7 ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, d Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nückenbe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6— b 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſeßt und wird 5 geiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 1 90 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wer.— Pf. 4 let. 50 Pf. 4 Wr— Pf. 3 3. —— 8 ——— ——— Der Baſtard von Manleon. Von Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Fünftes bis achtes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. Achtzehntes Kapitel. Der Leithund. Das Geheimniß der Reiſe von Mothril nach Bor⸗ deaux war nun erklärt, und Aiſſa konnte dem Ritter nichts mehr über dieſen Gegenſtand mitzutheilen haben; doch es blieben für Beide viel wichtigere Dinge übrig: dies waren die tauſend Liebesgeſtändniſſe, die den Liebenden immer neu vorkommen, und die auch in der That für Agenor und Aiſſa um ſo neuer waren, als ſie ſich die⸗ ſelben nie mit Muße gemacht hatten. Andererſeits wußte Enrique von Transtamare den Plan ſeines Brudes, als ob ihm dieſer Plan mitgetheilt worden wäre, und er ahnete zum Voraus die Antwort des Prinzen von Wales, als ob er dem Rath, der am andern Tag gehalten werden ſollte, beigewohnt hätte. Ueberzeugt, Don Pedro würde die Unterſtützung der Engländer erlangen, konnte er ſich zu nichts Anderem entſcheiden, als Bordeaux zu verlaſſen, ehe das Bündniß zwiſchen ihnen beſchworen wäre; denn dann, ſollte er erkannt werden, würde man ihn zum Kriegsgefangenen machen, und Don Pedro könnte wohl, um den Krieg mit einem Schlage zu beendigen, zu dem raſchen Mittel greifen, welches gegen ſeinen Bruder anzuwenden beucigue nur eine Berechnung des Ehrgeizes abgehalten atte.. Als der Prinz und der Ritter ſich ihre Gedanken mitgetheilt hatten, als der eine, ſich an die Klugheit des andern wendend, einen weiſen Rath über den Ent⸗ Der Baſtard von Mauleon. U. 3 1 2 ſchluß, den er faſſen ſollte, erhalten, als nämlich Agenor Enrique aufgefordert hatte, raſch nach Arago⸗ nien abzureiſen, um dort die erſten Compagnien zu em⸗ pfangen, welche der Connetable abſandte, dachte der Prinz an die Privatangelegenheiten ſeines jungen Ge⸗ fährten. „Und Eure Liebſchaft?“ ſagte er. „Gnädigſter Herr,“ erwiederte Agenor,„ich ver⸗ berge nicht, daß ich mit tiefer Traurigkeit daran denke. Es war ſo ſchön, als ich zehn Schritte von mir das Glück fand, von dem ich ſo lange geträumt hatte, und dem ich mein ganzes Leben, ohne es einzuholen, nachzulaufen befürchtete, aber...“* „Nun!“ verſetzte der Prinz,„was hat ſich daran verändert, und was verhindert Euch, der Ihr keinen Bruder zu bekämpfen und keinen Thron zu erobern habt, was hindert Euch, dieſes Glück im Vorübergehen zu pflücken?“ „Mein Prinz, reiſt Ihr nicht ab?“ fragte Agenor. „Ich reiſe ſicherlich, doch ſo zart auch die Freund⸗ ſchaft iſt, die ich in meinem Herzen für Euch entſtehen fühle, mein lieber Agenor, ſo kann ſie doch nicht, Ihr werdet das zuerſt begreifen, den Intereſſen eines könig⸗ lichen Glückes und der Wohlfahrt eines ganzen Volkes das Gkoichgewicht halten. Handelte es ſich um Eure Eriſtenz,“ fügte der Prinz plötzlich bei,„ohl dann wäre es etwas Anderes, denn Eurer Exiſtenz würde ich mein Glück und meinen Ehrgeiz opfern.“ Und die ſcharfen Augen des Prinzen tauchten ſich in den klaren, durchſichtigen Blick des jungen Franzoſen, um hier die Dankbarkeit zu ſuchen. „Aber,“ fuhr Enrique fort,„Eurer, erlaubt mir, es Euch zu ſagen, mein Freund, Eurer ziemlich tollen Leidenſchaft für die Tochter des Verräthers Mothril werde ich meine Krone Uicht opfern.“ „ Sch weiß dies wohl, Hoheit, und ich wäre ſogar X 1. - g .Herzens in dem Augenblick, wo ſie in Erfüllung gehen Agenor, denn ich kann nicht länger auf Dich warten.“ 3 ein Wahnſinniger, wenn ich mir nur einen Augenblich* dieſe Hoffnung gemacht hätte... Lebe wohl, arme Aiſſa.“ Und von ſeinem Fenſter ſchaute er ſo traurig nach dem unter den Sycomoren verborgenen Pavillon, daß der Prinz lächelte. 3 „Glücklicher Verliebter!“ ſagte er, waͤhrend ſeine Stirne düſter wurde;„er lebt für einen ſüßen Gedanken,— der beſtändig in ſeinem Herzen blüht und ſei durchduftet. Ach! auch ich habe dieſe reizende 1 gekannt, welche in der Tiefe der Seele alle edle und jugendlichen Gefühle vibriren macht.“ „Ihr nennh mich glücklich, hoher Herr,“ rief Agenor, „und Aiſſa erwarzet mich morgen; morgen ſollte ich Aiſſa ſehen, und ich werde ſie nicht ſehen; hoher Hexr, wenn alle Hoffnungen eines zwei und zwanzigjährigen ſollten, verſchwindend ein Unglück bilden, ſo bin ich der unglücklichſte Menſch unter der Sonne.“ „Du haſt Recht; Agenor,“ ſprach der Prinz,„denke alſo nur an die gegenwärtige Stunde; Du trachteſt nicht nach Schätzen, Du verfolgſt nicht eine Krone, Du verlangſt ein ſüßes Wort, Du forderſt einen erſten Kuß: Dein Reichthuͤm iſt eine Frau, Dein Thron iſt der Sitz von Blumen, den ſie morgen mit. Dir theilen ſollte. Oh! verliere dieſen Abend nicht, Agenorz vielleicht wird dies die ſchönſte Perle ſein, welche die Jugend in eine Deiner Erinnerungen niederlegt.“ „Ihr werdet alſo ohne mich von hier abgehen, gnädigſter Herr?“ ſprach Agenor. „Noch in dieſer Nacht. Ich will das Gebiet des Engländers verlaſſen; Du begreifſt, der Tag muß anich auf neutralem Lande finden. Drei bis vier Tage ver⸗ weile ich in Navarra, in Pampeluna. Folge mir raſch, „Ohl mein Prinz,“ rief Agenor,„ich ſoll Euch verlaſſen, während Euch eine Gefahr bedroht! Mir ſcheint, für alle Schätze dieſer Liebe, die mich erwartet 4 und die Ihr mir verſprecht, würde ich nicht hiezu ein⸗ willigen.“. „Uebertreiben wir nicht, Agenor, wenn wir dieſen Abend aufbrechen, bedroht uns keine Gefahr. Steige alſo den blühenden Abhang hinab. Gehe, Perajo wird mich begleiten, und Du weißt, das iſt ein gutes Schwert; komm raſch zurück.“ lber, Hoheit...“ d dann höre: wenn Du die Maurin liebſt, wie „Ci! gnädigſter Herr, ich wage es nicht, Euch zu ſagen, wie ſehr ich ſie liebe, denn kaum habe ich ſie geſehen, kaum habe ich zwei Worte mit ihr ausge⸗ tauſcht.“ „Zwei Worte ſind genug, wenn man ſie in unſerer ſchönen caſtilianiſchen Sprache gut zu wählen weiß. Ich wollte Dir alſo ſagen, wenn Du dieſe Maurin liebeſt, werde dies ein doppelter Triumph für Dich ſein, da Du zugleich Mothril die Tochter und der Hölle eine Seele entführeſt.“ Dieſe Worte waren die eines Köͤnigs und eines Freundes. Agenor begriff, daß Enrique von Transta⸗ mare ſchon dieſe doppelte Rolle ſpielte, und um in der ſeinigen pünktlich zu ſein, kniete er vor dem Prinzen nieder, für den alle dieſe Intereſſen ſo verächtlich, ſo geringfügig waren, daß ſich ſein Geiſt ſchon davon ent⸗ fernt hatte und jenſeits der Pyrenäen in den Wolken ſchwebte, welche den Gipfel der Sierra Aracena be⸗ kränzen. Es wurde nun verabredet, daß der Prinz ein paar Stunden ausruhen und dann nach der Grenze auf⸗ brechen ſollte. Mauleon aber, der von nun an frei war und ſeine goldene Kette für den Augenblick gebrochen⸗ fühlte, lebte nicht mehr auf der Erde, er ſchwamm im Himmel. Der Schlaf der Verliebten iſt wenig tief, doch lang; denn er iſt voll von Traͤumen, die ſie mit ein⸗ ander verketten, und die ſo ſehr dem Glück gleichen, daß ſie alle Mühe haben, zu erwachen. Als Agenor die Augen öffnete, war die Sonne auch ſchon hoch am Horizont. Er rief ſogleich Muſaron und erfuhr von dieſem, der Prinz ſei am Morgen um vier Uhr zu Pferde geſtiegen und habe ſich von Bordeaur mit der Schnelligkeit eines Menſchen entfernt, der die Gefahr einer ſchwierigen Lage fühlt. „Gut,“ ſagte er, als er die Erzählung des Knappen, verſchönert mit allen Commentaren, die dieſer beifügen zu müſſen glaubte, gehört hatte,„gut, Muſaron. Wir unſererſeits bleiben noch in Bordeaur dieſen Abend und vielleicht ſogar morgen; doch während dieſer Zeit, das iſt beſchloſſen, gehen wir nicht aus und laſſen uns vor Niemand ſehen. Wir werden in der Stunde des Aufbruchs, welche jeden Augenblick eintreten kann, nur um ſo friſcher ſein. Du, mein Freund, pflege die Pferde gut, damit ſie den Prinzen einholen können, ſelbſt wenn man ihnen eine doppelte Laſt und eine doppelte Schnel⸗ ligkeit auferlegen würde. „Oho!“ rief Muſaron, der wie man weiß, ſich gegen ſeinen Herrn frei benahm, beſonders wenn dieſer guter Laune war,„wir treiben alſo nicht mehr Politik, wir gehen zu etwas Anderem über. Wenn ich wüßte, henfana⸗ wir übergehen, ſo könnte ich Euch vielleicht elfen.“ „Du wirſt das um Mitternacht ſehen, Muſaron; bis dahin verhalte Dich ſtill und ruhig und thue, was ich Dir ſage.“ Stets entzückt über ſich ſelbſt wegen des unge⸗ heuren Vertrauens, das er zu ſeinen eigenen Mitteln hatte, ſtriegelte Muſaron ſeine Pferde, machte er ſeine doppelten Mahle und erwartete Mitternacht, ohne die Naſe an ein einziges Fenſter zu halten. Nicht daſſelbe war bei Agenor der Fall, denn dieſer hatte beſtändig die Augen an den niedergelaſſenen Vor⸗ 6 hängen und verlor das benachbarte Haus nicht aus dem Blick. Doch Agenor war, wie geſagt, ſpät aufgeſtanden, und da Muſaron, der noch mehr in die Nacht hinein gewacht, ſeinen Herrn nachgeahmt, ſo hatte weder der Eine, noch der Andere in dem Garten, der einen Theil der Wohnung von Don Pedro bildete, einen Mann bemerkt, welcher ſchon vor Tagesanbruch, auf den Boden gebückt, mit ſichtbarer Aengſtlichkeit die der friſchen Erde des Gartens eingedrückten Spuren von Tritten und die zerknitterten und zerbrochenen Zweige an den Gebüſchen in der Umgegend des Gemaches von Aiſſa unterſuchte. Dieſer in einen weiten Mantel gehüllte Mann war der Maure Mothril, welcher mit der ſeiner Race eigen⸗ thümlichen Scharfſinnigkeit die verſchiedenen Eindrücke verglich, deutete, verfolgte, wie ein Leithund eine Spur verfolgt, von der ihn nichts abbringt, nicht einmal die augenblicklichen Unterbrechungen. „Ja,“ ſagte der Maure, das Auge glühend und die Naſe weit aufgeſperrt,„ja, das ſind wohl meine Tritte in dieſer Allee; ich erkenne ſie an der Form mei⸗ ner Pantoffeln. Dies ſind die tiefer eingedrückten des Prinzen von Wales; er hatte eiſerne Stiefel, und ſeine Rüſtung machte ihn noch ſchwerer. Dieſe hier find die des Königs Don Pedro; man gewahrt ſie kaum, denn er hat einen Gang ſo leicht wie der der Gazelle. Im⸗ mer folgen ſich unſere drei Eindrücke, doch dieſe... dieſe kenne ich nicht.“ Mothril ging von der Geißblattlaube zu dem Ge⸗ wüſche wo ſich Mauleon lange verborgen gehalten hatte. „Hier,“ murmelte er,„hier ſind tiefe, ungedul⸗ dige, abwechſelnde Spuren. Woher kamen ſie? wohin gingen ſie? Nach dem Haus... Ja, ich ſehe ſie hier, und ſie erreichen den Fuß der Mauer. Dort ſind ſie noch tiefer eingegraben. Derjenige, welcher hier war⸗ tete, hat ſich auf den Fußſpitzen erhoben; ohne Zweifel verſuchte er es, den Balcon zu erreichen; er wollte zu Aiſſa, das unterliegt keinem Zweifel. War nun Aiſſa mit ihm einverſtanden? Das werden wir zu erfahren bemüht ſein.“ Und über den Eindruck gebückt, unterſuchte der Maure dieſen mit ernſter Unruhe. Nach einem Augenblick fuhr er fort: „Dieſer Tritt iſt der eines Mannes mit einer Fuß⸗ bekleidung, wie ſie die fränkiſchen Ritter haben. Hier iſt die vom Sporn gezogene Furche; wir wollen ſehen, woher ſie kommt.“ Mothril nahm die Spur wieder auf, die ihn zu der Geißblattlaube führte, wo ſeine Nachforſchungen abermals begannen. „Es hat ſich noch ein Anderer hier aufgehalten,“ murmelte er;„ich ſage ein Anderer, denn der Tritt iſt nicht derſelbe. Dieſer war ohne Zweifel unſeretwe⸗ gen gekommen, während der Andere Aiſſa zu Liebe kam. An dieſem gingen wir ſo nahe vorüber, daß wir ihn faſt ſtreiften, und er mußte uns höͤren. Was ſprachen wir, als wir hier vorbeikamen?“ Mothril ſuchte ſich zu erinnern, welche Worte an dieſer Stelle aus ſeinem Munde und aus dem ſeiner zwei Gefährten gekommen waren. Doch es war nicht die Politik, was Mothril am meiſten beſchäftigte, und er kehrte bald zu der Unterſuchung der Tritte zurück. Da entdeckte er den Zug der Eindrücke, welche bis zur Mauer hinaufgingen. Drei Männer waren herab⸗ geſtiegen; der Eine war bis zu dem Feigenbaum gegan⸗ gen, in welchem er ſich verborgen hatte, denn die un⸗ teren Zweige des Baumes waren abgebrochen. Dieſer mußte eine einfache Schildwache ſein. Der Andere war bis zu der Geißblattlaube gekom⸗ men, und dies war ohne Zweifel ein Spion. Der Dritte war bis zu dem Gebüſch gegangen, hatte hier einen Augenblick Halt gemacht, und ſich ſo⸗ 8 dann aus dem Gebüſch zum Pavillon von Aiſſa ge⸗ ſchlichen; dieſer war ſicherlich ein Liebhaber. Mothril folgte wieder der Spur aufwärts und be⸗ fand ſich am Fuße der Mauer, welche das Haus von Ernauton von Sainte⸗Colombe von dem an den Prin⸗ zen von Wales verkauften Pavillon trennte. Hier wurde Alles klar und offenkundig, als ob er in einem Buche leſen würde. Das Untertheil der Leiter hatte zwei Löcher ausge⸗ höhlt und das Obertheil hatte die Mauerkappe beſchädigt. „Alles kommt von daher,“ ſagte der Maure. Dann erhob er ſich ſelbſt über die Mauerkappe und tauchte ſeinen gierigen Blick in den Garten von Ernauton, doch es war frühzeitig, und Agenor und Muſaron ſchliefen, wie geſagt, lange. Mothril ſah alſo nichts; er bemerkte nur jenſeits der Mauer eine andere Spur von Tritten, welche nach dem Hauſe zuging. „Ich werde wachen,“ ſagte er. „Den ganzen Tag erkundigte ſich Mothril in der Nachbarſchaft, doch die Diener von Ernauton waren verſchwiegen; überdies kannten ſie Enrique von Trans⸗ tamare nicht und ſahen Agenor zum erſten Mal. Sie waren ſo wortkarg und unterrichteten den Spion des Mauren und Mothril ſelbſt ſo wenig, indem ſie ſagten: „Unſer Gaſt iſt der Taufpathe von Herrn Ernauton von Carmainges,“ daß Mothril ſich nur auf ſich ſelbſt zu verlaſſen beſchloß. Es kam die Nacht. Don Pedro wurde mit ſeinem getreuen Botſchafter im Palaſte des Prinzen von Wales erwartet. Zu der für den Beſuch verabredeten Stunde fand ſich Mothril bereit und trat, den Prinzen begleitend, in den Rath wie ein Mann ein, den die Sorgen für das eigene Haus nicht von ſeinen Pflichten abzubringen vermögen. Mauleon, der den Ausgang des Mauren belauert hatte, nahm, ſobald er Aiſſa allein wußte, ſein Schwert, befahl ſeinem Knappen, die Pferde geſattelt im Hof von — Q́ 9 Ernauton bereit zu halten, bemächtigte ſich der Leiter, die er an der Mauer an derſelben Stelle, wie am Tage vorher, anlegte, und ſtieg ohne einen Unfall in den Garten des Prinzen von Wales hinab. Es war eine Nacht, ähnlich den ſchönen Nächten des Orients, ähnlich der ſchönen vorhergehenden Nacht, ähnlich dem, was die folgende Nacht ſein ſollte, näm⸗ lich voll von Wohlgerüchen und Geheimniſſen. Nichts ſtörte alſo die Heiterkeit des Herzens von Agenor, wenn nicht gerade die Fülle ſeiner Freude; denn das, was man die Ahnung nennt, iſt zuweilen nur das Uebermaß der Seligkeit, welches bewirkt, daß man für dieſes zerbrechliche Glück zittert, das durch ſo viele Stöße zertrümmert werden kann. Wer nicht Un⸗ ruhe empſindet, iſt nicht völlig glücklich, und ſelten iſt der muthigſte Liebhaber zu dem Rendez⸗vous gegangen, das ihm ſeine Gebieterin gegeben, ohne einen Schauer der Angſt zu fühlen.. Wüthend vor Liebe, wie jene ſchönen Feen der brennenden Klimate, wo ſie zuerſt das Tageslicht er⸗ blickte, hatte Aiſſa ihrerſeits den ganzen Tag an die vorhergehende Nacht, die ihr wie ein Traum vorkam, und an die Nacht, welche ſie erwartete und die ihr der ſüßeſte Ausdruck des Glückes zu ſein ſchien, gedacht; auf den Knieen am offenen Fenſter, die Abendluft und den Wohlgeruch der Blumen einathmend, alle ſympa⸗ thetiſchen Empfindungen ſchlürfend, welche die Gegen⸗ wart ihres Geliebten offenbarten, lebte ſie nur durch den Gedanken an dieſen Mann, den ſte noch nicht hörte, noch nicht ſah, aber im geheimnißvollen Schweigen der Nacht errieth. Plötzlich vernahm ſte etwas wie ein Streifen in den Blättern, und ſie neigte ſich erröthend vor Wonne unter die Blumen, die ihren Balcon zierten. Das Geräuſch verdoppelte ſich, ein ſchüchterner Tritt, der die Pflanzen berührte, ein unſicherer, bei⸗ 10 nahe ſchwebender Tritt verkündigte ihr, daß ſich ihr Vielgeliebter nahte. 3 Mauleon erſchien in dem breiten Streifen des ſil⸗ bernen Lichtes, das der Mond auf den Raum zwiſchen den Gebüſchen und dem Haus warf. Alsbald hing ſich, leicht wie eine Schwalbe, die ſchöne Maurin, welche nur dieſe Erſcheinung erwartete, an eine lange ſeidene Schnur, die am ſteinernen Bal⸗ con befeſtigt war, fiel, indem ſie ſich auf den Sand herabgleiten ließ, in die Arme von Agenor und ſprach, ſeinen Kopf mit ihren zarten Händen umſchlingend: „Hier bin ich, Du ſiehſt, daß ich Dich erwartete.“ Und verwirrt vor Liebe, ſchauernd in einer ſüßen Bangigkeit, fühlte Mauleon ſeine Lippen gefangen un⸗ ter einem glühenden Kuß. Neunzehntes Kapitel. Liebe. Doch wenn Mauleon nicht ſprechen konnte, konnte er doch wenigſtens handeln. Raſch zog er Aiſſa unter die Geißblattlaube, welche am Tage vorher Enrique von Transtamare beſchützt hatte, ſetzte hier die ſchöne Mau⸗ rin auf eine Raſenbank und ſiel vor ihr auf die Kniee. „Ich erwartete Dich,“ wiederholte Aiſſa. „Habe ich denn auf mich warten laſſen?“ fragte genor. „Ja,“ erwiederte das Mädchen,„denn ich erwarte Dich nicht erſt ſeit geſtern, ſondern ſeit dem erſten Tage, wo ich Dich geſehen.“ „Du liebſt mich alſo?“ fragte Agenor in der höch⸗ ſten Freude.. „Ich liebe Dich,“ erwiederte das Mädchen,„und Du, liebſt Du mich?“ „Oh! ja, ja, ich liebe Dich,“ ſprach der junge Mann. „Ich, ich liebe Dich, weil Du tapfer biſt,“ ſagte Aiſſa;„und Du, warum liebſt Du mich?“ „Weil Du ſchön biſt.“ 3 „Es iſt wahr; Du kennſt nichts von mir, als mein Geſicht, während ich mir erzählen ließ, was Du ge⸗ than haſt.“ „Du weißt alſo, daß ich der Feind Deines Vaters bin? „Ja.“ „Du weißt alſo, daß ich nicht nur ſein Feind bin, ſondern daß ein Krieg auf Leben und Tod zwiſchen uns ſtattfindet?“ „Ich weiß das.“ „Und Du haſſeſt mich nicht, weil ich Mothril haſſe?“ „Ich liebe Dich!“ „In der That, Du haſt Recht. Ich haſſe dieſen Menſchen, weil er Don Federigo, meinen Waffenbruder, auf die Schlachtbank geſchleppt hat l. Ich haſſe dieſen Menſchen, weil er die unglückliche Blanche von Bour⸗ bon ermordet hat. Ich haſſe dieſen Menſchen endlich, weil er Dich mehr wie eine Geliebte, als wie eine Tochter bewacht. Biſt Du denn wohl ſeine Tochter, Aiſſa?“ „Hoͤ3re, ich weiß es nicht. Mir ſcheint, eines Tags, da ich noch ein Kind war, erwachte ich nach einem lan⸗ gen Schlaf, und als ich die Augen oöffnete, war das erſte Geſicht, das ich erblickte, das dieſes Menſchen; er nannte mich ſeine Tochter, und ich nannte ihn mei⸗ nen Vater. Doch ich liebe ihn nicht; er macht mir bange.“— 12 „Iſt er denn böſe oder ſtreng gegen Dich?“ „Im Gegentheil; eine Königin iſt nicht beſſer be⸗ dient, als ich es bin. Jeder von meinen Wünſchen iſt ein Befehl. Ich brauche nur ein Zeichen zu machen, und man gehorcht mir. Alle ſeine Gedanken ſcheinen ſich auf mich zu beziehen, ſeine ganze Zukunft ſcheint auf mir zu beruhen. Ich weiß nicht, welche Pläne er auf meinen Kopf gebaut hat, doch zuweilen erſchrecke ich vor dieſer düſteren, eiferſüchtigen Zärtlichkeit.“ „Du liebſt ihn alſo nicht, wie eine Tochter ihren Vater lieben ſoll?“ „Ich habe bange vor ihm, Agenor. Höre: zuweilen tritt er bei Nacht in mein Zimmer wie ein Geiſt, und ich zittere. Er nähert ſich dem Bett, auf dem ich ruhe, und ſein Tritt iſt ſo leicht, daß er nicht einmal meine auf den Matten entſchlummerte Frauen aufweckt, unter denen er hingeht, als ob ſeine Füße die Erde nicht berührten. Doch ich, ich ſchlafe nicht, und hinter meinen Augenlidern hervor, die der Schrecken blinzeln macht, ſehe ich ſein furchtbares Lächeln. Er nähert ſich ſodann, er bückt ſich über mein Bett. Sein Hauch verzehrt mein Geſicht, und der Kuß, ein ſeltſamer Kuß, halb der eines Vaters, halb der eines Liebhabers, der Kuß, durch den er meinen Schlaf zu beſchirmen glaubt, läßt auf meiner Stirne, oder auf meiner Lippe einen ſchmerzlichen Eindruck, wie der eines glühenden Eiſens, zurück. Das ſind die Viſtonen, die mich belagern, Vi⸗ ſionen voll Wirklichkeit. Das ſind die Befürchtungen, mit denen ich jede Nacht entſchlafe, und dennoch ſagt mir etwas, daß ich Unrecht habe, zu zittern, denn ich wiederhole Dir, ſchlafend oder wachend, übe ich eine ſeltſame Herrſchaft über ihn; oft habe ich ihn beben ſehen, wenn ich die Stirne faltete, und nie konnte ſein ſo durchdringendes, ſo ſtolzes Auge das Feuer meines Blickes ertragen. Doch warum ſprichſt Du mir von Mothril, mein braver Ritter? D haſt keine Furcht vor ihm, Du haſt vor nichts Furcht?“ 13 „Nein, gewiß nicht, und ich fürchte nur für Dich.“ „Du fürchteſt für mich, weil Du mich ſehr liebſt?“ ſagte Aiſſa mit einem reizenden Lächeln. „Aiſſa, ich habe die Frauen meines Landes, wo doch die Frauen ſo ſchön ſind, nie geliebt, und oft wunderte ich mich über dieſe Gleichgültigkeit, doch ich weiß nun, warum. Es war ſo, damit der Schatz mei⸗ nes Herzens ganz Dir gehöre. Du fragſt, ob ich Dich liebe, Aiſſa; höre und beurtheile meine Liebe. Ver⸗ langteſt Du von mir, daß ich Alles Deinetwegen ver⸗ laſſe, Alles Deinet wegen verleugne, meine Ehre aus⸗ genommen, Aiſſa, ich würde Dir dieſes Opfer bringen.“ „Und ich,“ ſprach das Maädchen mit einem göttli⸗ chen Lächeln,„ich würde noch mehr thun, ich würde Dir meinen Gott und meine Ehre opfern.“ Agenor kannte noch nicht dieſe glühende Poeſie der orientaliſchen Leidenſchaft und begriff ſie erſt, als er das Lächeln von Aiſſa erſchaute. „Wohl,“ ſprach er, indem er ſie mit ſeinen Armen umſchlang,„ich will nicht, daß Du mir Deinen Gott und Deine Ehre opferſt, ohne daß ich mein Leben mit dem Deinigen verknüpfe. In meinem Lande, Aiſſa, werden die Frauen, die man liebt, Freundinnen, bei denen man lebt und ſtirbt, und die, wenn ſie unſern Treuſchwur erhalten haben, ſicher ſind, nie in einem Harem verlaſſen zu werden, um hier den neuen Gelieb⸗ tinnen desjenigen, welchen ſie geliebt, zu dienen. Werde Chriſtin, Aiſſa, verlaſſe Mothril, und Du ſollſt meine Frau ſein.“ „Ich wollte Dich darum bitten,“ ſprach das Mädchen. Agenor ſtand auf und hob, während er aufſtand, zugleich ſeine Geliebte in ſeine nervigen Arme, und das Herz ſchlagend an ihrem Herzen, das Geſicht ſanft geliebkoſt von ihren friſchen, duftenden Haaren, die Freude im Gemüth, die Trunkenheit auf der Stirne, 14 lief er nach der Mauer, an die er die Leiter angelegt atte. z Die ſüße Laſt hatte in der That kaum ein Gewicht für den jungen Mann, der wie ein Pfeil durch die Baumgruppen und Alleen hinſchoß. Schon erblickte er die düſtere, halb unter einer Reihe von Bäumen verborgene Mauer, als plötzlich Aiſſa, behender als eine Natter, mit ihrem ganzen Leib an dem Leibe des jungen Mannes hinſtreifend, aus den Armen von Agenor ſchlüpfte.. Mauleon blieb ſtehen, die Maurin war zu ſeinen Füßen gekauert und ſtreckte die Hände in der Richtung der Mauer aus. „Siehſt Du!“ ſagte ſie. Mauleon folgte dem bezeichnenden Finger und erblickte eine weiße, hinter den erſten Sproſſen gekauerte Form. „Oho!“ ſprach Agenor zu ſich ſelbſt,„ſollte es Muſaron ſein, der für mich bange hat und über uns wacht? Nein, nein,“ fügte er bei,„Muſaron iſt zu klug, um ſich der Gefahr auszuſetzen, durch einen Miß⸗ griff einen Degenſtich zu bekommen.“ Der Schatten erhob ſich, und ein bläulicher Blitz zuckte aus ſeinem Gürtel. 4 „Mothril!“ rief Aiſſa. Durch dieſes Wort erweckt, nahm Agenor das Schwert in die Hand. Ohne Zweifel hatte der Maure das Mädchen noch nicht erblickt, oder vielmehr noch nicht in der ſeltſamen Gruppe erkannt, welche der Chriſt die Maurin in ſei⸗ nen Armen forttragend bildete; aber ſobald er die Ausrufung von Aiſſa gehört, ſobald ſich ihre hohe, ſchlanke Geſtalt vom Schatten losgemacht hatte, ſtieß er einen furchtbaren Schrei aus und ſtürzte blindlings gegen Agenor zu. Doch die Liebe war noch behender als der Haß. Mit einer Bewegung, raſch wie der Gedanke, ließ Aiſſa das Helmviſir auf das Geſicht des Ritters fallen, und der Maure ſah ſich einer ehernen von den Armen ſeiner Tochter umſchlungenen Bildſäule gegenüber. Mothril blieb ſtehen und ließ die Arme fallen. „Aiſſa,“ murmelte er niedergeſchmettert. „Ja, Aiſſa!“ ſagte ſie mit einer wilden Energie, welche die Liebe von Mauleon verdoppelte, während ſie einen Schauer durch die Adern des Manren jagte;„willſt Du mich tödten? ſtoße zu. Was dieſen betrifft, ſo weißt Du wohl, daß er keine Furcht vor Dir hat.“ Und ſie bezeichnete mit einer Geberde Agenor. Mothril ſtreckte eine Hand aus, um ſie zu ergreifen; ſie machte doch einen Schritt rückwärts und entblößte Mauleon, der unbeweglich und das Schwert in der Hand an ſeinem Platze ſtand. Und ihr Auge ſtrahlte von einem ſo heftigen Haſſe, daß Mauleon das Schwert erhob. Doch nun fühlte er, wie der Arm von Aiſſa den ſeinigen zurückhielt. „Nein,“ ſagte ſie,„ſchlage ihn nicht vor mir, Du biſt ſtark, Du biſt bewaffnet, Du biſt unverwundbar, gehe an ihm vorüber.“ „Ah!“ rief Mothril, indem er die Leiter mit einem Fußſtoße umwarf,„Du biſt ſtark, Du biſt bewaffnet, Du biſt unverwundbar, wir wollen das ſehen.“ In demſelben Augenblick vernahm man ein ſchrilles Pfeifen, und es erſchien ein Dutzend Mauren, die Art und den Säbel in der Fauſt. „Ah! ungläubige Hunde,“ rief Agenor,„kommt herbei, und wir werden ſehen.“ „Tödtet den Chriſten!“ rief Mothril,„tödtet ihn!“ „Fürchte Dich nicht,“ ſprach Aiſſa. Und ſie trat ruhigen, feſten Schrittes zwiſchen den Ritter und ſeine Gegner. 4 „Mothril,“ ſagte ſie,„ich will dieſen jungen Mann von hier weggehen ſehen, hoͤrſt Du? Ich will ihn un⸗ 16 verſehrt und ohne daß ein Haar von ſeinem Haupte fällt, weggehen ſehen, oder wehe Dir!“ „Du liebſt alſo dieſen Elenden?“ rief Mothril. „Ich liebe ihn,“ erwiederte Aiſſa. „Ein Grund mehr, daß er ſtirbt; ſtoßt zu!“ rief Mothril, während er ſelbſt ſeinen Dolch ſchwang. „Mothril,“ ſprach, die Stirne faltend, das Mädchen, aus deſſen Augen ein doppelter Blitz hervorſprang, „haſt Du nicht verſtanden, was ich ſagte? Muß ich Dir noch einmal wiederholen, es ſei mein Wille, daß dieſer Mann auf der Stelle von hier weggehe?“ „Stoßt zu!“ rief Mothril wüthend. 4 Agenor machte eine Bewegung, um ſich zu ver⸗ theidigen. „Warte,“ ſagte ſie,„und Du wirſt den Tiger ein Lamm werden ſehen.“ Bei dieſen Worten zog ſie aus ihrem Gürtel einen feinen, ſcharfen Dolch, entblößte ihren Buſen, ſo ſchön und golden wie die Granaten von Valencia, und preßte die Spitze auf das Fleiſch, das unter dem gefährlichen Druck nachgab. Der Maure ſtieß ein Angſtgeſchrei aus. „Höre,“ ſprach ſie,„beim Gott der Araber, den ich verleugne, beim Gott der Chriſten, der fortan mein Gott ſein wird, ſchwöre ich Dir, daß ich mich tödte, wenn dieſem jungen Mann Unglück widerfährt.“ 4 „Aiſſa!“ rief der Maure,„habe Mitleid, Du machſt mich wahnſinnig!“ „So wirf Deinen Kandſchiar weg,“ ſagte das Mädchen. Der Maure gehorchte. „Befiehl Deinen Sklaven, daß ſie ſich entfernen.“ Mothril machte ein Zeichen und die Sklaven ent⸗ fernten ſich. 4 Aiſſa ſchaute mit einem langen Blicke umher, wie es eine Königin thut, welche ſich verſichern will, ob man ihr gehorche. Dann heftete ſie auf den jungen Mann ihren 17 gleich von Zärtlichkeit feuchten und von Verlangen glühenden Blick und ſprach mit leiſer Stimme: 1„Komm, Agenor, komm, daß ich Dir Lebewohl age.“ „Folgſt Du mir nicht?“ fragte der junge Mann ebenſo leiſe. „Nein, denn er würde mich lieber tödten, als mich verlieren. Ich bleibe, um uns Beide zu retten.“ „Aber Du wirſt mich immer lieben?“ ſagte Mauleon. „Schau' jenen Stern an,“ ſprach Aiſſa, nach dem glänzendſten der Geſtirne deutend, die am Firmamente flammten. „Oh! ich ſehe ihn,“ ſagte Agenor. „Nun wohl, er wird am Himmel erlöſchen, ehe die Liebe in meinem Herzen erliſcht. Lebe wohl!“ Und ſie ſchlug das Helmviſir ihres Geliebten auf und drückte einen langen Kuß auf ſeine Lippen, während der Maure ſich vor Wuth die Bruſt zerfleiſchte. „Nun gehe,“ ſagte Aiſſa zu dem Ritter,„doch ſei auf Alles gefaßt.“ Und ſie ſtellte ſich an den Fuß der Leiter, welche Agenor an die Mauer angelegt hatte, und lächelte, während ſie den jungen Mann anſchaute und die Hand gegen Mothril ausſtreckte, wie die Tigerbändiger, welche unter einer Geberde das Thier niederliegen machen, von dem man glaubte, es ſei im Begriff, ſie zu verſchlingen. „Gott befohlen!“ ſprach zum letzten Mal Agenor, „denke an Dein Verſprechen.“ „Auf Wiederſehen! ich werde es halten,“ ſagte die ſchöne Maurin. Agenor ſandte einen letzten Kuß dem Mädchen zu, und ſprang auf die andere Seite der Mauer. Ein Brüllen des Mauren begleitete die Beute, die ihm entging. „Laß mich nun nicht ſehen, daß Du mich zu ſtreng bewachſt,“ ſprach Aiſſa zu Mothril,„laß mich nicht Der Baſtard von Mauleon. U. 2 18 argwohnen, Du behandelſt mich als Sklavin, denn Du weißt, ich habe das Mittel, mich frei zu machen. Vor⸗ wärts! es iſt ſpät, mein Vater, kehren wir in das Haus zurück.“ Mothril ließ ſie träumeriſch auf dem Wege nach dem Pavillon zurückgehen. Er hob ſeinen langen Dolch auf, fuhr mit einer Hand über ſeine Stirne und murmelte: „Kind! in einigen Monaten, in einigen Tagen vielleicht wirſt Du Mothril nicht ſo bezähmen.“ In dem Augenblick, wo das Mädchen den Fuß auf die Thürſchwelle ſetzte, hörte Mothril Schritte hin⸗ ter ſich. „Gehe raſch hinein, Aiſſa,“ ſagte er;„der König kommt.“ Das Maädchen ging hinein und ſchloß die Thüre, ohne ſich mehr zu beeilen, als wenn ſie nichts gehöͤrt hätte. Mothril ſah ſie verſchwinden; einen Augenblick nachher war der König bei ihm. „Triumph, Freund Mothril,“ ſprach der König, „wir haben den Sieg davon getragen. Doch warum haſt Du die Sitzung in dem Augenblick verlaſſen, wo die Berathung anfing?“ „Weil ich dachte, es ſei nicht der Platz eines armen mauriſchen Sklaven mitten unter ſo mächtigen chriſt⸗ lichen Fürſten,“ antwortete Mothril. „Du lügſt, Mothril,“ entgegnete Don Pedro,„Du warſt beſorgt über Deine Tochter und biſt zurückgekehrt, um ſie zu bewachen.“ „Ei! Hoheit,“ erwiederte Mothril lächelnd über dieſe Kundgebung des Königs Don Pedro,„bei meiner Ghr⸗ man ſollte glauben, Ihr dächtet noch mehr hieran als ich.“ 3 Und Beide traten in das Haus ein, doch nicht ohne daß Don Pedro einen neugierigen Blick nach dem Fen⸗ ſter des Pavillon warf, hinter welchem der Schatten einer Frau ſichtbar war. — 19 Zwanzigſtes Kapitel. Worin man ſehen wird, daß Meſſire Bertrand Du⸗ 4 guesclin nicht minder guter Arithmetiker, als großer General war. Während der Prinz Enrique von Transtamare und ſein Gefährte Agenor ſich nach Bordeaux wandten, wo ihrer die von uns erzählten Ereigniſſe harrten, verſam⸗ melte Duguesclin, mit Vollmachten von König Karl V. verſehen, die Hauptführer der Compagnien und ſetzte ihnen ſeinen Feldzugsplan auseinander. Es war mehr Taktik und militäriſche Kunſt, als man denkt, bei dieſen Ränbern, welche wie ihres Gleichen, die Raubvögel, oder wie ihre Brüder, die Wölfe, ſich zur täg⸗ lichen Uebung der Wachſamkeit, der Induſtrie und der Entſchloſſenheit genöthigt ſahen, die den gewöhnlichen Menſchen die Ueberlegenheit und den erhabenen Leuten das Genie verleiht. Sie begriffen alſo vortrefflich die allgemeine Dis⸗ poſition, die der bretagniſche Held ihrem Urtheil unter⸗ warf, die Anordnungen, welche jene Geſammtheit der Operationen bildeten, die man ſtets zum Voraus feſt⸗ ſtellen kann, und woraus die beſonderen Operationen hervorgehen, welche die Umſtände gebieten. Doch die ſem ganzen kriegeriſchen Plane hielten ſie ein Argumeyf entgegen, auf das nichts zu erwiedern war: Geld. Der Billigkeit gemäß iſt hier zu erwähnen, daß bei dieſer Einwendung Einhelligkeit ſtattfand, und daß das Argument einſtimmig ausgeſprochen wurde. s iſt wahr,“ antworteke Duguesclin,„und ich dachte auch ſchon daran.“ 20 Die Anführer machten ein Zeichen mit dem Kopf, womit ſie ſagen wollten, ſie wiſſen ihm Dank für dieſe Vorherſehung. „Doch Ihr werdet nach der erſten Schlacht bekom⸗ men,“ fügte Dugueseclin bei. „Aber wir müſſen bis dahin leben und unſeren Soldaten irgend eine Bezahlung geben,“ bemerkte der Grüne Ritter. „Wenn wir nicht auf Koſten des franzoͤſiſchen Bauern zu leben fortfahren,“ ſagte Caverley.„Doch dieſes Geſchrei (die Teufel von Bauern ſchreien immer), dieſes Geſchrei würde unſerem erhabenen Connetable die Ohren ſchinden. Ueberdies, wozu ein ehrlicher Kapitän werden, wenn man plündern ſoll, als ob man noch Abenteurer wäre?“ „Ganz außerordentlich richtig,“ ſagte Duguesclin. 4„Ich füge bei,“ ſagte Claude der Schinder, ein anderer Burſche, ganz würdig, mit ſolchen Wölfen zu heulen, ein Menſch, der für minder wild, aber für tau⸗ ſendmal verrätheriſcher und diebiſcher galt, als Caverley; „ich füge bei, daß wir nun die Verbündeten Seiner Hoheit des Königs von Frankreich ſind, da wir den Tod ſeiner Schwagerin rächen ſollen, und daß wir dieſer Ehre, einer für einfache Abenteurer wie wir un⸗ ſchätzbaren Ehre, unwürdig wären, wenn wir nicht, für den Augenblick wenigſtens, aufhören würden, das Volk unſeres königlichen Verbündeten zu ruiniren.“ „Aeußerſt tief und richtig bemerkt,“ erwiederte Du⸗ gueselin;„doch ſchlagt mir ein Mittel vor, Geld an⸗ zuſchaffen.“ „Es iſt nicht unſere Sache, Geld anzuſchaffen,“ entgegnete Hugo von Caverley,„es iſt unſere Sache, Geld zu bekommen.“ „Hierauf iſt nichts zu erwiedern,“ ſagte Dugueselin „und der Doctor wäre kein beſſerer Logiker, als Ihr, Sire Hugo; doch ſprecht, was verlangt Ihr?“ Die Anführer ſchauten einander an und ſchienen ſich mit den Augen zu beſprechen; dann übertrug ohne 21 Zweifel Jeder Caverley die Sorge für das allgemeine Intereſſe, denn Caverley antwortete: „Wir werden billig ſein, Meſſire Connetable, ſo wahr ich Kapitän bin!“ Bei dieſem Verſprechen und dieſer Betheurung fühlte Duguesclin, wie ein Schauer ſeinen ganzen Leib durchlief. „Ich warte,“ ſagte er,„ſprecht.“ „Nun wohl, Seine Hoheit Karl V. bezahle uns nur einen Goldthaler für den Mann, bis wir in Feindesland ſind. Das iſt gewiß nicht viel; doch wir ziehen in Betracht, daß wir die Ehre haben, ſeine Verbündeten zu ſein, und ſind beſcheiden aus Rück⸗ ſicht für dieſen würdigen Fürſten. Wir haben ſo etwa fünfzigtauſend Soldaten.“ „Ungefähr,“ ſagte Dugneselin. „Einen mehr, einen weniger.“ „Einen weniger, glaube ich.“ „Gleichviel,“ erwiederte Caverley,„wir machen uns anheiſchig mit dem, was wir haben, zu thun, was Andere mit fünfzigtauſend thun würden. Es iſt alſo gerade, als ob wir ſie hätten.“ „Das macht alſo fünfzigtauſend Goldthaler,“ ſagte Bertrand. „Ja, für die Soldaten,“ verſetzte Caverley. „Nun?“ fragte Dugueselin. „Es bleiben die Officiere.“ „Das iſt richtig,“ ſprach der Connetable,„ich ver⸗ ga d Officiere. Wie viel werdet Ihr den Officieren geben?“— „Ich denke,“ erwiederte der Grüne Ritter, der ohſie Zweifel befürchtete, Caverley könnte eine Schätzung unter dem Werthe machen,„ich denke, daß dieſe bra⸗ ven Leute, welche der Mehrzahl nach geübte und kluge Männer ſind, wohl fünf Goldthaler dem Kopfe nach werth ſein mögen; bedenkt, daß beinahe alle Knappen, Knechte und Waffenſchmiede, nebſt drei Pferden haben.“ 22 „Teufel!“ rief Bertrand,„dieſe Officiere ſind beſſer bedient, als die des Königs meines Herrn.“ LeWir halten große Stücke hierauf,“ ſprach Ca⸗ verley. „Und Ihr ſagt fünf Goldthaler für jeden Mann?“ „Das iſt die geringſte Summe, die man meiner Anſicht nach für ſie in Anſpruch nehmen kann. Ich wollte ſechs verlangen, doch da der Grüne Ritter einen Preis gemacht hat, ſo werde ich ihn nicht Lügen ſtra⸗ fen und das, was er einmal geſagt, hinnkhmen.“ Bertrand ſchaute ſie an und glaubte, er habe es abermals mit den jüdiſchen Menſchen zu thun, zu denen ihn zuweilen ſein Herr geſchickt hatte, um kleine An⸗ lehen zu negociren. „Verfluchte Schurken,“ dachte er, während er ſeine freundlichſte Miene annahm,„wie wollte ich Euch alle baumeln laſſen, wenn ich der Stärkere wäre!“ Dann ſprach er laut: „Meine Herren, ich habe, wie Ihr geſehen, über Euer Geſuch nachgedacht, da ich einen Augenblick Euch zu antworten zögerte, und die Summe von fünf Gold⸗ thalern für den Officier kommt mir nicht übertrieben vor.“ „Ah! ahl“ machte der Grüne Ritter, erſtaunt über die Leichtigkeit von Duguesclin. „Und wie viel habt Ihr Officiere?“ fragte Meſſire Bertrand.. Caverley ſtreckte die Naſe in die Luft, ſchaute dann ſeine Freunde an, und Alle beſprachen ſich abermals mit den Augen. „ Ich habe tauſend,“ ſagte Caverley. Er verdoppelte die Zahl. „Ich habe achthundert,“ ſagte der Grüne Ritter. Er verdoppelte wie ſein College. „Ich habe tauſend,“ ſagte Claude der Schinder. Dieſer verdreifachte. 23 Die Andern ahmten das edle Beiſpiel nach, und die Summe der Officiere wuchs auf viertauſend an. „Das macht einen Officier auf eilf Soldaten,“ ſprach Dugueselin voll Verwunderung.„Großer Gott! was für eine herrliche Armee muß das ſein, und welche Disciplin muß hiebei herrſchen!“ „Ja,“ ſagte Caverley beſcheiden,„es iſt wahr, die Führung iſt ziemlich gut.“ „Das macht alſo zwanzig tauſend Thaler,“ ſprach Bertrand. „Gold,“ bemerkte der Grüne Ritter. „Ganz richtig!“ verſetzte der Connetable,„ſagen wir zwanzig tauſend Goldthaler, was nebſt den bewil⸗ ligten fünfzig tauſend Thalern ſiebzig tauſend aus⸗ macht.“ „ Das iſt allerdings die Summe, ungefähr auf einen Carolus,“ bemerkte der Grüne Ritter, welcher die Leich⸗ tigkeit bewunderte, mit der der Connetable addirte. „Aber...“ ſprach Caverley. 3 Bertrand ließ ihm nicht Zeit, ſeinen Satz zu voll⸗ enden. „Aber ich begreife,“ ſagte er,„wir vergeſſen die Anführer.“ Caverley riß die Augen weit auf. Bertrand be⸗ ſtätigte nicht nur ſeine Einwendungen, ſondern er kam ihnen ſogar entgegen. „Ihr vergeßt Euch ſelbſt,“ fuhr er fort;„edle Eigennützigkeit! doch ich vergaß Euch nicht, meine Her⸗ ren. Zählen wir alſo. Ihr ſeid zehn Anführer, nicht wahr?“ Die Abenteurer zählten nach Duguesclin. g hatten große Luſt, zwanzig zu finden, doch das war nicht möglich. „Zehn Anführer,“ wiederholten ſte. Caverley, der Grüne Ritter und Claude der Schin⸗ der ſuchten wieder am Plafond. „Das macht,“ fuhr der Connetable fort,„das 24 macht zu drei tauſend Goldthaler für den Anführer dreißig tauſend Goldthaler, nicht wahr?“ Geblendet, verwirrt durch dieſe Freigebigkeit, und eben ſo glücklich uͤber die ungeheure Summe, zu der ſie angeſchlagen wurden, als über die Werthſchätzung ihres Verdienſtes, welche ſie dreitauſendmal über ihre Sol⸗ daten ſtellte, hoben ſie ihre rieſigen Schwerter in die Höhe, ließen ihre Helme in die Luft fliegen und riefen: „Heil! Heil! Glück, Freude und Ehre dem guten Connetable!“ „Ah! Ihr Schurken,“ murmelte dieſer, indem er heuchleriſch die Augen niederſchlug, als ob ihm der Zuruf der Abenteurer zum Herzen ginge,„mit der Hülfe des Herrn und Unſerer Lieben Frau vom Berge Carmel werde ich Euch an einen Ort führen, von wo keiner von Euch zurückkehren ſoll.“ Dann ſprach er laut: „Geſammtſumme, hunderttauſend Goldthaler, mit⸗ telſt welcher wir alle unſere Rechnungen berichtigen werden.“ „Heil, Heil!“ wiederholten die Abenteurer in der höchſten Begeiſterung. „Ihr habt nun mein Ritterwort, meine Herren, daß Euch dieſe Summe bezahlt wird,“ ſagte Dugues⸗ elin.„Ihr begreift nur, daß Ihr ſie nicht ſogleich be⸗ kommt, denn ich trage den königlichen Schatz nicht bei mir.“ „Das iſt recht und billig,“ ſprachen die Anführer, nah zu freudig, um ſchon wieder anſpruchsvoll zu ein. „Ihr gebt alſo dem König von Frankreich Credit auf das Wort ſeines Connetable, das iſt abgemacht; und,“ ſagte er, indem er ſein Haupt mit ſeiner ſtolzen Miene erhob, welche die Bravſten zittern machte,„das Wort iſt gut; doch als rechtſchaffene Soldaten brechen wir auf, und wenn in dem Augenblick, wo wir in Spa⸗ nien einziehen, das Geld nicht gekommen iſt, nun! 1 3 1 25 meine Herren, ſo habt Ihr zwei Garantien, Eure Frei⸗ heit zuerſt, die ich Euch zurückgebe, und dann einen Gefangenen, der wohl hunderttauſend Thaler werth iſt.“ „Wer iſt dies?“ fragte Caverley. 3 „Ich ſelbſt, bei Gott! ſo arm ich bin,“ antwortete Duguesclin;„denn wenn die Frauen meines Landes Tag und Nacht ſpinnen müßten, um mir hunderttauſend Thaler Löſegeld zu verſchaffen, ich verſpreche Euch, daß das Löſegeld bezahlt werden würde.“ „Abgemacht,“ erwiederten einſtimmig die Abenteu⸗ rer. Und ſie berührten alle die Hand des Connetable zum Zeichen des Bündniſſes. „Wann brechen wir auf?“ fragte der Grüne Ritter. „Sogleich, wenn es Euch beliebt, meine Herren.“ „Sogleich!“ wiederholte Hugo.„In der That, meine Herren, da es hier nichts mehr zu ſcheeren gibt, ſo iſt es mir lieber, wenn wir alsbald anderswo ſind.“ Jeder lief auf der Stelle an ſeinen Poſten und ließ ſein Banner über ſeinem Zelte erheben. Die Trom⸗ meln raſſelten, es entſtand eine ungeheure Bewegung im Lager, und man ſah abermals nach den Hauptzelten die Soldaten zuſtrömen, welche bei der Ankunft von Duguesclin herbeigelaufen und ſodann, den Wellen der Fluth ähnlich, ins Weite zurückgekehrt waren. Zwei Stunden nachher waren die Zelte abgeſchla⸗ gen und die Saumthiere bogen ſich unter ihrer Laſt; die Pferde wieherten und die Lanzen gruppirten ſich in den Strahlen der Sonne, welche breite Blitze dar⸗ aus hervorſpringen machte. Man ſah indeſſen auf den beiden Ufern des Flüſ⸗ ſes die Bauern entfliehen, welche lange Zeit in Stla⸗ verei gehalten worden waren und, etwas ſpät der Frei⸗ heit zurückgegeben, nach ihren verödeten Hütten ihre Weiber und ihre etwas beſchädigten Geräthſchaften zu⸗ rückbrachten. Gegen Mittag ſetzte ſich die Armee in Marſch, ſie 26 zog an der Saone hinab und bildete zwei Colonnen, von denen jede einem Ufer folgte. Man hätte glauben ſollen, es wäre eine Wanderung von Barbaren, welche eine von den furchtbaren Sendungen, zu denen ſie der Herr beſtimmt, erfüllen wollten, und unter der Anfüh⸗ rung von einer jener Geißeln Gottes marſchirten, die man Alarich, Genſerich oder Attila nannte. Und dennoch war derjenige, unter deſſen Anfüh⸗ rung ſie marſchirten, der gute Connetable Bertrand Dugueselin, der hinter ſeinem Banner, nachdenkend, den Kopf zwiſchen ſeine beiden Schultern geſenkt, im Schritte ſeines kräftigen Pferdes einherritt und zu ſich ſagte: „Das geht gut, wenn es nur ſo fortdauert. Doch woher ſoll ich das Geld bekommen? Und wenn ich es nicht bekomme, wie wird der König eine Armee ſam⸗ meln, welche ſtark genug wäre, um die Rückkehr dieſen Schurken zu verſchließen, welche ausgehungerter als je von den Pyrenäen wieder herabſteigen werden?“ In dieſe düſteren Gedanken verſenkt, ritt der gute Connetable immer weiter, wobei er ſich nur von Zeit zu Zeit umwandte, um hinter ſich die buntſcheckigen, ge⸗ räuſchvollen Wogen dieſer Menge rollen zu ſehen, und ſein geiſtvolles Gehirn arbeitete für ſich allein mehr, als die fünfzigtauſend Gehirne dieſer Abenteurer. Und Gott weiß, was Jeder von ihnen träumte, indem er ſich ſchon für ſeinen Antheil als den Herrn und Gebieter von Indien betrachtete; um ſo übertrie⸗ benere Träume, als dieſes Land faſt unbekannt war. Plötzlich, als die Sonne hinter die letzte orange⸗ farbige Wolke am Horizont ſchlüpfte, ſahen die Anfüh⸗ rer, welche hinter dem guten Ritter marſchirten und ſich über ſeine Schweigſamkeit zu wundern anfingen, wie er das Haupt erhob, ſeine Schultern wie ein Sie⸗ ger ſchüttelte, und zu gleicher Zeit hörte man ihn ſei⸗ nen Edelknechten zurufen: 27 „Hollah! Jacelard! hollah! Berniquet! einen Schluck Wein vom beſten, den Ihr auf Eurem Wagen habt.“ Dann murmelte er in ſein Viſir: „Bei Unſerer Lieben Frau von Auray, ich glaube, ich habe die hunderttauſend Thaler, und zwar ohne in irgend einer Beziehung dem guten Koͤnig Karl zu ſchaden.“ Hienach wandte er ſich gegen die Anführer der Abenteurer um, welche nicht ganz ohne Unruhe waren, da ſie den Connetable ſeit der Mitte des Tages ſo ſor⸗ genvoll ſahen, und rief mit ſeiner wohlklingenden Stimme: „Gottes Donner! meine Herren, wie wäre es, wenn wir einen Schluck trinken würden.“ Dies war ein Aufruf, welchem nicht zu entſprechen die Abenteurer ſich wohl hüteten; ſie liefen auch her⸗ bei, und man leerte mit dieſem Schluck eine hübſche Schleifkanne Wein von Chalons auf die Geſundheit des Königs von Frankreich. Einundzwanzigſtes Kapitel. Worin man einen Papſt ſeine Excommunications⸗ koſten wird bezahlen ſehen. Die Armee marſchirte immer weiter. Da jeder Weg nach Rom führt, ſo führt um ſo viel mehr der Weg von Avignon nach Spanien. Die Abenteurer folgten alſo dem Wege nach Avignon voll Vertrauen. 28 Hier hielt Papſt Urban V. ſeinen Hof. Anfangs Benedictiner, dann Abt von Saint⸗Germain d'Auxerre und Prior von Saint⸗Victor in Marſeille, war er zum Papſt unter der Bedingung gewählt worden, daß er in keiner Hinſicht in ihrer irdiſchen Glückſeligkeit die Cardinäle und römiſchen Fürſten ſtören würde, eine Bedingung, die er auch, ſobald er gewählt war, eifrigſt in ihrer ganzen wohlwollenden Strenge zu erfüllen ſich bemühte, und durch welche er ſich das Recht, ſo ſpät als möglich im Geruche der Heiligkeit zu ſterben, zu gründen hoffte, was ihm auch gelang. Man erinnert ſich, daß der Nachfolger des heiligen Petrus von den Klagen des Königs von Frankreich über die großen Compagnien gerührt geweſen war, und daß er dieſe großen Compagnien excommunicirt hatte, ein Meiſterwerk der Politik, deſſen unangenehme Seite Karl V. in ſeiner verſtändigen Vorherſehung der Zukunft Duguesclin fühlbar machte, was ſeit der Be⸗ ſprechung des Fürſten mit ſeinem Connetable im Geiſte des letzteren den lebhaften Wunſch, die Dinge in ihren Normalzuſtand zu verſetzen, zurückließ. Der leuchtende Gedanke nun, der Bertrand auf der Landſtraße von Chalons nach Lyon bei dem ſchönen Sonnenuntergang gekommen war, wovon wir, in An⸗ ſpruch genommen durch die Schweigſamkeit des guten Connetable, nur ein einziges Wort ſagten, beſtand dar⸗ in, daß er mit ſeinen fünfzigtauſend Abenteurern, einen mehr oder einen weniger, wie Caverley ſagte, Papſt Urban V. einen Beſuch machen wollte. Dies ging um ſo beſſer, als die Abenteurer, je mehr ſte ſich den Staaten dieſes Kirchenfürſten näherten, gegen den ſie, ſo harm⸗ los auch die Ercommunication war, einen Groll hegten, immer mehr ihre kriegeriſchen, wilden Inſtinete erwa⸗ chen fühlten. Sie waren auch in der That zu lange vernünftig geweſen. Als man bis auf zwei Meilen zu der Stadt ge⸗ 29 kommen war, ließ Bertrand Halt machen, verſammelte die Anführer und befahl ihnen, die Front ihrer Truppe ſo zu erweitern, daß ſie, einen ungeheuren Bogen bil⸗ dend, deſſen Sehne der Fluß wäre, die Stadt um⸗ ſchlößen. 4 Dann ſtieg er mit einem Dutzend Gewappneter und franzöſiſcher Ritter, welche ſein Gefolge bildeten, zu Pferde, erſchien vor dem Thore von Vaucluſe und verlangte den Papſt zu ſprechen. Urban, der dieſe Menge von Räubern kommen fühlte, wie man eine Ueberſchwemmung kommen ſieht, hatte ſeine Armee geſammelt, welche aus zwei bis drei⸗ tauſend Mann beſtand, und da er den ganzen Werth ſeiner Hauptwaffe kannte, ſo ſchickte er ſich an, einen erhabenen Schlag mit den Schlüſſeln des heiligen Pe⸗ trus auf das Haupt der Abenteurer zu thun. Doch es iſt nicht zu leugnen, ſein Grundgedanke war, beſtürzt über ihre Ercommunication, kämen die Räuber, um ihn um Gnade zu bitten und ſich anzu⸗ bieten, durch einen neuen Kreuzzug ihre Sünden zu ſühnen, wobei ſie auf ihre Anzahl und ihre Stärke vertrauten, um ihre demuthsvolle Unterwürfigkeit gel⸗ tend zu machen. Er ſah den Connetable mit einer Eile herbeikom⸗ men, die ihn ſehr in Erſtaunen ſetzte. Gerade in die⸗ ſem Augenblick ſpeiſte er zu Mittag auf der ganz von Orangenbäumen und Oleandern beſchatteten Terraſſe, in Geſellſchaft ſeines Bruders, des Canonicus Auglie Grin⸗ vald, den er zum Bisthum Avignon, einem der vor⸗ nehmſten Sitze der Chriſtenheit, erhoben hatte. „Ihr, Meſſire Bertrand Duguesclin!“ rief der Papſt,„Ihr ſeid alſo bei dieſer Armee, welche plöͤtzlich bei uns erſcheint, ohne daß wir wiſſen, woher ſie kommt, und warum ſie kommt?“ „Ach! leider, heiligſter Vater, leider befehlige ich ſie,“ ſagte der Connetable niederknieend. „Dann athme ich,“ ſprach der Papſt. 30 „Oh! ohl ich auch,“ fügte Auglie ſeine Bruſt durch einen freudigen Seufzer erweiternd bei. „Ihr athmet, heiliger Vater!“ rief Bertrand. Und er ſtieß ebenfalls einen traurigen Seufzer aus, als ob er die päpſtliche Beklemmung geerbt häͤtte. „Und warum athmet Ihr?“ fuhr er fort. „Ich athme, weil ich ihre Abſichten kenne.“ „Ich glaube nicht,“ ſagte Vertrand. „Bei einem Führer wie Ihr, Connetable, bei einem Mann, der die Kirche achtet!“ „Ja, heiliger Vater, ja, ich achte die Kirche,“ ſprach der Connetable. „Nun, ſo ſeid willkommen, theurer Sohn. Doch laßt hören, was will dieſe Armee von mir?“ „Vor Allem,“ antwortete Bertrand, der die Frage umging und die Erklärung, ſo viel in ſeiner Macht lag, zu verzogern ſuchte,„vor Allem wird Eure Hei⸗ ligkeit, wie ich nicht bezweifle, mit Vergnügen hören, daß es ſich um einen heftigen Krieg gegen die Un⸗ gläubigen handelt.“ Urban V. warf ſeinem Bruder einen Blick zu, wel⸗ cher beſagen wollte: 3 „Nun, habe ich mich getäuſcht?“ 3 Zufrieden mit dieſem neuen Beweiſe der Unfehlbar⸗ keit, den er ſich ſelbſt gegeben hatte, wandte er ſich ſodann gegen den Connetable um und ſprach voll Sal⸗ bung: 8 Gegen die Ungläubigen, mein Sohn?“ „Ja, heiliger Vater.“ „Und gegen welche, mein Sohn? „Gegen die Mauren in Spanien.“ „Connetable, das iſt ein heilſamer und eines chriſt⸗ lichen Helden würdiger Gedanke, denn ich nehme an, daß Ihr ihn gehabt habt.“ „Ich und der gute König Karl V., heiliger Va⸗ ter,“ erwiederte Bertrand. „Ihr werdet den Ruhm theilen, und Gott wird 4 31 den Theil des Kopfes, der den Gedanken gefaßt, und den des Armes, der ihn ausgeführt hat, zu machen wiſſen Es iſt alſo Eure Abſicht...“ 4 „Unſere Abſicht, und Gott geſtatte, daß ſie erreicht werde! unſere Abſicht iſt es, ſie auszurotten, heiliger Vater, und den größeren Theil ihrer Verlaſſenſchaft der Verherrlichung der katholiſchen Religion zu weihen.“ „Mein Sohn, umarmt mich,“ ſprach Urban V. bis in's Herz gerührt und durchdrungen von Bewun⸗ derung für den tapferen Degen, der ſich ſo in den Dienſt der Kirche ſtellte. Bertrand wies eine ſo große Ehre von ſich und begnügte ſich, ſeiner Heiligkeit die Hand zu küſſen. „Aber,“ fuhr der Connetable nach einer kurzen Pauſe fort,„es iſt Euch nicht unbekannt, heiliger Va⸗ ter, die von mir befehligten Soldaten, welche eine ſo heldenmüthige Pilgerſchaft unternehmen, ſind dieſelben, die Seine Heiligkeit vor nicht langer Zeit exrcommuni⸗ eiren zu müſſen geglaubt hat.“ „Ich hatte damals Recht, mein Sohn, und ich glaube ſogar, daß Ihr zu jener Zeit ſelbſt meiner An⸗ ſicht geweſen ſeid.“ „Eure Heiligkeit hat immer Recht,“ erwiederte Bertrand, dieſe Worte umgehend;„doch ſie ſind nun einmal excommunicirt, und ich kann Euch nicht verber⸗ gen, heiliger Vater, daß dies eine abſcheuliche Wirkung in Beziehung auf die Leute hervorbringt, welche für die chriſtliche Religion kämpfen ſollen.“ „Mein Sohn,“ ſagte Urban, langſam ſein Glas leerend, das von einem goldenen Monte Pulciano voll war, den er mehr als alle Weine und ſogar mehr als diejenigen liebte, welche an den Ufern des ſchönen Fluſſes wachſen, deſſen Waſſer die Mauern ſeiner Haupt⸗ ſtadt beſpühlen,„mein Sohn, die Kirche, ſo wie ich ſie haben will, iſt weder unduldſam, noch unverſöhn⸗ lich; jeder Sünde ſei Barmherzigkeit gewährt, beſon⸗ ders wenn der Sünder aufrichtig bereut, und wenn Ihr, einer der Pfeiler des Glaubens, Gewährſchaft leiſtet für ihre Rückkehr zur Rechtgläubigkeit.“ „Ohl gewiß, ja, heiliger Vater.“ „Dann widerrufe ich das Anathem und will auf ihnen nur noch einen Theil des Gewichts meines Zor⸗ nes laſten laſſen, der, wie Ihr ſeht, voll Nachſicht iſt,“ fügte der Papſt lächelnd bei. Bertrand biß ſich in die Lippen bei dem Gedanken, daß ſich Seine Heiligkeit immer mehr in den Irrthum vertiefte. Urban fuhr dann mit einer Stimme voll Milde fort, welche jedoch nicht der Feſtigkeit entbehrte, die demjenigen ſo wohl anſteht, welcher verzeiht, während er aber verzeiht, das Gewicht der Beleidigung kennt, die er vergeben will. „Ihr begreift, mein theurer Sohn, dieſe Leute haben gottloſe Reichthümer angehäuft, und wie Jeſus Sirach ſagt: „Omne malum in pravo foenore.“ „Ich verſtehe das Hebräiſche nicht, heiliger Va⸗ ter,“ erwiederte Bertrand demüthig. „Ich ſprach auch einfach Lateiniſch, mein Sohn,“ ſagte lachend Urban V.;„doch ich vergaß, daß die Kriegs⸗ leute keine Benedictiner ſind. Ich überſetze Euch alſo die Worte, die ich Euch ſagte, und Ihr werdet ſehen, daß ſie vortrefflich auf die Lage der Dinge paſſen: Jeder Unſtern iſt in einem ſchlecht erworbenen Gut ent⸗ halten.“ „Wie ſchön iſt das!“ ſagte Dugueselin, in ſeinen dicken Bart über den Streich lächelnd, den das Sprüch⸗ wort Seiner Heiligkeit ſpielen ſollte. „Ich habe alſo beſchloſſen,“ fuhr Urban fort,„und dies aus Rückſicht für Euch allein, mein Sohn, das ſchwöre ich Euch, daß dieſe Ungläubigen, denn es ſind Ungläubige, obgleich ſie bereuen, daß dieſe Ungläubi⸗ gen, ſage ich, einen Zehnten von ihrer Habe abgeben und gegen dieſe Entſchädigung von ihrer Excommuni⸗ 33 cation freigeſprochen werden ſollen. Obgleich ich nun freiwillig, und ohne von Euch bedrängt zu werden handle, rühmt ihnen die Gunſt, die ich ihnen ange⸗ deihen laſſe, lieber Sohn, denn ſie iſt ungeheuer.“ „Sie iſt in der That ungeheuer,“ ſprach Bertrand niederknieend,„und ich bezweifle, ob ſie dieſelbe, wie ſie es verdient, anerkennen werden.“ „Nicht wahr? Nun, mein Sohn, zu welcher Summe wollen wir die Abgabe für die Loskaufung be⸗ ſtimmen?“ ſagte Urban, und wandte ſich, als wollte er ſich mit ihm über dieſe zarte und ernſte Frage be⸗ rathen, gegen ſeinen Bruder um, welcher hier auf fins ſanfte Weiſe ſein Handwerk als zukünftiger Papſt ernte. „Heiliger Vater,“ erwiederte Auglie, der ſich in ſeinem Lehnſtuhle zurückwarf und den Kopf ſchüttelte, „Ihr werdet viel zeitliches Gold brauchen, um den Schmerz Eurer geiſtlichen Blitze zu compenſiren.“ „Allerdings,“ ſagte Urban;„doch wir ſind milde, und man muß geſtehen, Alles fordert uns zur Milde auf. Der Himmel iſt ſo ſchön in der Gegend von Avignon, die Luft iſt ſo rein, wenn der Miſtral ver⸗ geſſen laſſen will, daß er in den Höylen des Berges Ventoux exiſtirt, daß alle dieſe Wohlthaten des Herrn den Menſchen die Barmherzigkeit und die Bruderliebe verkünden. Ja,“ fügte der Papſt bei, indem er einen goldenen Becher einem weiß gekleideten jungen Pagen reichte, der ihn ſogleich füllte,„ja, die Menſchen ſind entſchieden Brüder.“ „Erlaubt, heiliger Vater,“ ſprach Bertrand,„ich vergaß, Eurer Heiligkeit zu ſagen, in welcher Eigen⸗ ſchaft ich hierhergekommen bin. Ich bin als Geſandter dieſer Leute gekommen, von denen die Rede iſt.“ „Und als ſolcher verlangt Ihr unſeren Ablaß von uns, nicht wahr?“ „Ja, heiliger Vater, vor Allem Euren Ablaß, Der Baſtard von Mauleon. N. 3 34 denn er iſt immerhin etwas Vortreffliches für uns arme Soldaten, die wir jeden Augenblick getödtet werden können.“ „O!! dieſen Ablaß, Ihr habt ihn, mein Sohn. Wir wollen von unſerer Barmherzigkeit oder von un⸗ ſerer Vergebung ſprechen, wenn Ihr lieber wollt.“ „Wir zählen auch hierauf, heiliger Vater.“ „Ja, doch Ihr wißt, unter welcher Bedingung wir ſie bewilligen können.“ „Ach! eine unannehmbare Bedingung, denn Eure Heligket vergißt, was die Armee in Spanien thun will.“. „Was ſie in Spanien thun will?“... „Ja, heiliger Vater, ich glaubte Euch geſagt zu haben, ſie wolle für die chriſtliche Kirche kämpfen.“ „Nun?“ „Da ſie eine ſo heilige Sendung zu erfüllen im Begriffe iſt, ſo hat ſie ein Recht nicht nur auf die ganze Verzeihung und den ganzen Ablaß Eurer Heiligkeit, ſondern auch auf ihre Hülfe.“ 4 „Auf meine Hülfe, Meſſire Bertrand,“ erwiederte Urban, den eine gewiſſe Unruhe zu faſſen anfing;„was meint Ihr mit dieſen Worten?“ „Ich meine, heiliger Vater, der apoſtoliſche Stuhl ſei freigebig, er ſei reich, die Verbreitung des Glau⸗ bens ſei ihm ſehr erſprießlich und er könne für ſein In⸗ tereſſe bezahlen.“ „Was ſagt Ihr da, Meſſire Bertrand?“ unterbrach ihn Urban, der mit ſchlecht verhehltem Zorn von ſei⸗ nem Stuhle aufſtand. „Seine Heiligkeit hat mich vollkommen begriffen, wie ich ſehe,“ erwiederte der Connetable, während er ſich vom Boden erhob und ſeine Kniee abputzte. „Nein!“ rief der Papſt, der im Gegentheil durch⸗ aus nicht begreifen wollte,„nein, erklärt Euch.“ „Hört, heiliger Vater: die vortrefflichen, allerdings etwas ungläubigen, aber äußerſt reumüthigen Soldaten 3⁵ die Ihr von hier aus ſehen könnt, zahlreich wie die Blätter des Waldes und wie der Sand des Meeres— die Vergleichung iſt, glaube ich, aus der heiligen Schrift genommen— die vortrefflichen Soldaten, die Ihr von hier aus unter den Befehlen von Herrn Hugo von Ca⸗ verley, vom Grünen Ritter, von Claude dem Schin⸗ der, vom Stammler von Vilaine, von Olivier von Mauny und anderen tapfern Rittern ſeht, erwarten von Eurer Heiligkeit eine Subſidie, um in's Feld zu ziehen. Der König von Frankreich hat ihnen hunderttauſend Goldthaler zugeſagt; das iſt ein ſehr chriſtlicher Fürſt, der ebenſo gut wie ein Papſt heilig geſprochen zu wer⸗ den verdient. Eure Heiligkeit, die der Schlüſſel des Gewölbes der Chriſtenheit iſt, wird nun wohl etwa zweimal hunderttauſend Thaler geben können.“ Urban ſprang abermals von ſeinem Stuhle auf. Doch dieſe Elaſtieität in den Muskeln des heiligen Vaters, eine Elaſticität, welche nur von einer Nerven⸗ überreizung herrühren konnte, brachte Bertrand nicht aus der Faſſung, und dieſer verharrte in derſelben ehr⸗ furchtsvollen, aber feſten Stellung. „Meſſire,“ ſagte Seine Heiligkeit,„ich ſehe, daß man in der Geſellſchaft von Räubern verdorben wird, und gewiſſe Leute, die ich nicht nennen werde, und die bis jetzt in großer Gunſt beim heiligen Stuhle geſtan⸗ den ſind, würden, wie mir ſcheint, beſſer nach ihrem Verdienſte belohnt worden ſein, wenn ſie mit mehr Strenge verfahren wären.“ Dieſes furchtbare Wort, von dem der Papſt eine mächtige Wirkung erwartete, ließ den Connetable zum großen Erſtaunen von Urban V. unempfindlich. „Ich habe ſechstauſend Soldaten,“ fuhr der heilige Vater fort. Bertrand bemerkte beiſeit, daß Urban V., wie Hugo von Caverley und der Grüne Ritter, gerade um die Hälfte log, was ihm, trotz der Dringlichkeit der Um⸗ ſtände, fuͤr einen Papſt ein wenig gewagt vorkam. 