Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher L von. Eduard Oitmann in Gief Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag vos 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. b 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buch jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt 3 den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entg. 2 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechend hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuri Kr 4 wird. r. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt wed r. 1 beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 auf 1 Monat: 4 Mit.— Pf. 1 Mrr. 50 Pf. 2— „ 3*„ 3„=„ 3 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zur. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu 8 6. Schadenersatz. 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September 1338, um drei Viertel auf fünf Uhr Abends, war der große Saal des Palaſtes von Weſtmünſter nur erſt durch vier Fackeln erleuchtet, von in die Ecken der Wände befeſtigten eiſernen Fäu⸗ ſten gehalten, und deren ungewiſſes und flackerndes Licht mit großer Mühe die Dunkelheit zerſtreute, welche durch die gegen Ende des Sommers und Anfang des Herb⸗ ſtes bereits ſo merkbare Abnahme der Tage veranlaßt wurde. Dennoch genügte dieſes Licht, um zu den Vor⸗ bereitungen zum Abendeſſen den Dienern des Schloſſes zu leuchten, die man inmitten dieſes Halbſchattens ge⸗ ſchäftig die auserleſenſten Gerichte und Weine jener Zeit auf eine lange, in drei verſchiedene Höhen abge⸗ ſtufte Tafel ſtellen ſah, damit jeder von den Gäſten an den Platz ſich ſetzen konnte, den ſeine Geburt oder ſein Rang ihm anwies. Nach Vollendung dieſer Vorberei⸗ tungen trat der Haushofmeiſter gravitätiſch durch eine Seiten achte langſam den dienſtlichen Rund⸗ ob Alles an ſeinem Platze ig, blieb er dann vor ſßen Thüre ſeiner Würde eines Mannes, der die Wichtigkeit ſeiner Verrichtungen kennt: „Alles geht gut, blaſet zum Waſſer.“*) Der Diener ſetzte an ſeine Lippen ein kleines elfen⸗ beinernes Waldhorn, das er auf der Schulter hangend trug, und preßte ihm drei gedehnte Töne aus; alſo⸗ gleich ging die Thüre auf, ffünfzig Edelknechte traten hintereinander ein, Fackeln in der Hand haltend, und reihten ſich, in zwei Züge ſich theilend, welche die ganze Länge des Saales einnahmen, an der Wand hin; fünf⸗ zig Pagen folgten ihnen mit ſilbernen Waſſerkannen und Becken, und ſtellten ſich in die nämliche Reihe, wie die Edelknechte; endlich erſchienen nach denſelben zwei Herolde, von denen jeder einen Flügel der wappenge⸗ ſtickten Tapete zu ſich zog, welche zum Thürvorhange diente, und zu beiden Seiten des Einganges ſtehend, riefen ſie mit lauter Stimme:„Platz dem Herrn Kö⸗ nige und der Frau Königin von England!“ nämlichen Augenblicke erſchien der König Im ſeine Eduard III. die Frau Philippine von Hennegau, Gemahlin, zan der Hand; ihnen folgten die berühmte⸗ ſten Ritter und Damen des engliſchen Hofes, der zu jener Zeit einer der glänzendſten auf der Welt war, an Adel, Tapferkeit und Schönheit. Auf der Schwelle des Saales trennten ſich der König und die Königin, und begaben ſich, jedes an einer Seite der Tafel, an das erhabenſte in Bei dieſer Art von Man'ver folgten .*) Man lannte„zum Waſſer zum Mittagsmahle, weil d* 1 ſchen, bevor ſie ſichn — 8 88& 7 ihnen alle Gäſte, die, an dem ihnen beſtimmten Platze angekommen, ſich umkehrten, Jeder zu dem ihm zur Bedienung beigegebenen Pagen; dieſer goß Waſſer aus der Kanne in das Becken, und reichte den Rittern und Damen Waſchwaſſer. Nach Vollendung dieſer vorläu⸗ figen Ceremonie verfügten ſich die Gäſte auf die Bänke, welche die Tafel umgaben; die Pagen ſtellten das Sil⸗ bergeſchirr wieder auf die prächtigen Credenztiſche, von denen ſie es genommen hatten, kehrten zurück, und harreten, regungslos ſtehend, der Befehle ihrer Gebieter. Eduard war ſo ſehr in Gedanken verſunken, daß der erſte Gang abgetragen wurde, bevor er bemerkte, daß der nächſte Platz zu ſeiner Linken leer geblieben war, und daß ein Gaſt bei ſeinem königlichen Feſtmahle fehlte. Nach einer Pauſe des Schweigens jedoch, das Niemand zu unterbrechen wagte, durchliefen ſeine Blicke, ſey's daß ſie auf Gerathewohl herumſchweiften, oder ei⸗ nen Haltpunkt ſuchten, dieſe lange Reihe von Rittern und Damen, in Gold und Edelſteinen funkelnd bei dem ſprühenden Schimmer von fünfzig Fackeln, hafteten ei⸗ nen Augenblick mit einem unbeſchreibbaren Ausdrucke verliebten Sehnens auf der ſchönen Elſe von Granfton, die zwiſchen ihrem Vater, dem Grafen von Erby, und ihrem Ritter, Peter von Montaigu, ſaß, dem, zur Be⸗ lohnung ſeiner guten und treuen Dienſte, der König eben erſt die Grafſchaft Salisbury geſchenkt hatte, und verweilten zuletzt mit Erſtaunen auf dieſem ihm ſo nahen Platze;; Jeder hätte um die Ehre geſtritten, ihn einzu⸗ nehmen, und doch war er leer geblieben. Ohne. fel änderte dieſer Anblick den Ideengang von Ed Geiſte; denn er warf auf die ganze Verſammlung einen fragenden Blick, dem Niemand antwortete. Da er alſo. einſah, daß er eine unmittelbare Frage ſtellen müſſe, 1 um eine genaue Erklärung zu erhalten, wendete er ſich zu einem edlen und jungen Ritter des Landes Henne⸗ gau, der vor der Königin zerlegte, und ſagte zu ihm: „Herr Walter von Mauny, ſolltet Ihr etwa wiſſen, was für eine wichtige Angelegenheit uns heute der An⸗ weſenheit unſers Gaſtes und Vetters, des Grafen Ro⸗ bert von Artois beraubt? Sollte ihn unſer Oheim, der König Philipp von Frankreich, wieder zu Gnaden auf⸗ genommen, und er ſo große Eile gehabt haben, unſere Inſel zu verlaſſen, daß er ſogar vergaß, uns den Ab⸗ ſchiedsbeſuch zu machen?“ „Ich vermuthe, Sire„“ antwortete Walter von Mauny,„der Herr Graf Robert dürfte nicht ſo ſchnell vergeſſen haben, daß König Eduard ſo großmüthig war; ihm ein Aſyl zu gewähren, welches, aus Furcht vor dem Könige Philipp, die Grafen von Auvergne und Flandern ihm verweigert hatten.“ „Dennoch that ich nur, was ich ſollte, Walter, der Graf Robert iſt aus königlichem Geblüte, weil er vom Könige Ludwig VIII. abſtammt, und daß ich ihn auf⸗ nahm, war wohl das Mindeſte. Uebrigens iſt das Verdienſt der Gaſtfreundſchaft meinerſeits nicht ſo groß, als jenes der Fürſten geweſen wäre, die Ihr ſo eben nanntet. England iſt, durch die Gnade des Himmels, eine ſchwerer zu erobernde Inſel, als die Berge der Au⸗ vergne und die Sümpfe von Flandern, und kann un⸗ geſtraft dem Zorne unſers Oberlehensherrn, des Königs —jj— — ——— 2 Philipp, trotzen. Doch gleichviel, es liegt mir deßhalb nicht weniger daran, zu erfahren, was aus unſerm Gaſte geworden iſt. Habt Ihr hierüber keine Nach⸗ richt erhalten, Salisbury?“ „Um Vergebung, Sire,“ antwortete der Graf;„Ihr fragt mich um etwas, worauf ich keine ſchickliche Ant⸗ wort zu geben wüßte. Seit einiger Zeit ſind meine Augen durch den Glanz eines einzigen Antlitzes derge⸗ ſtalt geblendet, meine Ohren ſind ſo aufmerkſam auf die Melodie einer einzigen Stimme, daß ich, wäre der Graf Robert, obgleich ein Königsenkel, an mir vorüber gegangen, ſelbſt mir ſagend, wohin er gehe, wahrſchein⸗ lich ihn weder geſehen noch gehört hätte. Doch wartet, Sire; denn hier iſt ein junger Edelknappe,*) der ſich auf meine Schulter neigt, und vermuthlich hiewegen mir etwas zu ſagen hat.“— Wirklich neigte ſich Wilhelm von Montaigu, Neffe des Salisbury, hinter dem er ſtand, und flüſterte ihm in dieſem Momente einige Worte in's Ohr. „Nun denn?“ fragte der König. „Ich täuſchte mich nicht,“ fuhr Salisbury fort; „Wilhelm begegnete ihm dieſen Morgen.“ „Und wo?“ ſagte der König, indem er das Wort unmittelbar an den jungen Edelknappen richtete. „An den Ufern der Themſe, Sire; er begab ſich gegen Greenwich hinab, und ging ohne Zweifel auf die —Qͥͦᷓq *) Bachelier. So hieß man, die Söhne von guter kunft, die weniger als vier Bachelles Grund u 8 deen beſaſſen. Jagd, denn er trug auf ſeinem Handſchuhe den hübſcheſten Zierfalken, der jemals zur Lerchenbeize abgerichtet wurde.“ „Um wie viel Uhr?“ fragte der König. „Gegen drei Uhr, Sire.“ „Und was hattet Ihr ſo früh an den Ufern der Themſe zu thun?“ fragte mit ſanfter Stimme die ſchöne Elſe. „Ich träumte,“ antwortete ſeufzend der junge Mann. „Ja, ja,“ äußerte Salisbury lachend;„Wilhelm ſcheint in ſeinen Liebſchaften nicht glücklich zu ſeyn, denn ſeit einiger Zeit bemerke ich an ihm alle Symp⸗ tome einer hoffnungsloſen Liebe.“ „Mein Oheim!“ ſagte Wilhelm erröthend. „Wirklich ¹“ rief Elſe mit ſeltſamer Treuherzigkeit aus; „wenn ſich's ſo verhält, will ich Eure Vertraute werden.“ „Habet Mitleiden mit mir, anſtatt meiner zu ſpot⸗ ten, Madame,“ murmelte mit beklommener Stimme Wilhelm, der zugleich einen Schritt zurücktrat, und mit der Hand nach ſeinen Augen fuhr, um zwei große Thränen zu verbergen, die am Saume ſeiner Wimper zitterten. „Der arme Junge!“ ſagte Elſe;„es ſcheint ja Ernſt zu ſeyn.“ „Voller Ernſt,“ antwortete mit ſcheinbarer Wich⸗ tigkeit der Graf von Salisbury;„aber Wilhelm iſt ein verſchwiegener Edelknappe, und ich ſag's Euch zum voraus, daß Ihr ſein Geheimniß erſt erfahren werdet, wenn Ihr ſeine Tante ſeyd.“ Nun erröthete auch Elſe. „Dann erklärt ſich Alles,“ verſetzte der König;„die Jagd wird ihn bis Greenwich geführt haben, und wir werden ihn erſt morgen bei dem Frühſtücke wieder ſehen.“ — 4 4 — „Ich glaube, daß Eure Hoheit ſich irrt,“ äußerte der Graf Johann von Hennegau;„denn ich höre im Vorgemache eine Art Lärm von Stimmen, der wohl ſeine Rückkehr verkünden möchte.“ „Er wird willkommen ſeyn,“ entgegnete der König. Im nämlichen Augenblicke gingen die beiden Flügel der Thüre des Speiſeſaales auf, und der Graf Robert, prächtig gekleidet, trat in den Saal, von zwei Minne⸗ ſängern gefolgt, die auf der Viola ſpielten; hinter ihnen gingen zwei edle junge Mädchen, die auf einer ſilbernen Schüſſel einen gebratenen Reiher trugen, dem man, da⸗ mit er leichter erkannt werden konnte, ſeinen langen Schnabel und ſeine langen Klauen gelaſſen hatte, end⸗ lich hinter den jungen Mädchen kam hüpfend und grimaſſi⸗ rend ein Gaukler, der die Minneſänger, eine baskiſche Trom⸗ mel rührend, aceompagnirte. Robert von Artois begann langſam den Rundgang um die Tafel von dieſem ſeltſamen Zuge gefolgt, und gab bei dem Könige ſtehen bleibend,— der ihn erſtaunt anſchaute, den beiden jungen Mädchen ein Zeichen, den Reiher vor ihn hinzuſtellen. Eduard ſprang mehr von ſeinem Sitze empor, als daß er⸗ ſich erhob, und zu Robert von Artois ſich wendend, ſchaute er ihn mit zorn⸗ funkelnden Augen an; aber als er ſah, daß ſein Blick jenen des Grafen nicht zu ſenken vermochte, rief er mit bebender Stimme aus:„Was ſoll dieß heißen, Gaſt? Vergilt man ſo in Frank⸗ reich die Gaſtfreundſchaft? Iſt ein elender Reiher, deſſen Fleiſch meine Falken und Hunde verſchmähen, ein königliches Wild, das man in unſerer Gegenwart auftiſchen kann?“ und ſtarker Stimme:„es fiel mir ein, als mein Falke „Höret, Sire,“ erwiederte Graf Robert mit ruhiger 12 heute dieſes Thier fing, daß der Reiher der feigeſte Vogel ſey, weil er ſich vor ſeinem Schatten fürchtet, und wenn er in der Sonn⸗ ihn an ſeiner Seite ziehen ſieht, ſchreit und weint, als ſchwebte er in Lebensgefahr; dann dachte ich, daß der Feigeſte der Vögel dem Feige⸗ ſten der Könige ſollte aufgetiſcht werden!“ Eduard fuhr mit der Hand nach ſeinem Dolche. „Iſt nun,“ fuhr Robert fort, ohne daß er dieſe Geberde zu bemerken ſchien,„der Feigeſte der Könige nicht Eduard von England, durch ſeine Mutter Iſabella Erbe des Königreiches Frankreich, und der doch nicht den Muth beſitzt, es dem Könige Philipp von Valois wieder zu nehmen, der es ihm geſtohlen hat?“ Eine ſchreckliche Stille folgte dieſen Worten. Je⸗ der war aufgeſtanden, die Heftigkeit des Königes ken⸗ nend, und alle Blicke waren auf dieſe beiden Männer geheftet, von denen der Eine dem Andern ſo höchſt be⸗ leidigende Worte geſagt hatte. Alle Erwartungen wur⸗ den jedoch getäuſcht: Eduards Geſicht nahm nach und nach wieder den Anſchein von Ruhe an; er ſchüttelte den Kopf, wie um von ſeinen Wangen die Röthe zu ſtieben, die ſie bedeckte; dann legte er langſam ſeine Hand auf Robert's Schulter, und ſagte mit dumpfer Stimme zu ihm:„Ihr habt Recht, Graf; ich vergaß, daß ich ein Enkel Karls IV. von Frankreich ſey; Ihr erinnert mich daran, ich danke; und obwohl der Be⸗ weggrund Eures Thuns eher aus Eurem Haſſe gegen Philipp entſpringt, der Euch verbannt hat, als aus Eurer Dankbarkeit gegen mich, der ich Euch aufnahm, ſo bin ich Euch deßhalb nicht weniger verbunden; denn +—„—-. Achilles, Paris, Hektor und Alexander von Macedonien wüſtung wird angerichtet haben, gleich derjenigen, d. da ich jetzt, Dank Euch, wieder daran denke, daß ich der wahre König von Frankreich bin, ſo ſeyd unbeſorgt, ich werde es nicht vergeſſen, und zum Beweiſe höret das Gelübde, welches ich thun werde. Setzt Euch, meine edlen Seigneurs, und verliert kein Wort davon, ich bitte Euch.“ 8 1 Jedermann gehorchte; nur Eduard und Robert blie⸗ ben ſtehen. Dann ſtreckte der König die rechte Hand über die Tafel aus, und ſprach:„Ich ſchwöre bei die⸗ ſem Reiher, Poltrons⸗ und Memmenfleiſch, und den man vor mich hinſtellte, weil er der feigeſte und furcht⸗ ſamſte Vogel iſt, daß ich vor Ablauf von ſechs Mona⸗ ten mit einem Heere über das Meer werde geſchifft ſeyn, und den Boden Frankreichs betreten haben, durch Henne⸗ gau, Guyenne oder die Normandie einziehend; ich ſchwöre, daß ich den König Philipp überall bekämpfen werde, wo ich ihn treffe, jedesmal„ wenn die Männer meines Gefolges oder meines Heeres auch nur Einen gegen Zehn zählen. Ich ſchwöre endlich, daß ich von heute an vor Ablauf von ſechs Jahren im Angeſichte des Thurmes der erhabenen Kirche St. Denis lagern werde, wo der Leib meines Ahnen begraben liegt, und ich ſchwöre dieß unbeſchadet meines Vaſallenſchafteides, den ich dem Könige Philipp zu Amiens leiſtete, und wel⸗ chhen man mir wie einem Kinde abliſtete, das ich war. Ah! Graf Robert, Ihr wollet Schlachten und Hand⸗ gemenge; wohlan, ich verſpreche Euch, daß niemals der ſo viele Länder eroberte, auf ſeinem Zuge e 14 ich in Frankreich anrichten werde, woferne jedoch es nicht Gott, dem Herrn Jeſu und der ſeligen Jungfrau Maria gefällt, mich während des Unternehmens und vor der Erfüllung meines Gelübdes ſterben zu laſſen. Ich habe geſprochen. Jetzt traget den Reiher weg, Oiif und ſetzt Euch neben mich!“ „Noch nicht, noch nicht,“ verſetzte Robert:„der Reiher muß die Runde um die Tafel machen; es iit vielleicht wohl irgend ein edler Ritter hier, der nach der Ehre ſtrebt, ſein Gelübde jenem des Königs bei⸗„ „ zufügen.“ Bei dieſen Worten gelote er den beiden jungen Mäd⸗ chen, die ſilberne Schüſſel wieder zu nehmen, und machte ſich von Neuem auf den Weg, gefolgt von ihnen und den Minneſängern, die auf der Viola ſpielten, während 3 die jungen Mädchen ein Lied von Gilbert von Berne⸗ 3 wille ſangen, und alſo ſpielend und ſingend kamen ſie hinter dem Grafen von Salisbury an, der, wie geſagt, bei der ſchönen Elſe von Granfton ſaß. Dann blieb Robert von Artois ſtehen, und gab den jungen Mäd⸗ chen ein Zeichen, den Reiher vor den Ritter hinzuſtel⸗ len. Sie gehorchten.. „Schöner Ritter,“ ſagte Robert,„Ihr hörtet, was König Eduard ſagte. Im Namen Chriſti, des Königs der Welt, beſchawüre ich Euch, bei unſerem Reiher zu geloben.“ „Ihr habt wohl gechan, erwiederte Salisbury,„mich bei dem heiligen Namen Jeſu zu beſchwören, denn hät⸗ es bei dem Namen der heiligen Jungfrau ge⸗ würde ich es Euch abgeſchlagen haben, da ich jetzt nicht mehr weiß, ob ſie im Himmel iſt, oder auf 1 Erden, ſo erhaben geſinnt, weiſe und ſchön iſt die Dame, die mich in ihren Banden hält. Nie ſagte ſie mir noch, daß ſie mich liebe, nie gewährte ſie mir etwas, denn noch wagte ich es nie, ſie um Liebe zu bitten. Wohlan, heute flehe ich ſie an, mir eine Gunſt zu bewilligen, nämlich ihren Finger auf eines von mei⸗ nen Augen zu legen.“ 1„Bei meiner Seele,“ ſagte Elſe zärtlich „ die ihr Ritter ſo ehrfurchtsvoll bittet, abſchlägige Antwort geben. zen Fingern verlangt, Graf; gen Euch ſeyn; hier iſt mein Salisbury faßte und küßte . zücken, dann brachte er ſie auf ſolche Art an ſein Ge⸗“ 3 ſicht, daß ſie ihm das rechte Auge völlig bedeckte. Elſe lächelte, indem ſie nicht wußte, was dieß bedeuten ſollte. „Haltet Ihr dieſes Auge für gut geſchloſſen?“ fragte er ſie. „Gewiß,“ antwortete ſie. 4 „Wohlan,“ fuhr Salisbury fort,„ich ſchwöre, mit dieſem Auge den Tag nur auf dem Boden Frankreichs wieder zu ſchauen; ich ſchwöre, daß vor jener Zeit we⸗ V der Wind, noch Schmerz, noch Wunde mich zwingen ſollen, es zu öffnen, und daß ich bis zu jenem Mo⸗ in der Stechbahn, bei der Schlacht kämpfen werde. Mein mag kommen was da will. Wer⸗ in Gelübde thun, Ma „ mein hoher Herr,“ „„eine Dame, kann ihm keine. Ihr habt einen von mei⸗ ich will verſchwenderiſch e ganze Hand.“ ſie mehrmals mit Ent⸗ dame?“ 1 röthend:„ich ſchwöre, daß ich an dem Tage, da Ihr wieder nach London zurückkehren werdet, nachdem Ihr den Boden Frankreichs betreten, Euch mein Herz und meine Perſon mit der nämlichen Freimüthigkeit geben werde, mit der ich Euch heute meine Hand gab, und zum Unterpfande deſſen, was ich jetzt verſpreche, iſt hier meine Schärpe, um Euch Euer Gelübde erfüllen zu helfen.“ Salisbury ließ ſich auf ein Knie nieder, und Elſe — knüpfte ihm ihren Gürtel um die Stirne, unter den f lauten Beifallsbezeigungen der ganzen Tafel. Dann ließ Robert den Reiher, der vor dem Grafen lag, weg⸗ zſ nehmen, und ſetzte in der nämlichen Ordnung ſeinen Weg fort, und immer noch von ſeinen Minneſängern gefolgt, von ſeinen jungen Mädchen und von ſeinem 1 Gaukler; dieſe Art von Ehrengeleit blieb hinter Johann von Hennegau ſtehen. 1 „Edler Herr von Beaumont,“ ſagte Robert von Ar⸗ tois,„werdet Ihr als Oheim des Königs von Eng⸗ land, und als einer der tapferſten Ritter der Chriſten⸗ heit, nicht auch ein Gelübde bei meinem Reiher machen, 3 irgend ein großes Unternehmen gegen das Königreich 4 Frankreich auszuführen?“ „Gewiß, Bruder,“ antwortete Johann von Henne⸗ gau;„denn ich bin verbannt, wie Ihr, und zwar, weil ich der Königin Iſabella beiſtand, als ſie ihr Königreich England wieder eroberte. Ich ſchwöre alſo, daß ich, wenn der König mich zu ſeinem Marſchalle annehmen, und durch meine Grafſchaft Hennegau ziehen will, ſein 5 Hee anzöſiſchen Boden führen werde, was ich 1 für keinen Mann, der da lebt, thun würde. Wenn 1 aber der König von Frankreich, mein einziger und wah⸗ I rer Oberlehnsherr, mich jemals zurückruft, und meine Verbannung aufhebt, ſo bitte ich meinen Neffen Eduard, mir mein Wort zurückzugeben, das ich ſogleich von ihm zurückverlangen werde.“ „Das iſt billig,“ entgegnete Eduard, mit dem Kopfe nickend,„denn ich weiß, daß Ihr durch Grundbeſitz und Geſinnung mehr ein Franzoſe als ein Engländer ſeyd. Schwöret alſo in völliger Unbeſorgtheit; denn, bei mei⸗ 3 ner Krone, eintretenden Falles werde ich Eures Ge⸗ . lübdes Euch entbinden. Graf Robert, bringet den Reiher dem Walter von Mauny.“ „Nein, Sire, nein, wenn es Euch beliebt,“ ant⸗ 3 wortete der junge Ritter,„denn Ihr wißt, daß man nicht zwei Gelübde zugleich vollziehen kann, und ich habe bereits eines gethan, nämlich: meinen Vater zu rächen, der, wie Ihr wiſſet, in Guyenne ermordet wurde, und ſeinen Mörder und ſein Grab wieder zu finden, um den Einen auf dem Andern zu tödten. Seyd aber un⸗ beſorgt, Sire, der König von Frankreich wird nichts nabei verlieren.“ „Wir glauben Euch, Herr, und ein Verſprechen von Cuch iſt uns eben ſo lieb, als ein Eid von einem Andern.“ 7 Inzwiſchen hatte ſich Robert von Artois der Kö⸗ nigin genähert, den Reiher vor ſie hinſtellen laſſen, mit eeinem Knie den Boden berührt, und wartete ſchweigens Die Königin wendete ſich dann lachend zu ihm:„W wollet Ihr von mir, Graf,“ fragte ſie ihn,„un 12zr 18 verlanget Ihr von mir? Ihr wißt, daß eine Frau nicht geloben kann, weil ſie unter der Gewalt eines Herrn ſteht. Hohn ſey jener, die in einem ſolchen Falle ihre Pflichten ſo ſehr vergäße, nicht die Erlaubniß ihres Gebieters zu erwarten!“ „Thut dreiſt Euer Gelübde, Madame,“ ſagte Eduard, „und ich ſchwöre Euch, es ſtets zu unterſtützen und nie zu hindern.“ „Wohlan,“ erwiederte die Königin,„ich hatte Euch nooch nicht geſagt, daß ich geſegneten Leibes ſey, denn ich fürchtete, mich zu täuſchen. Aber ſo eben, mein lieber hoher Herr, fühlte ich mein Kind in meinem Schooße ſich bewegen. Höret mich alſo nun an, denn weil Ihr mich zu ſchwören ermächtigt habet, ſchwöre ich bei unſerem, aus der Jungfrau geborenen Heilande, der am Kreuze geſtorben iſt, daß ich nur auf franzöſiſchem Boden gebären werde, und ſo Ihr den Muth nicht be⸗ ſitzet, mich hinzuführen, wenn die Zeit meiner Entbin⸗ dung gekommen ſeyn wird, ſo ſchwöre ich noch über⸗ . dieß, mit dieſem Dolche mich zu durchbohren, um mei⸗ nen Schwur auf Koſten des Lebens meines Kindes und des Heiles meiner Seele zu halten. Sehet, Sire, ob Ihr an Nachkommenſchaft reich genug ſeyet, um Eure Gemahlin und Euer Kind zugleich zu verlieren.“ „Niemand wird mehr ein Gelübde thun,“ rief Eduard mit bewegter Stimme aus.„Genug ſoicher Schwüre, und Gott verzeihe ſie uns!“ „Gleichviel,“ verſetzte Robert von Artois, wieder auf⸗ ſtehend,„ich hoffe, daß, Dank meinem Reiher, mehr Worte verpfändet wurden, als ihrer zu dieſer Stunde 3 ———,—˙— — 19 nöthig ſind, auf daß der König Philipp ewig bereue, mich aus Frankreich vertrieben zu haben.“ In dieſem Momente ging die Saalthüre auf, und ein Herold näherte ſich Eduard, und meldete ihm, daß ſo eben ein von Jakob von Artevelle entſendeter Bote aus Flandern angekommen ſey. Bweites Kapitel. Eduard ſann einen Augenblick nach, bevor er ant⸗ wortete, dann wendete er ſich lachend zu den Rittern, die ſo eben Gelübde gethan hatten.„Meine Herren,“ ſagte er,„da kommt ein Bundesgenoß für uns: es ſcheint, daß ich rechtzeitig und in gutes Erdreich ſäete, denn mein Plan blüht gerade zu Ende, und ich kann nun vorherſagen, von welcher Seite wir in Frankreich einziehen werden. Herr von Beaumont, Ihr werdet unſer Marſchall ſeyn.“ „Werther Seigneur,“ antwortete Johann von Hen⸗ negau,„vielleicht thätet Ihr beſſer, bloß dem Adel die Sorge zu überlaſſen, eine Geſchlechtsfrage zu entſchei⸗ den; alle dieſe Unadeligen ſind zu ſehr dabei betheili⸗ get, die Kriege zwiſchen Mächtigen zu nähren. Wenn der Adel und das Königthum ſich ſchlagen, erbt das. Volk die Beute, und die Wölfe bekommen die Leichen; haben nicht dieſe verfluchten Flamänder unſere Kämpfe mit dem Neiche benützt, um ſich unſerer Gerichtsbarkeit zu entziehen? Und nun lenken ſie ſich ſelbſt, wie wenn . 1* ½ ½ die Grafſchaft Flandern eine Maſchine wäre, die man lange Zeit nach Art einer Tuchmanufaktur oder einer Bierbrauerei regieren könnte.“ „Lieber Oheim,“ verſetzte Eduard lächelnd,„Jhr ſeyd als Nachbar bei der Frage allzu ſehr betheiliget, als daß wir es hinſichtlich der Meinung, die wir von den guten Leuten von Ypern, Brügge und Gent faſſen ſol⸗ len, völlig auf Euern Ausſpruch möchten ankommen laſ⸗ ſen; wenn ſie übrigens Eure Zwiſte mit dem Reiche benützten, um ſich Eurer Macht zu entziehen, habt nicht auch Ihr Herren das Zwiſchenreich ein wenig benützt, um jener des Reiches zu entrinnen, und die Burgen zu bauen, die ſie Euch verbrannten? was Euch, wenn ich nicht irre, in Bezug auf Ludwig V. von Bayern und auf Friedrich III. ungefähr in die nämliche Lage bringt, in welcher die Gemeinden von Flandern ſich Lud⸗ wig von Creſſy gegenüber befinden. Glaubt mir, Beau⸗ mont, nehmen wir nicht Partei für einen Mann, wel⸗ cher ſich ich weiß nicht durch welchen Abt von Vozelay leiten ließ, der nichts von Adminiſtration verſtand, und nur darauf dachte, auf Koſten des Volkes ſich zu be⸗ reichern. Erinnert Ihr Euch an jenes geiſtliche Stück, das vor zehn Jahren mit großem Triumphe durch die Zunft der Barbiere von Cheſter in unſerer Gegenwart geſpielt wurde? Nein, denn Ihr waret, wenn mein Gedächtniß mich nicht täuſchet, mit Euren Leuten in Folge jenes großen Streites nach Flandern zurückge⸗ kehrt, der am Dreifaltigkeitsfeſte 1327 zwiſchen den Hennegauern und den Engländern in unſerer Stadt Dort ausbrach. Wohlan, jenes geiſtliche Stück diente A 71 voon Hennegau, und Euch, mein Vetter Nobe von 21 mir, obgleich ich damals nur fünfzehn Jahre alt war, zu einer großen Lehre. Soll ich es Euch erzählen 2* Jeder wendete ſich neugierig gegen Eduard. „Nun denn, es ſtellte Folgendes vor: Ein Mann und eine Frau von dürftigem Stande, nachdem ſie von den Leuten des Königs völlig ausgeplündert worden waren, weil ſie ihre Steuer nicht bezahlen konnten, haben kein anderes Hausgeräth mehr, als eine alte Kiſte, auf der ſie ſitzen; ſie beklagen ſich und jammern, ſich ſo zu Grunde gerichtet zu ſehen. In dieſem Mo⸗ mente kehren die Leute des Königs zurück; ſie haben ſich erinnert, daß in der armſeligen Strohhütte noch eine alte Kiſte ſtehe, und ſie dieſelbe zu nehmen ver⸗ geſſen haben. Die Armen bitten ſie inſtändig, ihnen wenigſtens dieſe Truhe zu laſſen, in welche ſie ihr Brod legten, wenn ſie welches hatten. Die Leute des Kö⸗ nigs wollen nichts davon hören, und zwingen ſie, auf⸗ zuſtehen, ungeachtet ihrer Bitten und Thränen. Aber kaum ſitzen ſie nicht mehr auf der Kiſte, als der Deckel aufgeht, und drei Teufel herausſpringen, welche die Leute des Königs davon ſchleppen. Dieß iſt mir im Gedächt⸗ niſſe geblieben, lieber Onkel, und ich gebe jetzt immer denjenigen Unrecht, die, nachdem ſie ihren Lehnsleuten Alles genommen haben, ihnen auch noch die Kiſte neh⸗ men wollen, auf welcher ſie weinen.— Saget dem Boten unſers Freundes, Jakob von Artevelle,“ ſprach der König, ſich umwendend, und den Herold anredend, der ſeiner Antwort harrete,„daß wir ihn morgen Mit⸗ tags empfangen werden. Was Euch betrifft, mein Oheim Artois, haltet Euch bereit, mich in einer halben Stunde zu begleiten, wir haben dieſe Nacht einen kleinen Aus⸗ flug von vierzehn Meilen zu machen. Kommet, Wal⸗ ter,“ fügte der König bei, ſich erhebend,„ich muß Euch etwas ſagen.“ Bei dieſen Worten faßte Eduard den Arm des Walter von Mauny, und verließ lächelnd und ruhig dieſen Saal, worin ſo eben eine von jenen Scenen vor⸗ gefallen war, die in einem Augenblicke über das Leben eines Volkes und das Geſchick eines Königreiches ent⸗ ſcheiden; dann trat er, nur von zwei Fackelträgern be⸗ gleitet, in einen Corridor, der zu ſeinen Gemächern führte. „Mein lieber Ritter,“ ſagte Eduard, langſamer ge⸗ hend, ſo wie er in den Gang getreten war, damit die Fackelträger ſeine Worte nicht hören konnten,„ich habe große Luſt, Euch heute einen ſchlechten Dienſt zu er⸗ weiſen.“ 4 „Welchen, Sire?“ erwiederte Walter, der ſogleich in dem Tone des Königs merkte, daß von einem Scherze die Rede ſey, und nicht von einer Drohung. „Ich habe Luſt... Teufel!... ich werde es viel⸗ leicht bereuen; aber gleichviel... ich habe Luſt, Euch zum Könige ien England zu machen.“ „Mich?“ rief von Mauny aus. „Sey unbeſorgt,“ fuhr Eduard fort, vertraulich auf den Arm ſeines Günſtlings ſich ſtützend:„es wird nur eine Stunde lang dauern.“ „Ah! Ihr beruhiget mich, Sire,“ äußerte Mauny. 6 8 „Und nun erklärt Euch, A oder vielmehr gebietet; vensh 1 . L inde lus⸗ Jal⸗ nuß des hig or⸗ ven nt⸗ 23 Ihr wiſſet, daß ich Euch mit Leib und Seele er⸗ geben bin.“ 1 „Ja, ja, und deßhalb wende ich mich an Dich, und nicht an einen Andern. Höre, ich vermuthe, was dieſer Artevelle von Flandern von mir will; und da ich ihn in meinen Händen habe, wär' es mir nicht un⸗ lieb, den möglichſt beſten Vortheil daraus zu ſchöpfen. Aber dazu iſt es dringend, daß ich meine Angelegen⸗ heiten ſelbſt beſorge. Ich hegte anfangs die Abſicht, Dich zu ihm zu ſenden, und den Boten zu empfangen. Aber ich habe meine Meinung geändert, Du wirſt den Geſandten empfangen, und ich werde nach Flandern gehen.“ „Wie, Monſeigneur, Ihr werdet Euch der Gefahr ausſetzen, über das Meer zu ſchiffen, allein, ohne Ge⸗ folge? Ihr werdet Eure königliche Perſon rebelliſchen Bürgern anvertrauen, die ihre Seigneurs davon gejagt haben?“ „Was hab' ich zu befürchten? Sie kennen mich nicht; ich werde mir vor meiner Abreiſe meine Voll⸗ machten ausſtellen, und in Folge meiner Geſandtenwürde unverletzlicher ſeyn, und heiliger, als mit meiner Königs⸗ würde; übrigens ſagt man, daß dieſer von Artevelle liſtig ſey. Ich will ihn in der Nähe he. und er⸗ fahren, in wie weit ich auf ſein Wort bauen kann. Dieß iſt alſo beſchloſſene Sache, Walter,“ ſetzte der Kö⸗ nig hinzu, indem er die Hand auf den Schlüſſel der Thüre legte;„mach Dich gefaßt, morgen um Mittag Deine Rolle zu ſpielon.“ „Wedürfet Ihr alſe dieſen Abens meiner nicht mahr, theurer Sire, und ſoll ich mit Euch eintreten, pder mich entfernen?“ „Entferne Dich, Walter,“ antwortete der König, indem er ſeiner Stimme einen leiſen und düſtern Klang verlieh;„in jenem Gemache iſt ein Mann, der meiner harret, und mit dem ich ohne Zeugen ſprechen muß; denn kein Anderer kann das hören, was er mir zu ſa⸗ gen hat, und wenn mein beſter Freund bei einer ſol⸗ chen Unterredung der Dritte wäre, ſo würde ich nicht mehr für ſein Leben zu bürgen wagen. Geh, Walter, geh, und wünſche, daß Gott Dir niemals eine Nacht ſende, gleich derjenigen, die ich verleben werde. 4 „Und Euer Hof während dieſer Zeit. „Lacht und ergötzt ſich, das iſt ſeine Beſchäfti⸗ gung; er ſieht unſere Stirne ſich mit Runzeln bedecken, unſere Haare bleichen, und verwundert ſich, daß ſeine Könige ſo ſchnell alt werden. Was willſt Du? Er lacht zu laut, um Jene zu hören, die zu leiſe ſeufzen.“ „Sire, es liegt irgend eine Gefahr in der Tiefe dieſes Geheimniſſes verborgen; ich werde Euch nicht verlaſſen.“— „Keine, ich ſchwöre es Dir.“ „Ich h zu Monſeigneur Robert von Artois ſagen, ſich bereit zu halten, uch zu begleiten.“ 5*„Wir wollen meiner Mutter einen Beſuch nrachend. „Wenn es aber,“ fuhr Walter fort, gleichfalls lei⸗ ſer ſprechend, und dem Könige ſich nähernd,„ein ſol⸗ cher Beſuch wäre, wie jener, den wir ihr im Schloſſe Nettingham machten, als wir durch einen unterirdiſchen Euch doch zu Herrn von Beaumont und 25 Gang in ihr Schlafzimmer drangen, und darin Roger Mortimer, ihren Günſtling, verhafteten?“ „Nein, nein,“ verſetzte Eduard mit einer leichten Regung der Ungeduld, welche bei ihm die Erinne⸗ rung an die Aufführung ſeiner Mutter reizte.„Nein, Walter, die Königin iſt von dieſen Verirrungen zurück⸗ gekehrt, und bereuet den Fehler, Verirrungen und Feh⸗ ler, die ich, als Sohn, ſie vielleicht allzuhart büßen ließ, da ich ſie ſeit jener Zeit, und zwar ſchon zehn Jahre lang, in einem Thurme des Schloſſes Reding ein⸗ geſperrt halte. Was einen neuen Liebhaber betrifft, ſo glaub' ich, dieß ſey nicht zu befürchten; die Hin⸗ richtung Mortimer's, den ich auf einer Truhe durch die Straſſen von London ſchleppen, und welchem ich, ganz lebendig, ſein Verrätherherz ausreißen ließ, hat darge⸗ than, daß der Titel eines Günſtlings theuer zu ſtehen komme, und bisweilen eine in ihrer Behauptung ge⸗ fährliche Würde ſey.“ „Es iſt alſo lediglich der Beſuch eines unterwürfigen und ehrerbietigen, und faſt reuigen Sohnes, möchte ich ſagen; denn es giebt Momente, in denen ich zweifle, ob alle dieſe Dinge, die man über dieſt hat, welche meine Mutter iſt, ſelbſt fi 1 ſeyen, die am wenigſten daran zu zweifeln ſcheinen. Schlafe alſo ruhig, mein guter Walter; träume von Turnieren, von Schlachten und von Liebe, wie es einem tapfern und ſchönen Ritter geziemt, und laß mich von Verrätherei, von Ehebruch und Mord träumen; dieß ſind Königsträume.“ Dumas, die Gräfin von Salisbury. 2 'es, der meinen Vater ermordet hat?“ Walter fühlte, daß er ohne Unbeſcheidenheit nicht länger in ihn dringen konnte; er nahm folglich Ab⸗ ſchied von Eduard, der ſeinen zwei Fackelträgern befahl, ihn leuchtend zu begleiten. Eduard ſchaute dem jungen Ritter nach, der ſich entfernte, und ihn in der Dun⸗ eelheit zurückließ; als dann das Licht ſeinen Augen ent⸗ ſchwunden war, ſeufzte er, fuhr mit der Hand über ſeine Stirne, um den Schweiß zu trocknen, öffnete die Thüre, und trat ein. Im Gemache ſtanden zwei Gar⸗ diſten, und inmitten dieſer beiden Gardiſten ein Mann. Eduard ging gerade auf ihn zu, ſchaute mit einer Art von Schrecken ſein blaſſes Geſicht an, das noch bleicher ſchien bei dem Schimmer der einzigen Lampe, welche, auf einen Tiſch geſtellt, das Zimmer erhellte, redete ihn mit leiſer und faſt zitternder Stimme an, und ſagte zu ihm:„Seyd Ihr der Ritter von Mautravers?“ „Ja, Sire,“ antwortete der Ritter;„kennt Ihr nich nicht mehr?“ 1 „Allerdings, ich erinnere mich, Euch ein⸗ oder zwei⸗ mal bei meiner Mutter, während unſerer Reiſe nach Frankreich, eintreten geſehen zu haben.“ Dann fügte er bei, zu den beiden Gardiſten gewendet:„Laßt mich allein mit Manne.“ Die bei Gardiſten entfernten ſich. Als ſie fort⸗ gegangen waren, heftete Eduard auf den Ritter einige Augenblicke wieder einen mit Neugier und Schrecken vermiſchten Blick; dann endlich ließ er ſich in einen Armſtuhl mehr fallen, als daß er Platz nahm, und ſetzte mit einer dumpfen Stimme hinzu:„Ihr alſo ſeyd x—B— ͤ n 27 „Ihr habet mir die Schonung meines Lebens ver⸗ ſprochen,“ erwiederte der Ritter,„wenn ich nach Eng⸗ land zurückkäme; ich vertraute auf Euer königliches Wort, und verließ Deutſchland, wo ich nichts zu fürchten hatte; jetzt ſeht Ihr mich waffenlos in Eurem Palaſte, in Euren Händen, ohne einen andern Schutz gegen den mächtig⸗ ſten König der Chriſtenheit, als den Eid, den er mir leiſtete.“ „Seyd unbeſorgt,“ verſetzte Eduard,„wie verhaßt und ſchrecklich mir auch Euer Anblick iſt, man ſoll nicht ſagen, daß Ihr vergebens auf mein Wort vertrautet, und Ihr werdet dieſen Palaſt eben ſo frei verlaſſen, als wäret Ihr nicht mit dem Blute eines Königes bedeckt, und dieſer König wäre nicht mein Vater; doch unter einer Bedingung, Ihr wißt es.“ „Ich bin bereit, ſie zu vollziehen.“ „Werdet Ihr mir nichts verhehlen?“ „Nichts.“. „Werdet Ihr mir alle Beweiſe zuſtellen, die Ihr be⸗ ſitzet, wer auch die dadurch bloßgeſtellten Perſonen ſeyn mögen?“ „Ich werde ſie Euch zuſtellen.“ „Gut,“ ſagte der König ſeufzend; iner Pauſe des Schweigens lehnte er ſich dann 1n en lbogen auf den Tiſch, der vor ihm ſtand, ließ ſein Haupt zwi⸗ ſchen ſeine beiden Hände ſinken, und ſagte:„Ihr mö⸗ get beginnen, ich höre.“ „Ohne Zweifel weiß Cure Hoheit ſchon einen Theil der Dinge, die ich ihr ſagen will.““ „Ihr irret Euch,“ entgegnete Eduard ,ohne ſeine 28 Stellung zu ändern;„ein König weiß nichts, denn er iſt von Leuten umgeben, die dabei betheiliget ſind, ihm die Wahrheit zu verhehlen; deßhalb wählte ich einen Mann, der Alles zu hoffen hat, indem er ſie mir ſagt.