— jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt für ntchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr. Ff. defecte Bücher(namentlich Vesſſet een mit upfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Leihbi bliothet rrutſher. englifcher und franzö öſiſcher Literatur Eduard Oltmann in bieen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen.— 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliot thek ſteht zur Em⸗ vfangnayine und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und „ 2 5. Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deſet Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, we elche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen habe — 4 — ₰——y—y— —— Kleine Romane und Novellen. Vierter Band. 1 5 Kleine Romane und Novellen von Alexander DBumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Wilh elm Ludwig Weſché. Vierter Band. Otto der Schütz.— Chronik König Pipins. Leipzig, 1849. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Wien, bei Wittenbecher, Siegel und Kollmann. Wallnerſtraße Nr. 263. Otto der Schütz. Rheiniſche Sage. Chronik vom König Pipin. Von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von W. L. Weſché. — 4944— Leipzig, 1349. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Wien, bei Wittenbecher, Siegel und Kollmann. Wallnerſtraße Nr. 263. I. Otto der Schütz. I. Gegen das Ende des Jahres 1340, in einer kalten, aber noch ſchönen Herbſtnacht, folgte ein Reiter dem ſchmalen Wege, welcher längs dem linken Ufer des Rhei⸗ nes hinführt. Wegen der ſpäten Stunde und dem raſchen Schritte, den er ſein Pferd einſchlagen ließ, ſo ermüdet es auch von dem bereits zuruͤckgelegten langen Tages⸗ marſche ſein mogte, hätte man glauben können, daß er zum Mindeſten während einiger Stunden in der kleinen Stadt Oberwinter einkehren würde, in die er ſo eben ein⸗ geritten war; aber er ſchlug im Gegentheile in demſelben Schritte und wie ein Mann, dem ſie bekannt ſind, die ſchmalen und krummen Straßen ein, welche ſeinen Weg um einige Minuten abkürzen konnten, und erſchien bald darauf an der andern Seite der Stadt; indem er ſie du durch das entgegengeſetzte Thor wieder verließ. Da in ——— dem Augenblicke, wo man das Fallgatter hinter ihm her⸗ abließ, der bis dahin in Mitte des Wolkenmeeres, das ſeine phantaſtiſchen Wellen an den Himmel dahin rollte, verſchleierte Mond gerade in einen, wie ein ruhiger See reinen und glaͤnzenden Raum trat, ſo wollen wir dieſen flüchtigen Strahl benutzen, um einen raſchen Blick auf den nächtlichen Reiſenden zu werfen. Er war ein Mann von vierzig bis fünfzig Jahren, von mittlerer Größe, aber von athletiſchem und breit⸗ ſchultrigem Baue, der, ſo ſehr ſtimmten ſeine Bewegun⸗ gen mit denen ſeines Pferdes überein, mit ihm aus dem⸗ ſelben Felſenblocke gehauen zu ſein ſchien. Da man ſich in Freundes Land, und dem zu Folge fern von aller Ge⸗ fahr befand, ſo hatte er ſeinen Helm an den Sattelknopf gehängt, und trug nur eine kleine, mit Tuch gefütterte Kapuze von Panzerringen, die, wenn der Helm an ſeinem gewöhnlichen Orte war, ſpitz zwiſchen den beiden Schultern herabfiel, um ſeinen Kopf gegen die feuchte 5 Nachtluft zu ſchützen. Wahr iſt es, daß ein langes und dichtes Haar, das grau zu werden begann, ſeinem Herrn denſelben Dienſt erwies, welche ihm die bequemſte Kopf⸗ 2 bedeckung hätte erweiſen können, indem es außerdem, wie 4 in einen natürlichen Rahmen, ſein zugleich ernſtes und friedliches Geſicht, wie das eines Löwen einfaßte. Was ſeinen Stand anbelangt, ſo wäre er nur für die wenigen Perſonen ein Geheimniß geweſen, welche zu jener Zeit die heraldiſche Sprache nicht kannten, denn wenn man die Augen auf ſeinen Helm warf, ſo ſah man aus ſeiner Grafenkrone, welche deſſen Schmuck bildete, einen nackten — 9— Arm hervortreten, der ein bloßes Schwert erhob, wäh⸗ rend auf der andern Seite des Sattels auf dem rothen Grunde des als Gegenſtück aufgehängten Schildes die drei goldenen, zu zwei und eins aufgeſtellten Sterne des Hauſes Homburg glänzten, eines der älteſten und der angeſehenſten von ganz Deutſchland. Wenn man jetzt mehr über die Perſon wiſſen will, die wir haben auftreten laſſen, ſo fügen wir hinzu, daß der Graf Karl aus Flandern zurückkehrte, wohin er auf Befehl Kaiſer Lud⸗ wig V. von Baiern gegangen war, um Eduard III. von England, welcher achtzehn Monate zuvor zum General⸗ vikar des Reiches ernannt worden, den Beiſtand ſeines tapfern Schwertes zu leihen, und dieſer hatte ihm, mit⸗ telſt des einjährigen Waffenſtillſtandes, den er mit Phi⸗ lipp von Valois durch die Vermittelung der Frau Jo⸗ hanna, Schweſter des Königs von Frankreich und Mutter des Grafen von Hennegau, abgeſchloſſen hatte, für den Augenblick ſeine Freiheit gegeben. Auf der Höhe des kleinen Dorfes Mühlheim ange⸗ langt, verließ der Reiſende die Heerſtraße, der er von Coblenz aus gefolgt war, um einen Fußpfad einzuſchla⸗ gen, der unmittelbar in das Land führte. Einen Augen⸗ blick lang verloren ſich Pferd und Reiter in einem Hohl⸗ wege, bald darauf erſchienen ſie wieder auf der andern Seite, indem ſie einen Weg über die Ebene einſchlugen, den beide gut zu kennen ſchienen. In der That, nach⸗ dem es fünf Minuten vorwärts geſchritten, erhob das Pferd den Kopf und wieherte, wie um ſeine Ankunft zu melden, und dieſes Mal, ohne daß ſein Herr nöthig ——yyy—— * — — ——— — 10— hatte, es weder durch Worte noch mit dem Sporn anzutrei⸗ ben, ſteigerte es ſeinen Eifer, ſo daß ſie nach Verlauf eines Augenblickes das kleine, in einem Baumdickicht ver⸗ ſteckte Dorf Godesberg in der Dunkelheit zu ihrer Linken ließen, und indem ſie den Weg verließen, welcher von Rolandseck nach Bonn führt und ſich ein zweites Mal links wandten, ſchritten ſie geraden Weges auf das auf der Höhe eines Hügels liegende Schloß zu, welches den⸗ ſelben Namen als das Dorf führt, ſei es nun, daß es ihm denſelben gegeben, oder denſelben von ihm erhal⸗ ten hat. Es war jetzt augenſcheinlich, daß das Schloß Godes⸗ berg das Ziel der Reiſe des Grafen Karl war, aber was noch weit ſicherer war, daß er an den Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung mitten in einem Feſte anlangen würde. In dem Maße, als er den ſchneckenförmigen Weg hinaufritt, welcher von dem Fuße des Berges ausging und an dem großen Thore endigte, ſah er jede Seite des Schloſſes nach der Reihe Licht aus allen ihren Fenſtern verbreiten; dann ſah er hinter den hell erleuchteten Vorhängen ſich zahlreiche Schatten bewegen, welche mannigfaltige Gruppen bildeten. Er ſetzte nichts deſto weniger ſeinen Weg fort, ſo daß er einige Minuten nachher durch das Schloßthor ritt, obgleich es nach dem leichten Runzeln ſeiner Stirn nicht ſchwer geweſen wäre, zu ſehen, daß er vorgezogen hätte, in den vertrauten Familienkreis zu treten, als in das Getümmel eines Feſtes. Der Hof war voll von Knappen, Dienern, Pfer⸗ den und Sänften, denn wie wir geſagt, fand ein Feſt — — 11— auf Godesberg ſtatt. Kaum war demnach der Graf Karl abgeſtiegen, als ein Haufen von Dienern und Knech⸗ ten erſchien, um ſich ſeines Pferdes zu bemächtigen und es in die Ställe zu führen. Aber der Ritter trennte ſich nicht ſo leicht von ſeinem treuen Gefährten; er wollte es daher auch der Obhut Niemandes anvertrauen, und in⸗ dem er es ſelbſt bei dem Zügel nahm, führte er es in einen abgeſonderten Stall, in welchen man die eigenen Pferde des Landgrafen von Godesberg ſtellte. Obgleich über dieſe Kühnheit erſtaunt, ließen ihn die Diener doch gewähren, denn der Ritter hatte mit ſolcher Zuverſicht gehandelt, daß er ihnen dadurch das Vertrauen eingeflößt hatte, er habe das Recht, ſo zu handeln. Als Hans, das war der Name, welchen der Graf ſeinem Pferde gab, an einem der leeren Plätze angebun⸗ den, ſein Stand gehörig mit Stroh, ſeine Krippe mit Hafer und ſeine Raufe mit Heu verſehen worden war, dachte der Ritter an ſich ſelbſt, und nachdem er das edle Thier, das ſein bereits begonnenes Mahl unterbrach, um durch ein Wiehern zu antworten, noch einige Male ge⸗ ſtreichelt, ſchritt er auf die große Treppe zu und gelangte trotz der auf allen Wegen von den Pagen und von den Knappen gebildeten Verſperrungen bis nach den Gemä⸗ chern, in denen ſich für den Augenblick der ganze Adel der Umgegend verſammelt befand. Der Graf Karl verweilte einen Augenblick lang an einer der Thüren des Hauptſaales, um einen Blick auf das am meiſten glänzende Ganze des Feſtes zu werfen. Es war belebt und geräuſchvoll, ganz buntſcheckig von jungen in Sammet gekleideten Leuten und edeln Damen in mit Wappen geſtickten Kleidern, und unter dieſen jun⸗ gen Leuten und dieſen edlen Damen war der ſchönſte junge Mann Otto und die ſchönſte Burgfrau Emma, der eine der Sohn, die andere die Frau des Landgrafen Ludwig von Godesberg, des Herrn des Schloſſes und Waffenbruders des guten Ritters, der ſo eben angekom⸗ men war. Uebrigens hatte die Erſcheinung dieſes ſeine Wirkung hervorgebracht; allein in Mitte aller Eingeladenen erſchien er, wie Wilhelm Leonoren, noch ganz mit ſeiner Schlacht⸗ rüſtung bedeckt, deren dunkler Stahl ſeltſam gegen die heitern und lebhaften Farben des Sammets und der Seide abſtach. Aller Augen wandten ſich daher auch ſo⸗ gleich nach ſeiner Seite, mit alleiniger Ausnahme derer des Grafen Ludwig, welcher an der entgegengeſetzten Thür ſtehend, in ſo tiefe Gedanken verſunken ſchien, daß ſeine Blicke keinen Augenblick lang ihre Richtung verän⸗ derten. Karl erkannte ſeinen alten Freund, und ohne ſich weiter um die Sache zu bekümmern, welche ihn beſchäf⸗ tigte, ging er durch die benachbarten Zimmer, und nach einem hitzigen aber ſiegreichen Kampfe mit dem Gedränge, erreichte er dieſes abgelegene Zimmer, an deren einer Thür er, als er durch die andere eintrat, den Grafen Ludwig erblickte, der ſeine immer finſtere Stellung nicht gewechſelt hatte... Karl blieb von Neuem einen Augenblick lang ſtehen, um dieſe ſeltſame Traurigkeit zu erforſchen, die noch weit auffallender bei⸗dem Wirthe war, der den Andern alle — 13— Freude gegeben und nur die Sorgen für ſich behalten zu haben ſchien; dann endlich ſchritt er vor, und als er ſah, daß er bis zu ſeinem Freunde gelangt war, ohne daß das Geräuſch ſeiner Schritte ihn aus ſeinen Gedanken zu we⸗ cken vermogt, ſo legte er ihm die Hand auf die Schulter. Der Landgraf erbebte und blickte auf. Sein Geiſt und ſeine Gedanken waren aber ſo ſehr in einem ganz verſchiedenen, ihn zerſtreuenden Ideengang vertieft, daß er einige Zeit lang und ohne es zu erkennen, das offene Ge⸗ ſicht deſſen anblickte, den er zu jeder andern Zeit mit ge⸗ ſchloſſenem Viſir in Mitte des ganzen kaiſerlichen Hofes genannt haben würde. Aber Karl ſprach den Namen Lud⸗ wig aus und öffnete die Arme; der Zauber war gebro⸗ chen, Ludwig warf ſich an die Bruſt ſeines Waffenbru⸗ ders; eher wie ein Mann, der an ihr eine Zuflucht ſucht, als wie ein Freund, der vergnügt iſt, einen Freund wie⸗ derzuſehen. Indeſſen ſchien dieſe unerwartete Rückkehr bei dem tiefſinnigen Wirth dieſes fröhlichen Feſtes eine glückliche Zerſtreuung hervorzubringen. Er zog den Ankommenden an das andere Ende des Zimmers, und hieß ihn ſich dort in einen weiten Seſſel von Eichenholz ſetzen, über den ein Himmel von Goldtuch angebracht war; er ſetzte ſich neben ihn, wobei er ſeinen Kopf in dem Schatten verbarg, und indem er ihn bei der Hand ergriff, bat er ihn um die Erzählung deſſen, was ihm während der langen dreijaͤhri⸗ gen Abweſenheit, die ſie von einander trennte, begegnet wäre. Karl erzählte ihm Alles mit der kriegeriſchen Weit⸗ 2 ——— ———yyyʒ---— ſchweifigkeit eines alten Soldaten; wie die Engliſchen, Brabanter und kaiſerlichen, von Eduard III. ſelbſt an⸗ geführten Truppen Cambrai belagert hätten, indem ſie alles mit Feuer und Schwert verheerten; wie die beiden Heere bei Buironfoſſe ohne Kampf auf einander geſtoßen wären, weil ein Bote des Königs von Sicilien, der ein ſehr weiſer Aſtrolog war, in dem Augenblicke, wo man handgemein werden wollte, Philipp von Valois verkündet hatte, daß jede Schlacht, die er den Engländern liefern, und in der Eduard in Perſon das Commando führen würde, unglücklich für ihn wäre(eine Prophezeiung, die ſich ſpäterhin bei Créch verwirklichte), und wie endlich ein einjähriger Waffenſtillſtand zwiſchen den beiden ſtreitenden Königen in der Ebene von Esplechin geſchloſſen worden ſei, und das, wie wir bemerkt, auf Anſuchen und die Bitte der Frau Johanna von Valois, der Schweſter des Königs von Frankreich. Der Landgraf hatte dieſer Erzählung mit einem Schweigen zugehört, welches bis auf einen gewiſſen Punkt für Aufmerkſamkeit gelten konnte, obgleich er von Zeit zu Zeit mit einer ſichtbaren Unruhe aufgeſtanden war, um einen Blick in den Tanzſaal zu werfen, da er aber jedes Mal ſeinen Platz wieder eingenommen, ſo hatte der augenblicklich unterbrochene Erzähler nichts deſto weniger ſeine Erzählung fortgeſetzt, indem er einſah, da der Herr vom Hauſe ſich in der Nothwendigkeit befindet, mit den Augen den Anordnungen des von ihm gegebenen Feſtes zu folgen, damit Nichts von dem mangelt, was es den ein⸗ geladenen Gäſten angenehm machen kann. Da indeſſen der Landgraf nach der letzten Unterbrechung, wie als ob er ſeinen Freund vergeſſen hätte, nicht zurückkehrte, um ſeinen Platz neben ihm wieder einzunehmen, ſo ſtand die⸗ ſer auf; er näherte ſich von Neuem der Thür des Tanz⸗ ſaales, durch welche in dieſes abgelegene und dunkle kleine Zimmer ein Strom von Licht drang, und dieſes Mal hörte ihn derjenige, zu dem er trat, denn er erhob den Arm, ohne den Kopf abzuwenden. Der Graf Karl nahm den durch dieſe Bewegung angedeuteten Platz ein, und der Arm des Landgrafen ſank auf die Achſel ſeines Waffen⸗ bruders herab, den er krampfhaft an ſich drückte. Es fand offenbar ein ſchrecklicher und geheimer Kampf in dem Herzen dieſes Mannes ſtatt, und dennoch mogte Karl noch ſo ſehr die Augen auf dieſe fröhliche Menge werfen, er ſah Nichts, was ihm die Urſache einer ſolchen Gemüthserſchütterung anzudeuten vermogte; indeſ⸗ ſen war ſie zu ſichtbar, als daß ein ſo treuer Freund, wie es der Graf war, ſie nicht hätte gewahren und nicht einige Beſorgniſſe darüber faſſen ſollen. Er blieb indeſſen ſtumm, wohl einſehend, daß die erſte Pflicht der Freundſchaft gebietet, das Geheimniſſes der Dinge zu ach⸗ ten, welche jene verbergen will; aber in Herzen, welche daran gewöhnt ſind, ſich zu errathen, beſteht auch eine ſympathetiſche Berührung, ſo daß der Landgraf, indem er dieſes vertraute Schweigen verſtand, ſeinen Freund anblickte, die Hand auf ſeine Stirn legte, einen Seufzer ausſtieß, und dann nach einem letzten Augenblick des Schwankens mit dumpfer Stimme, wobei er ihm ſeinen Sohn mit dem Finger zeigte, zu ihm ſagte: — Findeſt Du nicht, Karl, daß Otto außerordent⸗ lich dem jungen Ritter gleicht, der mit ſeiner Mutter tanzt?— Der Graf Karl erbebte nun auch. Dieſe wenigen Worte waren für ihn das, was für den in der Einöde verirrten Wanderer ein die Nacht erleuchtender Blitz iſt; bei ſeinem grauſigen Lichte, ſo flüchtig es auch geweſen war, hatte er den Abgrund geſehen; indeſſen, welche Freundſchaft er auch für den Landgrafen hatte, die Aehn⸗ lichkeit des Jünglings mit dem Manne war ſo überra⸗ ſchend, daß er, obgleich er die Wichtigkeit ſeiner Ant⸗ wort errieth, ſich nicht enthalten konnte ihm zu ant⸗ worten: — Es iſt wahr, Ludwig, man ſollte meinen, es wä⸗ ren zwei Brüder. Kaum hatte er indeſſen dieſe Worte ausgeſprochen, als er, da er einen Schauder den ganzen Körper deſſen überlaufen fühlte, gegen den er gelehnt war, ſich hinzuzu⸗ fügen beeilte: — Was beweiſet das am Ende? — Nichts, antwortete der Landgraf mit dumpfer Stimme, nur war es mir ſehr lieb, Deine Meinung dar⸗ über zu erhalten. Jetzt komm, um mir das Ende Dei⸗ nes Feldzuges zu erzählen. Und er führte ihn zu denſelben Seſſel zurück, in⸗ welchem Karl ſeine Erzählung begonnen hatte, eine Er⸗ zählung, die er dieſes Mal beendigte, ohne unterbrochen zu werden. Kaum hörte er auf zu ſprechen, als ein Mann an — 17— der Thür erſchien, durch welche Karl eingetreten war. Bei ſeinem Anblicke ſtand der Landgraf haſtig auf und ſchritt auf ihn zu. Die beiden Männer ſprachen einen Augen⸗ blick lang leiſe mit einander, ohne daß Karl Etwas von dem verſtehen konnte, was ſie ſagten. Indeſſen ſah er leicht an ihren Geberden, daß es ſich um eine Mitthei⸗ lung von der höchſten Wichtigkeit handelte, und er war mehr als jemals davon überzeugt, als er den Landgrafen mit einem noch weit finſtereren Geſicht, als zuvor, zu ſich zurückkehren ſah. 4 0 — Karl, ſagte er zu ihm, aber dieſes Mal ohne ſich zu ſetzen, Du mußt nach einer ſo langen Strecke als die, welche Du heute zurückgelegt haſt, mehr der Ruhe, als des Tanzes und der Feſte bedürfen. Ich will Dich in Dein Zimmer führen laſſen; gute Nacht, wir werden uns morgen wiederſehen. Karl ſah, daß ſein Freund allein zu ſein wünſchte; er ſtand auf, ohne zu antworten, drückte ihm ſchweigend die Hand, indem er ihm ein letztes Mal mit dem Blicke befragte; aber der Landgraf antwortete ihm nur mit je⸗ nem traurigen Lächeln, welches dem Herzen andeutet, daß der Moment noch nicht gekommen iſt, ihm die geheiligte Mittheilung anzuvertrauen, die es in Anſpruch nimmt. Karl deutete ihm durch einen letzten Händedruck an, daß er ihn zu jeder Stunde finden würde, und zog ſich in das für ihn beſtimmte Zimmer zurück, bis zu welchem, ſo ent⸗ fernt es auch war, der Jubel des Feſtes dennoch gelangte. Das Herz voll trauriger Gedanken und das Ohr voll fröhlicher Klaͤnge legte ſich der Graf zu Bett, wäh⸗ A. Duma's Novellen. Vierter Band. 2 —— rend einiger Zeit verſcheuchte dieſer ſeltſame Contraſt durch ſeinen Kampf den Schlaf. Aber endlich ſiegte die Ermü⸗ dung über die Beſorgniß, der Leib beſiegte die Seele. Allmählig wurden die Gedanken und die Gegenſtände min⸗ der deutlich, ſeine Sinne erſtarrten und ſeine Augen ſchloſ⸗ ſen ſich. Es fand zwiſchen dem Momente der Schlaf⸗ ſucht und des wirklichen Schlafes ein Zwiſchenraum gleich dem der Dämmerung ſtatt, welche den Tag von der Nacht trennt, ein wunderlicher und unbeſchreiblicher Zwiſchen⸗ raum, während deſſen die Wirklichkeit ſich ſo mit dem Traume vereinigt, daß weder Traum noch Wirklichkeit vorhanden iſt; dann folgte ihm eine tiefe Ruhe. Der Rit⸗ ter hatte ſeit langer Zeit immer nur unter einem Zelte und in ſeinem Kriegsharniſche geſchlafen und er gab ſich mit Entzücken den Annehmlichkeiten eines guten Bettes hin, ſo daß er, als er erwachte, erſt an der großen Helligkeit ſah, daß der Morgen bereits ziemlich weit vorgerückt ſein mußte. Aber ſogleich bot ſich ein unerwartetes Schau⸗ ſpiel ſeinen Augen, das ihn an den ganzen Auftritt vom vorigen Abende erinnerte, und ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zog. Der Landgraf ſaß regungslos und mit auf die Bruſt geneigtem Haupte in einem Seſſel, wie als ob er das Erwachen ſeines Freundes erwartete, und den⸗ noch war ſeine Träumerei ſo tief, daß er dieſes Erwachen nicht bemerkt hatte. Der Graf blickte ihn einen Augen⸗ blick lang ſchweigend an, und als er hierauf zwei Thrä⸗ nen über ſeine hohlen und gebleichten Wangen rollen ſah, vermogte er ſich nicht länger zu halten, und indem er die Arme nach ihm ausſtreckte, rief er aus: —X, —X,/ — Ludwig, in des Himmels Namen! Was gibt es denn? — Ach! ach! antwortete der Landgraf, ich habe we⸗ der Gattin noch Sohn mehr! Und indem er bei dieſen Worten mit Mühe aufſtand, kam er wankend wie ein Trunkener, um in die Arme zu ſinken, welche der Graf öffnete um ihn zu empfangen. II. Un die Begebenheiten zu verſtehen, welche folgen werden, müſſen unſere Leſer einwilligen, mit uns zur Ver⸗ gangenheit zurückzukehren. Es waren ſechszehn Jahre ſeit der Verheirathung des Landgrafen vergangen. Er hatte die Tochter des Grafen von Ronsdorf geheirathet, welcher im Jahre 1316, wäh⸗ rend der Kriege zwiſchen Ludwig dem Baier, für den er Partei ergriffen, und Friedrich dem Schönen von Oeſter⸗ reich getödtet worden war, und deſſen Beſitzungen an dem rechten Ufer des Rheins, jenſeits und an dem Fuße jener, das Siebengebirge genannten Hügelkette gelegen waren. Die Wittwe von Ronsdorf, eine Frau von hoher Tugend und unbeflecktem Rufe, war nun mit ihrer einzigen, fünf Jahre alten Tochter Wittwe geworden, da ſie aber von fürſtlichem Geſchlechte war, ſo hatte ſie während ihres Wittwenthumes den urſprünglichen Glanz ihres Hauſes be⸗ — ⁸εε 2 ͤ 7e— 2 — 21— hauptet, ſo daß ihr Gefolge fortwaͤhrend eines der glän⸗ zendſten der umliegenden Schlöſſer war. Einige Zeit nach dem Tode des Grafenzvermehrte ſich der Hausſtand der Wittwe von Ronsdorf um einen jungen Pagen, wie ſie ſagte, den Sohn einer ohne Vermögen geſtorbenen Freundin. Er war ein ſchöner Knabe, kaum drei bis vier Jahre älter als Emma, und bei dieſer Veranlaſſung verleugnete die Gräfin ihren Ruf großmüthiger Güte nicht. Der kleine Waiſe wurde von ihr wie ein Sohn aufgenommen, mit ihrer Tochter erzogen, und theilte mit dieſer die Liebkoſungen der Wittwe, und das auf eine ſo gleiche Weiſe, daß es ſchwer war zu unterſcheiden, welches von den beiden ihr eigenes oder ihr angenommenes Kind wäre. So wuchſen ſie mit einander heran, und viele ſagten, daß ſie für einander beſtimmt wären; als zum großen Er⸗ ſtaunen des Adels an den Ufern des Rheines der damals achtzehn Jahre alte junge Graf Ludwig von Godesberg mit der kleinen Emma von Ronsdorf verlobt wurde, die erſt zehn Jahre alt war; nur wurde zwiſchen dem alten Landgrafen und der Wittwe beſtimmt, daß die Verlobten noch fünf Jahre warten ſollten, bevor ſie Gatten würden. Waͤhrend dieſer Zeit wuchſen Emma und Albert her⸗ anz der eine wurde ein ſchöner Knappe, und die andere ein anmuthiges junges Mädchen; die Gräfin von Rons⸗ dorf hatte übrigens mit außerordentlicher Sorgfalt die Fortſchritte ihrer Freundſchaft beaufſichtigt und mit Ver⸗ gnügen erkannt, daß, ſo groß ihre Zuneigung auch war, dieſe doch durchaus nicht den Charakter der Liebe hatte. 22— Inzwiſchen war Emma dreizehn und Albert achtzehn Jahre alt; ihr Herz ſtand gleich der Knoſpe einer Roſe im Be⸗ griffe, ſich bei dem erſten Hauche des Jünglingsalters zu öffnen; dieſer Moment war es, den die Gräfin für ſie fürchtete. Unglücklicher Weiſe wurde ſie zu jener Zeit ſelbſt krank; einige Zeit lang hoffte man, daß die Kraft der Jugend(die Gräfin Wittwe war kaum vierunddreißig Jahre alt) über die Hartnäckigkeit der Krankheit ſiegen würde. Man täuſchte ſich, ſie war tödtlich krank. Sie fühlte es ſelbſt, ließ ihren Arzt kommen, und forſchte ihn mit ſo vieler Beharrlichkeit und Feſtigkeit aus, daß er ſich nicht weigern konnte, ihr zu ſagen, daß die Viſſen⸗ ſchaft der Menſchen unzulänglich wäre, und daß für ſie nur noch Rettung von dem Himmel zu erwarten ſei. Die Gräfin empfing dieſe Nachricht als Chriſtin, ließ Albert und Emma kommen, befahl ihnen vor ihrem Bette nie⸗ derzuknien, und offenbarte ihnen mit leiſer Stimme, ohne einen andern Zeugen als Gott, ein Geheimniß, das Nie⸗ mand hörte. Nur bemerkte man mit Erſtaunen, daß zur Stunde des Todeskampfes, ſtatt daß die Sterbende es war, welche die Kinder ſegnete, es die Kinder waren, wel⸗ che die Sterbende ſegneten, und daß ſie ihr im Voraus auf Erden einen Fehltritt zu vergeben ſchienen, wegen deſ⸗ ſen ſie ohne Zweifel die Abſolution im Himmel zu erhal⸗ ten im Begriffe ſtand. An demſelben Tage, wo dieſe Mittheilung ſtattgefunden hatte, verſchied die Gräfin fromm und ergeben, und Emma, welche noch ein Jahr zu warten hatte, bevor ſie als Verlobte Gattin wurde, brachte dieſes Jahr in dem Kloſter Nonnenwerth zu, das in Mitte des Rheines, auf der dem kleinen Dorfe Honnef gegenüber gelegenen Inſel gleichen Namens erbaut iſt. Was Albert anbelangt, ſo blieb er in Ronsdorf, und der Schmerz, den er über den Verluſt ſeiner Wohlthäte⸗ rin zeigte, war dem gleich, den er für eine Mutter em⸗ pfunden hätte. Die beſtimmte Zeit verfloß, Emma haitte ihr fünf⸗ zehntes Jahr vollendet und ſie blübte in Mitte ihrer Thrä⸗ nen und auf ihrer frommen Inſel ſortwährend, gleich ei⸗ ner jener friſchen Waſſerroſen, welche ganz funkelnd von Thau auf der Oberfläche der Seen ſchwimmen. Ludwig erinnerte den alten Landgrafen an das von der Wittwe gegebene und von der Tochter beſtätigte Verſprechen; das kam daher, weil der junge Mann ſeit einem Jahre ſeine Spaziergänge beſtändig nach Nonnenwerth gerichtet hatte, einem hübſchen Hügel, der den Fluß überragt, und von deſſen Höhe aus man unter ſich ausgebreitet und den Strom durchſchneidend, wie es der Kiel eines Schiffes thun würde, die anmuthige Inſel ausgebreitet ſieht, in deren Mitte ſich noch heutigen Tages das in ein Wirths⸗ haus umgeſchaffene Kloſter erhebt. Dort brachte er ganze Stunden, die Augen auf das Kloſter geheftet zu, denn oft kam ein junges Mädchen, das er an ihrem Novizen⸗ gewande erkannte, welches ſie bald ablegen ſollte, ſich un⸗ ter die Bäume zu ſetzen, welche den Rhein begrenzen, und blieb dort ganze Stunden regungslos und in eine Träu⸗ merei verſunken, deren Urſache vielleicht derſelbe Gegenſtand war, der Ludwig anzog. Es war daher nicht zu ver⸗ wundern, daß ſich der junge Mann zuerſt erinnerte, daß — 24— die Trauerzeit voruͤber wäre, und daß er den Landgrafen daran erinnerte, daß dieſe Zeit durch einen günſtigen Zu⸗ fall mit der für die Feier ſeiner Verheirathung feſtgeſetz⸗ ten Zeit übereinſtimmte. Durch eine Art ſchweigender Uebereinkunft betrachtete jeder Albert, der damals kaum zwanzig Jahre alt war, der ſich aber immer durch einen über ſein Alter erhabenen Ernſt ausgezeichnet hatte, als den Vormund Emmas; er war es alſo, den der Landgraf daran erinnerte, daß der Zeitpunkt gekommen wäre, die Trauerkleider durch feſtli⸗ che Gewänder zu erſetzen. Albert begab ſich nach dem Kloſter und benachrichtigte Emma, daß der junge Ludwig das von ihrer Mutter gegebene Verſprechen in Anſpruch nähme. Emma erröthete und reichte Albert die Hand, in⸗ dem ſie ihm antwortete, daß ſie bereit wäre, ihm überall hin zu folgen, wohin er ſie führen würde. Die Reiſe war nicht lang, man hatte nur über die Hälfte des Rheines zu fahren und zwei Stunden längs ſeiner Ufer zurückzulegen; die Reiſe konnte daher den von dem jungen Grafen ſo ſehr erſehnten Moment nicht lange verzögern. Drei Tage, nach Vollendung ihres fünfzehnten Jahres, wurde daher Emma, von einem der Erbin von Ronsdorf würdigem Gefolge begleitet und von Albert geführt, den Händen ihres Herrn und Gebieters, des Grafen Ludwig von Go⸗ desberg übergeben. Zwei Jahre, während denen die junge Gräfin einen Sohn gebar, der Otto genannt wurde, verfloſſen in vollkommenem Glücke. Albert, der eine neue Familie gefunden, hatte dieſe beiden Jahre bald in Ronsdorf, bald in Godesberg zugebracht, und wäͤhrend dieſer Zeit das Al⸗ ter erreicht, in welchem ein Mann von adeliger Abkunft ſeine erſten Waffenthaten thun muß. Er hatte dem zu Folge Dienſte als Knappe unter den Truppen Johanns von Louxemburg, Königs von Böhmen genommen, eines der tapferſten Ritter ſeiner Zeit, und war ihm zu der Belagerung von Kaſſel gefolgt, wo er dem Könige Phi⸗ lipp von Valois gute Dienſte leiſtete, der es unternommen hatte, den Grafen Ludwig von Crecy wieder in ſeine Staaten einzuſetzen, aus denen er durch die Bürger von Flandern verjagt worden war. Er hatte ſich alſo in der Schlacht befunden, in welcher dieſe unter den Mauern von Kaſſel gänzlich geſchlagen wurden, und als Probeſtück hatte er unter den Bauern eine ſolche Niederlage ange⸗ richtet, daß Johann von Loupemburg ihn auf dem Schlacht⸗ felde zum Ritter ſchlug. Der Sieg war übrigens ſo ent⸗ ſcheidend geweſen, daß er den Feldzug mit einem Schlage geendigt, und da der Frieden in Flandern wieder herge⸗ ſtellt, ſo war Albert, ganz ſtolz, Emma ſeine goldene Kette und ſeine Sporen zu zeigen, auf das Schloß Go⸗ desberg zurückgekehrt. Er fand den Grafen im Dienſte des Kaiſers abwe⸗ ſend; die Türken waren in Ungarn eingefallen, und auf die Aufforderung Ludwig des V. war Ludwig von Go⸗ desberg mit ſeinem Waffenbruder Karl von Homburg auf⸗ gebrochen; er wurde nichts deſto weniger auf dem Schloſſe Godesberg gut aufgenommen, wo er ohngefähr ſechs Mo⸗ nate blieb. Seiner Unthätigkeit müde und da er die Für⸗ ſten Europas ziemlich ruhig unter ſich ſah, war er nach Verlauf dieſer Zeit aufgebrochen, um gegen die Sarazenen Spaniens zu kämpfen, gegen die Alphons der XI., Kö⸗ nig von Caſtilien und Léon, Krieg führte. Dort hatte er Wunder der Tapferkeit gethan, indem er gegen Mu⸗ ley Muhamed kämpfte; da er aber vor Granada gefähr⸗ lich verwundet worden, ſo war er ein zweites Mal nach Godesberg zurückgekehrt, wo er den Gatten Emmas wie⸗ dergefunden, der das Erbe des gegen den Anfang des Jah⸗ res 1332 geſtorbenen Landgrafen in Beſitz genommen hatte. Der junge Otto wuchs heran, er war ein ſchöner Knabe von fünf Jahren, mit blondem Kopfe, roſigen Wangen und blauen Augen. Die Rückkehr Alberts war ein Feſt für die ganze Familie, und beſonders für den Knaben, der ihn ſehr liebte. Albert und Ludwig ſahen ſich mit Vergnügen wieder, beide hatten gegen die Un⸗ gläubigen gekämpft, der eine im Süden, der andere im Norden, beide waren Sieger geweſen, und beide brachten zahlreiche Erzählungen für die langen Winterabende mit; ein Jahr verfloß daher auch wie ein Tag, aber nach Verlauf dieſes Jahres führte Alberts abenteuerlicher Cha⸗ racter ihn von Neuem fort, er beſuchte die Höfe von Frankreich und England, begleitete den König Eduard auf ſeinem Feldzuge gegen Schottland, brach eine Lanze mit James Douglas; dann ſich wieder gegen Frankreich wendend, war er zurückgekehrt, um mit Walther von Mauny die Inſel Cadſand zu nehmen. Indem er ſich nun wieder auf dem feſten Lande befand, hatte er dies benutzt, um ſeinen alten Freunden einen Beſuch abzuſtat⸗ ten, und war zum dritten Male auf das Schloß Godes⸗ berg zurückgekehrt, wo er einen neuen Gaſt gefunden hatte. Das war einer der Verwandten des Landgrafen, Na⸗ mens Gottfried, welcher, da er Nichts von dem väterlichen Erbe zu hoffen, verſucht hatte, ſein Glück in den Waffen zu finden. Auch er hatte gegen die Ungläubigen gekämpft, aber in Paläſtina; die Bande der Verwandtſchaft, der Ruf, den er in dem Kreuzzuge erlangt, ein gewiſſer Lu⸗ rus, welcher bewies, daß ſein Glaube eher den Character der Ueberſpannung als den der Uneigennützigkeit getragen, hatten ihm die Thore des Schloſſes Godesberg wie einem ausgezeichneten Gaſte geöffnet; da bald darauf Homburg und Albert ſich entfernt hatten, ſo war es ihm gelungen, ſeine Geſellſchaft dem Landgrafen Ludwig beinahe unent⸗ behrlich zu machen, ſo daß dieſer ihn zurückgehalten hatte, als er gehen wollte. Gottfried lebte daher auf dem Schloſſe nicht mehr als Gaſt, ſondern auf dem Fuße ei⸗ nes Hausgenoſſen. Die Freundſchaft hat ihre Eiferſucht wie die Liebe; ſei es nun Voreingenommenheit, oder ſei es Wirllichkeit, Albert glaubte zu ſehen, daß Ludwig ihn mit mehr Kälte als gewöhnlich empfing; er beklagte ſich gegen Emma dar⸗ über, welche ihm ſagte, daß auch ſie einige Veränderung in dem Benehmen ihres Gatten gegen ſie bemerkt habe. Albert blieb vierzehn Tage in Godesberg, dann ging er unter dem Vorwande, daß Ronsdorf ſeine Anweſenheit wegen unerläßlichen Ausbeſſerungen in Anſpruch nähme, über den Fluß und durch die kleine Gebirgsſchlucht, welche — 28— allein die eine Herrſchaft von der andern trennte, und ver⸗ 4 ließ das Schloß. Nach Verlauf von vierzehn Tagen erhielt er Nach⸗ richten von Emma. Sie begriff Nichts von dem Charak⸗ ter ihres Gatten, aber derſelbe war, ſtatt ſanft und wohl⸗ wollend, wie ſie ihn immer gekannt hatte, mißtrauiſch und ſchweigſam geworden. Selbſt der junge Otto hatte von ſeiner bis dahin unbekannten Barſchheit zu leiden, und das war um ſo ſchmerzlicher für die Mutter und für das Kind, als ſie bis dahin von Seiten des Landgrafen die Gegen⸗ ſtände der feurigſten und innigſten Zuneigungen geweſen waren. Uebrigens fügte Emma hinzu, ſchien Gottfried in dem Maaße, als dieſe Zuneigung gegen ſie abna fallende Fortſchritte in dem Vertrauen des Landg⸗ 7 machen, wie als ob er den Theil der Gefühle erbte, wel⸗ che dieſer ſeiner Gattin und ſeinem Sohne nahm, um ſie auf einen Mann zu übertragen, der ihm faſt ein Frem⸗ der war. Albert bedauerte von Herzensgrunde dieſen Selbſthaß, welcher macht, daß der glückliche Menſch, wie als ob er von ſeinem Glücke gequält wäre, alle Mittel aufſucht, um es zu mäßigen oder zu erlöſchen, wie er es mit einem zu heftigen Feuer machen würde, an dem er ſein Herz ſich verzehren zu ſehen fürchtete. So ſtanden die Sachen, als er, wie der ganze Adel der Umgegend, eine Einladung erhielt, ſich nach dem Schloſſe Godesberg zu begeben, wo der Landgraf ein Feſt zur Feier des Geburtstages Ottos gab, der ſein ſechszehntes Jahr angetretenchatte. Dieſes Feſt, an deſſen Ende wir unſere Leſer in das —ᷣ—ÿ—ÿ;;ęUQę—— — 29— Schloß eingeführt haben, bot, wie wir bemerkten, einen ſeltſamen Contraſt gegen die Traurigkeit deſſen dar, wel⸗ cher es gab; das kam daher, weil von dem Anfange des Tanzes an Gottfried den Landgrafen, wie als ob er zum erſten Male davon überraſcht wäre, auf die Aehnlichkei Ottos mit Albert aufmerkſam gemacht hatte. In der That, mit Ausnahme der Jugendblüthe, welche auf dem Geſichte des Jünglings glänzte, und welche die Sonne Spaniens bei dem Manne verſengt hatte, waren es dieſelben blonden S Haare, dieſelben blauen Augen, und es gab nicht einmal gewiſſe Ausdrücke der Züge, deren Aehnlichkeit daſſelbe ZBlut andeutet, die man nicht mit ein wenig ſorgfältiger Aufmerkſamkeit zwiſchen ihnen erkennen konnte. Dieſe Of⸗ fenbarung war ein Dolchſtoß für den Landgrafen geweſen; auf Gottfrieds Einflüſterungen beargwöhnte er ſeit langer Zeit die Reinheit der Verhältniſſe Emmas und Alberts; aber der Gedanke, daß dieſe ſtrafbare Verbindung bereits vor ſeiner Ehe beſtanden, der noch weit ſchmerzlichere Ge⸗ danke, dem dieſe ſeltſame Aehnlichkeit eine neue Kraft ver⸗ lieh, daß Otto, den er ſo ſehr geliebt, ein Kind des Ehe⸗ bruchs wäre, brach ihm das Herz und machte ihn faſt wahnſinnig; in dieſem Augenblicke war es, wo, wie wir erzählt, der Graf Karl ankam, und wir haben geſehen, wie er, von der Wahrheit fortgeriſſen, den Schmerz ſeines unglücklichen Freundes noch durch das Geſtändniß ver⸗ mehrt hatte, daß dieſe Aehnlichkeit Alberts und Ottos un⸗ beſtreitbar wäre; indeſſen hatte er ſich, wie wir geſehen, zurückgezogen, ohne der Traurigkeit Ludwigs alle die Wichtigkeit beizulegen, welche ſie wirklich erlangt hatte. — 30— Das kam daher, weil dieſer Mann, welcher mit dem Landgrafen ſo geheimnißvoll in dem kleinen Zimmer ge⸗ ſprochen hatte, in das er ſich mit Karl zurückgezogen, der⸗ ſelbe Gottfried war, deſſen Anweſenheit die erſte Stö⸗ rung in der glücklichen Familie verurſacht, welche ihr Glück getrübt hatte. Er kam ihm zu ſagen, daß er nach einigen Worten, welche er gehört hätte, gewiß zu ſein glaubte, daß Emma Albert, der noch in derſelben Nacht nach Ita⸗ lien aufbrechen wollte, wo er ein Truppencorps anführen ſollte, das der Kaiſer dorthin ſandte, eine Zuſammenkunft bewilligt hätte; die Gewißheit dieſes Verrathes war übri⸗ gens leicht zu erlangen, da die Zuſammenkunft an einem der Thore des Schloſſes gegeben war, und Emma durch den ganzen Garten gehen mußte, um ſich dorthin zu be⸗ geben. Einmal auf der Bahn des Argwohnes, bleibt man nicht mehr ſtehen; der Landgraf, der, um welchen Preis es auch ſein mögte, eine Gewißheit erlangen wollte, un⸗ terdrückte daher auch jenes edle und inſtinetmäßige Gefühl, welches macht, daß jeder Mann von Herz einen Wider⸗ willen dagegen findet, ſich zu dem Gewerbe eines Spions zu erniedrigen; er kehrte mit Gottfried in ſein Zimmer zu⸗ rück, und indem er das Fenſter halb öffnete, das auf den Garten ging, erwartete er voll Bangigkeit dieſen letzten Beweis, der bei ihm einen noch ungewiſſen entſcheidenden Entſchluß herbeiführen ſollte. Gottfried hatte ſich nicht ge⸗ irrt; gegen vier Uhr Morgens ging Emma die Freitreppe hinab, ſchritt verſtohlen durch den Garten und vertiefte ſich in ein Baumdiclicht, welches dae Thor verbarg. Die⸗ S — 6 31 ⸗ 31 ſes Verſchwinden dauerte ungefähr zehn Minuten, dann kehrte ſie in Begleitung Alberts, auf deſſen Arm ſie ſich ſtützte, bis auf die Freitreppe zurück. Bei dem Scheine des Mondes ſah der Landgraf ſie ſich umarmen, und es ſchien ihm ſogar, auf dem beſtürzten Geſichte der Gattin Thränen zu bemerken, welche die Abreiſe ihres Geliebten ſie vergießen ließ. Von nun an gab es keinen Zweifel mehr für Ludwig, und er faßte ſogleich den Entſchluß, die ſtrafbare Gattin und das Kind des Ehebruches von ſich zu entfernen. Ein Gottfried übergebenes Schreiben befahl Emma, ihm zu fol⸗ gen, und dem Anführer der Wachen wurde der Befehl ge⸗ geben, Otto mit Tagesanbruche zu verhaften und ihn in die Abtei Kirberg bei Köln zu führen, in welcher er die glänzende Zukunft des Ritters gegen die enge Zelle eines Mönches vertauſchen ſollte. Dieſer Befehl war ausgeführt worden, und Emma und Otto hatten ſeit einer Stunde das Schloß verlaſſen, die eine, um ſich nach dem Kloſter Nonnenwerth, und der andere, um ſich nach der Abtei Kirberg zu begeben, als der Graf Karl erwachte, und, wie wir erzählt, ſeinen alten Freund vor ſeinem Bette fand, einer Eiche gleich, die der Sturm entlaubt und deren Zweige der Blitz zer⸗ ſchmettert hat. Homburg hörte mit ernſter und liebevoller Freund⸗ ſchaft den Bericht an, den ihm Ludwig von alle dem ab⸗ ſtattete, was vorgefallen war. Dann, ohne daß er ver⸗ ſuchte, weder den Vater noch den Gatten zu tröſten, ſaate er zu ihm:— Das, was ich thun werde, wird wohlge⸗ than ſein, nicht wahr?