36 „Ich habe in Avignon ſechstauſend Soldaten und dreißigtauſend waffenfähige Einwohner.“ Diesmal log Urban nur um ein Drittel. „Waffenfähige Einwohner; die Stadt iſt befeſtigt, und hätte ſie auch weder Wall, noch Graben, noch Piken, ſo habe ich die Tiara des heiligen Petrus auf der Stirne und werde allein, unter Anrufung Gottes, Barbaren aufhalten, welche weniger muthig ſind, als die Soldaten von Attila, die der Papſt Leo vor Rom auf⸗ hielt.“ „Eil heiliger Vater, bedenkt doch: den geiſtlichen und weltlichen Waffen der Statthalter Chriſti gelingt es ſchlecht gegen die Könige von Frankreich, welche die älteſten Söhne der Kirche ſind. Ein Zeuge hievon iſt Bonifaz VIII., der, Gott behüte mich, daß ich eine ſolche Frechheit entſchuldige! der, ſage ich, eine Ohrfeige von Colonna erhielt und im Gefängniß ſtarb, nachdem er ſich die Fäuſte abgenagt hatte. Ihr ſeht ſchon, wozu Euch die Excommunication genützt hat, da diejenigen, die Ihr excommunicirtet, ſtatt zu fliehen und ſich zu zerſtreuen, ſich im Gegentheil vereinigt haben, um mit bewaffneter Hand Vergebung von GEuch zu verlangen. Was die zeitlichen Waffen betrifft, ſo ſind ſechstauſend Soldaten und zwanzigtauſend ungeſchickte Bürger ſehr wenig; im Ganzen ſechsundzwanzigtauſend Mann, wenn ich jeden Bürger zu einem Mann rechne, ggegen fünf⸗ zigtauſend erprobte Krieger, die weder Gott, noch den Teufel fürchten, und viel mehr an die Päpſte gewöhnt⸗ ſind, als die Soldaten von Attila, welche zum erſten Mal einen Papſt ſahen; letzteren Punkt bitte ich Seine Heiligkeit beſonders zu bedenken, ehe ſie ſich den Aben⸗ teurern zeigt.“ „Sie würden es wagen!“ rief Urban mit zornfun⸗ kelndem Auge. „Heiliger Vater, ich weiß weder, ob ſie es wagen würden, noch was ſie wagen würden; doch es ſind ſehr verwegene Burſche.“ 37 „Den Geſalbten des Herrn! Die Unglücklichen! .. Chriſten!..“ „Erlaubt, erlaubt, heiliger Vater, es ſind keine Chriſten, es ſind Excommunicirte! Was ſollen ſie ſchonen, dieſe Leute?... Ah! wenn Ihr ſie nicht ercommu⸗ nicirt hättet, dann wäre es etwas Anderes, ſie könnten die Exrcommunication fürchten; doch nun fürchten ſie nichts.“ Je ſtärker die Beweisführung war, deſto mehr wuchs der Zorn des Papſtes; er ſtand ganz auf, ging auf Bertrand zu, und ſagte zu ihm: 8 „Ihr, der Ihr mir dieſen ſeltſamen Rath gebt, Ihr glaubt Euch alſo ſehr in Sicherheit hier?“ „Ich,“ erwiederte Bertrand mit einer Ruhe, welche ſelbſt den heiligen Petrus aus der Faſſung gebracht hätte,„ich bin mehr in Sicherheit, als Eure Heiligkeit ſelbſt, denn angenommen, was ich indeſſen nicht voraus⸗ ſetze, es würde mir ein Unglück widerfahren, ſo ſtehe ich Euch zum Voraus dafür, daß weder von der guten Stadt Avignon, noch von dem prachtvollen Palaſt, den Ihr habt erbauen laſſen, ſo ſolid er auch ſein mag, kein Stein auf dem andern bliebe. O!l dieſe Burſche ſind tüchtige Zerſtörer, welche eine Feſtung in ebenſo wenig Zeit zertrümmern, als eine regelmäßige Armee brauchen würde, um ein unhaltbares Neſt zu demoliren; dann würden ſie es auch nicht hiebei bewenden laſſen: nachdem ſie von der Stadt zum Schloß übergegangen wären, würden ſie vom Schloß auf die Garniſon und von der Garniſon auf die Bürger übergehen, und es bliebe von Euren dreißigtauſend Mann kein Knochen auf dem andern, wobei alſo viele Seelen durch den Fehler Eurer Heiligkeit verloren gehen würden; da ich weiß, wie klug Eure Heiligkeit iſt, ſo fuͤhle ich mich auch hier mehr in Sicherheit, als in meinem Lager.“ „Wohl!“ rief der Papſt wüthend, und ſich gegen das Gebiß ſträubend, das ihm der Connetable anlegte, „wohl! ich werde ausharren und warten.“ 38 „In der That, heiliger Vater, ich ſchwöre Euch bei meinem adeligen Worte, daß ich Eure Heiligkeit an dieſer Weigerung nicht erkenne; ich war überzeugt, doch ich täuſchte mich, wie ich ſehe, ich war überzengt, Eure Heiligkeit würde dem Opfer entgegenkommen, das der Glaube von ihr heiſcht, und es würden, nach dem von dem guten König Karl V. gegebenen Beiſpiel, von dem heiligen apoſtoliſchen Stuhle die zweimalhunderttauſend Thaler dargebracht werden. Glaubt mir, heiliger Vater,“ fügte der Connetable bei, indem er eine äußerſt kläg⸗ liche Miene annahm,„glaubt mir, es iſt ſehr ſchmerzlich für einen guten Chriſten, wie ich, den erſten Fürſten der Kirche ſeinen Beiſtand einer frommen Unternehmung, wie die, welche wir verfolgen, verweigern zu ſehen; nie werden es dieſe würdigen Führer glauben wollen.“ Und der Connetable verheugte ſich demüthiger als je vor Urban V., der über das unerwartete Ereigniß, dem er die Stirne bieten ſollte, ganz erſtaunt war, verließ beinahe rückwärtsſchreitend die Terraſſe, ſtieg die Treppe hinab, fand vor der Thüre des Palaſtes ſein Gefolge, das ſich über ihn zu beunruhigen anfing, und ſchlug wieder den Weg nach dem Lager ein. Zweiundzmanzigſtes Kapitel. ·— Wie Monſeigneur der Legat in das Lager der Aben⸗ teurer kam, und wie er hier aufgenommen wurde. In das Lager zurückgekehrt, fing Dugueselin an zu begreifen, daß er große Schwierigkeiten bei Ausführung 39 des ſchönen Planes finden würde, den er entworfen hatte, um damit drei große Reſultate zu erlangen: es ſollten nämlich mit Hülfe dieſes Planes die Abenteurer bezahlt, die Koſten des Feldzugs gedeckt, der König in Erbauung des Hotel Saint⸗Paul unterſtützt werden. Die Kirche iſt hartnäckig. König Karl V. war ſkrupulös. Man durfte ſich nicht mit ſeinem Herrn entzweien unter dem Vorwand, ihm zu dienen; man durfte ſich nicht ſchon am Anfang dem Aberglauben bloßſtellen, der bei den erſten Niederlagen, die man er⸗ leiden könnte, unfehlbar dieſe Niederlagen der Irreligioſität des Heerführers und den rächenden Gebeten des Papſtes zuſchreiben würde.. Doch Dugueselin war Bretagner, das heißt für ſich allein hartnäckiger, als alle früheren und zukünfti⸗ gen Päpſte. Um ſeine Hartnäckigkeit zu rechtfertigen, hatte er für ſich überdies die Nothwendigkeit, welche das Alterthum einen eiſernen Keil in der Hand dar⸗ geſtellt hat. Er beſchloß alſo, ſein Vorhaben zu verfolgen, mit der Abſicht, mit den Umſtänden zu Rathe zu gehen, und je nachdem ſich die Umſtände entwickeln würden, weiter fortzuſchreiten, oder ſtehen zu bleiben. Dem zu Folge ließ er ſeine Leute bewaffnen, be⸗ fahl ſeine Karren herbeizuführen, hieß ſeine Bretagner, welche zwei Tage zuvor unter der Anführung von Olivier von Mauny und dem Stammler von Vilaine eingetrof⸗ fen waren, ſich gegen Villeneuve wenden, ſo daß der Papſt von ſeiner Terraſſe herab, die er nicht verlaſſen hatte, den großen bläulichen Cordon wie eine azurne Schlange ſich entrollen ſah, auf welche die untergehende Sonne an verſchiedenen Theilen ihrer Spiralen einen Refler wärmer als das Gold und düſterer als die Blitze des päpſtlichen Anathems warf. Urban V. war beinahe ein ebenſo guter General, als vortrefflicher Mönch. Er hatte nicht nöthig, ſeinen Generalkapitän zu rufen, um zu begreifen, daß dieſe 40 Schlange nur noch einen Schritt thun durfte, um Avignon in ihre Krümmung einzuſchließen. „Oho!“ ſagte er zu ſeinem Legaten, während er mit unruhigem Auge dieſes Manoeuvre verfolgte,„ſie werden ſehr frech, wie mir ſcheint.“ Und da er ſehen wollte, ob die großen Compagnien und die Anführer dieſer großen Compagnien wirklich ſo aufgebracht wären, als ſie Dugueselin geſchildert hatte, ſo ſchickte Urban V., ohne einen anderen Plan, als den, ſich über den Zuſtand ihres Geiſtes zu verſichern, ſeinen Legaten an den Obergeneral ab. Der Legat hatte der Unterredung, welche zwiſchen ihm und Duguesclin ſtattgefunden, nicht beigewohnt. Er wußte alſo nicht, daß Duguesclin etwas Anderes forderte, als eine Milderung der gegen die großen Com⸗ ſenerke geſchleuderten Excommunication, eine Unwiſſen⸗ heit, die ihm die Ueberzeugung gab, er würde mit einigem Ablaß und einigem Segen Alles abmachen können. Er brach alſo, auf einem Maulthiere reitend und begleitet von einem bleichen Sacriſtan, auf. Der Legat war, wie geſagt, von nichts unterrichtet. Der Papſt dachte, wenn man ſeine Befürchtungen einem Geſandten mittheile, ſo vermindere man dadurch das Vertrauen, das er zu der Macht ſeines Herrn haben müſſe. Man ſah auch den Legaten ſtrahlend und ſtolz zwiſchen der Stadt und dem Lager einherreiten, denn er ergötzte ſich zum Voraus an den Kniebeugungen und Kreuzeszeichen, mit denen man ihn bei ſeiner Ankunft empfangen würde. Doch als geſchickter Diplomat hatte Dugueselin die Wache des Lagers den Engländern übertragen, Leu⸗ ten, welche für die Intereſſen des Papſtes keinen großen Eifer hatten, um ſo mehr, als ſie ſchon über hundert Jahre mit ihm im Streite lagen und der Connetable war überdies ſo vorſichtig geweſen, mit ihnen zu reden, um ihnen eine ſeinen Abſichten entſprechende Meinung beizubringen. 41 „Meine Kameraden, ſeid wohl auf der Hut,“ hatte er bei ſeiner Rückkehr ins Lager geſagt.„Es wäre möglich, daß uns der Papſt einige Compagnien von ſeinen Soldaten ſchickte. Ich habe mit Seiner Heilig⸗ keit einen kleinen Streit wegen einer Höflichkeit gehabt, die er uns meiner Anſicht nach für den berüchtigten Kirchenbann, den er auf uns geſchleudert, ſchuldig war. Ich ſage auf uns, denn von dem Augenblick an, wo Ihr meine Soldaten geworden ſeid, betrachte ich mich als nicht mehr und nicht minder als Ihr excommunicirt und der Hölle geweiht.“ Bei dieſer unerwarteten Anrede bebten die Eng⸗ länder wie Doggen, deren Zorn der Herr zu ſeiner Beluſtigung übt. „Gut! gut!“ riefen ſie,„der Papſt reibe ſich an uns, und er wird ſehen, daß er es mit wahren Excom⸗ municirten zu thun hat!“ Nach dieſer Antwort hielt ſie Dugueselin für hin⸗ zzichend unterrichtet, und ging in das Lager der Fran⸗ zoſen. „Meine Freunde,“ ſprach er,„es wäre moͤglich, daß Ihr einen Abgeſandten des Papſtes kommen ſehen wür⸗ det. Der heilige Vater, glaubt Ihr das? der heilige Vater, dem wir Avignon und das Comtat gegeben haben, verweigert mir den Beiſtand, den ich von ihm für un⸗ ſern guten König Karl V. forderte, und ich muß ge⸗ ſtehen, ſollte mir dies auch in Eurem Geiſte Eintrag thun, wir haben uns ſo eben ein wenig geſtritten. Bei dieſem Streit, den zu erheben ich vielleicht Unrecht hatte, was Euer Gewiſſen beurtheilen mag, bei dieſem Streit beging der Papſt die Ungeſchicklichkeit, mir zu ſagen, wenn die geiſtlichen Waffen nicht genügten, ſo würde er ſeine Zuflucht zu den weltlichen nehmen... Ihr ſeht mich noch ganz ärgerlich hierüber.“ 3 Die Franzoſen, bei denen, wie es ſcheint, ſchon im vierzehnten Jahrhundert die Soldaten des Papſtes in ſehr ſchlechtem Rufe ſtanden, beſchränkten ſich darauf, — 42 daß ſie mit einem gewaltigen Gelächter die kleine Rede von Duguesclin erwiederten. „Gut!“ ſagte der Connetable,„dieſe werden ihn ausziſchen, und das Ziſchen iſt heut zu Tage ein unan⸗ genehmes Geräuſch. Nun zu meinen Bretagnern, bei denen es etwas ſchwieriger ſein wird.“ Die Bretagner, und beſonders die Bretagner jener Zeit, aſcetiſch gottesfürchtige Leute, konnten allerdings Furcht haben, ſich mit dem heiligen Vater zu entzweien. Um ſie gleich von Anfang zu ſeinen Gunſten zu ſtimmen, trat auch Duguesclin mit einem völlig ver⸗ ſtörten Geſichte bei ihnen ein. Seine Soldaten beteten ihn nicht nur als ihren Landsmann, ſondern auch als ihren Vater an, denn es war keiner unter ihnen, der den Connetable nicht perſönlich durch einige Dienſte kannte, und viele waren ſogar von ihm aus der Gefan⸗ genſchaft, vom Tod oder von der Armuth errettet worden. Bei dem Anblick dieſes Geſichtes, das, wie geſagt, eine tiefe Beſtürzung andeutete, drängten ſich die Kin⸗ der der alten Armorieca um ihren Helden. „Ohl meine Kinder,“ rief Dugueselin,„Ihr ſeht mich in Verzweiflung. Solltet Ihr glauben, daß der Papſt nicht nur bei ſeinem Kirchenbann gegen die gro⸗ ßen Compagnien beharrt, ſondern daß er ihn ſogar auf diejenigen ausdehnt, welche ſich mit ihnen verbinden, um den Tod der Schwägerin unſeres guten König Karl zu rächen, ſo daß wir, würdige und rechtſchaffene Chri⸗ ſten, ungläubige Hunde, Wölfe geworden ſind, auf die Jedermann Jagd machen kann. Der Papſt iſt bei mei⸗ ner Seele ein Narr.“ Die Bretagner ließen ein langes Gemurre ver⸗ nehmen. „Man muß auch ſagen,“ fuhr Bertrand Duguesclin fort,„er iſt ganz und gar ſchlecht berathen. Von wem? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er uns mit ſei⸗ nen italieniſchen Rittern bedroht, und daß er ſich in dieſem Augenblick beſchäftigt, womit? ſolltet Ihr es N Mͤ——phj 88 43 wohl vermuthen? ſie mit Indulgenzen zu überhäufen, damit ſie uns bekämpfen.“ Die Bretagner brüllten.. „Und was verlangte ich von unſerem heiligen Vater? Das Recht, die katholiſche Communion und ein chriſt⸗ liches Begräbniß zu erhalten. Das iſt doch das We⸗ nigſte für Leute, welche die Ungläubigen bekämpfen wollen. So ſteht es nun mit uns, meine Kinder. Ich habe ihn hierüber verlaſſen. Was Eure Anſicht iſt, weiß ich nicht, ich halte mich für einen eben ſo guten Chriſten als irgend Jemand, doch ich erkläre, wenn unſer heiliger Vater Urban V. den irdiſchen König gegen uns machen will, ſo werden wir wiſſen, was wir zu thun haben; wir können uns doch nicht von dieſen Päpſt⸗ lern ſchlagen laſſen!“ Die Bretagner ſprangen bei dieſen Worten mit einer ſolchen Wuth auf, daß Duguesclin ſie zu be⸗ ſchwichtigen genöthigt war. Gerade in dieſem Augenblick erſchien der Legat, der über die Brücke von Bénézet geritten war, in dem erſten Umkreiſe des Lagers. Er lächelte vor Gottſeligkeit. Die Engländer liefen an die Palliſaden, um ihn zu ſehen, kreuzten die Arme mit frechem Phlegma und ſagten: „Ohol was will dieſes Maulthier von uns?“ Der Sacriſtan erbleichte vor Zorn bei dieſer Be⸗ leidigung, dennoch aber nahm er jenen den Mit⸗ gliedern der Kirche eigenthümlichen väterlichen Ton an und ſprach: „Dieſer iſt der Legat Seiner Heiligkeit.“ „Oh!“ machten die Engländer,„wo ſind die Geld⸗ ſäcke? Iſt Dein Maulthier ſtark genug, um ſie zu tra⸗ gen? Zeige uns das ein wenig, laß ſehen.“ „Geld! Geld!“ riefen die Andern einſtimmig. Erſtaunt über dieſen Empfang, den er entfernt 44 nicht erwartet hatte, ſchaute der Legat den Sastriſtan an, der ſich vor Schrecken bekreuzte. und ſie ſetzten ihren Weg durch die Reihen der Soldaten fort, welche unabläſſig wiederholten: „Geld! Geld! Geld!“ Nicht ein Anführer zeigte ſich; vorher von Duguesclin benachrichtigt, hatte ſich Jeder in ſein Zelt zurückgezogen. Die zwei Geſandten kamen durch die erſte Linie, welche, wie geſagt, engliſch war, und drangen in das Lager der Franzoſen, die bei dem Anblick des Legaten dieſem entgegenſtürzten. Der Legat glaubte, dies geſchehe, um ihm Chre zu erweiſen, und fing an ſich in die Bruſt zu werfen, als er, ſtatt der demüthigen Begrüßung, die er er⸗ wartete, von allen Seiten ſchallendes Gelächter hörte. „Eil guten Morgen, Herr Legat!“ rief der Soldat, der im vierzehnten Jahrhundert ſchon ſo ſpöttiſch war, als er es in unſern Tagen iſt,„ſchickt Euch Seine Heiligkeit zufällig als ein Muſter ſeiner Cavalerie zu uns?“ „Gedenkt,“ ſagte ein Anderer,„gedenkt uns der heilige Vater mit dem Kinnbacken des Maulthieres ſeines Botſchafters über die Klinge ſpringen zu laſſen 2⸗ 3 Und während ſie mit Gerten gewaltig auf das Thier des Botſchafters ſchlugen, lachten und ſpotteten ſie ſo geräuſchvoll und ſo anhaltend, daß ſie dem Le⸗ gaten damit mehr wehe thaten, als die Engländer mit ihren Geldforderungen. Dieſe hatten ihn indeſſen nicht gänzlich verlaſſen, und einige folgten ihm und riefen mit der ganzen Macht ihrer Lungen: „Money! Money!“ Der Legat ritt ſo ſchnell er konnte durch die zweite Linie. Dann kam die Reihe an die Bretagner; doch dieſe ſcherzten weniger als die Andern. Sie gingen dem Le⸗ gaten entgegen, die Augen funkelnd und ihre großen Fäuſte geballt, und riefen mit ihren furchtbaren Stimmen: 45 „Abſolution! Abſolution!“ Undzwar dergeſtalt, daß es nach Verlauf einer Viertel⸗ ſtunde dem Legaten unmöglich war, irgend etwas unter allen dieſen verſchiedenen Schreien, unter dieſem furcht⸗ baren, dem der wüthenden Wellen, des rollenden Donners, des pfeifenden Nordoſtwinds und der krachend ans Ufer zurückgeworfenen Strandſteine ähnlichen Lärmen zu hören. Der Sacriſtan verlor allmälig ſeine Sicherheit und zitterte an allen Gliedern. Laͤngſt floß der Schweiß von der Stirne des Legaten, längſt klapperten ſeine Zähne. Immer mehr erbleichend, fing der Legat an, die Kräfte ſeines Maulthieres, auf deſſen Kreuz mehr als ein Franzoſe auf dem Wege geſprungen war, ungenügend zu finden, und er fragte mit ſchüchternem Tone: „Die Anführer, meine Herren, wo ſind die Anfüh⸗ rer? Wer würde die Güte haben, mich zu den An⸗ führern zu geleiten?“ Nun erſt, da er dieſe klägliche Stimme hörte, hielt es Dugueselin für geeignet, ins Mittel zu treten. Er drang durch die Menge mit ſeinen mächtigen Schultern, welche die Menſchen um ihn her wogen machten, wie die Bruſt des Büffels das Gras der Savannen und die Rohre der pontiniſchen Sümpfe wogen macht. „Ah! ah!“ ſagte er,„Ihr ſeid es, Herr Legat, ein Abgeſandter unſeres heiligen Vaters; großer Gott! welch ein Glück für Excommunicirte! Zurück, Sol⸗ daten! zurück! Ah! Herr Legat, wollt doch die Güte haben, in mein Zelt einzutreten. Meine Herren,“ rief er mit einer ſehr wenig zornigen Stimme,„ich bitte Euch, achtet den Herrn Legaten, er bringt uns ohne Zweifel eine gute Antwort von Seiner Heiligkeit. Herr Legat, wollt meine Hand nehmen, damit ich Euch von Eurem Maulthier abſteigen helfe. So, gut! ſeid Ihr ſchon auf dem Boden? Gut, kommt nun.“ Der Legat hatte ſich das in der That nicht zweimal 46 ſagen laſſen; er griff nach der kräftigen Hand, die ihm der bretagniſche Ritter bot, ſprang zu Boden und durch⸗ ſchritt die Menge der Soldaten der drei Nationen, welche herbeigelaufen waren, um ihn zu ſehen, mitten unter den komiſchen Geberden, dem Achſelzucken, dem Gelächter und den Commentaren, wobei ſich die Haare auf dem Haupte des Sacriſtans ſträubten, obgleich er die Gabe der Sprachen nicht hatte, ſo ſehr erſetzte bei den Ungläubigen die ausdrucksvolle Geberde das Wort. „Welche Geſellſchaft!“ murmelte die Kirchenratte, „welche Geſellſchaft!“ Sobald Bertrand Dugueselin in ſeinem Zelte war, machte er tiefe Verbeugungen vor dem Legaten und bat ihn für ſeine Soldaten mit Worten um Verzeihung, welche dem traurigen Botſchafter wieder etwas Muth verliehen. Der Legat, der ſich nun gleichſam außer Gefahr und unter den Schutz der Ehre des Connetable geſtellt ſah, rief ſeine ganze Würde zu Hülfe und begann eine Rede, deren Sinn war: Der Papſt habe zwar zuweilen Abſolution für die Rebellen, aber Geld für Niemand. Die andern Perſonen, welche nach dem Rathe von Dugueselin allmälig herbeigekommen und eine nach der andern eingetreten waren, höoͤrten dieſe Antwort und verbargen dem Legaten nicht, daß ſie nur ſehr wenig damit zufrieden waren. „Herr Legat,“ ſagte Duguesclin,„ich fange an zu glauben, daß wir aus unſeren Soldaten nie werden ehrliche Leute machen können.“ „Nun!“ ſprach der Legat,„der Gedanke an die ewige Verdammniß, zu der ſie mit einem Wort ſo viele Seelen verurtheilte, hat Seine Heiligkeit gerührt, in Betracht, daß ſich unter dieſen Seelen einzelne finden können, welche minder ſchuldig ſind als die andern, oder aufrichtig bereuen. Seine Heiligkeit wird dem zu Folge ein Wunder der Milde und Güte thun.“ 47 „Ahl ah!“ riefen die Anführer,„und welches denn? Laßt ein wenig das Wunder hören.“. „Seine Heiligkeit wird das Wunder bewilligen, nach dem Ihr Euch ſo ſehr ſehnt,“ erwiederte der Legat. „Und hernach?“ fragte Bertrand. „Eil iſt denn das nicht Alles?“ entgegnete der Legat, der Seine Heiligkeit von nichts Anderem hatte ſprechen hören. „Nein, nein,“ ſagte Bertrand,„es fehlt ſogar noch viel. Es handelt ſich auch noch um Geld.“ „Davon hat der Papſt nicht mit mir geſprochen, und dieſe Frage iſt mir völlig fremd,“ erwiederte der Legat. „ Ich glaubte, die Engländer hätten es mit zwei Worten gegen Euch berührt,“ verſetzte der Connetable. „Ich habe ſie: Money! Money! rufen hören, und das bedeutet: Geld! Geld!“ „Der heilige Vater hat keines. Die Kaſſen ſind leer.“ Dugueselin wandte ſich gegen die Anführer um, als wollte er ſie fragen, ob dieſe Antwort genügend ſei. Die Anführer zuckten mitleidig die Achſeln. „Was ſagen dieſe Herren?“ fragte der Legat ſehr unruhig. „Sie ſagen, der heilige Vater brauche es nur zu machen, wie ſie es machen, wenn ihre Kaſſen leer ſind.“ 8 „Und wie machen ſie es? „Sie füllen ſie,“ ſprach Duguesclin und ſtand auf. Der Legat begriff, daß die Audienz beendigt war. Eine leichte Röthe war auf die gebräunten Backen⸗ knochen des Connetable getreten. Der Legat beſtieg ſein Maulthier und ſchickte ſich an, in Geſellſchaft ſeines immer mehr erſchrockenen Sacriſtans nach Avignon zurückzukehren. „Wartet, wartet,“ ſagte Duguesclin;„wartet, Monſeigneur! Geht nicht ſo allein; Ihr kuͤnntet unter 48 Weges angegriffen werden, und das wäre mir, bei Gott! ärgerlich.“ Der Legat machte eine ungeſtüme Bewegung, welche dafür zeugte, daß, wenn Dugueselin nicht an ſeine Worte glaubte, er an die Worte von Dugueselin glaubte. An der Seite des Maulthieres einhergehend, das der Sacriſtan am Zügel führte, geleitete der Connetable in der That den Legaten bis an die Grenzen des Lagers zurück, ohne ſelbſt etwas zu ſagen, jedoch gefolgt von ſo beredtem Beben, von ſo ſchrecklichem Waffengeklirre und ſo bedrohlichen Verwünſchungen, daß der Abgang, obſchon durch den Connetable beſchützt, dem armen Le⸗ gaten noch viel furchtbarer vorkam, als die Ankunft. Er gab auch, ſobald, er außerhalb des Lagers war, ſeinem Maulthier die Ferſe, als befürchtete er, man könnte ihn wieder einholen wollen. A Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Wie Seine Heiligkeit der Papſt Urban V. ſich endlich entſchloß, den Kreuzzug zu bezahlen und die Kreuz⸗ fahrer zu ſegnen. Der unglückliche Flüchtling war noch nicht nach Apvignon zurückgekehrt, als Dugueselin, der ſeine Trup⸗ ſen noch weiter vorſchob, vollends den furchtbaren Kreis ſchloß, der Urban V., als er ihn von ſeiner Terraſſe herab ſich bilden ſah, ſo ſehr erſchreckt hatte. Bei dieſer Bewegung wurden Villeneuve la Beguide und Gervaſy deen Eindruck nicht, den er empfangen hatte 5 Der Baſtard von Mauleon. II. 4 49 ohne irgend einen Widerſtand genommen, obgleich in Villenenve eine Garniſon von fünf⸗ bis ſechshundert Mann lag. Der Connetable hatte Hugo von Caverley beauf⸗ tragt, die Bewegung zu bewerkſtelligen und ſich in dieſen Städten einzuquartieren. Er kannte ihre Art und Weiſe, wie ſie ihr Lager bereiteten, und zweifelte nicht an dem Eindruck, den dieſer Anfang des Feldzugs auf die Einwohner von Avignon hervorbringen würde. Dieſe Einwohner von Avignon konnten in der That ſchon an demſelben Abend von ihren Mauern herab große Feuer brennen ſehen, die ſich zuweilen nur mit Mühe entzündeten, am Ende aber immer flammten, daß es wunderbar anzuſchauen war. Allmälig, als ſie ſich orientirten, und die Punkte, wo die Flammen ſichtbar, genau erkannten, bemerkten ſie, daß ihre Häuſer brannten und daß ihre Oelbäume dabei als Schwefelhölzchen dienten. Zu gleicher Zeit vertauſchten die Engländer ihre Weine von Chalons, Thorins und Beaune, deren Ueber⸗ reſte ſie noch genoſſen, gegen die von Riveſaltes, Her⸗ mitage und Saint⸗Peray, die ihnen wärmer und ſüßer vorkamen. Bei dem Schimmer aller dieſer Feuer, welche die Stadt einſchloſſen und die Engländer bei ihren nächt⸗ lichen Vorbereitungen beleuchteten, verſammelte der Papſt ſeinen Rath. Die Cardinäle waren ihrer Gewohnheit nach und mehr noch als gewöhnlich getheilt. Viele waren für eine Verdoppelung der Strenge, welche nicht nur unter den Abenteurern, ſondern auch in Frankreich einen heilſamen Schrecken verbreiten ſollte. Aber der Herr Legat, in deſſen Ohren noch das verſchiedenartige Geſchrei des ercommunicirten Heeres erſcholl, verbarg Seiner Heiligkeit und ihrem Rathe . * 50 Der Sacriſtan erzählte ſeinerſeits in den Küchen des Papſtes von den Gefahren, denen er in Geſellſchaft des Herrn Legaten preisgegeben geweſen, und denen ſie Beide nur durch ihre heldenmäßige Haltung, welche den Engländern, den Franzoſen und den Bretagnern impo⸗ nirt habe, entgangen ſeien. Während die Köche dem Muthe des Sacriſtans ihren Beifall zollten, hörten die Cardinäle die Erzäh⸗ lung des Legaten an. „Ich bin bereit,“ ſagte dieſer,„mein Leben für den Dienſt unſeres heiligen Vaters hinzugeben, denn ich erkläre, daß ich es ſchon zum Opfer gebracht hatte, inſofern es nie ſo ſehr ausgeſetzt geweſen war, als bei unſerer Geſandtſchaft im Lager. Ich ſage auch gerade heraus, daß ich ohne einen ausdrücklichen Befehl Seiner Heiligkeit, die mich dann zum Märtyrthum ſchickte, ein Märtyrthum, dem ich mit Freuden entgegen ginge, wenn ich denken könnte(doch ich denke dies nicht), der Glaube dürfte dadurch irgend eine Aneiferung er⸗ halten, nicht zu dieſen Wüthenden zurückkehren würde, ohne ihnen Alles zu überbringen, was ſie verlangen.“ „Man wird ſehen, man wird ſehen!“ ſagte der Papſt ſehr bewegt und beſonders ſehr unruhig. „Eure Heiligkeit,“ entgegnete einer von den Car⸗ dinälen,„wir ſehen ſchon und zwar ſehr gut.“ „Was ſehen wir?“ fragte Urban. „Wir ſehen ein Dutzend Landhäuſer brennen, worunter ich das meinige vollkommen unterſcheide. Ei! ſchaut doch, heiliger Vater, gerade in dieſem Augenblick ſtürzt das Dach ein.“ „Es iſt nicht zu leugnen,“ ſagte Urban,„die Um⸗ ſtände ſcheinen mir ſehr dringlich zu ſein.“ „Und mir vollends, heiliger Vater, mir, der ich in meinen Kellern die Weinleſe von ſechs Jahren habe. Man ſagt, die Ungläubigen nehmen ſich nicht einmal die Zeit, das Faß anzuzapfen, ſondern ſie ſchlagen nur den Boden ein.“ 3 51 „Ich,“ ſprach ein Dritter,„deſſen Baſtide ſich der Lauf der Flammen unmerklich näherte„ich bin der An⸗ ſicht, daß man einen Geſandten an den Connetable abſchicke, um ihn im Namen der Kirche zu bitten, er möge ſogleich die Verheerungen einſtellen laſſen, welche die Soldaten auf unſern Gütern anrichten.“ „Wollt Ihr dieſe Sendung übernehmen, mein Sohn?“ fragte der Papſt. „Ich würde es mit großem Vergnügeu thun, Cure Heiligkeit, doch ich bin ein ſehr ſchlechter Redner, und dann wäre es, da mich der Connetable nicht kennt, glaube ich, beſſer, ihm ein Geſicht zu ſchicken, das er ſchon geſehen hat.“ Der Papſt wandte ſich an den Legaten. „Ich verlange nur ſo viel Zeit, als ich brauche, um mein in manus zu ſprechen,“ erwiederte dieſer. „Das iſt billig,“ ſagte der Papſt. „Doch beeilt Euch!“ rief der Cardinal, deſſen Haus zu brennen anfing. Der Legat ſtand auf, machte das Zeichen des Kreu⸗ zes und ſagte: „Ich bin bereit, dem Märtyrthum entgegen zu gehen.“ „Ich ſegne Euch,“ ſprach der Papſt. „Doch, was ſoll ich ihnen ſagen?“ „Sie ſollen das Feuer löſchen, und ich werde mei⸗ nen Zorn löſchen; ſie ſollen zu brennen aufhören, und ich werde zu verfluchen aufhören.“ Der Legat ſchüttelte den Kopf, wie ein Menſch, der ſehr an dem Erfolg ſeiner Sendung zweifelt; aber er ließ nichtsdeſtoweniger ſeinen getreuen Sacriſtan rufen, welcher kaum die Erzählung ſeiner Iliade be⸗ endigt hatte, als er zu ſeinem großen Schrecken ſeige Odyſſee unternehmen ſollte. Beide gingen auf dieſelbe Weiſe wie das erſte Mal ab. Der Papſt wollte ihnen ein Geleite von Papſtlern geben, aber die Päpſtler weigerten ſich ge⸗ 52 radezu und erwiederten, ſie ſeien in den Dienſt Seiner Heiligkeit getreten, um Strümpfe zu ſtricken, wenn ſie die Wache bezögen, und nicht, um mit Excommunicirten zu ſtreiten. Der Legat war alſo genöthigt, ohne ſie aufzubre⸗ chen, und dies war ihm beinahe eben ſo lieb. Allein mit dem Sacriſtan, konnte er wenigſtens auf ſeine Schwäche rechnen. Diesmal machte der Legat, als er dem Lager nahe kam, ein freudiges Geſicht; er hatte einen ganzen Oel⸗ baum abgeriſſen, den er als Sinnbild des Friedens be⸗ nützen wollte, und rief, ſobald er die Engländer aus weiter Ferne erblickte: „Gute Nachrichten! gute Nachrichten!“ So daß ihn die Engländer, welche die Sprache nicht verſtanden, aber wohl ſeine Geberden begriffen, nicht zu ſchlimm empfingen; daß die Franzoſen, welche ihn vollkommen verſtanden, warteten, und daß die Bre⸗ tagner, welche ungefähr verſtanden, ſich auf dem Weg vor ihm verbeugten. Die Rückkehr des Legaten in das Lager glich nun inſofern beinahe einem Triumph, als man mit unend⸗ lich viel gutem Willen die Brände für Freudenfeuer halten konnte. Als er aber Duguesclin verkündigen mußte, er komme zurück, ohne etwas Anderes zu bringen, als das, was er bei ſeiner erſten Erſcheinung verſprochen hatte, nämlich die Vergebung, da entledigte ſich der arme Legat ſeiner Botſchaft mit Thränen in den Augen. Um ſo mehr, als ihn Dugueseclin, nachdem er ge⸗ endigt hatte, mit einer Miene anſchaute, welche ſagen wollte: „Und Ihr habt es gewagt, zurückzukommen, um mir einen ſolchen Vorſchlag zu machen?“ Der Legat rief auch, ohne zu zögern: „Rettet mir das Leben, Herr Connetable, rettet mir das Leben! denn wenn Eure Soldaten erfahren, 5 4 53 daß ich, der ich ihnen gute Nachrichten verkündigt habe, mit leeren Händen zurückkomme, ſo werden ſie mich ſicherlich tödten.“ 1 „Hm!“ machte Duguesclin,„ich möchte nicht nein ſagen, Monſeigneur.“ 1 3 „Ach! ach!“ ſprach der Legat,„ich ſagte es Sei⸗ ner Heiligkeit zum Voraus, ſie ſchicke mich dem Mär⸗ tyrthum entgegen.“ „Ich geſtehe Euch,“ ſprach der Connetable,„das ſind keine Menſchen, ſondern Wehrwölfe. Der Kir⸗ chenbann hat eine Wirkung auf ſie hervorgebracht, die mich ſelbſt in Erſtaunen ſetzt. Ich glaubte, ſie hätten eine zähere Haut, und in der That, wenn nicht Jeder von ihnen morgen zwei bis drei Goldthaler auf die Brand⸗ wunde legen kann, die ihm der Blitz gemacht hat, ſo ſtehe ich für nichts, und ſie ſind morgen im Stande, Avignon zu verbrennen, und in Avignon, ich bebe, es zu ſagen, die Cardinäle, und mit den Cardinälen, ich ſchaudere darob, den Papſt ſelbſt.“ „Doch ich,“ entgegnete der Legat,„Ihr begreift, Herr Connetable, daß ich ihnen dieſe Antwort bringen muß, damit ſie einen Entſchluß faſſen, der ſo großem Unglück zuvorkommt, und damit ſie dieſe Antwort er⸗ fahren und dieſen Entſchluß faſſen, muß ich nothwen⸗ dig unverſehrt zu ihnen gelangen.“ 1 „Würdet Ihr ein wenig geſchunden ankommen, ſo wäre meiner Anſicht nach die Wirkung nur um ſo groͤßer,“ ſagte Dugueselin.„Aber,“ fügte er ſchleu⸗ nigſt bei,„wir wollen Seine Heiligkeit nicht durch Ge⸗ walt zwingen, ihr Entſchluß ſoll der Ausdruck ihres freien Willens ſein; ich werde Euch alſo ſelbſt zurück⸗ führen, wie ich es das erſte Mal gethan habe, und Euch ſuſorihener Sicherheit durch eine Hinterthüre hinaus⸗ aſſen.“ „Ah! Sire Connetable,“ ſagte der Legat,„ſo iſt es gut! Ihr ſeid ein wahrer Chriſt.“ 3 Duguesclin hielt ſein Wort. Der Legat verließ 54 das Lager unverſehrt; doch hinter ihm begann die einen Augenblick durch die Ankündigung guler Nach⸗ uchten unterbrochene Plünderung wieder mit erneuerter uth. Das war natürlich, die Täuſchung hatte den Zorn verdoppelt. Die Weine wurden getrunken, die Geräthſchaften wurden weggeſchleppt, das Futter in den Wind geſtreut. Ddie Einwohner von Avignon ſahen von ihren Mauern herab, denn die Muthigſten wagten es nicht, die Stadt zu verlaſſen, wie ſie völlig geplündert und zu Grunde gerichtet wurden. Die Cardinäle lamentirten. Der Papſt ließ hundert tauſend Thaler antragen. „Bringt ſie immerhin, und wir werden hernach ſehen,“ antwortete Dugueselin. 3 Der Papſt verſammelte ſeinen Rath und ſprach mit einem tiefen Schmerz, der ſich in ſeinen Zügen aus⸗ prägte: „Meine Söhne, wir müſſen zu dem Opfer ein⸗ willigen.“ „Ja!“ riefen die Cardinäle einſtimmig,„und wie Ezechiel ſagt, der Feind hat unſer Land überzogen, er hat unſere Städte mit Feuer und Schwert heimge⸗ ſucht und unſere Frauen und Töchter geſchändet.“ „Opfern wir uns alſo,“ ſprach Urban V. Und ſchon hielt ſich der Schatzmeiſter bereit, auf Befehl die Kaſſen zu unterſuchen. „Sie verlangen hundert tauſend Thaler,“ ſagte der Papſt. „Man muß ſie ihnen geben,“ ſprachen die Car⸗ dinäle. „Ach! ja,“ machte Seine Heiligkeit. Und ſeine Augen zum Himmel aufſchlagend, ſeufzte er tief. Dann rief er: „Angelo!“ 8 Der Schatzmeiſter verbeugte ſich. „Angelo,“ fuhr der Pabſt fort,„Ihr laßt in der Stadt verkündigen, ich ſchlage eine Steuer von hundert tauſend Thalern,— Ihr ſagt Anfangs nicht ob Gold⸗ thaler oder Silberthaler, das wird ſich ſpäter aufklären, — ich ſchlage eine Steuer von hundert tauſend Tha⸗ lern auf das arme Volk.“ Eine Steuer auf Jemand ſchlagen war vielleicht nicht gerade der Ausdruck in Frankreich, aber er ſchien ſehr römiſch zu ſein, da der Schatzmeiſter keine Bemer⸗ kung machte. „Beklagt man ſich,“ fügte der Papſt bei,„ſo ſagt Ihr das, wovon Ihr Zeuge geweſen ſeid: daß nämlich weder meine Gebete, noch die meiner Cardinäle mein vielgeliebtes Volk vor der für mein Herz ſo ſchmerz⸗ lichen Nothwendigkeit haben bewahren köͤnnen.“ Die Cardinäle und der Schatzmeiſter ſchauten den Papſt voll Bewunderung an. „In der That,“ ſagte der Papſt,„dieſe armen Leute ſind noch ſehr glücklich, daß ſie um einen ſo ge⸗ ringen Preis ihre Güter und ihre Häuſer loskaufen. Aber wahrhaftig,“ fügte er, Thränen in den Augen, bei, „nichts iſt ſo traurig für einen Fürſten, als ſo das Geld ſeiner Unterthanen hingeben zu müſſen.“ „Das Enrer Heiligkeit bei jeder andern Veran⸗ laſſung ſo nützlich geweſen wäre.“ „Nun, Gott will es!“ rief der Papſt. Und die Steuer wurde unter vielem Gemurre, als man hörte es ſeien Silberthaler, und mit nicht gerin⸗ gem Widerſtand erhoben, da man erfuhr, es ſeien Gold⸗ thaler gemeint. „Nun nahm Seine Heiligkeit ihre Zuflucht zu ihren Soldaten, und da ſie es nicht mit Ercommunieirten, ſondern mit guten Chriſten zu thun hatten, ſo legten ſie ihre Stricknadeln nieder und ergriffen ihre Piken auf eine ſo martialiſche Weiſe, daß die Einwohner von Avignon ſogleich zu ihrer Pflicht zurückkehrten. 56 Bei Tagesanbruch zog der Legat, diesmal nicht mehr mit ſeinem Maulthier, ſondern mit zehn reich ge⸗ ſchirrten Pferden nach dem Lager der Excommunicirten. Die Soldaten ſtießen bei dieſem Anblick Freuden⸗ ſchreie aus, welche indeſſen auf den Legaten einen min⸗ der günſtigen Eindruck machten, als ihre Verwünſchun⸗ gen einen ärgerlichen gemacht hatten. Doch ſtatt Bertrand, wie er erwartete, entzückt über dieſen greifbaren und klingenden Beweis der Nachgiebig⸗ keit des heiligen Stuhles zu finden, war er ganz erſtaunt, als er ihn höchſt mürriſch fand und ſah, wie er ein kürz⸗ lich erſt entſiegeltes Pergament zwiſchen ſeinen Händen hin und her drehte. „Oh!“ ſagte der Connetable, den Kopf ſchüttelnd, „das iſt ein ſchönes Geld, was Ihr mir da bringt, Herr Legat!“ „Nicht wahr?“ verſetzte der Botſchafter, der ſich einbildete, Geld ſei Geld, und folglich immer gut. „Ja,“ fuhr Dugueselin fort,„doch ich habe ein Bedenken; woher kommt dieſes Geld?“ „Von Seiner Heiligkeit, da es Euch Seine Hei⸗ ligkeit ſchickt.“ „Sehr gut! doch wer hat es geliefert?“ „Bei Gott! Seine Heiligkeit, denke ich.“ f„Verzeiht, Herr Legat, ein Geiſtlicher ſoll nicht ügen.“ „Ich bin aber Zeuge...“ ſprach der Legat. „Leſet dieſes,“ ſagte Duguesclin und reichte dem Legaten das Pergament, das er zwiſchen ſeinen Fingern auf und abrollte. Der Legat nahm das Pergament und las: „Iſt es die Abſicht des edlen Ritters Duguesclin, daß eine unſchuldige, ſchon von ihrem Fürſten mit Er⸗ preſſungen heimgeſuchte Stadt, daß arme, halb zu Grunde gerichtete Bürger und Hungers ſterbende Handwerks⸗ leute ſich ihres letzten Stückes Brod berauben, um einen Krieg der Laune zu bezahlen? Dieſe Frage wird im Namen der Menſchheit an den rechtſchaffenſten der chriſt⸗ lichen Ritter von der armen Stadt Avignon gemacht, welche mit ihrem Blute hunderttauſend Goldthaler ge⸗ ſchwitzt hat, während Seine Heiligkeit in den Gewölben ihres Schloſſes zwei Millionen Thaler aufbewahrt, die Schätze von Rom nicht zu rechnen.“ „Nun?“ fragte Bertrand ganz zornig, nachdem der Legat bis zu Ende geleſen hatte. „Ah!“ ſprach der Legat,„Seine Heiligkeit muß hintergangen worden ſein.“ „Was man mir da von vergrabenen Reichthümern ſagt, iſt alſo wahr?⸗ „Man behauptet es.“ „So nehmt dieſes Geld zurück, Herr Legat,“ ſagte der Connetable;„nicht das Brod des Armen wollen Leute haben, welche die Sache Gottes vertheidigen, ſon⸗ dern den Ueberfluß des Reichen. Hört alſo wohl, was der Ritter Bertrand Duguesclin, Connetable von Frank⸗ reich, zu Euch ſpricht: Wenn die zweimal hunderttau⸗ ſend Thaler des Papſtes und der Cardinäle nicht vor heute Abend hier ſind, ſo verbrenne ich heute Nacht nicht nur die Vorſtädte, nicht nur die Stadt, ſondern den Palaſt und mit dem Palaſt die Cardinäle und mit den Cardinälen den Papſt, ſo daß vom Papſt, den Car⸗ dinälen und dem Palaſt morgen früh keine Spur mehr übrig ſein wird. Geht, Herr Legat!“ Dieſe edlen Worte wurden von den Soldaten, den Officieren und den Anführern mit einer Beifalls⸗ ſalve aufgenommen, welche dem Legaten keinen Zweifel über die Einhelligkeit der Meinungen ließ, ſo daß der Botſchafter, mitten unter dieſen geräuſchvollen Ausru⸗ fungen daſſelbe Stillſchweigen beobachtend, mit ſeinen bedenen Pferden wieder den Weg nach Avignon ein⸗ hlug. „Kinder,“ ſprach der Connetable zu denjenigen von 4 58 ſeinen Soldaten, welche, zu weit entfernt, nichts gehört hatten und ſich über den Beifallsruf ihrer Kameraden wunderten,„dieſes arme Volk hatte uns nur hundert tauſend Thaler zu geben; das iſt zu wenig, da es ge⸗ rade nur ſo viel iſt, als ich Euren Führern verſprochen Baße„Der Papſt wird uns zweimal hundert tauſend geben. Drei Stunden nachher kamen in der That zwanzig Pferde, die ſich unter der Laſt bogen, um nicht mehr herauszukommen, in das Lager von Dugueselin, und der Legat, nachdem er drei Geldhaufen, den einen be⸗ ſtehend aus hunderttauſend Thalern und die zwei an⸗ dern jeden aus fünzig gemacht hatte, fügte dieſem den päpſtlichen Segen bei, den die Abenteurer, gute Teufel, wenn man ihrem Verlangen nachgab, durch den Wunſch jeglicher Wohlfahrt erwiederten. Als ſodann der Legat wieder abgezogen war, ſprach Dugueselin zu Hugo von Caverley, zu Claude dem Schinder und zum Grünen Ritter: „Ordnen wir unſere Rechnungen.“ „Ordnen wir ſie,“ ſagten die Abenteurer. „Ich bin Euch fünfzigtauſend Goldthaler, zu einem Thaler für den Soldaten, ſchuldig. Iſt dies ſo verabredet? 1 „Es iſt ſo.“ Bertrand griff den größten Haufen an und ſagte: „Hier ſind fünfzigtauſend Goldthaler.“ Die Abenteurer zählten das Geld nach Bertrand Duguesclin, nach dem ſchon im vierzehnten Jahrhundert in Kraft ſtehenden Sprüchwort: „Es iſt der Mühe werth, das Geld zweimal zu zählen.“ „Gut!“ ſagten ſie,„das iſt der Antheil der Soldaten, gehen wir nun zu dem der Offtciere über.“ Bertrand nahm von demſelben Haufen zwanzig tauſend Thaler. „Viertauſend Officiere,“ ſagte er,„zu fünf Thaler —— — 8BNNI 59 für den Officier, macht zwanzigtauſend Thaler. Iſt dies ſo?“ Die Anführer ſetzten die Haufen in Stöße. „Es iſt ſo,“ ſagten ſie nach Kurzem.. „Gut,“ ſprach Duguesclin,„es bleiben die Führer.“ „Ja, es bleiben die Führer,“ ſagte Caverley, in⸗ dem er wie ein freudig angelockter Menſch mit ſeiner Zunge über ſeine Lippen fuhr. „Zehn Anführer alſo, zu dreitauſend Thaler Jeder, nicht wahr?“ „Das iſt die verabredete Summe.“ „Hier ſind dreißig tauſend Thaler,“ ſprach Bertrand, indem er auf den Geldhaufen deutete, der ſich um mehr als zwei Drittel vermindert hatte. „Die Rechnung iſt in Ordnung,“ riefen die Aben⸗ teurer,„es iſt nichts dagegen zu ſagen.“ „Ihr habt alſo keine Einwendung mehr gegen das Beginnen des Feldzugs zu machen?“ fragte Bertrand. „Keine, und wir ſind bereit,“ erwiederte Caverley. „Abgeſehen jedoch von dem Eid des Gehorſams, den wir dem Prinzen von Wales geleiſtet haben.“ „Ja,“ entgegnete Bertrand,„doch dieſer Eid geht nur die engliſchen Unterthanen an.“ „Einverſtanden,“ ſagte der Kapitän. „Das iſt alſo abgemacht?“ „Wir ſind zufrieden. Aber...“ „Aber, was?“ fragte Dugueselin. „Die weiteren hunderttauſend Thaler?“ „Ihr ſeid zu vorſichtige Kapitäne, um nicht zu be⸗ greifen, daß eine Armee, welche ins Feld zieht, einen Geldvorrath braucht.“ „Ganz gewiß,“ ſprach Caverley. „Nun wohl! fünfzigtauſend Thaler ſind für die allgemeine Kaſſe beſtimmt.“ „Gut,“ ſagte Caverley zu ſeinen Gefährten,„ich 2 60 begreife. Und die weiteren fünfzigtauſend Thaler für die Privatkaſſe. Teufel! welch ein geſchickter Mann 4 „Kommt, mein Kaplan,“ fügte Bertrand bei,„wir wollen mit einander ein kleines Sendſchreiben für unſern guten Herrn den König von Frankreich abfaſſen, für den ich die fünfzigtauſend Thaler, die mir noch bleiben, beſtimme.“ 1 „Ahl“ machte Caverley,„das iſt wahrhaftig ſchön; ich würde nicht ſo viel thun, nicht einmal für Seine Hoheit, den Prinzen von Wales.“ Vierundzmanzigſtes Kapitel. — Wie Meſſtre Hugo von Caverley beinahe hundert⸗ tauſend Thaler gewonnen hätte. Man erinnert ſich, daß wir nach der Scene im Garten Aiſſa nach dem Hauſe ihres Vaters zurück⸗ kehren ließen, während Agenor jenſeits der Mauer ver⸗ ſchwand. Muſaron begriff, daß ſeinen Herrn nichts mehr in Bordeaur zurückhielt; als der junge Mann aus der Träumerei erwachte, in welche ihn die ſo eben vorge⸗ fallenen Ereigniſſe verſenkt hatten, fand er auch ſein Pferd ganz geſattelt und gezäumt und Muſaron ganz zum Aufbruch bereit. Agenor war mit einem Sprung im Sattel, gab ſeinem Pferde beide Sporen und verließ die Stadt im Galopp, gefolgt von Muſaron, der ſeiner Gewohnheit gemäß ſeine Späſſe trieb. 61 „Ci! gnädiger Herr,“ ſagte er,„wir flüchten uns ſehr raſch, wie mir ſcheint. Wo Teufels habt Ihr den Schatz untergebracht, den Ihr bei den Ungläubigen holtet?“ 3 Agenor zuckte die Achſeln und antwortete nicht. „Tödtet Euer gutes Pferd nicht, Herr, wir werden es für den Feldzug brauchen, es kann nicht lange ſo raſch gehen, das ſage ich Euch zum Voraus, beſonders wenn Ihr, wie der Prinz Enrique von Transtamare, nur ſo etwa fünfzig Mark Gold in das Futter Eures Sattels eingenäht habt.“. „In der That,“ ſagte Agenor, vich glaube, Du haſt Recht, fünfzig Mark Gold uund fünfzig Mark Eiſen, das iſt zu viel für ein einziges Thier.“ Und er ließ auf die Schulter des unehrerbietigen Knappen ſeine ganz mit Eiſen beſchlagene Lanze fallen, und ſeine Heiterkeit verminderte ſich, wie es Agenor vorhergeſehen hatte, beträchtlich durch dieſen Zuwachs an Gewicht. So durchzogen ſie, von Nahem den Spuren des Prinzen Enrique folgend, doch ohne ihn einholen zu können, die Guienne und das Bearn; dann ſtiegen ſie über die Pyrenäen und gelangten nach Aragonien. Erſt in dieſer Provinz erreichten ſie den Prinzen, den ſte an dem Scheine einer durch den Kapitän Hugo von Caverley angezündeten kleinen Stadt erkannten. So bezeichneten die Compagnien ihre Ankunft in Spanien. Als ein Liebhaber des Pittoresken hatte er dieſe Stadt, aus der er ſich einen Leuchtthurm zu machen gedachte, auf einer Anhöhe gewählt, damit die Flammen auf zehn Meilen in der Runde das Land erhellten, das er noch nicht kannte und von dem er Kenntniß zu neh⸗ men wünſchte. Enrique wunderte ſich nicht über dieſe Phantaſie des engliſchen Kapitäns; er kannte ſeit langer Zeit alle Anführer der Compagnien und ihre Handlungsweiſe. Er hat nur Meſſire Bertvand Duguesclin, von ſeinem 62 Anſehen bei den unter ſeine Befehle geſtellten Com⸗ pagnien Gebrauch zu machen, daß dieſe ſo wenig als moöglich zerſtörten. „Denn,“ ſagte er ſehr richtig,„da dieſes Königreich dereinſt mir gehören ſoll, ſo will ich es lieber in gutem Zuſtand, als zu Grunde gerichtet haben.“ „Wohl, es ſei, gnädigſter Herr,“ ſprach Caverley, „doch unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß Eure Hoheit eine Abgabe für jedes unbe⸗ dühe Haus und für jede genothzüchtigte Frau be⸗ za. „Ich verſtehe nicht,“ ſagte der Prinz, den Wider⸗ willen beherrſchend, den es ihm machte, daß er ſich der Mitwirkung ſolcher Banditen bedienen ſollte. 3 „Es kann nichts einfacher ſein,“ verſetzte Caverley; „die Verſchonung Eurer Städte und die Verdoppelung Eurer Einwohnerſchaft ſind wohl Geld werth, wie mir ſcheint.“ „Gut, es ſei,“ ſprach Enrique, der zu lächeln ſuchte;„wir werden morgen hievon reden; doch mittler⸗ weile?“ „Mittlerweile, hoher Herr, kann der Aragonier ruhig ſchlafen. Ich ſehe für die ganze Nacht hier klar und Hugo von Caverley ſteht, Gott ſei Dank! nicht im Ruf eines Verſchwenders.“ Nach dieſem Verſprechen, auf das man vertrauen konnte, ſo ſeltſam es auch war, zog ſich Enrique mit Mauleon in ſein Zelt zurück, während der Connetable ſich wieder nach dem ſeinigen begab. Statt ſich niederzulegen, wie man glauben konnte, daß er es nach einem ſo ermüdenden Tag machen würde, horchte Meſſire Hugo von Caverley auf das Geräuſch der Tritte, die ſich entfernten; als ſie ſich ſodann im Raume verloren hatten, wie die Köͤrper, die das Ge⸗ räuſch in der Dunkelheit verurſachten, erhob er ſich ſachte und rief ſeinem Geheimſchreiber. 63 Dieſer Geheimſchreiber war ein ſehr wichtiger Mann in dem Hauſe des braven Kapitäns, denn konnte der letz⸗ tere nicht ſchreiben, was ſehr wahrſcheinlich iſt, oder ver⸗ ſchmähte er es, eine Feder zu halten, er war dieſe wür⸗ dige Perſon, welche den Auftrag hatte, alle Verträge ins Reine zu bringen, die zwiſchen dem Anführer der Abenteurer und den Gefangenen, die er auf Löſegeld ſetzte, abgeſchloſeen wurden. Es vergingen aber wenige Tage, ohne daß der Schreiber von Meſſire Hugo von Caverley einen ſolchen Vertrag auszufertigen hatte. Der Schreiber erſchien, ſeine Feder in einer Hand, das Tintenfaß in der andern, eine Rolle Pergament unter dem Arm. „ Komm hierher, Meiſter Robert,“ ſagte der Ka⸗ dufn⸗„und ſetze mir eine Quittung mit Laufpaß auf.. „Eine Quittung, für welche Summe?“ fragte der Schreiber. „Laß die Summe aus; doch ſpare den Raum nicht, denn es wird eine runde Summe ſein.“ „Auf weſſen Namen 27 fragte der Schreiber. „Laß den Namen aus, wie die Summe.“ „Und auch Raum?“ „Ja; denn auf dieſen Namen werden nicht wenige Titel folgen.“ „Gutl gut! gut!“ ſagte Meiſter Robert, und er ging an ſein Geſchäft mit einem Eifer, daß man hätte glauben können, er bekomme einen beſtimmten Antheil an der Einnahme.„Doch wo iſt der Gefangene?“ „Man macht ihn eben.“ Der Schreiber kannte die Gewohnheit ſeines Pa⸗ trons und zögerte daher nicht einen Augenblick, die Quittung zu ſchreiben; da der Kapitän geſagt hatte, man ſei im Begriff, den Gefangenen zu machen, ſo war der Gefangene ſchon gemacht. Dieſe Meinung hatte nichts zu Vortheilhaftes für den Kapitän, denn kaum hatte der Schreiber die letzte 64 Hand an die Quittung gelegt, als man in der Richtung des Berges ein Geräuſch vernahm, das immer näher kam. Caverley ſchien nicht gehört, wohl aber dieſes Ge⸗ räuſch geahnet zu haben, denn ehe es das lauernde Ohr der Schildwache erreicht hatte, hob der Kapitän die Leinwand des Zeltes auf. „Wer da?“ rief beinahe in demſelben Augenblick die Schildwache. „Freunde!“ antwortete die wohlbekannte Stimme des Lieutenants von Caverley. 1 „Ja, ja, Freunde,“ ſagte der Abenteurer, ſich die Hände reibend,„laß ſie vorbei, und hebe Deine Pike auf, wenn man vorbeigeht. Diejenigen, welche ich er⸗ warte, find wohl ſo viel werth.“ In dieſem Augenblick ſah man bei dem letzten Schimmer des Brandes, der nach und nach erſtarb, um⸗ geben von fünfundzwanzig bis dreißig Burſchen, eine kleine Truppe von Gefangenen herbeikommen. Dieſe Truppe beſtand aus einem Ritter, der zugleich in der Kraft und in der Blüthe des Alters zu ſtehen ſchien, aus einem Mauren, welcher die Vorhänge einer großen Sänfte nicht hatte verlaſſen wollen, und aus zwei Knappen. Sobald Caverley ſah, daß dieſe Truppe wirklich aus den verſchiedenen Perſonen beſtand, die wir be⸗ zeichnet haben, hieß er aus ſeinem Zelte alle diejenigen, welche ſich darin befanden, mit Ausnahme ſeines Schreibers, weggehen. Die Leute, die er wegſchickte, gingen mit einem Bedauern, das ſie nicht einmal zu verbergen ſuchten, denn ſie vermutheten, welchen Werth die Beute hatte, die in die Klauen des NRaubvogels gefallen war, den ſie als ihren Führer anerkannten. Beim Anblick der vier Perſonen, die man in ſein Zelt brachte, machte Caverley eine tiefe Verbeugung und ſprachsſodann, ſich an den Ritter wendend: „Herr König, ſollten zufällig meine Leute der Höf⸗ 65 lichkeit gegen Eure Hoheit ermangelt haben, ſo ver⸗ gebt ihnen; ſie kannten Euch nicht.“ „Herr König!“ wiederholte der Gefangene mit einem Ton, dem er den Ausdruck des Erſtaunens zu geben ſuchte, zugleich aber mit einer Bläſſe, die ſeine Unruhe verrieth,„ſprecht Ihr mit mir, Kapitän?“ „Mit Euch ſelbſt, Sire Don Pedro, mit Euch, dem gefürchteten Koönig von Caſtilien und Murcia.“ Zuvor ſchon bleich, wurde der Ritter leichenfarbig. Ein verzweifeltes Lächeln ſuchte auf ſeine Lippen her⸗ vorzutreten. „In der That, Kapitän,“ ſagte er,„es thut mir ſehr leid für Euch, aber Ihr begeht einen großen Irr⸗ thum, wenn Ihr mich für denjenigen haltet, welchen Ihr genannt habt.“ „Meiner Treue, Hoheit, ich halte Euch für das, was Ihr ſeid, und glaube einen guten Fang gemacht zu haben.“ „Glaubt, was Ihr wollt,“ ſagte der Ritter, in⸗ dem er eine Bewegung machte, um ſich zu ſetzen,„ich ſehe, es wird mir nicht ſchwer ſein, Euch von dieſer Meinung abzubringen.“ „„Damit ich davon abkomme, Hoheit, müßtet Ihr nicht die Unklugheit begehen, zu marſchiren.“ Der Ritter ballte die Fäuſte. „Und warum dies 2“ fragte er. „Weil Eure Knochen bei jedem Schritte, den Ihr thut, krachen, was eine ſehr angenehme Muſik für einen armen Compagniekapitän iſt, dem die Vorſehung die Pnade erweiſt, einen König in ſeine Netze fallen zu aſſen.“ „Gibt es nur den König Don Pedro, deſſen Kno⸗ hen, wenn er geht, dieſes Geräuſch machen, und bdin nicht auch ein anderer Menſch daſſelbe Gebreſte aben?“ „In der That,“ ſagte Caverley,„das ziſt möglich, Der Baſtard von Mauleon. II. 5 66 und Ihr ſetzt mich in Verlegenheit; doch ich habe ein ſicheres Mittel, um zu erfahren, ob ich mich irre, wie Ihr ſagt.“ „Welches?“ fragte die Stirne faltend der Ritter, den dieſes Verhör ſichtbar ermüdete. „Der Prinz Enrique von Transtamare iſt nur hundert Schritte von hier, ich will ihn holen laſſen, und wir werden wohl ſehen, ob er ſeinen geliebten Bruder erkennt.“ Der Ritter machte unwillkührlich eine Bewegung des Zorns. „Ah? Ihr erröthet!“ rief Caverley;„eil ſo ge⸗ ſteht, und wenn Ihr geſteht, ſo ſchwöre ich Euch, ſo wahr ich Kapitän bin, daß Alles unter uns abgemacht werden, und daß Euer Bruder nicht einmal erfahren ſoll, ich habe die Ehre gehabt, mich einige Augenblicke mit Eurer Hoheit zu unterhalten.“ „Nun, ſo laßt hören, was wollt Ihr?“ „Ihr begreift, ich will nichts, Hoheit, ſo lange ich nicht der Identität der Perſon, die ich in meinen Händen habe, ſicher bin.“ „Nehmt alſo an, ich ſei wirklich der König und ſprecht.“ „Peſt! wie Ihr das ſagt, Sire, ſprecht! glaubt Ihr, ich habe Euch ſo wenig zu eröffnen, daß dies mit zwei Worten abgethan ſei? Nein, Hoheit, es bedarf vor u an einer Wache, welche Eunrer Majeſtät wür⸗ dig iſt.“ „Einer Wache? Ihr gedenkt mich alſo gefangen zu halten?“ „Das iſt wenigſtens meine Abſicht.“ „Und ich, ich ſage Euch, daß ich keine Stunde mehr hier bleibe, und ſollte es mich die Hälfte meines Königreiches koſten.“ „Oh! ohl es wird Euch wohl ſo viel koſten, Sire, und das iſt nicht zu viel, da Ihr in der Lage, in der 67 Ihr Euch befindet, beinahe ſicher ſeid, daß Ihr Alles verlieren werdet.“ „So beſtimmt einen Preis!“ rief der Gefan⸗ gene. „Ich werde es mir überlegen, mein König,“ ſagte Caverley mit kaltem Tone. Don Pedro ſchien eine heftige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt zu machen, und ſetzte ſich, ohne ein Wort zu erwiedern, dem Kapitäu den Rücken zuwendend, an die Leinwand des Zeltes. Caverley ſchien tief nachzudenken; nachdem er aber einen Augenblick geſchwiegen, ſagte er: „Ihr werdet mir eine halbe Million Goldthaler geben, nicht wahr?“ „Ihr ſeid einfältig,“ entgegnete der Koͤnig. Man würde ſie nicht in ganz Spanien finden.“ „Dreimalhunderttauſend alſo, wie? Ich denke, ich bin billig.“ „Nicht die Hälfte,“ ſagte der König. „Gut, Hoheit, ſo will ich ein paar Worte an Bruder Enrique von Transtamare ſchreiben. Er verſte in königli are hervorbrechen en. Caverley wandte ſich gegen ſeinen Schreiber um und ſagte: „Meiſter Robert, ladet den Prinzen Don Enrique von Lranstamare ein, zu mir unter mein Zelt zu kommen.“ Der Schreiber ging auf die Schwelle zu, doch als er ſie zu überſchreiten im Begriffe war, ſtand Don Pedro auf und rief: „Ich werde Euch die dreimalhunderttauſend Gold⸗ thaler geben.“ Caverley hüpfte vor Freude. „Doch da ich, wenn ich Euch verlaſſe, in die Haͤnde 68 von irgend einem andern Banditen fallen könnte, der abermals Löſegeld von mir erpreſſen würde, ſo werdet Ihr mir einen Empfangſchein und einen Laufpaß geben.“ „Und Ihr, Ihr bezahlt mir die dreimalhundert⸗ tauſend Thaler?“ „Nein; denn Ihr begreift, daß man nicht eine ſolche Summe bei ſich trägt; doch habt Ihr unter Euren Leuten einen Juden, der ſich auf Diamanten verſteht?“ „Ich verſtehe mich ſelbſt darauf, Sire,“ ſagte Caverley. „Es iſt gut. Komm hierher, Mothril,“ ſprach der König, indem er den Mauren durch ein Zeichen näher hinzutreten hieß.„Du haſt gehört...“ „Ja, Sire,“ ſagte Mothril und zog aus ſeiner weiten Hoſe eine lange Börſe, durch deren Maſchen jene wunderbaren Blitze funkelten, die der König der Sdelſteine vom König der Geſtirne entlehnt hat. „Haltet den Empfangſchein bereit,“ ſagte Don Pedro. „Er iſt ſchon bereit,“ erwiederte der Kapitän,„man braucht nur noch die Summe auszufüllen.“ „Und der Laufpaß?“ „Er iſt unterzeichnet. Ich bin zu ſehr der Diener Eurer Hoheit, um ſie warten zu laſſen.“ Ein krampfhaftes Lächeln zog über die Lippen des Königs. Er näherte ſich dem Tiſche und las: „Ich Unterzeichneter, Hugo von Caverley, Anführer der engliſchen Abenteurer...“ Der König las nicht ein Wort mehr, ein Strahl gleich einem Blitze zuckte in ſeinen Augen, und er fragte: „Ihr heißt Hugo von Caverley?“ „Ja,“ antwortete der Anführer erſtaunt über dieſen freudigen Ausdruck, deſſen Urſache er vergebens zu er⸗ rathen ſuchte. n n 69 „Und Ihr ſeid der Anführer der engliſchen Aben⸗ teurer?“ fuhr Don Pedro fort. „Allerdings.“ „So wartet einen Augenblick,“ ſagte der Koͤnig. „Mothril, ſteckt dieſe Diamanten in die Boͤrſe und die Börſe in Eure Taſche.“ „Warum dies?“ „Weil es an mir iſt, Befehle hier zu geben, und nicht zu empfangen,“ rief Don Pedro, indem er ein Pergament aus ſeiner Bruſt zog.. „Befehle!“ entgegnete Caverley mit hochmüthigem Ton.„Erfahrt, Herr König, daß es nur einen Menſchen auf der Welt gibt, der das Recht hat, dem Kapitän Hugo von Caverley Befehle zu geben.“ „Und dieſer Menſch,“ verſetzte Don Pedro,„hier auf dieſem Pergament ſteht ſeine Unterſchrift. Hugo von Caverley, im Namen des ſchwarzen Prinzen fordere Euch auf, mir zu gehorchen.“ Caverley warf den Kopf ſchüttelnd durch ſein Helm⸗ viſtr einen Blick auf das in der Hand des Königs ent⸗ rollte Pergament; doch kaum hatte er die Unterſchrift geſehen, als er einen ſo gewaltigen Schrei der Wuth aus⸗ ſtieß, daß die Officiere, welche aus Ehrfurcht vor dem Zelte geblieben waren, raſch herbeiliefen. Dieſes Pergament, das der Gefangene dem An⸗ führer der Abenteurer bot, war in der That der Geleits⸗ brief, den der ſchwarze Prinz Don Pedro gegeben hatte, und enthielt den Befehl, an alle ſeine engliſchen Unter⸗ thanen, ihm in allen Dingen zu gehorchen, bis er ſelbſt das beommando über das engliſche Heer übernehmen würde. „Ich ſehe, daß ich offenbar leichteren Kaufes da⸗ von kommen werde, als Du glaubteſt, und als ich ſelbſt glaubte. Doch ſei unbeſorgt, ich werde Dich entſchä⸗ digen, mein Braver.“. „Ihr habt Recht, Herr König,“ ſprach Caverley mit einem ſchlimmen Lächeln, das man unter ſeinem 70 herabgelaſſenen Viſir nicht ſehen konnte.„Ihr ſeid nicht nur frei, ſondern ich erwarte ſogar Eure Be⸗ fehle.“ 3 „Wohl!“ ſagte Don Pedro,„ſo befiehl, wie es Deine Abſicht war, Meiſter Robert, meinen Bruder, den Prinzen Enrique von Transtamare, zu holen und hier⸗ her zu führen.“ Der Schreiber befragte mit dem Auge den Kapitän und entfernte ſich, auf ein beſtätigendes Zeichen von Meſſtre Hugo von Caverley. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Worin ſich die Fortſetzung und die Erklärung des Vorhergehenden finden. Man vernehme, wie ſich die Ereigniſſe gefolgt waren, die uns ſeit der Abreiſe oder vielmehr ſeit der Flucht von Agenor nach der Scene im Garten zu Bor⸗ deaux unbekannt geblieben ſind. Don Pedro hatte von dem Prinzen von Wales die Zuſage des Schutzes erlangt, deſſen er bedurfte, um nach Spanien zurückzukehren, und ſicher einer Ver⸗ ſtärkung an Mannſchaft und Geld hatte er ſich ſogleich mit Mothril auf den Weg begeben, verſehen mit einem Geleitsbrief eines Prinzen, der ihm Macht und Sicher⸗ heit unter den engliſchen Banden verlieh. Die kleine Truppe wandte ſich ſo nach der Grenze, wo, wie wir geſehen, der muthige Hugo von Caverley ſein unvermeidliches Netz ausgeſpannt hatte, 7¹1 Und dennoch, wie groß auch die Wachſamkeit des Führers und die Geſchicklichkeit des Soldaten geweſen ſein mochten, würde wahrſcheinlich der König Don Pedro bei der Kenntniß, die er von der Oertlichkeit hatte, an Aragonien hingezogen ſein, und hätte Neu⸗Caſtilien ohne irgend einen ÜUnſall erreicht, wäre nicht die Epi⸗ ſode, die wir nun erzählen werden, dazwiſchen gekommen. Eines Abends, während der König mit Mothril auf einem großen Pergament, das die Karte von Spa⸗ nien vorſtellte, die Straße verfolgte, auf der ſie weiter reiſen ſollten, öffneten ſich ſachte die Vorhänge der 5 und der Kopf von Aiſſa ſchlüpfte zwiſchen ihnen eraus. Mit einem einzigen Blick ihrer Augen hieß die junge Maurin einen bei ihrer Sänfte liegenden Sklaven herbeikommen. 8„Sklave„“ fragte ſie,„von welchem Lande biſt u?“ 5 „Ich bin jenſeits des Meeres geboren,“ antwortete er,„auf dem Ufer, das Granada erſchaut, ohne es zu beneiden.“ „Und Du möchteſt Dein Vaterland gern wieder⸗ ſehen, nicht wahr?“ 3 „Ja,“ ſprach der Sklave mit einem tiefen Seufzer. „Morgen, wenn Du willſt, ſollſt Du frei ſein.