“ „Und ich kann ſie Euch um ſo beſſer ſagen, da es bald ſiebenundzwanzig Jahre ſind, daß ich in den Dienſt der Königin, Eurer Mutter, trat. Ich war anfangs in der Eigenſchaft eines Pagen bei ihr, dann wurde ich ihr Secretär, und ich habe als 1 und Secretär immer treu gedient.“ „Ja!“ murmelte Eduard mit einer ſo dumpfen Stim⸗ me, daß man ſie kaum hören konnte;„ja, ich weiß, daß Ihr derſelben treu, und allzu treu gedient habet, als Page, als Secretär, und dann auch als Henker.“ „Von welcher Zeit an ſoll ich beginnen, Sire?“ „Von dem Tage an, da Ihr in ihre Dienſte tratet.“ „Dieß war im Jahre 1312, ein Jahr vor Eurer Geburt; es waren vier Jahre verfloſſen, ſeitdem ſie der König von Frankreich, welcher ſie bis Boulogne beglei⸗ tete, den königlichen Händen Cures Vaters übergeben hatte; England empfing ſie wie einen Rettungsengel, denn Jeder auf dieſer Inſel hoffte, daß ihr Einfluß, da ſie jung und zn war, jenen des Miniſters Gaveſton vernichten oder wenigſtens zweifelhaft machen würde, welcher, verzethet mir, Sire, daß ich Euch ſolche Dinge ſage, mehr als der Günſtling des Königs war!...“ „Ja, ja, ich weiß dieß,“ erwiederte Eduard raſch; „fahret fort!“ „Man täuſchte ſich; Gaveſton trug den Sieg über die Königin davon. Nun entſchwand die letzte Hoff⸗ 29 nung des Adels, und da die Barone ſahen, daß ſie von dem Könige, Eurem Vater, nur durch die Gewalt etwas erlangen würden, ergriffen ſie die Waffen gegen ihn, und legten ſie erſt ab, als er ihnen Gaveſton aus⸗ geliefert hatte; er ging aus ihren Händen in jene des Henkers über. Einige Zeit nach dieſer Hinrichtung wur⸗ det Ihr geboren, Sire; man glaubte, daß wegen des Sohnes, den die Königin ihrem Gemahle gab, ſie wie⸗ der einen theilweiſen Einfluß auf dieſen erhalten würde. Es war ein Irrthum: Hugo Spenſer war bereits Ga⸗ veſton in der Freundſchaft Eures Vaters gefolgt. Ihr konntet jenen jungen Mann noch ſehen, Sire, und Ihr wiſſet, wie groß ſeine Anmaſſung war. Bald hatte er keine Schonung mehr für die Königin: er beraubte ſie der Grafſchaft Cornouailles, die ihr als Apanage zu ihren perſönlichen Ausgaben war verliehen worden, und Eure verzweifelte Mutter ließ durch mich dem Könige Karl dem Schönen, ihrem Bruder, ſchreiben, daß ſie in dem Palaſte ihres Gemahles nur mehr eine gebrö⸗ dete Magd ſey. Um dieſe Zeit erhoben ſich wegen Guyenne große Zwiſte zwiſchen Frankreich und Eng⸗ land. Die Königin machte ihrem Gemahle das Aner⸗ bieten, über das Meer zu ſchiffen, 2 die Vermitt⸗ lerin zwiſchen ihm und dem Könige, ihrem Bruder, zu werden; er willigte gerne ein. Die Königin fand Euern Oheim durch den Brief bereits vorbereitet, den ſie ihm geſchrieben hatte; ſie erzählte ihm Alles, was er noch nicht wußte. Dann entſagte er aller Schonung, und forderte, einen Kriegsvorwand ſuchend, Eduard II. auf, 4 iym, als ſeinem Oberlehnsherrn, verſonlch di Huldi⸗ gung zu leiſten. Spenſer merkte alſogleich, in jedem Falle verloren ſey: verloren, wenn er Eduard begleitete, und in die Hände des Königs von Frankreich fiele; verloren, wenn er während der Reiſe des Königs in England bliebe, wodurch er ſchutzlos den Baronen ausgeliefert würde. Dann ſchlug er dem Könige ein Auskunftsmittel vor, das ihn retten ſollte, jedoch die Urſache ſeines Sturzes war: es beſtand darin, Euch, Monſeigneur, die Souverainetät von Guyenne abzutre⸗ ten, und ſtatt des Königs, Eures Vaters, zur Leiſtung des Eides zu entſenden.“ „Ah!“ unterbrach Eduard,„deßhalb alſo beging er dieſen Fehler, den ich bei einem ſo guten Politiker nie⸗ mals begriffen hatte. Fahret fort, denn ich ſehe, daß Ihr die Wahrheit ſprechet...“ ,Jch bedurfte dieſer Ermuthigung, Monſeigneur; denn ich bin bei einer Epoche angekommen...“ Mau⸗ travers zögerte. „Ja, ich weiß, was Ihr ſagen wollet: Ihr wollet von Roger von Mortimer ſprechen. Ich fand ihn bei meiner Mutter, als ich nach Paris kam, und ich be⸗ merkte, obwohl noch ein Kind, die Vertraulichkeit, welche zwiſchen ihm und der Königin herrſchte. Sagt mir nun, denn nur Ihr könnet mir dieß ſagen, war dieſe Vertraulichkeit in Paris entſtanden, oder hatte ſie in England begonnen?“ „Sie hatte in England begonnen, und dieß war die eigentliche Urſache von Roger's Verbannung.“ „Gut,“ entgegnete der König,„ich höre Euch.“ „Nicht Ihr allein bemerktet dieſe Vertraulichkeit, +—,+— ☛—2——³— — u— N —, 8½ 222 ᷣ 31 Monſeigneur, denn der Biſchof von Exeter, der Euch zur Königin gebracht hatte, ſetzte bei ſeiner Ankunft in London den König Eduard von dem in Kenntniß, was vorging; er ſchrieb ſogleich an die Königin, ſie ſolle zurückkehren, und richtete unmittelbar einen Brief an Euch, um Euch aufzufordern, Eure Mutter zu verlaſ⸗ ſen, und nach England zurückzukommen.“ 3 „Ich erhielt ihn nie,“ unterbrach Eduard,„und höre jetzt zum erſtenmal davon ſprechen, denn nur mein Va⸗ ter konnte mich von dieſem Umſtande in Kenntniß ſetzen, und die Königin erlaubte mir niemals, in ſeinem Ge⸗ fängniſſe ihn zu beſuchen.“ „Dieſer Brief wurde durch Mortimer unterſchlagen.“ „Der Niederträchtige!“ murmelte Eduard. „Die Königin antwortete durch ein Manifeſt, worin ſie ſagte, daß ſie erſt nach der Verbannung der Hugo Spenſer aus dem Rathe und der Umgebung des Kößigs, nach England zurückkehren würde.“— „Wer verfaßte dieſes Manifeſt?“ „Ich weiß es nicht; es wurde mir von Mortimer dictirt, aber in Gegenwart der Königin und des Gra⸗ fen von Kent. Es brachte in London die Wirkung her⸗ vor, die man davon erwarten konnte: die mißvergnüg⸗ ten Barone ſchaarten ſich um die Königin und um Euch.“ „Um mich! um mich! Aber man wußte wohl, daß ich nur ein armes Kind war, unkundig deſſen, was vorging, und deſſen Namen man ausbeutete; denn Gott ſtrafe mich auf der Stelle, wenn ich jemals gegen mei⸗ nen Vater conſpirirt habe!“ „Inzwiſchen, und da König Karl der Schöne den Beiſtand an Geld und Menſchen vorbereitete, den er ſeiner Schweſter verſprochen hatte, ſah er an ſeinem Hofe Thibault von Chatillon, Biſchof von Saintes, ankommen. Er brachte Briefe von Johann XXII., der damals auf dem heiligen Stuhle zu Avignon ſaß; ſie waren ohne Zweifel auf Anſtiften des Hugo Spen⸗ ſer geſchrieben worden, denn ſie befahlen dem Köͤnige Karl bei Strafe der Excommunication, ſeiite Schweſter und ſeinen Neffen wieder nach England zu ſchicken. Von da an wollte Euer Oheim nicht nur Eure Partei gegen die Kirche nicht mehr unterſtützen, ſondern er verpflich⸗ tete ſich auch förmlich gegen den Biſchof von Saintes, die Königin und Eure Hoheit in die Hände des Günſt⸗ lings Eures Vaters zu überliefern. Doch die Königin wurde rechtzeitig gewarnt.“ „Durch den Grafen Robert von Artois, nicht wahr? Ja, ich weiß es. Als er, gleichfalls verbannt, meine Gaſtfreundſchaft nachſuchte, war's dieſer Dienſt, den er hauptſächlich bei mir geltend machte.“ Er ſagte Euch die Wahrheit, Sire. Die Königin, erſchrocken, wußte nicht, wen ſie um den Beiſtand bit⸗ ten ſollte, den ihr Bruder ihr verweigerte; da war es wieder der Graf Robert von Artois, der ihr rieth, nach dem Reiche hin zu fliehen; er ſagte zu ihr, daß ſie vort eine beträchtliche Zahl von vornehmen, tapfern und lohalen Seigneurs ſinden würde, und unter andern den Grafen Wilhelm von Hennegau, und den Herrn von Beaumont, ſeinen Bruder. Die Königin gab dieſem Rathe Gehör, reiſete in der nämlichen Nacht ab, und ſchlug den Weg nach Hennegau ein.“ — . 8=2gS8S —-— = 33 „Ja, ich erinnere mich an unſere Ankunft im Hö⸗ tel des Ritters Euſtachius von Aubrecicourt, und wie vortrefflich wir von ihm aufgenommen wurden. Bei ihm ſah ich am nämlichen Abende und zum erſtenmal meinen Oheim, Johann von Hennegau, welcher der 3. 2. Königin ſeine Dienſte antrug, und uns zu ſeinem Bru⸗ der Wilhelm führte, wo ich ſeine Tochter Philippine traf, die erhin meine Gemahlin werden ſollte. Gehen wir ſchnell über dieſe Einzelnheiten weg, denn ich erin⸗ nere mich, wie wir aus dem Hafen von Dortrecht ab⸗ ſegelten, wie uns ein Sturm überfiel, der das Schiff von ſeiner Fahrt jagte, und uns am Freitage den 26. September 1326 in den Hafen von Herewich trieb; bald ſtießen die Barone dort zu uns, und ich erinnere mich ſogar, daß der Erſte, der zu uns kam, der Graf Heinrich von Lancaſter, mit vhlefe Halſe, war; ja, ja, ich weiß jetzt Alles, von unſerm triumphiren⸗ den Einzuge in Briſtol an bis zur Verhaftung meines Vaters, der, wenn mein Gedächtniß mich nicht täuſcht, in der Abtei Neath, in der Grafſchaft Wallis, von dem nämlichen Heinrich von Lancaſter gefangen genom⸗ men wurde; nur weiß ich nicht, ob es wahr iſt, daß er zu meiner Mutter gebracht wurde.“ „Nein, Monſeigneur; man führte ihn unmittelbar in das Schloß Kenilworth, das ihm gehörte, und man beſchäftigte ſich mit Eurer Krönung.“ „O! von allem dem wußte ich damals nichts; nein, bei meiner Ehre, man ließ mich über Alles in Unkennt⸗ 6; man ſagte mir, daß mein Vater frei wäre, daß nus Ueberdruß und Ermüdung auf den Thron ver⸗ A —B 3 zichtete, und dennoch ſchwur ich, ihn nicht anzunehmen, ſo lange er leben würde; dann brachte man mir ſeine Abdankung zu meinen Gunſten; ich erkannte die Hand, welche ſie geſchrieben hatte; ich fügte mich, wie in einen Befehl: ich wußte nicht, daß er zweimal in Ohn⸗ macht gefallen war, als er ſie ſchrieb. Ja, noch ein⸗ mal, ich wußte von Allem nichts, bei meiner Seele, von Allem, bis zur Entſcheidung des Parlaments, welche meinen armen Vater für regierungsunfähig erklärte, und ihm, wie man mir ſeitdem ſagte, in ſeinem Gefäng⸗ niſſe durch den verwegenen Wilhelm Truſſet vorgeleſen wurde. Man riß ihm ſeine Krone vom Haupte, um ſte auf das meinige zu ſetzen, und man ſagte mir, daß er ſte mir, als ſeinam vielgeliebten Sohne, freiwillig und ungezwungen 2, während er mir vielleicht als einem Verräther un Ufurpator fluchte. Sangdieu!... Ihr waret lange Zeit bei ihm; habt Ihr ihn jemals eine ſolche Aeußerung machen hören? Ich beſchwöre Euch, mir zu antworten, wie Ihr Gott antworten würdet!“ „Niemals, Sire, niemals; im Gegentheile, er ſchätzte ſich glücklich, daß das Parlament, nachdem es ihn ab⸗ geſetzt, Euch ſtatt ſeiner gewählt hatte.“ „Gut; dieſe Worte erleichtern mein Herz. Fahret fort’ „Ihr waret noch nicht mündig, Sire; man ernannte einen Negentſchaftsrath; die Königin führte dabei den Vorſitz, und er regierte unter ihrer Leitung.“ 8½ „Ja, dann entſendeten ſie mich zur Bekriegung de Scholtene die mich von Berg zu Berg luufen ließen, 35 ohne daß ich ſie einholen konnte, und als ich zurück⸗ kam, ſagte man mir, daß mein Vater geſtorben ſey; jetzt weiß ich nichts mehr von dem, was während mei⸗ ner Abweſenheit vorfiel. Ich kenne keine von den Ein⸗ zelnheiten, die dieſem Tode vorangehen; ſagt mir doch Alles, denn Ihr müßt Alles wiſſen, weil Ihr und Gurnay meinen Vater zu Kenilworth abgeholt, und bis zu ſeiner letzten Stunde nicht mehr verlaſſen habt.“ Mautravers zögerte einen Augenblick, zu antworten. Der König ſchaute ihn an, und da er ſah, daß er wie⸗ der erblaßte, und der Schweiß ihm von der Stirne floß, fuhr er fort:„Nun, nun, ſprechet; Ihr wiſſet ja, daß Ihr nichts zu befürchten habet, weil ich Euch mein Wort gab. Zudem hat Gurnay für Euch und für ſich gebüßt.“ 6 „Gurnay?“ fragte Mautravers zögernd. „Ja wohl. Viſſet Ihr nicht, daß ich ihn zu Mar⸗ ſeille verhaften ließ, und nicht einmal wartete, bis er in England ankam, um ihn wie einen Mörder und einen Hund hängen zu laſſen?“ „Nein, Sire, ich wußte es nicht,“ murmelte Mau⸗ travers, an die Wand ſich ſtützend. „Aber man fand nichts unter ſeinen Papieren, und dann dachte ich, daß Ihr die Befehle behalten habet; denn Ihr mußtet Befehle erhalten: die Idee zu ſolchen Verbrechen entſpringt nur im Kopfe derjenigen, denen ihr Vollzug Nutzen bringen ſoll“ „Ich habe ſie auch, Sire, und bewahrte ſie als ein letztes Mittel der Rettung oder Rache.“ „Habt Ihr ſie bei Euch?“ „Ja, Sire.“ „Und Ihr werdet ſie mir geben?“ „Alſogleich.“ „Gut. Erinnert Euch, daß ich Eure Begnadigung unter der Bedingung Euch anbieten ließ, daß Ihr mir Alles ſagen werdet: ſeyd alſo unbeſorgt, und ſagt mix Alles.“ „Kaum waret Ihr mit Eurem Heere fortgezogen, Sire,“ fuhr Mautravers mit einer noch bewegten, aber doch ruhigeren Stimme fort,„als Gurnay und ich ge⸗ wählt wurden, Euern Vater in Kenilworth abzuholen. Wir fanden dort den Befehl, ihn nach Corff zu füh er blieb jedoch nur wenige Tage in dieſem Schloſſe, wo er nach Briſtol, und von Briſtol nach Berkley die Grafſchaft Glouceſter gebracht wurde. Dort ange⸗ kommen, wurde er dem Kaſtellane zur Bewachung über⸗ geben; allein wir blieben deßhalb nicht weniger bei ihm, um die Inſtruktionen n vollziehen, die wir empfangen hatten.“ „Und wie lauteten die Inſtruktionen?“ fragte Eduard mit einer Stimme, die ebenfalls bewegt war. „Durch üble Behandlung, die wir ihn ſollten aus⸗ ſtehen laſſen, den Gefangenen zum Selbſtmorde zu treiben.“ „War dieſer Befehl geſchrieben?“ rief der König aus. „Nein, dieſer Befehl war mündlich.“ „Hütet Euch, ſolche Dinge zu behaupten, und ſie 1 mir nicht beweiſen zu können, Mautravers!.... „Ihr habt die ganze Wahrheit von mir verlangt... ich ſage ſie.“ 37 „und wer denn...— Eduard zögerte,—„wer denn gab Euch dieſen Befehl?“ „Roger Mortimer.“ ĩgg„Ah!“ erwiederte Eduard wie ein müunn, der Athem ir ſchöpft. ix Aber der König ertrug Alles mit ſo viel Sanft⸗ muth und Geduld, daß es uns bisweilen beinahe an n, Muth gebrach.“ er„Unglücklicher Vater!“ murmelte Eduard. e⸗„Endlich vernahm man, daß Eure Hoheit zurück⸗ n. kommen würde; unſere Verfolgungen hatten den Ge⸗ ; fangenen zur Reſignation geführt, anſtatt zur Verzweif⸗ lung zu treiben; man ſah, daß man ſich getäuſcht hatte, ſ und wir erhielten eines Morgens, mit dem Siegel des ge⸗ Biſchofes von Herefort verſchloſſen, den Befehl.. r⸗ 3„O! dieſen habt Ihr, hoff' ich!“ rief Eduard aus. ,„Hier iſt er, Monſeigneur.“ en Bei dieſen Worten überreichte Mautravers dem Kö⸗ uige ein Pergament, an welchem noch das Siegel des rd SZiſchofs hing; Eduard nahm und entfaltete es langſam und mit zitternder Hand.„Wie konntet Ihr aber dem 8⸗ Zefehle eines Biſchofes gehorchen,“ fragte Eduard,„da der König abweſend, und die Königin Regentin war? Kegierte damals Jedermann, mich ausgenommen, und is. kntte Jedermann das Recht, ein Todesurtheil zu erlaſ⸗ ſen, während derjenige, der das Begnadigungsrecht be⸗ ſie. ſaß, nicht da war?...“ 1 „Leſet, Sire,“ verſetzte Mautravers kalt. A Eduard ſchaute auf das Pergament: eine einzige Sei war daraufgeſchrieben, aber dieſe Zeile mnügte 38 ihm, um die Hand zu erkennen, die ſie geſchrieben hatte. „Die Handſchrift der Königin!“ rief er mit Schrecken aus. f „Ja, die Handſchrift der Königin,“ fuhr Mautra⸗ a vers fort;„und man wußte, daß ich ſie kannte, da ich ig ihr Secretär war, ſeitdem ich nicht mehr ihr Page war.“ g „Doch... doch...“ erwiederte Eduard, indem er ic den Befehl zu leſen verſuchte,„doch ich ſehe da nichts, n was Euch zu einem Morde ermächtigen konnte; im 2 Gegentheile, das Verbot lautet ausdrücklich, dünkt mir: ſt Edwardum occidere nolite timere bonum est; was de ſagen will: Hütet Euch Eduard zu tödten; es iſt gut zu fürchten.“ „Ja, weil Eure kindliche Liebe den Beiſtrich, der in den Sinn des Satzes entſcheidet, nach dem Worte v nolite ſich denkt; aber der Beiſtrich fehlt, und da wir 2 die geheimen Wünſche der Regentin und ihres ne 85 lings kannten, glaubten wir, daß er nach timere ge⸗ ſetzt werden ſollte, und dann lautet der Satz ausdrück C lich: Fürchtet nicht, Eduard zu tödten, e 4 ip iſt eine gute Sache.“ 5 6 „O!“ murmelte der König, die Zähne— w beißend und den Schweiß auf der Stirne trocknend, fp „o! einen ſolchen Befehl ſendend, wußten ſie, daß de al Verbrechen die Auslegung übernehmen würde; es i— jedoch niederträchtig, königliche Exiſtenzen auf das Spic mit ſolchen Spitzfindigkeiten zu ſetzen. Das iſt woh ein theologiſches Urtheil. O! Herr Jeſus, weißt Du was in Deiner Kirche vorgeht?“ 1* „Für uns, Sire, lautete der Befehl ausdria wir gehorchten.“ 39 „Aber wie und auf welche Weiſe? Denn ich ſelbſt kam am zweiten Tage nach dem Tode meines Vaters an; die Leiche war auf ſeinem Staatsbette ausgeſtellt; ich ließ ihr die königlichen Kleider anthun, und ſuchte am ganzen Leibe die Spur eines gewaltſamen Todes, denn ich argwohnte irgend ein Familienverbrechen; ich fand nichts, durchaus nichts. Noch einmal, Ihr habt Eure Begnadigung, und nur ich riskire vor Schmerz zu 4 ſterben, indem ich eine ſolche Erzählung anhöre; ſagt demnach Alles, ich will es; ich bin ruhig, ich bin ſtark.“ Und bei dieſen Worten wendete ſich Eduard zu Mau⸗ travers, indem er ſeinen Zügen einen Anſchein von Ruhe verlieh, und ſeine Augen auf jene des Mörders heftete. Ddieſer verſuchte, zu gehorchen, aber bei dem erſten Worte gebrach es ihm an Muth.„Erſparet mir dieſe Einzelnheiten, Sire, um's Himmelswillen! Ich gebe Euch Cuer königliches Wort zurück; Ihr habt mir nichts ver⸗ ſprochen, laßt mich auf das Schaffot führen.“ „Ich ſagte Dir, daß ich Alles wiſſen wolle,“ ant⸗ wortete Eduard,„und ſollte ich Dich auf die Folter ſpannen laſſen, damit Du ſprecheſt! Treibe mich nicht allzuſehr zu dieſem Mittel, glaube mir; ich bin ohne⸗ il ſchon allzuſehr geneigt, es anzuwenden.“ „So wendet die Augen von mir ab, Monſeigneur; iſh wahrhaftig glaube, wenn Ihr mich ſo anſchauet und ſeaget, er ſey's, der mich anſchaut und fragt, und ſein Weſpenſt eniſteige rachefordernd dem Grabe.“ 41 Eduard u endete den Kopf ab: er ließ ſeine Stirne 40 zwiſchen ſeine Hände ſinken, und ſagte mit einer dumpfen Stimme:„Gut; ſprechet jetzt!“ „Am 21. September Morgens,“ fuhr Mautravers fort,„traten wir wie gewöhnlich in ſein Gemach; aber, war's Ahnung von ſeiner Seite, oder verrieth die Ge⸗ müthsbewegung in unſerm Geſichte die That, welche wir begehen wollten, der König ſtieß bei unſerm Anblicke einen Schrei aus; dann ſtürzte er aus ſeinem Bette, ſiel auf die Knie, faltete die Hände, und ſagte:„Ihr werdet mich nicht tödten, ohne mir zuvor einen Prieſter zu bewilligen?“ „Dann verſchloſſen wir die Thüre.“ „Ohne ihm einen Prieſter zu bewilligen, Elende!“ rief Eduard aus,„ohne einem Könige zu bewilligen,— der das Recht hatte, zu befehlen, und bat,— was man dem geringſten Verbrecher bewilliget! O! dieß war aber nicht in Euern Inſtruktionen enthalten, und in Euerm Befehle hatte man Euch aufgetragen, den Leib zu tödten, und nicht die Seele.“ „Ein Prieſter hätte Alles entdeckt, Monſeigneur; denn der König hätte nicht unterlaſſen, ihm zu ſagen, daß er in Todesnöthen beichte, und daß wir da ſeyen, ihn zu ermorden. Ihr ſehet wohl, daß der Befehl, ihn ohne Prieſter zum Tode zu bringen, in dem Befehle enthalten war, ihn zum Tode zu bringen.“ „O!“ murmelte Eduard, die Hände zum Him erhebend.„Ah! mein Gott, haſt Du jemals einſen Sohn verurtheilt, durch den Mörder ſeines Vaters ſol Abſcheulichkeiten ſeiner Mutter erzählen zu hören? Vol lendet, vollendet, denn mein Muth iſt zu Ende weinet Kraft erſchöpft ſich!...“ 41 fen„Wir antworteten ihm nicht; wir packten ihn, wir warfen ihn auf ſein Bett, und während ich ihm ver⸗ ers mittelſt eines umgekehrten Tiſches ein Kopfkiſſen auf das er, Geſicht drückte, ſtieß ihm Gurnay,... ich ſchwöre He⸗ Euch, daß es Gurnay war, Sire,... durch ein Horn vir hindurch ein glühendes Eiſen in die Eingeweide.“ ren Dduard ſtieß einen Schrei aus, ſprang auf, und auf ſtellte ſich Mautravers gegenüber:„Laß mich Dich an⸗ ich ſchauen, Elender, um mich zu überzeugen, ob Du wirk⸗ 12 lich ein Menſch biſt. Ja, bei meiner Seele, ein menſch⸗ liches Angeſicht, ein menſchlicher Leib, ein menſchliches e“ Ausſehen! O! Teufel, halb Tiger, halb Schlange, wer — hat Dir erlaubt, ſo die Aehnlichkeit des Menſchen an⸗ 4 zunehmen, der das Ebenbild Gottes iſt?“ „Die Idee des Verbrechens kommt nicht von uns, ESirre.“ 4 ten,„Stille!“ rief Eduard, die Hand ihm auf den Mund legend,„ſtille, bei Deinem Kopfe, ich will nicht wiſ⸗ ur; ſen, woher ſie kommt! Höre, ich habe Dir das Leben gen, verſprochen, ich ſchenke es Dir; ſomit iſt mein Ver⸗ zen, ſprechen erfüllt, merk Dir's wohl; aber von nun an, vei dem leiſeſten Worte, das Deinen Lippen entſchlü⸗ pfen wird, bei der mindeſten Unbeſonnenheit von Dei⸗ ner Seite hinſichtlich des Liebesverhältniſſes der Köni⸗ gin und Roger's, bei der geringſten Beſchuldigung der Theilnahme meiner Mutter an dieſem infamen Morde, wird, ich ſchwöre es Dir bei meinem königlichen Worte, das ich zu halten weiß, wie Du ſiehſt, das neue Ver⸗ 1 rechen ſo beſtraft werden, daß die alten dabei ihre Rechnung finden. Vergiß alſo, von dieſer Stunde an:. — —— ——— die Vergangenheit ſey für Dich nur ein Fiebertraum, der mit dem Delirium entſchwand, das ihn erzeugte. Wer den Thron von Frankreich von mütterlicher Seite in Anſpruch nimmt, darf eine Mutter haben, bei der man die Schwächen eines Weibes vermuthen kann, denn ſie iſt ein Weib, aber nicht die Verbrechen eines Teufels.“ „Ich ſchwöre Euch, das Geheimniß zu bewahren, Sire. Was verfüget Ihr nun hinſichtlich meiner?? „Haltet Euch bereit, mich in das Schloß Reding zu begleiten, wo die Königin iſt.“ 3 „Die Königin... Eure Mutter?“ „Ja. Seyd Ihr nicht gewohnt, ihr zu dienen? Iſt ſie nicht gewohnt, Euch Befehle zu ertheilen? Ich habe einen neuen Dienſt in ihrem Hauſe für Euch gefunden.“ „Ich bin in Eurer Gewalt, Monſeigneur; macht mit mir, was Ihr wollet.“ „Eure Aufgabe wird leicht ſeyn; ſie wird ſich dar⸗ auf beſchränken, meine Mutter niemals über die Thor⸗ ſe ſchwelle des Schloſſes ſchreiten zu laſſen, deſſen Aach⸗ A ter Ihr ſeyn werdet.“ Bei dieſen Worten entfernte ſich Eduard, indem er ſi Mautravers ein Zeichen gab, ihm zu folgen. Am Thor⸗ ne des Palaſtes fand er den Grafen Johann von dennegm d und den Grafen Robert von Artois, die ſeiner harreten. Beide ſtaunten über die ſchreckliche Bläſſe des Königs; aber da er feſten Schrittes ging, und ohne Beihülfe von Jemand ſich in den Sattel ſchwang, wagten ſt keine Frage an ihn zu ſtellen, und begnügten ſich, ihm auf halbe Pferdeslänge zu begleiten; Mautravers und ſeine zwei Wächter kamen nach ihnen, in einiger Ent. 2 S ͤ SͤS„„=,„„ 43 fernung. Der kleine Trupp zog ſchweigend an den Ufern der Themſe hin, über die er zu Windſor ſetzte, und gewahrte nach Verlauf eines zweiſtündigen Mar⸗ ſches die hohen Thürme des Schloſſes Reding. In ei⸗ nem Gemache dieſes Schloſſes war, ſeit der Hinrichtung des Roger Mortimer, die Königin Iſabella von Frank⸗ reich als Gefangene. Zweimal jährlich, und in be⸗ ſtimmten Zeiträumen, kam der König, ſie zu beſuchen. Ihre Furcht war alſo groß, da die Thüre ihres Ge⸗ maches ſich öffnete, und man ihren Sohn ihr meldete, zu einer Zeit, wo er ſonſt nicht vor ihr zu erſcheinen pflegte. Die Königin ſtand ganz zitternd auf, und wollte Eduard entgegen gehen; aber auf halbem Wege verließen die Kräfte ſte, und ſie mußte ſich auf einen Armſtuhl ſtützen; im nämlichen Momente erſchien der König, von Johann von Hennegau und dem Grafen Robert von Artois begleitet. Er näherte ſich langſam ſeiner Mutter, die ihm die Hand reichte; aber Eduard verbeugte ſich vor ihr, ohne die Hand zu nehmen. Dann raffte die Königin ihren ganzen Muth zuſammen, zwang ſich, zu lächeln, und ſagte zu ihm:„Mein lieber Seig⸗ neur, welchem guten kindlichen Gedanken verdanke ich das Glück Eures Beſuches in einem Momente, da ich ihn ſo wenig erwartete?“ „Dem Wunſche, welchen ich hegte, mein Unrecht gegen Euch wieder gut zu machen, Madame,“ erwiederte Eduard mit dumpfer Stimme, und ohne die Augen auf⸗ Puſülagen;„ich hatte Euch mit Unrecht im Verdachte von Verirrungen, Vergehen und ſelbſt Verbrechen. 2*4*α 15 44 allgemeine Stimme klagte Euch an, Madame, und lei⸗ der giebt es oft keine andere Beweiſe gegen die Könige. Doch eben heute erhielt ich die Ueberzeugung Eurer Unſchuld.“ Die Königin bebte. „Ja, Madame,“ fuhr Eduard fort,„die ganze und vollſtändige Ueberzeugung, und ich brachte Euere ehe⸗ maligen Ritter mit, Johann von Hennegau, Herrn von Beaumont und Euern ehemaligen Freund, den Grafen Robert von Artois, damit ſie bei der öffentlichen Ehren⸗ erklärung anweſend ſeyen, die ich Euch wegen meines Unrechts mache.“ Die Königin ſchaute mit einem verſtörten Blicke die beiden Ritter an, welche, ſchweigend und beſtürzt, dieſer Scene beiwohnten, und heftete dieſen Blick zuletzt wie⸗ 3 der auf Eduard, welcher mit dem nämlichen Tone, und mit immer noch niedergeſchlagenen Augen fortfuhr:„Von dieſer Stunde an iſt das Schloß Reding kein Gefängniß mehr, ſondern eine königliche Reſidenz. Ihr werdet, wie früherhin, Madame, Pagen, Ehrendamen, einen Secretär bekommen; Ihr werdet behandelt werden, wie es der Wittwe Eduard's II. und der Mutter Eduard's III. gebührt, kurz wie jene behandelt werden ſoll, die durch ihre erlauchte Verwandtſchaft mit dem ſeligen Könige Karl dem Schönen mir unbeſtreitbare Rechte ds die Krone Frankreichs giebt.“ „Iſt's ein Traum,“ verſetzte die Königin,„und danß ich an ſo viel Glück glauben?“ „Nein, Madame, es iſt eine Wirklichkeit, und al letzten Beweis ſehet hier den Kaſtellan, dem ich die 6% nen Armſtuhl. 45 lige Hut Eurer Perſon übertrage. Tretet ein, Ritter!“ ſagte Eduard. Mautravers erſchien; die Königin ſtieß einen Schrei aus, und verhüllte ſich die Augen mit ihren Händen, wie wenn ſie ein Geſpenſt erblickt hätte. „Was giebt's denn, Madame?“ fragte Eduard; „ich glaubte, Euch ein Vergnügen zu bereiten, indem ich Euch einen ehemaligen Diener wieder brachte; war nicht dieſer Mann abwechſelnd Euer Page und Euer Secretär? War er nicht der Vertraute aller Eurer Gedanken, und wird er nicht Jenen, die noch zweifeln möchten, für Eure Unſchuld bürgen können, wie Ihr ſelbſt?“ „O! o! mein Gott!“ entgegnete Iſabella,„wenn Ihr wollet, daß ich ſterben ſoll, ſo tödtet mich lieber gleich, Monſeigneur.“ „Ich ſoll den Gedanken an Euern Tod hegen, Ma⸗ dame! Im Gegentheile, ich will, daß Ihr lebet, und lange; der Beweis davon iſt dieſer Befehl, den ich in den Händen des Kaſtellans Mautravers zurücklaſſe; leſet!“ Die Königin ſenkte die Augen auf das Pergament, mit dem königlichen Siegel verſehen, das ihr Sohn ihr reichte, und las halblaut: Isabellam occidere nolite; timere bonum est. Bei dieſen Worten ſtieß ſie einen Schrei aus, und ſank ohnmächtig in ei⸗ Die beiden Ritter näherten ſich, um Iſabellen bei⸗ zuſtehen. Eduard ging zu Mautravers.„Ritter,“ ſagte 4 er zu ihm,„hier ſind Eure Inſtruktionen. Dießmal, 46 wie Ihr ſehet, lauten ſie beſtimmt:„Tödtet Iſa⸗ bella nicht; es iſt gut, zu fürchten.“— Gehen wir, meine Herren,“ fuhr Eduard fort,„wir müſſen vor Tagesanbruch in London ſeyn. Ich rechne auf Euch, die Unſchuld meiner Mutter zu verkünden.“ Bei dieſen Worten entfernte er ſich, von Johann von Hennegau und Robert von Artois gefolgt, indem er die Königin, die wieder zu ſich zu kommen begann, allein bei ihrem ehemaligen Secretär ließ. 1 unſere Leſer werden vielleicht ſtaunen über dieſe ſo ſonderbare Rückkehr des Königs Eduard III. zur Milde, vorzüglich in einem Momente, da er ſo eben den Be⸗ weis des Verbrechens erhalten hatte, deſſen Opfer ſein Vater geweſen war; aber die Politik hatte in ihm über die Ueberzeugung geſiegt, und er eingeſehen, daß er, zur Zeit, da er den Thron von Frankreich von müt⸗ terlicher Seite in Anſpruch nehmen wolle, jene, die ihm ihre Rechte übertrug, als Königin und nicht als Ge⸗ fangene behandeln müſſe.. Drittes Kapitel. 1 1 Am zweiten Tage nach dem Tage, oder vielmehr nach der Nacht, da die von uns erzählten Ereigniſe vorgefallen waren, verließen drei Geſandtſchaften Lon⸗ don, von denen die erſte nach Palenciennes, die zweite nach Lüttich, und die dritte nach Gent ſich begab. An der Spitze der erſten ſtand Peter Wilhelm von Mon⸗ 1 — ᷣ 47 taigu, Graf von Salisbury, und Johann von Henne⸗ gau, Herr von Beaumont; ſie begab ſich zu Wilhelm von Hennegau, Schwiegervater des Königs Eduard III. Die zweite beſtand aus Herrn Heinrich, Biſchof von Lincoln, und aus Wilhelm von Clinton, Grafen von Huntington, und war an Adolph von Lamarck, Biſchof von Lüttich abgeordnet. Dieſe beiden Geſandtſchaften hatten in ihrem Gefolge eine Menge von Rittern, Pa⸗ gen und Edelknechten: kurz ſie waren der Macht und des Glanzes des Königs würdig, deſſen Repräſentation ihnen oblag, denn jede von ihnen belief ſich auf mehr als fünfzig Perſonen. Die dritte war weit entfernt, dem prächtigen und vornehmen Ausſehen der beiden erſten zu entſprechen 5 denn, wie wenn die andern auf ihre Koſten wären ge⸗ bildet worden, war ſie auf zwei Herren und einen Edel⸗ knecht beſchränkt; überdieß ſchienen dieſe beiden Herren, durch die Einfachheit ihrer Kleider, der Mittelklaſſe der Staatsgeſellſchaft anzugehören. Freilich war dieſe Ge⸗ ſandtſchaft nur an den Bierbräuer Jakob von Artevelle gerichtet, den der König von England vielleicht durch die Sendung eines zahlreichern und prächtigeren Reiter⸗ zuges zu demüthigen gefürchtet hatte; wie ganz einfach und wenig anſehnlich er jedoch iſt, ſo werden wir doch dieſem folgen, wenn unſere Leſer es uns erlauben; und unm Bekanntſchaft mit ihm zu machen, fangen wir an, einen Blick auf die beiden Männer zu werfen, aus de⸗ nen er beſteht, und die in dieſem Momente durch die Straſſen von London ziehen. Der Eine von Beiden und zwar der Größere, trug eine Art von langem Ober⸗ kleide von kaſtanienbrauner Farbe, deſſen umgeſtülpte Capuze ſein Geſicht völlig bedeckte; dieſes mit Pelzwerk verbrämte Oberkleid hatte an ſeinen langen Aermeln eine Oeffnung, durch die von jeder Seite der Vorder⸗ arm hervorragte: man konnte alſo leicht ſehen, daß er einen Leibrock von grünem Tuche bedeckte, ähnlich dem⸗ jenigen, das man in Wallis fabrizirte, und welches, zu dick, um von vornehmen Herren getragen zu werden, dennoch zu fein war, um zur gewöhnlichen Bekleidung der Männer aus dem Volke zu dienen. Lederne Stiefel mit ſpitzigen Enden, aber ohne Uebertreibung hinſicht⸗ lich ihrer Länge, überragten faſt um einen halben Fuß den untern Theil dieſes langen Oberkleides, und ruhten auf einfachen, eiſernen Steigbügeln. Das braune Pferd, welches der Geſandte ritt, ſchien vielleicht auf den er⸗ ſten Anblick einer Mittelklaſſe anzugehören, wie ſein Herr; nach kurzer Beſichtigung würde jedoch ein Ken⸗ ner an ſeinem vollen Halſe, an ſeinem gebogenen Kopfe, an ſeinem mächtigen Rücken und an ſeinen zarten Bei⸗ nen, auf denen hervorſpringende und zahlreiche Adern wie ein Netz ſich kreuzten, bemerkt haben, daß es von jener reinen normänniſchen Race abſtamme, auf welche die Ritter jener Zeit einen ſo hohen Werth legten, weil ſie die Kraft mit der Leichtigkeit vereinte; daher war es offenbar, daß das edle Thier ſeinem Herrn, der es im Schritte zu gehen zwang, nur gehorchte, weil es in ihm einen geübten Reiter erkannte, und dieſer Gang war ſo weit entfernt, ihm eigenthümlich zu ſeyn, daß nach Verlauf eines viertelſtündigen Rittes der Schweiß von ihm rieſelte, und es jedesmal Schaumflocken in die Luft ſchleuderte, ſo oft es in ſeiner Ungeduld den Kopf emporhob. Die zweite Perſon hatte keine Aehnlichkeit mit dem Porträte, das wir ſo eben von ſeinem Gefährten zeich⸗ neten; es war ein kleiner, blonder und magerer Mann; ſeine Augen, deren Farbe man ſchwerlich genau be⸗ ſtimmt hätte, zeigten jenen Ausdruck ſpöttiſcher Schlau⸗ heit, den wir oft bei den Männern aus dem Volke tref⸗ fen, die ein politiſcher Zufall über den Stand erhoben hat, in dem ſie geboren wurden, ohne ihnen jedoch zu vergönnen, zu den ariſtocratiſchen Höhen zu gelangen, welche ſie zu erreichen wünſchen, während ſie dieſelben gering zu ſchätzen ſcheinen. Seine mattblonden Haare wa⸗ ren weder wie jene der Seigneurs, noch wie jene der gemeinen Leute geſchnitten; ſein Bart, obgleich er ſchon ſeit langer Zeit in dem Alter war, welchen zu haben, war ſo dünn geſäet, daß man nicht hätte ſagen können, ob es ſeine Abſicht war, ihn lang zu tragen, oder ob es ihm nicht nützlicher dünkte, ihn wegen ſeines un⸗ ſcheinbaren Ausſehens zu raſiren. Sein Coſtüm beſtand aus einem Reiſemantel von grobem, grauem Tuche, ohne Gürtel und mit zurückfallender Capuze; ſein Kopf war mit einer wollenen Mütze von der nämlichen Farbe be⸗ deckt, mit einer Art von grüner Verzierung geſäumt, und ſeine Füße ſtacken in kurzen, vorne runden Stie⸗ feln, auf der Fußbiege geſchnürt, wie unſere Halbſtiefel. Sein Pferd, das er abſonderlich wegen ſeiner Sanftheit gewählt zu haben ſchien, war eine Stute, was auf den erſten Blick verrieth, daß der Reiter nicht edel war, Dumas, die Gräfin von Salisbury. denn man weiß, daß ein Edelmann, ein ſolches Thier reitend, ſich für entehrt gehalten hätte. Als ſie etwa hundert Schritte weit außerhalb der Thore der Stadt waren, ſchlug der Größere von dieſen beiden Reitern, da er fernehin auf der Straße nur Rei⸗ ſende oder Bauern erblickte, die Capuze zurück, die er über ſein Geſicht gezogen hielt, ſo lange er auf den Straſſen von London geweſen war. Man konnte nun ſehen, daß er ein ſchöner, junger Mann von fünfund⸗ zwanzig bis ſechsundzwanzig Jahren war, mit braunen Haaren, blauen Augen, röthlichem Barte; er trug auf dem Kopfe eine kleine Faltenmütze von ſchwarzem Sam⸗ met, welcher ihr kaum hervorſpringender Rand die Form einer Prieſtermütze lieh. Obgleich er nicht älter zu ſeyn ſchien, als wir angaben, hatte er doch ſchon das erſte Colorit der Jugend verloren, und ſeine bleiche Stirne war von einer tiefen Runzel gefurcht, was ver⸗ rieth, daß mancher ernſte Gedanke ſeinen Kopf geſenkt hatte; jetzt aber, gleich einem Gefangenen, der eben erſt ſeine Freiheit erhielt, ſchien er jede Sorge abgeſchüttelt und die ernſten Angelegenheiten auf einen andern Mo⸗ ment vertagt zu haben, denn mit einer Miene von Frei⸗ müthigkeit und ausgeprägter guter Laune näherte er ſich ſeinem Gefährten, und lenkte die Schritte ſeines Pfer⸗ des ſo, daß es neben dem ſeinigen ging. Es verfloßen jedoch einige Minuten, ohne daß einer von Beiden den Mund öffnete; da ſie beſchäftiget ſchienen, wechſelſeitig einander zu beobachten.—„Bei dem heiligen Georg! College,“ ſagte der junge Mann mit der ſchwarzen Fal⸗ kenmütze, zuerſt das Schweigen brechend,„wenn man, wie wir, einen langen Weg miteinander zurücklegen muß, ſo glaub' ich, unbeſchadet einer beſſeren Anſicht, daß man ſo bald als möglich Bekanntſchaft machen müſſe; dabei wird eben ſo viel Langeweile erſpart, als an Freundſchaft gewonnen; zudem vermuthe ich, daß es Euch nicht unlieb geweſen wäre, wenn Euch, da Ihr als Geſandter von Gent nach London kamet, ein guter Gefährte, wie ich, mit den Gewohnheiten der Haupt⸗ ſtadt bekannt gemacht, Euch die einflußreicheſten Seig⸗ neurs des Hofes genannt, und Euch zum Voraus von den Fehlern und guten Eigenſchaften des Monarchen in Kenntniß geſetzt hätte, zu dem Ihr geſendet ſeyd. Dieß hätte ich gerne für Euch gethan, wenn ein glückliches Ungefähr mich zu Eurem Reiſegefährten würde gemacht haben; thut es alſo für mich, der ich der Eurige ge⸗ worden bin, und fangen wir zuvörderſt bei Eurem Na⸗ men und Eurem Stande an, denn ich vermuthe, daß Ihr in der Regel einen andern bekleidet, als jenen ei⸗ nes Geſandten?