗ vertrauen.“ „Machſt Du Dich hiefür verbindlich?“ „Ja, Herr.“ „Nun wohl!“ rief Don Pedro,„ich werde mit Dona Maria brechen, ich ſchwöre es.“ „Das iſt etwas Anderes: nennt Eure Bedingungen, Hoheit.“ „Ich werde mit Dona Maria brechen und ihr eine Million Thaler geben. Es wird ſich in dem Land, das ſie zu ihrem Aufenthalt wählt, keine reichere und geehrtere Fürſtin finden.“ „Gut, das iſt die Handlungsweiſe eines hochher⸗ ziden Fürſten; doch dieſes Land darf nicht Spanien ein!“ „Iſt das nothwendig?“ „Aiſſa wird ſich nicht beruhigen, wenn nicht das Meer, ein Meer, das keine Ueberfahrt duldet, Eure alte Liehe von der neuen trennt.“ „Wir werden das Meer zwiſchen Aiſſa und Dona Maria ſetzen, Mothril.“ „Gut, Hoheit.“ „Doch ich bin der König, und Du weißt, daß ich von Niemand Bedingungen annehme.“ „Das iſt billig, Sire.“ „Der Handel muß alſo, ein wenig ähnlich dem Handel der Juden, unter uns abgeſchloſſen werden, ohne Anfangs eine andere Perſon, als deſ zu verbinden.“ 36 „Wie ſo?“ „Dona Aiſſa muß mir als Geißel geſtellt werden.“ „Nichts ſonſt?“ ſagte Mothril ſpöttiſch. „Wahnſinniger! ſtehſt Du nicht, daß die Liebe mich verzehrt, daß ich in dieſem Augenblick Zartheiten übe, die mich lachen machen? als ob der Löwe in ſeinem Hunger Bedenklichkeiten hätte! Siehſt Du nicht, daß ich, wenn Du mich um Aiſſa feilſchen machſt, ſie nehmen werde? Daß ich, wenn Deine Augen von Zorn ent⸗ flammen, Dich verhaften und aufhängen laſſe, und daß alle chriſtlichen Ritter da ſein werden, um Deinen Leib am Galgen anzuſchauen, und um meiner neuen Ge⸗ liebten den Hof zu machen?“ „Es iſt wahr,“ dachte Mothril;„doch Dona Maria, hoher Herr?“ „Ich habe Liebeshunger, ſage ich Dir, und Dona Maria wird ſehen, wie Dona Bianca von Bourbon ſtarb.“ „Euer Zorn iſt furchtbar, hoher Herr,“ erwiederte Mothril demüthig;„ein Narr, der nicht das Knie vor Euch beugen würde.“ „Du wirſt mir Aiſſa überliefern?“ „Wenn Ihr mir befehlt, ja, Hoheit; doch wenn Ihr nicht meine Rathſchläge befolgt, wenn Ihr Euch nicht von Dona Maria frei gemacht, wenn Ihr nicht ihre Freunde, welche Eure Feinde ſind, niedergeſchmet⸗ tert, wenn Ihr nicht alle Bedenklichkeiten von Aiſſa ge⸗ hoben habt, ſo werdet Ihr, überlegt das wohl, dieſe Frau nie beſitzen, denn ſie wird ſich todten!“ Nun war die Reihe am König, zu beben und zu träumen. „Was willſt Du denn?“ ſagte er. „Ich wünſche, daß Ihr acht Tage wartet. Unter⸗ brecht mich nicht!.... Aiſſa wird nach einem könig⸗ Schloß abgehen, ohne daß Jemand ihre Flucht, oder die Beſtimmung ihrer Reiſe erräth; Ihr werdet Aiſſa über⸗ zeugen, ſie wird die Eurige werden und Euch lieben.“ „Und Dona Maria, frage ich Dich?“ X— eU——-—6—— 37 „Anfangs eingeſchläfert, wird ſie beſtegt erwachen. Laßt ſie ſeufzen und ſich erzürnen, Ihr werdet die Geliebte gegen eine Liebende vertauſcht haben; nie wird Euch Maria dieſe Untreue verzeihen, ſie wird Euch ſelbs von ihr befreien.“ „Ja, ſie iſt ſtolz, es iſt wahr. Und Du glaubſt, Aiſſa werde kommen?“ „Ich glaube nicht, ich weiß es.“ „An dieſem Tag, Mothril, verlange von mir die Hälfte meines Königreiches, und ſie gehört Dir.“ „Ihr werdet nie mit mehr Recht redliche Dienſte belohnt haben.“ „In acht Tagen alſo?“ „n der letzten Stunde des Tages, ja, hoher Herr, wird Aiſſa die Stadt, geleitet von einem Mauren, ver⸗ laſſen; ich werde ſie zu Dir führen.“ „Gehe, Mothril.“ „Bis dahin erweckt nicht den Argwohn von Dona Maria.“ „Sei unbeſorgt. Ich habe wohl meine Liebe, mei⸗ nen Schmerz verborgen; glaubſt Du, ich werde meine Freude nicht verbergen?“ „Verkündet, hoher Herr, Ihr wollet nach einem Schloß auf dem Lande abgehen.“ „Ich werde es thun,“ ſprach der König. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Wie Haſtz ſeine Reiſegefährten irre führte. Dona Maria hatte indeſſen ſeit der Rückkehr von Haftz ihr Einverſtändniß mit Aiſſa wieder angeknüpft. Dieſe konnte nicht leſen, doch der Anblick des Per⸗ 38 gaments, das die Hand ihres Geliebten berührt hatte, dieſes Kreuz beſonders, die Vertretung ſeines redlichen Willens, erfüllten mit Freude das Herz von Aiſſa, und verlangten zwanzigmal nach ihren Lippen, welche ſich trunken von Liebe darauf drückten. „Theure Aiſſa,“ ſprach Maria,„Du wirſt abreiſen. In acht Tagen biſt Du fern von hier, doch Du wirſt ſehr nahe bei demjenigen ſein, welchen Du liebſt, und ich glaube nicht, daß Du Dich nach dieſem Lande zu⸗ rückſehnſt.“ „Oh! nein! nein! mein Leben iſt, die Luft zu athmen, die er athmet.“ „Ihr werdet alſo wiedervereinigt ſein. Hafiz iſt ein kluger, ſehr treuer Knabe, und voll Verſtand. Er kennt die Straße; dann wirſt Du dieſes Kind nicht fürchten, wie Du einen Mann fürchten würdeſt, und ich bin überzeugt, Du wirſt mit mehr Vertrauen in ſeiner Geſellſchaft reiſen. Er iſt aus Deinem Land, und Ihr ſprecht Beide die Sprache, die Du liebſt. Dieſes Kiſtchen enthält alle Deine Juwelen: erinnere Dich, daß in Frankreich ein ſehr reicher Herr nicht die Hälfte von dem beſitzt, was Du Deinem Geliebten bringen wirſt... Ueberdies werden meine Wohlthaten den jungen Mann begleiten, und ginge er mit Dir bis ans Ende der Welt. Biſt Du einmal in Frankreich, ſo haſt Du nichts mehr zu befürchten. Ich ſinne hier auf eine große Veränderung. Der König muß aus Spanien die Mauren, die Feinde unſerer Religion, verjagen, denn ſie ſind ein Vorwand, deſſen ſich die Neidiſchen bedienen, um den Glanz von Don Pedro zu trüben. Biſt Du nüiht mehr hier, ſo ſchreite ich, ohne zu zoͤgern, zum erk.“ „An welchem Tag werde ich Mauleon ſehen?“ fragte Aiſſa, welche nichts gehört hatte, als den Namen ihres Geliebten. „Du kannſt fünf Tage nach Deiner Abreiſe aus dieſer Stadt in ſeinen Armen ſein.“ — d— 88 ⏑—A'8Gqn f ——:— —— — ◻ α 39 „Ich werde die Hälfte weniger Zeit brauchen, als der ſchnellſte Reiter, edle Frau.“ 3 Nach dieſer Unterredung ließ Dona Maria Hafiz kommen und fragte ihn, ob er nicht nach Frankreich zurückkehren wolle, um die Schweſter von Gildaz zu begleiten. „Ein armes, über den Tod ſeines Bruders untröſt⸗ liches Kind, das gern ſeinen unglücklichen Ueberreſten ein chriſtliches Grab geben möchte,“ fügte ſie bei. „Ich will das wohl thun,“ erwiederte Hafiz;„be⸗ ſtimmt den Tag der Abreiſe, Herrin.“ „Morgen beſteigſt Du ein Maulthier, das ich Dir gebe. Die Schweſter von Gildaz wird ein Maulthier haben, um es zu reiten, und ein anderes beladen mit meiner Amme, die ihre Mutter iſt, und mit einigen Gegenſtänden, welche ſich auf die Ceremonie beziehen, die ſie erfüllen will.“ „Gut, Senora. Wann ſoll ich morgen abreiſen?“ „Am Abend, nachdem die Thore geſchloſſen, nach⸗ dem die Feuer ausgelöſcht ſind.“ Haftz hatte nicht ſobald dieſen Befehl erhalten, als er ihn Mothril hinterbrachte. Der Maure beeilte ſich, Don Pedro aufzuſuchen. „Hoher Herr,“ ſagte er,„das iſt der ſiebente Tag, Du kannſt nach Deinem Luſtſchloß abreiſen.“ „Ich wartete,“ ſprach der König. „Reiſe alſo ab, mein König, es iſt Zeit.“ „Alle Vorkehrungen ſind getroffen,“ fügte Don Pedro bei.„Ich werde um ſo lieber abreiſen, als der Prinz von Wales morgen einen Wappenherold zu mir ſchickt, um Geld von mir zu verlangen.“ „Und der Schatz iſt heute leer, hoher Herr; denn Du weißt, wir halten die Summe bereit, welche be⸗ ſtimmt iſt, die Wuth von Dona Maria zum Schweigen zu bringen.“ „Gut!“ Don Pedro gab alle Befehle zum Aufbruch. Er 40 lud abſichtlich zu dieſer Reiſe mehrere Damen des Hofes ein, und that ſeiner Geliebten Dona Maria keine Er⸗ wähnung. Mothril beobachtete, welche Wirkung dieſe Beleidi⸗ gung auf die ſtolze Spanierin hervorbringen würde; doch Dona Maria beklagte ſich nicht. Sie brachte den Tag mit ihren Frauen hin, ſpielte Laute und ließ ihre Vögel ſingen. Als der Abend kam und der ganze Hof abgereiſt war, ſtellte ſich Dona Maria, als wäre ſie von tödt⸗ licher Langweile heimgeſucht, und befahl, ihr ein Maul⸗ thier bereit zu halten. Auf ein Signal von Aiſſa, welche frei in ihrem Hauſe waltete, denn Mothril hatte den König begleitet, ging Maria hinab und beſtieg ihr Maulthier, nachdem ſie ſich in einen großen Mantel gehüllt hatte, wie ihn die Duenen trugen. In dieſem Anzug ſuchte ſie ſelbſt Aiſſa durch den geheimen Gang auf und fand, wie ſie es erwartete, Haftz, der, ſeit einer Stunde im Sattel, mit ſeinen ſcharfen Augen die Finſterniß durchforſchte.. Dona Maria zeigte den Wachen ihre Auslaßkarte und nannte das Loſungswort. Die Thore wurden ge⸗ öffnet. Eine Viertelſtunde nachher eilten die Maulthiere durch die Ebene. Hafiz ritt voran. Dona Maria bemerkte, daß er eine ſchiefe Richtung nach links nahm, ſtatt dem gera⸗ den Weg zu folgen. „Ich kann nicht mit ihm ſprechen, denn er würde meine Stimme erkennen,“ ſagte ſie leiſe zu ihrer Ge⸗ fährtin;„doch Du, die er nicht erkennen wird, frage ihn, warum er ſo von der Straße abgehe.“ Aiſſa fragte in arabiſcher Sprache und Haſiz ant⸗ wortete ganz erſtaunt: „Der Weg links iſt kürzer, Senora.“ „Gut,“ rief Aiſſa,„doch verirre nicht.“ — 41 „Oh! nein,“ erwiederte der Saracene,„ich weiß, wohin ich gehe.“ 1 „Seid unbeſorgt, er iſt treu,“ ſprach Maria; „überdies bin ich bei Euch, und ich begleite Euch in keiner anderen Abſicht, als um Euch frei zu machen, falls Euch eine Truppe in der Umgegend aufhalten würde. Am Morgen habt Ihr fünfzehn Meilen zurück⸗ gelegt, und dann ſind keine Soldaten mehr zu befürch⸗ ten. Mothril wacht, doch nur in einem durch ſeine Sorgloſigkeit und durch die Trägheit ſeines Herrn be⸗ ſchränkten Umkreis. Dann verlaſſe ich Euch, und Ihr folgt Eurer Straße; und ich durchziehe die Gegend, und klopfe an die Pforten des Palaſtes, den Don Pedro bewohnt. Ich kenne den König, er beweint meine Ab⸗ weſenheit und wird mich mit offenen Armen empfangen.“ Aiſ„Dieſes Schloß iſt alſo unfern von hier?“ fragte iſſa. „Es iſt ſieben Meilen von der Stadt, die wir ver⸗ laſſen, doch weit links, und liegt auf einem Berg, den wir dort am Horizont ſehen würden, wenn der Mond aufginge.“ Plötzlich trat der Mond, als gehorchte er der Stimme von Dona Maria, aus einer ſchwarzen Wolke hervor, deren Ränder er verſilberte. Sogleich ſtrömte. ein ſanftes, reines Licht auf die Felder und Waldungen herab, ſo daß die Reiſenden ſich ſchnell von Klarheit umgeben ſahen. Hafiz wandte ſich gegen ſeine Gefährten um, er ſchaute umher, der Weg hatte einer großen Heide Platz gemacht, welche von einem hohen Berge begrenzt war, auf dem ſich ein bläuliches, rundes Schloß erhob.* „Das Schloß!“ rief Dona Maria,„wir haben uns verirrt!“ Hafiz bebte, er glaubte dieſe Stimme zu erkennen. „Du haſt Dich verirrt?“ ſagte Aiſſa zu dem Mau⸗ ren,„antworte.“ 42² „Ach! ſollte es wahr ſein?“ verſetzte Haſiz voll Naivetät. Er hatte nicht vollendet, als aus der Tiefe einer von grünen Eichen und Olivenbäumen begrenzten Schlucht vier Reiter auf glühenden Roſſen mit entflammten Nüſtern und flatternder Mähne hervorſprengten. „Was ſoll das bedeuten?“ murmelte mit dumpfem Tone Dona Maria.„Sind wir entdeckt?“ Und ſie hüllte ſich in die Falten ihres Mantels, ohne ein Wort beizufügen. Hafiz ſtieß ſchrille Schreie aus, als ob er Angſt hätte; doch einer von den Reitern drückte ihm ein Sack⸗ tuch auf die Lippen und zog ſein Maulthier fort. Zwei andere von den Räubern ſtachelten die Maul⸗ thiere der zwei Frauen, ſo daß dieſe Thiere in einem wüthenden Galopp in der Richtung des Schloſſes hin⸗ jagten. Aiſſa wollte ſchreien, ſich vertheidigen. „Schweige!“ ſagte Dona Maria zu ihr;„mit mir haſt Du nichts bei Don Pedro zu befürchten, mit Dir befürchte ich nichts von Mothril. Schweige!“ Die vier Reiter lenkten ihren Fang nach dem Schloß, als ob ſie eine Herde nach dem Stall zurücktrieben. „Es ſcheint, man erwartete uns,“ dachte Dona Maria.„Die Thore ſind offen, ohne daß das Horn ertönte.“ Die vier Pferde und die drei Maulthiere zogen mit großem Geräuſch in den Hof des Palaſtes ein. Ein Fenſter war beleuchtet, und ein Mann ſtand an dieſem Fenſter. 4 Er ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er die Maul⸗ thiere kommen ſah. „Es iſt Don Pedro, und er wartete!“ murmelte Dona Maria, welche die Stimme des Königs erkannte; „was ſoll dies Alles bedeuten?“ Die Reiter befahlen den Frauen, abzuſteigen, und führten ſie in den Saal des Schloſſes. 43 Dona Maria unterſtützte die zitternde Aiſſa. Don Pedro trat in den Saal, geſtützt auf Mothril, deſſen Augen vor Freuden funkelten. „Theure Aiſſa!“ ſagte er, indem er auf das Mäd⸗ chen zuſtürzte, das vor Entrüſtung bebte und, das Auge entflammt, die Lippen zitternd, von ſeiner Gefährtin Rechenſchaft über einen Verrath zu verlangen ſchien. „Theure Aiſſa, vergebt mir,“ wiederholte der König, „daß ich Euch und dieſe gute Frau erſchreckt habe; er⸗ laubt, daß ich Euch willkommen heiße.“ „Und mich,“ rief Dona Maria, die Capuze ihres Mantels zurückſchlagend,„mich grüßt Ihr nicht, Herr?“ Don Pedro ſtieß einen Schrei aus und wich vor Schrecken zurück. Mothril fühlte ſich, bleich und zitternd unter dem niederſchmetternden Blick ſeiner Feindin, einer Ohnmacht nahe. „Auf! laßt uns ein Gemach geben, Wirth,“ fuhr Dona Maria fort,„denn Ihr ſeid unſer Wirth, Don Pedro.“ Wankend, gelähmt, neigte Don Pedro das Haupt und kehrte in die Gallerie zurück. Mothril entfloh... Doch ſchon war bei ihm die Wuth an die Stelle der Furcht getreten. Die zwei Frauen ſchmiegten ſich an einander an und warteten ſtillſchweigend. Einen Augenblick nachher hörten ſie die Thüre ſch ſchließen. Der Oberhaushofmeiſter erſchien, verbeugte ſich bis auf den Boden und bat Dona Maria, in ihr Ge⸗ mach hinaufgehen zu wollen. „Verlaßt mich nicht!“ rief Aiſſa. „Fürchte Dich nicht, Kind! Ich habe mich gezeigt, und mein Blick genügte, um dieſe wilden Thiere zu zähmen... Vorwärts, folge mir... ich wache über Dir, ſage ich.“ „Und Ihr! ohl fürchtet auch für Euch!“ „Für mich!“ entgegnete Maria Padilla mit einem 44 ſtolzen Lächeln,„wer würde es wagen?... Es iſt in dieſem Schloß nicht an mir, Angſt zu haben.“ Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Der Patio des Sommerpalaſtes. Die Wohnung, in welche man Maria führte, war dieſer wohlbekannt. Sie hatte ſie in der Zeit ihrer Herrſchaft, ihrer Wohlfahrt inne. Da wußte der ganze Hof den Weg nach ihren Gallerien, mit den Pfeilern von gemaltem und vergoldetem Holz, deren Mittelpunkt ein Patio oder Orangengarten mit einem marmornen Baſſin bildete. Man ſah da nur Pagen bei den rei⸗ chen Thürvorhängen von Brocat, und Diener, eifrig be⸗ müht, ihre Pflicht unter den koſtbar beleuchteten Gal⸗ lerien zu erfüllen. In dem Patio, unter den dichten Zweigen der blü⸗ henden Bäume, verbargen ſich die ſo ſüßen, ſo ſanft traurigen mauriſchen Melodien, welche wie Wohlgerüche, eingeathmet vom Himmel, erſcheinen, wenn ſie von den Lippen des Sängers oder von den Fingern des Spie⸗ lers aufſteigen. Heute war Alles nur Stillſchweigen. Von dem übrigen Palaſte getrennt, erſchien dieſe Gallerie düſter und leer. Die Bäume hatten immer noch ihr Blätter⸗ werk, doch es war finſter; dem Marmor entſtrömte die weißliche Woge, aber mit einem Geräuſch dem Toſen des aufgebrachten Meeres ähnlich.. An dem Ende von einer der längſten Seiten dieſes — NNR— 45 Parallelograms gelangte man durch eine kleine ge⸗ gewölbte Thüre aus der Gallerie von Dona Maria in die vom König bewohnte Gallerie. 8 Dieſer Gang war lang und ſchmal wie ein ſteiner⸗ ner Kanal. Einſt mußte er nach dem Willen von Don Pedro mit koſtbaren Stoffen ausgeſchlagen ſein, und die Platten waren beſtändig mit Blumen beſtreut. Doch in dem ſo langen Zwiſchenraum der zwei Aufenthalte waren die Tapeten verwittert und zerriſſen, und die ver⸗ dorrten Blumen krachten unter den Füßen. Alles, was die Liebe unterſtützt hat, verwelkt, wenn die Liebe todt iſt. Es iſt ſo mit jenen leidenſchaftlichen Schlingpflanzen, welche blühen und ſich üppig um den Baum ranken, den ſie lieben, aber vertrocknen und leb⸗ los herabfallen, wenn ſie nicht mehr den Saft und das Leben ihres Verbündeten einzuſaugen haben. Kaum hatte Dona Maria von ihrer Wohnung Be⸗ ſitz ergriffen, als ſie nach ihrer Dienerſchaft verlangte. „Senora,“ erwiederte der Oberhaushofmeiſter,„der König iſt nicht hierher gekommen, um einen Aufenthalt zu machen, ſondern nur um eine Jagd zu halten. Er hat keine Dienerſchaft mitgebracht.“ „Gut. Die Gaſtfreundſchaft des Königs geſtattet jedoch nicht, daß ſeine Gäſte hier des Nothwendigen entbehren.“ „Senora, ich bin zu Euren Befehlen, und Alles, was Eure Herrlichkeit verlangen wird...“ „Gebt uns Erfriſchungen und ein Pergament zum Schreiben.“ Der Oberhaushofmeiſter verbeugte ſich und trat ab. Es war Nacht geworden, die Sterne glänzten am Himmelszelt. Im entfernteſten Hintergrund des Patio ſtieß eine Eule ihr klägliches Geſchrei aus, das die un⸗ ter den Fenſtern von Dona Maria hockende Nachtigall ſchweigen machte. In dieſer Dunkelheit, unter dem Einfluß der düſte⸗ ren Ereigniſſe, hielt ſich Aiſſa, erſchrocken über die ſtille 46 Wuth ihrer Gefährten, zitternd in der Tiefe des Ge⸗ machs. Sie ſah wie einen bleichen Schatten Dona Maria, die Hand am Kinn, das Auge im Raum verloren, aber von Entwürfen funkelnd, hin und hergehen. Sie wagte es nicht, zu ſprechen, aus Furcht, dieſen Zorn zu ſtören und dieſen Schmerz abzulenken. Plötzlich erſchien der Oberhaushofmeiſter wieder, brachte Wachskerzen und ſtellte ſie auf einen Tiſch. Ein Sklave folgte ihm, beladen mit einem Baſſin von Vermeil, worauf zwei Schalen von eiſelirtem Sil⸗ ber, welche eingemachte Früchte und eine weite Flaſche mit Neres⸗Wein begleiteten. „Senora,“ ſagte der Oberhaushofmeiſter,„Eure Herrlichkeit iſt bedient.“ „Ich ſehe die Tinte und das Pergament nicht, wie ich es verlangt habe,“ ſprach Dona Maria. „Senora, man hat lange geſucht,“ erwiederte der Oberhaushofmeiſter verlegen,„aber der Kanzler des Königs iſt nicht hier, und die Pergamente ſind in der königlichen Kiſte.“ Dona Maria faltete die Stirne. „Ich begreife,“ ſagte ſie,„gut, laßt uns allein.“ Der Oberhaushofmeiſter entfernte ſich. „Der Durſt verzehrt mich,“ ſprach nun Dona Ma⸗ ria;„liebes Kind, wollt mir zu trinken einſchenken.“ Aiſſa beeilte ſich, Wein in eine von den Schalen zu gießen, und bot ſie ihrer Gefährtin, welche gierig trank. „Hat er kein Waſſer gegeben?“ fügte ſie bei; „dieſer Wein verdoppelt meinen Durſt, ſtatt ihn zu löſchen.“ Aiſſa ſuchte umher und erblickte einen irdenen Krug mit gemalten Blumen, wie man ſie im Orient hat, um das Waſſer ſelbſt in der Sonne friſch zu erhalten. Sie ſchöpfte daraus eine Schale reinen Waſſers, 8 1 47 in die Dona Maria den Reſt des Weines aus der an⸗ dern Schale goß. Doch ſchon beſchäftigte ſich ihr Geiſt nicht mehr mit den Bedürfniſſen des Leibes; anderswo ganz in Anſpruch genommen, waren ihre Gedanken wieder in die düſteren Räume zurückgekehrt. „Was thue ich hier?“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„war⸗ um Zeit verlieren?„ Entweder muß ich den Verräther ſeines Verraths überweiſen, oder ich muß es verſuchen, ihn noch einmal zurückzuführen.“ Sie wandte ſich ungeſtüm gegen Aiſſa, welche jeder ihrer Bewegungen folgte, und ſagte: „Höre, Mädchen, Du, die Du einen ſo reinen Blick haſt, daß man Deine Seele durch Deine Augenſterne zu ſehen glaubt, antworte einer Frau, der unglücklich⸗ ſten der Frauen: biſt Du hoffärtig? Sollteſt Du zu⸗ weilen dieſen Glanz meines Glückes beneiden? Sollteſt Du zum Rathgeber in den finſteren Stunden der Nacht einen ſchlimmen Engel haben, der Dich von der Liebe abſpänſtig macht, um Dich zum Ehrgeiz anzutreiben? Ohl antworte mir! Oh! erinnere Dich, daß mein gan⸗ zes Schickſal in dem Wort liegt, das Du ausſprechen wirſt; antworte mir, wie Du Gott antworten würdeſt. Wußteſt Du etwas von dieſem Entführungsplan? Hat⸗ teſt Du eine Ahnung davon? Hoffteſt Du darauf?“ „Edle Frau,“ erwiederte Aiſſa mit einer zugleich traurigen und ſanften Miene,„Ihr, meine gute Beſchü⸗ tzerin, Ihr, die Ihr mich meinem Geliebten mit ſo glühendem Eifer habt entgegenfliegen ſehen, Ihr fragt mich, ob ich zu einem Andern zu kommen gehofft habe!“ „Du haſt Recht,“ ſprach Dona Maria ungeduldig, „doch Deine Antwort, welche vielleicht Deine ganze Seelenreinheit in ſich ſchließt, erſcheint mir immer noch als eine Ausflucht; ſiehſt Du, das iſt ſo, weil meine Seele nicht rein iſt, wie die Deinige, und weil alle Leidenſchaften der Erde ſie durchwühlen und vernebeln; ich wiederhole alſo meine Frage: biſt Du ehrgeizig? 48 und würdeſt Du Dich je für den Verluſt Deiner Liebe durch die Hoffnung auf ein großes Glück, auf einen Thron vielleicht, tröſten?“. „Edle Frau,“ antwortete Aiſſa bebend,„ich beſitze keine Beredtſamkeit und weiß nicht, ob es mir gelingen wird, Euren Schmerz zu überreden; doch beim leben⸗ digen Gott, ſei es bei dem meinigen, ſei es bei dem Eurigen, ſchwöre ich Euch, daß ich, falls Don Pedro mich in ſeiner Gewalt halten würde und mir ſeine Liebe aufdringen wollte, daß ich, ſage ich, einen Dolch haben werde, um mir das Herz zu durchbohren, oder einen Ring, wie der Eurige, um ein tödtliches Gift einzu⸗ athmen.“ „Einen Ring, wie der meinige!“ rief Dona Ma⸗ ria, indem ſie raſch zurückwich und ihre Hand unter der Mantille verbarg,„Du weißt...“ „Ich weiß, weil es Jedermann in dieſem Palaſt leiſe geſagt hat, daß Ihr, Don Pedro ergeben und be⸗ fürchtend, Ihr könntet nach dem Verluſt einiger Schlach⸗ ten in die Hände der Feinde fallen, in dieſem Ring ein ſcharfes Gift bei Euch zu tragen pfleget, um Euch im Falle der Noth frei zu machen... Das iſt übrigens auch die Gewohnheit der Leute meines Landes, und ich werde für meinen Agenor weder minder muthig, noch minder treu ſein, als Ihr für Don Pedro. Ich werde ſterben, wenn ich ſehe, daß er ſein Gut verlieren ſoll.“ Dona Maria drückte Aiſſa die Hände, küßte ſie ſo⸗ gar mit wilder Zärtlichkeit auf die Stirne und ſprach: „Du biſt ein edles Kind, und Deine Worte wür⸗ den mir meine Pflicht vorſchreiben, wenn ich nicht etwas Heiligeres in dieſer Welt zu beſchützen hätte, als meine Liebe.... Ja, ich würde ſterben, nachdem ich meine Zukunft und meinen Ruhm verloren; doch wer wird über dieſem Undankbaren, über dieſem Treuloſen wa⸗ chen, den ich noch liebe? Wer wird ihn von einem ſchmählichen Tod, von einem noch viel ſchmählicheren Untergang retten? Er hat keinen Freund, wohl aber 49 Tauſende von erbitterten Feinden. Du liebſt ihn nicht, Du wirſt keiner Verſuchung nachgeben, das iſt Alles, was ich wünſche, weil das Gegentheil das Einzige war, was ich befürchtete. Nun bin ich ruhig, nun iſt die Linie, die ich verfolgen will, vorgezeichnet. Ehe das Frühroth morgen angebrochen, wird in Spanien eine Veränderung vorgehen, von der das Weltall ſprechen oll.“ 1„Edle Frau,“ ſagte Aiſſa,„hütet Euch vor den Aufwallungen Eures ſo muthigen Geiſtes.... Be⸗ denkt, daß ich allein auf der Welt bin und keine Hoff⸗ nung und kein Glück habe, als in Euch und durch Euch.“ „Ich bedenke dies Alles, das Unglück läutert meine Seele: ich habe keine Selbſtſucht mehr, da ich keine gewöhnliche Liebe mehr habe. Höre, Aiſſa, mein Ent⸗ ſchluß iſt gefaßt; ich will mich zu Don Pedro begeben: ſuche in dem mit Gold eingelegten Kiſtchen, das ſich im nächſten Zimmer finden muß, und Du wirſt einen Schlüſſel finden. Dieſer Schluſſel iſt der einer geheimen Thüre, welche nach den Gemächern von Don Pedro geht.“ Aiſſa eilte hinaus und brachte in der That den Schluſſel zurück, deſſen ſich Dona Maria bemächtigte. „Werde ich allein an dieſem traurigen Orte blei⸗ ben, edle Frau?“ fragte das Mädchen. „Ich weiß für Dich einen unverletzlichen Aufent⸗ haltsort. Hier könnte man vielleicht bis zu Dir drin⸗ gen. Doch komm, am Ende des Zimmers, deſſen Schlüſ⸗ ſel Du geholt, iſt ein anderes zwiſchen Mauern liegendes Zimmer ohne Ausgang. Ich ſchließe Dich dort ein, und Du haſt nichts zu befürchten.“ „Allein!... allein, oh! nein, ich hätte Angſt.“ „Kind, Du kannſt mich doch nicht begleiten! vom Konig befürchteſt Du etwas, und zu ihm will ich mich begeben.“ Der Baſtard von Mauleon. Ul. 4 50 „Ja, das iſt wahr, edle Frau... Wohl, ich füge mich und warte, nicht in jenem ſchwarzen, entlegenen Zimmer, oh! nein, hier auf den Polſtern, wo Ihr ge⸗ ruht, hier, wo Alles an Eure Gegenwart und an Curen Schutz erinnern wird.“ „Du mußt wohl ausruhen.“— „Ich bedarf deſſen nicht, edle Frau.“. 3 „Wie Du willſt, Aiſſa; bringe die Zeit meiner Ab⸗ weſenheit damit hin, daß Du Gott bitteſt, er möge mich triumphiren laſſen, denn morgen bei Tagesanbruch wirſt Du ohne Furcht den Weg einſchlagen, der nach Rianzares führt; morgen, wenn Du mich verläſſeſt, kannſt Du ſagen:„„Ich gehe zu meinem Gatten, und keine Macht der Erde wird ſtark genug ſein, um mich von ihm zu entfernen.“ „Ich danke, edle Frau, ich danke,“ rief das Mäd⸗ chen, die Hände ſeiner hochherzigen Freundin mit Thrä⸗ nen überfluthend.„Oh! ja, ich werde beten, oh! ja, Gott wird mich erhören.“ In dem Augenblick, wo die zwei jungen Frauen dieſes zärtliche Lebewohl austauſchten, hätte man kön⸗ nen aus der Tiefe des Patio allmälig unter den Zwei⸗ gen der Orangenbäume einen neugierigen Kopf empor⸗ tauchen ſehen, der ſeinen Plate ſuf dem Niveau der Gallerie im dichteſten Schatten nahm. Dieſer ſo mit den Zweigen und dem Blätterwerk vermiſchte Kopf blieb unbeweglich. Dona Maria verließ das Mädchen und ging mit leichten Schritten nach der Geheimthüre. Ohne ſich zu bewegen, richtete der Kopf ſeine wei⸗ ßen Augen nach Dona Maria, ſah ſie in den geheim⸗ nißvollen Gang dringen und horchte. Man vernahm wirklich am andern Ende dieſes Ganges das Geräuſch einer auf ihren verroſteten An⸗ geln ächzenden Thüre, und ſogleich verſchwand der Kopf aus der Mitte des Baumes, wie der einer Schlange, welche haſtig hinabgleiten würde. 51 Es war der Saracene Hafiz, der ſo an dem glatten Stamm eines Citronenbaums hinabſchlüpfte. 3 Er fand unten ein anderes düſteres Geſicht, das ſeiner harrte. 2 „Wie! Hafiz, Du ſteigſt ſchon wieder herab?“ fragte der Andere. „Ja, Herr, denn ich habe im Zimmer nichts mehr zu ſehen. Dona Maria iſt ſo eben hinausgegangen.“ „Wohin geht ſie?“ „Nach dem Ende der Gallerie rechts, und dort iſt ſie verſchwunden.“ „Verſchwunden l..., ohl bei dem heiligen Namen des Propheten, ſie hat die Geheimthüre benützt und wird den König ſprechen. Wir ſind verloren!“ „Ihr wißt, daß ich zu Euren Befehlen ſtehe, Herr Mothril,“ ſprach Haſiz erbleichend. „Gut. Folge mir nach den königlichen Gemächern; Alles ſchläft zu dieſer Stunde. Es finden ſich weder Wachen, noch Höflinge. Du ſteigſt durch den Patio des Königs bis zu ſeinem Fenſter hinauf, wie Du es ſo eben gethan, und horchſt dort, wie Du hier gehorcht haſt.“ „Es gibt ein einfacheres Mittel, Herr Mothril, und Ihr könnt ſelbſt horchen.“ „Welches?.. Beeile Dich, großer Gott!“ „Folgt mir... Ich klettere an einer Säule des Patio hinauf, komme bis an ein Fenſter, ſteige hinein, und ſchleiche bis zu einer Hinterthüre, die ich Euch öffne. Ihr könnt auf dieſe Art mit Bequemlichkeit Alles hören, was Don Pedro und Maria Padilla ſich ſagen werden, oder ſich in dieſem Augenblick ſagen.“ „Du haſt Recht, Hafiz, und der Prophet gibt Dir das ein; ich werde Deinen Vorſchlag befolgen... Zeige mir den Weg.“ 5² Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Erklärung. Dona Maria täuſchte ſich nicht über die große Ge⸗ fahr, in der ſie ſchwebte. Müde eines Beſitzes von mehreren Jahren, über⸗ ſättigt durch die günſtigen Erfolge und verdorben durch das Mißgeſchick, das verirrte gute Naturen läutert, bedurfte Don Pedro der Aufſtachelungsmittel für das Böſe, und keineswegs der Rathſchläge für das Gute. Es handelte ſich darum, die Neigungen dieſer Seele zu umwandeln und nichts wäre mit Liebe unmöglich geweſen, aber es war zu befürchten, daß Don Pedro keine Liebe mehr für Dona Maria hatte. Sie ging alſo blindlings auf dem Weg, der für Mothril, ihren Feind, ſo gut beleuchtet war. Es unterliegt keinem Zweifel; wäre ſie Mothril begegnet und hätte ſie einen Dolch bei ſich gehabt, ſie würde ihn ohne Barmherzigkeit niedergeſtoßen haben, denn ſie fühlte, daß dieſer verfluchte Einfluß ſeit einem Jahr auf ihrem Leben laſtete und ſie zu beherrſchen anfing.— Maria dachte dies Alles, als ſie die geheime Thüre öffnete und in die Wohnung des Königs trat. Erſchrocken, unentſchieden, irrte Don Pedro wie ein Schatten in ſeiner Gallerie umher. Dieſes Stillſchweigen von Dona Maria, dieſer ruhige Zorn flößten ihm die lebhafteſten Befürchtungen und den gefährlichſten Grimm ein. „Man trotzt mir ſogar an meinem eigenen Hof,“ ſagte er,„man zeigt mir, daß ich nicht der Herr bin, — 53 und ich bin es wirklich nicht, da die Ankunft eines Wei⸗ bes alle meine Pläne umſtürzt und die Hoffnung auf alle meine Vergnügungen zerſtört. Das iſt ein Joch, das ich brechen muß.. Bin ich nicht ſtark genug, um allein zu handeln, ſo wird man mir helfen.“ Er ſprach dieſe Worte, als Maria, welche wie eine Fee über die glatten Porzellanplatten hingeſchlüpft war, ihn beim Arm faßte und zu ihm ſagte: „Wer wird Euch helfen, Senor?“ „Dona Maria!“ rief der König, als hätte er ein Geſpenſt geſehen. „Ja, Dona Maria! welche Euch fragt, Euch, den Koͤnig, in welcher Hinſicht der Rath, das Joch, wenn Ihr wollt, einer edlen Spanierin, einer Frau, die Euch liebt, entehrender und drückender ſei, als das Joch, das Don Pedro von Mothril, einem chriſtlichen König von einem Mauren auferlegt wird?“ Don Pedro ballte voll Wuth die Fäuſte. „Keine Ungeduld,“ ſagte Dona Maria,„es iſt hiezu weder die Stunde, noch der Ort. Ihr ſeid hier zu Hauſe, und ich, Eure Unterthanin, komme nicht, das begreift Ihr wohl, um Euch einen Willen vorzuſchrei⸗ ben. Als Gebieter, wie Ihr ſeid, Senor, nehmt Euch alſo nicht die Mühe, in Zorn zu gerathen. Der Löwe ſtreitet nicht gegen die Ameiſe.“ Don Pedro war nicht an dieſe demüthigen Ver⸗ ſicherungen ſeiner Geliebten gewöhnt. Er blieb erſtaunt ſtehen und fragte: „Was wollt Ihr denn?“ „Wenig, Senorz Ihr liebt, wie es ſcheint, eine andere Frau, das iſt Euer Recht; ich werde nicht unter⸗ ſuchen, ob Ihr gut oder ſchlecht verfahrt, es iſt Euer Recht. Ich bin nicht Eure Gemahlin, und wäre ich es, ſo würde ich mich erinnern, welchen Kummer, welchen Qualen Ihr mir zu Liebe denjenigen bereitet habt, die Eure Gemahlinnen waren.“ „Werft Ihr mir das vor?“ rief mit ſtolzem Tone 54 wen Pedro, der eine Gelegenheit, ſich zu erzürnen, uchte. Dona Maria hielt ſeinen Blick mit Feſtigkeit aus und erwiederte: „Ich bin nicht Gott, um den Königen Verbrechen vorzuwerfen? Ich bin eine Frau, heute lebendig, mor⸗ gen todt; ein Atom, ein Hauch, das Nichts; doch, ich habe eine Stimme und benütze ſie, um Euch das zu⸗ ſagen, was Ihr nur von mir hören werdet. Ihr liebt, König Don Pedro, und ſo oft Euch dies begegnete, iſt eine Wolke vor Euren Augen vorübergezogen und hat das ganze Weltall vor Euch verborgen... Doch Ihr wendet Euren Kopf ab... Auf was horcht Ihr? Was beſchäftigt Euch?...“ „Ich glaubte im nächſten Zimmer gehen zu hören,“ ſagte Don Pedro...„Nein, das iſt unmöglich.“ „Warum unmöglich?... Alles iſt möglich hier... Ich bitte, ſchaut nach, Sire... Sollte man uns be⸗ horchen?“ „Nein, es iſt keine Thüre an dieſem Zimmer, und ich habe keinen Diener in meiner Nähe. Der Abend⸗ wind wird einen Vorhang aufgehoben, oder einen Fen⸗ ſterflügel ſchlagen gemacht haben.“ „Ich wollte Euch ſagen,“ fuhr Dona Maria fort, „da Ihr mich nicht mehr liebet, ſo habe ich den Ent⸗ ſchluß gefaßt, mich zurückzuziehen.“ Don Pedro machte eine Bewegung. „Ihr freut Euch hierüber, und das iſt mir lieb, ich thue es deshalb,“ ſprach Dona Maria mit kaltem Tone.„Ich werde mich alſo zurückziehen, und Ihr ſollt nie mehr von mir ſprechen hoͤren. Von dieſem Augenblick an, Senor, habt Ihr nicht mehr als Ge⸗ liebte Dona Maria Padilla; es iſt eine demüthige Die⸗ nerin, die Euch die Wahrheit über Eure Lage hören laſſen wird. Ihr habt eine Schlacht gewonnen, doch man wird Euch ſagen, Andere haben ſie für Euch ge⸗ wonnen; Euer Verbündeter iſt in dieſem Fall Euer Herr und wird es Euch früher oder ſpäter beweiſen. Schon verlangt ſogar der Prinz von Wales beträchtliche Sum⸗ men, die man ihm ſchuldig iſt... Dieſes Geld habt Ihr nicht; ſeine zwölftauſend Lanzen, welche für Euch gefochten haben, werden ſich gegen Euch wenden. Mitt⸗ lerweile hat der Prinz, Euer Bruder, Unterſtützung in Frankreich gefunden, und von Allen geliebt, die einen franzöſiſchen Namen führen, wird der Connetable, nach einer Wiedervergeltung dürſtend, zurückkehren. Das ſind zwei Heere, die Ihr zu bekämpfen haben werdet. Was werdet Ihr ihnen entgegenſetzen? Ein Heer von Sara⸗ cenen? O chriſtlicher König! Ihr habt ein einziges Mittel, in das Bündniß der Kirchenfürſten zurückzu⸗ kehren, und Ihr beraubt Euch dieſes Mittels! Ihr zieht auf Euch, außer den weltlichen Waffen, den Zorn des Papſtes und den Kirchenbann! Bedenkt wohl, die Spa⸗ nier ſind religiös, ſie werden Euch verlaſſen; die Nähe der Mauren erſchreckt ſie ſchon und erfüllt ſie mit Ekel. Das iſt noch nicht Alles... Der Menſch, der Euch zu Eurem Verderben antreibt, findet es nicht vollſtändig im Elend und in der Erniedrigung, das heißt, in der „Verbannung und im Verluſt des Thrones; er will Euch eine ſchändliche Verbindung auferlegen, er will aus Euch einen Abtrünnigen machen. Gott hört mich: ich haſſe nicht, ich liebe Aiſſa; ich beſchütze ſie, ich vertheidige ſie wie eine Schweſter, denn ich kenne ihr Herz und ich kenne ihr Leben. Aiſſa, wäre ſie die Tochter eines Saracenenkönigs, was ſie nicht iſt, Senor, ich werde es beweiſen, hat nicht mehr Werth, um Eure Frau zu ſein, als ich, die Tochter der alten Ritter Caſtiliens, die edle Erbin von zwanzig Ahnen, die chriſtlichen Kö⸗ nigen gleichkommen. Habe ich jedoch je von Euch ver⸗ langt, Ihr ſollet unſere Liebe durch eine Heirath hei⸗ ligen? Gewiß konnte ich es. Sicherlich liebtet Ihr mich, Don Pedro!“ Don Pedro ſeufzte. „Das iſt noch nicht Alles. Mothril erwähnt gegen 56 Euch der Liebe von Aiſſa, was ſage ich? er verſpricht ſte Euch vielleicht.“ Don Pedro ſchaute ſie unruhig und lebhaft er⸗ griffen an, als wollte er die Worte von Maria auf⸗ faſſen, ehe ſie ertönt hätten. „Er verſpricht Euch, daß ſie Euch lieben werde, nicht wahr?“ 3 „Wenn dem ſo wäre!“— „Das könnte ſein, Sire, denn Ihr verdient mehr als Liebe; es gibt gewiſſe Perſonen in Eurem König⸗ reich, und dieſe Perſonen ſtehen, glaube ich, auf einer Pahs mit Aiſſa, welche für Euch mehr als Anbetung egen.“ Die Stirne von Don Pedro klärte ſich auf, Dona Maria ließ geſchickt jede empfindliche Saite ſeiner Seele vibriren. „Aber,“ fuhr die junge Frau fort,„Dona Aiſſa wird Euch nicht lieben, weil ſie einen Andern liebt.“ „Das iſt wahr?“ rief Don Pedro voll Wuth;„das iſt keine Verleumdung?“ „So wenig eine Verleumdung, hoher Herr, daß, wenn Ihr ſie ſogleich fragt, daß, wenn Ihr ſie fragt, ehe ich mich mit Ihr habe beſprechen können, Aiſſa Euch Wort für Wort ſagen wird, was ich Euch ſage.“ „Sprecht, ſprecht: Ihr leiſtet mir hiedurch einen wahren Dienſt. Aiſſa liebt Einen? Wen liebt ſie?“ „Einen franzöſiſchen Ritter Namens Agenor von Mauleon.“ „Den Botſchafter, den man zu mir nach Soria ſchickte? Und Mothril weiß es?“ „Er weiß es.“ „Ihr könnt das behaupten?“ „Ich ſchwöre es.“ 4. „Und ihr Herz iſt dergeſtalt gefeſſelt, daß mir ihre Liebe verſprechen von Mothril eine ſchamloſe Lüge, ein haſſenswerther Verrath war 2“ 4 „Eine ſchamloſe Lüge, ein haſſenswerther Verrath.“ 57 „Ihr werdet es beweiſen, Senora?“ „Sobald Ihr befehlt, hoher Herr.“ „Wiederholt es mir, daß ich mich überzeuge.“ Dona Maria beherrſchte den König mit ihrer gan⸗ zen Höhe. Sie hielt ihn durch den Stolz und durch die Eiferſucht gefangen. „Bei dem lebendigen Gott,““ ſagte ſo eben Aiſſa, und ihre Worte ertönen noch in meinem Ohr,„„beim lebendigen Gott ſchwöre ich Euch, daß ich, falls Don Pedro mich in ſeiner Gewalt halten wurde und mir ſeine Liebe aufdringen wollte, einen Dolch haben werde, um mir das Herz zu durchbohren, oder einen Ring, wie der Eurige, um ein tödtliches Gift einzuathmen.““ Und ſie deutete auf den Ring, den ich am Finger trage, Senor.“ „Dieſer Ring?...“ rief Don Pedro erſchrocken. „Was hat denn dieſer Ring?“ „Er enthält in der That ein ſcharfes Gift, Senor. Ich trage ihn ſeit zwei Jahren, um mir die Freiheit des Leibes und der Seele an dem Tage zu ſichern, wo mich einer der Wechſelfälle Eures Schickſals, dem ich ſo getreu gefolgt bin, in die Hände Eurer Feinde brächte.“ Don Pedro fühlte etwas wie einen Gewiſſensbiß beim Anblick dieſes einfachen und rührenden Helden⸗ muths. „Ihr ſeid ein edles Herz, Maria,“ ſprach er,„ich habe nie eine Frau geliebt, wie ich Euch geliebt habe.⸗ doch die ſchlimmen Wechſelfälle ſind fern.. Ihr könnt leben!“ „Wie er mich geliebt hat!“ dachte Maria erbleichend, doch ohne ſich zu verrathen.„Er ſagt nicht, wie er mich liebt.“ „Und das iſt der Gedanke von Aiſſa?“ fuhr Don Pedro nach einem Siillſchweigen fort. „Ganz und gar, Senor.“ „Es iſt Vergötterung des franzöſiſchen Ritters.“ 58 „Es iſt eine Liebe, welche der gleichkommt, die ich für Euch gehabt habe,“ antwortete Dona Maria. „Die Ihr gehabt habt?“ ſagte Don Pedro, ſchwä⸗ cher als ſeine Geliebte, denn er zeigte ſeine Wunde beim erſten Schmerz. „Ja, hoher Herr.“ Don Pedro faltete die Stirne. „Kann ich Aiſſa befragen?...“ „Wann es Euch beliebt.“ „Wird ſie vor Mothril ſprechen?“ „Vor Mothril, ja, hoher Herr.“ „Sie wird alle Umſtände ihrer Liebe bekennen?“ „Sie wird ſogar das geſtehen, was einer Frau zur Schmach gereicht.“ „Maria!“ rief Don Pedro mit einem furchtbaren Ausbruch;„Maria, was habt Ihr geſagt?“ „Stets die Wahrheit.“ „Aiſſa entehrt!.“ „Aiſſa, die man auf Euern Thron ſetzen und in Euer Bett bringen will, iſt dem edlen Herrn von Mau⸗ leon durch Bande angetraut, welche nur Gott allein zerreißen fann, denn es ſind die Bande einer vollendeten Heirath.“ „Maria! Maria!“ ſprach der König, trunken vor uth. 8 „Ich war Euch dieſes Geſtändniß ſchuldig.. ich, die ſie gebeten, den Franzoſen in das Zimmer zu führen, wo ſie Mothril eingeſchloſſen hielt, ich, die ich ihre Liebe beſchützte, ſollte ſie auf dem Boden Frankreichs wiedervereinigen.“ „Mothril! Mothril! alle Strafen waͤren zu ſchwach, alle Qualen wäͤren zu gelinde, um Dich dieſes ſchänd⸗ liche Unterfangen ſühnen zu laſſen! Bringt mir Aiſſa, ich bitte Euch.“ 5 „Hoher Herr, ich gehe... doch bedenkt wohl: ich habe das Geheimniß dieſes Mädchens verrathen, um dem Intereſſe, der Ehre meines Königs zu dienen... 59 Wäre es nicht beſſer, wenn Ihr Euch an mein Wort halten würdet? Könnt Ihr mir nicht glauben, ohne dieſen Beweis, der dem armen Kind die Ehre raubt?“ „Ah! Ihr zögert, Ihr täuſcht mich!“ „Hoher Herr, ich zögere nicht, ich ſuche Eurer Ma⸗ jeſtät wieder ein wenig Vertrauen zu verleihen; dieſen Beweis werden wir auch in einigen Tagen bekommen, ohne Aufſehen, ohne ein Aergerniß, welches das Mädchen zu Grunde richten wird.“ „Dieſen Beweis will ich auf der Stelle haben, und ich fordere Euch auf, ihn mir zu liefern, oder ich werde Euch keinen Glauben ſchenken.“ „Herr, ich gehorche.“ „Ich Erwarte Euch mit Ungeduld.“ „Hoher Herr, man gehorcht Euch.“ „Wenn Ihr die Wahrheit geſprochen habt, Dona Maria, ſoll morgen in ganz Spanien nicht ein Maure mehr ſein, der nicht geächtet oder flüchtig wäre.“ „Morgen alſo, hoher Herr, werdet Ihr ein großer König ſein; und ich, eine arme Flüchtige, eine arme Verlaſſene, werde Gott für das größte Glück danken, das er mir auf dieſer Welt bewilligt hat: für die Ge⸗ wißhzit Eurer Wohlfahrt.“ „Senora, Ihr erbleicht, Ihr wankt, ſoll ich Leute rufen?“* „Ruft nicht, Sire... Nein... Ich will in mein Gemach zurückkehren... Ich habe Wein bringen laſſen und eine Erfriſchung bereitet, die meiner auf meinem Tiſch harrt; ich brenne, und ſobald einmal mein Durſt gelöſcht iſt, wird es mir wieder ganz wohl ſein; ich bitte, denkt alſo nicht mehr an mich. Doch ich ſchwöre Euch,“ ſagte plötzlich Dona Maria, nach dem anſtoßenden Zimmer ſtürzend,„ich ſchwöre Euch, daß Jemand da war; ich „täuſche mich nicht, ich habe diesmal die Tritte eines unes gehört.“ Don Pedro nahm eine Kerze, Maria eine andere, 60 und Beide eilten in dieſes Zimmer; es war verlaſſen, nichts deutete an, daß Jemand darin geweſen. Es zitterte nur noch ein Vorhang an der äußeren Thüre, von der Hafiz geſprochen. „Niemand!“ ſprach Maria erſtaunt,„ich habe es doch deutlich gehört.“ „Ich ſagte Euch wohl, es wäre unmöglich.... Oh! Mothril! Mothril! welche Rache werde ich für Deinen Verrath nehmen! Ihr kommt alſo zurück, edle Frau?“ „Ich benachrichtige nur Aiſſa und kehre auf dem geheimen Weg zurück.“ Nachdem ſie ſo geſprochen, nahm Dona Maria Ab⸗ ſchied vom König, der im Fieber ſeiner Ungeduld bei⸗ nahe die Dankbarkeit für den geleiſteten Dienſt mit der Erinnerung an die vergangene Liebe vermengte. Dona Maria war in der That eine ſchöne und leidenſchaftliche Frau, eine Frau, die man nicht mehr vergeſſen konnte, wenn man ſie geſehen hatte. Stolz und kühn, flößte ſie Achtung ein, entriß ſie. die Liebe. Mehr als einmal zitterte dieſer deſpotiſche König, wenn er ſie aufgebracht ſah, und noch öfter brußs dieſes überſättigte Herz in Erwartung ihrer An⸗ kunft. Als ſie, nachdem ſie ſich ſo erklärt, abgegangen war, wollte Don Pedro ihr nachlaufen, um ihr zu ſagen: „Was liegt mir an Aiſſa, was liegt mir an den kleinen Verräthereien, die man in der Finſterniß anſpinnt? Ihr ſeid das, was ich liebe, Ihr ſeid die Frucht, nach der mein Durſt glühend verlangt.“ Doch Dona Maria hatte die äußere Thüre ge⸗ ſchloſſen, und der König hörte nichts mehr, als das Rauſchen ihres Kleides an den Wänden hin und das Kniſtern der dürren Zweige, welche unter ihren Füßen brachen. 