Leihbiblis iothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 85 Eduard Ofttmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Leseppeis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.—. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Wechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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April 1368, in welcher das Heer Don Enrigo's di Trastamare, Halbbruders des Königs Don Pedro von Spanien, unter welchem der Connetable Duguesclin commandirte, von der Armee des Königs in Verbindung mit einem engliſchen Hülfscorps unter An⸗ führung des Prinzen Eduard von Wales, genannt der ſchwarze Prinz, total geſchlagen wurde. Wir haben er⸗ zählt, daß Dugueselin und der Ritter Agenor, genannt der Baſtard von Mauleon, von dem engliſchen Prinzen gefangen genommen wurde, daß er es aber dem Letzteren erlaubte, nach Frankreich zurückzukehren, um das Löſe⸗ geld für den Connetable zu holen, und wir haben unſern Helden verlaſſen, während er, beglei tet von ſeinem treuen 6 Agenor. Schildknappen Muſaron, auf der Straße nach Frankreich fortjagte. 0 Indem wir die Leſer um des Zuſammenhanges wil⸗ len auf jene Erzählung verweiſen, nehmen wir hier den Faden derſelben wieder auf. Don Pedro's Einzug in Burgos geſchah mit allem Glanze eines rechtmäßigen Herrſchers, der einen entſchei⸗ denden Sieg über ſeine Feinde davongetragen hat. Da die Rebellen jetzt nichts mehr zu hoffen hatten, ſo unterwarfen ſie ſich, und Don Pedro, durch ihre bereitwillige Ergebung und die dringenden Vorſtellungen des Prinzen von Wales milder geſtimmt, begnügte ſich damit, ein Dutzend Bürger aufhängen, einige hundert andere von ſeinen Soldaten durchprügeln zu laſſen und der Stadt eine tüchtige Kriegsſteuer aufzulegen. Er ſchlug ſogar ſein Hoflager daſelbſt auf; Bälle und Turniere folgten ohne Unterbrechung auf einander, es wurden Aemter, Würden und andere Belohnungen geſpendet und man vergaß des Krieges, ja ſogar des Haſſes. Die Wachſamkeit des Sarazenen Mothril, des all⸗ mächtigen Miniſters Don Pedro's, ermüdete jedoch nicht; aber anſtatt ſich als kluger Staatsmann auf die kommen⸗ den Ereigniſſe und den möglichen Wiederbeginn eines 84 8 Agenor. 7 Krieges vorzubereiten, ſchläferte er den König im Gefuͤhle ein völligen Sorgloſigkeit immer mehr ein. Schon hatte Don Pedro die unzufriedenen Englän⸗ der entlaſſen; aber der Prinz von Wales verlangte Erſatz der Kriegskoſten und legte dem Könige die Berechnung derſelben vor, über deren Größe dieſer nicht wenig er⸗ ſtaunte. Da er es nicht für rathſam hielt, jetzt, wo ſeine Unterthanen noch nicht einmal Zeit gehabt hatten, ſich von den Kriegslaſten zu erholen, ſchon wieder Steuern zu erheben, ſo bat er den Prinzen um Geſtundung. Dieſer aber, welcher ſeinen Verbündeten zu genau kannte, hatte keine Luſt zu warten und beſtand auf ſeiner For⸗ derung. So zogen ſich von neuem drohende Gewitter⸗ wolken um den Thron Don Pedro's zuſammen, die ſeine Lage zu einer keineswegs beneidenswerthen machten. Dies war der Augenblick, den Mothril gewünſcht und vielleicht ſogar vorausgeſehen hatte. Er ſchien nicht im geringſten beunruhigt durch die Forderungen des eng⸗ liſchen Prinzen, ſondern lächelte vielmehr darüber, indem er dem Könige vorſtellte, daß hunderttauſend Sarazenen wohl zehntauſend Engländer aufwögen, daß ſie weniger koſteten, daß ſie Spanien den Weg zu großen Beſitzun⸗ gen in Afrika bahnten und daß eine Doppelkrone das Reſultat ſeiner Politik ſein würde. Agenor. Dann machte er ihn darauf aufmerkſam, daß das einzige Mittel, die beiden Kronen dauerhaft auf einem Haupte zu vereinigen, eine Verbindung ſei, daß eine Tochter der alten arabiſchen Fürſten aus dem ehrwürdi⸗ gen Geblüte der Kalifen, an Don Pedro's Seite auf dem caſtilianiſchen Throne ſitzend, in Zeit von einem Jahre ganz Afrika, vielleicht das ganze Morgenland unter ſpa⸗ niſche Oberherrſchaft vereinigen würde, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſe Tochter der Kalifen niemand anders war als Aiſſa. Von jetzt an ebnete ſich der Weg für Mothril immer mehr und er näherte ſich dem Ziele ſeiner höchſten Wün⸗ ſche. Mauleon war ihm kein Hinderniß mehr, da er ſich nicht mehr in Aiſſa's Nähe befand; dagegen aber ließ ſich von Seiten Aiſſa's ſelbſt ein ernſter Widerſtand er⸗ warten. Doch einer überlegenen Gewalt muß endlich auch der heftigſte Widerſtand weichen. Es kam nur darauf an, dem jungen Mädchen zu beweiſen, daß Mauleon ihr nicht treu war, und dies hatte keine Schwierigkeit für einen Menſchen wie Mothril, der kein Mittel ſcheute, um ſeinen Zweck zu erreichen. Noch ein andres und größeres Hinderniß war aber die ſchöne und ſtolze Maria Padilla, welche durch die Macht der Gewohnheit und der Sinnenluſt noch immer Agenor. 9 eine unumſchränkte Herrſchaft über Don Pedro ausübte. Seitdem ſie Mothrils Abſichten durchſchaut hatte, arbei⸗ tete ſie denſelben mit einer Geſchicklichkeit entgegen, wie man ſie von einer Frau von ſo ſeltener Klugheit nur erwarten konnte. Sie kannte Don Pedro's geheimſte Wünſche und wußte ihn immer wieder von neuem an ſich zu feſſeln. Folgſam und demüthig, wenn ſie mit dem König allein war, gebieteriſch und herrſchſüchtig allen Andern gegen⸗ über, unterhielt ſte fortwährend ein geheimes Einverſtänd⸗ niß mit Aiſſa, deren ganze Freundſchaft ſie ſich zu er⸗ werben gewußt hatte. Sie ſprach beſtändig von Agenor mit ihr und ver⸗ mied es ſorgfältig, ihre Gedanken auf Don Pedro zu lenken; auch bedurfte die innige und treue Liebe des jungen Mädchens keiner Anregung, denn ſie konnte nur mit ihrem Leben erlöſchen. Aiſſa war nicht wieder am Hofe erſchienen; ſie erwartete geduldig die Erfüllung des ihr von Maria Padilla gegebenen Verſprechens, ihr ſichere Nachrichten von dem Geliebten zu verſchaffen. Maria hatte wirklich einen ſichern Boten an Mauleon abgeſchickt, mit dem Auftrage, ihm den Stand der Dinge mitzutheilen und ſeiner geliebten Aiſſa ein Andenken von ihm zu bringen. 10 Agenor. Dieſer Bote war niemand anders als der Sohn der alten Amme, in deren Geſellſchaft Agenor ihr als Zigeunerin verkleidet früher einmal begegnet war. So ſtanden ſich die beiden unverſöhnlichen Feinde Donna Maria und Mothril einander gegenüber und er⸗ warteten, um ſich zu meſſen, nur den Augenblick, wo ſte durch Ruhe und reifliches Nachdenken in den vollen Beſitz aller ihrer Kräfte gekommen ſein würden. Indeſſen eilte Agener von Mauleon, obgleich er die treue Liebe bewahrte, die ihn an Spanien feſſelte, mit leichtem und fröhlichem Herzen ſeinem Vaterlande zu; allein dabei verhehlte er ſich keineswegs das Schwierige ſeiner Lage. 1 Seine durch die Hochherzigkeit des Prinzen von Wales wiedererlangte Freiheit war ein Glück, um deſſen Fortdauer ihn gewiß Viele beneideten. Er trieb daher ſein Pferd zu möglichſter Eile an und ſchonte es ſo wenig, daß das edle Thier ſchon in Bordeaux vor Ermattung zuſammenbrach und er es hier zurücklaſſen mußte, um es auf der Rückreiſe wieder mitzunehmen. Den noch übri⸗ gen Theil des Wegs legte er mit gemietheten Pferden zurück und kam gänzlich erſchöpft bei dem Könige Karl an, der über das unerwartete Erſcheinen unſres Reiſen⸗ den nicht wenig erſchrak. 7 2 — Agenor. 11 „Wie? Ihr ſeid es, Meſſire von Mauleon?“ rief der König;„was führt Euch ſo unerwartet zu mir?“ „Mein gnädigſter König,“ antwortete Agenor, ſich auf ein Knie niederlaſſend,„ich bringe Eurer Majeſtät eine traurige Nachricht: Eure Armee in Spanien iſt ge⸗ ſchlagen— ja ſie iſt gänzlich vernichtet!“ „Der Wille Gottes geſchehe!“ verſetzte der König erbleichend;„wie befindet ſich der Connetable?“ „Sire, der Connetable iſt von den Engländern ge⸗ fangen genommen worden.“ Der König ſtieß einen tiefen Seufzer aus; indeſſen faßte er ſich bald wieder und ſagte: „Erzähle mir etwas Näheres über die Schlacht; wo hat ſte ſtattgefunden?“ „Bei Navaretta, Sire,“ erwiederte Agenor und be⸗ richtete dann den Hergang des unglücklichen Treffens, die Vernichtung der Armee, die Gefangennehmung des Con⸗ netables und ſeine eigene faſt wunderbare Befreiung durch den ſchwarzen Prinzen. „Ich muß den Connetable loskaufen,“ ſagte Karl V., als Mauleon geendet hatte,„wenn anders man ihn für ein Löſegeld freigeben will.“ „Sire, die Auslöſungsſumme iſt bereits feſtgeſebt 7 „Wie hoch beläuft ſie ſich?“ Agenor. „Auf ſechzigtauſend Goldthaler.“ „Wer hat die Summe beſtimmt?“ fragte der König, über dieſe ungeheure Zahl erſchreckend. „Der Connetable ſelbſt,“ erwiederte Agenor;„aber macht Euch keinen Kummer wegen des Löſegeldes. Der Connetable hat mir aufgetragen, zu ſeiner Gattin zu gehen, welche hunderttauſend Thaler von ihm in Ver⸗ wahrung hat und ſie gewiß mit Freuden für ſeine Be⸗ freiung hergeben wird.“ „Der wackere Mann!“ rief Karl erheitert;„er iſt alſo ein ebenſo guter Wirth als tapfrer Kriegsheld. Nun wohl, ich nehme die ſechzigtauſend Thaler als ein Darlehn von ihm an und werde ſie ihm bald zurücker⸗ ſtatten. Aber wenn nun die Summe nicht mehr vorhan⸗ den wäre? denn die edle Gattin des Connetable läßt kei⸗ nen Hülfsbeduͤrftigen mit leeren Händen von ihrer Thür gehen.“ „Für den Fall, daß ſeine Gemahlin kein Geld mehr haben ſollte, hat mir der Connetable den Auftrag er⸗ theilt, die ganze Bretagne mit dem Aufrufe zu durch⸗ ziehen: Bretagniſche Männer und Frauen! der tapfre Connetable Bertrand Dugueselin iſt von den Engländern gefangen genommen worden und fordert Euch auf, ſein Löſegeld aufzubringen.“ Agenor. 13 „Vortrefflich!“ rief Karl mit lebhafter Freude. „Aber Du mußt ganz Frankreich durchziehen und ich werde Dir eines meiner Reichsbanner und drei Waffen⸗ herolde mitgeben. Indeſſen wollen wir von dieſem Mit⸗ tel nur im höchſten Nothfalle Gebrauch machen und wo möglich das Unglück von Navaretta in aller Stille wie⸗ der gut zu machen ſuchen.“ „Dies iſt unmöglich, Sire, denn nicht nur wird der fliehende Prinz Don Enrigo di Trastamare ſehr bald hier ſein, ſondern die Engländer werden auch ihren Sieg durch alle gascogniſchen Trompeten auspoſaunen laſſen, und überdies werden die in ihre Heimath zurückkehrenden verwundeten und verſtümmelten Bretagner ihr trauriges Schickſal allenthalben verkündigen.“ „Du haſt Recht, Mauleon; ſo geh denn und wenn Du den Connetable wiederſtehſt, ſo ſage ihm, daß ich nichts für verloren halte, wenn ich nur ihn wieder in Freiheit weiß.“ „Der Connetable hat mir noch aufgetragen, Euch zu ſagen, daß ſein Plan auf dem beſten Wege des Ge⸗ lingens ſei, denn die ſpaniſche Hitze habe ſo manche fran⸗ zöſiſche Ratte verzehrt, die ſich nicht an das Klima ge⸗ wöhnen konnte.“ 4 4 14 Agenor. „Der wackre Bertrand! Bei allem Unglück hat er dennoch ſeine heitere Laune bewahrt.“ „Er läßt ſich durch nichts zu Boden drücken, Sire; er bleibt ſich im Glück wie im Unglück immer gleich.“ Agenor nahm hierauf Abſchied vom Könige, der ihm ein Geſchenk von dreihundert Liyres auszahlen ließ. Unſer Held ſchaffte ſich für hundert Livres zwei tüchtige Streitroſſe an, ſchenkte zehn Livres ſeinem getreuen Mu⸗ ſaron und kaufte dieſem noch außerdem einen Helm, wel⸗ cher dem hocherfreuten Knappen ein noch ſtattlicheres Aus⸗ ſehen verlieh. Mauleon begann nun ſeine Wanderung und erreichte bald in der heiterſten Stimmung die Grenzen der Bre⸗ tagne. Hier ſchickte er ſeinen Knappen an den Grafen Johann von Montfort ab, um von dieſem die Erlaubniß zu erbitten, Madame Tiphaine Raguenel, die Gattin des Connetables, zu beſuchen und das zur Auslöſung deſſel⸗ ben erforderliche Geld in Empfang zu nehmen. „Ich erlaube es nicht nur,“ erwiederte der junge Graf dem Boten,„ſondern ich verlange es ſogar. Er⸗ hebt auf meinen Beſitzungen ſo viel Beiträge als Ihr bedürft, denn es iſt mein innigſter Wunſch, daß der große Connetable nicht allein frei, ſondern auch daß er mein Freund werde, ſobald er in die Bretagne zurückkehrt.“ Agenor. 15 Dieſen Worten getreu empfing der Graf unſern Helden mit der größten Auszeichnung, überreichte ihm das jedem königlichen Abgeſandten zukommende Geſchenk und ließ ihn durch ein glänzendes Gefolge zur Dame Tiphaine Raguenel geleiten, die auf la Roche d'Ahrien, einer ihrer Familienbeſitzungen, wohnte. Zweites Kapitel. Madame Tiphaine Raguenel. Tiphaine Raguenel war eine der tadelloſen Frauen, wie ſie großen Helden nicht oft zu Theil werden; auch genoß ſie ſowohl von ihrem Gatten als in der ganzen Umgegend der höchſten Achtung. Sie war von edler Her⸗ kunft und in ihrer Jugend ſehr ſchön geweſen. In Folge ihrer hohen Bildung übertraf ſie viele gelehrte Rathsher⸗ ren an Verſtand und Einſicht und vereinigte mit dieſen koſtbaren Eigenſchaften die beiſpielloſe Uneigennützigkeit ihres Gatten. Als ſie die Nachricht von der Annäherung eines Abgeſandten des Connetables erhielt, brach ſie ſogleich mit ihren Pagen und Ehrenfräulein auf und erwartete mit ängſtlich klopfendem Herzen an der Zugbrücke des Schloſſes die Ankunft Mauleons. Dieſer verbeugte ſich ——————— Agenor. 17 vor ihr mit der feierlichen Miene eines Trauerboten und ließ ſich dann auf ein Knie nieder. „Sprecht, Herr Ritter,“ begann Tiphaine,„ich ahne es, daß Ihr mir traurige Nachrichten von meinem Gat⸗ ten bringt und bin darauf vorbereitet.“ Agenor begann jetzt die ſchmerzliche Erzählung, welche Madame Raguenel anhörte, ohne ihre Verwunderung zu erkennen zu geben, nur der traurige Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts trat immer deutlicher hervor. „Alſo,“ ſprach ſie,„mein Gatte ſelbſt hat Euch an mich abgeſandt, Herr Ritter?“ „So iſt's, Madame,“ antwortete Mauleon. „Und haben ſeine Feinde die Auslöſungsſumme ſchon feſtgeſetzt?“ „Er ſelbſt hat die Summe auf ſechzigtauſend Gold⸗ thaler beſtimmt.“ „Dies iſt nicht zu viel für einen ſo großen Feld⸗ herrn; aber woher gedenkt er ſte zu nehmen?“ „Er erwartet ſie von Euch, Madame; er hat mir geſagt, daß Ihr hunderttauſend Goldthaler habt, die Meſſtre Bertrand aus dem letzten Feldzuge mitgebracht hat.“ „Es iſt wahr, die Summe betrug allerdings ſo viel, allein ſie iſt ausgegeben.“ Agenor u. die Maurin. 2 18 Agenor. „Wie? die ganze Summe?“ rief Mauleon unwill⸗ kürlich, indem er ſich der Worte des Königs erinnerte. „Ja, und zwar zu ehrenvollen Zwecken, wie ich glaube,“ ſprach Dame Tiphaine weiter.„Ich habe mit dieſem Gelde hundertzwanzig Reiſige und zwölf unbe⸗ mittelte Ritter unſrer Gegend ausgerüſtet und neun arme Waiſen erziehen laſſen, und da mir nicht mehr genug übrig blieb, um zwei Töchter eines uns befreundeten Nachbars auszuſtatten, ſo habe ich mein Silbergeſchirr und mein Geſchmeide verpfändet, ſo daß ich nichts im Hauſe habe, als was zur Beſtreitung der laufenden Aus⸗ gaben nöthig iſt. Deſſenungeachtet hoffe ich im Sinne meines Gatten gehandelt zu haben und bin überzeugt, daß er mein Verfahren billigen würde, wenn er hier wäre.“ „In der That,“ erwiederte Agenor,„auch ich bin der feſten Meinung, daß der Herr Connetable Euch für Eure Handlungsweiſe nur dankbar ſein kann, und es bleibt ihm jetzt nichts mehr übrig, als auf den Beiſtand Got⸗ tes zu vertrauen.“ „Und auf den ſeiner Freunde!“ riefen einige von den Umſtehenden mit Begeiſterung. „Ich werde,“ fuhr Mauleon fort,„unverweilt mit der Vollziehung eines zweiten Auftrags beginnen, den Meſſtre Bertrand mir in der Vorausſicht ertheilt hat, Agenor. 19 daß Ihr die hunderttauſend Goldthaler bereits zu edlen Zwecken verwendet habt. Ich werde mit einem Trompe⸗ ter und einem Bannerträger des Königs das Land durch⸗ ziehen und die traurige Nachricht verkündigen, damit alle diejenigen, welche ihren großen Connetable ſo bald als möglich befreit ſehen wollen, nach Kräften zur Aufbrin⸗ gung ſeines Löſegeldes beitragen.“ „Ich würde dies ſelbſt gethan haben,“ entgegnete Dame Tiphaine,„allein es iſt beſſer, Ihr thut es. Wohl⸗ an, werthe Herren und Sires,“ ſprach ſie zu der mit jeder Minute anwachſende Menge,„Ihr hört es: Die, welche ihre Theilnahme für den Connetable, meinen Gat⸗ ten, beweiſen wollen, mögen ſeinen Boten als einen Freund betrachten.“ „Das wird geſchehen,“ rief die Stimme eines Rit⸗ ters, der eben hinter der Gruppe anlangte;„und zuerſt gebe ich Robert Graf von Laval als Beitrag zu dem Löſegelde meines Freundes Bertrand die Summe von vierzigtauſend Livres.“ „Wenn alle übrigen bretagniſchen Edelleute im Ver⸗ hältniß ihres Reichthums Eurem Beiſpiele folgen,“ ſprach Dame Raguenel gerührt von der Freigebigkeit des Gra⸗ fen,„dann wird der Connetable in wenig Tagen frei ſein.“ „Kommt mit mir, Herr Ritter,“ ſagte der Graf von 2* Agenor. Laval zu Mauleon,„ich biete Euch gaſtfreie Wohnung in meinem Schloſſe an. Morgen macht Ihr den Anfang mit Eurer Collecte und ich gebe Euch mein Wort, ſie wird reichhaltig ausfallen.“ Agenor küßte ehrerbietig die Hand der edlen Frau und folgte dann dem Grafen nach ſeinem Schloſſe. Die Sammlung nahm von Gemeinde zu Gemeinde den er⸗ freulichſten Fortgang. Der beſcheidene Landinann trug willig einen Tagelohn bei, die Schloßherren gaben ge⸗ wöhnlich zwiſchen hundert und tauſend Livres und auch die Bürger ſteuerten nach beſten Kräften ihr Scherflein mit Freuden bei, ſo daß Agenor ſchon nach acht Tagen die Summe von hundertſechzigtauſend Livres beiſammen hatte. Eines Abends, als er eben wieder mit einem wohlgefüllten Geldſacke heimkehrte, welcher die den Tag über geſammelten Beiträge enthielt, erblickte er zwiſchen der Stadt und dem Schloſſe in einem mit Buſchwerk eingefaßten Hohlwege zwei Reiter, die auf kleinen anda⸗ luſiſchen Pferden mit langen Mähnen ſaßen und ſich mit dem Rücken an das Gebüſch auf der einen Seite des Wegs geſtellt hatten, um die beiden Franzoſen beim Vor⸗ überreiten genau zu betrachten. Sie trugen ſpaniſche Rüſtungen und an ihren langen ſchmalen Degen erkannte man leicht, daß es Caſtilianer waren. — Agenor. 21 „Was haltet Ihr von dieſen Leuten, Herr Ritter?“ fragte Muſaron;„ich vermuthe, daß ſie nichts Gutes im Sinne haben.“ „Wohl möglich... Doch wie es ſcheint, wollen ſte mich anreden.“ „Oder Euch den Geldſack abnehmen; zum Glück habe ich meine Armbruſt bei mir.“ „Laß Deine Armbruſt in Ruhe; Du ſiehſt ja, daß weder der Eine noch der Andre ſeine Waffen anrührt.“ „Sennor!“ rief jetzt der eine von den beiden Frem⸗ den auf ſpaniſch. „Was wünſcht Ihr von mir?“ fragte Agenor in der nämlichen Sprache. „Ich wollte Euch nur bitten, mir den Weg nach dem Schloſſe Laval zu zeigen,“ entgegnete der Unbekannte in dem artigen Tone eines gebildeten Mannes. „Ich bin im Begriff, dahin zu gehen,“ ſagte Age⸗ nor,„und kann Euch daher ſelbſt als Führer dienen; doch ſage ich Euch im voraus, daß Ihr den Beſitzer des Schloſſes nicht zu Hauſe finden werdet.“ „Es iſt alſo niemand auf dem Schloſſe?“ rief der Fremde mit ſichtlichem Verdruß. „Das habe ich nicht geſagt, Sennor.“ „Ihr traut mir vielleicht nicht,“ erwiederte der Un⸗ 22 Agenor. bekannte, indem er das Viſtr ſeines Helms aufſchlug, das er bisher, eben ſo wie Mauleon, geſchloſſen gehalten hatte. „Jeſus Maria!“ rief Muſaron, als er das Geſicht des Caſtilianers erblickte. „Was giebt es denn?“ fragte Agenor verwundert. „Gildaz!“ flüſterte Muſaron ihm in's Ohr. „Wer iſt das, Gildaz?“ fragte Mauleon in dem nämlichen Tone. „Der Mann, den wir einſt in Begleitung der Donna Maria antrafen, der Sohn jener alten Zigeunerin, die Euch zu der Zuſammenkunft in der Schloßcapelle beſchied.“ „Großer Gott!“ rief Agenor, von Angſt und Be⸗ ſorgniß ergriffen,„was mögen ſie hier wollen? Wir müſſen auf unſrer Hut ſein.“ „Ihr wißt, Herr Ritter, daß Ihr nicht erſt nöthig habt, mir Vorſicht anzuempfehlen.“ „Was wollt Ihr auf dem Schloſſe des Grafen von Laval?“ fragte Agenor den Fremden. „Ich habe mit einem Ritter zu ſprechen, der bei dem Grafen wohnt.“ Muſaron warf ſeinem Herrn einen bedeutungsvollen Blick zu. „Einem Ritter ſagt Ihr?... Wie heißt er?“ n Agenor. 23 „Es thut mir leid, Euch auf dieſe Frage nicht ant⸗ worten zu können.“ „Was kann es Euch ſchaden, mir ſeinen Namen zu nennen, da ich ihn doch erfahren werde, ſobald wir im Schloſſe ankommen?“ „Dann bin ich unter dem Dache und dem Schutze eines Edelmannes.“ Muſaron hatte einen glücklichen Einfall; er näherte ſich entſchloſſen dem Caſtilianer und ſchlug ſein Viſtr empor. „Vale me Dios!“ rief dieſer, als er Muſarons Ge⸗ ſicht erblickte;„Ihr ſeid es, den ich ſuche!“ „Und ich ſtehe Euch zu Dienſten, Meiſter Gildaz,“ erwiederte Muſaron, ſein Schwert ziehend. „Davon iſt jetzt nicht die Rede,“ ſagte Gildaz;„iſt dieſer Ritter, Euer Herr, Don Agenor von Mauleon?“ „Der bin ich,“ entgegnete Mauleon;„was bringt Ihr mir?“ „Verzeiht mir, Herr Ritter,“ antwortete Gildaz, „wenn ich, als ein gewiſſenhafter Bote, einen Beweis für Eure Verſicherung haben will, ehe ich Euer Verlangen befriedige. Geleitet mich jetzt nach dem Schloſſe Laval, und wenn dort irgend jemand, ohne aufgefordert zu ſein, Euch mit dem Namen des Ritters von Mauleon anredet, 24 Agenor. ſo werde ich auf der Stelle den Auftrag meiner Gebie⸗ terin ausrichten.“ „Alſo Donna Padilla ſendet Dich?“ rief Agenor raſch. „Ihr werdet es ſogleich erfahren, ſobald ich die Ge⸗ wißheit habe, daß Ihr Don Agenor von Mauleon ſeid,“ erwiederte der Caſtilianer. „So komm!“ rief der Ritter;„Deine Zweifel ſollen bald gehoben ſein. Vorwärts, Muſaron, die Sporen eingeſetzt!“ Und die vier Reiter trabten nach dem Schloſſe zu. Drittes Kapitel. Der Bote. Der Caſtilianer erhielt ſehr bald die gewünſchte Be⸗ ſtätigung, als der Thorwärter des Schloſſes Laval unſrem Helden zurief:„Seid willkommen, Sire von Mauleon!“ Er bat daher den Ritter um ein geheimes Geſpräch und dieſer führte ihn in den inneren Hof, wo er zu ihm ſagte: „Ihr wißt, daß ich Muſaron mein volles Vertrauen ſchenke; aber ich wünſchte auch zu wiſſen, wer Euer Be⸗ gleiter iſt.“ „Es iſt ein junger Maure, Namens Haſiz, den ich vor ungefähr zwei Monaten von Mothrils Leuten ver⸗ wundet und dem Hungertode nahe auf der Straße von Burgos nach Soria fand; ſie hatten ihn ſo mißhandelt, weil er einige Neigung für die Religion Chriſti an den Tag gelegt hatte. Seitdem iſt er mir zugethan wie ein treuer Hund. Vor einigen Wochen ließ meine hohe Ge⸗ 26 Agenor. bieterin Donna Maria mich rufen und ſagte mir: Du mußt auf der Stelle nach Frankreich reiſen, um auf der A Straße nach Paris einen Ritter einzuholen(meine Ge⸗ bieterin beſchrieb mir Eure Herrlichkeit), der ſich an den Hof des Königs Karl begiebt; nimm aber einen zuver⸗ läſſtgen Begleiter mit Dir, denn der Auftrag iſt mit großer Gefahr verknüpft. Ich dachte ſogleich an Hafiz und befahl ihm, ſogleich die nöthigen Vorkehrungen zu treffen, um mich zu begleiten. Er erklärte ſich bereit dazu und bat mich nur ihm zu geſtatten, daß er zuvor in der Moſchee ſeine Andacht verrichtete. Ich hatte nichts dagegen, ſattelte einſtweilen die Pferde, und als Hafiz nach einer halben Stunde zurückkam, brachen wir auf. Donna Maria hat mir dieſen Brief für Euch übergeben.“ Bei dieſen Worten lüftete Gildaz ſeinen Bruſthar⸗ niſch, zog einen Brief hervor, der in ein ſeidenes Tuch geſchlagen war, und übergab ihn Agenor. Hafiz hatte der ganzen Erzählung des Gildaz, ohne nur eine Miene zu verziehen, zugehört. Während der brave Knappe ſeine guten Eigenſchaften lobte, war nicht die geringſte Veränderung in ſeinen Zügen zu bemerken geweſen, nur als von ſeiner halbſtündigen Abweſenheit in der Moſchee die Rede war, überzog eine dunkle Röthe Agenor. 