z Feee en Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SJeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.; 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 3„ 1— 3 9— 82 11— 5. Auswärtige Abonnenten' haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Exſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. A ——y———————— 0 4 4 12 ¹ V 1 8 8 Der Baſtard von Manleon. Von Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Erſtes bis viertes Bandchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. Erſtes Kapitel. Wie Meſſtre Jehan Froiſſard von der Geſchichte unterrichtet wurde, die wir erzählen wollen. Der Reiſende, welcher heut zu Tage denjenigen Theil des Bigorre durchſtreift, der ſich zwiſchen den Quellen des Gers und des Adour ausdehnt und das Departement der Oberpyrenäen geworden iſt, hat zwei Wege zu ſeiner Wahl, um ſich von Tournai nach Tarbes zu begeben: der eine, der ganz neu iſt und die Ebene durchzieht, wird ihn in zwei Stunden in die ehemalige Hauptſtadt der Grafen von Bigorre führen; der andere, der dem Gebirge folgt und eine Römerſtraße iſt, bietet ihm eine Strecke von neun Meilen. Aber auch dieſer Zuwachs von Weg und Strapaze wird ihm wohl belohnt werden durch die reizende Gegend, die er durchwandert, durch den Anblick der herrlichen Vordergründe, die man Bag⸗ —— 8 nères, Montgaillard, Lourdes nennt, und durch den Horizont, den wie eine blaue Mauer die weit ausge⸗ ſtreckten Pyrenäen bilden, aus deren Mitte ganz weiß von Schnee der anmuthige Pie du Midi ſich erhebt. Dieſe Straße iſt die der Künſtler, der Dichter und der Alterthumsforſcher. Wir bitten alſo den Leſer, auf dieſe mit uns die Augen zu werfen. In den erſten Tagen des Monats März 1388, gegen Anfang der Regierung von König Karl VI., das heißt, als alle dieſe Schlöſſer, welche auf dem Niveau des Graſes liegen, den Firſt ihrer Thürme über dem Der Baſtard von Mauleon. I. 41 Gipfel der höchſten Eichen und der ſtolzeſten Fichten erhoben, als jene Männer mit der eiſernen Rüſtung und dem ehernen Herzen, die man Olivier von Cliſſon, Bertrand Duguesclin und den Captal von Buch nannte, kaum ſich in ihre homeriſchen Gräber niedergelegt hatten, nachdem die große Iliade begonnen, deren Entwicke⸗ lung eine Schäferin machen ſollte, ritten zwei Männer auf dieſer ſchmalen, höckerigen Straße, welche damals der einzige Verbindungsweg war, der zwiſchen den be⸗ deutenden Städten des Südens beſtand. Es folgten ihnen zwei Knechte, welche wie ſie zu Pferde waren. Die zwei Herren ſchienen ungefähr gleich alt zu ſein, nämlich fünfundfünfzig bis achtundfünfzig Jahre. Doch hier hörte die Vergleichung auf; denn die große Berſchiedenheit zwiſchen ihren Trachten deutete an, daß Jeder ein anderes Gewerbe trieb. Der eine von ihnen, der, ohne Zweifel aus Ge⸗ wohnheit, um eine halbe Pferdelänge vorausritt, trug einen Ueberwurf von Sammet, der einſt karmeſinroth geweſen war, an dem jedoch die Sonne und der Regen, denen er ſehr oft ausgeſetzt geweſen, ſeit dem erſten Tage, wo ihn ſein Herr angelegt, nicht nur den Glanz getrübt, ſondern auch die Farbe verändert hatte. Aus den Oeffnungen des Ueberwurfes kamen zwei nervige Arme hervor, bedeckt von büffelledernen Aermeln, welche zu einem Wamms gehörten, das einſt gelb geweſen, aber wie der Ueberwurf ſein urſprüngliches Ausſehen verloren hatte, nicht durch ſeine Beruͤhrung mit den Elementen, ſondern durch ſein Reiben am Panzer, für den es offenbar als Futter zu dienen beſtimmt war. Ein Helm nach Art derjenigen, welche man Becken zu nennen pflegte, erlaubte, für den Augenblick ohne Zwei⸗ fel wegen der großen Hitze am Sattelbogen des Reiters hängend, ſein entblößtes Haupt zu erſchauen, das oben kahl, aber an den Schläfen und hinten von langen und gräulichen Haaren beſchattet war, welche im Einklange —— * 3 ſtanden mit dem Schnurrbart, der etwas ſchwärzer als die Haupthaare, wie dies beinahe immer bei den Menſchen der Fall iſt, welche große Strapazen ausge⸗ halten haben, und mit einem Kinnbart, der viereckig geſchnitten war und auf ein eiſernes Halsſtück, den einzigen Theil der Defenſivrüſtung, den der Reiter bei⸗ behalten, herabfiel. Was die Angriffswaffen betrifft, ſo beſtanden dieſelben aus einem langen Schwerte, das an einem hreiten ledernen Guürtel hing, und aus einer kleinen Art, welche in einer dreieckigen Klinge endigte, ſo daß man mit dieſer Art ebenſowohl mit der Schneide, als mit der Spitze ſchlagen konnte. Dieſe Waffe war an dem Sattelbogen rechts angehakt und bildete ein Ge⸗ genſtück zu dem links hängenden Helme. Der zweite Herr, nämlich derjenige, welcher ein wenig hinter dem jerſten ritt, hatte im Gegentheil nichts vom Krieger, weder in ſeiner Kleidung, noch in ſeiner Haltung. Er trug einen langen ſchwarzen Rock, an deſſen Gürtel, ſtatt des Schwertes oder des Dolches, ein Tintenzeug von Chagrin hing, wie es die Schüler und Studenten trugen; ſein Kopf mit den lebhaften, geſcheiten Augen, mit den dicken Brauen, mit der an ihrem Ende gerundeten Naſe, mit den etwas dicken Lippen, mit den ſpärlichen, kurzen Haaren war, jedes Bartes entbehrend, mit einem Käppchen bedeckt, wie es die Magiſtrate, die Schreiber und im Allgemeinen die ernſten Perſonen hatten. Aus ſeinen Taſchen ſtanden Pergamentrollen, bedeckt mit jener feinen, gedrängten Handſchrift hervor, wie man ſie gewöhnlich bei den⸗ jenigen findet, welche viel ſchreiben. Selbſt ſein Pferd ſchien die friedlichen Neigungen des Reiters zu theilen und ſein beſcheidener Baßgang, ſein gegen den Boden geneigter Kopf contraſtirten mit dem erhabenen Schritt, mit den rauchenden Nüſtern und dem launenhaften Ge⸗ wwiieher des Schlachtroſſes, das ſtolz auf ſeine Ueberlegen⸗ heit ſtets ſich den Vortritt anzumaßen ſchien. Die zwei Knechte folgten und beobachteten unter & 4 ſich denſelben entgegengeſetzten Charakter, der die Herren auszeichnete. Der eine war in grünes Tuch gelleidet, ungefähr auf die Art der engliſchen Bogenſchützen, von denen er den Bogen im Bandelier und den Köcher auf der rechten Seite trug, während auf der linken dicht am Schenkel eine Art von Dolch mit breiter Klinge herabhing, der die Mitte hielt zwiſchen dem Meſſer und der furchtbaren Waffe, die man eine Ochſenzunge nannte. Hinter ihm klirrte bei jedem etwas hohen Schritte ſeines Pferdes die Rüſtung, welche für einen Augen⸗ blick abzulegen die Sicherheit des Weges geſtattet hatte. Der andere war, wie ſein Herr, ſchwarz gekleidet und ſchien nach der Art, wie ſeine Haare geſchnitten waren, und nach der Tonſur, die man oben auf ſeinem Kopfe bemerkte, wenn er ſeine ſchwarze Plattmütze mit den Oehr⸗ chen abnahm, den niederen Kategorien der Geiſtlichkeit an⸗ zugehören. Dieſe Meinung beſtätigte ſich noch durch den Anblick des Meßbuches, das er unter ſeinem Arm hielt und woran die ſilbernen Ecken und das Schloß von ſehr ſchöner Arbeit, trotz der Anſtrengung des Ein⸗ bandes, glänzend geblieben waren. Alle vier ritten alſo, die Herren träumend, die Diener plaudernd, als der Ritter, da ſie zu einem Kreuzweg kamen, wo ſich die Straße in drei Zweige theilte, ſein Pferd anhielt, ſeinen Gefährten durch ein Zeichen daſſelbe thun hieß und zu ihm ſprach: „Hört, Meiſter Jehan, ſchaut Euch die Gegend umher wohl an und ſagt mir, was Ihr davon haltet.“ Derjenige, an welchen dieſe Aufforderung erging, warf einen Blick umher, und da die Gegend ganz öde und verlaſſen und durch die Beſchaffenheit des Terrain ſehr zu einem Hinterhalte geeignet ſchien, ſo erwie⸗ derte er: „Bei meiner Treu', Sire Eſpaing, das iſt ein ſelt⸗ ſamer Ort, und ich erkläre, daß ich meines Theils nicht einmal ſo lange anhalten würde, als man braucht, um 2 5 2* drei Pater und drei Ave zu ſprechen, wenn ich nicht in Geſellſchaft eines Ritters von Eurem Rufe wäre.“ „Ich danke für das Kompliment, Sir Jehan, ſprach der Ritter,„ich erkenne daran Eure gewöhnliche Höf⸗ lichkeit; erinnert Euch nur an das, was Ihr mir vor drei Tagen, als wir die Stadt Pamiers verließen, über das gewaltige Scharmützel zwiſchen dem Mongat von Saint⸗Baſile und Ernauton⸗Biſſette beim Pas⸗de⸗Larre ſagtet.“ 8„Ohl ja, ich erinnere mich,“ antwortete der Mann der Kirche,„ich ſagte Euch, wenn wir beim Pas⸗de⸗ Larre wären, ſolltet Ihr mich darauf aufmerkſam ma⸗ chen; denn ich wolle den durch den Tod ſo vieler Braver verherrlichten Ort ſehen.“ „Nun wohl, Ihr ſeht ihn, Meſſire.“ „Ich glaubte, der Pas⸗de⸗Larre wäre in Bigorre.“ „Er iſt auch darin und wir ebenfalls, Meſſire, und zwar ſeitdem wir das Flüßchen Léze durchwatet haben. Wir haben vor einer Viertelſtunde den Weg nach Lourdes und das Schloß Montgaillard links ge⸗ laſſen; hier unten liegt das kleine Dorf la Civitat, hier iſt der Wald des Grundherrn von Barbezan, und dort durch die Bäume erblickt Ihr das Schloß Marcheras.“ „Ei! Meſſire Eſpaing,“ erwiederte der Geiſtliche, „Ihr kennt meine Vorliebe für die ſchönen Waffentha⸗ ten und wißt, daß ich ſie einregiſtrire, wie ich ſie ſehe, oder wie man ſie mir erzählt, damit ihr Andenken nicht verloren geht; theilt mir alſo, wenn es Euch beliebt, in allen Einzelnheiten mit, was an dieſem Orte vorfiel.“ „Das iſt leicht,“ ſprach der Ritter.„Um 1358 oder 1359, vor dreißig Jahren alſo, waren alle Beſa⸗ tzungen des Landes, mit Ausnahme der von Lourdes, franzöſiſch. Dieſe aber machte häufig Ausfälle, um die Stadt zu verproviantiren, nahm Alles weg, was ſie traf, und brachte es hinter ihre Mauern; ſo daß, wenn man ſie ausgezogen wußte, alle andere Garniſonen Abtheilungen ins Feld ſchickten und Jagd darauf an⸗ 6 ſtellten, und wenn man zuſammentraf, ſo entſtanden furchtbare Kämpfe, wobei ebenſo ſchöne Waffenthaten vollbracht wurden, als in geordneten Schlachten. „Eines Tags zog der Mongat von Saint⸗Baſile, den man ſo nannte, weil er ſich als Mönch zu verklei⸗ den pflegte, um ſeine Hinterhalte zu legen, aus Lourdes mit dem Herrn von Carnillae und etwa hundertund⸗ zwanzig Lanzen aus; es fehlte der Citadelle an Lebens⸗ mitteln, und es war ein großer Zug beſchloſſen worden. Sie ritten ſo lange, bis ſte auf einem Wiesgrunde, eine Meile von der Stadt Toulouſe, eine Herde Ochſen fanden, der ſie ſich bemächtigten, dann kehrten ſie auf dem kürzeſten Weg zurück; doch ſtatt kluger Weiſe auf dem Wege zu bleiben, wandten ſie ſich rechts und links ab, um noch eine Herde Schweine und eine Herde Schafe zu nehmen, wodurch das Gerücht von dieſem Zuge Zeit bekam, ſich in der Gegend zu verbreiten. „Der Erſte, der es erfuhr, war ein Kapitän von Tarbes, Namens Ernauton von Sainte⸗Colombe. Er übergab ſogleich zur Ueberwachung ſein Schloß einem Neffen von ihm, Andere ſagen einem Baſtardſohne, welcher ein junger Menſch von fünfzehn bis ſechzehn Jahren war, der noch keinem Gefechte oder Scharmützel beigewohnt hatte. Eiligſt benachrichtigte er den Herrn von Berrac, den Herrn von Barbezan und alle Ge⸗ waffnete von Bigorre, die er finden konnte, ſo daß er noch an demſelben Abend als Anführer an der Spitze einer Truppe ſtand, die der ähnlich war, welche der Mongat von Saint⸗Baſile befehligte.. „Sogleich ſandte er ſeine Spione in das Land aus, um zu erfahren, welchen Weg die Beſatzung von Lour⸗ des zu nehmen gedachte, und als er hörte, daß ſie durch den Pas⸗de⸗Larre kommen würde, beſchloß er, hier zu warten. Dem zu Folge, da er die Gegend ganz genau kannte und da ſeine Pferde nicht ermüdet waren, während im Gegentheil die ſeiner Feinde ſeit vier Tagen mar⸗ ſchirten, nahm er eiligſt ſeinen Poſten, indeß die Land⸗ ——y— N ð——— N 7 ſtreifer einen Halt ungefähr drei Meilen von dem Orte machten, wo er ſie erwartete. „Das Terrain iſt, wie Ihr ſelbſt geſagt habt, ſehr günſtig für einen Hinterhalt. Die Leute von Lourdes und der Mongat ſelbſt vermutheten alſo nichts, und da die Herden vorausmarſchirten, ſo waren dieſe ſchon an dem Orte, wo wir ſind, vorüber, als auf den zwei Wegen, die Ihr hier den einen zu unſerer Rechten, den andern zu unſerer Linken ſeht, die Truppe von Ernau⸗ ton von Sainte⸗Colombe im Galopp unter gewaltigem Geſchrei herbeiſprengte; ſie fand ein gutes Stück Arbeit; der Mongat war nicht der Mann, zu fliehen, er ließ ſeine Truppe Halt machen und ſah dem Angriff feſten Fußes entgegen. „Er war fuͤrchtbar und ſo wie er ſich unter den erſten Kriegern des Landes erwarten ließ; aber was die von Lourdes beſonders wüthend machte, war der Umſtand, daß ſie ſich von der Herde getrennt ſahen, für die ſie ſo viele Strapäazen ausgeſtanden und ſo vie⸗ len Gefahren getrotzt hatten, und die ſie nun blöbend und grunzend unter der Anführung der Knechte ihrer Feinde abziehen hörten, welche bei der durch ihre Her⸗ ren entgegengeſtellten Schranke nur die Hirten zu be⸗ kämpfen gehabt hatten, die indeſſen nicht einmal kämpften, denn es lag ihnen wenig daran, ob ihr Vieh den Einen oder den Andern gehörte, ſobald es nicht mehr ihnen gehörte. „Sie hatten alſo ein doppeltes Intereſſe, ihre Feinde zu yernichten, einmal das ihrer eigenen Sicherheit, ſo⸗ dann das, wieder in den Beſitz ihrer Lebensmittel zu gelangen, da ſie wußten, daß ihre in der Citadelle zurückgebliebenen Kameraden derſelben ſo ſehr bedurften. „Das erſte Zuſammentreffen hatte mit Lanzenſtößen ſtattgehabt; doch bald war ein Theil der Lanzen zer⸗ brochen, und diejenigen, welche die ihrigen noch hatten, fanden, daß in einem ſo eng geſchloſſenen Raum die Lanze eine ſchlechte Waffe war, warfen ſie weg und ————y—⸗⸗⸗⸗⸗⸗⸗——õ——— — —õÿ 8 ergriffen die einen ihre Aexte, die andern ihre Schwer⸗ ter, dieſe Keulen, jene jede Waffe, die ihnen unter die Hände fiel, und das wahre Gefecht begann ſo glühend, ſo erbittert, ſo grauſam, daß Niemand um einen Schritt zurückweichen wollte, und daß diejenigen, welche fielen, noch vorwärts zu ſterben ſuchten, damit man nicht ſage, ſie hätten das Schlachtfeld verloren, und ſo ſchlu⸗ gen ſie ſich drei Stunden lang dergeſtalt, daß wie im Einverſtändniß diejenigen, welche zu ſehr ermüdet wa⸗ ren, ſich zurückzogen, hinter ihren Gefährten entweder im Walde, oder auf dem Wiesgrunde, oder am Rande des Grabens ſich niederſetzten, ihre Helme abnahmen, ihr Blut oder ihren Schweiß abwiſchten, einen Augen⸗ blick athmeten, und dann erbitterter als je in den Kampf zurückkehrken, und ich glaube nicht, daß je eine ſo gut angegriffene und ſo gut vertheidigte Schlacht ſeit dem berühmten Kampfe der Dreißig ſtattgefunden hat. „Während dieſes dreiſtündigen Gefechtes wollte es der Zufall, daß die zwei Führer, nämlich der Mongat von Saint⸗Baſile und Ernauton von Saint⸗Colombe, der eine auf der rechten Seite, der andere auf der lin⸗ ken kämpften. Doch Beide ſchlugen ſo kräftig und ſo hageldicht, daß ſich am Ende die Menge vor ihnen öffnete und ſie ſich einander gegenüber fanden. Da dies der Wunſch von Beiden war und da ſie ſich ſeit dem Anfang des Gefechtes unaufhörlich gerufen hatten, ſo ſtießen Beide, als ſie ſich erblickten, einen Freudenſchrei aus, und als ob die Andern begriffen hätten, jeder Kampf müßte vor dem ihrigen verſchwinden, zog man ſich beiſeit, überließ ihnen das Terrain, und das allge⸗ meine Treffen hörte auf, um dieſem Einzelnkampfe Platz zu machen.“ „Ah!“ ſagte der geiſtliche Herr, den Ritter mit einem Seufzer unterbrechend,„warum war ich nicht da, um ein ſolches Kampfſpiel zu ſehen, das an die ſchönen Zeiten des Ritterthums erinnern mußte, welche leider vorüber ſind, um nie wiederzukehren!“ * 9 3 „Es iſt wahr, Jehan,“ erwiederte der Ritter,„Ihr hättet ein ſchönes ſeltenes Schauſpiel geſehen. Denn die zwei Streiter waren zwei Kriegsmänner, mächtig an Körper und klug und gewandt in ihrem Gewerbe, auf guten ſtolzen Pferden reitend, welche ebenſo begie⸗ rig zu ſein ſchienen, ſich zu zerfleiſchen, wie ihre Her⸗ ren; doch das Pferd vom Mongat von Saint⸗Baſile fiel zuerſt, getroffen von einem Artſtreiche, der von Ernauton ſeinem Herrn beſtimmt war und das Roß todt zu Boden ſtreckte. Doch der Mongat war, ſo raſch auch ſein Fall, zu erfahren, als daß er nicht Zeit ge⸗ habt hätte, ſeine Füße aus den Bügeln loszumachen, ſo daß er nicht unter ſein Pferd, ſondern neben daſſelbe zu liegen kam und, den Arm ausſtreckend, die vordere Häckſe dem Schlachtroſſe von Ernauton abſchnitt, das vor Schmerz wieherte, wankte und auf ſeine beiden Kniee fiel; Ernauton verlor ſeinen Vortheil und ſah ſich genothigt, zu Boden zu ſpringen. Kaum hatte er dies gethan, als ſich der Mongat wieder auf ſeine Füße erhob und der Kampf abermals begann, wobei Ernauton it ſeiner Art und der Mongat mit ſeinem Streitkolben ſchlug.“ „Und gerade auf dieſem Platz fiel die ſchöne Waffen⸗ that vor?“ fragte der Geiſtliche, das Auge funkelnd vor Gluth und als ſähe er den Kampf vor ſich, den man ihm ſchilderte. „Gerade auf dieſem Platze, Meſſire Jehan, und zehnmal haben mir Augenzeugen erzählt, was ich Euch nun erzähle. Ernauton war an der Stelle, wo Ihr ſeid, und der Mongat da, wo ich bin, und der Mongat bedrängte Ernauton ſo gewaltig, daß dieſer, während er ſich vertheidigte, dennoch genöthigt war, zurückzuwei⸗ chen, und kämpfend von dieſem Steine, der zwiſchen den Füßen Eures Pferdes liegt, bis zu jenem Graben zu⸗ rückwich, in den er ohne Zweifel gefallen wäre, als ein junger Menſch, der ganz athemlos während des Kampſes ankam und von der andern Seite des Grabens G 10 zuſchaute, da er den guten Ritter ſo bedrängt ſah und begriff, ſeine Kräfte wären erſchöpft, nur einen Sprung von dem Orte, wo er ſtand, bis zu Ernauton machte, die Art, die er bald hätte fallen laſſen, aus ſeinen Händen nahm und ihm zurief: 3 „„Ahl guter Oheim, gebt mir ein wenig dieſe Art und laßt mich machen.““. „Ernauton war dies ganz lieb; er ließ die Art los und ſtreckte ſich am Rande des Grabens aus, wo ihm ſeine Knechte zu Hülfe eilten, denn er war einer Ohnmacht nahe.“ „Aber der junge Mann,“ verſetzte der Geiſtliche, „der junge Mann?“ „Nun wohl, der junge Mann bewies bei dieſer Gelegenheit, daß, obgleich man ihn einen Baſtard nannte, gutes Raceblut in ſeinen Adern floß, und daß ſein Oheim Unrecht gehabt hatte, ihn in einer alten Burg einzu⸗ ſchließen, ſtatt ihn mit ſich zu nehmen; denn kaum war die Art in ſeiner Hand, als er, ohne ſich darum zu be⸗ kümmern, daß er nur ein einfaches Tuchwamms und als einzige Kopfbedeckung eine Sammetmütze hatte, während ſein Feind mit Eiſen bedeckt war, dieſem einen ſo heftigen Streich mit der Schneide ſeiner Waffe oben auf ſeinen Helm verſetzte, daß das Becken geſpalten war und der Mongat ganz betäubt wankte und beinahe zu Boden ſtürzte. Doch es war dies ein zu gewaltiger Kriegsmann, um ſo unter einem erſten Angriff zu fallen. Er richtete ſich wieder auf, ſchwang ſeinen Kolben und führte einen ſolchen Schlag nach dem jungen Mann, daß ihm ſicherlich der Schädel zerſchmettert worden wäre, wenn er ihn getroffen hätte. Doch dieſer, den keine Vertheidigungswaffe beſchwerte, wich dem Streich durch einen Seitenſprung aus, ſtürzte leicht wie ein junger Tiger auf ſeinen Feind los, umſchlang mit ſei⸗ nen beiden Armen den durch den langen Kampf ermü⸗ deten Mongat, bog ihn, wie es der Wind mit einem 11 Baume thut, preßte in endlich unter ſich nieder und rief ihm zu: „„Ergebt Euch, Mongat von Saint⸗Baſile, ob man Euch beiſteht oder nicht, ſonſt ſeid Ihr des Todes!““ „Und er ergab ſich?“ fragte der geiſtliche Herr, der an dieſer Erzählung ſo großen Antheil nahm, daß alle ſeine Glieder vor Wohlbehagen bebten.“ „Nein,“ erwiederte Meſſire Eſpaing,„ſondern er entgegnete geradezu: „„Ich mich einem Kinde ergeben! ich würde mich ſchämen... ſchlage, wenn Du kannſt.“ „„Nun ſo ergebt Euch meinem Oheim, Ernauton von Saint⸗Colombe, der ein braver Rittersmann iſt und nicht ein Kind wie ich.““ „„Ebenſo wenig Deinem Oheim, als Dir,“ ſprach der Mongat mit dumpfer Stimme,„denn wäreſt Du nicht gekommen, ſo wäre Dein Oheim jetzt, wo ich bin; ſchlage alſo. Ich werde mich unter keiner Bedingung er eben.““ 4„„Dann, und da Du Dich durchaus nicht ergeben willſt, warte und Du wirſt ſehen,““ ſprach der junge Mann. „„Ja, ſehen wir,““ ſagte Mongat, der ſich an⸗ ſtrengte wie der Rieſe Enkelados, da er ſich von dem Berge Aetna freimachen will,„„ſehen wir ein wenig.““ „Doch vergebens raffte er alle ſeine Kräfte zuſam⸗ men, umſchlang er den jungen Mann mit ſeinen Armen und ſeinen Beinen wie mit einem doppelten eiſernen Ring, er konnte ihm ſeinen Vortheil nicht abgewinnen. Dieſer blieb Sieger, hielt ihn mit einer Hand unter ſich, während er aus ſeinem Gürtel ein kleines, langes, dün⸗ nes Meſſer zog, deſſen Klinge unter das Halsſtück ſchlüpfte. In demſelben Augenblick hörte man es wie ein dumpfes Röcheln. Der Mongat zuckte, ſtemmte ſich an, hob ſich auf, doch ohne den Jüngling, der ſich an ihn ge⸗ klammert und fortwährend mit dem Meſſer ſtieß, von ſich losmachen zu können; plötzlich drang ein Blutſchaum durch das Helmviſir des Mongat und beſprengte das 8 12 Geſicht des Gegners. An dieſen beinahe übermenſch⸗ lichen Anſtrengungen erkannte man die Convulſionen des Todeskampfes. Doch der junge Mann ließ ihn nicht im Geringſten los; er ſchien an alle ſeine Bewegungen gebunden. Wie es die Schlange mit dem Leibe des Opfers thut, das ſie erſtickt, hob er ſich auf, ſank er nieder, ſtemmte er ſich an, wie er und mit ihm, ſchauerte er mit allen ſeinen Schauern und blieb liegen und aus⸗ geſtreckt, bis das letzte Leben erloſchen war und das Röcheln ſich in einen Seufzer verwandelt hatte. „Dann erhob er ſich, wiſchte das Geſicht mit dem Aermel ſeines Wammſes ab und ſchüttelte mit der andern Hand das kleine Meſſer, das ein Kinderſpielzeug zu ſein ſchien, während es ſo grauſam einen Menſchen ge⸗ tödtet hatte.“ 4 „Wahrhaftiger Gott!“ rief der Geiſtliche, der ganz und gar vergaß, daß ihn ſeine Begeiſterung beinahe zum Schwören fortriß;„Ihr werdet mir den Namen des jungen Mannes ſagen, nicht wahr, Sire Eſpaing von Lyon, damit ich ihn in meine Tabletten eintrage und dem Buch der Geſchichte einzuverleiben ſuche?“ „Er hieß der Baſtard Agenor von Mauleon,“ er⸗ wiederte der Ritter;„ſchreibt dieſen Namen in ſeiner ganzen Länge in Eure Tabletten ein, wie Ihr ſagt, Meſſire Jehan; denn es iſt der Name eines tüchtigen Kriegers, der dieſe Ehre wohl verdient.“ „Doch er iſt ohne Zweifel nicht hiebei ſtehen ge⸗ blieben,“ entgegnete der geiſtliche Herr;„und er hat in ſeinem Leben wohl andere Waffenthaten, würdig der mit welcher er begonnen, ausgeführt.“ „Oh! ſicherlich, denn drei oder vier Jahre ſpäter zog er gen Spanien, wo er ſich vier bis fünf Jahre gegen die Mauren und Saracenen ſchlug, und von wo er mit abgehauener rechter Fauſt zurückkehrte.“ „Oh!“ machte der Geiſtliche mit einem Ausruf, der den Antheil bezeichnete, den er an dem Unfall des Beſiegers vom Mongat von Saint⸗Baſile nahm; das ————— 13 iſt ein großes Unglück, denn ohne Zweifel war der tapfere Ritter gezwungen, auf die Führung der Waffen zu verzichten.“ „Nein,“ erwiederte Meſſire Eſpaing von Lyon, „nein, Ihr täuſcht Euch, im Gegentheil, Sire Jehan; denn ſtatt der Hand, die er verloren, ließ er ſich eine von Eiſen machen, mit der er die Lanze ſo gut führt, als mit einer rechten Hand; abgeſehen davon, daß er, wenn es ihm genehm iſt, einen Streitkolben daran anpaſſen kann, mit dem er, wie es ſcheint, ſo ſchlägt, daß diejenigen, welche getroffen werden, kaum mehr aufſtehen.“ „Und darf man erfahren, bei welcher Gelegenheit er dieſe Hand verlor?“ fragte der Geiſtliche. „Oh!“ erwiederte Meſſire Eſpaing,„das kann ich Euch nicht ſagen, ſo gern ich Euch angenehm ſein möchte. Denn ich kenne den braven Ritter, von dem die Rede iſt, nicht perſönlich, und man hat mich ſogar verſichert, diejenigen, welche ihn kennen, wiſſen es ebenſo wenig als ich; nie wollte er dieſen Theil ſeines Lebens irgend Jemand mittheilen.“ „Dann werde ich auf keine Weiſe von Eurem Ba⸗ ſtard erzählen, Meiſter Eſpaing,“ ſagte der Geiſtliche; „denn diejenigen, welche die Geſchichte, die ich ſchreibe, leſen, ſollen nicht dieſelbe Frage wie ich machen, ohne eine Antwort zu bekommen.“ „Ahl bei Gott, ich werde fragen, ich werde mich erkundigen,“ erwiederte Meſſire Eſpaing,„doch gebt immerhin jede Hoffnung auf, Meiſter Jehan, denn ich zweifle, ob Ihr je etwas von dem, was Ihr wiſſen wollt, erfahren werdet, wenn nicht, falls Ihr ihn ſelbſt irgendwo trefft.“ „Lebt er denn noch?“ „Ja, und zwar ſtreitbarer als je.“ „Mit ſeiner eiſernen Hand?“ „Mit ſeiner eiſernen Hand.“ „Ah!“ ſagte Meſſire Jehan,„ich glaube, ich gäbe 14 meine Abtei, wenn ich dieſen Mann träfe, und er ſich herbeiließe, mir ſeine Geſchichte zu erzählen; doch Ihr werdet wenigſtens die Eure vollenden, Meſſire Eſpaing, und mir ſagen, was auf beiden Parteien geſchah, als der Mongat todt war.“ „Der Tod des Mongat endigte die Schlacht; was die Ritter wollten, waren die geraubten Herden, und ſie hatten ſie. Ueberdies wußten ſie, daß, nun da der Mongat todt, die ſo ſehr gefürchtete Beſatzung von Lvurdes zur Hälfte weniger zu fürchten war, denn oft bildet ein einziger Mann die Stärke einer Garniſon oder eines Heeres. Es wurde alſo abgemacht, daß jeder Theil ſeine Verwundeten und ſeine Gefangenen mit⸗ nehmen und daß man die Todten beerdigen ſollte. „Man hob alſo den ſchwer verletzten Ernauton von Saninte⸗Colombe auf, man beerdigte die Todten da, wo wir ſind, gerade an dem Orte, den unſere Pferde mit den Füßen ſtampfen. Und damit ein ſo braver Kämpe nicht mit den gemeinen Leichnamen vermenzt würde, grub man ein Grab, jenſeits des großen Felſen, den Ihr vier Schritte von uns ſeht, mit einem ſteinernen Kreuz und ſeinem Namen darauf, daß die Pilger, die Reiſenden und die braven Rittersleute im Vorüberziehen ein Gebet für die Ruhe ſeiner Seele ſprechen könnten.“ „Gehen wir zu dem Kreuze, Meſſire Eſpaing,“ ſagte der Abt,„denn ich meines Theils werde von ganzem Herzen ein Vaterunſer, ein Ave Maria und ein De profundis ſprechen.“ Und der Abt gab dem Ritter das Beiſpiel, winkte den Knechten, warf den Zügel ſeines Pferdes einem der⸗ ſelben zu und ſtieg mit einer Ungeduld ab, aus der man erſah, daß der gute Chronikſchreiber, wenn es ſich um ſolche Dinge handelte, um die Hälfte ſeines Alters erleichtert ward. Meſſire Eſpaing von Lyon that daſſelbe, und Beide wanderten nach dem bezeichneten Ort; doch an der Bie⸗ gung des Felſen blieben Beide ſtehen. 15 Ein Ritter, von deſſen Gegenwart ſie nichts wußten, kniete vor dem Kreuze, in einen weiten Mantel gehüllt, der durch die Steife ſeiner Falten unter ſeiner Draperie eine völlige Rüſtung verrieth. Sein Kopf allein blieb entblößt, und ſein Helm lag auf dem Boden, während zehn Schritte rückwärts, ebenfalls durch den Felſen be⸗ deckt, ein Schildknappe in kriegeriſcher Rüſtung auf einem Schlachtroſſe ſaß und an ſeiner Hand das wie für den Kampf geſchirrte Pferd ſeines Herrn hielt. Es war ein Mann in der vollen Kraft des Alters, nämlich ſechsundvierzig bis achtundvierzig Jahre alt, mit der gebräunten Geſichtsfarbe eines Mauren, mit dichtem Haupthaare und dichtem Barte. Haare und Bart waren von der Farbe eines Rabenflügels. Die zwei Reiſenden blieben einen Augenblick ſtehen und betrachteten dieſen Mann, der, unbeweglich und einer Bildſäule ähnlich, auf dem Grabe des Mongat die fromme Pflicht erfüllte, die ſie ſelbſt zu erfüllen kamen. Der unbekannte Rittersmann ſchien ſeinerſeits, ſo lange das Gebet dauerte, den Ankömmlingen keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken; als aber ſein Gebet ver⸗ richtet war, machte er mit der linken Hand, zum großen Erſtaunen der Anweſenden, das Zeichen des Kreuzes, grüßte ſie höflich mit dem Kopf, drückte, immer in ſeinen Mantel gehüllt, ſeinen Helm auf ſeine gebräunte Stirne, ſtieg wieder zu Pferde, wandte ſich um die Ecke des Felſen, gefolgt von ſeinem Schildknappen, der noch ſteifer und ſchwärzer war, als er, und entfernte ſich. Obgleich man in jener Zeit viele ſolche Geſichter traf, hatte dieſes doch einen ſo eigenthümlichen Cha⸗ rakter, daß es den Reiſenden aufſiel, jedoch nur innerlich; denn die Zeit fing an zu drängen, man hatte noch drei Stunden zurückzulegen, und der Geiſtliche hatte ſich an⸗ heiſchig gemacht, auf dem Grabe des Mongat ein Pater⸗ noſter, ein Ave Maria, ein De profundis et Fi⸗ delium, zu ſprechen. Nach beendigtem Gebet ſchaute Meſſire Jehan um⸗ und ſeinem Knappen dieſelbe M 16 her. Der Ritter, der ohne Zweifel nicht mehr wußte, als er, hatte ihn allein gelaſſen; er machte alſo eben⸗ falls das Zeichen des Kreuzes, doch mit der rechten Hand, und ging dann ſeinem Gefährten nach. „He!“ ſagte er zu den beiden Knechten,„habt Ihr nicht einen Ritter in Kriegsrüſtung, gefolgt von einem Schildknappen geſehen, der Ritter ſchien ſechs⸗ undvierzig und der Schildknappe fünfundfünfzig bis ſechzig Jahre alt zu ſein?“— „Ich habe mich ſchon erkundigt,“ erwiederte mit einem Zeichen des Kopfes Eſpaing von Lyon, deſſen Geiſt von demſelben Gedanken wie der ſeines Reiſegefährten in Anſpruch genommen wurde.„Er ſcheint dem Weg zu folgen, dem wir folgen, und wird ohne Zweifel wie wir in Tarbes übernachten.“ „Setzen wir unſere Pferde in Trab, um ihn ein⸗ zuholen, wenn es Euch beliebt, Meſſire Eſpaing,“ ſagte der Chronikſchreiber,„denn wenn wir ihn einholen, wird er vielleicht mit uns ſprechen, wie es die Gewohnheit unter Leuten iſt, die derſelben Straße folgen. Und mir ſcheint, man dürfte Vieles in der Geſellſchaft eines Mannes erfahren, der in einer Sonne gelebt hat, welche warm genug war, um ihm eine Geſichtsfarbe zu machen, wie er ſie hat.“ „Ganz nach Eurem Wunſche, Meſſire,“ ſagte der Ritter;„denn ich geſtehe Euch, ich fühle mich von einer Neugierde ergriffen, die nicht minder lebhaft iſt, als die Eurige, obſchon ich mich nicht erinnere, ein ſolches Ge⸗ ſicht je in dieſer Gegend geſehen zu haben.“ In Folge dieſes Entſchluſſes ritten unſere zwei Rei⸗ ſende etwas ſchneller, beobachteten jedoch fortwährend dieſelbe Entfernung, und das Pferd des Ritters ging dem des geiſtlichen Herrn immer ein wenig voran. Doch vergebens beſchleunigten ſie den Gang ihrer Roſſe. Der Weg, der an der Seite des Liſſe⸗Fluſſes breiter und ſchöner geworden war, hatte dem Unbekannten öglichkeit gegeben, den ₰ *. —-— 17 Schritt zu verdoppeln, und die Neugierigen kamen vor die Thore von Tarbes, ohne ihn eingeholt zu haben. Sobald ſie hier waren, ſchien etwas Anderes den Geiſtlichen zu beunruhigen. „Meſſire,“ ſagte er zu dem Ritter,„Ihr wißt, daß das erſte Bedürfniß auf der Reiſe ein gutes Lager und ein gutes Abendbrod iſt. Wo werden wir, wenn es Euch beliebt, in der Stadt Tarbes wohnen, wo ich Niemand kenne, und wohin ich, von Monſeigneur Gaſton Phöbus berufen, zum erſten Mal komme?“ „Seid unbeſorgt, Meſſire,“ erwiederte der Ritter lächelnd;„wenn es Euch gefällt, wohnen wir im Stern: das iſt das erſte Gaſthaus der Stadt, abgeſehen davon, daß der Wirth zu meinen Freunden gehört.“ „Gut,“ ſprach der Chronikſchreiber,„ich habe immer bemerkt, daß man auf der Reiſe zweierlei Leute zu Freunden haben muß, die Plünderer in der Stadt und die Plünderer im Walde, nämlich die Wirthe und die Räuber. Gehen wir alſo zu Eurem Freunde, dem Gaſtwirth zum Stern, und Ihr werdet mich ihm für die Zeit meiner Rückkehr empfehlen.“ Beide ritten nach dem bezeichneten Gaſthof, der auf dem Aerktplatze der Stadt lag und, wie es Meſſtre Eſpaing von Lyon geſagt hatte, einen großen Ruf auf zehn Meilen in der Runde genoß. Der Wirth ſtand auf ſeiner Thürſchwelle, wo er, mit Hintanſetzung ſeiner ariſtokratiſchen Gewohnheiten, ſelbſt einen herrlichen Faſan rupfte, dem er mit der gaſtronomiſchem Gewiſſenhaftigkeit, welche nur die Gour⸗ mands zu würdigen wiſſen, die nicht allein durch den Geſchmack und den Geruch, ſondern auch durch das Ge⸗ ſicht genießen wollen, die Federn am Kopf und am Schwanz ließ; doch ehe er ſich ganz und gar in dieſes wichtige Geſchäft vertieft hatte, erblickte er Meſſire Eſpaing von Lyon, ſobald er auf dem Platze erſchien, ſteckte ſeinen Faſan unter ſeinen linken Arm, während er mit der Der Baſtard von Maulegn. 1.. 2 * 18 rechten Hand ſeine Mütze abnahm, und ging ihm einige Schritte entgegen. „Ah! Ihr ſeid es, Meſſire Eſpaing,“ ſagte er, die lebhafteſte Freude kundgebend;„ſeid willkommen, Ihr und Euer ehrenwerther Gefährte; ich habe Euch lange nicht geſehen, und vermuthete, Ihr müßtet bald durch unſere Stadt kommen. He! Brind' avoine, nimm dieſen Herren die Pferde ab. Hol Marion, bereite die beſten Zimmer; meine Herren, ſteigt ab, wenn es Euch beliebt, und beehrt mit Eurer Gegenwart mein armes Gaſthaus.“ „Nun,“ ſprach der Ritter zu ſeinem Gefährten, „ich ſagte Euch, Meiſter Barnabé ſei ein koſtbarer Mann, bei dem man zu jeder Minute Alles finde, was man braucht.“ „Ja,“ verſetzte der Mann der Kirche,„und ich habe bis jetzt nur Eines zu erwiedern, daß ich nämlich wohl vom Stall und von den Zimmern, aber nicht vom Abendbrod reden hörte.“ „Ohl was d Abendbrod betrifft, ſo mag ſich Eure Herrlichkeit b uhigen,“ ſprach der Wirth.„Meſſire Eſpaing wird Euch ſagen, daß man mir nur zum Vor⸗ wurf macht, ich gebe meinen Reiſenden zu reichliche Mahle.“ „Vorwärts, Meiſter Gascogner,“ rief Meſſire Eſpaing, der wie den Zugel ſeines Pferdes den Kaechten zugeworfen hatte, „zeigt uns den Weg, und gebt uns nur die Hälfte von ſein Gefährte abgeſtiegen war und en was Ihr verſprecht, und wir werden zufrieden ein.“ 5 „Die Hälfte!“ rief Meiſter Barnabé,„die Hälfte! mein Ruf wäre verloren, wenn ich ſo handelte. Das Doppelte, Meſſire! das Doppelte!“ S Der Ritter warf einen Blick der Zufriedenheit adu den Geiſtlichen, und Beide traten, dem Wirthe folgends hinter dieſem in die Küche. In dieſer Küche gab in der That Alles einen Vor⸗ 1 .19 geſchmack von der Glückſeligkeit, welche für die wahren Gourmands aus einem wohlgeordneten und wohlſer⸗ virten Mahle entſpringt. Der Spieß drehte ſich, die Caſſeroles ſangen, die Röſte arbeiteten, und mitten unter allem dieſem Geräuſch ſchlug die Glocke wie ein har⸗ moniſcher Aufruf zur Tafel ſechs Uhr. Der Ritter rieb ſich die Hände und der Chronik⸗ ſchreiber fuhr mit dem Ende ſeiner Zunge über ſeine Lippen. Die Chronikſchreiber ſind im Allgemeinen ſehr leckerhaft, und das iſt noch viel ſchlimmer, wenn ſie zu⸗ gleich Chronikſchreiber und Geiſtliche ſind. In dieſem Augenblick und wie von einem und eben⸗ demſelben Punkte ausgehend, nämlich vom Spieße, durchliefen die Blicke der zwei Reiſenden in entgegen⸗ geſetzter Richtung eine Kreislinie, um ſich zu ver⸗ ſichern, die verheißenen Genüſſe wären wirkliche Ge⸗ nüſſe und nicht phantaſtiſche Mahle, wie ſie von bos⸗ haften Zauberern den alten fahrenden Rittern verſpro⸗ chen wurden. Eine Art von Hausknecht trat ebenfalls in die Küche und ſagte dem Wirth ein Wort ins Ohr. „Ah, Teufel!“ machte dieſer, indem er ſich hinter dem Ohre kratzte,„und Du ſagſt, es gebe keinen Platz für die Pferde dieſer Herren?“ „Nicht den kleinſten, Herr; der Ritter, der ſo eben eingetroffen, hat die letzten zwei Plätze nicht im Stall, der ſchon voll war, ſondern im Schoppen in Beſchlag ge⸗ nommen.“. „Oh! oh!“ verſetzte Meſſire Eſpaing,„wir ver⸗ möchten uns kaum von unſeren Pferde zu trennen; doch wenn Ihr durchaus keinen Platz hier habt, ſo würden wir, um die guten Zimmer, von denen Ihr geſprochen, nicht zu verlieren, einwilligen, wenn ſie mit unſeren Knechten in einem Hauſe in der Stadt untergebracht würden.“ „In dieſem Fall, edler Herr, kann ich Euch dienen, und Eure Pferde werden dabei gewinnen, denn ſie ſollen in Ställen untergebracht werden, wie der Graf von Foix keine ähnliche hat.“ * 20 „Gut alſo, was dieſe herrlichen Ställe betrifft, doch morgen früh um ſechs Uhr müſſen ſie geſattelt und⸗ gezäumt vor Eurer Thüre ſein, denn Meſſire Jehan und ich begeben uns nach der Stadt Pau, wo wir von Monſeigneur Gaſton Phöbus erwartet werden.“ „Seid unbeſorgt und zählt auf mein Wort,“ er⸗ wiederte Meiſter Barnabé. In dieſem Augenblick kam das Stubenmädchen eben⸗ falls und ſprach leiſe mit dem Wirth, deſſen Geſicht plötzlich einen Ausdruck des Verdruſſes annahm. „Nun! was gibt es noch?“ fragte Meſſire Eſpaing. „Das iſt nicht möglich,“ entgegnete der Wirth. Und er reichte dem Stubenmädchen abermals das Ohr, um ſich wiederholen zu laſſen. „Was ſagt ſie?“ fragte der Ritter. „Sie ſagt etwas Unglaubliches.“ „So laßt hören.“ „Es gebe keine Zimmer mehr.“ „Gut, gut,“ ſprach Meſſire Jehan,„ſo ſind wir verurtheilt, bei unſern Pferden zu ſchlafen.“ „Oh! meine Herren,“ rief Barnabé,„ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung! doch der Ritter, der ein wenig vor Euch angekommen iſt, hat für ſich und ſeinen Schildknappen die zwei einzigen Zimmer genom⸗ men, welche noch übrig waren.“ „Bah!“ ſprach Meſſire Jehan, der an ſolche widrige Zufälle gewohnt zu ſein ſchien,„eine ſchlechte Nacht iſt bald hingebracht, und wenn wir nur ein gutes Abend⸗ brod haben.“ „Ah!“ ſagte der Wirth,„hier kommt gerade der Koch, den ich habe rufen laſſen.“ Der Koch zog den Wirth bei Seite und fing mit ihm ein Geſpräch mit leiſer Stimme an. „Oh!“ rief der Wirth, der zu erbleichen ſuchte, „unmöglich!“ Der Koch machte mit dem Kopf und mit ſeinen beiden Händen eine Geberde, welche ſagen wollte:„Es iſt ſo⸗“ 8 3 3 . — 21 * Der geiſtliche Herr, der das Vocabularium der Zeichen, wenn ſich dies auf die Küche bezog, ſehr gut zu verſtehen ſchien, erbleichte wirklich. „Oh!“ ſagte er,„was iſt denn das?“ „Meine Herren,“ ſprach der Wirth,„Mariton täuſcht ſich.“ „Und worin täuſcht er ſich?“ „Darin, daß er mir ſo eben meldet, es ſei nichts vorhanden, um Euch Abendbrod zu geben, inſofern der Ritter, der vor Euch angekommen, den Reſt der Mundvorräthe für ſich in Beſchlag genommen habe.“ „Ahl Meiſter Barnabé,“ ſprach Meſſire Eſpaing von Phon⸗ die Stirne faltend,„ſcherzen wir nicht, wenn's eliebt.“ „Ach! Meſſire,“ erwiederte der Wirth,„ich bitte Euch, zu glauben, daß ich nicht im Geringſten ſcherze, und daß ich ſogar im höchſten Maße über dieſen Vorfall betrübt bin.“. „Ich will zugeben, was Ihr uns in Betreff der Zimmer und Ställe geſagt habt,“ entgegnete der Ritter, „doch beim Abendbrod iſt es etwas Anderes, und ich erkläre Euch, daß ich mich nicht für geſchlagen halte. Hier iſt eine ganze Reihe von Caſſerolen.“ „Meſſire, ſie iſt für den Caſtellan von Marcheras beſtimmt, der mit der Caſtellanin hier iſt.“ „Und dieſe Poularde, die ſich am Spieße dreht?“ „Sie iſt von einem dicken Canonicus beſtellt, der zu ſeinem Capitel zurückkehrt und nur einmal in der Woche Fleiſch ißt.“ „Und dieſer Roſt, der ganz mit Rippchen beladen iſt, welche ſo gut riechen?“ „Das iſt nebſt dem Faſan, den ich rupfe, das Abendbrod des Ritters, der einen Augenblick vor Euch ankam.“ „Oh!“ rief Meſſire Eſpaing,„er hat alſo Alles genommen, dieſer Teufel von einem Ritter? Meiſter Barnabe macht uns das Vergnügen und ſagt ihm, ein 22 nüchterner Ritter ſchlage ihm vor, eine Lanze mit ihm zu brechen, nicht für die Augen ſeiner Schönen, ſondern für den guten Geruch ſeines Abendbrods, und Ihr fügt bei, Meſſire Jehan Froiſſard, der Chronikſchreiber, werde Kampfrichter ſein und unſere Thaten eintragen.“ „Es bedarf deſſen nicht,“ ſprach eine Stimme hinter Meiſter Barnabé,„ich komme im Auftrage meines Herrn, um Euch, Meſſire Eſpaing von Lyon, und Euch, Meſſire Jehan Froiſſard, zum Abendbrod zu ihm einzuladen.“ Meſſire Eſpaing wandte ſich um, als er dieſe Stimme hörte, und erkannte den Knappen des fremden Ritters. „Ohl oh!“ machte er,„das iſt eine Einladung, die mir ſehr höflich dünkt; was ſagt Ihr dazu, Meſſire Jehan?“ „Ich ſage nicht nur, daß ſie äußerſt höflich iſt, ſondern auch, daß ſie ſehr gelegen kommt.“ „Und wie heißt Euer Herr, mein Freund, daß wir wiſſen, wem wir für eine ſolche Artigkeit zu Dank ver⸗ pflichtet ſind?“ „Er wird es Euch ſelbſt ſagen, wenn Ihr mir zu folgen die Güte haben wollt,“ antwortete der Knappe. Die Reiſenden ſchauten ſich einander an, und halb aus Hunger, halb aus Neugierde hatten ſie denſelben Wunſch. „Vorwärts⸗“ ſagten ſie zu gleicher Zeit,„zeigt uns den Weg, wir werden Euch folgen.“ Beide ſtiegen die Treppe hinter dem Knappen hin⸗ auf, der ihnen ein Zimmer öffnete, in deſſen Hintergrund der unbekannte Ritter, ſeiner Rüſtung entkleidet und angethan mit einem Rock von ſchwarzem Sammet mit weiten, langen Aermeln, die Hände auf dem Rücken, ſtand. Als er ſie erblickte, ging er ihnen einige Schritte entgegen, grüßte ſie höflich und ſprach, indem er ihnen die linke Hand reichte: „Seid willkommen, meine edle Herren, und em⸗ .23 pfangt meinen Dank, daß Ihr die Güte habt, meine Einladung annehmen zu wollen.“ Der Ritter hatte ein ſo redliches und offenes Aus⸗ ſehen, die Hand, die er ihnen reichte, kam ihnen ſo treuherzig geboten vor, daß Beide ſie berührten, ob⸗ gleich es ein beinahe unerläßlicher Gebrauch unter Rittersleuten war, ſich die rechte Hand zu reichen, und beinahe eine Beleidigung, anders zu handeln. Während jedoch die beiden Reiſenden dem unbe⸗ kannten Ritter dieſe ſeltſame Höflichkeit erwiederten, waren ſie nicht genug Herren ihres Erſtaunes, daß es ſich nicht auf ihrem Antlitz ausgeprägt hätte; der Ritter aber ſchien nicht hierauf zu merken. „Wir, Meſſire, ſind Euch Dank ſchuldig,“ ſagte Froiſſard;„denn wir waren in einer großen Verlegen⸗ heit, der uns Eure freundliche Einladung entzogen hat: empfangt alſo den Ausdruck unſerer ganzen Erkennt⸗ lichkeit.“ „Mehr noch,“ ſagte der Ritter,„da ich zwei Zimmer habe und Ihr keines habt, ſo werde ich Euch das geben, welches für meinen Knappen beſtimmt war.“ „In der That,“ ſprach Eſpaing von Lyon,„das iſt zu viel Gefaͤlligkeit; doch wo wird Euer Knappe ſchlafen?“ „In meinem Zimmer, bei Gott!“ „Nein,“ erwiederte Froiſſard,„das hieße Eure Güte mißbrauchen.“ „Bah!“ verſetzte der unbekannte Ritter,„wir ſind hieran gewöhnt: es iſt mehr als fünfundzwanzig Jahre, daß wir unter demſelben Zelte geſchlafen haben, und ſeit fünfundzwanzig Jahren iſt uns das ſo oft vorge⸗ kommen, daß wir nicht mehr zählten, wie oft. Doch ſetzt Euch, meine edlen Herren.“. Der Ritter deutete auf Stühle, welche um einen Tiſch ſtanden, auf dem Gläſer und eine Humpe aufge⸗ pflanzt waren, und gab ihnen das Beiſpiel, indem er ſich ſelbſt ſetzte. 24 Die zwei Reiſenden nahmen ebenfalls Platz. „Das iſt alſo abgemacht,“ ſprach der unbekannte Ritter, und füllte drei Gläſer mit Würzwein, wobei er ſich, wie er es bis dahin gethan, ſeiner linken Hand bediente. „Meiner Treue, ja,“ ſagte Eſpaing von Lyon,„wir würden Euch zu beleidigen glauben, Ritter, wenn wir ein ſo herzliches Anerbieten ausſchlügen; ſeid Ihr nicht meiner Anſicht, Meſſire Jehan?“ „Um ſo mehr,“ erwiederte der Säckelmeiſter von Chimay,„als wir Euch nicht lange zur Laſt fallen werden.“ „Wie ſo?“ fragte der unbekannte Ritter. „Wir reiſen morgen nach Pau ab.“ „Schön,“ ſprach der Ritter,„man weiß, wann man ankommt, man weiß aber nicht, wann man abreiſt.“ „Wir werden am Hofe des Grafen Gaſton Phöbus erwartet.“ „Und nichts würde Euch ſo anziehend erſcheinen, um Euch acht Tage unter Weges verlieren zu laſſen?“ fragte der Ritter. „Nichts, als eine ſehr ſeltſame und ſehr intereſſante Geſchichte,“ antwortete Eſpaing von Lyon. „Auch weiß ich nicht,“ äußerte der Chronikſchreiber, „ob ich auf dieſe Art mein Wort gegen den erlauchten Herrn Grafen von Foir brechen könnte.“ „Meſſire Jehan Froiſſard,“ erwiederte der unbekannte Ritter,„Ihr ſagtet vorhin beim Pas⸗de⸗Larre, Ihr würdet gern Eure Abtei Chimay demjenigen geben, der Euch die Abenteuer des Baſtards von Mauleon. erzählte.“ 1 „Allerdings habe ich es geſagt, doch woher wißt 1 Ihr es?“ „Ihr vergeßt, daß ich ein Ave auf dem Grabe des Mongat ſprach, und daß ich an dem Orte, wo ich war, Alles, was Ihr ſagtet, hören konnte.“ 220 iſt es, wenn man in freier Luft ſpricht, Meſſire 1 w di w ſch S,e 2˙ 080 2⁵ Jehan Froiſſard,“ ſagte lachend Eſpaing von Lyon, „das ſind Worte, die Euch Eure Abtei koſten werden.“ „Bei der heiligen Meſſe! Herr Ritter,“ ſprach Froiſſard,„ich glaube, ich habe meinen Mann gefunden, und Ihr kennt die Geſchichte.“ „Ihr täuſcht Euch nicht,“ erwiederte der Ritter, „Niemand weiß ſie und kann ſie beſſer wiederholen als ich, ſeit dem Augenblick, wo er den Mongat von Lourdes getödtet, bis zu dem, wo ihm die Fauſt abgeſchlagen worden iſt.“ „Und was wird es mich koſten?“ fragte Froiſſard, der, ſo neugierig er war, die Geſchichte zu hören, doch zu bedauern anfing, daß er ſeine Abtei als Preis ge⸗ boten. „Es wird Euch acht Tage koſten, Meſſire,“ er⸗ wiederte der unbekannte Ritter,„und ſelbſt während dieſer acht Tage werdet Ihr kaum Zeit haben, Alles, was ich Euch ſage, auf Pergament niederzuſchreiben.“ „Ich glaubte, der Baſtard von Mauleon habe ge⸗ ſchworen, dieſe Geſchichte nie bekannt werden zu laſſen,“ entgegnete Froiſſard. „Bis er einen Chronikſchreiber, würdig, ſie aufzu⸗ zeichnen, gefunden hätte; und nun, Meſſire Jehan, iſt kein Grund mehr vorhanden, ſie zu verbergen.“ „Warum ſchreibt Ihr ſie dann nicht ſelbſt?“ fragte Froiſſard. „Weil ein Hinderniß obwaltet,“ entgegnete lächelnd der Ritter. „Und welches?“ fragte Meſſire Eſpaing von Lyon. „ Dieſes,“ ſprach der Ritter, indem er mit der linken Hand die Hand ſeines rechten Aermels aufhob und auf den Tiſch einen verſtümmelten Arm legte, der in einer eiſernen Zange endigte. „Jeſus!“ rief Froiſſard vor Freude zitternd,„ſolltet Ihr es ſein?“ „Der Baſtard von Mauleon in Perſon, den Einige auch Agenor mit der eiſernen Hand nennen.“ 26 „Und Ihr werdet mir Eure Geſchichte erzählen?““ fragte Froiſſard mit der Angſt der Hoffnung. „Sobald wir zu Nacht geſpeiſt haben,“ antwortete der Ritter. „Gut,“ ſprach Froiſſard ſich die Hände reibend, „Ihr ſagtet die Wahrheit, Meſſire Eſpaing von Lyon, Monſeigneur Gaſton Phöbus wird warten.“ Und an demſelben Abend, nachdem ſie geſpeiſt, hielt der Baſtard von Mauleon ſein Verſprechen und fing an, Meſſire Jehan Froiſſard nachfolgende Geſchichte zu er⸗ zählen, die wir aus einer Handſchrift genommen haben, ohne uns eine andere Mühe zu geben, als in die dritte Perſon eine Erzählung zu ſetzen, welche in der erſten geſchrieben war. Zweites Kapitel. Wie der Baſtard von Mauleon auf dem Wege von Pinchel nach Coimbra einen Mauren traf, den er nach dem Wege fragte und der vorüberzog, ohne ihm zu antworten. An einem ſchönen Morgen des Monats Juni 1364 hätte derjenige, welcher bei einer Hitze von vierzig Graden ſich ins Freie zu wagen nicht bange gehabt haben würde, auf der Straße von Pinchel nach Coimbra in Portugal eine Geſtalt, für deren Schilderung die Leute unſerer Tage uns Dank wiſſen werden, einherziehen ſehen 1 können. Es war nicht ein Mann, ſondern eine völlige 1 3 38 3 5 8n ——— 27 Rüſtung, beſtehend aus einem Helm, einem Panzer, Armſchienen und Beinſchienen, mit der Lanze im Arm, der Tartſche am Hals, Alles überragt von einem rothen Federbuſch, über den die Lanzenſpitze noch emporſtand. Dieſe Rüſtung ſaß im Gleichgewicht auf einem Pferde, von dem man nur die ſchwarzen Beine und das entflammte Auge erblickte, denn es verſchwand wie ſein Herr unter ſeiner Kriegswappnung, welche mit einer weißen, mit rothem Tuche eingefaßten Schabracke be⸗ deckt war. Von Zeit zu Zeit ſchüttelte das edle Thier den Kopf und wieherte mehr aus Zorn, als aus Schmerz; dies geſchah, wenn eine Bremſe unter die Falten der ſchweren Decke geſchlüpft war und es ſeinen gierigen Stich fühlen ließ. Was den Reiter betrifft, der ſteif und feſt in den Bügeln hielt, als ob er an den Sattel genietet wäre, ſo ſchien er ſeinen Stolz darein zu ſetzen, daß er der glühenden Hitze Trotz bot, die vom kupfernen Himmel herabfiel, die Luft entzündete und das Gras vertrocknete. Viele, welche Niemand deshalb der Weichlichkeit be⸗ ſchuldigt hätte, würden ſich erlaubt haben, das ver⸗ gitterte Viſir zu öffnen, welches das Innere des Helmes in eine Badewanne verwandelte; doch aus der unem⸗ pfindlichen Haltung und aus der edlen Unbeweglichkeit des Ritters erſah man, daß er ſelbſt in der Wüſte die Stärke ſeines Temperaments und ſeine Abhärtung gegen die Strapazen des Kriegerſtandes zur Schau trug. Wir haben geſagt die Wuſte, und in der That, die Gegend, durch die der Ritter zog, verdiente wohl dieſen Namen. Es war eine Art von Thal, gerade tief genug, um auf dem Weg, dem der Ritter folgte, die glühend⸗ ſten Sonnenſtrahlen zuſammenzudrängen. Schon ſeit mehr als zwei Stunden war die Hitze, die man hier empfand, ſo groß, daß das Thal ſeine beharrlichſten Bewohner verloren hatte; die Hirten und die Herden, welche am Morgen und am Abend an ſeinem doppelten Abhange erſchienen, um ein paar Halme gelben, dürren X△ 28 Graſes zu ſuchen, hatten ſich hinter die Hecken und Gebüſche geflüchtet, und ſchliefen im Schatten. So weit das Auge reichen konnte, hätte man auch verge⸗ bens einen Reiſenden geſucht, der kühn und unempfind⸗ lich genug gegen die Flamme geweſen wäre, um dieſen Boden zu betreten, welcher aus der Aſche von der Sonne vertrockneter Felſen zu beſtehen ſchien. Das einzige lebende Thier, das bewies, daß ein Geſchöpf in einem ſolchen Ofen leben konnte, war die Grille, oder vielmehr die Tauſende von Grillen, welche, zwi⸗ ſchen den Kieſelſteinen ſitzend, an den Grashalmen an⸗ geklammert, oder auf einem von Staub weißen Oliven⸗ zweige ſich ausbreitend, die ſcharfe, eintönige Fanfare von ſich gaben, die ihr Triumphgeſang war, durch wel⸗ chen ſie die Eroberung der Wüſte verkündigten, wo ſie als alleinige Souverains herrſchten. Mit ÜUnrecht haben wir behauptet, vergebens hätte das Auge am Horizont einen andern Reiſenden geſucht, als denjenigen, welchen wir zu ſchildern unternahmen, denn hundert Schritte hinter ihm kam eine andere Ge⸗ ſtalt, nicht minder ſeltſam, als die erſte, obgleich von einem ganz verſchiedenartigen Typus: es war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, dürr, gebückt, bronzirt, mehr hockend, als reitend auf einem Pferde ſo mager als er, und auf dem Sattel ſchlummernd, woran er ſich angeklammert hielt, ohne irgend eine von den Sorgen, welche ſeinen Gefährten wach hielten, ſogar ohne die Sorge, ſeinen Weg zu erkennen, die er offenbar demje⸗ nigen überließ, welcher weiſer oder mehr dabei inter⸗ eſſirt war, ſich nicht zu verirren. Ohne Zweifel am Ende überdüſſig, ſeine Lanze ſo hoch zu tragen und ſich ſo ſteif im Sattel zu halten, hielt der Ritter an, um ſein Viſir aufzuſchlagen und dem Dampfe Durchgang zu laſſen, der aus ſeiner eiſer⸗ nen Umhüllung in ſeinen Kopf aufzuſteigen anfing; doch ehe er dieſe Bewegung ausführte, ſchaute er umher wie ——— Z—--—=-S=Sr=Sr r— ein Menſch, der entfernt nicht der Anſicht iſt, der Muth — ·,—S———— —.,—. ,—+„- .29 ſei minder ſchätzbar, wenn er von einer geziemenden Doſe von Klugheit begleitet werde. Bei dieſer Rundbewegung ſah er ſeinen ſorgloſen Gefährten, und indem er ihn aufmerkſam anſchaute, be⸗ merkte er, daß er ſchlief. „Muſaron!“ rief der geharniſchte Ritter, nachdem er zuvor ſein Helmviſir aufgeſchlagen hatte,„Muſaron, wache auf, Taugenichts, oder bei dem koſtbaren Blute von San Jagol wie die Spanier ſagen, Du kommſt nicht nach Coimbra mit meinem Felleiſen, ſei es nun, daß Du es unter Weges verlierſt, oder daß es Dir die Diebe ſtehlen. Muſaron! wirſt Du denn immer ſchlafen, Burſche?“ Doch der Knappe, denn dies war der Grad, den bei dem Ritter derjenige einnahm, welchen er angere⸗ det hatte, der Knappe, ſagen wir, ſchlief zu tief, als daß ihn der einfache Lärmen der Stimme erweckt hätte; der Ritter bemerkte alſo, daß er ein anderes, kräftige⸗ res Mittel anwenden mußte, um ſo mehr, als das Pferd des Schläfers, da es ſah, daß ſein Vordermann anhielt, es für geeignet erachtete, ebenfalls anzuhalten, ſo daß Muſaron, von der Bewegung zur Unbeweglichkeit über⸗ gehend, eine nur um ſo beſſere Chance hatte, ſich eines tiefen Schlafes zu erfreuen; er nahm deshalb ein elfen⸗ beinernes, mit Silber eingelegtes Horn, das an einem Haken an ſeinem Gürtel hing, hielt es an ſeinen Mund und ließ mit kräftigem Athem ein paar Noten ertönen, welche ſein Pferd ſich bäumen und das ſeines Gefähr⸗ ten wiehern machte. 4 Diesmal erwachte Muſaron plötzlich. „Hollah!“ rief er, indem er eine Art von Meſſer zog, das an ſeinem Gürtel hing,„hollah! was wollt Ihr, Ihr Schurken? Hollah! was verlangt Ihr, Zi⸗ geuner, Enkel des Teufels? Entfernt Euch, oder ich- ſchlitze Euch bis zum Gürtel den Bauch auf!“ Und der brave Knappe focht rechts und links mit ſeinem Meſſer, bis er am Ende, wahrnehmend, daß er nur die Luft ſchlitzte, anhielt, die Augen weit aufriß, ſeinen Herrn mit erſtaunter Miene anſchaute und fragte: „Eil was gibt es denn, Meſſire Agenor? Wo ſind denn die Leute, die uns angreifen? Sind ſie wie Dunſt verſchwunden? oder habe ich ſie vernichtet, ehe ich gänzlich erwachte?“ „Was es gibt, Taugenichts?“ ſagte der Ritter,„Du träumſt, und während Du träumſt, ſchleppſt Du meinen Schild am Ende ſeines Riemens, was entehrend für die Waffen eines wackeren Rittersmannes iſt. Auf! auf! erwache vollends, oder ich zerſchmettere Dir meine Lanze auf der Schulter.“ Muſaron ſchüttelte den Kopf mit einer ziemlich fre⸗ chen Miene. „Bei meiner Treue, Sire Agenor,“ ſagte er,„Ihr werdet wohl daran thun, und damit wird wenigſtens eine Lanze auf unſerem Wege gebrochen ſein. Statt mich Eurem Vorhaben zu widerſetzen, fordere ich Euch auf, es in Ausführung zu bringen.“ „Was ſoll das bedeuten, Schurke?“ rief der Ritter. „Das ſoll bedeuten,“ erwiederte der Knappe, der mit ſeiner ſpöttiſchen Sorgloſigkeit immer näher heran⸗ ritt,„das ſoll bedeuten, daß wir ſeit ſechzehn vollen Tagen, die wir in Spanien, in dieſem Lande voll Aben⸗ teuer reiſen, wie Ihr bei unſerem Aufbruche ſagtet, nicht einen einzigen Feind außer den Fliegen und der Sonne, und als ganze Ausbeute nur Waſſerblaſen und Staub gefunden haben. Gottes Tod! Herr Agenor, ich habe Hunger; Gottes Tod! Herr Agenor, ich habe Durſt; Gottes Tov! Herr Agenor, meine Börſe iſt leer, das heißt, ich bin den drei größten Calamitäten dieſer Welt preisgegeben, und ich ſehe die großen Plünderun⸗ gen ungläubiger Mauren nicht kommen, welche, wie Ihr mir ſchmeicheltet, unſern Leib bereichern und unſere Seele retten ſollten, und worüber ich ſüße Träume dort in unſerem ſchönen Lande Bigorre hatte, ehe ich Euer Knappe war, und beſonders ſeitdem ich es bin.“ .31 „Wirſt Du es zufällig wagen, Dich zu beklagen, während ich mich nicht beklage?“ „Ich hätte wohl Veranlaſſung dazu, und es fehlt mir in der That nur die Keckheit. Wir haben beinahe unſere letzten Franken für die Waffenſchmiede von Pin⸗ chel ausgegeben, welche Eure Art ſchärften, Euer Schwert ſchliffen und Eure Rüſtung putzten, und es fehlt uns in der That nichts mehr, als daß wir mit Räubern zuſammentreffen.“ „Haſenherz!“ „Wartet einen Augenblick, daß wir uns verſtän⸗ digen, Sire Agenor; ich ſage nicht, daß ich ein ſolches Zuſammentreffen fürchte.“ „Was ſagſt Du denn?“ „Ich ſage, daß ich es wünſche.“ „Warum?