61 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Der Ring von Maria und der Dolch von Aiſſa. Der Fuß von Mothril hatte ſehr leicht den Boden geſtreift, als Maria eine Bewegung im Zimmer zu hören glaubte. Mothril hatte ſeine Sandalen abgelegt, um an der Tapete das zu behorchen, was gegen ihn ge⸗ ſprochen wurde. Die Offenbarung des Geheimniſſes von Aiſſa durch⸗ drang ihn mit Furcht und Schrecken. Daß Dona Maria ihn haßte, daran zweifelte er nicht; daß ſie ihn durch Anſchwärzung ſeiner Politik, durch Entſchleierung ſeines Ehrgeizes zu Grunde zu richten ſuchte, deſſen war der Maure gewiß; aber was er nicht ertragen konnte, war der Gedanke, Don Pedro werde gegen Aiſſa gleichgültig werden. 1 Aiſſa, Mauleon angetraut, Aiſſa ihrer koſtbaren Reinheit beraubt, würde für Don Pedro ein reizloſer, werthloſer Gegenſtand, und Don Pedro nicht mehr durch die Liebe von Aiſſa halten hieß das Band verlieren, das den unbezähmten Renner hält. Noch einige Augenblicke, und dieſes Ganze ſo mühſam aufgebaute Gerüſte ſtürzte ein. Sicher, beſchützt zu ſein, käme Aiſſa mit ihrer Gefährtin, um Don Pedro das ganze Geheimniß zu enthüllen. Dann würde Dona Maria wieder in alle ihre Rechte treten; Aiſſa würde die ihrigen verlieren, Mothril müßte ſchmachvoll fort⸗ gejagt, wie ein elender Betrüger mißhandelt, mit ſeinen Landsleuten den unſeligen Weg der Verbannung ein⸗ ſchlagen, angenommen, er würde nicht auf der Stelle durch dieſen Orkan des königlichen Zorns in das Grab 62 geſchleudert. Dies entrollte ſich vor den Augen des Mauren, während Maria mit Don Pedro ſprach und ihre Worte, eines nach dem andern, wie Tropfen ge⸗ ſchmolzenen Bleis auf die offene Wunde dieſes Ehrgei⸗ zigen fielen. Keuchend, beſtürzt, bald kalt wie Marmor, bald heiß wie ſiedender Schwefel, fragte ſich Mothril, die Hand an ſeinem getreuen Dolch, warum er nicht mit einem Stoß den Gebieter, der hörte, und die Frau, die ihm die Offenbarung machte, tödte, das heißt, warum er nicht ſein Leben und ſeine Sache rette. Wenn Don Pedro einen andern Schutzengel in ſeiner Nähe gehabt hätte, als Dona Maria, ſo würde ihm dieſer Engel unfehlbar entdeckt haben, er laufe eine furchtbare Gefahr. Plötzlich hellte ſich die Stirne von Mothril auf, der Schweiß ſiel minder ſtark, minder eiſig. Zwei Worte von Maria hatten ihm zugleich den Weg der Rettung und den Gedanken eines Verbrechens ge⸗ öffnet. Er ließ ſie ruhig vollenden; ſie konnte ihren ganzen Gedanken Don Pedro ſagen, und erſt bei den letzten Worten der Unterredung, als er nichts mehr zu erfahren hatte, ging er aus ſeinem Verſteck, und der Vorhang zitterte hinter ihm, wie es Don Pedro und Dona Maria bemerkten. Sobald Mothril außen war, hielt er zwei Secunden lang an und ſagte: „Sie wird durch den geheimen Gang dreimal we⸗ niger Zeit brauchen, als ich brauche, um durch den Patio in ihr Zimmer zu gelangen. „Hafiz,“ ſprach er, indem er dem jungen Tiger, der auf jeden ſeiner Befehle lauerte, auf die Schulter klopfte, „laufe in den Gang der Gallerie, halte Dona Maria auf, wenn ſie erſcheint, bitte ſie um Verzeihung, als ob Dich die Reue ergriffen hätte, klage mich an, wenn Du willſt, geſtehe, enthülle... thue Alles, was Dir ein⸗ 1 63 fällt, doch halte ſie nur fünf Minuten zurück, ehe ſie in die Gallerie tritt.“ „Gut, Herr,“ ſagte Hafiz. Und er kletterte wie eine Eidechſe an der hölzernen Säule des Patio hinauf und gelangte in den Gang, wo ſchon der Tritt von Dona Maria hörbar wurde. Mothril machte während dieſer den Gang durch den Garten, ſtieg die Treppe der Gallerie hinauf und drang bei Dona Maria ein. Mit einer Hand hielt er einen Dolch, mit der andern ein kleines goldenes Fläſchchen, das er aus ſeinem weiten Gürtel genommen hatte. Als er eintrat, lief das Wachs halb verzehrt in langen Streifen an der Kerze herab. Aiſſa ſchlief mit geſchloſſenen Augen ſanft auf den Polſtern. Ihren halb geöffneten Lippen entſtrömte ein theurer Name mit dem Wohlgeruch ihres Athems. „Sie zuerſt,“ ſagte der Maure mit einem düſteren Blick, „iſt ſie todt, ſo wird ſie nicht geſtehen, was Dona Maria ſie will ſagen laſſen... Ohl... mein Kind ſchlagen, mein Kind, das ſchläft,“ murmelte er....„ſie, der, wenn ich nicht zu voreilig Angſt habe, der Allerhöchſte vielleicht eine Krone vorbehält!„Warten wir!... ſie ſterbe erſt zuletzt, damit ich mir noch einen Augenblick der Hoffnung bewahre.“ Er ging ſogleich auf den Tiſch zu, nahm die noch mit dem von Maria ſelbſt bereiteten Trank halb volle Schaale, und goß den ganzen Inhalt des goldenen Fläſchchens darein. „Maria,“ ſagte er leiſe mit einem furchtbaren Lächeln,„dieſes Gift, das ich Dir eingieße, iſt vielleicht nicht ſo viel werth, als das, welches Dein Ring ver⸗ birgt; doch wir armen Mauren ſind Barbaren; ent⸗ ſchuldige mich: wenn Dir mein Trank nicht gefällt, biete ich Dir meinen Dolch an.“ 3 Er hatte kaum vollendet, als die flehende Stimme von Hafiz mit der belebteren Stimme von Dona Maria, 64 welche im geheimen Gang aufgehalten wuͤrde, zu ihm drang. „Habt Mitleid,“ ſagte das Ungeheuer⸗Kind,„ver⸗ zeiht meiner Jugend, ich wußte nicht, was mein Herr mich thun ließ.“ 1 „Ich werde ſpäter ſehen,“ antwortete Dona Maria, „laß mich! Ich werde mich erkundigen und aus den Zeugniſſen, die man mir über Dich gibt, die Wahrheit, die Du verbirgſt, herausfinden.“ Mothril kauerte ſich raſch hinter den Vorhang, der das Fenſter verkleidete. Von hier aus konnte er Alles ſehen, Alles hören. Er konnte auf Maria losſtürzen, wenn ſie würde weggehen wollen. Von ihr entlaſſen, verſchwand Hafiz langſam unter der düſteren Gallerie. Man hätte nun Maria in ihr Gemach zurückkehren und mit unbeſchreiblicher Rührung die in den Schlaf verſunkene Aiſſa betrachten ſehen können. „Ich habe vor den Augen eines Mannes Dein ſüßes Liebesgeheimniß enthüllt,“ ſprach ſie,„ich habe Deine Taubenſchönheit geſchwärzt, doch das Unrecht, das ich Dir zugefügt, ſoll wieder gut gemacht werden. Armes Kind, Du ſchläfſt unter meinem Schutz.. ſchlafe! dieſe Minute überlaſſe ich Dich noch Deinen ſüßen Träumen!“ Sie machte einen Schritt gegen Aiſſa, Mothril preßte ſeinen breiten Dolch mit den Fingern. Doch die Bewegung, welche Dona Maria gemacht hatte, näherte ſie dem Tiſch, wo ſie ihre ſilberne Schale und das rothe Getränke ſah, das ihre vertrockneten Lippen anlockte. 1 Sie nahm die Schale und trank mit langen Zügen. 3 Der letzte Schluck berührte noch ihren Gaumen, als ſchon die verzehrende Kälte des Todes ihr Herz berührt hatte. Sie wankte, ihre Augen wurden ſtarr, ſie drückte ihre Hände auf die Bruſt und ſchaute, in dieſem unbe⸗ greiflichen Schmerz ein neues Unglück, einen neuen Ver⸗ 65 rath vielleicht ahnend, voll Angſt, voll Schrecken um⸗ her, als wollte ſie die Einſamkeit und den Schlaf, dieſe zwei ſtummen Zeugen ihres Leidens befragen. Der Schmerz brach in ihrem Buſen aus wie ein Brand: Maria erröthete, ihre Hände zogen ſich krampf⸗ haft zuſammen, es kam ihr vor, als ſtiege ihr Herz in ihre Kehle empor, und ſie öffnete den Mund, um einen Schrei auszuſtoßen. Raſch wie der Blitz kam Mothril dieſem Schrei durch ein tödtliches Umſchlingen zuvor. Maria ſträubte ſich vergebens in ſeinen Armen, ſie biß vergebens in die Finger des Saracenen, die ihren Mund verſchloſſen. 3 Während Mothril ſo die Arme und die Stimme der Unglücklichen gefeſſelt hielt, löſchte er die Kerze aus, und Maria ſank zu gleicher Zeit in die Finſterniß und in den Tod. 6 Ihre Füße ſchlugen einige Secunden den Boden mit einem Geräuſch, das die junge Maurin, ihre Ge⸗ fährtin, aufweckte. Aiſſa erhob ſich, wollte in der Finſterniß gehen, und ſtolperte über den Leichnam. Sie fiel in die Arme von Mothril, der ſie bei den Händen faßte, zu Maria niederwarf und ihr die Schul⸗ ter durch einen Dolchſtoß zerfleiſchte. Von Blut übergoſſen, wurde Aiſſa ohnmächtig. Da riß Mothril vom Finger von Maria den Ring, in welchem das Gift enthalten war. Er leerte dieſen Ring in die ſilberne Schale und ſteckte ihn wieder an den Finger ſeines Opfers. Dann färbte er im Blut den Dolch, den die junge Maurin an ihrem Gürtel trug, und legte ihn neben Maria, ſo daß ihre Finger denſelben berührten. Dieſe geheimnißvolle Gräuelthat geſchah in weniger Zeit, als eine Schlange in Indien braucht, um zwei Gazellen zu erſticken, die ſie in der Sonne im Graſe einer Savane ſpielend belauerte. Der Baſtard von Mauleon. I. 5 66 Um ſeine Aufgabe ganz zu erfüllen, hatte ſich Mothril nur noch vor dem Verdacht ſicher zu ſtellen. Nichts war leichter. Er trat in den nahen Patio ein, als ob er von einem Gang, den er zur Ueber⸗ wachung der Umgegend unternommen, zurückkäme, und fragte die Diener des Königs, ob dieſer ſich ſchon nie⸗ dergelegt habe. Man antwortete ihm, man ſehe den König mit einer gewiſſen Ungeduld in ſeiner Gallerie auf und abgehen. Mothril verlangte ſeine Polſter, befahl einem Die⸗ ner, ihm einige Verſe des Koran vorzuleſen, und ſchien ſich einem tiefen Schlaf zu überlaſſen. Hafiz hatte, ohne daß er ſich mit ſeinem Herrn berathen konnte, dieſen durch ſeinen Inſtinct begriffen und ſich mit ſeinem gewöhnlichen Ernſt unter die Leib⸗ wachen von Don Pedro gemiſcht. So verging eine halbe Stunde. Das tiefſte Stillſchweigen herrſchte im Palaſt. Plötzlich erſcholl ein herzzerreißender, furchtba⸗ rer Schrei aus der Tiefe der königlichen. Gallerie, und die Stimme des Königs ließ die erſchreckenden Worte: „Zu Hülfel zu Hülfe!“ vernehmen. Jeder ſtürzte nach der Gallerie, die Wachen mit ihren bloßen Schwertern, die Diener mit der erſten der beſten Waffe, die ihnen unter die Hand kam. Mothril rieb ſich die Augen, erhob ſich, als laſtete der Schlaf ſchwer auf ihm, und fragte: „Was gibt es?“ „Der König! der König!“ antwortete die eifrige Menge. Mothril ſtand auf und ging hinter den Andern; er ſah in derſelben Richtung Hafiz gehen, der ſich eben⸗ falls die Augen rieb und ganz verdutzt zu ſein ſchien. Man erblickte nun Don Pedro, eine Kerze in der Hand, auf der Schwelle des Gemaches von Dona Maria. Er ſtieß gewaltige Schreie aus, war bleich, wandte ſich von Zeit zu Zeit gegen das Zimmer um und verdoppelte ſein Stöhnen und ſeine Verwünſchungen. 8* -———9 5 67 Mothril durchſchnitt die Menge, welche ſtumm und zitternd den halb wahnſinnigen Fürſten umgab. Zehn Fackeln warfen ihren blutigen Schimmer auf die Gallerie. 4 „Seht! ſeht!“ rief Don Pedro;„todt! todt, Beide!“ „Todt!“ wiederholte dumpf die Menge. „Todt!“ ſagte Mothril;„wer iſt todt, Hoheit?“ „Schau, frecher Saracene!“ rief der König, dem ſich die Haare auf dem Haupte ſträubten. Der Maure nahm eine Fackel aus den Händen eines Soldaten, trat langſam in das Zimmer und wich, wirklich oder zum Schein, bei dem Anblick der zwei Leichname und des Blutes, das die Platten färbte, zurück. 3 „Dona Maria!..“ ſagte er;„Dona Maria!...“ rief er;„Allah!“ Die Menge wiederholte ſchauernd: „Dona Maria! Dona Aiſſa! todt!“ Mothril kniete nieder und betrachtete die zwei Opfer mit ſchmerzlicher Aufmerkſamkeit. Der König ſprach nichts...Mothril machte ein Zeichen, und alle Anweſenden zogen ſich langſam zurück. „Hoher Herr,“ ſagte der Maure mit dem Ton theilnehmender Ergriffenheit,„es iſt ein Verbrechen be⸗ gangen worden.“ „Verruchter!“ rief Don Pedro, der nun wieder zu ſich kam,„ich ſehe Dich hier, Dich, der Du mich verrathen haſt?“ „Mein hoher Herr leidet ſehr, da er ſo ſeine beſten Freunde mißhandelt.“ „Maria.. Aiſſa.. todt!“ wiederholte Don Pedro wie im Wahnſinn. „Hoher Herr, ich beklage mich nicht,“ ſprach Mothril.“ „Du! Dich beklagen, Schändlicher! Und worüber ſollteſt Du Dich beklagen?“ „Darüber, daß ich in der Hand von Dona Maria die Waffe ſehe, welche das edle Blut meiner Könige vergoſſen, die Tochter meines hochverehrten Herrn, des großen Kaliſen, getödtet hat.“ „Es iſt wahr,“ murmelte Don Pedro.„Der Dolch iſt in der Hand von Dona Maria... doch ſie ſelbſt,. ſie, deren Züge einen ſo gräßlichen Anblick bieten, deren Auge droht, deren Mund ſchäumt, ſie, Dona Maria, wer hat ſie getödtet?...“ „Wie ſollte ich das wiſſen? ich, der ich ſchlief und hinter Euch hier eintrete.“ Und nachdem er das bleifarbige Geſicht von Dona Maria betrachtet hatte, ſchüttelte der Saracene den Kopf, ohne etwas zu ſagen; er unterſuchte nur auf⸗ merfſan 3 noch halb volle Schale und murmelte: „Gift!“ Der König bückte ſich über den Leichnam, deſſen ſtarre Hand er mit einem finſteren Schrecken ergriff. „Ah!“ rief Don Pedro,„der Ring iſt leer!“ „Der Ring?“ wiederholte Mothril, Erſtaunen heuchelnd;„welcher Ring?“ „Ja,“ fuhr der König fort,„der Ring mit dem tödtlichen Gift... Ahl ſchaut! Maria hat ſich den Tod gegeben!... Maria, die ich erwartete, Maria, die auf meine Liebe hoffen konnte.“ „Nein, hoher Herr, ich glaube, Ihr täuſcht Euch: Dona Maria war eiferſuchtig und wußte ſeit langer Zeit, daß Euer Herz ſich mit einer andern Frau be⸗ ſchäftigte. Dona Maria, bedenkt wohl, hoher Herr, mußte von Schrecken ergriffen und tödtlich in ihrem Stolze verletzt ſein, da ſie Aiſſa, die Ihr riefet, zu Euch kommen ſah. Sobald ihr Zorn vorüber war, wird ſie den Tod der Verlaſſenheit vorgezogen haben.. Ueberdies ſtarb ſie nicht, ohne ſich zu rächen, und für eine Spanierin iſt die Rache ein Vergnügen, das ſie dem Leben vorzieht.“ 3 Dieſe Rede war von einer gewandten Treuloſig⸗ keit; der Ton naiven Vertrauens, mit dem ſie geſprochen 8 69 wurde, machte einen Augenblick Eindruck auf Don Pedro. Doch plötzlich ward er vom Schmerz, vom Zorn fortgeriſſen und ſchrie, den Mauren an der Gur⸗ gel packend:. 3 „Mothril, Du lügſt! Mothril, Du ſpotteſt meiner! Du ſchreibſt den Tod von Dona Maria dem Kummer darüber zu, daß ich ſie verlaſſen; Du weißt alſo nicht, oder ſtellſt Dich, als wüßteſt Du nicht, daß ich Dona Maria, meine edle Freundin, Allem vorzog.“ „Hoheit, ſo äußertet Ihr Euch neulich nicht, als Ihr Dona Maria beſchuldigtet, ſie ermüde Euch.“— „Verfluchter, ſage das nicht in Gegenwart dieſes Leichnams!“ „Hoheit, ich werde meine Zunge in Feſſeln ſchla⸗ gen, ich werde mir das Leben eher nehmen, als mich dem Mißfallen meines Königs ausſetzen, doch ich möchte gern ſeinen Schmerz beſchwichtigen, und hienach trachte ich als treuer Freund.“ „Maria! Aiſſa!“ ſprach Don Pedro ganz außer ſich.„Mein Königreich, um eine Stunde Eures Lebens zu erkaufen.“. „Gott thut wohl, was er thut,“ ſprach mit trauri⸗ gem Tone der Maure.„Er hat mir die Freude meiner alten Tage, die Blüthe meines Lebens, die Perle der Unſchuld genommen, die mein Haus bereicherte.“ „Ungläubiger!“ rief Don Pedro, bei dem dieſe mit Abſicht geſprochenen Worte die Selbſtſucht und folglich die Wuth erweckten,„Du ſprichſt abermals von der Reinheit und der Unſchuld von Aiſſa, Du, der Du ihre Liebe für den fränkiſchen Ritter, Du, der Du ihre Schande kannteſt!“ „Ich!“ erwiederte der Maure mit erſtickter Stimme, „ich kannte die Schande von Dona Aiſſa? Aiſſa war ent⸗ ehrt!.. Ah!“ ſchrie er mit einem Brüllen des Zorns, das, obgleich geheuchelt, darum doch nicht minder furchtbar war,„wer hat dies geſagt?“ „Diejenige, welcher Dein Haß keinen Nachtheil mehr bringen wird, diejenige, welche nicht log, die⸗ jenige, welche der Tod mir entriſſen hat.“ „Dona Maria!“ verſetzte der Saracene mit Ver⸗ achtung;„ſie hatte ein Intereſſe, es zu ſagen... ſie konnte das wohl aus Liebe ſagen, da ſie aus Liebe ge⸗ ſtorben iſt; ſie konnte wohl aus Rache verleumden, da ſie aus Rache getödtet hat.“ Don Pedro blieb ſchweigſam, nachdenkend vor die⸗ ſer ſo logiſchen und kühnen Anſchuldigung. „Wäre Aiſſa nicht von einem Dolchſtich durchbohrt,“ fügte Mothril bei,„ſo würde man Euch vielleicht be⸗ haupten, ſie habe Dona Maria ermorden wollen.“ Dieſe letzte Beweisführung überſchritt alle Gren⸗ zen der Frechheit. Don Pedro faßte ſie auf, um ſich derſelben zu bedienen.. „Warum nicht?“... ſagte er.„Dona Maria hatte mir das Geheimniß Deiner Maurin enthuͤllt: kann ſich dieſe nicht an der Enthüllerin gerächt haben?“ „Bemerkt wohl, daß der Ring von Dona Maria leer iſt,“ entgegnete Mothril.„Wer aber hat ihn ge⸗ leert, wenn nicht ſie ſelbſt? König, Du biſt ſehr blind, wenn Du aus dem Tode dieſer zwei Frauen nicht er⸗ ſiehſt, daß Dona Maria Dich hintergangen hatte.“ „Wie ſo? ſie ſollte mir den Beweis bringen, Aiſſa zulnir führen, daß ſie die Worte von Maria wieder⸗ hole!“ „Iſt ſie gekommen?“ „Sie iſt todt.“ „Weil ſie beweiſen mußte, wenn ſie zurückkam, und weil ſie nicht beweiſen konnte.“ Don Pedro neigte abermals das Haupt, ganz ver⸗ wirrt in dieſer furchtbaren Finſterniß. „Die Wahrheit!“ murmelte Don Pedro,„wer wird mir die Wahrheit ſagen 2 „Ich ſage ſie Dir.“ „Du!“ rief der König mit verdoppeltem Haß⸗„Du, ein Ungeheuer, der Du Dona Maria verfolgteſt, der Du u,. du 71 es dahin bringen wollteſt, daß ſie mich verließ; Du haſt ihren Tod veranlaßt... Wohl! Du wirſt aus meinen Staaten verſchwinden, Du wirſt den Weg der Verbannung einſchlagen, das iſt die einzige Gnade, die ich Dir gewähren kann.“ „Stille, Hoheit! ein Wunder!“ ſagte Mothril, ohne auf dieſen heſtigen Ausbruch des Königs zu antworten; „das Herz von Dona Aiſſa ſchlägt unter meiner Hand: ſie lebt, ſie lebt!“ „Sie lebt!“ rief Don Pedro,„biſt Du deſſen ſicher?“ „Ich fühle das Schlagen des Herzens.“ „Die Wunde war vielleicht nicht tödtlich.. einen Arzt...“ „Keiner von den Chriſten wird die Hand an ein edles Mädchen meiner Nation legen,“ ſprach Mothril mit einer düſteren Würde;„Aiſſa wird vielleicht nicht gerettet werden, doch wird ſie gerettet, ſo geſchieht es nur durch mich allein.“ „Rette ſie! Mothril, rette ſie!.... damit ſie ſpricht...“ 4 Mothril heftete einen tiefen Blick auf den König und erwiederte: „Damit ſie ſpricht?“.... mein hoher Herr, ſie wird ſprechen.“ „Nun! Mothril, wir werden alſo ſehen.“ „Ja, Hoheit, wir werden ſehen, ob ich ein Ver⸗ leumder bin, und ob Aiſſa entehrt iſt.“ Don Pedro, der vor den zwei Leichnamen auf den Knieen lag, ſchaute nun das finſtere, durch einen häß⸗ lichen Tod zuſammengezogene Geſicht von Maria, und dann das ruhige, ſanfte Antlitz der in ihrer Ohnmacht entſchlummerten Aiſſa an. „Es iſt wahr,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„Dona Ma⸗ ria war ſehr eiferſüchtig, und ich erinnere mich wohl, daß ſie einſt Blanche von Bourbon, die ich habe tödten laſſen, nicht vertheidigte.“ η‿ NK 4— 73 neunundfünfzigſtes Kapitel. Das Gefängniß des guten Connetable. Man hatte indeſſen Dugueselin nach Bordeaux, dem Aufenthaltsorte des Prinzen von Wales gebracht, und er ſah ſich hier mit allen Rückſichten, zugleich aber als ein Gefangener behandelt, den man ſcharf bewacht. Das Schloß, in welchem man ihn eingeſperrt, hatte einen Gouverneur und einen Kerkermeiſter. Hundert Mann verſahen den Wachdienſt und ließen Niemand zum Connetable dringen. Die ausgezeichnetſten Offi⸗ ciere des engliſchen Heeres ſchätzten es ſich indeſſen zur Ehre, dem Gefangenen Beſuch zu machen. Jean Chan⸗ dos, der Sire von Albret und die vornehmſten Herren der Guienne erhielten die Erlaubniß, häufig zu Mittag und zu Nacht mit Dugueselin zu ſpeiſen, der, ein guter, fröhlicher Tiſchgenoſſe und heiterer Gaſtwirth, ſie vor⸗ trefflich aufnahm und, um ſie gut zu bewirthen, Geld von den Lombarden in Bordeaux auf ſeine Güter in der Bretagne entlehnte. Allmälig ſchläferte der Connetable das Mißtrauen der Garniſon ein. Er ſchien ſich im Gefängniß zu ge⸗ fanen und verrieth durch nichts ſeinen Wunſch, frei zu ein. Als der Prinz von Wales ihn beſuchte und mit ihm von ſeinem Loͤſegeld ſprach, ſagte er lachend: „Es macht ſich, Hoheit, nur Geduld!“ Der Prinz vertraute ihm nun ſeinen Aerger. Du⸗ gueselin warf ihm mit ſeiner gewöhnlichen Offenherzig⸗ keit vor, daß er ſein Genie und ſeine Macht in den Dienſt einer ſo ſchlimmen Sache, wie die von Don Pedro, gegeben habe. 74 „Wie,“ ſagte er,„ein Ritter von Eurem Rang und Eurem Verdienſt konnte ſich erniedrigen, dieſen Räu⸗ ber, dieſen Mörder, dieſen gekrönten Renegaten zu ver⸗ theidigen?“ „Staatsraiſon,“ erwiederte der Prinz. „Und das Verlangen, Frankreich zu beunruhigen, nicht wahr?“ ſagte der Connetable. „Ahl Meſſire Bertrand,„laßt mich nicht von Politik ſprechen,“ verſetzte der Prinz. Und man lachte. Zuweilen ſchickte die Herzogin, die Gemahlin des Prinzen, Bertrand Erfriſchungen, von ihrer Hand ge⸗ arbeitete Geſchenke, und dieſe Zuvorkommenheiten mach⸗ ten dem Connetable den Aufenthalt in der Feſtung noch viel erträglicher. Doch der Gefangene hatte Niemand, dem er ſeinen Kummer anvertrauen konnte, und ſein Kummer war tief. Er ſah die Zeit verſtreichen, er fühlte, daß die mit ſo großer Mühe angeworbene Armee ſich von Tag zu Tag mehr zerſtreute und viel ſchwieriger zu ſammeln war, wenn man ſie brauchte. 3 Er hatte beinahe unter den Augen das Schauſpiel der Gefangenſchaft von zwölfhundert Officieren und Kriegsleuten, ſeinen Gefährten, welche, der Kern einer unbeſtegbaren Truppe, wenn ſie frei geworden, voll Eifer die Trümmer dieſer großen, an einem Tag einer unvorhergeſehenen Niederlage zu Boden geſchmetterten, Macht zuſammenraffen würden. Oft dachte er an den König von Frankreich, der wohl in dieſem Augenblick ſehr in Verlegenheit wäre. Er ſah aus der Tiefe ſeines finſteren Kerkers den theuren und ehrwürdigen Sire mit geſenktem Haupte unter dem Weingeländer des Gartens von Saint⸗Paul ſpazieren gehen... bald klagend, bald hoffend, bald wie Auguſtus murmelnd: „Bertrand, gib mir meine Legionen wieder!“ „Und während dieſer Zeit,“ fügte Dugueselin in — in 75 ſeinen inneren Monplogen bei,„während dieſer Zeit wird Frankreich durch den Rückſtrom der Compagnien verzehrt; die Caverley, die Grünen Ritter zerfreſſen, den Heuſchrecken ähnlich, den Reſt der armen Ernte.“ Dann dachte Dugueselin an Spanien, an die fre⸗ chen Unbilden von Don Pedro, an die düſtere Lage von Enrique, der für immer von dem Thron geſtürzt, den er mit der Hand berührt hatte. Da konnte ſich der Connetable nicht erwehren, fei⸗ ger Gleichgültigkeit dieſen Prinzen zu beſchuldigen, der, ſtatt ſein Werk wüthend zu verfolgen, ihm ſeine Habe, ſein Leben zu opfern, die halbe chriſtliche Welt gegen die ungläubigen Spanier, die Anhänger von Don Pe⸗ dro auf die Beine zu bringen, ohne Zweifel niedriger Weiſe ſeinen Lebensunterhalt bei irgend einem unbekann⸗ ten Schloßherrn erbettle. Wenn dieſe Woge von Gedanken die Seele des guten Connetable überfluthete, dann kam ihm das Ge⸗ fängniß ganz verhaßt vor, er betrachtete das eiſerne Gitter wie Simſon die Angeln der Thore von Gaza, und fühlte die Kraft in ſich, die Mauern auf ſeinen Schultern fortzutragen. Doch die Klugheit rieth ihm raſch wieder, eine gute Miene zu machen, und da Bertrand mit ſeiner bretagniſchen Ehrlichkeit die Schlauheit des Normannen verband, ſo gab er nie ſo viele Freudenſchreie von ſich, ſo trank er nie ſo geräuſchvoll, als in den Stunden der Entmuthigung und des Ueberdruſſes. Er brachte auch einige von den ſchlauſten Englän⸗ dern von der Fährte ab. Eine höhere Gewalt unterhielt indeſſen um den Ge⸗ fangenen die ſchärfſte Bewachung. Zu ſtolz, um ſich hierüber zu beklagen, wußte der Connetable nicht, wem oder welchen Umſtänden er dieſe Entwicklung einer Strenge zuſchreiben ſollte, welche ſo weit ging, daß der Lauf der Briefe, die man ihm von Frankreich ſchickte, gehemmt wurde. 76 Der Hof von England hatte als einen der glück⸗ lichſten Erfolge des Sieges von Navarrete die Gefan⸗ gennahme von Duguesgelin betrachtet. Der Connetable war in der That das einzige ernſte Hinderniß, auf das die Engländer, befehligt von einem Helden, wie der Prinz von Wales, in Spanien ſtoßen konnten. Gut berathen, wollte der König Eduard allmälig ſeine Macht in dieſem vom Bürgerkrieg verheerten Land ausdehnen. Er fühlte wohl, daß Don Pedro, der Ver⸗ bündete der Mauren, früher oder ſpäter entthront wer⸗ den würde; daß, nachdem Don Enrique beſiegt und ge⸗ tödtet, keine Bewerber mehr um den Thron der beiden Caſtilien übrig blieben, wonach dieſer eine leichte Beute für das ſiegreiche Heer des Prinzen von Wales wäre. War aber Bertrand frei, ſo nahmen die Dinge ein anderes Angeſicht an: er konnte nach Spanien zurück⸗ kehren, den bei Navarrete verlorenen Vortheil wieder gewinnen, die Engländer und Don Pedro vertreiben, Enrique von Transtamare für immer einſetzen, und es war geſchehen um den Plan einer Herrſchaft, der ſeit fünf Jahren den Rath des Königs von England be⸗ ſchäftigte. Eduard beurtheilte die Menſchen weniger ritterlich als ſein Sohn. Er dachte, der Connetable könnte ent⸗ weichen; wenn er nicht entwiche, könnte er entführt werden; ſelbſt als Gefangener, gefeſſelt, ohnmächtig zmiichen vier Mauern, könnte er einen guten Rath, einen guten Plan für eine Invaſion, eine Hoffnung der be⸗ ſiegten Partei geben. 1 Eduard hatte auch zu Dugueselin zwei unbeſtech⸗ liche Wächter geſetzt, den Gouverneur und den Kerker⸗ meiſter, welche Beide nur unter die unmittelbare Ge⸗ walt des großen Rathes von England geſtellt waren. Eduard theilte dem Prinzen von Wales, dieſem Mann von ſo unendlich erhabenem und edlem Charak⸗ ter, den Hintergedanken ſeiner Räthe nicht mit... er O 10 ———&—A ͤ— NAUAA—c’S 77 befürchtete, der Prinz könnte durch einen großmüthigen Widerſtand ein Hinderniß entgegenſetzen. 4 Der engliſche Monarch wollte in der That um kei⸗ nen Preis den Gefangenen gegen Löſegeld zurückgeben, und er hoffte, Zeit gewinnend, ihn den Händen des Prinzen zu entziehen und nach London bringen zu laſ⸗ ſen, wo ihm der Tower für einen ſolchen Schatz ein beſſerer Bewahrer dünkte, als das Schloß von Bor⸗ deaux. Hätte der Prinz von Wales Kunde von dieſem Entſchluß gehabt, ſo wurde er ſicherlich Duguesclin, ehe er den officiellen Befehl erhalten, in Freiheit geſetzt haben. Man wartete in London nur, bis die Dinge in Spanien beigelegt wären, bis Don Pedro ſich auf dem Thron befeſtigt hätte, bis Frankreich ſtreng im Schach gehalten würde, um durch einen plötzlichen Staatsſtreich durch einen Befehl des Großraths, den Prinzen mit ſeinem Gefangenen nach London zurückzurufen. Der engliſche Monarch wartete mit einem Wort auf den günſtigen Augenblick. Duguesclin fühlte den Sturm nicht. Er lebte voll Vertrauen unter der Hand ſeines Siegers von Navar⸗ rete, die er allmäͤchtig glaubte. Der ſo ſehr von dem erhabenen Gefangenen er⸗ ſehnte Tag beleuchtete endlich die Gitter ſeiner Stube. Der Sire von Laval war mit dem Löſegeld in Bor⸗ deaux angekommen. Dieſer edle Bretagner ließ den Prinzen von Wales mit ſeinen Abſichten und ſeiner Sendung bekannt machen. Es war Mittag. Die Sonne ſchten ſchräge in die Wohnung des Connetable, der, in dieſem Augenblick allein, voll Traurigkeit die Strahlen an der kahlen Wand abnehmen ſah. Die Trompeten erſchollen, die Trommeln raſſelten; Bertrand begriff, daß ein erhabener Beſuch zu ihm kam. Der Prinz trat mit entblößtem Haupt und lachen⸗ dem Geſicht bei ihm ein. „Nun, Sire Connetable,“ ſagte er, während ihn Duguesclin, ein Knie auf der Erde, begrüßte,„ſehnt Ihr Guch nicht nach der Sonne?... es iſt heute ſo chön 4 ſ„Es iſt wahr, gnädigſter Herr,“ erwiederte Du⸗ guesclin,„der Geſang der Nachtigallen meiner Heimath wäre mir lieber, als das Pfeifen der Mänſe von Bor⸗ deaur; doch gegen das, was Gott thut, hat der Menſch nichts zu ſagen.“ 3 „Im Gegentheil, Sire Connetable, zuweilen ge⸗ ſchieht es, daß Gott denkt und der Menſch lenkt. Kennt Ihr die Nachrichten von Eurer Heimath?“ „Nein, gnädigſter Herr,“ erwiederte Bertrand mit bewegter Stimme, ſo viel Freude und Bangen erregte in ſeinem Herz dieſer ſüße Name. „Nun! Sire Connetable, Ihr ſollt frei werden, das Geld iſt angekommen.“ Nachdem er ſo geſprochen, reichte der Prinz dem erſtaunten Bertrand die Hand und ging lächelnd von ihm weg. An der Thüre ſagte er zu dem mit der Bewachung des Gefangenen beauftragten Officier: „Meſſire Gouverneur, Ihr werdet zum Connetable den Freund, der mit dem Geld aus Frankreich zu ihm kommt, einlaſſen.“ Als der Prinz dies geſagt hatte, verließ er das Schloß. Der Gouverneur blieb, düſter und ſorgenvoll, allein beim Connetable. Dieſe unerwartete Ankunft von Laval zerſtörte alle Pläne des Rathes von England, und Dugueselin ſollte Allem zum Trotz frei werden. Ohne einen ausdrücklichen Befehl von König Eduard konnte ſich der Gouverneur dem Willen des Prinzen von Wales nicht widerſetzen, und dieſer Befehl war nicht angekommen. Der Gouverneur kannte indeſſen den geheimen Ge⸗ on 79 danken des Rathes von England, er wußte, der Ab⸗ gang des Connetable wäre eine Quelle des Unglücks für ſein Vaterland und ein Kummer für König Eduard. Er beſchloß daher, es zu verſuchen, von ſich ſelbſt das zu thun, was die Regierung noch nicht hatte thun können, ſo ſchnell war die Expedition von Mauleon vor ſich ge⸗ gangen, ſo enthuſtaſtiſch war der Eifer der Bretagner, ihren Helden zu befreien, geweſen. Statt alſo dem Kerkermeiſter, wie es ihn der Prinz von Wales geheißen, Befehle zu geben, leiſtete der Gouverneur dem Gefangenen Geſellſchaft. „Ihr ſeid alſo nun frei, Herr Connetable,“ ſagte er,„und es wird ein wahres Unglück für uns ſein, Euch zu verlieren.“ Lächelnd erwiederte Dugueselin mit einer ſpöttiſchen Miene: „In welcher Hinſicht?“ „Es iſt eine ſo große Ehre, Meſſire Bertrand, für einen einfachen Ritter, wie ich bin, einen ſo mächtigen Kriegsmann, wie Ihr ſeid, zu bewachen.“ „Gut!“ ſagte der Connetable mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Heiterkeit,„ich gehöre zu denjenigen, welche ſich immer in der Schlacht fangen laſſen. Der Prinz wird mich wieder zum Gefangenen machen, das iſt unfehlbar, und dann werdet Ihr mich abermals bewachen; denn ich ſchwöre, Ihr bewacht gut.“ Der Gouverneur ſeufzte. „Es bleibt mir ein Troſt,“ ſagte er. „Welcher?“ „Ich bewache alle Eure Gefährten, zwölfhundert Bretagner, welche Gefangene ſind, wie Ihr... Ich werde mit ihnen von Euch ſprechen.“ Duguesclin fühlte, wie ihn die Freude bei dem Gedanken verließ, ſeine Freunde müßten Gefangene bleiben, während er, der Sklaverei entzogen, die Sonne der Heimath wiederſehen würde. 80 „Dieſe würdigen Gefährten,“ fügte der Gouver⸗ neur bei,„werden ſehr betrübt ſein, wenn ſie Euch abgehen ſehen; doch ich hoffe durch mein zuvorkommen⸗ des Benehmen das Widrige ihrer Gefangenſchaft zu mildern.“ Ein neuer Seufzer von Bertrand, der diesmal auf dem geplatteten Boden ſeiner Stube auf und abzu⸗ gehen anfing. „Oh!“ fuhr der Gouverneur fort,„welch ein ſchö⸗ nes Vorrecht iſt dem Genie und der Tapferkeit gegönnt! ein Menſch hat durch ſein Verdienſt den Werth von zwoͤlfhundert zugleich.“ „Wie ſo?“ „Damit will ich ſagen, daß die von dem Sire von Laval für Eure Befreiung überbrachte Summe das Löſegeld Eurer zwölfhundert Gefährten zu bezahlen ge⸗ nügen würde.“ „Das iſt wahr,“ murmelte der Connetable, düſte⸗ rer, träumeriſcher als je. „Zum erſten Mal,“ fuhr der Engländer fort,„zum erſten Mal erhalte ich den ſichtbaren Beweis, daß ein Mann ſo viel werth ſein kann, als eine Armee. In der That, Eure zwölfhundert Bretagner, Herr Conne⸗ table, ſind eine wahre Armee, und würden ſür ſich allein einen Feldzug machen. Beim heiligen Georg! Meſſire, wäre ich an Eurem Platz und reich, wie Ihr ſeid, ich würde von hier nur als erhabener Kapitän mit meinen zwölfhundert Soldaten weggehen!“ „Das iſt ein braver Mann,“ ſagte Dugueselin zu ſich ſelbſt,„er bezeichnet mir meine Pflicht... Es ge⸗ ziemt ſich in der That nicht, daß ein Menſch, der wie die andern aus Fleiſch und Knochen zuſammengeſetzt iſt, ſein Land ſo viel koſtet, als zwölfhundert tapfere und ehrliche Chriſten.“ Der Gouverneur folgte mit aufmerkſamen Augen dem Fortſchritt ſeiner Bemerkungen. „Hoͤrt,“ ſagte plötzlich Bertrand,„Ihr glaubt, die 81 Bretagner würden nicht mehr als ſiebenzigtauſend Gul⸗ den Löſegeld koſten.“ „Ich bin deſſen gewiß, Herr Connetable.“ „Und daß der Prinz, wenn die Summe gegeben würde, ſie freiließe?“ „Ohne zu handeln.“ „Bürgt Ihr mir dafür?“ „Mit meiner Ehre und meinem Leben,“ ſprach der Gouverneur bebend vor Freude. „Es iſt gut; ich bitte Euch, laßt den Sire von Laval, meinen Landsmann und Freund, hier eintreten. Laßt auch meinen Schreiber mit Allem heraufkommen, ws er braucht, um eine Schrift in guter Form abzu⸗ aſſen.“ Der Gouverneur verlor keine Zeit, er war ſo glück⸗ lich, daß er vergaß, er habe den Befehl, zu dem Ge⸗ fangenen nur Engländer oder Navarreſen, ſeine natür⸗ lichen Feinde, einzulaſſen. Er übergab dem erſtaunten Kerkermeiſter den Auf⸗ trag von Bertrand und lief zum Prinzen von Wales, um ihn zu benachrichtigen. Sechzigſtes Kapitel. Das Löſegeld. Bordeauxr war voll Lärmen und Bewegung, veran⸗ laßt durch die Ankunft des Sire von Laval mit ſeinen vier mit Gold beladenen Maulthieren und den fünfzig Reiſigen, welche die Banner von Frankreich und Bre⸗ tagne trugen. Der Baſtard von Mauleon, In. 6 Eine beträchtliche Menge war dem ſtattlichen Zug gefolgt, und auf allen Geſichtern las man die Unruhe und den Aerger, wenn es ein Engländer war, die Freude und den Triumph, wenn das Geſicht einem Gas⸗ cogner oder einem Franzoſen gehörte. Der Sire von Laval nahm im Vorbeigehen die Glückwünſche der Einen, die dumpfen Verwünſchungen der Andern hin. Doch ſeine Haltung war ruhig und unempfindlich; er ritt nach den Trompetern an der Spitze des Zuges, eine Hand am Dolch, die andere am Zaum ſeines mächtigen ſchwarzen Roſſes, und durch⸗ ſchnitt, das Viſir aufgeſchlagen, die Wogen der neugie⸗ rigen Menge, ohne vor irgend einem Hinderniß die Schritte ſeines Pferdes zu beſchleunigen oder zu hemmen. Er kam vor das Schloß, wo Dugueselin Gefan⸗ gener war, ſtieg ab, gab ſein Pferd dem Knappen und befahl den vier Maulthiertreibern, die Kiſten herabzu⸗ nehmen, welche das Gold enthielten. Dieſe Leute gehorchten. Während ſie eine nach der andern die vier ſchweren Laſten herabhoben und die Neugierigen ſich voll Eifer um das Geleite drängten, näherte ſich ein Ritter mit herabgelaſſenem Viſir, ohne Farbe und Wappenſpruch, denſi von Laval und ſagte in reinem Franzöfiſch zu ihm: 1„Meſſire, Ihr werdet das Glück haben, den erhabe⸗ nen Gefangenen zu ſehen, das noch viel größere Gluͤck, ihn in Freiheit zu ſetzen, dann“ werdet Ihr ihn mitten unter den braven Reiſigen, die Euch begleiten, fort⸗ führen; ich, der ich einer von den Freunden des Conne⸗ table bin, dürfte vielleicht nicht Gelegenheit finden, ihm ein Wort zu ſagen; wäre es Euch wohl gefällig, mich mit Euch in den Thurm hinaufzunehmen 2 „ Herr Ritter,“ erwiederte Laval,„Eure Stimme kitzelt mein Ohr ſehr angenehm, Ihr ſprecht die Sprache meiner Heimath, doch ich kenne Euch nicht, und wenn X ½ 8ð— 83³ man mich nach Eurem Namen fragen würde, müßte ich lügen...“ 3„Ihr würdet antworten, ich ſei der Baſtard von Mauleon,“ unterbrach ihn der Unbekannte. „Ihr ſeid es nicht, da der Sire von Mauleon uns verlaſſen hat, um ſchneller nach Spanien zu kommen,“ entgegnete Laval raſch. 4 „Ich komme in ſeinem Auftrag, Meſſtre, weiſt mich nicht zurück, ich habe dem Connetable nur ein einziges Wort zu ſagen...“ „Sagt dieſes Wort mir, und ich werde es ihm über⸗ bringen.“ „Ich kann dieſes Wort nur ihm ſagen, und auch er kann es nur verſtehen, wenn ich ihm mein Geſicht zeige. Ich flehe Euch an, Sire von Laval, weiſt mich nicht zurück, im Namen der Ehre der franzöſiſchen Waffen, deren eifrigſter Vertheidiger ich bin, das ſchwoͤre ich Euch vor Gott.“ „Ich glaube Euch, Meſſire,“ ſprach der Graf; „doch Ihr zeigt wenig Vertrauen zu mir... während Ihr wißt, wer ich bin,“ fügte er mit einem Gefühl beleidigten Stolzes bei. „Wenn Ihr erfahrt, wer ich ſelbſt bin, Herr Graf, werdet Ihr eine ſolche Sprache nicht mehr gegen mich führen... Seit drei Tagen bin ich in Bordeaur und verſuche es, zum Connetable zu gelangen; doch weder durch Geld, noch durch Liſt iſt es mir gelungen.“ „Ihr ſeid mir ganz und gar verdächtig, und ich belaſte Euch zu Liebe mein Gewiſſen nicht mit einer Lüge,“ entgegnete der Graf von Laval;„welches In⸗ tereſſe habt Ihr übrigens, zum Connetable zu gehen, der in zehn Minuten herauskommen wird. In zehn Minuten wird er in der That hier ſein, wo Ihr ſeid, und dann könnt Ihr ihm das ſo wichtige Wort ſagen.“ p 1De Fremde geberdete ſich ungeduldig und erwie⸗ erte: „Vor Allem bin ich nicht Eurer Anſicht, und ich 84 betrachte den Connetable noch nicht als frei. Es ſagt mir etwas, ſein Abgang aus dem Gefängniß werde auf Schwierigkeiten ſtoßen, die Ihr nicht-vermuthet; über⸗ dies angenommen, er käme in zehn Minuten heraus, Graf, ſo hätte ich ſchon dieſe Zeit auf dem Wege gewon⸗ nen, den ich nehmen will; ich hätte die Zogerungen der Ceremonie der Freilaſſung vermieden; den Beſuch beim Prinzen, die Dankſagungen beim Gouverneur, das Abſchiedsmahl. Ich bitte Euch, nehmt mich mit Euch, ich kann Euch nützlich ſein.“ Der Fremde wurde in dieſem Augenblick durch den Kerkermeiſter unterbrochen, der auf der Schwelle er⸗ ſchien und den Sire von Laval in den Thurm einzu⸗ treten aufforderte. Der Graf nahm mit einer ungeſtüm ſtolzen Ge⸗ berde von ſeinem Bittſteller Abſchied. Der unbekannte Ritter, den er, wie es ihm ſchien, unter ſeiner Rüſtung beben ſah, zog ſich an einen Pfei⸗ ler hinter die Reiſigen zurück, und wartete, als ob er immer noch hoffte, bis die letzte Kiſte unter dem Thor⸗ weg des Schloſſes verſchwunden war. Während der Sire von Laval die Treppe hinauf⸗ ſtieg, ſah man durch eine offene Gallerie, welche die zwei Flügel des Schloſſes verband, den Prinzen von Wales, den Gouverneur voran und gefolgt von Chan⸗ dos und einigen Officieren, gehen. Der Sieger von Navarrete wollte Dugueselin ſei⸗ nen letzten Beſuch machen. Alles Volk rief:„Heil!“ und:„Es lebe der heilige Georg!“ für den Prinzen von Wales. Die franzöſiſchen Trompeter blieſen zu Ehren des Helden, der ſie höflich grüßte. Dann ſchloßen ſich die Thore, und die ganze Menge näherte ſich den Stufen und wartete unter geräuſch⸗ vollem Gemurmel auf das Heraustreten des Connetable. Gewaltig ſchlug das Herz der bretagniſchen Kriegs⸗ jeute, welche ihren großen Kapitän, für deſſen Be⸗ A NK— 8⁵ freiung ſie gern ihr Leben hingegeben hätten, wieder⸗ ſehen ſollten. 1 Es verging indeſſen eine halbe Stunde; die Un⸗ geduld der Anweſenden fing an Unruhe für die Bre⸗ tagner zu werden. Der Unbekannte zerriß ſeinen rechten Panzerhand⸗ ſchuh mit ſeinem linken Panzerhandſchuh. 3 Man ſah auf der offenen Gallerie Chandos erſchei⸗ nen und lebhaft mit den Officieren ſprechen, welche, wie man bemerken konnte, bald ganz erſtaunt, wenn nicht gar beſtürzt waren. Dann, als die Thüre des Schloſſes ſich wieder öffnete, erblickte man, ſtatt daß der freigewordene Held daraus hervorging, den Sire von Laval, der bleich, verſtört, zitternd vor Aufregung auf die Schwelle trat und mit den Augen in der Menge ſuchte. Mehrere bretagniſche Officiere eilten auf ihn zu und fragten voll Angſt: „Was gibt es denn?“ „Oh! ein großes Unglück, ein ſeltſames Ereig⸗ niß!...“ erwiederte der Graf.„Aber wo iſt denn der Unbekannte, der Unglücksprophet?“ „Hier bin ich,“ antwortete der geheimnißvolle Ritter;„hier bin ich... ich wartete auf Euch.“ „Wünſcht Ihr immer noch den Connetable zu ſehen?“ „Mehr als je.“ „Nunl ſo beeilt Euch, denn in zehn Minuten wäre es zu ſpät. Kommt, kommt. Er iſt mehr als je Ge⸗ fangener.“ „Wir werden ſehen,“ erwiederte der Unbekannte, leicht die Stufen hinter dem Grafen erſteigend. Der Kerkermeiſter öffnete ihnen lächelnd die Thüre, und die ganze verſammelte Menge fing an in tauſend verſchiedenen Tonarten das Ereigniß zu erklären, das den Abgang des Connetable verzögerte. „Hoͤrt,“ ſagte leiſe der Anführer der Bretagner zu 1 8⁶ ſeinen Leuten,„die Fauſt an's Schwert, und aufge⸗ paßt!“ Einundſechſigſtes Kapitel. —q—y— Wie der Gouverneur, ſtatt einen Gefangenen zurück⸗ zugeben, eine ganze Armee freimachte. Der Engländer hatte ſich nicht getäuſcht, er kannte ſeinen Gefangenen. Kaum hatte der Sire von Laval die Aufforderung erhalten, in das Schloß einzutreten, kaum hatte er ſich in die Arme des Connetable geworfen, kaum war dieſer erſte Augenblick gegenſeitiger Freude vorüber, als der Connetable die Kiſten, welche die Maulthiertreiber auf den Ruheplatz vor das Zimmer gebracht hatten⸗ Wie viel Geld, mein lieber Freund!“ Nie iſt eine Steuer leichter erhoben worden,“ ant⸗ wortete der Sire von Laval, der, ſtolz auf ſeinen Lands⸗ mann, nicht wußte, wie er ihm ſeine Achtung und ſeine lich, durch dieſe Begeiſterung dem eengliſchen Gouverneur u mißfallen, der von ſeinem Beſuch beim Prinzen zu⸗ rückgekehrt war und unempfindlich horchte. 87 „Siebzigtauſend Goldgulden, welche Summe!“ wie⸗ derholte der Connetable. „Welche große Summe, wenn es ſich darum han⸗ delt, ſte zu erheben, wie klein, wenn ſie erhoben und man im Begriff iſt, ſie hinzugeben!“ „Mein Freund,“ ſprach Duguesclin, nich bitte, ſetzt Euch: Ihr wißt, daß hier zwoͤlfhundert Landsleute gefangen ſind, wie ich.“ „Ach! ja, ich weiß es.“ „Nun wohl! ich habe das Mittel gefunden, ihnen die Freiheit zu verſchaffen. Durch meinen Fehler ſind ſie gefangen genommen worden, ich werde heute meinen Fehler wieder gut machen.“ „Wie dies?“ fragte der Sire von Laval. „Habt Ihr die Gefälligkeit gehabt, Herr Gouver⸗ neur, den Schreiber heraufkommen zu laſſen?“ „Er iſt vor der Thüre, Sire Connetable, und wartet auf Eure Befehle,“ antwortete der Engländer. „Er trete ein.“ Der Gouverneur klopfte dreimal mit dem Fuß, und der Kerkermeiſter führte den Schreiber ein, der ohne Zweifel zuvor benachrichtigt, Pergament, Feder, Tinte und fünf lange, magere Finger zurichtete. „Schreibt, was ich Euch dictiren werde, mein Freund,“ ſagte der Connetable. „Ich warte, Monſeigneur.