27⁷ ſeine braunen Wangen und aus ſeinen Augen leuchtete eine gewiſſe Unruhe. Agenor nahm den Brief in Empfang und rief Mu⸗ ſaron herbei, um ihm denſelben vorzuleſen, während Gildaz und Hafiz ſich in einer ehrerbietigen Entfernung hielten. Muſaron las Folgendes: „Sennor Don Agenor, ich werde ſorgfältig bewacht; „aber eine andre Perſon, die Ihr kennt, wird es noch „viel mehr. Ich bin Euch von ganzem Herzen zugethan, „aber die, wegen der ich Euch ſchreibe, liebt Euch noch „weit mehr als ich. Wir haben geglaubt, daß es Euch „jetzt, da Ihr Euch wieder auf franzöſiſchem Boden be⸗ „findet, angenehm ſein würde, den Gegenſtand Eurer „ſehnlichſten Wünſche zu beſitzen. „Einen Monat nach Empfang dieſes Schreibens findet „Euch in Rianzares nahe an der Grenze ein und theilt „mir durch den Boten, den ich Euch hiermit ſende, genau „den Tag Eures Eintreffens in dieſer Stadt mit. Dort „harret, bis Ihr ein Maulthier ankommen ſeht, das Euch „die Geliebte bringen wird. „Dann aber entflieht, Meſſire Mauleon, entſagt „dem Waffenhandwerk oder gebt mir wenigſtens Euer „Wort als Chriſt und Ritter, nie wieder einen Fuß 28 Agenor. „auf caſtilianiſchen Boden zu ſetzen. Hütet und bewahrt „dann die Geliebte, deren Mitgabe Euch reich und deren „Liebe und Schönheit Euch glücklich machen wird, und „gedenkt zuweilen ſegnend der Unglüͤcklichen, die mit die⸗ „ſem Briefe für immer Abſchied von Euch nimmt, „Donna Maria Padilla.“ Agenor war zugleich tief gerührt und außer ſich vor Freude über dieſes Schreiben. Er riß das Papier aus Muſarons Händen und drückte einen heißen Kuß darauf. Im Uebermaß des Entzückens umarmte er ſogar den Boten und wollte ihn mit einigen Goldſtücken belohnen, aber dieſer lehnte es mit den Worten ab: „Nein, Sennor, meine Gebieterin bezahlt mich ſchon mehr als freigebig.“ „Aber Dein Page, Dein getreuer Maure...“ Beim Anblicke des Goldes riß Hafiz die Augen weit auf und ein Schauer durchbebte ſeinen ganzen Körper. „Ich verbiete Dir, das Geringſte anzunehmen, Hafiz!“ ſagte Gildaz zu ihm. Dem ſcharfſichtigen Muſaron entging die verbiſſene Wuth des Mauren nicht. Indeſſen mußte er auf Befehl ſeines Herrn Donna Maria's Brief beantworten; er ging daher in's Schloß und ſchrieb Folgendes: Agenor. 29 „Edle Donna, Ihr habt mich zum Glücklichſten der „Sterblichen gemacht. In einem Monate, das heißt am „ſtebenten des nächſten Monats werde ich in Rianzares „ſein, um die Heißgeliebte, die Ihr mir ſendet, in Em⸗ „pfang zu nehmen. Dem Waffenhandwerk werde ich zwar „nicht entſagen, denn ich will ein großer Kriegsheld wer⸗ „den, um der Dame meines Herzens Ehre zu machen; „aber ich ſchwöre es im Namen Chriſti, daß ich Spanien „nie wieder betreten werde, Ihr müßtet mich denn rufen „oder Aiſſa ſtieße auf ein Hinderniß, ſo daß ſie nicht zu „mir gelangen könnte, in welchem Falle ich mich durch „nichts in der Welt abhalten laſſen würde, ſie überall „aufzuſuchen. Lebt wohl, edle Dame und betet für mich.“ Agenor machte ein Kreuz darunter und Muſaron ſchrieb daneben: „Dies iſt die Unterſchrift des Ritters Sire Agenor von Mauleon.“ Während Gildaz den Brief Agenors unter ſeinem Bruſtharniſch verbarg, beobachtete Hafiz jede ſeiner Be⸗ wegungen mehr wie ein Tiger als wie ein treuer Hund. „Ich trete jetzt ſogleich meine Rückreiſe an,“ ſagte Gildaz zu Agenor,„denn nach dem Befehle meiner Her⸗ rin ſoll ich in zwölf Tagen wieder zurück ſein und muß 30 3 Agenor. mich daher beeilen. Wie man mir geſagt hat, ſoll der Weg über Poitiers etwas kürzer ſein?“ „Dies iſt wahr. So reiſ't alſo glücklich; aber wenn Du auch die Annahme einer Geldbelohnung verweigerſt, Gildaz, ſo wirſt Du doch gewiß das Geſchenk eines Freundes nicht ausſchlagen.“ Mit dieſen Worten löſ'te Agenor ſeine goldene Kette, die wenigſtens hundert Livres werth war, und hing ſie Gildaz um. Hafiz laͤchelte höhniſch, ſein ganzes Geſicht ſtrahlte von einer boshaften Freude. Gildaz nahm das Geſchenk mit ehrerbietigem Danke an und ritt dann aus dem Schloßhofe, gefolgt von Haftz, deſſen lüſterner Blick fortwährend auf der goldenen Kette haftete. — ——. —=———— B— — *„4 929 241ſ 4 94 17 Viertes Kapitel. Die Rückkehr. Mauleon traf nun auf der Stelle die nöthigen An⸗ ordnungen zur Vollziehung ſeines Auftrags. Er war überglücklich; er ſollte bald auf immer mit der Geliebten vereinigt werden und das Gluͤck ihres Beſitzes ungeſtört genießen. Aiſſa erſchien ihm wie eines jener Traumge⸗ bilde, welche Gott den Menſchen zuweilen zeigt, um ſie erkennen zu laſſen, daß es noch etwas Höheres giebt als das irdiſche Leben. Mit Ungeduld erwartete er die Zu⸗ rückkunft des Sire von Laval. Dieſer hatte von meh⸗ reren bretagniſchen Rittern anſehnliche Beiträge zu dem Löſegelde des Connetables erhalten, und als man alles zuſammenzählte, fand es ſich, daß die Hälfte der ſechzig⸗ tauſend Goldthaler bereits zuſammengebracht war. Mauleon hielt dies ſchon für genügend, denn er hoffte, der König von Frankreich werde die andre Hälfte 32 Agenor. hinzulegen; auch war er überzeugt, der Prinz von Wales werde den Connetable im Nothfall auch für die Hälfte der Summe in Freiheit ſetzen, wenn nicht andere politi⸗ ſche Ruͤckſichten ihn davon abhielten. Indeſſen durch⸗ ſtreifte er noch den übrigen Theil der Bretagne, und ſeine Aufforderung zu Beiträgen fand überall eine ebenſo gute Aufnahme wie bisher, ſo daß er noch ſechstauſend Gold⸗ thaler zuſammenbrachte. Aber jetzt ſtieg ein neues Bedenken in ihm auf. Er hatte Donna Maria verſprochen, nie wieder den ſpani⸗ ſchen Boden zu betreten, aber er hatte auch die Ver⸗ pflichtung, dem Connetable das in der Bretagne geſam⸗ melte Geld zu überbringen, deſſen Ankunft der Gefangene gewiß ſehnlichſt erwartete. Agenor ſchwankte lange zwiſchen dieſen beiden Pflich⸗ ten und berieth ſich deshalb mit ſeinem getreuen Muſaron, welcher den verſtändigen Vorſchlag machte, das Geld mit einer hinreichenden Bedeckung bis Rianzares zu bringen, von hier aus aber an den Prinzen von Wales zu ſchrei⸗ ben und ihn um einen Geleitsbrief für den Geldtransport zu bitten.. „Aber womit ſoll ich meine Abweſenheit entſchul⸗ digen?“ „Ihr gebt vor, ein Gelübde abgelegt zu haben.“ Agenor. 33 „Dies wäre ja eine Unwahrheit!“ „Keineswegs, Herr Ritter, denn Ihr habt Donna Maria in der That gelobt... überdies wollt Ihr Euch mit einer Heidin verheirathen, und dies wäre wohl viel eher eine Sünde zu nennen.“ „Du haſt wohl Recht,“ ſeufzte Mauleon. Der Plan Muſarons wurde ausgeführt und bald darauf die Reiſe angetreten, welche man in ſtarken Ta⸗ gemärſchen zurücklegte, ſo daß der Trupp mit den ſechs⸗ unddreißigtauſend Goldthalern ſchon am vierten des fol⸗ genden Monats in Rianzares ankam. Von hier aus ſchickte der Ritter ſogleich einen Boten mit Briefen an den Prinzen von Wales nach Burgos ab, wo ſich der Letztere wegen der im ganzen Lande auf'’s neue beginnen⸗ den Kriegsrüſtungen aufhielt. Bis zu der Ankunft Aiſſa's, welche in den nächſten Tagen ſtattfinden mußte, zog Mauleon unter der Hand Erkundigungen ein, ob Gildaz den Engpaß bei Rianzares paſſirt hätte. Allein zu ſeinem nicht geringen Befremden erfuhr er von den Landleuten, daß man zu der angege⸗ benen Zeit nur einen jungen Mauren von wildem Aus⸗ ſehen habe vorbeipaſſiren ſehen. „Einen jungen Mauren?“ rief Agenor;„war er vielleicht roth gekleidet?“ Agenor u. die Maurin. 3 34 Agenor. „Allerdings, und auf dem Kopfe trug er eine ſara⸗ zeniſche Pickelhaube.“ „War er bewaffnet?“ „Ein breiter Dolch hing an einer ſeidenen Schnur am Sattelknopfe.“ „Und er iſt allein bei Rianzares vorübergekommen?“ „Ganz allein.“ „Das iſt merkwürdig!“ ſagte Agenor. „Es kommt mir ebenfalls ſehr ſonderbar vor,“ ver⸗ ſetzte Muſaron. „Sollte Gildaz die Grenze an einer andern Stelle uͤberſchritten haben, um weniger Verdacht zu erwecken? Was meinſt Du dazu, Muſaron?“ „Ich meine, daß Hafiz ein wahres Schurkengeſicht hatte.“ „Aber wir wiſſen ja gar nicht gewiß, ob es auch wirklich Hafiz geweſen iſt,“ entgegnete Mauleon nach⸗ denkend. „Es iſt allerdings beſſer, wir nehmen das Gegen⸗ theil an und halten uns dieſe Nacht in der Gegend des Fluſſes auf, denn Aiſſa muß heute noch ankommen.“ Es war der ſiebente des Monats, aber deſſenunge⸗ achtet zeigte ſich weder an dieſem noch an den nächſten Tagen eine Spur von Aiſſa. Dagegen erfuhr Agenor Agenor. 35 von einigen verwundeten Soldaten, die von Navarretta kamen, daß ſich an mehreren Orten des Landes der Geiſt des Krieges wieder rege, indem das Volk gegen Don Pedro's Tyrannei aufgebracht ſei und zahlreiche Emiſſaire des Prätendenten durch das Land zögen, um es aufzu⸗ wiegeln. Die Flüchtlinge verſtcherten, Don Enrigo habe verſprochen, er werde bald mit einem neuen in Frankreich angeworbenen Heere zurückkommen. Alle dieſe kriegeriſchen Gerüchte entflammten Age⸗ nors Kampfluſt, und da Aiſſa noch immer nicht kam, ſo vermochte die Liebe nicht, die fieberhafte Aufregung zu beſchwichtigen, welche ſich beim Geräuſche der Waffen eines jungen und feurigen Mannes bemächtigt. Indeſſen zogen ſich in der Nähe auf franzöſiſchem Gebiet Truppen zuſammen, welche jeden Augenblick bereit zu ſein ſchie⸗ nen, um in Spanien einzufallen. Auch erfuhr Agenor, daß ſie wirklich nur die Ankunft eines Oberfeldherrn und noch einiger Verſtärkungen an Reiterei erwarteten, um einen Einfall zu unternehmen. Den Namen des Anfüh⸗ rers konnte man ihm jedoch nicht ſagen. „Alſo alles geht nach Spanien, nur ich nicht!“ rief Agenor troſtlos.„Ach, könnte ich doch meinen Eid zurücknehmen!“ „Der Schmerz verwirrt Eure Sinne, Herr Ritter,“ 3* 36 Agenor. entgegnete Muſaron.„Wenn Donna Aiſſa nicht kommt, ſo kann Euer Eid keine Gültigkeit haben, und ich dächte alſo, wir zögen mit nach Spanien.“ „Noch iſt es nicht Zeit und ich habe noch einige Hoffnung,“ ſagte der Ritter. Es vergingen abermals acht Tage und Aiſſa kam noch immer nicht. Die Anzahl der an der ſpaniſchen Grenze zuſammengezogenen Soldaten war bereits bis auf fünftauſend Mann angewachſen. Jetzt kam der nach Burgos geſandte Bote zurück und berichtete, er habe den Connetable geſprochen, ſei von dem ſchwarzen Prinzen glänzend bewirthet worden und habe von deſſen Gemahlin ein prächtiges Geſchenk erhalten. Der Prinz von Wales habe zwar die ſechs⸗ unddreißigtauſend Goldthaler nur als Abſchlagszahlung annehmen wollen, allein die Prinzeſſin habe ſich erboten dreißigtauſend aus eigenen Mitteln hinzuzufügen, ſo daß der Befreiung des Connetables nichts mehr im Wege ſtand. Ueber dieſe Nachrichten waren die Bretagner, welche den Geldtransport begleitet hatten, hoch erfreut und der Jubel theilte ſich auch den bei Rianzares verſammelten Truppen mit. „Auf nach Spanien!“ riefen die Bretagner,„wir wollen unſern Connetable zurückholen!“ imt, ichte nige kam chen auf rück ſei den jenk chs⸗ ung oten daß and. lche der lten wir Agenor. 37 „Jetzt können wir nicht länger mehr zögern,“ ſagte Muſaron zu ſeinem Herrn;„Ihr müßt Aiſſa und Euern Schwur für einige Zeit vergeſſen, denn die Zeit drängt, wir müſſen nach Spanien!“ Agenor ſelbſt vermochte ſeiner heißen Kampfbegierde nicht länger zu widerſtehen und er gab ſeine Einwilligung. Am neunten Tage nach der von Maria Padilla für die Ankunft Aiſſa's feſtgeſetzten Friſt zog die kleine Truppe durch den Engpaß von Rianzares. Fünftes Kapitel. Gildaz. Unterdeſſen ſaß Donna Maria in Burgos auf ihrer Terraſſe und zählte die Tage und Stunden, denn die fortdauernde Ruhe des verhaßten Mothril erfüllte ſte mit bangen Ahnungen. Dieſer beſchäftigte ſich anſcheinend nur damit, Feſte zu Ehren Don Pedro's zu veranſtalten, für die Füllung der königlichen Kaſſen zu ſorgen und die ſarazeniſchen Hülfstruppen auf dem Kriegsfuße zu er⸗ halten, um endlich die beiden verſprochenen Kronen auf dem Haupte ſeines Gebieters zu vereinigen. Er beſuchte Aiſſa nur einmal täglich gegen Abend und zwar ſtets in Begleitung Don Pedro's, der dem jungen Mädchen die koſtbarſten Geſchenke zuſtellen ließ. Die Rückſicht auf ihre Liebe zu Mauleon und auf ihre Freundſchaft zu Donna Maria gebot zwar Aiſſa dieſe Geſchenke anzunehmen, aber deſſenungeachtet zeigte ĩ. Agenor. 39 ſie gegen den König immer die nämliche Kälte, ohne zu ahnen, daß ſie dadurch ſeine Begierden nur noch mehr anfachte. Donna Maria war ihr dankbar dafür und ſagte oft zu ihr: „Faſſe Dich in Geduld, unſer Plan nähert ſich immer mehr der Reife; bald wird mein Bote zurückkeh⸗ ren und Dir die Liebe Deines wackeren Ritters und die Freiheit bringen.“ An dem von Maria ſo ſehnlich erwarteten Tage trat jedoch ihre alte Amme in ihr Zimmer und meldete ihr mit beſtürzter Miene, daß Hafiz zurückgekommen ſei. „Hafiz iſt allein ohne Gildaz gekommen?“ „So iſt's, Sennora.“ „Großer Gott! Laß ihn ſogleich eintreten.“ Hafiz erſchien. Er war ruhig und demüthig wie immer und näherte ſich ehrerbietig ſeiner Herrin. „Wo iſt Gildaz?“ fragte ihn dieſe. „Gildaz,“ erwiederte der Sarazene, indem er ſcheu um ſich blickte,„Gildaz iſt todt.“ „Wie? er iſt todt?“ rief Donna Maria, von Angſt und Entſetzen ergriffen;„wäre es möglich!... Aber was iſt ihm begegnet?“ „Wir wurden in einem Engpaſſe der Gascogne von Räubern angefallen und trotz unſerer tapfern Gegenwehr 40 Agenor. ausgeplündert. Gildaz wurde ſchwer verwundet; der ſtarke Blutverluſt hatte ein heftiges Fieber zur Folge, an welchem er nach einigen Tagen ſtarb. Vorher aber trug er mir auf, da meine Wunden weniger bedeutend waren, hierher zu eilen und Euch dieſes Schreiben zu überbrin⸗ gen, das er von dem franzöſtſchen Ritter erhalten hatte.“ Hafiz zog ein ſeidenes Couvert aus ſeiner Bruſttaſche, das ganz durchlöchert und mit Blut befleckt war. Donna Maria nahm es ſchaudernd in Empfang, betrachtete es und ſagte: „Der Brief iſt geöffnet worden, das Siegel iſt verletzt.“ „Ich weiß nichts davon,“ verſicherte Hafiz dreiſt. „Haſt Du ihn erbrochen?“ „Ich kann nicht leſen, Sennora.“ „Wer ſollte es ſonſt gethan haben?“ „Ihr irrt Euch, Sennora; ſeht, der Dolch des Räu⸗ bers hat das Siegel und das Pergament durchbohrt.“ „Es iſt wahr,“ entgegnete Donna Maria zwar noch immer mißtrauiſch, aber ein Blick in das ruhige und ein⸗ fältige Geſicht des jungen Mauren verſcheuchte endlich ihren Argwohn. „Du ſollſt belohnt werden,“ ſagte ſie zu Hafiz;„ich nehme Dich in meinen Dienſt und wenn Du treu und geſchickt biſt...“ äu⸗ och ein⸗ lich „ich und Agenor. 41 In den Augen des Mauren glänzte ein düſtres Feuer, das aber ſogleich wieder erloſch. Maria las den Brief, den wir ſchon kennen, ver⸗ glich Zeit⸗- und Ortsangaben und rief dann aus: „Jetzt raſch an's Werk!“ Wir wollen indeſſen einen Blick zurückwerfen, um über das Benehmen des Mauren Hafiz Aufklärung zu erhalten. Am Tage vor demjenigen, an welchem Haftz Donna Maria den Brief aus Frankreich überbrachte, kam ein Hirt in die Stadt und verlangte den Miniſter Mothril zu ſprechen. Dieſer befand ſich eben in der Moſchee; allein er unterbrach ſogleich ſein Gebet, um mit dem ſonderbaren Boten zu gehen, der ihn aus der Stadt und an den Saum eines Waldes führte, wo der Sarazene Hafiz neben ſeinem Pferde im Graſe lag. Mothril bezahlte den Hirten und ſagte dann zu Hafiz: „Biſt Du allein und iſt Dein Reiſegefährte entfernt genug, um nichts zu ahnen?“ „Sehr weit, Sennor, er ahnt gewiß nicht das Ge⸗ ringſte.“ „Haſt Du den Brief?“ „Ja, Herr.“ „Wie haſt Du ihn Dir verſchafft?“ 42 Agenor. „Als wir uns in den Gebirgen auf der Grenze zwiſchen Spanien und Frankreich befanden, machten wir eines Tages Halt, um die Pferde ausruhen zu laſſen, und auch Gildaz legte ſich nieder, um zu ſchlafen. Ich nahm den günſtigen Augenblick wahr und ſtieß ihm mei⸗ nen Dolch in die Bruſt. Mit einem dumpfen Schrei ſtreckte er die Arme aus; aber ich hatte ihn noch nicht getödtet, denn er brachte mir noch mehrere Stiche mit ſeinem Meſſer am linken Arme bei. Erſt nachdem ich ihm meinen Dolch nochmals in's Herz geſtoßen hatte, gab er den Geiſt auf. Ich nahm ihm hierauf den Brief ab und ſetzte meine Reiſe allein fort. Hier iſt der Brief, den ich Euch verſprochen habe.“ Mothril nahm das Schreiben, deſſen Siegel von dem Dolche des Sarazenen durchbohrt, ſonſt aber noch uner⸗ brochen war, erweiterte die Oeffnung und durchlief das Schreiben mit gierigen Blicken. „Gut,“ ſagte er, als er geleſen hatte,„wir wer⸗ den uns zur rechten Zeit einfinden.“ „Was ſoll ich thun, Herr?“ fragte Haftz. „Du überbringſt dieſen Brief morgen früh Donna Maria und ſagſt ihr, Gildaz ſei in den Gebirgen von Räubern angefallen und ermordet worden und er habe Dir ſterbend den Brief anvertraut. Dann erwarteſt Du Agenor. 43 ruhig meine Befehle und kommſt acht Tage lang nicht in die Nähe meines Hauſes.“ „Es ſoll geſchehen, wie Ihr befehlt, Herr.“ Am folgenden Morgen begab ſich Mothril zum Kö⸗ nige Don Pedro, bei dem er Donna Maria in augen⸗ ſcheinlicher Mißſtimmung fand, denn der König hatte ſeit ihrem Eintritt noch kein Wort mit ihr geſprochen. Die ſtolze Maria Padilla konnte ihren Verdruß über eine ſolche Beleidigung kaum unterdrücken. Sie ſprach ebenfalls nicht und war in ihre Gedanken und Pläne verſunken. Als Mothril eintrat, benutzte ſte die Gelegen⸗ heit, ſich zu entfernen. „Ihr wollt gehen, Madame?“ ſagte Don Pedro, beunruhigt durch Maria's Gereiztheit. „Ja, ich gehe,“ erwiederte ſie,„da Ihr Eure Freund⸗ lichkeit wahrſcheinlich für den Sarazenen Mothril nöthi⸗ ger brauchen werdet als für mich.“ Mothril hörte dies, ohne im geringſten darauf zu achten; als aber Donna Maria ſich entfernt hatte, ſagte er in ſchmerzlichem Tone: „Ich ſehe mit Bedauern, daß mein König nicht glücklich iſt.“ „Ach nein!“ verſetzte Don Pedro ſeufzend. „Wir haben Gold im Ueberfluß,“ fuhr Mothril fort; 44 Agenor. „Cordova hat ſeine Kriegsſteuer eingezahlt; auch bewaff⸗ net Sevilla zwölftauſend Mann und wir gewinnen zwei Provinzen.“ „So,“ entgegnete Don Pedro in gleichgültigem Tone. „Wenn der Uſurpator wieder nach Spanien kommt, ſo werde ich ihn binnen acht Tagen gefangen nehmen und einſperren laſſen.“ „Er möge kommen,“ erwiederte der König ruhig, „Du haſt Gold und Soldaten, wir nehmen ihn gefangen, laſſen ihn verurtheilen und ihm den Kopf abſchlagen.“ „Ja, mein König iſt ſehr unglücklich,“ ſagte Moth⸗ ril,„denn weder das Geld noch die Macht hat Reiz für Dich, die Befriedigung Deiner Rache macht Dir kein Vergnügen mehr und Du haſt für Deine Geliebte keinen zärtlichen Blick.“ „Allerdings, ich liebe ſte nicht mehr und dieſe Leere meines Herzens iſt ſchuld, daß ich gegen alles gleichgül⸗ tig bin.“ „Obgleich das Herz meines Königs ſo leer zu ſein ſcheint, ſo iſt es doch voll der heißeſten Wünſche.“ „Dies iſt wahr.“ „Du liebſt Aiſſa, die Tochter eines mächtigen Herr⸗ ſchers. Ach! ich bedaure und beneide Dich zugleich, denn Du kannſt ſehr glücklich, aber auch ſehr unglücklich werden.“ Agenor. 45 „Du haſt Recht, Mothril, ich bin ſehr unglücklich, denn ſie liebt mich nicht!“ „Glaubſt Du, gnädigſter König, daß dieſes Blut, welches ſo rein iſt wie das einer Göttin, von Leidenſchaf⸗ ten bewegt werden kann, denen jedes andre Weib unter⸗ liegen würde? Aiſſa iſt nicht für den Harem eines wol⸗ lüſtigen Fuͤrſten geſchaffen, ſie iſt eine Königin und wird nur auf einem Throne lächeln.“ „Ich ſoll Aiſſa zu meiner Gemahlin erheben? Was würden die Chriſten dazu ſagen!“ „Wer ſagt Dir, hoher Herr, daß Aiſſa, wenn ſte Dich als ihren Gatten liebt, Dir nicht ihren Gott opfern wird, nachdem ſie Dir ihr Herz geſchenkt hat?“ Ein Seufzer der Wolluſt entwand ſich der Bruſt des Königs. „Sie könnte mich lieben?“ „Ja, ſie wird Dich lieben.“ „Nein, Mothril, ſie wird es nicht, ſie flieht mich.“ „Ich hätte geglaubt, die Chriſten verſtänden es beſſer, in dem Herzen des Weibes zu leſen. Bei uns verbergen ſich die Leidenſchaften ſcheinbar unter der dichten Hülle der Sklaverei; aber unſere freien Frauen laſſen uns um ſo tiefer in ihr Herz blicken. Wie kannſt Du verlangen, 46 Agenor. daß die ſtolze Aiſſa den Mann liebt, der beſtändig von einer andern Frau umgeben iſt?“ „Wie? Aiſſa wäre eiferſüchtig?“ „Bei uns,“ erwiederte Mothril mit einem ſchlauen Lächeln,„iſt die Taube eiferſüchtig auf die Taube und die Tigerin läßt ſich von der Tigerin zerreißen in Gegen⸗ wart des Tigers, der eine von beiden wählen will.“ „Ach! Mothril, ich liebe Aiſſa!“ „So mache ſie zu Deiner Gattin.“ „Und Donna Maria?...“ „Ein Mann, der ſein Weib hat ermorden laſſen, um ſeiner Geliebten nicht zu mißfallen, zögert noch, eine Geliebte, die er nicht mehr liebt, zu verſtoßen, um fünf Millionen Unterthanen und eine Gattin zu gewinnen, die mehr werth iſt als die ganze Erde?“ „Du haſt Recht, aber Donna Maria wird es nicht überleben.“ „Liebt ſie Dich denn ſo ſehr?“ „Sie liebt mich über alles! Zweifelſt Du daran?“ „Allerdings, mein König.“ Don Pedro erſchrak. „Ich glaube nicht,“ fuhr Mothril fort,„daß ſie Dir untreu iſt, aber ich zweifle, daß ſte Dich noch liebt, Agenor. 47 weil ſie darauf beſteht bei Dir zu bleiben, obgleich ſie die Verminderung Deiner Liebe zu ihr kennt.“ „Alſo Du würdeſt Donna Maria verſtoßen?“ „Um Aiſſa zu erlangen, allerdings.“ „Nein... das kann ich nicht!“ „So bleibe unglücklich, wenn Du es nicht beſſer willſt.“ Don Pedro verſank in düſtres Nachſinnen. „So will ich ſterben,“ ſagte er nach einigen Augen⸗ blicken,„denn ich liebe Aiſſa. Doch nein,“ rief er dann in heftiger Aufregung,„nein, ich will nicht ſterben!“ Mothril kannte den König zur Genüge, um zu wiſ⸗ ſen, daß kein Hinderniß im Stande war, den Strom ſeiner Leidenſchaft zu hemmen. „Er könnte Gewalt brauchen,“ dachte er,„und dies müſſen wir vermeiden. Gnädigſter König,“ ſagte er dann, „Aiſſa würde Deinen Schwüren glauben, wenn Du ihr gelobteſt, ſte zu Deiner Gattin zu machen, nachdem Du Donna Maria vom Hofe entfernt haſt; ſie würde dann gewiß ihr Geſchick Deiner Liebe anvertrauen.“ „Kannſt Du Dich dazu verbindlich machen?“ „Ia.“ „Wohlan!“ rief der König;„ich werde mit Donna Maria brechen und ihr eine Million Thaler ſchenken. 48 Agenor. Sie mag ſich dann einen beliebigen Aufenthaltsort wäh⸗ len und wird reicher und angeſehener ſein als jede Prin⸗ zeſſin.“ „Dies wäre eines mächtigen Fürſten vollkommen würdig; aber die Hauptſache iſt, daß Donna Maria nicht in Spanien bleibt, denn Aiſſa wird nur dann erſt ruhig ſein, wenn das Meer Eure alte Liebe von der neuen trennt.“ „So ſoll es geſchehen. Aber ich bin König, Mo⸗ thril, und Du weißt, daß ich mir von niemandem Be⸗ dingungen vorſchreiben laſſe.“ „Daran thut Ihr ſehr recht, Sire.“ „Die Sache muß alſo auf die Weiſe zwiſchen uns abgeſchloſſen werden, daß vor der Hand Du allein Dich verbindlich machſt.“ „Wie meint Ihr das?“ „Ich muß Donna Aiſſa als Geißel erhalten.“ „Das iſt alles?“ ſagte Mothril in ſpöttiſchem Tone. „Verblendeter! ſiehſt Du nicht, daß mich die Liebe verzehrt und daß ich in dieſem Augenblicke zum Scherz von Rückſichten mit Dir ſpreche, über die ich innerlich lache? Siehſt Du nicht ein, daß, wenn Du mir Aiſſa vorenthältſt, ich ſie mit Gewalt nehme, daß, wenn Du mir Widerſtand leiſteſt, ich Dich in's Gefängniß werfen 3 n de 1 Agenor. 49 und hängen laſſen werde und daß alle chriſtlichen Ritter Dich mit wahrem Vergnügen am Galgen ſehen und meiner neuen Geliebten ihre Huldigungen darbringen würden?“ „Dies iſt wahr,“ verſetzte Mothril;„aber Donna Maria, gnädigſter König?“ „Sie mag ſich ein Beiſpiel an Donna Bianca nehmen.“ „Euer Zorn iſt furchtbar, hoher Gebieter,“ entgeg⸗ nete Mothril demüthig,„und der müßte ein großer Thor ſein, der ſich nicht vor Euch beugte.“ „Du wirſt mir alſo Donna Aiſſa überlaſſen?“ „Wenn Ihr es befehlt, ja, gnädiger Herr, aber vergeßt nicht, daß, wenn Ihr meinen Rath nicht befolgt, wenn Ihr nicht zuvor Donna Maria entfernt, wenn Ihr ihre Freunde, die Eure Feinde ſind, nicht vernichtet, kurz, wenn Ihr nicht alle Bedenklichkeiten Aiſſa's hebt, ſie niemals die Eurige werden und ſich eher das Leben neh⸗ men wird!“ Dieſe Worte machten einen gewaltigen Eindruck auf Don Pedro und er ſagte nach kurzer Ueberlegung: „Was verlangſt Du nun eigentlich?“ „Ich wuͤnſche, daß Ihr Euch noch acht Tage gedul⸗ det. Aiſſa wird nach einem koͤniglichen Schloſſe reiſen, ohne daß jemand ihren Aufenthalt oder den Zweck ihrer Entfernung ahnt. Es wird Euch dort nicht ſchwer fallen, Agenor u. die Maurin. 4 50 Agenor. ſte von Eurer Liebe zu überzeugen und ſie wird Euch wieder lieben.“ „Aber Donna Maria!“ „Sie wird ſich einer ſorgloſen Ruhe überlaſſen und wenn ſie aus ihrem Schlummer erwacht, muß ſie ſich für beſtegt erkennen. Laßt ſite toben und jammern, Ihr habt dann Eure Maitreſſe gegen eine Geliebte vertauſcht; Donna Maria wird Euch dieſen Treubruch nie zeise he und ſich freiwillig von Euch trennen.