“ „Weil wir die Räuber berauben würden,“ erwie⸗ derte Muſaron mit dem ſpöttiſchen Lächeln, das den Hauptcharakter ſeiner Phyſiognomie bildete. Der Ritter hob die Lanze, in der ſehr ſichtbaren Abſicht auf, ſie auf die Schulter ſeines Knappen fallen zu laſſen, der nahe genug gekommen war, daß er auf eine erſprießliche Art eine ſolche Zurechtweiſung ver⸗ ſuchen konnte; doch mit einer einfachen kleinen Bewe⸗ gung voll Gewandtheit, an die er gewöhnt zu ſein ſchien, wich der Knappe dem Streich aus, während er mit ſeiner Hand die Lanze hielt. „Nehmt Euch in Acht, Sire Agenor,“ ſagte er, „ſcherzen wir nicht ſo; ich habe harte Knochen und we⸗ nig Fleiſch darauf. Ein Unglück iſt bald geſchehen, mit einem falſchen Schlag würdet Ihr Enre Lanze zer⸗ brechen, und wir wären genöthigt, ihr ſelbſt einen an⸗ dern Schaft zu machen, oder uns mit einer unvollſtän⸗ digen Rüſtung vor Don Federigo zu zeigen, was de⸗ müthigend für die Ehre der bearn’ſchen Ritterſchaft wäre.“ „Schweige, verfluchter Schwätzer; Du würdeſt beſſer daran thut, wenn Du durchaus ſprechen mußt, jenen Hügel zu erklettern und mir zu ſagen, was Du von oben ſiehſt.“ „Ah!l“ rief Muſaron,„wenn es der wäre, wohin Satan unſern Herrn führte, und wenn ich Einen fände, 8 und wäre es auch der Teufel, der mir dafür, daß ich ihm die Klaue küßte, alle Königreiche der Erde böte...“ „Du würdeſt es annehmen, Abtrünniger?“ „Mit Dank, Ritter.“ „Muſaron,“ ſprach der Ritter mit ernſtem Tone, „ſcherze mit Allem, was Du willſt, nur nicht mit heili⸗ gen Dingen.“ Muſaron verbeugte ſich und fragte: „Der gnädige Herr wünſcht alſo immer noch zu erfahren, was man von dieſem Hügel herab wahr⸗ 1 nehme?“ „Mehr als je, gehe alſo.“ 3 Muſaron machte eine leichte Wendung... gerade ſo viel als er brauchte, um ſich außerhalb des Berei⸗ ches der Lanze ſeines Herrn zu halten, und ritt dann den Hügel hinan. „Ah!“ rief er, als er den Gipfel erreicht hatte, „ah! Jeſus und Gott! was ſehe ich!“ Und er bekreuzte ſich. „Run, was ſiehſt Du?“ fragte der Ritter. „Das Paradies, oder wenigſtens beinahe das Pa⸗ radies,“ antwortete Muſaron, in die tiefſte Bewunderung verſunken. „Beſchreibe mir Dein Paradies,“ erwiederte der Ritter, der ſtets von einem Scherze ſeines Knappen be⸗ thört zu werden befürchtete. „Ah! edler Herr, was wollt Ihr?“ rief Muſaron, „Orangenwälder mit goldenen Früchten, ein großer Fluß mit ſilbernen Wellen, und jenſeits das Meer, glän⸗ zend wie ein ſtählerner Spiegel.“ „Wenn Du das Meer ſieheſt,“ ſagte der Ritter, der ſich noch nicht beeilte, ſeinen Antheil an dem Ge⸗ mälde zu nehmen, aus Furcht, wenn er ſelbſt den Gipfel e, 4 33 erreicht hätte, würde ſich dieſer herrliche Horizont in Dunſt auflöſen, wie jene Luftſpiegelungen, von denen er die Pilger des Orients hatte ſprechen hören;„wenn Du das Meer ſiehſt, Muſaron, ſo mußt Du noch beſſer Coimbra ſehen, das nothwendig zwiſchen uns und dem Meere liegt, und wenn Du Coimbra ſiehſt, ſo ſind wir am Ziele unſerer Reiſe, da es Coimbra iſt, wohin mich mein Freund, der Großmeiſter Federigo, beſchieden hat.“ „Ohl ja,“ rief Muſaron,„ich ſehe eine ſchöne und große Stadt, ich ſehe einen hohen Thurm.“ „Gut, gut,“ ſprach der Ritter, der nun an das, was ihm ſein Knappe ſagte, zu glauben anfing und diesmal den ein wenig zu lange ausgedehnten Scherz, wenn es etwa ein Scherz wäre, ernſtlich zu beſtrafen ſich ge⸗ lobte.„Gut, es iſt die Stadt Coimbra, es iſt der Thurm der Kathedrale.“ „Was ſage ich: eine Stadt! was ſage ich: ein Thurm! ich ſehe zwei Städte, ich ſehe zwei Thürme.“ „Zwei Städte! zwei Thürme!“ rief der Ritter, als er ebenfalls auf den Gipfel des Hügels kam,„Du wirſt ſehen, vorhin hatten wir nicht genug und nun werden wir zu viel haben.“ „Zu viel,“ ſagte Muſaron,„das iſt die Wahrheit; ſeht, Sire Agenor, die eine rechts, die andere links, ſeht Ihr den Weg, der ſich jenſeits dieſes Citronenwal⸗ des gabelförmig trennt? Welche von den zwei Städten iſt Coimbra? welchem von den zwei Wegen müſſen wir folgen?“ „In der That,“ murmelte der Ritter,„das iſt eine neue Verlegenheit, an die ich nicht dachte.“ „Eine um ſo größere Verlegenheit,“ ſagte Muſa⸗ ron,„als wir, wenn wir uns täuſchen und unglücklicher Weiſe den Weg nach dem falſchen Coimbra einſchlagen, im Grunde unſerer Börſe nichts finden, um damit unſer Nachtlager zu bezahlen.“ Der Ritter ſchaute zum zweiten Male rings um⸗ Der Baſtard von Mauleon, 1. 3 34 her, doch diesmal in der Hoffnung, einen Vorüberge⸗ henden zu gewahren, bei dem er ſich erkundigen könnte. „Verfluchtes Land,“ ſagte er,„oder vielmehr ver⸗ fluchte Wuͤſte! denn wenn man Land ſagt, ſo ſetzt man einen von anderen Geſchöpfen, als von Eidechſen und Grillen, bewohnten Ort voraus. Ohl wo iſt Frank⸗ reich?“ fuhr der Ritter mit einem von jenen Seufzern fort, die zuweilen den am wenigſten ſchwermüthigen Herzen bei dem Gedanken an das Vaterland entſchlüpfen; „Frankreich, wo Jeder ſtets eine ermuthigende Stimme findet, um ihm den Weg zu zeigen.“ „Und einen Schafkäſe, um ihm den Gaumfen zu erquicken; ſo iſt es, wenn man ſein Vaterland verläßt. Ahl Sire Angenor, Ihr hattet Recht, wenn Ihr ſag⸗ tet: Frankreich! Frankreich!“ „Schweige, Thier!“ rief der Ritter, der gern ganz leiſe denken wollte, was Muſaron ganz laut ſagte, der aber nicht wollte, daß Muſaron laut ſagte, was er leiſe dachte.„Schweige.“ 3 4 Muſaron hütete ſich wohl, dies zu thun, und der Leſer muß den würdigen Knappen ſchon hinreichend kennen, daß es in dieſem Punkt nicht ſeine Gewohnheit war, blindlings ſeinem Herrn zu gehorchen; er fuhr alſo fort und ſprach, als ob er ſeine eigenen Gedanken be⸗ antwortete: 1 „Wie ſollte man uns auch beiſtehen, oder uns nur grüßen? Wir find allein in dieſem verdammten Por⸗ tugal. Oh! die großen Compagnien, das iſt ſchön, das iſt angenehm, das iſt herrlich, und beſonders be⸗ quem zum Leben; oh! Sire Agenor, warum gehören wir nicht ganz einfach in dieſem Augenblick zu einer großen berittenen Compagnie auf der Straße des Lan⸗ guedoc oder der Guienne!“ „Du urtheilſt wie ein Jacques, weißt Du das, Meiſter Muſaron?“ ſagte der Ritter. 4 „Ich bin auch einer, Meſſire, oder ich war wenig⸗ 2 ſtens einer, ehe ich in den Dienſt Eurer Herrlichkeit trat.“ „Rühme Dich deſſen, Elender!“ 1 „Sprecht nicht ſchlimm von ihnen, Sire Agenor, denn die Jacques haben wenigſtens Mittel gefunden, zu ſpeiſen, während ſie Krieg führen; wir führen aller⸗ dings nicht Krieg, wir ſpeiſen aber auch nicht.“ 3 „Dies Alles ſagt uns nicht, welche von den zwei Städten Coimbra iſt,“ murmelte der Ritter. „Nein,“ erwiederte Muſaron,„doch dort kommt etwas, was es uns ſagen wird.“ Und er deutete mit dem Finger auf eine Staub⸗ wolke, die durch eine kleine Karavane in die Höhe ge⸗ trieben wurde, welche eine halbe Stunde hinter ihnen kam, denſelben Weg verfolgte, wie ſie, und in deren Mitte die Sonne von Zeit zu Zeit etwas wie Gold⸗ flittern glänzen ließ. „Ah!“ ſprach der Ritter,„da kommt endlich, was wir ſuchen.“ „Oder was uns ſucht,“ ſagte Muſaron. „Nun wohl! ſo eben verlangteſt Du Räuber.“ „Doch ich verlaugte nicht zu viel,“ entgegnete Mu⸗ ſaron.„Der Himmel iſt in der That im Zug, uns mit Gnaden zu überhaͤufen; ich verlangte drei bis vier Räu⸗ ber, und er ſchickt uns eine Truppe; wir verlangten eine Stadt, und er ſchickt uns zwei. Herr Ritter,“ fuhr Muſaron fort, indem er ſich ſeinem Herrn näherte, „berathſchlagen wir und ſprechen wir unſere Anſichten aus, zwei Anſichten ſind mehr werth als eine, Ihr wißt es wohl, ſagt zuerſt die Eure.“ „Meine Anſicht iſt, daß wir nach dem Citronen⸗ walde reiten, durch den die Straße zieht, und der uns zugleich Schatten und Sicherheit gibt; dort warten wir ſodann, zum Angriff oder zur Vertheidigung bereit.“ „Oh! das iſt eine Anſicht voll Vernunft,“ rief der Knappe mit ſeinem halb ſpöttiſchen, halb überzeugtem Tone,„es iſt eine Anſicht, der ich ohne Widerſpruch 36 3 beitrete; Schatten und Sicherheit, das iſt Alles, was ich in dieſem Augenblick wünſchte. Schatten iſt die Hälfte des Waſſers; Sicherheit iſt drei Viertheile des Muthes. Reiten wir alſo nach dem Citronenwalde, und zwar ſo ſchnell als möglich.“ 3 Doch die zwei Reiſenden hatten ohne ihre Pferde erechnet. Die armen Thiere waren ſo müde, daß ſie, obgleich vielfach geſpornt, nur im Schritt gehen konn⸗ ten. Zum Glück hatte die Langſamkeit keine anderen unangenehmen Folgen, als daß ſie die Reiſenden länger der Sonne ausgeſetzt ließ. Die kleine Truppe, gegen welche ſie dieſe Vorſichtsmaßregeln nahmen, war noch zu weit entfernt und hatte ſie folglich nicht ſehen können. Einmal in dem Gehöolze angelangt, brachten ſie die ver⸗ lorene Zeit wieder ein. In einem Augenblick war Mu⸗ ſaron von ſeinem Pferde herab, das ſich in ſeiner Mü⸗ digkeit beinahe ſo ſchnell als er niederlegte; der Ritter ſtieg ebenfalls ab, warf den Zaum ſeines Pferdes in die Hände ſeines Knappen und ſetzte ſich an den Fuß eines Palmbaumes, der ſich wie der König dieſes duf⸗ tenden Waldes erhob. Muſaron band das Pferd an einen Baum und ſuchte ſeine Nahrung im Gehölze umher. Nach einem Augenblick kehrte er mit einem Dutzend ſüßer Eicheln und ein paar Citronen zurück, deren Erſtlinge er dem Ritter anbot, welcher ihm, den Kopf ſchüttelnd, dankte. „Ah! ja,“ ſprach Muſaron,„ich weiß wohl, daß dies Alles nicht ſehr erquickend für Leute iſt, welche vierhundert Meilen in ſechzehn Tagen gemacht haben; aber was wollt Ihr, gnädigſter Herr! man muß ſich gedulden. Wir begeben uns zu dem erhabenen Don Federigo, dem Großmeiſter von San Jago und Bru⸗ der, oder ungefähr Bruder des mächtigen Don Pedro⸗ des Königs von Caſtilien, und wenn er nur die Hälfte von dem hält, was uns ſein Brief verſpricht, ſo haben wir für unſere nächſte Reiſe friſche Pferde, Maulthiere mit Schellen, welche die Vorübergehenden anziehen, Pa⸗ — .37 gen mit Kleidern, die den Augen ſchmeicheln, und wir ſehen dann die Mädchen aus den Poſadas, die Maul⸗ thiertreiber und die Bettler herbeilaufen; die Einen geben uns Wein, die Anderen Früchte, und diejenigen, welche am mindeſten karg ſind, bieten uns ihre Häuſer an, nur um die Ehre zu haben, uns zu beherbergen, und dann wird es uns an nichts fehlen, gerade weil wir nichts mehr nöthig haben; mittlerweile aber müſſen wir Eicheln knacken und Citronen ausſaugen.“ „Es iſt gut, es iſt gut, Sire Muſaron,“ ſprach der Ritter lächelnd,„in zwei Tagen werdet Ihr Alles ha⸗ ben, was Ihr ſagt, und dieſes Mahl iſt Euer letztes Faſten.“ „Gott höre Euch, gnädiger Herr!“ ſprach Muſa⸗ ron, indem er ſeinen Blick voll Zweifel zum Himmel aufſchlug, und zugleich von ſeinem Kopf ſeine Sturm⸗ haube nahm, worauf eine Feder von einem Pyrenäen⸗ adler befeſtigt war;„ich werde bemüht ſein, mich auf die Höhe meines Glückes zu ſtellen, und dazu brauche ich nur auf unſer vergangenes Elend zu ſteigen.“ „Bah!“ ſagte der Ritter,„das vergangene Elend bildet das zukünftige Glück.“ „Amen,“ ſprach Muſaron. Ohne Zweifel wollte Muſaron trotz dieſes ganz religiöſen Schluſſes ein Geſpräch über einen andern Gegenſtand anfangen, als plötzlich das Klingeln von Schellen von einem Dutzend Pferde oder Maulthiere, und ein gewiſſes Klirren von Eiſen in der Ferne zu ertönen anfing. „ Aufgepaßt!“ ſprach der Ritter,„das iſt die frag⸗ liche Truppe. Teufel! ſie hat ſich beeilt, und es ſcheint, die Pferde derjenigen, welche ſie bilden, ſind minder müde als die unſrigen.“ Muſaron ſteckte in ein Büſchel Gras den Reſt ſei⸗ ner Eicheln und ſeine letzte Citrone, und ſprang nach dem Steigbügel ſeines Herrn, der in einem Augenblick im Sattel ſaß und die Lanze in der Fauſt hatte. 1 Da ſahen ſie mitten aus den Bäumen, wo ſie die⸗ ſen kurzen Halt gemacht hatten, auf dem Gipfel des Hügels eine Truppe Reiſender erſcheinen, welche gute Maulthiere ritten und reich, die einen nach ſpaniſcher, die andern nach mauriſcher Sitte, gekleidet waren. Nach dieſer erſten Truppe kam ein Mann, der das Haupt derſelben zu ſein ſchien und, in einen langen Caban. von feiner weißer Wolle mit ſeidenen Quaſten gehüllt, dem Eindruck der Luft nur zwei hinter dieſem Wall funkelnde Augen preisgab. Es waren im Ganzen, dieſen Häuptling mit ein⸗ begriffen, zwölf ſehr ſtarke und wohl bewaffnete Män⸗ ner nebſt ſechs Maulthieren, geführt von vier Knechten; dieſe zwölf Männer bildeten, wie geſagt, die Spitze, dann kam, auch wie geſagt, der Anführer, und hinter dieſem, die Nachhut bildend, die ſechs Maulthiere und die vier Knechte, in deren Mitte man eine angemalte und ver⸗ goldete Sänfte von Holz erblickte, welche, hermetiſch durch ſeidene Vorhänge verſchloſſen, den Luftſtrom durch Löcher empfing, die in den Verzierungen eines kleinen geſchnitzten, um die Sänfte laufenden Frieſes angebracht waren. Zwei in der von uns gegebenen Erzählung nicht einbegriffene Maulthiere trugen dieſe Sänfte und marſchirten im Schritt. Es war dies die ganze Truppe, welche, ſich nähernd, ſo großen Lärmen mit Glöckchen und Schellen gemacht hatte. „Ah!“ ſagte Muſaron etwas erſtaunt,„diesmal ſind es wahre Mauren, und ich glaube, ich habe zu bald geſprochen, Meſſire. Schaut doch, wie ſchwarz ſie aus⸗ ſehen. Jeſus! man ſollte meinen, es wäre die Leib⸗ wache des Teufels. Und wie reich gekleidet ſind dieſe Ungläubigen! Sagt doch, welch ein Unglück, Sire Agenor, daß ihre Zahl ſo groß iſt, oder daß wir nicht größere Geſellſchaft haben. Ich denke, es dürfte dem Himmel ſehr angenehm geweſen ſein, wenn alle dieſe Reichthümer in die Hände von guten Chriſten wie wir —2 RS —„ ——. — — .39 übergegangen wären. Ich ſage Reichthämer, und das iſt das richtige Wort, denn die Schätze dieſes Ungläu⸗ bigen ſind ſicherlich in jenem angemalten und vergolde⸗ ten Kaſten, der ihm folgt und gegen den er jeden Au⸗ genblick den Kopf umwendet.“ „Stille!“ ſagte der Ritter;„ſiehſt Du nicht, daß ſie ſich berathen, daß zwei bewaffnete Pagen voraus geritten ſind, und daß ſie angreifen zu wollen ſcheinen? Auf! auf! halte Dich bereit, mir, wenn es nothwendig iſt, beizuſtehen, und reiche mir meinen Schild, damit man, falls ſich eine Gelegenheit bietet, erfahre, was ein franzöſiſcher Rittersmann iſt.“ „Meſſire,“ erwiederte Muſaron, der ſich weniger als ſein Herr für eine feindliche Stellung zu entſchei⸗ den ſchien,„ich glaube, Ihr ſeid in einem Irrthum be⸗ griffen; dieſe edlen mauriſchen Herren können nicht daran denken, zwei harmloſe Menſchen anzugreifen; ſeht, einer von den zwei Pagen hat ſeinen Gebieter um Rath ge⸗ fragt, und die vermummte Geſtalt hat keinen Befehl gegeben, ſondern ihnen nur durch ein Zeichen bedeutet, ſie ſollen vorwärts gehen. Eil ſeht, Meſſire, ſie ziehen ihres Weges, ohne ihre Pfeile zugerichtet, ohne ihre Armbrüſte geſpannt zu haben; ſie legen nur die Hand an ihr Schwert, und es ſind im Gegentheil Freunde, die uns der Himmel ſchickt.“ „Freunde bei den Mauren! und die heilige Re⸗ ligion... was machſt Du denn, verfluchter Heide?“ Muſaron fühlte, daß er ſich dieſes Anfahren mit Recht zugezogen hatte; er beugte ehrfurchtsvoll das Haupt und ſprach: „Verzeiht, Meſſire, ich täuſchte mich, als ich ſagte: Freunde. Ein Chriſt, ich weiß es wohl, kann nicht der Freund eines Mauren ſein; es ſind Rathgeber, wollte ich ſagen; es iſt erlaubt, Rathſchläge von Je⸗ dermann anzunehmen, wenn die Rathſchläge gut ſind. Ich will dieſe ehrlichen. Herren fragen, und ſie werden uns unſern Weg bezeichnen.“ „Es ſei, ich will es auch,“ ſprach der Ritter;„ich will es um ſo mehr, als ſie, wie mir ſcheint, ein wenig zu ſtolz an mir vorüberziehen, und der Gebieter den höflichen Gruß, den ich ihm mit der Spitze meiner Lanze entbot, nicht erwiedert hat; gehe und frage ſie artig, welche von den zwei Stäͤdten Coimbra ſeiz füge bei, Du kommeſt im Auftrage von Meſſire Agenor von Mauleon, und im Austauſch für meinen Namen frage dieſen mauriſchen Ritter nach dem ſeinigen: vorwärts.“ Muſaron, der vor dem Anführer der Truppe mit allen ſeinen Vorzügen erſcheinen wollte, verſuchte es, ſein Pferd zum Aufſtehen zu bringen; doch das Thier —:— hatte ſo lange keinen Schatten und kein Gras mehr gefunden, und es ſchien ihm ſo bequem und beſonders ſo angenehm, liegend zu weiden, daß es der Knappe nicht für einen Augenblick auf ſeine Beine bringen konnte; er entſchloß ſich alſo raſch und lief zu Fuß der Truppe nach, welche, da ſie während der Berathung ihren Marſch fortgeſetzt hatte, auf dem gekrümmten Abhang, bei der Biegung einiger Olivenbäume zu verſchwinden im Begriffe war. Während Muſaron fortlief, um ſich ſeiner Bot⸗ ſchaft zu entledigen, verlor Agenor von Mauleon, auf⸗ recht auf ſeinem Sattel, feſt in den Steigbügeln, un⸗ beweglich wie eine Reiterſtatue, den Mauren und ſeine Gefährten nicht aus dem Blick; bald ſah er ihn bei dem Rufe ſeines Knappen anhalten; ſeine Escorte machte Halt, wie er; alle diejenigen, welche dieſelbe bildeten, ſchienen das Leben ihres Anführers zu leben, als wären ſie von ſeinen Wünſchen durch eine innere Stimme unterrichtet worden, und als bedürften ſie nicht einmal eines Zeichens, um ſeinem Willen zu ge⸗ horchen. Es war ein ſo reines Wetter, es herrſchte ein ſo tiefes Stillſchweigen in dieſer ganzen Natur, welche unter der Hitze des Himmels entſchlummert ruhte, der Seewind war ſo ſanft, daß er ohne Hinderniß zu den 41 Ohren des Ritters die Worte von Muſaron brachte, und Muſaron entledigte ſich ſeines Auftrags nicht nur als ein treuer, ſondern auch als ein geſchickter Botſchafter. „Eure Herrlichkeit ſei gegrüßt,“ ſprach er,„ge⸗ grüßt zuerſt von Seiten meines Gebieters, des ehren⸗ haften und tapferen Sire Agenor von Mauleon, der dort auf ſeinen Steigbügeln die Antwort Eurer Herr⸗ lichkeit erwartet; gegrüßt ſodann von ſeinem unwürdigen Knappen, der ſich aufrichtig zu dem Zufall Glück wünſcht, ſeſcher ihm das Wort bis zu Euch zu erheben ge⸗ attet.“ 4 Der Maure grüßte ernſt und vorſichtig nur mit dem Kopfe, und wartete ſtillſchweigend auf das Ende der Rede. „Möge es,“ fuhr Muſaron fort,„möge es Eurer. Herrlichkeit gefallen, uns anzugeben, welcher von den zwei Thüͤrmen, die man dort ſieht, der von Coimbra iſt? Wolle mir auch Eure Herrlichkeit, wenn ſie es weiß, ſagen, welcher von allen den ſchönen Paläſten der einen oder der andern Stadt, die von ihrem Grund⸗ gebiete das Meer beherrſchen, der des erhabenen Groß⸗ meiſters von San Jago, des Freundes und ungeduldi⸗ gen Wirthes des tapferen Ritters iſt, der Euch durch mich um dieſe doppelte Auskunft bitten läßt!“ Um ſeinem Herrn und ſich ſelbſt mehr Glanz zu geben, hatte Muſaron lauter als die andern die auf Don Federigo bezüglichen Worte klingen laſſen. In der That, gleichſam um ſeine Gewandtheit zu recht⸗ fertigen, hörte der Maure aufmerkſamer bei dem zweiten Theile ſeiner Rede, und bei dieſem zweiten Theile fun⸗ kelten ſeine Augen von jenem verſtändigen Feuer, das den Kindern ſeiner Nation eigenthümlich iſt und einem Sonnenſtrahl geſtohlen zu ſein ſcheint. Doch er antwortete eben ſo wenig auf dieſen zwei⸗ ten Theil, als auf den erſten; er dachte nur einen Augen⸗ blick nach, grüßte dann mit dem Kopf, wie er es ſchon gethan hatte, und ſagte ſeinen Leuten ein einziges ara⸗ 42 G biſches Wort, das mit einer gebieteriſchen, gutturalen Stimme ausgeſprochen wurde, wonach ſich die Vorhut in Marſch ſetzte; der mauriſche Reiter trieb ſein Pferd an, und die Nachhut, in deren Mitte die geſchloſſene Sänfte getragen wurde, ſetzte ſich ebenfalls in Marſch. Muſaron blieb einen Augenblick ganz erſtaunt und gedemüthigt an ſeinem Platz. Der Ritter aber wußte nicht genau, ob das arabiſche Wort, das er ebenſo wenig als Muſaron begriffen hatte, von dem Mauren zu ſeinem Knappen oder zu ſeinem Gefolge geſprochen worden war. „Ah!“ ſagte plötzlich Muſaron, der ſich ſelbſt gegen⸗ über nicht zugeſtehen wollte, man habe ihm eine ſolche Beleidigung angethan,„er verſteht das Franzöſiſche nicht, das iſt die Urſache ſeines Stillſchweigens. Bei Gott! ich hätte Caſtilianiſch mit ihm ſprechen ſollen.“ Doch da der Maure ſchon zu weit entfernt war, als daß Muſaron ihm zu Fuß hätte nachlaufen können, und da der kluge Knappe überdies vielleicht einen tröſt⸗ lichen Zweifel einer demüthigenden Gewißheit vorzog, ſo kehrte er zu ſeinem Herrn zurück. Drittes Kapitel. Wie der Ritter Agenor von Mauleon Coimbra und den Palaſt von Don Federigo, dem Großmeiſter von San Jago, ohne die Hülfe des Mauren fand. Wüthend über das, was er gehört, und über das, was ihm ſein Knappe wiederholte, hatte Agenor 43 einen Augenblick den Gedanken, durch Gewalt zu er⸗ langen, was der Maure ſeiner Höflichkeit verweigerte. Als er aber ſein Pferd den Sporn fuhlen ließ, um dem unverſchämten Sarazenen nachzujagen, zeigte das arme Thier ſo wenig Geneigtheit, ſeinen Herrn in ſeinen Wünſchen zu unterſtützen, daß der Ritter auf dem mit Kieſelſteinen beſäten Abhang anhalten mußte. Die Nach⸗ hut des Mauren beobachtete die Schritte der zwei Fran⸗ ken und wandte ſich in Zwiſchenräumen um, wohl um nicht überfallen zu werden. „Meſſire Agenor,“ rief Muſaron, unruhig über dieſe Kundgebung, der indeſſen die Müdigkeit des Pfer⸗ des jede Chance von Gefahr benahm,„Meſſire Agenor, habe ich Euch nicht geſagt, dieſer Maure verſtehe das Franzöoͤſiſche nicht, habe ich Euch nicht zugeſtanden, geärgert wie Ihr über dieſes Stillſchweigen, ſei mir der Gedanke gekommen, ihn in ſpaniſcher Sprache zu be⸗ fragen, doch erſt, da er ſchon zu fern geweſen, als daß ich dieſen Gedanken hätte in Ausführung bringen kön⸗ nen? Ihm müßt Ihr alſo nicht grollen, ſondern mir, der ich dieſen glücklichen Gedanken nicht früher gehabi habe. Uebrigens“ fügte er bei, als er ſah, daß der Ritter einen Halt zu machen genöthigt war,„übrigens ſind wir allein, und Ihr ſeht, daß Euer Pferd abge⸗ mattet iſt.“ Mauleon ſchüttelte den Kopf und ſprach: „Das iſt Alles ſchön und gut, doch dieſer Maure hat nicht natürlich gehandelt. Man kann wohl das Franzöſiſche nicht verſtehen, aber in jedem Lande ver⸗ ſteht man die allgemeine Sprache der Geberde. Wäh⸗ rend Du das Wort Coimbra ausſprachſt, deuteteſt Du abwechſelnd auf die eine und auf die andere Stadt, und er mußte errathen, daß Du nach dem Weg frag⸗ teſt. Ich kann den unverſchämten Mauren zu dieſer Stunde nicht mehr einholen, doch bei dem Blute unſeres Herrn, das Nache gegen dieſe Ungläubigen ſchreit, er finde ſich nie wieder auf meinem Wege!“ 3 44 „Im Gegentheil, Meſſire,“ ſagte Muſaron, bei dem die Klugheit weder den Muth, noch den Groll aus⸗ ſchloß.„Im Gegentheil, trefft ihn, doch nur unter andern Bedingungen. Trefft zum Beiſpiel ihn allein mit den Knechten, welche die Sänfte hüten, Ihr über⸗ nehmt den Herrn, und ich übernehme die Knechte; dann werden wir wohl ſehen, was der Kaſten von vergoldetem Holz enthält.“ „Irgend ein Götzenbild ohne Zweifel,“ erwiederte der Ritter. „Oder wohl ſeinen Schatz,“ ſagte Muſaron,„eine große Kiſte mit Diamanten, Rubinen, Perlen, um mit den Händen darin zu wühlen. Denn dieſe verfluchten Ungläubigen kennen die Beſchwoͤrungen, mit deren Hülfe man die verborgenen Schätze findet. Oh! wenn wir nur zu ſechs oder wenigſtens zu vier geweſen wären, wir hätten Euch etwas gezeigt, Herr Maure. Oh! Frank⸗ reich! Frankreich! wo biſt du? Ihr tapferen Kämpen, wo ſeid Ihr? Ihr ehrwürdigen Abenteurer, meine Com⸗ pagnons, warum ſeid Ihr nicht da!“ „Ah!“ ſagte plötzlich der Ritter, der während dieſes Ausfalls ſeines Knappen überlegt hatte,„wenn ich daran denke!“ „Woran? „An den Brief von Don Federigo.“ „Nun?“ „In dieſem Brief gibt er uns vielleicht über den Weg nach Coimbra eine Erläuterung, die ich vergeſſen abe. 3„Ahl wahrhaftiger Gott! das heiße ich vernünftig denken und geſcheit ſprechen. Den Brief, Sire Agenor, den Brief, und wenn er nur dazu dienen würde, uns durch die ſchönen Verſprechungen, die man uns darin macht, zu ſtärken.“ Der Ritter häkelte von ſeinem Sattelbogen eine kleine Rolle von parfumirtem Leder los, und zog aus dieſer Rolle ein Pergament. Es war dies der Brief 45 von Don Federigo, den er zugleich als einen Paß und als einen Talisman aufbewahrte. Er enthielt Folgendes: „Edler und hochherziger Don Agenor von Mauleon, erinnerſt Du Dich des ſchönen Lanzenſtoßes, den Du in Narbonne mit Don Federigo, dem Großmeiſter von San Jago, austauſchteſt, als die Caſtilianer in Frankreich Donna Bianca von Bourbon einholten?“ „Damit will er ſagen, Madame Blanche von Bour⸗ bon,“ unterbrach ihn der Knappe, indem er den Kopf von oben nach unten ſchüttelte, wie ein Menſch, der das Spaniſche zu verſtehen ſich anmaßt und eine Gelegen⸗ heit, bekannt zu machen, was er weiß, nicht vorüber⸗ gehen laſſen will. Der Ritter ſah Muſaron von der Seite mit dem Ausdruck an, mit dem er die Prahlereien jeder Art, die ſich ſein Knappe erlaubte, aufzunehmen pflegte. Dann ſchaute er wieder in das Pergament und fuhr fort: „Ich habe Dir ein gutes Andenken verſprochen, denn Du warſt edelmüthig und artig gegen mich.“ „Es iſt wahr,“ unterbrach ihn zum zweiten Male Muſaron,„Eure Herrlichkeit konnte ihm vortrefflich ihren Dolch in die Gurgel ſtoßen, wie ſie es ſo zart dem Mongat von Lourdes bei dem Kampfe am Pas⸗ de⸗Larre bei ihrem erſten Auftreten gethan hat. Denn bei dem berühmten Tournier, wo Ihr ihn aus dem Sattel hobet, und wo er wüthend, aus dem Sattel ge⸗ hoben worden zu ſein, mit ſcharfen Waffen, ſtatt mit ſtumpfen, den Kampf fortzuſetzen verlangte, hieltet Ihr ihn vollkommen unter Eurem Knie. Und ſtatt Euren Sieg zu mißbrauchen, ſagtet Ihr großmüthig(ich höre noch dieſe ſchönen Worte):„„Erhebt Euch, Großmeiſter von San Jago, um die Ehre der caſtilianiſchen Ritter⸗ ſchaft zu ſein.““ Muſaron begleitete dieſe letzten Worte mit einer Geberde voll Majeſtät, durch die er, ohne es zu ver⸗ muthen, die Geberde parodirte, die ſein Herr bei dieſer feierlichen Gelegenheit hatte machen müſſen. „Wurde er aus dem Sattel gehoben,“ ſprach Mau⸗ leon,„ſo war dies der Fehler ſeines Pferdes, das den Stoß nicht aushalten konnte. Dieſe halb arabiſchen, halb caſtilianiſchen Pferde taugen mehr beim Rennen, aber weniger beim Kampfe als die unſrigen. Und wenn er unter mich fiel, ſo war dies der Fehler ſeines Spornes, der ſich an einer Baumwurzel in dem Augenblick an⸗ hing, wo ich ihm einen Streich mit der Art auf den Kopf verſetzte; denn er iſt ein unerſchrockener und ge⸗ wandter Ritter. Gleichviel,“ fügte Agenor mit einem Gefühle des Stolzes bei, das er bei all der Beſcheiden⸗ heit, mit der er ſich ausdrückte, nicht ganz zurückzu⸗ drängen vermochte,„der Tag, an welchem dieſer merk⸗ würdige Kampf in Narbonne ſtattfand, war ein ſchöner Tag für mich.“ „Abgeſehen davon, daß Ihr den Preis von Madame Blanche von Bourbon erhieltet, welche ſehr bleich wurde und ſehr zitterte, die ſanfte Prinzeſſin, als ſie ſah, daß das Tournier, dem ſie beizuwohnen glaubte, ſich in einen wirklichen Kampf verwandelte. Ja, edler Herr,“ ſprach Muſaron, ganz zitternd bei dem Gedanken an die Herrlichkeiten, welche in Coimbra ſeines Gebieters und ſeiner harrten,„Ihr habt Recht, wenn Ihr ſagt, es ſei ein ſchöner Tag geweſen, denn Euer Glück ward an demſelben geboren.“ „Ich hoffe es,“ erwiederte Agenor beſcheiden;„doch fahren wir fort.“ Und er las weiter. „Ich erinnere Dich heute an Dein Verſprechen, Nie⸗ mand als mir Waffenbrüderſchaft zu bewilligen. Wir ſind beide Chriſten; komm zu mir nach Portugal, nach Coimbra, das ich von den Ungläubigen erobert habe. Ich verſchaffe Dir Gelegenheit, ſchöͤne Waffen⸗ thaten gegen die Feinde unſerer heiligen Religion zu 8 3 au— N 47 vollbringen. Du lebſt in meinem Palaſte wie ich ſelbſt, und an meinem Hofe wie mein Bruder. Komm alſo, mein Bruder, denn ich bedarf eines Mannes, der mich liebt, ich, der ich von gewandten und gefährlichen Feinden umgeben lebe. Coimbra iſt eine Stadt, die Du kennen mußt, und liegt, wie ich Dir geſagt habe, in Portugal, zwei Meilen vom Meer, am Fluſſe Mondigo. Du haſt nur befreundete Länder zu durchziehen: zuerſt Aragonien, welches das Hauptbeſitzthum iſt, das Don Sancho der roße Ramiro hinterlaſſen hat, der ein natürlicher Sohn war wie Du, und ein großer König wurde, wie Du ein braver Rittersmann biſt; ſodann Neucaſtilien, das König Alfons VI. von den Mauren wiederzuer⸗ obern begonnen hat, und das von ſeinem Nachfolger vollends erobert worden iſt; ferner Leon, den Schauplatz großer Waffenthaten des berühmten Pelago, dieſes tapferen Ritters, deſſen Geſchichte ich Dir erzählt habe. Endlich wirſt Du durch Acqueda kommen und Dich in Portugal befinden, wo ich Dich erwarte. Nähere Dich nicht zu ſehr den Bergen, die Du zu Deiner Linken ſehen wirſt, wenn Du nicht ein betraͤchtliches Gefolge haſt, und traue weder den Juden, noch den Mauren, die Du auf Deinem Wege findeſt. „Gott befohlen! erinnere Dich, daß ich mich einen ganzen Tag Dir zu Ehren Don Agenor genannt habe, wie Du Dich einen Tag, um mich zu ehren, Federigo nannteſt. „Ich habe an jenem Tag Deine Farben getragen, und Du haſt die meinigen getragen. So ritten wir, Du mit meiner Schärpe, ich mit der Deinigen, neben einander bis nach Urgel und geleiteten unſere vielge⸗ liebte Königin Dona Bianca von Bourbon. Komm, Don Agenor; ich bedarf eines Bruders und eines Freundes; komm.“ „In dieſem Briefe ſteht nichts, was uns leiten könnte,“ ſagte Muſaron. „Doch; im Gegentheil, Alles,“ ſprach Agenor.„Haſt ——— Du nicht gehört, und das iſt wahr, daß ich einen Tag ſeine Schäͤrpe getragen habe?“ „ un? „Seine Farben waren gelb und roth. Suche wohl, Muſaron, Du, deſſen Geſicht ſo ſcharf iſt, ſuche, ob Du nicht in einer von den beiden Städten ein Gebäude er⸗ blickſt, auf dem ein Banner gelb wie Gold, roth wie Blut flattert, und dieſes Gebäude wird der Palaſt meines Freundes Don Federigo ſein, und rings um dieſen Palaſt liegt die Stadt Coimbra.“ 5 Muſaron hielt ſeine Hand über ſeine Augen, um die Sonnenſtrahlen zu brechen, welche alle Gegenſtände in Lichtwogen vermengten, die ein Flammenmeer bildeten, und nachdem er ſeinen Blick nach rechts und nach links hatte ſchweifen laſſen, heftete er ſeine Augen feſt auf die Stadt, welche rechts vom Fluß in einer von den Krümmungen ſeines Laufes lag. „Sire Agenor,“ ſprach Muſaron,„in dieſem Fall iſt Coimbra dort rechts, am Fuße jenes Abhangs und hinter iener Wand von Platanen und Aloen, denn auf dem Hauptgebäude flattert das von Euch bezeichnete Banner; nur wird es von einem rothen Kreuze überragt.“ „Das Kreuz von San Jago!“ rief der Ritter,„ſo iſt es. Doch irrſt Du Dich nicht, Muſaron?“ „Eure Herrlichkeit wolle ſelbſt ſchauen.“ „Die Sonne iſt ſo glühend, daß ich ſchlecht unter⸗ ſcheide; leite ein wenig meinen Bli 8 „Dort, Meſſire, dort... folget dem Weg.. dort zwiſchen jenen zwei Armen des Fluſſes. Er ſcheidet ſich in zwei Zweige, nicht wahr?“ 44 Ja. „Folgt dem rechten Zweig, der am Fluſſe hinläuft; ſeht die Truppe des Mauren durch eines der Thore ein⸗ ziehen... Seht, ſeht...“ Gerade in dieſem Augenblick kam die Sonne, welche bis jetzt ein Hinderniß für die zwei Reiſenden geweſen Mauleon zu Huͤlfe, indem ſie einen Feuerſtahl aus war, ———— 49 den ganz mit Gold damascirten mauriſchen Rüſtungen ſpringen ließ. 3„Gut! gutl ich ſehe,“ ſagte er. Dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht: „Ah! der Maure ging nach Coimbra, und verſtand das Wort Coimbra nicht; vortrefflich. Als erſte Artig⸗ keit muß mir Don Federigo Genugthuung von dieſem Frechen verſchaffen. Doch wie kommt es,“ fuhr der Ritter, immer mit ſich ſelbſt ſprechend, fort,„daß Don Federigo, dieſer fromme Fürſt, den ſein Titel in die Reihe der erſten Vertheidiger der Religion ſtellt, Mau⸗ ren in der neuerdings erſt eroberten Stadt, in der Stadt, aus der er ſie vertrieben, duldet?“ „Was wollt Ihr, Meſſtre?“ antwortete Muſaron, ohne befragt zu werden.„Iſt Don Federigo nicht der natürliche Bruder von Don Pedro, dem König von Caſtilien?“ „Nun?“ „Wißt Ihr nicht(und das würde mich wundern, denn das Gerücht iſt auch nach Frankreich gekommen), wißt Ihr nicht, daß die Liebe zu den Mauren dieſer Familie angeboren iſt? Der König kann ihrer nicht mehr entbehren, wie man verſtchert. Er hat Mauren als Räthe, Mauren als Aerzte, Mauren als Leibwachen, und endlich Maurinnen als... Liebſchaften.“ „Schweige, Meiſter Muſaron, und miſche Dich nicht in die Angelegenheiten des Königs Don Pedro, eines ſehr großen Fürſten und Bruders meines erhabenen Freundes.“ „Bruder! Bruder!“ murmelte Muſaron,„ich habe ſagen hören, es ſei dies eine von den mauriſchen Brüder⸗ ſchaften, welche früher oder ſpäter mit dem Stricke oder mit dem Säbel endigen. Ich will lieber Guillonnet, der die Ziegen im Thale von Andorre hütet und dabeiſingt: Auf dem Berge ſitzt der Hirte, Schauet traurig in die Fern', Der Baſtard von Mauleon. I. 4 5 zum Bruder haben, als Don Pedro von Caſtilien. Das iſt meine Anſicht.“ „Es kann wohl Deine Anſicht ſein, doch es iſt die meinige, daß Du nicht ein Wort mehr dieſem beifügſt. Wenn man Gaſtfreundſchaft von den Leuten verlangt, ſo iſt es doch das Wenigſte, daß man nicht ſchlimm von ihnen ſpricht.“ „Wir kommen nicht zu Don Pedro von Caſtilien, da wir zu Don Federigo, dem Herrn von Coimbra in Portugal, kommen,“ erwiederte der wunderliche Mu⸗ ſaron.“ „Zu dem Einen oder zu dem Andern,“ ſprach der Ritter,„ſchweige, ich will es haben.“ Muſaron nahm ſein weißes Beret mit rother Eichel ab und verbeugte ſich mit einem höhniſchen Lächeln, das ſeine langen, ebenholzſchwarzen Haare verbargen, de auf ſeine magern, dunkelbraunen Wangen herab⸗ fielen. 1 „Wenn Eure Herrlichkeit aufbrechen will, ſo iſt ihr 1 4 unterthänigſter Diener zu ihrem Befehl,“ ſagte er nach einem kurzen Stillſchweigen. „Das mußt Du Dein Pferd fragen,“ erwiederte Mauleon.„Jeden Falls, wenn es nicht weiter ziehen will, laſſen wir es, wo es iſt, und wenn der Abend kommt und es die Woͤlfe heulen hört, wird es ſchon allein nach der Stadt gehen.“ Und in der That, als ob das Thier, das den Namen, den ihm der Knappe gab, dem Thale verdankte, wo es geboren war, die Drohung gehört hätte, erhob es ſich behender, als man hätte denken ſollen, und bot ſeinem Herrn ſeinen noch ganz von Schweiß triefenden Widerriſt. „Aufgebrochen alſo,“ ſprach Agenor. Und er ſetzte ſich wieder in Marſch und hob zum zweiten Male das Helmviſir auf, das er beim Vorbeiziehen des Mauren herabgelaſſen hatte. Wenn der Araber da geweſen wäre, ſo hätte nun ſein durchdringender Blick durch die Oeffnung des Helmes . 4 — X₰₰—6— 51 ein Geſicht edel und ſchön, ganz erhitzt, ganz beſtaubt, aber voll Charakter, einen ſichern Blick, feine, ſchlaue Lippen, Zähne weiß wie Elfenbein, ein Kinn noch ohne Bart, aber von jener kräftigen Formung, welche den hartnäckigen Willen andeutet, ſehen können. Es war im Ganzen ein junger und ſchöner Ritter, dieſer Meſſire Agenor von Mauleon, und dies konnte er ſich wohl ſelbſt ſagen, wenn er ſich in der glatten Oberfläche ſeines Schildes ſpiegelte, den er wieder aus den Händen von Muſaron genommen hatte. Dieſer Halt von einem Augenblick hatte den zwei Pferden wieder einige Kraft gegeben. Sie zogen daher mit ziemlich raſchem Schritte auf ihrem Wege weiter, der ihnen fortan auf eine untrügeriſche Weiſe durch das auf dem Palaſte flatternde Banner des Großmeiſters von San Jago angedeutet wurde. Während ſie ſo fortritten, ſah man die Ein⸗ wohner trotz der Hitze des Tages aus den Thoren her⸗ vorkommen. Man hörte die Trompeten erſchallen, und Adas Glockenſpiel der Thürme breitete ſeine freudigen vibrirenden Töne in der Luft aus. „Hätte ich Muſaron vorangeſchickt,“ ſprach Agenor zu ſich ſelbſt,„ſo könnte ich wahrhaftig glauben, dieſer ganze Lärmen, dieſe ganze Feierlichkeit finden mir zu CEhren ſtatt. Aber ſo ſchmeichelhaft ein ſolcher Empfang für meine Eitelkeit wäre, ſo muß ich doch all' dieſes Geräuſch einer andern Urſache zuſchreiben.“ Muſaron aber, der in dieſem ganzen Lärmen offen⸗ bare Zeichen der Heiterkeit erblickte, erhob munter das Haupt, da er lieber von freudigen Leuten, als von trau⸗ rigen empfangen werden wollte. Die zwei Reiſenden hatten ſich nicht getäuſcht. Es herrſchte eine große Aufregung in der Stadt, und wenn das Geſicht der Einwohner nicht gerade die lächelnde Maske der Freude an ſich trug, welche ihnen das Läuten der Glocken und die Fanfaren der Trompeten zu befeh⸗ len ſchienen, ſo war ihre Phyſiognomie wenigſtens die 5² von Leuten, in deren Mitte eine wichtige und uner⸗ wartete Neuigkeit vorgefallen iſt. Agenor und ſein Knappe hatten nicht nöthig, nach dem Weg zu fragen, denn ſie brauchten nur der Menge zu folgen, die nach dem Hauptplatze der Stadt eilte. In dem Augenblick, wo ſie das Gedränge durch⸗ ſchnitten, um auf den Platz zu kommen, und während Muſaron, um ſeinen edlen Herr, der ihm folgte, einen Weg zu bahnen, rechts und links Hiebe mit dem Peit⸗ ſchenſtiel austheilte, ſahen ſie plötzlich vor ſich, von hohen Palmbäumen und von buſchigen, in der Richtung, die ihnen an Tagen des Sturms der See⸗ wind gab, geneigten Sycomoren beſchattet, den präch⸗ tigen mauriſchen Alcazar ſich erheben, der für den König Muhamed erbaut worden war und nun dem jungen Eroberer, Don Federigo, als Wohnung diente. So ſehr ſie ſich aber auch beeilten, um an Ort und Stelle zu kommen, ſo blieben doch Agenor und ſein Knappe in Bewunderung vor dem weiten, launenhaften Monument, das ganz mit der feinſten ſteinernen Spitze geſtickt, ganz mit marmorenen Moſaiken incruſtirt war, welche breite Platten von Topas, von Saphir und von Lapislazuli zu ſein ſchienen, die irgend ein Baumeiſter von Bagdad für einen Palaſt von Feen oder von Huris gefaßt hätte. Der Occident, und ſelbſt derjenige Theil des Occidents, den man, in Beziehung auf Spa⸗ nien, den Süden von Frankreich nennt, kannte noch nichts Anderes, als ſeine romaniſchen Kathedralen, oder ſeine antiken Brücken und Bogen, hatte aber keinen Begriff von jenen Ohrgewölben und Kleezügen von Granit, welche der Orient hundert Jahre ſpäter an die Fronte der Kathedralen und an die Spitze der Thürme zeichnen ſollte. Er bot alſo einen herrlichen Anblick, der Alcazar von Coimbra, ſelbſt für unſere unwiſſenden und barbariſchen Altvordern, welche in jener Zeit die arabiſche und italieniſche Civiliſation, die ſie ſpäter be⸗ reichern ſollte, verachteten. 3. 3 2 5 8 ——y 86 53 Während ſie ſo unbeweglich und in Betrachtung verharrten, ſahen ſie durch die zwei Seitenpforten des Palaſtes zwei Truppen von Leibwachen und Pagen, Maulthiere und Pferde an der Hand führend, heraus⸗ kommen. Dieſe zwei Truppen, welche jede einen Viertelskreis beſchrieben, vereinigten ſich, indem ſie das Volk zurück⸗ trieben und vor der Mittelthüre, zu der man auf einer Treppe von zehn Stufen hinaufſtieg, einen großen Platz, deſſen eine Seite die Fagade des Palaſtes bildete, leer ließen. Die Miſchung des blendenden Luxus von Afrika mit der ſtrengern Eleganz der occidentalen Tracht ver⸗ lieh dieſem Schauſpiel einen unwiderſtehlichen Zauber, deſſen Einfluß auch Agenor und ſein Knappe unterlagen, als ſie einerſeits das Gold und den Purpur auf Sattel und Zeug der arabiſchen Pferde ſchimmern ſahen und die Kleider der mauriſchen Reiter gewahrten, und an⸗ dererſeits die Seide und die getriebene Arbeit, und be⸗ ſonders jenen fränkiſchen Stolz, ſo zu ſagen, in die Hal⸗ tung der Roſſe ineruſtirt erblickten. Was das Volk betrifft, ſo rief es, als es dieſes ganze Schauſpiel ſich entwickeln ſah:„Es lebe!“ wie es dies beim Anblicke aller Schauſpiele thut. Plötzlich erſchien das Banner des Großmeiſters von San Jago unter dem hohen, im Kleezug ausge⸗ hauenen Gewölbe, das die Mittelpforte des Alcazar bildete; begleitet von ſechs Leibwachen und getragen von einem mächtigen Kriegsmann, wurde dieſes Banner im Mittelpunkte des leeren Raumes aufgepflanzt. Agenor begriff, daß Don Federigo irgend eine Pro⸗ zeſſion durch die Straßen halten, oder eine Reiſe von einer Stadt zur andern zu machen im Begriff war, und er fühlte ſich, trotz der Dürftigkeit ſeiner Börſe, ver⸗ ſucht, ſich nach irgend einem Gaſthaus zu begeben, wo er ſeine Rückkehr abwarten könnte, denn er wollte die Anordnung des Auszuges nicht durch ſeine läſtige Ge⸗ genwart ſtören. — 54 Doch in demſelben Augenblick ſah er durch eines von den Seitengewölben die Vorhut des mauriſchen Häuptlings und dann, ſtets geſchaukelt auf dem Rücken weißer Maulthiere, die bekannte Sänfte von vergolde⸗ tem Holz hervorkommen, welche Muſaron ſo ſtarke und ſo religiöſe Verſuchungen bereitete. Endlich verkündigte ein gewaltiger Lärmen von Poſaunen und Trompeten, der Großmeiſter würde erſcheinen, und vierundzwanzig Muſiker, acht in der Front, rückten aus dem Gewölbe bis zu den Stufen vor, die ſie, ſtets blaſend, hinab⸗ ſtiegen. Hinter ihnen ſprang ein Hund heraus: es war einer von den kräftigen, aber ſchlanken Hunden der Sierra, mit einem Kopfe ſpitzig wie der des Bären, mit Augen funkelnd wie die des Luchſes, mit Beinen nervig wie die des Hirſches. Sein ganzer Körper war mit glatten, langen, ſeidenen Haaren bedeckt, welche in der Sonne ihre ſilbernen Reflexe ſpielen ließen; er hatte am Hals ein breites Collier von Gold mit Rubinen beſetzt, und daran ein Glöckchen von demſelben Metall; ſeine Freude verrieth ſich durch Sprünge, und ſeine Sprünge hatten ein ſichtbares Ziel und ein verborgenes Ziel. Das ſichtbare Ziel war ein Pferd weiß wie der Schnee, bedeckt mit einer großen Schabracke von Pur⸗ pur und Brocat, das ſeine Liebkoſungen, als wollte es antworten, wiehernd aufnahm. Das verborgene Ziel war ohne Zweifel irgend ein edler Herr, der unter dem Gewölbe aufgehalten wurde, in das der Hund ungedul⸗ dig zurückkehrte, um nach einigen Sekunden ſpringend und freudig wieder zu erſcheinen. Derjenige, für welchen das Pferd wieherte, derjenige, für welchen der Hund ſprang, erſchien endlich ebenfalls, und es erſcholl ein einziger Ruf, wiederholt von tau⸗ ſend Stimmen: 3 „Es lebe Don Federigo!“ 3 3 Es kam wirklich Don Federigo, mit dem arabiſchen Häuptling plaudernd, der zu ſeiner Rechten ging, her⸗ 5⁵ vor; zu ſeiner Linken ſchritt ein junger Page von rei⸗ zendem Antlitz, obgleich ſeine ſchwarzen Augbrauen und das leichte Zuſammenziehen ſeiner friſchrothen Lip⸗ pen ſeinen Zügen den Ausdruck der Feſtigkeit verliehen; er hielt weit geöffnet eine Börſe voll Goldſtücke, aus der Don Federigo, als er auf die erſte Stufe kam, mit allen Fingern ſchöpfte, um ſodann mit ſeiner frauen⸗ artig weißen und zarten Hand einen blendenden Regen auf die bewegten Häupter der Menge ſtrömen zu laſſen, welche bei dieſer unter den Vorgängern ihres neuen Herrn ungewohnten Freigebigkeit ihr Geſchrei verdop⸗ elte. 3 Dieſer neue Herr war von einem Wuchſe, der ſelbſt zu Pferde majeſtätiſch erſchien. Die Miſchung des galliſchen Blutes mit dem ſpaniſchen hatte ihm lange ſchwarze Haare, blaue Augen und eine weiße Geſichts⸗ haut gegeben; und aus dieſen blauen Augen kamen ſo wohlwollende, ſo ſanfte Blicke hervor, daß Viele, um ihn nicht eine Secunde aus den Augen zu verlieren, nicht einmal daran dachten, die Zechinen aufzuheben, und daß die Luft rings um den Palaſt von Segnungen erſcholl. War es Zufall, oder geſchah es abſichtlich, plötzlich nahmen die Trompeten und Poſaunen, welche ſich kurze Zeit unterbrochen hatten, ihre Fanfaren wieder auf; doch ſtatt der heiteren, luſtigen Töne, die ſie hatten hören laſſen, gaben ſie dem Volk nur eine traurige, ſchwermüthige Melodie, während die Glocken, dieſe neue Erfindung, um als Dolmetſcher zwiſchen den Menſchen und Gott zu dienen, ſtatt ihres lebhaften und glänzen⸗ den Spieles, dumpfe, lange gedehnte Klänge aus⸗ ſandten, die einem Todtengeläute glichen. 1 Zu gleicher Zeit erhob ſich der Hund vor ſeinem Herrn, ſtützte ſeine Vorderpfoten auf ſeine Bruſt und ließ ein ſo düſteres, ſo klägliches Geheule vernehmen, daß die Muthigſten darob ſchauerten. 56 Die Menge blieb ſtumm, und mitten unter dieſem Stillſchweigen rief eine Stimme: „Zieht nicht hinaus, Großmeiſter, bleibt bei uns, Don Federigo.“ Doch Niemand konnte wiſſen, wer den Rath gege⸗ ben hatte. Bei dieſem Rufe ſah Agenor den Mauren beben und eine Erdfarbe annehmen, was die Bläſſe der Kinder der Sonne iſt, während ſein unruhiger Blick in der Tiefe des Herzens von Don Federigo die Antwort ſuchte, die er der ſo allgemeinen Beſtürzung und dem vereinzelten Rufe geben würde. Doch Don Federigo ſtreichelte mit der Hand ſeinen heulenden Hund, machte ſeinem Pagen ein ſanftes Zei⸗ chen, grüßte mit einem traurigen Lächeln die Menge, die ihn mit flehenden Augen und gefalteten Händen anſchaute, und ſprach: „Meine guten Freunde, der König, mein Bruder, ruft mich nach Sevilla, wo mich die Feſte und Turniere zur Feier unſerer Wiederverſöhnung erwarten. Statt mich abhalten zu wollen, zu meinem Bruder und meinem Koͤnig zu gehen, ſegnet vielmehr die Einhelligkeit zweier Bruͤder, die ſich lieben.“ Doch ſtatt dieſe Worte mit Freude zu empfangen, empfing ſie das Volk mit ſeinem düſteren Stillſchweigen. Der Page flüſterte ſeinem Herrn einige Worte zu, und der Hund fuhr fort zu heulen. Mittlerweile verlor der Maure weder das Volk, noch den Pagen, noch den Hund, noch Don Federigo aus dem Blick. Die Stirne des Großmeiſters verdüſterte ſich jedoch einen Augenblick. Der Maure glaubte, er zögere, und ſprach: „Hoher Herr, Ihr wißt, daß jedes Menſchen Ge⸗ ſchick bei den Einen in dem goldenen Buch, bei den Andern in dem ehernen Buch eingeſchrieben iſt. Das 1 57 Eurige iſt in dem goldenen Buch eingeſchrieben, erfüllt alſo muthig Euer Geſchick.“ Don Federigo ſchlug ſeine Augen auf, die er eine Minute geſenkt gehalten hatte, als ſuchte er in dieſer ganzen Menge ein befreundetes Geſicht, einen ermuthi⸗ genden Blick. Gerade in dieſer Sekunde erhob ſich Agenor auf ſeinen Steigbügeln, um nicht den geringſten Umſtand der Scene zu verlieren, die vor ihm in Erfüllung ging; als hätte er errathen, was der Großmeiſter ſuchte, hob er mit einer Hand ſein Helmviſir auf und ſchwang mit der andern ſeine Lanze. Der Großmeiſter ſtieß einen Freudenſchrei aus, ſeine Augen funkelten und ein Lächeln der Wonne, das ſich auf ſeinen jungfräulich⸗roſigen Lippen erſchloß, ver⸗ breitete ſich über ſein ganzes Antlitz. „Don Agenor!“ rief er, die Hand gegen den Ritter ausſtreckend. Der Page, als ob er allein das Vorrecht hätte, in ſeinem Herzen zu leſen, brauchte nicht mehr zu hören; er eilte von der Seite von Don Federigo fort, lief auf den Ritter zu und rief: „Kommt, Don Agenor, kommt.“ Die Menge trat auf die Seite, denn ſie liebte Alles, was Don Federigo liebte, und ſogleich hefteten ſich Aller Augen auf den Ritter, den der Großmeiſter ſo freudig empfing, als einſt der junge Tobias den göttlichen Ge⸗ fährten, den ihm der Himmel ſandte. Agenor ſtieg ab, warf den Zügel ſeines Pferdes Muſaron an den Arm, gab ihm ſeine Lanze, hing ſeinen Schild an den Sattelbogen und durchſchritt die Menge, geführt von Pagen. Der Maure erbleichte abermals. Er hatte den fränkiſchen Ritter, den er auf der Straße nach Coimbra getroffen, und den Knappen, dem er nicht geantwortet, wiedererkannt. Federigo ſtreckte indeſſen Agenor die Arme entgegen, 58 und dieſer ſtürzte darein mit dem Erguſſe eines zwan⸗ zigjährigen Herzens. Sie waren wunderbar anzuſchauen, dieſe zwei ſchönen jungen Leute, deren Antlitz alle edle Gefühle athmete, welche ſo ſelten das Bild der Schönheit auf Erden vollſtändig machen. 1 „Folgſt Du mir?“ fragte Don Federigo Agenor. „Ueberallhin,“ antwortete der Ritter. „Meine Freunde,“ ſprach nun der Großmeiſter mit ſeiner klangreichen Stimme, welche die Liebe der Menge war,„ich kann nun von hinnen ziehen und Ihr habt nichts zu befürchten; Don Agenor von Mauleon, mein Bruder, mein Freund, die Bluͤthe der fränkiſchen Ritter⸗ ſchaft, kommt mit mir.“ Und auf ein Zeichen des Großmeiſters ſchlugen die Trommler einen lebhaften Marſch, blieſen die Trompeter eine freudige Fanfare; der Stallmeiſter brachte Don Federigo ſein ſchönes ſchneeweißes Pferd, und alles Volk rief einſtimmig: „ Es lebe Don Federigo, der Großmeiſter von San Jago! Es lebe Don Agenor, der fränkiſche Ritter!a In dieſem Augenblick ſchaute der Hund von Don Federigo dem Ritter und dem Mauren ins Geſicht. Dem Mauren zeigte er ſeine weißen Zähne mit einem boshaf⸗ ten, bedrohlichen Knurren, dem Ritter machte er tau⸗ ſend Liebkoſungen. Der Page fuhr mit einem traurigen Lächeln mit der Hand über den Hals des Hundes. „Hoher Herr,“ ſprach Agenor zu dem jungen Fürſten,„als Ihr mich Euch zu folgen batet, und ich Euch erwiederte, ich würde folgen, ging ich nur mit meinem Eifer zu Rath, wie ich dies that, als ich von Tarbes hierherkam. Von Tarbes hierher kam iſh in⸗ ſechzehn Tagen, und das iſt ein harter Marſch; meine Pferde ſind auch todt vor Müdigkeit, und ich kann Eure Herrlichkeit nicht ſehr weit begleiten.“ „Ei!“ rief Don Federigo,„habe ich Dir nicht ge⸗ — 4 —— 59 ſagt, mein Palaſt ſei der Deinige? Meine Waffen und meine Pferde gehören Dir, wie Alles, was in Coimbra iſt; wähle in meinen Ställen Pferde für Dich, Maul⸗ thiere für Deinen Knappen, oder vielmehr, nein, nein, verlaſſe mich nicht einen Augenblick, Fernando wird Alles beſorgen. Laß Antrim, mein Schlachtroß, ſatteln, und frage im Vorübergehen den Knappen von Don Agenor, ob er ein Pferd oder ein Maulthier vorziehe. Was Deine müden Roſſe betrifft, iſt Dir an ihnen gelegen, und jedem guten Ritter iſt an den ſeinigen gelegen, ſo ſollen ſie bei der Nachhut folgen, und man wird ſie ſchonen.“ Der Page machte nur einen Sprung und ver⸗ ſchwand. 4 Mittlerweile war der Maure im Glauben, man würde aufbrechen, die Treppe hinabgeſtiegen, um rings um ſeine Sänfte zu gehen und denjzenigen, welche ſie bewachten, einige Befehle zu geben. Als er aber ſah, daß man mit dem Aufbruch zögerte und daß die zwei Freunde, welche allein geblieben waren, ein paar ver⸗ trauliche Worte auszutauſchen ſich anſchickten, ſtieg er raſch wieder zu ihnen hinauf und nahm abermals ſeinen Platz an der Seite des Großmeiſters ein. „Senor Mothril,“ ſprach dieſer,„der Ritter, den Ihr hier ſeht, iſt einer meiner Freunde. Es iſt mehr als einer meiner Freunde, es iſt mein Waffenbruder; ich nehme ihn mit mir nach Sevilla, denn ich will ihn meinem Herrn, dem Koͤnig von Caſtilien als Kapitän anbieten, und wenn der Koͤnig die Gnade hat, mir ihn zu laſſen, nachdem ich ihm denſelben angeboten habe, werde ich ihn ſegnen. Denn es iſt eine unvergleichliche Klinge und ein Herz noch tapferer als ſeine Klinge.“ Der Maure antwortete in vortrefflichem Spaniſch, obgleich ſeine Ausſprache durchaus nicht von dem guttu⸗ ralen Accent frei war, den Agenor ſchon bemerkt hatte, als er auf der Straße nach Coimbra das einzige arabiſche 60 WWari ausſprach, nach welchem er ſich wieder in Marſch eſetzt: 3„Ich danke unſerem Herrn, daß er mir den Namen und die Eigenſchaft des Herrn Ritters mitgetheilt; doch der Zufall hatte mir ſchon den edlen Franzoſen vorge⸗ ſtellt. Leider muß ein Fremder, ein Reiſender, wenn er von einer feindlichen Race iſt, wie ich, oft dem Zu⸗ fall mißtrauen. Ich habe auch nicht mit der Höflich⸗ keit, die ich hätte anwenden ſollen, den Senor Agenor empfangen, den ich vor Kurzem im Gebirge traf.“ „Ahl ah!“ ſagte Federigo neugierig;„Eure Herr⸗ lichkeiten haben ſich ſchon begegnet?“ „Ja, Seigneur,“ erwiederte Agenor in franzöſiſcher Sprache,„und ich muß geſtehen: daß ſich der Herr Maure nicht herbeiließ, die einfache Frage zu beantwor⸗ ten, die ich durch meinen Stallmeiſter an ihn richtete, um mich nach dem Weg zu erkundigen, verletzte mich einigermaßen. Wir ſind höͤflicher jenſeits der Pyrenäen gegen die Fremden, unſere Gäſte.“ „Meſſire,“ erwiederte Mothril in ſpaniſcher Sprache, „Ihr irrt Euch in einem Punkte. Es iſt wahr, die Mauren ſind noch in Spanien, doch ſie ſind ſchon nicht mehr zu Hauſe; und dieſſeits der Pyrenäen, Granada ausgenommen, ſind die Mauren ſelbſt, nur Gäſte der Spanier.“ „Ah!“ machte leiſe Muſaron, der ſich allmälig den Sruien genähert hatte,„nun verſteht er das Fran⸗ zoͤſi he.“ „Dieſe Wolke zerſtreue ſich unter Euch; der Senor Mothril, Freund und Miniſter meines Herrn, des Kö⸗ nigs von Caſtilien, wird hoffentlich dem Ritter von Mau⸗ leon, dem Freund und Bruder ſeines Bruders, wohl einige Geneigtheit zuwenden.“ Der Maure verbeugte ſich, ohne zu antworten, und da Muſaron, ſtets neugierig, zu erfahren, was die Sänfte enthielt, ſich dieſer mehr näherte, als Mothril wohl wünſchte, daß man ſich ihr naͤhern möͤchte, ſo ſtieg er 122,—-D8——————— —— ——,e G 61 die Stufen hinab und ſtellte ſich, unter dem Vorwand, einen von ſeinen Knechten einen vergeſſenen Auftrag vollziehen zu laſſen, zwiſchen die Sänfte und den Knappen. Federigo benützte dieſen Augenblick, um ſich an das Ohr von Agenor zu neigen, und ſagte: „Du ſiehſt in dieſem Mauren denjenigen, welcher meinen Bruder beherrſcht, und folglich mich be⸗ herrſcht.“ 3 „Ah!“ erwiederte Agenor,„warum dieſes bittere Wort? Ein Fürſt von Eurem Geſchlecht, ein Ritter von Eurer Tapferkeit, erinnert Euch deſſen ſtets, Don Federigo, darf nur von Gott beherrſcht werden.“ „Und dennoch gehe ich nach Sevilla,“ entgegnete ſeufzend der Großmeiſter. „Und warum geht Ihr dahin?“ „Der König Don Pedro bittet mich darum und die Bitten des Königs Don Pedro ſind Befehle.“ 3 Der Maure ſchien getheilt zwiſchen dem Aerger, ſich von ſeiner Sänfte trennen zu ſollen, und der Furcht, Don Federigo zu viel zu dem franzöſiſchen Ritter ſagen zu laſſen. Die Furcht bekam die Oberhand und er kehrte zu den zwei Freunden zurück. „Hoher Herr,“ ſprach er zu Don Federigo,„ich ſehe mich veranlaßt, Eurer Herrlichkeit eine Nachricht mitzutheilen, die ihre Pläne durchkreuzt. Ich mußte mich zuvor bei meinem Geheimſchreiber erkundigen, obſchon ich beinahe Gewißheit hatte. Der König Don Pedro hat zum Anführer ſeiner Leibwachen einen Ka⸗ pitän von Tarifa, einen tapferen Mann, in den er ſein ganzes Vertrauen ſetzt, obgleich ſeine Voreltern jen⸗ ſeits der Meerenge geboren ſind. Ich würde alſo be⸗ fürchten, der Herr Franzoſe dürfte ſich eine vergebliche Mühe machen, wenn er an den Hof von König Don Pedro käme, und ertheile ihm deshalb den Rath, in Coimbra zu bleiben, um ſo mehr, als bekanntermaßen Dona Padilla die Franzoſen nicht liebt.“ 62 „In der That, das iſt wahr, Senor Mothril,“ ſprach Federigo;„deſto beſſer, dann behalte ich meinen Freund bei mir.“ „Ich bin nicht nach Spanien, ſondern nach Por⸗ tugal gekommen. Ich bin nicht gekommen, um dem König Don Pedro, ſondern um dem Großmeiſter Don Federigo zu dienen,“ ſprach Agenor voll Stolz.„Den Dienſt, den ich ſuchte, habe ich, und ich will keinen Andern. Dies iſt mein Herr.“ Und er verbeugte ſich höflich vor ſeinem Freund. Der Maure lächelte. Seine weißen Zähne funkel⸗ ten unter ſeinem ſchwarzen Bart. „Oh! die ſchönen Zähne!“ ſagte Muſaron,„wie gut muß er beißen!“ 8 In dieſem Augenblick brachte der Page Antrim, das Schlachtroß des Großmeiſters, und Coronella, das Maulthier von Muſaron. Der Austauſch war bald vorgenommen. Agenor von Mauleon beſtieg das friſche Pferd, Muſaron das friſche Maulthier; man übergab die mü⸗ den Roſſe den Troßknechten, und auf die Einladung des Mauren ging Don Federigo die Stufen hinab und wollte ebenfalls zu Pferde ſteigen. 8 Doch zum zweiten Male ſchien ſich der ſchöne Hund mit den langen ſeidenen Haaren ſeiner Abſicht zu wi⸗ derſetzen. Er ſtellte ſich zwiſchen ſeinen Herrn und ſein Pferd, ſuchte ſeinen Herrn zurückzudrängen und heulte. Doch Don Federigo ſchob ihn mit dem Fuß auf die Seite, ſchwang ſich trotz aller dieſer Kundgebungen ſeines treuen Hundes in den Sattel und gab Befehl zum Aufbruch. Dann, als hätte er dieſen Befehl be⸗ griffen und als wäre er dadurch in Verzweiflung ge⸗ bracht, ſprang der Hund dem Roß an die Kehle und biß es grauſam. Das Pferd bäumte ſich, wiehernd vor Schmerz, und machte einen Seitenſprung, der jeden Andern, als einen ſo erfahrenen Reiter wie Don Federigo aus dem Sattel geworfen hätte. „Nun! Alan,“ rief er, indem er ſeinem Hund den Namen gab, unter welchem man ſeine Race bezeichnete. „Böſes Thier, wirſt du wüthend?