“ „Es iſt weit von hier bis zu dem Laudiah⸗See,“ erwiederte er,„und der Flüchtling wird Hungers ſterben, ehe er dahin kommt.“ „Nein, denn der Flüchtling wird dieſes Halsband von Perlen mitnehmen, von denen eine einzige genügen würde, um ihn auf der ganzen Reiſe zu ernähren.“ Und Aiſſa machte ihr Halsbund los und ließ es in die Hand des Sklaven fallen. „Und was muß ich thun, um zugleich die Freiheit und dieſes Halsband von Perlen zu gewinnen?“ fragte der Sklave zitternd vor Freude. „Du ſiehſt jene gräuliche Linie, die den Horizont 72² durchſchneidet, das iſt das Lager der Chriſten. Wie viel brauchſt Du Zeit, um dahin zu gelangen?“ „Che die Nachtigall ihren Geſang vollendet hat, bin ich dort.“ „Wohl, ſo höre, was ich Dir ſagen werde, und jedes meiner Worte präge ſich tief in Dein Gedächt⸗ niß ein.“ Der Sklave hoͤrte mit Entzücken. „Nimm dieſes Briefchen,“ fuhr Aiſſa fort,„begib Dich ins Lager und erkundige Dich, ſobald Du dort biſt, nach einem edlen fränkiſchen Ritter, nach einem Anführer Namens Graf von Mauleon; Du läſſeſt Dich zu ihm führen und übergibſt ihm dieſen ſeidenen Beutel, gegen den er Dir ſeinerſeits hundert Goldſtücke geben wird. Gehe!“ Der Sklave nahm den Beutel, verbarg ihn unter ſeinem grobem Kleide, wählte den Augenblick, wo eines der Maulthiere nach dem nahen Walde entlief, ſtellte ſich, als liefe er ihm nach, um es zurückzuführen, und verſchwand im Walde mit der Schnelligkeit eines Pfeiles. Niemand bemerkte dieſes Verſchwinden des Sklaven, Aiſſa ausgenommen, die ihm mit den Augen folgte und, ganz zitternd, nicht athmete, bis er aus ihren Blicken verſchwunden war. Was die junge Maurin vorhergeſehen hatte, ge⸗ ſchah. Der Sklave brauchte nicht lange, um am Saume des Gehölzes einen von jenen Raubvögeln mit ſtählernen Klauen, mit der Pikelhaube in Form eines Schnabels, mit einem geſchmeidigen Geſieder von eiſernen Maſchen zu finden, der auf einem Felſen hockte, wo er ſeinen Standpunkt genommen hatte, um in die Ferne hinaus⸗ ſchauen zu können. Als der Sklave ganz ſcheu aus dem Walde her⸗ vorkam, fiel er unter die Flügel der Schildwache, welche ſogleich mit ihrer Armbruſt auf ihn anſchlug. Das war es, was der Flüchtling ſuchte. Er machte 73 mit der Hand ein Zeichen, daß er ſprechen wolle; die Schildwache näherte ſich, ohne indeſſen die Armbruſt vom Backen zu thun. Der Sklave ſagte, er wolle ins Lager der Chriſten gehen, und verlangte vor Mauleon geführt zu werden. Dieſer Name, deſſen Wichtigkeit Aiſſa übertrieb, genoß indeſſen ein gewiſſes Anſehen unter den Com⸗ pagnien ſeit dem kühnen Zuge von Agenor, als er von den Banden von Caverley feſtgenommen wurde, und beſonders ſeit dem man wußte, daß man ihm die Mit⸗ wirkung des Connetable zu verdanken hatte. Der Soldat ſtieß ein Feldgeſchrei aus, nahm den Sklaven beim Fauſtgelenke und führte ihn zu einer zweiten Schildwache, welche ungefähr zweihundert Schritte von der erſten ſtand. Dieſe zweite Schildwache brachte den Sklaven bis zum letzten Cordon, hinter welchem ſich Meſſire Caverley im Mittelpunkt ſeiner Truppe, wie die Spinne im Mittelpunkt ihres Gewebes, hielt. a er an einer gewiſſen Bewegung um ihn her, an einem gewiſſen Geräuſch, das bis zu ſeinen Ohren drang, erkannte, daß etwas Neues vorging, ſo erſchien er auf der Schwelle ſeines Zeltes. Der Sklave wurde gerade vor ihn geführt. Er nannte den Baſtard von Mauleon; mit dieſem Paß war es ihm bis jetzt gelungen. „ Wer ſchickt Dich?“ fragte Caverley den Sklaven, indem er eine Erklärung zu vermeiden ſuchte. „Seid Ihr der edle Herr von Mauleon?“ fragte der Sklave. „Ich bin einer ſeiner Freunde,“ erwiederte Caver⸗ ley,„und zwar einer ſeiner vertrauteſten.“ „Das iſt nicht daſſelbe,“ ſprach der Sklave,„ich habe Befehl, nur ihm den Brief zu übergeben, den ich bei mir trage.“ „Hore,“ ſagte Caverley,„der edle Herr von Mau⸗ . leon iſt ein braver chriſtlicher Ritter, der unter den Arabern und Mauren eine große Anzahl von Feinden 8₰ 4 74 zählt, die ihn zu ermorden geſchworen haben. Wir aber haben geſchworen, Niemand bis zu ihm dringen zu laſſen, ohne daß wir zuvor die Botſchaft kennen, mit der der Abgeſandte beauftragt iſt.“ „Gut,“ ſagte der Sklave, da er ſah, daß jeder Widerſtand vergeblich geweſen wäre, und da ihm über⸗ dies die Abſichten des Kapitäns gut vorkamen,„ich bin von Aiſſa abgeſandt.“ „Wer iſt Aiſſa?“ fragte Caverley. „Die Tochter von Herrn Mothril.“ „Ah! ah!“ machte der Kapitän,„vom Rath des König Don Pedro?“ „Ganz richtig.“ „Du ſiehſt, daß die Sache immer ſchwärzer wird, dih daß dieſe Botſchaft ohne Zweifel einen Zauber ent⸗ hã. 4 „Aiſſa iſt keine Zauberin,“ entgegnete der Sklave den Kopf ſchüttelnd. „Gleichviel, ich will die Botſchaft leſen.“ Der Sklave blickte raſch umher, um zu ſehen, ob ihm keine Flucht möglich wäre; doch es hatte ſich ſchon ein großer Kreis oon Abenteurern um ihn gebildet. Er zog aus ſeiner Bruſt den Beutel, reichte ihn dem Ka⸗ pitän und ſprach: Ftaſet, Ihr werdet etwas darin finden, was mich betrifft.“ Das nur ſehr wenig elaſtiſche Gewiſſen von Ca⸗ verley bedurfte dieſer Aufforderung nicht; er öffnete das von Benzoe und Ambra duftende Säckchen, zog ein Viereck von weißer Seide daraus hervor, auf welches mit einer dicken Tinte Aiſſa in ſpaniſcher Sprache folgende Worte geſchrieben hatte: 3 „Theurer Herr, ich ſchreibe Dir maeinem Verſpre⸗ chen gemäß: der König Don Pedro und mein Vater ſind mit mir im Begriff, durch den Engpaß nach Ara⸗ gonien zu ziehen; Du kannſt mit einem Schlag unſer zir en nit ☛ 2ᷣ☛ 8— N A 75 ewiges Glück und Deinen Ruhm gründen. Mache ſie zu Gefangenen und mit ihnen mich, die ich Deine ſüße Gefangene ſein werde; willſt Du ſie auf Löſegeld ſetzen... ſie find reich genug, um Dein Verlangen zu befriedigen. Ziehſt Du den Ruhm dem Gelde vor und gibſt Du ihnen die Freiheit umſonſt, ſo ſind fie ſtolz genug, um in der Ferne Deine Großmuth zu verkündigen; doch, wenn Du ſie freiläſſeſt, wirſt Du mich behalten, mein großer Herr, und ich habe ein Kiſtchen voll von Rubinen und Smaragden, welche die Krone einer Kö⸗ nigin ſchmücken würden. „Höre alſo wohl und behalte Folgendes. In dieſer Nacht ſetzen wir uns in Marſch. Stelle Deine Sol⸗ daten ſo im Engpaß auf, daß wir ihn nicht durchziehen können, ohne geſehen zu werden. Unſer Geleite iſt in dieſem Augenblick ſchwach, doch es kann in jeder Stunde ſtärker werden, denn ſechshundert Bewaffnete, welche der Koͤnig in Bordeaur erwartete, vermochten noch nicht zu ihm zu ſtoßen, ſo eilig war ſein Marſch. „So, mein großer Herr, wird Aiſſa wohl Dir ge⸗ hören, ſo wird ſie Dir Niemand mehr nehmen können, da Du ſie durch die Stärke Deiner ſiegreichen Waffen gewonnen haſt. „Einer von unſern Sklaven bringt Dir dieſe Bot⸗ ſchaft. Ich verſpreche ihm, Du werdeſt ihn in Freiheit ſetzen und ihm hundert Goldſtücke bezahlen; erfülle mei⸗ nen Wunſch.. Deine Aiſſa.“ „Oh! oh!“ dachte Caverley, während die Aufregung unter ſeinem Helm einen glühenden Schweiß fließen machte,„ein König!... Aber was habe ich denn ſeit einiger Zeit dan Glück gethan, daß es mir ſolche Beute zuſchickt?. Ein König!... Das muß man beim Teu⸗ fel ſehen; zuvor aber wollen wir uns von dieſem Dumm⸗ kopf befreien.“ 76 „Der edle Herr von Mauleon iſt Dir alſo die Frei⸗ heit ſchuldig?“ „Ja, Kapitän, und hundert Goldſtücke.“ Hugo von Caverley hielt es nicht für geeignet, etwas auf dieſen letzten Theil des Verlangens zu ant⸗ worten. Er rief nur ſeinen Knappen. „Hollah!“ ſagte er,„nimm Dein Pferd, führe dieſen Menſchen zwei gute Stunden vom Lager weg und laß ihn dort. Verlangt er Geld von Dir, und Du haſt zu viel, ſo gib ihm. Doch ich ſage Dir zum Voraus, das wird eine reine Freigebigkeit von Dir ſein. Gehe, mein Freund,“ ſprach er zu dem Sklaven,„Dein Auf⸗ trag iſt beſorgt; ich bin der Herr von Mauleon.“ Der Sklave warf ſich nieder. „Und die hundert Goldſtücke?“ fragte er. „Hier iſt mein Säckelmeiſter, der den Auftrag hat, ſie Dir zu übergeben,“ erwiederte Caverley auf den Knappen deutend. Der Sklave erhob ſich und folgte ganz freudig dem⸗ jenigen, welchen man ihm bezeichnet hatte. Kaum war er hundert Schritte vom Zelte, als der Kapitän eine Abtheilung in's Gebirge ſchickte und, da er es nicht verachtete, ſich zu ſolchen kleinen Bemühun⸗ gen herabzulaſſen, ſelbſt die Wache in dem Engpaß aufſtellte, ſo daß Niemand, durch denſelben ziehen konnte; nachdem er ſeinen Leuten, den Gefangenen keine Gewalt wartete er ſodann das Ereigniß Wir haben ihn in dieſer Erwartung geſehen, und Sie waren alſo in die Schlucht eingedrungen zur großen Freude von Aiſſa, welche ungeduldig dem An⸗ griff entgegenharrte und glaubte, dieſer Angriff würde von Mauleon geleitet. Die Maßregeln waren alle von ei⸗ 77 Caverley ſo gut getroffen, und die Zahl der Engländer war ſo groß, daß nicht einer von den Leuten von Don Pedro daran dachte, ſich zu vertheidigen. Aber Aiſſa, welche darauf rechnete, ſie würde Mauleon an der Spitze dieſes Hinterhaltes ſehen, fing bald an über ſeine Abweſenheit in Unruhe zu gera⸗ then; fie dachte nichtsdeſtoweniger, er handle ſo aus Klugheit, und da ſie überdies das Unternehmen nach ihren Wünſchen gelingen ſah, meinte ſie, ſie brauche noch nicht zu verzweifeln. ir dürfen uns nun nicht mehr wundern, daß der Abenteurer Don Pedro ſo leicht erkannte, der übrigens vollkommen erkenntlich war. Was Mothril und Aiſſa betrifft, deren ganze Ge⸗ ſchichte er mit ſeinem erſtaunlichen Scharffinn errieth, ſo hatte er ein wenig bange vor dem Zorn, den bei Mauleon die Entdeckung dieſes Geheimniſſes entzünden würde; doch alsbald bedachte er, daß ſich leicht Alles auf Rechnung der Verrätherei des Sklaven ſetzen ließe, und daß er ſich im Gegentheil aus dieſem Mißbrauch des Vertrauens Anſprüche auf die Dankbarkeit von auleon erwerben könnte; denn während er den Köͤnig und Mothril ihr Löſegeld bezahlen ließ, hatte er im Sinne, ohne Intereſſen Aiſſa dem jungen Manne zu überlaſſen, und dies war eine Großmuth, zu der er ſich wie zu einer Neuerung Glück wünſchte. MNan hat geſehen, wie der Geleitsbrief des Prinzen von Wales, den Don Pedro vorwies, das ganze Ange⸗ ſicht der Dinge veränderte und die ſo kühnen und ſo klug improviſirten Pläne von Caverley umſtürzte. Don Pedro erzählte eben, nach dem Abgang von Robert, dem Anführer der Abenteurer die Ereigniſſe des in Bordeaur abgeſchloſſenen Vertrags, als ſich ein gewaltiger Lärmen hörbar machte. Es war ein Stam⸗ pfen von Roſſen, ein Klirren von Rüſtungen und Schwertern, welche an der Seite von Kriegsleuten aufprallten. 78 Dann wurde der Vorhang des Zeltes ungeſtüm auf⸗ gehoben und man erblickte die Geſtalt von Enrique von Transtamare, deſſen bleiches Antlitz ein Strahl düſterer Freude erleuchtete. Mauleon ſuchte hinter dem Prinzen irgend Jemand mit umherſchweifenden Blicken; er gewahrte die Sänfte und ſeine Augen verließen ſie nicht mehr. Bei der Ankunft von Enrique wich Don Pedro ſei⸗ nerſeits nicht minder bleich als ſein Bruder zurück, ſuchte an ſeiner Seite ſein fehlendes Schwert und ſchien nicht eher beruhigt, als bis er fortwährend zurückwei⸗ chend auf einen von den Pfeilern des Zeltes ſtieß, woran Waffen aller Art aufgehängt waren, und unter ſeinen Fingern die Kälte einer Streitaxt fühlte. Alle ſchauten ſich einen Augenblick ſtillſchweigend an und tauſchten Blicke, die ſich drohend kreuzten, wie die Blitze beim Sturm.— Enrique brach zuerſt das Stillſchweigen. „Ich glaube,“ ſagte er mit einem finſteren Lächeln, „der Krieg endigt hier, ehe er begonnen hat.“ „Ah! Ihr glaubt das?“ entgegnete Don Pedro höhniſch und drohend. „Ich glaube es ſo ſehr,“ erwiederte Enrique,„daß ich dieſen edlen Ritter Hugo von Caverley frage, wel⸗ chen Preis er für einen ſo wichtigen Fang, wie er ſo eben einen gemacht, fordert; denn würde er zwanzig Städte erobert und hundert Schlachten gewonnen haben, Tha⸗ ten, welche ſich theuer bezahlen, er hätte nicht ſo viel Aoht⸗ auf unſere Dankbarkeit, wie durch dieſe einzige at. „Es iſt ſchmeichelhaft für mich, daß ich zu einem ſo bedeutenden Werth geſchätzt werde,“ ſagte Don Pedro, mit dem Stiel ſeiner Art ſpielend.„Eine Höflichkeit iſt auch eine andere werth. Wie hoch, wenn Ihr in der Lage wäret, in der ich bin, wie Ihr meint, wie hoch würdet Ihr Eure Perſon ſchätzen, Don Enrique?“ „Ich glaube, er ſpottet noch,“ verſete Enrique 79 mit einer Wuth, die ſich unter der Freude losmachte, wie die Eisſchollen des Pols bei dem erſten Lächeln der Sonne. „Wir wollen doch ein wenig ſehen, wie dies Alles endigt,“ murmelte Caverley, der ſich, um nicht den ge⸗ ringſten Umſtand von dieſer Scene zu verlieren, nieder⸗ ſetzte und ſich an dieſem Schauſpiel mehr als Kunſtlieb⸗ haber, denn als gieriger Speculant zu ergötzen anfing. Enrique wandte ſich gegen ihn um; man ſah, daß er Don Pedro zu antworten ſich anſchickte. „Wohl, es ſei,“ ſagte er, die gehäſſigſten Blicke auf Don Pedro ſchleudernd;„Freund Caverley, für dieſen Menſchen, der einſt König war und an ſeiner Stirne nicht einmal mehr den goldenen Wiederſchein ſeiner Krone trägt, gebe ich Dir zweimal hundert tauſend Goldthaler, oder zwei gute Städte nach Deiner Wahl.“ „Mir ſcheint,“ erwiederte Caverley, mit ſeiner Hand das Kinnband ſeines Helmes ſtreichelnd, während er durch ſein beſtändig herabgelaſſenes Viſir Don Pedro anſchaute,„mir ſcheint, das Gebot iſt annehmbar, ob⸗ gleich. Dieſer antwortete dem Fragenden mit einer Geberde und einem Blick, welche bedeuteten; „Kapitän, mein Bruder Enrique iſt nicht freigebig, und ich werde die Summe überbieten...“ „Obgleich? ſprach Enrique, das letzte Wort des Anführers der Abenteurer wiederholend.„Was wollt Ihr damit ſagen, Kapitän?“ Mauleon konnte ſein neugieriges Verlangen nicht länger im Zaum halten. „Der Kapitän will ohne Zweifel damit ſagen,“ erwiederte er,„er habe mit dem König Don Pedro andere Gefangene gemacht, von denen er wünſchte, man würde ſie auch ſchätzen.“ „Meiner Treue! das heiße ich in dem Geiſte eines Menſchen leſen,“ rief Caverley,„und Ihr ſeid ein bra⸗ ver Rittersmann, Sire Agenor. Ja, bei meiner Seele, ich habe andere Gefangene gemacht, und zwar ſehr vornehme; doch...“ Und ein neues Schweigen offenbarte die Unent⸗ ſchloſſenheit von Caverley. „Man wird ſie Euch bezahlen, Kapitän,“ ſagte Mauleon, der vor Ungeduld kochte,„wo find ſie? In dieſer Sänfte, ohne Zweifel?“ Enrique legte ſeine Hand auf den Arm des jungen Mannes und hielt ihn ſachte zurück. „Nehmt Ihr an, Kapitän Caverley?“ fragte er. „Es iſt an mir, Euch zu antworten, mein Herr,“ ſprach Don Pedro. „Oh! ſpielt nicht den Herrn hier, Don Pedro, denn Ihr ſeid nicht mehr König,“ entgegnete Enrique mit einer verächtlichen Miene;„wartet, bis ich mit Euch ſpreche, um mir zu antworten.“ Don Pedro lächelte und wandte ſich gegen Caver⸗ ley um. „Kapitän,“ ſagte er,„erklärt ihm doch, daß Ihr ſein Gebot nicht annehmt.“ Caverley fuhr abermals mit ſeiner Hand über ſein Viſir, als ob dieſes Eiſen ſeine Stirne geweſen wäre, zog Agenor beiſeit und ſagte zu ihm: „Mein wackerer Freund, gute Geſellen wie wir ſind ſich die Wahrheit ſchuldig, nicht wahr?“ Agenor ſchaute ihn erſtaunt an. „Nun wohl!“ fuhr der Kapitän fort,„wenn Ihr mir glauben wollt, ſo geht durch die kleine Thüre des Zeltes, die hinter uns iſt, hinaus, und wenn Ihr ein gutes Pferd habt, reitet, bis es nicht mehr kann.“ „Wir ſind verrathen!“ rief Mauleon, plötzlich von einer Leuchte durchzuckt.„Zu den Waffen, Prinz, zu den Waffen!“ Enrique ſchaute Mauleon mit Erſtaunen an und fuhr maſchinenmäßig mit der Hand an ſeinen Schwert⸗ knopf. Don Pedro aber, als er ſah, daß die Komödie 3 81 ihrem Ende zuging, rief, die Hand mit der Geberde des Befehls ausſtreckend: „Im Namen des Prinzen von Wales fordere ich Euch auf, Meſſire Hugo von Caverley, den Prinzen Enrique von Transtamare zu verhaften.“ Dieſe Worte waren noch nicht beendigt, als der Prinz Enrique von Transtamare ſchon das Schwert in der Hand hatte; doch Caverley ſchlug einen Augenblick das Viſir auf, hielt ein Horn an ſeine Lippen und bei dem Ton, den es von ſich gab, ſtürzten ſich zwanzig Abenteurer auf den Prinzen, der alsbald entwaffnet war. „Es iſt geſchehen,“ ſagte Caverley zu Don Pedro. „Nun aber, wenn Ihr mir glauben wollt, Herr König, entfernet Euch, denn ſogleich wird es hier Streiche regnen, dafür ſtehe ich Euch.“ „Wie ſo?“ fragte der König. „Dieſer Franzoſe, der durch die kleine Thüre weg⸗ gegangen iſt, wird ſeinen Prinzen nicht gefangen nehmen laſſen, ohne ihm zu Ehren einige Arme abgeſchlagen oder einige Schädel geſpalten zu haben.“ Don Pedro neigte ſich gegen die Oeffnung und ſah Agenor, der den Fuß in die Steigbügel ſetzte, ohne Zweifel, um Hilfe zu holen. Deerr König nahm eine Armbruſt, ſpannte ſie, legte einen Pfeil darauf, zielte auf den Ritter und ſagte: „Gut, David hat Goliath mit einem Stein ge⸗ tödtet, es müßte ſchön anzuſchauen ſein, wenn Goliath David mit einer Armbruſt tödten würde.“ „Einen Augenblick Geduld!“ rief Caverley;„was Teufels, Geduld! Kaum hier angekommen, wollt Ihr mir Alles in Verwirrung bringen... Was würde der Herr Connetable ſagen, wenn ich ihm ſeinen Freund, tödten ließe?“ und er hob mit der Hand das Ende der Armbruſt in dem Augenblick auf, wo Don Pedro den Finger an den Drücker legte. Der Pfeil ſchwirrte in die Luft. Der Baſtard von Mauleon. Il. 6 8² „Der Connetable!“ ſagte Don Pedro, mit dem Fuße ſtampfend;„es war wohl der Mühe werth, mich meinen Schuß einer ſolchen Furcht gegenüber verfehlen zu laſſen. Oeffne Deine Falle, Jäger, und fange den großen Eber; auf dieſe Art wird die Jagd mit einem Schlage beendigt ſein, und unter dieſer Bedingung ver⸗ zeihe ich Dir.“ „Ihr ſprecht nach Eurem Gutdünken. Den Con⸗ netable fangen! Eil ſo fangt mir doch ein wenig den Connetable! Großer Gott!“ fügte er die Achſeln zuckend bei,„was für Schwätzer ſind doch die Spanier!“ „Sire Caverley!“ „Bei Gott! ich ſage die Wahrheit... Den Con⸗ netable fangen!... Ich bin nicht neugierig, Herr König, aber bei meinem Kapitänswort, es würde mich ſehr intereſſiren, Euch dieſen Fang machen zu ſehen.“ „Mittlerweile iſt hier ſchon Einer,“ ſagte Don Pedro, auf Agenor deutend, den man gefangen zurück⸗ brachte. In dem Augenblick, wo er im vollen Galopp vor⸗ überſprengte, hatte einer von den Abenteurern mit einem krummen Säbel ſeinem Roſſe die Häckſe abgeſchnitten, und das Pferd war ſo niedergeſtürzt, daß der Reiter unter demſelben lag. So lange Aiſſa ihren Geliebten bei dieſem Streit unbetheiligt und von jeder Gefahr frei glaubte, ſprach ſie nicht ein Wort, machte ſie nicht eine Bewegung. Es war, als ob die Intereſſen, über die man ſich um ſie her ſtritt, ſo wichtig ſie auch ſein mochten, ſie ent⸗ fernt nichts angingen; als aber Mauleon entwaffnet und in den Händen ſeiner Feinde eintrat, ſah man, wie die Vorhänge ihrer Sänfte zurückgeſchoben wurden und der Kopf des Mädchens bleicher erſchien, als es der lange Schleier von feiner weißer Wolle iſt, der die Frauen des Orients verhüllt. 4 Agenor ſtieß einen Schrei aus. Aiſſa ſprang aus ihrer Sänfte und lief auf ihn zu. 1 4 2—Vx8ͤnA 8³ „Ohl oh!“ machte Mothril, die Stirne faltend. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte der Koͤnig. „Nun kommt die drohende Erklärung,“ murmelte Caverley.. Enrique von Transtamare warf auf Agenor einen düſteren, mißtrauiſchen Blick, den dieſer vortrefflich be⸗ riff. 1„Ihr wollt mit mir ſprechen,“ ſagte er zu Aiſſa: „thut es geſchwinde und ganz laut, Dona, denn von dem Augenblick, wo wir Eure Gefangenen ſind, bis zu dem unſeres Todes wird wahrſcheinlich keine Zeit zu verlieren ſein... ſelbſt nicht einmal für die Ver⸗ liebteſten.“ „Unſere Gefangenen!“ rief Aiſſa.„Ohl das war es nicht, was ich wollte, mein hoher Herr, ganz im Gegentheil.“ Caverley geberdete ſich ſehr verlegen; dieſer Mann von Eiſen zitterte beinahe vor der Anklage, welche zwei junge Leute, die er in ſeinen Händen hatte, gegen ihn führen würden. „Mein Brief,“ ſagte Aiſſa zu dem jungen Mann, „haſt Du denn meinen Brief nicht erhalten?“ „Was für einen Brief?“" fragte Ag enor. „Genug! genug!“ ſprach Mothril, deſſen ſämmt⸗ liche Pläne dieſe Scene zu zerſtören anfing.„Kapitän, der König befiehlt, daß Ihr den Prinzen Enrique in die Wohnung des Königs Don Pedro und dieſen jungen Mann zu mir führt.“ „Caverley, Du biſt ein Feiger,“ brüllte Agenor, während er ſich von den harten Panzerhandſchuhen, die ihm die Fauſt zuſammenpreßten, loszumachen ſuchte. „Ich habe Dir geſagt, Du ſollſt Dich flüchten, doch Du haſt nicht gewollt, oder Du haſt es zu ſpät gethan, was am Ende auf Eines hinausläuft,“ erwiederte der Kapitän.„Bei meiner Treue, das iſt Dein Fehler. Und warum willſt Du Dich beklagen, Du wirſt bei ihr wohnen!“ 4 84 „Beeilen wir uns, meine Herren,“ ſprach der König, „und noch heute Nacht verſammle ſich ein Rath, um dieſen Baſtard zu richten, der ſich meinen Bruder nennt, und dieſen Rebellen, der mein König zu ſein behauptet. Caverley, er hatte Dir zwei Städte angeboten, ich bin großmüthiger als er: ich gebe Dir eine Provinz. Mothril, laßt meine Leute vorrücken; wir müſſen, ehe eine Stunde vergeht, in irgend einem guten Schloß geborgen ſein.“ Mothril verbeugte ſich und ging hinaus; doch er hatte nicht zehn Schritte außerhalb des Zeltes gethan, als er ſich haſtig wieder zurückwarf und mit der Hand das Zeichen machte, das bei allen Nationen Stillſchweigen gebietet.. „Was gibt es denn?“ fragte Caverley mit einer ſchlecht verhehlten Unruhe. „Sprich, guter Mothril,“ ſagte Don Pedro. „Horcht,“ verſetzte der Maure. Alle Sinne der Anweſenden ſchienen in ihre Ohren überzugehen, und eine Minute lang bot das Zelt des engliſchen Häuptlings den Anblick einer Verſammlung von Bildſäulen. „Hört Ihr?“ fuhr der Maure fort, indem er ſich immer mehr gegen die Erde neigte. Man fing wirklich an etwas wie ein Rollen des Donners oder wie den fortſchreitenden Galopp einer Truppe von Reitern zu hören. „Notre Dame⸗Guesclin!“ rief plötzlich eine feſte, ſchallende Stimme. „Ah! ahl der Connetable,“ murmelte Caverley, der das Kriegsgeſchrei des rauhen Bretagners kannte. „Ah! ahl der Connetable,“ ſagte Don Pedro, die Stirne faltend. Denn ohne ihn je gehört zu haben, kannte er den⸗ noch dieſen furchtbaren Ruf. Die Gefangenen wechſelten ihrerſeits einen Blick, * 8⁵ und ein Lächeln der Hoffnung trat auf ihren Lippen hervor. Mothril näherte ſich dem Mädchen, deſſen Leib er enger mit ſeinen Armen umſchlang. „Herr König,“ ſagte Caverley mit dem ſpöttiſchen Ton, der ihn nie, felbſt nicht im Augenblick der Ge⸗ fahr, verließ;„ich glaube, Ihr wolltet den Eber fangen; hier kommt er, um Euch das Geſchäft zu erſparen.“ Don Pedro machte den Kriegern ein Zeichen, und dieſe ſtellten ſich hinter ihn. Entſchloſſen, neutral zwi⸗ ſchen ſeinem alten Gefährten und ſeinem neuen Chef zu bleiben, trat Caverley auf die Seite. Eine neue Reihe von Wachen verdreifachte den ehernen Cordon, der den Prinzen und Mauleon in Banden hielt. „Was machſt Du, Caverley? fragte Don Pedro. „Ich trete Euch als meinem Koͤnig und Anführer den Platz ab, Sire,“ ſprach der Kapitän. „Es iſt gut,“ erwiederte Don Pedro;„dann ge⸗ horche man mir.“ Die Pferde hielten anz man hörte das Klirren des Stahls und den Lärmen eines Mannes, der von ſeiner Rüſtung beſchwert auf den Boden ſprang. Beinahe in demſelben Augenblick trat Bertrand Duguesclin in das Zelt. Sechsundzmanzigſtes Kapitel. — Der Eber in der Falle gefangen. Hinter dem Connetable kam, das Auge duckmäu⸗ ſeriſch und ein Lächeln auf die Lippen gezeichnet, 3 4 4 86 ehrliche Muſaron, mit Staub bedeckt vom Kopf bis auf die Füße. Er ſchien aufgeſtellt zu ſein, um den Anweſenden die ſo gewitterartige Erſcheinung des Connetable zu er⸗ klären. Bertrand ſchlug bei ſeinem Eintritt das Viſir auf und überſchaute mit einem Blick die Verſammlung. Als er Don Pedro gewahrte, verbeugte er ſich leicht; Enrique von Transtamare begrüßte er ehrfurchts⸗ voll; auf Caverley ging er zu, nahm ſeine Hand und ſprach mit aller Ruhe: „Guten Morgen, Sire Kapitän, wir haben alſo einen guten Fang gemacht? Ah! Meſſire von Mauleon, verzeiht! ich hatte Euch nicht geſehen.“ Dieſe Worte, welche eine völlige Unwiſſenheit über die Lage der Dinge zu bezeichnen ſchienen, verſetzten die Mehrzahl der Anweſenden in ein großes Erſtaunen. Aber weit entfernt über dieſes beinahe feierliche Stillſchweigen in Verwunderung zu gerathen, fuhr Ber⸗ trand fort: „Ich hoffe übrigens, Kapitän Caverley, daß man für den Gefangenen jede ſeinem Rang und beſonders ſeinem Unglück gebührende Rückſicht gehabt hat.“ Enrique wollte antworten, doch Don Pedro nahm das Wort. „Seid unbeſorgt, wir haben den Gefangenen mit der Achtung behandelt, die das Völkerrecht heiſcht.“ „Ihr habt ihn behandelt,“ erwiederte Bertrand mit einem Ausdruck des Erſtaunens, der dem ge⸗ wandteſten Komödianten Ehre gemacht hätte,„Ihr habt ihn behandelt!... Wie meint Ihr das, wenn es Euch beliebt, Hoheit?“ „Ja, Meſſire Connetable,“ antwortete Don Pedro lächelnd,„ich wiederhole, wir haben es gethan.“ Bertrand ſchaute den unter ſeinem ehernen Viſir unempfindlichen Caverley an. G „Lheurer Connetable,“ ſprach Enrique, der ſich 87 uf mühſam von ſeinem Sitze erhob(denn er war von den Soldaten gequetſcht und geknebelt worden, und mehrere von dieſen gepanzerten Leuten hatten ihn in ihren eiſer⸗ nen Armen beinahe erdrückt),„theurer Connetable, der Moörder von Don Federigo hat Recht, er iſt unſer if, Herr, und uns hat der Verrath zu Gefangenen ge⸗ macht.“ h„Wie!“ rief Bertrand, indem er ſich mit einem ſo 9 ſchlimmen Blick umwandte, daß mehr als ein Geſicht 1 in der Verſammlung erbleichte.„Der Verrath, ſagt Ihr, und wer iſt denn der Verräther?“ ſ„Herr Connetable,“ erwiederte Caverley, indem er einen Schritt auf ihn zu machte,„das Wort Verrath n, iſt, wie mir ſcheint, ungeeignet, und man hätte eher er die Treue ſagen müſſen.“ n„Die Treue!...“ verſetzte der Connetable, deſſen 3 Erſtaunen immer mehr zuzunehmen ſchien. de„„Allerdings die Treue, denn wir ſind am Ende he Engländer, nicht wahr? und folglich Unterhanen des 3 Prinzen von Wales.“ u„Nun! hernach, was ſoll das bedeuten?“ ſagte 1s Bertrand, der, um bequemer zu athmen, ſeine breiten 3 Schultern ausdehnte und eine dicke eiſerne Hand auf ſeinen Schwertknopf fallen ließ.„Wer ſagt Euch, mein lieber Caverley, Ihr ſeid kein Unterthan des Prinzen von Wales?“ it„Ihr werdet alſo zugeben, edler Herr, denn beſſer als irgend Jemand kennt Ihr die Geſetze der Dis⸗ 4 niihn⸗ daß ich dem Befehl meines Prinzen gehorchen 27 mußte.“ 3„Und dieſer Befehl, hier iſt er,“ ſprach Don n Pedro und ſtreckte das Pergament gegen Bertrand aus. 0„Ich kann nicht leſen,“ entgegnete ungeſtüm der Connetable. r Don Pedro zog ſein Pergament zurück und Caver⸗ 5 ley ſchauerte, ſo muthig er war. 4 4 9 88 „Wohl!“ fuhr Dugueselin fort,„ich glaube nun zu verſtehen. Der König Don Pedro ward vom Kapitän Caverley gefangen genommen. Er zeigte ſeinen Ge⸗ leitsbrief vom Prinzen von Wales, und auf der Stelle ſetzte der Kapitän Don Pedro wieder in Freiheit.“ „So iſt es,“ rief Caverley, der einen Augenblick hoffte, bei ſeiner großen Rechtlichkeit würde Duguesclin Alles billigen. „Bis dahin könnte es nicht beſſer ſein,“ fuhr der Connetable fort. Caverley athmete frei. „Aber,“ ſprach Bertrand,„es iſt noch Etwas dunkel für mich.“ „Was?“ ſagte Don Pedro mit hochmüthiger Miene. „Beeilt Euch nur, Meſſire Dugueselin, denn alle dieſe Fragen werden ermüdend.“ „Ich vollende,“ erwiederte der Connetable 1 ſeiner furchtbaren Unempfindlichkeit.„Sagt, wozu iſt es nöthig, daß der Kapitän Caverley, um Don Pedro zu befreien, Don Enrique zum Gefangenen macht?“ Aus dieſen Worten und aus der Haltung, welche Duguesclin annahm, als er ſie ausſprach, ſchloß Mothril, der Augenblick ſei gekommen, für Don Pedro eine Verſtärkung von Mauren und Engländern zu Hülfe zu rufen.“ Bertrand verzog keine Miene und ſchien das Ma⸗ noeuvre nicht einmal zu bemerken. Nur wurde ſeine Stimme wo möoͤglich noch ruhiger und kälter, als zu⸗ vor. „Ich erwarte eine Antwort,“ ſprach er. Don Pedro gab ſie ihm. „Ich wundere mich,“ ſagte er,„daß die franzö⸗ ſiſchen Ritter ſo unwiſſend ſind, daß es ihnen nicht ein⸗ mal bekannt iſt, wie eine doppelte Wohlthat daraus hervorgeht, wenn man ſich zu gleicher Zeit einen Freund macht und ſich eines Feindes entledigt.“ „Seid Ihr auch dieſer Meinung, Meiſter Cayer⸗ 89 ley?“ fragte Bertrand, auf den Kapitän einen Blick heftend, deſſen Heiterkeit ein Pfand der Stärke, zugleich ein Pfand der Drohung war. „Ich muß wohl, Meſſire,“ erwiederte der Kapitän. „Ich gehorche.“ „Wohl!“ ſprach Bertrand,„ich thue gerade das Gegen⸗ theil von Euch, ich befehle. Ich befehle Euch, hört Ihr wohl? ich befehle Euch, Seine Hoheit den Prinzen Don Enrique von Transtamare, den ich hier von Euren Sol⸗ daten bewacht ſehe, in Freiheit zu ſetzen, und da ich höflicher bin, als Ihr, ſo werde ich nicht einmal ver⸗ langen, daß Ihr Don Pedro verhaftet, obſchon ich hiezu berechtigt bin, ich, deſſen Geld Ihr in der Taſche zaht⸗ ich, der ich Euer Herr bin, da ich Euch be⸗ zahle.“ Caverley machte eine Bewegung; Don Pedro ſtreckte den Arm aus und ſprach: „Antwortet nicht, Kapitän; es gibt hier nur einen Herrn, und dieſer Herr bin ich. Ihr werdet mir alſo gehorchen, und zwar auf der Stelle, wenn's beliebt. Baſtard Don Enrique, Meſſire Betrand, und Ihr, Graf von Mauleon, ich erkläre Euch allen Dreien, daß Ihr meine Gefangenen ſeid.“ Bei dieſen furchtbaren Worten trat ein tiefes Still⸗ ſchweigen im Zelte ein. Mitten unter dieſem Still⸗ ſchweigen trennten ſich ſechs Bewaffnete auf ein Zeichen von Don Pedro von der Gruppe, um ſich der Perſon von Duguesclin zu bemächtigen, wie man ſich ſchon der von Don Enrique bemächtigt hatten; aber der gute Perſon Ritter ſchmetterte mit einem Streiche ſeiner Fauſt, dieſer Fauſt, mit der er Beulen in die Rüſtungen ſchlug, den Erſten, der ſich ihm näherte, nieder, erhob mit ſeiner mächtigen Stimme den Ruf Notre⸗Dame⸗Gueselin, ſo daß er in der entfernteſten Tiefe der Ebene erſcholl, und zog ſein Schwert. In einem Augenblick bot das Zelt ein Schauſpiel ſchrecklicher Verwirrung. Schlecht bewacht, warf Agenor 90 mit einer einzigen Kraftanſtrengung die zwei Wachen zurück, denen er anvertraut war, und verband ſich mit Bertrand. Enrique durchbiß mit ſeinen Zähnen den letzten Strick, der ſeine Fauſtgelenke band. Mothril, Don Pedro und die Mauren bildeten einen drohenden Winkel. Aiſſa beugte den Kopf durch die Vorhänge ihrer Sänfte und rief, Alles außer ihrem Geliebten ver⸗ geſſend: „Muth, mein hoher Herr, Muth!“ Caverley endlich zog ſich mit ſeinen Engländern zurück, um ſo lange als möglich die Neutralität zu behaupten; nur ließ er, um für jedes Ereigniß gefaßt zu ſein, zum Aufſitzen blaſen. Der Kampf entſpann ſich, Pfeile, Bolzen, bleierne Kugeln, von der Schleuder geworfen, fingen an durch die Luft zu pfeifen und auf die drei Ritter zu regnen, als ſich plötzlich ein ungeheures Geſchrei erhob, und eine Truppe Bewaffneter zu Pferde in das Zelt ſprengte, hieb, ſchlug, das Oberſte zu unterſt kehrte, Alles nieder⸗ ſchmetterte und Staubwirbel emportrieb, wee die wüthendſten Kämpfer erſtickte. An ihrem Geſchrei:„Guesclin! Gueselin! waren nicht ſchwer die Bretagner, befehligt von dem Stamm⸗ ler von Vilaines, dem unzertrennbaren Freund von Bertrand, zu erkennen, der ihn an den Schranken des Lagers mit dem ſcharfen Befehl, nicht eher, als bis er den Ruf:„Notre Dame⸗Guesclin!“ hören würde, anzugreifen, aufgeſtellt hatte. Es herrſchte einen Augenblick eine ſeltſame Ver⸗ wirrung in dieſem aufgebrochenen, geöffneten, umge⸗ ſtürzten Zelt, einen Augenblick, in welchem ſich Freunde und Feinde durch einander, vermengt, geblendet, fanden; dann verſchwand dieſer Staub, und bei den erſten Strahlen der hinter den Gebirgen Caſtiliens aufgehenden Sonne ſah man die Bretagner als Herren des Lagers. Don Pedro, Mothril, Aiſſa, die Mauren waren wie „ ONSSU¼= ————— u— 91 eine Viſion verſchwunden. Einige, welche die Streit⸗ kolben oder die Schwerter getroffen hatten, lagen auf der Erde und rangen in ihrem Blut mit dem Tod, nur um zu beweiſen, daß man es nicht mit einem Heer von flüchtigen Geiſtern zu thun gehabt hatte. Agenor gewahrte vor Allen dieſes Verſchwinden: er ſprang auf das erſte das beſte Pferd und trieb es, ohne zu bemerken, daß es verwundet war, gegen den nächſten Hügel, von wo aus er die Ebene überſchauen konnte. Als er die Anhöhe erreicht hatte, ſah er in der Ferne fünf arabiſche Pferde, die nach dem Gehölze jagten; durch den bläulichen Dunſtkreis des Morgens erkannte er das wollene Gewand und den flatternden Schleier von Aiſſa. Ohne ſich darum zu bekümmern, ob ihn Jemand begleitete, ſtachelte er ſein Pferd, von einer wahnſinnigen Hoffnung bewegt, zu ihrer Ver⸗ folgung an; doch nach Verlauf von zehn Minuten ſtürzte das Pferd nieder, um nie mehr aufzuſteh en. Der junge Mann kehrte zur Sänfte zurück; ſie war verlaſſen und er fand darin nur noch einen ganz von Thränen befeuchteten Blumenſtrauß. „Am Ende der Linien wartete die ganze engliſche Reiterei, um zu handeln, auf ein Zeichen von Caverley. Der Kapitän hatte ſeine Leute ſo geſchickt vertheilt, daß ſie die Bretagner in einen Kreis einſchloßen. Mit einem Blick ſah Bertrand, daß der Zweck dieſes Manoeuvre war, ihm den Rückzug abzuſchneiden. Caverley trat vor und ſprach: „Meſſire Bertrand, um Euch zu beweiſen, daß wir redliche Gefährten ſind, öffnen wir Euch unſere Reihen, damit Ihr in Euer Quartier zurückkehren könnt. Daraus werdet Ihr erſehen, daß die Eng⸗ länder treulich ihr Wort halten und die Ritterſchaft des Königs von Frankreich achten.“ Während dieſer Zeit war Bertrand, ſtillſchweigend und ruhig, als ob nichts Außerordentliches vorgefallen 92 wäre, wieder zu Pferde geſtiegen und hatte ſeine Lanze aus den Händen ſeines Knappen genommen. Er ſchaute umher, und ſah daß Agenor daſſelbe gethan hatte. Alle ſeine Bretagner hielten ſich in guter Ordnung und zum Angriff bereit hinter ihm. „Herr Engländer,“ ſagte er,„Ihr ſeid ein Schurke, und wenn ich bei Kräften wäre, ließe ich Euch an jenen Kaſtanienbaum hängen.“ „Ah! ahl Meſſtre Connetable, nehmt Euch in Acht,“ rief Caverley,„Ihr werdet mich nöthigen, Euch im Namen des Prinzen von Wales zum Gefangenen zu machen.“ „Bah!“ ſagte Dugueselin. Caverley begriff, was Alles Drohendes in dem ſpöttiſchen Ton des Connetable lag und rief, ſich gegen ſeine Soldaten umwendend: „Schließt Eure Reihen!“ und ſogleich ſchloßen ſich ſeine Leute an einander an und boten den Bretagnern eine eherne Mauer entgegen. „Kinder!“ ſagte Bertrand zu ſeinen Braven,„die Stunde des Frühſtücks naht; dort ſind unſere Zelte, kehren wir dahin zurück.“ Und er ſprengte mit ſeinem Roß ſo gewaltig an, daß Caverley nur noch Zeit hatte, ſich auf die Seite zu werfen, um dieſen eiſernen Orkan, der gegen ihn vorrückte, vorüber zu laſſen. Hinter Bertrand brachen in der That mit derſelben Stärke die Bretagner, von Agenor geführt, hervor. Enrique von Transtamare war beinahe wider ſeinen Willen in den Mittelpunkt der kleinen Truppe geſtellt worden. In jener Zeit war ein Mann durch die Vertraut⸗ heit mit den Waffen und durch die materielle Kraft ſo viel werth als zwanzig Männer. Bertrand lenkte ſeine Lanze ſo, daß er den Engländer, der ſich ihr gegen⸗ über fand, aushob. Sobald dieſes erſte Loch gemacht war, 93 7 ze hörte man ein gewaltiges Krachen zerbrochener Lanzen, Schreie von Verwundeten, dumpfe Schläge eiſerner be Streitkolben und das Gewieher durch den Anfall zer⸗ malmter Pferde. 8 ig Als Caverley ſich umwandte, ſah er eine breite „ blutige Oeffnung, dann fünfhundert Schritte jenſeits ., dieſer Oeffnung die Bretagner in ſo guter Ordnung en galoppirend, als durchzögen ſie ein Feld reifer Aehren. „Ich hatte es mir doch vorgenommen, mich nicht 2 gegen dieſes Viehvolk zu wagen,“ murmelte er den n Kopf ſchüttelnd.„Zum Teufel mit den Prahlereien u und den Prahlern! Ich verliere bei dieſer Unbeſonnen⸗ heit wenigſtens zwölf Pferde und vier Reiter, abge⸗ ſehen... ohl ich Unglücklicher! abgeſehen von einem n königlichen Löſegeld. Heben wir das Lager auf, meine 1 Herren. Von dieſer Stunde an ſind wir Caſtilianer. Verändern wir das Banner.“. Und noch an demſelben Tag hob der Abenteurer 8 das Lager auf und ſetzte ſich in Marſch, um Don Pedro wieder einzuholen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 9 p Die Politik von Meſſire Bertrand Duguesclin. Schon ſeit mehreren Stunden waren die Bretagner und der Prinz von Transtamare mit Mauleon in Sicher⸗ heit, und ſchon lange hatte Agenor in den Krümmungen der Berge, die den Horizont begrenzten, den weißen Punkt verloren, welcher auf der nun in den Sonnen⸗ ſtrahlen glänzenden Ebene entfloh und nichts Anderes war, als ſeine ganze Liebe, ſeine ganze Freude, alle ſeine hinſchwindenden Hoffnungen. Sie bot übrigens ein ziemlich wechſelreiches Schau⸗ ſpiel, die Haltung der verſchiedenen Perſonen dieſer Ge⸗ ſchichte, denn der Zufall ſchien ein Vergnügen daran zu finden, Alle in dem Rahmen der herrlichen Land⸗ ſchaft, welche Agenor betrachtete, zu gruppiren. Auf einem der Abhänge des Gebirges, das ſie mit einer Schnelligkeit erreicht hatte, die der Flug des Adlers nicht übertroffen haben würde, erſchien die flüchtige Truppe abermals; ganz deutlich ſah man drei Dinge: den rothen Mantel von Mothril, den weißen Schleier von Aiſſa und die leuchtende Stahlſpitze, welche die Sonne wie einen Funken auf dem Helm von Don Pedro glänzen machte. In dem Zwiſchenraum, der ſich vom erſten bis zum dritten Plan ausdehnte, folgte die ganze Truppe von Caverley, nunmehr wieder in Schlachtordnung, dem Weg zum Gebirge. Die erſten Reiter verloren ſich iüclis in dem Gehölze, das ſich an ſeiner Baſe aus⸗ dehnte. Auf dem erſten Plan ließ Enrique von Transta⸗ mare, an ein Geſträuche von rieſigem Ginſter ange⸗ lehnt, ſein Pferd auf dem Wieſengrunde umherirren und betrachtete von Zeit zu Zeit mit ſchmerzlichem Er⸗ ſtaunen ſeine noch von dem Druck der Stricke gerötheten Fauſtgelenke. Dieſe Spuren der ſchrecklichen Scene, welche in dem Zelt von Caverley vorgefallen, bewieſen ihm allein, daß zwei Stunden vorher Don Pedro noch in ſeiner Gewalt geweſen war, und daß ihm einen Augenblick ein günſtiges Geſchick zugelächelt hatte, um ihn beinahe in derſelben Minute von dem Firſt eines frühreifen Glückes vielleicht in die tiefſte Tiefe des finſteren Abgrunds der Ungewißheit und der Ohnmacht. hinabzuſtürzen. In der Nähe von Enrique hatten ſich einige Bre⸗ u———— ᷣ 8———— KX—B X X — ð N 95 tagner, von Müdigkeit erſchöpft, auf dem Graſe nieder⸗ gelegt. Dieſe braven Ritter, gehorſame Maſchinen, einzig und allein durch den Befehl der Natur über dem Saumthier oder dem Schäferhund erhaben, gaben ſich nicht die Mühe, nachzudenken, nachdem ſie gehandelt hatten. Als ſie wahrnahmen, daß zehn Schritte von ihnen Bertrand für ſie nachdachte, zogen ſie ihre Mäntel über ihre Geſichter, um ſich vor der Sonne zu ſchützen, und entſchliefen. Der Stammler von Vilaines und Olivier von Mauney ſchliefen nicht; ſie beobachteten im Gegentheil mit der tiefſten und beharrlichſten Aufmerkſamkeit die Engländer, deren Vorhut, wie geſagt, ſich im Walde zu verlieren anſing, während die Nachhut noch die Zelte abbrach und auf den Rücken der Maulthiere lud: unter den Arbeitern konnte man Caverley gewahren, der, wie ein bewaffnetes Geſpenſt, die Reihen der Soldaten durchſchritt und die Ausführung der von ihm gegebenen Befehle überwachte. So waren alle dieſe Menſchen, die ſich in der weiten Landſchaft zerſtreuten, und die einen nach Süden, die andern nach Weſten, dieſe nach dem Oſten, jene nach dem Norden entflohen, wie ſcheu gewordene Amei⸗ ſen, dennoch mit einander durch eines und daſſelbe Ge⸗ fühl verbunden, und Gott, der ſie allein verſtand, indem er ſie vom Himmel herab beobachtete, konnte ſagen, daß in jedem von dieſen Herzen, nur nicht in dem von Aiſſa, das Gefühl, welches alle andere Gefühle beherrſchte, das der Rache war. Bald aber verloren ſich Don Pedro und Aiſſa aber⸗ mals in einer Biegung des Gebirges; bald ſetzte ſich die engliſche Nachhut ebenfalls in Marſch und drang in den Wald, ſo daß Mauleon, der Aiſſa nicht mehr ſah, und der Stammler von Vilaines und Olivier von Mauney, welche Caverley nicht mehr ſahen, ſich Bertrand näherten, der ſich ſeiner Träumerei entſchlug, um ſich 96 mit dem immer noch in die ſeinige verſunkenen Enrique zu beſprechen. Bertrand lächelte ihnen zu; dann ſtand er mit Hülfe der eiſernen Gelenke ſeiner Rüſtung etwas mühſam von dem Erdhaufen auf, auf den er ſich geſetzt hatte, und ging gerade auf den Prinzen Enrique zu, der immer noch an ſeinen Ginſter angelehnt war. Das Geräuſch ſeiner durch die Rüſtung erſchwerten Tritte erſchütterte den Erdboden, und dennoch wandte ſich Enrique nicht um, Bertrand trat immer näher auf ihn zu, ſo daß ſein Schatten, zwiſchen die Sonne und den Prinzen geſtellt, dem traurigen Herrn den ſanften Troſt der Wärme des Himmels entzog, welche, wie das Leben, beſonders koſt⸗ bar iſt, wenn man ſie verliert. Enrique hob den Kopf empor, um ſeine Sonne zu verlangen, und ſah den guten Connetable, der ſich, das Viſir halb aufgeſchlagen und das Auge belebt von einem ermuthigenden Mitleid, auf ſein Schwert ſtützte. „Ah! Connetable,“ ſagte der Prinz, den Kopf ſchüttelnd,„was für einen Tag!“ „Bah! Hoheit, ich habe ſchlechtere geſehen.“ Der Prinz antwortete nur, indem er den Himmel durch einen Blick anklagte. „Meiner Treue!“ fuhr Bertrand fort,„ich erin⸗ nere mich nur eines Umſtands, daß wir Gefangene ſein könnten, und daß wir im Gegentheil frei ſind.“ „Ah! Connetable, ſeht Ihr denn nicht, daß uns Alles entgeht?“ „Was nennt Ihr denn Alles?“ 3 „Der König von Caſtilien, bei Gott!“ rief Do Enrique mit einer Bewegung der Wuth und der Drohung, welche die Ritter beben machte, die das ſchallende Wort des Prinzen herbeigezogen hatte, die aber, indem ſie ſein Wort hörten, nicht vergeſſen konnten, daß der ſo ſehr verwünſchte Feind ein Bruder war. Bertrand hatte ſich dem Prinzen nicht allein in 97 der Abſicht genähert, die Entfernung, die ſie trennte, zu verkürzen; er wollte ihm etwas ſagen, denn er hatte in der That auf allen Geſichtern einen Ausdruck von Müdigkeit wahrgenommen, der ziemlich einem Anfang von Entmuthigung glich. Er bedeutete dem Prinzen durch ein Zeichen, er möge ſich ſetzen. Dieſer begriff, daß Bertrand ein wich⸗ tiges Geſpräch einzuleiten beabſichtige; er legte ſich da⸗ her nieder, und unter allen dieſen, wie geſagt, Entmu⸗ thigung ausdrückenden Geſichtern war das ſeinige kei⸗ nes von den am mindeſten ausdrucksvollen. Bertrand verbeugte ſich, indem er zugleich ſeine beiden Hände auf ſeinen Schwertknopf ſtützte, und ſprach: „Verzeiht, gnädigſter Herr, wenn ich Eure Gedan⸗ ken von dem Wege abbringe, den ſie verfolgen, doch ich wünſchte mich mit Euch über einen gewiſſen Punkt zu verſtändigen.“ „Was habt Ihr, mein lieber Connetable?“ fragte Enrique, unruhig über dieſen Eingang, denn um den rieſigen Act ſeiner Uſurpation zu vollbringen, fühlte er ſich nur auf die Redlichkeit der Bretagner geſtützt, und gewiſſe Seelen können in Betreff der Redlichkeit keinen ſehr ſtarken Glauben haben. „Gnäͤdigſter Herr, Ihr habt geſagt, der König von Caſtilien ſei uns entgangen!“ „Allerdings habe ich das geſagt.“ „Wohl! das bildet eine Zweideutigkeit, und ich for⸗ dere Euch auf, Eure getreuen Diener dem Zweifel zu entziehen, der durch Eure Worte in Ihnen entſtanden iſt. Es gibt alſo noch einen andern Koͤnig von Caſti⸗ lien, als Euch?“ Enrique erhob das Haupt wie der Stier, der die Spitze des Picador fühlt. „Erklärt Euch, lieber Connetable,“ ſagte er. „Das iſt leicht. Wenn wir Beide nicht wiſſen, Der Baſtard von Mauleon. U. 7 98 woran wir uns über dieſen Gegenſtand zu halten ha⸗ ben, ſo begreift Ihr, daß meine Bretagner und Eure Caſtilianer ſich noch viel weniger auskennen werden, und daß die Einwohnerſchaften der andern ſpaniſchen Reiche, noch viel weniger unterrichtet, als Eure Caſtilianer und meine Bretagner, nie wiſſen werden, ob ſie: Es lebe König Enriquel oder: Es lebe König Don Pedro! ru⸗ fen ſollen.“ Enrique hörte, doch noch ohne zu wiſſen, worauf der Connetable abzielte. Nichtsdeſtoweniger, da ihm die Folgerung ſehr logiſch vorkam, machte er mit dem Kopf ein billigendes Zeichen. „Nun?“ ſagte er endlich. „Nun,“ erwiederte Dugueselin,„wenn zwei Kö⸗ nige vorhanden ſind, was eine Verwirrung veranlaßt, ſo fangen wir damit an, daß wir einen wegſchaffen.“ „Mir ſcheint, daß wir nur zu dieſem Ende Krieg führen, Sire Connetable,“ entgegnete Enrique. „Sehr gut; doch wir haben noch keine von den glänzenden Schlachten gewonnen, die Euch geradezu einen König vom Throne ſtürzen, und in Erwartung dieſes Tages, der über das Schickſal von Caſtilien, ſo wie über das Eurige entſcheiden wird, wißt Ihr ſelbſt nicht, ob Ihr der König ſeid.“ „Was iſt daran gelegen! ich will es ſein.“ „Dann ſeid es.“ „Aber, mein lieber Connetable, bin ich nicht ſchon für Euch der einzige, der wahre Koͤnig?“ ſe„Das genügt nicht; Ihr müßt es für Jedermann ein.* „Das ſcheint mir unmoͤglich, Meſſtre, vor dem Ge⸗ winnen einer Schlacht, der Huldigung einer Armee, oder der Einnahme irgend einer großen Stadt.“ „Wohl! das iſt es, woran ich gedacht habe.“ „Ihr!“ „Allerdings, ich. Glaubt Ihr, weil ich ſchlage, denke ich nicht? Ihr täuſcht Euch. Ich ſchlage nicht 99 immer und denke auch zuweilen. Ihr ſagt, man müſſe das Gewinnen einer Schlacht, die Huldigung einer Armee, oder die Einnahme einer großen Stadt ab⸗ warten?“ „Ja, wenigſtens eines von dieſen drei Dingen.“ „Nun ſo wollen wir eines von dieſen drei Dingen ſogleich haben.“ „Das ſcheint mir ſehr ſchwierig, Connetable, um nicht zu ſagen unmöglich.“ „Warum, Sire?“ „Weil ich fürchte.“ „Ahl wenn Ihr fürchtet, ich fürchte nie, gnädig⸗ ſter Herr,“ entgegnete lebhaft der Connetable;„thut es nicht, ich werde es thun.“ „Wir werden von zu hoch herabfallen, Connetable; von ſo hoch, daß wir uns nicht mehr erheben.“ „Fallt Ihr nicht in das Grab, gnädigſter Herr, ſo werdet Ihr Euch immerhin erheben, ſo lange Ihr vier bretagniſche Ritter um Euch und dieſes glänzende ca⸗ ſtilianiſche Schwert an Eurer Seite habt. Auf, hoher Herr, Entſchloſſenheit!“ „Oh! ſeid unbeſorgt, Meſſire Connetable, ich werde bei Gelegenheit haben,“ ſprach Enrique, deſſen Augen ſich bei dem näher gerückten Anblick der Verwirklichung ſeines Traumes belebten.„Aber ich ſehe weder die Schlacht, noch das Heer.“ „Ja, aber Ihr ſeht die Stadt.“ Enrique ſchaute umher. „Wo ſalbt man die Könige in dieſem Lande, gnä⸗ digſter Herr?“ fragte Duguesclin. „In Burgos.* 1 „Wohl! obgleich meine geographiſchen Kenntniſſe nicht ſehr ausgebreitet ſind, ſo muß doch Burgos, wie mir ſcheint, in dieſer Gegend liegen.“ „Ganz gewiß, höchſtens fünfundzwanzig bis dreißig Stunden von hier.“ „Nehmen wir alſo Burgos.“ 100 71 „Eine ſo feſte Stadt, Connetable,“ verſetzte En⸗ rique, den Kopf mit dem Ausdruck des Zweifels ſchüt⸗ telnd;„eine Hauptſtadt! eine Stadt, in der ſich außer dem Adel eine mächtige Bürgerſchaft findet, beſtehend aus Chriſten, Juden und Mahometanern, welche in ge⸗ wöhnlichen Zeiten ganz getrennt, aber, wenn es ſich um die Vertheidigung ihrer Privilegien handelt, ganz befreundet ſind! Burgos, mit einem Wort, der Schlüſ⸗ ſel Caſtiliens, eine Stadt, die als das uneinnehmbarſte Heiligthum von denjenigen, welche die Krone und die königlichen Inſignien darin niedergelegt haben, gewählt worden zu ſein ſcheint!“ „Dahin werden wir gehen, wenn es Euch beliebt, gnädigſter Herr,“ ſprach ganz ruhig Duguesclin. „Freund,“ ſagte der Prinz,„laßt Euch nicht durch ein Gefühl der Zuneigung, durch eine übertriebene Er⸗ gebenheit verführen. Gehen wir mit unſern Kräften zu Rathe.“ „Zu Pferde, gnädigſter Herr,“ ſprach Bertrand, während er das Roß des Prinzen, das im Ginſter um⸗ herirrte, beim Zügel faßte,„zu Pferde, und marſchiren wir gerade auf Burgos.“ Und auf ein Zeichen des Connetable gab ein bre⸗ tagniſcher Trompeter das Signal. Die Schläfer waren die Erſten im Sattel, und Bertrand, der ſeine Bretagner mit der Aufmerkſamkeit eines Anführers und mit der Liebe eines Vaters beobachtete, bemerkte, daß die mei⸗ ſten derſelben, ſtatt den Prinzen zu umgeben, wie ſie es zu thun pflegten, ſich im Gegentheil ihm als ihrem Connetable anſchloßen, und ihn als ihr einziges und wahres Haupt anerkannten. „Es war Zeit,“ flüſterte der Connetable Agenor ins Ohr. 101 „Wozu?“ fragte dieſer bebend wie ein Menſch, den man ſeinem Traume entreißt. „Zeit, die Thätigkeit unſerer Soldaten wieder aufzu⸗ friſchen,“ ſagte er. „Das iſt in der That kein Uebel, Connetable,“ erwiederte der junge Mann,„denn es iſt hart für Men⸗ ſchen, zu gehen, man weiß nicht wohin, man weiß nicht für wen.“ Bertrand lächelte; Agenor erwiederte ſeinen Ge⸗ danken und gab ihm folglich Recht. „Nicht wahr, Ihr ſprecht nicht für Euch 2“ fragte Bertrand;„denn mir ſcheint, ich habe Euch immer als den Erſten auf dem Marſch und beim Angriff für die Ehre unſeres Landes geſehen.“ „Oh! ich verlange nichts Anderes, als mich zu ſchlagen und beſonders zu marſchiren, und nie wird man ſchnell genug für mich gehen.“ Und als er dieſe Worte ſagte, erhob ſich Agenor auf ſeinen Steigbügeln, als ob ſein Blick die Berge hätte überſpringen wollen, welche den Horizont begrenzten. Bertrand antwortete nicht; er hatte Jedermann gut beurtheilt und begnügte ſich damit, daß er eine Wache befragte, die ihn verſicherte, wolle man auf dem kürzeſten Weg Burgos erreichen, ſo müſſe man ſich gegen Calahorra, eine kleine kaum ſechs Meilen entfernte Stadt, wenden. „Marſchiren wir alſo raſch nach Calahorra,“ rief der Connetable. Und er ſpornte ſein Pferd, und gab ſo das Bei⸗ ſpiel der Eile. Hinter ihm ſetzte ſich mit einem furchtbaren Ge⸗ räuſch die eherne Schwadron in Bewegung, in deren Centrum ſich Enrique von Transtamare befand. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Bote. ſich die kleine Stadt Calahorra den Blicke gefähr zehntauſend Mann zählen. man Kenntniß hatte. Vertheidigung. Dugueselin Es war am Ende des zweiten Tagemarſches, als Enrique von Transtamare und von Bertrand Dugues⸗ elin befehligten Truppe darbot. Dieſe Truppe, die ſich während der zwei Tugemärſche mit allen kleinen in der Umgegend zerſtreuten Corps verſtärkt hatte, mochte un⸗ Der Verſuch, den man auf die Stadt Calahorra, einen vorgerückten Wachtpoſten von Burgos, machen wollte, war beinahe entſcheidend. Von dieſem Aus⸗ gangspunkte, der den Maßſtab für die Stimmung Alt⸗ Caſtiliens gab, hing in der That der günſtige oder un⸗ günſtige Erfolg des Zuges ab. Sah ſich Don Enrique vor Calahorra aufgehalten, ſo wurde ſein Marſch ein Krieg; ſiel ihm Calahorra ohne Hinderniß zu, ſo rückte Don Enrique auf dem Wege des Triumphes vor. Die Armee war übrigens voll guten Willens; es herrſchte allgemein die Meinung, Don Pedro habe ſich 4 jenſeits des Gebirges mit einem Corps aragoniſcher und mauriſcher Truppen in Verbindung geſetzt, von dem Die Thore der Stadt waren geſchloſſen, die Sol⸗ daten, welche dieſelben bewachten, hatten ihren Poſten inne; die Schildwachen gingen, die Armbruſt auf der Schulter, auf der Mauer auf und ab; Alles war im Stande, wenn nicht der Drohung, doch wenigſtens der führte ſeine kleine Armee bis auf einen 103 Pfeilſchuß zu den Wällen. Hier verſammelte er ſeine Truppen um die Fahnen und hielt eine Rede, welche ganz das Gepräge der bretagniſchen Sicherheit und der Gewandtheit eines am Hof von Karl V. aufgezogenen Mannes hatte; dieſe Rede endigte er damit, daß er Don Enrique von Transtamare zum König beider Ca⸗ ſtilien, von Sevilla und von Leon, an der Stelle von Don Pedro, dem Mörder, dem Verruchten, dem des Ritterthums Unwürdigen proclamirte. Dieſe feierlichen Worte, welche Bertrand mit der ganzen Stärke ſeiner Lunge ausſprach, machten zehn⸗ tauſend Schwerter aus der Scheide ſpringen, und unter dem ſchönſten Himmel der Welt, zur Stunde, wo die Sonne hinter den Gebirgen von Navarra unterzugehen im Begriff war, konnte Calahorra von ſeinem Walle herab dem eindrucksvollen Schauſpiel eines Thrones, der fällt, und einer Krone, die ſich erhebt, beiwohnen. Bertrand, nachdem er geſprochen, nachdem er das Heer hatte ſprechen laſſen, wandte ſich gegen die Stadt um, als wollte er ſte um ihre Meinung fragen. Die Bürger von Calahorra, ſo gut eingeſchloſſen, ſo gut mit Waffen und Proviant ſie auch verſehen waren, blieben nicht lange im Zweifel. 2 Die Haltung des Connetable war bezeichnend. Die ſeiner Krieger, die Lanze hoch, war es nicht minder. Sie bedachten wahrſcheinlich, daß ſchon das Gewicht dieſer Reiterei genügen würde, um ihre Mauern ein⸗ zudrücken, und daß es ſolglich einfacher wäre, dieſem Unglück durch das Oeffnen der Thore zu begegnen. Sie erwiederten daher den Zuruf des Heeres dadurch, daß ſie voll Begeiſterung: Es lebe Don Enrique von Transtamare, Koͤnig von Caſtilien, Sevilla und Leon! ſchrieen. Dieſe erſten Ausrufungen, welche in eaſtilianiſcher Sprache geſchahen, brachten eine tiefe Erſchütterung bei Enrique hervor; er ſchlug ſein Helmviſir auf, näherte ſich allein der Mauer und ſprach: 4 104 „Sagt: Es lebe der gute König Enrique! denn ich werde ſo gut gegen Calahorra ſein, daß es ſich in allen Zeiten erinnern ſoll, es habe mich zuerſt als König von Caſtilien begrüßt.“ Da war es nicht mehr Begeiſterung, ſondern eine wahre Wuth; die Thore öffneten ſich, als hätte ſie eine Fee mit ihrem Stäbchen berührt, und eine gedrängte Maſſe von Bürgern, Frauen und Kindern ſtrömte aus der Stadt hervor und vermiſchte ſich mit den königlichen Truppen. In einer Stunde geſtaltete ſich eines von den glänzenden Feſten, deren Koſten zu tragen die Natur allein genügt; alle die Blumen, aller Wein, aller Honig dieſes ſchönen Landes; die Pſalter, die Dolciane, die Stimmen der Frauen, die Wachskerzen, der Klang der Glocken, die Geſänge der Prieſter berauſchten die ganze Nacht hindurch den neuen König und ſeine Gefährten. Bertrand hatte indeſſen ſeinen Bretagner⸗Rath verſammelt und ſprach zu ihm: „Der Prinz Don Enrique von Transtamare iſt nun, wenn nicht geſalbt, doch zum König ausgerufen; Ihr unterſtützt nicht mehr einen Abenteurer, ſondern einen Fürſten, der Ländereien, Lehen und Güter beſitzt. Ich wette, Caverley wird es bedauern, daß er nicht mehr bei uns iſt.“ Mitten unter der Aufmerkſamkeit, die man ihm ſtets bewilligte, nicht nur als einem Führer, ſondern als einem ebenſo klugen, wie braven, ebenſo braven, wie erfahrenen Krieger, entwickelte er ſein ganzes Sy⸗ ſtem, nämlich ſeine Hoffnungen, welche bald die aller Anweſenden wurden. Er vollendete ſeine Rede, als man ihm meldete, der Prinz verlange nach ihm, ſowie nach dem bretag⸗ niſchen Anführer, und er eerrwarte ſeine getreuen Ver⸗ bündeten im Palaſt des Gouverneur von Calahorra, den dieſer zur Verfügung des neuen Fürſten geſtellt hatte. 10⁵ Bertrand entſprach ſogleich der an ihn ergangenen Einladung. Enrique ſaß ſchon auf einem Thron und ein goldener Reif, das Zeichen des Königthums, umgab ſeinen Helmſtutz. „Sire Connetable,“ ſagte der Prinz, Duguesclin die Hand reichend,„Ihr habt mich zum König gemacht, ich mache Euch zum Grafen; Ihr habt mir ein Reich gegeben, ich biete Euch eine Herrſchaft an; Euch habe ich es zu verdanken, daß ich Enrique von Transtamare, König von Caſtilien, Sevilla und Leon heiße; Ihr heißt nach meinem Willen Bertrand Dugueselin, Con⸗ netable von Frankreich und Graf von Borgia.“ Sogleich bewies ein dreifacher Zuruf der Anführer und Soldaten dem König, daß er nicht nur einen Act der Dankbarkeit, ſondern auch der Gerechtigkeit voll⸗ bracht hatte. 8 „Was Euch betrifft, Ihr edlen Kapitäne,“ fuhr der König fort,„ſo werden meine Geſchenke das Maß Eurer hohen Verdienſte nicht erreichen; doch Eure Er⸗ oberungen ſollen, indem ſie meine Staaten vergrößern und meine Reichthümer vermehren, auch Euch mächti⸗ ger und reicher machen.“ Mittlerweile ließ er unter ſie ſein Gold⸗ und Silbergeſchirr, ſeine Pferde und Alles, was der Palaſt von Calahorra an Koſtbarkeiten enthielt, vertheilen. Dann ernannte er zum Gouverneur der Provinz den⸗ jenigen, welcher nur Gouverneur der Stadt war. Sofort trat er auf den Balcon und ließ unter die Soldaten achtzigtauſend Goldthaler, die ihm noch blie⸗ ben, vertheilen. Nachdem dies geſchehen war, deutete er auf ſeine leeren Kiſten und ſprach: „Ich empfehle ſie Euch, denn wir werden ſie in Burgos wieder füllen.“ „In Burgos!“ riefen die Soldaten und Kapitäne. „In Burgos!“ wiederholten die Einwohner, für welche die in Feſten, Trinkgelagen und Umhalſungen zugebrachte Nacht ſchon eine Probe der Brderſchaft 106 war, eine Probe, welche die Klugheit nicht in Miß⸗ brauch ausarten zu laſſen rieth. Indeſſen war der Tag gekommen, das Heer war zum Aufbruch bereit, ſchon erhob ſich das königliche Banner uüͤber den Fahnen jeder einzelnen caſtilianiſchen und bretagniſchen Compagnie, als ſich ein gewaltiger Lärmen an dem Hauptthor von Calahorra hörbar machte und das Ge⸗ ſchrei des Volks, das ſich dem Mittelpunkt der Stadt näherte, ein wichtiges Ereigniß verkündigte. Dieſes Ereigniß war ein Bote. Bertrand lächelte, Enrique erhob ſich ſtrahlend. „Man mache ihm Platz,“ ſprach der König. Die Menge trat auf die Seite. Man ſah nun, reitend auf einem arabiſchen Roß, mit rauchenden Nüſtern, mit langer Mähne, bebend auf ſeinen Beinen, die ſo ſcharf und ſpitzig waren, wie eine Stahlklinge, einen Mann von ſchwarzbrauner Farbe, in einen weißen Burnus gehüllt, erſcheinen. „Der Prinz Don Enrique?“ fragte er. „Ihr wollt ſagen der König?“ erwiederte Duguesclin. „Ich kenne keinen andern König, als Don Pedro,“ ſagte der Araber. „Das iſt Einer, welcher wenigſtens keine Ausflüchte macht,“ murmelte der Connetable. „Es iſt gut,“ ſprach der Prinz,„machen wir die Sache kurz; ich bin derjenige, mit welchem Ihr reden wollt.“ Der Bote verbeugte ſich, ohne vom Pferd zu ſteig en. „Woher kommt Ihr?“ fragte Don Enrique. „Von Burgos.“ „In weſſen Auftrag?“ „Im Auftrag von König Don Pedro.“ „Don Pedro iſt in Burgos!“ rief Enrique. „Ja, Herr,“ erwiederte der Bote. Enrique und Bertrand wechſelten einen Blick. „Und was wünſcht Don Pedro?“ fragte der Prinz. — u———— —— 107 „Den Frieden,“ ſagte der Araber. „Oh! oh!