“ „Ich dictire: „Wir, Bertrand Duguesclin, Connetable von Frank⸗ reich und Caſtilien, Graf von Soria, thun durch Gegen⸗ wärtiges kund und zu wiſſen, daß wir es ungemein bereuen, an einem Tage wahnſinnigen Stolzes unſern perſönlichen Werth zum Preiſe von zwölfhundert guten Chriſten und braven Rittern, welche ſicherlich mehr werth ſind, als wir, angeſchlagen zu haben.“ Hier hielt der gute Connetable inne, ohne auf den Geſichtern die Wirkung dieſes Eingangs zu ſtudiren. 88 Der Schreiber ſchrieb getreulich: „Wir bitten Gott und unſere Brüder demüthig um Verzeihung,“ fuhr der Connetable fort,„und um un⸗ ſere Thorheit wieder gut zu machen, verwenden wir die Summe von ſiebenzigtauſend Gulden zur Loskaufung unſerer zwölfhundert Gefährten, welche Seine Hoheit der Prinz von Wales in Navarrete, unſeligen Anden⸗ kens, gefangen genommen hat.“ „Ihr verpfändet Eure Güter!“ rief der Sire von Laval;„das iſt ein ausgezeichneter Mißbrauch der Groß⸗ muth.“ „Nein, mein Freund, meine Güter ſind ſchon ver⸗ ſchleudert, und ich kann Frau Tiphaine nicht zur Dürf⸗ tigkeit verurtheilen; ſie hat ſchon nur zu ſehr durch meine Handlungsweiſe gelitten.“ „Was wollt Ihr denn ſonſt machen?“ „Das Geld, das Ihr bringt, gehört wohl mir?⸗ „Gewiß, aber..“ „Schon genug... wenn es mir gehört, verfüge ich nach meinem Belieben darüber. Fahrt fort, Herr Schreiber: „Ich verwende zu dieſer Loskaufung die ſiebenzig⸗ tauſend Gulden, die mir der Sire von Laval bringt.“ „Aber, Herr Connetable,“ rief Laval erſchrocken, „Ihr bleibt Gefangener...“ „Und bedeckt mit einem unſterblichen Ruhm,“ un⸗ terbrach ihn der Gouverneur. „Das iſt unmöglich,“ fuhr Laval fort;„bedenkt doch!“ „Habt Ihr geſchrieben?“ fragte der Connetable den Schreiber. „Ja, gnädigſter Herr.“ „Gebt, daß ich unterze ichne.“ —— 89 Der Connetable nahm die Feder und unterzeich⸗ nete raſch. In dieſem Augenblick verkündigten die Trompeten die Ankunft des Prinzen von Wales. Schon hatte ſich der Gouverneur des Pergaments bemächtigt. Als der Sire von Laval den engliſchen Prinzen er⸗ blickte, lief er auf ihn zu, beugte ein Knie und ſagte: „Hoher Herr, hier iſt das für den Herrn Conne⸗ table verlangte Löſegeld; nehmt Ihr es an?“ „Nach meinem Wort, und von Herzen gern,“ ſprach der Prinz. „Hoheit, dieſes Geld gehoͤrt Euch, nehmt es,“ fuhr der Graf fort. „Einen Augenblick Geduld,“ ſagte der Gouverneur. „Eure Hoheit iſt nicht von dem, was ſo eben vorge⸗ fallen, unterrichtet: ſie wolle die Gnade haben, dieſes Pergament zu leſen.“ „Um es zu vernichten!“ rief Laval. „Um es vollziehen zu laſſen,“ ſagte der Connetable. ie Der Prinz warf einen Blick auf die Schrift und rief: „Das iſt ein ſchöner Zug, und ich möchte ihn ge⸗ macht haben.“ „Für Euch, der Ihr der Sieger ſeid, war das un⸗ nöthig,“ ſagte Dugueselin. „Eure Hoheit wird den Connetable nicht zurück⸗ halten!“ rief Laval. „Nein, gewiß nicht, wenn er weggehen will,“ ſprach der Prinz. 4 „Aber ich will bleiben, Laval, ich muß es; fragt dieſe Herren, was ſie davon denken.“ Chandos, Albret und die Anderen äußerten laut ihre Bewunderung. „Nun!“ ſagte der Prinz,„man zähle das Geld, und Ihr, meine Herren, ſetzt die bretagniſchen Gefan⸗ genen in Freiheit.“ 90 Da gingen die engliſchen Kapitäne hinaus; da er⸗ innerte ſich Laval, halb wahnſinnig vor Schmerz, der finſteren Vorherſagung des unbekannten Ritters, und lief aus dem Schloß, um ihn zu Hülfe zu rufen. Schon rief im Schloß ein Officier die Gefangenen auf, ſchon waren die Kiſten leer, ſchon hatte man das. Geld in Stößen aufgehäuft, als Laval mit dem Unbe⸗ kannten zurückkam.„ „Sagt nun dem Connetable, was Ihr ihm zu ſagen habt,“ flüſterte Laval dem Ritter in's Ohr, wãh⸗ rend der Prinz vertraulich mit Duguesclin plauderte, „und da Ihr ſo viel magiſche oder natürliche Gewalt beſitzt, ſo überredet ihn, daß er das Löſegeld für ſich nimmt, ſtatt es den Andern zu geben.“ Der Unbekannte bebte. Er machte zwei Schritte vorwärts, und ſein goldener Sporn klirrte auf den Platten. Der Prinz wandte ſich bei dieſem Geräuſch um. „Wer iſt der Ritter?“ fragte der Gouverneur. „Ein Gefährte von mir,“ ſagte Laval. „Er ſchlage ſein Viſtr auf und ſei willkommen,“ ſprach der Prinz. 1 „Hoher Herr,“ erwiederte der Unbekannte mit einer Stimme, welche Dugueselin beben machte,„ich habe ein Gelübde gethan, mein Geſicht bedeckt zu halten; erlaubt mir, es zu erfüllen.“ 4 „Es ſei, Herr Ritter; doch Ihr beabſichtigt wohl nicht, für den Connetable unbekannt zu bleiben?“ „Für ihn wie für Alle, hoher Herr.“ „In dieſem Fall,“ rief der Gouverneur,„in dieſem Fall werdet Ihr Euch aus dem Schloß entfernen, wo ich nur Leute, die ich kenne, einzulaſſen Befehl habe.“ Der Ritter verbeugte ſich, um zu bezeigen, er ſei geneigt, zu gehorchen. „Die Gefangenen ſind frei,“ ſprach Chandos in den Saal zurückkehrend. „Gott befohlen, Laval, Gott befohlen!“ rief der 8 ⁸ RN 91 Connetable mit gepreßtem Herzen, was Laval nicht ent⸗ ging, denn er ergriff die Hände von Bertrand und ſagte: „Um Gotteswillen! es iſt noch Zeit, ſteht ab.“ „Nein, bei meinem Leben, nein,“ erwiederte der Connetable. „Seid Ihr denn ſeiner Ehre ſo gram?“ ſagte der Gouverneur;„wenn er heute nicht frei iſt, kann er es in einem Monat ſein: das Geld findet ſich, Gelegenhei⸗ ten aber, ſich Ruhm zu erwerben, wie dieſe, finden ſich nicht zweimal.“ Der Prinz ſpendete dieſen Worten Beifall, ſeine Kapitäne ahmten ihn nach. Der unbekannte Ritter ging ſogleich ernſt auf den Gouverneur zu und ſprach mit majeſtätiſchem Tone: „Ihr ſelbſt, Sire Gouverneur, ſeid dem Ruhm Eures Herrn gram, indem Ihr ihn thun laßt, was er thut.“ „Was ſagt Ihr, Meſſire?“ rief der Gouverneur erbleichend,„Ihr beleidigt mich; ich ſollte der Ehre Weiner Hoheit gram ſein? Beim Tod! Ihr habt ge⸗ ogen!“ „Werft Euren Handſchuh nicht hin, ohne zu wiſ⸗ ſen, ob es meiner würdig iſt, ihn aufzuheben, Meſſtre; ich ſpreche laut und wahr: Seine Hoheit der Prinz von Wales handelt gegen ſeinen Ruhm, wenn er Du⸗ gueselin in dieſem Schloß zurückhält.“ „Du lügſt! Du lügſt!“ riefen zornige Stimmen, während Schwerter ſich in den Scheiden bewegten. Der Prinz war erbleicht wie die Andern, ſo hart und ungerecht ſchien der Angriff zu ſein. „Wer ſollte mich hier bewegen, ſeinen Willen zu thun?“ ſagte er...„Iſt es zufällig ein König, daß er ſo mit einem Königsſohn ſpricht? Der Connetable kann ſein Löſegeld bezahlen und weggehen. Bezahlt er nicht, ſo bleibt er... Warum dieſe feindſeligen Klagen?“ 92 Der Unbekannte fuhr unſtörbar fort: „Hoheit, vernehmt, was ich auf meinem ganzen Wege habe ſagen hören:„„Man iſt im Begriff, das Löſegeld für den Connetable zu bezahlen, doch die Eng⸗ länder fürchten ihn zu ſehr, um ihn ziehen zu laſſen.““ „Wahrhaftiger Gott! man ſagt das?“ murmelte der Prinz. „Ueberall, Hoheit.“ „Ihr ſeht, daß man ſich täuſcht, da es dem Con⸗ netable freiſteht, abzuziehen.... Nicht wahr, Conne⸗ table?“ „Es iſt wahr, hoher Herr,“ antwortete Bertrand, den eine unerklärliche, ſeltſame Unruhe ſeit einigen Au⸗ genblicken bewegte. „Da aber,“ ſagte der Gouverneur,„da der Conne⸗ table über die für ſeine Loskaufung beſtimmte Summe verfügt hat, ſo müßte man warten, bis eine ähnliche Summe ankäme...“ Der Prinz blieb einen Augenblick träumeriſch. „Nein,“ ſagte er endlich,„der Connetable wird vicht warten. Ich beſtimme ſein Löſegeld auf hundert ivres.“. Ein Gemurmel der Bewunderung durchlief die Ver⸗ ſammlung. Bertrand wollte ſich ſträuben, doch der unbekannte Ritter ſtellte ſich zwiſchen ihn und den Prinzen, hielt ſeine Hand zurück und ſprach: „Frankreich kann, Gott ſei Dank! für ſeinen Con⸗ netable zweimal bezahlen; Dugueselin ſoll Niemand verpflichtet ſein: hier in dieſer Rolle ſind Wechſel auf den Lombarden Agoſti in Bordeaur: ſie belaufen ſich auf achtzigtauſend Gulden, zahlbar nach Sicht; ich gehe, um die Summe zu erheben, welche binnen zwei Stun⸗ den hier ſein wird.“ „Und ich,“ rief der Prinz zornig;„ich erkläre Euch, daß der Connetable dieſes Schloß gegen Bezahlung von hundert Livres verläßt, oder daß er es gar nicht ver⸗ 9³ läßt! Wenn Meſſire Bertrand ſich dadurch, daß ich ſein Freund bin, beleidigt fühlt, ſo ſage er es! Ich erinnere mich übrigens, daß er mir eines Tags erklärte, ich ſei ein ebenſo guter Ritter als er. „Ohl hoher Herr,“ rief der Connetable, vor dem Prinzen von Wales niederknieend,„ich nehme Euer An⸗ erbieten ſo dankbar an, daß ich, um die hundert Livres zu bezahlen, von den Kapitänen entlehne.“ Chandos und die anderen Offcciere beeilten ſich, ihm ihre Börſen zu reichen, aus denen er die hundert Livres nahm, die er dem Prinzen brachte; dieſer umarmte ihn und ſprach: „Ihr ſeid frei, Meſſire Bertrand. Man öffne die Thüren! und man ſage nicht, der Prinz von Wales fürchte irgend Jemand auf dieſer Welt.“ Der beſtürzte Gouverneur ließ ſich dieſen Befehl wiederholen; der Unglückliche hatte ſo ſchlecht geſpielt, daß er ſtatt eines Gefangenen ein ganzes Heer nebſt dem Feldherrn verlor. Während der Prinz ſeine Officiere und Laval ſelbſt über den geheimnißvollen Urheber dieſes Staats⸗ ſtreichs befragte, näherte ſich der Unbekannte Dugues⸗ elin und ſagte mit leiſer Stimme zu ihm: „Eine falſche Großmuth hielt Euch in Gefangen⸗ ſchaft, eine falſche Großmuth entzieht Euch derſelben; Ihr ſeid nun frei; auf Wiederſehen in vierzehn Tagen vor Toledo.“ Und er verbeugte ſich tief vor dem Prinzen von Wales, ließ Bertrand ganz erſtaunt zurück und ver⸗ ſchwand. 4 Eine Stunde nachher durchzog der Connetable frei und freudig die Stadt im Triumph mit ſeinen Bretag⸗ nern, welche ihren Jubel bis zum Himmel erhoben. Eine einzige Perſon vielleicht ſchloß ſich dem Zug nicht an, der Dugueselin in ſeiner Huldigung folgte. Dies war einer von den Officieren des Prinzen von Wales, einer von den Anführern der großen Compag⸗ 94 nien, welche man Kapitäne nannte und die Stimme im Rathe hatten, obgleich ihre Anſicht nicht zählte. Es war dies mit einem Wort ein Bekannter von uns, mit beſtändig geſchloſſenem Viſir, der, als er mit Chandos in das Zimmer von Bertrand eintrat, die Stimme des unbekannten Ritters hörte und ſo gewaltig davon berührt war, daß er ihn nicht einen Moment mehr aus dem Blicke verlor. Kaum war der Ritter verſchwunden, als dieſer Kapitän einige von ſeinen Leuten ſammelte, ſie zu Pferde ſteigen ließ, um die Spur des Flüchtigen zu entdecken, und ſelbſt, nachdem er Erkundigungen eingezogen, auf dem Weg nach Spanien forteilte. Zweiundlechzigſtes Kapitel. Die Politik von Muſaron. Durch die unvertilgbare Angſt des Liebenden, der keine Nachricht hat, angetrieben, rückte Agenor mit raſchen Schritten in den Staaten von Don Pedro vor. Auf dem Wege ſchloßen ſich ihm in Folge eines gewiſſen Rufes, den ihm ſeine Reiſe nach Frankreich er⸗ worben, die Bretagner an, welche, nachdem die Aus⸗ löſung geſchehen, Duguesclin aufſuchen und mit ihm kämpfen wollten. Er traf auch eine große Anzahl ſpaniſcher Ritter, welche nach dem von Enrique von Transtamare be⸗ ſtimmten Sammelplatz zogen, denn dieſer ſollte nach Spanien zurückfehren b hjpie, wie man ſagte, eine 7 95 Verbindung mit dem Prinzen von Wales an, der mit Don Pedro unzufrieden war. So oft er in einer Stadt oder in einem Flecken von einiger Bedeutung Nachtlager hielt, erkundigte er ſich nach Hafiz und Gildaz, ſowie nach Maria Padilla, fragte, ob man nicht einen Eilboten, der einen Fran⸗ zoſen geſucht, oder eine junge, ſchöne Maurin, gefolgt von zwei Dienern und nach der Grenze von Frankreich reiſend, geſehen. So oft eine verneinende Antwort an ſein Ohr traf, ſtieß der junge Mann mit vermehrter Heftigkeit ſeine Sporen ſeinem Pferd in den Bauch. Dann ſprach Muſaron mit ſeinem philoſophiſchen Tone: „Herr, das iſt eine junge Frau, die Ihr lieben müßt, denn ſie koſtet uns viele Mühe.“ Durch raſches Marſchiren legte Agenor viel Raum zurück, durch häufiges Erkundigen erhielt er Auskunft. Zwanzig Meilen trennten ihn noch vom Hof von Burgos. Er wußte, daß eine ſehr ergebene, ſehr an den Krieg gewöhnte, ſehr friſche und folglich für Don Pedro ſehr gefährliche Armee nur auf ein Zeichen wartete, um ſich zu verbinden, und dem Sieger von Navarrete einen neuen, noch beißenderen, noch giftigeren Kopf einer Hydra entgegenzuſtellen. Agenor fragte ſich und fragte Muſaron, ob es nicht erſprießlicher wäre, ehe man irgend eine politiſche Un⸗ terhandlung fortſetzte, Liebesunterhandlungen mit Maria Padilla anzuknüpfen. Muſaron geſtand, die Diplomatie ſei gut, doch wenn man Don Pedro, Maria, Mothril und Spanien nehme, würde man auch Burgos nehmen, in welchem Burgos man unfehlbar Dona Aiſſa nehmen müßte, wenn ſie noch dort wäre. Dies tröſtete Age nor ungemein, und er legte noch einige Meilen zurück. 4 96 So verengte ſich allmälig der Kreis, der Don Pe⸗ dro erſticken ſollte, den das Glück blendete, den die In⸗ triguen ſeiner Günſtlinge mit Nichtswürdigkeiten be⸗ ſchäftigten, während es ſich um ſeine Krone handelte. Muſaron, der Eigenſinnigſte der Menſchen, beſonders ſeitdem er reich war, duldete nicht, daß ſich ſein Herr nur ein einziges Mal gen Burgos wagte, um ſich dort einzuſchließen und mit Dona Maria zu beſprechen. Er benützte im Gegentheil die Niedergeſchlagenheit und Gleichgültigkeit des Verliebten, um ihn unter den Bre⸗ tagnern und den Parteigängern von Transtamare zu⸗ rückzuhalten, ſo daß der junge Ritter ſich bald zum An⸗ führer einer beträchtlichen Partei ſowohl durch den Glanz ſeiner Sendung nach Frankreich, als durch die Beharr⸗ lichkeit, mit der er das Element des Krieges nährte, emporſchwang.. Er empfing die Ankömmlinge, hielt offene Tafel, und ſtand im Briefwechſel mit dem Connetable und ſeinem Bruder Olivier, der ſich anſchickte, mit fünftauſend Bre⸗ tagnern die Grenze zu überſchreiten, um ſeinem Bruder beizuſtehen und ihm die erſte Schlacht gewinnen zu helfen. Muſaron wurde Taktiker: er brachte ganze Tage damit hin, daß er Schlachtpläne zeichnete und die Zahl der Thaler berechnete, welche Caverley ſeit ſeinem letzten Treffen aufgehäuft haben könnte, damit ihm die Befriedigung zu Theil würde, ſich nicht zu täuſchen, wenn man zum erſten Mal ihn ſchlüge. Unter dieſen Kriegsrüſtungen traf eine wichtige Nachricht bei Agenor ein: trotz der Wachſamkeit von Muſaron, meldete ein gewandter Emiſſär Agenor die Abreiſe von Don Pedro nach einem Luſtſchloß und das mit der Reiſe des Königs zuſammentreffende Verſchwin⸗ den von Aiſſa und Maria. Derſelbe Eilbote wußte, daß Gildaz auf dem Wege umgekommen, und daß Hafiz allein wieder bei Dona Marig erſchienen war. 97 Um ſo viele Dinge und ſo gute Dinge zu erfahren, brauchte Agenor nur dreißig Thaler einem Bauern aus der Gegend zu geben, der ſich mit der Amme von Maria, der Mutter des armen Gildaz, beſprach. Als Agenor wußte, woran er ſich zu halten hatte, warf er ſich, trotz Muſaron, trotz ſeiner Waffengefährten, auf das beſte von ſeinen Pferden und ſchlug den Weg nach dem Schloſſe ein, das Don Pedro zum Aufenthalt gewählt hatte. Muſaron ſluchte und tobte, doch er brach ebenfalls nach dieſem Schloſſe auf. Dreiundſechzigſtes KAapitel. Wie das Verbrechen von Mothril einen glücklichen Erfolg hatte. Im Schloſſe von Don Pedro verbreitete ſich die Trauer furchtbarer und geräuſchvoller, als der Tag das Gemach von Dona Maria beleuchtet hatte. Don Pedro hatte nicht ſchlafen können, und ſeine Diener behaupteten, ſie haben ihn weinen hören. Mothril hatte die Nacht auf eine für ſeine In⸗ tereſſen vortheilhaftere Weiſe hingebracht. Er hatte ſie dazu verwendet, daß er jede, ſelbſt die kleinſte Spur ſeines Verbrechens tilgte. Als er mit Aiſſa allein war, behandelte er ſie mit einem Aufwand der zarteſten Fürſorge und mit der Ge⸗ ſchicklichkeit des erfahrenſten Arztes, und ſchon am An⸗ Der Baſtard von Mauleon. II. 7 98 fang ſeiner Unterredung mit ihr formte er wie weiches Wachs den noch ſchwebenden Geiſt des Mädchens. Da Aiſſa, als ſie den Leichnam von Dona Maria erblickte, laut aufſchrie, ſo ſtellte ſich Mothril, als er⸗ faßte ihn ein unwillkührlicher Schauer, und er warf raſch einen Mantel auf die lebloſen Ueberreſte der Ge⸗ liebten des Königs. Dann, als ihn Aiſſa erſchrocken anſchaute, ſagte Mothril: „Armes Kind, danke Gott, der Dich gerettet hat!“ „Mich gerettet?“ fragte das Mädchen. „Von einem gräßlichen Tod, ja, liebes Kind.“ „Wer hat mich denn geſchlagen?...“ 3„Diejenige, welche noch Deinen Dolch in der Hand hält.“ „Dona Maria! ſie, die ſo gut, ſo edelmüthig war! unmöglich.“ 4 Mothril lächelte mit jenem verächtlichen Mitleid, das immer Eindruck auf die Geiſter macht, welche von irgend einem großen Intereſſe erfüllt ſind. „Die Geliebte des Königs edelmüthig und gut gegen Aiſſa, die der König anbetet!... Du glaubſt das nicht, meine Tochter?“ 3 „Aber ſie wollte mich entfernen?“ verſetzte Aiſſa. „Nicht wahr, um Dich mit jenem franzöſiſchen Ritter zu vereinigen?“ fragte Mothril mit ſeinem ruhi⸗ gen, wohlwollenden Ton. Aiſſa erhob ſich ganz bleich, als ſie ſo das Ge⸗ heimniß ihrer Liebe in den Händen eines Mannes ſah, der am meiſten bei Bekämpfung derſelben intereſſirt war. „Sei unbeſorgt,“ fuhr der Maure fort,„was Maria wegen der Eiferſucht und der Liebe des Königs nicht thun konnte, werde ich thun. Aiſſa, Du liebſt, ſagſt Du; wohl! ich verſpreche Dir, Dich hierin zu unterſtützen; wenn nur die Tochter meiner Königin lebt und glücklich lebt, ſo wünſche ich nichts mehr auf rden. 99 Wie verſteinert, daß ſie Mothril ſo ſprechen hörte, ſchaute dieſen Aiſſa unabläßig mit Augen an, die noch vom Todesſchlaf müde waren. „Er hintergeht mich,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt. Dann an den Leichnam von Dona Maria denkend, wiederholte ſie ganz verwirrt:⸗ „Dona Maria iſt todt!“ „Höre die Urſache, meine liebe Tochter; der König liebt Dich leidenſchaftlich, und er hat es geſtern Dona Maria erklärt... Dieſe iſt trunken vor Wuth und Eifer⸗ ſucht in ihre Wohnung zurückgekehrt. Don Pedro beab⸗ ſichtigte, ſich mit Dir durch die Bande der Heirath zu vereinigen, was immer das ehrgeizige Streben von Dona Maria geweſen war... Da verzichtete ſie auf das Leben und leerte ihren Ring in die ſilberne Schale, und um Dich nicht triumphirend und als Königin zu⸗ rückzulaſſen, um ſich zugleich an Don Pedro und an mir zu rächen, die wir Dich Beide, obwohl unter ver⸗ ſchiedenen Titeln, ſo ſehr lieben, nahm ſie Deinen Dolch und ſtieß ihn Dir in den Leib.“ „Das muß während meines Schlafes geſchehen ſein, denn ich kann mich durchaus nicht erinnern; eine Wolke bedeckte mein Geſicht, ich hörte etwas wie dumpfe Schläge und ein unterdrücktes Roͤcheln... Ich glaube, ich ſtand auf, fühlte Hände auf den meinigen, und als⸗ bald die zerfleiſchende Kälte des Stahls.“ „Das war die letzte Anſtrengung Deiner Feindin, welche neben Dir niederfiel: nur war das Gift ſtärker für ſie, als der Dolch für Dich. Ich fand in Dir einen Lebensfunken, ich fachte ihn an, und hatte das Glück, Dich zu retten.“ „Oh! Maria, Maria,“ murmelte das Mädchen, „Du warſt doch ſo gut!“ „Du ſagſt dus9 weil ſie Deine Liebe für Agenor von Mauleon begünſtigt hat, meine Tochter,“ erwiederte Mothril ganz leiſe und mit einem Wohlwollen, das zu abſichta war, um nicht eine dumpfe Wuth zu verber⸗ 100 gen; Du ſagſt das, weil ſie ihn in Deine Wohnung in Soria gelangen ließ...“ „Ihr wißt es?..“ „Ich weiß Alles... Der König weiß es auch. Ma⸗ ria hat Dich bei Don Pedro entehrt, ehe ſie Dich zu ermorden ſuchte. Doch ſie befürchtete, die Verleumdung könnte an der Seele des Königs abgleiten, und er könnte Dir verzeihen, daß Du einem Andern gehört ha⸗ beſt; man iſt nachſichtig, wenn man liebt!... ſie wandte auch den Stahl an, um Dich von der Welt der Leben⸗ digen zu trennen.“ „Der König weiß, daß Agenor?...“ „Der König iſt wahnſinnig vor Zorn und Liebe... Der König, der ſchon Haſiz beſtochen hatte, um Dich in's Schloß zu locken, während ich durchaus nichts wußte, der König, ſage ich, wartet nur auf Deine Wiedergeneſung, um Dich abermals an ſich zu locken... Das iſt entſchuldbar, er liebt Dich.“ „Ich werde diesmal ſterben,“ ſprach Aiſſa,„denn meine Hand wird nicht zittern, wird nicht an meinem Buſen abgleiten, wie es die von Maria Padilla ge⸗ than hat.“ „Du ſterben! Du, mein Idol! Du, mein ange⸗ betetes Kind!“ rief der Maure, niederknieend.„Nein, Du wirſt leben, ſage ich Dir, Du wirſt glücklich und meinen Namen auf ewig ſegnend leben!“ „Ohne Agenor werde ich nicht leben.“ „Er hat eine andere Religion als Du, meine Tochter.“ „Ich werde ſeine Religion annehmen.“ „Er haßt mich.“ „Er wird Euch verzeihen, wenn er Euch nicht mehr zwiſchen ihm und mir ſteht. Was iſt übrigens mir daran gelegen?... Ich liebe und kenne auf der ganzen Welt nur den Gegenſtand meiner Liebe.“ „Nicht einmal denjenigen, welcher Dich für Deinen Geliebten gerettet hat?“ ſagte Mothril demüthig mit 10¹ einem geheuchelten Schmerz, der das Herz des Mäd⸗ chens tief rührte.„Du opferſt mich auf, während ich mich der Gefahr, für Dich zu ſterben, preisgebe!“ „Wie ſo 2“ „Gewiß, Aiſſa, Du willſt mit Don Agenor leben, ich werde Dich dabei unterſtützen.“ „Ihr!“ „Ich, Mothril; ja, Aiſſa.“ „Ihr hintergeht mich.“ „Warum?“ „Beweiſt mir Eure Aufrichtigkeit.“ „Das iſt leicht... Du fürchteſt den König; wohl! ich werde es verhindern, daß Du den König ſiehſt. Stellt Dich das zufrieden?“ „Nicht ganz.“ „Ich begreife.. Du wünſcheſt den Franzoſen wieder⸗ zuſehen.“ „Vor Allem.“. „Warten wir, bis Du im Stande biſt, die Reiſe zu ertragen, und ich führe Dich zu ihm und übergebe ihm mein Leben.“ „Maria wollte mich auch zu ihm führen.“ „Allerdings, ſie hatte ein Intereſſe, ſich Deiner zu entledigen, und ſie hätte ſich gern einen Mord erſpart... Es iſt an dem Tag, wo man vor dem Gericht Gottes erſcheint, der Mord eine ſchwere Laſt.“ Als Mothril dieſe furchtbaren Worte ſprach, ließ er auf einen Augenblick auf ſeinem bleichen Geſicht jenes Leiden der Verdammten ſehen, welche keine Raſt und keine Hoffnung bei ihren Qualen mehr haben. „Nun! was werdet Ihr thun?“ fragte Aiſſa. „Ich werde Dich verbergen, bis Du geheilt biſt, dann vereinige ich Dich, wie ich Dir geſagt habe, mit dem edlen Herrn von Mauleon.“ „Das iſt Alles, was ich verlange, und wenn Ihr dies thut, werdet Ihr in der That ein goͤttliches Weſen für mich. Aberl! der König...“ ½ un 102 „Ohl er wurde ſich mit allen ſeinen Kräften wider⸗ ſetzen, wenn er unſer Vorhaben erführe... Mein Tod wäre das beſte Mittel... ſobald ich geſtorben, würdeſt Du ihm gehören, Aiſſa.“ „Oder ich wäre genöthigt zu ſterben.“ „Willſt Du lieber ſterben, als für den Franzoſen leben?“ 4 „Nein.. oh nein! ſprecht! ſprecht!“ „Liebes Kind, ſollte Dich zufällig Don Pedro ſehen, mit Dir ſprechen, Dich über Mauleon von Agenor be⸗ fragen, ſo mußt Du kühn behaupten, Maria habe ge⸗ logen, als ſie verſichert, Du liebeſt dieſen Franzoſen, und beſonders, daß Du ihm den Beſitz Deiner Liebe ge⸗ geben... Auf dieſe Art wird der König dem Franzoſen nicht mehr mißtrauen, er wird unſer Benehmen nicht mehr überwachen, er wird uns frei und glücklich ma⸗ chen... Du mußt auch, mein Kind, das iſt die Haupt⸗ ſache, Deine Erinnerungen zurückrufen und ſagen, Du findeſt darin, Dona Maria habe mit Dir geſprochen, ehe ſte Dich geſchlagen, ſie habe Dich überreden wollen, dem Koͤnig Deine Schande zu geſtehen... Du habeſt Dich deſſen geweigert, und dann erſt ſeiſt u vom Dolch getroffen worden.“ 8 „Ich erinnere mich nicht!“ rief Aiſſa von Furcht erfüllt, wie es jeder redliche, einfache Geiſt bei der Auseinanderſetzung dieſer hölliſchen Theorie von Mo⸗ thril geweſen wäre;„ich will mich nicht erinnern. Ich will auch nicht meine Liebe für Mauleon verleugnen. Dieſe Liebe iſt mein Licht und meine Religion! ſein Name iſt der Stern, der mich im Leben leitet l... Stolz, ihm anzugehören, bin ich ſo weit entfernt, ihn zu verheimlichen, daß ich ihn gern vor allen Königen der Erde laut ausrufen möͤchte; zählt nicht auf mich für dieſe Lüge. Spricht Don Pedro mit mir, ſo werde ich antworten.“ 4 Mothril erbleichte. Dieſes letzte, dieſes ſchwache Hinderniß vernichtete das Reſultat eines Mordes; das 103 einfache Widerſtreben eines Kindes band an Händen und Füßen den ſtarken Mann, der eine Welt in ſeinem Gange fortgeriſſen hätte. Der Maure begriff, daß er nicht auf ſeinem Willen beſtehen durfte. Er hatte die Arbeit von Siſyphus ge⸗ than... er hatte den Felſen bis. zum Gipfel des Ber⸗ ges gewälzt; aber der Felſen ſtürzte abermals herab. Mothril hatte weder Zeit, noch Kräfte, um wieder anzufangen. „Meine Tochter,“ ſagte er,„Du wirſt handeln, wie es Dir beliebt. Dein Intereſſe, von Dir gedeutet nach Deinem Herzen, nach Deiner Laune, iſt mein ein⸗ ziges Geſetz. Du willſt das... ich will es... Antworte alſo dem König nur, was Du willſt... Ich weiß wohl, daß Dein Geſtändniß meinen Kopf fallen machen wird, denn ich mußte immer Deine Unſchuld, Deine Reinheit behaupten, ich habe nie eingewilligt, einen Verdacht über Dir ſchweben zu laſſen; mein Kopf bezahle Deinen Fehler, das heißt Dein Glück... Allah will es... ſein Wille geſchehe!“ „Ich kann nicht lügen,“ ſprach Aiſſa.„Warum geſtattet Ihr aber, daß der König mich ſpricht? Ent⸗ fernt ihn... Das iſt leicht; könnt Ihr mich nicht an einen einſamen Ort bringen, mich mit einem Worte verbergen?... Sind meine Geſundheit, meine Wunde nicht genügende Vorwände? Hiebei unterſtütze ich Euch genug durch meine Lage. Lügen, ohl nie! Agenor ver⸗ leugnen, nie!“ Mothril ſuchte vergebens die Freude zu verbergen, welche die Worte von Aiſſa in ſeine Seele brachten... Mit Aiſſa abreiſen, ſie auf einige Zeit den Fragen von Don Pedro entziehen, ſo den Zorn, den Haß, das Be⸗ klagen... die Erinnerung an Maria ſchwächen.. einen Monat gewinnen, hieß Alles gewinnen... Dieſe Aus⸗ ſicht auf Rettung bot ihm Aiſſa ſelbſt... Mothril griff glühend darnach. „Du willſt es, meine Tochter, und wir werden 104 reiſen,“ ſagte er.„Haſt Du einen Widerwillen gegen das Schloß Montiel, zu deſſen Gouverneur mich der König ernannt hat?“ „Mir iſt nur die Gegenwart von Don Pedro zu⸗ wider, und ich gehe, wohin Ihr wollt.“ Mothril küßte Aiſſa die Hand und das Kleid, und trug ſie ſachte bis in das anſtoßende Zimmer.... Er ließ den Leichnam von Maria wegnehmen rief zwei Frauen ſeiner Nation, auf deren Treue er ſich verlaſſen konnte, als Wärterinnen zu dem verwundeten Mädchen und befahl ihnen bei ihrem Leben, nicht mit Aiſſa zu ſprechen und es nicht zu dulden, daß irgend Jemand das Wort an ſie richte. Als alle Dinge ſo geordnet waren, begab er ſich zum König, nachdem er zuvor ſeinem Geiſt und ſeinem Halehn eine Haltung den Umſtänden gemäß gegeben atte. Don Pedro hatte verſchiedene Briefe aus der Stadt erhalten. Man meldete ihm, Abgeſandte von Bre⸗ tagne und England ſeien in der Gegend erſchienen... Kriegsgerüchte ſeien im Umlauf, der Prinz von Wales ſchließe um die neue Hauptſtadt ſeinen ehernen Cordon, um durch den Druck eines unbeſtegbaren Heeres ſeinen Schützling von Navarrete zu zwingen, die Kriegskoſten zu bezahlen. Dieſe Nachrichten betrübten Don Pedro, ſchlugen ihn aber nicht nieder. Er ſchickte einen Diener ab, um Mothril zu holen, welcher in das königliche, Zimmer in dem Augenblick eintrat, wo ſich der Wunſch des Königs kundgab. „Aiſſa?“ fragte Don Pedro voll Bangigkeit. „Hoheit, ihre Wunde iſt gefährlich, tief; wir werden dieſes Opfer nicht retten.“ „Abermals ein Unglück!....“ rief Don Pedro. „Ohl das wäre zu viel auf einmal... Dona Maria verlieren, die mich ſo ſehr liebte, Aiſſa verlieren, die ich bis zum Wahnſinn liebe, einen erbitterten, un⸗ —— —— 10⁵ verſöhnlichen Krieg wiederbeginnen, das iſt zu viel, Mothril, zu viel für das Herz eines einzigen Menſchen.“ Nach dieſen Worten zeigte Pedro dem Miniſter die Meldungen, die er vom Gouverneur von Burgos und von den benachbarten Städten erhalten hatte. „Mein König,“ ſprach Mathril,„Ihr müßt für einen Augenblick die Liebe vergeſſen und Euch für den Krieg vorbereiten.“ „Der Schatz iſt leer.“ „Eine Steuer wird ihn füllen... unterzeichnet den Befehl, die Steuer zu erheben, die ich Euch vor⸗ geſchlagen habe.“ 5 „Ich werde es wohl thun müſſen.. Kann ich Aiſſa ſehen?..“ „Aiſſa hängt wie eine Blume über dem Abhang. Ein Hauch kann ſie in den Tod werfen.“ „Hat ſie geſprochen?“ „Ja, hoher Herr.“ „Was hat ſie geſagt?“ „Einige Worte, weilche Alles erklären. Es ſcheint, Dona Maria wollte ſie zwingen, ſich durch ein Ge⸗ ſtändniß zu entehren, um ſie in Eurer Achtung zu ver⸗ derben. Das muthige Kind weigerte ſich, und Dona Maria hat Aiſſa niedergeſtoßen.“ „Aiſſa hat dies geſagt?“ „Sie wird es wiederholen, ſobald ihre Kräfte wieder⸗ hergeſtellt ſind. Doch ich befürchte, man wird ihre Stimme nie mehr auf der Welt hören.“ „Mein Gott!“ rief der König. „Ein einziges Mittel kann ſie retten.... Eine Ueberlieferung meines Landes verheißt das Leben dem Verwundeten, der in der Nacht, bei den Dünſten des Neumonds, mit ſeiner Wunde ein gewiſſes Zauberkraut berührt.“ „Dieſes Kraut muß man ſich verſchaffen,“ ſprach der, Kuͤnig mit der Wuth des Aberglaubens und der iebe. 106 „Es findet ſich nicht in dieſem Land, mein König .. ich habe es nur in Montiel geſehen.“ „In Montiel... Schicke nach Montiel, Mothril.“ „Ich ſagte Ench, hoher Herr, die Wunde müßte dieſes Kraut noch auf ſeinem Stängel berühren.... Oh!l das iſt ein unfehlbares Mittel! Ich würde Aiſſa wohl nach Montiel bringen, aber wird ſie auch die Reiſe aushalten können?“ 4 Don Pedro antwortete: „Man wird ſie ſo ſanft tragen, als ſich der Vogel ſelbſt trägt, wenn er auf dem Schwunge ſeiner Flügel durch die Luft gleitet... Sie reiſe, Mothril, ſie reiſe! aber Du bleibe bei mir.“ „Nur ich, hoher Herr, kann die Zauberformel wäͤh⸗ rend der Operation ſprechen.“ „Ich ſoll alſo allein bleiben?“ „Nein, Hoheit, denn iſt Aiſſa geheilt, ſo kommt Ihr nach Montiel und verlaßt ſie nicht mehr.“ „Ja, Mothril, ja, Du haſt Recht... ich werde ſie nicht mehr verlaſſen, und ſo werde ich glücklich ſein. .. Doch was macht man mit dem Leichnam von Dona Maria? Ich hoffe, es werden ihm die größten Ehren erwieſen werden?“ „Hoheit, ich habe ſagen hören, bei Eurer Religion werde dem Leichnam des Selbſtmörders das Begräbniß verweigert; die Kirche darf alſo nichts von dem Selbſt⸗ mord von Dona Maria erfahren.“ „Niemand darf etwas davon erfahren, Mothril.“ „Aber Eure Diener?“ „Ich werde vor dem verſammelten Hofe ſagen, Dona Maria ſei am Fieber geſtorben, und wenn ich ſo geſprochen habe, wird Niemand die Stimme erheben.“ „Blinder! Blinder! Narr!“ dachte Mothril. „Du wirſt alſo mit Aiſſa abreiſen, Mothril?“ fragte Don Pedro..* „Noch heute.“ „Ich werde für das Leichenbegängniß von Dona — 107 „1 Maria Sorge tragen, das Edict unterzeichnen, einen Aufruf an mein Heer, an meinen Adel ergehen laſſen ... den Sturm beſchwören.“ „Und ich werde mich in Sicherheit bringen!“ dachte Mothril. Sechsundſechzigſtes Kapitel. Wie Agenor erfuhr, daß er zu ſpät gekommen war. Agenor ließ die Soldaten, die Officiere, die Lieb⸗ haber des Kriegs ſich in Entwürfen, Plänen, Strate⸗ gien verlieren, und verfolgte ſein Ziel, welches darin beſtand, daß er Aiſſa, ſein theuerſtes Gut, wieder auf⸗ finden wollte.. Die Liebe fing an bei ihm die Oberhand über den Ehrgeiz, ſogar über die Pflicht zu gewinnen; denn un⸗ geduldig, nach Spanien zu gelangen, um Nachricht von Aiſſa zu erhalten, hatte es der junge Mann, wie wir geſehen, zugegeben, daß die Abgeſandten des Königs von Frankreich und der Graf von Laval nach Bor⸗ deauxr gingen, um das Loͤſegeld zu bezahlen, das der Connelable ſelbſt in einem Augenblick heldenmäßigen Stolzes beſtimmt hatte. Da dieſes Blatt in unſerer Geſchichte fehlen würde, inſofern es in der von Agenor fehlt, wenn wir es nicht durch die Geſchichte ſelbſt erſetzten, ſo ſind wir genöthigt, mit zwei Worten zu ſagen, daß die Guienne vor Schmerz an dem Tag zitterte, wo der Prinz von Wales, groß⸗ müthig wie immer, ſeinen mit dem Golde von ganz pantreich losgekauften Gefangenen aus Bordeaux ent⸗ ieß. 108 Wir fügen bei, daß Bertrand vor Allem darauf bedacht war, nach Paris zu eilen, um dem König zu danken. Das Uebrige wird man erfahren, wenn man es nicht ſchon weiß. Wir ſind fortan, was den Conne⸗ table betrifft, freimüthige und unparteiiſche Geſchicht⸗ ſchreiber. Agenor und ſein getreuer Muſaron ritten in großen Tagemärſchen nach dem Schloſſe, wo Don Pedro Aiſſa zu beſitzen gehofft hatte. Agenor ahnete, daß keine Zeit zu verlieren war. Er kannte Don Pedro und Mothril zu genau, um ſich an Hoffnungen zu ergötzen. „Wer weiß,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wer weiß, ob nicht Maria Padilla ſelbſt aus Schwäche, aus Furcht einen Vergleich mit ihrer Würde getroffen hat, ob ſie nicht dachte, ein Bündniß mit dem Mauren Mothril ſei der Möglichkeit eines Bruches mit Don Pedro vorzu⸗ ziehen, und ob die Favoritin nicht, die Rolle einer rach⸗ ſüchtigen Gattin ſpielend, die Augen für eine Laune ihres königlichen Liebhabers ſchließt?“ Dieſe Gedanken machten das ſtürmiſche Blut von Agenor kochen. Er urtheilte nur noch wie ein Ver⸗ liebter, das heißt, er urtheilte ganz unvernünftig mit allem Anſchein eines geſunden Verſtandes. Er gab unter Weges gewaltige Lanzenhiebe, welche theilweiſe auf das Maulthier von Muſaron, theilweiſe auf den Rückgrath des guten Knappen ſielen; doch das Reſultat war daſſelbe: durch den Schlag erſchüttert, erſchütterte Muſaron ſein Maulthier. Man machte den Weg unter Reden, aus denen wir das Weſentliche ausziehen wollen, um den Leſer zu er⸗ götzen und zu belehren. „Siehſt Du, Muſaron,“ ſagte Agenor,„wenn ich nur eine Stunde mit Dona Maria geſprochen werde ich die ganze Gegenwart kennen und wiſſen, woran ich mich in Beziehung auf die Zukunft zu halten habe.“ 109 „Aber, gnädiger Herr, Ihr werdet gar nichts er⸗ fahren und am Ende in die Hände dieſes mauriſchen Fehnſtes fallen, der Euch belauert, wie die Spinne ihre iege.“ „Du wiederholſt immer daſſelbe, Muſaron; hat ein Saracene den Werth eines Chriſten?“ „Ein Saracene, wenn er die Dinge im Kopf hat, iſt drei Chriſten werth. Das iſt gerade als ob Ihr ſagen würdet:„„Hat eine Frau den Werth eines Mannes?““ Und man ſieht doch alle Tage Männer, welche von Frauen unterjocht und geſchlagen werden. Wißt Ihr warum, gnädiger Herr? Weil die Frauen immer an das denken, was ſie thun wollen, während die Männer beinahe nie das thun, woran ſie denken ſollten.“ „Was ſchließſt Du hieraus?“ „Daß Dona Maria durch irgend eine Intrigue des Saracenen verhindert worden iſt, Euch Aiſſa zu ſchicken.“ „Hernach? „Hernach... daß Mothril, der es zu verhindern wußte, daß man Euch Eure Geliebte ſchickte, Euch an Leib und Seele gut bewaffnet erwartet, daß er Euch im Garne fangen wird, wie man es mit den Lerchen im grünen Felde macht, daß er Euch tödtet, und daß Ihr Aiſſa nicht bekommen werdet.“ Agenor antwortete nur durch einen Schrei der Wuth und gab ſeinem Pferd die Sporen. Er kam ſo vor das Schloß, deſſen Anblick ihn ſchmerzlich berührte. Die Oertlichkeiten ſind beredt, ſie ſprechen eine für auserkohrene Seelen verſtändliche Sprache. Agenor betrachtete bei den erſten Strahlen des Mondes das Gebäude, das ſeine ganze Liebe, ſein ganzes Leben enthielt. Während er es betrachtete, ging in ſeinem geheimnißvollen, undurchdringlichen Innern, der gräßliche Mord, der Triumph von Mothril in Er⸗ füllung. 7 110 Müde, ſo viel geritten zu ſein, ſo wenig erfahren zu haben, ſicher, ſich fortan dem, was er ſuchte, gegen⸗ über zu befinden, erreichte Agenor, nachdem er lange Stunden die Mauern angeſchaut hatte, gefolgt von Muſaron, ein jenſeits des Gebirges liegendes Doͤrfchen. Hier wohnten, wie wir wiſſen, einige Ziegenhirten: Agenor erſuchte ſie um eine Lagerſtätte, die er groß⸗ müthig bezahlte. Es gelang ihm, ſich ein Pergament und Tinte zu verſchaffen, und er ließ durch Muſaron einen Brief an Dona Maria ſchreiben, einen Brief voll liebevollen Beklagens, voll von Dankbarkeit, aber auch voll von Unruhe und Mißtrauen, ausgedrückt mit allem Zartgefühl eines franzöſiſchen Geiſtes. Um des günſtigen Erfolges ſeiner Botſchaft ſicherer zu ſein, hätte Agenor gern Muſaron damit beauftragt; doch dieſer bemerkte ihm, da ihn Mothril kenne, ſo laufe er viel mehr Gefahr, als ein einfacher Abgeſandter, den man aus den Hirten des Gebirges wähle. Agenor fügte ſich in dieſen Grund und ſchickte einen Hirten zu Be⸗ ſtellung des Briefes ab. Er ſelbſt legte ſich auf Lämmerfelle neben Muſaron nieder und wartete. Doch der Schlaf der Verliebten iſt wie der der Narren, der Ehrgeizigen und der Diebe, er unterbricht ſich leicht. Zwei Stunden, nachdem er ſich niedergelegt, war Agenor wieder auf den Beinen und ſpähte von dem Abhang des Hügels, von wo aus man ganz klar, ob⸗ gleich von einer großen Entfernung, das Thor des Schloſſes ſah, auf die Rückkehr ſeines Boten. Man vernehme, was der Brief enthielt. „Edle, ſo großmüthige, den Intereſſen zweier Lie⸗ bender ſo ergebene Dame, ich bin nach Spanien zurück⸗ gekehrt, wie der Hund, der ſeine Kette ſchleppt. Von Fuch, von Aiſſa keine Nachricht mehr; ich bitte, un⸗ terrichtet mich. Ich bin im Dorfe Quebra, wohin mir ir 111 Eure Antwort den Tod oder das Leben bringt. Was iſt geſchehen? Was darf ich hoffen, oder was muß ich befürchten?“ Der Hirte kam nicht zurück. Plötzlich öffneten ſich die Thore des Schloſſes, Agenor fühlte ſein Herz pochen; aber es war nicht der Ziegenhirte, was herauskam. Eine lange Reihe von Soldaten, von Frauen und Höflingen erſchien, ohne daß man wußte, woher dieſe kamen, denn der König hatte ſich nur mit kleiner Be⸗ gleitung nach dieſer Reſidenz begeben, mit einem Wort, ein langer Zug folgte einer Sänfte, die einen Todten trug. Dies ließ ſich an den Trauertüchern erkennen, welche die Sänfte umſchloßen. Agenor ſagte ſich, es ſei dies ein unheilvolles Vor⸗ zeichen. Kaum hatte er dieſen Gedanken vollendet, als ſich die Thore wieder ſchloßen. „Das ſind ſeltſame Zögerungen,“ ſagte er zu Mu⸗ ſaron, der als Zeichen der Unzufriedenheit den Kopf ſchüttelte.„Gehe und erkundige Dich.“ Und er ſetzte ſich auf den Abhang des Hügels, unter ſtaubbedecktes Heidekraut. Es war keine Viertelſtunde verlaufen, als Muſa⸗ ron zurückkehrte und einen Soldaten mit ſich brachte, der ſich, wie es ſchien, viel bitten ließ, um zu kommen. „Ich ſage Dir,“ rief Muſaron,„mein Herr wird bezahlen, und freigebig bezahlen.“ „Was wird er bezahlen?“ fragte Agenor. „Die Neuigkeit...“ „Welche Neuigkeit?“ „Gnädiger Herr, dieſer Soldat gehört zu dem Ge⸗ leite, das den Leichnam nach Burgos führt.“ „Um Gotteswillen, welchen Leichnam?“ „Ah! Eure Gnaden, ahl mein lieber Herr, einem Andern als mir hättet Ihr nicht geglaubt, doch ihm 112 werdet Ihr vielleicht glauben: der Leichnam, den man nach Burgos führt, iſt der von Dona Maria Padilla.“ Agenor ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus. „Es iſt wahr,“ ſagte der Soldat,„und ich habe Eile, wieder in meine Reihe im Geleite einzutreten.“ „Wehe! wehe!“ rief Mauleon;„aber Mothril iſt im Schloß?“ „Ahl gnädiger Herr, Mothril iſt nach Montiel abgereiſt.“ 3 „Abgereiſt! erl mit ſeiner Sänfte?“ „Welche das ſterbende Mädchen enthält, ja, gnä⸗ diger Herr.“ „Das Mädchen, Aiſſa! ſterbend! Ah! Muſaron, ich bin todt,“ ſeufzte der unglückliche Ritter, indem er auf den Boden niederfiel, als ob er wirklich todt wäre, was den guten Knappen, der wenig an Ohnmachten von Seiten ſeines Herrn gewöhnt war, ungemein er⸗ ſchreckte. „Herr Ritter,“ ſagte der Soldat,„das iſt Alles, was ich weiß, und ich weiß das nur zufällig. Ich habe heute Nacht das von einem Dolchſtoß getroffene Mädchen und die vergiftete Senora Maria aufgehoben.“ „Oh! verfluchte Nacht, oh! Unglück, Unglück!“ wiederholte der junge Mann halb wahnſinnig.„Hier, mein Freund, empfangt dieſe zehn Gulden, als ob Ihr mir nicht das Unglück meines Lebens verkündigt hättet.“ „Ich danke, Herr Ritter, und Gott befohlen,“ ſagte der Soldat und entfernte ſich behenden Schrittes durch das Heidekraut. Muſaron hielt ſeine Hand über die Augen, be⸗ fragte den Horizont und rief: „Seht, dort, ſehr fern, mein lieber Herr, ſeht jene Leute, welche mit einer Sänfte durch die Ebene ziehen! Seht Ihr zu Pferde mit ſeinem weißen Mantel den Saracenen, unſern Feind?“ „Muſaron! Muſaron!“ ſprach der Ritter, von der Wuth des Schmerzes wiederbelebt,„ſteigen wir zu 113 Pferde, zerſchmettern wir den Elenden, und wenn Aiſſa ſterben ſoll, ſo will ich wenigſtens ihren letzten Seufzer empfangen.“ Muſaron erlaubte ſich, die Hand auf die Schulter ſeines Herrn zu legen, und ſprach: „Man urtheilt nie richtig über ein zu neues Er⸗ eigniß. Wir ſind zu zwei, ſie ſind zu zwoͤlf; wir ſind müde und ſie ſind friſch. Ueberdies gehen ſie nach Montiel, wir wiſſen das, und werden ſte in Montiel einholen. Seht, lieber Herr, vor Allem muß man die Geſchichte, die uns der Soldat nicht zu erzählen im Stande war, gründlich kennen; man muß wiſſen, war⸗ um Dona Maria durch Gift geſtorben, und warum Dona Aiſſa durch einen Dolchſtoß verwundet worden iſt.“ „Du haſt Recht, mein getreuer Freund,“ ſagte Agenor,„mache aus mir, was Du willſt.“ „Ich werde einen ſiegreichen und glücklichen Mann aus Euch machen, gnädiger Herr.