8———*m Lei hek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.„— 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt: 8 fir wöchentlich Zuücher: A4 Bücher: Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenei, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Aus dem Franzöſiſchen von hr. Auguſt Zoller. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 18⁵54. 2 2 5 2 2 S 5 · 2 2 2 2 2 9 8 25 5 2 2 * 2 2 2 — 2 = S = S 9 Vorwort. An einem Tage des Monats October 1832 8 mein Bedienter in mein Zimmer ein und debutirte, d es noch ziemlich frühzeitig war, mit den atommliden Worten: 175 „Will der Herr empfangen?“ Ich ſchaute ihn an. „Je nachdem,“ erwiederte ich. „Das habe ich mir auch geſagt.“ 2 „Wer iſt da?“ „Ein hübſcher Junge, mein Herr. 1 „Das iſt ſchon Etwas: ich liebe die hübſchen Ge⸗ ſchter doch es iſt nicht genug.“ „Das habe ich mir auch geſagt.“ Die Worte: Das habe ich mir auch geſagt, waren eine ſprüchwörtliche Redensart eines neuen Be⸗ dienten, Namens Louis, den ich angenommen. „Wenu Sie ſich das geſagt haben, Louis, haben Sie d auch nach ſeinem Namen gefragt?“ 88 ver⸗ 1 ich. „Gewiß, mein Herr.“ „Nun! wie heißt er 3 Auentener eines Schauſpielers. 8 1 „Ah! mein Herr, er heißt nicht.“ „Wie, er heißt nicht?“ „Ei! das iſt kein Name, Herr Guſtave.“ „Herr Guſtave, wer?“ „Das habe ich mir auch geſagt, mein Herr.“ „Sie hätten beſſer daran gethan, es ihm zu ſagen.“ „Ich habe es ihm auch geſagt. Ah! ich habe mir kein Blatt vor den Mund genommen.“ „Und was hat er geantwortet?“. „Er hat geantwortet:„„Sagen Sie Herrn Dumas, ich komme von Rouen, und ich bringe ihm einen Brief von Madame Dorval.““ „Einen Brief von Dorval! Einfältiger! das hätten Sie mir zuerſt ſagen müſſen.“ Und ich lief ſelbſt an die Thüre. „Entſchuldigen Sie, mein Herr!“ rief ich in die Couliſſen,„ich habe einen neuen Kammerdiener, und er kennt meine alten Freunde noch nicht; ich hoffe, Sie werden eines Tages zu dieſen gehören, da Sie von meiner guten Dorval zu mir kommen.“ und ich reichte meine Hand dem jungen Mann, den ich im Schatten nur ſchlecht unterſcheiden konnte. Der junge Mann nahm ſie und drückte ſie treu⸗ herzig.. „Wahrlich, mein Herr,“ ſagte er,„Ihr Empfang ſetzt mich nicht in Erſtaunen, ſo wohlwollend er auch iſt. Madame Dorval verſicherte mich, Sie werden mich ſo empfangen.“ 3 „Sie iſt immer noch in Rouen?“ „Ja, mein Herr.“ „Macht ſie Geld?“ „Sie hat viel Succeß.“ „Das iſt es nicht gerade, was ich Sie frage.“ „Die Zeit iſt nicht ſehr günſtig für die Theater.“ „Ahl Sie ſind ihr Freund... Sie hat mir ge⸗ ſchrieben?“ „Hier iſt der Brief.“ Der junge Mann reichte mir einen Brief, den er nicht zwiſchen dem Daumen und dem Zeigefinger, wie es ein Poſtbote oder ein Handlungsdiener gethan hätte, ſondern zwiſchen dem Zeigefinger und dem Mit⸗ telfinger hielt. Wenn ich einen Menſchen zum erſten Male ſehe, bemerke ich Alles, und das Geringſte fällt mir auf. Die Hand, die mir den Brief reichte, war ſchön, zart, länglich; ſie hatte einen etwas langen Daumen, künſtleriſches Merkmal, feine Fingerglieder, Kennzeichen der Diſtinction in der Kunſt. Dieſe Hand kam aus einem Mantel hervor, der in Falten denen der Draperie einer Bildſäule ähn⸗ lich fiel. Der junge Mann hatte ſeinen Mantel im Vor⸗ zimmer nicht abgelegt; bei einem Anſcheine des Sich⸗ gehenlaſſens, war er alſo ſchüchtern, an ſich zweifelnd, wenig auf ſich vertrauend, da er, trotz des Briefes von Dorval, nur einen Augenblick zu bleiben erwartete. Er ſah, daß ich ihn anſchaute, und richtete mit einer Schulterbewegung zwei gebrochene Falten ſeines Mantels zurecht. Der junge Mann glich einem Bildhauer. Da er einen Augenblick im Vorzimmer hatte war⸗ ten müſſen, ſo hatte er wartend eine Cigarette zwiſchen ſeinen Fingern gerollt; dieſe Cigarette hielt er, wie er einen Bleiſtift gehalten hätte. Ich öffnete den Brief, überzeugt, es ſei dies das beſte Mittel, ſein Gewerbe kennen zu lernen. Und ich las. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich ihn, während ich las, über das Papier anſchaute. Dorval ſchrieb mir, wie folgt: 4 „„Mein lieber Dumas, 4 „„Ich adreſſire an Dich Herrn Guſtave, der in „„Rouen mit mir geſpielt hat...““ Es war ein Komödienſpieler oder vielmehr ein Tragödienſpieler denn aufgeſtellt und drapirt, wie er war, ſchien er nach einer Statue modellirt zu ſein. Und dennoch war in dieſem jungen Mann viel mehr vom Mittelalter, als vom Alterthum, viel mehr vom Jahrhundert von Leo X., als von dem von Perikles. Ich las weiter: „„Es iſt, wie Du ſiehſt, ein ſchöner Charakter⸗ „„ſpieler, voll Unerfahrenheit und vom beſten Willen, „„dem ſein Platz zum Boraus bei der Porte Saint⸗ „„Martin bezeichnet iſt.““ 0 5 Es war in der That ein ſtattlicher Cavalier, in dem Sinne, den man unter Ludwig XIII dieſem Worte gab, mit herrlichen Augen, einer geraden Naſe von ſchönem Verhältniß, langen ſchwarzen Haaren und an⸗ muthigem blaſſem Teint. Der einzige Fehler des ſehr ſchönen Geſichtes war vielleicht eine zu ſtarke Verlängerung des unteren Kinnbackens; doch dieſer Fehler verlor ſich in einem ſchönen ſchwarzen, mit röthlichen Tönen, wie man ſie bei den Bärten von Titian findet, gemiſchten Barte. Er war übrigens groß, trug den Kopf hoch und war ſichtbar gewandt in ſeinem ganzen Körper. Indem ich ihn anſchaute, in ſeiner Hand⸗einen ſpitzigen, breitkrämpigen Filzhut erblickte, vom Filzhute zu ſeinem Geſichte zurückkam, vom Geſichte auf die Tournure überging, war ich ganz erſtaunt, daß ich nicht den Korb eines Schwertes aus den ſo zierlichen Falten ſeines Mantels hervorkommen ſah. „„Was Du auch für ihn thun magſt, er iſt der „„Mann, es Dir dadurch zu erwiedern, daß er Dir „„eines Tages Deine Rollen ſpielt, wie ſie Dir Nie⸗ „„mand ſpielen wird.““ „Teufel!“ murmelte ich,„es iſt wahr, mit dieſem Kopfe und dieſer Tournure kann er es, wenn in dieſem Menſchen ein Körnchen Talent iſt, weit bringen.“ „„Sprich übrigens mit ihm; ſage ihm, er ſoll „„Dir ſein Leben erzählen, und Du wirſt ſehen, daß „„Du es mit einem wahren Künſtler zu thun haſt. „„Deine ſehr gute Freundin „„Marie Dorval.““ 6 „„NS. Gäbe es für ihn in dieſem Augenblicke n„keinen Platz beim Theater der Porte Saint⸗Martin, „„ſo ſuche ihm dadurch nützlich zu ſein, daß Du ihm „„eine Arbeit als Bildhauer oder als Maler ver⸗ „„ſchafff „Ah! Herr Guſtave,“ ſagte ich lächelnd,„Sie ſind alſo Univerſalkünſtler?“ „Es iſt wahr, man hat Alles ein wenig verſucht,“ erwiederte er mit jener Bewegung der Schultern, welche dem Menſchen eigenthümlich iſt, der das Leben unter einem gewiſſen philoſophiſchen Geſichtspunkte zu betrachten pflegt,„Alles, ſogar ein wenig das Seil⸗ tanzen.“. „Sie ſind Gaukler geweſen!“ „Warum nicht? Kean war es wohl.“ „Sie haben Kean geſehen?“ „Ach! nein; doch mit Gottes Hülfe werde ich ihn wohl früher oder ſpäter ſehen: der Canal iſt nicht ſo breit als das Atlantiſche Meer, und London nicht ſo weit als Guadeloupe.“ „Sie ſind auf den Antillen geweſen?“ „Ich komme in aller Eile von dort an.“ „Ich fange an zu glauben, Dorval hat Recht, wenn ſie mir ſagt, ich ſoll Sie bitten, mir Ihr Leben zu erzählen.“ „Ohl das iſt nicht intereſſant, der erſte, der beſte Zigeuner wird Ihnen ſo viel ſagen als ich.“ „Ei! täuſchen Sie ſich nicht: es wäre mir nicht — 7 unangenehm, das Leben des erſten, des beſten Zigeu⸗ ners von ihm ſelbſt erzählt zu hören.“ „Das wird ſehr lang ſein.“ „Haben Sie um eilf Uhr Probe?“ fragte ich lachend. „Leider, nein.“ „Nun! dann haben wir Beide Zeit. Wir früh⸗ ſtücken mit einander, und nach dem Frühſtück erzählen Sie mir das. Ich gebe Ihnen keinen ſo guten Kaffee, als Sie auf Martinique getrunken haben; doch ich gebe Ihnen beſſeren Thee, als Sie irgendwo trinken werden, Caravanenthee, den ich von einer hübſchen Frau aus Petersburg erhalte. Gehen Sie nach Ruß⸗ land, ſo werde ich Sie ihr empfehlen, wie Dorval Sie mir empfohlen hat. Abgemacht, wir frühſtücken mit einander, nicht wahr?“ „Oh! ſehr gern.“ Ich klingelte Louis. Louis trat ein. „Louis, zwei Gedecke, Herr Guſtave frühſtückt mit mir.“ „Das habe ich mir auch geſagt: Herr Guſtave muß mit dem Herrn frühſtücken.“ „Nun! deſto beſſer, dann haben Sie den Tiſch gedeckt und etwas darauf geſetzt.“ „Nein, mein Herr, nein: das hätte ich mir nicht erlaubt.“ „Sie haben Unrecht gehabt... Vorwärts, Louis, geſchwinde; ich habe Probe.“ „Louis ging ab, 8. „Ei!“ fragte mich der junge Mann,„wenn ich mich vor dem Frühſtück eines Eheilad von inzitrin Ge⸗ päcke entledigen würde?“ 5 „Thun Sie das.“ „Muß ich Alles zihlen⸗ 27 „ Alles.“ 1 „Sogar die Dummbheiten?n a aif „Beſonders die Dummheiten! Was die Anderen die Dummheiten nennen, nenne ich das Nittöteske 1,16 „So verſtehe ich es auch.“ Es ſind zwanzig Jahre her, daß mir⸗ die Erzaͤh⸗ lung die Sie leſen ſollen, gemacht worden iſt; wun⸗ dern Sie ſich alſo nicht, mein lieber Leſer, wenn ich mich dem Erzähler ſubſtituire und er ſtatt ich ſage. Seit jener Zeit iſt Herr Guſtave einer der ausge⸗ zeichnetſten Künſtler von Paris geworden. Die Ein⸗ zelheiten, welche hier folgen ſollen, werden alſo, wie wir hoffen, nicht ohne Intereſſe für Sie ſein. finn 11 3 5 1 1 11 411.4 3, AA t — — Herr Guſtave.— Sein Theatername, ſein wahrer Name. 5 Seine Geburt, ſeine Mutter, ſein Vater, ſeine erſte Jugend.— Herr Guſtave hieß nur Guſtave vor den Menſchen; das war ſein Theatername; vor Gott hieß er Etienne Marin. Er war geboren in Caen, in der Rue des Carmes, im Jahre 1808; er zählte folglich 1833, zu welcher Zeit ich ſeine Bekanntſchaft machte, vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahre. Körperlich iſt er dem Leſer bekannt und ich brauche daher ſein Porträt nicht mehr zu gehen. Befragte er ſeine Erinnerungen, ſo ſah er ſich in weiteſter Entfernung in den Armen einer guten Frau mit ſeinem wenigſtens zwei Jahre jüngeren Bruder Adolphe. Die gute Frau und die zwei Kinder ſtanden an einem Krankenbette. In dieſem lag eine Sterbende, die Augen vom Fieber entflammt, die Zähne an einander gepreßt. Sie zog von dieſer Gruppe, die ſie nicht erkannte, eine Weintraube zurück und ſagte mit einem kurzen, abge⸗ ſtoßenen Tone: 4A „Das iſt für meine Kinder! Das iſt für meine Kinder! 1 10 Ein Mann in halb militäriſcher Tracht ſaß auf einer Bank beim Kamin und hielt ſeinen Kopf in ſei⸗ nen Händen. Dieſe Sterbende war die Mutter des kleinen Etienne und des kleinen Adolphe; dieſer Mann war ihr Vater. Wir werden dem Kinde ſeinen Namen Etienne laſſen, bis es ſich ſelbſt umtauft, um den Namen Guſtave anzunehmen. 1 Das Kind hatte keine andere Erinnerung an ſeine Mutter als die, welche ihm in einer Entfernung von zwanzig Jahren durch die Dunkelheit dieſer Nacht des Sterbekampfes erſchien. Doch dieſe Erinnerung war ſo gegenwärtig, daß er, wie er ſagte, nach zwanzig Jahren die Scene hätte zeichnen und ſeine Mutter vollkommen ähnlich machen können. Uebrigens entſann er ſich keines andern Umſtandes mehr, weder der letzten Oelung, noch des Todes, noch der Beerdigung, mochte man ihn nun durch Entfer⸗ nung der Reihenfolge dieſer traurigen Schauſpiele entzogen haben, oder hatte ſie ſein zu ſchwaches Ge⸗ dächtniß entſchlüpfen laſſen, wie die Hand durch die Spalte der Finger Tropfen um Tropfen das Waſſer ablaufen läßt, das ſie aus einem Bache geſchöpft hat. Der Vater, den man nie mit ſeinem Familien⸗ namen, ſondern immer den Vater nannte, war zur Zeit, wo wir ihn erſcheinen ſehen, ein Mann von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, Freiwilliger von 92, Soldat vom Lager von Lune, emſiger Kriegsſchau⸗ ſpieler, der ſeine Rolle bei unſeren erſten Siegen pielte. 1 Er hatte den Dienſt 1806 verlaſſen und ſodann diejenige geheirathet, welche ſo frühe geſtorben war; er beſaß zwei Kinder, von denen das eine ſeiner Mut⸗ 9 1 11 ter bald ins Grab folgen ſollte, von denen das andere unſer Held iſt. Er war ein Mann von hohem Wuchſe, mit ſtar⸗ ker Stimme und mächtigem, durchdringendem Blicke. Er hatte ſchon weiße Haare, aber ſeine Augenbrauen und ſein Bart deuteten, vollkommen ſchwarz, an, daß er noch in der Kraft des Alters. Als er den Dienſt quittirt, erhielt er den Poſten eines Douanier mit einem Gehalte von ſechshundert Franken. Zu jener Zeit waren die Douaniers eine Art von Soldaten: ſie trugen einen grünen Rock, einen dreieckigen Hut, den Säbel an der Seite, den Carabiner auf der Schulter und Piſtolen im Gürtel. Sie mußten, auf den Küſten der Normandie beſonders, jeden Augenblick bereit ſein, Flintenſchüſſe mit den Corſaren und den engliſchen Schmugglern zu wechſeln, welche ihrerſeits immer bereit waren, an unſern Ufern zu landen. Seinen Dienſt, der ſtreng war,— denn er hielt ihn zuweilen acht Tage, zuweilen vierzehn Tage, zu⸗ weilen einen Monat von Hauſe entfernt,— ſeinen Dienſt, ſagen wir, der ſtreng war, und deſſen Pflich⸗ ten er gewiſſenhaft erfüllte, verrichtete er, der Mann, den man nie hatte lachen ſehen, mit einem ewigen Geträller im Munde. Allerdings war das Lied, das er mehr brummte, als ſang, ein gräßliches Lied, wel⸗ ches bei Valmy und Jemappes denjenigen, die es hör⸗ ten, den Tod brachte. Dieſes Lied war die Marſeillaiſe. Als die Bourbonen auf das Kaiſerreich folgten, fuhr der Vater fort, ſein Lied zu ſingen; doch man war ſo ſehr daran gewöhnt, den Einen nicht zu ſehen, ohne das Andere zu hören, daß man nicht da⸗ rauf merkte. Hatte er nicht den Dienſt auf der Küſte, und nach 1815, als der Friede mit England unterzeichnet war, 12 2 wurde ſein Geſchäft minder beſchwerlich,— hatte er nicht den Dienſt auf der Küſte, ſo trug er Sorge für die Kinder, und nie ſorgte eine Kammerfrau oder die Gouvernante von vornehmem Hauſe beſſer für Für⸗ ſtenkinder. Die Kinder waren immer gleich gekleidet; ihre Tracht hatte etwas Militäriſches; ſie trugen Seemanns⸗ jacken mit einer doppelten Reihe von runden Knöpfen, wie ſie die Huſaren haben, dunkelfarbige Beinkleider und Holzſchuhe im Winter, weiße Beinkleider und Halbſtiefel im Sommer.. Nur waren die Holzſchuhe von einer beſonderen Zierlichkeit, welche den Kindern ungemein ſchmeichelte, weil ſie dieſelben von ihren Kameraden unterſchied; das Vordertheil war oben mit einem Stücke Leder, alten Stiefelſchäften entlehnt, bedeckt und mit engli⸗ ſcher Wichſe glänzend gemacht. Es verſteht ſich, daß der alte Grenadier ſeine Wichſe ſelbſt bereitete und ſie aus ihm bekannten Ingredienzien, Wohlthätern und Freunden des Leders, das ſie erhielten und weich machten, zuſammenſetzte. Alle Jahre um Oſtern legten die Kinder die Holzſchuhe ab und bekamen dafür ein Paar neue lederne Halbſtiefel. Dieſe Schuhe mußten bis zum Winter halten. Wie war aber auch der Vater beſorgt für dieſe Jacken mit den meſſingenen Knöpfen, für dieſe Holz⸗ ſchuhe mit ledernem Beſatze, für dieſe an Oſtern neue Halbſtiefel, welche an Allerheiligen abgetragen, aber immer noch glänzend waren. Jeden Morgen war er vor Tagesanbruch auf, Jacken und Beinkleider, Holzſchuhe oder Halbſtiefel wurden aus dem Hauſe getragen, Schuhe oder Halb⸗ ſtiefel gewichſt, Beinkleider und Jackeu gebürſtet, Knöpfe mit der größten Geduld polirt. 4 Alles das glänzte in der aufgehenden Sonne. 13 Dann ließ man die Kinder aufſtehen. Im Winter wie im Sommer ſetzte man ſie ins kalte Waſſer, und mit rother Haut im Winter, mit weißer im Sommer ſchlüpften ſie in ihre Kleider. 4 Gehen wir nun vom Hauptbewohner zum Hauſe über. Das Haus verdient wohl eine beſondere Er⸗ wähnung. Das wird ein Gemälde von Gerhard Dow oder Mieris ſein, welches, wie wir hoffen, geduldig auf einen Stich von Callot warten macht. II. Das Haus des Vaters. Das Innere des Hauſes beſtand aus einer großen Stube und einem Cabinet. Dieſe Stube wurde durch einen ungeheuren Kamin geheizt. Dieſer Kamin war geſchmückt mit einer Pendel⸗ uhr mit einer Zwiebel in der Mitte; auf jeder Seite dieſer Pendeluhr, und die Augen auf ſie geheftet, hockten zwei Löwen von Tannenholz mit krauſen Mähnen, Troddelſchweifen, und einen angenehmen Harzgeruch um ſich her verbreitend. Ein wenig davon entfernt,— die Pendeluhr war immer der Mittelpunkt dieſer Schmückung,— erhoben ſich zwei meſſingene Leuch⸗ ter, glänzend wie Spiegel, und in dieſen Leuchtern waren zwei Kerzen, welche nur ein einziges Mal an⸗ 14 gezündet geſehen zu haben das Kind ſich erinnert; wir werden ſagen, bei welcher Veranlaſſung. Die Garni⸗ tur wurde vervollſtändigt durch eine Flaſche und eine kleine chineſiſche Vaſe. Alles Feuergeräth war von Eiſen und glänzte wie der Lauf des Carabiners und der Piſtolen des Vaters; das Feuergitter war ein Viertelsreif, der einſt als Beſchläge an einem Rade gedient hatte; der Schloſſer hatte ihn in der Schmiede neu bearbeitet, die Löcher durch Hammerſchläge verſtopft, und ihn, ſeine gewölbte Form beibehaltend, damit er allein ſtehen konnte, polirt. Ein ungeheures Bett von Eichenholz hob ſich, von der Thürſchwelle aus, in der Perſpective geſehen, mit ſeinen grünen Sarſchevorhängen von einer Wand ab, welche nie mit einer Tapete bedeckt geweſen und nur mit Sand und Kalk getüncht war. Von Zeit zu Zeit zog eine kleine Muſchel, ein Ueberreſt von einer erloſchenen Welt, die einſt dieſen Sand bewohnt hatte, das Auge der Kinder an, und dieſe beluſtigten ſich damit, daß ſie dieſelbe mit der Spitze eines Meſſers aus der Wand ausgruben und vertilgten. In der andern Ecke, parallel mit dem großen Bette, war das ſchmälere und beſonders kürzere Bett der„zwei Kinder, welche beiſammen ſchliefen. Ein großer Tiſch von maſſivem Mahagoniholz ſtand mitten in der Stube; er war umgeben von Stroh⸗ ſtühlen mit blau⸗ grau angemaltem Geſtell. Zwölf Stühle waren unveränderlich aufgeſtellt: drei um den. Tiſch; ſieben längs der Wand, einer vor einem Se⸗ cretär, an welchem der Vater ſeine Berichte ſchrieb, und einer beim Kamin, einem hölzernen Bänkchen ge⸗ genüber. Wurden dieſe Stühle aus irgend einem Grunde, wegen eines Beſuches, eines Frühſtücks, eines Mit⸗ tagsmahles oder einer einfachen Erfriſchung, verrückt 15 und der Grund war verſchwunden, ſo nahmen die Stühle unveränderlich wieder den gewohnten Poſten ein, und man hätte glauben ſollen, ſie kehren, wie in den Zauberſtücken, von ſelbſt an ihren Platz zurück. Vier Rahmen von ſchwarzem Holze, welche vier Stiche, die Vier⸗Jahreszeiten vorſtellend, ent⸗ hielten, bildeten die artiſtiſche Zierath der vier Wände. Die militäriſche Zierath bildete eine Trophäe aus dem Carabiner, den Piſtolen und dem Säbel des Va⸗ ters beſtehend. Ein großer eichener Schrank vervollſtändigte das Mobiliar. Als die Mutter geſtorben war,— ihr Tod mußte ſich im Jahre 1811 ereignen,— als die Mutter ge⸗ ſtorben war und der Vater den Dienſt auf der Küſte bekam, ſchloß man das Haus, und die zwei Kinder wurden in Penſion zu zwei Demoiſelles gegeben, welche eine Schule in Caen hatten: man nannte ſie Mademoiſelle Meulan und Mademoiſelle Poupinette. Die zwei Kinder, welche hinzukamen, ſchliefen in einem Zimmer mit den zwei alten Jungfern. Doch, wie geſagt, dieſe Abweſenheiten hörten mit dem Kaiſerreiche auf. Der Friede erlaubte den Küſten, ſich ganz allein zu bewachen, oder wenigſtens, ſich mit ihren gewöhnlichen Wachen zu begnügen, und die läng⸗ ſten Dienſtrunden dauerten nur vierundzwanzig, acht⸗ undvierzig, höchſtens zweiundſiebenzig Stunden. Während dieſer Runden brachten die Kinder den ganzen Tag bei den zwei Schullehrerinnen zu; aber man führte ſie am Abend zurück, und ſie ſchliefen in dem großen Bette, was ein Feſt für ſie war. Oft kam der Vater bei Nacht nach Hauſe; doch halb vermöge des guten Schlafes, der der Wiederher⸗ ſtellungsengel der Kräfte der Kindheit iſt, halb ver⸗ 16 0 möge der Vorſichtsmaßregeln, die der alte Soldat, zärtlich wie eine Mutter, nahm, um ſeine zwei Söhne nicht aufzuwecken, bemerkten dieſe die Rückkehr des Vaters erſt am andern Morgen, wenn ſie auf dem Boden die kothige Verlaſſenſchaft des Douanier ſahen; auf dem Mahagonitiſche gewahrten ſie ſeinen Säbel, ſeinen Carabiner, ſeine Piſtolen, und im Bette der„ Kinder den Douanier ſelbſt, deſſen auf einen Stuhl gelegten Beine um anderthalb Fuß über die Matratze hinausgingen und ihnen durch die Vergleichung noch viel größer ſchienen. 1es. 1 Und dann erhoben ſich die Kinder halb nackt, ſtiegen geräuſchlos aus dem großen Bette, näherten ſich dem kleinen und betrachteten mit großen Angen den republikaniſchen Rieſen, erſtaunt, wie jene Bauern von Virgil beim Anblick der gewaltigen Knochen, die die Pflugſchaar aus den fruchtbaren Ebenen zog, welche Schlachtfelder geweſen waren. 3 41 Der Vater war für ſich ſelbſt indevot: er nannte die Prieſter Pfaffen und die Myſterien der Religion Albernheiten. Er ging indeſſen zuweilen in die militäriſche Meſſe und ſchickte regelmäßig die Kinder zum Hochamt. Die Kinder verfehlten nicht, ein Stück geweihtes Brod daraus zurückzubringen. Der Vater legte ſodann ſeine Pfeife auf den Mahagonitiſch oder auf den Secretär, nahm das Brod zart zwiſchen den Zeigefinger und den Daumen der rechten Hand, zog mit der linken Hand ſeine Polizeimütze oder ſeinen Hut ab, machte das Zeichen des Kreuzes mit dem geweihten Brode, ſchob es in ſeinen Mund und verſchluckte es, indem er es ſo wenig als möglich zer⸗ malmte.. Alles dies geſchah in drei Tempi auf militäriſche Doch ſchon waren die Kinder herangewachſen und aus den Händen der zwei alten Jungfern in die eines —— 12- . 2. ehemaligen Unterofficiers übergegangen, der, da er die Tochter eines Profeſſors geheirathet, eine Schule gegründet hatte, wo der Schwiegervater das Latei⸗ niſche und das Franzöſiſche lehrte, während der Schwie⸗ gerſohn Lectionen in der Geographie und in der Ma⸗ thematik gab. An den Abenden, wo der Vater nicht im Dienſte war, gingen Vater und Kinder um acht Uhr im Win⸗ ter und um neun Uhr im Sommer zu Bette, und Alles ſchlief bis zum Tage, der gewöhnlich mit ſeinem erſten Strahle die Augen von Jedermann wieder öffnete.— An den Tagen oder vielmehr in den Nächten, wo der Vater wachte, machten ihm gewöhnlich die Kin⸗ der einen Beſuch in der Wachſtube, welche am Ufer des Fluſſes lag. Um zehn Uhr, manchmal um elf Uhr,— und ſogar um Mitternacht, aus beſonderer Gnade und wenn die Douaniers, die Kameraden des Vaters, ſich an dem Geplauder der zwei Kinder beluſtigten,— ſchickte man ſie zum Schlafengehen nach dem Hauſe, deſſen Schlüſſel man ihnen anvertraute unter der Be⸗ dingung, daß ſie weder Feuer, noch Licht anzünden würden. Die Kinder entfernten ſich ſodann, jedoch mit einem ſichtbaren Widerwillen; ſie baten, in der Wach⸗ ſtube bleiben und auf dem Feldbette ſchlafen zu dür⸗ fen, eine Bitte, die ihnen unbarmherzig abgeſchlagen wurde.. Der Vater führte ſie bis zur Thüre zurück und ſagte zu ihnen:„Geht!“ Die Kinder gingen, ohne daß ſie weiter zu widerſtreben wagten, und der Vater ſchloß die Thüre hinter ihnen. Sie marſchirten Anfangs ſachte, flüſterten leiſe, und ſuchten in den dunklen, nebeligen Nächten eine Abenteuer eines Schauſpielers. 2 18 unentſchiedene Form, die ſich am Himmel zeichnete,— in den vom Monde erleuchteten Nächten, hatten ſie nicht nöthig, etwas zu ſuchen,— dieſe Form hob ſich kräftig oder klar, je nachdem ſie im Schatten oder im Lichte war, vom geſtirnten Azur des Firmamentes ab. Dieſe Form war die eines hohen Thurms, und es geſchah zuweilen, daß die zwei Fenſter ſeiner Spitze, von einem röthlichen Feuer erleuchtet, wie Wehrwolfs⸗ augen glänzten. Die Kinder waren genöthigt, am Fuße dieſes Thurmes vorbeizugehen. Wenn ſie nur noch zwanzig Schritte vom Granit⸗ rieſen, der in der Dunkelheit mit der Majeſtät der un⸗ beweglichen Dinge emporragte, entfernt waren, nahmen ſie ſich bei der Hand und liefen, ohne ein Wort, ohne ein anderes Geräuſch, als das, welches ihrer keuchen⸗ den Bruſt entſchlüpfte, unaufhaltſam bis ſie am Hauſe angekommen waren. Hier erſt blieben ſie ſtehen; der⸗ jenige, welcher den Schlüſſel hatte, ſteckte ihn mit einer zitternden Hand ins Schloß; der Schlüſſel drehte ſich den Riegel ergreifend, die Thüre öffnete ſich, die Kna⸗ ben traten raſch ein, und der Muthigere, das heißt der Aeltere ſchloß die Thüre wieder. Dann kleidete man ſich raſch aus, man legte ſich in einem Nu zu Bette, man ſchwatzte noch einen Au⸗ genblick leiſe; bald aber erloſch das Geplauder und es folgte darauf ein doppeltes Athmen, ſanft und rein, wie das von zwei entſchlummerten Tauben. Warum machte nun dieſer Thurm den Kindern ſo ſehr bange? Was hatte dieſer Thurm Erſchrecklicheres⸗ als jedes andere Gebäude? Woher kam es, daß die zwei Kinder, welche doch ſonſt nicht furchtſam waren, ſo ſtark zitterten und ſo ſchnell liefen, wenn ſie am Fuße dieſes Thurmes vorbeigehen mußten? Wir wollen es ſagen. Dieſer Thurm hieß der Thurm des Amphiteaters; 19 in dieſem Thurme verſammelten ſich, um die Todten der Hoſpitäler von Caen zu ſeciren, die Studenten der Medicin. Die Tradition verſicherte, dieſe glühenden Schüler der Wiſſenſchaft ſtudiren nicht nur in anima vili, ſondern es liefern ihnen auch Entheiliger der Kirchhöfe Todte, die an Krankheiten verſchieden, welche ariſtokratiſcher als die, die den Armen zu treffen pflegen und in den Hoſpitälern herrſchen. Die zwei glänzenden Augen des Thurmes waren entflammt durch das innere Licht, bei deſſen Helle die Studenten arbeiteten. Die ſchwarzen, krächzenden Raben, die ſich vom Morgen bis zum Abend in einem unheimlichen Wirbel um die Spitze des Thurmes drehten, was ſuchten ſie hier? was forderten ſie mit heftigem Geſchrei, wenn man ſie warten ließ? Die Fetzen Menſchenfleiſch, die ihnen ſo reichlich Nahrung lieferten, daß ſie, wenn ſie ihre Tafel auf der Spitze des Thurmes hatten, ihr Futter nicht anderswo zu ſuchen brauchten. Das war es, was den Kindern bange machte, wenn ſie am Fuße dieſes Thurmes vorüberkamen; das ließ ſie bleicher werden; das machte reichlicher den Schweiß von ihren eiskalten Stirnen fließen, be⸗ ſonders wenn ſie auf ihrem Wege einem verſpäteten Arbeiter begegneten, der eine Laſt trug; denn ſie hiel⸗ ten dieſen Arbeiter für einen Todtendieb! denn ſie hielten dieſe Laſt für eine Leiche! Ein Lied der Leute vom Hafen, ein Lied ſo häß⸗ lich, ſo erſchrecklich als die Sache, auf die es ſich be⸗ zog, beſtätigte die Tradition und erhob ſie zum Range der Legende. Dieſes Lied heißt: C'est à l'Amphitéätre Qu'y a des écorcheux, Tant mieux! 20 Qu'ecorchent les bell' dames, Ainsi que les beaux messieux Tant mieux!*) ) Wie der Vater Tag und Nacht die Marſellaiſe trällerte, ſo erwachte dieſes unglückliche Lied der Ecorcheux mit dem Schimmer der erſten Sterne im Geiſte der Kinder, die es, wenn ſie es nicht träl⸗ lerten, wenigſtens beſtändig im Gedächtniß gegenwärtig hatten. Der Aeltere von den Knaben hatte indeſſen ſein zwölftes Jahr erreicht und der Jüngere ſollte ſein zehntes erreichen, als dieſer eines Abends ſich über heftiges Kopfweh beklagte und ſich früher als gewöhn⸗ lich zu Bette legte. 4 Man hielt dieſes Kopfweh für eine Unpäßlichkeit ohne Folge, und man ſchenkte dieſem Umſtande keine große Aufmerkſamkeit. Am andern Tage wollte Adolphe aufſtehen: man ließ ihn gewähren; doch er konnte nur eine Stunde aufbleiben. Nach einer Stunde ging er ganz ſchwankend wie⸗ der zu Bette. Fünf Minuten nachher klapperten ſeine Zähne; er hatte das Fieber. In der darauf folgenden Nacht ſang er das Lied der Ccorcheux. Er hatte das Delirium. Man ließ den Arzt kommen. Der Knabe war von einer Hirnentzündung befallen. Was auch der Mann der Viſſenſchaft that, es 1 war zu ſpät. Am fünften Tage der Krankheit erklärte er dem Vater, jede Hoffnung, das Kind zu retten, ſei verloren. ¹ *) Im Amphitheater gibt es Schinder, deſto beſſer! welche die ſchöͤnen Damen ſchinden, ſowie die ſchönen Herren, deſto beſſer! 21 Der Vater beugte unter dieſem Worte einen Kopf, der ſich nie unter dem Pfeifen der Kugeln gebeugt hatte, wiſchte eine Thräne ab, die einzige, die ihn der kleine Etienne hatte vergießen ſehen, wandte ſich ge⸗ gen die Frau um, welche die zwei Kinder an das Bett ihrer Mutter in jener Nacht geſtellt, wo die Mutter ſelbſt das Delirium gehabt hatte, und ſagte: „Holt den Prieſter.“ Die Frau ging hinaus. Eine Stunde nachher ertönte das Glöckchen der letzten Oelung in der Rue des Carmes, die Thüre der großen Stube öffnete ſich und entblößte das kleine Bett der Kinder, beleuchtet durch die zwei jungfräuli⸗ chen Kerzen vom Kamine, welche die eine am Haupte, die andere am Fuße des Bettes in ihren großen meſſingenen Leuchtern, von denen jeder auf einem Stuhle ſtand, brannten. Es war Abends neun Uhr; das Fieber hatte das Kind verlaſſen und dieſes ſchien eingeſchlafen zu ſein. Der Prieſter trat ein, gefolgt von zwei Chorkna⸗ ben, welche Kerzen trugen, und vom Kirchendiener, der das Kreuz trug. Hinter ihnen ging jener fromme Theil der Ein⸗ wohnerſchaft, der immer bereit iſt, ſeine Gebete ans Bett der Sterbenden zu bringen. Der Vater nahm ſeine Mütze ab, als er den Prieſter, die Chorknaben und den Kirchendiener er⸗ blickte, kniete nieder und ließ Etienne an ſeine Seite knieen. Die heilige Ceremonie ging in Erfüllung; die Füße und die Stirne des Sterbenden wurden mit dem Chriſam geſalbt; hienach entfernte ſich der Prieſter, wie er eingetreten war, gefolgt von den Chorknaben und den zwölf bis fünfzehn Gläubigen, welche für das Kind um einen glücklichen und leichten Uebergang von dieſer Welt in jene gebetet hatten. 22 Die Thüre ſchloß ſich wieder hinter dem Letzten von ihnen. Der Vater und der Bruder blieben allein bei dem Sterbenden. Der Vater ſtand ſodann auf, löſchte die zwei Kerzen aus, ſtellte die Leuchter wieder auf den Kamin an ihren gewöhnlichen Platz, und ſetzte ſich auf das Bänkchen dem Feuer gegenüber, das allein noch die Stube erleuchtete. Der kleine Etienne ſetzte ſich zu ſeinem Vater. Der Vater ſtützte ſeine Ellenbogen auf ſeine Kniee und verſenkte ſeinen Kopf in ſeine Hände; ſein Geſicht war verſchleiert wie das von Agamemnon. Das Kind ſaß, die Hände auf ſeinem Schooße aus⸗ geſtreckt, da. Der Wiederſchein des Herdes beleuchtete dieſe zwei wie Statuen unbeweglichen Geſtalten und ſpielte zit⸗ ternd an der Wand gegenüber. Nur dehnte er ſich nicht weit genug aus, um die Finſterniß der Ecke zu zerſtreuen, in der das Bett des Kindes ſtand. Alles ſchwieg in der Stube, wo der doppelte Schmerz wachte. Man fühlte, daß der Tod nicht mehr fern war. Plötzlich, unter dieſer unheimlichen Stille, erhob ſich ein ſanftes, liebkoſendes, klares Stimmchen, vom Bette herkommend. Es war die Stimme des Kindes. „Vater,“ ſagte ſie mit einem Ausdrucke der Angſt, der ſich nicht ſchildern läßt,„ſprich, die Schinder vom Amphitheater, welche die ſchönen Herren und die ſchö⸗ nen Damen ſchinden, ſchinden ſie auch die kleinen Kna⸗ ben wie mich?“ Etienne ſchauerte und fing an zu weinen. Der Vater ſtand auf, und die Hand an der Kehle, als hätte er eine unſichtbare Zange davon entfernen 23 wollen, ſank er auf das Bett des Kindes und er⸗ wiederte: „Nein, nein, mein Kind, ſei ruhig! überdies wache ich über Dir.“ „Ich danke, Vater,“ ſagte die ſanfte Stimme des Kindes. Das waren die letzten Worte, die Etienne ſeinen Bruder ſprechen hörte. Eine Stunde nachher fing der Sterbende an zu röcheln. „Geh zur Tante,“ ſagte zu Etienne der Vater, der nicht wollte, daß er Zeuge vom Todeskampfe und vom Tode ſeines Bruders ſein ſollte. Das Kind gehorchte, ohne ein Wort zu erwiedern. Zum Glück brauchte man, um zur Tante zu gehen, nicht am Fuße des Thurmes zu paſſiren. Nach dem, was Etienne ſeinen Bruder hatte ſagen hören, würde er eher die Nacht auf der Thürſchwelle zugebracht, als dem Granitrieſen getrotzt haben. Er lief zu ſeiner Tante und erzählte, was vorge⸗ fallen war. Der Vater war beim Kinde geblieben. Gott allein wohnte als Dritter dem Todes⸗ kampfe bei. Am andern Tage, gegen Mittag, wurde die Thüre der Tante geöffnet.. Der Vater erſchien auf der Schwelle. Er war bleich und ſtumm. Er ſchloß langſam und leiſe die Thüre; dann ſetzte er ſich, immer ſtill, in einen Winkel. Niemand wagte es, ihn zu fragen. Endlich wandte ſich der kleine Etienne gegen ihn und ſagte: „Vater, wie geht es meinem Bruder?“ „Beſſer,“ antwortete der alte Soldat mit einer Stimme, deren Ausdruck ſich nicht beſchreiben läßt. 24 Das Kind war todt. Am zweiten Tage fand die Beerdigung auf einem kleinen äußeren Friedhofe ſtatt, der viel mehr zur Bannmeile, als zur Stadt ſelbſt gehörte. Es waren wenig Leute da. Der Vater, der Bru⸗ der, die Tante und drei bis vier gute Seelen, deren Gebete ſich allen Schmerzen weihen, ſodann die Doua⸗ niers, die Kameraden des Vaters. Der Prieſter, die zwei Chorknaben und der Kir⸗ chendiener, welche zwei Tage vorher dem Kinde die letzte Oelung gebracht hatten, gingen an der Spitze des Zuges. Man weiß, mit welcher Geſchwindigkeit die Ge⸗ bete auf dem Grabe der armen Leute geſprochen werden. Der Prieſter ſprach dieſe Gebete, ſprengte mit dem Wedel ein paar Tropfen Weihwaſſer auf den Sarg, gab den Wedel den Umſtehenden und entfernte ſich mit den Chorknaben und dem Kirchendiener. Die Anweſenden defilirten längs dem Grabe, reich⸗ ten ſich nach und nach den Wedel und ſchüttelten ihn Einer nach dem Andern. Gegen die Gewohnheit blieb der Vater bis zuletzt. Der kleine Etienne wollte bei ihm bleiben; doch der Vater ſagte ein paar Worte leiſe zu einem Doua⸗ nier, und dieſer führte ihn fort. Es war auf dem Friedhofe nur noch der in die Tiefe des Grabes gelegte Leichnam und auf beiden Seiten des Loches der Vater und der Todtengräber. Der Todtengräber ſchickte ſich an, die erſte Schau⸗ fel voll Erde auf den Sarg rollen zu laſſen. Der Vater hielt ihn zurück. „Was gibt es?“ fragte der Todtengräber. „Es iſt eine letzte Vorſichtsmaßregel zu treffen.“ „Welche?⸗ 25 „Steige ins Grab hinab, hebe den Deckel vom Sarge auf.“ „Aber, Herr...“ „Thu, was ich Dir ſage.“ Der Todtengräber glaubte, dieſer Vater, der ſeine Frau und ſein Kind verloren, wolle ſein Kind zum letzten Male ſehen. Er ſtieg ins Grab hinab, hob den Deckel vom Sarge auf und ſchob das Leichentuch auf die Seite. Das Kind war weiß wie Alabaſter. „Oeffne nun die Bruſt des Kindes mit Deinem Meſſer.“ Der Todtengräber ſchaute ganz erſchrocken empor. „Thu, was ich Dir ſage,“ wiederholte der Vater mit einem immer mehr gebieteriſchen Tone. Der Todtengräber gehorchte. Eine lange Wunde war bald vom Bruſtbein bis zum Nabel geöffnet. „Nun?“ fragte der Todtengräber. „Nun,“ erwiederte der Vater, indem er eine Flaſche aus jeder von ſeinen Taſchen zog,„nun leere in die Bruſt dieſe zwei Flaſchen Vitriol. Ich habe keine Luſt, den Körper meines Sohnes von den Leichen⸗ dieben, um ihn an die Schinder zu verkaufen, ſtehlen zu laſſen.“ Der Todtengräber nahm die zwei Flaſchen und leerte ſie in die Bruſt des Kindes; er überließ es ſo⸗ dann der ätzenden Flüſſigkeit, ihr Zerſtörungswerk zu vollbringen, und ſchickte ſich an, das Grab zu füllen. Doch der Vater hielt ſchon den Spaten, ſchob den Todtengräber mit der Hand zurück und ſagte: „Das iſt meine Sache.“ Und er füllte das Grab, auf dem er umhertrat, bis es zum Niveau des Bodens geebnet war. Sodann entfernte er ſich mit geſenktem Kopfe und die Arme gekreuzt, ohne ein Wort zu ſagen. Einen Monat lang wachten die Douaniers der 26 Brigade der Reihe nach auf dem Friedhofe, aus Furcht, die Leichendiebe könnten den Leib des Kindes ſtehlen, um ihn an die Schinder zu verkaufen. 3 III. Die Erziehung des kleinen Etienne.— Die Zeichenelaſſe. — Die Bildnerſchule.— Ein erſter Preis.— Väterliche Belohnung.— Die Reiter.— Die Gaukler. Ohne daß der Vater eine Klage von ſich gab, ohne daß er eine Thräne vergoß, ohne daß ſich etwas in ſeinem Leben geändert zu haben ſchien, war ſein Schmerz ſo tief, daß ſich der kleine Etienne vorſtellte, ſein Vater wolle ſich tödten; er ſchloß ſich deshalb ſeinen Schritten an, folgte ihm überall, wohin er ging, und verließ ihn eben ſo wenig, als ſein Schatten. Er wußte nicht, daß ſich ein Vater nicht den Tod gibt, ſo lange ihm ein Kind bleibt, dem er das Leben gegeben hat. Erſt nach ſechs Wochen oder zwei Monaten be⸗ ruhigte ſich das Kind allmälig. Uebrigens ſprach der Vater nie von dem Abwe⸗ ſenden. Man würde geglaubt haben, es ſei ihm nur ein einziger Sohn geboren worden, hüätten ſich nicht von Zeit zu Zeit ſeine Augen mit einem tiefen Schmerz auf das Bett, wo der kleine Adolphe den letzten Seuf⸗ zer ausgehaucht, geheftet. Doch nach und nach nahm Alles im Hauſe wieder den gewöhnlichen Gang an, und der kleine Etienne 5. len, 27 ſtellte ſich vor, ſein Vater fange an zu vergeſſen, weil er ſelbſt vergaß. Im folgenden Jahre war das Gras auf dem Grabe gewachſen. Und welches Auge, das eines Va⸗ ters und einer Mutter ausgenommen, weiß, was unter dem Graſe eines Grabes iſt? Etienne war allerdings allein geblieben; doch mit der Einſamkeit war bei ihm der Geſchmack für das Leſen gekommen. Während der langen Abende des Winters von 1821 auf 1322 blieb er zu Hauſe und las entweder die Romane mit blauen Decken, die Je⸗ den von uns an die erſten Tage unſerer Jugend erin⸗ nern, oder die Reiſeerzählungen, die man hätte beluſti⸗ gend machen können mit der Hälfte des Talents, das man gebraucht hat, um ſie langweilig zu machen. Dieſe Erzählungen von Fahrten nach den neuen Welttheilen gaben ihm den Gedanken ein, Seemann zu wer⸗ en; da aber die erſte Bedingung, welche die Natur für das Gewerbe eines Seemanns ſtellt, die iſt, daß er das Meer ertragen kann, ſo beſchloß man, Etienne ſollte bei der erſten Fahrt ſein, die ſein Vater mit dem Wachſchiffe machen würde. Von dem Augenblick, wo das Wachſchiff den Fluß verließ, bis zur Minute, wo es in denſelben zu⸗ rücklehrte⸗ erbrach ſich der zukünftige Seemann unab⸗ äſſig. Der Vater, dem es ziemlich anſtand, daß der kleine Etienne Seemann würde, hielt ſich nicht für geſchlagen in der Perſon ſeines Sohnes. Man machte einen zweiten Verſuch, doch der zweite Verſuch war noch unglücklicher, als der erſte. Das erſte Mal hatte ſich das Kind nur bis zur Galle erbrochen; das zweite Mal erbrach es ſich bis zum Blute. Diesmal beſchloß man, etwas Anderes zu ſuchen. Doch es war ſchwierig, etwas Anderes zu finden. Die Erzählungen des Vaters, ſo kurz ſie waren, 28 die Reiſeberichte von Laharpe, ſo wenig anziehend ſie ſind, hatten in den Geiſt des Kindes einen wahren Beruf für die herumſchweifende Lebensart infiltrirt. Man ſchlug ſeinem Vater vor, ihn Soldat werden zu laſſen. Er ſchüttelte den Kopf. Er war der Meinung, es ſei erlaubt, Soldat zu werden, wenn Krieg ſtattfinde: der einzige Reiz des Soldatenlebens ſei die Gefahr, getödtet zu werden; in Friedenszeiten aber ſei der Soldatenſtand ſeiner Anſicht nach der letzte der Stände. Es gab einen Stand, der den Knaben noch viel mehr anlockte, als der des Seemanns oder des Sol⸗ daten: das war der Gauklerſtand. Ah! wir müſſen es ſagen, der ganze Ehrgeiz des kleinen Etienne mit vierzehn Jahren war, in einem rothen Rocke die Trommel vor dem Eingange einer Bude zu ſchlagen, oder im Innern auf dem Seile zu tanzen oder den großen Sprung zu machen. Der Kunſtreiterſtand lockte ihn auch ſehr an. Es war äußerſt verführeriſch, den Damen Küſſe zuſendend auf einem Pferde zu ſtehen, oder durch Papierreife zu ſpringen, um jenſeits derſelben mit beiden Knieen auf den Sattel zu fallen. Mehr als Alles dies aber hätte der Knabe ge⸗ wünſcht, Schauſpieler auf einem wahren Theater zu werden. Nur ſchien ihm dieſer Ehrgeiz zu den über⸗ menſchlichen Aſpirationen zu gehören. Von dieſen mächtigen Hinneigungen zur Zigeu⸗ nerei wagte man es indeſſen nicht dem Vater etwas zu ſagen. Dabei hatte der Knabe eine Art von Laufbahn begonnen, gegen welche er durchaus keinen Widerwillen hegte, obgleich ſie in ſeiner Schätzung nach der des Seiltänzers, des Kunſtreiters oder des Schauſpielers kam. 1 29 Er hatte in der Zeichenſchule der Stadt zu zeich⸗ nen angefangen. Der Gedanke, ihn in dieſe Schule zu geben, war dem Vater alſo gekommen: In dem Jahre, das auf den Tod des kleinen Adolphe folgte, bewohnte man im Sommer eine Ba⸗ racke am Ufer des Meeres. Der Douanelieutenant hatte eine ungeheure Tabacksdoſe, auf deren Deckel ein kleines Bild: der Grenadier von Waterloo ange⸗ bracht war. Alle Männer meines Alters erinnern ſich von 1820 bis 1825 an allen Schaufenſtern der Bilderhänd⸗ ler eine Lithographie geſehen zu haben, die einen Grenadier vorſtellte, der ſeine Fahne auf ſeiner Bruſt hielt und, einen Säbel über ihm ausſtreckend, einen am Kopf verwundeten Kameraden vertheidigte, welcher ihn mit beiden Armen umſchlang. Dies nannte man den Grenadier von Wa⸗ terloo. Der Lieutenant war ſo glücklich, auf ſeiner Ta⸗ backsdoſe eine Verjüngung von dieſem Bilde zu beſitzen. Der kleine Etienne mühte ſich dergeſtalt bald mit einem Bleiſtift, bald mit einer Feder ab, daß es ihm gelang, etwas zu machen, was einer Copie des Gre⸗ nadiers von Waterloo glich. „Man muß dieſen Burſchen in die Zeichenſchule der Stadt ſchicken,“ ſagte der Lieutenant;„er hat die ſchönſten Anlagen.