“ „Werdet Ihr mir erlauben, nachher die nämlichen Fragen an Euch zu ſtellen?“ antwortete mit einer miß⸗ trauiſchen Miene der Mann mit der grüngeſäumten grauen Mütze. „Allerdings... das Vertrauen muß gegenſeitig ſeyn.“ „Wohlan, mein Name iſt Gerhard Denis; ich bin Vorſteher der Weber der Stadt Gent, und obgleich ich auf meinen Stand ſtolz bin, ſo muß ich doch bisweilen den Faden der Weberſpule ruhen laſſen, um Jacque⸗ 52 mart*) in der Leitung der Staatsangelegenheiten Bei⸗ ſtand zu leiſten, die in Flandern deßhalb nicht ſchlechter meiſter ſie führen, die, aus dem Volke ſtammend, we⸗ nigſtens die Bedürfniſſe des Volkes kennen. Und jetzt iſt es an Euch, zu ſprechen, denn ich ſagte Euch, glaub⸗ ich, was Ihr wiſſen wolltet.“ „Ich heiße Walter,“ antwortete der junge Ritter; „meine Familie, obwohl reich und von Ruf, wäre in noch beſſeren Verhältniſſen, wenn meine Mutter nicht genährt, wie er, wodurch geſchah, daß er immer eine große Freundſchaft für mich hegte. Was die Stelle betrifft, die ich am Hofe einnehme, ſo wüßte ich ſie hin, auf die Jagd, zum Heere, in den Rath; kurz, wenn er eine Sache beurtheilen will, als ob er ſie mit ſeinen eigenen Augen ſähe, beauftragt er gewöhnlich mich, ſie anſtatt ſeiner zu würdigen. Deßhalb ſendet er mich an Jakob von Artevelle, den er für ſeinen Freund hält, und abſonderlich hochſchätzt.“ „Es geziemt mir nicht, die Wahl zu kritiſtren, welche ein ſo weiſer und ſo mächtiger Fürſt, wie der König *) So nannte man auf vertrauliche Weiſe Jakob von Ar velle, deſſen flamändiſcher Name Jakob von Artveld beſorgt werden, als in andern Ländern, weil Zunft⸗ ungerechterweiſe einen wichtigen Prozeß verloren hätte, der mir den beſten Theil meiner Erbſchaft raubte. Ich erblickte am nämlichen Tage, wie der König Eduard, das Licht der Welt; ich wurde mit der nämlichen Milch eben nicht zu bezeichnen: ich begleite den König überall von England, getroffen hat, und zwar in Eurer Ge⸗ &— S O. erlangen, die er beſitzt?“ genwart,“ antwortete Gerhard Denis mit einer Ver⸗ beugung;„aber es dünkt mir, daß er einen ſehr jun⸗ gen Boten gewählt hat. Wenn man einen alten Fuchs fangen will, muß man ihn nicht mit jungen Hunden jagen.“ „Dieß iſt gut, wenn man ſich gegenſeitig zu täu⸗ ſchen ſucht, und wenn von Politik die Rede iſt, und nicht von Handel,“ verſetzte treuherzig derjenige, welcher den Namen Walter angenommen hatte;„aber wenn man redlich und offen wegen des Austauſches von Waa⸗ ren zu unterhandeln gedenkt, verſtehen ſich Edelleute ſchnell.“ „Edelleute?“ wiederholte Gerhard Denis. „Ja; iſt Jakob von Artevelle nicht adeliger Ab⸗ kunft?“ antwortete Walter nachläßig. Gerhard brach in ein lautes Gelächter aus.„Ja, ja, von ſo adeliger Abkunft, daß der Graf von Valois, Vater des Königs von Frankreich, der ihn in ſeiner Jugend wollte reiſen laſſen, damit an ſeiner Erziehung nichts fehle, ihn nach Rhodus führte, und nach ſeiner Rückkehr der König Ludwig der Hartnäckige ihn ſo wohl gebildet fand, daß er ihm eine Anſtellung an ſeinem Hofe verlieh; ja, bei meiner Seele, er machte ihn zum Aufſeher ſeiner Obſtkammer, ſo daß er in Anbetracht der hohen Funktion, die ihm übertragen war, eine vor⸗ nehme Heirath ſchließen konnte; er vermählte ſich mit einer Honigbrauerin.“ „Dann mußte er ja,“ bemerkte Walter,„ein gro⸗ ßes perſönliches Verdienſt beſitzen, um die Macht zu * “ verſchwindet, wie hoch und vornehm er auch ſeyn mög 54 „Ja, ja,“ ſagte Gerhard mit ſeinem ewigen Lächeln, das nur je nach dem Umſtande ſeinen Ausdruck änderte, „er hat eine ſtarke Stimme, und kann laut und lange gegen den Adel ſchreien, was ein großes Verdienſt iſt, wie Ihr es nennt, bei Leuten, die ihren Gebieter da⸗ vongejagt haben.“ „Er iſt königlich reich, ſagt man?“ *½ „Es iſt nicht ſchwierig, Schätze aufzuhäufen, wenn künfte eines Seigneur, ohne eine andere Rechnung da⸗ von abzulegen als jene, die man ablegen mag, und wenn man ſo gefürchtet wird, daß es keinen Bürger gibt, der ihm ein Darleihen zu verweigern wagt, wie groß auch die Summe ſeyn mag, die man von ihm ent⸗ lehnt, und obgleich er ſehr wohl weiß, daß er nie einen Sterling mehr davon bekommen wird.“ man wie ein Fürſt des Orients die Renten erhoben hat, die Tonnengelder, den Weinzehent, und alle Ein⸗ „Ihr ſagt, daß Jacquemart gefürchtet iſt? Ich hielt ihn für geliebt.“ „Und wozu hätte er dann beſtändig ſechszig oder achtzig Gardiſten um ſich, die ihn wie einen römiſchen Kaiſer umgeben, und ſeiner Perſon weder Eiſen noch 1 Stahl nahen laſſen? Freilich ſagt man allgemein, daß ſie ihm nicht dazu dienen, ſich zu vertheidigen, ſondern anzugreifen, und daß zwei oder drei unter ihnen ſind, die dergeſtalt ſeine verborgenſten Geheimniſſe wiſſen, daß wenn ſie einem Feinde Jacquemart's begegnen, Jacque⸗ mart nur ein Zeichen zu geben braucht, und ſein Fei Soll ich Suh etwas ſagen? 2“ fuhr Gerhard Denis 8 — 5 indem er auf den Schenkel Walter's ſchlug, der ihn ſeit einem Momente kaum zu höͤren ſchien,„dieß wird nicht lange dauern; es giebt in Gent Männer, die ſo viel werth ſind, wie Jacquemart, die eben ſo gut, und nooch beſſer, als er, mit Eduard von England alle po⸗ litiſchen und Handelsverträge abſchließen könnten, welche einem ſo großen Könige entſprechen würden. Aber was Teufels betrachtet Ihr denn ſo, und an was denket Ihr?“ „Ich höre Euch an, Meiſter Gerhard, und verliere kein Wort von dem, was Ihr ſaget,“ antwortete Wal⸗ ter zerſtreut, entweder weil er dachte, daß eine zu an⸗ haltende Aufmerkſamkeit ſeinem Gefährten auffallen könnte, oder weil er erfahren hatte, was er zu wiſſen wünſchte, oder endlich, weil er wirklich über den Gegenſtand nach⸗ ſann, der ſeine Blicke gefeſſelt hatte;„aber, indeſſen ich Euch anhöre, betrachte ich jenen prächtigen Reiher, der ſo eben aus jenem Sumpfe aufſtieg, und denke, daß ich, hätte ich einen von meinen Falken da, Euch das Vergnügen einer Reiherbeize verſchaffen würde.“ „Ei doch, bei meiner Ehre, wir werden es ohne ihn genießen, und ſehet, dort unten, dort unten, läßt man einen Falken los, zur Verfolgung unſers Freun⸗ des mit dem langen Schnabel.— Haw! haw!“ ſchrie Walter, wie wenn der edle Vogel ihn hätte hören kön⸗ nen.„Und ſehet, Meiſter Gerhard, ſehet, der Reiher hat ſeinen Feind erblickt. Ah, doppelte Memme!“ rief der junge Ritter aus,„du flieheſt jetzt vergebens; wenn dein Gegner von guter Race iſt, biſt du verloren!“ Wirklich ſtieß der Reiher, der die ihm drohende ¹ Lfahr ſah, einen langen, kläglichen Schrei aus, den man ungeachtet der Entfernung vernahm, und begann zu ſteigen, wie wenn er ſich in den Wolken verlierer wollte. Der Falke, welcher ebenfalls ſeine Abſich merkte, wendete, um anzugreifen, das nämliche Manö⸗ ver an, das ſeine Beute wählte, um ſich zu vertheidi⸗ gen, und während der Falke ſcheitelrecht ſich erhob, zog er eine Schräglinie, die nach dem Punkte zielte, wo ſie zuſammentreffen mußten. „Bravo! bravo!“ rief Walter aus, der an dieſem Schauſpiele alles Intereſſe nahm, welches es gewöhnlich Edelleuten einzuflößen ſcheint;„gut angegriffen, gut vertheidiget. Haw! haw! Robert, erkennſt Du dieſen Falken?“ 3 „Nein, Monſeigneur,“ antwortete der Edelknecht, eben ſo aufmerkſam, wie ſein Gebieter, auf den Kampf, der ſich entſpinnen ſollte;„aber, ohne zu wiſſen, wem er gehört, möchte ich bei ſeinem Fluge dafür gut ſtehen, daß er von edler Race ſey.“ „Und Du würdeſt Dich nicht täuſchen, Robert. Bei meiner Seele, er hat den Flügelſchlag eines Geierfalken, und wird ihn in einem Augenblicke eingeholt haben.— Ah! Du haſt Deine Maßregeln ſchlecht getroffen, edler Vogel, und die Furcht hat beſſere Schiwingen gehabt, als der Muth.“ In der That hatte der Reiher ſeine Kräfte ſo gut berechnet, daß er in dem Momente, da der Falke ihn erreichte, über ihm ſchwebte. Der jagende Vogel ſetzte alſo ſeinen Flug fort, einige Fuß unterhalb des Reihers fortziehend, aber ohne ihn anzugreifen. Der Reihezr 8 benützte alſogleich dieſen Vortheil, und verſuchte,'s Schauet, Meiſter Gerhard, ſchauet wohl, denn Ihr wer⸗ 2 —xxxxE 57 Richtung ſeines Fluges ändernd, Raum zu gewinnen, nd durch den Abſtand zu entrinnen, anſtatt durch die öhe. 3„Wohlan,“ rief Robert verwirrt aus,„ſollten wir unſern Falken ſchlecht beurtheilt haben, Monſeigneur? Da entflieht er, bei meiner Seele, auf ſeiner Seite, wie der Reiher auf der ſeinigen.“ „Ei nein,“ verſetzte Walter, der ſeine Eigenliebe in Bezug auf den Falken ſchien verpfändet zu haben; „ſiehſt Du nicht, daß er ſich zum Aufſchwunge an⸗ ſchickt? Ei, ſieh, ſieh, da kommt er zurück. Haw! haw!“ Walter täuſchte ſich nicht: der Schnelligkeit ſeines Fluges gewiß, hatte der Falke ſeinen Feind Abſtand gewinnen laſſen, und kam jetzt, da er ſich auf ſeiner Höhe befand, auf ihn zurück, immer eine aufſteigende Linie beſchreibend. Der Reiher ſtieß neue Nothſchreie aus, und wiederholte ſein Manöver, indem er ſenkrecht emporzuſteigen verſuchte, wie er es das Erſtemal gethan hatte. Nach Verlauf eines kurzen Kampfes ſchienen die beiden Vögel bereit, in den Wolken zu verſchwinden; der Reiher ſchien nicht größer als eine Schwalbe, und der Falke war nur noch ein ſchwarzer Punkt. „Wer hat die Oberhand? Wer hat die Oberhand?“ rief Walter aus;„denn, bei meiner Ehre, ſie ſind ſo hoch, daß ich nichts mehr unterſcheide.“ „Ich auch nicht, Monſeigneur.“ „Gut! der Reiher antwortet uns,“ ſagte der junge Ritter, in die Hände klatſchend;„denn wenn man ihn auch nicht mehr bemerkt, ſo hört man ihn doch.— ℳ det ſie ſchneller herunterſchießen ſehen, als ſie empor⸗ flogen.“ Wirklich hatte Walter kaum dieſe Worte ausge⸗ ſprochen, als die beiden Vögel wieder zu erſcheinen be⸗ gannen. Bald konnte man leicht ſehen, daß der Falke die Oberhand hatte: der Reiher, mit heftigen Schnä⸗ belſtößen angegriffen, antwortete nur mehr durch Schreie; endlich ließ er ſich, ſeine Flügel einziehend, wie einen Stein, etwa fünfhundert Schritte weit von unſern Rei⸗ ſenden, fallen, immer noch von ſeinem Gegner ver⸗ folgt, der faſt zu gleicher Zeit mit ihm herabſchoß. Alſogleich ſetzte Walter ſein Pferd in der Richtung in Galopp, in welcher er ſie verſchwinden ſah, und über Hecken und Gräben ſpringend, gelangte er bald an die Stelle, wo der ſiegende Falke bereits das Hirn des Be⸗ ſiegten fraß. Der junge Ritter erkannte auf den erſten Blick, daß der Falke der ſchönen Elſe von Granfton ge⸗ höre. Nun ſtieg er, da noch keiner von den Falknern und Jägern angekommen war, vom Pferde, ſteckte an den Schnabel des Reihers einen Smaragdring von gro⸗ ßem Werthe, rief dem Falken bei ſeinem Namen, der ſich auf ſeine Fauſt hockte, ſtieg wieder zu Pferde, holte ſeine Gefährten ein, und machte ſich wieder auf den Weg, die Geſandtſchaft mit einer neuen Perſon ver⸗ mehrend. Kaum hatte er eine Viertelmeile zurückgelegt, als er hinter ſich rufen hörte, und, ſich umwendend, einen jungen Mann erblickte, der mit verhängtem Zügel auf ihn zu kam; er erkannte alſogleich Wilhelm von 1 3 Montaigu, Neffen des Grafen von Salisbury, und hielt ſtille, um ihn zu erwarten. 3 ———·„·— ⏑——+½—,—. „Herr Ritter,“ rief ihm der junge Edelknappe aus ſo weiter Ferne zu, als er ſich vernehmlich machen zu 1 ge⸗ können glaubte,„der Falke der Madame Elſe iſt weder be⸗ zu kaufen, noch zu verkaufen; habt alſo die Güte, ihn lke mir gegen dieſen Ring zurückzugeben, den ſie Euch ſen⸗ aä⸗ det, oder, bei meiner Seele, ich werde ihn Euch abzu⸗ ie; nehmen wiſſen!“ en„Mein ſchöner Page,“ verſetzte Walter kalt,„Du ei⸗ wirſt Deiner Gebieterin ſagen, daß ich, da ich eine r⸗ Reeiſe angetreten und meinen Falken vergeſſen habe, ß. welcher, wie Du weißt, der unzertrennliche Gefährte in eines jeden edlen Seigneur iſt, den ihrigen borge, und er ihr dieſen Ring als Unterpfand laſſe, daß ich ihr den⸗ jfie ſelben zurückgeben werde. Wenn nun die ſchöne Elſe ⸗ das Unterpfand nicht für genügend hält, ſo geh' ſelbſt en in meinen Falkenhof, und nimm, um ſie ihr anzubie⸗ e⸗ ten, die zwei ſchönſten Geierfalken, die Du auf der n Alufſttzſtange finden wirſt.“ n Nun ſah Gerhard Denis, der die Drohungen des . jungen Edelknappen gehört hatte, zu ſeinem großen Er⸗ r ſtaunen dieſen bei den erſten Worten, welche Walter e an ihn richtete, erblaſſen und zittern, und als dieſer zu n ſprechen aufhörte, den ſo ſchrecklichen Boten ſich ehr⸗ ⸗ furchtsvoll verbeugen, und ſich anſchicken, zu gehorchen, ohne es auch nur zu wagen, ihm zu antworten. „Vorwärts jetzt, Meiſter Gerhard!“ ſagte Walter, ohne daß er die Beſtürzung ſeines Gefährten zu bemer⸗ ren, aber eine ſchöne Jagd geſehen, und ich habe einen ken ſchien;„wir haben freilich ein wenig Zeit verlo⸗ edlen Vogel erworben.“ Bei dieſen Worten näherte er 60 ſeine Lippen dem Falken, der ſchmeichelnd den Hals dar⸗ reichte, wie an dieſe Art von Liebkoſung gewöhnt, und ſetzte ſeinen Weg wieder fort. „Kein Zweifel mehr,“ murmelte der junge Edel⸗ knappe, den Kopf ſeines Pferdes nach der Richtung wendend, wo die ſchöne Elſe ſeiner harrete, und traurig den prächtigen Ring betrachtend, den er ihr zurückzu⸗ bringen beauftragt war,—„kein Zweifel mehr, er liebt ſie!“ Dieſes Abenteuer hatte Walter in ein ſo tiefes Nachſinnen verſenkt, daß er im Gaſthofe ankam, worin er übernachten ſollte, ohne ein einziges Wort an Mei⸗ ſter Gerhard Denis zu richten. Viertes Kapitel. Am andern Tage ſtanden die beiden Reiſenden mit der Morgenröthe auf; Beide ſchienen an dieſe frühen Märſche gewohnt, der Eine als Soldat, der Andere als ein Mann vom Mittelſtande; ihre Abreiſeanſtalten wur⸗ den alſo ganz mit militäriſcher Schnelligkeit getroffen, und kaum erſchien die Sonne am Horizonte, als ſie ſich bereits auf den Weg machten. Ungefähr eine Viertel⸗ meile von dem Gaſthofe, worin ſie übernachteten, theilte ſich der Weg, dem ſie folgten, in zwei Straſſen; die Eine führte nach. Harwich, die Andere nach Yarmouth; Walter hatte bereits ſein Pferd nach der Letzteren ge⸗ lenkt, als ſein Gefährte das ſeinige anhielt. f „Mit Eurer Erlaubniß, Herr,“ ſagte n„. nis,„wir werden den Weg nach Harwich einſchlage. ich muß in dieſer Stadt einige unvermeidliche Angele genheiten ordnen.“ „Ich hätte gemeint,“ erwiederte der junge Ritter, „daß wir zu Yarmouth leichter Transportmittel würden gefunden haben.“ 1 „Aber nicht ſo ſichere,“ bemerkte Gerhard. „Das iſt möglich; da jedoch auf dieſer Seite die Linie gerader iſt, um in den Hafen von Sluys zu kom⸗ men, ſo dachte ich, daß Ihr ihn vorziehen würdet, wie ich.“ 3 „Die geradeſte Linie, Herr, iſt jene, die dorthin führt, wohin man gehen will, und wenn wir einige Luſt haben, geſund und wohlbehalten in Gent anzukom⸗ men, müſſen wir nach Newport ſteuern, und nicht nach Sluys.“ „Und warum?“ „Weil im Angeſichte dieſer letzteren Stadt eine ge⸗ wiſſe Inſel Cadſand liegt, bewacht von Herrn Guido von Flandern, Baſtardbruder des Grafen Ludwig von Creſſy, unſers Exgebieters, vom Dukere*) von Halle⸗ wyn, und dem Herrn Johann von Rhodus, welche die Capitaine und Souveraine davon ſind, und von uns vielleicht ein ſtärkeres Löſegeld verlangen würden, als es ein Vorſteher der Weber und ein einfacher Ritter be⸗ zahlen könnten.“ ——O——. *) Der Seigneur.. cin flamändiſcher Ausdruck, der dieſe Eigenſchaft bezeichnet. 62 „Pah!“ antwortete Walter lachend, und ſein Pferd vieder in den Weg einlenkend, den bereits ſein vorſich⸗ tiger Gefährte eingeſchlagen hatte,„ich bin überzeugt, daß Jacquemart von Artevelle und der König Eduard III. ihre Geſandten nicht wegen Mangels des Löſegeldes als Gefangene ſterben ließen, betrüge auch das Löſegeld für Jeden zehntauſend Goldthaler.“ „Ich weiß nicht, was der König Eduard für Herrn Walter thun würde,“ verſetzte der Weber;„aber deſſen bin ich gewiß, daß Jacquemart, wie reich er auch ſeyn mag, nichts für den Fall bei Seite legte, daß ſein Freund Meiſter Gerhard Denis gefangen würde, ſelbſt von den Sarazenen, die noch ganz andere Ungläubige ſind, als die Seigneurs von Flandern; erlaubet alſo, daß ich hinſichtlich meiner eigenen Sicherheit auf mich ſelbſt mich verlaſſe; es giebt keine Freundſchaft eines Königs, Sohnes oder Bruders, welche die Bruſt eines Mannes ſo wachſam vertheidiget, wie der Schild, der ſeinen linken Arm ſchützt, und das Schwert, welches 4 ſeinen rechten Arm bewaffnet; ich habe freilich weder 1 Schwert noch Schild, und würde ſelbſt in großer Ver⸗ legenheit ſeyn, mich des Einen oder des Andern zu be⸗ dienen, da ich öfter die Spindel und Weberſpule, als den Dolch und die Tartſche handhabte; aber ich beſitze die Klugheit und die Liſt, Trutz⸗ und Schutzwaffen, die viele andere aufwiegen, beſonders von einem Kopfe ge⸗ lenkt, der unabläßig darauf bedacht iſt, jeden Unfall dem Leibe zu erſparen, welcher die Ehre hat, ihn zu tragen, ein Geſchäft, das er, ich muß ihm dieſe Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, bis jetzt ſehr geſchic beſorgt hatz 8 —— 2&— — G&ᷣ& ☛ 25S 8 — — 63 „Werden wir uns aber nicht,“ fragte Walter,„in⸗ dem wir die Garniſon von Cadſand vermeiden, der Ge⸗ fahr ausſetzen, einigen von jenen bretoniſchen, normän⸗ niſchen, picardiſchen, ſpaniſchen und genueſiſchen See⸗ räubern zu begegnen, die immer im Solde des Königs Philipp längs den Küſten Frankreichs rudern, und glaubt Ihr, daß Hugo Quieret, Nicolas Behuchet oder Bar⸗ bevaire beſſer mit uns verfahren würden, als Herr Guido von Flandern, der Seigneur von Hallewyn, oder Jo⸗ hann von Rhodus?“ „O! dieſe ſpüren mehr den Waaren nach, als den Kaufleuten, und kümmern ſich weniger um die Schafe, als um die Wolle; im Falle des Begegnens würden wir ihnen unſere Ladung laſſen, und damit wäre Alles abgethan.“ 4 „Habt Ihr denn im Hafen von Harwich ein Kauf⸗ fahrtheiſchiff zu Eurer Verfügung?“ „Leider nein. Ich habe nur ein kleines Schiff, kaum größer als eine Barke, das ich bei meiner Abreiſe aus Flandern auf meine Koſten miethete, und deſſen Bauch nicht vielmehr als dreihundert Säcke Wolle faſſen kann; wenn ich die Waare ſo leicht und ſo wohlfeil zu be⸗ kommen gewußt hätte, ſo würde ich ein größeres Schiff genommen haben.“ „Ich hatte geglaubt,“ verſetzte Walter,„daß der König Eduard ein Embargo auf die engliſche Wolle ge⸗ legt habe, und daß es bei ſehr ſchweren Strafen ver⸗ boten ſoy, ſie aus dem Königreiche zu führen.“ „Ei, gerade dieß macht die Speculation beſſer. Da⸗ her bat ich Jakob, s ich erfuhr, daß er einen Ge⸗ 64 ſandten an König Eduard ſchicken wolle, mir den Vor⸗ zug zu geben; denn ich dachte, daß man mich, in mei⸗ ner Eigenſchaft als Geſandter der guten Städte von Flandern, mehr mit Politik als mit dem Handel be⸗ ſchäftiget halten, und daß es ſohin leicht ſeyn würde, einen guten Fang zu machen: ich hatte mich nicht ge⸗ täuſcht, und wenn ich ohne Unfall nach Gent komme, wird meine Reiſe nicht fruchtlos geweſen ſeyn.“ „Wenn aber der König Eduard, anſtatt einen Bo⸗ ten zur unmittelbaren Unterhandlung mit Jakob von Artevelle abzuſenden, alſogleich, dem von Euch an ihn geſtellten Verlangen gemäß, das Verbot der Wolleaus⸗ fuhr aufgehoben hätte, ſo würde, dünkt mir, Eure Speculation minder gewinnreich geweſen ſeyn, weil Ihr, wie mir ſcheint, Eure Ankäufe vor Eurer Ankunft in London gemacht habt, und da Ihr folglich verbotene Waare einhandeltet, ſie theurer bezahlen mußtet.“ „Man ſieht wohl, mein junger College,“ entgegnete Gerhard Denis lächelnd,„daß Ihr Euch mehr mit dem Ritterweſen als mit dem Handel beſchäftiget, weil es ſcheint, daß Ihr an meiner Stelle wegen einer ſo gering⸗ fügigen Sache in Verlegenheit geweſen wäret.“ „Ich geſtehe, daß Eure Bemerkung richtig iſt, aber ich wünſche deßhalb nicht weniger, zu erfahren, wie Ihr es in dieſem Falle zu Eurem Vortheile angeſtellt hättet.“ M „In dieſem Falle hätte ich nur die Veröffentlichung zu verzögern und den Verkauf zu beſchleunigen gebraucht; und da ich der Inhaber des Decretes und zugleich der Wolle geweſen wäre, ſo würdegich mein Portefeuille ſo 65 lange geſchloſſen gelaſſen haben, als meine Säcke offen ſtanden, was nicht lange gedauert hätte,“ fuhr Ger⸗ hard mit einem Seufzer fort,„denn drei Viertheile un⸗ ſerer Manufakturen ſind geſchloſſen, nicht aus Mangel an Zähnen, Gott ſey Dank, ſondern aus Mangel an Nahrung für dieſelben.“ „Es herrſcht alſo Hungersnoth an engliſcher Wolle in Flandern?“ „Hungersnoth, das iſt das rechte Wort. Höret,“ fuhr Gerhard mit vertraulicher Miene fort, indem er ſich Walter näherte und leiſer ſprach, obgleich ſie allein auf der Landſtraße waren,„es ließe ſich eine gute Spe⸗ culation verſuchen, wenn Ihr möchtet.“ „Welche? mir wäre nichts lieber, als meine com⸗ mercielle Erziehung zu vollenden, um ſo mehr, als Ihr der Meiſter zu ſeyn ſcheinet, deſſen ich bedarf, um mich ſchnell zu unterrichten.“ „Was gedenket Ihr in Yarmouth zu thun?“ „Ein Schiff von der Marine des Königs zu nehmen, wie meine Vollmachten mich ermächtigen.“ „Iſt dieſe Ermächtigung auf einen einzigen Hafen beſchränkt?“ „Sie erſtreckt ſich auf alle Häfen Englands.“ „Wohlan, nehmet in Harwich das Schiff, welches Ihr in Yarmouth zu nehmen gedenkt; es braucht nicht ſo groß zu ſeyn, wie der Eduard oder Chriſtoph, die, wie man ſagt, die zwei⸗ größten Schiffe ſeyen, welche jemals auf einem Werfte gebaut wurden, aber von ordentlicher Größe, mit einem Bauche, der das Ver⸗ mögen von zwei Männern faſſen kann, und wenn Ihr 3**ε es genommen habt, werden wir ihm den Magen mit den beſten Wollenſorten von Wallis vollpfropfen; wir werden ihm unſer kleines Schiff folgen laſſen, das wir nicht aufgeben, und drüben angekommen, brüderlich thei⸗ len. Wenn Ihr kein Geld habet, ſo thut's nicht, ich habe Credit.“ 4 „Eure Idee iſt gut,“ bemerkte Walter. „Nicht wahr?“ rief Gerhard mit vor Freude glän⸗ zenden Augen aus. „Es iſt nur das einzige Widrige dabei, daß ich ſie gewiſſenshalber nicht ausführen kann.“ „Und warum?“ erwiederte Gerhard. „Weil ich dem Könige Eduard den Rath ertheilt habe, keinen einzigen Ballen Wolle aus den Häfen von England ausführen zu laſſen.“ Gerhard machte eine Bewegung des Erſtaunens. „Was ich ſoeben zu Euch ſagte, beunruhige Euch jedoch nicht, mein wackerer Gefährte,“ fuhr Walter lä⸗ chelnd fort;„Ihr habt Eure dreihundert Säcke gekauft,... gut; nehmet ſie mit; aber glaubet einem Manne, der als Freund mit Euch ſpricht, beſchränkt hierauf Eure Speculation. Was mich betrifft, ſo beſchäftige ich mich, was Ihr errathen habet, mehr mit dem Ritterweſen, als mit dem Handel, und da dieſe beiden Stände un⸗ vereinbar ſind, iſt meine Wahl zwiſchen ihnen getrof⸗ fen: ich wünſche Ritter zu bleiben. Robert, gieb mir die Sprödel“ Bei dieſen Worten nahm Walter den Falken der ſchönen Elſe auf ſeine Hand, ritt auf jene Seite der Straße, die derjenigen gegenüber lag, auf der ſich Ger⸗ 1 —E 67 hard befand, und ließ den Vorſteher der Weber einſam ſeinen Weg fortſetzen, ganz betäubt wegen der Art der Aufnahme eines Vorſchlages, der ihm ſo natürlich ſchien, und den er an Walter's Stelle ſo vortheilhaft erachtet hätte. Laſſen wir ſie ihren ſchweigſamen Weg gegen Harwich fortſetzen, und werfen wir, zum Verſtändniſſe ſpäterer Ereigniſſe, und zur Würdigung neuer Perſo⸗ nen, die wir auf den Schauplatz bringen werden, einen Blick auf Flandern, den privilegirten Aufenthalt von drei Königinnen des weſtlichen Handels im Mittelalter, Ypern, Brügge und Gent. Das Zwiſchenreich, welches dem Tode Konradins folgte, der zu Neapel, im Jahre 1268, auf Befehl Karl's von Anjou, Bruder des heiligen Ludwig, hingerichtet wurde, hatte lange Wahlunruhen in Deutſchland ver⸗ anlaſſend, nach und nach wie geſagt den Seigneurs geſtattet, ſich der Gerichtsbarkeit des Reiches zu ent⸗ ziehen; die Städte ihrerſeits, durch das ihnen ſoeben gegebene Beiſpiel unterrichtet, trafen ihre Maßregeln, um der feudalen Gewalt zu entſchlüpfen. Mainz, Straß⸗ burg, Worms, Speier, Vaſel, und alle Städte des Rheins bis zur Moſel, ſchloßen einen Trutz⸗ und Schutz⸗ vertrag zu dem Zwecke, ſich den Gewaltthätigkeiten ihrer Seigneurs zu entziehen, von denen die Einen vom Reiche abhingen, die Andern von Frankreich; was ſie vorzüg⸗ lich zu dieſer Gegenwehr aneiferte, war die Liebe zum Eigenthume, von den unermeßlichen Reichthümern ihnen eingeflößt, welche der Handel über ihre öffentlichen Plätze verbreitete. In jener ferne liegenden Zeit, da der Weg um das Vorgebirg der guten Hoffnung noch nicht von 3 X** — 68 Bartholomäus Dias entdeckt, von Vasco de Gama noch nicht gebahnt war, geſchahen alle Transporte durch Karavanen; dieſe Karavanen zogen von Indien aus, wo ſich alle Produkte ſeines Oceans vereinigten, gingen die Ufer des perſiſchen Meerbuſens hinauf, erreichten Rho⸗ dus oder Suez, ihre zwei großen Stapelplätze, und nahmen auf dieſen zwei Punkten Transportſchiffe, die ſie nach Venedig brachten; hier wurden die Waaren vorerſt in den prachtvollen Kaufhäuſern der durchlauch⸗ tigen Stadt ausgeſtellt, welche ſie dann vermittelſt ihrer tauſend Schiffe in die übrigen Häfen des mittelländi⸗ ſchen Meeres frachtete, aber zum zweitenmal das Mit⸗ tel der Karavanen anwendete, um gegen den Ocean den Handelsſtrom zu leiten, der alle nördlich und weſt⸗ lich von Venedig gelegenen Länder nährte; dieſe neuen Karavanen zogen eine Linie durch die unabhängigen Grafſchaften Tyrol und Würtemberg, gingen den Rhein entlang bis Baſel, ſetzten unterhalb Straßburg über den Fluß, nahmen den Weg längs dem Erzbisthume Trier, längs Luxemburg und Brabant, und hielten endlich in Flandern an, nachdem ſie auf ihrem Wege die Märkte von Conſtanz, Stuttgart, Nürnberg, Augsburg, Frank⸗ furt und Cöln, gaſtfreundliche Städte, gebaut wie Kara⸗ vanſerai's,*) gefüllt hatten. Auf dieſe Art waren Brügge, Ypern und Gent reiche Hilfsſtädte Venedigs geworden; aus ihren Magazinen gingen, um ſich nach Burgund, Frankreich und England zu verbreiten, die Specereien von Borneo, die Stoffe von Cachemir, die *) Herbergen für Karavanen. D. Ueb. 69 Perlen von Goa, und die Diamanten von Guzarate hervor. Die ſchrecklichen Gifte von Selebes betreffend, hatte ſich Italien, wie man ſagte, den Alleinhandel da⸗ mit vorbehalten. Dagegen erhielten die Hanſeſtädte das Leder aus Frankreich, die Wolle aus England, die ſie faſt ausſchließlich fabrizirten, und welche die ausgeruhten Karavanen wieder tief nach Indien zurückbrachten, von wo ſie ausgezogen waren. Man begreift alſo leicht, daß dieſe reichen Bürger, die an Lurus mit den Seig⸗ neurs des Reiches, Englands und Frankreichs wetteifern konnten, ſich ungerne den Erpreſſungen ihrer Herzoge oder ihrer Grafen unterwarfen. Daher waren auch ihre Seigneurs immer im Kriege mit ihnen, wenn ſie nicht mit Frankreich Krieg führten. Unter Philipp dem Schönen, um das Jahr 1297, hatten die Zwiſte einen ernſten Charakter anzunehmen begonnen. Der Graf von Flandern hatte dem Könige von Frankreich verkünden laſſen, daß er aufhöre, ſein Vaſall zu ſeyn, und ihn nicht mehr als ſeinen Sou⸗ verain anerkenne. Philipp ließ alſogleich durch den Erz⸗ biſchof von Rheims und den Biſchof von Senlis de Bann gegen den Grafen von Flandern ſchleudern; die⸗ ſer wendete ſich an den Papſt, welcher die Angelegen⸗ heit ſeiner Entſcheidung unterſtellte; aber Philipp ſchrieb dem heiligen Vater, daß die Angelegenheiten ſeines Rei⸗ ches den Pairshof angingen, und nicht den heiligen Stuhl. Er zog folglich ein Heer zuſammen, und mar⸗ ſchirte nach Flandern, indem er in Italien das Saat⸗ korn jener großen religiöſen Zwietracht ausſtreute, welche den Tod von Bonifacius VIII. veranlaßte, und die Ver⸗ legung des päpfſtlichen Sitzes in die Stadt Avignon herbeiführte. Während ſeines militäriſchen Marſches er⸗ fuhr Philipp der Schöne, daß der römiſche König den 6 Flamändern zu Hülfe komme; alſogleich ſendete er zu ihm Gaucher von Chätillon, ſeinen Connetabel, der mit vielem Gelde ſeinen Rückzug erkaufte; zu gleicher Zeit empfing Albert von Oeſterreich von ihm eine bedeutende Summe, um Rudolph in Deutſchland zu beſchäftigen. 1 Philipp, von der geiſtlichen Gewalt Bonifacius VIII. und von der weltlichen des Kaiſers befreit, zog ſeinen Feinden entgegen; der Feldzug begann mit einer Reihe von Siegen: Lille capitulirte, Bethune wurde mit Sturm genommen, Douai und Courtray ergaben ſich, und der Graf von Flandern ward in der Gegend von Fournes geſchlagen; aber auf Gent marſchirend, fand der König von Frankreich die Fliehenden durch Eduard I. von Eng⸗ land geſammelt, der über das Meer geſchifft war, um ihnen beizuſtehen. Weder der Eine noch der Andere dieſer beiden Souveraine wollte eine Schlacht wagen; ein zweijähriger Waffenſtillſtand wurde zu Tournay un⸗ DOteerzeichnet, und durch dieſen Waffnſtällſtand blieb Phi⸗ lipp Meiſter von Lille, von Bethune, von Courtray, von Duai und Brügge. Bei dem Ablaufe des Waffen⸗ ſtillſtandes entſendete Philipp IV. ſeinen Bruder Karl von Valois, den abgebrochenen Krieg wieder zu begin⸗ nen; und da die Stadt Gent ihre Thore geöffnet hatte, traten aus denſelben der Graf von Flandern und ſeine beiden Söhne als Flehende, von einer großen Anzahl von Seigneurs gefolgt, und warfen ſich dem Könige zu Füßen. Philipp ſchickte den Grafen von Flandern und deſſen zwei Söhne in's Gefängniß, den Grafen von Flandern nach Compidgne, Robert nach Chinon, und Wilhelm nach Auvergne. Dieß gethan, ging er ſelbſt nach Gent, verminderte die Steuern, bewilligte den Städten neue Privilegien, und als er die Zuneigung des Volkes gewonnen zu haben glaubte, erklärte er, daß er, da der Graf durch ſeinen Lehensfrevel die Confis⸗ cation ſeiner Staaten verſchuldet habe, ſie mit Frank⸗ reich vereinige. Dieß wollten die Flamänder nicht: ſie hatten Beſſeres gehofft, als einen Wechſel des Gebie⸗ ters. Deßwegen warteten ſie geduldig die Abreiſe des Königs ab, und empörten ſich, als er abgereiſet war. Der Weber Peter Leroy und der Schlächter Breget waren die Hauptanführer dieſes Aufſtandes, der, überall die Sympathien der Intereſſen findend, ſich von dem einen Ende Flanderns bis zu dem andern erſtreckte, ſo daß, bevor die Nachricht von der erſten Bewegung nach Paris gekommen war, Peter Leroy Brügge wieder genommen hatte; Gent, Dam und Ardembourg waren aufgeſtanden, und da Wilhelm von Jülich, Neffe des Grafen, erſchien, um ſich zu den guten Leuten von Flandern zu geſellen, wählte man ihn zum General; ſeine erſten Waffenthaten waren die Einnahme von Fout⸗ nes, Bergues, Vindale, Caſſel, Courtray, Oudenarde und Ypern. Philipp ſendete gegen ſie eine Armee, commandirt von dem Connetabel Rudolph von Clermont⸗de⸗Nesle und Robert, Grafen von Artois, Vater desjenigen, den 1 wir als Verbannten am Hofe des Königs von England ankommen ſahen; dieſes Heer zerſchellte an dem befe⸗ ſtigten Lager des Wilhelm von Jülich, in deſſen Grä⸗ ben es den Connetabel zurückließ, der ſich nicht erge⸗ ben wollte, Robert von Artois, den man von zweiund⸗ dreißig Wunden durchbohrt fand, zwei Marſchälle von Frankreich, den Erben von Bretagne, ſechs Grafen, ſechzig Barone, zwölfhundert Edelleute und zehntauſend Soldaten. Im folgenden Jahre zog Philipp ſelbſt nach Flandern, um dieſe Niederlage zu rächen, die den gan⸗ zen Adel Frankreichs in Trauer verſetzt hatte, und la⸗ gerte ſich, nach der Einnahme von Orchies, zu Mons⸗ en⸗Puelle, zwiſchen Lille und Douai. Zwei Tage nach⸗ her, in dem Momente da Philipp ſich zu Tiſche ſetzen wollte, entſtand plötzlich ein großer Lärm im Heere: der König ſtürzte nach dem Eingange ſeines Zeltes, und ſtand Wilhelm von Jülich gegenüber, der mit dreißig⸗ tauſend Flamändern in das Lager eingedrungen war: es wäre um den König geſchehen geweſen, wenn nicht Karl von Valois, ſein Bruder, Wilhelm von Jülich an der Kehle gepackt hätte. Während ſie Leib an Leib kämpften, nahm Philipp ſeinen Helm, ſeine Panzer⸗ handſchuhe und ſein Schwert, ſchwang ſich ohne andere Waffen auf's Pferd, verſammelte ſeine ganze Reiterei, durchbrach die flamändiſche Infanterie, zermalmte ſechs⸗ tauſend Mann derſelben, und zerſtreute den Reſt; den Vortheil benützend, den ihm das Gerücht dieſes Sieges verlieh, belagerte er Lille; kaum hatte er ſein Lager geſchlagen, als Johann von Namur, der ſechzigtauſend Mann zuſammengerafft, ihm einen Herold ſendete, um von ihm einen ehrenvollen Frieden zu verlangen, oder ihn auf eine Schlacht herauszufordern. Philipp, übe⸗ = die Schnelligkeit erſtaunt, womit die Empörung ihre Niederlage wieder gut gemacht, und neue Streitkräfte geſammelt hatte, bewilligte den verlangten Frieden; die Bedingungen waren, daß Philipp den Robert von Be⸗ thune wieder in Freiheit ſetzen, und ihm ſeine Graf⸗ ſchaft Flandern zurückgeben ſollte, jedoch mit der Clau⸗ ſel, daß er nur fünf mit Mauern umgebene Städte haben dürfe, und der König dieſe Mauern ſollte nie⸗ derreißen laſſen können, ſo wie er es nöthig fände; daß Robert den Eid der Treue und Huldigung leiſte, und in verſchiedenen Friſten zweimalhunderttauſend Livres bezahle; außerdem gab man Lille, Douai, Orchies, Be⸗ thune, und alle übrigen dieſſeits der Lis gelegenen Städte an Frankreich zurück. Dieſer Vertrag wurde bis 1328 halb recht und halb nicht recht beobachtet, die Zeit, um welche Ludwig von Creſſy, von ſeinen Unterthanen ver⸗ jagt, zu Philipp von Valois ſich flüchtete. Drei Könige waren ſich während dieſes friedlichen Zwiſchenraumes auf dem Throne von Frankreich gefolgt, Ludwig X., Philipp V. und Karl IV. Philipp von Valois, der nach dieſem Letzteren den Thron beſtieg, marſchirte eben⸗ falls gegen die Flamänder, und fand ſie auf dem Berge von Caſſel verſchanzt, unter dem Befehle eines Fiſch⸗ händlers, Namens Collin Zannec; der neue General hatte einen Hahn mit dieſen beiden Verſen auf die Barrisre ſeines Lagers ſetzen laſſen: Quand ce coq chanté aura Le roi trouvé ¹) conquerera. ²) ²) Man nannte Philipp von Valois den Findelkönig, weil Dumas, die Gräfin von Salisbury. 