— Ja, antwortete der Landgraf; aber was kannſt Du thun?— Das geht mich an, er⸗ widerte der Graf Karl. Und indem er ſeinen Freund um⸗ armte, kleidete er ſich an, umgürtete ſich mit ſeinem Schwerte, verließ das Zimmer, ging in die Ställe hinab, ſattelte ſelbſt ſeinen getreuen Hans, und ſchlug wieder langſam und mit ſehr verſchiedenen Gedanken den ſchnek⸗ kenförmigen Weg ein, den er am Abend zuvor ſo raſch und mit ſo ſüßen Hoffnungen zurückgelegt hatte. Unten an dem Hügel angelangt, ſchlug der Graf Karl den Weg nach RNolandseck ein, dem er langſam und in ein tiefes Sinnen verſunken folgte, indem er ſeinem Pferde gänzliche Freiheit ließ, langſam oder raſch zu tra⸗ ben; indeſſen an einem Hohlwege angelangt, in deſſen Grunde ſich eine Kapelle befand, in welcher ein Prieſter betete, blickte er um ſich, und da er wahrſcheinlich ſah, daß der Ort ſo wäre, wie er ihn wünſchen könnte, ſo hielt er an. In dieſem Augenblicke ſtand der Prieſter, der ohne Zweifel ſein Gebet beendigt hatte, auf, und ſchickte ſich an, zu gehen. Aber Karl hielt ihn zurück, indem er ihn fragte, ob es keinen anderen Weg gäbe, um ſich von dem Kloſter nach dem Schloſſe zu begeben, und auf ſeine verneinende Antwort bat er ihn, zu verweilen, da wahr⸗ ſcheinlich binnen Kurzem ein Menſch ſeines geiſtlichen Bei⸗ ſtandes bedürfen würde. Der Prieſter ſah an der ruhi⸗ gen Stimme des feſten Ritters, daß er die Wahrheit ge⸗ ſagt hätte, und ohne zu fragen, wer verurtheilt wäre, be⸗ tete er für denjenigen, welcher ſterben ſollte. Der Graf Karl war eines jener Urbilder des alten 1 3 4 8 Ritterthums, welche im funfzehnten Jahrhundert bereits zu verſchwinden begannen, und die Froiſſard mit aller der Liebe ſchildert, welche der Alterthumsforſcher für einen Ue⸗ berreſt vergangener Zeiten hegt. Für ihn ſtellte Alles das Schwert her, und Alles hing von Gott ab, und nach ſeiner Ueberzeugung war der Menſch gewiß, nicht irre zu gehen, wenn er Alles ſeinem Richterſpruche unterwarf. Nun aber hatte die Erzählung des Landgrafen ihm Zwei⸗ fel über die Abſichten Gottfrieds eingeflößt, welche die Ueberlegung faſt in Gewißheit verwandelt hatte; außerdem hatte Niemand, ausgenommen dieſer unheilbringende Rathgeber, jemals die Liebe und die Treue Emmas für ihren Gatten in Zweifel gezogen. Er war der Freund des Grafen von Ronsdorf geweſen, wie er der des Land⸗ grafen von Godesberg war. Ihre beiderſeitige Ehre machte einen Theil der ſeinigen aus, es war daher an ihm, zu verſuchen, ihr dieſen, durch einen Verleumder für einen Augenblick lang getrübten Glanz wiederzugeben; er hatte daher, ohne irgend Etwas davon zu ſagen, den Entſchluß gefaßt, ihn auf dem Wege zu erwarten, den er einſchlagen müßte, und ihm dort ſeinen Verrath eingeſtehen oder ihm die Seele aushauchen zu laſſen, und im Nothfalle ſogar dieſes doppelte Unternehmen auszuführen. Nun ſchlug er das Viſir ſeines Helmes herunter, ließ Hans in der Mitte des Weges halten, und Pferd und Reiter blieben eine Stunde lang regunglos wie eine Reiterſtatue. Nach Verlauf dieſer Zeit ſah er an dem Ende des Hohlweges einen vollſtändig gewappneten Ritter erſcheinen. Dieſer hielt einen Augenblick lang an, da er A. Duma's Novellen. Vierter Band. 3 den Weg beſetzt ſah; als er ſich aber überzeugt, daß der, welcher ihn bewachte, allein wäre, ſo begnügte er ſich, ſich in ſeinen Steigbügeln feſtzuſetzen, ſich zu verſichern, daß ſein Schwert leicht aus der Scheide ging, und ſetzte ſei⸗ nen Weg fort. Als er einige Schritte weit von dem Grafen angelangt, ſah, daß dieſer nicht die Abſicht zu haben ſchien, ihm Platz zu machen, ſo hielt er gleichfalls an. — Herr Ritter, ſagte er zu ihm, ſeid Ihr der Herr der Gegend und habt Ihr die Abſicht, jedem Reiſenden, der vorüberkömmt, den Weg zu verſperren? 3 — Nicht Allen, Herr, antwortete Karl, aber einem Einzigen, und dieſer iſt ein Niederträchtiger und ein Ver⸗ räther, von dem ich Rechenſchaft über ſeinen Verrath und ſeine Schändlichkeit zu fordern habe. — Da dann die Sache mich nicht angehen kann, fuhr Gottfried fort, ſo bitte ich Euch, Euer Pferd zur Rech⸗ ten oder zur Linken treten zu laſſen, damit auf der Mitte des Weges Naum für zwei Männer von demſelben Range iſt. — Ihr irrt Euch, Herr, antwortete der Graf Karl mit derſelben Nuhe, und es geht im Gegentheil nur Euch an; ein edler und biederer Ritter wird niemals die Höhe des Weges mit einem elenden Verleumder theilen. Nun warf ſich der Prieſter zwiſchen die beiden Män⸗ ner. — Brüder, ſagte er zu ihnen, wollt Ihr Euch er⸗ morden? — Ihr irrt Euch, ebhrwürdiger Vater, antwortete der Graf, dieſer Mann iſt nicht mein Bruder, und ich — — u— — 35— halte gerade nicht darauf, daß er ſtirbt. Er möge ge⸗ ſtehen, die Gräfin Emma von Godesberg verleumdet zu haben, und ich laſſe ihm frei Buße zu thun, wo es ihm beliebt. — Als Beweis ihrer Unſchuld, ſagte Gottfried la⸗ chend, welcher den Ritter für Albert hielt, fehlt es ihr nur noch, ſo gut von ihrem Geliebten vertheidigt zu werden. — Ihr irrt Euch, antwortete der Ritter, indem er ſeinen mit Eiſen verlarvten Kopf ſchüttelte, ich bin nicht der, für den Ihr mich haltet; ich bin der Graf Karl von Homburg. Ich habe daher gegen Euch nur den Haß, den ich gegen jeden Verräther, nur die Verachtung, die ich für jeden Verleumder habe. Geſtehet, daß Ihr gelo⸗ gen habt, und Ihr ſeid frei. — Das, antwortete Gottfried lachend, iſt eine An⸗ gelegenheit, die nur Gott und mich angeht. — So möge ſie Gott denn richten, rief der Graf Karl aus, indem er ſich zum Kampfe vorbereitete. — Amen, murmelte Gottfried, indem er mit der ei⸗ nen Hand ſein Viſir herabſchlug und mit der andern ſein Schwert zog. Der Prieſter begann wieder zu beten. Gottfried war tapfer, und er hatte in Paläſtina mehr als einen Beweis ſeines Muthes abgelegt; aber damals ſtritt er für Gott, ſtatt gegen Gott zu ſtreiten. Obgleich der Kampf lange dauerte und hitzig war, obgleich er als muthiger und gewandter Krieger kämpfte, ſo vermogte er doch nicht der Kraft zu widerſtehen, welche dem Gra⸗ fen Karl das Bewußtſein ſeines Rechtes verlieh. Er fiel 3*1 9 — 36— von einem Schwertſtoße durchbohrt, der durch den Panzer tief in die Bruſt gedrungen war vom Pferde. Das durch den Sturz ſeines Herrn erſchreckte Pferd Gottfrieds ſchlug wieder den Weg ein, auf welchem es gekommen war, und war bald hinter dem Gipfel des Hohlweges verſchwunden. — Mein Vater, ſagte der Graf Karl ruhig zu dem vor Schrecken bebenden Prieſter, ich glaube, daß Ihr keine Zeit zu verlieren habt, um Eure fromme Sendung zu voll⸗ ziehen. Hier iſt die Beichte, welche ich Euch verſprochen hatte; beeilt Euch, ſie zu empfangen. Und indem er ſein Schwert wieder in die Scheide ſteckte, nahm er ſeine ſta⸗ tuenmäßige Regungsloſigkeit wieder an. Der Prieſter näherte ſich dem Sterbenden, der ſich auf ein Knie und auf eine Hand erhoben, aber nicht mehr zu thun vermogt hatte. Er nahm ihm ſeinen Helm ab; ſein Geſicht war bleich und ſeine Lippen voll Blut. Karl glaubte einen Augenblick lang, daß er nicht würde ſpre⸗ chen können, aber er irrte ſich. Gottfried ſetzte ſich, und der neben ihm knieende Prieſter hörte die Beichte, welche er ihm mit leiſer und unterbrochener Stimme ablegte. Bei den letzten Worten fühlte der Verwundete, daß ſein Ende nahe wäre, und nachdem er ſich mit Hilfe des Prieſters auf die Kniee geworfen hatte, erhob er beide Hände gen Himmel, indem er zu drei wiederholten Malen ſagte: „Herr, Herr, vergib mir!“ aber bei dem dritten Male ſtieß er einen tiefen Senfzer aus und ſank ohne Bewe⸗ gung zurück. Er war todt, — Nein Vater, ſagte der Graf Karl zu dem Prie⸗ 3 — 37— ſter, ſeid Ihr nicht bevollmächtigt, die Beichte zu offenba⸗ ren, welche Euch ſo eben abgelegt worden iſt? — Ja, antwortete der Prieſter, aber nur einer einzi⸗ gen Perſon, dem Land grafen von Godesberg. — So beſteigt denn mein Pferd, fuhr der Ritter fort, indem er abſtieg, und laßt uns zu ihm gehen. — Was thut Ihr, mein Bruder? antwortete der Prieſter, der gewöhnt war, auf eine weit beſcheidenere Weiſe zu reiſen. — Steigt auf, ſteigt auf, mein Vater, ſagte der Ritter, indem er darauf beſtand; es ſoll nicht geſagt ſein, daß ein armer Sünder, wie ich, reitet, wenn der Mann Gottes zu Fuße geht. Und bei dieſen Worten half er ihm, ſich auf den Sattel zu ſetzen, und, welchen Widerſtand der demüthige Reiter auch leiſten mochte, ſo führte der Graf das Pferd dennoch am Zügel bis auf das Schloß Godes⸗ berg. Dort angelangt, übergab er gegen ſeine Gewohn⸗ heit Hans den Händen der Knechte, führte den Prieſter vor den Landgrafen, den er in demſelben Zimmer, an demſelben Orte und in demſelben Seſſel wiederfand, ob⸗ gleich ſieben Stunden verfloſſen waren, ſeitdem er das Schloß verlaſſen hatte. Bei dem Geräuſche, welches die Eintretenden machten, erhob der Landgraf ſeine bleiche Stirn und blickte ſie mit erſtaunter Miene an. — Sieh, Bruder, ſagte Karl zu ihm, hier iſt ein würdiger Diener Gottes, der Dir eine Beichte auf dem Todtenbette zu offenbaren hat. — Wer iſt denn geſtorben? rief der Graf aus, in⸗ dem er noch weit bleicher wurde. — 38— — Gottfried, antwortete der Ritter. — Und wer hat ihn getödtet? murmelte der Land⸗ graf. — Ich, ſagte Karl, und er entfernte ſich ruhig, in⸗ dem er die Thüre hinter ſich verſchloß und den Landgra⸗ fen mit dem Prieſter allein ließ. Der Prieſter erzählte dem Landgrafen nun Folgendes: „Gottfried hatte in Paläſtina einen deutſchen Ritter aus der Umgegend von Köln gekannt, den man Ernſt von Hüningen nannte; er war ein ernſter und ſtrenger Mann, der ſeit fünfzehn Jahren in den Maltheſerorden getreten war und der wegen ſeiner Frömmigkeit, ſeiner Biederkeit und ſeines Muthes im Rufe ſtand.. Gottfried und Ernſt kämpften neben einander bei St. Jean d'Acre, als Ernſt tödtlich verwundet wurde. Gottfried ſah ihn fallen, ließ ihn aus dem Handgemenge tragen, und kehrte gegen den Feind zurück. Als die Schlacht beendigt, kehrte er unter ſein Zelt zurück, um die Kleider zu wechſeln; aber kaum war er dort angelangt, als man ihm meldete, daß Ritter Ernſt von Huningen in höchſter Gefahr wäre, und ihn vor ſei⸗ nem Tode zu ſprechen wünſchte. Er folgte ſeinem Verlangen, und fand den Verwun⸗ deten von einem hitzigen Fieber befallen, das den Reſt ſei⸗ nes Lebens in kurzer Zeit verzehren mußte. Da er ſeine Lage ſelbſt fühlte, ſo erklärte er ihm daher auch mit we⸗ nigen Worten den Dienſt, welchen er von ihm erwartete. Im Alter von zwanzig Jahren hatte Ernſt ein jun⸗ ges Mädchen geliebt, und war von ihr geliebt worden; an+— genblicke ſeiner Vollendung erreichte, wo er in dem Hohl⸗ aber ein nachgeborner Sohn, ohne Rang und ohne Ver⸗ mögen, hatte er ſie nicht erlangen können. Die verzwei⸗ felnden Liebenden vergaßen, daß ſie niemals Gatten wer⸗ den könnten, und ein Sohn wurde geboren, der weder den Namen des Einen noch der Andern führen konnte. Einige Zeit nachher war das junge Mädchen durch ihre Eltern gezwungen worden, einen edlen und reichen Herrn zu heirathen. Ernſt hatte ſich entfernt; er hatte ſich in Malta aufgehalten, um ſein Gelübde abzulegen, und ſeit dieſer Zeit kämpfte er in Paläſtina. Gott hatte ſeinen Muth belohnt. Nachdem er frommer Weiſe gelebt, ſtarb er als Märthrer. Ernſt üͤberreichte Gottfried ein Schreibenz es war ein Schenkungsakt alles deſſen, was er beſaß, für ſeinen Sohn Albert; ohngefähr ſechzig Tau⸗ ſend Gulden. Da die Mutter ſeit ſechs Jahren geſtorben war, ſo hatte er geglaubt, ihm ihren Namen offenbaren zu können, damit dieſer Name ihn in ſeinen Nachforſchun⸗ gen leite. Es war die Gräfin von Ronsdorf. Gottfried war nach Deutſchland zurückgekehrt in der Abſicht, den letzten Willen ſeines Freundes zu erfüllen. Als er aber bei ſeinem Verwandten, dem Landgrafen an⸗ kam, und als er die Lage der Dinge erfuhr, ſah er auf den erſten Blick allen den Nutzen, welchen er aus dem Geheimniſſe ziehen könnte, das er beſaß. Der Landgraf hatte nur einen Sohn, und wenn Otto und Emma ent⸗ fernt, ſo war Gottfried der einzige Erbe des Grafen.“ Wir haben geſehen, wie er dieſen Plan in dem Au⸗ — 40— wege von Rolandseck dem Grafen Karl von Homburg begegnete. — Karl! Karl! rief der Landgraf aus, indem er wie ein Wahnſinniger auf den Vorplatz ſtürzte, wo ihn ſein Waffenbruder erwartete. Karl! er war nicht ihr Gelieb⸗ ter, er war ihr Bruder! Und ſogleich ertheilte er den Befehl, Emma und Otto nach Godesberg zurückzuführen. Die beiden Boten ſpreng⸗ ten davon, der eine, indem er den Rhein hinauf, der an⸗ dere, indem er ihn hinabging. Während der Nacht kehrte der erſtere zurück. Seit langer Zeit unglücklich, am Tage zuvor beleidigt, verlangte Emma ihr Leben in dem Kloſter zu beſchließen, in wel⸗ chem ihre Jugend verfloſſen war, und ließ antworten, daß ſie im Nothfalle die Heiligkeit des Ortes in Anſpruch nehmen würde. Mit Anbruch des Tages kehrte der zweite Bote zu⸗ rück; er war von den Knappen begleitet, welche Otto nach Kirberg führen ſollten; aber Otto befand ſich nicht unter ihnen. Als ſie in der Nacht den Rhein hinabfuh⸗ ren, hatte Otto, welcher wußte, in welcher Abſicht man ihn fortführe, den Moment gewählt, wo die ganze Mann⸗ ſchaft mit der Leitung des Schiffes in einem reißenden Strome beſchäftigt war, um ſich in den Fluß zu ſtürzen und war verſchwunden. III. Indeſſen war das Unglück des Landgrafen noch nicht ſo groß, als er es glaubte. Otto hatte ſich in den Fluß geſtürzt, nicht um den Tod, ſondern um die Freiheit in ihm zu ſuchen. An ſeinen Ufern erzogen, war der alte Rhein ein Freund, gegen den er zu oft ſeine jungen Kräfte verſucht hatte, um ihn zu fürchten. Er tauchte daher ſo tief, als er es vermogte, unter, ſchwamm ſo lange, als es ihm ſein Athem geſtattete, unter dem Waſſer, und als er wieder auf der Oberfläche erſchien, um zu athmen, war das Schiff ſo fern und die Nacht ſo finſter, daß die ihn begleitenden Wachen glauben konnten, er wäre in dem Fluſſe begraben geblieben. Otto beeilte ſich, das Ufer zu erreichen. Die Nacht war kalt, ſeine Kleider trieften. Er bedurfte eines Feuers und eines Bettes. Er ging daher nach dem erſten Hauſe, deſſen Fenſter er in der Finſterniß leuchten ſah, ſtellte ſich — ———— ¹ — 42— als einen verirrten Wanderer vor, und da es unmöglich war, zu erkennen, ob er durch den Regen des Himmels oder durch das Waſſer des Fluſſes durchnäßt war, ſo er⸗ regte er keinen Argwohn, und die Gaſtfreundſchaft wurde ihm mit der ganzen deutſchen Offenherzigkeit und ohne ihn auszufragen bewilligt. Am folgenden Morgen brach er mit Tagesanbruch nach Köln auf. Es war ein heiliger Sonntag, und da er zur Stunde der Meſſe ankam, ſo ſah er Jedermann nach der Kirche gehen. Er folgte der Menge, denn auch er hatte zu Gort zu beten... zuvörderſt für ſeinen Va⸗ ter wegen des Irrthumes und der Verlaſſenheit, in denen er ihn gelaſſen hatte... für ſeine in ein Kloſter einge⸗ ſperrte Mutter... endlich für ſich, der frei, aber ohne Stütze und in dieſer unermeßlichen Welt verloren war, die ihm bis jetzt als ganzen Horizont nur den des väter⸗ lichen Schloſſes gezeigt hatte. Indeſſen verbarg er ſich hinter einer Säule, um ſein Gebet zu verrichten; ſo nahe bei Godesberg konnte er von einigen der Adeligen, welche zu dem Feſte des vorigen Tages gekommen waren, oder von dem Erzbiſchoffe von Köln, Herrn Walerand von Jü⸗ lich ſelbſt erkannt werden, der einer der älteſten und treueſten Freunde ſeines Vaters war. Als Otto ſein Gebet verrichtet, blickte er um ſich, und ſah voll Erſtaunen, daß ſich unter der Zahl der An⸗ weſenden eine ſo große Menge von Bogenſchützen verſchie⸗ dener Länder befand, daß ſein erſter Gedanke war, daß die Meſſe, welche man las, zu Ehren des heiligen Seba⸗ ſtian, des Patrons der Innung, gefeiert werde. Er er⸗ 6◻ — 43— kundigte ſich ſogleich darüber bei dem, welcher ſich am nächſten von ihm befand, und erfuhr nun, daß ſie ſich zu dem Schützenfeſte begäben, welches alljährlich zu der⸗ ſelben Zeit der Fürſt Adolph von Cleve gab, einer der reichſten und angeſehenſten Herren unter denen, deren Schlöſſer ſich von Straßburg bis nach Niemwegen er⸗ hoben. Otto verließ ſogleich die Kirche, ließ ſich den am be⸗ ſten verſehenen Schneider der Stadt angeben, vertauſchte ſeine Kleider von Sammet und Seide gegen ein Wamms von grünem Tuche mit einem ledernen Gürtel, kaufte ei⸗ nen Bogen von dem beſten Ahornholze, den er fin den konnte, wählte einen Köcher mit ſeinen zwölf Pfeilen ver⸗ ſehen, und als er hierauf ſich erkundigt, in welchem Wirthshauſe ſich die Bogenſchützen beſonders verſammelten und er erfahren hatte, daß es der goldene Reiher wäre, ſo begab er ſich nach dieſem Gaſthefe, welcher auf der Heerſtraße nach Uerdingen vor dem Adlerthore lag. Er fand dort etwa dreißig Bogenſchützen verſammelt, welche tüchtig zechten. Er ſetzte ſich unter ſie, und ob⸗ gleich er Allen unbekannt war, ſo nahmen ihn doch Alle wegen ſeiner Jugend und ſeines guten Ausſehens freund⸗ lich auf. Außerdem war er einer guten Aufnahme ent⸗ gegengekommen, indem er gleich anfangs ſagte, daß er ſich nach Cleve zu dem Schießfeſte begäbe, und die Reiſe mit ſo wackern und ſo fröhlichen Gefährten zu machen wünſchte. Der Vorſchlag war daher einſtimmig angenommen worden. Da die Bogenſchützen noch drei Tage vor ſich hatten, und da der Sonntag ein heiliger, der Ruhe gewidmeter -— 44— Tag iſt, ſo begaben ſie ſich erſt am folgenden Morgen auf den Weg, indem ſie längs den Ufern des Fluſſes hin⸗ gingen, und fröhlich über Jagd und Kriegsthaten plau⸗ derten. Im Gehen bemerkten die Bogenſchützen, daß Otto keine Federn an ſeinem Barett hätte, was gegen den Gebrauch war, da jeder eine Feder trug, welche zu gleicher Zeit die Beute und das Siegeszeichen irgend eines Vogels war, der ein Opfer ſeiner Geſchicklichkeit gewor⸗ den, und ſie neckten ihn über ſeinen neuen Bogen und ſeine neuen Pfeile. Otto geſtand lächelnd, daß weder Bogen noch Pfeile bereits gedient hätten, daß er aber bei der erſten Gelegenheit trachten würde, ſich durch ſie den unerläßlichen Schmuck zu verſchaffen, der ſeinem Hute mangelte, Dem zu Folge machte er ſeinen Bogen zurecht. Jedermann erwartete voll Neugierde eine Gelegenheit, um die Geſchicklichkeit ſeines neuen Gefährten zu beurtheilen. Die Gelegenheiten mangelten nicht; ein Rabe krächzte auf dem letzten dürren Zweige einer Eiche, und die Bo⸗ genſchützen zeigten Otto lachend dieſes Ziel, aber der junge Mann antwortete, daß der Rabe ein unreines Thier ſei, deſſen Federn unwürdig wären, den Hut eines freien Schützen zu ſchmücken. Die Sache war wahr, die fröh⸗ lichen Wanderer begnügten ſich daher auch mit dieſer Ant⸗ wort. Ein wenig weiterhin erblickten ſie einen Sperber re⸗ gungslos auf der Spitze eines Felſens, und es wurde dem jungen Manne derſelbe Antrag geſtellt. Aber dieſes Mal antwortete er, daß der Sperber ein adeliger Vogel wäre, über den Leute von Adel allein das Recht hätten, zu ver⸗ — —---“ — 45— fügen, und daß er, der Sohn eines Landmannes, ſich nicht erlauben würde, einen ſolchen Vogel auf dem Ge⸗ biete eines ſo mächtigen Herrn, als es der Graf von Worringen wäre, über deſſen Herrſchaft man in dieſem Augenblicke kam, zu tödten. Obgleich etwas Wahres in dieſer Antwort lag, und vielleicht nicht einer der Bogen⸗ ſchützen ſich die Handlung zu erlauben gewagt hätte, die er Otto rieth, ſo nahmen doch alle dieſe Antwort mit ei⸗ nem mehr oder minder ſpöttiſchen Laͤcheln auf, denn ſie begannen den Gedanken zu faſſen, daß ihr junger Gefaͤhrte ſeiner Geſchicklichkeit wenig ſicher, den Augenblick zu ver⸗ zögern ſuchte, um davon einen ſo entſcheidenden Beweis abzulegen, als man von ihm verlangte. Otto hatte das Lächeln der Bogenſchützen geſehen und es verſtanden; aber er hatte ſich geſtellt, als ob er darauf durchaus nicht achtete, und ſetzte ſeinen Weg la⸗ chend und plaudernd fort, als ſich plötzlich ungefähr fünf⸗ zig Schritte weit von dem lärmenden Haufen ein Reiher von den Ufern des Fluſſes erhob. Nun wandte ſich Otto nach dem Bogenſchützen um, der ſich ihm am nächſten befand, und den man ihm als einen der geſchickteſten Schützen be⸗ zeichnet hatte. — Bruder, ſagte er zu ihm, ich mögte gar gern eine Feder von dieſem Vogel für meinen Hut haben; Ihr, der Ihr der geſchickteſte unter uns allen ſeid, erzeigt mir doch den Gefallen, ihn zu ſchießen. — Im Fluge! antwortete der Bogenſchütz erſtaunt. — Ohne Zweifel, im Fluge, fuhr Otto fort; ſeht, wie ſchwerfällig er ſich erhebt, kaum hat er zehn Schritte — 46— zurückgelegt, ſeitdem er den Boden verlaſſen, und er iſt nur auf halbe Bogenſchußweite. — Schieß, Robert, ſchieß! riefen alle Bogenſchützen aus. Robert machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches andeutete, daß er der allgemeinen Aufforderung eher aus Gehorſam für die Befehle der ehrbaren Geſellſchaft folge, als in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde. Nichts deſto weniger zielte er mit aller der Aufmerkſamkeit, deren er fähig war, und der von einem kräftigen Arme und ei⸗ nem geübten Auge geſchleuderte Pfeil flog von allen Blik⸗ ken gefolgt davon und kam ſo dicht an dem Vogel vor⸗ über, daß er darüber einen Schreckensſchrei ausſtieß, auf den der Jubel aller Bogenſchützen antwortete. — Gut geſchoſſen! ſagte Otto, jetzt an Euch, Her⸗ mann, fügte er hinzu, indem er ſich an den Bogenſchützen wandte, der ſich zu ſeiner Linken befand. Sei es nun, daß der, an den er ſich wandte, dieſe Aufforderung erwartet hatte, oder ſei es, daß er durch das Beiſpiel fortgeriſſen worden war, er war in dem Au⸗ genblicke bereit, wo Otto das Wort an ihn richtete, und kaum hatte er ausgeſprochen, als ein anderer, ebenſo ge⸗ ſchickter und eben ſo raſcher Pfeil als der erſte, den Flücht⸗ ling verfolgte, der einen neuen Schrei bei dem Pfeifen ausſtieß, welches dieſer nur um einige Zoll weit an ihm vorüberziehende zweite Todesbote hören ließ. Die Bo⸗ genſchützen klatſchten von Neuem. — Jetzt iſt an mir die Reihe, ſagte Otto. Alle Blicke wandten ſich nach ſeiner Seite, denn — 42— ohne außer Schußweite zu ſein, begann der Reiher doch eine ziemlich beträchtliche Entfernung zu erreichen, und da er an Luft das hatte, was er für ſeine weiten Flügel be⸗ durfte, ſo flog er mit einer Schnelligkeit davon, welche ihn bald außer aller Gefahr ſetzen mußte. Otto hatte ohne Zweifel alles das gleichfalls berechnet, denn erſt, nachdem er die Entfernung genau mit den Augen ermeſ⸗ ſen, erhob er mit langſamer Aufmerkamkeit ſeinen Pfeil zu der Höhe des Thieres; dann, als er ihn in die Linie des Auges gebracht, zog er die Sehne nach der Weiſe der engliſchen Bogenſchützen faſt bis hinter ſeinen Kopf zurück, indem er ſich ſeinen Bogen wie eine Weidenruthe biegen ließ. Einen Augenblick lang blieb er regungslos wie eine Statue, dann hörte man plötzlich ein leiſes Zi⸗ ſchen, denn der Pfeil war ſo raſch davon geflogen, daß ihn Niemand geſehen hatte. Aller Augen richteten ſich auf den Vogel, der anhielt, als ob ihn ein unſichtbarer Blitz getroffen hätte, und der durch und durch gebohrt von einer ſolchen Höhe herabfiel, daß man nicht einmal geglaubt hätte, daß der Pfeil ihm dorthin hätte folgen können. Die Bogenſchützen waren auf das Höchſte erſtaunt; eine ſolche Probe von Geſchicklichkeit war für ſie ſelbſt kaum glaublich; was Otto anbelangt, der ſtehen geblie⸗ ben war, um die Wirkung des Schuſſes zu beurtheilen, ſo hatte er kaum das Thier fallen ſehen, als er ſich wie⸗ der auf den Weg begab, ohne daß er das Erſtaunen ſei⸗ ner Gefährten zu bemerken ſchien. Bei dem Reiher ange⸗ langt, riß er von ſeinem Halſe jene feinen und ſchönen Federn, welche einen natürlichen Buſch bilden, und ſteckte ſie an ſeinen Hut. Was die Bogenſchützen anbelangt, ſo hatten ſie die Entfernung gemeſſen; der Vogel war drei Hundert und zwanzig Schritte weit gefallen. Dieſes Mal ward die Bewunderung nicht in Beifalls⸗ bezeugungen ausgeſprochen; erſtaunt über einen ſolchen Beweis von Geſchicklichkeit, hatten die Bogenſchützen ſich unter einander angeblickt; hierauf hatten ſie, wie wir be⸗ merkt, die Schritte gezählt, und als Otto damit fertig war, ſeinen Hut mit dem ſo wunderbar erlangten Feder⸗ ſtrauße zu ſchmücken, hatten ihm Robert und Hermann, die beiden Bogenſchützen, welche vor ihm geſchoſſen, die Haad gereicht, aber mit einem Gefühle von Ehrerbietung, welches andeutete, daß ſie ihn nicht allein für einen Ka⸗ meraden, ſondern auch für ihren Meiſter anerkannten. Die wandernde Truppe, welche ſich in Worringen nur aufgehalten hatte, um zu frühſtücken, kam um vier Uhr Abends nach Neuß. Man aß in aller Eile zu Mittag, denn drei Meilen weit von Neuß befand ſich die Felſen⸗ kirche, an der die frommen Bogenſchützen nicht vorüber⸗ gehen konnten, ohne nach ihr eine Wallfahrt zu machen. Otto, welcher das Leben und die Gebräuche ſeiner neuen Gefährten angenommen hatte, folgte ihnen bei dieſem Ab⸗ ſtecher, und ſie gelangten gegen Abend an den heiligen Felſen; es war ein ungeheurer Stein, der das Anſehen einer Kirche hatte,. 3 Das kam daher, weil dieſer Stein vor Zeiten wirk⸗ lich die erſte, an den Ufern des Rheines von einem Haͤupt⸗ linge der Deutſchen erbaute chriſtliche Kirche war, der im — 49— Geruche der Heiligkeit ſtarb, indem er ſieben ſchöne und tugendhafte Töchter hinterließ, die an ſeinem Grabe be⸗ ten konnten. Das war zur Zeit der großen Wanderungen der Barbaren. Unbekannte, von unſichtbarer Hand ge⸗ triebene Voͤlker kamen von den Höhen Aſiens herab, und veränderten das Anſehen der europäiſchen Welt. Eine Hirſchkuh hatte Attila durch die Palus Meotides geführt, und er zog nach Deutſchland herab, indem ihm der Schre⸗ cken vorausging, den ſein Name einflößte. Erſchreckt über das Geräuſch der Schritte dieſer wilden Nationen zögerte der Rhein, ſeinen Lauf nach dem Sande zu ver⸗ folgen, in welchem er ſich perliert, und ſchauderte in ſei⸗ ner ganzen Länge wie eine unermeßliche Schlange. Bald darauf erſchienen die Hunnen an dem rechten Ufer, und am ſelben Tage ſah man eine Feuersbrunſt ſich an dem ganzen Horizonte, das heißt von Colonia Agrippina bis nach Vliso*) entzünden. Die Gefahr war dringend; von ſolchen Feinden war kein Erbarmen zu erwarten, und am folgenden Morgen, wo ſie dieſelben die Flöße in das Waſſer laſſen ſahen, die ſie während der Nacht aus den Bäumen eines Waldes erbaut hatten, der verſchwunden war, zogen ſich die jungen Mädchen in die Kirche zurück und knieeten um das Grab ihres Vaters, indem ſie ihn bei der heiligen Liebe, die er während ſeines Lebens für ſie gehabt, anflehten, ſie auch noch nach ſeinem Tode zu beſchützen. Der Tag und die Nacht verfloſſen in Gebeten, und ſie hofften bereits gerettet zu ſein, als ſie mit An⸗ *) Von Köln bis Weſel. A. Duma's Novellen. Vierter Band. 4 — —— — 50— bruch des Tages die Barbaren herannahen hörten. Sie begannen mit den Knöpfen ihrer Schwerter an die eichene Thür zu klopfen; als ſie aber ſahen, daß ſie widerſtand, ſo kehrten die Einen nach dem Flecken zurück, um dort Leitern zum Erſteigen der Fenſter zu holen, die Andern gingen, eine Tanne abzuhauen, die ſie ihrer Zweige ent⸗ ledigten, und aus der ſie ſich einen Mauerbrecher machten. Dann, als ſie ſich die zu ihrem ruchloſen Vorhaben noth⸗ wendigen Werkzeuge verſchafft hatten, gingen ſie mit ih⸗ nen nach der Kirche, welche den ſieben Schweſtern zur Zu⸗ fluchtsſtätte diente; als ſie aber bei ihr anlangten, gab es weder Thüren noch Fenſter mehr. Die Kirche war wohl noch da, aber ſie war ein Felſen geworden, und hatte ſich ganz in Stein verwandelt; nur hörte man aus dieſer Granitmaſſe einen leiſen, traurigen und lieblichen Geſang gleich dem Geſange der Todten erſchallen. Das waren die Dankgeſänge der ſieben Jungfrauen, welche dem Herrn dankten. Die Bogenſchützen verrichteten ihr Gebet an der Fel⸗ ſenkirche, dann kehrten ſie nach dem nächſten Dorfe zu⸗ rück, um dort zu übernachten. Am folgenden Morgen begaben ſie ſich wieder auf den Weg; der Tag verfloß ohne andere Vorfälle, als eine allmählige Verſtärkung. Die Bogenſchützen ſtrömten aus allen Theilen Deutſchlands zu dieſem jährlichen Feſte herbei, deſſen Preis für dieſes Mal in einem Barett von grünem Sammet mit zwei durch eine Diamantagraffe mit einander verbundenen goldenen Eichenzweigen beſtand. Sie ſollte von der einzigen Tochter des Markgrafen ſelbſt, der — —— 2—— 22 jungen Prinzeſſin Helene, welche ihr vierzehntes Jahr an⸗ trat, gegeben werden. Das Herbeiſtrömen ſo vieler ge⸗ ſchickter Bogenſchützen hatte daher nichts Erſtaunenswür⸗ diges. Der kleine Haufen, der ſich jetzt auf vierzig bis fünf⸗ zig Mann belief, wollte am folgenden Morgen früh in Cleve ankommen, da das Schießen gleich nach der letzten Meſſe, das heißt, um eilf Uhr beginnen ſollte. Die Bo⸗ genſchützen hatten dem zu Folge beſchloſſen in Kervenheim zu übernachten. Die Tagereiſe war ſtark, man kehrte da⸗ her auch kaum ein, um zu frühſtücken und zu Mittag zu eſſen. Wie ſehr ſich indeſſen die Reiſenden auch beeilten, ſo erreichten ſie dieſe Stadt doch erſt nach dem Thor⸗ ſchluſſe. Es handelte ſich darum, die Nacht außerhalb, und das ſo gut als möglich zuzubringen; man erblickte ein verfallenes Schloß auf einem benachbarten Berge, es war das Schloß Windeck. Jeder war der Meinung, dieſen günſtigen Umſtand zu benutzen, mit Ausnahme des älteſten der Bogenſchützen, der ſich aus allen ſeinen Kräften dem widerſetztez da er aber der Einzige ſeiner Meinung war, ſo hatte ſeine Stim⸗ me keinen Einfluß, und wenn er nicht allein bleiben wollte, ſo war er genöthigt, ſeine jungen Gefährten zu begleiten; er folgte ihnen. Die Nacht war finſter; nicht ein Stern glänzte am Himmel, ſchwere Regenwolken zogen über den Häuptern unſerer Wanderer gleich den Wogen eines Luftmeeres da⸗ hin. Ein ſolches Obdach, ſo unvollſtändig es auch ſein mogte, war daher eine Wohlthat des Himmels. -— 52— Die Bogenſchützen erklommen ſchweigend den Hugel, und dennoch hörten ſie bei dem Geräuſche ihrer Schritte längs des ganzen mit Geſtrüpp bedeckten Fußpfades das Wild entfliehen, deſſen zahlreiche Anweſenheit andeutete, daß dieſe einſamen Ruinen gegen die Anweſenheit der Menſchen durch einen abergläubigen Schrecken