“ Und bei ſeiner Rückkehr nach der Rue des Car⸗ mes wurde dieſer Rath vom Vater befolgt. Doch trotz der Prophezeiung des Lieutenants, trotz des guten Willens von Seiten des Jünglings, machte dieſer keine Fortſchritte. Er blieb ganze Stunden vor Naſen, Augen und Ohren, welche zehnmal größer, als in der Natur, und ſeine Naſen waren immer die buckeligſten, ſeine Ohren 30 immer die ungeſtaltetſten, ſeine Augen die ſchielendſten der ganzen Claſſe. Die Knaben arbeiteten am Abend, denn man durfte ſie nicht den Geſchäften entziehen, die ſie am Tage trieben: ſie ſaßen in zwei Reihen, beleuchtet durch zweiarmige Lampen, welche über ihrem Kopfe hingen. Ueberdies hatte Jeder ein mit einem Schirme bedecktes Licht, nach der Art derjenigen, welche die Orangenhändler auf dem Boulevard haben. Nach einer halben Stunde, die ſie dazu anwand⸗ ten, daß ſie ihr Papier mit Kreide ſchwärzten und mit⸗ Brodkrume wieder weiß machten, trat der Profeſſor ein. Der Profeſſor hieß Herr Elouis. Er trat mit einer würdevollen Miene, den Hand⸗ leuchter in der Fauſt, die Brille auf der Naſe, ein, blieb vor dem Pulte jedes Zöglings ſtehen und machte laut ſeine Betrachtungen. Für den jungen Etienne aber, deſſen Hände im⸗ mer die ſchwärzeſten waren, deſſen Papier immer am fetteſten ausſah, hatte er nur drei Ausrufungen, immer dieſelben und in der vom Schmerze zur Verzweiflung aufſteigenden Tonleiter geſetzt. „Ah! mein Herr! ahl mein Herr!! ah! mein Herr!! 1“ Und er ging weiter. Dieſe drei Ausrufungen ermuthigten den Knaben ganz und gar nicht. Er blieb indeſſen bis zum Ende des Jahres in der Zeichenclaſſe. Um ſeinen Tag niützlich zu verwenden und ihn eine Arbeit zu lehren, ſchickte man ihn zu einem Bild⸗ ſchnitzer. Dieſer Bildſchnitzer machte hauptſächlich für die Tiſchler jene großen Schränke mit Tauben, welche die Bürger und die reichen Leute der Normandie ihren dſten man am chtet opfe irme die and⸗ mit ein. und⸗ ein, chte im⸗ am mer ung dein ben der ihn ld⸗ die die ren 31 Kindern, wenn ſie dieſelben verheirathen, als Symbole der Zärtlichkeit und der Einigkeit geben. Der Knabe griff ziemlich gut bei der Bildſchnitze⸗ rei an. In Folge hievon, da es zwei Curſe gab, einen für die Sculptur, einen für das Zeichnen, ließ man am Neujahr den kleinen Etienne vom Zeichnen zur Bildnerei übergehen. Dieſer Bildnercurſus wurde von einem Italiener geleitet, einem Manne von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, der ſehr ſchön und beſonders voll artiſtiſcher Würde: er trug den Kopf hoch und ſchüttelte von Zeit zu Zeit herrliche Haare; in ſeinem ganzen Weſen war etwas Großartiges, Poetiſches, wie bei François Arago im Mannesalter. Er war zugleich Bildner, Zeichner, Architekt und Muſiker und hieß Odelli. Er war nach Caen gekommen, um eine Kapelle der Jungfrau geweiht bei der St. Peterskirche auszu⸗ führen. Als die Kapelle vollendet war, machte ihm der Municipalrath den Antrag, in Caen als Profeſſor der Sculptur und Architektur der Stadt zu bleiben. Er nahm dies an. Herr Odelli leitete alſo den Bildnercurſus parallel mit Herrn Elouis, der den Zeichencurſus leitete. Wir ſagen parallel, weil die zwei Säle parallel waren. Am 1. October 1823 erſchien alſo der kleine Etienne in der Claſſe von Herrn Odelli. „Woher kommen Sie?“ fragte ihn dieſer. „Von Hauſe, mein Herr,“ antwortete Etienne. Der Italiener lächelte. „Ich frage Sie das nicht; ich frage, ob Sie ſchon ſtudirt haben?“ „Ich habe acht Monate den Zeichenunterricht von Herrn Elouis mitgemacht.“ 1 32 „Kommen Sie mit mir.“ Der Italiener führte den Knaben in ein Cabinet, wo die Cartons von Modellen waren, gab ihm einen Stich, der ein Bruchſtück von einem antiken Capitäl vorſtellte, und fragte: „Fühlen Sie ſich fähig, dies zu machen?“ „Ja, mein Herr;“ antwortete entſchloſſen der Knabe. „So kommen Sie morgen und nehmen Sie hier einen Platz.“ Und der Profeſſor bezeichnete dem Knaben einen Tiſch und einen Stuhl. Ohne Zweifel wollte er, daß ſein neuer Zögling ſeine Arbeit in der Einſamkeit ausführe, damit er, wenn Niemand da wäre, um ihn mit dem Bleiſtifte oder einem Rathe zu unterſtützen, beſſer den Werth ſei⸗ ner Compoſition beurtheilen könnte. Am andern Tage kam der kleine Etienne vor der beſtimmten Stunde; ſobald er aber dem Bilde gegen⸗ über ſaß und in den Kampf mit der Schwierigkeit trat, fühlte er den Schweiß zu ſeiner Stirne ſteigen: er war vollkommen unfähig. Zum Glück war er allein. Da er die Zeichnung nicht copiren konnte, ſo machte er einen Abdruck davon. Kaum hatte er dieſe Arbeit vollendet und gewiſſe Theile daran zu ſchattiren angefangen, als er die Thüre öffnen und wieder ſchließen hörte. Er wagte es nicht, den Kopf zu drehen. Tritte näherten ſich ihm. 1 Er verhielt ſich ſtill. Eine Hand legte ſich auf ſeine Schulter. Er wartete. „Das iſt ſehr gut, mein Freund,“ ſprach die Stimme von Herrn Odelli,„vortrefflich im Gefühle! „Kommen Sie, ich will Ihnen etwas Anderes geben.“ 33 Der Knabe fing nun erſt an zu athmen. Herr Odelli beſchäftigte ſich von dieſem Augen⸗ blicke an ganz beſonders mit dem kleinen Etienne, und trotz der häufigen Schwänzereien des Knaben, trotz ſeiner Beſuche bei den Seilentänzern an der Oſtermeſſe, wurde er für den erſten Preis beſtimmt. Die Austheilung der Zeichen⸗ und Sculpturpreiſe iſt eine große Feierlichkeit in einer Provinzſtadt. Der Maire iſt da, der Municipalrath iſt da, die Muſik iſt da, die Trommeln ſind da. Der Vater war auch da. Man rief den kleinen Etienne auf. Er trat vor, dem Weinen nahe, ſo ſehr ergriff dieſe Feierlichkeit ſein ganzes Herz. Der Maire ver⸗ kündigte ſeinen Namen und umarmte ihn; der Beifall erſcholl; die Muſik ſpielte Oà peut-on ôtre mieux; die Trommeln wirbelten. Der Knabe ging, mit ſeinem Lorbeerzweige in einer Hand, mit ſeiner ſilbernen Medaille in der an⸗ dern, nach Hauſe an der Seite ſeines Vaters; da rief dieſer, ſich beſinnend, plötzlich: „Gut! und ich habe Herrn Odelli nicht gedankt.“ „Ah! das iſt wahr.“ „Gehe nach Hauſe und erwarte mich.“ Der Knabe zog ſeines Weges nach der Rue des Carmes und der Vater kehrte nach dem Stadthauſe zurück. Es war da dem Vater ein ſchlimmer Gedanke ge⸗ kommen. Herr Odelli wußte ihm Dank für das Gefühl, doch er geſtand ihm, nach ſeinem Gewiſſen habe der kleine Etienne den Preis nur bekommen, weil kein Stärkerer da geweſen ſei; er fügte indeſſen bei: „Ahl wenn der kleine Menſch arbeiten wollte...“ „Wie!“ rief der Vater,„er arbeitet alſo nicht?“ Abenteuer eines Schauſpielers, 3 34 „Er arbeitet, gewiß, bei Gott!... es muß wohl ſehl Jedermann arbeiten; doch er könnte mehr arbeiten.“ und „Was macht er denn?“ „Ah! fragen Sie das die Reiter vom Cireus oder die Seiltänzer vom großen Platze, für die er men Coſtümzeichnungen macht.“ „Sehen Sie, der Burſche! Man hat mir das ge⸗ ſagt... Er ſoll es mir bezahlen!“ men „Aber, mein Herr, heute...“ „Ahl es gibt kein heute. Zum Glück weiß ich, lier⸗ wo er zu finden iſt... ſeien Sie unbeſorgt.“ Und der Vater lief nach der Rue des Carmes. hab Der Knabe war beſchäftigt, ſeinen Lorbeerzweig zwiſchen dem Carabiner und den Piſtolen ſeines Vaters ſie durchzuſchlingen. mel Der Vater kam nach Hauſe und ſah denjenigen, welchen er ſuchte, auf einem Gerüſte hockend, das er ſich aus dem Mahagonitiſche und einem Stuhle ge⸗ zu! macht hatte. Caer Er nahm ein Lineal, das er hinter ſeinem Rücken verbarg, und näherte ſich dem Tiſche. Doch der Knabe hatte geſehen, was er gemacht, chen und zwar nicht ohne Bangigkeit. als „Vater,“ ſagte der Knabe.„ſiehſt Du, wo ich mmeinen Lorbeerkranz angebracht habe?“ Ode „Sehr gut. Steige herab.“ „Wozu?“ Art „Du wirſt es erfahren, wenn Du auf dem Boden theil biſt.“ Wol Aber, Vater...“ hole „Steige herab.“ genr „Aber, Bater...“ beſa „Wirſt Du herabſteigen!“ tigke „Hier bin ich, Vater.“ zu il Der Vater packte ihn beim Kragen ſeiner Jacke, Etie oden Facke, 3⁵ ſchlug ihn mit dem Lineal auf die fleiſchigen Theile und rief: „Ha! Kerlchen!“ „Aber, Vater, ich habe den großen Preis bekom⸗ men! Aie!“ „Ha! Faulenzer!“ „Aber, Vater, ich habe den großen Preis bekom⸗ men... Aie! aie!“ „Ich will Dich Deine Zeit mit den Reitern ver⸗ lieren lehren!“ „Aber, Vater, da ich den großen Preis bekommen habe... Aie! aiel aie!“ In demſelben Augenblick hörte man, als ſollte ſie dieſe Ausrufungen im Tenor begleiten, eine Trom⸗ mel raſſeln. Dann rief eine Baßſtimme: „... Um die Ehre zu haben, Herrn Etienne zu begrüßen, der den erſten Sculpturpreis der Stadt Caen erhalten hat. Rantamplan,— rantamplan,— rantamplan. Der junge Belorbeerte vergaß nie dieſes Ständ⸗ chen und die ſeltſame Poſition, in der er ſich befand, als es ihm gegeben wurde. Er hegte indeſſen keinen Groll gegen Herrn Odelli. Wie der Vater, wenn er eine Correction in der Art derjenigen, welche der Belorbeerte empfangen, er⸗ theilte, bei jeder Erneuerung:„Es iſt für Dein Wohl, für Dein Wohl, für Dein Wohl!“ zu wieder⸗ holen pflegte, ſo hatte das Kind die Gewohnheit an⸗ genommen, dieſelben Worte zu wiederholen; und es beſaß ein ſolches Vertrauen zu der correctiven Gerech⸗ tigkeit ſeines Vaters, daß es, wenn die Gevatterinnen zu ihm ſagten:„Nun! Dein Vater hat Dich geſchlagen, Etienne?“ nur antwortete: „Es iſt für mein Wohl!“ 36 Die Prügelſuppe trug ihre Früchte: der Knabe ging mit größerem Eifer zur Arbeit. Es kam die Oſtermeſſe. Sie kehrte alle Jahre wieder, und ſie währte vier⸗ zehn Tage officiell und vierzehn weitere Tage ge⸗ uldet. Zum Unglück hatte der Vater den außerordentli⸗ 2 chen Dienſt. Welch eine ſchöne Gelegenheit, um als Kunſtrei⸗ ter oder als Seiltänzer zu debutiren! Der junge Mann fing mit der Equitation an. Etienne erreichte eben das ſechzehnte Jahr: er war ſchon groß wie Vater und Mutter, zu groß für die ſtehende Arbeit. Man verwandte ihn beim Voltigiren. Während er nun über ein Pferd zu ſpringen ver⸗ ſuchte, hing ſich ſein Fuß am Kreuze an, und er fiel auf der andern Seite auf den platten Bauch.* Dieſer einzige Sturz genügte, um den jungen Reiter von der Cquitation zu heilen, wie eine einzige Fahrt auf dem Wachſchiffe genügt hatte, um den See⸗ mann vom Meere zu curiren. Er ging in die Bude nebenan. Sie gehörte dem großen Gringalet von Rouen, das heißt, einer der Provinzeelebritäten jener Zeit. Drei Tage hinter einander figurirte er in einer Pantomime als Brantdiener. Er befeſtigte die Blu⸗ mengewinde am Hauſe der Braut. Alles dies brachte ihn ein wenig von der Seulp⸗ turſchule ab. 1 „Was Teufels machen Sie denn mit Ihrer Zeit?“ fragte Herr Odelli. „Mein Herr,“ erwiederte der Komödienlehrling, „mein Meiſter beſchäftigt mich damit, daß er mich Ar⸗ beit austragen läßt.“ 1 Ah!“ 37 Eines Tags wiederholte Herr Odelli zum zehnten Male dieſelbe Frage, und zum zehnten Male erhielt er dieſelbe Antwort. „Nun! wohl!“ ſagte der Profeſſor, der vielleicht etwas vermuthete und zu ſeinem Schmerz einen Zög⸗ ling voller Anlagen ſich von ihm entfernen ſah;„nun wohl! das erſte Mal, wo man Sie wieder Arbeit aus⸗ tragen heißt, laſſen Sie mich doch dieſe Arbeit ſehen, damit ich durch mich ſelbſt beurtheile, was Sie ma⸗ chen, wenn ich nicht da bin, um Sie zu leiten.“ Es war nicht möglich, zurückzuweichen, überdies hatte die Meſſe ihr Ende erreicht, und Kunſtreiter und Seiltänzer waren abgezogen. Das erſte Mal, da der junge Mann,— denn die Zeit ſchritt weiter und allmälig wurde der kleine Etienne zum jungen Manne,— das erſte Mal, da der junge Mann ausging mit einem Schrankaufſatze zwei Tauben vorſtellend, die ſich in einem Myrtenkranze ſchnäbelten, brachte er dieſe Schnitzarbeit Herrn Odelli. Herr Odelli ſchaute die zwei Tauben aufmerkſam an und rief nach einem Augenblick: 1 „Das iſt abſcheulich!“ 8 „Sie finden?“ fragte der Schüler. „Sie dürfen nicht einen Tag länger bei einem ſolchen Pfuſcher bleiben.“ „Was ſoll ich dann thun?“ „Sie müſſen nicht mehr zu ihm gehen.“ „Der Vater will aber, daß ich zu ihm gehe.“ „So laſſen Sie ſich von Ihrem Meiſter vor die Thüre werfen.“ 4 „Wirft mich mein Meiſter vor die Thüre, ſo wird mich mein Vater ſchlagen.“ „Laſſen Sie ſich ſchlagen:“ Dieſe Antwort dünkte dem jungen Maune heroiſch; ſie erinnerte ihn an das: Schlage, aber hörel des athenienſiſchen Feldherrn. Nur war es Themiſtokles . 38 ſelbſt, den man ſchlug, und nicht ſein Nebenmenſch, was der Antwort etwas Großartigeres gab. Der junge Mann dachte nichtsdeſtoweniger über das: Laſſen Sie ſich ſchlagen! nach. Eines Tags erſchien er bei ſeinem Meiſter, ent⸗ ſchloſſen, Allem Trotz zu bieten. Es iſt vielleicht weſentlich, zu ſagen, was ihm am Tage vorher begegnet war, und was ihm den Muth gab, der väterlichen Ruthe zu trotzen. IV. Taufe und Weihe von Etienne. Man vernehme, was ſich am vorhergehenden Tage ereignet hatte. Am Tage vorher,— als er müßig herumſchlen⸗ derte,— wir haben zugeſtanden, daß der junge Eitienne viel herumſchlenderte,— als er am Tage vpoorher auf dem Komödienplatze herumſchlenderte, von ffern das Monument, von nahe die Anſchlagzettel an⸗ ſcchaute, ſah ſich der Zögling von Herrn Odelli vor einem Gäßchen, das zwiſchen einer von den Seiten⸗ e des Theaters und einem Klumpen Häuſer durch⸗ ief. 8 Er trat in das Gäßchen ein; Alles dies, begrei⸗ fen Sie wohl? einzig und allein in Abſicht, ſich an Steinen zu reiben, welche Komödie ſpielen hörten. Sie kennen das Sprüchwort:„Die Wände haben Ohren.“ mu uᷓ d d¼ 39 Links fand der junge Etienne einen Eingang ſo düſter wie der der Höhle von Ali Baba. Schlüpfriger Boden, feuchte Wände, Waſſertro⸗ pfen diamantene Rinnen die Mauern entlang ziehend, nichts fehlte. 1n Der Hausmeiſtey, der ſich gewöhnlich hier auf⸗ hielt, war nicht da. Der ſchwarze Rachen der Höhle ſchien ihn ver⸗ ſchlungen zu haben. 4 Der junge Mann wagte es, drei Stufen hinabzu⸗ ſteigen, dann zwanzig hinauf, wobei er das Licht hin⸗ ter ſich ließ und ſich bei jedem Schritte, den er machte, immer mehr in die dichteſte Finſterniß ver⸗ tiefte. f Oben auf der Treppe drückte er eine Thüre auf: dieſe Thüre ging auf die Eingeweide des Un⸗ geheuers. Nie warf Jonas im Bauche des Wallfiſches einen ſo erſtaunten Blick auf den Rückgrath, auf die Rippen, auf die Blaſe, welche ſo groß wie ein Ballon Godard, und auf die fünfhundert Fuß dünner Gedärme, als dies unſer junger Mann, das Lampengeſtell, die Trä⸗ ger mit den eiſernen Sproſſen, die vom Plafond her⸗ abgehenden zahlloſen Fäden und die Rieſenthüre, durch welche die Couliſſenrahmen herein kommen, an⸗-⸗ ſchauend that. Er ging Schritt für Schritt in dieſer Finſterniß und in dieſer Einſamkeit und trat ſo leicht, als er konnte, auf, um kein Geräuſch zu erregen, als er fühlte, wie ſich eine breite, mächtige Hand auf ſeine Schulter legte. Er glaubte unter die Klauen eines Rieſen gefal⸗ len zu ſein. Erſchrocken wandte er ſich um; dann gab er plötzlich einen Schrei des Erſtaunens, an dem die Freude ihren guten Theil hatte, von ſich und rief: 40 „Sie da, Herr Aubin der Aeltere!“ So nannte man, um ihn von ſeinem jüngeren Bruder zu unterſcheiden, den älteren von den Söhnen eines Bildhauers, der ſein Magazin auf dem Komö⸗ dienplatze hatte. „Nun, ja,“ antwortete Aubin,„ich bin es... was dann?“ find„Was dann? Es freut mich ſehr, daß Sie es ſind.“ „Warum?“ „Weil Sie mich nicht vor die Thüre werfen werden.“ „Vor welche Thüre?“ „Vor die Thüre des Theaters.“ „Du hatteſt bange, man könnte Dich vor die Thüre werfen?“ geußße ntereſſirt es Dich, ein Theater zu ſehen?“ „Im höchſten Grade. Seit ungeheuer langer Zeit Plüſtet es mich hienach.“ „Du möchteſt gern Schauſpieler ſein?“ „Ah! Herr Aubin, ich glaube wohl, daß ich das ſein möchte.“ „Wer hält Dich davon ab?“ „Der Vater! Wenn Sie wüßten, wie er mich ge⸗ prügelt hat, als er hörte, ich habe in der Pantomime von Gringalet von Ronuen geſpielt!“ „Und trotz der Schläge haſt Du den Beruf be⸗ halten?“ „Meine Neigung iſt ſtärker als je. Ich glaube, ich werde raſend, wenn ich nicht eines Tags Schau⸗ ſpieler bin.“ „So komm hierher.“ „Hier bin ich, Herr Aubin.“ „Knie’ nieder.“ „Wozu?“ —— 43 „Knie' nieder.“ „Ich kniee.“ „Warte.“ Er nahm einen Tümmler voll Oel. „Im Namen von Talma, Garrick und Roscius taufe ich Dich zum Schauſpieler,“ ſprach er zu dem jungen Mann. Und er goß ihm den Tümmler Oel auf den Kopf. „Ah! was machen Sie denn, Herr Aubin?“ „Es iſt nun nicht mehr zu widerrufen: Du biſt zum Schauſpieler getauft; Du wirſt unter jeder Be⸗ dingung Schauſpieler ſein.“ Er war mehr als getauft, er war geweiht. Das hatte ſich am vorhergehenden Tage ereignet; das war die ſibylliniſche Wahrſagung, die dem Schü⸗ ler von Herrn Odelli den Muth gab, ſich von ſeinem Bildſchnitzer wegjagen zu laſſen. Am andern Tage, gegen neun Uhr Morgens, hieß man ihn zwei geſchnitzte Tauben zum Tiſchler ragen. Reichlich berechnet, brauchte man eine Viertel⸗ ſtunde, um hin⸗ und herzugehen. Etienne blieb heldenmüthig drei und eine halbe Stunde aus. Er kam Mittags um drei Viertel auf ein Uhr zurück. Ffensehet kommſt Du, Faulenzer?“ fragte der eiſter. „Woher ich komme?“ „Ja, das frage ich Dich.“ „Ich komme, woher es mir beliebt.“ „Wie, woher es Dir beliebt?“ „Nicht anders!“ „Ahl ſo antworteſt Du mir?“ 42² „Sie mußten mich nicht fragen, dann hätte ich Ihnen auch nicht geantwortet.“ Hätte der Meiſter einen Spiegel vor ſich gehabt, ſo würde er ſich darin angeſchaut haben, um zu ſehen, ob er wohl wache. „Du willſt alſo vor die Thüre geſetzt werden?“ „Oh! man braucht mich nicht vor die Thüre zu ſetzen; ich werde mich allein davor ſetzen.“ „Warte, warte, kleiner Schlingel!“ „Vor Allem heiße ich nicht kleiner Schlingel, ſon⸗ dern Etienne Marin.“ „Du unterſtehſt Dich, ſo zu reden, Schuft?“ rief der Meiſter. Und er hob zwei angefangene Tauben auf, um ſie dem Knaben an den Kopf zu werfen. Der Knabe flüchtete ſich über einen Werktiſch und war in einem Nu vor der Thüre. „Ah! das ſoll Dein Vater erfahren... Warte! warte!“ Hienach ſetzte der Bildſchnitzer ſeine Mütze auf, zog ſeine Schürze aus, ſchluͤpfte in ſeinen Rock und ſchlug in Geſchwindſchritt den Weg nach der Rue des Carmes ein. Da half kein Widerruf. Die Prügeleinnahme war ſicher; es handelte ſich nur um das Mehr oder Weniger. So ſtoiſch der Schüler von Herrn Odelli auch ſein mochte, es war doch ganz einfach,— angenommen, daß eine Wahl zu treffen und Freiheit in der Wahl war,— es war einfach, daß er das Minder zum Nach⸗ theil des Mehr wählte. Der Vater hatte eine Nachtrunde zu machen. Gewöhnlich ging der Vater zu ſeiner Nachtrunde um ſieben Uhr Abends aus und ließ den Schlüſſel unter der Thüre, damit ihn der Knabe, von Herrn Odelli zurückkehrend, finden könnte. — 43 Die ganze Frage war, die Rückkehr erſt nach acht Uhr zu verſuchen; der Vater würde ſeit einer Stunde weggegangen ſein; der Säumige hätte die ganze Nacht vor ſich. Etienne ging bis um acht Uhr ſpazieren. Um acht Uhr wandelte er nach der Rue des Carmes. In dem Augenblick, wo er, an den Mauern hin⸗ ſchleichend, die Thüre erreichte, öffnete ſich dieſe, und der Vater erſchien, den Carabiner auf der Schulter, die Piſtolen im Gürtel, den Säbel an der Seite und die Marſellaiſe trällernd. Der junge Mann blieb verdutzt und gleichſam an die Wand geklebt ſtehen. Nachdem er zwei Schritte gemacht, erblickte ihn der Vater, er zog ſeinen Säͤbel und ſchrie: „Ha! Schuft, Du biſt da!“ Der Knabe ſtürzte in den Gang, doch der Vater ſtürzte ihm nach. Auf der erſten Stufe der Treppe holte er ihn ein, und er ſchlug auf ihn mit dem flachen Säbel. Er geleitete ihn ſo immer ſchlagend bis zum drit⸗ ten Stocke. 5 Es war nicht möglich, weiter zu gehen: hier endigte die Treppe. Der arme Geſchlagene ſah ſich genöthigt, anzuhal⸗ ten und ſich ſeiner Strafe zu unterziehen. Sie war lang und ſtreng. Am andern Tage, Morgens um acht Uhr, kam Etienne bleich und ganz gerädert von Schlägen bei Herrn Odelli an. Herr Odelli brauchte keinen Blick auf ihn zu wer⸗ fen, um zu begreifen, was vorgefallen. „Ah!“ ſagte er,„es ſcheint, es iſt vorbei!“ „Ja, mein Herr,“ antwortete mit kläglichem Tone der Schüler, 44 Es war von nichts mehr die Rede. Ein ganzes Jahr lang blieb der junge Menſch noch die Sculptur ſtudirend bei Herrn Odelli; er ſchwänzte aber immer wieder die Schule den Theatern, den Kunſtreitern und den Seiltänzern zu Liebe. Was ihm eine ſo unberechenbare Anzahl Prügel von ſeinem Vater eintrug, daß er, um welchen Preis es auch ſein möchte, in der Hauptſtadt Kunſt zu trei⸗ ben beſchloß. FHaben die Menſchen ihren Platz in der Zukunft bezeichnet, ſo iſt immer eine Vorſehung da, welche im gegebenen Augenblick einen Menſchennamen ent⸗ lehnt, den Auserwählten bei der Hand nimmt und führt, wohin er gehen will. Die Vorſehung des jungen Mannes nahm den Namen Herr Lair an. Herr Pierre Aimé Lair war Präfecturrath. Er war einer von den Männern, welche ſo koſtbar für die Provinzſtädte zweiten Ranges, weil ſie ſich an die Spitze des Fortſchrittes ſtellen und allen Verbeſſerungen die Hand bieten. 1 Sagen wir, was in phyſiſcher und moraliſcher Hinſicht Herr Pierre Aimé Lair war, den die Stadt Caen vor zwei Jahren zu verlieren das Unglück ge⸗ habt hat. In phyſiſcher Hinſicht war er ein Mann von mittlerem Wuchſe, braun, mager, blatternarbig, immer ſehr gut raſirt, was den untern Theil ſeines Geſichtes kobaltblau machte; ſeine Tracht war die eines zurück⸗ gebliebenen Provinzbewohners, wodurch indeſſen ſeiner großen natürlichen Diſtinction durchaus kein Abbruch geſchah: er trug gewöhnlich einen blauen Rock, eine weiße Weſte, Nantinbeinkleider im Sommer, eine Tuch⸗ hoſe im Winter; er zog ſelten Stiefel an, und wenn er keine hatte, ſo trug er, von welcher Farbe auch ſeine Beinkleider ſein mochten, unabänderlich blaue Strümpfe. In moraliſcher Hinſicht war er ein Mann von ſo vollkommener Freundlichkeit und Höflichkeit, daß er in ſeinen Manieren etwas vom Prälaten hatte. Dieſe außerordentliche Artigkeit diente bei ihm als Hülle für eine mächtige Energie. Eines Tags, als er bekleidet mit dem königsblauen und hellblau geſtickten Fracke eines Präfecturrathes, mit ſeinen Nankinhoſen, ſeinen blauen Strümpfen, das Kinn friſch raſirt und umrahmt von einer weißen Halsbinde, der Ziehung der Conſcription beiwohnte, zog ein armer normanniſcher junger Menſch die Num⸗ mer 1. Der junge Mann hatte keinen Befreiungsgrund, und es war alſo ſehr wahrſcheinlich, daß er abgehen mußte; ſeine Mutter, die ſich in einem Winkel vom Saale des Rathhauſes befand, erhob auch ein gewal⸗ tiges Geſchrei. Dieſes Geſchrei berührte unangenehm das Trom⸗ melfell des bei der Ziehung anweſenden Generals. „Laßt die Schreierin abtreten!“ rief er mit lauter Stimme. Eine ſolche Brutalität empörte Herrn Lair, und er ſagte mit, ſeinem ſanfteſten, artigſten Tone: „Ah! General, ehren Sie den Schmerz einer Mutter.“ Ein Gemurmel des Beifalls folgte auf die Worte von Herrn Lair mit der eiſigen Stille contraſtirend, welche auf die des Generals gefolgt war. Die von Seiten von Herrn Lair höfliche Lec⸗ tion war ſtreng von Seiten des Publikums ge⸗ worden. Der General, der ſich nicht an das Publikum halten konnte, hielt ſich an Herrn Lair. Er warf ſeinen Kopf an die Lehne ſeines Stuhles zurück, um mit ſeinem hinter ihm ſitzenden Adjutanten 46 ſprechen zu können, und fragte ihn, laut genug, um von allen denen, welche ihn umgaben, und folglich auch von Herrn Lair ſelbſt gehört zu werden: „Sagen Sie doch, mein Lieber, wiſſen Sie den Namen von dieſem Herrn mit ſeinem blauen Kinn, ſeinem blauen, blau geſtickten Rocke und ſeinen blauen Strümpfen?“ Der Adjutant lachte auf eine ſehr angenehme Weiſe über dieſen Witz ſeines Generals. Herr Lair veränderte ſein Geſicht nicht im Min⸗ deſten. Jedermann wandte ſich gegen ihn um: er allein ſchien nicht gehört zu haben. Nur, als die Ziehung vorüber war, näherte er ſich dem Geueral und ſagte zu ihm mit der Höflichkeit, von der er, ſelbſt wenn er gewollt hätte, nicht abzulaſſen im Stande geweſen wäre: „Mein Herr, Sie wünſchten, wie es ſchien, meinen Namen zu wiſſen, da Sie Ihren Herrn Adjutanten gefragt haben, der Ihnen denſelben nicht nennen Vünfe Ich will dies thun: ich heiße Pierre Aimé air.“ „Sehr erfreut,“ erwiederte der General. „Was nun die Revue betrifft, die Sie meine Per⸗ ſon und meine Tracht paſſiren zu laſſen mir die Ehre erwieſen, ſo iſt ſie vollkommen genau, jedoch Eines ausgenommen.“ „Was, mein Herr?“ „Ei! den Degen, den ich an der Seite trage, und deſſen Spitze ich Sie fühlen zu laſſen hoffe, wo und wann es Ihnen beliebt, General, damit Sie denſelben ein ander Mal nicht vergeſſen.“ So leiſe ſie auch geſagt war, die Herausforderung wurde gehört; man legte ſich ins Mittel. Es war ein zu ſchlechtes Beiſpiel, einen General und einen Prä⸗ fecturrath ſich ſchlagen zu ſehen. Das Duell fand nicht ſtatt. ———— 8 N η‿‿ A— 8⏑ 47 Zehn Jahre ſpäter, in einem Alter von fünfzig Jahren, hatte Herr Lair die Idee, eine Reiſe durch Frankreich zu machen. Er war eines der ausgezeich⸗ netſten Mitglieder der Geſellſchaft der Alterthums⸗ freunde der Normandie, und die Reiſe, die er unter⸗ nahm, hatte beſonders archäologiſche Studien zum Zwecke. An einem ſchönen Morgen ging er zu Fuß ab, er macht ſeinen Stock mit dem goldenen Knopfe in der Hand ſechs, acht bis zehn Meilen am Tage und reiſte ſo ein Jahr oder achtzehn Monate. Zum Glück für den Schüler von Herrn Odelli, war er aber im Jahre der Gnade 1826 nicht auf der Reiſe. Er beſuchte oft die Zeichenſchule, planderte liebe⸗ voll mit den Zöglingen, beſonders mit denjenigen, welche Hoffnungen gaben, und unter dieſem Titel war eer mehrere Male vor dem jungen Etienne ſtehen ge⸗ blieben und hatte verſchiedene Fragen über ſeine Hoff⸗ nungen und Wünſche an ihn gerichtet. Der junge Menſch hatte ihm geſagt, ſeine Hoff⸗ nungen und ſeine Wünſche vereinigen ſich in einem Trachten: nach Paris gehen. Herr Lair vermuthete wohl, eines der Hinderniſſe der Reiſe ſei der Mangel der für den jungen Reiſenden nothwendigen Summe. Eines Tages ſagte er zu ihm: „Vor Ihrem Abgang, mein Kind, wünſchte ich einige von Ihren Studien zu kaufen.“ Am andern Tage war er in der Rue des Carmes; er hatte den Augenblick gewählt, wo der Vater unfehl⸗ bar da ſein mußte. Er ſprach lange von den Anlagen des jungen Menſchen, von der Nothwendigkeit, in der er ſich befinde, ſeine Studien bald in Paris zu ver⸗ folgen, kaufte einen Kopf von Seneca und einen Kopf von Cicerv, und bezahlte zwanzig Franken für jeden, 48 ferner einen Fuß und eine Hand von rieſigen Formen, jedes Stück von ihm zu zehn Franken geſchätzt. Der junge Mann hatte ſechzig Franken Ta⸗ ſchengeld. Vor einer Autorität wie die von Herrn Lair, der Paris rieth, wagte es der Vater nicht, eine Einwen⸗ dung zu machen. Er kaufte einen Koffer, ließ eine vollſtändige Schelfe machen,— wir bedienen uns der Ausdrücke, deren er ſich bediente,— legte ge⸗ nannte Schelfe auf ein Dutzend Hemden, die den Grund des Koffers bildeten, completirte die hundert Franken, bezahlte den Platz auf der Diligence und führte ſeinen Sohn, ſtoiſch wie ein Spartaner, zum Wagen. Etienne weinte viel. In dem Augenblick, wo er ſich von ſeinem Vater trennte, vergaß er die zahlreichen Correctionen, die er von ihm empfangen hatte, oder in die Tiefen ſeines Gewiſſens hinabſteigend, ſagte er 8 vielmehr, dieſe Correctionen ſeien rechtmäßig ge⸗ weſen. Der Vater blieb felſenfeſt. Der Poſtillon ließ ſeine Peitſche knallen; der Wagen gerieth in Bewegung, und die ſchwerfällige Maſchine ging in ſtarkem Trabe ab, ein Gang, den ſie behielt, ſo lange ſie in der Stadt rollte. Halb traurig, halb freudig,— um gerecht zu ſein, müſſen wir ſagen, mehr freudig, als traurig,— hatte der junge Mann die erſten Schritte zur Nachwelt gemacht. Da wir mit ihm abgereiſt ſind, ſo wollen wir auch zugleich mit ihm ankommen. Wer ſagt uns, die zukünftigen Talma, Garrich und Roscius,— man erinnert ſich, der junge Mann war unter dieſem dreifachen Patronat getauft worden, — werden nicht eine Lehre, in artiſtiſcher oder in philoſophiſcher Hinſicht, in dem Vagabundenleben fin⸗ den, das wir zu erzählen verſuchen? 8 O BSen * 49 V. Ankunft in Paris.— Das Theater der Porte Saint⸗ Martin.— Das Hotel von Madame Carré.— Die Miethsleute.— Die Schlafkameraden.— Hippolyte.— Der Bildhauer der Madeleine— Eine Vorſtellung von Freunden.— Die polniſchen Röcke.— Engagement für die Provinz.— Der Vater Duma noir.— Seine Caſſette.— Ferdinand der Koſak.— Unſer Held kam um fünf Uhr in Paris an, ſtieg um ſechs Uhr in der Rue Notre⸗Dames des Victoires aus, ließ ſein Gepäck im Bureau und lief, da es ihn drängte, Paris zu ſehen, gerade vor ſich hin, ohne zu wiſſen, wohin er ging. Nach zehn Minuten eines wahnſinnigen Laufes, ſo ſehr war er berauſcht von all dieſem Lärmen von Menſchen und Wagen, befand er ſich vor einer Art von Monument. 3 „Halt, ein Theater!“ rief er. Und er blieb ſtehen, entſchloſſen, für dieſen Abend nicht weiter zu gehen. Er hatte nicht zu Mittag gegeſſen; er kaufte einen⸗ Krapfen, verzehrte ihn bis auf das letzte Krümchen, und trat ins Theater ein. Man denke ſich die Freude des jungen Mannes! Er war in dieſem ſo ſehr erſehnten Paris; er war in einem Schauſpielſaale, ohne daß er bei ſeiner Rück⸗ kehr nach Hauſe gezankt oder geſchlagen zu werden befürchten mußte. Ach! der arme Knabe, er hatte ſchon keine Heimath mehr, und er hatte hundert Franken in ſeiner Taſche! Abenteuer eines Schauſpielers. 4 50 Hundert Franken! das iſt, um damit eine Mühle am Paktalos, einen Palaſt im Eldorado zu bauen. Eine Viertelſtunde vor Mitternacht ging das Schau⸗ ſpiel zu Ende. Unſer Held entfernte ſich mit den andern Zuſchau⸗ ern, nur war er vielleicht der Einzige, der nicht wußte, wo er ſchlafen gehen ſollte. Er beſchloß, ſich dem Zufall zu überlaſſen; der Zufall hatte ihn nach der Porte Saint⸗Martin geführt, de Zufall würde ihn wohl zu einem Wirthshauſe ühren. Er ſchlug die erſte Straße rechts ein. Nach ungefähr dreihundert Schritten befand er ſich am Ende der Rue Saint⸗Jean, und er erblickte ein Transparent, auf welchem geſchrieben ſtand: Hotel Carré. Man übernachtet. Etienne trat ein, verlangte ein Zimmer und ein Bett. Zum Glück hatte er ſeinen Paß bei ſich, ſonſt hätte ihm der Mangel an Koffer, Felleiſen oder Nachtſack von Nachtheil ſein können. 4 Der Paß wurde geleſen und als gut anerkannt; der Reiſende ließ ſeine neunzehn Fünffrankenſtücke in ſeiner Taſche klingen: eines war ſchon ſeit ſeiner An⸗ kunft verſchwunden; man gab ihm mit allen Arten von Rückſichten das verlangte Zimmer und Bett. Man war nicht gewohnt, Reiſende ein Zimmer und ein Bett für eine einzige Perſon verlangen zu ſehen. Das Hotel war von Bildhauern, Ornamentiſten und Malern bewohnt; die Gäſte von Madame Carré, — 1 8—9 e—& &☛ 51 — denn obgleich es einen Herrn Carré gab, pflegte man doch zu ſagen: das Hotel von Madame Carré,— die Gäſte von Madame Carré trieben im Allgemeinen die Sparſamkeit unter dem Vorwande der Brüderlichkeit ſo weit, daß ſie zu zwei ſchliefen. Schon am Tage nach ſeinem Einzuge, als der Bildhauer⸗Jüngling ſich beklagte, daß man von ihm die ungeheure Summe von fünfzehn Sonus für das Zimmer und das Bett forderte, machte man ihn be⸗ kannt mit den Gewohnheiten des Hauſes; es ſtand ihm frei, einen Stuben⸗ und Bettkameraden zu nehmen; dann würde ihn ſeine Hälfte am Zimmer und am Bett für ſeinen Theil zehn Franken ſieben Sous monatlich koſten. An demſelben Tage ſtellte man bei Tiſche dem Neuangekommenen einen Gefährten vor, der ſich in derſelben Lage befand wie er, das heißt, der auch eine Stuben⸗ und Betthälfte ſuchte. Dieſer Kamerad hieß Hippolyte und war Porzel⸗ lanmaler. Die zwei Atome hingen ſich an einander an und ſind noch heute zwei Freunde. Etienne wollte ſeine Zeit nicht mit dem Herum⸗ ſchlendern verlieren; er ließ ſeinen Koffer holen, zog die Schelfe des Vaters an und begann unverzüglich ſeine Beſuche bei den Unternehmern. Der Erſte, an den er ſich wandte, hieß Herr Bochard. Herr Bochard war Unternehmer der Sculpturen der Madeleine. Er ſprach einen Augenblick mit dem jungen Manne, und da ihm ſein Ton und ſeine Manieren geſielen, ſo fragte er ihn: „Aus welcher Provinz ſind Sie?“ „Ich bin Normann.“ „Von welcher Stadt?“ d „Von Caen.“ „Ich vermuthete es.“ „Warum?“ „Sie haben eine normanniſche Hand; die Nor⸗ mannen ſind im Allgemeinen geſchickt; nehmen Sie morgen früh Ihr Werkzeug und gehen Sie nach der Madeleine; Sie werden ſich unter Bekannten finden.“ Am anderen Tage, Morgens um acht Uhr, war der junge Mann in der Madeleine. Die Ornamentiſten waren bei der Arbeit. „Ah!“ rief einer von ihnen,„das iſt mein Pathe!“ „Wie, Dein Pathe?“ „Ja, ich habe dieſes Bürſchchen im Theater in Caen mit Lampenöl getauft; komm hierher, Talma!“ Etienne näherte ſich dem Sprechenden und erkannte in ihm Aubin den Aeltern. Bei ihm war ſein Bruder. Die zwei Aubin nehmen heute ihren Rang unter den erſten Ornamentiſten von Paris ein. „Auf, eine Tirade!“ ſagten die Bildhauer. Der Ankömmling legte ſein Werkzeug nieder, ſetzte die linke Fauſt auf die Hüfte, rundete den rechten Arm und begann: „N'en doutez pas, Burrhus, malgré ses injustices...“ Das Auftreten von Nero wurde von einem Bei⸗ fallsſturm bedeckt. Talma war geſtorben und ſein Nachfolger gab die ſchönſten Hoffnungen. Mittlerweile mußte man den NMeißel und den Hammer nehmen. Der zukünftige erſte Held des Théatre⸗Frangais band eine Maske mit Brille vor, damit ihm die Steinſplitter das Auge nicht verletzten, und griff ein Capitäl an. Hier war die Arbeit, doch bei der Mutter Carré ein * e2 53 war die Erholung. Jedermann ſprach Verſe bei der Mutter Carré: Maler, Bildhauer Ornamentiſten. Hippolyte, der Kamerad von Etienne, war beſonders theaterwüthend. 3 Man wollte um jeden Preis Komödie ſpielen. Man war darauf bedacht, ein Stück einzu⸗ richten. „Was ſollte man ſpielen? Die Wahl fiel auf Eine einfache Geſchichte von Eugone Seribe. Etienne lernte die erſte Rolle, Hippolyte die des Liebhabers, und man probirte auf dem Theater der Rue de Lesdiguidres. Es kam der Tag der Vorſtellung. Den zwei jun⸗ gen Leuten, Etienne und Hippolyte, wurde die Ehre des Abends zu Theil. Allen Vorſtellungen, welche auf dergleichen Thea⸗ tern gegeben werden, wohnen Leute bei, die man Ver⸗ anſtalter nennt. Einer von dieſen Veranſtaltern machte den Lieb⸗ habern den Vorſchlag, vor einem bezahlenden Publi⸗ kum zu ſpielen. Solche Vorſtellungen bieten den Vortheil, daß man nach ein paar Succeſſen ein Engagement findet. Allerdings ein Provinzengagement. Doch der Mann, der an ſeine Taſche klopfend ſpricht:„Ich habe hier mein Engagement!“ iſt ſehr ſtolz und beſon⸗ ders ſehr geachtet. Ueberdies braucht er nicht zu ſagen, für welche Stadt ſein Engagement iſt. Alle dieſe Partieen förderten die Sculptur auf äuten Stein und die Malerei auf Porzellan nicht ehr. 3 Doch das that einen Schritt zur Komöͤdie. Es können nicht alle Künſte zugleich vorwärts ſchreiten. 54 Zu jener Zeit, nämlich im Jahre 1827, verſam⸗ melten ſich die Künſtler, welche von der Provinz zu⸗ rückkamen, beſonders in der Rue des Vieilles⸗Etuves, im Café des Comediens. Dort warben die Directoren ihre Truppe an. Man trug damals viel polniſche Röcke. Jeder Trial, jeder Martin, jeder Ellevion hatte ſeinen polniſchen Rock. Der Ehrgeiz unſerer zwei jungen Leute war, einen polniſchen Rock zu haben,— wohl verſtanden, nicht zwei polniſche Röcke; zwei polniſche Röcke koſten das Löſegeld eines Königs! aber einen polniſchen Rock für zwei, wie ſie ein Zimmer für zwei, ein Bett für zwei hatten. Sie würden Einer um den Andern ins Kaffee⸗ haus gehen und ſo das Anſehen haben, als beſäße Jeder einen polniſchen Rock. 3 Die Schelfe des Vaters, welche nur drei bis viermal angezogen worden war, wurde zu einem Tröd⸗ ler getragen und gegen einen polniſchen Rock vertauſcht, der nur acht bis zehnmal angezogen worden, wie der Trödler ſelbſt ſagte. Im Ganzen war genannter polniſcher Rock von königsblauem Tuch, mit ſchwarzen Borten und Schnü⸗ ren und einem Beſatze von Aſtracan am Kragen und an den Vorderärmeln noch ziemlich präſentabel. Er brachte auf dem Rücken von Etienne am erſten Tage und auf dem von Hippolyte am zweiten eine ent⸗ ſprechende Wirkung hervor. Zum Beweiſe dient, daß Beide mit Herrn Du⸗ manoir, Director der dritten franzöſiſchen Truppe des erſten Theaterarrondiſſement, das franzöſiſche Flandern umfaſſend, einen Vertrag abſchloßen. Man begreift, daß während dieſer Zeit die Ma⸗ deleine ſich ſelbſt vollendete, — Sæę =FSSS(SAZ. SSSS=ASSe m⸗ zu⸗ es, 5⁵ Der Director war im Rückſtande; er drängte auch ſeine Penſionäre ungemein. Man ging zu Fuß ab; ein Wagen mit den Wei⸗ bern und dem Gepäcke beladen folgte den Zigeunern oder fuhr ihnen voran: Werfen wir einen Blick auf die Karavane, die ſich munter auf der Straße nach Amiens, bei einer ſchönen Sonne des Monats Mai, ausdehnt. Wir haben auch, wie Scarron, unſer Kapitel vom komiſchen Roman zu machen. Der wirkliche und privilegirte Director,— wir ſagen, der wirkliche und priviligirte Director, weil wir ſogleich von der Uſurpation des Regiſſeur zu ſprechen haben,— der wirkliche und privilegirte Director hieß, wie geſagt, Herr Dumanoir. Herr Dumanoir war eine Art von altem Marquis, ein ehemaliger Schöner des Directoriums, der in den Tuilerien und im Luxembourg pirouettirt hatte in der Nankinhoſe, worauf Bänderwogen, mit grün geſtreiften Strümpfen, Schnallenſchuhen, zwei Uhrketten, einer Baſinweſte, einem apfelgrünen Frack, einer ſehr hohen Halsbinde von Batiſt, den Chignon oben auf dem Kopfe durch einen Kamm feſtgehalten, den Hut rück⸗ wärts und das Stöckchen unter dem Arm. In der Zeit, wo wir ihn zu der Würde eines Directors der dritten Truppe des erſten Arrondiſſement erhoben ſeben, und wo er im Triumphe aus Paris auszog, war er ein Mann von ſech⸗ zig Jahren, groß, dürr, mager, mit einem knochigen Körper, deſſen hervorſtehende Theile durch das Tuch eines Ueberrocks ſichtbar wurden, der zu weit und, wir würden ſagen, zu lang war, hätte man da⸗ mals dieſes Kleid nicht auf die Abſätze ſchlagend ge⸗ tragen. Von ſeinem Coſtume von 1798 hatte er nichts beibehalten, als den charakteriſtiſchen Theil, nämlich den Chignon. Sein ehemaliges Haupthaar, das die 56 Bewunderung der ſchönen Damen der Zeit gebildet hatte, war unter dem Hauche der Jahre verſchwunden und hatte dem Exincroyable nur einen Kranz oder vielmehr einen Halbkreis von Haaren, welche dicht im Genick, aber ſpärlich an den Schläfen, hinterlaſſen. Doch man weiß, welche Illuſion ein Ueberreſt gut angewandter Haare hervorbringen kann; die des Genicks waren in einer Flechte vereinigt, welche, ungefähr einem Krebsſchwanze ähnlich, vom Hals gegen das Organ der Religioſität emporſtieg, den Kreis des Schädels umfaßte und ſich oben auf der Stirne abplattete. Dabei war Herr Dumanoir der artigſte Mann der Welt. Vor jeder Perſon, die ihn anſprach, zog dieſer Mann, der doch alle mögliche Gründe hatte, bedeckt zu bleiben, ſeinen Hut ab, den er ſodann zwiſchen ſeine Beine nahm; er ordnete mit ſeinen bei⸗ den Händen ſeine Haare, richtete ſich in der ganzen Höhe ſeiner langen Geſtalt auf und ſagte: „Was wünſchen Sie, mein guter Freund?“ Unter Weges hielt er unveränderlich bei jedem Meſ⸗ ſerſchmiedsmagazine, das er rechts oder links von der Straße traf, an, und er verweilte hier auf eine für ſeine Penſionäre beunruhigende Weiſe; ſie hätten ſich von ihm verlaſſen glauben können, wandten ſich deshalb mit Beſorgniß um, blieben von Zeit zu Zeit ſtehen, um auf ihn zu warten, und ſahen ihn plötzlich am Horizont unter Staubwolken erſcheinen, die ſeine lan⸗ gen Beine emportrieben. Bemerken Sie wohl, daß er unter ſeinem Arme eine ſehr ſchwere kleine Caſſette, in Form eines Fell⸗ eiſens, trug; eine Caſſette, die er nie verließ, ſo daß man denken konnte, wie die des Geizigen, habe die Caſſette des Vaters Dumanoir Augen, und der Vater Dumanoir ſei in dieſe Augen verliebt. Eines Tags hatte er gegen ſeine Gewohnheit dieſe Caſſette auf der Erde ſtehen laſſen; einer von ſeinen N 57 Penſionären hob ſie mit großer Mühe auf, ſtellte ſie wieder an ihren Platz, ſchlug ein Entrechat und rief: „Ueber ſechzig Pfund, meine Herren, über ſechzig Pfund!