4 74 Während Philipp nachſann, durch welches Mittel er den Hahn Zannec's zum Singen bewegen könnte, drang dieſer drei Tage nacheinander in ſein Lager, als Fiſchhändler verkleidet, und beobachtete, daß der König lange bei Tiſche blieb, und nach ſeinem Mittagseſſen ſchlafe; ein Beiſpiel, das von der ganzen Armee nach⸗ geahmt wurde; dadurch entſtand in ihm der Gedanke, das Lager zu überrumpeln. Zannec ließ folglich am 23. Auguſt, um zwei Uhr Nachmittags, während Alles ſchlief, ſeine Truppen ſchweigend vorrücken; die über⸗ fallenen Schildwachen wurden ermordet, bevor ſie Lärm machen konnten. Die Flamänder verbreiteten ſich in den Quartieren, und Zannec marſchirte nach dem Zelte Phi⸗ lipps mit hundert entſchloſſenen Männern, als der Beicht⸗ vater des Königs, der allein nicht eingeſchlafen war, da er in einem geiſtlichen Buche las, es hörte, und Lärm machte. Philipp ließ zum Aufſitzen blaſenz die Truppen erwachen bei dieſem Getöſe, bewaffnen ſich, fallen über die Flamänder her, und tödten ihrer, wenn man dem Briefe glauben darf, den der König ſelbſt an den Abt von Saint⸗Denis ſchrieb, achtzehntauſendfünf⸗ hundert. Zannee wollte dieſe Niederlage nicht überleben, und ließ ſich tödten. Dieſe Schlacht lieferte Flandern er durch die Barone nach dem Tode Karls des Schönen erwählt worden war, der weder einen Bruder noch einen Sohn hinterließ, ſondern nur Eduard von England, ſeinen Neffen durch die Frauen, und Philipp von Va⸗ lois, ſeinen Vetter durch die Manner.— ²)„Wenn ddieſer Hahn wird Feſungen haben, wird der Findelkönig erobern.. A. d. in die Gewalt des Siegers, der die Ringmauern von e, Ypern, Brügge und Courtray, niederreißen ließ, nach⸗ 8 dem er dreihundert Einwohner derſelben hatte ergreifen g und ertränken laſſen. So war Flandern dem Ludwig von Creſſy wieder erobert, der jedoch, da er in keiner ⸗ von ſeinen Hauptſtädten zu reſidiren wagte, in Frank⸗ e, reich zu verweilen fortfuhr, von wo aus er ſeine Graf⸗ ſchaft regierte. Allein dieſe Abweſenheit ſeines Gebie⸗ 8 ters war Urſache, daß die Macht des Jakob von Arte⸗ ⸗ velle ſo ſehr, zunahm, daß man ihn, wenn man ihn u ſah, für den ſouverainen Herrn von Flandern hätte n halten mögen. In der That war er es, wie wir ſahen, ie und nicht Ludwig von Creſſy, der einen Boten an König t Eduard geſendet hatte, um die Ausfuhr der engliſchen r, Woolle zu srwirken, die der Haupthandelsartikel der Hanſe⸗ nd ſtädte war, und wir erzählten, wie Eduard, mit der ie Schnelligkeit des Genie's den unermeßlichen Nutzen be⸗ h, rechnend, welchen er aus dem alten, zwiſchen Philipp in von Valois und Flandern beſtehenden Haſſe ſchöpfen in könnte, es nicht verſchmäht hatte, mit dem Bräuer von f⸗ Artevelle auf gleichem Fuße zu unterhandeln. . n 6 2* Fünftes Kapitel. en d, Nun, da wir, dem Feinde trotzend, der niemals unterläßt, ſich an die Geſchichte von Thatſachen und Da⸗ ten zu hängen, die ihrer Einzelnheiten beraubt iſt, die Hälfte eines Kapitels der Mittheähungs 76 aufeinander gefolgte Ereigniſſe den Bräuer von Arte⸗ velle auf jene Stufe von Gewalt brachten, die er er⸗ reichte, wird man ſich nicht verwundern, ihn aus dem Conferenzſaale, in welchem die Deputirten der Zünfte gewöhnlich die Angelegenheiten der Stadt und der Pro⸗ vinz erörtern, inmitten eines Ehrengeleites treten zu ſehen, das einen oberlehnsherrlichen Fürſten ausgezeich⸗ net hätte; kaum war er auf der Schwelle dieſes Saa⸗ les erſchienen, als, obwohl er noch den ganzen Hof durchſchreiten mußte, um auf die Straße zu kommen, ungefähr zwanzig mit Stäben verſehene Edelknechte, ihm vorausgegangen waren, um ihm einen Weg mitten durch das Volk zu bahnen, welches ſich immer an die Orte drängte, wo er vorüberkommen mußte. Am Thore an⸗ gekommen, wo mehrere Pagen und Bereiter Handpferde hielten, trat er zu ſeinem Pferde, faßte die Zügel wie ein erfahrener Reiter zuſammen, und ſchwang ſich mit größerer Leichtigkeit in den Sattel, als man es von einem Manne ſeines Standes, ſeiner Beleibtheit und ſeines Alters hätte erwarten ſollen. Zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken näherten ſich, der Erſte auf einem prachtvollen Streitroſſe, eines ſo edlen und ſo mächti⸗ gen Ritters würdig, der Zweite auf einem Zelter, deſſen ſanfter Gang ſeinem Stande entſprach, der Graf von Jülich, Sohn jenes Wilhelm von Jülich, der in der Schlacht von Mons⸗en⸗Puelle bis zum Zelte Philipps des Schönen vorgedrungen war, und ſein Bru⸗ der, Herr Valerand, Erzbiſchof von Cöln; hinter ihnen kamen der Herr von Fauquemont und ein tapferer Rit⸗ 5 ter, den man den Courtrayer nannte, weil er in Stadt Courtray geboren, und beſſer unter dieſem Na⸗ men bekannt war, als unter dem Namen Zegher, der doch der Name ſeiner Familie war. Endlich hinter den beiden edlen Männern, welche wir ſo eben nannten, drängten ſich untereinander und ohne Unterſchied die Deputirten der guten Städte, und die Vorſteher der Zünfte. Dieſes Ehrengeleit war ſo zahlreich, daß Nie⸗ mand es bemerkte, daß bei der Wendung einer Straße ſo eben zwei neue Perſonen ſich dazu geſellten; mag es nun ſeyn, daß die Ankömmlinge aus Neugier wünſch⸗ ten, ſich dem Jakob von Artevelle zu nähern, oder glaub⸗ ten, daß ihr Rang ihnen geſtatte, dieſen Platz zu wäh⸗ len, ſie ſtellten es ſo gut an, daß es ihnen gelang, ſich unmittelbar nach dem Herrn von Fauquemont und dem Courtrayer einzureihen; ſo folgten ſie ungefähr eine Vier⸗ telſtunde lang; dann hielt die Spitze des Zuges vor einem Hauſe mit mehreren Stockwerken, das der Manu⸗ faktur und zugleich dem Palaſte glich, und die Edel⸗ knechte bemächtigten ſich der Pferde, die ſie unter große Schoppen führten, welche beſtimmt waren, den Vier⸗ füßlern Gaſtfreundſchaft zu gewähren. Man war bei Ja⸗ kob von Artevelle angekommen; indem er ſich umkehrte, um dem Ehrengeleite ein Zeichen zu geben, einzutreten, erblickte der Bräuer die neuen Ankömmlinge. 4 „Ah! Ihr ſeyd's, Meiſter Gerhard!“ ſagte von Ar⸗ tavelle ganz laut;„ſeyd willkommen. Ich bedaure, daß Ihr Euch nicht beſſer beeiltet, wieder zu uns zu kom⸗ men, wenn auch nur einige Stunden früher, Ihr wäret bei dem Beſchluſſe gegenwärtig geweſen, den wir ſoeben faßten, um die Handelsfreiheit der guten Städte von 78 Flandern mit Venedig und Rhodus zu ſichern, einen Beſchluß, zu deſſen Vollzuge uns Herr von Jülich und der Herr Erzbiſchof von Cöln, ſein Bruder, ſo ſehr be⸗ hülflich ſeyn können und ſeyn werden, nicht nur auf dem ganzen Gebiete ihrer Grundbeſitzungen, die ſich von Düſſeldorf bis Aachen erſtrecken, ſondern auch durch ihren Einfluß auf die übrigen Seigneurs, ihre Ver⸗ wandten und Freunde, zu denen man den erlauchten römiſchen Kaiſer Ludwig V.*) von Bayern zählen muß. Ihr hättet mit Vergnügen, davon bin ich überzeugt, den Eifer und die Einſtimmigkeit geſehen, womit mir die guten Städte alle Befugniſſe übertrugen, die dem Ludwig von Randern vor ſeiner Flucht zu ſeinem Ver⸗ wandten, dem Könige von Frankreich, gebührten.“ Dann näherte er ſich ihm, zog ihn bei Seite, und fügte bei: „Nun denn, mein lieber Denis, was für Nachrichten aus England? Haſt Du den König Eduard geſprochen? Scheint er geneigt, das von ihm erlaſſene Verbot auf⸗ zuheben? Werden wir ſeine Wolle aus Wallis, und ſein Leder aus der Grafſchaft York bekommen? Sprich ganz leiſe, und wie wenn wir von gleichgültigen Din⸗ gen ſprechen würden.“ „Ich habe Deine eſteut enen pünktlich vollzogew Jacquemart,“ antwortete der Vorſteher der Weber, in⸗ dem er von Artevelle zu duzen, und bei dem Namen zu nennen affektirte, den ihm ſeine Vertrauten gaben. „Ich habe den König von England geſprochen, und er *) Soll heißen: Ludwig IV. fand die is Vemerknngen, welche ich ihm in Deinem Na⸗ V R N F N G S. 2 79 men hinterbrachte, ſo wichtig, daß er einen ſeiner Ge⸗ treueſten ſendet, um dieſe Angelegenheit mit Dir un⸗ mittelbar zu erörtern, da er nur mit Dir zu thun ha⸗ ben will, und weiß, daß es überflüſſig iſt, ſich an An⸗ dere zu wenden, und daß, was Du willſt, Flandern will.“ „Und er hat Recht, bei meiner Seele. Aber wo iſt dieſer Bote?“ „Jener große, junge, halb braune, halb rothe Mann iſts, den Du auf der andern Seite der Straße, an jene Säule gelehnt, und mit ſeinem Falken ſpielend ſiehſt, wie es ein Reichsbaron oder Pair von Frankreich thun könnte. Ich glaube, Gott verzeih mir's, daß alle dieſe Engländer ſich für Abkömmlinge von Wilhelm dem Er⸗ oberer halten.“ 3 „Gleichviel, man muß ihrer Eitelkeit ſchmeicheln. Lade dieſen jungen Mann in meinem Namen zu dem Abendeſſen ein, das ich dem Erzbiſchofe von Cöln, dem Grafen von Jülich, und den Deputirten der guten Städte gebe. Weiſe ihm einen Platz an der Tafel an, der ſeine Eigenliebe befriediget, ohne daß es jedoch zu ſehr auffällt, zum Beiſpiele zwiſchen dem Courtrayer, welcher Ritter iſt, und Dir, der Du Zunftvorſteher biſt; trage Sorge, daß er nicht zu nahe bei mir iſt, um keinen Argwohn hinſichtlich ſeiner Wichtigkeit zu erre⸗ gen, aber auch nicht allzu entfernt, damit ich ſeine Phyſiognomie ſtudiren kann. Anempfehle ihm, kein Wort von ſeiner Miſſion zu reden, und trink ihm zu: ich werde nach dem Abendeſſen mit ihm ſprechen.“ Gerhard Denis machte ein Zeichen des Einverſtänd⸗ — ——— 80 niſſes, und beeilte ſich, den Walter von der Einladung in Kenntniß zu ſetzen, die er ihm zu melden beauftragt war: der junge Ritter empfing ſie wie eine Gunſt, auf welche ſeine Würde ihm ein Recht verlieh, und nahm zwiſchen dem Courtrayer und dem Vorſteher der We⸗ ber den Platz ein, welchen ihm von Artevelle bezeichnet hatte. Das Abendeſſen war faſt eben ſo zahlreich und eben ſo glänzend, wie jenes, mit welchem dieſe Ge⸗ ſchichte zu Weſtminſter begann; es gab da die nämliche Unzahl von Edelknechten, den nämlichen Ueberfluß an Silbergeſchirr von getriebener Arbeit, und die nämliche Fülle von Weinen, Hypokras*) und Kräuterbier; nur die Gäſte boten einen ganz andern Anblick; denn mit Ausnahme des Grafen von Jülich und des Erzbiſchofes von Cöln, die ganz oben an der Tafel zur Linken und Rechten des von Artevelle ſaßen, des Herrn von Fau⸗ quemont und des Courtrayers, die gegenüber Platz ge⸗ nommen hatten, waren alle Uebrigen aus einfachen Bür⸗ gern gewählt, oder aus Zunftvorſtehern; daher hatten ſte ſich ohne eine andere Unterſcheidung, als jene des Alters, um den etwas tieferen Theil der Tafel gereihet, der eine Fortſetzung der Ehrenſitze bildete. Walter hatte ohne weiters ſeinen Nachbar weggeſchoben, ſo daß er in der Reihe der Seigneurs Platz fand, während Ger⸗ hard Denis die Reihe derjenigen begann, die an der untern Tafel ſaßen; er befand ſich alſo von Artevelle faſt gegenüber, und die Vorſichtsmaßregel benützend, die die⸗ ſer für ſich ſelbſt traf, konnte er ihn nach ſeiner Be⸗ quemlichkeit betrachten. —*) Gewuͤrzwein, Zimmetwein. t a ͤrͤ — 841 Der Brauer war ein Mann von fünfundvierzig bis achtundvierzig Jahren ungefähr, von mittlerer Größe und beginnender Beleibtheit. Er trug die Haare viereckig ge⸗ ſchnitten, und Bart und Knebelbart, wie ihn die Edlen zu tragen pflegten; obgleich ſein Geſicht den Anſchein von Gutmüthigkeit zeigte, zuckte doch bisweilen aus ſei⸗ nem raſchen Blicke ein Blitz von Schlauheit, der ſich alſogleich im allgemeinen Ausdrucke ſeiner Phyſiognomie verlor. Er war übrigens ſo prächtig gekleidet, als es einem Manne ſeines Standes erlaubt war, und trug eine Art Ueberkleid von braunem Tuche, mit ſchwarzem Fuchſe verbrämt und ſilbernen Verzierungen; das Gold, das weiße und graue Pelzwerk, der Hermelin, das Veh und der Sammet, waren ausſchließlich den Rittern vorbe⸗ halten. Walter wurde in dieſer Betrachtung durch ſei⸗ nen Edelknecht unterbrochen, der, zu ſeinem Ohre ſich neigend, ihm einige Worte zuflüſterte, und zu gleicher Zeit durch den Biſchof von Cöln, welcher das Wort an ihn richtete. „Herr Ritter,“ ſagte der Biſchof,„denn ich glaube mich nicht zu irren, indem ich Euch dieſen Titel gebe...“ Walter verbeugte ſich. „Erlaubet Ihr mir, den Falken in der Nähe zu be⸗ trachten, den Euer Knappe auf der Fauſt trägt? Er dünkt mir von edler Race, obgleich ſeine Gattung mir unbekannt ſcheint.“ „Mit um ſoagrößerem Vergnügen, Monſeigneur,“ antwortete Walter,„als Ihr mir eine Gelegenheit bie⸗ tet, mich bei Euch wegen des neuen Gaſtes zu ent⸗ ſchuldigen, den uns Robert bringt. Erſt nachdem er 82 überall eine Aufſitzſtange geſucht hatte, und keine finden konnte, bringt er uns die Spröde, und flüſterte mir die Frage in's Ohr, ob Eure Herrlichkeit mir erlauben möchte, daß man ihm einen Platz unter ihren Vögeln anwieſe.“ „Ja, ja,“ antwortete von Artevelle lachend,„wir Bürger haben weder Meuten noch Falkenhöfe, daher 2 werdet Ihr in meinem Hauſe viele Magazine, viele Ställe, aber weder Hundeſtälle noch Aufſitzſtangen fin⸗ den; dagegen haben wir Hallen, geräumig genug, um eine Armee einzuquartieren, und ich glaube, daß die Hunde und Falken des hohen Herrn von Cöln, wenn ſte das Haus des Jakob von Artevelle verlaſſen, ſich über die darin empfangene Gaſtfreundſchaft nicht bekla⸗ gen werden, denn der arme Bräuer hat Alles gethan, um, ſo ſehr als möglich, ſein Haus des Beſuches wür⸗ dig zu machen, womit er beehrt wurde.“ „Daher verſprechen wir Euch, mein lieber Jacque⸗ mart,“ verſetzte der Graf von Jülich,„daß wir, die von Euch perſönlich erhaltene Aufnahme uns erin⸗ nern werden, ſondern auch an jene, die wir bei den Deputirten der guten Städte von Flandern, und bei den Vorſtehern der Zünfte von Gent gefunden haben,“ fügte er bei, indem er ſich mit einer Verbeugung zu dem unteren Ende der Tafel wendete.. „Ihr hättet Unrecht, Euch bei uns zu entſchuldi⸗ gen, Herr Ritter,“ entgegnete der Erzbiſchof von Cöln, nachdem er den Falken als Kenner aufmerkſam betrachtet Fatte:„dieſer Vogel iſt, davon bin ich überzeugt, 8 Herren, Edelknechte, Hunde und Falken, nicht nur an ——— 83 älterem und reinerem Stamme, als viele adelige Fran⸗ zoſen, vorzüglich ſeitdem Philipp III. auf den Einfall gerieth, Adelsbriefe Rudolph dem Goldſchmiede zu ver⸗ kaufen, der, wie es ſchien, ſeine Ahnen in Silberſtan⸗ gen beſaß, und ſie ausmünzen ließ; nur wäre es mir unmöglich, obwohl ich anerkenne, daß er ein Racefalke iſt, und ungeachtet meiner Kenntniß der Jägerei, das Land zu bezeichnen, aus dem er gekommen iſt.“ „Obgleich in dieſer Sache weniger unterrichtet, als Ihr, Monſeigneur,“ unterbrach von Artevelle,„möchte ich antworten, daß er aus dem Oriente ſtammt; ich ſah ſolche, dünkt mir, obwohl ſie dort ſehr ſelten wa⸗ ren, auf den Inſeln Rhodus und Cypern, als ich den Grafen von Valois dahin begleitete.“ „Und Ihr würdet Euch nicht täuſchen, Herr,“ ſagte Walter;„er kömmt urſprünglich aus dem Gebiete Nu⸗ biens, ſüdlich von der Stelle gelegen, ſagt man, wo Moſes über das rothe Meer ging. Sein Vater und ſeine Mutter waren unter dem Gepäcke des Muley⸗— Muhamed, Souverains von Granada, von Alphons XI. von Caſtilien erbeutet, und von dem Könige dem Ritter Lockheart geſchenkt worden, der Jakob von Douglas auf der Reiſe begleitete, die er unternommen hatte, um das Herz des Königs Robert Bruce zum heiligen Grabe zu bringen. Da der Ritter Lockheart nach ſeiner Rückkehr in einem Scharmützel zwiſchen den Engländern und Schotten von dem Grafen von Lancaſter mit dem ſchiefen Halſe gefangen wurde, lautete eine von den ngen des Löſegeldes für den Ritter, daß er ihm 84 geben ſollte. Der Graf von Lancaſter, Herr dieſes werthvollen Thieres, machte ſeinerſeits der ſchönen Elſe von Granfton ein Geſchenk damit, die es mir zur Zer⸗ ſtreuung auf meiner Reiſe anvertraute. Ihr ſehet, daß ſeine Genealogie in der Regel iſt, eine der edelſten und beſterwieſenen.“ „Ihr erinnert mich,“ äußerte der Courtrayer,„daß ich Jakob von Douglas auf ſeinem Durchzuge zu' Ecluſe ſah; er ſuchte eine Gelegenheit, in's gelobte Land zu kommen, und ich gab ihm den Rath, ſich nach Spanien zu begeben. Dieß geſchah vor ſieben oder acht Jahren, glaub' ich.“ „Man ſagt,“ fuhr der Herr von Fauquemont fort, „daß der König Robert Bruce ihm dieſen Auftrag er⸗ theilte, weil er ihn für den tapferſten und lhalſten Ritter ſeines Königreiches hielt.“ „ ſJa, ja,“ verſetzte der Courtrayer,„er erzählte mir oft, wie es zuging; denn dieß machte ihm Ehre, und ich ergötzte mich daran, wie an ſeinem edlen Berichte von Ritterthümlichkeit. Es ſcheint, daß der König Ro⸗ bert zur Zeit ſeiner Verbannung gelobte, im Falle der Wiedereroberung ſeines Königreiches die Reiſe nach dem heiligen Grabe zu unternehmen; aber die unaufhörlichen Kriege, welche er mit den Königen von England führen mußte, geſtatteten ihm nicht, Schottland zu verlaſſen, ſo daß er auf dem Todbette des gemachten Gelübdes ſich erinnerte, und der Gedanke, daß er es nicht voll⸗ ziehen konnte, ſeinen Todeskampf ſchmerzlich erſchwerte. Dann ließ er den edlen Ritter, Herrn Jakob von Doug an ſein Bett kommen, und ſagte in Gegenwart o ſes er⸗ 85 Uebrigen zu ihm:„Herr Jakob, lieber Freund, Ihr wiſſet, daß ich zur Zeit, da ich lebte, um meine An⸗ ſprüche auf dieſes Königreich geltend zu machen, viel zu thun und zu leiden hatte, und als ich am meiſten zu thun bekam, gelobte ich, wenn ich jemals meinen Krieg beendigt ſähe, und in Frieden regieren koͤnnte, alſogleich aufzubrechen, und die Feinde unſers Erlöſers und jene bekriegen zu helfen, welche Widerſacher des chriſtlichen Glaubens ſind. Mein Herz ſtrebte immer nach dieſem Ziele; aber unſer Heiland wollte ſeine Zuſtimmung nicht ertheilen, und gab mir damals ſo viel zu thun, und jetzt bin ich ſo hart gelähmt, daß ich ſterben muß, wie Ihr ſehet, und wie ich es fühle. Da es nun an dem iſt, daß mein Leib nicht hingehen und nicht aus⸗ führen kann, was mein Herz ſo ſehr wünſchte, will ich mein Herz anſtatt meines Leibes hinſenden, um mein Gelübde zu vollziehen, ſo ſehr es mir möglich iſt, und da ich in meinem Königreiche weder einen tapferern Rit⸗ ter weiß, als Euch, noch einen geeigneteren, mein Ge⸗ lübde ſtatt meiner zu erfüllen, bitte ich Euch, theuerſter Freund, ſo ſehr ich es kann, daß Ihr dieſe Reiſe um der Liebe willen, die Ihr für mich heget, unternehmen, und meine Seele ihrer Schuld gegen den Heiland ent⸗ ledigen wollet; denn ich zähle ſo ſehr auf Euch, auf Euren edlen Charakter und auf Eure Lohalität, daß Ihr, wenn Ihr dieſe Angelegenheit unternehmet, nicht ermangeln werdet, ſie zu berichtigen, und ſomit werde ich leichter und ruhiger ſterben; doch wenn Ihr es thuet, worauf ich zähle, ſo thuet es ſo, wie ich es Euch ſagen werde. Ich will, daß Ihr, ſobald ich ver⸗ 86 ſchieden ſeyn werde, meine Bruſt mit Eurem tapferen Schwerte öffnet, das Herz meines Leibes aus ihr neh⸗ met, es einbalſamiren laſſet, und in eine ſilberne Urne leget, die ich dazu machen ließ; dann werdet Ihr ſo viel aus meinem Schatze nehmen, als Ihr zu den Rei⸗ ſekoſten für Euch und für alle Jene bedürfet, die Ihr mit Euch nehmen wollet; ſtellt es großartig an, und verſehet Euch ſo reichlich mit Geld, Geſellſchaft und Gefolge, daß man überall, wo Ihr durchziehet, wiſſe, daß Ihr das Herz des Königs Robert von Schottland mit Euch führet, und zwar auf ſeine Anordnung, weil der Leib nicht hingehen konnte.“ „Edler und tapferer Herr,“ antwortete Jakob von Douglas,„hunderttauſend Dank für die große Ehre, die Ihr mir erweiſet, indem Ihr mir einen ſo koſtbaren Schatz übertraget; ich werde es gerne thun, und mit frohem Herzen: nur fühle ich zu dieſem Unternehmen mich weder würdig noch genügend.“ „Ah! edler Freund,“ verſetzte der König,„großen Dank für das Verſprechen, welches Ihr mir macht. Nun werde ich ruhiger ſterben, da ich weiß, daß der lohalſte, der tapferſte und genügendſte Ritter meines Königreiches das für mich vollbringen wird, was ich nicht vollbringen kann.“ Und dann ſchlang er ſeine beiden Arme um den Hals des Jakob von Douglas, umarmte ihn, und ſtarb. 1 Am nämlichen Tage, und ſo wie es ihm anem⸗ pfohlen war, öffnete Jakob von Douglas die Bruſt ſei⸗ nes Gebieters mit ſeinem Schwerte, nahm das Herz deſſelben heraus, und legte es in eine ſilberne Urne, ——+——,— 87 auf welcher ein Löwe eingegraben war, der das Wap⸗ pen des Königreiches Schottland iſt, hängte dieſe Urne an ſeinen Hals, ſegelte mit einem großen Gefolge aus dem Hafen von Montroſe ab, und kam nach Sluis, wo ich ihn ſah, wo ich ihn kannte, und wo er mir perſönlich erzählte, was ich Euch ſo eben ſagte.“ „Und führte er das Unternehmen zu einem guten Ende?“ fragte Gerhard Denis, indem er ſich in dieſes edle Geſpräch zu miſchen wagte. „Nein,“ antwortete der Graf von Jülich,„ich hörte ſagen, daß er in Spanien umgekommen ſey.“ „Und ſein Tod war ſeines Lebens würdig,“ äußerte Walter, der nun das Wort nahm.„SObgleich ich ein Engländer bin, und er ein Schotte war, ſo laſſe ich ihm doch Gerechtigkeit widerfahren, denn er war ein edler und tapferer Ritter. Ich erinnere mich an eine gewiſſe Nacht, es war während des Krieges von 1327, in welcher Jakob von Douglas mit ungefähr zweihun⸗ dert Gewappneten in unſer Lager drang, während Alles darin ſchlief, und ſo ſehr und ſo gut ſeinem Pferde mit ſeinen Sporen, und unſern Soldaten mit ſeinem Schwerte zuſetzte, daß er bis zu dem Zelte des jungen Königs Eduard III. gelangte, rufend: Douglas! Douglas!“ „Zum Glücke hörte der König Eduard dieſes Feld⸗ geſchrei, und hatte nur noch Zeit, unter die Leinwand ſeines Zeltes zu ſchlüpfen, denn bereits durchhieb Douglas mit dem Schwerte die Stricke, um es einzuſtürzen. Er tödtete uns in jener Nacht wohl dreihundert Mann, und dennoch zog er ſich zurück, ohne einen Einzigen von ſeinen Gefährten zu verlieren. Seitdem hielten wir 88 allnächtlich ſtreng Wache, denn wir fürchteten uns im⸗ mer vor den böſen Träumen des Douglas.“ „Und kennet Ihr die Einzelnheiten ſeines Todes?“ fragte der Graf von Jülich. „Ja, ſelbſt die geringſte, denn mein Lehrer im Rit⸗ terweſen wiederholte ſie mir oft. Zu ſeinem Unglücke that er alſo, was Ihr ihm gerathen hattet, Herr Rit⸗ ter,“ fuhr Walter fort, ſich zu dem Courtrayer wen⸗ dend,„und kam in Spanien an; es war zur Zeit, da der König Alphons von Aragonien mit dem Könige von Granada, einem Sarazenen, Krieg führte, und der Kö⸗ nig von Spanien fragte den edlen Pilger, ob er nicht zu Ehren Chriſti und der heiligen Jungfrau eine Lanze mit den Ungläubigen brechen möchte?„Ja, ich werde es gerne thun,“ antwortete Douglas,„und zwar ſo bald als möglich.“ Am andern Tage rückte der König Al⸗ phons aus dem Lager, um ſich ſeinen Feinden zu nä-⸗ hern; der König von Granada machte es eben ſo, und Jeder ordnete ſeine Schlachthaufen.— Douglas der Schwarze ſtellte ſich mit ſeinen ſchottiſchen Rittern und Knappen auf einen von den Flügeln, um ſeine Aufgabe beſſer zu löſen, und ſeine Anſtrengung beſſer zu zeigen. Sobald er die Krieger von beiden Seiten gereihet ſah, und bemerkte, daß die Schlachthaufen des Königs von Spanien ſich in Bewegung zu ſetzen begannen, wollte er einer von den Erſten und nicht von den Letzten ſeyn, ſprengte mit ſeinem ganzen Zuge und dem Feldgeſchreie: „Douglas! Douglas!“ bis zu den Schlachthaufen des Königs von Granada hin, und hier, in der Meinung, daß ihm die Spanier folgten, nahm er die Urne 89 ſeinem Halſe, welche Robert's Herz verſchloß, und warf ſte mitten unter die Saracenen, indem er rief:„Vor⸗ wärts, edles königliches Herz, wie Du es im Leben tha⸗ teſt, und Douglas wird Dir folgen!“ Dann drangen er und ſeine Ritter ſo tief in die Reihen der Saracenen, daß ſie darin verſchwanden, wie die Klinge in einer Wunde, und hier verrichteten ſie Wunder der Tapfer⸗ keit; aber ſie konnten nicht aushalten, da ihnen die Spanier,... es iſt eine Schmach, es zu ſagen,... we⸗ der ihm noch den Seinigen beiſtanden. Am andern Tage fand man ihn todt, an ſeine Bruſt die ſilberne Urne drückend, worin das Herz des Königs war, und um ihn herum lagen alle ſeine Gefährten, todt oder verwundet; nur drei oder vier überlebten, und Einer von ihnen, der Ritter Lockhart, brachte die ſilberne Urne und das Herz zurück, die mit großem Gepränge in der Abtei von Melroſe begraben wurden. Seit jener Zeit haben die Douglas, die einen azur⸗ blauen Schild mit einem filbernen Schildhaupte und drei ſilbernen Sternen im rothen Felde trugen, ſtatt dieſes Wappens ein blutiges, von einer Krone überrag⸗ tes Herz gewählt, und der Ritter Lockhart ſeinen Na⸗ men in den Namen Lockheart verändert, der, in der Walliſerſprache, ein geſchloſſenes Herz bedeutet.„O!“ fuhr Walter fort, ſich begeiſternd:„ja, ja, man kann ſagen, daß er ein muthiger und tapferer Ritter, daß er ein edler und fruchtbarer Kriegsmeiſter war, welcher unter ſiebenzig gelieferten Schlachten ſiebenundfünfzig gewonnen hatte, und Niemand beklagte ſeinen Verluſt mehr, als der König Eduard„obgleich er dieſem gar 4** * 90 oft ſeine Bogenſchützen zurückſchickte, nachdem er ihnen das rechte Auge hatte ausſtechen, und den Zeigefinger abſchneiden laſſen, damit ſie ihre Bogen nicht mehr ſpannen und ihre Pfeile nicht mehr entſenden konnten.“ „Ja, ja,“ ſagte der Biſchof von Cöln,„der junge Leopard hätte mit dem alten Löwen zuſammentreffen mögen, um zu wiſſen, wer beſſere Zähne und ſtärkere Klauen beſitze.“ „Ihr habt es errathen, Monſeigneur,“ verſetzte der junge Ritter;„dieß hoffte er ſo ſehr, als Douglas der Schwarze lebte, und jetzt hofft er es nicht mehr, da Douglas der Schwarze todt iſt.“ „Dem Andenken von Douglas dem Schwarzen!“ ſagte Gerhard Denis, Walters Becher mit Nheimwen füllend. „Und auf die Geſundheit Eduards III. von Eng. land!“ fügte von Artevelle bei, indem er einen Blick des Einverſtändniſſes auf den jungen Ritter warf, und ſich erhob. „Ja,“ fuhr der Graf von Jülich fort,„und möge er endlich einſehen, daß Philipp von Valois auf einem Throne ſitzt, der ſein gehört, in einem Palaſte ſchläft, der ſein gehört, und ein Volk regiert, das ſein gehört!“’“ „O! das iſt bereits eine geſchehene Sache, meine Herren, ich ſchwör's Euch,“ entgegnete Walter,„und wenn er gute Bundesgenoſſen zu finden glauben könnte...“ „Bei meiner Seele, ſie werden ihm nicht fehlen,“ äußerte der Herr von Fauquemont,„und mein Nach⸗ bar hier, der Courtraher, der noch mehr Flamänder als Franzoſe iſt, wird es nicht beſſer verlangen, als für 5 —„—„—„—— ien 91 ſich und für mich das zu bekräftigen, was ich behaupte, deſſen bin ich gewiß.“ „Allerdings!“ rief Zegher aus;„ich bin Flamän⸗ der dem Namen nach, Flamänder in Geſinnung, und bei dem erſten Worte...“ „Ja,“ bemerkte von Artevelle,„bei dem erſten Worte; aber wer wird dieſes erſte Wort ſprechen? Etwa Ihr, meine Herren von Cöln, von Fauquemont oder von Jülich, die Ihr vom Reiche abhanget, und ohne Genehmigung des Kaiſers keinen Krieg beginnen könnet? Etwa jener Ludwig von Creſſy, unſer angebli⸗ cher Seigneur, der im Louvre zu Paris iſt mit ſeiner Frau und ſeinem Kinde, am Hofe ſeines Vetters? Etwa der Verein der guten Städte, welcher eine Geldbuße von zwei Millionen Gulden und die Excommunication von unſerm heiligen Vater, dem Papſte, riskirt, wenn er die Feindſeligkeiten gegen Philipp von Valois beginnt?“ „Ein Krieg mit unſern Nachbaren, den Franzoſen, zu beginnen, iſt ein ſchweres Stück Arbeit, und ihn fortzuführen ein noch ſchwereres, glaubet mir. Der Weber Peter Leroy, der Fiſchhändler Hannequin*), und ſelbſt Euer Vater, meine Herren von Cöln und von Jülich, wußten ein Lied davon zu ſingen. Wenn dieſer Krieg kommt, wohlan, ſo werden wir ihn mit der Hülfe Gottes fortführen. Aber, glaubet mir, wenn 8 er zögert, ſo gehen wir ihm nicht entgegen. Begnügen wir uns alſo mit dieſer Geſundheit, ſie iſt ſchön: Dem —õ— *) Vertraulicher Name, den man dem Zannee gab. 2 A. D. ℳ 5 4*** 92 Andenken des todten Douglas, auf das Wohlergehen des lebenden Eduard!“ Bei dieſen Worten leerte er ſein Glas, und all Gäſte, welche aufgeſtanden waren, thaten Beſcheid, und ſetzten ſich wieder. „Die Genealogie Eures Falken hat uns weiter ge⸗ führt, als wir gehen wollten, Herr Ritter,“ nahm der Biſchof von Cöln nach einer Pauſe des Schweigens das Wort,„aber ſie ſetzte uns in Kenntniß, daß Ihr aus England kommet: was giebt's Neues in London?“ „Man ſpricht dort viel von dem Kreuzzuge, den auf die Ermahnung des Papſtes Benedict XII. Philipp von Valois gegen die Ungläubigen unternehmen will; und man ſagt, Ihr müſſet dieß beſſer wiſſen, als wir, meine Herren, denn Eure Verbindungen mit Frankreich find leichter, als ſie es für uns ſind, die wir jenſeits des Meeres liegen, daß der König Johann von Böh⸗ men, der König von Navarra ¹) und der König Peter von Aragonien ²) das Kreuz mit ihm gewonnen haben.“ „Das iſt die Wahrheit,“ antwortete der Biſchof von Cöln;„aber, ich weiß nicht warum, ich habe kein großes Vertrauen auf dieſe Unternehmung, obgleich es von vier Cardinälen geprediget iſt, vom Cardinal von Neapel ³3), vom Cardinal von Perigordih, vom Cardi⸗ nal Albano ⁵) und dem Cardinal Oſtie 6).“ —y ¹) Philipp Graf von Evreux, genannt der Gute und der Weiſe. ²) Peter IV. genannt der Ceremoniöſe. ²) Annibal Ceccano, Erzbiſchof von Neapel, von Pöhann XXII. zum Cardinal erhoben. ¹ und ann 93 „Weiß man denn doch, was daſſelbe verzogert 2⸗ fragte Walter. „Ein Zwiſt zwiſchen dem Könige von Aragonien und dem Könige von Majorka, in welchem ſich Philipp von Valois zum Schiedsrichter aufgeworfen hat.“ „Und hat dieſer Zwiſt einen wichtigen Grund?“ „O! einen der wichtigſten,“ antwortete der Biſchof von Cöln ernſt:„Peter IV. hatte von Jayme II. für ſein Königreich Majorka die Huldigung entgegengenom⸗ men, und war nach Avignon gegangen, um dem Papſte für das ſeinige die Huldigung zu leiſten; aber unglück⸗ licherweiſe gab während der Ceremonie des feierlichen Einzuges dieſes Fürſten in die päpſtliche Stadt, der Knappe des Königs Don Jayme dem Pferde des Königs von Aragonien einen Peitſchenhieb auf den Rücken; dieſer zog das Schwert, und verfolgte den Knappen, der mit genauer Noth entkam: daher der Krieg. Ihr ſehet, daß man ihm nicht mit Unrecht den Beinamen der Ceremoniöſe“ gegeben hat.“ „Man muß jedoch Alles ſagen,“ fügte von Arte⸗— velle bei,„inmitten dieſer von dieſem Fürſten bereiteten Verlegenheiten, ſind der König David von Schottland, und die Königin, ſeine Frau, in Paris angekommen, da Eduard III. und Baliol ihnen in Schottland ein 4) Talleyrand von Perigord, Biſchof von Aurerre, vom nämlichen Papſte zum Cardinal erhoben im Jahre 1321. ⁵) Gaucelin von Enſa. Neffe des Papſtes Johann XXII., von ihm zum Cardinal erhoben im Jahre 1316. 4) Bertrand Poyet, Biſchof von Oſtie, im nämlichen Jahre 1 Dund vom nämlichen Papſte zum Cardinal erhoben. 94 ſo kleines Königreich gelaſſen haben, daß ſie glaubten, es lohne ſich picht der Mühe, wegen vier Feſtungen und eines Thuͤrmes, die ſie dort noch beſitzen, darin zu bleiben. Es iſt richtig, daß wenn Philipp von Valois nach Schottland dem Alan Vipont, oder Agnes der. Schwarzen, nur den zehnten Theil des Heeres zur Hülfe ſenden wollte, welches er in das gelobte Land mitzunehmen gedenkt, dieß die Angelegenheiten auf die⸗ ſer Seite teufliſch verändern könnte.“ „O! ich glaube,“ verſetzte Walter nachläſſig,„daß Cduard ſich wenig um Alan Vipont und ſein Schloß Lochleven, eben ſo wenig um Agnes die Schwarze küm⸗ mert, obgleich ſie die Tochter des Thomas Randolph iſt. Seit der letzten Reiſe, die er nach Schottland gemacht hat, haben ſich die Verhältniſſe ſehr geändert; da er Jakob Douglas nicht mehr treffen konnte, rächte er ſich an Archibald: der Wolf hat für den Löwen gebüßt. Alle ſüdlichen Grafſchaften gehören ihm; alle Gouverneure und Scherife der vorzüglichſten Städte ſind ſeine An⸗ hänger; Eduard Bailiol hat ihm für Schottland gehul⸗ diget, und wenn man ihn zwänge, dahin zurückzukehren, würde er dem Alan Vipont beweiſen, daß ſeine Dämme feſter ſeyen, als jene des Sir John Sterling;*) der *) Als Sir John Sterling das Schloß Lochleven belagerte, welches auf einer Inſel mitten in einem See liegt, ließ er an dem Orte des Abfluſſes einen Damm ma⸗ chen, in der Hoffnung, daß das Waſſer ſteigen, und die Inſel überfluthen würde. Wirklich war der untere Theil des Schloſſes bereits unter Waſſer geſetzt, als Alan Vipont bei Nacht einen Ausfall machte, und die 95 Gräfin von March, daß die Kugeln, welche die Ma⸗ ſchinen gegen die Wälle ſenden, beſſerfs machen, als Staub¹), und wenn William Spons noch in ihrem Dienſte iſt, wird der König Sorge tragen, eine Rüſtung von genügend guter Härtung anzuthun, damit die Lie⸗ bespfänder von Agnes der Schwarzen nicht in ſein Herz dringen.*)“ So weit war das Geſpräch gediehen, als es durch das Geräuſch der Pendeluhr unterbrochen wurde, welche neun Uhr ſchlug. Da dieſes Geräth eine ganz neue Erfindung war, feſſelte es die Aufmerkſamkeit der Seig⸗ neurs, und auch Artevelle, entweder weil er nichts mehr aufzutiſchen hatte, oder das Zeichen zum Aufbruche ge⸗ ben wollte, erhob ſich, und ſagte zu Walter:„Herr Ritter, ich ſehe, daß Ihr, wie die Herren von Cöln und von Jülich, den Mechanismus dieſer Uhr zu unterſuchen Schleuſe zerſtörte. Das Waſſer brach dann mit Ge⸗ walt durch, und riß einen Theil von Sterlings Lager weg. A. D. 1) Während der Belagerung ihres Schloſſes durch den Gra⸗ fen von Salisbury, ging Agnes die Schwarze auf den Wällen ſpazieren, und ſtäubte mit ihrem Taſchentuche die Stellen ab, welche von den durch die Maſchinen ge⸗ ſcchleuderten Steinen waren getroffen worden. A. D. ²) Eines Tages, da Saliskury eine Recognoscirung um die Mauer des Schloſſes Dumbar machte, durchbohrte ein Pfeil, von einem ſchottiſchen Bogenſchützen, Namens William Spons, entſchnellt die Bruſt eines Ritters, der ſich neben ihm befand, obgleich er ein dreifaches Pan⸗ zerhemd auf einem ledernen Koller trug.„Das iſt ein Liebespfand der Gräfin,“ ſagte er kaltblütig, als er den Ritter fallen ſah; die Pfeile von Agnes der Schwarzen dringen ſtets in's Herz.“ A. D. 96 wünſchet. Nähert Euch alſo, denn ſie iſt eine wunder⸗ liche Sache, ich ſchwör's Euch. Sie war für den König Eduard von Schottland beſtimmt; aber ich bot dem Mecha⸗ niker, der ſie machte, einen ſo guten Preis dafür, daß er mir den Vorzug gab.“ „Und wie heißt dieſer Verräther, der die engliſchen Waaren ungeachtet des Verbotes ſeines Königs meſüchut, 2 fragte Walter lachend. „Richard von Valingfort; er iſt ein würdiger Bene⸗ dictiner, Abt zu Saint⸗Alban, der die Mechanik in der Schmiede ſeines Vaters erlernt hatte, und zehn Jahre ſeines Lebens auf dieſes Meiſterſtück verwendete. Sehet: dieſe Uhr zeigt den Lauf der Geſtirne, und wie die Sonne in vierundzwanzig Stunden um die Erde geht; man ſieht auf ihr die Bewegung der Ebbe und Fluth des Meeres. Ihr Schlagwerk beſteht, wie Ihr ſehet, aus ehernen Kugeln, die auf eine Glocke von demſelben Metalle fallen, in gleicher Anzahl mit jener der Stunde, die ſie bezeichnen ſollen, und bei jeder neuen Stunde tritt ein Ritter aus ſeinem Schloſſe und bezieht die Wache auf der Zugbrücke.“ Nachdem man dieſes Wunder nach Muße betruchte hatte, beabſchiedete ſich Jeder, und Walter, der bis zu⸗ letzt geblieben, wollte ſich wie die Uebrigen entfernen, als Jacquemart ihm die Hand auf die Schulter legte. „Wenn ich mich nicht täuſche, Herr Ritter,“ ſagte er zu ihm,„kamet Ihr, als wir Euch in der Geſellſchaft des Gerhard Denis an der Thüre unſers Hauſes terfen ſo eben in der guten Stadt Gent an?“ 6 „In demſelben Augenblicke,“ antwortete Wriee, . 97 „Ich hatte es vermuthet; daher beſchäftigte ich mich mit Eurem Gaſthofe.“ „Ich übertrug dieſe Sorge Robert.