geſchützt wä⸗ ren. Plötzlich ſahen die, welche vorausgingen, den erſten Thurm gleich einem Geſpenſte vor ihren Augen ſich aufrich⸗ ten, eine rieſenhafte Schildwache, welche zu andern Zeiten beſtimmt war, den Eingang des Schloſſes zu vertheidigen. Der alte Bogenſchütz ſchlug vor, in dieſem Thurme zu verweilen, und ſich mit dieſem Obdache zu begnügen. Man machte dem zu Folge Halt; einer der Schützen ſchlug Feuer, zündete einen Tannenzweig an, und über⸗ ſchritt das Thor. Nun wurde man gewahr, daß die Dächer eingefallen waren, daß die Mauern allein noch ſtanden, und da die Nacht regneriſch zu werden drohte, ſo gab es nur eine Stimme, den Weg bis nach den Wohngebäuden fortzu⸗ ſetzen; indeſſen ließ man von Reuem den alten Schützen die Freiheit, an dieſem Orte zurückzubleiben. Aber er ſchlug es ein zweites Mal aus, indem er vorzog, ſeinen Gefährten überall hin zu folgen, wohin ſie gehen würden, als in einer ſolchen Nacht und in einer ſolchen Nachbar⸗ ſchaft allein zu bleiben. Die Truppe begab ſich daher wieder auf den Weg; nur hatte während dieſes Haltes von einigen Minuten jeder einen Tannenzweig abgebro⸗ chen und ſich eine Harzfackel gemacht, ſo daß der Berg, der vorher dunkel, plötzlich erleuchtet geworden war, und — 53— daß man an dem Ende des Lichtkreiſes die traurige, un⸗ beſtimmte und dunkle Maſſe des Schloſſes zu unterſcheiden begann, das, in dem Maße als man näher kam, auf eine weit deutlichere Weiſe hervortrat, indem es ſeine maſſiven Säulen und ſeine gedrückten Gewölbe zeigte, de⸗ ren erſte Steine vielleicht von Karl dem Großen ſelbſt gelegt worden waren, als er von den Pyrenäen bis nach den bataviſchen Moräſten dieſe Linie von Feſten erbauen ließ, welche dazu beſtimmt war, den Einfall der Männer des Nordens zu brechen. Bei dem Herannahen der Bogenſchützen und bei dem Anblicke der Fackeln entflohen die Gaͤſte des Schloſſes nun auch; es waren Eulen und Krähen mit ſchwerfälligem Fluge, welche, nachdem ſie zwei bis drei Kreiſe über den Häuptern derer beſchrieben, welche ſie zu ſtören kamen, ſich kläglich ſchreiend entfernten. Bei dieſem Anblicke und bei dieſem widrigen Geſchrei waren die Herzhafteſten nicht frei von einer Regung des Schreckens, denn ſie wußten, daß es gewiſſe Gefahren gibt, gegen die weder der Muth noch die Zahl Etwas vermögen. Sie drangen nichts deſto weniger in den erſten Hof, und befanden ſich in dem Mit⸗ telpunkte eines großen, von Gebäuden gebildeten Viereckes, von denen die einen in Ruinen zuſammenfielen, während die andern ſich in einem um ſo auffallenderen Zuſtande der Erhaltung befanden, je größer der Kontraſt war mit den Trümmern, die ihnen gegenüber den Boden bedeckten. Die Bogenſchützen traten in ein Gebäude, welches ihnen das am meiſten bewohnbare ſchien, und befanden ſich bald in einem großen Saale, welcher ehedem der der — 54— Knappen geweſen zu ſein ſchien. Trümmern von Laͤden verſchloſſen die Fenſter ſo, um die größte Gewalt des Windes zu brechen. Bänke von Eichenholz, welche in dem ganzen Umkreiſe des Saales an die Wände befeſtigt wa⸗ ren, konnten noch zu demſelben Gebrauche dienen, zu dem ſie beſtimmt geweſen waren. Endlich bot ihnen ein unge⸗ heures Kamin das Mittel, ihren Schlaf zugleich zu er⸗ leuchten und zu erwärmen. Das war Alles, was Män⸗ ner wünſchen konnten, welche, durch die Mühſeligkeiten der Jagd und des Krieges abgehärtet, daran gewöhnt waren, Nächte zuzubringen, in denen ſie nur die Wurzeln eines Baumes zum Kopfkiſſen und ſein Laub zum Obdache hatten. Das Schlimmſte von alle dem war, Nichts zum Abendeſſen zu haben. Der Weg war lang geweſen und das Mittageſſen längſt vergeſſen; aber das war wieder eine jener Unannehmlichkeiten, an welche Jäger gewöhnt ſein müſſen. Dem zu Folge ſchnallte man den Gürtel enger, zündete ein großes Feuer in dem Kamine an, wärmte ſich reichlich, da man nichts Beſſeres thun konnte, und als ſich dann der Schlaf der Wanderer zu bemächti⸗ gen begann, ſo richtete ſich jeder ſo bequem ein, als er es vermogte, um die Nacht zuzubringen, nachdem man indeſſen auf den Rath des alten Schützen die Vorſicht ge⸗ troffen hatte, vier Perſonen nach einander wachen zu laſ⸗ ſen, damit der Schlaf der übrigen Truppe ruhig wäre. Man zog das Loos, und das Loos traf Otto, Hermann, den alten Bogenſchützen und Robert. Die Wachen wur⸗ den auf zwei Stunden jede beſtimmt; in dieſem Augen⸗ — — 55— blicke ſchlug es halb zehn Uhr auf der Kirche von Kerven⸗ heim. Otto begann die ſeinige, und nach Verlauf eines Augenblickes befand er ſich unter ſeinen neurn Gefährten allein wach. Das war der erſte Moment der Ruhe, den er fand, um mit ſich ſelbſt zu ſprechen. Drei Tage zuvor, zur ſelben Stunde, war er glücklich und ſtolz, indem er der edelſten Ritterſchaft der Umgegend die Ehren des Schloſſes Godesberg erwies, und jetzt, ohne daß er irgend Etwas zu der entſtandenen Veränderung beigetragen, deren Ur⸗ ſache er faſt nicht wußte, befand er ſich der väterlichen Liebe beraubt, verbannt, ohne das Ziel ſeiner Verban⸗ nung zu wiſſen, und unter einen Haufen ohne Zweifel wackerer und biederer Männer gemiſcht, die aber ohne Ge⸗ burt und ohne Zukunft waren, über deren Schlaf er, der Sohn eines Fürſten, wachte, der daran gewöhnt war zu ſchlafen, während man über den ſeinigen wachte! Dieſe Betrachtungen ließen ihm ſeine Wache kurz erſcheinen. Zehn Uhr, halb eilf Uhr und eilf Uhr ſchlugen nach ein⸗ ander, ohne daß er den Gang der Zeit gewahr wurde, und ohne daß irgend Etwas ſeine Betrachtungen ſtörte. Indeſſen begann die körperliche Ermüdung gegen die mo⸗ raliſche Beſchäftigung zu kämpfen, und als es halb zwölf ſchlug, war es Zeit, daß das Ende ſeiner Wache herbei⸗ kam, denn ſeine Augen ſchloſſen ſich unwillkürlich. Er weckte dem zu Folge Hermann, der ihm folgen ſollte, in⸗ dem er ihm meldete, daß ſeine Reihe gekommen wäre. Hermann erwachte ſehr übler Laune; er träumte, daß er ein Reh braten ließ, das er geſchoſſen hatte, und in dem — 56— Augenblicke, wo er zum Mindeſten im Traume ein gu⸗ tes Abendeſſen halten wollte, befand er ſich wieder nüch⸗ tern, mit leerem Magen und ohne irgend eine Ausſicht, ihn zu füllen. Getreu dem gegebenen Befehle, trat er nichts deſto weniger Otto ſeinen Platz ab, und nahm den ſeinigen ein. Otto legte ſich; ſeine halb offenen Augen unterſchieden noch während einiger Zeit auf eine ungewiſſe Weiſe die ihn umgebenden Gegenſtände, und unter die⸗ ſen Gegenſtänden Hermann, der an eine der maſſiven Säulen des Kamines gelehnt ſtand; bald verſchmolz Alles in einem grauen Nebel, in welchem jedes Ding ſeine Geſtalt und ſeine Farbe verlor, endlich ſchloß er die Au⸗ gen gänzlich und entſchlief. Wie wir bemerkt, war Hermann an einem der maſ⸗ ſiven Träger des Kamines ſtehen geblieben, indem er das Getöſe des Windes in den hohen Thürmen be⸗ horchte, und bei dem verlöſchenden Scheine des Feuers ſeine Blicke in die dunkelſten Winkel des Gemaches ſenkte. Seine Augen waren auf eine verſchloſſene Thüre gerichtet, welche in die innern Gemächer des Schloſſes führen zu müſſen ſchien, als es Mitter⸗ nacht ſchlug. So tapfer Hermann auch war, ſo zähl⸗ te er doch mit einem gewiſſen innern Schauder, und die Augen immer auf denſelben Punkt geheftet, die eilf Schläge der Glocke, als in dem Augenblicke, wo der zwölfte erſchallte, die Thüre aufging, und ein junges, ſchönes Mädchen, bleich und ſchweigend auf der, von einem hinter ihr verborgenen Lichte er⸗ leuchteten Schwelle erſchien. Hermann wollte rufen, — 572— aber das junge Mädchen, wie als ob ſie ſeine Abſicht errathen hätte, legte einen Finger auf ih⸗ ren Mund, um ihm Schweigen zu gebieten, und gab ihm mit der andern Hand einen Wink, ihr zu folgen. IW. Hermann zögerte einen Augenblick lang; aber da er ſogleich bedachte, daß es ſchimpflich für einen Mann waͤre, vor einer Frau zu zittern, ſo that er einige Schritte auf die geheimnißvolle Unbekannte zu, welche, als ſie ihn zu ſich kommen ſah, in das Zimmer zurückkehrte, eine auf einem Tiſche ſtehende Lampe nahm, eine andere Thüre öffnete, und von der Schwelle dieſer aus ſich umwandte, um dem an dem Eingange des zweiten Zimmers ſtehen gebliebenen⸗Bogenſchützen einen neuen Wink zu geben. Der Wink war mit einem ſo huldvollen Lächeln begleitet, daß die letzten Befürchtungen Hermanns verſchwanden. Er eilte hinter dem jungen Mädchen her, welche, als ſie ſeine eiligen Schritte hörte, ſich ein letztes Mal umwandte, um ihm ein Zeichen zu machen, hinter ihr zu gehen, in⸗ dem er einige Schritte der Entfernung beibehielt. Her⸗ mann gehorchte. — 509— So ſchritten ſie ſchweigend durch eine Reihe öder und dunkler Gemächer, bis endlich die geheimnißvolle Füh⸗ rerin die Thüre eines hell erleuchteten Zimmers aufſtieß, in welchem ein Tiſch mit zwei Gedecken angerichtet war. Das junge Mädchen trat zuerſt ein, ſtellte die Lampe auf das Kamin und ſetzte ſich ohne ein Wort zu ſagen auf ei⸗ nen der Stühle, welche die Tiſchgenoſſen erwarteten. Als ſie hierauf ſah, daß Hermann, eingeſchüchtert und zögernd, auf der Schwelle der Thüre ſtehen geblieben war, ſagte ſie zu ihm:. — Seid willkommen auf dem Schloſſe von Windeck. — Aber darf ich die Ehre annehmen, welche Ihr mir anbietet? antwortete Hermann. — Habt Ihr nicht Hunger und Durſt, Herr Schütz? erwiderte das junge Mädchen; ſo ſetzt Euch denn an die⸗ ſen Tiſch und trinkt und eßt, ich lade Euch dazu ein. — Ihr ſeid ohne Zweifel das Burgfräulein? ſagte Hermann, indem er ſich ſetzte. — Ja, antwortete das junge Mädchen mit einem Zeichen des Kopfes. — Und Ihr bewohnt dieſe Ruinen allein? fuhr der Schütz fort, indem er voll Erſtaunen um ſich blickte. — Ich bin allein. 5 — Und Eure Eltern? Das junge Mädchen zeigte ihm mit dem Finger zwei an der Wand hängende Portraͤts, von denen das eine einen Mann, das andere eine Frau vorſtellte, und ſagte mit leiſer Stimme: — Ich bin die letzte der Familie. — 60— Hermann blickte ſie an, ohne daß er noch wußte, was er von dem ſeltſamen Weſen denken ſollte, welches er vor ſich hatte. In dieſem Augenblicke begegneten ſeine Augen den Augen des jungen Mädchens, welche von Zärt⸗ lichkeit feucht waren. Hermann dachte nicht mehr an Hun⸗ ger noch an Durſt; er, ein armer Schütz, ſah eine edle Dame vor ſich, welche ihre Geburt und ihren Stolz ver⸗ gaß, um ihn an ihrem Tiſche zu empfangen; er war jung, er war ſchön, es fehlte ihm nicht an Selbſtver⸗ trauen; er glaubte, daß die Stunde, welche, wie man ſagt, ſich jedem Menſchen zeigt, um ein Mal in ſeinem Leben Glück zu machen, ſich ihm in dieſem Augenblick zeigte. — So eßt doch, ſagte das junge Mädchen zu ihm, indem ſie ihm ein Stück von dem Kopfe eines Ebers vor⸗ legte. So trinkt doch, ſagte das junge Mädchen, indem ſie ihm ein Glas wie Blut hochrothen Wein einſchenkte. — Wie nennt Ihr Euch, meine ſchöne Wirthin? ſagte Hermann kühn gemacht und indem er ſein Glas erhob. — Ich nenne mich Bertha. — Wohlan! Auf Eure Geſundheit, ſchöne Bertha! fuhr der Schütz fort. Und er trank den Wein in einem Zuge aus. Bertha antwortete NRichts, ſondern lächelte traurig. Die Wirkung des Trankes war zauberiſch, die Augen Hermanns funkelten nun auch, und indem er die Einla⸗ dung des Burgfräuleins benutzte, griff er das Abendeſ⸗ ſen mit einem Eifer an, welcher bewies, daß es keinem Undankbaren angeboten worden war, und, was das Ver⸗ ———— — 61— geſſen entſchuldigen konnte, in welches er verfallen, indem er das Zeichen des Kreuzes nicht machte, wie er es jedes Mal zu thun gewohnt war, wenn er ſich zu Tiſch ſetzte. Bertha ſah ihm zu, ohne ihm nachzuahmen. — Und Ihr, ſagte er zu ihr, eßt Ihr nicht? Bertha machte ein verneinendes Zeichen, und ſchenkte ihm ein zweites Mal Wein ein. Es war bereits ein Ge⸗ brauch jener Zeit, daß die ſchönen Damen das Eſſen und Trinken als eine ihrer unwürdige Sache betrachteten, und Hermann hatte oft bei den Mahlzeiten, denen er als Die⸗ ner beigewohnt, die Burgfrauen ſo bleiben ſehen, wäh⸗ rend die Ritter um ſie herum aßen, um glauben zu laſ⸗ ſen, daß ſie gleich den Schmetterlingen und den Blumen, deren Leichtigkeit und Glanz ſie hatten, nur von Wohl⸗ gerüchen und von Thau lebten. Er glaubte, daß dem ſo mit Bertha wäre, und er fuhr fort zu eſſen und zu trin⸗ ken, als ob ſie ihm gänzlich Geſellſchaft leiſtete. Außer⸗ dem blieb ſeine huldvolle Wirthin nicht unthätig, und als ſie ſah, daß ſein Glas leer war, füllte ſie es ihm zum dritten Male. Hermann empfand weder Furcht, noch Verlegenheit mehr, der Wein war köſtlich und ächt, denn er brachte auf das Herz des naͤchtlichen Gaſtes ſeine gewohnte Wir⸗ kung hervor; Hermann fühlte ſich voll Selbſtvertrauen, und indem er alle die Verdienſte durchging, die er in die⸗ ſem Augenblicke an ſich fand, verwunderte er ſich nicht mehr über das Glück, das ihm zuſtieß, und das Ein⸗ zige, was ihn verwunderte, war, daß es ſo lange gezö⸗ gert hätte. Er befand ſich in dieſer glücklichen Stimmung, — 62— als ſeine Augen auf eine Laute fielen, welche auf einem Stuhle lag, wie, als ob man ſich ihrer an demſelben Tage bedient hätte; nun meinte er, daß ein wenig Muſik Nichts an dem vortrefflichen Mahle verderben würde, das er ſo eben gehalten hatte. Er forderte dem zu Folge Ber⸗ tha artig auf, ihre Laute zu nehmen, und ihm irgend Etwas zu ſingen. Bertha ſtreckte die Hand aus, nahm das Inſtrument und entlockte ihm einen ſo ſchwungvollen Accord, daß Hermann die letzten Fiber ſeines Herzens erbeben fühlte; und er hatte ſich kaum von dieſer Gemüthsbewegung wie⸗ der erholt, als das junge Mädchen mit ſanfter und zu⸗ gleich inniger Stimme eine Ballade begann, deren Worte mit der Lage, in welcher er ſich befand, eine ſolche Aehn⸗ lichkeit hatten, daß man hätte glauben können, die ge⸗ heimnißvolle Künſterlin improviſire. Sie ſang von einem Burgfräulein, das in einen Schützen verliebt war. Die Anſpielung war Hermann nicht entgangen, und wenn ihm einige Zweifel übrig geblieben wären, ſo hätte die Ballade ſie ihm genommenz; bei dem letzten Verſe ſtand er daher auch auf, und indem er um den Tiſch herum⸗ ging, ſtellte er ſich hinter Bertha und zwar ſo nahe, daß, als ihre Hand von den Saiten des Inſtrumentes herab glitt, ſie zwiſchen die Hände Hermanns ſank. Hermann erbebte, denn dieſe Hand war eiſig; aber er faßte ſich ſogleich wieder. — Leider! Fräulein, ſagte er zu ihr, bin ich nur —— ein armer Schütz ohne Geburt und ohne Vermögen, aber um zu lieben habe ich das Herz eines Königs. — Ich verlange nur ein Herz, antwortete Bertha. — Ihr ſeid alſo frei? wagte Hermann zu ſagen. — Ich bin frei, erwiderte das junge Mädchen. — Ich liebe Euch, ſagte Hermann. — Ich liebe Dich, antwortete das junge Mädchen. — Und Ihr willigt ein, mich zu heirathen? rief Her⸗ mann aus. Bertha ſtand auf ohne zu antworten, ging nach ei⸗ ner Truhe, und indem ſie eine Schublade öffnete, nahm ſie daraus zwei Ringe, welche ſie Hermann überreichte; hierauf kehrte ſie zu der Truhe zurück, und nahm aus ihr, immer ſchweigend, eine Krone von Orangeblüthen und einen Brautſchleier. Dann ſchlug ſie den Schleier über ihren Kopf, befeſtigte ihn darauf mit der Krone, und indem ſie ſich umwandte, ſagte ſie: — Ich bin bereit. Hermann ſchauderte faſt wider ſeinen Willen; er war indeſſen zu weit gegangen, um nicht bis an das Ende zu gehen. Was wagte außerdem er, der arme Schütz, der keinen Winkel Boden beſaß, und für den allein das mit Wappen geſchmückte Silbergeſchirr, womit der Tiſch be⸗ deckt war, ein Vermögen geweſen wäre. Er reichte daher ſeiner Braut die Hand, indem er ihr gleichfalls ein Zeichen mit dem Kopfe gab, daß er be⸗ reit ſei, ihr zu folgen. Bertha nahm mit ihrer kalten Hand die glühende Hand Hermanns, und indem ſie eine Thüre öffnete, trat 84 1— 1 — 64— ſie in einen dunklen Gang, der nur noch durch den blei⸗ chen Schein erleuchtet war, welchen der hinter den Wol⸗ 3 ken hervorgetretene Mond durch die ſchmalen, von Strecke zu Strecke angebrachten Fenſter warf. An dem Ende des Ganges fanden ſie eine Treppe, welche ſie in gänzlicher Finſterniß hinabſchritten, nun, von einem unwillkürlichen Schauder befallen, blieb Hermann ſtehen und wollte wieder umkehren; aber es ſchien ihm, als ob die Hand Berthas die ſeinige mit übernatürlicher Kraft drückte, ſo daß er, halb aus Scham, halb fortgeriſſen, fortfuhr, ihr zu folgen. Indeſſen gingen ſie immer hinab; nach Verlauf eines Augenblickes ſchien es Hermann nach dem feuchten Ein⸗ drucke, den er empfand, daß ſie in einer unterirdiſchen Re⸗ gion wären; bald zweifelte er nicht mehr daran, ſie hat⸗ ten aufgehört abwärts zu gehen, und ſie gingen auf einem ebenen Boden, den man leicht als den Boden eines Grab⸗ 8 gewölbes erkennen konnte. Nach Verlauf von zehn Schritten blieb Bertha ſtehen; und indem ſie ſich zur Rechten wandte, ſagte ſie: — Kommt, mein Vater. Und ſie begab ſich wieder auf den Weg. Nach Verlauf von zehn andern Minuten blieb ſie von Neuem ſtehen, und indem ſie ſich zur Linken wandte, 2 ſagte ſie: — Kommt, meine Mutter. Und ſie ſetzte ihren Weg fort, bis daß ſie, nachdem ſie noch zehn andere Schritte zurückgelegt hatte, ein drit⸗ tes Mal ſagte: — Kommt, meine Schweſtern. Und obgleich Hermann Nichts unterſcheiden konnte, ſo ſchien es ihm doch, als ob er hinter ſich ein Geräuſch von Schritten und ein Rauſchen von Gewändern hörte. In dieſem Augenblicke berührte ſein Kopf das Gewölbe; aber Bertha drückte den Stein mit der Spitze des Fin⸗ gers, und der Stein erhob ſich. Er führte in eine glän⸗ zend erleuchtete Kirche; ſie traten aus einem Grabe, und befanden ſich vor einem Altare. Im ſelben Augenblicke erhoben ſich zwei Platten in dem Chore, und Hermann ſah den Vater und die Mutter Berthas in demſelben Ko⸗ ſtüme erſcheinen, in welchem ſie auf den beiden Gemälden des Zimmers waren, wo er zu Nacht gegeſſen hatte, und hinter ihnen, in dem Schiffe, auf dieſelbe Weiſe die Non⸗ nen der an das Schloß anſtoßenden Abtei hervorkommen, welche ſeit einem Jahrhunderte in Ruinen zuſammenfiel. Alles war daher zu der Trauung verſammelt, Brautleute, Eltern und Eingeladene. Nur der Prieſter fehlte; Bertha machte ein Zeichen, und ein auf ſeinem Grabe liegender Biſchof von Marmor erhob ſich langſam und ſtellte ſich vor dem Altar. Nun bereute Hermann ſeine Unvorſich⸗ tigkeit, und hätte gar viele Jahre ſeines Lebens darum ge⸗ geben, in dem Rüſtſaale neben ſeinen Gefährten zu lie⸗ gen; aber er ward von einer übermenſchlichen Gewalt fortgeriſſen, und gleich einem, von einem gräßlichen Trau⸗ me befallenen Menſchen, vermogte er weder zu rufen noch zu fliehen. Während dieſer Zeit war Otto erwacht, und ſeine Augen hatten ſich natürlicher Weiſe nach dem Platze ge⸗ A. Duma's Noyellen. Vierter Band. 5 — 66— richtet, an welchem Hermann wachen ſollte; Hermann war nicht mehr dort, und Niemand hatte ſeine Stelle eingenommen; Otto ſtand auf; eine ſeiner letzten Erin⸗ nerungen in dem Augenblicke, wo er einſchlief, war, als ob er dunkel eine Thüre hätte aufgehen und eine Frau er⸗ ſcheinen ſehen; er hatte das für den Anfang eines Trau⸗ mes gehalten, aber die Abweſenheit Hermanns verlieh dieſem Traume einen Anſchein von Wirklichkeit, ſeine Au⸗ gen richteten ſich ſogleich nach der Thüre, von der er ſich vollkommen erinnerte, ſie verſchloſſen geſehen zu haben, wäͤh⸗ rend er ſelbſt Schildwache ſtand, und die er jetzt of⸗ fen ſah. Indeſſen konnte Hermann, ermuͤdet, dem Schlafe nachgegeben haben; Otto nahm einen Tannenzweig, zün⸗ dete ihn an dem Heerde an, ging von einem Schläfer zu dem andern, und erkannte den nicht, welchen er ſuchte. Nun erwachte der alte Schütz, an welchem die Reihe war, Schildwache zu ſtehen; Otto erzählte ihm das, was vor⸗ gefallen war, und bat ihn zu wachen, während er ſeinen verlornen Gefährten aufſuchen wollte. Der alte Schütz ſchüttelte den Kopf und ſagte: 8 — Er wird das Burgfraͤulein von Windeck geſehen haben; in dieſem Falle iſt er verloren. Otto drängte den Greis, ſich zu erklären, aber dieſer wollte Nichts mehr ſagen. Indeſſen, ſtatt in Otto den Wunſch zu erlöſchen, die Aufſuchung ſeines Gefaͤhrten zu unternehmen, verliehen ihm dieſe wenigen Worte einen neuen Eifer; er ſah in dieſem ganzen Abenteuer etwas Geheimnißvolles und Uebernatürliches, auf deſſen Ergrün⸗ ———— — 67— dung ſein Muth im voraus ſtolz war, außerdem liebte er Hermann; die beiden Tage des Marſches, die er mit ihm zurückgelegt, hatten ihm denſelben als einen wackeren und luſtigen Geſellen kennen gelehrt, den zu verlieren ihm leid war; dann hatte er endlich großes Vertrauen zu einer wunderthätigen Medaille, welche einer ſeiner Ahnen, der ſie das Grab Chriſti hatte berühren laſſen, aus Paläſtina zurückgebracht; ſie war ein Geſchenk, welches ſeine Mut⸗ ter ihm in ſeiner Jugend gemacht, und das er immer ge⸗ wiſſenhaft auf ſeiner Bruſt getragen hatte. Welche Bemerkungen ihm der alte Schütz auch ma⸗ chen mogte, Otto beharrte nichts deſto weniger in dem gefaßten Entſchluſſe, und bei dem Scheine ſeiner natür⸗ lichen Fackel trat er in das anſtoßende Zimmer, deſſen Thüre offen geblieben war; Alles war darin in ſeinem ge⸗ wöhnlichen Zuſtande, nur dachte er, da eine zweite Thüre wie die erſte offen ſtand, daß Hermann, durch die eine eingetreten, durch die andere wieder hinausgegangen wärez er ſchlug denſelben Weg, wie dieſer ein, und, wie er⸗ durchſchritt er dieſe lange Reihe von Gemächern, welche Hermann durchſchrilten hatte. Sie endigte ſich mit dem Feſtſaale. Als er ſich dieſem Saale näherte, ſchien es ihm, als ob er ſprechen hörte; er blieb ſogleich ſtehen, ſpannte das Ohr, und nach einem Augenblicke der Aufmerkſam⸗ keit blieb ihm kein Zweifel mehr übrig; nur war es nicht Hermanns Stimme; da er aber dachte, daß die, welche ſprächen, ihm Nachrichten über ihn geben könnten, ſo näherte er ſich der Thüre. Auf der Schwelle angelangt, 5* — — 68— blieb er überraſcht über das ſeltſame Schauſpiel ſtehen, welches ſich ſeinen Augen bot; der Tiſch war gedeckt und erleuchtet geblieben, nur die Tiſchgenoſſen waren gewech⸗ ſelt, die beiden Porträts hatten ſich von der Leinwand losgemacht, waren aus ihren Rahmen herabgeſtiegen, und, auf jeder Seite des Tiſches ſitzend, unterhielten ſie ſich ernſt, wie es ſich für Perſonen ihres Alters und ihres Standes geziemt. Otto glaubte, daß ſein Geſicht ihn täuſche, er hatte Perſonen vor Augen, welche durch ihre Gebräuche einem, ſeit mehr als einem Jahrhunderte ver⸗ ſchwundenen Geſchlechte angehört zu haben ſchienen, und die das Deutſch der Zeit Karls des Kahlen ſprachen. Otto ſchenkte darum dem, was er ſah und was er hörte, nur eine um ſo größere Aufmerkſamkeit. — Trotz allen Euern Gründen, mein lieber Graf, ſagte die Frau, werde ich nichts deſto weniger behaupten, daß die Ehe, welche unſere Tochter Bertha in dieſem Au⸗ genblicke ſchließt, eine Mißheirath iſt, von der es in un⸗ ſerer Familie noch kein Beiſpiel gegeben hat, pfui doch! ein Bogenſchütz... — Edle Frau, antwortete der Gatte, Ihr habt recht, aber ſeit mehr als zehn Jahren war Niemand in dieſe Ruinen gekommen, und ſie dient einem minder ſchwer zu befriedigenden Herrn als wir, für den eine Seele eine Seele iſt... Außerdem kann man das Gewand eines Bogenſchützen tragen, und braucht darum kein Unadeliger zu ſein. Ein Beweis iſt dieſer junge Otto, der ſich ihrer Verbindung zu widerſetzen kömmt, der uns auf unverſchämte Weiſe behorcht, und den ich mit meinem Schwerte ſpal⸗ — 69— ten werde, wenn er nicht auf der Stelle wieder zu ſeinen Gefährten geht. Indem er ſich bei dieſen Worten nach der Thüre wandte, wo der junge Mann ſtumm und regungslos vor Erſtaunen ſtand, zog er ſein Schwert und kam mit lang⸗ ſamen und automatiſchen Schritten auf ihn zu, wie, als ob er mit Hilfe geſchickt berechneter Federn, und nicht durch lebendige Muskeln bewegt ginge. Otto ſah ihn mit einem Entſetzen kommen, das er Nicht zu beherrſchen vermogte. Nichts deſto weniger dachte er daran, ſich in Vertheidigungsſtand zu ſetzen und einen Kampf zu beſtehen, wer ſein Gegner auch ſein mögte. De er indeſſen ſah, mit welchem ſeltſamen Feinde er zu thun hatte, ſo ſah er ein, daß er zu ſeiner Vertheidigung nicht zu viel geiſtliche und weltliche Waffen haben würde; bevoor er ſein Schwert zog, machte er dem zu Folge das Zeinhen des Kreuzes. Im ſelben Augenblicke erloſchen die Kerzen, die Tafel verſPwand, und der alte Ritter und ſeine Gattin vergin⸗ gen Nie Erſcheinungen. Otto blieb einen Augenblick lang betäubke, und als er hierauf Nichts mehr ſah noch hörte, trat er ein dieſen jetzt ſo dunkeln Saal, der ſo eben noch voll Licht war, und bei dem Scheine ſeiner Harzfackel ſah er, daß die phantaſtiſchen Tiſchgenoſſen ihren Platz in ihren Rahmen wieder eingenommen hatten; nur die Augen des alten Ritters ſchienen noch lebendig, und folg⸗ ten Otto, indem ſie ihm drohten. Otto ſetzte ſeinen Weg fort. Nachdem, was er ge⸗ — 70— hört hatte, glaubte er, daß Hermann eine dringende Ge⸗ fahr drohe, und da er eine Thüre offen ſah, ſo folgte er der gegebenen Andeutung und trat in den Corridor. An das Ende des Ganges gelangt, erreichte er die Treppe, ging die erſten Stufen hinab, und befand ſich bald in gleicher Höhe mit dem Kirchhofe der Abtei, jenſeits deſ⸗ ſen er die erleuchtete Kirche ſah; eine in die unterirdiſchen Gewölbe hinabführende Thüre ſtand offen, aber Otto zog es vor, über den Kirchhof zu gehen, als unter ihm. Er: trat daher in das Kloſter und ging auf die Kirche zu; die Thüre derſelben war verſchloſſen, aber er brauchte ſiie nur zu drücken, und das Schloß löſte ſich von dem Ho lze los, ſo ſehr verfiel die Thüre vor Alter. Nun befand er ſich in der Kirche, er ſah Alles, die Nonnen, die Brautleute, die Eltern, und bereit an den Finger des bleichen und zitternden Hermanns den Torau⸗ ring zu ſtecken, den Biſchof von Marmor, welcher, ſich von dem Grabe erhoben hatte; es unterlag keinem Z wei⸗ fel, es war die Verheirathung, von welcher der alte Rit⸗ ter und ſeine Gattin ſprach. Otto ſtreckte die Hand/ nach einen Weihkeſſel aus, und indem er hierauf mit ſeinen feuchten Fingern ſeine Stirn berührte, machte er das Zeichen des Kreuzes. 3 Im ſelben Augenblicke verſchwand Alles wie durch Zauber, Biſchof, Brautleute, Eltern und Nonnen; die Kerzen erloſchen, die Kirche erbebte, wie, als ob im Zu⸗ rückkehren in ihr Grab die Todten ihre Grundmauern er⸗ ſchütterten; ein Donnerſchlag ließ ſich hören, ein Blitz fuhr durch das Chor, und wie, als ob er von dem Blitze — 71— e⸗ getroffen wäre, ſank Hermann ohne Bewußtſein auf die er Platten der heiligen Stätte. in Noch von ſeiner dem Erlöſchen nahen Fackel erleuch⸗ e, tet, ging Otto zu ihm, und indem er ihn auf ſeine in Schulter lud, verſuchte er ihn fortzutragen; in dieſem ·ſ⸗ Augenblicke war der Tannenzweig abgebrannt; Otto warf en ihn von ſich, und ſuchte die Thure wieder zu erreichen; 8 aber die Dunkelheit war ſo groß, daß es ihm nicht gelin⸗ 5r. gen wollte, und er länger als eine halbe Stunde ging, 7 indem er ſich von Pfeiler zu Pfeiler ſtieß; ſeine Stirn be⸗ ie deckte ſich mit Schweiß und ſeine Haare ſträubten ſich bei lze der Erinnerung an die hölliſchen Dinge, welche er geſehen hatte. Endlich fand er die ſo ſehr geſuchte Thüre. die In dem Augenblicke, wo er den Fuß in das Kloſter en ſetzte, hörte er ſeinen Namen und den Hermanns von u⸗ mehren Stimmen wiederholt; dann leuchteten in demſel⸗ ch ben Augenblicke Fackeln an den Fenſtern des Schloſſes; ei⸗ endlich erſchienen einige unten an der Treppe, und ver⸗ it⸗ breiteten ſich unter den Hallen des Kloſters, Otto ant⸗ ch wortete nun durch einen einzigen Schrei, in welchem der en Reſt ſeiner Kraͤfte erloſch, und ſank erſchöpft neben dem 18 ohnmächtigen Hermann zu Boden. Die Bogenſchützen trugen die beiden jungen Leute in h den Rüſtſaal, wo ſie bald die Augen wieder aufſchlugen. ie Hermann und Otto erzählten nun jeder nach ſeiner Reihe 1⸗ das, was ihnen begegnet war; was den alten Schützen ⸗ anbetrifft, ſo hatte er, als er dieſen Donnerſchlag ge⸗ hört, der ohne Gewitter kam, auf der Stelle alle Schlä⸗ e fer geweckt, und ſich zur Aufſuchung der verwegenen jun⸗ . ———— —-— 72— gen Leute auf den Weg gemacht, welche er, wie wir ge⸗ ſehen, in einem wenig von einander verſchiedenen Zu⸗ ſtande wiedergefunden hatte. 1 Niemand ſchlief wieder ein, und bei der erſten Däm⸗ merung des Tages verließ der Haufen ſchweigend die Rui⸗ nen des Schloſſes Windeck, und ſchlug ſeinen Weg nach Cleve wieder ein, wo er gegen neun Uhr Morgens an⸗ langte⸗ V. Eine Ebene, welche ſich von dem Schloſſe von Cleve bis an das Ufer des Rheines erſtreckte, bildete den zu dem Bogenſchießen eingerichteten Kampfplatz. Auf der Seite des Schloſſes war ein erhöhter Platz errichtet, und derwartete den Fürſten und ſein Gefolge; auf der an⸗ dern Seite und an dem Ufer hatte ſich das Volk aller umliegenden Dörfer bereits in Erwartung des Schauſpie⸗ les, das ſeiner harrete, aufgeſtellt, auf das es um ſo ſtol⸗ zer war, als der Sieger des Tages aus ſeinen Reihen hervorgehen ſollte. Eine Gruppe aus andern Theilen Deutſchlands angekommener Bogenſchützen wartete bereits an einem der Enden der Wieſe, während an dem andern das Ziel, welches die Pfeile erreichen ſollten, auf Hundert und funfzig Schritte Entfernung in Mitte einer weißen Scheibe einen ſchwarzen Punkt vot, der mit zwei Kreiſen, der eine roth und der andere blau, umgeben war. Um zehn Uhr hörte man die Trompeten ſchmettern; die Thore des Schloſſes öffneten ſich, und ein glänzender Reiterzug zog aus ihnen heraus; er beſtand aus dem Fürſten Adolph von Cleve, der Prinzeſſin Helene und dem gefürſteten Grafen von Ravenſtein. Ein zahlreiches Gefolge von Pagen und Dienern, die wie ihre Herren zu Pferde waren, obgleich die Entfernung, welche das Schloß von der Wieſe trennte, kaum eine halbe Stunde betrug, folgte den Herren, und glich, indem es ſich auf dem ſchmalen Fußpfade entfaltete, einer langen buntſcheckigen Schlange, welche in dem Fluſſe ihren Durſt löſchen wollte. des Feſtes in dem Augenblicke, wo ſie ſich auf der Tri⸗ bune zeigten, welche für ſie bereitet war. Was Otto an⸗ belangt, ſo hatten ſie bereits Platz genommen, ohne daß noch ein Ausruf aus ſeinem Munde gedrungen war, ſo ſehr war er in eine ſtumme und tiefe Beſchauung bei dem Anblicke der jungen Prinzeſſin verſunken. Sie war in der That eines der anmuthigſten Ge⸗ ſchöpfe, welche dieſes nördliche Deutſchland hervorzubrin⸗ gen vermogte, das ſo fruchtbar an bleichen und lieblichen Bildern iſt. Gleich den Pflanzen, welche im Schatten wachſen, indem ihre Wurzeln in einem feuchten Boden ruhen, fehlte es Helenen vielleicht an jenen lebhaften Far⸗ ben der Jugend, welche unter einer glühenderen Sonne — aufblühen; aber dagegen hatte ſie alle die Geſchmaldigkeit und alle die Anmuth jener hübſchen Seeblumen, welche man am Tage aus dem Waſſer hervortauchen ſieht, um Langes Jauchzen empfing den König und die Königin — 75— ſich einen Augenblick lang umzuſehen und ihren Antheil an dem Feſte des Lebens zu nehmen, die ſich aber mit der Dämmerung wieder ſchließen, und ſich Nachts auf jene breiten runden Blätter mit unſichtbaren Stengeln le⸗ gen, welche ihnen die Natur zur Wiege gegeben hat. Sie folgte ihrem Vater und ihr folgte wieder der Graf von Ravenſtein, der, wie man ſagte, bald den Titel als Ver⸗ lobter erhalten ſollte; hinter ihnen ritten Pagen, die auf einem Kiſſen von rothem Sammet das Barett trugen, welches dazu beſtimmt war, dem Sieger als Preis zu dienen. Endlich füllten die Beamten des Fürſten Adolph vollends die auf der Tribune vorbehaltenen Ehrenplätze aus, und nachdem die Prinzeſſin Helene mit einem huld⸗ reichen Verneigen des Kopfes auf das Gemurmel der Be⸗ wunderung geantwortet hatte, das ſie empfangen, gab ihr Vater das Zeichen, daß man anfangen’ könnte. Es waren ohngefähr Hundert und zwanzig Bogen⸗ ſchützen anweſend, und die Bedingungen waren folgender Maßen geſtellt: „Die, welche bei dem erſten Rennen die weiße Scheibe gänzlich gefehlt hätten, ſollten ſich auf der Stelle zurück⸗ ziehen, und auf die Mitbewerbung verzichten. Die, deren Pfeile bei dem zweiten Rennen nicht innerhalb des rothen Kreiſes getroffen hätten, ſollten ſich gleichfalls zurückziehen. Endlich ſollten für den entſcheidenden Kampf nur die⸗ jenigen bleiben, welche nach dem dritten Rennen in dem blauen Kreis getroffen hätten.