“ Und alle Welt klatſchte in die Hände bei der glücklichen Kunde und bezeigte Herrn Dumanoir eine noch größere Hochachtung. Woher rührten die unvorgeſehene Freude und die zunehmende Hochachtung? Es hatte ſich unter der Truppe die Legende ver⸗ breitet, die Caſſette des Vaters Dumanoir enthalte die Kaſſe und darum laſſe er ſie nie von ſich. War aber in dieſer Caſſette die Kaſſe und ſie ent⸗ hielt nur ſechzig Pfund Silber, ſo lagen fünftauſend neunhundert Franken in der Kaſſe, enthielt ſie Gold, ſo waren es zweiundneunzigtauſend Franken, was ſie verſprach. Es war alſo ein Midas, ein Craſſus, ein Roth⸗ ſchild, der Vater Dumanoir. Nach dem Vater Dumanoir, wir müßten ſagen vor ihm, kam der Oberregiſſeur der Truppe,— Herr Ferdinand. Gewöhnlich nannte man ihn Ferdinand den Ko⸗ ſaken, weil genannter Ferdinand behauptete, er habe bei den Freicorps gedient und in den Jahren 1814 und 1815 ganze Hor den an den Ufern des Dons ge⸗ borener Unterthanen von Kaiſer Alexander vertilgt. Wie, weil er Koſaken vertilgt, nannte man ihn Ferdinand den Koſa ken? Das erklärte er ſelbſt ſchlecht, oder er erklärte es vielmehr gar nicht. Doch es war eine Thatſache, und man zweifelt an einer Thatſache, man ſtreitet über eine Thatſache, man ärgert ſich über eine Thatſache, aber man erklärt ſie nicht. Das war ſo, weil es nicht anders war. Abgeſehen von der kleinen Caſſette des Vaters 58 Dumanoir, deren Inhalt man nicht kannte, war Fer⸗ dinand der Einzige, der ein wahres Gepäcke hatte. Dieſes Gepäcke war eine für einen Provinzſchau⸗ ſpieler ziemlich gut ausgerüſtete Garderobe. Er hatte ſich auch von der zukünftigen Einnahme den Theil des Löwen geſchnitten. Die wandernde Truppe gedachte das franzöſiſche Flandern in Geſellſchaft auszubeuten. Man ſehe, welche Stellung Ferdinand der Koſak vom Vater Dumanoir verlangt hatte: 1. Anderthalb Theile für ſein Talent; 2. Einen ganzen Theil für ſeine Frau; 3. Einen ganzen Theil für ſeine Tochter; 4. Einen Theil für ſeine Regie; 5. Endlich einen Theil für ſein Coſtumesmagazin. So daß der Vater Dumanoir auf einen einfachen Theil und alle Andere auf halbe Theile reducirt waren. Was indeſſen alle dieſe halben Theile, wozu Etienne und Hippolyte, Männer und Frauen gehörten, nicht abhielt, luſtig zu ſein wie der Schuhflicker der Fabel, ehe er Glück gemacht! Ach! der Reichthum war es nicht, was ihnen die gute jugendliche Heiterkeit benehmen ſollte, die ſie frei ſich auf beiden Seiten der Straße nach dem Norden, unter den Strahlen der Maiſonne, ſich entfalten ließen; nein, ſie zogen durchs Land hin hüpfend und ſingend: die Einen ſchrieen wie die Elſtern, die Andern ſangen wie die Grasmücken, Dieſe blähten ſich auf wie die Hähne, Jene ruckſten wie die Turteltauben! 1☛ 1212 — n——eũ 59 VI. 3 Debuts der Truppe Dumanoir in Valenciennes.— Die Truppe von Herrn Bertrand genannt Zozo vom Nor⸗ den.— Etienne geht zu dieſer letzten Truppe unter dem Namen Herr Guſtave über.— Die kleine Bank. und die hohe Bank.— Das häusliche Leben der Zigeuner. — Rückkehr von Guſtave zur Truppe Dumanoir.— Bel⸗ giſche Campagne.— Ruͤckzug.— Mißgeſchick.— Man zog bis Valenciennes, indem dieſe ganze tolle Caravane, wie Horaz ſagt, mit freiem Fuße auf die Erde ſtampfte,— Alles lachend und ſingend, und— außer Herrn Dumanoir, der ſechzig Jahre alt war, und Ferdinand dem Koſaken, der vierzig zählte, — Alles dies jung wie der Frühling, in deſſen Mitte die ganze Schaar ihren Aufſchwung nahm. In Valenciennes hielt man an. Man wollte das Terrain ſondiren, kündigte eine Vorſtellung an und gab ſie am andern Tag. Als eines Tags Madame Dorval in Antwerpen auftrat, ſchickte ſie mir, um mir einen Begriff von dem Eindruck zu geben, den ſie auf die Landsleute von Jacob Artevelde hervorbrachte, eine Zeichnung, die Façade des Theaters vorſtellend mit einer Menge Ratten, welche unter dem Periſtyl Kämmerchen ſpiel⸗ ten, was beſagen wollte, es ſei keine Katze im Saal. Etienne, der einen erſten Preis im Zeichnen und in der Sculptur erhalten, hätte ſeinem Vater, welcher ihn ſo gut hiefür belohnt, eine Zeichnung vom Saale in Valenciennes in der Art von der ſchicken können, die mir Dorval vom Saale von Antwerpen ſchickte. Man ſchlug die Koſten nicht heraus. 60 In derſelben Nacht reiſte man wieder ab. Es war kein Augenblick zu verlieren, um eine mehr literariſche Stadt, als es Valenciennes war, zu er⸗ reichen.. Valenciennes iſt indeſſen die Heimath von Made⸗ moiſelle Duchesnois und von einem armen Kinde, das der Tod mit neunzehn Jahren weggerafft hat, und deſſen Geſchichte ich ſpäter erzählen werde. An dem darauf folgenden Tage erreichte man Saint⸗Amand. Es war dort Kirchweihe und man rech⸗ nete ſehr auf dieſen Umſtand. 3 Man ſpielte Palmerin oder der Einſied⸗ ler von Gallien. Die Einnahme belief ſich auf hundert und fünf Franken. Ferdinand der Koſak machte zuerſt ſeine Anſprüche geltend; ſeine fünf und ein halber Theil trugen ihm dreißig Franken. Der Vater Dumanoir bekam zehn Franken für ſeinen Antheil. Die Andern erhielten fünf Franken für ihren hal⸗ ben Theil. Ferdinand, ſeine Frau und ſeine Tochter aßen viel. Der Vater Dumanoir aß vernünftig. Die Andern aßen ein wenig. Das war Alles, was man brauchte, um Geduld zu faſſen.. Da man indeſſen alle Tage eine Vorſtellung zu geben gedachte, ſo war es noch möglich, zu leben. Und während der drei erſten Tage lebte man in der That. Am vierten Tage aber kam die Truppe von Herrn Bertrand, genannt Zozo vom Norden, dem erſten Akrobaten von Frankreich. Dieſe Truppe war durch ihre Vereinigung mit der von Herrn Colombier furchtbar. —.— ——— —.— 61 Die Truppe von Dumanoir und Ferdinand konnte nicht gegen ſie kämpfen. Sie mußte ſtürzen. Man ſprach davon, ſich zu trennen; man ſollte das Loos ziehen, wer dahin oder dorthin zu gehen hätte, und Jeder ſollte für ſeine Rechnung die kleinen Talente, die er haben dürfte, benützen. Doch das war nicht im Intereſſe von Ferdinand. In Geſellſchaft hatte er fünf und einen halben Theil. Allein mit ſeiner Frau und ſeiner Tochter hatte er nur drei Theile. Und welche Theile! Er wurde zornig, zog ſeinen Säbel und drohte Jeden, der von Entfernung ſprechen würde, umzu⸗ bringen! Etienne wagte es, die Schneide des Säbels von Ferdinand inZweifel zu ziehen, und erkärte, da er Anträge von Zozo vom Norden erhalten, ſo gehe er, wie Corio⸗ lan, zum Feinde über. An demſelben Abend ſaß Etienne am Herde der Volsker, unter dem glorreichen Namen Guſtave. Jedermann weiß, ſeit dem komiſchen Roman von Scarron, was eine Truppe von mehr oder minder wandernden Komödianten iſt. Man iſt aber im Allgemeinen weniger unterrichtet über das pittoreske Daſein der Seiltänzer. Folgendes war das Perſonal der Truppe von Bertrand, genannt Zozo vom Norden, dem erſten Akro⸗ baten Frankreichs, in Verbindung mit der von Herrn Colombier. Das Perſonal beſtand:. 1. Aus dem Großvater Colombier, Orcheſterdirec⸗ tor, Kunſtfeuerwerker; ſetzte in Scene, ſpielte Clarinette beim Umritt, Violine im Orcheſter. 2. Aus Bertrand, genannt Zozo vom Norden, 62 Pitre bei der Parade und Pierrot in der Panto⸗ mime. 3. Aus Madame Bertrand, drehte ſich, den Kopf niederwärts, auf einem Leuchter und führte die Controle. 4. Aus Mademoiſelle Bertrand der Jüngeren, die Statue in Pygmalion ſpielend. 5. Aus Mademoiſelle Bertrand der Aelteren;— ſpielte die Colombinen und tanzte die Gavotte und die graziöſen Pas auf dem Seile. 6. Aus Herrn Muſtapha, genannt der kleine Teufel; machte alle Arten von künſtleriſchen Sprüngen auf dem Seile. 7. Aus Herrn Flageolet, der unter dem Seile die⸗ ſelben Uebungen machte, die Herr Muſtapha über dem⸗ ſelben gab. Unter dieſe neue und unbekannte Geſellſchaft hatte ſich Herr Guſtave freiwillig in Folge ſeines Streites mit Ferdinand dem Koſaken verbannt. Das, wohl verſtanden, mündliche Engagement, ſicherte ihm die Koſt und verſprach ihm fünfzig Franken monatlich. Zozo vom Norden hatte im Geiſte beigefügt, er habe überdies das Recht, zu Fuße reiſen zu dürfen. Gegen ein ſo vortheilhaftes Engagement ſollte Herr Guſtave ſeinerſeits die Aushängeſchilder, die De⸗ corationen und die Transparente auf Calicot, die Hauptſcenen und die Kraftſtücke vorſtellend, ver⸗ fertigen; Die erſten Rollen in den Melodramen und den Vaudevilles ſpielen; Die Zauberer in den Pantomimen repräſentiren; Endlich die Tour in der Stadt zu Pferde machen. 4 1 Zozo vom Norden beſchloß, ohne Verzug Nutzen aus dem Ankömmling zu ziehen. 63 Der Anſchlagzettel verkündigte am Abend eine große Vorſtellung für den folgenden Tag, von der die Tour in der Stadt Kenntniß geben werde. Am andern Tag, Morgens um elf Uhr, begaun wirklich Herr Guſtave; in Generalsuniform auf einem Pferde reitend, deſſen Reitzeug ganz mit Muſchelwerk bedeckt war, einen hinkenden Trommler voran und ge⸗ folgt von der Muſik, ſeine Runde; er hielt auf allen Plätzen, auf allen Kreuzwegen, im Mittelpunkte aller Hauptſtraßen an und rief mit lauter Stimme: „Mit Erlaubniß des Herrn Maire...“ Hier nahm er ſeinen Hut ab. „Haben wir die Ehre den Einwohnern der Stadt Saint⸗Amand bekannt zu machen, daß die große Truppe von Herrn Bertrand, genannt Zozo vom Norden, ver⸗ einigt mit der von Herrn Colombier, heute Abend in der großen Loge auf dem Marktplatze eine außeror⸗ dentliche Vorſtellung geben wird. Das Schauſpiel wird aus Folgendem beſtehen: Madame Bertrand, erſte Dreherin von Frankreich, wird ſich fünf Minuten lang auf einem eiſernen Leuchter drehen, ohne einen andern Stützpunkt als ein Geldſtück.— Die Demoiſelles Bertrand werden auf dem Seile, die Aeltere eine Gavotte und die Zweite einen graziöſen Pas tanzen.— Herr Muſtapha, genannt der kleine Teufel, wird ſeine Uebungen auf dem ſtraffen Seile ohne Balancirſtange machen, und mit dem großen gefährlichen Sprunge vorwärts und rückwärts endigen.— Herr Flageolet wird unter dem Seile dieſelben Uebungen machen, die Herr Muſtapha darauf macht.— Herr Guſtave wird Pygmalion, lyriſche Scene von Jean ⸗Jacques Rouſſeau, ſpielen.— Mademoiſelle Bertrand die Ael⸗ tere wird die Statue repräſentiren. Nach Pygmalion werden wir die Ehre haben darzuſtellen Arlequin Bul⸗ lenbeißer, große Pantomime mit großem Spektakel, mit dem Gegenſtande angemeſſenen Coſtumen und De⸗ 64 corationen. Das Schauſpiel wird endigen mit dem Carneval von Venedig⸗ ausgeführt von der gan⸗ zen Truppe.“ Eine ſolche Ankündigung war gemacht, um die Neugierde zu reizen. Die Einnahme war auch be⸗ friedigend. Laſſen wir die Neugierigen nun in die Bude von Herrn Bertrand, genannt Zozo vom Norden, eintreten und vor dem glänzenden Schauſpiel in Extaſe gerathen, und ſagen wir ein paar Worte von den Myſterien der Bank, in welche Myſterien Herr Etienne, genannt Guſtave, uns einzuweihen die Güte gehabt hat. Man nennt die Bank Alles, was zur großen Zi⸗ geunerfamilie der Gaukler gehört. Nur gibt es die hohe Bank und die kleine Bank. Die Kunſtreiter, die Seiltänzer, die Schauſpieler in der Bude, kurz Alles, was irgend ein Talent hat, gehört zur hohen Bank. Die Zeiger von Thieren, von Kindern mit zwei Köpfen, von Kälbern mit acht Füßen, von Seehunden, welche Papa und Mama ſagen, gehören zur kleinen Bank. Die hohe Bank iſt die Ariſtokratie. Die kleine Bank iſt das Volk. Alles, was irgend ein Talent hat, iſt ſehr ge⸗ achtet. Die kleine Bank ſpricht nur mit dem Hute in der Hand mit der hohen Bank. Es gibt nun nichts ſo Väterliches, als die Auto⸗ rität des Directors, nichts ſo Exemplariſches, als dieſe Zigeuner⸗Haushaltungen, nichts ſo gut Angewendetes, als die Zeit, die zwiſchen den Proben und den Vor⸗ ſtellungen verläuft. Die Frauen waſchen das Weißzeug, färben die Tricotbeinkleider, ſchneiden und nähen die Coſtumes. Die Männer arbeiten an den Vorrichtungen für —— —=ͤ——““ — „— 6⁵„ die Bank, bereiten bengaliſches Feuer, füllen Schwär⸗ mer und Raketen. Andere machen das, was man Illuſionen nennt. „Was iſt das: Illuſionen machen?“ wird der Leſer fragen. Wir werden es ihm mit zwei Worten ſagen. Die Illuſionenmacher tauchen in Blei und Zinn, was man mit einander geſchmolzen hat, einen geſchnittenen und am Ende eines Stäbchens befeſtigten Stein von der Größe einer Erbſe; am Ende des Steins bleibt ein Flitter vom flüſſigen Metall. Dieſer Flitter wird abgenommen und ſogleich durchſtochen, um auf die Kleider und um die Helme genäht zu werden. Die Anderen warten die Pferde. Diejenigen, welche leſen können, lehren ihre Rol⸗ len die, welche es nicht können. Alle endlich üben ſich im Spielen eines Inſtru⸗ ments, und wenn ſie eines ziemlich gut ſpielen können, gehen ſie zu einem andern über. Alle ſind geborene Trommler. In einem Augenblick des Ruins, nach einem ſchlechten Feldzug, wenn man genöthigt geweſen iſt, die Wagen zu verkaufen, die Pferde zu verpfänden, die Beſoldeten zu entlaſſen; wenn endlich nichts mehr von dem übrig bleibt, was man die Familie nennt, erheitert man ſich, das heißt, man zerſtreut ſich auf dem Lande. Dann hat Jeder ſeinen Rummel: der Eine fabrieirt Seife zum Erweichen, der Andere Pom⸗ made, um den Haarwuchs zu befördern, der Dritte Pulver, um die Zähne weiß zu machen, der Vierte Wichſe, um der Fußbekleidung Glanz zu verleihen und ſie zu erhalten. Die Kinder gehen mit Teppichen in die Kaffee⸗ Abenteuer eines Schauſpielers. 5 66 häuſer, marſchiren auf den Händen, machen die drei Biegſamkeitsſtücke des Körpers, vorwärts, rückwärts, und tanzen das Fricaſſé. Alle Tage, alle zwei Tage, alle drei Tage, je nach der durchlaufenen Entfernung, bringt ſodann jeder Zigeuner gewiſſenhaft dem Vater und der Mut⸗ ter das, was er verdient hat. Herr Guſtave führte ſeit drei Monaten dieſes pittoreske, abenteuerliche Leben bei anſtändiger Nah⸗ rung, hatte aber nie einen Sou von den verſprochenen fünfzig Franken empfangen; da bekam er einen Brief von Hippolyte, nur folgende Worte enthaltend: „Komm zurück! der Koſak iſt abgegangen!“ Herr Guſtave ſagte nichts, da er ſich aber in kei⸗ ner Hinſicht mit der Ehre gegen Zozo vom Norden verbunden glaubte, der ihm gegenüber ſeine Verpflich⸗ tungen nur zur Hälfte hielt, ſo entfernte er ſich an einem ſchönen Abend, nach einer Vorſtellung von Pyg⸗ malion und der Kohlenbrenner des Schwarz⸗ walds, leichten Fußes, ohne von Jemand Abſchied zu nehmen, und ſchlug den Weg nach Audenärde ein, wo für den Augenblick der Vater Dumanoir und ſeine Truppe campirten. 4 3 Und will man nun wiſſen, was aus den Haupt⸗ perſonen der Truppe geworden iſt, die wir verlaſſen, um ſie nicht wiederzuſehen? Mademoiſelle Bertrand die Aeltere iſt Madame Thomaſſin geworden und hat vor ungefähr zwei Jah⸗ ren, bei einer Aufſteigung auf dem Seile, in den Ba⸗ tignolles in Paris das Leben verloren. Herr Flageolet, der die Medicin ſtudirt hatte, wurde Sanitätsbeamter und ließ ſich ſpäter als Zahn⸗ arzt in einer großen Stadt Frankreichs nieder. Herr Muſtapha endlich, der ſich für ſeine Kame⸗ raden mit dem weniger anſpruchsvollen Namen Fafiou nannte, iſt der Bruder von Baſtien Franconi, und 67 hat die Eröffnung des Cirque Franconi mit Lalanne, dem berühmten Proofeſſor der Equitation der Rue des Foſſés⸗du⸗Temple, gemacht. Herr Guſtave fand die Truppe des Vaters Du⸗ manoir ſehr desorganiſirt wieder; ſie brauchte wohl viel mehr ihn, als er ſie brauchte. Schon an demſelben Abend wurde Rath gehalten. Ferdinand der Koſak hatte dadurch, daß er ſeine Gar⸗ derobe mitgenommen, alle Hülfsmittel der Truppe ver⸗ nichtet. Der Vater Dumanoir, mochte ſeine Caſſette nun Gold oder Silber enthalten, ſchien nur geneigt, ſie in der äußerſten Noth zu öffnen. Die Truppe mußte ſich alſo mit ihren eigenen Mitteln herausziehen, und, wir müſſen es ſagen, die Mittel der Truppe wa⸗ ren gering. Guſtave und Hippolyte bemühten ſich nun, ein Repertoire von militäriſchen Stücken zu erſinnen. Das Repertoire war nicht lang, doch man würde nur zwei Vorſtellungen in jeder Stadt geben. Es beſtand aus: Michel und Chriſtine, Das Schloß meines Oheims, Ohne Trommel und Trompete, Die Heirath aus Vernunft und Adolphe und Clara. Nan ſpielte Alles dies mit der Uniform der Gar⸗ niſon der Städte, wo man ſich befand. Und da die Städte belgiſch waren, ſo waren die uUniformen auch belgiſch. Nach Verlauf von drei Monaten waren alle Städte, wie man dies mit dem Theaterausdrucke nennt, verbrannt. Doch man war darauf verſeſſen, ſelbſt in den Dörfern Aehren zu leſen, und man that dies mit einem Muthe und einer Beharrlichkeit, die eines beſſeren Schickſals würdig geweſen wären. Endlich mußte man ſich zum Rückzug entſchließen. Der Winter in ſeiner ganzen Strenge gab dieſem 68 Mißgeſchick eine noch größere Aehnlichkeit mit dem von Moskau. 4 Die Kleider waren in einem beklagenswerthen Zu⸗ ſtande, die des Vaters Dumanoir, wie die andern; er ſprach indeſſen durchaus nicht vom Oeffnen ſeiner Caſ⸗ ſette, über der er mit einer thätigeren, ängſtlicheren Vaterſchaft als je wachte.— Herr Guſtave war bei ſeinem letzten Hemde, und an einem ſchönen Morgen fand ſich dieſes Hemd ſo abgetragen, ſo zerriſſen und beſonders ſo ſchmutzig, daß er, da er es nicht wagte, es in der Kirche von***F aufzuhängen, wie es Iſabella mit dem ihrigen in der Moſchee von Granada gethan hatte, daſſelbe in die Furchen von umgeackerter Erde warf. Ein papierener Kragen erſetzte den linnenen; der von oben bis unten zugeknöpfte Rock entzog den Blicken die Abweſenheit des Uebrigen. Endlich wurde die Noth ſo groß, daß an einem Tage die ganze Truppe nichts zu eſſen hatte, als die Steckrüben, die ſie aus dem Felde riß. Seine Caſſette unter dem Arme, weidete der Vater Dumanoir wie die Andern, und er ſagte von dem halb gefrorenen Gemüſe, was Karl XII vom halb verfaulten Commißbrode ſagte: „Das iſt nicht gut, doch es iſt eßbar.“ Man fing an zu glauben, es ſei weder Gold, noch Silber, was die Caſſette enthalte. Was war es aber dann? — ½—— 69 VII. Verſchwinden des Vaters Dumanoir.— Guſtave und Hippolyte unternehmen Nachforſchungen nach ihm.— Co⸗ ſtume von Guſtave.— Der Querweg.— Foreirter Marſch im Schnee.— Der Hunger.— Die einſame Hütte.— Ein braves Weib und ein ungaſtfreundlicher Mann.— Die Brodſcheibe.— Eines Morgens fand es ſich, daß der Vater Du⸗ manoir mit Hinterlaſſung eines Briefes verſchwunden war. Er gab ſeiner ganzen Truppe Rendez⸗vous in der Stadt Armantières, welche, bezüglich der Stellung unſerer Helden, drei Meilen jenſeits der Stadt Lille lag. Als dieſe Kunde ſich verbreitete und aus einem höchſt unruhigen Schlafe Guſtave und Hippolyte auf⸗ fahren machte, hatten ſie ſeit dem vorhergehenden Mit⸗ tag nichts mehr gegeſſen. Zwei Stunden vergingen,— wie es bei allen Umſtänden geſchieht, wo eine raſche Entſcheidung nö⸗ thig wäre, um dem Uebel die Stirne zu bieten,— zwei Stunden vergingen in Verwunderungen, in Er⸗ örterungen, in vorgeſchlagenen, debattirten und verwor⸗ fenen Projecten. Endlich beſchloß man, es ſollte ſich auf die Ge⸗ fahr, den Vater Dumanoir nicht beim Rendez⸗vons zu finden, der Reſt der Truppe,— Jeder auf dem ihm beliebigen Wege und mit den Mitteln, die er fich zu ſchaffen den Verſtand hätte,— nach Armantisres be⸗ geben. Guſtave und Hippolyte, das heißt Oreſtes und Pylades, beſchloſſen, ſich nicht zu verlaſſen und mit einander das zu erſchöpfen, was ihnen das Schickſal von neuen Täuſchungen und, wir könnten ſogar ſagen, neuen Unfällen vorbehielt. Man fing damit an, daß man bis Mittag wartete, um den Raben, welche von der Vorſehung beauftragt ſein könnten, irgend ein Frühſtück zu bringen, Zeit zum Ankommen zu laſſen; doch die Vorſehung hielt es nicht für gut, für Heiden, wie die Herren Guſtave und Hippolyte, das Wunder, das ſie für den würdigen Propheten Elias geſtattet hatte, zu erneuern. Um Mittag begab man ſich auf den Weg. Man hatte vier und zwanzig Stunden nichts ge⸗ geſſen. Da jede Minute koſtbar war, ſo würde man gerade nach ille gehen; in Lille würde man das ein⸗ zige Ding verkaufen, das noch zu verkaufen blieb,— und bald wird man durch die genaue Beſchreibung der Tracht ſehen, daß wir nicht übertreiben,— nämli ein Paar Strumpfhoſen; hiemit würde man zu Nacht eſſen und ſchlafen; am andern Morgen würde man ſodann ſo frühzeitig als möglich nach Armantidères abgehen. Da nun unſere mit den Theaterausdrücken etwas weniger als wir vertrauten Leſer uns fragen könnten, was wir unter Strumpfhoſen verſtehen, ſo antwor⸗ ten wir ihnen, daß Strumpfhoſen blaue weiße, gelbe, graue, rothe, grüne, chocolatfarbige Halbtricots ſind, mit denen man alle Helden vom Achilles bis auf den Marſchall von Sachſen ſpielen kann. Man begab ſich, alſo gegen Mittag auf den Weg bei einem trüben Wetter, mit einem Fuß Schnee unter der Sohle ſeiner Schuhe, mit einem Ocean von Schnee über dem Kopfe, mit einem Horizont von Schnee vor ſich, hinter ſich, um ſich. Man erlaube uns, das Coſtume von Herrn Guſtave zu beſchreiben, der für die erſten jungen Elegants und die Liebhaber im Vaudeville von Herrn Kr 71 Dumanoir und für die Pygmalion von Herrn Ber⸗ trand, genannt Zozo vom Norden, engagirt war. Großer Ueberrock, an die Ferſen ſchlagend, hin⸗ ten geſchloſſen durch eine Reihe ſchwarzer Nadeln, die ihm nicht erlaubten, ſich zu öffnen. Ausgetretene Schuhe ohne Strümpfe oder Halb⸗ ſtrümpfe. Hut, den man, wenn man grüßte, beim Fond neh⸗ men mußte, aus Furcht, die Krämpe könnte in der Hand bleiben. Uuntertheil von Hoſen, weite Kamaſchen bildend, auf beiden Seiten an den Taſchen des Ueberrocks mit⸗ telſt ſchwarzer Nadeln befeſtigt. Weſte abweſend! Hemd abweſend! Ddieſe Beſchreibung des Coſtume von Guſtave überhebt uns der Aufgabe, vom Coſtume von Hippolyte Rechenſchaft zu geben. Beide marſchirten geſenkten Hauptes auf der Land⸗ ſtraße nach Lille; da hatte Guſtave, die Biegung meſ⸗ ſend, welche die Straße machte, den ſchlimmen Einfall, zu ſagen: „Ei! es muß doch von hier nach Lille einen Quer⸗ weg geben, der für uns die Reiſe um ein paar Stun⸗ den abkürzen würde.“ „Bei Gott!“ rief Hippolyte,„es gibt immer Querwege.“ „Nun! wenn Du villſt, ſo fragen wir den erſten den beſten Bauern nach einem ſolchen Wege.“ Ein Bauer erſchien wie in den Zauberſtücken. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſer Bauer der Teufel war.—. „Sieh da!“ rief Hippolyte.— Guſtave trat vor, grüßte militäriſch, um die Ainpe ſeines Hutes nicht unnöthig zu ermüden, und ragte: 7² „Mein Freund, kennt Ihr nicht einen Querweg, der den Marſch nach Lille abkürzt?“ „Ja, meine ſchönen Herren,“ erwiederte der Bauer, „es gibt einen, der ihn um zwei Meilen abkürzt.“ Guſtave ſchaute Hippolyte mit einer Miene an, welche beſagen wollte:„Nun! Du ſiehſt, daß ich da einen Gedanken gehabt habe, der nicht ſchlimm war.“ „Und dieſer Weg, mein Freund?“ fragte er, in⸗ dem er ſich wieder an den Bauern wandte. „Es iſt der erſte, den Sie zu Ihrer Rechten fin⸗ den werden.“ „Man kann ſich nicht irren?“ „Nein, es iſt ein Weg, auf dem Wagen fahren. 4 „Doch wenn der Schnee...“ „Sie brauchen nur meinen Tritten zu folgen. Ich komme gerade von Lille.“ „Dann iſt Alles vortrefflich! Ich danke, mein Freund.“ Hienach ſetzten die zwei jungen Leute ihre Wan⸗ derung fort, nur darauf bedacht, den Weg rechts ein⸗ zuſchlagen. 3 Nach hundert und fünfzig Schritten fand man den bezeichneten Weg. Herr Guſtave wandte ſich um: er wollte dem Bau⸗ ern noch mit der Hand zuwinken, doch der Bauer war verſchwunden. Man betrat, ohne zu ſchwanken, den Querweg. Die Spur der Tritte war darauf ſichtbar, man konnte die Nägel der Schuhe zählen. Eine Täuſchung war alſo nicht möglich. Man ging eine Stunde, geleitet von den glückſe⸗ ligen Fußſtapfen; da es aber, ſeitdem man die Land⸗ ſtraße verlaſſen, wieder zu ſchneien angefangen, ſo ver⸗ ſchwanden die Spuren unter der wattirten Lage. Offenbar war der Augenblick nicht fern, wo man kein Zeichen zur Führung mehr hätte. F —&ᷣ& — 73 Gleichviel! man mußte an Ort und Stelle kom⸗ men, und man ging immer weiter. Es trat der Augenblick ein, wo die Tritte völlig verſchwanden. Man marſchirte auf das Gerathewohl. Nach einer Viertelmeile fühlte man am buckeligen Boden, daß man die Straße verlaſſen hatte und auf dem Ackerfelde ging. Man zog die zu drei Vierteln niedergetretenen Schuhe aus, da ſie eher ermüdeten, als eine Erleichte⸗ rung boten; weil man aber nicht mit bloßen Füßen in die Stadt eingehen konnte, ſo ſteckte man die Schuhe in die Taſche. Die Taſchen ſchlugen auf die Haut. Es war für die zwei jungen Leute ein Anfang von wahrer Verzweiflung, als ſie den Tag ſich neigen, den Horizont zuſammenſchrumpfen, den Schnee ſich ver⸗ doppeln ſahen. So weit das Auge reichte, war die Ebene öde und verlaſſen; man hätte ſich auf den Steppen Sibi⸗ riens glauben können. Die zwei Reiſenden marſchirten ſtillſchweigend und gebeugt durch den Hunger; der Nordoſt verwan⸗ delte in Eis auf ihren Wangen die Thränen, die ihren Augen entquollen. Sie wagten es nicht, ſich anzuſchauen, aus Furcht, die Entmuthigung in ihren Geſichtern zu leſen. Sie hielten ſich an einander.— Guſtave ſah Hippolyte gehen, Hippolyte ſah Guſtave gehen: Beide marſchirten, doch wenn Einer von Beiden fiel, fiel der Andere auch. Es wurde Nacht. Bis zur Nacht war man in einer wahrſcheinlichen Richtung marſchirt; als es Nacht geworden, ging man auf das Gerathewohl. Bald blieb Hippolyte ſtehen. * 74 „Ich kann nicht mehr!“ ſagte er. „Was haſt Du?“ fragte Guſtave. „Ich ſterbe vor Hunger.“ Die jungen Leute hatten ſeit mehr als dreißig Stunden nichts mehr gegeſſen. „Nimm meinen Arm und laß uns gehen.“ Hippolyte nahm den Arm von Guſtave; ſie fühl⸗ ten aber bald, daß der holperige Boden eine Stra⸗ paze für Beide aus der Hülfe machte, die man einan⸗ der leiſtete. Hippolyte ließ den Arm von Guſtave los und ging allein, das heißt, man ging nicht mehr, ſondern man ſchleppte ſich. Der Schnee fiel etwas weniger dicht, doch es war ſtockfinſter geworden. Plötzlich rief Guſtave wie der kleine Däumling: „Ich ſehe ein Licht!“ „Iſt es wahr, oder ſagſt Du das, um es zu ver⸗ hindern, daß ich umſinke?“ fragte Hippolyte. „Sieh, ſchau 4* 1 „Dort.“ „Ich ſehe nichts.“ „Dort, dort!“ „Ja!... mir ſcheint... „Ich ſage Dir, daß das ein Licht iſt.“ „So laß uns gehen,“ rief Hippolyte. Und die zwei unglücklichen Reiſenden ſteuerten gerade auf das Licht los. Nach zehn Minuten waren ſie vor einer einſamen Hütte. 3 „Endlich ſind wir da,“ ſprach Hippolyte. „Ja, wir ſind da, aber...“ „Was aber?“ „Aber was wollen wir verlangen?“ ſagte Guſtave „Ein Stück Brod!“ verſetzte Hippolyte. ten nen ave 75⁵ „Wirſt Du es verlangen?“ „Ich?“ „Ja.“ „Ah Teufel!“ murmelte Hippolyte. „Nun?“. „Ich hätte nicht geglaubt, daß es ſo ſchwer iſt.... ein Stück Brod zu fordern.“ „Ei!“ verſetzte Guſtave mit einer gepreßten Stimme,„wenn man... zum erſten Male fordert!“ „Ich, was mich betrifft,“ ſagte Hippolyte,„wenn Dir der Muth fehlt,... ich lege mich hier nieder, und wenn ſie morgen herauskommen, werden ſie mich todt finden.“ „Ah! bei meiner Treu'! das iſt zu einfältig!“ rief Guſtave. Und er ging entſchloſſen auf die Thüre zu. Die Thüre öffnete ſich um die Mitte, wie ſich die Dorfthüren öffnen, damit man den oberen Theil aufmachen und den unteren geſchloſſen laſſen konnte. Das Licht, das durch die Fuge erſchien, bildete eine viereckige Einrahmung. Nach einem letzten Zögern klopfte Guſtave an. „Oeffnet!“ rief eine Weiberſtimme. „Gut! es iſt eine Frau da,“ ſagte Guſtave,„wir ſind gerettet.“ Da ging der obere Theil der Thüre ins Haus zu⸗ rück, und Guſtave konnte mit einem Blicke das ganze Innere der Stube umfaſſen. Der Thüre gegenüber ſaß die Frau, welche: „Oeffnet!“ geſagt hatte, an einem Rädchen und ſpann. Neben ihr brannte eine Lampe auf einem Tiſche. Im Hintergrunde rechts war ein mit grüner Sarſche üͤberzogenes Bett. Hinter der Frau, an die Wand angelehnt und unten einen Brodkaſten bildend, ſtellte ein großer Schrank auf den Fächeren ſeines oberen Theiles Faiencegeſchirr mit Vögeln und Blumen zur 76 Schau. Links von der Thüre, mitten an der Seiten⸗ face, öffnete ſich ein ungeheurer Kamin, in welchem ſich ein Reisbündel vollends verkohlte, und vor dem eine ungeſtalte Maſſe ſichtbar war. Der Anblick der Frau beruhigte ein wenig die zwei jungen Leute. Vielleicht brachte ihr Anblick nicht dieſelbe Wirkung auf die Frau hervor. Obgleich ſchön und jung, hatten dieſe zwei Köpfe, welche im Rahmen der Thüre auf einem Hintergrunde von Schnee erſchienen, durch die Bläſſe und das Lei⸗ den ein unheimliches, finſteres Ausſehen angenommen. Auch ſprach die Kleidung der zwei nächtlichen Rei⸗ ſenden durchaus nicht zu ihren Gunſten. Bei den erſten Worten aber, die ſie ſagten, war die Frau beruhigt. Beide fingen zugleich an zu reden; doch beim vier⸗ ten oder fünften Worte erloſch die Stimme von Hippo⸗ lyte und Guſtave fuhr allein fort. „Madame,“ ſagten Beide,„entſchuldigen Sie...“ Hier erloſch die Stimme von Hippolyte und Gu⸗ ſtave ſprach weiter: „Wir ſind zwei arme verirrte Burſche... wir ſterben vor Hunger, und wenn Sie wollten, wenn Sie die Güte hätten, wenn Sie ſo barmherzig wären...“ Sodann mit einer Anſtrengung: „.. Uns ein Stück Brod zu geben...“ Er konnte nicht weiter reden, und die Stimme erloſch in ſeiner Kehle, wie ſie in der von Hippolyte erloſchen war. Nun ſchien die ungeſtalte Maſſe, die ſie vor dem Kamine geſehen, ohne zu wiſſen, was es ſein konnte, ſich zu beleben, und ſie rief mit einer barſchen Stimme: „Man kann nichts für Euch thun; geht Eures Weges! Wir ſind nicht reich, und was das Brod be⸗ trifft, ſo haben wir nicht zu viel für uns.“ Dooch die Frau, welche die Bläſſe der zwei jungen 77 Leute wahrgenommen, die Frau, die ihr ehrliches Aus⸗ ſehen gerührt hatte, ſtand auf, ging, ohne auf die Worte des Mannes zu merken, nach der Schublade, zog einen halben zwölfpfündigen Laib Brod, ſo breit wie ein kleiner Mühlſtein, heraus, ſchnitt in ſeiner ganzen Länge eine einen Zoll dicke Scheibe ab und ſagte: g„Bah! Mann, das ſind zwei arme Jungen, die ſehr ehrlich ausſehen. Wenn ich ihnen einen Biſſen Brod gebe, ſo werden wir darum nicht ärmer ſein. Geht, meine Kinder, und Gott geleite Euch!“ Und ſie gab ihnen die Brodſcheibe, die ein Pfund oder anderthalb wiegen mochte. Sodann, als befürchtete ſie, ihr Mann könnte herbeilaufen, um den zwei Wanderern das Brod, das ſie ihnen gegeben, wieder zu nehmen, fügte ſie bei: „Geht, geht; Ihr ſeid nur noch eine Meile von Lille entfernt.“ Und ſie ſchloß die Thüre vor ihrer Naſez doch es lag in dieſer Handlung offenbar mehr Wohlwollen als Feindſeligkeit. Die jungen Leute begriffen das, denn weit ent⸗ fernt, ihr zu grollen, ſtammelten ſie ganz erſtickt von der Gemüthsbewegung: „Oh! gute Frau! oh! brave Frau! Geſchöpf des guten Gottes! Ja, wir werden wiederkommen, und wenn wir je reich ſind, ſei ruhig, gute Frau! ſei ru⸗ hig, brave Frau! Du wirſt Dich nie mehr um etwas zu bekümmern haben!“ 1 Und während er ſie zu ſegnen fortfuhr, theilte Guſtave die Scheibe in zwei Hälften, gab ein Stück Hippolyte und behielt das andere für ſich. 1 Als ſie aber dieſes Stück Brod an den Mund brachten, hatten ſie nicht mehr die Kraft, in das Brod des Almoſens zu beißen, und Beide fingen an zu wei⸗ nen und zu ſchluchzen. 78 VIII. Ankunft vor den Thoren von Lille.— Der Oetroi.— Die Taſchenviſitation.— Das geſchloſſene Thor.— Sinn⸗ reiche Art, in die Stadt zu kommen.— Guſtave innen, Hippolyte außen.— Rückkehr von Guſtave.— Neuer Ver⸗ ſuch.— Aehnliches Reſultat.— Verzweiflung von Hippo⸗ lyte.— Diolog in einem verlaſſenen Schilderhauſe.— Das Frühſtück in Hoffnung.— Eintritt in die Stadt.— * O Dante, Dante! großer Dichter, der Du einen erhabenen Vers für jeden Schmerz haſt! Die zwei armen Kinder waren nicht einmal ver⸗ bannt: ſie hatten nur Hunger. 3 Sie erſtiegen nicht die harte Treppe der Fremde: ſie gingen mit bloßen Füßen auf der Erde des Vaterlands. Und dennoch weinten Beide mit ihrem Stücke Brod in der Hand. Weder der Eine, noch der Andere konnte darein beißen. Doch dieſe halb ſüße, halb ſchmerzliche Gemüths⸗ bewegung gab ihnen wieder Kräfte. Es ſchien ihnen, die gute Frau, als ſie ihnen ſagte, die Stadt ſei nur noch eine Meile entfernt, habe die Hand in der Rich⸗ tung eines Wäldchens ausgeſtreckt, das ſie auf fünfzig Schritte vor ſich ſahen. Sie gingen auf das Wäldchen zu, indem ſie ſich von Zeit zu Zeit umwandten und ausriefen: „Oh! gute Frau, oh! brave Frau!“ Endlich, gegen elf Uhr Abends, ſpäter vielleicht, — man kann ſich wohl denken, daß unſere Zigeuner 4 inen ver⸗ der . Erde tücke rein ths⸗ nen, nur ſich⸗ ufzig ſich eicht, uner 79 keine Uhr hatten,— endlich gegen elf Uhr Abends er⸗ blickte man die Mauern der Stadt. Bei dieſem Anblick gaben die zwei Reiſenden einen großen Seufzer der Freude von ſich.. Vor den Thoren von Lille traf man die Octroi⸗ beamten: „Wohin gehen Sie?“ „Nach Lille.“ „Haben Sie nichts zu declariren?“ „Haſt Du etwas zu declariren?“ fragte halb wei⸗ nend, halb lachend Guſtave ſeinen Gefährten Hippo⸗ lyte. „Ich habe zu declariren, daß ich vor Kälte ſterbe.“ „Und ich, daß wir, wenn man uns aufhält, nicht mehr in die Stadt hinein können.“ „Kommen Sie hierher,“ ſagte mit barſchem Tone ein Douanier. Und er griff mit der Hand unter den Ueberrock und traf die nackte Bruſt von Guſtave, der vom Schei⸗ tel bis zu den Zehen ſchauerte, als er dieſe Hand auf ſeinem Fleiſche fühlte. „Haben Sie Spitzen oder Schmuckſachen?“ fragte der Douanier aus Gewohnheit. „Wenn wir Schmuckſachen hätten, ſo wären ſie verpfändet, und wenn wir Spitzen hätten, ſo würden wir uns Hemden daraus gemacht haben.“ „Aber was haben Sie denn in dieſen Taſchen? Man durchſuchte die zwei Reiſenden. Sie hatten in dieſen Taſchen, einmal ihre übertretenen Schuhe, ſodann die erwähnten Strumphoſen, und endlich Jeder ein Stück Brod, das ſie nicht gegeſſen. Die Viſitation dauerte eine ſtarke Viertelſtunde. Als man erkannt hatte, daß ſie keine Contrebande bei ſich trugen, wurden die jungen Leute ermächtigt, ihren Weg zu verfolgen. 80 Sie waren alſo an Ort und Stelle. Das gaſt⸗ freundliche Thor fanden ſie zwar geſchloſſen, doch es würde ſich wahrſcheinlich öffnen. In dieſem Vertrauen klopfte Guſtave an. Man hörte den Thorwart die Thüre ſeines Hau⸗ ſes aufmachen, ſich dem Thore der Stadt nähern, den Schlüſſel im Schloße knirſchen laſſen und den Quer⸗ baum zurückziehen. Dann öffnete ſich das Thor ſo weit, daß es einer durch die Kälte gerötheten Naſe Durchgang ge⸗ währte. „Wer ſind Sie?“ fragte der Thorwart. „Wer wir ſind?... Er iſt gut!“ erwiederte Guſtave, die größte Sicherheit affectirend.„Junge Leute aus der Stadt.“ „Ihre Karten alſo?“ „Unſere Karten?... Was für Karten?“ „Sie haben keine Karten?“ „Nein.“ „Dann gute Nacht! Sie kommen nicht herein!“ Und ehe die jungen Leute Zeit gehabt hatten, auch nur die geringſte Bemerkung zu machen, war das Thor wieder geſchloſſen. Guſtave und Hippolyte ſchauten ſich beſtürzt an. Sie hatten wieder Kräfte gefunden, um bis ans Thor zu kommen, doch am Thore verließen ſie dieſe Kräfte. Was ſollten ſie thun? Die Nacht außen zubrin⸗ gen? Die ſchon halb gefrorenen armen Teufel würden ganz erfrieren. Guſtave dachte natürlich an die Wachſtube, deren warmes Licht man durch die geſprungenen Scheiben glänzen ſah. * Er hatte ſo oft die Nacht in der Wachſtube der Douaniers von Caen zugebracht, warum ſollte er t 8¹1 nicht eine Nacht in der Wachſtube der Douaniers von Lille zubringen? Die Füße waren auf den Schnee gefroren; es war ein Schmerz, ſie vom Boden loszureißen... Auch weiß man, wie ſchwierig nach großen Ermü⸗ dungen die Halte einen neuen Aufbruch machen. Die jungen Leute erreichten, ſich auf ihren ſchmer⸗ zenden, blutigen Füßen fortſchleppend, die Wachſtube, wandten ſich an die Schildwache, ihre letzte Hülfs⸗ quelle, und ſagten: „Mein Herr, wir haben unſere Karten vergeſſen, und der Thorwart weigert ſich, uns einzulaſſen. Er⸗ lauben Sie uns, die Nacht in der Wachſtube zuzu⸗ bringen“ 5 „Das iſt verboten,“ erwiederte die Schildwache.. Die zwei jungen Leute ſtießen einen Schmerzens⸗ ſchrei aus. Der Ton, mit dem ihnen die Antwort gegeben wurde, ſagte deutlich genug, es wäre vergeblich, auf dem Geſuche zu beharren. In dieſem Augenblicke hörte man das der Dili⸗ gence eigenthümliche Geräuſch, ein Geräuſch von Ket⸗ ten, von Schellen, mit Begleitung von Peitſchen⸗ hieben. Guſtave belebte ſich wieder beim Rollen dieſes entfernten Donners. „Hippolyte, eine Idee!“ „Iſt ſie gut?“ „Ich glaube wohl, wir werden hinein kommen.“ „Wie dies?“ „Du ſollſt es ſehen.“ „Erkläre Dich doch!“ „Ich habe keine Zeit. Thue, was ich thun werde.“ Die ſchwerfällige Maſchine erreichte wirklich die Abenteuer eines Schauſpielers. 6 82 Wachſtube und hielt davor an, damit der Douanier einſteigen konnte, denn die Viſitation wurde erſt in der Stadt vorgenommen. Gnſtave näherte ſich und rief: „Conducteur, wir haben unſere Karten vergeſſen. Es iſt nicht möglich, in die Stadt bineinzukommen. Laſſen Sie uns auf Ihre Imperiale ſteigen, oder wir ſterben vor Kälte.“ „Hü!“ war die einzige Antwort des Conducteur. Und die Pferde entfernten ſich in ſtarkem Trab. „Geſchwinde, Hippolyte!“ rief Guſtave;„ſtellen wir uns, Du auf eine Seite des Wagens, ich auf die andere. Klammere Dich an den Griff des Schlages an, und wir kommen mit der Diligence hinein.“ Das befohlene Manoeuvre wurde auf der Stelle ausgeführt. Während der fünfzig Schritte, welche die Wach⸗ ſtube vom Thore trennten, lief man, ohne Müdigkeit, Wunden oder Hunger zu fühlen. Die Hoffnung hatte Alles vergeſſen gemacht. Beim Lärmen der Deligente öffnet ſich das Thor wie durch einen Zauber. Der Wagen fährt durch, das Thor ſchließt ſich wieder, Guſtave iſt innen. Er dreht ſich um und ſchaut umher: kein Hippo⸗ lyte. Was war aus ihm geworden? Das ſoll man erfahren. Man hatte beide Flügel des Thores geöffnet, der Thorwart bhatte einen Flügel zurückgezogen, ſeine Frau den andern. Guſtave befand ſich auf der Seite des Thorwarts, vielleicht ſah er ihn, in jedem Fall aber hielt er ihn nicht zurück. Hippolyte war auf der Seite der Frau. Die Frau ergriff ihn beim Flügel ſeines Rockes. Hippo⸗ lyte, der die Reife dieſes Kleidungsſtückes kannte, 83³ wollte es nicht wagen, es ihr aus den Händen zu reißen. Er ließ ſich vor das Thor zurückſchieben. Sagen wir zur Ehre von Guſtave, daß er nicht einen Augenblick den Gedanken hatte, in der Stadt zu bleiben, während ſein Freund außen war. Er trat auf den Thorwart zu und ſagte zu ihm: „Mein Herr, ich bitte Sie inſtändig, laſſen Sie meinen Kameraden herein.“ „Ei!“ erwiederte der Thorwart,„warum iſt er ſo dumm? Er brauchte es nur zu machen wie Sie: Sie ſind hereingekommen? nun! Sie ſind hereinge⸗ kommen, was!.. Laſſen Sie ihn außen und bleiben Sie innen.“ „Mein Herr, ich flehe Sie an, haben Sie Mit⸗ leid mit ihm und öffnen Sie ihm das Thor.“ „Unmöglich!“ „So laſſen Sie mich zu ihm zurückkehren.“ „Oh! was das betrifft, mit dem größten Vergnü⸗ gen. Gehen Sie!“ Und er nahm den jungen Mann bei den Schul⸗ tern, während ſeine Frau das Thor an ſich zog, und ſchleuderte ihn durch die Oeffnung, ſobald dieſe weit genug war, daß ein Leib durchpaſſiren konnte. Hienach ſtießen Beide, aus Furcht vor einem Ue⸗ berfall, mit einer gemeinſchaftlichen Anſtrengung das Thor wieder zu. Es fiel den jungen Leuten nicht einmal ein, zu kämpfen: ſie waren zu tief niedergeſchlagen. Es fing wieder an zu ſchneien. Hippolyte lehnte ſich an die Bruſtwehr an, ließ A⸗ ie hängen und neigte ſein Haupt auf ſeine Bruſt. Guſtave ſetzte ſich nicht, ſondern lehnte ſich neben ihm an. Nach einigen Minuten erhoben Beide gleichzeitig das Haupt. 84 Es kam ein Wagen herbei, und er war ſogar näher, als man hätte glauben ſollen, denn ſein Rollen dämpfte ſich auf dem Schneeteppich, der den Boden bedeckte. Man ſah ihn wie einen finſtern Punkt ſich nähern und raſch größer werden. „Ah!“ ſagte Guſtave,„wirſt Du diesmal ge⸗ ſchickter ſein, als das erſte Mal?