“ „Robert war müde; Robert hatte Hunger und Durſt; Robert würde ſich die Zeit nicht genommen haben, eine Eurer würdige Wohnung zu ſuchen; ich ſchickte ihn zu Tiſche zu den Dienern unſerer übrigen Gäſte, und habe mir die Sorge vorbehalten, Euch in Eure Behauſung zu geleiten, und Euch darin als Wirth die Honneurs zu machen.“ „Aber ein neuer Gaſt, im Momente, da Ihr bereits eine ſo zahlreiche Geſellſchaft habet, muß Euch nicht nur eine bedeutende Störung verurſachen, ſondern auch in Bezug auf die Wichtigkeit des Ankömmlings eine ſehr übertriebene Idee erregen.“ „Was die Störung betrifft, dürfet Ihr unbeſorgt ſeyn; die Wohnung, welche Ihr beziehen werdet, iſt jene meines Sohnes Philipp, der, da er erſt zehn Jahre alt iſt, durch Eure Beſitzergreifung nicht ſehr geſtört ſeyn wird; ſie ſteht mit der meinigen durch einen Gang in Verbindung, weßhalb Ihr zu mir werdet kommen kön⸗ nen, oder ich Euch beſuchen kann, ohne daß Jemand etwas davon weiß; außerdem iſt ein Eingang auf der Straße vorhanden, durch den Ihr nach Euerm Gutdün⸗ ken Beſuche empfangen möget. Eure Wichtigkeit betref⸗ fend, wird dieſelbe nach Eurem Willen, und nicht nach Eurem Stande bemeſſen, und für mich wie für Jeder⸗ mann werdet Ihr nur ſeyn, was Ihr ſcheinen wollet.“ „Wohlan!“ ſagte Walter, ſeinen Entſchluß mit jener Duntas, die Gräfin von Salisbury. 5 98 Schnelligkeit faſſend, die er in ſeine Entſcheidungen zu legen pflegte,“ ich nehme mit Vergnügen die Gaſtfreund⸗ ſchaft an, die Ihr mir anbietet, und hoffe, ſie Euch einſt in London zu erwiedern.“ „O!“ entgegnete von Artevelle mit einer Zweifels⸗ miene,„ich glaube nicht, daß meine Angelegenheiten mir jemals erlauben werden, über das Meer zu ſchiffen.“ „Selbſt nicht um einen großen Ankauf von Wolle abzuſchließen?“ „Ihr wiſſet wohl, mein Herr, daß die Ausfuhr die⸗ ſer Wolle verboten iſt.“ Ja,“ verſetzte Walter,„aber wer den Befehl ge⸗ ſben ven kann ihn widerrufen.“ „Dieß ſind Sachen von zu großer Wichtigkeit,“ ent⸗ gegnete von Artevelle, einen Finger auf ſeinen Mund legend,„um an einer Thüre ſtehend davon zu ſprechen, und beſonders wenn dieſe Thüre offen iſt; man ver⸗ handelt ſolche Angelegenheiten gründlich nur bei ver⸗ ſchloſſenen Thüren, und an einem Tiſche einander ge⸗ genüber ſitzend, auf welchem eine gute Flaſche Gewürz⸗ wein ſteht, um das Geſpräch im Gange zu erhalten, und wir können all das in Eurer Wohnung finden, Herr Walter, wenn Ihr hinaufgehen wollet.“ Bei die⸗ ſen Worten winkte er einem Edelknechte, der alſogleich im Winkel des Saales eine Wachsfackel nahm, und ih⸗ nen leuchtend vorausſchritt. An der Thüre der Woh⸗ nung angekommen, öffnete er ſie, und entfernte ſich: Walter und von Artevelle traten ein, und dieſer Aeb tere ſchloß die Thüre hinter ihnen. — Sechstes Kapitel. Walter fand wirklich zum voraus Alles bereitet, was Jacquemart für die unerläßliche Zuthat eines diplomatiſchen Geſpräches erachtet hatte: ein Tiſch ſtand mitten im Gemache; auf jeder der beiden Seiten dieſes Tiſches, harrete ein großer leerer Armſtuhl des Bera⸗ thers, und ein ungeheurer ſilberner Humpen auf dieſem Tiſche, verſprach bei dem erſten Blicke, zur reichlichen Anfeuchtung der Erörterung zu genügen, wie lang, wie wichtig, wie feurig ſie auch ſeyn mochte. „Herr Walter,“ fragte von Artevelle, bei der Thüre verweilend,„pflegt Ihr wichtige Sachen, die Ihr ſo⸗ gleich unterhandeln könnt, auf den andern Tag zu ver⸗ ſchieben?“ „Meiſter Jacquemart,“ antwortete der junge Mann auf die Lehne des Armſtuhles ſich ſtützend, und ſeine Beine kreuzend,„macht Ihr Eure Geſchäfte vor oder nach dem Abendeſſen ab, bei Nacht oder bei Tag?“ „Wenn ſie wichtig ſind,“ erwiederte von Artevelle, dem Tiſche ſich nähernd,„binde ich mich an keine Zeit.“ „Dieß iſt auch bei mir der Fall,“ entgegnete Wal⸗ ter ſich ſetzend;„ſetzt Euch alſo, und laßt uns ſprechen.“ Von Artevelle bemächtigte ſich mit einer Raſchheit des andern Armſtuhles, welche das Vergnügen verrieth, das er empfand, dieſer Einladung zu entſprechen. „Mei er Jacquemart,“ fuhr Walter fort,„Ihr ſpra⸗ 4 5* 100 chet während des Abendeſſens von der Schwierigkeit eines Krieges zwiſchen Flandern und Frankreich.“ „Herr Walter,“ ſagte von Artevelle,„Ihr ſprachet nach dem Abendeſſen einige Worte über die Leichtigkeit eines Handelsvertrages zwiſchen Flandern und England.“ „Der Vertrag iſt mit großen Schwierigkeiten ver⸗ bunden; er iſt jedoch ausführbar.“ „Der Krieg hat gefährliche Wechſelfälle; jedoch mit Klugheit kann man Alles wagen.“ „Nun, ich ſehe, daß wir uns verſtändigen werden; laßt uns jetzt auf's Ziel los gehen, und verlieren wir keine Zeit.“ „Doch bevor ich auf eine Frage antworte, iſt es nöthig, daß ich wiſſe, wer ſte an mich ſtellt.“ „Der Geſandte des Königs von England, und hier ſind ſeine Vollmachten,“ ſagte Walter, ein Pergament aus ſeinem Buſen ziehend. 4 „Und bei wem iſt dieſer Geſandte beglaubiget?“ „Bei demjenigen, welcher ſouverainer Herr der An⸗ gelegenheiten Flanderns iſt.“ „Dann kommen dieſe Beglaubigungsſchreiben un⸗ mittelbar.... 34 „Vom Könige Eduard, wie es ſein Siegel und ſeine Unterſchrift bezeugen.“ 4 „Der Herr König von England hat es alſo nicht * verſchmäht, an den armen Brauer Jacquemart zu ſchrei⸗ ben!“ ſagte dieſer mit einem unter dem Anſcheine des 3 Zweifels ſchlecht verhüllten Gefühle von Eitelkeit.„Ich bin neugierig, was für einen Titel er ihm gegeben „ der hat: der Titel Bruder gebührt den Königenn 101 Titel Vetter den Pairs, und der Titel Herr den Nittern; ich bin weder König, noch Pair, noch Ritter.“ „Daher wählte er einen minder emphatiſchen, aber auch freundlicheren, als alle jene, die Ihr ſo eben an⸗ führtet: ſehet!“ Von Artevelle nahm das Schreiben aus Walters Händen, und obwohl er innerlich große Luſt hegte, zu wiſſen, in welchen Ausdrücken ihm ein ſo mächtiger König ſchrieb, wie Eduard, ſchien er nur ein unterge⸗ ordnetes Intereſſe auf die Formel der Adreſſe zu legen, zuvor mit etwas Anderem ſich beſchäftigend.„Ja, ja,“ ſagte er, mit dem königlichen Siegel ſpielend,„da ſind ja die drei Leoparden von England: einer für jedes Königreich; und dieß iſt genug, um ihn zu vertheidi⸗ gen, oder,“ fügte er lachend bei,„um ihn zu zerreißen. Eduard iſt ein edler und großer König, und ein ſtren⸗ ger Rechtspfleger in ſeinem Königreiche. Laßt ſehen, mit welcher Zuſchrift er uns beehret:“ „Eduard III., König von England, Herzog von Guienne, Pair von Frankreich, an ſeinen Gevatter Jakob von Artevelle, Deputirten der Stadt Gent, und Repräſentanten des Herzogs von Flandern.“ „Wiſſet, daß Wir bei Cuch den Ritter Walter be⸗ glaubigen, indem Wir uns verbindlich machen, jeden Kriegs⸗, Allianz⸗, oder Handelsvertrag für gut und gültig anzuerkennen, den er mit Euch unterzeichnen wird. 4 2 Eduard.“ „Es iſt allerdings, wie Ihr ſagtet, ſein Siegel und ſeine Unterſchrift.“ 'Ihr anerkennet alſo, daß ich ſein Repräſentant bin?“ 10² „Ganz und vollſtändig; das iſt unbeſtreitbar.“ „Wohlan, ſprechen wir offen; Ihr wollet die Han⸗ delsfreiheit mit England?“ „Es liegt in Euren Plänen, Frankreich zu be⸗ kriegen?“. „Ihr ſehet, daß wir einander bedürfen, und daß die Intereſſen Eduard's und des Jakob von Artevelle, obgleich dem Anſcheine nach ſehr verſchieden, in der Wirklichkeit ſich berühren. Oeffnet Eure Häfen unſern Soldaten, wir werden die unſerigen Euern Kaufleuten öffnen.“ „Ihr geht ſchnell an's Werk, mein junger Freund,“ ſagte Jacquemart lächelnd:„wenn man einen Krieg oder eine Speculation unternimmt, ſo geſchieht es zum Zwecke des Gelingens, nicht wahr? Wohlan, das Mit⸗ tel zum Gelingen in jeder Sache iſt: lange darüber nachzudenken, und wenn man lange darüber nachge⸗ dacht hat, die Unternehmung derſelben nur mit drei Ausſichten auf das Gelingen zu beginnen.“ „Wir werden deren tauſend haben.“ „Das iſt eine Antwort, die zu nichts paßt. Nehmt Euch in Acht, am Wappen Frankreichs Euch zu irren; Ihr haltet ſie für Lilien, und ſie ſind Lanzenſpitzen. Glaubet mir, wenn Eure Leoparden das Unternehmen allein verſuchen, werden ſie ihre Klauen und ihre Zähne abſtumpfen, ohne etwas Erfolgreiches zu bewirken.“ 6 „Daher wird Eduard den Krieg nur mit Beiſtand des Herzogs i Brabant, der Seigneurs des Reiches, und der guten Städte von Flandern beginnen.“ „Gerade hierin liegt die Schwierigkeit. Der bee 1⁰³ zog von Brabant beſitzt einen allzu unentſchloſſenen Charakter, um ohne wichtige Gründe zwiſchen Eduard III. und Philipp VI. Partei zu ergreifen.“ „Ihr wiſſet vielleicht nicht, daß der Herzog von Brabant Geſchwiſterkind des Königs von England iſt.“ „Nein, nein, ich weiß dieß ſo gut, wie irgend Je⸗ mand; aber ich weiß auch, daß von einer Heirath zwi⸗ ſchen dem Sohne des Herzogs von Brabant und einer Prinzeſſin von Frankreich ſtark die Rede iſt, und der Beweis davon liegt darin, daß der junge Prinz ſein Wort dem Grafen von Hennegau zurückgegeben hat, deſſen Tochter Iſabella er heirathen ſollte.“ „Teufel!“ ſagte Walter;„aber es dünkt mir wenig⸗ ſtens, daß dieſe Unentſchloſſenheit, von welcher Ihr ſpre⸗ chet, nicht die übrigen Seigneurs des Reiches angeſteckt hat, und daß der Graf von Jülich, der Biſchof von Cöln, der Herr von Fauquemont und der Cour⸗ trayer es nicht beſſer wünſchten, als in das Feld zu ziehen.“ 8 „Ol die Sache iſt wahr, nur hangen die erſten Drei vom Reiche ab, und können ohne Genehmigung des Kaiſers keinen Krieg führen. Der Vierte iſt frei, aber nur ein einfacher Ritter, Lehen und Panzer beſi⸗ tzend, das heißt, daß er dem Könige Eduard mit ſeiner Perſon und ſeinen zwei Edelknechten beiſtehen wird, weiter nichts.“ 8 „Bei dem heiligen Georg,“ verſetzte Walter,„ich kann wenigſtens auf die guten Städte von Flandern zählen?“ 2 „Noch weniger, Herr Ritter, denn wir ſind durch 104 Eid gebunden, und können den König von Frankreich nicht bekriegen, ohne eine Geldbuße von 2,000,000 Gul⸗ den und die päpſtliche Excommuncation zu riskiren.“ „Bei meiner Seele,“ rief Walter aus„„Ihr ſagtet mir, daß ein Krieg mit Frankreich gefährlich ſey;„Ihr hättet ſagen ſollen, dünkt mir, daß er unmöglich ſey.“ „Nichts iſt unmöglich auf dieſer Welt für jenen, der ſich die Mühe giebt, die Sachen recht anzugreifen; es giebt keine Unentſchloſſenheit, die man nicht hebt, keinen Vertrag, in dem man nicht mit einem goldenen Widder eine Breſche brechen kann, und keinen Eid, der nicht eine Hinterthüre hat, deren Schildwache das In⸗ tereſſe iſt.“ „Ich höre Euch an,“ ſagte Walter. „Zuvörderſt,“ fuhr von Artevelle fort, ohne daß er die Ungeduld des jungen Ritters zu bemerken ſchien, „laſſen wir jene bei Seite, die zum Voraus für den König Philipp oder für den König Eduard ſind, und die nichts zur Aenderung ihrer Partei bewegen kann.“ „Der König von Böhmen?“ „Seine Tochter hat den Dauphin Johann deheiratht 4 „Der Biſchof von Lüttich?“ „Philipp wird ihm die Cardinalswürde verſprechen laſſen.“ „Die Herzoge von Oeſterreich, Albert und Otto?“ „Waren verkäuflich, ſind aber gekauft. Der König von Nararra und der Herzog von Bretagne, ſind die natürlichen Bundesgenoſſen Philipps. Dieß ſind alſo jene, welche zu Frankreich halten; gehen wir nun zu 4 jenen über, die ſich für England erklären werden.“ — 105 „Zunächſt Wilhelm von Hennegau, Schwiegervater des Königs Eduard.“ „Ihr wißt, daß er an der Gicht am Sterben iſt.“ „Sein Sohn wird ihm nachfolgen, und ich bin des Einen wie des Andern gewiß. Ferner Johann von Hennegau, der jetzt am engliſchen Hofe iſt, und dem Könige bereits das Verſprechen gemacht.“ „Wenn er verſprochen hat, wird er halten.“ „Reinhold von Geldern, der die Prinzeſſin Eleonore, Schweſter des Königs, geheirathet hat.“ „Sehr wohl; nachher?“ „Das iſt Alles,“ ſagte Walter.„Dieß ſind unſere ſichere Freunde und Feinde.“ „Gehen wir nun zu denjenigen über, die noch zu keiner von beiden Parteien gehören.“ „Oder die ein großes Intereſſe zum Uebertritte von der einen zur andern bewegen kann.“ „Das iſt das Minliche. Fangen wir bei dem Her⸗ zoge von Brabant an.“ „Ihr habt ihn mir als einen ſo unentſchloſſenen Mann geſchildert, daß es ſchwer ſein möchte, ihn zur Entſcheidung einer Partei zu bringen.“ „Ja, aber ein Fehler hält dem andern das Gleich⸗ gewicht; ich vergaß, Euch zu ſagen, daß er noch geizi⸗ ger ſey, als unentſchloſſen.“ „Eduard wird ihm nöthigenfalls 50,000 Pfund Ster⸗ ling geben, und die Krieger in ſeinen Sold nehmen, welche er ihm ſchicken wird.“ „Das läßt ſich hören. Ich bürge Euch für den Herzog von Brabant.“— * 106 „Laßt uns ietzt auf den Grafen von Jülich kommen, auf den Biſchof von Cöln, und auf den Herrn von Fau⸗ quemont.“ „Ah! dieß ſind wackere Seigneurs,“ bemerkte von Artevelle,„reich und mächtig, von denen Jeder tauſend Gewappnete ſtellen würde, wenn ſie von Ludwig von Bayern, ihrem Kaiſer, die Ermächtigung dazu er⸗ hielten.“ „Aber es beſteht ein Vertrag zwiſchen Frankreich und ihm, nicht wahr?“ „Ja, ein ausdrücklicher und beſtimmter Vertrag, durch welchen der König von Frankreich ſich verbindlich macht, auf dem Gebiete des Reiches nichts zu erwerben.“ „Aber wartet doch,“ rief Walter aus,„es dünkt mir...⸗ „Was?“ fragte von Artevelle lachend. „Daß, dieſem Vertrage entgegen, der König Phi⸗ lipp das Schloß Erdvecoeur im Gebiete der Stadt Cam⸗ bracht hat; dieſe Schlöſſer ſind Gebietstheile des Rei⸗ ches, und vom Kaiſer abhangende Oberlehen.“ „Geht doch,“ ſagte Jacquemart, wie um Walter anzutreiben. „Und dieſe Erwerbungen ſind begnügend, einen Krieg zu begründen. 4 „Vorzüglich wenn der König Eduard die Koſten und Gefahren deſſelben tragen wird.“ „Ich werde morgen den Grafen von Jülich beauf⸗ tragen, ſich zum Kaiſer zu begeben.“ „Und kraft welcher Vollmachten?“ brai, und das Schloß Arleux⸗ en⸗Puelle an ſich ge⸗ 107 „Ich habe Blankette vom Könige Eduard.“ „Bravo! Da ſind nun zwei von unſern Schwierig⸗ keiten gehoben,“ „Es bleibt die dritte übrig.“ „Und die häckeligſte.“ „Und Ihr ſaget, daß die guten Städte von Flandern einen Vertrag haben, durch welchen ſie, im Falle von Feindſeligkeit ihrerſeits gegen Philipp von Valois...“ „Nicht Philipp von Valois, gegen den König von Frankreich; der Text lautet ausdrücklich.“ „Philipp von Valois oder der König von Frankreich gleichviel.“ „Im Gegentheile, daß iſt ein großer Unterſchied.“ „Im Falle der Feindſeligkeit gegen den König von Frankreich, müſſen denn doch die guten Städte 2,000,000 Gulden bezahlen, und die Excommunication von Seite des Papſtes riskiren. Wohlan, dieſe 2,000,000 Gul⸗ den wird Eduard bezahlen; was die päſtliche Excom⸗ munication betrifft...“ „Aber, mein Gott, damit iſt s nicht abgethan,“ un⸗ terbrach ihn Jaequemart;„die 2,000,000 Gulden ſind eine Kleinigkeit, und was den Bann betrifft, ſo brauch⸗ ten wir bloß die Ercommunication von Seite des Pap⸗ ſtes zu Avignon, vom Papſte in Rom aufheben zu laſſen. Aber es iſt dabei etwas Heiligeres, als all das, für die Handelsleute, nämlich ihr Wort, das ſo viel werth iſt, wie Gold, von dem einen Ende der Welt zum andern, und einmal gebrochen, nie wieder zu Eh⸗ ren kommt. Ah! junger Mann, forſchet wohl,“ fuhr Jacquemart fort;„es giebt für Alles Mittel, mein 108 Gott; es handelt ſich nur darum, ſie zu finden: Ihr begreifet, von welcher Wichtigkeit es für den König Eduard iſt, im Falle eines Mißgeſchickes hinter ſich Flandern mit ſeinen Feſtungen und Häfen zu finden.“ „Bei Gott,“ ſagte Walter,„das iſt auch ſeine Meinung, und deßhalb bin ich in ſeinem Namen ge⸗ kommen, um mich unmittelbar mit Euch zu verſtän⸗ digen.“ „Alſo wäre der König Eduard, wenn man Mittel fände, das Wort Flanderns mit den Intereſſen Eng⸗ lands in Einklang zu bringen, einige Opfer zu brin⸗ gen geneigt.“ „Zuvörderſt würde der König Eduard den Flamän⸗ dern Lille, Douai und Bethune zurückgeben, welche drei Häfen ſind, die Frankreich offen hält, und Flandern ge⸗ ſchloſſen halten würde.“ „Dieß iſt ſchon gut.“ „Der König von England würde die Inſel Cadſand ſchleifen und verbrennen, die ein Schlupfwinkel flamän⸗ diſcher und franzöſiſcher Seeräuber iſt, und den Pelz⸗ werkhandel mit Dänemark und Schweden hindert. 5 „Die Inſel iſt ſtark.“ „Walter von Mauny iſt tapfer.“ „Weiter?“ „Ferner würde der König Eduard das erlaſſene Verbot der Ausfuhr der Wolle aus Wallis, und des Leders aus der Grafſchaft York aufheben, ſo, daß der Handel zwiſchen beiden Nationen frei würde. „Und ein ſolcher Vertrag wäre wahrhaftig den In⸗ tereſſen Flanderns gemäß,“ bemerkte von Artevelle. 1 N 109 „Und die erſte Zufuhr, welche aus zwanzigtauſend Säcken Wolle beſtände, wäre unmittelbar an Jakob von Artevelle adreſſirt, der...“ „Der ſie ſogleich unter die Manufacturiſten verthei⸗ len würde, da er Brauer iſt, und nicht Tuchhändler.“ „Der aber wohl eine Proviſion von fünf Sterlin⸗ gen für den Sack annehmen würde?“ „Das iſt billig, und nach den Regeln des Han⸗ dels,“ antwortete Jacquemart;„jetzt kommt es nur noch darauf an, ein Mittel zu finden, dieſen Krieg zu unternehmen, ohne unſer Wort zu brechen: habt Ihr es?“ „Nein,“ verſetzte Walter,„und ich glaube, daß ich vergebens ſuchen würde, da ich in ſolchen Dingen we⸗ nig erfahren bin.“ „Mir fällt etwas ein,“ entgegnete von Artevelle, indem er Walter feſt anſchaute, und ein Lächeln der Ueberlegenheit ſchlecht verhehlte.„Unter welchem Titel will Eduard III. den Philipp von Valois bekriegen?“ „Unter dem Titel eines wahren Erben des König⸗ reiches Frankreich, auf welches er gerechte Anſprüche hat durch ſeine Mutter Iſabella, Schweſter Karls IV, weil er der Neffe des verſtorbenen Königs, und Philipp nur Geſchwiſterkind mit ihm iſt.“ „Wohlan,“ ſagte von Artevelle,„ſo nehme Eduard ſich angelegentlich um die Lilien an, führe ſie im ge⸗ vierten Schilde mit den Leoparden von England, und lege ſich den Titel eines Königs von Fmnweich bei.“ „Dann?“ „Dann werden wir ihm gehorchen, wie dem Kö⸗ nige von Frankreich, und da unſere Verpflichtungen gegen den König von Frankreich lauten, und nicht, wie ich es ſchon bemerkte, gegen Philipp von Valois, wer⸗ den wir von Eduard Beſcheinigung unſerer Treue ver⸗ langen, und Eduard wird ſie uns als König von Frank⸗ reich geben.“ „Das iſt wahr,“ äußerte Walter. „Und wir werden unſer Verſprechen nicht gebro⸗ chen haben.“ „Und Ihr werdet uns im Kriege gegen Philipp von Valois beiſtehen?“ „Mit unſerer ganzen Macht.“ „Ihr werdet uns mit Euren Soldaten beiſtehen, mit Euren Städten und Häfen?“ „Ohne allen Zweifel.“ „Bei meiner Seele, Ihr ſeyd ein geſchickter Caſuiſt, Meiſter von Artevelle.“ „Und als ſolcher werde ich Euch eine letzte Bemer⸗ kung machen.“ „Welche?“ „Daß der König Eduard dem Könige von. Frank⸗ reich, als ſeinem oberlehnsherrlichen Seigneur, wegen des Herzogthums Guienne, Huldigung geleiſtet hat.“ „Ja, aber dieſe Huldigung iſt nichtig, rief Wal⸗ ter aus. „Und wie ſo?“ fragte von Artevelle. „Weil ich ſie,“ antwortete Walter, ſeine Rolle ver⸗ geſſend,„nur mit dem Munde und mit Worten geleiſtt habe, aber ohne meine Hände in jene des Königs St Frankreich zu legen. 3 „In dieſem Falle, Sire„“ erwiederte von Artevele pp en, ſt. 111 aufſtehend und ſein Haupt entblößend,„in dieſem Falle ſeyd Ihr frei!“ „Geh, Du biſt ſchlauer, als ich, Gevatter,“ ſagte Eduard, von Artevelle die Hand reichend. „Und ich werde Eurer Hoheit bethätigen,“ antwor⸗ tete Jacquemart mit einer Verbeugung,„daß die Be⸗ weiſe von Vertrauen und Loyalität, die man mir gibt, nicht verloren ſind.“ Siebentes Kapitel. Jeder von Beiden hatte die Wahrheit geſprochen; Eduard III. hatte, mochte es Zufall oder Abſicht ſeyn, 4 als er dem Könige von Frankreich in der Stadt Amiens die Huldigung leiſtete, ſeine Hände nicht in jene des Philipp von Valois gelegt. Daher beklagte ſich, nach beendigter Ceremonie, der Oberlehensherr bei dem Va⸗ ſallen über dieſe Auslaſſung; dieſer antwortete, daß er nicht wußte, wie es bei ſeinen Vorgängern gebräuchlich war, aber nach England zurückkehren, und die Urkun⸗ den und Privilegien nachſchlagen wolle, worin die Hul⸗ digungsbedingungen verzeichnet ſeyen; wirklich mußte Eduard, nach ſeiner Ankunft in London zugeben, daß er einen wichtigen Punkt ausgelaſſen habe, und willigte ein, daß die Diplome, welche beſtätigen ſollten, daß Alles nach den Regeln vorgenommen wurde, dieſe Aus⸗ laſſung verbeſſerten, indem ſie bezeugten, obgleich es nicht wahr geweſen, der Eid der Treue ſey geleiſtet —— England in den Händen des Königs von Frankreich lagen. Dem gemäß hielt ſich Eduard, ein eben ſo geſchickter Caſuiſt, wie Jakob von Artevelle, durch dieſen Huldigungsact nicht für verpflichtet, der einer Vaſallenſchaftsanerkennung, die doch unvollſtändig geblieben war, als einer vollſtändigen erwähnte; ihrer⸗ ſeits erachteten ſich die Städte von Flandern, wie wir ſahen, durch den ſchiedsrichterlichen Spruch des Pap⸗ ſtes, dem Könige von Frankreich verbindlich, aber nicht dem Phil ipp von Valois, ſo daß ſie, durch das dem Eduard bezeichnete Mittel, der Geldbuße und zugleich worden, während die Hände des Königs von der päpſtlichen Excommunication entgingen. All das war vielleicht ein wenig ſpitzfindig zu einer Zeit, wo Nitter und Kaufleute es noch zu einer Ehrenſache machten, getreulich ihr Wort zu halten; aber dieſer Bruch mit Frankreich war den Intereſſen Eduards III. und Jakob's von Artevelle ſo günſtig, daß man ihnen dafür noch Dank wiſſen muß, daß ſie ihren An⸗ griffen dieſen falſchen Anſchein von Lohalität geben konnten. Da nun das Verfahren, wie wir im letzten Kapitel ſagten, mit Jakob von Artevelle verabredet und feſtgeſetzt war, hatte Eduard III. nur noch Eines zu thun, bevor er es zu vollziehen begann, nämlich die Rückkehr der Geſandten abzuwarten, die er an Johann von Hennegau, ſeinen Schwiegervater, und an Herrn Adolph von Lamark, Biſchof von Lüttich, abgeordnet hatte. Dieſe Rückkehr mußte ſehr bald geſchehen, da die Geſandten nicht nach EEngland zurückkehren, ſondern nach Gent konunen, und die Befehle des Königs eel⸗ 1 8 4 113 warten ſollten, von dem ſie nicht wußten, daß er ihnen in dieſe Stadt vorausging, und der ſie daſelbſt nicht erwarten ſollte, wenn der Zweck ſeiner Conferenz mit Artevelle verfehlt worden wäre. Er behielt jedoch deß⸗ halb nicht minder ſein Incognito bei; da er aber, auf alle Fälle, und ungeachtet ſeines Vertrauens auf ſeinen neuen Bundesgenoſſen, einen Vertheidigungspunkt zu ſeiner Verfügung wünſchte, ſchrieb er an Walter von Mauny, fünfhundert Gewappnete und ungefähr zwei⸗ tauſend Bogenſchützen zu verſammeln, und mit ihnen die Inſel Cadſand zu nehmen, welche, die Mündung der weſtlichen Schelde beherrſchend, im Falle von Ver⸗ rätherei, ihm zu einem Rückzugs⸗ und Vertheidigungs⸗ punkte dienen ſollte; dieſe Wegnahme ſollte um ſo na⸗ üürlicher ſcheinen, als ſie auf den erſten Anblick nicht eine von der Furcht eingegebene Vorſichtsmaßregel, ſon⸗ dern lediglich die Erfüllung eines gemachten Verſpre⸗ chens ſchien; nachdem dieſe erſte Verfügung getroffen war, erfuhr der König die Ankunft ſeiner beiden G⸗ ſandten. Nicht ohne Beſorgniß ſahen die Geſandten, daß Eduard ſelbſt in Gent ſie erwartete; aber ſie kann⸗ ten die Klugheit des Königs, und wußten, daß ſein Charakter, wie abenteuerlich er auch war, ihn niemals weiter trieb, als er zu gehen beſchloſſen hatte; ſie be⸗ ruhigten ſich alſo ſchnell und vorzüglich die Ritter, de⸗ ren Muthe jede gewagte Unternehmung ſympathetiſch und vertraut war; nur der Biſchof von Lincoln wagte einige Bemerkungen; allein Eduard unterbrach ihn un⸗ ter dem Vorwande des lebhaften Wunſches, den Erfolg der doppelten Geſandtſchaft zu erfahren. 5**† 114 Der Biſchof von Lüttich hatte jede Allianz gegen den König Philipp abgelehnt, und, was auch immer für ein Anerbieten die Boten ihm hätten machen kön⸗ nen, gegen Frankreich zu nichts ſich verſtehen wollen. Den Herrn Grafen von Hennegau hatten die Geſand⸗ ten in ſeinem Bette getroffen, an welches ihn, wie von Artevelle ſagte, ein heftiger Gichtanfall feſſelte. Den⸗ noch, da er erfuhr, in weſſen Namen ſie erſcheinen, und daß ſein Bruder ſich unter ihnen befinde, hatte er ſie alſogleich eintreten laſſen, dann, nachdem er ſie mit großer Aufmerkſamkeit angehört, geantwortet, daß ihm das Gelingen des Planes des Königs von Eng⸗ land eine große Freude bereiten würde, da er ſich wohl denken könnte, daß er ihn, als ſeinen Eidam, weit mehr liebe, als den König Philipp, ſeinen Schwager, welcher ihn ſo eben aller Rückſichten gegen ihn entbunden habe, indem er den jungen Herzog von Brabant von der ſeit langer Zeit feſtgeſetzten Vermählung deſſelben mit Iſa⸗ bella von Hennegau abwendete, um ihm ſeine eigene Tochter zu geben, daß er alſo aus dieſem Grunde mit ſeiner ganzen Macht ſeinem lieben und theuern Sohne, dem Könige von England, beiſtehen würde. Er hatte jedoch beigefügt, daß zum Gelingen eines ſolchen Pla⸗ nes ein ſtärkerer Beiſtand nöthig ſey, als der ſeinige; daß Hennegau im Vergleiche mit dem Königreich Frank⸗ reich, ein ſehr kleines Land ſey, und England zu ferne liege, um ihm zu helfen. „Lieber Bruder,“ hatte dann Johann von Hennegau erwiedert,„was Ihr ſaget, iſt ſo richtig, daß wir nicht zweifeln, die Rathſchläge, welche Ihr uns gebet, ſeyen 3 4. ——— — — 115 die einzigen, die man befolgen müſſe; ſaget uns alſo gütigſt, was wir in dieſer Lage thun ſollen.“ Bei meiner Seele,“ hatte der Graf geantwortet, „ich wüßte keinen mächtigern Seigneur zu bezeichnen, um ihm in ſeinem Unternehmen beizuſtehen, als den Her⸗ zog von Brabant, der Geſchwiſterkind mit ihm iſt, dann nach ihm den Grafen von Geldern, welcher Eleonore, ſeine Schweſter, heirathete; den Herrn Valrame von Jülich, Erzbiſchof von Cöln; den Grafen von Jülich; den Herrn Arnold von Blankenheim und den Herrn von Fauquemont; denn ſie Alle ſind gute Krieger, und wer⸗ den wohl, wenn der König von England die Koſten des Feldzuges übernehmen will, acht⸗ bis zehntauſend Ge⸗ wappnete ſtellen; wenn der König, mein Sohn und Euer Gebieter, alle dieſe Seigneurs für fich hätte, und bei ſich, dann würde ich nicht zögern, ihm zu rathen, über das Meer zu ſchiffen, und den König Philipp bis jen⸗ ſeits des Fluſſes Oiſe zu bekämpfen.“ „Ihr ſprechet weiſe, theuerſter Bruder, und es wird Euer Rath befolgt werden,“ hatte Johann von Hennegau geantwortet. Und da er wußte, mit welcher Ungeduld Eduard ihn erwartete, war er, ungeachtet der dringen⸗ den Bitten des Grafen, mit Wilhelm von Salisbury, ſeinem Reiſegefährten, am nämlichen Tage abgereiſet, um ſich an den beſtimmten Ort zu begeben, obgleich weit entfernt von dem Gedanken, daß der König Eduard per⸗ ſönlich dort ſeiner harre. Wir ſahen, wie der Zufall, im Einklange mit den guten Rathſchlägen des Grafen von Hennegau, den Kö⸗ nig von England zum voraus mit dem Erzbiſchofe von g 5**△* — 116 Cöln, dem Grafen von Jülich, und dem Herrn von Fau⸗ quemont in Verbindung gebracht hatte, als er unter dem Namen Walter, dem Abendeſſen bei Jakob von Ar⸗ tevelle beiwohnte. Eduard war ſeitdem überzeugt, daß ſie, vorbehaltlich der Genehmigung des Kaiſers, loyale und tapfere Bundesgenoſſen von ihm werden würden. Man brauchte ſich alſo nur noch mit dem Herzoge von Brabant, und mit Ludwig V. von Bayern zu beſchäf⸗ tigen, der auf dem kaiſerlichen Throne ſaß. Die beiden Geſandtſchaften reiſeten alſo auf der Stelle wieder ab; dießmal waren ſie an den Herzog von Brabant und an den Kaiſer abgeordnet. Die Geſandten ſollten bei dem Herzoge von Brabant ſich auf ſeine Freundſchafts⸗ und Familienverhältniſſe berufen, die ihn mit dem Könige von England vereinigten, und von ihm eine waffnete und angreifende Theilnahme an den Plänen Ghnnnds gegen Frankreich zu erwirken trachten. Den Kaiſer be⸗ treffend, waren ſie beauftragt, ihn zu erinnern, daß Phi⸗ lipp von Valois, ſeinem Vertrage entgegen, der ihm verbot, auf dem Gebiete des Reiches etwas zu kaufen, die Feſtung Crèvecoeur im Gebiete der Stadt Cambrai, und das Schloß Arleux⸗en⸗Puelle an ſich gebracht habe, und ihm von Seiten des Königs Eduard zu ſa⸗ gen, daß dieſer hinſichtlich ſeines Rechtes und ſeines Streites unter der einzigen Bedingung das Nöthige zu thun gedenke, daß der Kaiſer den Seigneurs, welche von ihm abhangen, geſtatten würde, den König von Frank⸗ reich zu befehden. Inzwiſchen hatte Walter von Mauny zu London den Befehl des Königs erhalten, und ſich beeilt, ihn zu 117 vollziehen; außer ſeiner perſönlichen Anhänglichkeit an Eduard von England, mit dem er, wie geſagt, durch die Königin in Verwandtſchaft ſtand, war er, vermöge ſeines wagehalſigen Charakters, zum voraus zu jedem Unternehmen geneigt, wo es galt, Muth zu bethätigen und Ruhm zu erwerben. Die vorgeſchlagene Expedition entſprach alſo ſeiner Pflicht als treuer Diener, und zu⸗ gleich ſeinem Wunſche als tapferer Ritter. Er theilte folglich, und ohne einen Augenblick zu verkieren, den Befehl des Königs dem Grafen von Derby mit, Sohn des Grafen von Lancaſter mit dem ſchiefen Halſe, dem Grafen von Suffolk, dem Herrn Reinhold von Cobham, dem Herrn Ludwig von Beauchamp, dem Herrn Wil⸗ helm Fitz Warwick, und dem Herrn von Beauclerc, die der gewählt hatte, um mit ihm die Ehre dieſes gefähr⸗ lichen Zuges zu theilen. Jeder von ihnen traf alſogleich ſeine Anſtalten; Kriegsſchiffe fuhren die Themſe hinauf bis London, und man befrachtéte ſie mit Waffen und Lebensmitteln; zweitauſend Bogenſchützen wurden ver⸗ ſammelt und eingeſchifft; zuletzt begaben ſich auch die Ritter und Knappen an Bord der Schiffe, welche alſo⸗ gleich die Anker lichteten, und, die Ebbe benützend, bei der erſten Fluth im Angeſichte von Graveſende ihr Nacht⸗ lager erreichten. Am andern Tage hielten ſie erſt zu Margate an; endlich, am dritten Tage, gelangten ſie in's Meer, und wogten und ſchifften mit Segel und Ruder ſo ſehr und ſo gut, daß ſie die Küſten von Flandern erblickten. Alſogleich verſammelten ſie ihre Schiffe, trafen alle ihre Landungsvorkehrungen, und ka⸗ men, immer an der Küſte hinfahrend, gegen eilf Uhr 4 118 Morgens, am Vorabende von Wintermartini, vor der Inſel Cadſand an. Bei dem erſten Blicke, welchen die engliſchen Ritter auf die Inſel warfen, ſahen ſie ein, daß man auf die Hoffnung verzichten müfſe, ſie zu über⸗ rumpeln; die Schildwachen hatten ſie bereits bemerkt und Lärm gemacht, ſo, daß ſie die ganze, wenigſtens aus ſechstauſend Mann beſtehende Garniſon, aus den Wällen herausgerückt, und auf dem Strande ſich in Schlachtordnung ſtellen ſahen. Da ſie jedoch den Wind und die Fluth für ſich hatten, ſchwuren ſie bei Gott und dem heiligen Georg, daß ſie ſich nähern würden. Sie ſtellten alſo die Schiffe in eine einzige Reihe, waff⸗ neten ſich und ſetzten raſch bei, ließen die Trompeten 3 f blaſen, und umzingelten die Stadt. Jetzt blieb den Ein⸗ wohnern von Cadſand kein Zweifel mehr; zudem konnte die Garniſon, je näher die Angreifenden kamen, ihre in Ordnung gereiheten Fahnen erblicken, und ſehen, wie ſie ſechzehn von den Ihrigen, im Angeſichte der Küſte zu Rittern ſchlugen. Wenn die Engländer in ihren Reihen eine beträcht⸗ liche Anzahl von erfahrenen und tapferen Rittern zähl⸗ ten, waren ihre Feinde nicht minder reich, als ſie, an muthigen und kundigen Männern. In der erſten Reihe erkannte man den Herrn Veit von Flandern, Baſtard⸗ „bruder des Grafen Ludwig, der eine Rede an ſeine Ge⸗ fährten hielt, und ſie ermahnte, ſich tapfer zu benehmen; dann den Dukere von Hallewyn, Herrn Johann von Rhodus, und Herrn Egid von lEſtriff, und da ſie die Engländer auf dem Verdecke ihrer Schiffe den Ritter⸗ ſcchlag ertheilen ſahen, wollten ſie nicht hinter ihnen zu⸗ —2— gemein zu werden wünſchten, weder eine Aufforderung ſein Feldgeſchrei aus, und alſogleich, ſowie ſie die Trag⸗ Vortheil auf Seiten der Engländer war. Sie zogen ſich nämlichen Momente hörte man inmitten des Tumultes 119 rückbleiben, und begannen gleichfalls unter den Ihrigen den Ritterſchlag vorzunehmen, und da wurden, unter den Flamändern, zu Rittern geſchlagen: Herr Simon und Peter Brulledent, Herr Peter von Englemouſtiers, und mehrere andere tapfere Gefährten und edle Krieger, ſo zwar, daß, als die Schiffe nahe am Ufer waren, und die beiden Parteien, vor Haß und Muth glühend, hand⸗ gemacht, noch eine Antwort gegeben wurde; Jeder ſtieß weite erreichten, immer vorwärts rückend, um zu landen, ließen die Bogenſchützen einen ſo ſchrecklichen und eiligen Re⸗ gen von Pfeilen auf jene von der Inſel niederfluthen, daß jene, welche den Hafen bewachten, wie groß auch ihr Muth war, da ſie den Tod nicht ſo erwiedern konnten, wie ſie ihn empfingen, zurückweichen mußten; denn ſie zo⸗ gen einen Kampf Leib an Leib auf dem Platze jenem Kampfe in der Entfernung vor, bei welchem der ganze alſo hinter die Tragweite des Pfeiles zurück, und die Engländer landeten; aber kaum ſahen ihre Gegner die Hälfte derſelben auf dem Strande, als ſie mit ſolcher Gewalt gegen ſie anprallten, daß die bereits Gelandeten zurückweichen mußten, ſo daß die Ritter, welche noch auf den Schiffen waren, nicht wußten, wo ſie ausſteigen ſollten, und, von jenen gedrängt, die hinter ihnen ka⸗ men, gezwungen wurden, in das Meer zu ſpringen. Im die ſtarke Stimme des Walter von Mauny, der mit dem Rufe: Lancaſter dem Grafen von Derby, wieder⸗ 4⁴ 3 120 D holt vorwärts ſtürzte. Wirklich hatte dieſer einen Kol⸗ benſchlag auf den Kopf erhalten, und die Engländer bei ihrer rückgängigen Bewegung ihn ohnmächtig auf dem Schlachtfelde zurückgelaſſen, ſo daß die Flamänder, da ſie einen gekrönten Helm auf ſeinem Kopfe ſahen, ihn für einen vornehmen Herrn hielten, und bereits fortſchlepp⸗ ten, als Walter von Mauny, in der Gewalt der Fla⸗ mänder ihn erblickend, ohne größere Verſtärkung zu er⸗ warten, wieder mitten in ſeine Gegner brach, und mit ſeinem erſten Artſtreiche den ſo eben erſt zum Ritter geſchlagenen Simon Brulledent todt zu ſeinen Füßen hinſtreckte. Jene, welche den Grafen von Derby forttrugen, lie⸗ ßen ihn fahren; er ſank wieder auf den Sand hin, immer noch ohnmächtig; Walter von Mauny ſetzte den Fuß auf ſeinen Leib, und beſchützte ihn ſo, ohne einen Schritt zurückzuweichen, bis er wieder zu ſich gekom⸗ men war. Uebrigens war er nur betäubt und nicht verwundet, ſo daß er, kaum wieder bei Sinnen, ſich erhob, das nächſte beſte Schwert aufraffte, und wieder zu kämpfen begann, ohne ein Wort zu ſprechen, wie wenn nichts geſchehen wäre, indem er es auf einen andern Augenblick vertagte, dem Walter von Mauny zu danken, und er es vorläufig für das Beſte hielt, tüch⸗ tig einzuhauen, um die verlorene Zeit wieder zu gewin⸗ nen. So machte man es von allen Seiten. Dennoch war, obgleich die Flamänder noch um keinen Schritt zurückwichen, der Vortheil ſichtbar auf Seiten der Eng⸗ länder, Dank ihren ausgezeichneten Bogenſchützen, die⸗ ſen beſtändigen Schöpfern ihrer Siege. Sie waren auf ihren Schiffen geblieben, das Schlachtfeld beherrſchend, und wählten ſich aus der Mitte des Handgemenges, wie ſie es mit Hirſchen in einem Parke hätten machen kön⸗ nen, jene Flamänder, die ſie mit ihren langen, ſo har⸗ ten und ſpitzigen Pfeilen durchbohren ſollten, daß ihnen nur die deutſchen Harniſche widerſtanden, während ſie durch die ledernen Koller und Panzerhemden wie durch Pappe und Linnen drangen. Obgleich durch dieſen tödt⸗ lichen Regen decimirt, vor dem ihr ganzer Muth ſie nicht ſchützen konnte, hielten ſie doch, wie geſagt, mit Erbitterung Stand. Endlich ſtürzte Herr Veit, Ba⸗ ſtard von Flandern, ebenfalls unter einem Artſtreiche des Grafen von Derby, und der nämliche Kampf wurde auf ſeinem Leibe geliefert, der ſich auf dem Leibe des⸗ jenigen entſpann, welcher ihn ſo eben niedergeſchmettert hatte, aber dießmal mit einem verſchiedenen Looſe; denn der Dukere von Hallewyn, Herr Egid von l'Eſtriff, und Johann Brulledent, wurden getödtet, indem ſie ihm bei⸗ ſtehen wollten; von den Anführern war alſo nur noch Herr Johann von Rhodus übrig, und noch dazu im Geſichte von einem Pfeile verwundet, den er, da er ihn nicht ganz herausziehen konnte, weil er in den Knochen gedrungen war, auf zwei Zoll von der Wange abgebrochen hatte. Er verſuchte einen Rückzug zu ord⸗ nen, aber es war unmöglich. Die Gefangennehmung von Veit von Flandern, der Tod von ſechsundzwanzig Rittern, die, ihn beſchützend, gefallen waren, dieſer— unaufhörliche Hagel von Pfeilen, den es von den Schif⸗ fen ſo heftig regnete, daß das Ufer einem Lanz von ſa in die Gräfin von Salisbury. 