“ rief Bertrand, in dem die Redlichkeit raſcher und lauter ſprach, als jedes Intereſſe. Enrique faltete die Stirne, Agenor bebte vor Wohlbehagen; der Friede war die Freiheit, Aiſſa nachzulaufen, und die Freiheit, ſie zu erreichen. 1 „Und dieſer Friede,“ fragte Enrique mit zaudern⸗ dem Tone,„unter welcher Bedingung wird er uns be⸗ willigt werden?“ „Antwortet, gnädigſter Herr, daß Ihr ihn wün⸗ ſchet, wie wir,“ erwiederte der Abgeſandte,„und der König, mein Herr, wird ſehr leichte Bedingungen ſtellen.“ Bertrand hatte indeſſen an den Auftrag gedacht, den er von König Karl V. erhalten, an den Auftrag der Rache in Beziehung auf Don Pedro und der Zer⸗ ſtörung in Beziehung auf die großen Compagnien. „Ihr ſolltet den Frieden nicht annehmen, ohne daß Ihr Eurerſeits hinreichend Vortheile errungen habt, um gute Bedingungen verlangen zu können,A ſagte er zu Enrique. „Ich dachte das auch, doch ich erwartete Eure Bei⸗ ſtimmung,“ ſagte raſch Enrique, der bei dem Gedan⸗ ken, das zu theilen, was er allein haben wollte, zitterte. „Was antwortet der gnädigſte Herr?“ fragte der Bote. 5„Antwortet für mich, Graf von Borgia,“ ſagte der önig. 1 3 „Ich will es, Sire,“ erwiederte Bertrand ſich ver⸗ beugend. Dann wandte er ſich gegen den Boten und ſprach: „Herr Herold, kehrt zu Eurem Gebieter zurück und ſagt ihm, wir werden über den Frieden unterhandeln, wenn wir in Burgos ſeien.“ „In Burgos!“ rief der Abgeſandte mit einem Ton, der mehr Furcht, als Erſtaunen bezeichnete. 108 „Ja, in Burgos.“ „In dieſer Stadt, die der König Don Pedro mit ſeiner Armee beſetzt hält?“ „Ganz richtig,“ bemerkte der Connetable. „Iſt das Eure Anſicht, hoher Herr?“ fragte der Herold, ſich an Enrique von Transtamare wendend. Der Prinz machte ein bejahendes Zeichen. „Gott erhalte Euch!“ ſagte der Abgeſandte und bedeckte ſich das Haupt mit ſeinem Mantel. * Dann verbeugte er ſich vor dem Prinzen, wie er es bei ſeiner Ankunft gethan hatte, wandte ſein Pferd um und ritt im Schritt durch die Menge weg, welche in ihren Hoffnungen getäuſcht, als er vorüberzog, ſich ſtumm und unbeweglich verhielt. „Reitet ſchneller, Herr Bote, wenn Ihr nicht wollt, daß wir vor Euch ankommen,“ rief ihm Ber⸗ trand nach. Aber ohne den Kopf umzuwenden, ohne daß er nur zu bemerken ſchien, dieſe Worte ſeien an ihn ge⸗ richtet geweſen, ließ der Maure ſein Pferd allmälig von einem gemäßigten Gang zu einem raſchen Schritt und endlich zu einem ſo eiligen Lauf übergehen, daß man ihn ſchon oben von den Wällen aus dem Geſicht verloren hatte, als die bretagniſche Vorhut aus den Thoren von Calahorra auszog, um gegen Burgos zu marſchiren. 1 Gewiſſe Neuigkeiten durchfliegen die Lüfte wie die Atome, die der Wind fortwälzt; ſie ſind ein Hauch, ein Duft, ein Lichtſtrahl. Sie berühren, verkündigen, blenden auf dieſelbe Entfernung wie der Blitz. Nie⸗ mand kann die Erſcheinung eines Ereigniſſes erklären, das in einer Entfernung von zwanzig Meilen errathen wird. Die Thatſache, welche wir bezeichnen, hat in⸗ deſſen ſchon die Kraft der Gewißheit erlangt. Die Wiſſenſchaft, wenn ſie dieſes Problem ergründet hat, wird ſich vielleicht nicht einmal herbeilaſſen, es zu er⸗ klären, und ſie wird als ein Axiom das behandeln, was er 109 wir ein Geheimniß der menſchlichen Organiſation nennen. Immerhin iſt gewiß, daß an dem Abend des Tages, wo Don Enrique, den Connetable an ſeiner Seite, in Calahorra eingezogen war, die Nachricht, daß man Enrique zum König von Caſtilien, Sevilla und Leon ausgerufen, ſich auf Burgos niederſenkte, wo Don Pedro ſelbſt erſt ſeit einer Viertelſtunde eingezogen war. Welcher Adler hatte ſie, am Himmel hinziehend, aus ſeinen Klauen fallen laſſen? Niemand konnte es ſagen, aber in wenigen Augenblicken war Jedermann davon überzeugt. Don Pedro allein zweifelte, Mothril brachte ihn zu der Meinung von Jedermann, indem er zu ihm ſagte: „Es iſt zu befürchten, daß dies ſo iſt, daß es ſein muß, folglich iſt es.“ „Aber,“ entgegnete Don Pedro,„vorausgeſetzt ſo⸗ gar, dieſer Baſtard ſei in Calahorra eingezogen, ſo iſt es darum doch nicht wahrſcheinlich, daß man ihn zum König ausgerufen hat.“ „Iſt es nicht geſtern geſchehen, ſo wird es ſicher⸗ lich heute geſchehen,“ erwiederte Mothril. „Dann marſchiren wir ihm entgegen, und bekriegen wir ihn.“ 3 „Nein, bleiben wir, wo wir find, und machen wir Frieden.“ „Frieden machen!“ „Ja, erkauft ihn ſogar, wenn es nothwendig iſt.“ „Unglücklicher!“ rief Don Pedro wüthend. „Ein Verſprechen,“ verſetzte Mothril, die Achſeln zuckend;„koſtet denn das ſo viel, und Euch beſonders, Herr König?“ „Ah! ah!“ machte Don Pedro, der zu begreifen anſing. „Allerdings,“ fuhr Mothril fort;„was will Don Enrique? einen Thron; gebt ihm einen von dem Um⸗ fang, der Euch beliebt: Ihr werdet ihn ſodann hinab⸗ ſtürzen. Macht Ihr ihn zum König, ſo wird er Euch, der ihr ihm die Krone auf das Haupt geſetzt habt, nicht mehr mißtrauen. Ich frage Euch, iſt es denn ſo vortheilhaft, unabläßig an unbekannten Orten einen Nebenbuhler zu haben, der, wie der Blitz, man weiß nicht wann, man weiß nicht wo herabfallen kann? Weiſet Don Enrique ein Königreich zu, ſchließt es in die Grenzen ein, die Euch bequem ſind; macht mit ihm, was man mit dem Stör macht, dem man einen ganzen Fiſchteich mit tauſend Schlupfwinkeln gibt. Man iſt ſicher, ihn zu finden, wenn man in dieſem für ihn be⸗ reiteten Baſſin auf ihn jagt. Sucht ihn aber im gan⸗ zen Meer!“ „Das iſt wahr,“ ſagte Don Pedro immer aufmerk⸗ amer. „Verlangt er Leon von Euch,“ fuhr Mothril fort, „ſo gebt ihm Leon; er wird es nicht ſobald angenom⸗ men haben, als er zu Euch kommen muß, um Euch zu danken; Ihr werdet ihn dann an Eurer Seite, an Eurem Tiſch, an Eurem Arm haben: ein Tag, eine Stunde, zehn Minuten, das iſt eine Gelegenheit, die Euch das Glück nie bieten wird, ſo lange Ihr mit ein⸗ ander Krieg führt. Er iſt in Calahorra, ſagt man; gebt ihm alles Gebiet, was zwiſchen Calahorra und Burgos liegt, und Ihr werdet ihm nur um ſo näher ſein.“ Don Pedro begriff Mothril ganz und gar. „Ja,“ murmelte er nachdenkend,„ſo brachte ich Don Federigo in meine Nähe.“ „Ah!“ ſagte Mothril,„ich glaubte in der That, Ihr hättet das aus dem Gedächtniß verloren.“ „Es iſt gut!“ ſprach Don Pedro, indem er ſeine Hand auf die Schulter von Mothril fallen ließ,„es iſt gut.“ Und der König ſchickte zu Don Enrique einen von den unermüdlichen Mauren, welche die Tage nach den dreißig Meilen meſſen, die ihre Pferde zurücklegen. 2So—O=— ,——. έ½ 111 Mothril ſchien es nicht zweifelhaft, Enrique würde annehmen, und wäre es nur in der Hoffnung, Don Pedro den zweiten Theil des Reiches zu entreißen, nach⸗ dem er den erſten angenommen. Doch man rechnete ohne den Connetable. Als die Antwort von Calahorra ankam, waren auch Don Pedro und ſeine Räthe ganz beſtürzt, einmal, weil ſie nicht an die Erwählung des Prätendenten glaubten, und ſodann, weil ſie die Fol⸗ gen davon übertrieben. Don Pedro hatte indeſſen ein Heer; aber ein Heer iſt minder ſtark, wenn es belagert wird. Er hatte Bur⸗ gos; aber war die Treue von Burgos ganz ſicher?“ Mothril verhehlte Don Pedro nicht, die Einwohner nin Burgos gelten für große Liebhaber von Neuig⸗ eiten. „Wir legen die Stadt in Aſche,“ ſagte Don Pedro. Mothril ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Burgos iſt keine von den Städten, die ſich un⸗ geſtraft verbrennen laſſen. Es wird zuerſt von Chriſten bewohnt, welche die Mauren haſſen, und die Mauren find Eure Freunde; von Muſelmännern, welche die Juden haſſen, und die Juden ſind Eure Säckelmeiſter; von Juden endlich, welche die Chriſten haſſen, und Ihr habt eine große Anzahl Chriſten in Eurem Heer. Dieſe Leute werden ſich unter einander zerfleiſchen, ſtatt das Heer von Don Enrique zu zerfleiſchen; ſie werden noch mehr thun, jede von den drei Parteien wird die zwei andern dem Prätendenten ausliefern. Glaubt mir, fin⸗ det einen Vorwand, um Burgos zu verlaſſen, Sire, und ich rathe Euch, verlaßt Burgos, ehe man die Kunde von der Erwählung von Don Enrique vernimmt.“ „Verlaſſe ich Burgos, ſo iſt dies eine für mich verlorene Stadt,“ ſagte Don Pedro zögernd. „Nein; wenn Ihr zurückkommt, um Don Enrique zu belagern, ſo werdet Ihr ihn in derſelben Lage finden, in der wir uns heute befinden, und da Ihr anerkennt, daß der Vortheil zu dieſer Stunde auf ſeiner Seite iſt, 112 ſo wird der Vortheil dann auf der Euren ſein. Ver⸗ ſucht einen Rückzug, Hoheit.“ „Fliehen!“ rief Don Pedro, indem er ſeine geballte Fauſt zum Himmel erhob. „Derjenige, welcher zurückkommt, Sire, ſlieht nicht,“ entgegnete Mothril. Don Pedro zögerte noch; doch der Anblick bewirkte bald, was der Rath nicht bewirken konnte. Er ge⸗ wahrte wachſende Gruppen auf der Schwelle der Pforten; noch zahlreichere Gruppen auf den Kreuzwegen, und von den Menſchen, welche dieſe Gruppen bildeten, hörte er einen ſagen: „Der König Don Enrique.“ 4 „Mothril,“ ſprach er,„Du hatteſt Recht. Ich glaube auch, daß es Zeit iſt, aufzubrechen.“ Zehn Minuten nachher verließ der König Don Pedro Burgos gerade in dem Augenblick, wo die Banner von Don Enrique von Transtamare auf dem Gipfel der Berge Aſturiens erſchienen. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Salbung. Die Einwohner von Burgos, welche bei dem Ge⸗ danken, zwiſchen zwei Bewerbern gefaßt zu werden, zitterten und ſich in dieſem Fall zu Bezahlung der Kriegskoſten beſtimmt ſahen, hatten nicht ſobald den Rückzug von Don Pedro wahrgenommen und die Stand⸗ arten von Don Enrique erkannt, als ſie auf der Stelle 113 durch einen leicht begreiflichen⸗ Umſchlag die heftigſten Parteigänger des neuen Königs wurden. Wer bei Bürgerkriegen eine auch nur vorüber⸗ gehende vergleichungsweiſe Schwäche zeigt, iſt ſicher, mit einem Schlage einige Stufen tiefer zu fallen, als ihn dieſe Schwäche ſelbſt ſtellte. Der Bürgerkrieg iſt nicht nur ein Streit von Intereſſen, es iſt ein Kampf der Eigenliebe. Zurückweichen heißt in dieſem Fall ſich zu Grunde richten. Der von Mothril ertheilte Rath, ein Rath, hervorgehend aus ſeiner mauriſchen Natur, bei der die Schaͤtzungen des Muthes ganz von den unſrigen verſchieden ſind, war alſo ſchlimm für die Chriſten, welche entſchieden die höchſte Zahl der Be⸗ völkerung von Burgos bildeten. Die mahometaniſche und jüdiſche Bevölkerung ſchloß ſich ihrerſeits in der Hoffnung, etwas bei dieſer Ver⸗ änderung zu gewinnen, der chriſtlichen Bevölkerung an, um Don Enrique als König von Caſtilien, Sevilla und Leon auszurufen, und Don Pedro als des Ranges eines Königs verluſtig zu erklären. Unter dem Lärmen des einſtimmigen Zujauchzens be⸗ gab ſich alſo Don Enrique, geführt vom Biſchof von Burgos, in den noch von der Anweſenheit von Don Pedro lauen Palaſt.— Dugueselin quartierte ſeine Bretagner in Burgos ein und brachte ringsumher die italieniſchen und fran⸗ zoͤſiſchen Compagnien unter, welche ihren Verbindlichkeiten treu geblieben waren, als ihn die engliſchen Compag⸗ nien verließen. Auf dieſe Art bewachte er die Stadt, ohne ſie zu beläſtigen. Ueberdies war die ſtrengſte Dis⸗ eiplin eingeführt worden; der geringſte Diebſtahl ſollte bei den Bretagnern mit dem Tod, und bei den Fremden mit der Peitſche beſtraft werden. Er begriff, daß dieſe Eroberung, die ſich gutwillig hatte machen laſſen, großer Schonung bedurfte, und es dünkte ihm wichtig, daß ⸗ ſeine Soldaten von dieſen ineuen Anhängern an die Sache der Urſurpation freundlich aufgenommen wurden. Der Baſtard von Mauleon. II. 8 7 —— „Nun zu den Feierlichkeiten, hoher Herr, wenn’'s beliebt,“ ſagte er zu Enrique.„Laßt die Prinzeſſin Eure Frau holen, welche ungeduldig auf Nachrichten von Euch in Aragonien wartet; man kröne ſie als Königin zu gleicher Zeit, da man Euch als König krönen wird. Nichts, ich habe das in Frankreich be⸗ merkt, nichts macht eine ſo gute Wirkung bei den Ce⸗ remonien, als die Frauen und der Goldſtoff. Und es werden viele Leute, welche durchaus nicht geneigt ſind, Euch zu lieben, und dennoch nichts Anderes wünſchen, als Eurem Bruder den Rücken zuzuwenden, in glüh⸗ endem Eifer für die neue Königin entbrennen, wenn es, wie man ſagt, eine von den ſchönen und anmuth⸗ reichen Prinzeſſinnen der Chriſtenheit iſt. Dann,“ fügte der Connetable bei,„dann iſt dies ein Punkt, über welchen Euer Bruder nicht mit Euch in die Schranken treten kann, da er die ſeinige getödtet hat. Und wenn man ſieht, daß Ihr ein ſo guter Gatte gegen Juana von Caſtilien ſeid, wird ihn Jeder fragen, was er mit Blanche von Bourbon gemacht habe.“ Der König lächelte bei dieſen Worten, deren Logik er anerkennen mußte; während ſie ſeinen Geiſt befrie⸗ digten, ſchmeichelten ſie überdies ſeinem Stolz und ſeinem Hang zur Prahlerei und zu äußerem Schimmer. Die Königin wurde alſo nach Burgos berufen. Die Stadt ſchmückte ſich indeſſen mit Tapetenwerk, Blumengewinde wurden an den Wänden aufgehängt und die mit Palmen beſtreuten Straßen verſchwanden unter einem grünen Teppich. Durch das Gepränge des verſprochenen Schauſpiels angelockt, ſtrömten von allen Seiten die Caſtilianer herbei, ohne Waffen, freudig, vielleicht noch unentſchloſſen, aber mit dem Vorhaben, eine feſte Entſcheidung von der Wirkung abhängig zu machen, welche auf ſie der Glanz der Feierlichkeit und die Freigebigkeit des neuen Gebieters hervorbringen würde. Als man die Ankunft der Königin ſignaliſirte, ſtellte — 115 ſich Duguesclin an die Spitze ſeiner Bretagner und empfing ſie eine Meile von der Stadt. Es war in der That eine ſchöne Prinzeſſin, die Prinzeſſin Juana von Caſtilien, und ihre Schönheit er⸗ höhte ſich noch durch den Glanz eines prächtigen Schmuckes und einer wahrhaft königlichen Escorte. Sie ſaß, wie die Chronik ſagt, in einem mit Gold⸗ ſtoff überkleideten und mit Edelſteinen geſchmückten Wagen. Die drei Schweſtern des Königs begleiteten ſie und ihre Ehrendamen folgten ihnen in beinahe eben ſo prächtigen Equipagen. Um dieſe glänzenden Sänften ließen Schaaren von Pagen, funkelnd von Seide, Gold und Juwelen, voll Anmuth herrliche andaluſiſche Renner tanzen und ſpringen, Pferde, deren Race, gekreuzt mit der arabiſchen Race, Roſſe ſo ſchnell wie der Wind und ſo ſtolz wie die Ca⸗ ſtilianer ſelbſt gibt. Die Sonne funkelte auf dieſen glänzenden Zug, zugleich ihre Feuerſtrahlen auf die Scheiben der Ka⸗ thedrale heftend und den Dampf des egyptiſchen Weih⸗ rauches erwärmend, den die Nonnen in goldenen Fäſſern verbrannten. 4 Mit den Chriſten vermiſcht, die ſich an dem Wege der Königin drängten, bewunderten die Muſelmänner, in ihre reichen Kaftans gekleidet, dieſe ſo edlen, ſo ſchönen Frauen, welche ihre im Hauche des Windes flatternden leichten Schleier vor der Sonne, aber nicht gegen die Blicke beſchützten. Sobald die Königin Duguesclin auf ſich zukommen ſah, der an ſeiner goldenen Rüſtung und an dem Schwert des Connetable, das ihm ein Knappe auf einem Kiſſen von blauem Sammet mit goldenen Lilien vorantrug, erkenntlich war, ließ ſie die weißen Maulthiere halten, welche ihren Wagen zogen, und ſtieg haſtig von dem Sitz, auf dem ſie ſaß. Auf ihr Beiſpiel, und ohne zu wiſſen, was Juana 116 von Caſtilien beabſichtigte, ſtiegen auch die Schweſtern des Königs und die Damen ihres Gefolges aus. Die Königin ſchritt auf Duguesclin zu, der, als er ſie erblickte, von ſeinem Pferde ſprang. Dann ver⸗ doppelte ſie ihre Schritte, wie die Chronik ſagt, und ſtreckte die Arme gegen ihn aus. Er ſchnallte ſogleich das Viſir ſeines Helmes auf und warf dieſen hinter ſich. So daß die Königin, wie immer die Chronik ſagt, als ſie ſein Geſicht entblößt ſah, ſich an ſeinen Hals hing und ihn, wie es nur eine zärtliche Schweſter hätte thun konnen, umarmte. „Euch,“ rief ſie mit einer ſo tiefgefühlten Erſchüt⸗ terung, daß ſie das Herz aller Anweſenden bewegte, „Euch, erhabener Connetable, verdanke ich meine Krone, eine unerwartete Ehre, die meinem Hauſe zukommt. Empfangt meinen Dank, Ritter; Gott wird Euch würdig belohnen. Ich, was mich betrifft, kann nur Eines thun, das Maß meiner Dankbarkeit der Größe Eures Ver⸗ dienſtes gleich machen.“ Bei dieſen Worten und beſonders bei dieſer für den guten Connetable ſo ehrenvollen königlichen Umarmung erhob ſich ein Schrei der Beiſtimmung, ein beinahe furchtbarer Schrei durch die große Anzahl der Stimmen, die daran Theil genommen, aus dem Schooße des Volkes und der Armee, begleitet von allgemeinem Bei⸗ fallklatſchen. „Heil dem guten Connetable!“ rief man,„Glück und Heil der Koͤnigin Juana von Caſtilien!“ Die Schweſtern des Königs zeigten ſich minder enthuſtaſtiſch: es waren dies ſpöttiſche, boshafte junge Mädchen. Sie ſchauten den Connetable von der Seite an, und da ſie natürlich der Anblick des guten Ritters von dem Ideal, das ſie ſich von ihm gemacht, zur Wirf⸗ lichkeit, die ſie vor den Augen hatten, zurückrief, ſo flüſterten ſie: „Das iſt alſo der berühmte Krieger... was für einen großen Kopf hat er!“ 117 „Eil ſeht doch, Gräſin, wie rund ſeine Schultern ſind!“ fuhr die zweite von den drei Schweſtern fort. „Und wie krumm ſeine Beine!“ ſagte die dritte. „Ja, aber er hat unſern Bruder zum König er⸗ hoben,“ verſetzte die Aelteſte, um dieſer fuͤr den guten Ritter durchaus nicht vortheilhaften forſchenden Betrach⸗ tung ein Ende zu machen. Es iſt nicht zu leugnen, die große Seele des er⸗ habenen Ritters, die ihn ſo viele ſchöne und edle Dinge hatte vollbringen laſſen, befand ſich in einem ihrer keines⸗ wegs würdigen Model; ſein ungeheurer bretagniſcher Kopf, ſo voll von guten Ideen und hochherziger Be⸗ harrlichkeit, müßte Jedem gemein vorgekommen ſein, der es vernachläſſigt hätte, das Feuer, das aus ſeinen ſchwarzen Augen ſprang, und die Harmonie der in ſeinen Zügen vereinigten Feſtigkeit und Sanftmuth wahrzunehmen. Allerdings hatte er gebogene Beine, aber der gute Ritter hatte ſo oft für die Ehre Frankreichs ſein Pferd beſtiegen, daß man ihm, ohne ſich gegen die Dankbar⸗ keit zu verfehlen, dieſe Biegung, die er durch das be⸗ ſtändige Reiten ſeines edlen Roſſes angenommen, nicht zum Vorwurf machen konnte. Wohl hatte ganz richtig die zweite Schweſter des Königs die Rundung der Schultern von Dugueselin wahrgenommen, aber mit dieſen Schultern waren die muskeligen Arme verbunden, die mit einem Schlag Roß und Reiter im Gefecht niederſchmetterten. Die Menge konnte nicht ſagen: Das iſt ein ſchöner Herr; aber ſie ſagte: Das iſt ein furchtbarer Herr. Nach dieſem erſten Austauſch von Höflichkeiten und Dankſagungen beſtieg die Königin ein aragoniſches weißes Maulthier, das mit einer goldgeſtickten Schabracke und einem von Juwelen funkelnden Reitzeug, einem Geſchenk der Bürger von Burgos, bedeckt war. Sie bat Dugueselin, an ihrer Seite zu reiten, und wählte zur Begleitung der Schweſtern des Königs 118 Meſſtre Olivier von Mauney, den Stammler von Vi⸗ laines und fünfzig andere Ritter, welche zu Fuß neben den Ehrendamen gingen. So kam man in den Palaſt; der König wartete unter einem Baldachin von Goldſtoff; unfern von ihm war der Graf von Lamarche, der am Morgen erſt von Frankreich angekommen. Als er die Königin erblickte, ſtand er auf; die Königin ſtieg ihrerſeits ab und kniete vor ihm nieder. Der König hob ſie auf und ſprach, nachdem er ſie umarmt hatte, ganz laut die Worte: „In das Kloſter de las Huelgas!“ In dieſem Kloſter ſollte die Krönung ſtattfinden. Alle folgten jubelnd dem König und der Königin. eenor hatte ſich während dieſer geräuſchvollen Feierlichkeiten mit ſeinem treuen Muſaron in eine ent⸗ legene, düſtere Wohnung zurückgezogen. Nur hatte der Letztere, der nicht verliebt, ſondern im Gegentheil neugierig und vorwitzig war wie ein gascogniſcher Knappe, ſeinen Herrn ſich allein ein⸗ ſchließen laſſen und ſeinen Rückzug benützt, um die Stadt zu beſchauen und allen dieſen Feierlichkeiten bei⸗ zuwohnen. Als er am Abend zu Agenor zurückkehrte, hatte er daher Alles geſehen und wußte Alles, was vorgefallen war.. Er fand Agenor im Garten ſeiner Wohnung um⸗ herſchweifend, und begierig, die Neuigkeiten, die er ge⸗ ſammelt, mitzutheilen, ſagte er hier ſeinem Herrn, der Connetable ſei nicht mehr allein Graf von Borgia, ſon⸗ dern ehe man ſich zu Tiſche geſetzt, habe ſich die Königin vom König eine Gnade erbeten, und da ihr dieſe Gnade bewilligt worden, habe ſie Duguesclin die Grafſchaft Transtamare geſchenkt. „Ein ſchönes Glück,“ ſagte Agenor zerſtreut. 3 „Das iſt noch nicht Alles, edler Herr,“ fuhr Mu⸗ ſaron, durch dieſe Antwort zum Sprechen ermuthigt, fort, denn ſo kurz die Antwort war, ſo bewies ſie ihm doch, daß man ihn gehoört hatte.„Der Koͤnig füͤhlte i⸗ en 119 ſich bei dieſer Bitte der Königin an der Ehre gepackt, und ehe der Connetable ſich zu erheben Zeit gehabt hatte, ſagte er:„„Meſſire, die Grafſchaft Transtamare iſt das Geſchenk der Königin; nun aber iſt es an mir, Euch mein Geſchenk zu machen; ich gebe Euch die Grafſchaft Soria.““ „Man überhäuft ihn mit Ehren und Gunſtbezei⸗ gungen, und das iſt nur billig,“ ſagte Agenor. „Doch das iſt noch nicht Alles,“ fuhr Muſaron fort,„Jedermann hat ſeinen Antheil an ſeiner könig⸗ lichen Freigebigkeit bekommen.“ Agenor lachelte bei dem Gedanken, daß man ihn vergeſſen, ihn, der in ſeiner untergeordneten Stellung Don Enrique doch auch einige Dienſte geleiſtet hatte. „Jedermann?“ verſetzte er;„wie ſo?“ „Ja, hoher Herr, die Kapitäne, die Officiere, und ſogar die Soldaten. Wahrlich, ich höre nicht auf zwei Fragen an mich zu richten, einmal: iſt Spanien groß genug, um Alles zu enthalten, was der König ver⸗ ſchenkt? ſodann: werden dieſe Leute ſtark genug ſein, um wegzutragen, was man ihnen geſchenkt hat?“ Aber Agenor hörte ſchon nicht mehr, und Muſaron erwartete vergebens eine Antwort auf ſeinen Scherz. Mittlerweile war es Nacht geworden, und an einen von den Balcons angelehnt, deren Oeffnungen mit Blättern und Blumen gefüllt ſind, die ſich an den marmornen Pfeilern hinranken und ein Gewölbe über den Fenſtern bilden, horchte Agenor auf den entfernten Lärmen und die Geräuſche des Feſtes, die um ihn her erloſchen. Zu gleicher Zeit erfriſchte der Abendwind ſeine Stirne voll glühender Gedanken, und der ſcharfe Geruch der Myrthen und Jasmine erinnerte ihn an die Gärten des Alcazar von Sevilla und von Ernauton in Bordeaux. Alle dieſe Erinnerungen hatten ihn von der Erzählung von Muſaron abgezogen. Muſaron, der den Geiſt ſeines Herrn nach den Umſtänden zu behandeln wußte, was immer eine leichte 120 Aufgabe für diejenigen iſt, welche uns lieben und unſere Geheimniſſe kennen, wählte, um dieſen Geiſt zu ſich zu⸗ rückzuführen, einen Gegenſtand, von dem er glaubte, er müſſe ihn uufehlbar ſeiner Träumerei entziehen. „Wißt Ihr,“ ſagte er,„wißt Ihr, edler Herr Agenor, daß alle dieſe Feſte nur das Vorſpiel des Krieges ſind, und daß ein großer Zug gegen Don Pedro auf die heutige Feierlichkeit folgen wird, um das Land dem⸗ jenigen zu geben, welcher die Krone genommen hat?“ „Wohl,“ erwiederte Agenor,„es ſei! wir werden dieſen Zug mitmachen.“ „Man hat weit zu gehen, Meſſire. „Nun, ſo werden wir weit gehen.“ „Dort,(Muſaron deutete mit der Hand auf den unermeßlichen Raum), dort will Meſſire Bertrand die Knochen aller Compagnien vermodern laſſen, wie Ihr wißt.“ 3„Wohll dann werden unſere Knochen in Geſellſchaft vermodern, Muſaron.“ „Das iſt allerdings eine Ehre für mich, gnädiger Herr, doch...“ „Was?“ „Man hat Recht, wenn man ſagt, der Herr ſei der Herr und der Diener der Diener, nämlich eine arme Maſchine.“ „Warum dies, Muſaron?“ fragte Agenor, endlich berührt von dem kläglichen Tone, den ſein Knappe ab⸗ ſichtlich angenommen hatte. „Wir find weſentlich von einander verſchieden: Ihr ſeid ein edler Ritter, Ihr dient Eurem Herrn der Ehre wegen, wie es ſcheint; aber ich... „Du.... „Ich diene Euch auch zuerſt der Ehre wegen und ſodann, um des Vergnügens Eurer Geſellſchaft theil⸗ haftig zu ſein, endlich aber, um einen Lohn zu be⸗ ziehen.“ „Ich auch, ich habe auch meinen Lohn,“ erwiederte 121 Agenor mit einer gewiſſen Bitterkeit.„Haſt Du nicht neulich geſehen, daß mir Meſſire Bertrand hundert Gold⸗ thaler im Auftrag des Königs, des neuen Königs, brachte?“ „Ich weiß es, Meſſtre.“ „Haſt Du nicht von dieſen hundert Thalern Deinen Antheil bekommen?⸗ „Und zwar einen guten Antheil, da ich Alles be⸗ kommen habe.“ „Du ſiehſt alſo, daß ich auch meinen Lohn habe, da Du es biſt, der ihn bezieht.“ „Ja; aber darauf wollte ich gerade kommen, näm⸗ lich, daß Ihr nicht nach Euren Verdienſten bezahlt ſeid. Hundert Goldthaler! ich könnte dreißig Officiere an⸗ führen, welche fünfhundert erhalten haben und oben⸗ drein vom König zu Baronen oder Bannerherren, oder ſeßar zu Seneſchallen ſeines Hauſes gemacht worden ind.“ „Damit willſt Du ſagen, der König habe mich ver⸗ geſſen, nicht wahr?“ „Durchaus.“— „Deſto beſſer, Muſaron, deſto beſſer; ich habe es gern, wenn mich die Könige vergeſſen; während dieſer Zeit fügen ſie mir wenigſtens nichts Schlimmes zu.“ „Ah! gnädiger Herr, wollt Ihr mich glauben ma⸗ chen, Ihr ſeid glücklich, Euch in dieſem Garten lang⸗ weilen zu dürfen, während die Anderen dort ihre gol⸗ denen Becher an einander ſtoßen und den Damen ihr ſüßes Lächeln zurückgeben!“ „Es iſt dennoch ſo, Meiſter Muſaron,“ erwiederte Agenor.„Wenn ich es Dir ſage, ſo bitte ich Dich, es auch zu glauben. Ich habe mich allein unter dieſen Myrthen, allein mit meinem Gedanken beſſer unterhal⸗ ten, als ſich hundert Ritter, die ſich im königlichen Pa⸗ laſt mit Peres⸗Wein berauſchen, unterhalten haben mögen.“ „Das iſt nicht natürlich.“ 122 „Es iſt dennoch ſo.“ Den Kopf ſchüttelnd erwiederte Muſaron: „Ich hätte Eure Gnaden bei Tiſch bedient, und es iſt ſchmeichelhaft, wenn man in ſeine Heimath zu⸗ rückkehrt, ſagen zu können:„„Ich habe meinen Herrn bei dem Feſtmahl bedient, das bei der Krönung von König Enrique von Transtamare ſtattgefunden hat.““ Agenor ſchüttelte ebenfalls den Kopf mit einem ſchwermüthigen Lächeln und ſagte: „Du biſt der Knappe eines armen Abenteurers, Meiſter Muſaron: ſei zufrieden, daß Du lebſt, es dient zum Beweis, daß Du nicht Hungers geſtorben biſt, was uns wohl hätte geſchehen können, was ſo vielen An⸗ deren geſchehen iſt. Dieſe hundert Goldthaler über⸗ dies... „Allerdings habe ich dieſe hundert Goldthaler, doch ich gebe ſie aus, ich werde ſie nicht mehr haben, und womit werden wir ſodann leben? Womit werden wir die Salben und die Doctoren bezahlen, wenn wir durch Euren ſchönen Eifer für Don Enrique an Quetſchungen und Wunden aller Art leiden?“ „Ou biſt ein braver Diener, Muſaron, und Deine Geſundheit iſt mir theuer,“ ſagte Agenor lachend. „Ruhe alſo aus, Muſaron, es iſt ſpät, und laß mich auf meine Weiſe mich mit meinen Gedanken unterhal⸗ ten. Gehe, und morgen wirſt Du wieder mehr geneigt ſein, den Harniſch anzulegen.“ Muſaron gehorchte. Er entfernte ſich, duckmäu⸗ ſeriſch lachend, denn er glaubte ein wenig Ehrgeiz in dem Herzen ſeines Herrn erweckt zu haben, und hoffte, dieſer Ehrgeiz würde ſeine Früchte tragen⸗ Doch dem war nicht ſo. Ganz von ſeinen Liebes⸗ gedanken eingenommen, kümmerte ſich Agenor in Wirk⸗ lichkeit weder um Herzogthümer, noch um Schätze. Er litt an jenem ſchmerzlichen Heimweh, das in uns, wie nach einem zweiten Vaterland, eine Sehnſucht nach je⸗ 123 den Land hinterläßt, in welchem wir glücklich geweſen ſind. Er ſehnte ſich alſo nach den Gärten des Alcazars und von Bordeaux. Und dennoch, wie ein Lichtſtreifen am Himmel bleibt, wenn die Sonne ſchon verſchwunden iſt, ſo war eine Spur von den Worten von Muſaron in ſeinem Geiſt ſelbſt nach dem Abgang des Knappen zurückgeblieben. „Ich,“ ſagte er,„ich ein reicher Herr, ein mächti⸗ ger Kapitän werden! Nein, ich ahne nichts dergleichen in meinem Geſchick. Ich habe nur Neigung, Kräfte und Eifer, ein Glück zu erobern. Was iſt mir daran gelegen, daß man mich bei der Austheilung der könig⸗ lichen Gnaden vergißt? Die Könige ſind alle undank⸗ bar; was liegt mir daran, daß der Connetable mich nicht zu dem Feſte eingeladen und unter den Kapitänen ausgezeichnet hat? Die Menſchen ſind vergeßlich und ungerecht. Im Ganzen genommen,“ fügte er bei... „wenn ich ihrer Vergeßlichkeit und ihrer Ungerechtigkeit müde bin, ſo bitte ich um meinen Abſchied.“ „Das iſt Alles ſchön und gut!“ rief eine Stimme, ganz nahe bei Agenor, der bebend und faſt erſchro⸗ cken zurückwich,„Alles ſchön! junger Mann, doch wir bedürfen Eurer.“ Agenor wandte ſich um und ſah zwei Männer in dunkle Mäntel gehüllt unter dem grünen Geſträuche erſcheinen, wo er ſich allein glaubte, da er, ganz von ſeinen Gedanken in Anſpruch genommen, das Geräuſch, das ihre Tritte auf dem Sande machten, nicht gehört hatte. 5 Derjenige, welcher geſprochen, kam auf Mauleon zu und berührte ſeinen Arm. „Der Connetable,“ murmelte der junge Mann. „Welcher Euch durch ſeine Gegenwart beweiſen will, daß er Euch nicht vergaß,“ ſagte Bertrand. „Ihr ſeid auch nicht der König,“ entgegnete Mauleon. „Es iſt wahr, der Connetable iſt nicht der König,“ 124 ſprach die zweite Perſon,„doch ich bin es, Graf, und ich erinnere mich auch, daß ich Euch theilweiſe meine Krone zu verdanken habe.“ Agenor erkannte Don Enrique. „Hoher Herr,“ ſtammelte er ganz verwirrt,„ich bitte, verzeiht mir.“ „Es iſt Euch Alles verziehen, Meſſire,“ erwiederte der König;„nur, da Ihr nicht an den Belohnungen der Anderen Theil genommen habt, ſollt Ihr etwas Beſſeres bekommen, als den Andern geworden iſt.“ „Nichts, Sire, nichts!“ ſagte Mauleon,„ich will nichts, denn man würde glauben, ich habe gebeten.“ Don Enrique lächelte und ſprach: „Beruhigt Euch, Ritter, man wird das nicht ſagen, dafür ſtehe ich Euch, denn wenige Menſchen würden verlangen, was ich Euch anbieten will. Die Sendung iſt voll Gefahr, doch ſie iſt zugleich ſo ehrenvoll, daß ſie die ganze Chriſtenheit nöthigen wird, die Augen auf Euch zu werfen. Edler Herr von Mauleon, Ihr ſollt mein Botſchafter ſein, und ich bin König.“ „Oh! Hoheit, ich war weit entfernt, eine ſolche Ehre zu erwarten.“ „Keine Beſcheidenheit, junger Mann,“ ſagte Ber⸗ trand;„der König wollte Anfangs mich dahin ſchicken, wohin Ihr geht, aber er bedachte, daß man meiner zu Anführung der Compagnons bedürfen könnte, und dieſe Leute ſind gar ſchwer zu führen, das ſchwöre ich Euch. Ich ſprach mit Seiner Hoheit gerade in dem Augen⸗ blick, wo Ihr uns beſchuldigtet, Ihr würdet von uns vergeſſen, von Euch als einem beredten, feſten Mann, der die ſpaniſche Sprache gründlich inne habe. Als Bearner ſeid Ihr in der That halb ein Spanier. Aber die Sendung iſt, wie der Koͤnig ſagte, gefährlich; es handelt ſich darum, Don Pedro aufzuſuchen.“ „Don Pedro!“ rief Agenor ganz entzückt vor Freude. „Ahl ah! das gefällt Euch, Ritter, wie ich ſehe,“ ſagte Don Enrique. Agenor fühlte, daß ihn die Freude unbeſcheiden machte; er bemeiſterte ſich und erwiederte: „Ja, Sire, das gefällt mir, denn ich ſehe darin eine Gelegenheit, Eurer Hoheit zu dienen.“ „Ihr werdet mir in der That dienen, und dies ſehr; doch ich ſage Euch zum Voraus, mein edler Bote, mit Gefahr Eures Lebens.“ „Befehlt, Sire.“ „Ihr müßt,“ fuhr der König fort,„Ihr müßt die ganze Ebene von Segovia durchziehen, wo ſich Don Pedro in dieſem Augenblick aufhält. Zur Beglaubigung gebe ich Euch ein Juwel, das von unſerem Bruder kommt und ſicherlich von Don Pedro erkannt werden wird. Doch bedenkt wohl, was ich Euch ſage, ehe Ihr den Auftrag annehmt, Ritter.“ „Sprecht, Sire.“ „Es wird Euch eingeſchärft, wenn man Euch unter Weges angreift, gefangen nimmt, mit dem Tod bedroht, den Zweck Eurer Sendung nicht zu verrathen; Ihr würdet unſere Parteigänger zu ſehr entmuthigen, wenn ſie erführen, daß ich mitten aus meinem großen Glück meinem Feinde Verſöhnungsvorſchläge gemacht habe.“ „Verſöhnungsvorſchläge!“ rief Agenor erſtaunt. „Der Connetable will es.“ „Sire, ich will nie, ich bitte,“ entgegnete der Conne⸗ table.„Ich habe Eure Hoheit gebeten, vor den Augen des Herrn die Wichtigkeit eines Krieges, wie Ihr ihn führt, alles Ernſtes zu erwägen. Es iſt nicht Alles, daß man die Könige der Erde bei einem ſolchen Fall für ſich hat, man muß auch den König des Himmels haben. Es iſt wahr, ich verfehle mich gegen meine Inſtructionen, indem ich Euch zum Frieden ermahne. Doch König Karl V. ſelbſt wird in ſeiner Weisheit mein Benehmen billigen, wenn ich ihm ſage:„„Herr Koͤnig, es waren zwei demſelben Vater entſproſſene Aruction gebe, ſo wie wir ſie verabredet haben.“ Kinder, zwei Brüder, die, da ſie das Schwert gegen einander gezogen, ſich eines Tags begegnen und gegen⸗ ſeitig erwürgen konnten. Herr König, ſoll Gott einem Bruder verzeihen, daß er das Schwert gegen ſeinen Bruder zieht, ſo muß derjenige, welcher wünſcht, daß ihm Gott vergeben möge, alle Rechte auf ſeine Seite gebracht haben.““ Don Pedro hat Euch den Frieden angetragen, Ihr habt ihn ausgeſchlagen, denn wenn Ihr ihn angenommen, hätte man glauben können, Ihr fürchtet Euch; nun, da Ihr Sieger, da Ihr geſalbt, da Ihr König ſeid, bietet ihm den Frieden an, und man wird ſagen, Ihr ſeid ein großmüthiger Fürſt ohne Ehrgeiz, nur ein Freund der Gerechtigkeit; und der Theil der Staaten, den Ihr jetzt verlieren werdet, wird Euch bald durch den freien Willen Eurer Unterthanen zufallen. Weigert er ſich, nun wohl! dann gehen wir weiter, Ihr habt Euch nichts mehr vorzuwerfen und er hat ſich ſelbſt ſeinem Verderben geweiht.“ „Ja,“ erwiederte Enrique ſeufzend;„doch werde ich die Gelegenheit, ihm den Untergang zu bereiten, wieder finden?“ „Hoheit, was ich geſagt habe, habe ich geſagt, und ich habe nach meinem Gewiſſen geſprochen. Ein Mann, der den rechten Pfad gehen will, darf ſich nicht ſagen, dieſer Pfad wäre vielleicht auch der rechte geweſen, wenn man Umwege gemacht hätte.“ „Es ſei alſolu ſprach der König, der, wenigſtens ſcheinbar, ſeinen Entſchluß faßte. 1 Was⸗ Majeſtät iſt nun überzeugt?“ ſagte Ber⸗ rand. „Ja, ohne Umkehr.“ „Und ohne Bedauern? „Oh! oh!“ rief Enrique,„Ihr fragt mich zu viel, Herr Connetable. Ich gebe Euch Vollmacht, den Frie⸗ den für mich zu ſchließen, verlangt nicht mehr.“ „Dann erlaubt, Sire, daß ich dem Ritter ſeine In⸗ 127 „Macht Euch nicht die Mühe,“ unterbrach ihn raſch der König,„ich werde dies Alles dem Grafen auseinanderſetzen, und überdies,“ fügte er leiſe bei, „überdies wißt Ihr, was ich ihm zu übergeben habe.“ „Sehr gut, Sire,“ ſprach Bertrand, bei dem der Eifer, mit welchem ihn der König zu entfernen ſuchte, keinen Verdacht erregte. Und er entfernte ſich wirklich. Doch er hatte den Fuß noch nicht auf die Schwelle geſetzt, als er wieder umkehrte und zum König ſagte: „Ihr erinnert Euch, Sire, ein guter Friede, die Häͤlfte des Königreichs, wenn es ſein muß, ganz brü⸗ derliche Bedingungen! Ein ſehr kluges, ſehr chriſtliches Manifeſt, nichts für den Stolz Herausforderndes.“ „Ja, gewiß,“ ſprach der König unwillkührlich er⸗ rüthend„ſeid von meinen Abſichten überzeugt, Conne⸗ a e. ℳ Bertrand glaubte in ſeinen Ermahnungen nicht weiter gehen zu müſſen. Sein Mißtrauen ſchien in⸗ deſſen einen Augenblick erweckt worden zu ſein; doch der König entließ ihn mit einem ſo freundlichen Lächeln, daß dieſes Mißtrauen wieder entſchlummerte. Der König folgte Bertrand mit den Augen. „Ritter,“ ſagte er zu Mauleon, ſobald der Conne⸗ table ſich unter den Baͤumen verloren hatte,„hier iſt der Juwel, der Euch bei Don Pedro beglaubigen ſoll; doch die Worte, die der Connetable geſprochen, müſſen aus Eurem Gedächtniß verſchwinden, damit die meini⸗ gen ſich darin tief einprägen.“ Agenor bedeutete durch ein Zeichen, daß er höre. „„Ich verſpreche Don Pedro den Frieden,“ fuhr Enrique fort,„ich überlaſſe ihm die Haͤlfte von Spa⸗ nien, von Madrid bis Cadix; ich bleibe ſein Bruder und Verbündeter, doch unter einer Bedingung.“ Agenor hob den Kopf in die Höhe, mehr noch er⸗ ſtaunt über den Ton, als über die Worte des Prinzen. „Ja,“ ſprach Enrique,„was auch der Connetable 128 ſagen mag, ich wiederhole, unter einer Bedingung. Ihr ſcheint erſtaunt, Mauleon, daß ich etwas vor dem guten Ritter verberge. Hört: der Connetable iſt ein Bretagner, ein in ſeiner Redlichkeit halsſtarriger Mann; aber ſchlecht darüber unterrichtet, wie wenig die Eide in Spanien gelten, in einem Land, wo die Leidenſchaft die Herzen glühender durchflammt, als es die Sonne mit dem Boden thut. Er kann alſo nicht wiſſen, in welchem Grade Don Pedro mich haßt. Der rechtſchaf⸗ fene Bretagner vergißt, daß Don Pedro meinen Bru⸗ der Don Federigo durch Verrath getödtet und die Schwe⸗ ſter ſeines Herrn ohne Urtheil erdroſſelt hat. Er bildet ſich ein, es werde hier, wie in Frankreich, der Krieg auf Schlachtfeldern geführt. Koͤnig Karl, der ihm Don Pedro zu vertilgen befohlen hat, kennt das beſſer, und ſein Genie hat mir die Befehle eingegeben, die ich Euch ertheile.“ Agenor verbeugte ſich, in der Tiefe ſeiner Seele erſchrocken über dieſe königlichen Geſtändniſſe. 1 „Ihr geht alſo zu Don Pedro,“ fuhr der König fort,„und verſprecht ihm in meinem Namen, was ich Euch geſagt habe, wogegen mir der Maure Mothril und zwölf angeſehene Männer ſeines Hofs, deren Namen auf dieſem Pergament ſtehen, mit ihren Familien und ihrer Habe als Geißeln übergeben werden müſſen.“ Agenor bebte. Der⸗König hatte geſagt, zwölf an⸗ geſehene Männer mit ihren Familien; kam Mothril an den Hof von König Enrique, ſo mußte er alſo mit Aiſſa kommen.— „In welchem Fall Ihr ſie mir bringen werdet,“ fuhr der König fort. Ein Schauer der Freude durchlief die Adern von Agenor, was Enrique nicht entging; doch dieſer täuſchte ſich in der Bedeutung. „Ihr erſchreckt,“ ſagte Enrique,„ſeid unbeſorgt; Ihr denkt, mitten unter dieſen Ungläubigen ſei Euer Leben großen Gefahren auf dem Wege preisgegeben. er 1. 129 Nein, die Gefahr iſt meiner Anſicht nach nicht groß; eilt bis zum Duero, und ſobald Ihr über den Fluß ge⸗ ſetzt ſeid, findet Ihr dieſſeits eine Escorte, die Euch vor jeder Beleidigung ſchützen und mir den Beſitz der Geißeln ſichern wird.“ „Sire, Eure Hoheit hat ſich getäuſcht,“ entgegnete Mauleon;„es iſt nicht die Furcht, was mich beben ge⸗ macht hat.“ „Was iſt es denn?“ fragte der König. „Die Ungeduld, für Euren Dienſt in's Feld zu rücken; ich wollte, ich wäre ſchon aufgebrochen.“ „Ihr ſeid ein braver Rittersmann,“ rief Enrique, „ein edles Herz, und Ihr werdet es weit bringen, ſage ich Euch, wenn Ihr Euch offen und treu meinem Glück anſchließen wollt.“ „Ah! Hoheit, Ihr belohnt mich ſchon mehr, als ich verdiene.“ „Ihr werdet alſo gehen?“ „Auf der Stelle.“ „Geht. Hier ſind drei Diamanten, die man die Weiſen aus dem Morgenland nennt, jeder derſelben iſt tauſend Goldthaler für Juden werth, und es fehlt in Spanien nicht an Juden. Hier ſind auch noch tauſend Thaler, doch nur für das Felleiſen Eures Knappen.“ „Hoheit, Ihr ſeid allzu gnädig,“ ſprach Mauleon. „Bei Eurer Rückkehr,“ fuhr Don Enrique fort, „mache ich Euch zum Bannerherrn eines Paniers von hundert Lanzen, die ich auf meine Koſten ausrüſte.“ „Oh! kein Wort mehr, Sire, ich bitte Euch.“ „Aber verſprecht mir, dem Connetable die Bedin⸗ gungen nicht zu ſagen, die ich meinem Bruder aufer⸗ ege.“ „Oh! fürchtet nichts, Sire, er würde ſich dieſen Bedingungen widerſetzen, und ich will ebenſo wenig als Ihr, daß er ſich widerſetzt.“ „Ich danke, Ritter,“ ſprach Enrique;„Ihr ſeid mehr als brav, Ihr ſeid einſichtsvoll.“ Der Baſtard von Mauleon, I. 9 13⁰ „Ich bin verliebt,“ murmelte Mauleon in ſeinem Innern,„und man ſagt, die Liebe verleihe alle Eigen⸗ ſchaften.“ Der König kehrte zu Duguesclin zurück. Während dieſer Zeit weckte Agenor ſeinen Knap⸗ pen, und zwei Stunden nachher trabten bei einem ſchö⸗ nen Mondſchein Herr und Knappe auf der Straße nach Segovia. Dreißigſtes Kapitel. Wie Don Pedro bei ſeiner Rückkehr die Sänfte be⸗ merkte, und was daraus erfolgte. Indeſſen hatte Don Pedro, in der Tiefe ſeines Her⸗ zens einen bittern Schmerz mit ſich tragend, Segovia erreicht. Die erſten Angriffe, die ſein zehnjähriges König⸗ thum erlitten, waren empfindlicher für ihn geweſen, als die Niederlagen in den Schlachten und die Verrä⸗ thereien ſeiner beſten Freunde, die er ſpäter zu erfahren hatte. Ihm, der bei Tag und bei Nacht umher⸗ ſchwärmte, der in Sevilla zu jeder Stunde ohne eine andere Wache, als ſein Schwert, ohne eine andere Verkleidung, als ſeinen Mantel, auszugehen pflegte, kam es vor, als hieße Spanien vorſichtig durch⸗ ziehen die Flucht ergreifen, und als wäre ein König, der nur ein einziges Mal über ſeine Unverletzlichkeit un⸗ terhandelt, verloren. Doch dem antiken Genius ähnlich, der den Haß in das Herz von Achilles blies, galoppirte, wenn er ſeinen —,— N 131 Lauf beſchleunigte, hielt, wenn er langſamer ritt, Mothril, der wahre Geiſt des Haſſes und der Wuth, der unabläßige Rath der Bitterkeit, der ihm die koſtbar herben Früchte der Rache bot, Mothril, ſtets fruchtbar, um das Böſe zu erſinnen und der Gefahr zu entfliehen, Mothril, deſſen unverſiegbare Beredtſamkeit, gleichſam aus den unbekannten Schätzen des Orients ſchöpfend, dieſem flüchtigen König mehr Schätze, mehr Hülfs⸗ quellen, mehr Macht zeigte, als er ſich in ſeinen ſchön⸗ ſten Tagen geträumt hatte.. Durch ihn verging die ſtaubige, lange Straße wie das Band, das die Spinnerin aufrollt. Mothril, der Mann der Wüſte, wußte am vollen Mittag die unter den Eichen und Platanen verborgene Quelle zu finden. Mothril wußte, wenn ſie durch die Städte zogen, für Don Pedro einige Freudenſchreie, einige Kundgebungen der Treue, die letzten Reflexe des ſterbenden Königthums, hervorzurufen. „Man liebt mich alſo noch,“ ſagte der König, ſeder man fürchtet mich noch, was vielleicht beſſer 4 85 „Werdet wieder wahrhaft König, und Ihr ſollt ſehen, ob man Euch nicht anbetet, oder ob man nicht vor Euch zittert,“ erwiederte Mothril mit einer un⸗ merklichen Ironie. Mitten unter dieſen Befürchtungen und Hoffnungen, unter dieſen Fragen von Don Pedro bemerkte Mothril Eines mit Freuden: dies war das völlige Stillſchweigen des Königs in Beziehung auf Maria Padilla. Dieſe Zauberin, welche anweſend einen ſo großen Einfluß ausübte, daß man ihre Macht der Magie zuſchrieb, ſchien abweſend nicht nur aus ſeinem Herzen verbannt, ſondern auch von ſeiner Erinnerung vergeſſen. Don Pedro, eine glühende Phantaſte, ein launenhafter König, ein Mann des Suden, das heißt, ein leidenſchaftlicher Menſch in der vollen Bedeutung des Wortes war ſeit dem Anfang der Reiſe mit Mothril dem Einfluß eines 13²2 ganz andern Gedankens unterworfen: dieſe beſtändig von Bordeaux bis Vittoria geſchloſſene Sänfte; dieſe von Mothril fortgeriſſene, durch das Gebirge fliehende Frau, deren Schleier, einige Male durch den Wind auf⸗ gehoben, eine von jenen bewundernswürdigen Peris des Orients mit den Sammetaugen, mit den blauſchwarzen Haaren, mit der matten, harmoniſchen Geſichtshaut hatte erſchauen laſſen; dieſer Ton der Guzla, welche in der Finſterniß mit Liebe wachte, während Don Pedro voll Angſt wachte, dies Alles hatte allmälig aus Don Pedro das Andenken an Maria Padilla verdrängt, und es war noch weniger die Entfernung, was der abwe⸗ ſenden Geliebten Eintrag that, als die Gegenwart dieſes unbekannten und geheimnißvollen Weſens, das Don Pedro mit ſeiner ſchmückenden und eraltirten Einbil⸗ dungskraft für einen Mothril, einem noch mächtigeren Zauberer, unterworfenen Genius zu halten geneigt ſchien. So kam man nach Segovia, ohne daß ſich ein ernſtliches Hinderniß dem Marſche des Königs wider⸗ ſetzte. Hier hatte ſich nichts verändert. Der König fand Alles, wie er es verlaſſen: Einen Thron in einem Palaſt, Bogenſchützen in einer guten Stadt, ehrerbie⸗ tige Unterthanen um die Bogenſchützen. Der König athmete. Am Tage nach ſeiner Ankunft ſignaliſirte man eine beträchtliche Truppe; dies war Caverley mit ſeinen Ge⸗ fährten, welche, getreu den ihrem Fürſten geleiſteten Schwüren, mit jener Nationalität, welche ſtets Eng⸗ lands Stärke war, ankamen, um ſich mit den Ver⸗ bündeten des ſchwarzen Prinzen, der ſelbſt von Don Pedro erwartet wurde, zu vereinigen. Schon am Tage zuvor war man mit einem be⸗ trächtlichen Corps von Granadiern, von Andaluſiern unr Mauren zuſammengetroffen, die dem König zu Hülfe eilten. Bald traf ein Emiſſär des Prinzen von Wales ein, N8 A — FB — 133 dieſes ewigen und unermüdlichen Feindes des franzö⸗ ſiſchen Namens, den Johann und Karl V. während ihrer zwei Regierungen überall trafen, wo Frankreich eine Niederlage zu erleiden hatte; dieſer Emiſſär brachte ſehr erfreuliche Nachrichten für den König Don Pedro. Der ſchwarze Prinz hatte ein Heer in Auch ver⸗ ſammelt und war ſeit zwölf Tagen mit dieſem Heer auf dem Marſch; aus der Mitte von Navarra, einer verbündeten Provinz, die der engliſche Prinz der Sache von Don Enrique abſpänſtig gemacht, hatte er dieſen Emiſſär an König Don Pedro abgeſandt, um ihm ſeine nahe bevorſtehende Ankunft verkündigen zu laſſen. Durch die Proclamation von Enrique von Trans⸗ tamare einen Augenblick erſchüttert, befeſtigte ſich alſo der Thron von Don Pedro immer mehr. Und je mehr er ſich befeſtigte, deſto mehr liefen von allen Seiten jene unerſchütterlichen Parteigänger der Macht herbei, gute Leute, die ſich ſchon anſchickten, gen Burgos zu marſchiren, als ſie erfuhren, es ſei noch nicht Zeit, ſich auf den Weg zu begeben, und ſie könnten wohl, wenn ſie ſich zu ſehr beeilten, einen ſchlecht entthronten König hinter ſich laſſen. Mit dieſen immer zahlreichen Banden verband ſich die minder compacte, aber beſſer gewählte Gruppe der Getreuen, der Reinen, der Herzen ſo durchſichtig und feſt wie Diamant, für welche der geſalbte König König bleibt, bis er ſtirbt, in Betracht, daß ſie ſich am Tag, wo ſie ihrem König Treue geſchworen, zu Sklaven ihres Eides gemacht haben. Dieſe Leute können unter ihrem Fürſten leiden, ſie können ihn fürchten, ſie kön⸗ nen ſogar den Menſchen im Regenten haſſen; aber ſie warten geduldig und redlich, bis Gott ſie ihres Eides arrh entbindet, daß er ſeinen Auserwählten zu ſich ruft. „D diieſe redlichen Menſchen ſind in allen Zeiten und in allen Epochen leicht zu erkennen. Sie haben einen minder ſchoͤnen Anſchein, als die Anderen, ſie ſprechen 134 mit weniger Emphaſe, und nachdem ſie demüthig und ehrfurchtsvoll den wieder auf ſeinen Thron geſetzten König begrüßt haben, treten ſie an der Spitze ihrer Vaſallen beiſeit und warten auf die Stunde, ſich für dieſen lebendigen Grundſatz tödten zu laſſen. Das Einzige, was etwas Kälte dem Empfang bei⸗ miſchte, den dieſe getreuen Diener Don Pedro bereite⸗ ten, war die Gegenwart der Mauren, welche mächtiger als je beim König zu ſein ſchienen. Dieſe kriegeriſche Race von Saracenen ſchwärmte in Haufen um Mothril, wie die Bienen um den Korb, der ihre Königin enthält. Sie fühlten, daß es der gewandte und verwegene Maure war, der ſie neben dieſem verwegenen und gewandten König feſthielt; ſie bildeten auch ein furchtbares Heer, und da ſie, begünſtigt durch die Bürgerkriege, Alles zu gewinnen hatten, ſo liefen ſie mit einer Begeiſterung und einem Eifer her⸗ bei, den die chriſtlichen Unterthanen in einer ſtummen Unthätigkeit bewunderten und beneideten. Don Pedro fand wieder Gold in den öffentlichen Kaſſen; er umgab ſich alsbald mit jenem zauberhaften Prunk, der die Herzen durch die Blicke, den Ehrgeiz durch das Intereſſe erfaßt. Da der Prinz von Wales bald ſeinen Einzug in Segovia halten ſollte, ſo be⸗ ſchloß man, prachtvolle Feſte zu feiern, welche, durch ihren Glanz die ephemere Herrlichkeit der Salbung von Enrique verdunkelnd, dem Volk das Vertrauen wieder⸗ geben und es zu dem Bekenntniß, nur derjenige, welcher am meiſten beſitze und ausgebe, ſei der einzige und wahre König, bewegen würden. Mittlerweile verfolgte Mothril den ſeit langer Zeit von ihm entworfenen Plan, der ihm Don Pedro, wel⸗ chen er ſchon durch den Geiſt feſſelte, auch durch die Sinne überliefern ſollte. Jede Nacht erklang die Guzla von Aiſſa, und da bei ihr, als einer ächten Tochter des Orients, alle Lieder Liebeslieder waren, ſo um⸗ ſchmeichelten ihre Töne, von der Luft fortgetragen, den 13⁵ Prinzen in ſeiner Einſamkeit und brachten ſeinem im Fieber brennenden Blut jene zauberhafte Wolluſt, den vorübergehenden Schlummer der unermüdlichen Organi⸗ ſationen des Süden. Mothril erwartete jeden Tag ein Wort von Don Pedro, das ihm das Vorhandenſein dieſer geheimen Gluth, die er in ihm brennen fühlte, enthüllen würde; aber er wartete vergebens auf dieſes Wort. Eines Tags jedoch ſagte Don Pedro ungeſtüm, ohne Vorbereitung, als ob es einer heftigen Anſtrengung für ihn bedurft hätte, um das Band zu zerreißen, das ſeine Zunge feſſelte: „Nun, Mothril, keine Nachrichten aus Sevilla?“ Dieſes Wort offenbarte die ganze Unruhe von Don Pedro. Das Wort Sevilla bedeutete Maria Padilla. Mothril bebte; an demſelben Tag hatte er auf der Straße von Toledo nach Segovia einen mit einem Brief von Maria Padilla an den König beauftragten nubi⸗ ſern Sklaven feſtnehmen und in die Adaja werfen aſſen. „Nein, Sire,“ erwiederte er. Don Pedro verſank in eine tiefe Träumerei. Dann ganz laut die Stimme beantwortend, die ganz leiſe zu ihm ſprach, ſagte Don Pedro: „Es iſt alſo aus dem Geiſte der Frau die verzeh⸗ rende Leidenſchaft verſchwunden, der ich Bruder, Ge⸗ mahlin, Ehre und Krone opfern mußte, denn die Krone, wer hat ſie mir vom Kopfe geriſſen? nicht der Baſtard Don Enrique, auch nicht der Connetable.“ Don Pedro machte eine Geberde der Drohung, welche Duguesclin nichts Gutes verſprach, ſollte ihn bam Unſtern je in die Hände von Don Pedro gerathen aſſen. Mothril folgte dem König nicht nach dieſer Seite; es war ein anderes Ziel, nach dem ſich ſein Blick richtete. „Dona Maria,“ ſprach er,„wollte vor Allem Kö⸗ 136 nigin ſein, und da man in Sevilla glauben kann, Eure Hoheit ſei nicht mehr König...“ „Du haſt mir das ſchon geſagt, Mothril, und ich habe Dir nicht geglaubt.“ „Ich wiederhole es Euch, Sire, und Ihr fangt an mir zu glauben. Ich habe es Euch ſchon geſagt, als Ihr mir den Befehl ertheiltet, den unglücklichen Don Federigo von Coimbra herbeizuſchaffen.“ „Mothril!“ „Ihr wißt, mit welcher Langſamkeit, ich möchte ſagen, mit welchem Widerſtreben ich dieſen Befehl vollzog.“ „Schweige, Mothril, ſchweige!“ rief Don Pedro. „Eure Ehre,) mein König, war jedoch ſehr ge⸗ fährdet.“ 4 „Ja, allerdings, doch man darf dieſes Verbrechen nicht Maria Padilla zuſchreiben; ſie, die Schändlichen, ſind daran Schuld.“ „Gewiß; doch ohne Maria Padilla hättet Ihr nichts erfahren, denn ich ſchwieg, dies geſchah aber nicht aus Unwiſſenheit.“ S „Sie liebt mich alſo, da ſie eiferſüchtig war?“ „Ihr ſeid König, und beim Tod der unglücklichen Bianca konnte ſie Königin werden. Uebrigens iſt man eiferſüchtig, ohne zu lieben. Ihr waret eiferſüchtig auf Dona Bianca... liebtet Ihr ſie, Sire?“ In dieſem Augenblick, als wären die von Mothril geſprochenen Worte ein verabredetes Zeichen geweſen, vernahm man die Töne der Guzla, und zu weit ent⸗ fernt, um verſtanden zu werden, klangen die Worte von Aiſſa wie ein harmoniſches Gemurmel an das Ohr von Don Pedro. „Aiſſa,“ flüſterte der König,„ſingt nicht Aiſſa?“ „Ich glaube, ja, gnädigſter Herr,“ antwortete Mothril.— „Deine Tochter, oder deine Lieblingsſklavin, nicht wahr?“ fragte Don Pedro zerſtreut. 137 Mothril ſchüttelte lächelnd den Kopf und erwiederte: „O nein! vor einer Tochter kniet man nicht nie⸗ der, Sire; vor einer um Gold erkauften Sklavin faltet ein vernünftiger und alter Mann nicht die Hände.“ „Wer iſt es denn?“ rief Don Pedro, deſſen Ge⸗ danken, insgeſammt einen Augenblick bei dem geheim⸗ nißvollen Mädchen zuſammengedrängt, ihren Damm durchbrachen.„Du treibſt Dein Spiel mit mir, ver⸗ dammter Maure, oder Du brennſt mich nach Herzens⸗ luſt mit einem glühenden Eiſen, um das Vergnügen zu haben, mich wie einen Stier ſpringen zu ſehen.“ Mothril wich beinahe erſchrocken zurück, ſo heftig und ungeſtüm war der Ausbruch geweſen. „Wirſt Du antworten?“ rief Don Pedro von einem jener Wuthanfälle erfaßt, die den König in einen Wahnſinnigen, den Menſchen in ein wildes Thier ver⸗ wandelten. 1 „Sire, ich wage es nicht, es Euch zu ſagen.“ „So führe dieſe Frau zu mir, daß ich ſie ſelbſt fragen kann,“ rief Don Pedro. „Ohl Sire,“ murmelte Mothril, als wäre er er⸗ ſchrocken über einen ſolchen Befehl. „Ich bin der Herr, ich will es!“ „Ich flehe Euch an, Hoheit!“ „Auf der Stelle ſoll ſie hier ſein, oder ich reiße ſie ſelbſt aus ihrem Gemach.“ „Hoher Herr,“ ſprach Mothril, der ſich mit dem ruhigen, feierlichen Ernſte der Orientalen erhob,„Aiſſa iſt von zu erhabenem Blut, als daß profane Hände ſie berühren dürften; beleidiget Aiſſa nicht, König Don Pedro!“ „In welcher Hinſicht könnte die Maurin durch meine Liebe beleidigt werden?“ fragte der König Don Pedro,„meine Frauen waren Toͤchter von Fürſten, und mehr als einmal hatten meine Geliebtinnen denſel⸗ ben Werth„wie meine Frauen.“ „Gnädigſter Herr,“ ſprach Mothril,„wäre Aiſſa 138 meine Tochter, wie Ihr denkt, ſo würde ich ſagen: „„König Don Pedro, ſchont mein Kind, entehrt nicht Euren Diener.““ Und Ihr würdet vielleicht, die Stimme von ſo vielen und ſo guten Rathſchlägen erkennend, mein Kind ſchonen. Doch Aiſſa hat in ihren Adern ein edleres Blut, als das Blut Eurer Frauen und Geliebtinnen; Aiſſa iſt edler, als eine Prinzeſſin, Aiſſa iſt die Tochter von König Mahomet, dem Abkömmling von Mahomet dem großen Propheten. Ihr ſeht, Aiſſa iſt mehr, als eine Prinzeſſin, mehr, als eine Königin, und ich befehle Euch, König Don Pedro, Aiſſa zu ach⸗ ten und zu ſchonen.“ Unterjocht durch die ſtolze Macht des Mauren hielt Don Pedro inne. „Tochter von Mahomet, dem König von Granada,“ murmelte er. „Ja, Tochter von Mahomet, König von Granada, den Ihr ermorden ließet. Ich war im Dienſt dieſes großen Fürſten, wie Ihr wißt, und ich rettete ſie, als Eure Soldaten ſeinen Palaſt plünderten, und als ein Sklave ſie in ſeinem Mantel wegtrug, um ſte zu ver⸗ kaufen; es war dies vor neun Jahren und Aiſſa zählte damals kaum ſieben Jahre. Ihr höoͤrtet erzählen, ich ſei ein treuer Rathgeber, und Ihr riefet mich an Euren Hof. Es war Gottes Wille, daß ich Euch diente, Ihr ſeid mein Herr, Ihr ſeid groß unter den Großen, ich habe gehorcht. Doch zum neuen Herrn folgte mir die Tochter meines alten Herrn; ſie hält mich für ihren Vater, das arme Kind, das im Harem aufgezogen wurde, ohne je das majeſtätiſche Antlitz des Sultans geſehen zu haben, der nicht mehr iſt. Ihr habt nun mein Geheimniß, Eure Gewalt hat es mir entriſſen. Doch erinnert Euch, König Don Pedro, daß ich wache, ein ergebener Sklave bei Euren geringſten Launen, daß ich mich aber wie die Schlange erheben werde, um gegen Euch den einzigen Gegenſtand, den ich Euch vor⸗ ziehe, zu vertheidigen.“ 139 „Aber ich liebe Aiſſa!“ rief Don Pedro außer ſich. „Liebt ſie, König Don Pedro, Ihr könnt es, denn ſie iſt von einem Blut, das dem Eurigen mindeſtens gleich kommt; doch erlangt ſie von ihr ſelbſt, ich werde Euch nicht daran verhindern,“ erwiederte der Maure. „Ihr ſeid jung, Ihr ſeid ſchön, Ihr ſeid mächtig, warum ſollte dieſe Jungfrau Euch nicht lieben, warum ſollte ſie nicht der Liebe zugeſtehen, was Ihr mit Gewalt erreichen wollt?“ Bei dieſen Worten, welche wie der Pfeil des Par⸗ thers abgeſchoſſen wurden und tief in das Herz von Don Pedro eindrangen, hob Mothril den Thürvorhang auf und ging rückwärts aus dem Zimmer. „Aber ſie wird mich haſſen, ſie muß mich haſſen, wenn ſie weiß, daß ich ihren Vater getödtet habe.“ „Ich ſpreche nie ſchlecht von dem Herrn, dem ich diene,“ ſagte Mothril, der den Thürvorhang noch auf⸗ gehoben hielt,„Aiſſa weiß nichts von Euch, wenn nicht, daß Ihr ein guter und großer König ſeid.“ Mothril ließ den Vorhang fallen, und Don Pedro konnte noch einige Zeit auf den Platten ſeine langſamen, feierlichen Schritte, die ſich nach dem Zimmer von Aiſſa wandten, ſchallen hören. Einunddreißigſtes Kapitel. Wie Mothril zum Anführer der mauriſchen Stämme und zum Miniſter des Königs Don Pedro ernannt wurde. Mothril wandte ſich, als er den König verließ, nach der Wohnung von Aiſſa. 140 In ihr Gemach eingeſchloſſen, das durch Gitter beſchützt und von ihrem Vater bewacht war, ſehnte ſich Aiſſa nach Luft, in Ermangelung der Freiheit. Aiſſa hatte nicht, wie die Frauen unſerer Zeit, das Mittel, Neuigkeiten zu erfahren, welche den Brief⸗ wechſel erſetzten; Agenor nicht mehr ſehen hieß für ſie nicht mehr leben; ihn nicht mehr ſprechen hören hieß für ſie das Ohr nicht mehr für das Geräuſch dieſer Welt offen haben.. Doch es lebte in ihr eine tiefe Ueberzeugung, die Ueberzeugung, ſie habe eine Liebe eingeflößt, welche der ihrigen gleichkomme; ſie wußte, Agenor, der ſchon dreimal Mittel gefunden hatte, zu ihr zu gelangen, würde, wenn er nicht todt wäre, auch ein viertes Mal Mittel finden, ſie zu ſehen, und in ihrem jugendlichen Vertrauen auf die Zukunft ſchien es ihr unmöglich, daß Agenor ſterben ſollte. Es blieb alſo für Aiſſa nichts mehr Anderes zu thun, als zu warten und zu hoffen. Die Frauen des Orients bilden ſich ein Leben fort⸗ währender Träume, gemiſcht mit energiſchen Handlungen, welche das Erwachen oder die Unterbrechungen ihres wollüſtigen Schlafes ſind. Wenn die arme Gefangene hätte handeln können, um Mauleon wiederzufinden, würde ſie ſicherlich gehandelt haben; doch unwiſſend wie eine von den Blumen des Orients, deren Wohlgeruch und Friſche ſie beſaß, verſtand ſie es nur, ſich nach der Seite zu wenden, von der ihr die Liebe, dieſe Sonne ihres Lebens, zukam. Aber gehen, aber ſich Gold ver⸗ ſchaffen, aber fragen und forſchen, aber fliehen, das waren Dinge, die ihr nie in den Sinn kamen, da ſie dieſelben ganz und gar für unmöglich hielt. 