“ Auf dieſe Weiſe vermied man Verwirrung unter den — 76— Mitbewerbern; und, was auch noch möglich war, daß ſtatt der Geſchicklichkeit der Zufall aus einem mittelmäßigen Schützen einen Sieger machte. Sobald das Signal gegeben, ſpannten alle Schützen ihre Bogen und bereiteten ihre Pfeile vor. Jeder ließ ſich einſchreiben, und die Reihe war nach dem Alphabet geordnet. Ein Herold rief die Namen, und je nachdem ſie gerufen waren, traten die Schützen vor und ſchoſſen ihre Pfeile ab. Ein zwanzig Bogenſchützen unterlagen bei dieſer er⸗ ſten Probe, und zogen ſich beſchämt und von dem Ge⸗ lächter der Zuſchauer begleitet in einen vorbehaltenen Raum zurück, in welchem bald neue Unglücksgefährten zu ihnen ſtoßen ſollten. Bei der zweiten Probe war die Anzahl noch weit beträchtlicher, denn je ſchwieriger die Aufgabe wurde, deſto mehr Ausgeſchloſſene mußte es dabei geben. End⸗ lich blieben bei der dritten nur noch eilf Schützen übrig, um ſich den Preis ſtreitig zu machen, unter denen ſich Robert, Hermann und Otto befanden. Das war der Kern der Bogenſchützen von Straßburg bis nach Niemwe⸗ gen. Die Aufmerkſamkeit ſteigerte ſich daher auch, und ſelbſt die Schützen, welche kein Recht mehr zu dem Kampfe hatten, theilten, indem ſie ihre Niederlage vergaßen, dieſe allgemeine Spannung, wobei jeder Gelübde that, damit das Schickſal, das ſie verlaſſen hatte, einen Freund, ei⸗ nen Landsmann oder einen Bruder beguünſtige. Eine neue Uebereinkunft wurde nun unter den Bogen⸗ ſchützen ſelbſt getroffen, nämlich daß ein viertes Rennen — 4 5 — 77— angeſtellt werden ſollte; alle Pfeile, welche dieſes Mal das Schwarze ſelbſt nicht berührten, ſollten ſeinen Schuͤ⸗ tzen ausſchließen, und die Zahl der Mitbewerber nochmals verringern. Sieben Schützen unterlagen. Robert und Her⸗ mann hatten halb ſchwarz getroffen. Mildar und Otto hatten gerade in das Schwarze getroffen. Dieſer Mildar, den wir zum erſten Male nennen, war ein Bogenſchütz des Grafen von Ravenſtein, deſſen Ruf an dem Rheine von dem Orte an, wo ſich derſelbe in dem Sande bei Ortrecht verliert, bis dahin, wo er als kleiner Bach aus der Gebirgskette des Sanct Gott⸗ hardt entſpringt, verbreitet war; ſeit langer Zeit wünſchten Robert und Hermann, die ihren Ruf zu behaupten hatten, mit dieſem ſchrecklichen Gegner zuſammenzutreffen, den man ihnen beſtändig entgegenſtellte. Der Streit war ent⸗ ſchieden worden, ohne daß ſie abgewieſen waren; der Vor⸗ rang war Mildar geblieben, dem Otto allein beſtändig das Gleichgewicht gehalten hatte. Je mehr die Anzahl der Schützen ſich verringerte, deſto mehr hatte ſich das Intereſſe der Zuſchauer geſteigert. Die vier Bogenſchützen, welche auf dem Kampfplatze blieben, waren daher auch das Ziel aller Blicke. Drei waren bereits berühmt, weil ſie gar viele Preiſe ſtreitig gemacht und davon getragen hatten, aber der vierte und der jüngſte war Jedermann gänzlich unbekannt; jeder frug nach ſeinen Namen, und Niemand konnte einen andern erfahren als den, den er ſelbſt gewählt hatte:... Otto der Schütz. Robert ſollte zuerſt ſchießen. Er ſchritt bis zu der von einem Raſenhaufen bezeichneten Gränze vor, waͤhlte ſeinen beſten Pfeil, legte langſam an, indem er ſeinen Bogen von unten nach oben erhob, zielte einige Secun⸗ den lang mit all der Aufmerkſamkeit, deren er fähig war, dann ließ er die Sehne los, und der Pfeil drang ins volle Schwarz. Beifallsbezeugungen erſchallten von allen Seiten; Robert zog ſich zurück, um ſeinen Gefährten Platz zu machen. Hermann trat als der zweite vor, traf dieſelben Vor⸗ ſichtsmaßregeln, wie ſein Vorgänger und erlangte daſſelbe Reſultat. 1 Jetzt war die Reihe an Mildar. Er nahm ſeinen Platz in Mitte des tiefſten Schweigen ein, wählte mit außerordentlicher Sorgfalt einen Pfeil aus ſeinem Köcher, legte ihn auf ſeinem Finger ins Gleichgewicht, um zu ſe⸗ hen, ob die eiſerne Spitze nicht mehr wiege, als das El⸗ fenbein der Kerbe; dann, mit der Prüfung zufrieden, legte er ihn auf der Sehne zurecht; in dieſem Augenblicke ſtand der Graf von Ravenſtein, ſein Gönner, auf, und indem er eine Börſe aus ſeiner Taſche zog, ſagte er zu ihm: — Mildar, wenn Du näher an den Nagel triffſt, als Deine beiden Gegner, ſo iſt dieſe Börſe Dein. Dann warf er die Börſe hin, welche dem Schützen zu Füßen rollte. Aber dieſer war ſo ſehr beſchäftigt, daß er kaum auf das zu achten ſchien, was ſein Herr zu ihm ſagte. Die Börſe fiel klingend neben ihm nieder, ohne daß er den Kopf weg wandte; einige Blicke ſuchten einen Augenblick lang dieſes durch die ſeidenen Maſchen, welche es enthielten, glaͤnzende Gold, dann richteten ſie ſich ſogleich wieder auf Mildar. Die Erwartung des Grafen von Ravenſtein wurde nicht getäuſcht; Mildars Pfeil zerbrach den Nagel ſelbſt, und drang in den Mittelpunkt des Zieles; ein Schrei er⸗ ſchallte von allen Seiten, der Graf von Ravenſtein klatſchte in die Hände. Helene erbleichte dagegen ſo ſichtlich, daß ihr beſorgter Vater ſich zu ihr neigte und ſie frug, ob ſie unwohl wäre; aber ſtatt aller Antwort ſchuttelte ſie lächelnd ihr blondes Haupt und der beruhigte Fürſt Adolph richtete ſeine Augen wieder nach den Schützen. Mildar raffte die Börſe auf. Es War noch Otto übrig, welcher der letzte war, und dem die Geſchicklichkeit Mildars keine Ausſicht übrig zu laſſen ſchien. Indeſſen hatte auch er, wie die Prin⸗ zeſſin gelächelt, und an dieſem Lächeln hatte man ſehen können, daß er ſich noch nicht für geſchlagen hielt. Aber die, welche den lebhafteſten Antheil an dieſem Kampfe der Geſchicklichkeit zu nehmen ſchienen, waren Ro⸗ bert und Hermann. Beſiegt, hatten Robert und Hermann alle ihre Hoffnung auf ihren jungen Gefährten übertra⸗ gen. Sie hatten ihm keine Goldbörſen zu Füßen zu wer⸗ fen, wie es der Graf von Navenſtein gethan hatte, aber ſie näherten ſich Otto, und drückten ihm die Hand. — Denke an die Ehre der Bogenſchützen von Köln, ſagten ſie zu ihm, obgleich wir, aufrichtig geſprochen, nicht wiſſen, wie Du ſie wirſt vertheidigen können. — Ich kann, antwortete Otto, wenn man den Pfeil Mildars wegnehmen will, den meinigen in das Loch ſchie⸗ ßen, das der ſeinige gemacht hat. Robert und Hermann blickten einander mit einem Erſtaunen an, das an Beſtürzung gränzte. Otto hatte dieſen Vorſchlag in einem ſo ruhigen Tone und mit einer ſolchen Kaltblütigkeit gemacht, daß ſie nach den Beweiſen von Geſchicklichkeit, welche er ihnen gegeben hatte, nicht zweifelten, daß er im Stande wäre, das zu thun, was er vorſchlug. Da nun aber ein großes Getöſe in der ganzen Verſammlung entſtand, ſo machten ſie ein Zeichen, daß ſie ſprechen wollten, und die Ruhe ſtellte ſich wieder her. Nun erhob⸗Hermann, indem er ſich nach der Tri⸗ bune wandte, auf welcher ſich der Fürſt von Cleve be⸗ fand, die Stimme und theilte ihm die Forderung Ottos mit. Sie war ſo gerecht und ſo außerordentlich, daß ſie ihm auf der Stelle bewilligt wurde, und dieſes Mal war es Mildar, welcher lächelte, aber mit einer Miene des Zweifels, die bewies, daß er die Sache für unmöglich hielt. Nun legte Otto ſeinen Hut, ſeinen Bogen und ſeine Pfeile auf den Boden, und ging ſelbſt langſamen und ge⸗ meſſenen Schrittes, um den Schuß zu unterſuchen; es war wirklich ſo, wie es der Zieler geſagt hatte; an der Scheibe angelangt, riß Mildar, der ihm gefolgt war, ſelbſt ſeinen Pfeil aus. Robert und Hermann wollten es eben ſo machen, aber Otto hielt ſie mit einem Blicke zu⸗ rück; ſie verſtanden, daß ihr junger Gefährte ſich ihrer Pfeile wie zweier Führer bedienen wollte, und antworte⸗ ten durch ein. Zeichen des Einverſtändniſſes. Otto pfluckte — 81— nun ein kleines Gänſeblümchen, ſteckte es in die von dem Pfeile Mildars gebildete Höhlung, um in Mitte des ſchwarzen Kreiſes durch einen weißen Punkt geleitet zu ſein; nachdem er dieſe Vorſichtsmaßregel getroffen, kehrte er ohne Demuth und ohne Stolz auf ſeinen Platz zurück, indem er überzeugt war, daß er, wenn er den Preis verlöre, ihn lang genug ſtreitig gemacht hätte, um ihn ohne Schande in die Hände eines Andern übergehen zu ſehen. An der Gränze angelangt, wartete er einen Augen⸗ blick lang, bis daß jeder ſeinen Platz wieder eingenommen hätte. Als hierauf die Ordnung wieder hergeſtellt, raffte er ſeinen Bogen auf, ſchien auf den Zufall hin einen der Pfeile zu nehmen, obgleich ein geübtes Auge bemerkt hätte, daß er unter den andern den gewählt, den er ge⸗ nommen, ſchüttelte den Kopf, um ſeine langen blonden Haare zu beſeitigen, welche die von ihm gemachte Be⸗ wegung vor ſeine Augen gelegt hatte; dann ruhig und lächelnd, wie der pythiſche Apollo, legte er ſeinen Pfeil auf ſeinen Bogen, erhob ihn langſam bis zu der Höhe des Zieles und ſeines Auges, zog ſeine rechte Hand zu⸗ rilck, bis daß die Sehne des Bogens faſt ſeine Schulter berührte, blieb einen Augenblick lang regungslos wie ein Schütz von Stein, und dann ſah man plötzlich den Pfeil wie einen Blitz davon fliegen und zu gleicher Zeit das Gänſeblümchen verſchwinden. Otto hatte gehalten, was er verſprochen, und ſein Pfeil hatte im Centrum das Ziel von Mildars Pfeile erſetzt. Ein Ausruf des Erſtau⸗ nens erſchallte von allen Seiten, die Sache gränzte an A. Duma's Novellen. Vierter Band. 6 — 82— das Wunderbare. Otto wandte ſich nach dem Fürſten um, und verneigte ſich. Helene erröthete vor Vergnügen, und Ravenſtein vor Aerger. Nun ſtand der Fürſt Adolph von Cleve auf und er⸗ klärte, daß er von dieſem Augenblicke an zwei Sieger zähle, und daß es dem zu Folge zwei Preiſe gaͤbe, der eine wäre das von ſeiner Tochter geſtickte Barett, der an⸗ dere die goldene Kette, welche er ſelbſt am Halſe trüge. Da indeſſen dieſer Kampf der Geſchicklichkeit ihn, wie die ganze Verſammlung intereſſire, ſo wünſchte er, daß jeder der Gegner eine letzte Probe nach ſeiner Wahl vorſchlüge, welche der andere anzunehmen genöthigt ſei. Otto und Mildar nahmen ſie wie Männer an, die ſie verlangt ha⸗ ben würden, wenn man ſie ihnen nicht angeboten hätte, und die Menge, vergnügt ein für ſie ſo intereſſantes Schauſpiel ſich verlängern zu ſehen, klatſchte mit einer ein⸗ ſtimmigen Regung in die Hände, indem ſie dem Fürſten für ſeine Großmuth dankte. 1 Die alphabetiſche Ordnung gab Mildar die Wahl der erſten Probe. Er ging an das Ufer des Fluſſes, ſchnitt zwei Weidenzweige ab, kehrte zurück, um einen davon in halber Entfernung von dem urſprünglichen Ziele in den Boden zu pflanzen; als er ſich hierauf bis an die Schranke begeben, ſpaltete er ihn mit ſeinem Pfeile. Otto ſteckte den andern auf, und machte es eben ſo. Jetzt war an ihm die Reihe; er nahm zwei Pfeile, ſteckte den einen davon in ſeinen Gürtel, legte den an⸗ dern auf ſeinen Bogen, ſchoß ihn ſo ab, daß er einen — 83— Bogen beſchrieb, und während dieſer erſte faſt ſenkrecht herabfiel, durchſchoß er ihn mit dem zweiten. Die Sache ſchien Mildar ſo wunderbar, daß er er⸗ klärte, er hielt, da er ſich einer ſolchen Uebung niemals gewidmet, das Gelingen für unmöglich. Er erklärte ſich dem zu Folge für beſiegt und ließ ſeinem Gegner die Wahl zwiſchen dem von der Prinzeſſin Helene geſtickten Barett und der goldenen Kette des Fürſten Adolph von Cleve. Otto wählte das Barett, und knieete unter einem drei⸗ fachen Jauchzen des Volkes vor der Prinzeſſin nieder. 6* —————V——ᷣ ᷣᷣᷣ-ↄ—— VI. Aus Otto, die Stirn mit dem Barett geſchmückt, das er gewonnen hatte, wieder aufſtand, ſtrahlte ſein Ge⸗ ſicht vor Wonne und Glück. Die Haare Helenens hatten die ſeinigen faſt berührt, ihr Athem hatte ſich vermiſcht, das war das erſte Mal, daß er den Hauch einer Frau einathmete. Sein grünes Wams ſtand ſeinem geſchmeidigen und ſchlanken Wuchſe ſo gut, ſeine Augen waren ſo glänzend von dieſem erſten Stolze, den ein Mann über ſeinen er⸗ ſten Triumph empfindet, kurz er war ſo ſchön und ſo ſtolz in ſeinem Glücke, daß der Fürſt Adolph von Cleve augenblicklich daran dachte, wie vortheilhaft es für ihn wäre, einen ſolchen Diener an ſich zu feſſeln. Indem er “ ſich dem zu Folge an den jungen Mann wandte, der im 4 Begriffe ſtand, die Stufen der Tribune wieder hinab zu⸗ gehen, ſagte er zu ihm: — 35— — Einen Augenblick, mein junger Meiſter, ich hoffe, daß wir nicht ſo von einander ſcheiden. — Ich ſtehe zu den Befehlen Eurer Gnaden, ant⸗ wortete der junge Mann. — Wie heißt Ihr? — Ich nenne mich Otto, gnädiger Herr. — Wohlan! Otto, fuhr der Fürſt fort, Ihr kennt mich, da Ihr zu dem Feſte gekommen ſeid, das ich gebe. Ihr wißt, daß meine Diener und meine Leute mich für einen guten Herrn halten. Seid Ihr ohne Stelle? — Ich bin frei, gnädiger Herr, antwortete Otto. — Wohlan! Wollt Ihr dann in meine Dienſte treten? — In welcher Eigenſchaft? antwortete der junge Mann. — Ei in der, welche mir für Eure Stellung und für Eure Geſchicklichkeit paſſend ſcheint. Als Schütz. Otto lächelte mit einem für diejenigen unerklärlichen Ausdrucke, welche in ihm nur einen gewandten Bogen⸗ ſchützen ſehen konnten, und ſtand ohne Zweifel im Be⸗ griffe ſeinem Range, und nicht ſeinem Ausſehen gemäß zu antworten, als er die Augen Helenens ſich mit einem ſolchen Ausdrucke von Bangigkeit auf ihn heften ſah, daß die Worte auf ſeinen Lippen ſtockten. Zu gleicher Zeit fal⸗ tete das junge Mädchen wie bittend die Hände; Otto fühlte bei dieſem erſten Strahle von Liebe ſeinen Stolz ſchmelzen, und indem er ſich an den Fürſten wandte, ſagte er zu ihm: — Ich nehme es an. — 86— Ein Strahl von Freude verbreitete ſich über das Ge⸗ ſicht Helenens. — Wohlan! Das iſt abgemacht, fuhr der Fürſt fort; von heute an ſteht Ihr in meinem Dienſte. Nehmt dieſe Börſe, es iſt das Handgeld. — Ich danke, gnädiger Herr, antwortete Otto lä⸗ chelnd, ich habe noch etwas Geld von meiner Mutter. Wenn ich keines mehr habe, werde ich von Eurer Gnaden den Sold verlangen, der mir für meinen Dienſt gebührt. Nur, da Eure Gnaden ſo gut für mich geſtimmt iſt, ſo mögte ich von ihr eine andere Gunſt in Anſpruch nehmen. — Welche? ſagte der Fürſt. — Die, erwiderte Otto, zu gleicher Zeit mit mir dieſen wackern Menſchen anzunehmen, den Eure Gnaden dort auf ſeinen Bogen geſtützt ſieht, und der ſich Her⸗ mann nennt; er iſt ein guter Kamerad, den ich nicht verlaſſen mögte. — Wohlan! ſagte der Fürſt, mach' ihm in meinen Namen dasſelbe Anerbieten, das ich Dir gemacht habe, und wenn er es annimmt, ſo gib ihm dieſe Börſe, die Du nicht gewollt haſt, er wird vielleicht nicht ſo ſtolz ſein, als Du. Otto verneigte ſich vor dem Fürſten, ging die Tri⸗ bune hinab, und bot Hermann den Antrag und die Börſe an; er empfing den einen voll Freude, und die andere voll Dankbarkeit; hierauf kehrten die beiden jun⸗ gen Leute auf der Stelle zurück, um ihren Platz in dem Gefolge des Fürſten einzunehmen. Dieſes Mal gab er ſeiner Tochter nicht mehr die — 87— Hand; der Graf von Ravenſtein hatte um dieſe Ehre nachgeſucht und ſie erlangt. Der edle Zug that einige Schritte zu Fuß, um den Platz zu erreichen, wo ſich die Pferde befanden; das der Prinzeſſin Helene war unter der Obhut eines einfachen Dieners, da der Page, welcher der Prinzeſſin den Steigbügel halten ſollte, länger, als er es hätte thun dürfen, unter der Menge der Zuſchauer ge⸗ blieben war, wohin ihn die Neugierde gelockt. Otto ſah ſeine Abweſenheit, und indem er vergaß, daß ihn das verrieth, da ein junger Mann von Adel allein das Amt eines Pagen oder Knappen verrichten durfte, ſo eilte er herbei, um ihn zu erſetzen. — Es ſcheint, mein junger Meiſter, ſagte der Graf von Ravenſtein zu ihm, indem er ihm mit dem Arme zu⸗ rückſchob, daß der Sieg Dich Deinen Stand vergeſſen läßt. Zu Gunſten Deines guten Willens verzeihen wir Dir für dieſes Mal Deinen Hochmuth. Das Blut ſtieg Otto ſo raſch zu Kopfe, daß es ihm wie eine Flamme vor die Augen trat; aber er ſah ein, daß ein Wort zu ſagen oder eine Geberde zu machen, ihn in das Verderben ſtürzen würde. Helene dankte ihm mit einem Blicke. Es fand bereits zwiſchen dieſen beiden jun⸗ gen Herzen, die ſich kaum begegnet waren, ein eben ſo inniges und eben ſo ſympathetiſches Einverſtändniß ſtatt, als ob ſie immer Geſchwiſter geweſen wären. Das Pferd des Pagen war frei geblieben, und der Diener führte es am Zügel. Der Fürſt erblickte es und hinter ihm Otto, der mit Hermann kam. — Otto, ſagte der Fürſt, kannſt Du reiten? —— ——— — 88— — Ja, gnädiger Herr, antwortete dieſer lächelnd. — Nun denn! Nimm das Pferd des Pagen, es iſt nicht gerecht, daß ein Triumphator zu Fuß geht. Otto vernelgte den Kopf zum Zeichen des Gehorſams und des Dankes. Indem er ſich hierauf dem Renner näherte, ſetzte er ſich ohne Hilfe des Steigbügels mit ſo vieler Sicherheit und Anſtand in den Sattel, daß es au⸗ genſcheinlich war, daß dieſe neue Uebung ihm eben ſo vertraut wäre als die, von welcher er vor einem Augen⸗ blicke einen ſo großen Beweis der Geſchicklichkeit abgelegt hatte. Der Reiterzug ſetzte ſeinen Weg nach dem Schloſſe fort; an dem Eingangsthore angelangt, bemerkte Otto das über ihm befindliche Wappenſchild, auf welchem die Wappen des Hauſes Cleve ausgehauen und gemalt waren, und das aus einem ſilbernen Schwan im himmelblauen Felde auf einem grünen Meere beſtand; er erinnerte ſich nun, daß dieſer Schwan ſich an eine alte Sage des Hau⸗ ſes Cleve knüpfte, die er in ſeiner Kindheit oft hatte er⸗ zählen hören; über dieſem Thore befand ſich ein ſchwer⸗ fälliger und maſſiver Balcon, den man den Balcon der Fürſtin Beatrix nannte, und zwiſchen dem Thore und dem Balcon eine Bildhauerarbeit aus dem Anfange des dreizehnten Jahrhunderts, welche einen, in einem Nachen entſchlafenen Ritter vorſtellte, den ein Schwan fortzog; endlich befand ſich dieſes heraldiſche Bild auf allen Seiten wieder vorgeſtellt, indem es ſich anmuthig mit der weit moderneren Verzierung gewiſſer neuerdings erbauten Theile des Schloſſes vereinigte. — 89— Der übrige Theil des Tages verging in Feſten. In ſeiner Eigenſchaft als Sieger war Otto während dieſes ganzen Tages der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerk⸗ ſamkeit, und während der Fürſt ſeiner Seits ein reiches Bankett gegeben, boten die Gefährten Ottos ihm ein Mit⸗ tagseſſen, von welchem Otto der König war. Mildar allein weigerte ſich, daran Theil zu nehmen. Am folgenden Morgen überbrachte man Otto einen vollſtändigen Anzug als Schütz mit den Wappen des Für⸗ ſten. Otto betrachtete dieſe Livrée einige Zeit lang, wel⸗ che, ſo militäriſch ſie auch ſein mogte, nichts deſto weniger eine Livrée war; aber bei dem Gedanken an Helene faßte er Muth, legte die Kleider ab, die er in Köln hatte ma⸗ chen laſſen, und zog die an, welche ihm für die Zukunft beſtimmt waren. Am ſelben Tage begann der Dienſt; er beſtand in der Wache auf den Thürmen und den Galerien. Die Reihe kam an Otto, und der junge Schütz wurde als Schildwache auf eine, den Fenſtern des Schloſſes gegen⸗ über gelegene Terraſſe geſtellt. Er dankte dem Himmel für dieſen Zufall, er hoffte durch die Fenſter, die geöff⸗ net waren, um einen Strahl der Sonne einzuathmen, welche durch die Wolken gedrungen war, Helene zu er⸗ blicken. Seine Erwartung wurde nicht getäuſcht; Helene erſchien bald darauf mit ihrem Vater und dem Grafen von Ravenſtein; ſie blieben ſtehen, um den jungen Schüz⸗ zen zu betrachten; es ſchien Otto ſogar, daß die edlen Herren ſich mit ihm zu beſchäftigen geruhten. Er war in der That der Gegenſtand ihrer Unterhaltung, der Fürſt ———— —-— 90— Adolph von Cleve machte den Grafen von Ravenſtein auf das gute Ausſehen ſeines neuen Dieners aufmerkſam, und der Graf von Ravenſtein ließ den Fürſten Adolph von Cleve bemerken, daß ſein neuer Diener gegen alle gött⸗ lichen und menſchlichen Geſetze lange Haare wie ein Adli⸗ ger trüge, während er kurze Haare haben müßte, wie es ſich für einen Mann von niedriger Stellung gezieme. He⸗ lene wagte ein Wort, um das blonde und gelockte Haar ihres Schützlings vor der Scheere zu retten; aber von der Richtigkeit der Bemerkung ſeines zukünftigen Schwie⸗ gerſohnes überraſcht, und eiferſüchtig auf die dem Adel vorbehaltenen Vorrechte, antwortete der Fürſt Adolph von Cleve, daß die andern Schützen ein Recht hätten, ſich zu beſchweren, wenn man zu Gunſten Ottos von einer Re⸗ gel abwiche, der ſie unterworfen wären. Otto war weit davon entfernt, das zu ahnen, was in dieſem Augenblicke gegen dieſen ariſtokratiſchen Putz an⸗ gezettelt wurde, den ſeine Mutter ſo ſehr liebte; er ging vor den Fenſtern auf und ab, indem er einen begierigen Blick in das Innere der Gemächer warf, welche die be⸗ wohnte, die er bereits von ganzer Seele liebte; nun wa⸗ ren es Träume von Glück und Rachepläne, welche mit einander in ſeinem Geiſte aufſtiegen, und die wie eine tödtliche Schlange mit einem mit köſtlichen Früchten bela⸗ denen Baume verſchlungen waren. Dann verdunkelte end⸗ lich von Zeit zu Zeit eine Erinnerung an den väterlichen Zorn ſeine Stirn, und zog gleich einer Wolke zwiſchen, der Zukunft und der aufgehenden Sonne ſeiner Liebe vor⸗ über. Als er von der Wache kam, fand Otto den Bar⸗ bier des Schloſſes, welcher ihn erwartete; er war von dem Grafen geſchickt und kam, um ihm die Haare abzu⸗ ſchneiden. Otto ließ ſich dieſen Befehl zwei Male wiederholen, denn da er die ſo lebhaften Erinnerungen ſeines kürzlichen Glanzes nicht zu verſcheuchen vermogte, ſo wollte er nicht glauben, daß dieſer Befehl an ihn gerichtet wäre. Indem er aber darüber nachdachte, ſah er ein, daß das, was der Fürſt verlangte, ganz natürlich wäre; für den Für⸗ ſten war Otto nur ein Schütz, freilich weit geſchickter, als die Andern, aber die Geſchicklichkeit verleihet den Adel nicht, und die Adligen hatten allein das Recht, lange Haare zu tragen. Otto mußte daher das Schloß verlaſ⸗ ſen, oder gehorchen. Die Wichtigkeit, welche die jungen Adeligen damals auf dieſen Theil ihres Schmuckes legten, war ſo groß, daß Otto unſchlüſſig bliebz es ſchien ihm, als ob er für ſeine Ehre und für die ſeiner Familie eine ſolche Herab⸗ würdiaung nicht dulden dürfte. Außerdem wurde er von dem Augenblicke an, wo er ſie erduldet hätte, in den Au⸗ gen Helenens wahrhaft ein einfacher Schütz, und es war beſſer, daran zu denken, ſich von ihr zu entfernen, als ſo vor ihr erniedrigt zu werden. Er war mit dieſen Be⸗ trachtungen beſchäftigt, als der Fürſt mit ſeiner Tochter am Arme vorüber kam. Otto machte eine Bewegung auf den Fürſten zu, und der Fürſt, welcher ſah, daß der junge Mann ihn ſpre⸗ chen wollte, blieb ſtehen. — — — 92— — Gnädiger Herr, ſagte der junge Schütz, verzeiht mir, wenn ich eine ſolche Frage an Euch zu richten wa⸗ ge; aber iſt es wirklich auf Euren Befehl, daß dieſer Mann gekommen iſt, um mir die Haare abzuſchneiden? — Ohne Zweifel, antwortete der Fürſt erſtaunt. Warum das? — Weil Eure Gnaden mir Nichts von dieſer Bedin⸗ gung geſagt hat, als ſie mir angeboten, Dienſte unter ihren Schützen zu nehmen. — Ich habe Dir nicht von dieſer Bedingung geſpro⸗ chen, ſagte der Fürſt, weil ich nicht gedacht habe, daß Du die Hoffnung haͤtteſt, einen Schmuck zu behalten, der Deinem Stande nicht zukömmt. Biſt Du von adliger Ab⸗ kunft, um wie ein Baron oder wie ein Ritter lange Haare zu tragen? — Indeſſen, ſagte der junge Mann, indem er der Frage auswich, wenn ich gewußt hätte, daß Eure Gna⸗ den ein ſolches Opfer von mir verlangte, ſo hätte ich vielleicht ihre Anerbietungen ausgeſchlagen, wie ſehr ich auch gewünſcht hätte, ſie anzunehmen. — Es iſt noch Zeit, wieder umzukehren, mein junger Meiſter, antwortete der Fürſt, welcher eine ſolche Be⸗ harrlichkeit von einem Manne aus dem Volke ſonderbar zu finden begann. Aber bedenke, daß Dir das nicht zu Vie⸗ lem dient, und nimm Dich in Acht, daß der erſte Lehns⸗ herr, über deſſen Gebiet Du kömmſt, nicht daſſelbe von Dir verlangt, ohne Dir dieſelbe Entſchädigung zu bieten. — Für jeden Andern, als Euch, gnädiger Herr, antwortete Otto, indem er mit einem Ausdrucke von Ge⸗ — 95— ringſchätzung lächelte, der den Fürſten erſtaunte und He⸗ lene zittern ließ, wäre das ein leichtes, aber ſchwierig aus⸗ zuführendes Unternehmen. Ich bin Schütz, und, fuhr er fort, indem er die Haͤnde auf ſeine Pfeile legte, wie Eure Gnaden ſehen kann, trage ich das Leben von zwölf Menſchen an meinem Gürtel. — Die Thore des Schloſſes ſtehen offen, antwortete der Fürſt, bleibe oder gehe nach Deinem Willen. Ich habe Nichts an dem Befehle zu ändern, den ich gegeben, ent⸗ ſchließe Dich freiwillig. Du kennſt jetzt die Bedingungen, und Du wirſt nicht ſagen können, daß ich Deine Zuſage durch Liſt erhalten habe. — Ich bin entſchloſſen, gnädiger Herr, antwortete Otto, indem er ſich mit einer mit Würde gemiſchten Ach⸗ tung verneigte und dieſe Worte mit einem Ausdrucke aus⸗ ſprach, welcher bewies, daß ſein Entſchluß in der That gefaßt wäre. — Du gehſt? ſagte der Fürſt. Otto öffnete den Mund, um zu antworten, bevor er aber die Worte ausſprach, die ihn für immer von Hele⸗ nen trennen ſollten, wollte er einen letzten Blick auf ſie werfen; eine Thräne zitterte in den Augen des jungen Maͤdchens. Dttto ſah dieſe Thräne. — Du gehſt?— begann der Fürſt ein zweites Mal, erſtaunt, ſo lange auf die Antwort eines ſeiner Diener zu warten. — Nein, gnaͤdiger Herr, ich bleibe, ſagte Otto. — 94— 8 — Es iſt gut, ſagte der Fürſt, ich freue mich, Dich vernünftiger zu ſehen. Und er ſetzte ſeinen Weg fort. Helene antwortete Nichts, aber ſie blickte Otto mit einem ſolchen Ausdrucke von Dankbarkeit an, daß, als der Vater und die Tochter außer ſeinem Geſichte waren, der junge Mann ſich vergnügt nach dem Barbier um⸗ wandte, der ſeine Antwort erwartete. — Nun denn, mein Meiſter, ſagte er zu ihm, an's Werk, und indem er ihn in das erſte Zimmer ſchob, das er auf der Gallerie offen fand, ſetzte er ſich und über⸗ lieferte ſeinen Kopf dem armen Barbier, welcher das Werk begann, wegen deſſen er beſchieden worden war, ohne Etwas von Alle dem zu begreifen, was ſich ſo eben in ſeiner Gegenwart zugetragen hatte. Er verrichtete es nichts deſtoweniger mit einer ſolchen Thaͤtigkeit, daß nach Verlauf eines Augenblickes der Fußboden mit den ſchö⸗ nen Haaren bedeckt war, deren blonde und lockige Wellen fünf Minuten zuvor das Geſicht des jungen Mannes mit ſo vieler Anmuth umgaben. Otto war allein geblieben, und ſo groß ſeine Erge⸗ benheit in die geringſten Befehle Helenens auch war, ſo vermogte er doch nicht ohne Bedauern die ſeidigen Locken zu betrachten, mit denen ſeine Mutter ſo gern geſpielt hatte, als er an dem Ende des Corridors ein leiſes Ge⸗ räuſch zu hören glaubte; er horchte und erkannte den Schritt des jungen Maͤdchens. Obgleich das Opfer für ſie gebracht worden war, ſo ſchämte er ſich nun doch, ihr dieſe ſeiner Haare beraubte Stirn zu zeigen, und er verbarg ſich eiligſt in eine Vertiefung, vor welcher ein Vorhang hing. Kaum befand er ſich dort, als er He⸗ lenen erſcheinen ſah; ſie ging langſam, und wie, als ob ſie irgend Etwas geſucht hätte. Als ſie vor der Thüre vorüber kam, richteten ſich ihre Augen auf den Fußbo⸗ den. Indem ſie nun um ſich blickte und ſah, daß ſie al⸗ lein wäre, blieb ſie einen Augenblick lang ſtehen, horchte, und durch das Schweigen beruhigt, trat ſie dann leiſe ein, bückte ſich immer horchend und um ſich blickend, und als ſie hierauf eine Locke der Haare des jungen Schützen aufgerafft, verbarg ſie dieſelbe in ihrem Buſen und ent⸗ floh. Was Otto anbetrifft, ſo war er mit offenem Munde und gefalteten Händen hinter dem Tapetenvorhange auf die Knie geſunken. Zwei Stunden nachher, und in dem Augenblicke, wo man es am wenigſten erwartete, befahl der Graf von Ravenſtein ſeinem Gefolge, ſich bereit zu halten, um am folgenden Morgen mit ihm das Schloß Cleve zu verlaſ⸗ ſen. Jedermann verwunderte ſich über dieſen plötzlichen Entſchluß, aber noch am ſelben Abende verbreitete ſich unter den Dienern des Fürſten das Gerücht, daß, von ih⸗ rem Vater gedrängt, auf die Werbung zu antworten, die an ſie gerichtet worden war, die junge Prinzeſſin erklärt hätte, daß ſie es vorziehen würde, eher in ein Kloſter zu gehen, als jemals die Gattin des Grafen von Raven⸗ ſtein zu werden. — 2— ——— VII. Acht Tage nach den Ereigniſſen, welche wir in un⸗ ſerm letzten Kapitel erzählt haben, und in dem Augen⸗ blicke, wo der Fürſt Adolph von Cleve ſich zu Tiſch ſetzen wollte, meldete man, daß ein Herold des Grafen von Ravenſtein als Ueberbringer eines Fehdebriefes ſeines Herrn in den Schloßhof gekommen wäre. Der Fürſt wandte ſich mit einem Ausdrucke an ſeine Tochter, in welchem ſich auf ernſte Weiſe Zärtlichkeit und Vorwurf vereinigten. Helene erröthete und ſchlug die Augen nieder; dann, nach einem Augenblicke des Schweigens, befahl der Fürſt, daß der Bote eingeführt würde. Der Herold trat ein; es war ein in die Farben des Grafen gekleideter adliger junger Mann, welcher ſeine Wappen auf der Bruſt trug; er verneigte ſich tief vor dem Fürſten, und vollzog mit zugleich feſter und artiger Stimme ſeinen Fehdeauftrag. Ohne die Beweggründe ſeiner Erklärung anzugeben, erklärte der Graf von Ra⸗ venſtein dem Fürſten Adolph überall die Fehde, wo er ihm begegnen würde, ſei es allein, ſei es zwanzig gegen zwanzig, ſei es Heer gegen Heer, bei Tag oder bei Nacht, auf dem Gebirge oder in der Ebene. Sitzend und mit bedecktem Haupte hörte der Fürſt die Fehdeerklärung des Grafen an, dann, als ſie gemacht worden war, ſtand er auf, nahm von einem Seſſel, auf dem er lag, ſeinen eigenen mit Hermelin ausgeſchlagenen Sammetmantel, befeſtigte ihn auf den Schultern des He⸗ rolds, nahm eine goldene Kette von ſeinem Halſe, hing ſie um den des Herolds und befahl, daß man ihn pracht⸗ voll bewirthen ſollte, damit, wenn er das Schloß verließ, er ſagen könnte, daß bei dem Fürſten Adolph von Cleve ein Fehdebrief wie eine Einladung zum Feſte aufgenommen würde. Unter dieſer ſcheinbaren Ruhe verbarg der Ar⸗ deſſen eine unendliche Beſorgniß. Er war zu de ter gelangt, wo die Rüſtung die Schultern des Kriegers zu drücken beginnt. Er hatte weder Sohn, noch Neffen, dem er die Ausfechtung ſeines Streites anvertrauen konnte, nur Freunde, unter denen zu dieſen Zeiten der Unruhen jeder entweder für ſeine eigene Rechnung oder für die Sache des Kaiſers zu thun hatte und verhehlte ſich nicht, daß er ſchwerlich Theilnahme, aber Beiſtand erlangen würde. Er ſandte nichts deſto weniger nach allen Seiten Briefe aus, welche ſich auf Bündniſſe oder auf Freundſchaft beriefen. Hierauf beſchaͤftigte er ſich thätig damit, ſeine Veſte aus⸗ zubeſſern, die ſchwachen Stellen derſelben zu befeſtigen, A. Duma's Noyellen. Vierter Band. 7 — 98— und ſo viel Lebensmittel als möglich in dieſelbe zu brin⸗ gen. Der Graf von Ravenſtein hatte ſeiner Seits die acht Tage benutzt, welche er vor ſeinem Gegner voraus ge⸗ habt. Einige Tage nach der empfangenen Botſchaft, und bevor die Verbündeten des Fürſten von Cleve Zeit gehabt hatten, zu ſeinem Beiſtande herbeizukommen, hörte man daher auch plötzlich eine Stimme, welche zu den Waffen rief. Dieſe Stimme war die Ottos, der ſich als Wache auf den Mauern befand, und der am Horizonte nach der Seite von Niemwegen hin eine Staubwolke erblickt hatte, in welcher Waffen wie Funken in dem Rauche blitzten. Ohne daß er dachte, daß der Angriff ſo raſch geſche⸗ hen würde, hielt ſich der Fürſt indeſſen zu jeder Stunde bereit. Er ließ die Thore ſchließen, die Fallgitter herab⸗ laſſen, und befahl der Beſatzung, auf die Wälle zu gehen. Was Helene anbetrifft, ſo ging ſie in die Kapelle der Gräfin Beatrix binab und begann zu beten. Als die Schaaren des Grafen von Ravenſtein nur noch eine halbe Stunde weit von dem Schloſſe entfernt waren, trennte inzwiſchen ſich derſelbe Herold, der bereits im Namen ſeines Herrn gekommen war, von dem Heere, und näherte ſich mit einem Trompeter voraus bis an den Fuß der Mauern. Dort angelangt, blies der Trompeter drei Male, und der Herold forderte im Namen des Gra⸗ fen den Fürſten von Neuem in Perſon, oder jeden Käm⸗ pfer heraus, der an ſeiner Stelle kämpfen wollte, indem er drei Tage bewilligte, während welcher er jeden Morgen auf die Wieſe kommen ſollte, welche die Wälle von dem — 99— Fluſſe trennte, um zum Zweikampfe aufzufordern, nach welcher Zeit, wenn ſeine Herausforderung nicht angenom⸗ men wäre, er einen allgemeinen Kampf anbieten würde; hierauf, als dieſe neue Herausforderung geſchehen, näherte er ſich bis an das Thor, und nagelte mit ſeinem Dolche den Handſchuh des Grafen an das Eichenholz. Statt aller Antwort warf der Fürſt den ſeinigen von der Höhe der Mauer. Hierauf, da die Nacht herein⸗ brach, trafen Belagerte und Belagerer ihre Anſtalten, die einen für den Angriff, die andern zur Vertheidigung. Von ſeinem Poſten abgelöſt, war Otto während def⸗ ſen, da er ſah, daß die Gefahr nicht drohend war, von den Wällen in das Schloß hinabgegangen; denn indem er durch den für die Bogenſchützen und die Diener des Für⸗ ſten vorbehaltenen Theil des Schloſſes ging, ereignete es ſich zuweilen, daß er Helene in irgend einem Corridor er⸗ blickte. Dann, obgleich ſie nicht wußte, daß ſie von dem jungen Schützen an dem Tage geſehen worden ſei, an welchem ſie die Haarlocke aufgerafft, lächelte das junge Mädchen ihm zuweilen zu und erröthete immer. Dann redete ſie unter irgend einem Vorwande, aber ſelten, Otto an; das waren Feſttage für das Herz des Schützen, und ſobald ſie ihn verlaſſen, verbarg er ſich in irgend einem abgelegenen einſamen Winkel des Schloſſes, wo er in der Erinnerung die Worte des jungen Burgfräuleins behorchte, und, indem er die Augen ſchloß, das Lächeln oder das Erröthen, das ſie begleitet hatte, wieder ſah. Dieſes Mal war es vergebens, er mogte ſeine Blicke noch ſo ſehr an alle Fenſter werfen, alle Corridors durch⸗ 7* — 100— wandern, er ſah ſie weder, noch begegnete er ihr. In⸗ dem er nun ahnete, daß ſie in der Schloßkirche betete, ging er in dieſelbe hinab; die Kirche war verlaſſen. Es blieb nur noch die Kapelle der Gräfin Beatrix übrig; aber dieſe Kapelle war die vorbehaltene Kapelle, und die Die⸗ ner betraten ſie niemals, als wenn ſie dorthin berufen wurden. Otto zögerte einen Augenblick lang, ihr dorthin zu folgen, aber indem er dachte, daß die Wichtigkeit der Um⸗ ſtände ihm zur Entſchuldigung dienen könnte, ging er end⸗ lich dorthin, wo er ſie zu finden hoffte, und als er den Vorhang erhob, welcher vor der Thür herabhing, erblickte er Helene an dem Fuße des Altars knieend. Otto betrat dieſes Betzimmer zum erſten Male; es war eine dunkle und fromme Zufluchtsſtätte, in welche das Tageslicht nur durch gemalte Fenſterſcheiben drang, und in der Alles die Seele zum Gebete ſtimmte. Eine einzige über dem Altare hängende Lampe brannte vor einem Gemälde, welches wieder dieſelbe Sage eines, von einem Schwane gezogenen Ritters vorſtellte; nur war hier das Haupt des Ritters mit einem leuchtenden Heili⸗ genſcheine umgeben, und an den beiden Säulen, welche das Gemälde einfaßten, waren auf der einen Seite das Schwert eines Kreuzfahrers aufgehängt, deſſen Griff und Scheide von Gold waren, und auf der andern ein mit Perlen nnd Rubinen eingelegtes Horn von Elfenbein; dann war zwiſchen den Säulen und über dem Gemälde, wie es noch heut zu Tage Sitte in Deutſchland iſt, ein Schild mit einem Helme darüber aufgehängt; das waren — 101— derſelbe Schild und derſelbe Helm, den man auf dem Ge⸗ mälde ſah, und ſie waren leicht zu erkennen, denn auf der Leinwand wie auf dem Stahle ſah man daſſelbe Wap⸗ pen glänzen; das von Gold war mit einem rothen, mit Dornen gekrönten Kreuze auf einem grünen Berge. Die⸗ ſes Schwert, dieſes Horn, dieſer Helm und dieſer Schild waren alſo ſehr wahrſcheinlicher Weiſe die des Schwanen⸗ ritters, und dieſer Ritter war ohne allen Zweifel einer jener alten Tapfern, welche an den Kreuzzügen Theil ge⸗ nommen hatten. 