“ Agenor ſchüttelte den Kopf voll Verzweiflung. Muſaron wußte, daß es kein anderes Mittel für dieſe Krankheit gab, als eine große körperliche und geiſtige Aufregung. Er führte ſeinen Herrn in das Lager zu⸗ rück, wo ſchon die Transtamare getreuen Bretagner und Spanier ſich minder verbargen und lauter ihre Pläne zugeſtanden, ſeitdem ſie unbeſtimmt Nachricht von der Befreiung von Duguesclin erhalten hatten, und be⸗ ſonders ſeitdem ſie von Tag zu Tag ihre Kräfte zu⸗ nehmen ſahen. Der Baſtard von Mauleon. l. 8 114 Finfundſechzigſtes Kapitel. Die Pilger. Einige Stunden von Toledo, auf einem ſandigen und von einem Walde verkrüppelter Fichten begränzten Wege ritten Agenor und ſein getreuer Knappe Muſa⸗ ron traurig in der Abenddämmerung; ſie ſuchten eine Venta, wo ſie ihre müden Glieder niederlegen und einen Haſen, den der Pfeil von Muſaron im Lager getroffen, braten laſſen könnten. Plötzlich hörten ſie hinter ihnen auf dem Sand eine haſtige Bewegung: es war der Galopp eines raſchen Maulthieres, das auf ſeinen kräftigen Flanken einen Pilger trug, deſſen Kopf durch einen breitkräm⸗ pigen Hut und mehr noch durch einen an der Krämpe des Hutes befeſtigten Schleier bedeckt war. Dieſer Pilger gab dem Maulthier den Sporn und lenkte es wie ein Menſch, der die ganze Gewandtheit eines vollkommenen Reiters beſitzt. Von einer vortrefflichen Race, flog das Thier mehr als daß es lief auf dem Sande hin, und entfernte ſich ſo raſch aus dem Blick unſerer Reiſenden, daß ſie den Ton der Stimme, welche ihnen ein: Vayan ustedes con Dios(geht mit Gott), zurief, nicht unterſcheiden konnten. 3 Es waren nicht zehn Minuten vorüber, als Muſa⸗ ron ein anderes, dem erſten ähnliches Geräuſch vernahm. Er wandte ſich um und hatte nur Zeit, das Pferd ſei⸗ nes Herrn und das ſeinige auf die Seite zu lenken, denn vier Reiter jagten wie Blitze heran. Einer von ihnen, der Vorderſte, der Anführer, 115 trug ein Pilgerkleid ähnlich dem des erſten, den die Reiſenden hatten vorüberreiten ſehen. Nur verbarg der kluge Pilger unter dieſem Kleid eine Rüſtung, ſogar das Viſir war auf ſeinem Geſicht befeſtigt, und trotz der Nacht bot dieſes Rittergeſicht einen ſeltſamen Anblick unter einem breitkrämpigen Hut. Der Unbekannte roch gleichſam an unſeren Reiſen⸗ den, wie es ein Leithund gethan hätte; aber Agenor hatte vorſichtiger Weiſe ſein Helmviſir niedergeſchlagen und die Hand an das Schwert gelegt. Muſaron hielt ſich im Vertheidigungsſtand. „Mein Herr,“ ſagte in ſchlechtem Spaniſch eine hohle Stimme, welche wie aus einem Schlunde kam, „habt Ihr nicht einen Gefährten vor mir vorüberkom⸗ men ſehen, einen Pilger, wie ich, der ein ſchwarzes Maulthier raſch wie der Wind ritt?“ Der Ton dieſer Stimme berührte Agenor unange⸗ nehm wie eine verworrene Erinnerung. Doch es war ſeine Pflicht, zu antworten, er that dies höflich und erwiederte ebenfalls ſpaniſch: 1 „Herr Pilger, oder Herr Ritter, die Perſon von der Ihr ſprecht, iſt vor ungefähr zehn Minuten vor⸗ übergekommen; ſie reitet in der That ein Maulthier, das ſo ſchnell iſt, daß ihm wenige Pferde in der Welt zu folgen vermoͤchten.“ 5 Muſaron glaubte zu bemerken, daß die Stimme von Agenor ein gewiſſes Erſtaunen bei dem Pilger er⸗ regte; denn dieſer rückte näher heran und ſagte mit einem frechen Weſen: „Dieſe Auskunft iſt mir koſtbarer, als Ihr denkt, Ritter; ſie wird mir überdies auf eine ſo freundliche Weiſe gegeben, daß ich entzückt wäre, die Bekanntſchaft desjenigen zu machen, der mir ſie gibt.... Ich be⸗ merke an Eurem fremden Accent, daß wir Beide vom Norden kommen, und aus dieſem Grund müſſen wir ver⸗ trauter werden. Schlagt glſo, wenn es Euch beliebt, Euer 116 Viſir auf, damit ich die Ehre habe, Euch bei entblöͤß⸗ tem Geſichte zu danken.“ „Entblößt Euch ſelbſt, Herr Ritter,“ entgegnete Mauleon, den dieſe Stimme und dieſe Worte immer unangenehmer berührten. Der Pilger zögerte und wies am Ende die Auf⸗ forderung auf eine Weiſe zurück, welche offenbarte, wie falſch und eigennützig ſein Verlangen war. Und ohne ein Wort beizufügen, machte er ſeinen Gefährten ein Zeichen und ritt im Galopp auf der Straße fort, der der erſte Pilger gefolgt war. „Das iſt ein Unverſchämter!“ ſagte Muſaron, als er ihn aus dem Blick verloren hatte. „Und eine abſcheuliche Stimme, Muſaron; ich habe ſie, wie mir ſcheint, in ſchlimmen Augenblicken gehört.“ „Ich denke wie Ihr, gnädiger Herr, und wenn unſere Pferde nicht ſo müde wären, würden wir wohl daran thun, dieſem Burſchen nachzuſetzen: es muß dort etwas Seltſames vorgehen.“ „Was iſt uns daran gelegen, Muſaron?“ erwiederte Mauleon wie ein Menſch, der ſich um nichts mehr be⸗ kümmert.„Wir gehen nach Toledo, wo ſich unſere Freunde verſammeln ſollen. Toledo iſt bei Montiel: das iſt Alles, was ich weiß, Alles, was ich wiſſen will.“ „In Toledo erhalten wir Nachricht vom Herrn Con⸗ netable,“ ſagte Muſaron. „Wahrſcheinlich auch von Don Enrique von Trans⸗ tamare. Wir bekommen Befehle, wir werden Maſchi⸗ nen, Automaten, das einzige Hülfsmittel, der einzige mögliche Troſt für Leute, welche, nachdem ſie ihre Seele verloren, nicht mehr wiſſen, was ſie im Leben ſagen oder thun ſollen.“ „Nun! nun!“ rief Muſaron,„es wird immer noch Zeit ſein, zu verzweifeln... Am letzten Tag der Sieg, wie ein Sprüchwort ſagt.“ „Oder der Tod.... nicht wahr? Du fürchteſt Dich, dies beizufügen.“ 117 „Ei! gnädiger Herr, man ſtirbt nur einmal.“ „Glaubſt Du, ich habe bange?“ „Oh! Herr, Ihr habt nicht genug bange, und das iſt mir ärgerlich.“ So plaudernd, erreichten ſte die erſehnte Venta. Es war ein einſames Haus, wie es in Spanien dieſe providenziellen Zufluchtſtätten ſind, welche die eiſenden gegen die Sonne des Tags, gegen die Kälte der Nacht finden, glühend erſehnte Grenzen, häufig unüberſchreitbar wie die Oaſe der Wüſte, weil man vor Hunger, Durſt und Müdigkeit ſterben würde, ehe man eine andere fände. Als Agenor und Muſaron ihre Pferde in den Stall gebracht, oder als vielmehr der würdige Knappe dieſe Sorge allein übernommen hatte, erblickte Agenor in der unteren Stube der Venta vor einem hellen Feuer und mitten unter Maulthiertreibern, die in tiefem Schlafe lagen, die zwei Pilger, welche, ſtatt mit ein⸗ ander zu ſprechen, ſich gegenſeitig den Rücken zu⸗ wandten. „Ah! ich glaubte, ſie wären Kameraden,“ ſagte Agenor ganz erſtaunt. Der Pilger mit dem Schleier zog ſich tiefer in ſeinen Schatten zurück, als die zwei neuen Reiſenden eintraten. Der Pilger mit dem Viſir ſchien mit unſäglicher Neugierde auf den Augenblick zu lauern, wo ſich ein Winkel des Schleiers ſeines ſcheinbaren Gefährten lüften würde. Dieſer Augenblick kam nicht. Stumm, unbeweglich, ſichtbar ärgerlich, ſtellte ſich der geheimnißvolle Unbe⸗ kannte endlich, um ſeinen überläſtigen Fragen zu ent⸗ gehen, als verſänke er in tiefen Schlaf. Allmälig kehrten die Maulthiertreiber in den Hof zurück, um ſich in ihre Mäntel gehüllt unter ihren Maulthieren niederzulegen; es blieben beim Feuer nur noch Mauleon, der mit ſeinem Knappen zu Nacht 118 geſpeiſt hatte, und die zwei Pilger, welche ſich einander beſtändig überwachten. Der Mann mit dem Viſir knüpfte das Geſpräch mit Mauleon durch ein paar Alltagsentſchuldigungen über die Art und Weiſe, wie er ihn auf der Straße verlaſſen hatte, an. t Dann fragte er, ob er ſich nicht bald in ſein Zimmer zurückzöge, wo er ohne Zweifel beſſer ſchlafen würde, als auf dieſem Fußſchemel. Beſtändig verlarvt, wollte Agenor beharrlich bleiben, und wäre es nur, um den Unbekannten zu ärgern, als ihm plötzlich der Gedanke kam, wenn er bliebe, würde er nichts erfahren. Der andere Pilger, das war ihm ganz klar, ſchlief nicht. Es würde alſo etwas zwiſchen den zwei Maͤnnern vorgehen, von denen jeder allein zu bleiben wünſchte. Agenor lebte in einer Zeit und in einem Land, wo die Neugierde oft den Neugierigen das Leben rettet. Er ſtellte ſich ſeinerſeits, als ob er ſich in ein Zimmer zurückzöge, das ihm der Wirth angewieſen hatte; doch er blieb hinter der Thüre ſtehen, welche zwar ſolid und maſſenhaft, aber dennoch ſchlecht genug zuſammengefügt war, daß die Blicke bis an den Kamin dringen konnten. Er hatte Recht, denn ein ſeiner Aufmerkſamkeit würdiges Schauſpiel war ihm vorbehalten. Als der Pilger mit dem Viſir ſich mit dem Andern, den er für eingeſchlafen hielt, ganz allein ſah, ſtand er auf und machte einige Schritte in der Stube, um die Feſtigkeit dieſes Schlafes zu erproben. Der eingeſchlafene Pilger rührte ſich nicht. Der Mann mit dem Viſir näherte ſich ihm nun auf den Fußſpitzen und ſtreckte die Hand aus, um den Schleier aufzuheben, der ſeine Züge vor dem Pilger verbarg. 4 Doch ehe er dieſen Schleier berührt hatte, ſtand ————*— 119 der Pilger aufrecht vor ihm und fragte mit zornigem Tone: „Was wollt Ihr? und warum ſtört Ihr mich in meinem Schlafe?“ „Der nicht ſehr tief iſt, Herr Pilger,“ ſagte der Andere mit ſpöttiſchem Ton.. „Der aber geachtet werden muß, Herr Neugieriger mit dem eiſernen Geſicht.“ „Ihr habt ohne Zweifel gute Gründe, nicht wiſſen zu laſſen, ob das Eurige von Eiſen oder von Fleiſch iſt, Herr Pilger.“ „Meine Motive gehen Niemand etwas an, und wenn ich mich verſchleiere, ſo geſchieht es, weil ich nicht ge⸗ ſehen werden will, das iſt klar.“ „Mein Herr, ich bin ſehr neugierig und werde Euch ſehen,“ ſagte ſpottend der Mann mit dem Viſir. Der Pilger hob ſogleich ſeinen Rock auf, zog einen langen Dolch hervor und erwiederte: „Ihr werdet dieſes ſehen.“ Der Mann mit dem Viſir dachte einen Augenblick nach und ſchob dann die ſchweren Riegel der Thüre vor, hinter der Agenor horchte und ſah. Zu gleicher Zeit öffnete er ein Fenſter, das nach der Straße ging, und ließ durch dieſes vier ganz be⸗ waffnete, ganz bepanzerte Männer ein, „Ihr ſeht,“ ſagte er zum Pilger,„Ihr ſeht, Herr, die Vertheidigung wäre unnütz, und ſogar unmöglich. Wollt alſo ganz einfach, und um ein Leben zu ſchonen, das ich für ſehr koſtbar halte, mir folgende Fragen be⸗ antworten.“ Derr Pilger zitterte, ſeinen Dolch in der Hand, vor Wuth und Ungeduld. „Seid Ihr Enrique von Transtamare, oder ſeid Ihr es nicht?“ fragte der Angreifer. Bebend erwiederte der Pilger:— 3 „ Auf eine ſolche Frage, in dieſer Form und mit dieſen Präliminarien gethan, darf man nicht antworten, 120 wenn man derjenige iſt, von dem Ihr ſprecht, ohne den Tod zu erwarten. Ich werde alſo mein Leben verthei⸗ digen, denn ich bin wirklich derjenige, deſſen Namen Ihr genannt habt.“ Und mit einer majeſtätiſchen Bewegung entblößte er ſein Geſicht. „Der Prinz!“ rief Mauleon hinter der Thüre, die er zerbrechen wollte. „Er iſt es! ich war meiner Sache ſicher!“ rief der Mann mit dem Viſir mit wilder Freude.„Gefährten, wir haben ihn lange genug verfolgt! Von Bordeaur, das iſt weit! Oh! ſteckt Euren Dolch wieder ein, mein Prinz; es handelt ſich nicht darum, Euch zu tödten, ſondern Euch auf Löſegeld zu ſetzen. Alle Heilige! wir werden uns billig finden; ſteckt ein, Prinz, ſteckt ein!“ Agenor klopfte mit verdöppelten Schlägen an die Thüre, um ſie in Stücke zerſpringen zu machen; doch das Eichenholz widerſtand. „Geht an dieſe Thüre, um denjenigen, welcher klopft, im Zaume zu halten, und laßt mich den Prinzen über⸗ reden,“ ſagte der Mann mit dem Viſir zu ſeinen Leuten. „Schuft!“ rief Enrique voll Verachtung,„Du willſt mich meinem Bruder überliefern.“ 3 „Wenn er mehr bezahlt, als Ihr, ja.“ „Ich ſagte doch, es ſei beſſer, hier zu ſterben,“ rief der Prinz.„Zu Hülfe! zu Hülfe!“ 1 „Ah! gnädigſter Herr!“ erwiederte der Bandit, „wir werden genöthigt ſein, Euch zu tödten: es wird vielleicht weniger für Euren Kopf bezahlt, als wenn ich Eure Perſon ganz und unverſehrt überlieferte, doch man muß ſich am Ende begnügen, und wir werden Euren Kopf Don Pedro überbringen.“ „Das wollen wir ſehen!“ rief Agenor, der mit einer äußerſten Anſtrengung die Thüre zerſchmettert hatte und mit wüthenden Hieben über die vier Leute des Räubers herfiel. „Daraus folgt, daß wir ihn toͤdten müſſen,“ ſagte 121 der Letztere, indem er ſeinen Degen zog, um Enrique anzugreifen.„Mein Prinz, Ihr habt da einen ſehr un⸗ geſchickten Freund: befehlt ihm doch, ruhig zu bleiben.“ Aber der Bandit hatte dieſe Worte nicht beendigt, als von Außen ein dritter Pilger eintrat, den man nicht erwartete. Dieſer trug weder Larve, noch Schleier. Er glaubte ſich genug gekleidet, genug bedeckt durch ſein Pilger⸗ gewand. Seine breiten Schultern, ſeine ungeheuren Arme, ſein großer geſcheiter Kopf verkündigten einen kräftigen, unerſchrockenen Kämpen. Er erſchien auf der Thürſchwelle und betrachtete erſtaunt, ohne Furcht und ohne Zorn, die Zerſtörung in der Wirthsſtube. „Man ſchlägt ſich hier,“ ſagte er.„Hollah! Chri⸗ ſten, wer hat Recht, oder wer hat Unrecht?“ Und ſeine männliche, gebieteriſche Stimme be⸗ herrſchte den Lärmen, wie die des Löwen den Sturm in den Schlünden des Atlas beherrſcht. Die Kämpfenden nahmen, als ſie nur dieſe Stimme hörten, eine ſeltſame Stellung. Der Prinz ſtieß einen Schrei der Freude und des Erſtaunens aus; der Mann mit dem Viſir wich voll Schrecken zurück. Muſaron rief: „Bei meinem Leben, das iſt der Herr Connetable!“ „Connetable! Connetable!“ rief der Prinz,„herbei, man will mich ermorden!“ „Euch, mein Prinz?“ brüllte Dugueselin, indem er ſein Kleid zerriß, um ſich freier bewegen zu können, „wer will Euch ermorden?“ „Freunde!“ ſprach der Räuber zu ſeinen Gefähr⸗ ten,„wir müſſen dieſe Menſchen tödten, oder hier ſter⸗ ben. Wir ſind bewaffnet, ſie ſind es nicht, der Teufel liefert ſie in unſere Hände; ſtatt hunderttauſend Gulden erwarten uns zweimalhunderttauſend. Vorwärts!“ Mitt einer unvergleichlichen Kaltblütigkeit ſtreckte der Connetable, ehe der Räuber ſeinen Satz vollendet 122 hatte, den Arm aus; er packte ihn ſo leicht bei der Gurgel, als ob er es mit einem Lamm zu thun gehabt hätte, ſchleuderte ihn unter ſeine Füße und zertrat ihn auf den Platten. Dann entriß er ihm ſein Schwert und rief: „Ich bin nun bewaffnet! wir ſind Drei gegen Drei; herbei, Ihr Strauchdiebe!“ „Wir ſind verloren,“ murmelten die Gefährten des Banditen und entflohen durch das noch offene Fenſter. Agenor hob indeſſen das Viſir des niedergeworfenen Räubers auf und rief: „Caverley! ich hatte es vermuthet.“ „Das iſt ein giftiges Thier, das man hier zermal⸗ men muß,“ ſprach der Connetable. „Ich übernehme es,“ ſagte Muſaron, bereit, ihm mit ſeinem Meſſer den Garaus zu machen. 3 „Gnade!“ murmelte der Räͤuber,„Gnade! miß⸗ braucht nicht Euren Sieg.“ 3 „Ja,“ ſprach der Prinz, indem er Duguesclin mit freudigem Entzücken umarmte,„ja, Gnade. Wir haben Gott, der uns vereinigt, zu viel Dank zu ſagen, um uns mit dieſem Elenden zu beſchaͤftigen; hzer lebe und laſſe ſich anderswo hängen.“ Caverley küßte im Erguß ſeiner Dankbarkeit dem großmüthigen Prinzen die Füße. „Er entfliehe alſo!“ ſagte Dugueselin. „Hinaus, Bandit,“ brummte Muſaron, und öff⸗ nete ihm die Thüre. Caverley ließ ſich das nicht zwei⸗ mal ſagen; er lief ſo leicht weg, daß ihn die Pferde nicht eingeholt hätten, wenn der Prinz anderen Sinnes geworden waͤre. Nachdem man ſich gegenſeitig Glück gewünſcht, be⸗ ſprachen ſich der Connetable, der Prinz und Agenor über die Ereigniſſe des bevorſtehenden Krieges. „Ihr ſeht,“ ſagte der Connetable,„ich bin pünkt⸗ lich beim Rendez⸗vous; ich war auf dem Wege nach To⸗ ff⸗ ei⸗ nes be⸗ ber kt⸗ To⸗ 123 ledo, wie Ihr es mir in Bordeaux vorgeſchrieben. Ihr rechnet alſo auf Toledo?“ „Ich habe viel Hoffnung, wenn mir Toledo ſeine Thore öffnet,“ antwortete der Prinz. „Aber das iſt nicht gwiß;“ entgegnete der Conne⸗ table.„Seitdem ich unter dieſem Gewande reiſe, näm⸗ lich ſeit vier Tagen, weiß ich mehr, als ich ſeit zwei Jahren erfahren hatte. Die Toledaner hatten zu Don Pedro, und man wird eine Belagerung unternehmen müſſen.“ 5 „Lieber Connetable, Ihr ſetzt Euch für mich ſo vie⸗ len Gefahren aus!““ „Theurer Sire, ich habe nur ein Wort. Ich ver⸗ ſprach, Ihr ſollet in Caſtilien herrſchen; das wird geſchehen, oder ich ſterbe. Und dann habe ich eine Ge⸗ nugthuung zu nehmen. Kaum hattet Ihr mich durch Eure Geiſtesgegenwart in Bordeaur frei gemacht, als ich in zehn Tagen den Koͤnig Karl geſehen und die Grenze wieder erreicht hatte. Seit acht Tagen durch⸗ wandere ich Spanien auf Eurer Spur, denn Olivier, mein Bruder, und der Stammler von Vilaines hatten Nachricht erhalten, Ihr ſeid durch Burgos gekommen, um Euch nach Toledo zu begeben.“ „Das iſt wahr; unter den Mauern von Toledo er⸗ warte ich die hohen Officiere meines Heeres. Ich habe mich nur in Burgos verkleidet.“ „Sie auch, gnädigſter Herr, und ſie haben mir den Gedanken gegeben. Die Anführer kommen ſo unbemerkt durch, um die Wohnungen der Soldaten bereit zu hal⸗ ten. Das Pilgerkleid iſt in der Mode, Jeder will heut zu Tage eine Pilgerfahrt in Spanien machen. So hatte dieſer Schuft Caverley daſſelbe Gewand angelegt wie wir. Nun aber ſind wir vereinigt. Ihr werdet eine Reſidenz wählen und alle Spanier Eurer Partei zu Euch rufen; ich rufe alle Ritter und Soldaten aller Länder. Verlieren wir keine Zeit. Don Pedro ſchwebt noch; er hat ſeinen beſten Rath verloren, Dona Maria, 124 das einzige Geſchöpf, das ihn auf dieſer Welt liebte. Benützen wir ſeine Beſtürzung und liefern wir ihm eine Schlacht, ehe er Zeit gehabt hat, ſich zu ſammeln.“ „Dona Maria iſt todt!“ ſagte Enrique;„iſt man deſſen ſicher?“ „Ich bin deſſen ſicher, denn ich habe ihren Leichnam vorüberziehen ſehen,“ antwortete Agenor traurig. „Und was macht Don Pedro?“ „Man weiß es nicht. Er hat die arme Frau, ſein Opfer, in Burgos beerdigen laſſen.“ „Verſchwunden? Iſt das möglich! Ihr ſagt, Dona Maria ſei ſein Opfer; erzählt mir das, Connetable, ich habe ſeit acht Tagen mit keiner Seele zu ſprechen gewagt.“ „Hört, was geſchehen iſt, meine Spione haben es mir mitgetheilt: Don Pedro liebte eine Maurin, die Tochter des verfluchten Mothril; Dona Maria vermu⸗ thete es; ſie entdeckte ſogar ein Einverſtändniß zwiſchen dem König und der Maurin; außer ſich vor Wuth, ver⸗ giftete ſie ſich, nachdem ſie zuvor ihrer Nebenbuhlerin das Herz durchbohrt hatte.“ „Oh!“ rief Agenor,„oh! das iſt nicht möglich, Herr... Das wäre ein ſo ſchändliches Verbrechen, ein ſo ſchwarzer Verrath, daß die Sonne vor Abſcheu zu⸗ rückgewichen ſein müßte.“ Der König und der Connetable ſchauten ganz er⸗ ſtaunt den jungen Mann an, der ſich ſo ausdrückte... aber ſie konnten keine Erklärung von ihm erhalten. „Verzeiht, hohe Herren,“ ſprach demüthig Agenor, „ich habe ein Geheimniß, ein ſüßes und zugleich bitteres Geheimniß, das Dona Maria zur Hälfte mit ins Grab nimmt, und deſſen andere Hälfte ich gewiſſenhaft be⸗ wahren will.“ „Verliebt, armes Kind!“ ſagte der Connetable. Agenor antwortete nur:. „Ich bin zu den Befehlen Eurer Herrlichkeiten und bereit, für ihren Dienſt zu ſterben.“ „Ich weiß es,“ ſprach Enrique,„Du biſt ein erge⸗ 125 bener, redlicher Mann, ein verſtändiger, unermüdlicher Diener, und Du kannſt auf meine Dankbarkeit rechnen; doch ſage, weißt Du etwas von den Liebesgeſchichten von Don Pedro?4 „Ich weiß Alles, hoher Herr, und wenn Ihr mir zu ſprechen befehlt...“ „Wo kann Don Pedro in dieſem Augenblick ſein? Das iſt es nur, was wir wiſſen wollen.“ „Hohe Herren,“ ſagte Agenor,„wollt mir acht Tage bewilligen, und ich werde Euch mit einer Gewißheit antworten.“ „Acht Tage!“ verſetzte der König.„Was denkt Ihr davon, Connetable?“ „Ich ſage, Sire,“ erwiederte Bertrand,„ich ſage, daß wir acht Tage nöthig haben, um unſer Heer zu organiſtren und die Verſtärkung und das Geld von Frankreich zu erwarten. Wir wagen durchaus nichts...“ „Um ſo mehr,“ fügte Mauleon bei,„als Ihr, wenn mein Vorhaben gelingt, die wahre Urſache, die wahre Fackel des Krieges, Don Pedro, den ich Euch mit Freuden überliefere, in Eurer Gewalt habt.“ „Er hat Recht,“ ſagte der König,„mit der Gefan⸗ gennehmung von einem von uns Beiden endigt der Krieg in Spanien.“ „Oh! nein, Sire!“ rief der Connetable;„ich ſchwoͤre Euch, daß ich, ſollte man Euch gefangen nehmen, was mit Gottes Hülfe nicht geſchehen wird, die Be⸗ ſtrafung dieſes Ungläubigen Don Pedro, der mit kaltem Blute ſeine Gefangenen tödten läßt und ſich mit den Mauren verbindet, verfolgen würde.“ „Hoͤrt meinen Willen, Bertrand,“ entgegnete der Prinz;„kümmert Euch nicht um mich; würde ich ge⸗ fangen und getödtet, ſo erobert meinen Leib durch den Sieg und ſetzt ihn entſeelt auf den Thron von Caſtilien; wenn nur der Baſtard, der Verräther, der Mörder, am Fuße dieſes Thrones liegt, ſo erkläre ich mich als glück⸗ lich und ſiegreich.“ 126 „Sire, es ſoll ſo geſchehen,“ fügte der Connetable bei.„Nun aber wollen wir dieſem jungen Mann die Freiheit geben.“ „Und wo treffen wir zuſammen?“ fragte Mauleon. „Vor Toledo, das wir berennen.“ „In acht Tagen?“ „In acht Tagen.“ Enrique umarmte zärtlich den jungen Mann, den eine ſolche Ehre ganz verwirrt machte. „Laßt mich gewähren,“ ſprach der König,„ich will Euch zeigen, daß es Euch, da Ihr das Mißgeſchick getheilt habt, auch geſtattet ſein ſoll, das Glück zu theilen.“ „Und ich,“ fügte der Connetable bei,„ich, der ich ihm einen Theil der Freiheit, die ich genieße, zu ver⸗ danken habe, ich verſpreche ihm, ihn mit allen meinen Kräften an dem Tag zu unterſtützen, wo er meinen Bei⸗ ſtand verlangen wird, wofür, an welchem Ort, und gegen wen es auch ſein mag.“ „Oh! edle Herren!“ rief Mauleon,„Ihr erfüllt mich mit Freude und Stolz. Zwei mächtige Fürſten behandeln mich ſo!.. Ihr ſtellt für mich Gott ſelbſt auf dieſer Erde dar; Ihr öffnet mir den Himmel!“ „Du biſt deſſen würdig, Mauleon,“ ſagte der Con⸗ netable;„brauchſt Du Geld?“ „Nein, hoher Herr, nein.“ „Der Plan, den Du auszuführen gedenkſt, wird Dich aber Schritte koſten; wer weiß? Spenden...“ „Hohe Herren,“ antwortete Mauleon, nerinnert Euch, daß ich eines Tags die Kaſſe dieſes Räubers Caverley genommen habe; ſie enthielt das Vermögen eines Königs: das war zu viel, und ich habe ſie ohne Bedauern verloren. Seitdem erhielt ich in Frankreich vom König hundert Livres, welche einen ebenſo großen Schatz bilden, da er mir genügt.“ „Wie gut das geſprochen iſt!“ murmelte Muſaron, Thränen in den Augen, in ſeinem Winel. 1 +—— A———**,n— NK ——— ☚¶ 127 Der König hörte es und ſagte: „Das iſt Dein Knappe?“ „Ein getreuer, ein braver Diener, der mir das Leben erträglich macht, nachdem er es mir mehr als ein⸗ mal gerettet hat,“ antwortete Mauleon. „Er ſoll auch belohnt werden. Höre, Knappe,“ ſagte der König, indem er von ſeinem Kleid eine von den auf den Stoff geſtickten Muſcheln losmachte,„nimm dies, und an dem Tag, wo es Dir an etwas fehlen wird, Dir und den Deinigen, in welcher Generation es ſein mag, wird dieſe Muſchel, in meine Hände oder in die von einem meiner Nachkommen zurückge⸗ bracht, ein Vermögen werth ſein; gehe, Knappe, gehe.“ Muſaron kniete, das Herz ſo voll, als ob es ſeine Bruſt zerſprengen wollte, nieder. „Sire,“ ſprach der Connetable,„wir wollen nun die Nacht benützen, um den Ort zu erreichen, wo Eure Officiere auf Euch warten: wir haben Unrecht gehabt, dieſen Caverley weggehen zu laſſen. Er iſt im Stande, mit dreifachen Kräften zu uns zurückzukommen und uns im Ernſte feſtzunehmen, und wäre es nur, um uns zu beweiſen, daß er Geiſt hat.“ Sie waffneten ſich und erreichten, auf ihren Muth und ihre Kräfte vertrauend, einen Wald, wo es ſchwierig wurde, ſie anzugreifen, unmöglich, ihnen zu folgen. 1 Dann ſtieg Agenor zu Boden und nahm Abſchied von ſeinen zwei mächtigen Beſchützern, welche ihm viel Glück und eine gute Reiſe wünſchten. Muſaron erwartete die Befehle ſeines Herrn, um die Pferde nach einer der vier Himmelsgegenden zu lenken. „Wohin gehen wir?“ fragte er. „Nach Montiel... mein Haß ſagt mir, früher oder ſpäter werden wir Don Pedro dort finden.“ „Die Eiferſucht iſt im Ganzen auch zu etwas nütze,“ ſprach Muſaron;„ſie läßt mehr Dinge ſehen, als es gibt. Gehen wir nach Montiel.“ 128 Sechsundſechzigſtes Kapitel. Die Höhle von Montiel. Und ſie ritten raſch von dannen. Agenor erreichte in zwei Tagen das Ziel ſeiner Sendung und ſeiner Liebe. Er kam vor Montiel, unterſtützt von Muſaron, mit ſo viel Vorſichtsmaßregeln, daß Niemand ſich ſchmeicheln konnte, ſie in der Gegend geſehen zu haben. Nur hatten ſie ſich dadurch, daß ſie ſo vorſichtig zu Werke gingen, des Vortheils der Erkundigung be⸗ raubt. Wer nicht ſpricht, kann nichts erfahren. Als Muſaron Montiel wie einen Granitrieſen auf einer Unterlage von Felſen ſitzen und ſein Haupt bis zum Himmel erheben ſah, wäͤhrend ſich ſeine Füße im Tajo zu baden ſchienen, als er beim Mondſchein die Spiralen eines ganz mit Geſtrüppe beſetzten Weges und die Rampen betrachtet hatte, welche ſo ausgehauen waren, daß aufſteigend Niemand nur auf zwanzig Schritte ſehen konnte, während die geringſte Schildwache Alles, was heraufkam, zu ſehen vermochte, ſagte Muſaron zu ſeinem Herrn: „Das iſt das wahre Geierneſt, mein lieber Herr, und wenn die Taube darin eingeſchloſſen iſt, ſo können wir ſie nie hier nehmen.“ 4 Montiel war in der That durch nichts Anderes, als durch Aushungern zu erobern, und zwei Männer ſind nicht im Stande, eine Feſtung einzuſchließen. „Die Hauptſache iſt,“ ſprach Agenor,„daß wir in Erfahrung bringen, ob Mothril dieſen Ort mit Aiſſa bewohnt, wie es Aiſſa mitten unter unſeren Feinden 129 ergeht, und wie ſich Don Pedro bei dieſer ganzen Ange⸗ legenheit benimmt.“. „Mit Geduld werden wir das erfahren,“ erwiederte Muſaron;„nur haben wir nur noch vier Tage Zeit zur Geduld. Ueberlegt Euch alſo die Sache wohl.“ „Ich werde warten, bis ich Aiſſa oder Jemand, der mir Kunde von ihr gibt, geſehen habe.“ „Dann müſſen wir eine Jago machen; doch be⸗ denkt wohl, Herr, während wir bei dieſem Schloſſe jagen, ſchleudert uns irgend ein Mothril, ein Hafiz einen Bolzen zu, der uns wie Kröten auf den Stein nagelt. Die Stellung iſt gut gewählt.“ „Das iſt wahr.“ „Wir müſſen alſo Mittel gebrauchen, welche geiſt⸗ reicher gewählt ſind, als die gewöhnlichen Mittel: was den Umſtand betrifft, daß Dona Aiſſa an dieſem Orte ſein ſoll, ſo glaube ich dies; da ich Mothril kenne, ſo zweifle ich ſogar nicht daran, daß er ſie hier eingeſchloſſen hat. Ob Don Pedro hier iſt, werden wir, denke ich, erfahren, wenn wir zwei Tage warten.“ „Warum?“ 8 „Weil das Schloß klein iſt, wenig Lebensmittel ent⸗ hält und keine Garniſon faſſen kann, und weil man, um die für einen ſo großen König nöthigen Mundvorräthe zu erneuern, oft herauskommen muß.“ „Aber wo ſich einquartieren?“ „Wir werden nicht fern gehen, Ich ſehe von hier aus, was wir brauchen.“ „Jene Höhle?“ „Es iſt ein Spalt im Felſen: eine Quelle ſpru⸗ delt daraus hervor, das iſt feucht, aber einſam. Nie⸗ mand kommt dahin, wenn nicht, um zu trinken oder Waſſer zu holen. Wir ſind darin verborgen und er⸗ haſchen den Erſten, der kommt, um ihn durch Ver⸗ ſprechungen oder Drohungen reden zu machen. Mitt⸗ lerweile ſind wir im Kühlen.“ Der Baſtard von Mauleon. II. 9 130 „Du biſt ein braver und vernünftiger Geſelle, mein Muſaron.“ „Oh! glaubt mir, der König Don Pedro hat nicht viele Räthe von meiner Stärke. Nehmt Ihr die Hoͤhle an?“ „Du vergiſſeſt zwei Dinge: unſere Nahrung, die wir nicht in dieſer Höhle finden werden, und unſere Pferde, welche nicht hinein können.“ 3 „Das iſt wahr..... man denkt nicht an Alles. Ich habe den Anfang gefunden, findet Ihr das Ende.“ „Wir tödten unſere Pferde und werfen ſie in den Tajo, der da unten fließt.“ „Ja, aber was werden wir eſſen?“ „Wir laſſen denjenigen, welcher auf Mundvorräthe ausgeht, hinaus, und wenn er zurückkehrt, greifen wir ihn an und eſſen.“ 4 „Bewunderungswürdig!“ rief Muſaron.„Nur werden die Leute vom Schloß, wenn ſie ihren Liefe⸗ ranten nicht zurückkommen ſehen, Mißtrauen faſſen.“ „Was iſt daran gelegen, wenn wir die Auskunft haben, die wir brauchen?“ Es wurde beſchloſſen, die zwei Pläne zu befolgen. Doch in dem Augenblick, wo Agenor ſein Pferd mit ſeinem Streitkolben erſchlagen ſollte, fühlte er ſein Herz ſchwach werden.. „Armes Thier! es hat mir ſo gut gedient,“ ſagte er. „Und es dürfte uns noch beſſer dienen, falls Ihr Dona Aiſſa von hier entführen ſolltet,“ fügte Muſa⸗ ron bei. armes Pferd nicht tödten; Muſaron, zäume es ab und verbirg Sattel und Zeug in der Grotte. Das Thier wird umherſchweifen, ohne erkannt zu werden, und in dieſer Hinſicht ſinnreicher als der Menſch, wird es ſich wohl ſelbſt nähren. Sieht man es, ſo iſt das Schlimmſte, was ihm und uns begegnen könnte, daß „Du ſprichſt wie das Geſchick. Ich werde mein 6 131 man es in's Schloß führt. Doch nicht wahr, wir wer⸗ den immerhin im Stande ſein, es zu vertheidigen?“ „Ja, gnädiger Herr.“ Muſaron zäumte das Pferd ab, nahm das Reitzeug und verbarg es im Hintergrunde der Gvotte, deren Boden feſte Thonerde war, worauf jedoch der gute Knappe der Geſundheit wegen Sand, den er in ſeinem Mantel vom Ufer des Tajo holte, und abgeſchnittenes Heidekraut aufhäufte. Das Ende der Nacht verging unter Arbeiten. Der Tag überraſchte unſere zwei Abenteurer in ihrer einſamen Zufluchtſtätte. Ein ſeltſames Phänomen traf an ihr Ohr. Durch die Wendeltreppe, welche vom Fuße des Hügels zum Gipfel des Schloſſes hinanſtieg, hörte man die Stimme der Leute, welche auf der Plattform auf und abgingen. Statt einfach aufzuſteigen, wie es geſchieht, warf ſich die Stimme, an den Wänden dieſes Trichters hin⸗ laufend, zurück, dann ſprang ſie abermals hervor wie ein Stock aus dem Herzen eines Waſſerwirbels. Dadurch erfolgte, daß Agenor aus dem Grunde der Höhle auf mehr als dreihundert Fuß über ſeinem Kopf ſprechen hörte. Das erſte Feſtungswerk lag oberhalb der Eiſterne. Bis dahin gelangte Jeder frei; aber die Gegend war ſo öde und verwüſtet, daß ſich außer den Leuten des Schloſſes Niemand in dieſes Irrſal wagte. Agenor und Muſaron brachten ihren erſten halben Tag traurig zu. Sie tranken Waſſer, denn ſie hatten großen Durſt, aber ſie konnten nichts eſſen, obgleich ſie gewaltig Hunger hatten.— Gegen das Ende des Tages ſtiegen zwei Mauren vom Schloſſe herab. Sie führten einen Eſel mit ſich, der die Mundvorräthe tragen ſollte, die ſie im nächſten, ungefähr eine Meile entfernten Dorfe zu holen ge⸗ dachten.— 1 4 — Zu gleicher Zeit kamen vier Sklaven von dem Dorfe mit Krügen, die ſie an der Quelle füllen wollten. Die Mauren des Schloſſes und die Sklaven knüpf⸗ ten ein Geſpräch mit einander an, aber der Dialekt war ſo barbariſch, daß unſere zwei Abenteurer nicht ein Wort davon auffaßten. Die Mauren gingen mit den Sklaven nach dem Dorfe ab und kehrten zwei Stunden nachher zurück. Der Hunger iſt ein ſchlimmer Rathgeber. Muſaron wollte dieſe armen Teufel unbarmherzig tödten, in den Fluß werfen, und dann ihre Mundvorräthe benützen. „Das wäre ein feiger Mord, der dem Gelingen unſeres Planes bei Gott ſchaden würde,“ ſagte Agenor; „noch eine Kriegsliſt, Muſaron: ſiehſt Du, wie der Weg ſchmal, wie die Nacht dunkel iſt. Der Eſel mit ſeinen Körben wird Mühe haben, auf dem Fußpfad längs dem Felſen zu gehen. Wir brauchen ihn nur zu ſtoßen, wenn er vorüberkommt, und er rollt den Hügel hinab. Dann heben wir in der Finſterniß auf, was von den Eßwaaren auf dem Boden übrig bleibt.“ „Das iſt wahr und das Benehmen eines menſchen⸗ freundlichen Ritters, edler Herr,“ ſprach Muſaron,„doch ich hatte ſo ſeh Hunger, daß ich nicht mehr barmherzig war.“ Geſagt, gethan. Die vier Hände der ei Aben⸗ teurer gaben dem Eſel, als er am Felſe reifend vorüberkam, einen ſo gewaltigen Stoß, daß er das Gleichgewicht verlor und auf den ſteilen Abhang ſtürzte. Die Mauren ſtießen Schreie des Zorns aus und ſchlugen das arme Thier; aber wie ſie auch den Scha⸗ den wieder gut machten, ſo konnten ſie doch die leeren Körbe nicht wieder füllen. Sie kehrten daher ganz troſt⸗ los zurück, der eine nach dem Flecken mit dem geauetſch⸗ ten Eſel, der andere nach dem Schloß mit ſeinen Weh⸗ klagen. 7 unſere zwei Hungerigen warfen ſich indeſſen muthig in das Geſtrüppe und die Felſen, und rafften das Brod, ⁸̈ 8 N—— A——— mW—— ¼½ àR RRN S25 133 die getrockneten Weinbeeren und die Schläuche auf. Sie bekamen ſo mit einem Schlag Mundvorräthe für acht Tage. geznit einem ſo reichlichen Mahl faßten ſie wieder Muth und Hoffnung. Und wir müſſen geſtehen, ſie hatten das nöthig. 4 Während zwei weiterer, zum Sterben langer Tage erblickten unſere aufmerkſamen Schildwachen in der That nichts, hörten ſie nichts, als die Stimme von Haſiz, der auf der Plattform umherirrte und ſeine Sklaverei beklagte, die Stimme von Mothril, der Befehle gab, und die Uebungen der Soldaten. Nichts verkündigte, der König müßte in Montiel ſein. Muſaron hatte den Muth, bei Nacht in den näch⸗ ſten Flecken zu gehen, um ſich zu erkundigen; Niemand konnte ihm eine Antwort geben. Agenor befragte ſei⸗ nerſeits und erhielt nicht die geringſte Auskunft. Wenn man zu verzweifeln anfängt, ſcheint die Zeit⸗ ihre Geſchwindigkeit zu verdoppeln. Die Lage unſerer zwei Späher war kritiſch; bei Tag wagten ſie es nicht, ſich zu zeigen; bei Nacht wag⸗ ten ſie es nicht, hinauszugehen, weil Jemand in ihrer Abweſenheit hereinkommen, und dieſer Jemand der Kö⸗ nig ſein konnte. ls aber zwei Tage und ein halber abgelaufen wa⸗ ren, verlor Agenor zuerſt den Muth. In der Nacht dieſes zweiten Tages kam Mauleon vom Flecken zurück, wo er ſeine Börſe geleert hatte, ohne etwas zu erfahren. Er fand Muſaron in ſeiner Höhle in Verzweiflung und ſich die Haare, die er nür ſpärlich hatte, Hände voll ausraufend. Als er den ehrlichen Diener befragte, erfuhr er von dieſem, gelangweilt dadurch, daß er ſo allein in der Grotte geblieben, ſei er eingeſchlafen; während ſeines Schlafes ſei etwas wie ein Cavalier in das Schloß hin⸗ aufgeritten, ohne daß er, Muſaron, es habe ſehen kön⸗ 4 134 nen. Er habe nur die Hufeiſen des Pferdes oder des Maulthiers gehört. „Daß mich dieſes Unglück treffen muß!“ rief der Knappe. „Sei nicht troſtlos hierüber, es kann nicht der König geweſen ſein. Die Leute vom Flecken wiſſen, daß er in Toledo iſt; überdies würde er nicht allein rei⸗ ten, und das Geräuſch ſeines Gefolges hätte Dich auf⸗ geweckt. Nein, es iſt nicht der König, er wird nicht nach Montiel kommen. Statt hier unſere Zeit zu ver⸗ lieren, wollen wir geraden Wegs nach Toledo ziehen.“ „Ihr habt Recht, Herr, wir haben hier kein an⸗ deres Glück zu erwarten, als daß wir etwa die Stimme von Dona Aiſſa hören. Das iſt ſehr anmuthig, aber der Geſang des Vogels iſt nicht der Vogel ſelbſt, wie man in Bearn ſagt.“ „Raſch ausgeführt, Muſaron; nimm das Reitzeug der Pferde auf, laß uns hinausgehen und uns auf den Weg begeben.“ „Ich werde nicht viel Zeit hiezu brauchen, Herr Rit⸗ dieſer Höhle langweilte.“ „Komm,“ ſagte Agenor. In demſelben Augenblick und während er aufſtand, flüſterte Muſaron: „St! ſtlu „Was gibt es?“ „Stille, ſage ich Euch, ich höre gehen.“ 3 Agenor kehrte in die Grotte zurück, und Muſaron war ſo beſorgt, es könnte Geräuſch entſtehen, daß er ſeinen Herrn am Fauſtgelenke an ſich zu ziehen wagte. Man vernahm wirklich haſtige Tritte auf dem Weg, der nach dem Schloſſe führte. ter; Ihr könnt nicht glauben, wie ſehr ich mich in 3 1 Die Nacht war finſter, die zwei Franzoſen verbar⸗ gen ſich im Hintergrunde der Höhle. Bald erſchienen drei Männer vor ihren Augen; ſie *— ι X— R A= X8 8V in d, 135 gingen vorſichtig und bückten ſich unter einem Madro⸗ nio, um von der Citadelle aus nicht geſehen zu werden. Drei Schritte von der Quelle blieben ſie ſtehen. Sie hatten alle Drei Bauerntracht, waren aber zu⸗ gleich mit Art und Meſſer bewaffnet. „Sicherlich iſt er dieſem Weg gefolgt,“ ſagte der Eine von ihnen,„man ſieht hier die Hufeiſen ſeines Roſſes auf dem Sand.“ „Wir haben ihn alſo verfehlt,“ ſprach ein Anderer mit einem Seufzer.„Beim Teufel! wir haben ſeit eini⸗ ger Zeit Unglück.“. „Ihr jagt zu ſehr auf Hochwild,“ fügte der Erſte bei. „Lesby, Du urtheilſt wie ein Tölpel, der Kapitän wird es Dir ſagen.“ „Aber.. ℳ4 „Schweige... ein Stück Hochwild, das der Jäger erlegt, ernährt ihn ſeine vierzehn Tage. Zehn Lerchen oder ein Haſe geben nur ein mageres Mahl.“ „Ja, aber man erwiſcht den Haſen, die Lerche, ſelten den Hirſch oder das Wildſchwein.“ „Es iſt eine Thatſache, wir haben ihn kürzlich ſchoͤn verfehlt, nicht wahr, Kapitän?“ Derjenige, welchen man ſo bezeichnete, ſtieß einen ſchweren Seufzer aus. „Und dann,“ fuhr der hartnäckige Lesby fort, „warum beſtändig mit der Fährte und der Beute wech⸗ ſeln? Man hält ſich an Einen und nimmt ihn.“ „Haſt Du kürzlich in der Nacht denjenigen, wel⸗ chem wir von Bordeaux an folgten, in der Venta feſt⸗ genommen?“ „Hört Ihr?“ flüſterte Muſaron ſeinem Herrn in's Ohr. 4 w Stillele erwiederte Mauleon, aufmerkſam hor⸗ hend. Der Mann, den ſeine Gefährten Kapitän genannt hatten, richtete ſich nun hoch auf und ſprach mit ge⸗ bieteriſcher Stimme: 136 „Schweigt Beide und wagt es nicht, meine Be⸗ fehle auszulegen. Was habe ich Euch verſprochen? Zehntauſend Gulden Jedem. Wenn Ihr ſie nur bekommt, was verlangt Ihr mehr?“ „Nichts, Kapitän, nichts.“ „Enrique von Transtamare iſt hunderttauſend Gul⸗ den für Don Pedro werth. Don Pedro iſt ebenſoviel für Enrique von Transtamare werth. Ich glaubte den Einen fangen zu können, doch ich täuſchte mich; ich mußte meine Haut in der Höhle des Löwen laſſen, Ihr waret Zeugen hievon; nun gut, da mir der Löwe das Leben gerettet hat, ſo muß ich ihm wohl ſeinen Feind fangen. Ich werde ihn fangen. Cs iſt wahr, ich ge⸗ denke ihn nicht umſonſt Enrique von Transtamare zu geben, ſondern ich werde ihn verkaufen, und das iſt ganz daſſelbe, wenn er ihn nur hat. Auf dieſe Art ſind wir Alle zufrieden.“ Ein Brummen der Einſtimmung war die Antwort der zwei Genoſſen des Redenden. „Gott ſoll mir verzeihen, es iſt Caverley, den ich hier am Ende meiner Hand halte,“ ſagte Muſaron ſei⸗ nem Herrn in's Ohr. „Stille!“ wiederholte Mauleon.— Caverley, er war es, vollendete alſo ſein Glaubens⸗ bekenntniß: „Don Pedro hat Toledo verlaſſen, er iſt in dieſem Schloß. Er iſt ſehr tapfer und hat in Folge einer Vor⸗ ſichtsmaßregel den Weg allein gemacht. In der That, einen Mann allein bemerkt man nie.“ „Nein,“ ſagte Lesby,„aber man nimmt ihn ge⸗ fangen.“ „Ahl bei Gott! man kann nicht Alles vorherſehen,“ erwiederte Caverley.„Bringen wir nun unſern Plan zu Ende; Du, Lesby, kehrſt zu Philips zurück, der die Pferde hält; Du, Becker, bleibſt hier bei mir. Der König wird das Schloß nicht ſpäter als morgen ver⸗ laſſen, da man ihn in Toledo erwartet.“ 1 3 έ——-u arͤ ͤ——— — 137 „Hernach?“ fragte Becker. „Wenn er vorüberzieht, lauern wir auf ihn. Doch wir müſſen in einer Hinſicht mißtrauiſch ſein.“ „In welcher?“ „Wir wiſſen nicht, ob er nicht toledaniſchen Rei⸗ tern Befehl gegeben hat, ihm entgegenzukommen, und müſſen deshalb unſer Geſchäft hier abmachen... Höre, Lesby, Du, der Du ein feiner Fuchsjäger biſt, finde uns einen guten Bau in dieſen Felſen, wo wir uns ver⸗ bergen können.“ 3 „Kapitän, ich höre hier Waſſer... es iſt eine Quelle; gewöhnlich graben ſich Quellen ein Bett im Felſen und Ihr müßt eine Grotte auf dieſer Seite finden.“ „Ah! ahl wir ſind verloren! ſie werden hier her⸗ einkommen,“ ſagte Muſaron, dem Agenor ſeine Hand wie einen Knebel auf die Lippen drückte.— „Seht,“ rief Lesby,„da iſt die Grotte.“ „Sehr gut,“ ſprach Caverley.„Verlaſſe uns, Les⸗ by, kehre zu Philips zurück und ſei beſorgt, daß die Pferde bei Tagesanbruch hier ſind.“ Lesby entfernte ſich, Caverley und Becker blieben allein. „Sieh, was der Geiſt iſt,“ ſagte der Bandit zu ſeinem Gefährten;„ich habe das Ausſehen eines Land⸗ piraten und bin der einzige Politiker, der die Lage der Dinge verſteht. Zwei Männer ſtreiten ſich um einen Thron; man beſeitige den Einen, und der Krieg iſt be⸗ endigt; indem ich thue, was ich thue, handle ich dem⸗ nach als Chriſt, als Philoſoph, ich erſpare Menſchen⸗ blut. Ich bin tugendhaft, Becker, ich bin tugendhaft.“ Und der Bandit lachte, während er zugleich ſeine Stimme zu dämpfen ſuchte.. „Vorwärts,“ ſagte er endlich,„treten wir in das Loch ein.. Aufgepaßt, Becker, aufgepaßt!“ 138 Siebenundſechzigſtes Kapitel. Wie Caverley ſeine Börſe und Agenor ſein Schwert verlor. Die Oertlichkeit der Grotte war folgendermaßen beſchaffen: Zuerſt die Quelle, ein reiner Kryſtall, der von einem ſteinernen Gewölbe auf die Kieſel herabftel, in deren Mitte er ſich ein Bett gegraben hatte. Sodann in der Vertiefung eine gekrümmte Grotte, zu der man auf zwei natürlichen Stufen gelangte. Dieſe Höhle war ſchwarz bei Tag, und man mußte die Fähigkeiten des Fuchſes haben, um ſie bei Nacht zu errathen. Caverley vermied den ſenkrechten Fall der Quelle und ſtieg tappend die Stufen hinauf. Sinnreicher oder mehr Freund des Comforts, ging Becker nach dem Hintergrund, um Schutz und Wärme 3 zu finden. 3 Agenor und Muſaron hörten ſie, fühlten ſie, ſahen ſie beinahe. Becker wählte ſich am Ende einen Platz aus, for⸗ derte Caverley auf, ihn nachzuahmen, und ſagte: „Kommt, Kapitän, es iſt Platz für zwei.“ Caverley ließ ſich überreden und trat ein; da er aber nicht ohne Schwierigkeiten ging, wiederholte er mit dem Ton übler Laune: „Platz für zwei, das iſt leicht geſagt.“ Und er ſtreckte die Hände aus, um ſich nicht an dem ſteinernen Gewölb oder an den Wänden des Felſen zu ſtoßen. Doch zum Unglück traf er das Bein von Muſaron, er griff nach demſelben und rief Becker zu: t an elſen aron, 139 „Becker, ein Leichnam!“ „Nein, bei Gott!“ rief der muthige Muſaron, in⸗ dem er ihm die Gurgel zuſammenpreßte,„es iſt ein ſehr lebendiger Mann, der Euch erdroſſeln wird, mein Braver.“ Niedergeworfen, auf den Boden gedrückt, vermochte Caverley kein Wort beizufügen. Muſaron packte ſeine Fäuſte und band ſie mit dem Gurt von einem der Pferde zuſammen. Agenor brauchte nur die Hand auszuſtrecken, um daſſelbe mit Becker zu thun, der halb todt vor aber⸗ gläubiſchem Schrecken auf der Erde lag.. „Nun, mein lieber Kapitän, werden wir ein wenig über das Löſegeld plaudern,“ ſagte Muſaron.„Merkt wohl auf, daß wir die Ueberzahl ſind, und daß die ge⸗ ringſte Geberde oder der geringſte Schrei Euch eine Menge von Dolchſtichen zwiſchen die Rippen zuziehen würde.