“ „Ja, es iſt wahr, ſie iſt ſtolz. Und Du glaubſt, daß Aiſſa mich nicht verſchmähen wird?“ „Ich glaube es nicht nur, ſondern ich bin deſſen gewiß.“ „An dem Tage, wo ſie mein wird, verlange die Hälfte meines Königreichs von mir, ich gebe ſie Dir!“ „Ihr würdet nie einen Dienſt gebührender belohnt haben.“ „Alſo in acht Tagen?“ „Ja, gnädigſter König, mit der letzten Stunde des Tages wird Aiſſa, von einem Mauren begleitet, die Stadt verlaſſen und ich führe ſie Euch zu. Bis dahin aber hütet Euch, Donna Maria's Verdacht zu wecken.“ „Fürchte nichts. Ich habe meine Liebe und meinen uch adt ber en Agenor. 51 Schmerz verbergen können und werde auch mein Glück verbergen können.“ „So kündigt denn heute noch dem Hofe an, daß Ihr nach einem Eurer Luſtſchlöſſer reiſen wollt.“ „Ich werde es thun,“ erwiederte der König. 4* Sechstes Kapitel. Wie Haſftz ſeine Neiſebegleiter irre führte. Donna Maria hatte indeſſen ihre geheimen Zuſam⸗ menkünfte mit Aiſſa wieder begonnen. „Du wirſt nach Frankreich reiſen, theure Aiſſa,“ ſagte Maria zu ihr,„und ſchon in acht Tagen wirſt Du bei dem ſein, den Du liebſt, und wirſt Dich nicht mehr hierher zurückſehnen.“ „O gewiß nicht, denn ich lebe nur dann, wenn ich die Luft athme, die er athmet.“ „Hafiz iſt ein kluger und treuer Diener. Er kennt den Weg; er iſt aus demſelben Lande wie Du und Du kannſt daher in der Sprache mit ihm reden, welche Du am liebſten ſprichſt. Dieſes Käſtchen enthält Deine Ju⸗ welen, und ſelbſt der reichſte franzöſiſche Ritter beſitzt nicht die Hälfte der Schätze, welche Du Deinem Gelieb⸗ ten mitbringſt. Biſt Du einmal in Frankreich, ſo haſt Agenor. 53 Du nichts mehr zu fürchten. Ich werde hier eine große Reform in's Leben rufen; der König ſoll die unſrer Re⸗ ligion feindlich geſinnten Mauren aus dem Lande vertrei⸗ ben, und ſobald Du nicht mehr hier biſt, werde ich un⸗ verzüglich an's Werk gehen.“ „An welchem Tage werde ich Mauleon wiederſehen?“ fragte Aiſſa, die nur das gehört hatte, was ihren Ge⸗ liebten betraf. „Fünf Tage nach Deiner Abreiſe kannſt Du in ſei⸗ nen Armen ſein.“ „Ich werde die Reiſe ſchneller zurücklegen als der beſte Reiter.“ Nach dieſem Geſpräch ließ Donna Maria Hafiz zu ſich rufen und fragte ihn, ob er Gildaz' Schweſter nach Frankreich geleiten wolle. „Das arme Kind iſt untröſtlich über ſeinen Tod,“ ſetzte ſie hinzu,„und möchte ſeiner irdiſchen Hülle gern ein chriſtliches Begräbniß zu Theil werden laſſen.“ „Ich will es gern thun, gnädigſte Gebieterin,“ er⸗ wiederte Hafiz;„beſtimmt mir den Tag zur Abreiſe.“ „Morgen Abend beſteigſt Du ein Maulthier, das ich Dir gebe; Gildaz Schweſter und meine Amme, die ihre Mutter iſt, werden ebenfalls jede ein Maulthier von mir 54 Agenor. erhalten und einige für das Begräbniß nothwendige Ge⸗ genſtände mitnehmen.“ „Gut, Sennora, ich werde bereit ſein.“ Hafiz hatte dieſen Befehl nicht ſobald empfangen, ſo hinterbrachte er ihn Mothril. Dieſer begab ſich auf der Stelle zu Don Pedro. „Gnädigſter König,“ ſagte er zu ihm,„es iſt heute der ſiebente Tag, Du kannſt nach Deinem Luſtſchloſſe reiſen.“ „Ich erwartete Dich,“ verſetzte der König,„und habe ſchon alle Vorbereitungen treffen laſſen.“ Don Pedro gab die nöthigen Befehle zur Reiſe. Er ließ mehrere Hofdamen einladen, ihn zu begleiten, ohne Donna Maria's nur zu erwähnen. Mothril beobachtete den Eindruck, welchen dieſe Be⸗ leidigung auf die ſtolze Spanierin machen würde; aber Maria Padilla beklagte ſich nicht. Als es Abend geworden war und der ganze Hof die Stadt verlaſſen hatte, befahl Donna Maria unter dem Vorwande, einen Spazierritt machen zu wollen, daß man ihr ein Maulthier ſattle. Sie ritt dann in einen Mantel gehüllt auf einem geheimen Wege in den Hof an Aiſſa's Hauſe, um ſie abzuholen, und fand hier den ſchon ſeit einer Stunde wartenden Hafiz. Ge⸗ Hof nter nen Agenor. Donna Maria ſagte den Thorwächtern das Loſungs⸗ wort und verließ ungehindert mit ihren Begleitern die Stadt. Hafiz ritt voraus. Donna Maria bemerkte, daß er einen Seitenweg einſchlug, anſtatt auf der geraden Straße zu bleiben, und ſagte daher zu Aiſſa: „Ich kann nicht mit ihm ſprechen, da er meine Stimme kennt, aber die Deinige wird er nicht erkennen; frage ihn doch, warum er von der Hauptſtraße abweicht.“ Aiſſa richtete dieſe Frage in arabiſcher Sprache an Haſtz, welcher darauf antwortete: „Weil der Weg zur Linken der kürzere iſt, Sennora.“ „Es iſt gut,“ ſagte Aiſſa,„verirre Dich nur nicht.“ „O nein,“ entgegnete der Sarazene,„ich weiß wohin ich gehe.“ „Sei unbeſorgt, er iſt treu,“ ſprach Donna Maria leiſe;„überdies bin ich bei Dir und ich begleite Dich eigentlich nur, um Dich zu befreien, im Fall Du ange⸗ halten werden ſollteſt. Morgen früh biſt Du ſchon funf⸗ zehn Stunden von der Stadt entfernt und haſt nichts mehr zu fürchten. Dann verlaſſe ich Dich und Du ſetzeſt Deinen Weg allein fort; ich aber reiſe durch das ganze. Land und beſuche zuletzt Don Pedro auf ſeinem Schloſſe. Ich kenne ihn; er ſehnt ſich nach mir, wenn ich nicht bei ihm bin, und wird mich mit offenen Armen empfangen.“ 56 Agenor. „Iſt das Schloß hier in der Nähe?“ „Es liegt ſteben Stunden von der Stadt, aus der wir kommen, aber viel weiter links; wenn der Mond nicht mit Wolken bedeckt wäre, würden wir es auf dem Berge am Horizont ſehen können.“ In dem nämlichen Augenblicke trat der Mond hinter einer dunklen Wolke hervor und übergoß die Gegend mit einem durchſichtigen Lichtmeere. Man befand ſich auf einer kahlen Haide, die von einem hohen Berge begrenzt wurde, auf deſſen Gipfel ſich die Mauern eines Schloſſes erhoben. „Dort iſt das Schloß!“ rief Donna Maria,„wir haben uns verirrt!“ Hafiz erſchrak, denn er glaubte dieſe Stimme zu erkennen. „Du haſt Dich verirrt,“ ſagte Aiſſa zu dem Mau⸗ ren;„wie kommt das? Sprich!“ „Ach! wäre es möglich?“ rief Hafiz mit der größ⸗ ten Unbefangenheit. Er hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, ſo ſtürz⸗ ten vier Reiter aus dem nahen Gebüſch hervor. „Was bedeutet das?“ flüſterte Maria ängſtlich;„ſtnd wir verrathen worden?“ vir Agenor. 57 Und ſie hüllte ſich feſter in ihren Mantel, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. Hafiz ſtieß ein durchdringendes Geſchrei aus, als ob er ſich fürchtete, aber einer von den Reitern verſtopfte ihm den Mund und zog ſein Maulthier mit ſich fort. Zwei andere trieben die Thiere der beiden Frauen mit Peitſchenhieben an, ſo daß ſie in raſchem Laufe nach dem Schloſſe zu ſprengten. Aiſſa wollte um Hülfe rufen, aber Maria ſagte zu ihr: „Schweige! wenn Du bei mir biſt, haſt Du von Don Pedro nichts zu fürchten, wie ich Mothril nicht fürchte, wenn ich bei Dir bin.“ Der kleine Trupp ritt bald darauf in den Schloß⸗ hof ein. Ein einziges Fenſter war erleuchtet, an welchem ein Mann ſtand, der einen Freudenruf ausſtieß, als er die Maulthiere ankommen ſah. „Es iſt Don Pedro, und er erwartete uns!“ ſprach Donna Maria zu ſich ſelbſt, als ſie die Stimme des Kö⸗ nigs erkannte;„was bedeutet dies alles?“ Die Reiter führten die Frauen in einen Saal des Schloſſes, und bald darauf trat Don Pedro mit Mothril ein, deſſen Augen von wilder Freude funkelten. „Theure Aiſſa,“ ſagte der König, indem er auf das 58 Agenor. junge Mädchen zueilte, die vor Entrüſtung am ganzen Körper bebte,„verzeiht mir, daß ich Euch und Eure Begleiterin ſo geängſtigt habe, und erlaubt mir, daß ich Euch willkommen heiße.“ „Wollt Ihr mich nicht auch begrüßen, gnädigſter König?“ rief Donna Maria, ihren Mantel zurückſchlagend. Don Pedro ſtieß einen lauten Schrei aus und wich entſetzt einen Schritt zurück. Mothril warde todtenbleich und vermochte kaum den vernichtenden Blick ſeiner Fein⸗ din zu ertragen. „Ich bitte Euch, gnädigſter König,“ fuhr Donna Maria fort,„uns eine Wohnung anweiſen zu laſſen, denn Ihr ſeid unſer Wirth und wir ſind Eure Gäſte.“ Beſchämt und gedemüthigt kehrte Don Pedro in ſein Zimmer zurück. Mothril verließ ebenfalls den Saal, doch bei ihm hatte ſich die Furcht ſchon in Wuth ver⸗ wandelt. Nach wenigen Augenblicken trat der Majordomus mit tiefen Verbeugungen ein und bat Donna Maria, ihm nach den für ſie beſtimmten Gemächern zu folgen. „Um des Himmels willen, verlaßt mich nicht!“ rief Aiſſa. „Fürchte nichts, mein Kind,“ erwiederte Maria Pa⸗ dilla.„Du haſt es geſehen, ich brauchte mich nur zu n Agenor. 59 zeigen, um dieſe wilden Thiere zu zähmen. Komm mit mir, ich wiederhole Dir, daß ich Dich ſchützen werde.“ „Ach! mir bangt nicht allein um mich ſelbſt, ſon⸗ dern auch um Euch, edle Sennora.“ „Wer ſollte es wagen mir ein Haar zu krümmen?“ entgegnete Maria ſtolz;„ich fürchte nichts in dieſem Schloſſe!“ Sobald Donna Maria ſich in ihren Gemächern be⸗ fand, die ſie ſchon öfter bewohnt hatte, verlangte ſie ihre Dienerſchaft. „Seine Majeſtät beabſichtigt nicht,“ erwiederte der Majordomus,„längere Zeit hier zu verweilen, ſondern nur eine Jagd abzuhalten, und er hat daher nur einen kleinen Theil ſeiner Dienerſchaft mitgebracht. Ich bin jedoch zu Euren Befehlen, Sennora; ſagt mir, was Ihr wünſcht.“ „So bringt uns vor allem einige Erfriſchungen und Schreibzeug.“ Der Majordomus verließ mit einer Verbeugung das Zimmer. Inzwiſchen war es Abend geworden und die Dun⸗ kelheit ſo wie die ſtille Wuth ihrer Begleiterin vermehr⸗ ten noch Aiſſa's Angſt. Donna Maria ging nachdenkend 60 Agenor. im Zimmer auf und ab, und Aiſſa wagte nicht das bange Schweigen zu unterbrechen. Der Majordomus kam mit Wachskerzen zurück und ein Sklave brachte eingemachte Früchte und eine Flaſche Pereswein nebſt zwei Bechern. „Wo iſt das Schreibzeug, das ich verlangt habe?“ fragte Donna Maria heftig. „Wir haben lange danach geſucht, Sennora,“ ent⸗ gegnete der Majordomus verlegen,„allein der Kanzler Seiner Majeſtät iſt nicht hier und das Pergament befin⸗ det ſich in dem königlichen Koffer.“ „Ich verſtehe Euch, erwiederte Maria Padilla, die Stirn in düſtere Falten ziehend.„Laßt uns allein.“ Der Majordomus entfernte ſich. „Ich verſchmachte vor Durſt,“ ſagte Donna Maria, „willſt Du mir wohl einen Becher füllen, Aiſſa?“ Dieſe ſchenkte einen der Becher voll Wein, den ihre Begleiterin in langen Zügen leerte. „Was thue ich hier?“ ſagte Maria zu ſich ſelbſt, „warum noch Zeit verlieren? Entweder muß ich den Verräther ſeiner Treuloſigkeit überführen oder ihn wie⸗ der an mich zu feſſeln ſuchen.“ Dann weʒndete ſie ſich nach Aiſſa um und ſagte zu ihr: „Antworte aufrichtig der unglücklichſten aller Frauen: Agenor. 61 biſt Du hoffärtig?... Sollteſt Du zuweilen den Glanz meines Gluͤckes beneidet haben? ſollte vielleicht der Ehr⸗ geiz den Weg zu Deinem Herzen gefunden haben? O antworte mir offen; bedenke, daß mein ganzes Schickſal von dem Worte abhängt, das Du ausſprichſt! Wußteſt Du etwas von dieſem Entführungsplane? ahnteſt Du ihn oder hoffteſt Du darauf?“ „Meine edle Beſchützerin,“ erwiederte Aiſſa in ſanf⸗ tem Tone,„Ihr habt es geſehen, wie ich mit inniger Freude in die Arme meines Geliebten eilte, und Ihr fragt mich, ob ich gehofft habe, einem Andern entgegen zu gehen?“ „Du haſt Recht, aber Deine Antwort ſcheint mir noch immer wie eine Ausflucht zu klingen, denn mein Herz iſt erfüllt mit irdiſcher glühender Leidenſchaft. Ich wiederhole daher meine Frage: biſt Du ehrgeizig? wür⸗ deſt Du Dich jemals durch die Hoffnung auf großen Reichthum, auf einen Thron vielleicht, für den Verluſt Deiner Liebe tröſten können?“ „Ich ſchwöre Euch bei dem lebendigen Gotte, Sen⸗ nora: ſollte Don Pedro es verſuchen, mir ſeine Liebe mit Gewalt aufzudringen, ſo habe ich ſtets meinen Dolch, um mir die Bruſt zu durchbohren, oder einen Ring, wie der Eurige, um ein tödtliches Gift zu verſchlucken.“ Agenor. „Einen Ring wie der meinige!“ rief Donna Maria entſetzt ihre Hand unter dem Mantel verbergend;„Du weißt alſo.. „Ich weiß, was jedermann im königlichen Palaſte ſagt, daß Ihr aus Furcht vor der Möglichkeit, nach dem Verluſt einer Schlacht den Feinden Don Pedro's in die Hände zu fallen, beſtändig einen Ring am Finger tragt, der ein ſcharfes Gift enthält, mit deſſen Hülfe Ihr Euch nöthigenfalls frei machen könnt. Auch ich würde mit Freuden den Tod wählen, wenn ich in eine ähnliche Ge⸗ fahr kommen ſollte.“ „Du biſt ein edles Mädchen,“ ſagte Donna Maria, indem ſte Aiſſa die Hand drückte,„und Deine Worte würden mir meine Pflicht vorſchreiben, hätte ich in dieſer Welt nicht etwas Heiligeres zu beſchützen als meine Liebe, denn wer würde nach meinem Tode über den Undankba⸗ ren wachen, den ich noch immer liebe? Er hat keinen einzigen Freund, wohl aber Tauſende von erbitterten Feinden. Du liebſt ihn nicht und wirſt ſeinen Verlockun⸗ gen kein Gehör ſchenken, dies iſt alles, was ich wünſche. Jetzt bin ich ruhig und meine Handlungsweiſe iſt feſt beſtimmt. Ehe morgen die Sonne wieder aufgeht, wird in Spanien eine Umwälzung ſtattfinden, von der die ganze Welt ſprechen ſoll. Ich will ſogleich mit dem Agenor. 63 Könige ſprechen. Geh in das Nebenzimmer, Aiſſa; Du wirſt ein vergoldetes Käſtchen und darin einen Schlüſſel finden, der eine geheime Thür öffnet, welche in die Ge⸗ mächer Don Pedro's führt.“ Aiſſa holte den gewünſchten Schlüſſel, den Maria Padilla zu ſich nahm. „Ich verlaſſe Dich, Aiſſa,“ ſagte ſie dann;„bitte Gott, daß er mir den Sieg verleiht, denn in dieſem Falle wirſt Du morgen früh nach Rianzares aufbrechen, um in die Arme Deines Geliebten zu eilen, von dem keine Macht der Erde Dich wieder trennen ſoll.“ „Ich danke Euch, Sennora!“ rief Aiſſa, indem ſte die Hände ihrer edlen Freundin mit Küſſen bedeckte;„ja, ich will für Euch beten und Gott wird mich erhören.“ In dem Augenblicke, als die beiden Frauen ſich von einander trennten, konnte man zwiſchen dem dichten Laube der Orangenbäume im Garten einen Kopf emporſteigen ſehen, bis er ſich in gleicher Höhe mit dem Fenſter befand. Donna Maria ging leichten Schrittes durch einen Gang, der nach einer geheimen Thür führte. Der im Garten Lauſchende folgte ihr mit aufmerkſam ſpähenden Augen; aber ſein Kopf verſchwand, als ſich am Ende des Ganges das Geräuſch einer ſich öffnenden Thür ver⸗ nehmen ließ. Es war Hafiz, der an dem Stamme eines 64 Agenor. Citronenbaumes hinabglitt. Hier erwartete ihn eine andre dunkle Geſtalt, der er berichtete, was er geſehen haͤtte. „Ha!“ rief Mothril,„denn er war es, ſte iſt zum Könige gegangen und wird mit ihm ſprechen; wir ſind verloren!“ „Ihr wißt, daß ich ganz zu Euren Befehlen bin,“ erwiederte Hafiz. „Ich muß wiſſen, was ſie zuſammen ſprechen,“ ſagte Mothril;„folge mir.“ Beide ſchlichen unter den Bäumen fort, nach den Gemächern des Königs zu 62 8 . — Siebentes Kapitel. Maria's Ring und Aiſſa's Dolch. Donna Maria täuſchte ſich nicht, die Gefahr war ſehr groß. Sie mußte die Neigungen des erkalteten und verderbten Herzens des Königs ändern und dies würde der Liebe nicht unmöglich geworden ſein; aber es war zu fuͤrchten, daß Don Pedro keine Liebe mehr für ſte fühlte. Sie wußte, daß Mothril das gefährlichſte Hinder⸗ niß für die Erreichung Ihres Zweckes war, und wäre ſte ihm unterwegs begegnet und hätte einen Dolch bei ſich ge⸗ habt, ſo würde ſie ihn ohne Gnade niedergeſtoßen haben. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt öffnete ſie leiſe die geheime Thür und trat ungehört in das königliche Gemach. Don Pedro ging unruhig im Zimmer auf und ab; Ma⸗ ria's Ruhe und ihre verhaltene Wuth ängſtigten ihn und hatten ſeinen Zorn erregt. „Sie verfolgt mich und trotzt mir,“ ſagte er;„ſte Agenor u. die Maurin. 5 66 ggenor. will mir zeigen, daß ich nicht der Gebieter bin, und in der That bin ich es auch nicht, da die Ankunft eines Weibes alle meine Pläne vernichtet und mich in meinen Genüſſen ſtört. Ich muß dieſes Joch zerbrechen, und wenn ich es allein nicht kann, ſo werden Andre mir beiſtehen.. Während er dies ſagte, ſchlich Maria bis in ſeine Nähe, ergriff ſeinen Arm und ſagte zu ihm: „Wer ſoll Euch beiſtehen, Sennor?“ „Maria!“ rief der König entſetzt, als habe er ein Geſpenſt geſehen. „Ja, Maria iſt es, die Euch fragen will, in wie⸗ fern der Rath oder, wenn Ihr wollt, das Joch einer edlen Spanierin, einer Frau, die Euch liebt, entehrender und drückender iſt als das Joch eines Mothril, eines Mauren?“ Don Pedro ballte wüthend die Hände. „Erzürnt Euch nicht, Sennor,“ fuhr Maria fort, „Ihr ſeid der Gebieter und werdet einſehen, daß ich nicht die Abſtcht haben kann, Euch Geſetze vorzuſchreiben. Alſo nehmt Euch nicht die Mühe, aufgebracht zu werden; der Löwe zürnt der Ameiſe nicht.“ Don Pedro, der an eine ſo unterwürfige Sprache von ſeiner Maitreſſe nicht gewöhnt war, blieb erſtaunt vor ihr ſtehen und ſagte: Agenor. 67 „Was wollt Ihr eigentlich von mir, Sennora?“ „Nur ſehr wenig. Wie es ſcheint, liebt Ihr eine Andere; dies ſteht Euch frei und es kommt mir nicht zu, Euch einen Vorwurf deshalb zu machen. Ich bin nicht Eure Gattin, und wenn ich ſte wäre, ſo würde ich mich erinnern, welche Schmerzen und Qualen Ihr um meinet⸗ willen Euren Gattinnen bereitet habt. Ich bin nur ein ſchwaches Weib, aber ich habe eine Stimme und bediene mich ihrer, um Euch Dinge zu ſagen, die Ihr von kei⸗ nem andern Menſchen hören werdet. Ihr liebt, und ſo oft dies bei Euch der Fall geweſen iſt, hat ſich eine Wolke vor Eure Augen gelagert und Euch die ganze übrige Welt verborgen... Aber... was horcht Ihr? was erregt Eure Aufmerkſamkeit?“ „Es war mir, als hörte ich Schritte im Nebenzim⸗ mer,“ erwiederte der König.„Aber nein, es iſt un⸗ möglich...“ „Warum unmöglich? Hier iſt alles möglich... ich bitte Euch, ſeht nach, Sire... ſollte man uns be⸗ lauſchen?“ „Nein, nein, dieſes Zimmer hat keine andre Thür und es iſt keiner von meinen Dienern in der Nähe. Der Wind hat ohne Zweifel einen Thürvorhang oder einen offenen Fenſterflügel bewegt. 5* 68 Agenor. „Ich wollte Euch alſo ſagen,“ ſprach Donna Maria weiter,„daß ich, da Ihr mich nicht mehr liebt, beſchloſſen habe, mich zu entfernen.“ Don Pedro machte eine Bewegung der Ueberraſchung. „Mein Entſchluß macht Euch Freude,“ fuhr Maria mit kalter Ruhe fort,„und dies iſt mir lieb, denn nur deshalb habe ich ihn gefaßt. Ich gehe alſo und Ihr werdet nie wieder etwas von mir hören. Maria Padilla iſt von jetzt an nicht mehr Eure Geliebte, ſie iſt nur Eure ergebene Dienerin, die Euch Eure gegenwärtige Lage der Wahrheit gemäß darſtellen will. Ihr habt eine Schlacht gewonnen, aber eigentlich haben Andere ſie für Euch gewonnen; Euer Verbündeter iſt Euer Gebieter und er wird es Euch früher oder ſpäter beweiſen. Schon fordert der Prinz von Wales bedeutende Geldſummen, die Ihr ihm nicht bezahlen könnt, und ſeine zwölftauſend Lanzen, die für Euch gekämpft haben, werden ſich daher gegen Euch ſelbſt richten. Inzwiſchen findet Euer Bruder Don Enrigo di Trastamare in Frankreich Hülfe und der Connetable wird rachedürſtend zurückkehren. Ihr werdet alſo zwei Heere zu bekämpfen haben, und was habt Ihr ihnen entgegenzuſtellen? eine Armee von Sarazenen? O chriſtlicher König, Ihr habt nur ein Mittel wieder in den Bund der Fürſten der Kirche einzutreten und Ihr Agenor. 69 beraubt Euch ſelbſt dieſes Mittels! Außer den zeitlichen Waffen wollt Ihr auch noch den Zorn des Papſtes und den Kirchenbann auf Euch laden! Bedenkt es wohl, die Spanier ſind fromm, ſie werden Euch verlaſſen, denn die Nachbarſchaft der Mauren iſt ihnen ſchon jetzt zuwider. Aber der Mann, der Euch Eurem Untergange entgegen⸗ führt, iſt nicht damit zufrieden, daß Ihr Eures Thrones entſetzt und verbannt werdet; er will Euch auch zum Renegaten machen. Gott iſt mein Zeuge: ich haſſe Aiſſa nicht, ſondern ich liebe ſie, ich ſchütze und vertheidige ſie wie eine Schweſter. Wäre Aiſſa auch die Tochter eines mauriſchen Königs, was keineswegs der Fall iſt, Sennor, ich will es Euch beweiſen, ſo iſt ſte doch nicht würdiger Eure Gemahlin zu werden, als ich, die Tochter eines vornehmen caſtilianiſchen Ritters, deren ſich kein chriſt⸗ licher König zu ſchämen braucht. Habe ich aber deſſen⸗ ungeachtet je von Euch verlangt, unſrer Liebe die kirch⸗ liche Weihe geben zu laſſen? Und ich hätte es gewiß thun können, denn Ihr habt mich geliebt, Don Pedro!“ Ein tiefer Seufzer entwand ſich der Bruſt des Kö⸗ nigs. „Das iſt noch nicht alles. Mothril ſpricht zu Euch von Aiſſa's Liebe, er hat ſtie Euch vielleicht ſogar ver⸗ ſprochen.“ 70 Agenor. „Und wenn dies wäre, Sennora?“ ſagte der König mit ängſtlicher Spannung. „Es wäre allerdings möglich, Sire, denn Ihr ver⸗ dient mehr als geliebt zu werden; aber Donna Aiſſa wird Euch niemals lieben, denn ſie liebt einen Andern.“ „Wie, iſt dies wahr?“ rief Don Pedro wüthend, „iſt es keine Verleumdung?“ „Fragt Aiſſa ſelbſt, ehe ſie ein Wort mit mir hat ſprechen können, und ſie wird Euch das Nämliche ſagen, was ich Euch jetzt ſagen will.“ „Sprecht, Sennora, ſprecht, Ihr erzeigt mir dadurch einen unermeßlichen Dienſt. Wen liebt Aiſſa?“ „Einen franzöſtſchen Ritter, Namens Agenor von Mauleon.“ „Den Abgeſandten, den ich in Soria empfing? und Mothril weiß es?“ „Er weiß es.“ „Dann iſi es alſo eine freche Lüge, ein ſchändlicher Verrath Mothrils, wenn er mir ihre Liebe verſpricht?“ „Die frechſte Lüge, der ſchändlichſte Verrath!“ „Und Ihr könnt es beweiſen?“ „Sobald Ihr es befehlt, Sennor.“ immer, als könnte ich es nicht glauben!“ „Sagt es mir noch einmal, Maria; es iſt mir 3 3 2. d Agenor. 71 Donna Maria hatte den König ſchon völlig in ihrer Gewalt; der Stolz und die Eiferſucht waren ſeine ſchwäch⸗ ſten Seiten. „Ich ſchwöre Euch bei dem lebendigen Gotte, ſagte Aiſſa ſo eben zu mir, ſollte Don Pedro es verſuchen, mir ſeine Liebe mit Gewalt aufzudrängen, ſo habe ich ſtets meinen Dolch, um mir die Bruſt zu durchbohren, und einen Ring wie der Eurige, um ein tödtliches Gift zu verſchlucken.— Und ſie zeigte auf dieſen Ring, den ich am Finger trage.“ „Was iſt's mit dieſem Ringe?“ rief Don Pedro entſetzt. „Er enthält Gift, und ich trage ihn ſeit zwei Jah⸗ ren, um mir die Freiheit des Körpers und der Seele zu ſichern, für den Fall, daß ich in Gefahr käme, den Hän⸗ den Eurer Feinde überliefert zu werden.“ Dieſer einfache und rührende Heroismus ſchien einen tiefen Eindruck auf den König zu machen. „Maria, Ihr habt ein edles Herz,“ ſagte er zu ihr, „und ich habe noch nie ein Weib ſo geliebt wie ich Euch geliebt habe. Aber ſeid unbeſorgt, Ihr ſollt nicht in den Fall kommen, von Eurem Ringe Gebrauch zu machen.“ „Wie er mich geliebt hat!“ dachte Maria bei 72 Agenor. ſich, ohne durch irgend etwas ihren Kummer und Schmerz zu verrathen.„Er ſagt nicht mehr, wie er mich liebt!“ „Aiſſa muß eine wahrhaft abgöttiſche Liebe zu die⸗ ſem franzöſtſchen Ritter haben,“ ſprach der König.„Aber kann ich ſie nicht ſelbſt befragen?““ „Wenn Ihr wollt, Sennor.“ „Wird ſie auch in Mothrils Gegenwart ſprechen?“ „Gewiß wird ſie es.“ „Sie wird alle Einzelnheiten ihrer Liebe geſtehen?“ „Sie wird ſogar Dinge geſtehen, die einem Mäadchen zur Schande gereichen.“ „Maria!“ rief Don Pedro in drohendem Tone, „was habt Ihr geſagt!“ „Stets die Wahrheit,“ erwiederte ſie ruhig. „Aiſſa wäre entehrt?“ „Aiſſa, die man auf Euren Thron ſetzen und zu Eurer Gattin machen will, iſt durch heilige Bande mit dem Ritter von Mauleon verbunden, die Gott allein zer⸗ reißen kann, denn es ſind die Bande einer vollzogenen Ehe... „Maria! Maria!“ rief der König in der höchſten Wuth. „Ich war Euch dieſes Geſtändniß ſchuldig. Ich ſelbſt habe ihren Geliebten in das Zimmer geführt, wo Agenor. 73 Mothril ſie eingeſchloſſen hielt; ich habe ihre Liebe in Schutz genommen und mich verbindlich gemacht, das glück⸗ liche Paar auf franzöſiſchem Boden wieder zu vereinigen.“ „Ha, Mothril! die furchtbarſten Folterqualen ſind zu ſchwach, um Dich für Deine Verruchtheit zu beſtra⸗ fen! Bringt mir Aiſſa her, Sennora, ich bitte Euch darum.“ „Ich gehe, Sennor,“ ſagte Maria;„Ihr ſollt bald zufriedengeſtellt ſein.