8 Otto näherte ſich dem jungen Mädchen vorſichtig; ſie betete leiſe vor dem Ritter, wie ſie es vor dem Chri⸗ ſtusbilde oder vor einem Märthrer bätte thun können, und hielt in der Hand einen Roſenkranz von mit Perlmutter eingelegten Korallen von Ebenholz, an deſſen Ende ein kleines Glöckchen hing, welches keinen Ton von ſich gab, da der Klöpfel ohne Zweifel vor Alter herausgefallen, und nicht wieder erſetzt worden war. Bei dem Geräuſche, welches Otto machte, indem er an einen Stuhl ſtieß, wandte ſich das junge Mädchen um, und weit davon entfernt, daß ihr Geſicht irgend ei⸗ nen Groll darüber zeigte, daß man ihr ſo gefolgt war, blickte ſie ihn mit einem traurigen aber freundlichen Lä⸗ cheln an. — Wie Ihr ſehet, ſagte ſie zu ihm, thut jeder von uns, wie es ihm von Gott eingegeben iſt. Mein Va⸗ ter bereitet ſich zum Kampfe, und ich bete. Ihr hofft durch Blut zu triumphiren, und ich hoffe durch Thraͤnen zu ſiegen. — 102— — Und zu welchem Heiligen betet Ihr, antwortete Otto, indem er der Neugierde nachgab, welche ihm der Anblick dieſes bald in Stein und bald auf der Leinwand hervorgebrachten Bildes einflößte. Iſt es Sankt Michael oder Sankt Georg, ſagt mir ſeinen Namen, damit ich denſelben Heiligen anflehen kann, als Ihr. — Es iſt weder der eine noch der andere, antwortete das junge Mädchen, es iſt Rudolph von Aloſt, und der Maler hat ſich geirrt, als er ihn mit dem Heiligenſcheine geſchmückt, es war die Palme, welche ihm gebührte, denn er war Märthyrer und nicht ein Heiliger. — Und dennoch, begann Otto wieder, betet Ihr ihn an, als ob er zur Rechten Gottes ſäße; was koͤnnt Ihr von ihm hoffen? — Ein Wunder gleich dem, welches er für unſere Ahnfrau bei ähnlicher Veranlaſſung gethan hat. Aber leider iſt der Roſenkranz der Gräfin Beatrix jetzt ver⸗ ſtummt, und der Klang des geweihten Glöckchens wird nicht zum zweiten Male Rudolph in dem heiligen Lande erwecken. — Ich kann weder Furcht noch Hoffnung geben, ant⸗ wortete Otto, denn ich weiß nicht, was Ihr ſagen wollt. — Kennt Ihr dieſe Sage unſerer Familie nicht? ant⸗ wortete Helene.„ — Ich kenne nur das, was ich von ihr ſehe; dieſer Ritter, welcher in einem, von einem Schwane geführten Nachen über den Rhein fährt, hat ohne Zweifel die Grä⸗ fin Beatrix von irgend einer Gefahr befreit. — Von einer Gefahr gleich der, welche uns in die⸗ — 103— ſem Augenblicke bedrobt, und deshalb bete ich zu ihm. Ich werde Euch dieſe Geſchichte zu einer andern Zeit er⸗ zählen Helene fort, indem ſie aufſtand, um ſich zu entfernen. — Und warum nicht jetzt? antwortete Otto, indem er eine ehrerbietige Bewegung machte, um das junge Mäd⸗ 3 zurüd alten. Die Zeit und der Ort ſind für eine erande dſene und für eine heilige Sache gut ge⸗ wählt. — So ſetzt Euch denn dorthin und hört, antwor⸗ tete das junge Mädchen, die nichts lieber wünſchte, als einen Vorwand zu finden, um mit Otto zuſammen zu bleiben. Otto machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches an⸗ deutete, daß er ſich des Standesunterſchiedes erinnerte, den Helene ſo gütig ſein wollte, zu vergeſſen, und blieb bei ihr ſtehen. — Ihr wißt, ſagte das junge Mädchen, daß Gott⸗ fried von Bouillon der Oheim der Prinzeſſin Beatrix von Cleve, unſerer Ahnfrau, war. — Ich weiß das, antwortete der junge Mann, indem er ſich verneigte.— — Was Ihr aber nicht wißt, fuhr Helene fort, iſt, daß der Fürſt Robert von Cleve, welcher die Schweſter des Brabanter Helden geheirathet hatte, ſeinem Schwa⸗ ger auf dem Kreuzzuge zu folgen beſchloß, und trotz der Bitten ſeiner Tochter Beatrix Alles vorbereitete, um die⸗ ſen frommen Entſchluß auszuführen. So fromm er auch ſein mogte, ſo hatte Gottfried dennoch ihn Anfangs von — durch den Wahlſpruch, den er bereits auf ſein 4 3. 4 dieſem Vorhaben abwendig machen wollen, denn indem er nach Paläſtina aufbrach, ließ Robert ſeine einzige, kaum vierzehnjährige Tochter allein und ohne 2ae Aber Nichts vermogte den alten Krieger zurückzuhalten, und auf Alles, was man ihm ſagen konnte,— er nner ge⸗ ſetzt:— Gott will es! 2 Gottfried von Boutlllon ſollte ſeinen wager im Vorbeikommen abholen; der Weg des Kreuzzuges war durch Deutſchland und Ungarn vorgeſchrieben; außerdem wollte er von ſeiner jungen Nichte Beatrix Abſchied neh⸗ men. Er ließ daher ſein Heer, das aus zehn Tauſend Reitern und ſechzig Tauſend Mann Fußvolk beſtand, un⸗ ter den Befehlen ſeiner Brüder Euſtachius und Balduin, indem er ihnen für dieſes vorläufige Kommando ſeinen Freund Rudolph von Aloſt zugeſellte, und fuhr den Rhein von Köln nach Cleve hinab.. Er hatte die junge Beatrix ſeit ſechs Jahren nicht ge⸗ ſehen. Waͤhrend dieſer Zeit war ſie vom Kinde zur Jung⸗ frau geworden; man führte überall ihre entſtehende Schön⸗ heit an, welche in der Folge ſo wundervoll wurde, daß man noch heut zu Tage, wenn man von einer, in die⸗ ſer Beziehung vollendeten Frau ſprechen will, in der Ge⸗ gend ſagt:— Schön wie die Prinzeſſin Beatrix. Gottfried machte neue Verſuche bei ſeinem Schwager, um zu erlangen, daß er bei ſeinem Kinde bliebe. Aber es war vergebens, der Fürſt hatte bereits alle Maßregeln getroffen, um den zukünftigen König von Jeruſalem zu begleiten. Ein Knappe Namens Gerhard, berühmt durch 2 4 * . ſeine 2n und durch ſeinen Muth, und der das ganze — 405— 1 VVertra ſeines Gebieters beſaß, wurde von ihm er⸗ — wählt, junge Prinzeſſin zu beſchützen, und erhielt zu 4 dieſem cke alle Rechte eines Vormundes und alle Ge⸗ walt ein evollmächtigten. . Bottfried 2 der ohne Zweifel in einem Augenblicke Ahnung alle dieſe Anordnungen voll Kum⸗ mer ſah, Nichte als ganzes Geſchenk die⸗ ſen Roſenkranz, welchen ich in der Hand hielt, als Ihr ſo eben eingetreten ſeid; er war von Peter dem Eremiten ſelbſt aus Paläſtina zurückgebracht worden; er hatte das 8 heilige Grab unſeres Heilandes berührt, und war von dem ehrwürdigen Vater Guardian des heiligen Grabes ge⸗ weiht worden. Peter der Eremit hatte ihn Gottfried von Bouillon als einen heiligen Talisman geſchenkt, der Wun⸗ der verrichtende Eigenſchaften beſäße, und Gottfried ver⸗ ſicherte dem jungen Mädchen, daß, wenn irgend eine Ge⸗ fahr ſie bedrohte, ſie nur dieſen Roſenkranz zu nehmen und mit ihm ihr Gebet mit frommem und inbrünſtigem Herzen zu verrichten hätte, und daß er dann, wo er auch ſein mögte, den Klang des daran befeſtigten Glöckchens hören würde, wäre er von ihr auch durch Berge und V Meere getrennt. Beatrix empfing voll Dankbarkeit den koſtbaren Roſenkranz, deſſen Kraͤfte ihr Vater, ihr Oheim 4 und ſie allein kannten, und bat den Fürſten um die Er⸗ laubniß, eine Kayelle zu ſtiften, welche in ihrem Käſtchen von Marmor ein ſo reiches Kleinod auf eine würdige Weiſe einſchließen würde. Ich habe nicht nöthig, Euch zu ſagen, daß ihr dieſe Bitte bewilligt wurde. . 6 — 106— Die Kreuzfahrer brachen auf. Eine Füfbrit, wel⸗ che Ihr an dem Thore des Schloſſes ſehen w, und von der man ſagt, daß ſie von der bad eifen ſelbſt eingegraben ſei, deutet an, daß es der 3. Septem⸗ ber des Jahres 1096 war. Sie zogen friedlich und ohne Widerſtand durch Deutſchland und durch Ungarn, exxeich⸗ ten die Gränzen des griechiſchen Kaiſerreiches, und ch⸗ dem ſie ſich einige Zeit lang wernerdg aufgehal⸗ ten, zogen ſie in Bithynien ein. Sie begaben ſich nach Nicäa und man konnte ſich über den Weg nicht mehr ir⸗ ren, denn der Weg war durch die Gebeine zweier Heere angedeutet, die ihnen vorausgegangen waren, das eine unter der Anführung Peter des Eremiten und das andere unter der Walters des Habenichts. Sie langten vor Nicäa an. Ihr kennt die Umſtände dieſer Belagerung. Bei dem dritten Sturme wurde der Fürſt Robert von Cleve getödtet. Dieſe Nachricht brauchte ſechs Monate, hieher zu gelangen, und die junge Prin⸗ zeſſin Beatrix in Trauer zu hüllen. Das Heer ſetzte ſeinen Weg fort, indem es unter ſolchen Beſchwerden und ſolchen Leiden nach Süden zog, daß die Kreuzfahrer bei jeder Stadt, welche ſie erblickten, fragten, ob das nicht endlich die Stadt Jeruſalem wäre, wohin ſie gingen. Endlich wurde die Hitze ſo glühend, daß die Hunde der Heerführer an der Leine und die Fal⸗ ken auf der Fauſt ſtarben. Bei einem einzigen Halte ſtar⸗ ben, wie man ſagt, fünf Hundert Perſonen durch den großen Durſt, den ſie empfanden, und den ſie nicht zu ſtillen vermogten. Gott ſei ihren Seelen gnädig. — 107— Wäͤhrend dieſes ganzen langen und ſchmerzlichen Zu⸗ ges ſtiegen in den unglücklichen Kreuzfahrern die Erin⸗ nerungen des Abendlandes weit friſcher und weit theurer als jemals wieder auf. Sie waren bei Gottfried durch den Tod ſeines Schwagers, Roberts von Cleve, wieder belebt worden. Es verfloſſen daher auch wenige Tage, ohne daß der chriſtliche Feldherr ſeinem jungen Freunde, Robert von Aloſt, von ſeiner liebenswürdigen Nichte Bea⸗ trix erzählte. Gewiß, daß ſie ohne ſeine Erlaubniß nicht über ihre Hand verfügen würde, hatte er die Hoffnung, wenn das fromme Unternehmen ihn nicht für eine zu lange Zeit an Paläſtina feſſeln würde, Rudolph mit Beatrix zu verbinden, und er hatte ſo oft und ſo warm mit dem jungen Krieger von ihr geſprochen, daß dieſer nach dem Bilde, welches er ihm von ihr entworfen, ver⸗ liebt in ſie geworden war, und daß, wenn Gottfried zu⸗ fällig einen Tag lang nicht mit Rudolph von Beatrix ſprach, Rudolph davon mit Gottfried zu ſprechen be⸗ gann. Endlich gelangte man vor Antiochien an. Nach ei⸗ ner Belagerung von ſechs Monaten wurde die Stadt ge⸗ nommen; aber auf die Märſche unter einer glühenden Son⸗ ne, auf den Durſt in der Wüſte, folgte bald eine nicht minder ſchreckliche Geißel, der Hunger. Es war keine Möglichkeit, länger in dieſer Stadt zu bleiben, nach der man ſich wie nach einen Hafen geſehnt hatte. Jeruſalem war nicht allein ein Ziel, ſondern auch noch eine Noth⸗ wendigkeit geworden. Die Kreuzfahrer verließen Antiochien, indem ſie den Pſalm ſangen: Der Herr wolle ſich — 108— erheben und ſeine Feinde mögen zerſtreut ſein, und zogen gegen Jeruſalem, das ſie endlich er⸗ blickten, als ſie auf der Höhe von Emmaus anlangten. Sie waren nur vierzig Tauſend von den neun Mal Hun⸗ dert Tauſend, die aufgebrochen waren. Am folgenden Tage begann die Belagerung; drei Stürme folgten auf einander ohne Reſultat; der letzte dauerte ſeit drei Tagen, als endlich am Freitage, dem 15. Juli 1099, an dem Tage und der Stunde ſelbſt, an welchen Jeſus Chriſtus gekreuzigt wurde, zwei Männer die Höhe der Wälle erreichten. Aber der Eine von ih⸗ nen fiel, und der Andere blieb ſtehen, der, welcher ſtehen blieb, war Gottfried von Bouillon, und der, welcher fiel, Rudolph von Aloſt, Beatrix Verlobter. Und der goldige Traum des Siegers war verſchwunden. Gottfried von Bouillon wurde zum Könige erwaͤhlt, ohne daß er indeſſen aufhörte, Krieger zu ſein. Bei der Rückkehr von dem Feldzuge gegen den Sultan von Da⸗ mascus kam der Emir von Caeſarea zu ihm, und überreichte ihm Früchte von Paläſtina. Gottfried nahm einen Ce⸗ dernapfel und aß ihn. Vier Tage nachher, am 18. Juli des Jahres 1100 verſchied er nach eilf Monate der Re⸗ gierung und vier Jahren der Abweſenheit. Er verlangte, daß ſein Grabmal neben dem ſeines jungen Freundes Rudolph von Aloſt errichtet würde, und ſein letzter Wille wurde ausgeführt. VIII. Daeſe Nachrichten verbreiteten ſich eine nach der an⸗ 4 dern in dem Abendlande, und von alle den Echos, welche r ſie erweckten, war das ſchmerzlichſte das, welches in Bea⸗ 3 trix Herzen weinte; ſie hatte nach der Reihe den Tod des e Fürſten von Cleve, ihres Vaters, den Rudolphs von Aloſt, . ihres Verlobten, und den Gottfrieds von Boulllon, ih⸗ li res Oheims erfahren. Die am Mindeſten ſchmerzliche von e⸗ dieſen drei Nachrichten war die von dem Tode Rudolphs, den ſie nicht gekannt hatte; aber die beiden andern To⸗ 1s desfälle machten ſie zwei Male zur Waiſe, indem ſie Gott⸗ nd fried von Bouillon verlor, glaubte ſie einen zweiten Va⸗ ter zu verlieren. Ein neuer Schmerz vereinigte ſich mit dieſem; wäͤh⸗ rend der fünf Jahre, welche ſeit dem Aufbruche zum Kreuzzuge bis zu dem Tode Gottfrieds verfloſſen waren, — 110— hatte Beatrix an Schönheit zugenommen; ſie war jetzt eine anmutnige Jungfrau von neunzehn Jahren, und ſie hatte bemerkt, daß dieſer Knappe, dem ſie anvertraut worden war, nicht gleichgiltig gegen das Gefühl war, das ſie Allen denen einflößte, welche ihr nahten. So lange ihr indeſſen ein Vertheidiger geblieben, hatte Gerhard ſeine Liebe in ſeiner Seele verſchloſſen; ſobald er aber ſah, daß Beatrix Waiſe und ohne Stütze war, wurde er in dem Grade kühn, ihr ſeine Liebe zu erklären. Beatrix nahm dieſes Geſtändniß auf, wie die Tochter eines Fürſten es aufnehmen mußte; aber Gerhard hatte, bevor er die Maske ablegte, ſeinen Entſchluß gefaßt; er antwortete dem jungen Mädchen, daß er ihr ein Jahr und einen Tag für ihre Trauer bewillige, daß ſie aber, wenn dieſe Zeit verfloſſen, ſich vorzubereiten hätte, ihn als Gatten anzu⸗ nehmen. Es war eine gänzliche Umgeſtaltung eingetreten; der Diener ſprach als Herr. Beatrix war ſchwach, allein ſtehend und ohne Vertheidigung; es konnte ihr keine Hilfe von den Menſchen kommen, ſie flüchtete ſich zu Gott, und Gott ſandte ihr, wo nicht Hoffnung, doch zum Min⸗ deſten Ergebung. Was Gerhard anbelangt, ſo ließ er noch am ſelben Tage die Thore des Schloſſes verſchließen, und ſtellte an jedes eine doppelte Wache, aus Furcht, daß Beatrix zu entfliehen verſuchen mögte. Ihr erinnert Euch, daß Beatrix dieſe Kapelle hatte bauen laſſen, um in ihr den wunderthätigen Roſenkranz einzuſchließen, den ihr ihr Oheim geſchenkt hatte. Wenn Gottfried noch gelebt hätte, ſo wäre ſie ohne Furcht ge⸗ weſen, denn ihr Herz war voll Glauben, und er hatte — 111— ihr geſagt, daß, an welchem Orte, durch Berge oder durch Meere von ihr getrennt, er auch ſein mögte, er den Klang des heiligen Glöckchens hören und ihr zu Hilfe kommen würde; aber Gottfried war todt, und das Glöck⸗ chen mogte bei jedem Vater Unſer noch ſo ſehr laͤuten, es war keine Hoffnung mehr vorhanden, daß dieſer Klang ihr einen Vertheidiger zuführe. 5 Die Tage verfloſſen, dann die Monate, endlich das Jahr; Gerhard hatte in ſeiner Aufſicht keinen Augen⸗ blick lang nachgelaſſen, ſo daß Niemand die äußerſte Ge⸗ fahr kannte, in welche Beatrix verſunken war. Außer⸗ dem befand ſich zu jener Zeit die Blüthe des Adels im Morgenlande, und kaum blieben an den Ufern des Rhei⸗ nes zwei bis drei Ritter, welche, ſo ſehr waren die Stärke und der Muth Gerhards bekannt, es gewagt hätten, die Vertheidigung der ſchönen Gefangenen zu übernehmen. Der letzte Tag war angebrochen. Beatrix hatte ih⸗ rer Gewohnheit nach ihr Gebet beendigt; die Sonne war glänzend und rein, wie, als ob ihr himmliſches Licht nur Glück beleuchtete. Das junge Mädchen ſetzte ſich auf ihren Balkon, und dort richteten ſich ihre Augen nach dem Orte des Ufers, wo ſie ihren Bater und ihren Oheim aus dem Geſicht verloren hatte. An demſelben, gewöhn⸗ lich einſamen Orte, ſchien es ihr, als ob ſie einen beweglichen Punkt bemerkte, deſſen Geſtalt ſie wegen der Entfernung nicht zu erkennen vermogte; aber, wie ſelt⸗ ſam, von dem Augenblicke an, wo ſie ihn erblickt hatte, ſchien es ihr, als ob dieſer Punkt ſich für ſie bewege, und mit jenem Aberglauben, den die Betrübten allein ha⸗ — 112— ben, ſetzte ſie alle ihre Hoffnung, ohne zu wiſſen, wel⸗ che Hoffnung ihr noch übrig bleiben konnte, auf dieſen unbekannten Punkt, der in dem Maaße, als er den Rhein hinabkam, eine Geſtalt anzunehmen begann. Beatrix Au⸗ gen waren mit ſo vieler Beharrlichkeit auf ihn geheftet, daß mehr noch die Ermüdung, als der Schmerz, ſie Thränen vergießen ließ. Einige Augenblicke nachher ſah ſie, daß dieſer Nachen von einem Schwane geführt und von einem Ritter beſetzt war, der das Geſicht nach ihr gewandt, wie ſie ſelbſt ihr Geſicht nach ihm gewandt hatte, auf dem Vordertheile ſtand, während an dem Hintertheile ein für den Krieg geharniſchtes Pferd wieherte. In dem Maaße, als der Nachen näher kam, wurden die einzelnen Umſtaͤnde ſichtbar; der Schwan war mit golde⸗ nen Ketten an den Nachen geſpannt, der Ritter war voll⸗ ſtändig gerüſtet, mit Ausnahme ſeines Helmes und ſeines Schildes, welche neben ihm lagen, ſo daß es bald leicht zu ſehen war, daß es ein ſchöner junger Mann von fünf und zwanzig bis acht und zwanzig Jahren mit von der Sonne des Morgenlandes verbrannter Haut war, deſſen blonde und wallende Haare aber den nordiſchen Urſprung verriethen. Beatrix war ſo ſehr in die Beſchauung ver⸗ ſunken, daß ſie nicht geſehen hatte, wie ſich die Wälle mit Kriegern füllten, die, wie ſie, durch dieſes ſeltſame Schauſpiel herbeigezogen waren. Und dieſe Aufmerkſam⸗ keit war um ſo größer, als man ſich jetzt nicht mehr dar⸗ über täuſchen konnte, daß das Schiff wirklich gerade auf das Schloß zu kam; denn ſobald es ihm gegenüber war, ging der Schwan auf das Land, dee Ritter bedeckte ſich das — 113— Haupt mit ſeinem Helme, ſteckte das Schild an den lin⸗ ken Arm, zog ſein Pferd nach ſich, ſchwang ſich auf den Sattel, und indem er dem gehorſamen Vogel einen Wink mit der Hand gab, ritt er auf das Schloß zu, während das Schiff ſtromaufwärts den Weg wieder einſchlug, den es im Hinabfahren eingeſchlagen hatte. Funfzig Schritte weit von dem Hauptthore ange⸗ langt, ergriff der Ritter ein Horn von Elfenbein, das er über die Achſeln trug, und indem er es an ſeine Lippe ſetzte, that er in daſſelbe drei lange und anhaltende Stöße, wie um Schweigen zu gebieten, dann rief er mit ſtarker Stimme aus: — Ich, Streiter des Himmels und Edler der Erde, gebieten Dir, Gerhard, Burgvogt des Schloſſes, im Na⸗ men der göttlichen und menſchlichen Geſetze, auf Deine An⸗ ſprüche auf die Hand der Prinzeſſin Beatrix zu verzichten, welche Du trotz ihrer Geburt und ihres Ranges als Ge⸗ fangene hältſt, und augenblicklich dieſes Schloß zu verlaſ⸗ ſen, in das Du als Diener eingetreten biſt, und in wel⸗ chem Du als Herr zu gebieten wagſt; widrigenfalls wir Dich auf Leben und Tod, auf Lanze und auf Schwert, auf Arxt und auf Dolch, wie einen Verräther und Treulo⸗ ſen herausfordere, der Du biſt, was wir Dir mit Hilfe Gottes und unſerer Frau vom Berge Carmel beweiſen werden, zum Zeichen deſſen hier unſer Handſchuh iſt. Nun zog der Ritter ſeinen Handſchuh aus, den er auf den Boden warf, und man ſah an dem einen ſeiner Finger den Diamant glänzen, den Ihr an der Hand mei⸗ nes Vaters habt bemerken müſſen, und der ſo ſchön iſt, A. Duma's Novellen. Vierter Band. 8 — 114— daß er für ſich allein ſo viel als die Hälfte einer Graf⸗ ſchaft werth iſt. Gerhard war tapfer; ſtatt aller Antwort ging da⸗ her auch das Hauptthor auf. Ein Page trat heraus, der den Handſchuh aufraffte, und hinter dem Pagen kam der Burgvogt in ſeiner Kriegsrüſtung und auf einem Schlacht⸗ pferde reitend. Nicht ein Wort wurde zwiſchen den beiden Gegnern gewechſelt. Der unbekannte Ritter ſchlug das Viſir ſei⸗ nes Helmes herab, Gerhard machte es eben ſo. Die bei⸗ den Kämpen nahmen jeder ihrer Seits den Raum, den ſie für nothwendig hielten, legten ihre Lanzen aus, und ſprengten dann im Galopp gegen einander an. Gerhard galt, wie ich Euch geſagt, für einen der ſtärkſten und tapferſten Männer Deutſchlands. Er trug einen von dem beſten Waffenſchmiede Kölns angefertigten Panzer. Das Eiſen ſeiner Lanze war in dem Blute eines durch Hunde zerriſſenen Stieres in dem Augenblicke geſtählt worden, wo dieſes Blut noch von den letzten Todeskäm⸗ pfen des Thieres kochte, und dennoch zerſplitterte ſeine Lanze wie Glas an dem Schilde des Ritters, während die Lanze des Ritters mit demſelben Stoße den Schild, den Panzer und das Herz ſeines Gegners durchbohrte⸗ Gerhard fiel ohne ein einziges Wort auszuſprechen, ohne Zeit zur Reue zu haben, und wie, als ob er vom Blitze zerſchmettert worden wäre; der Ritter wandte ſich nach Beatrix um; ſie lag auf den Knieen und dankte Gott. Der Kampf war ſo kurz geweſen, und die ihm fol⸗ — 115— gende Beſtürzung war ſo groß, daß die Krieger Gerhards, als ſie ihren Herrn fallen ſahen, nicht einmal daran ge⸗ dacht hatten, das Thor des Scohloſſes zu verſchließen. Der Ritter ritt daher ohne Widerſtand in den erſten Hof, ſtieg ab, hing den Zügel ſeines Pferdes an einen eiſernen Hacken, und ſchritt auf die Freitreppe zu; in dem Au⸗ genblicke, wo er den Fuß auf die erſte Stufe ſetzte, er⸗ ſchien Beatrix auf der letzten; ſie kam ihrem Befreier ent⸗ gegen. — Dieſes Schloß iſt das Eure Ritter, ſagte ſie zu ihm, denn Ihr habt es erobert. Betrachtet es daher als das Eure. Je länger Ihr es bewohnen werdet, deſto größer wird meine Dankhbarkeit ſein. — Fräulein, antwortete der Ritter, nicht mir müßt Ihr danken, ſondern Gott, der mich zu Eurem Beiſtande ſendet. Was dieſes Schloß anbelangt, ſo iſt es die Woh⸗ nung Eurer Väter ſeit zehn Jahrhunderten, und ich wün⸗ ſche, daß es noch zehn Jahrhunderte lang die Eurer Nach⸗ kommen ſein möge. Beatrix erröthete, denn ſie war die Letzte ihrer Fa⸗ milie. Der Ritter hatte indeſſen die angebotene Gaſtfreund⸗ ſchaft angenommen; er war jung, er war ſchön. Beatrir war allein und Herrin ihres Herzens. Nach Verlauf von drei Monaten wurden die beiden jungen Leute gewahr, daß zwiſchen ihnen auf der einen Seite mehr als Freund⸗ ſchaft, und auf der andern mehr als Dankbarkeit obwalte. Der Ritter ſprach von Liebe, und da er von hoher Ge⸗ burt ſchien, obgleich man weder Güter noch eine Graf⸗ 8* — 116— ſchaft kannte, welche ihm gehörten, ſo bot ihm dennoch Beatrix, welche für beide genug reich und glücklich war, Etwas für denjenigen zu thun, der ſo viel für ſie gethan hatte, mit ihrer Hand dieſes Fürſtenthum an, das er ihr auf eine ſo muthige und beſonders ſo unerwartete Weiſe erhalten hatte. Der Ritter ſank Beatrix zu Füßen; das junge Mädchen wollte ihn wieder aufheben. — Verzeiht, Fraͤulein, ſagte der Ritter, denn da ich Eurer Nachſicht bedarf, ſo werde ich ſo bleiben, bis daß ich ſie erlange. — Sprecht, antwortete Beatrix. Ich höre Euch, im Voraus bereit zu gehorchen, als ob Ihr ſchon mein Herr und Gebieter wäret. — Ach! ſagte der Ritter, es wird Euch ohne Zwei⸗ fel ſonderbar erſcheinen, daß, ein ſo großes Glück von Euch empfangend, ich es nur unter einer Bedingung an⸗ nehmen kann. — Sie iſt bewilligt, antwortete Beatrix. Jetzt, worin beſteht ſie? — Daß Ihr mich niemals weder um meinen Na⸗ men, noch woher ich komme, noch woher ich die Gefahr erfahren hatte, von der Ihr bedroht waret, befragt, denn, wenn Ihr mich darnach früget, ſo liebe ich Euch zu ſehr, als daß ich den Muth haben würde, Euch die Antwort zu verweigern, und ſobald ich ſie Euch gegeben, würde ich nicht mehr bei Euch bleiben können und wir würden für immer getrennt ſein. Das iſt das Geſetz, welches mir von der Macht auferlegt iſt, die mich über Berge, Ebe⸗ — 117— nen und Meere während der langen Reiſe geleitet hat, die ich gemacht habe, um Euch zu befreien. — Was liegt an Eurem Namen? Was liegt daran, woher Ihr kommt? Was liegt daran, wer Euch geſagt hat, daß ich in Gefahr war? Ich gebe die Vergangen⸗ heit für die Zukunft auf. Euer Name iſt der Schwanen⸗ ritter. Ihr kamt aus einem geſegneten Lande, und Gott iſt es, der Euch ſandte. Was brauche ich mehr zu wiſſen? Hier iſt meine Hand. Der Ritter küßte ſie voll Entzücken, und einen Mo⸗ nat nachher vereinigte ſie der Kaplan in derſelben Ka⸗ pelle, in welcher Beatrix in der Furcht einer anderen Ehe ein Jahr und einen Tag lang ſo viel gebetet und ſo viel geweint hatte. Der Himmel ſegnete dieſe Verbindung; in drei Jah⸗ ren machte Beatrix den Ritter zum Vater dreier Söhne, welche Robert, Gottfried und Rudolph genannt wurden. Dann verfloſſen noch drei Jahre in der vollkommenſten Einigkeit und in einem Glücke, das einer andern Welt, als dieſer, anzugehören ſchien. — Meine Mutter, ſagte eines Tages der junge Ro⸗ bert, als er in das Schloß zurückkehrte, ſag' mir doch den Namen meines Vaters. — Und warum das? antwortete die Mutter erbe⸗ bend. — Weil der Sohn des Barons von Aspern mich darum fragt. — Dein Vater nennt ſich der Schwanenritter, ſagte Beatrix, und hat keinen andern Namen. — 118— Das Kind begnügte ſich mit dieſer Antwort und kehrte zurück, um mit ſeinen jungen Freunden zu ſpielen. Es verfloß noch ein Jahr, nicht mehr in dem Entzücken des Glückes, welches die erſten begleitet hatte, aber in je⸗ ner ſüßen Ruhe, welche die Einigkeit der Seelen ver⸗ kündet. G — Meine Mutter, ſagte eines Tages der junge Gott⸗ fried, woher kam mein Vater, als er in einem, von ei⸗ nem Schwane gezogenen Schiffe in dieſes Land gekom⸗ men iſt? — Und warum das? antwortete die Mutter ſeuf⸗ zend. — Weil der Sohn des Grafen von Megen mich darum gefragt hat. — Er kam aus einem fernen und unbekannten Lande, das iſt Alles, was ich weiß. Dieſe Antwort genügte dem Knaben, der ſie ſeinem jungen Gefährten überbrachte, und fortfuhr, mit der ſorg⸗ loſen Gleichgültigkeit ſeines Alters an den Ufern des Fluſ⸗ ſes zu ſpielen. Es verfloß wieder ein Jahr, während deſſen der Ritter Beatrix mehr als einmal tiefſinnig und beſorgt überraſchte; er ſchien es indeſſen nicht zu bemerken und verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeiten und ſeine Liebkoſungen für ſie. — Meine Mutter, ſagte eines Tages der junge Ru⸗ dolph, wer hatte meinem Vater, als er Dich von die⸗ ſem böſen Gerhard befreite, geſagt, daß Du Hilfe be⸗ dürfteſt? — 119— — Und warum das? antwortete die Mutter weinend. — Weil der Sohn des Markgrafen von Gorkum mich darum gefragt hat. — Gott, antwortete die Mutter, der die ſieht, welche leiden, und der ihnen ſeine Engel ſendet, um ih⸗ nen beizuſtehen. Der Knabe verlangte nicht mehr, man hatte ihn daran gewöhnt, Gott als einen Vater anzuſehen, und er verwunderte ſich nicht, daß ein Vater für ſein Kind das thäte, was Gott für ſeine Mutter gethan hatte. Aber die Fürſtin Beatrix betrachtete die Sachen an⸗ ders; ſie hatte überlegt, daß der erſte Schatz der Söhne der Name ihres Vaters wäre. Nun aber waren ihre drei Söhne ohne Namen. Oft würde die Frage, welche jeder von ihnen an ſie gerichtet, ihnen von Männern wiederholt werden, und ſie konnten Männern nicht das antworten, was ſie Kindern geantwortet hatten. Sie verſank daher in eine unendliche und dauernde Traurigkeit, denn, was auch geſchehen mögte, ſie war entſchloſſen, von dem Gat⸗ ten das Geheimniß zu verlangen, das ſie verſprochen hatte, niemals zu verlangen. Der Ritter ſah dieſe zunehmende Schwermuth und er⸗ rieth deren Urſache. Bei dem Anblicke der ſo unglücklichen Beatrix ſtand er mehr als ein Mal auf dem Punkte, ihr Alles zu ſagen, aber jedes Mal wurde er von dem ſchreck⸗ lichen Gedanken zurückgehalten, daß dieſer Mittheilung eine ewige Trennung folge. Endlich vermogte Beatrix nicht länger zu widerſtehen, ſie ſuchte den Ritter auf, und indem ſie vor ihm auf die — Kniee ſank, bat ſie ihn im Namen ihrer Kinder, ihr zu ſa⸗ gen, wer er waͤre, woher er käme und wer ihn geſandt hätte. Der Ritter erbleichte, wie, als ob er dem Sterben nahe wäre, indem er hierauf ſeine Lippen auf Beatrix Stirn drückte und ihr einen Kuß gab, fluſterte er ſeufzend: — Ach! Es mußte ſo kommen, heute Abend werde ich Dir Alles ſagen. * IX. „Es war ungefähr ſechs Uhr Abends, als der Rit⸗ ter und ſeine Gattin ſich auf den Balkon ſetzten. Beatrix ſchien beklommen und verlegen, der Ritter war traurig. Beide blieben einige Augenblicke lang ſchweigend, und ihre Blicke richteten ſich inſtinctmäßig nach dem Orte, wo der Ritter an dem Tage ſeines Kampfes mit Gerhard erſchie⸗ nen war. Derſelbe Punkt ließ ſich auf derſelben Stelle er⸗ blicken. Beatrix erbebte, der Ritter ſeufzte. Derſelbe Eindruck, der zu gleicher Zeit ihre beiden Seelen traf, führte ſie zu einander zurück; ihre Augen begegneten ſich. Die des Ritters waren feucht und drückten ein Gefühl ſo unendlicher Traurigkeit aus, daß Beatrix es nicht zu ertra⸗ gen vermogte und auf die Knie ſank. — O! nein! nein! mein Freund, ſagte ſie zu ihm, kein Wort von dieſem Geheimniſſe, das uns ſo theuer zu ſtehen kommen ſoll. Vergiß die Frage, welche ich an Dich — 122—„ geſtellt, und wenn Du unſern Söhnen keinen Namen hin⸗ terläßt, ſo werden ſie tapfer ſein, wie ihr Vater, und ſich einen machen. — Höre, Beatrix, antwortete der Ritter, Alles iſt von dem Herrn vorausgeſehen, und da er zugelaſſen hat, daß Du die Frage an mich ſtellteſt, welche Du an mich gerichtet haſt, ſo iſt das ein Beweis, daß meine Stunde gekommen iſt. Ich habe neun Jahre bei Dir zugebracht, neun Jahre eines Glückes, das nicht für dieſe Welt ge⸗ macht war; das iſt mehr, als je ein Menſch erlangt hat. Danke Gott, wie ich es thue, und höre, was ich Dir ſagen werde. — Nicht ein Wort, nicht ein Wort! rief Beatrix aus, nicht ein Wort, ich bitte Dich inſtändigſt. Der Ritter ſtreckte die Hand nach dem Punkte aus, welcher ſeit einigen Minuten weit deutlicher zu werden be⸗ gann, und Beatrix erkannte das von dem Schwane ge⸗ zogene Schiff. 3 — Du ſiehſt wohl, daß es Zeit iſt, ſagte er; ſo höre denn, was zu erfahren Du ſo lange Zeit den geheimen Wunſch gehabt haſt, und was ich Dir von dem Augen— blicke an mittheilen muß, wo Du mich darum gefragt haſt. Beatrix ließ ſchluchzend ihr Haupt auf den Schooß des Ritters ſinken. Dieſer blickte ſie mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdrucke von Traurigkeit und von Liebe an, und indem er die Haͤnde auf ihre Schultern ſinken ließ, ſagte er zu ihr: — Ich bin der Waffengefährte Deines Vaters, Ro⸗ —-— 123— bert von Cleve, der Freund Deines Oheims, Gottfried von Bouillon. Ich bin der bei der Belagerung von Je⸗ ruſalem getödtete Graf Rudolph von Aloſt. Beatrix ſtieß einen Schrei aus, erhob ihr erbleichtes Haupt wieder, und heftete auf den Ritter erſchreckte und ſcheue Augen; ſie wollte ſprechen, aber ihre Stimme ver⸗ mogte nur undeutliche Töne gleich denen hervorzubringen, welche man während eines Traumes entſchlüpfen läßt. — Ja, fuhr der Ritter fort, ich weiß, daß das, was ich Dir ſage, unerhört iſt. Aber erinnere Dich, Beatrix, daß ich auf der Erde der Wunder gefallen war. Der Herr that für mich, was er für die Tochter des Jairus und den Bruder der Magdalena that. Das iſt Alles! — Ach! mein Gott! mein Gott! rief Beatrix aus, indem ſie ſich wieder auf ihre Knie erhob, was Ihr da ſagt, iſt nicht möglich! — Ich hielt Dich für gläubiger, Beatrix, antwortete der Ritter. — Ihr ſeid Rudolph von Aloſt? murmelte die Fur⸗ ſtin. — Er ſelbſt. Wie Du weißt, hatte Gottfried mir, wie ſeinen beiden Brüdern die Anführung des Heeres über⸗ laſſen, um Deinen Vater abzuholen. Als er zu uns zu⸗ ruͤckkehrte, war er der Maaßen entzückt über Deine junge Schönheit, daß er während des ganzen Weges nur von Dir ſprach. Wenn Gottfried Dich wie eine Tochter liebte, ſo kann ich ſagen, daß er mich wie einen Sohn liebte; von dem Augenblicke an, wo er Dich wieder geſehen, hatte ſich daher auch nur ein einziger Gedanke ſeiner bemaͤchtigt, — 124— nämlich der, uns mit einander zu verbinden. Ich war damals zwanzig Jahre, meine Seele war rein wie die ei⸗ ner Jungfrau. Das Bild, welches er mir von Dir ent⸗ warf, entflammte mein Herz, und bald liebte ich Dich eben ſo glühend, als ob ich Dich ſeit meiner Kindheit ge⸗ kannt hätte. Alles war ſo feſt unter uns abgemacht, daß er mich nur noch ſeinen Neffen nannte. Dein Vater wurde getödtet;, ich beweinte ihn, wie als ob er mein Vater geweſen wäre. Sterbend gab er mir ſeinen Segen und erneuerte mir ſeine Einwilligung. Von nun an betrachtete ich Dich als die Meinige; Dein unbekanntes, aber immer gegenwärtiges Andenken erglühte in Mitte aller meiner Gedanken; Dein Name miſchte ſich in alle meine Gebete.— Wir langten vor Jeruſalem an; während dreier Stürme wurden wir zurückgeſchlagen; der letzte dauerte ſechzig Stunden. Man mußte für immer auf die heilige Stadt verzichten, oder ſie dieſes Mal erobern. Gottfried befahl einen letzten Angriff. Wir übernahmen mit einan⸗ der die Führung eines Haufens, wir zogen voraus; wir ſtellten zwei Leitern auf, und erſtiegen ſie neben einander; endlich berührten wir die Höhe des Walles; ich erhob den Arm, um eine Zinne zu ergreifen, als ich das Eiſen ei⸗ ner Lanze glänzen ſah, ein ſtechender Schmerz folgte die⸗ ſer Art von Blitz, ein eiſiger Schauder überlief meinen ganzen Körper. Ich ſprach Deinen Namen aus, dann fiel ich, ohne mehr Etwas zu fühlen noch zu ſehen, rücklings zu Boden, ich war getödtet. 