6 8 3 1 3 Aehren ſtarrenden Felde glich, entmuthigten ſeine Sol⸗ daten, welche ſtadtwärts flohen; dann ließ auch Herr Johann von Rhodus, da er nichts mehr vermochte, dort ſich tödten, wo alle die Uebrigen ſich hatten tödten laf⸗ ſen. Von nun an war es kein Kampf mehr, ſondern eine Schlächterei; Sieger und Beſiegte ſtürzten miteinan- der nach Cadſan hinein; man ſchlug ſich von Straße zu Straße, und von Haus zu Haus; da es von der einen Seite durch das Meer, von der andern durch einen Arm der Schelde eingeſchloſſen war, wurde die ganze Garniſon, unvermögend zu fliehen, getödtet, oder gab ſich gefangen, und von ſechstauſend Mann, aus denen ſie beſtand, blieben viertauſend auf dem Schlachtfelde. Da die Stadt mit Sturm und ohne Capitulation ein⸗ genommen worden war, wurde ſie der Plünderung preis⸗ gegeben, Alles von einigem Werthe auf die Schiffe ge⸗ bracht; dann zündete man die Häuſer an; die Englän⸗ der warteten, bis alle, ſelbſt das Letzte, einſtürzten; hierauf endlich ſchifften ſie ſich ein, dieſe Inſel, die ſo bevölkerte und ſo blühende Stadt, nackt, öde und ge⸗ ſchleift zurücklaſſend, wie wenn ſie ſeit dem Tage, da ſie dem Schooße des Meeres entſtieg, wild und unbe⸗ wohnt geblieben wäre. Während dieſer Zeit hatten die politiſchen Unter⸗. handlungen gleichen Schritt mit den kriegeriſchen Expe⸗ ditionen gehalten; die doppelte Geſandtſchaft war nach Gent zurückgekommen. Der Herzog von Brabant wil⸗ ligte unter der Bedingung ein, ſich mit Eduard zu ver⸗ einigen, daß dieſer ihm die Summe von zehntauſe S Pfund Sterling baar, und eine von ſechzigtauſend in „ 4 1 123 Friſten bezahlen ſollte; er verpflichtete ſich außerdem, zwölfhundert Krieger zu ſtellen, unter der einzigen Be⸗ dingung, daß der König von England ſie beſolde; ferner bot er ihm, als ſeinem Verwandten und Bundesgenoſ⸗ ſen, ſein Schloß Löwen an, als einer ſeiner viel wür⸗ digere Reſidenz, als das Haus des Brauers Jakob von Artevelle. Die Antwort Ludwigs V. von Bayern war nicht minder günſtig. Der Graf von Jülich, welchen Eduard ſeinen Geſandten beigegeben hatte, traf ihn zu Florem⸗ berg, und ſetzte ihn von dem Antrage des Königs von England in Kenntniß. Dann willigte Ludwig V. ein, ihn zu ſeinem Vicarius für das ganze Reich zu ernen⸗ nen, was ihm das Recht verlieh, Gold und Silber mit dem Bildniſſe des Kaiſers zu ſchlagen, und übertrug ihm die Befugniß, Truppen in Deutſchland zu werben; zwei Geſandte des Kaiſers begleiteten die Geſandtſchaft auf ihrer Heimkehr, um alſogleich mit dem Könige von England den Zeitpunkt, den Ort und die Einzelnheiten der Ceremonie zu ordnen. Den Herrn von Jülich hatte der Kaiſer, zum Beweiſe ſeiner Zufriedenheit mit der Eröffnung, deren Vermittler er war, vom Grafen zum Markgrafen erhoben. Am andern Tage kam auch Walter von Mauny an, nachdem er ſeine Flotte im Hafen von Oſtende gelaſſen hatte; er meldete Eduard den geſchehenen Vollzug ſeiner Befehle, und daß er pflügen und Getreid ſäen könne auf dem Platze, auf welchem bisher jenes Neſt von wanüptihen Seeräubern ſnnd, welches is Sudt Cad⸗ 124 Achtes Kapitel. Unterdeſſen ſchickte ſich der König Philipp von Va⸗ lois an, gegen den dieſe großen Kriegsanſtalten getrof⸗ fen wurden, unkundig deſſen, was ſich gegen ihn ent⸗ ſpann, ſeinerſeits die Feinde Gottes jenſeits des Meeres zu bekämpfen: der Kreuzzug war mit einem ganz neuen Eifer gepredigt worden, und der König von Frankreich, der, wie Froiſſard ſagt, ſein Königreich fett, voll und drall ſah, hatte ſich zum Anführer dieſes heiligen Un⸗ ternehmens erklärt, und alſogleich mit den Mitteln be⸗ ſchäftiget, es zu vollziehen; er brachte folglich die ſchön⸗ ſten Kriegsrüſtungen zu Stande, die man jemals ge⸗ ſehen hatte, ſeit Gottfried von Bouillon und dem König Ludwig dem Heiligen: ſeit 1336 hatte er die Häfen von Marſeille, von Aiguemortes, von Cette und Nar⸗ bonne zurückbehalten, und ſie mit einer ſolchen Menge von Schiffen, Galeeren und Barken angefüllt, daß dieſe Fahrzeuge zum Transporte von ſechzigtauſend Mann, Waf⸗ fen, Lebensmittel und Gepäcke genügen konnten. Zu gleicher Zeit hatte er Boten an Karl Robert, König von Ungarn, geſendet, der ein religiöſer und tapferer Mann war, ihn bittend, ſeine Länder offen zu halten, um die Pil⸗ ger Gottes darin aufzunehmen. Eben ſo hatte er ſich gegen die Genueſer und Venetianer benommen, und eine gleiche Kundmachung Hugo IV. von Luſignan mitgetheilt, der auf der Inſel Cypern herrſchte, und Peter II., König von Aragonien und Sicilien: ferner hatte er den Großprior von Frankreich auf der Inſel Aöobus 125 in Kenntniß ſetzen laſſen, um die Inſel mit Lebensmit⸗ teln zu verſehen, und ſich an die Ritter des heiligen Johann von Jeruſalem gewendet, um auf ſeinem Zuge die Inſel Creta verproviantirt zu finden, welche ihr Ei⸗ genthum war. So war nun in Frankreich und den Weg entlang Alles bereit; dreimalhunderttauſend Men⸗ ſchen hatten das Kreuz genommen, und harreten, um aufzubrechen, nur der Genehmigung des Anführers, als Philipp von Valois die Anſprüche Eduards III. auf die Krone von Frankreich, und ſeine erſten Schritte bei den guten Leuten von Flandern und bei dem Kaiſer erfuhr; in dieſem Momente kam ein ſehr tapferer und ſehr loya⸗ ler Ritter zu ihm, Namens Leo von Craiheim, welcher von Seiten des Herzogs von Brabant erſchien. Dieſer, treu ſeinem doppelſinnigen und hinterliſtigen Charakter, hatte kaum ſein Wort dem Könige Eduard gegeben, hin⸗ geriſſen durch das glänzende Anbieten von ſiebenzigtau⸗ ſend Pfund Sterling, als er überlegte, daß er, im Falle des Scheiterns ſeines Unternehmens, dem Zorne des Königs von Frankreich bloßgeſtellt ſeyn würde. Er hatte alſo ſogleich denjenigen von ſeinen Rittern gewählt, deſſen Ruf von Muth und Lohalität am beſten aner⸗ kannt war, und beauftragte ihn, ſich zu Philipp von Frankreich zu begeben, und ihm bei ſeinem Worte zu ſagen, er möge an kein böſes Einverſtändniß gegen ihn glauben; ſeine Abſicht ſey, kein Bündniß und keinen Vertrag mit dem Könige von England einzugehen; aber da dieſer ſein Geſchwiſterkind ſey, habe er nicht ver⸗ hindern können, daß er einen Beſuch im Lande machte, und als er einmal da war, ſey es ganz natürlich ge⸗ 126 weſen, daß er ihm ſein Schloß Löwen anbot, was hin⸗ ſichtlich ſeiner auch ſein Geſchwiſterkind Eduard zu thun nicht umhin gekonnt hätte, wenn er, der Herzog von Brabant, ihm einen Beſuch in England würde gemacht haben. Philipp von Valois, der aus Erfahrung den Mann kannte, mit dem er es zu thun hatte, hegte einige Zwei⸗ fel, ungeachtet jener Betheuerungen; aber der Ritter Leo von Crainheim, deſſen Ehre und Strenge man kannte, verlangte vom Könige, als Geißel zu bleiben, für den Herzog von Brabant perſönlich bürgend, und ſchwur bei ſeinem Leben, die Wahrheit geſagt zu ha⸗ ben; Philipp beruhigte ſich alſo, und der alte Ritter wurde von dieſem Tage an nicht als Geißel, ſondern als Gaſt am franzöſiſchen Hofe behandelt. Dennoch, und ungeachtet dieſes Verſprechens, wurde Philipp, ein⸗ ſehend, daß er, wenn er über das Meer zöge, ſein Königreich in große Gefahr brächte, alſogleich kalt gegen dieſen Kreuzzug, und nahm alle bisher ertheilten Be⸗ fehle zurück, bis er beſtimmtere Nachrichten hinſichtlich der Pläne Eduards erhalten würde. Inzwiſchen da die Ritter und Dienſtleute bewaffnet waren, befahl er ihnen, auf dem Kriegsfuße zu bleiben, ſich vorzubereiten, gegen die Chriſten das Schwert zu ziehen, das ſie umgürtet hatten, um die Ungläubigen zu bekriegen; zu gleicher Zeit beſchloß er, aus einem für ſeine Sache um ſo günſtigeren Umſtande Nutzen zu ziehen, als er in Eng⸗ land Verlegenheiten genug erregen konnte, um wenig⸗ ſtens momentan Eduard den Wunſch zu verleiden, ein fremdes Königreich zu erobern, da er eintretenden Fal⸗ 4 127 5 les hinreichend beſchäftiget ſeyn würde, das ſeinige zu vertheidigen: wir wollen nämlich von der Ankunft des Königes von Schottland, und der Königin, ſeiner Ge⸗ mahlin, in Paris, ſprechen, die, wie wir ſagten, aus ihrem Königreiche vertrieben wurden, worin ihnen nur mehr vier Feſtungen und ein Thurm blieben. Da un⸗ ſere lange und treue Allianz mit Schottland eine große und wichtige Stelle in der Geſchichte des Mittelalters einnimmt, müſſen unſere Leſer uns erlauben, vor ihren Blicken die verſchiedenen Ereigniſſe vorüberziehen zu laſ⸗ ſen, welche ſie herbeiführten, damit kein Punkt des gro⸗ ßen Gemäldes, das wir vor ihren Augen aufzurollen begannen, dunkel und unbegriffen bleibe. Zudem war Frankreich damals ſchon eine ſo mächtige Maſchine, daß man wohl, wenn man die ganze Kraft derſelben ein⸗ ſehen will, bisweilen einen Blick auf die ſeltſamen Rä⸗ der werfen muß, die bei ihrem Getriebe eingriffen. Dank dem bewundernswürdigen Werke von Auguſtin Thierry über die Eroberung der Normänner, ſind die geringſten Einzelnheiten der Expeditionen des Siegers von Haſtings in Frankreich populär; wir werden alſo bloß von dieſem Zeitraume aus einen raſchen Blick auf jenen poetiſchen Boden Schottlands werfen, der dem Walter Scott den Stoff der am meiſten romantiſchen Geſchichte, und der am meiſten hiſtoriſchen Romane ge⸗ liefert hat, welche zur Zeit in der ganzen lterariſhen Welt eriftiren. Indem die Könige von Schottland, die bisher immer frei und unabhängig, obwohl immer im Kriege mit den Königen von England, waren, viſes Graignis und. den 128 langen inneren Kampf benützten, der ihm folgte, hatten ſie ihr Gebiet auf Koſten ihrer Feinde vergrößert, und von ihnen wo nicht drei ganze Provinzen, wenigſtens den größeren Theil dieſer Provinzen erobert, nämlich Northumberland, Cumberland und Weſtmoreland; aber da die Normänner für den Augenblick genug zu thun hatten, die Sachſen zu vernichten, zeigten ſie ſich ge⸗— fügig gegen die Schotten, und willigten in die definitive Abtretung dieſer Provinzen unter der Bedingung ein, daß der König von Schottland für ſie dem Könige von England Huldigung leiſten, obgleich für den Reſt freier und unabhängiger Souverain bleiben ſollte. Dieß war übrigens auch die Lage Wilhelms. Unabhängiger Herr ſeiner Eroberung jenſeits des Meeres, beſaß er ſein Großherzogthum Normandie, und ſeine übrigen Gebiete auf dem Continente unter dem Titel eines Vaſalles des Königs von Frankreich, und von jener Zeit rührte die Ceremonie der Huldigungsleiſtung her. Den Bedingun⸗ gen dieſer Huldigung nun glaubte Eduard III. entgan⸗ gen zu ſeyn, indem er ſeine Hände nicht in die Hände Philipps von Valois legte. Die Sachen konnten jedoch nicht wohl in dieſem Zuſtande bleiben. In dem Maße, als die Ruhe in England ſich herſtellte, um ſo gieriger wendeten Wilhelm und ſeine Nachfolger ihre Augen nach Schottland, obwohl ſie noch nicht zurückzunehmen wagten, was ſie gewähret hatten; dagegen beſtanden ſie nach und nach darauf, daß ihre Nachbaren ihnen Huldigung ſchuldeten, nicht bloß für die drei eroberten Provinzen, ſondern auch für den Reſt des Königreiches. ttirt jene erſte Periode von Kämpfen, Von da an — 129 welche mit der Schlacht von Neweaſtle endigte, wo Wil⸗ helm von Schottland, genannt der Löwe, weil er das Bildniß dieſes Thieres auf ſeinem Schilbe trug, gefan⸗ gen und genöthiget wurde, um ſeine Freiheit zu erkau⸗ fen, ſich nicht nur für Cumberland, Weſtmoreland und Northumberland, ſondern auch für ganz Schottland als . Vaſall des Königs von England anzuerkennen. Fünf⸗ 3 zehn Jahre nachher betrachtete Richard I. dieſe Bedin⸗ gung als ungerecht und durch die Gewalt entriſſen, und 1 verzichtete aus freiem Willen darauf, und die Könige re voon Schottland, die ſich wieder in ihrer Stellung als r unabhängige Souveraine befanden, leiſteten nur mehr r für die eroberten Provinzen Huldigung. n Einhundertachtzig Jahre waren verfloßen, ſechs Kö⸗ /. nige hatten über Schottland regiert ſeit der Rückgabe .8 dieſes Rechtes, und da die Engländer auf ihren alten ie Anſpruch auf Oberlehnsherrlichkeit ſchienen verzichtet zu 1 ⸗ haben, war kein Krieg zwiſchen den beiden Völkern - ausgebrochen, als ſich eine Weiſſagung unter den Schot⸗ de ten verbreitete, von einem ſehr verehrten Weiſen aus⸗ h gehend, Thomas der Reimer genannt, daß am 22. März e, der ſtürmiſcheſte Tag ſeyn würde, den man jemals in er Schottland geſehen. Dieſer Tag kam, und verfloß in⸗ en mitten des allgemeinen Schreckens in einer merkwürdi⸗ en gen Heiterkeit; man begann alſo über die verhängniß⸗ en poolle Weiſſagung des Aſtrologen zu lachen, als das Ge⸗ rücht ſich verbreitete, daß Alexander III., der letzte von jenen ſechs Königen, deſſen Regierung das goldene Zeit⸗ aalter für Schottland war, an der Küſte des Meeres, in 8 der Grafſchaft Fife, zwiſchen Burnſtisland und Ryni⸗ 4 S 130 horn vorüberreitend, einem Abgrunde allzu nahe gekom⸗ men, und, durch einen Fehltritt ſeines Pferdes von ei⸗ nem Felſen hinabgeſtürzt, alſogleich des Todes geweſen ſey. Nun begriff Jeder, daß dieß der vorhergeſagte Sturm war, und erwartete den Blitzſtrahl, der ihm fol⸗ gen ſollte. Der Schlag kam jedoch nicht ſo ſchnell, als man dachte; Alexander war ohne männliche Nachfolger geſtorben; aber eine von ſeinen Töchtern, mit Erich, dem Könige von Norwegen, vermählt, hatte ſelbſt ein Kind gehabt, welches die Geſchichtſchreiber jener Zeit Margarethe, und die Dichter die Jungfrau von Nor⸗ wegen nennen. Als einer Enkelin Alexanders gebührte ihr die rone von Schottland, und wurde ihr auch A c zu Theil. Der König, welcher damals in Eng⸗ tand regierte, war Eduard I., Großvater desjenigen, den wir in dieſer Geſchichte auftreten ſehen. Er war ein tapferer und eroberungsluſtiger Fürſt, ſehr verlan⸗ gend, ſeine Macht zu vergrößern, entweder durch die Waffen, oder durch die Politik, oder wenn dieſe beiden Mittel ihm fehlſchlugen, durch die Liſt. Dießmal ſchien die Vorſehung ſelbſt die Wege ſeines Ehrgeizes gebahnt zu haben. Eduard I. hatte einen Sohn deſſelben Na⸗ mens, wie er, der unter dem Namen Eduard II. herr⸗ ſchen ſollts. Es iſt derjenige, deſſen tragiſchen Tod wir von ſeinem Mörder Mautravers erzählen hörten, der ſeitdem, wie unſer Leſer ſich deſſen erinnern wird, der Caſtellan, oder vielmehr der Kerkermeiſter der Königin⸗ Whss Iſabella geworden iſt. Eduard I. verlangte die Hand der Jungfrau von Norwegen für ſeinen Sohn; ſie wurde ihm bewilliget; aber gerade in dem Mo⸗ e —g)—,—,— S— AR — o N d ⏑ K 131— mente, da die beiden Höfe mit den Hochzeitanſtalten ſich beſchäftigten, ſtarb die junge Margarethe, und da kein einziger unmittelbarer Sprößling Alexanders III. übrig war, befand ſich der Thron von Schottland ohne Erben. Zehn vornehme Herren, die durch eine mehr oder minder entfernte Verwandtſchaft mit dem verſtorbenen Könige auf die erledigte Nachfolge Anſpruch machten, verſammelten nun ihre Vaſallen, und ſchickten ſich an, ihr Recht mit den Waffen zu unterſtützen. Wie man ſieht, wuchs der Sturm von Thomas dem Reimer ſichtbar⸗ und verhieß auf lange Zeit einen düſteren und ſtürmi⸗ ſchen Himmel. Der ſchottiſche Adel, um den Mißge⸗ ſchicken vorzubeugen, die aus Bürgerkriegen hervorgehen mußten, beſchloß zum Schiedsrichter Eduard I. zu wäh⸗ 5 len, und denjenigen von den zehn Prätendenten als Kö⸗ nig anzunehmen, den er ſelbſt als ſolchen bezeichnen würde. Geſandte überbrachten dieſen Entſchluß dem Könige von England, der, den Nutzen einſehend, den er daraus ſchöpfen konnte, alſogleich annahm, und durch die nämlichen Boten die Geiſtlichkeit und den ſchottiſchen Adel auf den 9. Juni 1291 in das Schloß Norham berief, am ſüdlichen Ufer der Tweed gelegen, an der nämlichen Stelle, wo dieſes Ufer England und Schott⸗ land trennt. Am bezeichneten Tage fanden ſich die Prätendenten am Orte der Zuſammenkunft ein; auch König Eduard fehlte nicht. Er durchſchritt dieſe ganze Verſammlung, die er mit dem Kopfe überragte, denn er war ſo groß, daß ihn die Engländer nur den König mit den langen Beinen nannten, ſetzte ſich auf ſeinen Thron, und gab dem Großrichter ein Zeichen, zu ſpre⸗ chen. Dann erhob ſich dieſer, und verkündete dem ſchottiſchen Adel, daß er, bevor Eduard ſeinen Urtheils⸗ ſpruch erlaſſe, ſeine Rechte anerkennen müſſe, nicht nur als Oberlehnsherr von Northumberland, von Cumber⸗ land und von Weſtmoreland, was nie beſtritten wurde, ſondern auch für den Reſt des Königreiches, und dieß habe ſeit Richards Verzicht aufgehört, ein Gegenſtand des Streites zu ſeyn. Dieſe unerwartete Erklärung erregte einen großen Tumult: die ſchottiſchen Edlen weigerten ſich, eine Aeußerung hierüber abzugeben, bevor ſie ſich beſprochen hätten. Eduard entließ die Verſammlung, und geſtat⸗ tete den Prätendenten nur drei Wochen zur Ueberle⸗ gung. Am bezeichneten Tage fand die Verſammlung wieder ſtatt, aber dießmal auf der andern Seite der Tweed, auf ſchottiſchem Boden, in einer freien Ebene, Upſettlington genannt, welche Eduard ohne Zweifel ge⸗ wählt hatte, damit die Prätendenten ihn keines Zwan⸗ ges beſchuldigen konnten. Uebrigens waren gewiß alle Vorſichtsmaßregeln zum voraus getroffen worden, denn dießmal zeigte ſich bei dem erneuerten Vorſchlage, Eduard I. als ihren Oberlehensherrn anzuerkennen, kein Wider⸗ ſtand, und im Gegentheile antworteten Alle, daß ſie ſich frei und ungezwungen dieſer Bedingung unterwerfen wollen. Man begann nun die Anſprüche der Kroncan⸗ didaten zu prüfen. Robert Bruce, Seigneur von Aan⸗ nandale, und John Baliol, Lord von Gallovay, Beide Normänner von Abkunft, Beide auch Abkömmlinge von der königlichen Familie von Schottland durch eine Toch⸗ ter David's, Grafen von Huntington, wurden ds Pie N+— 133 jenigen erkannt, deren Rechte auf die Krone am beſten begründet waren. Man bat alſo Eduard, die Frage zwiſchen ihnen zu entſcheiden. Er ernannte John Ba⸗ liol. Alſogleich kniete ſich dieſer nieder, legte ſeine Hände in jene des Königs von England, küßte ihn auf den Mund, und erkannte ſich als ſeinen Vaſall und Dienſtmann, nicht nur für die drei erober⸗ ten Provinzen, ſondern auch für das ganze Königreich Schottland. Ohne den Sturm von Thomas dem Reimer zu zer⸗ ſtreuen, war der Blitzſtrahl herabgefahren, und hatte die ſchottiſche Nationalität getödtet. Baliol begann zu herrſchen; bald trugen ſeine Handlungen und Erkennt⸗ niſſe das Gepräge ſeines parteiiſchen und unentſchloſſe⸗ nen Charakters. Die Mißvergnügten beklagten ſich; Eduard ermuthigte ſie, gegen die Beſchlüſſe ihres Kö⸗ nigs an ihn zu appelliren; ſie unterließen nicht, es zu thun. Eduard ſammelte eine Maſſe von Klagen, fal⸗ ſchen und wahren, und forderte Baliol auf, vor den Gerichtshöfen von England zu erſcheinen. Dieſe Auf⸗ forderung erregte in Baliol den Halbwillen, wieder Mann und König zu werden; er weigerte ſich entſchie⸗ den. Eduard reclamirte nun, als Bürgſchaft der Ober⸗ lehensherrlichkeit die Rückgabe der Feſtungen Berwick, Rorbourgh und Jedbourgh an England; Baliol ant⸗ wortete durch Aufſtellung eines zahlreichen Heeres, ließ Eduard ſagen, daß er aufhöre, ihn als ſeinen ober⸗ lehensherrlichen Seigneur anzuerkennen, rückte über die Grenzen der beiden Königreiche, und zog in England ein. Dieß war Alles, was Eduard wünſchte; ſein Be⸗ 134 nehmen ſeit der ausgeſprochenen Entſcheidung ſtrebte ſichtbar nach dieſem Ziele; es genügte ihm nicht, daß Schottland ein Vaſall war, er wollte, daß es ein Sclave ſey. Er zog alſo ein Heer zuſammen, und rückte Ba⸗ liol entgegen; am erſten Marſchtage erſchien ein Ritter mit einem zahlreichen Truppe bei Eduard, und verlangte, mit den Engländern kämpfend, an dem Feldzuge Theil zu nehmen. Dieſer Ritter war Robert Bruce, Baliol's Mitbewerber. Die beiden Heere ſtießen bei Dumbar auf einander; die Schotten, vom Beginne des Kampfes an von ihrem Könige verlaſſen, wurden beſiegt. Da Baliol fürchtete, gefangen, und nach der damals üblichen Strenge der Kriegsgeſetze behandelt zu werden, antwortete, daß er bereit ſey, ſelbſt ſich auszuliefern, wenn Eduard ihm das Leben ſichere. Nach Empfang dieſes Verſprechens begab er ſich zu Eduard in das Schloß Rorbourgh, ohne Königsmantel, ohne Schutz⸗ und Trutzwaffen, ſtatt des Scepters ein weißes Stäbchen in der Hand haltend, und erklärte, daß er, von den böſen Rathſchlägen des Adels angetrieben, verrätheriſch gegen ſeinen Herrn und Meiſter ſich empört habe, und daß er zur Sühne die⸗ ſes Fehltrittes ihm alle ſeine königlichen Rechte auf das Gebiet von Schottland und deſſen Einwohner abtrete. Unter dieſen Bedingungen verzieh ihm der König von England. Dieß hatte Bruce gehofft, als er ſich an Eduard anſchloß. Daher erſchien derſelbe, welcher einen thätigen Antheil am Siege nahm, kaum, daß Baliol abgeſetzt war, ſein ehemaliger Mitbewerber, bei Eduard, und verlangte ſeinerſeits den Thron unter den nämlichen 135 Bedingungen, die er dem Baliol bewilliget hatte; aber Eduard antwortete ihm in ſeiner franzöſiſch⸗normänni⸗ ſchen Mundart:„Glaubt Ihr, daß wir nichts Anderes zu thun haben, als Euch Königreiche zu erobern?“ Bald glänzte dieſe Antwort in dem vollen Lichte, das ihr Eduard nicht gleich anfangs glaubte geben zu müſſen: er zog als Sieger durch Schottland von der Tweed bis Edinburg, brachte die Archive nach London, und ließ in der Weſtminſterkirche den großen Stein wegnehmen und fortſchaffen, auf welchen man, nach ei⸗ ner alten Landesſitte, die Könige von Schottland am Tage ihrer Krönung ſetzte; endlich übertrug er die Re⸗ gierung von Schottland dem Grafen von Suerey, er⸗ nannte Hugo Creſſingham zum Großſchatzmeiſter und William Ormesby zum Großrichter. Dann, als er engliſche Befehlshaber in alle Provinzen, und engliſche Garniſonen in alle Schlöſſer gethan hatte, kehrte er nach London zurück, um die Ruhe von Wallis zu über⸗ wachen, welches er ſo eben unterworfen hatte, wie Schottland, und deſſen letzten Fürſten er aufhängen ließ, obgleich er kein anderes Verbrechen beging, als ſeine Unabhängigkeit zu vertheidigen. Seit jener Zeit nehmen die älteſten Söhne der Könige von England unabänderlich den Titel eines Prinzen von Wallis an. Es geſchah in Schottland, was in jedem eroberten Lande geſchieht: der Großrichter, parteiiſch zu Gunſten der Engländer, erließ ungerechte Urtheile, der Groß⸗ ſchatzmeiſter behandelte die Schotten nicht als Unter⸗ thanen, ſondern als Tributpflichtige, erpreßte in Jahren mehr Geld, als ihre vier letzten Köni 136 einem Jahrhunderte von ihnen gefordert hatten; die an den Gouverneur gebrachten Klagen blieben ohne Ant⸗ wort, oder erhielten nur illuſoriſche oder beleidigende Antworten; die Soldaten endlich, in Garniſon liegend, behandelten überall und in jedem Falle die Schotten als Beſiegte, bemächtigten ſich mit voller Gewalt alles deſſen, was ihnen behagte, mißhandelten, verwundeten und tödteten jene, die ſich ihren willkürlichen Plünde⸗ rungen widerſetzen wollten, ſo daß Schottland bald in jener fieberhaften Lage eines Landes ſich befand, das in ſeiner Sclaverei zu ſchlummern ſcheint, aber nur eine Veranlaſſung erwartet, um zu erwachen, und einen Mann, um frei zu werden. Iſt nun aber ein Land ſo weit gekommen, ſo tritt das Ereigniß immer ein, und der Mann bleibt nie aus. Das Ereigniß war jenes der Scheunen von Ayr, der Mann war Wallace. Ein Knabe, der eines Tages vom Fiſchfange im Fluße Irrine zurückkehrte, und eine große Menge Fo⸗ ggellen gefangen hatte, die er in einem Korbe heimtrug, begegnete an den Thoren der Stadt Ayr drei engliſchen Soldaten, die ſich ihm näherten, und ſeine Fiſche neh⸗ men wollten; der Knabe ſagte dann, daß er, wenn die Soldaten Hunger hätten, ſehr gerne mit ihnen theilen, aber nicht Alles geben würde. Statt aller Antwort griff Einer von den Engländern nach dem Korbe; im nämlichen Augenblicke verſetzte ihm der Knabe mit dem Griffe ſeiner Angelruthe einen ſo derben Schlag auf den leich ſeines Schwertes, und handhabte es ſo Kopf, daß er todt zu Boden fiel; dann bemächtigte er ie beiden Uebrigen, daß er ſie in die Flucht — ☛ 5 ————————. 137 jagte, und den ganzen Ertrag ſeines Fiſchfanges, von dem er die Hälfte angeboten hatte, nach Hauſe brachte. Sechs Jahre nach dieſem Abenteuer ging ein jun⸗ ger Mann über den Markt von Lanack, ſeine Frau am Arme; er trug ein Kleid von grünem Tuche von großer Fein⸗ heit, und im Gürtel einen werthvollen Dolch; bei der Wendung um eine Straße ſtand ein Engländer vor ihm, und verſperrte ihm den Durchgang mit der Aeuſ⸗ ſerung, daß er ſehr erſtaunt ſey, daß ein ſchottiſcher Sclave ſich erlaube, ſo vornehme Kleider und ſo ſchöne Waffen zu tragen. Da der junge Mann, wie geſagt, ſeine Frau bei ſich hatte, begnügte er ſich, den Eng⸗ länder mit dem Arme wegzuſchieben, ſo daß dieſer ihm den Durchgang öffnete. Der Engländer hielt dieſe Be⸗ wegung für einen Schimpf, und griff nach ſeinem Schwerte; aber bevor er es aus der Scheide gezogen hatte, war er von einem Dolchſtiche in die Bruſt todt hingeſtürzt. Alle auf dem Platze befindlichen Engländer rannten nun an die Stelle hin, wo dieſe blitzſchnelle Scene vorgefallen war; aber das Haus, welches dem jungen Manne am nächſten ſtand, gehörte einem ſchot⸗ tiſchen Edlen; er öffnete ſeine Thüre dem Mörder, und verſchloß ſie wieder hinter ihm, und während die eng⸗ liſchen Soldaten ſie zertrümmerten, führte er den jun⸗ gen Mann in ſeinen Garten, von wo er in ein wildes Thal voll Felſen gelangte, Namens Cartland⸗Craigs, wohin ſeine Feinde ihn nicht einmal zu verfolgen ver⸗ ſuchten. Aber die Strafe über Unſchuldige verhängend, die nur den Schuldigen treffen konnte, erklärte der Gou⸗ verneur von Lanack, welcher Hazelrigg hieß, den jungen 6** — 138 Mann für geächtet und vogelfrei, brannte ſein Haus nieder, und ließ ſeine Frau und ſeine Diener umbrin⸗ gen. Der Geächtete ſah von einem Felſen herab die Flamme, und hörte das Geſchrei, und ſchwur bei der Gluth des Brandes und bei dem Geräuſche des Stöh⸗ nens, England einen ewigen Haß. Dieſer junge Mann hieß William Wallace. Bald hörte man in der Umgegend von kühnen Un⸗ ternehmungen, von einem Anführer von Geächteten ver⸗ ſucht, der, an der Spitze eines beträchtlichen Truppes gleich ihm vogelfrei erklärte Männer, den Engländern, 3 welche er traf, keinen Pardon gab. Eines Morgens vernahm man, daß auch Hazelrigg in ſeinem Hauſe über⸗ fallen, und in ſeiner Bruſt ein Dolch mit der Inſchrift: „Dem Mordbrenner und Mörder,“ zurückgelaſſen wurde. Nun war kein Zweifel mehr, daß der näm⸗ liche Anführer auch dieſe kühne Unternehmung vollbracht habe. Man entſendete gegen ihn ganze Detachements, die geſchlagen wurden, und ſo oft man die Niederlage von irgend einem engliſchen Corps vernahm, freute ſich der ſchottiſche Adel ganz laut darüber, denn der Haß, den man gegen die Sieger nährte, hatte ſeit langer Zeit aufgehört, für dieſe ein Geheimniß zu ſeyn. Sie faß⸗ ten alſo einen äußerſten Entſchluß. Unter dem Vor⸗ wande, mit ihm über die Angelegenheiten der Nation zu berathſchlagen, lud der Gouverneur der Provinz den ganzen weſtlichen Adel ein, ſich in die Scheunen von Ayr zu begeben, eine lange Reihe weiträumiger Ge⸗ bäude, worin, den Winter über, die Mönche der an⸗ ſtoßenden Abtei ihr Getreid aufbewahrten, die aber, wenn 1 1 — · H 139 der Sommer kam, beinahe leer waren. Die Edlen be⸗ gaben ſich ohne Mißtrauen zu dieſer Conferenz: man forderte ſie auf, zur Verhütung von Verwirrung paar⸗ weiſe einzutreten. Dieſe Maßregel ſchien ihnen ſo na⸗ türlich, daß ſie ſich in dieſelbe fügten; aber an allen Deckenbalken war eine Reihe von Stricken angebracht; die Soldaten hielten ein Ende dieſer Stricke mit einer daran befeſtigten Schleife in der Hand, und in dem Maße, als die Abgeordneten eintraten, warf man ihnen dieſe Schleife um den Hals, und ſie waren alſogleich gehenkt. Dieſes Verfahren geſchah ſo gewandt, daß kein Schrei jene, die draußen ſich befanden, von dem Schick⸗ ſale der Eingetretenen in Kenntniß ſetzte. Ein Monat nach dieſem Ereigniſſe, und als die engliſche Garniſon an dieſem Tage herrlich getafelt, und ſich dann entfernt hatte, um in den nämlichen Scheunen zu ſchlafen, worin ſo viele ſchottiſche Edle ſchimpflich und verrätheriſch um⸗ kamen, trat eine alte Frau aus einem der ärmlichſten Häuſer der Stadt, ging zu den Scheunen, bezeichnete mit einem Stücke Kreide alle Thüren der Gebäude, wo⸗ rin die Engländer waren, und entfernte ſich wieder, ohne in dieſer Beſchäftigung geſtört worden zu ſeyn. Hinter ihr ſtieg vom Berge ein Trupp bewaffneter Män⸗ ner herab, von denen Jeder einen Pack Stricke trug: dieſe Männer unterſuchten die Thüren mit großer Sorg⸗ falt, und verſchnürten von außen alle mit einem Kreuze bezeichneten; nach Beendigung dieſes Geſchäftes ging ein Mann, welcher der Anführer ſchien, von Haus zu Haus, um zu ſehen, ob die Schleifen feſt gemacht ſeyen, wäh⸗ rend hinter ihm ein zweites Detachement, mit Garben d 6**ε⁸ 8 140 beladen, Stroh vor den Thüren und Fenſtern aufhäufte. Als er mit dem Rundgange fertig, und alle Gebäude mit brennbaren Stoffen umgeben waren, zündete ſie der Anführer an. Dann fuhren die Engländer erſchrocken aus dem Schlafe auf, und befanden ſich, da die Scheu⸗ nen von Holz waren, mitten in den Flammen. Ihre erſte Bewegung war, zu den Thüren zu rennen; ſie waren alle verſchloſſen. Nun zertrümmerten ſie dieſel⸗ ben mit Art⸗ und Schwerthieben; allein die Schotten ſtanden draußen, eine eiſerne Wand hinter der Flam⸗ menwand, ſie in das Feuer zurückſtoßend oder tödtend. Einige erinnerten ſich hierauf einer verborgenen Thüre, die in das Kloſter führte; allein, entweder weil ſie zum voraus davon in Kenntniß geſetzt waren, oder, durch das Getöſe erweckt, errathen hatten, was geſchah, der Prior von Ayr und ſeine Mönche erwarteten die Flücht⸗ linge im Kloſter, fielen mit dem Schwerte in der Hand über ſie her, und ſtießen ſie in die Scheune zurück. Im nämlichen Momente ſtürzten die Dächer ein, und Alles, was in den Gebäuden noch übrig war, wurde unter denſelben Deckenbalken zermalmt, an welchen jene gehängt worden waren, deren Tod dieſer Anführer der Geächteten auf eine ſo ſchreckliche Weiſe rächte. Dieſer Anführer war wieder William Wallace. Dieſe That war das Signal zu einem allgemeinen Aufſtande: die Schotten ſtellten denjenigen an ihre Spitze, der allein am Heile des Vaterlandes nicht verzweifelt war; denn wenn er auch nicht der Vornehmſte ihrer Seigneurs war, ſo war er doch unſtreitig der Tapferſte. Aber kaum hatte er drei⸗ oder viertauſend Mann zu⸗ ——2 ⏑*⁄ —— 441 ſammengebracht, als er kämpfen mußte. Der Graf von Surrey rückte mit dem Großſchatzmeiſter Creſſingham an der Spitze eines zahlreichen Heeres heran. Wallace ſchlug ſein Lager auf dem nönblichen Ufer des Forth, nahe bei der Stadt Stirling, an derſelben Stelle, wo über den an dieſem Orte ohnehin ſchon ſehr breiten Fluß, weil er nur vier bis fünf Mei weiter in den Meerbuſen von Edinburg ſich ſtürzt, eine ſchmale und lange hölzerne Brücke führte; in dieſer Stellung erwar⸗ tete er die Engländer. 8 Dieſe ließen nicht auf ſich warten: noch am näm⸗ lichen Tage ſah Wallace ſie von der andern Seite des Forth anrücken. Als ein geſchickter Feldherr erkannte Surrey alſogleich die Ueberlegenheit der Stellung von Wallace, und befahl, Halt zu machen, um die Schlacht zu verſchieben; allein Creſſingham, der in ſeiner dop⸗ pelten Eigenſchaft als Prieſter und Schatzmeiſter, den als geſchickter Kriegsmeiſter bekannten Regenten alle Maßregeln, die ihm zuträglich dünkten, hätte ſollen tref⸗ fen laſſen, ritt mitten unter die Soldaten, und ſagte, daß es die Pflicht eines Generals ſey, den Feind überall zu bekämpfen, wo er auf ihn ſtoße. Surrey war ge⸗ nöthiget, das Zeichen zu geben, und die von Creſſing⸗ ham befehligte Vorhut, der, gleich den Prieſtern jener Zeit, nicht zögerte, ſich gelegentlich des Schwertes und der Lanze zu bedienen, begann über die Brücke zu ziehen, und ſich auf dem entgegengeſetzten Ufer außzuſtellen. Dieß war's, was Wallace erwartete; ſobald er die Hu** der engliſchen Armee auf ſeine Seite herübergek⸗ und die Brücke hinter ihr überfüllt ſah, ge 142 Zeichen zum Angriffe, ſelbſt angreifend an der Spitze* ſeiner Truppen: Alle, welche über die Brücke gezogen waren, wurden getödtet oder gefangen, Alle, die über ſie zogen, niedergeworfen, über die Brücke in den Strom geſtürzt und ertränkt. Surrey ſah ein, daß der Reſt des Heeres verloren wäre, wenn er nicht einen groß⸗ artigen Entſchluß faſſen würde; er ließ die Brücke an⸗ zünden, einen Theil ſeiner Leute opfernd, um den an⸗ dern zu retten; denn hätten die Schotten über den Fluß geſetzt, ſo würden ſie ihre Feinde in einer ſolchen Ver⸗ wirrung gefunden haben, daß ſie wahrſcheinlich an einem einzigen Tage das ganze Heer aufgerieben hätten. Creſ⸗ ſingham wurde unter den Todten gefunden, und der Haß, den er einflößte, war ſo groß, daß Jene, die ihn entdeckten, aus ſeiner Haut Riemen ſchnitten, und Zäume und Gurten für ihre Pferde daraus machten. Da Surrey noch über anſehnliche Streitkräfte verfügte, trat er ſeinen Rückzug nach England an, und zwar ſchnell genug, damit die Nachricht ſeiner Niederlage ihm nicht vorauseilen ſollte. Er ſetzte alſo über die Tweed, die Trümmer ſeines Heeres friſch und wohlbehalten zurück⸗ führend. Hinter ihm ſtand die Bevölkerung in Maſſen auf, und in weniger als zwei Monaten waren die Schlöſſer und Feſtungen wieder in die Gewalt der Schot⸗ ten gefallen. Eduard erfuhr dieſe Ereigniſſe in Flan⸗ dern, und kehrte alſogleich nach England zurück: das Wierk ſeines Ehrgeizes war mit einem einzigen Schlage zuſammengeſtürzt worden; er hatte Jahre von Liſt und Unterhandlungen gebraucht, um Schottland zu unter⸗ 4 „ und eine einzige Schlacht es ihm geraubt. Da⸗ Bonkil geſtellt; der ganze Reſt beſtand aus Bergbewoh⸗ nern, ſchlecht geſchützt durch ihre ledernen Rüſtungen, 143 her nahm er, kaum in London angekommen, aus Sur⸗ rey's Händen die Ueberreſte ſeiner Truppen wieder, bil⸗ dete daraus den Kern eines anſehnlichen Heeres, und marſchirte ebenfalls und perſönlich gegen die Rebellen. Inzwiſchen war Wallace zum Protektor ernannt wor⸗ den; aber die Edlen, welche ihn gut fanden, Schott⸗ land mit ſeinem Schwerte zu befreien, während ſie es kaum mit dem Worte zu vertheidigen wagten, fanden ihn von zu geringer Geburt, um es zu regieren, und weigerten ſich, ihm zu folgen. Wallace erließ dann einen Aufruf an das Volk, und viele Bergbewohner geſellten ſich zu ihm: wie tief auch dieſes Heer unter jenem Eduard's an Mannſchaft, Waffen und militäri⸗ ſcher Taktik ſtehen mochte, marſchirte Wallace dennoch, überzeugt, daß in einer ſolchen Lage das Zurückweichen das Schlimmſte ſey, nicht weniger unmittelbar auf ihn los, und ſtieß bei Falkirk auf ihn, am 22. Juli 1298. Die beiden Heere boten einen ſehr verſchiedenen An⸗ blick: jene Eduard's, aus dem ganzen Adel und der Ritterſchaft des Königreiches beſtehend, rückte vor, präch⸗ tige Pferde reitend, welche ſeine Reiſigen aus ſeinem Großherzogthume Normandie bezogen, und an den Flan⸗ ken von jenen ſchrecklichen Bogenſchützen gedeckt, die, zwölf Pfeile in ihren Köchern tragend, das Leben von zwölf Schotten in ihrem Gürtel zu haben behaupteten. Die Armee des Wallace dagegen zählte kaum fünf⸗ hundert Reiter und einige Bogenſchützen aus dem Walde Ettrick, unter die Befehle des Sir John Stewart von 144 dicht geſchloſſen marſchirend, und ihre langen Piken ſo nahe nebeneinander tragend, daß ſie ein wandelnder Wald ſchienen. An dem Punkte angekommen, wo er eine Schlacht zu liefern entſchloſſen war, ließ Wallace Halt machen, wendete ſich zu ſeinen Leuten, und ſagte zu ihnen:„Wir ſind auf dem Balle angekommen; zei⸗ get mir jetzt, wie Ihr tanzet.