“ „Ich werde es verſuchen,“ erwiederte Hippolyte mit einer niedergeſchlagenen Miene. Guſtave warf einen Blick auf den Wagen. „Es iſt eine Berline,“ ſagte er;„höre, diesmal will ich mich auf die Seite der Frau ſtellen; ſtelle Du Dich auf die Seite des Mannes. Der Mann iſt der minder Ungeſchlachte von Beiden. Daſſelbe Manoeuvre ward ausgeführt, nur mit dem Unterſchied, daß ſtatt rechts zu laufen, Guſtave links lief. Das Thor wurde geöffnet. Es fand ein kurzer Kampf ſtatt, ein Schmerzensſchrei machte ſich hörbar, Guſtave war wie das erſte Mal paſſirt. Er ſchaute umher: totales Verſchwinden von Hip⸗ polyte. 1 Die Frau hatte Guſtave bei ſeinem Rocke ge⸗ packt; doch ſie hatte ſich die ſchwarzen Nadeln ins Fleiſch gedrückt. Sie hatte den Schrei ausgeſtoßen, den man ge⸗ ört. 3 Guſtave war alſo durchgekommen. Hippolyte aber hatte ſich faſſen und vom Thor⸗ wart wieder hinausdrücken laſſen. Dieſelbe Bitte von Guſtave, dieſelbe Weigerung von Seiten des Thorwarts, dieſelbe Rückkehr von Guſtave ins Freie, diesmal jedoch begleitet von einem Fußtritt. — —— 8⁵ In ſeinem Aerger hatte Guſtave nur ein Wort für Hippolyte: „Dummkopf!“ „Ich ſtürze mich in den Graben!“ erwiederte Hip⸗ polyte.. „Er hat nur zwei Fuß Waſſer: Du wirſt Dir die Beine brechen und nicht ertrinken. Oh! ſollteſt Du ertrinken, wäre ich für immer von Dir befreit, dann würde ich nichts ſagen.“ „Guſtave!“ rief Hippolyte mit kläglichem Tone. „Oh! ich möchte auch raſend werden! Höre, wollen wir einander Fauſtſchläge geben? das wird uns erwärmen.“ Ich habe nicht einmal den Muth, mich zu ſchlagen“ „Gut! ſollen wir etwa da bleiben, um zu crepi⸗ ren wie zwei Hunde?“ „Laß uns gehen!“ Das war das letzte Mittel der zwei Unglücklichen, welche ſeit zwölf Stunden gingen. „Ja, laß uns gehen!“ „Wohin?“ „Ich weiß es nicht, doch gehen wir immerhin.“ Und in ihrer Verzweiflung fingen die zwei jungen Leute an auf der Landſtraße fortzulaufen. „Sieh da,“ ſagte Guſtave,„ein Schilderhaus!“ „Wo denn?“ „Schau doch!“ Und er deutete mit dem Finger auf ein verlaſſe⸗ nes Schilderhaus, das ſeine ſchwarze Silhouette auf dem fleckenlos weißen Teppich zeichnete. Beide erreichten das Schilderhaus. Die bloßen Füße traten wenigſtens auf Holz. „Ich habe Hunger,“ ſagte Hippolyte. „Eil! wir beſitzen ja Brod.“ „Ah! das iſt wahr, das Brod von der Frau.“ 86 Das Brod war in der Taſche gefroren und krachte unter den Zähnen. Man verzehrte es nichtsdeſtoweni⸗ ger bis auf das letzte Krümchen. Nachdem das Brod gegeſſen war, ſetzten die Kinnbacken ihre Bewegung fort; nur war die Bewe⸗ gung haſtiger: die Zähne klapperten. Die zwei Freunde hingen ſich an einander an und ſuchten ſich in einer Umarmung zu erwärmen, die man nur mit der der ſchnatternden Affen im Jardin des Plantes in den kalten Herbſttagen vergleichen ann. „Verſuchen wir es, zu ſchlafen,“ ſagte Guſtave. „Schlafe, wenn Du kannſt; mir iſt das unmög⸗ lich. Ich friere zu ſehr... ich ſterbe!“ „Ei! nun, Einfältiger! ſtirbt man vor Kälte?“ „Ah! mein Freund, in Rußland...“ „Das war in Rußland, und wir ſind in Frank⸗ reich. Bah! eine Nacht iſt bald vorüber,“ verſetzte Guſtave. Und er fing an, das Lied von Stanislas zu ſingen: 2 Un vieux soldat sait souffrir et se taire, Saus murmurer!*) Hippolyte antwortete durch einen Seufzer: hätte ihn das Schilderhaus nicht aufgehalten, er wäre rück⸗ wärts gefallen „Meine arme Mutter!“ murmelte er. „Selbſtſüchtiger!“ rief Guſtave;„ich ſage Papa ſe einer Stunde, doch ich ſage es wenigſtens ganz eiſe.⸗ *) Ein alter Soldat weiß zu leiden und zu ſchweigen ohne Murren! 3 k⸗ te 87 „O!“ machte Hippolyte. „Du willſt nicht ſchlafen 2*¹ „Ich kann nicht.“. laudern. ſchwatzen wir von „Nun, ſo laß uns p dem, was wir morgen. thun werden. Morgen... Hörſt Du mich?“ „Morgen verkaufen wir die Strumpfhoſen; wir bekommen immerhin zwanzig Sous dafür.“ „Glaubſt Du?“ „Das wäre der Teufel!“ Zwanzig Sous! Das war ihr höchſtes Trachten. Wenn wir zwanzig Sous haben, was werden wir thun?“ „Mit zwanzig Sous, ei! da tritt man kühn in eine Schenke ein; man wärmt ſich.“ „Ja, wir werden uns vor Allem wärmen.“ „Sodann werden wir Jeder eine Taſſe ſehr heißen Kaffee trinken.“ „Siedend?“ „Und eine gute Brodſchnitte.“ „Geröſtet?“ „Ja.“ „Gut.“ „Dann werden wir friſch ſein.“ „Wir ſind es ſchon nicht übel.“ „Ah, Du ſcherzeſt: wir ſind gerettet! und ich ſtrenge meine letzten Kräfte an, um dieſen Menſchen lachen zu machen... Spaßvogel!“ „Oh, wie kalt iſt es!“ murmelte ſchnatternd Hip⸗ polyte. Man gelan Nacht, die den Morgen berührt und, kühl, im Winter eiſig iſt. „Morgen werden wir nicht mehr gehen können,“ ſtammelte Hippolyte. * gte in der That zu der Stunde der ſelbſt im Sommer 88 „Bah! wir werden denken, wir ſpielen am Abend. Die Idee, daß ich Komödie ſpiele, gibt mir nicht Füße, ſondern Flügel.“ „Oh, wie kalt iſt es!“ ſeufzte Hippolyte mit einem ſolchen Ausdrucke von Traurigkeit, daß Guſtave nicht einmal mehr den Muth hatte, zu ſprechen. Die jungen Leute ſchloſſen die Augen, nicht in der Hoffnung, zu ſchlafen, ſondern um ſich ſelbſt Illu⸗ ſion zu machen. Nach einiger Zeit öffnete Guſtave die ſeinen wieder. „Höre,“ ſagte er,„ich glaube, der Tag iſt da.“ „Ach! das iſt der letzte!“ G „Ei! mache ihm wenigſtens ein gutes Geſicht.“ Hippolyte öffnete auch die Augen. „Nun, wenn das der Tag iſt,“ ſprach er,„ſo müſſen die Thore offen ſein.“ „Bei Gott!“ „So laß uns in die Stadt hineingehen.“ „Ich muß zuerſt meine Füße losmachen... Ah, aie!“ Die zwei jungen Leute verließen das gaſtliche Schilderhaus. Das Thor der Stadt war in der That offen. Sie traten triumphirend ein und überhäuften im Vorübergehen mit ihren Verwünſchungen den Thor⸗ wart, der ſich feig an ſeinem Ofen wärmte. —,=SB 89 IX. Die zwei Taſſen Kaffee.— Eine Idee im Grunde der Taſſe.— Verkauf der Strumpfhoſen.— Der Vater Du⸗ manoir im Gaſthauſe zum g ekrönten Affen.— Die Tour durch die Stadt.— Die Faſtenzeit vermindert die Einnahmen.— Allgemeines Faſten.— Guſtave gedenkt zu ſeinem Vater zurückzukehren.— Der Rummel mit dem Froſche.— Zwanzig Schritte jenſeits des Thores erſchien eine Schenke. „Laß uns eintreten,“ ſagte Hippolyte. „Einen Augenblick Geduld... die Schuhe?“ „Du haſt Recht.“ Man nahm die Schuhe aus den Taſchen und zog ſie an. Man mußte eine wahre Ehrfurcht vor dem Wohl⸗ anſtand haben, um die armen, mit Schmerzen behaf⸗ teten, blutigen Füße zu zwingen, in ein zähes Leder, das ſo hart wie Blech und ſo ſchneidend wie ein Ra⸗ ſirmeſſer, einzudringen. Man zog alſo die Schuhe an, und ſobald dies geſchehen war, trat man ein. „Oh, ein Ofen!“ rief Hippolyte. Und er lief an den Ofen und ſchloß ſein Rohr brüderlich an ſeine Bruſt. „Kaffee!“ rief Guſtave mit dem Tone eines Mil⸗ lionärs;„und ſehr heiß, ſehr heiß, ſiedend! Hm! hm!“ Nach zehn Minuten brachte man zwei Taſſen Kaffee. Die zwei Taſſen waren in einem Zuge verſchluckt. Guſtave ſchaute Hippolyte an. 90 „Nun, Sybarit,“ ſagte er,„wirſt Du Dich noch beklagen?“ „Und Geld?“ 2, „nn, die Strumpfhoſen? „Höre, Deine Schuhe ſind weniger niedergetreten als die meinigen.“ „Du glaubſt?“ „Du biſt gewandter als ich.“ „Du glaubſt?“ „Höre mich wohl an und vernimm, was Du zu thun haſt.“ „Ich höre.“ „Es war bei der Truppe von Zozo vom Norden eine Tänzerin, die ſich Mademoiſelle Mine nannte.“ „Mademoiſelle Mine?“ „Ja, wir haben mit einander in Lille geſpielt.“ „Gut.“ „Mademoiſelle Mine hatte eine Schweſter, eine reizende Perſon, die ſie beſuchte.“ „Was geht uns dieſe ganze Geſchichte an?“ „Warte doch, Du wirſt es, beim Teufel! wohl ſehen. Mademoiſelle Mine hatte eine Schweſter, eine reizende Perſon, welche auf dem Fiſchmarkte wohnte.“ „Der Fiſchmarkt iſt groß.“ „Man kann ſich nicht irren; ſie wohnte an einer der Ecken, und es ſind nur vier da.“ „In welchem Stocke? Ich ſage Dir zum Voraus, wenn man hinaufſteigen muß... „Man braucht nur hinabzuſteigen.“ „Sie wohnt alſo?“ 3 „Einen Stock unter dem Erdgeſchoß, im Keller.“ „Gut.“ u wirſ ſie in meinem Auftrage aufſuchen.“ „Gut.“ 1 „Du wirſt ihr nicht ſagen, daß ich hier bin.“ — (6 zu en 91 „Nein.“ „Du wirſt ihr nur ſagen, Du ſeiſt mein Freund.“ „Und dann? „Und Du wirſt ſie bitten, den Verkauf der Strumpfhoſen zu übernehmen; ſie wird ſie immerhin vortheilhafter verkaufen als wir.“ „Oh! das iſt eine Idee!“ „Unartiger! Glaubſt Du denn, es fehle einem an Ideen?“ „Nein, wenn Du beim Ofen biſt.“ „Gut, und wer hat denn die Idee gehabt, den Querweg einzuſchlagen?“ „Ohl ja... rühme Dich deſſen..“ „Suche nur Mademoiſelle Mine auf. Bringe hundert Franken zurück, wenn Du kannſt; bringe aber nicht weniger als zwanzig Sonus.“ „Man wird ſein Mögliches thun.“ „Gehe, Du haſt meinen Segen.“ Nach drei Viertelſtunden kam Hippolyte mit hei⸗ terem Geſichte zurück. Die Strumpfhoſen waren um vierzig Sous von Mademoiſelle Mine der Jüngeren verkauft worden. Nach Bezahlung ſämmtlicher Koſten blieben vier⸗ undzwanzig Sous übrig. Man hatte ein Stück Brod, ein Stück Käſe und ein Glas Bier gefrühſtückt. „Kellner, zwei Gläschen, und dann vorwärts!“ ſagte Hippolyte. „Siehſt Du den Galgenvogel: er behauptete, er könne nicht gehen! Dein Vater erwartet Dich alſo, um das fette Kalb zu ſchlachten, verlorener Sohn, daß Du ſolche Ausgaben machſt?“ Man trank die zwei Gläschen, und man ſetzte ſich in Marſch; Jeder hatte eine Brodkruſte in der Taſche, und man beſaß eine Reſerve von zwanzig Sous. Man hatte allerdings keine Strumpfhoſen mehr, doch man kann am Endennicht Alles haben. 92²2 In zwei Stunden erreichte man Armantisres. „Haben Sie keine Schauſpieler geſehen?“ fragte Guſtave den erſten Bürger, dem er begegnete. „Auf dem großen Platze links, Zum gekrönten Affen.“ „Gut; und der Weg nach dem großen Platze, wenn's beliebt?“ „Immer geradezu.“ „Ich danke... Nun! Du ſiehſt, daß der Vater Dumanoir ein ehrlicher Mann iſt...“ Du kennſt das Sprüchwort:„Wer verliert, ſiſcht.““ „Und ſeine Caſſette eine redliche Caſſette!“ „Das wäre der Augenblick, um ein wenig zu erfahren, was darin iſt.“ „Ich habe ſie eines Tages geſchüttelt; es klang wie Nüſſe.. O ich würde gerne Nüſſe eſſen!“ „Kellner, Deſſert für den Herrn!... Ahl! welch ein abſcheuliches Laſter iſt die Völlerei!“ Die zwei jungen Leute eilten nach dem großen Platze. Der Bürger hatte nicht gelogen; der Vater Du⸗ manoir und der Reſt der mit ihm verbundenen Truppe⸗ waren im Gaſthauſe Zum gekrönten Affen be⸗ ſchäftigt, Einladungsbillets zu machen, die man von Haus zu Haus tragen wollte. Als der Vater Dumanoir die jungen Leute er⸗ blickte, nahm er ſeinen Hut mit beiden Händen, ſchob ihn zwiſchen ſeine Kniee, ſtrich ſeine Haare zuſammen, richtete ſich auf und ſagte: „Meine Herren, Sie ſind ein wenig ſaumſelig.“ „Wir haben uns verirrt,“ erwiederte Hippolyte. „Setzen Sie ſich hierher und ſchreiben Sie.“ „Schreiben, was? Billets? Ein ſchlechtes Mittel der Veröffentlichung!“ bemerkte Guſtave. 93 „Mein guter Freund, können Sie ein anderes vorſchlagen?“ fragte der Vater Dumanoir. „Ich ſchlage vor, die Tour durch die Stadt mit dem Trommler zu machen.“ „Wir haben anch hieran gedacht; doch der Sa⸗ taustrommler verlangt zwanzig Sous.“ „Ich ſtrecke der Truppe zwanzig Sous vor, unter der Bedingung, daß ich ſie von der erſten Einnahme für mich erhebe.“ „Bewilligt!“ rief man einſtimmig. „Aber, mein guter Freund, was werden wir ohne Coſtümes ſpielen?“ fragte der Vater Dumanoir. „Das militäriſche Stück: Ohne Trommel und Trompete, Michel und Chriſtine, Adolphe und Clara.“ „Gut, es ſei.“ Und er ſetzte ſeinen Hut wieder auf. Man holte den Trommler: er verlangte zum Voraus bezahlt zu werden. Guſtave reichte ihm majeſtätiſch die zwanzig Sous. Der Trommler nahm die zwanzig Sous. „Und nun,“ ſagte er,„Sie werden mir wohl einen Platz für meine Frau und meine Kinder geben?“ „Sind Sie von der Nationalgarde?“ „Ja.“ „Sie ſollen vier Plätze haben, doch Sie müſſen uns Ihre Uniform leihen.“ „Es wird geſchehen.“ „Man wirble alſo!“ Und es begann die Tour durch die Stadt. Man ſpielte mit der Uniform der zwei Gendar⸗ men, dem Rocke des Trommlers und der Verlaſſenſchaft des Feldſchützen. Die erſte Einnahme belief ſich auf ſechzig Franken nach. Abzug der Koſten. Da Ferdinand der Koſak nicht mehr da war, 94 um fünf und einen halben Theil für ſich zu nehmen, ſo bekam Jeder einen ganzen Theil, nachdem die zwanzig Sous von Guſtave gewiſſenhaft wiedererſtattet waren. Fünf Franken ſechzig Centimes. Das war der Pactolus, wenn er alle Tage ge⸗ floſſen wäre. Niemand kann gauz gewiß den Grund des An⸗ wachſens vom Nil angeben. Wir werden ohne Furcht, Lügen geſtraft zu wer⸗ den, die Urſache vom Fallen des Pactolus nennen. Man trat in die Faſten ein, eine Zeit des Faſtens für die Chriſtenheit im Allgemeinen, für die Schau⸗ ſpieler aber insbeſondere, und für die Provinzſchau⸗ ſpieler ganz beſonders. Eines Tags, als man nur zehn Franken gemacht hatte,— das war allerdings unter den Koſten,— ſagte Guſtave zu Hippolyte: „Hippolyte, ich ergebe mich.“ „Was will das beſagen:„„ich ergebe mich?“ „Das will beſagen: ich bin beſtegt.“ „Und.. 2“ „Und ich will mich einer neuen Arbeit zuwenden.“ „Welcher?“ „Der der reumüthigen Kinder: ich debutire als verlorener Sohn. Morgen reiſe ich nach Caen: ich falle meinem Vater zu Füßen und thue, was er will, und ſollte er von mir verlangen, daß ich nicht mehr Komödie ſpiele.“ 3 „Abtrünniger!“ „Was willſt Du? Die menſchliche Stärke hat ihr Maaß.“ „Wie viel haſt Du zur Reiſe?“ „Ich habe, was ich brauche, neun Franken; vier Franken, um ein Paar Schuhe zu kaufen, fünf Fran⸗ ken, um den Weg von hier nach Paris zu machen.“ 8 er ka el 9⁵ „Weißt Du, daß es immer fünſzig Meilen*) von Lille nach Paris ſind?“ „Fünfundfünfzig! Das ſind zwanzig Sons für die Etape zu eilf Meilen am Tage.“ „Und von Paris nach Caen, wie viel Meilen?“ „Dreiundfünfzig.“ „Hundertundacht im Ganzen.“ „Gut! das verſchlingt ſich.“ „Hundertundacht Meilen mit hundert Sous: das iſt nicht ein Sou auf die Meile; Du wirſt Vorſpann haben?“ „In Paris treffe ich wohl einen alten Kameraden, der mir etwas leiht.“ „Iſt das entſchieden?“ „Unwiderruflich.“ „Glückliche Reiſe!“ „Umarmen wir uns!“ „Morgen...“ „Morgen werde ich auf dem Wege ſein, ehe Du erwacht biſt.“ „Dann... Die zwei jungen Leute umarmten ſich. „Ah!...“ ſagte Guſtave. „Was?⸗ „Man weiß nicht, in welche Lage man kommen kann.“ „Du haſt Recht.“ „Man kanm genöthigt ſein, auf den Feldern zu weiden, und nicht einmal mehr Rüben finden.“ „Wir haben das erlebt.“ „Wohl denn, ich will Dir ein Geſchenk machen, ehe ich Dich verlaſſe.“ „Gib,“ erwiederte Hippolyte. 4 *) Lieues, franzöſiſche Meilen. 96 Und er ſtreckte beide Hände aus. „Materielles Geſchöpf!“ „Ei! warum nicht?“ „An Dein Moraliſches wende ich mich.“ „Es wäre mir lieber, Du würdeſt Dich an mein Phyſiſches wenden.“ „Ich will vom Einen zum Andern überzugehen ſuchen. Du weißt, daß ich Dir erzählte, wir haben Alle, ſo viel wir von der hohen oder der kleinen Bank waren, einen Rummel gehabt?“ „Ja, Du haſt mir das geſagt.“ „Ich habe Dir die Rummel von Jedem erzählt, den meinen ausgenommen.“ „Ah! Du hatteſt alſo auch einen?“ „Ich fing Fröſche.“ „Wozu?“ „Um ſie zu eſſen.“ „Puh!“ „Du haſt teufelmäßig Unrecht! das iſt ganz ein⸗ fach ein köſtliches Eſſen, etwas zwiſchen dem Aal und dem Huhn.“. „Schlechter Geſelle!“ „Wie ſo?“ „Du machſt, daß mir das Waſſer im Munde zu⸗ ſammenläuft.“ „Ah! ah! Du verachteſt alſo den Froſch nicht „Du weißt, welches Vertrauen ich zu Dir habe.“ ſei„Nun, ſo höre... Nur darf es nicht gefroren ein.“ „Oh! es wird am Ende aufthauen.“ „Hoffen wir es... Du wählſt eine Gegend, wo es viele Sümpfe gibt.“ „Ich habe nicht nöthig, zu wählen; ich bin am Orte: in dieſer Gegend gibt es überall Sümpfe.“ „Am Abend gehſt Du aus, Du machſt fünfhundert 70 97 Schritte auf den Feldern, und Du horchſt, von welcher Seite am meiſten Gequake kommt.“ „Immer zu!“ „Am andern Tage wendeſt Du Dich nach dieſer Seite... Ah! man amuß zu drei ſein.“ „Wie die Parzen.“ „Oder wie die Grazien... Ich ging immer mit Fafion und Flageolet. Am Rande eines Sumpfes an⸗ gelangt, erforſcheſt Du die Oberfläche des Waſſers: Dn ſiehſt ſie von zehn, fünfzehn, zwanzig Froſchmäu⸗ lern durchlöchert; die Fröſche ſind da wie grüne Blät⸗ ter, ſie ſtützen ſich auf ihre ausgeſpreizten Pfoten und ſperren ihre Goldaugen auf. Da ſagſt Dir:„„Gut!““ Du ſchneideſt dann eine Stange von zwölf bis fünf⸗ zehn Fuß und ein Stäbchen von achtzehn bis zwanzig oll; an beiden läſſeſt Du den Anfang eines einen Haken bildenden Aſtes: nur muß ſich dieſer Haken am dünneren Ende der zwölf bis fünfzehn Fuß langen Stange und am ſtärkeren Ende des achtzehn bis zwan⸗ zig Zoll langen Stäbchens finden... Du folgſt wohl meinem Raiſonnement, nicht wahr?⸗ „Gewiß!“ „Du gibſt das achtzehn bis zwanzig Zoll lange Stäbchen Deinen Freunden; Du behältſt die zwölf bis fünfzehn Fuß lange Stange. Mit Deiner Stange näherſt Du Dich dem Ufer des Sumpfes; Du wählſt denjenigen von den Fröſchen, mit welchem Dir zu be⸗ ginnen beliebt. Du berührſt ihn leicht mit dem Ende der Stange... leicht! Du begreifſt? berührſt Du ihn ungeſchlht ſo taucht er unter, und gute Nacht, Froſch!“ „Leicht!“ „Leicht... als wollteſt Du ihn liebkoſen; dann ziehſt Du ihn mit dem Ende der Stange an Dich, anz ſachte, behutſam... Ziehſt Du ihn zu raſch an, 5 kommt er Dir zuvor: er macht krrroal“ Abenteuer eines Schauſpielers. 7 98 „Es iſt erſtaunlich, wie Du den Froſch nachahmſt.“ „Ich habe das prakticirt.. Du ziehſt ihn alſo ganz ſachte an Dich... Du ziehſt ihn an, Du ziehſt ihn an, bis er in Deinem Bereiche iſt; dann ſchiebſt Du ihm die Hand unter den Bauch... es iſt keine Gefahr, daß er entwiſcht, wenn Du die erwähnten Vorſichtsmaßregeln nimmſt;— und mit einem Klatſch wirfſt Du ihn fünfzehn Schritte auf den Raſen hinaus. Deine zwei Freunde ſpringen darauf los: der Eine nimmt ihn an den Vorderfüßen, der Andere bei den Hinterfüßen; derjenige, welcher ihn an den Vorder⸗ füßen hält, ſchneidet ihn entzwei bei der Stelle, wo hervorſpringend die zwei Knöchelchen erſcheinen, welche aufſchnellen; derjenige, welcher die Hinterfüße hält, ſtreift ſie ab, bindet ſie und reiht ſie an dem Stäb⸗ chen auf. Du haſt mittlerweile einen anderen Froſch gewählt, mit dem Du es machſt wie mit dem erſten; dann wählſt Du einen dritten, einen vierten... ſo viel, als es gibt! Sind keine mehr da, ſo gehſt Du an einen andern Sumpf und ſo fort. Mit drei, vier, fünf Dutzend Fröſchen,— je nachdem Du ſie mehr oder minder liebſt, oder Ihr, Du und Deine Kameraden, einen mehr oder minder guten Appetit habt,— ſtellſt Du Deinen Fang ein.“ „Es iſt aber nicht Alles, daß man Fröſche hat: man braucht auch einen Stoff, um ſie zu würzen, und irgend etwas, um ſie damit zu eſſen.“ „Warte doch und höre, was wir thaten: wir tra⸗ ten bei einem Bauern ein; Flageolet ſpielte eine Me⸗ lodie auf dem Hörnchen; Fafion machte drei gefähr⸗ liche Sprünge vorwärts, drei rückwärts, und der Bauer gab uns entweder ein wenig Butter, oder ein wenig Schweineſchmalz, oder ein wenig Sahne. Wir gingen zu einem zweiten Bauern: Flageolet nahm wieder ſein Hörnchen; Fafiou machte ſeine drei gefährlichen Sprünge vorwärts, ſeine drei gefährlichen Sprünge rückwärts, —,—,' Se dHede —4, 4 99 und der Bauer reichte uns ein Stück Brod. Endlich gingen wir zu einem dritten Bauern: Flageolet und Faſion gaben eine dritte Vorſtellung, und der dritte Bauer lieh uns ſein Feuer und eine Pfanne. Du haſt Verſtand genug, um das Uebrige zu errathen... Daſſelbe läßt ſich von einem einzigen Menſchen ver⸗ richten, nur nimmt es mehr Zeit weg, in Betracht, daß man genöthigt iſt, die Fröſche zu fiſchen, ihnen nachzulaufen, ſie zu erwiſchen, entzwei zu ſchneiden und abzuſtreifen, Alles ohne irgend eine Hülfe; in dieſem Falle braucht man aber nur zwei Dutzend zu fangen, ſtatt ſechs, was auf eins herauskommt.“ „Ohl für mich wäre eine Unannehnlichkeit hie⸗ bei: ich kann weder das Hörnchen blaſen, noch die drei gefährlichen Sprünge vorwärts und rückwärts machen.“ „Doch Du haſt eine ſchöne Stimme, Du trittſt bei einem Bauern ein, ſtellſt Dich als Troubadour auf und ſingſt: Ma Fanchette est charmante Dans sa simplicité*)... und Du komnſt zu demſelben Ziele; der erſte Bauer gibt Dir Butter, Schmalz, Sahne; der zweite Bauer gibt Dir ein Stück Brod, und der dritte läßt Dich Dein Fricaſſé machen. Am andern Tag gehſt Du in einen andern Canton. Das iſt das, was man den Rummel mit dem Froſche nennt. Und nun um⸗ arme mich! Ich reiſe ruhiger ab, denn ich habe die ſtolze Ueberzeugung, Dein Wohlthäter zu ſein!“ Die zwei jungen Leute umarmten ſich, und am an⸗ dern Morgen vor Tagesanbruch war Guſtave auf dem Wege nach Paris. *) Meine Fanchette iſt reizend in ihrer Einfachheit.. X. Guſtave bei der Barriere du Faubourg Saint⸗Martin.— Verſchwinden des Gaſthauſes der Mukter Carré.— Eine gute Nacht in einem Keller.— Ein edelmüthiger Freund. — Guſtave auf der Straße nach Caen.— Eine Carriole. — Hoffnung und Täuſchung.— Ein Lager im Wagen einer Wäſcherin.— Unbändiger Marſch.— Ankunft in Caen.— Der Vater ausgezogen.— Eine letzte Anſtren⸗ gung.— Guſtave in den Armen des Vaters.— Am fünften Tage nach dem der Abreiſe, um zwei Uhr Nachmittags, war Herr Guſtave an der Barrisre Saint⸗Martin; er athmete den Geruch der Ragouts und der Matelotes ein, hatte aber keinen Sou, um ſich ein Stückchen Haſen oder Barbe unter den Zahn zu ſchieben. Seine zwei letzten Sous hatte er am Morgen in dis⸗undan ausgegeben, um ſich ein Laibchen Brod zu kaufen. Und dennoch hatte Herr Guſtave Eines beſchloſſen: erſt um zehn Uhr Abends in die Stadt hinein zu gehen. Warum dies? Man wird es begreifen. Herr Guſtave gedachte an der Ecke der Rue Saint⸗ Nicolas bei Madame Carré zu wohnen. Er kannte das Haus, er hatte es als Zeichner ſtudirt und wußte, wie die Lichter und die Schatten vertheilt waren. Stellte er ſich nun in den Schatten, ſo würde ſeine Entblößung minder ſichtbar ſein; ſodann, wenn es, was wahrſcheinlich, keinen Platz im Hotel gab, würde man, ſtatt ihn wegzuſchicken, wie dies unfehlbar zu einer Stunde des Tages geſchähe, wo er Zeit hätte, ein an⸗ 101 deres Lager zu ſuchen, ihn behalten, und ſollte man ihn in einem Winkel auf einem Bund Stroh liegen laſſen: das war Alles, was Herr Guſtave erſtrebte. Dies ſind, wie ich hoffe, zwei in den Augen des Leſers für die Handlungsweiſe von Guſtave genügende Gründe. Herr Guſtave wartete alſo bei der Barrière und wärmte ſich hier an den Rechauds der Kaſtanienhändler. Auf den Schlag zehn Uhr trat er in die Stadt ein. Hat man fünf und fünfzig Meilen in fünf Tagen gemacht, ſo iſt es keine große Sache, den Faubourg Saint⸗Martin hinabzugehen, beſonders wenn man an der Ecke der Straße ganz bereit, einen aufzunehmen, das Gaſthaus der Mutter Carré, dieſer guten Mutter Carré, welche Guſtave ihren kleinen Etienne nannte, finden ſoll. Wird er ſich unter dem Namen Guſtave oder unter dem Namen Etienne präſentiren? Unter dem Namen Etienne. Aber wo Teufels iſt denn das Gaſthaus der Mut⸗ ter Carré? O wehe! Niedergeriſſen, raſirt, mit einem Bretterzaune um⸗ geben. Ah! Guſtave ſetzte ſich auf einen Weichſtein an der Ecke der Rue Saint⸗Nicolas. Man hätte ihn für Ulyſſes, als er nach Ithaka zurückkehrte, halten kön⸗ nen, hätte er einen Hund gefunden, der vor Freude, als er ihn wiederſah, geſtorben wäre. Da kein Hund da war, ſo war es ganz einfach Herr Guſtave, doch Herr Guſtave war diesmal ſehr niedergeſchlagen. Er war indeſſen nicht der Mann, der ſich ganz und gar niederſchlagen ließ. 10² Nachdem er einen Entſchluß gefaßt, ſtand der Rei⸗ ſende auf. Eine Thüre wär am Zaune angebracht. Die Thüre wurde von innen mittelſt eines Bind⸗ fadens mit Schleife und eines Nagels mit Haken ge⸗ ſchloſſen. Er ſchob ſeine Hand zwiſchen zwei Brettern durch, fand den Bindfaden, machte ihn los öffnete die Thüre und ſchloß ſie wieder hinter ſich. Sodann ſondirte er mit dem Fuße das Terrain, traf eine Kellertreppe, ſtieg zwölf Stufen hinab und befand ſich in der lauen Atmoſphäre der unterirdiſchen Oertlichkeiten. Ein Glück kommt nie allein. Herr Guſtave hatte ein Lager gefunden: er ſollte auch ein Bett finden. Man hatte die alten Strohſäcke von Madame Carré in eine Ecke des Kellers geleert. Das gab ein Bett ſo weich wie Eiderdunen. Herr Guſtave zog ſeinen Rock aus, aus Furcht, ihn zu verderben, und ſteckte ſich bis an den Hals ins Stroh. 3 Abgeſehen vom Magen, der Hunger ſchrie, war die Nacht alſo ziemlich gut; im Vergleiche mit der Nacht im Schilderhauſe war ſie ſogar vortrefflich. Am andern Morgen, bei Tagesanbruch, ſtand Herr Guſtave auf, ſchüttelte ſein ſchönes ſchwarzes Haar und ging weg, um einen Freund außzuſuchen. Der Freund gab ihm zu frühſtücken und lieh ihm dreißig Sous.. Es waren drei und fünfzig Meilen mit dreißig Sons zu machen. Bah! man hatte ſo viele Dinge gethan, daß man auch am Ende etwas Unmögliches thun würde. Guſtave unternahm es, nicht wie Nero, weil er 103 nach Unmöglichem gierig war, ſondern weil ihn die Nothwendigkeit zwang. Um zwei Uhr Nachmittags ging er von Paris ab. Um zehn Uhr Abends kam er in Nantes an. Das waren ſchon vierzehn Meilen von drei und fünfzig verſchlungen. Der Reiſende gab zehn Sous für die Wohnung, zehn für das Eſſen aus: es blieben noch zehn Sous für die neun unddreißig übrigen Meilen. Am andern Morgen begab ſich Guſtave frühzeitig auf den Weg: es war ein ſchlechtes, düſteres Wetter. Eine Meile von Nantes bolte er einen Kaufmann ein, der mit ſeinem Wagen reiſte. Der Wagen folgte der Mitte des Pflaſters. Dem Verſtande ſeines Pferdes vertrauend, folgte der Kaufmann einem kleinen Pfade, wie ſie die Fuß⸗ gänger längs den Gräben machen. Der verlorene Sohn ſchielte nach dem Wagen. Es war eine hübſche Carriole mit Wachsleinwand bedeckt, allerdings auf der Achſe hängend, doch man hatte der Unbequemlichkeit des Stoßens durch ein Bänkchen mit Riemen abgeholfen. Dieſe prüfende Beſchauung beſtimmte ihn, ein Ge⸗ ſpräch mit dem Kaufmann anzuknüpfen. Der Kaufmann erwiederte ſeine Anrede. „Gehen Sie weit ſo?“ fragte er, nachdem die er⸗ ſten Complimente ausgetauſcht waren. „Nach Caen, antwortete der junge Mann. „Nach Caen!... Sie ſind noch nicht dort.“ Er ſtreckte ſodann die Hand aus, um ſich zu ver⸗ ſichern, daß einige Tropfen zu fallen anfingen, und ſagte: „Es wird vorher regnen.“ „Ich befürchte es.“ „Sehen Sie, es kommt ſchon.“ „Teufel, wir werden eingenäßt werden!“ 104 „Ich nicht.“ „Wie ſo?“ „Ich ſteige wieder in meinen Wagen.“ Und das Beiſpiel mit der Lehre verbindend, ſtieg er in der That wieder in ſeinen Wagen, peitſchte ſein Pferd und fuhr im Trab weg. Guſtave hatte ſein Spiel verloren. Der Reiſende machte indeſſen nie eine ſolche Sündfluth durch; fünfzehn Meilen von Nantes hielt er an. Die zehn letzten Sous waren auf das Frühſtück und das Mittageſſen verwendet worden. Man durfte nicht an das Nachtlager denken. Der Wagen einer Wäſcherin, der vor der Thüre eines Hauſes ausgeſpannt war, übernahm die Koſten. Der Reiſende ſchlüpfte in den Wagen und machte es ſich darin ſo bequem als möglich. Es blieben für den andern Tag vier und zwanzig Meilen zu machen, und nicht einen Son, um ein Laibchen Brod zu kaufen oder einen Tropfen Brannt⸗ wein zu trinken. Um vier Uhr Morgens war die Kälte ſo heftig, das Waſſer, das durch die Leinwand eindrang, ſo eiſig, daß der Reiſende ſich auf den Weg zu begeben beſchloß. Es blieben ihm, wie geſagt, vierundzwanzig Meilen zu machen, und es war ihm, wie ein Schein des Wahnſinnes, durch den Kopf gefahren, ſie an einem Tage zu machen. Um Mittag hatte er fünfzehn zurückgelegt; er fiel vor Hunger und Müdigkeit faſt nieder. Einen Au⸗ genblick hatte er den Gedanken, ſich an den Rand des Weges zu ſetzen. Doch er ſagte, obgleich mit ſich ſelbſt ſprechend, laut: „Wenn Du Dich ſetzſt, Etienne, ſtirbſt Du.“ Und er ging weiter. ——— Aᷣ 10⁵ Um zwei Uhr, hatte er achtzehn Meilen gemacht; es blieben ihm nur noch ſechs,— allerdings war er beinahe verrückt. Er ging wie ein Menſch, der den Schwindel hat, mit einem wahnſinnigen, wüthenden Schritte, den Kopf im Winde, das Auge ſtarr, die Lippen halb geöffnet, die Zähne an einander gepreßt. Sein Athmen glich einem Brüllen. Diejenigen, welche den bleichen jungen Mann mit dem fieberglühenden Auge, mit den geſchloſſenen Fäuſten, mit den ſtarren Armen vorüberkommen ſahen, gingen ihm aus dem Wege und ſagten: „Ah! er iſt alſo wüthend, dieſer da, daß er einen ſolchen Schritt geht?“ Und er ging immer weiter; ſeine Muskeln ge⸗ horchten einer mechaniſchen Bewegung; man hätte glauben ſollen, es ſei eine von der Hand Satans auf⸗ gezogene Maſchiue. Es ſchien ihm nun, die Entfer⸗ nung ſei für ihn gleichgültig, und er werde ankom⸗ men, wie groß auch die Entfernung ſein möge. Nur, wie würde es ihm ergehen, wenn er ange⸗ kommen? Der Grieche von Marathon war auch in Athen angekommen, nur war er bei ſeiner Ankunft ge⸗ ſtorben! Um fünf Uhr Abends hatte ſein Marſch weder um einen Schritt, noch um eine Minute in der Meile abgenommen. Doch die Bäume der Straße, die Häuſer der Dörfer, Alles drehte ſich um ihn. ¹ Seine Schläfe ſchlugen, daß er glaubte, ſeine Arterien werden zerreißen. Er hatte ein Brauſen in den Ohren, als ob er am Niagara⸗Falle hinginge. Er ſah roth, als ob er eine Blutwoge vor den Augen hätte. 106 Plötzlich hörte er das Raſſeln von Trommeln. Das war die Retraite. Er näherte ſich Caen. Er ſtieß einen heiſeren Schrei aus, dem Kreiſchen einer Hyäne ähnlich. Bald erſchien die Stadt wie eine ganz von Lichtern durchbrochene ſchwarze Maſſe. Seit dem vorhergehenden Tage um vier Uhr hatte er kein Krümchen Brod gegeſſen, kein Glas Waſſer getrunken. Er lief den Faubourg Vaucelles hinab wie ein Geſpenſt, folgte der Rue Saint⸗Jean in ihrer ganzen Länge, trat in die Rue des Carmes ein und ſtürzte in den Gang ſeines Geburtshauſes; doch er hatte nicht die Kraft, die drei Stockwerke hinaufzuſteigen, ließ ſeine beiden Hände an eine Thüre fallen und ief: „Iſt der Vater da?“ Es öffnete ein Mann. „Ah! es iſt Etienne!“ ſagte er. „Der Vater! wo iſt der Vater?“ fragte Guſtave keuchend, indem er ſich an die Wand anlehnte, um nicht zu fallen. „Er iſt ausgezogen.“ „Mein Gott! wo wohnt er?“ „In der Rue des Poſtes.“ Der Unglückliche antwortete nicht eine Sylbe; er begab ſich wieder auf den Weg. Es waren ungefähr fünfhundert Schritte von der alten Wohnung zur neuen. Einen Augenblick ſchien es ihm ſchwieriger, die fünfhundert Schritte zurückzulegen, als die vierund⸗ zwanzig Meilen, die er gemacht hatte. Das Haus der Rue des Poſtes hatte einen Gang wie das der Rue des Carmes. Nur wußte er nicht, wo ſein Vater wohnte, ob N———— hen teern atte ſſer ein zen rzte atte gen, und ave um er der die ind⸗ ang ob 107 im Erdgeſchoße, ob im erſten Stocke, ob im zweiten oder im dritten. Er warf ſich in den Gang und ſchrie: „Vater! Vater!! Vater!!!“ Dieſen kläglichen Ruf hörte der Vater vom zwei⸗ ten Stocke; er erkannte die Stimme ſeines Kindes, eilte die Stufen hinab und kam an, als Guſtave faſt ohnmächtig niederfiel. „Ah! mein armer Junge!“ ſagte er. Und ohne ein Wort mehr zu ſprechen, ohne ihm einen Vorwurf zu machen, nahm er ihn in ſeine Arme, trug ihn in den zweiten Stock hinauf, zog ihm ſeine Lumpen aus, wuſch ihn und legte ihn zu Bette, als ob er ein Kind geweſen wäre. Etienne ließ mit ſich machen: es war ihm, als hätte er Arme und Beine gebrochen. Er beſaß nicht einmal die Kraft, zu klagen. XI. Das Päckchen Haare.— Der Vater erzählt Guſtave eine Epiſode aus ſeiner Jugend.— Etienne vermöchte ſelbſt nicht zu ſagen, was in der Nacht vorging, die auf ſeine Ankunft folgte: er hatte gleichſam das Bewußtſein verloren. Er fühlte, wie von Zeit zu Zeit ſeine Lippen ſich aus einander thaten, wie ein ſtärkender Trank ſeine vertrocknete Kehle befeuchtete und ſodann die Lippen ſeines Vaters, dieſes Mannes, der ihn in gewöhnlichen Zeiten nie küßte, ſich gauz ſchauernd auf ſeine Stirne legten. 108 Seine Erinnerung geht nicht über dieſe unbeſtimm⸗ ten Einzelheiten hinaus. Am andern Morgen erſt fand er, als er wieder zu ſich kam, auf einem Stuhle bei ſeinem Bett einen Haufen Bücher. Der Vater hatte ſich erinnert, daß leſen, leſen und immer leſen eine von den Zerſtreuungen der Kindheit ſeines Sohnes war. Acht Tage lang hütete der junge Mann das Bett. Wenn er herausſteigen wollte, um irgend einen Ge⸗ genſtand zu holen, ſo ſtieg er mit den Händen voran heraus, und er ſchleppte fich fort wie ein Seehund, ebenſo gelähmt in ſeinem Hintergeſtelle, als ob ein Rad darüber gegangen wäre. Als er eines Tags, um ſich zu zerſtreuen, den alten nußbäumenen Schrank aufmachte und darin ſuchte, ohne zu wiſſen, was er ſuchte, öffnete er eine nach der andern alle Schubladen; da fand er im Hin⸗ tergrunde von einer dieſer Schubladen ein Päckchen Haare in dreifaches Papier gewickelt und von einem ſchwarzem Bande umſchloſſen. Das konnte nur ein Familienandenken ſein; die⸗ ſes Andenken erregte ſeine Neugierde. Er legte das Päckchen unter ſein Kopfkiſſen, und als der Vater nach Hauſe kam und ſich wie gewöhnlich an ſein Bett ſetzte, zog er das Päckchen unter dem Kiſſen hervor und fragte: „Was iſt denn das, Vater?“ Der Vater brauchte nicht das dreifache Papier abzunehmen; bei der einfachen Berührung mit der Hand errieth er, was es enthielt. „Das?“ erwiederte er,„das iſt nichts.“ Und er warf das Päckchen ins Feuer. „Ah! Vater!“ rief der junge Mann, indem er hinzueilte, um die Haare wieder zu erhaſchen, denn er 1⸗ er 109 vermuthete, es ſei ein koſtbareres Andenken, als es ſein Vater zugeſtehen wollte. Doch der Vater hielt ihn am Handgelenke zurück, bis das Papier mit ſeinem Inhalte völlig in Aſche verwandelt war. Dann warf er ſich in ſeinen Lehnſtuhl zurück, ließ ſeufzend ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt fallen und ſchloß die Augen. Aus ſeinen geſchloſſenen Augenlidern traten zwei ſtumme Thränen hervor und rollten über ſeine Wan⸗ gen, gefolgt von zwei anderen Thränen. Dieſer eiſerne Mann ging offenbar zurück und ſtieg auf einer Reiſe in das Land ſeiner Jugend den Weg der Illuſionen hinauf. Der junge Mann ſah ihn einen Augenblick ganz erſtaunt weinen; dann verlängerte er emne Lippen und küßte, was er nie zuvor gewagt hatte, die Wan⸗ gen des Greiſes an der Stelle, wo die Thränen ſie durchfurchten. Der Greis öffnete die Augen, umſchlang mit ſei⸗ nem Arme den Kopf ſeines Sohnes, drückte ihm ſei⸗ nen Mund auf die Stirne und ſprach: „Etienne, ich hörte Dich eines Tags andern Kin⸗ dern, mit denen Du ſpielteſt, und die Dich fragten: „„Warum ſieht er denn ſo hart aus, der Bater Jean?““ antworten:„„Ahl er iſt nicht böſe; doch es ſcheint, als er jung war, hat man ihn nicht lachen gelehrt.““ „Vater!“ „Du irrteſt Dich, Etienne: als ich jung war, lachte ich wie die andern Kinder. Mit achtzehn Jah⸗ ren war ich ein fröhlicher Burſche, und während der drei erſten Jahre, die ich beim Regimente blieb, ſagte man, wenn man keine andere Vergleichung hatte, um die Heiterkeit zu ſchildern: Heiter wie Jean. Ich will Dir nun erzählen, wie und warum ich zu lachen aufgehört habe. 1¹⁰ „Ich war der Aelteſte von meinen Geſchwiſtern, viel älter als ſie, ſo daß man, wenn mein Vater und meine Mutter zu ihren Geſchäften gingen, mir die An⸗ dern zur Obhut übergab. „Die Kleinſten nannten mich auch Mutter Jean, die Mittleren Vater Jean, und die Größeren Bru⸗ der Jean. Unter Allem dem war diejenige, welche ich am meiſten liebte, ein Engelskind Namens Catherine, blond, roſig, friſch, lachend, und dieſe Kleine liebte mich, wie ich ſie liebte, das heißt ſehr. „Als ich Dienſte nahm, zählte ſie zwölf Jahre, das war 1791;— ich beklagte ungemein die Tren⸗ nung von meinem Vater, von meiner Mutter, von meinen Brüderchen, meinen Schweſterchen, am mei⸗ ſten ſchmerzte es mich aber, von Catherine ſcheiden zu wüſſen. „Ich ging ab, kam zum Heere und ſchlug mich vier Jahre— immer heiter,— denn ich erhielt von Zeit zu Zeit Briefe von Catherine, welche mir ſagte, ſie vefinde ſich wohl, und von den Andern, die mir ſagten, Catherine werde immer ſchöner. „Bei der Belagerung von Mainz bekam ich eine Kugel ins Bein. Der Wundarzt wollte es mir durch⸗ aus abſchneiden; ich nahm meinen Säbel unter mein Kopfkiſſen und erklärte, wenn er ſich mir je in einer ſol⸗ chen Abſicht nähere, ſo renne ich ihm meinen Säbel durch den Leib. „Er ließ ſich das geſagt ſein und befahl ſeinen Zöglingen, mich zu pflegen. Ich genas zu ſeinem großen Bedauern. „So oft ich an ihm vorbeiging, klopfte ich mit meinem Stock an meinen Schenkel und ſagte: „„Sehen Sie!““ „Ja.““ erwiederte er⸗„„doch Sie hinken! 1 k einen inem ) mit 1¹¹ „„Ich würde wohl ganz anders hinken, wenn ich kein Bein hätte,““ verſetzte ich. „Hierauf beſchränkte ſich unſer Geſpräch. „Man hörte endlich ſagen, es ſeien in Italien große Siege erſochten worden; ein junger General Namens Bonayarte habe die Oeſterreicher geſchlagen, und es werde Friede geſchloſſen werden. „Eines Tags ſchickte man mir einen unbeſchränkten Urlaub; das war eine Artigkeit, die mir der General Hoche, mein ehemaliger Bettkamerad, erwies. „Man bezahlte meinen rückſtändigen Sold, der ſich auf vierhundert Livres belief; das war abermals eine Artigkeit vom General, denn man bezahlte zu je⸗ ner Zeit wenig. „Allerdings ſchlug man ſich darum nicht ſchlechter. „Ich nahm in Straßburg die Deligence und kam am ſechsten Tage in Caen an. „Eine Viertelſtunde von der Stadt ſtieg ich aus: ich wollte Alles dies nach und nach wieder ſehen; ich be⸗ fürchtete, die Gemüthsbewegung könnte mich erſticken. „Ich ging zu Fuß nach Caen hinein. „Einer meiner Freunde, ein Schreiner, der einen Militär hinkend herbeikommen und Alles mit den Au⸗ gen verſchlingen ſah, ſchaute mich aufmerkſam an, er⸗ kannte mich und rief mir. „Ich trat bei ihm ein. „Es war mir ſehr lieb, durch dieſe Gelegenheit Nachricht über meine Familie zu bekommen. „„Mein Vater?““ fragte ich zuerſt. „„Er iſt wohl.““ „„Meine Mutter?““ „„Sie iſt wohl.““ „„Die Kleinen 29 „„Sie ſind wohl.““ „„Und... und Catherine?““ 112 „Meine Stimme zitterte, als ich mich nach ihr erkundigte. „„Sie iſt ſo eben hier vorüber nach dem Kuh⸗ ſtall gegangen, Du wirſt ſie zurückkommen ſehen, wenn Du fünf Minuten warteſt. Du weißt, daß man ſie in der Vorſtadt nur die ſchöne Catherine nennt.““ „Ich wartete. 1 „Nach fünf Minnten erſchien Catherine wirklich. Oh! es war ſo! es war wohl die ſchöne Catherine! „Mein ganzes Herz eilte ihr entgegen. Ich wohlte aus dem Hauſe ſtürzen: mein Freund hielt mich zurück. „„He! Catherine, ſchönes Kind!““ rief er, „„kommt doch hierher; man wünſcht Euch zu ſehen!““ „Catherine näherte ſich lächelnd und den letzten deus eines Liedchens ſingend, das ich ſie einſt gelehrt atte. „Sie ſtellte vor der Thüre ihren Milchkrug nieder und trat ein. „„Wer will mich denn ſehen, Nachbar?““ fragte ſie. „Ich zitterte an allen Gliedern nur beim Tone dieſer Stimme, die bei dem Mädchen den friſchen, reinen Klang des Kindes erhalten hatte. „„Wer?.. bei Gott! dieſer ſchöne Soldat! Schaut ihn an... Findet Ihr nicht, daß er Jemand gleicht?““ „Catherine wandte ſich gegen mich um, ſchaute mich an, erröthete, erbleichte, ihre Lippen bebten, und ſie rief: „„Ahl!.. ah! mein Bruder Jean!..““ „Und ſie machte eine Bewegung, um mir ihre Arme zu öffnen. „Zu gleicher Zeit aber ſchloſſen ſich ihre Augen; ſie ließ ihren Kopf zurückfallen, gab einen Seufzer —— enz fzer 113 von ſich, als ob etwas in ihrem Herzen bräche und ſank zu Boden. „Ich ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte mich auf ſie: es war zu ſpät, ich hatte ihrem Falle nicht zuvor⸗ kommen können. „Ich hob ſie in meinen Armen auf und ſchloß ſie an meine Bruſt. „Sie war ohnmächtig. „Ich fühlte mich ſelbſt dem Fallen nahe. „„Oh! Catherine! theure Catherine!... Einen Arzt l““ rief ich,„„einen Arzt!““ „Der erſte Arzt der Stadt fuhr in ſeinem Cabriolet vorüber: man lief ihm nach, man hielt ihn an. „Er ſtieg aus und kam, ließ ſich das Exeigniß er⸗ zählen, fühlte der Kranken den Puls, ſchüttelte den Kopf und ſagte: Gleichviel! ich will ihr zur Ader laſſen!““ „„Mein Gott! mein Gott! meiner armen Cathe⸗ rine zur Ader laſſen?““ Wollen Sie lieber, daß Sie ſtirbt?““ „„Wenn man ihr aber zur Ader läßt, ſtehen Sie für meine Schweſter?““ „„Nur Gott ſteht für das Leben und den Tod.““ „„Handeln Sie!““ „Man umband den weißen Arm von Catherine, ich ſah ihre Adern anſchwellen, ich ſah die Lancette glänzen, ich ſah die Spitze ſich dem Fleiſche nähern, ich ſah das Blut ſpritzen. „Oh! ich fühlte, daß ich wahnſinnig wurde.. Ich hatte Luſt, dieſen Menſchen zu tödten! „Ich warf mich auf einen Stuhl, preßte meine Hand in meine Haare und ſchluchzte. „Ich hörte einen Seufzer und erhob das Haupt. „Es war auf dem Boden eine Schüſſel voll Blut. „Oh! mein Gott! mein Gott! wie hätte ich all mein Blut für dieſes gegeben! Abenteuer eines Schauſpielers. 