“ „Ich werde mich nicht rühren, ich werde nichts ſagen, aber ſchont mich,“ murmelte Caverley. „Es geziemt ſich vor Allem, daß wir unſere Vor⸗ ſichtsmaßregeln nehmen,“ ſagte Muſaron; und er entklei⸗ dete Caverley Stück für Stück ſeiner Angriffs⸗ und Vertheidigungswaffen mit der Geſchicklichkeit eines Affen, der einen Nußkern ausmacht. Als dieſe Arbeit vollendet war, nahm er daſſelbe an Becker vor. Sobald er die Waffen weggenommen hatte, ging Muſaron an die Bügeltaſche über. Seine Finger allein beobachteten bei dieſer Operation eine gewiſſe Zartheit; in ſeinem Gewiſſen regte ſich kein Bedenken; wohlge⸗ ſpickte Gürtel, runde Börſen ſielen in die Gewalt von Muſaron. „Du plünderſt auch?“ ſagte Agenor. „Gnädiger Herr, ich benehme ihnen die Mittel, zu ſchaden,“ 140 Als der erſte Schrecken vorüber war, bat Caverley um Erlaubniß, einige Bemerkungen machen zu dürfen. „Ihr könnt das, wenn Ihr leiſe ſprechen wollt,“ antwortete Agenor. „Wer ſeid Ihr?“ ſagte Caverley. „Ah! das iſt eine Frage, mein Lieber, die wir nicht beantworten werden,“ erwiederte Muſaron. 436 habt mein Geſpräch mit meinen Leuten ge⸗ hört?“ „Ohne ein Wort davon zu verlieren.“ „Teufel! Ihr kennt alſo meinen Plan?“ „Wie Ihr ſelbſt.“ „Nun! was wollt Ihr mit mir und meinen Ge⸗ fährten Becker machen?“ „Das iſt ganz einfach, wir ſind im Dienſt von Don Pedro, wir werden Euch Don Pedro ausliefern und ihm erzählen, was wir von Euren Abſichten gegen ihn wiſſen.“ „Das iſt nicht menſchenfreundlich,“ entgegnete Ca⸗ verley, der in der Finſterniß erbleichen mußte.„Don Pedro iſt grauſam, er wird mich tauſend Qualen er⸗ leiden laſſen; tödtet mich ſogleich mit einem guten Stoß ins Herz.“ „Wir morden nicht,“ ſprach Mauleon. „Ja, aber Don Pedro wird mich ermorden,“ ſagte Caverley. Und ein langes Stillſchweigen ſeiner Sieger be⸗ lehrte Caverley, daß er ſie überzeugt hatte, da ſie ihm nichts mehr zu antworten fanden. Agenor beſann ſich. Die unvermuthete Gegenwart von Caverley hatte ihm die Anweſenheit von Don Pedro in Montiel ge⸗ offenbart. Dieſer Menſch war der Jagdhund mit dem unfehlbaren Geruch geweſen, der die Beute ſeines Herrn ausſpürt. Der Dienſt, den er hiedurch Mauleon geleiſtet, kam Dieſem groß genug vor, um ihn zur Milde zu be⸗ 4 — 141 wegen. Ueberdies war ſein Feind entwaffnet, entkleidet, und außer Stand, zu ſchaden. Alle dieſe Betrachtungen ſtellte auch Muſaron ſeiner⸗ ſeits an. Er war ſo ſehr mit den Gedanken ſeines Herrn vertraut, daß in ihren beiden Geiſtern gleich⸗ zeitig dieſelbe Inſpiration entſtand. Doch dieſes Stillſchweigen benützte Caverley als ein ſchlauer und gewandter Mann. Er bedachte, daß ſeit dem Anfang der unangenehmen Unterredung, die er mit den Unbekannten gehabt, nur zwei Stimmen geſprochen hatten: indem er umhertappte und ſich umwandte, überzeugte er ſich, daß die Grotte zu eng und ungenügend war, um mehr als vier Men⸗ ſchen aufzunehmen. 1 Abgeſeben von den Waffen, war die Partie alſo gleich. Doch um dieſe Waffen zu bekommen, hätte er mit den Händen ſpielen müſſen, und ſeine Hände waren ihm gebunden. Die finſtere Vorſehung, welche die Böſewichte be⸗ ſchützt und nichts Anderes iſt, als die Schwäche der ehrlichen Leute, dieſe Vorſehung, ſagen wir, kam Caver⸗ ley zu Hülfe. „Dieſer Caverley,“ ſagte Agenor zu ſich ſelbſt, „wird mir ungemein laͤſtig ſein. An meiner Stelle würde er ſich der Verlegenheit durch einen Dolchſtoß entziehen und meinen Leib in den Tajo werfen; das iſt ein Verfahren, das ich nicht anwenden mag. Er wird mir läſtig ſein, ſage ich, wenn ich von hier weg⸗ gehen will, und ich will von hier weggehen, ſobald ich ſichere Kunde von Don Pedro und Aiſſa habe.“ Nach dieſer Betrachtung faßte Mauleon, der raſch zu Werke zu gehen pflegte, Caverley beim Arm, fing an ihn loszubinden und ſagte; „Meiſter Caverley, Ihr habt mir, ohne es zu wiſſen, einen Dienſt geleiſtet; ja, Don Pedro würde Euch 142² tödten, und Ihr ſollt nicht ſo ſterben, während es ſo gute Galgen in England und in Frankreich gibt.“ Bei jedem Wort löſte der Unkluge einen Knoten. „Ich ſchenke Euch die Freiheit,“ fuhr Mauleon . fort,„benützt ſie, um zu fliehen, und ſucht Euch zu beſſern.“ Hienach band er den Riemen vollends auf. Kaum hatte Caverley freie Arme, als er auf Agenor losbrach, ihm ſeinen Degen zu entreißen ſuchte und ausrief: „Mit der Freiheit gebt mir meine Borſe wieder.“ Schon hielt er das Eiſen, ſchon faßte er den Griff mit ſeiner Hand feſt, um zu ſtoßen, als ihm Mauleon einen Fauſtſchlag beibrachte, der ihn über die Stufen der Grotte hinab mitten in die Waſſeerlache ſchleuderte. Dem Fiſch ähnlich, der, dem Korb des Fiſchers ent⸗ gangen, ſich abermals von dem Element umgeben fühlt, das ihm Leben gibt, athmete Caverley voll Wonne, ſprang aus der Höhle und lief, was er laufen konnte, nach dem Flecken. „Bei San Jago! Herr,“ ſagte Muſaron voll Wuth, „Ihr habt da einen ſchönen Streich gemacht! laßt mich ihm nachlaufen, daß ich ihn einhole.“ .„Ei? warum dies, da ich es ihm freigeſtellt, zu entrinnen?“ entgegnete Agenor. „Wahnſinn, ungeheurer Wahnſinn! Der Schurke wird uns einen Streich ſpielen, er wird zurückkommen, er wird ſprechen.“ „Schweige, Dummkopf,“ ſagte Agenor, indem er Muſaron mit dem Ellenbogen ſtieß, damit dieſer nicht in ſeiner Hitze vor Becker irgend etwas verriethe;„wenn er zurückkommt, überliefern wir ihn Don Pedro, den wir noch dieſen Abend in Kenntniß ſetzen werden.“ „Das iſt etwas Anderes,“ brummelte Muſaron, der die Liſt begriff. „Auf, mein Freund, binde auch die Arme dieſes ehr⸗ lichen Herrn Becker los und ſage ihm, wenn Caverley, ———— 143 Philips, Lesby und Becker, dieſe vortrefflichen Ritters⸗ leute, morgen früh noch in der Gegend ſeien, ſo werden ſte insgeſammt an die Zinne von Montiel gehenkt; denn dieſſeits iſt die Polizei beſſer beſchaffen, als in Frank⸗ reich.“ „Ohl ich werde das nicht vergeſſen, meine hohen Herren,“ rief Becker, trunken vor Dankbarkeit und Freude. 3 Er dachte nicht daran, ſich gegen ſeine Wohlthäter zu waffnen, küßte ihnen die Hand und verſchwand leicht wie ein Vogel. „Oh! Herr, was für Abenteuer!“ ſeufzte Muſaron. „Oh! Herr Knappe,“ erwiederte Agenor,„wie viel Lectionen müßt Ihr noch nehmen, ehe Ihr vollendet ſeid! Wie! Ihr ſeht nicht, daß dieſer Caverley uns Don Pedro entdeckt hat; daß er, da er nicht weiß, wer wir ſind, glaubt, wir ſeien die Wächter von Don Pedro; daß er folglich die Gegend ſo ſchnell als möglich ver⸗ laſſen wird? Kurz, was wollt Ihr mehr? Ihr habt das Geld und die Waffen.“ „nuaͤdiger Herr, ich habe Unrecht.“ „Gut!“ 3 „Doch, wir wollen auf unſerer Hut ſein, gnädiger Herr. Der Teufel und Caverley ſind ſehr fein.“ „Hundert Mann vermöchten uns in dieſer Grotte nicht zu überwältigen,“ erwiederte Mauleon.„Wir können hier abwechſelnd ſchlafen und Nachrichten von meiner theuren Geliebten abwarten, da uns der Himmel ſchon Nachrichten von Don Pedro gegeben hat.“ „Gnädiger Herr, ich verzweifle nun an nichts mehr, und wenn mir Einer ſagte:„„Die Senora Aiſſa wird herabkommen, um Euch in dieſem Schlangenneſte zu beſuchen,““ ſo würde ich es glauben und antworten: „Ich danke für Eure Nachricht, braver Mann.““ In dieſem Augenblick traf ein entferntes, aber ab⸗ gemeſſenes, gleichförmiges Geräuſch an das geübte Ohr von Muſaron. 144 „Meiner Treue,“ ſagte er,„Ihr habt Recht; Ca⸗ verley ſchlägt einen Galopp an. Ich höre vier Pferde, das ſchwöre ich Euch... Er hat ſeine Englaͤnder ein⸗ geholt, und Alle entfliehen dem Galgen, mit dem Ihr ihnen eine Ehre anthun wolltet... Wenn ſie indeſſen nur nicht hierher kommen.... Nein, das Geräuſch entfernt ſich, erliſcht.... Glückliche Reiſe, Gott be⸗ fohlen, bis auf Wiederſehen, Kapitän des Teuſels!“ k „Ei! Muſaron!“ rief plötzlich Agenor,„ich habe mein Schwert nicht mehr.“ „Der Schurke hat es Euch geſtohlen,“ ſagte Muſaron; „es iſt Schade, eine ſo gute Klinge!“ „Mit meinem Namen in den Griff eingegraben. Ah! Muſaron, der Räuber wird mich erkennen.“ „Nicht vor Abend, und am Abend, glaubt mir, wird er ſchon fern ſein. Verfluchter Caverley, er muß doch immer etwas ſtehlen!“ Am andern Morgen bei Tagesanbruch hörten ſie vom Schloß zwei Männer herabkommen, welche lebhaft mit einander ſprachen. Dieſe zwei Männer waren Mo⸗ thril und der König Don Pedro. Der Letztere führte ſein Pferd an der Hand. Bei dieſem Anblick kochte alles Blut von Mauleon. Er war im Begriff, ſich auf ſeine Feinde zu ſtürzen, ſie zu erdolchen und ſo den Kampf zu endigen; doch Muſaron hielt ihn zurück. „Seid Ihr wahnſinnig, gnädiger Herr?“ fragte er. Wiel Ihr würdet Mothril tödten, ohne Aiſſa zu be⸗ ſitzen?... Und wer ſagt Euch, daß nicht wie bei Na⸗ varrete diejenigen, welche Aiſſa bewachen, Befehl haben, ſie zu tödten, wenn Mothril ſtärbe, oder wenn Ihr ihn zum Gefangenen machtet?“ Agenor ſchauerte. 3 1 „Oh! Du liebſt mich wahrhaft,“ ſagte er,„ja, Du liebſt mich.“ „Ich glaube es, bei Gott! Bildet Ihr Euch etwa ein, es würde mir kein Vergnügen machen, dieſen NO— 5aA— ◻ 145 4 ſchuftigen Mauren, der ſo viel Böſes gethan, zu tödten? ... Ja, ich werde ihn tödten, doch wenn ſich eine Ge⸗ legenheit zeigt, und dieſe muß gut ſein.“ Sie ſahen im Bereiche ihrer Hand die zwei Ge⸗ genſtände ihres gerechten Haſſes vorüberkommen und wurden beinahe von ihnen geſtreift, ohne daß ſie ſich derſelben zu entledigen wagten. „Das Glück ſpottet unſerer!“ rief Agenor. „Beklagt Euch doch, gnädiger Herr,“ erwiederte Muſaron,„Ihr, der Ihr, wäre nicht Caverley gekommen, geſtern aufge Pedro be„ohne Nachrichten von Dona Aiſſa zu haben. 3th, ſtille! hoͤren, wir, was ſie ſprechen.“ 7,3 nke,“ ſagte Don Pedro zu ſeinem Miniſter, Tajo bis Toledo hinauffahren. Geht nach Toledo, wo man Euch liebt. Flößt dieſen getreuen Vertheidigern Muth ein. An dem Tag, wo Enrique in Spanien ſein wird, bemächtigt Ihr Euch ſeiner und ſeines Heeres mit einem Schlag zwiſchen der Stadt, deren Belagerung er unternimmt, und dem Heere der Saracenen, Eurer Verbündeten, an deſſen Spitze ich mich ſtelle, ſobald es im Angeſicht von Toledo ſein wird. Hierin iſt der gute, der wahre, der unfehlbare Erfolg enthalten.“ 3„Mothril, Du biſt ein geſchickter Miniſter; Du biſt mir ergeben geweſen, was auch geſchehen mag.“ „Welch ein häßliches Geſicht muß der Maure machen, um freundlich zu ſcheinen!“ ſagte Muſaron ſeinem Herrn ins Ohr. Der Baſtard von Mauleon, Il. 10 rochen wäret, ohne zu wiſſen, wo ſich Don 146 „Ehe ich Gkc verlaſſe, um nach dem Schloß zu⸗ zückzukehren, noch einen letzten Rath,“ ſagte Mothril: „verweigert dem Prinzen von Wales jede Zahlung, bis er Partei für Euch ergriffen hat. Dieſe Engländer ſind treulos.“ „Ja, und dann fehlt es auch an Geld.“ „Ein Grund mehr. Gott befohlen, gnädigſter Herr, Ihr ſeid fortan ſtegreich und glücklich.“ „Gott befohlen, Mothril.“ Die zwei Abenteurer mußten noch die Qual aus⸗ ſtehen, langſam Mothril zurückgehen zu ſehen, der, ein hölliſches Lächeln auf den Lippen, das Schloß erreichte, nach dem Agenor ſo ſehnſüchtig begehrte. „Gehen wir mit ihm hinauf,“ ſprach der junge⸗ Mann;„wpacken wir ihn lebendig, ſagen wir ihm, wenn er uns Aiſſa nicht ausliefere, ſo tödten wir ihn, und er wird ſie uns ausliefern.“ „Ja, und unter Weges, während wir herab⸗ ſteigen, wird er uns mit Felsſtücken niederſchmettern, und dann ſind wir weit vorgerückt. Geduld, ſage ich Euch, Gott iſt gut!“ „Nun! da Du Dich gegen Alles für Mothril wei⸗ gerſt, ſo ſchlage wenigſtens die Gelegenheit nicht aus, die ſich bei Don Pedro bietet. Er reitet allein weg, wir ſind zu zwei, nehmen wir ihn feſt und tödten wir ihn, wenn er Widerſtand leiſtet, und wenn er nicht Widerſtand leiſtet, führen wir ihn zu Don Enrique von Transtamare, um ihm zu beweiſen, daß wir ihn ge⸗ funden haben.“ „Ein vortrefflicher Gedanke!“ rief Muſaron. Sie warteten, bis Mothril die Plattform des Schloſſes erreicht hatte, dann wagten ſie es, aus ihrem Loch herauszutreten. 4 Als ſie ihre Blicke in die Ebene tauchten, ſahen ſie Don Pedro an der Spitze von wenigſtens vierzig Be⸗ waffneten friedlich ſeines Weges gegen Toledo ziehen. 1⸗ 1s er er 147 „Ah! bei Gott! wir waren ſehr albern... verzeiht, gnädiger Herr, ſehr leichtgläubig,“ ſagte Muſaron. „Mothril hätte den König nicht ſo allein ziehen laſſen, Wachen ſind ihm vom Flecken entgegengekommen.“ „Durch wen benachrichtigt?“ „Ei! durch die Mauren geſtern Abend, oder auch durch ein Signal vom Schloß.“ „Das iſt richtig: wir wollen nur noch daran denken, Aiſſa zu ſehen, wenn es möglich iſt, oder zu Don En⸗ rique zurückzukehren!“ Achtundſechzigſtes Kapitel. Hafi z. Die erwartete Gelegenheit bot ſich den ganzen Tag nicht. Niemand kam aus dem Schloß, außer den Liefe⸗ ranten. 3 Es erſchien auch ein Bote, doch das Horn des Schloßvogts ſignalifirte ſeine Ankunft, und unſere Aben⸗ teurer hielten es nicht für klug, ihn aufzuhalten. Am Abend, da Alles ſchweigſam wird, da die Ge⸗ räuſche, welche vom Fluß zum Gebirg aufſteigen, ſelbſt umhüllt, gedämpft erſcheinen, da der Himmel am Ho⸗ rizont erbleicht, und der Felſen minder friſch erſcheint, hörten unſere beiden Freunde ein belebtes Geſpräch zwi⸗ ſchen zwei ihnen bekannten Stimmen. Mothril und Hafiz ſtritten ſich, während ſie von 148 der Plattform des Schloſſes zu dem Fußpfad herab⸗ ſtiegen, der nach den Thore ausmündete. „Herr,“ ſagte Hafiz,„Du haſt mich einſchließen laſſen, als der König da war, und Du verſprachſt mir, mich ihm vorzuſtellen; Du verſprachſt mir auch viel Geld. Ich langweile mich bei dieſem Mädchen, das Du mich zu hüten zwingſt, ich will in den Krieg ziehen mit unſern Landsleuten, die von der Heimath kommen und in dieſem Augenblick auf Schiffen mit weißen Se⸗ geln den Tajo hinauffahren. Bezahle mich alſo ge⸗ ſchwinde, Herr, damit ich zum König gehen kann.“ „Du willſt mich verlaſſen, mein Sohn?“ ſagte Mothril;„bin ich ein ſchlimmer Herr gegen Dich 24 „Nein, aber ich will gar keinen Herrn mehr.“ „Ich kann Dich zurückhalten, denn ich liebe Dich.“ „Ich, ich liebe Dich nicht. Du haſt mich finſtere Handlungen vollbringen laſſen, welche meinen Schlaf mit gräßlichen Träumen bevölkern; ich bin zu jung, um mich zu einem ſolchen Leben zu entſchließen. Be⸗ zahle mich und laß mich frei, oder ich werde Einen fin⸗ den, dem ich Alles ſage.“ 8 „Dann haſt Du Recht,“ antwortete Mothril;„ſteige wieder in's Schloß hinauf, und ich werde Dich auf der Stelle bezahlen.“ Als ſie herabſtiegen, ging Hafiz hinten und Mo⸗ — thril vorn. Der Weg war ſo ſchmal, daß, um hinauf⸗ zuſteigen, Hafiz vorn und Mothril hinten ſein mußte. Die Nachteule fing an in den Hoͤhlen der Steine zu ſingen; die bläuliche Tinte folgte an den Wänden des Sees auf die purpurne Färbung. Plötzlich durchdrang ein furchtbarer Schrei, ein gräßlicher Fluch die Lufte, und etwas Schweres⸗ Kraft⸗ koſes, Blutiges fiel platt vor die Höhle, in der unſere zwei Freunde aufmerkſam horchten.— Sie antworteten durch einen Schrei des Schreckens auf den Ruf des Sterbenden. —,—,,—— —— 2PD — 149 Die Nachtvögel entflatterten ſcheu aus dem Schooße der Felsſpalten und ſelbſt die Inſecten entflohen er⸗ ſchrocken aus ihren Schlupfwinkeln. Bald erreichte eine Blutlache das Waſſer der Ci⸗ ſterne und röthete dieſes. Bleich und zitternd, ſtreckte Agenor den Kopf aus ſeinem Verſteck und der fahle Kopf von Muſaron ſchmiegte ſich an den ſeines Herrn an. „Hafiz!“ riefen Beide, als ſie drei Schritte von ſich den unbeweglichen, zerriſſenen Leichnam des Ge⸗ fährten von Gildaz erkannten. „Armes Kind!“ murmelte Muſaron, der aus dem Loch hervortrat, um ihm Hülfe zu leiſten, wenn es noch Zeit wäre. Schon breiteten ſich die Schatten des Todes über dieſem bronzenen Geſicht aus; übermäßig erweitert, trübten ſich die Augen; ein ſchwerer Athem, vermiſcht mit Blut, kam mühſam aus der gequetſchten Bruſt des Mauxen. Er erkannte Muſaron, er erkannte Agenor, und ſeine Züge drückten einen abergläubiſchen Schrecken aus. Der Elende glaubte in der That rächende Schatten zu ſehen. Muſaron hob ſeinen Kopf auf, Agenor brachte ihm friſches Waſſer, um ſeine Stirne und ſeine Wunden zu waſchen. „Der Franzoſe! der Franzoſe!“ ſagte Hafiz gierig trinkend:„Allah! verzeihe mir.“ „„Komm mit uns, armer Kleiner, wir werden Dich heilen,“ ſagte Agenor. „Nein, ich bin todt, todt wie Gildaz,“ murmelte der Saracene,„todt, wie ich es verdient habe, todt durch Mörders Hand. Mothril hat mich oben vom Ge⸗ länder des Schloſſes herabgeſtürzt.“ Eiine Bewegung des Grauens von Mauleon ent⸗ ging dem Sterbenben nicht. ¹ 150 „Franzoſe,“ ſagte er,„ich habe Dich gehaßt, doch heute höre ich auf Dich zu haſſen, denn Du kannſt mich rächen... Aiſſa liebt Dich beſtändig... Dona Maria beſchützte Dich auch. Mothril hat Maria ver⸗ giftet, er hat die Ohnmacht von Aiſſa benützt, um ihr einen Dolchſtoß zu verſetzen. Sage dies dem König Don Pedro, ſage es ihm geſchwinde, aber rette Aiſſa, wenn Du kannſt. Denn in vierzehn Tagen, wenn Don Pedro in's Schloß zurückkehrt, muß ihm Mothril Aiſſa durch einen Zaubertrank eingeſchläfert überliefern... Ich habe Dir Böſes zugefügt, doch ich thue Dir nun Gu⸗ tes; verzeihe mir und räche mich. Allah!“— Er ſiel erſchöpft zurück, wandte die Augen mit einer ſchmerzlichen Anſtrengung gegen das Schloß, um es zu verfluchen, und verſchied. Während einer Viertelſtunde gelang es den beiden Freunden nicht, ihre Gedanken wiederzufinden, Kalt⸗ blütigkeit zu gewinnen. Dieſer abſcheuliche Tod, dieſe Offenbarungen, dieſe Drohungen für die Zukunft hatten ſie mit einer unſäg⸗ lichen Bangigkeit erfüllt. Agenor ſtand zuerſt auf und ſprach: „In vierzehn Tagen haben wir Ruhe; in vierzehn Tagen werden wir, Don Pedro, Mothril, oder ich todt ſein. Komm, Muſaron, laß uns in's Lager von Enrique ziehen, um ihm Rechenſchaft von der Sendung abzulegen, mit der er mich beauftragt hatte. Doch be⸗ eilen wir uns; ſuche unſere Pferde in der Ebene.“ Obgleich Muſaron ganz wankte, gelang es ihm doch, die Pferde zu finden, welche übrigens auf ſeinen Ruf herbeikamen. 3 Er ſattelte und zäumte ſie, ſchwang ſich leicht in den Sattel und ſchlug den Weg nach Toledo ein, au dem ihm ſein Herr voranritt. Als ſie in der Ebene waren und das unheimliche Schloß im Proſil ſchwarz von dem blaugrauen Grund 151 des Himmels ſich abhob, rief Agenor mit ſchallender Stimme, indem er ſeine Fauſt nach den Fenſtern des Schloſſes ausſtreckte: „Mothril! Mothril! auf Wiederſehen! Meine Liebe, bald ſehe ich Dich wieder.“ Neunundſechzigſtes Kapitel. Vorbereitungen. Das Pulver entzündet ſich nicht ſchneller, als ſich die Empörung in den Staaten von Don Pedro ent⸗ zündete. Aus Furcht, von den benachbarten Königreichen überfallen und überwältigt zu werden, erklärten ſich die Einwohner beider Caſtilien der Mehrzahl nach zu Gun⸗ ſten von Don Enrique, ſobald ein von ihm ausgegan⸗ genes Manifeſt Spanien verkündete, er ſei mit einem Heer zurückgekehrt, und dieſes Heer werde vom Conne⸗ table Bertrand Duguesclin befehligt. In wenigen Tagen waren die Straßen bedeckt von Glücksſoldaten, von ergebenen Bürgern, von Mönchen aller Orden und von Bretagnern, welche gen Toledo wanderten. Aber Pedro getreu, wie es Bertrand vorherge⸗ ſehen, ſchloß Toledo ſeine Thore, befeſtigte ſeine Mauern und wartete die Ereigniſſe ab. Enrique verlor keine Zeit. Er berannte die Stadt und begann eine regelmäßige Belagerung. Dieſer feind⸗ 15² ſelige Zuſtand unterſtützte ihn vortrefflich, denn er gab ſeinen Verbündeten Zeit, ſich unter ſeine Fahnen zu ſchaaren. 1 Andererſeits vervielfältigte ſich Don Pedro. Er. ſchickte Eilboten auf Eilboten an den König von Gra⸗ nada, an den König von Portugal und an den König von Aragonien und Navarra, ſeine alten Freunde. Er unterhandelte mit dem Prinzen von Wales, der, in Bordeaux krank, ein wenig von ſeiner Thatkraft für den Krieg verloren zu haben ſchien und ſich durch die Ruhe für den grauſamen Tod vorbereitete, der ihn jung einer glorreichen Zukunft entriß. Die von Mothril angekündigten Saracenen landeten in Liſſabon. Sie machten einige Raſttage, um ſich zu erholen, und fuhren dann mit Schiffen, die ihnen der König von Portugal lieferte, den Tajo hinauf, wobei ihnen dreitauſend an Don Pedro von ſeinem Verbün⸗ deten von Portugal überſchickte Pferde vorangingen. Enrique hatte die Städte von Galizien und Leon für ſich; ein gleichartiges Heer, von dem fünftauſend von Olivier Duguesclin befehligte Bretagner den mäch⸗ tigen Kern bildeten. 3 Er wartete nur noch auf ſichere Nachrichten von Mauleon, als dieſer mit ſeinem Knappen in's Lager zu⸗ rückehrte und erzählte, was er gethan und geſehen hatte. Der König und Bertrand horchten mit tiefem Still⸗ ſchweigen.. „Wie!“ ſagte der Connetable,„Mothril iſt nicht mit Don Pedro aufgebrochen?“ „Er erwartet die Ankunft der Saracenen, um ſich an ihre Spitze zu ſtellen.“ „Man kann hundert Mann abſchicken, um zuerſt ihn in Montiel zu packen,“ ſprach Bertrand.„Agenor ſoll den Zug befehligen, und da ich annehme, daß er keine ſtarke Gründe hat, um dieſen Mothril zu lieben, ſo yn ll 153 wird er einen hohen Galgen am Ufer des Tajo errichten und an dieſen Galgen den Saracenen, den Mörder, den Verräther hängen.“ „Edler Herr,“ erwiederte Agenor,„Ihr ſeid ſo gut geweſen, mir Eure Freundſchaft, Eure Unterſtützung zu verſprechen. Weiſt mich heute nicht zurück: ich bitte, laßt den Saracenen Mothril ruhig und ohne Mißtrauen im Schloß Montiel leben.“ 17un es iſt ein Neſt, das man zerſtören muß.“ „Edler Herr Connetable, es iſt ein Ort, den ich kenne und deſſen Nützlichkeit Euch die Zukunft beweiſen wird. Ihr wißt, daß man, wenn man den Fuchs über⸗ wältigen will, ſich den Anſchein gibt, als bemerkte man ſein Verſteck nicht, und daran vorübergeht, ohne es an⸗ zuſchauen, ſonſt verläßt er es und kehrt nie mehr dahin zurück.“ „Hernach, Ritter?“ „Edler Herr, laßt Mothril und Don Pedro glauben, ſie ſeien im Schloß Montiel unbekannt und unverletzlich; wer weiß, ob wir ſie ſpäter dort nicht Beide mit einem Netzzug fangen werden?“ „Agenor,“ ſprach der König,„das iſt nicht Dein einziger Grund?“ „Nein, Sire, und ich habe nie gelogen, nein, es iſt nicht mein einziger Grund. Der wahre Grund iſt der, daß das Schloß einen Freund von mir enthält, einen Freund, den Mothril tödten laſſen wird, wenn man ihn zu eng einſchließt.“ „Sage es doch!“ rief Bertrand,„und glaube nie, man zögere, Dir zu bewilligen, was Du wünſcheſt.“ Nach dieſer Unterredung, welche Mauleon über das Schickſal von Aiſſa beruhigte, betrieben die Anführer des Heeres kräftig die Belagerung von Toledo. Die Einwohner vertheidigten ſich ſo gut, daß dies der Herd vieler Waffenthaten wurde, und daß Viele e 154 von den ausgezeichnetſten und geübteſten Belagerern bei den Scharmützeln oder Ausfällen den Tod fanden, oder ſchwere Wunden erhielten. Doch dieſe Kämpfe ohne Erfolg waren nur das Vorſpiel eines allgemeinen Treffens, wie die Blitze und das Zuſammenſtoßen der Wolken das Vorſpiel des Sturmes find. Siebzigſtes Kapitel. Der Grauſame. Don Pedro hatte in Toledo, einer Stadt, welche ſich mit ihren zahlreichen Mitteln gut vertheidigen ließ, alle ſeine Angelegenheiten mit ſeinen Unterthanen und ſeinen Verbündeten geordnet. Die Toledaner hatten in dieſer endloſen Reihen⸗ folge von Bürgerkriegen von einer Partei zur andern geſchwankt; es war die Aufgabe, einen moraliſchen Schlag bei ihnen zu thun, der ſie auf ewig mit der Sache des Siegers von Navarrete verbinden ſollte. Dies war der ſchönſte Titel von Don Pedro. In der That, wenn die Toledaner ihren Fürſten diesmal nicht unterſtützten und er bei der erſten Schlacht Sieger blieb wie bei der letzten, ſo war es um Toledo für immer geſchehen; Don Pedro würde nicht verzeihen. Der ſchlaue Mann wußte wohl, daß die Bevölke⸗ rung einer großen Stadt keine andere Impulſe hat, als den Hunger und die Habgier. 155 Mothril wiederholte es ihm jeden Tag. Man mußte alſo die Toledaner ernähren und ihnen Hoffnung auf reiche Beute machen. Es gelang Don Pedro nicht, beide Reſultate zu erreichen. 4 Er verſprach viel für die Zukunft, doch er hielt nichts für die Gegenwart. Als die Toledaner bemerkten, daß es an Lebensmitteln auf dem Markt fehlte, daß die Speicher leer waren, fingen ſie an zu murren. 1 Ein Bündniß von zwanzig reichen, dem Grafen von Transtamare ergebenen, oder nur von einem Geiſt der Oppoſition beſeelten Privatleuten brachte dieſes Gemurre und die böſe Stimmung der Stadt in Gäh⸗ rung. Don Pedro fragte Mothril um Rath, und der Maure antwortete ihm: „Dieſe Leute werden Euch den ſchlimmen Streich ſpielen, während Ihr ſchlaft, ein Thor der Stadt Eurem Mitbewerber zu öffnen. Zehntauſend Mann werden eindringen, Euch gefangen nehmen, und der Krieg iſt beendigt.“ „Was iſt zu thun?“ „Etwas ganz Einfaches. Man nennt Euch in Spa⸗ nien Don Pedro den Grauſamen.“ „Ich weiß es, und ich verdiene dieſen Titel nur durch etwas energiſche Akte der Gerechtigkeit.“ „Ich beſtreite das nicht... doch wenn Ihr dieſen Namen verdient habt, ſo dürft Ihr Euch nicht fürchten, ihn abermals zu verdienen; habt Ihr ihn nicht verdient, ſo beeilt Euch, ihn durch irgend eine gute Execution zu rechtfertigen, welche die Toledaner von der Stärke Eures Armes unterrichten ſoll.“ „Es ſei,“ ſagte der König.„Ich werde noch in dieſer Nacht handeln.“ Don Pedro ließ in der That die von uns erwähnten 156 Unzufriedenen bezeichnen; er erkundigte ſich nach ihrem Aufenthaltsort und ihren Gewohnheiten. Mit hundert Soldaten, die er in Perſon befehligte, ſprengte er ſo⸗ dann die Thüren des Hauſes von jedem der Meuterer und ließ ſie erwürgen. Ihre Leichname wurden in den Tajo geworfen. Ein wenig nächtlicher Lärmen, viel ſorgfältig abge⸗ waſchenes Blut, dies war es, wodurch die Toledaner erfuhren, was der König unter den Worten„Gerechtig⸗ keit üben und die Stadt verwalten“ verſtand. Sie murrten nicht mehr und fingen an mit viel Begeiſterung zuerſt ihre Pferde zu verſpeiſen. Der König wünſchte ihnen Glück dazu und ſprach: „Ihr braucht keine Pferde in der Stadt. Die Ritte ſind nicht mehr lang, und was die Ausfälle auf die Belagerer betrifft, ſo werden wir ſie zu Fuß machen.“ Nach ihren Pferden ſahen ſich die Toledaner ge⸗ nöthigt, ihre Maulthiere zu verzehren. Das iſt für den Spanier eine harte Nothwendigkeit. Das Maulthier iſt ein nationales Thier, und man betrachtet es beinahe wie einen Landsmann. Wohl opfert man die Pferde bei den Stiergefechten; aber man beauftragt die Maul⸗ thiere, Pferde und Stiere, die einander getoͤdtet, von der Arena wegzuſchaffen. 3 Die Toledaner verſpeiſten alſo ſeufzend die Maul⸗ hiere. Enrique von Transtamare ließ ſie machen. Dieſes Hinſchlachten der Maulthiere ſtachelte die Energie der Belagerer, und ſie ſielen aus, um Lebens⸗ mittel zu ſuchen; doch der Stammler von Vilaines und Olivier von Mauny, welche ihre bretagniſchen Pferde nicht gegeſſen hatten, ſchlugen ſie ſo grauſam, daß ſie in ihren Wällen zu bleiben genöthigt waren. Don Pedro gab ihnen einen neuen Gedanken ein, 4 157 den, das Futter zu freſſen, das die Pferde und die Maulthiere nicht mehr fraßen, inſofern ſie todt waren. Dies währte acht Tage, wonach man ſich um etwas Anderes bekümmern mußte. Die Umſtände waren aber nicht vortheilhaft. Aergerlich darüber, daß er die Geldſumme nicht erhielt, die ihm Don Pedro ſchuldig war, ſchickte der Prinz von Wales drei Abgeordnete nach Toledo, um die Rechnung der Kriegskoſten zu überreichen. Don Pedro fragte Mothril über dieſe neue Ver⸗ legenheit um Rath, und dieſer antwortete: 3 „Die Chriſten lieben ungemein das Gepränge der Ceremonien und die öffentlichen Feſte; zur Zeit, wo wir noch Stiere beſaßen, hätte ich Euch gerathen, Ihr ſolltet ein glänzendes Stiergefecht geben; doch wir haben keine mehr, und man muß auf einen Erſatz dafür be⸗ dacht ſein.“ „Sprecht, ſprecht.“ „Die Abgeordneten verlangen Geld von Euch. Ganz Toledo erwartet Eure Antwort: weigert Ihr Euch, ſo ſagt Ihr damit, Eure Caſſen ſeien leer, und Ihr köͤnnet auf nichts mehr rechnen.“ „Aber ich kann nicht bezahlen, da ich nichts habe. ½ „Ich weiß es wohl, Hoheit, ich, der ich die Fi⸗ nanzen verwalte; doch in Ermangelung von Geld muß man Geiſt haben. Ihr fordert die Abgeordneten auf, mit großem Gepränge nach der Kathedrale zu ziehen. Dort, in Gegenwart von allem Volk, das ſehr entzückt ſein wird, Eure königlichen Gewänder, das Gold und die Edelſteine der prieſterlichen Ornamente, den Reich⸗ thum der Rüſtungen und die hundert und fünfzig Pferde zu ſehen, welche als Muſter der ſeltſamen Thiere, deren Race verloren gegangen iſt, übrig ſind, dort, ſage ich, ſprecht Ihr:. 1 „„Meine edlen Herren Abgeordneten, habt Ihr Vollmacht, um mit mir zu unterhandeln 200 1 1 1 8 — ——:—— 158 „Ja,““ werden ſie antworten,„wir vertreten Seine Hoheit den Prinzen von Wales, unſern allergnädigſten Herrn.““ „„Nun!““ ſprecht Ihr,„„Ihr verlangt von mir die Geldſumme, die ich der Verabredung gemäß bezahlen ſollte?““ „„Ja,“u“ werden ſie antworten.“ „„Ich leugne die Schuld nicht,““ ſagt Ihr, mein Fürſt.„„Nur war ich mit ſeiner Hoheit dahin über⸗ eingekommen, daß ich für die ſchuldige Summe den Schutz, das Bündniß und die Mitwirkung der Engländer haben ſollte.“ „Aber ich habe das gehabt,“ rief Don Pedro. „Ja, aber Ihr habt es nicht mehr, und Ihr lauft Gefahr, das Gegentheil zu haben.. Das iſt es, was Ihr vor Allem von ihnen erhalten müßt, die Neutra⸗ lität: in Betracht, daß Ihr, wenn Ihr mit der Armee Enrique von Transtamare und die Bretagner, befehligt vom Connetable, Euren Vetter den Prinzen von Wales und zwanzigtauſend Engländer zu bekämpfen habt, ver⸗ loren ſeid, mein Fürſt, und die Engländer ſich eigen⸗ händig mit Eurer Hinterlaſſenſchaft bezahlen werden.“ „Sie werden ſich weigern, Mothril, da ich ſie nicht bezahlen kann.“ „Wenn ſie etwas zu verweigern hätten, wäre es ſchon geſchehen. Aber die Chriſten ſind zu eitel, um ein⸗ ander zu geſtehen, ſie ſeien hintergangen worden. Der Prinz von Wales würde lieber Alles verlieren, was Ihr ihm ſchuldig ſeid, und für bezahlt gelten wollen, als bezahlt ſein, ohne daß man es wüßte. Laßt mich endigen.. Eure Abgeordneten werden Euch auffordern, ſie zu bezahlen.. Ihr antwortet: „„Von allen Seiten bedroht man mich mit Feind⸗ ſeligkeiten vom Prinzen von Wales... Wenn dem ſo wäre, ſo wollte ich lieber mein ganzes Königreich ver⸗ lieren, als die Spur eines Bündniſſes mit einem ſo unredlichen Fürſten fortbeſtehen laſſen. Schwört mir —— — 3——— — 159 alſo, daß Seine Hoheit zwei Monate von jetzt an, nicht das Verſprechen, daß ſie mir geleiſtet, mich zu unterſtützen, ſondern ihr früheres Verſprechen, neutral zu bleiben, halten wird, und in zwei Monaten, das ſchwöre ich Euch bei dem heiligen Evangelium, das Ihr hier ſeht, ſollt Ihr bezahlt ſein... ich halte das Geld hiezu bereit.““ „Die Abgeordneten werden ſchwören, um das Recht zu erhalten, raſch in ihr Land zurückzukehren; ſicher, keine neuen Feinde mehr zu haben, wird Euer Volk ſodann freudig, erleichtert ſein und, nachdem es ſeine Pferde und Maulthiere verzehrt hat, alle Ratten und alle Eidechſen von Toledo verſpeiſen, die ſich in ziemlich großer Anzahl wegen der Nähe des Fluſſes und der Felſen hier finden.“ „Aber in zwei Monaten, Mothril...“ „Werdet Ihr ebenſo wenig bezahlen, das iſt wahr; in zwei Monaten habt Ihr die Schlacht, die wir liefern wollten, gewonnen oder verloren; in zwei Monaten braucht Ihr als Sieger oder als Beſiegter Eure Schulden nicht zu bezahlen: als Sieger, weil Ihr mehr Credit habt, als Ihr braucht; als Beſiegter, weil Ihr mehr als zahlungsunfähig ſein werdet.“ „Aber mein Schwur auf das Evangelium?“ „Ihr habt oft davon geſprochen, Ihr wollet Mo⸗ hametaner werden; das wird eine gute Gelegenheit ſein, mein Fürſt. Ein Anhänger Mohamet's, habt Ihr keinen Handel mehr mit Jeſus Chriſtus, dem andern Propheten, zu ſchlichten.“ Abſcheulicher Heide!“ murmelte Don Pedro;„was für Rathſchlägel“ „Ich leugne es nicht,“ erwiederte Mothril;„doch Eure getreuen Chriſten geben Euch gar keine, und folg⸗ lich ſind die meinigen mehr werth.“ Don Pedro führte, nachdem er die Sache reiflich er⸗ wogen hatte, den Plan von Mothril Punkt für Punkt aus. Die Ceremonie brachte den größten Eindruck her⸗ vor; die Toledaner vergaßen ihren Hunger beim Anblick 160 der Herrlichkeiten des Hofes und beim Schimmer eines kriegeriſchen Gepränges. Don Pedro entwickelte ſo viel Großmuth, hielt ſo ſchöne Reden und betheuerte ſich ſo feierlich, daß die Abgeordneten, nachdem ſie Neutralität geſchworen hat⸗ ten, glücklicher ausſahen, als wenn man ſie mit baarem Geld bezahlt hätte. „Was iſt mir im Ganzen daran gelegen?“ ſagte Don Pedro;„das wird ſo lange dauern, als ich.“ Er hatte mehr Glück, als er hoffte, denn nach den Vorherſehungen von Mothril kam eine bedeutende Verſtärkung Afrikaner auf dem Tajo an und durchbrach die feindlichen Linien, um Toledo zu verproviantiren, wonach Don Pedro, als er ſeine Streitkräfte zählte, fand, daß er unter ſeinen Beſehlen ein Heer von acht⸗ zigtauſend Mann, beſtehend aus Juden und Saracenen, Portugieſen und Caſtilianern, hatte. 1 Während der ganzen Dauer dieſer Vorbereitungen hielt er ſich beiſeit, ſchonte ſeine Perſon mit der groͤßten Aengſtlichkeit und gab durchaus keinen Spielraum dem Zufall, der für ihn durch einen vereinzelten Unſtern das Reſultat des großen Schlages, auf den er ſann, ver⸗ lieren machen konnte. Don Enrique organiſirte ſchon im Gegentheil eine Regierung wie ein erwählter, auf dem Thron geſicherter König. Es ſollte nach ſeinem Willen am andern Tag nach einer Schlacht, welche ihm die Krone gebracht hätte, dieſes Königthum feſt und ſtark ſein wie das durch einen langen Frieden geheiligte. Während Jeder ſeine Anordnungen. traf, hatte Agenor ſein Auge auf Montiel, und er wußte durch wohlbezahlte Späher, daß Mothril, der einen Cordon von Truppen zwiſchen dem Schloß und Toledo aufge⸗ leicht wie der Wind, Aiſſa beſuchte, welche gänzlich von ihrer Wunde wiederhergeſtellt war.. Er verſuchte alle mögliche Mittel, um den Eintritt ſtellt hatte, beinahe alle Tage auf einem Berber, ſo 161 in's Schloß zu erlangen, oder um Aiſſa eine Kunde zukommen zu laſſen, doch es glückte ihm nicht. Muſaron träumte ſo anhaltend hierüber, daß er das Fieber bekam. Agenor ſah nur noch ein Heil in einem allgemeinen und nahe bevorſtehenden Kampf, der ihm mit eigener Hand Don Pedro zu toͤdten und Mothril gefangen zu nehmen geſtatten würde, wonach er für das Loͤſegeld deſen verhaßten Lebens Aiſſa frei und lebendig kaufen önnte. Dieſer ſüße Gedanke, dieſer unabläßige Traum er⸗ müdete das Gehirn des jungen Mannes durch ſeine glühende Beharrlichkeit. Es beſiel ihn ein tiefer Ekel gegen Alles, was nicht der thätige und entſcheidende Krieg war; und da er zum Rath der Anführer gehörte, ſo war immer ſeine Meinung, die Belagerung aufzugeben und Don Pedro zu einer geordneten Schlacht zu zwingen. Er traf gewichtige Gegner im Rath, denn das Heer von Don Enrique belief ſich auf höchſtens zwanzig⸗ tauſend Mann, und viele Officiere dachten, es wäre eine Thorheit, mit ſchlimmen Chancen eine ſo ſchöne Partie zu wagen. Doch Agenor ſtellte ihnen vor, wenn Don Enrique nur zwanzigtauſend Mann ſeit ſeinem Manifeſt zu ſeiner Verfügung hätte und ſich nicht durch einen glänzenden Schlag Anerkennung verſchaffte, ſo würden ſich ſeine Streitkräfte vermindern, ſtatt zu vermehren, während der Tajo jeden Tag Don Pedro Verſtärkung an Sara⸗ cenen und Portugieſen bringe. „Die Städte werden unruhig,“ ſagte er,„ſie ſchwanken zwiſchen zwei Bannern; ſeht, mit welcher Gewandtheit Don Pedro Euch zur Unthätigkeit zwingt, die für Alle ein Beweis unſerer Ohnmacht iſt. Gebt Toledo auf, das Ihr nicht einnehmen werdet. Erinnert Euch, daß die Stadt, wenn Ihr Sieger ſeid, ſich zu Der Baſtard von Mauleon. I. 11 162 ergeben genöthigt iſt, während in dieſem Augenblick nichts ſte antreibt: im Gegentheil, der Plan von Mo⸗ thril kommt zum Vollzug. Ihr werdet zwiſchen Mauern von Stein und Mauern von Stahl eingeſchloſſen ſein... hinter Euch der Tajo, beſetzt mit achtzigtauſend Strei⸗ tern. Wir werden nur noch kämpfen müſſen, um zu ſterben. Heute könnt Ihr angreifen, um zu ſiegen.“ Der Grund dieſer Rede war eigennützig; doch wel⸗ cher gute Rath iſt dies nicht ein wenig? Der Connetable hatte zu viel Geiſt und Kriegser⸗ fahrung, um nicht Mauleon zu unterſtützen. Es blieb die Unentſchloſſenheit des Königs, der ſehr viel wagte, wenn er einen Streich auf gut Glück unternahm, ohne alle Vorſichtsmaßregeln getroffen zu haben. Doch was die Menſchen nicht thun, thut Gott nach ſeinem Willen. Don Pedro drängte es eben ſoſehr als Agenor, in den Beſitz des Gutes zu gelangen, nach dem er am meiſten auf der Welt, nach ſeiner Krone, begehrte. So oft er in der Nacht, wenn ſeine Geſchäfte ab⸗ gethan waren, längs einer Reihe ergebener Soldaten nach Montiel reiten und die ſchöne, nun ſo bleiche und traurige Aiſſa ſehen konnte, fühlte ſich der König glücklich. Mothril bewilligte ihm dieſe Gunſt nur ſelten. Der Plan des Saracenen war reif, ſein gut ausgeſpanntes Garn hatte ſeine Beute erhaſcht; die Aufgabe war nur noch, ſie zu behalten, denn ein König in der Falle iſt wie ein Löwe im Netz, man hält ihn nie weniger feſt, als wenn er gefangen iſt. Don Pedro beſtürmte Mothril mit Bitten, ihm Aiſſa zu übergeben; er verſprach, ſie zu heirathen und ſie den Thron beſteigen zu laſſen. „Nein,“ antwortete Mothril,„nicht im Augenblick einer Schlacht feiert ein König ſeine Hochzeit, nicht wenn ſo viele brave Leute für ihn ſterben, beſchäftigt +—— er ſich mit der Liebe. Nein, wartet den Sieg ab, dann wird Euch Alles geſtattet ſein.“ So hielt er den bebenden König zurück... Sein Ge⸗ danke war indeſſen durchleuchtend und Don Pedro hätte ihn erkannt, wäre er nicht geblendet geweſen. Mothril wollte aus Aiſſa eine Königin von Caſti⸗ lien machen, weil er wußte, dieſes Bündniß des Chri⸗ ſten mit der Mohametanerin würde die ganze Chriſten⸗ heit zum Aufruhr bringen, die ganze Welt würde dann Don Pedro verlaſſen, und die ſo oft beſtegten Sara⸗ cenen wären bereit, um Spanien wiederzuerobern und ſich für immer darin feſtzuſtellen. Mothril wäre der König von Spanien geworden, Mothril, der ſo großes Anſehen bei ſeinen Landsleuten genoß und dieſe ſeit zehn Jahren Schritt für Schritt auf eine für Jedermann, nur nicht für den trunkenen oder wahnſinnigen König, bemerkbare Weiſe nach dem gelobten Land leitete. 1 Indem er aber Don Pedro Aiſſa gab und ihm eine Rückkehr der Unfälle vorbehielt, durfte Mothril jedoch nur langſam und ſicher zu Werke gehen, und er war⸗ tete einen entſcheidenden Sieg ab, der die wüthendſten Feinde, welche die Mauren in Spanien treffen konnten, zerſtören ſollte. Die Mauren mußten mit dem Namen von Don Pedro eine große Schlacht gewinnen, um Enrique von Transtamare, Bertrand Dugueselin und alle Bretagner zu tödten, um endlich der Chriſtenheit zu bedeuten, Spanien ſei ein Land, das ſich leicht öffnen laſſe, wenn es ſich darum handle, Gräber für die Er⸗ oberungsſüchtigen zu graben. Es mußte auch das größte Hinderniß bei den Plä⸗ nen von Mothril, es mußte Agenor von Mauleon ge⸗ tödtet werden, damit die junge Liebende, Anfangs be⸗ ſänftigt durch Verſprechungen und durch die Verſicherung einer nahe bevorſtehenden Verbindung, ſodann entmu⸗ thigt durch den unverdächtigen Tod auf dem Schlacht⸗ 164 feld, ſich durch ihre Verzweiflung bewegen ließe, Mo⸗ thril zu dienen, dem ſie nicht mehr mißtrauen würde. Der Maure verdoppelte ſeine Zärtlichkeiten, ſeine Bemühungen; er ging ſogar ſo weit, daß er Haſiz be⸗ ſchuldigte, er habe ein Einverſtändniß mit Dona Maria unterhalten, um Agenor zu täuſchen oder zu Grunde zu richten. Hafiz war todt und konnte ſich nicht mehr rechtfertigen. Er verſchaffte Aiſſa wahre oder erdichtete Nach⸗ richten von Agenor. „Er denkt an Euch,“ ſagte er,„er liebt Euch; er lebt bei ſeinem Herrn, dem Connetable, und verfehlt keine Gelegenheit, ſich mit den Emiſſären in Verbindung zu ſetzen, die ich ihm zuſende, damit er Nachricht von Euch bekommt.“ Beruhigt durch dieſe Worte, wartete Aiſſa geduldig. Sie fand ſogar einen gewiſſen Reiz in dieſer Trennung, welche ihr dafür bürgte, daß Mauleon ſich ihr zu nähern trachtete. Ihre Tage vergingen in dem entlegenſten Gemache des Schloſſes. Allein mit ihren Frauen, müßig und träumeriſch, ſchaute ſie nach dem Lande hinaus von einem Fenſter, von dem es ſenkrecht hinabging in die Schlucht der Felſen von Montiel. Wenn ſie Don Pedro beſuchte, hatte ſie für ihn das eiſige, abgemeſſene Wohlwollen, das bei den der Verſtellung unfähigen Frauen die äußerſte Anſtrengung der Heuchelei iſt... eine ſo unverſtändliche Kälte, daß ſte die Anmaßlichen zuweilen für die Schüchternheit eines Anfangs von Liebe nehmen. Der König hatte nie einen Widerſtand erfahren. Die ſtolzeſte der Frauen, Maria Padilla, hatte ihn ge⸗ liebt, Allem vorgezogen... warum hätte er nicht an die Liebe von Aiſſa glauben ſollen, beſonders ſeitdem der Tod von Maria und die Verleumdungen von Mothril ihn überzeugten, das Herz ſeiner Tochter ſei rein von jedem Liebesgedanken?. ——— n. e⸗ die der ril on — 165 Mothril überwachte auf's Aengſtlichſte den König bei jedem ſeiner Beſuche. Nicht ein Wort dieſes Fürſten war für ihn ohne Werth, und er duldete nicht, daß Aiſſa auf ein einziges Wort etwas erwiederte. Ihr Krankheitszuſtand heiſche gebieteriſch das Stillſchweigen, ſagte er. Und dann hatte er beſtändig bange vor einem Einverſtändniß von Don Pedro mit den Leuten des Schloſſes, das Aiſſa dem König in die Hände geliefert hätte, wie dies bei ſo vielen anderen Frauen der Fall geweſen war. Unumſchränkter Gebieter in Montiel, hatte Mo⸗ thril ſeine Vorſichtsmaßregeln getroffen. Die beſte von Allen war, Aiſſa zu überzeugen, er billige ihre Liebe für Agenor. Das Mädchen war aber überzeugt. Die Folge hievon war, daß Mothril an dem Tag, wo er Montiel verlaſſen mußte, um den Oberbefehl über die für die Schlacht angekommenen afrikaniſchen Truppen zu übernehmen, nur zwei Vorſchriften zu er⸗ theilen hatte, die eine ſeinem Lieutenant, die andere Aiſſa ſelbſt.. Dieſer Lieutenant war eben derjenige, welcher vor der Schlacht von Navarrete die Sänfte von Aiſea ſchlecht vertheidigt hatte; aber er brannte vor Begierde nach einer Ausgleichung. Es war mehr ein Soldat, als ein Diener. Un⸗ fähig, ſich zu den Gefälligkeiten von Hafiz zu erniedri⸗ gen, verſtand er nur den dem Vorgeſetzten ſchuldigen Gehorſam und die den Vorſchriften der Religion ge⸗ bührende Ehrfurcht. Aiſſa verſtand auch nur Eines: ſich auf ewig mit Mauleon zu verbinden. „ Ich breche zur Schlacht auf,“ ſagte Mothril zu ihr.