“ Und er verſetzte ihm mit der Peitſche, die er in der Hand hielt, einen ſo gewaltigen Hieb, daß das Thier niedergeſchmettert zehn Schritte fortrollte. „Man muß dieſen Hund tödten,“ ſagte Mothril. Fernando ſchaute den Mauren von der Seite an. Alan ſetzte ſich auf die Stufen des Alcazar, hob den Kopf in die Höhe, öffnete den Rachen und heulte zum zweiten Male kläglich. Da erhob das ganze Volk, welches ſtillſchweigend dieſer langen Scene beigewohnt, die Stimme, und der Ruf, der ſchon einmal aus einem einzigen Munde ertöͤnt hatte, wurde ein allgemeiner Schrei. jelt nicht von hinnen, Großmeiſter Don Fede⸗ rigo! bleibt bei uns, Großmeiſter! Was braucht Ihr einen Bruder, da Ihr ein Volk habt! Was verheißt Euch Sevilla, was Euch nicht auch Coimbra böte?“ „Hoher Herr,“ ſprach Mothril,„ſoll ich zum König, meinem Herrn, zurückkehren und ihm ſagen, Euer Hund, Euer Page und Euer Volk wollen nicht, daß Ihr kommet?“ „Nein, Senor Mothril,“ erwiederte Don Federigo, „wir gehen; vorwärts, meine Freunde.“* Und er grüßte das Volk mit der Hand, ſtellte ſich an die Spitze des Reiterzuges und durchſchnitt die ſchweigſame Menge, die ſich vor ihm öffnete. Man ſchloß die vergoldeten Gitter des Alcazar, welche ächzten wie die verroſteten Pforten eines leeren Grabgewölbes. Der Hund blieb auf den Stufen, ſo lange er ſeinen Herrn ſehen konnte, ſo lange er hoffen konnte, er wuͤrde ſeinen Entſchluß ändern und zurückkehren; als er aber dieſe Hoffnung verloren hatte, als Don 64. Federigo an der Biegung der Straße, welche nach dem Thore von Sevilla führte, verſchwunden war, ſtürzte er ihm nach und holte ihn ein, als wollte er, da er ihn nicht hatte abhalten können, der Gefahr entgegenzu⸗ gehen, wenigſtens dieſe Gefahr mit ihm theilen. Zehn Minuten nachher hatte man Coimbra hinter ſich und ſchlug den Weg ein, auf welchem am Morgen der Maure Mothril und Agenor von Mauleon gekommen waren. Viertes Kapitel. † Wie Muſaron wahrnahm, daß der Maure zu ſeiner Sänfte ſprach und daß die Sänfte antwortete. Die Truppe des Großmeiſters beſtand im Ganzen aus achtunddreißig Männern, den fränkiſchen Ritter und ſeinen Knappen mit inbegriffen, und den Mauren und ſeine zwölf Leibwachen, Pagen oder Knechte nicht ge⸗ rechnet; Maulthiere trugen das reiche Gepäcke, denn ſchon ſeit acht Tagen war Don Federigo davon in Kenntniß geſetzt, daß er von ſeinem Bruder in Sevilla erwartet werde, als Mothril ankam. Er hatte ſodann Befehl gegeben, ſogleich aufzubrechen, in der Hoffnung, der Maure würde zu müde ſein, um ihm zu folgen, und daher zurückbleiben. Doch die Müdigkeit war etwas Unbekanntes für dieſe Söhne der Wüſte und für ihre Pferde, welche von jenen Stuten, von denen Virgil ſpricht und die der Wind befruchtete, abzuſtammen ſchienen 65 Man machte noch zehn Meilen an demſelben Tage: dann kam. die Nacht, und man ſchlug die Zelte auf dem Abhange des Gebirges auf, an deſſen Ende Pom⸗ bal ſich erhebt. Der Maure hatte während dieſes erſten Tagemar⸗ ſches die zwei Freunde beſtändig überwacht. Anfangs unter dem Vorwand, ſich bei dem fränkiſchen Ritter wegen ſeiner Unhöflichkeit zu entſchuldigen, und ſodann, um ſeine frühere Unhöflichkeit durch ſeine gegenwärtige Artigkeit wieder gut zu machen, verließ er Agenor nur die Zeit, die er nothwendig brauchte, um einige Worte mit den Wächtern der Saͤnfte auszutauſchen. Doch ſo kurz auch dieſe Abweſenheiten waren, zu denen ihn ein Gefühl, ſtärker als alle andern Gefühle, zu nöthigen ſchien, ſo hatte Agenor doch Zeit, zu dem Großmeiſter zu ſagen: „Don Federigo, ich bitte, habt die Gnade, mich zu belehr, woher es kommt, daß uns Senor Mothril mit ſolcher Beharrlichkeit folgt und zu unterhalten ſucht. Er liebt Halſo ungemein, hoher Herr, denn ich meiner⸗ ſeits glauthe ſeine etwas verſpäteten Zuvorkommenheiten nicht ſoigufgenommen zu haben, daß ihm dadurch eine große Jüneigung für mich eingeflößt worden ſein ſollte.“ „Ich weiß nicht, ob mich Mothril ungemein liebt,“ erwiederte Don Federigo;„doch ich weiß, daß er Dona Padilla, die Geliebte des Königs, ungemein haßt.“ Agenor ſchaute den Großmeiſter wie ein Menſch an, der gehört, aber nicht begriffen hat. Doch der horchende Maure kam alsbald wieder, und Don Fede⸗ rigo hatte nur Zeit, zu dem Ritter zu ſagen: 3 „Sprecht von etwas Anderem.“ Agenor beeilte ſich, zu gehorchen, und da dieſer Gedanke ſich auf eine natürliche Weiſe ſeinem Geiſte bot, ſö ſprach er: „Ahl edler Don Federigo, wollt mir doch mit⸗ — theilen, wie ſich in Spanien unſere geehrte Dame Der Baſtard von Mauleon. I. 5 66 Blanche von Bourbon, Königin von Caſtilien, ange⸗ wöhnt hat. Man iſt ſehr unruhig in Frankreich über dieſe gute Prinzeſſin, welche ſo viele Wünſche bei ihrer Abreiſe von Narbonne begleiteten, wo Ihr ſie im Auf⸗ trage des Königs, ihres Gemahls, abholtet.“. Agenor hatte nicht ſobald vollendet, als er ſich heftig am linken Knie durch das rechte Knie des Pagen geſtoßen fühlte, der, wie durch ſein Pferd fortgeriſſen, zwiſchen Don Federigo und ſeinen Freund geritten kam und, während er ſich bei dem Ritter für ſich und ſein Roß entſchuldigte, zugleich einen Blick an ihn richtete, der ganz im Stande war, die Worte in die Kehle des Indiscreteſten zurückzudrängen. Don Federigo begriff indeſſen, daß er antworten mußte, denn in der Lage, in der er ſich befand, konnte ſein Stillſchweigen nur noch ſchlimmer gedeutet werden, als ſeine Worte. „Aber“ ſagte Mothril, der ein ebenſo großes In⸗ tereſſe zu haben ſchien, das Geſpräch fortzuſetzen, als Federigo, es fallen zu laſſen,„hat denn Hery Agenor keine Nachrichten mehr von Dona Bianca erhalten, ſeit⸗ dem ſie in Spanien iſt?“ 1 „Herr Maure,“ erwiederte der Ritter ganz erſtaunt, „feit zwei bis drei Jahren führe ich Krieg mit den Compagnien gegen England, den Feind von meinem Herrn, dem König Johann, der in London gefangen ſitzt, und unſerem Regenten, dem Prinzen Karl, den man eines Tags Karl den Weiſen nennen wird, eine ſo frühzeitige Klugheit und eine ſo hohe Tugend zeigt er.“ 3 „Wo Ihr auch ſein mochtet,“ erwiederte Mothril, „ich hätte geglaubt, die Geſchichte von Toledo habe Lärm genug gemacht, um bis zu Euch zu gelangen.“ Don Federigo erbleichte leicht, und der Page legte ſeinen Finger an ſeine Lippen, um Agenor zu bedeuten, er möge ſchweigen. 67 Agenor begriff vollkommen und begnügte ſich, in⸗ nerlich zu murmeln: „O Spanien! Spanien! Land der Geheimniſſe!“ Mothril aber rechnete nicht ſo. „Da Ihr nicht beſſer über die Schwägerin Eures Regenten unterrichtet ſeid, Herr Ritter,“ ſprach er, „ſo will ich Euch ſagen, was aus ihr geworden iſt.“ „Wozu, Herr Mothril?“ entgegnete Don Federigo; „die Frage meines Freundes Don Agenor iſt eine von den alltäglichen Fragen, welche eine Antwort mit Ja oder Nein heiſchen und durchaus nicht eine von den langen Erzählungen, welche kein Intereſſe für einen Zuhörer hätten, der Spanien fremd iſt.“ „Aber wenn Herr Agenor Spanien fremd iſt,“ entgegnete Mothril,„ſo iſt er wenigſtens Frankreich nicht fremd und Dona Bianca iſt eine Franzöſin. Uebrigens wird die Erzählung nicht lange ſein, und wenn er an den Hof des Königs von Caſtilien geht, muß Senor Agenor nothwendig wiſſen, was man dort ſagt, und was man dort nicht ſagen ſoll.“ Don Federigo ſtieß einen Seufzer aus und ſchlug ſeinen großen weißen Mantel auf ſeine Augen nieder, als wollte er die letzten Strahlen der untergehenden Sonne vermeiden. „Ihr habt Dona Bianca von Narbonne nach Urgel begleitet,“ fuhr Mothril fort;„iſt das die Wahr⸗ heit oder hat man mich getäuſcht, Senor Agenor? „Es iſt die Wahrheit,“ ſprach der Ritter, der durch die Warnung des Pagen und durch das verdüſterte Antlitz von Don Federigo zwar vorſichtig geworden, dennoch aber unfähig war, die Wahrheit zu verbergen. „Nun wohl, ſie ſetzte ihre Reiſe gen Madrid fort, und durchzog Aragonien und einen Theil von Neu⸗ caſtilien, unter der Obhut von Don Federigo, der ſie nach Allcala führte, wo die königliche Hochzeit mit einer des erhabenen Paares würdigen Pracht gefeiert wurde; doch ſchon am andern Tag,“ ſagte Mothril, indem er auf 68 Federigo einen von den ſcharfen, glänzenden Blicken warf, die bei ihm Gewohnheit waren,„ſchon am andern Tag... der Beweggrund iſt geheim geblieben... kehrte der König nach Madrid zurück und ließ ſeine junge Frau mehr als Gefangene, denn als Königin im Schloſſe von Alcala.“ Mothril unterbrach ſich einen Augenblick, um zu ſehen, ob der eine oder andere von den zwei Freunden etwas zu Gunſten von Dona Bianca ſagen würde; doch Beide ſchwiegen, und der Maure fuhr fort: „Von dieſem Augenblick an fand eine völlige Tren⸗ nung zwiſchen den beiden Gatten ſtatt. Mehr noch, ein Concil von Biſchöfen ſprach die Eheſcheidung aus; Ihr werdet zugeben, Ritter,“ ſagte der Maure mit ſeinem ironiſchen Lächeln,„Ihr werdet zugeben, daß wichtige Gründe zur Klage gegen die fremde Frau vorliegen mußten, wenn eine ſo ehrwürdige und fromme Verſammlung wie ein Concil das Band brach, das die Politik und die Religion geſchloſſen hatten.“ „Oder wohl,“ entgegnete Federigo, der nicht län⸗ ger ſeine Gefühle zu verbergen vermochte,„oder wohl, daß dieſes Concil ganz und gar dem König Don Pedro zugethan war.“ „Oh!“ rief Mothril mit jener Naivetät, die den Spott nur ſchärfer und bitterer macht,„wie läßt ſich vorausſetzen, zweiunddreißig fromme Männer, deren Auftrag es iſt, das Gewiſſen Anderer zu lenken, haben ſich ſo gegen das ihrige verfehlt? Das iſt unmöglich, oder was müßte man ſonſt von einer von ſolchen Die⸗ nern vertretenen Kirche denken?“ Die zwei Freunde ſchwiegen. „Um dieſe Zeit wurde der König krank, und man glaubte, er müſſe ſterben. Da fingen die geheimen ehr⸗ geizigen Beſtrebungen an, an den Tag zu treten; der edle Don Enrique von Transtamare...“ „Senor Mothril,“ ſagte Federigo, der dieſe Gele⸗ genheit ergriff, um dem Mauren etwas zu entgegnen, 69 „vergeßt nicht, daß Don Enrique von Transtamare mein Zwillingsbruder iſt, und daß ich eben ſo wenig in meiner Gegenwart von ihm, als von meinem Bruder Don Pedro, dem König von Caſtilien, etwas Böſes zu ſagen erlauben werde.“ „Das iſt richtig,“ erwiederte Mothril,„entſchul⸗ digt mich, erhabener Großmeiſter. Ich vergaß Eure Brüderſchaft, indem ich Don Enrique ſo meuteriſch und Euch dem König Don Pedro ſo liebevoll zugethan ſah. Ich werde alſo nur von Dona Bianca ſprechen.“ „Verdammter Maure!“ murmelte Don Federigo. r Agenor warf dem Grozßmeiſter einen Blick zu, welchen ſagen wollte:„Soll ich Euch von dieſem Menſche“ befreien, hoher Herr? Das wird bald geſchehen ſein. Mothril ſtellte ſich, als hörte er die Worte nich und als ſähe er den Blick nicht. „Ich ſagte alſo, die ehrgeizigen Beſtrebungen haben angefangen an den Tag zu treten, die Anhänglichkeiten wurden lockerer, und in dem Augenblick, wo der König Don Pedro beinahe die Ewigkeit berührte, öffneten ſich die Pforten des Schloſſes von Alcala und in einer Nacht entfernte ſich Dona Bianca daraus, geleitet von einem unbekannten Ritter, der ſie bis Toledo führte, wo ſie verborgen blieb. Doch die Vorſehung wollte, daß unſer vielgeliebter König Don Pedro, beſchützt durch alle Gebete ſeiner Unterthanen und wahrſcheinlich auch durch die ſeiner Familie, wieder zu Kraft und Geſundheit gelangte. Da vernahm er die Flucht von Dona Bianca, die Hülfe, des unbekannten Ritters und den Ort, wohin ſie ſich geflüchtet hatte. Er befahl ſogleich, ſie feſtzunehmen, die Einen ſagen, um ſie nach Frankreich zurückzuführen, und ich bin der Anſicht von dieſen, die Andern ſagen, um ſie in engeren Gewahr⸗ ſam als zuvor einzuſchließen. Was aber auch die Ab⸗ ſicht des Konigs, ihres Gemahls, geweſen ſein mag, Dona Bianca flüchtete ſich, zu rechter Zeit von den Befehlen, die er gegeben, in Kenntniß geſetzt, in die Kathedrale 70 von Toledo. an einem Sonntag, mitten unter dem Gottesdienſt, und hier erklärte ſte den Einwohnern, ſie fordere das Aſylrecht und ſtelle ſich unter den Schutz des Gottes der Chriſten. Es ſcheint, Dona Bianca iſt ſchön,“ fuhr der Maure fort, indem er ab⸗ wechſelnd den Ritter und den Großmeiſter anſchaute, als wollte er ſie befragen,„zu ſchöͤn ſogar. Ich mei⸗ nes Theils habe ſie nie geſehen. Ihre Schönheit, das mit ihrem Unglück verknüpfte Geheimniß, wer weiß? vielleicht ſchon lange vorbereitete Einflüſſe bewegten alle Seelen zu ihren Gunſten. Der Biſchof, der einer von denjenigen war, welche die Ehe für nichtig erklärt hatten, wurde aus der Kirche verjagt, die man in eine Feſtung verwandelte, und wo man ſich Dona Bianca gegen die herannahenden Wachen des Königs zu ver⸗ theidigen anſchickte.“ „Wie,“ rief Agenor,„die Wachen hatten im Sinn, Dona Bianca ans einer Kirche wegzuführen! Chriſten willigten ein, das Aſylrecht zu verletzen!“ „Ei! mein Gott, ja!“ erwiederte Mothril.„Der König Don Pedro wandte ſich zuerſt an ſeine mauri⸗ ſchen Bogenſchützen; doch dieſe baten ihn, in Erwägung zu ziehen, daß die Entheiligung eine noch größere wäre, wenn er Ungläubige zu einer ſolchen Profanation ver⸗ wenden würde, und Don Pedro begriff dieſe Bedenk⸗ lichkeit. Er wandte ſich alſo an Chriſten, und dieſe willigten ein. Was wollt Ihr, Herr Ritter! alle Re⸗ ligionen ſind voll von ſolchen Widerſprüchen, und die⸗ jenigen, welche am wenigſten haben, ſind die beſten.“ „Willſt Du etwa ſagen, Du Ungläubiger,“ rief der Großmeiſter,„willſt Du damit ſagen, die Religion des Propheten ſei mehr werth, als die Religion Chriſti?“ „Nein, erhabener Großmeiſter, ich will dergleichen nicht ſagen, und Gott behüte ein armes Atom von Staub, wie ich bin, irgend eine Meinung über einen ſolchen Gegenſtand zu haben! Nein. Ju dieſem Augen⸗ blick bin ich nur ein einfacher Erzähler und wiederhole 4 *d 71 die Abenteuer von Madame Blanche von Bourbon, wie die Franzoſen ſagen, oder von Dona Bianca von Bor⸗ bone, wie die Spanier ſagen.“ „Unverwundbar!“ murmelte Don Federigo. ¹ „So viel iſt gewiß,“ fuhr Mothril fort,„daß die Wachen dieſe abſcheuliche Heiligthumsverletzung begingen, in die Kirche eindrangen und dort Dona Bianca weg⸗ reißen wollten, als plötzlich ein Ritter, ganz mit Eiſen bedeckt, das Viſir niedergelaſſen, ohne Zweifel derſelbe unbekannte Ritter, der der Gefangenen zu ihrer Flucht verholfen hatte, zu Pferde in die Kirche ſprengte.“ „Zu Pferde!“ rief Agenor. „Ja, gewiß,“ erwiederte Mothril;„das iſt eine Kirchenſchänderei, aber vielleicht war es ein Ritter, dem ſein Name, ſein Rang, oder irgend ein militäriſcher Orden das Recht hiezu gaben. Es beſtehen mehrere Privilegien dieſer Art in Spanien. Der Großmeiſter von San Jago, zum Beiſpiel, hat das Recht, behelmt und beſpornt in alle Kirchen der Chriſtenheit einzutre⸗ ten. Iſt das nicht wahr, Don Federigo?“ „Ja,“ antwortete Don Federigo mit dumpfem Tone,„das iſt die Wahrheit.“ „Nun wohl!“ ſprach der Maure,„dieſer Ritter kam in die Kirche, ſtieß die Wachen zurück, rief die ganze Stadt unter die Waffen, und bei ſeinem Aufruf empörte ſich die Stadt, vertrieb die Soldaten des Königs Don Pedro und ſchloß ihre Thore.“ „Doch ſeitdem,“ ſagte Don Federigo,„hat ſich der König, mein Bruder, gerächt, und die zwei und zwan⸗ zig Köpfe, welche auf ſeinen Befehl auf dem öffentlichen Platze von Toledo ſielen, haben ihm mit Recht den Beinamen der Juſticiar eingetragen.“ „Ja, doch unter dieſen zweiundzwanzig Köpfen war nicht der des meuteriſchen Ritters, denn nie hat ein Menſch erfahren, wer dieſer Ritter war.“ „Und was hat der König mit Dona Bianca ge⸗ macht?“ fragte Agenor. 72 „Dona Bianca wurde in das Schloß von Peres geſchickt, wo man ſie gefangen hält, obgleich ſie viel⸗ leicht eine viel härtere Strafe als die der Gefangen⸗ ſchaft verdient hätte.“ „Herr Maure,“ ſprach Don Federigo,„es geziemt ſich nicht für uns, zu entſcheiden, was für eine Strafe oder Belohnung diejenigen verdienen, welche Gott auserwählt hat, um ſie an die Spitze der Nationen zu ſtellen. Nur Gott ſteht über ihnen und Gott allein kommt es zu, ſte zu beſtrafen oder zu belohnen.“ „Unſer edler Herr ſpricht würdig,“ erwiederte Mo⸗ thril, indem er ſeine beiden Hände über ſeiner Bruſt kreuzte und ſeinen Kopf bis auf den Hals ſeines Pfer⸗ des neigte;„ſein demüthiger Sklave hatte Unrecht, zu ſprechen, wie er es gethan.“ In dieſem Augenblick kam man an den Ort, an dem man am Abend Halt zu machen gedachte, und man hielt auch wirklich an, um die Zelte aufzuſchlagen. Als ſich der Maure entfernte, um dem Niederſetzen der Sänfte beizuwohnen, näherte ſich Don Fedexigo dem Ritter und ſagte raſch zu ihm: 3 „Sprecht nichts mehr, was den König, oder Dona Bianca oder mich ſelbſt betrifft, vor dieſem verdammten Mauren, den ich alle Augenblicke von meinem Hunde erwürgen zu laſſen Luſt habe; ſprecht nichts mehr da⸗ von bis zum Abendmahle, dann find wir allein und können nach Muße plaudern.“. „ und Mothril der Maure wird er nicht ebenfalls dabei ſein, wie immer?“ „Mothril der Maur allein zu laſſen, hat er ſeine Snafe zu l 8 „Dieſe Sänfte enthält alſo einen S „Ja,“ antwortete Federigo lächelnd,„Ihr täuſcht Euch nicht, es iſt ein Schatz.“ In dieſem Augenblick näherte ſich Fernando; Agenor hatte an dieſem Tage ſchon genug Indiscretionen be⸗ gangen, um zu befürchten, er könnte neue begehen. Aber wenn er ſeine Neugierde auch unterdrückte, ſo war ſie doch nur um ſo lebhafter. Fernando kam herbei, um die Befehle ſeines Herrn einzuholen, denn das Zelt von Don Federigo war mit⸗ ten im Lager aufgeſchlagen worden. „Laß uns auftragen, mein guter Fernando,“ ſprach der Großmeiſter zu dem jungen Mann,„der Ritter muß Hunger und Durſt haben.“ „Und ich werde zurückkommen,“ ſagte Fernando, „Ihr wißt, daß ich es verſprochen habe, und Ihr wißt auch, wem ich es verſprochen habe.“ Eine flüchtige Röthe ſtieg dem Großmeiſter in die Wangen. „Bleibe alſo bei uns, Kind,“ ſagte er,„denn ich habe keine Geheimniſſe vor Dir.“ Das Mahl wurde unter dem Zelte des Großmei⸗ ſters aufgetragen; Mothril wohnte demſelben in der That nicht bei. „Nun, da wir allein find,“ ſprach Agenor,„denn es iſt, als ob wir allein wären, da Ihr, wie Ihr ſelbſt ſagtet, keine Geheimniſſe vor dieſem jungen Manne habt, erzählt mir, theurer Herr, was vorgefallen iſt, damit ich in Zukunft nichts dem ähnlich begehe, was ich ſo eben begangen habe.“ Don Federigo ſchaute zunruhig umher und ſagte: „Eine linnene Wand iſt ein ſehr ſchwacher Wall, um ein Geheimniß zu bewahren. Mann kann unten hineinſehen, man kann durch dieſelbe hören.“ „Dann ſprechen wir von etwas Anderem,“ verſetzte Mauleon;„trotz meiner natürlichen Neugierde werde ich warten. Und überdies, wenn es ſich auch Satan zur Aufgabe machte, uns zu verhindern, finden wir doch ſicherlich einen Augenblick von hier bis Sevilla, um ein paar Worte auszutauſchen, ohne daß wir etwas zu befürchten haben.“ „Wäret Ihr nicht ſo müde geweſen,“ ſagte Don 3 * 4 74 Federigo,„ſo hätte ich Euch eingeladen, mit mir mein Zelt zu verlaſſen, wir würden hinausgegangen ſein, Jeder mit ſeinem Schwerte bewaffnet, in unſere Mäntel gehüllt, begleitet von Fernando, und hätten an einem Orte der Ebene geplaudert, der offen genug geweſen wäre, daß man hätte ſicher ſein können, auf fünfzig Schritte von uns würde uns Niemand hören, und ver⸗ wandelte ſich der Maure auch in eine Schlange als in ſeine erſte Form.“ „Senor,“ erwiederte Agenor mit jenem Lächeln, das die Stärke und das unerſchöpfliche Vertrauen der Jugend verleihen,„ich bin nie müde. Oft, nachdem ich den Gemsbock auf den höͤchſten Felſen unſerer Gebirge ge⸗ jagt hatte, ſagte mein edler Vormund Ernauton von Sainte⸗Colombe zu mir, wenn ich am Abend zurück⸗ kehrte:„„Agenor, man hat die Spur eines Bären im Gebirge erkannt, ich weiß, wo er wechſelt; willſt Du mit mit mir kommen und auf ihn warten?““ Ich nahm mir nur Zeit, um das Wildpret, das ich nach Hauſe brachte, niederzulegen, und brach, welche Stunde es auch war, auf's Neue auf.“ „Vorwärts alſo,“ ſprach Don Federigo. Sie legten ihre Helme und ihre Panzer ab und hüllten ſich in ihre Mäntel, minder noch wegen der zwiſchen den Gebirgen ſtets kalten Nächte, als um un⸗ bekannt zu bleiben; dann verließen ſie ihre Zelte und wanderten in der Richtung fort, die ſie am ſchnellſten aus dem Lager führen mußte. Der Hund wollte ihnen folgen, doch Don Federigo machte ihm ein Zeichen, und das verſtändige Thier legte ſich bei der Thüre des Zeltes nieder; er war Jeder⸗ mann ſo bekannt, daß er bald das Incognito der zwei Freunde verrathen hätte. Schon bei den erſten Schritten wurden ſie von einer Schildwache angehalten. „Wer iſt dieſer Soldat?“ fragte Don Federigo 8 75 ſeinen Pagen Fernando, indem er einen Schritt rück⸗ waͤrts machte. „Es iſt Ramon der Armbruſtſchütze, gnädigſter Herr,“ erwiederte der Page;„man ſollte gut Wache halten um die Lagerſtätte Eurer Herrlichkeit, und ich ſtellte ſelbſt eine Linie von Schildwachen auf; Ihr wißt, ich habe Euch zu hüten verſprochen.“ „So ſage ihm, wer wir ſind,“ ſprach der Groß⸗ meiſter,„dieſem unſern Namen zu offenbaren, iſt nicht gefährlich.“ Fernando näherte ſich der Schildwache und ſagte ihr leiſe ein Wort. Der Soldat hob ſeine Armbruſt in die Höhe, trat ehrfurchtsvoll bei Seite und ließ die Spaziergänger vorüber. Doch kaum hatten ſie fünfzig Schritte gemacht, als ſich eine weiße, unbewegliche Geſtalt in der Dunkelheit erhob. Der Großmeiſter, welcher nicht wußte, wer dies ſein konnte, ging gerade auf das Geſpenſt zu. Es war eine zweite Schildwache, in einen Caban ge⸗ hüllt; ſie ſenkte ihre Lanze und ſagte ſpaniſch, jedoch mit dem gutturalen Accent der Araber:. „Man geht nicht vorbei.“ „Und dieſer?“ fragte Don Federigo den Pagen, „wer iſt es?“ „Ich kenne ihn nicht,“ antwortete Fernando. „Du haſt ihn alſo nicht aufgeſtellt?“ „Nein, es iſt ein Maure.“ „Laß uns vorbei,“ ſagte Don Federigo arabiſch. Der Maure ſchüttelte den Kopf und hielt fortwäh⸗ rend dem Großmeiſter die ſcharfe Spitze ſeiner Helle⸗ barde auf die Bruſt. „Was ſoll das bedeuten? bin ich denn Gefangener, ich, der Großmeiſter, ich, der Fürſt? Hollah! meine Wachen herbei!“ Fernando zog ein goldenes Pfeiſchen aus ſeiner Taſche und pfiff.. Doch vor den Leibwachen, ſogar vor der ſpaniſchen 76 Schildwache, welche fünfzig Schritte hinter den Spa⸗ ziergängern ſtand, erſchien raſch und ſpringend der Hund von Don Federigo, der, als er die Stimme ſeines Herrn erkannte und begriff, daß er um Hülfe rief, mit ge⸗ ſträubten Haaren herbeilief, mit einem Satze, mit einem Tigerſatze auf den Mauren losſtürzte und ihn durch die Falten ſeines Caban ſo gewaltig bei der Gurgel packte, daß der Soldat einen Schrei ausſtoßend niederſtürzte. Bei dem Nothgeſchrei kamen Mauren und Spanier aus den Zelten hervor: die Spanier eine Fackel in einer Hand und das Schwert in der andern; die Mauren ſchweigſam und ohne Licht, Raubthieren ähnlich in der Finſterniß hinſchlüpfend. „Herein, Alan!“ rief der Großmeiſter. Auf dieſen Ruf ließ der Hund langſam und wie mit Bedauern ſeine Beute los und wich, die Augen auf den Mauren geheftet, der ſich auf ein Knie erhob, bis zu den Füßen ſeines Herrn zurück, bereit, auf ein Zeichen von dieſem abermals loszuſtürzen. In dieſem Augenblick kam Mothril. Der Großmeiſter wandte ſich gegen ihn um und ſprach mit der doppelten Majeſtät, die ihn zum Fürſten zugleich dem Herzen und der Geburt nach machte: „Wer hat Schildwachen in meinem Lager aufgeſtellt? Antwortet, Mothril. Dieſer Menſch gehört Euch. Wer hat ihn hierher geſtellt?“ „In Euer Lager, hoher Herr,“ erwiederte Mothril mit der größten Demuth;„ohl nie wäre ich ſo ver⸗ meſſen geweſen. Ich habe nur dieſen treuen Diener hier(und er deutete auf den Mauren, der auf einem Knie lag und ſeine blutige Kehle zwiſchen beiden Hän⸗ den hielt), ich habe nur dieſem treuen Diener Befehl gegeben, Wache zu halten, aus Furcht vor nächtlichen Ueberfällen, und er wird meine Befehle überſchritten oder Euch nicht erkannt haben; jedenfalls aber, wenn er den Bruder meines Königs beleidigt hat, und man 1 — —„— 77 glaubt, dieſe Beleidigung verdiene den Tod, ſoll er ſterben.“— „Nein,“ ſprach Don Federigo.„Die böſe Abſicht macht den Schuldigen, und ſobald Ihr mir dafür ſteht, daß die ſeinige gut war, Herr Mothril, bin ich ihm eine Entſchädigung für die Lebhaftigkeit meines Hundes ſchuldig. Fernando gib dieſem Menſchen Deine Börſe.“ Fernando näherte ſich mit Widerſtreben dem Ver⸗ wundeten und warf ihm ſeine Börſe zu, die er aufhob. „Nun, Herr Mothril,“ ſprach Don Federigo wie ein Mann, der nicht den geringſten Widerſpruch gegen ſeinen Willen zulaſſen würde,„ich danke Euch für Eure Sorgfalt., doch ſie iſt unnöthig; meine Wachen und mein Schwert genügen, um mich zu vertheidigen; wen⸗ det alſo Euer Schwert an, um Euch und Eure Sänfte zu bewachen, und nun, da Ihr wißt, daß ich weder Eurer, noch der Eurigen bedarf, kehrt unter Euer Zelt zurück, Senor Mothril, und ſchlaft im Frieden.“ Der Maure verbeugte ſich und Don Federigo ging weiter. Mothril ließ ihn gehen, und als er die drei Ge⸗ ſtalten des Prinzen, des Ritters und des Pagen in der Dunkelheit ſich hatte verlieren ſehen, näherte er ſich der Schildwache und fragte: „Biſt Du verwundet?“ „Ja,“ antwortete die Schildwache mit düſterer Miene. „Schwer?“ „Die Zähne des verfluchten Thieres find in ihrer ganzen Länge in meine Gurgel eingedrungen.“ „Leideſt Du?“ „Sehr.“ „Zu ſehr, als daß Du Dich rächen könnteſt?“ „Wer ſich rächt, leidet nicht; befehlt.“ „Ich werde befehlen, wenn es Zeit iſt; komm.“ Hienach kehrten Beide in das Lager zurück. Während Mothril und der verwundete Soldat ſich 78 dem Lager zuwandten, wanderte Don Federigo, begleitet von Agenor und Fernando, in der düſteren Landſchaft fort, deren Horizont die Sierra Eſtrella bildete; von Zeit zu Zeit ſchickte er voraus oder zurück den Hund mit dem unfehlbaren Geruche, der, wenn man ihnen ge⸗ folgt wäre, ſicherlich ſeinen Herrn von der Gegenwart des Spions benachrichtigt hätte. Sobald er glaubte, er ſei vom Lager entfernt genug, daß der Klang ſeiner Stimme nicht mehr bis dahin dringen könnte, blieb Don Federigo ſtehen, legte ſeine Hand auf die Schulter des Ritters und ſagte mit dem, tiefen Ausdruck, welcher offenbart, daß die Stimme vom Herzen kommt: „Höre, Agenor, ſprich mir nie mehr von der Perſon, deren Namen Du genannt haſt; wenn Du vor Fremden von ihr ſprichſt, wirſt Du meine Stirne erröthen und meine Hand zittern machen; ſprächſt Du von ihr, wenn wir allein wären, ſo würdeſt Du meine Seele vergehen machen. Die unglückliche Dona Bianca hat die Gnade ihres königlichen Gemahls nicht zu erlangen gewußt; der ſo reinen und ſanften Franzöſin hat er Maria Pa⸗ dilla, die hochmüthige und glühende Spanierin, vorge⸗ zogen. Eine ganze beklagenswerthe Geſchichte von Arg⸗ wohn, Krieg und Blut iſt in den wenigen Worten ent⸗ halten, die ich Dir geſagt habe. Eines Tags, wenn es nöthig iſt, werde ich Dir mehr ſagen; doch bis da⸗ hin beobachte Dich, Agenor, und ſprich mir nicht mehr von ihr; ich denke nur zu viel an ſie, ohne daß man von ihr ſpricht.“ Bei dieſen Worten hüllte ſich Federigo in ſeinen Mantel, als wollte er einen ungeheuren Schmerz mit ſich abſondern und begraben. Agenor blieb nachdenkend beim Großmeiſter; er ſuchte, indem er ſeine Erinnerungen zurückrief, diejenigen Theile des Geheimniſſes ſeines Freundes zu durchdrin⸗ gen, wobei er ihm nützlich ſein könnte, und denen, wie er . —,— — 79 wohl einſah, die Einladung, die er von ihm erhalten, nicht fremd war. Der Großmeiſter begriff, was in dem Herzen von Agenor vorging, und fügte bei: „Dies iſt es, was ich Dir ſagen wollte, Freund; Du wirſt fortan bei mir leben und, da ich keine Vor⸗ ſicht gegen meinen Bruder zu gebrauchen habe, ohne daß ich von ihr ſpreche, ohne daß Du mir von ihr ſprichſt, am Ende den Abgrund erforſchen, vor dem ich ſelbſt erſchrecke; doch für den Augenblick gehen wir nach Sevilla, die Feſte eines Turniers erwarten mich dort; der König, mein Bruder, will mir Ehre anthun, wie er ſagt, und er hat mir in der That, wie Du geſehen, Don Mothril, ſeinen Rath und ſeinen Freund, ge⸗ ſchickt.“ Fernando zuckte die Achſeln, um zugleich Haß und Verachtung auszudrücken. „Ich gehorche alſo,“ erwiederte Federigo, ſeinen eigenen Gedanken beantwortend;„doch ſchon als ich Coimbra verließ, hatte ich Argwohn, und die Beauf⸗ ſichtigung, die man um mich her übt, hat dieſen Arg⸗ wohn beſtätigt. Ich werde alſo wachen. Ich habe nicht nur zwei Augen, ich habe auch die meines ergebenen Dieners Fernando, und wenn Fernando mich verläßt, um eine geheime, unerläßliche Sendung zu vollziehen, ſo bleibſt Du bei mir, denn ich bin Euch Beiden in gleicher Freundſchaft zugethan.“ Und Don Federigo reichte jedem von den zwei jungen Leuten eine Hand, welche Agenor ehrfurchtsvoll u ſein Herz drückte und Fernando mit Küſſen be⸗ eckte. 3 „Edler Herr,“ ſprach Mauleon,„ich bin ſehr glück⸗ lich, ſo zu lieben und geliebt zu werden; doch ich komme ſehr ſpät, um meinen Antheil an einer ſo lebhaften Freundſchaft zu nehmen.“ „Du wirſt unſer Bruder ſein,“ erwiederte Don Fe⸗ derigo,„Du wirſt in unſer Herz einziehen, wie wir in 80 das Deinige. Und nun ſprechen wir nur von den Feſten und von den ſchönen Lanzenſtößen, die uns in Sevilla er⸗ warten. Kommt und laßt uns ins Lager zurückkehren.“ Hinter dem erſten Zelte, an dem er vorbei ſchritt, fand Don Federigo Mothril, der ganz wach hier auf⸗ gepflanzt war; er blieb ſtehen und ſchaute den Mauren an, ohne den Aerger verbergen zu können, den ihm dieſe Hartnäckigkeit verurſachte. „Senor,“ ſagte Mothril zu Don Federigo,„als ich ſah, daß Niemand im Lager ſchlief, kam mir ein Gedanke; würde es Eurer Hoheit, da die Tage ſo glühend heiß find, nicht gefallen, ſich wieder in Marſch zu ſetzen? Der Mond geht auf, die Nacht iſt mild und ſchön, und Ihr kürzt dadurch die Ungeduld des Königs, Eures Bruders ab.“ „Doch Ihr?“ ſagte Federigo,„doch Eure Sänfte?“ „Ohl Senor,“ herwiederte der Maure,„ich und alle meine Leute ſind Eurer Hoheit zu Befehl.“ „Vorwärts alſo, es iſt mir genehm,“ ſprach Federigo, „gebt Befehl zum Aufbruch.“ 3 Während man die Pferde und Maulthiere ſattelte, während man die Zelte abſchlug, näherte ſich Mothril der verwundeten Schildwache und fragte ſie: „Wenn wir zehn Meilen in dieſer Nacht machen, ſo haben wir die erſte Gebirgskette überſchritten?“ „Ja,“ antwortete der Soldat. ni „Und wenn wir morgen Abend gegen ſieben Uhr aufbrechen, um welche Stunde werden wir bei der Furt der Zezere ſein?2 „Um eilf Uhr.“ Um die von dem Soldaten bezeichnete Stunde war man zum Lagerungsplatz gekommen. Dieſe Art, zu reiſen, war, wie es der Maure vorhergeſehen, Jedermann an⸗ genehm geweſen und hatte für ihn noch den beſondern Vortheil gehabt, daß er ſeine Sänfte leichter den neu⸗ gierigen Blicken von Muſaron zu entziehen vermochte. Denn eine einzige Sorge beſchäftigte den würdigen 1 Knappen, die, zu erfahren, welche Art von Schatz in dem vergoldeten Kaſten, den Mothril ſo ängſtlich hütete, verborgen ſei. „Als wahrer Sohn Frankreichs nahm er auch keine Rückſicht auf die Anforderungen des neuen Klima, in welchem er ſich fand, und er ſchweifte bei der größten Hitze des Tages um die Zelte her. Die Sonne ſchoß ſenkrecht herab, Alles war ver⸗ laſſen auf dem Felde. Federigo hatte ſich, um ganz ſeinen Gedanken zu leben, unter ſein Zelt zurückgezogen. Fernando und Agenor plauderten unter dem ihrigen, als ſte plötzlich Muſaron auf der Schwelle erſcheinen ſahen. Der Knappe zeigte das lachende Geſicht eines Menſchen⸗ der beinahe ſein längſt erſehntes Ziel erreicht at. „Seigneur Agenor,“ ſagte er,„eine große Ent⸗ deckung?“ „Welche?“ fragte der Ritter, der an die ſcherz⸗ haften Ausfälle ſeines Knappen geewöhnt war. „ Don Mothril ſpricht mit der Sänfte und die Sänfte antwortet ihm.“ „Und was ſagen ſie ſich?“ fragte der Ritter. „Ich habe wohl das Geſpräch gehört, doch ich konnte es nicht verſtehen, in Betracht, daß ſie Arabiſch mit einander ſprachen.“ Der Ritter zuckte die Achſeln. 2„Was ſagt Ihr hiezu, Fernando?“ fragte er. „Wenn man Muſaron glauben darf, ſpricht der Schatz von Don Mothril.“ „Darüber darf man ſich nicht wundern,“ erwie⸗ ee der Page,„der Schatz von Don Mothril iſt eine rau.“ „Ahl....“ machte Muſaron, im hoͤchſten Maße „Jung?“ fragte Agenor lebhaft. „Wahrſcheinlich.“ Der Baſtard von Mauſeon. I. 6 8² „Schön?“ „Ah! Ihr fragt mich zu viel, Herr Ritter; ich glaube, nur wenige Perſonen, ſelbſt von dem Gefolge von Don Mothril, vermöchten Euch hierauf zu ant⸗ worten.“ „Nun wohl!, ich werde es erfahren,“ ſprach Agenor. „Wie dies?“ „Da Muſaron bis zum Zelte gekommen iſt, ſo werde ich wohl auch dahin gelangen. Wir Gebirgs⸗ jäger ſind gewohnt, von Fels zu Fels zu ſchlüpfen und die Gemſen auf den Gipfeln unſerer Pies zu überraſchen. Der Senor Don Mothril wird weder ſchlauer, noch argwöhniſcher ſein, als eine Gemſe. „Es ſei,“ ſprach Fernando, ebenfalls durch einen unwiderſtehlichen Zug toller Jugend fortgeriſſen;„doch nur unter der Bedingung, daß ich mit Euch gehe.“ „Kommt, und Muſaron ſoll mittlerweile wachen.“ Agenor hatte ſichmicht getäuſcht, und man hatte nicht einmal ſo viel Vorſicht nöthig. Es war eilf Uhr Mor⸗ gens. Die Sonne Afrikas ſchoß ihre heißeſten Strahlen auf die Erde herab; das Lager ſchien verlaſſen; die ſpaniſchen und mauriſchen Schildwachen hatten den Schatten eines Felſen oder eines einſamen Baumes geſucht, ſo daß man ſich, wenn die Zelte nicht geweſen wären, die der Landſchaft den augenblicklichen Anſchein der Bewohnung gaben, in einer Wüſte hätten glauben können. Das Zelt von Don Mothril war das entfern⸗ teſte. Um es noch mehr abzuſondern, oder um ihm ein wenig Friſche zu geben, hatte er es an eine Gruppe von Bäumen angelehnt. In dieſes Zelt hatte er die Sänfte bringen laſſen, und vor der Thüre ſiel ein großes Stück türkiſchen Stoffes herab, das den Blick in das Innere zu dringen verhinderte. Muſaron bezeichnete ihnen dieſes Zelt als dasjenige, welches den Schatz ent⸗ halte. Die jungen Leute ließen Muſaron an dem Platz, wo er war, und von wo er Alles, was auf der Seite des Zeltes vorging, ſehen konnte, machten einen Um⸗ —,— NOG A8½8ZSuF=OG ngNOA’'—— A½— 8 . 83 weg und erreichten das Ende des Gehölzes; ſobald ſie hier waren, hielten ſie den Athem an, dämpften ſie ihre Tritte, ſchoben ſie behutſam die Zweige, deren Rauſchen ſie hätte verrathen können, auseinander, und ſchlichen ſich, ohne von Don Mothril gehört zu werden, bis zu dem kreisförmigen Zelte, in deſſen Mittelpunkt Don Mothril und ſeine Sänfte ſich befanden. Man konnte nichts ſehen, doch man konnte horchen. „Oh!“ ſagte Agenor,„das Geſpräch wird uns nicht viel lehren, denn ſie ſprechen Arabiſch.“ Fernando legte den Finger auf ſeine Lippen und erwiederte: „Ich verſtehe das Arabiſche, laßt mich hören.“ Der Page horchte und der Ritter blieb ſtill. „Das iſt ſeltſam,“ ſagte Fernando nach wenigen Augenblicken,„ſte ſprechen von Euch.“ „Von mir?“ verſetzte Agenor,„unmöglich.“ „Doch, wenn ich mich nicht ſehr täuſche.“ „Und was ſagen ſie?“ „Don Mothril hat bis jetzt allein geſprochen. Er hat gefragt:„„Iſt es der Ritter mit dem rothen Helm⸗ buſch?2“ In dem Augenblick, wo der Page dieſe Worte voll⸗ endete, erwiederte eine melodiſche, vibrirende Stimme, eine von jenen Stimmen, welche Ambra und Perlen zu deſtilliren ſcheinen und ein Echo im Herzen finden: „Ja, es iſt der Ritter mit dem rothen Helmbuſch; er iſt jung und ſchön.“ „Jung allerdings,“ erwiederte Mothril,„denn er i kaum zwanzig Jahre alt, doch ſchön, das leugne 1.4 1.„Er trägt ſeine Waffen gut und ſcheint muthig zu ſein.“ „Muthig! ein Räuber! ein Geier der Pyrenäen, der ſich auch auf den Leichnam unſeres Spanien nieder⸗ gelaſſen hat!“ 3 „Was ſagt er?“ fragte Agenor. 84 Der Page wiederholte lachend die Worte von Mothril. Der Ritter wurde roth bis über die Stirne; er legte die Hand an den Griff ſeines Degens und zog ihn halb aus der Scheide. Fernando hielt ihn zurück. „Edler Herr,“ ſagte er,„das iſt der Lohn der In⸗ discreten; doch ohne Zweifel wird die Reihe auch an mich kommen: horchen wir.“ fort Die ſanfte Stimme fuhr ſtets in arabiſcher Sprache ort: „Es iſt der erſte Ritter von Frankreich, den ich ſehe; verzeiht mir alſo ein wenig Neugierde. Die fran⸗ zoͤſichen Ritter ſind berühmt durch ihre Artigkeit, wie man mich verſichert. Iſt dieſer im Dienſte des Königs Don Pedro?“ „Aiſſa,“ entgegnete Mothril mit einem Ausdruck gedraͤngter Wuth,„ſprecht mir nicht mehr von dieſem jungen Menſchen.“ „Ihr,“ erwiederte die Stimme,„Ihr habt mir von ihm geſprochen, als wir ihn im Gebirge trafen; Ihr habt mich, nachdem Ihr mir unter den Bäumen, wo er uns vorangeritten, Halt zu machen zugeſagt, er⸗ mahnt, eine Strapaze mehr zu ertragen, um nach Coimbra zu kommen, ehe der franzöſiſche Herr mit Fe⸗ derigo ſprechen könnte.“ Fernando legte ſeine Hand auf den Arm des Ritters, es kam ihm vor, als zerriſſe der Schleier und entblößte das Geheimniß des Mauren. „Was ſagt er denn?“ fragte der Ritter. Fernando wiederholte ihm Wort für Wort, was Mothril geſagt. Doch dieſelbe Stimme fuhr mit einem Tone fort, der dem Ritter bis ins Herz ging, obgleich er die Worte nicht verſtand, und fragte: „Warum ſcheint Ihr ihn denn ſo zu fürchten, wenn er nicht muthig iſt?“ „Ich mißtraue Jedermann und fürchte Niemand,“ —ᷣ 2 85⁵ erwiederte Mothril.„Dann finde ich es unnöthig, daß Ihr Euch mit einem Mann beſchäftigt, den Ihr bald nicht mehr ſehen ſollt.“ Mothril hatte dieſe letzten Worte mit einem Ton geſprochen, der keinen Zweifel über ihre Bedeutung übrig ließ; Agenor erkannte auch an der Bewegung, die der Page machte, daß er etwas Wichtiges erlauert hatte. „Seid auf Eurer Hut, Sire von Mauleon,“ ſagte er.„Ihr habt in Don Mothril einen Feind, mag nun Politik oder Eiferſucht die Urſache ſein.“ Agenor lächelte verächtlich. Beide horchten wieder, hörten aber nichts mehr. Einige Minuten nachher erblickten ſie durch die Bäume Mothril, der ſich entfernte und den Weg nach dem Zelte von Don Federigo einſchlug. „Mir ſcheint,“ ſagte Agenor,„dies wäre der Augen⸗ blick, die ſchoͤne Aiſſa, welche ſo viel Sympathie für die fränkiſchen Ritter hat, zu ſehen und zu ſprechen.“ „Sie ſehen, ja, ſie ſprechen, nein,“ ewiederte Fer⸗ nando.„Denn, glaubt mir, Mothril hat ſich nicht ent⸗ fernt, ohne Wachen vor der Thüre zurückzulaſſen.“ Und er machte mit der Spitze ſeines Dolches in die Naht des Zeltes eine ſchmale Oeffnung, welche, ſo⸗ ſchmal ſie auch war, dem Blick in das Innere zu dringen geſtattete. Aiſſa lag auf einem Ruhebett von purpurnem, mit Gold geſticktem Stoff, und war in eine von jenen ſtum⸗ men, lächelnden Träumereien verſunken, die den Frauen des Orients, deren ganzes Leben ſinnlichen Empfindungen angehört, eigenthümlich ſind. Eine von ihren Händen hielt das muſikaliſche Inſtrument, das man die Guzla nennt. Die andere war in ihre mit Perlen beſtreuten ſchwarzen Haare getaucht, welche nur um ſo mehr ihre feinen, zart zugeſpitzten Finger mit den roth gefärbten Nägeln hervorhoben. Ein langer, feuchter Blick, der, um ſich darauf zu heften, den Gegenſtand zu ſuchen 86 ſchien, den ſie in ihrem Geiſte ſah, ſprang unter ihrem Augenlid mit den ſeidenen Wimpern hervor. „Wie ſchön iſt ſie!“ murmelte Agenor. „Senor,“ erwiederte Fernando,„bedenkt wohl, es iſt eine Maurin, und folglich eine Feindin unſerer hei⸗ ligen Religion.“ „Bah!“ verſetzte Agenor,„ich werde ſie bekehren.“ In dieſem Augenblick hörte man Muſaron huſten. Dies war das verabredete Zeichen, wenn ſich Jemand dem Gehölze nähern würde; und die zwei jungen Leute kehrten mit derſelben Vorſicht, die ſie zuvor angewendet, auf dem Weg, den ſie ſchon gemacht hatten, zurück. Als ſie an den Saum des Gehölzes kamen, erblickten ſie auf der Straße von Sevilla eine kleine Truppe, beſtehend aus einem Dutzend arabiſcher und caſtilianiſcher Reiter. Sie ritten gerade auf Mothril zu, der, ſobald er ſie er⸗ blickte, einige Schritte von dem Zelte des Großmeiſters ſtehen blieb. Dieſe Reiter kamen abgeſandt vom König Don Pedro und brachten eine neue Depeche an ſeinen Bruder. Die Depeche war begleitet von einem Brief für Mothril. Der Maure las den für ihn beſtimmten Brief und trat in das Zelt von Don Federigo, nachdem eer die Ankömmlinge einen Augenblick hatte warten heißen, für den Fall, daß es dem Großmeiſter belieben würde, einige Erläuterung von ihnen zu ver⸗ langen. auf ſeiner Thürſchwelle erblickte. „Hoher Herr,“ ſprach der Manre,„was mich ſo kühn macht, bis zu Euch zu dringen, iſt eine an Euch gerichtete Botſchaft unſeres geehrten Königs, die ich Euch ungeſäumt übergeben wollte.“ Und er reichte den Brief Don Federigo, der ihn mit einem gewiſſen Zogern nahm. Doch bei den erſten Zeilen, die er las, klärte ſich die Stirne des Groß⸗ meiſters auf.. Die Depeche enthielt Folgendes: „Abermals!“ rief Don Federigo, als er Mothril 87 „Mein vielgeliebter Bruder, beeile Dich, denn ſchon iſt mein Hof voll von Rittern aller Nationen. Sevilla freut ſich in Erwartung der Ankunft des tapferen Groß⸗ meiſters von San Jago. Diejenigen, welche Du mit Dir bringen wirſt, ſollen willkommen ſein; doch hemme Deinen Marſch nicht durch ein zu großes Gefolge. Zum Ruhm wird es mir gereichen, Dich zu ſehen, zum Glück, Dich bald zu ſehen.“ Fernando und Agenor, denen dieſe neue Truppe, welche ſich nach dem Zelte von Don Federigo wandte, einige Unruhe verurſachte, traten nun ebenfalls ein. „Ahl“ ſprach Don Federigo, indem er Agenor den Brief des Königs reichte,„leſet und ſeht, welche Aufnahme uns zu Theil werden wird.“ „Wird Eure Hoheit nicht einige Worte des Will⸗ komms zu denjenigen ſagen, welche ihr dieſen Brief ge⸗ bracht haben?“ fragte Mothril. Don Federigo machte ein Zeichen mit dem Kopf, ging hinaus und dankte ihnen für die Eile, die ſie an⸗ gewendet, denn er hatte vernommen, daß ſie den Weg von Sevilla bis zu ſeinen Zelten in fünf Tagen zurück⸗ gelegt. Nachdem er dies gethan, wandte ſich Mothril an den Anführer und ſprach: „Ich behalte Deine Soldaten, um dem Großmeiſter mehr Ehre anzuthun. Du aber kehre zu dem König Don Pedro mit der Schnelligkeit der Schwalbe zurück und melde ihm, der Prinz ſei im Marſch nach Sevilla begriffen.“ Dann fügte er ganz leiſe bei: „Gehe und ſage dem König, ich werde nicht ohne den Beweis, den ich ihm verſprochen, zurückkehren.“ Der arabiſche Reiter verbeugte ſich und ſchoß, ohne ein Wort zu erwiedern, ohne ſich oder ſein Pferd zu erfriſchen, wie ein Pfeil fort. Dieſer mit leiſer Stimme gegebene Auftrag ent⸗ ging Fernando nicht, und obgleich er den Gegenſtand 88 deſſelben nicht wußte, weil er die Worte nicht hatte hören können, glaubte er doch ſeinem Herrn ſagen zu müſſen, der Wiederaufbruch des kaum angekommenen Führers erſcheine ihm um ſo verdächtiger, als dieſer Führer ein Maure und kein Caſtilianer ſei. „Höre,“ ſagte Don Federigo, als ſie allein waren, „die Gefahr, wenn eine ſolche obwaltet, kann weder mich, noch Dich, noch Agenor bedrohen; wir ſind ſtarke Männer, welche keine Gefahr fürchten. Doch im Schloſſe Medina Sidonia iſt ein ſchwaches, wehrloſes Weſen, eine Frau, welche ſchon zu viel für mich und meinet⸗ wegen gelitten hat. Du mußt abgehen; Du mußt mich verlaſſen; Du mußt durch irgend ein Mittel, deſſen Wahl ich Deiner Gewandtheit anheimſtelle, bis zu ihr gelangen und ſie auf ihrer Hut zu ſein ermahnen. Alles, was ich ihr nicht in einem Briefe ſagen könnte, wirſt Du ihr mündlich ſagen.“ „Ich werde abreiſen, wann Ihr wollt,“ antwortete Fernandoz„Ihr wißt, daß ich zu Euren Befehlen in.“ Federigo ſetzte ſich an einen Tiſch und ſchrieb einige Zeilen auf ein Pergament, auf das er, nachdem er es geſchloſſen hatte, ſein Siegel drückte. Als er hiemit zu Ende war, kam der unvermeidliche Mothril wieder in ſein Zelt. „Ihr ſeht,“ ſprach Don Federigo,„ich ſchreibe meinerfeits auch an den Koͤnig Don Pedro. Es hieß, wie mir ſcheint, ſeinen Brief kalt empfangen, daß man Eurem Boten nur eine mündliche Antwort ertheilte. Morgen früh wird Fernando abgehen.“ Der Maure verbeugte ſich ſtatt jeder Antwort; in ſeiner Gegenwart verſchloß der Großmeiſter das Pergament in einen mit Perlen geſtickten Beutel, über⸗ gab dieſen dem Pagen und ſprach zu ihm: „Du weißt, was damit zu thun iſt?“ „Ja, gnädigſter Herr, ich weiß es.“ „Aber,“ verſetzte Mothril,„aber da Eure Hoheit — 89 dieſem fränkiſchen Ritter wohlgewogen iſt, warum ſchickt ſie nicht ihn ab, ſtatt ihres Pagen, den ſie nöthig haben dürfte? Ich würde ihn von vier von meinen Leuten escortiren laſſen, und wenn er dem König den Brief, einen Brief ſeines Bruders überbrächte, ſo hätte er mit einem Male die Gnade verdient, die Ihr für ihn zu erbitten gedenkt.“ Die Schlauheit des Mauren brachte Don Federigo einen Augenblick in Verlegenheit; doch Fernando kam ihm zu Hülfe. „Mir ſcheint,“ ſagte er zu Don Federigo,„mir ſcheint, daß man zum König von Caſtilien einen Spa⸗ nier ſchicken muß. Ueberdies hat Eure Hoheit mich zu⸗ erſt gewählt, und wenn ſie es nicht durchaus befiehlt, ſo wünſche ich, daß mir die Chre dieſer Sendung über⸗ tragen bleibe.“ „Es iſt gut,“ erwiederte Don Federigo,„wir ändern nichts an dem, was wir einmal beſchloſſen haben.“ „Eure Hoheit iſt der Herr,“ ſprach Mothril,„wir Alle haben keine andere Pflicht, als ihre Befehle zu vollziehen, und ich kam auch, um dieſe einzuholen.“ „Wozu?“ „Für die Abreiſe; iſt es nicht verabredet, daß wi wie geſtern in der Nacht reiſen? Hat ſich Eure Hohei bei dieſem nächtlichen Marſch ſchlecht befunden?“ „Nein, im Gegentheil.“ „Nun wohl! wir haben nur noch eine oder zwei Stunden Tag,“ erwiederte Mothril;„es wäre alſo Zeit, aufzubrechen.“ „Gebt die Befehle, und ich werde bereit ſein.“ Mothril ging hinaus. „Höre,“ ſprach Don Federigo zu Fernando:„wir haben über den Fluß zu ſetzen, der von der Sierra Eſtrella herkommt und ſich in den Tajo wirft. Im Augenblick des Uebergangs wird immer eine kurze Ver⸗ 90 wirrung ſtattfinden, benütze ſie, ſobald Du am andern Ufer biſt, um Dich auf der Stelle zu entfernen; denn ich glaube es iſt Dir ebenſo wenig als mir an der Es⸗ corte gelegen, die uns der Maure angeboten hat. Sei nur vorſichtig auf der Reiſe, ſei noch vorſichtiger, wenn Du angekommen biſt, denn Du weißt, daß ſie auf das Strengſte bewacht wird.“ „Ja, gnädigſter Herr, ich weiß es.“ Mothril verlor keinen Augenblick, um die nöthigen Befehle zu geben. Die Karavane ſetzte ſich in der ge⸗ wohnten Ordnung in Marſch, nämlich eine Vorhut von mauriſchen Reitern ſondirte den Weg; hernach kam Don Federigo von Mothril überwacht, und dann erſt kamen die Sänfte und die Nachhut. Gegen zehn Uhr erreichte man das Ende der Sierra und ſtieg dann in das Thal hinab. Eine Stunde nach⸗ her erblickte man durch die Bäume, mit denen der Ab⸗ hang des Berges beſetzt war, ein langes, gekrümmtes, bläuliches Band, aus dem der Mond an verſchiedenen Stellen Tauſende von Funken hervorſpringen machte. „Das iſt die Zezere,“ ſagte Mothril;„mit der wflauzniß Eurer Hoheit will ich die Furt unterſuchen laſſen.“ 5 Dies war eine Gelegenheit für Don Federigo, einen Augenblick mit Agenor und Fernando zurückzubleiben. Er beeilte ſich daher, den Mauren durch ein Zeichen mit dem Kopf zu entlaſſen. Mothril marſchirte, wie man weiß, nicht ohne die Sänfte; er machte auch eine Wendung gegen die Nach⸗ hut, und man ſah ihn in Begleitung des Schatzes vor⸗ rücken, der Muſaron, ſo lange er nicht wußte, welcher Natur er war, ſo ſehr beſchäftigt hatte. „Nun iſt es an mir, Eure Hoheit um eine Er⸗ laubniß zu bitten,“ ſprach Agenor;„wir Franzoſen haben die Gewohnheit, über die Flüſſe zu ſetzen, wo wir uns gerade finden, und ich möchte gern zu gleicher Zeit mit dem Mauren jenſeits des Fluſſes ankommen.“ 2— — „— 91 Dies war abermals eine Gelegenheit für Don Fe⸗ derigo, Fernando ſeine letzten Inſtructionen geben zu können, ohne daß ſie Jemand hörte. „Macht es, wie es Euch beliebt,“ ſagte er zu dem Ritter,„ſetzt Euch aber nicht unnöthig einer Gefahr aus, Ihr wißt, daß ich Eurer bedarf.“ „Hoheit,“ ſprach Agenor,„wir werden uns auf dem andern Ufer wiederfinden.“ Und der Ritter machte in entgegengeſetzter Rich⸗ tung dieſelbe kreisförmige Wendung, die der Maure und die Sänfte gemacht hatten, und verſchwand begleitet von Muſaron in den Krümmungen des Gebirges. Fünftes Kapitel. Der Uebergang über den Fluß. Der Maure, der zuerſt abgegangen war, kam zu⸗ erſt an das Ufer des Fluſſes. Ohne Zweifel hatte er entweder bei ſeiner Ankunft oder während der andern Reiſe die Furt unterſucht, denn ohne das geringſte Zögern ging er zum Rand des Fluſſes hinab, bis um den halben Leib in den Olean⸗ dern verborgen, welche im ſüdlichen Theil von Spanien und Portugal beinahe immer die Flüſſe begleiten. Auf ein Zeichen von ihm nahmen die Führer der Sänfte die Maulthiere am Zügel und ſtiegen, nachdem ihnen Mothril den Weg bezeichnet hatte, dem ſie folgen ſoll⸗ ten, und den ein kleines in dieſer Richtung ſtehendes Drangenwäldchen leicht erkennbar machte, in den Fluß 92 hinab und ſchickten ſich an, ihn zu durchſchreiten, eine Operation, die ſie ausführten, ohne daß das Waſſer höher als bis zum Bauch der Maulthiere ging. So ſehr auch Mothril mit der Sicherheit der Furt vertraut zu ſein ſchien, folgte er doch nichtsdeſtoweniger mit den Augen dem Uebergang, bis er die koſtbare Sänfte am andern Ufer angelangt ſah. Nun erſt ſchaute er umher und fragte, indem er ſich bis zum Niveau der Oleander bückte: „Biſt Du da?“ „Ja,“ antwortete eine Stimme. „Nicht wahr, Du wirſt den Pagen wohl er⸗ kennen?“ Hat 95 iſt derjenige, welcher dem Hund gepfiffen at.“ „Der Brief iſt in einem Beutel, den er in einer Waidtaſche trägt, welche an ſeiner Seite hängt. Dieſe Waidtaſche muß ich haben.“ „Ihr ſollt ſie haben,“ erwiederte der Maure. „Ich kann ihn alſo rufen? Du biſt an Deinem Poſten?“ „Ich werde daran ſein, ſobald es Zeit iſt.“ Mothril ſtieg wieder am Ufer hinauf und kehrte zu Don Federigo und Fernando zurück. Während dieſer Zeit waren Agenor und Muſaron ebenfalls auf der Böſchung des Fluſſes angelangt, und der Ritter hatte, wie er es geſagt, ohne ſich um die Tiefe des Waſſers zu bekümmern, muthig ſein Pferd in die Strömung getrieben. Der Fluß hatte an den Ufern nur eine geringe Tiefe. Der Ritter und ſein Knappe ſanken nur lang⸗ ſam und ſtufenweiſe ein. Als ſie ungefähr drei Viertel des Uebergangs gemacht hatten, verlor das Pferd den Boden; aber unterſtützt durch den Zügel und die Lieb⸗ koſungen ſeines Reiters, ſchwamm es kräftig und faßte den Boden wieder ungefähr zwanzig Schritte von der Stelle, wo es ihn verloren hatte. Muſaron folgte ſeinem 93 Herrn wie ſein Schatten und kam, nachdem er ungefähr dasſelbe Manoeuvre gemacht hatte, wie er unverſehrt auf die andere Seite der Strömung. Seiner Gewohn⸗ heit gemäß, wollte er ſich laut zu dieſer Heldenthat Glück wünſchen, doch ſein Herr legte einen Finger auf ſeine Lippen und hieß ihn durch dieſes Zeichen ſchweigen. Beide erreichten alſo das Ufer, ohne daß man etwas Anderes hörte, als das leichte Platſchen des Waſſers, und ohne daß ein anderes Merkmal Mothril den Ueber⸗ gang des Ritters verrathen hätte. Hier angelangt, hielt Agenor an, ſtieg ab und warf den Zügel ſeines Pferdes Muſaron zu; dann beſchrieb er einen Kreis und erreichte das andere Ende des Orangenwäldchens, vor dem man einen Mondſtrahl auf dem vergoldeten Fries der Sänfte ſpielen ſah; hätte er aber auch nicht gewußt, wo ſie war, ſo würde er ſie doch leicht gefunden haben. Die vibrirenden Töne der Guzla erklangen in der Nacht und offenbarten, daß Aiſſa, um ſich zu zerſtreuen, bis ihr Wächter ebenfalls übergegan⸗ gen wäre, zu dieſem Inſtrumente ihre Zuflucht genom⸗ men hatte. Anfangs waren es nur Accorde ohne Folge, eine Art von unbeſtimmter Klage, dem Wind und der Nacht von den zerſtreuten Fingern des Mädchens zugeworfen. Doch auf dieſe Accorde folgten Worte, und der Ritter erkannte zu ſeiner großen Freude, daß dieſe Worte, obgleich aus dem Arabiſchen überſetzt, im reinſten Caſtilianiſch geſungen wurden. Die ſchöne Aiſſa ver⸗ ſtand alſo das Spaniſche; der Ritter würde mit ihr ſprechen können. Er trat immer näher hinzu, diesmal geleitet durch das Inſtrument und durch die Stimme. Aiſſa hatte die Vorhänge ihrer Sänfte auf der dem Fluß entgegengeſetzten Seite zurückgezogen, und die zwei Führer hatten ſich, ohne Zweifel, um dem Be⸗ fehle des Herrn zu gehorchen, ungefähr zwanzig Schritte von derſelben entfernt. Das Mädchen lag mitten im Palankin, den der reinſte Strahl des Mondes beleuch⸗ tete, deſſen Lauf ſie am wolkenloſen Himmel folgte. Ihre Haltung, war wie die aller Mädchen des Orients, voll natürlicher Anmuth und tiefer Wolluſt. Sie ſchien durch alle Poren jene Wohlgerüche der Nacht einzu⸗ athmen, welche ein warmer Südwind von der Ceuta gen Portugal ſandte. Was das Lied betrifft, ſo war es eine von den orientaliſchen Compoſitionen ungefähr fol⸗ genden Inhalts: „Es war die Abendſtunde, die Stund' im Däm⸗ merlicht, wo die Nachtigall dem Flug entſagt, und dann einſam auf dem Zweige, in des Thales Tieſe, ihren Sang ertönen läßt. „Es war die Abendſtunde, die Stunde ſpät und ſtill, wo der Lärmen rings erliſcht, wo die Roſe ihren Wohlgeruch an des Fluſſes Rand dunkler Nacht als Opfergabe bringt. „Die Luft ließ ihre Lieder ſchweigen, die Quell' ſie murmelte nicht mehr, und Alles lauſchte und ſelbſt die Sterne horchten auf des Vogels Stimme. „Er ſprach zur Roſe:„„Warum, der Frauen Blume, öffneſt nur am Abend du den Kelch?““ Und ſie ſprach:„„Warum ſchenkſt du dein Lied den Seelen nur, wenn ſchwarz der Himmel?““ „Darauf erwiedert er:„„Mein Sang gehört des uUfers Blume, die in der Nacht ſich nur erſchließt.““ „„Mein Duft dem Vogel, der ſchüchtern erſt ſein Lied beginnt, wenn das Geräuſch des Tags erſtirbt.““ „Und es vermengt' geheimnißvoll die Nacht des Her⸗ zens Wohlgeruch und ſeinen Liederſchmuck. Und als der Morgen kam, fand er geſenkt zum Boden den Vogel zur Seit' der Blume.“ Als ſie das letzte Wort geendigt, und als die letzten Accorde harmoniſch in der Luft nachklangen, er⸗ ſchien der Ritter, außer Stands, ſeine Ungeduld länger zu bemeiſtern, in dem von den Mondſtrahlen beleuch⸗ teten leeren Raum, zwiſchen dem Wäldchen und der —,— 95 Sänfte. Eine Frau des Oeccident, wenn ſie plötzlich ſo einen Mann hätte auftauchen ſehen, würde einen Schrei ausgeſtoßen und um Hülfe gerufen haben. Die ſchöne Maurin that weder das Eine, noch das Andere; ſie erhob ſich auf ihre linke Hand und zog mit der rechten einen kleinen Dolch, den ſie im Gürtel trug; doch bei⸗ nahe in demſelben Augenblick ſtieß ſie, den Ritter er⸗ kennend, den Dolch wieder in ſeine Scheide, ließ ihr Haupt auf eine ihrer weich gerundeten Hände fallen, näherte die andere ihren Lippen und bedeutete dem Ritter durch ein Zeichen, er möge ſich geräuſchlos nähern. Agenor gehorchte. Die langen Draperien der Sänfte, die großen Decken der Maulthiere bildeten eine Art von Wandung, die ihn unſichtbar für die Augen der zwei Wächter machte, welche überdies damit beſchäftigt waren, daß ſie nach dem andern Ufer hinüberſchauten, wo man Vorkehrungen zum Uebergang von Don Fe⸗ derigo und Fernando traf; er näherte ſich alſo kühn der Hand des jungen Mädchens, welche außerhalb der Sänfte war, nahm ſie, drückte ſeine Lippen darauf und ſprach; „Aiſſa liebt mich, und ich liebe Aiſſa.