“„ Auch Eduard hatte ſtille gehalten, und da die Ter⸗ rainvortheile ſo beſchaffen waren, daß Keiner von den beiden Anführern durch einen Angriff ſich bloßſtellte, glaubte der König von England, es ſey für ihn ſchmäh⸗ lich, die Rebellen zu erwarten, und gab das Zeichen zur Schlacht. In demſelben Augenblicke brach dieſe ganze ſchwere Reiterei auf, gleich einem Felſen, der ſich in einen See ſtürzt, und warf ſich auf die langen Lanzen der Schotten. Bei dem erſten Anpralle ſah man faſt das ganze erſte und zweite Glied der Engländer zu Bo⸗ den fallen, denn die verwundeten Pferde warfen ihre Reiter ab, die, unbehülflich unter der Laſt ihrer Rü⸗ ſtungen, faſt Alle niedergemetzelt wurden, bevor ſie ſich wieder erheben konnten; aber nun entfloh die ſchottiſche Reiterei, anſtatt die Infanteriſten zu unterſtützen, die ſo muthig ihre Pflicht thaten, einen von den Flügeln des Wallace entblößend. Alſogleich ließ Eduard ſeine Bogenſchützen vorrücken, die, da ſie nicht mehr fürch⸗ ten durften, von den Reitern angegriffen zu werden, ſich auf halbe Pfeilſchußweite nähern, und ſicher die⸗ jenigen wählen konnten, die ſie tödten wollten; Wallace rief augenblicklich den Seinigen, aber das Pferd des Sir John Stewart, der ſie in die Schlacht führte, ſtolperte „ 145 über eine Wurzel, und warf über ſeinen Kopf hinüber ſeinen Reiter ab, welcher den Hals brach. Die Bo⸗ genſchützen rückten deßhalb dennoch vorwärts. Da ſie jedoch ihren Anführer nicht mehr hatten, um ſie zu lei⸗ ten, ſetzten ſie ſich unvorſichtig der Gefahr aus, und ließen ſich Alle tödten. In dieſem Augenblicke bemerkte Eduard in der ſchottiſchen Armee einige Verwirrung, durch den Regen von Pfeilen veranlaßt, womit ſeine Schützen ſie überflutheten; er ſtellte ſich an die Spitze eines unter den Tapferſten gewählten Truppes, brach in die durch die Bogenſchützen bewirkte Lücke ein, und drang, mit der Breite ſeines ganzen Bataillons die bereits beſtehende Lichtung vergrößernd, bis in das Herz der ſchottiſchen Armee, die, alſo durchbrochen, nicht widerſtehen konnte, und gezwungen wurde, die Flucht zu ergreifen, auf dem Schlachtfelde Sir John Graham zurücklaſſend, den Freund und Gefährten von Wallace, welcher, über das Benehmen des Adels ent⸗ rüſtet, keinen Schritt zurückgewichen war, und ſich an der Spitze ſeines Corps hatte tödten laſſen. Wallace verweilte unter den Letzten auf dem Schlacht⸗ felde, und da die Nacht kam, bevor man ihn, ſo wie einige hundert Mann, die ihn umgaben, zwingen konnte, die Flucht zu ergreifen, verſchwand er, von der Dun⸗ kelheit begünſtiget, in einem benachbarten Walde, worin er die Nacht, in den Aeſten einer Eiche verſteckt, zu⸗ brachte. Wallace, vom Adel verlaſſen, verließ auch ihn, dachte nur mehr daran, dem Lande treu zu bleiben, Nuund klegte ſeinen Protektortitel ab, und während die Dumas, die Gräfin von Salisbury. 7 146 Lords und Seigneurs fortfuhren, auf ihre eigene Rech⸗ nung zu kämpfen, oder ſich zu unterwerfen, ihre eige⸗ nen Intereſſen auf Koſten jener ihres Landes zu retten, blieb Wallace, von Berg zu Berg umſtellt, von Wald zu Wald gejagt, die Freiheit Schottlands mit ſich traa⸗ gend, wie Aeneas die Götter Troja's, überall, wo er war, das Herz für das Vaterland begeiſternd, das man überall anderswo für todt hätte halten mögen, der un⸗ aufhörliche und ſchreckliche Traum der Nächte Eduards, welcher nicht glaubte, daß Schottland ihm ſo 17 zu⸗ gethan ſeyn möchte, als Wallace Schottland. Endlich verſprach man demjenigen Belohnungen über Belohnun⸗ gen, der ihn todt oder lebendig liefern würde, und ein neuer Verräther fand ſich unter jenem Adel, der ihn bereits verrathen hatte. Eines Tages, da er zu Rob⸗ royſton, in einem Schloſſe zu Mittag ſpeiſete, worin er nur Freunde zu haben glaubte, legte Sir John Men⸗ 1 teth, der ihm ſo eben Brod angeboten hatte, das Brod ſo auf den Tiſch, daß die flache Seite aufwärts zua⸗ ſtehen kam; dieß war das verabredete Zeichen; von den beiden Gäſten, die ſich zur Rechten und zur Linken des Wallace befanden, packte ihn Jeder bei einem Arme, während ihm zwei Diener, hinter ihm ſtehend, einen Strick um den Leib ſchlangen; jeder Widerſtand war unmöglich. Der Kämpfer Schottlands, wie ein in der Falle gefangener Löwe geknebelt, wurde Eduard ausgeliefert, der ihn, zur Verhöhnung mit einer grünen Guirlande gekrönt, vor ſeinen Richtern erſcheinen ließ. Der Aus⸗ 4 gang des Prozeſſes war nicht zweifelhaft: Wallace, zum — uͤ+ 18S 147 Tode verurtheilt, bis zum Orte der Hinrichtung ge⸗ 3 ſchleift, wurde enthauptet, ſeine Leiche dann geviertheilt, und jeder Theil auf einer Lanzenſpitze auf der Brücke zu London ausgeſtellt. So ſtarb der Held Schottland's, gekrönt wie Jeſus von ſeinen eigenen Henkern. „ Ueuntes Kapitel. Zwei oder drei Jahre nach dem Tode des Wallace, und am Abende von einem jener täglichen Scharmützel, welche die Beſiegteu und Sieger fortwährend miteinan⸗ der hatten, ſoupirten einige engliſche Soldaten an dem großen Tiſche einer Herberge, als ein ſchottiſcher Edel⸗ mann, der im Heere Eduard's diente, und ſich für ihn gegen die Empörer geſchlagen hatte, dergeſtalt verhun⸗ gert in den Saal trat, daß er, indem er ſich an einen beſondern Tiſch ſetzte, und ſich auftragen ließ, zu ſou⸗ piren begann, ohne ſich die Hände zu waſchen, die vom Gemetzel des Tages noch ganz roth waren. Die eng⸗ liſchen Seigneurs, die mit ihrer Mahlzeit fertig waren, ſchauten ihn mit jenem Haſſe an, welcher, obgleich ſie unter den nämlichen Fahnen dienten, die Männer der beiden Nationen immer trennte; aber der Fremde, ſich zu ſättigen beſchäftiget, beachtete ihre Aufmerkſamkeit nicht, als Einer von ihnen ganz laut ſagte:„Seht doch dieſen Schotten an, der ſein eigenes Blut ißt!... Jener, gegen den dieſe Wortr geſprochen wurden, hörte ſie, ſchaute ſeine Hände an, und da er ſah, daß 7* N 148 ſie wirklich ganz blutig waren, ließ er das Stück Brod fallen, welches er hielt, und ſann einen Augenblick nach; dann entfernte er ſich aus dem Wirthshauſe, ohne ein einziges Wort zu ſprechen, trat in die nächſte Kirche, b die er offen fand, kniete ſich vor den Altar hin, wuſch ſeine Hände mit ſeinen Thränen, bat Gott um Ver⸗ zeihung, und ſchwur, nur mehr zu leben, um Wallace zu rächen, und ſein Vaterland zu befreien. Dieſer reuige Sohn war Robert Bruce, Abkömmling desje⸗ nigen, der die Krone Schottlands Baliol ſtreitig ge⸗ b macht hatte, und ſeine Rechte ſeinen Erben vermachend geſtorben war. Robert Bruce hatte einen Mitbewerber um den Thron, welcher, wie er, in der engliſchen Armee diente; dieß war Sir John Comyn von Badenoch, den man Comyn den Rothen nannte, um ihn von ſeinem Bru⸗ der zu unterſcheiden, welcher wegen ſeiner von der Sonne gebräunten Geſichtsfarbe den Namen Comyn der Schwarze erhalten hatte. Er befand ſich in dieſem Augenblicke zu Dumfries, an den Grenzen von Schott⸗ land. Bruce begab ſich dorthin zu ihm, um ihn zu. V bewegen, ſich von der engliſchen Partei zu trennen, und ſich mit ihm zu verbinden, um den Fremdling zu vertreiben. Der Ort der Zuſammenkunft, wo ſie über dieſe wichtige Angelegenheit berathſchlagen ſollten, wurde mit gemeinſamen Uebereinkommen gewählt: es war die Kirche der Minoriten zu Dumfries. Bruce war von Lidſay und von Kirkpatrick, ſeinen zwei beſten Freunden be⸗ ggleitet. Sie verweilten an der Kirchenthüre, und in dem Mo⸗ mente, da er ſie öffnete, um einzutreten, ſahen ſie durch die 149 Oeffnung Comyn den Rothen, der vor dem Hochaltare auf Bruce wartete. Eine halbe Stunde verging, wäh⸗ 3 rend welcher ſie beſcheiden unter der Halle ſtehen blieben, 1 ohne in die Kirche zu blicken. Nach Verlauf dieſer - Zeit ſahen ſie Bruce blaß und entſtellt herauskommen. e Er ſtreckte alſogleich die Hand nach dem Zügel ſeines r Pferdes aus, und ſie bemerkten, daß ſeine Hand ganz blutig war. -„Was giebt's denn, und was iſt geſchehen?“ frag⸗ d ten Beide. „Was es giebt?“ antwortete Bruce;„wir verſtän⸗ n digten uns nicht mit Comyn dem Rothen, und ich glaube, daß ich ihn getödtet habe.“ n„Wie! Du glaubſt nur?“ ſagte Kirkpatrick;„das iſt etwas, was man gewiß wiſſen uunſ und ich will er nachſehen.“ Bei dieſen Worten traten auch die beiden Ritter in die Kirche, und da Comyn der Rothe wirklich nicht t⸗ todt war, gaben ſie ihm den Reſt.„Du hatteſt Recht,“ zu V ſagten ſie zu ihm, als ſie wieder herauskamen und zu n.,. Pferd ſtiegen,„das Werk war gut begonnen, aber nicht zu ausgeführt; jetzt ſchlafe ruhig.“ er Der Rath war leichter zu gehen, als zu befolgen de Bruce hatte durch dieſe That eine dreifache Rache auf ie ſich gezogen: jene der Verwandten des Todten, jene on Eduard's, jene der Kirche. Daher, da er ſah, daß nach 8, einem ſolchen Vorgange keine Rückſicht mehr zu nehmen. o⸗ ſey, marſchirte er gerade nach der Abtei Scone, wo man die Souveraine Schottlands krönte, verſammelte ſeine Anhänger, berief alle jene zu ſich, die für die 150 Freiheit zu kämpfen geneigt waren, und ließ ſich am 29. März 1306. zum Könige ausrufen. Am folgen⸗ den 18. Mai wurde Robert Bruce durch eine Bulle des Papſtes ercommunicirt, die ihn aller Sacramente der Kirche beraubte, und Jedem das Recht gab, ihn wie ein wildes Thier zu tödten. Am 20. Juni des nämlichen Jahres wurde er bei Methwen, durch den Grafen von Prembroke, völlig geſchlagen, und, ſeines Pferdes beraubt, das unter ihm getödtet wurde, zum Gefangenen gemacht. Zum Glücke war jener, dem er ſein Schwert übergab, ein Schotte, der, bei einem Walde vorüberziehend, ſelbſt die Bande abſchnitt, mit denen er gebunden war, und ihm ein Zeichen gab, daß er fliehen könne. Robert ließ es ſich nicht zweimal ſagen; er glitt von ſeinem Pferde, und eilte in die Tiefe des Waldes, wohin der Schotte, um von Eduard nicht geſtraft zu werden, ihn zu verfolgen ſich ſtellte, aber ſich wohl hütete, ihn einzuholen. Dieß war ein Glück für ihn: alle übrigen Gefangenen wurden zum Tode verurtheilt und hingerichtet. Der Tod des Co⸗ myn des Rothen trug ſeine Früchte: Blut ſühnte Blut. Von dieſer Zeit an fing jenes abenteuerliche Leben an, welches der Geſchichte jener Periode alles Maleriſche und al⸗ les Intereſſante des Romans verleiht. Von Berg zu Berg gejagt, von der gleich ihm geächteten Königin begleitet, von drei oder vier treuen Freunden begleitet, unter denen der junge Lord Douglas ſich befand, ſeit⸗ dem der gute Lord James genannt, genöthiget vom Fiſchfange oder von der Jagd dieſes Letzteren zu leben, der, in dieſen beiden Uebungen der Gewandteſte von 151 Allen, mit der Ernährung des Truppes beauftragt war; von Gefahren zu Gefahren wandernd, aus einem Kampfe hervortretend, um in einen Hinterhalt zu fallen, allen Gefahren durch ſeine Kraft, ſeine Geſchicklichkeit oder ſeine Geiſtesgegenwart entrinnend, allein den Muth ſei⸗ ner Gefährten aufrecht haltend, die immer die Begei⸗ ſterung der Vorherbeſtimmung beſeelte, verlebte er ſo die fünf Sommer⸗ und Herbſtmonate in herumſtreifen⸗ den und nächtlichen Zügen, denen, bei dem Beginne des Winters, die Königin zu unterliegen nahe daran war. Bruce ſah ein, daß ſie unmöglich länger die Müh⸗ ſeligkeiten ertragen könne, welche die Kälte und der Schnee noch ſchrecklicher machen würden; er beſaß nur mehr ein einziges Schloß, Kildrumer, nahe an der Quelle des Don, in der Grafſchaft Aberdeen; er führte ſie mit der Gräfin von Ruchau und zwei andern Damen ihres Gefolges hin, beauftragte ſeinen Bruder Nigel Bruce, es bis auf's Aeußerſte zu vertheidigen, und begab ſich, von Eduard, ſeinem andern Bruder, gefolgt, durch ganz Schottland ziehend, um ſeine Feinde vom rechten Wege abzubringen, auf die Inſel Rathlin, an der iriſchen Küſte. Zwei Monate nachher vernahm er, daß das Schloß Kil⸗ drumer von den Engländern genommen, ſein Bruder Nigel getödtet, und ſeine Frau gefangen worden ſey. Dieſe Nachrichten erhielt er in einer armſeligen Stroh⸗ hütte der Inſel; ſie fanden ihn bereits gebeugt, und raubten ihm den Reſt ſeines Muthes und ſeiner Kraft. Auf ſein Lager hingeſtreckt, auf welches er ſich ganz verzweifelt und in Thränen ſchwimmend geworfen hatte, einſehend, daß ſeit dem Morde von Comyn dem 15² Rothen, die Hand Gottes immer ſchwer auf ihm gela⸗ ſtet habe, fragte er ſich, ob es nicht der Wille des Herrn ſey, der ſich durch ſo viele Unfälle kund gab, daß er die⸗ ſes Unternehmen aufgeben ſolle. Und da er nun in dieſem Zweifel die Augen mit der Starrheit großer Lei⸗ den auf den Plafond heftete, was bisweilen in einer ſolchen Lage geſchieht, wo, während die Seele blutet, der Leib maſchinenmäßig mit einer wichtigen Sache be⸗ ſchäftigt iſt, verweilte ſein Blick auf einer Spinne, die, am Ende eines Fadens hangend, ſich anſtrengte, von ei⸗ nem Balken auf den andern zu kommen, ohne daß es ihr gelang, und die doch, ohne zu ermüden, dieſen Ver⸗ ſuch erneuerte, von deſſen Gelingen die Herſtellung ihres Gewebes abhinge. Dieſe inſtinktmäßige Beharrlichkeit fiel ihm wider ſeinen Willen auf, und wie nachſinnend er auch über ſeine Mißgeſchicke war, folgte er dennoch mit dem Blicke den Anſtrengungen, die ſie machte. Sechs mal verſuchte ſie, das erſehnte Ziel zu erreichen, und ſechsmal ſcheiterten ihre Bemühungen. Bruce dachte nun, daß auch er, wie dieſes arme Thier, ſechs Verſuche gemacht habe, um ſeinen Thron zu erobern, und daß er ſechsmal geſcheitert ſey. Dieſes ſonderbare Zuſammen⸗ treffen befremdete ihn, und erzeugte alſogleich eine eben ſo abergläubiſche als ſeltſame Idee in ihm; er dachte, es geſchehe nicht ohne Abſicht, daß die Vorſehung in einem Momente ihm dieſes Vorbild geduldiger Beharr⸗ lichkeit ſende, und immer noch die Spinne betrachtend gelobte er, daß er, wenn ihr der ſiebente Verſuch ge⸗ länge, den ſie vorbereitete, darin eine Ermuthigung des Himmels ſehen, und ſein Unternehmen fortſetzen, dage⸗ ͤ8 8———— ☛⏑— „—— 153 gen aber, wenn ſie ihr Vorhaben nicht zu Stande brächte, alle ſeine Hoffnungen für eitel und thöricht halten, nach Paläſtina ziehen, und den Reſt ſeines Lebens der Be⸗ kämpfung der Ungläubigen weihen wolle. Er hatte ſo eben innerlich dieſes Gelübde ausgeſprochen, als die Spinne, welche, während er mit jenem Gelübde beſchäf⸗ tiget war, alle ihre Vorkehrungen und Anſtalten traf, einen ſiebenten Verſuch machte, den Balken erreichte, und ſich daran klammerte. „Der Wille Gottes geſchehe,“ ſagte Robert Bruce, ſprang alſogleich von ſeinem Lager auf, und verkündigte ſeinen Soldaten, daß er vom andern Tage an wieder in das Feld ziehen würde. Inzwiſchen ſetzte Douglas ſeinen Parteigängerkrieg fort; da er den Winter zu Ende gehen ſah, hatte er ſich wieder an's Werk gemacht, und, von dreihundert Soldaten begleitet, auf der Inſel Arran landend, zwi⸗ ſchen der Meerenge von Kilbranan und dem Meerbuſen Clyde liegend, das Schloß Bratwich überrumpelt, den Gouverneur und einen Theil der Garniſon getödtet, dann alſogleich von ſeinem Eroberungsrechte Gebrauch gemacht, mit ſeinen Leuten die Feſtung in Beſitz genommen, und verlebte, ſeiner Neigung für die Jagd getreu, ſeine Tage in dem prächtigen Walde, der ſie umgab. Eines Ta⸗ ges, da er beſchäftiget war, einen Hirſch zu verfolgen, hörte er in demſelben Walde, worin er jagte, den Klang eines Waldhornes; ſogleich hielt er an und ſagte.„Nur das Waldhorn des Königs giebt dieſen Klang; nur der König blaſet ſo.“ Da nach einer kurzen Pauſe eine neue Fanfare er⸗ 4 154 .— ſcholl, ſetzte Douglas ſein Pferd in der Richtung des Klanges in Galopp, und befand ſich nach einem Ritte von zehn Minuten Bruce gegenüber, der ebenfalls jagte. Seit drei Tagen war dieſer ſeinen Entſchluß vollziehend von der Inſel Rathlin aufgebrochen, und ſeit zwei Stunden auf der Inſel Arran gelandet. Eine alte Frau, welche am Strande Muſcheln ſammelte, hatte ihm erzählt, daß die engliſche Gar⸗ niſon von bewaffneten Fremden ſey überfallen worden, und daß dieſe Fremden ſo eben auf der Jagd ſeyen. Bruce, der jeden Feind der Engländer für ſeinen Freund hielt, begann alſogleich ebenfalls zu jagen. Douglas erkannte ſein Waldhorn, und die beiden getreuen Gefährten hat⸗ ten ſich wiedergefunden. Von dieſem Tage an wich das Mißgeſchick, ſo großen Muthes überdrüſſig; ohne Zweifel war die dem Bruce wegen Comyn's Ermordung auferlegte lange und peinliche Abbüßung zu Ende, und das durch Blut geſühnte Blut hörte auf, um Rache zu ſchreien. Der Kampf währte jedoch lange: er mußte, abwechſelnd den Verrath und die Gewalt, das Gold und das Eiſen, den Dolch und das Schwert überwinden. Der Schotte bewahrt in ſeinen Nationaltraditionen eine Menge von Abenteuern, von denen die einen immer wunderbarer ſind, als die andern, bei welchen er, von ſeinem Muthe geleitet, aber von Gott beſchützt, auf eine wunderſame Weiſe den ſchrecklichſten Gefahren entging, jeden Erfolg benützend, um ſeiner Partei Stärke zu ver⸗ leihen, bis er an der Spitze einer Armee von dreißig⸗ tauſend Mann, Eduard auf der Ebene von Sterling er⸗ wartete; denn während dieſes erbitterten Kampfes war Eduard geſtorben, indem er den Krieg ſeinem Sohne — g — 2 —½ — —— +— = — 8 155 vermachte, und befahl, damit das Grab ihn nicht von den Schlachten trennen möge, daß man ſeine Leiche, bis die Knochen ſich vom Fleiſche löſen, ſieden, dieſe Knochen in eine Stierhaut hüllen, und ſie jedesmal an der Spitze der engliſchen Armee tragen ſolle, ſo oft ſie gegen die Schotten ziehen würde. Entweder aus Selbſtvertrauen, oder weil der Voll⸗ zug dieſes wunderlichen Gelübdes ihm eine Entweihung ſ ien, vollzog Eduard II. dieſe väterliche Anempfehlung nicht; er ließ die Leiche des ſeligen Königs an der Weſtminſterabtei beiſetzen, wo noch in unſern Tagen ſein Grab die Inſchrift trägt:„Hier liegt der Hammer der ſchottiſchen Nation,“ und marſchirte gegen die Rebellen, die, wie geſagt, zu Sterling ihn erwarteten, an den Fluß Bannockburn gelehnt, von dem die Schlacht den Namen erhielt. Nie hatten die Schotten einen vollſtän⸗ digern Sieg erfochten, nie ihre Feinde eine vollſtändigere Niederlage erlitten. Eduard II. entfloh mit verhängtem Zügel vom Schlachtfelde, und hielt, von Douglas ver⸗ folgt, erſt hinter den Thoren von Dumbar an. Hier verſchaffte ihm der Gouverneur der Stadt ein Schiff, mit dem er die Küſten von Berwick entlang fuhr, und im Hafen von Bamborough in England landete. Die⸗ ſer Sieg ſicherte, wenn nicht die Ruhe, wenigſtens die Unabhängigkeit Schottlands, bis zu dem Momente, da Robert Bruce, obgleich noch jung, von einer tödtlichen Krankheit befallen wurde. Wir ſahen im Beginne die⸗ ſer Geſchichte, wie er Douglas zu ſich rufen ließ, den die Schottländer den guten Sir James, und die Eng⸗ länder Douglas den Schwarzen nannten, und ihm auf⸗ 6 4 156 trug, ſeine Bruſt zu öffnen, ſein Herz herauszunehmen, und es nach Paläſtina zu bringen. Dieſer letztere Wunſch war nicht glücklicher, als jener Eduards I., aber dieß⸗ mal wenigſtens nicht die Schuld desjenigen, welcher das Gelübde empfangen hatte, daß dieſes Gelübde nicht voll⸗ zogen wurde. Auch Eduard II. kam um, zu Berkley von Gurnay und Mautravers in Folge des Doppelſin⸗ nigen, vom Biſchofe von Hertfort geſiegelten Befehles der Königin ermordet, und ſein Sohn Eduard III. folgte ihm. 1 Unſere Leſer haben, wie wir hoffen, durch die vor⸗ hergehenden Kapitel eine hinreichend richtige Idee von dem Charakter dieſes jungen Fürſten bekommen, um zu denken, daß er, kaum auf dem Throne, ſeine Blicke nach Schottland wendete, jenem alten Feinde, den, ſeit fünf Generationen, die Könige von England als eine zu ver⸗ tilgende Hyder von Vater auf Sohn vererbten. Der Moyment war für den Wiederbeginn des Krieges um ſo günſtiger, als die Blüthe des ſchottiſchen Adels dem James Douglas auf ſeiner Wallfahrt zum heiligen Grabe gefolgt, und die Krone von dem mächtigen Haupte ei⸗ nes alten Kriegers, auf jenes eines ſchwachen Kindes von vier Jahren übergegangen war. Da nach Douglas dem Schwarzen der muthigſte und volkthümlichſte von den Waffengeführten des vorigen Königs Randolph, Graf von Moray, war, wurde er zum Regenten des Königreiches ernannt, und regierte in Schottland im Namen David's II. CEduard hatte jedoch eingeſehen, daß die ganze Stärke der Schotten in dem tiefen Wi⸗ derwillen liege, den man von der Tweed bis zur Meer⸗ 4 157 enge von Pentland gegen die Herrſchaft der Engländer hege. Er beſchloß alſo, das feindliche Gebiet nur unter falſchem Banner zu betreten, und den Bürgerkrieg zum Bundesgenoſſen zu wählen; Das Glück hatte ihm das Mittel dazu bewahrt, und er benützte es mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Geſchicklichkeit. John Baliol, anfangs König von Schottland, dann von Eduard I. entthront, ging nach Frankreich, und ſtarb dort, einen Sohn hinterlaſſend, Namens Eduard Baliol; der König von England warf die Augen auf ihn, als den Geeignetſten, zum Aushängſchilde zu die⸗ nen, und ſtellte ihn an die Spitze der enterbten Lords; einige Worte werden genügen, um unſern Leſern zu erklären, was man damals unter dieſer Be⸗ nennung verſtand. Als Schottland durch den Muth und die Ausdauer des Robert Bruce, von der Herrſchaft Englands be⸗ freit wurde, erhoben zwei Claſſen von Eigenthümern Reclamationen wegen des Verluſtes ihrer Territorialbe⸗ ſitzungen. Die Einen waren jene, welche, in Folge der Eroberung, dieſe Güter von Eduard I. und deſſen Nachfolgern unter dem Titel von Geſchenken erhalten hatten, die Andern, welche durch Heirath mit den Fa⸗ milien Schottlands verwandt geworden, ſie als Erb⸗ theile beſaſſen. Eduard ſtellte Baliol an die Spitze dieſer Partei, und unterſtützte ihn, während er dieſem ewigen Kriege fremd zu bleiben ſchien, der noch einmal an Schottlands Pforte donnerte, mit ſeinem Gelde und ſeinen Truppen. Um das Maß des Unglückes voll zu machen, und wie wenn Robert Bruce das Glück des 158 Landes mit ſich fort genommen hätte, ſtarb in dem Momente,„da Baliol und ſein Heer in der Grafſchaft Fife landeten, der Regent Randolph, von einer hefti⸗ gen und unvermutheten Krankheit befallen, zu Muſſel⸗ burgh, und hinterließ den König der Regentſchaft Do⸗ nald's Grafen von March preisgegeben, welcher an mi⸗ litäriſchen und politiſchen Talenten weit unter ſeinem Vorgänger ſtand. „Der Graf von March hatte kaum das Commando des Heeres übernommen, als Eduard Baliol in Schott⸗ land landete, den Grafen von Fife ſchlug, und, ſchnel⸗ ler marſchirend als das Gerücht ſeines Sieges, am an⸗ dern Tage Abends an den Ufern der Earn ankam, auf deren andern Seite er bei dem Schimmer der Feuer das Lager des Regenten erblickte. Er ließ ſeinen Trupp Halt machen, und als die Feuer nach und nach erlo⸗ ſchen waren, ſetzte er über den Fluß, drang bis in die Mitte des ſchottiſchen Lagers, und begann dort, da er die ganze Armee eingeſchlafen und wehrlos fand, kei⸗ nen Kampf, ſondern eine ſolche Schlächterei, daß er mit Sonnenaufgang ſelbſt ſtaunte, daß ſeine Soldaten die phyſiſche Zeit hatten, eine ſo große Zahl von Menſchen mit einem Truppe zu tödten, der ſich kaum auf den dritten Theil desjenigen belief, den ſie überfallen hat⸗ ten. Unter den Getödteten fand man die Leiche des Regenten und jene von fündundzwanzig oder dreißig Seigneurs, die dem vornehmſten Adel Schottlands an⸗ gehörten. Jetzt begann für Schottland eine Zeitrech⸗ nung von eben ſo ſchneller Abnahme, als langſam und mühevoll ſeine nationale Wiedererhebung aus den Hän⸗ —— 159 „ den des Robert Bruce hervorgegangen war. Ohne ſich damit aufzuhalten, die Feſtungen zu belagern und ein⸗ zunehmen, marſchirte Eduard Baliol gerade nach Scone, und ließ ſich krönen; ſo wie er König war, leiſtete er Eduard III. als ſeinem Herrn und Meiſter Huldigung. Von nun an fürchtete ſich dieſer nicht mehr, ihm ſichtbar Beiſtand zu bringen, und marſchirte, ein gro⸗ ßes Heer verſammelnd unmittelbar nach der Stadt Ber⸗ wick, die er belagerte. Seinerſeits zog Archibald Doug⸗ las, Bruder des guten Lord James, der Garniſon zu Hülfe, und machte zwei Meilen von der Feſtung Halt, auf einer Erhöhung, genannt Halidon⸗Hill, von wo herab man die ganze engliſche Armee beherrſchte, welche ſomit, bisher belagernd, zwiſchen der Garniſon von Ber⸗ wick und den neuen Ankömmlingen ſelbſt ſich bela⸗ gert ſah. Der Vortheil der Stellung war völlig auf Seiten der Schottländer, aber ihre ſiegreichen Tage waren vor⸗ über: dießmal wieder, wie immer, entſchieden die eng⸗ liſchen Bogenſchützen die Schlacht; Eduard hatte ſie in einen Sumpf poſtirt, wo die Reiterei ſie nicht erreichen konnte, und während ſie die auf dem Hügel halbkreiſig wie eine ungeheure Zielſcheibe aufgeſtellten Schotten mit Pfeilen ſpickten, griff Eduard die Rebellen an der Spitze ſeiner ganzen Reiterei an, tödtete Archibald Doug⸗ nss, ſtreckte ſeine tapferſten Ritter zu ſeinen Seiten auf das Schlachtfeld hin, und zerſtreute den Reſt des Heeres. Dieſer Tag, für Schottland eben ſo verhäng⸗ nißvoll, als jener von Bannockburn ihm günſtig gewe⸗ ſen war, entzog dem jungen David Alles, was Robert. 160 wieder erobert hatte. Bald befand ſich das geächtete Kind in der nämlichen Lage, aus welcher ein Wunder von Muth und Beharrlichkeit ſeinen Vater zog. Aber dießmal waren die Verhältniſſen von ganz anderer Art: da die glühendſten Patrioten einen jungen Mann ohne Erfahrung auf dem Platze ſahen, wo es eines erprob⸗ ten Kriegers bedurft hätte, hielten ſie ſich durch jenen ſouverainen Willen verurtheilt, welcher die Reiche er⸗ höht und erniedriget. Dennoch verzweifelten einige Männer nicht an der Rettung des Vaterlandes, und fuhren fort, für die ſchottiſche Nationalität zu wachen, wie vor der erlöſchenden Lampe eines Tabernakels, und während Baliol das Königreich wieder in Beſitz nahm, I und deßhalb, als Vaſall ſeinem Oberlehensherrn Eduard III. huldigte, während David Bruce und ſeine Frau als Geächtete ein Aſyl am franzöſiſchen Hofe nachſuchten, blieben jene letzten Stützen der alten Monarchie Herren von vier Schlöſſern und einem Thurme, worin wie in einem übrigens gelähmten Leibe, die letzten Adern der ſchottiſchen Nationalität zu ſchlagen fotkfuhren. Jene vier Männer waren: der Ritter von Liddesdale, der Graf von March, Herr Alexander Ramſay von Dal⸗ voiſy, und der neue Regent Murray von Bothwell. Eduard, einen ſo ſchwachen Widerſtand verachtend, ver⸗ ſchmähte es, ſeine Eroberung bis an's Ziel zu verfol⸗ gen, ließ Garniſonen in allen feſten Schlöſſern, und kehrte, Herr von England und Irland, Oberlehensherr von Schottland, nach London zurück, wo wir ihn, dieſe Geſchichte beginnend, inmitten von Feſten der Rückkehr und der Siegestrunkenheit fanden, mit ſeiner keimenden 161 Liebe zur ſchönen Elſe von Granfton beſchäftiget, wel⸗ cher ihn jener Plan der Eroberung Frankreichs entriß, deſſen Ausführung er jetzt in Flandern betrieb, und der, in Folge der Allianz mit von Artevelle und der nahe heranreifenden mit den Seigneurs des Reiches, einen höchſt beunruhigenden Charakter für Philipp von Va⸗ lois annahm. So ſtanden die Sachen, als der König von Frank⸗ reich, wie geſagt, auf David II. und ſeine Frau, die ſeit dem Jahre 1332 eine„Zuflucht an ſeinem Hofe geſucht hatten, ſeine Augen warf. Ohne ſich noch be⸗ ſtimmt zu erklären, knüpfte er durch ihre Vermittlung mit ihren tapferen Vertheidigern jenſeits des Meeres Verbindungen an, ſendete dem Regenten von Schott⸗ land Geld, an dem es ihm gänzlich fehlte, und hielt ein anſehnliches Corps Soldaten bereit, aus dem er dem jungen Könige gelegentlich eine Leib wache zu bil⸗ den gedachte, ſobald er es für zeitgemäß erachten würde, ihn in ſein Königreich zurückkehren zu laſſen. Ferner befahl er dem Peter Behuchet, einem der von ihm er⸗ nannten Commiſſäre, um die Zeugen in dem Prozeſſe des Grafen von Artois zu vernehmen, deſſen Verban⸗ nung jetzt dieſen ganzen Krieg veranlaßte, und den er ſeitdem zu ſeinem Rathe und Schatzmeiſter gemacht hatte, ſich auf die combinirte Flotte des Hugo. Quieret, Admirals von Frankreich, und des Barbavaire, Comman⸗ danten der Schifte von Genua, zu begeben, und die Meerengen und Zugänge zu bewachen, welche von den Küſten Englands zu den Küſten Frankreichs führien. Nach dieſen getroffenen Vorſichtsmaßregeln erwartete 8 162 er die Ereigniſſe. Inzwiſchen wurde ein glänzendes Feſt in Cöln bereitet: dieſe Stadt war von Eduard III. und Ludwig von Bayern zur Beſitznahme des Reichs⸗ vicariates durch den König von England gewählt; folg⸗ lich waren alle Anſtalten zu dieſer Ceremonie gemacht worden. Zwei Throne waren auf dem großen Platze der Stadt errichtet worden, und da es an Zeit gebrach, ſich das dazu nöthige Holz zu verſchaffen, hatte man zu dieſem Zwecke zwei Schlächterbänke verwendet, und die blutigen Flecken derſelben mit großen, mit Goldblumen durchwebten Sammetſtücken bedeckt; auf dieſem Throne ſtanden zwei koſtbare Armſtühle, deſſen Lehne das kai⸗ ſerliche Wappen im gevierten Schilde mit dem Wappen Englands trug, zum Zeichen der Vereinigung, letzteres mit jenem von Frankreich eingefaßt. Das Dach, wel⸗ ches in der Geſtalt eines Himmels dieſen doppelten Thron bedeckte, war jenes der Halle ſelbſt, die zu die⸗ ſem Zwecke mit Goldſtoffen wie ein königliches Gemach war ausgeſchlagen worden: außerdem waren alle Häu⸗ ſer, wie am Frohnleichnamsfeſte, tapezirt und überzo⸗ gen mit prächtigen Teppichen ſowohl aus Frankreich als aus dem Orient, die von Arras durch Flandern, und von Conſtantinopel durch Ungarn kamen. An dem zu dieſer Ceremonie verabredeten Tage, deſſen Datum die Geſchichtſchreiber nicht angeben, ſie aber gegen Ende des Jahres 1338 oder gegen An⸗ fang des Jahres 1339 ſetzen, erſchien nis Eduard III. mit ſeinem königlichen Coſtüm angethan, die Krone auf dem Haupte doch ſtatt des Scepters ein Schwert in der Hand haltend, zum Zeichen der rächenden Miſſion, 163 die er empfangen ſollte, von ſeinen auserleſenſten Rit⸗ tern gefolgt, am Thore von Cöln, durch welches man auf die Straſſe nach Aachen kommt. Dort wurde er von den Herren von Geldern und von Iülich erwartet, die ihm zu beiden Seiten den Platz einnahmen, den ihnen der Biſchof von Lincoln und der Graf von Sa⸗ lisbury abtraten, welcher, durch ſein Gelübde gebunden, immer noch ſein rechtes Auge unter der Schärpe der ſchönen Elſe verborgen trug; ſie zogen mitten durch blumengeſchmückte Straſſen, wie am Palmſonntage, von dem glänzendſten Ehrengeleite gefolgt, das man ſeit der Thronbeſteigung Friedrichs II. geſehen hatte. Auf dem Platze ankommend, bemerkten ſie gegenüber den Pomp, welcher ihrer harrete. In dem Armſtuhle rechts ſaß Ludwig von Bayern, mit ſeinem kaiſerlichen Or⸗ nate angethan, ſeinen Scepter in der rechten Hand hal⸗ tend, und ſeine Linke auf eine Kugel ſtützend, welche die Welt darſtellte, während ein deutſcher Ritter ein blo⸗ ßes Schwert über ſein Haupt hielt. Alſogleich ſchwang ſich Eduard III. vom Pferde, durchſchritt zu Fuß den Raum, der ihn vom Kaiſer trennte, ging die Stufen hinauf, die zu ihm führten; dann auf der letzten Stufe angekommen, der zwiſchen den Geſandten zum voraus getroffenen Verabredung gemäß, anſtatt ihm die Füße zu küßen, nie es bei ſolcher Gelegenheit Sitte war, verbeugte er ſich bloß, und der Kaiſer umarmte ihn; hierauf ſetzte er ſich auf den für ihn bereiteten Thron, der einige Zoll tiefer ſtand, als jener Ludwigs V; dieß war das einzige Zeichen des geringeren Standes, in welches Eduard III. gewilliget hatte. Um ſie herum 7*½** 164 reiheten ſich vier Großherzoge, drei Erzbiſchöfe, ſieben⸗ unddreißig Grafen, eine zahlloſe Menge von Baronen mit gekrönten Helmen, Banner tragende Bannerherren, Ritter und Knappen. Zu gleicher Zeit verließen die Wachen, welche die in den Platz einmündenden Stra⸗ ßen ſperrten; ihren Poſten, und bildeten einen Kreis um das Gerüſt, die Ausgänge frei laſſend, durch welche ſogleich die Menge ſtürzte. Jedes Fenſter mit der Aus⸗ ſicht auf die Straße füllte ſich mit Frauen und Män⸗ nern, die Dächer wimmelten von Neugierigen, und der Kaiſer und Eduard bildeten den Mittelpunkt eines weit⸗ räumigen Amphitheaters, das aus Menſchenköpfen ſchien erbaut zu ſeyn. Dann erhob ſich der Kaiſer, und ſprach inmitten der tiefeſten Stille, mit einer ſo lauten und feſten Stimme folgende Worte, daß ſie von Allen gehört wurden;„Wir, der großmächtigſte Fürſt Ludwig V., Herzog von Bayern, Kaiſer von Deutſchland durch die Wahl des heiligen Collegiums und durch die Beſtätigung des römiſchen Hofes, erklären Philipp von Valois unredlich, treulos und frevelhaft, weil er, wider ſeine Verträge mit uns, das Schloß Crèvecoeur im Gebiete der Stadt Cambrai, die Stadt Arleux⸗en⸗Puelle, und mehrere andere Beſitzungen, die Unſer waren, an ſich gebracht hat; verkünden, daß er durch dieſe Handlungen einen Frevel beging, und entziehen ihm den Schutz des Rei⸗ ches,— verleihen dieſen Schutz Unſerm vielgeliebten Sohne Eduard III. Könige von England und Frank⸗ reich, den Wir mit der Vertheidigung Unſerer Rechte und Intereſſen beauftragen, und welchem Wir, zum Zeichen der Vollmacht, im Angeſichte Aller, dieſe kai⸗ ſerliche Urkunde übergeben, geſiegelt mit dem doppelten Siegel Unſers und des Reiches Wappen.