„Ich habe einen Vertrag mit dem Sire von Mau⸗ leon geſchloſſen, daß wir uns gegenſeitig im Kampfe ſchonen. Iſt er Sieger, ſo ſoll er Euch in dieſem Schloſſe holen, deſſen Pforten ich ihm öffne, und Ihr flieht mit ihm, wenn Ihr mich als Vater liebt. Wird 4 1 ½ 166 er beſtegt, ſo kommt er mit mir, und er verdaͤnkt mir zugleich das Leben und Euren Beſitz.. Werdet Ihr mich wohl für ſo viel aufopfernde Ergebenheit lieben, Aiſſa? Ihr begreift, wenn der König Don Pedro nur ein einziges Wort erführe, nur einen einzigen Gedanken von dieſem Plan ahnete, würde mein Kopf vor Ablauf einer Stunde zu ſeinen Füßen rollen, und Ihr wäret— für immer für den Mann, den Ihr liebt, verloren.“ Aiſſa ergoß ſich in Betheurungen ihrer Dankbar⸗ keit und begrüßte dieſen Tag der Trauer und des Bluts als die Morgenrothe ihrer Freiheit und ihres Glückes. Als er das Mädchen ſo vorbereitet hatte, gab er ſeinem Lieutenant ſeine Inſtructionen.. „Haſſan,“ ſagte er zu ihm,„der Prophet ſoll über Leben und Glück von Don Pedro entſcheiden. Wir ſind im Begriff, eine Schlacht zu liefern. Werden wir beſtegt, oder ſind wir Sieger, und ich kehre am Abend der Schlacht nicht in's Schloß zurück, ſo bin ich ver⸗ wundet, todt oder gefangen genommen; dann öftneſt Du die Thüre von Aiſſa, hier haſt Du den Schlüſſel; Du erdolchſt ſie mit ihren Frauen, und wirfſt ſie vom Fel⸗ ſen yerab in die Schlucht, weil es ſich nicht geziemt, daß gute Muſelmänninnen den Beleidigungen eines Chriſten ausgeſetzt ſein ſollen, und würde dieſer Chriſt auch Don Pedro oder Transtamare heißen! Wache beſſer, als bei Navarrete; dort hat ſich Deine Wachſamkeit mit einer Schuld beladen; ich habe Dir verziehen, ich habe Dich leben laſſen; diesmal würde Dich der Prophet be⸗ ſtrafen. Schwöre mir alſo, meine Befehle zu vollſtrecken.“ „Ich ſchwöre es,“ ſprach Haſſan mit kaltem Tone, „und wenn die drei Frauen todt ſind, werde ich mich mit ihnen erdolchen, damit mein Geiſt über ihren Gei⸗ ſtern wache.“ 3 „Ich danke,“ antwortete Mothril, indem er ſein goldenes Collier um Haſſans Hals ſchlang.„Du biſt ein guter Diener, und wenn wir ſiegen, ſollſt Du den Oberbefehl über dieſes Schloß erhalten. Dona Aiſſa —2A&= k — 8K— 25ES 167 darf bis auf den letzten Augenblick das Schickſal nicht erfahren, das ihr vorbehalten iſt; ſie iſt eine Frau, ſie iſt ſchwach, und ſoll nicht mehr als einmal den Tod erleiden. Was aber den Sieg betrifft,“ fügte er haſtig bei,„ſo glaube ich nicht, daß er uns entgehen kann. Somit iſt mein Befehl eine Vorſichtsmaßregel, zu der wir unſere Zuflucht zu nehmen nicht nöthig haben werden.“ Nachdem er ſo geſprochen, ergriff Mothril ſeine Waffen, beſtieg ſein beſtes Roß, ſuchte zwei ergebene Männer aus, die ihm folgen ſollten, übergab das Com⸗ mando von Montiel Haſſan und brach noch in derſelben Nacht auf, um ſich zu Don Pedro zu begeben, der ihn voll Ungeduld erwartete. Mothril rechnete auf dieſen Sieg, und er täuſchte ſich nicht. Man vernehme, was ſeine Chancen waren: Vier gegen Einen. Jeden Augenblick friſch eintreffende Hülfstruppen, alles Gold Afrikas in Spanien verwendet durch einen dumpfen, unerſchütterlichen Willen, den einer Eroberung, welche ein nie verlaſſener, häufig zerſtörter Plan war; während die europäiſchen Ritter hier nur kämpften, die Einen aus Habgier, die Andern aus reli⸗ giöſer Pflicht, Alle ziemlich kalt und ſehr bereit, ſich durch einen Umſchlag die Sache entleiden zu laſſen. Wenn je ein Ereigniß unter gut entworfenen Plänen glänzend zu Tage ausging, ſo war es das der Schlacht, der die Geſchichte den poetiſchen und ritterlichen Namen Montiel gegeben hat. 168 Einundſiebzigſtes Kapitel. Aiſſa. Voll Ungeduld zog Don Pedro ſeine Truppen zwi⸗ ſchen Montiel und Toledo zuſammen. Sie bedeckten zwei Landmeilen und waren, Reiterei und Fußvolk, ſtaffelförmig in einer glänzenden Ordnung aufgeſtellt. Don Enrique konnte nicht mehr zögern. Das Treffen als ein gezwungener Mann aushalten wäre ſchmählich für einen Prätendenten geweſen, der ebenfalls in Caſti⸗ lien den Wahlſpruch: Hier bleiben, König oder todt aufgepflanzt hatte. Er begab ſich daher zum Connetable und ſagte zu ihm: „Auch diesmal, Sire Bertrand, lege ich die Sorge für mein Königreich in Eure Hände. Ihr ſollt den Oberbefehl führen. Ihr könnt glücklicher ſein, als bei Navarrete, aber Ihr werdet weder tapferer, noch ge⸗ ſchickter ſein. Doch Ihr wißt als Chriſt, was Gott das eine Mal nicht geſtattet, will er gnädigſt das andere Mal geſtatten.“ „Ich befehlige alſo, Sire,“ rief der Connetable lebhaft. 3 „Wie ein König. Ich bin Euer erſter oder Euer letzter Lieutenant, Sire Connetable,“ ſprach Enrique. „Und Ihr ſagt mir das, was König Karl V., mein weiſer und glorreicher Herr, mir in Paris ſagte, als er mir das Schwert des Connetable überreichte.“ „Und was ſagte er Euch, bruver Bertrand?“ „Er ſagte mir, Sire:„„Die Disciplin wird 169 ſchlecht beobachtet bei meinen Heeren, welche ſich in Ermangelung von Botmäßigkeit und Fügſamkeit zu Grunde richten. Es gibt Prinzen, die ſich ſchämen, einem einfachen Rittersmann zu gehorchen, nie aber iſt eine Schlacht ohne den Einklang Aller und den Willen eines Einzigen gewonnen worden. Ihr werdet alſo be⸗ fehligen, Bertrand, und jedes ungehorſame Haupt, und wäre es das meines eigenen Bruders, wird ſich beugen oder fallen, wenn es ſich nicht unterwerfen will.““ Vor dem ganzen Rath ausgeſprochen, faßten dieſe Worte auf eine zarte Weiſe das Unglück von Navarrete zuſammen, wo die Unklugheit von Don Tellez und Don Sanche, den Brüdern des Königs, den Untergang eines großen Theils der Armee herbeigeführt hatte. Die gegenwärtigen Prinzen hörten dieſe Worte von Dugueseclin und errötheten. „Sire Connetable,“ ſprach der König,„ich habe geſagt, Ihr werdet befehligen, folglich ſeid Ihr der Herr. Jeden hier, der nicht nach Eurer Laune, oder nach Eurem Befehle handelt, ſchmettere ich mit dieſer meiner Art nieder, und wäre er mein Verbündeter, wäre er mein Verwandter, wäre er mein Bruder. Wahrlich, wer mich liebt, muß meinen Sieg wünſchen, und ich werde nur ſiegen durch den Gehorſam Aller gegen den weiſeſten Feldherrn der Chriſtenheit.“ „So ſei es,“ ſagte Dugueselin.„Ich nehme den Oberbefehl an, und morgen werden wir eine Schlacht liefern.“ Der Connetable brachte die ganze Nacht damit ie a er die Berichte ſeiner Spione und Boten an⸗ hörte. Die Einen meldeten ihm, neue Truppen von Sara⸗ cenen landen in Cadix. Andere verbreiteten ſich über den Jammer des Landes, das dieſe achtzigtauſend Mann ſeit einem Monat wie eine Wolke von Heuſchrecken verheerten. „Es iſt Zeit, daß dies ein Ende nimmt,“ ſagte der 170 Connetable zum König; denn dieſe Leute hätten Euer Königreich aufgezehrt, dergeſtalt, daß Euch nach dem Sieg kein Brocken mehr davon übrig geblieben wäre.“ Freudigen und zugleich beklommenen Herzens, wie dies geſchieht am Vorabend eines Ereigniſſes, nach dem man ſich ſehnt, während es zugleich eine wichtige Frage entſcheiden ſoll, hinterging Agenor ſeine Schmerzen und ſeine Unruhe durch eine unerhörte Entfaltung von Thätigkeit. Beſtändig zu Pferde, überbrachte er Befehle, ver⸗ ſammelte er die Compagnien und gruppirte ſie, recog⸗ noscirte die Gegend und wies jeder Truppe ihre Stellung für den andern Tag an. Duguesclin theilte ſein Heer in fünf Corps. Viertauſend fünfhundert Reiter, befehligt von Oli⸗ vier Duguesclin und dem Stammler von Vilaines, bil⸗ deten den Vortrab. Die Franzoſen und die Spanier der Elite bildeten das Haupttreffen, befehligt von Enrique von Transtamare. Die Aragonier und die anderen Verbündeten waren zur Nachhut beſtimmt. Eine Reſerve von vierhundert Pferden unter dem Befehl von Olivier von Mauny ſollte den Rückzug ſichern. Der Connetable aber hatte die dreitauſend Bre⸗ tagner, befehligt vom jüngeren Mauny, Carlonnet, la Houſſaie und Agenor, genommen. Wohl beritten und aus unüberwindlichen Männern beſtehend, ſollte dieſe Truppe überall einbrechen, wo es das Auge des Feldherrn für den Sieg des Tages noth⸗ wendig erachten würde.— Bertrand ließ ſeine Soldaten vor Tagesanbruch aufſtehen, und Jeder marſchirte lang ſam an ſeinen Poſten, ſo daß, ehe das Morgenroth am Horizont auftauchte, die Armee ohne Ermüdung und ohne Lärmen aufge⸗ ſtellt war. 8 Er hielt keine lange Reden. 8 „Bedenkt nur,“ ſagte er,„daß Jeder von Euch 171 vier Feinde zu erſchlagen hat, daß ihr aber Jeder zehn werth ſeid. Dieſes Geſindel von Mauren, Juden und Portugieſen kann nicht Stand halten gegen Kriegsleute von Spanien und Frankreich. Schlagt ohne Mitleid, tödtet Alles, was nicht Chriſt iſt. Ich habe nie zum Vergnügen Blut vergießen laſſen; heute macht uns die Nothwendigkeit ein Geſetz daraus. Es gibt kein Band zwiſchen den Mauren und den Spaniern. Sie haſſen ſich gegenſeitig. Das Intereſſe allein vereinigt ſie; ſo⸗ bald aber die Mauren ſich den Spaniern geopfert ſehen werden, ſobald ſie im Gemenge ſehen, daß man den Chriſten ſchont, um den Ungläubigen zu tödten, wird das Mißtrauen ſich in ihre Reihen einſchleichen, und wenn die erſte Verzweiflung vorüber iſt, werden ſie raſch auf ihre Rettung bedacht ſein. Töodtet alſo, und zwar ohne Gnade!“ Dieſe Anrede brachte die gewöhnliche Wirkung hervor. Eine außerordentliche Begeiſterung durchlief die Reihen. Don Pedro war indeſſen bei der Arbeit: man ſah ihn mühſam dieſe undisciplinirten, aber ungeheuren afrikaniſchen Schaaren manoeunvriren, deren Waffen und koſtbare Gewänder in der aufgehenden Sonne glänzten. Als Duguesclin von einem Hügel herab, den er ſich als Beobachtungspoſten gewählt hatte, dieſe zahlloſe Menge erſchaute, befürchtete er, die kleine Anzahl ſeiner Soldaten könnte ſeinen Gegnern zu viel Vertrauen ein⸗ flößen: er ließ daher bei den hintern Reihen aus zwei immer vier machen, um die vorderen zu ſchließen, ſo daß man ſie für gleich hielt. Ueberdies ließ er hinter dem Rücken der Hügel Bündel von Standarten aufpflanzen, damit die Sara⸗ cenen glauben ſollten, unter dieſen Standarten wären Soldaten verſammelt. 3 Don Pedro ſah dies Alles; ſein Genie wuchs mit der Gefahr. Er hielt eine eindrucksvolle Rede an ſeine getreuen Spanier und ertheilte den Saracenen glänzende Verſprechungen. So glänzend aber auch dieſe Verſpre⸗ 172 chungen waren, ſo kamen ſie doch den Hoffnungen nicht gleich, welche ſeine Verbündeten auf ſeine eigene Hinter⸗ laſſenſchaft gründeten. Die Trompeten erſchollen auf der Seite von Don Pedro; alsbald ertönten auch die von Duguesclin, und ein gewaltiges Zittern, ähnlich dem zweier Welten, welche ſich gegeneinander ſtürzen, erſchütterte den Boden und ſogar die Bäume der Hügel. Man ſah gleich bei den erſten Streichen die Wirkung der Ermahnungen von Duguescelin. Da⸗ durch, daß die Bretagner ſich weigerten, mohametaniſche Gefangene zu machen, und daß ſie alle Ungläubige tödteten, während ſie die Spanier und die Chriſten ver⸗ ſchonten, brachten ſie ein tiefes Mißtrauen in den Geiſt dieſer Ungläubigen, und dieſes Mißtrauen verbreitete ſich wie ein Schauer in den Reihen der Saracenen, um ſie abzukühlen. Sie bildeten ſich ein, die Chriſten von beiden Par⸗ teien ſeien mit einander einverſtanden, und die Sara⸗ cenen, möchte nun Enrique Sieger ſein oder beſiegt werden, wären die einzigen Opfer. Ihre Schlachtordnung war gerade vom Bruder von Dugueselin und vom Stammler angegriffen worden, und dieſe unerſchrockenen Bretagner richteten ein ſolches Blutbad um ſich her an, daß, als die Anführer und ſelbſt der Fürſt von Bennemarino erſchlagen waren, die Mauren Furcht bekamen und die Flucht ergriffen, da man ihr erſtes Corps in Stücke gehauen hatte. Das zweite ſchwankte, rückte aber noch ziemlich muthig vor: Dugueselin befahl ſeinen dreitauſend Bre⸗ tagnern, im Galopp anzuſprengen, und griff mit ſolcher Gewalt an, daß die Hälfte der Feinde umkehrte. Das war eine zweite Schläͤchterei: Generale, Adel, Soldaten, Alles wurde getoͤdtet. Es kam nicht Einer davon. Dugueselin kehrte an ſeinen Poſten zurück, und ganz erhitzt, den Schweiß abwiſchend, ſah er, wie En⸗ rique von der Verfolgung zurückkam und, dem Be⸗ — 173 fehle gemäß, wieder ſeinen Platz mit den Seinigen einnahm. „So iſt es gut, meine edle Herren,“ ſagte Du⸗ guesclin,„das geht ſchön und beinahe von ſich ſelbſt. Seht dieſen Mauleon, der auf das dritte Corps der Saracenen, befehligt von Mothril, anſprengt. Der Maure hat ihn erſchaut und gibt Befehl, ihn zu um⸗ zingeln; er wird ſich tödten laſſen, blaſet zum Rückzug, Trompeter. Zehn Trompeter blieſen; Agenor gehorchte, und folgſam, als hätte er eine Uebung in der Reitſchule aus⸗ zuführen gehabt, kehrte er an ſeinen Poſten unter einem Hagel von Pfeilen zurück, welche ſeine gute Rüſtuug hämmerten. „Nun, meine edlen Herren,“ ſprach der Connetable, „nun greife mein Vordertreffen die Spanier an! Das ſind gute Truppen, und wir werden keinen leichten Handel haben. Man muß ſich hier in drei Corps thei⸗ len und von drei Seiten angreifen. Der König wird die rechte nehmen, Olivier die linke. Ich warte.“ Er berührte, wie man ſieht, weder ſeine Reſerve, noch ſeine leichte Reiterei. Die Spanier nahmen den Anſturz wie Leute auf, welche ſiegen oder ſterben wollen. Enrique, der das Corps von Don Pedro angriff, ſtieß auf den Widerſtand des Haſſes und des verſtändigen Muthes. Die zwei Könige erblickten ſich von fern und be⸗ drohten ſich, ohne ſich erreichen zu können. Um ſie her erhoben ſich Berge von Menſchen und Waffen, welche an einander ſtießen, dann ſtürzten dieſe Berge verſchlungen nieder und die Erde trank das Blut in Wellen.. Plötzlich ließ das Heer von Enrique nach; Don Pedro hatte die Oberhand; er kämpfte nicht wie ein Soldat, ſondern wie ein Löwe. Schon war einer von ſeinen Schildknappen getödtet worden; er wechſelte zum 5 174 zweiten Mal das Pferd; er hatte keine Wunde, und ſein Arm ſchwang mit ſo viel Gewandtheit und richtiger Kraftanwendung die Streitaxt, daß jeder Schlag einen Mann niederſchmetterte. Enrique ſah ſich von den Mauren von Mothril und von Mothril ſelbſt umgeben, der ein Tiger war, wenn Don Pedro der Löwe. Die franzöſiſchen Herren wur⸗ den reichlich von den Natagans und Pallaſchen der Mau⸗ ren niedergemäht; ihre Reihen fingen an ſich zu lichten und die Pfeile gelangten bis zur Bruſt des Königs; ſchon hatte ein Verwegener ihn mit ſeiner Lanze zu be⸗ rühren vermocht. „Es iſt Zeit!“ rief der Connetable.„Vorwärts, meine Freunde. Notre⸗Dame duGueselin zum Siege!“ Die dreitauſend Bretagner ſetzten ſich mit einem furchtbaren Geräuſch in Bewegung und drangen, in einen Winkel formirt, wie ein ſtählerner Keil in die Schlachtordnung von Don Pedro, welche zwanzigtauſend Mann ſtark war. Agenor bekam endlich die von ihm ſo glühend er⸗ ſehnte Erlaubniß, zu kämpfen und Mothril gefangen zu nehmen. In einer Viertelſtunde waren die Spanier durch⸗ brochen, niedergeworfen. Die mauriſche Reiterei konnte nicht Stand halten gegen das Gewicht der geharniſchten Ritter und die gewaltigen Lanzenſtöße. Mothril wollte fliehen, aber er traf auf die Ara⸗ gonier und die Leute des Stammlers von Villaines, be⸗ fehligt von Mauleon. Man mußte um jeden Preis durchkommen, wenn man nicht von dieſer furchtbaren Mauer eingeſchloſſen werden wollte. Agenor konnte ſich ſchon für den Herrn des Lebens und der Freiheit von Mothril halten; aber dieſer durchbrach, mit höchſtens dreihundert Mann, die Bretagner, verlor zweihundert und füͤnfzig Reiter und zog vorbei;z als er vorbeizog, ſchlug er mit einem Säbelhieb 175 dem Pferde von Agenor, der ihm auf zwei Schritte folgte, den Kopf ab. Agenor rollte in den Staub, Muſaron ſchoß einen Pfeil ab, der verloren ging, und dem fliehenden Wolfe ähnlich, verſchwand Mothril hinter den Haufen von Leich⸗ namen in der Richtung von Montiel. In dieſem Augenblick ſah Don Pedro die Seinigen unterliegen. Er fühlte gleichſam in ſeinem Geſichte den Athem ſeiner erbittertſten Feinde. Einer derſelben aber zerſchmetterte ihm ſeinen Helmſchmuck und erſchlug ſei⸗ nen Fahnenjunker, und was dem Fürſten zur Schmach gereichte, rettete den Menſchen. Don Pedro war nicht mehr ſo ſehr erkenntlich. Die Schlächterei fand um ihn her ohne Verſtand ſtatt. Da geſchah es, daß ein engliſcher Ritter mit ſchwarzer Rü⸗ ſtung und niedergelaſſenem Viſir ſein Pferd am Zügel faßte und ihn vom Schlachtfeld fortriß. Vierhundekts von dem vorſichtigen Freund hinter einem Hügel verborgen gehaltene Reiter escortirten allein den König. Dies war Alles, was Don Pedro von achtzigtauſend Mann blieb, die für ihn am Anfang des Tages lebten. Da ſich die Ebene mit Flüchtigen in allen Rich⸗ tungen bedeckte, ſo vermochte Bertrand die Truppe des Königs nicht von den anderen zerſtreuten Banden zu unterſcheiden. Der Connetable ließ alſo auf den Zufall ſeine Reſerve und die fünfzehnhundert Mann von Oli⸗ vier von Mauny Allem, was ſloh, nachſetzen; aber Don Pedro hatte durch die Vortrefflichkeit ſeiner Pferde einen bedeutenden Vorſprung. Man dachte nicht daran, ihn perſönlich zu verfol⸗ gen, um ſo mehr, als man ihn nicht erkannte. Er war für Alle nur ein gewöhnlicher Flüchtling. Aber Agenor, der den Weg nach Montiel und das Intereſſe von Don Pedro, dahin zu fliehen, kannte, lauerte ſeinerſeits.. Er hatte Mothril in dieſer Richtung enteilen ſehen . 176 Mauleon errieth, wer der gegen Don Pedro ſo ge⸗ fällige Engländer war. Er ſah das Corps von vierhundert Reitern einen Mann escortiren, der, unterſtützt durch ſein herrliches Roß, ſeinem Geleite weit voranjagte. Er erkannte den Koönig an ſeinem zerbrochenen Helm, an ſeinen goldenen, mit Blut überzogenen Spo⸗ ren; er erkannte ihn an der Gluth, mit der er in die Ferne nach den Thürmen von Montiel ſchaute. Agenor ließ ſeine Blicke umherlaufen, um zu ſehen, ob ihn ein Armeecorps in Verfolgung dieſes koſtbaren Flüchtlings unterſtützen und ſeinen vierhundert Reitern den Rückzug abſchneiden könnte. Er gewahrte nun den Stammler von Villaines mit eilfhundert Pferden, welche, außer Athem, ein wenig raſteten, ehe ſie, wie die anderen, die allgemeine Ver⸗ folgung begannen. Bertrand war zu fern, um den Flüchtlingen nach⸗ zuſetzen und den Sieg auf allen Punkten vollſtändig zu machen. „Meſſire,“ ſagte Agenor zum Stammler,„kommt mir raſch zu Hülfe, wenn Ihr den König Don Pedro gefangen nehmen wollt, denn er iſt es, der dort nach dem Schloß flieht.“ „Seid Ihr deſſen ſicher?“ rief der Stammler. „Wie meines Lebens!“ antwortete Mauleon,„ich erkenne den Mann, der die Reiter befehligt; es iſt Ca⸗ verley, ohne Zweifel gibt er dem König nur ſo gutes Geleite, um ihn nach ſeinem Belieben gefangen zu neh⸗ men und zu verkaufen: das iſt ſein Gewerbe.“ „Ja,“ rief der Stammler,„doch ein Engländer ſoll dieſen ſchönen Schlag nicht thun, wenn wir, ſo viele brave franzöſiſche Lanzen, da ſind.“ Und ſich gegen ſeine Reiter umwendend, befahl der Kapitän: 3 „Alle zu Pferde! und zehn Mann benachrichtigen 177 den Herrn Connetable, daß wir gen Montiel reiten, um den beſiegten König zu holen.“ Die Bretagner ſprengten mit ſolcher Wuth vorwärts, daß ſie binnen Kurzem die Reiter der Egcorte erreichten. Sogleich theilte der engliſche Anführer ſeine Truppe in zwei Banden; die eine folgte demjenigen, welchen man für den König hielt, die andere ſtellte gegen die Bretagner. „Greift an! greift an!“ rief Agenor,„ſie wollen nur Zeit gewinnen, damit der König Montiel erreicht.“ Zum Unglück für die Bretagner öffnete ſich ein Engpaß vor ihnen und ſie konnten nur zu ſechs und ſechs eindringen, um die Flüchtigen zu erreichen. „Wir werden ſie verlieren! ſie werden uns ent⸗ kommen!“ rief Mauleon;„Muth, Ihr Bretagner, Muth!“ „Ja, wir werden Dir entkommen, Teufelsbearner!“ brüllte der engliſche Ritter, der Anführer der Escorte; „wenn Du uns übrigens faſſen willſt, komm heran.“ Er ſprach mit dieſem Vertrauen, weil Agenor, durch ſeine Hitze, durch ſeine Eiferſucht fortgeriſſen, allen ſeinen Gefährten weit voran war und beinahe allein vor den zweihundert Lanzen erſchien. Der unerſchrockene Jüngling hielt im Angeſicht dieſer furchtbaren Gefahr nicht inne. Er preßte ſeine Sporen noch tiefer in die Flanken ſeines von Schaum weißen Pferdes. Caverley war kühn, und ſeine natürliche Wildheit ergötzte ſich zum Voraus an einem Sieg, der unſehl⸗ bar ſchien. In der Mitte ſeiner Leute aufgeſtellt, erwartete er Mauleon feſt in ſeinen Steigbügeln. Man ſah nun ein ſeltſames Schauſpiel; das eines Ritters, der mit geſenktem Haupte gegen zweihundert eingelegte Lanzen anſprengte. „Oh! der feige Engländer!“ rief von fern der Der Baſtard von Mauleon. II. 12 178 Stammler;„ohl Feiger, Feiger!. Haltet ein, Mau⸗ leon, das iſt zu viel Ritterlichkeit!... Feiger! feiger Engländer!“ Caverley wurde von Scham ergriffen, er war im Ganzen Ritter und der Chre ſeiner goldenen Sporen und ſeiner Nation einen Lanzenſtoß ſchuldig. Er ritt aus den Reihen hervor und ſchickte ſich an, zu kämpfen. „Ich habe ſchon Dein Schwert,“ rief er Mauleon zu, der wie der Blitz heranjagte.„Es iſt hier nicht wie in der Höhle von Montiel, und binnen Kurzem werde ich Deine ganze Rüſtung haben.“ „Nimm zuerſt die Lanze,“ erwiederte der junge Mann und führte einen ſo gewaltigen Lanzenſtoß, daß er den Engländer aus dem Sattel hob und mit ſeinem Pferd zu Boden ſchmetterte. „Hurrah!“ riefen die Bretagner, trunken vor Freude, während ſie immer weiter vorrückten. Als die Engländer dies ſahen, wandten ſie um und ſuchten ihre Gefährten einzuholen, welche ſchon, den von ſeinem Roß gen Montiel fortgeriſſenen König im Stiche laſſend, nach der Ebene entflohen. Caverley wollte wieder aufſtehen, aber ſeine Lenden waren gebrochen, und ſein Pferd, als es ſich frei machte, ſchlug ihn mit den Hinterbeinen auf die Bruſt und nagelte ihn abermals auf die von einer ſchwarzen Blutwoge übergoſſene Erde. „Beim Teufel! es iſt vorbei,“ murmelte er,„ich werde Niemand mehr feſtnehmen.. ich bin todt!“ Und er ſiel zurück.— In demſelben Augenblick kam die ganze bretagniſche Reiterei heran, und die eilfhundert geharniſchten Pferde ſprengten wie ein Orkan über den zerriſſenen und zer⸗ ſtückelten Leichnam des berüchtigten Königsfängers. Doch dieſe Zögerung rettete Don Pedro. Vergebens gab mit heldenmüthigem Kraftaufwand der Stammler den Menſchen und den Pferden eine dreifache Seele⸗ 179 Die Bretagner jagten voll Wuth, auf die Gefahr, ihre Pferde zu Tode zu reiten, nach, aber ſie erreichten die Spuren von Don Pedro erſt in dem Augenblick, wo dieſer Fürſt durch den erſten Fallbaum der Feſte und hie⸗ durch in Sicherheit gelangte, denn das Thor ſchloß ſich ſo⸗ gleich hinter ihm. Er pries Gott, daß er diesmal ent⸗ kommen. Mothril war ſchon ſeit einer Viertelſtunde innerhalb der Mauern. Der Stammler raufte ſich in Verzweiflung die Haare aus. „Geduld, Meſſire,“ ſagte Agenor,„verlieren wir nicht die Zeit, und laßt den Platz berennen; was wir heute nicht gethan haben, werden wir morgen thun.“ Der Stammler befolgte dieſen Rath; er zerſtreute alle ſeine Reiter um die Feſte her, und die Nacht brach in dem Augenblick ein, wo der letzte Ausgang für jeden, der aus Montiel herauszukommen verſuchen wollte, ver⸗ ſchloſſen war. Da erſchien auch Dugueselin mit dreitauſend Mann und erfuhr von Agenor die wichtige Kunde. „Das iſt Unglück,“ ſagte er,„denn der Platz iſt uneinnehmbar.“ „Hoher Herr, wir werden ſehen,“ erwiederte Mau⸗ leon;„kann man nicht hinein, ſo iſt doch nicht zu leug⸗ nen, daß man auch nicht heraus kann.“ Der Connetable war kein leichtgläubiger Mann. Er hatte von den Talenten von Don Pedro eine ebenſo vortheilhafte Meinung, als er eine ärgerliche von ſeinem Charakter hatte. Nachdem er rings um Montiel geritten war, nach⸗ dem er den Platz recognoscirt und ſich überzeugt hatte, daß man mit einer guten und ſicheren Bewachung eine Maers aus dem Schloß herauszukommen verhindern würde, agte er: 3 „Nein, Meſſire von Mauleon, wir haben nicht das Glück, auf das Ihr uns hoffen laßt. Nein, der König Don Pedro hat ſich nicht in Montiel eingeſchloſſen, denn 180 er weiß zu gut, daß man ihn hier blockiren und ſich ſeiner durch Aushungerung bemächtigen würde.“ „Ich betheure, hoher Herr,“ erwiederte Mauleon, „Mothril iſt in Montiel und der König Don Pedro mit ihm.“ „Ich werde es glauben, wenn ich es ſehe,“ ſprach der Connetable.„Wie viel Garniſon hat das Schloß?“ fragte Bertrand. „Ungefähr dreihundert Mann, hoher Herr.“ „Dieſe dreihundert Mann, wenn ſie uns nur Steine an den Kopf fliegen laſſen wollen, werden ſie uns fünf⸗ tauſend Mann tödten, ohne daß wir ihnen einen einzigen Pfeil zuſenden könnten. Morgen wird Don Enrique hierher kommen; er fordert in dieſem Augenblick Toledo auf, ſich zu ergeben; ſogleich nach ſeiner An⸗ kunft werden wir uns berathen, ob es nicht beſſer iſt, abzuziehen, als hier einen Monat umſonſt zu verlieren. Agenor wollte eine Einwendung machen. Der Connetable war halsſtarrig wie ein Bretagner; er duldete keine Erwiederung, oder er ließ ſich vielmehr nicht uͤberreden. Am andern Tag kam wirklich Don Enriaque, ſtrah⸗ lend von ſeinem Sieg. Er brachte die freudetrunkene Armee, und als ſein Rath über die Frage, ob Don Pedro in Montiel ſei oder nicht ſei, verhandelte, ſagte der König: „Ich denke wie der Connetable; Don Pedro iſt zu liſtig, um ſich ſichtbar in einen Platz ohne Ausgang eingeſchloſſen zu haben. Man muß alſo hier eine ſchwache Beſatzung laſſen, um Montiel zu beunruhigen, das Schloß zur Capitulation zu zwingen und nicht einen Platz hinter ſich zu haben, der darauf ſtolz wäre, daß man ihn nicht eingenommen; aber wir, wir werden weiter ziehen, denn wir haben, Gott ſei Dank, mehr zu thun, und Don Pedro iſt nicht hier.“ Agenor war bei der Berathung gegenwärtig. „Hoheit,“ ſprach er,„ich bin ſehr jung und ſehr — ᷣᷣᷣᷣ— ——-d——— 181 unerfahren, um unter ſo vielen muthigen Kapitänen die Stimme zu erheben; aber meine Ueberzeugung iſt ſo, daß ſie nichts zu erſchüttern vermag. Ich habe Caverley erkannt, der dem König folgte, und Caverley iſt ge⸗ tödtet worden! Ich habe Don Pedro in Montiel ein⸗ reiten ſehen, ich habe ſeinen zerſchmetterten Helmſchmuck, ſeinen zerbrochenen Schild und ſeine mit Blut überzo⸗ genen goldenen Sporen erkannt.“ „Und warnm ſollte Caverley ſelbſt nicht getäuſcht worden ſein? Ich habe auch bei Navarrete mit einem getreuen Ritter die Waffen getauſcht!“ entgegnete Don Enrique;„kann Don Pedro nicht daſſelbe gethan haben?“ Dieſe letzte Antwort erhielt die allgemeine Bei⸗ ſtimmung. Agenor ſah ſich abermals geſchlagen. „Ich hoffe, Ihr ſeid überzeugt?“ fragte ihn der König. „Nein, Sire,“ erwiederte er beſcheiden;„aber ich vermag nichts gegen die weiſen Anſichten Eurer Majeſtät.“ „Ihr müßt überzeugen, Sire von Mauleon, Ihr müßt überzeugen.“ „Ich werde mir Mühe geben,“ ſprach der junge Mann mit einem Schmerz, den er nicht zu verbergen vermochte. In der That, welch eine grauſame Lage für dieſen ſo zärtlich Liebenden! Don Pedro war bei Aiſſa ein⸗ geſchloſſen, Don Pedro, der, außer ſich durch ſeine Nie⸗ derlage, nichts mehr zu ſchonen hatte! Wie ſollte dieſer treuloſe Fürſt, mit dem Bilde eines nahe bevorſtehenden Todes vor ſich, nicht ſeinem Todeskampf eine letzte Wolluſt vorangehen zu laſſen ſuchen? Wie ſollte er unberührt und in der Macht eines Andern das Mädchen laſſen, das er liebte, und das die Gewalt in ſeine Arme bringen konnte? 1 War überdies nicht Mothril da, dieſer verhaßte Ränkeſchmied, fähig zu Allem, um ſeine blutdürſtige, 182 habgierige Politik einen Schritt weiter vorrücken zu laſſen? Dies war es, was Agenor vor Schmerz und Kummer wahnſinnig machte. Er ſah ein, daß er, ſein Geheimniß länger bewahrend, ſich der Gefahr ausſetzte, Don Enrique, das Heer, den Connetable abziehen zu laſſen, und daß es dann Don Pedro, der an Geiſt und Talenten den Lieutenants, welche vor Montiel zurück⸗ blieben, weit überlegen, gelingen würde, zu entkom⸗ men, nachdem er Aiſſa einer Laune des Augenblicks, des Ueberdruſſes geopfert. Er faßte plötzlich einen Entſchluß und bat den König um eine geheime Unterredung. „Hoheit,“ ſagte er ſodann,„hört, warum Don Pedro ſich trotz alles Anſcheins, der dagegen ſprechen mag, nach Montiel geflüchtet hat. Das iſt ein Ge⸗ heimniß, das ich bewahrte, denn es iſt das meinige; doch ich muß es im Intereſſe Eures Ruhmes offen⸗ baren. Don Pedro liebt leidenſchaftlich Aiſſa, die Tochter von Mothril. Er will ſie heirathen. Deshalb hat er es geduldet, daß Mothril Dona Maria Padilla er⸗ mordete, wie er für Maria Madame Blanche von Bourbon hatte ermorden laſſen.“ „Nun wohl!“ ſagte der König,„Aiſſa iſt alſo in Montiel?“ „Sie iſt dort,“ erwiederte Agenor. „Abermals eine Sache, der Ihr nicht mehr ſicher ſeid, als der andern, mein Freund.“ „Ich bin derſelben ſicher, hoher Herr, weil ein Liebender immer weiß, wo ſeine theure Geliebte iſt.“ „Ihr liebt Aiſſa, eine Maurin?“ „Ich liebe ſie leidenſchaftlich, hoher Herr, wie Don Pedro, nur mit dem Unterſchied, daß Aiſſa für mich eine Chriſtin werden wird, während ſie ſich tödten läßt, wenn ſie Don Pedro beſitzen will.“ Agenor erbleichte, indem er dieſe Worte ſprach, denn er glaubte nicht daran, der arme Ritter, und dieſer 183 Gedanke brachte ihn in Verzweiflung. Ueberdies, hätte ſich Aiſſa auch getödtet, um nicht entehrt zu werden, ſo wäre ſie doch immerhin für ihn verloren geweſen. Dieſes Geſtändniß verſetzte Don Enrique in eine tiefe Verlegenheit. „Das iſt ein Grund,“ murmelte er;„nur erzählt mir, woher Ihr wißt, daß Aiſſa in Montiel iſt.“ Agenor erzählte Punkt für Punkt den Tod von Hafiz und die Einzelnheiten der Verwundung von Aiſſa. „Sprecht, habt Ihr einen Plan?“ fragte der König. „Ich habe einen, und wenn Eure Majeſtät mir ihre Unterſtützung gewähren will, ſo werde ich Don Pedro binnen acht Tagen in ihre Hände liefern.“ Der König ließ den Connetable kommen, dem Agenor abermals Alles erzählte, was er geſagt hatte. „Ich glaube darum nicht mehr, daß ein ſo ſchlauer, ſo harter Fürſt ſich aus Liebe für eine Frau fangen läßt,“ erwiederte der Connetable;„doch der Sire von Mauleon hat mein Wort, daß ich ihn in dem, was ihm Vergnügen machen dürfte, unterſtützen würde, und ich werde ihn unterſtützen.“ „Laßt alſo den Platz eingeſchloſſen,“ ſprach Agenor; „laßt rings umher einen Graben ziehen, und mit der Erde dieſes Grabens errichtet eine Verſchanzung, hinter der nicht Soldaten, ſondern wachſame und geſchickte Officiere verborgen ſein ſollen. Ich und mein Knappe werden unſere Stellung an einem uns bekannten Ort nehmen, von wo man jedes Geräuſch des Platzes hört. Don Pedro, wenn er ein ſtarkes Belagerungsheer ſieht, wird glauben, man kenne ſeine Ankunft in Montiel, und er wird dann mißtrauen; das Mißtrauen aber iſt die Rettung eines ſo gewandten und gefährlichen Mannes. Laßt alle Eure Truppen nach Toledo abgehen, und es mögen bei dem Erdwall nur zweitauſend Mann zurück⸗ bleiben, welche genügen, um das Schloß zu berennen 184 und gegen einen Ausfall Widerſtand zu leiſten. Wenn Don Pedro glaubt, man halte nachläſſig Wache, wird er herauszukommen verſuchen, und ich werde Euch davon in Kenntniß ſetzen.“ Kaum hatte Agenor ſeinen Plan entwickelt, kaum war es ihm gelungen, die Aufmerkſamkeit des Königs zu feſſeln, als man dem Connetable einen Parlamentär von Seiten des Gouverneur von Montiel meldete. „Man laſſe ihn hier eintreten, und er erkläre ſich,“ ſprach Bertrand. Es war ein ſpaniſcher Officier, Namens Rodrigo von Sanatrias. Er verkündigte dem Connetable, die Garniſon von Montiel ſehe mit Unruhe eine beträchtliche Entwickelung von Streitkräften; die dreihundert mit einem einzigen Officier in der Feſte eingeſchloſſenen Leute wollen nicht lange kämpfen, da ſeit dem Abzug und der Niederlage von Don Pedro keine Hoffnung mehr vorhanden ſei. Bei dieſen Worten ſchauten der Connetable und der König Agenor an, als wollten ſie zu ihm ſagen:„Seht Ihr, daß er nicht dort iſt!“ „Ihr würdet Euch alſo ergeben?“ fragte der König. „Wie tapfere Leute, ja, Meſſire, nach einer ge⸗ wiſſen Zeit, denn der König Don Pedro darf uns bei ſeiner Rückkehr nicht beſchuldigen, wir haben ſeine Sache ohne einen Schwertſtreich verrathen.“ „Man ſagte, der König ſei bei Euch?“ fragte Don Enrique. Lachend erwiederte der Spanier: „Der König iſt ſehr fern, und warum ſollte er auch hierher gekommen ſein, wo Leute, welche eingeſchloſſen ſind, wie Ihr uns einſchließt, nur Hungers zu ſterben oder ſich zu ergeben haben.“ Ein neuer Blick des Connetable und des Königs an Agenor gerichtet. 185⁵ „Was verlangt Ihr denn?„ fragte Duguesclin; „ſprecht Eure Bedingungen aus.“ „Einen Wafefenſtillſtand von zehn Tagen,“ ſagte der Officier,„damit Don Pedro Zeit hat, uns zu Hulfe zu kommen... wonach wir uns ergeben werden.“ „Hört,“ ſagte der König,„Ihr verſichert beſtimmt, daß Don Pedro nicht im Schloß iſt?“ „Ganz beſtimmt, hoher Herr, ſonſt würden wir nicht Abzug verlangen; denn wenn wir abziehen, werdet Ihr uns alle ſehen und folglich den König erkennen. Hätten wir aber gelogen, ſo würdet Ihr uns beſtrafen; und wenn Ihr den König gefangen nähmet, würdet Ihr ihn ohne Zweifel nicht ſchonen?“ Dieſer letzte Satz war eine Frage, der Connetable antwortete nicht darauf. Enrique von Transtamare hatte Kraft genug, das blutige Feuer zu löſchen, das die Vorausſetzung der Gefangennehmung von Don Pedro in ſeinen Augen glänzen machte. „Wir bewilligen den Waffenſtillſtand, nur darf Keiner aus dem Schloß heraus,“ ſprach der Connetable. „Aber unſere Lebensmittel, gnädiger Herr?“ fragte der Officier. „Man wird ſie Euch liefern. Wir kommen zu Euch, aber Ihr dürft nicht heraus.“ „Das iſt alſo kein gewöhnlicher Wafeenſtillſtand,“ murmelte der Officier. „Warum wolltet Ihr heraus? Um zu entfliehen! denn in vierzehn Tagen laſſen wir Euch unverſehrt ab⸗ ziehen!“ „Ich habe nichts mehr zu ſagen,“ erwiederte der Officier,„ich nehme es an; habe ich Euer Wort, Meſſire?“ „Darf ich es geben, Hoheit?“ fragte Bertrand den König Enrique. „Gebt es, Connetable.“ „Ich gebe es,“ ſprach Dugueselin;„zehn Tage Waffenſtillſtand und freien Abzug für die Garniſon.“ 186 8 „Für die ganze?...“ „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ rief Mauleon,„es kann keine Beſchränkung geben, da Ihr ſelber verſichert habt, Don Pedro ſei nicht in der Feſte.“ Dieſe Worte entſchlüpften dem jungen Mann, trotz der Ehrfurcht, die er ſeinen zwei Oberen ſchuldig war, und er wünſchte ſich Glück, daß er ſie ausgeſprochen, denn eine ſichtbare Bläſſe ſchwebte wie eine Wolke über das Antlitz von Don Rodrigo von Sanatrias hin. Nach einer Verbeugung zog er ſich zurück. Als er ſich entfernt hatte, fragte der König: „Seid Ihr überzeugt, junger Hartnäckiger, armer Liebhaber?“⸗ „Ueberzeugt, daß Don Pedro in Montiel iſt, ja, Sire, und daß Ihr ihn in acht Tagen in Euren Häͤn⸗ den haben werdet.“ „Ah!“ rief der König,„das nenne ich Hals⸗ ſtarrigkeit.“ „Und er iſt doch kein Bretagner,“ ſagte Bertrand lachend. „Meine edlen Herren, Don Pedro ſpielt daſſelbe Spiel, das wir ſpielen wollen. Sicher, uns nicht durch Gewalt entgehen zu können, verſucht er die Liſt. Ihr ſeid nun ſeiner Anſicht nach überzeugt, er befinde ſich auswärts; Ihr bewilligt einen Wafefenſtillſtand, Ihr haltet nachläßig Wache, nun! er wird herauskommen, ohl er wird herauskommen, ſage ich Euch, und fliehen; doch wir werden da ſein, hoffe ich. Was Euch beweiſt, daß er außerhalb Montiel iſt, beweiſt mir, daß er innen iſt.“ Agenor verließ das Zelt des Königs und des Con⸗ netable mit einem leicht begreiflichen Eifer. „Muſaron,“ ſagte er,„ſuche das höchſte Zelt des Heeres aus und befeſtige mein Banner ſo darauf, daß man es vollkommen vom Schloß aus ſieht. Aiſſa kennt es, ſie wird es wahrnehmen, ſie wird mich in ihrer Nähe wiſſen und ihren Muth behalten. Was unſere — d —= 8ͤ——* 187 Feinde betrifft, ſo werden ſie, wenn ſie meine Ritter⸗ fahne auf der Verſchanzung erblicken, mich hier glauben und nicht ahnen, wir ſchlüpfen abermals in die Grotte der Quelle; auf, mein braver Muſaron, auf! noch dieſe letzte Mühſeligkeit, und wir ſtehen am Ziel.“ Muſaron gehorchte, das Banner von Mauleon flatterte ſtolz über den andern. Zweiundſtebzigſtes Kapitel. Die Liſt des Beſiegten. Koͤnig Enrique zog mit dem Connetable und dem Heer von Montiel ab. Es blieben nur noch zweitauſend Bretagner und der Stammler von Villaines um die Erdverſchanzungen. Die Liebe hatte Mauleon inſpirirt. Jede von ſei⸗ nen Betrachtungen traf eine Wahrheit. Er ſprach in der That, als ob er Alles gehört hätte, was im Schloß vorging. Kaum war Don Pedro hier nach der Schlacht athem⸗ los, keuchend, ſchäumend vor Wuth angekommen, als er ſich auf einen Teppich im Zimmer von Mothril warf, wo er unbeweglich, ſtumm, unzugänglich blieb und ſich übermenſchlich anſtrengte, um in der Tiefe ſeines Her⸗ zens die wahnſinnige Verzweiflung, die in ihm tobte, zuſammenzudrängen. Alle ſeine Freunde todt! ſein ſchönes Heer erſchla⸗ gen! ſo viele Hoffnungen auf Rache und Ruhm in dem Zeitraum vernichtet, den die Sonne braucht, um ihren Lauf am Horizont zu machen! 188 Fortan nichts mehr! Die Flucht, die Verbannung, das Elend! Kämpfe von Parteigängern, ſchmählich und fruchtlos! Ein unwürdiger Tod, auf einem unwürdigen Schlachtfeld. Keine Freunde mehr! Dieſer Fürſt, der nie geliebt hatte, fühlte die grauſamſten Schmerzen, da er an der Zuneigung der Andern zweifeln mußte. Die Könige vermengen meiſtens die Ehrfurcht, die man ihnen ſchuldig iſt, mit der Zuneigung, die ſie ein⸗ flößen ſollten. Wenn ſie die eine haben, kümmern ſie ſich nichts um die andere. Don Pedro ſah in ſein Zimmer Mothril, mit röth⸗ lichen Flecken beſprengt, eintreten. Seine Rüſtung war voll Löcher; durch einige derſelben drang ein Blut, wel⸗ ches nicht das ſeiner Feinde war. Der Maure war leichenbleich. Es brütete in ſeinen Augen ein wilder Entſchluß. Er war nicht mehr der unterwürſige, kriechende Saracene, ſondern ein ſtolzer, unlenkſamer Mann, der ſich an ſeines Gleichen wandte. „König Don Pedro,“ ſagte er,„Du biſt alſo beſiegt?“ Don Pedro ſchaute empor und las in den kalten Augen des Mauren die ganze Umwandlung ſeines Cha⸗ rakters. „Ja, und um mich nicht mehr zu erheben. 44 „Du verzweifelſt?“ ſagte Mothril;„Dein Gott hat alſo nicht den Werth des unſrigen! Ich, der ich auch beſiegt und verwundet bin, ich verzweifle nicht; ich habe gebetet, und darum bin ich ſtark.“ Don Pedro neigte das Haupt voll Reſignation und ſprach „Es iſt wahr, ich hatte Gott vergeſſen.“ „Unglücklicher König! Das Aergſte, was Dich trifft, weißt Du noch nicht. Mit der Krone ſollſt Du das Leben verlieren.“ Don Pedro bebte und ſchleuderte Mothril einen furchtbaren Blick zu. 189 „Du willſt mich ermorden?“ ſagte er. „Ich! Dein beſter Freund! Du wirſt wahnſinnig, König Don Pedro. Du haſt Feinde genug ohne mich, und wenn ich Deinen Tod wollte, brauchte ich meine Hände nicht in Dein Blut zu tauchen. Erhebe Dich und ſchau' mit mir die Ebene an.“ Die Ebene bedeckte ſich wirklich mit Lanzen und Panzern, welche, ſich in den Strahlen der untergehen⸗ den Sonne entflammend, allmälig um Montiel einen immer engeren Feuerkreis bildeten. „Eingeſchloſſen! wir ſind verloren! ſiehſt Du wohl, Don Pedro?“ ſagte Mothril.„Denn dieſe Feſte, welche uneinnehmbar wäre, wenn man Lebensmittelhätte, kann weder die Garniſon, noch Dich ernähren. Man umſchließt Dich aber, man hat Dich geſehen... Du biſt verloren.“ Don Pedro antwortete nicht ſogleich. „Man hat mich geſehen?... wer hat mich ge⸗ ſehen?“ „Glaubſt Du, um Montiel, dieſes unnütze Neſt, zu nehmen, pflanze der Stammler von Villaines ſein Ban⸗ ner hier auf? Und ſiehe, dort kommen die Fahnen des Connetable; braucht der Connetable Montiel? Nein, Dich ſucht man; ja, Dich will man haben.“ „Man wird mich nicht lebendig bekommen,“ ſprach Don Pedro. Mothril antwortete ebenfalls nichts. Don Pedro fuhr ſpöttiſch fort: „Der getreue Freund, der Mann voll Hoffnung, der nicht einmal genug hat, um ſeinem König zu ſagen: Lebet und hoffet!“ „Ich ſuche das Mittel, Dich von hier weggehen zu machen,“ ſagte Mothril.“ „Du ächteſt mich?“ „Ich will mein Leben retten; ich will nicht genö⸗ thigt ſein, Dona Aiſſa zu tödten, aus Furcht, ſie koͤnnte in die Gewalt der Chriſten fallen.“ 8 K 190 Beim Namen von Aiſſa ſtieg Don Pedro das Blut gegen die Stirne. „Für ſie habe ich mich in der Falle gefangen,“ murmelte er.„Ohne den Wunſch, ſie wiederzuſehen, jagte ich nach Toledo. Toledo kann ſich vertheidigen, man ſtirbt dort nicht Hungers. Die Toledaner lieben mich und laſſen ſich für mich tödten. Ich könnte unter den Mauern von Toledo eine letzte Schlacht ſchlagen und einen glorreichen Tod finden; wer weiß? den von meinem Feind, dem Baſtard von Alfonſo, den von En⸗ rique von Transtamare! Eine Frau hat mich zu mei⸗ nem Untergang geführt.