8 R 114 „Catherine ſchaute mit einem ſtieren Auge umher. „„Ich bin es, Catherine!““ ſagte ich zu ihr; „„ich bin es, es iſt Jean, es iſt Dein Bruder!““ „Sie ſuchte zu ſprechen: ihre Zunge konnte An⸗ fangs nur unverſtändliche Laute artikuliren. „Nach unerhörten Anſtrengungen ſtammelte ſie ſodann die Worte: „„Jean, Du wirſt wieder abgehen?““ „ Nein, nein, theure Catherine,““ erwiederte ich, „„ich bin für immer zurückgekommen, um bei Dir zu bleiben, um Dich nicht mehr zu verlaſſen. Sei ruhig, Catherine, es iſt nicht nur Bruder Jean, ſondern Vater Jean, ſondern Mutter Jean!““ „Sie ſuchte zu lächeln, doch ihr Mund war ent⸗ ſtellt und ihr Lächeln erſchrecklich. „„Mutter Jean? Vater Jean?““ verſetzte ſie wie ein Verrückter, der ſeine Erinnerungen ſammelt, oder vielmehr wie ein Blödſinniger, der zu begreifen ſucht; „„nein, immer Bruder Jean.““ „Ich ſchaute den Arzt an. „„Ah,““ ſagte er,„„Sie ſehen, daß es beſſer geht. Vorhin war ſie todt: nun lebt ſie; ſie war ſtumm: nun ſpricht ſie.““ „„Ach! ja! aber wie lebt ſie? wie ſpricht ſie? „„Wie eine Frau leben und ſprechen kann, die ſo eben eine Gehirncongeſtion gehabt hat.““ „„Was iſt nun zu thun?““ „„Man muß Alles von der Jugend und der Na⸗ tur erwarten.““ „„Kann man ſie nach Hauſe bringen?““ „„Allerdings, wenn das Haus nicht entfernt und die Art des Transportes eine ſanfte iſt.““ „„Das Haus iſt hundert Schritte von hier, und ich werde ſie auf meinen Armen tragen.““ „Nehmen Sie ſich in Acht, Sie ſehen mir auch nicht ſehr ſtark aus, und vorhin hinkten Sie.““ 115 „Ich hob Catherine in meinen Armen auf, wie ich ein fünfjähriges Kind aufgehoben hätte. „„Verzeihen Sie,““ fragte der Arzt,„„wo wohnen Sie?““. „Ich nannte ihm meine Adreſſe. „„Ich werde ſie alle Tage beſuchen?““ „„Und Sie können ſie heilen?““ „„Ich werde mein Mögliches thun. „Ich ſtieß einen ſchweren Seufzer aus. Das Ver⸗ ſprechen war ſehr unbeſtimmt Dann trug ich Catherine in meinen Armen fort. „Die ganze Vorſtadt wußte ſchon den Unfall, der Catherine zugeſtoßen war; ich kam zum Hauſe gefolgt von mehr als hundert Perſonen. Mein Eintritt ins väterliche Haus war traurig. Ich kehrte lebend zurück, doch ich brachte meine Schwe⸗ ſter beinahe todt. 3 „Welch ein Unterſchied gegen das, was ich mir verſprochen hatte! „Man legte meine Schweſter zu Bette. „Von ihrem Lager aus folgten mir ihre Augen und ließen nicht eine Secunde von mir ab. So oft ich mich der Thüre näherte, ſtammelte ſie mit Bangigkeit: „„Du willſt wieder gehen?““ „Nein! nein! nein!“ rief ich,„„ſei ruhig!““ „Sobald ich die Stube verlaſſen, hatte ſie nur einen Schrei, einen ſchmerzlichen, faſt kindiſchen Schrei: „„Bruder Jean! Bruder Jean! Bruder Jean!““ „Und ich ging zurück und ſagte: „„Sei doch ruhig, Catherine... ſei doch ruhig, ich habe ja meinen Abſchied!““ „Es war, als hörte ſie nicht. „Der Arzt kam alle Tage; doch ſtatt daß eine Beſſerung eintrat, ging es immer ſchlimmer bei der armen Catherine. 41 116 „Eines Tags ſagte der Arzt zu mir: „„Ihr Schnurrbart, Ihr Zopf und Ihre Uniform beunruhigen ſie. So lange Sie Catherine ſo ſieht, wird man ihr nicht begreiflich machen, daß Sie nicht mehr Soldat ſind.““ „Ich ging ſogleich in mein Zimmer hinauf, raſirte meinen Schnurrbart, ſchnitt meinen Zopf ab und warf meine Uniform in die Tiefe eines Schrankes. „Dann zog ich eine Blouſe an und ging wieder hinab. „Als ſie mich ſo verwandelt erblickte, erleuchtete ein Blitz der Freude ihr Geſicht. „„Ah!““ ſagte ſie,„„das iſt mein wahrer Bruder Jean!““ „Ich trat zu ihr und nahm ſie in meine Arme; ſie legte ihren Kopf auf meine Schulter und murmelte: „„Wenn ich todt bin, wirſt Du zur Armee zurück⸗ kehren, doch nicht wahr, Bruder, nicht früher?““ „Oh! wenn ſie mir ſolche Dinge ſagte, ſiehſt Du, da weinte ich alle Thränen meines Leibes! „Von dieſem Augenblick an wachte ſie lächelnd, ſchlief ſie lächelnd. „Eines Tags... eines Tags ſtarb ſie lächelnd. „Als ich ſicher wußte, daß ſie todt war, ging ich wieder in mein Zimmer hinauf, nahm meinen Rock, meinen Hut und meinen Säbel, und begab mich, ohne irgend Jemand,— Vater, Mutter, Brüdern— Lebewohl zu ſagen, zum Regiment zurück. „Ich kam erſt zehn Jahre nachher wieder nach Hauſ 6. „Seit dem Tode meiner Catherine habe ich nicht gelächelt. „Du ſiehſt, mein Kind, daß Du Unrecht hatteſt, als Du ſagteſt, man habe mich das Lachen nicht gelehrt; ich konnte es: nur habe ich es verlernt..“ Etienne würde nie etwas von dieſer Geſchichte er⸗ C r 117 fahren haben, hätte er nicht, wie geſagt, eines Tages das mit einem ſchwarzen Bande umwickelte Päckchen Haare in einer Schublade des nußbäumenen Schrankes gefunden. XII. Guſtave langweilt ſich.— Rathſchläge des Vaters.—Ab⸗ reiſe nach Paris.— Beſuch bei Mademoiſelle Duchesnois. — Guſtave deelamirt eine Tirade aus einem Trauerſpiel. — Ein Empfehlungsbrief an Soumet.— Wohlwollender Empfang des Dichters.— Er empfiehlt Guſtave an die Brü⸗ der Seveſte.— Guſtave ſpielt in Mont⸗Parnaſſe. Sein Engagement. Eines Morgens ſchaute der Vater ſeinen Sohn feſt an und ſagte zu ihm: „Du langweilſt Dich, Etienne?“ Das war wahr; Etienne antwortete nicht. „Komm mit mir,“ fügte der Vater bei. Beide gingen aus. Der Vater führte Etienne zum Schneider. „Machen Sie mir zwei vollſtändige Schelfen für dieſen Burſchen da,“ ſagte er;„eine für alle Tage, eine für die Sonntage.“ „Und wann ſoll das fertig ſein, Herr Jean?“ „Sobald als möglich: er kehrt nach Paris zurück.“ „Am Sonntag alſo.“ „Iſt es früher unmöglich?“ „Unmöglich.“ „Gut, am Sonntag.“ 118 Etienne langweilte ſich nicht, Etienne war in ſei⸗ nem Innern beſchäftigt. Womit war er in ſeinen Gedanken beſchäftigt? Ei! mit ſeinem Teufelstheater. Woher kam es aber, daß ihn das wieder mehr als je einnahm? Wir wollen es ſagen. In ſeiner Abweſenheit und während er den von uns erzählten unglücklichen Feldzug in Flandern machte, hatte Mademoiſelle Duchesnois in Caen geſpielt und hier großen Succeß gehavt. Wovon man aber beſonders in Caen ſprach, das war nicht ihr großes Talent, ſondern ihre Herzensgüte. Es war in der That ſchwer, eine beſſere Perſon als Mademoiſelle Duchesnois zu ſein. Alle diejenigen, welche mit ihr zu thun gehabt hatten, ſangen das Lob der großen Tragödienſpielerin. Eines, worauf die Künſtler, welche, um Vorſtel⸗ lungen zu geben, in die Provinz gehen, mehr Aufmerk⸗ ſamkeit verwenden müßten, iſt ihr Privatleben, ſind ihre perſönlichen Eigenſchaften. Der Künſtler wird in der Provinz ein Gegenſtand der allgemeinen Neugierde; ſeine geringſten Geberden werden beobachtet, ſeine frivolſten Worte werden wie⸗ derholt; die Wände des Gaſthauſes, in dem er wohnt, haben Argusaugen, die Thüren haben Midasohren. Die ganze Zeit, die er in der Stadt iſt, unterhält man ſich von ſeinem Talent. Von dem Tage an, wo er nicht mehr da iſt, unter⸗ hält man ſich von ſeinen Fehlern und ſeinen guten Eigenſchaften. Und acht Tage, vierzehn Tage, einen Monat tra⸗ gen dieſe Fehler und dieſe guten Eigenſchaften die Ko⸗ ſten der Converſation. Heute noch ſagt man zu den Fremden, welche durch Caen kommen: „„-——, ſei⸗ 119 „Haben Sie Mademoiſelle Duchesnois gekannt, mein Herr?“ Der Fremde antwortet ja oder nein. „Eine reizende Frau, mein Herr! eine reizende Frau,“ fügt der Canais bei, indem er eine Priſe nimmt, oder ſeine Cigarre aus dem Munde zieht;„nicht in phyſiſcher Hinſicht, oh! nein, man kann nicht ſagen, daß Mademoiſelle Duchesnois ſchön war; im Gegen⸗ theil, man darf ſogar dreiſt und ohne Furcht vor einem Widerſpruche behaupten, daß ſie häßlich war; aber ein Herz, ſehen Sie, ein Goldherz! eine reizende Frau, mein Herr! eine reizende Frau!“ Was man heute noch in Caen, wenn das Geſpräch auf Mademoiſelle Duchesnois kommt, nach Verlauf von bald dreißig Jahren, wie ein aus dem erſten Viertel des Jahrhunderts erwecktes Echo, ſagt, war natürlich im Angenblick, wo ſie die Stadt verlaſſen, das allge⸗ meine Gerede, Jedermanns Gemurmel. Dieſes Gerede, dieſes Gemurmel hatten zugleich das Herz und die Ohren von Etienne gekitzelt. Die Idee, daß er ſich, ſo lange er in Caen bliebe, nicht bei Mademoiſelle Duchesnois präſentiren könnte, war es alſo, was Etienne ſo traurig machte, daß ſein Vater ſeine Tranrigkeit bemerkte, ihn zum Schneider führte, nen kleiden ließ und zu ihm ſagte: „Ahl ich ſehe wohl, daß Du Luſt haſt, nach Pa⸗ ris zurückzukehren.“ Worauf der junge Mann nichts antwortete, aus Furcht, zu viel zu antworten. Am Tage ſeiner Abreiſe ſteckte der Vater ſeinem Sohne hundert Franken in die Taſche, begleitete ihn zur Diligence und ſprach zu ihm: 4 „Du kehrſt alſo nach Paris zurück?“ „Ja, Papa.“ „Du willſt wieder bei Herrn Bochard eintreten?“ „Ja, Papa.“ 120 „An der Madeleine arbeiten?“ „Ja, Papa.“ „Du haſt das Theater ſattſam verſucht?“ „Ja, Papa.“ „Und Du wirſt Dich nicht wieder verlocken laſſen?“ „Nein, Papa.“ „Gott befohlen alſo, ſchlimmer Burſche.“ „Gott befohlen, Vater.“ Und der junge Mann reiſte ab, feſt entſchloſſen, ſeinen Namen Etienne an der Barrisre zu laſſen und ſich ſchon am andern Tage bei Mademoiſelle Duches⸗ nois unter dem Namen Guſtave zu präſentiren. 3 Diesmal, da das Hotel Carré verſchwunden war, ſtieg er in der Rue Notre⸗Dame⸗de⸗Recouvrance im Hotel de Recouvrance ab. Schon an demſelben Abend ging er ins Théätre⸗ Francais und erkundigte ſich nach der Adreſſe von Mademoiſelle Duchesnois. Mademoiſelle Duchesnois wohnte in der Rue de la Tour⸗des⸗Dames in der Nouvelle⸗Athoͤnes. Am andern Tage, Morgens um elf Uhr, klingelte er an der Thüre von Mademoiſelle Duchesnois. „Wen ſoll ich melden?: fragte der Kammerdiener. „Melden Sie Herrn Guſtave.“ Etienne hatte ſich, wie man ſieht, Wort gehalten. Man ließ ihn in ein Cabinet eintreten, wo er auf Mademoiſelle Duchesnois wartete. Ah! wie klopfte ſein Herz, wie hätte er, wäre er ihm bekannt geweſen, den Monolog von Hamlet, da er ſeine Mutter erwartete geſprochen: „Ich warte! das iſt einfach zu ſagen, doch ſchreck⸗ lich zu denken.“ Endlich hörte er Tritte, das Rauſchen eines Klei⸗ des; die Thüre wurde geöffnet; ein Diener meldete n?“ 121 Mademoiſelle Duchesnois, wie ein Huiſſier von Ver⸗ ſailles:„Die Königin!“ geſagt hätte, und Clytemneſtra erſchien. Häßlich, aber anmuthig, mit herrlichen Armen und einem nach dem der Venus von Milo geformten Beine,— ſie zeigte dieſes Bein gern in Alzire,— beſaß Mademoiſelle Duchesnois den Zauber der Güte. Sie lächelte gegen den ſchönen jungen Mann, der zu ihr kam, befragte ihn zugleich mit dem Blicke und der Stimme und ſagte: „Sie haben mich zu ſehen gewünſcht, mein Herr?“ „Wahrlich! Mademoiſelle,“ antwortete der junge Mann erröthend,„Sie müſſen mir verzeihen; ich bin von Caen.“ „Eine gute Stadt!“ „Wo Jedermann Ihr Talent und Ihre Seelen⸗ güte anbetet, und da ich Künſtler bin...“ „Dramatiſcher Künſtler?“ „Ja, ſo ungefähr. Ich ſagte mir:„Mademoiſelle Duchesnois iſt ſo gut, daß ich überzeugt bin, wenn ſie mir nützlich ſein kann...““ Kurz, Sie ſehen, ich bin gekommen, und hier bin ich... Glauben Sie, daß man etwas aus mir machen kann?“ „Eil das Aeußere iſt ſchön... ſind Sie ein Zögling des Conſervatoire?“ „Ohl nein.“ „Haben Sie ſchon geſpielt?“ „Zuweilen, in der Meſſe.“ „Wie, in der Meſſe?“ „Ich wollte ſagen, in der Provinz.“ „Sprechen Sie mir ein wenig Tragödie.“ „Was?“ „Etwas, was Sie nie gehört haben.“ „Ohl ich habe gerade, was Sie brauchen: es iſt aus Oreſte von Herrn Soumet.“ 122 „Und Sie haben Talma nie in dieſer Rolle ge⸗ ſehen?“ St „Talma war todt, als ich zum erſten Male nach J'e Paris kam.“ Et Der junge Mann warf ſeinen Hut fern von ſich, Oe: nahm die Stellung einer antiken Statue an und Me begann: J6 J'étais dans ce tombeau qu'un Dieu vengeur habite; Jy contemplais, avec un saint recueillement, Les voiles déposés au fond du monument: da Et les cheveux d'Electre et l'offrande recente Qui remplaçait les dons de ma tendresse absente. Après quinze ans d'exil, j'allais renouveler 2 Mes serments sur l'autel ou le sang doit couler. de Une femme a paru dans ce lieu triste et sombre; T Pour observer ses pas, je me cachais dans''hombre. ſp Elle semblait venir dans ce séjour des morts ſc Apportez ses regrets bien moins que ses remords. Se soutenant à peine, incertaine, agitée, 3 Aux marches de l'autel elle s'est arrétée. La lampe, qui veillait dans ce lieu de douleur b De ses traits convulsifs éclairait la paleur.*) zu *) Ich war in dieſem Grabe, das ein rächender Gott bewohnt; ich betrachtete in frommer Andacht, die in der Tiefe des Monumentes niedergelegten Schleier und die Haare von Eleetra, und das neue Opfer, das die Gaben meiner abweſenden Zärtlichkeit erſetzte. Nach einer fünfzehnjährigen Verbannung wollte ich meine Schwüre auf dem Altar erneuern, wo das Blut flie⸗ ßen ſoll. Eine Frau erſchien an dieſem düſtern Orte. Um ihre Schritte zu beobachten, verbarg ich mich im Schatten. Sie ſchien mir zu dieſem Aufenthalt der Todten weniger zu kommen, um ihre Wehklagen, als um ihre Gewiſſensbiſſe zu bringen. Kaum im Stande, ſich zu halten, unſicher, erſchüttert, blieb ſie 123 Und ſo fuhr er fort. Nachdem er aber noch die Stelle geſprochen: Pen suis sorti muet, glacé, plein d'épPouvante; Et ce prodige affreux, cette femme expirante, Ces infernales soeurs, ce spectre furieux Me poursuivent encore... ils sont devant mes yeux, Je succombe....: 4 Da rief Mademoiſelle Duchesnois: „Gut, Sie haben nicht gelogen, und ich ſchwöre, daß Sie das Stück nicht haben ſpielen ſehen.“ „Was Sie mir da ſagen, hat nicht das Anſehen eines Compliments.“ „Nein, es iſt kein Compliment; Sie hätten in⸗ deſſen Unrecht, würden Sie dieſe Meinung für einen Tadel halten: Sie haben eine ſchöne Stimme; Sie ſprechen auf eine originelle Weiſe; das iſt vielleicht ſchlimm, doch es iſt weder gemein, noch mittelmäßig.“ „Nun, alſo, Mademoiſelle?“ fragte der junge Mann. „Alſo will ich Ihnen einen Brief an Soumet ge⸗ ben; er wird Sie beim Odeon, um dort kleine Rollen zu ſpielen, unterbringen.“ bei den Stufen des Altars ſtehen. Die Lampe, die an dieſem Schmerzensorte wachte, beleuchtete die Bläſſe ihres verzerrten Geſichtes. Sie griff nach dem Altar mit ihren unmächtigen Händen; das Gebet erſtarb auf ihren zitternden Lippen, und aus ihres Buſens Tiefe drangen jeden Augenblick Klageſchreie, langes Stöh⸗ nen hervor. —) Ich ging hinaus ſtumm, eiskalt, von Schreck' erfüllt; und dieſes gräßliche Wunder, dieſe verſcheidende Frau, dieſe hölliſchen Schweſtern, dieſes wüthende Geſpenſt verfolgen mich noch... ſie ſind vor meinen Augen. Ich erliege... 124 Und ſie ſetzte ſich ſogleich an ein Bureau und ſchrieb:„ „Mein lieber Soumet, „Warum beſuchen Sie mich nicht? Ich bin in der nächſten Woche beim Comité und werde Sie auf das Repertoire bringen laſſen. „Ich empfehle Ihnen den jungen Mann, der Ihnen dieſen Brief überreichen wird; geben Sie ihm eine Zeile für das Odeon. „Arbeitet er, ſo kann er es weit bringen. „Duchesnois.“ Sie gab den Brief offen dem jungen Manne, und dieſer las ihn laut. „Oh; ja, ich ſtehe Ihnen dafür, daß ich arbeiten werde!“ ſagte er.„Wo iſt mein Hut?“ „Hier.“ „Mademoiſelle Duchesnois, Sie begreifen, daß ich nicht weiß, wie ich Ihnen danken ſoll. Doch gleichviel, wenn es mir gelingt, ſo wird es mich freuen, zu ſagen, ich verdanke es Ihnen.“ Und er verbeugte ſich vor der guten, vortreff⸗ lichen Schauſpielerin und lief weg. Hatte er in Mademoiſelle Duchesnois eine gute, freundliche Beſchützerin gefunden, ſo ſollte er gleichfalls in Soumet einen guten, liebenswürdigen Protector finden. Der theure Soumet! Ich habe ihn kennen lernen, zu ſpät, doch genug, um ihn im Theatre⸗Francais bei der Inſcenirung ſeiner zwei letzten Werke zu erſetzen, genug, um es verdient zu haben, daß er mir einigen Dank ſchuldig zu ſein glaubte. Ein ſchöner Typus des Dichters! Stolz gerade bis zum Maaß ſeines Talentes, voll Glauben an die ind 125⁵ Muſe, voll Religion für die Poeſie; ſodann gut, ſanft, gefällig wie ein ächter Menſch von Genie, was er war. Im Jahre 1828 war er ein noch junger Mann, mit großen, begeiſterten Augen, ſchwarzen, flatternden Haaren und offenem, leicht zugänglichem Herzen; er nahm auch vortrefflich den jungen Mann in einem eleganten Cabinet auf, das ganz mit Büſten von Meiſtern ausgeſchmückt war. Er las den Brief und ſagte wie diejenige, welche ihn ſchrieb, zu Herrn Guſtave: „Sprechen Sie mir etwas.“ Guſtave dachte, die Tirade, welche gute Dienſte bei Mademoiſelle Duchesnois geleiſtet, werde daſſelbe bei Soumet thun. Soumet hörte aufmerkſam zu. „Es ſind nicht Stückchen von Rollen, was Sie brauchen, ſondern große Rollen. Nicht im Odeon müſſen Sie zwei⸗ oder dreimal im Monat ſpielen: Sie müſſen alle Tage im Weichbilde ſpielen. Ich will Ihnen einen Brief an Seveſte geben.“ „Mademoiſelle Duchesnois hat mich zu Ihnen geſchickt: machen Sie mit mir, was Sie wollen.“ Und dennoch... nachdem man vom Théatre⸗ Francais geträumt, nachdem man das Odeon erſchaut, hieß es ſehr tief fallen, zu Seveſte hinabgeſtürzt werden. Soumet begriff, was im Herzen des jungen Mannes vorging, ſo ergeben er zu ſein ſchien, und⸗ ſagte: 9„Verſinken Sie in den Moraſt der kleinen Rollen, ſo kommen Sie nie mehr heraus; glauben Sie mir, debutiren Sie auf keinem Theater von Paris, nur um einen Schlag zu thun.“ Soumet ſchrieb den Brief mit ſeiner ſchönen, freien Schrift, welche der von Lamartine gleicht. Die 126 redlichen Leute haben eine ihnen eigenthümliche Hand⸗ ſchrift. Die zwei Seveſte, Jules und Edmond,— Edmond, der heute todt iſt; Jules, der heute Director des Théätre⸗National iſt,— wohnten damals in der Rue Beauregard und beuteten alle Theater des Weich⸗ bilds aus. Von der Rue Beauregard gingen alle Tage die vom Mittelpunkte nach dem Umkreiſe expedirten Komö⸗ diantenwagen ab, welche man die Salatkörbe Seveſte nannte. Vermöge des Namens Soumet wurde Herr Gu⸗ ſtave ſogleich bei einem der beiden Brüder eingeführt. Es war Edmond. Edmond las den Brief, und zum dritten Male an demſelben Tage hörte Herr Guſtave die Worte: „Sprechen Sie mir Etwas.“ Diesmal wollte er wechſeln, und er begann die Scene von Hamlet: —— Entflieh, erſchreckliches Geſpenſt!— Beim dritten Verſe, und als er gerade fortfahren wollte, erſchien plötzlich ein Mann, aus dem anſtoßen⸗ den Zimmer hervorkommend. „Stille!“ rief dieſer Mann. Herr Guſtave hielt inne. „Singen Sie mir Etwas,“ ſagte der Eintretende. „Gern,“ erwiederte Herr Guſtave. Und er ſang drei Vaudeville⸗Strophen auf drei verſchiedene Melodien. „Eine herrliche Baßſtimme!“ rief Jules Seveſte. Derjenige, welcher eingetreten, war Jules Seveſte. „Was können Sie? „Michel und Chriſtine, Ohne Trommel und Trompete, Adolphe und Clara.“ d nd⸗ ond, des Rue ich⸗ die mö⸗ eſte Gu⸗ hrt. an 127 „Das iſt es, was wir brauchen. Sie werden morgen probiren und übermorgen ſpielen.“ „Wo 2“ „In Mont⸗Parnaſſe.“ Am Abend des andern Tages ſpielte Herr Guſtave in Michel und Chriſtine in Mont⸗Parnaſſe. Der Inſpicient erwartete ihn beim Abgang von der Bühne. „Gehen Sie zu Herrn Seveſte.“ „So ganz angekleidet?“ „Wie Sie ſind; er wartet auf Sie.“ „Teufel! ich will ihn nicht warten laſſen.“ Und er ging zu Herrn Seveſte. Zwei Engagements lagen auf dem Tiſche, beide von den Herren Seveſte unterzeichnet. „Unterſchreiben Sie mir das!“ ſagte Edmond. Herr Guſtave unterſchrieb, ohne nur anzuſchauen. „Gut! Leſen Sie nun,“ ſprach der Director. Herr Guſtave las. Er war engagirt, um Helden, jugendliche Liebhaber, ſentimentale, edle Väter und Be⸗ dienten zu ſpielen, in den Chören zu ſingen und bei den Spectakelſtücken zu figuriren. Für Alles das ſollte er gerade erhalten, was ihm Zozo vom Norden verſprach: fünfzig Franken monatlich. Nur ſollte er ſich Alles ſelbſt anſchaffen. Herr Guſtave entfernte ſich zufrieden wie ein Prinz und drückte mit ſeinem linken Arme ſein Engagement an ſein Herz. 128 XIII. Oreſtes und Pylades finden ſich in Selleville wieder.— Der Verſucher.— Guſtave wird angeworben.— Eine Unpäßlichkeit.— Ankunft im Havre.— Der Dreimaſter die Induſtrie.— Unterſegelgehen.— Giuen Monat im Havre, um auf günſtigen Wind zu warten.— Auslaufen aus dem Hafen. Am andern Tage, in dem Augenblick, wo er zur Probe auf die Bühne trat, empfing ihn ein Schrei: „Ahl da iſt Guſtave!“ „Ahl da iſt Hippolyte!“ Oreſtes hatte ſeinen Pylades wiedergefunden. Oreſtes trat feierlich auf Pylades zu und ſprach: Oui, puisque je retrouve un ami si fidéle, Ma fortune va prendre une face nouvelle; Et déjà son courroux semble s'ètre adouci, Depuis qu'elle a pris soin de nous rejoindre ici.*) Hippolyte hatte ſich ebenfalls genöthigt geſehen, den Vater Dumanoir zu verlaſſen; die Noth war uner⸗ träglich geworden, und da der Winter beſtändig ſtreng blieb, ſo daß der nomadiſche Künſtler die Teiche fort⸗ während gefroren fand, ſo hatte er ſich keine Erleich⸗ terung in ſeiner Exiſtenz durch Benützung des Rummels *) Ja, da ich einen ſo trenen Freund wiederfinde, wird mein Schickſal ein neu' Geſicht gewinnen, und ſchon ſcheint ſein Zorn ſich beſänftigt zu haben, ſeitdem es uns hier wiederzuvereinen beſorgt geweſen. von ſche hät me — 129 von ſeinem Freunde Guſtave, das heißt dadurch ver⸗ ſchaffen können, daß er Fröſche gefangen und geſungen hätte: Ma Fanchette est charmante. Nachdem man in Verſen mit Racine als Dol⸗ metſcher geſprochen, ſprach man in Proſa. „Was machſt Du?“ fragte Guſtave. „Ich ſpiele die Liebhaber,“ antwortete Hippolyte. „Und ich ſinge die Bäſſe: Ut, si, la. sol, fa, mi, re, ut, ut, ut!“ „Oh! ich kenne Deinen Baß, ich habe ihn gehört, als er leer war!“ Hippolyte ſpielte in der That alle Liebhaber, wie ſie auch ſein mochten: muntere, ernſte, ſentimentale. Guſtave alle Oheime, alle Väter, alle Generale, alle Gonverneurs, kurz alle Alte. 3 Das dauerte ſo ſechs Monate. Nach Verlauf von ſechs Monaten verſchwand plötz⸗ lich eine von den zwei Schelfen. Der andere war in ziemlich ſchlechtem Zuſtande. Die griechiſche Mütze hatte den Hut erſetzt, was nichts beſagen wollte, denn die Begeiſterung für die braven Hellenen hatte in dieſem Augenblick ihren Höhepunkt erreicht. Doch die Stiefel zogen Waſſer und die Theater⸗ zettel fingen an die Unterſtrümpfe zu erſetzen. Man begreift, daß Guſtave, der nur fünfzig Franken monatlich erhielt und von dieſen fünfzig Franken Alles für das Theater anſchaffen mußte, ſich nicht viel in der Stadt anſchaffen konnte. Eines Abends, als er in drei Stücken geſpielt hatte und durch irgend einen Umſtand im Theater eine Stunde länger als ſeine Kameraden aufgehalten wor⸗ den war, ging er um halb ein Uhr durch die Thüre der Künſtler hinaus. Abenteuer eines Schauſpielers. 9 130 In dem Augenblick, wo er ſeine erſten Schritte auf der Straße machte, trennte ſich ein Mann, der auf ſein Herauskommen zu warten ſchien, von der Mauer und folgte ihm. Obgleich dies mitten im Sommer geſchah, war die Nacht doch düſter und die Straße verödet. Herr Guſtave beſaß nichts, durchaus nichts, was geraubt zu werden werth geweſen wäre; dennoch beun⸗ ruhigte ihn dieſer Menſch, der ihm nachging. Bei der Biegung einer Straße blieb er plötzlich ſtehen, ſo daß, als ſich der Unbekannte um dieſelbe Ecke wandte, um die ſich Herr Guſtave gedreht hatte, dieſer und der Unbekannte ſich von Angeſicht zu An⸗ geſicht gegenüber ſtanden. „Ohl verzeihen Sie, Herr Guſtave,“ ſagte der Unbekannte. „Verzeihen, was?“ fragte der junge Mann. „Daß ich Ihnen folge!“ „Sie folgen mir alſo?“ „Gewiß.“ „Und warum folgen Sie mir?“ Der Unbekannte nahm ſein freundlichſtes Geſicht an und erwiederte. „Ich wollte eine Frage an Sie machen, mein „Welche?“ „Lieben Sie die Reiſen?“ „Eine ſeltſame Frage an einen Mann, und beſon⸗ ders Morgens um ein Uhr.“ „Mein Herr, ich hatte nicht die Geduld, länger zu warten!“ „Um zu erfahren, ob ich die Reiſen liebe?“ „Ja, mein Herr. Ich lege ein großes Gewicht auf Ihre Anſicht hierüber.“ „Nun! mein Herr, ich liebe ſie leidenſchaftlich. Und Sie?“ tte der der ar as in⸗ ich te, In⸗ der ein lbe 13³¹ „Es iſt mein Geſchäft, ſie zu lieben.“ „Sie ſind Reiſender?“ „Ein unermüdlicher, mein Herr! Sollten Sie be⸗ gierig ſein, Amerika zu ſehen?“ „Welches? Es gibt zwei: Nord⸗Amerika und Süd⸗ Amerika.“ 1 „Weder das Eine, noch das Andere: Central⸗ Amerika.“ „Die Antillen alſo?“ „Ganz richtig.“ „Sehr begierig! Ich ſterbe vor Verlangen, Kokos⸗ milch zu trinken, wie Robinſon, und Gojaven zu eſſen, wie der Kapitän Cook.“ „Nun! mein Herr, es hängt nur von Ihnen ab, zu reiſen.“ „Wie, es hängt nur von mir ab?“ „In Allem koſtenfrei.“ „Das ſteht mir an.“ „Mit drei hundert Franken Gehalt monatlich: zwei hundert Franken mehr, als Sie bei Herrn Seveſte haben.“ „Teufel! das iſt verlockend.“ „Laſſen Sie ſich verlocken.“ „Wiſſen Sie, daß wir in dieſer finſtern Nacht, an der Ecke einer öden Straße, Sie in Ihrem Man⸗ tel, ich in meinem Ueberrock, das Ausſehen ich von Fauſt, Sie von Mephiſtopheles haben?“ „Steigen wir in meinen Mantel, und laſſen Sie uns abfahren.“ „Und Seveſte?“ „Hat er Ihnen Vorſchüſſe gemacht?“ „Keinen.“ „Dann iſt Ihr Zartgefühl nicht gebunden. Und bemerken Sie Eines...“ „Sie ſind Beobachter?“ Ca. „Ja. 132 „Was haben Sie bemerkt?“ ¹ „Daß jeder Menſch ſeinen Hang hat; Sie haben den Hang zum Deſertiren.“ „Wie, zum Deſertiren?“ „Ja, Sie ſind zuerſt aus der Werkſtätte von Herrn Bochard deſertirt, um zur Truppe von Dumanoir überzugehen; dann ſind Sie von der Truppe von Du⸗ manoir deſertirt, um zur Truppe von Bertrand, ge⸗ nannt Zozo vom Norden, überzugehen; dann ſind Sie von der Truppe von Zozo vom Norden deſertirt, um abermals bei der Truppe von Dumanoir einzutreten; dann ſind Sie von der Truppe Dumanoir deſertirt, um zu Ihrem Vater zurückzukehren; dann ſind Sie von Ihrem Vater deſertirt, um bei der Truppe von Seveſte einzutreten; nun deſertiren Sie von der Truppe von Seveſte, um bei der Truppe von Victor Mareſt einzutreten; endlich werden Sie aus Frankreich deſer⸗ tiren, um es mit Amerika, Guadeloupe und Trinidad zu vertauſchen, wo Ihnen das milde Klima, die reine Luft, die reizenden Frauen, die Kokosmilch und die Gojaven, wie ich hoffe, die Luſt zum Deſertiren be⸗ nehmen ſollen.“ „Sie ſind vollkommen unterrichtet.“ „Ich pflege Erkundigungen einzuziehen.“ „Aber Seveſte?“ „Liegt ihm viel daran, Sie zu behalten?“ „Weniger als Ihnen, mich zu bekommen, da er mir nur fünfzig Franken monatlich gibt, während Sie mir dreihundert anbieten.“ „Erwägen Sie die Sache.“ 1 „Sie iſt ſchon erwogen.“ „Nun 24 „Ich deſertire.“ „Bravo!“ „Nur, warten Sie... man muß ſo anſtändig als möglich deſertiren.“ ie als 13³3 „Und beſonders ſo ſicher als möglich.“ „Das Eine widerſtrebt dem Andern nicht.“ „Deſto beſſer.“ „Ich will mir zuerſt den Anſchein geben, als wäre ich krank.“ „Zu welchem Zwecke?“ „Man wird meine Stelle in allen meinen Rollen erſetzen, und gehe ich ab, ſo werde ich wenigſtens Se⸗ veſte nicht in Verlegenheit laſſen.“ „Wiſſen Sie, daß Sie mich für den Tag, wo die Reihe an mich kommen wird, beruhigen?“ „Man deſertirt, doch man iſt redlich.“ „Abgemacht, Sie werden krank.“ „Sie laſſen mir fünfzig Franken zurück.“ „Ich laſſe Ihnen fünfzig Franken zurück.“ „Sie reiſen nach dem Havre ab.“ „Ich reiſe nach dem Havre ab.“ „Und zwei Tage, ehe das Schiff unter Segel geht... Ich nehme an, daß Sie zur See nach den Antillen reiſen?“ „Sie haben errathen! Würden Sie lieber zu Fuß gehen?“ „Mit hundert und fünfzig Franken weniger würde ich es vorziehen...“ „Unglücklicher Weiſe... „Ja, das iſt nicht möglich. Nun denn! zwei Tage ehe Sie unter Segel gehen, ſchreiben Sie mir.“ „Ich ſchreibe Ihnen.“ „Ich komme an, um mich einzuſchiffen, und der Streich iſt geſchehen.“ „Hier ſind Ihre fünfzig Franken. Ich kann auf Sie zählen?“ „Schlagen Sie ein.“ „Bedenken Sie, daß ich Ihr Wort habe, und daß ich nichts Anderes will.“ 5 13⁴ „Sie haben Recht, das iſt ſicherer, als ein ſchrift⸗ licher Vertrag.“ Mephiſtopheles ging auf einer Seite und Fauſt auf der andern ab. Am andern Tage war Herr Guſtave unpäßlich, am zweiten Tag war er krank, am dritten ſehr krank. Man war genöthigt, ihn in allen ſeinen Rollen zu erſetzen. Nur ließ ihm die Adminiſtration ſagen, wenn man nicht mehr als fünfzig Franken Gehalt habe, ſo ſei man nicht berechtigt, länger als acht Tage krank zu bleiben. Am ſiebenten Tage erhielt er einen Brief von Herrn Victor Mareſt, der ihm ankündigte, das Schiff gehe zwei Tage nachher unter Segel. Gegen ſechs Uhr Abends klingelte man. Herr Guſtave war ganz angekleidet und zum Auf⸗ bruche bereit. „Wer iſt da?“ fragte er durch die Thüre. „Ich, Polyte.“ „Ahl wenn Du es biſt, tritt ein.“ Polyte trat ein. In der Vertraulichkeit nannten ſie einander Po⸗ lyte ſtatt Hippolyte und Gugus ſtatt Guſtave. „Es geht alſo beſſer bei Dir?“ fragte Hippolyte. „Ich bin nie krank geweſen.“ „Wie! und Deine Unpäßlichkeit?“ „War nur Schein.“ „Gut! doch ſage mir... „Was?“ „Du ſiehſt aus wie ein Reiſender.“ „Ich reiſe.“ „Wie, Du reiſeſt? und Seveſte?“ „Darum war ich krank.“ „Verſtanden! Du willſt durchgehen?“ „Ganz richtig,“ bri — 8 0 2 te. 13⁵ „Er wird Dir aber nachlaufen...“ „Sei ruhig, ich werde ihn aus dem Athem bringen.“ „Du gehſt alſo ſehr weit?“ „Zum Teufel! nach Martinique, Guadeloupe, Trinidad.“. „Ah! armer Seveſte! Und wann reiſeſt Du ab?“ „Komm, begleite mich. Doch ſtille! behalte das für Dich.“ „Soll ich morgen, zu größerer Sicherheit, ſagen, Du ſeiſt todt, und Dich übermorgen begraben laſſen?“ „Das iſt unnöthig: übermorgen werden wir ab⸗ geſegelt ſeein.“ Eine Viertelſtunde nachher war man bei den Meſſageries royales; zehn Minuten ſpäter hatten ſich die zwei Freunde, jeder eine Thräne aus dem Winkel des Auges wiſchend, umarmt, und Gugus rollte auf der Straße nach dem Havre. Am andern Tage um zwei Uhr Nachmittags be⸗ grüßte er Herrn Victor Mareſt mit der Arie aus dem Deſerteur: „KAh! je respire....4.2) Als ſeine große Arie geſungen und andächtig von Herrn Victor Mareſt, dem es nicht unangenehm dünkte, ſeinen neuen Penſionär beim Werke beurthei⸗ len zu können, angehört worden war, fragte Herr Guſtave: „Wann reiſen wir ab?“ „Morgen, beim Eintritt der Fluth.“ „Auf welchem Schiffe?“ „Auf der Ind uſtrie, einem herrlichen Dreimaſter, Kapitän Chamblon, der ſich anheiſchig gemacht hat, die Fahrt in einem Monat zu vollbringen.“ *) Ahl ich athme... 136 „Kann man an Bord der Induſtrie über⸗ nachten?“ „Sie befürchten, erkannt zu werden?“ „Bei Gott!“ „Gehen Sie! Sie können um ſo mehr dort über⸗ nachten, als die Fluth gerade Morgens um ſechs Uhr voll iſt.“ Herr Guſtave ging hin, um ſeine kleine Anord⸗ nungen auf dem Dreimaſter zu treffen. 1 Einen Monat auf der See zu bleiben, war eine Sache von Bedeutung für einen Menſchen, der Blut brach, wenn er von der Delivrande nach Trouville auf dem Wachſchiffe der Douane fuhr. Am andern Morgen bei Tagesanbruch gab der Kapitän Chamblon Befehl zum Unterſegelgehen. Es iſt dies immer ein intereſſantes Schauſpiel, ſelbſt für diejenigen, welche ihm alle Tage beiwohnen und vom Hafendamm zuſehen. Es verſteht ſich auch von ſelbſt, daß die ganze komiſche Truppe, Director und Regiſſeur an der Spitze, auf dem Verdecke war. Zwei für Guadeloupe befrachtete Schiffe gingen beide zu gleicher Zeit ab. Die Stunde, um die Anker zu lichten, war gekommen, das zweite Schiff, das we⸗ gen ſeiner Stellung zuerſt abgehen ſollte, ſetzte ſich in Bewegung und fuhr ohne Hinderniß aus dem Baſſin auf die Rhede und von der Rhede ins Meer. Nicht daſſelbe war mit der Induſtrie der Fall, welche hundert und fünfzig Tonnen mehr wog, als das andere Schiff; mochte die Fluth nicht die erfor⸗ derliche Höhe erreicht haben, mochte die Induſtrie vom Küſtenlotſen ſchlecht geführt worden ſein, ſie ſtieß auf den Grund und konnte nicht auslaufen. — Die Abfahrt wurde alſo bis zur nächſten Fluth verſchoben. Als aber die nächſte Fluth gekommen war, hatte ſich der Wind gedreht und war conträr geworden. ber⸗ 8— 2 8 2 ——— 13⁷ Schon am Abend deſſelben Tages hatte man das andere Schiff aus dem Geſichte verloren. Einen Monat lang blieb der Wind beharrlich Nord⸗Nord⸗Weſt, ſo daß einen Monat lang die In⸗ duſtrie im Baſſin verweilen mußte. Während dieſer Zeit ſchweifte Herr Guſtave in der Gegend umher. Er floh vor den Emiſſären von Seveſte. Der Monat verging ohne beſondere Vorfälle. Nach Verlauf eines Monats hörte er unter Trom⸗ melſchlag für den andern Tag die Abfahrt der Indu⸗ ſtrie verkündigen. Er kehrte an Bord zurück. Am andern Tage lief der Dreimaſter, durch ein geſchicktes Manveuvre und begünſtigt durch einen gu⸗ ten Wind, glücklich aus dem Hafen aus und erreichte triumphirend die hohe See. XIV. Der Kapitän Chamblon.— Herr Guſtave in ſeinem Ma⸗ tratzrahmen.— Die heilige Cäcilie— Dialog zwiſchen zwei Schiffen.— Die Enten und die Cocarden.— Ein Penaud. — Nutzen des Dictionnaire de l'Académie.— Der Second macht einen Penaud oder Pennon.— Guſtave ſchuitzt ein altes Männchen.— Völlige Meeresſtille.— as Männchen der See.— Guadeloupe.— Das Wörterbuch von Beſcherelle.— Dieſer Verzug von einem Monat hatte Jeder⸗ mann und beſonders den Kapitän Chamblon in ſchlechte Laune verſetzt. 138 Der Kapitän Chamblon war ein Mann von vier⸗ zig bis fünfundvierzig Jahren, groß, kalt, trocken, ernſt und ſogar traurig von Geſicht. Er war Ritter der Ehrenlegion und hatte ſich ſein Kreuz auf einem Kriegsſchiffe perdient. Der Wind war übrigens gut: dieſer, ſo lange man ſich in den Gewäſſern des Canals befand, conträ⸗ rer Wind wurde vortrefflich, ſobald man das Cap Finisterre umſegelt hatte. Trotz dieſes günſtigen Wetters rührte ſich Herr Guſtave nicht aus ſeinem Matratzrahmen, wo er ſich damit beſchäftigte, daß er, um uns eines Marineaus⸗ druckes zu bedienen, ſeine Hemden zählte. Nach einer Fahrt von ſechs bis acht Tagen näh⸗ erte ſich der Director, der in ſeiner Eigenſchaft als patentirter Reiſender den Fuß des Seemanns hatte, ſeinem Penſionär und ſagte, indem er eine bewun⸗ derungswürdige Baßſtimme ertönen ließ: „He! Meiſter Guſtave!“ 2„Herr Mareſt!“ erwiederte Guſtave mit kläglichem one. „Sind Sie da?“ „Bei Gott! ich glaube wohl, daß ich da bin.“ Ünd er verſuchte es, den Kopf aufzurichten. „Gut! ich ſehe Sie, das genügt. Ich wollte Ihnen nur ſagen, daß übermorgen das Feſt der heili⸗ gen Cäcilie iſt.“ „Nun?“ „Nun, wir müſſen der armen Heiligen etwas zu ſingen ſuchen.“ „Ahl Herr Mareſt, rollt das Schiff ſo fort, wie es in dieſem Augenblicke thut, ſo erkläre ich Ihnen, daß ich meinen Rahmen nicht verlaſſe.“ „Seien Sie unbeſorgt, wir werden ein herrliches Wetter haben. Ich habe das mit dem Regiſſeur an⸗ geordnet.“ 4 em 139 Am zweiten Tage nachher, als man vor Madeira kam, legte ſich in der That der Wind. In zwei bis drei Stunden bot die See den An⸗ blick eines ungeheuren Spiegels. Gegen fünf Uhr Abends deckte man unter einem, Aharbinmel und im Angeſichte von Madeira den iſch. Der Kapitän bot den Paſſagieren ein außeror⸗ dentliches Mahl, geſchmückt mit Bordeaux und email⸗ lirt mit Champagner. Der Regiſſeur hatte Wort gehalten, das Wetter war herrlich, und das Schiff machte nicht die geringſte Bewegung. Nach beendigtem Mahle ſtieg Jedermann auf das Verdeck. Das war einer von den wunderbaren Abenden, wie ſie vom Himmel auf den Lago maggiore, auf die Meere Siciliens und auf jene rieſigen Blumenkörbe fallen, die man die Inſeln Oceaniens nennt. Beim Anblicke dieſer balſamiſchen Inſeln, dieſes funkelnden Meeres, dieſes tiefen Azurs des ſpaniſchen Himmels, dachte Niemand mehr an das ſchlechte Wet⸗ ter des vorhergehenden Tags und alle Muſiker begannen mit demſelben Enſemble, als ob ſie im Orcheſter ge⸗ weſen wären. Zu gleicher Zeit ſtimmte die ganze Truppe den Chor aus der Weißen Dame an: „Beim Klange, beim Klange der Schalmei'n... Man ſang und accompagnirte mit ebenſo gro⸗ ßer Begeiſterung, als ob man ein Publikum gehabt 2 hätte. Eine engliſche Brigg hatte ſich auf drei bis vier Kabellängen genähert, und ihr mit Zuſchauern be⸗ ſetztes Verdeck klatſchte dieſem improviſirten Concert Beifall. 140 Als die Chöre aus der Weißen Dame aufge⸗ hört hatten, fing an Bord des engliſchen Schiffes ein mit ſeltener Vollendung ausgeführtes Hornduett an. Es war nun an der Indruſtrie, zu applau⸗ diren. Dann begann der Dialog zwiſchen den zwei Schif⸗ fen: ſie waren ſ Bord zum andern plaudern konnte. „Sie haben alſo ein ganzes Orcheſter an Bord?“ fragte die Brigg. 1 Ich glaube wohl, wir gehen nach Guadeloupe mit einer Operntruppe,“ antwortete die Induſtrie; „Wir, wir haben zwei Künſtler, welche nach New⸗York gehen, um ſich dort hören zu laſſen.“ „Ah! bravo!“ Und man machte ſich Complimente über Bord. Sodann gaben die Muſiker der In duſtrie zum zweiten Mal das Zeichen zum Singen, und man ſtimmte den Chor aus Joſeph an: „Gott Iſraels!...“ Das engliſche Schiff antwortete ſeinerſeits durch ein zweites Concerto. Und das dauerte einen Theil der Nacht ſo fort, — eine heitere, balſamiſche, harmoniſche Nacht, welche bei Allen, die dabei waren, im Andenken blieb. Endlich ſpielten die franzöſiſchen Muſiker die Melodie von Vive Henri IV.; die engliſchen Muſiker antworteten durch das God save the King. Man ſagte ſich guten Abend, man wünſchte ſich eine gute Nacht, Jeder ſtieg, langſam, mit Bedauern, hinab, um wieder ſeinen Platz in ſeinem Rahmen einzuneh⸗ men, und es blieb Niemand auf dem Verdeck, als der Unterſteuermann, der mit dem Auge ſeinen Compaß nicht verließ, und der Kapitän Chamblon, der, über o nahe beiſammen, daß man von einem 141 ge⸗ das Hintertheil geneigt, mit dem Blicke dem Sog des Schif⸗ fes fes folgte, das ein Feuermeer zu durchſchneiden ſchien. an. Als am andern Morgen die Paſſagiere wieder au⸗ auf das Verdeck kamen, erblickte man das engliſche Schiff, das ein beſſerer Segler war, als die In du⸗ dif⸗ ſtrie, nur noch als einen weißen Punkt, welcher einer lem mit ausgebreiteten Flügeln über die Wogen am Hori⸗ zont hinſtreifenden Möve glich. 820 Nach zwei bis drei Tagen hatte man zu viel an der Windſtille, nach der man ſich ſo ſehr geſehnt; upe man machte nur noch zehn Meilen in vierundzwanzig e; Stunden; der Kapitän Chamblon beſonders zeigte un⸗ abläßig eine ſchlimme Laune. a Der Kapitän Chamblon glich Herrn Jean; man hatte vergeſſen, ihn das Lachen zu lehren, als er jung war. . Nur war Herr Jean ernſt, aber ruhig, zum Der Kapitän Chamblon trat nur aus ſeiner mte Schweigſamkeit heraus, um zu der heftigſten inneren Aufregung überzugehen. Die einzigen Augenblicke, in denen er eine ſchwache Empfindung des Wohlbehagens zu haben ſchien, waren urch die, wo er, wie wir vorhin ſagten über den Sog des Schiffes geneigt, mit dem Blicke die ungeheuren Ab⸗ kort, gründe des Meeres zu meſſen ſchien. elche Man fühlte, daß im Grunde des Herzens von dieſem Manne entweder ein tiefer Kummer, oder ein die entſetzlicher Gedanke war. ſiker Vielleicht Beides. Man Dieſe Windſtille reizte ihn im höchſten Grade. gute Dieſe Windſtille diapt⸗ im Gegentheil Guſtave nab, ungemein, weil ſie ihm auf dem Verdecke umherzuſpa⸗ neh⸗ zieren und als Maler die herrlichen Sonnenuntergänge der des Aequators zu ſtudiren erlaubte. npaß Eines Tags erging ſich Herr Guſtave auf dem Ver⸗ über deck mit den anderen Paſſagieren, die ſich damit 142² unterhieſten, daß Sie den Enten Cocarden anhingen. ... Ah! verzeihen Sie, meine Leſer, haben Sie nicht lange Seefahrten gemacht, ſo müſſen Sie durch⸗ aus nichts von dem, was dieſe Unterhaltung iſt, wiſſen.. Wir wollen es ihnen ſagen. Man macht eine Cocarde von weißem, blauem, gelbem, rothem oder grünem Papier, die Farbe iſt gleichgültig,— von einem bis drei Zoll im Durch⸗ meſſer; die Größe wie die Farbe hängen durchaus vom Geſchmacke des Cocardenmachers ab. Man befeſtigt am Mittelpunkte der Cocarde ein Fadenende. 