3 Wo war übrigens Agenor? Wo war ſie ſelbſt? ſie wußte es nicht. In Segovia ohne Zweifel; doch der Name Segovia ſtellte für ſie nur den Namen einer Stadt dar und nicht mehr. Wo war dieſe Stadt? ſie 141 wußte es nicht: in welcher Provinz von Spanien? ſie wußte es nicht, ſie, die nicht einmal den Namen der verſchiedenen Provinzen Spaniens kannte; ſie, die hundert und fünfzig Meilen gemacht hatte, ohne die Länder zu kennen, die ſie durchzogen, und nur ſich dreier Punkte in dieſen verſchiedenen Ländern erinnernd, nämlich der Orte, wo ſie Agenor geſehen. Doch wie waren auch dieſe drei Punkte in ihrem Geiſte eingerahmt geblieben! Wie ſah ſie die Ufer der Zezere, dieſer Schweſter des Tajo, mit den wilden Olivenbäumen, bei denen man ihre Sänfte niedergeſetzt, mit den düſteren Wogen voll von Schluchzen und Ge⸗ räuſchen, aus deren Schooß immer noch das erſte Liebes⸗ wort von Agenor und der letzte Seufzer des unglück⸗ lichen Pagen emporzuſteigen ſchienen! Wie ſah ſie ihr Gemach im Alcazar mit den Gittern von Geißblatt um⸗ rankt und der Ausſicht auf Blumenbeete und grüne Raſen, aus deren Mitte die ſchäumenden Waſſer in marmorne Becken ſprangen! Wie ſah ſie endlich die Gärten von Bordeaux mit ihren großen, dunkel belaubten Bäumen, welche von dem Haus der Lichtſee trennte, den der Mond vom Himmel herab ergoß. Von dieſen verſchiedenen Landſchaften waren ihren Augen jeder Anblick, jede Einzelnheit, jeder Ton, jedes Blatt gegenwärtig. Doch zu ſagen, ob dieſe, wenn auch in der Dunkel⸗ heit ihres Lebens ſo hell leuchtenden, Punkte zu ihrer Rechten oder zu ihrer Linken, im Süden oder im Norden der Welt lagen, dies wäre nicht möglich für die Un⸗ wiſſenheit des Mädchens geweſen, das nur das gelernt hatte, was man im Harem lernt, nämlich die Wonne des Bads und die wollüſtigen Träume der Müßigkeit. Mothril wußte dies Alles, ſonſt wäre er minder ruhig geweſen. Er trat bek dem Mädchen ein. „Aiſſa,“ ſprach er, nachdem er ſich ſeiner Gewohn⸗ 14² heit gemäß vor ihr niedergeworfen hatte,„darf ich hoffen, daß Ihr mit einiger Gewogenheit anhören werdet, was ich Euch zu ſagen habe.“ „Ich habe Euch Alles zu verdanken, und bin Euch zugethan,“ antwortete Aiſſa, indem ſie Mothril an⸗ ſchaute, als hätte ſie gewünſcht, er könnte in ihren Augen die Wahrheit ihrer Worte leſen. „Gefällt Euch das Leben, das Ihr führt?“ fragte Mothril. „Wie ſo?“ erwiederte Aiſſa, welche ſichtbar den Zweck dieſer Frage zu errathen ſuchte. „Ich will wiſſen, ob es Euch gefällt, eingeſchloſſen zu leben?⸗ „Oh! nein,“ antwortete Aiſſa lebhaft. „Ihr möchtet gern Eure Lage verändern?“ „Sicherlich.“ „Was würde Euch gefallen?“ Aiſſa ſchwieg, das Einzige, was ſie ſich wünſchte, konnte ſie nicht ſagen. „Ihr antwortet nicht?“ fragte Mothril. „Ich weiß nicht, was ich antworten ſoll.“ „Würde es Euch nicht vielleicht Freude machen,“ fuhr der Maure fort,„auf einem großen ſpaniſchen Pferd, gefolgt von Frauen, Cavalieren, Hunden und Muſik, auszureiten?“ „Das iſt es nicht, was ich mir am meiſten wünſche,“ antwortete das Mädchen.„Doch nach dem, was ich mir wünſche, wäre mir auch dieſes lieb; unter der Be⸗ 4 dingung indeſſen... Sie hielt inne. „Unter der Bedingung?“ fragte Mothril neu⸗ gierig. gmichts l“ erwiederte das ſtolze Mädchen,„nichts!“ Trotz des Schweigens begriff indeſſen Mothril vollkommen, was dieſes unter der Bedingung be⸗ deuten ſollte. ——— ̈— 143 „So lange Ihr bei mir ſeid,“ fuhr Mothril fort, „und ſo lange ich, für Euren Vater angeſehen, obgleich mir dieſe ausnehmende Ehre nicht gebührt, für Euer Glück und Eure Ruhe verantwortlich bin, Aiſſa, ſo lange dies ſich ſo verhält, kann das, was Ihr Euch wünſcht, nicht ſein.“ „Und wann wird ſich das ändern?“ fragte das Mädchen mit ſeiner naiven Ungeduld. „Wenn Euch ein Gatte beſitzen wird.“ Sie ſchüttelte den Kopf und entgegnete: „Nie wird mich ein Gatte beſitzen.“ „Ihr unterbrecht mich, Senora,“ ſprach Mothril mit ernſtem Tone.„Ich ſagte doch für Euer Glück ſehr erſprießliche Dinge.“ Aiſſa ſchaute den Mauren ſtarr an. „Ich ſagte,“ fuhr er fort,„ein Gatte könne Euch die Freiheit geben.“ „Die Freiheit?“ wiederholte Aiſſa. Vielleicht wißt Ihr nicht genau, was die Freiheit iſt,“ ſprach Mothril.„Ich will es Euch ſagen: Die Freiheit iſt das Recht, durch die Straßen zu gehen, ohne das Geſicht bedeckt zu haben und in eine Sänfte eingeſchloſſen zu ſein; es iſt das Recht, Beſuche zu empfangen wie bei den Franken, Jagden und Feſten beizuwohnen und in Begleitung von Rittern an großen Gaſtmahlen Theil zu nehmen.“ Während Mothril ſprach, färbte eine leichte Röthe die matte Geſichtshaut von Aiſſa. Zögernd erwie⸗ derte ſie: „Ich habe im Gegentheil ſagen hören, der Gatte nehme dieſes Recht, ſtatt es zu geben.“ „Wenn er der Gatte iſt, ja, das iſt zuweilen wahr; doch ehe er es iſt, beſonders wenn er einen ausgezeich⸗ neten Rang einnimmt, erlaubt er ſeiner Verlobten, ſich ſo zu betragen, wie ich es Euch geſagt habe. In Spanien und in Frankreich, zum Beiſpiel, hören die * 144 Töchter, ſelbſt der chriſtlichen Könige, auf die galanten Reden und werden dadurch nicht entehrt. Derjenige, welcher ſie heirathen ſoll, läßt ſie zuvor einen Verſuch in dem ungebundenen und loſtbaren Leben machen, das ihnen vorbehalten iſt... Ein Beiſpiel: erinnert Ihr Euch an Maria Padilla?“ Aiſſa horchte. „Nun?“ fragte das Mädchen. „Nun? war Maria Padilla nicht Königin der Feſte, die allmächtige Gebieterin im Alcazar, in Sevilla, in der Provinz, in Spanien? Erinnert Ihr Euch nicht, daß Ihr ſie bei den Spielen des Palaſtes durch unſere vergitterten Fenſter ihr ſchönes arabiſches Roß habt tummeln und oft ganze Tage die Cavaliere, die ſie vorzog, um ſich verſammeln ſehen? Ihr aber waret eingeſchloſſen und verborgen, durftet die Schwelle Eures Zimmers nicht überſchreiten, ſahet nur Eure Frauen und konntet mit Niemand von dem ſprechen, was Ihr im Geiſt oder im Herzen hattet.“ „Aber Dona Maria Padilla liebte Don Pedro,“ erwiederte Aiſſa;„denn wenn man in dieſem Lande liebt, ſteht es einem frei, wie es ſcheint, es öffentlich dem zu ſagen, welchen man liebt. Er wählt die Frau und kauft ſie nicht, wie in Afrika. Dona Maria liebte Don Pedro, ſage ich Euch, und ich werde denjenigen, welcher mich zu heirathen gedächte, nicht lieben.“ „Was wißt Ihr davon, Senora?“ „Wer iſt er?“ fragte lebhaft das Mädchen. „Ihr fragt ſehr eilig.“ „Und Ihr antwortet ſehr langſam.“ „Nunl ich wollte Euch ſagen, daß Dona Marig frei war.“ „Nein, da ſie liebte.“ nora.“ „Wie dies?“ „Man wird frei, ſelbſt wenn man liebt, Se⸗ ————, 145 1 4 „Man hört nur auf zu lieben.“ Aiſſa zuckte die Achſeln, als ob man ihr etwas Unmögliches ſagte. „Dona Maria iſt wieder frei geworden, ſage ich Euch, denn Don Pedro liebt ſie nicht mehr und wird nicht mehr von ihr geliebt.“ 3 Aiſſa ſchaute erſtaunt empor; der Maure fuhr ort: „Ihr ſeht alſo, Aiſſa, daß ihre Ehe nicht ge⸗ ſchloſſen iſt, und daß dennoch Beide das Glück genoſſen kaßen, das hoher Rang und vornehmer Umgang ver⸗ eihen.“ „Worauf zielt Ihr ab?“ rief Aiſſa, plötzlich wie durch einen Blitz geblendet. „Ich will Euch ſagen, was Ihr ſchon vollkommen begriffen habt.“ „Sagt es immerhin.“ „Daß ein vornehmer Herr...“ „Der König, nicht wahr?“ „Der König ſelbſt, Senora,“ antwortete Mothril ſich verbeugend. „Er gedenkt mir den von Maria Padilla erledigten Platz zu geben?“ „Und ſeine Krone.“ „Wie Maria Padilla?“ „Dona Maria hat nur ſich die Krone verſpre⸗ chen zu laſſen gewußt; eine Andere, jünger, ſchöner, detoembttr, wird es verſtehen, ſich dieſelbe geben zu aſſen.“ „Aber ſie, ſte, die man nicht mehr liebt, was wird aus ihr?“ fragte Aiſſa ganz nachdenkend, indem ſie die raſche Bewegung unterbrach, die ihre Finger den Köoͤrnern eines in Gold gefaßten Roſenkranzes von Aloe⸗ holz verliehen. „Oh!“ verſetzte Mothril, Gleichgültigkeit heuchelnd, „ſie hat ſich ein anderes Glück geſchaffen; die Einen Der Baſtard von Mauleon. II. 10 146 ſagen, ſie habe die Kriege befürchtet, in welche der König verwickelt werden ſoll; die Andern, und das iſt wahrſcheinlicher, ſie liebe einen andern Mann und werde dieſen zum Gatten nehmen.“ „Welchen Mann?“ ſragte Aiſſa. „Einen Ritter aus dem Abendland,“ antwortete Mothril. Aiſſa verſank in eine tiefe Träumerei, denn dieſe hinterliſtigen Worte enthüllten ihr nach und nach wie durch eine Zaubermacht die ganze ſo füße Zukunft, von der ſie träumte und deren Schleier ſie aus Un⸗ wiſſenheit oder aus Schüchternheit nicht zu lüften ge⸗ wagt hatte. „Ah! man ſagt das?“ fragte endlich Aiſſa ent⸗ zückt. „Ja,“ ſprach Mothril,„und man fügt bei, als ſie ihre Freiheit wieder erlangt, habe ſie ausgerufen: „Ohl welches Glück hat es mir gebracht, daß ſich der König um mich beworben, denn ich bin dadurch aus der Stille und aus dem Hauſe gezogen worden, um mich in dieſe ſchöne Sonne ſtellen zu können, die mich meine Liebe hat unterſcheiden laſſen.““ „Ja, ja,“ ſagte das Mädchen träumeriſch. „Sicherlich,“ fuhr Mothril fort,„ſicherlich hätte ſie im Harem oder im Kloſter die Freude nicht gefunden, die ihr zu dieſer Stunde zu Theil wird.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Aiſſa. „Ihr werdet alſo im Intereſſe Eures Glückes auf den König hören, Aiſſa?“ „Aber der König wird mir doch Zeit laſſen, nach⸗ zudenken?“ „So viel es Euch beliebt und es einem edlen Mädchen, wie Ihr ſeid, gebührt. Nur iſt er ein trau⸗ riger und durch ſein Unglück gereizter Herr. Euer Wort iſt ſüß, wenn Ihr wollt; wollt es, Aiſſa. Don Pedro iſt ein großer König, deſſen Empfindlichkeit man ſchonen, deſſen Wünſche man vermehren muß.“ 147 „Ich werde den König hören, Herr,“ antwortete das Mädchen. „Gut!“ ſagte Mothril zu ſich ſelbſt;„ich war ſicher, der Ehrgeiz würde ſprechen, ſollte die Liebe nicht ſprechen. Sie liebt ihren Ritter genug, um die Gelegenheit zu ergreifen, die ſich bietet, ihn wiederzuſehen; in dieſem Augenblick opfert ſie den Monarchen dem Geliebten, vielleicht werde ich ſpäter genöthigt ſein, darüber zu wachen, daß ſie nicht den Geliebten dem Monarchen opfert.“ „Ihr weigert Euch alſo nicht, den König zu ſehen, Dona Aiſſa?“ fragte er. „Ich werde die ehrfurchtsvolle Dienerin Seiner Hoheit ſein,“ ſprach das Mädchen. „Nein, denn Ihr ſeid dem König gleich an Rang, verfeßt das nicht. Nur nicht mehr Hoffart, als De⸗ muth. Lebt wohl, ich will den König benachrichtigen, daß Ihr der Serenade, die man ihm jeden Abend gibt, anzuwohnen einwilligt. Der ganze Hof und viele edle Fremde werden dabei ſein. Lebet wohl, Dona Aiſſa.“ „Wer weiß,“ murmelte das Mädchen,„ob ich nicht unter dieſen edlen Fremden Agenor ſehe?“ Don Pedro, der Mann mit den heftigen und ra⸗ ſchen Leidenſchaften, erröthete vor Freude, wie ein junger Novize, als er am Abend dem Balcon glänzend unter ihrem goldgeſtickten Schleier die ſchöne Maurin ſich nähern ſah, deren ſchwarze Augen und bleiche Ge⸗ ſichtsfarbe Alles verdunkelten, was Segovia bis jetzt an vollkommenen Schönheiten erſchaut hatte. Aiſſa ſchien eine an die Huldigungen der Könige gewohnte Königin zu ſein. Sie ſchlug nicht die Augen nieder, ſchaute häufig Don Pedro an, durchforſchte mit den Blicken die Menge, und mehr als einmal am Abend verließ Don Pedro ſeine weiſeſten Räthe oder die hübſcheſten Frauen, um ganz leiſe ein Wort zu dem Mädchen zu ſagen, das ihm ohne Unruhe und ohne Verlegenheit antwortete, nur ein wenig zerſtreut, 148 vielleicht, denn die Gedanken von Aiſſa waren an⸗ derswo. Don Pedro reichte ihr die Hand, um ſie an ihre Sänfte zurückzuführen, und auf dem Wege ſprach er unaufhörlich mit ihr durch ihre ſeidenen Vorhänge. Die ganze Nacht unterhielten ſich die Höflinge von der neuen Gebieterin, die ihnen der König zu geben ſich anſchickte, und als Don Pedro ſich niederlegte, ver⸗ kündigte er öffentlich, er betraue mit der Sorge der Unterhandlungen und des Soldes der Truppen ſeinen erſten Miniſter Mothril, den Anführer der in ſeinem Dienſte verwendeten mauriſchen Stämme. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Wie ſich Agenor und Muſaron, in der Sierra Aracena reiſend, unterhielten. Man hat geſehen, wie Mauleon und ſein Knappe ſich bei einem ſchönen Mondſchein nach dem Wunſch des neuen Königs von Caſtilien auf den Weg begaben. Nichts öffnete der Freude das Herz von Muſaron ſo ſehr, als der indiscrete Klang einiger Thaler, die ſich in der Tiefe ſeiner ungeheuren Ledertaſche wiegten; und an dieſem Tag war es nicht mehr das Klirren eines zufälligen Zuſammentreffens, was den würdigen Knappen erheiterte, ſondern es war der dumpfere Ton eines Hunderts gewichtiger Stücke, welche ſich in einem Sack zuſammengepreßt fanden und ſich an einander zu fügen ſuchten; die Freude von Muſaron war auch verhältniß⸗ mäßig dick und ſonor. —„———————— ———-—-.„» 149 Die ſchon damals gebahnte Straße von Burgos nach Segovia war ſchön; aber gerade weil ſie ſchön und ſehr ſtark beſucht war, dachte Mauleon, es wãre nicht klug, ſtreng ihrem Zuge zu folgen. Er warf ſich daher als ein wahrer Bearner in die Sierra und folgte den pittoresken Wellenlinien des weſtlichen Gebirgsab⸗ hanges, der ſich, abwechſelnd blühend, felſig und mooſig, wie ein natürlicher Vorhang von Cambra bis Tudela erſtreckt. Schon am Anfang der Reiſe ſah ſich Muſaron, der auf die Hälfte der Thaler gerechnet hatte, um ſich einen Weg zu machen, wie er ihn haben wollte, ſehr ge⸗ täuſcht. Hatten in den Städten und in der Ebene die Einwohner ihre Reichthümer unter dem doppelten Drucke von Don Pedro und von Enrique aufgezehrt, wie mußte es bei den Bergbewohnern ſein, welche nie Reichthümer beſeſſen? Auf Schafsmilch, auf rauhen Wein, auf Gerſten⸗ und Hirſenbrod angewieſen, ſehnten ſich auch unſere Reiſenden, beſonders Muſaron, nach den Ge⸗ fahren der Ebene zurück: Gefahren, welche mit Ge⸗ nüſſen, als da ſind, gebratene junge Ziegen, Olla⸗ Podrida und guter, in Schläuchen gealterter Wein, vermiſcht waren. Muſaron ſing auch an ſich bitterlich zu beklagen, daß er keinen Feind zu bekämpfen habe. Agenor, der an etwas Anderes dachte, ließ ihn klagen, ohne zu antworten; dann aber ſeiner Träume⸗ rei, ſo tief ſie auch war, durch die wilden Plahlereien ſeines Knappen entriſſen, hatte er das Unglück zu lächeln.—. Dieſes Lächeln, unter dem allerdings eine Nuance von Ungläubigkeit vordrang, mißſiel Muſaron un⸗ gemein. „Ich glaube nicht, gnädiger Herr,“ ſagte er, in⸗ dem er die Lippen zuſammendrückte, um ſich eine un⸗ zufriedene Miene zu geben, obgleich dieſer ungewöhn⸗ liche Ausdruck ſeiner Phyſiognomie bedeutend von der 150 gewöhnlichen Gutmüthigkeit ſeines ehrlichen Geſichtes abſtach,„ich glaube nicht, daß der gnädige Herr je an meinem Muthe gezweifelt hat, und mehr als ein Zug dürfte zum Beweis dafür dienen.“ 3 Agenor machte ein Zeichen der Beiſtimmung. „Ja, mehr als ein Zug,“ fuhr Muſaron fort. „Soll ich von dem Mauren ſprechen, den ich in den Gräben von Medina Sidonia ſo gut durchbohrt habe? von dem Andern, den ich im Gemache der unglucklichen Königin Blanche ſelbſt erwürgte? Gewandtheit und Muth, ich ſage es beſcheidener Weiſe, werden mein Wahlſpruch ſein, wenn ich mich je zum Range eines Ritters emporſchwinge.“ 3 „Dies Alles iſt ſtrenge Wahrheit, mein lieber Mu⸗ ſaron,“ ſagte Agenor;„doch laß hören, worauf zielſt Du ab mit allen Deinen langen Reden und mit Deinem wilden Runzeln der Stirne?“ „Gnädiger Herr,“ erwiederte Muſaron, geſtärkt durch den mitfühlenden Ton, den er in der Stimme ſeines Gebieters wahrgenommen hatte,„gnädiger Herr, Ihr langweilt Euch alſo nicht?“ „Mit Dir ſelten, mein guter Muſaron; mit meinen Gedanken nie.“ „Ich danke, edler Herr; aber wenn ich überlege, daß es hier nicht den geringſten verdächtigen Reiſenden gibt, dem wir mit der Lanzenſpitze ein gutes Viertel kaltes Wildbret oder einen dicken Schlauch von jenen ſchönen Weinen, welche man dort am Ufer des Meeres erzeugt, abnehmen könnten... das ärgert mich.“ „Ahl ich begreife, Du haſt Hunger, Muſaron, und Deine Eingeweide ſchreien: Vorwärts!“ „Ganz richtig, Senor, wie man hier zu Lande ſagt; ſeht doch unter uns den hübſchen Weg. Wenn man in Betracht zieht, daß wir, ſtatt in dieſen ewigen Schlünden und unter dieſen ungaſtlichen Birken umher⸗ zuſchweifen, würden wir dem Pfade folgen, der ſich beinahe eine Meile abwärts zieht, jenes Plateau ſer⸗ 4 151 reichen könnten, auf dem man eine Kirche ſieht! Schaut, Herr, neben einem dicken, fetten Rauch; ſeht Ihr! Spricht bei einem frommen Rittersmann, bei einem guten Chriſten nichts zu Gunſten dieſer Kirche? Oh! der ſchöne Rauch! er riecht von hier aus gut!“ „Muſaron,“ erwiederte Agenor,„ich habe eben ſo große Luſt, als Du, die Lebensordnung zu verändern und Menſchen zu erſchauen; aber ich kann meine Perſon nicht unnützen Gefahren ausſetzen. Genug ernſte und unvermeidliche Gefahren harren meiner in Erfüllung meines Auftrags. Dieſe Berge ſind unfruchtbar, öde, aber ſicher.“ „Eil gnädiger Herr,“ fuhr Muſaron fort, der ent⸗ ſchloſſen ſchien, ſich nicht zu ergeben, ohne gekämpft zu haben;„habt die Gnade, reitet mit mir nur bis auf das Drittel des Abhangs hinab, und ich werde bis zu dem Rauch weiter ziehen und uns einige Mundvor⸗ räthe verſchaffen, mit deren Hülfe wir geduldiger ſein können. Was meine Spur betrifft, ſo geht die Nacht darüber hin und morgen ſind wir fern.“ „Mein lieber Muſaron,“ ſprach Agenor,„höre wohl, was ich Dir ſagen werde.“ Der Knappe horchte, den Kopf ſchüttelnd, als hätte er vorhergeſehen, das, was ihn ſein Herr zu hören bat, ſtünde nicht im Einklang mit ſeinen Ideen. „Ich werde mir weder Umſchweife, noch Abwege erlauben, ſo lange wir nicht in Segovia angekommen ſind,“ fuhr Agenor fort.„In Segovia, Herr Sybarite, könnt Ihr Alles finden, was Euer Herz begehrt: aus⸗ geſuchte Speiſen, angenehme Geſellſchaft. In Segovia endlich werdet Ihr wie der Stallmeiſter eines Botſchaf⸗ ters, was Ihr ſeid, behandelt werden. Doch bis da⸗ hin marſchiren wir gerade aus, wenn es Euch beliebt. Iſt übrigens Segovia nicht die Stadt, die ich dort im Nebel erblicke und aus deren Mitte jener ſchöne Glocken⸗ thurm und jener blendende Dom emporragen? Morgen Abend werden wir dort ſein; wegen einer ſolchen Kleinig⸗ 3 152 keit iſt es alſo nicht der Mühe werth, daß wir von unſerem Wege abgehen.“ „Ich gehorche Eurer Herrlichkeit,“ verſetzte Muſaron mit kläglichem Tone,„das iſt meine Pflicht und ich liebe meine Pflicht; doch wenn ich mir eine Betrach⸗ tung erlauben dürfte... Alles im Intereſſe Eurer Herrlichkeit...“ Agenor blickte Muſaron an, der dieſen Blick durch ein Zeichen mit dem Kopf erwiederte, welches be⸗ deutete: „Ich behaupte, was ich geſagt habe.“ „Laß hören,“ ſprach der junge Mann. Schleunigſt fuhr Muſaron fort: „Es gibt ein Sprüchwort in meinem Lande, und folglich in dem Eurigen, das dem Glöckner räth, die kleinen Glocken vor den großen zu verſuchen.“ „Was bedeutet dieſes Sprüchwort?“ „Es bedeutet, gnädiger Herr, daß es, ehe wir in Segovia, nämlich in die große Stadt einziehen, klug von uns wäre, einen Flecken zu befühlen; hier würden wir aller Wahrſcheinlichkeit nach irgend eine gute Wahrheit über den Stand der Angelegenheiten hören. Ah! wenn Eure Herrlichkeit wüßte, was ich Alles an guten Vorzeichen aus dem Rauche jenes Fleckens ent⸗ nehme.“ Agenor war der Mann des geſunden Verſtandes. Die erſten Gründe von Muſaron hatten ihn nur wenig angeregt; doch der letzte berührte ihn tiefer; er bedachte überdies, daß Muſaron die fire Idee hatte, nach dem nahen Flecken zu gehen, und daß ihn in ſeiner Idee ſtören die ſo gut geordnete Uhr ſeines Charakters ſtören hieß, welche Störung ihn damit bedrohte, daß er wenigſtens einen ganzen Tag auszuhalten haben würde, was es Abſcheulichſtes unter dem Himmel gibt, nämlich die ſchlimme Laune eines Dieners, ein Sturm, der unpernnkihlicher und ſchwärzer iſt, als jedes Ge⸗ witter. .&△ 153 „Gut, es ſei,“ ſagte er,„ich billige Deinen Wunſch. Muſaron, ſieh nach, was um jenen Rauch her vorgeht, und melde es mir ſodann.“ Da Muſaron vom Anfang dieſer Verhandlung an beinahe ſicher war, der Ausgang würde ſeinem Willen entſprechen, ſo nahm er dieſe Erlaubniß ohne einen unmäßigen Ausbruch der Freude auf und trabte, dem Pfade folgend, den er ſchon ſo lange mit den Augen verſchlang, fort. Agenor wählte ſeinerſeits, um bequem die Rück⸗ kehr ſeines Knappen abzuwarten, ein reizendes Amphi⸗ theater von Felſen, durchſtreut mit Birken, deſſen Mit⸗ telpunkt mit jenem feinen Moos überzogen war, das man nur im Gebirge findet, und wo man nach Herzens⸗ luſt alle jene ſchönen Blumen blühen ſieht, welche ſich nur am Rande von Abſchüſſen erſchließen; eine Quelle, durchſichtig wie ein Spiegel, ſchlummerte einen Augen⸗ blick in einem natürlichen Becken und entfloh dann ſeufzend unter den Steinen. Agenor löſchte darin ſeinen Durſt, nahm ſeinen Helm ab und lehnte ſich unter der erquickenden Friſche des Schattens an den weichen Stamm einer alten Eiche an. Bald überließ er ſich ganz und gar, wie ein wah⸗ rer Rittersmann der alten Mährchen und der roman⸗ tiſchen Legenden, den ſüßen Liebesgedanken, in die er ſo tief verſank, daß er, ohne es zu bemerken, von der Träumerei in die Extaſe und von der Extaſe in den Schlaf überging. Im Alter von Agenor ſchläft man ſelten, ohne zu träumen; der junge Mann war auch kaum entſchlum⸗ mert, als er träumte, er ſei in Segovia angekommen, der König Don Pedro laſſe ihn mit Ketten beladen und in einen engen Kerker werfen, durch deſſen Gitter die ſchöne Aiſſa erſcheine; doch kaum habe dieſe ſüße Viſion die Nacht ſeines Kerkers erhellt, da laufe Mothril herbei, um das troͤſtiiche Bild zu verjagen, und ein 154 Streit entſpinne ſich zwiſchen dem Mauren und ihm; mitten in dieſem Streite und als er fühlte, er würde unterliegen, machte ſich ein Galopp, die Erſcheinung einer unerwarteten Hülfe verkündigend, hörbar. Der Lärmen dieſes Galopps drang ſo tief in ſeinen Traum ein, daß die Sinne von Agenor einzig und allein davon gefeſſelt waren, und daß er bei den erſten Tönen des Reiters, den dieſer Galopp zu ihm geführt, er⸗ wachte. „Gnädiger Herr! gnädiger Herr!“ rief die Stimme. Agenor öffnete die Augen; Muſaron war vor ihm. 3 Er bot einen ſeltſamen Anblick, der würdige Knappe, wie er auf ſeinem Pferde ſaß, deſſen Bewegungen er nur mit Hülfe der Kniee lenkte, denn ſeine beiden Hände waren vor ihm ausgeſtreckt, als ob er blinde Kuh ſpielte; er trug nämlich am Gelenke jedes Armes einer⸗ ſeits einen an den vier Pfoten zuſammengebundenen Schlauch, andererſeits ein an den vier Zipfeln zuſam⸗ mengeknüpftes Tuch, einen Pack mit getrockneten Wein⸗ beeren und geräucherten Zungen bildend, während er in beiden Händen, wie ein Paar Piſtolen, eine gemäſtete Gans und einen Laib Brod hielt, der zum Abendmahl für ſechs Mann hinreichend geweſen wäre. „Gnädiger Herr!“ ſchrie, wie geſagt, Muſaron, „eine große Neuigkeit!“ „Was gibt es?“ rief der Ritter, der raſch ſeinen Helm aufſetzte und mit der Hand nach dem Griffe ſeines Degens fuhr, als wäre Muſaron einem feindlichen Heere vorangegangen. „Oh! wie gut war ich inſpirirt!“ ſprach Muſaron, „und wenn ich bedenke, daß wir ohne meine Beharr⸗ lichkeit weiter gezogen wären?“ „Was gibt es, verdammter Schwätzer?“— „Was es gibt!... Gott hat mich in jenes Dorf geführt.“ „Aber was haſt Du erfahren, ſprich!“ AR8— བྷ— e T 1⁵55 „Ich habe erfahren, daß der König Don Pedro... der Erkönig Don Pedro, wollte ich ſagen...“ „Nun 2 „Er iſt nicht mehr in Segovia.“ „Wahrhaftig!“ rief Mauleon ärgerlich. „Nein, gnädiger Herr, der Alcade iſt geſtern von einer Fahrt zurückgekehrt, die er mit den Vornehm⸗ ſten des Fleckens zu Don Pedro gemacht hatte, welcher vorgeſtern, von Segovia kommend, nach der Ebene ge⸗ zogen iſt.“ „Aber wohin iſt er gegangen?“ „Nach Soria.“ „Mit ſeinem Hof?“ „Mit ſeinem Hof.“ „Und,“ fuhr Agenor zögernd fort,„mit Mothril?“ „Allerdings.“ „Und,“ ſtammelte der junge Mann,„mit Mothril war ohne Zweifel.. „Seine Sänfte? ich glaube es wohl, er verliert ſte nicht aus dem Blick, ausgenommen, wenn er ſchläft. Uebrigens iſt ſie nun gut bewacht.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Daß ſie der König nicht mehr verläßt.“ „Die Sänfte?“ „Gewiß, er geleitet ſie zu Pferde, und bei dieſer Sänfte hat er die Abgeordneten des Fleckens empfangen.“ „Wohl! mein lieber Muſaron, gehen wir nach Soria,“ ſprach Mauleon mit einem Lächeln, das einen Anfang von Unruhe ſchlecht verhüllte. „Gehen wir dahin, gnädiger Herr; doch wir können nicht mehr derſelben Straße folgen, denn wir wenden Soria nun den Rücken zu. Ich habe mich im Flecken erkundigt, wir durchſchneiden das Gebirge links und gelangen in einen Engpaß parallel mit der Ebene. Dieſer Engpaß wird uns den Uebergang über zwei Flüſſe und einen Weg von eilf Meilen erſparen.“ „Gut, Du ſollſt mein Führer ſein; doch bedenke . 156 welche Verantwortlichkeit Du übernimmſt, mein armer Muſaron.“ „Dieſe Verantwortlichkeit bedenkend, ſage ich Euch, gnädiger Herr, daß Ihr die Nacht im Flecken zubringen ſolltet. Seht, der Abend kommt, die Kühle macht ſich fühlbar; marſchiren wir noch eine Stunde, ſo iſt es ſtock⸗ finſtere Nacht um uns her.“ „Laß uns dieſe Stunde benützen, Muſaron, und da Du ſo gut unterrichtet biſt, zeige mir den Weg.“ „Aber Euer Mahl, Herr?“ entgegnete Muſaron, eine letzte Einwendung verſuchend. „Unſer Mahl wird ſtatthaben, wenn wir ein entſpre⸗ chendes Lager finden. Vorwärts, Muſaron, vorwärts.“ Muſaron entgegnete nichts mehr; es gab bei Agenor einen gewiſſen Stimmton, den er vollkommen kannte; wenn dieſer Stimmton irgend einen Befehl begleitete, ließ ſich nichts mehr ſagen. Mit Hülfe verſchiedener Combinationen, von denen die einen immer geiſtreicher waren, als die andern, ge⸗ lang es dem Knappen, ſeinem Herrn den Steigbügel zu halten, ohne ſeine Arme von einer der Bürden freizu⸗ machen, welche dieſelben belaſteten, und immer beladen, ſtieg er ſelbſt wieder zu Pferde, ritt voran und drang muthig in die Gebirgsſchlucht, welche ihnen den Ueber⸗ gang über zwei Flüſſe erſparen und ihren Weg um eilf Meilen abkürzen ſollte. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Wie Muſaron eine Grotte fand, und was in dieſer Grotte war. Die Reiſenden hatten, wie es Muſaron geſagt, noch eine Stunde Tag, und die letzten Strahlen der Sonne konnten ſie in ihrem Marſche leiten; doch in dem Augenblick, wo der Wiederſchein der erbleichenden Flamme den höchſten Pic der Sierra verlaſſen hatte, fing die Nacht an mit einer um ſo furchtbareren Schnelligkeit einzutreten, als während der letzten Stunde des Tages Muſaron und ſein Herr hatten bemerken können, wie abſchüſſig und daher wie gefährlich der Weg war, dem ſie folgten. Nachdem ſie eine Viertelſtunde in der Finſterniß neſchiut waren, hielt auch Muſaron plötzlich an und prach: „Oho! Herr Agenor, der Weg wird immer ſchlechter, oder es iſt eigentlich gar kein Weg mehr. Wir werden uns ſicherlich umbringen, gnädiger Herr, wenn Ihr ver⸗ langt, daß wir weiter gehen.“ „Teufel!“ rief Agenor,„Du weißt, ich bin nicht ſchwer zu befriedigen; doch das Nachtlager kommt mir hier etwas ländlich vor. Sieh, ob wir nicht weiter gehen können.“ „Unmöglich, wir ſind auf einer Art von Plattform, welche den Abſturz auf allen Seiten überragt; machen wir einen einfachen Halt, und verlaßt Euch auf mich, mit dem Gebirge vertraut, werde ich eine Stelle finden wo Ihr die Nacht zubringen könnt.“ 158 „Siehſt Du abermals irgend einen guten fetten Rauch?“ fragte Agenor lächelnd. 3 „Nein, aber ich rieche eine hübſche Grotte, mit Vorhängen von Epheu und Wänden von Moos.“ „Aus der wir eine ganze Welt von Nachteulen, von Eidechſen und Schlangen zu vertreiben haben werden?“ „Meiner Treue, daran iſt wenig gelegen, gnädiger Herr; zu dieſer Stunde und an dem Orte, wo wir uns befinden, iſt das, was fliegt, kratzt oder kriecht, nicht Alles, was mich erſchreckt, ſondern das, was marſchirt; überdies ſeid Ihr nicht abergläubiſch genug, um Angſt vor den Nachteulen zu haben, und die Eidechſen und Nattern werden wohl nicht viel von Euren eiſernen Beinen abbeißen.“ „Gut,“ ſagte Agenor,„ſo wollen wir Halt machen.“ Muſaron ſtieg ab und ſchlang den Zaum ſeines Pferdes um einen Felſen, während ſein Herr aufrecht auf ſeinem Roſſe ſitzend, der Reiterſtatue des kalten und ruhigen Muthes ähnlich, wartete. Mittlerweile durchforſchte der Knappe mit jenem Inſtinct, deſſen Macht der gute Wille verzehnfacht, die Umgegend. Es war keine Viertelſtunde vergangen, als er mit entblößtem Schwerte und mit ſiegreicher Miene zurück⸗ kehrte. „Hierher, gnädiger Herr, hierher,“ ſagte er,„kommt und ſchaut unſern Alcazar an.“ „Was haſt Du denn?“ fragte der Ritter,„Du ſcheinſt mir von Waſſer zu triefen.“ „Gnädiger Herr, ich habe mich gegen einen ganzen Wald von Lianen geſchlagen, die mich zum Gefangenen machen wollten; doch rechts und links hauend, bahnte ich mir einen Weg; da regneten alle vom Thau feuchten Blätter auf meinen Kopf, zu gleicher Zeit fand ein Ausfall von einem Dutzend Fledermäuſe ſtatt, und der * 159 Platz hat ſich ergeben. Stellt Euch eine herrliche Gallerie vor, deren Boden feiner Sand bildet.“ „Ah! wahrhaftig?“ ſprach Agenor, der ſeinem Knappen folgte, doch nicht ohne ein wenig an ſeinen Worten zu zweifeln. Agenor hatte Unrecht, zu zweifeln. Kaum war er hundert Schritte auf einem jähen Abhang weiter ge⸗ ritten, als er an einer Stelle, wo der Weg durch eine Mauer geſchloſſen zu ſein ſchien, unter ſeinen Füßen eine Streu von friſchen Blättern und eine Anhäufung von kleinen Zweigen, das Reſultat der Schlächterei von Muſaron, fühlte, indeß da und dort, unſichtbar und nur durch die Luft ſich verrathend, welche ihr ſchweigſamer Flügelſchlag dem Ritter ins Geſicht ſandte, große Fle⸗ dermäuſe ungeduldig, wieder von ihrer Wohnung Beſitz zu ergreifen, umher flogen. „Ohl das iſt die Höhle des Zauberers Maugis!“ rief Agenor. „Von mir entdeckt, gnädiger Herr, und zwar von mir zuerſt. Der Teufel ſoll mich holen, wenn je ein Menſch den Gedanken gehabt hat, einen Fuß hierher⸗ zuſetzen; dieſe Schlingpflanzen ſtammen vom Anfang der Welt her.“ „Sehr gut,“ ſprach Agenor lachend;„doch wenn dieſe Grotte den Menſchen unbekannt iſt...“ „Oh! dafür ſtehe ich.“ „Kannſt Du auch daſſelbe von den Wölfen ſagen?“ „Oho!l“ machte Muſaron. „Von einigen kleinen rothen Bären, von der Ge⸗ birgsrace, Du weißt, wie man ſie in den Pyrenäen findet?“ „Teufel!“ „Oder von jenen wilden Katzen, welche den ent⸗ ſchlummerten Reiſenden die Kehle aufbeißen, um ihnen das Blut auszuſaugen?“ „Gnädiger Herr, wißt Ihr, was wir werden thun müſſen? Einer von uns wird wachen, während der Andere ſchläft.“ „Das wird klug ſein.“ „Habt Ihr nun nichts Anderes mehr gegen die Höhle von Maugis?“ „Durchaus nichts; ich finde ſie ſogar ſehr an⸗ genehm.“ „Nun wohl alſo, laßt uns eintreten.“ „Treten wir ein.“ Beeide ſtiegen ab und traten ein, wobei der Ritter mit der Lanzenſpitze, der Knappe mit der Schwert⸗ ſpitze umherfühlten. Nachdem ſie etwa zwanzig Schritte gemacht, trafen ſie auf eine feſte, undurchdringliche, wie es ſchien, vom Felſen ſelbſt gebildete Wand, ohne eine bemerkbare Höhlung, ohne einen Schlupfwinkel für die ſchädlichen Thiere. Dieſe Grotte war in zwei Theile abgetheilt: man trat zuerſt unter eine Art von Vorhalle, dann drang man wie durch ein Thor in eine zweite Aushöhlung, die wieder ihre ganze Höhe annahm. Es war dies offenbar eine von jenen Grotten, welche in den erſten Zeiten des Chriſtenthums von Ein⸗ ſiedlern bewohnt wurden, die den Weg der Einſam⸗ keit gewählt hatten, um zum Himmel zu gelangen. „Gott ſei Dank!“ ſprach Muſaron,„unſer Schlaf⸗ zimmer iſt ſicher.“. „Wenn dem ſo iſt, führe die Pferde in den Stall und decke den Tiſch, denn ich habe Hunger,“ ſprach Agenor. ſein Herr den Stall nannte; es war dies die Vorhalle der Grotte. Nachdem er ſich dieſer Sorge entledigt hatte, ging er zu den wichtigen Vorbereitungen zum Abendbrod über. „Was ſagſt Du?“ fragte Agenor, der ihn brummeln Muſaron führte wirklich die Pferde in das, was [ĩĩ 8 8 161 4 hörte, während er die Befehle vollzog, die er erhalten hatte. „Ich ſage, gnädiger Herr, ich ſei ein großer Dumm⸗ kopf, daß ich Wachs vergeſſen habe, um uns zu leuchten. Zum Glück können wir Feuer machen.“ 5 „Was denkſt Du, Muſaron, Feuer?“ „Das Feuer verjagt die wilden Thiere, das iſt ein Grundſatz, deſſen Richtigkeit ich mehr als einmal zu erkennen Gelegenheit gehabt habe.“ „Ja, aber es zieht die Menſchen an, und ich geſtehe Dir, ich befürchte in dieſem Augenblick mehr den An⸗ griff irgend einer mauriſchen oder engliſchen Bande, als den einer Herde von Wölfen.“ „Gottes Tod!“ rief Muſaron,„es iſt doch traurig, Herr, ſo gute Dinge zu eſſen, ohne ſie zu ſehen.“ „Bah! bah!“ verſetzte Agenor,„ein hungeriger Bauch hat allerdings keine Ohren, aber er hat Augen.“ Stets gelehrig, wenn man ihn zu überzeugen wußte, oder wenn man that, was er wünſchte, erkannte Muſaron diesmal die Haltbarkeit der Gründe ſeines Herrn und richtete das Mahl an der Thüre der zweiten Höhle, damit ein letzter Schein von Außen bis zu ihnen dringen könnte. Sie ſingen an zu ſpeiſen, nachdem die Pferde Er⸗ laubniß erhalten hatten, den Kopf in den Haferſack zu ſtecken, den Muſaron auf dem Kreuze mit ſich führte. Agenor, ein junger und kräftiger Mann, griff die Mundvorräthe mit einer Thätigkeit, mit einem Eifer an, worüber ein Verliebter in unſern Tagen vielleicht erroͤthen würde, während man dabei die enthuſiaſtiſche Begleitung von Muſaron hoͤrte, der, immer unter dem Pachwand, man ſehe nichts, die Knochen mit dem Fleiſch zerbiß.. Plötzlich währte das Thema auf der Seite von Aäend fort, doch die Begleitung von Muſaron hörte auf. Der Baſtard von Mauſeon. I. 11 162 „Nun! was gibt es denn?“ fragte der Ritter. „Gnädiger Herr, ich glaubte zu hören,“ erwiederte Muſaron,„doch ich habe mich ohne Zweifel getäuſcht... Es iſt nichts.“ Und er fing wieder an zu eſſen. Doch bald unterbrach er ſich abermals, und da er den Rücken der Oeffnung zuwandte, ſo konnte Agenor ſeine Unbeweglichkeit wahrnehmen. „Ah!“ ſagte Agenor,„wirſt Du ein Narr?“ „Nein, Senor, eben ſo wenig als ich taub werde. Ich höre, ſage ich Euch, ich höre.“ „Bah! Du träumſt,“ entgegnete der junge Mann, „eine vergeſſene Fledermaus ſchlägt mit ihren Flügeln an die Wand.“ „Ei!“ ſagte Muſaron, die Stimme ſo dämpfend, daß ihn ſelbſt ſein Herr kaum verſtand,„ich höre nicht nur, ſondern ich ſehe auch.“ „Du ſiehſt?“ „Ja, und wenn Ihr Euch umwenden wollt, werdet Ihr ſelbſt ſehen.“ Die Aufforderung war ſo beſtimmt, daß ſich Agenor raſch umwandte. In der That, mitten auf dem dunkeln Grunde der Höhle, funkelte ein leuchtender Streifen; ein Licht, her⸗ vorgebracht durch irgend eine Flamme, drang durch den Spalt des Felſen in die Grotte. Die Erſcheinung wäre erſchreckend genug für Jeden geweſen, der ſich die Sache nicht ſogleich überlegt hätte. „Wenn wir kein Licht haben, ſo haben ſie,“ ſprach Muſaron. „Wer, ſie?“ „Unſere Nachbarn.“ „Du hältſt alſo Deine einſame Grotte für be⸗ wohnt?“ „Ich habe mich nur für dieſe verbirgt, und nicht für die nächſtliegende.“ „Sprich, erkläre Dich.“ 163 „Begreift, gnädiger Herr, wir befinden uns auf dem Kamm eines Gebirges; jedes Gebirg hat zwei Ab⸗ hänge.“ „Sehr gut!“ „Folgt meinem Schluß; dieſe Grotte hat zwei Eingänge. Ein Zufall hat die ſchlecht verbundene Scheide⸗ wand hervorgebracht, die wir hier ſehen. Wir ſind in die Grotte durch den weſtlichen Eingang eingedrungen, ſie durch den öſtlichen.“ „Aber wer denn, ſie?“ „Ich weiß es nicht, doch wir werden es ſehen. Gnädiger Herr, Ihr hattet Recht, daß Ihr mich kein Feuer machen laſſen wolltet. Ich glaube, daß Eure Herr⸗ lichkeit eben ſo klug, als muthig iſt, was nicht wenig heißt. Doch laßt uns ſehen.“ „Sehen wir!“ Und Beide drangen, nicht ohne ein Herzklopfen, in die Tiefen der Höhle ein. Muſaron ging voran; er kam zuerſt an und hielt zuerſt ſein Auge an den Spalt, welcher die kalte Felswand trennte. „Schaut!“ ſagte er mit leiſer Stimme,„es iſt wohl der Mühe werth.“ Agenor ſchaute ebenfalls und bebte. „Nun!“ flüſterte Muſaron. „St!“ machte Agenor. Vierunddreißigſtes Kapitel. Die Zigeuner. Was unſere Reiſenden mit Erſtaunen betrachteten, ver⸗ diente in der That die Aufmerkſamkeit, die ſie daraufrichteten. . 164 Man vernehme, was der Blick durch den Spalt des Felſen umfaſſen konnte. Zuerſt eine Höhle, ungefähr der ähnlich, in wel⸗ cher ſich unſere zwei Reiſenden befanden; im Mittel⸗ punkt dieſer Höhle zwei Geſtalten, die bei einem Kiſtchen ſaßen oder hockten, das auf einem großen Stein ſtand; an einer von den Ecken dieſes Steines ſuchte eine von den zwei Geſtalten eine Wachskerze halten zu machen, welche, die Scene beleuchtend, die Helle von ſich gab, wodurch die Aufmerkſamkeit der Reiſenden er⸗ regt worden war. Dieſe zwei Geſtalten waren elend gekleidet und trugen capuzenartig auf dem Kopf jenen dichten Schleier mit den ungewiſſen Farben, der die Zigeunerinnen jener Zeit charakteriſtrte; Agenor erkannte daher in ihnen zwei Frauen dieſer umherſchweifenden Nation; ſie waren alt, nach ihrer Haltung und nach ihren Geberden zu urtheilen. Zwei Schritte von ihnen erblickte man eine dritte Geſtalt, aufrecht und nachdenkend; da jedoch das ſchwan⸗ kende Licht der Wachskerze ihr Geſicht nicht erhellte, ſo ließ ſich unmöglich ſagen, welchem Geſchlechte dieſe dritte Geſtalt angehörte. Mittlerweile ordneten die zwei erſten Geſtalten einige Päcke mit Kleidungsſtücken in Form von Sitzen auf dem Boden. Dies Alles war armſelig, elend, zerlumpt; nur das Kiſtchen bildete einen ſeltſamen Widerſpruch mit dieſer Dürftigkeit, denn es war von Elfenbein und ganz mit Gold eingelegt. Dann ſchritt eine vierte Geſtalt aus dem Hinter⸗ grunde der Grotte, zuerſt im Schatten, dann im Halb⸗ ſchatten und endlich im Licht herbei. Sie näherte ſich, beugte ſich über eine von den zwei ſitzenden Frauen herab und ſprach ein paar Worte 2 ühr, welche weder Agenor, noch Muſaron hören onnten.. 165 Dditee ſitzende Zigeunerin horchte aufmerkſam und entließ dann mit einer Geberde denjenigen, welcher zu⸗ letzt eintrat. Agenor bemerkte, daß dieſe Geberde voll Adel und Herrſchaft war. Die ſtehende Geſtalt folgte, nachdem ſie ſich ver⸗ beugt, der, welcher die paar Worte geſprochen hatte, und Beide verſchwanden in den Tiefen der Grotte. Dann ſtand die Frau mit der gebieteriſchen Ge⸗ berde ebenfalls auf und ſetzte ihren Fuß auf den Stein. Deutlich ſah man die Handlungen aller dieſer Leute, aber man konnte ihre Worte nicht hören, welche wie ein verworrenes Gemurmel durch die Grotte ſchwirrten. Die zwei Zigeunerweiber waren allein geblieben. „Wetten wir, gnädiger Herr,“ ſagte Muſaron mit leiſer Stimme,„wetten wir, daß dieſe zwei Hexen mit einander dreihundert Jahre alt ſind. Die Zigeunerinnen leben ſo lange als die Krähen.“ „In der That, ſie ſcheinen nicht jung zu ſein,“ ſprach Agenor. Statt aufzuſtehen, wie die erſte, hatte ſich die zweite Frau während dieſer Zeit nur auf die Kniee erhoben, und ſie fing an das hirſchlederne Stiefelchen aufzu⸗ ſchnüren, das ihr Bein bis über den Knöchel um⸗ hüllte. „Meiner Treue,“ ſagte Agenor,„ſchaue, wenn Du willſt, ich ziehe mich zurück, denn nichts iſt häßlicher, als der Fuß eines alten Weibes.“ Neugieriger als ſein Herr, blieb Muſaron, während der Ritter eine Bewegung rückwärts machte. „Ah! Herr,“ ſagte der Knappe,„ich verſichere Euch, dieſer iſt minder häßlich, als man glauben ſollte. Ohl er iſt im Gegentheil ganz reizend. Schaut doch, gnädiger Herr, ſchaut doch.“ Agenor wagte es. „In der That,“ ſagte er,„das iſt außerordentlich, der Knöchel iſt von einer reinen Vollendung!“ Die Alte tauchte in ein Waſſer ſo klar wie Kry⸗ ſtall, das in Diamanttropfen unter einem Felſen hervor⸗ ſprudelte, ein Tuch von ausnehmender Feinheit und wuſch ihrer Gefährtin den Fuß. „ Dann ſuchte ſie in dem mit Gold eingelegten Kiſt⸗ chen und zog wohlriechende Salben daraus hervor, mit denen ſie den Fuß einrieb, der die Bewunderung und beſonders das Erſtaunen der zwei Reiſenden hervorrief. „Wohlgerüche! Balſame! ſeht Ihr, Herr, ſeht Ihr?“ rief Muſaron. „Was ſoll das bedeuten?“ murmelte Agenor, der die Zigeunerin einen zweiten Fuß, nicht minder zart, nicht minder weiß, als der erſte, entblößen ſah. „Herr, das iſt die Toilette der Zigeunerkönigin,“ ſprach Muſaron. Die Zigeunerin war in der That, nachdem ſie den zweiten Fuß gewaſchen, abgetrocknet und eingeſalbt hatte, wie den erſten, zum Schleier übergegangen, den ſie mit aller möglichen Vorſicht und mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck von Ehrfurcht wegnahm. Als der Schleier fiel, entblößte er, ſtatt die Run⸗ zeln einer Hundertjährigen zu zeigen, wie es Muſaron vorhergeſagt hatte, ein reizendes Antlitz mit braunen Augen, farbiger Haut, gerader Naſe nach der ganzen Reinheit des iberiſchen Typus, und die zwei Reiſenden vermochten eine Frau von ſechsundzwanzig bis acht⸗ undzwanzig Jahren, glänzend von wunderbarer Schön⸗ heit, zu erkennen. Während die zwei Zuſchauer in die Ertaſe verſun⸗ ken waren, breitete die alte Zigeunerin auf dem Boden der Höhle einen Teppich von Kameelhaaren aus, der, obgleich zehn Fuß lang, durch den Ring eines Mäd⸗ chens gegangen wäre; er beſtand aus dem Gewebe, deſſen Geheimniß die Araber allein in jener Zeit be⸗ ſaßen, und das aus den Haaren todtgeborener Kameele fabricirt wurde. Da ſtellte die erſte Zigeunerin ihre zwei nackten Füße auf den prachtvollen Teppich, in⸗ 167 deß die alte Zigeunerin, nachdem ſie, wie geſagt, den Schleier abgenommen, der ihr Geſicht bedeckte, ſich an⸗ ſchickte, auch den Schleier zu löſen, der ihren Buſen verhüllte. So lange dieſes letztere Gewebe noch an ſeinem Platz war, hielt Muſaron ſeinen Athem an ſich, als es aber fiel, entſchlüpfte ihm unwillkührlich ein Schrei der Bewunderung. Bei dieſem Schrei, der ohne Zweifel von den zwei Frauen gehört wurde, erloſch das Licht und die tiefſte Finſterniß erfüllte die Höhle, in ihren der Vergeſſenheit hedichen Schlünden dieſe geheimnißvolle Scene be⸗ grabend. Muſaron fühlte, daß ihm ſein Herr in der Dunkel⸗ heit einen heftigen Fußtritt gab, der ihn durch ein ge⸗ ſchickt und zu rechter Zeit ausgeführtes Manoeuvre von der Wand zurückſchleuderte.... welcher Fußtritt mit der energiſchen Betitelung:„Thier!“ begleitet war. Er begriff, oder glaubte zu begreifen, es ſei dies zugleich der Befehl, wieder ſein Lager zu ſuchen, und die Strafe für ſeine Indiscretion. Er ſtreckte ſich alſo auf dem Bett von Blättern aus, das er zuvor bereitet hatte. Nach Verlauf von fünf Minuten und als er ſich verſichert glaubte, das Licht würde nicht mehr angezündet werden, ſtreckte ſich Age⸗ nor neben ihm aus.. Muſaron dachte, es wäre dies der Augenblick, ſich Verzeihung für ſeinen Fehler durch ſcharfſinnige Aeuße⸗ rungen zu verſchaffen. „So iſt es,“ ſprach er, ganz laut auf das antwor⸗ tend, was ſich ohne Zweifel Agenor ganz leiſe ſagte, „ſie folgten wahrſcheinlich auf der andern Seite des Gebirges einem mit dem unſerigen parallel laufenden Pfad, und werden auf dem andern Abhang die mit die⸗ ſer parallele Oeffnung der Höoͤhle gefunden haben, welche in der Mitte durch einen Felſen geſchloſſen iſt, den die Laune der Natur, oder irgend eine Phantaſie der Menſchen hierhergeſtellt hat, wo er nun ſteht, wie eine rieſige Scheidewand. „Thier!“ begnügte ſich Agenor zum zweiten Male zu ſagen. Doch da dieſes Wort bei der Wiederholung in einem gemilderten Tone ausgeſprochen wurde, ſo ſah der Knappe darin eine wohlwollendere Stimmung, und er fuhr, beſtändig ſeinem unfehlbaren Takte huldigend, fort: 1 „Wer waren nun dieſe Frauen? Zigeunerinnen ohne Zweifel. Ah! ja; doch warum dieſe Wohlgerüche, dieſe Balſame, dieſe nackten, ſo weißen Füße, dieſes ſo ſchöne Geſicht, und der ſo herrliche Buſen, den wir eben ſehen ſollten, als ich Dummkopf, der ich bin 1... Muſaron gab ſich einen gewaltigen Backenſtreich. Agenor konnte ſich des Lachens nicht erwehren. Muſaron hörte es und fuhr immer mehr mit ſich zu⸗ frieden fort: „Die Zigeunerkönigin! das iſt nicht ſehr wahr⸗ ſccheinlich, obſchon ich mir auf keine andere Weiſe die wahrhaft feenartige Erſcheinung erklären kann, die ich durch meine Albernheit verſchwinden gemacht habe... Ohl ich Thier, das ich bin!“ Und er gab ſich einen zweiten Backenſtreich. Agenor ſah ein, daß Muſaron, nicht minder ſchau⸗ gierig als er, von einer wahren Reue ergriffen war, und er erinnerte ſich, daß das Evangelium nicht den Tod des Sünders, ſondern ſeine Bekehrung fordert. Ueberdies erſchien die Genugthuung hinreichend, ſobald Muſaron dahin gelangt war, daß er ſich aus Ueberlegung den Titel gab, den ihm ſein Herr in der Hitze gegeben hatte. „Was denkt Ihr von dieſen zwei Frauen 2“ er⸗ dreiſtete ſich Muſaron endlich zu fragen. „Ich denke,“ antwortete Agenor,„daß die ſchmu⸗ tzigen Kleider, welche die jüngere von Beiden ab⸗ * 169 ſtreifte, ſich wenig für die glänzende Schönheit eignen, die wir leider nur flüchtig erblickt haben. Muſaron ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Und,“ fuhr Agenor fort,„daß die Balſame und Parfumerien des Kiſtchens noch viel weniger dieſen ſchmutzigen Kleidern entſprechen, weshalb es meine An⸗ ſicht iſt... Agenor hielt inne. „Ohl was iſt Eure Anſicht, gnädiger Herr?“ fragte Muſaron;„ich muß geſtehen, es würde mich unendlich freuen, bei dieſem Vorfall die Meinung eines ſo erleuchteten Ritters, wie Ihr ſeid, zu vernehmen.“ „Weshalb,“ fuhr Agenor fort, der, ohne daran zu denken, wie Meiſter Rabe, dem Zauber des Lobes un⸗ terlag,„weshalb es meine Anſicht iſt, daß es zwei Rei⸗ ſende ſind, von denen die eine reich und von hohem Stand, welche reiche Reiſende, da ſie ſich in eine ent⸗ fernte Stadt begeben, dieſen Anzug gewählt und dieſe Liſt erſonnen hat, um nicht die Habgier von Räubern der die Lüſternheit von Soldaten in Verſuchung zu ühren.“ 3 „Wartet, gnädiger Herr, wartet,“ ſagte Muſaron, der bei dem Geſpräch wieder den Platz einnahm, den er gewöhnlich dabei behauptete,„oder auch eine von den Frauen, wie ſie die Zigeuner verkaufen, und deren Schönheit ſie pflegen, wie die Roßhändler werthvolle Pferde, die ſie von Stadt zu Stadt führen, warten und putzen.“ Muſaron hatte offenbar an dieſem Abend die Ini⸗ tiative des Gedankens und die Palme des Schließens. Agenor ſtreckte auch das Gewehr und gab durch ſein Stillſchweigen zu verſtehen, daß er ſich für geſchlagen erkannte. So viel iſt gewiß: daß Agenor, wenn auch ver⸗ führt, wie es jeder Mann von fünfundzwanzig Jahren ſein muß, durch den Anblick eines hübſchen Fußes und eines reizenden Geſichtes, im Grunde ſeiner Seele ſehr 170 unzufrieden, ſich in ſich ſelbſt verſchloß. Denn die An⸗ ſicht des ſinnreichen Muſaron konnte richtig und die geheimnißvolle Schöne nichts Anderes ſein, als eine Abenteurerin, welche, im Gefolge einer Zigeunertruppe, im Lande umherſtrich und auf eine bewunderungswür⸗ dige Weiſe mit ihren herrlichen, kleinen, weißen, zarten Füßen den Eiertanz oder auf dem Seil tanzte. Nur ein Umſtand bekämpfte die Wahrſcheinlichkeit dieſer Annahme: dies war das ehrerbietige Benehmen der Männer und der Frau gegen die Unbekannte; aber bei ſeiner Folgerung, deren Logik den Ritter in Ver⸗ zweiflung brachte, erinnerte Muſaron an gewiſſe Bei⸗ ſpiele von Gauklern, die ſich ſehr ehrerbietig gegen den Lieblingsaffen der Truppe, oder gegen den bedeutendſten Schauſpieler, der den Lebensunterhalt der Geſellſchaft gewann, benahmen. Der Ritter ſchwebte auf eine unangenehme Weiſe in dieſen Zweifeln, bis ihm der Schlaf, dieſer ſüße Gefaͤhrte der Müdigkeit, die Denkkraft benahm, von der er ſeit einigen Stunden ohne Maß Gebrauch machte. Gegen vier Uhr Morgens breiteten die erſten Strahlen des Tags einen violetten Mantel an den Wänden der Grotte aus, und bei ihrem Schimmer er⸗ wachte Muſaron. Muſaron weckte ſeinen Herrn. Agenor öffnete die Augen, ſammelte ſeine Geiſter und lief an den Spalt des Felſen. Doch Muſaron ſchüttelte den Kopf, was bedeutete, daß er zuerſt dort geweſen. „Niemand mehr da,“ murmelte er,„Niemand mehr da!“ In der den Strahlen der aufgehenden Sonne aus⸗ geſetzten benachbarten Grotte war es in der That hell genug, daß man die Gegenſtände unterſcheiden konnte; die Grotte war offenbar verlaſſen. Frühzeitiger als der Ritter hatte ſich die Zigeu⸗ ——— g—— -— i ⁸⁴ —— N 171 nerin davon gemacht; Kiſtchen, Balſame, Parfumerien, Alles war verſchwunden. Stets für die poſitiven Dinge beſorgt, trug Mu⸗ ſaron auf das Frühſtück an; doch ehe er die Vortheile ſeines Antrags entwickelte, hatte ſein Herr den Kamm des Gebirges erreicht, und von der Höhe, wo er wie ein Raubvogel ſeinen Standpunkt genommen, konnte er die Krümmungen des Gebirges und die bläulichen Flä⸗ chen im Thale überſchauen. Auf einer Plattform in einer Entfernung von un⸗ gefähr drei Viertelmeilen von der Höhe, wo ſich Age⸗ nor befand, vermochte man mit den Augen des Vogels, deſſen Stelle er einnahm, einen Eſel zu entdecken, auf welchem eine Perſon ritt, während die drei andern zu Fuße nebenher gingen. Dieſe vier Perſonen, die ſich Agenor mit einer ge⸗ wiſſen Genauigkeit darboten, konnten kaum andere, als die vier Zigeuner ſein, die dem Pfade zu folgen ſchie⸗ nen, den man Muſaron als nach Soria führend be⸗ zeichnet hatte. „Auf, auf, Muſaron!“ rief Agenor,„zu Pferde und ſcharf geritten! Das ſind unſere Nachtvögel, wir wollen ihr Gefieder ein wenig bei Tage betrachten.“ Muſaron, der in ſeinem Innern fühlte, daß er viele Dinge gut zu machen hatte, führte dem Ritter ſein ge⸗ ſatteltes Pferd vor, beſtieg das ſeinige und folgte Age⸗ nor, der ſein Roß in Galopp ſetzte. In einer halben Stunde waren Beide nur noch dreihundert Schritte von den Zigeunern entfernt, welche für den Augenblick eine Baumgruppe verbarg. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Die Zigeunerkönigin. Die Zigeuner hatten ſich mehrere Male umgedreht, was zum Beweis diente, daß, wenn ſie von den zwei Reiſenden geſehen worden waren, ſie dieſelben auch ge⸗ ſehen hatten, und dies bewog Muſaron, obwohl mit einer Schüchternheit, die nicht in ſeiner Gewohnheit lag, die Meinung auszuſprechen, ſobald man ſich um die Baum⸗ gruppe gewendet hätte, würde man die kleine Truppe nicht mehr ſehen, in Betracht, daß ſie wie von ſelbſt verſchwunden wäre. Muſaron war nicht im Glück, was Vermuthungen betrifft; denn als man ſich um die Baumgruppe gewen⸗ get hatte, ſah man die Zigeuner, welche ſcheinbar we⸗ nigſtens ruhig ihres Weges zogen. Doch Agenor bemerkte, daß eine Veränderung vor⸗ gegangen war; die Frau, die er von fern auf dem Eſel geſehen hatte, und die, wie er nicht bezweifelte, die Frau mit den weißen Füßen und dem ſchönen An⸗ tlitz ſein mußte, ging zu Fuß, vermiſcht mit ihren Gefährten, ohne daß ſie irgend etwas Auffallendes in Beziehung auf Gang und Haltung bot. „Hollah, Ihr guten Leute!“ rief Agenor. Die Männer wandten ſich um, und der Ritter be⸗ merkte, daß ſie mit der Hand an ihren Gürtel fuhren, woran ein langes Meſſer hing. „Gnädiger Herr,“ ſagte Muſaron ſtets klug und vorſichtig,„habt Ihr geſehen?“ „Vollkommen,“ antwortete Agenor. Dann ſich an die Zigeuner wendend, ſagte er: —,¹¹0 5 N— N—' 173 „Ohl oh! ſeid ohne Furcht. Ich komme mit freund⸗ ſchaftlicher Geſinnung, und ich bemerke Euch beiläufig, meine Braven, Eure Meſſer wären, wenn ſich dies an⸗ ders verhielte, armſelige Angriffswaffen gegen meinen Panzer und meinen Schild, und elende Vertheidigungs⸗ waffen gegen meine Lanze und mein Schwert. Nach⸗ dem dies abgemacht iſt, frage ich Euch, wohin geht Ihr, Ihr Leute?“ Einer von den zwei Männern faltete die Stirne und öffnete den Mund, um irgend etwas Hartes zu antworten; doch der Andere hielt ihn ſogleich zurück und erwiederte im Gegentheil mit artigem Tone: „Wollt Ihr uns folgen, damit wir Euch den Weg zeigen, gnädiger Herr?“ „Gewiß,“ antwortete Agenor,„abgeſehen davon, daß wir von Eurer Geſellſchaft beehrt zu ſein wünſchen.“ Muſaron machte eine höchſt bezeichnende Grimaſſe. „Wohl, gnädiger Herr, wir gehen nach Soria,“ ſagte der artige Zigeuner. 4 „Das fügt ſich vortrefflich, wir reiſen auch nach Soria.“ „Leider reiſen Eure Herrlichkeiten viel ſchneller als arme Fußgänger,“ entgegnete der Zigeuner. „Ich habe ſagen hören,“ erwiederte Agenor,„die Leute Eurer Nation können in der Geſchwindigkeit einen Wettkampf mit den lebhafteſten Pferden eingehen.“ „Das iſt möglich,“ verſetzte der Zigeuner;„doch nicht, wenn ſie zwei alte Frauen bei ſich haben.“ Agenor und Muſaron tauſchten einen Blick, den Muſaron mit einer Grimaſſe begleitete. „Es iſt wahr,“ ſprach Agenor,„und Ihr reiſt mit dürftiger Equipage. Wie koͤnnen die Frauen, die Euch begleiten, eine ſolche Strapaze aushalten?“ „Sie ſind daran gewöhnt, Senor, und zwar ſeit langer Zeit, denn es ſind unſere Mütter; wir Zigeuner werden im Schmerz geboren.“ „Ah! Eure Müutter!“ rief Agenor;„arme Weiber!“ 174 Der Ritter befürchtete einen Augenblick, die ſchöne Zigeunerin könnte einen andern Weg eingeſchlagen ha⸗ ben; doch beinahe unmittelbar darauf dachte er an die Frau, die er auf dem Eſel hatte reiten ſehen, und die nur abgeſtiegen war, als ſie ihn erblickt. Das Thier ſah ärmlich aus; aber es genügte, dieſe kleinen zarten, geſalbten Füße, die er am Abend vorher ge⸗ ſehen, zu ſchonen. Er näherte ſich den Frauen, ſie verdoppelten den Schritt. „Eine von den Müttern beſteige den Eſel, und die andere kann hinter mir auf dem Kreuz reiten,“ ſagte er.. „Der Eſel iſt mit unſern Kleidungsſtücken belaſtet,“ entgegnete der Zigeuner,„und daran hat er ſchon genug. Was aber Euer Pferd betrifft, Senor, ſo treibt Eure Excellenz wohl nur Scherz, denn es iſt ein zu edles und zu munteres Thier für eine arme alte Zigeunerin.“ Während dieſer Zeit ſchaute Agenor die zwei Frauen ſchärfer an, und er erblickte an den Füßen der einen von ihnen die hirſchledernen Stiefelchen, die er am Abend vorher wahrgenommen hatte. „Sie iſt es!“ murmelte er, diesmal gewiß, ſich nicht mehr zu täuſchen.„Auf, auf, gute Mutter mit dem blauen Schleier, nehmt mein Anerbieten anz ſteigt hinter mir auf's Kreuz, und wenn Euer Eſel eine hin⸗ reichende Laſt trägt, nun, ſo mag Eure Gefährtin hinter meinem Knappen aufſitzen.“ „Ich danke, Senor,“ erwiederte die Zigeunerin mit einer Stimme, deren Harmonie die letzten Zweifel, ſeitigte. „In der That,“ ſprach Agenor mit einem ſpötti⸗ ſchen Ton, der die zwei Frauen beben und die Hände der zwei Männer bis an ihre Meſſer aufſteigen machte, „in der That, das iſt eine weiche, ſanfte Stimme fuͤr ein altes Weib.“ 4 welche noch dem Geiſte des Ritters bleiben konnten, be⸗ el, ti⸗ 8 175 „Senor!...“ rief mit zornigem Ausdruck der Zi⸗ geuner, der noch nicht geſprochen hatte. 1 „Oh! ärgern wir uns nicht,“ fuhr Agenor ruhig fort,„wenn ich an ihrer Stimme errathe, daß Eure Gefährtin jung iſt, und wenn ich, indem ich an ihrer Stimme errathe, daß ſie jung iſt, an der Dichtheit ihres Schleiers zugleich auch errathe, daß ſie ſchön iſt, ſo liegt darum doch kein Grund vor, mit Meſſern zu ſpielen.“ Die zwei Männer traten einen Schritt vor, als wollten ſie ihre Gefährtin beſchützen. „Halt!“ ſprach gebieteriſch die junge Frau. Die zwei Männer blieben, ſtehen. „Ihr habt Recht, Senor,“ ſagte ſie.„Ich bin jung, und wer weiß, vielleicht ſogar ſchön... Doch, was kümmert das Euch, frage ich, und warum ſolltet Ihr mich auf meiner Reiſe beläſtigen, weil ich zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre weniger alt bin, als ich zu ſein ſcheine?“ Agenor blieb in der That unbeweglich bei den Tö⸗ nen dieſer Stimme, welche die hochgeſtellte und an das Befehlen gewöhnte Frau bezeichneten. Die Erziehung und der Charakter der Unbekannten ſtanden alſo im Ein⸗ klang mit threr Schönheit. „Senora,“ ſtammelte der junge Mann,„Ihr habt Euch nicht getäuſcht, ich bin Ritter.“ „Ihr ſeid Ritter, gut; doch ich bin keine Senora ich bin eine arme Zigeunerin, etwas weniger häßlich vielleicht, als die Frauen meines Standes.“ Agenor machte eine Geberde des Unglaubens. „Habt Ihr zuweilen die Frauen von vornehmen erren zu Fuß reiſen ſehen?“ fragte die Unbekannte. „Oh! das iſt ein ſchlechter Grund,“ entgegnete Agenor,„denn noch vor einem Augenblick ſeid Ihr auf dem Eſel geritten.“ „Richtig,“ erwiederte die junge Frau;„doch Ihr 176 verdet wenigſtens zugeſtehen, daß mein Anzug nicht der einer Dame von Stand iſt.“ „Die Damen von Stand verkleiden ſich zuweilen, Madame, wenn ſie ein Intereſſe haben, für Weiber aus dem Volk gehalten zu werden.“ „Glaubt Ihr,“ erwiederte die Zigeunerin,„eine Frau von Stand laſſe ſich, an Sammet und Seide ge⸗ wöhnt, herbei, ihren Fuß in eine ſolche Bekleidung zu ſtecken?“ Und ſie zeigte ihr hirſchledernes Stiefelchen. „Jede Bekleidung wird am Abend abgelegt, und iſt der zarte Fuß durch den Marſch am Tag angeſtrengt worden, ſo verliert er die Müdigkeit, wenn man ihn mit duftenden Salben einreibt.“ Hätte die Reiſende ihren Schleier aufgehoben, ſo hätte Agenor ſehen können, wie ihr das Blut in's Ge⸗ ſicht ſtieg und das Feuer ihrer Augen in einem pur⸗ purnen Kreiſe glänzte.— „DDuftende Salben,“ flüſterte ſte, und ſchaute da⸗ bei ihre Gefährtin unruhig an, während Muſaron, der nicht ein Wort von dieſem Geſpräch verloren hatte, duckmäuſeriſch lächelte. fi Agenor verſuchte es nicht, ſie noch mehr zu äng⸗ igen. geruch entſtrömt Eurer Perſon, das iſt es, was i ſagen wollte, und nichts Anderes.“ „Meine liebe Frau,“ ſprach er,„ein ſüßer Wohl⸗ „Ich danke für das Compliment, Herr Ritterz doch da es das iſt, was Ihr ſagen wolltet, und nichts Anderes, ſo müßt Ihr zufrieden ſein, da Ihr es ge⸗ ſagt habt.“ „Damit wollt Ihr mir mich zu entfernen befehlen, nicht wahr?“ „Damit will ich ſagen, daß ich in Euch an Eurer Ausſprache, Senor, und an Euren Worten beſonders einen Franzoſen erkenne. Es iſt aber gefährlich, mit 177 Franzoſen zu reiſen, wenn man eine, für Artigkeiten ſehr empfängliche, arme junge Frau iſt.“ „Ihr beſteht alſo darauf, daß ich mich von Euch trenne?“ „Ja, zu meinem großen Bedauern, doch ich be⸗ ſtehe darauf.“ Bei dieſer Antwort ihrer Gebieterin ſchienen die zwei Diener bereit, ihren Willen zu unterſtützen. „Ich werde gehorchen, Senora,“ ſprach Agenor, „doch glaubt mir, nicht wegen der drohenden Miene Eurer zwei Gefährten, die ich gern in einer minder guten Geſellſchaft als der Eurigen treffen möchte, um ſie zu oft nach ihren Meſſern greifen zu lehren, ſondern wegen der Dunkelheit, mit der Ihr Euch umgebt, und die ohne Zweifel irgend einen Plan unterſtützen ſoll, dem ich nicht entgegentreten will.“. „Ihr tretet keinem Plan entgegen und lauft auch nicht Gefahr, eine Dunkelheit aufzuhellen,“ ſagte die Reiſende. „Schon genug, Madame,“ ſprach Agenor;„über⸗ dies,“ fügte er, ein wenig gereizt durch die geringe Wirkung, welche ſein gutes Ausſehen hervorgebracht, bei,„überdies würde mich Euer langſames Marſchiren hindern, ſo bald, als es für mich dringend nothwendig iſt, am Hof von König Don Pedro anzukommen.“ „Ah! Ihr begebt Euch zu König Don Pedro?“ rief lebhaft die junge Frau. „Auf der Stelle, Senora, und ich nehme von Euch Abſchied, indem ich Eurer liebenswürdigen Perſon alles Glück wünſche.