“ „Wenn Ihr mir die Wahrheit geſagt habt, Maria, ſo gebe ich Euch mein Wort, daß morgen kein einziger Maure in Spanien ſein ſoll, der nicht geächtet oder flüchtig iſt.“ „Dann werdet Ihr morgen ein großer König ſein, und ich, die arme Verlaſſene, werde Gott dafür danken, daß er meinen höchſten Wunſch erfüllt hat, Euch voll⸗ kommen glücklich zu ſehen.“ „Maria, Ihr werdet bleich, Eure Knie ſchwanken; wollt Ihr, daß ich jemanden herbeirufe?“ „Nein, ruft niemanden, Sire... ich will in mein Zimmer zurückkehren, wo ein erfriſchender Trank für mich bereit ſteht, nach deſſen Genuſſe mir wieder beſſer werden wird. Aber ich verſichere Euch,“ rief Maria plötzlich, indem ſie nach der Thür des Nebenzimmers 74 Agenor. ſprang,„es iſt jemand hier, diesmal habe ich ganz deut⸗ lich Schritte gehört...“ Don Pedro nahm ein Licht und ging mit ihr in das Zimmer; allein es war leer und nichts deutete darauf hin, daß jemand hindurchgegangen wäre. Nur der Vor⸗ hang einer Thür zitterte noch ein wenig, was jedoch weder der König noch Maria bemerkte. „Es iſt niemand da,“ ſagte Letztere erſtaunt,„und doch habe ich Schritte gehört...“ „Ihr habt Euch geirrt, es kann niemand hier ge⸗ weſen ſein. Ihr kommt alſo wieder zu mir, Sennora?“ „Ich werde nicht länger ausbleiben als nöthig iſt, um Aiſſa zu benachrichtigen und durch den geheimen Gang zurückzukehren.“ Nach dieſen Worten verließ Donna Maria den König, der in ſeiner fieberhaften Ungeduld nahe daran war, die Dankbarkeit fuͤr den geleiſteten Dienſt mit der Erinne⸗ rung an die vergangene Liebe zu verwechſeln. Das Geräuſch, welches Donna Maria im Neben⸗ zimmer gehört hatte, rührte von Mothril her, der mit Hafiz' Hülfe durch ein offenes Fenſter in das Zimmer geſtiegen war und ſich bis an den Thürvorhang geſchli⸗ chen hatte, um zu erhorchen, was über ihn geſprochen würde. — Agenor. 75 Die Offenbarung des Geheimniſſes Aiſſa's hatte ihn mit Furcht und Entſetzen erfüllt. Daß Maria Padilla ihn haßte, daran zweifelte er nicht, und eben ſo war er feſt überzeugt, daß ſie ihn durch die Enthüllung ſeiner ehrgeizigen Beſtrebungen zu ſtürzen ſuchte, aber der Ge⸗ danke, Don Pedro könnte gleichgültig gegen Aiſſa wer⸗ den, war ihm unerträglich. Als Mauleons verlobte Braut und ihrer jungfräu⸗ lichen Reinheit beraubt, war Aiſſa für Don Pedro ein Gegenſtand ohne Reiz und ohne Werth, und wenn der König nicht mehr durch ihre Liebe gefeſſelt werden konnte, hatte Mothril ſeine ganze Herrſchaft über den König verloren. Noch einige Augenblicke und das ganze ſo mühſam aufgerichtete Gebäude ſtürzte zuſammen. Aiſſa kam in Begleitung Donna Maria's zu Don Pedro und enthüllte ihm das ganze Geheimniß. Maria trat dann wieder in alle ihre Rechte und Aiſſa verlor die ihrigen; Mothril wurde mit Schimpf und Schande als ein gemeiner Be⸗ trüger vom Hofe verſtoßen und in's Exil geſchickt, wenn ihn der König nicht im erſten Ausbruch ſeines Zornes hinrichten ließ. Dies waren die Gedanken, welche Mo⸗ thril vor die Seele traten, während Maria mit Don Pedro ſprach. 76 Agenor. Athemlos und vernichtet, bald kochend vor Wuth, bald kalt wie Marmor, griff Mothril unwillkürlich nach ſeinem Dolche und fragte ſich, warum er nicht den kö⸗ niglichen Gebieter wie die verhaßte Maria Padilla mit einem Stoße ermordete, das heißt, warum er nicht ſein Leben und ſeine Sache rettete. Plötzlich heiterte ſich ſeine Stirn auf. Zwei Worte Maria's hatten ihn auf die Idee eines Verbrechens ge⸗ führt und ihm dadurch zu gleicher Zeit den Weg zur Rettung geöffnet. Er ließ ſie ruhig bis zu Ende ſprechen und erſt bei den letzten Worten verließ er ſein Verſteck, bei welcher Gelegenheit Don Pedro und Donna Maria ſeine Schritte vernommen hatten. Als er ſich außerhalb des Zimmers befand, blieb er einen Augenblick ſtehen und ſagte zu ſich ſelbſt: „Durch den geheimen Gang braucht ſie dreimal ſo viel Zeit, um in ihr Zimmer zu gelangen, als ich dazu nöthig habe, wenn ich durch den Garten dahin gehe. Haftz,“ ſagte er zu dieſem,„geh ſogleich in den Gang, der nach der Galerie führt, und tritt Donna Maria in den Weg, wenn Du ihr begegneſt; bitte ſie um Verzei⸗ hung, als wuͤrdeſt Du von Reue gequält, geſtehe ihr N Agenor. 77 alles, kurz thue was Du willſt, nur halte ſte fünf Mi⸗ nuten auf, bevor ſie die Galerie betritt.“ Hafiz ſtieg durch ein Fenſter in den Gang, in wel⸗ chem ſich bereits Donna Maria's herannahende Schritte vernehmen ließen, während Mothril durch den Garten und die Treppe hinauf in Donna Maria's Zimmer ging. In der einen Hand hielt er ſeinen Dolch und in der andern ein kleines goldenes Fläſchchen, das er aus den Falten ſeines Gürtels genommen hatte. Als er eintrat, waren die Kerzen zur Hälfte herab⸗ gebrannt und Aiſſa ſchlummerte ſanft auf dem Kiſſen eines Divans. „Sie zuerſt,“ ſagte der Maure mit einem finſtern Blicke;„wenn ſie todt iſt, kann ſite das Geſtändniß nicht ablegen, zu dem ſte Donna Maria veranlaſſen will... Aber mein Kind ſoll ich ermorden... mein ſchlafendes Kind, dem der Höchſte vielleicht eine Krone beſtimmt hat, wenn ich mich mit meinen Befürchtungen nicht übereile! Ich will noch warten... ſte ſoll wenigſtens zuletzt ſter⸗ ben, wenn ich keine Hoffnung mehr habe.“ Auf dem Tiſche ſtand ein Becher mit Wein und Waſſer, den Aiſſa für Donna Maria in Bereitſchaft ge⸗ bracht hatte. Mothril trat hinzu und überzeugt, daß 78 Agenor. dies der erfriſchende Trunk war, von dem Maria geſpro⸗ chen, goß er den Inhalt des goldenen Fläſchchens hinein. In dieſem Augenblicke drangen Hafiz; und Maria's Stimmen aus dem geheimen Gange an ſein Ohr. „Habt Mitleid,“ ſagte der ſchändliche Bube,„ver⸗ zeiht meiner Jugend, ich wußte nicht, was mein Herr mich thun ließ.“ „Das wird ſich finden,“ erwiederte Maria;„jetzt laß mich! Ich werde mich erkundigen und die Wahrheit ſehr bald erfahren.“ Mothril trat raſch hinter den Fenſtervorhang, von wo aus er alles ſehen und hören konnte, während Hafiz langſam in der dunklen Galerie verſchwand. Donna Maria trat in ihr Zimmer und betrachtete die ſchlummernde Aiſſa mit einem unbeſchreiblichen Aus⸗ drucke. „Ich habe das ſüße Geheimniß Deiner Liebe vor den Augen eines Mannes entweiht,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„ich habe Deine Engelsunſchuld getruͤbt, aber das Unrecht, das ich Dir angethan habe, ſoll wieder gut gemacht werden. Armes Kind, ſchlafe und wiege Dich noch eine Minute lang in ſüßen Träumen!“ Sie trat einen Schritt auf Aiſſa zu und näherte ſich zugleich dem Tiſche, auf welchem ſie ihren Becher Agenor. 79 mit dem kühlenden Getränk erblickte. Sie ergriff und leerte ihn in langen Zügen. Aber kaum hatte ſie ge⸗ trunken, ſo ſchwankten ihre Knie, ihre Augen wurden ſtarr, ſte legte beide Hände auf die Bruſt und blickte mit Angſt und Entſetzen um ſich. Inzwiſchen wurde der Schmerz in ihrem Buſen immer heftiger und unerträgli⸗ cher; das Blut ſtieg ihr in's Geſicht und färbte es mit einer dunklen Röthe und ſie öffnete den Mund, um einen Schrei auszuſtoßen. Schnell wie der Blitz ſprang Mothril jetzt aus ſei⸗ nem Verſteck hervor, um dieſen Ausruf zu erſticken. Ver⸗ gebens wand ſich Maria in ſeinen Armen, vergebens biß ſie in die Hand, die ihr den Mund verſchloß; der Sa⸗ razene hielt ſte mit unwiderſtehlicher Kraft umſchlungen und erſtickte ihre Stimme. Er löſchte nun das Licht aus und Maria fiel kraftlos und mit dem Tode ringend zu Boden. Von dem Geräuſch erwachte Aiſſa; erſtaunt über die im Zimmer herrſchende Dunkelheit that ſtie einige Schritte vorwärts, wobei ſte über Maria's Körper ſtrau⸗ chelte und in Mothrils Arme fiel, der ihr einen Dolch⸗ ſtich in die Schulter verſetzte und ſte dann niederwarf. Der Blutverluſt raubte Aiſſa faſt augenblicklich das Bewußtſein. Mothril zog von Maria's Finger den Ring, welcher das Gift enthielt, ſchüttelte den Inhalt deſſelben 80 Agenor. in den Becher und ſteckte ihn dann wieder an den Finger ſeines Opfers. Dann nahm er aus Aiſſa's Gürtel den Dolch, den ſie ſtets bei ſich führte, tauchte ihn in das Blut des jungen Mädchens und legte ihn neben Maria's Hand. Um allen Verdacht von ſich abzuwenden, begab ſich Mothril hierauf in den Garten, ſo daß es den Anſchein hatte, als käme er eben von einem Spaziergange zurück. Er fragte die Bedienten, ob der König ſich ſchlafen ge⸗ legt habe, und erhielt die Antwort, daß man Seine Ma⸗ jeſtät unruhig in ſeinem Zimmer auf und ab gehen ſähe. Dann ging Mothril in ſeine Wohnung und bald lag er ſcheinbar in tiefem Schlafe. Hafiz hatte ſich indeſſen ganz unbefangen unter die königliche Dienerſchaft gemiſcht. So verging eine halbe Stunde, während der im ganzen Palaſte die tiefſte Stille herrſchte. Plötzlich ertönte ein lauter Schrei aus der königli⸗ chen Galerie und Don Pedro's Stimme rief nach Hülfe. Die Garden und die Bedienten eilten ſogleich herbei; auch Mothril richtete ſich auf, rieb ſich die Augen und fragte mit ſcheinbarer Schlaftrunkenheit: „Was giebt es denn?“ „Der König! der König!“ antwortete man ihm. Agenor. 81 Mothril begab ſich nach der königlichen Galerie, wo er Don Pedro mit einem Lichte in der Hand an der Thür von Donna Maria's Zimmer fand. Er war todtenbleich und ſtieß ein lautes Schmerzensgeſchrei aus, indem er von Zeit zu Zeit hinter ſich in das Zimmer blickte. „Seht, ſeht!“ rief Don Pedro;„ſte ſind todt! Beide todt!“ „Was ſagt Ihr?“ verſetzte Mothril;„wer iſt todt, Sennor?“ „Sieh her, frecher Sarazene!“ erwiederte der König in raſender Wuth. Mothril trat in das Zimmer und wich ſcheinbar entſetzt zurück, als er die beiden lebloſen Körper Maria's und Aiſſa's auf dem Fußboden liegend erblickte. „Donna Maria!... Donna Aiſſa!“ rief er aus „Allah!“ Der König erwiederte nichts. Mothril gab den Um⸗ ſtehenden einen Wink, worauf Alle ſich langſam entfernten⸗ „Hier iſt ein entſetzliches Verbrechen begangen wor⸗ den, Sennor!“ ſprach Mothril zum Könige. „Heuchleriſcher Schurke!“ rief Don Pedro wüthend; „wie kannſt Du es noch wagen hierher zu kommen, nach⸗ dem Du mich ſo ſchändlich hintergangen haſt!“ „Mein König und Herr, der Schmerz verwirrt Eure Agenor u. die Maurin. 6 82 Agenor. Sinne, ſonſt würdet Ihr nicht ſo zu Eurem beſten Freunde ſprechen,“ entgegnete Mothril mit unerſchütterlicher Ruhe. „Seht her, neben Donna Maria's Hand liegt die Waffe, die das erlauchte Blut meiner Königin vergoſſen, die Toch⸗ ter meines erhabenen Gebieters, des großen Kalifen, ge⸗ mordet hat.“. „Es iſt wahr,“ ſtammelte Don Pedro,„der Dolch iſt in Donna Maria's Hand... aber ſie ſelbſt... ihre Züge haben einen entſetzlichen Ausdruck... wer hat ſie ermordet?“ „Wie ſoll ich es wiſſen, Sennor, da ich geſchlafen habe und erſt nach Euch hierher gekommen bin?“ Mothril trat an den Tiſch und unterſuchte aufmerk⸗ ſam den noch halb vollen Becher. „Gift!“ ſprach er halblaut vor ſich hin. Der König bückte ſich zu dem Leichnam Maria's herab und erfaßte ihre Hand mit einem Gefühl von Schauder und Entſetzen. „Ha!“ rief er aus,„der Ring iſt leer!“ „Der Ring?“ wiederholte Mothril;„welcher Ring?“ „Der Ring mit dem tödtlichen Gifte,“ erwiederte der König.„Ach! Maria hat ſich das Leben genommen... und ſie hätte auf meine Liebe hoffen können...“ „Nein, Sennor, ich glaube Ihr irrt Euch; Donna en na Agenor. 83 Maria war eiferſüchtig und ihr Stolz mußte ſich tief verletzt fühlen, als ſte Aiſſa auf Euren Ruf hat zu Euch kommen ſehen. Nachdem ihr Zorn vorüber war, hat ſte es vorgezogen, ſich den Tod zu geben, aber vorher hat ſie ſich gerächt, denn einer Spanierin gewährt die Rache ein größeres Vergnügen als das Leben.“ „Mothril, Du lügſt,“ rief der König wüthend,„Du ſagſt, Donna Maria habe ſich deshalb das Leben genom⸗ men, weil ſie ſich von mir verlaſſen ſah? Du weißt alſo nicht oder ſtellſt Dich nur, als wüßteſt Du nicht, daß ich ſie höher ſchätzte als alles Andre?“ „Neulich ſpracht Ihr anders, Sennor, als Ihr Euch gegen mich beklagtet, ſie ſei Euch gleichgültig.“ „Verdammter Sarazene, wie kannſt Du es wagen, mir ſo etwas in Gegenwart dieſes Leichnams zu ſagen!... Ach!“ rief der König in tiefſtem Schmerz,„mein ganzes Reich wollte ich darum geben, könnte ich das Leben die⸗ ſer Unglücklichen damit erkaufen!“ „Was Gott thut, das iſt wohl gethan,“ murmelte der heuchleriſche Maure.„Er hat mir die Freude meines Alters, die Blume meines Lebens, die Perle der Unſchuld genommen!“ „Ungläubiger!“ rief Don Pedro, deſſen Wuth durch dieſe wohl berechneten Worte von neuem rege gemacht 6** 84 Agenor. wurde,„Du ſprichſt noch von der Unſchuld und Reinheit Aiſſa's, während Du ihre Liebe zu dem fränkiſchen Rit⸗ ter kennſt und weißt, daß ſie entehrt iſt!“ „Ich!“ verſetzte der Maure,„ich wüßte... daß Donna Aiſſa entehrt iſt? Ha! wer hat das geſagt?“ „Die, welcher Dein Haß nicht mehr ſchädlich wer⸗ den kann und die nie eine Unwahrheit ſagte.“ „Donna Maria?“ entgegnete Mothril.„Ja, es lag in ihrem Intereſſe, dies zu ſagen... ſte konnte es aus Liebe ſagen, da ſie aus Liebe geſtorben iſt, ſte konnte aus Rachſucht verleumden, da ſie aus Rachſucht einen Mord begangen hat.“ Der König wußte hierauf nichts zu erwiedern und überließ ſich ſeinen Gedanken. „Wenn Donna Aiſſa nicht von einem Dolchſtiche durchbohrt wäre,“ fuhr der Maure fort,„ſo würde man Euch vielleicht ſagen, ſte habe Donna Maria ermorden wollen.“ „Warum nicht?“ erwiederte Don Pedro.„Donna Maria hatte mir das Geheimniß Deiner Maurin verra⸗ then; könnte dieſe ſich nicht dafür haben rächen wollen?“ „Ihr vergeßt, Sennor,“ entgegnete Mothril,„daß der Ring Donna Maria's leer iſt, und wer anders ſollte d⸗ 2 7 aß lte Agenor. 85⁵ ihn geleert haben als ſie ſelbſt? Es iſt offenbar, daß Donna Maria Euch hintergangen hat.“ „Wie ſo? Sie ſollte Aiſſa zu mir führen, damit dieſe mir ihre Worte beſtätigte.“ „Iſt ſte gekommen?“ „Konnte ſte es, da ſie ermordet worden iſt?“ „Weil ſie ihre Ausſage beweiſen ſollte und weil ſie dies nicht konnte.“ Der König war nicht im Stande das Dunkel des entſetzlichen Ereigniſſes zu durchſchauen. „Ach!“ murmelte er vor ſich hin,„wer wird mir die Wahrheit ſagen?“ „Ich ſage ſie Dir.“ „Du?“ rief der König mit ſteigender Wuth;„Du biſt ein Böſewicht, der Donna Maria mit ſeinem Haſſe verfolgte und ſie mir abtrünnig machen wollte; Du allein haſt ihren Tod herbeigeführt. Ich dulde Dich nicht län⸗ ger in meiner Nähe, Du mußt unverzüglich mein Reich verlaſſen; dies iſt die einzige Gnade, die ich Dir noch gewähren kann.“ „Still, Sennor! ein Wunder!“ verſetzte Mothril; „ich fühle Aiſſa's Herz unter meiner Hand ſchlagen: ſie lebt noch!“ „Sie lebt?“ rief Don Pedro;„iſt dies gewiß?“ 86 Agenor. „Ich fühle den Schlag ihres Herzens.“ „Vielleicht iſt die Wunde nicht tödtlich?... Ich will einen Arzt rufen laſſen...“ „Nein,“ entgegnete Mothril;„kein Chriſt darf eine erhabene Tochter meiner Nation berühren; Aiſſa iſt viel⸗ leicht nicht zu retten, aber wenn ſie es iſt, ſo ſoll ſie es nur durch mich werden.“ „Rette ſie, Mothril... rette ſie... damit ſte ſprechen kann...“ „Damit ſie ſprechen kann?“ erwiederte Mothril. „Ja mein König, ſie wird ſprechen und es wird ſich dann finden, ob ich ein Verleumder bin und ob Aiſſa entehrt iſt.“ „Wenn Aiſſa im Stande iſt ſo zu ſprechen,“ ſagte der König,„dann führe ſie zu mir oder laſſe es mir wiſſen, damit ich ſie befragen kann.“ Nach dieſen Worten kehrte er ohne Bedauern, ohne Liebe und ohne Hoffnung in ſeine Gemächer zurück. Mothril verband Aiſſa's Wunde, welche durchaus nicht gefährlich war, und bald kam ſie wieder zu ſich. Mit den körperlichen Kräften kehrte auch ihr Gedächtniß zurück und als ſte den lebloſen Körper Donna Maria's zu ihren Füßen liegen ſah, ſtieß ſie einen lauten Angſt⸗ ſchrei aus. Achtes Kapitel. Wie der Gouverneur des Schloſſes zu Bordeaux anſtatt eines einzelnen Gefangenen eine ganze Armee in Freiheit ſetzte. Duguesclin war inzwiſchen nach Bordeaux, der Re⸗ ſidenz des Prinzen von Wales, gebracht worden, und man behandelte ihn daſelbſt mit den größten Rückſichten obgleich er ſtreng bewacht wurde. Deſſenungeachtet ſchätz⸗ ten es ſich die ausgezeichnetſten Officiere der engliſchen Armee zur Ehre, den Gefangenen zu beſuchen, der ſie als ein heiterer Tiſchgenoſſe immer herzlich willkommen hieß. Aber er hatte niemanden, dem er ſeinen Kummer anvertrauen konnte, und dieſer war ſehr groß. Er ſah, wie die ſchöne Zeit unbenutzt verſtrich, daß die mit ſo großer Mühe zuſammengebrachte Armee ſich täglich mehr und mehr zerſtreute und ſah ein, wie ſchwierig es ſein 88 Agenor. werde, ſte wieder zu vereinigen. Er hatte das Schau⸗ ſpiel der Gefangenſchaft von zwölfhundert ſeiner Officiere und Waffengefährten vor Augen, welche der Kern einer unüberwindlichen Armee waren. Auch dachte er oft an den König von Frankreich, der in dieſem Augenblicke ohne Zweifel in großer Verlegenheit war. Wenn dieſe Gedanken den Geiſt des wackern Con— netable beſtürmten, dann erſchien ihm die Gefangenſchaft unerträglich; er betrachtete die Eiſenſtäbe vor ſeinen Fen⸗ ſtern wie Simſon die Angeln der Thore von Gaza und er fühlte die Kraft in ſich, die Mauern auf ſeinen Schul⸗ tern fortzutragen. Aber die Klugheit rieth ihm gute Miene zum böſen Spiele zu machen, und da Bertrand neben ſeiner bretagniſchen Rechtſchaffenheit auch die nor⸗ männiſche Schlauheit beſaß, ſo war er nie fröhlicher als in den Stunden der Muthloſtgkeit und Langeweile. So täuſchte er durch ſein Benehmen mehrere der klügſten Engländer. Auf höheren Befehl wurde jedoch der Gefangene mit der größten Sorgfalt und Strenge bewacht, die ſo weit ging, daß ſelbſt die aus Frankreich für ihn eingehenden Briefe nicht unmittelbar in ſeine Hände gelangten. Der engliſche Hof betrachtete die Gefangennehmung des Connetable als eines der glücklichſten Reſultate des Agenor. 89 Sieges bei Navaretta. König Eduard wollte allmählich ſeine Macht bis über das durch Bürgerkriege zerrüttete Spanien ausdehnen. Er wußte wohl, daß Don Pedro früher oder ſpäter entthront werden würde und daß, wenn Don Enrigo beſtegt oder getödtet würde, kein Prätendent auf den caſtilianiſchen Thron mehr vorhanden war, der ſodann eine leichte Beute fuͤr die ſiegreichen Truppen des Prinzen von Wales werden mußte. Wurde aber Dugueselin frei, dann erhielten die Dinge eine ganz andre Geſtalt: er konnte nach Spanien zurückkehren, die verlorenen Vortheile wieder gewinnen, die Engländer und Don Pedro aus dem Lande vertreiben und Enrigo di Trastamare den Beſitz des ſpaniſchen Thro⸗ nes für alle Zeiten ſichern. König Eduard fürchtete, daß der Connetable entſpringen oder daß er entführt werden könnte, daß er ſelbſt als Gefangener zwiſchen vier dicken Mauern der beſiegten Partei einen guten Rath geben und ihre Hoffnung neu beleben könnte. Daher hatte er Du⸗ gueselin zwei unbeſtechliche Hüter gegeben, den Gouver⸗ neur und den Kerkermeiſter, die beide nur den directen Befehlen des großen Raths von England gehorchten. Eduard theilte dem edlen und loyalen Prinzen von Wales die geheimen Abſichten ſeiner Räthe nicht mit, denn er fürchtete, der hochherzige Prinz könnte ſich den⸗ 90 Agenor. ſelben widerſetzen. Der engliſche Monarch wollte den Gefangenen unter keiner Bedingung gegen ein Löſegeld freigeben, ſondern mit der Zeit nach London bringen laſſen, wo ihm der Tower für einen ſo koſtbaren Schatz ein viel ſichrerer Aufbewahrungsort zu ſein ſchien als das Schloß zu Bordeaux. Duguesclin hatte keine Ahnung von dem über ſei⸗ nem Haupte ſchwebenden Gewitter; er lebte im Vertrauen auf die nach ſeiner Meinung allmächtige Gewalt ſeines Beſtegers von Navaretta. Der von dem Gefangenen ſo ſehnlich erwartete Tag brach endlich an. Der Sire von Laval war mit dem Löſegelde in Bordeaux angekommen und ließ dem Prinzen von Wales den Zweck ſeiner Sendung wiſſen. Dieſer begab ſich ſogleich zu dem Connetable und theilte ihm mit aufrichtiger Freude die angenehme Nachricht mit. Zugleich trug er dem Gouverneur, der ihn in das Zim⸗ mer des Connetable begleitet hatte, auf, den aus Frank⸗ reich angekommenen Freund deſſelben ungehindert zu ihm zu laſſen. Als der Prinz das Schloß wieder verlaſſen hatte, blieb der Gouverneur in ſorgenvoller Stimmung mit dem Connetable allein. Die unerwartete Ankunft des Grafen von Laval zerſtörte alle Pläne des großen Raths in Agenor. 91 London und Duguesclin mußte trotz aller Gegenbemühun⸗ gen ſeine Freiheit erhalten. Der Gouverneur wollte jedoch ſein Möglichſtes thun, um den Wünſchen ſeines Königs nachzukommen, und er beſchloß daher eigenmächtig den Verſuch zu machen, die Freilaſſung des Connetable zu hintertreiben oder wenigſtens zu verzögern. Er knüpfte zu dem Ende folgendes Geſpräch mit ihm an: „Ihr ſeid alſo frei, Herr Connetable, und ich muß Euch ſagen, daß es mir ſehr leid thut, Euch zu verlieren.“ „Warum das?“ fragte Dugueselin lächelnd. „Weil es für einen einfachen Ritter wie ich bin eine große Ehre iſt, einen ſo berühmten Helden wie Euch zu bewachen.“ „Tragt keine Sorge, Meſſire Gouverneur, erwiederte der Connetable,„der Prinz wird mir ohne Zweifel bald wieder auf dem Schlachtfelde begegnen, und wenn er mich abermals zum Gefangenen machen ſollte, ſo ſollt Ihr mich auch wieder bewachen, denn Ihr eignet Euch ganz vortrefflich dazu.“ „Es bleibt mir wenigſtens der Troſt, daß ich von Eu⸗ ren Waffengefährten zwölfhundert Bretagner unter meiner Obhut behalte und mit ihnen von Euch ſprechen kann.“ Der Gedanke, daß ſeine Freunde in Gefangenſchaft bleiben mußten, während er ſelbſt die Sonne ſeines Hei⸗ ——— 92 Agenor. mathlandes wiederſehen ſollte, warf einen bitteren Tro⸗ pfen in den Freudenkelch des wackern Connetable. „Welch ein ſchönes Vorrecht der Größe und der Tapferkeit!“ ſprach der Gouverneur weiter;„ein einziger Mann iſt ſeiner perſönlichen Verdienſte wegen eben ſo viel werth als zwölfhundert andere zuſammengenommen!“ „Wie ſo?“ fragte Bertrand. „Die Summe, welche der Graf von Laval zum Behuf Eurer Befreiung mitbringt, würde hinreichen, das Löſegeld für Eure zwölfhundert Gefährten zu bezahlen.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte der Connetable, der immer nachdenkender und betrübter wurde. „Beim heiligen Georg, Meſſire,“ fuhr der Englän⸗ der fort,„wäre ich an Eurer Stelle und ſo reich als Ihr, ſo würde ich nur an der Spitze meiner zwölfhun⸗ dert Soldaten dieſes Schloß verlaſſen, denn dieſe ſind allein ſo viel werth als eine Armee, mit der man einen Feldzug unternehmen kann.“ „Ihr glaubt alſo,“ ſagte Bertrand plötzlich,„daß die Bretagner nicht mehr als ſechzigtauſend Goldthaler Löſegeld koſten würden?“ „Ich bin deſſen gewiß, Meſſire Connetable.“ „Und daß ſie der Prinz für dieſe Summe augen⸗ blicklich in Freiheit ſetzen würde?“ — Agenor. 93 „Auf der Stelle.“ „Gut. Ich bitte Euch, den Grafen von Laval, mei⸗ nen Freund und Landsmann, eintreten zu laſſen und mei⸗ nen Schreiber herbeizurufen.“ Der Gouverneur gab dem Kerkermeiſter ſogleich den von Bertrand erhaltenen Befehl und eilte ſelbſt zu dem Prinzen von Wales, um dieſen zu benachrichtigen. Die Ankunft des Grafen von Laval mit ſeinen vier goldbeladenen Maulthieren und ſeinen funfzig Reitern hatte ganz Bordeaux in Bewegung gebracht und eine bedeutende Volksmenge hatte ſich dem Zuge angeſchloſſen, der endlich vor dem Schloſſe Halt machte, in welchem Dugueselin gefangen ſaß. Während die Maulthiertreiber die Goldkiſten abluden, näherte ſich ein Reiter mit geſenktem Viſtr, der weder Farben noch ein Wappen trug, dem Grafen von Laval und ſagte in beſtem Franzöſiſch zu ihm: „WMeſſire, Ihr werdet das Glöck haben, den berühm⸗ ten Gefangenen zu ſehen und ihn in Freiheit zu ſetzen; ich, ein Freund des Connetable, werde vielleicht keine Gelegenheit haben, ihm ein Wort ſagen zu können; wäre es Euch daher wohl gefällig, mich mit Euch in's Schloß zu nehmen?“ „Eure Stimme, Meſſire,“ entgegnete Laval, ſchmei⸗ 94 Agenor. chelt zwar meinem Ohre, da Ihr die Sprache meines Vaterlandes ſprecht; aber ich kenne Euch nicht, und wenn man mich nach Eurem Namen fragte...“ „So würdet Ihr antworten,“ verſetzte der Fremde, „daß ich der Baſtard von Mauleon bin.