4 Ich habe keinen Begriff von der Zeit, in welcher ich — 125— in dieſem Schlaf ohne Traum verſenkt blieb, den man den Tod nennt. Endlich ſchien es mir eines Tages, als ob ich eine Hand fühle, welche ſich auf meine Schulter legte; ich glaubte dunkel, daß der Tag von Joſaphat angebro⸗ chen wäre. Ein Finger berührte meine Augenlider, ich ſchlug die Augen auf, ich lag in einem Grabe, deſſen Deckel ſich von ſelbſt erhoben hielt, und vor mir ſtand ein Mann, den ich für Gottfried erkannte, obgleich er einen Purpurmantel auf den Schultern, eine Krone auf dem Haupte und einen Heiligenſchein um die Stirn trug; er neigte ſich zu mir, hauchte mir auf den Mund, und ich fühlte Leben und Gefühl in meine Bruſt zurückkehren. Dennoch ſchien es mir, als ob ich noch mit eiſernen Klam⸗ mern an das Grab gefeſſelt wäre. Ich wollte ſprechen, aber meine Lippen bewegten ſich, ohne irgend einen Ton hervorzubringen. — Erwache, Rudolph, Herr erlaubt es, ſagte Gottfried, und höre, was ich Dir ſagen will. Ich machte nun eine übermenſchliche Anſtrengung, in welcher ſich alle entſtehenden Kräfte meines neuen Lebens vereinigten, und ich ſprach Deinen Namen aus. — Sie iſt es, von der ich Dir zu ſprechen komme, ſagte Gottfried zu mir. — Aber, unterbrach ihn Beatrix, Gottfried war gleichfalls todt! — Ja, antwortete Rudolph höre was geſchehen war. Gonfried war vergiftet geſtorben und hatte vor ſei⸗ nem Tode verlangt, daß ſein Leib neben dem meinigen ruhe; ſein Wille war befolgt, und er war in ſeinem könig⸗ f 8 — 126— lichen Koſtüm begraben worden; nur hatte Gott dem Pur⸗ purmantel und dem Diademe eine Glorie hinzugefügt. Gottfried erzählte mir das, was ſich ſeit meinem eigenen Tode zugetragen hatte, und was ich dem zu Folge nicht wiſſen konnte. — Und Beatrix? ſagte ich zu ihm. — Da ſind wir jetzt auf das gekommen, was ſie an⸗ geht, antwortete er mir. Ich ſchlief alſo wie Du in mei⸗ nem Grabe in der Erwartung der Stunde des Gerichts, als es mir allmählig ſchien, daß ich wieder zur Beſinnung und zum Leben zurückkehrte, wie als ob ich aus einem tie⸗ fen Schlafe erwachte. Der erſte Sinn, der in mir er⸗ wachte, war der des Gehöres. Ich glaubte, den Klang eines kleinen Glöckchens zu hören, und in dem Maaße, als das Leben in mir zurückkehrte, wurde der Schall weit deutlicher. Bald erkannte ich ihn als den des Glöckchens, welches ich Beatrix geſchenkt hatte. Zu gleicher Zeit kehrte mir das Gedächtniß zurn„ und ich erinnerte mich der wunderthätigen Eigenſchaft, welche der von Peter dem Eremiten zurückgebrachte Roſenkranz beſaß. Beatrix war in Gefahr, und der Herr hatte zugelaſſen, daß der Klang des geweihten Glöckchens bis in mein Grab drang, und mich ſelbſt in dem Arme des Todes erwecke. Ich ſchlug die Augen auf und ich befand mich in der Finſterniß. Eine ſchreckliche Furcht bemächtigte ſich nun meiner; da ich kein Bewußtſein von der verfloſſenen Zeit hatte, ſo glaubte ich, lebendig begraben worden zu ſein; aber im ſelben Augenblicke erfüllte ein Geruch von Weih⸗ rauch das Gewölbe. Ich hörte himmliſche Geſänge, zwei — 127— Engel hoben den Stein meines Grabes auf, und ich er⸗ blickte Chriſtus, der neben ſeiner heiligen Mutter auf einem Wolkenthrone ſaß. Ich wollte niederknieen, aber ich vermogte keine Be⸗ wegung zu machen. Indeſſen fühlte ich die Bande ſich entfeſſeln, welche meine Zunge zurückhielten, und ich rief aus:— Herr! Herr! Dein heiliger Name ſei geprieſen! Chriſtus öffnete nun auch den Mund, und ſeine Worte gelangten lieblich wie Geſang zu mir. — Gottfried, mein edler und frommer Diener, hörſt Du Nichts? ſagte er zu mir. — Ach! Herr Jeſus, antwortete ich, ich höre den Ton des heiligen Glöckchens, welches mir meldet, daß die, deren Vater für Dich geſtorben, deren Verlobter für Dich geſtorben und deren Oheim ich geſtorben, in dieſem Augenblicke in Gefahr iſt, zur noch Dich zu ihrem Beiſtande hat. — Wohlan! was kan für Dich thun? ſagte Chriſtus. Ich bin der vergeltende Gott, fordere, und was Du von mir fordern wirſt, ſoll Dir bewilligt wer⸗ den. — O! Herr Jeſus! antwortete ich, ich habe Nichts für mich ſelbſt zu fordern, denn Du haſt mehr für mich gethan, als für irgend einen andern Menſchen. Du haſt mich erkoren, um den Kreuzzug zu führen und die heilige Stadt zu befreien; Du haſt mir dort die goldene Krone gegeben, wo Du die Dornenkrone trugeſt, und Du haſt geſtattet, daß ich in Deiner Gnade ſtürbe. Ich habe alſo — 128—„ Nichts von Dir zu fordern, gnädiger Herr Jeſus! beſon⸗ ders jetzt, wo ich mit meinen ſterblichen Augen Deine Göttlichkeit geſchaut habe.. — Habe ich Dir nicht geſagt, daß das, was Du for⸗ dern würdeſt, Dir bewilligt ſein ſollte? Sollteſt Du, nach⸗ dem Du während Deines Lebens an mein Wort geglaubt, nach Deinem Tode an meinem Worte zweifeln? — Wohlan! gnaͤdiger Herr Jeſus! antwortete ich ihm, Du, der Du auf dem Grunde des Herzens der Menſchen lieſt, Du weißt, mit welchem Bedauern ich ge⸗ ſtorben bin; vier Jahre lang hatte ich eine ſehr ſüße Hoff⸗ nung genährt; nämlich den, welchen ich wie einen Bru⸗ der liebte, mit der zu verbinden, die ich wie eine Tochter liebe; der Tod hat ſie getrennt. Rudolph von Aloſt iſt für Deine heilige Sache geſtorben. Nun denn! gnädiger Herr Jeſus, gib ihm die gge zurück, die er leben ſollte, und geſtatte, daß er ſei lobten zu Hilfe eilt, welche in dieſem Augenblicke koße Gefahr drängt, wenn ich dem Klange des Glö s glaube, das nicht zu läu⸗ ten aufhört, ein Beweis, daß ſie nicht zu beten aufhört. — Es geſchehe wie Du es wünſcheſt, ſagte Chriſtus; Rudolph von Aloſt möge aufſtehen und ſeiner Verlobten zu Hilfe eilen. Ich entlaſſe ihn aus dem Grabe bis zu dem Tage, wo ſeine Gattin ihn fragen wird, wer er iſt, wo⸗ her er kömmt, und wer ihn geſandt hat. Dieſe drei Fra⸗ gen werden das Zeichen ſein, woran er erkennen wird, daß ich ihn wieder zu mir rufe. — Herr! Herr! rief ich ein zweites Mal aus, Dein heiliger Name ſei geprieſen. Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſprochen, als Etwas wie eine Wolke zwiſchen mir und dem Himmel vorüberzog, und Alles verſchwand. Nun ſtand ich aus meinem Grabe auf, und komme an das Deinige. Ich legte die Hand auf Deine Schulter, um Dich von dem Tode zu erwecken. Ich berührte Deine Augenlider mit dem Finger, um Dir die Augen zu öff⸗ nen; ich hauchte meinen Hauch auf Deine Lippen, um Dir das Leben und die Sprache wieder zu geben. Und jetzt, Rudolph von Aloſt, ſtehe auf, denn es iſt Chriſtus Wille, daß Du Beatrix zu Hilfe eilſt, und daß Du bis zu dem Tage bei ihr bleibſt, wo ſie Dich fragen wird, wer Du biſt, woher Du kömmſt und wer der iſt, der Dich geſandt hat. Gottfried hatte kaum aufgehört zu ſprechen, als ich die Bande ſich brechen fühlte, welche mich an das Grab feſſelten. Ich richtete mich in meinem Grabe eben ſo voll Lebenskraft auf, als bevor ich den tödtlichen Stoß erhal⸗ ten hatte, und da man mi jinem Panzer begraben, ſo befand ich mich wieder ganz gerüſtet, mit Ausnahme meines Schwertes, das ich im Fallen hatte fahren laſſen, und das man wahrſcheinlich nicht wiedergefunden. Nun umgürtete mich Gottfried mit ſeinem eigenem Schwerte, das von Gold war, hing das Horn über meine Schulter, deſſen er ſich gewöhnlich in der Schlacht bediente, und ſteckte den Ring an meinen Finger, den ihm der Kaiſer Alexis geſchenkt hatte. Als er mich hier⸗ auf umarmt, ſagte er zu mir: — Bruder, Gott ruft mich wieder zu ſich, ich fühle es. Lege den Stein meines Grabes wieder auf mich, und A. Duma's Novellen. Vierter Band. 9 — 130— wenn Du das vollzogen, ſo eile, ohne einen Augenblick zu verlieren, Beatrix zu Hilfe. Bei dieſen Worten legte er ſich wieder in ſein Grab, ſchloß die Augen und murmelte ein drittes Mal:— Herr! Herr! Dein heiliger Name ſei geprieſen.— Ich neigte mich über ihn, um ihn nochmals zu umarmen, aber er war ohne Athem und bereits in dem Herrn entſchlafen. Ich ließ den Stein wieder auf ihn zurückfallen, den ein göttlicher Finger gelüftet hatte; ich ging, um vor dem Altare niederzuknieen, verrichtete mein Gebet, und be⸗ ſchloß, ohne einen Augenblick zu verlieren, Dir zu Hilfe zu eilen. Unter der Halle der Kirche fand ich ein vollſtändig ge⸗ ſchirrtes Pferd; eine Lanze war gegen die Mauer geſtellt; ich zweifelte keinen Augenblick lang, daß das Eine, wie die andere, für mich beſtimmt wären. Ich nahm die Lan⸗ ze, beſtieg das Pferd indem ich dachte, daß der Herr ſeinem Inſtincte ge anvertraut hätte, mich zu führen, warf ich ihm den Zügel über den Hals und ließ es den Weg einſchlagen, der ihm behagte. Ich zog durch Syrien, Cappadocien, die Türkei, Thracien, Dalmatien, Italien und Deutſchland; endlich, nach einem Jahre und einem Tage der Reiſe, gelangte ich an die Ufer des Rheines. Dort fand ich ein Schiff, an das ein Schwan mit goldenen Ketten geſpannt war. Ich beſtieg das Schiff, und es führte mich vor das Schloß. Du weißt das Uebrige, Beatrix. — Ach! rief Beatrix aus, da iſt der Schwan und das Schiff, welche an demſelben Orte landen, wo ſie da⸗ mals gelandet ſind; aber, Unglückliche die ich bin, dieſes Mal kommen ſie, um Dich wieder abzuholen. Rudolph, Rudolph, verzeihe mir. — Ich habe Dir Nichts zu verzeihen, Beatrix, ſagte Rudolph, indem er ſie umarmte. Die Zeit iſt verfloſſen, Gott ruft mich zurück, das iſt Alles. Danken wir ihm für die neun Jahre des Glückes, die er uns bewilligt hat, und bitten wir ihn um ähnliche Jahre für unſere Zukunft im Paradies. Nun rief er ſeine drei Söhne, welche auf der Wieſe ſpielten; ſie eilten ſogleich herbei. Er umarmte zuvörderſt Robert, welcher der Aelteſte war, gab ihm ſein Schild und ſein Schwert, und ernannte ihn zu ſeinem Nachfol⸗ ger. Dann umarmte er Gottfried, welcher der zweite war, gab ihm ſein Horn und überließ ihm die Grafſchaft Löwen. Endlich umarmte er auch Rudolph, welcher der dritte war, und ſchenkte ihm den Ring und die Grafſchaft Meſſe. Als er hierauf Beatrix ein letztes Mal in ſeine Arme geſchloſſen, gebot er ihr, da zu bleiben, wo ſie wä⸗ re, empfahl ſeinen drei Söhnen an, ihre Mutter zu trö⸗ ſten, die ſie weinen ſahen, ohne Etwas von ihren Thraͤ⸗ nen zu verſtehen; dann ging er in den Hof hinab, wo er ſein Pferd ganz geſattelt wiederfand, ritt über die Wieſe, indem er ſich bei jedem Schritte umwandte, ſtieg in das Schiff, das ſogleich wieder den Weg einſchlug, auf dem es gekommen war, und bald in dem nächtlichen Schatten verſchwand, der ſich von dem Himmel herabzulaſſen begann⸗ Seit dieſer Stunde bis zu der ihres Todes, kehrte die Fürſtin Beatrix täglich auf den Balkon zurück, aber —.— —— —--—’—— — — 132— ſie ſah niemals weder das Schiff, noch den Schwan, noch den Ritter wieder erſcheinen.“ Und ich habe ſo eben Rudolph von Aloſt gebeten, fuhr Helene fort, Gott zu bitten, daß er in ſeiner Barm⸗ herzigkeit für mich ein Wunder gleich dem geſchehen laſſen mögte, welches er für die Fürſtin Beatrix hat zulaſſen wollen. — Amen, antwortete Otto lächelnd. ⏑ 8⏑ 2 2 X. Der Graf von Ravenſtein hatte ſein Verſprechen ge⸗ halten. Mit Sonnenaufgange ſah man auf der Wieſe, welche den Fluß von dem Schloſſe trennte, ſein Banner auf ſeinem aufgeſchlagenen Zelte wallen. An der Thüre ſeines Zeltes war ſein Schild aufgehängt, in deſſen Mitte ſein Wappen glänzte, welches aus einem goldenen Löwen in rothem Felde beſtand, der ſich an einem Silberfelſen aufrichtete; von Stunde zu Stunde ließ ein Trompeter, der aus dem Zelte trat, und ſich allmählig nach den vier Himmelsgegenden richtete, einen herausfordernden Tuſch hören. Der Tag verfloß, ohne daß Jemand auf die Auf⸗ forderung des Grafen von Ravenſtein antwortete; denn, wie wir bemerkt, die Freunde, die Verbündeten oder die Verwandten des Fürſten Adolph von Cleve waren zu ſpät — 134— benachrichtigt worden, oder fuͤr ihre eigene Rechnung oder für die des Kaiſers beſchäftigt, ſo daß nicht Einer gekom⸗ men war. Der alte Krieger ging mit ſorgenvoller Miene auf den Wällen herum, Helene betete in der Kapelle der Fürſtin Beatrix, und Otto bot Wetten an, daß er drei Pfeile nach einander in den ſtehenden Löwen des Grafen von Ravenſtein ſchießen würde. Was Hermann anbelangt, ſo war er verſchwunden, ohne daß man wußte, aus wel⸗ cher Urſache, und bei dem Verleſen am Morgen hatte er weder geantwortet, noch irgend Jemand für ihn. Die Nacht brach an, ohne irgend eine Veränderung in der gegenſeitigen Stellung der Belagerten und der Be⸗ lagerer hervorzubringen. Helene wagte nicht die Augen zu ihrem Vater zu erheben. Erſt jetzt erſchienen ihr alle die Folgen ihrer abſchlägigen Antwort, und dieſe abſchlä⸗ gige Antwort war ſo ploͤtzlich und ſo unerwartet geweſen, daß ſie mit jedem Augenblicke fürchtete, der alte Fürſt mögte ſie um die Urſachen derſelben fragen. Der Tag brach eben ſo traurig und eben ſo drohend als der vorige an, und mit dem Tage erneuerte ſich das her⸗ ausfordernde Trompetengeſchmetter des Grafen von Ra⸗ venſtein wieder. Der alte Fürſt ging von Stunde zu Stunde auf die Wälle, indem er ſich wie der Trompeter nach den vier Himmelsgegenden wandte und ſchwor, daß zu den Zeiten ſeiner Jugend ſich ſo etwas nicht zugetra⸗ gen hätte, ohne daß ſich bereits zehn Kämpen gezeigt, um eine ſo geheiligte Sache, als die ſeinige, zu vertheidi⸗ gen. Helene verließ die Kapelle der Fürſtin Beatrix nicht. Otto ſchien in Mitte der allgemeinen Beſorgniß immer .* — 135— ruhig und ſorgenlos. Hermann war nicht wieder erſchie⸗ nen. Die Nacht verfloß voller Beſorgniß und Unruhe. Der Tag, welcher anbrach, war der letzte. Am folgen⸗ den ſollten der Sturm und das Erſteigen beginnen, und das Leben mehrer Hunderte von Menſchen ſollte die Laune eines jungen Mädchens bezahlen. Als die erſten Strahlen des Tages im Oſten erſchienen, war Helene, welche die ganze Nacht mit Weinen und mit Beten in der Kapelle zugebracht hatte, daher auch entſchloſſen, ſich zu opfern, um dieſen Streit zu beendigen. Sie ging demnach über den Hof, um ihren Vater aufzuſuchen, welcher, wie man ihr geſagt, ſich in dem Rüſtſaale befände; als ſie erfuhr, daß bei dem Morgenverleſen Otto gleichfalls gefehlt hätte und daß man glaube, daß er, wie Hermann, das Schloß verlaſſen hätte. Dieſe Nachricht verſetzte dem Widerſtreben Helenens den letzten Stoß. Daß Otto ihren Vater ver⸗ ließ, daß Otto floh, wo die Hilfe jedes Mannes, und beſonders eines ſo geſchickten Mannes, als er, für die Vertheidigung des Schloſſes ſo nothwendig war, das war Etwas, das ihr nicht einmal eingefallen war, und das auf ihren Entſchluß einen raſchen und entſcheidenden Ein⸗ fluß haben mußte. Sie fand ihren Vater, der ſich rüſtete. Der alte Krieger hatte ſeine Jugenderinnerungen geſammelt, und auf Gott vertrauend, hoffte er, daß Gott ihm die Kraft ſeiner ſchönen Jahre wiedergeben würde; er war daher entſchloſſen, den Grafen von Ravenſtein ſelbſt zu bekämpfen. Helene ſah auf den erſten Blick alles das Unglück ein, was ein ſolcher Entſchluß heibeiführen könnte. Sie * —— ————— — 136— ſank vor ihrem Vater auf die Kniee, indem ſie zu ihm 8 ſagte, daß ſie bereit wäre, den Grafen zu heirathen. Aber indem ſie das ſagte, lag ſo viel Schmerz in ihrer Stimme und ihre Augen waren ſo voll Thraͤnen, daß der alte Fürſt wohl ſah, daß es beſſer für ihn wäre, zu ſterben, 4 als zu leben und ſeine einzige Tochter ewige Leiden gleich denen erdulden zu ſehen, welche ſie in dieſem Augenblicke empfand. 3 In dem Augenblicke, wo der Fürſt Helene aufhob und ſie an ſein Herz drückte, hörte man die Herausfor⸗ derung, welche der Graf von Ravenſtein von Stunde zu Stunde erſchallen ließ. Der Vater und die Tochter er⸗ bebten zu gleicher Zeit und wie von demſelben Schlage ge⸗ troffen. Eine Todesſtille folgte dieſem kriegeriſchen Lärme. Aber dieſes Mal dauerte die Stille nicht lange; der Klang eines Hornes antwortete auf die Herausforderung, welche gemacht worden war. Der Fürſt und Helene erbebten von Neuem, aber vor Freude. Es kam ihnen ein Verthei⸗ diger. Beide gingen auf den Balkon der Fürſtin Beatrix, um zu ſehen, von welcher Seite ihnen dieſe unverhoffte Hilfe zukäme, und das war ihnen etwas Leichtes, denn alle Augen und alle Arme waren nach derſelben Richtung ausgeſtreckt. Ein vollſtändig gerüſteter Ritter mit herab⸗ geſchlagenem Helmſturze fuhr in einem Schiffe den Rhein herab, indem er ſeinen, wie er gerüſteten Knappen zur Seite hatte. Sein, wie ſein Herr ganz mit Stahl bedeck⸗ tes Schlachtroß befand ſich auf dem Vordertheile, und antwortete durch Wiehern auf den doppelt kriegeriſchen — 137— 34 e kam, konnte man ſein Wappen erkennen, das aus einem Silberſchwane im rothen Felde beſtand. Helene vermogte ſich von ihrem Erſtaunen nicht zu erholen. Hatte Rudolph von Aloſt ihre Gebete gehört? und erneuerte, ein über⸗ natürlicher Vertheidiger, für ſie das Wunder, das Gott bereits für die Fürſtin Beatrix zugelaſſen hatte? Ruf, den es gehört hatte. In dem Maße, als er nä 24 Wie dem auch ſein mogte, das Schiff kam unter dem allgemeinen Erſtaunen fortwährend näher. Endlich lan⸗ dete es an demſelben Orte, wo zwei und ein halbes Jahr⸗ hundert zuvor das des Grafen von Aloſt gelandet war. Der unbekannte Ritter ſprang an das Ufer, zog ſein Roß nach ſich, ſchwang ſich auf den Sattel, und während ſein Knappe auf dem Schiffe blieb, begrüßte er den Für⸗ ſten Adolph und die Prinzeſſin Helene; indem er hierauf gerade auf das Zelt des Grafen von Ravenſtein zuritt, berührte er mit dem Eiſen ſeiner Lanze deſſen Schild, was ein Zeichen war, daß er ihn mit ſcharfen Waffen und auf Leben und Tod herausfordere. Der Knappe des Grafen von Ravenſtein trat ſogleich aus dem Zelte und ſah nach, welches die Waffen des unbekannten Ritters wä⸗ ren. Er trug eine Lanze in der Hand, ein Schwert an der Seite, und eine Streitaxt an dem Sattelknopfe; außerdem trug er an dem Halſe den kleinen Dolch, wel⸗ chen man den Gnadendolch nannte. Als er dieſe Muſterung beendigt, kehrte der Knappe in das Zelt zurück; was den Ritter anbelangt, ſo nahm er, nachdem er die ein zweites Mal begrüßt, denen er zu Hilfe kam, ſo viel Raum, als — 84 — 4, 138 er bedurfte, und indem er ungefähr Hundert Schritte weit von dem Zelte hielt, erwartete er ſeinen Gegner. Das Warten dauerte nicht lange; der Graf war ganz gerüſtet, ſo daß er nur ſeinen Helm auf ſeinen Kopf zu ſetzen hatte, um bereit zu ſein, den Kampfplatz zu betre⸗ ten. Er trat daher bald aus ſeinem Zelte. Man führte. ihm ſein Roß vor, und er ſchwang ſich mit einem Eifer darauf, welcher ſein Verlangen bewies, den Kampf, wel⸗ chen ihm der Ritter mit dem ſilbernen Schwane ſo uner⸗ warteter Weiſe anzubieten kam, keinen Augenblick lang zu verzögern. Indeſſen, ſo große Eile er auch hatte, ſo warf er dennoch einen Blick auf ſeinen Feind, um, wenn es möglich waͤre, durch irgend ein heraldiſches Zeichen zu erkennen, mit welchem Manne er es zu thun hätte. Der Ritter trug auf ſeinem Helme als ganzes Unterſcheidungs⸗ zeichen eine kleine goldene Krone, deren Zacken wie Reben⸗ blätter ausgeſchnitten waren, was andeutete, daß er Fürſt oder der Sohn eines Fürſten waͤre. Es entſtand nun ein Augenblick des Schweigens, wäh⸗ rend deſſen jeder der beiden Kämpen ſeine Waffen zurecht machte, und der von den Zuſchauern zu einer flüchtigen Muſterung jedes von ihnen benutzt wurde. Der Graf von Ravenſtein, dreißig bis fünf und drei⸗ ßig Jahre alt, zu aller Kraft des Alters gelangt, kühn auf ſeinem Schlachtroſſe ſitzend, war das Urbild materiel⸗ ler Stärke. Man fühlte, daß man eben ſo viel Mühe haben würde, ihn aus ſeinem Sattel zu heben, als um eine Eiche zu entwurzeln und daß es eines gewaltigen Kämpen bedürfe, um ein ſolches Werk glücklich auszuführen. 2 — 139— Der unbekannte Ritter dagegen trat, ſo viel nach der Anmuth ſeiner Bewegungen urtheilen konnte, kaum aus dem Jünglingsalter hervor; ſeine Rüſtung, ſo gut geſchloſſen ſie auch ſein mogte, hatte die Geſchmeidig⸗ keit einer Schlangenhaut; man fühlte ſo zu ſagen unter dieſem elaſtiſchen Eiſen ein jugendliches Blut kreiſen, und, Sieger oder beſiegt, ſah man ein, daß er mit ganz von denen verſchiedenen Mitteln angreifen oder ſich vertheidigen müßte, als die, welche die Natur zur Verfügung des Grafen von Ravenſtein geſtellt hatte. Der Trompeter des Grafen blies, das Horn des un⸗ bekannten Ritters antwortete darauf, und der Fürſt Adolph von Cleve, der von ſeinem Balkon aus den Kampf wie ein Kampfrichter überſah, rief von den Erinnerungen fort⸗ geriſſen, mit ſtarker Stimme aus: Voran! Im ſelben Augenblicke ſprengten die beiden Gegner gegen einander los und erreichten ſich ungefähr in der Mitte der Entfernung, welche ſie gewählt hatten. Die Lanze des Grafen glitt an dem Rande von dem Schilde des Ritters ab, und zerbrach ſich gegen das runde Schild, das er am Halſe hängend trug, während die Lanze des Ritters den Helm ſeines Gegners traf, die Riemen zer⸗ riſſen, welche ihn unter dem Kinne befeſtigten, und ihm von der Stirn des Grafen fortriß, der im bloßen Kopfe und entwaffnet blieb; im ſelben Augenblicke deuteten einige Blutstropfen, welche über ſein Geſicht rollten, an, daß das Eiſen der Lanze in derſelben Zeit, wo es ihm den Helm abgeriſſen, auch den Schädel verletzt habe. Der Ritter mit dem ſilbernen Schwane hielt an, um ——— ———Q:ͤͤ’——— — 140— Grafen die Zeit zu laſſen, einen andern Helm und eine andere Lanze zu nehmen, indem er dadurch andeutete, daß er einen erſten Vortheil nicht benutzen wollte, und daß er bereit wäre, den Kampf mit gleichen Gefahren wieder zu beginnen. Der Graf verſtand dieſe Artigkeit und zögerte einen Augenblick lang, bevor er ſich entſchloß, ſie zu Kenutzen. Da ſein Gegner ihm indeſſen durch dieſes erſte Zuſam⸗ menſtoßen den Beweis gegeben hatte, daß er kein zu ver⸗ achtender Gegner wäre, ſo warf er den nutzloſen Stumpf weg, nahm aus den Händen ſeines Knappen einen neuen Helm, und indem er mit dem Arme die Lanze zurückwies, welche dieſer ihm anbot, zog er ſein Schwert, indem er andeutete, daß er es vorzöge, den Kampf mit dieſer Waffe fortzuſetzen. Der Ritter ahmte ſeinem Feinde ſogleich in allen Punkten nach, und indem er gleichfalls ſeine Lanze von ſich warf und ſein Schwert zog, grüßte er zum Zei⸗ chen, daß er ſeinen Angriff erwarte. Die Trompeten ſchmetterten ein zweites Mal und die beiden Gegner ſtürz⸗ zen auf einander los. Von den erſten Stößen an ſahen die Zuſchauer, daß ſie ſich in ihrer Vorausſicht nicht ge⸗ täuſcht hätten; der eine der beiden Kämpfenden rechnete auf ſeine Kraft, und der andere auf ſeine Geſchicklichkeit. Jeder handelte daher dem zu Folge, indem der erſte auf den Hieb, der andere auf den Stich focht, der Graf von Ravenſtein, indem er die Ruͤſtung ſeines Gegners zu durch⸗ hauen ſuchte, der unbekannte Ritter, indem er die ſeines Feindes durch alle Mittel zu durchbohren ſuchte. 3 Es war ein ſchrecklicher Kampf; der Graf von Ra⸗ — 141— „ venſtein, welcher wie ein Holzhacker mit beiden Häu zuſchlug, nahm mit jedem Hiebe irgend einen Splitter von Eiſen weg, der ſilberne Schwan war gänzlich verſchwun⸗ den, das Schild fiel Stück vor Stuͤck, die goldene Krone war zerbrochen; der unbekannte Ritter hatte ſeiner Seits alle Wege geſucht, durch welche der Tod bis in das Herz . ſeines Gegners dringen könnte, und aus dem Ringkragen ſeines Helmes, aus den Achſelſtücken ſeines Panzers auf die Rüſtung des Grafen rollende Blutstropfen deuteten an, daß die Spitze des Schwertes durch jede Oeffnung gedrun⸗ gen war, welche ſich ihm geboten hatte. Wenn man * auf dieſe Weiſe fortfuhr, ſo wurde der Ausgang des Kampfes eine Frage der Zeit. Würde die Rüſtung des Ritters mit dem ſilbernen Schwan bis zu dem Augenblicke widerſtehen, wo der Graf von Ravenſtein ſeine Kräfte durch die zwei bis drei Wunden verlieren würde, welche er bereits erhalten zu haben ſchien? Das iſt es, was ſich jeder frug, als er die von jedem der Kämpfenden angenommene Tactik ſah. Endlich zerſchmetterte ein letzter Hieb von dem Schwerte des Grafen von Ravenſteiu den obern Theil von dem Helme ſeines Gegners gänzlich, und ließ ihm die Höhe des Kopfes faſt gänzlich ungeſchützt. Von nun aan ſchienen alle Ausſichten für den Grafen ſein zu müſ⸗ - ſen, und es entſtand ein Augenblick ſchrecklicher Bangig⸗. keit für den Fürſten und für Helene. Aber ihre Furcht war von kurzer Dauer, ihr jun⸗ ger Kämpe ſah ein, daß es Zeit wäre, die Tactik zu ver⸗ ändern, und er hörte auf der Stelle auf, Stöße zu führen, um ſich nur noch mit dem Pariren zu beſchäftigen. Nun — ¹ ————ͤ’’—— * — 142— man ein wundervolles Ringen; der Ritter mit dem ilbernen Schwan hielt ſich regungslos wie eine Statue; ſein Arm und ſein Schwert allein ſchienen lebendig, und von nun an begegnete das Schwert ſeines Gegners überall dem ſeinigen, und traf nicht ein einziges Mal ſeine Rü⸗ ſtung. Der Graf war gewandt in den Waffen, aber alle Hilfsmittel der Waffen ſchienen ſeinem Feinde bekannt zu ſein. Die beiden Klingen folgten ſich, wie als ob ein Magnet ſie zu einander gezogen hätte; es war der den Blitz kreuzende Blitz, zwei Schlangenzungen, welche ſpiel⸗ ten. Ein ſolcher Kampf konnte indeſſen nicht lange dauern; die Wunden des Grafen, ſo leicht ſie auch ſein mogten, ließen Blut entſchlüpfen, welches bis auf die Decken ſeines Pferdes floß; das Blut ſammelte ſich in dem Helme, und der Graf war von Zeit zu Zeit genöthigt, durch die Oeff⸗ nungen ſeines Viſirs zu ſchnaufen. Er fühlte, daß ſeine Kräfte abzunehmen begannen, und daß ſein Blick ſich truͤbte; die Geſchicklichkeit ſeines Gegners war ihm jetzt zu augenſcheinlich bewieſen, als daß er noch irgend etwas von ſeinem Schwerte hoffte; indem er daher auch einen verzweifelnden Entſchluß faßte, warf er mit der einen Hand die nuͤtzloſe Waffe von ſich, und entriß mit der an⸗ dern raſch die an ſeinem Sattelbogen hängende Streitaxt. Der Ritter machte es eben ſo mit einer Pünktlichkeit und mit einer Schnelligkeit, welche an Zauber gränzte, und die beiden Gegner fanden ſich bereit, wieder einen neuen Kampf zu beginnen, der dieſes Mal nicht ermangeln konnte⸗ entſcheidend zu ſein. .— 143—*. Aber bei den erſten Hieben, welche ſie gegen ſich 2 führten, wurden die beiden Kämpen voll Erſtaunen ge⸗ wahr, daß der Kampf ein anderes Anſehen angenommen hatte. Der Graf von Ravenſtein vertheidigte ſich, und der Ritter mit dem ſilbernen Schwan griff nun an, und das mit einer ſolchen Kraft und einer ſolchen Schnelligkeit, daß es unmöglich war, mit den Augen der kurzen und maſſiven Waffe zu folgen, die in ſeiner Hand flammte. Der Graf zeigte ſich einen Augenblick lang ſeines Namens und ſeines Rufes würdig; aber endlich, als er zu ſpät zur Parade gekommen war, fiel ein Hieb der Waffe ſei⸗ nes Gegners ſenkrecht auf ſeinen Helm, zerſchmetterte den Helmſchmuck und die Grafenkrone, und obgleich die Axt nicht bis auf den Kopf drang, ſo brachte ſie doch die Wirkung einer Keule hervor. Betaͤubt ſenkte der Graf den Kopf bis auf den Hals ſeines Pferdes, den er mit ſeinen beiden Händen umſchlang, indem er inſtinctmäßig eine Stütze ſuchte; hierauf ließ er ſeine Axt fallen, und indem er einen Augenblick lang ſelbſt ſchwankte, fiel er nun auch, ohne daß ſein Gegner nöthig gehabt hätte, ſeine Hiebe zu verdoppeln. Seine Knappen eilten herbei und öffneten ſeinen Helm, der Graf gab aus Naſe und Mund Blut von ſich, und war gänzlich ohnmächtig. Sie trugen ihn in ſein Zelt, und indem ſie ſeine Rüſtung abſchnallten, fanden ſie an ihm außer den Wunden des Kopfes fünf andere Wunden an verſchiedenen Stellen des Körpers. Was den Ritter mit dem ſilbernen Schwane anbe⸗ langt, ſo befeſtigte er ſeine Streitaxt wieder an den Bo⸗ ₰— 144— et ſeines Sattels, ſteckte ſein Schwert wieder in die Scheide, nahm ſeine Lanze wieder, und indem er von Neuem auf den Balkon der Fürſtin Beatrix zuritt, ver⸗ neigte er ſich vor dem Fürſten und ſeiner Tochter; dann, in dem Augenblicke, wo ſie glaubten, daß ihr Befreier in das Schloß kommen würde, ritt er nach dem Ufer, ſtieg vom Pferde und kehrte in ſein Schiff zurück, das ſogleich wieder den Fluß hinauf fuhr, indem es den geheimnißvol⸗ len Sieger fortführte. Zwei Stunden nachher befahl der wieder zur Beſin⸗ nung gekommene Graf augenblicklich das Lager aufzubre⸗ chen, und wieder den Weg nach Ravenſtein einzuſchlagen. Am Abend kam der Graf Karl von Homburg mit ein zwanzig Knappen an. Er kam dem Fürſten Adolph von Cleve zu Hilfe, welcher, wie wir bemerkt haben, Bo⸗ ten an alle Freunde und Verbündete der Umgegend abge⸗ ſchickt hatte. Die Hilfe war jetzt nutzlos; aber der alte Krieger wurde nichts deſto weniger mit großer Freude aufgenom⸗ men und auf eine würdige Weiſe gefeiert. XI. Während die von uns erzählten Ereigniſſe ſich in Cleve zutrugen, war der Landgraf Ludwig, der nur noch ſeinen alten Freund, den Grafen Karl von Homburg bei ſich hatte, auf dem Schloſſe Godesberg geblieben, indem er Emma beweinte, die nicht wieder zu ihm zurückkehren wollte, und Otto, den er für todt hielt. Vergebens ver⸗ ſuchte der Graf ihm eine doppelte Hoffnung wiederzuge⸗ ben, indem er zu ihm ſagte, daß ſeine Gattin ihm ver⸗ zeihen würde, und daß ſein Sohn ohne Zweifel durch Schwimmen entkommen wäre; der arme Landgraf wollte an dieſe Worte der Hoffnung nicht glauben, und ſagte, daß er, da er ohne Barmherzigkeit verdammt hätte, nun auch ohne Gnade verdammt waͤre. Dieſer heftige Zuſtand konnte nicht von Dauer ſein, aber eine unendliche Schwer⸗ A. Duma's Novellen. Vierter Band. 1⁰ — 146— muth folgte ihm, und der Landgraf ſchloß ſich in die ab⸗ gelegenſten Zimmer des Schloſſes Godesberg ein. Homburg war allein bei ihm zugelaſſen, und dabei vergingen zuweilen noch ganze Tage, ohne daß er bis zu ſeinem Freunde gelangen konnte. Der gute Ritter wußte nicht mehr, was er anfangen ſollte; bald wollte er Emma in dem Kloſter Nonnenwerth aufſuchen, aber er fürchtete, daß eine neue abſchlaͤgige Antwort den Kummer des Gra⸗ fen verdoppeln mögte; bald wollte er ſich zur Aufſuchung Ottos aufmachen, aber er fürchtete, daß eine vergebliche Aufſuchung die Angſt des Vaters auf das Höchſte ſteigern würde. 2 Während deſſen langten die Boten des Fürſten Adolph von Cleve auf dem Schloſſe Godesberg an. Unter allen andern Umſtänden hätte ſich der Landgraf Ludwig beeilt, ſich perſönlich zu dieſer Fehdeeinladung zu begeben, aber er war dermaßen in ſeinen Schmerz verſunken, daß er Hom⸗ burg ſeine Vollmachten übertrug, und daß der gute Ritter, nachdem er ſeiner Gewohnheit gemäß ſeinem Freunde Hans ſelbſt ſeinen Schlachtharniſch angelegt, ſich an die Spitze von zwanzig Knappen ſtellte und ſich nach dem Fürſten⸗ thume Cleve begab, wo er an dem Abende deſſelben Ta⸗ ges ankam, an welchem zwiſchen dem Ritter mit dem ſil⸗ bernen Schwane und dem Grafen von Ravenſtein der von uns beſchriebene Kampf ſtattgefunden hatte. Der Graf Karl war wie ein alter Waffengefährte empfangen worden und hatte das Schloß voller Feſtlichkei⸗ ten gefunden. Ein einziger Umſtand, über den ſich Nie⸗ mand Rechenſchaft abzulegen vermogte, trübte die Freude — 131— ſem Verſchwinden beſchäftigt, daß er darüber den Kampf des vorigen Tages vergaß, aber bald kehrte die Erinne⸗ rung daran in ihm zurück, und mit ihr das Bedauern, die Aufopferung des unbekannten Ritters ohne Belohnung zu laſſen. Er berieth den Grafen Karl über das, was er in dieſer Beziehung zu thun hätte, und der alte Ritter gab ihm den Rath, bekannt zu machen, daß, da die Hand Helenens von Rechtswegen ihrem Vertheidiger gehöre, der Ritter mit dem ſilbernen Schwane ſich nur vorzuſtellen habe, um eine Belohnung zu erhalten, welche die Schön⸗ heit und der Reichthum Helenens ſelbſt für einen Königs⸗ ſohn koſtbar machte. Noch am ſelben Abende verließ der Graf Karl, trotz den Bitten des Fürſten, das Schloß; Angelegenheiten von der höchſten Wichtigkeit riefen ihn, wie er ſagte, zu ſei⸗ nem alten Freunde, dem Landgrafen von Godesberg zurück. Otto erwartete den Ritter in Kervenheim; dort er⸗ fuhr er die Verzweiflung des Landgrafen. Alles war vor dem Gedanken an ſeinen leidenden und unglücklichen Vater verſchwunden, alles bis auf ſeine Liebe zu Helenen. Er verlangte daher auch von dem Grafen, daß ſie ſich auf der Stelle wieder auf den Weg begäben. Aber der Graf hatte eine andere Hoffnung; nämlich dem Landgrafen zu gleicher Zeit ſeine Gattin und ſeinen Sohn zurückzuführen, denn er hoffte, daß ein Wort des Sohnes von der Mutter das erlangen würde, was die Bitten des Gatten nicht hatten erlangen können. — 152— Homburg irrke ſich nicht; drei Tage nachher ſah er durch Thränen der Freude ſeinen alten Freund ſeine Gat⸗ tin und ſein Kind, die er für immer verloren geglaubt hatte, in ſeine Arme ſchließen. Inzwiſchen ſchien das Schloß Cleve leer; Otto hatte alles Leben aus ihm mit ſich fort genommen. Helene be⸗ tete beſtändig in der Kapelle der Fuͤrſtin Beatrix, und der Fürſt Adolph von Cleve hörte nicht auf, von dem Balkon aus zu ſchauen, ob er nicht den Ritter mit dem ſilbernen Schwane zurückkommen ſahe; der Vater und die Tochter kamen nur noch zu den Stunden der Mahlzeiten zuſam⸗ men. Jedes beunruhigte ſich uͤber die Traurigkeit des an⸗ dern; endlich beſchloß der Fürſt Adolph den Rath in Aus⸗ führung zu bringen, welchen ihm der Graf von Hom⸗ burg gegeben hatte, und eines Abends, als Helene, wel⸗ che den ganzen Tag uͤber gebetet, ſich zurückzog, um noch⸗ mals zu beten, hielt ſie ihr Vater in dem Augenblicke zurück, als ſie die Schwelle der Thür überſchreiten wollte. — Helene, ſagte er zu ihr, haſt Du nicht ſeit dem Tage des Kampfes, der Dich ſo glücklicher Weiſe von dem Grafen von Ravenſtein befreit, mehr als ein Mal an den unbekannten Ritter gedacht? — Doch, gnädiger Herr, antwortete das junge Mäd⸗ chen, denn ich glaube ſeit dieſem Tage nicht ein Gebet an Gott gerichtet zu haben, ohne daß ich ihn gebeten, den Ritter zu belohnen, da Ihr es nicht zu thun vermöget. — Die einzige Belohnung, welche einem ſo edlen ⁸ 153— jungen Manne gebührt, als dieſer zu ſein ſchien, iſt die Hand der, welche er gerettet hat, antwortete der Fürſt. — Was ſagt Ihr, mein Vater! rief Helene errö⸗ thend aus. — Ich ſage, antwortete der Fürſt, indem er in dem Ausdrucke des Geſichtes ſeiner Tochter mehr Ueberraſchung, als Beſorgniß erkannte, daß ich bedaure, nicht früher den — Nath in Ausführung gebracht zu haben, den mir Hom⸗ burg ertheilt hat. — Und worin beſteht dieſer Rath? fragte Helene. — Du wirſt es morgen erfahren, antwortete der Fürſt. Am folgenden Morgen brachen Herolde nach Dor⸗ trecht und nach Köln auf, indem ſie überall verkündeten, daß der Fürſt Adolph, da er keine edlere Belohnung dem⸗ jenigen anzubieten gefunden hätte, welcher für ſeine Toch⸗ ter gekämpft, als die Hand ſeiner Tochter ſelbſt, dem Ritter mit dem ſilbernen Schwane zu wiſſen thun laſſe, daß ihm dieſe Belohnung auf dem Schloſſe Cleve er⸗ warte. 