“ „Sind die Leute Deines Landes Nekromanten?“ erwiederte ſie,„daß ſie im Herz der Frau die Geheim⸗ niſſe leſen, die ſie nur der Nacht und der Einſamkeit anvertraut hat?“ „Nein,“ ſprach der Ritter;„doch ſie wiſſen, daß Liebe Liebe heiſcht. Sollte ich mich unglücklicher Weiſe getäuſcht haben?“ „Du weißt wohl, daß Du Dich nicht getäuſcht haſt,“ ſprach das Mädchen.„Seit Don Mothril mich in ſeinem Gefolge mit ſich führt, als ob ich ſeine Frau und nicht ſeine Tochter wäre, habe ich die ſchönſten mauriſchen und caſtilianiſchen Ritter vorüberziehen ſehen, ohne daß meine Augen ſich von den Perlen meiner Armſpange abwandten, ohne daß meine Gedanken dem Gebet abſpänſtig wurden. Aber bei Dir war es nicht wie bei den andern Männern: von dem Augenblick an, wo ich Dich im Gebirge traf, hätte ich gern aus meinem Palankin ausſteigen und Dir folgen mögen. Du wunderſt Dich, daß ich ſo mit Dir ſpreche; doch ich bin keine Frau der Städte: ich bin eine Blume der Einſamkeit, und wie die Blume ihren Wohlgeruch demjenigen gibt, welcher ſie pflückt, und ſtirbt, ſo werde ich Dir meine Liebe geben, wenn Du ſie willſt, und ſterben, wenn Du ſie nicht willſt.“ Wie Agenor der erſte Mann war, auf den die ſchöne Maurin ihre Augen geheftet hatte, ſo war ſie die erſte Frau, die durch die Harmonie der Stimme, der Geberde und des Blickes ſo ſüß zu ſeinem Herzen geſprochen. Er ſchickte ſich auch an, dieſes ſeltſame Geſtändniß zu erwiedern, das, ſtatt ihn abzuweiſen, ihm gleichſam entgegenkam, als plötzlich ein ſchmerzlicher, tiefer Schrei erſcholl und Agenor und das junge Mäd⸗ chen beben machte. Zu gleicher Zeit hörte man die Stimme des Großmeiſters rufen: „Zu Hülfe! Agenor! zu Hülfe! Fernando ertrinkt!“ Mit einer raſchen Bewegung kam das Mädchen beinahe aus ſeinem Palankin hervor, ſtreifte die Stirne des jungen Mannes mit ihren Lippen, und ſagte nur die Worte: „Nicht wahr, ich werde Dich wiederſehen?“ „Ohl bei meiner Seele,“ ſprach Agenor. „Eile alſo dem Pagen zu Hülfe.“ Und ſie ſchob ihn mit einer Hand zurück, während ſie mit der andern die Vorhänge wieder zuzog. Mit zwei Sprüngen und mit Hülfe einer leichten Wendung befand ſich der Ritter wieder am Rande des Fluſſes. In einem Augenblick entledigte er ſich ſeines Schwertes und ſeiner Sporen, und da er glücklicher Weiſe ohne Rüſtung war, ſo ſtürzte er ſich nach dem Punkte, wo die Bewegung des Waſſers das Verſchwin⸗ den des Pagen bezeichnete.. Man vernehme, was vorgefallen war; ᷣ—ͤ——— 97 Nachdem Mothril ſeine Sänfte hatte überſetzen laſſen, nachdem er dem in den Oleandern verborgenen Mauren ſeine Inſtruction gegeben, kehrte er zu dem Großmeiſter und zu Fernando zurück, welche ungefähr hundert Schritte vom Ufer mit dem übrigen Gefolge warteten. „Senor,“ ſagte der Maure,„die Furt iſt gefun⸗ den und die Sänfte, wie Eure Hoheit ſehen kann, ohne Unfall am andern Ufer angelangt. Doch zu größerer Vorſicht werde ich zuerſt Euren Pagen und dann Euch führen; meine Leute kommen hernach.“ Dieſes Anerbieten entſprach ſo ſehr den Wünſchen des Großmeiſters, daß er nicht den Gedanken hatte, die geringſte Einwendung dagegen zu machen. Es konnte in der That nichts die Ausführung des zwiſchen Fer⸗ nando und Don Federigo verabredeten Planes mehr erleichtern. „Es iſt gut,“ ſagte er zu Mothril.„Fernando wird zuerſt gehen, und da er uns auf der Straße nach Sevilla voranreiten muß, ſo wird er ſeinen Weg fort⸗ ſetzen, während wir den Uebergang über den Fluß vollends bewerkſtelligen.“ Mothril deutete durch eine Verbeugung an, es ſtehe dieſem Wunſche des Großmeiſters kein Hinderniß entgegen. „Habt Ihr durch dieſelbe Gelegenheit dem König Don Pedro, meinem Bruder, etwas ſagen zu laſſen? „fragte Don Federigo. „ Nein, hoher Herr, mein Bote iſt abgegangen und wird vor dem Eurigen ankommen.“ 3 „Es iſt gut,“ ſagte Don Federigo,„geht voran.“ Der Großmeiſter widmete den kurzen Raum, der ihm bis zum Fluſſe blieb, einer zärtlichen und klu⸗ gen Ermahnung an Fernando. Er liebte ungemein dieſen Pagen, den er noch als Kind zu ſich genommen, und der junge Mann war ihm innig ergeben. Auch hatte Der Baſtard von Maulzon. 1. 8 7 98 Don Federigo nicht gezögert, ihn, ſo jung er noch war, zum Vertrauten aller ſeiner Geheimniſſe zu machen. 3 Mothril wartete am Ufer des Fluſſes. Vom Mond beſchienen, da und dort durch die großen Schatten des Gebirges unterbrochen, ſtellenweiſe durch die glänzenden Reflexe des Stromes beleuchtet, ſchien die Landſchaft einem von jenen Feenreichen anzugehören, wie man ſie im Traum ſieht. Beruhigt durch dieſes Schweigen und durch dieſe nächtliche Durchſichtigkeit, würde auch der mißtrauiſchſte Menſch, wenn man ihn gewarnt hätte, nicht an die Gefahr haben glauben wollen. Von Natur tapfer und abenteuerlich, wie man es in ſeinem Alter iſt, empfand Fernando auch nicht die geringſte Furcht und ritt auf ſeinem Roſſe hinter dem Maulthier des Mauren nach dem Fluß. Mothril ritt voran. Ungefähr fünfzehn Schritte hielten das Pferd und das Maulthier gerade Linie, doch allmälig zog ſich der Maure gegen rechts. „Ihr geht vom Wege ab, Mothril!“ rief Don Federigo vom Ufer aus.„Nimm Dich in Acht, Fer⸗ nando, nimm Dich in Acht!“ „Seid unbeſorgt, Hoheit, da ich voranreite,“ er⸗ wiederte Mothril.„Wenn eine Gefahr vorhanden wäre, ſo würde ich ſie zuerſt erkennen.“ Dieſe Antwort war nicht zu verwerfen. Fernando, obgleich der Maure immer mehr von der geraden Linie abging, faßte auch keinen Verdacht. Vielleicht war es überdies ein Mittel, das ſein Führer anwandte, um die Strömung mit geringerer Schwierigkeit zu durch⸗ ſchneiden. 7 Das Maulthier des Mauren Verlor den Boden, und das Pferd von Fernando fing an zu ſchwimmen; doch der Page kümmerte ſich wenig darum, denn er ſelbſt ſchwamm ſo, daß er ſich wohl durch den Fluß arbeiten konnte, falls er zu ſeinen eigenen Kräften Zuflucht zu nehmen genöthigt geweſen wäͤre⸗ 99 Der Großmeiſter beobachtete mit wachſender Un⸗ ruhe den Uebergang. 1 „Ihre geht ſchräge, Mothril,“ rief er.„Halte Dich zur linken Seite, Fernando!“ Doch Fernando, der ſein Pferd kräftig ſchwimmen fühlte und dem der Maure immer voranritt, faßte keine Angſt ob dieſem ſchiefen Zuge, worin er nur ein Spiel ſah, und auf dem Sattel ſich umwendend, antwortete er ſeinem Gebieter: „Seid unbeſorgt, Hoheit, ich folge dem guten Weg, da Herr Mothril vor mir iſt.“ Doch während er dieſe Bewegung machte, war ihm eine ſeltſame Viſion erſchienen; er hatte in dem Sog, den ſein Pferd hinter ſich ließ, den Kopf eines Men⸗ ſchen zu ſehen geglaubt, der ſogleich, als er ſich umge⸗ dreht, niedergetaucht war, doch nicht ſchnell genug, um ſeinem Blick zu entgehen. „Senor Mothril,“ ſagte er zu dem Mauren,„mir ſcheint in der That, wir täuſchen uns. Eure Sänfte iſt nicht hier hinübergekommen, und wenn mich nicht Alles trügt, ſehe ich ſie dort, in den Strahlen des Mondes, vor dem Orangenwäldchen und ganz zu unſerer Linken.“ „Das iſt nur ein kleiner etwas tieferer Raum,“ erwiederte der Maure. „Du gehſt ganz ab!“ rief abermals Don Federigo, doch ſchon ſo entfernt, daß ſeine Stimme kaum bis zu dem Jüngling gelangte. „Es iſt wahr,“ ſprach Fernando, den eine gewiſſe Unruhe zu ergreifen anfing, als er ſah, daß ſein wie durch eine unbekannte Gewalt in die Strömung fort⸗ gezogenes Pferd vergeblich ſich anſtrengte, während, Herr ſeines Maulthiers, Mothril zu ſeiner Linken ziem⸗ lich entfernt von ihm blieb. „Senor Mothril!“ rief der Page,„das iſt eine Verrätherei!“ Kaum halte er dieſe Worte geſprochen, als das Pferd plötzlich ſtöhnte, auf eine Seite ſank, und das 100 Waſſer mit aller Gewalt ſchlug, doch ohne wie zuvor mit dem rechten Beine zu ſchwimmen. Beinahe in der⸗. ſelben Secunde wieherte es ſchmerzlich und hörte auch mit dem linken Beine auf zu ſchwimmen. Und nun, da es ſich nur noch mit den Vorderbeinen zu halten vermochte, ſank das Thier allmälig mit dem Kreuz unter das Waſſer. Fernando ſah, daß der Augenblick, ſich in den Fluß zu ſtürzen, gekommen war, doch er wollte verge⸗ bens die Steigbügel verlaſſen: er fühlte ſich an das Pferd feſtgebunden und rief: „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ Dies war der ſchmerzliche Ruf, den Agenor hörte, und der ihn der Begeiſterung entriß, in die ihn der Anblick und die Stimme der ſchoͤnen Maurin verſetzt hatten. Das Pferd ſank in der That immer mehr unter; nur noch ſeine Nüſtern waren über der Oberfläche des Fluſſes und ſchnauften geräuſchvoll, während ſeine Vorderfüße das Waſſer rings umher aufſpringen machten. Fernando wollte zum zweiten Male um Hülfe rufen; doch fortgeriſſen durch die geheime Gewalt, der er ſchon vergebens zu widerſtehen verſucht, hatte, folgte er dem Pferde in den Abgrund; nur ſeine Hand be⸗ wegte ſich noch, zum Himmel emporgeſtreckt, als wollte ſie Rache oder Hülfe fordern, einen Augenblick über dem Schlund; bald aber verſchwand ſie wie der übrige Körper, und man ſah nichts mehr, als einen Wirbel, der aus der Tiefe des Fluſſes an die Oberfläche em⸗ porſtieg, wo zahlreiche und blutige Blaſen zerplatzten. Zwei Freunde eilten Fernando zu Hülfe; einerſeits, wie wir geſagt, Agenor, andererſeits der Gebirgshund, der gewohnt war, der Stimme des Pagen ſo getreu zu gehorchen, als der ſeines Gebieters. Beide ſuchten vergebens, obgleich Agenor den Hund zwei oder dreimal in derſelben Richtung untertauchen ſah; als das Thier zum dritten Male wieder erſchien, hatte es 3 101 einen Fetzen Stoff in ſeinem keuchenden Rachen. Doch als hätte er dieſen Fetzen abreißend, Alles gethan, was er hatte thun können, ſchwamm der Hund an das Ufer, legte ſich zu den Füßen ſeines Herrn nieder und ließ jenes klägliche, verzweiflungsvolle Geheul vernehmen, das in der Stille der Nacht auch die muthigſten Her⸗ zen mit Schauer erfüllt. Dieſer Fetzen Stoff war Alles, was von dem unglücklichen Fernando übrig blieb. Die Nacht verging mit vergeblichen Nachſuchungen. Don Federigo, der ebenfalls ohne Unfall über den Fluß geſetzt war, blieb die ganze Nacht am Ufer. Er konnte ſich nicht entſchließen, das bewegliche Grab zu verlaſſen, aus dem er jeden Augenblick ſeinen Freund hervorkom⸗ men zu ſehen hoffte. Sein Hund heulte zu ſeinen Füßen. Träumeriſch und düſter, hielt Agenor den von dem Hund zurückgebrachten Fetzen in der Hand und ſchien mit Ungeduld den Tag zu erwarten. Mothril, der ſeinerſeits, als ſuchte er den Jüng⸗ ling, lange in die Oleander gebückt geblieben war, kehrte mit verzweifeltem Geſicht zurück, rief wiederholt: „Allah! Allah!“ und ſuchte den Großmeiſter mit jenen Alltagsphraſen zu tröſten, die für den Leidenden ein Schmerz mehr ſind. Es kam der Tag; ſeine erſten Strahlen beleuchteten Agenor, der zu den Füßen von Don Federigo ſaß; offenbar erwartete der Ritter dieſen Augenblick mit großer Ungeduld, denn kaum ſchlüpften die erſten Strah⸗ len durch die Oeffnung der Thüre, als er ſich dieſer Oeffnung näherte und mit tiefer Aufmerkſamkeit den— von dem Wammſe des unglücklichen Pagen abgeriſſenen Fetzen Stoff betrachtete. Dieſe Prüfung beſtärkte ihn ohne Zweifel in ſeinem Verdacht, denn er ſprach, ſchmerzlich den Kopf ſchüt⸗ telnd, zum Großmeiſter: „Hoher Herr, das iſt ein ſehr beklagenswerthes und beſonders ſehr ſeltſames Ereigniß.“ 1⁰² „Ja,“ erwiederte Federigo,„ſehr beklagenswerth und ſehr ſeltſam! Warum hat mir die Vorſehung einen ſolchen Schmerz bereitet!“ „Hoheit,“ entgegnete Agenor,„ich glaube, daß Ihr hiebei die Vorſehung nicht anklagen dürft. Schaut dieſe letzte Reliquie des Freundes an, den Ihr beklagt.“ „Meine Augen würden ſtumpf werden durch die Thränen, die ich bei ihrer Beſchauung vergießen müßte,“ verſetzte Federigo. „Aber ſeht Ihr denn nichts daran, Senor?“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß das Wamms des un⸗ glücklichen Fernando weiß war wie das Kleid eines Engels; ich will damit ſagen, daß das Waſſer des Fluſſes durchſichtig und klar iſt wie der Kryſtall, und dennoch, ſchaut edler Herr, iſt die Farbe dieſes Fetzen röthlich: es iſt Blut auf dieſem Stoffe geweſen.“ „Blut?“ „Ja, Hoheit.“ „Alan wird ſich verwundet haben, indem er den⸗ jenigen, welchen er liebte, zurückzuhalten ſuchte, denn Ihr ſeht, er hat dieſelbe Farbe auf dem Kopf.“ „Ich dachte Anfangs wie Ihr; doch ich mochte immerhin ſchauen, ich fand keine Wunde. Das Blut kommt nicht vom Hund.“ „Sollte ſich nicht Fernando ſelbſt an irgend einem Felſen geſtoßen haben?“ „Hoheit, ich bin an der Stelle untergetaucht, wo er verſchwunden iſt, und ringsumher waren mehr als zwanzig Fuß Waſſer; doch hier iſt etwas, was uns vielleicht leiten kann. Seht dieſen Riß in dem Stoff.“ „Das iſt der Zahn des Hundes.““ „Nein, mein hoher Herr, denn hier iſt der ſehr ſichtbare Ort, wo der Hund hineingebiſſen hat. Die⸗ ſes Loch iſt, mit einem ſchneidenden Inſtrument gemacht: mit der Klinge eines Dolches.“ „Ohl welch ein finſterer Gedanke!“ rief Don Fe⸗ 103 derigo, der ſich bleich, die Haare geſträubt, Wuth und Schrecken im Blick erhob;„Du haſt Recht! Du haſt Recht! Fernando war ein vortrefflicher Schwimmer; in meinen Geſtüten aufgezogen, hat ſich ſein Pferd hundert⸗ mal durch andere, viel raſchere Strömungen als dieſe gearbeitet. Agenor, es iſt ein Verbrechen vorgefallen!“ „Ich würde nicht daran zweifeln, wenn ich eine Urſache dazu ſehen könnte.“ „Ahl... es iſt wahr... Du weißt nicht, daß Fernando dieſes Ufer berührend mich verlaſſen ſollte, nicht um ſich zu dem König Don Pedro zu begeben, wie ich dem Mauren ſagte, der es nicht geglaubt haben wird, ſondern um eine Sendung zu erfüllen, mit der ich ihn beauftragt hatte. Mein armer Freund! mein ſo ſicherer und treuer Vertrauter! Ohl für mich und durch mich ſtirbt er.“ „Mein edler Herr, es iſt unſerer Aller Pflicht, für Eure Hoheit zu ſterben.“ „Ohl wer kann wiſſen, welche furchtbare Folgen dieſer Tod haben ſoll?“ ſagte Don Federigo, ſeinen eigenen Gedanken beantwortend. „Warum bin ich nicht in demſelben Grad Euer Freund, wie Fernando?“ ſprach traurig der Ritter; „ich würde Euer Vertrauen erben und Euch dienen, wie er Euch gedient hat.“ „Du biſt ungerecht, Agenor,“ entgegnete der Prinz, indem er ihm die Hand reichte und ihn mit jener un⸗ endlichen Sanftmuth anſchaute, die man ſtets in dem Blicke eines ſolchen Mannes zu finden ſtaunte.„Ich hatte zwei Theile aus meinem Herzen gemacht, einen für Dich, den andern für Fernando. Fernando iſt todt, Du biſt fortan mein einziger Freund, und ich will es Dir dadurch beweiſen, daß ich Dir ſage, welchen Auf⸗ trag Fernando von mir erhalten hatte. Er ſollte Dei⸗ ner Landsmännin, der Koͤnigin Bianca, einen Brief überbringen.“ 10⁴4 „Ahl das iſt die Urſache... Und wo war dieſer Brief?“ „Dieſer Brief war in der Waidtaſche, die er an ſeinem Gürtel trug. Iſt Fernando wirklich ermordet worden, und ich glaube nun wie Du, daß er es iſt, haben die Moͤrder den Leichnam, der nicht wieder zum Vorſchein kam, auf ein ödes, verborgenes Ufer geſchleppt, ſo iſt mein Geheimniß entdeckt, und wir ſind verloren.“ „Wenn dem ſo iſt, geht nicht nach Sevilla, Herr,“ rief Agenor.„Flieht! Ihr ſeid noch nahe genug bei Portugal, um ohne Unfall nach Eurer guten Stadt Coimbra zurückzukehren und Euch hinter ihren Wällen in Sicherheit zu bringen.“ „Nicht nach Sevilla gehen heißt ſie verlaſſen; fliehen heißt einen Verdacht offenbaren, der nicht be⸗ ſteht, wenn der Tod von Fernando nur ein gewöhnlicher Unfall iſt. Ueberdies hält Don Pedro Dona Bianca zurück, und hält mich durch ſie. Ich werde nach Sevilla gehen.“ „Doch worin kann ich Euch dienen?“ fragte der Ritter.„Kann ich Fernando erſetzen? Könnt Ihr mir für den Brief, den Ihr ihm gegeben, einen ähnlichen nebſt einem Pfande geben, das mich erkenntlich macht? Ich bin kein Knabe von ſechzehn Jahren; ich habe kein Wamms von leichtem Tuch mit Seide gefüttert; ich habe einen guten Panzer, an dem ſich Dolche abge⸗ ſtumpft, welche gefährlicher waren, als alle Kandſchars und alle Natagans Eurer Mauren. Gebt, ich werde an Ort und Stelle kommen. Und wenn Jedermann acht Tage braucht, um zu ihr zu gelangen, ich bringe ihr Euren Brief, das verſpreche ich Euch, in vier Tagen.“ „Ich danke, mein braver Franzoſe. Doch wenn der König in Kenntniß geſetzt iſt, ſo hieße dies die Gefahr verdoppeln. Das Mittel, das ich anwandte, war nicht gut, da Gott ſein Gelingen nicht wollte. Wir werden uns nun nur von den Umſtänden berathen laſſen. Wir ſetzen unſern Weg fort, als ob nichts ge⸗ „ 10⁵ ſchehen wäre. Zwei Tagereiſen von Sevilla und in dem Augenblick, wo keine Erinnerung mehr übrig ſein wird, verläſſeſt Du mich, und während ich in Sevilla durch das eine Thor einziehe, reiteſt Du durch das an⸗ dere ein. Am Abend ſchlüpfſt Du ſodann in den Alcazar des Königs, wo Du im erſten Hofe verborgen bleibſt, in dem, welchen majeſtätiſche Platanen beſchatten, in deſſen Mitte ſich ein marmornes Baſſin mit Löwen⸗ köpfen findet; Du wirſt Fenſter mit purpurnen Vorhän⸗ gen ſehen: das iſt meine gewöhnliche Wohnung, wenn ich meinen Bruder beſuche. Um Mitternacht komm unter dieſe Fenſter, ich werde nach dem Empfang des Königs Don Pedro wiſſen, was wir zu fürchten oder zu hoffen haben. Ich ſpreche mit Dir, oder wenn ich nicht mit Dir ſprechen kann, werfe ich Dir ein Billet zu, das Dir ſagt, was Du thun ſollſt. Schwöre mir nur, auf der Stelle auszuführen, was ich Dir entweder ſchreibe oder ſage.“ „Bei meiner Seele, gnädiger Herr, ſchwoͤre ich Euch, Euer Wille ſoll Punkt für Punkt erfüllt werden,“ ſprach Agenor. „Es iſt gut!“ ſagte Don Federigo,„ich bin nun ein wenig ruhiger. Armer Fernando!“— „Gnädigſter Herr,“ ſprach Mothril, der in dieſem Augenblick auf der Schwelle des Zeltes erſchien,„Eure Hoheit wolle ſich erinnern, daß wir in dieſer Nacht nur die Hälfte unſeres Marſches gemacht haben. Wenn es ihr gefiele, Befehl zum Aufbruch zu geben, ſo kämen wir in drei bis vier Stunden unter den Schatten eines Waldes, den ich kenne, weil ich ſchon auf dem Wege zu Euch einen Halt unter demſelben gemacht habe, und uf würden dann die Hitze des Tages voruͤbergehen aſſen.“. „Brechen wir auf,“ ſprach Don Federigo,„nichts hält mich hier zurück, nun da ich jede Hoffnung, Fer⸗ nando wiederzuſehen, verloren habe.“ Die Karavane ſetzte ſich in Marſch, doch nicht 106 ohne daß der Großmeiſter und der Ritter ſehr oft die Augen gegen den Fluß umwandten, auch ſehr oft wie einen ſchmerzlichen, ihrer Bruſt entſchlüpften Aus⸗ ruf wiederholten: „Armer Fernando! armer Fernando!“ So wurde die Reiſe von Don Federigo nach Se⸗ villa fortgeſetzt. Sechstes Kapitel. Wie Mothril dem Großmeiſter bei dem König Don Pedro von Caſtilien zuvorkam. Es gibt Städte, welche durch die Lage, die ihnen die Natur gegeben, durch die Schätze an Schönheiten, mit denen ſie durch die Menſchen bereichert worden ſind, nicht nur der Sache nach, ſondern auch dem Rechte nach, Königinnen der Länder, die ſie umgeben, zu ſein ſcheinen: ſo iſt Sevilla dieſe Königin des ſchönen An⸗ daluſien, was wiederum eine von den königlichen Län⸗ dereien Spaniens iſt. Die Mauren, die es mit Freude erobert, die es mit Liebe behauptet hatten, trennten ſich auch mit Schmerz davon, indem ſie ihr die Krone des Orients ließen, die ſie drei Jahrhunderte hindurch auf ihr Haupt geſetzt hatten. Einer von den Paläſten, mit denen ſie während ihres Aufenthalts dieſe Favorit⸗ ſultanin beſchenkt hatten, war der, welchen Don Pedro bewohnte, und in den wir nun unſere Leſer verſetzen werden. Auf einer marmornen Terraſſe, wo die duftenden U EnU V˙’Ase=— 1 u ₰ „ e 4 107 Orangen, und Citronenbäume mit den Granatbäumen und Myrthen ein ſo dichtes Gewölbe bilden, daß die Feuer der Sonne nicht durchdringen können, warten mauriſche Sklaven, bis die glühenden Strahlen des Tages ihre Flamme im Meere ausgelöſcht haben. Dann erhebt ſich der Abendwind; Sklaven beſprengen die marmornen Platten mit Roſen⸗ und Benzoewaſſer, und die Briſe trägt in die Lüfte die natürlichen und die künſtlichen Wohlgerüche fort, welche mit einander ver⸗ miſcht ſind, wie der Putz und die Schönheit. Unter die Decke, welche die hängenden Gärten dieſes anderen Babylon bilden, bringen mauriſche Sklaven Betten 3 von Seide und weiche Kiſſen, denn mit der Nacht lebt Spanien wieder auf, denn mit der Friſche des Abends bevölkern ſich die Straßen, die Promenaden und die Terraſſen. Bald hebt ſich der Vorhang, der die Terxaſſe von einem weiten Gemache trennt, und ein Mann erſcheint; auf ſeinen Arm ſtützt ſich eine ſchöne Frau von vier⸗ undzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, mit ſchwarzen glatten Haaren, mit ſchwarzen ſammetnen Augen und einer matten dunkelfarbigen Haut, was die Friſche der Frauen des Süden iſt; der Mann mag achtundzwanzig Jahre alt ſein, er iſt blond, hochgewachſen und trägt in ſeinen blauen Augen und auf ſeiner Geſichtshaut, welche die Sonne Spantens nicht zu bräunen vermochte, alle die unvertilgbaren Charaktere der Racen des Nor⸗ den von Europa. Dieſe Frau iſt Dona Maria Padilla; dieſer Mann iſt der König Don Pedro. Beide ſchreiten ſchweigend unter dem grünen Ge⸗ wölbe vor; doch es iſt leicht zu ſehen, daß bei ihnen dieſes Schweigen nicht⸗von der Abweſenheit, ſondern im Gegentheil von der Ueberfülle der Gedanken herrührt. Die ſchöne Spanierin hat übrigens weder für die Mauren, die auf ihre Befehle warten, noch für alle die Reichthümer, die ſie umgeben, Blicke. Obgleich 108 von mittlerem Stande und beinahe in der Armuth ge⸗ boren, hat ſie ſich doch mit Allem vertraut gemacht, was der königliche Luxus Glänzendſtes zu bieten vermag, ſeitdem ſie, wie ein Kind mit der Klapper ſpielt, mit dem Scepter des Königs von Caſtilien geſpielt. „Pedro,“ ſagte ſie endlich, zuerſt das Stillſchweigen brechend, das jedes von ihnen, wie es ſchien, zu brechen zögerte,„Ihr habt Unrecht, wenn Ihr behauptet, ich ſei Eure Freundin und Eure geehrte Geliebte; ich bin Sklavin und erniedrigt, hoher Herr.“. Pedro lächelte und machte eine unmerkliche Bewe⸗ gung mit der Schulter. „Ja, allerdings,“ fuhr Maria fort,„Sklavin und erniedrigt. Ich habe es geſagt und wiederhole es.“ „Wie ſo? Erklärt Euch,“ ſprach der Koͤnig. „Ohl das iſt ſehr leicht, hoher Herr. Der Groß⸗ meiſter von San Jago ſoll, wie man ſagt, zu einem Turnier, das Ihr ihm bereitet, in Sevilla ankommen. Auf Koſten der meinigen vergrößert, hat man ſeine Wohnung mit dem koſtbarſten Tapetenwerk und den ſchönſten Geräthſchaften ausgeſchmückt, welche aus den verſchiedenen Gemächern des Palaſtes dahin gebracht worden ſind.“ „Es iſt mein Bruder,“ ſagte Don Pedro. Dann fügte er mit einem Tone bei, deſſen Ausdruck er allein verſtand: „Mein vielgeliebter Bruder.“ „Euer Bruder?“ erwiederte ſie;„ich glaubte, es wäre der Bruder von Enrique Transtamare.“ „Ja, Senora; doch ſie ſind Beide die Söhne von König Don Alphonſo, meinem Vater.“ „Und Ihr behandelt ihn als Köͤnig; ich begreife es, in der That, er hat beinahe ein Recht auf dieſe Ehre, da er von einer Königin geliebt wird.“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ entgegnete Don Pedro, unwillkührlich erbleichend, doch ohne daß irgend ein —— —,— —,— 109 anderes Zeichen, als gerade dieſe unwillkührliche Bläſſe andeutete, der Streich habe ins Herz getroffen. „Ah! Don Pedro! Don Pedro! Ihr ſeid ſehr blind oder ſehr Philoſoph.“ Der König antwortete nicht, er ſchaute nur mit einer abſichtlichen Geberde nach dem Oſten. „Nun, was ſchaut Ihr?“ fragte die ungeduldige Spanierin;„etwa, ob Euer vielgeliebter Bruder kommt?“ „Nein, Senora,“ erwiederte Don Pedro.„Ich ſchaue, ob man von dieſer königlichen Terraſſe, wo wir ſind, die Thürme von Medina Sidonia nicht ſehen kann.“ „Ja,“ ſagte Maria Padilla,„ich weiß wohl, daß Ihr mir antworten werdet, was Ihr mir immer ant⸗ wortet, nämlich die ungetreue Königin werde gefangen gehalten; wie kommt es aber, daß Ihr, den man den Juſticiar nennt, das Eine beſtraft, ohne das Andere zu beſtrafen, wie kommt es, daß die Königin gefangen iſt, während ihr Mitſchuldiger mit Ehren überhäuft wird?“ „Was hat Euch denn mein Bruder Don Federigo gethan, Senora?“ fragte Don Pedro. „Wenn Ihr mich liebtet, würdet Ihr mich nicht fragen, was er mir gethan habe, und Ihr hättet mich ſchon gerächt. Was er mir gethan hat? Er hat mich verfolgt, nicht mit ſeinem Haß, das wäre nichts, der Haß ehrt, ſondern mit ſeiner Verachtung, und Ihr müßtet Jeden beſtrafen, der die Frau verachtet, die Ihr allerdings nicht liebt, die Ihr aber zu Eurem Lager zugelaſſen, und die die Einzige iſt, welche Euch Söhne geſchenkt hat.“ Der König antwortete nicht; es war eine undurch⸗ dringliche Seele, in der man unmoͤglich unter der ehernen Lage, die ſie bedeckte, leſen konnte. „Oh! wie ſchön iſt es, ſich mit Tugenden zu „ſchmücken, die man nicht hat,“ ſprach Maria Padilla mit verächtlichem Tone;„wie leicht iſt es für liſtige Frauen, ihre ſchmählichen Leidenſchaften unter einem 7 110 ſchüchternen Blick zu verſchleiern, ihr ärgerliches Leben durch das Vorurtheil zu ſchützen, welches behauptet, die Töchter Galliens ſeien kalt und unempfänglich im Ver⸗ gleich mit den ſpaniſchen Frauen!“ Don Pedro ſchwieg fortwährend. „Pedro! Pedro!“ rief die Favoritin gereizt, als ſie ſah, daß der Spott an dem unverwundbaren Fürſten abglitt⸗„Pedro, ich glaube, Ihr würdet wohl daran thun, auf die Stimme Eures Volkes zu hören. Hört Ihr es rufen:„„Ah! Maria Padilla, die königliche Courtiſane, die Schmach des Landes, ſeht ſie, die Schuld⸗ befleckte, die Verbrecherin; ſie hat es gewagt, ihren Fürſten nicht ſeines Ranges wegen, denn er war ver⸗ heirathet, ſondern ſeiner ſelbſt wegen zu lieben! Wäh⸗ rend ſich die andern Frauen gegen ſeine Ehre pex⸗ ſchworen, hat ſie, auf ſeinen Schutz und ſeine Dankbar⸗ keit rechnend, die ihrige preisgegeben. Während ſeine Gemahlinnen, denn der Chriſt Pedro hat Frauen wie ein mauriſcher Sultan, unfruchtbar blieben, hat ſie ihm zwei Söhne geſchenkt, die ſie liebt; welche Schmach! Verfluchen wir die Maria Padilla, wie man die Cava verflucht hat; dieſe Frauen richten ſtets die Völker und die Koͤnige zu Grund!““ Das iſt die Stimme Spa⸗ niens. Hört ſie alſo, Don Pedro! Doch wenn ich Kö⸗ nigin wäre, würde man ſagen:„„Arme Maria Padilla, Du warſt ſehr glücklich, als Du, noch Jungfrau, mit den Jungfrauen, Deinen Gefährtinnen, am Geſtade der Guadalopa ſpielteſt! Arme Maria Padilla, Du warſt ſehr glücklich, als der König Dir Dein Glück nahm, indem er ſich den Anſchein gab, als liebte er Dich! Deine Familie war ſo berühmt, daß die vornehmſten Herren Caſtiliens um Dich freiten, doch Du begingſt den Fehler, daß Du einen König vorzogſt. Armes, uner⸗ fahrenes Mädchen, das Du noch nicht wußteſt, daß die Könige keine Menſchen ſind; er hintergeht Dich, Dich, die Du ihn nie hintergangen haſt, nicht einmal in Ge⸗ danken, nicht einmal im Traum! Er ſchenkt ſein Herz ——— —.——¼—— H ——— 111 andern Geliebtinnen und vergißt Deine Treue, Deine Ergebenheit, Deine Fruchtbarkeit.““ Wenn ich Königin wäre, würde man dies Alles ſagen und mich für eine Heilige erklären, ja, für eine Heilige. Iſt das nicht der Titel, den man einer Frau gibt, die ich kenne, und die ihren Gatten durch ſeinen Bruder verrathen hat?“ Don Pedro, deſſen Antlitz ſich unmerklich mit Wolken bedeckt hatte, fuhr mit ſeiner Hand über’ ſeine Stirne hin, und ſeine Stirne erſchien ruhig und bei⸗ nahe lächelnd. „Was wollt Ihr im Ganzen, Senora?“ ſagte er, „Königin ſein? Ihr wißt wohl, daß dies nicht möglich iſt, da ich verheirathet bin, und zwar zweimal. Ver⸗ langt von mir mögliche Dinge, und ich werde ſie Euch bewilligen.“ „Ich glaube das verlangen zu koͤnnen, was Juana von Caſtro verlangte und erhielt.“ „Juana von Caſtro verlangte nichts, Senora. Es war die Nothwendigkeit, dieſe unerbittliche Königin der Könige, welche für ſie verlangte. Sie hatte eine mächtige Familie, und in der Zeit, wo ich mir dadurch, daß ich Blanche verſtieß, einen Feind auswärts machte, mußte ich mir Verbündete im Innern machen. Wollt Ihr nun, daß ich meinen Bruder Federigo Kerkerknechten in dem Augenblick überantworte, wo der Krieg mich bedroht, wo mein anderer Bruder, Enrique von Trans⸗ tamere, Aragonien gegen mich zum Aufruhr bewegt, Toledo nimmt, Toro erſtürmt, was ich von meinen nächſten Verwandten mit größerer Mühe wiedererobern muß, als es mir machte, Granada von den Mauren wiederzuerobern. Vergeßt Ihr, daß ich, der ich An⸗ dere gefangen halte, einen Augenblick ſelbſt Gefangener und genöthigt war, zu heucheln, das Haupt zu beugen, denjenigen zuzulächeln, welche ich beißen wollte, zu kriechen wie ein Kind unter dem ehrgeizigen Willen meiner Mutter; daß ich ſechs Monate der Verſtellung brauchte, um eines Tags eine Minute lang die Thüre 2 112 meines eigenen Palaſtes offen zu finden; daß ich ge⸗ nöthigt war, nach Segovia zu fliehen, Stück für Stůͤck den Händen derjenigen, welche ſich derſelben bemächtigt, die Erbſchaft, die mir vom Vater hinterlaſſen, zu ent⸗ reißen, Garcilaſo in Burgos erdolchen, Albuquerque in Toro vergiften, zweiundzwanzig Köpfe in Toledo fallen zu laſſen, und meinen Beinamen: der Juſticiar, in den des Grauſamen zu verwandeln, ohne zu wiſſen, welchen die Nachwelt mir aufbewahren wird? Und was die Franzöſin betrifft, wie Ihr ſie nennt, iſt es nicht genug, daß ich ſie für ein gemuthmaßtes Verbrechen nach Medina Sidonia verbannt habe... beinahe allein, beinahe arm, beinahe verachtet, weil es Euch beliebt hat, ſie ſo zu ſehen?“ „Ah! nicht weil es mir beliebt hat, ſie ſo zu ſehen,“ rief Maria Padilla, die Augen flammend;„weil Ihr durch ſie entehrt worden ſeid.“ „Nein, Senora,“ ſprach Don Pedro,„ich bin nicht entehrt worden, da ich nicht zu denjenigen gehöre, welche die Ehre oder die Schande eines Koͤnigs auf etwas ſo Gebrechlichem, wie die Tugend einer Frau, beruhen laſſen. Alles, was für die anderen Menſchen ein Be⸗ weggrund der Freude oder des Schmerzes iſt, iſt für uns Könige nur ein politiſches Mittel, zu einem ganz entgegengeſetzten Ziele zu gelangen. Nein, ich bin durch die Königin Blanche nicht entehrt worden; aber man hat mich ſie wider meinen Willen zu heirathen genöthigt, und ich ergriff die Gelegenheit, die ſie und mein Bruder mir zu bieten ſo unklug waren. Ich ſtellte mich, als hätte ich einen furchtbaren Verdacht über ſie geſchöpft. Ich demüthigte Blanche, ich entſetzte ſie ihrer Würde, ſie, die Tochter des erſten Hauſes der Chriſtenheit. Wenn Ihr mich alſo liebt, wie Ihr ſagt, müßt Ihr zu Gott beten, daß mir kein Unglück widerfährt, denn der Re⸗ gent, oder vielmehr der König von Frankreich iſt ihr Schwager. Das iſt ein großer Fürſt, Senora, der — ——9 8== — — 2——— dK³Kã 88XS=EFESAn 113 gewaltige Heere hat, befehligt von dem erſten Feldherrn der Zeit, von Meſſire Bertrand Duguesclin.“ „Ohl König, Du haſt Furcht!“ rief Maria Pa⸗ dilla, den Zorn des Königs dieſer kalten Unempfindlich⸗ keit vorziehend, die aus Don Pedro bei ſeiner Selbſt⸗ beherrſchung den gefährlichſten Fürſten der Erde machte. „Ich habe Furcht vor Euch, ja, Senora,“ erwie⸗ derte der König,„denn Ihr allein habt bis jetzt die Macht gehabt, mich die einzigen Fehler begehen zu laſſen, die ich begangen habe.“ „Mir ſcheint, ein Koönig, der ſeine Räthe und Un⸗ terhändler unter den Mauren und Juden ſucht, müßte die Fehler Anderen als der Frau, die er liebt, zu⸗ ſchreiben.“ „Oh! Ihr auch, Ihr ſeid auch auf den gewohn⸗ lichen Irrthum verfallen,“ ſprach Don Pedro die Achſeln zuckend;„meine Räthe Mauren, meine Unterhändler Juden, eil Senora, ich wähle meine Räthe nach dem Verſtand, und ſchöpfe meine Mittel, wo Geld iſt. Wenn Ihr und diejenigen, welche mich anklagen, ſich die Mühe geben wollten, die Augen auf Europa zu werfen, ſo würdet Ihr ſehen, daß bei den Mauren die Civili⸗ ſation iſt, daß bei den Juden die Reichthümer ſind. Wer hat ſte gebaut, die Moſchee von Cordova, die Alhambra von Granada, alle die Alcazars, welche die Zierde unſerer Städte bilden? den Palaſt ſogar, wo wir ſind, wer hat dies Alles gemacht? Die Mauren. In weſſen Händen iſt der Handel? In weſſen Händen iſt die Gewerbthätigkeit? In weſſen Händen häuft ſich das Geld der ſorgloſen Nationen an? In den Händen der Juden! Was darf man von unſern halbbarbariſchen Chriſten erwarten? Gewaltige, aber unnütze Lanzenſtöße, große Kämpfe, welche die Nationen bluten machen. Doch wer ſchaut ihnen dabei zu, dieſen wahnſinnigen Nationen? wer blüht, wer ſingt, wer liebt, wer ge⸗ nießt das Leben in ihrer Nähe während ihrer Convul⸗ Der Baſtard von Mauleon. I. 8 ſionen? Die Mauren. Wer ſtürzt auf ihre Leichname nieder, um ſie zu plündern? Die Juden. Ihr ſeht alſo, daß die Mauren und die Iuden die wahren Mi⸗ niſter und die wahren Agenten eines Königs ſind, der frei und unabhängig von den Königen, ſeinen Nachbarn, leben will. Nun wohll das iſt es, was ich verſuche, das iſt es, wornach ich ſeit ſechs Jahren trachte, das iſt es, was ſo viele Feindſchaften gegen mich erhoben, ſo viel Verleumdungen hervorgerufen hat. Diejenigen, welche meine Miniſter ſein, diejenigen, welche meine Agenten werden wollten, ſind meine unverſöhnlichen Feinde geworden, ünd das iſt ganz natürlich; ich hatte nichts fuͤr ſie gethan, ich wollte nichts von ihnen, ich entfernte ſie von mir. Doch Euch, Maria, Euch habe ich im Gegentheil genommen, wo Ihr waret; ich habe Euch meinem Thron ſo nahe gebracht, als ich ver⸗ mochte; ich habe Euch den Antheil an meinem Herzen gegeben, über den ein König verfügen kann, ich habe Euch geliebt, ich, den man beſchuldigt, ich habe nichts geliebt.“ „Ohl wenn Ihr mich geliebt hättet,“ entgegnete Maria mit jener Beharrlichkeit der Frauen, welche nie auf die Beweiſe, mit denen man ihre tollen Anklagen widerlegt, ſondern immer nur auf ihre eigenen Gedanken antworten,„wenn Ihr mich geliebt hättet, ſo wäre ich nicht zu Thränen und zur Schmach verurtheilt, weil ich meinem Koöͤnig ergeben geweſen bin; wenn Ihr mich lieben würdet, wäre ich gerächt.“ „Ei mein Gott!“ ſprach Don Pedro,„wartet, und Ihr werdet gerächt ſein, wenn ſich ein Anlaß dazu gibt. Glaubt Ihr, ich trage Don Federigo in meinem Herzen? Glaubt Ihr, ich wäre nicht glücklich, eine Ge⸗ legenheit zu finden, dieſer ganzen Race der Baſtarde ein Ende zu machen?.. Wenn Don Federigo Euch wirklich verletzt hat, was ich bezweifle...“ „Iſt es nicht eine Verletzung,“ entgegnete Maria Padilla bleich vor Zorn,„iſt es nicht eine Verletzung, 088——*νꝙ 0—j4.,V——B— ——8 BÆ 115 daß er Euch den Rath gegeben hat, wie er dies gethan, mich nicht als Geliebte zu behalten und die Königin Blanche wieder als Frau anzunehmen?“ „Und Ihr ſeid ſicher, daß er mir dieſen Rath ge⸗ geben hat, Maria?“ „Ohl ja, ich bin deſſen ſicher,“ rief die Spanierin⸗ mit einer halb drohenden Geberde,„ſicher wie meines Lebens.“ „Meine liebe Maria,“ fuhr Don Pedro mit dem Phlegma fort, das die Leute, welche ſich durch den Zorn hinreißen laſſen, zur Verzweiflung bringt,„meine liebe Maria, wenn mir Don Federigo Euch nicht als Ge⸗ liebte zu behalten und die Koͤnigin Blanche wieder als Frau anzunehmen gerathen hat, ſo begeht Ihr einen Irrthum, daß Ihr ihn beſchuldigt, er ſei der Ge⸗ liebte von eben dieſer Koͤnigin Blanche, ſonſt, Ihr begreift das, Ihr, die Ihr eiferſüchtig ſeid, hätten ſie ſich glücklich gefühlt, eine ſo große Freiheit zu genießen, wie man ſie einer verachteten Frau läßt.“ „Ihr ſeid ein zu großer Redner für mich, Sire Pedro,“ ſagte Maria, welche raſch aufſtand, da ſie die Unmöglichkeit, ihre Wuth länger zu bemeiſtern, fühlte. „Ich grüße Euch und werde mich allein rächen.“ Don Pedro folgte ihr mit dem Blick, ohne ein Wort zu ſagen, er ſah ſie weggehen, ohne daß er ſie mit einer Geberde zurückrief, und dennoch war dieſe Frau die einzige, die ihm zuweilen ein anderes Gefühl eingeflößt hatte, als das befriedigter materieller Leiden⸗ ſchaft. Gerade aber deshalb fürchtete er ſeine Geliebte, wie er einen Feind gefürchtet hätte. Er drängte alſo das ſchwache Gefühl des Mitleids zurück, das ſich im Grunde ſeines Herzens regte, ſtreckte ſich auf den Kiſſen aus, welche Maria Padilla verlaſſen hatte, und ſchaute hinaus auf die Straße nach Portugal, denn von dem Balcon, wo der König ruhte, konnte man durch die Ebene, die Wälder oder Berge die verſchie⸗ 116 denen Straßen ſehen, welche nach den verſchiedenen Punkten des Königreichs führten. „Die Lage der Könige iſt eine ſchreckliche Lage!“ murmelte Don Pedro.„Ich liebe dieſe Frau und den⸗ noch darf ich es weder ſie, noch die Anderen, noch irgend Jemand ſehen laſſen, daß ich ſie liebe; denn wenn ſie dieſe Liebe bemerkte, würde ſie Mißbrauch davon machen. Niemand darf glauben, er habe Herr⸗ ſchaft genug über den König, um ihm eine Genug⸗ thuung für Beleidigungen oder irgend einen Vortheil zu entreißen. Niemand darf ſagen können:„„Die Königin hat den König verletzt, der König weiß es und hat ſich nicht gerächt!““ Oh!“ fuhr Don Pedro fort, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, während ſeine Phyſiognomie ausdrückte, was Alles in ſeinem Herzen vorging,„es fehlt mir nicht am Verlangen, mich zu rächen, Gott ſei Dankl doch wenn ich zu heftig handelte, würde mein Königreich vielleicht durch dieſe un⸗ kluge Gerechtigkeit zu Grunde gehen. Was Don Fe⸗ derigo betrifft, ſo hängt er nur von mir ab, und der König von Frankreich hat ſich nicht um ſeinen Tod oder ſein Leben zu bekümmern. Nur fragt es ſich, wird er kommen? oder wenn er kommt, wird er nicht Zeit gehabt haben, ſeine Mitſchuldige zu warnen?“ Als er dieſe Worte ſprach, erblickte der König auf der Straße der Sierra Aracena etwas wie eine Staubwolke. Dieſe Wolke vergrößerte ſich. Bald ge⸗ wahrte er durch ihren durchſichtiger gewordenen Schleier die weißen Gewänder der mauriſchen Reiter; dann erkannte er Mothril an ſeiner hohen Geſtalt und an dem vergoldeten Palankin. Die Truppe rückte raſch heran. „Allein!“ murmelte der König. Als er mit dem Blicke die ganze Truppe von dem erſten bis zu dem letzten der Menſchen, aus denen ſie beſtand, hatte umfaſſen können, ſagte er: „Allein! was iſt denn aus dem Großmeiſter ge⸗ „ 117 worden? Sollte er ſich zufällig geweigert haben, nach Sevilla zu kommen? oder wird man ihn in Coimbra ſuchen müſſen?“ Die Truppe kam indeſſen immer näher. Nach einem Augenblick verſchwand ſie unter den Thoren der Stadt. Der König folgte ihr mit den Augen und ſah ſie von Zeit zu Zeit wiedererſcheinen und in den gekrümmten Straßen glänzen; er. ſah ſie in den Alcazar einziehen; indem er ſich über das Geländer neigte, konnte er ihr in die Höfe folgen; es war klar, daß er in einem Augenblick beſtimmte Kunde erhalten würde. Der Maure hatte freien, unbeſchränkten Zutritt beim König. Nach wenigen Serunden erſchien er auf der Terraſſe und fand Don Pedro, der die Augen auf den Ort geheftet hielt, von wo er kommen mußte. Sein Ge⸗ ſicht war düſter und er ſuchte durchaus nicht ſeine Un⸗ ruhe zu verbergen. Der Maure kreuzte ſeine Hände über ſeiner Bruſt und berührte beinahe die Erde mit der Stirne. Doch Don Pedro erwiederte dieſen Gruß nur durch eine Geberde der Ungeduld. „Der Großmeiſter?“ ſagte er. „Sire,“ erwiederte Mothril,„ich mußte mich beei⸗ len, zu Euch zurückzukommen. Die großen Intereſſen, von denen ich zu ſprechen habe, werden hoffentlich bewir⸗ ken, daß Eure Hoheit die Stimme ihres getreuen Die⸗ ners hört.“ Obgleich gewohnt, in der Tiefe des Herzens zu leſen, war Don Pedro doch zu ſehr von den Leiden⸗ ſchaften in Anſpruch genommen, die ihn in dieſem Au⸗ genblick bewegten, um zu ſehen, was Alles an ſchlauer Vorſicht in den abſichtlich ausweichenden Worten des Mauren enthalten war. „Der Großmeiſter?“ wiederholte er mit dem Fuße ſtampfend.. 3 „Hoheit, er wird kommen,“ antwortete Mothril. „Warum habt Ihr ihn verlaſſen? Warum, wenn er nicht ſchuldig iſt, kommt er nicht frei? Und wenn er es iſt, warum kommt er nicht durch Gewalt?“ „Senor, der Großmeiſter iſt nicht unſchuldig, und dennoch wird er kommen, ſeid unbeſorgt; er möchte vielleicht gern fliehen, doch er wird von meinen Leuten überwacht, die ihn mehr bringen, als geleiten. Wenn ich ihm vorangeeilt bin, ſo geſchah es, um mit dem König nicht von vergangenen Dingen, ſondern von Din⸗ gen zu ſprechen, die er noch zu thun hat.“ „Er kommt alſo, Du biſt deſſen ſicher?“ wiederholte Don Pedro. „Morgen Abend wird er vor den Thoren von Se⸗ villa ſein. Ich habe mich beeilt, wie Ihr ſeht.“ „Niemand iſt von ſeiner Reiſe unterrichtet?“ „Niemand.“ „Ihr begreift die Wichtigkeit meiner Frage und den Ernſt Eurer Antwort?“ „Ja, Sire.“ „Nun wohl! was gibt es noch Neues?“ fragte Don Pedro mit einem furchtbaren Zuſammenpreſſen des Herzens, deſſen Folter indeſſen ſein Geſicht nicht verrieth, denn ſein Geſicht hatte Zeit gehabt, wieder gleichgültig zu werden. „Der König weiß, wie eiferſüchtig ich auf ſeine Ehre bin,“ ſprach der Maure.. „Ja, aber Ihr wißt auch, Mothril,“ erwiederte Don Pedro die Stirne faltend,„Ihr wißt, daß die Ein⸗ flüſterungen über dieſen Gegenſtand von Maria Padilla zu mir, das heißt, von einer eiferſüchtigen Frau zu einem vielleicht zu geduldigen Geliebten, gut ſind; aber Euch gegen Don Pedro, Euch, dem Miniſter gegen den König, iſt jede mißbilligende Aeußerung über das tadel⸗ loſe Benehmen der Koͤnigin Blanche unterſagt, das wißt Ihr, und wenn Ihr es nicht wißt, wiederhole ich es Euch.“ „Sire Pedro,“ erwiederte der Maure,„ein mäch⸗ „— — 119 tiger, glücklicher, geliebter, liebender König, wie Ihr ſeid, findet weder für den Neid, noch für die Eiferſucht Platz in ſeinem Herzen; ich begreife das: Euer Glück iſt groß, hoher Herr; aber Euer Glück darf Euch nicht blind machen.“ „Diesmal weißt Du etwas,“ rief Don Pedro ſei⸗ nen tiefen Blick auf den Mauren heftend. „Sire,“ erwiederte dieſer mit kaltem Ton,„Eure Hoheit hat ohne Zweifel mehr als einmal über die Fallen nachgedacht, von denen ſie umgeben iſt? Sie hat ſich in ihrer Weisheit gefragt, wohin die Monarchie Caſtil ne kommen werde, da der König keinen Erben abe?“ h„Keinen Erben?“ wiederholte Don Pedro. „Wenigſtens keinen geſetzlichen Erben,“ fuhr der Maure fort;„ſo daß das Koͤnigreich, wenn Euch ein Unglück widerführe, dem Kühnſten oder dem Glücklichſten von allen den Baſtarden, ſei es nun Enrique oder Fe⸗ derigo, oder Tello gehören würde.“ „Warum alle dieſe Worte, Mothril?“ fragte Don Pedro;„würdeſt Du mir zufällig zu einer dritten Ver⸗ mählung rathen? die zwei erſten hatten keine ſo glück⸗ liche Reſultate, daß ich Deinem Rathe folgen ſollte. Das ſage ich Dir, Mothril.“ Dieſe der Tiefe der Seele des Königs durch einen heftigen Kummer entriſſenen Worte machten das Auge des Mauren funkeln. Es war die Enthüllung aller von Don Pedro in ſeinem ſo bewegten Innern ausgeſtandenen Qualen; Mothril wußte die Hälfte von dem, was er wiſſen wollte; ein Wort ſollte ihn von dem Uebrigen belehren. „Hoher Herr,“ ſprach er,„warum ſollte dieſe dritte Frau nicht eine Frau ſein, deren Charakter von Euch geprüft, deren Fruchtbarkeit ſicher wäre? Heirathet zum Beiſpiel Donna Maria Padilla, da Ihr ſie ſo ſehr liebt, daß Ihr Euch nicht mehr von ihr trennen könnt, und da ſie von genugſam gutem Hauſe iſt, um Königin zu werden. Auf dieſe Art werden Eure Söhne geſetz⸗ lich ſein, und Niemand wird das Recht haben, ihnen den Thron von Caſtilien ſtreitig zu machen.“ 1 Mothril hatte alle Kräfte ſeines Verſtandes zuſam⸗ mengerafft, um das Gewicht eines Angriffs zu ermeſſen, der für ihn ohne Unterſtützung war. Da ſah er mit einer Wolluſt, die den übrigen Menſchen unbekannt und nur den Ehrgeizigen mit weit ausgebreiteten Flügeln, welche das Spiel der Königreiche ſpielen, bekannt iſt, eine düſtere Wolke über die Stirne ſeines Fürſten hin⸗ ziehen. „Ich habe ſchon ohne Erfolg eine Heirath gebro⸗ chen, die mich mit dem König von Frankreich verband, ich kann jetzt nicht diejenige brechen, welche mich mit dem Hauſe Caſtro verbindet.“ „Gut,“ murmelte Mothril;„keine wirkliche Liebe im Herzen, kein Einfluß zu befürchten, es iſt ein Platz zu nehmen, wenn nicht auf dem Thron, doch wenigſtens in dem Bett des Königs von Caſtilien.“ „Machen wir ein Ende,“ ſprach Don Pedro.„Du ſagteſt mir, Du habeſt mir etwas Wichtiges mitzutheilen.“ „Oh! was ich Euch zu ſagen hatte, war einfach eine Nachricht, die Euch jeder Rückſicht gegen Frank⸗ reich entbindet.“ „Dieſe Nachricht alſo, ſprich geſchwinde.“ „Hoher Herr, erlaubt mir zuvor hinabzugehen und den Wächtern der Sänfte, welche unten iſt, einige Be⸗ fehle zu geben. Ich bin unruhig, denn ich habe eine Perſon, die mir ſehr theuer iſt, dort gelaſſen.“ Don Pedro ſchaute ihn voll Erſtaunen an. „Gehe,“ ſagte er,„komm' raſch zurück.“ Der Maure ging hinab und ließ die Sänfte bis in den erſten Hof bringen. Don Pedro folgte von der Terraſſe herab mit irrenden Blicken den Schritten ſeines Miniſters. Mothril erſchien nach einigen Augenblicken wieder und ſprach: 121 „Sire, bewilligt mir Eure Hoheit auch diesmal wie gewöhnlich eine Wohnung im Alcazar?“ .„Ja, gewiß.“ „Erlaubt mir alſo, daß ich die Perſon eintreten laſſe, welche ſich in der Sänfte befindet.“— 4 „Eine Frau?“ fragte Don Pedro. „Ja, Sire.“ „Eine Sklavin, die Du liebſt?“ „Nein, Sire, meine Tochter.“ „Ich wußte nicht, daß Du eine Tochter hatteſt, Mothril.“ Mothril antwortete nicht; der Zweifel und die Neugierde erfaßten zugleich den Geiſt des Königs. Das war es, was der Maure wünſchte. „Nun ſage mir, was Du über die Königin Blanche weißt,“ ſprach Don Pedro durch die Wichtigkeit der Lage zu den Dingen zurückgeführt, die er erfahren wollte. Siebentes Kapitel. Wie der Maure Don Pedro erzählte, was vor⸗ gefallen war. Der Maure näherte ſich dem König, gab ſeinen Zügen den Ausdruck eines tiefen Mitleids, das heißt des Gefühls, das Don Pedro von Seiten eines Unter⸗ geordneten am meiſten verletzen mußte, und ſprach: „Sire, ehe ich dieſe Erzählung beginne, iſt es noth⸗ wendig, daß Eure Hoheit ſich Punkt für Punkt der Befehle erinnert, die ſie mir gegeben hat.“ 122 „Ich vergeſſe nie das, was ich einmal geſagt habe,“ erwiederte Don Pedro. „Der Koͤnig befahl mir nach Coimbra zu reiſen, und ich begab mich dahin; dem Großmeiſter zu ſagen, Seine Hoheit erwarte ihn, und ich ſagte es ihm; ſei⸗ nen Aufbruch zu beſchleunigen, und ich ruhte nur eine Stunde aus, und wir ſetzten uns ſchon am Tage un⸗ ſerer Ankunft wieder in Marſch.“ „Gut, gut, ich weiß, daß Du ein treuer Diener biſt, Mothril.“ „Eure Hoheit fügte bei:„„Du wirſt darüber wa⸗ chen, daß der Großmeiſter während der Reiſe Niemand Nachricht von ſeinem Aufbruche gibt.““ Nun wohl, am andern Tage nach unſerer Abreiſe ſchrieb der Groß⸗ meiſter... Doch in der That, ich weiß nicht, ob ich Eurer Hoheit trotz ihrer Befehle Alles ſagen ſoll, was vorgefallen iſt.“ „Sprich... Am andern Tag nach Eurer Abreiſe...“ „Schrieb der Großmeiſter einen Brief...“ „An wen?“ „Gerade an die Perſon, von der Eure Hoheit be⸗ fürchtete, er würde an ſie ſchreiben.“ „An die Königin Blanche?“ rief Don Pedro er⸗ bleichend. „An die Königin Blanche, Sire.“ „Maure,“ ſprach Don Pedro,„bedenke, wie ernſt eine ſolche Anſchuldigung iſt.“ „Ich bedenke nur, daß ich meinem König diene.“ „Du kannſt abermals ſagen, Du habeſt Dich ge⸗ täuſcht.“ Mothril erwiederte den Kopf ſchüttelnd: „Ich täuſche mich nicht.“ „Nimm Dich in Acht! dieſer Brief, ich muß ihn haben,“ „Ich habe ihn!“ antwortete kalt der Maure. Don Pedro, der einen Schritt vorgegangen war, ſchauerte und machte einen Schritt rückwärts. 123 „Ahl Du haſt ihn?“ ſagte er. „Ja!“ „Dieſer Brief iſt von Don Federigo geſchrieben?“ „Ja.* „An Blanche von Bourbon?“ „Und dieſer Brief?...“ 1 „Ich werde ihn Eurer Hoheit geben, ſobald ſie nicht mehr zornig ſein wird, wie ſie es in dieſem Au⸗ genblick iſt.“ „Ich,“ erwiederte Don Pedro mit einem nervigen Lächeln,„ich zornig? Ich bin nie ruhiger geweſen.“ „Nein, hoher Herr, Ihr ſeid nicht ruhig, denn Euer Auge iſt entrüſtet, denn Eure Lippen erbleichen, denn Eure Hand zittert und greift nach dem Dolche. Warum wollt Ihr es verhehlen, Sire? Es iſt ganz natürlich, und die Rache iſt in einem ſolchen Fall geſetzlich; da ich errathe, die Rache Eurer Hoheit werde furcht⸗ bar ſein, ſo verſuche ich es zum Voraus, ſie zu mildern.“ „Gebt den Brief, Mothril!“ rief der König. „Aber, Hoheit...“ „Gebt den Brief, ohne Verzug, auf der Stelle, ich will es!“ Der Maure zog langſam unter ſeinem rothen Ge⸗ wande die Waidtaſche des unglücklichen Fernando hervor. „Meine erſte Pflicht,“ ſprach er,„iſt, meinem König zu gehorchen, was auch daraus entſtehen mag.“ Der König betrachtete die Waidtaſche, nahm dar⸗ aus den mit Perlen geſtickten Beutel, öffnete ihn und griff raſch nach dem Brief, den er enthielt. Das Sie⸗ gel dieſes Briefes war ſichtbar abgenommen; abermals zog ſich das Geſicht von Don Pedro bei dieſem Anblick zuſammen; doch er las, ohne eine Bemerkung zu machen: „Madame, meine Konigin, der König ruft mich nach Sevilla. Ich habe Euch verſprochen, Euch von 124 den großen Ereigniſſen meines Lebens in Kenntniß zu ſetzen; dieſes ſcheint mir entſcheidend.“ „Wie es auch ſein mag, erhabene Dame und ge⸗ liebte Schweſter, ich werde die Rache von Dona Pa⸗ dilla, die mich ohne Zweifel rufen läßt, wenig fürchten, wenn ich weiß, daß Eure ſo theure Perſon vor ihren Angriffen geſchützt iſt. Es iſt mir nicht bekannt, was meiner harrt; vielleicht das Gefängniß, vielleicht der Tod. Als Gefangener vermöchte ich Euch nicht mehr zu vertheidigen; und wenn ich ſterben ſoll, benütze ich den Augenblick, wo mein Arm frei iſt, um Euch zu ſagen, daß mein Arm Euer wäre, wenn man ihn nicht Pſeſſelt hätte, daß mein Herz Euch gehoͤrt bis zum od. „Fernando bringt Euch dieſe Kunde, dieſen Abſchied vielleicht. Auf Wiederſehen, meine ſüße Königin und Freundin, in dieſer Welt vielleicht, im Himmel gewiß. „Don Federigo.“ „Dieſer Fernando, wer iſt er? wo iſt er?“ rief Don Pedro ſo bleich, daß er furchtbar anzuſchauen war. „Sire,“ erwiederte Mothril mit vollkommen natür⸗ lichem Tone,„dieſer Fernando war der Page des Großmeiſters. Er reiſte mit uns ab. Am Abend des andern Tages nach unſerem Aufbruch erhielt er die Sendung. In derſelben Nacht, beim Uebergang über die Zezere, wollte es der Zufall, daß er ertrank und daß ich dieſe Schrift an ſeinem Leichnam fand.“ Don Pedro brauchte keine Erläuterungen, um Mo⸗ thril zu verſtehen?“ „Ah!“ ſagte er,„Ihr habt den Leichnam wieder⸗ gefunden?“— „Ja.“ „Vor Jedermann?“ „Ja.“ 4 „Alſo weiß Niemand, was dieſer Brief enthält?“ —,-9=—— „Sire,“ ſprach Mothril,„verzeiht meine Kühnheit; ——+— 125 die Intereſſen meines Königs überwogen die mir ge⸗ botene Discretion; ich öffnete die Waidtaſche und las den Brief.“ „Doch Ihr allein? Dann iſt es, als ob ihn Niemand geleſen hätte.“ »Gewiß, gewiß, Hoheit, ſeitdem der Brief in meinen Händen iſt.“ „Doch zuvor?“ „Ah! Sire, für das Zuvor ſtehe ich nicht, um ſo mehr, als der Page nicht allein bei ſeinem Herrn war: es war da ein Verfluchter... ein Giaur... ein Hund... ein Chriſt... Verzeiht, Sire.“ „Und wer war dieſer Chriſt?“ „Ein franzöſiſcher Ritter, den er ſeinen Bruder nennt.“ „Ah!“ verſetzte Don Pedro lächelnd,„ich hätte geglaubt, er würde ſeinen Freunden einen andern Na⸗ men geben.“ „Für dieſen Chriſten hat er nun keine Geheimniſſe, und man dürfte ſich nicht wundern, wenn er das Ver⸗ trauen, das der Page genoß, theilte, und in dieſem Fall wäre das Verbrechen öffentlich.“ „Der Großmeiſter kommt?“ fragte Don Pedro. „Er folgt mir, Hoheit.“ Don Pedro ging eine Zeit lang, die Stirne gefal⸗ tet, die Arme gekreuzt, den Kopf auf die Bruſt geneigt, auf und ab; es war leicht zu ſehen, daß ein furcht⸗ barer Sturm um ſein Herz tobte. „Man muß alſo mit ihm anfangen,“ ſprach er end⸗ lich mit dumpfer Stimme,„das iſt überdies das einzige Entſchuldigungsmittel, welches mir Frankreich gegenüber zu Gebot ſteht. Sieht Karl V., daß ich meinen Bru⸗ der nicht ſchonte, ſo wird er nicht mehr am Verbrechen zweifeln und mir verzeihen, daß ich ſeine Schwäͤgerin nicht geſchont habe.“ „Befürchtet Ihr aber nicht, Hoheit,“ ſagte Mothril, uman könnte ſich in der Rache täuſchen und denken, Ihr 126 habet den Großmeiſter, nicht den Geliebten der Köni⸗ gin Blanche, ſondern den Bruder von Enrique Trans⸗ tamare, Eurem Mitbewerber um den Thron, geſchlagen?“ „Ich werde den Brief öffentlich machen,“ erwieder te der König,„das Blut wird den Flecken bedecken; Ihr habt mir treulich gedient.“ „Was befiehlt nun der König?“ 8 5„Man halte die Wohnung des Großmeiſters ereit.“ Mothril ging ab. Don Pedro blieb allein, und ſeine Gedanken verdüſterten ſich immer mehr; er ſah den Spott ſich an ſeinen Namen anhängen, der eifer⸗ ſüchtige und ſtolze Menſch erſchien wieder unter dem unempfindlichen König; es kam ihm vor, als hörte er ſchon das Gerücht von der Liebſchaft von Blanche und dem Großmeiſter unter dem Volk mit allen Uebertrei⸗ bungen umherlaufen, mit denen man die Fehler der Könige behandelt. Dann, als er die Augen auf die Gemächer von Dona Padilla heftete, glaubte er ſie hinter dem Vorhang ihres Fenſters ſtehen zu ſehen, und auf ihrem Geſichte das Lächeln des befriedigten Stolzes wahrzunehmen. „Nicht ſie iſt es, die mich bewegt, zu thun, was ich vollbringen will,“ ſprach er,„und dennoch wird man ſagen, ſie ſei es, und dennoch wird ſie es glauben.“ Ungeduldig wandte er den Kopf ab und ſchaute rings umher. In dieſem Augenblick gingen über eine Terraſſe, welche niedriger war als die königliche, zwei mauriſche Sklaven; ſie trugen Räucherpfännchen, die einen bläulichen, wohlriechenden Dampf ausſtrömten. Der Ge⸗ birgswind machte dieſen berauſchenden Wohlgeruch bis zum König aufſteigen. Hinter den Sklaven kam eine verſchleierte Frau von geſchmeidigem, hohem Wuchſe, von zartem Leib mit geneigtem Kopf. Sie war bedeckt mit dem arabiſchen Schleier, der nur eine Oeffnung läßt, daß der Strahl 127 des Auges hervorſpringen kann. Mothril folgte ihr mit einer gewiſſen Ehrfurcht, und als ſie vor der Thüre des Zimmers waren, wo die Fremde eintreten ſollte, warf ſich der Maure gleichſam zu den Füßen des Mädchens nieder. Dieſer Wohlgeruch, dieſer wollüſtige Blick, dieſe Ehrerbietung des Mauren bildeten einen ſo mächtigen Contraſt mit den Leidenſchaften, welche das Herz von Don Pedro zuſammenpreßten, daß er ſich einen Augen⸗ blick erfriſcht und wiedergeboren fühlte, als ob ihm die Jugend und die Freude durch dieſe Erſcheinung einge⸗ flößt worden wären. Er erwartete auch voll Ungeduld den Abend. Und als der Abend gekommen war, ſtieg er aus ſeiner Woyhnung hinab und kam, der Nacht vertrauend, durch die Gärten, wo er allein einzutreten das Recht hatte, vor den von Mothril bewohnten Kiosk; vorſichtig hob er die dicken Epheugewinde und die Zweige eines ungeheuren Oleanders auf, der beſſer als ein Vorhang das Innere der Wohnung vor indiscreten Augen ver⸗ barg, und er erblickte nun auf einem Kiſſen von ſilber⸗ geſtickter Seide, die Füße nackt, kaum verſchleiert durch ein langes durchſichtiges Gewand, geſchmückt mit Ringen und Halsbändern, nach orientaliſcher Sitte, die Stirne ruhig, die Augen in einer Träumerei verloren, Aiſſa lächelnd und unter der Röthe ihrer Lippen ihre feinen, weißen, perlartig gleichen Zähne entblößend. Mothril hatte auf die Neugierde des Königs ge⸗ rechnet; ſeitdem es Nacht geworden war, horchte und ſchaute er; er hörte das Geräuſch der aufgehobenen Zweige; er unterſchied in der ruhigen Friſche der Nacht den glühenden Athem des Konigs; doch er ſchien auf keine Weiſe zu bemerken, daß ſein Fürſt da war. Nur, als das nachläßige Mädchen von ſeinen zerſtreuten Fingern ſein Combolio von Korallen fallen ließ, ſtürzte er nieder, hob es auf und kniete beinahe vor ihr, als er es ihr zurückgab. 