“ Die junge Frau ſchien einen raſchen Entſchluß zu faſſen und hob ihren Schleier auf. Dieſe plumpe Umhüllung hob wo möglich die Schönheit ihres Geſichtes und die Eleganz ihrer Züge noch mehr hervor; ſie hatte einen freundlichen Blick und einen lachenden Mund. Der Baſtard von Mauleon. Il. 12 1 178 Agenor hielt ſein Pferd an, das ſchon einen Schritt vorwärts gemacht hatte. „Ahl Senor,“ ſagte ſie,„man ſieht wohl, daß Ihr ein zartfühlender und beſcheidener Rittersmann ſeid; denn Ihr habt vielleicht errathen, wer ich bin, und dennoch habt Ihr mich nicht verfolgt, wie es ein Anderer an Eurer Stelle gethan hätte.“ „Ich habe nicht errathen, wer Ihr ſeid; wohl aber habe ich errathen, wer Ihr nicht ſeid.“ „Nun, Herr Ritter, da Ihr Euch ſo artig benehmt, will ich Euch die volle Wahrheit erzählen,“ ſprach die ſchöne Neiſende. Bei dieſen Worten ſchauten die zwei Diener ein⸗ ander erſtaunt an; doch immer lächelnd, fuhr die falſche Zigeunerin fort: „Ich bin die Frau eines Officiers von König Don Pedro, und ſeit einem Jahr von meinem Mann ge⸗ trennt, der dem König nach Frankreich folgte, will ich es verſuchen, ihn in Soria zu treffen; Ihr wißt aber, daß das Land von den Soldaten der beiden Parteien beſetzt iſt, und ich würde eine wichtige Beute für die Leute des Prätendenten. Um ihnen zu entgehen, habe ich dieſe Verkleidung gewählt, bis ich mit meinem Mann zuſammengetroffen bin, daß dieſer mich beſchützen kann.“ „Das laſſe ich mir gefallen,“ ſprach Agenor, dies⸗ mal von der Wahrhaftigkeit der jungen Frau über⸗ zeugt.„Wohl, Senora, ich hätte Euch meine Dienſte angeboten, heiſchte nicht meine Sendung die größte Eile.“ „Höoͤrt, mein Herr,“ ſagte die ſchöne Reiſende, „nun, da Ihr wißt, wer ich bin, und da ich weiß, wer Ihr ſeid, werde ich ſo ſchnell gehen, als Ihr wollt, wenn Ihr mir erlaubt, daß ich mich unter Euren Schutz ſtelle und in Eurem Geleite reiſe.“ „Ahl ah! Ihr habt alſo Eure Anſicht geändert, Madame?“ „Ja, Senor, ich habe bedacht, daß ich auf Leute 179 . ſtoßen könnte, welche ebenſo ſcharfſichtig, aber minder artig wären, als Ihr.“ „Wie werden wir es alſo machen, Madame? wenn Ihr nicht meinen erſten Vorſchlag annehmt...“ „Ohl beurtheilt mein Thier nicht nach ſeinem Aus⸗ ſehen, ſo unſcheinbar mein Eſel iſt, ſo iſt er doch von Race, wie Euer Pferd; er kommt aus den Ställen von Don Pedro, und dürfte die Vergleichung mit Eurem Renner aushalten.“ „Aber Eure Leute, Madame?“ „Kann Euer Knappe meine Amme nicht aufs Kreuz nehmen? meine Leute werden uns zu Fuß folgen.“ „Beſſer wäre es, wenn Ihr Euren Eſel Euren zwei Dienern überließet, die ſich deſſelben abwechſelnd bedienen könnten, wenn Eure Amme, wie Ihr ſagt, hinter meinen Knappen aufſtiege, und wenn Ihr Euch, wie ich es Euch vorſchlage, hinter mich ſetztet; auf dieſe Art würden wir eine anſehnliche Truppe bilden.“ „Gut, es geſchehe, wie Ihr wollt,“ ſprach die Dame. Und beinahe in demſelben Augenblick ſchwang ſich die ſchöne Reiſende in der That mit der Leichtigkeit eines Vogels auf das Kreuz des Pferdes von Agenor. Die zwei Männer ſetzten die Amme hinter Muſaron, der nicht mehr lachte. Einer von den zwei Männern beſtieg den Eſel, der andere nahm ihn beim Schwanzriemen, aus dem er ſich einen Haltpunkt machte, und die ganze Truppe zog in ſcharfem Trab von dannen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Wie Agenor und die unbekannte Reiſende mit ein⸗ ander zogen, und von den Dingen, die ſie ſich während der Reiſe ſagten. 3 Es iſt ſehr ſchwer für zwei junge, hübſche, geſcheite Weſen, die ſich umſchlungen halten und auf demſelben Thiere ſitzend die Stoͤße und Unebenheiten der Straße theilen, nicht bald ein vertrauliches Verhältniß mit ein⸗ ander einzugehen. Die junge Frau begann mit Fragen; als Frau hatte ſie das Recht dazu. „Alſo Herr Ritter,“ ſagte ſie,„ich habe richtig errathen, und Ihr ſeid ein Franzoſe?“ „Ja, Madame.“ „Und Ihr geht nach Soria?“ „Ahl das habt Ihr nicht errathen, ich habe es Euch geſagt.“ „Es mag ſein.. Ihr wollt ohne Zweifel Don Pedro Eure Dienſte anbieten?“ Agenor bedachte, ehe er dieſe Frage entſchieden be⸗ antwortete, daß er dieſe Frau bis Soria führe, daß er den König vor ihr ſehen würde, und daß er folglich keine Indiseretion zu fürchten haben könnte; überdies hatte er viele Dinge zu ſagen, ehe er die Wahrheit zu ſagen hatte.“. „Madame,“ ſprach er,„diesmal täuſcht Ihr Euch; ich will keines Weges meine Dienſte Don Pedro an⸗ bieten, inſofern ich Don Enrique oder vielmehr dem Connetable Dugueselin angehöre: ich überbringe dem beſtegten Köoͤnig Friedensvorſchläge.“ 181 „Dem beſiegten König!“ rief die junge Frau mit einem ſtolzen Ausdruck, den ſie ſogleich unterdrückte und in Erſtaunen verwandelte. „Allerdings beſiegt, da ſein Mitbewerber an ſeiner Stelle zum König gekrönt worden iſt.“ „Ah! es iſt wahr,“ ſagte mit gleichgültigem Tone die junge Frau;„Ihr bringt alſo dem beſtegten König Worte des Friedens?“ 3 „Die er wohl annehmen wird,“ erwiederte Agenor, „denn ſeine Sache iſt verloren.“ „Ihr glaubt?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Warum dies?“ 8 „Weil er, ſchlecht umgeben und beſonders ſchlecht berathen, wie er iſt, unmöglich widerſtehen kann.“ „Schlecht umgeben?“ „Allerdings; Unterthanen, Freunde, Geliebte, Alles verräth ihn, plündert ihn, treibt ihn zum Böſen an.“ „Alſo ſeine Unterthanen?...“ „Verlaſſen ihn.“ „Seine Freunde?. „Plündern ihn.“ 7„Und ſeine Geliebte?...“ fragte zögernd die junge rau. „Seine Geliebte treibt ihn zum Böſen an.“ Ddie junge Frau faltete die Stirne, und etwas wie eine Wolke zog über ihr Antlitz hin. „Ihr meint ohne Zweifel die Maurin?“ ſagte ſie. „Welche Maurin?“ „Die neue Leidenſchaft des Königs.“ „Wie beliebt?“ fragte Agenor, deſſen Blick nun ebenfalls funkelte. 3 „abt Ihr nicht ſagen hören, der König Don Pedro ſei wie wahnſinnig in die Tochter des Mauren Mothril verliebt?“. „In Aiſſa!“ rief der Ritter. „Ihr kennt ſie?“ ſprach die junge Frau. 182 „Gewiß.“ „Wie ſollte es Euch dann unbekannt ſein, daß der ſchändliche Ungläubige ſie in das Bett des Königs zu bringen im Begriff iſt.“ „Einen Augenblick Geduld!“ rief der Ritter, indem er ſich bleich wie der Tod gegen ſeine Gefährtin um-⸗ wandte;„ſprecht nicht ſo von Aiſſa, wenn nicht unſere 4 Freundſchaft, ehe ſie geboren iſt, ſterben ſoll.“ „Ah! wie ſoll ich anders ſprechen, Senor, da ich die Wahrheit ſage? Dieſe Maurin iſt oder wird die anerkannte Geliebte des Königs werden, da er ſie überall begleitet, da er am Schlage ihrer Sänfte geht, da er ihr Concerte, Feſte gibt und den Hof zu ihr führt.“ „IIhr wißt das?“ ſagte Agenor ganz zitternd, denn er erinnerte ſich deſſen, was der Alcade Muſaron mit⸗ getheilt hatte;„die Reiſe von Don Pedro an der Seite von Aiſſa iſt alſo wahr?“ „Ich weiß viele Dinge, Herr Ritter,“ ſprach die ſchöne Reiſende,„denn wir Leute vom Hauſe des Koönigs erfahren die Neuigkeiten ſchnell.“ „Ah! Madame, Ihr durchbohrt mir das Herz,“ ſagte traurig Agenor, in dem die Jugend ihre ganze Blüthe entwickelte, welche aus den zwei zarteſten Subſtanzen der Seele, der Leichtgläubigkeit beim Hören, der Naivetät beim Sprechen beſteht.. „Ich durchbohre Euch das Herz?“ fragte die Reiſende ganz erſtaunt.„Kennt Ihr zufällig dieſe Frau?“ „Ahl ich liebe ſie auf's Innigſte!“ ſprach der Ritter in Verzweiflung. Die junge Frau machte eine Geberde des Mitleids und erwiederte: „Aber ſie, ſie liebt Euch alſo nicht?0 „Sie ſagte mir, ſie liebe mich. Ohl dieſer Schurk Mothril muß ihr gegenüber Gewalt oder Zauberkun angewendet haben!“ 4 „Es iſt ein großer Boſewicht, der dem König ſe 183 wviel Schlimmes zugefügt hat,“ ſprach kalt die junge r Frau.„Doch in welcher Abſicht glaubt Ihr, daß er üu handle?“ „Das iſt ganz einfach: er will eine Andere an die n Stelle von Maria Padilla bringen.“ 2„Es iſt dies alſo auch Eure Anſicht?“ e 4„Sicherlich, Madame.“ „Aber man ſagt, Dona Maria ſei ſehr verliebt in h deen König; glaubt Ihr, ſie dulde, daß Don Pedro ſie e ſo verläßt?⸗ „Sie iſt Weib, ſie iſt ſchwach, ſie wird unterliegen, a wie Dona Bianca unterlegen iſt; nur war der Tod der 4 Einen ein Mord, während der Tod der Andern eine n Sühnung ſein wird.“ 2„Eine Sühnung?... Eurer Anſicht nach hat alſo te Maria Padilla etwas zu ſühnen?“ „Ich ſpreche nicht nach meiner Anſicht, Madame, e ſondern nach der der Welt.“ 8„Eurer Anſicht nach wird man Maria Padilla nicht beklagen, wie man Blanche von Bourbon beklagte?“ te„Sicherlich nicht; obgleich, wenn Beide todt ſind, e wahrſcheinlich die Geliebte ſo unglücklich geweſen ſein en wird, als die Gemahlin.“ ät„Ihr werdet ſie alſo beklagen?“ „Ja, obſchon ich ſie weniger als irgend Jemand ie beklagen müßte.“ ſe„Und warum dies?“ fragte die junge Frau, ihre großen, ſchwarzen, erweiterten Augen auf Agenor er heftend. „ Weil ſie es iſt, die dem König die Ermordung von Don Federigo gerathen hat, und weil Don Fede⸗ go mein Freund war.“ Solltet Ihr zufällig der fränkiſche Ritter ſein, den Don Federigo zu ſich beſchieden hatte?“ fragte die —————— Ja, und dem der Hund den Kopf ſeines Herrn te.“ 184 „Ritter! Ritter!“ rief die junge Frau, indem ſie Agenor bei der Hand nahm,„hoͤrt wohl: bei dem Heile ihrer Seele, bei dem Antheil, den Maria Padilla am Paradies zu bekommen hofft, ſie iſt es nicht, die den Rath gegeben hat, ſondern Mothril!“ „Aber ſie hat gewußt, daß der Mord ſtattfinden ſollte, und hat ſich nicht widerſetzt.“ Die Reiſende ſchwieg. „Das iſt genug, daß ſie Gott beſtraft, oder viel⸗ mehr, daß ſie von Don Pedro geſtraft werden wird,“ ſagte Agenor.„Wer weiß, ob er ſie nicht ſchon weni⸗ ger liebt, weil das Blut ſeines Bruders zwiſchen ihm und dieſer Frau gefloſſen iſt?“ „Ihr habt vielleicht Recht,“ ſprach die Unbekannte mit ſonorer Stimme;„doch Geduld, Geduld!“ „Ihr ſcheint Mothril zu haſſen, Dona?“ „Toͤdtlich.“ „Was hat er Euch gethan?“ „Er hat mir gethan, was er jedem Spanier ge⸗ than hat; er hat den König ſeinem Volk entfremdet.“ „Die Frauen hegen ſelten aus einer politiſchen Urſache einen Haß gegen einen Mann, wie Ihr ihn gegen Mothril zu hegen ſcheint.“ 3 „Ich habe mich auch perſönlich über ihn zu be⸗ klagen: ſeit einem Monat verhindert er es, daß ich meinen Gatten wiederſinde.“ „Wie ſo?“ „Er hat um den König Don Pedro eine ſolche Bewachung angeordnet, daß keine Botſchaft oder kein Bote bis zu ihm oder bis zu denjenigen gelangt, welche ihm dienen; ſo habe ich an meinen Gatten zwei Emiſ⸗ ſäre abgeſchickt, welche nicht zurückgekehrt ſind, und ich weiß nicht, ob ich werde nach Soria hineinkommen können, und ob Ihr ſelbſt...“ 3 „Ohl ich komme hinein; denn ich erſcheine als Botſchafter.“ . ſeändnigen und der Ratification dieſes Allianzvertrages 185⁵ Die junge Frau ſchüttelte ſpöttiſch lächelnd den Kopf. „Ihr kommt hinein, wenn er es will,“ entgegnete ſte mit einer heiſeren Stimme, welche eine innere Er⸗ ſchütterung entflammte. Agenor ſtreckte die Hand aus, zeigte den Ring, den ihm CEnrique von Transtamare gegeben hatte, und ſprach: „Dies iſt mein Talisman.“ Es war ein Smaragdring, deſſen Stein von zwei verſchlungenen E gehalten wurde. „Ja, in der That,“ ſagte die junge Frau,„es wird Euch vielleicht gelingen, die Wachen zu bewältigen. „Wenn es mir gelingt, die Wachen zu bewältigen, ſo wird es Euch auch gelingen, denn Ihr gehört zu meinem Gefolge, und man wird Euch ehren.“ „Ihr verſprecht mir alſo, daß ich, wenn Ihr hin⸗ einkommt, auch hineinkomme.“ „Das ſchwöre ich Euch bei meinem Ritterwort.“ „Nun wohll ich beſchwoͤre Euch im Austauſch gegen dieſen Eid, mir zu ſagen, was in dieſem Augenblick Euch am meiſten erfreuen kann.“ „Ach! was ich am meiſten wünſche, könnt Ihr mir nicht bewilligen.“ „Gleichviel, ſagt es immerhin.“ „Ich möchte gern Aiſſa wiederſehen und mit ihr ſprechen.“ „Wenn ich in die Stadt komme, ſollt Ihr ſie ſehen und ſprechen.“ „Oh! wie dankbar werde ich Euch ſein.“ „Wer ſagt Euch, daß Ihr nicht für mich am mei⸗ ſten gethan habt?“ .„Ihr gebt mir das Leben wieder.“ „Und Ihr, Ihr werdet mir mehr als das Leben wiedergegeben haben,“ ſprach die junge Frau mit einem ſeltſamen Lächeln. Und als man während dieſes Austauſches von Ge⸗ 186 zu dem Dorf kam, wo man Halt machen ſollte, ſprang die ſchöne Reiſende leicht vom Pferd von Agenor herab, und da man dieſe Geſellſchaft von Chriſten und Zigeu⸗ nern vielleicht ſeltſam gefunden hätte, ſo wurde verab⸗ redet, daß man ſich am andern Tag ungefähr eine Meile vom Dorf wiedervereinigen ſollte. 4 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Der Edelknecht. Obgleich ſich am andern Tag der Ritter ſehr früh⸗ zeitig vom Lager erhob, war er es doch, der eine Meile vom Dorfe in der verabredeten Entfernung von dem Ort, den er verlaſſen hatte, die Zigeuner bei einem Brunnen frühſtückend fand. Man traf dieſelben Anordnungen wie am Tage vorher und ſetzte ſich in derſelben Ordnung wieder in Marſch.. Der Tag verging in Geſprächen, an denen Muſa⸗ ron und die Amme thätigen Antheil nahmen; doch was auch Anmuthiges und Wechſelreiches die Reden dieſer zwei wichtigen Perſonen enthalten mögen, wir wollen es nicht wiederholen und bemerken nur, daß es Muſaron trotz ſeiner Geſchicklichkeit nicht gelang, von der alten Frau zu erfahren, was die junge am Tage vorher ge⸗ ſagt hatte. Man erblickte endlich Soria. Es war dies eine Stadt zweiten Rangs; aber in jener kriegeriſchen Zeit waren ſelbſt die Städte zweiten Rangs mit Mauern umgeben. 187 „Madame,“ ſprach Agenor,„hier iſt die Stadt; wenn Ihr denkt, der Maure wache, wie Ihr geſagt habt, ſo glaubt nicht, er beſchränke ſich auf Beſuche an den Thoren und auf den Zinnen; ſicherlich dehnt er ſeine Bewachung auch auf die Ebene aus. Ich fordere Euch alſo ſchon jetzt auf, Eure Vorſichtsmaßregeln zu treffen.“ „Ich habe ſchon daran gedacht,“ erwiederte die junge Frau umherſchauend, als wollte ſie Kenntniß von den Oertlichkeiten nehmen,„und wenn Ihr mit Eurem Knappen weiter reiten wollt, doch ſo, daß Ihr nicht zu ſchnell geht, ſo werden meine Vorſichtsmaß⸗ regeln vor Ablauf einer Viertelſtunde getroffen ſein.“ Agenor gehorchte. Die junge Frau ſtieg ab und führte ihre Amme in ein dichtes Gebüſche, während die zwei Männer die Straße bewachten. „He! he! Herr Knappe, wendet nicht ſo den Kopf um und ahmt die Beſcheidenheit Eures Herrn nach,“ ſagte die Amme zu Muſaron, welcher jenen Verdammten von Dante glich, deren verrenkter Kopf rückwärts ſchaut, während ſie vorwärts gehen. Doch trotz der Aufforderung konnte es Muſaron nicht über ſich gewinnen, die Augen nach einer andern Seite zu kehren, ſo unüberwindlich war ſeine Neugierde erregt. 3 Er ſah wirklich die zwei Frauen unter einer Gruppe von Kaſtanienbäumen und Steineichen verſchwinden. „Herr Ritter,“ ſagte er zu Agenor, als er über⸗ zeugt war, ſeine Augen könnten nicht mehr den Schleier von grünem Blätterwerk durchdringen, mit dem ſich die zwei Frauen umhüllt hatten,„ich fürchte ungemein, daß unſere Gefährtinnen, ſtatt vornehme Damen zu ſein, wie wir Anfangs vermutheten, nur Zigeunerinnen ſind.“ Zum Unglück für Muſaron war dies nicht mehr die Anſicht ſeines Herrn, denn dieſer erwiederte: „Du biſt ein durch meine Nachſicht dreiſt gewor⸗ dener Schwätzer; ſchweige.“ 3 Muſaron ſchwieg. 188 Nach einigen Minuten eines ſo langſamen Schrit⸗ tes, daß ſie kaum eine halbe Viertelsmeile zurücklegten, hörten ſie einen langen, ſchrillen Schrei. Es war die Amme, welche rief. Sie wandten ſich um und ſahen einen jungen Mann auf ſich zukommen, der nach ſpaniſcher Weiſe gekleidet war und auf der linken Schulter den kleinen Mantel des Edelknechts trug; er machte mit ſeinem Hut Zeichen, daß man auf ihn warten möge. Nach einem Augenblick war er bei ihnen. „Gnädiger Herr, hier bin ich,“ ſagte er zu Agenor, der ganz erſtaunt ſeine Reiſegefährtin erkannte; ihre ſchwarzen Haare waren unter einer blonden Perrücke verborgen, ihre unter dem Mantel ausgebreiteten Schul⸗ tern ſchienen einem jungen Menſchen voll Geſundheit anzugehören, ihr Gang war keck, und ihre Geſichts⸗ farbe ſogar hatte einen dunkler braunen Anſchein, ſeit⸗ dem ihre Haare die Farbe verändert. „Ihr ſeht, daß meine Vorſichtsmaßregeln getroffen ſind,“ fuhr der junge Mann fort,„und Euer Edel⸗ knecht wird, denke ich, ohne Schwierigkeiten mit Euch in die Stadt einziehen können. Und er ſprang mit der Agenor ſchon bekannten Leichtigkeit hinter Muſaron auf. „Doch Eure Amme?“ fragte Agenor. „Sie wird mit meinen zwei Knechten im benach⸗ barten Dorf bleiben, bis der Augenblick, ſie zu mir zu rufen, gekommen iſt.“ „Dann iſt Alles gut; laßt uns nach der Stadt ziehen.“— Muſaron und der Edelknecht ritten ihrem Herrn voran, der ſich geraden Wegs nach dem Hauptthor von Soria wandte, das man jenſeits einer Allee von alten Bäumen erblickte. Doch ſie hatten noch nicht zwei Drittel dieſer Allee hinter ſich, als ſie von einer Truppe von Mauren an⸗ — — 189 gehalten wurden, welche die Schildwache der Wälle, die ſie wahrgenommen, gegen ſie abgeſchickt hatte. Man befragte Agenor über den Zweck ſeiner Reiſe. Kaum hatte er erklärt, dieſer Zweck ſei eine Unter⸗ redung mit Don Pedro, als die Truppe ſie umzingelte und zum Gouverneur des Thors, einem von Don Pedro ſelbſt ausgewählten Officier, führte. „Ich komme,“ ſprach Agenor, abermals befragt, „ich komme im Auftrag des Connetable Bertrand Du⸗ guesclin, um eine Unterredung mit Eurem Fürſten zu pflegen.“ Bei dieſem Namen, den ganz Spanien achten ge⸗ lernt hatte, ſchien der Officier unruhig zu werden. „und wer ſind die Leute, die Euch begleiten?“ fragte er. „Ihr ſeht es wohl, mein Knappe und mein Edel⸗ knecht.“ „Es iſt gut, bleibt hier, ich werde Eure Bitte dem edlen Herrn Mothril vortragen.“ 4 „Thut was Euch beliebt,“ entgegnete Agenor,„doch ich ſage Euch zum Voraus, daß ich vorerſt weder mit Herrn Mothril, noch mit irgend einem Andern ſprechen werde, und hütet GEuch, länger ein Verhör fortzuſetzen, das mich beleidigen könnte.“ „Ihr ſeid Ritter,“ erwiederte der Officier ſich ver⸗ beugend,„und in dieſer Eigenſchaft müßt Ihr wiſſen, daß der Befehl eines Chef unerbittlich iſt; ich muß alſo vollziehen, was man mir vorgeſchrieben hat.“ Dann wandte er ſich um und rief: „Man melde Seiner Excellenz dem erſten Miniſter, daß ein Fremder den König im Auftrag des Connetable Dugueselin zu ſprechen verlangt.“ Agenor ſchaute ſeinen Edelknecht an, der ſehr bleich ausſah und, wie es ſchien, ſehr unruhig war. Mehr an Abenteuer gewöhnt, zitterte Muſaron nicht über ſo wenig. „Kamerad,“ ſagte er zu der jungen Frau,„Eure 190 Vorſichtsmaßregeln nützen Euch nichts: man wird Euch trotz Eurer Verkleidung erkennen, und wir werden als Eure Mitſchuldigen gehenkt; doch gleichviel, wenn das meinem Herrn genehm iſt.“ 3 Die Unbekannte lächelte; ein Augenblick hatte ihr genügt, um ihre Geiſtesgegenwart wieder zu erlangen, was zum Beweis diente, daß ihr die Gefahren auch nicht ganz fremd waren. Sie ſetzte ſich einige Schritte von Agenor und ſchien gegen das, was vorging, vollig gleichgültig zu ſein. 3 Die Reiſenden, nachdem ſie zwei bis drei Zimmer voll von Wachen und Soldaten durchſchritten hatten, be⸗ fanden ſich in dieſem Augenblick in einer von jenen Wachtſtuben, welche in der Dicke eines Thurmes ange⸗ bracht ſind; eine einzige Thüre führte hinein. Aller Augen waren auf dieſe Thüre geheftet, durch welche man jede Minute Mothril eintreten zu ſehen erwartete. Agenor plauderte fortwährend mit dem Officier: Muſaron knüpfte ein Geſpräch mit einigen Spaniern an, die ihn nach dem Connetable und nach ihren Freun⸗ den im Dienſte von Don Enrique von Transtamare fragten. Der Edelknecht wurde von dem Pagen des Gou⸗ verneur in Beſchlag genommen, die ihn hinausführten und wieder zurückbrachten, wie ein bedentungslyſes Kind. Nur Muſaron wurde wirklich ſorgfältig bewacht: doch auch er hatte durch ſeine Höflichkeit den Officier beruhigt; was vermochte überdies ein einzelner Mann gegen zweihundert? Der ſpaniſche Officier bot dem franzöſiſchen Offt⸗ cier Obſt und Wein an; um ihn zu bedienen, durch⸗ brachen die Leute des Gouverneur die geſchloſſene Reihe der Soldaten. 4 191 „Mein Herr iſt gewohnt, nur aus meiner Hand etwas anzunehmen,“ ſagte der junge Edelknecht. Und er begleitete die Pagen bis in die Gemächer. In dieſem Augenblicke hoͤrte man die Schildwache ins Gewehr rufen, und es erſcholl: Mothril! Mothril! bis in die Wachtſtube. 1 Jeder ſtand auf. Agenor fühlte, wie ein Schauer ſeine Adern durch⸗ lief. Er ſchlug ſein Viſtr nieder und ſuchte durch das eiſerne Gitter mit den Augen den jungen Edelknecht, um ihn zu beruhigen; er war nicht mehr da. „Wo iſt den unſere Reiſende?“ fragte Agenor ganz leiſe Muſaron. Dieſer antwortete mit der größten Ruhe in fran⸗ zoͤſiſcher Sprache: „Gnädiger Herr, ſie dankt Euch vielmal für den Dienſt, den Ihr ihr dadurch, daß Ihr ſie nach Soria hereingebracht, geleiſtet habt; ſte hat mich beauftragt Euch zu ſagen, ſie wäre Euch im höchſten Grade hiefür erkenntlich und Ihr würdet dies wohl bald wahr⸗ nehmen.“ „Was ſagſt Du da?“ fragte Agenor erſtaunt. „Was ſie mich Euch zu ſagen beauftragt hat.“ „Und iſt ſie weggegangen?“ „Meiner Treue, ja, ſie iſt weggegangen. Ein Aal ſchluͤpft minder behende durch die Maſchen des Netzes, als ſie durch die Wachen des Poſten geſchlüpft iſt. Ich ſah in der Ferne die weiße Feder ihrer Toque im Schatten fliehen; da ich ſodann nichts mehr ge⸗ ſehen habe, ſo nehme ich an, daß ſie gerettet iſt.“ „Gott ſei gelobt! doch ſchweige,“ ſprach Agenor. Es erſchollen in der That in den anſtoßenden Zim⸗ mern die Tritte einer großen Anzahl von Cavalieren. Mothril trat haſtig ein. 3 „Was gibt es?“ fragte der Maure und ſchaute mit einem klaren durchdringenden Blick umher. „Dieſer Ritter, ein Abgeſandter von Meſſire Ber⸗ trand Duguesclin, dem Connetable von Frankreich, will den König Don Pedro ſprechen.“ Mothril näherte ſich Agenor, der mit ſeinem niedergeſchlagenen Viſtr eine Bildſäule von Erz zu ſein ſchien. „Dies,“ ſagte Agenor, indem er ſeinen Panzer⸗ handſchuh auszog und den Smaragdring zeigte, den ihm der Prinz als Erkennungszeichen gegeben hatte. „Was iſt dies?“ fragte Mothril. „Ein Smaragdring, der von Dona Eleonore, der Mutter des Prinzen, herkommt.“ Mothril verbeugte ſich. „Was wollt Ihr?“ „Ich werde es dem König ſagen.“ „Ihr wünſcht Seine Hoheit zu ſehen?“ „Ich will es.“ „Ihr ſprecht ſtolz, Ritter.“ „Ich ſpreche im Namen meines Herrn des Königs Don Enrique von Transtamare.“ „Dann werdet Ihr in dieſer Veſte warten.“ „Ich werde warten; doch ich ſage Euch zum Vor⸗ aus, daß ich nicht lange warte.“ Spöttiſch lächelnd erwiederte Mothril: „Es ſei, Herr Ritter, wartet alſo.“ Und er ging hinaus, nachdem er Agenor gegrüßt hatte, deſſen Augen Flammenſtrahlen durch das eiſerne Gitter ſeines Helmes ſchoſſen. „Gut Wache gehalten,“ ſagte Mothril leiſe zu dem Officier,„es ſind wichtige Gefangene, für die Ihr mir haftet.“ „Was ſoll ich mit ihnen machen?“ „Ich werde es Euch morgen ſagen; mittlerweile ſeid beſorgt, daß ſie mit Niemand ſprechen, verſteht Ihr mich?“ Der Officier verbeugte ſich. „Es iſt entſchieden meine Anſicht, daß wir verloren 193 ſind, und daß uns dieſer ſteinerne Behälter als Sarg dienen wird,“ ſprach Muſaron mit der größten Ruhe. „Welch eine herrliche Gelegenheit hatte ich, den Ungläubigen zu erwürgen!“ rief Agenor;„wäre ich nicht Geſandter geweſen...“ murmelte er. „Unbequemlichkeit der Größe,“ ſprach Muſaron philoſophiſch. Achtunddreißigſtes Kapitel. — Der Orangenzweig. Agenor und ſein Knappe brachten in dem Gefängniß, in welchem ſie vorläufig eingeſchloſſen waren, eine ſehr ſchlechte Nacht zu; den Befehlen von Mothril gehor⸗ chend, war der Officier nicht wieder erſchienen. Mothril gedachte am andern Morgen wiederzu⸗ kommen; in dem Augenblick, wo er den König Don Pedro zu einem Stiergefecht begleiten wollte, benach⸗ richtigt, hatte er die ganze Nacht, um über das, was er thun ſollte, nachzudenken; hätte ſich dann nichts in ſeinem Geiſt feſtgeſtellt, ſo würde ein zweites Verhöͤr über das Schickſal des Geſandten und ſeines Stall⸗ meiſters entſcheiden. Es war noch moͤglich, daß der Abgeſandte des Connetable von Mothril Erlaubniß erhielt, bis zu Don Pedro zu gehen; in dieſem Fall aber würde Mothril durch irgend ein Mittel den Zweck ſeiner Sendung er⸗ gründet haben. Der Baſtard von Mauleon. U. 13 3 — —— 194 Das große Geheimniß der Improviſatoren in der Politik liegt darin, daß ſie zum Voraus die Materien zu erfahren ſuchen, über welche ſie zu improviſiren haben. Als Mothril die zwei Gefangenen verließ, ſchlug er den Weg nach dem Amphitheater ein, wo Don Pedro ſeinem Hof das Schauſpiel eines Stiergefechtes gab. Dieſes Schauſpiel, das die Könige gewöhnlich bei Tag gaben, fand bei Nacht ſtatt, was ſeine Herrlichkeit ver⸗ doppelte; dreitauſend Fackeln von wohlriechendem Wachs beleuchteten die Arena. Zur Rechten des Königs ſitzend und umgeben von Höflingen, die in ihr das neue Geſtirn der koniglichen Gunſt anbeteten, ſchaute Aiſſa, ohne zu ſehen, horchte ſie, ohne zu hören.. Düſter und unruhig befragte der König das Geſicht des Mädchens, um darin die Hoffnung zu leſen, die ihm unabläſſig die unbewegliche Bläſſe dieſer ſo reinen Stirne und die eintönige Starrheit dieſer Augen mit den verſchleierten Flammen verweigerten. Don Pedro, der Mann mit dem unbezähmbaren Herzen, mit dem ungeſtümen Temperament, glich dem durch das Gebiß zurückgehaltenen Renner, deſſen Un⸗ geduld ſich in Bebungen äußert, deren Urſache die Zu⸗ ſchauer vergebens ſuchen. Dann verdüſterte ſich plötzlich ſeine Stirne. Während er das Mädchen mit den eiſigen Zügen betrachtete, dachte er an die glühende Geliebte, die er in Sevilla zurückgelaſſen hatte; an jene Maria Padilla, welche ihm Mothril als untreu und wankelmüthig wie das Glück bezeichnete, und die durch ihr Stillſchweigen die Behauptungen von Mothril rechtfertigte; es war ein doppeltes Leiden in dieſer gegenwärtigen Kälte von Aiſſa und in dieſer vergangenen Liebe von Dona Maria. Wenn er an die Frau dachte, die er ſo ſehr an⸗ gebetet, daß man ſeine Anbetung einer Zauberei zu⸗ ſchrieb, entſtrömte ein Seufzer ſeiner Bruſt und machte 195 wie ein Sturmeshauch alle Stirnen der aufmerkſamen Höflinge ſich beugen. Bei einer dieſer Bewegungen trat Mothril in die königliche Loge und verſicherte ſich durch einen forſchen⸗ den Blick von der Lage der Geiſter. Er begriff den Sturm, der in dem Herzen von Don Pedro toſte, er errieth, daß die Kälte von Aiſſa daran Schuld war und richtete einen Blick der Drohung und des Haſſes an das Mädchen, das ganz kalt blieb, obgleich es vollkommen verſtanden hatte. „Ah! Du hier, Mothril,“ ſagte der König,„Du kommſt zu ſchlimmer Stunde, denn ich langweile mich.“ Der Ton, mit dem dieſe Worte geſprochen wur⸗ den, verlieh ihnen beinahe den wilden Ausdruck des Brüllens. „Ich bringe Eurer Hoheit Neuigkeiten,“ ſagte Mothril. „Wichtige?“ „Allerdings; würde ich Eure Hoheit wegen einer Bagatelle ſtören?“ „Sprich alſo.“ 4 Der Miniſter neigte ſich an das Ohr von Don Pedro und ſagte: „Die Franzoſen ſchicken Euch eine Botſchaft.“ „Seht doch, Mothril,“ ſprach der König, ohne daß er, was ihm der Maure ſagte, gehört zu haben ſchien, „ſeht, wie ſich Aiſſa bei Hofe mißfällt. In der That, ich glaube, Ihr würdet wohl daran thun, dieſe junge Frau nach ihrer Heimath in Afrika zurückzuſchicken, nach der ſie ſich ſo ſehr ſehnt.“ „„Eure Hoheit täuſcht ſich,“ erwiederte Mothril. „Aiſſa iſt in Granada geboren, und da ſie ihr Vater⸗ land, welches ſie nie geſehen, nicht kennt, ſo kann ſie ſich auch nicht darnach ſehnen.“. „Sehnt ſie ſich alſo nach etwas Anderem?“ fragte Don Pedro erbleichend. 4 „Ich glaube es nicht.“ 196 „Aber wenn man ſich nicht nach Etwas ſehnt, be⸗ nimmt man ſich anders, als ſie es thut;z man ſpricht, man lacht, man ſieht mit ſechzehn Jahren; dieſes Mäd⸗ chen iſt wahrhaftig todt.“ „Ihr wißt, Sire, nichts iſt ſo ernſt, nichts iſt ſo keuſch und zurückhaltend, als ein Mädchen des Orients, denn obgleich in Granada geboren, iſt Aiſſa, wie ich Euch geſagt habe, vom reinſten Blute des Propheten; Aiſſa trägt auf ihrer Stirne eine rauhe Krone, die des Unglücks; ſie kann alſo nicht das freie Lächeln, die wortreiche Heiterkeit der Frauen Spaniens haben; da ſie nie lachen, nie ſprechen gehöͤrt hat, ſo kann ſie nicht thun, was die Spanierinnen thun, nämlich das Echo eines Geräuſches zurückſchicken, das ſie nicht kennt.“ Don Pedro biß ſich auf die Lippen und heftete ſein glühendes Auge auf Aiſſa. „Ein Tag bringt keine Aenderung bei einer Frau hervor, und diejenigen, welche lange ihre Würde be⸗ haupten, behaupten auch lange ihre Zuneigung. Dona Maria hat ſich Euch beinahe angeboten, Dona Maria hat Euch auch vergeſſen.“ In dem Augenblick, wo Mothril dieſe Worte ſprach, ſiel ein blühender Orangenzweig, geworfen von den oberen Gallerien, mit der beſtimmten Richtung eines Pſoles⸗ der ſein Ziel trifft, auf den Schvoß von Don edro. Die Höͤflinge ſchrieen über Frechheit; einige neig⸗ ten ſich vor, um zu ſehen, woher die Sendung käme. Don Pedro hob den Zweig auf; es war ein Billet daran befeſtigt. Mothril machte eine Bewegung, um ſich deſſelben zu bemächtigen; doch Don Pedro ſtreckte die Hand aus und ſprach: 4 „An mich und nicht an Euch iſt dieſes Billet ge⸗ richtet.“ Und er entfaltete es. Schon beim Anblick der Handſchrift ſtieß er N 197 einen Schrei aus; bei den erſten Zeilen, die er las, klärte ſich ſein Geſicht auf. Mothril folgte voll Angſt den Wirkungen dieſes Leſens. Plötzlich ſtand Don Pedro auf. Die Höflinge erhoben ſich ebenfalls, bereit, dem König zu folgen. „Bleibt,“ ſagte Don Pedro;„das Schauſpiel iſt noch nicht beendigt, ich wünſche, daß Ihr bleibt.“ Mothril, der nicht wußte, was er von dieſem un⸗ erwarteten Ereigniß denken ſollte, machte einen Schritt, um ſeinem Herrn zu folgen. „Bleibt,“ ſagte der König,„ich will es.“ In die Loge zurückgekehrt, verlor ſich Mothril in Muthmaßungen über dieſe ſo ſeltſame Erſcheinung. Er ließ überall den Urheber der verwegenen Sen⸗ dung ſuchen, aber alle Nachforſchungen waren ver⸗ gebens. Hundert Frauen hatten blühende Orangenzweige in der Hand; Niemand konnte ihm alſo ſagen, woher dieſes Billet kam. Als Mothril in den Palaſt zurückgekehrt war, fragte er die junge Araberin; doch Aiſſa hatte nichts geſehen, nichts bemerkt. Er verſuchte es, zu Don Pedro zu dringen; die Thüre war für Jedermann verſchloſſen. 8 Der Maure brachte eine furchtbare Nacht zu: zum erſten Mal entging ein Ereigniß von hoher Wichtigkeit ſeinem Scharfſinn; ohne ſeine Furcht auf irgend eine Wahrſcheinlichkeit ſtützen zu können, ſagten ihm ſeine kehnungen, ſein Einfluß habe einen harten Angriff er⸗ itten. Mothril hatte noch kein Auge zugethan, als ihn Don Pedro rufen ließ; er wurde in die abgelegenſten Gemächer des Palaſtes eingeführt. Don Pedro kam aus ſeinem Zimmer, um dem 198 Miniſter entgegenzugehen, und ſchloß, als er heraus⸗ trat, ſorgfältig den Thürvorhang. Der König war bleicher als gewöhnlich; doch es war nicht der Kummer, was ihm dieſen Anſchein von Ermattung gab; es ſchwebte im Gegentheil ein Lächeln geheimer Befriedigung über ſeine Lippen und in ſeinem Blick lag etwas Sanfteres und Freudigeres als ſonſt. Er ſetzte ſich, während er Mothril ein freundſchaft⸗ liches Zeichen mit dem Kopf machte, und dennoch glaubte der Maure in ſeinem Geſichte eine ſeinen Beziehungen zu ihm fremde Feſtigkeit wahrzunehmen. „Mothril,“ ſagte er,„Ihr habt geſtern von einer von den Franzoſen abgeſandten Botſchaft geſprochen.“ „Ja, Hoheit,“ erwiederte Mothril;„doch da Ihr nicht antwortetet, glaubte ich nicht darauf beharren zu dürfen.“ „Nicht wahr, Ihr hattet auch keine Eile, mir zu geſtehen, daß Ihr ſie dieſe Nacht im Thurme der Nied⸗ rigen⸗Pforte eingeſchloſſen?“ Mothril ſchauerte. „Woher wißt Ihr das, gnaͤdigſter Herr?“ mur⸗ melte er. —„Ich weiß es, und das iſt das Wichtigſte. Wer ſind die Fremden?“ „Franken, wie ich denke?“ „Und warum ſchließt Ihr ſie ein, da ſie ſich Bot⸗ ſchafter nennen?“ „Sie nennen ſich, das iſt das richtigſte Wort,“ erwiederte Mothril, für den ein Augenblick genügt hatte, um ſeine Kaltblütigkeit wieder zu erlangen. „Und Ihr, Ihr ſagt das Gegentheil, nicht wahr?“ „Nicht gerade, Sire, doch ich weiß in der That nicht... „Im Zweifel hättet Ihr ſie nicht feſtnehmen müſſen.“ „Eure Hoheit befiehlt alſo...“— „Daß man ſie auf der Stelle hierherführe.“ ————— 199 Der Maure wich zurück. „Das iſt unmöglich,“ ſagte er. „Beim Blute Unſeres Herrn! ſollte ihnen etwas widerfahren ſein?“ fragte Don Pedro. „Nein, gnädigſter Herr.“ „Dann beeilt Euch, Euren Fehler wieder gut zu machen, denn Ihr habt das Völkerrecht verletzt.“ Mothril lächelte, da er wußte, welche Achtung König Don Pedro in ſeinem Haß vor dieſem Volker⸗ recht hatte, das er in dieſem Augenblick anrief. „Ich werde nicht geſtatten, daß mein König ſich wehrlos der Gefahr preisgibt, die ihn bedroht,“ ſagte er. „Fürchtet nicht für mich, Mothril,“ ſprach Don Pedro, nit dem Fuß ſtampfend,„fürchtet für Euch!“ „Ich habe nichts zu fürchten, da ich mir nichts vorzuwerfen habe,“ ſagte der Maure. „Ihr habt Euch nichts vorzuwerfen, Mothril? Sucht in Euren Erinnerung.“ „Was meint Eure Hoheit?“ „Ich meine, daß Ihr ebenſo wenig die Botſchafter liebt, welche vom Weſten, als die, welche vom Oſten kommen.“ Mothril fing an unruhig zu werden; allmälig nahm das Geſpräch eine bedrohlig Wendung; doch da er noch nicht wußte, von welcher Seite der Angriff kam, ſo ſchwieg er und wartete. Der König fuhr fort: „Es iſt dies das erſte Mal, daß Ihr die Boten, die man an mich abſchickt, verhaftet, Mothril?“ „Das erſte Mal!“ erwiederte Mothril, der um Alles gegen Alles ſpielte;„es ſind vielleicht hundert gekommen, und ich habe nie einen zugelaſſen.“ Der König ſtand wüthend auf. Der Maure aber fuhr fort: „Wenn ich dadurch gefehlt habe, daß ich von En⸗ rique von Transtamare oder vom Connetable Bertrand Duguesclin gedungene Mörder vom Palaſt meines Kö⸗ 200 mge fern hielt, wenn ich einige Unſchuldige unter ſo vielen Schuldigen geopfert habe, ſo iſt mein Kopf da, um den Fehler meines Herzens zu bezahlen.“ Der König ſetzte ſich wieder und ſprach, wäbrend er ſich ſetzte: „Es iſt gut, Mothril; aus Rückſicht für die Ent⸗ ſchuldigung, die Ihr mir angebt, und die wohl wahr ſein kann, verzeihe ich Euch; doch es ſoll dies nie mehr vorfallen, und jeder Bote, der an mich abgeſo'ickt iſt⸗ ſoll zu mir gelangen, hört Ihr wohl? gleichviel, mag er von Burgos oder von Sevilla kommen.... Die Franzoſen ſind wirklich Botſchafter, ich weiß es; ich will ſie folglich als Botſchafter behandeln. Man ent⸗ laſſe ſie ſogleich aus dem Thurm, man führe ſie mit den ihrem Charakter gebührenden Ehren in das ſchönſte Haus der Stadt; morgen werde ich ſie in feierlicher Audienz im großen Saale des Palaſtes empfangen. Geht!“ Mothril neigte das Haupt und ging ganz nieder⸗ gebeugt von Erſtaunen und Schrecken weg. 4 7 Neununddreißigſtes Kapitel. Die Audienz. Agenor und ſein getreuer Knappe klagten jeder auf ſeine Weiſe. Muſaron machte auf eine geſchickte Art ſeinem Herrn bemerkbar, er habe vorhergeſagt, was geſchehen ſei. Agenor antwortete, obgleich er gewußt, was ge⸗ — 8 „ 8 ☛ᷣ—— 1V 1 82 2 2 N 201 ſchehen würde, habe er es darum doch nicht minder wagen müſſen. 4 Hierauf erwiederte Muſaron, gewiſſe Botſchafter ſeien an den Galgen gehängt worden, welche Galgen vielleicht etwas höher, aber darum doch nicht minder unangenehm als die kleinen geweſen. Hierauf fand Mauleon nichts zu antworten. Man kannte die beſchleunigende Rechtspflege von Don Pedro; wenn man ſo wenig Werth auf das Leben der Menſchen legt, handelt man immer ſchnell. Die zwei Gefangenen überließen ſich alſo dieſen finſteren Gedanken, und Muſaron unterſuchte ſchon die Steine der Mauern, um ſich zu verſichern, ob nicht einer auszuheben wäre, als Mothril, gefolgt von einer Escorte von Kapitänen, die er vor der Thüre ließ, auf der Schwelle des Thurmes erſchien. So ſchnell er kam, ſo hatte Agenor doch noch Zeit, ſein Helmviſir niederzulaſſen. „Franzoſe,“ ſagte Mothril,„antworte mir und linaſii, wenn Du überhaupt ohne zu lügen ſprechen annſt.“ „Du beurtheilſt Andere nach Dir, Mothril,“ er⸗ wiederte Agenor, dem es, während er ſeine Lage nicht durch einen Zornausbruch zu erſchweren wünſchte, aus Inſtinct beſonders widerſtrebte, ſich von dem Mann be⸗ leidigen zu laſſen, den er am meiſten in der Welt haßte. „Was willſt Du damit ſagen, Hund?“ fragte Mothril.* „Du nennſt mich Hund, weil ich ein Chriſt bin; doch nicht wahr, dann iſt Dein Herr auch ein Hund?“ Die Erwiederung traf den Mauren ſchlagend. „Wer ſpricht von meinem Herrn und ſeiner Reli⸗ gion?“ entgegnete er;„vermiſche ſeinen Namen nicht mit dem Deinigen und glaube nicht, Du gleicheſt ihm, weil er denſelben Gott anbetet wie Du.“ Agenor ſetzte ſich, die Achſeln zuckend. 20² „Biſt Du gekommen, um mir alle dieſe Erbärm⸗ lichkeiten zu ſagen, Mothril?“ ſagte der Ritter. „Nein, ich habe wichtige Fragen an Dich zu richten.“ „Thue es.“ „Geſtehe vor Allem, wie Du es gemacht haſt, um mit dem König Briefe zu wechſeln?“ „Mit welchem König?“ „Ich erkenne nur einen einzigen, Abgeſandter der Rebellen, und dies iſt der König mein Herr.“ „Don Pedro.. Du fragſt mich, wie ich mit Don Pedro habe Briefe wechſeln können?“ „Ja.4. „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Leugne, daß Du vom Koͤnig Audienz verlangt haſt. „Nein, an Dich ſelbſt habe ich dieſes Verlangen gerichtet.“ „Ja, aber ich habe Dein Verlangen nicht dem Kö⸗ nig überbracht... und dennoch...“ „Und dennoch?...“ wiederholte Agenor. „Er kennt Deine Ankunft.“ 5 „Ah!“ machte Agenor mit einem Erſtaunen, das ein noch viel deutlicher ausgeprägtes Ah! von Muſaron zum Echo hatte „Du willſt mir alſo nichts geſtehen!“ ſagte Mothril. „Was ſoll ich Dir geſtehen?“ „Vor Allem, durch welches Mittel Du mit dem König Briefe gewechſelt haſt.“ Agenor zuckte zum zweiten Male die Achſeln. „Frage unſere Wachen,“ ſagte er. „Glaube nicht, irgend etwas vom König zu erlan⸗ gen, ohne daß Du zuvor meine Einwilligung haſt, Chriſt.“ „Ah!“ ſprach Agenor,„ich werde alſo den König ſehen?“ „Heuchler!“ rief Mothril voll Wuth. 203 „Gut!“ ſagte Muſaron,„wir haben, wie es ſcheint, nicht mehr nöthig, ein Loch durch die Mauer zu machen!“ „Stille!“ ſprach Agenor. Dann ſich an Mothril wendend: „Nun! da ich den König ſprechen werde, wollen wir ſehen, ob meine Worte ſo wenig Gewicht haben, als Du glaubſt.“ 1 „Geſtehe mir, was Du gethan, daß der König Deine Ankunft erfahren hat; ſage mir die Bedingun⸗ gen, unter denen Du ihm den Frieden vorſchlagen willſt, und ich werde Dir meine ganze Unterſtützung zu Theil werden laſſen.“ „Wozu ſoll ich eine Unterſtützung erkaufen, die ich gar wohl entbehren kann, wie mir in dieſem Augen⸗ blick Dein Zorn beweiſt?“ erwiederte Agenor lachend. „Zeige mir wenigſtens Dein Geſicht!“ rief Mo⸗ thril, unruhig über dieſes Gelächter und den Ton dieſer Stimme. „Vor dem König ſollſt Du mich ſehen; mit dem König werde ich mit offenem Herzen und entblößtem Geſicht ſprechen.“ Plötzlich ſchlug ſich Mothril vor die Stirne, ſchaute im Zimmer umher und ſagte: „iehatteſ einen Pagen?“ „Was iſt aus ihm geworden?“ „Suche, frage, das iſt Dein Recht.“ „Deshalb frage ich Dich.“ „Verſtändigen wir uns, das iſt Dein Recht bei Deinen Officieren, bei Deinen Soldaten, bei Deinen Sklaven, aber nicht bei mir.“ 1. Kotbei wandte ſich zu ſeinem Gefolge um und agte: „Es war ein Page bei dem Franzoſen; man er⸗ kundige ſich, was aus ihm geworden iſt.“ Waährend man nachforſchte, trat ein Stillſchweigen ein; jede von den drei Perſonen erwartete das Reſul⸗ 204 tat dieſer Nachforſchung unter einem andern Ausſehen. Mothril ging bewegt vor der Thüre auf und ab, wie eine Schildwache vor ihrem Poſten, oder vielmehr wie eine Hyäne in ihrem Käfig. Agenor wartete ſitzend mit der Unbeweglichkeit und dem Stillſchweigen einer ehernen Bildſäule. Aufmerkſam auf alle Dinge, blieb Muſaron ſtumm wie ſein Herr, aber er verſchlang den Mauren mit ſeinen Augen. Die Antwort war, der Page ſei am vorhergehenden Tag verſchwunden und ſeitdem nicht mehr erſchienen. „Iſt das wahr?“ fragte Mothril Agenor. „Bei Gott! es find die Leute Deines Glaubens, die es Dir ſagen!“ antwortete Agenor.„Die Ungläu⸗ bigen lügen alſo auch?“ „Aber warum iſt er entflohen?“ Agenor begriff Alles. „Ohne Zweifel, um dem König zu ſagen, man habe ſeinen Herrn verhaftet,“ erwiederte er. „Man gelangt nicht bis zum König, wenn Mothril um den König wacht,“ entgegnete der Maure. Doch plötzlich ſich vor die Stirne ſchlagend, rief er: „Oh! der Orangenzweig! Oh!l das Billet!“ „Der Maure wird offenbar ein Narr!“ ſagte Mu⸗ ſaron. Plötzlich ſchien ſich Mothril zu erheitern. Das, was er entdeckt hatte, war ohne Zweifel minder furcht⸗ bar, als er Anfangs befürchtet. „Gut, es mag ſein!“ ſagte er;„ich wünſche Dir Glück zu der Gewandtheit Deines Pagen; die Audienz, um die Du gebeten haſt, iſt Dir bewilligt.“ „An welchem Tag ſoll ſie ſtattfinden?“ „Morgen,“ antwortete Mothril. „Gott ſei gelobt!“ ſagte Muſaron. „Nimm Dich in Acht,“ fuhr der Maure ſich an den Ritter wendend fort,„nimm Dich in Acht, daß Deeine Zuſammenkunft nicht die von Dir gehoffte Ent⸗ wickelung hat.“ l 5 — r 3, N8= 205 „Ich hoffe nichts, ich vollziehe nur einen Auftrag.“ „Willſt Du einen Rath?“ fragte Mothril, indem er ſeiner Stimme einen beinahe ſchmeichelnden Ausdruck verlieh. 3 „Ich danke, ich will nichts von Dir,“ erwiederte Agenor. „Warum?“ „Weil ich nichts von einem Feinde annehme.“ Der junge Mann ſprach dieſe Worte mit einem ſolchen Ausbruch von Haß, daß der Maure darob bebte. „Es iſt gut,“ ſagte er;„lebe wohl, Franzoſe.“ „Lebe wohl, Ungläubiger,“ erwiederte Agenor. Mothril entfernte ſich; er wußte im Ganzen, was er zu wiſſen wünſchte; der König war unterrichtet worden, aber durch eine Stimme, die durchaus nichts Furcht⸗ bares hatte. Dies war es nicht, wovor er Anfangs bange gehabt. Zwei Stunden nachher holte eine anſehnliche Wache Agenor auf der Schwelle des Thurmes ab und führte ihn unter großen Achtungsbezeigungen in ein Haus, das auf dem ſchönſten Platze von Soria lag. Weite Gemächer, ſo koſtbar ausgeſtattet, als es ſich nur immer thun ließ, ſtanden für den Empfang des Botſchafters bereit. „Ihr ſeid hier zu Hauſe, Herr Geſandter des Kö⸗ nigs von Frankreich,“ ſagte der die Escorte befehli⸗ gende Officier. „Ich bin nicht der Geſandte des Königs von Frank⸗ reich und verdiene nicht als ſolcher behandelt zu wer⸗ den,“ entgegnete Agenor,„Ich bin der Abgeſandte des Connetable Bertrand Duguesclin“ Aber der Kapitän antwortete hierauf nur mit einer Verbeugung und zog ſich zurück. Muſaron ging in allen Zimmern umher, beſichtigte die Tapeten, die Geräthſchaften, die Stoffe, und ſagte bei jeder Beſichtigung: „Wir ſind offenbar hier beſſer als im Thurm.“ 206 Während Muſaron ſeine Revue vornahm, trat der Obergouverneur des Palaſtes ein und fragte den Ritter, ob es ihm gefällig wäre, einige Vorbereitungen zu treffen, um vor dem Köaig zu erſcheinen. „Nein,“ antwortete Agenor;„ich habe mein Schwert, meinen Helm und meinen Panzer; das iſt der Schmuck des Soldaten, und ich bin nur ein von ſeinem Feldherrn abgeſandter Soldat.“ Der Gouverneur ging hinaus und befahl den Trom⸗ petern, zu blaſen. Einen Augenblick nachher führte man ein herrliches Pferd, bedeckt mit einer prachtvollen Schabracke vor die Thüre. „Ich brauche kein anderes Pferd, als das meinige,“ ſagte Agenor;„man hat es mir genommen, man gebe es mir zurück; das iſt Alles, was ich verlange.“ Zehn Minuten nachher wurde Agenor ſein Pferd zurückgegeben. Eine ungeheure Menge begrenzte den, übrigens ziemlich kurzen, Zwiſchenraum, der das Haus von Age⸗ nor vom Palaſt des Königs trennte. Der junge Mann ſuchte unter den auf dem Balcon zuſammengeſchaarten Frauen ſeine Reiſegefährtin zu finden, die er ſo gut kannte. Doch dies war ein vergebliches Streben, auf das er bald verzichtete. Der ganze König Don Pedro getreue Adel bil⸗ dete ein Reitercorps, das im Chrenhof aufgeſtellt war. Sie boten ein blendendes Schauſpiel, dieſe mit Gold be⸗ deckten Rüſtungen. Agenor war kaum abgeſtiegen, als er ſich etwas verlegen fühlte. Die Ereigniſſe waren ſich mit einer ſolchen Schnelligkeit gefolgt, daß er noch nicht Zeit gehabt hatte, an ſeine Sendung zu denken, da er über⸗ zeugt war, ſeine Sendung würde unerfüllt bleiben. Seine Zunge ſchien an ſeinem Gaumen zu kleben, der hatte nicht einen beſtimmten Gedanken im Kopf. Alle ſeine Ideen ſchwebten unentſchieden in ſeinem Innern N 207 und ſtießen ſich an einander, wie die Wolken an nebe⸗ ligen Herbſttagen. 1 Der Eintritt in den Audienzſaal war der eines Blinden, dem plötzlich das Geſicht unter einem glühen⸗ den Sonnenſtrahl wiederkehrt, der für ihn eine Wolke von Gold, von Purpur und beweglichen Federbüſchen beleuchtet. Da erſcholl eine kräftige Stimme, eine Stimme, die er, wie er alsbald erkannte, einmal bei Nacht im Garten von Bordeaur, einmal bei Tage im Zelte von Caverley gehört hatte. „Herr Ritter,“ ſagte dieſe Stimme,„Ihr habt den König zu ſprechen gewünſcht, Ihr ſteht vor dem önig.“ Dieſe Worte zogen die Augen des Ritters auf den Punkt, den ſie auffaſſen ſollten. Er erkannte Don Pedro. Zu ſeiner Rechten ſaß eine verſchleierte Frau, zu ſeiner Linken ſtand Mothril. Mothril war bleich wie der Tod; er hatte in dem Ritter den Geliebten von Aiſſa erkannt. . ieſes Erkennen war raſch geweſen wie der Ge⸗ anke. 3 „Monſeigneur,“ ſprach Agenor,„nicht einen Au⸗ genblick habe ich geglaubt, ich ſei auf die Befehle Eu⸗ rer Herrlichkeit verhaftet worden.“ Don Pedro biß ſich auf die Lippen und erwiederte: „Ritter, Ihr ſeid Franzoſe und wißt folglich vielleicht nicht, daß man den König von Spanien, wenn man mit ihm ſpricht, Sire und Hoheit nennt.“ „In der That, ich habe Unrecht gehabt,“ ſagte der Ritter, ſich verbeugend,„Ihr ſeid König in Soria.“ „Ja, Koͤnig in Soria,“ entgegnete Don Pedro, „bis derjenige, der dieſen Titel uſurpirt hat, nirgends mehr Koͤnig ſein wird.“ „Sire,“ ſprach Agenor,„zum Glück habe ich nicht über dieſe hohen Fragen mit Euch zu verhandeln. Ich omme im Auftrag von Don Enrique von Transtamare, 208 Eurem Bruder, um Euch einen guten und redlichen Frieden vorzuſchlagen, deſſen Eure Völker ſo ſehr be⸗ dürfen und über den ſich auch Eure Bruderherzen freuen werden.“. „Herr Ritter,“ erwiederte Don Pedro,„wenn Ihr gekommen ſeid, um über dieſen Punkt mit mir zu un⸗ terhandeln, ſo ſagt mir, warum Ihr mir heute vor⸗ ſchlagt, was Ihr mir vor acht Tagen verweigert habt.“ Agenor verbeugte ſich und antwortete: „Sire, ich bin nicht Richter zwiſchen Euren Ho⸗ heiten; ich melde nur die Worte, mit denen man mich beauftragt hat. Ich bin eine Stimme, die ſich von Burgos bis Soria, von einem Bruderherzen zum an⸗ dern Herzen erſtreckt.“ „Ah! Ihr wißt nicht, warum man mir heute den Frieden anbietet,“ verſetzte Don Pedro.„Nunl ich will es Euch ſagen.“ In Erwartung der Worte des Königs trat ein tie⸗ fes Stillſchweigen in der Verſammlung ein; Agenor benützte dieſe Zeit, um ſeine Augen abermals auf die verſchleierte Dame und auf den Mauren zu heften. Die verſchleierte Dame war immer noch ſtumm und unbe⸗ weglich wie eine Bildſäule. Der Maure ſah bleich und verändert aus, als ob er in einer Nacht alle Schmer⸗ zen ausgehalten hätte, die ein Menſch in einem ganzen Leben zu ertragen haben kann. Der Koͤnig fuhr fort: „Ihr bietet mir den Frieden im Namen meines Bruders, weil mein Bruder will, daß ich ihn aus⸗ ſchlage, und weiß, daß ich ihn unter den Bedingungen, die Ihr mir machen wollt, von mir weiſen werde.“ hinee⸗ Eure Hoheit kennt dieſe Bedingungen noch ni. „Ich weiß, daß Ihr mir die Hälfte Spaniens an⸗ bieten wollt; ich weiß, was Ihr von mir fordert; Geißeln, unter denen mein Miniſter Mothril mit ſeiner Familie ſein ſoll.“ —— N — 209 Von bleich, wie er geweſen, wurde Mothril leichen⸗ farbig; ſein glühendes Auge ſchien im Grunde des Her⸗ zens von Don Pedro leſen und ſich dadurch verſichern zu wollen, ob er bei ſeiner Weigerung beharren würde. Agenor bebte; er hatte dieſe Bedingungen Niemand mitgetheilt, die Zigeunerin ausgenommen, der er ein paar Worte davon geſagt. „In der That,“ ſprach er,„Eure Hoheit iſt gut unterrichtet, obſchon ich nicht weiß, wie und durch wen ſie das ſein kann.“ In dieſem Augenblick hob mit einer ganz natür⸗ lichen Bewegung die neben dem König ſitzende Frau ihren goldgeſtickten Schleier auf und warf ihn auf ihre Schultern zurück. Agenor hätte beinahe einen Schrei des Schreckens ausgeſtoßen; in dieſer Frau, welche zur Rechten von Don Pedro ſaß, hatte er ſeine Reiſegefährtin erkannt. Das Blut floß ihm in's Geſicht, er begriff, woher der König die Nachrichten hatte, die ihm die Mühe er⸗ ſparten, die Bedingungen des Friedens auseinanderzu⸗ ſetzen. „Herr Ritter,“ ſagte der König,„erfahrt aus meinem Munde und wiederholt es denjenigen, welche Euch geſandt haben: Was auch die Bedingungen ſein mögen, die man mir vorſchlägt, es iſt eine dabei, welche ich ſtets verwerfen werde, die, mein Königreich zu thei⸗ len, inſofern mein Königreich mir gehört und ich frei ſein will, nach meinem Belieben darüber zu verfügen; als Sieger werde ich Bedingungen anbieten.“ „Eure Hoheit will alſo den Krieg?“ fragte Agenor. „Ich will ihn nicht, ich unterziehe mich demſelben,“ antwortete Don Pedro. „Das iſt der unerſchütterliche Wille Eurer Ho⸗ heit?“ „Ja.4 Agenor zog langſam ſeinen ſtählernen Panzerhand⸗ Der Baſtard von Manleon, II. 14 210 ſchuh aus, warf ihn in den Raum, der ihn vom König trennte und ſprach: „Im Namen von Don Enrique von Transtamare, dem Koönig von Caſtilien, bringe ich den Krieg hierher.“ Der König ſtand unter einem gewaltigen Gemur⸗ mel und einem furchtbaren Waffengeklirre auf und er⸗ wiederte: „Ihr habt getreulich Eure Sendung erfüllt, Herr Rit⸗ ter; es bleibt uns nur noch unſere Königspflicht auf redliche Weiſe zu üben. Wir bieten Euch vierundzwanzig Stun⸗ den Gaſtfreundſchaft in unſerer Stadt, und wenn es Euch genehm iſt, wird unſer Palaſt Euer Aufenthalts⸗ ort, unſere Tafel die Eurige ſein.“ Agenor machte, ohne etwas zu antworten, eine tiefe Verbeugung, erhob dann wieder das Haupt und richtete ſeine Augen auf die an der Seite des Königs ſitzende Frau. Sie ſchaute ihn ſanft lächelnd an. Es kam ihm ſogar vor, als legte ſie ihren Finger auf ihre Lippen, wie wenn ſie ihm ſagen wollte: „Geduld! Hofft!“ Vierzigſtes Kapitel. Das Rendez⸗vous. Trotz dieſes ſtillſchweigenden Verſprechens, von dem ſich uübrigens Agenor nicht genau Rechenſchaft gab, ver⸗ ließ er die Audienz in einem Zuſtand leicht begreiflicher Bangigkeit. Nur ſo viel blieb ihm wahrſcheinlich, daß 211 die unbekannte Zigeunerin, mit der er auf eine ſo ver⸗ trauliche Weiſe gereiſt, keine Andere, als Maria Padilla geweſen ſei. Der Entſchluß von Don Pedro, der, um hervor⸗ zutreten, nicht einmal ſeine Worte abgewartet hatte, war nicht das, was ihn am meiſten beunruhigte; denn am Ende hatte Don Pedro nur am Tage vorher er⸗ fahren, was er am andern Tag hätte erfahren ſollen. Aber Agenor erinnerte ſich auch, daß er der Zigeunerin ſein theuerſtes, ſein tiefſtes Geheimniß: die Liebe von Aiſſa, preisgegeben. War einmal die Eiferſucht dieſer furchtbaren Frau gegen die arme Aiſſa rege gemacht, wer konnte wiſſen, wo die Wuth, die ſchon ſo viele unſchuldige Köpfe ge⸗ opfert, anhalten würde? Alle dieſe traurigen Gedanken, welche gleichzeitig in dem Geiſte von Agenor erwachten, verhinderten ihn, die grimmigen Blicke von Mothril und den edlen Mauren wahrzunehmen, welche der Vorſchlag, den er im Namen von Enrique von Transtamare gemacht, ſowohl in ihrem Stolz, als in ihren Intereſſen verletzt hatte. Lebhaft und muthig, wie er war, hätte der Ritter ihren herausfordernden Blicken gegenüber wahrſcheinlich nicht die ganze für einen Geſandten nothwendige Ruhe und Unempfindlichkeit behauptet. In dem Augenblick, wo er ſie vielleicht bemerkt hätte und ihnen geantwortet haben würde, trat aber eine andere Zerſtreuung ein. Kaum war er außerhalb des Palaſtes, kaum war er durch die Reihen der Wachen, die ihn umgaben, gedrungen, als eine in einen langen Schleier gehüllte Frau ſeinen Arm berührte und ihn mit einem geheimnißvollen Zeichen, ihr zu folgen, auf⸗ forderte. Agenor zögerte einen Augenblick; er wußte, mit wie viel Schlingen und Fallen Don Pedro und ſeine rachſüchtige Geliebte ihre Feinde umgaben, welche Frucht⸗ barkeit an Mitteln ſie entwickelten, wenn es ſich um 2 212 ein Werk der Rache handelte; doch in dieſem Augenblick fühlte ſich der Ritter, ein ſo guter Chriſt er auch war, ein wenig gläubig an das Verhängniß der Orientalen, das dem Menſchen ſeinen freien Willen nicht läßt und ihm die Fähigkeit, das Böſe vorherzuſehen und dem⸗ ſelben vorzubeugen, raubt. Der Ritter erſtickte alle Furcht; er ſagte ſich, er kämpfe ſchon ſo lange, es wäre einmal Zeit, auf die eine oder auf die andere Weiſe ein Ende zu machen, und wenn das Geſchick dieſe Stunde als ſeine letzte be⸗ ſtimmt hätte, ſo ſollte ſie ihm willkommen ſein. Er folgte alſo der Alten, welche dieſes große Ge⸗ dränge durchſchnitt und, bei ihrer Umhüllung ohne Zweifel ſicher, nicht erkannt zu werden, gerade auf das Haus zuſchritt, das man dem Ritter als Wohnung ge⸗ geben hatte. 4 Auf der Schwellerdieſes Hauſes wartete Muſaron. 4 Sobald er eingetreten war, führte Agenor die Alte bis in das abgelegenſte Zimmer. Die Alte folgte ihm, und Maſaron, der vermuthete, es würde etwas Neues vorgehen, ſchloß den Zug. Als die Alte im Zimmer war, hob ſie ihren Schleier auf, und Agenor und ſein Knappe erkannten die Amme der Zigeunerin. Nach dem, was im Palaſt vorgefallen war, ſetzte dieſe Erſcheinung Agenor durchaus nicht in Erſtaunen; doch Muſaron ſtieß in ſeiner Unwiſſenheit einen Schrei der Verwunderung aus. „Hoher Herr,“ ſagte die Alte,„Dona Maria Pa⸗ dilla will mit Euch ſprechen und wünſcht dem zu Folge, Ihr möget Cuch dieſen Abend in den Palaſt begeben. Der Koͤnig läßt die neu eingetroffenen Truppen die Revue paſſtren, und während dieſer Zeit wird Dona Maria allein ſein. Kann ſie auf Euch zählen? werdet Ihr kommen?“ Der Ritter, der für Maria Padilla die guten Ge⸗ 213 fühle, die er nicht hatte, auch nicht offenbaren konnte, erwiederte: „Aber warum wünſcht mich denn Dona Maria zu ſehen?“ „Herr Ritter, glaubt Ihr, es ſei ein großes Unglück, von einer Frau wie Dona Maria Padilla zu einem ge⸗ heimen Geſpräch auserwählt zu werden?“ ſagte die Amme mit jenem gefälligen Lächeln der alten Diene⸗ rinnen des Süden. „Nein,“ ſprach Agenor;„doch ich geſtehe, ich liebe die Rendez⸗vous in freier Luft, die Orte, wo es nicht an Raum gebricht und wohin ein Mann mit ſeinem Pferd und mit ſeiner Lanze gehen kann.“ „Und ich mit meiner Armbruſt,“ ſagte Muſaron. Die Alte lächelte bei dieſen Zeichen der Unruhe. „Ich ſehe,“ ſprach ſie,„ich muß meine Botſchaft bis zum Ende erfüllen.“ Und ſte zog aus ihrer Taſche einen Beutel, der einen Brief enthielt. 3 Muſaron, dem unter ſolchen Umſtänden ſtets die Vorleſerrolle zukam, bemäͤchtigte ſich des Papiers und las:. „Dieſes, Ritter, iſt ein Pfand der Sicherheit ge⸗ geben von Eurer Reiſegefährtin. Beſucht mich zu der Stunde und an dem Ort, wie es Euch meine Amme ſagen wird, daß wir von Aiſſa ſprechen.“ 3 Bei dieſen Worten bebte Agenor, und da der Name der Geliebten die Religion des Liebenden iſt, ſo erſchien der Name von Aiſſa Agenor als eine feierliche Schutzwache, und er rief ſogleich, er würde der Amme folgen, wohin ſie immer gehen wollte. „Dann kann nichts einfacher ſein,“ ſagte ſie;„ich werde Eure Herrlichkeit dieſen Abend in der Kapelle des Schloſſes erwarten; dieſe Kapelle iſt öffentlich für die Ofſiciere und Dienſtleute des Köͤnigs; doch um acht 214 Uhr Abends ſchließt man die Thüren. Ihr tretet um halb acht Uhr ein und verbergt Euch hinter dem Altar.“ „Hinter dem Altar!“ ſagte Agenor, den Kopf mit jenen Vorurtheilen des Nordlaͤnders ſchüttelnd,„ich liebe die Rendez⸗vous hinter einem Altare nicht.. „Oh! ſeid unbeſorgt,“ rief die Alte naiv,„Gott wird in Spanien durch dieſe kleinen Profanationen, an die er gewöhnt iſt, nicht beleidigt. Uebrigens werdet Ihr nicht lange zu warten haben; hinter dieſem Altar iſt eine Thüre, durch welche aus ſeinen Gemächern der Prinz und die Perſonen ſeines Hauſes ſich in die Ka⸗ pelle begeben können. Dieſe Thüre öffne ich Euch, und Ihr werdet, ohne daß man Euch ſieht, auf dieſem un⸗ bekannten Weg verſchwinden.“ „Hm! hm! ohne daß man Euch ſieht!“ ſagte Muſaron franzöſiſch,„das riecht furchtbar nach Gurgel⸗ abſchneiderei, was meint Ihr, Herr Agenor?“ „Sei unbeſorgt,“ erwiederte der Ritter in derſelben Sprache;„wir haben den Brief dieſer Frau, und ob⸗ gleich nur mit ihrem Taufnamen unterzeichnetz iſt er doch eine Bürgſchaft für uns. Sollte mir Unglück widerfahren, ſo würdeſt Du mit dieſem Brief zum Conne⸗ table und zu Don Enrique von Transtamars zurück⸗ kehren; Du würdeſt ihnen meine Liebe, mein Unglück und die Liſt mittheilen, der man ſich bedient, um mich in die Falle zu locken; und ich kenne ſie Beide, man würde an den Verräthern eine Rache üben, welche Spanien zittern machen müßte.“— „Sehr gut,“ entgegnete Muſaron;„doch mittler⸗ weile wäret Ihr darum nicht minder erwürgt.“ „Ja, aber wenn mich Dona Maria wirklich über Aiſſa zu ſprechen wünſcht?“ „Gnädiger Herr, Ihr ſeid verliebt, das heißt Ihr ſeid verrückt,“ ſagte Muſaron,„und ein Verrückter hat immer Recht, beſonders da, wo er ausſchweift. Ver⸗ ——=— — — 215 zeiht, gnädiger Herr, doch das iſt die Wahrheit. Ich füge mich, geht dahin.“ Und der ehrliche Muſaron ſtieß einen tiefen Seufzer aus, als er dieſe Rede endigte. „Doch warum ſollte ich im Ganzen nicht mit Euch gehen?“ ſagte er plötzlich. „Weil Don Enrique von Transtamare, dem König von Caſtilien, eine Antwort zu überbringen iſt, und weil, wenn ich todt bin, Du allein den Erfolg meiner Sendung melden kannſt,“ ſprach Agenor. Und er erzählte auf's Genauſte und Klarſte dem Knappen die Antwort von Don Pedro. „Aber ich kann doch wenigſtens in der Nähe des Palaſtes wachen,“ entgegnete Muſaron, der ſich noch nicht für geſchlagen hielt. „Warum dies?“ „Um Euch zu vertheidigen, beim Leibe von San Jago!“ rief der Knappe,„um Euch zu vertheidigen mit meiner Armbruſt, die ein halbes Dutzend von dieſen gelben Geſichtern niederwerfen wird, während Ihr ein anderes halbes Dutzend mit Eurem Schwerte zu Boden ſtreckt. Das wird immerhin ein Dutzend Ungläubiger weniger ſein, was unſerem Seelenheil nichts ſchaden kann.