4 Gegen das Ende des ſiebenten Tages, als der Fürſt und ſeine Tochter auf dem Balkon der Fürſtin Beatrix ſaßen, legte Helene raſch eine ihrer Hände auf den Arm ihres Vaters, während ſie mit der andern einen ſchwar⸗ zen Punkt zeigte, welcher auf dem Fluſſe an der Spitze von Tornick, das heißt, an demſelben Orte erſchien, wo Rudolph von Aloſt verſchwunden war. * —— — 154— Bald wurde dieſer Punkt ſichtbar. Helene erkannte zuerſt, daß es ein Schiff mit drei Herren und ſechs Ru⸗ derern wäre. Bald darauf konnte ſie erkennen, daß dieſe Männer mit herabgeſchlagenem Viſir gewappnet waren, und daß der, welcher in der Mitte der beiden andern ſtand, an dem linken Arme ein Schild mit einem Wap⸗ pen trug. Von nun an verließen ihre Augen das Schild nicht mehr; nach Verlauf eines Augenblickes waltete kein Zweifel mehr ob, dieſer Schild trug als Wappen ein himmelblaues Feld mit einem ſilbernen Schwanez trotz ſeines geſchwächten Geſichtes begann ſelbſt der Fürſt es zu erkennen. Der Fürſt vermogte ſeine Freude nicht zu un⸗ terdrücken; Helene zitterte an allen ihren Gliedern. Das Schiff landete; die drei Ritter ſtiegen auf das Ufer und ſchritten auf das Schloß zu. Der Fürſt er⸗ griff Helene bei der Hand und indem er ſie hinab zu ge⸗ hen zwang, führte er ſie faſt mit Gewalt ihrem Befreier entgegen. Auf der Höhe der Freitreppe verſagten ihr die Kraͤfte, und der Fürſt war genöthigt ſtehen zu blei⸗ ben; in dieſem Augenblicke traten die drei Ritter in den Hof. — Seid willkommen, wer Ihr auch ſein möget, rief der Fürſt aus, und wenn einer von Euch wirklich der tapfere Ritter iſt, der uns ſo muthig zu Hilfe gekommen, ſo möge er näher treten, und das Viſir ſeines Helmes aufſchlagen, damit ich ihn mit offenem Geſichte umarmen kann. Nun blieb der, welcher das Wappenſchild trug, ſelbſt * — 155— einen Augenblick lang ſtehen, indem er ſich auf die Schul⸗ ter der beiden Ritter ſtützte, welche ihn begleiteten, denn er ſchien eben ſo zitternd, als das junge Mädchen; aber bald ſchien er ſich wieder zu erholen, und indem er, im⸗ mer von ſeinen beiden Begleitern gefolgt, die Stufen der Frelteppe eine nach der andern hinaufſchritt, blieb er auf „-der vorletzten ſtehen, beugte das Knie vor Helenen, und ſchlug nach einem letzten Momente des Zögerns das Viſir ſeines Helmes auf. — Otto der Schütz! rief der Fürſt auf das Höchſte erſtaunt aus. — Ich war deſſen gewiß, flüſterte das junge Mäd⸗ chen, indem ſie ihr Geſicht an der Bruſt ihres Vaters verbarg. — Aber wer hatte Dir das Recht gegeben, ei⸗ nen gekrönten Helm zu tragen? rief der Fürſt aus. — Meine Geburt, antwortete der junge Mann mit der ſanften und feſten Stimme, welche der Vater He⸗ lenens an ihm kannte. — Wer wird es mir beſtätigen? fuhr Adolph von Cleve fort, indem er noch an den Worten ſeines Schützen zweifelte. — Ich, ſein Pathe, ſagte der Graf Karl von Hom⸗ burg. — Ich, ſein Vater, ſagte der Landgraf Ludwig von Godesberg. Und indem ſie dieſe Worte ſagten, ſchlugen beide gleichfalls das Viſir ihres Helmes auf. 0 ———,— — 156— Acht Tage nachher wurden die beiden jungen Leute in der Kapelle der Fürſtin Beatrix mit einander ver⸗ bunden. Das iſt die Geſchichte Ottos des Schützen, wie ich ſie an den Ufern des Rheines habe erzählen hören. V V — Chronik ILe Pipi g i bn ³¾ K ————— 1 I. Wie Koͤnig Pipin ſich mit der Tochter des Königs von Krain zu vermählen glaubte, und die Tochter ſeines Haushofmeiſters heirathete. Im Jahr 740 nach der Geburt unſers Herrn Jeſu Chriſtt, während Conſtantin in Byzanz regierte, war der Papſt Gregor III. geſtorben, und Zacharias I. folgte ihm als der zweiundneunzigſte römiſche Papſt. Nun war dieſer neue Papſt ein großer Eiferer für den chriſtlichen Glauben, und als er fand, daß Klotar, König von Frankreich, ein Ketzer ſei, welcher die Heiden in ihrer Argliſt beſchützte, excommunicirte er ihn mit drei⸗ fachem Bann, nahm ihm ſeine Königswürde, und ſetzte den Prinzen Pipin auf ſeinen Thron. Pipin unterwarf mit Hilfe ſeines Bruders Karlmann das ganze fränkiſche Reich, jagte die Ketzer aus einander, nahm ſie gefangen und verbrannte ſie, wie ſie es verdien⸗ —— — — 160— ten; da er zu gleicher Zeit den katholiſchen Glauben be⸗ ſchützte und aufmunterte, ſo kamen alle chriſtlichen Für⸗ ſten an ſeinen Hof und verbündeten ſich mit ihm. So an der Spitze eines mächtigen Bundes, verjag⸗ ten König Pipin und ſein Bruder Karlmann die Heiden aus Deutſchland, denn ſie waren zwei ſtarke und tapfere Krieger, und theilten hierauf die eroberten Länder unter ſich. Karlmann übernahm die Regierung Frankreichs; Pi⸗ pin mit den Seinen blieb im Schloß Weihenſtephan auf dem Berge bei Regensburg in Baiern, allwo jetzt das Benedictinerkloſter ſteht, und zwar aus Beſorgniß, die Heiden mögten in Deutſchland wieder feſten Fuß faſſen, und ſich vermehren, wenn er in Frankreich bei ſeinem Bruder bliebe. Jetzt ereignete ſich's, daß der König von Krain, der von ſeiner großen Macht und von ſeinem unbeſieglichen Muthe gehört hatte, große Luſt bekam, ſein Verbündeter zu werden. Er ſchickte deshalb eine Geſandtſchaft an ihn und ließ ihm ſagen, daß er eine junge, ſchöne und gottes⸗ fürchtige Tochter, Namens Bertha, habe, die er ihm zur Gemahlin anbiete; ſo ſehr war er für ihn eingenommen, da er in der ganzen Chriſtenheit großes Lob über ſeine Tapferkeit gehört hatte. Da König Pipin nicht verheirathet war, und wieder⸗ um viel von der Schönheit der Prinzeſſin Bertha hatte ſprechen hören, nahm er die Geſandtſchaft ſehr freudig auf. Er verſammelte den Rath ſeiner Barone, und berieth ſich mit ihnen über die ihm angetragene Verbindung, und da ſie ihm bemerkten, daß der Ruf vielleicht die Schönheit — — 4161— der Prinzeſſin Bertha übertriebe, ſo gab er der Geſandt⸗ ſchaft ſein Portrait, und ließ dem König von Krain ſa⸗ gen, er möge auch ihm das Bild ſeiner Tochter ſenden, da er entſchloſſen ſei, nur eine Frau zu heirathen, von deren Schönheit er vollkommen überzeugt ſei. Die Geſandten kehrten zum König von Krain zurück, und überbrachten nach zwei Monaten das Bildniß der Prinzeſſin, welche in der That ſo hübſch war, als der Ruf von ihr ſagte. König Pipin machte ihnen ſehr anſehn⸗ liche Geſchenke, und lud ſie ein, an ſeinem Hofe zu blei⸗ ben, wo ſie gut bewirthet werden ſollten, während ſie auf ſeine Antwort warteten. Pipin hatte einen Haushofmeiſter, der durch ſein heuchleriſches Weſen ſich bei ihm in großen Credit geſetzt hatte; Niemand, mit Ausnahme des Königs, liebte die⸗ ſen Haushofmeiſter, doch war Pipin ſo von ihm einge, nommen, daß er ihm viele Ländereien und Schlöſſer ſchenkte, aber anſtatt ihn nach einem ſeiner Landgüter oder Schlöſſer zu benennen, nannte Jedermann ihn nur den rothen Ritter, denn er hatte faſt ganz rothes Haar. Da nun Pipin Nichts unternahm, ohne ſeinen Haus⸗ hofmeiſter um Rath gefragt zu haben, ſo ließ er ihn kommen, nachdem er das Bildniß die ganze Nacht be⸗ trachtet hatte, und zeigte ihm daſſelbe. Der Haushofmei⸗ ſter ſchien ſo außerordentlich überraſcht, indem er das Bild betrachtete, daß Pipin ihn fragte, was er hätte. — Sire, antwortete der Haushofmeiſter, die große Schönheit dieſes Bildes hat mich ſo in Staunen geſetzt. — Schon gut, erwiderte der König, es freut mich, A. Duma's Novellen. Vierter Band. 11 — 162— daß Ihr meiner Meinung ſeid, und wenn die Prinzeſſin ſo hübſch iſt, als ihr Bild, werde ich ſie ohne Zweifel zur Frau nehmen. — Sire, ſagte der Haushofmeiſter, es gibt ein Mit⸗ tel, Euch deſſen zu verſichern. — Welches? fragte Pipin. — Schickt mich mit den Geſandten des Königs von Krain, und wenn die Prinzeſſin vollkommen dem Bilde gleicht, ſo werde ich in Eurem Namen von dem Könige, ihrem Vater, ſie zu Eurer Gemahlin begehren; ſollte ſie dagegen weniger ſchön ſein, ſo werde ich irgend einen Vorwand zu finden wiſſen, um Euch auf ehrenvolle Weiſe von der Verbindung frei zu machen. — Der Rath iſt gut, ſagte Pipin, Du wirſt mit den Geſandten reiſen und handeln, wie wir es beſprochen haben. Der Haushofmeiſter hatte dem Könige dieſen anſchei⸗ nend ſo vortrefflichen Rath nur gegeben, um für ſich ſelbſt Nutzen daraus zu ziehen. Er war, wie wir ſchon erwähnt, ein mächtiger Ritter, und beſaß vier oder fünf Schlöſſer. Eins dieſer Schlöſſer lag in Schwaben, und dieſes Schloß bewohnte ſeine Frau nebſt ſeinen beiden Söhnen und ſeiner Tochter Adalgire. Durch ſeltſamen Zufall hatte das Bildniß, welches König Pipin ihm ge⸗ zeigt hatte, große Aehnlichkeit mit ſeiner Tochter Adalgire, und der Haushofmeiſter hatte auf dieſen Umſtand augen⸗ blicklich einen Plan gebauet, nämlich die Prinzeſſin von Krain nach Baiern zu führen, ſeine Tochter derſelben un⸗ terzuſchieben, und dieſe dem König als Gemahlin zu ge⸗ — — 2 2à——„ 25—— — —————’—— 8A — 163— ben. Auf dieſe Weiſe mußte ſein Credit ſich ſicher ver⸗ doppeln, da die Freundſchaft, welche die Königin ihrem Gemahl, dem König, für den Haushofmeiſter an den Tag legen würde, als das Reſultat ſeiner Verdienſte erſcheinen mußte. Das war demnach der Grund des Rathes, wel⸗ chen er ſeinem Herrn gegeben, ihn zu dem König von Krain zu entfenden, und ſeine böſen Wünſche waren mehr als erfüllt, als Pipin, der keine Urſache zum Mißtrauen hatte, dieſen Rath gut hieß. Der Haushofmeiſter machte daher ſeine Vorbereitun⸗ gen zur Reiſe, und verließ mit einem glänzenden Gefolge den Hof; aber ehe er fort ging ſchrieb er ſeiner Frau, ſie ſolle, ohne ihren Söhnen das Mindeſte zu ſagen, ihn mit ihrer Tochter in einem kleinen Dorfe, deſſen Namen er ihr angab, erwarten; außerdem empfahl er ihr, ſich von zweien ſeiner Diener begleiten zu laſſen, deren Treue er kannte, da er ſie ſchon bei ſchwierigen Veranlaſſungen erprobt hatte. Der Haushofmeiſter ritt fort mit den Geſandten des Königs und ſeinem eigenen Gefolge, ſo daß ſie end— lich im Krainer Lande ankamen, wo ſie aufs Pracht⸗ vollſte vom Könige, der Königin und den Baronen des Königreichs empfangen wurden. Da die Prinzeſſin Bertha noch ſchöner war, als ihr Bildniß, ſo hatte der Haushof⸗ meiſter nichts Eiligeres zu thun, als förmlich die Braut⸗ werbung zu bewerkſtelligen; in Folge deſſen, da König und Königin von Herzen dieſe Verbindung wünſchten, die Bedingungen derſelben noch an dem nämlichen Tage feſtge⸗ ſetzt wurden, und ſchon am folgenden Tage verkündete 11* man dieſelbe im ganzen Lande. Zu gleicher Zeit began⸗ nen die Feſtlichkeiten; ſie dauerten acht Tage, und wech⸗ ſelten mit Feſtmahlen, Bällen und einem ſehr ſchönen Turnier. Am neunten Tage ſollte die Prinzeſſin abreiſen, und der König wollte ihr eine große Zahl von Fürſten und Herren zur Begleitung mitgeben; aber der Haushofmeiſter ſagte zu ihm:— Gnädiger Herr und König, der Wunſch meines Gebieters iſt, daß Ihr, Eure Fürſten und Her⸗ ren, ſo viel Ihr deren beſtimmen wollt, die Prinzeſſin, Eure Tochter nur bis zur Hälfte des Weges begleiten, und er hat mir verboten, irgend Jemand, Euer Gnaden ſelbſt nicht ausgenommen, auf der andern Hälfte des We⸗ ges mit mir kommen zu laſſen; denn der Herr und König Pipin hat ſelbſt Fürſten, Herren und Ritter, welche die Prinzeſſin während der übrigen Hälfte der Reiſe begleiten und bedienen werden. Und der König antwortete dem Haushofmeiſter:— Wohlan! Alles geſchehe nach dem Wunſche des Königs, Eures Herrn. Der Haushofmeiſter fügte hinzu:— Gnädigſter Herr! Noch ein Umſtand würde dem König Pipin ehr angenehm ſein, da er ſehr eiferſüchtig iſt, nämlich, daß Prinzeſſin Bertha waͤhrend der ganzen Reiſe verſchleiert bleibt, da⸗ mit Niemand ihr Geſicht ſieht, und daß ſie nur mit mir redet, damit Niemand ihre Stimme hört. Und der König antwortete:— Das iſt nicht mehr als billig; von dieſem Augenblick an gehören ihr Geſicht, ihre Stimme, wie ihre ganze Perſon, ihrem Gemahl, —— —,———,,,——— 8 2E 2 ☛ 2 2 8 — 165— dem König Pipin, und der Gebieter kann über das, was ihm gehoͤrt, verfügen, wie es ihm gefällt. Der Haushofmeiſter that das, damit, wenn keiner der Ritter ſeines Gefolges die Prinzeſſin in der Nähe ge⸗ ſehen, oder ſie hatte ſprechen hören, es ihm leicht werde, ſeine Tochter an deren Stelle unterzuſchieben. Demnach reiſete die Prinzeſſin ab, gefolgt von den fränkiſchen Rittern, und von den Herren aus Krain. Während der erſten Hälfte des Wegs, mogte die Reiſe zu Waſſer ſtattfinden oder ſie dieſelbe zu Pferde machen, blieb die Prinzeſſin verſchleiert zwiſchen ihrem Vater und dem Haushofmeiſter, und redete nur mit dieſen beiden. Auf der Mitte des Weges angelangt, ſagte der Haushof⸗ meiſter zum König von Krain und ſeinen Begleitern, daß hier das Ziel ihrer Reiſe ſei, und dieſe, getreu der Ueber⸗ einkunft, kehrten wieder um, nachdem der König und Prinzeſſin Bertha manche Thraͤne vergoſſen, und nachdem der gute Fürſt ſeine Tochter dem boshaften Haushofmei⸗ ſter beſtens anempfohlen hatte, welcher, wie man leicht denken kann, es weder an Verſprechungen noch Schwüren fehlen ließ. Noch an demſelben Abend, an welchem der König und ſeine Ritter ihn verlaſſen hatten, ſchickte der Haushof⸗ meiſter eine Geſandtſchaft an König Pipin ab, und ließ ihn benachrichtigen, daß er den Hof von Krain verlaſſen habe, und ſeinen Weg mit der Prinzeſſin Bertha fortſetze, die er ihm zuführen werde, jedoch ohne zu beſtimmen, auf welchem Wege er ankommen würde, damit der König ihm Niemand entgegenſenden könne. —-— 166— Man ſetzte demnach die Reiſe weiter fort, und die Prinzeſſin hatte Nichts bei ſich, was ſie an ihr Vaterland erinnern konnte, außer einem kleinen Hunde, den ſie nach ihren Eltern am meiſten liebte, ſo daß ſie ihn den ganzen Tag vor ſich auf dem Pferde hatte. Abends, wenn man im Nachtquartier angekommen war, nahm ſie, um ſich zu zerſtreuen, ihr Arbeitskörbchen zur Hand, und arbeitete an einer ſchönen Stickerei. So verging die Zeit, und am Ende des vorletzten Tagemarſches hielt der Haushofmeiſter in dem Dorfe an, wo ſeine Frau und Tochter nebſt den zwei Dienern ihn erwarteten; und als er ſeine Tochter erblickte, die er ſeit drei Jahren nicht geſehen, fand er ſie der Prinzeſſin ſo ähnlich, daß er dadurch noch mehr in ſeinem böſen Plan beſtärkt wurde. 6u Uebrigens war der Ort ſehr gut gewählt, denn un⸗ mittelbar hinter dem Dorfe erhob ſich ein ungeheuer gro⸗ ßer und dichter Wald, welcher ſich bis gen Augsburg er⸗ ſtreckte, und nur von einem tiefen und beinahe unbewohn: ten Thal durchſchnitten wurde, welches das Mühlenthal genannt wurde. In dieſem Walde wollte ſich der Haus⸗ hofmeiſter der Prinzeſſin entledigen. Er ließ demnach ſeine beiden Diener kommen, und da dieſe ſeine Vaſallen und dem zu Folge ganz von iim abhingen, ſo gab er ihnen die Kleider ſeiner Tochter, und befahl ihnen, am andern Morgen vor Tagesanbruch in b das Zimmer der Prinzeſſin zu dringen, und ihr anzudeu⸗ ten, daß ſie ſtatt ihrer gewöhnlichen Kleider, das ihr über⸗ brachte Kleid anziehen, und ihnen folgen müſſe; hierauf ſollten ſie dieſelbe tief in den dickſten Wald führen, ſie — 82 8&ᷣ———— ö“ — 1672— tödten, ihr die Zunge abſchneiden und dieſe nebſt dem blutigen Hemde als Beweis der Vollführung ihres ſchreck⸗ lichen Auftrags ihm zurückbringen. Wie der Haushofmeiſter es vorausgeſehen, machten die beiden Diener keine Einwendung, ſondern bereiteten ſich zur Ausführung der Befehle ihres Herrn. Sie tra⸗ ten demnach eine Stunde vor Tagesanbruch in das Zim⸗ mer der Prinzeſſin, die, geweckt durch das Gebell ihres Hündchens, munter wurde, und zu ihrer großen Verwun⸗ derung zwei ihr unbekannte Männer am Kopfende ihres Bettes ſtehen ſah. Sie befahl ihnen, hinauszugehen, aber dieſe, anſtatt ihr zu gehorchen, erklärten, daß ſie ihren Willen thun müſſe, und daß ihr Wille ſei, ſie ſolle ſich ſtillſchweigend ankleiden und ihnen folgen. Die Prinzeſſin, die Niemand aus ihrem Vaterlande um ſich hatte, der ihr hätte zu Hilfe kommen können, ſah wohl ein, daß ſie das Opfer irgend einer Verrätherei ſei, und hoffte, wenigſtens durch ihre Sanftmuth diejenigen zu entwaff⸗ nen, welche ſo zu ihr redeten, ſie ſtreckte deshalb die Hand nach ihren Kleidern aus, aber die beiden Diener unterſagten ihr, dieſelben zu berühren, und warfen das Kleid von der Tochter des Haushofmeiſters auf ihr Bette. Hierauf bat die Prinzeſſin ſie um die einzige Gnade, ſie mögten einen Augenblick aus dem Zimmer gehen, damit ſie aufſtehen und ſich ankleiden könne, welches ſie ihr auch zugeſtanden, nachdem ſie ſich zuvor genau überzeugt hatten, daß keine zweite Thür vorhanden, und daß das Fenſter zu hoch über der Erde ſei, als daß ſie auf dieſem Wege werde entfliehen können. Nachdem die Prinzeſſin allein geblieben, kleidete ſie ſich unter Thränen an, knieete nieder und betete; ſie hatte ihr Gebet noch nicht beendet, als die beiden Männer wie⸗ der eintraten und ihr ſagten, ſie möge ſich beeilen. Da ſie entſchloſſen war, denſelben durchaus kein Hinderniß in den Weg zu legen, ſo erhob ſie ſich augenblicklich, nahm ihren kleinen Hund unter den Arm, ihr Stickereikörbchen in die Hand und ſagte, daß ſie bereit ſei, ihnen zu folgen. Die beiden Diener machten, daß ſie ohne Geräuſch die Treppe hinab ſtieg, gingen mit ihr quer über den Hof, öffneten eine Hinterthür und befanden ſich bald im Walde. Dort angekommen, fürchtete die arme Prinzeſſin ſich ſo ſehr, daß ſie glaubte ohnmächtig zu werden, und als ſie ſah, daß die beiden Männer einander auf ſeltſame Weiſe anſahen, ſagte ſie zu ihnen, indem ſie ihren kleinen Hund auf die Erde ſetzte: — Es iſt Nichts, es iſt Nichts, gebt mir euern Arm, daß ich mich darauf ſtütze, dann werde ich gehen können, ſo weit ihr wollt. Einer der Männer, derjenige welcher ihr zur Linken ging, reichte ihr ſeinen Arm, ſie ſtützte ſich darauf, und ſetzte ihren Weg weiter fort. Wie ſehr ſie ſich aber auch anſtrengen mogte, ſo fühlte ſie doch, nachdem ſie noch eine Viertelſtunde vorwärts geſchritten, daß ihr die Kräfte fehlten, ſie ſank zuſammen, fiel auf die Kniee und ſagte: — Um Gott, meine Herren, was wollt Ihr denn mit mir beginnen, indem Ihr mich zu dieſer Stunde an einen ſo öden Ort des Waldes führet? — 169— — Mein liebes Fräulein, ſagte derjenige, welcher zu ihrer Rechten gin, unſer Herr hat uns einen grauſamen Auftrag gegeben, welchen Gott uns verzeihen wird, und Ihr auch; denn wir haben Euch hierher geführt, um Euch zu tödten. Bertha ſtieß einen Schrei aus, und ohne weiter zu reden, breitete ſie die Arme aus, erhob die Augen gen Himmel, gleich einer Märtyrin. Dicke Thränen allein floſſen ihre Wange herab auf die Erde, wo ſie an den Grashalmen glänzten gleich Thautropfen. Nun naͤherte ſich der Diener, welcher zu ihrer Lin⸗ ken ging, ſeinem Kameraden, und indem er ihn bei Seite zog, ſagte er zu ihm: — Meiner Treu, tödte dieſes arme Kind, wer da wolle; ich, der ich ſie geſtützt habe, und der ihr armes Herz auf dem ganzen Wege an meinem Arme ſchlagen fühlte, habe nicht den Muth dazu. — Aber was wird der Herr ſagen? erwiderte der Andere. — Mag er ſagen, was er will; ich will lieber mei⸗ nen Leib preisgeben, als meine Seele verderben, außer⸗ dem, ſiehe ſie nur an, Gott wolle mir verzeihen, wenn ſie nicht wie eine Heilige ausſieht! — Ich verlange nichts Beſſeres, als ſie zu retten, ſagte der Andere; aber Du weißt, daß wir dem Herrn den Beweis liefern müſſen, daß ſein Befehl vollzogen iſt. — Finde ein Mittel, ihn glauben zu machen, daß wir ihm gehorchten, und bei meiner Seele, ich werde eben ſo froh ſein als Du. — 170— — Warte, ich finde eins, ſagte der Andere. Nach Verlauf eines Augenblicks näherte er ſich der armen Bertha, die noch immer betete, und die, als ſie ihn nach der mit ſeinen Gefaͤhrten gepflogenen Unterre⸗ dung ſich ihr wieder nähern ſah, glaubte, daß ihre letzte Stunde gekommen ſei, und nachdem ſie das Zeichen des Kreuzes gemacht, ihm ihren Hals darbot, indem ſie mit ſanfter Stimme ſagte: Mein Freund, ich verzeihe Euch, wie Ihr es ſo eben verlangtet. Laßt mich ſo wenig leiden als möglich iſt. — Mein liebes Fräulein, ich komme nicht, um Euch zu tödten, ſondern nur, um Euer Hemde von Euch zu verlangen. Bertha empfand jetzt noch größere Furcht, denn ſie glaubte, daß dieſe Maͤnner einen ſchändlichen Plan in Bezug auf ſie geſchmiedet hätten; ſie ſtreckte die Hand aus, um ſeine weitere Annäherung zu verhindern, und ſagte: — Aber ich will lieber ſterben, als meine Ehre ver⸗ lieren. — Der Himmel wolle verhüten, mein edles Fräu⸗ lein, antwortete der Diener, daß, indem er Euch das Leben ſchenkt, wir Eure Ehre kränken oder beeinträchtigen ſollten. Ich verlange blos Euer Hemd, um es zu durch⸗ löchern und mit Blut zu beſudeln, damit unſer Herr glaube, daß Ihr todt ſeid, und da er uns geboten hat, ihm auch Eure Zunge, als Beweis, daß Ihr nicht mehr lebt, mitzubringen, ſo werden wir ihm die von Eurem kleinen Hunde bringen. — 171— Die Prinzeſſin ſchluchzte laut, denn ſie liebte ihren kleinen Hund ſehr, aber, als ob dieſer begriffen hätte, daß er ſeiner Herrin das Leben retten ſollte, entſchlüpfte er ihren Armen, und kroch winſelnd zu den Füßen des andern Dieners. Bertha ſah nun wohl ein, daß es Gottes Wille ſei, daß dies ſo geſchehe. Voll Schamhaftigkeit entfernte ſie ſich ein wenig von den Dienern, und nachdem ſie ihr Hemde ausgezogen, gab ſie es den Dienern; dieſe nah⸗ men es, durchbohrten es mit mehrern Pikenſtichen, und tränkten es mit dem Blute des getödteten kleinen Hun⸗ des; hierauf ſchnitten ſie deſſen Zunge ab, um ihrem Herrn glauben zu machen, daß es die der Prinzeſſin ſei; dieſe ließen ſie dann ſchwören, daß ſie nicht verſuchen wolle, zu ihrem Vater zurückzukehren, und als die Prin⸗ zeſſin dieſen Schwur geleiſtet, ließen ſie dieſelbe im Walde zurück, indem ſie das blutbefleckte Hemde und die Zunge dies kleinen Hundes mit hinwegnahmen. Als der Haushofmeiſter dieſes doppelte Beweismittel ſah, zweifelte er nicht, daß ſein Befehl vollzogen ſei. Er nahm Abſchied von ſeiner Frau, welche mit den beiden Dienern, denen er eine anſehnliche Belohnung gegeben, damit ſie das Geheimniß wohl bewahren mögten, nach Haus zurückkehrte, weckte dann ſeine Tochter, die er in das Zimmer der Prinzeſſin hinauf ſteigen ließ, und dort, wie ſie ſchon im Voraus war angewieſen worden, Ber⸗ tha's Kleider anlegen mußte; ſie ſchmückte ſich auch mit deren Geſchmeide, und bedeckte ihren Kopf mit dem Schleier derſelben. Zu der Stunde, wo man gewöhnlich aufzu⸗ —— — 172— brechen pflegte, kam ſie die Treppe herab, wie es die Prinzeſſin gewöhnlich zu thun pflegte, ſtieg zu Pferde, und ritt den ganzen Tag neben dem Haushofmeiſter, ſo auch am folgenden Tage, und am Abend dieſes zweiten Tages kamen ſie im Schloſſe zu Weihenſtephan an. Pipin hatte von der Zeit an, wo er den Brief des Haushofmeiſters erhielt, der ihm die Ankunft ſeiner Braut meldete, ohne anzugeben, auf welchem Wege ſie kommen würde, befohlen, daß eine Schildwache Tag und Nacht von der Zinne des höchſten Thurms aus Acht habe, und ins Horn ſtoßen ſolle, ſobald ſie den Zug erblicke. Pipin hatte demnach Zeit, diejenige, welche er für die Tochter des Königs von Krain hielt, an der Pforte des Schloſſes zu empfangen. Daſelbſt angelangt, ſtieg die untergeſchobene Prinzeſſin vom Pferde und knieete vor dem König nieder. Dieſer, der gern ſehen wollte, ob ſie wirklich ſo ſchön ſei als ihr Bildniß, nahm ihr ſelbſt den Schleier ab, und da er gefunden, daß ſie in der That recht hübſch ſei, hob er ſie auf, küßte ſie auf den Mund, und ſtellte ſie dem ganzen Hofe als die Königin der Fran⸗ ken vor. Keiner von den Herren des Gefolges bemerkte den Betrug, und wenn ja einer von ihnen fand, daß die Prinzeſſin bei ihrer Ankunft nicht ganz ſo hübſch ausſehe, als bei der Abreiſe, ſo dachte er, die Strapaze der Reiſe, und die Langeweile, ſo lange haben ſchweigen zu müſſen, ſeien Schuld an dieſer Veränderung. Die Argliſt des rothen Ritters glückte ſo gut, daß Pipin, welcher die echte Bertha nicht kannte, ſich in — 173— dieſe ihm Vorgeſtellte verliebte, ſie heirathete, und von ihr einen Sohn bekam, den er Leo nannte. Dieſer wurde ſo gelehrt, daß er im Jahr 795 nach Chriſtus, nach dem Tode Adrian J. unter dem Na⸗ men Leo III. zum römiſchen Papſte erwählt wurde. In der Folge zeugte Pipin mit der unechten Bertha noch zwei Söhne, wovon der eine Wemermann, der andere Rapath genannt wurde, und zwei Töchter mit den Taufnamen Agnes und Bertha. II. Von dem, was ſich mit der Prinzeſſin von Krain im Walde ereignete, und wie ſie als Magd bei einem Müller in Dienſt trat. Machdem die Diener fortgegangen waren, und die arme Prinzeſſin ſich in dem Walde allein befand, warf ſie noch einen Blick auf den Körper des einzigen Freun⸗ des, der ihr treu geblieben, und dieſe Treue mit dem Leben bezahlt hatte, und vertiefte ſich dann in den Wald, indem ſie vorwärts ſchritt, ohne zu wiſſen wohin, denn, wie wir ſchon geſagt haben, war der Wald ſo dicht, daß ſich keine Spur eines Weges darin fand, und daß, wiewohl der Tag nun anbrach, man kaum eine Richtung verfolgen konnte. So wanderte ſie den ganzen Tag, obne Jemand zu begegnen, und am Abend, todtmüde und beinahe ſterbend — 175— vor Hunger, ſank ſie unter einem Baume nieder, ſo hin⸗ fällig, daß ſie bald einſchlief. Sie ſchlief noch nicht lange, als ihr träumte, daß ein hell ſtrahlender Engel vom Himmel herabſteige, ſie wie den jungen Tobias bei der Hand nehme, und ſie zu einem prächtigen Palaſte führe, der ganz von Lichtern glänzte, und ganz von prachtvoll gekleideten Herren ange⸗ füllt war. In dieſem Augenblick erwachte ſie, und be⸗ fand ſich noch immer am Fuße des Baumes mitten im Walde. Gleichwohl hatte der Traum ihr Troſt eingeflößt und ſie einigermaßen geſtärkt. Sie erhob ſich demnach und ſchritt wieder vorwärts. Kaum hatte ſie etliche Schritte gethan, als ſie durch die Bäume ein Licht ſchim⸗ mern ſah; ihre erſte Empfindung war Freude, die zweite Furcht. Würde ſie einem Freunde oder einem Feinde be⸗ gegnen? Endlich faßte ſie wieder Muth, und indem ſie überlegte, daß, wenn ſie einmal ſterben müſſe, es vorzu⸗ ziehen ſei, ermordet zu werden, als vielleicht acht Tage lang die Todesqual des Hungers und des Elends zu er⸗ tragen, ſetzte ſie ihren Weg nach dem Lichte zu fort, welches ſie erblickt hatte, und welches immer zunahm, je mehr ſie ſich ihm näherte. Als ſie nur noch etwa Hun⸗ dert Schritte davon entfernt war, ging ſie nicht mehr ge⸗ rade darauf los, wie ſie bisher gethan, ſondern vorſich⸗ tig von Baum zu Baum, um ſehen zu können, ohne ge⸗ ſehen zu werden, und ſie bemerkte einen großen ſchwarzen Mann, der ein ungeheures Feuer ſchürte. Die Prinzeſſin glaubte anfänglich, daß es der Satan — as— ſei, welher ſeinen Sabbath vorbereite, und ſie hatte große Luſt zu fliehen; aber nachdem ſie aufmerkſamer hingeſe⸗ hen, erkannte ſie, daß der Waldbewohner weder den Schwanz und Pferdefuß, noch die rothe Zunge habe, mit welcher der Satan gemeiniglich abgebildet wird; im Gegen⸗ theil flößte ſein breites gutmüthiges Geſicht Intrauen ein. Von Zeit zu Zeit ſang er ein Lied mit ſolcher Fröhlich⸗ keit, daß man vorausſetzen konnte, derjenige, welcher ſo ſänge, müſſe ein reines Gewiſſen haben. Alle dieſe An⸗ zeichen beruhigten Bertha ein wenig, und ſie näherte ſich dem ſchwarzen Mann. Aber als er ſie gewahr wurde, erſchrak er und be⸗ kreuzte ſich. Die Prinzeſſin nahm hieraus ab, daß ſie es mit einem Chriſten zu thun habe; es ſchwand alle Furcht, und indem ſie die Hand gegen ihn ausſtreckte, ſagte ſie: — Braver Mann, ich bin weder eine teufliſche noch eine himmliſche Erſcheinung, ſondern weiter Nichts als ein armes Mädchen, welches ſich in dieſem Walde verirrt hat, beinahe vor Hunger ſtirbt, und Euch um ein Stück⸗ chen Brod bittet. — Ahl wenn es weiter Nichts iſt, mein ſchönes Fräulein, antwortete der Köhler, erſtaunt, ein ſo junges Mädchen zu dieſer Nachtſtunde, allein, mitten in einem Walde zu ſehen,— ich habe zwar nur ein Stück Brod, aber mit Hilfe eines Meſſers werden wir es theilen, und zwei daraus machen; indem wir dann zu Abend eſſen, werdet Ihr mir erzählen, wie es zugeht, daß ein ſo hüb⸗ ſches Mädchen, wie Ihr ſeid, nicht weiß, wo ſie zu Abend eſſen oder ſchlafen ſoll, und die Gaſtfreundſchaft eines armen Schelmes wie ich in Anſpruch nimmt. — Die eigentliche Urſache, guter Köhler, antwortete die Prinzeſſin, darf ich Euch nicht nennen, denn ich habe geſchworen, es nicht zu thun; nur ſo viel kann ich Euch ſagen, daß ich in dieſem Walde verborgen bleiben muß, und ich würde ſehr zufrieden ſein, wenn Ihr mir einen kleinen Raum in Eurer Hütte, Brod und Waſſer geben wolltet, und ich würde arbeiten, um meine Nahrung zu bezahlen, denn ich habe mein Arbeitskörbchen bei mir, und verſtehe Stickereien zu fertigen, die Ihr zu gutem Preiſe in der Stadt verkaufen könntet. — Davon wollen wir ſpäter reden, mein ſchönes Kind; aber das Nöthigſte für jetzt wird ſein, daß ich Euch zu eſſen und zu trinken gebe, nicht wahr? Tretet in meine Hütte, ich habe Nichts als Brod und Waſeer, aber ſie ſtehen Euch gern zu Dienſten. Und der Köhler führte Bertha in ſeine Hütte, wo er ihr Weißbrod und recht friſches und klares Waſſer gab. Bertha begann damit, ihrem guten Engel zu danken. Zwiſchen der Hütte des Köhlers und dem Palaſte, wel⸗ chen ſie im Traume geſehen, war zwar ein großer Ab⸗ ſtand, aber in ihrer Lage waren ein, wenn auch ſchlech⸗ tes Dach und ein gutes Herz Alles, was ſie wünſchen konnte. Nach beendetem Gebet aß und trank ſie mit ſo gutem Appetit, wie es ihr faſt noch nie begegnet war. — Mein ſchönes Fräulein, ſagte der Köhler, als Bertha ihre Mahlzeit geendet hatte, es könnte mir Nichts erwünſchter ſein, als eine ſo hübſche Haushälterin zu ha⸗ A. Duma's Novellen. Vierter Band. 12 — 178— ben, wie Ihr ſeid; aber Ihr könnt nicht bei einem ar⸗ men, ganz ſchwarzen Manne bleiben, den Ihr für den Teufel angeſehen habt. Ich habe einen Bruder, der ein reicher Müller iſt; die Mühle von Reismühl drei Meilen von hier, gehört ihm. Morgen werde ich Euch zu ihm führen; er hat zwei Töchter, die Euch gut aufnehmen, und wenigſtens eine paſſende Geſellſchaft für Euch bilden werden. 1 — Aber, fragte Bertha, werde ich bei Eurem Bru⸗ der, dem Müller, mich auch verborgen halten können? — So ſehr Ihr es nur wollt, antwortete der gute Mann. — Dann bin ich bereit, Euch zu folgen, und möge Gott Euch für das belohnen, was Ihr für mich thut. Am andern Morgen mit Tagesanbruch kam denn der Köhler, welcher außerhalb der Hütte geſchlafen hatte, um Bertha mehr Freiheit zu laſſen, ſie abzuholen. Er fand ſie ſchon bereit, denn die Aufregung des vorangegan⸗ genen Tages hatte ſie wenig ſchlafen laſſen. Sie machten ſich auf den Weg, der Köhler ſchritt voran, die Prinzeſſin folgte ihm, denn wiewohl ſie ihn nicht verrathen hatte, wer ſie ſei, ſo hatte er doch geah⸗ net, daß er es mit einem zu edlen Fräulein zu thun habe, um ihr den Arm zu bieten, und ſo kamen ſie bei dem Müller an.— Wie der Mann des Waldes es vorausgeſagt, nahm der Müller ſie überaus freundlich auf, und als Bertha ihn gebeten, dort bſeiben zu dürfen, unter der Bedingung, — 179— daß ſie arbeiten wolle, um ihr Brod zu verdienen, willigte der Müller darein. Am andern Tage, als es ſich darum handelte, zu beſtimmen, bei welcher Art von Arbeit Bertha würde zu verwenden ſein, ſagte dieſe zum Müller, wenn er ihr Glauben ſchenken wolle, ſo möge er, anſtatt ſie mit häus⸗ licher Arbeit zu beſchäftigen, an die ſie nicht gewöhnt ſei, ſie Stickereien fertigen laſſen; und wenn dieſe Stickereien fertig, würde er ſie in der Stadt verkaufen, die Hälfte des Geldes für ſich behalten, und für die andere Hälfte neun Docken Seide von verſchiedenen Farben, ſo wie Gold⸗ und Silberfäden einkaufen. Der Müller ſchüttelte den Kopf, denn er zweifelte ſehr, daß mit alle den kleinen Knäueln, die er im Körbchen der Prinzeſſin ſah, man ir⸗ gend etwas wirklich Gutes anfertigen könne; aber da er ein braver Mann war, und ihr nicht wehe thun wollte, ſo entſchloß er ſich, ſie den Verſuch machen zu laſſen, wie⸗ wohl er keine große Hoffnung des Erfolgs für Bertha hegte. Nach Verlauf eines Monats hatte Bertha ein großes Stück Stoff, Blumen und Vögel darſtellend, gefertigt und mit einer Vollkommenheit, daß man die Blumen für na⸗ türliche halten und glauben konnte, die Vögel würden ſingen. Der ganz erſtaunte Müller nahm das Stück Stoff, legte es ſorgfältig zuſammen, und reiſete damit nach Augs⸗ burg ab. Auf dem Marktplatze der Stadt angekommen, trat er in den ſchönſten Stickereiladen, zeigte ſeine Sticke⸗ rei, und fragte die Händlerin, ob ſie lmn dieſelbe abkau⸗ -— 1o0— fen wolle. Die Handelsfrau nahm die Stickerei und be⸗ trachtete ſie ſehr lange, ohne Etwas zu ſagen, und wen⸗ dete dieſelbe von einer Seite zur andern, denn die Arbeit war ſo kunſtvoll, daß die Stickerei faſt eben ſo ſchön auf der unrechten, wie auf der rechten Seite war, dann end⸗ lich fragte ſie den Müller, wie viel er dafür fordere. — Hört, antwortete der Müller, ich bin ein ſchlich⸗ ter Mann, und kenne den Preis einer ſolchen Sache nicht; ſchätzt ſelbſt den Werth dieſer Stickerei ab, und gebt mir dafür was Ihr wollt; ich verlaſſe mich in die⸗ ſer Hinſicht auf Eure Redlichkeit. — Braver Mann, erwiderte die Haͤndlerin, Ihr habt wohl gethan, dies zu ſagen. Sie gab ihm hierauf eine ſtarke Summe Geldes und ſagte: — Solltet Ihr noch weitere Stickereien von der näm⸗ lichen Perſon haben, bringet ſie mir, und ich werde ſie bezahlen im Verhältniß wie dieſe. Der Müller, ganz erſtaunt, daß eine einfache Sticke⸗ rei ſo theuer bezahlt werden könne, verſprach es ihr von ganzem Herzen. Er ſteckte die Hälfte der Summe in die Taſche, und kaufte für die andere Hälfte einen ganzen Packkorb für ſeinen Eſel, voll von Docken Seide von allen Farben, und von Rollen mit Gold⸗ und Silberfäden. Hierauf kehrte er zu der Mühle von Reismühl zurück, wo Bertha ihn voll Ungeduld erwartete, um zu erfahren, ob er die Waare habe verkaufen können. — Gott und Herr! mein liebes Fräulein, rief der Müller ſchon aus größter Ferne, als er Bertha erblickte, was fuͤr einen glücklichen Einfall habt Ihr gehabt; keine — — 181— andere Arbeit als Stickerei vornehmen zu wollen, denn ich bringe Stoff mit, aus welchen Ihr zwanzig Stücke wie das erſte anfertigen könnt, und obendrein eine ſo ſtarke Summe Geldes, die hinreichen würde, um davon die Aus⸗ ſtattung der Tochter eines Ritters zu beſtreiten. Und bei dieſen Worten wollte er ihr das Geld geben; aber Bertha ſagte zu ihm: — Behaltet dieſes Geld, braver Mann, es iſt der Preis für die Nahrung und Wohnung, die Ihr mir ge⸗ bet; nur, wenn ihr Euren Töchtern Kleider kauft, werdet Ihr davon auch eins für mich mit kaufen. Der Müller beſtand lange auf der Annahme, Bertha dagegen wollte von Nichts wiſſen, und der Müller mußte das Geld in ſeinen Schrank legen. Aber da er ein recht⸗ licher Mann war, und vorausſetzte, daß Bertha ihn doch einſt verlaſſen werde, ſo trennte er ihr Geld von dem ſei⸗ nigen, um ihr im Augenblick der Abreiſe darüber leicht Rechnung ablegen zu können. Die Prinzeſſin machte ſich dann wieder an die Arbeit, welche ſie emſig einen ganzen Monat fortſetzte. Am Ende des Monats übergab ſie dem Müller eine noch weit ſchö⸗ nere Stickerei, als die erſte geweſen war. Dieſes Mal ließ der Müller ſich nicht erſt lange bitten, er nahm die Stickerei und trug ſie zu der nämlichen Händlerin, die ihm eine noch größere Summe dafür zahlte, ſo vortheil⸗ haft hatte ſie die erſte verkauft; auch nahm ſie ihm das Verſprechen ab, ihr im nächſten Monat ein drittes Stück zu bringen und zu verkaufen. Im folgenden Monat ſuchte die Händlerin vom Mül⸗ — 182— ler zu erfahren, wie er zu dieſen reichen Stickereien käme, und wer die geſchickte Arbeiterin ſei, die ſo ſchöne Sachen anfertige; da aber der Müller der Prinzeſſin verſprochen hatte, das geheim zu halten, ſo erwiderte er der Händle⸗ rin, daß, wenn ſie aͤhnliche Fragen an ihn ſtellte, er die Stickereien künftig zu einer andern tragen würde. Hierauf verſprach die Händlerin, welche dieſen Verdienſt zu verlieren fürchtete, ihn nie wieder darnach zu fragen, und bezahlte ihm dieſes Stück noch theurer als die früheren. Dieſer Handel währte drei Jahre, und wenn man die Händlerin fragte, von wo ſie dieſe Stickereien beziehe, antwortete ſie:„von jenſeits des Meers.