128 Aiſſa lächelte. „Warum ſo viele Ehrenbezeigungen ſeit zwei oder drei Tagen?“ ſagte ſte.„Ein Vater hat nur zärtlich gegen ſein Kind zu ſein, und das Kind iſt dem Vater Ehr⸗ furcht ſchuldig.“ „Was Mothril thut, muß er thun,“ erwiederte der Maure. „Mein Vater, warum erweiſt man mir ſogar mehr Zuvorkommenheit, als Euch?“ „Weil man Euch mehr Zuvorkommenheit ſchuldig iſt, als mir; denn bald erſcheint der Tag, wo ſich Alles enthüllen wird, und iſt dieſer Tag erſchienen, ſo werdet Ihr Euch vielleicht nicht mehr herablaſſen, mich Euren Vater zu nennen, Dona Aiſſa.“ Dieſe geheimnißvollen Worte machten einen unbe⸗ ſchreiblichen Eindruck ſowohl auf das Mädchen, als auf den König; doch ſo ſehr auch Aiſſa in ihn drang, Mothril wollte nicht mehr ſagen und zog ſich zurück. Finter ihm traten die Frauen von Aiſſa ein; ſie kamen mit großen Fächern von Straußenfedern und bewegten die Luft um den Sopha ihrer Gebieterin, während eine ſanfte Muſik, die man hörte, ohne das Inſtrument und den Muſtiker zu ſehen, gleichſam einen melodiſchen Wohlgeruch in der Luft vibriren ließ. Aiſſa ſchloß ihre großen, ganz von geheimen Flammen ent⸗ zündeten Augen. „Woran mag ſie denken?“ ſagte der Koͤnig, als er ſah, wie der Schatten eines Traumes über ihr Antlitz hinzog. Sie träumte von dem ſchönen franzöſiſchen Ritter. Die Frauen näherten ſich, um die Vorhänge nie⸗ derzulaſſen. 3 1 „Es iſt ſeltſam,“ ſprach der König, genöthigt, dieſe efährliche Beſchauung aufzugeben,„man ſollte glauben, ſie habe einen Namen ausgeſprochen.“ Der König täuſchte ſich nicht, ſie hatte den Namen Agenor ausgeſprochen. ——;ʒ—.— ——;ʒ—.— 129 Aber obgleich die Vorhänge wieder geſchloſſen waren, befand ſich doch Don Pedro nicht in einer Stimmung des Geiſtes, die ihm in ſeine Gemächer zurückzukehren geſtattete. Das Herz des Fürſten vereinigte zu dieſer Stunde die entgegengeſetzteſten Gefühle. Dieſe Gefuͤhle bildeten unter ſich einen Kampf, der jede Hoffnung auf Raſt und Schlaf ausſchloß; Kühlung von der Nachtluft, Ruhe vom Stillſchweigen erwartend, irrte er in den Gärten umher und kam immer wieder zu einem unwiderſtehlichen Ziele, zu dem Kiosk zurück, wo die Maurin im tiefſten Schlafe lag; zuweilen ging er auch an den Fenſtern von Dona Padilla vorüber und heftete ſeine Augen auf die finſte⸗ ren Scheiben; im Glauben, die hochmüthige Spanierin ſchlafe, ſetzte er ſodann ſeine Wanderung fort, die ihn auf einem mehr oder minder langen Umweg zu dem Kiosk zurückführte.— Der König täuſchte ſich, Maria Padilla ſchlief nicht; es waren keine Lichter vorhanden, doch voll Flammen, wie das von Don Pedro, brannte und ſprang in der Bruſt ihr Herz, denn unbeweglich hinter ihrem Fenſter, in ein Gewand von dunkler Farbe gehüllt, ſchaute ſie nach dem König, ohne eine von ſeinen Bewegungen zu verlieren und, wir möchten beinahe ſagen, ohne einen von ſeinen Gedanken entſchlüpfen zu laſſen. Außer den Augen von Maria Padilla gab es noch zwei Augen, die ſich in das Herz des Königs Don Pedro tauchten; es waren die des Mauren, welcher Schildwache ſtand, um den Erfolg ſeiner Intriguen beurtheilen zu koͤnnen. Wenn ſich der König den Fenſtern von Aiſſa näherte, ſo bebte er vor Freude. Schlug aber Don Pedro den Blick zu den Gemächern von Maria Padilla auf, ſchien er zu zögern, ob er nicht zur Favoriten hinaufgehen ſollte, ſo ſtieß ſein Mund ganz leiſe Drohungen aus, welche ſeine Hand, inſtinkt⸗ Der Baſtard von Mauleon. J. 9 13¹ Erguß Eures brüderlichen Herzens Eure Abſicht wäre, mich ihm zu opfern, ſo trete ich ihm den Platz ab, denn ich bin mich meinen Kindern ſchuldig, die, da ihr Vater ſie vergißt, ihrer Mutter zweimal bedürfen.“ Maria Padilla galt für die ſchönſte Frau Spaniens; ihr Einfluß auf Don Pedro war ſo groß, daß die Chronikſchreiber der Zeit, überzeugt, die Schönheit, ſo vollkommen ſie auch ſein möge, könne keine ſolche Macht erreichen, dieſen Einfluß der Zauberkunſt zuſchrieben, ſtatt die Urſachen deſſelben in den natürlichen Reizen der Zauberin zu ſuchen. So, wie ſie war, ſchoͤn in ihren fünfundzwanzig Jah⸗ ren, reich in ihrem Muttertitel, mit ihren langen ſchwarzen Haaren, welche auf das einfache wollene Kleid herab⸗ fielen, das nach der Mode des vierzehnten Jahrhunderts ihre Arme, ihre Schultern und ihren Buſen eng um⸗ ſchloß, faßte ſie für Don Pedro nicht Alles, was er ge⸗ träumt, aber Alles, was er an Liebe und ſüßen Gedanken gefühlt hatte, zuſammen; es war die Fee des Hauſes, die Blume des Gemüths, das Schmuckkäſtchen glück⸗ licher Erinnerungen. Der König ſchaute ſie traurig an und ſprach: „Es wunderte mich, daß Ihr mich noch nicht ver⸗ laſſen hattet, Maria; Ihr habt allerdings den Augen⸗ blick gut gewählt, den, wo mein Bruder Enrique ſich empört, den, wo mein Bruder Federigo mich verräth, den, wo der Koͤnig von Frankreich ohne Zweifel Krieg mit mir anfangen wird. Es iſt wahr, die Frauen lieben das Unglück nicht.“ „Seid Ihr unglücklich!“ rief Dona Padilla, indem ſie drei Schritte machte und ihre beiden Hände gegen Don Pedro ausſtreckte,„dann bleibe ich, das genügt mir; einſt hätte ich gefragt:„„Pedro, wirſt Du glück⸗ lich ſein, wenn ich bleibe?““ Der König hatte ſeinerſeits den Leib vorwärts geneigt, ſo daß eine von den ſchönen Händen von Maria auf die ſeinige ſiel. Er befand ſich in einem der Augenblicke, wo das tief verwundete Herz das Bedürf⸗ niß fühlt, ſich durch ein wenig Liebe zu vernarben. Er drückte dieſe Hand an ſeine Lippen. „Ihr habt Unrecht, Maria,“ ſagte er,„ich liebe Euch, nur hättet Ihr, um eine Liebe zu finden, die der Eurigen entſpräche, einen andern Mann als einen König lieben müſſen.“ „Ihr wollt alſo nicht, daß ich abreiſe?“ fragte Maria Padilla mit dem anbetungswürdigen Lächeln, das Don Pedro die übrige Welt vergeſſen ließ. „Nein,“ ſprach der Koͤnig,„wenn Ihr einwilligt, mein zukünftiges Glück zu theilen, wie Ihr mein ver⸗ gangenes getheilt habt.“ Von dem Platze, wo ſie war, und durch das offene Fenſter befahl nun die ſchöne Statue mit einer jener Geberden einer Königin, durch die man hätte glauben ſollen, Maria wäre am Fuße eines Thrones geboren, der Schaar von Dienern, welche zum Aufbruch bereit waren, in die Gemächer zurückzukehren. In dieſem Augenblick trat Mothril ein. Die zu ſehr ausgedehnte Unterredung von Don Pedro mit ſeiner Geliebten beunruhigte ihn. „Was gibt es?“ fragte Don Pedro ungeduldig. „Sire,“ erwiederte der Maure,„Euer Bruder Don Federigo kommt an, und man erblickt ſchon ſein Ge⸗ folge auf der Straße nach Portugal.“ Bei dieſer Nachricht zuckte ein ſolcher Ausdruck von Haß in Blitzen aus den Augen des Königs her⸗ vor, daß Maria Padilla wohl ſah, ſie habe von dieſer Seite nichts zu befürchten, und daß ſie, nachdem ſie ihre Stirne Don Pedro geboten, der ſeine bleichen Lippen darauf drückte, lächelnd in ihr Gemach zurück⸗ kehrte. N 888NER N 133 Achtes Kapitel. Wie der Großmeiſter in den Alcazar von Sevilla einzog, wo ihn der König Don Pedro erwartete. Der Großmeiſter rückte in der That, wie Mothril geſagt hatte, gegen Sevilla heran; er erreichte die Thore gegen Mittag, nämlich mitten in der ſtärkſten Hitze des Tages. Die Reiter, welche ſein Gefolge bildeten, Mauren und Chriſten, waren mit Staub überzogen, und der Schweiß badete die Flanken der Maulthiere und Pferde. Der Großmeiſter warf einen Blick auf die Mauern der Stadt, die er mit Soldaten und Volk bedeckt zu ſehen glaubte, wie dies an feſtlichen Tagen Gewohnheit iſt; doch er ſah nichts als Schildwachen, die man auch an anderen Tagen hier zu ſehen pflegte. „Soll ich den Koͤnig benachrichtigen?“ fragte einer der Officiere von Don Federigo, der, wenn es der Prinz befehlen würde, voran zu reiten ſich anſchickte. „Beunruhigt Euch nicht,“ erwiederte Don Federigo mit einem traurigen Lächeln,„der Maure iſt voraus gereiſt und mein Bruder iſt benachrichtigt. Wißt Ihr übrigens nicht,“ fügte er mit einem bitteren Tone bei, „wißt Ihr nicht, daß Turniere und Feſte bei Gelegen⸗ heit meiner Ankunft in Sevilla ſtattfinden 2“ Die Spanier ſchauten erſtaunt umher, denn nichts deutete die verſprochenen Turniere und die befohlenen Feſte an. Es war im Gegentheil Alles düſter und traurig; ſie befragten die Mauren, doch die Mauren antworteten nicht. Sie zogen in die Stadt ein; Thüren und Fenſter 134 waren geſchloſſen, wie es in Spanien zur Zeit der gro⸗ ßen Hitze Gewohnheit iſt; man ſah in den Straßen weder Volk, noch Vorbereitungen, und man hörte kein anderes Geräuſch, als das der Thüren, welche ſich öffneten, um irgend einen ſäumigen Schläfer durchzu⸗ laſſen, der, ehe er ſeine Sieſta machte, gern wiſſen wollte, wer dieſe Truppe von Reitern wäre, welche in die Stadt zu einer Stunde einzogen, wo in Spanien ſelbſt die Mauren, die Kinder der Sonne, den Schatten der Wäl⸗ der oder die Friſche des Fluſſes ſuchen. Die chriſtlichen Reiter marſchirten voran; um das Doppelte zahlreicher, denn mehrere Truppen hatten ſich nach und nach der erſten angeſchloſſen, bildeten die Mauren die Nachhut. Don Federigo betrachtete mit forſchendem Blick alle dieſe Manoeuvres; die Stadt, die er lebendig und freudig zu ſehen eerwartete und im Gegentheil düſter und ſchweigſam wie ein Grab fand, hatte ſchon in ſeinem Herzen furchtbaren Argwohn er⸗ regt. 3 Ein Officier ritt nahe zu ihm heran, neigte ſich an ſein Ohr und ſprach: „Hoher Herr, habt Ihr bemerkt, daß man hinter uns das Thor geſchloſſen, durch welches wir eingeritten ſind?“ Der Großmeiſter antwortete nicht, man ritt weiter und erblickte bald den Alcazar. Mothril wartete vor der Thüre mit einigen Officieren von Don Pedro. Sie hatten wohlwollende Geſichter. Die ſo ungeduldig erwartete Truppe zog alsbald in die Höfe des Alcazar ein, deſſen Thore ſich, wie die der Stadt, ſogleich hinter ihr ſchloßen. Mothril folgte dem Prinzen mit allen Zeichen der tiefſten Ehrfurcht. In dem Augenblick, wo er abſtieg, näherte er ſich ihm und ſagte: „Ihr wißt, Hoheit, daß es nicht gebräuchlich iſt, 135 mit Waffen in den Palaſt einzutreten. Soll ich Euer Schwert in Eure Wohnung tragen laſſen?“ Der ſo lange zurückgehaltene Zorn von Don Fe⸗ derigo ſchien nur dieſe Gelegenheit abzuwarten, um los⸗ zubrechen. „Sklave!“ ſprach er,„hat Dich die Knechtſchaft ſo verdumpft, daß Du Deine Fürſten nicht mehr zu er⸗ kennen und Deine Herren nicht mehr zu achten weißt? Seit wann hat der Großmeiſter von San Jago von Calatrava, der das Recht hat, behelmt und beſpornt in die Kirchen einzutreten und ganz bewaffnet mit Gott zu ſprechen, nicht mehr das Recht, bewaffnet in den Palaſt einzutreten und den Degen in der Scheide mit ſeinem Bruder zu reden?“ Mothril hörte mit Ehrfurcht, beugte das Haupt in Demuth und erwiederte: „Eure Hoheit hat die Wahrheit geſprochen, und Euer unterthäniger Diener vergaß, nicht daß Ihr Prinz, ſondern daß Ihr Großmeiſter des Ordens von Cala⸗ trava ſeid. Alle dieſe Vorrechte ſind chriſtliche Ge⸗ wohnheiten und man darf ſich nicht wundern, wenn ein armer Ungläubiger, wie ich, ſie nicht kennt oder ver⸗ ißt.“ giß In dieſem Augenblick näherte ſich ein anderer Of⸗ ficier Don Federigo. „Iſt es wahr, Hoheit,“ fragte er,„habt Ihr be⸗ fohlen, daß wir Euch verlaſſen ſollen?“ „Wer hat das geſagt?“ entgegnete der Groß⸗ meiſter. „Eine von den Wachen am Thore.“ „Und was habt Ihr darauf geantwortet?“ „Wir hätten nur Befehle von unſerem Herrn Don Federigo zu empfangen.“. Der Prinz zögerte einen Angenblick; er ſah ſich jung, er fühlte ſich kräftig, er wußte ſich muthig; er war endlich hinreichend umgeben, um eine lange Ver⸗ theidigung zu unternehmen. „Hoheit,“ fuhr der Officier fort, als er ſah, daß ſein Herr mit ſich zu Rathe ging,„ſprecht ein Wort, macht eine Geberde, und wir ziehen Euch aus dem Hin⸗ terhalt, in den Ihr gerathen ſeid; wir ſind hier zu Dreißig, die die Lanze, den Dolch und das Schwert führen.“ Don Federigo ſchaute Mothril an; er gewahrte ein Lächeln auf ſeinen Lippen und folgte der Richtung ſeines Blickes. Auf den Terraſſen, die den Hof um⸗ gaben, ſah man Bogenſchützen und Armbruſtſchützen, den Bogen oder die Armbruſt in der Hand. „Ich würde dieſe braven Leute erwürgen laſſen,“ ſagte Don Federigo zu ſich ſelbſt;„nein, da es auf mich allein abgeſehen iſt, will ich auch allein eintreten.“ Der Großmeiſter wandte ſich ruhig und feſt gegen ſeine Gefährten um und ſprach: „Zieht Euch zurück, meine Freunde; ich bin in dem Palaſte meines Bruders und meines Königs; der Verrath wohnt nicht an ſolcher Stätte, und wenn ich mich täuſche, erinnert Euch, daß man mich vor einem Verrathe gewarnt hat, und daß ich es nicht habe glau⸗ ben wollen.“ Die Soldaten von Don Federigo verbeugten ſich und gingen einer nach dem andern ab. Don Federigo fand ſich nun allein mit den Mauren und den Leib⸗ wachen des Königs Don Pedro. „Und nun will ich meinen Bruder ſehen,“ ſagte er, ſich gegen Mothril umwendend. „Hoher Herr, Euer Wunſch wird ſogleich erfüllt werden, denn der König erwartet Euch voll Ungeduld,“ antwortete der Maure. Er trat auf die Seite, damit der Prinz die Treppe des Alcazar hinaufſteigen konnte. „Wo iſt mein Bruder?“ fragte der Großmeiſter. „In dem Gemach der Terraſſe.“ Dies war ein Gemach in der Naͤhe desjenigen, welches Don Federigo in der Regel bewohnte. Als 137 er vor der Thüre des ſeinigen vorüberkam, blieb der Großmeiſter einen Augenblick ſtehen und fragte: „Kann ich nicht in meine Wohnung eintreten und ein wenig ausruhen, ehe ich vor meinem Bruder er⸗ ſcheine? „Gnädigſter Herr,“ erwiederte Mothril,„wenn Eure Hoheit den König geſehen hat, mag ſie ganz nach ihrem Belieben, und ſo lange es ihr gut dünkt, ausruhen.“ Es entſtand nun eine Bewegung unter den Mau⸗ ren, welche dem Prinzen folgten. Federigo wandte ſich um. „Der Hund...“ murmelten die Mauren. Der getreue Alan war in der That, ſtatt den Pfer⸗ den in den Stall zu folgen, ſeinem Herrn gefolgt, als hätte er die Gefahr ahnen können, die ihn bedrohte. „Der Hund gehöͤrt mir,“ ſagte Don Federigo. Die Mauren traten weniger aus Achtung, als aus Furcht bei Seite, und der Hund lief freudig herbei und ſtützte ſeine Pfoten auf die Bruſt ſeines Herrn. „Ja,“ ſagte dieſer,„ich verſtehe Dich, und Du haſt Recht. Fernando iſt todt, Agenor iſt fern von hier, und Du biſt der einzige Freund, der mir bleibt.“ „Hoheit,“ fragte Mothril mit ſeinem ſpöttiſchen Lächeln,„gehört es auch zu den Privilegien des Groß⸗ meiſters von San Jago, in die Gemächer des Königs, gefolgt von ſeinem Hund, einzutreten?“ Eine finſtere Wolke zog über die Stirne von Don Federigo hin. Der Maure war nahe bei ihm; Don Federigo hatte die Hand an ſeinem Dolch; ein ſchneller Entſchluß, eine raſche Bewegung und er war gerächt an dieſem frechen, höhniſchen Sklaven. „Nein,“ ſagte er in ſeinem Innern,„die Majeſtät des Königs iſt in allen denjenigen, welche ihn um⸗ geben; wir wollen die Majeſtät des Königs nicht an⸗ greifen.“. Er öffnete kalt die Thüre ſeines Gemaches und hieß den Hund durch ein Zeichen hineingehen. Der Hund gehorchte. „Erwarte mich hier, Alan,“ ſagte Don Federigo. Der Hund legte ſich auf eine Löwenhaut nieder, der Großmeiſter ſchloß die Thüre. In dieſem Augen⸗ blick hörte man eine Stimme rufen: „Mein Bruder, wo iſt denn mein Bruder?“ Don Federigo erkannte die Stimme des Königs dnd eilte nach dem Punkte, von dem dieſe Stimme am. Don Pedro verließ ſo eben das Bad; noch bleich von der ſchlaflos zugebrachten Nacht, in dumpfem Zorne brütend, heftete er einen ſtrengen Blick auf den jungen Mann, der ſich vor ihm niederwarf und ſprach: „Hier bin ich, mein König und Bruder; Ihr habt mich gerufen und hier bin ich. Ich bin in aller Eile gekommen, um Euch zu ſehen und Guch jedes Glück zu wünſchen.“ „Wie iſt dies möglich, Großmeiſter?“ erwiederte Don Pedro,„und muß ich mich nicht wundern, daß Eure Worte ſo wenig mit Euren Handlungen im Ein⸗ klange ſtehen? Ihr wünſcht mir alles Glück, ſagt Ihr, und conſpirirt mit meinen Feinden!“ „Sire, ich begreife Euch nicht,“ entgegnete Don Federigo aufſtehend, denn ſobald man ihn anſchuldigte, wollte er nicht eine Secunde mehr auf den Knieen bleiben.„Sind dieſe Worte wirklich an mich gerichtet?“ „Ja, an Euch ſelbſt, Don Federigo, Großmeiſter von San Jago.“ „Sire, Ihr nennt mich alſo einen Verräther?“ „Ja! denn Ihr ſeid ein Verräther,“ antwortete Don Pedro.— Der junge Mann erbleichte, bemeiſterte ſich aber. „Warum dies, mein König 2“ fragte er mit einem Ausdruck unendlicher Sanftmuth.„Ich habe Euch nie beleidigt, wenigſtens nie mit Willen. Ganz im Gegen⸗ — 139 theil: bei mehreren Treffen und beſonders im Kriege gegen die Mauren, welche heute Eure Freunde ſind, handhabte ich ein Schwert, das ſehr ſchwer für meinen Arm, denn ich war noch ſo jung.“ „Ja, die Mauren ſind meine Freunde!“ rief Don Pedro,„und ich mußte meine Freunde wohl unter den Mauren wählen, da ich in meiner Familie nur Feinde fand.“ Don Federigo richtete ſich immer ſtolzer, immer un⸗ erſchrockener auf, je ungerechter und verletzender die Vorwürfe des Königs wurden. „Wenn Ihr von meinem Bruder Enrique ſprecht,“ ſagte er,„ſo habe ich nichts zu erwiedern, und das geht mich nichts an. Mein Bruder Enrique hat ſich gegen Euch empört, er hat Unrecht gehabt, denn Ihr ſeid unſer geſetzlicher Herr, ſowohl durch das Alter, als durch die Geburt; doch mein Bruder Enrique will Kö⸗ nig von Caſtilien ſein und man ſagt, der Ehrgeiz laſſe Alles vergeſſen; ich bin nicht ehrgeizig und nehme nichts in Anſpruch. Ich bin Großmeiſter von San Jagoz wenn Ihr Einen wißt, der würdiger iſt, als ich, ſo bin ich bereit, mein Amt in ſeine Hände niederzulegen.“ Don Pedro antwortete nicht. „Ich habe Coimbra von den Mauren erobert und mich darin wie in meinem Eigenthum eingeſchloſſen. Niemand hat ein Recht auf meine Stadt. Wollt Ihr Coimbra, mein Bruder? es iſt ein guter Hafen.“ Don Pedro antwortete ebenſo wenig. „Ich habe ein kleines Heer,“ fuhr Don Federigo fort.„Doch ich ſammelte es unter Eurem Gutheißen. Wollt Ihr meine Soldaten, um Eure Feinde zu be⸗ kämpfen?“ Don Pedro ſchwieg fortwährend. „Ich beſitze kein anderes Gut, als das meiner Mut⸗ ter, Dona Eleonore von Guzman, und die Schätze, die ich von den Mauren erobert habe. Wollt Ihr mein Geld, mein Bruder?“ n. „Ich will weder Dein Amt, noch Deine Stadt, noch Deine Soldaten, noch Deinen Schatz,“ rief Don Pedro, der bei dem Anblick des ruhigen jungen Mannes nicht mehr länger an ſich halten konnte,„ich will Dei⸗ nen Kopf.“ „Mein Leben gehört Euch, wie alles Uebrige, mein Koͤnig; ich werde es ebenſo wenig vertheidigen, als ich das Uebrige vertheidigt hätte. Nur frage ich, warum wollt Ihr den Kopf nehmen, wenn das Herz unſchul⸗ dig iſt?“ 4„Unſchuldig!“ verſetzte Don Pedro.„Kennſt Du eine Franzöſin, die ſich Blanche von Bourbon nennt?“ „Ich kenne eine Franzöſin, die ſich Blanche von Bourbon nennt, und ich achte ſie wie meine Königin und wie meine Schweſter.“ „Ahl das iſt es, was ich ſagen wollte,“ erwiederte Don Pedro;„Du nimmſt Partei für Deine Königin und Deine Schweſter, die Feindin Deines Bruders und Deines Königs.“ „Sire,“ ſprach der Großmeiſter,„wenn Ihr Feind denjenigen nennt, welchen Ihr beleidigt habt, und der das Andenken an dieſe Beleidigung in ſeinem Herzen bewahrt, ſo iſt die Perſon, von der Ihr ſprecht, vielleicht Eure Feindin. Doch bei meiner Seele, man könnte ebenſowohl Eure Feindin die Gazelle nennen, die Ihr mit einem Pfeil verwundet, und die mit ihrer Wunde entflieht.“ „Ich nenne meinen Feind Jeden, der meine Städte zum Aufſtand anreizt, und dieſe Frau hat Teledo zum Aufruhr bewogen. Ich nenne meinen Feind Jeden, der meine Brüder gegen mich bewaffnet, und dieſe Frau hat gegen mich meinen Bruder, nicht meinen Bruder Enrique den Ehrgeizigen, wie Du ihn ſo eben nannteſt, ſondern meinen Bruder Don Federigo, den Heuchler und Blutſchänder, bewaffnet.“ „Mein Bruder, ich ſchwöre Euch. 141 „Schwoͤre nicht, Du würdeſt einen falſchen Eid ſchwoͤren.“ „Mein Bruder...“ „Kennſt Du dies?“ fragte Don Pedro, indem er aus der Waidtaſche von Fernando den Brief des Groß⸗ meiſters zog. Bei dieſem Anblick, der ihm bewies, daß Fernando ermordet worden, bei dieſem Beweis, daß ſeine Liebe in die Hände des Königs gefallen war, fühlte Don Federigo, wie ſeine Stärke von ihm wich. Er beugte das Knie vor dem König und blieb einen Augenblick das Haupt unter der Laſt des Unglücks geſenkt, das er vorherſah. Ein Gemurmel des Erſtaunens durchlief die Gruppe der Höflinge, welche am Ende der Gallerie ſtanden; vor ſeinem Bruder auf den Knieen, flehte Fede⸗ rigo offenbar ſeinen König an; wenn er aber flehte, war er ſchuldig; ſie dachten nicht, er könnte für einen Andern flehen. „Sire,“ ſprach Don Federigo,„ich nehme Gott zum Zeugen, daß ich unſchuldig an dem bin, was Ihr mir vorwerft.“ „Das wirſt Du alſo Gott ſagen,“ entgegnete der König;„denn ich, ich glaube es Dir nicht.“ „Mein Tod würde eine Befleckung abwaſchen,“ erwiederte der Großmeiſter;„wie wird es aber ſein, wenn ich rein von Verbrechen bin?“ „Rein von Verbrechen!“ rief der König Don Pedro; „wie nennſt Du denn dieſes?“ Und vom Zorn fortgeriſſen, ſchlug der Konig ſei⸗ nem Bruder mit dem Brief ins Geſicht, den er an Blanche von Bourbon geſchrieben hatte. „Es iſt gut,“ ſprach Don Federigo und that einen Schritt rückwärts;„tödtet mich, beſchimpft mich aber nicht! Ich weiß ſeit langer Zeit, daß die Menſchen feige werden, wenn ſie beſtändig mit Buhlerinnen und Sklaven leben!. König, Du biſt ein Feiger, denn Du haſt einen Gefangenen beſchimpft!" 14² „Herbei!“ rief Don Pedro,„herbei, meine Wachen! man führe ihn weg und tödte ihn!“ „Einen Augenblick...“ unterbrach ihn Don Fe⸗ derigo, die Hand gegen ſeinen Bruder ausſtreckend,„ſo wüthend Du biſt, wirſt Du doch vor dem, was ich Dir ſage, einhalten. Du haſt eine unſchuldige Frau bearg⸗ wohnt, Du haſt den König von Frankreich beſchimpft, indem Du ſie beargwohnteſt, doch Du wirſt Gott nicht nach Deinem Wohlgefallen beleidigen. Ich aber will zu Gott beten, ehe Du mich ermordeſt, ich will eine Stunde, um mich mit meinem höchſten Herrn zu be⸗ ſprechen. Ich bin kein Maure!“ Don Pedro war beinahe wahnſinnig vor Wuth. Doch er hielt an ſich, denn er hatte Zuſchauer. „Es iſt gut, Du ſollſt eine Stunde haben,“ ſagte er; gehe!“ Alle diejenigen, welche dieſer Scene beiwohnten, waren vor Furcht in Eis verwandelt. Die Augen des Königs flammten; doch aus denen von Don Federigo ſprangen auch Blitze hervor. „Halte Dich in einer Stunde bereit!“ rief Don Pedro in dem Augenblick, wo er das Zimmer verließ. „Sei unbeſorgt, ich werde ſtets zu früh für Dich ſterben, da ich unſchuldig bin,“ erwiederte der junge Mann. Er blieb eine Stunde in ſeinem Gemach einge⸗ ſchloſſen, ohne daß ſich Jemand näherte, von Angeſicht zu Angeſicht mit dem Herrn; dann, als dieſe Stunde abgelaufen war und die Henker nicht erſchienen, trat er in die Gallerie und rief: „Du läßt mich warten, Senor Don Pedro; die Stunde iſt vorbei.“ Die Henker traten ein. „Welchen Todes ſoll ich ſterben?“ fragte der Prinz. Einer von den Henkern zog ſein Schwert. Federigo unterſuchte es, indem er mit dem Finger — 3 143 „Nehmt das meinige,“ ſagte er, ſein Schwert aus der Scheide ziehend,„es ſchneidet beſſer.“ Der Soldat nahm das Schwert. „Wann werdet Ihr bereit ſein, Großmeiſter?“ fragte er. Federigo hieß den Soldaten durch ein Zeichen einen Augenblick warten; dann trat er an einen Tiſch, ſchrieb ein paar Zeilen auf ein Pergament, rollte dieſes Per⸗ gament zuſammen und nahm es zwiſchen ſeine Zaͤhne. „Was bedeutet dieſes Pergament?“ fragte der Soldat. „Es iſt ein Talisman, der mich unverwundbar macht,“ erwiederte Don Federigo;„ſchlage nun, ich trotze Dir.“ Und der junge Fürſt entblößte ſeinen Hals, hob ſeine langen Haare oben auf den Kopf und kniete, die Hände gefaltet und ein Lächeln auf den Lippen, nieder. „Glaubſt Du an die Macht dieſes Talismans?“ fragte ganz leiſe ein Soldat denjenigen, welcher ſchla⸗ gen ſollte. 4 „Wir werden bald ſehen,“ erwiederte dieſer. „Schlage!“ ſprach Don Federigo. Das Schwert flammte in den Händen des Scharf⸗ richters; ein Blitz ſprang aus der Klinge hervor, und mit einem einzigen Streiche gelöſt, rollte der Kopf des Großmeiſters auf den Boden. In dieſem Augenblick durchdrang ein furchtbares Geheul die Gewölbe des Palaſtes. Der König, der an ſeiner Thüre horchte, entfloh erſchrocken. Die Henker ſtürzten aus dem Gemache fort. Auf dem Platze blieb nichts mehr, als Blut, ein vom Rumpf getrenntes Haupt und ein Hund, der, nachdem er eine Thüre geſprengt, ſich bei dieſen trau⸗ rigen Ueberreſten niederlegte. 8 Neuntes Kapitel. 8 1 Wie der Baſtard von Mauleon das Billet erhielt, das er hatte holen wollen. Die erſten Schatten der Nacht fielen grau und finſter auf den troſtloſen Palaſt herab. Don Pedro ſaß düſter und unruhig in den unteren Gemächern, wohin er ſich geflüchtet hatte, da er es nicht wagte, in dem Gemach zu bleiben, welches an das ſtieß, wo der Leich⸗ nam ſeines Bruders lag. An ſeiner Seite weinte Maria Padilla. „Warum weint Ihr, Senora?“ fragte plötzlich der König voll Bitterkeit.„Habt Ihr denn nicht erlangt, was Ihr ſo ſehr wünſchtet? Ihr verlangtet von mir den Tod Eures Feindes; Ihr müßt befriedigt ſein, denn Euer Feind iſt nicht mehr.“— „Sire,“ antwortete Maria,„ich habe vielleicht in einem Augenblick weiblichen Stolzes, in einem Aus⸗ bruch wahnſinnigen Zornes dieſen Tod gewünſcht. Gott verzeihe mir, wenn dieſer Wunſch je in mein Herz ein⸗ gedrungen iſt! Doch ich glaube dafür ſtehen zu können, daß ich ihn nie gefordert habe.“ „Ahl ſo ſind die Frauen!“, rief Don Pedro; „glühend in ihren Wünſchen, furchtſam in ihren Ent⸗ ſchließungen; ſie wollen immer, doch ſie haben nie den Muth, zu handeln; dann, wenn ein Anderer wahnſin⸗ nig genug iſt, ihrem Gedanken Folge zu geben, leug⸗ nen ſie, dieſen⸗Gedanken je gehabt zu haben.“ „Sire, im Namen des Himmels,“ ſprach Maria, „ſagt nie, Ihr habet mir den Großmeiſter geopfert; es ——.,— ðN—— NMͤ—AnN— α— —— . 145 wäre meine Qual in dieſem Leben, es wäre mein Ge⸗ wiſſensbiß im andern... Nein, ſagt mir das, was wahr iſt, ſagt mir, Ihr habet ihn Eurer Ehre geopfert. Ich will nicht, hört Ihr wohl? ich will nicht, daß Ihr mich verlaßt, ohne daß Ihr mir ſagt, nicht ich habe Euch zu dieſem Morde angetrieben...“ „Ich werde Alles ſagen, was Ihr wollt, Maria,“ erwiederte mit kaltem Tone der König, indem er auf⸗ ſtand und Mothril entgegenging, der mit den Rechten eines Miniſters und der Sicherheit eines Günſtlings eintrat. Anfangs wandte Maria die Augen ab, um dieſen Menſchen nicht zu ſehen, gegen den der Tod des Groß⸗ meiſters, obſchon er ihren Intereſſen diente, ihren Haß noch verdoppelt hatte; ſie ging in eine Fenſtervertie⸗ fung und erblickte hier, während der König mit dem Mauren ſprach, einen völlig gewappneten Ritter, der die Verwirrung benützend, welche die Hinrichtung von Don Federigo in das ganze Schloß gebracht hatte, in den Hof trat, ohne daß ſich die Schildwachen um ihn bekümmerten und ihn fragten, wohin er gehen wollte. Dieſer Ritter war Agenor, der der Aufforderung des Großmeiſters entſprach und mit den Augen die pur⸗ purnen Vorhänge ſuchend, welche ihm Federigo als die ſeiner Wohnung bezeichnet hatte, an der Ecke der Mauer verſchwand. 4 Maria Padilla folgte maſchinenmäßig mit ihren Au⸗ gen, und ohne zu wiſſen, wer er war, dem Ritter, bis ſie ihn aus dem Blicke verloren. Dann kehrte ſie vom Aeußeren zum Inneren zurück, und ſchaute wieder nach dem König und nach Mothril.. Der König ſprach lebhaft. Aus ſeinen Geberden erſah man, daß er furchtbare Befehle gab. Ein Blitz durchzuckte den Geiſt von Dona Maria; mit jener ra⸗ ſchen, den Frauen eigenthümlichen Anſchauung errieth ſie, wovon die Rede war. Der Baſtard von Mauleon. J. 10 1 146 Sie ſtürzte auf Don Pedro in dem Augenblick zu, wo er durch ein Zeichen Mothril weggehen hieß. „Sire,“ ſprach ſie,„Ihr werdet nicht zwei gleiche Befehle an einem und demſelben Tage geben.“ „Ihr habt alſo gehört?“ rief der König er⸗ bleichend. „Nein, doch ich habe errathen. Oh! Sire, Sire,“ fuhr Maria vor dem König auf die Kniee fallend fort, „oft habe ich mich über ſie beklagt, oft habe ich Euch gegen ſie aufgereizt, doch tödtet ſie nicht, Sire, tödtet ſie nicht; denn nachdem Ihr ſie getödtet, würdet Ihr mir auch ſagen, wie Ihr mir in Beziehung auf Don Federigo geſagt habt, weil ich ihren Tod verlangt, habet Ihr ſie getoͤdtet.“ „Maria,“ ſprach der König mit finſterer Miene, „ſteht auf, bittet nicht, es iſt vergeblich, Alles war vorausbeſchloſſen. Man hätte nicht anfangen ſollen, oder muß nun endigen; der Tod des Einen zieht den Tod des Andern nach ſich. Wenn ich nur Don Federigo ſchlüge, würde man alsbald glauben, Don Federigo habe nicht ein Verbrechen geſühnt, ſondern er ſei einer Privatrache geopfert worden.“ Dona Maria ſchaute den Köͤnig voll Bangen anz ſie war dem Reiſenden ähnlich, der erſchrocken vor einem Abgrund anhält. „Oh!“ ſprach ſie,„dies Alles wird auf mich zu⸗ rückfallen, auf mich und meine Kinder; man wird ſagen, ich habe Euch zu dieſem doppelten Mord angetrieben, und Du ſiehſt es doch, mein Gott,“ fügte ſie, ſich zu ſeinen Füßen ſchleppend bei,„ich bitte ihn, ich flehe ihn an, mir nicht ein Geſpenſt aus dieſer Frau zu machen.“ „Nein, denn ich werde laut meine Schande und ihr Verbrechen verkünden, nein, denn ich werde den Brief von Don Federigo an ſeine Schwägerin zeigen.“ „Aber Ihr werdet nie einen Spanier finden, der 147 die Hand an ſeine Königin legen würde,“ rief Dona Maria. „Ich habe auch einen Mauren gewählt,“ erwiederte unempfindlich Don Pedro.„Wozu wären die Mauren gut, wenn man ſie nicht thun ließe, was die Spanier zu thun ſich weigern?“ „Oh! ich wollte dieſen Morgen gehen, warum bin ich geblieben?“ rief Dona Padilla.„Doch es iſt noch dieſen Abend Zeit, erlaubt, daß ich den Palaſt verlaſſe; mein Haus iſt Euch zu jeder Stunde des Tags und der Nacht geoͤffnet, Ihr werdet mich in meinem Hauſe beſuchen.“ „Thut, was Ihr wollt, Senora,“ erwiederte Don Pedro, dem durch eine ſeltſame Wendung des Ge⸗ dächtniſſes in dieſem Augenblick das Bild der ſchönen Maurin erſchien, wie ſie in ihrem wollüſtigen Schlum⸗ mer im Kiosk lag, während ihre Frauen mit großen Fächern über ihrem Schlafe wachten.„Thut, was Ihr wollt. Ich bin es müde, Euch immer ſagen zu hören, Ihr werdet abreiſen, ohne daß Ihr je reiſt.“ „Mein Gott!“ ſprach Maria Padilla,„Du biſt Zeuge, daß ich von hier weggehe, weil ich, nachdem ich den Tod von Don Federigo nicht gefordert, verge⸗ bens das Leben der Königin Blanche fordere.“ Und ehe der König ſich dieſer Handlung wider⸗ ſetzen konnte, öffnete ſie raſch die Thüre und ſchickte ſich an, wegzugehen; doch in dieſem Augenblick erſcholl ein gewaltiger Lärmen im Palaſt; man ſah Leute von einem wahnſinnigen Schrecken ergriffen entfliehen; man hörte Schreie, deren Urſache man nicht begreifen konnte; der Schwindel ſchien mit weit geöffneten Flügeln über dem Palaſt zu ſchweben. „Hört!“ ſagte Maria,„hört!“ „Was geht denn vor?“ rief Don Pedro, ſich der Spanierin nähernd,„was ſoll dies Alles bedeuten? Antwortet, Mothril,“ fuhr der König fort, indem er ſich an den Mauren wandte, der am anderen Ende 148 des Vorplatzes ſtehend, bleich, die Augen auf einen Gegenſtand geheftet, den Don Pedro nicht ſehen konnte, unbeweglich, eine Hand an ſeinem Dolch, mit der an⸗ dern den Schweiß abwiſchend, der von ſeiner Stirne floß, verharrte. „Gräßlich! gräßlich!“ wiederholten alle Stimmen. Ungeduldig machte Don Pedro einen Schritt vor⸗ wärts, und es traf in der That ſeine Blicke ein Grauen erregendes Schauſpiel. Oben auf den breiten Platten der Treppe ſah man den Hund von Don Fedrigo, die Haare geſträubt wie die eines Löwen, blutig und furcht⸗ bar erſcheinen; er hielt in ſeinem Rachen den Kopf ſei⸗ nes Herrn, den er ſachte auf dem Marmor an ſeinen langen Haaren fortzo or ihm flohen, die Schreie ausſtoßend, welche Don Pedro gehört hatte, alle Die⸗ ner, alle Wachen des Palaſtes. So muthig, ſo verwe⸗ gen, ſo unempfindlich er war, ſuchte doch Don Pedro auch zu fliehen; doch ſeine Füße ſchienen wie die des Mauren auf den Boden genagelt. Eine blutige Spur hinter ſich laſſend, ſtieg der Hund immer weiter herab. Sobald er aber zwiſchen Don Pedro und Mothril kam, legte er, als hätte er in ihnen die zwei Mörder erkannt, den Kopf auf die Erde und gab ein ſo klägliches Ge⸗ heul von ſich, daß die Favoritin darob in Ohnmacht ſank, und der König ſchauerte, als ob ihn der Engel des Todes mit ſeinen Flügeln berührt hätte; dann nahm er ſeine koſtbare Laſt wieder auf und verſchwand im Hofſf. Noch ein anderer Mann hörte das Geheul des Hundes und ſchauerte dabei. Dieſer Mann war der vollſtändig gewappnete Ritter, den Dona Maria in den Alcazar hatte eintreten ſehen, und der als guter Chriſt, wenigſtens ſo abergläubiſch als ein Maure, ſich bei dem Geheule bekreuzte und Gott bat, jedes ſchlimme Zuſammentreffen von ihm abzuwenden. 3 Dann verſetzte ihn aber dieſe Schaar erſchrockener Diener, welche, an einander ſtoßend, ſich niederwerfend, „ N ARAcdc— unun— 8u —— A —— 149 entflohen, in ein Erſtaunen, das dem Schrecken glich. Der würdige Ritter lehnte ſich an eine Platane an und ſah, die Hand an ſeinem Dolch, dieſe raſche Proceſſion bleicher Schatten vor ſich vorüberziehen; endlich erblickte er den Hund und der Hund erblickte ihn. Der Hund ging gerade auf ihn zu, geleitet von dem feinen Inſtinkt, der ihn in dem Ritter den Freund ſeines Herrn erkennen ließ. Agenor wurde von einem Schauer ergriffen. Dieſes blutige Haupt, dieſer Hund, einem Wolfe ähnlich, der ſeine Beute fortſchleppt, dieſe Welt fliehender Diener mit bleichen Geſichtern und unterdrücktem Geſchrei, Alles ſtellte ihm einen von j gräßlichen Traͤumen dar, wie ſie die vom Fieber verzehrten Kranken machen. Der Hund näherte ſich immer mehr mit einer ſchmerz⸗ lichen Freude, und legte zu ſeinen Füßen den von Staub befleckten Kopf; dann erhob er zu den Gewölben das traurigſte und durchdringendſte Geheul, das er noch ausgeſtoßen. Einen Augenblick unbeweglich vor Schrecken, glaubte Agenor, ſein Herz müßte brächen; endlich errieth er einen Theil von dem, was vorgefallen war; er bückte ſich, ſchob mit ſeinen Händen die ſchönen Haare aus⸗ einander, und erkannte, obgleich in die Schatten des Todes getaucht, die ruhigen, ſanften Augen ſeines Freundes. Sein Mund war freundlich, wie da er noch lebte, und man hätte glauben ſollen, das Lächeln, das bei ihm Gewohnheit war, wolle noch auf ſeinen blauen Lippen zu Tage ausgehen. Agenor ſank auf ſeine Kniee, und ſchwere, ſtille Thränen rollten aus ſeinen Augen über ſeine Wangen herab. Er wollte den Kopf neh⸗ men, um ihm die letzte Ehre zu erweiſen, und jetzt erſt gewahrte er, daß die Zähne des unglücklichen Groß⸗ meiſters eine kleine Pergamentrolle feſthielten; er trennte ſie mit ſeinem Dolch, entrollte das Pergament, und las gierig, wie folgt: „Freund, unſere traurigen Ahnungen täuſchten uns nicht, mein Bruder tödtet mich. Benachrichtige und r 150 warne die Königin Blanche; auch ſie iſt bedroht. Du haſt mein Geheimniß; bewahre mein Andenken.“ „Ja, Herr,“ ſprach der Ritter;„ja, ich werde gewiſſenhaft Deinen letzten Willen vollziehen!... Doch wie von hier wegkommen?.. Ich weiß nicht mehr, wie ich hereingekommen bin. Mein Kopf verwirrt ſich; ich habe kein Gedächtniß mehr, und meine Hand zittert der⸗ geſtalt, daß mir mein Dolch, den ich nicht mehr in die Scheide ſtecken kann, entſchlüpfen wird.“ Der Ritter erhob ſich in der That bleich, ſchauernd, und beinahe wahnſinnig; er ging, ohne zu ſehen, ſtieß ſich an den marmornen Säulen und ſtreckte die Hände vor ſich aus wie ein unkener, der die Stirne zu zer⸗ ſchmettern befürchtet. Endlich befand er ſich in einem herrlichen, ganz mit Orangenbäumen, Granatbäumen und Oleandern bepflanzten Garten; Waſſergarben, denen ſilberner Cascaden ähnlich, ſprangen in porphyrnen Vaſen. Er lief zu einem dieſer Baſſins, trank gierig, erfriſchte ſeine Stirne, indem er ſie in das aefa Waſſer tauchte, und ſuchte ſich nun zurechtzufinden; da zog ein ſchwaches Licht, das er durch die Bäume er⸗ ſchaute, ſeinen Blick an und leitete ihn. Er lief darauf zu; eine weiße Geſtalt, die ſich auf das Geländer eines Balcon ſtützte, ſtieß einen Seufzer aus und flüſterte ſeinen Namen. Agenor ſchaute empor, ſah eine Frau, die die Arme nach ihm ausſtreckte, rief:„Aiſſa, Aiſſa!“ und eilte aus dem Garten zu der Maurin; das Mädchen ſtreckte ihm die Arme mit einem Ausdruck tiefer Liebe entgegen, doch plötzlich wich es voll Unruhe zurück und fragte:“ „Ohl mein Gott! Franzoſe, biſt Du verwundet?“ Agenor hatte in der That blutige Hände; doch ſtatt ihr zu antworten, ſtatt ihr eine lange Erklärung zu geben, legte er eine von ſeinen Händen auf ihren Arm und deuteke mit der andern auf den Hund, der ihm ge⸗ folgt war. Bei dieſer furchtbaren Erſcheinung ſtieß das Mädchen ebenfalls einen Schrei aus; Mothril, der gerade n2Muöü 4 * 4 151 nach ſeiner Wohnung zurückkehrte, vernahm dieſen Schrei. Man hörte, wie ſeine Stimme nach Fackeln verlangte; man höoͤrte ſeine Tritte und die ſeiner Diener, die ſich näherten. „Fliehe!“ rief das Mädchen,„fliehe; er würde Dich tödten, und ich würde ſterben, weil ich Dich liebe.“ „Aiſſa,“ ſprach der Ritter,„ich liebe Dich auch; „ſei mir treu, und Du wirſt mich wiederſehen.“ Dann ſchloß er das Mädchen an ſein Herz, drückte ihm einen Kuß auf die Lippen, ließ das Viſir ſeines Helmes nieder, zog ſein langes Schwert, ſprang durch das niedrige Fenſter und entfloh durch die Zweige ſtrei⸗ fend und die Blumen niedertretend; er kam bald vor den Garten, durchſchnitt den Hof, ſtürzte ganz erſtaunt, daß man ihn nicht aufzuhalten verſuchte, aus dem Thor und erblickte in der Ferne Muſaron, der feſt in ſeinem Sattel ſaß und das ſchöne ſchwarze Roß an der Hand hielt, das ihm Don Federigo gegeben hatte. Ein ſcharfes Schnaufen begleitete den Ritter von hinten; er wandte ſich um, und der geringe Eifer, mit dem ihm die Wachen den Weg zu verſperren geſucht hatten, war ihm erklärlich. Der Hund, der den ein⸗ zigen Freund, welcher ihm blieb, nicht hatte verlaſſen wollen, folgte ihm. 4 Von Angſt ergriffen bei dem Geſchrei, das er ge⸗ hört hatte, lief Mothril mittlerweile zu Aiſſa. Er fand ſie bleich und am Fenſter ſtehend; er wollte ſie befragen, doch ſie erwiederte ſeine erſten Fragen nur durch ein düſteres Stillſchweigen. Endlich vermuthete der Maure, was vorgefallen war. „Iſt Jemand hierhergekommen?.. Aiſſa, ant⸗ worte.“ „Ja,“ ſprach das Mädchen,„der Kopf vom Bruder des Königs.“ Mothril ſchaute das Mädchen aufmerkſamer an. Auf dem weißen Gewande war der Abdruck einer blu⸗ tigen Hand zurückgeblieben. 152 „Der Franzoſe hat Dich geſehen!“ rief Mothril außer ſich. 1 Doch diesmal ſchaute ihn Aiſſa mit ſtolzem Auge an und antwortete nicht. Zehntes Kapitel. Wie der Baſtard von Mauleon in das Schloß Medina Sidonia kam. Am andern Morgen nach dieſem furchtbaren Tag und als die erſten Sonnenſtrahlen den Gipfel der Sierra Aracena beſchienen, nahm Mothril, in einen weiten, weißen Mantel gehüllt, unten an den Stufen des Al⸗ cazar von Don Pedro Abſchied. „Ich ſtehe Euch für meinen Diener,“ ſagte der Maure,„er iſt der Mann, wie Ihr ihn für Eure Sache braucht, Sire; ein ſicherer, raſcher Arm; dabei werde ich ihn überwachen. Laßt mittlerweile den Franzoſen, den Mitſchuldigen des Großmeiſters, aufſuchen, und wenn Ihr ihn findet, habt kein Mitleid mit ihm.“ „Es iſt gut,“ ſagte Don Pedro,„gehe raſch und komm bald zurück.“ „Sire,“ erwiederte der Maure,„um größere Eile anzuwenden, werde ich meine Tochter zu Pferde und nicht in der Sänfte mitnehmen.“ „Warum läſſeſt Du ſie nicht in Sevilla?“ verſetzte der König,„hat ſie denn nicht ihr Haus, ihre Frauen und ihre Duenen?“ 153 „Sire, ich kann ſie nicht verlaſſen. Wohin ich gehe, muß ſie mir folgen. Es iſt mein Schatz, den ich bewache.“ „Ah!l ah! Maure, Du erinnerſt Dich der Geſchichte des Grafen Julian und der ſchönen Florinda?“ „Ich muß mich derſelben erinnern,“ erwiederte Mothril,„da ihr es die Mauren zu verdanken haben, daß ſie nach Spanien gekommen ſind, und da mir da⸗ durch folglich die Ehre zu Theil geworden iſt, der Mi⸗ niſter Eurer Hoheit zu ſein.“ „Du ſagteſt mir aber nichts davon, daß Du eine ſo ſchöne Tochter habeſt.“ „Es iſt wahr, meine Tochter iſt ſehr ſchön.“ „Nicht wahr, ſo ſchön, daß Du ſie auf beiden Knieen anbeteſt?“ Mothril ſtellte ſich, als würde er durch dieſe Worte ſehr beunruhigt. „Ich lu ſprach er,„wer konnte Eurer Hoheit ſagen?“ f „Man hat mir nichts geſagt, ich habe es geſehen,“ antwortete der König.„Es iſt nicht Deine Tochter.“ „Ah! Herr, glaubt nicht, es ſei meine Frau oder meine Geliebte!“ „Aber wer iſt es denn?“ „Eines Tages wird es der Koͤnig erfahren; doch mittlerweile will ich die Befehle Seiner Hoheit voll⸗ ziehen.“ 3 Und er nahm Abſchied von Don Pedro und ent⸗ fernte ſich. In einen weißen Mantel gehüllt, der nur ihre großen ſchwarzen Augen und ihre gebogenen Brauen ſehen ließ, war Aiſſa wirklich unter dem Gefolge des Mauren; doch dieſer log, als er ſagte, ſie müſſe ihn auf der ganzen Reiſe begleiten. Zwei Meilen von Se⸗ villa ging er von ſeinem Wege ab und brachte das Mädchen in Sicherheit in dem Palaſte einer reichen Maurin, der er ſich anvertraute. 154 Und dann trieb er raſch ſein Pferd an und kürzte den Weg durch einen ununterbrochenen Lauf ab. Bald ſetzte er über den Quadabete an derſelben Stelle, wo der König Don Rodrigo nach der bekannten Schlacht, welche ſieben Tage dauerte, verſchwunden war, und zwiſchen Tarifa und Cadix ſah er das Schloß Medina Sidonia, ganz beladen mit jener Traurigkeit, uhe⸗ auf der Wohnung der Gefangenen laſtet, ſich erheben. Hier lebte eine junge, blonde, bleiche Dame, ſeit langer Zeit in Geſellſchaft einer einzigen Frau. Die Wachen vermehrten ſich um ſie her, wie um die ge⸗ fährlichſten Gefangenen, und unbarmherzige Augen folg⸗ ten ihr unabläſſig, ob ſie nun, die Arme hängend und den Kopf geſenkt, langſam die von der Sonne verzehr⸗ ten Gärten durchwanderte, oder an ihrem mit eiſernen Gittern verſchloſſenen Fenſter liegend, nach Freiheit ſeufzend und den endloſen, beſtändig ſich wiedergebären⸗ den Wellen des ungeheuren Oceans folgend, mit einem ſchwermüthigen Blick den Raum befragte. 1 Dieſe Frau war Blanche von Bourbon, die Ge⸗ mahlin von Don Pedro, die dieſer in der Hochzeitnacht verſtoßen hatte. Sie verzehrte ſich allmälig in den Thränen und in der Reue darüber, daß ſie dem eitlen Geſpenſte der Ehre die ſo ſüße Zukunft geopfert, die, ſie einſt in den blauen Augen von Don Federigo hatte glänzen ſehen. Wenn die arme Frau auf dem Felde die Mädchen vorübergehen ſah, welche die Trauben von Xeres oder von Marbella geleſen hatten, wenn ſie ihre Liebhaber, die ihnen entgegen gingen, ſingen hörte, dann ſchwoll ihr Herz an, dann entſtürzten die Thränen ihren Augen, Und bedenkend, daß ſie hätte fern vom Thron und frei wie eine von den jungen Winzerinnen mit der gebräun⸗ ten Geſichtshaut geboren werden können, rief ſie auch ein geliebtes Bild an, und flüſterte ganz leiſe einen Namen, den ſie ſchon oft ausgeſprochen hatte. ——.—— 1⁵⁵ Seit Blanche von Bourbon hier gefangen ſaß, ſchien Medina Sidonia ein verfluchter Ort zu ſein. Die Wachen entfernten davon den Reiſenden, der ſtets in den Verdacht kam, er ſei ein Mitſchuldiger, oder min⸗ deſtens ein Freund. Die Königin hatte jeden Tag nur einen Augenblick der Freiheit, oder vielmehr der Ein⸗ ſamkeit: dies war die Stunde, wo die Schildwachen, unter der glühenden Sonue Sieſta haltend, ſelbſt be⸗ ſchämt durch ſo viele Vorſichtsmaßregeln, die man nahm, um eine Frau zu bewachen, ſich auf ihre Spieße ſtützten und im Schatten einer grünen Platane oder einer weißen Mauer ſchliefen. Dann ſtieg die Königin auf die Terraſſe hinab, welche auf einen Graben mit fließendem Waſſer ging, und wenn ſie in der Ferne einen Reiſenden erblickte, ſtreckte ſie in der Hoffnung, ſich einen Freund aus ihm zu machen, der König Karl Nachricht von ihr bringen würde, ihre Arme flehend gegen ihn aus. Doch Niemand hatte noch dieſe Anrufungen der Gefangenen erwiedert. Eines Tags jedoch ſah ſie auf dem Wege von Arcos zwei Reiter, von denen der eine trotz der Sonne, welche wie eine Feuerkugel auf ſeinen Helm drückte, in ſeiner vollſtändigen Rüſtung ganz bequem zu ſein ſchien. Er trug ſo ſtolz ſeine Lanze, daß man in ihm einen muthigen Ritter erkannte. Sobald ſie ihn gewahrte, hefteten ſich die Augen von Blanche auf ihn und ver⸗ mochten ihn nicht mehr zu verlaſſen. Er ſprengte im raſchen Galopp eines kräftigen Rappen heran, und ob⸗ gleich er ſichtbar von Sevilla kam, obgleich er ſich gegen Medina Sidonia zu wenden ſchien und alle Bo⸗ ten, die ſie bis jetzt von Sevilla empfangen hatte, Schmerzensboten geweſen waren, erfaßte Blanche doch mehr ein Gefühl der Freude, als der Angſt, da ſie den Ritter gewahrte. Spohald er ſie ebenfalls erblickte, hielt er an. In einem unbeſtimmten Vorgefühl der Hoffnung ſchlug 156 das Herz der Gefangenen immer ſtärker; ſie näherte ſich dem Wall, machte das Zeichen des Kreuzes und faltete, wie aus Gewohnheit, die Hände. Alsbald ritt der Unbekannte im Galopp gerade gegen die Terraſſe. Eine Geberde des Schreckens von Seiten der Kö⸗ nigin bezeichnete ihm die Schildwache, welche, an einen Adamsfeigenbaum angelehnt, ſchlief. Der Ritter ſtieg ab, winkte ſeinen Knappen zu ſich und ſprach ein paar Augenblicke leiſe mit ihm. Der Knappe führte die zwei Pferde hinter einen Felſen, der ſte den Blicken entzog, kehrte dann zu ſeinem Herrn zurück, und Beide gingen nach einem Gebüſch von Ma⸗ ſtirſtauden und Myrthen, das man von der Terraſſe aus mit der Stimme erreichen konnte. Der würdige Ritter, der wie Karl der Große, in ſeinem Leben mit der Feder keine andere Zeichen hatte machen können, als Buchſtaben, welche die Form eines Dolches oder eines Schwertes hatten, befahl ſeinem Knappen mit einem Bleiſtift, das der letztere, in den Wiſſenſchaften beſſer bewandert, ſtets bei ſich trug, ein paar Worte auf einen großen Kieſelſtein zu ſchreiben. Dann bedeutete er der Königin durch ein Zeichen, ſie möge ſich ein wenig entfernen, weil er den Kieſel⸗ ſtein auf die Terraſſe ſchleudern werde. Er ließ in der That mit kräftigem Arm den Stein fliegen: dieſer durchſchnitt die Luft und ſiel auf die Platte, ein paar Schritte von der Königin. Der Lär⸗ men ſeines Falles machte, daß der in einen ſchweren Schlaf verſunkene Soldat erwachte, da er aber um ſich her nichts erblickte, als die unbewegliche, troſtloſe Kö⸗ nigin, die er alie Tage an derſelben Stelle zu ſehen gewohnt war, ſchloß er ſeine geblendeten Augen und ſchlief bald wieder ein. Die Königin hob den Kieſelſtein auf und las fol⸗ gende Worte: 3 1 157 „Seid Ihr die unglückliche Koͤnigin Blanche, die Schweſter meines Königs?“ Die Antwort der Königin war erhaben in Schmerz und Majeſtät. Sie kreuzte ihre Arme über ihrer Bruſt und machte von oben nach unten ein Zeichen mit dem Kopſe⸗ wobei zwei ſchwere Thränen zu ihren Füßen fielen. Der Ritter verbeugte ſich ehrfurchtsvoll, wandte ſich ſodann an ſeinen Knappen, der ſchon mit einem zweiten Kieſelſtein für einen zweiten Brief verſehen war, und ſagte: 4 „Schreibe Folgendes: „Madame, könnt Ihr heute Abend um acht Uhr auf dieſer Terraſſe ſein? Ich habe Euch einen Brief von Don Federigo zu übergeben.“ Der Knappe gehorchte. Das zweite Sendſchreiben gelangte ebenſo glücklich als das erſte an Ort und Stelle. Blanche machte eine Bewegung der Freude, dachte lange Zeit nach und er⸗ wiederte: „Nein!“ Ein dritter Stein wurde geſchleudert. „Gibt es ein Mittel bis zu Euch zu gelangen?“ fragte genöthigt durch die Pantomime die Stimme, welche den Soldaten hätte erwecken können, oder die Schrift zu ergänzen, die ſein Arm auf die andere Seite des Grabens zu ſchleudern nicht die Kraft hatte. Die Koͤnigin bezeichnete dem Ritter einen Adams⸗ feigenbaum, mit deſſen Hülfe er auf die Mauer ſteigen konnte; dann deutete ſie auf eine Thüre, welche von dieſer Mauer nach dem von ihr bewohnten Thurme führte. Der Ritter verbeugte ſich. Er hatte begriffen. In dieſem Augenblick erwachte der Soldat und verſah wieder ſeinen Dienſt als Schildwache. Der Ritter blieb eine Zeit lang verborgen, be⸗ nützte ſodann einen Augenblick, wo die Aufmerkſamkeit der Schildwache nach einer andern Seite gezogen wurde, und ſchlüpfte mit ſeinem Knappen hinter den Felſen, wo die Pferde warteten. „Edler Herr,“ ſagte der Knappe,„wir haben da ein ſchwieriges Stück Arbeit unternommen; warum habt Ihr nicht das Billet des Großmeiſters ſogleich der Königin zugeſchleudert? Ich meinerſeits würde nicht verfehlt haben, dies zu thun.“ „Weil es ein Zufall unter Weges losmachen konnte, und die Königin mir nicht geglaubt haben würde, wenn das Billet verloren gegangen wäre. Dieſen Abend al⸗ ſo, und laß uns ein Mittel ſuchen, auf die Terraſſe zu kommen, ohne von der Schildwache geſehen zu wer⸗ den. Es kam der Abend, und Agenor hatte noch kein Mittel gefunden, in die Veſte zu dringen. Es mochte halb acht Uhr ſein. Agenor lag daran, wo möglich ohne Gewalt und eher mit Liſt, als durch Anwendung der Kraft hinein⸗ zukommen. Doch wie gewöhnlich war Muſaron gerade der entgegengeſetzten Meinung. „Wie Ihr Euch auch dabei benebmen möget, edler Herr,“ ſagte er,„ſtets werden wir genöthigt ſein, ein Treffen zu liefern und zu tödten. Euer Bedenken iſt alſo keines Wegs vernünftig. Tödten bleibt immer töd⸗ ten, der Mord iſt eine Sünſp um halb acht Uhr wie um acht Uhr Abends. Ich behchipte alſo, daß von allen Mitteln, die Ihr vorſchlagen koͤnnt, das meinige allein annehmbar iſt.“ „Worin beſteht es?“ „Ihr ſollt es ſehen. Die Schildwache iſt gerade ein häßlicher Maure, ein abſcheulicher Ungläubiger, der weiße Augen im Kopfe rollt, als ob er ſchon halh in die Flammen getaucht wäre, in die er eines Tags ganz und gar hineingetaucht werden muß. Wollt alſo, Herr . 159 Ritter ein In manus ſprechen, und im Geiſt dieſem Ungläubigen die Taufe geben.“ „Und welches Reſultat wird dies haben?“ fragte Agenor. „Das einzige, um das wir uns unter dieſen Um⸗ ſtänden bekümmern müſſen. Wir toͤdten ſeinen Leib, doch wir retten ſeine Seele.“ Der Ritter begriff noch nicht ganz das Mittel, das Muſaron anzuwenden gedachte; da er jedoch ein großes Zutrauen zu der Einbildungskraft ſeines Knappen hatte, welche er bei mehr als einer Gelegenheit zu würdigen im Stande geweſen war, ſo trat er dem Vorſchlag bei und verrichtete das Gebet. Während dieſer Zeit ſpannte Muſaron mit einer Ruhe, als ob er einen ſilbernen Be⸗ cher bei einem ländlichen Feſte zu gewinnen gehabt hätte, ſeine Armbruſt, legte einen Bolzen darauf und zielte auf den Mauren: beinahe in demſelben Augen⸗ blick hörte man ein ſcharfes Schwirren. Agenor, der die Schildwache mit den Augen nicht verließ, ſah, wie ihr Turban ſchwankte, wie ihre Arme ſich ausſtreckten. Zuſammenſinkend öffnete der Soldat den Mund, als wollte er ſchreien, doch es kam kein Ton aus ſeiner Kehle: erſtickt durch das Blut und unterſtützt durch die Mauer, an die er angelehnt war, blieb er beinahe auf⸗ recht und gänzlich unbeweglich. Agenor wandte ſich nun gegen Muſaron um, der, ein Lächeln auf ſeinen Lippen, die Armbruſt wieder zu⸗ recht richtete, von welcher in dieſem Augenblick der in das Herz geſchnellte Bo abgegangen war. „Seht Ihr, Herr Ritter,“ ſagte Muſaron,„es ſind zwei Vortheile bei dem, was ich ſo eben gethan habe: der erſte beſteht darin, daß ich einen Mauren wider ſeinen Willen ins Paradies geſchickt habe, der andere, daß ich ihn: Wer da! zu rufen verhinderte! Nun vorwärts, nichts hindert uns mehr, die Terraſſe iſt verlaſſen und der Weg iſt uns geöffnet.“ Sie ſprangen nach dem Graben, durch den ſie 160 ſchwammen. Das Waſſer glitt von der Rüſtung des Ritters ab, wie von den Schuppen eines Fiſches. Was Muſaron betrifft, ſo hatte er ſtets voll Vorſicht und Achtung für ſich ſelbſt ſeine Kleider ausgezogen, die er in einem Päckchen auf ſeinem Kopfe trug. Als ſie an den Fuß des Adamsfeigenbaums kamen, kleidete er ſich wieder an, während ſein Herr das Waſſer durch alle Oeffnungen ſeines Panzers ablaufen ließ, und an den Zweigen des Baumes hinaufkletternd, kam der Knappe zuerſt zu dem Gipfel, der die gleiche Hoͤhe mit dem Wall hatte. „Nun!“ fragte Mauleon,„was ſiehſt Du?“ „Nichts,“ erwiederte der Knappe,„wenn nicht die Thüre, welche Niemand bewacht, und die Eure Herr⸗ lichkeit mit zwei Artſtreichen ſprengen kann.“ Mauleon war zu derſelben Höhe gelangt, wie ſein Knappe, und konnte ſich folglich durch ſich ſelbſt von der Wahrheit des Geſagten uͤberzeugen. Der Weg war frei und die bezeichnete, am Abend geſchloſſene, Thüre ſchnitt allein die Verbindung des Zimmers der Gefan⸗ genen mit den Terraſſen ab. Mit der Schneide ſeiner Art, die er zwiſchen die Steine ſchob, ſprengte Agenor zuerſt das Schloß und dann die zwei Riegel. Die Thüre öffnete ſich. Vor der Thüre zeigte ſich eine Wendeltreppe, welche als Nebenausgang für die Wohnung der Königin diente, deren Hauptausgang im inneren Hofe war. Im erſten Stocke fanden ſie eine Thüre, an welche der Ritter dreimal klopfte, ohne daß er Antwort erhielt. Agenor vermuthete, die Köoͤnigin befürchte einen Ueberfall. „Fürchtet Euch nicht, Madame, wir ſind es,“ ſagte der Ritter. „Ich habe Euch wohl gehört,“ erwiederte die Kö⸗ nigin von der andern Seite der Thüre;„doch verrathet * Ihr mich nicht?“ 4 -— SGI EISRAA —x— 161 „Ich verrathe Euch ſo wenig, Madame,“ ſprach Agenor,„daß ich Euch dieſe Thüre öffne, um Euch fliehen zu laſſen. Ich habe die Schildwache getödtet. Wir ſetzen über dieſen Graben, das wird die Sache eines Augenblicks ſein, und in einer Viertelſtunde ſeid Ihr frei und im offenen Feld.“ „Aber dieſe Thüre, habt Ihr den Schlüſſel dazu?“ fragte die Königin.„Ich bin eingeſchloſſen.“ Agenor antwortete damit, daß er daſſelbe Manoeuvre ausführte, welches ihm ſchon bei der unteren Thüre gelungen. Nach einem Augenblick war die der Königin geſprengt wie die erſte.“ „Mein Gott, ich danke!“ rief die Königin, als ſie ihre Befreier erblickte.„Aber,“ fügte ſie mit zitternder, beinahe unverſtändlicher Stimme bei,„aber Don Fe⸗ derigo?“ „Ahl Madame,“ erwiederte langſam Agenor, indem er ein Knie auf die Erde ſetzte und der Königin das Pergament überreichte,„Don Federigo... hier iſt ſein Brief.“ Bei dem Scheine einer Lampe las Blanche das Billet. „Er iſt verloren!“ rief ſite;„dieſes Billet iſt das letzte Lebewohl eines Sterbenden!“ Agenor antwortete nicht. „Im Namen des Himmels!“ rief die Königin,„im Namen Eurer Freundſchaft für den Großmeiſter, ſagt mir, ob er lebt, oder todt iſt.