“ „Mein lieber Muſaron,“ ſagte Agenor,„mache mir im Gegentheil das Vergnügen, Dich nicht zu zeigen. Tödtet man mich, ſo werden die Mauern des Alca⸗ zar allein etwas davon erfahren; doch höre,“ fügte er mit dem Vertraurn redlicher Herzen bei,„ich glaube dieſe Dona Maria nicht beleidigt zu haben, ſie kann mir alſo nicht grollen; vielleicht habe ich ihr ſogar einen Dienſt geleiſtet.“ „ Ja, doch den Mauren, Herrn Mothril, ihn habt ihr gehörig beleidigt, hier und anderswo? Wenn ich mich aber nicht täuſche, iſt er der Gouverneur des Pa⸗ laſtes, und es mag Euch einen Begriff von ſeiner guten Geſinnung gegen Euch geben, daß er es war, der Euch an den Thoren der Stadt verhaften und in einen Ker⸗ — 216 ker werfen laſſen wollte. Die Geliebte des Königs habt Ihr nicht zu fürchten, das gebe ich zu, aber den Günſt⸗ ling.“— Agenor war ein wenig abergläubig; er miſchte gern die Religion in ſolche bei Verliebten gewöhnliche Ca⸗ pitulationen des Gewiſſens, und ſo ſagte er in ſeinem Innern, während er ſich gegen die Alte umwandte: „Wenn ſie lächelt, gehe ich.“ Die Alte lächelte. „Kehrt zu Dona Maria zurück,“ ſprach der Ritter zur Amme,„die Sache iſt abgemacht; dieſen Abend um ſieben Uhr bin ich in der Kapelle.“ „Gut, und ich werde Euch mit dem Schlüſſel der kleinen Thüre erwarten,“ erwiederte die Amme.„Gott befohlen, Herr Agenor; Gott befohlen, freundlicher Knappe.“ Muſaron ſchüttelte den Kopf, die Alte verſchwand. Agenor wandte ſich gegen Muſaron um und ſprach: „Du erhälſt keine Briefe für den Connetable, man könnte Dich verhaften und ſie Dir abnehmen. Du ſagſt ihm, der Krieg ſei beſchloſſen, und er müſſe die Feindſeligkeiten beginnen; Du haſt unſer Geld, bediene Dich deſſelben, um ſo ſchnell als möglich zu reiſen.“ „Aber Ihr, gnädiger Herr? Man muß doch an⸗ nehmen, daß Ihr nicht getödtet werdet...“ „Ich brauche nichts. Bin ich verrathen, ſo opfere ich ein Leben der Anſtrengung und der Täuſchungen, deſſen ich mich müde fühle. Begünſtigt mich im Ge⸗ gentheil Dona Maria, ſo wird ſie mich Pferde und Führer finden laſſen. Reiſe ab, Muſaron, reiſe auf der Stelle ab, die Augen find auf mich gerichtet und nicht auf Dich; man weiß, daß ich bleibe, und mehr braucht man nicht. Brich ſogleich auf, Dein Pferd iſt gut und Dein Muth groß. Ich, für meine Perſon, werde den Reſt des Tages im Gebet hinbringen. Gehe!“ Dieſer Plan, ſo abenteuerlich er auch ſcheinen mag⸗ NR —-—C—C₰⸗₰⸗₰x—xxxxxx:⏑’ñ’Bñ——— 217 war, einmal angenommen, nach der Lage der Dinge gut. Muſaron hörte auch auf, ihn zu beſtreiten, nicht aus Höflichkeit gegen ſeinen Herrn, ſondern aus Ueber⸗ zeugung. Muſaron brach eine Viertelſtunde, nachdem man den Beſchluß gefaßt, auf und verließ die Stadt ohne Schwierigkeit. Agenor verſenkte ſich ins Gebet, wie er es geſagt hatte, und wandte ſich um halb acht Uhr nach der Kapelle. Die Alte erwartete ihn; ſie bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge ſich beeilen, und öffnete, den Rit⸗ ter mit ſich fortziehend, die kleine Thüre.. Nach einer langen Reihe von Gängen und Gal⸗ lerien, trat Agenor in einen niedrigen, halb beleuchte⸗ ten Saal, der von einer mit Blumen bedeckten Gallerie umgeben war. Unter einer Art von Prachthimmel ſaß eine Frau mit einer Sklavin, welche ſie wegſchickte, ſobald ſie den Ritter erſchaute. Die Alte entfernte ſich aus Beſcheidenheit ebenfalls, nachdem ſie den Ritter eingeführt hatte. „Ich danke für Eure Pünktlichkeit,“ ſagte Dona Maria zu Mauleon.„Ich wußte, Ihr wäret edel und muthig. Ich wollte Euch danken, nachdem ich ſchein⸗ bar eine Treuloſigkeit gegen Euch begangen hatte.“ Agenor antwortete nicht; um von Aiſſa zu ſpre⸗ chen, hatte man ihn gerufen, und zu dieſem Ende war er auch gekommen. „Tretet näher,“ ſagte Dona Maria.„Ich bin dem König Don Pedro ſo ſehr zugethan, daß ich ſeine In⸗ tereſſen wahren mußte, indem ich die Eurigen verletzte; doch meine Entſchuldigung liegt in meiner Liebe, und Ihr, der Ihr liebt, müßt mich begreifen.“ Maria näherte ſich dem Ziele der Zuſammenkunft, nichtsdeſtoweniger beſchränkte ſich Agenor auf eine Ver⸗ beugung und blieb ſtumm. „Nun, da meine Angelegenheiten geordnet ſind, 218 wollen wir von den Eurigen reden, Herr Ritter,“ fuhr Maria fort. „Von welchen?“ fragte Agenor. „Von denjenigen, welche Euch am Lebhafteſten in⸗ tereſſiren.“ Als Agenor dieſes offenherzige Lächeln, dieſe an⸗ muthige Geberde, dieſe ganz vertrauliche Beredtſamkeit wahrnahm, fühlte er ſich entwaffnet. „Setzt Euch hierher,“ ſagte die Zauberin, indem ſie ihm mit der Hand einen Platz in ihrer Nähe be⸗ zeichnete. Der Ritter that, was man ihm befahl. „Ihr hieltet mich für Eure Feindin,“ ſprach die junge Frau,„doch dem iſt nicht ſo, und zum Beweis mag dienen, daß ich bereit bin, Euch Dienſte zu leiſten, die denen, welche Ihr mir geleiſtet, wenigſtens gleich⸗ kommen.“. Agenor ſchaute ſie erſtaunt an, Maria Padilla fuhr rt: „Seid Ihr nicht auf dem Weg, ein guter Be⸗ ſchützer, ſeid Ihr nicht ein guter mittelbarer Rathgeber für mich geweſen?“ „Sehr mittelbar,“ entgegnete Agenor,„denn ich wußte durchaus nicht, mit wem ich ſprach.“ „Es iſt mir darum nicht minder gelungen, dem Koͤnig durch die Nachrichten, die Ihr mir gegeben habt, zu dienen,“ ſagte Maria Padilla lächelnd,„hört alſo auf zu leugnen, daß Ihr mir nützlich geweſen.“ „Nun wohl! ich geſtehe es, Madame.... doch Ihr... „Ihr glaubt nicht, daß ich im Stande ſei, Euch zu dienen. Oh! Ritter, Ihr habt einen Verdacht gegen meine Dankbarkeit.“ „Ihr wünſchtet vielleicht dankbar zu ſein, Madame, ich will das nicht in Abrede ziehen.“ „Ich habe den Wunſch und die Möglichkeit. Nehmt zum Beiſpiel an, Ihr würdet in Soria zurückgehalten.“ —O˖˖V—ꝛ—ꝛ——„ 4— 219 Agenor bebte. „Ich kann Euer Entkommen aus der Stadt er⸗ leichtern,“ fuhr Dona Maria fort. „Oh! Madame, wenn Ihr ſo handelt, unterſtützt Ihr ebenſo ſehr die Intereſſen von König Don Pedro, als die meinigen, denn Ihr verhindert es, daß man den König des Verraths und der Feigheit beſchuldigt.“ „Ich würde das zugeben,“ erwiederte die junge Frau,„wäret Ihr nur ein einfacher, Allen unbekannter Botſchafter, wäret Ihr nur gekommen, eine rein poli⸗ tiſche Sendung zu vollziehen, und könntet Ihr nur den Haß oder das Mißtrauen beim König erregen; aber beſinnt Euch wohl, habt Ihr nicht noch einen anderen Feind in Soria, einen ganz perſönlichen Feind?“ Agenor wurde ſichtbar unruhig. „Würdet Ihr,“ fuhr Dona Maria fort,„würdet Ihr, wenn dem ſo wäre, nicht begreifen, daß dieſer Feind, nicht den König um Rath fragend, nur ſich um ſeinen Privatgroll bekümmernd, Euch eine Falle ſtellte, um ſich an Euch zu rächen, ohne daß der König irgend einen Antheil an dieſer Rache hätte? Was Euren Lands⸗ leuten leicht zu beweiſen wäre, falls es zu einer Er⸗ klärung käme. Denn erinnert Euch, Ritter, Ihr ſeid eben ſo wohl hier, um Eure Privatintereſſen zu wahren, als um über den Intereſſen von Don Enrique von Transtamare zu wachen.“ Agenor entſchlüpfte ein Seufzer. „Ah! ich glaube, Ihr habt mich verſtanden,“ ſagte Dona Maria.„Nun wohl! wenn ich die Gefahr von Euch entfernte, die Euch bei dieſem Zuſammentreffen bedrohen kann?“ „Ihr würdet mir das Leben erhalten. Madame, und die Lebenserhaltung iſt für Viele ein großes In⸗ tereſſe; ich aber weiß nicht, ob ich Euch fin Euren Edelmuth ſehr dankbar wäre.“ „Warum nicht?“ „Weil mir nichts am Leben gelegen iſt.“ 220 „Es liegt Euch nichts am Leben?“ „Nein,“ ſprach Agenor, den Kopf ſchüttelnd. „Nicht wahr, weil Ihr einen großen Kummer habt?“ „Ja, Madame.“ „Und wenn mir dieſer Kummer bekannt wäre?“ „Euch?“ „Wenn ich Euch die Urſache davon zeigte?“ „Ihr! Ihr könntet mich ſie ſehen laſſen...ℳ Maria Padilla wandte ſich nach dem ſeidenen Vor⸗ hang, der die Terraſſe verſchloß.. „Seht!“ ſagte ſie, den Vorhang auf die Seite ſchiebend. Man erblickte in der That eine niedrigere Terraſſe, welche durch Orangen⸗ und Granatbäume von der erſten getrennt war. Auf dieſer Terraſſe, mitten unter Blumen und gebadet im Goldſtaub der untergehenden Sonne, ſchaukelte ſich eine Frau in einer purpurnen Hängematte. 3 „Nun?“ fragte Dona Mariag. „Aiſſa!“ rief Mauleon, in Ertaſe die Hände faltend. „Ich glaube, die Tochter von Mothril,“ ſprach Dona Maria. „Oh! Madame,“ rief Mauleon, mit dem Blick den Raum verſchlingend, der ihn von Aiſſa trennte.„Ja, dort, dort! dort iſt das Glück meines Lebens. „In der That, ſo nahe und ſo fern!“ ſprach lä⸗ chelnd Dona Maria. 8* „Solltet Ihr meiner ſpotten, Senora?“ fragte Agenor unruhig. „Gott behüte mich, Herr Ritter. Ich ſage nur, daß Dona Aiſſa in dieſem Augenblick das Bild des Glücks iſt; oft ſcheint es, als hätte man nur die Hand auszuſtrecken, um es zu berühren, und man iſt davon durch ein unſichtbares, aber unüberwindliches Hinderniß getrennt.“ „Ach! ich weiß es, ſie iſt bewacht, gehütet.“ 224 „Eingeſchloſſen, Herr Franke, eingeſchloſſen durch gute Gitter mit ſtarken Schlöſſern.“ „Wenn ich nur wenigſtens ihre Aufmerkſamkeit auf mich ziehen könnte!“ rief Agenor,„wenn ich ſie nur ſehen, mich von ihr geſehen machen könnte!“ „Das wäre alſo ſchon ein großes Glück für Euch?“ „Das höchſte.“ „Wohl!l ich will es Euch verſchaffen. Dona Aiſſa hat Euch nicht geſehen, würde ſie Euch ſehen, ſo wäre ihr Schmerz darum nur um ſo größer, denn es iſt für Liebende ein ſchlechter Troſt, die Arme nach ein⸗ ander auszuſtrecken und der Luft einen Kuß anzuver⸗ trauen. Thut etwas Beſſeres, Herr Ritter.“ „Ohl was ſoll ich thun? Sprecht, ſprecht, be⸗ fehlt, oder rathet vielmehr.“ „Seht Ihr jene Thüre?“ ſagte Dona Maria, auf einen auf der Terraſſe ſelbſt angebrachten Ausgang deutend;„hier iſt der Schlüſſel dazu, der größte von den drei Schlüſſeln, welche an dieſem Ring hängen; Ihr braucht nur einen Stock hinabzuſteigen. Ein lan⸗ ger Gang, dem ähnlich, welchem Ihr gefolgt ſeid, um hierher zu kommen, mündet nach dem Garten des näch⸗ ſten Hauſes aus, deſſen Bäume in der Höhe der Ter⸗ raſſe von Dona Aiſſa erſcheinen. Ah! ich glaube, Ihr fangt an zu begreifen?“ „Ja, ja,“ ſprach Mauleon, die Worte verſchlin⸗ gend, wie ſie aus dem Mund von Dona Maria hervor⸗ kamen. „Dieſer Garten,“ fuhr ſie fort,„iſt mit einem Gitter verſchloſſen, deſſen Schlüſſel Ihr hier bei dem erſten ſeht. Seid Ihr einmal dort, ſo könnt Ihr Euch Dona Maria noch mehr nähern, denn Ihr könnt bis zu dem Fuß der Terraſſe gelangen, wo ſie ſich in dieſem Augenblick ſchaukelt; nur iſt die Terraſſe ſo abſchüſſig, daß ſie ſich nicht erklettern läßt; aber einmal dort, ſeid Ihr wenigſtens im Stand, Eurer Geliebten zu rufen und mit ihr zu ſprechen.“ 222 „Dank! Dank!“ rief Mauleon. „Ich ſehe, Ihr ſeid ſchon mehr zufrieden, deſto beſſer,“ ſagte Dona Maria, ihn zurückhaltend;„nur iſt es gefährlich, in ſolcher Entfernung zu ſprechen, denn man kann gehört werden. Ich ſage Cuch das, obgleich Mothril abweſend iſt; er begleitet den König, der die Truppen beſchaut, die aus Afrika für uns eingetroffen ſind, er wird um halb zehn Uhr oder um zehn Uhr zurückkommen, und es iſt erſt acht Uhr.“ „Halb neun Uhr! Oh! Madame, gebt geſchwinde, gebt mir den Schlüſſel, ich flehe Euch an.“ „Oh! es iſt noch keine Zeit verloren. Laßt den letzten Sonnenſtrahl erlöſchen, der noch den Weſten röthet; das iſt die Sache von ein paar Minuten. Dann, ſoll ich Euch etwas ſagen?“ fügte ſie lächelnd bei. „Sprecht.“ „Ich weiß nicht, wie ich den zweiten Schlüſſel vom dritten trennen ſoll, denn dieſen dritten, der von Mo⸗ thril dem König Don Pedro ſelbſt gegeben worden iſt, mir zu verſchaffen, hatte ich große Mühe.“ „Dem König Don Pedro 2 ſagte Agenor bebend. „Ja,“ antwortete Maria,„ſtellt Euch vor, daß dieſer dritte Schlüſſel die Thüre öffnet, welche auf die Terraſſe ſelbſt führt, daß er an ihrer Baſe dieſe unüber⸗ ſteigliche Mauer⸗ öffnet und nach einer ſehr bequemen Treppe führt, welche nach der Terraſſe ſelbſt ausmün⸗ det, wo ohne Zweifel in dieſem Augenblick Aiſſa von Euch träumt.“ Agenor ſtieß einen Schrei toller Freude aus. „So daß es Euch,“ fuhr Dona Maria fort,„daß es Euch, wenn einmal dieſe Thüre hinter Euch ge⸗ ſchloſſen iſt, freiſteht, anderthalb Stunden mit der Tochter von Mothril zu reden, und zwar, ohne daß Ihr eine Beläſtigung zu fürchten braucht. Denn kommt man, und man kann nur durch das Haus kommen, ſo ſteht Euch ein ſicherer Rückzug nach dieſer Seite offen.“ —,— 8 223 Agenor fiel auf die Kniee und drückte glühende Küſſe auf die Hand ſeiner Beſchützerin.. Edle Frau,“ ſagte er,„verlangt mein Leben von mir an dem Tag, wo es Euch nützlich ſein dürfte, und ich werde es Euch geben.“ „Ich danke, behaltet es für Eure Geliebte, Herr Agenor. Die Sonne iſt verſchwunden, in einigen Au⸗ genblicken wird es finſtere Nacht ſein, Ihr habt nur eine Stunde. Geht, und gefährdet mich nicht bei Mothril.“ Agenor eilte nach der kleinen Treppe der Terraſſe und verſchwand. „Herr Franke,) rief ihm Dona Maria nach, wäh⸗ rend er fortſtürzte,„in einer Stunde wird man Euch Euer Pferd vor der Thüre der Kapelle halten: doch Mothril darf nichts vermuthen, ſonſt wären wir Beide verloren.“ „In einer Stunde, ich ſchwöre es Euch!“ antwor⸗ tete die ſchon entfernte Stimme des Ritters. Einundvierzigſtes Kapitel. Die Zuſammenkunft. Es war in der That Aiſſa, welche ſich allein und träumeriſch auf der an die Gemächer ihres Vaters und an die ihrigen anſtoßenden unteren Terraſſe des Pa⸗ laſtes befand und, nachläßig und träumeriſch wie eine wahre Tochter des Orients, die Abendluft einathmete und mit dem Blick die letzten Strahlen der Sonne ver⸗ folgte. ——4——— 224 Als die Sonne untergegangen war, ſchweifte ihr Blick über die herrlichen Gärten des Alcazar hin und ſuchte jenſeits der Mauern, jenſeits der Bäume, was er jenſeits des Horizonts, ſo lange dieſer noch beſtan⸗ den, geſucht hatte, jene Idee, iene Erinnerung, die weder vom Ort, noch von der Zeit abhängt, und die man Liebe nennt, das heißt ewige Hoffnung. Sie träumte von den grüneren und buſchreicheren, wenn auch nicht duftenderen Gefilden Frankreichs, von jenen ſchönen Gärten von Bordeaur, deren wohlwollende Schatten die ſüßeſte Scene ihres Lebens beſchirmt hat⸗ ten, und da der menſchliche Geiſt bei jeder Sache, bei der er verweilt, eine Aehnlichkeit ſucht, mag es eine traurige oder eine freudige ſein, ſo dachte ſie zugleich an den Garten von Sevilla, wo ſie zum erſten Mal Agenor von Nahem geſehen, ihn geſprochen, ſeine Hand berührt hatte, die ſie jetzt abermals zu drücken vor Begierde brannte. G Es gibt Abgründe im Geiſte der Liebenden. Wie im Geiſte der Irrſinnigen kreuzen ſich darin die Extreme mit der unzuſammenhängenden Schnelligkeit der Träume, und das Lächeln des Mädchens, das liebt, löſt ſich oft, wie das von Ophelia, in bitteren Thränen und in herz⸗ zereißendem Schluchzen auf. Ganz unterjocht durch ihre Erinnerungen lächelte, ſeufzte Aiſſa, vergoß ſie Thränen. Sie war alſo bei den Thränen und wäre wohl bald zum Schluchzen übergegangen, als ein heftiger Tritt auf der ſteinernen Treppe erſcholl. Sie glaubte, ſchon zurückgekehrt, beeile ſich Mo⸗ thril, wie er es zuweilen that, ſie in ihren ſüßeſten Träumen zu überraſchen, als ob bei dieſem bis zum Zauberhaften hellſichtigen Mann ein Verſtand, einer inneren Fackel ähnlich, wachte, um alle Dinge in ſeiner Umgebung zu beleuchten und nichts dunkel zu laſſen, als ſeinen unbeweglichen, tiefen, unerſchütterlichen Geiſt. Und dennoch kam es ihr vor, als wäre dieſer Tritt — S—, 8A G e=SS d ,—,—— n 2— e 225 nicht der von Mothril, als käme dieſes Geräuſch von einer Seite, der entgegengeſetzt, von welcher Mothril er⸗ ſcheinen müßte. Da dachte ſie ſchauernd an den König; an den König, den ſie ſeit der Ankunft von Maria völlig zu ſürchten aufgehört und folglich vergeſſen hatte. Die Treppe, von der das Geräuſch herkam, war die, welche Mothril ſeinem Gebieter als einen Geheimgang vorbe⸗ halten hatte. Sie beeilte ſich alſo, nicht ihre Thränen zu trock⸗ nen, was den Geruch einer geheimen Verſtellung ge⸗ habt hätte und ihres Stolzes unwürdig geweſen wäre, ſondern eine zu ſüße Erinnerung in Gegenwart des Feindes zu vertreiben, der vor ihren Augen erſcheinen würde; war es Mothril, ſo hatte ſie ihren Willen, war es Don Pedro, ſo hatte ſie ihren Dolch. 2 Dann wandte ſie abſichtlich der Thüre den Rücken zu, als ob nichts Glückliches oder Bedrohliches in der Abweſenheit von Agenor zu ihr gelangen könnte, und hielt ihr Ohr bereit, das harte Wort im Einklang mit dem widrigen Tritt, der ſie ſchon beben gemacht, zu hören.. Plötzlich fühlte ſie um ihren Hals zwei mit Eiſen beſchiente Arme; ſie ſtieß einen Schrei des Zorns und des Widerwillens aus; doch ihre Lippen wurden durch zwei gierige Lippen geſchloſſen. Da erkannte ſie an dem verzehrenden Gefühl, das ihre Adern durchdrang, mehr noch als an dem Blick, den ſie auf ihn warf, Agenor, der auf dem Marmor zu ihren Füßen kniete. Kaum konnte ſie den zweiten Schrei der Freude unterdrücken, der ihrem Mund entſtrömte und ihr über⸗ volles Herz erleichterte. Sie erhob ſich, immer von ihrem Geliebten umſchlungen, und ſtark wie der junge Panther, der ſeine Beute in das Geſtrüppe des Atlas ſchleppt, führte ſie, trug ſie gleichſam Agenor auf die Treppe, welche in ihrem geheimnißvollen Schatten die Freude der zwei Liebenden verbarg. Der Baſtard von Mauleon, IHI. 15 226 Das Zimmer mit den langen Vorhängen von Aiſſa mündete am Fuße dieſer Treppe aus; ſie flüchtete ſich dahin in den Armen ihres Geliebten, und da das Licht des Himmels durch die dichten Stoffe verzehrt wurde, da kein Geräuſch die tapezirten Mauern durchdrang, ſo hoͤrte man einige Augenblicke nur glühende Küſſe, verloren in den langen, ſchwarzen, wohlriechenden Flech⸗ ten von Aiſſa, die ſich bei der Umarmung aufgelöſt hatten und Beide wie ein Schleier umgaben. Unſern europäiſchen Sitten fremd, nicht bekannt mit der Kunſt, die Wünſche durch das Verbot zu ver⸗ doppeln, gab ſich Aiſſa ihrem Geliebten hin, wie ſich das erſte Weib hatte hingeben müſſen, unter der Herr⸗ ſchaft des Inſtinctes und unter dem hinreißenden Zauber eines in ſeiner ganzen Tiefe gefühlten Glückes. „Du!l Du!“ flüſterte ſte berauſcht;„Du im Palaſt von König Don Pedro! Du, meiner wahnſinnigen Liebe zurückgegeben! Ohl die Tage ſind zu lang in der Ab⸗ weſenheit, und Gott hat für die Zeit zwei Maße ge⸗ geben: die Minuten, wo ich Dich ſehe, und die wie der Schatten hinziehen, die Tage, wo ich Dich nicht ſehe, und die für mich Jahrhunderte ſind!“ Dann verloren ſich ihre Stimmen abermals in einem ſüßen und langen Kuß.. „Ohl Du gehörſt alſo mir!“ rief endlich Agenor. „Was liegt mir an dem Haß von Mothril? was liegt mir an der Liebe des Königs? Ich kann nun ſterben.“ „Sterben!“ ſagte Aiſſa, die Augen feucht und die Lippen bebend;„ſterben! Ohl nein, Du wirſt nicht ſterben, mein Vielgeliebter. Ich habe Dich in Bor⸗ deaux gerettet, und werde Dich hier abermals retten. Was die Liebe des Königs betrifft, ſchau', wie mein Herz klein iſt, wie es einen unmerklichen Theil meiner Bruſt emporhebt. Glaubſt Du, in dieſem ganz von Dir er⸗ füllten, einzig und allein für Dich ſchlagenden Herzen 1 1 227 ſei auch nur für den Schatten einer andern Liebe Platz?— „Oh! Gott behüte mich, daß ich nur einen Augen⸗ blick denken könnte, meine Aiſſa vergeſſe mich,“ ſprach Agenor.„Doch da, wo die Ueberredung ſcheitert, iſt die Gewalt oft allmächtig. Haſt Du nicht das Abenteuer von Leonor von RXimenes gehört, der die Rohheit des Königs keine andere Zufluchtſtätte mehr ließ, als ein Kloſter?“ „Leonor von äimenes war nicht Aiſſa, Herr. Es wäre alſo bei der Einen nicht wie bei der Andern, das ſchwoͤre ich Dir.“ „Ich weiß wohl, Du würdeſt Dich vertheidigen, doch liden Du Dich vertheidigteſt, würdeſt Du vielleicht erben!“ 5 „Wäre es Dir nicht lieber, wenn ich den Tod fände, als wenn ich einem Andern gehoͤrte?“ „Ohl ja, ja!“ rief der junge Mann, Aiſſa an ſein Herz drückend.„Oh! ja, ſtirb, ſtirb, wenn es ſein muß, doch gehöre nur mir!“ Und er preßte ſie abermals in ſeinen Armen mit einer Liebesbewegung, die der Angſt glich. Die Nacht, welche ſchon die äußeren Mauern ſchwärzte, hatte den Gegenſtänden im Zimmer jede Form genommen: wie in dieſer Finſterniß voll von Liebes⸗ worten und glühendem Athem, wie nicht von jenem ſeuer brennen, das verzehrt, ohne zu leuchten, jenen ftuhtzaren Flammen ähnlich, welche unter den Wellen eben? Während eines langen Zeitraums herrſchte die Stille des Todes, oder die der Liebe in dem Gemach, wo zwei Biſunnen geklungen und zwei Herzen vermiſcht geſchlagen atten. Agenor entriß ſich zuerſt dieſem unausſprechlichen lück. Er gürtete ſein Schwert um, deſſen eiſerne Scheide auf dem Marmor klirrte. „Was machſt Du?“ rief das Mädchen, den Arm des Ritters ergreifend. „SDu haſt es geſagt,“ erwiederte Agenor,„die Zeit hat zwei Maße: die Minuten für das Glück, die Jahr⸗ hunderte für die Verzweiflung. Ich gehe.“ „Du gehſt, doch nicht wahr, Du nimmſt mich mit? Wir gehen mit einander?“ Der junge Mann machte ſich mit einem Seufzer aus den Armen ſeiner Geliebten los und ſprach: „Unmöglich!“ „Warum unmöͤglich?“ „Ich bin mit dem geheiligten Charakter eines Bot⸗ ſchafters hierhergekommen; er iſt es, der mich beſchützt, und ich kann ihn nicht verletzen.“ „Aber ich!“ rief Aiſſa,„ich verlaſſe Dich nicht.“ „Aiſſa,“ ſprach der junge Mann,„ich komme im Namen des guten Connetable, ich komme im Namen von Enrique von Transtamare, die mir, der Eine die Intereſſen der franzöſiſchen Ehre, der Andere die Inter⸗ eſſen des caſtilianiſchen Thrones anvertraut haben; was müßten ſie ſagen, wenn ſie ſehen würden, ich habe, ſtatt dieſe doppelte Sendung zu vollziehen, mich nur um die Intereſſen meiner Liebe bekümmert?“ 3 „Wer wird es ihnen mittheilen? Wer hindert Dich, mich vor Aller Augen zu verbergen?“ „Ich muß nach Burgos zurückkehren; es ſind von Soria nach Burgos drei Tagereiſen.“— „Ich bin ſtark, ich bin an raſche Märſche gewöhnt.“ „Du haſt Recht, denn der Marſch der arabiſchen Reiter iſt raſch, raſcher als der unſrige wird ſein können. 3 In einer Stunde wird Mothril die Flucht wahrnehmen; in einer Stunde wird er in unſerer Verfolgung begriffen ſein; ich kann nicht als Flüchtling nach Burgos zurück⸗ kehren.“ „Ohl mein Gott! mein Gott! wir ſollen uns aber⸗ mals trennen!“ „Diesmal wenigſtens wird die Trennung kurz ſein, 229 das ſchwöre ich Dir. Laß mich meine Sendung erfüllen, laß mich in das Lager von Don Enrique zurückkehren, laß mich des Auftrags, den man mir gegeben, mich ent⸗ ledigen, laß mich wieder Agenor den fränkiſchen Ritter werden, der Dich liebt, der nur Dich liebt, der nur für Dich lebt, und dann, ich ſchwöre es Dir, Aiſſa, kehre ich unter irgend einer Verkleidung, und wäre es die eines Ungläubigen, zu Dir zurück, und dann bin ich es, der Dich mit Gewalt entführt, wenn Du nicht kommen kannſt.“ „Nein! nein!“ ſprach Aiſſa,„heute erſt hat mein Leben begonnen; bis heute lebte ich nicht, denn ich ge⸗ hörte nicht Dir; von heute an könnte ich nicht mehr ohne Dich leben; ich könnte nicht mehr wie früher, Dich erwartend, ſeufzen und weinen; nein, ich würde brüllen, ich würde mich in meinem Schmerz zerfleiſchen; heute bin ich Deine Frau! Wohl! moͤgen alle diejenigen herben⸗ die ſich widerſetzn, daß die Frau dem Mann folgt!“ „Wie! ſelbſt unſere Beſchützerin, Aiſſa? ſelbſt die edelmüthige Frau, die mich zu Dir geführt hat, ſelbſt die arme Maria Padilla, an der Mothril ſich rächen würde? Und Du weißt, auf welche Art Mothril ſich rächt.“ „Oh! meine Seele ſchwindet hin,“ flüſterte die junge Frau erbleichend, denn ſie fühlte, daß eine höhere Macht, die der Vernunft, ſie von ihrem Geliebten trennte. „Doch laß mich Dich wiederfinden; ich habe zwei Maul⸗ thiere ſo raſch, daß ſie es den raſcheſten Pferden im Laufe zuvorthun. Du nennſt mir einen Ort, wo ich Dich erwarten, oder mit Dir zuſammentreffen kann, und ſei unbeſorgt, ich komme zu Dir.“ „Aiſſa, wir kehren auf einem andern Weg zu dem⸗ ſelben Ziel zurück; unmöglich! unmöglich!“ Das Mädchen glitt auf ſeine Kniee. Die junge Maurin lag bittend und flehend zu den Füßen von Agenor. In dieſem Augenblick durchdrang der traurige, kla⸗ gende Ton einer Guzla die Lüfte über ihren Häͤuptern, den Ruf eines Freundes, der bange hat, nachahmend; Beide bebten. „Woher kommt dieſes Geräuſch?“ fragte Aiſſa. „Ich errathe es,“ ſagte Agenor;„komm, komm.“ Beide ſtiegen wieder zur Terraſſe hinauf. Agenor ſchaute ſogleich nach der Terraſſe von Maria. Es herrſchte eine dichte Finßerniß; doch bei dem düſteren Schimmer der Geſtirne vermochten die zwei jungen Leute ein weißes, über die Brüſtung geneigtes und nach ihrer Seite gewendetes Kleid wahrzunehmen. Nur hätten ſie im Zweifel bleiben können, ob es ein Geſpenſt oder eine Frau ſei. Doch in demſelben Augen⸗ blick erklangen die Saiten in gleicher Richtung wie uvor. 3„Sie ruft mir,“ flüſterte Agenor,„ſie ruft mir, Du hörſt es.“ „Kommt! kommt!“ rief wie vom Himmel herab die durch die Zwiſchenräume halb bedeckte Stimme von Dona Maria. „Hörſt Du ſie, Aiſſa, hörſt Du ſie?“ ſagte Agenor. „Oh! ich ſehe nichts, ich höre nichts,“ ſtammelte das Mädchen. Zu gleicher Zeit erſchollen die Trompeten, welche gewöhnlich den König bei ſeiner Rückkehr in den Palaſt geleiteten. „Großer Gott!“ rief Aiſſa, plötzlich in das ängſt⸗ liche, ſchwache Weib verwandelt;„ſie kommen; fliehe, mein Agenor, fliehe!“ „Noch ein Lebewohl.“ 4 Lippen auf die Lippen des Geliebten drückend. als die von Mothril hörbar wurden; und die Thüre, Und ſie ſchob den jungen Mann nach der Treppe. Seine Tritte hatten nicht zu ſchallen aufgehört, „Ein letztes vielleicht,“ flüſterte das Mädchen, ihre 231 welche zu Maria Padilla führte, ſchloß ſich kaum, als ſich die von Aiſſa öffnete. Zweiundvierzigſtes Kapitel. ——— Die Vorbereitungen zur Schlacht. Drei Tage nach den von uns erzählten Ereigniſſen hatte Agenor auf demſelben Weg, dem er auf ſeiner Reiſe nach Soria folgte, Muſaron wieder eingeholt, und legte Enrique von Transtamare Rechenſchaft über ſeinen Auftrag ab. ſ6 Niemand verleugnete ſich die Gefahren, denen Age⸗ noor bei Erfüllung ſeiner Sendung als Botſchafter preis⸗ gegeben geweſen war. Der Connetable dankte ihm auch, belobte ihn und hieß ihn ſeinen Platz an der Seite der . 4⁶ bravſten Bretagner unter dem Banner nehmen, das Spylveſter von Budes trug. G Auf allen Seiten traf man Anſtalten zum Krieg. Derr Prinz von Wales hatte den Durchzug durch das Gebiet des Königs von Navarra erlangt und ſich mit Don Pedoo wiedervereinigt, dem er ein ſchönes Heer uführte, das gemeinſchaftliche Sache mit den afrikani⸗ ſſcchen Truppen machen ſollte. Die engliſchen Abenteurer, die ſich entſchieden an Don Pedro angeſchloſſen hatten, führten ihrerſeits gute Streiche gegen die Bretagner und die Gascogner, ihre erbitterten Feinde, im Schild. Es verſteht ſich, daß die verwegenſten und folglich gewinnreichſten Pläne in dem Kopf unſeres alten Freun⸗ des Meſſire Hugo von Caverley gohren. Enrique von Transtamare war nicht zurück bei allen dieſen kriegeriſchen Rüſtungen. Seine zwei Brü⸗ der Don Tellez und Don Sancho waren zu ihm ge⸗ ſtoßen, er hatte ihnen ein Commando anvertraut, und zog in kleinen Tagemärſchen ſeinem andern Bruder Don Pedro entgegen. Man ſpürte durch ganz Spanien die fieberhafte Gluth, welche, ſo zu ſagen, die Luft durchzieht und den großen Ereigniſſen vorhergeht. Stets vorſichtig und zugleich Philoſoph, ermahnte Muſaron ſeinen Herrn, das feinſte Wildpret zu eſſen und den beſten Wein zu trinken, um in der Schlacht ſtärker zu ſein und ſich um ſo mehr Ehre zu erwerben. Sich ſelbſt überlaſſen, verliebter als je durch den Beſitz eines Augenblicks, erſann Agenor alle mögliche und unmögliche Mittel, ſich Aiſſa zu nähern und ſie zu entführen, um nicht das ſo zweifelhafte Ereigniß einer Schlacht abzuwarten, in die man ſtolz und ſtark geht, während man ſie flüchtig und auf den Tod verwundet verlaſſen kann. Zu dieſem Behuf hatte er von der Freigebigkeit von Bertrand zwei arabiſche Pferde gekauft, welche Muſaron jeden Tag große Strecken Weges zurückzule⸗ gen und Hunger und Durſt auszuhalten dreſſirte. Endlich erfuhr man, der Prinz von Wales ſei durch die Engpäſſe marſchirt und in die Ebene gerückt. Er zog mit der Armee, die er aus der Guienne gebracht, in die Gegend der Stadt Vittoria, unfern von Na⸗ varrete. Er hatte dreißigtauſend Reiter und vierzigtauſend Mann Fußvolk bei ſich. Dies waren Streitkräfte, welche den von Don Pedro befehligten beinahe gleich⸗ kamen. Enrique von Transtamare hatte unter ſeinen Be⸗ phlen ſechzigtauſend Mann Fußvolk und vierzigtauſend Pferde. Mit ſeinen Bretagnern in der Nachhut gelagert, 233 ließ Bertrand die Spanier ihre Prahlereien machen und ſchon auf der einen und der andern Seite den Sieg feiern, den weder die eine noch die andere gewonnen hatte. Aber er hatte ſeine Spione, die ihm Tag für Tag meldeten, was in der Armee von Don Pedro und ſelbſt in der von Enrique vorging, aber er wußte alle Pläne von Caverley in demſelben Augenblick, wo ſie die frucht⸗ bare Einbildungskraft des Abenteurers erzeugte. Er wußte folglich, daß der würdige Kapitän, ver⸗ führt durch die Gefangennehmung von Königen, die er ſchon bewerkſtelligt, ſich dem Prinzen von Wales mit einem einzigen Schlag den Krieg zu beendigen ange⸗ boten hatte. Sein Plan war äußerſt einfach, es war der des Raubvogels, welcher ſo hoch in den Lüſten ſchwebt, daß er unſichtbar iſt, plötzlich ſich auf ſeine Beute ſtürzt, und ſie in ſeinen Klauen in dem Augenblick entführt wo ſie es am wenigſten erwartet. Meſſire Hugo von Caverley verband ſich mit John Chandos, dem Herzog von Lancaſter und einem Theil der engliſchen Vorhut, ſiel unvermuthet über das Quar⸗ tier von Don Enrique her, entführte ihn mit ſeinem Hofe, und machte ſo mit einem einzigen Schlag zwanzig Löſegelder, von denen eines genügt hätte, um ſechs Abenteurer zu wohlhabenden Leuten zu machen. 3 Der Prinz von Wales nahm den Vorſchlag an; er hatte nichts dabei zu verlieren und Alles zu ge⸗ winnen. Zum Unglück beſaß Bertrand Duguesclin, wie ge⸗ ſagt, Spione, die ihm Alles meldeten, was im feind⸗ lichen Lager vorging. 1 Zu noch groͤßerem Unglück hegte er gegen die Eng⸗ länder im Allgemeinen einen alten Bretagner⸗Groll, und gegen Meſſire Caverley insbeſondere einen ganz neuen Haß. Er befahl deshalb ſeinen Spionen, nicht einen Au⸗ genblick einzuſchlafen, oder wenn ſie einſchlafen würden, wenigſtens nur mit einem Auge zu ſchlafen. Dem zu Folge wurde er von den geringſten Be⸗ wegungen von Meſſtre Hugo von Caverley unterrichtet. Eine Stunde, ehe der würdige Kapitän das Lager des Prinzen von Wales verließ, nahm der Connetable ſechstauſend ſpaniſche und bretagniſche Reiter und ſchickte auf einem dem ſeinigen entgegengeſetzten Weg Agenor und den Stammler von Villaines ab, um ſich in einem Wald aufzuſtellen, den ein Defilé trennte. Jede von den zwei Truppen ſollte den parallelen Theil des Waldes beſetzen und, wenn die Engländer vorbeigezogen wären, das Defilé ſchließen. Von dem, was vorging, in Kenntniß geſetzt, hielt Enrique von Transtamare alle ſeine Leute unter den Waffen. Caverley mußte alſo an einer ehernen Mauer an⸗ prallen, und wenn er zurückweichen wollte, würde er ſich von einer andern ehernen Mauer feſtgehalten ſehen. Mannſchaft und Roſſe lagen beim Einbruch der Nacht im Hinterhalt. Jeder Reiter hielt, auf dem Bauch ausgeſtreckt, ſein Pferd am Zaum. Gegen zehn Uhr rückten Caverley und ſeine Truppe in das Defilé. Die Engländer marſchirten mit einer ſolchen Sicherheit, daß ſte nicht einmal den Wald ſon⸗ diren ließen, was übrigens die Nacht unmöglich, oder wenigſtens ſehr ſchwierig machte. Hinter den Engländern verbanden ſich die Bre⸗ tagner und die Spanier wie die zwei Hälften einer Kette, die man ſchließt. Gegen Mitternacht hörte man einen gewaltigen Lärmen: es war Caverley, der das Quartier von Kö⸗ nig Don Enrique angriff, und dieſer, der ihn mit dem Ruf: Don Enrique und Caſtilien! empfing. Da ſetzte Bertrand, der Agenor zu ſeiner Rechten und den Stammler von Villaines zu ſeiner Linken haͤtte, 23⁵ ſeine ganze Truppe unter⸗ ven Raf Notre⸗Dame⸗Gues⸗ elin! in Galopp. Zu gleicher Zeit entzündeten, ſich große Feuer auf den Flanken, beleuchteten die Seene und zeigten Ca⸗ verley, daß ſeine fünf bis ſechstauſend Abenteurer zwi⸗ ſchen zwei Heeren gefaßt waren. Caverley war nicht der Mann, der einen glorrei⸗ chen, aber fruchtloſen Tod ſuchte: an der Stelle von Eduard III. wäre er bei Crécy geflohen; an der Stelle bes Prinzen von Wales hätte er ſich bei Poitiers er⸗ geben. Doch da man ſich nur in der äußerſten Noth er⸗ gibt, beſonders wenn man, ſich ergebend, Gefahr läuft, gehenkt zu werden, ſo ſetzte er ſein Pferd in Galopp und verſchwand durch eine der Seitenöffnungen, wie auf dem Theater der Verräther durch eine der ſchlecht ge⸗ ſchloſſenen Couliſſen verſchwindet. All ſein Gepäcke, eine beträchtliche Summe in Geld, eine Caſſette mit Edelſteinen und Juwelen aller Art, die Frucht dreijähriger Räubereien, während wel⸗ cher der würdige Kapitän, um dem(Strang zu entgehen, mehr Genie gebraucht hatte, als je von Alexander, Hannibal oder Cäſar entwickelt worden war, fielen in die Hände des Baſtards von Mauleon. Muſaron machte eine Berechnung, während man die Todten entkleidete und den Gefangenen Feſſeln an⸗ legte; es ergab ſich, daß er im Dienſte von einem der reichſten Ritter der Chriſtenheit war. Dieſe Veränderung, und ſie war ungeheuer, hatte ſich in weniger als einer Stunde bewerkſtelligt. Die Abenteurer waren in Stücke gehauen worden; nur zwei bis dreihundert hatten ſich mit großer Mühe retten konnen. Dieſer Erfolg flößte den Spaniern eine ſolche Kühnheit ein, daß Don Tellez, der jüngſte Bruder von Enrique von Transtamare, ſeinem Pferde die Sporen X 236 gab und auf der Stelle und ohne eine andere Vorbe⸗ reitung auf den Feind losmarſchiren wollte. „Einen Augenblick Geduld, Herr Graf,“ ſagte Bertrand;„Ihr wollt hoffentlich nicht allein gegen den Feind marſchiren und Euch der Gefahr ausſetzen, ruhm⸗ los gefangen genommen zu werden.“ „Aber ich denke, die ganze Armee wird mit mir marſchiren,“ erwiederte Don Tellez. „Nein, Herr, nein,“ ſprach Bertrand. „Die Bretagner mögen bleiben, wenn ſie wollen,“ rief Don Tellez,„doch ich werde mit den Spaniern marſchiven.“ „Warum dies?“ „Um die Engländer zu ſchlagen.“ „Verzeiht,“ entgegnete Bertrand,„die Engländer ſind von den Bretagnern geſchlagen worden, doch ſie würden nicht durch die Spanier geſchlagen werden.“ „Was ſagt Ihr?“ rief mit gebieteriſchem Tone Don Tellez, indem er auf den Connetable zuritt,„und warum?“. „Weil,“ erwiederte Bertrand, ohne ſich zu rühren, „weil die Bretagner beſſere Soldaten ſind, als die Engländer, während dagegen die Engländer beſſere Sol⸗ daten ſind, als die Spanier.“ Der junge Prinz fühlte, wie ihm der Zorn gegen die Stirne ſtieg. „Es iſt doch ſeltſam, daß der Herr hier in Spanien ein Franzoſe ſein ſoll,“ ſagte er;„doch wir werden ſo⸗ gleich erfahren, ob Don Tellez gehorcht, ſtatt zu befehlen. Auf, man folge mir!“ „Meine achtzehntauſend Bretagner werden ſich nicht rühren, wenn ich ihnen nicht durch ein Zeichen befehle, daß ſie ſich rühren,“ erwiederte Bertrand;„was Eure Spanier betrifft, ſo bin ich nur ihr Herr, wenn Euer Herr und der meinige, Don Enrique von Transtamare, ihnen mir zu gehorchen befiehlt.“. „Wie klug ſind doch dieſe Franzoſen!“ rief Don Tellez außer ſich.„Welche Kaltblütigkeit bewahren ſie nicht nur in der Gefahr, ſondern auch vor der Beleidi⸗ gung! Ich mache Euch mein Compliment, Herr Con⸗ netable.“ „Ja, hoher Herr, mein Blut iſt kalt, wenn es ſich im Zaume hält; doch es iſt heiß, wenn es fließt.“ Und nahe daran, in Hitze zu gerathen, preßte der Connetable ſeine großen Fäuſte an ſein Panzerhemd. „Es iſt kalt, ſage ich Euch,“ fuhr der junge Mann fort,„es iſt kalt, weil Ihr alt ſeid, und wenn man alt wird, fängt man an Angſt zu bekommen.“ „Angſt!“ rief Agenor, gegen Don Tellez anſpren⸗ gend;„wer einmal ſagt, der Connetable habe Angſt, wird es nicht zum zweiten Male ſagen.“ „Stille, Freund,“ ſprach der Connetable;„ laßt die Narren ihre Narrheiten machen, und Geduld, Ge⸗ duld!“ „Achtung vor dem königlichen Blut!“ rief Don Tellez,„Achtung, hört Ihr wohl?“ „Achtet Euch ſelbſt, wenn Ihr wollt, daß man Euch achten ſoll,“ ſprach plötzlich eine Stimme, welche den Prinzen beben machte, denn es war die ſeines älteren Bruders, den man von dem ärgerlichen Streit in Kennt⸗ niß geſetzt hatte,„beleidigt vor Allem nicht unſern Ver⸗ bündeten, unſern Helden.“ „Ich danke, Sire,“ ſagte Bertrand,„Eure Sprache erſpart mir großmüthig ein immer ärgerliches Geſchäft, das, Freche zu beſtrafen. Doch ich meine nicht Euch, Don Tellez: Ihr ſeht ſchon ein, wie ſehr Ihr Unrecht habt.“ „Unrecht, ich! daß ich ſagte, wir ſollten die Schlacht liefern? Iſt es nicht wahr, Sire, daß wir gegen den Feind marſchiren?“ fragte Don Tellez. „Gegen den Feind marſchiren... in dieſem Au⸗ genblick!“ rief Duguesclin,„das iſt unmöglich.“ „Nein, mein lieber Connetable,“ erwiederte Don Enrique,„es iſt ſo wenig unmöglich, daß wir bei Ta⸗ gesanbruch handgemein werden.“ 238 „Hoheit, wir werden geſchlagen.“ „Und warum dies?“ „Weil unſere Stellung ſchlecht iſt.“ „Es gibt keine ſchlechte Stellung; es gibt nur Brave oder Feige!“ rief Don Tellez. „Herr Connetable,“ ſprach der König,„mein Adel verlangt die Schlacht, und ich kann ihm nicht verwei⸗ gern, was er von mir verlangt. Er hat den Prinzen von Wales herabziehen ſehen, und man könnte glauben, er weiche zurück.“ „Uebrigens ſteht es dem Connetable frei, uns zu⸗ zuſchauen und auszuruhen, während wir uns ſchlagen,“ fügte Don Tellez bei. „Mein Herr,“ erwiederte Dugueselin,„ich werde Alles thun, was die Spanier thun, und mehr noch hoffentlich, denn bemerkt wohl: Nicht wahr, in zwei Stunden greift Ihr an? „Ja. „Wohl! in vier Stunden werdet Ihr dort durch die Ebene vor dem Prinzen von Wales fliehen, und ich und meine Bretagner, wir werden da ſein, wo ich bin, ohne daß ein einziger Fußgänger eine Sohle breit zu⸗ rückgewichen, ohne daß ein einziger Reiter um ein Hufeiſen gewichen iſt. Bleibt hier, und Ihr werdet ſehen.“ „Ah! Sire Connetable, mäßigt Euch,“ ſprach En⸗ rique. „Ich ſage die Wahrheit, Sire. Ihr wollt eine Schlacht liefern, ſagt Ihr?“ „Ja, Connetable, ich will es, weil ich muß.“ „Es ſei alſo.“. Dann ſich gegen die Bretagner umwendend: „Meine Kinder, man will eine Schlacht liefern, haltet Euch bereit!..Alle dieſe braven Leute und ich, Sire,“ fuhr er fort,„werden dieſen Abend todt oder gefangen genommen ſein, doch Euer Wille geſchehe vor Allem. Erinnert Euch indeſſen wohl, daß ich nur das Leben 2* oder die Freiheit verliere, während Ihr einen Thron verlieren werdet,“ fügte er bei, Der Koönig neigte das Haupt, wandte ſich gegen ſeine Freunde um und ſprach: 4 „Der gute Connetable iſt dieſen Morgen hart gegen uns; trefft nichtsdeſtoweniger Eure Vorkehrungen, edle Herren.“ „Es iſt alſo wahr, daß wir heute getödtet werden?“ fragte Muſaron laut genug, daß ihn der Connetable hören konnte. Dieſer wandte ſich um und erwiederte lächelnd: „Oh! mein Gott, ja, guter Knappe, es iſt die reine Wahrheit.“ „Das iſt ärgerlich,“ ſagte Muſaron an ſeine mit Gold gefüllten Beinkleider klopfend;„gerade in dem Augenblick getödtet, wo wir reich ſein und uns des Lebens freuen ſollten!“ Dreiundvierzigſtes Kapitel. Die Schlacht. Eine Stunde nach dieſer trübſeligen Betrachtung des guten Knappen, wie Bertrand Muſaron nannte, erhob ſich die Sonne über der Ebene von Navarrete ſo rein, ſo ruhig, als ob ſie nicht bald eine der berühm⸗ teſten Schlachten, welche die Annalen der Welt blutig gefärbt, beleuchten ſollte. Bei Sonnenaufgang war die Ebene von dem in drei Abtheilungen aufgeſtellten Corps von Don Enrique beſetzt.— 240 Don Tellez, mit ſeinem Bruder Sancho, behauptete die linke Seite, an der Spitze von fünfundzwanzigtau⸗ ſend Mann. Duguesclin hatte mit achtzehntauſend Pferden die Vorhut. Don Enrique ſelbſt endlich behauptete die rechte Seite mit einundzwanzigtauſend Reitern und dreißig⸗ tauſend Fußgängern. 8 Dieſe Armee war ungefähr aufgeſtellt wie die drei Stufen einer Treppe. Dabei befand ſich noch eine Reſerve von gut be⸗ rittenen und von den Grafen d'Aigues und Roquerber⸗ tin befehligten Aragoniern. Dies geſchah am 3. April 1368, und der vorher⸗ gehende Tag war durch Hitze und Staub ſehr angrei⸗ fend geweſen. Der König Enrique ritt auf einem ſchönen ara⸗ goniſchen Maulthier durch die leeren Räume ſeiner Schwadronen, ermuthigte die Einen, lobte die Anderen und ſtellte ihnen beſonders vor, welcher Gefahr ſie preisgegeben wären, wenn ſie lebendig in die Hände des grauſamen Don Pedro fallen würden. Den Connetable, der ſich kalt und entſchloſſen auf ſeinem Poſten hielt, umarmte er und ſprach: „Dieſer Arm gibt mir auf immer die Krone. Warum iſt es nicht die Krone des Weltalls! ich würde ſie Euch als die einzige Eurer würdige anbieten.“ Die Könige finden immer ſolche Worte im Augen⸗ blick der Gefahr. Es iſt nicht zu leugnen, zieht die Gefahr weiter, ſo nimmt ſie dieſelben mit ſich fort, wie es der Wirbel mit dem Staub thut. 6 Dann kniete er auf die kahle Erde nieder, betete zu Gott, und alle Welt ahmte ihm nach. In dieſem Augenblick ſchoſſen die Straylen der auf⸗ gehenden Sonne hinter den Bergen von Navarrete hervor, und die Soldaten erblickten die erſten engliſchen Lanzen auf den Abhängen, von wo ſie langſam ſich auf den . 241 verſchiedenen Plateaux an den Flanken des Gebirges ausbreitend, herabſtiegen. Agenor erkannte unter den erſten Bannern das von Caverley, ſtarrer und ſtolzer, als es im Augenblick des nächtlichen Angriffs geweſen war. Lancaſter und Chan⸗ dos, welche wie unſer Kapitän der Niederlage in der Nacht entkommen waren, befehligten mit ihm um ſo entſchloſſener, als ſie eine furchtbare Genugthuung zu nehmen hatten. Alle drei ſtellten ſich Dugueselin gegenüber auf. Der Prinz von Wales und Don Pedro nahmen ihre Stellung Don Sanche und Don Tellez gegen⸗ üͤber. Der Captal von Buch, Jean Grallly, hatte ſeinen Standpunkt vor König Don Enrique von Transtamare. Statt jeder Ermahnung an ſeine Truppen, vergoß der ſchwarze Prinz, gerührt bei dem Anblick von ſo vielen Tauſenden von Menſchen, die ſich erwürgen ſoll⸗ ten, Thraͤnen und bat Gott, nicht um den Sieg, ſon⸗ dern um jenes Recht, das der Wahlſpruch der Krone von England iſt. Da erſcholl die Trompete. Sogleich fühlte man die Ebene unter dem Huf⸗ 3 ſchlag der Pferde zittern, und ein Geräuſch ähnlich dem zweier einander entgegenrollender Donner toſte in der uft. Die Vorhut auf beiden Seiten, beſtehend aus ent⸗ ſchloſſenen und beſonders erfahrenen Männern, rückte indeſſen nur im Schritt vor. Nach den Pfeilen, von denen die Luft Anfangs verdunkelt wurde, ſprengten die Ritter gegen einander an, kämpften Leib an Leib und ſtillſchweigend; dies war für derenigen Theil des Heeres, der noch nicht handgemein geworden, ein furchtbares und aufregendes Schauſpiel. Der ſchwarze Pring ließ ſich hinreißen wie ein ein⸗ facher Kriegsmann. Der Baſtard von Mauleon, II. 16 242 Er führte im Galopp ſein ganzes Armeecorps gegen Don Tellez.* Dies war die erſte geordnete Schlacht, bei der ſich der junge Mann befand, und er ſah die Leute auf ſich zukommen, die mit den Bretagnern für die erſten Sol⸗ daten der Welt galten. Er bekam bange; er wich zurück. Als ihn ſeine Reiter weichen ſahen, wandten ſie ihre Pferde um, und in einem Augenblick ergriff der ganze linke Flügel die Flucht unter dem Einfluß von einem jener paniſchen Schrecken, deren hinreißende Ge⸗ walt und Schmach die Tapferſten theilen. Als Don Tellez wieder vor den Bretagnern vor⸗ überkam, die, obgleich die Vorhut bildend, ſich nun durch die Bewegung, welche Don Telkez vorrückend gemacht hatte, zurückgeſtellt fanden, beſchleunigte dieſer ſeinen Lauf, indem er den Kopf abwandte. Don Sanche aber begegnete dem verächtlichen Blick des Connetable, und unter dieſem allmächtigen Blick kurz anhaltend, wandte er ſich gegen den Feind um und ließ ſich fangen. Don Pedro, der mit dem Prinzen von Wales in Verfolgung der Flüchtigen begriffen war und dieſen erſten glücklichen Erfolg eifrig zu benützen trachtete, wandte ſich, als er den linken Flügel völlig aufgelöſt ſah, ſogleich gegen ſeinen Bruder Enrique, der muthig gegen den Captal von Buch kämpfte.“ Aber von ſiebentauſend friſchen und durch den Sieg keck gewordenen Lanzen von der Seite angegriffen, wich Enriaue zurück. Mitten unter dem Geräuſch vom Eiſen, das am Eiſen klirrte, von wiehernden Pferden und Streitern, welche vor Wuth brüllten, hörte man den Lönig Don Pedro, dieſen ganzen Lärmen beherrſchend, r. ffen: „Keine Gnade den Rebellen, keine Gnade 1*. Er kämpfte mit einer vergoldeten Art, deren Ver⸗ er⸗ 243 goldung ſchon von der Schneide bis an den Stiel unter dem Blut verſchwunden war. * In ihren letzten Gliedern von Olivier von Cliſſon und dem Sire von Retz angegriffen, welche die Schlacht⸗ ordnung umgangen hatten, war indeſſen die Reſerve niedergeworfen und in die Flucht geſchlagen worden. Nur Dugueselin und ſeine Bretagner waren, wie ſie es verſprochen hatten, nicht einen Schritt zurückge⸗ wichen, und erſchienen in eine unangreifbare Maſſe zu⸗ ſammengedrängt wie ein eherner Felſen, um den ſich, langen gierigen Schlangen ähnlich, die ſiegreichen Heer⸗ haufen rollten. Duguesclin warf einen raſchen Blick auf die Ebene; er erkannte, daß die Schlacht verloren war. Er ſah dreißigtauſend Soldaten in allen Richtungen fliehen; er ſah den Feind uüberall, wo eine Stunde vorher Verbün⸗ dete und Freunde waren. Er begriff, daß man nur noch dem Feind ſo viel als möglich Schaden zufügend ſterben konnte. Nach links ſchauend gewahrte er eine alte Mauer, welche einer zerſtörten Stadt als Wall ge⸗ dient hatte. Zwei Compagnien von Engländern trenn⸗ ten ihn von dieſem Anlehnungspunkte, an welchem man ihn, wenn er ihn einmal erreicht hatte, nur noch von vorne angreifen konnte. Er gab einen Befehl mit ſeiner vollen, ſchallenden Stimme; die zwei engliſchen Compagnien wurden nie⸗ dergehauen, und die Bretagner lehnten ſich an die Mauer an. Hier bildete Bertrand ſeine Linie wieder und ath⸗ mete einen Augenblick. Der Stammler von Villaines und der Marſchall d'Anderhan ſchöpften mit ihm Athem. Agenor, dem ſein Pferd im Treffen getödtet worden war, wartete hinter einem von den Strebepfeilern der Mauer auf ein Pferd, das ihm Muſaron bringen ſollte. Der Connetable benützte dieſen Augenblick, um ſein Helmviſir aufzuſchlagen, ſein von Schweiß und Staub 244 bedecktes Geſicht abzuwiſchen und, ruhig das, was ihm an Menſchen blieb zählend, umherzuſchauen. „Der König,“ fragte er,„iſt er todt? iſt er ge⸗ flohen?“ „Nein, Meſſire,“ antwortete Agenor,„er iſt weder getödtet, noch in der Flucht begriffen; er weicht zurück und kommt zu uns.“ Bedeckt mit dem feindlichen Blute, mit dem ſich das ſeinige vermiſchte, die Krone ſeines Helmes durch einen Artſtreich zerſchmettert, ſtieß Don Enrique, als muthiger Ritter kämpfend, zum Connetable. Keuchend, athemlos, auf den gebogenen Häckſen ſei⸗ nes Pferdes, das nicht einen Augenblick den Feind an⸗ zuſchauen aufgehört hatte, zurückweichend, kam der tapfere König in der That ſachte zu den Bretagnern und lockte zu dieſen treuen Verbündeten die Schaar der Englän⸗ der, welche wie die Raben nach dieſer reichen Beute be⸗ gehrten. Bertrand gab hundert Mann Befehl, Don Enrique zu unterſtützen und ihn frei zu machen. Dieſe hundert Mann ſtürzten ſich auf zehntauſend, öffneten einen Pfad und bildeten um den Prinzen einen Gürtel, in deſſen Mitte er athmen konnte. Doch ſobald er frei war, tauſchte Don Enrique ſein Pferd mit ſeinem Stallmeiſter, warf ſeinen zerſchla⸗ genen Helm von ſich, nahm einen andern aus den Hän⸗ den eines Pagen, verſicherte ſich, daß ſein Schwert immer noch feſt im Griff hielt, und rief, ſtark wie ein zweiter Anteus, dem es genügte, die Erde zu berühren: „Freunde! Ihr habt mich zum Könige gemacht, ſeht, ob ich würdig bin, es zu ſein!“ Und er warf ſich in's Gemenge. Man ſah ihn viermal ſein Schwert erheben, und bei jedem Streich ſah man einen Feind fallen. „Zum König! zum König!“ rief der Connetable; „retten wir den König.“ Es war in der That die höchſte Zeit; die Eng⸗ —- A 245 länder ſchloßen ſich über Don Enrique, wie ſich das Meer über dem Schwimmer ſchließt. Er war nahe daran, gefangen zu werden, als der Connetable an ſeine Seite gelangte. Bertrand nahm ihn beim Arm, warf einige Bre⸗ tagner zwiſchen den König und den Feind, und ſagte: „Genug der Muthes... mehr wäre Tollheit. Die Schlacht iſt verloren, flieht! unſere Sache iſt es, Euren Rückzug deckend, hier zu ſterben.“ Der König weigerte ſich, Bertrand machte ein Zei⸗ chen, und vier Bretagner ergriffen Enrique von Trans⸗ tamare. „Nun aber, Notre⸗Dame⸗Gueselin!“ rief der Conne⸗ table;„auf den Feind! auf den Feind!“ Und ſeine Lanze ſenkend, erwartete er mit dem, was ihm an Leuten blieb, den Angriff von dreißigtau⸗ ſend Reitern, einen furchtbaren Angriff, der ſogar die Mauer, an welcher ſich die kleine Truppe angelehnt hatte, niederſtürzen zu müſſen ſchien. „Hier muß man ſich Fahrewohl ſagen,“ ſprach Muſaron, als er dem Feind den letzten Bolzen zuſandte, der ihm in ſeinem Köcher blieb,„ahl Herr Agenor, ſeht die ſchändlichen Mauren hinter den Engländern.“ „So lebe wohl, mein lieber Muſaron,“ ſprach Age⸗ nor, der wieder ein Pferd beſtiegen und ſeinen Platz unmittelbar neben dem Connetable genommen hatte. Die Menſchenwolke kam brauſend und zum Aus⸗ bruch bereit heran, man ſah nur durch den Staub einen Wald horizontal geſenkter Lanzen vorrücken. Doch plötzlich ſprengte in den noch leeren Raum, auf die Gefahr, zwiſchen den zwei Maſſen zermalmt zu werden, ein Ritter mit ſchwarzer Rüſtung, mit ſchwar⸗ zem Helm, mit ſchwarzer Krone, und in der Hand einen Commandoſtab haltend. „Haltet ein,“ ſprach der ſchwarze Ritter den Arm erhebend,„wer einen Schritt thut, iſt des Todes!“ Man ſah bei dieſer mächtigen Stimme die ange⸗ 246 ſprengten Pferde ſich unter dem Gebiß krümmen, einige berührten ſogar die Erde mit ihren nervigen Häckſen. Nun allein in dem frei gewordenen Raum, be⸗ trachtete der Prinz mit der ihm eigenthümlichen Trau⸗ rigkeit, aus der ihm die Nachwelt eine Glorie gemacht hat, die unerſchrockenen Bretagner, welche in wenigen Viinaten unter der Wucht der Ueberzahl verſchwinden ollten. „Gute Leute,“ ſagte er,„brave Ritter, Ihr ſollt nicht ſo ſterben; ſchaut: ein Gott würde nicht widerſtehen.“ Dann machte er einen Schritt gegen Dugueselin, grüßte ihn und fuhr fort: „Guter Connetable, ich bin der Prinz von Wales und wünſche, daß Ihr lebet; Euer Tod würde eine zu große Leere unter den Tapferen herbeiführen. Ich bitte Euch, gebt mir Euer Schwert.“ Duguesclin war der Mann, der wahre Großmuth begriff; die des Prinzen rührte ihn und er erwiederte: „Das iſt die Sprache eines ehrlichen Ritters, und ſo geſprochen verſtehe ich das Engliſche.“ Und er neigte ſein Schwert. Bei der Stimme ihres Prinzen kamen die Eng⸗ länder mit geſenkter Lanze, ohne Haſt, ohne Zorn heran. Der Connetable nahm ſein Schwert bei der Klinge. Er war im Begriff, es dem Prinzen zu übergeben. Plötzlich erſchien, von Blut bedeckt, ſeine Ruͤſtung an zehn Stellen verbogen, Don Pedro auf ſeinem ſchäumenden Pferde. Er hatte die Fliehenden verlaſſen, um zu denen zu eilen, welche noch Widerſtand leiſteten. „Wie!“ rief er, haſtig gegen den Connetable rei⸗ tend, den Seinigen zu,„wie, Ihr verſchont dieſe Leute? Wir werden nie Herren ſein, ſo lange ſie leben. Keine Gnadel ſchlagt ſie todt! ſchlagt ſie todt.“ „Ahl dieſer iſt ein unvernünftiges Thier und wie ein ſolches ſoll er auch ſterben,“ rief Duguesclin. Dann, als der Prinz auf ihn losſtürzte, hob er ſein 247 Schwert bei der Klinge auf und führte mit dem eiſernen Griff einen ſolchen Streich auf den Kopf von Don Pedro, daß dieſer, ſich biegend unter dem Schlag, der einen Stier niedergeſchmettert hätte, betäubt, halb todt, auf das Kreuz ſeines Pferdes fiel. Duguesclin erhob ſeinen furchtbaren Dreſchflegel wieder. Doch indem er ſeinerſeits dem Prinzen entgegen⸗ ſtürzte, ließ er einen leeren Raum hinter ſich; zwei Engländer drangen hier ein, und während er beide Arme in die Höhe hob, packte ihn Einer beim Helm, der Andere mitten um den Leib. Derjenige, welcher ihn beim Helm hielt, zog ihn rückwärts, der, welcher ihn um den Leib hielt, ſuchte ihn aus dem Sattel zu lüpfen. „Meſſire Connetable,“ riefen Beide,„ergebt Euch, oder Ihr ſeid des Todes.“ Bertrand ſchaute empor, und ſtark wie ein wilder Stier, ſchleuderte er den Engländer, der ihn am Helm gepackt hatte, aus dem Sattel, während er die Spitze ſeines Schwertes an das Halsſtück des Englän⸗ ders, welcher ihn um den Leib hielt, drückte und ihm, die Drohung mit dem Blut erſtickend, die Kehle durchſtieß. Doch hundert andere Engländer ſtürzten ſich auf ihn, bereit, jeder einen Schlag auf den Rieſen zu führen. „Horcht auf,“ rief der ſchwarze Prinz mit ſeiner Donnerſtimme,„wer wagt es, ihn mit einem Finger zu berühren!“ Sogleich machten die Hitzigſten einen Schritt rück⸗ wärts, und Duguesclin fand ſich frei. „Genug, mein Prinz,“ ſagte er, pich bin Euch mein Schwert zweimal ſchuldig, Ihr ſeid der groß⸗ müthigſte Sieger der Welt.“ Und er reichte dem Prinzen ſeinen Degen. Agenor bot den ſeinigen dar. „Seid Ihr ein Narr?“ ſprach Bertrand;„Ihr 248 habt ein gutes friſches Pferd zwiſchen den Beinen. Flieht, erreicht Frankreich, ſagt dem guten König Karl, ich ſei Gefangener; und wenn er nichts für mich thun will, ſucht meinen Bruder Olivier auf, er wird handeln.“ „Aber, Monſeigneur...“ entgegnete Agenor. „Man gibt nicht auf Euch Acht, geht, geht, ich will es.“ „Geſchwinde! geſchwinde!“ ſprach Muſaron, dem nichts erwünſchter war, als ausreißen zu können.„Be⸗ nützen wir den Umſtand, daß wir klein ſind... wir werden groß zurückkommen.“ Der Stammler von Villaines, der Marſchall, die großen Kapitäne wurden in der That von den Eng⸗ ländern ſtreitig gemacht. Agenor ſchlüpfte zwiſchen ihnen durch, Muſaron folgte ſeinem Herrn, Beide ſetz⸗ ten ihre Pferde in Galopp und jagten unter einem Hagel von Pfeilen davon, mit dem ſie, jedoch zu ſpät, Caverley und Mothril begrüßten. Vierundvierzigſtes Kapitel. Nach der Schlacht. Es wurde an dieſem Tag eine beträchtliche Anzahl von Gefangenen gemacht. Die Sieger zählten und addirten die Menſchen, wie man die mit Aufſchriften verſehenen Geldſäcke zählt. Nebſt Caverley und dem Grünen Ritter zeichneten ſich einige franzöſiſche Abenteurer bei dieſem lobens⸗ werthen Geſchäft aus, das darin beſtand, daß man den 249 Gefangenen auskleidete, nachdem man ſorgfältig vom Schreiber ſeinen Namen, ſeinen Vornamen, ſeine Titel und ſeinen Rang hatte außzeichnen laſſen. 3 Die Sieger machten ihre Looſe aus den Gefangenen. Duguesclin war bei dem Loos des Prinzen von Wales. Dieſer Prinz gab ihn dem Captal von Buch zur Bewachung. Jean von Crailly näherte ſich Bertrand, nahm ihn bei der Hand, und fing damit an, daß er ihm ganz artig den Panzerhandſchuh auszog, wornach ſeine Knap⸗ ven den Connetable der verſchiedenen Stücke ſeiner Rüſtung entkleideten. Bertrand ließ ruhig gewähren; er zählte wieder und wieder ſeine Freunde und ſeufzte, ſo oft einer bei dieſem ſtillſchweigenden Aufruf fehlte. „Braver Connetable,“ ſagte Crailly zu ihm,„Ihr habt mich bei Cocherel gefangen genommen; ſeht, wie das Glück unbeſtändig iſt, heute ſeid Ihr mein Ge⸗ fangener.“ 9 4 „Ohl oh!“ erwiederte Bertrand,„Ihr täuſcht Euch, Herr: bei Cocherel nahm ich Euch gefangen; bei Navarrete bewacht Ihr mich; Ihr waret mein Gefangener bei Cocherel; bei Navarrete ſeid Ihr mein Wächter.“ Jean von Crailly erröthete; doch ſo groß war die Ehrfurcht, die man in jener Zeit dem Unglück zuge⸗ ſtand, daß er es vorzog, nichts zu antworten. Duguesclin ſetzte ſich an den Rand eines Grabens und forderte den Stammler von Villaines, Andrehan und die Andern auf, ſich ihm zu nähern. Denn der Prinz von Wales hatte ſeine Trompeter blaſen laſſen und ſeine Soldaten verſammelt. „Man wird beten,“ ſprach der Connetable.„Seine Hoheit iſt ein tapferer und ſehr frommer Prinz. Beten wir auch, wir Andern.“ „Um Gott dafür zu danken, daß er Euch gerettet hat?“ fragte der Stammler von Villaines. 250 „Um Wiedervergeltung von ihm zu erflehen!“ er⸗ wiederte Bertrand. Der Prinz von Wales, nachdem er auf den Knieen dem Herrn für dieſen großen Sieg gedankt hatte, rief Don Pedro, der mit wilden Blicken umherſchaute und, in eine finſtere Betrachtung verſunken, nicht einen Au⸗ genblick das Knie gebeugt hatte. „Ihr ſeid nun Sieger,“ ſprach der ſchwarze Prinz, „und dennoch habt Ihr eine Schlacht verloren.“ „Wie ſo?“ fragte Don Pedro. „Ein Koͤnig iſt beſiegt, der ſeine Krone nur da⸗ durch wiedererlangt, daß er das Blut ſeiner Unter⸗ thanen vergießt.“ „Das Blut von Rebellen!“ rief Don Pedro. „Hat ſie Gott nicht dafür beſtraft, daß ſie von Euch abgefallen ſind? Sire, fürchtet Euch, daß er Euch nicht wie ſie beſtraft, wenn Ihr diejenigen verlaßt, welche er Euch anvertraut.“ „Hoher Herr!“ murmelte Don Pedro ſich verbeu⸗ gend,„ich habe Euch meine Krone zu verdanken; doch ich bitte,“ fügte er vor Zorn und Scham erbleichend bei,„ſeid nicht unbarmherziger, als der Allmächtige... Schlagt nicht mich, der ich Euch danke.“ 2 Er beugte das Knie. Der Prinz Eduard hob ihn wieder auf und ſprach: „Dankt Gott, mir ſeid Ihr nichts ſchuldig.“ 4 Dann wandte ihm der Prinz den Rücken zu und kehrte in ſein Zelt zurück, um etwas Speiſe zu ſich zu nehmen. „Kinder!“ rief Don Pedro, der endlich ſeiner wil⸗ den Gier die Zügel ſchießen ließ,„kleidet die Todten aus, Euch gehört die ganze Beute des Tages.“ Und er ſchwang ſich auf ein friſches Roß, jagte zuerſt nach der Ebene, betrachtete aufmerkſam jeden Haufen von Leichnamen und wandte ſich vorzugsweiſe nach dem Ufer des Fluſſes, an die Stelle, wo Don 251 Enrique von Transtamare mit dem Captal von Buch gekämpft hatte. Sobald er hier war, ſtieg er ab, ſteckte einen ſcharfen langen Dolch in ſeinen Gürtel und ſuchte ſchweig⸗ ſam, mit den Füßen im Blute watend. „Ihr ſeid ſicher, daß Ihr ihn habt fallen ſehen?“ fragte er endlich Crailly. „Ich bin deſſen ſicher,“ antwortete der Captal; „von einer Art getroffen, die mein Knappe mit einer Geſchicklichkeit ohne Gleichen ſchleudert, ſtürzte ſein Pferd zuſammen.“ „Doch er, doch er?“ „Er verſchwand unter einer Wolke von Pfeilen. Ich habe Blut an ſeinen Waffen geſehen und ein gan⸗ zer Berg erſchlagener Leute rollte über ihn und be⸗ grub ihn.