“ III. Wie König Pipin, der ſich auf der Jagd verirrt hatte, an die Thür des Müllers klopft, und welche Folgen dies hatte. As nun Prinzeſſin Bertha ſo drei Jahre lang ge⸗ ſtickt hatte, und von Niemand, ſelbſt vom Müller nicht erkannt worden war, ereignete es ſich gegen das Ende dieſer Zeit, daß der König in dem Walde von Weihenſte⸗ phan jagte. Der verfolgte Hirſch hatte das Weite geſucht und den König und ſein Gefolge in den großen Wald fortgeriſſen, welchen der Köhler, der Müller und Bertha bewohnten. In dieſem Walde angekommen, verfolgte der König den Hirſch ſo eifrig, daß er gegen Abend gänzlich von ſeinem Gefolge getrennt war, und nur noch einen einzigen Jäger, einen Diener und ſeinen Aſtrologen bei ſich hatte. Nachdem ſie ſich ſo verirrt hatten, und da der Wald immer wilder wurde, machte ſich der Jäger auf, um ſ — 184— einen Weg zu ſuchen, er ſuchte ſo eifrig, daß er ſich bis über den Bereich des Jagdhorns entfernte, ſo gut, daß er ſeinerſeits ſich verirrte, und nicht wieder mit dem Kö⸗ nig vereinigen konnte, ſo daß der König mit ſeinem Die⸗ ner und den Aſtrologen allein blieb. In der Zwiſchenzeit war die Nacht völlig eingetreten. Der Aſtrolog beobachtete die Sterne, um zu erfahren, ob ſie weit vom Schloſſe Weihenſtephan entfernt ſeien; aber er fand, daß, wenn ſie auch die ganze Nacht hindurch ritten, ſie kaum bei Anbruch des Tages im Schloſſe ankommen würden. Nun ſah der König wohl ein, daß nicht die Rede davon ſein könne, das Schloß zu erreichen, ſondern daß es ſich darum handele, irgend ein Obdach zu finden, und er befahl dem Diener, auf einen Baum zu ſteigen, um zu ſehen, ob nicht irgend ein Haus oder ein Dorf in der Nähe ſich befinde. Der Diener gehorchte, und auf dem Gipfel der höchſten Tanne, die er hatte finden können, angelangt, rief er: Gnädigſter Herr und König, ich ſehe nicht fern von hier Rauch aufſteigen. — Wohlan! rief Pipin ihm zu, merke Dir genau die Richtung, ſteige herab und laßt uns dorthin gehen. Der Diener ſtieg vom Baume herab, und beſtieg wieder ſein Pferd, dann wandten ſich alle drei der von ihm bezeichneten Richtung zu, und gelangten bald an den brennenden Meiler des Köhlers. Der gute Mann war wie gewöhnlich beſchäftigt, ſein Feuer zu ſchüren. Der Diener näherte ſich ihm und fragte, an welchem Orte des Waldes ſie ſich befänden. Aber der Köhler, welcher ſah, daß hinter demſelben ſich noch zwei Maͤnner im Schatten — 185— hielten, fragte, bevor er antwortete, wer ſie wären.— Wir ſind, antwortete der Diener, Jäger, die ſich verirrt haben, und ein Obdach ſuchen, wo ſie die Nacht hinbrin⸗ gen können. In dieſem Augenblick hatten ſich Pipin und ſein Aſtrolog genähert und waren in den Lichtkreis des Meilers getreten, und der Köhler ſah an ihrer Kleidung, daß der Diener ihm die Wahrheit geſagt habe. Er be⸗ dachte, daß ſeine Hütte zu klein ſei, um ſolchen anſchei⸗ nend reichen Herren zum Obdach dienen zu können, und erbot ſich, ſie zu ſeinem Bruder, dem Müller, zu führen, welcher nur eine Stunde Wegs von dort wohne. Unſere Wanderer nahmen dies an, und ſchlugen, vom Köhler be⸗ gleitet, den Weg nach Reismühl ein. Als der Müller drei bewaffnete Männer ankommen ſah, that er dieſelbe Frage, wie früher ſein Bruder, wor⸗ auf der Köhler ſagte, daß es drei Jäger wären, die ſich im Walde verirrt hätten, und welche um ein Abendeſſen und Nachtlager bäten.— Wenn ſie ſich mit dem Weni— gen begnügen wollen, was ich ihnen bieten kann, ant⸗ wortete der Müller, ſo werde ich ſie wohl gern aufneh⸗ men. Worauf Pipin ſich näherte, und zu dieſem braven Manne ſagte, daß, ſo wenig es auch ſein möge, er in ſeiner gegenwärtigen Lage es dankbar annehme. Der Müller öffnete nun ſeine Thür, und der Köhler, welcher für ſeine Bemühung ein Goldſtück empfangen hatte, kehrte wieder zu ſeinem Meiler zurück. Wiewohl nun der Müller deutlich bemerkte, daß er es mit Maͤnnern von Bedeutung zu thun hatte, konnte er ihnen gleichwohl nur das vorſetzen, was er hatte, und —— — 186— dieſes war, wie er geſagt, nur wenig; aber ſo mager die Mahlzeit auch war, ſo that Pipin ihr doch nicht weniger Ehre an, vorzüglich, da ſie ihm von den beiden Töchtern des Müllers aufgetragen wurde, denen der König viele Ar⸗ tigkeit erwies, da ſie ihm ſehr gefielen. Seinerſeits rich⸗ tete der Müller tauſend Fragen an ihn, wie man es mit Reiſeuden zu thun pflegt, und Pipin beantwortete ſie huld⸗ voll; doch wie ſehr auch der König ſich bemühete, ſich zu ſeinem Wirthe herabzulaſſen, ſo bemerkte der Müller doch, daß er es mit einem Manne von hohem Range zu thun habe. Nach dem Abendeſſen, und während Pipin von die⸗ ſem und jenem mit dem Müller und deſſen Töchtern plau⸗ derte, ging der Aſtrolog hinaus, um die Sterne zu be⸗ rathen, und er las am Himmel, daß der König dieſe Nacht mit ſeiner wahren Gemahlin zubringen würde, und dieſe ihm einen Sohn gebären würde, der ſo mächtig un⸗ ter den Königen und Kaiſern werden würde, daß alle Fürſten der Chriſtenheit ihm unterthänig ſein würden. Kaum hatte er dies Horoſcop geſtellt, als er raſch wie⸗ der eintrat, den König bei Seite zog und ihm mittheilte, was er ſo eben in den Sternen geleſen. Aber der König wollte es nicht glauben, und erwiderte kopfſchüttelnd: — Wie iſt dies möglich, denn es iſt nur zu gewiß, daß wir dieſe Nacht nicht nach Weihenſtephan kommen werden. Aber der Aſtrolog beharrte auf ſeiner Ausſage, und da es ein ſehr gelehrter Mann war, ſo wich Pipin ſei⸗ — 187— ner Meinung. Er wendete ſich wieder zu dem Müller und ſagte: — Braver Mann, beherbergt Ihr nicht irgend eine fremde Frau in Eurem Hauſe? Der Müller, welcher das Geheimniß Berthas nicht preisgeben wollte, antwortete mit: Nein. — In dieſem Falle, mein lieber Freund, ſagte Pipin, gebt mir eine Eurer Töchter für dieſe Nacht, denn nach dem, was mein Aſtrolog ſagt, und er iſt ein Mann, der ſich nie irrt, iſt es möglich, daß eine Eurer Töchter meine Gemahlin wird. Der Müller, der ſich dies als eine große Ehre an⸗ rechnete, hatte Nichts dagegen, und nachdem dem Könige im beſten Zimmer der Mühle ein Bett hergerichtet war, führte er ihm ſeine älteſte Tochter zu. Der Aſtrolog ging wieder ins Freie, um die Sterne von Neuem zu befra⸗ gen, und da das junge Mädchen ſchon halb entkleidet war, ſo kehrte er raſch zurück, und ſagte, der König möge ſich hüten, weiter vorzuſchreiten, denn dieſe ſei nicht die ihm beſtimmte Frau. Hierauf rief Pipin den Müller, und hieß ihm, ihm ſeine jüngſte Tochter herzubringen, die wenigſtens eben ſo hübſch als die älteſte war, ſo daß der König ſich tröſtete, und ſelbſt glaubte, daß er bei dem Tauſch eher gewonnen als verloren hätte; aber in dieſem Augenblick trat der Aſtrolog noch beſtürzter als das erſte Mal wieder ein, und ſagte zu ſeinem Herrn, daß er die Sterne von Neuem befragt habe, und daß das junge Mädchen, welches ſich in ſeinem Zimmer befinde, nie ſeine rechtmäßige Gemahlin werden würde, und daß es —— 8 4 4 6 —— — dem zu Folge gut ſei, ſie wieder fortzuſchicken. Sogleich ließ Pipin den Müller zum dritten Mal kommen, und fragte ihn, ob ſich bei ihm keine andere Frau befinde, als die beiden jungen Mädchen, welche er ihm nach ein⸗ ander zugeführt habe. Der Müller fürchtete, es möge ihm irgend ein Unglück begegnen, wenn er länger die Wahrheit verhehlte, und geſtand Pipin, daß ſeit etwa drei Jahren ein ſchönes Fräulein bei ihm wohne, deren Heimath und Familie ihm unbekannt ſeien, und die bei ihm lebe und ſich mit Stickerei beſchäftige. Als der Aſtro⸗ log dieſe Worte hörte, ſagte er, er möge ſie herbeifüh⸗ ren, denn aller Wahrſcheinlichkeit nach ſei ſie es, welche die Sterne bezeichneten. Aber Pipin war ſo neugierig, das unbekannte Fräulein zu ſehen, daß er die Rückkehr ſeines Aſtrologen nicht abwartete, ſondern dem Müller auftrug, das junge Mädchen zu holen. Der Müller ge⸗ horchte, und holte Bertha, welche mit niedergeſchlagenen Augen und ganz ſchamroth ankam; dann verſchloß er die Thür hinter ihr und entfernte ſich. Pipin ging nun auf das junge Maͤdchen zu, die, als ſie ihn ſich nähern hörte, die Augen aufſchlug und die Hand ausſtreckte, um ihn zu⸗ rückzuſtoßen; aber kaum hatte ſie ihn angefehen, als ſie ihn ſogleich nach dem Portrait erkannte, welches man ihr geſendet hatte, und auf ihre Kniee fiel und ſprach: — Ihr könnt mit Eurer Magd machen, was Euch beliebt, denn Ihr ſeid mein Herr und mein König. Pipin hob ſie wieder auf, denn ſeinerſeits war er be⸗ troffen von ihrer Schönheit, um ſo mehr, da dieſe Schön⸗ heit ſeinen Augen nicht fremd war, ohne daß er ſich — — 4189— hätte Rechenſchaft ablegen können, wo und wie ſie ihm ſchon vorgekommen; außerdem ſetzte ihn noch der Umſtand in Erſtaunen und verſtärkte ſeine Mußmaßung, nämlich, daß das junge Mädchen ihn ſogleich erkannt hatte; aber er verſchob die Nachforſchung darüber für eine ſpätere Zeit. In dieſem Augenblick klopfte der Aſtrolog an die Thür, die bereits verſchloſſen war, und der König fragte, wer da ſei. — Ich bin es, antwortete der Aſtrolog. — Nun, fragte Pipin ungeduldig, was willſt Du noch von mir? — Sire! erwiderte der Aſtrolog, ich komme, Euch zu ſagen, daß Ihr jetzt Prinzeſſin Bertha, die Tochter des Königs von Krain, Eure rechtmäßige Gemahlin bei Euch habt, und daß diejenige, mit der Ihr ſeit drei Jah⸗ ren lebt, nur Eure Concubine iſt. — Ihr ſeid ein alter alberner Schwätzer, ſagte Pipin; aber das ſoll Nichts ausmachen, die Sache ſteht jetzt gut, und ich bin zufrieden; geht daher zu Bette und laßt mich in Ruhe. Der Aſtrolog entfernte ſich brummend; aberpun ſagte das junge Mädchen zum König: — Sire, dieſer Mann hat Euch die Wahrheit geſagt; ich bin Prinzeſſin Bertha, die Tochter des Königs von Krain, und hier iſt der Ring, den Ihr mir geſendet habt. Bei dieſen Worten zog ſie den Ring vom Finger, den ſie von Pipin erhalten, und welchen der ſchurkiſche Haus⸗ . 3 — 190— hofmeiſter ihr an dem Tage wieder abnehmen zu laſſen vergeſſen hatte, wo er ſie wollte ermorden laſſen. Sie erzählte hierauf Pipin, wie die beiden Männer Mitleid mit ihr gehabt, wie ſie zu dem Müller geführt worden, und wie ſie ſchon drei Jahre lang ſich daſelbſt aufhalte, und alles verſchwiegen habe. Auf dieſe Weiſe plauderten ſie die ganze Nacht, und als es Tag geworden war, wollte der König ſie mit ſich fortnehmen; aber ſie warf ſich auf die Kniee, und mit reizender Schamhaftigkeit bat ſie den König, ihr nicht den Schmerz zuzufügen, daß ſie ihre Freude durch den Tod eines Menſchen vergiftet ſehen müſſe. Pipin wollte zwar davon Nichts hören; aber ſie bat ſo eifrig, und un⸗ ter ſo ſüßen und zärtlichen Liebkoſungen, daß der König ihr endlich verſprach, ſeine Rache noch zu vertagen. Hier⸗ auf führte ſie den König in ihr Zimmerchen, zeigte ihm ihre Stickerei und ihr kleines jungfräuliches Bette, und zwar mit einer Reinheit und Keuſchheit, daß der König, trunken von Glück, die Arme um ſie ſchlang, und aus⸗ rief: — Ihr ſeid eine von Gott gefegnete Frau, geſegnet ſei auch die Frucht, die Ihr heute von mir unter Eurem Herzen traget. Dann ſchied er, empfahl aber vorher Bertha aufs Zärtlichſte dem Müller, dem er für die Zukunft alle auf der Mühle laſtenden Steuern erließ und befahl, daß, wenn das zu erwartende Kind ein Knabe ſei, man ihm einen Pfeil ſende, wäre es ein Müdchen, ſollte man ihm eine Stickereinadel ſenden. — 191— Bertha begleitete ihn beinahe eine halbe Stunde Wegs von der Mühle weg, und ließ ſich das Verſprechen ge⸗ ben, daß er nicht eher zurückkehren wolle, als bis ihr Wochenbett überſtanden ſei, und Pipin leiſtete dieſes Ver⸗ ſprechen. So wie ſie allein waren, verbot er ſeinem Aſtrolo⸗ gen und ſeinem Kammerdiener, mit der ganzen königli⸗ chen Gewalt, die er über ſie ausübte, irgend ein Wort von dem Vorgefallenen zu erwähnen, und ſie ver⸗ ſprachen es ihm bei Leibes Leben. Sie fetzten dann ihre Pferde in Galopp bis zu einem Schloß, welches ſich auf der Hälfte des Weges befand; und nachdem ihre Pferde dort ſich ausgeruhet und erfriſcht hatten, ſetzten ſie den Weg weiter fort, und erreichten am Abend Wei⸗ henſtephan. Was Prinzeſſin Bertha betrifft, ſo war ſie nicht eit⸗ ler oder ſtolzer als zuvor, wiewohl ſie nun Königin ei⸗ nes großen Reichs geworden, und ſie fuhr fort, eben ſo ſchöne Stickereien als früher anzufertigen, welche der Müller auf gewohnte Weiſe in der Stadt verkaufte. So veränderte ſich alſo Richts in ihrer Lebensweiſe, nur mußte die älteſte Tochter des Müllers jetzt mit in ihrer kleinen Kammer ſchlafen, und jeden Abend betete die gute Königin zu Gott, daß er ſie recht lange in der Mühle laſſen möge. Nach neun Monaten genas ſie eines Sohnes, den der Müller als ſein Kind taufen ließ, und welches den Namen Carl erhielt, wie Pipin es vorgeſchrieben hatte. — 192 Als die Taufe vorüber war, nahm der Müller einen Pfeil, und trug ihn zu dem König Pipin, der dar⸗ über ſo erfreut war, daß er eine volle Goldbörſe von ſeinem Gürtel ablöſete, und ſie dem Müller als Preis der ihm überbrachten guten Nachricht ſchenkte. — IV. Wie Koͤnig Pipin ſteben Jahre lang gegen die Ungläubigen kämpfte, und wie er nach Ablauf dieſer Zeit den Haushofmeiſter beſtrafte, und ſeine wahre Gemahlin heirathete. As Pipin den Pfeil erhielt, hätte er wohl gern ſo⸗ gleich ſeine Frau und ſeinen Sohn aufgeſucht, aber er hatte ſo eben Briefe aus Frankreich erhalten, welche ihm meldeten, daß ein König, Namens Marſilias, ein ſehr zahl⸗ reiches Heer zuſammen zöge, und damit gegen die Chri⸗ ſten marſchirte. Da dieſer ein mächtiger König war, und vier Königreiche beſaß, ſo berief Pipin, der vom Papſte Stephan II. zum König über alle Könige ernannt war, ſämmtliche chriſtliche Könige und Fürſten, die ihm unter⸗ geben waren, und marſchirte mit ihnen gegen die Ungläu⸗ bigen und ſchlug ſie. Nachdem er dieſelben geſchlagen, fiel er mit ſeinem mächtigen Heer in Spanien ein, und A. Duma's Novellen. Vierter Band. 13 — 194— als er dort ſein Lager aufgeſchlagen, verbrannte er Alles, was zu verbrennen war, und belagerte die feſten Schlöſ⸗ ſer, wovon einige ſich aus Hungersnoth ergaben, andere mit Sturm genommen wurden. Er ließ alle Beſatzungen über die Klinge ſpringen, mit Ausnahme derer, welche einwilligten, Chriſten zu werden. Aber wie ſchnell und glücklich er auch operirte, ſo brauchte er doch drei Jahre, bevor er ganz Spanien erobert hatte. Als nun Marſi⸗ lias ſah, daß ſeine vier Königreiche im Beſitz der Chriſten waren, ſendete er eine zahlreiche Geſandtſchaft an den König Pipin, und bat ihn, wieder heimzukehren, indem er ſich verpflichtete, die Kriegskoſten zu bezahlen, und in ſeinem Leben nie wieder gegen die Chriſten zu Felde zu ziehen, welches er mit ſeinem Siegel bekräftigen wollte. Pipin nahm dieſe ſchönen Vorſchläge um ſo freudiger an, da ein Courier ihn benachrichtiget hatte, daß die Sachſen und Ungarn ſich gegen ihn verbündet hätten, mit den Völkern jenſeits des Meeres, und in Deutſchland eingefal⸗ len wären. Der Friede zwiſchen ihm und dem König Marſilias wurde denmach abgeſchloſſen und beſchworen, und er kehrte nach Schloß Weihenſtephan zurück. Aber dort erfuhr er ſo ſchreckliche Nachrichten über die Heiden, daß ihm wieder keine Zeit blieb, ſeine Gemah⸗ lin und ſeinen Sohn zu beſuchen, und daß er ſich beeilte, von Neuem alle chriſtlichen Fürſten, welche der Papſt Stephan II. unter ſeinen Befehl geſtellt hatte, zu verſam⸗ meln, indem er ihnen dringend empfahl, binnen zwölf Ta⸗ gen ſich, ganz bewaffnet und ganz gerüſtet, mit ihm zu vereinigen. — 195— Während er ſelbſt ſich damit beſchäftigte, ſeine Ar⸗ mee zu organiſiren, wünſchte er neue Kunde von ſeiner Frau und ſeinem Sohne zu haben; dem zu Folge befahl er ſeinem Aſtrologen und ſeinem Diener, ſich nach Reis⸗ mühl zu begeben, und ſich in der Mühle zu erkundigen, wie beide ſich befänden. Der Aſtrolog und der Diener machten ſich auf den Weg und kamen am nächſten Tage Morgens bei der Mühle an. Der Müller erkannte ſie ſchon von Weitem, eilte zu Bertha und ſagte ihr, daß er die beiden Männer kommen ſähe, welche den König Pipin an jenem Abend begleitet hätten, wo derſelbe in der Mühle geſchlafen. Bertha fragte hierauf, ob ihr Herr bei ihnen ſei, und da ſie gebört, daß dies nicht der Fall war, ſo verriegelte ſie ihre Thür. Nachdem aber die Geſandten ſich als Freunde kund gegeben, führte der Müller ſie zu dem Fenſter, und Bertha bewillkommnete ſie durch das Gitter deſſelben, denn ſie hatte geſchworen, daß kein anderer Mann als ihr Gemahl in ihr Zimmer eintreten ſolle. Vor dem Fen⸗ ſtergitter alſo beſtellten ſie die Grüße des Königs, und erzählten ihr, wie er die Ungläubigen beſiegt habe, und im Begriff ſei, neue Völkerſchaften zu beſiegen, was die Urſache ſei, daß er nicht ſelbſt käme. Bertha erwiderte, daß der König der Herr und ſie die Magd ſei, daß der⸗ ſelbe demnach in Bezug auf ſie handeln koͤnne, wie es ihm gut dünke, und daß ſie ſchon glücklich und zufrieden ſei, wenn ihr Meiſter und Herr ſie nicht vergäße. Hier⸗ auf ſagten die Boten, daß ſie Befehl hätten, auch den kleinen Karl zu ſehen, und man ließ ihn won einer Wieſe, nfffffffèèèè⁊ — 196— auf der er mit ſeinen kleinen Gefährten ſpielte, herbeiho⸗ len. Er kam ſehr übel gelaunt darüber an, daß man ihn bei ſeinem Spielen geſtört hatte, und der Aſtrolog, nachdem er die Linien ſeiner Stirn und ſeiner Hand ge⸗ prüft hatte, prophezethete, daß er ein großer Kaiſer wer⸗ den würde. Nach dieſer Wahrſagung kehrte der kleine Karl zu ſeinem Spiel auf der Wieſe zurück, und die Geſandten ſchlugen den Weg nach Weihenſtephan wieder ein, wo ſie den König Pipin voch immer ſehr beſchäftigt mit den Vor⸗ bereitungen zum Kriege fanden, und ſie berichteten ihm wörtlich Berthas Antwort, welche ſo lautete: Daß ſie in der Mühle zu bleiben wünſche, ſo lange dies ihrem Ge⸗ mahl angenehm wäre, und daß ſie, während er Krieg führe, inbrünſtig zum Allerhöchſten beten werde, damit er ihm den Sieg verleihe, und die Heiden ihm unterwür⸗ fig mache. Der König ward durch dieſe guten Nachrichten von ſeiner geliebten Bertha ſo erfreut, daß ſeine Höflinge ſich über ſeine gute Laune ſehr wunderten, und da ſie die ih⸗ rige gern der ſeinigen unterordneten, ſo hörte man drei Tage lang nur heiteres Lachen auf dem Schloſſe zu Wei⸗ henſtephan. In der Zwiſchenzeit erfuhr man, daß die Ungläubigen mit einer großen Armee heranrückten. Kö⸗ nig Pipin ſammelte daher alle ſeine Truppen, und rückte ihnen entgegen; aber vierzehn Tage lang wichen die Hei⸗ den einer Schlacht aus, denn ſie waren noch nicht alle beiſammen. Seinerſeits war der König nicht böſe über dieſe Verzögerung, denn er erwartete noch etliche chriſtliche — 197— 5 Fürſten, welche in ſtarken Tagemärſchen heranrückten. Als dieſe Fürſten angekommen waren, und die Ungläubigen ſa⸗ hen, welche ſchöne Armee König Pipin hatte, hätten ſie nicht nur gern den Tag der Schlacht noch weiter hinaus⸗ geſchoben, ſondern ſie wünſchten, dieſelbe wo möglich ganz zu vermeiden, da ihre Zahl zu den der Chriſten ſich nur wie drei zu eins verhielt, welches ſie ſehr beunruhigte. Aber König Pipin ließ ihnen nicht Zeit, an den Rückzug zu denken, und griff ſie ſo lebhaft an, daß nach kaum ein⸗ ſtündigem Kampfe ſie in die Flucht geſchlagen waren, dann verfolgte er ſie mit verhängtem Zügel, metzelte eine große Menge der Flüchtlinge nieder, und machte die hauptſäch⸗ lichſten Anführer zu Gefangenen. Hierauf, um nicht die Frucht eines ſo ſchönen Sieges zu verlieren, ſetzte er ſich mit großen Streitkräften im Lande der Sachſen und im Königreich Böhmen feſt, und verlebte allda zwei Jahre unter beſtändigem und ſtets ſiegreichem Kampfe, ſo daß dieſe zuletzt große Anſtrengungen machten, und eine be⸗ trächtlichere Armee, als ſie je gehabt, auf die Beine brachten, womit ſie auf Pipin anrückten. Als Pipin dieſe Kunde zu Ohren kam, und er die große Zahl des Heeres erfuhr, wurde er dadurch ſehr be⸗ unruhigt, denn er war der einzige Schutzwall der Chri⸗ ſtenheit, und wurde er überwältigt, ſo war die Religion unſeres Herrn Jeſu Chriſti in noch größerer Gefahr, als welcher ſie zur Zeit ſeines Vaters Karl Martel, ruhmrei⸗ chen Andenkens, ausgeſetzt geweſen war. Er war daher in ſeinem Zelte ſehr traurig, und ſo ſehr mit ſeinen trüben Gedanken beſchäftigt, daß die Lampe — 198— welche daſſelbe erleuchtete, verloſchen war, ohne daß er es bemerkt hatte, doch plötzlich erhellte ſich die Finſterniß durch ein ſeltſames Licht; er erhob die Augen, und ſah einen Engel vor ſich ſtehen. Der Engel hielt eine goldene Kette in der Hand, an deren Ende ein großer ausgehöl⸗ ter Smaragd hing, und mitten in dieſem Smaragd be⸗ fand ſich ein Stückchen von dem echten Kreuze. Dann ſtreckte der Engel die Hand aus und ſagte zu ihm: Pi⸗ pin, nimm dieſes Stück des echten Kreuzes, vertraue Gott, marſchire gegen den Feind, Du wirſt Sieger ſein. Und Pipin warf ſich auf die Knie, um das Geſchenk in Empfang zu nehmen; der Engel hing ihm die Kette um den Hals, und ſtieg wieder zum Himmel empor. So der Hilfe des Himmels gewiß, fürchtete Pipin Nichts mehr, er marſchirte gegen den Feind, und lieferte ihm eine blutige Schlacht, in welcher derſelbe ſo total ge⸗ ſchlagen wurde, daß es ihm von dieſem Augenblicke an unmöglich war, ſich wieder zu ſammeln; aber da waͤh⸗ rend der Schlacht König Pipin ſtets dort war, wo der Kampf am hitzigſten geführt wurde, ſo erhielt er von ei⸗ nem Ungläubigen einen Säbelhieb, welcher ſeine Kette durchſchnitt, ſo daß der Smaragd, welcher das Stück vom wahren Kreuze enthielt, zur Erde fiel, und verloren ging. Vier Jahre ſpaͤter pflügte ein Landmann auf dem frühern Schlachtfelde. Seine Ochſen aber blieben plötzlich ſtehen und knieeten nieder, auch waren ſie, aller Schläge ohngeachtet, die er ihnen beibrachte, nicht zu bewegen, wie⸗ der aufzuſtehen; da dachte der Bauer, daß dort irgend 1 3 — 199— ein Wunder ſtattfinden müſſe, ließ ſeine Ochſen und ſei⸗ nen Pflug wo ſie waren, und benachrichtigte König Ste⸗ phan von Ungarn, der ein ſehr gottesfürchtiger Mann war, von dem Vorgefallenen. König Stephan berief hier⸗ auf ſeine Cleriſeh und zog mit großer Feierlichkeit in die Ebene, wo er den Pflug unbeweglich und die Ochſen noch auf den Knieen fand. Der Erzbiſchof grub dann mit den Händen in die Erde, und fand darin die himmliſche Re⸗ liquie, welche der Engel an Pipin überbracht hatte. Als⸗ bald wurde auf der nämlichen Stelle eine prächtige Kapelle erbauet, die wegen der wunderthaͤtigen Dinge, welche dort ſich ereigneten, bald eine große Menge Wallfahrer an g. Während dieſer Zeit wuchs der kleine Karl herän, und war mit neun Jahren ein ſo großer Knabe geworden, 5 daß man ihn für zwölfjährig hielt. Wie wir ſchon er⸗ wähnten, pflegte er auf der Wieſe hinter der Mühle, mit andern Kindern ſeines Alters, welche die Pferde, die Kühe und Ziegen im Walde hüteten, zu ſpielen, denn es war ihm gänzlich unbekannt, wer ſein Vater ſei. Eines Tags beim Spielen ereignete ſich's, daß einer der Knaben einem Spielgefährten einen Zügel ſtahl, und ihn in ſeinem Aermel verbarg. Als derjenige, dem der Zügel geſtoh⸗ len war, den Diebſtahl bemerkte, beklagte er ſich darüber ſehr, denn er fürchtete, von ſeinem Herrn Schläge zu be⸗ kommen. Karl verſammelte hierauf alle Kinder und fragte ſie mit Nachdruck: — Wer von Euch hat den Zügel? Er gebe ihn auf der Stelle zurück, oder er wird als Dieb behandelt wer⸗ den. * * E — 200— Der Knabe, welcher den Zügel hatte, antwortete: — Wenn Jemand geſtohlen hat, ſo biſt Du es wohl eher, als irgend ein Anderer.: Der kleine Karl wurde ganz roth vor Zorn und ſagte: — Du klagſt mich an, den Zügel genommen zu ha⸗ ben, aber ich werde bald wiſſen, wer ihn hat, und derje⸗ nige bei dem er ſich findet, wird. ſehr beſtraft werden. Wir wollen daher einander durchſuchen, bis er ſich findet. Alle ſtimmten bei, ſo daß der Dieb wohl auch beiſtimmen mußte, und um den Unſchuldigen zu ſptelen, durchſuchte er zuerſt Karl, und fand Richts bei ihm. Hierauf ſagte Karl:— Jetzt iſt es an mir, Dich zu durchſuchen, und indem er ihn bei dem Aermel faßte, zog er den Zü⸗ gel daraus hervor. Als die kleinen Knaben dieſes ſahen, ſagten ſie, Karl ſolle der Richter ſein, da er ihn gefun⸗ den, und Karl antwortete: — Da ich das Urtheil ſprechen ſoll, ſo kann ich nichts Beſſeres thun, als dieſelben Worte zu gebrauchen, die der große König Pipin bei ſeiner letzten Verurtheilung aus⸗ ſprach: „Derjenige, welcher ein Gut nimmt, welches ihm nicht gehört, verdient am Halſe aufgehängt zu werden.“ Der Spruch gefiel den Kindern, welche als eine Art Spiel, denn ſie wollten nicht, daß der Dieb davon ſtürbe, ſich zu deſſen Vollziehung anſchickten. Sie legten ihm alſo einen Strick um den Hals, wäh⸗ rend andere einen jungen Baum umbogen, und das Ende des Strickes an deſſen Gipfel befeſtigten. Nachdem dieſe —yyyV—— 1 4 — 201— nachgeahmte Execution vollzogen, wollten ſie den Dieb wieder losknüpfen, aber unglücklicher Weiſe für ihn lief ein Berghaſe vorbei; die Kinder liefen hinter ihm her, die⸗ jenigen, welche den Baum gebogen hielten, ließen ihn los, er richtete ſich wieder auf, und der Dieb war wirklich ge⸗ hangen. Als die Kinder von der Verfolgung des Haſen zu⸗ rückkehrten, fanden ſie ihren Kameraden todt. Sie er⸗ ſchraken darüber ſehr, und eilten in verſchiedenen Richtun⸗ gen davon, nur Karl ging ganz ruhig nach Haus, und erzählte ſeiner Mutter das Vorgefallene, als ſei es die na⸗ türlichſte Sache. Bertha rief ſogleich den Müller herbei, denn da ihr der Vater des kleinen Diebes als ein böſer Mann bekannt war, ſo ſchöpfte ſie große Furcht. In der That hatte der Vater geſchworen, alle kleinen Knaben, die dem Ur⸗ theil beigeſtimmt, zu hängen, wenn ſie ihm denjenigen nicht nennten, der ihn gehängt hätte. Alle ſchoben die Ausführung auf Karl, ſo daß der Vater ſchwor, daß er nur von ſeiner Hand ſterben werde. Als der Müller dies erfuhr, und nicht wußte, was er machen ſollte, führte er Karl zu dem Herrn von Pihl, wo er das Kind minde⸗ ſtens ſicher wußte. Der Vater des kleinen Diebes erhob darob einen ſo großen Lärm, daß das Gerücht dieſes Abenteuers bis zum König Pipin gelangte, welcher gerade aus Ungarn zurückgekommen war. König Pipin befahl hierauf, daß der Kläger vor ihn gebracht werde und ſeine Klage anbringe. Er ließ zugleich alle anderen Kinder als Zeugen mit beſchei⸗ „ — 202— den, und da die Sache großes Aufſehen machte, ver⸗ ſammelte er ſeinen ganzen Hof, um bei dem Gericht zu⸗ gegen zu ſein. Am feſtgeſetzten Tage erſchien der Vater vor dem König Pipin; der Beklagte wurde von einer ſchwarz ge⸗ kleideten und verſchleierten Frau herbeigeführt, die andern Kinder erſchienen an der Hand ihrer Eltern; der ganze Hof war verſammelt; die untergeſchobene Königin ſaß auf ihrem Thron an der Seite ihres Gemahls; auch der ver⸗ rätheriſche Haushofmeiſter fehlte nicht und ſtand hinter dem König, an ſeiner Seite ſtanden ſeine beiden Söhne, die, nachdem ſie herangewachſen, zwei tapfere Ritter ge⸗ worden waren, und wacker mit gegen die Ungläubigen ge⸗ kämpft hatten. Ihre Mutter, die Frau des Haushofmei⸗ ſters, war ſchon vor mehren Jahren geſtorben. Pipin hörte die Klage des Vaters an; dann ließ er den kleinen Karl vortreten und fragte, was er zu antwor⸗ ten habe. Karl antwortete, daß, wenn man ihn ſtrafen wolle, man auch den König Pipin ſtrafen müſſe, weil er bei dem Diebe die eigenen Worte und die nämliche Strafe angewendet habe, die der König bei ähnlicher Veranlaſ⸗ ſung zu einem Diebe geſprochen, und die er ihn habe er⸗ leiden laſſen. Pipin, erſtaunt über dieſe feſte Antwort, befragte die Kinder, welche alle darin übereinſtimmten, daß der Ge⸗ hängte wirklich geſtohlen habe, und daß der Urtheilsſpruch in aller Form ausgeſprochen ſei. 8 Der König wendete ſich hierauf wieder zu dem Bauer und ſagte: f — 203— 8 3 — Guter Mann, es giebt nicht zweierlei Gerechtig⸗ keit, Dein Sohn verdiente gehängt zu werden, und er iſt gehängt worden; das iſt ein Unglück, aber ich kann Nichts gegen den Richter haben, der ein ſo gutes Urtheil fällte. Dann ließ er Karl näher treten, und ſagte zu ihm: — Mein kleiner Freund! wer iſt Dein Vater? — Sire, erwiderte der Knabe, ich kenne ihn nicht. — Iſt er denn todt? fragte Pipin. — Nein, Sire! antwortete der Knabe, denn jeden Morgen und jeden Abend betet meine Mutter für ihn. — Und weer iſt Deine Mutter? fuhr der König fort. — Sire! ſagte das Kind, indem es vor dem König niederknieete, meine Mutter hat mir geſagt, wenn Sie dieſe Frage an mich richten, Ihnen dieſen Ring zu über⸗ geben. Bei dieſen Worten zog das Kind einen Ring von ſei⸗ nem Finger, und überreichte ihn dem König. Pipin er⸗ kannte den Ring, welchen er der Tochter des Königs von Krain geſendet hatte. Von dieſem Augenblicke an zweifelte er nicht mehr, daß Karl ſein Sohn ſei, und er wendete ſich zu ihm mit den Worten: — Geh und hole Deine Mutter. Das Kind ging gerade auf die verſchleierte Frau zu, und führte ſie an die Stufen des Königsthrones. Pipin ſtand nun auf, ſtreckte die Arm aus und ſagte: — Da heut ein Tag der Gerechtigkeit iſt, ſo möge Jedermann Gerechtigkeit widerfahren. Höret demnach, was ich Euch zu ſagen habe. * — 204— Und alle waren ſtill, um die Worte des Königs zu hören. — Einſt verlobte ſich ein mächtiger Fürſt mit einem jungen Mädchen aus fernem Lande. Der Fürſt beauf⸗ tragte Jemand, den er für ſeinen beſten Diener hielt, die⸗ ſelbe vom Hofe ihres Vaters abzuholen und ſie ihm zuzu⸗ führen; aber anſtatt derjenigen, die dem König verlobt war, gab der verrätheriſche Diener die Kleider und Edel⸗ ſteine der Verlobten, welche zu tödten er zweien Dienern auftrug, ſeiner Tochter, und legte dieſe in das Bette des Fürſten, anſtatt der Jungfrau, die dieſer erwartete. Sa⸗ get mir jetzt, war das ein treuer Diener oder nicht? Alle antworteten wie mit einer Stimme, daß dies ein ehrloſer Schurke ſei. Nachdem der König das gegen den Verräther ausge⸗ ſprochene Urtheil vernommen, und gehört hatte, daß es einſtimmig war, wendete er ſich an den aͤlteſten Sohn des Haushofmeiſters, und ſagte zu ihm: — Welche Strafe hat, nach Eurer Meinung, der Mann verdienet, welcher ſeinen König verrathen hat? — Gnädigſter Herr und König, antwortet beſcheiden der junge Mann, wollet gefälligſt darüber das Urtheil eines weiſern und beſſer unterrichteten Mannes hören, als ich bin. — Da ich mich an Euch gewendet habe, antwortete der König, ſo iſt es Euer Urtheil, welches ich zu hören wünſche; Andere werden nach Euch ſprechen. — Wohlan, Sire, antwortete der junge Ritter, ein ſolcher Mann verdient an den Schweif eines Pferdes ge — 205— H bunden, ſo aus der Stadt geſchleift und dort verbrannt zu werden. Der König verlangte hierauf die Meinung des zwei⸗ ten Sohnes vom Haushofmeiſter, welcher antwortete: — Sire, ich trete dem Urtheil meines älteſten Bru⸗ ders bei. Hierauf befragte er alle Uebrigen, und alle gaben denſelben Beſcheid, wie die Söhne des Haushofmeiſters. Zuletzt wendete er ſich an den Haushofmeiſter ſelbſt, und fragte nach ſeinem Urtheil. — Gnädigſter Herr und König, es iſt nicht an mir, gegen mich ſelbſt ein Urtheil zu fällen; denn ich habe in der That das Verbrechen begangen, deſſen Ihr mich an⸗ klaget. — Wohlan! antwortete der König, Euch werde die Strafe zu Theil, die Euer eignes Blut über Euch ver⸗ hängt hat. Nachdem er ihn ſogleich, ungeachtet der Bitten Ber⸗ thas, von den Wachen hatte ergreifen laſſen, befahl er, daß er an den Schwanz eines Pferdes befeſtigt, durch die Straßen der Stadt geſchleift und außerhalb des Thores verbrannt werde. Er verbannte auch die untergeſchobene Königin, be⸗ hielt aber, wie dies Rechtes, die mit ihr erzeugten Kinder. Noch an demſelben Tage feierte König Pipin ſeine Hochzeit mit ſeiner wahren Gemahlin, und jetzt erſt er⸗ fuhr Karl, daß der König ſein Vater ſeiz bis dahin hätte er darauf geſchworen, daß er ein Sohn des Müllers wäre; aber er wurde nicht ſtolzer, da er ein Königsſohn war — 206— 4 und behandelte ſeine Brüder und Schweſtern ſehr freund⸗ ſchaftlich, vor allen Leo und Bertha, für die er große Freundſchaft fühlte. Und König Pipin regierte glücklich und ruhmvoll bis zum Jahre 768 unſers Herrn, in welchem er ſtarb, und dies fraͤnkiſche Reich ſeinem Sohne Karl dem Großen hinterließ. In dieſem nämlichen Jahr wurde der Sicilianer Ste⸗ phan III. zum römiſchen Papſt erwaͤhlt. 8 ſiſffſiſinſſſſſnſſſſi 14 15 16 17 I 8 ſiſffſiſinſſſſſnſſſſi 14 15 16 17 I