“ „Ihr ſeht, daß Euch Don Federigo in dem einen und in dem andern Fall fliehen heißt.“ „Warum fliehen, wenn er nicht mehr iſt? Warum leben, wenn er todt iſt?“ rief die Königin. „Um ſeinem letzten Wunſche zu gehorchen, Madame, und um Rache in Eurem und in ſeinem Namen von Eurem Schwager, dem König von Frankreich, zu fordern.“ dieſem Augenblick öffnete ſich die innere Thüre F Der Baſtard von Mauleon. I. 11 * 16² der Wohnung, und die Amme von Blanche, die ihr von Frankreich gefolgt war, trat bleich und erſchrocken ein. „Oh! Madame,“ rief ſie,„das Schloß iſt voll von bewaffneten Männern, welche von Sevilla kommen, und man meldet einen Abgeſandten des Königs, der Euch zu ſprechen verlangt.“ „Kommt, Madame, es iſt keine Zeit zu verlieren,“ ſagte Agenor. „Im Gegentheil,“ ſprach die Königin,„wenn man mich in dieſem Augenblick nicht fände, würde man uns nachſetzen und unfehlbar einholen. Es iſt beſſer, ich empfange dieſen Abgeſandten, und wenn er dann durch meine Anweſenheit und durch unſere Unterredung be⸗ ruhigt iſt, fliehen wir.“ „Doch wenn dieſer Abgeſandte mit unheilvollen Befehlen beauftragt wäre?“ entgegnete der Ritter; „wenn er ſchlimme Abſichten hätte?“ „Ich werde durch ihn erfahren, ob er todt iſt oder lebt,“ ſagte die Königin. „Nun wohl, Madame, wenn Ihr ihn nur aus die⸗ ſem einzigen Beweggrund empfangt, ſo werde ich Euch die Wahrheit ſagen: Leider iſt er todt!“ „Wenn er todt iſt,“ erwiederte die Königin Blanche, „was bekümmere ich mich um das, was dieſer Menſch hier zu thun beabſichtigt? Denkt an Cure Sicherheit, Sire von Meauleon... Sagt dieſem Menſchen, ich folge Euch,“ ſprach Blanche zu ihrer Amme. Als ſie aber der Ritter immer noch zurückhalten wollte, noͤthigte ſie ihn durch eine königliche Geberde zum Gehorſam, und verließ das Zimmer. „Herr Ritter,“ ſagte Muſaron,„wenn Ihr mir glaubt, laſſen wir die Königin ihre Angelegenheiten abmachen, wie es ihr gut ſcheint, und denken wir daran, auf unſeren Weg zurückzukehren. Mir ſagt Etwas, wir werden hier elendiglich umkommen. Wir wollen die Flucht der Königin auf morgen verſchieben, und vor Allem.“.. 3 ———— 163 „Stille,“ erwiederte der Ritter,„die Königin wird in dieſer Nacht frei, oder ich werde todt ſein.“ „Nun, edler Herr,“ ſagte der kluge Muſaron,„ſo wollen wir wenigſtens die Thüren wieder in Ordnung brin⸗ gen, damit man nichts bemerkt, wenn man die Terraſſe viſitirt. Man wird den Leichnam des Mauren finden, Herr.“ „Stoße ihn in's Waſſer.“ „Das iſt ein Gedanke, doch höchſtens auf eine Stunde gut; der Halsſtarrige wird wieder auf die Ober⸗ fläche kommen.“ „Eine Stunde iſt bei gewiſſen Fällen das Leben,“ entgegnete der Ritter;„vorwärts alſo!“ „Ich möchte zugleich gehen und bei Euch bleiben; wenn ich nicht gehe, wird man den Mauren finden; wenn ich gehe, ſo habe ich bange, es könnte Euch wäh⸗ rend des Augenblicks, den ich Euch allein laſſe, Unglück widerfahren.“ „Und was ſoll mir mit meinem Dolche und meinem Schwerte widerfahren?“ „Hm!“ machte Muſaron. „Gehe, Du verlierſt die Zeit.“ Muſaron that drei Schritte gegen die Thüre, doch plötzlich blieb er ſtehen und ſagte: „Ahl Herr, hört Ihr dieſe Stimme?“ „Es gelangte in der That das Geräuſch einiger ziemlich laut ausgeſprochenen Worte zu ihnen, und der Ritter horchte. „Man ſollte glauben, es wäre die Stimme von Mothril,“ rief der Ritter;„das iſt doch unmöglich.“ „Nichts iſt unmöglich bei den Mauren, die von der Hölle und der Zauberkunſt unterſtützt werden,“ erwie⸗ derte Muſaron, der mit einer Schnelligkeit nach der Thure ſtürzte, welche für ſein Verlangen, ſich wieder in freier Luft zu finden, zeugte.. „Iſt es Mothril, ſo haben wir einen Grund mehr, zu der Köonigin hinein zu gehen,“ rief der Ritter; 164 „denn wenn es Mothril iſt, ſo iſt die Königin ver⸗ loren!“ Und er machte eine Bewegung, um ſeiner hochher⸗ . zigen Eingebung zu folgen. „Herr,“ ſprach Muſaron, der ihn an ſeinem Waf⸗ fenrock zurückhielt,„Ihr wißt, ob ich ein Feiger bin; ich bin nur vorſichtig, ich leugne das nicht, ſondern ich rühme mich deſſen ſogar. Wartet nur noch einige Minuten, guter Herr, dann folge ich Euch in die Hölle, wenn Ihr wollt.“ „Warten wir,“ verſetzte der Ritter,„Du haſt viel⸗ leicht Recht.“ Die Stimme ſprach indeſſen immer fort und wurde allmälig dumpfer; die Königin, welche Anfangs mit leiſer Stimme geſprochen hatte, nahm ihrerſeits im Gegentheil einen energiſchen Ton an. Auf dieſe ſelt⸗ ſame Unterredung folgte ein kurzes Stillſchweigen, dann ein gräßlicher Schrei. Agenor konnte ſich nicht mehr halten und ſtürzte in den Gang. 252 8 o5— — — 165 Eilftes Kapitel. Wie der Baſtard von Mauleon von Blanche von Bourbon beauftragt wurde, der Königin von Frank⸗ reich, ihrer Schweſter, einen Ring zu überbringen. Man vernehme, was vorgefallen war, oder was vielmehr bei der Königin vorfiel. Kaum hatte Blanche von Bourbon den Corridor durchſchritten und war, ihrer Amme folgend, einige Stufen hinaufgeſtiegen, welche in ihr Zimmer führten, als der ſchwere Gang mehrerer Soldaten auf der großen Treppe des Thurmes erſcholl. Doch die Truppe ſtellte ſich in den unteren Stock⸗ werken auf, zwei Männer kamen herauf, und Einer von ihnen blieb noch im Corridor, während der An⸗ dere nach dem Zimmer der Königin ging. Man klopfte an die Thüre. „Wer iſt da?“ fragte die Amme ganz zitternd. „Ein Soldat, der im Auftrage des Königs Don Pedro kommt, um Dona Blanche eine Botſchaft zu überbringen,“ antwortete eine Stimme. „Oeffne,“ ſagte die Königin. Die Amme öffnete und wich vor einem Mann von hoher Geſtalt zurück, der, in ein Soldatengewand, näm⸗ lich in ein Panzerhemd gekleidet, das ihm den ganzen Leib umhüllte, überdies in einen weiten, weißen Rrantel gewickelt war, deſſen Capuze ſeinen Kopf verhüllte und deſſen Falten ſeine Hände verbargen. „Entfernt Euch, gute Amme,“ ſagte er mit dem leichten, gutturalen Accent, der auch die im Sprechen 166 der caſtilianiſchen Sprache am meiſten geübten Mauren unterſchied,„entfernt Euch, ich habe mit Curer Gebie⸗ terin über wichtige Dinge zu reden.“ Von einem erſten Gefühle bewogen, wollte die Amme trotz der Aufforderung des Soldaten bleiben; doch ihre Gebieterin, die ſie mit dem Blicke befragte, hieß ſie durch ein Zeichen weggehen, und ſie gehorchte. Doch als ſie durch den Corridor ging, bereute ſie als⸗ bald dieſen Gehorſam, denn ſie ſah aufrecht und ſtill⸗ ſchweigend an der Mauer den zweiten Soldaten, der ſich ohne Zweifel bereit hielt, die Befehle desjenigen zu vollziehen, welcher zu der Königin eingetreten. Sobald die Amme an dieſem Menſchen vorüberge⸗ gangen war und ſie ſich von ihrer Gebieterin durch dieſe zwei ſeltſamen Beſuche, wie durch eine unüberſteig⸗ bare Schranke, getrennt fühlte, begriff ſie, daß Blanche verloren war. Kalt und majeſtätiſch, wie gewöhnlich, ſchritt die Gefangene auf den angeblichen Soldaten, den Boten des Koͤnigs zu. Dieſer neigte den Kopf, als ob er er⸗ kannt zu werden befürchtete. „Wir ſind nun allein, ſprecht,“ ſagte die Königin. „Madame,“ erwiederte der Unbekannte,„der König weiß, daß Ihr im Briefwechſel mit ſeinen Feinden ge⸗ ſtanden ſeid, was, wie Euch bekannt, ein Verbrechen des Verraths an dem oberſten Haupte iſt.“ „Und der König weiß dies erſt heute?“ entgegnete die Königin mit derſelben Ruhe und derſelben Majeſtät. „Mir ſcheint, ich werde ſchon lange genug für das Ver⸗ brechen beſtraft, das man erſt ſeit heute zu wiſſen vor⸗ j 7 Der Soldat erhob das Haupt und erwiederte: „Madame, der König ſpricht diesmal nicht von den Feinden ſeines Thrones, ſondern von den Feinden ſei⸗ ner Ehre. Die Königin von Caſtilien darf in keinem Verdacht ſtehen, und dennoch hat ſie Anlaß zum Aerger⸗ niß gegeben.“ 3 167 „Vollzieht Euren Auftrag und geht, wenn Ihr da⸗ mit zu Ende ſeid,“ ſprach die Königin. Der Soldat ſchwieg einen Augenblick, als ob er weiter zu gehen zögerte, und ſagte ſodann: „HFen Ihr die Geſchichte von Don Guttiere?“ „Nein.“ „Sie iſt doch neu und hat ziemlich viel Lärmen erregt.“ „Die neuen Dinge weiß ich nicht,“ erwiederte Blanche,„und der Lärmen, ſo groß er auch ſein mag, dringt nur ſchwer durch die Mauern dieſes Schloſſes.“ „Nun wohl, ich will ſie Euch erzählen,“ ſagte der Bote. Genöthigt, zu hören, blieb die Königin ruhig und würdig ſtehen. „Don Guttiere,“ ſprach der Bote,„heirathete eine junge, ſchöne Frau von ſechzehn Jahren, gerade von dem Alter, das Eure Hoheit hatte, als ſie den König Don Pedro heirathete.“ Die Königin blieb unempfindlich bei dieſer Anſpie⸗ lung, ſo unmittelbar ſte auch war. „Dieſe Frau,“ fuhr der Soldat fort,„nannte ſich, ehe ſie Senora Guttiere war, Dona Mencia, und unter dieſem ihrem Mädchennamen hatte ſie einen Herrn ge⸗ liebt, der kein anderer war, als der Bruder des Kö⸗ nigs, der Graf Enrique von Transtamare. Die Koͤnigin ſchauerte. Als Don Guttiere in einer Nacht nach Hauſe zu⸗ rückkehrte, fand er ſie ganz zitternd und ganz angſtlich. Sie behauptete, einen Mann in ihrem Zimmer verbor⸗ gen geſehen zu haben. Don Guttiere nahm eine Kerze und ſuchte; doch er fand nichts, als einen ſo reichen Dolch, daß er wohl ſah, dieſer Dolch könne nicht einem einfachen Edelmann gehören. Der Name des Fabrikanten ſtand auf dem Griff; er ſuchte ihn auf und fragte ihn, an wen er dieſen Dolch verkauft habe. 1 ——õõyy 168 „„An den Infanten Don Enrique, den Bruder des Königs Don Pedro,““ antwortete der Fabrikant. Don Guttiere wußte Alles, was er wiſſen wollte. Er konnte ſich nicht an dem Prinzen Don Enrique rä⸗ chen, denn er war ein alter Caſtilianer, voll Achtung und Ehrfurcht für ſeine Herren, der, welche Beleidi⸗ gung ihm auch angethan worden, ſeine Hände nicht in ein königliches Blut hätte tauchen wollen. „Aber Dona Mencia war die Tochter eines ein⸗ fachen Edelmanns, an ihr konnte er ſich alſo rächen, und er rächte ſich auch.“ „Wie dies?“ fragte die Königin, fortgeriſſen durch die Theilnahme, die ihr die Erzählung dieſes Abenteuers einflößte, welches eine ſo große Aehnlichkeit mit dem ihrigen hatte. „Ohl auf eine ganz einfache Weiſe,“ erwiederte der Bote.„Er erwartete einen armen Wundarzt Na⸗ mens Ludovico vor ſeiner Thüre, und als dieſer nach Hauſe kehrte, ſetzte er ihm den Dolch an die Kehle, verband ihm die Augen und führte ihn in ſein Haus. „Sobald ſte hier waren, nahm er ihm die Binde ab. Eine Frau war auf ein Bett gefeſſelt; zwei Ker⸗ zen brannten, die eine zu ihren Häupten, die andere zu ihren Füßen, als ob ſie ſchon todt wäre. Ihr linker Arm beſonders war ſo feſt angebunden, daß ſie ſich vergebens angeſtrengt hätte, um ſich von ihren Banden loszumachen. Der Wundarzt blieb ganz beſtürzt, denn er begriff dieſes Schauſpiel nicht. „„Oeffnet dieſer Frau eine Ader,““ ſprach Don Gut⸗ tiere,„vund laßt ihr Blut fließen, bis ſie ſtirbt.““ „Der Wundarzt wollte Widerſtand leiſten, doch er fühlte, wie der Dolch von Guttiere durch ſeine Kleider drang und ſeine Bruſt zu durchbohren im Begriff war, und gehorchte. In derſelben Nacht warf ſich ein blei⸗ cher, ganz blutiger Mann zu den Füßen von Don Pedro. „„Sire,““ ſprach er,„nin dieſer Nacht hat man mich mit verbundenen Augen und den Dolch an meiner 169 Kehle in ein Haus geſchleppt, und daſelbſt durch Ge⸗ walt gezwungen, einer Frau eine Ader zu öffnen und das Blut fließen zu laſſen, bis ſie todt war.““ „„Wer hat Dich gezwungen?““ fragte der König. „„Wie heißt der Mörder?““ „„Ich weiß es nicht““, antwortete Ludovico.„„Doch, ohne daß mich Jemand ſah, tauchte ich meine Hand in das Gefäß, und da ich wegging, ſtellte ich mich, als ſtolperte ich, und drückte meine blutige Hand an die Thüre. Sucht, Sire, und das Haus, an deſſen Thüre Ihr eine blutige Hand ſehen werdet, iſt das des Schul⸗ digen.““ 3„Der König Don Pedro nahm den Alcayde von Sevilla mit ſich, und ſie durchwanderten mit einander die Stadt, bis er das blutige Merkmal gefunden hatte; er klopfte an die Thüre, und Don Guttiere öffnete ſelbſt, denn er hatte durch das Fenſter den hohen Beſuch er⸗ kannt.“ „„Don Guttiere,““ ſagte der König,„„wo iſt Dona Mencia?“ „„Ihr ſollt ſte ſehen, Sire,““ antwortete der Spanier.— „Und er führte den König in das Zimmer, wo die Kerzen noch brannten, und wo das Becken voll lauen Blutes noch rauchte, und ſprach: „„Sire, hier iſt Diejenige, welche Ihr ſucht.““ „„Was hatte Euch dieſe Frau gethan?““ fragte der König. „„Sie hatte mich verrathen, Sire.““ „„Und warum habt Ihr Euch an Ihr und nicht an ihrem Mitſchuldigen gerächt?““ „„Weil Ihr Mitſchuldiger der Prinz Don Enrique den Transtamare, der Bruder des Königs Don Pedro iſt.“ „„Habt Ihr einen Beweis für das, was Ihr ſagt?““.. nHier iſt der eigene Dolch des Prinzen, den er 170 in dem Zimmer meiner Frau fallen ließ, und den ich daſelbſt bei meinem Eintritt fand.““ „„Es iſt gut,““ ſprach der König,„„laßt Dona Mencia beerdigen und die Thüre Eures Hauſes reinigen, an der man eine blutige Hand ſieht.““ „„Nein, Sire,““ entgegnete Don Guttiere;„„Je⸗ der, der ein öffentliches Geſchäft treibt, pflegt das darſtellende Zeichen ſeines Gewerbes über ſeine Thüre zu ſetzen; ich bin der Arzt meiner Ehre, und dieſe blu⸗ tige Hand iſt mein Schild.““ „„Es ſei,““ ſprach Don Pedro,„„ſie bleibe alſo daran und lehre Eure zweite Frau, wenn Ihr eine ſolche nehmt, was ſie an Treue und Verehrung ihrem Manne ſchuldig iſt.““ „und es iſt nichts Anderes geſchehen?“ „Doch, Senora; als der König Don Pedro in den Palaſt zurückkehrte, verbannte er den Infanten Don Enrique.“. „Nunl in welchem Zuſammenhang ſteht dieſe Ge⸗ ſchichte mit mir?“ fragte die Königin,„und in welcher Hinſicht gleicht mir Dona Mencia?“ „Darin, daß ſie wie Ihr die Chre ihres Gatten verrathen hat,“ erwiederte der Soldat,„und darin, daß der König Don Pedro wie Don Guttiere, deſſen Ver⸗ fahren er guthieß und den er begnadigte, ſchon an Eurem Mitſchuldigen Gerechtigkeit geübt hat.“ „An meinem Mitſchuldigen! Was willſt Du damit ſagen, Soldat?“ ſragte Blanche, welche dieſe Worte an das Billet von Don Federigo und an ihren voran⸗ gegangen Schrecken erinnerten. „Ich will damit ſagen, daß der Großmeiſter todt iſt,“ antwortete mit kaltem Tone der Soldat„todt für das Verbrechen des Verraths an der Ehre ſeines Königs, und daß Ihr Euch, deſſelben Verbrechens ſchuldig, wie er, zum Sterben bereit halten müßt.“ Blanche war wie in Eis verwandelt, nicht durch 171 die Ankündigung, daß ſie ſterben ſollte, ſondern durch die Nachricht, ihr Geliebter ſei todt. „Todt?“ ſagte ſie;„es iſt alſo wahr, er iſt todt!“ Die geſchickteſte Betonung der menſchlichen Stimme hätte nicht die Verzweiflung auszudrücken vermocht, welche in dieſen Worten der jungen Frau lag. „Ja, Senora,“ erwiederte der mauriſche Soldat, „und ich habe dreißig Soldaten mitgebracht, um den Leib der Königin von Medina Sidonia nach Sevilla zu begleiten, wo ihr, obgleich ſie ſchuldig iſt, die letzte Ehre erwieſen werden ſoll.“ „Soldat,“ ſprach die Köonigin,„ich habe Dir ſchon geſagt, der König Don Pedro ſei mein Richter, und Du ſeiſt es nicht.“ „Es iſt gut, Senora,“ verſetzte der Soldat. Und er zog aus ſeiner Taſche eine lange, biegſame ſeidene Schnur, an deren Ende er eine Schlinge machte. Dieſe kalte Grauſamkeit empörte die Königin. „Oh!“ rief ſie,„wie konnte der König Don Pedro in ſeinem ganzen Reiche einen Spanier finden, der dieſen chändlichen Auftrag übernahm?...“ „Ich bin kein Spanier: ich bin ein Maure!“ ent⸗ gegnete der Soldat, während er den Kopf erhob und die weiße Capuze zurückſchlug, die ſein Geſicht verhüllte. „Mothril!“ rief ſie,„Mothril, die Geißel Spaniens!..“ „Ein Mann von vornehmer Abkunft, Senora, der den Kopf ſeiner Königin, wenn er ihn berührt, nicht entehrt,“ erwiederte Mothril lachend. Und er that, den unſeligen Strick in der Hand, einen Schritt gegen Blanche. Der Inſtinct der Lebens⸗ erhaltung machte, daß die junge Frau von dem Mörder einen Schritt dem gleich, zurückwich, welchen er gethan hatte, um ſich ihr zu nähern. „Oh! Ihr werdet mich nicht ſo ohne Gebet und im Zuſtande der Sünde toͤdten!“ rief Blanche. „Senora,“ erwiederte der wilde Bote,„Ihr ſeid * 172 nicht im Zuſtande der Sünde, da Ihr Euch unſchuldig nennt.“ „Elender! der Du es wagſt, Deine Königin zu beſchimpfen, ehe Du ſie erwürgſt. Oh! Feigling! daß ich nicht einen meiner braven Franzoſen zu meinem Schutze hier habe!“ „Ja,“ ſagte Mothril lachend,„doch unglücklicher Weiſe ſind Eure braven Franzoſen jenſeits der Pyre⸗ näen, und wenn nicht Euer Gott ein Wunder thut...“ „Mein Gott iſt groß!“ rief Blanche.„Zu Hülfe! Ritter! zu Hülfe!“ Und ſie ſprang nach der Thüre; doch ehe ſie die Schwelle erreicht, hatte Mothril die Schnur geſchleudert, welche auch auf ihren Schultern blieb. Er zog nun die Schlinge an ſich, und in dieſem Augenblick geſchah es, daß die Königin, als ſie fühlte, wie ihr das kalte Hals⸗ band die Kehle zuſammenſchnürte, das klägliche Geſchrei ausſtieß. In dieſem Augenblick geſchah es auch, daß Mauleon, den Rath ſeines Knappen vergeſſend, nach der Seite fortſtürzte, woher die Stimme der Königin kam. „Zu Hülfe!“ rief die junge Frau mit zuſammen⸗ gepreßter Stimme, während ſie ſich auf dem Boden ſträubte. „Rufe, rufe,“ ſprach der Maure, die Schlinge an⸗ ziehend, an welche ſich die junge Frau mit beiden Händen krampfhaft anklammerte,„rufe, und wir werden ſehen, wer Dir zu Hülfe kommt, Dein Gott oder Dein Lieb⸗ aber. Plötzlich klirrten Sporen im Corridor, und auf der Thürſchwelle erſchien der Ritter vor dem erſtaunten Mauren. Die Königin ſtieß einen Seufzer gemiſcht aus Freude und Schmerz aus. Agenor ſchwang ſein Schwert, doch Mothril zwang mit kräftigem Arm die Königin, ſich zu erheben, und machte ſich einen Schild aus ihrem Leibe. Das Stöhnen der Unglücklichen hatte ſich in ein ————— 173 dumpfes, erſticktes Röcheln verwandelt, ihre Arme krümm⸗ ten ſich durch die Gewalt des Schmerzes und ihre Lippen wurden blau. „Kebir!“ rief Mothril arabiſch,„Kebir! komm mir zu Hulfe.“ Und er bedeckte ſich zugleich mit dem Leibe der Königin und mit einem von jenen furchtbaren Säbeln, deren innere Krümmung einen Kopf, wenn ſie ihn faßt, Jöſchneiden und fliegen macht, wie die Sichel eine ehre.. „Ah! Ungläubiger!“ rief Agenor,„Du willſt eine Tochter Frankreichs tödten!“ Und er ſuchte über dem Kopfe der Königin Mothril mit ſeinem Schwerte zu ſchlagen. Doch in demſelben Augenblick fühlte er ſich mitten um den Leib gepackt und zurückgebogen durch Kebir, deſſen beide Arme ihm einen eiſernen Gürtel machten. Er wandte ſich gegen dieſen neuen Gegner um, doch damit ging eine koſtbare Zeit verloren. Die Kö⸗ nigin war wieder auf ihre Kniee gefallen; ſie ſchrie nicht mehr, ſie röchelte nicht mehr. Sie ſchien todt zu ſein. Kebir ſuchte mit den Augen an dem Ritter eine Stelle, wo er, die Arme eine Secunde von ſeinem Leibe löſend, den Dolch einbohren könnte, den er zwiſchen den Zähnen hielt. Dieſe Seene hatte weniger Zeit gebraucht, um bis zu dem Punkte zu gelangen, wo wir ſind, als der Blitz braucht, um zu glänzen und zu verſchwinden. Es war auch die Zeit, die Muſaron brauchte, um ſeinem Herrn zu folgen und ebenfalls in das Zimmer der Königin zu kommen. Er kam. „Der Schrei, den er ausſtieß, als er ſah, was vor⸗ ging, belehrte Agenor von der unerwarteten Verſtär⸗ kung, die er erhielt. 174 „Die Königin zuerſt!“ rief der Ritter, ſtets von dem kräftigen Kebir zuſammengepreßt. Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein, dann höͤrte Mauleon ein Schwirren an ſeinem Ohr vorüber, und er fühlte, wie ſich die Arme des Mauren löſten. Der von der Armbruſt von Mufaron geſchleuderte Bolzen hatte ihm die Kehle durchbohrt. „Geſchwinde an die Thüre!“ rief Agenor;„ver⸗ ſperre jeden Zugang: ich will den Räuber tödten!“ Und den Leichnam von Kebir abſchüttelnd, der noch durch einen Reſt von Kraftanwendung an ihm hing und dann ſchwerfällig auf den Boden fiel, ſprang er auf Mothril zu; und ehe dieſer Zeit gehabt hatte, ſich zu erheben und in Vertheidigung zu ſetzen, führte er einen ſo gewaltigen Streich, daß das ſchwere Schwert die doppelte eiſerne Verhüllung des Kopfes durchſchnitt und in den Schädel eindrang. Die Augen des Mauren ver⸗ dunkelten ſich, ſein dickes ſchwarzes Blut überſtrömte ſeinen Bart, und er ſiel auf Blanche, als hätte er nocj in ſeinen letzten Convulſionen ſein Opfer erſticken wollen. Agenor entfernte den Mauren durch einen Fußtritt, neigte ſich über die Königin herab und zog raſch die beinahe gänzlich im Fleiſch verborgene Schlinge aus einander. Ein langer Seufzer deutete allein an, daß die Königin noch nicht todt war; doch ihre ganze Perſon ſchien gelähmt. „Der Sieg iſt unſer!“ rief Muſaron.„Herr Ritter, nehmt die junge Dame beim Kopf, ich will ſie bei den Füßen nehmen, und ſo bringen wir ſie fort.“ Als ob ſie dieſe Worte gehört hätte, als ob ſie ihren Befreiern hätte zu Hülfe kommen wollen, erhob ſich die Königin mit einer krampfhaften Bewegung, und das Leben ſtieg wieder auf ihre Lippen. „Unnöthig, unnöthig,“ ſagte ſie;„laßt mich; ich bin ſchon mehr als halb im Grabe. Nur ein Kreuz, daß ich das Sinnbild unſerer Erloͤſung küſſend ſterbe., — OSl—- —— 175 Agenor gab ihr den Griff ſeines Schwertes zu küſſen, der ein Kreuz bildete. „Ach! ach!“ ſprach die Königin,„kaum vom Himmel herabgeſtiegen, ſteige ich wieder zu ihm hinauf, kehre ich unter die Jungfrauen, meine Gefährtinnen, zurück. Gott wird mir vergeben, denn ich habe ſehr geliebt, denn ich habe ſehr gelitten.“ „Kommt, kommt,“ ſagte der Ritter,„noch iſt es Zeit, wir werden Euch retten.“ Sie ergriff die Hand von Agenor. „Nein, nein!“ ſagte ſie,„Alles iſt für mich vor⸗ bei. Ihr habt Alles gethan, was Ihr thun konntet. Flieht, verlaßt Spanien, kehrt nach Frankreich zurück, ſucht meine Schweſter auf, erzählt ihr Alles, was Ihr geſehen habt, und ſie räche uns. Ich will Don Fede⸗ äaſigen, wie ſehr Ihr ein edler und treuer Freund eid.. Und ſie ſtreifte einen Ring von ihrem Finger, reichte ihn dem Ritter und ſagte: „Ihr werdet ihr dieſen Ring einhändigen, es iſt derjenige, welchen ſie mir in der Stunde meiner Ab⸗ reiſe im Namen ihres Gemahls, des Königs Karl, gegeben.“— Nach dieſen Worten erhob ſie ſich zum zweiten Mal zu dem Kreuz des Schwertes von Agenor, und ſte verſchied in dem Augenblick, wo ſie das ſymboliſche Eiſen mit ihren Lippen berührte. „Soher Herr!“ rief Muſaron, nach dem Gange bithorcheid„ſte kommen, ſie laufen, ſie ſind zahl⸗ reich.“ „Man darf den Leib meiner Königin nicht mit den Leibern von Moͤrdern vermiſcht finden,“ ſprach Agenor; nhilf mir, Muſaron. uUnd er nahm den Leichnam von Blanche, ſetzte ihn majeſtätiſch auf ihren geſchnitzten Stuhl und ſtellte ihren Fuß auf das blutige Haupt von Mothril, wie die 176 Maler und Bildhauer den Fuß der Jungfrau auf den zermalmten Kopf der Schlange geſetzt haben. „und nun laß uns von hinnen eilen, wenn wir nicht eingeſchloſſen ſind,“ ſprach Agenor. Zehn Minuten nachher befanden ſich die zwei Fran⸗ zoſen wieder unter dem Himmelsgewölbe und ſahen, als ſie den Weg nach dem Adamsfeigenbaum nahmen, den Leichnam des Soldaten, der, in derſelben Stellung und ſtets durch die Mauer gehalten, an die er ſich an⸗- gelehnt hatte, mit ſeinen großen blickloſen Augen, die der Tod zu ſchließen vergeſſen hatte, noch Schildwache zu ſtehen ſchien. Sie befanden ſich ſchon jenſeits des Grabens, als ein raſches Bewegen der Fackeln und eine Verdoppe⸗ lung des Geſchreis ſie belehrten, daß das Geheimniß des Thurms entdeckt war. Bwölftes Kapitel. — Wie der Baſtard von Mauleon nach Frankreich abreiſte, und was ihm unterweges begegnete. Agenor ſchlug, um nach Frankreich zurückzukehren, beinahe denſelben Weg ein, den er gewählt hatte, um nach Spanien zu kommen. Allein und folglich keine Furcht einflößend, arm und daher keinen Neid, keine Begierde erregend, hoffte er ſich mit Glück der Sen⸗ dung zu entledigen, mit der ihn die ſterbende Königin beauftragt hatte; doch er mußte auf dem Wege miß⸗ trauen:. 4 Zuerſt den Ausſätzigen, welche, wie man ſagte, die —,— 4 177 Brunnen mit einer Miſchung von beſchmierten Haaren, Natternköpfen und Krötenfüßen vergifteten; Sodann den Juden, die mit den Ansſätzigen und gewöhnlich mit Allem, was den Chriſten Schaden oder Boͤſes zufügen konnte, verbunden waren; Ferner dem Koöͤnig von Navarra dem Feinde des Koͤnigs von Frankreich, und folglich der Franzoſen; Ferner Jacques, die, nachdem ſie lange Zeit das Volk gegen den Adel aufgewiegelt, es dahin gebracht hatten, daß ſie den Dreſchflegel und die Senſe gegen die Rüſtung erhoben; Ferner dem Engländer, der ſich verrätheriſcher Weiſe an allen guten Ecken des ſchönen Frankreichs aufpflanzte, in Bayonne, in Bordeaux, im Dauphiné, in der Normandie, in der Picardie und im Falle der Noth auch ſogar in den Vorſtädten von Paris; Den großen Compagnien endlich, heterogenen Ver⸗ einen, welche dies Alles zuſammenfaßten und gegen den Reiſenden, gegen das Eigenthum, gegen den Ein⸗ wohner, gegen die Schönheit, gegen die Macht, gegen den Reichthum ein ewig ausgehungertes Contingent von Ausſätzigen, von Juden, von Navarreſen, von Engländern, von Jacques lieferten, die andern Länder Europas nicht zu rechnen, welche jeder Frankreich durch⸗ ziehenden und verheerenden Bande ein Muſter des ge⸗ brechlichſten und ſchlechteſten Theils ihrer Bevölkerung geliefert zu haben ſchienen. Es gab ſogar Araber in dieſen großen, ſo glücklich und reich buntſcheckigen Com⸗ pagnien: nur hatten ſie ſich aus Widerſpruchsgeiſt zu Chriſten gemacht, was ihnen wohl geſtattet war, da ſich die Chriſten ihrerſeits zu Arabern gemacht hatten. Abgeſehen von den Beſchwerden und Fährlichkeiten, von denen wir nur ein ungenügendes Programm gegeben haben, reiſte Agenor auf das Allerbequemſte. Es war für den Reiſenden in jener Zeit eine Ver⸗ pflichtung, das Manoeuvre des diebiſchen Sperliegs zu ſtudiren. Er macht keinen Sprung, er beginnt keinen Der Baſtard von Mauleon. I. 12 178 Flug, keine Bewegung, ohne den Kopf raſch nach den vier Himmelsgegenden zu drehen, um zu ſehen, ob er nicht eine Flinte, ein Netz, eine Schleuder, einen Hund, ein Kind, eine Ratte oder einen Habicht erblicke. Muſaron war dieſer unruhige Sperling, er war von Agenor mit der Führung der Börſe beauftragt worden, und hätte nicht gern ihre nicht ſehr goldene Mittelmäßigkeit in eine voͤllige Nichtigkeit verwandelt geſehen. Er errieth daher von fern die Ausſätzigen, er roch die Juden auf fünfhundert Schritte, er ſah die Engländer in jedem Gebüſch; er grüßte die Navarreſen voll Höflichkeit und zeigte den Jacques ſein langes Meſſer und ſeine kurze Armbruſt; was die großen Com⸗ pagnien betrifft, ſo fürchtete er ſie viel weniger als Mauleon, oder er fürchtete ſie vielmehr gar nicht. „Denn,“ ſagte er zu ſeinem Herrn,„wenn man uns gefangen nimmt, Herr Ritter, nun ſo treten wir ſelbſt in die großen Compagnien ein, um uns loszu⸗ kaufen, und bezahlen unſere Freiheit mit der Freiheit, die wir Andern geſtohlen haben.“ „Dies Alles wird ſchön und gut ſein, wenn ich meine Sendung erfüllt habe,“ erwiederte Agenor,„dann mag geſchehen, was Gott gefällt; doch mittlerweile möge es ihm gefallen, daß uns nichts begegne.“ So durchzogen ſie, ohne auf ein Hinderniß zu ſtoßen, das Rouſſillon, das Languedoe, das Dauphiné, das Lyonnais und gelangten bis Chalon⸗ſur⸗Saone. 1 Daß ſie ſo ungeſtraft ihres Weges zogen, war ihr Ver⸗ derben: überzeugt, ſo nahe am Hafen würde ihnen nichts mehr begegnen, wagten ſie es, eine Nacht zu reiſen, und am Morgen nach dieſer Nacht geriethen ſie in einen ſo zahlreichen und ſo gut geſtellten Hinterhalt, daß kein Widerſtand möglich warz der kluge Muſaron legte auch ſeine Hand auf den Arm ſeines Herrn, in dem Augen⸗ blick, wo dieſer unbedachtſamer Weiſe vom Leder ziehen wollte, und ſo wurden ſie ohne Schwertſtreich gefangen —,———— 179 genommen. Was ſie am meiſten befürchtet, oder was vielmehr der Ritter am meiſten befürchtet hatte, be⸗ gegnete ihnen; Muſaron und er waren in der Gewalt eines Compagnie⸗Kapitäns, des Meſſire Hugo von Caverley, eines Engländers der Geburt, eines Juden dem Geiſte, eines Arabers dem Charakter, eines Navar⸗ reſen der Schlauheit und über Allem beinahe eines Ausſätzigen dem Leibe nach, denn er hatte, wie er ſagte, den Krieg in ſo heißen Ländern mitgemacht, daß er zu ſehr an die Wärme gewöhnt worden war, um ſeine Rüſtung und ſeine eiſernen Handſchuhe ablegen zu können. Was ſeine Verleunder betrifft, und der Kapitän hatte wie alle Menſchen von erhabenem Verdienſt deren viele, ſo behaupteten ſie ganz einfach, der Kapitän lege ſeine Rüſtung nicht ab und behalte ſeine Panzerhand⸗ ſchuhe, um ſeinen zahlreichen Freunden die Krankheit nicht mitzutheilen, die er aus Italien zurückzubringen das Unglück gehabt habe. Man führte den Ritter und Muſaron unmittelbar vor den Kapitän. Es war dies ein ſchlauer Burſche, der Alles ſelbſt ſehen und fragen wollte, denn er ſagte immer, in dieſen gefährlichen Zeiten könnten ſeine Leute einen als Bauern verkleideten Prinzen entlaſſen, wo⸗ durch er eine Gelegenheit, ſein Glück zu machen, ver⸗ lieren würde. In einem Augenblick war er vertraut mit den An⸗ gelegenheiten von Mauleon, wohl verſtanden mit den⸗ jenigen Angelegenheiten, welche ſich zugeſtehen ließen; daß Anfangs von der Sendung der Königin Blanche nicht die Rede war, verſteht ſich von ſelbſt. Man ſprach hauptſächlich vom Löſegeld. „Entſchuldigt mich,“ ſagte Caverley,„ich war hier am Wege wie die Spinne unter einem Balken. Ich erwartete irgend Jemand oder irgend Etwas, Ihr kamet, und ich nahm Euch feſt; doch ohne eine böſe Abſicht gegen Euch; ach! ſeit König Karl V. Regent iſt, nämlich ſeit dem Ende des Krieges gewinnen wir unſeren Lebens⸗ * 180 unterhalt nicht mehr. Ihr ſeid ein ſehr artiger Cava⸗ lier, und ich ließe Euch mit aller Höflichkeit gehen, wenn wir in gewöhnlichen Zeiten lebten, aber ſeht Ihr, in za Zeit der Hungersnoth lieſt man die Krümchen auf.“. 3 „Hier ſind die meinigen,“ erwiederte der Ritter, indem er dem Parteigänger den Grund ſeiner Börſe zeigte.„Ich ſchwöre Euch nun bei Gott und bei dem Antheil, den er mir, wie ich hoffe, am Paradies geben wird, daß ich weder in Ländereien, noch in Geld, noch in ſonſtigen Dingen etwas Anderes beſitze. Wozu ſollte ich Euch alſo nützen? Laßt mich gehen.“ „Einmal, mein junger Freund,“ entgegnete der Kapitän Caverley, während er die kräftige Geſtalt und die martialiſche Miene des Ritters prüfend betrachtete, „einmal würdet Ihr dazu dienen, eine herrliche Wir⸗ kung in der erſten Reihe unſerer Compagnie hervorzu⸗ bringen, ſodann habt Ihr Euer Pferd, Euren Knappen, doch das iſt noch nicht Alles, was aus Euch einen koſt⸗ baren Fang für mich macht.“ „Welcher unglückliche Umſtand verleiht mir denn einen ſo großen Werth in Euren Augen?“ fragte Agenor. „Ihr ſeid Ritter, nicht wahr?“ „Ja, und zwar in Narbonne von einem der erſten Fürſten der Chriſtenheit bewehrt.“ 8 „Ihr bleibt alſo ein koſtbarer Geißel für mich, da Ihr zugeſteht, daß Ihr Ritter ſeid.“ „Ein Geißel?“ „Allerdings; Karl V. nehme einen von meinen Leuten, einen von meinen Lieutenants, und wolle ihn am erſten Baum aufknüpfen laſſen; ich drohe ihm, Euch aufknüpfen zu laſſen, und das hält ihn zurück. Läßt er ihn trotz dieſer Drohung wirklich auffnüpfen, ſo laſſe ich Euch auch aufknüpfen, und es iſt ihm peinlich, daß man einen Edelmann gehenkt hat. Doch verzeiht,“ fügte Caverley bei,„ich ſehe hier an Eurer Hand ein 181 Juwel, das ich nicht bemerkt hatte.... etwas wie einen Ring. Teufel! zeigt mir das doch einmal, Ritter. Ich bin ein Liebhaber von gut gearbeiteten Dingen, beſonders wenn die Koſtbarkeit des Stoffes den Werth der Arbeit erhöht.“ Mauleon erkannte nun leicht, mit wem er es zu thun hatte. Der Kapitän Caverley war einer von den Bandenanführern; er hatte ſich zum Räuberhauptmann gemacht, weil er, wie er ſelbſt ſagte, ſein Soldatenge⸗ werbe auf eine ehrliche Weiſe fortſetzend nichts mehr zu thun wußte. 1 „Kapitän,“ ſprach Agenor, ſeine Hand zurückzie⸗ hend,„achtet Ihr etwas auf der Welt?“ „Alles, wovor ich Furcht habe,“ antwortete der Condottiere.„Doch es iſt wahr, ich habe vor nichts Furcht.“ „Das iſt ärgerlich,“ ſagte Agenor mit kaltem Tone, „ſonſt wäre dieſer Ring von einem Werthe von...“ „Von dreihundert Livres dem Goldgewichte nach, und die Facon nicht zu rechnen,“ unterbrach ihn der Kabfſün indem er einen einfachen Blick auf das Juwel warf. „Nun wohl! dieſer Ring, Kapitän, der Eurem eigenen Zugeſtändniß nach dreihundert Livres werth iſt, würde Euch, wenn Ihr etwas gefürchtet hättet, tauſend eingetragen haben.“ „Wie ſo? ſprecht, mein junger Freund, man lernt in jedem Alter, und ich belehre mich gerne.“ „Habt Ihr wenigſtens ein Wort, Kapitän?“ „Ich glaube, daß ich früher eines hatte; doch da⸗ durch, daß ich es oft gegeben, habe ich keines mehr.“ „Ihr traut aber mindeſtens dem von Anderen, welche, da ſie es nie gegeben, das ihrige noch haben?“ „Ich würde nur dem eines einzigen Menſchen trauen, und Ihr ſeid dieſer Menſch nicht, Ritter.“ „Wer iſt es denn?“ 182 „Meſſire Bertrand Dugueselin. Doch würde Meſſire Duguesclin für Euch gut ſtehen?“ „Ich kenne ihn nicht, wenigſtens nicht perſönlich; aber ſo fremd er mir auch iſt,— wenn Ihr mich gehen laßt, wohin ich nothwendig gehen muß, wenn Ihr mich dieſen Ring an ſeine Beſtimmung übergeben laßt, ver⸗ ſpreche ich Euch im Namen von Meſſire Duguesclin ſelbſt, nicht tauſend Livres, ſondern tauſend Goldthaler.“ „Ich will lieber in baarem Geld die drei hundert Livres, die der Ring werth iſt,“ ſagte Caverley lachend, und er ſtreckte die Hand gegen Agenor aus. Der Ritter wich raſch bis zu dem Fenſter zurück, das auf den Fluß ging, und ſprach, indem er den Ring von ſeinem Finger zog und die Hand über die Saone ausſtreckte: 3 „Dieſer Ring iſt der der Königin Blanche von Ca⸗ ſtilien, und ich überbringe ihn dem König von Frank⸗ reich. Wenn Du mir Dein Wort gibſt, daß Du mich gehen läſſeſt, und ich traue ihm, ſo verſpreche ich Dir tauſend Goldthaler. Weigerſt Du Dich, ſo werfe ich den Ring in den Fluß, und Du verlierſt Ring und Löſegeld.“ „Ja, aber ich behalte Dich und laſſe Dich hängen.“ „Was eine geringe Entſchädigung für einen Rech⸗ ner iſt, wie Du biſt; und zum Beweis, daß Du meinen Tod nicht zu tauſend Thaler anſchlägſt, dient, daß Du nicht nein ſagſt.“ „Ich ſage nicht nein, weil...“ „Weil Du Furcht haſt, Kapitän; ſage nein, und der Ring iſt verloren und Du läſſeſt mich hernach hän⸗ gen, wie Du willſt. Nun! ſagſt Du nein, ſagſt Du ja?“ „Meiner Treue!“ rief Caverley voll Bewunde⸗ rung,„das nenne ich einen hübſchen Jungen. Der Teufel ſoll mich holen! bei der Milz unſeres heiligen Vaters des Papſtes, ich liebe Dich, Ritter.“ —.,— —.,— 183 „Sehr gut, und ich bin Dir dankbar dafür, wie es ſich geziemt. Doch antworte.“ „Was ſoll ich antworten?“ „Ja oder nein, ich verlange nichts Anderes, und das iſt bald geſagt!“ „Nun... ja.“ „So iſt es gut,“ ſprach der Ritter und ſteckte den Ring wieder an ſeinen Finger. „Doch unter einer Bedingung,“ fuhr der Kapitän „Nennt ſie.“ Caverley wollte antworten, als ein gewaltiger Lär⸗ men ſeine Aufmerkſamkeit erregte; dieſer Lärmen fand am Ende des Dorfes ſtatt, das am Ufer des Fluſſes lag und ganz mit Wäldern umgeben war. Mehrere Soldaten zeigten ihre erſchrockenen Geſichter an der Thüre und riefen: „Kapitän, Kapitän!“ „Es iſt gut, es iſt gut, ich komme,“ erwiederte der Condottiere, an dergleichen Vorfälle gewöhnt. Dann ſich gegen den Ritter umwendend: „Du bleibſt hier, zwölf Mann werden Dich be⸗ wachen; ich hoffe, daß ich Dir damit Ehre anthue, wie? „Es ſei,“ ſprach der Ritter,„doch ſie ſollen mir nicht nahe kommen, denn bei dem erſten Schritt, den ſie machen, ſchleudere ich den Ring in die Saone.“ „Nähert Euch ihm nicht, verlaßt ihn aber auch nicht,“ ſagte Caverley zu ſeinen Banditen. Und er grüßte den Ritter, ohne einen Augenblick ſein Helmviſir aufgehoben zu haben, und begab ſich mit einem Schritte, welcher die Sorgloſigkeit aus Gewohn⸗ heit bezeichnete, nach der Stelle des Lagers, wo der Lärm am ſtärkſten war. 3 Während der ganzen Zeit ſeiner Abweſenheit blie⸗ ben Mauleon und ſein Knappe beim Fenſter ſtehen; fort. 184 die Wachen waren auf der andern Seite des Zimmers und hielten ſich unbeweglich vor der Thüre. Der Lärmen dauerte fort, obgleich er allmälig ab⸗ nahm; endlich hörte er ganz auf, und eine habe Stunde nach ſeinem Abgang erſchien Hugo von Caverley wie⸗ der und brachte einen neuen Gefangenen mit, den die über das Land wie ein Lerchengarn ausgeſpannte Com⸗ pagnie gemacht hatte. 4 Der Gefangene ſchien ein Landedelmann zu ſein und war ſchön gewachſen; er war mit einem verroſte⸗ ten Helm und mit einem Panzer bewaffnet, der ausſah, als wäre er von einem ſeiner Ahnen auf dem Schlacht⸗ feld von Roncevaux aufgehoben worden. Beim Anblick dieſer ſeiner Rüſtung konnte man ſich Anfangs des La⸗ chens nicht erwehren; aber etwas Stolzes in ſeiner Haltung, etwas Kühnes in ſeinem Weſen, das er jedoch demüthig zu machen verſuchte, gebot den Spöttern, wenn nicht Ehrfurcht, doch wenigſtens Vorſicht. „Habt Ihr ihn gut durchſucht?“ fragte Caverley. „Ja, Kapitän,“ antwortete ein deutſcher Lieutenant, dem Caverley die Wahl der glücklichen Stellung, die er einnahm, zu verdanken hatte, eine Wahl, welche je⸗ nem nicht durch die Vortrefflichkeit dieſer Stellung, ſon⸗ dern durch die vorzüglichen Weine, die man ſchon da⸗ mals an den Ufern der Saone erzeugte, eingegeben worden war. „Wenn ich ſage ihn,“ fügte der Kapitän bei,„ſo meine ich ihn und ſeine Leute.“ „Seid unbeſorgt, die Operation iſt mit aller Strenge vorgenommen worden,“ erwiederte der deutſche Lieu⸗ tenant. „Und was habt Ihr bei ihnen gefunden?“ „Eine Mark Gold und zwei Mark Silber.“ „Bravo!“ ſagte Caverley,„der Tag ſcheint gut zu werden.“. b Daun ſich gegen den neuen Gefangenen umwen⸗ end: 3 18⁵ „Nun wollen wir ein wenig mit einander reden, mein Paladin; obſchon Ihr ſehr einem Neffen von Kaiſer Karl dem Großen gleicht, wäre es mir doch nicht unangenehm, aus Eurem eigenen Munde zu er⸗ fahren, wer Ihr ſeid: ſagt uns das offenherzig und ohne Rückhalt.“ „Ich bin, wie Ihr an meiner Ausſprache bemer⸗ ken könnt, ein armer Edelmann aus Aragonien, der Frankreich beſucht,“ antwortete der Unbekannte. „Ihr habt Recht,“ ſagte Caverley.„Frankreich iſt ein ſchönes Land. „Ja,“ bemerkte der Lieutenant,„nur iſt der Au⸗ genblick, den Ihr gewählt habt, ſchlecht.“ Mauleon mußte unwillkührlich lächeln, denn er ver⸗ mochte beſſer, als irgend Jemand, die Richtigkeit die⸗ ſer Bemerkung zu wuͤrdigen. Der fremde Edelmann blieb unempfindlich. „Sprich,“ ſagte Caverley,„Du haſt uns bis jetzt nur Dein Vaterland genannt, das heißt, die Hälfte von dem, was wir wiſſen wollen; wie iſt Dein Name?“ „Sagte ich Euch denſelben, ſo würdet Ihr ihn nicht kennen,“ antwortete der Ritter;„übrigens habe ich keinen Namen, ich bin ein Baſtard.“ „Wenn Du nicht ein Jude, ein Türke oder ein Maure biſt, haſt Du wenigſtens einen Taufnamen.“ „Ich heiße Enrique,“ erwiederte der Ritter. „Du haſt Recht. Nun lüpfe Deinen Helm ein we⸗ nig, daß wir das gute Geſicht des aragoniſchen Stroh⸗ junkers ſehen.“. Der Unbekannte zögerte und ſchaute umher, als wollte er ſich verſichern, daß keiner von ſeinen Bekann⸗ ten da ſei. Aerggerlich, daß er warten mußte, machte Caverley ein Zeichen. Einer von den Abenteurern näherte ſich dem Gefangenen, ſchlug mit dem Heft ſeines Degens an den Knopf des Helms, und hob das eiſerne Viſir in die Höhe, das das Geſicht des Unbekannten bedeckte. 186 Mauleon ſtieß einen Schrei aus: dieſes Geſicht war das auffallende Ebenbild des unglücklichen Groß⸗ meiſters Don Federigo, an deſſen Tod er indeſſen nicht zweifeln konnte, da er ſeinen Kopf in ſeinen Händen gehabt hatte. Muſaron erbleichte vor Schrecken und bekreuzte ſich. „Ah! ah! Ihr kennt Euch?“ ſagte Caverley, in⸗ dem er abwechſelnd Mauleon und den Ritter mit dem verroſteten Helm betrachtete. S Bei dieſer Aufforderung ſchaute der Unbekannte Mauleon mit einer gewiſſen Unruhe an; doch ein Blick zeigte ihm, daß er den Ritter zum erſten Mal ſah, und ſein Antlitz heiterte ſich wieder auf. „Nun?“ fragte Mauleon. „Ich!“ erwiederte der Fremde,„Ihr täuſcht Euch, ich kenne dieſen Edelmann nicht.“ „Und Du?“ „Ich auch nicht.“ „Warum haſt Du denn ſo eben einen Schrei aus⸗ geſtoßen?“ fragte der Kapitän ziemlich ungläubig, trotz des doppelten Leugnens ſeiner zwei Gefangenen. „Weil ich glaubte, Dein Soldat, als er ihm an ſein Viſir ſchlug, ſchlage ihm den Kopf ab.“ Lachend rief Caverley: „Wir ſtehen alſo in einem ſehr ſchlimmen Ruf? doch ſprich offenherzig, kennſt Du dieſen Spanier oder kennſt Du ihn nicht?“ „Bei meinem Ritterwort, ich ſehe ihn heute zum erſten Male,“ antwortete Mauleon. Und während er dieſen Schwur that, der ſtrenge der Wahrheit entſprach, zitterte Mauleon noch ob dieſer ſeltſamen Aehnlichkeit. Caverley richtete ſeine Augen von dem Einen auf dem Andern. Der unbekannte Rit⸗ ter war wieder unempfindlich geworden und ſah aus wie eine Marmorſtatue. „Sprich,“ ſagte Caverley ungeduldig, dieſes Ge⸗ heimniß zu ergründen,„Du biſt zuerſt da geweſen Rit⸗ 187 ter von.... Ich habe vergeſſen, Dich nach Deinem Namen zu fragen; doch vielleicht biſt Du auch ein Baſtard.“ „Ja, ich bin es,“ antwortete der Ritter. „Gut,“ verſetzte der Abenteurer.„Und Du haſt auch keinen Namen?“ „„Doch, ich habe einen, ich heiße Agenor, und da ich in Mauleon geboren bin, ſo nennt man mich ge⸗ wöhnlich den Baſtard von Mauleon.“ Caverley warf einen raſchen Blick auf den Unbe⸗ kannten, um zu ſehen, ob der Name, den der Ritter ausgeſprochen, einen Eindruck auf ihn machte. Keine Muskel ſeines Geſichts rührte ſich. „Wohl, Baſtard von Mauleon,“ ſprach Caverley, „Du biſt zuerſt da geweſen, und wir wollen vor Allem Deine Sache abmachen; dann gehen wir zu der von Herrn Enrique über. Wir ſagten alſo: den Ring für zweitauſend Thaler.“ „Für tauſend Thaler,“ erwiederte Mauleon. „Du glaubſt?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Das kann wohl ſein. Den Ring alſo für tauſend Thaler. Du betheuerſt mir, daß es der Ning von Blanche von Bourbon iſt?“ „Ja!“ ſagte der Ritter. Der Unbekannte machte eine Bewegung des Er⸗ ſtaunens, welche Mauleon nicht entging. „Der Königin von Caſtilien?“ fuhr Caverley fort. „Der Königin von Caſtilien,“ erwiederte Agenor. Der Unbekannte verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit. „Der Schwägerin von König Karl V.?“ fragte der Kapitän. „Der Schwägerin von König Karl V.* Der Unbekannte war ganz Ohr geworden. „Derſelben, welche im Schloſſe Medina Sidonia auf Befehl ihres Gemahls des Königs Don Pedro ge⸗ fangen ſitzt?“ ſagte Caverley. 188 „Derſelben, welche auf Befehl ihres Gemahls Don Pedro im Schloſſe Medina Sidonia erdroſſelt worden iſt,“ antwortete der Unbekannte mit kaltem, aber ein⸗ ſchneidendem Tone. Mauleon ſchaute ihn ganz verwundert an. „Ah! ah!“ rief Caverley,„die Sache verwickelt ſi 835 „Woher wißt Ihr dieſe Kunde?“ fragte Mauleon den Unbekannten;„ich glaubte der Erſte zu ſein, der ſie nach Frankreich brächte.“ „Habe ich Euch nicht geſagt, ich ſei ein Spanier und komme aus Aragonien?“ erwiederte der Unbekannte. „Ich erfuhr dieſe Kataſtrophe, welche im Augenblick meiner Abreiſe großen Lärmen in Spanien machte.“ „Aber wenn die Königin Blanche von Bourbon todt iſt, woher haſt Du ihren Ring?“ fragte Caverley. „Sie hat ihn mir übergeben, ehe ſie ſtarb, um ihn ihrer Schweſter der Königin von Fraukreich zu über⸗ geben und ihr zugleich zu ſagen, wer ihren Tod be⸗ fohlen und wie ſie geſtorben.“ „Ihr habt alſo ihren letzten Augenblicken beige⸗ wohnt?“ fragte der Unbekannte lebhaft. „Ja,“ antwortete Agenor,„und ich war es ſogar, der ihren Mörder tödtete.“ „Einen Mauren?“ fragte der Unbekannte. „Mothril,“ antwortete der Ritter. „So iſt es, doch Ihr habt ihn nicht getödtet.“ „Wie?“ „Ihr habt ihn nur verwundet.“ „Alle Wetter!“ ſagte Muſaron,„wenn ich das gewußt hätte! Ich hatte noch elf Bolzen in meinem Köcher.“ „Dies Alles,“ ſprach Caverley,„kann für Andere ſehr intereſſant ſein, doch mich geht es nicht im Ge⸗ ringſten an, in Betracht, daß ich weder ein Spanier, noch ein Franzoſe bin.“ „Das iſt richtig,“ erwiederte Mauleon;„es iſt — * 189 alſo abgemacht, Du behältſt Alles, was ich bei mir hatte, Du gibſt mir und meinem Knappen die Freiheit.“ „Von dem Knappen war nicht die Rede,“ ent⸗ gegnete Caverley. „Weil ſich das von ſelbſt verſtand. Du läſſeſt mir dieſen Ring, und dafür gebe ich Dir tauſend Thaler.“ „Vortrefflich; doch dabei nur eine kleine Bedingung.“ „Eine Bedingung?“ „Die ich Dir in dem Augenblick, wo wir geſtört wurden, ſagen wollte.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Agenor,„ich erinnere mich nun: und was war dieſe Bedingung“ „Außer dieſen tauſend Thalern, zu deren Betrag ich den Laufpaß ſchätze, den ich Dir gebe, biſt Du mir noch den Dienſt in meiner Compagnie während der ganzen Zeit des erſten Feldzugs ſchuldig, bei dem es König Karl V. uns zu verwenden belieben wird, oder den ich für eigene Rechnung zu führen belieben werde.“ Mauleon machte einen Sprung des Erſtaunens. „Ahl das ſind meine Bedingungen,“ ſprach Caver⸗ ley;„ſo wird es ſein, oder es wird nicht ſein. Du unterzeichneſt, daß Du zur Compagnie gehörſt, und gegen dieſe Zuſage biſt Du frei... für den Augen⸗ blick wenigſtens.“ „Und wenn ich nicht zurückkomme?“ ſagte Mauleon. „Ohl Du wirſt zurückkommen, da Du behaupteſt, Du habeſt ein Wort,“ erwiederte Caverley. „Gut, es ſei, ich willige ein, doch unter einem einzigen Vorbehalt.“ „Unter welchem?“ „Daß Du mich unter keinerlei Vorwand die Waffen gegen Frankreich führen laſſen kannſt.“ „Das iſt billig; ich dachte nicht daran,“ erwiederte Caverley,„ich, der ich keinen andern König habe, als den von England, und auch... Wir ſchreiben alſo einen Vertrag, und Du unterzeichneſt ihn.“ „Ich kann nicht ſchreiben,“ entgegnete der Ritter, 190 der, ohne ſich im Geringſten zu ſchämen, die unter den Adeligen jener Zeit im Allgemeinen verbreitete Unwiſſen⸗ heit theilte.„Doch mein Knappe wird ſchreiben.“ „Und Du machſt ein Kreuz?“ ſagte Caverley. „Ich mache es.“ Er nahm ein Pergament, eine Feder, und reichte Beides Muſaron, der unter ſeinem Dictate Folgendes ſchrieb: „Ich, Agenor, Ritter von Mauleon, mache mich verbindlich, ſobald meine Sendung bei König Karl V. vollendet iſt, zu Meſſire Hugo von Caverley, wo er auch ſein mag, zurückzukehren und ihm mit meinem Knappen während der ganzen Dauer des erſten Feld⸗ zugs zu dienen, vorausgeſetzt, daß dieſer erſte Feldzug weder gegen den König von Frankreich, noch gegen Monſeigneur den Grafen von Foix, meinen Oberlehens⸗ herrn, gerichtet iſt.“ „Und die tauſend Thaler?“ bemerkte Caverley. „Das iſt richtig,“ ſprach Agenor,„ich vergaß ſie.“ „Ja, aber ich habe ein gutes Gedächtniß.“ Agenor dictirte Muſaron weiter. „Und ich werde genanntem Sire Hugo Caverley die Summe von tauſend Thalern zuſtellen, die ich ihm dafür, daß er mir für den Augenblick meine Freiheit gegeben, ſchuldig zu ſein anerkenne.“ Der Knappe fügte den Tag und die Jahreszahl bei; dann nahm der Ritter die Feder, wie er ungefähr einen Dolch genommen hätte, und machte kühn ein Zeichen in Form eines Kreuzes. Caverley nahm das Pergament, las es mit ängſt⸗ licher Aufmerkſamkeit, nahm Sand, beſtreute damit die noch feuchte Schrift, legte das Pergament ſauber zu⸗ ſammen und ſchob es in ſein Wehrgehänge. — 191 „Das iſt nun gut,“ ſagte er.„Du kannſt gehen, Du biſt frei.“ „Höre,“ ſprach der Unbekannte,„da ich keine Zeit zu verlieren habe und auch durch eine wichtige An⸗ gelegenheit nach Paris gerufen werde, ſo biete ich Dir an, mich unter denſelben Bedingungen wie dieſer Ritter loszukaufen.“ Lachend erwiederte Caverley: „Ich kenne Dich nicht.“ „Kennſt Du Meſſire Agenor von Mauleon, der, wie mir ſcheint, erſt ſeit einer Stunde in Deinen Händen iſt, beſſer?“ „Ja,“ ſprach Caverley;„wir Beobachter brauchen nicht einmal eine Stunde, um die Menſchen zu wür⸗ digen, und während der Stunde, die der Ritter bei mir zugebracht, hat er etwas gethan, wodurch ich ihn kennen lernte.“ Der aragoniſche Ritter lächelte ſeltſam. „Du nimmſt alſo meinen Vorſchlag nicht an?“ ſagte er. „Durchaus nicht.“ „Du wirſt es bereuen.“ „Bah!“ „Höre, Du haſt mir Alles genommen, was ich be⸗ ſaß, ich habe alſo für den Augenblick nichts, was ich Dir bieten könnte. Behalte meine Leute als Geißeln, behalte mein Reiſegeräthe und laß mich allein mit mei⸗ nem Pferde ziehen.“ „Alle Teufel! Du machſt mir da ein ſchönes Ge⸗ ſchenk; Dein Reiſegeräthe und Deine Leute gehören mir, da ich ſie in meinen Händen habe.“ „So laß mich wenigſtens zwei Worte zu dieſem jungen Herrn ſagen, da er frei weggeht.“ „Zwei Worte in Beziehung auf Dein Löſegeld?“ „Ganz gewiß; zu wie viel ſchätzeſt Du mich?“ „Zur Summe, die man Dir und Deinen Leuten 192 abgenommen hat: zu einem Mark Gold und zu zwei Mark Silber.“ „Es ſei,“ ſagte der Ritter. „Nun, ſo ſprich mit ihm, was Dir gut dünkt,“ verſetzte Caverley. „Hört mich, Ritter,“ ſprach der aragoniſche Edelmann. Und Beide zogen ſich in einen Winkel zurück, um frei mit einander reden zu können. Dreizehntes Kapitel. Wie ſich der aragoniſche Ritter gegen zehntauſend Goldthaler loskaufte. Der Kapitän Caverley folgte ſehr aufmerkſam mit den Augen dem Geſpräche der zwei fremden Ritter; doch der Spanier hatte Agenor weit genug von dem Aben⸗ teurer weggeführt, daß nicht eines ihrer Worte zu ihm gelangen konnte. „Herr Ritter,“ ſagte der Unbekannte,„wir ſind hier aus dem Bereiche der Stimme, doch nicht aus dem Bereiche der Augen: ich bitte Euch, ſchlagt Euer Helm⸗ viſir nieder, daß Ihr unverſtändlich und unempfindlich für alle die Menſchen ſeid, die uns umgeben.“ „Und Ihr, edler Herr,“ erwiederte Agenor,„laßt mich noch einmal, ehe Ihr das Eurige niederſchlagt, einige Augenblicke Euer Geſicht betrachten; glaubt mir Euer Anblick gewährt mir eine ſchmerzliche Freude, die, Ihr nicht begreifen könnt.“ Der Unbekannte lächelte traurig. 193 „Herr Ritter,“ ſagte er,„ſchaut mich nach Eurem Belieben an, denn ich werde mein Viſir nicht nieder⸗ ſchlagen. Obſchon ich kaum fünf oder ſechs Jahre älter bin als Ihr, habe ich doch genug gelitten, um meines Geſichtes ſicher zu ſein. Es iſt ein gehorſamer Diener und ſagt immer nur das, was es nach meinem Willen ſagen ſoll, und wenn es Euch an die Züge irgend einer geliebten Perſon erinnert, ſo wird das für mich eine Ermuthigung ſein, einen Dienſt von Euch zu fordern.“ „Sprecht.“ „Ihr ſcheint bei dem Banditen, der uns gefangen genommen hat, ſehr wohl gelitten; nicht daſſelbe iſt, wie es ſcheint, bei mir der Fall, denn während er mich hartnäckig zurückhält, erlaubt er Euch, Euxe Reiſe fortzuſetzen.“ „Ja, edler Herr,“ erwiederte Agenor, ſehr erſtaunt, als er ſah, daß der Spanier, ſeitdem er insgeheim mit ihm redete, während er noch einen leichten Accent bei⸗ behielt, doch das reinſte Franzöſiſch ſprach. „Nun!“ ſagte der Aragonier,„wie groß auch Euer, Bedürfniß ſein mag, Eure Reiſe fortzuſetzen, ſo iſt doch das meinige nicht minder groß, und ich muß, um wel⸗ chen Preis es auch ſein mag, aus den Händen dieſes Menſchen kommen.“ „Herr,“ ſprach Agenor,„wenn Ihr mir ſchwört, daß Ihr Ritter ſeid, wenn Ihr mir Euer Wort gebt, ſo kann ich meine Ehre bei dem Kapitän Caverley ver⸗ pfänden, daß er Euch frei mit mir ziehen läßt.“ „Das iſt,“ rief der Fremde freudig,„das iſt gerade der Dienſt, um den ich Euch bitten wollte. Ritter, Ihr ſeid ebenſo verſtändig als artig.“ 3 Agenor verbeugte ſich und fragte: „Ihr ſeid alſo adelig?“ „Ja, Sire Agenor, und ich darf ſogar beifügen, daß wenige Edelleute adeliger als ich zu ſein ſich rüh⸗ men können.“ Der Baſtard von Mauleon. I. 13 194 „Dann habt Ihr einen andern Namen, als den, welchen Ihr angegeben?“ „Ja, gewiß,“ erwiederte der Ritter;„doch gerade hierin wird Eure Artigkeit groß ſein; Ihr müßt Euch mit meinem Worte begnügen, ohne meinen Namen zu erfahren, denn dieſen Namen kann ich nicht ſagen.“ „Nicht einmal einem Mann, deſſen Ehre Ihr an⸗ ruft, nicht einmal einem Mann, den Ihr für Euch gut zu ſtehen bittet?“ fragte Agenor erſtaunt. „Herr Ritter,“ erwiederte der Unbekannte,„ich mache mir dieſe Vorſicht als Eurer und meiner unwür⸗ dig zum Vorwurf; doch wichtige Intereſſen, die nicht einmal die meinigen ſind, gebieten ſie. Erlangt alſo meine Freiheit, um welchen Preis Ihr wollt, und ich bezahle dieſen Preis, ſo groß er auch ſein mag, ſo wahr ich ein Edelmann bin. Wollt Ihr mir dann erlauben, ein Wort beizufügen, ſo ſage ich Euch, daß Ihr es nicht bereuen werdet, mich bei dieſer Gelegenheit Euch ver⸗ bunden zu haben.“ „Genug, genug, edler Herr,“ erwiederte Mauleon, „verlangt von mir einen Dienſt, kauft ihn mir aber nicht zum Voraus ab.“ „Später, Sire Agenor,“ verſetzte der Unbekannte nſpäter werdet Ihr die Loyalität zu ſchätzen wiſſen, die mich ſo mit Euch zu ſprechen zwingt; ich hätte für den Au⸗ genblick lügen und Euch einen falſchen Namen ſagen können, da Ihr mich nicht kennt; Ihr wäret genöthigt geweſen, Euch damit zu begnügen.“ „Ich dachte ſo eben daran,“ erwiederte Mauleon. „Ihr werdet alſo zu gleicher Zeit mit mir frei ſein, Herr Ritter, wenn der Kapitän Hugo von Caverley mir ſeine Gunſt bewahrt hat.“ Agenor verließ den Fremden, der an demſelben Platze blieb, und kehrte zu Caverley zurück, welcher ungeduldig das Reſultat der Unterredung erwartete. „Nun!“ fragte der Kapitän,„ſeid Ihr weiter vor⸗ b V V — = — 195 gerückt, als ich, mein lieber Freund, und wißt Ihr, wer der Spanier iſt?“ „Ein reicher Kaufmann aus Toledo, der in Frank⸗ reich Handel treiben will und behauptet, ſeine Gefangen⸗ ſchaft würde ihm einen beträchtlichen Nachtheil zuziehen. Er fordert mich auf, Bürgſchaft für ihn zu leiſten, nehmt Ihr ſie an?“ „Seid Ihr bereit, ſie zu geben?“- „Ja. Da ich einen Augenblick ſeine Lage getheilt habe, ſo mußte ich natürlich einwilligen. Auf, Kapitän, macht das Geſchäft rund ab.“ Caverley beſann ſich. „Ein reicher Kaufmann,“ fuhr er fort,„der ſeiner Freiheit bedarf, um ſeinen Handel zu betreiben.“ „Herr Ritter,“ flüſterte Muſaron ſeinem Herrn ins Ohr,„ich glaube, Ihr habt da ein unkluges Wort ge⸗ ſprochen.“ „Ich weiß, was ich thue,“ erwiederte der Ritter. Muſaron verbeugte ſich als ein Menſch, der die gebührende Achtung vor der Klugheit ſeines Herrn hat. „Ein reicher Kaufmann!“ wiederholte Caverley. „Teufel! Ihr begreift, das wird dann theurer zu ſtehen kommen, als bei einem Edelmann, und es kann nun bei unſerem erſten Anſchlag zu einem Mark Gold und zwei Mark Silber nicht mehr ſein Verbleiben haben.“ „Ich habe Euch offenherzig geſagt, was er iſt, Kapitän; denn ich will Euch nicht hindern, von Eurem Gefangenen ein ſeinen Verhältniſſen entſprechendes Löſe⸗ geld zu ziehen.“ „Ritter, ich habe es ſchon geſagt, Ihr ſeid ent⸗ ſchieden ein hübſcher Junge. Und wie viel bietet er? Er mußte das während Eures langen Geſpräches mit einem Worte berühren.“ „Er hat mir geſagt, ich könne bei Euch bis auf fünfhundert Thaler Silber oder Gold gehen. Gold... bei fuͤnfhundert Thaler Silber wäret Ihr betrogen.“ Caverley antwortete nicht, er bexechnete immer⸗ 196 „Fünfhundert Goldthaler,“ ſagte er endlich,„wür⸗ den bei einem einfachen Kaufmann genügen; doch Ihr habt ihn einen reichen Kaufmann genannt, wie Ihr Euch erinnern werdet.