“ „Der ſeid Ihr nicht,“ ſagte Laval raſch,„denn der Sire von Mauleon hat uns vor kurzem verlaſſen, um ſchneller nach Spanien zu kommen.“ „Ich komme in ſeinem Auftrage, Meſſire, und bitte Euch nochmals dringend, mich zu dem Connetable zu führen, dem ich ein einziges Wort zu ſagen habe.“ „Sagt es mir, ich will es ihm mittheilen.“ „Ich darf es niemandem ſagen als ihm ſelbſt, und auch er wird es erſt verſtehen, wenn ich ihm mein Geſicht zeige.“ „Ihr ſchenkt mir wenig Vertrauen, da Ihr doch wißt, wer ich bin,“ erwiederte der Graf faſt beleidigt. „Wie kann Euch überdies ſo außerordentlich viel daran iegen, den Connetable in ſeinem Gefängniſſe zu beſuchen, da er es binnen zehn Minuten verlaſſen haben wird und Ihr ihm dann das ſo wichtige Wort ganz bequem hier ſagen könnt?“ „Zuerſt bin ich nicht Eurer Meinung, Herr Graf,“ entgegnete der Fremde ungeduldig,„und betrachte den Agenor. 95 Connetable noch keineswegs als frei. Eine innere Stimme ſagt mir, daß ſeine Entlaſſung aus dem Gefängniſſe auf größere Hinderniſſe ſtoßen wird als Ihr vermuthet; an⸗ genommen aber auch, er wäre binnen zehn Minuten hier, ſo könnte ich während dieſer Zeit ſchon ein bedeutendes Stück meiner Reiſe zurückgelegt haben. Alſo noch ein⸗ mal, führt mich zu ihm... ich kann Euch nützlich werden.“ In dieſem Augenblicke wurde der Unbekannte von dem Kerkermeiſter unterbrochen, der herabkam, um den Grafen von Laval zu erſuchen, in den Schloßthurm zu kommen. Der Graf entfernte ſich mit ſtolzer Kälte von dem Unbekannten, der unter ſeiner Rüſtung zu erbeben ſchien und ſich hinter einen Pfeiler zurückzog, wo er ſtehen blieb. Das Volk drängte ſich laͤrmend nach den Stufen des Schloßthurmes, um den Connetable heraus⸗ kommen zu ſehen. Es verging indeſſen eine halbe Stunde und die Un⸗ geduld der Bretagner fing an ſich in Beſorgniß zu ver⸗ wandeln. Endlich wurde das Schloßthor wieder geöffnet, aber anſtatt des befreiten Feldherrn trat der Sire von Laval bleich und zitternd heraus. Mehrere bretagniſche Officiere eilten ihm entgegen und fragten ihn mit banger Beſorgniß, was es gäbe. 96 Agenor. „Ein großes, ein unglaubliches Unglück!“ erwie⸗ derte der Graf.„Aber wo mag jener geheimnißvolle Fremde, der Unglücksprophet, hingekommen ſein?“ „Hier bin ich,“ ſagte der Unbekannte näher tretend, „ich erwartete Eure Rückkunft.“ „Wünſcht Ihr noch immer den Connetable zu ſprechen?“ „Mehr als je!“ „Dann beeilt Euch, denn in zehn Minuten würde es zu ſpät ſein. Kommt, der Connetable iſt und bleibt Gefangener.“ „Das wollen wir ſehen,“ verſetzte der Unbekannte und ſprang hinter dem Grafen von Laval die Siufen hinauf. Der Kerkermeiſter öffnete lächelnd die Thür und die verſammelte Menge zerbrach ſich den Kopf über die Ur⸗ ſache, welche die Freilaſſung des Connetable verzögerte. Der Engländer hatte ſich nicht geirrt, er kannte ſeinen Gefangenen zu gut. Als der Sire von Laval in das Schloß gekommen war und die erſten Freudensbezeigungen über das Wie⸗ derſehen mit dem Connetable gewechſelt hatte, ſagte die⸗ ſer, auf die vollen Geldkiſten deutend, zu ihm: „Welche Maſſe Geld! Sechzigtauſend Goldthaler, welche große Summe!“ Agenor. 97 „So groß ſie auch iſt,“ erwiederte Laval,„ſo iſt ihre Erhebung doch ſehr leicht geweſen, denn jeder Bre⸗ tagner trug mit Freude ſeinen Antheil dazu bei.“ „Ja, ich kannte meine braven Bretagner,“ verſetzte der Connetable,„aber unmöglich kann ich dieſes Opfer von ihnen annehmen, ſo lange noch zwölfhundert meiner Landsleute gefangen ſind, welche um meinetwillen ihre Freiheit verloren haben.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Laval erſtaunt. „Habt die Güte, Meſſtre Gouverneur, den Schreiber kommen zu laſſen.“ Der Schreiber erſchien und Dugueselin ſagte zu ihm: „Schreibt wieder, was ich Euch dictiren werde: „Wir, Bertrand Duguesclin, Connetable von Frank⸗ „reich und Caſtilien, Graf von Soria, thun hiermit kund „und zu wiſſen, daß wir es aufrichtig bereuen, in einem „Augenblicke übermüthigen Stolzes unſern perſönlichen „Werth eben ſo hoch geſchätzt zu haben als den von „zwölfhundert guten Chriſten und tapferen Rittern, die „ſicherlich mehr werth ſind als wir. Wir bitten Gott „und unſere Brüder deshalb demuͤthig um Verzeihung, „und um unſern Fehler wieder gut zu machen, beſtimmen „wir die Summe von ſechzigtauſend Goldthalern zum „Auslöſen der von Seiner Hoheit dem Prinzen von Wales Agenor u. die Maurin. 7. 98 Agenor. „in der Schlacht bei Navaretta gefangen genommenen „zwölfhundert Bretagner. Ich verwende zu dieſem Zwecke „die ſechzigtauſend Goldthaler, welche mir der Sire von „Laval gebracht hat.“ „Wie, Meſſire Connetable,“ rief Laval erſchrocken, „Ihr wollt Gefangener bleiben? Dies iſt unmöglich, be⸗ denkt was Ihr thut!“ „Seid Ihr fertig?“ fragte Duguesclin den Schreiber. „Ja, gnädiger Herr.“ „So laßt mich unterſchreiben.“ Der Connetable nahm eine Feder und ſetzte raſch ſeinen Namen unter die Schrift, deren ſich der Gouver⸗ neur ſogleich bemäͤchtigte. In dieſem Augenblick trat der Prinz von Wales ein. Der Graf von Laval eilte ihm entgegen und ſagte: „Gnädigſter Herr, ich bringe die als Löſegeld für den Herrn Connetable beſtimmte Summe, nehmt Ihr ſie an?“ „Ich habe mein Wort gegeben und es macht mir Vergnügen es halten zu können,“ erwiederte der Prinz. „Einen Augenblick,“ ſagte der Gouverneur;„Eure Hoheit iſt von dem ſo eben ſtattgehabten Vorfalle nicht unterrichtet: habt die Güte dieſes Pergament zu leſen“ „Um es fuür ungültig zu erklären!“ rief Laval. Agenor. 99 * „Nein, ſondern um die Vollziehung deſſelben zu be⸗ fehlen,“ ſagte der Connetable. Der Prinz las die Schrift und rief dann von Be⸗ wunderung erfüllt aus: „Dies iſt ein edler Zug, um den ich Euch beneide, Meſſtre Dugueselin!“ „Eure Hoheit wird doch den Herrn Connetable nicht zurückhalten?“ rief Laval. „Nein, gewiß nicht, wenn er ſich entfernen will,“ erwiederte der Prinz. „Ich will und muß bleiben, lieber Graf von Layal; fragt dieſe Herren, wie ſie darüber denken.“ Die anweſenden Officiere zollten dem Connetable laut ihre Bewunderung. „Nun wohl,“ ſagte der Prinz,„man zähle das Geld und laſſe die bretagniſchen Gefangenen in Freiheit ſetzen.“ Die engliſchen Offieiere verließen das Zimmer; Laval, der ſich der Unglücksverheißung des unbekannten Ritters erinnerte, eilte ſchmerzlich ergriffen aus dem Schloſſe, um ſeinen Beiſtand zu erbitten.“ Bald kam Laval mit dem Unbekannten zurück, zu dem er beim Eintreten ſagte: „Sprecht jetzt mit dem Connetable, und wenn Ihr 75 100 Agenor. einigen Einfluß auf ihn habt, ſo bewegt ihn, daß er das Löſegeld für ſich ſelbſt verwendet, anſtatt es Andern zu geben.“ Der Unbekannte trat einige Schritte vor, und als der Prinz von Wales ihn erblickte, fragte er den Gou⸗ verneur: „Wer iſt dieſer Ritter?“ „Er iſt in meiner Begleitung gekommen,“ erwiederte Laval. „So möge er ſein Viſir aufſchlagen und mir will⸗ kommen ſein,“ verſetzte der Prinz. „Gnädigſter Prinz,“ ſagte der Unbekannte, deſſen Stimme einen gewaltigen Eindruck auf Dugueselin machte, „ich habe ein Gelübde gethan, mein Geſicht bedeckt zu laſſen; erlaubt mir, daß ich es halte.“ „Aber Ihr werdet wohl nicht beabſichtigen, auch dem Herrn Connetable fremd zu bleiben?“ „Ihm wie jedem Andern, gnädigſter Prinz.“ „Wenn das iſt,“ rief der Gouverneur,„ſo erſuche ich Euch, das Schloß zu verlaſſen, denn ich habe den Befehl, nur Leute einzulaſſen, die mir bekannt ſind.“ Der Ritter verbeugte ſich. „Die Gefangenen ſind frei,“ ſagte ein Officier, der in dieſem Augenblicke eintrat. 4 Agenor. 101 „Lebt wohl, mein wackrer Laval,“ rief der Conne⸗ table mit gepreßtem Herzen, indem er die Hand des Grafen ergriff, der es nochmals verſuchte, ihn von ſei⸗ nem Vorſatze abzubringen. Allein Duguesclin blieb un⸗ erſchütterlich. „Erlaubt mir nur einige Worte,“ ſagte der Unbe⸗ kannte zu dem Prinzen.„Wißt Ihr wohl, was ich auf meiner Reiſe überall habe ſagen hören? Wenn man auch das Löſegeld für den Herrn Connetable zahlte, ſo wür⸗ den ihn die Engländer dennoch nicht frei geben, weil ſie ihn zu ſehr fürchten.“ „Das ſagt man?“ rief der Prinz. „Allenthalben, gnädiger Herr.“ „Aber Ihr ſeht, daß man ſich irrt, denn der Con⸗ netable iſt frei und kann jeden Augenblick das Schloß herlaſſen. Nicht ſo, Meſſtre Bertrand?“ „ Allerdings,“ erwiederte Duguesclin, deſſen Züge eine außerordentliche innere Unruhe verriethen. „Da aber der Sire Connetable,“ fiel der Gouverneur ein,„über die zu ſeiner Auslöſung beſtimmte Summe anderweitig verfügt hat, ſo muß er ſo lange warten, bis eine gleiche Summe anlangt...“ Der Prinz überließ ſich einen Augenblick ſeinen Ge⸗ danken. 10²2 Agenor. „Nein,“ ſagte er endlich,„der Connetable ſoll nicht warten. Ich ſetze ſein Löſegeld auf hundert Livres feſt.“ Ein Gemurmel der Bewunderung durchlief die Ver⸗ ſammlung. Dugueselin wollte Einwendungen dagegen machen, aber der fremde Ritter trat zwiſchen ihn und den Prinzen und rief aus: „Gott ſei Dank, Frankreich kann zweimal für ſeinen Connetable bezahlen; Meſſire Bertrand ſoll gegen nie⸗ manden Verpflichtungen haben. In dieſer Rolle befinden ſich Anweiſungen auf den Bankier Agoſti in Bordeaux im Belaufe von achtzigtauſend Goldthaler, zahlbar bei Sicht; ich ſelbſt werde die Summe erheben und ſie ſoll binnen zwei Stunden hier ſein.“ „Und ich,“ fiel der Prinz in zornigem Tone ein,„ich ſage Euch, daß der Connetable nur dann das Schloß verlaſſen ſoll, wenn er hundert Livres zahlt. Fühlt ſich Meſſtre Bertrand beleidigt, mein Freund zu heißen, dann mag er es offen ſagen; ich erinnere mich jedoch, daß er mich eines Tages für einen ihm ebenbürtigen Ritter er⸗ klärte.“ „O, gnädigſter Prinz!“ rief der Connetable, indem er vor ſeinem Beſieger das Knie beugte,„ich nehme Euer Anerbieten mit dem aufrichtigſten Danke an und werde Agenor. 103 die hundert Franken einſtweilen von Euren Hauptleuten entlehnen.“ Die anweſenden Officiere oͤffneten bereitwillig ihre Börſen, und als der Connetable dem Prinzen von Wales die hundert Livres einhändigte, umarmte ihn dieſer mit den Worten: „Ihr ſeid frei, Meſſire Bertrand. Man öffne die Thore, und niemand ſage mehr, daß der Prinz von Wales irgend jemanden in dieſer Welt fürchtet.“ Der Gouverneur wollte ſeinen Ohren nicht trauen und war ſo beſtürzt, daß der Prinz ihm den Befehl wiederholen mußte. Während dieſer ſeine Officiere und ſelbſt den Grafen von Laval über den räthſelhaften Urheber dieſes Vorfalls befragte, trat der Unbekannte näher zu dem Connetable und ſagte leiſe zu ihm: „Jetzt ſeid Ihr frei; auf Wiederſehen in vierzehn Tagen unter den Mauern von Toledo!“ Hierauf machte er dem Prinzen von Wales eine tiefe Verbeugung und entfernte ſich mit raſchen Schritten. Eine Stunde ſpäter zog der Connetable mit ſeinen Bretagnern im Triumph durch die Stadt. Nur ein Mann ſchloß ſich dem Zuge nicht an; es war einer der Officiere des Prinzen von Wales, der ſich mit im Zim⸗ 104 Agenor. mer befunden hatte und dem die Stimme des fremden Ritters aufgefallen war. Er hatte ihn nicht aus den Augen verloren, und als der Unbekannte das Schloß ver⸗ ließ, nahm dieſer Capitän einige von ſeinen Leuten, er⸗ kundigte ſich, welchen Weg jener eingeſchlagen hatte, und ſprengte ihm auf der Straße nach Spanien nach. Neuntes Kapitel. Wie Mothrils Verbrechen einen für ihn glücklichen Erfolg hatte. Von einer unerklärlichen Angſt getrieben, ſetzte Age⸗ nor inzwiſchen ſeine Reiſe nach den Staaten Don Pedro's mit der größtmöglichen Eile fort. Unterwegs ſchloſſen ſich ihm eine bedeutende Anzahl Bretagner an, die nach ſtattgefundener Auslöſung des Connetable dieſen abholen wollten, um unter ſeinen Be⸗ fehlen zu kämpfen. Auch begegnete er vielen ſpaniſchen Rittern, die ſich nach dem von Don Enrigo beſtimmten Zuſammenkunftsorte begaben, der, wie man ſagte, wieder nach Spanien kommen werde, um auf's neue mit dem Prinzen von Wales, der mit Don Pedro nicht zufrieden war, in Unterhandlung zu treten. So befand ſich der junge Ritter bald an der Spitze einer kleinen Armee, in die er alle neu ankommenden 106 Agenor. Soldaten aufnahm. Aber zugleich zog er überall Erkun⸗ digungen nach Aiſſa, Maria Padilla, Gildaz und Hafiz ein, welche zu ſeinem großen Schmerze fruchtlos blieben, denn niemand hatte weder die nach der franzöſiſchen Grenze zu reiſende junge Maurin noch die aus Frankreich zurück⸗ kehrenden Boten geſehen. Nach einiger Zeit erfuhr er jedoch, daß Don Pedro nach einem Luſtſchloſſe abgereiſ't und daß zu gleicher Zeit Maria und Aiſſa aus der Re⸗ ſidenz verſchwunden ſeien, und bald darauf hinterbrachte man ihm auch, daß Gildaz unterwegs geſtorben und Hafiz allein zu Donna Maria zurückgekehrt war. Dieſe Nachrichten ſchienen die geheimen Beſorgniſſe, von denen der Ritter während der ganzen Reiſe gequält worden war, zu beſtätigen. Er mußte ſich durchaus nä⸗ here Aufklärung darüber verſchaffen, und ohne auf Mu⸗ ſarons Gegenvorſtellungen zu hören, beſtieg er ſein beſtes Pferd und ſchlug den Weg nach dem Luſtſchloſſe ein, wohin Don Pedro ſich begeben hatte. Don Pedro hatte während jener entſetzlichen Nacht kein Auge geſchloſſen; ſeine Dienerſchaft wollte ihn ſogar weinen gehört haben. Mothril dagegen hatte die Zeit dazu angewendet, um alles reiflich zu erwägen, was jeden Verdacht wegen des verübten Verbrechens von ihm ab⸗ wenden konnte. 3 3 Agenor. 107 Als Aiſſa wieder zum Bewußtſein kam und beim Anblick der Leiche Maria's einen Schrei des Entſetzens ausſtieß, ſagte er zu ihr: „Danke Gott, mein armes Kind, daß er Dich von einem gräßlichen Tode gerettet hat!“ „Wer hat mich denn tödten wollen?“ „Dieſes Weib, welche Deinen Dolch noch in der Hand hält.“ „Donna Maria, meine edle, hochherzige Beſchützerin? Dies iſt unmöglich!“ „Wie kannſt Du glauben, daß die Maitreſſe des Königs edel und hochherzig gegen Dich geſinnt ſein konnte, da ſie wußte, daß der König Dich liebt?“ „Aber ſte wollte mich entfernen,“ entgegnete Aiſſa. „Um Dich jenem fränkiſchen Ritter zuzuführen, wie ſie ſagte, nicht wahr?“ verſetzte der Maure in ruhigem und wohlwollendem Tone. Aiſſa erſchrak heftig, als ſie das Geheimniß ihrer Liebe in den Händen eines Mannes ſah, der ein beſon⸗ deres Intereſſe daran hatte dieſes Gefuͤhl zu erſticken. „Fürchte nichts, meine Tochter,“ ſprach Mothril wei⸗ ter;„was Maria wegen ihrer Eiferſucht und wegen der Liebe des Königs nicht hat thun können, das werde ich jetzt hun. Du liebſt, Aiſſa, und ich ſelbſt werde Dir 108 Agenor. zur Erreichung Deiner Wünſche behuͤlflich ſein; mein ganzes Streben auf dieſer Erde geht nur dahin, die Toch⸗ ter meiner Könige glücklich zu machen.“ Aiſſa blickte Mothril mit Staunen und Verwunde⸗ rung an, dann fiel ihr Blick auf Maria's Leichnam und ſte ſprach unwillkürlich vor ſich hin: „Donna Maria iſt todt!“ „Höre mich an, geliebtes Kind, ich will Dir ſagen, wie dies alles gekommen iſt. Der König liebt Dich lei⸗ denſchaftlich und er hat es Donna Maria geſtern offen erklärt. Er beabſichtigte, ſich mit Dir zu vermählen, ein Ziel, nach welchem Donna Maria von jeher geſtrebt hat; als ſie nun ſah, daß ſie es nie erreichen würde, hat ſie es vorgezogen, ihrem Leben ein Ende zu machen und das Gift aus ihrem Ringe in den Trinkbecher geſchüttet. Um Dich aber nicht triumphirend und als Königin zurückzu⸗ laſſen, um ſich zu gleicher Zeit an Don Pedro und an mir zu rächen, hat ſie Deinen eigenen Dolch Dir in die Bruſt geſtoßen.“ „Ich weiß von dem allen nichts,“ erwiederte Aiſſa; „es iſt mir nur, als hätte ich ein dumpfes Geräuſch und erſticktes Röcheln gehört...“ „Es war der Todeskampf Deiner Feindin. Als ich herbeikam, war ſte bereits entſeelt und ich hielt auch Dich Agenor. 109 für todt, überzeugte mich aber bald, daß Du nur beſin⸗ nungslos warſt, und ich habe das Glück gehabt, Dich in’s Leben zuruͤckzurufen.“ „O, Maria, Maria!“ rief Aiſſa;„Du warſt ſo gut gegen mich!“ „Du ſagſt dies, liebe Aiſſa, weil ſte Deine Liebe zu Agenor von Mauleon begünſtigte,“ ſprach Mothril leiſe, „und weil ſie ihn zu Soria in Dein Zimmer geführt Hat... 3 „Wie? Ihr wißt dies?“ „Ich weiß alles und auch der König weiß es. Maria hatte Dich in den Augen Don Pedro's entehrt, bevor ſte Dich zu ermorden verſuchte. Da ſie aber fürchtete, der König könnte ihren Verleumdungen kein Gehör ſchen⸗ ken und es Dir verzeihen, daß Du einem Andern ange⸗ hört haſt, ſo hielt ſie es für beſſer, Deinem Leben zu⸗ gleich mich dem ihrigen ein Ende zu machen. Don Pedro hatte ſchon Hafiz ohne mein Wiſſen beauftragt, Dich nach dem Luſtſchloſſe zu bringen; jetzt wird er Deine Geneſung abwarten und ſich dann bemühen, Dich auf's neue an ſich zu ziehen. Dies läßt ſich wohl entſchuldigen, denn er liebt Dich.. „Eher will ich ſterben,“ ſagte Aiſſa;„meine Hand 110 Agenor. ſoll nicht zittern und von meinem Buſen abgleiten wie die Hand Maria's.“ „Wie, Du willſt ſterben?... Du, mein geliebtes Kind?“ rief der Maure.„Nein, Du wirſt leben, Du wirſt noch glücklich werden und meinen Namen für alle Zeiten ſegnen.“ „Ohne Agenor kann ich nicht leben.“ „Er hat einen andern Glauben als Du, meine Tochter.“ „Dann nehme ich ſeinen Glauben an.“ „Er haßt mich.“ „Er wird Euch verzeihen, wenn er Euch nicht mehr zwiſchen ſich und mir erblickt. Ach! mir iſt dies alles gleichgultig, ich kenne von der ganzen Welt nichts als den Gegenſtand meiner Liebe.“ „Auch den nicht, welcher Dich für Deinen Gelieb⸗ ten gerettet hat?“ ſagte Mothril mit einem Ausdruck von Schmerz, welcher das Herz des jungen Mädchens rührte; „Du opferſt mich auf, ſelbſt wenn ich mich der Gefahr ausſetze für Dich zu ſterben?“ „Wie könntet Ihr in dieſe Gefahr kommen?“ „Gewiß, Aiſſa... Du willſt mit Agenor leben, ich werde Dir zur Erreichung dieſes Zweckes behülflich ſein.“ „Ihr?... Mothril, Ihr hintergeht mie 14 Agenor. 111 „Ich werde Dir das Gegentheil beweiſen. Du ſollſt den König nicht mehr ſehen, und ſobald Du die Reiſe unternehmen kannſt, werde ich Dich zu dem franzöſiſchen Ritter führen.“ „Donna Maria wollte mich auch zu ihm bringen...“ „Allerdings; ſie wollte ſich Deiner entledigen, und ſie würde dies einem Morde vorgezogen haben, denn ein Mord wiegt ſchwer am Tage des jüngſten Gerichts!“ „Was wollt Ihr dann thun?“ fragte Aiſſa weiter. „Ich verberge Dich, bis Du hergeſtellt biſt, und dann vereinige ich Dich mit dem Ritter von Mauleon.“ „Aber der König?“— „Er würde ſich mit aller Kraft unſern Plänen wi⸗ derſetzen, wenn er ſie erführe, und mein Tod wäre die erſte Folge davon; dann aber würde Dich nichts mehr vor ihm retten können.“ „Als mein eigener Tod.“ „Willſt Du lieber ſterben als fuͤr den Geliebten leben?“ „O nein! nein!... Sprecht, was ſoll ich thun?“ „Wenn der Koͤnig zu Dir kommen und Dich über Agenor von Mauleon ausfragen ſollte, ſo mußt Du ihm feſt verſichern, Donna Maria habe gelogen, indem ſie ſagte, Du liebteſt den Franzoſen. Er wird Dir glauben und uns nicht mehr ſo ſtreng überwachen. Vor allem 112 Agenor. aber mußt Du behaupten, daß Donna Maria, ehe ſie den Dolch gegen Dich zückte, verlangt hat, Du ſollteſt dem Könige Deine Entehrung geſtehen...“ „Das kann ich nicht ſagen, denn ich habe es nicht gehört,“ rief Aiſſa,„und eben ſo wenig werde ich meine Liebe zu Mauleon leugnen, denn er iſt der Stern, der mich durch's Leben leitet. Ich bin ſo ſtolz darauf, ihm mit Leib und Seele anzugehören, daß ich es vor allen Königen der Erde laut erklären würde! Rechnet alſo nicht auf mich bei dieſem Lügengewebe... wenn Don Pedro mich fragt, werde ich ihm die Wahrheit ſagen.“ Mothril erſchrak. Dieſes letzte und ſchwache Hin⸗ derniß zerſtörte das Reſultat eines Mordes; der einfache Widerſtand eines Kindes lähmte die Kraft des ſtarken Mannes, der eine Welt nach ſeinem Willen geleitet hätte. Er ſah ein, daß er nicht länger in Aiſſa dringen durfte. „Meine Tochter,“ ſagte er zu ihr,„thue was Dir gefällt, Dein Glück iſt mein einziges Geſetz. Antworte alſo dem Könige, was Du für gut findeſt. Ich weiß, daß Dein Geſtändniß mir das Leben koſten wird, denn ich habe immer geglaubt, Deine Unſchuld und Reinheit vor jedem Verdachte in Schutz nehmen zu müſſen. So möge denn mein Tod Deinen Fehltritt ſühnen und Dein Glück ſichern... Allah will es, ſein Wille geſchehe.“ Agenor. 113 „Aber ich kann doch keine Unwahrheit ſagen,“ ent⸗ gegnete Aiſſa.„Könnt Ihr den König nicht von mir entfernt halten... mich an irgend einem einſamen Orte verbergen, wozu Euch meine Verwundung einen genügen⸗ den Vorwand bietet?... Aber lügen und Agenor ver⸗ leugnen, das werde ich nie!“ Mothril hatte Mühe ſeine Freude über dieſe Worte Aiſſa's zu verbergen, denn wenn er ſie einige Zeit von Don Pedro entfernen und ſie den Fragen deſſelben ent⸗ ziehen konnte, bis ſein Zorn gemildert und das Andenken an Maria Padilla geſchwächt war, ſo durfte er noch hoffen ſeine Pläne verwirklicht zu ſehen, und er ergriff daher begierig dieſen ihm von Aiſſa ſelbſt gebotenen Ausweg. „Da Du es willſt, meine Tochter,“ ſagte er zu ihr, „ſo werde ich Dich von hier entfernen. Was meinſt Du zu dem Schloſſe Montiel, zu deſſen Gouverneur mich der König ernannt hat?“ „Ich werde gehen wohin Ihr wollt.“ Mothril küßte Aiſſa's Hand und trug ſie in ſeinen Armen in das Nebenzimmer. Dann ließ er den Leichnam Maria's entfernen und rief zwei Frauen ſeiner Nation herbei, auf deren Treue er ſich verlaſſen konnte, übertrug ihnen die Pflege der Verwundeten und befahl ihnen, weder Agenor u. die Maurin. 8 114 Agenor. ſelbſt mit ihr zu ſprechen, noch irgend jemand Anderm dies zu geſtatten. Nachdem er dieſe Anordnungen getrof⸗ fen hatte, begab er ſich zum Könige. Don Pedro hatte eben mehrere Briefe erhalten, in denen man ihm meldete, daß ſich bretagniſche und eng⸗ liſche Kundſchafter in der Umgegend gezeigt hätten, daß Gerüchte von einem bevorſtehenden Kriege umliefen und daß der Prinz von Wales ſeine Truppen um die neue Hauptſtadt zuſammenzöge, um ſeinen Schützling von Na⸗ varetta zur Bezahlung der Kriegskoſten zu zwingen. Dieſe Nachrichten betäubten Don Pedro, aber ſie machten ihn nicht muthlos. Er wollte eben nach Mothril ſenden, als dieſer bei ihm eintrat. „Was macht Aiſſa?“ rief ihm Don Pedro entgegen. „Ihre Wunde iſt tief und gefährlich, hoher Herr, ſie wird nicht mehr zu retten ſein.“ „Auch dieſes Unglück noch!... Ich habe Donna Maria verloren, die mich liebte, ich ſoll Aiſſa verlieren, die ich bis zum Wahnſinn liebe, und ſoll von neuem einen langen gefährlichen Krieg beginnen!... Das iſt zu viel fuür das Herz eines einzelnen Menſchen.“ Zugleich zeigte er dem Miniſter die von dem Gou⸗ verneur von Burgos und der benachbarten Städte em⸗ pfangenen Nachrichten. Agenor. 115 „Ihr müßt die Liebe für einen Augenblick vergeſſen, mein König,“ ſagte Mothril,„und Euch auf den Krieg vorbereiten.“ „Kann ich Aiſſa nicht ſehen?“ „Aiſſa ſchwebt wie eine Blume über dem Abgrunde, der leiſeſte Hauch kann ihren Tod herbeiführen.“ „Hat ſie geſprochen?“ „Ja, Herr.“ „Was hat ſie geſagt?“ „Einige Worte, die alles erklären. Wie es ſcheint, hat Donna Maria ſie zwingen wollen, ſich durch ein Ge⸗ ſtändniß zu entehren, um dadurch Eure Achtung zu ver⸗ lieren. Das muthige Kind hat ſich deſſen geweigert und deshalb hat die eiferſüchtige Maria ſie ermorden wollen.“ „Das hat Aiſſa geſagt?“ „Sie wird es Euch wiederholen, ſobald ihre Kräfte zurückgekehrt ſind... aber ich fürchte nur, ihre Stimme wird in dieſer Welt nicht mehr gehört werden. Ein ein⸗ ziges Mittel kann ſie vielleicht retten. Nach einer Tra⸗ dition meines Vaterlandes wird die gefährlichſte Wunde geheilt, wenn ſte des Nachts zur Zeit des Neumondes mit einer gewiſſen Pflanze berührt wird.“ „So mußt Du dieſe Pflanze herbeiſchaffen,“ rief der König. 8 8* 116 Agenor. „Sie findet ſich nicht in dieſer Gegend... ich habe ſte nur bei Montiel geſehen.“ „So ſchicke nach Montiel...“ „Die Wunde muß mit der lebenden Pflanze auf dem Stengel berührt werden. Das Heilmittel iſt unfehlbar; aber wird Aiſſa die Reiſe aushalten?