“ „Gut! gut!.. Suchen wir...“ erwiederte Don Pedro mit einer wilden Freude.„Ahl dort ſehe ich einen goldenen Helmſchmuck!“ Und mit der Behendigkeit eines Tigers ſprang er auf die Leichname und zerrte diejenigen, welche den Ritter mit dem goldenen Helmſchmuck bedeckten, auf die Seite. Die Hand zitternd, das Auge erweitert, hob er das Helmviſir auf. „Sein Schildknappe!“ ſagte er,„nur ſein Schild⸗ knappe!“= „Doch das ſind die Waffen des Prinzen“ entgeg⸗ nete Crailly;„allerdings iſt keine Krone auf dem Helm.“ „piſt! Liſt! der Feige wird dem Schildknappen ſeine Waffen gegeben haben, um beſſer fliehen zu kön⸗ nen... Doch ich hatte Alles vorhergeſehen; ich habe die Ebene umſchließen laſſen, ſo daß er nicht über den Fluß ſetzen konnte... Ah! dort bringen mir meine getreuen Mauren Gefangene, ſicherlich befindet er ſich unter ihnen.“ „Sucht immerhin unter den anderen Leichnamen, 25² und fünfhundert Piaſter demjenigen, der ihn leben⸗ dig bringt,“ ſagte Crailly zu den Soldaten, welche mit verdoppeltem Eifer ſuchten. „Und tauſend Dukaten dem, der ihn todt findet,“ fügte Don Pedro bei.„Wir gehen den Gefangenen entgegen, die Mothril bringt.“ Don Pedro ſtieg wieder zu Pferd und ſprengte, ge⸗ folgt von zahlreichen Reitern, welche die Scene, die ſich vorbereitete, zu ſehen begierig waren, nach den Grenzen der Ebene, wo man einen Cordon von Mau⸗ ren in weißen Kleidern eine Truppe von Flüchtlingen, die ſie in der Ferne zuſammengebracht, vor ſich her⸗ treiben ſah. „Ich glaube ihn zu ſehen! ich glaube ihn zu ſehen!“ brüllte Don Pedro, ſein Pferd zu raſcherem Lauf an⸗ ſpornend. Er ſchrie ſo, während er an den bretagniſchen Ge⸗ fangenen vorüberritt. Duguesclin hoͤrte es, ſtand auf, befragte mit durchdringendem Auge die Ebene und rief: „Ah! mein Gott, welch ein Unglück!“ Dieſe Worte erſchienen Don Pedro als die Beſtä⸗ tigung des von ihm gehofften Glücks. Er wollte, um dieſes Glücks ſich noch mehr zu erfreuen, den Connetable damit niederbeugen, das heißt, zugleich ſeine zwei mächtigſten Feinde den einen durch den andern ſchlagen. „Bleiben wir,“ ſagte er.„Ihr, Seneſchal, be⸗ fehlt Mothril, mit ſeinen Gefangenen hierherzukommen hier vor das Angeſicht dieſer edlen bretagniſchen Herren, der getreuen Freunde des Thronräubers, des Beſiegten!... der Streiter für eine Sache, bei der ſie in keiner Beziehung betheiligt waren, und der ſie auch den Triumph nicht zu verſchaffen wußten,“ Dieſem Hohn, dieſer eines Mannes unwürdigen, rachſüchtigen Wuth ſetzte der bretagniſche Held nicht einmal eine Antwort entgegen, welche hätte vermuthen laſſen, er habe gehört. 253 Er ſaß, er blieb ſitzen, und plauderte gleichgültig mit dem Marſchall d'Andrehan. Don Pedro war indeſſen abgeſtiegen, er ſtützte ſich auf eine lange Art, preßte krampfhaft den Griff ſeines Dolches und ſchüttelte den Fuß mit einer Ungeduld, als hätte er die Ankunft von Mothril und ſeinen Ge⸗ fangenen dadurch beſchleunigen koͤnnen. Sobald ſich ſeine Stimme aus der Ferne hörbar machen konnte, rief der König Mothril zu: „Nun! mein braver Saracen, nun, mein muthi⸗ ger weißer Falke, welches Wild bringſt Du mir?“ „Ein gutes Wild, Hoheit,“ erwiederte der Maure, „ſeht dieſes Banner.“ Er hielt in der That um ſeinen Arm geſchlungen ein Stück Goldſtoff, worauf das Wappen von Trans⸗ tamare geſtickt war. „Er iſt es alſo,“ rief Don Pedro, außer ſich vor Freude,„er iſt es!“ 8 Und ſeine Geberde drohte und bezeichnete einen von Kopf bis zu Fuß gewappneten Ritter, mit einer Krone auf dem Haupt, doch ohne Schwert, ohne Lanze, vielfach gefeſſelt durch eine ſeidene Schnur, an deren beiden Enden eine ſchwere bleierne Kugel hing. „Er floh,“ ſprach Mothril,„ich ſandte ihm zwanzig Reiter der Wüſte nach; mein Anführer der Bogenſchützen erhielt den Todesſtoß; doch ein Anderer umſchlang ihn mit den Knoten des Strickes, er fiel mit ſeinem Pferde, und wir haben ihn. Er hielt ſein Banner in der Hand. Leider iſt uns einer ſeiner Freunde entkommen, während er allein Widerſtand leiſtete.“ „Nieder mit der Krone, nieder!“ rief Don Pedro, ſeine Art ſchwingend. Ein Bogenſchütze näherte ſich dem Gefangenen, durchſchnitt die Knoten des Halsſtückes und ſchlug mit roher Fauſt den Helm mit der goldenen Krone von ſei⸗ nem Haupt. Ein Schrei des Schreckens, der Wuth, kam aus 254 dem Mund des Königs; ein Schrei ungeheurer Freude brach aus der Gruppe der Bretagner hervor. „Der Baſtard von Mauleon!“ riefen dieſe,„Heil! Heil!“ „Der Botſchafter!... Fluch!“ murmelte Don Pedro. „Der Franke!“ ſtammelte Mothril grimmig. „Ich!“ ſagte einfach Agenor, indem er mit dem Blick Bertrand und ſeine Freunde begrüßte. „Wir!“ ſprach ein wenig bleich Muſaron, der je⸗ ochenehts und links Fußtritte an die Mauren aus⸗ theilte. d. „Er iſt alſo gerettet?“ fragte Don Pedro. „Mein Gott! ja, Sire,“ erwiederte Agenor.„Ich habe hinter einem Gebüſch den Helm Seiner Majeſtät genommen und ihr mein friſches Pferd gegeben.“ „Du wirſt ſterben!“ brüllte Don Pedro durch die Wuth verblendet. „Berührt ihn doch!“ rief Bertrand, der einen furchtbaren Sprung machte und ſich zwiſchen Agenor und Don Pedro ſtellte.„Einen wehrloſen Gefangenen tödten! ohl Ihr ſeid wohl feig genug hiezu 42 „Dann ſollſt Du ſterben, elender Abenteurer,“ ſprach Don Pedro zitternd und mit ſchäumendem Mund. 8* Und er ſtürzte, ſeinen Dolch ſchwingend, auf Ber: trand los, der die Fauſt ſchloß, als wollte er ei Ochſen niederſchmettern. 5 Doch es legte ſich eine Hand auf die Schulter v Don Pedro, ähnlich der Hand von Minerva, wie im Homer den Achill bei den Haaren faßee. „Haltet ein!“ ſptach der Prinz von Wales,„Ihr entehrt Euch, König von Caſtilien! Haltet ein und werft den Dolch von Euch, ich will es!“— Sein nerviger Arm hatte Don Pedro auf den Platz gebannt, der Stahl entſchlüpfte den Händen des Möͤrders. „Verkauft ihn wenigſtens an mich!“ ſchrie der 4 der P 25⁵ Wüthende,„ich bezahle Euch für ihn ſein Gewicht in Gold.“ „Ihr beleidigt mich!“... erwiederte der ſchwarze Prinz.„Nehmt Euch in Acht, ich bin der Mann, Euch für Duguesclin ſein Gewicht in Edelſteinen zu bezahlen, wenn er Euch gehörte, und Ihr würdet ihn an mich verkaufen, davon bin ich überzeugt. Doch er gehöͤrt mir, erinnert Euch deſſen! Zurück!“— „König,“ murmelte Duguesclin, den man nur mit Mühe bändigen konnte,„ſchlimmer König! der Du Deine Gefangenen niedermetzelſt, wir werden uns wieder⸗ finden!“ „Ich glaube es,“ ſprach Don Pedro. „Ich rechne darauf,“ rief Bertrand. „Führt den Connetable von Frankreich ſogleich in mein Zelt,“ ſprach der ſchwarze Prinz. „Noch einen Augenblick Geduld, mein würdiger Prinz, der König würde bei dem Baſtard von Mauleon bleiben und ihn erwürgen.“ „Ohl ich ſage nicht nein,“ erwiederte Don Pedro mit einem wilden Lächeln,„doch dieſer, denke ich, gehört wohl mir?“ Duguesclin bebte; er ſchaute den Prinzen von Wales an. „Sire,“ ſagte der Prinz Don Pedro,„es ſoll an dieſem Tag nicht ein einziger Gefangener getödtet werden.“ „An dieſem Tag, gut,“ rief Don Pedro und ſchleuderte Mothril einen Blick des Einverſtändniſſes zu. „Es iſt ein zu ſchöner Siegestag, nicht wahr?“ fuhr der Prinz von Wales fort. „Ganz gewiß, hoher Herr.“ „Und Ihr werdet wohl etwas für mich thun?“ Don Pedro verbeugte ſich. „Ich bitte Euch um dieſen jungen Mann,“ ſagte rinz. Ein tiefes Stillſchweigen begleitete dieſe Worte, 256 worauf Don Pedro, bleich vor Zorn, nicht ſogleich etwas erwiederte. 3 „Ohl mein Prinz,“ ſagte er dann,„Ihr laßt mich fühlen, daß Ihr der Herr ſeid... Ich ſoll meine Rache verlieren!...“ „Wenn ich der Herr bin, ſo befehle ich,“ rief ent⸗ rüſtet der ſchwarze Prinz,„man löſe die Bande dieſes Ritters, man gebe ihm ſeine Waffen, ſein Pferd zurück.“ „Heil! Heil dem guten Prinzen von Wales!“ riefen die bretagniſchen Ritter. „Löſegeld wenigſtens,“ ſprach Mothril, um Zeit zu gewinnen. Der Prinz warf einen ſchiefen Blick auf den Mauren und fragte mit Ekel: „Wie viel?“ Der Maure antwortete nichts. Der Prinz machte von ſeiner Bruſt ein Diamant⸗ kreuz los, reichte es Mothril und rief: „Nimm, Ungläubiger!“ Erſchrocken, beugte Mothril das Haupt und mur⸗ melte ganz leiſe den Namen des Propheten. „Ihr ſeid frei, Herr Ritter,“ ſprach der Prinz zu Mauleon.„Frei werdet Ihr nach Frankreich zurück⸗ kehren und dort verkündigen: zufrieden, die Ehre ge⸗ habt zu haben, durch Gewalt eine Zeit lang den furcht⸗ barſten Ritter der Welt zu beſitzen, werde der Prinz von Wales Bertrand Dugueselin nach dem Feldzug zurück⸗ ſchicken, und zwar ohne Löſegeld zurückſchicken.“ „Almoſen, dieſen franzöſiſchen Bettlern 1“ murmelte Don Pedro. Bertrand hörte es und ſprach zum Prinzen: „Hoher Herr, ſeid nicht großmüthig gegen mich, Eure Freunde würden mich erröthen machen. Ich ge⸗ höre einem Herrn, der mein Löſegeld zehnmal bezahlen würde, wenn ich mich zehnmal gefangen nehmen ließe, und wenn ich jedesmal meinen Werth zu dem eines Königs ſchätzte.“ +₰——— A——,— 28 257 „So beſtimmt ſelbſt Euer Löſegeld,“ ſagte der Prinz mit freundlichem Ton. Bertrand dachte einen Augenblick nach und er⸗ wiederte: „Sire, ich bin ſiebenzigtauſend Goldgulden werth.“ „Gott ſei gelobt,“ rief Don Pedro,„der Hochmuth ſtürzt ihn in's Verderben! Es findet ſich in Frankreich nicht die Hälfte von dieſer Summe bei König Karl V.“ „Das iſt möglich,“ entgegnete Bertrand,„doch da der Ritter von Mauleon nach Frankreich zurückkehrt, ſo wird er wohl die Güte haben, die Bretagne zu durch⸗ ziehen und in jedem Dorf und auf jeder Straße die Worte auszurufen:„„Bertrand Duguesclin iſt Gefange⸗ ner der Engländer!— Spinnt, Ihr Weiber von Bre⸗ tagne, er erwartet von Euch ſein Löſegeld!““ „Bei Gott! das werde ich thun!“ rief Mauleon. „Und Ihr werdet die Summe Seiner Hoheit brin⸗ gen, ehe ich Zeit gehabt habe, mich hier zu langwei⸗ len,“ ſagte Bertrand,„was ich indeſſen, und ſollte auch meine Gefangenſchaft mein ganzes Leben dauern, nicht glaube, da ich mich in Geſellſchaft eines ſo hoch⸗ herzigen Prinzen befndes Der Prinz reichte Bertrand die Hand. „Ritter,“ ſprach er zu Mauleon, der, frei gewor⸗ den, ſich ganz glücklich fühlte, daß er ſein Schwert wieder in der Hand hielt,„Ihr habt Euch an dieſem Tag wie ein redlicher Soldat benommen. Ihr entzieht uns den großen Gewinn der Schlacht dadurch, daß Ihr Enrique von Transtamare gerettet; doch wir grollen Euch nicht, daß Ihr uns neue Bahnen zum Kampf eröffnet. Nehmt dieſe goldene Kette und dieſes Kreuz, das der Ungläubige nicht haben wollte.“ Er ſah Don Pedro leiſe mit Mothril ſprechen und dieſen mit einem Lächeln antworten, deſſen Bedeutung Dugueselin zu fürchten ſchien. „Niemand rühre ſich,“ rief der Prinz.„Ich be⸗ Der Baſtard von Mauleon. I. 17 258 ſtrafe Jeden mit dem Tod, der den Umkreis meines Lagers überſchreitet... wäre er ein Anführer, wäre er ein Prinz, wäre er der König. Chandos“, fügte er bei,„Ihr ſeid der Connetable von England, und als braver Rittersmann werdet Ihr den Sire von Mauleon bis zur erſten Stadt führen und ihm den nöthigen Geleitsbrief geben.“ Abermals niedergeſchmettert durch dieſe verſtändige, beharrliche Auslegung ſeiner gehäſſigen Complotte ſchaute Mothril ſeinen Gebieter mit wehmüthigem Auge an. Don Pedro war von der Höhe ſeiner Siegesfreude herabgefallen; er konnte ſich nicht mehr rächen. Agenor ſenkte ein Knie vor dem Prinzen von Wa⸗ les auf die Erde und wollte dann Dugueselin die Hand küſſen, doch dieſer ſchloß ihn in ſeine Arme und ſagte ihm ganz leiſe: „Meldet dem König, unſere Freſſer haben ſich über⸗ laden; ſie gehen ein wenig ſchlafen, und wenn er mir mein Löſegeld ſchicke, werde ich ihn dahin führen, wohin ich es ihm verſprochen habe. Heißt meine Frau unſer letztes Grundſtück veräußern, damit ich viele Bretagner loskaufen kann.“ Gerührt ſtieg Agenor zu Pferde, nahm von ſeinen Gefährten Abſchied und brach auf.— Muſaron brummelte: „Wer mir geſagt hätte, ich würde einen Engländer mehr lieben, als einen Mauren!“ 4 8228 x⏑̈ᷣ 259 Fünfundvierzigſtes Kapitel. — Allianzvertrag. Zu gleicher Zeit, da ſich der Sieg zu Gunſten von Don Pedro entſchied, da Duguesclin in die Hände des Feindes ſiel und Mauleon auf die Ermahnung des Con⸗ netable das Schlachtfeld verließ, wohin er mit dem Helm und dem Mantel von König Enrique zurückge⸗ bracht werden ſollte, verließ ein Eilbote daſſelbe Schlacht⸗ feld und wandte ſich nach dem Dorfe Cuello. In einer Entfernung von hundert Schritten von einander warteten hier zwei Frauen, die eine in einer Sänfte, mit einem Geleite von Arabern, die andere auf einem andaluſiſchen Maulthier reitend, mit einem Gefolge caſtilianiſcher Ritter, unter allen Beklemmungen der Furcht und der Hoffnung. Dona Maria befürchtete, der Verluſt der Schlacht könnte den Ruin der Angelegenheiten von Don Pedro und für ſie den Verluſt der Freiheit zur Folge haben. Aiſſa wünſchte, irgend ein Ereigniß, Sieg oder Niederlage, möchte ihren Geliebten zu ihr zurückführen. Ihr lag wenig an dem Sturz von Don Pedro oder der Erhebung von Enrique, wenn ſie nur hinter dem Sarge des Einen oder dem Triumphwagen des Andern Agenor erſcheinen ſah.. Die zwei Frauen begegneten ſich ſo eines Abends mit dieſem doppelten Schmerz. Maria war mehr als unruhig, ſie war eiferſüchtig. Sie wußte, daß Mo⸗ thril als Sieger ſich nur noch mit den Vergnügungen des Königs zu beſchäftigen haben würde. Sie hatte ſeine ganze Politik errathen, und Aiſſa hatte in ihrer Einfalt dieſen inſtinctartigen Verdacht beſtätigt. 260 So gut dieſe von zwanzig getreuen Sklaven von Mothril bewacht wurde, und obgleich ſie der Maure ſeiner Gewohnheit gemäß in ſeiner Sänfte eingeſchloſſen hatte, verlor ſte Maria doch nicht aus dem Blick. Der Maure, der dieſen koſtbaren Schatz nicht den Gefahren des Kampfes und der Rohheit der engliſchen Hülfstruppen ausſetzen wollte, hatte die Sänfte in dem Dorf Cuello zurückgelaſſen, das aus zwanzig Hütten beſtand und ungefähr zwei Meilen von dem Schlachtfeld von Navarrete entfernt war. Er hatte ſeinen Sklaven ſtrenge Befehle gegeben. 4 Einmal ſollten ſie auf ihn warten und die ſorg⸗ fältig geſchloſſene Säͤnfte nur ihm öffnen. 5 Für den Fall, daß er nicht zurückkäme, daß er im Kampf getödtet würde, hatte er andere ſcharfe Be⸗ fehle ertheilt, wie man ſpäter ſehen wird. Aiſſa erwartete alſo den Ausgang der Schlacht im Dorfe Cuello. Als Don Pedro von Soria ausmarſchirte, ließ er Maria wohl bewacht zurück. Sie ſollte auf Nachricht von ihm warten; Maria hatte eine große Summe an Geld und Sdelſteine, und Don Pedro vertraute ſo ſehr dieſer ergebenen Liebe, daß er wußte, im Falle eines Umſchlags würde ihm Maria redlicher zugethan ſein, als im Glück. Doch Maria wollte nicht die Qual gewöhnlicher Frauen, die Eiferſucht, ausſtehen! Sie hatte den Grund⸗ ſatz, es ſei beſſer, ein Unglück zu berühren, als einen Verrath nicht zu wiſſen. Sie mißtraute Mothril, ſie fürchtete die Schwäche von Don Pedro, ſie wußte, daß Cuello in zu geringer Entfernung von Navarrete lag. Sie nahm ſechs Knappen und zwanzig Reiſige, welche mehr Frhunde als Diener waren, beſtieg ein ausgeſuchtes aragoniſches Maulthier, und lagerte ſich, ohne daß man etwas davon erfuhr, am Fuße eines Hügels, hinter welchem die Gehände von Cuello ſich erhoben. 8 261 Wenn ſie auf den Hügel ſtieg, ſah ſie die Schaa⸗ ren der zwei Heere vorrücken; ſie hätte den Kampf ſehen können, aber es gebrach ihr an Muth dazu we⸗ gen der Wichtigkeit der Ereigniſſe. Hier hatte ſie Aiſſa getroffen. Sie hatte auf das Schlachtfeld einen verſtändigen Eilboten geſchickt, und ſie erwartete ihn in geringer Entfernung von Aiſſa, welche die auf dem Graſe lie⸗ genden Sklaven bewachten. Dieſer Eilbote kam an. Er meldete das Gewinnen der Schlacht. Als ein Kriegsmann und einer der Käm⸗ merlinge des Palaſtes von Don Pedro, kannte er die vornehmſten Ritter der feindlichen Armee. Er hatte Mauleon geſehen, als dieſer in feierlicher Audienz in Soria empfangen wurde. Ueberdies hatte ihm Maria Agenor genau bezeichnet, und er war dabei an dem Balken erkennbar, der auf ſeinem Schilde einen rothen Löwen in vier Felder theilte. Er meldete alſo, Enrique von Transtamare ſei be⸗ ſiegt, Mauleon auf der Flucht begriffen, und Dugues⸗ elin gefangen genommen. Während dieſe Nachricht bei Maria Padilla alle Wünſche des Ehrgeizes und des Stolzes erfüllte, er⸗ weckte ſie in ihrem Geiſt alle Befürchtungen der Eifer⸗ ſucht. Don Pedro ſiegreich, wieder auf dem Thron be⸗ feſtigt, war in der That der Traum ihrer Liebe und ihres Stolzes; aber Don Pedro glücklich, beneidet, den Verſuchungen von Mothril ausgeſetzt, war das Geſpenſt dieſer ſo unglücklichen, ſo ergebenen Liebe. Maria faßte ihren Entſchluß mit der Kühnheit, die ſie charakterifirte. Sie befahl den Reiſigen, ihr zu folgen, und ritt den Berg hinab, indem ſie ſich mit ihrem Boten be⸗ ſprach. „Ihr ſagt, der Baſtard von Mauleon ſei geflohen?“ fragte ſie. 262 „Ja wohl, edle Frau, wie der Löwe flieht, unter einem Hagel von Pfeilen.“ Der Bote ſprach von der erſten Flucht von Mau⸗ leon, denn er hatte ſich ſchon entfernt, als man den Baſtard in der Rüſtung von Enrique zurückbrachte. „Wohin denkt man, daß er gegangen ſei?“ „Nach Frankreich, wie der entwichene Vogel nach ſeinem Neſte flieht.“ „In der That,“ dachte ſie.„Ritter, wie viel Tage⸗ reiſen rechnet man von hier nach Frankreich?“ „Zwölf, Senora, für eine Dame wie Ihr.“ „Doch um nicht eingeholt zu werden, wenn man beicht⸗ wie der Baſtard von Mauleon, zum Bei⸗ piel?“ „Ohl hohe Frau, in drei Tagen würde man dem erbittertſten Feinde trotzen. Uebrigens verfolgt man den jungen Mann nicht, da man den Connetable hat.“ „Aber was iſt aus Mothril geworden?“ „Er hat den Befehl erhalten, die Ebene zu um⸗ ſchließen und das Entkommen der Flüchtlinge, beſonders das von Enrique von Transtamare, wenn er noch lebt, zu verhindern.“— „Er wird ſich alſo nicht mehr um Mauleon be⸗ kümmern,“ dachte ſie.„Folgt mir, Ritter.“ Sie begab ſich zur Sänfte von Aiſſa; doch als ihre Truppe in die Nähe der mauriſchen Wächter kam, erhoben ſich dieſe aus dem Graſe, in dem ſie in einem nachläſſigen Halbſchlummer ausgeſtreckt lagen. „Hollah!“ rief Maria,„wer befehligt hier?“ „Ich, Senora,“ antwortete der Führer, der an dem Purpur ſeines Turbans und an ſeinam flatternden Gürtel erkenntlich war. 3 „Ich will mit der jungen Frau ſprechen, die in dieſer Sänfte verborgen iſt.“ „Unmöglich, Senora,“ erwiederte lakoniſch der An⸗ führer. „Ihr kennt mich vielleicht nicht?“ 263 „Oh! doch,“ ſagte der Maure lächelnd,„Ihr ſeid Dona Maria Padilla.“ „Ihr müßt alſo wiſſen, daß ich durch den König Don Pedro alle Gewalt habe?“ „Ueber die Leute von König Don Pedro,“ entgeg⸗ nete der Maure mit ernſtem Tone,„nicht über die des Saracenen Mothril.“. Dona Maria ſah mit Bangen dieſen Anfang eines Widerſtandes. „Habt Ihr denn entgegengeſetzte Befehle?“ fragte ſie ſanft. „Ich habe, Senora.“ „Nennt ſie mir wenigſtens.“ „Jeder Andern, Senora, würde ich mich weigern, den Befehl zu nennen; doch Euch, der Allmächtigen, werde ich ihn ſagen. Iſt die Schlacht verloren, und der edle Herr Mothril zögert zu kommen, ſo ſoll ich Aiſſa nur ihm allein übergeben; ich habe mich folglich mit meiner Truppe zurückzuziehen.“ „Die Schlacht iſt gewonnen,“ ſagte Dona Maria. „Dann wird Mothril kommen.“ „Wenn er todt iſt?“ 7 „So muß ich Dona Aiſſa zu König Don Pedro führen,“ antwortete der Maure mit unſtoͤrbarem Weſen; „es wird doch das Wenigſte ſein, daß ſich Don Pedro zum Vormund der Tochter des Mannes macht, der für ihn geſtorben iſt.“ Maria bebte. „Aber er lebt, er wird kommen, und mittlerweile kann ich doch wohl zwei Worte mit Dona Aiſſa reden. Verſteht Ihr mich, Senora?“ fragte ſie. „Hohe Frau,“ ſprach raſch der Anführer, indem er ſich der Sänfte näherte,„zwingt die Senora nicht, mit Euch zu reden, denn ich habe für dieſen Fall einen furchtbaren Befehl.“ 8 „Welchen?“ „Ich muß ſie mit eigener Hand tödten, ſollte eine * 264 Verbindung zwiſchen ihr und einem Fremden die Ehre meines Herrn beflecken und ſeinem Willen entgegen⸗ treten.“ 1 Dona Maria wich erſchrocken zurück. Sie kannte die Sitten des Landes und des Volks, wilde, unerbitt⸗ liche Sitten, dumpfe Vollſtreckerinnen jedes höheren Willens, in deſſen Dienſt ſie ſich mit der Hitze des Bluts und der Brutalität des Klimas ſtellen. Sie kehrte zu ihrem Ritter zurück, der ſie, die Lanze in der Fauſt, mit ſeinen andern Reiſigen erwar⸗ tete, welche unbeweglich wie eherne Bildſaͤulen auf ihren Pferden ſaßen. „Ich müßte dieſe Sänfte haben,“ ſagte ſie;„doch ſie iſt gut vertheidigt, und der Anführer der Mauren droht die unter den Vorhängen verborgene Frau zu tödten, ſollte man ſich ihr nähern.“ Der Ritter war ein Caſtilianer, das heißt ein Mann voll Einbildungskraft und Galanterie; er beſaß den erfindenden Geiſt, den unternehmenden Muth und die vollziehende Stärke. „Senora,“ ſagte er,„dieſer Burſche mit gelbem Geſicht macht mich lachen; ich verarge es ihm, daß er Euch erſchreckt hat. Er bedenkt alſo nicht, daß er, wenmt ich ihn an die Sänfte nageln würde, die Dame, die ſie enthält, nicht tödten könnte!“ „Oh! dieſen Menſchen tödten, der ſeinem Befehl gehorcht!“ „Seht, wie er gut Wache hält; er läßt ſeine Ge⸗ fährten zu den Waffen greifen!“ Dieſe Worte wurden in reinem Caſtilianiſch ge⸗ ſprochen. 3 Die Mauren ſchauten mit aufgeriſſenen, erſtaunten Augen, denn wenn ſie auch das Arabiſche verſtanden, das Dona Maria mit ihnen geſprochen, wenn ſie auch die furchtbaren Geberden der Ritter begriffen, ſo ver⸗ ſtanden ſie doch nicht das Spaniſche, indem ſie in dieſer Hinſicht den Satzungen der mahometaniſchen Religion 265 gehorchten, welche in der arabiſchen Sprache und im Koran jede Macht und jede Erhabenheit zuſammen⸗ drängen. „Seht, hohe Frau, ſie werden uns zuerſt angrei⸗ fen, wenn wir uns nicht zurückziehen,“ ſagte der Ritter; „es ſind blutdürſtige Hunde, dieſe Mauren, und ſie ha⸗ ben große Luſt, ein paar gute Lanzenſtiche unter den Augen einer ſchönen und edlen Dame auszutheilen.“ „Wartet!“ ſagte Maria,„wartet! Ihr denkt, ſie verſtehen das Caſtilianiſche nicht?“. „Ich bin deſſen ſicher; verſucht es, mit ihnen zu ſprechen, Senora.“ „Ich habe einen andern Gedanken,“ erwiederte Maria Padilla.„Dona Aiſſa,“ ſprach ſie ſpaniſch mit lauter Stimme, jedoch, indem ſie ſich gegen den Ritter wandte,„Ihr hört mich ohne Zweifel? Wenn Ihr mich hört, ſchüttelt die Vorhänge Eurer Sänfte.“ Bei dieſen Worten ſah man wiederholt die Brocat⸗ vorhänge zittern. Ganz von ihrem Ueberwachungsgeſchäft in Anſpruch genommen, rührten ſich die Mauren nicht. „Ihr ſeht, daß ſich nicht Einer umgedreht hat,“ bemerkte der Ritter. „Das iſt vielleicht eine Liſt,“ ſagte Dona Maria; „warten wir noch.“ Dann fuhr ſie fort, indem ſie ſich auf dieſelbe Weiſe an die junge Frau wandte: „Ihr werdet nur auf einer Seite der Sänfte be⸗ obachtet; ganz beſchäftigt, uns zu bewachen, laſſen Euch die Mauren die uns entgegengeſetzte Seite frei. Iſt die Sänfte geſchloſſen, ſo durchſchneidet die Vorhänge mit Eurem Meſſer und ſchlüpft hinaus; es iſt dort, zwei⸗ hundert Schritte von hier, ein dicker Baum, hinter den Ihr Euch flüchten könnt; gehorcht raſch, es handelt ſich darum, dem Bewußten nachzueilen; ich bringe Euch die Mittel dazu.“ Kaum hatte Padilla, ſcheinbar immer gleichgültig, 266 dieſe Worte geſprochen, als man die Sänfte unter einem unmerklichen Schwanken zittern ſah. Die Ritter machten zum Schein eine feindſelige Bewegung gegen die Mauren, welche, ihrerſeits ihre Bogen ſpannend und ihre Maſſen entwickelnd, vorrückten. Doch das Geſicht gegen die Mauren gewendet, ſahen die Caſtilianer jenſeits der Sänfte die ſchöne Aiſſa wie eine Taube in dem zwiſchen der Sänfte und dem Baum mit dem dichtverwachſenen Aſtwerk leer ge⸗ bliebenen Raum entfliehen. Als ſie die andere Seite des Baumes erreicht hatte, ſagte Dona Maria zu den Mauren: „Gut! fürchtet nichts; behaltet Euren Schatz; wir werden ihn nicht berühren; nur tretet auf die Seite und laßt uns vorbeiziehen.“ Der Anführer, deſſen Züge ſich alsbald entrunzelten, verbeugte ſich und trat auf die Seite; ſeine Gefährten ahmten ihn nach. In Folge hievon zog die Escorte von Dona Maria raſch und ſicher vorüber, um ſich zwiſchen Aiſſa und die⸗ jenigen zu ſtellen, welche einen Augenblick zuvor ihre Wächter geweſen waren. 3 Aiſſa hatte Alles begriffen; als ſie dieſe beſchützende Mauer von zwanzig ehernen Männern vor ſich ausge⸗ dehnt ſah, warf ſie ſich in die Arme von Dona Maria und küßte ihr in freudigem Erguß die Hände. Der Anführer der mauriſchen Bogenſchützen be⸗ merkte, daß die Sänfte leer war, begriff die Liſt und ſtieß einen Schrei der Wuth aus; er ſah ſich hinter⸗ gangen, verloren!... Einen Augenblick hatte er den Gedanken, blindlings gegen die Reiſigen von Dona Maria loszuſtürzen; doch erſchrocken über die Ungleich⸗ heit des Kampfes, zog er es vor, ſich auf ein Pferd zu ſchwingen, das ihm der Stallmeiſter von Mothril⸗ hielt, und ſprengte im Galopp nach dem Schlachtfeld. „Es iſt keine Zeit zu verlieren,“ ſagte Dona Maria zu dem Ritter;„Senor, ſeid meiner ganzen Dankbar⸗ 2 —— —»S d — 2—— 282 —8O&ᷣ R&—n 2 267 keit verſichert, wenn es Euch gelingt, dieſe junge Frau von Mothril zu entfernen und nach der Straße zu führen, der der Baſtard von Mauleon folgt.“ „Senora,“ erwiederte der Ritter,„Mothril iſt der Günſtling unſeres Königs, dieſe Frau iſt ſeine Tochter und gehöͤrt folglich ihm, ich raube ihm alſo ſeine Tochter. „Ihr gehorcht mir, Herr Ritter.“ „Das iſt mehr, als es bedarf, edle Frau, und wenn ich ſterben ſoll, ſo habe ich mein Leben für Euch hin⸗ gegeben.... Doch wenn der König Don Pedro mich entfernt von dem Poſten trifft, den zu behaupten mir befohlen iſt, was werde ich antworten? Dieſes Verſehen wird ernſter ſein, denn ich bin gegen meinen König un⸗ gehorſam geweſen.“ „Ihr habt Recht, Senor, man ſoll nicht ſagen, das Leben und die Ehre eines braven Rittersmanns, wie Ihr, ſeien durch die Laune eines Weibes gefährdet worden!.... Zeigt uns den Weg, Dona Aiſſa wird zu Pferde ſteigen, mich zu der Straße begleiten, der der Baſtard von Mauleon gefolgt iſt, und dort... nun! dort verlaſſen wir ſie, und Ihr führt mich zurück.“ Doch dies war nicht die Abſicht von Dona Maria, ſte wollte nur, die Bedenklichkeiten des Ritters ſchonend, Zeit gewinnen. Sie war eine Frau gewohnt, zu wollen und durchzudringen, und rechnete auf ihr gutes Glück. Der Ritter ſetzte ſein Pferd in den Schritt des Zelters von Dona Maria; man brachte für Aiſſa ein weißes Maulthier von ſeltener Schönheit und Stärke; die Escorte ſchlug einen Galopp an und wandte ſich, die Ebene links vom Schlachtfeld durchſchneidend, mit verhängtem Zügel nach der Straße, welche nach Frank⸗ reich führt und am Horizont durch große, unter dem Oſtwind wogende Birken dgezeichnet war. Niemand ſprach, denn Alle dachten nur daran, die Geſchwindigkeit der ſchäumenden Pferde zu verdoppeln. Schon waren zwei Meilen zurückgelegt; das Schlacht⸗ 268 feld mit ſeinen Blutlachen, mit den Todten, mit der niedergetretenen Ernte, mit den zerſchmetterten Bäumen erſchien wie ein rieſiges Todtentuch voll von Leichnamen, als Maria an der Biegung einer Hecke einen Ritter im Galopp auf ſich zukommen ſah. Sie erkannte den Helmſtutz und das Wehrgehäng. „Don Ayalos!“ rief ſie dem klugen Boten zu, der ſchon einen Umweg machte, um ein verdächtiges Zu⸗ ſammentreffen zu vermeiden,„ſeid Ihr es?“ „Ja, edle Dame, ich bin es,“ erwiederte der Caſti⸗ lianer, die Geliebte des Königs erkennend. „Welche Kunde?“ fragte Maria, ihren Zelter kurz auf ſeinen ſtählernen Häckſen anhaltend. Eine ſeltſame: man glaubte den König Enrique von Transtamare gefangen genommen zu haben, da Mothril die Flüchtigen verfolgte; als man aber dem Unbekannten, der den Helm des Königs trug, das Viſir aufſchlug, erkannte man, daß es kein Anderer war, als der Ritter von Mauleon, jener franzöſiſche Botſchafter, der, nachdem er geflohen, ſich gefangen nehmen ließ, um Don Enrique zu retten.“ Aiſſa ſtieß einen Schrei aus. „Er iſt gefangen!“ rief ſie. „Er iſt gefangen; und als ich mich von dort ent⸗ fernte, bedrohte ihn der König, von ſeinem Zorn fort⸗ geriſſen, mit ſeiner Rache.“ Aiſſa ſchlug die Augen voll Verzweiflung zum Himmel auf und ſprach: „Er ſollte ihn tödten? Unmöglich.“ „Er hätte beinahe den Connetable getödtet.“— „Aber ich will nicht, daß er ſtirbt?“ rief die junge Frau, und ſprengte mit ihrem Maulthier nach dem Schlachtfeld. „Aiſſa, Aiſſa! Ihr richtet mich zu Grund! Ihr „Er darf nicht ſterben!“ wiederholte fanatiſch Aiſſa.. ſtürzt Euch ſelbſt ins Verderben,“ rief Dona Maria. Und ſie jagte weiter. Unſicher, keuchend, ſuchte Dona Maria das Gefühl, die Vernunft wiederzuerlangen, als man die Erde vnte dem Gewicht einer Truppe raſcher Reiter donnern örte. „Wir ſind verloren,“ ſagte der Ritter, ſich auf den Steigbügeln erhebend,„das iſt eine Abtheilung von Mauren, welche ſchneller kommen als der Wind, und ihr Anführer eilt ihnen voran.“ In der That, ehe Aiſſa ſich von der Straße ent⸗ fernt hatte, öffnete ſich dieſe wüthende Reiterſchaar wie eine an den Winkel eines Brückenjochs ſtürzende Woge, umhüllte ſie, umzingelte ihre Gefährten, und Dona Maria ſelbſt, welche trotz ihrer Entſchloſſenheit ohn⸗ mächtig und bleich neben dem Ritter blieb, deſſen Uner⸗ ſchrockenheit ſich nicht einen Augenblick verleugnete. Da ſprengte Mothril auf ſeinem arabiſchen Roß aus der Gruppe hervor, faßte das Maulthier von Aiſſa beim Zügel und fragte mit einer von der Wuth beinahe erſtickten Stimme: „Wohin eilt Ihr?“ „Ich ſuche Don Agenor, den Ihr tödten wollt,“ antwortete Aiſſa. Mothril erblickte Dona Maria und rief, auf eine gräßliche Weiſe die Zähne bleckend: „Ah!... in Geſellſchaft von Dona Maria! Ich errathe! ich errathe!“ Der Ausdruck ſeines Geſichtes wurde ſo furchtbar, daß der Ritter ſeine Lanze einlegte. „Zwanzig, gegen hundert und zwanzig,“ ſagte er, „wir ſind verloren.“. Sechsundvierzigſtes Kapitel. . * Der Waffenſtillſtand. Ein Kampf war nicht das, was Mothril wollte. Er wandte ſich langſam nach der Ebene um, warf einen letzten Blick auf das Schlachtfeld und ſagte, ſich an Maria Padilla wendend: „Senora, ich glaubte, unſer Herr der König hätte Euch einen beſtimmten Ort angewieſen, wo Ihr ver⸗ weilen ſolltet; wäre er anderer Geſinnung geworden, und gehorcht Ihr etwa einem neuen Befehl?“ „Befehl,“ erwiederte die ſtolze Caſtilianerin,„vergißt Du, Saracen, daß Du mit derjenigen ſprichſt, welche Befehle nicht anzunehmen, ſondern zu geben gewohnt iſt.“ Mothril verbeugte ſich. „Aber, hohe Frau,“ ſagte er,„wenn Ihr auch im Stande ſeid, nach Eurem Wunſch zu handeln, ſo könnt Ihr doch nicht annehmen, daß Ihr uber Dona Aiſſa nach Eurem Willen zu verfügen habt... Dona Aiſſa iſt meine Tochter.“ Aiſſa wollte mit einem wüthenden Ausruf antworten, doch Maria unterbrach ſie und ſagte: „Herr Mothril, Gott behüte mich, daß ich Eure Familie in Unruhe verſetze! Diejenigen, welche geachtet ſein wollen, achten auch die Andern. Ich habe Dona Aiſſa allein, in Thränen, vor Angſt ſterbend geſehen und mit mir genommen.“ i9 Aiſſa konnte ſich nicht mehr länger halten und rief: „Agenor! was habt Ihr mit meinem Ritter Don Agenor von Mauleon gethan?“ 70— 2. — SZ228ᷣ2 271 „Ah!“ verſetzte Mothril,„war meine Tochter nicht über dieſen Herrn unruhig?“ Und ein unheimliches Lächeln klärte ſein ſinſteres Geſicht auf. Maria antwortete nicht. „Habt Ihr nicht etwa zu dieſem Herrn mildher⸗ ziger Weiſe meine thränenreiche Tochter führen wollen?“ fuhr Mothril ſich an Maria wendend fort;„ſprecht, Senora.“ „Ja,“ ſagte Aiſſa,„und ich verlangee, daß man mich zu ihm läßt. Oh! Dein Blick macht mir nicht bange, mein Vater. Wenn Aiſſa will, will ſie ſehr. Ich will Don Agenor von Mauleon aufſuchen, führt mich zu ihm.“ „Zu einem Ungläubigen?“ verſetzte Mothril, deſſen Weicht immer bleicher wurde, ſich immer mehr ent⸗ ellte. 1„Zu einem Ungläubigen, ja, denn dieſer Ungläubige iſt.. Maria unterbrach ſie und rief: „Dort erſcheint der König, er kommt zu uns.“ Sogleich machte der Maure ſeinen Sklaven ein Zeichen, und Aiſſa wurde umzingelt und von Maria Padilla getrennt. „Ihr habt ihn getödtet! Ihr habt ihn getödtet!“ rief das Mädchen,„nun! ſo werde ich auch ſterben!“ Sie zog aus ihrer goldenen Scheide eine kleine Klinge, ſo ſpitzig wie eine Schlangenzunge, aus der in der Sonne der Ebene ein Blitz hervorſprang. Mothril ſtürzte auf ſie zu... ſeine ganze Wuth hatte ihn verlaſſen, ſeine ganze Wildheit hatte einer ſchmerzlichen Angſt Platz gemacht. „Nein,“ ſagte er,„nein; er lebt! er lebt!“ „Wer wird mir hierüber Sicherheit geben?“ entgeg⸗ naete Aiſſa, den Mauren mit ihrem Feuerblick befragend. ’„Erkundige Dich bei dem König ſelbſt: wirſt Du dem König glauben?“ 272 „Es iſt gut, fragt ihn, und er antworte.“ Don Pedro näherte ſich. Maria Padilla warf ſich ihm in die Arme. „Hoheit,“ ſagte plötzlich Mothril, deſſen Geiſt dem Wahnſinn nahe zu ſein ſchien,„iſt es wahr, daß der Franzoſe Mauleon todt iſt?“ 4„Nein, bei der Hölle!“ erwiederte der König mit finſterem Tone,„nein, ich konnte dieſen Verräther, die⸗ ſen Teufel nicht einmal treffen; nein, er flieht, der Elende, vom ſchwarzen Prinzen nach Frankreich zurück⸗ geſchickt; er flieht, frei, glücklich, ſpottend wie der Sperling, der dem Geier entkommen iſt.“ „Er flieht!“ wiederholte Dona Aiſſa, er flieht! iſt das wirklich wahr?“ Und ihr Blick befragte alle Anweſenden. Doch mittlerweile bedeutete Maria Padilla, welche Leſiimmte Erkundigung eingezogen hatte und wußte, wie es ſich mit der Rettung von Mauleon verhielt, Aiſſa durch ein Zeichen, ihr Geliebter ſei unverſehrt, und ſie könnte bleiben. Plötzlich legte ſich der ganze Wahnſinn des Mäd⸗ chens, wie ſich die Stürme bei der Rückkehr des Son⸗ nenſcheins legen. Sie ließ ſich durch Mothril führen, dem ſie, die Stirne ſenkend, folgte, ohne zu bemerken, daß der König Don Pedro einen entflammten Blick auf ſie heftete, ſo ſehr war ſie einzig und allein durch den Gedanken, Agenor lebe, durch die Hoffnung, ſie könne ihn wiederſehen, in Anſpruch genommen. Maria Padilla gewahrte dieſen Blick und errieth ſeinen Sinn; zu gleicher Zeit las ſie aber auch in dem Geſicht der jungen Maurin den tiefen Widerwillen, den die grauſamen Worte von Don Pedro in Beziehung auf Agenor bei ihr erregt hatten. „Gleichviel,“ ſagte ſie,„Aiſſa wird nicht am. Hof bleiben, ſie wird ſich entfernen, und ich werde ſie mit Mauleon wiedervereinigen. Es muß ſein! Mothril wird ſich mit aller Gewalt widerſetzen; doch es iſt ———— —ů—— 273 entſchieden, Mothril oder ich, eines von uns Beiden muß im Kampf unterliegen.“ Und als ſie dieſen Plan in ihrem Innern zur Reife gebracht hatte, hörte ſie den König dem Mauren ins Ohr ſeufzen: „Sie iſt in der That ſehr ſchön, ich habe ſie nie ſo ſchön geſehen wie heute.“ Mothril lächelte. „Ja!“ fuhr Maria, bleich vor Eiferſucht fort,„das iſt die Urſache des ganzen Krieges!...“ Die Rückkehr von Don Pedro nach Burgos er⸗ folgte mit all dem Glanz, den ein entſcheidender Sieg der legitimen Macht verleiht. Die Rebellen konnten nichts mehr hoffen, ſie unter⸗ warfen ſich, und die Begeiſterung ihres Widerrufs war ebenſo mächtig, als die Ermahnungen des ſchwarzen Prinzen, um die gewöhnliche Grauſamkeit von Don Pedro in Milde zu verwandeln. 3 Dieſer Fürſt begnügte ſich daher, ungefähr ein Dutzend Bürger hängen, von den Soldaten etwa hun⸗ dert der berüchtigtſten Meuterer mit Ruthen ſtreichen zu laſſen, und einige gute Confiscationen für ſeinen Schatz an einer der reichſten Städte Spaniens vorzunehmen. Und dann, da er dieſer heftigen Kämpfe müde war, da er ſah, daß ihm das Glück lächelte, da er das Be⸗ dürfniß fühlte, in der freudigen Sonne der Feſte ſeinen Geiſt und ſein Herz wieder zu erwärmen, ſo machte er aus Burgos eine königliche Stadt. Die Bälle und Turniere folgten ſich ununterbrochen; man vertheilte Würden, Belohnungen, man vergaß den Krieg, man vergaß ſogar den Haß. Mothril wachte jedoch; aber, ſtatt ſich als ein kluger Miniſter mit den Ereigniſſen, mit einem wahrſcheinlichen Wiederausbruch des Krieges zu beſchäftigen, ſchläferte er den König zu einer tiefen Sicherheit ein. Schon hatte Don Pedro die Engländer unzufrieden Der Baſtard von Mauleon. Il. 18 274 entlaſſen; einige befeſtigte Plätze, welche in der Gewalt der letzteren blieben, entſchädigten dieſelben ſchlecht und auf eine gefährliche Weiſe für die ungeheuren Kriegs⸗ koſten.’ Der Prinz von Wales hatte ſeinem Verbündeten ſeine Rechnung gemacht und übergeben. Die Summe war furchtbar. Don Pedro fühlte, es wäre im Augen⸗ blick der Wiederherſtellung des Thrones gefährlich, Steuern zu erheben, und verlangte Zeit, um zu bezahlen. Doch der engliſche Prinz kannte ſeinen Verbündeten und wollte nicht warten. Es gab daher wirklich um Don Pedro ſelbſt bei ſeinem Wohlergehen ſo bedeutende Keime des Unglücks, daß der unglücklichſte Fürſt, der Ruinirteſte von allen Beſiegten ſeine Lage vorgezogen hätte. Doch dies war der Augenblick, den Mothril er⸗ wartete und vielleicht vorhergeſehen hatte. Ohne daß es den Anſchein hatte, als wäre er unruhig, lächelte er über die Anſprüche des Engländers und ſuchte dem ſpaniſchen Fürſten einzugeben, hunderttauſend Saraze⸗ nen wären wohl ſo viel werth als zehntauſend Englän⸗ der, würden weniger koſten, Spanien den Weg zu einer afrikaniſchen Herrſchaft öffnen, und eine doppelte Krone müßte der Erfolg dieſer Politik ſein. Dann blies er ihm zu gleicher Zeit ein, das ein⸗ zige Mittel, auf eine ſolche Weiſe die zwei Kronen auf einem Haupte zu vereinigen, wäre eine Verbindung durch Heirath; eine Tochter der alten arabiſchen Fürſten vom verehrten Blut der Kalifen würde neben Don Pedro auf dem Thron Caſtiliens ſitzend in einem Jahr ganz Afrika, ja ſelbſt den Orient enge mit dieſem Thron verketten.— Und dieſe Tochter der Kalifen war, wie man leicht begreift, Aiſſa. 5 Von da an ebnete ſich der Weg für den Mauren. Er ſtand der Verwirklichung ſeiner Träume nahe. Mau⸗ leon zählte nicht mehr als ein Hinderniß, da er ſich entfernt hatte. —————— õn RK — K f 275 War übrigens dieſes Hinderniß wirklich ein Hin⸗ derniß? Was bedeutete Mauleon? Ein Ritter, ein Träumer, redlich und leichtgläubig; War dies ein Gegner, den der ſchlaue und finſtere Mothril zu fürch⸗ ten hatte?... Das ernſte Hinderniß kam alſo von Aiſſa, von Aiſſa allein. Doch die Kraft bezähmt jeden Widerſtand. Es war nur die Aufgabe, dem Mädchen eine Untreue von Mau⸗ leon zu beweiſen. Dies hatte keine Schwierigkeit. Seit wie lange trieben nicht die Araber die Späherei, um die Wahrheit zu entdecken, die falſche Zeugſchaft, um die Lüge zu begründen? Ein anderes, entfernteres Hinderniß, das den Mauren die Stirne falten machte, war die ſtolze, ſchöne Frau, welche ihre Allmacht über den Geiſt von Don Pedro durch die Gewohnheit und die Herrſchaft der Luſt übte. Maria Padilla arbeitete den Plänen von Mothril, ſeitdem ſie dieſelben eingeſehen hatte, mit einer in jeder Hinſicht ihrer ausgezeichneten, ſeltenen Natur würdigen Gewandtheit entgegen. Sie war mit dem geringſten Wunſche von Don Pedro vertraut, ſie feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit, ſie erſtickte das kleinſte Feuer, das ſie nicht entzündet hatte. Gelehrig und nachgiebig, wenn ſie mit Don Pedro allein war, gebieteriſch in Gegenwart Aller, immer Herrin, unterhielt ſie fortwährend mit Aiſſa, die ſie ſich zur Freundin gemacht hatte, ein geheimes Einverſtändniß. Sie ſprach unabläßig mit ihr von Mauleon, ſie verhinderte ſie, an Don Pedro zu denken... Uebrigens war es nicht nöthig, die glühende, treue Aiſſa von ihrer Liebe zu unterhalten, denn ihre Liebe, das fühlte man wohl, ſollte nur mit ihrem Leben erlöſchen. Mothril hatte dieſe geheimnißvollen Unterredun⸗ gen noch nicht erlauern können; ſein Mißtrauen ſchlum⸗ merte; er ſah nur einen von den Fäden der Intrigue 276 den, welchen er in der Hand hielt; der andere entging ihm, in einem kunſtreichen Schatten verloren. Aiſſa war nicht wieder bei Hofe erſchienen; ſie wartete in der Stille auf die Verwirklichung des Ver⸗ ſprechens von Maria, ihr ſichere Nachrichten von ihrem Geliebten zu geben. Maria hatte wirklich nach Frankreich einen Emiſſär mit dem Auftrag abgeſandt, Mauleon aufzuſuchen, ihn von der Lage der Dinge zu unterrichten, und der armen in Erwartung einer baldigen Wiedervereinigung ſchmach⸗ tenden Maurin ein Andenken zurückzubringen. Dieſer Emiſſär, ein gewandter Gebirger, war kein Anderer, als der Sohn der alten Amme, mit der ſie Mauleon als Zigeunerin verkleidet getroffen hatte. So verhielten ſich die Angelegenheiten ſowohl in Spanien, als in Frankreich; ſo ſtanden einander gegen⸗ über zwei lebendige Intereſſen, wüthende Feinde, die, um auf einander loszuſtürzen, nur den Augenblick ab⸗ warteten, wo ſie durch die Ruhe und die Forſchung die ganze Fülle ihrer Kräfte erlangt haben würden. Wir können alſo ſchon jetzt zum Baſtard von Mau⸗ leon übergehen, welcher, unbeſchadet der ſtandhaften Liebe, die ihn wieder nach Spanien bringen ſollte, leicht, freudig und ſtolz, frei zu ſein wie der Sperling, von dem der König von Caſtilien ſprach, in ſein Vaterland zurückkehrte. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Reiſe. Agenor begriff die ganze Schwierigkeit ſeiner Stel⸗ lung. 8.rei ſein durch die Großmuth des Prinzen von Wales war ein Vorrecht, um deſſen Fortbeſtand ihn viele Menſchen beneiden konnten. Agenor trieb ſein Pferd, ſo viel er vermochte, zur Eile an, und dies hauptſächlich in Folge der dringenden Ermahnungen von Muſaron, der in der Freude, ſie noch zu be⸗ ſitzen, ſeine Ohren ſchüttelte und ſeine ganze Beredt⸗ ſamkeit aufbot, um die Gefahr einer Verfolgung und die Reize der Rückkehr ins Vaterland zu ſchildern. Der ehrliche Muſaron verlor übrigens viel Zeit mit Reden: Agenor hörte ihn gewöhnlich nicht. Von Aiſſa getrennt, hatte der Ritter nur noch ſeinen Leib. Seine Seele war leidend, verwirrt, unruhig in Spanien! So ſtark war übrigens in jener Zeit das Pflicht⸗ ggefühl, daß Mauleon, deſſen Herz ſich bei dem Ge⸗ danken, ſeine Geliebte zu verlaſſen, entrüſtete und bei der Idee, ſie insgeheim wieder aufzuſuchen, zitterte, daß Mauleon, ſagen wir, muthig ſeine Reiſe auf die Ge⸗ fahr, auf immer ſeine ſchöne Maurin zu verlieren, fort⸗ ſetzte, um die Sendung zu erfüllen, mit der ihn der Connetable beauftragt hatte. Das arme Pferd wurde zu wenig geſchont. Das edle Thier, das die Strapazen des Krieges ausgehalten und den verliebten Launen ſeines Herrn Folge geleiſtet hatte, war in Bordeaux ganz erſchöpft, und Mauleon ließ es auch hier ſtehen, um es bei ſeiner Rückkehr wieder zu nehmen. 278 Das Syſtem der Poſt lange vor Ludwig XI. geiſt⸗ reichen Andenkens erſinnend, wechſelte unſer Ritter von Bordeaux an die Pferde und ſiel unerwartet, er⸗ ſchreckend, erſchöpft, zu den Füßen des guten König Karl, der in ſeinem ſchönen Garten des Hotel Saint⸗ Paul ſeine Pfirſichbäume an Staketen band. „Ho! hol was iſt das, und was wollt Ihr mir melden, Sire von Mauleon?“ fragte König Karl, dem die Natur das Vorrecht geſchenkt hatte, einen Men⸗ ſchen, den er ein einziges Mal geſehen, immer wiederzu⸗ erkennen. „Sire König,“ antwortete Agenor, ein Knie auf die Erde ſetzend,„ich komme, um Euch eine traurige Kunde zu melden; Eure Armee iſt in Spanien beſiegt worden.“ „Der Wille Gottes geſchehe!...“ ſprach der Fürſt erbleichend.„Doch die Armee wird ſich wieder ſam⸗ meln?“ „Es gibt keine Armee mehr, Sire!“ „Gott iſt barmherzig,“ ſagte der Koͤnig leiſe. „Wie befindet ſich der Connetable?“ „Sire, der Connetable iſt Gefangener der Eng⸗ länder.“ Der König ſtieß einen halb unterdrückten Seufzer aus, gab aber kein Wort von ſich. Bald jedoch erheiterte ſich ſeine Stirne wieder, und er ſagte einen Augenblick nachher: „Erzähle mir die Schlacht. Sprich vor Allem, wo hat ſie ſtattgefunden?“ „Bei Navarrete, Sire.“ „Ich höre.“ Agenor erzählte den Unſtern, die Vernichtung der Armee, die Gefangennehmung des Connetable, und wie er auf eine wunderbare Weiſe durch den ſchwarzen Prin⸗ zen gerettet worden. „Ich muß Bertrand loskaufen, wenn man ihn gegen 4 Löſegeld freizulaſſen geneigt iſt,“ ſagte Karl V. —— 279 „Sire, das Löſegeld iſt beſtimmt.“ „Zu wie viel?“ „Zu ſiebzigtauſend Goldgulden.“ „Und wer hat dieſes Löſegeld beſtimmt?“ fragte der König bebend, als er das Gewicht dieſer Zahl vernahm. „Der Connetable ſelbſt.“ „Der Connetable! Er kommt mir ſehr freigebig vor.“ „Sire, findet Ihr, er habe ſich über ſeinen Werth geſchätzt?“ „Wenn er ſich zu ſeinem Werthe geſchätzt haben würde,“ ſprach der König,„ſo hätten’ ihn uns alle Reichthümer der Chriſtenheit nicht wiedergeben können.“ Doch während der König Bertrand dieſe Gerechtig⸗ keit widerfahren ließ, verſank er in eine düſtere Träu⸗ merei, deren Sinn Agenor nicht verkennen konnte. „Sire,“ ſagte dieſer ſogleich,„Eure Majeſtät küm⸗ mere ſich nicht um das Löſegeld des Connetable. Herr Bertrand hat mich zu ſeiner Frau, Madame Tiphaine Raguenel, abgeſandt, welche hunderttauſend Thaler von ihm in Händen hat und ſie hergeben wird, um ihren Gatten loszukaufen.“ „Ahl wackerer Ritter,“ ſprach Karl ſich erheiternd, „er iſt alſo ein ebenſo guter Schatzmeiſter, als Kriegs⸗ mann? Ich hätte das nicht geglaubt. Hundert tauſend Thaler!... Eil er iſt reicher, als ich. Er leihe mir dieſe ſiebenzigtauſend Gulden. Ich werde ſie ihm bald zurückgeben... Doch glaubſt Du, daß er ſie wirklich be⸗ ſitzt?... Wenn er ſie nicht mehr fände!“ „Warum, Sire?“. „Weil Frau Tiphaine Raguenel ſehr eiferſüchtig auf den Ruhm ihres Gemahls iſt und ſich dort als eine wohlthätige und prachtliebende Dame benimmt.“ „Sire, für den Fall, daß ſie kein Geld mehr be⸗ ſäße, hat mir der gute Connetable einen andern Auf⸗ trag gegeben.“ 280 „Welchen?“ „Den, die Bretagne zu durchwandern und auszu⸗ rufen:„„Der Connetable iſt Gefangener des Englän⸗ ders, bezahlt ſein Löſegeld, Ihr Männer von Bretagne! Und Ihr, Weiber von Bretagne, ſpinnt!““ „Und,“ ſagte der König lebhaft,„und Du nimmſt eines von meinen Bannern mit dreien von meinen Rit⸗ tern, und rufſt dies in ganz Frankreich aus! Aber,“ fügte Karl V. bei,„thue dies nur in der äußerſten Noth. Iſt es möglich, daß man das Unglück von Navarrete hier gut machen kann... Navarrete, ein häßlicher Name! Das Wort Navarra bringt ſtets jedem Franzoſen Un⸗ glück. „Unmöglich, Sire, Ihr werdet ohne Zweifel bald den flüchtigen Prinzen Enrique von Transtamare ſehen. Die Engländer werden durch alle ihre Trompeter von Gascogne Sieg blaſen laſſen, und die armen Bretagner kehren demnächſt verwundet, bettelnd, in ihr Vaterland zurück, um Allen ihre klägliche Geſchichte zu erzählen.“ „Das iſt wahr! Gehe alſo, Mauleon, und wenn Du den Connetable wiederſiehſt...“ „Ich werde ihn wiederſehen.“ „Sage ihm, nichts ſei verloren, wenn er mir wie⸗ dergegeben werde.“ „Sire, ich habe noch ein Wort für Euch von ihm.“ „Was?“ 9 „„Sage dem König,““ flüſterte er mir in's Ohr,„„mit unſerem Plan gehe es gut; durch die Hitze in Spanien ſeien viele franzöſiſche Ratten geſtorben, ohne daß ſie ſich an das Klima haben gewöhnen können.““ „Braver Bertrand.. er ſcherzte alſo ſogar in dieſem grauſamen Augenblick?“ „Immer unüberwindlich, Sire, ebenſo ſchön bei der Niederlage, als groß beim Sieg.“ Agenor nahm hienach Abſchied von König Karl V., der ihm dreihundert Livres reichen ließ, ein prächtiges Geſchenk, mit dem Agenor zwei gute Kriegspferde um 281 den Preis von fünfzig Livres jedes kaufte. Er gab zehn Livres Muſaron, der ſie, ganz verwundert, in ſei⸗ nen ledernen Gürtel ſteckte und ſein Feldgeräthe in der Rue de la Draperie erneuerte. Agenor kaufte ebenfalls in der Rue de la Heaumerie einen von jenen Helmen von neuer Erſindung, die ſich mittelſt einer Feder ſchlo⸗ ßen, und ſchenkte ihn dem Knappen, deſſen Kopf ſich ſo leicht den Streichen bei den Saracenen darbot. Die⸗ ſes nützliche und angenehme Geſchenk erhöhte die gute Miene von Muſaron und verlieh ihm ſeinem Herrn gegenüber den zarten Stolz eines adeligen Knappen. Man begab ſich auf den Weg. Frankreich iſt ſo ſchön! Es iſt ſo ſüß, jung, ſtark, muthig zu ſein, zu lieben, geliebt zu werden, hundert und fünfzig Livres im Sattelbogen zu haben und eine neue Pickelhaube zu tragen, daß Mauleon mit langen Zügen die reine Luft einathmete, daß Muſaron ſich auf dem Sattel hin und herbewegte und in die Bruſt warf wie ein Gendarme, und als hätte der Eine ſagen wollen:„Schaut mich an, ich liebe das ſchönſte Mädchen Spaniens!“ der Andere: „Ich habe die Mauren, die Schlacht von Navarrete ge⸗ ſehen, und trage einen Helm auf dem Kopf, der bei Poinerot, in der Rue de la Heaumerie um acht Livres erkauft worden iſt.“ Unter dieſer Freude, in dieſer ſchönen Rüſtung, kam Agenor an die Grenzen von Bretagne, wo er den Herzog Johann von Montfort, den regierenden Fürſten, um Erlaubniß bitten ließ, auf ſeinen Ländereien der Dame Raguenel den Beſuch abſtatten und das erforder⸗ liche Löſegeld für den Connetable erheben zu dürfen. Der Auftrag von Muſaron, dem gewoͤhnlichen Unterhändler von Agenor, war zarter Natur. Der Graf von Montfort, der Sohn des alten Grafen von Montfort, der den Krieg gegen Frankreich mit dem Herzog von Lancaſter mitgemacht hatte, konnte einen Groll gegen Bertrand, die Haupturſache der Aufhebung der Belagerung von Dinan, im Herzen tragen; doch es 282 war dies, wie geſagt, die Zeit der ſchönen Handlungen und der edlen Geiſter. Als der junge Graf von Montfort das Unglück von Bertrand erfuhr, vergaß er jede Feindſchaft und ſprach: „Ob ich es erlaube... ich verlange es im Gegen⸗ theil. Man erhebe auf meinen Gütern jede beliebige Steuer. Ich will ihn nicht nur frei ſehen, ſondern ich will ihn auch als meinen Freund ſehen, wenn er nach Bretagne zurückkehrt. Es iſt eine Ehre für unſer Land, daß er hier geboren wurde.“ Nachdem er ſo geſprochen, empfing der Graf Age⸗ nor mit aller Auszeichnung, gab ihm das jedem Bot⸗ ſchafter gebührende Geſchenk, beehrte ihn mit einer Es⸗ corte und ließ ihn zu Frau Tiphaine Raguenel führen, welche in la Roche⸗d'Airien, auf einer der Beſitzungen der Familie, wohnte.* Achtundvierzigſtes Kapitel. Frau Tiphaine Raguenel. Tiphaine Raguenel, Tochter von Robert Raguenel, Herrn von la Belliére, Vicomte und Mann vom höch⸗ ſten Stand, war eine von jenen vollendeten Frauen, wie ſie die Helden kaum mehr treffen, mag nun Gott nicht mehr in einer Familie alle die koſtbaren Eigen⸗ ſchaften vereinigen, mag das Verdienſt von einem der Gatten gewöhnlich das des andern verſchlingen. Tiphaine Raguenel wurde in ihrer Jugend von den Bretagnern Tiphaine die Fee genannt. Sie war ——— — 283 wohl unterrichtet in der Arzneiwiſſenſchaft und in der Aſtrologie; ſite hatte in den berühmten Schlachten von Bertand dieſem zum großen Erſtaunen der ängſtlichen Bretagner den Sieg geweiſſagt; ſie warf Bertrand, wenn er des Dienſtes müde war und auf ſeine Güter zurück⸗ kehren wollte, durch ihre Rathſchläge und ihre Vorher⸗ ſagungen in das glorreiche Leben zurück, in dem er ſich Vermoͤgen und unvergänglichen Ruhm erwarb. Bis zu dem Krieg, den Karl von Blois gegen Johann von Montfort führte, in welchem Krieg Bertrand zum Ober⸗ befehl des Heeres berufen wurde, hatte der bretagniſche Held nur Gelegenheit gehabt, die Kräfte, die Geſchick⸗ lichkeit und den unerſchütterlichen Muth des Streiters im Zweikampf und des Anführers von Parteigängern zu entwickeln. Tiphaine Raguenel genoß auch bei ihrem Gemahl und dem ganzen Lande einen Einfluß, der dem einer großen Koͤnigin gleichkam. Sie war ſchön geweſen, und ſie durfte ſich hoher Abſtammung rühmen. Ihr angebauter Geiſt verlieh ihr ein Uebergewicht über viele Sachverſtändige im Rathe, und ſie hatte dieſen koſtbaren Eigenſchaften die beiſpiel⸗ loſe Uneigennützigkeit ihres Gemahls beigefügt. Als ſie erfuhr, ein Bote von Bertrand käme zu ihr, ging ſie ihm mit ihren Fräulein und ihren Pagen entgegen. Die Unruhe war in ihrem Geſicht ausge⸗ drückt; ſie hatte gleichſam unwillkührlich Trauerkleider angelegt, was bei dem Zuſtande der Dinge, denn man wußte im Allgemeinen noch nichts vom Unſtern von Navarrete, mit abergläubiſchem Schrecken die Tiſchge⸗ noſſen und die Knechte des Herrenhauſes von la Roche⸗ d'Airien erfüllte. Tiphaine kam alſo Mauleon entgegen und empfing ihn auf der Zugbrücke. Mauleon hatte in ſeiner Heiterkeit vergeſſen, das ceremoniöſe Geſicht eines Trauerboten anzunehmen. Er verbeugte ſich zuerſt und ſetzte dann ein Knie 284„ auf die Erde, mehr unterjocht durch das eindrucksvolle Aeußere der edlen Dame, als durch den Ernſt der Nach⸗ richten, die er brachte. „Sprecht, Herr Ritter,“ ſagte Tiphaine,„ich weiß, daß Ihr mir ſehr ſchlimme Kunde von meinem Gemahl bringt, ſprecht!“ 3 Es herrſchte ein düſteres Stillſchweigen um den Ritter, und in den männlichen bretagniſchen Geſichtern war die ſchmerzlichſte Angſt zu leſen. Man bemerkte in⸗ deſſen, daß der Ritter weder an ſein Banner, noch an ſein Schwert Flor gehängt hatte, wie dies bei einem To⸗ desfall üblich war. Agenor fammelte ſeine Geiſter und begann die trau⸗ rige Erzählung, welche Frau Raguenel, ohne das ge⸗ ringſte Zeichen des Erſtaunens von ſich zu geben, an⸗ hörte. Nur ergriff der Schatten, der ihre Züge ver⸗ düſterte, dichter und ſchmerzlicher ihr edles Antlitz. Frau Tiphaine Raguenel hörte, ſagen wir, die unheilvolle Geſchichte an. 4 „Nun!“ ſagte ſie, als die beſtürzten Bretagner ins⸗ geſammt Schmerzensſchreie ausgeſtoßen und zu beten angefangen hatten,„Ihr kommt im Auftrag meines Gemahls, Herr Ritter?“ „Ja, edle Frau,“ erwiederte Mauleon. „Und in Caſtilien gefangen, wird er auf Löſegeld geſetzt werden?“ „Er hat ſich ſelbſt auf Löſegeld geſetzt.“ „Auf wie viel?“ .„Auf ſiebzigtauſend Goldgulden.“ „Das iſt nicht übertrieben für einen ſo großen Feldherrn... Doch woher gedenkt er dieſe Summe zu nehmen?“ „Er erwartet ſie von Euch, edle Frau.“ „Von mir?“ „Jaz habt Ihr nicht hunderttauſend Goldthaler, die der Connetable von ſeinem letzten Zuge mitgebracht 285 und den Mönchen vom Mont⸗Saint⸗Michel anvertraut hat?“ „Es iſt wahr, die Summe betrug hunderttauſend Goldthaler; aber ſie iſt verbraucht.“. „Verbraucht!“ rief unwillkührlich Mauleon, der ſich der Worte des Königs erinnerte;„verbraucht!... „Ich glaube, wie es ſich ſie zu verbrauchen geziemte,“ fuhr die Dame fort.„Ich habe die Summe von den Möoͤnchen genommen, um hundert und zwanzig Reiſige zu equipiren, zwölf Ritter unſeres Landes zu unterſtützen, neun Waiſen zu erziehen, und da mir nichts mehr blieb, um zwei Töchter von einem unſerer Freunde und Nach⸗ barn zu verheirathen, ſo verpfändete ich mein Silber⸗ geſchirr und meine Juwelen. Es findet ſich nichts mehr im Hanſe, als das ſtreng Nothwendige. Aber ſo entblößt wir auch ſein mögen, ſo hoffe ich mich doch nach dem Gefallen von Meſſire Bertrand benommen zu haben, und ich glaube, daß er mich beloben und mir danken würde, wenn er da wäre.“. 3 Das Wort, wenn er da wäro, brachte, mit Rüh⸗ rung durch dieſen edlen Mund, mit dieſer edlen Sprache ausgeſprochen, Thränen in Aller Augen. „Edle Dame,“ ſprach Mauleon,„dem Connetable bleibt nichts mehr übrig, als Euch in der That zu danken, wie Ihr es verdient, und auf die Hülfe Gottes zu warten.“ „Und auf die ſeiner Freunde,“ riefen Einige in ihrer Begeiſterung. „Und da ich die Ehre habe, der getreue Diener von Meſſire dem Connetable zu ſein,“ ſagte Mauleon,„ſo will ich anfangen, die Aufgabe zu erfüllen, welche mir Meſſire Duguesclin, in der Vorausſicht deſſen, was ge⸗ ſchieht, übertragen hat. Ich habe den Trompeter des Königs und ein Banner mit dem Wappen von Frank⸗ reich, und will im Land umherziehen, um die Nachricht zu verbreiten. Diejenigen, welche Meſſire den Conne⸗ 286 table frei ſehen wollen, werden ſich erheben und bei⸗ ſteuern.“„ „Ich hätte es ſelbſt gethan,“ ſprach Tiphaine Ra⸗ guenel,„aber es iſt beſſer, wenn Ihr es thut, vor Allem mit Erlaubniß des erlauchten Herrn Herzogs von Bretagne.“ „Ich habe dieſe Erlaubniß, edle Frau.“ „Theure Herren,“ fuhr Tiphaine Raguenel fort, indem ſie ihre ſicheren Blicke auf der wachſenden Menge umherlaufen ließ,„diejenigen, welche dem Ritter hier die Theilnahme bezeigen wollen, die ſie für den Namen von Dugueselin hegen, werden wohl ſeinen Boten als einen Freund betrachten.“ „Und ich,“ rief die Stimme eines Reiters, der hinter der Gruppe angehalten hatte,„ich, Robert Graf von Laval, gebe zuerſt vierzigtauſend Livres zur Löſung meines Freundes Bertrand. Dieſes Geld folgt mir, meine Pagen bringen es.“ „Der Adel von Bretagne ahme Euch nach, edel⸗ müthiger Freund, nach Maßgabe ſeiner Reichthümer, und der Connetable wird dieſen Abend frei ſein,“ ſprach Tiphaine Raguenel, ſanft bewegt durch dieſe Groß⸗ muth. i, Ronant, Herr Ritter,“ ſagte der Graf von Laval zu Mauleon.„Ich biete Euch Gaſtfreundſchaft in meinem Hauſe... Ihr werdet ſchon heute Eure Samm⸗ lung beginnen, und bei meiner Ehre!l ſie wird reichlich ausfallen. Ueberlaſſen wir Frau Tiphaine ihrem Schmerz.“ Mauleon küßte ehrfurchtsvoll der edlen Dame die Hand und folgte dem Grafen unter den Segnungen eines großen Zuſammenlaufs von Volk, welches die Kunde, die Agenor gebracht, herbeizog. 1 Muſaron war außer ſich vor Freude. Er wäre bei⸗ nahe erdrückt worden von der Menge, welche ihm den Schenkel preßte und den Steigbügel küßte, nicht mehr, nicht weniger, als wenn er Bannerherr geweſen wäre. 287 Die Gaſtfreundſchaft des Grafen von Laval ver⸗ ſprach einige gute Tage dem ſehr nüchternen und ſehr wachſamen Knappen, und dann, geſtehen wir es, hatte Muſaron die Schwäche, daß er ungemein gern, und wäre es nur der Farbe wegen geweſen, eine große Menge Goldes ſah. Schon vermehrten die Sammlungen von Gemeinde zu Gemeinde die Maſſe. Die demüthige Hütte ſteuerte einen Taglohn, das Schloß gab den Preis von zehn Ochſen oder hundert Livres; nicht minder großmüthig, nicht minder national, entäußerte ſich der Bürger einer Schüſſel von ſeinem Tiſch oder einer Zierrath von den Kleidern ſeiner Frau. Agenor brachte in acht Tagen in Rennes hundert und ſechzigtauſend Livres zuſammen, und als der Kreis erſchöpft war, beſchloß er, die Ausbeutung einer andern, Ader zu beginnen. Dabei iſt es gewiß, daß, wie die Legende ſagt, die Frauen von Bretagne emſiger ihren Rocken fuüͤr die Freiheit von Dugueselin ſpannen, als ſie es für die Nahrung ihrer Kinder und für die Kleidung ihrer Männer thaten.