“— „Ich erinnere mich deſſen und ſehe auch, daß ich Unrecht gehabt habe, dies zu ſagen, Herr Kapitän, doch da man die Strafe für ſein Unrecht bezahlen muß, ſo ſetzen wir das Löſegeld auf tauſend Thaler feſt, und wenn ich fünfhundert Thaler für meine Schwatzhaftig⸗ keit entrichten ſoll, ſo werde ich ſie entrichten.“ „Das iſt nicht genug für einen reichen Kaufmann,“ erwiederte Caverley.„Tauſend Goldthaler ſind höchſtens das Löſegeld für einen Ritter.“ Agenor befragte mit dem Auge denjenigen, deſſen Intereſſen er zu vertheidigen beauftragt war, um zu wiſſen, ob er weiter gehen koͤnnte. Der Aragonier machte mit dem Kopf ein beſtätigendes Zeichen. „Verdoppeln wir die Summe, und Alles ſei abge⸗ macht,“ ſprach der Ritter. „Zweitauſend Goldthaler,“ ſagte der Condottiere, der ſich ſelbſt über den hohen Preis, den der Unbekannte auf ſeine Perſon ſetzte, zu wundern anfing.„Zweitau⸗ ſend Goldthaler, das iſt alſo der reichſte Kaufmann von Toledo? Meiner Treue, nein, ich glaube, daß ich einen guten Schlag gethan habe und will Nutzen daraus ziehen. Nun! er verdopple ein wenig und wir werden ſehen.“ Agenor ſchaute abermals ſeinen Clienten an, der ihm ein zweites, dem erſten ähnliches Zeichen machte. „Wohl,“ ſagte der Ritter,„da Ihr ſo anſpruchsvoll ſeid, werden wir bis auf viertauſend Goldthaler gehen.“ „Viertauſend Goldthaler,“ rief Caverley zugleich erſtaunt und entzückt,„dann iſt es ein Jude, und ich bin ein zu guter Chriſt, als daß ich einen Juden um weniger lasließe, als um...“ „Um weniger, als um wie viel?“ fragte Agenor. 5 „Um weniger als..“(der Kapitän zögerte ſelbſt ₰——— 197 vor der Summe, die er im Munde hatte, ſo übertrieben kam ihm dieſe Summe vor),„um weniger als zehntau⸗ ſend Goldthaler. Ahl meiner Treue, das Wort iſt geſagt, und das iſt noch kein Preis, bei meinem Ehren⸗ wort!“ Der Unbekannte machte ein unmerkliches Zeichen der Beiſtimmu g. „Schlagt ein,“ ſprach Agenor, indem er Caverley die Hand reichte.„Die Summe iſt uns genehm und der Preis iſt gemacht.“ „Wartet einen Augenblick,“ rief Caverley,„für zehntauſend Thaler nehme ich die Bürgſchaft des Ritters nicht an, bei der Milz des Papſtes! Für eine ſolche Garantie müßte ich einen Prinzen haben, und ich kenne ſogar viele, die ich nicht annehmen würde.“ „Treuloſer!“ rief Mauleon, während er, die Hand an ſeinem Schwerte, gerade auf Caverley zuſchritt,„ich glaube, Du mißtrauſt mir.“ „Ei! nein, mein Kind,“ erwiederte Caverley,„Du täuſcheſt Dich: nicht Dir mißtraue ich, ſondern ihm. Denkſt Du zufällig, einmal aus meinen Klauen, werde er die zehntauſend Thaler bezahlen? Nein. Beim er⸗ ſten Kreuzweg wird er ſich rechts drehen, und Du ſiehſt ihn nie mehr; er iſt nur ſo großartig in Worten oder, wenn Du lieber willſt, in Geberden geweſen, denn ich habe die Geberden geſehen, die er Dir machte, weil er die Abſicht hat, nicht zu bezahlen,“ Trotz der Unempfindlichkeit, der ſich der Fremde gerühmt hatte, ſah Agenor, wie ihm die Röthe des Zorns ins Geſicht ſtieg; doch alsbald ſich wieder be⸗ zwingend, machte er dem Ritter mit der Hand ein fürſtliches Zeichen und rief:. „Kommt, Herr Agenor, ich habe Euch noch ein ort zu ſagen.“. „Gehe nicht,“ ſprach Caverley;„er will Dich nur durch ſchöne Worte verführen und Dir dann die zehn⸗ tauſend Thaler auf dem Nacken laſſen.“— I 198 Doch der Ritter fühlte inſtinctartig, daß der Ara⸗ gonier noch mehr war, als er zu ſein ſchien, und er näherte ſich ihm daher mit vollem Vertrauen und ſogar mit einer gewiſſen Ehrfurcht. „Ich danke, edler Ritter,“ ſprach der Spanier mit leiſer Stimme;„Du haſt wohl daran gethan, Dich für mich und auf mein Wort verbindlich zu machen; Du haſt nichts zu befürchten; ich würde dieſen Caverley auf der Stelle bezahlen, wenn es mir beliebte, denn ich habe im Sattel meines Pferdes für mehr als dreimal⸗ hunderttauſend Goldthaler in Diamanten; doch der Elende würde mein Löſegeld annehmen und mich, wenn er es angenommen hätte, erſt nicht freilaſſen. Ihr wer⸗ det alſo Folgendes thun. Ihr tauſcht Euer Pferd mit mir, reiſt ab und laßt mich hier; in der nächſten Stadt trennt Ihr ſodann den Sattel, zieht einen ledernen Sack heraus und nehmt aus dieſem Sack, was Ihr an Diamanten braucht, um zehntauſend Goldthaler zu be⸗ kommen; ſobald Ihr ſie habt, holt Ihr mich hernach mit einem anſehnlichen Geleite ab.“ „Herr,“ ſprach Agenor ganz erſtaunt,„mein Gott! wer ſeid Ihr denn, daß Ihr über ſo große Mittel ver⸗ üg 2 „Indem ich in Eure Hände Alles lege, was ich beſitze, glaube ich Euch hinreichend Vertrauen zu ſchen⸗ ken, um nicht nöthig zu haben, Euch zu ſagen, wer ich bin.“ „Herr! Herr!“ verſetzte Mauleon,„ich zittere nun und Ihr wißt nicht, welche Bedenklichkeiten mich be⸗ ſtürmen. Dieſe ſeltſame Aehnlichkeit, dieſer Reichthum, das Geheimniß, das Euch umgibt... Herr, ich habe in Frankreich Intereſſen zu vertheidigen... heilige In⸗ tereſſen... welche vielleicht den Eurigen entgegenge⸗ ſetzt ſind.“ 3 „Antwortet mir,“ ſprach der Unbekannte mit dem Tone eines Mannes, der zu befehlen gewohnt iſt,„nicht wahr, Ihr geht nach Paris?“ 199 „Ja,“ erwiederte der Ritter. „Ihr geht dahin, um König Karl V. den Ring der Königin von Caſtilien zu überbringen?“ „J.4 „ör wollt dort in ihrem Namen Rache fordern?“ „Jn.“ „Gegen den König Don Pedro?“ „Gegen den König Don Pedro.“ „Dann ſeid unbeſorgt,“ ſprach der Spanier;„un⸗ ſere Intereſſen ſind dieſelben, denn der König Don Pedro hat meine... Königin getödtet, und auch ich habe geſchworen, Dona Blanche zu rächen.“ „Iſt das wahr, was Ihr da ſagt?“ fragte Agenor. „Herr Ritter,“ erwiederte der Unbekannte mit feſtem, majeſtätiſchem Ton,„ſchaut mich wohl an... Ihr behauptet, ich gleiche einem Eurer Bekannten: wer war dieſer Eine, ſprecht?“ „Oh!l mein unglücklicher Freund,“ rief der Ritter, „ohl edler Großmeiſter!... Herr, Ihr gleicht zum Täuſchen Seiner Hoheit Don Federigo.“ „Ja, nicht wahr?“ verſetzte lächelnd der Unbekannte; „eine ſeltſame Aehnlichkeit, eine Aehnlichkeit von Brüdern.“ 1„Unmöglich!“ ſprach Agenor, indem er den Ara⸗ gonier beinahe mit Schrecken anſchaute. „Geht in das nächſte Städtchen, Herr Ritter,“ fuhr der Unbekannte fort,„verkauft die Diamanten an einen Juden und ſagt dem Anführer der ſpaniſchen Truppe, Don Enrique von Transtamare ſei Gefangener des Kapitän Caverley...Ruhe; ich ſehe Euch durch Eure Rüſtung beben; bedenkt, daß man uns beobachtet.“ Agenor zitterte in der That vor Erſtaunen. Er verbeugte ſich vor dem Prinzen vielleicht ehrfurchtsvoller als er es hätte thun ſollen, und kehrte zu Caverley zurück, der ihm, um ihm die Hälfte des Weges zu er⸗ ſparen, entgegenkam. „Nun!“ ſagte der Kapitän, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte,„er hat ſchöne Worte, goldene 5 5 I 200 WMoude, und Du läſſeſt Dich durch ſie bethören, armes Kind!“ 1 „Kapitän,“ erwiederte Agenor,„die Worte dieſes Kaufmanns ſind in der That golden, denn er hat mir ein Mittel angegeben, Euch ſein Löſegeld noch vor heute Abend zu bezahlen.“ „Die zehntauſend Goldthaler?“ „Die zehntauſend Goldthaler.“ 8 „Nichts kann leichter ſein,“ ſprach der Unbekannte hinzutretend;„der Ritter ſetzt ſeine Reiſe bis an den ihm bewußten Ort fort, wo ich einiges Geld nie⸗ dergelegt habe; er bringt Dir dieſes Geld, zehn Säcke, jeden von tauſend Goldthalern; man läßt Dich dieſes Geld ſehen, berühren, damit Du Dich überzeugſt, und wenn Du Dich vollkommen überzeugt haſt, wenn das Gold in Deinen Kiſten iſt, ſo läſſeſt Du mich gehen. Heißt das zu viel verlangen? Iſt das abgemacht?“ „Abgemacht. Meiner Treue, ja, wenn Du Dein Verſprechen ausführſt,“ erwiederte Caverley, der zu träumen glaubte. Dann ſich gegen ſeinen Lieutenant umwendend, ſprach er: „Das iſt Einer, der ſeinen Werth ſehr hoch an⸗ ſölägt. Wir werden ſehen, wie er ſeine Werthſchätzunge bezahlt.“ 5 3 Agenor ſchaute den Prinzen an. „Sire Mauleon,“ ſagte dieſer,„in Erinnerung an den guten Dienſt, den Ihr mir leiſtet, und zur Dank⸗ barkeit, die ich Euch bewahre, tauſchen wir nach der brüderlichen Sitte der Ritter Pferd und Schwert. Ihr verlierk vielleicht bei dem Tauſch, doch ich werde Euch ſpäter entſchädigen.“ Agenor dankte. Caverley, der dies mitangehört hatte, brach in ein Gelächter aus. „Er betrügt Dich abermals,“ ſagte er leiſe zu dem jungen Manne.„Ich habe ſein Pferd geſehen, es iſt nicht ſo viel werth, als das Deinige. Das iſt offenbar 3 1 201 weder ein Ritter, noch ein Kaufmann, noch ein Jude; es iſt ein Araber.“ Der Prinz ſetzte ſich ruhig an einen Tiſch und hieß Muſaron einen zweiten Vertrag, dem erſten ähnlich, abfaſſen, und als dieſer abgefaßt war, zeichnete Agenor, der für den Prinzen Bürgſchaft leiſtete, ſein Kreuz darunter, wie er es bei dem ſeinigen gethan; dann, nachdem der Kapitän Caverley die Schrift mit ſeiner gewöhnlichen Genauigkeit geprüft hatte, brach der Ritter nach Chalons auf, das man jenſeits der Saone erblickte. Alles ging, wie es der Prinz geſagt hatte. Agenor fand im Sattel das lederne Säckchen und in dem ledernen Säckchen die Diamanten. Er verkaufte davon für zwölftauſend Thaler, denn von Caverley völlig geplündert, mußte der Prinz ſeine Börſe wieder füllen. Als er ſodann nach dem Lager zurück⸗ kehrte, fand er den ſpaniſchen Kapitän, den ihm Don Enrique Transtamare bezeichnet hatte; er erzählte ihm das Ereigniß des Prinzen und ließ ſich von ihm und ſeinen Leuten bis zu einem kleinen Walde begleiten, der ungefähr eine Viertelmeile von der Stelle des Lagers entfernt warz hier machten die Spanier Halt, und Agenor ritt weiter. Die Dinge gingen auf eine noch redlichere Weiſe, als es der Ritter hoffte. Caverley zählte und über⸗ zählte ſeine Goldthaler, und ſtieß dabei ſchwere Seufzer aus, denn nun erſt kam ihm der Gedanke, daß man hätte von einem Mann, der ſo raſch und pünktlich be⸗ zahlte, das Doppelte von dem, was er gefordert, ver⸗ langen können, und man würde es erhalten haben. Doch man mußte ſich entſchließen und, da der Ritter ſein Wort ſtreng gehalten hatte, auch dem ſeinigen Ge⸗ nüge leiſten. Caverley ließ alſo die zwei jungen Leute ſich ent⸗ fernen, doch nicht ohne Agenor daran zu erinnern, daß er ſich ſeiner Schuld gegen ihn noch nicht entledigt 20² habe, und daß er ihm ſeinerſeits noch tauſend Thaler und den Dienſt für einen ganzen Feldzug ſchuldig ſei. „Ich hoffe, Ihr werdet nie zu dieſem Banditen zurückkehren,“ ſprach der Prinz, ſobald ſie frei waren. „Ach!“ erwiederte Agenor,„ich werde es wohl thun müſſen.“— „Ich bezahle Alles, was Ihr braucht, um Euch loszukaufen.“ „Ihr werdet mein Wort nicht loskaufen, mein Prinz, und mein Wort iſt gegeben.“ „Bei Gott!“ rief der Prinz,„ich habe das meinige nicht gegeben, und ich laſſe Caverley hängen, ſo wahr wir Beide leben. Auf dieſe Art habe ich es nicht zu be⸗ dauren, daß ihm meine Thaler zukamen.“ In dieſem Augenblick kam man zu dem kleinen Walde, in welchem der ſpaniſche Kapitän mit ſeinen zwanzig Lanzen lag, und Enrique fand ſich freudig, ſo wohlfeilen Kaufes losgekommen zu ſein, endlich wieder mit ſeinen Freunden zuſammen. Dies war der Ausgang der ſchlimmen Angelegen⸗ heit des Prinzen und des Ritters, aus der ſich der Prinz durch das Wort des Ritters gezogen hatte. Agenor aber, der ohne Geld und ohne Freunde aufgebrochen war, hatte nun beinahe einen Schatz zu ſeiner Verfügung und zu ſeiner Beſchützung einen Prinzen. Muſaron hielt hierüber tauſend Abhandlungen, von denen die eine immer geiſtreicher war, als die andere; doch dieſe Abhandlungen, obwohl philoſophiſch, ſind ſeit dem Alterthum zu ſehr bekannt, als daß wir ſie hier berichten ſollten. Er endigte ſeine Reden mit einer Frage, welche ſo wichtig iſt, daß wir ſie nicht mit Stillſchweigen übergehen können. Ihr, da Ihr zwanzig Lanzen zu Eurer Verfügung hat⸗ — „Hoher Herr,“ ſagte er„ich begreiſe nicht, warum te 5 D —— ,————— — — 203 tet, allein mit einem Knappen und nur zwei oder drei Dienern marſchirt ſeid?“ „Mein Lieber,“ erwiederte der Prinz lachend,„dies geſchah, weil der Koͤnig Don Pedro, mein Bruder, auf allen Straßen, welche von Spanien nach Frank⸗ reich führen, Spione und Mörder geſchickt hat. Ein glänzender Zug hätte mich erkenntlich gemacht, und ich wünſchte das Incognito zu beobachten. Die Dunkelheit taugt mehr für mich als der helle Tag. Ueberdies ſoll man von mir ſagen:„„Enrique iſt aus Spanien mit drei Dienern weggegangen und iſt mit einem ganzen Heere dahin zurückgekehrt. Don Pedro hatte im Gegen⸗ theil ſein ganzes Heer in Spanien und iſt allein daraus weggegangen.“ „Brüder!...“ murmelte Agenor,„Brüder!...“ „Mein Bruder hat meinen Bruder getödtet, und ich werde meinen Bruder rächen,“ entgegnete Enrique von Transtamare. „Herr Ritter,“ ſagte Muſaron, einen Augenblick benützend, wo der Prinz mit ſeinem Lieutenant plau⸗ derte,„das iſt ein Vorwand, den der edle Enrique von Transtamare nicht für zehntauſend Thaler geben würde.“ „Wie er dem tapferen Großmeiſter gleicht! Haſt Du es bemerkt, Muſaron?“ „Herr Ritter,“ erwiederte der Knappe,„Don Fe⸗ derigo war blond und dieſer iſt roth; das Auge des 4 Großmeiſters war ſchwarz, und dieſer hat ein graues Auge; der eine hatte eine Adlernaſe, der andere hat einen Geierſchnabel; der erſte war ſchlank, der zweite iſt mager; Don Federigo hatte Feuer auf den Wangen, der Prinz Enrique von Transtamare hat Blut; nicht Don Federigo gleicht er, ſondern Don Pedro. Zwei Geier, Meſſire Agenor, zwei Geier.“ 3 „Das iſt wahr,“ dachte Mauleon,„und ſie ſchla⸗ gen ſich auf dem Leibe der Taube.“ 204 Vierzehntes Kapitel. — Wie der Baſtard von Mauleon König Karl V. den Ring ſeiner Schwägerin, der Königin Blanche von Caſtilien, übergab. Im Garten eines ſchönen Gebäudes, das ſich in der Rue Saint⸗Paul erhob, aber noch in mehreren ſei⸗ ner Theile unverändert war, ging ein Mann von fünf⸗ undzwanzig bis ſechsundzwanzig Jahren, gekleidet in eine lange Robe von dunkler Farbe, mit Umſchlägen von ſchwarzem Sammet, und am Leibe umſchloſſen von einer Schnur, deren Eicheln bis auf ſeine Füße herab⸗ fielen. Gegen die Gewohnheit der Zeit hatte dieſer Mann weder Degen, noch Dolch, noch irgend ein unter⸗ ſcheidendes Merkmal des Adels. Der einzige Schmuck, den er trug, war ein kleiner Kranz von goldenen Li⸗ lien, der einen Kreis um eine von jenen ſchwarzen Sammetmützen bildete, welche der Mode des Chaperon vorhergegangen ſind. Dieſer Mann hatte alle Charak⸗ tere der reinen fränkiſchen Race; er hatte blonde Haare, zum Zeichen hoher Geburt viereckig geſchnitten, blaue Augen und einen kaſtanienbraunen Bart; auf ſeinem Geſichte, obgleich es das von uns genannte Alter an⸗ gab, war keine Leidenſchaft ausgeprägt, und ſein ern⸗ ſter Charakter bezeichnete den Mann der tiefen Gedanken undſdes langen Nachſinnens. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen, ſein Haupt ſank auf ſeine Bruſt, und er über⸗ ließ eine Hand zum Lecken zwei großen Windhunden, welche an ſeiner Seite gingen, ſtehen blieben, wenn er ſtehen blieb, und weiter ſchritten, wenn er weiter ſchritt. 4 205 In einiger Entfernung von dieſem Mann lehnte an einem Baum und einen gehaubten Falken auf der Fauſt ein junger Page mit ſorgloſem Geſicht, der den Raub⸗ vogel neckte, in welchem man an ſeinen goldenen Schellen einen Lieblingsdiener erkennen konnte. In der Ferne und an den entlegenen Stellen des Garrtens hörte man die freudigen Geſänge der Vögel, welche von den Blumen und Bäumen der neuen könig⸗ lichen Wohnſtätte Beſitz ergriffen, denn der Mann mit dem nachdenkenden Geſicht war kein Anderer, als der Regent Karl V., der das Königreich Frankreich re⸗ gierte, während ſein Vater, der König Johann, ein Sklave des gegebenen Wortes, als Gefangener in Eng⸗ land verweilte, und der dieſes ſchöne, neue Gebäude errichten ließ, um das Schloß des Louvre und den Pa⸗ laſt der Cité zu erſetzen, wo der emſige Monarch, der einzige von den franzöſiſchen Königen, den die Nachwelt den Weiſen nennen ſollte, bei ſeinen Studien nicht ge⸗ nug Einſamkeit und Ruhe fand. In den Gängen ſah man die zahlreiche Diener⸗ ſchaft dieſes prachtvollen Hauſes hin und hergehen, und über dem ungeduldigen Geſchrei des Falken, dem ent⸗ fernten Gezwitſcher der Vögel und dem Lärm der Worte, welche, ſich durchkreuzend, die Diener austauſch⸗ ten, hörte man zuweilen wie einen rollenden Donner das Brüllen großer Löwen, welche König Johann von Afrika hatte kommen laſſen, und die man in tiefen Gräben eingeſchloſſen hielt. König Karl V. folgte einem Gange dieſes Gartens und kehrte dann wieder um, wenn er zu einem gewiſſen Punkte gekommen war, um nicht die Thüre des Ge⸗ bäudes, die auf ſechs äußeren Stufen nach der Terraſſe führte, nach der dieſer Gang ausmündete, aus dem Ge⸗ ſichte zu verlieren. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen und heftete die Augen auf dieſe Thüre, durch welche er Jemand zu er⸗ warten ſchien, und obgleich dieſe Perſon wohl lebhaft erſehnt 206 war, ſetzte er, ohne daß ſein Geſicht die geringſte Un⸗ geduld nach jedem vergeblichen Warten ausdrückte, ſei⸗ nen Spaziergang mit demſelben Schritte und mit dem⸗ ſelben tiefen Ernſte wieder fort. Endlich erſchien oben auf der Freitreppe ein ſchwarz⸗ gekleideter Mann, der ein ebenholzenes Schreibzeug und Pergamente in der Hand hielt. Er überſchaute mit einem Blick den Garten, in welchen er hinabſteigen wollte, und ging, als er den König gewahrte, gerade auf dieſen zu. „Ahl Ihr ſeid es, Doctor,“ ſagte Karl ihm ent⸗ gegenſchreitend,„ich erwartete Euch; kommt Ihr aus dem Louvre?“ „Ja, Sire.“ „Iſt ein Bote von unſeren Geſandtſchaften zurück⸗ gekommen?“ „Niemand, es ſind nur zwei Ritter, welche eine lange Reiſe gemacht zu haben ſcheinen, angekommen, 4 und haben inſtändig um die Ehre gebeten, Eurer Ho⸗ heit vorgeſtellt zu werden, der ſie, wie ſie ſagen, Dinge von der größten Wichtigkeit mittheilen müſſen.“ „Und was habt Ihr gethan?“ „Ich habe ſie mitgebracht, und ſie warten auf das Belieben des Königs in einem Saale des Hotel.“ „Und keine Nachrichten von Seiner Heiligkeit dem Papſte Urban V. 2“ „Nein, Sire.“ „Keine Nachrichten von Dugueselin, den ich an ihn abgeſchickt habe?“— „Noch nicht, doch wir müſſen ohne Verzug erhal⸗ ten, da er Eurer Hoheit vor zehn Tagen ſchreiben ließ, eer würde am andern Tag Avignon verlaſſen.“ Der König blieb einen Augenblick nachdenkend und beinahe ſorgenvoll; dann, als faßte er einen Entſchluß⸗ ſagte er: „Nun, Doctor, laßt die Depechen ſehen.“ Und ganz zitternd, als ob jeder neue Brief ihm — 207 ein neues Unglück mittheilen müßte, ſetzte ſich der Kö⸗ nig unter eine Laube, wo durch die Geißblattranken die Strahlen einer Auguſtſonne durchſchienen. Derjenige, welchen der König unter dem Namen Doctor bezeichnet hatte, öffnete ein Portefeuille, das er unter dem Arme trug, und zog daraus mehrere große Briefe hervor. „Nun?“ fragte der König. „Botſchaft aus der Normandie; die Engländer ha⸗ ben eine Stadt und zwei Dörfer verbrannt.“ „Trotz des Friedens!“ murmelte der König,„trotz des Vertrags von Bretigny, der uns ſo theuer zu ſtehen gekommen iſt!“ „Was werdet Ihr thun, Sire?“ „Ich werde Geld ſchicken.“ „Botſchaft von Forez.“ „Laßt hören.“ „Die großen Compagnien haben die Ufer der † Saone überfallen. Drei Staͤdte ſind geplündert wor⸗ den, ſie haben die Ernte auf dem Lande abgeſchnitten, die Reben ausgeriſſen und das Vieh weggeführt. Man hat hundert Frauen verkauft.“ Der König verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen. „Iſt denn Jacob von Bourbon nicht dort?“ fragte er;„er verſprach mir, mich aller dieſer Räuber zu ent⸗ ledigen!“ „Wartet,“ ſagte der Doctor, eine dritte Depeche öffnend.„Hier folgt ein Brief, worin von ihm die Rede iſt. Er iſt mit den großen Compagnien in Bri⸗ gnais zuſammengetroffen, er hat ihnen eine Schlacht ge⸗ liefert; doch...“ Der Doctor ſtockte und zögerte. „Doch?..“ verſetzte der König, indem er den Prief zaus ſeinen Händen nahm.„Laßt ſehen, was iſt es?“ 3 „Leſet ſelbſt, Sire.“ „Unterlegen und getödtet!“ murmelte der König, 208 „ein Prinz vom Hauſe Frankreich getödtet und erwürgt von Banditen! Und unſer heiliger Vater antwortet mir nicht. Die Entfernung von Avignon bis hieher iſt doch nicht groß.“ „Was befehlt Ihr, Sire?“ fragte der Doctor. „Nichts; was ſoll ich in Abweſenheit von Du⸗ gueselin befehlen? Iſt nicht unter dem Allem ein Bote von meinem Bruder dem König von Ungarn gekommen?0 „Nein, Sire,“ antwortete ſchüchtern der Doctor, als er ſah, daß die Laſt dieſer Unfälle das königliche Haupt immer ſchwerer bedrückte. „Und die Bretagne?“ „Immer noch in vollem Kriege begriffen: der Graf von Montfort hat Vortheile errungen.“ Karl V. ſchlug einen weniger verzweifelten, als träumeriſchen Blick zum Himmel auf und ſprach mit leiſer Stimme: „Großer Gott! ſollteſt Du Dein Frankreich ver⸗ laſſen? Mein Vater war ein guter König, doch zu kriegeriſch; ich habe fromm gelebt, o Gott, ich habe ſtets das Blut Deiner Geſchöpfe zu ſchonen geſucht, denn ich betrachtete diejenigen, über welche Du mich geſtellt, als Menſchen, von denen ich Dir Nechenſchaft geben müßte, und nicht als Sklaven, deren Blut nach meiner Laune fließen könnte. Und dennoch hat mir Niemand für meine Menſchlichkeit Dank gewußt, nicht einmal Du, mein Gott. Ich will der Barbarei, welche die Welt nach dem Chaos zurückweichen macht, einen Damm ſetzen. Die Abſicht iſt gut, deſſen bin ich ſicher, doch Niemand hilft mir, Niemand verſteht mich.“ Und der König ließ ſein träumeriſches Haupt wie⸗ der auf ſeine Hand fallen. In dieſem Augenblick vernahm man einen gewal⸗ tigen Lärmen von Trompeten und Ausrufungen, welche die Straßen durchliefen und bis an das zerſtreute Ohr des Königs ſchollen. Der Page hörte auf den Falken zu reizen und befragte den Doctor mit dem Auge. —& N — 209 „Seht, was es iſt,“ ſagte der Doctor.„Sire,“ fügte er, ſich an den König wendend, bei,„hört Ihr dieſe Fanfaren?“ „Ich ſpreche zum Himmel von Frieden und Philo⸗ ſophie und er antwortet mir Krieg und Gewaltthat.“ „Sire,“ ſprach der Page herbeilaufend,„es iſt Meſ⸗ ſire Bertrand Dugueselin, der von Avignon zurückkehrt und in die Stadt einzieht.“ „Er ſei willkommen,“ ſprach der König, und mit ſich ſelber redend, flüſterte er,„obgleich er mit mehr Lärmen kommt, als mir lieb iſt.“ Und er ſtand raſch auf, um ihm entgegenzugehen; doch ehe er das Ende der Allee erreicht hatte, erſchien eine lange Linie von Menſchen unter dem Gewölbe und ſtrömte durch das Gartenthor herein: dies waren die Leibwachen, die Ritter und das Volk, bebend vor Freude und einen Mann von mittlerem Wuchſe, mit großem Kopf, breiten Schultern und durch die Gewohnheit, zu reiten, gebogenen Beinen umgebend. Dieſer Mann war Meſſire Bertrand Dugueselin, der mit ſeinem gewöhnlichen, aber ſanften Geſichte und ſeinen geſcheiten Augen lächelte und dem Volke, den Leibwachen und den Rittern, die ihn mit Segnungen überhäuften, dankte. In dieſem Augenblick erſchien der König am Ende der Allee; Alle verbeugten ſich und Bertrand Dugues⸗ elin ſtieg raſch die Stufen hinab, um dem König ſeine Huldigung darzubringen. „Man wirft ſich vor mir nieder,“ murmelte Karl, „doch man lächelt Dugueselin zu; man achtet mich, aber man liebt ihn. Dies geſchieht, weil er das Bild jenes falſchen Ruhmes iſt, der ſo mächtig wirkt bei allen ge⸗ meinen Geiſtern, und weil ich für ſie den Frieden dar⸗ ſtelle, das heißt, für ihre kurzſichtigen Blicke, die Schmach und die Unterwürfigkeit. Dieſe Leute gehören ihrem Jahrhundert an, ich gehöre dem meinigen nicht an, und Der Baſtard von Mauleon. 1. 1414 210 ich würde ſie alle eher ins Grab legen, als ſie zu einer Aenderung veranlaſſen, welche weder ihrem Geſchmack, noch ihren Gewohnheiten entſpricht. Doch wenn mir Gott die Kraft verleiht, werde ich ausdauern.“ Dann heftete er ſeinen ruhigen, wohlwollenden Blick auf den Ritter, der ein Knie vor ihm auf die Erde ſetzte, und ſprach laut, indem er ihm die Hand mit einer Anmuth reichte, die ſeiner Perſon wie ein natür⸗ licher Wohlgeruch entſtrömte: „Seid willkommen.“ Dugueselin drückte ſeine Lippen auf die erhabene and. „Edler König,“ ſprach der Ritter aufſtehend,„hier bin ich. Ich habe mich beeilt, wie Ihr ſeht, und bringe Neuigkeiten.“ „Gute?“ fragte der König. „Sehr gute, ja, Sire. Ich habe dreitauſend Lan⸗ zen angeworben.“ Das Volk brach in Freudenſchreie als, als es hörte,— welche Verſtärkung ihm unter Anführung eines ſo ta⸗ pferen Generals zukam. „Das iſt gut, erwiederte Karl, der der Freude, welche die Worte von Duguesclin in der bewundernden Verſammlung erregt hatten, nicht entgegentreten wollte. Dann ſagte er mit leiſer Stimme: „Ach! Meſſire, Ihr hättet nicht dreitauſend Lanzen anwerben, ſondern eher ſechstauſend unterdrücken ſol⸗ len. Wir werden immer noch genug Soldaten haben, wenn wir ſie anzuwenden wiſſen.“ und er nahm den Arm des guten Ritters, der über dieſe Ehre ganz erſtaunt war, ſtieg die Stufen hinauf und durchſchritt die Menge des Volkes, der Höf⸗ linge, der Leibwachen, der Ritter und Frauen, die, als ſie ſah, welches gute Einverſtändniß zwiſchen dem Kö⸗ nig und dem General herrſchte, auf den ſie ihre Hoff⸗ nungen geſetzt, jauchzte, daß die Gewölbe zitterten. Karl V. grüßte Jedermann mit der Hand und mit 8 211 einem Lächeln, und führte den bretagniſchen Ritter in eine große Gallerie, welche ſpäter zum Ertheilen der Audienzen beſtimmt war und an ſeine Wohnung ſtieß. Das Geſchrei der Menge folgte ihm dahin, und man hörte es noch, als der König ſchon die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte.* „Sire,“ ſprach Bertrand ganz freudig,„mit der Hülfe des Himmels und der Liebe dieſer braven Leute werden wir Euer ganzes Erbe wiedererlangen, und ich bin überzeugt, daß in zwei Jahren eines gut geführten Krieges...“ „Aber um Krieg zu führen, Bertrand, braucht man Geld, viel Geld, und wir haben keines.“ „Bah! Sire, mit einer kleinen Auflage auf die Felder..“ „Es gibt keine Felder mehr, mein Freund: die Engländer haben Alles verheert, und unſere guten Ver⸗ bündeten haben vollends verſchlungen, was der Englän⸗ der verſchonte.“ „Sire, Ihr legt eine Steuer von einem Franken für den Kopf auf jedes Mitglied der Geiſtlichkeit, und erhebt einen Zehnten von ihren Gütern: die Geiſtlichen erheben dieſen Zehenten ſchon lange genug von den unſerigen.“ „Gerade deshalb ſchickte ich Euch zu unſerem hei⸗ ligen Vater dem P pſt Urban V.,“ ſagte der Königz „gibt er uns Vollmacht, dieſen Zehenten zu erheben?“ „Ohl ganz im Gegentheil,“ erwiederte Bertrand, „denn er beklagt ſich über die Armuth der Geiſtlichkeit und verlangt Geld.“ 3 „Ihr ſeht wohl, mein Freund,“ ſagte der König mit einem traurigen Lächeln,„auf dieſer Seite iſt nichts zu machen.“ „Ja, Sire; doch er bewilligt Euch eine große Gunſt.“ „Jede Gunſt, welche viel koſtet, Bertrand, iſt keine Gunſt mehr für einen König, deſſen Kaſſen leer ſind.“ 212 „Sire, er bewilligt ſie unentgeldlich.“ „So ſprecht geſchwinde, was für eine Gunſt iſt es?“ „Sire, die Geißel Frankreichs ſind in dieſem Au⸗ genblick die großen Compagnien, nicht wahr?“ „Ja, gewiß; hat der Papſt ein Mittel gefunden, ſie zu verabſchieden?“ „Nein, Sire, das überſteigt ſeine Gewalt, doch er hat ſie excommunicirt.“ „Ah! damit macht er uns den Garaus!“ rief der König, während Bertrand, der ihm dieſe Neuigkeit mit triumphirender Miene verkündigt hatte, nicht mehr wußte, was er denken ſollte;„aus Räubern werden ſie Mörder werden, aus Wölfen werden ſie ſich zu Ti⸗ gern machen; es gab vielleicht noch Einige unter ihnen, welche Gott fürchteten, und dieſe hielten die Andern im Zügel. Nun werden ſie nichts mehr zu fürchten haben und nichts mehr ſchonen. Wir ſind verloren, mein ar⸗ mer Bertrand!“ Der würdige Ritter kannte die tiefe Weisheit und den ſcharfen Geiſt des Königs. Er hatte die bei einem Mann von geringerem Scharfſinn koſtbare Eigenſchaft, daß er ein dem ſeinigen überlegenes Urtheil achtete; er dachte nach, und ſein geſunder Verſtand zeigte ihm, daß der König richtig errathen hatte. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„ſie werden lachen, wenn ſie erfahren, daß unſer heiliger Vater der Papſt ſie wie Chriſten behandelt hat, und ſie werden uns wie Mahometaner und Juden behandeln.“ „Du ſiehſt wohl, in was für einer ärgerlichen Lage wir uns befinden, mein lieber Bertrand.“ „Daran hatte ich in der That nicht gedacht, und ich glaubte Euch eine gute Nachricht zu überbringen. Soll ich zum Papſt zurückkehren und ihm ſagen, er möge ſich nicht beeilen?“ „Ich danke, Bertrand,“ erwiederte der König. „Entſchuldigt mich, Sire,“ ſprach Bertrand.„Ich muß geſtehen, ich bin ein ſchlechter Botſchafter. Mein 213 Geſchäft iſt es, zu Pferde zu ſteigen und anzugreifen, wenn Ihr mir ſagt:„„Steige zu Pferde, Gueseclin, und greif' an.““ Doch bei allen Fragen, bei welchen man mit Federſtrichen ſtatt mit Schwertſtreichen ſtreitet, Sire, bin ich ein armſeliger Politiker.“ „Und dennoch wäre nichts verloren, wenn Du mir helfen wollteſt mein lieber Bertrand.“ „Wie, wenn ich Euch helfen wollte, Sire!“ rief Duguesclin;„ich glaube wohl, daß ich will! Meinen Arm, mein Schwert, meinen Leib, Alles ſtelle ich zu Eurer erfüdune, 2 „Oh! Du wirſt mich nicht verſtehen können,“ ſagte der König mit einem Seufzer. „Ah!l Sire, das iſt wohl möglich, mein Kopf iſt etwas hart, was übrigens ein großes Glück für mich iſt, denn ich habe ſo viele Hiebe darauf bekommen, daß er, wenn ihn die Natur nicht ſo geſchaffen hätte, heute bedeutend beſchädigt wäre.“ „Ich hatte Unrecht, zu ſagen, Du könnteſt mich nicht verſtehen, mein lieber Bertrand; ich hätte ſagen müſſen, Du würdeſt mich nicht verſtehen wollen.“ „Ich würde nicht wollen?“ verſetzte Bertrand er⸗ ſtaunt.„Und wie könnte ich etwas nicht wollen, was mein König will?“ „Ei! mein lieber Bertrand, weil wir in der Regel nur die Dinge wollen, welche in unſerer Natur, in un⸗ ſeren Gewohnheiten oder in unſeren Neigungen liegen, und weil das, was ich von Dir zu verlangen habe, Dir beim erſten Anblick ſonderbar und ſogar ſeltſam vor⸗ kommen wird.“ „Sprecht immerhin, Sire.“ „Bertrand,“ ſagte der König,„Du kennſt unſere Heſchichte nicht wahr?“ icht genau, Sire,“ erwiederte Dugueselin; „ein wenig die von Bretagne, weil das mein Vater⸗ land iſt.“ „Doch Du haſt von allen den großen Niederlagen 214 ſprechen hören, welche das Königreich Frankreich zu wiederholten Malen bis auf zwei Finger breit an den Rand ſeines Untergangs gebracht haben.“ „Was das betrifft, ja, Sire. Eure Majeſtät meint ohne Zweifel die Schlacht von Courtrai, zum Beiſpiel, wo der Graf von Artois getödtet worden iſt, die Schlacht von Crécy, wo König Philipp von Valois ſich nur mit ſieben von ſeinen Leuten flüchtete, und endlich die Schlacht von Poitiers, wo König Johann zum Gefan⸗ genen gemacht worden iſt?“ „Nun wohl, Bertrand,“ ſagte der König,„haſt Du je über die Urſachen nachgedacht, welche den Ver⸗ luſt dieſer Schlachten herbeiführten?“ „‚Nein, Sire; ich denke ſo wenig als möglich nach: das ermüdet mich.“ „Ja, ich begreife das wohl; doch ich habe über dieſe Urſache nachgedacht, und ſie gefunden.“ „Wahrhaftig!“ „Ja, und ich will ſie Dir ſagen.“ „Ich höre, Sire.“ „Haſt Du bemerkt, daß die Franzoſen, ſobald ſie in der Schlacht ſind, ſtatt ſich wie die Flamänder hinter ihren Piken, oder wie die Engländer hinter ihren Pfählen zu ver⸗ ſchanzen, und ſtatt ihren Vortheil zu benützen, wenn ihnen der Augenblick günſtig dünkt, Alle untereinander nach Belieben angreifen, ohne ſich um das Terrain zu be⸗ kümmern, wobei Jeder nur darauf bedacht iſt, daß er zuerſt ankommt und die größten Hiebe thut? Daraus entſteht ein Mangel an aller Einheit, denn Jeder ge⸗ horcht nur ſeinem Willen, folgt nur einem Geſetze, dem ſeiner Laune, hört nur auf eine Stimme, der, welche ihm vorwärts zuruft. So kommt es, daß die Fla⸗ mänder und die Engländer, was ernſte und disciplinirte Völker ſind, welche der Stimme eines einzigen Führers gehorchen, zu rechter Zeit angreifen und uns beinahe immer auf das Haupt ſchlagen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Duguesclin,„es geht aller⸗ — —— „———— 215 dings ſo, doch welches Mittel hat man, um die Fran⸗ zoſen vom Angriff abzuhalten, wenn ſie den Feind vor ſich ſehen?“ „Dahin müßte man es aber gerade bringen, mein guter Duguesclin.“ „Das wäre noch möglich,“ ſagte der Ritter,„wenn ſich der König an unſere Spitze ſtellte. Vielleicht würde man dann auf ſeine Stimme hören.“ „Du täuſcheſt Dich, mein guter Bertrand; man weiß, daß ich friedl icher Natur, und darin ganz ver⸗ ſchieden von meinem Vater Johann und meinem Bruder b Philipp bin. Wenn ich nicht auf den Feind losmar⸗ ſchirte, würde man glauben, es geſchehe aus Furcht, denn die Könige von Frankreich pflegen immer dahin zu marſchiren, wo der Feind iſt; es könnte alſo nur ein anerkannter Ruf, ein gegründetes, fleckenloſes Anſehen ein ſolches Wunder bewirken! Bertrand Duguesclin alſo, wenn er es wollte.“ „Ich, Sire!“ rief der Ritter, den König mit großen verwunderten Augen anſchauend. „Ja, Du, nur Du allein, denn man weiß, Gott ſei Dank! daß Du die Gefahr liebſt, und wenn Du ihr ausweichen würdeſt, ſo könnte nicht ein Menſch arg⸗ wöhnen, es geſchehe aus Furcht.“ „Sire, was Ihr da ſagt, iſt gut für mich, aber wer würde alle dieſe Edelleute, alle dieſe Ritter zum Gehorſam bringen?“ „Du, Bertrand.“ 3„Ich! Sire,“ erwiederte der Ritter den Kopf ſchüttelnd,„ich bin ein ſehr kleiner Geſelle, um unſerem ganzen Adel, von dem die Haͤlfte edler iſt, als ich, Be⸗ fehle zu geben.“ „Bertrand, wenn Du mich unterſtützen wollteſt, wenn Du mir dienen wollteſt, wenn Du mich verſtehen wollteſt, würde ich Dich mit einem Wort größer machen, als alle dieſe Leute.“ „Ihr, Sire?“ 216 „Ja, ich,“ ſagte Karl V.— „Und was würdet Ihr denn aus mir machen?“ „Ich würde Dich zum Connetable machen.“ Bertrand entgegnete lachend: „Eure Hoheit ſpottet meiner.“ G Inein, Bertrand, ich ſpreche im Gegentheil im enſt.“ 1 „Aber, Sire, das Schwert mit der Klinge, worauf die Lilien eingegraben, glänzt gewöhnlich nur in bei⸗ nahe königlichen Händen.“ 4 „Das iſt gerade das Unglück der Nation, denn die Prinzen, welche dieſes Schwert empfangen, empfangen es als eine Apanage ihres Ranges, und nicht als eine Belohnung für ihre Dienſte; da ſie dieſes Schwert gleichſam ihrer Geburt, und nicht den Händen ihres Königs zu verdanken haben, ſo vergeſſen ſie die Pflichten, die es ihnen auferlegt, während Du, ſo oft Du dieſes Schwert aus der Scheide ziehſt, an Deinen König, der es Dir gegeben, und an das denken wirſt, was er Dir bei der Uebergabe deſſelben empfohlen hat.“ „Es iſt wahr, Sire,“ ſagte Duguesclin,„wenn mir je eine ſolche Ehre zu Theil würde... doch nein, das iſt unmöglich.“ „Wie! unmöglich?“ „Jal ja! das würde Eurer Hoheit nur ſchaden. Und man würde mir nicht gehorchen wollen, da ich nicht hinreichend vornehmer Herr bin.“ „Gehorche nur mir,“ erwiederte Karl, indem er ſeinem Geſichte den Ausdruck eines feſten Willens gab, „gehorche mir, und ich übernehme es, Dir Gehorſam zu verſchaffen.“ Duguesclin ſchüttelte zweifelnd den Kopf. „Hoͤre, Duguesclin,“ fuhr Karl fort,„glaubſt Du, daß wir geſchlagen werden, weil wir zu tapfer ſind?“ „Meiner Treue,“ erwiederte Dugueselin,„ich ge⸗ ſtehe, ich habe nie darüber nachgedacht; doch wenn ich 217 es bedenke, glaube ich, daß ich der Anſicht Eurer Hoheit bin.“ „Nun wohl, mein lieber Bertrand, ſo wird Alles gut gehen. Man muß es nicht verſuchen, die Englän⸗ der zu ſchlagen, man muß es verſuchen, ſie zu verjagen; und zu dieſem Ende keine Schlacht, Dugueselin, keine Schlacht: Kämpfe, Gefechte, Scharmützel, und nicht mehr. Man muß die Feinde im Einzelnen aufreiben, Einen um den Andern, an der Ecke der Wälder, beim Uebergang über die Flüſſe, in den Doͤrfern, wo ſie ſich verſpäten; dies wird länger dauern, ich ſehe es wohl; aber es wird ſicherer ſein.“ „Ei! mein Gott, ja, ich weiß es; doch nie wird Euer Adel einen ſolchen Krieg führen wollen.“ „Bei der heiligen Dreieinigkeit! er wird es thun müſſen, wenn es zwei Menſchen gibt, welche daſſelbe wollen, und dieſe zwei Menſchen König Karl V. und der Connetable Duguesclin ſind.“ „Hiezu müßte der Connetable Duguesclin dieſelbe Macht haben, wie König Karl V.“ „Du wirſt dieſelbe haben, Bertrand; ich trete Dir mein Recht über Leben und Tod ab.“ „ Hueber die Bauern, gut, doch über die Edelleute?“ „Ueber die Edelleute.“ „Bedenkt, Sire, daß es Prinzen im Heere gibt.“ „Ueber die Prinzen, über die Edelleute, über alle Welt. Duguesclin, höre, ich habe drei Brüder, die Herzoge von Anjou, von Burgund und von Berry. Ich mache aus ihnen nicht Deine Lieutenants, ſondern Deine Soldaten; ſie werden den andern Edelleuten den Ge⸗ horſam verleihen, und wenn ſich einer derſelben dagegen verfehlt, ſo läſſeſt Du ihn auf dem Platze, wo er gefehlt hat, niederknieen, Du läſſeſt den Henker kommen und ihm als einem Verräther den Kopf abſchlagen.“ Duguesclin ſchaute den Koͤnig voll Erſtaunen an. Nie hatte er dieſen ſo guten und ſo ſanften Fürſten mit einer ſolchen Heftigkeit ſprechen hören. 9 218 Der König beſtätigte mit dem Blick, was er mit dem Mund geſagt hatte. „Ah! Sire,“ ſprach Dugueselin,„wenn Ihr ſolche Mittel zu meiner Verfügung ſtellt, ſo werde ich ge⸗ horchen und einen Verſuch machen.“ „Ja, mein guter Dugueseclin,“ ſagte der König, indem er ſeine beiden Hände auf die Schultern des Ritters legte:„ja, Du wirſt den Verſuch machen, und es wird Dir gelingen; und ich werde mich mittlerweile mit den Finanzen beſchäftigen, ich werde Geld in die Sparkaſſen ſchaffen, mein Schloß Baſtille vollends auf⸗ bauen, die Mauern von Paris erheben, oder vielmehr eine neue Ringmauer ziehen. Ich werde eine Bibliothek gründen, denn damit iſt nicht Alles gethan, daß man den Leib der Menſchen nährt, man muß auch ihren Geiſt nähren. Wir ſind Barbaren, Dugueselin, wir beſchäftigen uns nur damit, daß wir den Roſt von unſern Panzern ſcheuern, ohne daß wir daran denken, auch den unſeres Geiſtes verſchwinden zu machen. Dieſe Mauren, welche wir verachten, ſind unſere Herren; ſie haben Geſchichtſchreiber, ſie haben Geſetzgeber, während wir nichts von Allem dem haben.“ „Das iſt wahr, Sire,“ ſagte Dugueselin,„doch mir ſcheint, daß wir ſo auch zufrieden ſind.“ „Ja, wie die Engländer mit dem Mangel an Sonne zufrieden ſind, weil ſie es nicht anders machen können; doch damit iſt nicht geſagt, daß der Nebel der reinen Luft an Werth gleichkomme; der gute Gott verleihe mir nur das Leben und Dir, Duguesclin, guten Muth, und wir Beide werden Frankreich Alles geben, was ihm fehlt, und um ihm Alles zu geben, was ihm fehlt, müſſen wir ihm vor Allem den Frieden geben.“ „Und beſonders die Mittel finden, es von den großen Compagnien zu befreien, Mittel, die uns nur ein Wunder allein bieten kann.“ 4 „Dieſes Wunder wird Gott verrichten,“ ſprach der König.„Wir ſind Beide zu gute Chriſten und haben . i————— 4 219 Beide zu gute Abſichten, als daß er uns nicht unter⸗ ſtützen ſollte.“ In dieſem Augenblick wagte es der Doctor, die Thüre zu öffnen. „Sire,“ ſagte er,„Eure Hoheit vergißt die zwei Ritter.“ „Ahl das iſt wahr!“ rief der Köoönig.„Aber ſeht Ihr, Doctor, Duguesclin und ich waren gerade im Zuge, aus Frankreich das erſte Land der Welt zu machen... Laßt ſie nun eintreten.“ Die zwei Ritter wurden ſogleich eingeführt. Der König ging ihnen entgegen. Nur der Eine hatte ſein Viſir aufgeſchlagen. Der König kannte ihn nicht; das Lächeln, mit dem er ihn empfing, war aber darum nicht minder wohlwollend. „Ihr habt mich zu ſprechen verlangt, Ritter, und man hat beigefügt, es wäre in einer wichtigen Ange⸗ legenheit.“ „Das iſt wahr, Sire,“ antwortete der junge Mann. „Seid alſo willkommen,“ ſprach Karl. „Beeilt Euch nicht zu ſehr, mir den Willkomm zu wünſchen, mein König,“ ſagte der Ritter,„denn ich überbringe Euch eine traurige Nachricht.“ Eii ſchwermüthiges Lächeln ſchwebte über die Lippen von Karl. „Eine traurige Nachricht!“ rief er;„ſeit langer Zeit empfange ich keine andere. Doch wir gehören nicht zu denjenigen, welche die Botſchaft mit dem Boten verwechſeln. Sprecht alſo, Ritter.“ „Ach! Sire.“ „Von welchem Lande kommt Ihr?“ „Von Spanien.“ „Seit geraumer Zeit erwarten wir nichts Gutes mehr von dieſer Seite; Ihr überraſcht uns alſo nicht, was Ihr uns auch ſagen dürftet.“ 220 „Sire, der König von Caſtilien hat die Schweſter unſerer Königin ſterben laſſen.“ Karl machte eine Bewegung des Schreckens. Der Ritter fuhr fort: „Er hat ſie durch Mord getödtet, nachdem er ſie zuvor durch Verleumdung entehrt.“ „Getödtet! getödtet! meine Schwägerin getödtet!“ ſprach der König erbleichend;„das iſt unmöglich.“ Der Ritter, der niedergekniet war, ſtand ungeſtüm auf und ſprach mit zitternder Stimme: „Sire, es iſt ſchlimm von einem König, auf dieſe Art einen guten Edelmann zu beleidigen, der ſo viel gelitten hat, um ſeinem Fürſten einen Dienſt zu leiſten. Da Ihr mir nicht glauben wollt, ſo nehmt hier den Ring der Koͤnigin; vielleicht werdet Ihr ihm mehr glauben, als mir.“ Karl V. nahm den Ring, betrachtete ihn lange Zeit, und allmälig ſchwoll ſeine Bruſt an, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. „Ach! ach!“ ſagte er, ner iſt es, ich erkenne ihn, denn ich habe ihr denſelben gegeben. Nun, Bertrand, hörſt Du? Auch noch dieſer Schlag,“ fügte er ſich gegen Dugueselin umwendend bei. „Sire,“ ſprach der gute Ritter,„Ihr ſeid dem braven jungen Mann für das Wort, das Ihr ihm ge⸗ ſagt, ein Bedauern ſchuldig.“ „Ja,“ erwiederte Karl,„ja; doch er wird mir ver⸗ zeihen, denn ich bin vom Schmerz niedergebeugt, und wollte Anfangs nicht glauben, und glaube jetzt noch nicht. In dieſem Augenblick näherte ſich der zweite Ritter, ſchlug ſein Helmviſir auf und ſprach: „Und mir, Sire, werdet Ihr mir glauben, wenn ich Euch daſſelbe ſage, wie er? Werdet Ihr mir glauben, der ich bei Euch das Ritterthum gelernt habe, mir, der ich ein Kind des Hofes von Frankreich bin, mir, der ich Euch ſo ſehr geliebt habe?“ 2——— 221 „Mein Sohn, mein Sohn Enrique!“ rief Karl: „Enrique von Transtamare! Oh! in meinem Elend kommſt Du, um mich wiederzuſehen, ich danke Dir!“ „Ich komme, Sire,“ erwiederte der Prinz,„um mit Euch den grauſamen Tod der Königin von Caſtilien zu beweinen. Ich komme, um mich unter Eurem Schilde in Sicherheit zu ſtellen, denn wie Don Pedro Eure Schwägerin Dona Blanche getödtet hat, ſo hat er auch meinen Bruder Don Federigo getödtet.“ Bertrand Duguesclin erröthete vor Zorn, das ver⸗ tilgende Feuer glänzte in ſeinen Augen und er rief: „Das iſt ein abſcheulicher Fürſt, und wenn ich König wäre...“ „Nun, was würdeſt Du thun?“ ſagte Karl, indem er ſich raſch gegen ihn umwandte. „Sire,“ ſprach Enrique, der immer noch kniete, „beſchützt mich, Sire, rettet mich.“ „Ich werde es verſuchen,“ erwiederte Karl V.; „doch woher kommt es, daß Du, ein Spanier, der aus Spanien erſcheint, Du, der Du ſo tief bei dieſer ganzen Angelegenheit intereſſirt biſt, woher kommt es, daß Dn Dich verbargſt, während dieſer Ritter auf mich zutrat, daß Du ſchwiegſt, während er ſprach?“ „Sire,“ antwortete Enrique,„davon, daß dieſer Ritter, den ich Euch als einen der edelſten und recht⸗ ſchaffenſten, die ich kenne, empfehle, daß dieſer Ritter, ſage ich, mir einen ausgezeichneten Dienſt geleiſtet hat, und es folglich ganz einfach war, daß ich ihm die wohl⸗ verdiente Ehre, zuerſt zu ſprechen, überließ. Er hat mich aus den Händen eines Compagniekapitäns losge⸗ kauft; er iſt mir ein redlicher Gefährte geweſen, und dann konnte Niemand in der Welt beſſer, als dieſer Ritter, zum König von Frankreich ſprechen, denn er hat die Königin von Caſtilien verſcheiden ſehen, denn er. hat das blutige Haupt meines unglücklichen Bruders berührt.“ 222 Bei dieſen Worten, welche Enrique durch Schluchzen und Thränen unterbrach, ſchien Karl V. vom Schmerz zerriſſen, und Bertrand Duguesclin ſtampfte heftig mit dem Fuß auf die Erde. Durch den Panzerhandſchuh, mit dem er ſeine Augen bedeckte,beobachtete Enrique aufmerkſam, welche Wirkung ſeine Worte hervorbrachten. Dieſe Wirkung überſtieg ſeine Hoffnung. „Nun!“ ſprach der König von Zorn entbrannt, „das iſt eine Erzählung, welche meinem Volke mitgetheilt werden ſoll, und Gott ſtrafe mich, wenn ich nicht meiner⸗ ſeits den Kriegsdämon entfeſſele, welchen ich ſo lange in ſeiner Höhle gekettet gehalten habe. Ja, ich werde da⸗ bei ſterben, ja, ich werde auf dem Leichnam meines letzten Dieners fallen! Ganz Frankreich wird verſchlungen 3 werden, doch Blanche ſoll gerächt ſein!“ Doch je mehr Karl V. ſich belebte, deſto nachden⸗ kender wurde Bertrand. „Ein König wie Don Pedro ſchändet den Thron Caſtiliens!“ ſprach Enrique. „Marſchall,“ ſagte Karl V., indem er ſich an Bertrand wandte,„nun werden uns Eure dreitauſend Lanzen nützlich ſein!“ „Ich hatte ſie für Frankreich angeworben, und nicht, um über das Gebirg zu ziehen,“ erwiederte Du⸗ gueselin.„Das wird ſehr viel Krieg zugleich für uns ſein! Was mir Eure Hoheit ſo eben geſagt hat, machte mich nachdenken, während wir in Spanien Krieg füh⸗ ren, Sire, wird der Engländer nach Frankreich zurück⸗ kehren und ſich mit den hroßen Compagnien verbinden.“ „Dann werden wir unterliegen,“ ſprach der König. „Gott will es ohne Zweifel ſo und dabei müſſen die Geſchicke des Reiches ſtehen bleiben! Doch man wird erfahren, warum König Karl ſein Glück hat untergehen laſſen. Die Völker werden niederſinken, doch ſie werden wenigſtens für eine Sache geſtorben ſein, welche viel ——— 223 gerechter und viel wichtiger iſt, als der Beſitz eines Stückes Land oder eine Botſchafterſtreitigkeit.“ „Ah!“ verſetzte Bertrand,„wenn Ihr Geld hät⸗ tet, Sire.“ „Ich habe!“ ſprach der König mit leiſer Stimme und als hätte er befürchtet, man könnte ihn außer⸗ halb des Gemaches hören.„Doch mit Geld werden wir weder meiner Schwägerin, noch ſeinem Bruder das Leben wiedergeben.“ „Das iſt wahr, Sire,“ ſprach Duguesclin,„aber wir werden ſie rächen, und zwar ohne Frankreich zu entblößen.“ „Erkläre Dich,“ ſprach Karl. „Das werde ich,“ erwiederte Bertrand.„Mit Geld werben wir die Kapitäne von einigen Compagnien an. Es ſind Teufel, denen wenig daran liegt, ob ſie ſich ſchlagen, wenn ſie ſich nur fuͤr Geld ſchlagen.“ „Wenn Eure Hoheit mir ein einziges Wort zu ſagen erlauben wollte,“ äußerte Mauleon ſchüchtern... „Höret ihn, Sire,“ ſprach Enrique,„denn trotz ſeiner Jugend iſt er ebenſo weiſe, als brav und redlich.“ „Sprecht,“ ſagte Karl. „Ich glaube begriffen zu haben, Sire, daß dieſe Compagnien Euch zur Laſt ſind.“ „Sie verheeren das Koͤnigreich, Ritter, ſie richten meine Unterthanen zu Grunde.“ „Nun wohl, vielleicht gäbe es, wie Meſſire Du⸗ gueselin geſagt hat, ein Mittel, Euch von ihnen zu befreien.“ 8 „Oh! ſprecht, ſprecht!“ rief der König.. „Sire, alle dieſe Banden verſammeln ſich in die⸗ ſem Augenblick an der Saone. Als ausgehungerte Ra⸗ ben, welche keine Beute mehr in einem durch den Krieg zu Grunde gerichteten Staat ſehen, werden ſie ſich dem erſten Köder zuwenden, der ſich ihnen bietet. Meſſire Duguesclin, die Blüthe der Ritterſchaft, er, den der letzte derſelben kennt und ehrt, ſtellte ſich an ihre Spitze und 224 führe ſie nach Caſtilien, wo es ſo viel zu rauben und zu brennen gibt, und Ihr werdet ſie auf das Wort dieſes großen Feldherrn ihre Banner erheben und bis auf den letzten Mann zu dieſem neuen Kreuzzuge auf⸗ brechen ſehen.“ „Doch iſt nicht Gefahr, wenn ich gehe, daß ſie mich behalten und Löſegeld bezahlen laſſen?“ entgegnete Bertrand.„Ich bin nur ein armer bretagniſcher Edel⸗ mann.“ „Ja,“ ſagte Karl;„aber Du haſt Könige zu Freunden.“ „Und ich,“ ſprach Mauleon,„ich biete mich de⸗ müthig an, Eure Herrlichkeit bei dem fürchtbarſten von ihnen, bei Sire Hugo von Caverley einzuführen.“ „Was ſeid Ihr denn?“ fragte Bertrand. „Nichts, Meſſire, oder wenigſtens beinahe nichts; doch ich bin in die Hände der Banditen gefallen, und habe ſie mein Wort achten gelehrt; denn auf mein Wort ließen ſie mich frei, und wenn ich von Eurer Ho⸗ heit ſcheide, ſo geſchieht es, um ihnen tauſend Thaler zu bringen, die ich ihnen ſchuldig bin und die mir der Prinz Enrique großmüthig geſchenkt hat, und um ein Jahr in ihrer Compagnie zu dienen.“ 3 „Ihr, unter dieſen Banditen!“ rief Duguesclin. „Meſſtre,“ erwiederte Mauleon,„ich habe mein Wort verpfändet, und nur unter dieſer Bedingung ent⸗ ließen ſie mich aus ihren Händen; ſobald Ihr übrigens befehlt, werden es keine Banditen mehr ſein, ſondern Soldaten.“ „Und Ihr glaubt, ſie werden abgehen?“ ſagte der König von Hoffnung belebt;„Ihr glaubt, ſie werden Frankreich verlaſſen? Ihr glaubt, ſie werden einwilligen, das Königreich aufzugeben?“ „Sire,“ antwortete Mauleon,„ich bin deſſen, was ich ſage, ſicher, und es ſind dies fünf und zwanzigtauſend Soldaten für Euch.“ „Und ich werde ſie ſo fern führen,“ ſprach — .— 225 Dugueselin,„daß nicht Einer nach Frankreich zurückkehrt, das ſchwöre ich Euch, mein guter König; ſie wollen den Krieg, nun wohl, bei Gott! man wird ihnen den Krieg geben.“ „Das war meine Meinung,“ ſprach Mauleon,„und Meſſire Bertrand hat meinen Gedanken vervollſtändigt.“ „Aber wer ſeid Ihr denn?“ fragte der König, in⸗ dem er den jungen Mann voll Erſtaunen anſchaute. „Sire,“ antwortete Agenor,„ich bin ein einfacher Edelmann aus Bigorre, im Dienſte von einer der Com⸗ pagnien, wie ich Eurer Hoheit geſagt habe.“ „Seit wie lange?“ fragte der König. „Seit vier Tagen, Sire.“ „Und wie ſeid Ihr hiezu gekommen?“ „Erzählt das, Ritter,“ ſagte Enrique;„Ihr kennt dabei nur gewinnen.“ Mauleon erzählte dem König Karl V. und Meſſtre Bertrand Duguesclin die Geſchichte ſeines Vertrags mit Caverley, ſo daß der König, der ſich auf die Weis⸗ heit verſtand, und der Marſchall, der ſich auf das Rit⸗ terthum verſtand, ganz darüber entzückt waren. Fünfzehntes Kapitel. Wie der Baſtard von Mauleon zu dem Kapitän Hugo von Caverley zurückkehrte und was daraus erfolgte. Karl Vv. war ein zu weiſer Fürſt und hatte zu oft 4 über die Angelegenheiten des Königreichs nachgedacht, Der Baſtard von Mauleon. I. 15 226 um nicht mit dem erſten Blicke das Reſultat zu er⸗ ſchauen, das er aus der Lage der Dinge ziehen könnte, wenn die Ereigniſſe ſich ſo geſtalten würden, wie ſie Mauleon vorzubereiten ſich anheiſchig gemacht hatte. Der Unterſtützung der großen Compagnien, dieſer Gei⸗ ßeln, mit denen ſie das Land verheerend durchzogen, beraubt, würden ſich die Engländer genöthigt ſehen, Truppen zu bezahlen, um diejenigen zu erſetzen, welche ſich ganz allein bezahlten und für ihre Rechnung einen Gewinn bringenden Krieg führten, der das Reich zu Grunde richtete. Es müßte daraus ein Wafeenſtillſtand für Frankreich erfolgen, während deſſen Dauer neue In⸗ ſtitutionen den Franzoſen ein wenig Ruhe geben wür⸗ den, und die dem König große Arbeiten auszuführen erlaubte, die er für die Verſchönerung von Paris und für die Verbeſſerung der Finanzen begonnen hatte. Was den Krieg in Spanien betrifft, ſo ſah Du⸗ gueselin nicht, daß ſich ihm große Hinderniſſe entgegen⸗ ſtellten. Die franzöſiſche Ritterſchaft war an Stärke und Taktik allen Rittern der Welt überlegen. Die Ca⸗ ſtilianer mußten alſo geſchlagen werden; überdies ge⸗ dachte Bertrand einen guten Handel mit dieſen Com⸗ pagnien zu machen, denn er wußte, daß, je theurer er den Sieg bezahlen müßte, deſto vortheilhafter dieſer Sieg für Frankreich ſein würde, und daß er, je mehr er Leichen auf dem ſpaniſchen Schlachtfelde aus⸗ ſtreuen würde, deſto weniger Räuber in das Reich zu⸗ rückbrächte.. Die Politik jener Zeit war ganz ſelbſtſüchtig, oder wenigſtens ganz perſönlich; man hatte noch nicht den Gedanken gehabt, die Grundſätze über internationale Rechte feſtzuſtellen, welche ſeitdem die Kriegsfragen zwiſchen den Königen vereinfachten. Jeder Fürſt be⸗ waffnete für ſeine Rechnnng mit ſeinen Mitteln, durch die Ueberredung, durch die Gewalt oder durch das Geld, und er hatte kraft ſeiner Waffen ein Recht, das viele Leute geltend zu machen bereit waren. ₰ —8 Sd SSSSE—— 8& 22 SͤE — ,SBSSSE E 227 „Don Pedro hat ſeinen Bruder getödtet und meine Schwägerin ermordet,“ ſagte Karl zu ſich ſelbſt;„doch er wird ein Recht gehabt haben, dies zu thun, wenn ich es nicht ſo anordne, daß ich ihm beweiſe, er habe Unrecht gehabt.“ Don Enrique von Transtamare ſagte: „Ich bin der Aeltere, da ich im Jahre 1333 ge⸗ boren bin, während mein Bruder Don Pedro erſt 1336 geboren iſt. Alfonſo, mein Vater, war mit Leonora von Guzman, meiner Mutter, verlobt; dieſe alſo, welche er nicht geheirathet hat, war in Wirklichkeit ſeine legi⸗ time Gattin. Der Zufall allein hat aus mir einen Baſtard, nach der Anſicht der Welt, gemacht. Doch als ob dieſer vortreffliche Grund nicht hinreichend wäre, ſchickt mir der Himmel beſondere Beleidigungen und politiſche Verbrechen zu rächen. Don Pedro wollte meine Frau entehren, er iſt der Mörder meines Bru⸗ ders Federigo und hat endlich die Schwägerin des Kö⸗ nigs von Frankreich getödtet. Ich habe alſo Recht, wenn ich Don Pedro entthronen will, in Betracht, daß ich, wenn es mir gelingt, aller Wahrſcheinlichkeit nach an ſeiner Stelle den Thron beſteigen werde.“ Don Pezro ſagte zu ſich ſelbſt: „ Als Kötig der Sache nach und als legitimes Kind, habe ich kraft eines Vertrags, der mir Frankreich zum Ver⸗ bündeten gab, eine junge Prinzeſſin von königlichem Blut, Namens Blanche von Bourbon, geheirathet; ſtatt mich zu lieben, wie es ihre Pflicht war, liebte ſie Don Federigo mei⸗ nen Bruder; und als ob es nicht genug für mich wäre, daß ich zu einem politiſchen Bündniß gezwungen wor⸗ den bin, ergriff meine Frau gegen mich Partei für meine Brüder Tello und Enrique, die mich bekriegten, und das iſt ein Verbrechen des Hochverraths; mehr noch, ſie befleckte meinen Namen mit meinem dritten Bruder Don Federigo, und das iſt ein Verbrechen, wel⸗ ches die Todesſtrafe verdient; ich habe Don Federigo und ſie ſterben laſſen und war in meinem Recht.