“ „Ich hätte Dich lieber in Toledo geſehen,“ ſprach der Maure kalt,„denn ich würde in Deiner Abweſen⸗ heit Deine Angelegenheiten... und die meinigen ge⸗ ordnet haben.“ „Statt daß Du hier nichts für mich thun wirſt!“ rief Don Pedro, deſſen Wuth ihren freien Lauf zu nehmen anfing.„Wohl, Elender, ich will meine Tage hier beſchließen, doch ich werde Dich für Deine Ver⸗ brechen und Deine Unredlichkeit beſtraft haben; ich werde ein letztes Glück genießen. Aiſſa, die Du mir als einen Köder geboten haſt, wird mir gehören.“ „Du täuſcheſt Dich,“ erwiederte der Maure ge⸗ laſſen,„Aiſſa wird nicht Dir gehören.“ „Vergiſſeſt Du, daß ich hier dreihundert Kriegern befehle?“ „Vergiſſeſt Du, daß Du dieſes Zimmer nicht ver⸗ laſſen kannſt ohne meinen Willen, daß ich Dich todt zu meinen Füßen niederſtrecke, wenn Du Dich rührſt, und Deinen Leichnam den Soldaten des Connetable zuwerfe, die mein Geſchenk mit freudigem Entzücken aufnehmen werden?“ „Ein Verräther!“ murmelte Don Pedro. „Wahnſinniger! Blinder! Undankbarer!“ rief Mo⸗ thril,„ſage doch: ein Retter. Du kannſt fliehen, Du kannſt Alles mit der Freiheit wiedergewinnen; Ver⸗ 191 mögen, Krone, Ruhm; fliehe alſo, und zwar ohne Zeit zu verlieren; reize nicht abermals Gott durch Deine Ausſchweifungen, durch Deine Erpreſſungen, und be⸗ leidige nicht den einzigen Freund, der Dir bleibt.“ „Ein Freund, der ſo mit mir ſpricht!“ „Wäre es Dir lieber, wenn ich Dir ſchmeichelte, um Dich auszuliefern?“ „Ich füge mich.... Was willſt Du thun?“ „Ich will einen Herold an die Bretagner ſchicken, die auf Dich lauern... Sie glauben, Du ſeiſt hier, belehren wir ſie eines Beſſern. Wenn wir ſie die Hoff⸗ nung auf einen ſo reichen Fang verlieren ſehen, be⸗ nützen wir den Augenblick; entweiche bei der erſten Ge⸗ legenheit, die Dir ihre Nachläßigkeit bieten wird. Sprich, Haſt Du hier einen ergebenen, verſtändigen Mann, den Du an ſie abſchicken kannſt?“ „Ich habe Rodrigo Sanatrias, einen Kapitän, der mir Alles verdankt.“ „Das iſt kein Grund. Hofft er noch auf etwas von Dir?“ Don Pedro lächelte voll Bitterkeit und erwiederte: „Es iſt wahr, man hat nur diejenigen zu Freun⸗ den, die etwas hoffen... Wohl, ich werde ihn hoffen laſſen.“ „Gut, dann ruft ihn!“ Mothril ließ, während der König Sanatrias rief, einige Mauren heraufkommen, die er zur Bewachung um das Zimmer von Aiſſa aufſtellte. Don Pedro brachte einen Theil der Nacht damit hin, daß er ſich mit dem Spanier über die Mittel, eine Unterredung mit dem Feind zu erlangen, beſprach. Rodrigo war ebenſo verſtändig als treu; er begriff da⸗ bei, daß von dem Heil von Don Pedro das Heil Aller abhänge, und daß, um den beſiegten König zu bekom⸗ men, die Sieger zehntauſend Mann opfern, den Felſen zerſtören, Alles durch das Schwert und den Hunger umkommen laſſen, aber ihr Ziel erreichen würden. 192 Am Tage ſah Don Pedro zu ſeiner Verzweiflung die Banner von Enrique von Transtamare. Um einen König von ſeinem Weg und einen Conne⸗ table von ſeinen Plänen abzubringen, mußte man alſo ſicher ſein, man würde in Montiel etwas Anderes ge⸗ fangen nehmen, als eine Garniſon. Don Pedro ſandte alsbald Rodrigo Sanatrias ab, der ſeinen Auftrag mit der Gewandtheit und dem Er⸗ folg, wie wir es geſehen, ausführte. Er brachte in das Schloß Nachrichten zurück, welche alle Gefangene mit Freude erfüllten. Don Pedro hörte nicht auf, ihn nach den einzelnen Umſtänden zu fragen; er zog aus jedem derſelben gün⸗ ſtige Schlüſſe; der Abmarſch der Truppen des Königs und des Connetable bewies ihm vollends, wie ſehr der Rath des Mauren klug und wirkſam geweſen war. „Nun haben wir nichts mehr zu befürchten, als einen gewoͤhnlichen Feind,“ ſagte Mothril.„Es komme eine finſtere Nacht, und wir ſind gerettet.“ Don Pedro war außer ſich vor Freude; er wurde wieder freundlich, mittheilſam gegen Mothril. „Höre,“ ſagte er zu ihm,„ich ſehe, daß ich Dich mißhandelt habe, Du verdienſt etwas Beſſeres, als der Miniſter eines gefallenen Königs zu ſein. Ich werde Aiſſa heirathen und mich mit ihr durch feſtere Bande vereinigen. Gott hat mich verlaſſen, ich verlaſſe Gott. Ich werde ein Anbeter Mahomets, da er es iſt, der mich durch Deine Stimme rettet. Die Saracenen haben mich bei der Arbeit geſehen, ſie wiſſen, ob ich ein guter Feldherr und muthiger Soldat bin; ich werde ihnen Spanien wiedererobern helfen, und wenn ſie mich für wuͤrdig erachten, ſie zu befehligen, ſo ſetze ich wieder auf den Thron Caſtiliens einen mahometaniſchen König, um der Chriſtenheit Schande zu machen, die ſich mit inneren Streitigkeiten beſchäftigt, ſtatt das Intereſſe der Religion ernſtlich zu wahren.“ 193 Mothril hörte mit düſterem Mißtrauen die durch die Furcht oder die Begeiſterung eingegebenen Verſpre⸗ chungen an.. „Rette Dich immerhin, dann werden wir ſehen,“ ſagte er. „Du ſollſt für meine Verſprechungen ein ſichereres Pfand haben, als das einfache Wort,“ erwiederte Don Pedro.„Laß Aiſſa kommen, in Deiner Gegenwart gebe ich ihr meinen Treuſchwur, Du ſchreibſt meine Ver⸗ ſprechungen nieder und ich unterzeichne ſie. Wir ſchlie⸗ ßen mit einander ein Bündniß, ſtatt eine Uebereinkunft zu treffen.“ 8 Don Pedro, indem er ſich ſo anheiſchig machte, fand wieder ſeine ganze Schlauheit, ſeine ganze Kraft von früher. Er fühlte wohl, daß er Mothril, wenn er ihm die Hoffnung auf eine Zukunft gab, abhielt, gänz⸗ lich ſeine Sache zu verlaſſen, und daß Mothril ohne dieſe Hoffnung ganz der Mann war, ihn den Feinden auszuliefern. Mothril hatte ſeinerſeits denſelben Gedanken; er erſah aber die Gelegenheit, Don Pedro zu retten, das heißt, einen Krieg zu entzünden, deſſen ganze Frucht ſeiner Sache zufallen würde, während, wenn Don Pe⸗ dro gefangen genommen oder todt wäre, die Saracenen keinen Vorwand hätten, einen zu Grunde richtenden Krieg gegen fortan unüberwindliche Feinde zu unter⸗ halten. Don Pedro war ein gewandter Feldherr, Mothril wußte es wohl. Don Pedro kannte die Mittel und Quellen der Mauren; er konnte ihnen, wenn er ſich mit den Chriſten ausſöhnte, einen unberechenbaren Scha⸗ den zufügen. Mothril hatte überdies mit ihm die Solidarität des Verbrechens und der Herrſchgier, gemeinſchaftliche, mächtige Bande, deren Ausdehnung und Stärke ſich nicht ermeſſen läßt. Der Baſtard von Mauleon. ll. 13 194 Er hörte daher Don Pedro mit günſtigem Ohr an und ſagte zu ihm: „Mit Dank nehme ich Eure Anerbietungen an, mein König, und ich werde Euch in den Stand ſetzen, ſie zu verwirklichen. Ihr wollt Aiſſa ſehen, ich werde ſte Euch zeigen, nur macht ihr keine Angſt in ihrer Beſcheidenheit durch allzu leidenſchaftliche Reden, be⸗ denkt, daß ſie in der Wiedergeneſung von einer grau⸗ ſamen Krankheit begriffen iſt.“ „Ich werde Alles bedenken,“ erwiederte Don Pedro. Mothril begab ſich zu Aiſſa, welche ſehr in Unruhe war, da ſie keine Nachrichten von Mauleon hatte. Das Geräuſch der Waffen, die Tritte der Diener und der Soldaten verkündigten ihr eine nahe Gefahr; was ſie aber vor Allem befürchtete, war die Ankunft von Don Pedro, und ſie wußte nichts von dieſer Ankunft. Mothril, der ihr ſo viele Verſprechungen gemacht hatte, mußte ſie abermals belügen. Er hatte zu be⸗ fürchten, ſie würde vor dem König die Scene des To⸗ des von Maria Padilla verrathen. Dieſe Zuſammen⸗ kunft war furchtbar; aber er konnte ſie dem König nicht verweigern. Bis dahin hatte er jede Erklärung vermieden; doch diesmal würde Don Pedro fragen, Aiſſa würde ſprechen...“ „Aiſſa,“ ſagte er zu dem Mädchen,„ich komme, um Euch mitzutheilen, daß Don Pedro beſiegt, in die⸗ ſem Schloſſe verborgen iſt.“ Aiſſa erbleichte. „Er will Euch ſehen und ſprechen; verweigert es ihm nicht, denn er befiehlt hier... überdies wird er ſchon dieſen Abend abreiſen; es iſt beſſer, mit ihm in gutem Einvernehmen zu bleiben.“ Aiſſa ſchien die Worte des Mauren zu glauben. Eine ſchmerzliche Bewegung in ihrem Innern verkün⸗ digte ihr jedoch, es harre ihrer ein neues Unglück. „Nein,“ ſagte ſie,„ich will den König weder ſehen, noch ſprechen, ehe ich den Sire von Mauleon wieder 195 geſehen, den Ihr als Sieger oder als Beſtegten hier herzubringen mir gelobt habt.“ „Aber Don Pedro wartet...“ „Was iſt mir daran gelegen!“ „Er beſiehlt, ſage ich Euch.“ „Ich habe ein Mittel, mich ſeiner Macht zu ent⸗ ziehen; Ihr kennt es wohl.. Was habt Ihr mir verſprochen?...“ „Ich werde mein Verſprechen halten, Aiſſa, doch helft mir.“ „Ich werde Niemand täuſchen helfen.“ „Es iſt gut; überliefert alſo meinen Kopf... ich bin zum Tod bereit.“ Dieſe Drohung brachte immer ihre Wirkung auf Aiſſa hervor. An die hurtigen Manieren der arabiſchen Juſtiz gewöhnt, wußte ſie, daß eine Geberde des Ge⸗ bieters einen Kopf fallen macht. Sie konnte den von Mothril für ſehr gefährdet halten. „Was wird mir der König ſagen?“ fragte ſie, „und wie wird er mich ſprechen?“ „In meiner Gegenwart.“. „Das iſt noch nicht genug; es ſollen Leute bei der Unterredung anweſend ſein.“ „Ich verſpreche es Euch.“ „Ich will hierüber ſicher ſein.“ „Wie?“ „Das Zimmer, in welchem wir ſind, geht auf die Plattſorm des Schloſſes. Beſetzt dieſe Plattform mit Mannſchaft; meine Frauen ſollen mich begleiten, meine Sänfte ſoll dahin gebracht werden, und ich werde hö⸗ ren, was mir der König zu ſagen hat.“ 2„Es ſoll nach Euren Wünſchen geſchehen, Dona 1 a.“ „Was wird mir nun Don Pedro ſagen?“ 4 „Er wird Euch den Antrag machen, Euch zu hei⸗ rathen.“ Aiſſa machte eine heftige Geberde der Verneinung. 196 „Ich weiß es wohl,“ unterbrach ſie Mothril;„doch laßt ihn reden und bedenkt, daß er heute Abend abreiſt. „Aber ich werde nicht antworten.“ „Ihr werdet im Gegentheil mit Höflichkeit ant⸗ worten, Aiſſa. Seht alle die ſpaniſchen und bretagni⸗ ſchen Krieger, die das Schloß umgeben; dieſe Leute müſſen uns durch Gewalt in ihre Hände bringen und werden uns dem Tod überantworten, wenn ſie Don Pe⸗ dro bei uns finden. Laßt alſo den König ziehen, um uns zu retten.“ „Doch der Sire von Mauleon?“ 1 „Er vermöochte uns nicht zu retten, wenn Don Pedro hier wäre...“ Aiſſa unterbrach Mothril: „Ihr lügt, und Ihr köoͤnnt mir nicht einmal mit der Hoffnung ſchmeicheln, ihn mit mir zu vereinigen. Wo iſt er?... was macht er? lebt er?“ In dieſem Augenblick hob Muſaron auf den Be⸗ fehl ſeines Herrn das Aiſſa wohlbekannte Banner in die Luft. Das Mädchen erblickte dieſes geliebte Signal, fal⸗ tete voll Begeiſterung die Hände und rief:— „Er ſieht mich! er hört mich!... Verzeiht mir, Mothril, ich hatte Euch mit Unrecht im Verdacht... Geht alſo zum König und ſagt ihm, ich folge Euch.“ Mothril wandte die Augen nach der Ebene, ſah die Fahne, erkannte ſie, erbleichte und ſtammelte: „Ich gehe.“.. Dann rief er voll Wuth, ſo bald es Aiſſa nicht mehr hören konnte:. „Verfluchter Chriſt! Du wirſt mich alſo immer verfolgen? Ohl ich werde Dir entkommen!l?“ — R& S&V d 197 Dreiundſiebzigſtes Kapitel. Entweichung. Don Pedro empfing Aiſſa auf der Plattform mitten unter den Zeugen, die ſie gewünſcht hatte. Seine Liebe drückte ſich ohne flammende Worte aus, ſein Verlangen war ſchon ſehr abgekühlt durch den beunruhigenden Gedanken an ſeine Entweichung, die er in kürzeſter Zeit zu bewerkſtelligen hatte. Aiſſa hatte alſo unter dieſen Umſtänden Mothril nichts vorzuwerfen, und überdies ſchaute ſie unabläſſig während der ganzen Unterredung nach dem beſeligenden Banner von Mauleon, das glänzend in der Sonne am äußerſten Ende der Verſchanzungen flatterte. Aiſſa ſah unter dieſem Banner einen Gewappneten, den ſie aus der Ferne für Mauleon halten konnte; ſo hatte es unſer Ritter berechnet. Er fand ſo ein Mittel, Aiſſa zu beruhigen, indem er ihr ſeine Gegenwart offen⸗ barte, und Mothril, indem er ſeinen Verdacht in Be⸗ ziehung auf irgend ein geheimes Unternehmen beſeitigte. Don Pedro beſchloß, drei von ſeinen ergebenſten Freunden ſollten ſich bereit halten, in der Nacht die Erdwälle zu recognosciren. Es gab wohl einen Punkt des Walles, der nach⸗ läſſiger bewacht wurde, als die anderen, dies war die⸗ jenige Seite des Felſens, welche abſchüſſig in eine Schlucht hinabfiel. Von verſchiedenen Seiten rieth man dem Koͤnig, hier ſich an einem Seil hinabzulaſſen, das man an einem Fenſter von Aiſſa anbinden würde; doch wäre der König einmal unten, ſo hätte er kein Pferd, um ſich raſch zu entfernen. 198 Man beſchloß alſo, die Wälle an der ſchwächſten Stelle zu ſondiren und ſich hier einen Weg zu bahnen, auf welchem der König, nachdem die Wachen beſeitigt oder erdolcht wären, auf einem guten Roß entfliehen könnte. Doch die Sonne des Tags verſprach eine helle Nacht, was der Ausführung des Plans Eintrag that. Plötzlich, als hätte ſich das Glück entſchloſſen, je⸗ den Wunſch von Don Pedro zu begünſtigen, trieb der Weſtwind brennende Sandwirbel von der Ebene empor, und kupferfarbige, in langen Bandſtreifen ausgeſtreckte Wolken erſchienen vom Hintergrund des Horizonts wie der Vortrab eines furchtbaren Heers. Indeß die Sonne hinter den Thürmen von Toledo erloſch, ſchwärzten und verhüllten dieſe dicht gewordenen Wolken den Himmel wie in einem dunkeln Mantel. Ein ſtarker Regen fiel gegen neun Uhr Abends. Agenor und Muſaron hatten ſich ſogleich nach Son⸗ nenuntergang neben einander in ihrer Grotte bei der OQuelle verborgen. Die vom Stammler von Villaines ausgewählten Leute hatten ſich unter der äußeren Wand des Walles ein Obdach in der durch die Sonne des Tages ausge⸗ trockneten Erde gegraben, ſo daß rings um Montiel ein ununterbrochener Cordon von dieſen verborgenen Leuten gezogen war. Zum Anſchein und nach dem Befehl von Agenor, der ſeit dem Abgange des Connetable in Allem die Initiative genommen hatte, waren in gleicher Entfer⸗ nung von einander Schildwachen aufgeſtellt, welche die Umſchanzungslinie bewachten. Der Regen nöthigte die Schildwachen, ſich in ihre Mäntel zu hüllen; einige leg⸗ ten ſich in dieſen Mänteln nieder. 8 Um zehn Uhr hörten Agenor und Muſaron den Felſen unter den Tritten von Männern beben. Sie horchten aufmerkſamer und ſahen am Ende ddrrei Officiere von Don Pedro vorübergehen, welche mit 1 199 der ängſtlichſten Vorſicht und mehr kriechend als gehend den Wall an einem zum Voraus bezeichneten Ort un⸗ terſuchten. Man hatte abſichtlich von dieſer Stelle die Schildwache entfernt. Es war hier nur der Officier unter der äußeren Erdverkleidung verborgen. Die Officiere ſahen, daß dieſe Seite nicht bewacht war. Sie theilten ſich dieſe Entdeckung voll Freude mit, und Agenor hörte, wie ſie ſich dazu Glück wünſch⸗ ten, als ſie die ſteile Treppe hinaufſtiegen. 3 Der Eine von ihnen ſagte mit halber Stimme: „Es iſt ſchlüpfrig, und die Pferde werden Mühe eien⸗ wenn ſie herabſteigen, die Füße ſicher aufzu⸗ etzen.“ „Ja, aber ſie werden deſto beſſer in der Ebene laufen,“ erwiederte ein Anderer. Dieſe Worte erfüllten das Herz von Agenor mit Freude. Er ſchickte Muſaron zu den Verſchanzungen, um dem nächſten bretagniſchen Officier zu melden, es würde etwas Neues vorgehen. Der auf dem Boden liegende Officier theilte die Kunde ſeinem Nachbar mit, welcher daſſelbe that, und ſo lief die von Agenor gegebene Nachricht rings um Montiel. Es war keine halbe Stunde vorüber, als Agenor oben auf der Plattform das Hufeiſen eines Roſſes auf den Felſen ſchlagen hörte. Es war ihm, als ob dieſes Geräuſch ſein Herz aufriſſe, ſo tief und ſchmerzlich war der Eindruck. Das Geräuſch kam näher, andere Tritte von Pferden ließen ſich hören, doch nur für Agenor und Muſaron allein bemerkbar.. Der Konig hatte wirklich Befehl gegeben, die Hufe der Roſſe mit Werg zu umwickeln, damit ſie weniger ſtark ſchallten. Der König kam zuletzt; ein ſchwacher trockener 200 Huſten, den er nicht zurückzuhalten vermochte, verrieth ſeine Gegenwart. Er ging nur mit großer Mühe, indem er ſein Pferd durch den Zaum feſthielt, denn es gliſchte auf dem jähen Abhang mit den Hinterfüßen aus. Während die Flüchtlinge nach und nach an der Grotte vorüberzogen, erkannten Muſaron und Agenor dieſelben. Als die Reihe an Don Pedro kam, ſahen ſie vollkommen ſein bleiches, aber ruhiges Geſicht. Sobald ſie die Verſchanzungen erreichten, ſtiegen die zwei erſten Flüchtlinge zu Pferd und ſetzten über die Bruſtwehr; doch ſie hatten kaum zehn Schritte gemacht, als ſie in einen bereiteten Graben fielen, wo ſie zwanzig Bewaffnete knebelten und geräuſchlos wegführten. Don Pedro, der nichts vermuthete, ſchwang ſich ebenfalls in den Sattel; doch plötzlich wurde er von Age⸗ nor gepackt, der ihn mit zwei nervigen Armen umfing, während ihm Muſaron den Mund mit einem Gürtel ſchloß. Nachdem dies geſchehen, gab Muſaron dem Pferde einen Dolchſtoß, dieſes ſprang über die Verſchanzung und entfloh mit einem ſchallenden Galopp auf dem felſigen Boden. Don Pedro ſträubte ſich mit der Stärke der Ver⸗ zweiflung. 8„Seid ruhig,“ ſagte ihm Agenor ins Ohr,„ich werde genöthigt ſein, Euch zu tödten, wenn Ihr Lärmen macht.“ Es gelang Don Pedro, die halb erſtickten Worte hören zu laſſen:— „Ich bin der König, behandelt mich als Ritter!“ „Ich weiß wohl, daß Ihr der König ſeid, und ich erwartete Euch hier,“ ſprach Agenor.„Bei meinem Ritterwort, Ihr ſollt nicht mißhandelt werden.“ Und er nahm den Prinzen auf ſeine ſtarken Schul⸗ tern und zog ſo durch die Linien der Verſchanzungen mitten unter den Ofſicieren, welche vor Freude ſprangen. —,— 7 N 201 „Stille, ſtille!“ ſagte Agenor, okeinen Lärmen, meine Herren, kein Geſchrei! Ich habe die Angelegen⸗ heiten des Connetable beſorgt, macht nicht, daß die meinigen ſcheitern.“ Er trug ſeinen Gefangenen in das Zelt des Stamm⸗ lers von Villaines, der ihm um den Hals ſiel und ihn zärtlich umarmte. „Geſchwinde! geſchwinde!“ rief dieſer Kapitän, „Eilboten an den König, der vor Toledo iſt; Eilboten an den Connetable, der das Feld behauptet, um ihm zu melden, der Krieg ſei beendigt.“. Vierundſiebzigſtes Kapitel. Die Schwierigkeit. Während das ganze Lager der Bretagner die Nacht in der Trunkenheit des Triumphes und Don Pedro in den Bangigkeiten des Schreckens hinbrachte, benach⸗ richtigten Cavaliere, welche die beſten Pferde des Heeres ritten, Don Enrique und den Connetable. Agenor war die Nacht bei dem Gefangenen ge⸗ blieben, der, ſich in ein ſcheues Stillſchweigen ver⸗ ſchließend, jeden Troſt wie jede Erleichterung zurück⸗ wies. 8 Man konnte einen König, einen Feldherrn nicht gebunden laſſen: man band ihn alſo los, nachdem man ihm ſein adeliges Wort abgenommen, daß er keinen Verſuch, zu entfliehen, machen wolle. „Aber,“ ſagte der Stammler zu ſeinen Officieren, „man kennt den Werth des Wortes vom König Don 202 Pedro: verdoppelt die Poſten und laßt das Zelt ſo um⸗ ſtellen, daß er nicht einmal einen Gedanken an eine Flucht haben kann.“ Man fand den Connetable drei Meilen von Montiel; er jagte vor ſich her wie Herden die Trümmer der zwei Tage vorher beſiegten Armee, und vervollſtändigte ſo durch eine Beute an Gefangenen mit reichem Löſegeld den Gewinn dieſes wichtigen Tages. Denn die Tole⸗ daner hatten ſich geweigert, ihre Thore ſelbſt den Be⸗ ſiegten, ihren Verbündeten, zu öffnen, ſo ſehr befürchteten ſie einen Betrug, wie er in jenen barbariſchen Zeiten, wo die Liſt einen ebenſo großen Platz einnahm, als die Stärke, gänge und gebe war. Der Connetable hatte nicht ſobald die Nachricht vernommen, als er ausrief: „Dieſer Mauleon hatte mehr Geiſt als wir.“ Und er ritt mit einer unbeſchreiblichen Freude gen Montiel. Als er ankam, verſilberte ſchon der anbrechende Tag die Gipfel der Berge. Der Connetable ſchloß den in ſeinem Triumph beſcheidenen Mauleon in ſeine Arme und ſprach zu ihm: „Ich danke Euch, Meſſire, für Eure muthige Be⸗ harrlichkeit und für Eure Scharfſichtigkeit. Wo iſt der Gefangene?“ fügte er bei. „In dem Zelte des Stammlers von Villaines,“ erwiederte Mauleon;„doch er ſchläft oder ſtellt ſich, als ſchliefe er.“ „Ich will ihn nicht ſehen,“ ſagte Bertrand;„es geziemt ſich, daß die erſte Perſon, mit der Don Pedro eine Unterredung pflegen wird, Enrique, ſein Sieger und ſein Gebieter, iſt. Hat man ſcharfe Bewachung an⸗ geordnet? Gewiſſe böſe Geiſter brauchen nur ein gutes Gebet zum Teufel, um befreit zu werden.“ „Es ſind dreißig Ritter um das Zelt her aufge⸗ ſtellt, Meſſire,“ antwortete Agenor.„Don Pedro wird nicht entkommen, wenn ihn nicht ein Engel Satans — — SK NUS — 203 an den Haaren fortzieht, wie einſt den Propheten Ha⸗ bakuk; auch würden wir ihn weggehen ſehen...“ „Und ich würde ihm mitten in die Luft einen Bolzen nachſchicken, daß er noch vor dem Engel der Finſterniß in die Hölle käme,“ ſagte Muſaron. 3 „Man ſchlage mir ein Feldbett vor dem Zelt auf,“ befahl der Connetable.„Ich will wie die Anderen den Gefangenen bewachen, um ihn ſelbſt Don Enrique vorzuſtellen.“ Man gehorchte dem Connetable, und ſein Bett, aus Brettern und Heidekraut beſtehend, wurde vor der Thüre des Zeltes bereitet. 1 „Ah!“ rief Bertrand,„er iſt beinahe ein Ungläu⸗ biger und im Stande, ſich umzubringen; hat man ihm ſeine Waffen abgenommen?“ „Man hat es nicht gewagt, hoher Herr; es iſt ein geheiligtes Haupt, denn man hat ihn vor dem Altar Gottes zum König ausgerufen.“ „Das iſt richtig: ubrigens iſt man ihm bis auf die erſten Befehle von Don Enrique jede Achtung und jeden Beiſtand ſchuldig.“ „Ihr ſeht, hoher Herr,“ ſprach Agenor,„Ihr ſeht, wie ſehr jener Spanier log, als er Euch verſicherte, Don Pedro wäre nicht in Montiel.“ „Wir werden auch dieſen Spanier und die ganze Garniſon henken laſſen,“ ſagte ruhig der Stammler von Villaines.„Durch ſeine Lüge hat er den Conne⸗ table ſeines Wortes entbunden.“ „Hoher Herr,“ ſprach Agenor lebhaft,„dieſe un⸗ glücklichen Soldaten haben keine Schuld, wenn ein An⸗ fuhrer befiehlt. Ueberdies würdet Ihr, wenn ſie ſich ergeben, einen Mord begehen, und wenn ſie ſich nicht ergeben, wird man ſich ihrer nicht bemächtigen.“ „Man wird ſich ihrer durch Aushungerung bemäch⸗ tigen,“ erwiederte der Connetable. Der Gedanke, Aiſſa Hungers ſterben zu ſehen, riß 204 Mauleon über alle Grenzen ſeiner natürlichen Zurück⸗ haltung. „Ohl meine edle Herren,“ ſagte er,„Ihr werdet keine ſolche Grauſamkeit begehen!“ „Wir werden die Lüge und die Unredlichkeit be⸗ ſtrafen,“ entgegnete der Connetable.„Muß man ſich übrigens nicht Glück wünſchen, daß uns dieſe Lüge Ge⸗ legenheit bietet, den Saracenen Mothril zu beſtrafen? Ich will einen Parlamentär an dieſen Elenden abſchicken, um ihm zu verkündigen, Don Pedro ſei gefangen ge⸗ nommen; da man ihn gefangen genommen, ſo ſei er in Montiel geweſen; man habe mich folglich belogen, und zum Beiſpiel für alle Betrüger werde die Garniſon decimirt, wenn ſie ſich ergebe, und zum Hungertode verurtheilt, wenn ſie ſich nicht ergebe.“ „Und Dona Aiſſa?“ unterbrach ihn Mauleon, bleich vor Angſt und Liebe. 4 „Wir werden die Frauen verſchonen, wohlverſtan⸗ den,“ erwiederte Duguesclin;„denn verflucht ſei der Kriegsmann, der die Greiſe, die Kinder und die Frauen nicht ſchont!“. „Aber Mothril wird Aiſſa nicht ſchonen, gnädiger Herr; das hieße ſie einem Andern nach ihm überlaſſen; Ihr keunt ihn nicht, er wird ſie tödten... Ihr habt mir aber verſprochen, mir zu geben, was ich mir von Euch erbitten würde, Meſſire: ich bitte Euch um das Leben von Aiſſa.“ 3 „und ich bewillige es Euch, mein Freund; doch wie werdet Ihr es machen, um ſie zu retten?“ „Ich flehe Eure Herrlichkeit an, keinen anderen Parlamentär an Mothril zu ſchicken, als mich, und mir die Worte zu überlaſſen, die ich zu ihm ſprechen werde. ... Ich ſtehe Euch ſo für eine raſche Unterwerfung des Mauren und der Garniſon...Doch habt Meitleid, gnädiger Herr, ſchont das Leben der unglücklichen Sol⸗ daten! ſie haben nichts gethan.“ „Ich ſehe, daß man ſich in Euren Willen ergeben — 282 2— ———, ——— —— P,— 205 muß. Ihr habt mir genugſam gedient, daß ich Euch nichts abſchlagen kann. Der König ſeinerſeits ver⸗ dankt Euch ebenſo vie, als mir, denn Ihr habt Don Pedro gefangen genommen, ohne den unſer Sieg un⸗ vollſtändig war. Ich kann Euch alſo in ſeinem Namen wie in dem meinigen bewilligen, was Ihr wünſcht. Aiſſa gehört Euch; den Soldaten, den Officieren ſogar der Garniſon ſoll mit ihrer beſten Habe freier Abzug ge⸗ ſichert ſein; doch Mothril wird gehenkt.“ „Gnädigſter Herr...“ „Ohl fordert das nicht, denn es kann Euch nicht gewährt werden. Ich würde Gott beleidigen, wenn ich dieſen Ruchloſen verſchonte.“ „Gnädigſter Herr, er wird mich vor Allem fragen, ob ihm das Leben geſchenkt ſein ſoll; was werde ich antworten?“ „Antwortet, was Ihr wollt, Meſſire von Mauleon.“ „Aber Ihr hättet ihn nach den Bedingungen des mit Rodrigo Sanatrias abgeſchloſſenen Waffenſtillſtands verſchont.“ „Ihn! nie! Ich habe geſagt, die Garniſon. Mothril iſt ein Saracene, ich zähle ihn nicht unter den Ver⸗ theidigern des Schloſſes; das iſt überdies eine Rech⸗ nung, welche zwiſchen Gott und mir geordnet werden muß. Habt Ihr nur Aiſſa, mein Freund, das Uebrige geht Euch nichts an. Laßt mich machen.“ „Ich flehe Euch noch einmal an, Meſſtre. Ja, dieſer Mothril iſt ein Elender, ja, ſeine Beſtrafung dürfte Gott angenehm ſein; doch er iſt entwaffnet, er kann nicht mehr ſchaden...“ „Es iſt gerade, als ob Ihr zu einer Bildſäule ſprächet, Sire von Mauleon,“ erwiederte der Conne⸗ table.„Ich bitte Euch, laßt mich ruhen. Was die Worte betrifft, die Ihr der Garniſon überbringt, ſo ſtelle ich das ganz Euch anheim. Geht!“ Es war nichts mehr einzuwenden. Agenor wußte 206 wohl, daß Duguesclin, wenn er einmal einen Entſchluß gefaßt hatte, unbeugſam blieb und nie zurückwich. Er begriff auch, daß Mothril, wenn es ihm bekannt, Don Pedro ſei in die Hände der Bretagner gefallen, nichts mehr ſchonen würde, weil er wüßte, er hätte auch keine Schonung zu erwarten. Mothril war in der That einer von den Menſchen, die das Gewicht des Haſſes, den ſie einflößen, zu tragen und ſich den Folgen davon zu unterziehen wiſſen. Un⸗ verſöhnlich gegen Andere, fügte er ſich darein, keine Gnade zu erhalten. Dann würde auch Mothril nie einwilligen, Aiſſa herauszugeben. Die Lage von Agenor war äußerſt ſchwierig. „Wenn ich lüge, ſo entehre ich mich,“ ſagte er; „wenn ich Mothril das Leben verſpreche, ohne mein Wort zu halten, werde ich unwürdig der Liebe einer Frau und der Achtung der Männer.“ Er war in das Gewirre dieſer grauſamen Verlegen⸗ heiten verſunken, als die Trompeten die Ankunft von König Enrique vor dem Zelte verkündigten. Es war ſchon hoch am Tag und man ſah vom Lager aus die Plattform, auf der Mothril und Don Rodrigo, lebhaft ſprechend, auf und abgingen. „Was der Connetable Euch nicht bewilligt hat, wird Euch König Enrique bewilligen,“ ſagte Muſaron zu ſeinem Herrn, als er ihn ganz traurig ſah:„bittet, und Ihr werdet erhalten. Was liegt an dem Mund der Ja ſagt, ſagt er nur ein Ja, das Ihr, ohne zu lügen, Mothril überbringen könnt?“ „Verſuchen wir es,“ ſprach Agenor. 8 Und er kniete bei dem Steigbügel von Enrique nieder, dem ein Stallmeiſter vom Pferde half. „Gute Kunde, wie es ſcheint,“ ſagte der König. „Ja, Hoheit.“ „Ich will Euch belohnen, Mauleon; verlangt eine Grafſchaft, wenn Ihr wollt.“ —— ———S 10 —— * 207 „Ich bitte Euch um das Leben von Mothril.“ „Das iſt mehr als eine Grafſchaft, doch es ſei Euch gewährt,“ antwortete Enrique. „Geht geſchwinde, gnädiger Herr,“ ſagte Muſaron ſeinem Gebieter ins Ohr,„denn der Connetable kommt, und es wäre zu ſpät, wenn er es hörte.“ Agenor küßte dem König die Hand; dieſer ſetzte den Fuß auf die Erde und rief: „Guten Morgen, lieber Connetable, es ſcheint, der Verräther iſt in unſern Händen?“ „Ja, Hoheit,“ ſagte Bertrand, der ſich ſtellte, als bemerkte er nicht, wie Agenor mit Enrique ſprach. Der junge Mann eilte weg, als ob er einen Schatz mit ſich trüge. Als beauftragter Parlamentär hatte er das Recht zwei Trompeter mitzunehmen: er wählte ſte, ſchickte ſie voraus und ſtieg, gefolgt vom unzer⸗ trennlichen Muſaron, bis zur erſten Pforte des Schloſſes hinan. Fünfundſiebzigſtes Kapitel. 72½ 6 Diplomatie der Liebe. Man öffnete ihm ungeſäumt das Thor, und er ver⸗ mochte, auf dem Wege fortſchreitend, die Schwierig⸗ keiten des Terrain zu beurtheilen. Zuweilen hatte der Pfad nicht mehr als einen Fuß Breite, und überall ſiel der Felſen ſenkrecht in den ausgehöhlten Trichter hinab; nicht gewöhnt an Berge, fühlten die Bretagner, wie ſich der Schwindel ihrer be⸗ mächtigte. 208 „Die Liebe macht uns ſehr nnvorſichtig, gnädiger Herr,“ ſagte Muſaron zu ſeinem Gebieter;„doch... Gott iſt am Ende aller Dinge.“ f„Vergiſſeſt Du, daß unſere Perſonen unverletzlich nd?“ 3 3 „Eil gnädiger Herr, was hat der verfluchte Maure zu ſchonen, und was ſeht Ihr Unverletzliches für ihn auf der Erde?“ Agenor hieß ſeinen Knappen ſchweigen, ſtieg immer weiter hinauf und gelangte auf die Plattform, wo ihn Mothril erwartete, der ihn auf dem Wege er⸗ kannt hatte. „Der Franzoſe!“ murmelte er,„was bedeutet ſeine Gegenwart im Schloß?“ Die Trompeter bliefen; Mothril erwiederte durch ein Zeichen, er höre. 2 Agenor ſprach: „Ich komme im Auftrage des Connetable, um Dir Folgendes zu ſagen:„„Ich ſchloß einen Waffenſtillſtand mit meinen Feinden unter der Bedingung, daß Niemand das Schloß verlaſſe... Ich ſicherte Allen das Leben unter dieſer Bedingung; heute muß ich von meiner Zuſage abgehen, da Ihr Euer Wort gebrochen habt.““ Mothril wurde bleich und erwiederte: „Worin?“ „In dieſer Nacht ſind drei Reiter über die Ver⸗ ſchanzung gezogen, trotz unſerer Schildwachen,“ fuhr Agenor fort. „Nun!“ ſagte Mothril, der ſich gewaltig gegen ſich ſelbſt anſtrengte,„man muß ſie mit dem Tod beſtrafen ... denn ſie ſind meineidig geworden.“ „Das wäre leicht, wenn man ſie in den Händen hätte,“ erwiederte Agenor,„doch ſie find entflohen.“ „Warum habt Ihr ſie nicht feſtgenommen?“ rief Mothril, unfähig, ſeine Freude gänzlich zu mäßigen, nachdem er eine ſo lebhafte Angſt empfunden hatte. „Weil unſere Leute, auf Euer Wort bauend, minder N e — — 209 thätig als gewöhnlich wachten, und weil nach dem Ur⸗ theil des hier anweſenden Senor Rodrigo Keiner von Euch ein Intereſſe hatte, zu entfliehen, da Euch Allen das Leben geſichert war... „Was ſchließſt Du hieraus?“ fragte der Maure. „Daß die Bedingungen des Waffenſtillſtands eine Veränderung zu erleiden haben.“ „Ahl ich vermuthete es,“ ſprach Mothril mit bitterem Tone.„Die Milde der Chriſten iſt zerbrech⸗ lich wie ein Glas; man muß ſich in Acht nehmen, daß man es beim Trinken nicht zerbricht. Du kommſt, um uns zu ſagen, mehrere Soldaten... ſind es Sol⸗ daten?... haben ſich aus Montiel geflüchtet, und Du werdeſt genöthigt ſein, uns Alle dem Tod zu überant⸗ worten.“ „Und vor Allem, Saracene,“ ſprach Agenor, ver⸗ letzt durch dieſen Vorwurf und durch dieſe Vorausſetzung, „vor Allem mußt Du wiſſen, wer die Flüchtlinge ſind.“ „Wie ſollte ich das wiſſen?“ „Zähle Deine Garniſon.“ „Ich bin es nicht, der hier befehligt.“ „Du gehörſt alſo nicht zur Garniſon?“ fragte raſch Agenor,„Du biſt alſo nicht mit in dem Waffenſtillſtand begriffen?“ „Du biſt liſtig für einen jungen Mann.“ „Ich bin es durch das Mißtrauen geworden, weil ich ſo viele Saracenen geſehen; doch antworte.“ „Ich bin in der That der Anführer,“ ſagte Mothril, der die Vortheile einer Capitulation, wenn eine ſolche möglich wäre, zu verlieren befürchtete. „Du ſiehſt, daß ich Recht hatte, Liſt zu gebrau⸗ chen, da Du logſt... Doch hierum handelt es ſich nicht Du geſtehſt, man habe die Bedingungen ver⸗ etzt.“ „Das ſagſt Du, Chriſt.“. „Und Du wirſt mir glauben,“ entgegnete Mauleon Der Baſtard von Mauleon. Ul. 14 210 mit ſtolzem Weſen.„Vernimm den Befehl des Conne⸗ table, unſeres oberſten Gebieters:„„Der Platz wird noch heute übergeben, oder die ſtrengſte Blockade be⸗ innt.““ 8„Iſt das Alles?“ „Das iſt Alles.“ „Man wird uns aushungern?“ „Ja.“ „Und wenn wir ſterben wollen?“ „Das ſteht Euch frei.“ Mothril ſchaute Agenor mit einem ganz beſondern Ausdruck an, den dieſer vollkommen begriff. „Allen?“ fragte er, dieſes Wort ſtark betonend. „Allen,“ erwiederte Mauleon;„doch wenn Ihr ſterbt, ſo geſchieht es, weil Ihr es ſo wollt... glaube mir, Don Pedro wird Euch keine Hülfe bringen.“ „Meinſt Du?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Warum?“ „Weil wir ihm ein Heer entgegen zu ſtellen haben, während er keines mehr hat, und weil Ihr vor dem Tag, wo er eines gefunden hat, Alle Hungers geſtorben ſein werdet.“ „Dein Schluß iſt richtig, Chriſt.“ „Rettet aiſo Euer Leben, da die Sache in Eurer Macht liegt.“ „Ah! Du bieteſt uns das Leben?“ „Ich biete es Euch.“ „Auf weſſen Wort? Auf das des Connetable?“ „Auf das des Königs, der ſo eben angekom men.“ „In der That, er iſt angekommen,“ ſprach Mothril voll Unruhe,„doch ich ſehe ihn nicht.“ „Schaue nach ſeinem Zelt... oder vielmehr nach dem des Stammlers von Villaines.“ „Ja... ja. Du biſt ſicher, daß er uns das Leben gewähren wird.“ „Ich verbürge mich dafür.“ n u A 211 „Und mir auch?“ „Auch Dir... Mothril; ich habe das Wort des Königs.“ „Wir können uns zurückziehen, wohin es uns be⸗ liebt?“ „Wohin es Euch beliebt.“ „Mit Knechten, Gepäcke und Schätzen?“ „Ja, Saracene.“ „Das iſt ſehr hübſch!...“ „Du glaubſt nicht daran?... Du biſt ein Narr; warum ſollten wir Dich bitten, heute zu uns zu kom⸗ men, während wir Dich todt oder lebendig haben werden, wenn wir einen Monat hier bleiben.“ „Oh! Ihr könnt Don Pedro fürchten.“ „Ich verſichere Dich, daß wir ihn nicht fürchten.“ „Chriſt, ich will es mir überlegen.“ „Wenn Du Dich in zwei Stunden nicht ergeben haſt, ſo betrachte Dich als todt,“ ſprach ungeduldig der junge Mann.„Der eherne Gürtel wird ſich nicht mehr öffnen.“ „Gut! gut! zwei Stunden! das iſt keine bedeu⸗ tende Großmuth,“ ſagte Mothril, ängſtlich den Hori⸗ zont befragend, als ſollte aus der Ebene ein Retter erſtehen. „Iſt das Deine ganze Antwort?“ fragte Agenor. „In zwei Stunden,“ ſtammelte Mothril zerſtreut. „Ohl gnädiger Herr, er wird ſich ergeben, Ihr habt ihn überzeugt,“ flüſterte Muſaron ſeinem Herrn 76 ins Ohr. Plötzlich ſchaute Mothril nach dem Lager der Bre⸗ tagner mit einer Aufmerkſamkeit, die er nicht mehr verbarg. „Oh! oh!“ murmelte er, Rodrigo das Zelt des Stammlers von Villaines bezeichnend. Der Spanier kniete auf die Bruſtwehr, um beſſer zu ſehen. „Deine Chriſten zerfleiſchen ſich unter ſich, wie es 21² ſcheint,“ ſagte Mothril;„ſieh, wie man nach jenem Zelte läuft.“ Viele Officiere und Soldaten liefen in der That nach dem Zelt mit Merkmalen der lebhafteſten Angſt. Das Zelt bewegte ſich, als würde es innerlich von Streitern erſchüttert. Agenor ſah den Connetable mit einer Geberde des Zorns dahin ſtürzen. „Es fällt etwas Seltſames und Furchtbares in dem Zelte vor, wo Don Pedro iſt,“ ſagte er,„laß uns gehen, Muſaron.“ Die Aufmerkſamkeit des Mauren war durch dieſe unbegreifliche Bewegung abgelenkt. Die von Rodrigo war es noch mehr. Agenor benützte ihre Unachtſamkeit, um mit ſeinen Bretagnern den ſteilen Abhang hinab⸗ zuſteigen. Mitten auf dem Weg höͤrte er einen furcht⸗ baren Schrei, der von der Ebene zum Himmel empor⸗ drang. Es war Zeit, daß er die Schranken erreichte; kaum hatte man das Thor hinter ihm geſchloſſen, als Mothril mit einer Donnerſtimme ausrief: „Allah! Allah! der Verräther täuſchte mich. Sie haben den König Don Pedro gefangen genommen. Allah! man verhafte den Franzoſen und er diene uns als Geißel. Zu den Thoren, ſchließt! ſchließt!“ 1 Doch Agenor war ſchon jenſeits der Verſchan⸗ zungen und in Sicherheit; er konnte ſogar in ſeinem ganzen Umfang das furchtbare Schauſpiel ſehen, dem der Maure von der Plattform herab beigewohnt hatte. „Barmherziger Gott!“ ſagte Agenor, zitternd und die Arme zum Himmel erhebend,„eine Minute länger, und wir waren gefangen und verloren: was ich hier in dieſem Zelt ſehe, hätte Mothril für ſeine blutigſten Repreſſalien entſchuldigt.“ 213 Sechsundſtebzigſtes Kapitel. Was man in dem Zelte des Stammlers von Villaines ¹ ſah. Der König Don Enrique, nachdem er Agenor ver⸗ laſſen und ihm die Begnadigung von Mothril gewährt hatte, wiſchte ſein Geſicht ab und ſagte zum Conne⸗ table:. „Mein Freund, mein Herz ſchlägt ſtark, ich werde in der Demüthigung denjenigen ſehen, welchen ich auf den Tod haſſe; das iſt eine Freude, gemiſcht mit Bitter⸗ keit, und ich kann mir die Miſchung in dieſem Augen⸗ blick nicht erklären.“ „Sire,“ erwiederte der Connetable,„dies beweiſt, daß das Herz Eurer Majeſtät edel und groß iſt, ſonſt würde es nichts Anderes mehr enthalten, als die Freude des Triumphes.“ „Das iſt ſeltſam,“ fügte der König bei,„es iſt ſeltſam, daß ich in dieſes Zelt nur mit Mißtrauen und, ich wiederhole es, nur mit beklommenem Herzen ein⸗ trete... Wie iſt er? „Sire, er ſitzt auf einem Stuhl und hält ſeinen Kopf in ſeine Hände geſenkt. Er ſcheint niederge⸗ ſchlagen.“ Enrique von Transtamare machte ein Zeichen mit der Hand und Jeder entfernte ſich. „Connetable,“ ſagte er ganz leiſe,„ich bitte, einen letzten Rath. Ich will ſein Leben verſchonen, aber ſoll ich ihn verbannen oder in eine Feſtung einſchließen?“ „Fragt mich nicht um Rath, Sire König,“ ant⸗ wortete der Connetable,„denn ich vermoͤchte Euch kei⸗ 214 nen zu geben. Ihr ſeid weiſer als ich und ſteht einem Bruder gegenüber. Gott gebe Euch ein, was Ihr zu thun habt.“ „Eure Worte haben meinen Entſchluß ohne Um⸗ kehr feſtgeſtellt, Connetable; ich danke Euch.“ Der König hob den Leinwandflügel auf, der das Zelt ſchloß, und trat ein. Don Pedro hatte die Stellung nicht verlaſſen, die Dugueselin dem König geſchildert. Nur ſeine Ver⸗ zweiflung war nicht ſchweigſam; ſie verrieth ſich nach außen bald durch dumpfe, bald durch geräuſchvolle Aus⸗ rufungen, und man hätte glauben ſollen, es habe ſich ſeiner ein Anfang von Wahnſinn bemächtigt. Der Tritt von Enrique machte, daß Don Pedro das Haupt erhob.. Sobald er ſeinen Sieger an ſeiner majeſtätiſchen Haltung und an ſeinem aus einem goldenen Löwen beſte⸗ henden Helmſchmuck erkannte, ergriff ihn die Wuth. „Du kommſt,“ ſagte er,„Du wagſt es, zu kommen!“ Enrique antwortete nicht; er beobachtete ſein ge⸗ laſſenes Weſen und ſein Stillſchweigen. „Vergebens habe ich Dich im Kampfe gerufen,“ fuhr Don Pedro, ſich ſtufenweiſe erhitzend, fort;„doch Du haſt nur den Muth, einen beſiegten Feind zu be⸗ leidigen, und ſelbſt in dieſem Augenblicke verbirgſt Du Dein Geſicht, damit ich Deine Bläſſe nicht ſehe.“ Enrique machte langſam die Spangen ſeines Hel⸗ mes los und ſtellte ihn auf den Tiſch. Sein Geſicht war wirklich bleich, aber ſeine Augen bewahrten eine milde Freundlichkeit. Dieſe Ruhe brachte Don Pedro außer ſich. Er ſtand auf und rief: „Ja, ich erkenne den Baſtard meines Vaters, den⸗ jenigen, welcher ſich König von Caſtilien nennt und ver⸗ gißt, daß es keinen andern König von Caſtilien geben wird, ſo lange ich lebe.“ Den blutigen Beleidigungen ſeines Feindes ſuchte 215 Enrique die Geduld entgegenzuſetzen; aber der Zorn ſtieg ihm ſtufenweiſe zur Stirne und Tropfen kalten Schweißes fingen an über ſein Geſicht zu laufen. „Nehmt Euch in Acht,“ ſagte er mit zitternder Stimme,„Ihr ſeid hier bei mir, vergeßt das nicht. Ich beleidige Euch nicht, und Ihr entehrt Eure Geburt durch Worte, welche unſerer Beider unwürdig ſind.“ „Baſtard!“ ſchrie Don Pedro,„Baſtard... Ba⸗ ſtard!“ „Elender! Du willſt alſo meinen Zorn entfeſſeln?“ „Ohl ich bin ſehr ruhig,“ erwiederte Don Pedro, indem er ſich ihm mit entflammten Augen und leichen⸗ bleichen Lippen näherte;„Du wirſt Deinen Zorn nicht weiter gehen laſſen, als es die Sorge für Deine Selbſt⸗ erhaltung heiſcht. Du haſt Angſt...“ „Du lügſt!“ brüllte Don Enrique in maßloſem Grimm. Statt zu antworten, packte Don Pedro Enrique bei der Gurgel, und Don Enrique preßte Don Pedro mit ſeinen Armen zuſammen. „Ah!“ ſagte der Beſiegte,„es fehlte uns nur die⸗ ſer Kampf; Du ſollſt ſehen, er wird entſcheidend ſein.“ Sie kämpften mit ſolcher Heftigkeit, daß das Zelt erſchüttert wurde, daß die Leinwand ſchwankte, und daß bei dem Lärmen der Connetable, der Stammler und mehrere Officiere herbeiliefen. Um einzudringen, ſahen ſie ſich genöthigt, mit ih⸗ ren Schwertern die Leinwand des Ieltes zu ſchlitzen. Feſt an einander gepreßt, einander wie zwei Schlangen umſchlingend, hielten ſich die zwei Feinde an den Vor⸗ hängen ſelbſt mit ihren beſpornten Füßen angeklam⸗ mert. Da ſah man ganz offen das Innere des Zeltes und den mörderiſchen Kampf. Der Connetable ſtieß einen gewaltigen Schrei aus. Tauſend Soldaten flogen in der Richtung des Zel⸗ tes herbei. 216 Da konnte Mothril von der Plattform herab ſehen; da 3 fing auch Mauleon an vom Ende der Verſchanzung zu ſehen. Die zwei Gegner wälzten und krümmten ſich und ſuchten, ſo oft ſie einen Arm frei hatten, ſich einer Waffe zu bemächtigen. Don Pedro war der Glücklichere; es gelang ihm, Enrique von Transtamare unter ſich zu bringen, und während er ihn mit ſeinem Knie feſthielt, zog er aus ſeinem Gürtel einen kleinen Dolch, um ſeinem Feinde einen Stoß zu verſetzen. Aber die Gefahr gab Enri⸗ qne ſeine Kräfte wieder; er warf noch einmal ſeinen Bruder von ſich ab und hielt ihn auf der Seite. So neben einander, blieſen ſie ſich das verzehrende Feuer ihres ohnmächtigen Haſſes in's Geſicht. „Es ſoll ein Ende werden,“ rief Don Pedro, als er ſah, daß es Niemand wagte, ſie zu berühren, ſo ſehr beherrſchten die königliche Majeſtät und das Grauen⸗ hafte der Lage die Anweſenden.„Heute kein König von Caſtilien mehr, aber auch kein Thronräuber mehr. Ich höre auf zu regieren, doch ich bin gerächt. Man wird mich tödten, aber ich werde Dein Blut getrunken haben.