8 Außen an dieſem Faden bindet man ein Stück rod. Man wirft das Ganze der Ente zu. Die Ende zieht natürlich das Brod der Cocarde vor, und mit ihrer gewöhnlichen Gefräßigkeit ver⸗ ſchluckt ſie das Brod; der Faden folgt dem Brode, die Cocarde folgt dem Faden. Am Ende des Schnabels vom Thiere angelangt, zögert ſie ein wenig; dann entſcheidet ſie ſich für die Rechte oder die Linke, und ſie klebt ſich am Ende von einem oder dem andern Auge an; was der Ente ein raue Ausſehen verleiht und die Zuſchauer lachen macht. Das würde Sie nicht lachen machen, antworten Sie verächtlich. Schwimmen Sie vierzehn Tage auf offener See; ſehen Sie vierzehn Tage nichts Anderes als den Himmel und das Waſſer, am Himmel nichts als Albatros und Tropikvögel, im Meere nur Boniten und Goldbraſſen, zwiſchen dem Himmel und dem Meere nur fliegende Fiſche, und ich verſichere Sie, daß Sie, um zu lachen, durchaus nicht mehr Ravel, Arnal oder Graſſot brauchen, wenn ſie ein Stück von 1 143 meinen guten und witzigen Collegen Duvert und Lau⸗ zanne ſpielen. Alle Welt lachte alſo, da man auf dem Verdecke ernſt ein Dutzend Enten umherſpazieren ſah, von denen jede am Schlafe eine Cocarde von verſchiedener Farbe und Größe hatte, als man die Stimme des Kapitäns hörte, der zum Second ſagte: „Mein Herr, machen Sie einen Penaud, daß wir wenigſtens ſehen, von welcher Seite der Wind kommt.“ Die Paſſagiere ſchauten einander an und fragten ſich leiſe:„Was iſt denn ein Penaud?“ Niemand wußte es. Einer derſelben hatte ein Dictionnarie de l'Aca⸗ demie Er ging in ſeine Cajüte hinab und ſuchte enaud. Er fand: PENAUD, AUDE, adj. qui est embarrassé, hon- toux, interdit. Quand on Iui dit cela, il de- meura trèͤs penaud; ellefutbien penaude. II n'est d'usage que dans le style familier*). Der Paſſagier ſtieg wieder mit ſeinem bei der Seite 262 offenen Dictionnaire herauf und zeigte das Wort ſeinen Gefährten. Man kam überein, daß es das nicht ſein könne. Man näherte ſich dem Second, der dem Kapitän ſogleich zu gehorchen ſich anſchickte. Er verfuhr alſo: Er hatte einen Pfropf von einer Flaſche Bordeaux ») Penaud, penaude, verlegen, blöde, verdutzt. Als man ihm dies ſagte, blieb er ganz verle⸗ gen; ſie war ſe hr blöde. Es iſt nur im ver⸗ traulichen Style gebräuchlich. 144 enommen, den längſten, den er hatte finden können; er hatte ihn an einem von ſeinen Enden ſpitzig ge⸗ ſchnitten und das andere Ende in ſeiner ganzen Dicke gelaſſen.. Dann hatte er den Pfropf in zwanzig eine Linie dicke runde Scheiben geſchnitten. Jede von dieſen Scheiben verminderte ſich, ſowie ſie ſich dem ſpitzig geſchnittenen Ende näherte. Die größte hatte die Breite eines Zwanzig⸗Sous⸗ Stückes, die kleinſte war nicht breiter als eine Linſe. Hieran fand ſich fortwährend nicht die geringſte Beziehung zu der vom Dictionnaire de 1'Académie ge⸗ gebenen Definition. Die Neugierde war nichtsdeſtoweniger im höchſten Grade geſpannt. „Mein Herr,“ fragte ſchüchtern der Eigenthümer des Dictionnaire de l'Académie indem er ſich an den Second wandte,„nennt man wirklich Penaud den Gegenſtand, den Sie in dieſem Augenblick auf Befehl des Kapitäns verfertigen 2* „Penaud oder Pennon, ich weiß es nicht; doch ich glaube Pennon, obgleich wir Seeleute ge⸗ wöhnlich Pe naud ſagen.“ Das Blatt umwendend fand er auf der erſten Co⸗ lonne der S. 265: PENNON, s. m. C'était autrefois une sorte de bannidère ou d'étendard à longue queue, qu'un chevalier, qui avait vingt hommes d'armes sous lui était en droit de porter).— Der Herr mit dem Dictionnaire drehte ſich gegen — 3 *) Pennon. Es war dies eine Art von Fahne oder Standarte mit langem Schweife, die ein Ritter, wel⸗ cher zwanzig Reiſige unter ſich hatte, zu tragen be⸗ rechtigt war. ———— 145 den Second, um zu ſehen, ob der fragliche Gegen⸗ ſtand die Form einer Fahne oder einer Standarte 2 mit langem Schweife annahm, und er bemerkte, wie der Second zwiſchen ſeinen Knieen eine Henne hielt, e ddie ihm ein Schiffsjunge gebracht hatte, und aus dem Bauche dieſer Henne die feinſten und goldenſten Federn rupfte. Als er ſodann eine hinreichende Quantität Federn ⸗ zu haben glaubte, gab der Second dem Schiffsjun⸗ gen, um ſie wieder in ihren Käfich zu tragen, die Henne zurück, welche während der Operation viel ge⸗ ſchrieen hatte. 5„Das kann es auch nicht ſein,“ ſagten Einer en nach dem Andern die um den Second im Kreiſe um⸗ hbherſtebenden Paſſagiere, indem ſie das Dictionnaire 4 N er de l'Académie von Hand zu Hand reichten. en„Meine Herren,“ ſprach der Eigenthümer des en koſtbaren Buches,„das Dictionnaire de l'Académie hl iſt aber das Geſetz und die Propheten.“ Und je ernſter die Sache wurde, deſto mehr nahm t; die Aufmerkſamkeit zu. ge⸗ Nachdem die Scheiben vom Pfropfe geſchnitten und die Federn der Henne ausgerupft waren, zog Lo⸗ der Second einen Faden, an deſſen Ende er einen Kuoten gemacht hatte, in die kleinſte von den Schei⸗ de ben, die er bis an den Knoten vordrückte, dann durch ier, die zweite, die er bis auf einen Zoll von der erſten roit vorſchob, dann durch die dritte, welche bis auf acht⸗ zehn Linien von der zweiten geſchoben wurde, und gen ſo fort, indem er eine immer größere Entfernung be⸗ obachtete, ſowie die Scheiben größer wurden. Dann ſteckte er im Umkreiſe der Scheiben mit ih⸗ rer unbiegſameren Seite die Federn der Henne ſo hinein, daß dieſe Federn die Strahlung von einer Art von Sonne bildeten, deren ſolider Theil die 4 Scheibe war. Apbenteuer eines Schauſpielers. 10 146 Der Verfertiger des Penand, wie ſich dies von ſelbſt verſteht, aſſortirte die Größe der Federn nach der Größe der Scheiben. Die großen Federn an die großen Scheiben, die kleinen an die kleinen. Hierauf band er die Schnur oder vielmehr den Faden an einen anderthalb Fuß langen Stock, den er in die Wand des Schiffes ſteckte. Der geringſte Wind genügte, um dieſe Scheiben von Kork und Federn aufzuheben und folglich anzu⸗ zeigen, von welcher Seite er blies. „Bravo,“ ſagte der Kapitän,„wir werden wenig⸗ ſtens fortan wiſſen, woran wir uns zu halten haben.“ Guſtave hatte bemerkt, welches Gewicht der Ka⸗ pitän auf ſeine Wetterfahne legte, und er war ent⸗ ſchloſſen, ihm eine Ueberraſchung zu bereiten. Er fing damit an, daß er ſich ein ſchönes acht⸗ zehn Zoll langes Stück Heiligenholz verſchaffte. Am oberen Theile ſchnitzte er ſodann ein ſechs bis acht Zoll hohes altes Männchen. Dieſem Männchen fügte er einen beweglichen Arm von Fichtenholz, dem leichteſten von allen Höl⸗ zern, bei, den er in den Farben des Heiligenholzes anmalte. Der Reſt des Holzſtückes war eine Art von Tra⸗ jansſäule, auf dem das Männchen ſtand. 4 An dem Tage, wo das Männchen und ſeine Säule geſchnitzt waren, warf er ſodann den Stock des Pennon ins Meer, pflanzte das Männchen und ſeine Säule an den Platz des Pennon, und befeſtigte an der beweglichen Hand des Männchens den Faden mit den befiederten Korkſcheiben. Beim geringſten Winde flatterten die Scheiben, nicht aufgehoben durch die Hand des Männchens, ſon⸗ dern im Gegentheil dieſes aufhebend. Bei dieſem Anblick klärte ſich das Geſicht des 147 Kapitäns durch ein Lächeln auf: das war das erſte, das man über ſein Geſicht ſchweben ſah. Doch dieſe Zufriedenheit war nicht von langer Dauer. Schon an demſelben Tage legte ſich der Wind dergeſtalt, daß der Pennon, nachdem er gezeigt hatte, was er beim geringſten Hauche zu thun fähig war, unbeweglich blieb. Das Meer von Aulis zeigte ſich nicht träger un⸗ ter den Galeeren der Griechen, als es das Atlan⸗ tiſche Meer unter dem Kiele der In duſtrie war. Der Kapitän Chamblon war ſehr abergläubiſch. Als er dieſe völlige Meeresſtille ſah, bildete er ſich ein, es ſei das Männchen von Guſtave, was dem Schiffe Unglück bringe. Er ging auch nicht mehr an dem Männchen vor⸗ über, ohne eine Drohung oder ein grobes Wort an daſſelbe zu richten.„ Endlich, in einer Nacht, nahm er in ſeiner Unge⸗ duld die Säule, das Männchen, die befiederten Schei⸗ ben, und warf das Ganze ins Meer. Eine Stunde nachher brach ein furchtbarer Wind los und das Schiff machte, obgleich es alle Segel ein⸗ genommen hatte, acht Knöpfe in der Stunde. Herr Guſtave, der im Glauben an die Wind⸗ ſtille ſchlief, erwachte plötzlich, in ſeiner Schublade geſchüttelt, wie eine alte Mandel in ihrer Schale. Sein erſter Ruf war: „Thee 1“ Obgleich der Kapitän gewöhnlich alle dieſe Schreier von Paſſagieren zum Teufel wünſchte, hatte er doch ſeiner Talente wegen Herrn Guſtave dem Schiffsjungen beſonders empfohlen. Der Schiffsjunge kam mit dem chineſiſchen Tranke. „Ah! ah!“ ſagte er,„wir brauchen alſo den ar⸗ men Gringalet?“ 3 Herr Guſtave hatte ſo den Schiffsjungen zum 148 Andenken an den bekannten Gringalet von Caen ge⸗ tauft. „Ah! mein armer Freund, mein lieber Gringalet, was gibt es denn?“ „Der Kapitän hat Ihren verdammten Peuaud, der die Induſtrie verhext hatte, ins Meer geworfen, ſo daß wir nun drei Meilen in der Stunde machen. Der heftige Wind dauerte vierzehn Tage und hätte beinahe das Schiff auf das Ufer des Senegal geworfen. Das Wetter war ſo ſchlecht, daß man nicht ein⸗ mal daran dachte, die Taufe des guten Tropen mannes zu vollziehen. Am ſechzehnten Tage endlich trat ein Augenblick der Ruhe ein. Madame Dupuis, die Frau des Bari⸗ tons, benützte dies, um niederzukommen. Ihr Mann war die Hebamme; der Kapitän der Beamte vom Civilſtande; der Director der Truppe der Pathe und die erſte Sängerin die Pathin. Von der Niederkunft von Madame Dupuis an hatte man ſchönes Wetter. Am fünfundvierzigſten Tage nach der Abfahrt vom Havre rief der Matroſe, der die Wache auf der Bram⸗ ſtenge hatte:„Land!“ Dieſes Land war Guadeloupe. „Verdammter Penand!“ ſagte der Kapitän;„und wenn man bedenkt, daß wir, wenn ich ihn nicht ins Meer geworfen hätte, noch auf der Höhe des Caps Bogador wären!“ SGleichviel, Kapitän,“ verſetzte Herr Guſtave,„in Zukunft werde ich Ihnen etwas Anderes als Schnitz⸗ werk machen. Mein armes Männchen, an dem ich drei Tage gearbeitet und zwei Federmeſſerklingen abgebro⸗ chen habe!“ „Gut! Herr Guſtave,“ flüſterte dieſem Gringalet zu,„der Kapitän lügt: er hat nur den Faden und 149 die Korkſcheiben ins Meer geworfen; das Männchen habe ich geſtern noch in der Schublade ſeiner Com⸗ mode geſehen, und wenn Sie wollen, zeige ich es Ihnen.“ Herr Guſtave gab Gringalet einen kleinen Tha⸗ ler: die Ehre war unverletzt. Der Paſſagier mit dem Dictionnaire kam erſt im Jahre 1838 oder 1839 in dem Augenblick, wo das Wörterbuch von Beſcherelle veröffentlicht wurde, nach Frankreich zurück. Als er erfuhr, es ſei ein neues Dictionnaire er⸗ ſchienen, ging er zum Herausgeber und bat um die Erlaubniß, es durchblättern zu dürfen. Dieſe Erlaub⸗ niß wurde ihm beywilligt. Er ſuchte das Wort, das ihn ſeit zehn Jahren beſchäftigte, und fand folgende Definition für Pennon: „Eine Art von Wetterfahne, beſtehend aus einem Stocke, an deſſen oberem Theile ein Faden befeſtigt iſt, an welchem man in gewiſſen Entfernungen Kork⸗ ſcheiben mit darein geſteckten Federn angebracht hat, um die Richtung des Windes zu erkennen.“ „Ah!“ rief er, das iſt ein Mann, der allein mehr weiß als vierzig Akademiker.“ 150 XV. Ankunft.— Herr Guſtave im Kaffeehaus.— Geſpräch mit einem Creolen.— Guſtave der Negerfreund erhält eine Warnung.— Der gute Gendarme.— Guſtave im Coſtume von Adam nach ſeinem Falle.— Der Kapitän Chamblon läßt ſich ins Meer gleiten.— Seine Leichenrede.— Dieſes Land war, wie geſagt, Guadeloupe. Man begreift, daß, ſobald man:„Land!“ gerufen, alle Welt auf dem Verdecke war. Nur erſchaut und erkennt man unter der durch⸗ ſichtigen Atmoſphäre der Wendekreiſe auf ungeheure Entfernungen. Das Morgens um ſieben Uhr ſignaliſirte Land wurde erſt drei Stunden nachher wirklich ſichtbar und erſt um fünf Uhr Abends fuhr die Induſtrie längs der Küſte des Arbouſier hin. In einer Entfernung von drei bis vier Meilen erblickte man mit Hülfe von Ferngläſern Hunderte von Barken, welche das franzöſiſche Schiff umgaben, das die Küſte bewacht und der Stationär genannt wird. Dieſe Barken ſchienen auf die Induſtrie zu warten. So wie man näher kam, brachen Demonſtrationen der Freude an Bord der Barken los, ſo ausdrucksvolle und lärmende Demonſtrationen, daß man ſich fragte, was die Urſache dieſes ſo allgemeinen Vergnügens, das die Grenzen einer gewöhnlichen Freude überſchritt, ſein könne. Die erſten Worte, die man von den Barken mit 25=S 151 dem Schiffe und vom Schiffe mit den Barken wech⸗ ſelte, gaben die Aufklärung des Räthſels. Das Schiff, das vom Havre an dem Tage abfuhr, wo auch die In duſt vie abfahren ſollte, war für Guadelonpe beſtimmt. Es hatte die Reiſe in fünf und zwanzig Tagen gemacht und, im Hafen einlaufend, die baldige Erſcheinung der Induſtrie angekündigt, welche, da ſie an demſelben Tage vom Havre abgegangen, ohne Verzug ankommen müſſe. Da es geſehen, wie ſich der Dreimaſter ſegelfertig machte, und nicht wußte, daß der Dreimaſter nicht hatte auslaufen können, ſo mußte es glauben, er folge ihm. 3 Die Induſtrie war aber im Gegentheil, wie man ſich erinnert, einen Monat im Havre zurückgehal⸗ ten worden. Das Schiff war alſo ſeit fünf Tagen bei Point a Pitre, als die Induſtrie wirklich unter Segel ging. Eine Fahrt von fünf und vierzig Tagen, dieſen fünf Tagen beigefügt, machte einen Verzug von fünfzig Tagen. Für die Einwohner von Guadeloupe war alſo die Induſtrie offenbar untergegangen. Unter der Zahl der Paſſagiere waren aber ſieben bis acht Creolen von der Inſel, meiſtens junge Leute von den beſten Familien von Point a Pitre, ſo daß dieſer Verzug, der keinen Zweifel über irgend einen unbekannten Unglücksfall ließ, die ganze Stadt in die tiefſte Betrübniß verſetzt hatte. Und in Folge hievon hatte ſich in dem Augen⸗ blick, wo von der Wache des Hafens der Dreimaſter die Induſtrie ſignaliſirt worden war, ein großes Freudengeſchrei aus der Stadt erhoben. 4 Die Induſtrie kam nun mit vollen Segeln an, und nichts bezeichnete an ſeinen Maſten oder in ſeinem Takelwerk den geringſten Schaden. 1 152 Weit entfernt, abzunehmen, hatte die Zahl der Paſſagiere im Gegentheil zugenommen. Es war ein wunderbarer Anblick für die Euro⸗ päer, dieſe ſchöne Inſel mit der üppigen Vegetation, wie ſie ſich vom goldenen Grunde einer untergehenden Sonne abhob, dieſes durchſichtige Meer ganz bedeckt mit Barken, die unter ihren Rudern Garben von roſen⸗ farbigen Diamanten aufſpringen machten,— Fond und Rahmen eines Gemäldes das Feſt der Rückkehr vorſtellend. Barken und Schiffe kamen beim Stationär zu⸗ ſammen; ſogleich fand ein Austauſch von Zärtlichkei⸗ ten, ein Sturm von Umarmungen ſtatt; die Leute von den Barken ſtiegen an Bord, während auf allen Sei⸗ ten einige von den Paſſagieren in die Barken ſtiegen, auf die Gefahr, ins Meer zu fallen. Man ſah nur ausgeſtreckte Arme, von Thränen befeuchtete Augen. Die Schauſpielertruppe war außer allen dieſen Demonſtrationen: die Neugierde allein erwartete ſie, und die Neugierde hat nichts ſehr Zärtliches. Man gelaugte bei Einbruch der Nacht in die Stadt und betrachtete mit Erſtaunen das für euro⸗ päiſche Augen ſo neue Schauſpiel einer ganzen faſt nackten, ſchwarzen Bevölkerung. Der Abend der Ankunft wurde auf das Suchen von Wohnungen verwendet. Es iſt übrigens nichts ſo leicht, als eine ganz eingerichtete Wohnung in Point a Pitre zu finden. Eine Menge von ſchönen Negerinnen von acht⸗ zehn bis zwanzig Jahren hat keine andere Gewerbs⸗ thätigkeit, als die paar Zimmer, die ſie bewohnen, eingerichtet zu vermiethen. Nach der Wahl des Miethsmannes tragen ſie ihr Bett hinaus, oder laſſen ſie es innen: das iſt von einer patriarchaliſchen Einfachheit. —, 153 Noch am Abend ſeiner Ankunft ging Herr Gu⸗ ſtave in ein Kaffeehaus, woraus er einen Vortheil zu ziehen gedachte. Alles ſetzte ihn in Erſtaunen; er ſchaute Alles mit gierigen Augen an. Zwei Creolen plauderten; er horchte, was die zwei Creolen ſprachen. Es war die Rede von einem Neger Namens Cicero. „Mein Herr,“ ſagte einer der Creolen zu unſerem Helden,„an Ihrem Teint ſehe ich, daß Sie Euro⸗ päer ſind.“ „Wahrlich, mein Herr, Sie irren ſich nicht.“ „Und ſogar, daß Sie zum erſten Male auf die Antillen kommen.“ „Ich bin vor zwei Stunden in Point a Pitre angelangt.“ „Nun! mein Herr, ich wette Eines.“ „Was? „Ich wette, daß Sie die Neger beklagen.“ „Wetten Sie, mein Herr, Sie werden gewinnen.“ „Es iſt unglaublich, daß man ſolche Schurken beklagt.“ „Warum ſollte ich ſie nicht beklagen? Sie ſind im Ganzen Menſchen!“ „Menſchen? Eil das ſind ſonderbare Menſchen! Schauen Sie, mein Herr.“ Hier bezeichnete der Creole Guſtave den Mann, mit dem er plauderte. „Wohl, ich ſchaue, mein Herr... was dann?“ „Geſtern kauft er einen Neger.“ „Er kauft einen Neger.“ „Er bezahlt ihn mit zweitauſend vierhundert Franken.“ „Zweitauſend vierhundert Franken.“ „Der Burſche ſieht das Geld in ſeiner Gegenwart 154 bezahlen... verſtehen Sie wohl? er ſieht das Geld bezahlen.“ „Er ſieht das Geld bezahlen... ich folge Ih⸗ nen mit aller Aufmerkſamkeit.“ 1 „Nun, errathen Sie, was er gethan hat?“ „Wie ſoll ich das errathen?“ „Er henkt ſich in dieſer Nacht, mein Herr.“ „Er henkt ſich... wahrhaftig?“ „Es iſt, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre habe. Wie finden Sie dieſen Burſchen?“ „Ich, mein Herr, finde ihn herrlich.“ „Wie beliebt?“ „Ich ſage Ihnen, daß ich ihn herrlich finde.“ „Mein Herr, Sie müſſen nicht oft ſolche Dinge hier und in Geſellſchaft von Creolen reden.“ „Warum nicht?“ „Weil man in Guadeloupe einen ziemlich heißen Kopf hat und ſehr gut mit der Piſtole ſchießt.“ „Ei! was macht das mir?“ Die Männer ſchauten einander an und ſagten ſich mit den Augen:„Ah! was für ein Revolutionär iſt denn das?“ Sie verließen das Kaffeehaus. Am andern Tage, bei ſeinem erſten Gang auf die Straße, ſah Guſtave eine alte Frau einen Sklaven mit Faßdauben gewaltig auf den Kopf ſchlagen; das Blut floß von allen Seiten herab. Guſtave, als muthiger Ritter, als Vertheidiger des Schwachen, ſtürzte in das Haus und zwang die Frau, abzulaſſen; die Frau fand es aber ganz erſtaun⸗ lich, daß ein Weißer einem Sklaven Hülfe leiſtete, und führte Klage beim Gouverneur. Der Gouverneur ließ Herrn Mareſt holen, er⸗ zählte ihm das Aergerniß, das Guſtave dadurch verur⸗ ſachte, daß er ſich ungeſchlacht zum Abolitioniſten auf⸗ warf, und erklärte ihm, wenn eine dritte Klage gegen be. 15⁵⁵ ſeinen Penſionär erhoben werde, ſo werde man ihn an Bord des erſten für Frankreich auf der Rhede liegen⸗ den Schiffes bringen, mit der Aufforderung an den Kapitän, ihn ſo ſchnell als möglich in Nantes, in Breſt oder im Havre auszuſetzen. Der Director ließ ganz erſchrocken Herrn Gu⸗ ſtave kommen; dieſer ließ ſich die Aufforderung, ſich in Betreff der Neger und Negerinnen ruhig zu verhalten, geſagt ſein und beſchloß, ſich mit nichts Anderem mehr zu beſchäftigen, als mit ſeinen Proben, welche am zwei⸗ ten Tage nachher begannen. Acht Tage ſpäter debutirte er in Stanislas und erhielt großen Succeß. Die Truppe von Herrn Mareſt hatte ſich mit dem alten Kerne einer andern Truppe vereinigt, die ihr zu⸗ vorgekommen war und zum Director einen braven, vor⸗ trefflichen Mann Namens Verteuil hatte, einen Oheim oder Vetter des Verteuil, der heute Seeretär des Théatre⸗Francais iſt. Er war auch mit Made⸗ moiſelle Georges verwandt. Was die Chancen des Glückes für die Ankömm⸗ linge verdoppelte, war der Umſtand, daß ſie zugleich Point a Pitre und Baſſe⸗Terre ausbeuteten. Eine kleine Goölette, welche den Dienſt zwiſchen den zwei Hauptſtädten der Inſel verſah, führte die Künſtler in ein paar Stunden von der einen zur andern. Doch man erinnert ſich des Widerwillens von Herrn Guſtave gegen die flüſſige Ebene, wie die Herren Dichter des Kaiſerreichs ſagten. Da nun unſer Held,— wie man dies bemerken konnte,— ein eben ſo guter Fußgänger als ſchlechter Seemann war und die zwei Städte zu Lande nur zwölf bis vierzehn Meilen aus einander lagen, ſo machte er auf dem Lande zu Fuß den Weg, den die andern zur See auf einer Gos⸗ lette machten. Zwiſchen den zwei mit den Namen Haute und 156 Baſſe⸗Terre bezeichneten Theilen der Inſel, liefen, die von der Natur zwiſchen ihnen gezogenen Gränzen markirend, drei Flüſſe durch. Der erſte hieß Trois⸗Rividres; der zweite Goyave; der dritte Mouſtique. Kam er zur gewöhnlichen Zeit, das heißt in der Sommerſaiſon, zu den Ufern der Goyave oder der Mouſtique, ſo beſchränkte ſich Herr Guſtave darauf, daß er ſeine Schuhe und ſeine Strümpfe auszog, ſeine Hoſe aufhob und von Stein zu Stein hüpfte, bis er das andere Ufer erreicht hatte. Um über die Trois⸗Rivisres zu gelangen, zog er nicht nur ſeine Schuhe und ſeine Strümpfe, ſondern auch ſeine Hoſe aus, und er ging mit der größten Vorſicht durch, da ihm das Waſſer an gewiſſen Stellen bis an den Gürtel reichte. In außerordentlicher Zeit, das heißt in der Sai⸗ ſon der Regen, zog er da, wo er ſich im Sommer nur der Schuhe und Strümpfe entledigte, Stiefel, Strümpfe und Hoſe aus.. Da, wo er nur Schuhe, Strümpfe und Hoſe aus⸗ zog, zog er Alles aus, machte aus dem Ganzen ein Päckchen, nahm es auf den Kopf und ſchwamm durch. Eine Viertelmeile jenſeits des Fluſſes, auf dem Boden der Baſſe⸗Terre, war ein Dorf; in dieſem Dorfe ein Laden von Stockfiſch, Zuckerbranntwein und Ma⸗ niokmehl; in dieſem Laden ein Gendarme; im Stalle dieſes Gendarmen ein Pferd. Herr Guſtave hielt in dem Laden an, um ſich die Füße mit Zuckerbranntwein zu waſchen. Er machte ſich am Ende den Gendarmen zum Freunde. Ging er nach der Baſſe⸗Terre, ſo war ihm dieſe Freundſchaft völlig unnütz; kam er aber von dort zurück, ſo war es etwas Anderes. Der Gendarme ſtieg zu Pferde, nahm Herrn die azen eite der eine 157 Guſtave hinter ſich auf das Kreuz, ließ ihn die Trois⸗ Rivières, die Goyave und die Mounſtique paſſiren, ſetzte ihn ab, ritt allein durch die Flüſſe zurück, ſtellte ſein Pferd wieder in den Stall, verkaufte Stockfiſch, Zuckerbranntwein und Maniokmehl, und bediente die Regierung in ſeinen verlorenen Augenblicken. Eines Tages waren die Flüſſe dergeſtalt an⸗ geſchwollen, daß er Alles ausziehen mußte, um über die Goyave und die Mouſtique zu kommen, und daß er durch die Trois⸗Rivières ſchwimmend, da er genö⸗ thigt war, ſich ſeiner beiden Hände zu bedienen, das Päckchen, welches er auf dem Kopfe trug, losließ. Dieſes Päckchen, man vergeſſe es nicht, das wa⸗ ren ſeine Strümpfe, ſeine Stiefel, ſeine Hoſe, ſein Ueberrock, ſeine Weſte und ſein Hemd. Man begreift, wie viel Herrn Guſtave an dieſem Päckchen lag. Er machte auch ungeheure Anſtrengungen, um es wieder zu erwiſchen; doch alle ſeine Anſtrengungen waren vergeblich. Alles, was Herr Guſtave thun konnte, war, ſei⸗ nem Päckchen, das in den mexicaniſchen Meerbuſen fortgeriſſen wurde, nicht zu folgen und ſeine eigene Perſon zu retten. Er rettete ſie und fing damit an, daß er ſich hiezu herzlich Glück wünſchte. Als aber ſeine Glückwünſche dargebracht und in Empfang genommen waren, fand er ſich nackt wie ein Wurm. † Es blieben wohl der Gendarme und ſein Laden. Doch der Laden lag im Mittelpunkte des Dorfes. Man mußte zu dieſem Mittelpunkte gelangen. Es iſt ziemlich gewöhnlich, Neger ſo nackt zu ſehen, als es Herr Guſtave war, und in Betracht der Farbe der Haut merkt Niemand hierauf; doch nicht daſſelbe iſt bei den Weißen der Fall. 158 Herr Guſtave befand ſich ganz in der Lage von Robinſon auf ſeiner Inſel oder von Adam im Pa⸗ radieſe. Doch er beſaß nicht die Thierfelle von Robinſon. Allerdings hatte er die Blätter von Adam. Er wählte alſo das Coſtume von Adam nach ſei⸗ nem Falle und hielt damit ſeinen Einzug zuerſt in das Dorf und ſodann in den Laden des Gendarmen. Hier war er gerettet. Der Gendarme lieh i*hm Charivari, Rock und Polizeimütze. In dieſem Coſtume erreichte er ſeine Truppe. Das Publikum erfuhr das Abenteuer und empfing Stanislas auf das Allerbeſte. Wie erging es mittlerweile dem Kapitän Cham⸗ blon? Der Kapitän Chamblon hatte ſo raſch als mög⸗ lich Ladung eingenommen und war wieder in See ge⸗ gangen mit ſeinem Second, der nicht ein ein⸗ facher Lieutenant, ſondern ein Kapitän ſo unterrichtet und geſchickt als er war. Man fragte ſich, warum dieſe Verbindung von zwei ſolchen ſeemänniſchen Su⸗ perioritäten? und die Geſcheiteſten konnten über dieſe Seltſamkeit keine Aufklärung geben. Drei Tage nach ſeinem Abgange von Guadeloupe war die Sache erklärt. Der Kapitän befand ſich, nach ſeiner Gewohnheit, auf dem Hintertheile und betrachtete über das Schiff hinausgeneigt irgend Etwas, was ihn ſehr zu be⸗ ſchäftigen ſchien. Diesmal war er ſo ſehr von ſeinen Gedanken in Anſpruch genommen, daß er das Geſetz des Gleichge⸗ wichts vergaß und ſich, indem er die Beine aufhob, während er zugleich den Kopf ſenkte, ſachte in das Meer gleiten ließ, in das er fiel, ohne den kleinſten Schrei von ſich zu geben;— was bewies, daß er von Pa⸗ ſon. ſei⸗ das und fing Ham⸗ nög⸗ ge⸗ ein⸗ chtet rum Su⸗ dieſe pupe heit, chiff be⸗ i in hge⸗ hob, das iſten er 159 dieſe Handlung ſehr freiwillig vollbrachte, und daß die Ungeſchicklichkeit nicht daran Theil hatte. Fünf Minuten nach dieſem Ereigniß, welches ſo heim⸗ lich ſtattfand, daß der Ruderbeſteurer ſich nicht ein⸗ mal umwandte, erſchien der Second außer der Luke und ſchaute umher wie ein Menſch, der Jemand ſucht. Da er nicht fand, was er ſuchte, ſo fragte er den Ruderbeſteurer: „Wo iſt der Kapitän Chamblon?“ erai dem Hintertheil, Lieutenant,“ antwortete dieſer. „Wie, auf dem Hintertheil? Ich ſehe Niemand.“ Der Ruderbeſteurer wandte ſich ganz erſtaunt um und ſagte: „Ei! das iſt ſeltſam. Er war ſo eben noch da.“ „Ja,“ verſetzte der Second,„doch er iſt nicht mehr da.“* Die zwei Männer ſchauten einander den Kopf ſchüttelnd an. „Der Kapitän hatte viel Kummer in ſeinem In⸗ nern,“ ſprach der Ruderbeſteurer. „Ah!“ ſagte der Lieutenant,„darum hat er mich ſeit drei Tagen von Allem ſo genau unterrichtet, als er es ſelbſt war.“ „Man müßte in ſeinem Zimmer ſehen,“ bemerkte der Ruderbeſteurer. „Ob er dort iſt?“ fügte der Lieutenant bei, indem er mit einer Miene des Zweifels den Kopf ſchüttelte. „Nein, ſondern um zu wiſſen, ob er nicht etwas hinterlaſſen hat.“— „Du haſt Recht,“ erwiederte der Lieutenant. Und er ſtieg hinab. Nach einigen Augenblicken kam er wieder herauf und ſagte: „Es ſteht Alles gut, und unſere Verantwortlichkeit iſt geſchützt.“ 160 „Er hat alſo ein Papier hinterlaſſen?“ „Das Alles erklärt.“ „So daß der brave Kapitän?...“ „Gott gebe ſeiner Seele Ruhe!“ ſprach der Lieu⸗ tenant, indem er ſeinen Hut abnahm. Das war die Leichenrede für den Kapitän Cham⸗ blon. XVI. Die Truppe gibt Vorſtellungen auf Martinique und Tri⸗ nidad— Schlangenjagd.— Eine Korallenſchlange in ei⸗ nem Pokal.— Mademoiſelle Melanie für das Leben.— Guſtave raſirt den Vater Verteuil.— Es trat indeſſen ein Umſtand ein, wodurch Herr Gu⸗ ſtave ſich aufs Neue dem treuloſen Elemente anzuver⸗ trauen genöthigt war. Es handelte ſich darum, Vor⸗ ſtellungen auf Martinique und Trinidad zu geben, und ſo geiſtreich man auch war, man konnte die Reiſe unmöglich zu Lande machen. Man ſchiffte ſich alſo gegen das Ende des Juli auf der Goëlette Comteſſe de Bouilly, Kapi⸗ täne Mandar, ein. Am zweiten Tage ging man in der Nacht bei Martinique vor Anker. Bei Tagesanbruch umgaben Kähne die Goölette. Martinique hat keinen Hafen; es hat nur eine allen Winden ausgeſetzte Rhede. Der geringſte Wind⸗ ſtoß entführt die Schiffe, die in ihrem Waſſer ſtatio⸗ — 161 niren, wie er einen Schwarm ſcheu gewordener Vögel entführen würde. Ein Aufenthalt von zwei Monaten auf Guadeloupe hatte die Schauſpieler mit allen den Seltſamkeiten ver⸗ traut gemacht, von denen ſie bei ihrer Ankunft auf den Antillen gewiſſer Maßen beunruhigt worden waren. Das Einzige, was ihnen auffiel, als ſie in Martinique lan⸗ deten, war die Menge von Schlangen, die ſie an Bäu⸗ men hängend fanden. Es hat nicht nur Jeder, wie man leicht begreift, das Recht über Leben und Tod an dieſen Miſſethätern, ſondern man bezahlt ſogar noch eine Prämie für je⸗ den Schlangenkopf; die Neger legen ſich deshalb mit großem Eifer auf die Schlangenjagd, in der ſie ſehr geſchickt ſind. Im Allgemeinen flieht die Schlange den Menſchen, der Neger läuft ihr nach, erwiſcht ſie beim Schweif, dreht ſie wie eine Schleuder und zerſchmettert ihr den Kopf an der erſten Mauer, am erſten Baume, am er⸗ ſten Steine, den er trifft, wenn nicht ſchon an der Erde, unſerer gemeinſchaftlichen Mutter, welche ſodann eine Stiefmutter für die Schlange wird. Dergleichen Reptilien ſind ſo gewöhnlich in Mar⸗ tinique, daß man oft, bei den großen Regen, durch die Bäche in den abhängigen Straßen fortgeriſſene Schlangen paſſiren ſieht, welche vom Lande kommen und vom Strome wider ihren Willen nach dem Meere fortgeſchwemmt werden. Einige Zeit vor der Ankunft der Schauſpieler⸗ truppe war ein Neger von Martinique gebiſſen von einer Korallenſchlange, einer der gefährlichſten des Ophidiengeſchlechts, geſtorben. Die Schlange war in einen Bund Hen miteingebunden worden, und die Schlange hatte den Neger, als er das Heu auseinander⸗ breitete, um es den Pferden ſeines Herrn zu geben gebiſſen. Abenteuer eines Schauſpielers. 11 162 Dieſe Schlangen, welche alle Europäer ſehr be⸗ ängſtigten, waren vom Vater Verteuil beſonders ge⸗ ſucht. Es war dies ein hübſcher, braver, geiſtreicher Greis mit heiterem Geſichte und ſchönen weißen Haa⸗ ren, ein Mann, der auf einem faſt lahmen Beine Ko⸗ mödie ſpielte und in ſeinen verlorenen Augenblicken reizende Lieder machte. Auf Martinique hatte er aber keine verlorene Au⸗ genblicke mehr; er ſammelte Schlangen, Leguans, Kaimans, die er die einen in Pokale legte, die an⸗ dern auf Brettern befeſtigte und für das Muſeum von Marſeille beſtimmte. Herr Verteuil war Director des Theaters von Marſeille geweſen und hatte eine tiefe Zärtlichkeit für die Phokäerſtadt bewahrt.. Er hatte eine alte Haushälterin bei ſich, welche, wir müſſen es ſagen, ſeine Sympathie hinſichtlich der Naturgeſchichte nicht theilte. Die erſten Streitigkeiten, die unter ihnen entſtanden, betrafen eine Klapper⸗ ſchlange: Herr Verteuil wollte dieſe durchaus lebendig erhalten, Melanie für das Leben zerſchmetterte ihefab den Kopf durch einen Streich mit dem Beſen⸗ iel. wird der Leſer fragen. Ah! es iſt wahr: Sie können nicht wiſſen, lieber Leſer, was die Schauſpieler wußten. Die Haushälterin von Vater Verteuil pflegte alle iht⸗ Rechnungen zu unterzeichnen: Melanie für das eben. Zwei Sous Butter: Melanie für das Leben, zwei Sous Milch: Melanie für das Leben, zwei Sous Maniokmehl: Melanie für das Leben.. So daß alle Bekannte von Vater Verteuil die Ge⸗ Warum ſagen Sie: Melanie für das Leben? V 163 wohnheit hatten, ſie Melanie für das Leben zu nennen. Sie ſehen, daß unſere Erläuterungen klar und genau ſind. Man blieb vierzehn Tage auf Martinique; als ſodann die Stadt verbrannt war, wie man zur Zeit von Vater Dumanoir ſagte,— ſeien Sie ruhig, wir werden ihn wiederfinden,— reiſte man nach Tri⸗ nidad ab. Nicht wahr, Sie wiſſen, was das iſt, Trinidad, eine engliſche Inſel, trotz ihres ſpaniſchen Namens, der Mündung des Orenoco gegenüber liegend? Hier fühlte ſich der Vater Verteuil wahrhaft glück⸗ lich, während im Gegentheil Melanie für das Leben in einen Zuſtand gerieth, der der Verzweiflung nahe. Trinidad iſt gewiß die Inſel, wo die Arche lan⸗ dete: ſie hat ein Muſter von jeder Gattung von Thie⸗ ren behalten, und einige von ihnen haben ſich, man muß ihnen dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, in einem ungeordneten Verhältniß vermehrt. Unter Anderen die Affen, die Papageien, die Ei⸗ dechſen, die Krokodille und die Schlangen. Guſtave, der ein guter Fußgänger war und den Spaziergang wegen der Bewegung, die er verſchafft, liebte, war zuweilen in Extaſe vor den Schwärmen von Papageien von allen Farben, vor den Wirbeln von Königsvögeln, welche um einen Blumenſtrauch ſummten wie Bienen um einen Korb, oder vor dem blitzſchnellen Vorüberſchießen einer großen Eidechſe, welche aus einem Smaragd gemacht zu ſein ſchien. Als er eines Tags beim Vater Verteuil eintrat, fand er dieſen in Bewunderung vor einer herrlichen Korallenſchlange, welche im Grunde von einem der Pokale, die man auf den Inſeln Pobans nennt, zu⸗ ſammengerollt war. 164 Der Vater Verteuil ſtand auf ſeinem guten Beine und ſtützte ſeine beiden Hände auf den Tiſch, auf dem ſich der Pokal befand, während Melanie für das Leben in einer Ecke die Hände rang beim Anblick dieſes neuen Gaſtes, der die Sammlung von ausge⸗ ſtopften Papageien, von Krokodillen auf Bretter ge⸗ bunden, und von Eidechſen, die in Pokalen gelb wur⸗ den, verſtärkte. „Ah! kommen Sie doch, Guſtave, kommen Sie doch!“ rief der Vater Verteuil, als er den jungen Mann gewahr wurde, der ihm einen Schmetterling ſo groß wie ein Teller mit einer Nadel an ſeinen Stroh⸗ hut geſpießt brachte. „Sehen Sie, Herr Verteuil, das iſt ein ſchöner Schmetterling.“ „Ah! ja, es handelt ſich wohl um Schmetterlinge!“ „Wie, Sie verſchmähen meinen Schmetterling?“ „Nein, geben Sie ihn Melanie für das Leben und ſchauen Sie meine Korallenſchlange an.“ „Sie iſt todt, Ihre Korallenſchlange?“ „Gewiß.“ „Oh! ich bin nicht wie Sie... ich kann die Schlangen nicht leiden.“ „Ah! Herr Guſtave, Sie haben ſehr Recht! Eine Frau iſt höchſt unglücklich, wenn ſie mit einem Manne leben muß, der ſolche Neigungen hat.“ „Schweig, alte Wahnſinnige! und hole uns zwei Flaſchen Tafia).“ „Ah! Vater Verteuil,“ ſagte Guſtave„Sie glau⸗ ben, wir haben nicht genug an einer?“ „Ei! das iſt nicht für Sie, Herr Guſtave, das iſt für ſein abſcheuliches Thier. Alles, was er verdient, wird hiefür verbraucht.“ *) Zuckerbranntwein. 165 „Melanie für das Leben!“ rief der Vater Verteuil, wie ein Menſch, der vielleicht bei jedem an⸗ dern Punkte Bemerkungen dulden würde, bei dieſem aber unbeugſam iſt.. Melanie ging hinaus, und Guſtave näherte ſich mit einem gewiſſen Zögern dem Pokal, ſteckte ſein Stäbchen hinein und fing an die Schlange herumzu⸗ ſtoßen, doch ſie blieb unbeweglich, trotz aller Quälereien von Herrn Guſtave. Gut!“ ſagte der junge Mann,„ſie iſt todt.“ Und er neigte ſich, um dieſes aus Edelſteinen zu⸗ ſammengeſetzte herrliche Thier, das man Korallen⸗ ſchlange nennt, zu betrachten. „Etwas beunruhigt mich,“ ſagte er zum Vater Verteuil. „Was?“ „Daß gewöhnlich dieſe Thiere, wenn ſie todt ſind, ein wenig von der Lebhaftigkeit ihrer Farbe verlieren, und die Beſtie bleibt beharrlich prachtvoll.“ „Sie iſt erſt ſeit heute Morgen todt und hat ſo⸗ mit noch nicht Zeit gehabt, zu bemerken, daß ſie es iſt. Darum kann ich ſie beinahe lebendig in den Tafia bringen. Gib, Melanie für das Leben, daß wir dieſem ſchätzbaren Thiere einen Trunk bieten.“ Die Haushälterin, welche vom Keller zurückgekehrt war, übergab die zwei Flaſchen mit einem Bedauern, das ſie durchaus nicht zu verbergen ſich bemühte. Guſtave nahm ſein Stöckchen zwiſchen ſeine Zähne zditedfte die Flaſchen und goß ihren Inhalt in den oban. Kaum aber kam die Korallenſchlange in Berührung mit dem Branntwein, da gab ſie ein ſcharfes Ziſchen von ſich, erhob ſich auf ihren Schweif, ſchwang ſich aus dem gläſernen Gefäſſe und fiel auf den Tiſch. Zum Glücke ließ Guſtave mit einer Bewegung ſo raſch als die des Reptils die Flaſche, die er in der 166 rechten Hand hielt, los, nahm das Stöckchen aus ſei⸗ nen Zähnen und hielt unter dem Drucke deſſelben das Thier auf dem Tiſche feſt. Es war ein erſchrecklicher Augenblick; der Vater Verteuil machte einen Schritt rückwärts, doch ſchlecht bedient durch ſein lahmes Bein, fiel er in einen Lehn⸗ ſtuhl, der ihn achtzehn Zoll vom ziſchenden Rachen der Schlange gefangen hielt. Melanie für das Leben ergriff um Hülfe ru⸗ fend die Flucht, und Guſtave ſchrie creoliſch mit voller Lunge nach irgend einem Neger und begleitete ſeinen Ruf mit den kräftigſten Flüchen, die das Wörterbuch der hohen und der kleinen Bank zu ſeiner Verfügung ſtellen konnte. Bald trat ein Neger ein; er ſchaute, begriff den Ernſt der Lage der Dinge, nahm eine Reitpeitſche, hielt eine kurze Rede an die Schlange, drückte ſie hierauf mit ſeiner Reitpeitſche nieder, faßte ſie mit dem Ende ſei⸗ ner Finger am Schweife, und ſchob ſie, trotz aller Schwierigkeiten, die ſie machte, in den Poban, wo ſie ſich einem wüthenden Todtentanze überließ, der indeſſen gefahrlos war, da man den Pfropf eingedrückt und mit einer Schnur feſtgebunden hatte. Nun erſt athmete der Vater Verteuil. Der Neger meinte, er habe ſehr heiß bekommen, und erbat ſich Tafia für den Schweiß, den er ver⸗ gieße. Man gab ihm eine Flaſche, und er ging unter luſtigen Sprüngen ab.. Wahrſcheinlich iſt das Thier zu dieſer Stunde im Muſeum von Marſeille, wo die, welche es beſchauen und bewundern, entfernt keine Ahnung von dem Drama 167 haben, das die Schlange geſpielt, ehe ſie den letzten Seufzer ausgehaucht. Dieſes Ereigniß kühlte die Begeiſterung von Va⸗ ter Verteuil für die Naturgeſchichte ab, machte Guſtave immer vorſichtiger in Betreff der Ophidien und gab Melanie für das Leben eine falſche Gelbſucht. Man blieb zwei bis drei Wochen auf Trinidad; bei Tag ſtieß man auf Tauſende von Vögeln von der Gattung der Raben; ſie ſind die Gaſſenkehrer der Stadt, weshalb man ſie nicht anrühren darf, und ſie bringen ihre ſüße Exiſtenz damit hin, daß ſie freſſen, was ſie finden, und auf den Dächern, ſowie auf den Armen des Galgens, der den öffentlichen Platz ſchmückt, verdauen, wobei ſie ſich feſt an einander gedrängt hal⸗ ten, als ob ſie am Spieße wären. Bei Nacht führte man Krieg gegen die Ratten, welche die Pantoffeln der Komiker und die Kothurne der Tragiker fraßen. Endlich mußte man dieſen Ort der Wonne ver⸗ laſſen; man ſchiffte ſich auf der Eliſa, Kapitän La⸗ fargue, ein und zählte dabei auf die gewöhnliche Fahrtzeit, das heißt, auf vier bis fünf Tage. Dem zu Folge war Alles an Bord eingerichtet, um in freier Luft zu leben und auf dem Verdecke zu ſchlafen, in dieſen warmen Nächten des Mexicaniſchen Meerbuſens, wo die Hitze durch einen Seewind gemil⸗ dert wird. Dieſe Nächte ſind die köſtlichſten Stunden des Lebens. 4 So hatte die Schauſpielertruppe bei ihrer Ankunft geurtheilt, ſo dachte ſie bei ihrer Rückkehr während der erſten Tage. Doch ſchon am Morgen des dritten offenbarte der Kapitän einige Beſorgniſſe in Betreff eines kleinen ſchwarzen Punktes, der von der Seite von Neu⸗Orleans kam. 168 Dieſer ſchwarze Punkt vergrößerte ſich bald der⸗ geſtalt, daß er den ganzen Himmel verdunkelte. Der Kapitän gab ſogleich zwei Matroſen Befehl, die Segel ſo zu richten, daß das Schiff die offene See erreiche, damit die Felſen vermieden werden, und die Paſſagiere hieß er unter das⸗Verdeck gehen, um die Manoeuvres frei zu laſſen. Der erſte von dieſen zwei Befehlen war leicht aus⸗ führbar, der zweite faſt unmöglich. Das Zwiſchendeck, das nicht auf zwanzig bis fünf⸗ unfnzig Reiſende gerechnet hatte, war mit Waaren gefüllt. Es blieben kaum zwei und ein halber Fuß Raum zwiſchen den Kiſten und dem Verdeck. Und dieſer Raum wurde noch durch die Dicke der Matratzen verkleinert. Man ſchob ſich, ſo gut man konnte, in dem engen Zwiſchenraum zuſammen.. Nur war man genöthigt, ſich liegend, entweder auf dem Rücken oder auf dem Bauche, zu halten. an hatte die Wahl. Doch es war verboten, zu ſitzen,— ſelbſt dem Tenoriſten. Sie wiſſen, daß die Tenoriſten von den Directo⸗ ren behutſamer behandelt und beſſer gepflegt werden, als die Liebhaberinnen, ſelbſt wenn dieſe in geſegneten Umſtänden ſind. Kaum hatte man ſich gelegt, als man bei einer erſchrecklichen Hitze und einem unerträglichen Geſtanke an dieſem Bretterhimmel, in Form von Zeichen des Thierkreiſes, eine Menge von Kackerlacken, Scorpionen und Tauſendbeinen umherlaufen ſah. Man gerieth darüber ungemein in Unruhe. Die arme Melanie für das Leben ſtieß über⸗ menſchliche Schreie aus. Ein paar Perſonen wurden geſtochen oder gebiſſen; —=& ͤ S H——Aͤ e SͤS ——+H—O— — ——— der⸗ ehl, See die die us⸗ inf⸗ ren um der gen 169 der Vater Verteuil gab ihnen ſein Alkalifläſchchen, das er für jeden vorkommenden Fall bei ſich trug. Man rieb ſich, man ſchwoll auf, man rieb ſich wieder, man ſchwoll wieder auf, man fing an ſich über die Kackerlacke, die Scorpione, die Tauſendbeine l(uſtig zu machen,— und endlich,— was das Demüthi⸗ gendſte für ſie war,— gab man nicht mehr darauf Acht. Worauf man aber Acht geben mußte, das war die zunehmende Hitze, die mephitiſche Atmoſphäre, der ein Neuangekommener auf der Stelle unterlegen wäre, indeß unſere Leute ſie ſchon ſeit zwei bis drei Tagen aushielten, weil ſie ſich allmälig daran gewöhnt hatten. Nur war unter allen dieſen, wie Neger an Bord eines Sklavenſchiffes aufgehäuften, armen Paſſagieren, unter dieſen, wie Verdammte in einem der Kreiſe der Hölle von Dante, zuſammengepreßten unglücklichen Reiſenden Einer, der, mehr als die Anderen leidend, ſich auch bitterer beklagte. Das war Herr Vertenil, deſſen ſteifes Bein die Lage noch ſchmerzlicher machte. Was ihn aber beſonders veranlaßte, Angſtſchreie auszuſtoßen, das war ein achttägiger Bart ſo ſtarr wie eine Bürſte, ſo weiß wie Schnee, der bis un⸗ ter die Augen emporſtand; er pflegte dieſen Bart alle Tage zu raſiren, eine Operation, welche auf dem Ver⸗ decke bei ruhigem Wetter äußerſt leicht blieb, bei einer ſtürmiſchen Witterung aber und in der horizontalen Lage, in der man ſich zu halten genöthigt war, faſt unmöglich wurde. Jeder, indem er ſich für ſeine eigene Rechnung beklagte, beklagte zugleich auch den armen Vater Ver⸗ teuil; doch dieſes Mitleid brachte ihm, obſchon ein⸗ ſtimmig, keine Erleichterung in ſeinen Leiden. Sie wurden ſo gewaltig, daß der arme Greis am 170 Ende verlangte, nicht, daß man ihn raſire, ſondern, daß man ihn erſchieße und ins Meer werfe. Dieſe Wehklagen rührten, wie geſagt, Jedermann, und beſonders Guſtave, der für den guten Verteuil die ehrfurchtsvolle Zärtlichkeit eines Sohnes hegte. Er ſchleppte ſich bis zu ihm und ſagte: „Hören Sie, Papa Verteuil, ich will es ver⸗ ſuchen.