“ 228 Doch er ſah nur, als er umherſchaute, um zu be⸗ obachten, ob dieſes Recht eine feſte Unterſtützung hätte, ſeine Caſtilianer, ſeine Mauren und ſeine Juden, wäh⸗ rend Don Enrique von Transtamare Aragonien, Frank⸗ reich und den Papſt für ſich hatte. Die Partie war nicht gleich, weshalb Don Pedro, einer der geſcheiteſten Fürſten ſeiner Zeit, zuweilen ganz leiſe zu ſich ſagte, obgleich er mit dem Rechthaben angefangen, dürfte er doch wohl mit dem Unrechthaben endigen. Die Vorkehrungen waren raſch am Hoſe von Frank⸗ reich getroffen. Koͤnig Karl verlor nur ſo viel Zeit, als er brauchte, um das Schwert des Connetable in die Hände von Bertrand Duguesclin zu legen und den Prinzen und dem Adel eine Rede zu halten, in der er ſie, nachdem er ihnen angekündigt, welche Ehre er dem bretagniſchen Edelmann erwies, auffor⸗ derte, dem neuen Connetable wie ihm ſelbſt zu gehor⸗ chen. Dann, da es ſich darum handelte, vor Allem ſich für den beabſichtigten Feldzug der Mitwirkung der großen Compagnien zu verſichern, ehe etwas ruchbar würde, aus Furcht, Don Pedro könnte um Geld, nicht die Unterſtützung der Kapitäne in Spanien, ſondern ihr Verweilen in Frankreich erkaufen, ein Verweilen, das natürlich Karl V. verhindern würde, auswärts von ſeinen Waffen Gebrauch zu machen, entließ Karl den Connetable und den Ritter von Mauleon, der ihm zum Einführen dienen ſollte. Der Unterſtützung von König Karl ſicher, folgte ihnen Enrique von Transtamare als ein einfacher Ritter. Die Reiſe ging geräuſchlos vor ſich; die Abge⸗ ſandten hatten kein anderes Gefolge, als ihre Knappen, ihre Knechte und ein Dutzend Bewaffneter. Bald erblickte man die Saone und die zahlloſen. Zelte der Compagnien, welche, nachdem ſie die von ihnen abgenagten Enden Frankreichs verlaſſen, ſich allmälig dem Mittelpunkte genähert, wie es die Jäger 8 ☛ 2,ä S SnE—, ee — 8 α 229 thun, um das Wildpret vor ſich herzutreiben, und wie eine Herde von Barbaren in Erwartung eines neuen Aetius ihre Fahnen in dieſen fruchtbaren Ebenen ver⸗ einigt hatten. Agenor ritt voran und ließ den Connetable in Sicherheit in der Burg Rochepot, welche noch König Karl gehörte, und warf ſich, nachdem er dieſe Vor⸗ ſichtsmaßregel getroffen, in die ſtets ausgeſpannten Garne der Compagnien. Derjenige, auf deſſen Truppe er ſtieß, war ein beinahe ebenſo bekannter Kapitän, als Meſſire Hugo von Caverley; man nannte ihn den Grünen Ritter, und er hatte an dieſem Tage die Vorhut. Man führte Agenor vor ihn, und da Agenor nicht Luſt hatte, zwei⸗ mal Löſegeld zu bezahlen, ſo berief er ſich auf Meſſire Hugo von Caverley, unter deſſen Zelt ihn der Grüne Ritter ſelbſt geleitete. Der furchtbare Anführer der Abenteurer ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er ſeinen ehemaligen Gefangenen, oder vielmehr ſeinen neuen Verbündeten erblickte. Ehe irgend eine Erklärung ſtattfand, ließ Agenor Muſaron vortreten, der aus einem durch die Freigebig⸗ keit des Prinzen Enrique und des Königs Karl V. ge⸗ hörig geſpickten ledernen Sack tauſend Thaler zog, die er auf dem Tiſch aufzählte. So lange dieſe Operation dauerte, ſprach Niemand ein Wort. Als aber der letzte Stoß neben den neun dudeden errichtet war, ſagte Meſſire Hugo von Ca⸗ verley: „Ah! das iſt ein ſchoͤner Zug, Kamerad. Ich ge⸗ ſtehe, ich erwartete nicht, Dich ſo bald wiederzuſehen. Du biſt alſo ſchon an den Gedanken, unter uns zu le⸗ ben, der Dir Anfangs ſo bange gemacht hatte, ge⸗ wöhnt?“ „Ja, Kapitän, denn ein wahrer Soldat lebt über⸗ all, und lebt überall, wie er will. Und dann dachte ich, eine gute Nachricht komme nie zu früh, und ich 230 bringe Euch eine ſo außerordentliche Nachricht, daß Ihr, deſſen bin ich ſicher, entfernt nicht eine ſolche er⸗ wartet.“ „Bah!“ ſagte Caverley, der bei dieſem Eingang befürchtete, Mauleon ſtelle ihm eine Falle, um ſeines Wortes entbunden zu werden.„Bah! eine außerordent⸗ liche Nachricht, ſagſt Du?“ „Meſſire, Kapitän,“ erwiederte Mauleon,„jüngſt ſprach ich von Euch mit dem König von Frankreich, an den ich, wie Ihr wißt, von ſeiner ſterbenden Schwä⸗ gerin abgeſchickt war, und ich erzählte ihm, wie artig Ihr Euch gegen mich benommen habt.“ „Ah! ah!“ machte Caverley geſchmeichelt,„er kennt mich alſo, der König von Frankreich?“ „Gewiß, Kapitän; denn Ihr habt ſein Reich ſatt⸗ ſam verwüſtet, um ſeiner Erinnerung eingeprägt zu bleiben: das Geſchrei verbrannter Mönche, die Lamen⸗ tationen genothzüchtigter Frauen, die Klagen der Stadt⸗ bürger, die Ihr Löſegeld zu bezahlen gezwungen, haben Euren Namen triumphirend in ſeinen Ohren klingen gemacht.“ Caverley bebte vor Stolz und Vergnügen unter ſeiner ſchwarzen Rüſtung; es war etwas Unheilvolles um die Freude dieſer ehernen Statue. „Der König kennt mich alſo?“ ſagte er,„Karl V. weiß den Namen des Kapitän Hugo von Caverley?“ „Er weiß ihn und wird ihn nie vergeſſen, dafür ſtehe ich Euch.“ „Und was hat er in Beziehung auf mich geſagt?“ „Der König hat mir geſagt:„„Ritter, ſucht den Huten, Kapitän Hugo auf, oder vielmehr...““ fügte er bei.— Der Kapitän ſchien mit dem Blick an den Lippen von Mauleon zu hängen. „„Oder,““ fuhr der Ritter fort,„„oder ich werde uu ihm vielmehr einen von meinen erſten Dienern ſchicken. „Einen von ſeinen erſten Dienern?“ 231 „Ja. „Doch einen Edelmann hoffentlich?“. „Bei Gott!“ „Bekannt?“ „Ohl ſehr bekannt.“ „Der König von Frankreich erweiſt mir viel Chre,“ ſprach Caverley, indem er wieder ſeinen ſcherzhaften Ton annahm.„Er will alſo etwas von mir, dieſer gute Karl V. 2⸗ „Er will Euch bereichern, Kapitän.“ „Junger Mann! junger Mann!“ rief der Aben⸗ teurer mit einer plötzlichen Kälte,„ſpottet meiner nicht, denn das iſt ein Spiel, das alle diejenigen, welche es ſpielen wollten, theuer zu ſtehen kam. Der König von Frankreich möchte vielleicht gern etwas von mir haben, meinen Kopf zum Beiſpiel; ich glaube wohl, daß es ihm nicht darum leid thäte; aber ſo geſchickt er ſich auch dabei benehmen mag, Ritter, ſo bin ich doch in Verzweiflung, Euch ſagen zu müſſen, daß er ihn durch Eure Vermittelung noch nicht bekommen wird.“ „So iſt es, wenn man immer Schlimmes thut,“ erwiederte mit ernſtem Tone Mauleon, deſſen edles Antlitz dem Banditen beinahe Chrfurcht einfloͤßte;„man mißtraut Jedem, man klagt alle Welt an, und man verleumdet ſogar einen König, der den Titel des ehr⸗ lichſten Menſchen ſeines Reiches verdient hat. Ich fange an zu glauben, Kapitän,“ fügte er den Kopf ſchüttelnd bei,„der König hat Unrecht gehabt, Jemand an Euch abzuſenden: das iſt eine Chre, die ſich Fürſten gegen⸗ ſeitig erweiſen; und Ihr ſprecht in dieſem Augenblick wie ein Banditenanführer, und nicht wie ein Fürſt.“ „Hel he!“ erwiedertee Caverley, ein wenig beun⸗ ruhigt durch dieſe Künheit,„mißtrauen, lieber Freund, heißt vernünftig ſein. Und offenherzig geſtanden, wie ſollte der König mich lieben, nach dem Geſchrei der verbrannten Mönche, nach den Lamentationen der ge⸗ nothzüchtigten Frauen und nach den Klagen der Stadt⸗ 1 23²2 Bürger, die ich Löſegeld zu bezahlen gezwungen, wovon Ihr ſo eben beredt geſprochen habt?“ „Sehr gut,“ ſagte Mauleon,„ich ſehe, was mir zu thun bleibt.“ „Und was bleibt Euch zu thun, laßt hören?“ fragte der Kapitän Hugo von Caverley. „Ich habe nur Jemand an den Geſandten des Königs abzuſchicken und ihm ſagen zu laſſen, ſeine Botſchaft ſei erfüllt, inſofern ein Anführer von Aben⸗ teurern dem Worte von König Karl V. mißtraue.“ Nachdem er ſo geſprochen, wandte ſich Mauleon nach dem Ausgange des Zeltes, um ſeine Drohung in Ausführung zu bringen. „Oho!“ rief Caverley;„ich habe nicht ein Wort von dem geſagt, was Ihr denkt, und nicht ein Wort von dem gedacht, was Ihr ſagt. Ueberdies wird es immer noch Zeit ſein, dieſen Ritter zurückzuſchicken. Laßt ihn im Gegentheil hierher rufen, lieber Freund, und er ſoll willkommen ſein.“ Mauleon ſchüttelte den Kopf und erwiederte mit kaltem Tone: „Der König von Frankreich mißtraut Euch und wird nicht einen ſeiner vornehmſten Diener in Euer Lager gehen laſſen, wenn Ihr nicht hinreichende Ga⸗ rantie leiſtet.“ „Bei der Milz des Papſtes!“ ſchrie Caverley,„Ihr beleidigt mich, Gevatter!“ „Nein, mein lieber Kapitän,“ erwiederte Mauleon, „denn Ihr habt das Beiſpiel des Mißtrauens gegeben.“ „Ei! alle Teufel! weiß man nicht, daß ein Abge⸗ ſandter eines Königs für Jedermann unverletzlich iſt, ſelbſt für uns, die wir die Dinge nicht übel verletzen? Dieſer iſt alſo von einer beſondern Art?“ „Vielleicht.“. „Dann will ich ihn aus Neugierde ſehen.“ „So unterzeichnet einen vollkommen geordneten Geleitsbrief.“ en 23³ „Das iſt leicht.“ „Ja, doch Ihr ſeid nicht allein hier, Kapitän, und ich bin nur zu Euch beſonders gekommen, weil Ihr der Erſte von Allen ſeid, und weil ich den Vortheil gehabt habe, mit Euch und nicht mit den Andern in Verbin⸗ dung zu ſtehen.“ „Der Geſandte iſt alſo nicht für mich allein?“ fragte Caverley. „Nein, er iſt für alle Anführer der Compagnien.“ „Der gute König Karl will alſo nicht mich allein bereichern?“ ſagte Caverley mit ſpöttiſchem. Tone. „König Karl iſt mächtig genug, um, wenn es ihm beliebt, alle Räuber des Koͤnigreichs zu bereichern,“ erwiederte Mauleon mit einem Gelächter, das an Ironie das Gelächter des Kapitän Caverley weit hinter ſich ließ. Es ſcheint, man mußte ſo mit dem Anführer der Abenteurer ſprechen, denn dieſer Scherz ſchlug ſeine ganze ſchlechte Laune in die Flucht. „Man laſſe meinen Schreiber kommen,“ ſagte er, „und er faſſe einen Geleitsbrief in guter Form ab.“ Ein langer, hagerer, zitternder, ganz ſchwarz ge⸗ kleideter Mann trat vor: es war dies der Schulmeiſter eines benachbarten Dorfes, den der Kapitän Hugo von Caverley für den Augenblick zu ſeinem Schreiber erho⸗ ben hatte. Er faßte unter der Aufſicht von Muſaron den ge⸗ nauſten und regelmäßigſten Geleitsbrief ab, der je aus der Feder eines Doctors auf Pergament gefloſſen iſt. Dann ließ der Kapitän durch einen Pagen jeden von den vornehmſten Banditen, ſeinen Genoſſen, rufen, fing, mochte er nun nicht ſchreiben können, oder wollte er aus einem ihm bekannten Grunde ſeinen eiſernen Pan⸗ zerhandſchuh nicht ausziehen, damit an, daß er den Knopf ſeines Dolches unter die Schrift drückte, und ließ ſofort die andern Führer unter ſein Monogramm die einen ihr Kreuz, die andern ihr Siegel, und wieder andere ihren Federzug ſetzen; und während ſie dieſes Manoeuvre 234 ausführten, lachten die Führer unter einander, im Glau⸗ ben, ſie wären erhaben über alle Fürſten der Erde, da ſie Geleitsbriefe den Botſchaftern des Königs von Frank⸗ reich gäben. Als das Pergament mit allen Siegeln und Feder⸗ zügen verſehen war, wandte ſich Caverley gegen Mau⸗ leon um und fragte ihn: „Und der Name des Geſandten?“ „Ihr ſollt ihn erfahren, wenn er kommt, und auch dies nur, wenn es ihm beliebt, Euch denſelben zu nen⸗ nen,“ antwortete Agenor. „Oh!“ rief der Grüne Ritter lachend,„das iſt irgend ein Baron, dem wir ſein Schloß verbrannt und ſeine Frau entführt haben werden, und der nun kommt, um zu ſehen, ob es nicht möglich iſt, ſeine keuſche Gattin gegen ſein Pferd oder ſeine Falken loszukaufen.“ „Haltet Eure ſchönſten Rüſtungen bereit,“ ſprach Mauleon mit ſtolzem Tone;„befehlt Euren Pagen, wenn Ihr habt, ihre reichſten Kleider anzuziehen, und ſchweigt, wenn derjenige, welchen ich verkündige, er⸗ ſcheint, wollt Ihr nicht ſpäter bereuen, einen großen Fehler für Männer gemacht zu haben, welche im Waffen⸗ handwerk erfahren ſind.“ Hienach verließ Mauleon das Zelt, wie ein Mann, der das Gewicht des Schlages fühlt, den er gethan hat. Ein Gemurmel des Zweifels und des Erſtaunens durchlief die Gruppe. 4 „Er iſt verrückt,“ ſagten die Einen. „Oh! Ihr kennt ihn nicht,“ ſprach Caverley.„Nein, nein, er iſt nicht verrückt, und wir haben etwas Neues zu erwarten.“ Es verging ein halber Tag. Das Lager hatte wieder ſein gewöhnliches Ausſehen angenommen. Die Einen badeten ſich im Fluß, die Andern tranken unter den Bäumen, wieder Andere ergötzten ſich im Graſe. Man ſah Banden von Räubern zurückkehren, verkündigt durch Freudenſchreie und Wehklagen; dann erſchienen -—— A——eS o ——.* N 23⁵5 Frauen mit zerzauſten Haaren, Männer mit Quetſchun⸗ gen und Wunden, am Schweif ihrer Pferde herbeige⸗ ſchleppt. Vieh, das ſich gegen die unbekannten Herren ſträubte, wurde blökend unter die Zelte geführt ſo⸗ gleich geſchlachtet und für das Abendmahl zerhackt, während die Anführer herbeikamen, um den Erfolg der Expedition zu ſehen und ihren Theil an der Beute zu wählen, doch nicht ohne daß ſie in ernſte Streitigkeiten mit den trunkenen oder ausgehungerten Soldaten ge⸗ riethen. 4 Etwas entfernter übte man Rekruten ein, ihren Hütten entriſſene und mit Gewalt angeworbene Bauern, welche nach Verlauf von drei bis vier Jahren Alles vergeſſen ſollten, um, wie ihre neuen Gefährten, Leute der Plünderung und des Blutes zu werden. Ganze Heere von Knechten, Schaaren von Troßbuben ſpielten oder bereiteten das Mahl für die Herren. Fäſſer mit ausgeſchlagenem Boden, geſtohlene Betten, zerbrochene Geräthſchaften, zerfetzte Matratzen lagen auf dem Boden umher, während ungeheure herrenloſe Hunde unter dieſen Gruppen durchſchweiften, um ſich Futter zu ſuchen, die Räuber beraubten und die verirrten Kinder auf ihrem Wege ſchreien machte. 4 An den Thoren dieſes Lagers, das wir zu ſchildern verſucht haben, von dem jedoch nur der Anblick einen Begriff zu geben vermochte, ließen plötzlich vier Trom⸗ peter geräuſchvolle Fanfaren ſchmettern; ihnen voran flatterte ein weißes Banner mit zahlloſen Lilien, was damals noch das Wappen von Frankreich war.*) So⸗ gleich entſtand eine gewaltige Bewegung im Lager der Compagnien. Die Trommeln raſſelten, die Unterofficiere eilten, um ihre herumſchlendernden Leute zu ſammeln und die Hauptpoſten zu beſetzen. Bald defilirte durch ein gedrängtes Spalier neugieriger und erſtaunter Köpfe *) Karl V. beſchränkte ſie einige Jahre ſpäter auf drei⸗ zu Ehren der Dreieinigkeit. 236 ein langſamer feierlicher Zug. Dies waren zuerſt die vier Trompeter, deren Fanfaren das Lager erweckt hat⸗ ten, dann ein Wappenherold, entblößt und hoch in der Luft das Schwert des Connetable mit der breiten Klinge, worauf die Lilien, und mit dem goldenen Griffe tragend; endlich, um einige Schritte zwölf Männern oder vielmehr zwölf ehernen Bildſäulen voranreitend, ein Ritter mit herabgelaſſenem Viſir und ſtolzer Haltung. Sein mäch⸗ tiges ſchwarzes Roß kaute an einem goldenem Gebiß, und ein langes Schlachtſchwert mit einem nach dem Gebrauche jener Zeit blank geglättetem Griff funkelte in der Höhe ſeiner Seite. In der Nähe dieſes Ritters, doch etwas hinter ihm ritt Mauleon. Er führte die ganze Truppe nach dem allgemeinen Zelte der Chefs, wo der Rath verſammelt war. Das Stillſchweigen des Erſtaunens und der Er⸗ wartung ſchwebte über dem ganzen kurz zuvor noch ſo geräuſchvollen Lager. Derjenige, welcher der An⸗ führer der Truppe zu ſein ſchien, ſtieg ab, ließ beim Schalle der Trompeten das königliche Banner erheben und trat in das Zelt. Die Anführer, welche ſaßen, ſtanden bei ſeinem Eintritt nicht auf und ſchauten ſich nur lächelnd an. „Das iſt das Banner des Königs von Frankreich,“ ſprach der Ritter mit ſanfter, aber eindringender Stimme, indem er ſich vor demſelben verbeugte. „Wir erkennen es wohl,“ erwiederte Meſſire Hugo von Caverley, der nun aufſtand, um dem Fremden zu antworten,„doch wir warten, bis der Abgeſandte des Königs von Frankreich ſich nennt, um uns vor ihm zu verbeugen, wie er ſich vor dem Wappen ſeines Herrn verbeugt hat.“ „Ich,“ ſprach beſcheiden der Ritter, ſein Helmviſir aufſchlagend,„ich bin Bertrand Dugueselin, Connetable von Frankreich und abgeſandt zu den edlen Herren An⸗ führern der großen Compagnien, denen Gott jede Freude und jegliche Wohlfahrt verleihen möge.“ & o EN 122— ——— ☛— 237 Kaum hatte er dieſe Worte vollendet, als alle Stirnen entblößt, als alle Schwerter aus der Scheide waren und in der Luft geſchwungen wurden; überall brach die Ehrfurcht oder vielmehr die Begeiſterung in langen Schreien hervor, und dieſes elektriſche Feuer verbreitete ſich raſch wie Laufpulver, entzündete das ganze Lager, die ganze Armee ſchlug ihre Piken und Schwerter an⸗ einander und rief vor der Thüre: „Heil! Heil! Freude dem guten Connetable!“ Dieſer verbeugte ſich mit ſeiner gewöhnlichen De⸗ muth und grüßte unter donnerndem Beifallsgeſchrei. Sechzehntes Kapitel. Wie die Anführer der großen Compagnien Meſſire Duguesclin verſprachen, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen, wenn es ihm beliebte, ſte dahin zu führen. Dieſe erſte enthuſiaſtiſche Bewegung machte bald einer ſo großen Aufmerkſamkeit Platz, daß die Worte des Connetable, obgleich mit der Ruhe der Kraft geſprochen, die Reihen der Menge durchdrangen und klar und deut⸗ lich zu den Enden des Lagers gelangten, wo ſie die letzten Soldaten gierig auffaßten. „Meine Herren Kapitäne,“ ſprach Bertrand mit jener beinahe unterwürfigen Höflichkeit, die ihm das Herz aller derjenigen gewann, mit welchen er in Ver⸗ bindung ſtand,„der König von Frankreich ſchickt mich zu Euch, damit ich mit Euch die einzige That vielleicht 238 vollbringe, welche braver Kriegsleute, wie Ihr ſeid, würdig iſt.“ Der Eingang war ſchmeichelhaft; doch der allge⸗ meine Charakter des Geiſtes bei den Kapitänen der großen Compagnien war das Mißtrauen, und in Folge hievon, da man nicht wußte, worauf der Connetable abzielte, erkaltete die Begeiſterung ſeiner Zuhörer; er ſah, daß er fortfahren mußte, und ſprach, das erſte Gefühl, das er eingeflößt hatte, benützend: „Jeder von Euch beſitzt Ruhm genug, um nicht mehr zu wünſchen; doch keiner beſitzt Reichthümer ge⸗ nug, um zu ſagen:„„SIch finde mich reich genug.““ Ueberdies muß Jeder von Euch zu dem Punkte gelangt ſein, daß er die Ehre der Waffen mit dem Nutzen der daraus folgen ſoll, zu vermählen wünſcht. Würdige Ka⸗ pitäne, denkt Euch nun, was eine Expedition von Euch gegen einen mächtigen und reichen Prinzen geführt waͤre, deſſen Verlaſſenſchaft durch das Recht eines ge⸗ ſetzlichen Krieges in Eure Hände fallend, Euch ebenſo glorreiche, als einträgliche Trophäen bieten würde. Ich bin auch ein Abenteurer wie Ihr; ich bin auch ein Glücksofficier wie Ihr. Doch, meine edlen Herren, ſeid Ihr nicht müde, wie ich es ſelbſt bin, der Unterdrückung, die wir mit einander gegen Feinde, ſchwächer als wir, geübt haben? Habt Ihr nicht Luſt, ſtatt des Stöhnens von Kindern und des Geſchreis von Frauen, wie ich es ſo eben, Euer Lager durchziehend, hörte, die Fan⸗ faren der Trompeten, welche eine wirkliche Schlacht ver⸗ kündigen, und das Brüllen des Feindes zu hören? Ihr braven Ritter von allen Nationen, die Ihr folglich je⸗ der eine nationale Ehre aufrecht zu erhalten habt, wäret Ihr nicht, abgeſehen von dem Ruhm und dem Reich⸗ thum, den ich Euch verſprochen, glücklich, Euch aber⸗ mals für eine Sache zu vereinigen, welche die Menſch⸗ heit verherrlicht? Denn welches Leben führen wir im Ganzen, wir Kriegsleute? Kein von Gott erwählter Fürſt bevollmächtigt uns zu unſeren Räubereien und ) ) 1 — „ 3 ) r 8 g NNVN 239 Erpreſſungen. Das Blut, das wir vergießen, iſt zu⸗ weilen ein Blut, das um Rache ſchreit, und deſſen Stimme nicht nur zum Himmel aufſteigt, ſondern auch unwill⸗ kührlich unſere gegen die Schauer und Schreckniſſe des Krieges verhärtete Seele erſchüttert; werden wir nicht, nach einem Leben der Launen und Phantaſien Soldaten eines großen Königs, Streiter Gottes, reich und mäch⸗ tig geworden, das wahre Geſchick jedes Mannes, der ſich dem harten Gewerbe des Ritterthums weiht, haben in Erfüllung gehen ſehen?“ Diesmal durchlief ein langes Gemurmel des Bei⸗ falls die Reihen der Kapitäne, denn ſie war ſehr mäch⸗ tig bei ihnen, die Stimme des gewaltigſten Lanzenbre⸗ chers, des kräftigſten Kämpfers ſeiner Zeit. Alle hatten Bertrand an einem Schlachtage bei der Arbeit geſehen, und Mehrere hatten die Schneide ſeines Schwertes oder das Gewicht ſeines Streitkolbens gefühlt; es ſchien ihnen ihrer würdig, ſich der Meinung eines ſolchen Soldaten anzuſchließen. „Meine Herren,“ fuhr Duguesclin, glücklich über die durch den erſten Theil ſeiner Rede hervorgebrachte Wirkung, fort,„vernehmt den Plan, den unſer guter König, Karl V. mir zur Ausführung anvertraut hat. In Spanien ſind die Mauren und Sarazenen frecher und grauſamer als je zurückgekommen. In Caſtilien regiert ein König, der frecher und grauſamer iſt als Mauren und Sarazenen, ein Menſch, der ſeinen Bru⸗ der getöͤdtet hat, meine Herren; einen gewappneten Rit⸗ ter, der die goldene Kette und die goldenen Sporen trägt und ſeine Frau, die Schwägerin von unſerem König Karl, getödtet hat; ein Vermeſſener endlich, der durch dieſes Verbrechen der Stärke der ganzen Ritter⸗ ſchaft der Welt getrotzt zu haben ſcheint, denn damit ein ſolches Verbrechen ungeſtraft bliebe, müßte es keine Ritter mehr auf Erden geben.“ Dieſe zweite Periode ſchien einen geringen Ein⸗ druck auf die Abenteurer zu machen. Das Toͤdten ſei⸗ 240 nes Bruders, die Ermordung einer Frau kamen ihnen als etwas unregelmäßige Akte vor, doch nicht als Ver⸗ brechen, welche zu rächen man fünfundzwanzigtauſend ehrliche Leute beunruhigt. Dugueseclin bemerkte, daß ſeine Sache ein wenig verloren hatte, doch er ließ ſich nicht entmuthigen und fuhr fort: „Seht, meine Herren, ob ſich je ein Kreuzzug glorreicher und beſonders nützlicher gezeigt hat. Ihr kennt Spanien, Einige von Euch haben es durchwan⸗ dert, Alle haben davon ſprechen hören. Spanien, das Land der Silberminen; Spanien mit den mit arabiſchen Koſtbarkeiten gepflaſterten Paläſten; Spanien, wo die Mauren und Sarazenen die der halben Welt geraub⸗ ten Schätze begraben haben; Spanien, wo die Frauen ſo ſchön ſind, daß König Roderich für eine einzige Frau ſein Reich verloren hat. Nun wohl, dahin werde ich Euch führen, meine edle Herren, wenn Ihr mir folgen wollt, denn dahin gehe ich mit einigen von meinen gu⸗ ten Freunden, die ich unter den beſten Lanzen Frank⸗ reichs auserwählt habe: dahin gehe ich, um zu erfah⸗ ren, ob die Ritter des Königs Don Pedro ſo feig find, als ihr Herr, und zu probiren, ob die Härtung ihrer Schwerter ſo viel werth iſt, als die Härtung unſerer Aexte. Es iſt eine ſchöne Reiſe, meine Herren Kapi⸗ täne, ſolltet Ihr dabei ſein?“ Der Connetable endigte ſeine Rede durch eine von jenen treuherzigen Geberden, welche beinahe immer die überlegenden Geſellſchaften fortreißen. Hugo von Ca⸗ verley, der während der ganzen Rede ſo aufgeregt ge⸗ ſchienen hatte, als ob der Dämon der Kämpfe ſein Schlachtroß unter ihm geſtachelt hätte, durchlief den Kreis, fragte Jeden um ſeine Meinung, und bald beeilte ſich Jeder, zu ihm herantretend, ihm die ſeinige zu geben; dann kehrte er zu Bertrand Dugueselin zurück, der, während ihn die Soldaten mit den Augen ver⸗ ſchlangen, ruhig mit Agenor und mit Enrique von Transtamare plauderte, deſſen Herz ſeit dem Anfang — — 241 der Scene auf das Heftigſte ſchluge denn für ihn, ſo unbekannt er dieſer Menge, war der Erfolg dieſer Scene ein Thron oder die Dunkelheit, das heißt, das Leben oder der Tod. Ein Menſch von dieſem Schlage hat den Ehrgeiz an der Stelle des Herzens, und jede Wunde iſt hier tödtlich. Die Berathung währte kaum einige Minuten; dann trat Hugo von Caverley zum Connetable und ſprach unter einem tiefen Stillſchweigen: „Geehrter Herr Bertrand Duguesclin, ſchöner Sire, Bruder und Gefährte, Ihr, der Ihr heute der Spiegel der ganzen Ritterſchaft ſeid, erfahrt, daß wir Euch Eurem Muthe und Eurer Rechtſchaffenheit zu Liebe dienen wollen. Ihr ſollt unſer Anführer und nicht unſer Verbündeter, unſer Kapitän und nicht unſeres Gleichen ſein. In jedem Fall und bei jedem Zuſam⸗ mentreffen gehören wir Euch, und wir werden Euch folgen bis ans Ende der Welt. Mögen es Mau⸗ ren, mögen es Sarazenen, mögen es Spanier ſein, ſprecht und wir marſchiren gegen ſie. Nur gibt es unter uns viele engliſche Ritter, und dieſe lieben den König Eduard III. und ſeinen Sohn den Prinzen von Wales; doch mit Ausnahme von dieſen Beiden werden ſie mit Männiglich Krieg führen. Iſt Euch das genehm, Sire?“ Der Connetable verbeugte ſich, machte ihnen Allen Zeichen tiefer Dankbarkeit und fügte einige Worte bei, um herauszuheben, welche Ehre ihm ſolche Krieger zu erweiſen die Güte hätten, und hierin log Bertrand nicht. Eine ſolche Huldigung ſeiner Ueberlegenheit dar⸗ gebracht mußte dem Mann des vierzehnten Jahrhun⸗ derts ſchmeicheln, deſſen ganzes Leben das eines Solda⸗ ten war. Die Kunde von dieſem Entſchluß erregte eine un⸗ beſchreibliche Begeiſterung im Lager. Es war in der That ein anſtrengendes Leben für dieſe Abenteurer, das „Der Baſtard von Mauleon. J. 16 242 ewige Streiten gegen die vereinigten Dörfer, der Krieg hinter den Hecken und aus den Schluchten hervor, die Hungersnoth mitten im Reichthum, die Troſtlofigkeit im Triumph. In einem anderen Lande, in einem noch neuen Lande, auf einem beinahe jungfräulichen Boden, unter einem milden Himmel leben, Weine und Frauen wechſeln, die reiche Verlaſſenſchaft der Spanier, der Mauren und der Sarazenen erobern, das war ein Traum, der wohl dadurch zur Wirklichkeit wurde, daß man zum Anführer den Spiegel der europäiſchen Rit⸗ terſchaft hatte, wie den Connetable Meſſire Hugo von Caverley nannte. Bertrand Dugueselin wurde auch mit wüthendem Freudengeſchrei empfangen und erreichte das Zelt, das man ihm an der ſichtbarſten und erhabenſten Stelle des Lagers bereitet hatte, unter einem Porticus, gebildet von den Lanzen, welche über ſeinem Haupte, die, nicht vor dem Banner Frankreichs, ſondern vor dem Träger deſſelben gebückten Abenteurer kreuzten. „Hoher Herr,“ ſprach Bertrand zu Enrique von Transtamare, als ſie unter ihre Zelte zurückgekehrt waren, und während Hugo von Caverley und der Grüne Ritter Agenor zu ſeiner Ruͤckkehr und beſonders zu den Umſtänden, von denen dieſe Rückkehr begleitet war, Glück wünſchten,„hoher Herr, Ihr müßt zufrieden ſein; die ſchwierigſte Aufgabe iſt erfüllt. Wir ſind Alle zufrieden. Dieſe Leute werden ſich wie blutgierige Flie⸗ gen auf die Haut der Mauren, der Sarazegen und der Spanier ſtürzen und ſie grauſam ſtechen; während ſie ihre Geſchäfte betreiben, werden ſie die Eurigen betrei⸗ ben; während ſie ſich bereichern, werden ſie Euch einen Thron geben. Was die Fieber Andaluſiens, was die Hinterhalte in den Gebirgen, was die Uebergänge über die Flüſſe, deren raſcher Lauf Pferde und Reiter fort⸗ reißt, was den entnervenden Mißbrauch des Weines und der Liebe, die Trunkenheit und die Wolluſt betrifft, ſo rechne ich darauf, daß dies Alles die Hälfte der Ban⸗ diten niederwerfen wird. Die andere Hälfte wird hof⸗ — 243 fentlich ſchon unter den Streichen der Sarazenen, der Mauren und der Spanier zu Grunde gegangen ſein, welche gute Hämmer für ſolche Amboße ſind. Wir werden in jeder Hinſicht Sieger ſein. Ich ſetze Euch auf dem Throne Caſtiliens feſt und kehre nach Frank⸗ reich zur großen Zufriedenheit des guten Königs Karl mit meinen Kriegern zurück, die ich durch die Auf⸗ opferung dieſer Schurken ſchonen werde.“ a, Meſſire,“ erwiederte Enrique von Transta⸗ mare nachdenkend;„doch mißtraut Ihr nicht irgend einem unvorhergeſehenen Entſchluß des Königs Don Pedro? Er iſt ein gewandter Anführer und ein Kopf voll von Mitteln.“ „ Ich ſehe nicht ſo fern, mein Prinz,“ ſprach Du⸗ guesclin;„je mehr wir Mühe haben werden, deſto glorreicher werden wir ſein, und deſto mehr Caverleys und Grüne Ritter werden wir auf der guten Erde Ca⸗ ſtiliens zurücklaſſen. Eines nur beunruhigt mich: das iſt unſer einee in Spanien; denn es iſt gut, den Krieg mit dem König Don Pedro, mit ſeinen Sara⸗ zenen und ſeinen Mauren zu führen, aber es iſt nicht gut, ihn mit allen vereinigten Spaniern zu führen; fünfhundert Compagnien würden hiezu nicht genügen; und es iſt viel ſchwieriger, eine Armee in Spanien, als in Frankreich zu ernähren.“ „Ich werde auch,“ erwiederte Enrique,„ich werde dem auch zuvorkommen, und den König von Aragonien in Kenntniß ſetzen, der einer meiner Freunde iſt und Euch, aus Liebe für mich und aus Haß gegen den König Don Pedro, freien Durchzug in ſeinen Staaten nebſt Lebensmitteln und Unterſtützung an Menſchen und Geld gewähren wird, ſo daß wir, wenn wir zufällig in Caſtilien auf's Haupt geſchlagen würden, eines gu⸗ ten Rückzugs ſicher ſein könnten.“ „Man ſieht, hoher Herr, daß Ihr bei dem guten König Karl, der Allem, was ihn umgibt, Weisheit ver⸗ leiht, aufgezogen worden ſeid,“ ſprach der Connetable. 244 „Euer Rath iſt äußerſt klug; geht alſo und nehmt Euch in Acht, daß man Euch nicht fängt, und der Krieg wird ſogleich beendigt ſein; denn wenn ich mich nicht täuſche, ſchlagen wir uns, um einen König abzu⸗ ſetzen und einen neuen zu machen, und nicht aus einem andern Grunde.“ 1 „Ah! Meſſire, erwiederte Enrique ärgerlich über die Scharfſichtigkeit desjenigen, welchen er für einen bloßen Raufdegen ohne alle Feinheit hielt,„werdet Ihr, iſt Don Pedro einmal entthront, nicht glücklich ſein, wenn Ihr ihn durch einen treuen Freund Frankreichs erſetzen könnt?“ „Mein Prinz,“ erwiederte Dugueselin,„glaubt mir, der König Don Pedro wäre ein treuer Freund Frankreichs, wenn Frankreich nur ein wenig Freund von Don Pedro ſein wollte. Doch darüber entſteht kein Streit, und die Frage iſt zu Euren Gunſten gelöſt. Dieſer ungläubige Mörder, dieſer chriſtliche König, der der Chriſtenheit Schande macht, muß beſtraft werden, und Ihr ſeid ſo viel werth, als jeder Andere, um die Rolle der Gerechtigkeit Gottes zu ſpielen. Hiernach, hoher Herr, und da Alles zwiſchen uns verabredet und beſchloſſen iſt, brecht raſch auf, denn es drängt mich, mit den Compagnien in Spanien zu ſein, ehe der Kö⸗ nig Don Pedro Zeit gehabt hat, ſeine Börſe zu öffnen und uns, wie Ihr ſo eben ſagtet, einen Streich nach ſeiner Art zu ſpielen.“ Enrique antwortete nicht, er fühlte ſich gedemü⸗ thigt im Grunde ſeines Herzens durch dieſe Protection, der er ſich von Seiten eines einfachen Edelmanns un⸗ terziehen mußte, wenn er nicht in ſeinem königlichen Unternehmen ſcheitern wollte. Doch die Krone, die er in ſeinen Träumen der Zukunft und des Ehrgeizes glän⸗ zen ſah, tröſtete ihn für dieſe vorübergehende Demü⸗ thigung. Während Bertrand die vornehmſten Häupter der Compagnien nach Paris führte, um ſie dem König 2— „ 245 Karl V. vorzuſtellen, während ſte der Fürſt mit Ehren und reichen Geſchenken überhäufte und ſich heiter für ſeinen Dienſt tödten zu laſſen geneigt machte, ſchlugen Enrique und Agenor, dem ſein treuer Muſaron folgte, wieder den Weg nach Spanien ein, wobei ſie die Straße vermieden, der ſie bei ihrer Reiſe nach Frankreich ge⸗ folgt waren, aus Furcht, von denjenigen erkannt zu werden, welche ihnen eine Unannehmlichkeit hätten be⸗ reiten können, obgleich ſie mit guten Geleitsbriefen, ausgeſtellt vom Kapitän Hugo von Caverley und von Meſſire Bertrand Duguesclin, verſehen waren. Sie hielten ſich rechts, was übrigens für ſie der kürzeſte Weg war, um das Bearn zu erreichen und ſo⸗ dann Aragonien zu durchziehen. Sie reiſten alſo längs der Auvergne, folgten dem Ufer der Vezore und ſetzten in Caſtillon über die Dordogne. Beinahe ſicher, unter der Tracht und unter dem Namen eines niedrigen Ritters nicht erkannt zu wer⸗ den, wollte ſich Enrique durch ſich ſelbſt der Geſinnung der Engländer in Beziehung auf ſeine Perſon verſichern und es verſuchen, ob es nicht möglich wäre, den Prin⸗ zen von Wales auf ſeine Seite zu bringen, ein Reſul⸗ tat, das ihm nicht unmöglich vorkam, nach dem Eifer, mit dem die Kapitäne Meſſtre Bertrand Dugueselin gefolgt waren, aus welchem Eifer hervorging, daß der ſchwarze Prinz noch keinen Entſchluß gefaßt hatte. Den Sohn von Eduard III. zur Unterſtützung haben, ihn, der als Kind ſeine Sporen bei Crécy gewonnen, der als Jüngling den König Johann bei Poitiers geſchlagen hatte, hieß nicht nur die moraliſche Stärke ſeiner Sache verdoppeln, ſondern auch fünf bis ſechs tauſend Lanzen mehr nach Caſtilien werfen, denn dies waren die Streit⸗ kräfte, über welche der Prinz von Wales, ohne ſeine Garniſon in Guienne zu ſchwächen, verfügen konnte. Dieſer Prinz hielt ſein Lager, oder vielmehr ſeinen Hof in Bordeaux. Da man nun, wenn nicht Frieden, doch wenigſteus Waffenſtillſtand mit Frankreich hatte, 246 ſo zogen die zwei Ritter ohne Schwierigkeit in die Stadt ein; allerdings war es am Abend eines Feſttags und man gab wegen des Tumultes nicht auf ſie Ob⸗ acht. Agenor hatte Anfangs dem Prinzen Enrique von Transtamare vorgeſchlagen, mit ihm bei ſeinem Vor⸗ mund Meſſire Ernauton von Sainte⸗Colombe zu woh⸗ nen, welcher ein Haus in der Stadt hatte; doch die Furcht, ſein Gefährte könnte das Geheimniß nicht ge⸗ nug bewahren, ließ ihn zuerſt dieſes Anerbieten aus⸗ ſchlagen; es wurde ſogar verabredet, daß zu größerer Sicherheit Mauleon, ohne ſeinen Vormund zu ſehen, durch Bordeaux reiten ſollte, was Mauleon verſprach, ſo ſchwer es ihn auch ankam, ſo nahe, ohne ihn zu grüßen, an dem würdigen Beſchützer vorüberzuziehen, der ihm als Vater gedient hatte; nachdem man aber die Stadt in allen Richtungen durchritten, nachdem man an die Thüren aller Wirthshäuſer geklopft und, in Be⸗ tracht des großen Zuſtromes von Menſchen, die Unmög⸗ lichkeit, in irgend einem Gaſthaus ein Unterkommen zu finden, erkannt hatte, ſah ſich der Prinz genöthigt, auf das Anerbieten, das ihm Agenor gemacht, zurückzukom⸗ men; man wandte ſich alſo nach der Wohnung von Meſſire Ernauton, welche in einer der Vorſtädte von Bordeaux lag, nachdem die zwei Reiſenden feierlich da⸗ hin übereingekommen waren, daß der Name des Prin⸗ zen nicht genannt werden, und daß er nur für einen einfachen Ritter, Freund und Waffenbruder von Agenor gelten ſollte. Der Zufall bediente indeſſen vortrefflich die Rei⸗ ſenden. Meſſtre Ernauton von Sainte⸗Colombe befand ſich im Augenblick in der Heimath von Mauleon, wo er ein Schloß und einige Güter hatte. Zwei oder drei Diener waren in Bordeaur zurückgeblieben und empfin⸗ gen den jungen Mann, als ob er nicht der Mündel, ſondern der Sohn des alten Ritters geweſen wäre. Ein vertrauter Diener, welcher Agenor von ſeiner 1 e 2— 2*2— R 247 Geburt an kannte, erwies den zwei Reiſenden die Ehre des Hauſes. Dieſes Haus hatte ſich übrigens ſeit den vier Jahren, daß Mauleon nicht mehr nach Bordeaux gekommen, gewaltig verändert. Seine ungeheuren Gär⸗ ten, welche einen für die Strahlen der Sonne und die Blicke der Menſchen unzugänglichen Aufenthaltsort bo⸗ ten, waren nun durch eine große Mauer von dem Haupt⸗ gebäude getrennt und ſchienen eine beſondere Wohn⸗ ſtätte zu bilden. Agenor fragte den alten Diener hierüber und er⸗ fuhr, daß dieſe Gärten, in denen er im Schatten von Sycomoren und Platanen ſeine ſorgloſe Jugend zuge⸗ bracht hatte, von ſeinem Vormund an den Prinzen von Wales verkauft worden waren, welcher hier ein pracht⸗ volles Haus hatte erbauen laſſen, in das er alle Gäſte einquartierte, die er ſichtbar in ſeinem Palaſt nicht em⸗ pfangen wollte oder konnte. Es kamen aber Höflinge von allen Ländern und Boten von allen Königen an den Sohn von Eduard III.; denn da er keine Nieder⸗ lage erlitten hatte, ſo ſtand er bei aller Welt im Ruſe eines Siegers. Enrique bedeutete Agenor durch ein Zeichen, er möge ſich dieſe Erklärung mit allen ihren Einzelnheiten wiederholen laſſen, denn er war, wie man ſich erinnert, nach Bordeaur gekommen in der Abſicht, den ſchwarzen Prinzen zu ſehen, und in der Hoffnung, ſich ihn zum Freunde zu machen; da es jedoch ſchon ſpät, da man eine ſtarke Tagereiſe gehabt hatte, und die Reiſenden müde waren, ſo ertheilte der Prinz ſeinen Dienern Be⸗ fehl, ſein Zimmer bereit zu halten, in das er ſich auch ſogleich nach dem Abendbrod begab. Agenor ahmte ihn nach und begab ſich in das ſeinige, das im erſten Stocke des Haufes lag und auf die herrlichen Gärten ging, in denen er zu ſeinem Ergötzen wie Blumen der Vergan⸗ genheit die ſchönen Erinnerungen aus ſeiner Jugend⸗ zeit pflücken wollte. Statt ſich niederzulegen, wie es der Prinz that, 248 ſetzte er ſich alſo an das Fenſter und fing an mit der ganzen Poeſie ſeiner zwanzig Jahre, die Augen auf die herrlichen Bäume geheftet, durch deren Blätterwerk nur mit Mühe einige Mondſtrahlen drangen, wieder an dem Geſtade des Lebens hinaufzuſteigen, das immer mehr mit Blumen beſtreut iſt, je mehr man ſich der Kindheit nähert. Der Himmel war rein, die Luft mild und ruhig; der Fluß glänzte in der Ferne wie die ſil⸗ bernen Schuppen einer ungeheuren Schlange; doch in Folge einer Laune der Einbildungskraft, geſchah es nun durch die Aehnlichkeit der Landſchaft, durch die Rückkehr der gleichen Stunde, oder durch die Wohlgerüche der Orangenbäume der Guienne, welche ſo ſehr an die von Portugal und Andaluſien erinnern, zog ſein Geiſt mit Flammenflügeln über die Berge hin und ließ ſich zu den Füßen der Sierra Eſtrella, am Ufer des Flüßchens nieder, das ſich in den Tajo wirft und an deſſen Rande er, angezogen durch die Töne der Guzla, zum erſten Male mit der ſchönen Maurin von Liebe geſprochen hatte. Plötzlich, mitten unter dieſer mächtigen Berauſchung glänzte ein Schein, von dem geheimnißvollen Palaſte kommend, wie ein Stern durch das Blätterwerk, und bald, o ſeltſames Wunder! das der Ritter für einen Irrthum ſeiner Sinne hielt, glaubte Mauleon die Töne einer Guzla zu hören. Er horchte ganz bebend auf dieſe Accorde, welche nur ein Vorſpiel waren; darauf aber ſang eine reine, melodiſche Stimme, eine Stimme, welche man nie mehr verkennen durfte, wenn man ſie einmal gehört hatte, in ſchönem Caſtilianiſch die alte ſpaniſche Romanze: Ein kühner Ritter mit ſtolzer Miene, Auf bäumendem Roſſe mit muthigem Gang, Ein ſchöner Ritter aus Aragons Gauen, Auf wilder Jagd den Tag entlang, Hatt' Falken und Hund' im Gehölze verloren. e ͤ— r ——2——-'— 8——— 2— — VVVͤ— 8V— 2— 249 Er ſetzt unter weithin aſtiger Ciche Ermattet ſich nieder im Abendſtrahl, Lauſcht Zaubertönen ſanft wie die Liebe Und ſtark wie rauſchender Waffen Schall In wunderſamem Gemenge. Er ſchaut zum Wipfel, der fränkiſche Ritter, Und ſiehe, es däucht ihm ein wirrender Traum; Sirenenblick funkelt dem Späher entgegen, Ein Fräulein hoch oben ſchwebend am Baum, Gebunden an goldenen Locken der Haare. Hernieder ſie ruft mit lieblicher Stimme: Gewaltiger Ritter, erzittere nicht! Das Fräulein, verſtoßen, dem außer dem Neſte Von Moos und Geblätter Alles gebricht, Iſt Tochter des Königs und ſeiner Gemahlin. Ein Sprößling von mächtigem Herrengeſchlecht, An ihrer Wiege ein glänzender Thron, Caſtiliens Königin nennt ſie die Mutter, Der Ahnherren jeder ein Königſohn, In fürſtlicher Gruft als Könige ſchlummernd. Weh' mir, es ward mir das Urtheil geſprochen, Zu ſchmachten, wohin kein Retterarm dringt, In einſamer Waldnacht zum fünfzehnten Jahre, Doch morgen die Rettungsſtunde erklingt, Da werd' ich zum zweiten Male geboren. Freund Ritter, ohl nimm mich mit Dir von hinnen, Ich fleh', wie liegend auf bebendem Knie Wir fleh'n hinauf zu den Heil'gen des Himmels Und gläubigen Herzens zur Mutter Marie. Nimm mich als Freundin Dir oder Verlobte. Agenor hörte nicht mehr; er machte einen Sprung, 250 als wollte er aus ſeinem Traum herausſtürzen, tauchte ſeinen gierigen Blick in die Platanen des Gartens und murmelte mit fieberhafter Hoffnung: „Aiſſa! Aiſſa! Siebenzehntes Kapitel. Wie Agenor diejenige wiederfand, welche er ſuchte, und der Prinz Enrique den, welchen er nicht ſuchte. Sobald ſich Agenor überzeugt glaubte, daß es die Stimme von Aiſſa war, die er gehört hatte, nahm er, der erſten bei einem jungen Mann von zwanzig Jahren ſo natürlichen Bewegung nachgebend, ſeinen Degen, hüllte ſich in ſeinen Mantel und ſchickte ſich an, in den Garten zu dringen. Doch in dem Augenblick, wo er auf's Fenſter ſtieg, fühlte er, wie ſich eine Hand auf ſeine Schulter legte; er wandte ſich um, es war ſein Knappe. „Herr Ritter,“ ſagte dieſer,„ich habe immer be⸗ merkt, daß einige von den Thorheiten, die man in der Welt begeht, auf dem Wege durch die Thüren begangen werden, daß man aber die übrigen, das heißt die Mehr⸗ zahl, auf dem Wege durch die Fenſter begeht.“ Agenor machte eine Bewegung, um ſein Unter⸗ nehmen fortzuſetzen. Muſaron hielt ihn mit achtungs⸗ voller Gewalt zurück. „Laßt mich,“ ſprach der junge Mann. „Hoher Herr,“ ſagte Muſaron,„ich bitte Euch um fünf Minuten. In fünf Minuten ſoll es Euch freiſtehen, alle Thorheiten zu begehen, die Ihr begehen wollt.“ 251 „Weißt Du, wohin ich will?“ „Ich vermuthe es.“ „Weißt Du, wer in dieſem Garten iſt?“ „Die Maurin.“ „Aiſſa ſelbſt, Du haſt es geſagt. Du denkſt noch, mich zurückzuhalten?“ „Je nachdem Ihr vernünftig oder wahnſinnig ſein werdet.“ „Was willſt Du damit ſagen 2“ „Daß die Maurin nicht allein ſei.“ „Allerdings nicht, ſie iſt bei ihrem Vater, der ſie nie verläßt.“ „Und ihr Vater wird wiederum beſtändig von einem Dutzend Mauren bewacht.“ „Nun 24 „Nunl ſie ſtreifen unter dem Schatten dieſer Bäume umher. Ihr werdet Euch an Einem derſelben ſtoßen, Ihr werdet ihn tödten. Ein Anderer wird auf das Geſchrei von dieſem herbeieilen, und Ihr werdet ihn auch tödten. Doch ein Dritter, ein Vierter, ein Fünfter werden kommen, es wird ein Streit, ein Kampf entſtehen, die Schwerter werden klirren, man wird Euch erkennen, gefangen nehmen, tödten vielleicht.“ „Es ſei, doch ich werde ſie ſehen.“ „Pfui doch! eine Maurin!“ „Ich will ſie wiederſehen.“ „Ich hindere Euch nicht, ſie wiederzuſehen, doch ſeht ſie, ohne Gefahr zu laufen.“ „Haſt Du ein Mittel?“ 3„Ich habe keines; doch der Prinz wird Euch eines geben.“ „Wie, der Prinz? „Allerdings. Glaubt Ihr, er ſei bei der Gegen⸗ wart von Mothril in Bordeaux minder intereſſirt, als Ihr, und er⸗ habe nicht, wenn er erfährt, daß dieſer hier iſt, ein ebenſo großes Verlangen als Ihr, zu er⸗ 252 fahren, was der Vater hier ſuchen will, als Ihr, zu wiſſen, was die Tochter hier macht?“— „Du haſt Recht,“ ſagte Agenor. 4 „Ah! Ihr ſeht das ein,“ verſetzte Muſaron zufrieden. „Nun, ſo benachrichtige den Prinzen. Ich bleibe hier, um das kleine Licht nicht ans dem Blick zu verlieren.“ „Und Ihr werdet die Geduld haben, uns zu erwarten?“ „Ich werde horchen,“ ſprach Agenor. Die ſanfte Stimme fuhr in der That fort in der Nacht zu erklingen, und die Guzla vibrirte bebend in Begleitung derſelben. Es war nicht der Garten von Bordeaux, den er vor ſeinen Augen hatte, es war der Garten des Alcazar; es war nicht das weiße Haus des Prinzen von Wales, ſondern der mauriſche Kiosk mit dem grünen Vorhang. Jeder Ton der Guzla drang tief in ſein Herz ein, das ſich allmälig mit Trunkenheit füllte. Kaum glaubte er ſich allein, als er die Thüre wieder öffnen hörte und Muſaron, gefolgt von dem Prinzen, der wie er in ſeinen Mantel gehüllt war und wie er ſein Schwert in der Hand trug, ein⸗ treten ſah. 1 Mit einigen Worten war der Prinz über die Lage der Dinge unterrichtet, da ihm Agenor ohne Rückhalt ſein früheres Verhältniß zu der ſchönen Maurin, ſowie die wüthende Eiferſucht von Mothril mitgetheilt hatte. „Ihr müßt es verſuchen, mit dieſer Frau zu ſprechen,“ ſagte der Prinz;„durch ſie werden wir mehr erfahren, als durch alle Spione der Erde. Eine Frau, die man in der Sklaverei hält, beherrſcht häufig ihren Despoten.“ 3 „Ja, ja,“ rief Mauleon, der vor Ungeduld, zu Aiſſa zu gelangen, brannte,„ich bin bereit, den Be⸗ fehlen Eurer Hoheit zu gehorchen.“ „Ihr ſeid ſicher, ſie gehört zu haben?“ „Gehört, wie ich Euch höre, gnädigſter Herr. Ihre 4 253 Stimme kam von dort und würde mich mitten durch die Finſterniß der Hölle leiten.“ „Es ſei! Doch das Schwierige für uns iſt, in dieſes Haus zu dringen, ohne unter eine bewaffnete Truppe zu gerathen.“ „Ihr habt geſagt, für uns, gnädigſter Herr 2 „Allerdings, ich begleite Euch, doch wohl ver⸗ ſtanden, ich bleibe beiſeit und laſſe Euch frei mit Eurer Geliebten ſprechen.“ „Dann iſt nichts mehr zu befürchten, hoher Herr. Zwei Kämpen wie Ihr und ich nehmen es mit zehn Chriſten und mit zwanzig Mauren auf.“ „Ja, aber ſie lärmen, aber ſie tödten, und genö⸗ thigt, zu fliehen, haben ſie am andern Tag einer leeren Großthuerei den Erfolg einer wichtigen Angelegenheit geopfert. Wir müſſen klug ſein, Ritter; ſeht Eure Ge⸗ liebte, doch mit aller nöthigen Vorſicht. Hütet Euch beſonders, Euren Dolch in den Gärten oder in den Gemächern eines Vaters oder eines eiferſüchtigen Gat⸗ ten zu verlieren. Daß ich den meinigen in dem Zimmer von Don Guttiere fallen ließ, hat mich die Frau ge⸗ koſtet, die ich am Innigſten liebte.“ „Ja, Klugheit! Klugheit!“ murmelte Muſaron. „Ja; doch mit zu viel Klugheit werden wir ſie vielleicht verlieren,“ erwiederte Agenor. „Seid unbeſorgt,“ ſprach Enrique,„das wird meine erſte Wegnahme bei den Mauren ſein, wenn ich je den Thron Caſtiliens beſteige. Doch mittlerweile ſchonen wir dieſen Thron.“ „Ich erwarte die Befehle Eurer Hoheit,“ ſprach Mauleon, nur mit Mühe ſeine Ungeduld bewältigend. „Gut, gut!“ ſagte Enrique.„Ich ſehe, daß Ihr ein disciplinirter Soldat ſeid, und es wird Alles nur um ſo beſſer gehen, wenn Ihr mir gehorchen wollt. Wir ſind Kapitäne und müſſen die ſchwache Seite eines Platzes recognoſciren. Gehen wir in den Garten hinab, unterſuchen wir die Mauern, und wenn wir eine zum 254 Erſteigen günſtige Stelle gefunden haben, werden wir hinaufſteigen.“ 4 „Eil Herr,“ ſagte Muſaron,„das Erſteigen wird keine Schwierigkeit ſein, denn ich habe eine Leiter in Hof geſehen, und es iſt folglich eine Stelle der Mauer ſo günſtig, als die andere. Hinter der Mauer aber gibt f es Mauren mit Säbeln, Wälder von Piken. Doch wen es ſich um das Leben eines ſo erhabenen Prinzen und eines ſo ausgezeichneten Ritters handelt...“ „Sprich für den Prinzen,“ ſagte Agenor. „Dieſer gute Knappe gefällt mir,“ bemerkte Enrique, ger wird eine äußerſt nützliche Nachhut bilden.“ Dann erhob er die Stimme und ſprach, ſich an ſeinen Knappen wendend, der bei der Thüre wartete: „Perajo, ſeid Ihr bewaffnet?“ „Ja, Hoheit,“ antwortete derjenige, an welchen die Frage gerichtet war. „So folgt mir.“ 1 Muſaron ſah, daß ſich nichts einwenden ließ. Alles, was er erreichte, war, daß man durch die Thüre hinausging und die Treppe hinabſtieg, ſtatt durch das Fenſter zu ſteigen. Doch wie immer, wenn einmal ſein Entſchluß gefaßt war, ging er ernſt auf das Ziel zu. Es fand ſich in der That eine Leiter im Hof; er lehnte ſie an der Mauer an. Der Prinz wollte zuerſt hinauf; Agenor folgte ihm, dann kam Perajo und endlich Muſaron, der die Leiter auf die andere Seite der Mauer zog. b „Bewache dieſe Leiter,“ ſagte der Prinz;„die Art, wie Du geſprochen, gibt mir volles Vertrauen zu Dir.“ Muſaron ſetzte ſich auf die letzte Sproſſe; Perajo wurde zwanzig Schritte weiter hinter einem Feigen⸗ 4 baume aufgeſtellt, und Enrique und Agenor rückten unter den großen Schatten der Bäume vor, die ſie natürlich vor denjenigen verbargen, welche im Lichte aufgeſtellt ſein konnten. Bald befand man ſich ſo nahe beim Haus, daß 4 25⁵ man in Ermangelung der Töne der Guzla, welche auf⸗ gehört hatten, die Seufzer der Sängerin hörte. „Prin,„“ ſagte Agenor, der ſeine Ungeduld nicht länger bezähmen konnte,„erwartet mich unter dieſer Geisblattlaube; ehe zehn Minuten vergehen, habe ich mit der Maurin geſprochen und weiß, weshalb ihr Vater nach Bordeaux gekommen iſt. Würde ich angegriffen, ſo gefährdet nicht Euer Daſein und kehrt zur Leiter zuruck. Ich werde Euch durch den Ruf: Auf die Mauer! benachrichtigen.“ „Wenn Ihr angegriffen werdet,“ erwiederte En⸗ rique, ſo erinnert Euch, Ritter, daß Niemand vielleicht, mit Ausnahme von König Don Pedro meinem Bruder und Meſſire Duguesclin meinem Lehrer den Degen handhabt, wie ich dies zu thun verſtehe. Ich werde Euch dann zeigen, Ritter, daß ich mich deſſen nicht mit Unrecht rühme.“ Agenor dankte dem Prinzen, der im Schatten ver⸗ ſchwand, wo ihn die Augen des Ritters vergebens ſuchten. Agenor aber ſetzte ſeinen Gang nach dem Hauſe fort; doch zwiſchen dieſem und dem Gehoͤlze hatte er einen freien und vom Mond beleuchteten Raum zu durch⸗ ſchreiten. Agenor zögerte einen Augenblick, ehe er ſo zu ſagen das Licht herausforderte. Doch er war im Begriff, dieſen freien Raum kühn zu durchſchreiten, als durch eine Seitenthüre des Hauſes, die ſich knarrend öffnete, drei Männer herauskamen, welche mit leiſer Stimme plauderten. Derjenige, welcher am nächſten vor dem unbeweglich und ſtumm unter dem Schatten einer Platane ſtehenden Agenor vorüberkommen mußte, war Mothril, den man leicht an ſeinem weißen Burnus zu erkennen vermochte; der in der Mitte war ein Ritter in ſchwarzer Rüſtung; der, welcher am nächſten an Don En⸗ rique vorbeigehen mußte, war ein vornehmer Herr, der ein reiches caſtilianiſches Kleid unter einem Purpurmantel trug. „Hoher Herr,“ ſagte lachend der letztere zu dem ſchwar⸗ zen Ritter,„Ihr dürft Mothril nicht böſe ſein, daß er 256 Ich, der ich ſeit beinahe ſechs Wochen Tag und Nacht mmit ihm reiſe, habe es nur mit Mühe dahin gebracht,. daß er ſie mich ſehen ließ.“ 4 Der ſchwarze Ritter antwortete; doch Agenor küm⸗ merte ſich nichts um ſeine Antwort. Was er zu wiſſen wünſchte, wußte er nun: daß Aiſſa allein war. Bei 3 dem Klange der väterlichen Stimme hatte ſie ſich ſogar 3 erhoben und neugierig, wie eine Chriſtin, aus ihrem Fenſter geneigt, um mit dem Auge den drei geheimniß⸗ vollen Spaziergängern zu folgen. Der Ritter eilte aus dem Gebüſch hervor und war mit zwei Sprüngen unter dem Fenſter, das ungefähr zwanzig Fuß über der Erde ſein mochte. „Aiſſa, erkennſt Du mich?“ ſagte er. So ſehr ſie auch Herrin über ſich ſein mochte, ſo wich die mauriſche Jungfrau doch mit einem unwill⸗ kührlichen kleinen Schrei zurück. Doch alsbald erkannte ſie denjenigen, welcher beſtändig in ihren Gedanken wohnte, ſtreckte die Arme gegen ihn aus und fragte ihn: „Biſt Du es, Agenor?“ „Ja, ich bin es, meine Liebe. Doch wie ſoll ich zu Dir gelangen, zu Dir, die ich auf eine ſo wunderbare Weiſe wiederfinde? Haſt Du nicht eine ſeidene Leiter?“ „Nein,“ erwiederte Aiſſa,„aber morgen werde ich eine haben. Mein Vater wird die Nacht im Palaſt des Prinzen zubringen. Komm' morgen; doch dieſen Abend nimm Dich in Nacht, denn ſie ſind in der Gegend.“ „Wer dies?“ fragte Agenor. „Mein Vater, der ſchwarze Prinz und der König.“ „Welcher König?“ „Der König Don Pedro.“) Agenor dachte an Enrique, der ſich vielleicht ſeinem Bruder von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber finden ſollte, ſprach:„Morgen!“ und eilte unter die Bäume, wo er alsbald verſchwand. Agenor täuſchte ſich nur halb. Die drei Spazier⸗ ſich weigert, Euch ſeine Tochter dieſen Abend zu zeigen. — ——*— 257 gänger hatten ſich nach der Gegend gewendet, wo ſich Enrique verborgen hielt. Der Prinz erkannte zuerſt Moihri. „Gnädigſter Herr,“ ſagte er in dem Augenblick, wo ſeine Stimme hörbar wurde,„Cure Hoheit hat Unrecht, unabläſſig, auf Aiſſa zurückzukommen. Der edle Sohn des Königs von England, der glorreiche Prinz von Wales iſt nicht in dieſes Haus eingetreten, um ein armes afrikaniſches Mädchen zu ſehen, ſondern um mit uns über das Schickſal eines großen König⸗ reichs zu entſcheiden.“ Enrique, der den Oberleib vorgebeugt hatte, um beſſer zu hoͤren, zog ſich raſch zurück. 1 „Der Prinz von Wales!“ murmelte er mit einem unſäglichen Erſtaunen, während er neugierig die in Europa ſeit den blutigen Schlachten von Crécy und Poitiers ſo bekannte ſchwarze Rüſtung betrachtete. „Morgen,“ ſprach der Prinz,„werde ich Euch bei mir empfangen, und es wird dann, ehe wir uns trennen, Alles hoffentlich geordnet ſein, und die ganze Angelegen⸗ heit läßt ſich öffentlich machen. Heute mußte ich mich in die Wünſche meines königlichen Gaſtes fügen, ich durfte die Neugierde der Höflinge nicht erregen; ich mußte auch, ehe ich einen Entſchluß faſſen konnte, ge⸗ nau die Abſichten Seiner Hoheit des Königs Don Pedro von Caſtilien wiſſen.“ Bei dieſen Worten verbeugte ſich der ſchwarze Prinz höflich gegen den Cavalier im Purpurmantel. Der Schweiß ſtieg Don Enrique auf die Stirne; doch dies war noch ganz anders, als eine ihm wohl⸗ bekannte Stimme die Worte ſprach: „Ich bin nicht der König von Caſtilien, hoher Herr, ſondern ein Flehender, der genöthigt iſt, fern von ſeinem Reiche Hülfe zu ſuchen, denn meine grauſamſten Feinde ſind in meiner Familie: von drei Brüdern, die ich hatte, wollte ſich der Eine an meiner Chre, die Der Baſtard von Mauleon. I. 17 258 zwei Andern an meinem Leben vergreifen. Denjenigen, welcher ſich an meiner Ehre vergreifen wollte, habe ich getödtet: es bleiben Enrique und Tello; Tello befindet ſich in Aragonien, um ein Heer gegen mich auf die Beine zu bringen; Enrique iſt in Frankreich bei König Karl und ſchmeichelt ihm mit der Hoffnung, mein König⸗ reich zu erobern, ſo daß Frankreich, durch Eure Siege erſchöpft, gern in Caſtilien neue Kräfte ſammeln moͤchte, um Euch zu bekämpfen. Ich dachte alſo, es läge in Eurer Politik, gnädigſter Herr, das gute Recht eines legitimen Monarchen zu unterſtützen, indem Ihr bei ihm mit den Mitteln, die er Euch an Menſchen und und Geld bietet, den Krieg fortſetzen würdet, den dieſer heuchleriſche Waffenſtillſtandsbruch gegen Frankreich zu führen Euch geſtattet. Ich erwarte die Antwort Eurer Häheit, um zu wiſſen, ob ich an meiner Sache verzweifeln 0 l.“¹ 1„Nein, Ihr dürſt nicht verzweifeln, Hoheit, denn Eure Sache iſt, wie Ihr ſagt, eine legitime. Aber beinahe Vicekönig der Guienne, wollte ich nicht allein das Gewicht meines Bicekönigthums tragen. Ich ver⸗ langte von meinem Vater einen Rath, beſtehend aus weiſen Männern. Dieſer Rath iſt mir bewilligt worden. Dieſen Rath muß ich befragen, doch ſeid verſichert, daß wenn die Anſicht der Mehrzahl auch die meinige iſt und meiner Neigung, Euch zu Gefallen, beitritt, nie ein getreuerer und, ich wage es wohl zu behaupten, that⸗ kräftigerer Verbündeter unter Euren Fahnen gefochten haben wird. Kommt Ihr morgen in den Palaſt, ſo erhaltet Ihr eine genauere und umſtändlichere Antwort. Bis dahin zeigt Euch nicht. Das Gelingen hängt be⸗ ſonders von der Geheimhaltung ab.“ „Oh! ſeid unbeſorgt, Niemand kennt uns hier.“ „Und dieſes Haus iſt ſicher,“ ſagte der Prinz, „und ſogar ſicher genug,“ fügte er lachend bei,„um dem edlen Herrn Mothril ſeine Furcht in Beziehung auf ſeine Tochter zu benehmen.“ 4 ö““ ſich von ihm zu entfernen; ₰ 259 3 Der Maure ſtammelte ein paar Worte, welche Enrique nicht verſtand, denn ſchon fingen die Spaziergänger an⸗ überdies durchwühlte ihn ein einziger, glühender, toller, beinahe unüberwindlicher Ge⸗ danke, ſeitdem er dieſe verfluchte Stimme gehort hatte; hier⸗ zwei Schritte von ihm, war ſein Todfeind, das Geſpenſt, das ſich zwiſchen ihm und dem Ziele erhob, das er erreichen wollte; hier, im Bereiche ſeines Schwertes, war der Mann, der nach ſeinem Blute dürſtete, und nach deſſen Blut er dürſtete; ein einziger Stoß von einer Hand geführt, die der Haß leitete, endigte den Krieg, ſchnitt jeden Zweifel ab. Dieſer Gedanke machte das Herz des Prinzen ſpringen und zog ſeinen Arm gegen ſeinen Feind hin.. Doch Enrique gehörte nicht zu den Menſchen, die einem erſten Gefühle nachgeben, und wurde dieſes Ge⸗ fühl auch von einem tödtlichen Haſſe eingeflößt.„Nein, nein,“ ſagte er,„ich würde ihn tödten, aber nichts ſonſt, Und es iſt nicht genug für mich, daß ich ihn tödte, ich muß ihm auf dem Thron folgen. Ich würde ihn tödten, doch der Prinz von Wales würde ſeinen ermor⸗ deten Gaſt rächen, er würde mich ſchmachvoll ſterben laſſen, oder in einem ewigen Kerker einſchließen.... Ja,“ fuhr Enrique fort, als er einen Augenblick ge⸗ ſchwiegen hatte,„doch ich könnte mich auch fluͤchten, und Tello, der dort iſt,“ fügte er bei, ſich ſelbſt dar⸗ über zulächelnd, daß er einen ſeiner Brüder hatte ver⸗ geſſen können, obgleich dieſer Bruder ſein Verbündeter war,„Tello, den ich auf dem Throne finden würde... Das wäre nur, um wieder anzufangen.“ Dieſe Betrachtung hielt den Arm von Enrique zu⸗ rück; ſein halb gezogenes Schwert ſiel wieder in die Scheide. Die Geiſter der Finſterniß mußten wohl lachen über ihren Bruder, den Chrgeiz, der diesmal die Hand des Ehrgeizigen von ſeinem Dolche entfernte. In dieſem Augenblick befanden ſich die drei Spa⸗ 260 ziergänger außer dem Bereiche der Stimme, Mothril ſprach die Worte, die der Prinz nicht hörte. In derſelben Minute kam Agenor zu ihm zurück; der Eine war finſter, der Andere ſtrahlte; der Eine hatte den Krieg, die Intriguen, die Fürſten, die Welt ver⸗ geſſen; der Andere zerrte an den Maſchen ſeiner eiſernen Panzerhandſchuhe, denn ſchon glaubte er ſeine Feinde zu zermalen und ſich an den Stufen des Thrones von Caſtilien anzuklammern. . —