“ „Es muß die größte Vorſicht dabei beobachtet wer⸗ den. Sorge dafür und laß ſie nach Montiel bringen; Du aber bleibe bei mir, Mothril.“ „Ich allein, hoher Gebieter, kann die Zauberformel während der Operation ſprechen; aber ſobald Aiſſa geheilt iſt, kommt Ihr nach Montiel und verlaßt ſie nicht mehr.“ „Ja, Mothril, Du haſt Recht, ich werde ſie dann nicht mehr verlaſſen... und ſo werde ich glücklich ſein. Dem Leichname Donna Maria's aber ſoll die größte Ehre erzeigt werden; die Art ihres Todes muß vor je⸗ dermann verſchwiegen bleiben.“ „Aber Eure Dienerſchaft...“ „Ich ſelbſt werde öffentlich verkünden, daß Donna Maria an einem Fieber geſtorben iſt und niemand wird mir zu widerſprechen wagen. Ich werde alles anordnen und dann einen Aufruf an mein Heer und meine Vaſal⸗ len erlaſſen.“ ZBehntes Kapitel. Wie Agenor erfuhr, daß er zu ſpät gekommen war. Wir kehren zu Agenor zuruck, welcher mit ſeinem getreuen Muſaron in ſtarken Tagereiſen dem Schloſſe zu⸗ eilte, wo Don Pedro gehofft hatte, Aiſſa ganz in ſeine Gewalt zu bekommen. Er erreichte es endlich, ohne eine Ahnung von dem gräßlichen Morde zu haben, der in den undurchdringlichen Mauern deſſelben verübt worden war. Von den Anſtrengungen der Reiſe ermüdet begab er ſich nach einem kleinen Dorfe am jenſeitigen Abhange des Berges, von deſſen Gipfel aus er das Schloß ſehen konnte, und bat in der erſten beſten Hütte um ein Nacht⸗ lager. Ehe er ſich jedoch zur Ruhe legte, ließ er Mu⸗ ſaron folgenden Brief an Donna Maria ſchreiben: „Edle, hochherzige Dame, welche ſo aufrichtigen An⸗ „theil an zwei unglücklichen Liebenden nimmt, ich bin „nach Spanien zurückgekehrt. Da ich weder von Euch 118 Agenor. „noch von Aiſſa die geringſte Nachricht habe, ſo bitte „ich Euch, mich aus dieſer peinlichen Ungewißheit zu „reißen. Ich befinde mich im Dorfe Quebra, wo mir „Eure Antwort den Tod oder das Leben bringen wird. „Was darf ich hoffen oder was habe ich zu fürchten?“ Agenor ſchickte einen Hirten mit dem Briefe ab und legte ſich dann zur Ruhe. Aber der Schlummer floh ſeine Augen, und ſchon nach wenigen Stunden erhob er ſich wieder und erſtieg den Gipfel des Hügels, von wel⸗ chem aus er das Hauptthor des Schloſſes ſehen konnte, um die Rückkehr des Boten zu erwarten. Nach einer langen Weile wurde das Thor endlich geöffnet, aber nicht der Bote erſchien, ſondern ein Palan⸗ kin mit einem langen Trauerzuge von Soldaten, Frauen und Höflingen. Dies ſchien Agenor eine ſchlimme Vor⸗ bedeutung und er ſendete daher ſogleich Muſaron ab, um Erkundigungen einzuziehen. Nach Verlauf einer Viertel⸗ ſtunde kam dieſer mit beſtürzter Miene zurück. „Ach, Herr Ritter! ich bringe eine traurige Nach⸗ richt!“ ſagte er. „Gott!... was iſt's?“ Muſaron erzählte ihm, was er erfahren. Der Trauer⸗ zug geleitete den Leichnam der an Gift geſtorbenen Donna Maria nach Burgos; Aiſſa war durch Mörderhand von Agenor. 119 einem Dolchſtoße durchbohrt worden; ſie war dem Tode nahe und Mothril war vor wenig Minuten mit ihr auf⸗ gebrochen, um ſte nach Montiel zu bringen. Agenor war wie vom Donner gerührt von dieſen entſetzlichen unerwarteten Nachrichten, und er würde zu Boden geſunken ſein, hätte ihn Muſaron nicht unterſtützt. Er wollte noch zweifeln an dem gräßlichen Unglück, aber der Leibknappe hatte nur zu beſtimmte Erkundigungen eingezogen und der Ritter überließ ſich daher ganz ſeinem verzweiflungsvollen Schmerze. Plötzlich rief Muſaron, der ſich nach allen Seiten umgeblickt hatte: „Seht, Herr Ritter, dort geht der Palankin über die Ebene; ich erkenne den Sarazenen deutlich an ſeinem weißen Mantel.“ „Dann raſch auf's Pferd!“ rief Mauleon ſich em⸗ por raffend;„wir müſſen den Elenden vernichten, und wenn Aiſſa ſterben ſoll, ſo will ich wenigſtens ihren letz⸗ ten Seufzer hören.“ „Bedenkt, Herr Ritter,“ verſetzte Muſaron kopfſchüt⸗ telnd,„daß wir unſrer Zwei, ſte aber ihrer Zwölf ſind. Uebrigens wiſſen wir, daß ſie nach Montiel gehen, dort können wir ſie immer wieder treffen. Auch müſſen wir 120 Agenor. vor allem den Grund von Donna Maria's Vergiftung und Donna Aiſſa's Verwundung kennen.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Agenor vernichtet,„thue was Du für das Beſte hältſt.“ Muſaron wußte, daß es für dieſe Krankheit ſeines Herrn kein beſſeres Heilmittel gab als eine große körper⸗ liche und geiſtige Anſtrengung, und er führte ihn daher nach dem Heerlager, wo die Bretagner und die Spanier von Enrigo's Partei ihre Pläne ſchon weniger geheim hielten, ſeitdem die unbeſtimmte Nachricht von des Con⸗ netable Befreiung ihnen zu Ohren gekommen war und ihre Streitkräfte mit jedem Tage an Stärke zunahmen. Eilftes Kapitel. Die Pilger. Gegen Abend ritten Agenor und ſein getreuer Knappe auf einem ſteinigen Wege einige Meilen von Toledo in trauriger Stimmung dahin, als ſie plötzlich hinter ſich den Galopp eines ſchnellfüßigen Maulthieres vernahmen, das einen Reiter in Pilgerkleidung trug, deſſen Kopf mit einem breitrandigen Hute bedeckt war, von dem noch eine Art von Schleier über ſein Geſicht herabhing. Der Rei⸗ ter flog wie der Wind an unſern Reiſenden vorüber, während er ihnen zurief: „Basta ustedes con Dios(geht mit Gott).“ Ungefähr zehn Minuten ſpäter hörte Muſaron ein ähnliches Geräuſch hinter ſich und ſah vier Reiter heran⸗ geſtürmt kommen, von denen der vorderſte, ohne Zweifel der Anfuhrer, ebenfalls eine Pilgerkutte trug, unter wel⸗ Agenor. cher er jedoch eine vollſtändige Rüſtung verbarg, und auch ſein Kopf war mit einer Art Helm bedeckt. Der Unbekannte näherte ſich unſern beiden Reiſen⸗ den und ſagte zu Agenor, welcher ſein Viſir herabge⸗ ſchlagen hatte: „Verzeiht, Sennor, habt Ihr nicht einen meiner Gefährten, einen Pilger wie ich, auf einem ſchwarzen Maulthiere vorüberkommen ſehen?“ Die Stimme erweckte unangenehme Erinnerungen in Agenor, doch hielt er es für ſeine Pflicht, dem Unbe⸗ kannten die gewünſchte Auskunft zu geben. „Dieſe Mittheilung,“ fuhr der Pilger hierauf fort, „iſt mir ſo werthvoll, daß es mich freuen würde, mit dem, welcher ſie mir gab, nähere Bekanntſchaft zu machen. Ich bitte Euch daher Euer Viſir aufzuſchlagen.“ „Dann ſchlagt zuerſt das Eurige empor, Sennor Ritter,“ verſetzte Mauleon, dem der Fremde immer ver⸗ dächtiger vorkam. Der Pilger hatte keine Luſt dazu, denn er gab ſei⸗ nen Begleitern einen Wink, worauf alle Vier im Galopp ihren Weg fortſetzten. Unſere Reiſenden erreichten ein Wirthshaus, und als ſte in das Gaſtzimmer traten, ſahen ſie die beiden Pilger unter ſchlafenden Maulthiertreibern liegen, welche jedoch, Agenor. 123 anſtatt miteinander zu ſprechen, ſich gegenſeitig den Rücken zukehrten. Der mit dem Schleier verbarg ſich noch mehr im Schatten, als die beiden Reiſenden eintraten, während der andre mit außerordentlicher Neugierde des Augenblicks zu harren ſchien, wo jener ſeinen Schleier ein wenig lüften würde. Dies geſchah jedoch nicht, und der geheim⸗ nißvolle Fremdling ſtellte ſich bald, als verfiele er in einen tiefen Schlaf, um ſich der Zudringlichkeit ſeines angeblichen Gefährten zu entziehen. Die Maulthiertreiber verließen nach und nach das Zimmer und es blieben nur die beiden Pilger und Mau⸗ leon mit ſeinem Knappen zurück. Der Mann mit dem Viſir richtete jetzt an Agenor einige gewöhnliche Entſchul⸗ digungen wegen der Art, wie er ſich von ihm auf der Straße getrennt hatte, und fragte ihn dann, ob er nicht bald in ſein Zimmer gehe, wo er ohne Zweifel beſſer ſchlafen würde als auf dem Stuhle. Agenor wäre gern geblieben, wenn auch nur um dem Unbekannten nicht gefällig zu ſein; allein er über⸗ legte, daß er in dieſem Falle nichts erfahren würde, denn es war unzweifelhaft, daß zwiſchen den beiden Männern etwas vorgehen würde, ſobald ſie ſich allein befanden. Er begab ſich daher zum Schein nach ſeinem Zim⸗ 124 Agenor. mer, blieb aber hinter der Thür ſtehen, durch deren Ritzen man das ganze Gemach überſehen konnte. Agenor hatte ſich nicht geirrt, denn als der Pilger mit dem Viſir ſich mit dem andern, den er eingeſchlafen glaubte, allein ſah, näherte er ſich demſelben vorſichtig und ſtreckte die Hand aus, um ſeinen Schleier emporzu⸗ heben. Aber noch ehe er dieſen berührt hatte, ſprang der ſcheinbar Schlafende auf und rief mit zorniger Stimme: „Wer giebt Euch die Erlaubniß, mich im Schlafe zu ſtören?“ „Euer Schlaf ſcheint nicht ſehr feſt zu ſein,“ erwie⸗ derte der Andre höhniſch. „Ich verlange aber, daß man ihn reſpectirt.“ „Ihr habt ohne Zweifel gute Gründe, niemandem Euer Geſicht zu zeigen.“ „Nach meinen Gründen hat niemand zu fragen.“ „Ich bin aber ſehr neugierig, Sennor, und ich werde Euer Geſicht dennoch ſehen,“ verſetzte der Mann mit dem Helme in ſpöttiſchem Tone. Der Verſchleierte zog einen langen Dolch unter ſei⸗ nem Pilgerkleide hervor, worauf der Andre ſogleich die Thür verriegelte und dann ein Fenſter öffnete, durch wel⸗ ches er ſeine drei vom Kopf bis zu den Füßen bewaffne⸗ ten Begleiter einließ. Agenor. 125⁵ „Ihr ſeht, Sennor,“ ſagte er zu dem Pilger,„daß jede Vertheidigung nutzlos ſein wuͤrde. Ich bitte Euch demnach mir einfach die Frage zu beantworten: Seid Ihr Don Enrigo di Traſtamare oder ſeid Ihr es nicht?“ Der Pilger erſchrak. „Auf eine ſolche Frage,“ entgegnete er,„habe ich, wenn ich der bin, für den Ihr mich haltet, nur den Tod zu erwarten. Ich werde daher mein Leben verthei⸗ digen, denn ich bin wirklich der Prinz, den Ihr eben genannt habt.“ Zugleich entblößte er ſein edles Geſicht. „Ha!“ rief der Unbekannte mit wilder Freude,„ich wußte es! Aber ſteckt Euren Dolch wieder ein, mein Prinz, denn ich habe nicht die Abſicht Euch zu ermorden, ſondern ich will nur ein Löſegeld mit Euch verdienen.“ „Elender Räuber!“ entgegnete Enrigo mit Verach⸗ tung,„Du willſt mich meinem Bruder ausliefern!“ „Wenn er mich beſſer bezahlt als Ihr, allerdings.“ „Ich ſagte es doch, daß es beſſer ſei hier zu ſter⸗ ben,“ rief der Prinz.„Zu Hulfe! zu Hülfe!“ „Sennor,“ erwiederte der Bandit,„Ihr zwingt mich Euch zu tödten. Euer Kopf wird vielleicht nicht ſo gut bezahlt werden als Eure lebende Perſon, aber wenn es nicht anders iſt, ſo muß ich mich damit begnügen.“ 126 Agenor. „Das wollen wir ſehen!“ rief Agenor, dem es mit übermenſchlicher Anſtrengung gelungen war die Thür zu ſprengen und der nun über die vier Räuber herfiel. In dem nämlichen Augenblicke erſchien ein dritter Pilger auf der Schwelle, den niemand erwartet hatte. Sein Geſicht verbarg weder ein Helm noch ein Schleier, aber ſeine breiten Schultern, ſeine nervigen Arme und ſein edles Geſicht verkündeten einen kräftigen und furcht⸗ loſen Kämpfer. „Holla, Chriſten!“ rief er eintretend,„wer von Euch hat Recht und wer hat Unrecht?“ „Bei meiner Seele, es iſt der Connetable!“ ſagte Muſaron. „Zu mir, Meſſtre Connetable!“ rief Don Enrigo, „man will mich ermorden!“ „Euch, mein Prinz?“ donnerte der Connetable,„wer unterfängt ſich dies?“ „Freunde!“ ſagte der Bandit zu ſeinen Genoſſen, „wir müſſen dieſe Männer tödten oder ſelbſt hier ſterben. Wir ſind bewaffnet, ſie ſind es nicht, der Teufel überlie⸗ fert ſie uns! Vorwärts!“ Mit der größten Kaltblütigkeit packte der Connetable den Schurken bei der Gurgel und warf ihn zu Boden, daß er betäubt liegen blieb. Dann entriß er ihm ſein Agenor. 127 Schwert und ſchlug die drei übrigen Feinde nach kurzem Kampfe in die Flucht. 4 Unterdeſſen öffnete Agenor dem niedergeworfenen Ban⸗ diten das Viſir und rief aus: „Caverley! dachte ich's doch!“ „Er iſt ein giftiges Thier, das zertreten werden muß,“ ſagte der Connetable. „Gnade! Gnade!“ ſtammelte Caverley. „Ja,“ ſagte der Prinz, indem er den Connetable umarmte,„er mag leben und ſich anderwärts hängen laſſen.“ „So geh, Schurke!“ rief Dugueselin, indem er ihn zur Thür hinausſtieß. Don Enrigo, der Connetable und Agenor beglück⸗ wünſchten ſich nun gegenſeitig wegen ihres unverhofften Zuſammentreffens und unterhielten ſich dann über die Ereigniſſe des bevorſtehenden Krieges. Der Prinz ſagte unter Anderm, daß er auf die Einwohner von Toledo rechnen zu können glaube; der Connetable aber bezwei⸗ felte dies, indem er erfahren hatte, daß es die Toledaner mit Don Pedro hietten. „Wir dürfen keine Zeit verlieren,“ ſetzte er hinzu. „Don Pedro iſt noch beſtürzt über den Verluſt ſeiner beſten Freundin und Rathgeberin Donna Maria, und wir 128 Agenor. müſſen ſein Schwanken benutzen, um ihn anzugreifen. Aber wo mag er gegenwärtig ſein? Dies zu wiſſen, iſt das Wichtigſte.“ „Meſſires,“ ſagte Agenor,„gewährt mir acht Tage Zeit, dann hoffe ich, Euch Gewißheit darüber verſchaffen zu können.“ „So viel,“ entgegnete Bertrand,„werden wir wohl ohnehin bedürfen, um unſere Armee zu organiſiren und Verſtärkungen und Geld aus Frankreich zu erwarten.“ „Das iſt auch meine Anſicht,“ verſetzte Don Enrigo. „So geht denn, Meſſtre Mauleon; in acht Tagen treffen wir uns wieder vor Toledo, das wir einſtweilen belagern wollen.“ Zwölftes Kapitel. Die Höhle bei Montiel. Agenor reiſ'te unverzüglich mit Muſaron ab und ſchon am Ende des zweiten Tages erreichten ſie das befeſtigte Schloß Montiel, das auf einem hohen unzugänglichen Felſen am Ufer des Tajo lag. „Die Hauptſache iſt,“ ſagte Agenor,„daß wir zu erfahren ſuchen, ob Don Pedro und Mothril mit Aiſſa auf dem Schloſſe ſind. Wir haben dazu faſt ſechs Tage Zeit; aber wo nehmen wir unſre Wohnung? denn hier in der Gegend dürfen wir uns nicht ſehen laſſen.“ „Ich habe ſchon gefunden, was wir brauchen,“ er⸗ wiederte Muſaron;„hier iſt eine Höhle im Felſen, die eine Quelle enthält. Darin können wir uns verbergen, wozu ſie um ſo beſſer geeignet iſt, als ſie ſtch auf den Schneckenweg öffnet, welcher vom Fuße des Berges nach dem Schloſſe hinauf führt.“ Agenor u. die Maurin. 9 130 Agenor. Agenor billigte dieſen Vorſchlag und unſre beiden Abenteurer brachten die erſte Nacht damit zu, ſich ſo be⸗ quem als dies möglich war in ihrer Höhle einzurichten. Die Pferde hatten ſie abgeſchirrt und ließen ſie frei um⸗ herlaufen. Am nächſten Morgen machten ſie die merkwürdige Entdeckung, daß man von der Höhle aus alles deutlich hören konnte, was auf der Plattform der Feſtung ge⸗ ſprochen wurde. So vernahmen ſte im Laufe der erſten zwei Tage häufig die Stimme Hafiz' oder Mothrils, wel⸗ cher den Officieren Befehle ertheilte. Dies war aber auch alles und nichts deutete auf die Anweſenheit Don Pedro's hin. Auch der dritte und vierte Tag vergingen, ohne daß ſie weiter etwas gehört oder geſehen hätten, ſo daß Agenor in der fünften Nacht endlich die Geduld verlor und Muſaron befahl, die Geſchirre der Pferde zu neh⸗ men, um die Höhle zu verlaſſen und nach Toledo zu gehen. Der Knappe ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, denn er war dieſes unthätigen Lebens herzlich müde. In dem Augenblicke jedoch, als er mit ſeinem Herrn aus der Höhle treten wollte, rief er aus: „Still! ich höre Schritte.“ Sie zogen ſich ſogleich wieder zurück und blickten Agenor. 131 mit der größten Vorſicht den gewundenen Pfad hinauf. Die Schritte kamen immer näher und bald ſahen ſte in der That zwei Männer herabkommen, welche lebhaft mit⸗ einander ſprachen. Dieſe beiden Männer waren niemand anders als Mothril und Don Pedro, der ſein Pferd hin⸗ ter ſich am Zaume führte. Bei dieſem Anblicke ſtrömte Agenor alles Blut zum Herzen, und hätte ihn Muſaron nicht gehalten, ſo würde er ſich den Feinden entgegengeſtürzt haben, um ſte zu Boden zu ſchlagen. „Ich danke Dir, Mothril,“ ſagte Don Pedro,„ich glaube gewiß, daß ſie geneſen und mich dann lieben wird.“ „Ihr dürft nicht mehr daran zweifeln, hoher Herr,“ verſetzte der Maure.„Doch ſprechen wir von ernſteren Dingen. Ich habe Nachricht erhalten, daß zehntauſend meiner Landsleute in Liſſabon gelandet ſind und den Tajo bis nach Toledo heraufkommen werden. Geht nach To⸗ ledo und ermuthigt die treuen Vertheidiger dieſer Stadt durch Eure Gegenwart. Enrigo wird zwiſchen der Stadt, die er belagert, und der ſarazeniſchen Armee eingeſchloſſen, an deren Spitze ich mich ſelbſt ſtellen werde, ſobald ſie in der Nähe von Toledo eintrifft, und ſo vernichten wir ihn mit einem einzigen Schlage. Noch einen Rath muß ich Euch geben, ehe ich wieder in's Schloß zurückkehre: 9* 132 Agenor. verweigert dem Prinzen von Wales jede Zahlung, bis er ſich zu Euren Gunſten erklärt hat. Dieſen Engländern iſt nicht zu trauen.“ „Ja, es fehlt uns ohnehin an Geld.“ Mothril ſtieg den ſchmalen Weg zur Feſtung wieder hinauf, während Don Pedro den Berg vollends hinab⸗ ging, an deſſen Fuße ihn ein Trupp von etwa vierzig Reitern erwartete, in deren Begleitung er ſeinen Weg nach Toledo fortſetzte. Jetzt beſchloſſen unſre beiden Abenteurer noch einen Tag in ihrer Höhle zu bleiben, und ſie hatten dieſen Entſchluß nicht zu bereuen. Gegen Abend hörten ſie ein lebhaftes Geſpräch zwiſchen zwei bekannten Stimmen: es waren Mothril und Hafiz, welche, ſich ſtreitend, den Weg nach den Ausgangsthoren des Schloſſes hinabgingen. „Du haſt mich einſchließen laſſen, während der König da war,“ ſagte Hafiz,„obgleich Du mir verſpro⸗ chen hatteſt, mich ihm vorzuſtellen. Ich langweile mich bei dem Mäͤdchen, die ich bewachen muß, und ich will mit meinen Landsleuten, welche den Tajo heraufkommen, in den Krieg ziehen. Bezahle mir alſo die verſprochene Summe, damit ich zum Könige gehen kann.“ „Du willſt mich verlaſſen, mein Sohn?“ erwiederte n n Agenor. 133 Mothril,„kannſt Du Dir einen beſſeren Herrn wünſchen als ich bin?“ „Nein, aber ich will gar keinen Herrn mehr haben. Auch haſt Du mich Handlungen begehen laſſen, die mei⸗ nen Schlaf mit qualvollen Träumen beunruhigen, und ich bin noch zu jung, um ein ſolches Leben fortzuführen. Bezahle mich und gieb mir meine Freiheit, oder ich werde jemanden zu finden wiſſen, dem ich alles entdecke.“ „Gut, komm wieder mit in's Schloß hinauf, ich will Dich ſogleich bezahlen.“ Plötzlich durchſchnitt ein gräßlicher Angſtſchrei die Lüfte und ein blutiger Körper kam gerade vor den Ein⸗ gang der Höhle gerollt, in welcher unſre beiden Freunde aufmerkſam horchten. Heftig erſchrocken blickten ſie aus ihrem Verſteck hervor und ſahen mit Entſetzen den ver⸗ ſtümmelten Leichnam Hafiz' im Blute ſchwimmend vor ſich liegen. Schon breiteten ſich die Schatten des Todes über ſein braunes Antlitz, ſeine Augen waren gebrochen und er athmete nur noch mit großer Anſtrengung. Indeſſen hatte er noch ſoviel Kraft, um Agenor und Muſaron zu erkennen und mühſam die Worte hervorzuſtammeln: „Ich ſterbe, wie Gildaz ermordet, wie ich es ver⸗ 134 Agenor. dient habe!... Mothril hat mich über die Bruſtwehr der Plattform herabgeſtürzt.“ Agenor konnte ſich einer Bewegung des Schauders nicht erwehren. „Franzos,“ fuhr der Sterbende fort,„ich habe Dich gehaßt, aber ich haſſe Dich nicht mehr, denn Du kannſt mich rächen. Donna Aiſſa liebt Dich noch immer... auch Donna Maria beſchützte Deine Liebe. Mothril hat Maria vergiftet... er ſelbſt hat Aiſſa, während ſie ohnmächtig war, mit ſeinem Dolche verwundet. Sage dies dem Könige Don Pedro... aber rette Aiſſa, wenn Du ſie liebſt, denn in vierzehn Tagen wird der König wieder auf das Schloß kommen und dann ſoll Mothril ſie ihm überliefern, nachdem er ſie durch einen Schlaf⸗ trunk betäubt hat. Ich habe Dir Böſes gethan, jetzt thue ich Dir Gutes... verzeihe mir und räche mich. Allah!...“ Nach dieſen Worten richtete der Unglückliche ſein mattes Auge noch einmal nach dem Schloſſe und verſchied. Die beiden Freunde konnten noch lange ihre Faſſung nicht wiedergewinnen, einen ſo heftigen Eindruck hatte dieſe Scene auf ſie gemacht. Agenor ermannte ſich zuerſt wieder und befahl ſogleich ſeinem Knappen die Pferde herbeizuholen, um unverweilt nach Toledo aufzubrechen. —— Agenor. 135 Muſaron hatte die treuen Thiere, welche auf ſeine Stimme hörten, bald gefunden, und als er endlich mit ſeinem Herrn über die Ebene hinſprengte, rief Agenor zu den dunklen Mauern des Schloſſes hinauf: „Auf Wiederſehen, Mothril!... auf Wiederſehen, Geliebte!“ Dreizehntes Kapitel. Vorbereitungen. Mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitete ſich indeſſen der Aufſtand in den Staaten Don Pedro's. Binnen we⸗ nigen Tagen waren die Landſtraßen, welche nach Toledo führten, mit Truppen aller Art bedeckt, aber Toledo, daa wie Bertrand vorausgeſehen, Don Pedro treu blieb, ver⸗ ſchloß ſeine Thore, bewaffnete ſeine Wälle und erwartete die kommenden Dinge. Don Enrigo verlor keinen Augenblick Zeit und be⸗ gann eine regelmäßige Belagerung der Stadt. Aber auch Don Pedro war nicht müſſig. Er ſandte Couriere über Couriere an die Könige von Granada, von Portugal, von Aragonien und von Navarra, ſeine alten Freunde, und unterhandelte mit dem Prinzen von Wales, der in Bordeaux krank lag. Auch waren die von Mothril an⸗ Agenor. 137 gekündigten Sarazenen in Liſſabon gelandet und fuhren den Tajo hinauf. Enrigo hatte die Städte in Galicien und Leon auf ſeiner Seite und den Kern ſeiner Armee bildeten fünf⸗ tauſend Bretagner unter dem Befehle Olivier Dugueselins. Er erwartete nur noch ſichere Nachrichten von Mauleon, der auch endlich mit ſeinem Knappen im Lager eintraf und erzählte, was er gethan und geſehen hatte. Der König und Bertrand hörten ihn aufmerkſam an, und nachdem er ſeinen Bericht vollſtändig abgeſtattet, wurde ſogleich Befehl gegeben, die Belagerung von Toledo mit verdoppeltem Eifer zu betreiben. Unterdeſſen hatte Agenor fortwährend ſein Augen⸗ merk auf Montiel und er erfuhr durch ſeine Kundſchafter, daß Mothril einen Truppencordon zwiſchen dem Schloſſe und Toledo gezogen, und daß er faſt jeden Tag Aiſſa beſuchte, die von ihrer Wunde vollkommen hergeſtellt war. Er ließ nichts unverſucht, um in das Schloß zu gelan⸗ gen oder der Geliebten wenigſtens Nachricht von ſich zu geben; aber alles war vergebens. Den einzigen Rettungs⸗ weg erblickte er noch in einer allgemeinen und nahe be⸗ vorſtehenden Schlacht, die ihm Gelenenheit bieten würde, Don Pedro zu tödten und Mothril lebendig gefangen zu nehmen, um gegen dieſen Böſewicht Aiſſa zurückzukaufen. Agenor. Zur Erreichung dieſes Zweckes gab er in dem Kriegs⸗ rathe, an welchem er ſtets mit Theil nahm, ſeine Mei⸗ nung beharrlich dahin ab, die Belagerung von Toledo aufzuheben und Don Pedro zu einer regelmäßigen Schlacht zu zwingen. Allein die Mehrzahl der Anfuͤhrer hielt es für zu gewagt mit einer verhältnißmäßig kleinen Armee von zwanzigtauſend Mann dieſes entſcheidende Unterneh⸗ men zu beginnen, wogegen Agenor einwendete, daß Don Enrigo, eben weil er nicht mehr als zwanzigtauſend Mann zu ſeiner Verfügung hätte, recht bald einen glänzenden Schlag ausführen müſſe, indem außerdem ſeine Streit⸗ kräfte eher ab⸗ als zunehmen würden, während der Tajo jeden Tag Don Pedro neue Verſtärkungen von Saraze⸗ nen und Portugieſen zuführte. Der Connetable beſaß zuviel Einſicht und Kriegser⸗ fahrung, als daß er Agenors Anſicht nicht hätte beiſtim⸗ men ſollen, und die Sache ſtieß ſich daher nur noch an die Unentſchloſſenheit des Königs. Doch was die Menſchen nicht thun, das thut Gott nach ſeinem Willen. Don Pedro ſehnte ſich nicht minder als Agenor nach dem Beſitze Aiſſa's, die ihm nach ſeiner Krone das Theuerſte war. Des Nachts eilte er nach Montiel, um die ſchöne Aiſſa eine Viertelſtunde zu betrachten, ein Glück, welches Agenor. 139 ihm Mothril jedoch nur ſelten geſtattete. Der Plan des Sarazenen war reif, ſeine Netze hielten die Beute um⸗ ſchlungen, und er hatte nur noch dafür zu ſorgen, ſich dieſelbe nicht wieder entreißen zu laſſen. Don Pedro beſtürmte ihn unaufhörlich, ihm Aiſſa zu überliefern; er verſprach, ſie zu ſeiner Gemahlin zu erheben und ſie auf den Thron zu ſetzen. „Nein,“ erwiederte Mothril,„im Augenblicke einer Schlacht, während ſeine Krieger ihr Blut für ihn ver⸗ gießen, darf ein König ſich nicht mit ſeiner Liebe beſchäf⸗ tigen. Wartet, bis Ihr geſtegt habt, dann iſt Euch alles erlaubt.