“ „ Mich zu erſchießen? Ohl ja, nur ſuchen Sie mich nicht zu fehlen.“ „Nein.. Ich will Sie nur raſiren.“ „Ah! mein Freund, wenn Ihnen das gelänge... Sie wären mein Retter.“ „Ei! Sie ſehen, das iſt bei einem ſolchen Wetter nicht bequem.“ Das Schiff tanzte auf den Wellen, daß man hätte glauben ſollen, es müßte bei jedem Krachen ſeines Fu⸗ genwerks in Trümmer gehen. „Oh! gleichviel! nehmen Sie mir die Haut weg, wenn Sie wollen, wie man einem Schweine die Schwarte abzieht, befreien Sie mich aber von dieſem Feuer, das mir das Geſicht verbrennt.“ „Ich ſtehe für Nichts?“ „Nein!“ „Sie ſprechen mich zum Voraus frei?“ „Und ſollten Sie mir die Halspulsader ab⸗ ſchneiden.“ „Ihr höret es Alle, die Ihr hier ſeid!“ „Wir hören es,“ antworteten mit matter Stimme die Zuſchauer. „Dann wollen wir es verſuchen.“ Man öffnete einen Koffer, den erſten den beſten, und nahm ein Raſirmeſſer daraus. „Hier,“ ſprach eine Stimme. „Was iſt hier?“ „Ein Raſirmeſſer.“ me ſta ru me 171 „Reichen Sie es mir.“ Man bot das Raſirmeſſer von Hand zu Hand. Es gelangte bis zu Guſtave. 3 1i Goslette tanzte fortwährend wie ein elaſtiſcher all. „Gringalet!“ rief der Barbier. Für Guſtave hießen alle Schiffsjungen Gringalet, umei zum Andenken an den großen Gringalet von gen. Niemand gewöhnt ſich ſo raſch als ein Schiffs⸗ junge an alle Namen, die die Paſſagiere ihm zu geben Luſt haben. Der Schiffsjunge lief herbei, als hätte er dieſen wundervollen Namen über dem Taufſteine erhalten. „Waſſer und Seife.“ „Wir haben nur ſchwarze Seife.“ „Das macht nichts,“ rief der arme Sünder. „Sie ſollen Ihr Waſſer und Ihre Seife haben.“ „Ah! ja, mein Waſſer und meine Seife,“ mur⸗ melte Verteuil. Der Schiffsjunge kam mit den verlangten Gegen⸗ ſtänden zurück. „Sie ſind entſchloſſen?“ fragte Guſtave. „Zu Allem, mein Freund, zu Allem.“ „Dann halten Sie ſich gut.“ Der junge Mann ſetzte ſich rittlings auf den Va⸗ ter Verteuil, ſtützte ſich auf den linken Arm, und fing an ihm mit dem Ende der Finger das Geſicht mit Seifenwaſſer einzureiben. „Oh!“ murmelte der arme Märtyrer,„wie wohl thut das, mein Gott! wie wohl thut das!“ Herr Guſtave hielt inne. „Wollen Sie nicht lieber warten, bis das Meer ruhig wird?“ „Oh! nein! oh! nein! ſogleich, auf der Stelle!“ — —— — 172 Der junge Mann nahm das Raſirmeſſer und ſtieß einen Seufzer aus. „Wohlan,“ ſprach er,„mit Gottes Hülfe!“ Und das Raſirmeſſer ſchweifte auf der Wange von Vater Verteuil umher. „Ah!“ ſagte dieſer,„wie gut iſt das!“ „Nun, wenn das ſo gut iſt, vorwärts, Marſch!“ Und mit einer unglaublich ſichern Hand, mit der ſichern Hand des Malers, der die Leinwand nur mir dem Ende ſeines Pinſels berührt, des Bildhauers, der die Erde nur mit dem Ende ſeines Boſſirhölzchen be⸗ rührt, ſetzte er unter dem Hin⸗ und Herſchwanken des Schiffes das unmögliche Geſchäft fort, das, ſo wie es vollbracht wurde, denjenigen, an welchem es in Erfül⸗ lung ging, Seufzer der Befriedigung und des Wohlbe⸗ hagens ausſtoßen machte. XVII. Relatives Glück.— Die Rhede Cayacou.— Guſtave wirft ſich ins Meer und erreicht mit drei Kameraden die Küſte. — Sie bringen friſche Lebensmittel zurück.— Rückkehr nach Martinique.— Ein Sturm.— Die dreifarbige Fahne.— Die Juli⸗Revolution.— Die Truppe zerſtreut ſich.— Die Operation dauerte eine Stunde und wurde ohne die geringſte Schramme vollbracht. Die Haut des armen Sünders war blutroth, aber völlig unverſehrt. ſtieß von 1⸗ der mit der be⸗ des e es fül⸗ lbe⸗ virft üſte. kehr bige e urde aber 173 „Ah! mein lieber Guſtave,“ ſagte er,„das iſt das zweite Mal, daß Sie mir das Leben retten.“ Das erſte Mal war es, wie man ſich erinnert, als die Korallenſchlange aus ihrem Poban hervorge⸗ ſchoſſen war. 4 „Ah!l mein Gott!“ fügte er bei,„da fällt mir ein: was iſt aus allen meinen Eidechſen und Schlan⸗ gen geworden?“ „Mein Gott!“ rief Melanie für das Leben, ‚ich fühle etwas, was mir am Beine hinkriecht.“ „Sie ſind toll!“ erwiederte Verteuil;„die neuſte hat neun Tage Weingeiſt und Tafia.“ „Gleichviel,“ entgegnete die Haushälterin, ein wenig beruhigt durch die chronologiſche Beweisführung, „ich habe in der Bibel geleſen, die Schlange ſei das liſtigſte der Thiere.“ Der Vater Verteuil hatte halb Recht, halb Un⸗ recht: die gläſernen Gefäße waren der Mehrzahl nach zertrümmert, doch Schlangen und Eidechſen lagen ohne Bewegung und Leben. Nur konnte man das Factum, das der Gegenſtand der Beſorgniß von Vater Verteuil wurde, ſobald ſein Bart nicht mehr der Gegenſtand ſeines Schmerzes war, erſt nach zehn Tagen conſtatiren. So wahr iſt es, daß der Menſch nie vollkommen glücklich ſein kann! Nach zehn Tagen hätten unſere Paſſagiere glücklich ſein müſſen, wäre das Glück nicht, wie die Philoſophen ſagen, die Vergleichung eines beſſeren Zuſtandes mit einem ſchlechteren. Da am Abend des zehnten Tages der Wind ſich gelegt, das Meer ſich beſänftigt hatte, da die Reiſen⸗ den auf das Verdeck ſtiegen, ſtatt im Zwiſchendecke aufgehäuft zu ſein, ſtatt die hier herrſchende mephi⸗ tiſchen Luft einzuathmen, die reine Luft des Oceans athmeten, ſtatt des mit Scorpionen, Kackerlacks und 174 Tauſendbeinen beſtirnten Bodens als Horizont den unermeßlichen Raum hatten, wo ſich die Sonne in Wolken von Purpur und Gold wiegte, ſo mußten die Paſſagiere offenbar glücklich ſein,— wenigſtens relativ. Da aber der Menſch immer klagen muß,— unter dem Menſchen verſtehen wir auch die Hälfte, die ihm Gott gegeben,— ſo beklagten ſich die Männer und die Frauen. Worüber beklagten ſie ſich? Daß ſie ſeit fünf Tagen nur Zwieback gegeſſen, und ſeit fünf Tagen nur laues Waſſer getrunken hat⸗ ten, das jeder Tag noch lauer und übelriechender machte. Das Schiff beklagte ſich ſeinerſeits auch. Es beklagte ſich, daß eine von ſeinen Spieren ge⸗ brochen war, daß ſeine Segel zerriſſen waren, daß das Waſſer durch ſein Fugenwerk eindrang. Man beſchloß alſo, nach der Rhede Cayacou zu ſteuern und hier vierundzwanzig Stunden anzuhalten, um die Beſchädigungen auszubeſſern. Die Paſſagiere ſahen mit Entzücken, ſo wie ſie ſich dem Lande näherten, aus der Erde einen Blumen⸗ korb beherrſcht von einer Kette von waldigen Hügeln, voll Schatten und Kühle, mit klaren laufenden Waſſern, hervorkommen, und es war nicht Einer, der nicht ein Bad in dieſen Waſſern oder einen Schlaf unter dieſen Bäumen träumte. Der Kapitän Lafargue ging eine Viertelmeile vom Ufer vor Anker; ſo ſehr man aber in ihn drang, die Schaluppen auszuſetzen, er weigerte ſich beharrlich hie⸗ egen. ges Warum? man hat es nie erfahren: aus einer Kapitänslaune. Die Verſuchung war indeſſen zu groß; auf die Gefahr, von den Haifiſchen oder den Kaimans ge⸗ freſſen zu werden, kleideten ſich Guſtave und drei von ſeinen Kameraden heimlich aus und ſprangen ins Meer. Der Eine von ihnen hatte ſein Taſchentuch um den Leib gebunden und ein paar Thaler hineingeſteckt, um die Freigebigkeit der Cayaconten rege zu machen. Die Frauen ſtießen zuerſt einen Schrei aus, da ſie nicht wußten, warum ein Theil der Truppe ſo ins Waſſer ſprang; als ihnen aber die Schwimmer ſagten, ſie haben ſich ins Meer geworfen, um ihnen friſches Waſſer, friſche Lebensmittel und Fruͤchte aller Art zu bringen, da wurden die Aufmunterungen einſtimmig. Die vier Schwimmer erreichten in einiger Ent⸗ fernung von einander das Ufer; Alle hatten ſich nach einer Art von kleinen Schanze gewandt, deren Weiße ihr Auge anzog. 3 Die Schanze war völlig unbewohnt; man erblickte jedoch vor derſelben ein Dorf auf ungefähr eine Vier⸗ telmeile. Man ging auf das Dorf zu. 4 Die vier Europäer waren ſchon lange genug auf den Antillen, um ſich nichts um das Coſtume zu be⸗ kümmern. Sie hätten auch Unrecht gehabt, mehr Gewicht auf ihre Nacktheit zu legen, als die männlichen und weiblichen Cayacouten ſelbſt darauf legten. Die Einkäufe wurden mit der größten Leichtigkeit gemacht; gegen einen halben Dollar bekam man zugleich Bananen, Mangos, Palmkohl und Maniokbrod. Die Schwierigkeit lag darin, wie man Alles dies transportiren ſollte. Ein kleiner Kahn von Baumrinde unterzog ſich dieſem Geſchäfte; er wurde bis an den Rand mit Früchten aller Art gefüllt; zwei Cayacouten, die ihn zurückbringen ſollten, warfen ſich mit uns vier Euro⸗ päern ins Meer und trieben ihn gemeinſchaftlich mit uns gegen das Schiff. 3 176 Nie wurden Sieger mit einem ſolchen Freuden⸗ geſchrei aufgenommen; jeder Mund war vertrocknet, jede Kehle entzündet. Man ſchaffte die Ladung vom Kahne auf das Schiff; man ſetzte ſich rings um die Pyramide und griffſie mit einem Feuereifer an, den die Frauen theilten, obgleich Einige von ihnen behaupteten, ſie eſſen nicht.— Sodann holte man die Matratzen aus dem Raume, man ſchüttelte ſie, man klopfte ſie, man breitete ſie auf dem Verdeck aus, und man brachte eine von den ſchö⸗ nen, wollüſtigen Nächten zu, wie ſie Kleopatra in Kanobos und Sextus Pompejus in Kyrenaika zu⸗ brachten. Am andern Tage ging man bei einem von den chönen Winden ab, welche, ohne das Meer in Auf⸗ uhr zu bringen, die Schiffe auf ſeiner Oberfläche laufen machen. Vierundzwanzig Stunden nachher war man wieder in Martinique.. Der Hafen bot einen erſchrecklichen Anblick. Wir ſagen Hafen, doch wir müßten ſagen Rhede; Martinique hat bekanntlich keinen Hafen. Der Windſtoß,— jeder Sturm fängt mit einem Windſtoß an,— der Windſtoß war ſo raſch gekommen und ſo heftig geweſen, daß die Schiffe nicht mehr Zeit gehabt hatten, die offene See zu erreichen.— Zwei Dreimaſter und ebenſo viele Briggs waren geſtrandet und auf die Küſte geworfen worden, und ohne daß man eine Perſon von ihrer Equipage ſah, erhob ſich ein herzzerreißender Schrei bei jeder Welle, die ſich an ihnen brach. Das Meer war auf zwei Meilen mit Rahen, Mafien, Tonnen, Hühnerkäfichen und Schiffstrümmern edeckt. Die Garniſon war ausgerückt und ſtand unter den Waffen am Ufer des Meeres. 177 Die Matroſen und die Neger arbeiteten um die Wette an der Rettung.. Der Kapitän Lafargue wollte nicht zurückbleiben; er legte ſich vor Anker, und während man die Schau⸗ ſpieler an das Land transportirte, ſchickte er ſeine Mannſchaft ab, um ſeinen Theil zur Hülfe bei dem großen Unglück beizutragen. Drei Tage lang dachte man nicht daran, das Theater wieder zu eröffnen, denn man ſcheute ſich, die Ankündigung eines Vergnügens unter die düſteren Sorgen, welche über der Stadt ſchwebten, zu werfen. Es war gleichſam die Stadt, welche ſelbſt Vor⸗ ſtellungen von den Schauſpielern verlangte. Während der ſechswöchentlichen Abweſenheit der Truppe hatte der Geſchmack für das Theater Zeit gehabt, in Mar⸗ tinique wieder Wurzel zu faſſen. Herr Victor Mareſt kündigte alſo an, um der Be⸗ geiſterung der Martiniquer zu entſprechen, werde die Wiedereröffnung am 10. September 1830 mit der Oper Joſeph und dem Schauſpiel Bru eys und Pala⸗ prat ſtattfinden. Am Morgen des 10. September, in dem Augen⸗ blick, wo die Zettelanſchläger die Ankündigung der Oper an die Straßenecken kleben wollten, kam der Gouverneur mit einigen Officieren und einem Trommler voran zur Hafenbatterie, ließ die weiße Fahne abneh⸗ men und die dreifarbige aufſtecken. Man ſchaute ihm mit tiefem Erſtaunen zu. Niemand wußte, was er that. Man ließ ihn jedoch, wie man wohl begreift, machen, indem man allen ſeinen Bewegungen mit einer außerordentlichen Neugierde folgte. Es verbreitete ſich das Gerücht, eine Revolution ſei in Paris ausgebrochen, und dieſe Revolution nenne man die Julirevolution; Karl X. ſei vom Throne ge⸗ Abenteuer eines Schauſpielers. 12 178 ſtürzt worden, der Herzog von Orleaus habe die Re⸗ gentſchaft angenommen und geſagt:„Fortan wird die Verfaſſung eine Wahrheit ſein.“ Die Mulatten ließen Freudenſchreie ertönen. Was gewannen ſie bei einer im Mutterlande, fünfzehnhundert Meilen von ihnen, gemachten Revolution? Ich will es ſagen: Sie gewannen oder vielmehr ſie verſuchten es zu gewinnen das Recht des Eintritts ins Parterre und auf die Gallerien,— ariſtokratiſche, den Weißen vor⸗ behaltene Plätze, auf welche den Fuß zu ſetzen den farbigen Menſchen nicht erlaubt war. Bei jeder Revolution, die im Mutterlande ſich er⸗ eignet, ſind die farbigen Menſchen gewohnt, einen Schritt vorwärts zu machen. Die Revolution von 1848 hat ſie durch die Be⸗ freiung der Neger, nicht einen Schritt, ſondern einen Sprung machen laſſen, durch den ſie die Weißen nicht nur erreicht, ſondern überfangen haben. Im Jahre 1830 waren ſie nicht ſo weit. Sie verlangten, wie geſagt, ganz einfach Eintritt ins Par⸗ terre und auf die Gallerien. Da ſie dieſe Begünſtigung verlangten, indem ſie dieſelbe zu nehmen drohten, da ſie die Stärkeren wa⸗ ren und folglich dieſe Begünſtigung hätten nehmen können, ohne ſie zu verlangen, ſo wurde ſie ihnen zu⸗ geſtanden. 4 Nur gab an demſelben Tage, wo die Mulatten dieſes Recht eroberten, nach welchem ihr Ehrgeiz ſeit zweihundert Jahren ſtrebte, der Gouverneur Herr Victor Mareſt Befehl, mit ſeinen Vorſtellungen aufzu⸗ hören. Am Abend, als ſie an der Thüre des Theaters zwei Stunden früher als gewöhnlich erſchienen, um den Genuß ihres Rechtes nicht um eine Minnte zu verſchieben, fanden die Farbigen die Thüre geſchloſſen. 179 ¹ Den Künſtlern wurde vom Director eröffnet, er bedürfe ihrer Dienſte nicht mehr. Mehrere wollten hiegegen Klage erheben, Prozeſſe anfangen, doch man erwiederte ihnen, ſie haben ſich einer unvermeidlichen Nothwendigkeit zu unterziehen. Da man fünfzehnhundert Meilen vom Mutterlande entfernt war, ſo zog Jedermann ſeinerſeits ab, indem er wie bei der hohen und kleinen Bank irgend einen Rummel zu Hülfe rief. Der Director übernahm ein Kaffeehaus. Die erſte Sängerin wurde Comptoirdame ihres Directors. Herr Ellivion, Herr Bouzigue und die Duga⸗ zon, Madame Paul, welche Erſparniſſe gemacht hatten, kehrten nach Frankreich zurück. Der Bariton, Herr Dupuis, wurde Kirchenſänger. Der Vater Verteuil und ſein Sohn reiſten nach Point a Pitre ab, wo der Vater Verteuil ſtarb und der Sohn Factor in einer Druckerei wurde. Herr Valdowsky wurde Fechtmeiſter. Die erſte Liebhaberin wurde Geſellſchaftsdame des Gouverneur.“ Der zärtliche Vater, Herr Sallé, der das Licht geſehen hatte, wurde Portier bei den Freimaurern, ſeinen Brüdern. Der tiefe Tenor endlich, Herr Guſtave, nachdem er vierundzwanzig Stunden zwiſchen den verſchiedenen Rummeln, die zu ſeiner Verfügung ſtanden, geſchwankt hatte, entſchloß ſich, Miniaturmaler zu werden. 180 XVIII. Hern Guſtave malt in Miniatur.— Glücklicher Anfang.— eſchichte eines Duells.— Der Vater Jean erhält einen Ballen von Martinique.— Sein Erſtaunen⸗— Ein Brief in einer Tabaksdoſe.— Das Portrait in Oel.— Die Lein⸗ wand wird auf eine ſinnreiche Art erſetzt.— Einfluß der Feuchtigkeit auf die Eſelshaut. An demſelben Tage, an welchem dieſer Entſchluß gefaßt wurde, ging Herr Guſtave zu einem Billard⸗ utenſilienhändler, kaufte drei Kugeln, begab ſich zu einem Ebeniſten, ließ jede Kugel in zehn Theile zer⸗ ſägen und beſaß ſo dreißig Täfelchen von verſchiedenen Größen. Zu zwei Dublonen das Portrait waren das vier⸗ tauſend achthundert Franken, welche Herr Guſtave in ſeine Schublade eingeſchloſſen hatte, ohne eine andere Auslage als fünfzehn Franken für den Ankauf der Kugeln und ſechs Franken für das Sägen. Was die Aquarellfarbenſchachtel und die Gouache⸗ fläſchchen betrifft, ſo war die Ausgabe hiefür längſt gemacht. Nachdem die erſten Anordnungen getroffen waren, ſchrieb Herr Guſtave folgendes Circulär, das er in den erſten Häuſern der Stadt abgeben ließ: „Herr Guſtave, Miniaturmaler, benachrichtigt die Einwohner von Guadeloupe und Martinique, daß er Portraits macht, und garantirt für die Aehnlichkeit.“ Man weiß, daß es nur Glück und Unglück auf dieſer Welt gibt, und daß meiſtens Alles von der Art abhängt, wie ein Unternehmen debutirt. ein tra tini alle zig non ein die ode ihn eine Ent link der es ſchl ihre ſtat and lad zuer wur lade 181 Die Speculation von Herrn Guſtave debutirte auf eine glänzende Weiſe. Der erſte Liebhaber, der ſich zeigte, um ſein Por⸗ trait ausführen zu laſſen, war ein Beamter von Mar⸗ tinique, der ein furchtbares Duell zum Gegenſtande aller Geſpräche gemacht hatte. Es war ein Mann von fünf und dreißig bis vier⸗ zig Jahren, klein, ſchmächtig, mit reizender Phyſiog⸗ nomie und mit jener weichen creoliſchen Sprache, die eine Sammetkehle bei denjenigen vorausſetzt, welche dieſe Art von Geſang zwitſchern. Er bekam Streit mit einem Raufer von Profeſſion, oder dieſer ſuchte vielmehr Streit mit ihm. Da begab er ſich zu ſeinem Gegner und forderte ihn heraus, unter der Bedingung, daß man ſich mit einer geladenen und einer ungeladenen Piſtole auf die Entfernung eines Schnupftuchs ſchlage, welches mit der linken Hand gehalten werden ſollte, während man mit der Rechten ſchießen würde. Der Gegner des Beamten nahm dies an, wollte er es nun nicht ausſchlagen, oder konnte er es nicht aus⸗ ſchlagen. Die zwei Streiter begaben ſich in Begleitung ihrer Zeugen auf den Kampfplatz. 3 Das Duell fand unter den genannten Bedingungen att. Die Gegner ſtellten ſich drei Schritte von ein⸗ aander auf und erhielten eine geladene und eine unge⸗ ladene Piſtole aus der Hand ihrer Zeugen. Das Schickſal gab dem Beamten die Chance, zuerſt zu ſchießen. Er ſchoß zuerſt; doch nichts brannte, kein Knall wurde hörbar; ſein Mißgeſchick hatte ihm die unge⸗ ladene Piſtole gegeben. Da ſchoß ſein Gegner in die Luft. Doch er nahm dieſe Großmuth nicht an; er ver⸗ 18² langte, daß die Piſtole vor ſeinen Augen wieder ge⸗ laden werde, ſchob mit eigener Hand die Kugel in den Lauf und forderte ſeinen Gegner auf, zu feuern. Vor dieſer Hartnäckigkeit war der Gegner des Beamten genöthigt, nachzugeben; er ſchoß, und der Beamte fiel; die Kugel hatte ihm die Bruſt von einer Seite zur andern durchbohrt, ſeine Kleider waren vom Pulver verbrannt. Durch ein Wunder war die Wunde nicht tödtlich, und nach Verlauf von drei Monaten ging der Beamte in den Straßen von Martinique ſpazieren. Die Creolen ſind ſehr beherzt, und wie alle wahr⸗ haft beherzte Menſchen hegen ſie eine große Verehrung für den Muth. Der Beamte war der Held des Tages. Wären die Beamten nicht tugendhafte Leute, und wäre dieſer nicht ſtark unter den Starken geweſen, wie der Weiſe der heiligen Schrift ſagt, ſo hätte er Ge⸗ legenheit gefunden, ſiebenmal des Tags und ſogar mehr zu ſündigen. Das Portrait dieſes Mannes machen zu dürfen war alſo eine unberechenbare Chance. Ein Glück kommt nicht ohne das andere: das Portrait war gelungen. Man ſtellte es beim Bilder⸗ händler des Ortes aus, und es erhielt in deſſen Maga⸗ zin einen ungeheuren Succeß. Von dieſem Augenblicke an wurde das Atelier von Herrn Guſtave nicht leer. Alle Nuancen der menſchlichen Haut vom Pech⸗ ſchwarz bis zum Hellroſa, vom Neger des Senegal bis zur friſchen Engländerin von Plymonth oder Southamp⸗ ton gingen durch ſeinen Pinſel. Herr Guſtave gab keinen Vorzug, ließ keinen Stolz vorwalten. Man hat übrigens ſchon bei ſeiner Ankunft ge⸗ 183 ſehen, daß, wenn er ein Vorurtheil hatte, dies wehr zu Gunſten der Neger als gegen ſie war. Während nun ſein Sohn Etienne unter dem Pſeudonymen Guſtave, nachdem er die Antillen durch ſeine Stimme und ſein Spiel entzückt hatte, dieſelben durch die Aehnlichkeit und die Vollendung ſeiner Por⸗ traits entzückte,— was that der Vater Jean? Er nahm das größte Intereſſe an der Ausſchmü⸗ ckung der Madeleine und erkundigte ſich danach bei Allen denen, welche von Paris kamen; von Zeit zu Zeit wunderte er ſich jedoch ein wenig, daß er keinen Brief von ſeinem Sohne erhielt; allerdings ſchrieb ſein Sohn nicht gern, doch durch irgend eine Gele⸗ genheit hätte Etienne ihm können ſagen laſſen:„Ich befinde mich wohl,“ und ihn fragen:„Wie befinden Sie ſich?“ Das hätte dem alten Vater wohl gethan. Indeſſen beklagte er ſich nicht: es lag nicht in den Gewohnheiten von Jean, ſich zu beklagen; er trällerte fortwährend die Marſellaiſe, wie er es unter dem Kaiſerreiche, wie er es unter den Bourbonen gethan, und von Zeit zu Zeit, einmal vielleicht im Monat, er⸗ tappte er ſich dabei, daß er ſagte: „Es iſt nichtsdeſtoweniger wahr, daß die Kinder undankbar ſind.“ Eines Morgens kündigte man ihm einen Ballen von Martinique an. Von Martinique!... Wer Teufels konnte ihm etwas von Martinique ſchicken? Er kannte Niemand auf den Antillen.. Dieſer Ballen enthielt ein Bündel Journale, ein Fäßchen Rhum, ein Paquet von fünfhundert Cigarren, 1 Töpfe Schnupftabak und eine ſilberne Tabaks⸗ oſe. Der Vater Jean öffnete das Bündel Journale und las: 184 „Haus zu verkaufen... Neger zu verkaufen... Negerin zu verkaufen... Negerknabe zu verkaufen.“ Das ging ihn offenbar in keiner Weiſe an. Er trieb ſeine Forſchungen weiter und las: Theater von Martinique.— Herr Guſtave erwirbt ſich von Tag zu Tag neue Rechte auf das Wohlwollen des Publikums, und er ſcheut keine An⸗ ſtrengung, um die Gunſt, die ihm zu Theil wird, zu verdienen. Er hat geſtern im Barbier von Se⸗ villa die Verleumdungsarie mit viel Talent und Ver⸗ ſtand geſungen. Seine Manier, zu betonen, hat be⸗ ſonders den Saal elektriſirt... „Das iſt es noch nicht,“ ſagte der Vater Jean, der ſeinen Sohn nur unter dem Namen Etienne kannte. Er nahm ein anderes Journal und las: Spaniſch Trinidad. Franzöſiſches Theater von Marine⸗Square. „Mit Erlaubniß des Herrn Gouverneur und des hohen Cabildo, „Werden die lyriſch⸗ dramatiſchen Künſtler unter der Direction von Herrn Victor Mareſt ſpielen: „Mahomet oder der Fanatismus. „Herr Guſtave wird die Rolle des Mahomet geben.“ Der zum zweiten Male unterſtrichene Name Gu⸗ ſtave fiel dem Vater Jean auf. „Was Teufels will man von mir mit dieſem Na⸗ ——— 1.“ 185⁵ men Herr Guſtave?“ fragte er ſich ſelbſt.„Ich kenne keinen Herrn Guſtave.“ Er las weiter: Das Mittagsmahl von Madelon oder der Bürger des Marais. Benoiſt, ein Hageſtolz... Hr. Verteuil. Vincent, ſein Freund... Hr. Sallé. Ein Corporal....... Hr. Victor. Ein Commiſſionär..... Hr. Guſtave. Madelon.......... Mlle. Moinet. „Herr Guſtave! Herr Guſtave!“ wiederholte der Vater Jean.„Ich glaube hierin liegt der Haſe.“ Da ihm aber in den zwanzig anderen Journalen nichts etwas Anderes ſagte, als was er ſchon in den zwei erſten geleſen hatte, ſo ging er von den Zei⸗ tungen zu den Cigarren über. Er zog eine heraus, rauchte und fand ſie vor⸗ trefflich. „Ho! ho!“ ſagte er,„das macht Luſt, eine Priſe zu nehmen.“ Und er nahm ein Pfötchen Macuba aus der Flaſche mit weitem Halſe und ſchlürfte den Tabak mit einem Vertrauen, das eine an der Cigarre gemachte erſte Erfahrung rechtfertigte. „Vortrefflich, bei Gott! vortrefflich!... Füllen wir raſch die Tabaksdoſe.“ Und er öffnete die Doſe: es lag ein Billet darin. Er entfaltete das Billet und las: „Ich bin es, Papa. Nach Deinem Wunſche habe ich auf die Komödie, die ich unter dem Namen Guſtave 186 ſpielte, verzichtet, und ich bin Miniaturmaler in Mar⸗ tinique.“ „Dein ehrerbietiger Sohn, der viel Geld ver⸗ dient. „Etienne.“ Der Vater Jean war niedergeſchmettert. Er theilte indeſſen zwei Perſonen den Brief oder vielmehr das Billet, das er empfangen, mit: 1. Dem Lieutenant der Douaniers, von deſſen Doſe ſein Sohn ſeine erſte Zeichnung copirt hatte; 2. Herrn Odelli, der ihm ſeinen erſten Preis zu⸗ erkannt. Eines tröſtete ihn übrigens: daß ſein Sohn der Komödie entſagt hatte und Maler geworden war. Mittlerweile hielt Herr Guſtave,— eine ſeltne Erſcheinung!— die Verſprechungen ſeines Proſpectus. Er hatte die Aehnlichkeit garantirt, und die Aehnlich⸗ keiten fanden ſich ſo groß, daß eines Tages ein reicher Pflanzer ſo ehrgeizig war, ſein Portrait nicht mehr in Miniatur, ſondern in Lebensgröße, nicht mehr in Aquarell oder Gouache, ſondern in Oel haben zu wollen. Er ſuchte Herrn Guſtave auf und fragte ihn, ob er Portraits in Oel male. „Ich mache Alles, was in mein Fach einſchlägt,“ erwiederte Herr Guſtave. Sie garantiren die Aehnlichkeit im Großen, wie im Kleinen?“ „Ich garantire ſie noch mehr.“ „Und welchen Unterſchied wird das im Preiſe machen?“ „Statt zwei Dublonen vier.“ „Sie ſollen vier Dublonen haben! Wir fangen morgen an.“ 187 „Morgen iſt es unmöglich; mein ganzer Tag iſt in Anſpruch genommen.“ „Uebermorgen alſo.“ „Ich kann erſt Montag zu Ihren Dienſten ſein.“ „Montag alſo,“ ſprach der Liebhaber, indem er einen tiefen Seufzer ausſtieß, der ſein ganzes Bedau⸗ ern darüber ausdrückte, daß er um vier Tage hinaus⸗ geſchoben werden ſollte. Und er ging weg, indem er ſich von Herrn Gu⸗ ſtave noch einmal verſprechen ließ, die Sitzung werde am Montag ſtatthaben. Herr Guſtave hatte ſeine Gründe, die erſte Sitzung auf Montag zu verſchieben. Er war in der That in ſeiner Zeit gedrängt, doch nicht in einem Grade, um nicht ein paar Stunden den anderen Modellen entzie⸗ hen zu können. Was ihn veranlaßt hatte, vier Tage zu verlangen, das war die Furcht, nicht für die Oelmalerei zuberei⸗ tete Leinwand zu finden, und die Nothwendigkeit, durch ſeine Einbildungskraft dieſen Mangel an Grundſtoff zu erſetzen. Welche Nachforſchungen er auch auf der Inſel an⸗ ſtellte, er konnte keine Portrait⸗Leinwand finden. Da ſuchte er ein altes Portrait, das er mit einer Lage Weiß bedecken könnte. Dieſe Forſchung war ſo vergeblich als die erſte. Die zwei erfolgloſen Verſuche ſchlugen ſeinen Muth nicht nieder. Sobald er dachte, er werde die Leinwand nicht finden, und dennoch ſich verbindlich machte, das Portrait zu malen, hatte er in der Tiefe ſeines Zwerchſackes ein Hülfsmittel verborgen, wie der Fuchs in der Fabel. Herr Guſtave begab ſich zum Muſikdirector der Nationalgarde und ſuchte unter ſeinen ausgeſchoſſenen Inſtrumenten. „ 188 Er fand eine große, auf einer Seite geſprungene Trommel. Das war es gerade, was er ſuchte. Er kaufte die unverſehrte Eſelshaut, nagelte ſie auf einen Rahmen von derſelben Dimenſion wie die Trommel und ſpannte ſie an, ſo gut er konnte. Dann erwartete er ſeinen Liebhaber. 2 Der Liebhaber kam am beſtimmten Tage. Guſtave hatte ſich verſchafft, was er Beſtes von Schildmalerfarben gefunden. Der Liebhaber war Anfangs ein wenig erſtaunt, als er ſah, daß ſich ſeine Aehnlichkeit auf einer Eſels⸗ haut reflectiren ſollte; Guſtave ſagte ihm aber mit einer unſtörbaren Ruhe, ſeine Bekannten in der Chemie ha⸗ ben ihm nachgewieſen, daß wegen der ſalzigen Luft die Eſelshaut auf den Antillen bei Weitem der Leinwand vorzuziehen ſei.— Der Liebhaber ergab ſich dieſem Raiſonnement. Herr Guſtave griff das Oel kühn an, hütete ſich aber wohl, ſeinem Modell zu ſagen, er male zum erſten Mal in Oel. Nur war die Ausführung geräuſchvoller, als auf der Leinwand. Jeder Pinſelſtrich ertönte wie der Schlag eines Stäbchens und brachte ſeine Symphonie hervor. 1 Der Maler brauchte acht Tage, um ſein Portrait zu vollenden; dieſes Portrait war aber auch ein Mei⸗ ſterwerk. Der Liebhaber ging im höchſten Maße erfreut nach Hauſe und weihte das Portrait in ſeiner Familie feierlich ein. Er ſagte aber kein Sterbenswörtchen von dem Stoff, auf den das Portrait gemalt war. Er hätte, wenn er geſtanden, es ſei auf Eſelshaut gemalt, ſein Anſehen im Geiſte ſeiner Frau und ſeiner Kinder zu verlieren befürchtet. G⁸onnu 189 Doch es bedrohte, ohne daß es Jemand vermuthete, — nicht einmal der Maler— eine große Kataſtrophe das unglückliche Portrait. Es kam die Winterſaiſon, das heißt die Zeit der Regen. Auf die trockene Hitze, welche Alles ſteif macht folgte die feuchte Wärme, welche abſpannt und er⸗ weicht. Das Portrait, ſo vollkommen es ſeinem Aeußeren nach war, ſchien dieſe Epoche mit großem Widerwillen herannahen zu ſehen. Sein gewöhnlich ernſtes Geſicht ſchien traurig und alt zu werden; es runzelte ſich nicht nur horizontal, — was eine bekannte Wirkung der Zeit auf die menſchlichen Dinge geweſen wäre,— ſondern es run⸗ zelte ſich auch vertical, was eine bis dahin völlig un⸗ bekannte Wirkung war. Die Familie erſchrak, als ſie ein Portrait ſah, das wie ein Ephemeron lebte, während das Original das Leben der anderen Menſchen lebte. Sie ließ den Maler holen. Der Maler näherte ſich dem Bilde voll Vertrauen, und da ſein Geſicht ruhig blieb, ſo heiterte ſich das Geſicht der Familie wieder auf. „Ah!“ ſagte er,„zum Glück habe ich es nicht ge⸗ firnißt.“ Dann ſprach er mit dem Tone eines Arztes, der betrübte Verwandte ermuthigt: „Es iſt nichts; kommen Sie in drei Tagen in mein Haus und ſehen Sie es an: es wird nichts mehr zu bemerken ſein.“ Herr Guſtave hatte mit dem erſten Blicke errathen, daß die Feuchtigkeit die Eſelshaut erſchlaffen gemacht, und daß das Portrait einfach von einer Erweichung befallen war. Dieſe für den Menſchen gewöhnlich tödtliche 190 Krankheit, mag ſie nun das Gehirn oder das Mark angreifen, iſt es nicht für die Portraits. Herr Guſtave ſtellte das Portrait drei Tage lang in ein auf dreißig Grade geheiztes Zimmer, und nach Verlauf der drei Tage war, wie er geſagt hatte, nichts mehr ſichtbar. Die Familie war entzückt; alle ihre abergläubi⸗ ſchen Befürchtungen verſchwanden; ſie wurde nur da⸗ von unterrichtet, dieſes Portrait ſei von waſſerſcheuer Conſtitution und habe vor den andern Gemälden den Vorzug, daß es zugleich als Portrait und als Ther⸗ mometer dienen könne. XIX. Der Dämon der Bretter.— Herr Guſtave ſchifft ſich auf dem Urſin ein.— Eine Art, das Wetter wechſeln zu ma⸗ chen.— Ein ausgezeichneter Koch.— Genugthuung des Ka⸗ pitäns.— Enttäuſchung.— Der Kapitän hängt das Kü⸗ chengeräth auf.— Was an einander ſtoßend die Becken und die Tortenmodel ſagen.— Herr Guſtave hatte ganz einfach die Quelle des Pactolus wiedergefunden., Doch was wollt Ihr! dieſe elenden Künſtler,— und darin liegt den anderen Menſchen gegenüber ihre Inferiorität in der Gegenwart und ihre Superiorität in der Zukunft,— ſtatt daß ihr Geiſt der Sklape von ihrem Intereſſe iſt, iſt beſtändig ihr Intereſſe der Sklave von ihrem Geiſte. Herr Guſtave war nun, wie man weiß, von einem 191 Dämon beſeſſen, den das Geld, dieſer große Teufels⸗ banner, nicht aus ihm vertreiben konnte: vom Dämon der Bretter. Oh! das iſt ein furchtbarer Dämon, der Euch wach wie im Schlafe feſthält, der mit Hülfe eines Stabes die Salons in Theater, die Candelaber in Lampen, die Kamine in Souffleurlöcher verwandelt; der Euch in ein Ohr den Cid, ins andere Figaro flüſtert; der Euch ewig durch ein entferntes Geräuſch von Bei⸗ fallklatſchen und Bravos verfolgt, und Euch, wie Ni⸗ non, mitten unter allen möglichen Herrlichkeiten ſagen läßt:„Oh! die gute Zeit, wo ich ſo unglücklich war!“ Nun wohl! Herr Guſtave, während er ſeine Mi⸗ niaturen malte, die ihm dreißigtauſend Franken jähr⸗ lich eintrugen, dachte ſeufzend an die Zeit, wo man ihm fünfzig Franken monatlich bei Zozo vom Norden verſprach und ſie ihm bei Seveſte gab. Iſt man in einer ſolchen Lage des Geiſtes, ſo hängt die gute oder ſchlechte Zukunft vom geringſten Umſtande ab. Guſtave machte Bekanntſchaft mit einem jungen Manne von Rouen, der ihn auf einer vorhergehenden Reiſe hatte ſpielen ſehen. „Ah!“ ſagte er,„Sie malen alſo in Miniatur?“ „Wie Sie ſehen.“ „Warum ſpielen Sie nicht mehr Komödie?“ „Es iſt kein Theater mehr hier.“ „Welch ein Unglück! Sie haben ſo viel Talent!“ Herr Guſtave hätte müſſen den Schweif der Schlange ſehen:— er ſah ihn nicht oder wollte ihn nicht ſehen. „Was wollen Sie?“ erwiederte er;„der Menſch denkt, Gott lenkt!“ „Nun! ich, wenn Sie wollen.. Die Schlange machte ganz ſachte ihren Weg. 192 4 „Wenn Sie wollen, ich kenne Valter.“ „Was iſt das, Valter?“ „Der Director des Theaters von Rouen.“ „Nein.“ „Wie, nein?“ „Ich will nicht mehr in der Provinz ſpielen.“ „Gut! Rouen iſt auf dem Wege vom Havre nach Paris; wenn Sie nach Paris gehen, halten Sie im Havre an: das iſt kein Engagement, ſondern ein ein⸗ facher Halt.“ Ah! Verſucher! jeder Andere als ein Sohn Adams hatte dich kommen ſehen. Aber, ach! wir ſind Alle Söhne Adams. „Nun wohl! ja, gewiß,“ antwortete Guſtave ſchon halb beſiegt,„das iſt anlockend; aber ſoll ich bei ihm ohne Empfehlung oder mit einem einfachen Briefe er⸗ ſcheinen?“ „Oh! ich habe Ihnen etwas Beſſeres vorzuſchla⸗ gen: ich reiſe morgen ab.“ „Sie reiſen morgen? Sie ſind ſehr glücklich!“ „Sehr glücklich?... Das iſt ein Glück, das Sie ſich geben könnten.“ 1 „Oh l'ich..“ „Hören Sie, ich reiſe morgen ab; reiſen Sie in vierzehn Tagen. Sie werden Ihr Engagement bereit finden, wenn Sie in Rouen ankommen.“ „Wahrhaftig?“ „Bei meinem Ehrenworte.“ „Ich bitte Sie um Zeit bis heute Abend, um zu überlegen.“ „Gut, gut! ich will Ihnen keine Gewalt anthun.“ Der Dämon ließ dem Fiſche, den er gefangen, Leine. Und der Rouenner entfernte ſich und ſagte: „Heute Abend!“ 3 Doch er hatte nicht vier Schritte außen gemacht, me Sie 193 als Herr Guſtave die Thüre wieder öffnete und ihm nachrief:— „Oh! es iſt nicht nöthig, bis heute Abend zu warten.“ „Sie ſchlagen es aus?“ verſetzte der Verſucher mit einem ſataniſchen Lächeln, das Mephiſtopheles hätte verrathen müſſen, wäre Mephiſtopheles ſeiner Beute nicht ſicher geweſen. „Nein, ich nehme an.“ „Ah!“ machte der Rouenner. Und er verſchwand an der Ecke der Straße. Der Vertrag war unterzeichnet. 4 Der Nouenner erſchien nicht wieder; er hielt die Seele von Herrn Guſtave in ſeiner Gewalt und be⸗ fürchtete, ſie loszulaſſen. Vierzehn Tage nachher, auf den Tag, ſchiffte ſich Herr Guſtave auf dem Urſin ein. Die Ueberfahrt koſtete vierhundert Franken, die Nahrung mit einbegriffen. 8 Ohne Zweifel aber war der Kapitän mit dem Meere übereingekommen, um auf dem ganzen Wege Erſparniſſe an der Koſt der Reiſenden zu machen. Kaum war man außerhalb der Rhede, da wurde das Wetter abſcheulich. Der Kapitän hatte übrigens eine Gewohnheit. Wurde das Wetter zu ſchlecht, ſo ſagte er: „Ich werde alſo einen Schiffsjungen kreuzlahm machen müſſen!“ Das war ſeiner Anſicht nach die Art, wie man eine Veränderung des Wetters bewirkte. „Junge!“ rief er. Der Schiffsjunge, der den Aberglauben des Kapi⸗ täns kannte, kam kaum mit der Naſenſpitze zum Vorſchein. „Junge!“ wiederholte er mit drei Kreuzen am Schlüſſel. Abenteuer eines Schauſpielers. 13 194 Der Schiffsjunge erſchien vollſtändig. „Junge, ein Glas Rhum!“ Der Schiffsjunge lief im Galopp weg, um den verlangten Gegenſtand zu holen, und kam im kleinen Schritt zurück. „Hier, Kapitän,“ ſagte er mit einem ſichtbaren Mißtrauen. „Gib, Vieh!“ Der Schiffsjunge gab und entfloh. Doch nie raſch genug, um dem Fuße des Kapitäns zu entkommen. Hatte der Kapitän den Schiffsjungen abgeprügelt, ſo ſagte er: 8 „Ihr ſollt ſehen, der Wind dreht ſich!“ Das Experiment wiederholte ſich ſo oft, daß ſelten der Wind ſich nicht ein⸗ oder zweimal unter zehn drehte. Dies genügte, um den Kapitän in ſeinem Glauben zu erhalten. Mit dieſer Gewohnheit verband er eine Manie, die ſie vervollſtändigte. Er hatte einen Koch an Bord. Dieſer Koch hatte den Kapitän grauſam betrogen. Im Augenblicke ſeiner Abreiſe nach den Antillen kezuhaci er ſeinen Lieutenant, ihm einen Koch zu uchen. Der Lieutenant ſuchte, erkundigte ſich und ent⸗ deckte am Ende einen Mann, der ſich für einen Küchen⸗ meiſter erſten Rangs ausgab. Man war Koch vom Vater auf den Sohn in ſei⸗ ner Familie, ſagte er. Man hatte bei Brillat⸗Savarin gearbeitet; ſein Vater hatte bei Cambacérès gedient; ſein Großvater hatte bei Grimod de la Reynidre und ſein Urgroß⸗ vater beim Marſchall von Richelieu gedient. Dieſer Proſpectus fing an den Kapitän zu er⸗ den den 195 ſchrecken, und nur mit Zögern fragte er nach der Summe der Gage, die er zu haben wünſchte. Doch der Koch erwiederte, ſein Verlangen, zu rei⸗ ſen und die Küche fremder Länder zu ſtudiren, würde ihn auch einen mäßigeren Gehalt annehmen laſſen. Der Preis wurde auf fünfhundert Franken jähr⸗ lich feſtgeſtellt. Nur machte der Koch den Kapitän darauf auf⸗ merkſam, er werde wahrſcheinlich die zwei oder drei erſten Tage nach der Einſchiffung krank ſein; ſobald aber dieſer Tribut der menſchlichen Schwäche bezahlt ſei, werde Alles gut gehen. Der Kapitän fügte ſich in die fünfhundert Fran⸗ ken und in die drei Tage; nachdem aber die fünfhun⸗ dert Franken bezahlt und die drei Tage vorüber wa⸗ ren, forderte er von ſeinem Manne die feinſten Ge⸗ richte und beſonders das vortrefflichſte Backwerk. Der Koch ſchien entzückt; nur bemerkte er, wenn der Kapitän alle dieſe Raffinements der Feinſchmeckerei verlange, ſo brauche er beſonders in der Abtheilung der Tortenpfannen und der Feldbacköfen eine weſent⸗ liche Ergänzung der Küchenbatterie. Der Kapitän fand die Forderung ganz billig und ermächtigte den Koch, Oefen, Terrinen und Torten⸗ pfannen bis zum Betrage von hundert Thalern zu kaufen. Am andern Tag kam der Koch auf das Schiff zmrue, bedeckt mit einem wahren Panzer von Backge⸗ räthe. 4 Der Kapitän betrachtete mit Bewunderung alle dieſe Gegenſtände, deren Namen er nicht einmal wußte, und da er mehr noch für ſich als für die Paſſagiere eine comfortable Koſt zu haben wünſchte, ſo ſtrich er zum Voraus mit der Zunge über die Lippen beim Ge⸗ danken an unbekannte Gerichte, die er koſten ſollte. Man reiſte ab. Eines der Verführungsmittel des Kapitäns bei 196— ſeinen Paſſagieren war beſonders eine Tafel geweſen, wie man keine auf dem Feſtlande finden würde. Er hatte zugleich die Paſſagiere darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, ſie müſſen die auf die Abfahrt folgenden paar Tage Geduld haben, dieſe Reiſe ſei die erſte, die der treffliche Koch auf einem Schiffe mache, und alle Menſchen, ſelbſt die Könige der Küche, ſeien gleich vor der Seekrankheit. Die Paſſagiere ſahen dies um ſo mehr ein, als ſie der Mehrzahl nach, wie Dido zu Aeneas, ſagen konnten: W „Selbſt unglücklich, habe ich das Unglück beklagen gelernt.