“ Und mit einer unverhofften Kraftanſtrengung preßte er ſeinen durch den Kampf erſchöpften Bruder unter ſich, drückte ihm die Gurgel zuſammen und hob die Hand auf, um ihm den Dolch in den Leib zu ſtoßen. Dugueselin, als er nun ſah, daß er ſchon mit dem Dolch das Panzerhemd und den Panzer erforſchte, um die Blöße zu finden, packte ihn mit ſeiner kräftigen Fauſt beim Fuß und bewirkte ſo, daß er das Gleich⸗ gewicht verlor. Der Unglückliche rollte unter Enrique. „Ich mache weder Könige, noch vertilge ich ſie; ich helfe meinem Herrn,“ ſagte der Connetable mit einer dumpfen, zitternden Stimme. Enrique, der wieder athmen konnte, raffte raſch ſeine Kräfte zuſammen und zog ſein Meſſer. Es war nur ein Blitz. Der Stahl verſenkte ſich 8=8— R&8 ð&&⏑ S— VrB8S 217 ganz und gar in die Gurgel von Don Pedro; eine Blutwoge ſprang in die Augen des Siegers und er⸗ ſtickte zugleich den furchtbaren Schrei, der aus den Lippen von Don Pedro hervordrang. Die Hand des Verwundeten ſank ſchlaff nieder, ſeine Augen erloſchen; er ließ ſeine finſter zuſammen⸗ gezogene Stirne rückwärts gehen, und man höoͤrte ſei⸗ nen Kopf gewichtig auf dem Boden aufſchlagen. „Oh! was habt Ihr gethan?“ rief Agenor, der in das Zelt geſtürzt war und, die Haare geſträubt, ſah, wie der Leichnam im Blut ſchwamm und der Sieger knieend in ſeiner rechten Hand ſeine Waffe hielt, wäh⸗ rend er ſich mit der linken zu ſtützen ſuchte. Eine furchtbare Stille ſchwebte über der ganzen Verſammlung. fal Der königliche Mörder ließ ſeinen gerötheten Dolch allen. Man ſah nun einen Blutbach unter dem Leichnam hervorkommen und langſam über den Abhang des fel⸗ ſigen Bodens hinfließen. Jeder wich vor dem Blut zurück, das noch rauchte, als hätte es das Feuer des Zornes und des Haſſes bewahrt. Don Enrique ſetzte ſich, ſobald er ſich erhoben hatte, in eine Ecke des Zeltes und verbarg ſein verdüſtertes Geſicht in ſeinen beiden Händen. Er konnte den Glanz des Tages und die Blicke der Umſtehenden nicht er⸗ tragen. 8eben ſo düſter als er, aber energiſcher, hob ihn der Connetable ſachte auf und ſchickte die Zuſchauer dieſer furchtbaren Scene weg. 4 „Sicherlich,“ ſagte er, nſicherlich wäre es beſſer geweſen, dieſes Blut im Kampfgewühle mit Eurem Schwert oder mit Eurer Streitart zu vergießen. Doch Gott thut wohl, was er thut, und was er gethan, iſt in Erfüllung gegangen. Kommt, Sire, und faßt wie⸗ der Muth⸗“ 218 „Er hat ſterben wollen,“ murmelte der König.„Ich beabſichtigte, ihm zu verzeihen... Seid beſorgt, daß ſeine Ueberreſte nicht länger den Blicken ausgeſetzt bleiben... daß ein ehrenvolles Begräbniß...“ „Sire, denkt nicht mehr hieran... vergeßt das und überlaßt uns die Sorge.“ Der König ſchritt durch eine doppelte Reihe ſchweig⸗ ſamer, beſtürzter Soldaten und verbarg ſich in einem andern Zelt. Duguesclin ließ den Profoß der Bretagner kom⸗ men und ſagte, indem er auf den Leichnam von Don Pedro deutete: „Du ſchneideſt dieſen Kopf ab.... und Ihr, Stammler von Villaines, Ihr ſchickt ihn nach Toledo. Das iſt der Gebrauch in dieſem Land, wo wenigſtens die Uſurpatoren des Namens der Todten nicht mehr das Recht haben, die Regierung und die Ruhe der Le⸗ bendigen zu ſtören.“ Kaum hatte er vollendet, als ein Spanier von der Feſtung erſchien und im Auftrag des Gouverneur ver⸗ kündigte, die Garniſon würde um acht Uhr Abends ge⸗ mäß den vom Parlamentär des Connetable geſtellten Bedingungen die Waffen ſtrecken. Siebenundſtebzigſtes Kapitel. Der Entſchluß des Mauren. Dieſe ganze ſo furchtbare, ſo raſche Scene war vom Schloſſe Montiel in Folge des Verſchiebens der Vorhänge und der Beweglichkeit der babei hauptſächlich thätigen Perſonen geſehen worden. —+△+—G 1ASͤ=— ——— △̈ EE— — B8— n— S ,— ——— 219 Man hat vernommen, daß bei der Zuſammenkunft von Agenor und Mothril der letztere, während er auf die Vorſchläge des Parlamentärs horchte, häufig nach der Ebene ſchaute, wo irgend Etwas ſeine Aufmerkſam⸗ keit anzuziehen ſchien. Agenor ſuchte ihn glauben zu machen, die Bre⸗ tagner wiſſen die Namen der Flüchtlinge der vergange⸗ nen Nacht nicht; er ließ ihn auch glauben, man habe der Flüchtlinge nicht habhaft werden können. Dieſe Nachricht beruhigte Mothril über das Schickſal von Don Pedro, denn bei der Dunkelheit der Nacht waren die Leute vom Schloß nicht im Stande geweſen, den Erfolg der Entweichung zu ſehen, und die Bretagner hatten, als ſie den Fang machten, das tiefſte Still⸗ ſchweigen beobachtet. Mothril mußte alſo Don Pedro in Sicherheit glauben. Er verachtete auch Anfangs die Vorſchläge von Mauleon. Als er aber nach der Ebene hinausſchaute, ſah er drei im Heidekraut herumſchweifende Pferde und erkannte auf eine unzweifelhafte Weiſe unter ihnen mit ſeinem ſicheren Blick das weiß und feuerfarbige Roß von Don Pedro, dieſes edle Thier, das ſeinen Herrn vom Schlachtfeld von Montiel zurückgetragen hatte, und ihn wie der Blitz aus dem Bereiche ſeiner Feinde bringen ſollte. Die Bretagner hatten ſich in ihrer Trunkenheit der Reiter bemächtigt und die Pferde vergeſſen, die, als ſie ſich frei ſahen, und überdies erſchrocken durch den Ueber⸗ fall der Angreifer, aus den Verſchanzungen entflohen und das freie Feld gewannen. Die ganze übrige Nacht waren ſie weidend und ſpielend umhergeſchweift; doch bei Tagesanbruch hatte ſie der Inſtinct, die Treue vielleicht, zum Schloß zu⸗ rückgeführt, und hier war es, wo Mothril ſie erblickte. Sie hatten nicht wieder den kreisförmigen Weg eingeſchlagen, auf dem ſie weggegangen waren; ſo daß 220 ſich die Schlucht zwiſchen ihnen und dem Schloß fand, eine tiefe, abſchüſſige Schlucht, die ſie aufhielt. Als Mothril dieſe Thiere erblickte, erbleichte er und faßte Zweifel an der Wahrhaftigkeit von Agenor. Da fing er an über die Bedingungen zu unterhandeln unn ſich das Leben für ſeine Perſon verſprechen zu aſſen. Plötzlich erſchien die Scene des Zeltes mit allen ihren Schauern vor ſeinen Augen. Er erkannte den goldenen Loͤwen von Enrique von Transtamare, das glühende Haar von Don Pedro, ſeine energiſche Stärke; er erkannte ſeine Stimme, als der letzte Schrei, der Schrei des Todes, ſcharf und herzzerreißend aus ſeiner durchſchnittenen Kehle hervordrang. Da hätte er gern Agenor zurückgehalten, um ſich einen Geißel aus ihm zu machen, oder ihn Fetzen für Fetzen zu zerfleiſchen; da gerieth er in Verzweiflung. Als er ſah, daß man Don Pedro niedermetzelte, und da er weder die Urſache, noch die Folge des Streites kannte, ſagte er ſich, er ſei verloren, er, der Anſtifter des ermordeten Königs. Von dieſem Augenblick begriff er die ganze Taktik von Agenor. Dieſer verſprach ihm das Leben, um ihn, wenn er von Montiel abziehen würde, niedermetzeln zu laſſen und dann Aiſſa frei und unbeſchränkt zu beſitzen. „Es iſt möglich, daß ich ſterbe,“ ſagte der Maure zu ſich ſelbſt; jedenfalls werde ich es verſuchen, mein Leben zu erhalten; doch was Aiſſa betrifft, verfluchter Chriſt, ſie ſollſt Du nicht haben, oder Du ſollſt ſie nur todt mit mir haben.“ Er verabredete ſich mit Rodrigo, den Tod von Don Pedro zu verſchweigen, den ſie allein geſehen, und ließ die Officiere von Montiel verſammeln. 8 Alle waren der Anſicht, man müſſe ſich ergeben. Mothril verſuchte es vergebens, dieſe Leute zu über⸗ —₰ O Rᷣ AN ₰ ☛△ &8—— +8 2— σ 221 reden, der Tod ſei der Gnade und Ungnade der Sieger vorzuziehen. Rodrigo ſelbſt bekämpfte ſein Vorhaben. „Man wollte mit Don Pedro ein Ende machen, vielleicht auch mit anderen Großen,“ ſagte er;„doch uns, die man im Kampfe verſchont ließ, uns, die wir Spanier ſind, wie Don Enrique, warum ſollte man uns niedermachen, da uns das Wort des Connetable das Leben verbürgt? Wir ſind weder Saracenen, noch Mauren, und wir rufen denſelben Gott an wie unſere Sieger.“ Mothril ſah wohl, daß Alles zu Ende war. Mit der Reſignation ſeiner Landsleute neigte er das Haupt und verſenkte ſich allein in den Kreis eines unerſchütter⸗ lichen, furchtbaren Entſchluſſes. Rodrigo ließ verkündigen, die Garniſon würde ſich auf der Stelle ergeben. Mothril drang darauf, daß die Capitulation erſt gegen Abend ſtattfinden ſollte. Man fügte ſich zum letzten Mal in ſeinen Wunſch. Da ſchlug der Parlamentar Dugueselin acht Uhr Abends für die Uebergabe des Platzes vor. Mothril ſchloß ſich in die Gemächer des Gouver⸗ neur ein, um ſich, wie er zu Rodrigo ſagte, dem Gebet zu widmen. „Ihr werdet,“ ſprach er,„Ihr werdet die Garniſon zur verabredeten Stunde, nämlich ſobald es Nacht ge⸗ worden, aufbrechen laſſen: die Soldaten zuerſt, dann die Unterofficiere, dann die Officiere und Ihr ſelbſt; ich gehe mit Dona Aiſſa zuletzt.“ Mothril, der allein geblieben, öffnete die Thüre des Zimmers von Aiſſa. „Ihr ſeht, mein Kind,“ ſagte er,„Alles erfolgt nach unſern Wünſchen. Don Pedro iſt nicht nur abge⸗ zogen, ſondern todt.“ „Todt!“ rief das Mädchen mit einem Ausdruck des Schauers, den nur ein Reſt von Zweifel mäßigte. 222 7Seht, ¹ ſprach Mothril phlegmatiſch,„kommt und aut.“ „Oh!“ flüſterte Aiſſa, getheilt zwiſchen Bangigkeit und dem Wunſch, die Wahrheit zu erfahren. „Zögert nicht, laßt Euch nicht ſo ſchleppen, Aiſſa; Ihr ſollt ſehen, wie die Chriſten ihre beſtegten Feinde, ihre Gefangenen behandeln, dieſe Chriſten, die Ihr ſo ſehr liebt.“ Er zog das Mädchen aus dem Zimmer auf die Plattform und zeigte ihr das Zelt des Stammlers von Villaines mit dem noch auf dem Boden ausgeſtreckten Leichnam. In dem Augenblick, wo Aiſſa ſtumm und bleich dieſes gräßliche Schauſpiel betrachtete, kniete ein Mann bei dem Todten nieder und trennte mit einem Schlag ſeines bretagniſchen Beils den Kopf vom Rumpf. Aiſſa ſtieß einen furchtbaren Schrei aus und ſiel beinahe ohnmächtig in die Arme von Mothril. Dieſer trug ſie in ihr Gemach, kniete am Fuße des Bettes, auf dem Aiſſa ruhte, nieder und ſprach: „Kind, Du ſiehſt, Du weißt! das Schickſal, das Don Pedro getroffen, harrt meiner. Die Chriſten haben mir eine Capitulation angeboten und das Leben geſichert; doch ſie hatten auch Don Pedro das Leben verſprochen. So haben ſie ihr Wort gehalten! Du biſt jung und ohne Erfahrung; doch Dein Herz iſt rein, Dein Sinn redlich: rathe mir, ich bitte Dich.“ „Euch rathen?“ „Du kennſt deinen Chriſten, Du..“ „Und zwar einen Chriſten, der ſein Wort nicht brechen, der Euch retten wird, weil er mich liebt.“ „Du glaubſt?“ verſetzte Mothril, düſter das Haupt ſchüttelnd. „Ich bin deſſen ſicher,“ antwortete das Mädchen mit der Begeiſterung der Liebe. „Kind!“ ſprach Mothril,„welches Anſehen hat er unter den Seinigen? Er iſt ein einfacher Ritter und über 223 ihm ſtehen Kapitäne, Generale, ein Connetable, ein König! Daß er verzeihen will, gebe ich zu; die Anderen ſind unverſoͤhnlich, man wird uns tödten!“ „Mich!...“ rief die Maurin in einer Bewegung der Selbſtſucht, die ſie nicht zu bewältigen vermochte, und die dem Mauren die Tiefe der Seele von Aiſſa, das heißt die Tiefe der Gefahr und die Nothwendigkeit eines ſchnellen Entſchluſſes zeigte. „Nein,“ ſagte er,„nein, Ihr ſeid ein junges, ſchönes, wünſchenswerthes Mädchen. Dieſe Kapitäne, dieſe Generale, dieſer Connetable, dieſer Koͤnig werden Euch verzeihen in der Hoffnung, ein Lächeln oder eine noch ſchmeichelhaftere Belohnung zu verdienen! Oh! Fran⸗ zoſen und Spanier ſind galant!“ fügte er mit einem unheimlichen Lächeln bei.„Doch ich! ich bin nur ein gefährlicher Mann für Euch; mich werden ſie opfern...“ „Ich ſage Euch, daß Agenor da iſt, daß er meine Ehre auf Koſten ſeines Lebens vertheidigen wird.“ „Und wenn er ſtärbe, was würde aus Euch?“ „Ich habe den Tod als Zuflucht.“ „Oh! ich ſehe den Tod mit weniger Reſignation als Ihr an, Aiſſa, weil ich ihm näher ſtehe.“ „Ich ſchwöre Euch, daß ich Euch retten werde.“ „Worauf ſchwört Ihr mir?“ „Auf mein Leben... Uebrigens wiederhole ich, Ihr täuſcht Euch, Mothril, was den Einfluß betrifft, den Agenor haben kann. Der König liebt ihn, er iſt ein guter Diener des Connetable, man hat ihm eine naihgide Sendung anvertraut, Ihr wißt... in So⸗ ria.“ „Ja, und Ihr wißt es auch, Aiſſa, wie es ſcheint,“ ſprach der Maure mit einem von düſterer Eiferſucht be⸗ ladenen Blick. 8 Aiſſa erröthete vor Scham und Furcht, denn ſie erinnerte ſich, daß Soria für ſie ein Name der Liebe und unausſprechlicher Wonne war. 4 Dann ſagte ſie; 1 — 224 „Mein Ritter wird uns Beide retten. Ich werde ihm, wenn es ſein muß, dieſe Bedingung ſtellen...“ „Hoͤrt mich doch, Kind,“ rief der Maure voll Un⸗ geduld, als er ſah, daß dieſe Liebeshalsſtarrigkeit ſich bei jedem Schritt auf dem Weg, auf den er ſich ſtürzen wollte, ihm entgegenſtellte;„Agenor iſt ſo wenig im Stand, uns zu retten, daß er ſo eben hierher kam.“ „Er iſt hier geweſen?“ rief Aiſſa,„hier?2.. und Ihr habt mich nicht davon in Kenntniß geſetzt?“ „Um Aller Augen auf Eure Liebe aufmerkſam zu machen.. Ihr vergeßt Eure Würde, Mädchen; er iſt gekommen, ſage ich, um mich zu bitten, ich möge ein Mittel finden, Euch den Beſchimpfungen der Chriſten zu entziehen. Um dieſen Preis verſprach er mir, mich zu vertheidigen.“ „Beſchimpfungen mir! mir, die ich eine Chriſtin werde.“ Mothril gab einen Schrei der Wuth von ſich, den er ſogleich wieder durch die gebieteriſche Nothwendigkeit zurückdrängte.. „Wie ſoll ich es machen?“ fuhr Mothril fort; „rathet mir, die Zeit eilt. Dieſen Abend wird der Platz den Chriſten übergeben; dieſen Abend bin ich todt, und Ihr gehört als ein Theil der Beute den Anführern der Ungläubigen.“ „Was hat denn Agenor geſagt?“ „Er hat ein furchtbares Mittel vorgeſchlagen, das Euch beweiſen wird, wie groß die Gefahr iſt.“ „Ein Mittel der Rettung?“. „Ein Mittel, zu entweichen.“ „Sprecht.“ „Schaut durch dieſes Fenſter. Ihr ſeht, daß auf dieſer Seite der Felſen von Montiel völlig abſchüſſig, unzugänglich iſt und ſo jählings ſich in die Schlucht hinabzieht, daß die Bewachung hier überflüſſig wäre, denn nur die Vögel, wenn ſie fliegen, und die Schlangen, wenn ſie kriechen, können am Felsgeſtein hinauf oder SB8S 225 hinab kommen. Ueberdies haben die Franzoſen, ſeit⸗ dem ſie nicht mehr auf Don Pedro lauern, dieſen Punkt völlig verlaſſen.“ Aiſſa tauchte ihren Blick voll Angſt in den ſchon durch das Herannahen der Nacht ſchwarz gefärbten Schlund. „Nun!“ ſagte ſie. „Der Franke hat mir gerathen, ein Seil an die Stangen dieſes Gitters zu binden, es in die Schlucht hinabhängen zu laſſen, wie wir es für Don Pedro ma⸗ chen wollten, und wie er es auch gethan hätte, wäre es für ihn nicht nothwendig geweſen, unten ein Pferd zu finden. Er hat mir gerathen, mich, mit Euch in meinen Armen, an den Knoten dieſes Seils anzubinden und die Schlucht zu erreichen, während die Armee der Chriſten an den Thoren des Schloſſes mit der Ablöſung der Garniſon, welche um acht Uhr Abends ohne Waffen defiliren wird, beſchäftigt wäre.“ Das Auge in Flammen, die Lippen bebend, hörte Aiſſa den Mauren an und ſchaute zum zweiten Mal in den gähnenden Abgrund. „Er hat dieſen Rath gegeben?“ fragte ſie. „Ja,“ ſprach Mothril, und er fügte bei:„„Wenn Ihr hinabgekommen ſeid, werdet Ihr mich Eurer har⸗ rend finden, und ich werde Euch die Mittel zur Flucht erleichtern.““ „Wiel er wird uns verlaſſen?... Er wird mich mit Euch allein laſſen?“ Mothril erbleichte. „Nein,“ ſagte er.„Seht Ihr die drei Pferde, welche die Jaras und die Madronios auf dem andern Abhang der Schlucht abweiden?“ „Ja, ja, ich ſehe ſie.“ „Der Franke hat ſchon zur Hälfte ſein Wort ge⸗ halten. Er hat ſeine Pferde geſchickt, um uns zu er⸗ warten... Zähle ſte, Aiſſa... es ſind drei.“ Der Baſtard von Mauleon. III. 15 226 „Zu wie viel werden wir alſo fliehen? Oh! ja, ja,“ rief ſie,„Ihr, er, ich!... Oh! Mothril, um mit ihm zu fliehen, ſtürze ich mich in den Schlund der Flammen!... Wir gehen.“ „Ihr habt keine Angſt?“ „Da er meiner harrt!“ „Haltet Euch alſo bereit, ſobald die Trommeln und Trompeten den Aufbruch der Garniſon verkündigen.“ „Das Seil...“ 3 „Das Seil?.. hier iſt es. Es würde eine drei⸗ mal ſtärkere Laſt als die unſrige tragen, und was ſeine Länge betrifft, ſo habe ich ſie gemeſſen, indem ich eine bleierne Kugel am Ende eines Fadens in die Schlucht fallen ließ. Ihr werdet muthig und ſtark ſein, Aiſſa?“ „Als ob ich zum Hochzeitfeſte mit meinem Ritter ginge,“ antwortete das Mädchen freudetrunken. Achtundſtebzigſtes Kapitel. Der Kopf und die Fauſt. 3 Die Nacht brach über Montiel herein, eine düſtere, kalte Nacht, welche in ein feuchtes Todtentuch die For⸗ men und die Farben hüllte. 3 Um halb neun Uhr gab ein Trompeter das Signal, und man ſah Fackeln prozeſſionsartig den abſchüſſigen felſigen Weg herabkommen, der nach dem Hauptthor ausmündete. Die Soldaten, die Officiere kamen einer um den andern, bezeigten ihre Unterwerfung und wurden wohl⸗ wollend vom Connetable und den chriſtlichen Kapitänen —=—V — 3 227 aufgenommen, welche bei der Verſchanzung ſtehend den Abgang der Menſchen und des Gepäckes überwachten. Plötzlich kam Muſaron eine Idee, er näherte ſich ſeinem Herrn und ſagte ihm in's Ohr: „Der verfluchte Maure hat Schätze; er iſt im Stand, ſie in einen Abgrund zu werfen, damit wir keinen Nutzen davon haben. Ich will die Runde um den Platz machen, ich, der ich in der Nacht hell ſehe, wie die Katzen, und kein großes Vergnügen daran finde, dieſe gefangenen ſpaniſchen Lumpenkerle vorüberziehen zu laſſen.“ „Gehe,“ ſagte Agenor;„es gibt einen Schatz, den Mothril nicht in den Abgrund werfen wird, und der der koſtbarſte Schatz für mich iſt! Auf ihn laure ich an dieſem Thor, und ich nehme ihn, ſobald er ſich zeigt.“ „Ei!l ei!“ machte Muſaron mit einer Miene fin⸗ ſteren Zweifels, ſchlich ſich in das Heidekraut des Gra⸗ bens und verſchwand. Die Soldaten deſilirten immer noch, die Rei⸗ terei kam hernach; zweihundert Pferde brauchten eine lange Zeit, um eines nach dem andern auf einem Wege, wie der von Montiel, hinabzuſteigen. Die Ungeduld verzehrte das Herz von Mauleon. Eine unſelige Ahnung durchzuckte ſeinen Geiſt wie ein glühendes Eiſen. 3 „Ich Narr, der ich bin,“ ſagte er zu ſich ſelbſt; „Mothril hat mein Wort; er weiß, daß ihm das Leben geſichert iſt; er weiß, daß das geringſte Unglück, das dieſem Mädchen widerführe, ihn den furchtbarſten Qua⸗ len ausſetzen würde. Dann muß Aiſſa, welche wohl mein Banner erblickt hat, ihre Maßregeln getroffen haben... ſie wird erſcheinen... ich werde ſie ſogleich ſehen... ich war ein Narr...“ Plötzlich legte ſich die Hand von Muſaron auf ſeine Schulter. 3— „Gnädiger Herr,“ ſagte er leiſe,„kommt geſchwinde.“ „Was gibt es denn? wie aufgereg Du biſt!“ 228 „Gnädiger Herr, kommt in des Himmels Namen. Was ich vorhergeſehen hatte, geſchieht. Der Maure räumt durch ein Fenſter aus.“ „Eil! was iſt mir daran gelegen?“ „Ich befürchte, es iſt Euch viel daran gelegen. Die Gegenſtände, die man herabläßt, ſehen mir gerade aus, als wären es lebendige Gegenſtände.“ „Man muß Lärmen machen.“ „Hütet Euch wohl! Der Maure, wenn er es iſt, wird ſich vertheidigen; er wird Jemand tödten; die Sol⸗ daten ſind rohe Thiere und nicht verliebt, ſie werden nichts ſchonen. Machen wir unſere Angelegenheiten ſelbſt ab.“ „Du biſt verrückt, Muſaron; Du machſt, daß ich wegen ein paar elender Kiſten den erſten Blick von Aiſſa verliere.“ „Ich gehe allein,“ erwiederte Muſaron ungeduldig; „wenn man mich tödtet, ſo iſt es Eure Schuld.“ Agenor antwortete nicht. Er trennte ſich, als ob es ganz unabſichtlich geſchehen würde, von der Gruppe der Kapitäne und erreichte die Verſchanzung. „Geſchwinde, geſchwinde,“ rief nun der Knappe; „ſuchen wir zu rechter Zeit an Ort und Stelle zu kommen.“ Agenor verdoppelte ſeine Schritte. Doch nichts war ſchwieriger, als der Lauf durch die Lianen, die Brom⸗ beerſträuche und das Geſtrüppe. „Seht Ihr!“ ſagte Muſaron zu ſeinem Herrn, in⸗ dem er auf eine weiße Form deutete, welche an der ſchwarzen Wand im Hintergrund der Schlucht herabglitt. Agenor ſtieß einen Schrei aus. „Biſt Du es, Agenor?“ fragte eine ſanfte Stimme. 4„Nun, gnädiger Herr, was ſagt ihr?“ verſetzte enor. 3„Oh!“ rief Mauleon,„laufen wir geſchwinde an den Rand der Schlucht; überrumpeln wir ſie.“ 4„Agenor!“ wiederholte die Stimme von Aiſſa, welche 229 Mothril durch energiſche, aber leiſe Ermahnungen zum Schweigen zu bringen ſuchte. „Legen wir uns in die Verkleidung nieder, gnä⸗ diger Herr; ſprechen wir nicht, zeigen wir uns nicht.“ „Aber ſie entfliehen dorthin!“ „Oh! wir werden immerhin ein junges Mädchen wiedererwiſchen, beſonders, wenn dieſem Mädchen nichts lieber iſt, als wiedererwiſcht zu werden. Legen wir uns nieder, lieber Herr, ſage ich Euch.“ Mothril hatte indeſſen gehorcht, wie der Tiger beim Austritt aus der Höhle horcht, wenn er ſeine Beute zwiſchen den Zähnen fortſchleppt.. Er hörte nichts mehr, faßte wieder Muth und erkletterte mit behendem Schritt die Böſchung des tiefen Grabens. Mit einer Hand hielt und hob er Aiſſa, mit der andern klammerte er ſich an den Bäumen und Wur⸗ zeln an.. Er erreichte den Rand und ſchöpfte Athem. Da erhob ſich Agenor und rief: „Aiſſa! Aiſſa!“ „Ich wußte, er wäre es,“ erwiederte das Mädchen. „Der Chriſt!“ brüllte Mothril wüthend. „Aber Agenor iſt dort! gehen wir dorthin!“ ſagte Aiſſa, die ſich von den Armen von Mothril loszumachen ſuchte, um zu ihrem Geliebten zu laufen. Statt jeder Antwort umſchloß ſie Mothril immer feſter und ſchleppte ſie nach der Seite, wo er das Pferd von Don Pedro geſehen hatte. Agenor lief, aber er ſtolperte bei jedem Schritt, und Mothril gewann Raum und näherte ſich einem der Pferde. „Hierher! hierher!“ ſchrie Aiſſa unabläßig,„komm, Mauleon, komm!“ „Wenn Du ein Wort ſagſt, biſt Du todt!“ flüſterte ihr Mothril zu.„Willſt Du mit Deinem einfältigen 230 Geſchrei Jedermann hierher ziehen? Willſt Du, daß Dein Geliebter uns nicht mehr auffinden kann?“ Aiſſa ſchwieg. Mothril fand das Pferd, faßte es „bei der Mähne, ſchwang ſich in den Sattel, warf das Mädchen vor ſich und ſprengte im Galopp davon. Es war das Pferd von einem der Officiere, die man mit Don Pedro gefangen genommen hatte. Manleon hörte den Galopp des Pferdes und gab ein Gebrülle des Zorns von ſich. „Er flieht! er flieht! Aiſſa! Aiſſa! antworte!“ „Hier bin ich! hier bin ich!“ antwortete die Maurin. Und ihre Stimme verlor ſich in dem dichten Schleier, den Mothril auf die Gefahr, ſie zu erſtickem, Aiſſa auf die Lippen drückte. Agenor verſuchte einen verzweifelten Lauf, er fiel athemlos, erſchöpft auf die Kniee. „Oh! Gott iſt nicht gerecht,“ murmelte er. „Herr! Herr! hier iſt ein Pferd, Muth, ich halte es, kommt,“ rief Muſaron. Agenor ſprang vor Freude, er fand ſeine Kräfte wieder, und ſein Fuß ſtellte ſich auf den Steigbügel, den ihm Muſaron hielt. Er ſchoß wie ein Pfeil auf der Spur von Mothril fort. Sein Pferd war der wunderbare Renner mit den feuerfarbigen Flecken, der nicht ſeines Gleichen in An⸗ daluſien hatte, ſo daß Agenor, den Raum verſchlingend, ſich Mothril näherte und Aiſſa zurief: „Muth gefaßt! hier bin ich!“ Mothril bearbeitete mit dem Dolch die Seiten ſei⸗ nes Pferdes, das vor Schmerz wieherte. „Gib ſie mir heraus! ich werde Dir nichts thun!“ ſagte Agenor zu dem Mauren.„Gib ſie mir! Beim lebendigen Gott, ich laſſe Dich fliehen.“ Der Maure antwortete durch ein verächtliches Ge⸗ lächter. „Aiſſa! Aiſſa! ſchlüpfe aus ſeinen Armen, Aiſſa!“ = 231 Aiſſa keuchte und ſtieß ein Gebrülle der Verzweif⸗ lung unter der kräftigen Hand aus, die ihr den Mund zuſammenpreßte. Endlich fühlte Mothril auf ſeinem Rücken den bren⸗ nenden Athem des Pferdes von Don Pedro. Agenor konnte das Kleid ſeiner Geliebten umfaſſen und es mit Gewalt an ſich ziehen. „Uebergib ſie mir, oder ich tödte Dich!“ rief er dem Saracenen zu. „Laß ſie los, Chriſt, oder Du biſt des Todes.“ Agenor umſchlang mit der Fauſt das weiße, wol⸗ lene Kleid und ſchwang ſein Schwert über Mothril; dieſer ſchlug mit einem ſchiefen Streich„ſeines Dolches Agenor die rfe and ab. 729e. Dieſe Hand blieb an dem Stoff angeklammert, und Agenor gab einen ſo gräßlichen Schrei von ſich, daß es Muſaron in der Ferne hörte und vor Wuth brüllte. Mothril glaubte, er könnte fliehen; aber Agenor war es nicht mehr, der verfolgte, es war das durch den Lauf erhitzte Roß; überdies hatte die Wuth die Kräfte des jungen Mannes verdoppelt; ſein Schwert erhob ſich abermals, und wenn Mothril ſein Pferd nicht hätte einen Seitenſprung machen laſſen, ſo wäre es um ihn geſchehen geweſen. 5 „Gib ſie mir zurück, Saracene,“ rief Agenor mit geſchwächter Stimme;„Du ſiehſt wohl, daß ich Dich tödten werde; gib ſie mir zurück, ich liebe ſie.“ „Und ich liebe ſie auch!“ erwiederte der Maure, ſein Pferd auf's Neue ſtachelnd. Eine Stimme, die von Muſaron, durchdrang die Finſterniß. Der redliche Knappe hatte das dritte Pferd gefunden; er war über Stock und Stein gejagt und kam ſeinem Herrn zu Hülfe. „Muth, Herr! hier bin ich 1“ rief er. Mothril wandte ſich um und fühlte ſich verloren. „Du willſt dieſes Mädchen?“ ſagte er. „Ja, ich will es und werde es bekommen.“ 232 „Wohl! ſo nimm es!“ Der Name Agenor, gefolgt von einem erſtickten Röcheln, drang durch den Schleier, und etwas Schweres rollte zu den Füßen des Pferdes von Agenor mit den wogenden Falten der langen weißen Schärpe. Mauleon ſprang zu Boden, um zu ergreifen, was ihm Mothril überließ.... er kniete nieder, um den Schleier zu umfaſſen, der ſeine Geliebte verhüllte. Doch ſobald er geſehen hatte, blieb er ohnmächtig, leblos auf der Erde. Als die Morgendämmerung ihren weißlichen Schim⸗ mer auf dieſe furchtbare Scene warf, hätte man den Ritter, bleich wie ein Geſpenſt, ſeine Lippen auf die bläulichen Lippen eines abgeſchnittenen⸗Kopfes, den ihm der Maure zugeworfen, drücken ſehen köoͤnnen. Drei Schritte davon weinte Muſaron. Der treue Diener hatte Mittel gefunden, die Wunde ſeines Herrn während ſeiner langen Ohnmacht zu verbinden; er ret⸗ tete ihn wider ſeinen Willen. Dreißig Schritte weiter entfernt lag, die Schläfe durchbohrt von dem ſicheren, tödtlichen Pfeil des braven Knappen und noch unter ſeinem Arm den verſtümmelten Leichnam von Aiſſa haltend, der Maure Mothril. Selbſt todt, lächelte er noch in ſeinem Triumph. Zwei Pferde irrten im Graſe umher. Epilog. Der gute Ritter mit der eiſernen Fauſt hatte ſich getäuſcht, als er eine Dauer von acht Tagen für die Erzählung ſeiner Thaten und unglücklichen Lebensereig⸗ niſſe bezeichnete. Er gehörte zu denjenigen, welche raſch 1 . 1 233 erzählen, weil er eine ſichere und maleriſche Sprache hatte, und was ſein Auditorium betrifft, ſo hatte ſich nie ein verſtändigeres und empfänglicheres um einen lei⸗ denſchaftlicheren Erzähler gefunden. Man mußte Jeden der Anweſenden mit einer der Erzählung des Ritters entſprechenden Pantomime allen Gemüthsbewegungen folgen ſehen, die er in ſeine zu⸗ gleich kräftige und energiſche Sprache überſetzte. Mit funkelnden oder feuchten Augen verſchlang Jehan Froiſſard jedes Wort; es war, als ſtellte er ſich die Landſchaften, den Himmel und die Thaten ganz ge⸗ nau vor, und jede Sache ſpiegelte ſich in ſeinem ge⸗ ſcheiten Blick. Meſſire Eſpaing bebte bei der Erzählung der Schlach⸗ ten, als hörte er die Clarine Spaniens und die Horn⸗ ſchnecken der Mauren. Allein in dem dunkelſten Winkel des Zimmers, be⸗ obachtete der Knappe des redenden Ritters Stillſchwei⸗ gen und Unbeweglichkeit. Den Kopf auf die Bruſt geneigt, während ſo viele durch das glänzende Wort ſeines Herrn gefärbte Erin⸗ nerungen vorüberzogen, erhob er ſich in Augenblicken, wenn man eine von ſeinen Heldenthaten erzählte, oder wenn ſich der Ritter dergeſtalt belebte, daß ein Wieder⸗ aufbrechen des Schmerzes zu befürchten war. Eilf Stunden, die langen Stunden der Nacht gingen ſo vorüber, oder entflogen vielmehr wie die Funken des Rebfeuers, das das Zimmer erwärmte, wie der Rauch der Lampe und der Wachskerzen, welcher über den Stir⸗ nen der Zuhörer wirbelte. Gegen das Ende der Erzählung waren die Herzen tief beklommen und die Augen feucht. Sichtbar erſchüttert, ſtieß die Stimme des Ritters von Mauleon gleichſam jeden Satz ab und ſchraffirte jede Gemüthsbewegung, wie es der Pinſelſtrich des be⸗ geiſterten Künſtlers thut. Muſaron heftete einen ſanften, ſchwermüthigen Blick — 234 auf ihn, legte ihm mit jener Vertraulichkeit, welche mehr an den Diener als an den Freund erinnert, eine Hand auf die Schulter und ſprach: „Stille, gnädiger Herr; genug, genug nun!“ „Oh!“ murmelte der Ritter,„dieſe Aſche iſt noch nicht erkaltet. Man brennt ſich, wenn man ſie auf⸗ rührt!“ Zwei ſchwere Thränen rollten über die Wangen des Chronikſchreibers, Thränen des Mitleids und der Theilnahme ohne Zweifel, die aber ein ſchlimmer Geiſt, der Geiſt, der ſtets darauf bedacht iſt, die beſte Geſin⸗ nung der Chronikſchreiber und Romandichter anzuſchwär⸗ zen, ſeitdem der Freude, eine ſo ſchöne Erzählung durch den Helden des Abenteuers vernommen zu haben, zuge⸗ ſchrieben hat. Als die Geſchichte zu Ende war, beleuchtete ſchon die Sonne den Firſt des Gaſthauſes und die Gipfel der grünen Waldungen. Jehan Froiſſard konnte nun das Geſicht des Rit⸗ ters ſehen, und dieſes Geſicht verdiente die ganze Auf⸗ merkſamkeit eines Mannes, der die Menſchen ſtudirt. In die verſtändige, edle Stirne hatte das Nach⸗ ſinnen oder vielmehr der Kummer eine tiefe Furche ge⸗ graben. Schon waren am Winkel der Augen jene aus⸗ laufenden Netze ſichtbar, welche Fäden beſtimmt, das Auge anzuziehen, als wollten ſie es gewaltſam vor dem Tod ſchließen, zu ſein ſcheinen. Der Blick des Baſtards forderte weder Beifall, noch Troſt von ſeinen Zuhörern. „Die rührende Geſchichte!“ ſagte Froiſſard,„die ſchöne Malerei! die reiche Tugend!“ „Im Grabe, im Grabe dies Alles, Meiſter,“ er⸗ wiederte der Ritter,„dies Alles iſt todt, todt. Dona Aiſſa, dieſes geliebte Haupt iſt nicht das einzige, das ich beweinen muß: nicht jede Liebe, nicht jede Freundſchaft von mir hat daſſelbe Feld gewählt, um ſich zu begraben. Wenn dieſer,“ ſprach der Ritter, 23⁵ indem er mit einem zärtlichen Blick ſeinen an den Rücken ſeines Stuhles angelehnten Knappen bezeichnete,„wenn dieſer, der leider älter iſt als ich, die Augen geſchloſſen hat, habe ich Niemand mehr auf Erden, und beim wahr⸗ haftigen Gott! ich werde fortan Niemand mehr lieben; mein Herz iſt todt, Sire Jehan Froiſſard, weil es in kurzer Zeit zu viel gelebt hat...“ „Aber, Gott ſei Dank!“ unterbrach ihn Muſaron mit einer Anſtrengung, um ſeine Stimme, welche die Erſchütterung zuſammengepreßt hatte, frei und freudig zu machen,„Gott ſei Dankl ich befinde mich ſehr wohl, mein Arm iſt gut, mein Auge feſt, ich ſende einen Pfeil ſo fern als früher, und das Pferd ermüdet mich kaum.“ „Herr Ritter,“ ſprach Froiſſard,„Ihr erlaubt alſo meiner unwürdigen Feder, die ſchönen Thaten und die zarten Mißgeſchicke, die ich aus Eurem Munde erfah⸗ ren, aufzuzeichnen? Ihr erweiſt mir dadurch eine große Ehre, und es iſt für mich eine ſüße und zugleich bittere Freude.“ Mauleon verbeugte ſich. „Doch um der Liebe Jeſu willen, guter Ritter,“ fuhr Froiſſard fort,„verzweifelt nicht. Ihr ſeid noch jung, Ihr ſeid ſchön, Ihr müßt von den Gütern dieſer Erde haben, ſo viel als es für einen edlen Mann und ein edles Herz Bedürfniß iſt. An Freunden fehlt es den braven Leuten nie.“ Der Ritter ſchüttelte traurig den Kopf. Muſaron machte eine Bewegung mit den Schultern, um die ihn der Stoiker Epiktet, oder der Zweifler Pyrrho benei⸗ det häͤtte. „Wenn man ſich,“ fuhr Froiſſard fort,„wenn man ſich im Heer durch ſeine Tapferkeit, im Rathe der Für⸗ ſten durch ſeine Weisheit ausgezeichnet hat, wenn man zugleich der Arm iſt, der kräftig vollführt, und der Geiſt, der ſicher entwirft, ſo wird man aufgeſucht; man nähert ſich dem Hofe nicht, ohne von ſeinen Gnaden⸗ bezeugungen überſtrömt zu werden; und Ihr, edler Herr 236 von Mauleon, habt zwei Höfe, welche Euch in Huld zugethan ſind und ſich um das Vergnügen, Euch reich und mächtig zu machen, ſtreiten... Hat Spanien den Vortritt vor Frankreich erhalten? Habt Ihr die Grafſchaft jenſeits des Gebirgs der Baronie im Vater⸗ lande vorgezogen?“ „Sire Froiſſard,“ erwiederte Mauleon mit großer Ruhe und mit einem ſchweren Seufzer,„es war eine tiefe Trauer, welche Frankreich am dreizehnten Juli dreizehnhundert und achtzig bedeckte! An dieſem Tage hauchte ſich eine Seele zum Herrn aus, und dieſe Seele war die edelſte, die erhabenſte, welche in dieſer Welt erſchienen. Ach! Sire Jehan Froiſſard, ſie ſtreifte meine Bruſt, als ſie von hinnen zog, denn ich hielt den Kopf des tapferen Connetable knieend in meinen Armen, und dieſer Kopf erſtarrte auf meinem Schooß.“ „Ach!“ rief Froiſſard. „Ach!“ wiederholte Eſpaing, indem er ſich frommer Weiſe bekreuzte, während Muſaron die Stirne faltete, um ſich nicht zu merklich bei dieſer Erinnerung rühren zu laſſen. „Ja, Meſſire, als der Connetable Bertrand Du⸗ gueselin in Caſtelneuf de Randon geſtorben, als er, der der Gott der Schlachten zu ſein ſchien, todt und das Heer ohne Führer, ohne Oberhaupt war, da fühlte ich mich ohnmächtig werden: ich hatte viel von meinem Leben in das ſeinige geſetzt, ich hatte alle Fibern meines Herzens ſo mit ihm verbunden, daß ſie mit ſeinem Her⸗ zen unauflöslich verkettet waren.“ „Ihr hattet noch den Koͤnig Karl den Weiſen, Herr Ritter.“ „Ich mußte ſeinen Tod in dem Augenblick bewei⸗ nen, wo ich noch den des Connetable beweinte; von dieſen zwei Schlägen erhob ich mich nicht mehr. Ich hing das Schwert und die Tartſche an den Balken mei⸗ nes Häuschens auf, das mir mein Oheim vermacht —— 237 hatte, und begrub hier vier Jahre meinen Schmerz und meiner Erinnerungen... „Eine neue Regierung verjüngte indeſſen Frank⸗ reich, ich ſah zuweilen freudige Ritter vorüberziehen und hörte die jungen Lieder der Minneſänger ertönen... Oh! Meſſire, welche Schläge verſetzten ſie meinem Her⸗ zen, dieſe Troubadours, wenn ſie über die Pyrenäen zogen und auf die ſo traurige Melodie der Romanze die ſpaniſchen Verſe der auf Blanche von Bourbon und Don Federigo, den Großmeiſter, gemachten Ballade ſangen: El rey no me ha contado Con las virgines, mi roz, Castilla, di que te hize!“ „Wie! edler Herr, dies Alles brachte Euch nicht wieder in die Nähe des Hofes von Spanien, des Kö⸗ nigs Enrique, der ſo glorreich regierte und Euch ſo ſehr liebte?“ „Herr Chronikſchreiber, der Augenblick kam, wo mein armer in Flammen ſtehender Kopf nur von Spa⸗ nien träumte. Ich hatte von allen meinen früheren Thaten eine ſo verſchleierte, ſo traurige Erinnerung behalten, daß ich ſie den Folgen eines Traumes zu⸗ ſchreiben konnte. Mein Leben kam mir in der That von einem langen Schlaf durchſchnitten vor, und ohne Muſaron, der zuweilen zu mir ſprach:„„Ja, gnädiger Herr, ja, wir haben Alles, was dieſe Leute ſingen, ge⸗ ſehen,““ ohne Muſaron, ſage ich, hätte ich an einen Zauber geglaubt. „Jede Nacht träumte ich von Spanien; ich erblickte Toledo wieder und Montiel, die Grotte, wo wir Hafiz ſterben ſahen, und in der ſich Caverley niedergeſetzt. Ich ſah Burgos und die Herrlichkeiten des Hofes; Soria! Soria! Herr, und die Entzückungen der Liebe. .. Mein Leben verzehrte ſich in Wünſchen, in Wider⸗ * 238 ſtrebungen. Es war ein ſchlafartiger Zuſtand, es war Fieber. „Eines Tages zogen die Trompeter blaſend durch die Gegend. Es waren die Heerhaufen von Monſeig⸗ neur Louis von Bourbon, der ſich nach Spanien an den Hof von König Enrique begab, welcher im Krieg mit Portugal beſiegt zu werden befürchtete und Frankreich zum Beiſtande aufgefordert hatte. „Der Herzog von Bourbon hörte von einem Ritter ſprechen, der in dem Lande Spanien geſtritten habe und allerlei geheime Dinge von den Zügen der Compagnien wiſſe. Ich ſah die Edelknechte und Ritter zu mir kom⸗ men, die meinen Hof füllten und meine Diener unge⸗ mein in Erſtaunen ſetzten. „Ich, ich ſtand am Fenſter und hatte kaum Zeit, hinabzugehen, um dem Prinzen den Steigbügel zu hal⸗ ten. Da befragte mich dieſer mit viel Artigkeit über meine Wunde und mein Abenteuer; er wollte den Tod von Don Pedro, meinen Kampf mit dem Mauren er⸗ zählen hören; doch ich verbarg ihm Alles, was Dona Aiſſa betraf. „Ganz begeiſtert, bat mich der Herzog, flehte er mich an, ihn zu begleiten; ich befand mich in einem der Augenblicke der Entzückung, wo mir mein Leben wie ein Traum erſchien, und dann wollte ich wiſſen, dann brannte ich vor Begierde, wiederzuſehen. Die Trompeten berauſchten mich überdies, und Muſaron machte mir begehrliche Augenz er hielt ſchon ſeine Arm⸗ bruſt in der Hand. „Auf! Mauleon, auf!““ ſprach der Prinz. „„Gut, alſo, Monſeigneur,““ antwortete ich;„„den König von Spanien wird es auch freuen, mich wie⸗ derzuſehen.““ „Wir brachen auf, muß ich es ſagen? beinahe freudig; ich ſollte mich auf die Erde neigen, die mein Blut und das meiner Vielgeliebten getrunken hatte... Ohl edle Herren, es iſt etwas Schönes um die Erin⸗ „— —— 239 nerung; viele Leute wiſſen nur einmal zu leben; mit großer Mühe fangen Andere immer wieder die Tage an, die ſie ſchon verloren haben. „Vierzehn Tage nach dem Aufbruch waren wir in Burgos und nach vierzehn weiteren Tagen in Segovia mit dem Hof. „Ich ſah den König Enrique wieder, der ſehr ge⸗ altert hatte, aber immer noch gerade und majeſtätiſch war. Ich wußte nicht, wie ich mir den geheimen Wi⸗ derwillen erklären ſollte, der mich von ihm entfernte, von ihm, den ich ſo ſehr geliebt, in einer Zeit, wo die Tugend mit dem goldenen Glauben mich ihn als edel und unglücklich, das heißt, als vollkommen betrachten ließ... Als ich ihn wiederfand, las ich die Grauſam⸗ keit, die Falſchheit in ſeinem Geſicht. „„Ach!“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„es iſt alſo die Krone, was das Antlitz und die Seele verändert.“ „Es war nicht die Krone, was Enrique verändert hatte, es war mein Geſicht, das unter dem Schatten der Krone zu leſen wußte! Das Erſte, was der König dem Herzog in Segovia im Thurm zeigte, war ein eiſerner Käfig, in welchem die Söhne von Don Pedro und Maria Padilla eingeſchloſſen waren... Unglück⸗ liche, welche, bleich und ausgehungert, in dem engen Raum ihres Gitters heranwuchſen, beſtändig bedroht von dem Spieße einer Schildwache, ſtets verletzt durch das wilde Lächeln eines Gefangenwärters oder eines Beſuches. 3 „Das eine von dieſen Kindern, meine edlen Her⸗ ren, glich wie ein getreues Portrait ſeinem unglücklichen Vater. Es heftete Blicke auf mich, die mein Herz durchbohrten, als ob die Seele von Don Pedro ſich in diefen Leib geflüchtet hätte, und Alles wiſſend, mir ſeinen Tod und das Unglück ſeines Geſchlechtes ſtillſchweigend zum Vorwurf gemacht hätte. „Dieſes Kind, oder vielmehr dieſer junge Mann, wußte jedoch nichts von mir und kannte mich nicht; er 240 ſchaute mich ohne Zweck, ohne Abſicht an, aber mein Gewiſſen ſprach eben ſo viel, als das von Enrique we⸗ nig ſprach. „Dieſer Fürſt nahm den Herzog von Bourbon in der That bei der Hand, führte ihn zu dem Käfig und ſagte: 3„„Das ſind die Kinder desjenigen, welcher Eure Schweſter tödten ließ. Wollt Ihr ſie auch ſterben laſ⸗ ſen, ſo gebe ich ſie Euch preis.““ „Worauf der Herzog antwortete: „„Sire, die Kinder ſind nicht ſchuldig an den Verbrechen der Eltern.““ „Ich ſah den König die Stirne falten und Befehl geben, daß man den Käſig wieder ſchließe. „Gern hätte ich den braven Herrn Herzog um⸗ armt. Als Monſeigneur mich nach dem Spaziergang dem Köͤnig vorſtellen wollte, der mich mit großer Auf⸗ merkſamkeit angeſchaut hatte, erwiederte ich auch: .„„Nein, nein, ich wäre nicht im Stande, mit ihm zu ſprechen.““ „Aber der König hatte mich erkannt. Er ging vor dem ganzen Hofe auf mich zu, begrüßte mich bei meinem Namen, was mich unter allen andern Umſtän⸗ den vor Freude und Stolz weinen gemacht hätte, und ſagte: „Herr Ritter, ich habe ein Verſprechen gegen Euch zu erfüllen; erinnert mich daran.““. „„Nein, nein, Sire,““ ſtammelte ich,„vich weiß nichts davon.““ der nicht vergeſſen ließ. .„Doch ich wartete dieſen morgigen Tag nicht ab. Mit der Erlaubniß des Herzogs brach ich auf der Stelle nach Frankreich auf, und verweilte in Spanien „ 8 3 So werde ich morgen für Euch ſprechen,“ er⸗ wiederte der König mit einem freundlichen Lächeln, das mich ſeinen grauſamen Blick gegen die gefangenen Kin⸗ 241 Kur noch eine Viertelſtunde, um mein Gebet auf dem Grabe von Aiſſa beim Schloß Montiel zu ſprechen. „Arm ſind wir ausgezogen, der brave Muſaron und ich; arm ſind wir heimgekehrt, während Andere reich zurückgekommen wären. Das iſt das Ende der Geſchichte, Herr Chronikſchreiber. Fügt dem bei, daß ich geduldig den Tod erwarte, denn er muß mich mit meinen Freunden wiedervereinigen. „Ich habe ſo eben meine alljährliche Pilgerfahrt nach dem Grabe meines Oheims gemacht und kehre nach meinem Hauſe zurück. Kommt Ihr dort vorüber, meine Herren, ſo werdet Ihr wohl aufgenommen ſein und mir eine Ehre erweiſen.... Es iſt ein kleines Caſtell von Backſtein und Kieſeln gebaut: es hat zwei Thürme und ein Wald beherrſcht es. Jeder in der Gegend wird es Euch bezeichnen.“ Nachdem Agenor von Mauleon ſo geſprochen, grüßte er höflich Jehan Froiſſard und Eſpaing, verlangte ſein Pferd und ſchlug langſam, ruhig wieder den Weg nach ſeinem Hauſe ein, gefolgt von Muſaron, der die Rech⸗ nung bezahlt hatte. 1 „Ah!“ ſprach Eſpaing, während er ihn wegreiten ſah,„welche herrliche Gelegenheit hatten dieſe Männer nicht! Die ſchöne Zeit! die edlen Herzen!...“ „Ich werde acht Tage brauchen, um dies Alles niederzuſchreiben,“ ſagte Froiſſard zu ſich ſelbſt;„der gute Ritter hatte Recht... und dann, werde ich es auch ſo gut ſchreiben, als er es erzählt hat?“ Einige Zeit nachher ſtarben die zwei Kinder von Don Pedro und Maria Padilla, ſchön wie ihre Mut⸗ ter und ſtolz wie ihr Vater, in dem Käſig von Se⸗ govia. Enrique von Transtamare regierke indeſſen glücklich und gründete eine Dynaſtie. 4 iſſſſnſſfſſſfſiſfſſinſſſiſſſſiſfſſſſfnſſnſſſfffnnnfrnſſiſiiſſinſſſt 8 9 10 11 12 14 15 16 17 iſſſſnſſfſſſfſiſfſſinſſſiſſſſiſfſſſſfnſſnſſſfffnnnfrnſſiſiiſſinſſſt 8 9 10 11 12 14 15 16 17