“ Mothril aber hatte dabei noch andre Pläne, und wäre der König nicht ſo verblendet geweſen, ſo hätte er ſie durchſchauen muͤſſen. Der Maure wollte Aiſſa zur Königin von Caſtilien machen, weil er wußte, daß dieſe Verbindung des Chriſten mit der Muhamedanerin die ganze Chriſtenheit zum Aufſtand bringen, weil dann je⸗ dermann Don Pedro verlaſſen würde und die Sarazenen Spanien dann leicht wieder erobern und ſich den Beſitz dieſes Landes für immer ſichern konnten. In dieſem Falle aber wäre Mothril, der bei ſeinen Landsleuten in ſo hohem Anſehen ſtand, unfehlbar König geworden. Der Maure verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit und 140 Agenor. Fürſorge für Aiſſa und brachte ihr faſt täglich wahre oder erdichtete Nachrichten von Agenor. Das junge Mäd⸗ chen fühlte ſich dadurch außerordentlich beruhigt und ver⸗ brachte ihre Zeit geduldig harrend in dem entlegenſten Gemache des Schloſſes. Wenn Don Pedro zu ihr kam, zeigte ſte ihm die kalte Freundlichkeit, welche die Anma⸗ ßung zuweilen für die Aeußerung einer beginnenden Liebe hält. Don Pedro hatte noch niemals Widerſtand gefun⸗ den; warum hätte er alſo nicht auch an Aiſſa's Liebe glauben ſollen, beſonders ſeitdem Maria nicht mehr lebte und, wie Mothrils Verſicherungen ihn überzeugt hatten, das Herz ſeiner Tochter jedem Gedanken an eeine andre Liebe fremd war? Mothril beobachtete den König bei allen ſeinen Be⸗ ſuchen auf das ſorgfältigſte und geſtattete Aiſſa nicht mit ihm zu ſprechen, indem er vorgab, ihr Geſundheits⸗ zuſtand mache dies zur Nothwendigkeit. An dem Tage, als er endlich das Schloß Montiel verlaſſen mußte, um den Befehl der afrikaniſchen Truppen zu übernehmen, begab er ſich in Aiſſa's Zimmer und ſprach zu ihr: „Meine Pflicht ruft mich jetzt in's Heerlager. Ich habe mit dem Sire von Mauleon einen Vertrag geſchloſſen, daß wir uns gegenſeitig im Kampfe ſchonen wollen. Agenor. 141 Bleibt er Sieger, dann holt er Dich auf dieſem Schloſſe ab und Du fliehſt mit ihm und mit mir, wenn anders Du mich als einen Vater liebſt. Wird er dagegen beſiegt, ſo kommt er in meine Hände, ich führe ihn zu Dir und er verdankt mir dann nicht nur ſein Leben, ſondern auch Deinen Beſitz. Allein Don Pedro darf nicht die leiſeſte Ahnung von dieſem Plane erhalten, ſonſt würde mein Kopf in der nächſten Stunde fallen und Agenor wäre auf ewig für Dich verloren.“ Aiſſa erſchöpfte ſich in Dankesverſicherungen und begrüßte den Tag der blutigen Schlacht als die Morgen⸗ röthe ihrer Freiheit und ihres Glücks. Als Mothril das junge Mädchen auf dieſe Art vor⸗ bereitet hatte, ließ er ſeinen Lieutenant Haſſan kommen und gab ihm folgende Inſtructionen: „Wir werden nächſtens eine Schlacht liefern. Sollte ich am Abende nicht auf das Schloß zurück kommen, ſo bin ich entweder verwundet oder todt oder gefangen; in dieſem Falle begiebſt Du Dich in Aiſſa's Zimmer, er⸗ mordeſt ſie nebſt ihren beiden Frauen und wirfſt ſie von dem Felſen in den Strom hinab. Schwöre mir dies auszuführen.“ „Ich ſchwöre es!“ erwiederte Haſſan kaltblütig,„und wenn die drei Frauen todt ſind, werde ich mir ſelbſt den 142 Agenor. Dolch in die Bruſt ſtoßen, damit auch mein Geiſt noch über den ihrigen wache.“ Mothril begab ſich hierauf während der Nacht in Begleitung von zehn ſeiner Getreuen nach dem Heerlager zu Don Pedro, der ihn mit Ungeduld erwartete. Vierzehntes Kapitel. Aiſſa. Don Pedro zog alle ſeine Truppen zwiſchen Montiel und Toledo zuſammen, wo ſie einen Flächenraum von mehr als zwei Meilen im Umkreiſe bedeckten. Don En⸗ rigo durfte jetzt nicht mehr zögern, den König anzugreifen; er übertrug dem Connetable feierlichſt den Oberbefehl über die geſammte Armee, und es wurden unverzüglich alle Vorbereitungen getroffen. Dugueselin theilte das Heer in fünf Abtheilungen. Viertauſendfünfhundert Rei⸗ ter unter Olivier Duguesclin und Bégue de Villaines bildeten den Vortrab. Das Mitteltreffen beſtand aus den franzöſtſchen und auserwählten ſpaniſchen Truppen unter Anführung Don Enrigo's. Die Aragoneſen und übrigen Verbündeten bildeten den Nachtrab und eine Reſerve von vierhundert Pferden ſollte den Rückzug decken. Der Con⸗ netable ſelbſt ſtellte ſich an die Spitze von dreitauſend 144 Agenor. Bretagnern unter den Sires von Mauny, Carlonnet, La Hauſſaie und Mauleon, ein Trupp wohlberittener und erprobter Krieger, der wie ein gewaltiger Arm überall niederfallen ſollte, wo es der ſcharfe Blick des Anführers zur Entſcheidung der Schlacht für nöthig finden würde. Am Morgen bei Tagesanbruch war die Armee ſchlag⸗ fertig und Duguesclin hielt eine kurze Anrede an ſie, welche die gewöhnliche Begeiſterung hervorrief und in der er unter Anderm ſagte: „Bedenkt, meine Freunde, daß Ihr jeder vier Feinde zu bekämpfen habt, daß aber auch ein jeder von Euch zehn ſolcher Feinde aufwiegt. Schlagt ohne Gnade alles nieder, was nicht Chriſt iſt; es hat mir nie Vergnügen gemacht Blut zu vergießen, aber heute gebietet es die Nothwendigkeit. Kein Band verbindet die Mauren und Spanier miteinander, ſie haſſen ſich ſogar und halten nur aus Eigennutz zuſammen; aber ſobald die Mauren ſehen, daß ſie für die Spanier geopfert werden und daß Ihr im Kampfe die Chriſten ſchont, wird Mißtrauen in ihren Reihen entſtehen und ſie werden ihr Heil in der Flucht ſuchen. Mordet alſo ohne Gnade!“ Die Trompeter im Lager Don Pedro's blieſen zum Angriff, Dugueselin ſäumte nicht darauf zu antworten und mit donnerähnlichem Getöſe ſtürmten die beiden feind⸗ — ¶— »—— Agenor. 145 lichen Heeresabtheilungen gegen einander. Die Wirkung von Bertrands Anſprache zeigte ſich von allem Anfange an. Die Bretagner weigerten ſich muhamedaniſche Ge⸗ fangene zu machen und hieben ſie unbarmherzig nieder, waͤhrend ſie die Chriſten ſchonten. Alsbald verbreitete ſich das Mißtrauen unter den Ungläubigen und ihr Muth erkaltete, denn ſie glaubten, die Chriſten ſeien unterein⸗ ander einverſtanden und ſie ſelbſt würden die alleinigen Opfer ſein, mochte Don Enrigo ſiegen oder unterliegen. So wurde ihr erſtes Treffen mit leichter Mühe zerſprengt und gänzlich in die Flucht geſchlagen. Ein gleiches Schickſal traf die zweite feindliche Hee⸗ resabtheilung, in deren Gliedern die Bretagner ein furcht⸗ bares Blutbad anrichteten. Nachdem ſie geworfen waren, griff der Connetable die Spanier unter Don Pedro ſelbſt an. Dieſe empfingen ihn wie Soldaten, welche ſiegen oder ſterben wollen, und bald ſchien es, als würde Don Pedro die Oberhand erhalten. Don Enrigo ſah ſich von den Mauren Mothrils umringt, die Reihen der franzöſi⸗ ſchen Ritter begannen ſich zu lichten und ſchon hatten mehrere Pfeile die Bruſt des Prinzen ſelbſt getroffen. „Es iſt Zeit!“ rief jetzt der Connetable.„Vorwärts, meine Freunde! Notre⸗Dame⸗Dugueselin zum Siege!“ Mit dieſem Feldgeſchrei ſtürmten die dreitauſend Bre⸗ Agenor u. die Maurin. 10 146 Agenor. tagner in keilförmiger Schlachtordnung auf Don Pedro's Heeresabtheilung ein, die zwanzigtauſend Mann ſtark war. Ihr Angriff war ſo unwiderſtehlich, daß die Spanier binnen weniger als einer Viertelſtunde durchbrochen und zurückgeworfen waren und auch die mauriſche Reiterei konnte der ſchweren bretagniſchen Cavalerie nicht Stand halten. Mothril wollte fliehen, aber er begegnete den Aragoneſen und der bretagniſchen Abtheilung unter Mau⸗ leons Commando. Er mußte ſich indeß um jeden Preis durchſchlagen, wenn er nicht umzingelt und gefangen ge⸗ nommen werden wollte. Schon glaubte Agenor, das Leben und die Freiheit Mothrils in ſeiner Gewalt zu haben, aber dieſer durchbrach mit höchſtens dreihundert Mann, von denen er zweihundertfunfzig verlor, die Bretagner und verſchwand in der Richtung nach Montiel zu. Don Pedro ſah die Seinigen in Maſſe fallen und kam ſelbſt in die größte Gefahr, indem ein feindlicher Hieb ihm ſeinen goldenen Helmſchmuck zerſchlug und ſein Fahnenträger neben ihm getödtet wurde; allein dies ret⸗ tete ihm das Leben, da er jetzt nicht mehr ſo leicht kennt⸗ lich war. Im gefährlichſten Augenblicke kam ein engli⸗ ſcher Ritter in ſchwarzer Rüſtung und mit geſchloſſenem Viſir an der Spitze von vierhundert Reitern, mit denen er ſich bis jetzt hinter einem Hügel verborgen gehalten Agenor. 147 hatte, auf das Schlachtfeld geſprengt und riß den König aus dem Kampfgewühl. Da ſich die Ebene nach allen Richtungen hin mit Fliehenden bedeckte, ſo konnte Bertrand den Don Pedro begleitenden Reitertrupp nicht von den übrigen zerſtreuten Banden unterſcheiden, und man wußte nicht einmal, ob der König lebte oder ob er gefallen war. Niemand dachte daran ihn zu verfolgen, nur Agenor, welcher Mothril in der Richtung nach Montiel hatte fliehen ſehen und ver⸗ muthete, daß Don Pedro den nämlichen Weg einſchlagen würde, hatte dieſe Gegend im Auge behalten und den König an ſeinem zerbrochenen Helme in der Mitte der engliſchen Reiter erkannt. Sogleich machte er ſich mit ſeinem Trupp zur Verfolgung des Fliehenden auf, da aber die Pferde in Folge der Anſtrengungen dieſes heißen Tages ſehr ermüdet waren und Don Pedro ſchon einen bedeutenden Vorſprung hatte, ſo gelang es ihm nicht ihn einzuholen und er kam gerade in dem Augenblicke vor Montiel an, als der König mit ſeiner Escorte durch das äußere Thor in die Feſtung einritt. Bald darauf langte Duguesclin mit dreitauſend Mann bei dem Schloſſe an und erfuhr von Agenor die wichtige Neuigkeit. Aber als der Connetable die Feſtung genau in Augenſchein genommen und ſich überzeugt hatte, daß 10* 148 Agenor. bei ſorgfältiger Bewachung kein lebendes Weſen dieſelbe ungeſehen verlaſſen konnte, ſagte er kopfſchüttelnd zu Agenor: „Meſſire von Mauleon, ich fuͤrchte, Ihr habt Euch geirrt; Don Pedro iſt zu klug, als daß er ſich in Mon⸗ tiel hätte einſchließen ſollen, wo er mit Gewißheit er⸗ warten müßte, blockirt und ausgehungert zu werden.“ „Ich kann Euch beſtimmt verſichern, Herr Conne⸗ table, daß ſowohl Mothril als auch Don Pedro auf dem Schloſſe ſind.“ „Das glaube ich nicht eher, als bis ich ihn ſehe. Wie ſtark iſt die Beſatzung?“ „Ungefahr dreihundert Mann.“ „Wenn uns dieſe dreihundert Mann Steine auf die Köpfe werfen, ſo können ſie uns fünftauſend Mann er⸗ ſchlagen, ehe wir ihnen einen einzigen Pfeil zugeſchickt haben. Morgen trifft Don Enrigo hier ein, der in die⸗ ſem Augenblicke Toledo zur Uebergabe auffordert; ſobald er angekommen iſt, werden wir berathſchlagen, ob es beſſer iſt abzuziehen oder unnütz einen Monat Zeit zu vergeuden.“ Agenor wollte etwas erwiedern; aber der Connetable hatte wie alle Bretagner einen harten Kopf und duldete keinen Widerſpruch. Agenor. 149 Am folgenden Tage traf Don Enrigo in der That mit ſeiner Armee ein und es wurde ſogleich ein Kriegs⸗ rath über die Frage gehalten, ob Don Pedro in Montiel ſein könnte oder nicht. „Ich bin ganz der Meinung unſres Connetable,“ ſagte der Prinz;„Don Pedro iſt viel zu klug, um ſich in einem feſten Platze ohne Ausgang einzuſchließen. Es mag eine ſchwache Abtheilung hier zuruͤckbleiben, um Montiel zur Uebergabe zu zwingen; wir aber gehen wei⸗ ter, denn wir haben mehr zu thun, und Don Pedro iſt ſicher nicht hier.“ Agenor wagte es nicht zu widerſprechen, ſo gewiß er auch ſeiner Sache war. Welch eine grauſame Lage für den liebenden Age⸗ nor! Er wußte, daß der über ſeine Niederlage erbitterte König bei Aiſſa war und daß er nicht die geringſte Rück⸗ ſicht mehr nehmen würde. Dieſer Gedanke machte den jungen Mann raſend vor Zorn und Kummer. Er ſah ein, daß, wenn er ſein Geheimniß noch länger verſchwie⸗ gen hielt, Don Enrigo und der Connetable mit der Armee abziehen würde, und daß es Don Pedro wahrſcheinlich gelingen würde zu entkommen, nachdem er Aiſſa ſeinen Lüſten geopfert hätte. In Folge deſſen faßte er den Ent⸗ 150 Agenor. ſchluß, Don Enrigo um eine geheime Unterredung zu bitten. „Sire,“ ſprach er zu ihm,„ich muß Euch ſagen, warum Don Pedro ſich, trotz des Scheines vom Gegen⸗ theil, nach Montiel geflüchtet hat. Es war dies mein Geheimniß, doch werde ich es dem Intereſſe Eures Ruh⸗ mes gern zum Opfer bringen. Don Pedro liebt Aiſſa, Mothrils Tochter, leidenſchaftlich und will ſie zu ſeiner Gemahlin erheben. Deshalb hat er es zugegeben, daß Mothril Donna Maria ermordete, wie er Bianca von Bourbon für Maria ermorden ließ.“ „Wie könnt Ihr ſo genau wiſſen, daß Aiſſa in Montiel iſt?“ fragte der König. „Ich weiß es beſtimmt, Sire, denn ein Liebender weiß ſtets, wo ſeine Geliebte ſich befindet.“ „Ihr liebt Aiſſa, eine Maurin?“ „Ich liebe ſie innig und aufrichtig, mit dem Vor⸗ behalt, daß ſie zur chriſtlichen Religion übertritt.“ „Habt Ihr vielleicht einen Plan?“ fragte Don Enrigo. „Allerdings, Sire, und wenn Eure Majeſtät mich unterſtützen will, ſo werde ich Don Pedro binnen acht Tagen in Eure Hände liefern.“ Der König ließ den Connetable kommen und Age⸗ Agenor. 151 nor mußte demſelben das eben Mitgetheilte noch einmal wiederholen. „Ich kann zwar nicht glauben,“ entgegnete Bertrand, „daß ein ſo kluger Fürſt wie Don Pedro ſich durch die Liebe zu einem jungen Mädchen zu einer ſolchen Unbe⸗ ſonnenheit hätte verleiten laſſen; allein der Sire von Mauleon hat mein Wort, ihm in allem behülflich zu ſein, und ich werde es halten.“ „Dann laßt einen Graben um die Feſtung ziehen,“ ſagte Agenor,„und mit der Erde aus demſelben eine Verſchanzung aufwerfen, hinter welcher geſchickte und wachſame Officiere ſich verbergen. Ich und mein Leib⸗ knappe werden uns an einem uns bekannten Orte auf⸗ halten, wo man jedes Geräuſch auf dem Schloſſe ver⸗ nehmen kann. Wenn Don Pedro ein ſtarkes Belagerungs⸗ heer erblickte, ſo würde er glauben, daß ſeine Anweſen⸗ heit in Montiel bekannt ſei, und dann um ſo mehr auf ſeiner Hut ſein. Sieht er dagegen, daß man dem Schloſſe keine große Beachtung ſchenkt, ſo wird er zu entkommen ſuchen. Laßt daher alle Truppen abziehen bis auf zwei⸗ tauſend Mann, welche die Verſchanzung beſetzt halten und die vollkommen zur Belagerung des Platzes genügen.“ Bald darauf meldete man dem Connetable einen Parlamentär von Seiten des Gouverneurs von Montiel. 1⁵² Agenor. Es war ein ſpaniſcher Officier, welcher dem Connetable berichtete, daß die mit einem einzigen Anführer auf der Feſtung befindlichen dreihundert Mann nicht lange Wi⸗ derſtand leiſten wollten, indem ſie keine Hoffnung auf Erfolg mehr hätten, ſeitdem Don Pedro geſchlagen und geflüchtet wäre. „Was iſt Euer Begehr?“ fragte der Connetable; „ſtellt Eure Bedingungen.“ „Wir bitten um eine zehntägige Waffenruhe, damit Don Pedro Zeit hat uns zu Hülfe zu kommen. Ge⸗ ſchieht dies nicht, ſo werden wir uns ergeben.“ „Ihr verſichert uns alſo, daß Don Pedro nicht auf dem Schloſſe iſt?“ fragte der König. „Ganz beſtimmt, gnädiger Herr, ſonſt würden wir ein ſolches Verlangen nicht ſtellen, denn wenn wir aus der Feſtung abziehen, werdet Ihr uns alle ſehen und würdet alſo auch den König erkennen. Und ohne Zwei⸗ fel würdet Ihr Don Pedro nicht ſchonen, wenn Ihr ihn in Eure Hände bekämet.“ „Wir bewilligen Euch den Wafeenſtillſtand,“ ſagte Duguesclin;„aber Keiner von Euch darf das Schloß verlaſſen.“ „Aber wie ſollen wir Lebensmittel bekommen?“ ver⸗ ſetzte der Officier. Agenor. 153 „Die werden wir Euch liefern; die Feſtung darf niemand verlaſſen.“ „Dann iſt es kein ordentlicher Waffenſtillſtand.“ „Welchen Zweck könntet Ihr dabei haben, Euch aus dem Schloſſe zu entfernen, da wir Euch nach zehn Tagen freien Abzug gewähren?“ „Ich habe nichts weiter zu ſagen,“ entgegnete der Officier.„Ihr gebt mir alſo Euer Wort?“ „Ich gebe es Euch,“ verſetzte der Connetable;„zehn Tage Waffenruhe und freien Abzug für die ganze Be⸗ ſatzung.“ „Ohne Ausnahme?“ „Es verſteht ſich von ſelbſt,“ rief Mauleon,„daß von keiner Ausnahme die Rede iſt, da Ihr ſelbſt uns verſichert, daß Don Pedro nicht auf dem Schloſſe iſt.“ Als Agenor dies geſagt hatte, ſchien es ihm, als verriethen die Geſichtszüge des Parlementärs eine gewiſſe Beſtürzung. Nachdem Letzterer ſich wieder entfernt hatte, fragte der Köͤnig Agenor, ob er nun endlich überzeugt ſei, daß Don Pedro nicht in Montiel war. „Im Gegentheil,“ antwortete Mauleon,„ich bin mehr als je überzeugt, daß er auf dem Schloſſe iſt und 154 Agenor. daß Ihr ihn binnen acht Tagen in Eurer Gewalt haben werdet.“ Mit dieſen Worten verließ er in leicht zu begreifen⸗ der Aufregung das Zelt des Königs und ſagte dann zu Muſaron: „Suche das höchſte Zelt, das Du finden kannſt, und befeſtige mein Banner ſo darauf, daß man es vom Schloſſe aus ſieht. Aiſſa kennt es, und wenn ſie mich in ihrer Nähe weiß, wird dies ihren Muth aufrecht erhalten.“ Muſaron that wie ihm befohlen, und bald faatterte Mauleons Banner hoch über allen andern. Funfzehntes Kapitel. Die Flucht. Don Enrigo und der Connetable zogen mit der Armee von Montiel ab, und nur zweitauſend Bretagner blieben als Belagerungscorps zurück. Als Don Pedro nach der Schlacht auf der Feſtung ankam, warf er ſich wuthſchäumend auf den Teppich ſei⸗ nes Zimmers nieder und überließ ſich ganz der Verzweif⸗ lung über die erlittene Niederlage, welche alle ſeine Hoff⸗ nungen mit einemmale vernichtet hatte. Todtenbleich und aus mehreren Wunden blutend trat Mothril bei ihm ein. „So biſt Du denn gänzlich geſchlagen, König Don Pedro!“ ſagte er. „Ja, ich werde mich nie wieder erheben können.“ „Du verzweifelſt?“ entgegnete der Maure;„Dein Gott iſt alſo nicht ſo viel werth als der unſrige! Auch ich bin beſiegt, aber ich habe gebetet und fühle mich 156 Agenor. wieder ſtark. Zwar ſind wir vom Feinde umringt und können uns in dieſem Schloſſe nicht lange halten; aber ich hoffe dennoch ein Mittel zu finden, Dich aus dieſer Lage zu befreien und auch mein Leben zu retten, denn ich möchte nicht gern gezwungen ſein, Aiſſa zu ermorden, um ſie nicht in die Hände der Chriſten fallen zu laſſen.“ Bei dem Namen Aiſſa färbte ſich Don Pedro's Stirn mit einer dunklen Röthe. „Sie iſt die Urſache,“ ſtammelte er,„daß ich in dieſe Lage gekommen bin. Hätte ich mich nicht nach ihr geſehnt, ſo wäre ich nach Toledo geeilt, wo ich vielleicht mein Heer wieder ſammeln und dem Feinde noch eine Schlacht liefern konnte.“ „Es wäre mir lieber geweſen, Dich in Toledo zu wiſſen,“ erwiederte Mothril kalt,„denn ich hätte während Deiner Abweſenheit Deine Angelegenheiten und auch die meinigen ordnen können.“ „Und jetzt wirſt Du nichts für mich thun?“ rief Don Pedro wüthend.„Elender Schurke, ich will mein Leben hier beſchließen, zuvor aber Dich für Deine Ver⸗ brechen und Deine Falſchheit beſtrafen: Aiſſa, welche Du mir wie eine Lockſpeiſe vorgehalten haſt, muß noch dieſe Nacht mir gehören.“ „Das wird ſie nicht!“ verſetzte der Maure ruhig. Agenor. 157 „Weißt Du nicht, daß ich hier dreihundert Krieger zu meinem Befehl habe?“ „Du vergißt, daß Du ohne meinen Willen dieſes Zimmer nicht verlaſſen kannſt und daß ich Dich todt zu meinen Füßen niederſtrecke, wenn Du Dich von der Stelle rührſt!“ „Verräther!“ murmelte Don Pedro. „Verblendeter Thor!“ rief Mothril,„ſage vielmehr Retter. Du kannſt fliehen und mit der Freiheit alles Verlorene wiedergewinnen. Fliehe alſo und beleidige nicht den einzigen Freund, den Du noch auf der Welt haſt.“ „Ein Freund ſpricht nicht in ſolch einem Tone zu mir!“ „Wäre es Dir lieber, wenn ich Dir ſchmeichelte und Dich Deinen Feinden überlieferte? Wir müſſen einen Herold an die Belagerer ſenden, um ihnen den Glauben zu benehmen, daß Du Dich hier befindeſt. Sobald wir ſehen, daß ſie die Hoffnung verlieren, einen ſo wichtigen Fang zu thun, und daß ſie in ihrer Wachſamkeit nachlaſſen, benutzeſt Du die erſte günſtige Gelegenheit zur Flucht.“ Don Pedro billigte dieſen Vorſchlag und fertigte ſogleich den Officier ab, welcher ſeinen Auftrag, wie wir geſehen haben, mit Geſchicklichkeit vollzog. Die Nach⸗ richten, welche er auf das Schloß zurückbrachte, erfüllten jedermann mit außerordentlicher Freude. 158 Agenor. „Jetzt,“ ſagte Mothril,„haben wir nichts weiter zu fürchten als einen gewöhnlichen Feind. In der erſten dunklen Nacht ſind wir gerettet.“ Don Pedro war ſo entzückt über dieſen Gedanken, daß er ſogar freundlich gegen ſeinen Miniſter wurde und ihm die glänzendſten Verſprechungen machte. Er wußte wohl, daß, wenn er Mothrils Hoffnungen für die Zu⸗ kunft aufrecht erhielt, er ihn verhinderte, ſich ganz von ihm loszuſagen und vielleicht ſogar ſeinen Feinden aus⸗ zuliefern. Mothril dagegen hoffte alles von der Be⸗ freiung Don Pedro's, indem dadurch auf's neue ein Krieg angefacht wurde, deſſen Früchte ihm zufallen mußten, während andernfalls, wenn Don Pedro gefangen oder getödtet wurde, die Sarazenen keinen Vorwand mehr hatten, einen Vernichtungskrieg gegen unüberwindliche Feinde zu unterhalten. Er lieh daher den Verſprechun⸗ gen des Königs ein geneigtes Ohr und ſicherte ihm ſeine Beihülfe zu. Don Pedro beſchloß zuerſt, daß drei ſeiner ergeben⸗ ſten Anhänger in der bevorſtehenden Nacht die Verſchan⸗ zungen recognosciren und einen ſchwachen Punkt aufſu⸗ chen ſollten, von wo aus der König, nachdem man die Schildwachen ermordet hätte, auf einem guten Pferde ſeine Flucht bewerkſtelligen könnte.— Agenor. 159 Der Himmel ſchien das Unternehmen zu begünſtigen; die Nacht war dunkel und ſtürmiſch, und gegen neun Uhr begann es ſogar heftig zu regnen. Agenor und Muſaron befanden ſich bereits ſeit Sonnenuntergang in der uns bekannten Höhle. Längs der Verſchanzung waren ausgewählte Officiere aufgeſtellt, die ſich kleine Niſchen in die Erde gegraben hatten, in denen ſie des Nachts bei ſchlechtem Wetter zubrachten und die eine ununter⸗ brochene Linie von Wachen um die ganze Feſtung bilde⸗ ten. Auf dem Walle ſelbſt ſtanden Schildwachen in größeren Entfernungen von einander; ſie hatten ſich wegen des Regens in ihre Mäntel gehüllt und einige hatten ſich ſogar niedergelegt. Nach zehn Uhr ſahen Agenor und Nuſaron drei Officiere mit der größten Vorſicht vom Schloſſe herab⸗ kommen, um eine Stelle der Verſchanzung zu unterſuchen, wo ſich keine Schildwache befand und die nur von dem an der äußeren Schanzverkleidung ſtehenden Officiere be⸗ wacht wurde. Agenor hörte, wie die drei Abgeſandten Don Pedro's ſich gegenſeitig ihre Freude über dieſe Ent⸗ deckung ausdrückten, während ſie wieder auf das Schloß zurückkehrten. Er ſchickte ſogleich Muſaron an den zunächſtſtehen⸗ den Officier ab, um demſelben zu melden, daß ſich etwas 160 Agenor. ereignen werde, und binnen wenigen Minuten waren ſämmtliche Officiere im ganzen Umkreiſe der Verſchanzung davon unterrichtet. Bald darauf hörte Agenor den leiſen Tritt von mehreren Pferden von der Plattform herabkom⸗ men. Das Geräuſch kam immer näher, doch war es faſt unmerklich, denn Don Pedro hatte die Hufe der Pferde mit Werg umwickeln laſſen. Agenor und ſein Knappe ſahen die Reiter an der Grotte vorüberkommen und erkannten deutlich das Geſicht des Königs, welcher den kleinen Zug beſchloß. Die bei⸗ den Vorderſten kamen glücklich über den Erdwall, aber jenſeit deſſelben fielen fie in einen Graben, in welchem ſte von zwanzig Bewaffneten geknebelt und geräuſchlos fortgeführt wurden. Als Don Pedro, welcher hiervon keine Ahnung hatte, ſich in den Sattel ſchwang, um ebenfalls über die Verſchanzung zu ſetzen, wurde er plötz⸗ lich von Agenors kräftigen Armen umſchlungen, während Muſaron ihm den Mund zuhielt und dem Pferde des Königs einen leichten Dolchſtich beibrachte, ſo daß es über den Erdwall ſprang und in eiliger Haſt entfloh. Don Pedro wehrte ſich mit der Kraft der Verzweiflung. „Verhaltet Euch ruhig,“ ſagte Agenor leiſe zu ihm, „damit ich nicht gezwungen werde Euch zu tödten.“ Agenor. 161 „Ich bin der König,“ ſtammelte Don Pedro;„ich hoffe, daß Ihr mich als Ritter behandelt!“ „Ich weiß, daß Ihr der König ſeid,“ entgegnete Agenor,„und gebe Euch mein Ritterwort, daß Euch kein Leid geſchehen ſoll.“ Er führte Don Pedro durch die Reihen der hocher⸗ freuten Officiere in das Zelt des Anführers, der ſogleich zwei Eilboten an Don Enrigo und an den Connetable abſchickte, um ihnen die Nachricht zu bringen, daß der Krieg zu Ende ſei. Agenor u. die Maurin. 