“ Die drei erſten Tage vergingen, ohne daß der Kapitän ſich beklagte und ohne daß es irgend Jemand einfiel, ſich zu beklagen. Doch da am Ende des dritten Tags der Kapitän dem Koch hatte ſagen laſſen, es ſei am andern Tage ſein Geburtstag, und er wünſche ein großes Diner an Bord zu veranſtalten, ſo war der Koch genöthigt, aus ſeiner Koje herauszugehen und ein Lebenszeichen von ſich zu geben. Das Lebenszeichen, das er gab, wäre beinahe das Todeszeichen des Kapitäns und ſeiner Paſſagiere ge⸗ weſen.. Jedes Gericht, das man auftrug, von der Suppe bis zu den Torten und den Soufflés, ſchien eine Wette zu ſein.. Er hatte Alles verdorben, außer den Aepfeln; und auch dieſe, die er gebraten und in irgend eine Brühe gelegt hatte, waren nicht eßbar. Zwiſchen dem Kaffee und den Liqueurs ließ der Kapitän den unglücklichen Koch kommen, um ein Bei⸗ ſpiel gerade vor den Augen der Paſſagiere zu geben. Der arme Koch vergaß nicht, daß auf ſeinem Schiffe ein Kapitän das Recht über Leben und Tod hat. 197 Er warf ſich dem Herrn zu Füßen und geſtand in Demuth, da er im Alter von fünfundreißig Jahren ohne Mittel und ohne Gewerbe geweſen, ſo habe er das eines Kochs zu ergreifen beſchloſſen; Da er ferner gewußt, daß man bei jedem Hand⸗ werke eine Lehre brauche, ſo habe er beſchloſſen, die ſeine auf einem Schiffe zu machen, deſſen Kapitän durch ſeine Sanftmuth berühmt ſei; Der Beweis, wie ſehd er zu lernen begehre, liege in der großen Ausgabe, die er den Kapitän für die Küchenbatterie habe machen laſſen; Dieſe Küchenbatterie werde er, mit Gottes Hülfe,— eines Tags auf eine ihrer und des vortrefflichen Kapi⸗ täns, in deſſen Dienſt getreten zu ſein er die Ehre habe, würdige Weiſe benützen. Alle dieſe Raiſonnements waren mehr rührend als überzeugend. Der Koch bekam auch fünf und zwanzig Seiſing⸗ hiebe und ward in Ketten gelegt. Worauf der Ruderbeſteurer, der ein wenig von der Küche verſtand, beauftragt wurde, ihn eine Ham⸗ melskeule braten und Eier hart ſieden zu lehren. Man begreift alſo, daß in den Tagen des Sturms oder unter dem Einfluſſe der in der Atmoſphäre ver⸗ breiteten Elektricität die nervöſe Reizbarkeit des Kapi⸗ täns ſich noch vermehrte; die Erinnerungen an die ſchlechten Mahle, die er ſeine Paſſagiere hatte ma⸗ chen laſſen, an die Küchenbatterie, für die er vergebens hundert Thaler gutes Geld geopfert, boten ſich ſeinem Geiſte und trieben ihn zu Rachegedanken an. Anfangs zielten dieſe Ideen, die in ihrer Anwen⸗ dung hauptſächlich an den Schiffsjungen geübt wurden, auf einen allgemeinen Nutzen ab, da ſie eine Aenderung des Windes herbeiführen ſollten. Sodann aber wandten ſie ſich mit einem, beim 198 Menſchen leider zu natürlichen, Egoismus der Befrie⸗ digung der perſönlichen Rache zu. War das ſchlimme Wetter nur ganz vorübergehend, — eine Wolke, die der Wind, der ſie gebracht hat, ſelbſt wieder zerſtreut,— ſo beſchränkte ſich der Kapi⸗ tän, froh, den Himmel ſich aufhellen und den Wind wechſeln zu ſehen, auf ſeinen oder ſeine Fußtritte auf den Hintern. Blieb aber der Wind beharrlich und neigte ſich zum Sturme, da war es etwas Anderes: alle Be⸗ ſchwerden, ſehr gerechte Beſchwerden, wie man zugeſtehen wird, die der Kapitän gegen ſeinen Koch hatte, kamen ihm wieder in den Kopf. Dann regte er ſich ſelbſt auf, wie der Löwe, der ſeine Seiten mit ſeinem Schweife peitſcht, um ſeinen Zorn anzuſtacheln. „Junge!“ rief er. Der Schiffsjunge, der an der Betonung erkannte, daß nicht mehr ihn der Sturm bedrohte, und daß der Blitz über ſeinem Haupte hinzog, um in höhere Punkte einzuſchlagen: der Schiffsjunge lief ohne Miß⸗ trauen und beinahe freudig herbei. „Hier bin ich, Kapitän. Was ſteht zu Ihren Dienſten?“ „Meinen Kautſchukmantel, Bürſchchen!“ Der Schiffsjunge verſchwand, um beinahe auf der Stelle, mit dem verlangten Gegenſtande in der Hand, wiederzuerſcheinen. „Hier, mein Kapitän.“ Der Kapitän brummelte ein gut! und ſchickte den Schiffsjungen wieder weg. Der Schiffsjunge, der immer eine Reminiscenz des Kapitäns fürchtete, entfernte ſich, wie man es vor Maje⸗ ſtäten thut, rückwärts gehend, indem er ſeine beiden Hände auf ſeinem Rücken oder ſogar noch niedriger gekreuzt hielt. v g d L 2n 199 Der Schiffsjunge brachte einen Hut, der die Form von den Hüten der Starken der Halle hatte, das heißt gerundet bis mitten auf den Rücken niederſiel, damit das Waſſer darauf abglitt, wie auf der Schaale einer Schildkröte. Der Kapitän ſetzte den Wachstuchhut auf, was ihm ein furchtbares Auſehen verlieh. Der Schiffsjunge ging ab. Kaum war er verſchwunden, da rief der Kapitän: 2 4 e 4, Der Schiffsjunge erſchien wieder. „Kapitän?“ „Meine große Stiefel!“ Der Schiffsjunge brachte Stiefel, welche die Sie⸗ benmeilenſtiefel des Wehrwolfs zu ſein ſchienen. Der Kapitän zog ſeine Stiefel an, während er einen ſchlimmen Blick auf den rauchenden Kamin der Küche warf, und murmelte: „Dieſer Schuft von einem Koch! wird ihm nicht eine Welle früher oder ſpäter ſeine Baracke wegreißen und ihn mit ihr fortnehmen?“ Als die Stiefel angezogen waren, erhob er ſich um drei Zoll größer. „Junge!“ „Kapitän?“ „Komm hierher.“ „Hier bin ich, Kapitän.“ „Sage dem Koch von mir, er ſei ein Elender!“ „Ja, Kapitän.“ Der Schiffsjunge ging ab, um ſeinen Auftrag zu vollziehen, vollzog ihn, oder vollzog ihn nicht. „Was hat er geſagt?“ 200 „Er hat geſagt, es ſei gut.“— „Es ſei gut! es ſei gut! Gut für ihn, aber ſicher⸗ lich nicht gut für mich!... Junge!“ 3„Kapitän?“ „Sage dem Koch von mir, er ſei eine Canaille.“ „Ja, Kapitän.“ 3 Daſſelbe Spiel wiederholte ſich. „Was hat er geſagt?“ „Er hat geſagt, es ſei gut, Kapitän.“ „Gut! der Schuft! in jedem Falle war ſein geſt⸗ riges Mittageſſen nicht gut!... Junge!“ „Kapitän?“ „Sage ihm von mir, hörſt Du, von mir, er ſei ein erbärmlicher Hund!“ „Ja, Kapitän,“ erwiederte der Schiffsjunge mit derſelben Unempfindlichkeit. „Nun?“ „Er hat geſagt, es ſei vortrefflich, Kapitän.“ „Vortrefflich, der Giftmiſcher! Ah! er hat geſagt, es ſei vortrefflich?... Junge!“ „Kapitän?“ „Hole mir einen Hammer, Nägel, Bindfaden und die ganze Küchenbatterie dieſes Schuftes!“ Nach fünf Minuten kam der Schiffsjunge mit den verlangten Gegenſtänden. „Hier, Kapitän! Soll ich Ihnen helfen?“ „Gib mir den Hammer und die Nägel und mache mir von dieſem Bindfaden zwei Schleifen an alle dieſe Utenſilien... Hundert Thaler für Kupfergeſchirr, alle Teufel! Wenn ich daran denke! hundert Thaler! mehr als ich an ſechs Paſſagieren verdiene!“ Und er nahm die Nägel in ſeinen Mund, ſeinen Hammer mit der rechten Hand, die Schanzverkleidung des Schiffes mit der Linken, und kletterte auf die Ge⸗ fahr, von einer Welle fortgeriſſen zu werden, wie die Hühnerkäfiche, welche ſchon lange gegen das Cap der r⸗ t⸗ 201 guten Hoffnung ſchwammen, zur Cantine, ſchlug ſeine Nägel in die äußeren Wände, winkte dem Schiffsjun⸗ gen, ihm die Keſſel, die Tortenmodel zu bringen, hing ſie mit den Schleifen an die Nägel, die er eingeſchla⸗ gen hatte, und weidete ſich an dem entſetzlichen Lär⸗ men, den bei jedem Schwanken des Schiffes, bei jedem Windſtoße, an einander ſchlagend, dieſe grotesken Aeols⸗ harfen machten, welche mit jedem Geklapper, nach der Behauptung des Kapitäns, dem unglücklichen Koch zu⸗ riefen:„Du kannſt nicht kochen! Du kannſt nicht ko⸗ chen! Du kannſt nicht kochen!“ XX. Herr Guſtave auf dem Theater von Rouen.— Die Sta⸗ tue von Corneille.— Sueceß von Guſtave.— Der Beſuch des Vaters.— Sein Abſchied.— Ein guter Rath von Madame Dorval.— Die Statue in der Lotterie.— Ab⸗ reiſe nach Paris.— So fortrollend und ſchwankend, kam man nach einer Fahrt von zwei Monaten im Havre an. Herr Guſtave hatte Mittel gefunden, ſich zum Freunde des Kapitäns zu machen; Herr Guſtave war ſehr ſchlau, wenn er die Seekrankheit hatte: in ſeinen Augenblicken der Ruhe malte er das Portrait des Ka⸗ pitäns; dieſer Wolf der zwei Meere betete ſeine Mut⸗ ter an, und der Gedanke, er könnte ihr mit Hülfe von Herrn Guſtave ſein Portrait ſchicken, machte, daß er von allen ſeinen Schiffsgewohnheiten abging. 20² Jeder liegende Paſſagier war ſtreng der Diät un⸗ terworfen. 4 Herr Guſtave allein hatte das Recht, in ſeinem Bette zu eſſen. Trotz aller kleinen Privilegien, die er an Bord genoß, hatte ihm jedoch eine Fahrt von zwei Monaten ſehr lang geſchienen. Höchſt erfreut über ſeine Ankunft, fing auch Herr Guſtave, obgleich noch in Quarantaine, damit an, daß er alle ſeine Pfeile, alle ſeine Bogen, alle ſeine Mord⸗ keulen, kurz ſein ganzes caraibiſches Arſenal den Künſtlern des Theaters vom Havre ſchenkte. Sobald er hernach den Fuß ans Land geſetzt hatte, feierte ein großes Bankett, deſſen Koſten die Doublonen von Guadeloupe und Martinique zu tra⸗ gen hatten, die Rückkehr des Künſtlers nach dem Mut⸗ terlande. Am anderen Tage reiſte Herr Guſtave nach Rouen ab. Der Rouenner hatte ihm Wort gehalten. Er war zum Voraus für zweitauſend Franken jährlich engagirt; er ſollte alle Rollen ſpielen, welche ihm zuzutheilen der Direction belieben würde, und ſich alle Coſtumes ſelbſt anſchaffen. Dieſe letzte Bedingung war Herrn Guſtave gleich⸗ gültig: er hatte ſich dort eine prächtige Garderobe gemacht und brachte in ſeinem Koffer fünfzehn bis achtzehnhundert Franken mit, das heißt, ein Vermögen für einen Künſtler, deſſen letzter Rummel es geweſen war, Fröſche zu fangen, und das letzte Hülfsmittel, ein Stück Brod vor der Thüre einer armen Hütte zu fordern. 1 Der Elephant Kiouni war in Rouen angekommen. Man kündigte die Debuts von Mademoiſelle Kiouni und Herrn Guſtave in einem Stücke betitelt: Der Elephant des Königs von Siam, an. C 203 Beide hatten einen großen Succeß. Dann gab Herr Guſtave alle große Rollen des modernen Dramas: den Herzog von Guiſe in Hein⸗ rich III, Karl den Fünften in Hern ani, Raphael⸗ Bazas in Clotilde, Buridan im Thurme von Nesle. Herr Guſtave, den die Arbeit arbeiten macht, und der träge iſt, wie ein Neapolitaner, wenn ihm die Proben nicht das Fieber geben, lernte mitten unter Allem dem, um noch eine andere Sehne an ſeinem Bogen zu haben, wie man in der guten Geſellſchaft ſagt, oder um noch einen Rummel mehr zu haben, wie man bei der hohen und der niedern Bank ſagt, Herr Guſtave lernte die Aetzkunſt bei Brevières, dem großen Künſtler, der Paul und Virginie, den Napoleon illuſtrirt und in der Geſchichte der Maler das Blatt: die Sabinerinnen von David geſto⸗ chen hat. Da fing Herr Guſtave in ſeinen verlorenen Au⸗ genblicken an, die Revue de Caen zu illuſtriren. Eines Tages ſuchte ihn Valter auf. Valter war der Director, ein guter armer Burſche, den ich wohl gekannt, und der mir die erſten tragiſchen Verſe, die ich gemacht, recitirt hat. Valter trat in das Zimmer ſeines Bühnenmit⸗ glieds in dem Augenblick ein, wo Herr Guſtave eine Lage Firniß auf einer Kupferplatte ausbreitete. „Ahl! das iſt nicht Alles,“ ſagte er. Herr Guſtave ſchaute empor und fragte: „Was gibt es denn, mein lieber Herr Director?“ „In einem Monat iſt der Geburtstag von Pierre Corneille.“ „Gut! und Sie wollen, daß ich Verſe ſpreche?“ „Ah! ja wohl.“ „Was wollen Sie denn?“ „Man bekränzt gewöhnlich eine Büſte.“ 88 204 „Sodann?“ „Das Theater von Rouen muß ſich in dieſem Jahre auszeichnen.“ „Wodurch?“ „Dadurch, daß es eine Statue bekränzt.“ 4 „Ah! ja, und dieſe Statue, nicht wahr, ich ſoll 2“ „Sie ſollen ſie machen.“ „Das werde ich gern thun.“ „Eine coloſſale Statue!“ „Ich kann ſie nicht höher als ſechs und einen halben Fuß machen.“ „Warum?“ „Ei! weil mein Zimmer nur ſieben hoch iſt.“ ſie. „Ah! ich begreife, das iſt ein Grund.5.. Nun wohl⸗ ſo machen wir ſie ſechs und einen halben Fuß hoch.“ „Gut, wir werden ſie ſechs und einen halben Fuß hoch machen.“ Da keine Zeit zu verlieren war, in Betracht, daß man nur einen Monat vor ſich hatte, ſo brachte man noch an demſelben Tage den erſten Karren Thon herauf. Herr Guſtave wohnte im ſechsten Stocke. Beim zwanzigſten Karren krachte das Haus. „Teufel!“ ſagte Valter,„man muß Acht geben.“ „Man wird ſich mit zwanzig Karren zu behelfen ſuchen,“ erwiederte Herr Guſtave. Und er ging an die Arbeit. Zwanzig Karren genügten, und die Statue war gemacht und in Gyps gegoſſen für den Geburtstag. Die Ausführung war nicht leicht geweſen. Um an den Füßen zu arbeiten, hatte ſich Herr Guſtave, wie um den Vater Verteuil zu raſiren, auf den Bauch legen müſſen. Am Abend der Vorſtellung für den Geburtstag wurd drän Aller nach filirt keit ihm an ſ nem das verſu Herz Er wird nen fallkt um 1 im 2 Mad herge zünd eſem ſoll inen 205 wurde die Statue unter dem Beifallsgeſchrei eines ge⸗ drängt vollen Saales bekränzt. An dieſem Abend war der Name von Guſtave in Aller Mund. An dem darauf folgenden Tage wurde die Statue nach dem Rathhauſe gebracht, und die ganze Stadt de⸗ filirte vor ihr. Alle Journale gaben Berichte über die Feierlich⸗ keit und erhoben Herrn Guſtave in den Himmel. Der junge Mann ſammelte alle Journale, die von ihm ſprachen, und ſchickte ſie Vater Jean. Drei Tage nachher hörte Guſtave, noch ſchlafend, an ſeine Thüre klopfen; er erwachte, ſprang aus ſei⸗ nem Bette, lief an die Thüre und rief: „Es iſt Papa!“ Er öffnete die Thüre. Es war in der That der Vater. Der Vater lachte nicht,— Sie wiſſen, daß er das Lachen verlernt hatte,— doch er weinte. Es gibt Scenen, die man nicht einmal zu erzählen verſucht. Jeder Menſch, ſelbſt der ſchlimmſte, hat in ſeinem Herzen irgend eine Erinnerung an eine ſolche Scene. Er mag ſich zu ihr zurückverſetzen: ſein Gedächtniß wird ihm mehr darüber ſagen, als unſere Feder. Der Vater blieb drei Tage in Rouen und ſah ſei⸗ nen Sohn drei verſchiedene Rollen ſpielen. Es brauchte bei ihm nicht weniger, als das Bei⸗ fallklatſchen eines ganzen Saales, dreimal wiederholt, um dem jungen Manne zu verzeihen, daß er Corneille im Theater von Rouen machte, ſtatt Capitäler in der Madeleine⸗Kirche zu machen. In der Nacht, welche der Abreiſe des Vaters vor⸗ herging, legte ſich Guſtave zuerſt zu Bette; der Vater zündete ſeine Pfeife an und blieb an der Ecke des 206 Kamins,— nachdenkend, die Augen verloren in den Rauchwolken, in die er ſich mit Wonne hüllte. Plötzlich ſtand er auf, ſetzte ſich ſodann zum Bette ſeines Sohnes, reichte ihm die Hand und ſprach: „Höre, Etienne.(Man begreift, daß für den Va⸗ ter Jean Etienne Etienne geblieben war und nicht Guſtave werden konnte.) Höre, Etienne, ich reiſe mor⸗ gen ab, wir werden uns vielleicht nie wiederſehen.“ „Wiel und warum dies?“ fragte der junge Mann ganz erſtaunt.— „Ei! mein Gott! wer weiß?“ Etienne blieb ſtumm; der Vater pfiff ein paar Tacte von der Marſellaiſe. „Nun,“ ſagte er,„gleichviel!“ „Wie, gleichviel?“ rief Etienne. „Ja, gleichviel, ob die Alten gehen, wenn nur die Jungen bleiben“ „Aber, Vater, warum biſt Du denn ſo?“ „Ich habe einen Gedanken: morgen werde ich Dir auf immer Lebewohl ſagen.“ „Dann mußt Du nicht gehen, Papa.“ „Und die Douane?“ „Oh! Vater, wenn es nur das wäre... man hat dort mit dem Portraitiren Geld verdient...“ „Stille!“ „Ich ſchweige, Vater.“ „Wenn Du eines Morgens ſagen hörteſt:„„Der Vater Jean iſt todt...““ „Ah! was für eine Idee iſt denn das?“ „Wenn ich Dir ſage: Stille!“ „Ich gehorche.“ „Wenn Du eines Morgens ſagen hörteſt:„„Der Vater Jean iſt todt,““ ſo würdeſt Du auf der Stelle nach Caen abreiſen; bei Deinem Eintritt würdeſt Du gerade auf dem nußbäumenen Schrank zu gehen, und wa ber un un den Bette Va⸗ nicht mor⸗ 71 Kann paar 207 in der Schublade, wo mein Zopf war, würdeſt Du zwölfhundert Franken in meiner Polizeimütze finden.“ „Oh! wie können Sie mir ſolche Dinge ſagen, Papa!“ rief Etienne ſchluchzend.— Der Vater lächelte ſchwermüthig und fuhr fort: „Dann würdeſt Du nach Paris alle Mobilien kommen laſſen, welche von Deiner Mutter herrühren ... Siehſt Du, es iſt gut, Familienandenken zu be⸗ wahren.“ Etienne weinte fortwährend. „Du verſprichſt es mir?“ ſagte der Vater. „Ich verſpreche es, Papa.“ „Nun, das iſt Alles, was ich Dir zu ſagen hatte. ... Gute Nacht! ich will mich auch ſchlafen legen.“ Und der Vater ging an ſein Bett, ohne ein Wort mehr zu ſagen, kleidete ſich aus und legte ſich nieder. Nach zehn Minuten war er eingeſchlafen. Nicht daſſelbe war bei Guſtave der Fall; er ſchlief ſchlecht in dieſer Nacht. Am andern Morgen war der Vater, nach ſeiner Gewohnheit, um fünf Uhr auf den Beinen. Die Diligence ging um ſieben Uhr ab. Guſtave begleitete natürlich ſeinen Vater. Dieſer war nicht trauriger als gewöhnlich, doch er ſchien Guſtave trauriger, weil er liebevoller war. Ehe er in die Diligence ſtieg, umarmte der Vater ſeinen Sohn mehrere Male. 4 In dem Angenblick, wo die Diligence abging, beugte er ſodann ſein weißes Haupt aus dem Schlage und ſandte ihm einen letzten Kuß mit der Hand zu. An der Ecke der Straße verſchwand der Wagen. Wir haben geſagt einen letzten Kuß. Es war in der That der letzte. Guſtave ging mit gebrochenem Herzen nach Hauſe. Frédérick Lemaitre war in Rouen angekommen, um dort Vorſtellungen zu geben. 208 Frédérick war in der ganzen Kraft ſeines Talentes. Er ſpielte in Rouen in Richard Darlington, im Thurm von Nesle, im Spieler. Herr Guſtave ging natürlich von den erſten Rollen zu den zweiten und ſogar zu den dritten über. Im Prolog von Richapd ſpielte er den Arzt; im Thurm von Nesle den Taugenichts, der die Scene mit dem Rufe eröffnet:„Ho! Meiſter Orſini! Teufelswirth!“.. im Spieler gab er endlich den Freund des Spielers. Er trat ſodann mit Potier auf, der nach Rouen kam, mit Arnal und endlich mit der Dorval. Als er eines Abends in die Loge der großen Künſtlerin gegangen war, um ihr Complimente zu machen, ſagte ſie zu ihm, nachdem ſie ihn eine Zeit lang mit ihren ſchönen, ſanften, klaren Augen ange⸗ ſchaut hatte: „Guſtave.“ „Madame?“ „Soll ich Ihnen einen Rath geben?“ „Ich glaube wohl.“ „Werden Sie ihn befolgen?“ „Ich werde mich bemühen.“ „Glauben Sie mir, gehen Sie nach Paris.“ „Das würde ich ſehr gern thun.“ 7 „In der Provinz wird man in ein Rollenfach ein⸗ geſetzt; iſt man einmal in dieſes Rollenfach geſetzt, ſo kommt man nicht mehr heraus.“ „Ich bemerke es wohl.“ „Sie ſpielen die zärtlichen Väter.“ „Das iſt nicht mein Beruf, glauben Sie mir.“ „Ihr Rollenfach ſind die großen erſten Rollen. Sie müſſen Helden⸗ und Charakterſpieler werden.“ „Das iſt auch meine Meinung, aber...“ „Man muß aber Jemand kennen, wollen Sie ſagen?“ on, len den zen zu zeit en. 209 „Ja.“ „Und Sie kennen Niemand?“ „Ich kenne Mademoiſelle Duchesnois.“ „Nun?“ „Sie hat mich zu Soumet geſchickt.“ „Und Soumet?“ „Hat mich zu Seveſte geſchickt.“ „Und Seveſte?“ „Hat mir die tiefen Tenore und die edlen Väter zugewieſen.“ 4 „Sie kennen Dumas nicht?“ „Nein.“ „Das iſt Ihr Mann.“ „Da ich ihn aber nicht kenne?...“ „Ich kenne ihn.“ A fℳ4 „Ah · „Und ich will Ihnen eine Zeile an ihn geben.“ „Ich bin noch auf ſechs Monate engagirt.“ „Gut! Sie werden das mit Valter abmachen.“ „Und wenn er nicht will?“ „Haben Sie nie dem Director einen Streich geſpielt?“ Lachend erwiederte Guſtave: „Das iſt eine meiner beſten Rollen.“ „Dann iſt es gut... Holen Sie Ihren Brief morgen bei mir.“ Am andern Tage holte Herr Guſtave ſeinen Brief. Zwei Tage ſpäter reiſte er nach Paris ab, nach⸗ dem er ſeine Statue von Corneille der Lotterie über⸗ geben hatte. Die Statue gewann ein Schneider, der ſie vor ſein Haus ſtellte und als Schild: Zum großen Cor⸗ neille, annahm. Sie blieb zehn Jahre vor der Thüre des Schneiders und verlor am Ende ihre Form unter dem Regen, dem Winde und dem Schnee. Am Tage ſeiner Ankunft in Paris begab ſich Herr Guſtave zu mir. Abenteuer eines Schauſpielers. 14 Man hat ſeinen Eintritt geſehen, man hat die Erzählung, die er mir machte, gehört. Dieſe Erzählung brachte einen gewiſſen Eindruck auf mich hervor, wie man ſieht, da ich ſie nach zwan⸗ zig Jahren dem Leſer vor Augen lege. 1 Ich ſchaute dieſen hübſchen Burſchen von fünf und zwanzig Jahren an, der ſchon ein ſo hartes Leben geführt hatte. „Nun, und dann?“ ſagte ich. „Sie werden mir irgendwo Eingang verſchaffen.“ „Wo wollen Sie am Liebſten eintreten?“ „Ei! bei der Porte Saint⸗Martin.“ „Gut! wir wollen unſer Möglichſtes thun. Be⸗ ſuchen Sie mich übermorgen wieder,— ich werde mit Harel geſprochen haben.“ XXI. Schlechte Laune von Harel.— Guſtave beſucht Herrn Merle.— Herr d'Epagny.— Die Un 5 friedenen.— Eine Lithographie.— Mademoiſelle Georges.— Am andern Tage war ich bei Harel, wie ich es dem Schützling von Dorval verſprochen. Ich blieb einen Augenblick, ehe ich eintrat, vor dem Theater der Porte Saint⸗Martin ſtehen. Oben auf dem Zettel fanden ſich die Worte: „Letzte Vorſtellung vom Thurme von Nesle.“ Der Thurm von Nesle iſt in der That ſeitdem kaum ſechshundertmal gegeben worden. 211 Bocage verließ die Rolle und ſogar die Porte Saint⸗Martin. Ich fand Harel in einer abſcheulichen Laune. Er ſchlug mich mit Verluſt zurück bei den erſten Worten, die ich ihm von Herrn Guſtave ſagte. Ich hatte wohl meinen Recurs an Georges, doch wenn Harel ſchlechter Laune war, ſo war ſelbſt die Georges ſchlechter Laune. Ich hatte mich genug mit dem Hauſe vertraut ge⸗ macht, um dies zu wiſſen, und nahm daher meinen Rückzug beim erſten Rüſſelſchlag, den ich erhielt. Am andern Tage ſah ich Herrn Guſtave wieder. „Der Wind iſt auf Hugo,“ ſagte ich ihm;„in die⸗ ſem Augenblick iſt nichts für mich bei der Porte Saint⸗ Martin zu machen. Es ſcheint, Hugo ſchreibt ein Drama.“ „Geben Sie mir eine Zeile für Hugo.“ „Ich kann nicht: wir ſind entzweit.“ „Kennen Sie Herrn d'Epagny? Man ſpielt mor⸗ gen oder übermorgen ein Stück von ihm.“ „Ja, die Unzufriedenen. Es kommt in dem Stücke, wie es ſcheint, eine herrliche Decoration von Söchan vor.“ „Ich fragte Sie, ob Sie Herrn d'Epagny kennen?“ „Wie wir uns Alle kennen: nicht genug, um Sie⸗ ihm zu empfehlen... Warten Sie aber: kennen Sie Merle, den Mann von Dorval?“ „Ja, ſeine Frau hat mir einen Brief an ihn ge⸗ geben.“ „So beſuchen Sie Merle.“ „Ich werde Merle beſuchen,“ erwiederte Herr Guſtave. „Kennen Sie Herrn d'Epagny?“ fragte er Merle. „Bei Gott! das iſt ein Freund von mir.“ „So geben Sie mir einen Brief an ihn.“ „Gern.“ 212 Merle ſetzte ſich an ſein Bureau, ſchrieb mit ſeiner hübſchen, kleinen, feinen, ſauberen Schrift einen Brief an ſeinen Freund d'Epagny und gab ihn Herrn Gu⸗ ſtave. Es war zwei Uhr Nachmittags. „Gehen Sie heute nicht zu ihm,“ ſagte Merle; „Sie würden ihn nicht mehr zu Hauſe finden: er wird auf einer Probe ſein. Gehen Sie morgen.“ „Um welche Stunde?“ „Um zehn Uhr Morgens.“ Am andern Tage auf den Schlag zehn klingelte Herr Guſtave bei d'Epagny. Ein Frau von mittlerem Alter öffnete die Thüre. Es war die Haushälterin vom Verfaſſer von: Do⸗ minique oder der Beſeſſene, einem reizenden kleinen Stücke, das bewunderungswürdig im Theatre⸗ Français von Monroſe Vater geſpielt wurde. „Iſt Herr d'Epagny zu Hauſe?“ „Was wollen Sie von ihm?“ „Ich habe ihm einen Brief zu übergeben.“ „Von wem?“ „Von einem ſeiner Freunde.“ Die Haushälterig hatte große Luſt, nach dem Namen des Freundes zu fragen, ohne Zweifel wagte ſie es aber nicht. 3 Sie öffnete die Thüre vom Cabinet ihres Herrn und ſagte: 2 „Hier iſt ein junger Mann, der Ihnen einen Brief von einem Ihrer Freunde übergeben will.“ „Wo iſt er?“ fragte Herr d'Epagny, die Naſe er⸗ hebend.. „Hier, mein Herr,“ erwiederte Guſtave, indem er vortrat und ſo angenehm, als es ihm nur immer mög⸗ lich, lächelte. „Sie bringen mir einen Brief von einem meiner Freunde?“ 5 A1— n8 ⸗ N— 213 „Ja, mein Herr.“ „Der Name dieſes Freundes?“ „Herr Merle.“ „Herr Merle iſt nicht mein Freund,“ entgegnete d'Epagny die Augen verdrehend. „Herr Merle iſt nicht Ihr Freund?“ ſtammelte Guſtave. 3 „Nein! und zum Beweiſe leſen Sie den Artikel, den er mir in ſeiner Quotidienne in Betreff meiner erſten Vorſtellung der Unzufriedenen. zugeſchleu⸗ dert hat.“ Und er ſtörte in ſeinen Papieren, um die Quoti⸗ dienne zu ſuchen, die er nach einer Viertelſtunde end⸗ lich entdeckte. 4 „Leſen Sie!“ ſprach er. „Oh!“ machte Guſtave. „Nun! was ſagen Sie?“ „Ich ſage, er muß einen beſonderen Grund haben, gegen die Porte Saint⸗Martin aufgebracht zu ſein, um ſo von einem ſo ſchönen Werke zu ſprechen.“ „Sie haben es geſehen?“ „Das Werk? Seit drei Tagen gehe ich dahin.“ D. Epagny ſchaute Herrn Guſtave ins Geſicht. „Ei!“ ſagte er,„Sie haben ein hübſches Aus⸗ ſehen.“ 1 „Deſto beſſer.“ „Geben Sie mir immerhin Ihren Brief. Ah! ſind ein Maler?... Gut!“ „Wie, gut?“ „Ich weiß, was ich meine.“ „Ich verſtehe nicht recht...“ „Kennen Sie Harel?“ „Ich habe nicht die Ehre.“. „Stelle ich Sie als Schauſpieler vor, ſo wird er nichts von Ihnen wollen.“ „Ah! ah!“ Si 214 „Während er, wenn ich Sie als Maler vorſtelle, bedauern wird, daß Sie nicht Komödie ſpielen.“ „So iſt alſo Herr Harel?“ „Oh! ich kenne ihn, er hat Geiſt; doch wir wer⸗ den mehr haben.“. „Sprechen Sie für ſich.“ „Warten Sie doch... war... ten... Sie!“ D'Epagny überlegte. „Ich habe ein Mittel gefunden.“ „Welches?“ „Können Sie lithographiren?“ „Ich kann von Allem Etwas.“ „Dann frühſtücken Sie mit mir.“ „Ich habe gefrühſtückt.“ „Was haben Sie gegeſſen?“ „Ein Ei und eine Cotelette.“ „Nun, das wird zwei Eier und zwei Cotelettes machen; man hat in Ihrem Alter Appetit.“ „Ja! man hat oft zu viel; und es gibt Umſtände, wo das beſchwerlich iſt.“ „Ah! ahl es ſcheint, wir haben von der wüthen⸗ den Kuh gegeſſen?“ „Hätten wir Kuhfleiſch dehaut. ſo würden wir uns nicht beklagt haben... ſelbſt wenn die Kuh wüthend geweſen wäre).“ D Epagny klingelte. „Vier Eier, vier Cotelettes.“ „Ich habe aber die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen...⸗ *) Man ſagt ſprüchwörtlich in Frankreich; manger de la vache enragée, was bedeutet: Kummer und Noth leiden, Beſchwerden und Elend erleben; wegen der Er⸗ wiederung von Herrn Guſtave mußten, wir aber dem Worte des Originals getreu bleiben. e, 21⁵ „Stille!“ „Oh! wofern Sie mir Aufnahme beim Theater der Porte Saint⸗Martin verſchaffen, werde ich Alles thun, was Sie wollen.“ Man brachte die vier Eier und die vier Cote⸗ ettes. Herr Guſtave ſchickte ſich an, ſein Ei auszutunken. „Was machen Sie denn!“ rief d'Epagny. „Ich! nichts... Sie ſehen, ich eſſe mein Ei,“ erwiederte Herr Guſtave ganz erſchrocken. „Ißt man ſo die Eier?“ „Entſchuldigen Sie mich... verzeihen Sie. ich glaubte...“ „Geben Sie mir Ihr Ei.“ Herr Guſtave reichte ſein Ei d'Epagny. „Sehen Sie, ſo wird das zubereitet.“ D'Epagny that in gleichen Maßen in das Ei von Herrn Guſtave ein Stückchen Butter, etwas Salz, etwas Pfeffer, drehte die Miſchung mit ſeinem Meſſer um und um, und gab das Ei ſeinem Gaſte zurück. Herr Guſtave aß ſein Ei ſo ernſthaft als er konnte. Nach dem Frühſtück klingelte d'Epagny. „Was verlangt der Herr?“ fragte die Haushälte⸗ rin ganz erſtaunt. „Meinen Rock.“ „Wozu?“ „Ich gehe aus.“ „Der Herr geht aus?“ „Allerdings gehe ich aus.“ „Der Herr hat aber keine Probe?“ „Ich habe zu thun.“ „Zu thun?“ „Stille! Ich will ausgehen.“ „Das iſt etwas Anderes.“ Ganz verdutzt, daß Herr d'Epagny eine Angele⸗ 216 genheit hatte, die ſie nicht kannte, brachte die arme Haushälterin den Rock und zog ihn traurig ihrem Herrn an. D'Epagny iſt ein vortrefflicher Mann, ganz Herz und ganz Flamme, trotz ſeiner fünf und ſechzig oder ſechs und ſechzig Jahre,— er muß wohl ſo alt ſein; doch vor zwanzig Jahren zählte er erſt fünf und vier⸗ zig, und er war noch mehr als heute bereit, ſich zu entflammen und Dienſte zu leiſten. 1 Und wer weiß? mit dem Alter wird der Gute noch beſſer. Er faßte Herrn Guſtave unter dem Arm und führte ihn nach der Paſſage du Cairo. Dort druckte man ſein Stück. Er nahm ein Blatt und faltete es zuſammen. „Dies iſt das Format meiner Brochure,“ ſprach er. „Gut!“ „Sie haben mein Stück geſehen?“ „Dreimal, wie ich Ihnen ſagte.“ .„Es iſt wahr. Nun! ſo machen Sie mir eine Lithographie von Mademoiſelle Georges in ihrer gro⸗ ßen Scene und bekümmern Sie ſich nichts um das Uebrige.“ In Wahrheit hatte Herr Guſtave weder Made⸗ moiſelle Georges, noch das Stück geſehen. Doch er ging am Abend ins Theater und machte von ſeinem Sperrſitze ein Croquis von Mademoiſelle Georges in ihrer großen Scene. Drei Tage lang blieb er mit der Naſe auf dem Steine; als er am dritten Tage ſein Meiſterwerk voll⸗ endet glaubte, ließ er eine Probe abziehen und brachte ſie d'Epagny. 3 „Das iſt es, bei Gott! das iſt es!... Thereſe! ... Ah! Sie ſind vortrefflich in der Lithographie, junger Mann... Thereſe!“ „Hier bin ich, Herr.“ +— 217 „Nähe mir dieſe Lithographie vorne in meine Brochure.“, „Ja, Herr... Ah! das iſt Mademoiſelle Georges.“ „Sie ſehen, daß ich ſie nicht veranlaſſe, dies zu ſagen... Ja, es iſt Mademoiſelle Georges. Glaubſt Du, ſie werde zufrieden ſein, Thereſe?“ „Ich glaube wohl.“ .„Ah! es wird Alles wie auf Rädchen gehen, jun⸗ ger Mann. Seien Sie heute Abend um acht Uhr in der Rue de Bondy, beim Eingange der Künſtler.“ „Man wird dort ſein.“ „Gehen Sie nun.“ „Heute Abend, Herr d'Epagny.“ „Heute Abend!“ Guſtave entfernte ſich das Herz voll Hoffnung. Am Abend, zur bezeichneten Stunde, war er auf ſeinem Poſten. Fünf Minuten nachher erkannte er d'Epagny in der Dunkelheit und eilte ihm entgegen. „Nun?⸗ „Hier bin ich! Gehen wir hinauf.“ Beide gingen hinauf. „Begeben Sie ſich auf die Bühne; ich will Ma⸗ demoiſelle Georges an der Thüre ihrer Loge er⸗ warten.“ Herr Guſtave war von einem Wuchſe und von einem Aeußeren, um nicht unbemerkt in den Couliſſen eines Theaters zu bleiben. Fünf Minuten nach ſeinem Eintritt entſtand ein Aufruhr. „Wer iſt dieſer?... Woher kommt er?.. Wohin geht er... Was will er?“ „Ein ſchöner Junge!“ ſagten die Frauen. „Puh!“ erwiederten die Männer. 218 Mittlerweile fiel der Vorhang, und die Georges kehrte in ihre Loge zurück. „Mademoiſelle Georges!“ „Ah! es iſt Herr d'Epagny,“ ſagte die Künſtlerin mit der etwas gedehnten Betonung, die einen ſo gro⸗ ßen Zauber einer Stimme verlieh, welche durch die ſchönſten Zähne und die ſchönſten Lippen der Welt kam. „Ja, ich bin es. Ich komme, um Ihnen dies zu bringen.“ „Was iſt dies?“ „Nunl! es iſt unſere Brochure.“ „Ah! ich danke!“ Die Georges ſtreckte nachläßig ihren Arm aus, um die Brochure auf ihr Canapé fallen zu laſſen. „Sie ſchauen die Lithographie nicht an?“ „Ahl es iſt eine Lithographie dabei?“ „Sehen Sie.“ „Was ſtellt ſie vor?“ „Sie in Ihrer großen Scene.“ „Ah! wahrhaftig?“ Die Georges öffnete die Brochure. „Ohl wie hübſch iſt das!“ rief ſie. „Sie finden?“ „Ich glaube wohl!... Wer hat das gemacht?“ „Einer meiner Freunde, ein junger Maler.“ „Wo iſt er?⸗ „In den Couliſſen.“ „Was macht er in den Couliſſen?“ „Eil Sie begreifen, es iſt das erſte Mal, daß er Gelegenheit hat, den Fuß auf die Bühne zu ſetzen, und er benützt dies.“ 1 „Holen Sie mir ihn.“ —— „— 219 XXII. Die Angel iſt beködert.— Kriegsliſt des Protectors von Herrn Guſtave.— Die Gelegenheit bei den Haaren erfaßt. — Eine Scenenprobe vom Thurme von Nesle.— Herr Guſtave ſpielt Buridan auf dem Theater der Porte Saint⸗Martin unter ſeinem wahren Namen.— Nach fünf Minuten kam d'Epagny zurück: er führte Herrn Guſtave, der wie eine Brant erröthete, an der Hand. „Oh! mein Herr,“ ſagte die Georges mit ihrem bezauberndſten Tone,„kommen Sie doch! Das iſt ja leiundernigowüidig das iſt ja äußerſt ähnlich! das iſt. In dieſem Augenblicke hörte man einen Schlüſſel ſich im Schloſſe des Cabinets von Harel drehen, das von der Loge der Georges nur durch eine Scheidewand getrennt war. „Ahl“ ſagte die Georges,„Harel iſt da... Harel! Hapel!" „Was?“ fragte Harel durch die Scheidewand. „Komm hierher.“ „Sogleich.“ Bald trat Harel, ſich nach ſeiner Gewohnheit die Hände reibend, ein. G 5 „So ſieh doch.“ Harel lief herbei. Die Georges zeigte ihm die Lithographie. „Was ſagſt Du hierüber?“ Harel, der gewöhnlich wartete, daß Georges eine Meinung ausſprach, um es zu wagen, auch eine zu haben, zog ſeine Tabatisre aus der Taſche, während 220 er die Lithographie anſchaute, ſtopfte ſeine Naſe mit Tabak voll und erwiederte: „Hierüber?... Hm! hm! das iſt eine Litho⸗ graphie.“ „Ja, allerdings, Einfaltspinſel; doch was ſagſt Du von dieſer Lithographie?“. „Hum... hum... hum!“ „Sie iſt reizend.“ „Reizend!“ wiederholte Harel. „Anbetungswürdig!“ „Anbetungswürdig!“ wiederholte Harel. „Entzückend!“ „Entzückend!“ wiederholte Harel. Herr Guſtave trank ſein Lob mit vollen Zügen. Als die Scene lange genug gedauert hatte, gab dEhagn Herrn Guſtave einen Stoß mit dem Ellen⸗ ogen. Herr Guſtave, der ſeine Leute kannte, verbeugte ſich und ging ab. 1 Die Georges folgte ihm mit den Augen. „Nun! wohin geht denn Ihr junger Mann?“ fragte ſie. „Ich ſagte Ihnen, er wiſſe nicht, was ein Theater iſt; der Gedanke, einen Abend in den Couliſſen zuzu⸗ bringen, entzückt ihn, und er will keine Minute ver⸗ lieren.“ Er trat ſodann an die Thüre, als wollte er ſehen, ob Herr Guſtave ſich entfernt habe, und fügte, ſich an die Georges und an Harel wendend, bei: „Welch ein Unglück, daß dieſer Junge nicht Ko⸗ mödie ſpielt!“— „Es iſt in der That ein Unglück!“ verſetzte die Georges. „Ein ſehr großes Unglück!“ rief Harel. „Eine ſchöne Stimme!“ „Sehr ſchön!“ ſagte die Georges. — 221 „Herrlich!“ rief Harel. „Eine ſchöne Geſtalt für einen Heldenſpieler!... Adieu, Harel! Adieu, Mademoiſelle Georges! Ich will zu ihm in die Couliſſen gehen; ich habe ihm geſagt, er ſoll ſich bei der Lyra aufhalten, doch ich befürchte ſehr, er weiß nicht, was die Lyra iſt, und ſtürzt am Ende umherirrend durch eine Fallthüre.“ „Gehen Sie.“ D'Epagny entfernte ſich. „Nun?“ fragte Herr Guſtave. „Die Angel iſt beködert, ſeien Sie unbeſorgt, bei der erſten Gelegenheit wird der Fiſch anbeißen.“ „Sie glauben?“ 3 „Ich bin deſſen ſicher. Mittlerweile ſeien Sie alle Abende von acht Uhr bis halb neun Uhr beim Eingange des Theaters.“ „Jg. „Sie hören?“— „Sehr gern; ich habe nichts zu thun.“ Und alle Abende während der ſechzig erſten Vor⸗ ſtellungen der Unzufriedenen fand man ſich vor dem Theater. Sobald ſie beiſammen waren, gingen der Dichter und der Maler hinauf und traten in die Conliſſen ein. Es war das immer in einem Zwiſchenact. D'Epagny lief gerade auf das Loch am Vor⸗ hang zu. Sah er eine Menge von Zuſchauern, ſo ſagte er: „Schön! beſuchen wir die Georges! Harel wird guter Lanne ſein.“ Fanden ſich Leeren im Saale, ſo ſagte er: „Es iſt heute nichts zu machen! Bleiben Sie, wenn Sie das beluſtigt; ich, ich gehe.“ Und er ging in der That. Herrn Guſtave ſchenkte Niemand mehr die geringſte Aufmerkſamkeit: es war ein Maler. 222 Die Tage folgten indeſſen auf die Tage. Herr Guſtave hatte ſeine Dublonen erſchöpft und ſchon ſeine Garderobe angegriffen. Das Erſte, was er verkaufte, war eine Generals⸗ uniform. Die Achſelſchnüre, die Epauletten, die ſilber⸗ nen Schnallen, der goldgeſtickte Rock gingen an einen Händler des Börſenplatzes über. Und ſo defilirte allmälig die Garderobe, und je mehr ſie defilirte, deſto dringlicher wurde Herr Guſtave, und deſto nachdrücklicher ſprach d'Epagny: „Welch ein Unglück, daß, ſtatt Maler zu ſein, mein Maler nicht Schauſpieler iſt!“ Und wenn d'Epagny weggegangen war, ſagte die Georges zu Harel: „Aber was hat denn d'Epagny, daß er immer die⸗ ſelbe Phraſe wiederholt?“ „Welche Phraſe?“ fragte Harel. „Wie, welche Phraſe?“ „Ja, ich frage Dich, welche Phraſe?“ „Du hörſt ihn alſo nicht?“ „Höre ich, was d'Epagny ſagt?“ „Er ſagt:„„Welch ein Unglück, daß mein Maler nicht Schauſpieler iſt.““ „Das iſt eine angenommene Gewohnheit.“ „Möglich!“ erwiederte die Georges. Und ſie kehrte in Scene zurück, grüßte Herrn Guſtave, den ſie auf ihrem Wege fand, und wiederholte wie d'Epagny: „Es iſt in der That ein Unglück, daß Herr Gu⸗ ſtave nicht Schauſpieler iſt. Welch ein ſchöner Mann für Helden und Charakterrollen wäre er!“ Eines Tags oder eines Abends nahm Harel den Thurm von Nesle wieder auf. Der Saal war gedrängt voll. Delaiſtre ſollte den Buridan ſpielen. — N 223 D'Epagny und Herr Guſtave kamen wie ge⸗ wöhnlich. Man ſpielte Jeaune Vaubernier vor dem großen Stücke. „Ah! Sie da, Harel,“ ſagt d'Epagny. 2„Guten Abend,“ antwortet Harel mit barſchem one. D'Epagny wendet ſich um und ſieht hinter ſich das ſchöne, ernſte Geſicht von Georges. „Mein junger Mann...“ ſpricht er zu Georges. „Laſſen Sie mich in Frieden mit Ihrem jungen Manne,“ ruft Harel.„Kann er mir heute Abend Bu⸗ ridan ſpielen?“ „Wie, Ihnen Buridan ſpielen?“ „Ja, mir Buridan ſpielen. Herr Delaiſtre läßt mir ſo eben ſagen, er ſei krank. Nicht wahr, Ihr junger Mann kann mir Buridan nicht ſpielen?“ „Ei! doch wohl, er kann ihn ſpielen,“ erwiedert d'Epagny, der die Gelegenheit bei den Haaren erfaßt. „Er kann ihn mir ſpielen?“ ruft Harel, indem er d'Epagny beim Kragen packt. „Ja, er kann es.“ „Wie ſo?“ „Er iſt ein Schauſpieler.“ „Wie, er iſt ein Schauſpieler?“ „Ja, er iſt ein Schauſpieler.“ „Sie haben mir geſagt, er ſei ein Maler!“ „Nun! was dann? Er iſt ein Schauſpieler⸗Maler oder ein Maler⸗Schauſpieler, wie Sie wollen.“ „Wo iſt er?“ „Dort bei der Lyra.“ „Holen Sie mir ihn.“ D'Epagny ſtürzte fort, um Herrn Guſtave aufzu⸗ uchen. Er fand ihn hinter einer Conliſſe. „He! geſchwinde,“ ſagte er.„Das wird warm, 224 das flammt, das brennt! Kommen Sie, kommen Sie.— „Wo denn?“ „In der Loge der Georges.“ Man ging in die Loge der Georges. Harel ließ Herrn Guſtave'nicht Zeit, einzutreten. „Sind Sie im Stande, mir Buridan zu ſpielen?“ rief er ihm zu, ſobald er ihn erblickte. „Gewiß.“ „Sie können die Rolle?“ „Ich habe ſie zwanzigmal geſpielt.“ „Doch heute Abend...“ „Ich ſpiele ſie in zehn Minuten.“ „Wie, ohne Probe?“ „Gut! ich werde eine kleine Scenenprobe halten. Und dann im Ganzen...“ „Was, im Ganzen...“ „Sie werden die Gefälligkeit haben, eine Ankün⸗ digung zu machen.“ „Man wird ſie machen. Gehen Sie ins Magazin hinauf, um die Coſtumes anzuprobiren.“ „Unnöthig, ich habe die meinigen.“ „Sind ſie anſtändig?“ „Ohl ſeien Sie unbeſorgt; ich habe ſie ſelbſt ge⸗ malt: das iſt weniger koſtſpielig und ſchöner. In zehn Minuten bin ich hier.“ 1 „Gehen Sie, junger Mann!l gehen Sie!“ Herr Guſtave ſtürzte aus der Loge. Harel wandte ſich gegen die Georges um. „Haſt Du gehört, was er geſagt hat?“ „Er werde die Rolle von Buridan ſpielen.“ „Oh! nein, das iſt abgemacht.“ „Was hat er denn geſagt?“ „Er hat geſagt, die gemalten Coſtumes ſeien min⸗ der koſtſpielig und ſchöner.“ „Nun?“ 4 225 „Wenn wir in ſein Engagement ſetzen würden, er habe uns die Coſtumes zu malen??“ „Willſt Du ſchweigen, Knauſer!“ rief die Georges, indem ſie Harel ein Kiſſen an den Kopf warf. „Ah! Du verſtehſt nichts von der Verwaltung.“ Nach fünf Minuten war Herr Guſtave zurück. Ziemlich häßlich von nahe, wie eine Decoration, war das Coſtume von Herrn Guſtave von der Entfer⸗ nung geſehen in der That herrlich. Herr Guſtave hatte es auf Calicot nach einer byzantiniſchen Zeichnung gemalt; ſodann hatte er nach einer Andeutung von mir, ſtatt den Degen an einer die Taille umſpannenden Kuppel zu tragen, ſein Wehrgehenk an ſeine Jacke nähen laſſen, was ſeinem Coſtume den ſcharfen Cha⸗ rakter des dreizehnten Jahrhunderts verlieh. Das Uebrige des Coſtume war im Atelier von Saint⸗Evre, nach einem Herrn vor ſeinem Bilde Ines von Portugal nach ihrem Tode gekrönt, ge⸗ zeichnet worden. Eine Viertelſtunde nachher ging an den Couliſſen ein Buridan auf und ab, der das Ausſehen einer aus einem Tapetenwerk herabgeſtiegenen Perſon hatte. Die Georges gab einen Schrei von ſich, als ſie ihn erblickte. „Ahl er iſt herrlich!... Schau doch, Harel, welch ein ſchönes Coſtume!“ „Du findeſt?“ „Wie, Du findeſt nicht?“ „Doch, herrlich, prächtig!“ Er fügte ſodann leiſe bei: 3 „Gleichviel, das meinige war mir lieber... Auf, meine Kinder, zur Scenenprobe!l“ Man ging in den Hintergrund der Bühne und probirte einzelne Scenen. Während dies geſchah, ſiel der Vorhang nach dem Ende des dritten Actes der Komödie. Abenteuer eines Schauſpielers. 15 8* 226 „Die Ankündigung?“ fragte Herr Guſtave. „Ganz richtig,“ erwiederte Harel. Und er rief: „Mosſſard! Moöſſard! Mosſſard!“ „Hier bin ich, Herr Harel, hier bin ich,“ ſagte Mosſſard, indem er ſich vor Harel ſo tief bückte, als es ihm ſein dicker Bauch erlaubte. „Geſchwinde, Moöſſard, eine Ankündigung!“ „In welchen Ausdrücken, Herr Harel?“ „In welchen Sie wollen, bei Gott!“ „Verzeihen Sie, Herr Harel, ich ſpreche die An⸗ kündigungen, doch ich verfaſſe ſie nicht; verfaſſen Sie die Ankündigung, Herr Harel, und ich werde ſie ſprechen.“ „Eh! nun, das iſt ganz einfach:„„Herr Delaiſtre iſt plötzlich unpäßlich geworden; Herr So und ſo, ein von Rouen ankommender Künſtler, der ſich zufällig in den Couliſſen befindet, hat ſich erboten, die Rolle von Buridan zu ſpielen. Er bittet das Publikum um Nachſicht.““ „Aber Herr So und ſo iſt kein Name,“ verſetzte Moöſſard. „Es iſt wahr,“ ſagte Harel;„wie heißen Sie?“ „Guſtave.“ 6 „Das iſt ein Provinzname, der in Paris nichts — —— gilt. Suchen Sie geſchwinde einen andern Namen.“ „Ich brauche keinen zu ſuchen: ich habe den meinigen.“ „Ganz richtig... Und Ihr Name iſt?“ 8 „Mélingue.“ „Ein guter Name, bravo! ein guter Name! Moöſſard, Sie hören!„„Herr Delaiſtre iſt plötzlich unpäßlich geworden; Herr Mélingue, ein von Rouen ankommender Künſtler, der zufällig in den Couliſſen des Theaters der Porte Saint⸗Martin anweſend iſt, erbietet ſich, die Rolle des Buridan zu ſpielen.““ — —n— 227 „Gut, Herr Harel... Geben Sie das Zeichen.“ „Fügen Sie bei, Moöſſard...“ „Herr Harel?“ „Fügen Sie bei, die Coſtumes gehören ihm.“ „Ja, Herr Harel.“ „Herr Méölingue, hören Sie wohl? Herr Mé⸗ lingue.“ „Ja, Herr Harel.“ Das iſt die wahrhafte Geſchichte der Abenteuer und Drangſale von Herrn Etienne Marie Mélingue, dem ehemaligen Unglücksgefährten von Herrn Hippo⸗ lyte(Tiſſerand), vom Tage ſeiner Geburt bis zum Tage, wo er in der Rolle von Buridan auf dem Theater der Porte Saint⸗Martin auftrat. Und in den zwanzig darauf folgenden Jahren hat die Pariſer Welt ſeine weitere Laufbahn mit ſo un⸗ geſchwächtem, ſo ungetheiltem Beifall verfolgt, daß aus dem Abenteurer ein Mann der Geſchichte der dramati⸗ ſchen Kunſt geworden iſt. Ende.