11 Sechzehntes Kapitel. Diplomatie der Liebe. Als der Connetable die wichtige Neuigkeit vernahm, eilte er unverzüglich nach Montiel. Er dankte Agenor herzlich für ſeinen Scharfblick und ſeine Beharrlichkeit und ließ ſein Feldbett vor dem von dreißig Rittern um⸗ gebenen Zelte des gefangenen Königs aufſchlagen, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Indeſſen befahl er den König mit Achtung zu behandeln. „Ihr ſeht jetzt, Herr Connetable,“ ſagte Agenor zu ihm,„wie frech der ſpaniſche Officier log, als er Euch verſicherte, Don Pedro ſei nicht in Montiel.“ „Deshalb ſoll auch ſowohl er als die ganze Gar⸗ niſon gehängt werden. Seine Lüge entbindet mich des ihm gegebenen Worts.“ „Gnädiger Herr,“ verſetzte Agenor,„die unglückli⸗ chen Soldaten müſſen thun, was ihr Gebieter befiehlt. Agenor. 163 Wenn ſtie ſich ergeben, ſo würdet Ihr einen Mord be⸗ gehen, und ergeben ſie ſich nicht, ſo bekommt Ihr ſie nicht in Eure Gewalt.“ „Wir zwingen ſie durch Hunger ſich zu ergeben,“ erwiederte der Connetable. Der Gedanke, Aiſſa könnte durch Hunger umkom⸗ men, ließ Agenor die Grenzen ſeiner gewöhnlichen Be⸗ ſcheidenheit überſchreiten. „O gnädiger Herr,“ rief er aus,„eine ſolche Grau⸗ ſamkeit werdet Ihr nicht begehen!“ „Ich beſtrafe dadurch nur die Lüge und Falſchheit,“ entgegnete Bertrand.„Ich will dem ſchurkiſchen Sara⸗ zenen Mothril durch einen Herold ankündigen laſſen, daß Don Pedro gefangen iſt, daß er alſo in Montiel war und daß zur Strafe für dieſe Lüge die Beſatzung deci⸗ mirt wird, wenn ſie ſich ergiebt, ergiebt ſie ſich aber nicht, durch Hunger dazu gezwungen werden ſoll.“ „Und Donna Aiſſa!“ rief Agenor mit Entſetzen. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Frauen ge⸗ ſchont werden.“ „Aber Mothril wird Aiſſa nicht ſchonen, er wird ſie umbringen! Ich bitte Euch daher, Meſſtre, keinen andern Herold als mich an Mothril zu ſenden und mir 11* 164 Agenor. freie Hand zu laſſen; ich ſtehe Euch dann für die ſofor⸗ tige Unterwerfung des Mauren wie der ganzen Beſatzung.“ „Nun wohl, es ſei Euch gewährt. Ich garantire der Beſatzung Leben und Eigenthum, mit Ausnahme Mo⸗ thrils; dieſer aber hat auf keine Gnade zu hoffen.“ „Bedenkt, Meſſire, daß er mich zuerſt fragen wird, ob Ihr ſein Leben ſchont, und was ſoll ich dann ant⸗ worten?“ „Was Ihr wollt. Wenn Ihr Eure Aiſſa habt, kümmert Euch das Uebrige nicht; uͤberlaßt das mir.“ „Noch einmal, gnädiger Herr, habt Nachſicht! Es iſt wahr, Mothril iſt ein ſchändlicher Böſewicht und ſeine Beſtrafung würde Gott wohlgefällig ſein; aber er iſt fer⸗ nerhin machtlos und kann niemandem mehr ſchaden...“ „Genug, Meſſtre, Eure Mühe iſt vergebens. Geht jetzt und laßt mich ein wenig ruhen, ich bin deſſen be⸗ dürftig.“ Agenor wußte, daß der Connetable, wenn er einmal einen Vorſatz gefaßt hatte, unerſchütterlich auf demſelben beharrte und er drang daher nicht weiter in ihn. Aber er wußte auch, daß Mothril, wenn er hörte, daß ſich⸗ Don Pedro in der Gewalt der Bretagner befand, keine Rückſicht mehr nehmen, am wenigſten aber Aiſſa auslie⸗ fern würde. 3 Agenor. 165 Während er noch über einen Ausweg aus dieſer bedenklichen Lage nachdachte, verkündeten die Trompeten die Ankunft Don Enrigo's. „Was Euch der Connetable nicht bewilligt hat,“ ſagte Muſaron zu ſeinem Herrn,„das wird Euch der König gewähren, wenn Ihr ihn darum bittet.“ „Ich will es verſuchen,“ erwiederte Agenor. Muſaron hatte ſich nicht geirrt. Während der König vom Pferde ſtieg, erbat ſich Agenor von ihm als Lohn für ſeinen wichtigen Dienſt das Leben Mothrils, und Don Enrigo gewährte ihm in der That ſeine Bitte als Be⸗ lohnung für den großen Dienſt, den er ihm geleiſtet hatte. Agenor küßte dem Könige die Hand und eilte hin⸗ weg, als hätte er einen Schatz bei ſich. Er wählte zwei Trompeter aus und ſtieg mit ihnen und ſeinem getreuen Leibknappen den ſchmalen Pfad nach der Feſtung hinauf. Mothril erwartete ihn auf der Plattform und ließ ſogleich das Thor öffnen. „Ich komme,“ ſprach Mauleon,„im Namen des Connetable, welcher Dir Folgendes ſagen läßt: Ich hatte einen Waffenſtillſtand mit meinen Feinden abgeſchloſſen und ihnen unter der Bedingung, daß niemand ſich von dem Schloſſe entfernte, die Schonung ihres Lebens zuge⸗ 166 Agenor. ſichert. Aber ich bin andern Sinnes geworden, da Ihr Euer Wort gebrochen habt. Dieſe Nacht ſind trotz unſrer Schildwachen drei Reiter über die Verſchanzung entflohen.“ „Nun wohl,“ entgegnete Mothril mit lerzwungener Ruhe,„ſo müſſen ſie mit dem Tode beſtraft werden.“ „Das könnte geſchehen, wenn wir ſie hätten; aber ſte ſind entkommen.“ „Warum habt Ihr ſie nicht angehalten?“ fragte Mothril, der ſeine Freude kaum zu verbergen vermochte. „Weil wir uns auf Euer Wort verließen und unſere Leute daher eine weniger ſtrenge Wachſamkeit beobachte⸗ ten. Wer ſind die Entflohenen?“ „Wie ſoll ich das wiſſen?“ „Zähle Deine Leute.“ „Ich bin hier nicht Befehlshaber.“ „Dann gehöͤrſt Du alſo nicht zur Beſatzung und biſt von den Bedingungen der Waffenruhe ausgeſchloſſen?“ „Ich bin allerdings der Befehlshaber,“ entgegnete Mothril einlenkend, um den Vortheil einer möglichen Capitulation nicht zu verlieren. „So vernimm denn den Entſchluß des Connetable,“ ſagte Agenor:„entweder das Schloß wird noch heute übergeben oder die ſtrenge Blokade beginnt unverzüglich und Ihr werdet ausgehungert.“ 1 Agenor. 167 „Und wenn wir es vorzögen zu ſterben?“ „Das ſteht Euch frei. Dann rechnet aber nicht darauf, daß Euch Don Pedro zu Hülfe kommt.“ „Glaubſt Du?“ „Wir haben eine Armee, er aber nicht, und ehe er eine neue ſammeln kann, ſeid Ihr ſämmtlich Hungers ge⸗ ſtorben. Rettet alſo Euer Leben, da es in Eurer Macht ſteht.“ „Ihr verſprecht uns alſo unſres Lebens zu ſchonen?“ „Der König Don Enrigo, welcher ſo eben angekom⸗ men iſt, bürgt Euch mit ſeinem Worte dafür.“ „Wir können gehen wohin wir wollen und all unſer Eigenthum mitnehmen?“ „Ihr könnt es.“ „Nun wohl, ich will es mir überlegen.“ „Wenn Du Dich binnen hier und zwei Stunden nicht ergiebſt,“ verſetzte der junge Mann,„ſo iſt es um Dein Leben geſchehen.“ „Hm! hm! zwei Stunden... das iſt keine ſonder⸗ liche Freigebigkeit.“ Plötzlich richteten ſich ſeine Augen nach dem Lager der Bretagner. 4 „Sieh doch,“ rief er, indem er auf das Zelt des 168 Agenor. Anführers zeigte,„Deine Chriſten ſcheinen in Streit ge⸗ rathen zu ſein; es läuft alles nach jenem Zelte hin.“ In der That eilten eine Menge Soldaten und Of⸗ ficiere nach dem bezeichneten Zelte, das ſich bewegte, als würde es von innen erſchüttert; auch den Connetable ſah Agenor herbeikommen. „Es muß etwas Wichtiges in dem Zelte vorgehen, in welchem ſich Don Pedro befindet,“ ſagte Agenor leiſe zu ſeinem Knappen;„wir wollen gehen, Muſaron.“ Während Mothrils Aufmerkſamkeit ganz auf dieſen neuen Zwiſchenfall gerichtet war, benutzte Agenor den günſtigen Augenblick, um mit ſeinen Bretagnern den ſtei⸗ len Abhang von der Plattform nach dem Ausgangsthore hinunter zu ſteigen. Unterwegs erſcholl plötzlich ein furcht⸗ bares Geſchrei vom Lager herauf, und kaum hatte er das Thor hinter ſich, ſo hörte er Mothril mit Donner⸗ ſtimme rufen: „Allah! der Verräther hat mich hintergangen! Don Pedro iſt gefangen! Haltet den Franzoſen an und ſchließt die Thore!“ Aber Agenor war bereits in Sicherheit und konnte ſelbſt das entſetzliche Schauſpiel mit anſehen, das der Maure von fern auf der Plattform beobachtete. Agenor. 169 „Barmherziger Gott!“ rief Agenor,„noch eine Mi⸗ b nute, ſo waren wir verloren, denn was ich dort in dem Zelte erblicke, würde die blutigſten Repreſſalien Mothrils entſchuldigt haben.“ Siebzehntes Kapitel. Was ſich in dem Zelte Le Bégue's de Vilaines ereignete. Nachdem Agenor den König Don Enrigo verlaſſen hatte, begab ſich dieſer in das Zelt des Gefangenen, der auf einem Feldſtuhle ſaß und nachdenkend den Kopf in beide Hände geſtützt hatte. Als er Schritte neben ſich hörte, blickte Don Pedro auf, und ſobald er ſeinen Ue⸗ berwinder erkannte, rief er wüthend aus: „Du wagſt es noch, hierher zu kommen? Verge⸗ bens habe ich Dich während der Schlacht gerufen, aber Du haſt keinen andern Muth als den, einen beſiegten Feind zu beleidigen. Selbſt in dieſem Augenblicke ver⸗ birgſt Du mir das Geſicht, damit ich Deine Bläſſe nicht ſehen ſoll.“ Don Enrigo nahm langſam ſeinen Helm ab und legte ihn auf den Tiſch. Sein Geſicht war in der That bleich, aber vollkommen ruhig und heiter. Agenor. 171 „Ja,“ ſagte Don Pedro aufſtehend,„ich erkenne den Baſtard meines Vaters, der ſich König von Caſtilien nennt und vergißt, daß es in Caſtilien keinen König giebt, ſo lange ich am Leben bin.“ Enrigo bemühte ſich, den Beleidigungen ſeines Fein⸗ des Geduld entgegenzuſetzen; aber wider ſeinen Willen ſtieg ihm nach und nach die Zornesröthe in's Geſicht. „Hüte Dich,“ rief er mit zitternder Stimme,„daß Du meinen Zorn nicht rege machſt.“ „O, darüber bin ich ganz ruhig,“ erwiederte der Gefangene mit funkelnden Augen,„Du läßt Deinen Zorn nicht weiter gehen als es Dir die Sorge für Erhaltung Deines Lebens zuläßt. Du fürchteſt Dich...“ „Du lügſt, Schurke!“ rief Don Enrigo auf's höchſte erbittert. Statt aller Antwort faßte Don Pedro den verhaß⸗ ten Gegner bei der Gurgel, und es entſpann ſich ein Ringkampf zwiſchen den beiden Brüdern, durch welchen das ganze Zelt erſchüttert wurde. Auf den Lärm eilten der Connetable und mehrere Officiere herbei, und ſie waren genöthigt, die Leinwand des Zeltes mit ihrem Degen aufzuſchlitzen, um eintreten zu können, da ſich die Sporen der beiden Ringenden in den Thürvorhang ver⸗ wickelt hatten. Der ganze innere Raum des Zeltes war 172 Agenor. nun offen und jeder konnte den mörderiſchen Kampf mit anſehen. Die beiden Gegner wanden ſich wie zwei Schlan⸗ gen auf dem Erdboden, und ſchon war es Don Pedro gelungen, ſeinen Bruder unter ſich zu bringen. In dem Augenblick aber, als er einen Dolch aus dem Gürtel zog, um ihn damit zu ermorden, ergriff Dugueselin mit kräf⸗ tiger Hand ſein Bein, ſo daß er das Gleichgewicht verlor und Don Enrigo auf ihn zu liegen kam. Mit der Schnel⸗ ligkeit des Gedankens zog dieſer nun ſeinen Dolch hervor und ſtieß ihn bis an das Heft in Don Pedro's Hals. Ein dicker Blutſtrom entquoll der tödtlichen Wunde, Don Pedro's Augen erloſchen und er fiel entſeelt zurück. Ein düſtres Schweigen herrſchte unter den Anweſen⸗ den. Don Enrigo ließ den blutigen Dolch zur Erde fallen, ſetzte ſich in einem Winkel des Zeltes nieder und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. Der Connetable ſuchte ihm Troſt zuzuſprechen und entließ die Zuſchauer der gräßlichen Scene. „Allerdings,“ ſagte er,„wäre es beſſer geweſen, Ihr hättet dieſes Blut mit Eurem Schwert oder Eurer Streit⸗ axt während der Schlacht vergoſſen; aber Gott hat es anders gewollt. Kommt, Sire, und faßt Muth.“ „Er hat es darauf angefangen, daß es ſo kommen mußte,“ erwiederte der König;„ich hätte ihm gern ver⸗ Agenor. 173 ziehen... Aber ſorgt dafür, daß ſein Körper nicht länger den Blicken der Soldaten ausgeſetzt iſt und daß er mit den ihm gebührenden Ehren beerdigt wird.“ „Ueberlaßt das uns, Sire, und ſucht den ganzen Auftritt zu vergeſſen.“ Schweigend und niedergeſchlagen entfernte ſich Don Enrigo und begab ſich in ein andres Zelt. In dieſem Augenblicke erſchien ein Spanier von der Feſtung im Lager, um anzukündigen, daß die Beſatzung um acht Uhr Abends unter den von dem Parlementär des Connetable feſtgeſetzten Bedingungen die Waffen ſtrecken wollte. Mothril hatte dieſe entſetzliche, grauenvolle Scene von dem Schloſſe aus mit angeſehen. Er hatte Don Enrigo an dem goldenen Löwen auf ſeinem Helm und Don Pedro an ſeinem glänzenden Haar und an ſeinem letzten Todesſchrei erkannt. Von dieſem Augenblicke an durchſchaute er Agenors Taktik. Er ſah ein, daß ihm dieſer die Schonung ſeines Lebens zuſicherte, um ihn beim Abzuge von Montiel ermorden zu laſſen und ſich Aiſſa's auf dieſe Weiſe für immer zu bemächtigen. „Es iſt möglich, daß ich ſterbe,“ ſagte der Maure zu ſich ſelbſt;„aber dann ſollſt Du auch Aiſſa nicht in 174 Agenor. Deine Hände bekommen, verdammter Chriſt, wenigſtens nicht lebend!“ Er kam mit Rodrigo überein, Don Pedro's Tod, den außer ihnen niemand auf dem Schloſſe geſehen hatte, der Beſatzung zu verſchweigen, und verſammelte dann die Officiere um ſich. Dieſe waren ſämmtlich der Meinung, daß man ſich ergeben müſſe. Vergebens ſuchte ihnen Mothril einzureden, es ſei beſſer zu ſterben, als ſich der Gnade der Sieger zu überlaſſen. So mußte er endlich einſehen, daß keine Hoffnung mehr vorhanden war; er fügte ſich in ſein Schickſal, aber er faßte einen furcht⸗ baren, unerſchütterlichen Entſchluß. Nachdem ein Officier in's feindliche Lager abgeſchickt worden war, um dem Connetable anzukündigen, daß ſich die Feſtung um acht Uhr Abends ergeben werde, ſagte Mothril zu Rodrigo, er wolle ſich in ſeine Gemächer einſchließen, um zu beten. „Zur beſtimmten Stunde,“ ſetzte er hinzu,„läßt Du die Garniſon abziehen; zuerſt die Soldaten, dann die Unterofficiere und hierauf Du ſelbſt mit den Officieren. Ich und Donna Aiſſa werden zuletzt folgen.“ Sobald Mothril allein war, begab er ſich in Aiſſa Zimmer. „Du ſiehſt, mein Kind,„ ſagte er zu ihr,„daß alles Agenor. 175 nach unſern Wünſchen geht. Don Pedro hat nicht allein das Schloß verlaſſen, ſondern er iſt todt.“ „Wie? er iſt todt?“ rief das junge Mädchen mit einem Gemiſch von Schauder und Zweifel. „Du ſollſt Dich ſelbſt davon überzeugen,“ verſetzte Mothril mit der größten Ruhe;„ich will Dir zeigen, wie die Chriſten, welche Du ſo ſehr liebſt, ihre beſtegten und gefangenen Feinde behandeln.“ Er führte ſie hinaus auf die Plattform und zeigte ihr das offene Zelt mit dem Leichnam Don Pedro's, ſo wie auch die drei Pferde des Königs und ſeiner beiden Begleiter, welche herrenlos in der Nähe des Schloſſes umherirrten. Aiſſa ſtieß einen lauten Schrei aus und ſank faſt ohnmächtig in Mothrils Arme. Dieſer trug ſie in ihr Zimmer zurück, kniete an dem Ruhebett nieder, auf welches er ſie legte, und ſagte dann zu ihr: „Das Schickſal, welches Don Pedro getroffen, er⸗ wartet auch mich, mein Kind. Die Chriſten haben mir eine Capitulation anbieten laſſen und mir die Schonung meines Lebens zugeſichert; ſie hatten auch Don Pedro das Leben verſprochen, und Du ſiehſt, wie ſie ihr Wort ge⸗ halten haben! Du biſt jung und unerfahren, aber Du 176 Agenor. haſt ein reines Herz und einen geraden Sinn; rathe mir, was ich thun ſoll.“ „Ich, Euch rathen?...“ „Du kennſt einen Chriſten... „Und dieſer,“ rief Aiſſa,„wird ſein Wort nicht brechen, ſondern Euch retten, denn er liebt mich.“ „Aber welches Anſehen genießt er unter den Seini⸗ gen? Er iſt ein einfacher Ritter, der Generale, einen Connetable, einen König über ſich hat. Ich gebe zu, daß er uns verzeihen würde, aber die Andern ſind un⸗ verſöhnlich und ſie werden uns ermorden.“ „Auch mich!“ rief Aiſſa von Angſt ergriffen. „Nein, Dich nicht; Du biſt ein junges und ſchönes Mädchen, und die Franzoſen und Spanier ſind galant!... Aber ich bin ein ihnen gefährlicher Feind, mich werden ſte nicht ſchonen...“ „Ich ſage Euch, Agenor wird meine Ehre mit ſei⸗ nem Leben vertheidigen.“ „Und wenn er umkäme, was würde dann aus Dir?“ „Dann bleibt mir der Tod als letzte Zuflucht. Aber ich verſichere Euch, daß Ihr Euch über den Einfluß des Ritters von Mauleon täuſcht. Der König liebt ihn, der Connetable beehrt ihn mit ſeinem Vertrauen, er wird uns Beide retten.“ 7 Agenor. 177 „Ich ſage Dir, Du irrſt Dich, mein Kind,“ rief der Maure unwillig,„Agenor kann uns nicht retten, denn er iſt ſo eben hier geweſen und hat mich gebeten, ein Mittel zu ſuchen, um Dich den Beſchimpfungen der Chri⸗ ſten zu entziehen. Unter dieſer Bedingung hat er mir verſprochen, mich zu vertheidigen.“ „Wie können ſie mich beſchimpfen, da ich ſelbſt eine Chriſtin werden will!“ Mothril war kaum im Stande einen Ausruf der Wuth zu unterdrücken. „Was ſoll ich thun?“ fuhr er fort;„die Zeit drängt, dieſen Abend wird das Schloß übergeben, ich muß ſter⸗ ben und Du kommſt als Beute in die Gewalt der chriſt⸗ lichen Anführer.“ „Was hat Agenor geſagt?“ „Er hat mir ein gefahrvolles Mittel zur Flucht vorgeſchlagen. Blicke aus dieſem Fenſter; der Felſen ſteigt hier ſenkrecht in das Thal hinab und die Franzoſen haben auf dieſer Seite keine Wachen ausgeſtellt, da ſie von hier aus jedes Entkommen für unmöglich halten. Der fränkiſche Ritter hat mir nun gerathen, dieſen Abend, während das Belagerungsheer an den Thoren damit be⸗ ſchäftigt iſt, die Beſatzung in Empfang zu nehmen, ein Seil an dem Gitter zu befeſtigen und mich mit Dir an Agenor u. die Maurin. 12 178 Agenor. demſelben hinabzulaſſen. Er will uns unten erwarten und dann unſre Flucht erleichtern.“ „Wie? er will nicht mit uns kommen?... er will mich mit Dir allein fliehen laſſen?“ „Nein, nein,“ erwiederte Mothril;„ſtehſt Du dort am entgegengeſetzten Abhange der Schlucht die drei Roſſe weiden?“ „Ja, ich ſehe ſte.“ „Sind wir nicht auch unſer Drei?“ „Ja, ja, jetzt glaube ich Euch. Wir wollen fliehen, Mothril; mit ihm würde ich mich in einen Abgrund von Feuer ſtürzen!“ „Nun ſo halte Dich bereit, wenn die Trommeln und Trompeten den Abzug der Garniſon verkünden. Das Seil habe ich ſchon hier, es iſt lang genug und könnte ein dreimal größeres Gewicht tragen als unſere beiden Körper. Du wirſt alſo muthig und ſtark ſein, Aiſſa?“ „So muthig und ſtark, als ginge ich mit meinem Ritter zur Hochzeit,“ erwiederte das junge Mädchen freu⸗ detrunken. -— Achtzehntes Kapitel. Der Kopf und die Hand. Eine kalte und regneriſche Nacht hüllte die Mauern des Schloſſes Montiel in ihren dunklen Schleier. Nach acht Uhr ertönte das Trompeterſtgnal und bald darauf ſah man die Beſatzung der Veſte auf dem ſchma⸗ len Felſenpfade herabkommen, an deſſen Ende ſie von dem Connetable und ſeinen Unterfeldherren in Empfang genommen wurde. Ploͤtzlich kam Muſaron ein Gedanke in den Sinn und er ſagte ſeinem Herrn leiſe in's Ohr: „Dieſer verdammte Maure hat ohne Zweifel Schätze und er iſt im Stande, ſie in einen Abgrund zu werfen, damit wir ſie nicht bekommen. Ich will doch einmal die Runde um das Schloß machen.“ „Thue es,“ erwiederte Agenor;„ich werde den Schatz, der mir von allen Schätzen Mothrils am theuerſten iſt, 12* 180 Agenor. hier erwarten, damit ich ihn ſogleich in Empfang neh⸗ men kann.“ Muſaron eilte hinweg. Die heftigſte Ungeduld ver⸗ zehrte den jungen Ritter, während er die Soldaten der Feſtung einzeln deſiliren ſah; eine unheilvolle Ahnung zuckte ihm wie ein ſpitziger Stahl durch den Kopf. Plötz⸗ lich fühlte er die Hand Muſarons auf ſeiner Schulter. „Kommt ſchnell, Herr Ritter,“ flüſterte ihm dieſer zu;„meine Vermuthung beſtätigt ſich, der Maure entflieht durch ein Fenſter und was man herabläßt hat mir ganz das Ausſehen eines lebenden Weſens.“ „Du biſt von Sinnen, Muſaron; an Mothrils Per⸗ ſon iſt mir nichts gelegen und er hat gewiß nur einige elende Geldſäcke bei ſich, die er auf dieſe Weiſe retten will.“ „Wenn Ihr nicht mitkommt, ſo gehe ich allein,“ verſetzte der Knappe ungeduldig;„werde ich dann ermor⸗ det, ſo iſt es Eure Schuld.“ Agenor antwortete nichts, aber er entfernte ſich von der Gruppe der Officiere und folgte Muſaron nach der entgegengeſetzten Seite der Feſtung. „Seht Ihr dort?“ ſagte dieſer leiſe, indem er ſei⸗ nem Herrn eine weiße Geſtalt zeigte, welche ſich langſam an der dunklen Felswand in das Thal herabbewegte. Mauleon ſtieß einen lauten Schrei aus. Agenor. 181 „Biſt Du es, Agenor?“ rief eine ſanfte Stimme. „Nun, was ſagt Ihr dazu, Herr Ritter?“ fragte der Knappe. „Wir wollen ſchnell an den Rand der Schlucht eilen um ſie beim Heraufſteigen in Empfang zu nehmen.“ „Nicht doch, wir wollen uns vielmehr niederlegen und uns ganz ſtill verhalten. Wenn ſie oben ſind, kön⸗ nen wir ſie noch Zeit genug einholen.“ Mothril hatte den Ausruf Agenors vernommen, und als er mit ſeiner koſtbaren Bürde auf dem Grunde der Schlucht angelangt war, ruhte er einen Augenblick, um zu horchen. Da er nichts mehr hörte, faßte er wieder Muth und erklimmte den jenſeitigen Abhang. Sobald er auf der Höhe deſſelben ankam, hörte er von neuem Mau⸗ leons Ruf:„Aiſſa! Aiſſa!“ „Ha! der Chriſtenhund!“ rief Mothril wüthend. „Agenor iſt dort... gehen wir nicht zu ihm?“ ſagte Aiſſa, indem ſie ſich den Armen des Mauren zu entwinden ſuchte. Statt aller Antwort umſchlang er ſie nur noch feſter und ſchleppte ſie nach der Gegend, wo er Don Pedro's Pferd geſehen hatte. Agenor eilte ihm nach ſo ſchnell er konnte, aber er ſtrauchelte bei jedem Schritte, ſo daß Mothril bald einen 182 Agenor. Vorſprung gewann und eines der drei Pferde erreichen konnte. Mothril ergriff es an der Mähne, hob Aiſſa hinauf, ſchwang ſich dann ſelbſt in den Sattel und jagte im Galopp davon. Als Mauleon den Huftritt des enteilenden Roſſes hörte, erreichte ſeine Wuth den höchſten Grad und mit der Kraft der Verzweiflung begann er von neuem zu laufen; allein bald fiel er erſchöpft und athemlos zu Boden. „Herr Ritter!“ rief Muſaron in dieſem Augenblicke, „hier iſt ein Pferd! kommt raſch, ich halte es.“ Wie durch Zauber kehrten Agenors Kräfte zurück; er ſprang in den Sattel und eilte Mothril nach. Sein Roß war kein andres als der prachtvolle Schimmel Don Pedro's, der in ganz Andaluſten nicht ſeines Gleichen hatte. Bald näherte er ſich Aiſſa und rief ihr zu: „Muth! hier bin ich!“ Mothril zerſtach mit ſeinem Dolche die Weichen ſei⸗ nes Roſſes, das vor Schmerz laut wieherte. „Gieb ſte mir,“ rief Agenor dem Mauren zu,„ich ſchwöre Dir bei dem lebendigen Gott, Dich fliehen zu laſſen, wohin Du willſt!“ Mothril antwortete darauf mit einem höhniſchen Ge⸗ lächter. Doch endlich fühlte er auf ſeinem Rücken den heißen Athem von Agenors Roſſe; der junge Ritter konnte — Agenor. 183 Aiſſa's weißes Kleid erfaſſen, er klammerte ſich mit der Hand daran feſt und ſchwang ſein Schwert über Mothrils Kopfe. Aber dieſer wendete ſich plötzlich und hieb mit einem geſchickten Schlage ſeines türkiſchen Dolches Age⸗ nors rechte Hand ab, die an dem Kleide hängen blieb. Der junge Mann ſtieß einen lauten Schrei des Schmerzes aus; aber die Wuth verdoppelte ſeine Kräfte, ſein Schwert hob ſich von neuem, und hätte Mothril ſeinem Pferde nicht einen Seitenſprung machen laſſen, ſo wäre es um ihn geſchehen geweſen. „Gieb ſie mir!“ rief Agenor mit ſchwächer werden⸗ der Stimme;„Du ſiehſt, daß Du mir nicht entgehen kannſt. Gieb ſie mir, ich liebe ſie!“ „Auch ich liebe ſte!“ verſetzte Mothril, indem er ſein Roß zu immer größerer Eile ſtachelte. Inzwiſchen hatte Muſaron auch das dritte Pferd aufgefunden, und er kam über Steine und Baumſtämme herbeigeſprengt, um ſeinen Herrn zu unterſtützen. Mothril wendete ſich um, und als er den Knappen dicht hinter ſich erblickte, ſah er ein, daß er verloren war. „Du verlangſt dieſes junge Mädchen...“ rief er aus. „Ja,“ erwiederte Agenor,„und ich werde ſie be⸗ kommen!“ „Wohlan, ſo nimm ſie hin.“ 184 Agenor. Agenor hörte ſeinen Namen rufen, auf den ein dumpfes Röcheln folgte, und ein ſchwerer Gegenſtand, in einen weißen Schleier gehüllt, rollte vor die Füße ſeines Pferdes. Mauleon ſprang herab, um zu ſehen, was Mothril ihm zuwarf: es war das Haupt ſeiner Geliebten!... Er ſank ohnmächtig neben demſelben zu Boden. Als der grauende Morgen mit ſeinem matten Däm⸗ merlichte die fürchterliche Scene beleuchtete, hätte man ſehen können, wie der junge Ritter, bleich wie ein Ge⸗ ſpenſt, ſeinen Mund auf die kalten und bläulichen Lippen des Kopfes drückte, den ihm der Maure zugeworfen hatte. Einige Schritte davon ſaß Muſaron und weinte. Der treue Knappe hatte während der Ohnmacht ſeines Herrn deſſen Wunde verbunden und ihm ſo, wider ſeinen Willen, das Leben gerettet. In einiger Entfernung lag der entſeelte Körper Mo⸗ thrils, die Schläfe von dem ſichern und tödtlichen Pfeile des wackern Knappen durchbohrt und den verſtümmelten Leichnam Aiſſa's unter dem Arme haltend. Noch im Tode ſchwebte ein Lächeln des Triumphs auf ſeinen Lippen. 5 4 Druck von C. P. Melze r in Leipzig.