“ Bei dieſen Worten reichte Ludwig V. die Urkunde ſeinem Kanzler, ſetzte ſich wieder, ergriff mit der rech⸗ ten Hand von Neuem den Scepter, ſtützte die Linke, wieder auf die Kugel, und der Kanzler entfaltete die Urkunde, und las ſie ebenfalls mit lauter und verſtänd⸗ licher Stimme vor. Sie übertrug Eduard III. die Würde eines Vicarius und Stellvertreters des Reiches; verlieh ihm die Gewalt, Jedem Recht und Geſetz im Namen des Kaiſers vorzuſchreiben, ermächtigte ihn, Gold⸗ und Silbermünze zu ſchlagen, und gebot allen Fürſten, die vom Kaiſer abhingen, dem Könige von England den Eid der Treue und Huldigung zu leiſten. Nun brach der Beifallsjubel los; Schlachtgeſchrei erſcholl; jeder Gewappr nete, vom Herzoge bis zum einfachen Schildknappen, ſchlug auf ſeinen Schild mit der Spitze ſeiner Klinge ſeines Schwer⸗ tes oder mit der Lanze, und inmitten dieſer allgemeinen Be⸗ geiſterung, welche bei dieſer tapferen Ritterſchaft eine Kriegserklärung immer erregte, leiſteten alle Vaſallen des Kaiſers, nach ihrem Range, Huldigung und den Eid der Treue Eduard III., wie dem Herzoge Ludwig V. von Bayern, da er den Thron von Deutſchland beſtieg. Kaum war dieſe Feierlichkeit zu Ende, als Robert von Artois, der ſein Werk mit der Beharrlichkeit des Haſſes ver⸗ folgte, nach Bergen in Hennegau abreiſete, um dem Grafen Wilhelm Nachricht zu geben, daß nach ſeinen Inſtruktionen verfahren wurde, und Alles gut gehe. Die Seigneurs des Reiches verlangten von Eduard nur eine Friſt von vierzehn Tagen, wählten zur Zuſammenkunft 166 die Stadt Mecheln, die ſich im entſprechenden Mittel⸗ punkte zwiſchen Brüſſel, Gent, Antwerpen und Löwen befand, und beauftragten, mit Ausnahme des Herzogs von Brabant, der, in ſeiner Eigenſchaft als unabhängi⸗ ger Souverain, ſich vorbehielt, ſeine Erklärungen beſon⸗ ders, zur Zeit und nach Art ſeines Beliebens, abzuge⸗ ben, mit ihrer Kriegserklärung gegen Philipp von Va⸗ lois, den Herrn Heinrich, Biſchof von Lincoln, der alſo⸗ gleich nach Frankreich abreiſete. Acht Tage ſpäter er⸗ hielt der Kriegsbote Audienz bei Philipp von Valois, der ihn auf ſeinem Schloſſe Compiegne inmitten ſeines ganzen Hofes empfing, zu ſeiner Rechten ſeinen Sohn, den Herzog Johann, und zu ſeiner Linken den Herrn Leo von Crainheim, den er weniger deßhalb beſchieden hatte, um dieſem edlen Greis zu ehren, als weil er, zum voraus der Miſſion des Biſchofes von Lincoln kun⸗ dig, und überzeugt, daß der Herzog von Brabant mit ſeinem Feinde unterhandelte, ſeinen Bürgen bei dieſer Zuſammenkunft gegenwärtig ſehen wollte. Uebrigens waren alle Befehle ertheilt worden, den Herold eines ſo großen Königs und ſo mächtiger Her⸗ ren zu empfangen, wie es ſeinem Range und ſeiner Miſſion gebühre. Der Biſchof von Lincoln trat mitten in die Verſammlung mit der Würde eines Prieſters und Geſandten, und erklärte, ohne Demuth und Stolz, aber mit Ruhe und Zuverſicht, dem Könige Philipp von Frankreich den Krieg: Erſtens im Namen Eduards III., als König von England und Oberhauptes der Seigneure ſemes König⸗ reiches;. k Zweitens im Namen des Herzogs von Geldern; Drittens im Namen des Grafen von Iülich; Viertens im Namen des Herrn Robert von Artois; Fünftens im Namen des Herrn Johann von Hennegau; Sechstens im Namen des Markgrafen von Meißen und Orient; Siebentens im Namen des Markgrafen von Bran⸗ denburg;*) Achtens im Namen des Herrn von Fauquemont; Neuntens im Namen des Herrn Arnold von Blan⸗ kenheim; 3 Und zehntens endlich im Namen des Herrn Vale⸗ rand, Erzbiſchof von Cöln. Der König Philipp von Valois hörte mit Aufmerk⸗ ſamkeit dieſe lange Aufzählung ſeiner Angreifer an; als ſie zu Ende war, antwortete er erſtaunt, nicht die Kriegs⸗ erklärung desjenigen vortragen gehört zu haben, den er für ſeinen ärgſten Widerſacher hielt:„Habt Ihr mir außerdem nichts von meinem Vetter, dem Herzoge von Brabant, zu ſagen?“ „Nein, Sire,“ verſetzte der Biſchof von Lincoln. „Ihr ſehet, Monſeigneur,“ rief der alte Ritter mit freudeſtrahlender Miene aus,„daß mein Gebieter ſeinem gegebenem Worte treu geblieben iſt.“ „Gut, gut, mein edler Bürge,“ erwiederte der Kö⸗ nig, die Hand ſeinem Gaſte reichend;„aber wir ſind noch nicht am Ende des Krieges. Warten wir.“ Dann *) Dieſer war der Sohn des Kaiſers Ludwig von Bayern. 2 .. A 168 wendete er ſich zum Geſandten, und ſagte zu ihm:„Un⸗ ſer Hof iſt der Eurige, Monſeigneur von Lincoln, und ſo lange es Euch daſelbſt zu bleiben belieben wird, wer⸗ det Ihr uns Ehre und Vergnügen erweiſen.“ Behntes Kapitel. Nun müſſen unſere Leſer uns erlauben, für einen Augenblick den Continent zu verlaſſen, wo von beiden Seiten ſo kräftige Angriffs⸗ und Vertheidigungsvorkeh⸗ rungen getroffen werden, über welche der Romandichter weggleiten könnte, die aber der Geſchichtſchreiber mit allen ihren Einzelnheiten zu erzählen verpflichtet iſt, um einen Blick jenſeits der Meerenge auf einige andere Per⸗ ſonen dieſer Geſchichte zu werfen, welche wir, wie wich⸗ tig ſie auch ſind, momentan vergeſſen zu haben ſchienen, um dem Könige Eduard von ſeinem Schloſſe Weſtmin⸗ ſter nach der Brauerei des Ruvaert, Jakob von Arte⸗ velle zu folgen. Dieſe Perſonen ſid die Königin Philippine von Hennegau und die ſchöne Braut des Grafen von Salis⸗ kette erſcheinen ſahen, das ſo ſonderbar und ſo ungeſtüm durch den Eintritt des Grafen Robert von Artois und Sobald die Abreiſe des Königs in ſeinem König⸗ 3 Abilp ine, bury, die wir einen Augenblick bei dem königlichen Ban⸗ durch die Gelübde, welche ihm folgten, unterbrochen wurde. —— r——,——-—— reiche offiziell war bekannt geworden, hatte ſich Madame welcher ihre bereits vorgerückte Schwanger⸗ 169 ſchaft die größte Schonung gebot, und die zudem, bei der Strenge ihrer Sitten, jedes, wenn auch noch ſo un⸗ ſchuldige, in Abweſenheit ihres Gebieters genoſſene Ver⸗ gnügen, für ein Vergehen würde gehalten haben, mit ihrem vertrauteſten Hofe in das Schloß Nottingham, ungefähr hundertzwanzig Meilen von London gelegen, zurückgezogen. Hier brachte ſie ihr Leben mit dem Le⸗ ſen von gottſeligen Büchern, mit Nadelarbeiten und mit ritterthümlichen Geſprächen im Kreiſe ihrer Ehrendamen zu, unter denen ihre beſtändigſte Begleiterin und liebſte Vertraute, im Gegenſatze mit jenem wunderſamen In⸗ ſtinkte, welchen die Frauen im Erforſchen einer Neben⸗ buhlerin beſitzen, immer Elſe von Granfton war. Nun aber waren, während eines von jenen langen Winter⸗ abenden, wo es ſo angenehm iſt, einem tüchtigen, luſtig praſſelnden Kaminfeuer gegenüber, den Wind an den Ecken der alten Thürme ſich brechen zu hören, während unſer alter Bekannter, Wilhelm von Montaigu, die nächt⸗ liche Runde auf den Wällen der Feſtung machte, in ei⸗ nem großen und hohen Schlafgemache mit Getäfel von geſchnitztem Eichenholze, mit ſteifen und düſtern Vorhän⸗ gen, mit rieſigem Bette, nachdem ſie, um freier zu ſeyn, nicht in ihren Worten, ſondern in ihren Gedanken, die für ein volles Herz oder einen beſchäftigten Geiſt ſo läſtigen Perſonen fortgeſchickt hatten, die beiden Freun⸗ dinnen allein beiſammen, durch eine Lampe erleuchtet, deren Schimmer erloſch, bevor er die in der Dunkelheit verſchwimmenden, gebräunten Wände erreichte, rechts und links an einem Tiſche ſitzend, der ſchwerfällig auf Dumas, die Gräfin von Salisbury. 8 170 ſeinen gewundenen Füßen ruhte, und mit einem glän⸗ zenden Teppiche bedeckt war, welcher durch die Friſche ſeiner Stickereien mit den erblichenen Stoffen dieſes Ge⸗ maches contraſtirte. Beide waren nach dem Austauſche einiger Worte in ein tiefes Sinnen verſunken, deſſen Urſache, in ihren Folgen verſchieden, dennoch von dem nämlichen Punkte ausging, von dem Gelübde, welches jede von ihnen gethan hatte. Jenes der Königin, wie man ſich erinnert, war ſchrecklich: ſie hatte bei dem Namen Unſers Heilandes, aus der Jungfrau geboren und am Kreuze geſtorben, geſchworen, daß ſie nur auf franzöſiſchem Boden gebä⸗ ren, und wenn ſie am Tage ihrer Entbindung nicht in den Stand geſetzt ſeyn ſollte, ihren Schwur zu halten, es ihr und dem Kinde, das ſie trug, das Leben koſten würde. Im erſten Momente hatte ſie ſich von jener gewaltigen Begeiſterung hinreißen laſſen, die ſich aller Gäſte bemächtigte; aber vier Monate waren bereits ſeit jener Zeit verfloſſen, die verhängnißvolle Friſt erſchien, und jedes Zucken in ihrem Schooſe erinnerte die Mut⸗ ter an das unvorſichtige Gelübde, das die Gattin gethan hatte. Elſens Gelübde war ſüßer; ſie hatte geſchworen, wie man ſich noch erinnert, daß ſie an dem Tage, da der Graf von Salisbury nach Englandzurückkäme, nachdem er Frank⸗ reichs Boden betreten, ihm ihr Herz und ihre Perſon ſchenken würde. Die Hälfte dieſes Verſprechens war überflüſſig, das Herz ſchon ſeit langer Zeit geſchenkt, daher erwartete ſie mit keiner minderen Ungeduld, als jene der Königin, irgend einen aus Flandern komm den 171 2 Boten, verkündend, daß die Feindſeligkeiten begannen, ſe und ihr, wenn auch minder trauriges Sinnen, war deß⸗ ⸗ halb nicht minder iſolirt und tief; nur folgte jede dem je durch die Entwickelung dieſes Sinnes erregten Eindrucke, en welcher, da er ſich bei der Einen aus Furcht, und bei der m Andern als Hoffnung äußerte, Beide in die äußerſten es Gefilde der Einbildungskraft führte. Die Königin ſah nur unfruchtbare und traurige Wüſten, von einem grauen ar Himmel umſchleiert und mit Gräbern beſäet; die Grä⸗ 8, fin dagegen wandelte ſorgenlos mitten auf luſtigen, ganz n. mit jenen roſenrothen und weißen Blumen, mit denen ä⸗ man die Kronen der Bräute flicht, geſchmückten Auen. in In dieſem Momente ſchlug es auf dem Schloßthurme en, neun Uhr, und geweckt vom ehernen Hammer ſchien jede en Tochter der Zeit auf den bebenden Schwingen, welche ner ſo raſch ſie zur Ewigkeit trugen, wechſelnd vorüberzu⸗ ler ziehen und ſich zu entfernen. Bei dem erſten Schlage eit fuhr die Königin zuſammen, dann zählte ſie aufmerk⸗ en, ſam die übrigen mit einer Traurigkeit, die nicht frei ut⸗ von Schrecken war, und ſagte mit bewegter Stimme: aan„Zu gleicher Stunde, am gleichen Tage, herrſchte vor ſieben Jahren in dieſem heute ſchweigſamen und ſtillen vie Gemache ein lautes Getümmel.“ raf„Wurde nicht hier,“ verſetzte Elſe, durch die Stimme nk⸗ der Königin aus ihrem Nachſinnen gerufen, und mehr ſon ihrem Gedanken als den Worten, die ſie vernahm, er⸗ var wiedernd,„die Vermählung Eurer Hochzeit mit dem ikt, Könige Eduard gefeiert?“ als„Ja, ja, hier,“ murmelte jene, an welche dieſe den 8* 1472 Worte gerichtet waren,„aber ich ſpielte auf ein an⸗ deres, uns näher liegendes Ereigniß an, auf ein blu⸗ tiges und ſchreckliches Ereigniß, und welches ebenfalls in dieſem Gemache vorfiel: auf die Verhaftung Morti⸗ mer's, des Geliebten der Königin Iſabella.“ „O!“ entgegnete Elſe ſchaudernd, und mit Schre⸗ cken um ſich ſchauend,„ich hörte oft etwas von dieſer tragiſchen Geſchichte murmeln, und geſtehe ſogar, daß ich, ſeitdem wir dieſes Schloß bewohnen, öfter einige Einzelnheiten über die Localität, wo ſie vorſiel, und über die Art ihres Vollzuges zu erhalten ſuchte. Da aber der König unſer Herr ſeiner Mutter ihre Freiheit und ihre Ehren wieder verliehen hat, wollte mir Nie⸗ mand antworten, entweder aus Furcht oder aus Un⸗ kunde.“ Nach einer Pauſe fügte Elſe bei, der Köni⸗ gin ſich nähernd:„Und Ihr ſagt, daß es hier geſchah, Madame?... „Es geziemt mir nicht,“ antwortete dieſe,„in die Geheimniſſe meines Gemahles einzudringen, und zu er⸗ forſchen zu ſuchen, ob Madame Iſabella jetzt einen Pa⸗ laſt oder ein vergoldetes Gefängniß bewohne, und ob jener niederträchtige Mautravers, den man ihr beigab, den Auftrag habe, ihr als Secretär oder als Kerker⸗ meiſter zu dienen; was der König in ſeiner Weisheit beſchließt, iſt wohl beſchloſſen und wohl gethan. Ich bin ſeine gehorſame Gemahlin und Unterthanin; aber geſchehene Dinge ſind für immer geſchehen: Gott ſelbſt kann geſchehene Dinge nicht ungeſchehen machen. Ich ſagte Euch, Elſe, daß hier in dieſem Gemache, vor ſieben Jahren, am gleichen Tage und zu gleicher Stunde, . — 173 Mortimer in dem Momente verhaftet wurde, da er vielleicht von dieſem Stuhle ſich erhob, auf dem ich ſitze, und ſich von dieſem Tiſche entfernte, an dem wir uns befinden, um ſich in dieſes Bett zu legen, in wel⸗ ches ich ſeit drei Monaten nicht ein einzigesmal mich legte, ohne daß jene ganze blutige Scene die Theilnehmer derſelben wie bleiche Fantome vor meinen Augen wieder vorüberführte.“ „Elſe, die Wände haben ein beſſeres Gedichtmiß, und ſind oft indiscreter, als die Menſchen; ſie haben 8— die Erinnerung an all das bewahrt, was ſie ſahen, und hier iſt der Mund, mit dem ſie es mir erzählten,“ fuhr die Königin fort, einen tiefen Einſchnitt weiſend, der mit der Schneide eines Schwertes in einen von den ge⸗ ſchnitzten Pfeilern des Kamines gemacht war.„Da, wo Ihr ſeyd, iſt Dugdale gefallen, und den Teppich lüf⸗ tend, auf dem Eure Füße ruhen, fändet Ihr ohne Zwei⸗ fel die Steinplatte noch von ſeinem Blute geröthet, denn der Kampf war ſchrecklich, und Mortimer vertheidigte ſich wie ein Löwe!“ „Aber,“ verſetzte Elſe, ihren Armſtuhl zurückrückend, um ſich von dieſem Platze zu entfernen, auf welchem ein Menſch ſo ſchnell vom Leben in den Todeskampf, und vom Todeskampfe in den Tod überging,„was war denn das eigentliche Verbrechen Roger Mortimer’'s? Unmöglich konnte der König Eduard auf eine ſo ſchreck⸗ liche Art Verhältniſſe beſtrafen, ohne Zweifel verbre⸗ cheriſche, für die jedoch der Tod, und ein ſo gräßlicher Tod, wie jener, den er litt, vielleicht eine ſehr harte Strafe war...“ 1. 174 „Er hatte auch wirklich etwas Anderes begangen, als Fehltritte, er hatte Verbrechen begangen, und zwar ſchändliche Verbrechen; er hatte, durch die Hände des Gurnay und Mautravers den König ermordet; er hatte, durch falſche Angaben, bewirkt, daß der Kopf des Gra⸗ fen von Kent fiel. Meiſter dann des ganzen König⸗ reiches, führte er das Königreich ſeinem Untergange entgegen; als der wahre König, deſſen Macht er uſur⸗ pirte, und deſſen Willen er fälſchte, aus einem Kinde zum Manne heranreifte, wurde ihm nach und nach Alles entſchleiert und entdeckt; aber die Armee, der Schatz, die Politik waren wie Alles in den Händen des Günſtlings: der Kampf mit ihm, als Feind, wäre ein Bürgerkrieg geworden. Der König behandelte ihn als Mörder, und Alles war abgethan. In einer Nacht, da das Parlament in dieſer Stadt verſammelt war, und die Königin und Mortimer dieſes durch ihre Freunde wohl bewachte Schloß bewohnten, beſtach der König den Gouverneur, und drang durch einen unterirdiſchen Gang, der in dieſes Gemach ausmündete, und der ſich, ich weiß nicht wo, aber in einem verborgenen Theile die⸗ ſes Täfelwerkes öffnet, den ich ungeachtet meiner Nach⸗ forſchungen nicht finden konnte, an der Spitze eines Truppes maskirter Männer hieher, unter denen Hein⸗ rich Dugdale und Walter von Mauny waren. Die Königin befand ſich bereits im Bette, und Roger Mor⸗ timer wollte ſich zu ihr legen, als er plötzlich eine Fül⸗ lung weggleiten und ſich öffnen ſah; fünf maskirte Männer ſtürzten in das Gemach, und während zwei zu den Thüren eilten, die ſie inwendig verſchloſſen, rückten . — 175 die drei Andern auf Mortimer los, der, nach ſeinem Schwerte ſpringend, mit dem erſten Hiebe Heinrich Dug⸗ dale todt zu Boden ſtürzte, welcher den Arm ausſtreckte, um ihn zu packen. Zu gleicher Zeit fuhr Iſabella aus ihrem Bette, vergeſſend, daß ſie halb nackt und ſchwan⸗ ger war, befahl dieſen Männern, ſich zu entfernen, und rief, daß ſie die Königin ſey.“ „Gut,“ verſetzte Einer von ihnen, und nahm ſeine Maske ab;„aber wenn Ihr die Königin ſeyd, Madame, bin ich der König.“ „Iſabella ſtieß, Eduard erkennend, einen Schrei aus, und ſank bewußtlos auf den Boden hin. Inzwiſchen entwaffnete Walter von Mauny Roger, und da der Schrei der Königin gehört worden war, zund die an die Thüre geeilte Wache ſie verſchloſſen fand, und mit Schwert⸗ und Kolbenſchlägen ſie einzuſprengen begann, ſchleppten ſie Roger Mortimer gebunden und geknebelt in den unterirdiſchen Gang, und ſchoben die getäfelte Füllung wieder in ihre Fuge, ſo daß die Eintretenden Dugdale todt, und die Königin ohnmächtig, aber von Roger Mortimer, und von jenen, die ihn fortgeführt hatten, keine Spur fanden. Man ſuchte ihn vergebens; denn die Königin wagte nicht zu ſagen, daß ihr Sohn gekommen ſey, um ihren Geliebten ſogar aus ihrem Bette zu holen, ſo daß man erſt durch das Urtheil wie⸗ der Nachricht von ihm erhielt, das ihn zum Tode ver⸗ urtheilte, und daß man ihn erſt wieder auf dem Schaf⸗ fote erſcheinen ſah, wo ihm der Henker die Bruſt öffnete, um ihm das Herz herauszureißen, das er in eine Glut⸗ pfanne warf, den Leib an einen Galgen hängend, an “ 176 dem er zwei Tage und zwei Nächte den Blicken und Beſchimpfungen des Pöbels ausgeſetzt blieb, bis der König endlich der Leiche verzieh, und den Minoriten zu London erlaubte, in ihre Kirche ihn zu begraben. Dieß iſt hier vor ſieben Jahren zu gleicher Stunde geſchehen. Hatte ich nicht Recht, Euch zu ſagen, daß dieß ein ſchreckliches Ereigniß war?“ „Aber der unterirdiſche Gang,“ ſagte Elſe,„die ver⸗ borgene Füllung?...“ „Ich ſprach nur einmal mit dem Könige davon, und er antwortete mir, daß der unterirdiſche Gang ver⸗ mauert ſey, und die Füllung ſich nicht mehr öffne.“ „Und Ihr wagtet es, in dieſem Gemache zu blei⸗ ben, Madame?“ fragte Elſe. „Was hab' ich zu fürchten, da ich mir nichts vor⸗ zuwerfen habe?“ antwortete die Königin, ungeachtet der Ruhe ihres Gewiſſens den Schrecken ſchlecht verhehlend, den ſie empfand.„Zudem bewahrt dieſes Gemach, wie Ihr ſagtet, eine doppelte Erinnerung, und die erſte iſt mir ſo theuer, daß ſie die zweite bekämpft, wie ſchreck⸗ lich ſie auch ſeyn mag.“ „Was bedeutet dieſer Lärm?“ rief Elſe aus, den Arm der Königin faſſend, ſo ſehr vergaß ſie aus Furcht die Ehrerbietung.. 4 „ Schritte nähern ſich, weiter iſt es nichts. Nun, beruhiget Euch, meine Liebe.“ „Man öffnet die Thüre,“ murmelte Elſe.. „Wer iſt da?“ fragte die Königin, nach der Rich⸗ tung des Lärmes ſich wendend, aber ohne in der Dun⸗ kelheit denſenigen ſehen zu baunen⸗ a ihn etrrſachn. * 8 * ———& „Will Eure Hoheit mir erlauben, ihr zu verſichern, daß im Schloſſe Nottingham Alles ruhig iſt, und ſie ohne Furcht ruhen kann.“ „Ah! Ihr ſeyd's, Wilhelm!“ rief Elſe aus;„kommt her!“ Der junge Mann, der eine ſo dringende Auffor⸗ derung, mit einer ſo bewegten Stimme gemacht, nicht erwartete, und deren Urſache er nicht begriff, blieb einen Augenblick beſtürzt ſtehen; dann trat er raſch zu Elſen hin. Was giebt's, Madame? Was fehlt Euch, und was wünſchet Ihr von mir?“ „Nichts, Wilhelm,“ antwortete Elſe mit einem Tone, deſſen Klang zu berechnen er dießmal die Zeit ſich ge⸗ nommen hatte,„nichts; die Königin wünſcht nur zu wiſſen, ob Ihr bei Eurer nächtlichen Runde nichts Ver⸗ dächtiges ſahet?“ „Ei, was ſoll ich nach Eurer Meinung Verdächti⸗ ges in dieſem Schloſſe treffen, Madame?“ antwortete Wilhelm ſeufzend.„Die Königin iſt inmitten ihrer ge⸗ treuen Unterthanen, und Ihr, Madame, unter ergebe⸗ nen Freunden, und ich bin nicht einmal ſo glücklich, daß ich mein Leben einer Gefahr auszuſetzen brauche, um Euch auch nur ein Mißvergnügen zu erſparen.“ „Wähnet Ihr, daß wir des Opfers Eures Lebens bedürfen, um an die Aufrichtigkeit Eurer Ergebenheit zu glauben, Herr Wilhelm?“ äußerte die Königin lä⸗ chelnd,„und daß ein unſere Ruhe ſtörendes Ereigniß eintreten müſſe, damit wir Euch für die Sorgfalt dat⸗ bn ſeyen, womit Ihr ſie bewacht?“ „Nein, Madame,“ erwiederte Wilhelm; lalein wie 178 glücklich und ſtolz ich auch darauf ſeyn mag, in Eurer Nähe zu bleiben, ſchäme ich mich deßhalb bisweilen nicht weniger tief im Herzen über das Wenige, was ich für Eure von keiner Gefahr bedrohte Sicherheit thue, indeſſen der König und ſo viele begünſtigte Ritter Ruhm ernten, und derjenigen würdig heimkehren werden, die ſie lieben, und während ich, den man als Knaben be⸗ handelt, da ich doch den Muth eines Mannes in mir fühle, wenn ich unglücklich genug wäre, zu lieben, dieſe Liebe in der tiefeſten Tiefe meines Herzens verbergen müßte, mich unwürdig erkennend, daß man ſie er⸗ wiedere.“ „Wohlan, beruhiget Euch, Wilhelm,“ ſagte die Kö⸗ nigin, während Elſe, welcher die leidenſchaftliche Liebe des jungen Edelknappen nicht entgangen war, ſchwieg, „wenn auch nur noch ein Tag vergeht, ohne daß wir Nachrichten von jenſeits des Meeres erhalten, werden wir Euch entſenden, welche zu holen, und nichts wird Euch hindern, vor Eurer Zurückkunft irgend eine ſchöne Kriegsthat zu vollbringen, die Ihr uns nach Eurer Heimkehr erzählen möget.“ 5 „O! Madame, Madame!“ rief Wilhelm aus,„wenn ich glücklich genug wäre, eine ſolche Gunſt von Eurer Hoheit zu erhalten, ſo würdet Ihr, nach Gott und ſeinen Engeln, das Heiligſte für mich auf Erden ſeyn.“ 1 Kaum hatte Wilhelm von Montaigu dieſe Worte mit einem nur der Jugend eigenthümlichen Tone der Begeiſterung ausgeſprochen, als das von der über dem Schloßthore poſtirten Schildwache mit lauter Stimme * 179 gerufene„Wer da“ bis in das Gemach der beiden Da⸗ men wiederhallte, und ihnen verkündete, daß irgend ein Fremder dem äußeren Thore ſich näherte. „Was iſt dieß?“ fragte die Königin. „Ich weiß es nicht, aber ich werde mich darnach erkundigen, Madame,“ antwortete Wilhelm,„und wenn Eure Hoheit es erlaubt, ſogleich mit dem⸗ Aufſchluſſe zurückkehren.“ „Geht,“— verſetzte die Känigin,—„wir erwarten Euch.“ 1 Wilhelm gehorchte, und die beiden Damen, wieder in jenes Träumen verſunken, aus dem die Glocke ſie weckte, welche neun Uhr ſchlug, verweilten ſchweigend, den Faden ihrer Gedanken wieder anknüpfend, unter⸗ brochen durch die von der Königin erzählte Cataſtrophe, deren traurige Eindrücke aber durch die Gegenwart Wil⸗ helms und durch das dadurch entſponnene Geſpräch, wo nicht völlig verſcheucht, ſo doch mindeſtens ein we⸗ nig entfernt worden waren. Daraus erfolgte, daß ſie, da ſie das bis zu ihnen erklungene„Wer da“ nicht für das Zeichen irgend eines wichtigen Ereigniſſes hielten, nicht einmal Wilhelm hörten, welcher zurückkehrte; die⸗ ſer näherte ſich der Königin, und ſagte, als er ſah, daß man zögerte, ihn zu fragen:„Ich bin ſehr unglück⸗ lich, Madame, und ohne Zweifel wird mir nie etwas von dem zu Theil werden, was ich hoffe, denn die Nachrichten, die ich holen ſollte, ſind eingetroffen. Ich bin wahrhaftig nur dazu gut, die alten Thüren dieſes alten Schloſſes zu bewachen, und ich muß mich in mein Schickſal fügen.“ 4 180 4 „Was ſagt Ihr, Wilhelm?“ rief die Königin aus, „und was ſprecht Ihr von Nachrichten? Sollte Je⸗ mand vom Heere gekommen ſeyn?“ Elſe ſagte nichts, aber ſie ſchaute Wilhelm mit ei⸗ ner ſo inſtändig bittenden Miene an, daß er ſich zu ihr wendete, und mehr noch auf ihr Schweigen ant⸗ wortete, als auf die Frage der Königin, ſo fragend und drängend dünkte ihm dieſes Schweigen:„Zwei Männer ſind's, welche wenigſtens ſagen, daß ſie vom Heere kommen, und mit einer Botſchaft vom Könige Eduard beauftragt zu ſeyn vorgeben. Sollen ſie in Euer Gemach geführt werden, Madame 2“ „Auf der Stelle!“ rief die Königin aus. „Ungeachtet der vorgerückten Zeit?“— bemerkte Wilhelm. „Zu jeder Stunde des Tages und der Nacht iſt mir Derjenige willkommen, der von Seiten meines Herrn und Gebieters erſcheint.“ „Und doppelt willkommen, hoff ich,“ ſagte unter der Thüre eine junge und ſonore Stimme,„nicht wahr, ſchöne Tante, wenn er Walter von Mauny heißt, und gute Nachrichten bringt?“ 1 Die Königin ſtieß einen Freudenſchrei aus, und ſtand auf, die Hand dem Ritter reichend, der barhaupt und ohne Helm, den er eintretend irgend einem Pagen oder Knappen übergeben hatte, den beiden Damen ſich nä⸗ herte. Sein Gefährte blieb an der Thüre ſtehen, den Helm auf dem Kopfe und mit geſchloſſenem Viſire.— Die Königin war ſo bewegt, als ſie den Glücksboten vor ihr ſich verbeugen ſah, daß ſie ſeine Lippen auf 181 ihre Hand drücken fühlte, ohne daß ſie eine einzige Frage an ihn zu ſtellen wagte. Elſe zitterte an allen ihren Gliedern. Wilhelm, errathend, was in ihrem Herzen vorging, hatte ſich an das Getäfel gelehnt; er fühlte ſeine Knie brechen, und verbarg im Dunkel die Bläſſe ſeines Antlitzes, und den glühenden Blick, wel⸗ chen er auf ſie heftete. „Ihr kommet aus Auftrag meines Gebieters?“ mur⸗ melte endlich die Königin;„ſagt mir, was macht er?“ „Er erwartet Euch, Madame, und hat mich beauf⸗ tragt, Euch zu ihm zu geleiten.“ „Sprecht Ihr die Wahrheit?“ rief die Königin aus, „er iſt alſo nach Frankreich gekommen?“ „Er noch nicht, ſchöne Tante, wohl aber wir, die wir darin zur Wiege für Euern Sohn das Schloß Thun wählten, einen förmlichen Adlerhorſt, ein Neſt, wie es einem königlichen Sprößlinge geziemt.“ „Erkläret Euch, Walter, denn ich kenne mich noch nicht aus, und fühle mich ſo glücklich, daß ich fürchte, all das möchte nur ein Traum ſeyn. Aber warum nimmt der Ritter, der Euch begleitet, nicht ſeinen Helm ab, und nähert ſich uns nicht? Sollte er, der Ge⸗ fährte ſolcher Nachrichten, von unſerer königlichen Per⸗ ſon übel empfangen zu werden fürchten?“ „Dieſer Ritter, der nicht ſpricht und nicht anſchaut, hat ein Gelübde gethan, wie Ihr, wie Madame Elſe. Nun, beruhiget Euch,“ fuhr er fort, zu dieſer ſich wen⸗ dend,„er lebt und iſt wohl, obwohl er den Tag nur mit einem Auge ſieht.“ „Ich danke,“ verſetzte Elſe, der endlich ein Stein 182 vom Herzen fiel,„ich danke. Sagt uns nun, wo der König iſt, und wie es mit dem Heere ſteht?“ „Ja, ja, ſprecht, Walter,“ äußerte raſch die Kö⸗ nigin;„die letzten Nachrichten, die wir aus Flandern erhielten, melden die an den König Philipp von Va⸗ lois geſendeten Kriegserklärungen. Was iſt ſeitdem vorgefallen?“ „O! nichts beſonders Wichtiges,“ antwortete Wal⸗ ter;„nur da, ungeachtet dieſer Kriegserklärungen und des gegebenen Wortes, die Seigneurs des Reiches an den Sammelplatz zu kommen zögerten, und wir das Antlitz des Königs von Tag zu Tag düſterer werden ſahen, geriethen Salisbury und ich auf den Gedanken, daß dieſe zunehmende Traurigkeit durch die Erinnerung an das von Euch gemachte Gelübde in ihm erregt werde, und weil er, ungeachtet ſeiner Ungeduld, Euch nicht beiſtehen könne, es zu erfüllen. Dann nahmen wir, ohne Jemanden etwas zu ſagen, ungefähr vierzig Lan⸗ zen von guten, verläßigen und kühnen Gefährten, ver⸗ ließen Brabant, ritten ſo wacker Tag und Nacht, daß wir durch Hennegau zogen, im Vorbeifluge Mortagne anzündeten, Condé hinter uns laſſend, über die Schelde ſetzten, und in der Abtei von Denain uns labten; dann gelangten wir endlich zu einem ſtarken und ſchönen Schloſſe, das von Frankreich zu Lehen rührt, und Thun⸗ 'Eveque heißt; wir umkreiſeten es, um es von allen Seiten zu erforſchen, und da wir es gerade für Euch paſſend fanden, ſchöne Tante, ſetzten wir unſere Pferde in Galopp, und ſprengten, Salisbury und ich an der Spitze, in den Hof, worin wir die Garniſon trafen, 183 welche uns für das erkannte, was wir waren, Miene machte, ſich zu vertheidigen, und einige Lanzen brach, damit es nicht ſchien, als habe ſie ſich ohne Schwert⸗ ſchlag ergeben. Wir beſichtigten alſogleich das Innere, um zu ſehen, ob nicht irgend etwas geſchehen müſſe, um es ſeiner Beſtimmung würdig zu machen. Der Caſtellan hatte es für ſeine Frau eben erſt mit neuen Vorhängen verſehen laſſen, ſo, daß Ihr, ſchöne Tante, mit Gottes Hülfe Euch dort ſo behaglich fühlen werdet, dem Herrn Könige einen Erben zu ſchenken, wie wenn Ihr in Eurem Schloſſe Weſtminſter oder Greenwich wäret. Daher legten wir alſogleich eine von meinem Bruder befehligte ſtarke Garniſon hinein, und kehrten eiligſt zum Könige zurück, um ihm zu melden, wie die Sachen ſtehen, und daß er ſich nicht mehr zu beun⸗ ruhigen brauche.“ „Der Graf von Salisbury hat alſo ſein Gelübde treulich erfüllt?“ murmelte Elſe furchtſam. „Ja, Madame,“ antwortete der andere Ritter, ſich ihr nähernd, nahm ſeinen Helm ab, und ließ ſich auf ein Knie nieder,„werdet Ihr nun das Eurige er⸗ füllen?“ Elſe ſtieß einen Schrei aus. Dieſer zweite Ritter war Peter von Salisbury, welcher zurückkehrte, die Stirne zur Hälfte mit der Schärpe bedeckt, welche ihm Elſe gegeben, und er ſeit dem Tag ſeines Gelübdes nicht mehr abgelegt hatte, was einige Tropfen Blut, aus einer am Kopfe erhaltenen leichten Wunde gefloſ⸗ ſen, bezeugten. Vierzehn Tage nachher landete die Kö⸗ nigin an den Küſten von Flandern, begleitet von Wal⸗ 184 ter von Mauny, und Peter von Salisbury empfing in ſeinem Schloſſe Vark die Hand der ſchönen Elſe. Dieß waren die zwei erſten erfüllten Gelübde unter allen jenen, die bei dem Reiher waren gethan worden. Eilftes Kapitel. Die Seigneurs des Reiches jedoch, wie geſagt, un⸗ geachtet der Begeiſterung, mit der ſie dieſen Krieg be⸗ gonnen hatten, ließen lange auf ſich warten; aber Eduard hatte Geduld gefaßt, Dank der Fürſorge Wal⸗ ters von Mauny, und ſohin unter ſicherer Bedeckung Philippine von Hennegau nach dem Schloſſe Thun⸗ l'Eveque geleiten laſſen, wo ſie, ihrem Gelübde gemäß, auf dem Gebiete Frankreichs einen Sohn gebar, der den Namen Johann, Herzog von Lancaſter, erhielt. Nach ihrer Hervorſegnung war ſie nach Gent gekom⸗ men, wo ſie das auf dem Freitagsmarkte gelegene Schloß des Grafen bewohnte. Alle dieſe Zögerungen ließen Philipp von Valois Zeit, ſich zu einem Kriege zu rüſten, der, um das von Eduard erwartete Gelingen herbeizuführen, mit der Schnelligkeit des Blitzes, und mit der Stille eines un⸗ vermutheten Einfalles hätte geführt werden müſſen. Aber der franzöſiſche Staat iſt nicht eines von jenen Königreichen, das man in einer Nacht ſtiehlt, und wel⸗ ches eines Morgens unter einem andern Herrn und unter einer andern Fahne erwacht. Kaum von den — in ieß len 185 Seigneurs des Reiches herausgefordert, ſendete Philipp, der, in der Erwartung dieſer Kriegserklärung, ſein Heer in Frankreich zuſammengezogen, und ſeine Unterhand⸗ lungen in Schottland eröffnet hatte, ſtarke Garniſonen in das Gebiet der Stadt Cambrai, das ihm die Unter⸗ nehmung Walters und des Grafen von Salisbury als den Ausgangspunkt der erſten Angriffe bezeichnete.— Zur ſelben Zeit ließ er die Grafſchaft Ponthieu be⸗ ſetzen, welche König Eduard von mütterlicher Seite be⸗ ſaß, und ſendete Botſchafter an die verſchiedenen Seig⸗ neurs des Reiches, und unter andern an den Grafen von Hennegau, ſeinen Neffen, der ſo eben ſeine Graf⸗ ſchaft geerbt hatte, da ſein Vater an dem Gichtanfalle geſtorben war, von dem wir in dem Augenblicke ihn befallen ſahen, wo er die Geſandten des Königs Eduard empfing, an den Herzog von Lothringen, an den Gra⸗ fen von Bar, an den Biſchof von Metz, und an Herrn Adolph von Lamark, damit ſie nicht dem gegen ihn ſich bildenden Bündniſſe beitreten ſollten. Die vier Letzteren erwiederten, daß ſie dem Könige Eduard die von ihnen verlangte Mitwirkung bereits ab⸗ geſchlagen hätten. Der Graf von Hennegau antwortete unmittelbar und durch Briefe, daß er, als abhängig vom deutſchen Reiche und zugleich von Frankreich, Eduard's Bundesgenoß ſeyn würde, ſo lange Eduard als Reichsvicarius auf dem Gebiete des Reiches käm⸗ pfen ſollte, daß er aber, ſo wie Eduard das König⸗ reich Frankreich beträte, ſich alſogleich mit Philipp von Valois verbinden, und ihm ſein Königreich vertheidigen helfen würde, bereit, auf ſolche Weiſe ſeine doppelte 85* 186 Verpflichtung gegen ſeine beiden Gebieter zu halten. Endlich ließ er Hugo Quieret, Nicolas Behuchet und Barbevaire, die Commandanten ſeiner Flotte, in Kennt⸗ niß ſetzen, daß die Kriegserklärungen geſchehen ſeyen, und der Krieg zwiſchen Frankreich und England eröff⸗ net, daß er ihnen folglich die Erlaubniß ertheile, gegen die Feinde zu kreuzen, und ihnen ſo arg mitzuſpielen, als es nur immer in ihrer Macht liege. Es war nicht nöthig, dieß den kühnen Seeräubern zweimal zu ſagen; ſie ſteuerten nach den Küſten von England, und liefen an einem Sonntage Morgens, während alle Einwohner in der Meſſe waren, in den Hafen von Southampton ein, ſtiegen an's Land, nahmen und plünderten die Stadt, entführten Mädchen und Weiber, beluden ihre Schiffe mit Beute, beſtiegen ſie dann wieder, und ent⸗ fernten ſich bei der erſten Ebbe des Meeres ſchnell wie Raubvögel, in ihren Klauen die Beute fortſchleppend, auf welche ſie herabgeſtoſſen waren. Seinerſeits war der König von England mit ſeiner ganzen Umgebung von Mecheln aufgebrochen, und zu Brüſſel angekommen, wo der Herzog von Brabant reſi⸗ dirte, um von ihm zu erfahren, bis zu welchem Punkte er auf die Verſprechungen zählen könnte, die er ihm ge⸗ macht hatte. Er traf dort Robert von Artois, der. immer noch unermüdlich in ſeinem Kriegsprojekte, von Hennegau eintraf. Von dieſer Seite lauteten die Nach⸗ richten gut; der junge Graf, von ſeinem Oheime Je⸗ hann von Beaumont gedrängt, rüſtete unabläſſig, und hielt ſich bereit, in das Feld zu ziehen. Der Herzog von Brabant ſchien immer noch in der nämlichen Stim 187 mung zu ſeyn, und da Ednard zu ihm ſagte, er ſey geſonnen, Cambrai zu belagern, verpflichtete er ſich eid⸗ lich, mit zwölfhundert Lanzen und achttauſend Reiſigen vor dieſer Stadt zu ihm zu ſtoßen. Dieſe Verpflichtung genügte Eduard, der, in Kenntniß geſetzt, daß auch die Seigneurs des Reiches anrückten, nicht zögerte, ſich auf den Weg zu machen, am erſten Tage in Nivelle über⸗ nachtete, und am folgenden Abende in Bergen ankam, wo er den jungen Grafen Wilhelm, ſeinen Schwager, traf, und Herrn Johann von Beaumont, ſeinen Mar⸗ ſchall, auf dem Gebiete von Hennegau, der durch ſein Gelübde übernommen hatte, das Heer auf franzöſiſchem Boden zu führen. Eduard verweilte zwei Tage in Bergen, wo er und ſein Gefolge das ungefähr aus zwanzig vornehmen Ba⸗ ronen Englands beſtand, von den Grafen und Rittern des Landes feſtlich bewirthet wurden. Während dieſer beiden Tage ſtießen alle ſeine Truppen, die mit völliger Freiheit im Lande lagen, zu ihm, ſo daß er, da er ſich an der Spitze einer anſehnlichen Macht befand, nach Va⸗ lenciennes marſchirte, wo er, nur zu Zwölfen, einzog, indem er ſeine Armee in der Umgegend der Stadt la⸗ gern ließ; ihm waren der Graf von Hennegau voraus⸗ gegangen, Herr Johann von Beaumont, der Herr von Enghien, Herr von Fagnoelles, Herr von Verchin und mehrere andere Seigneurs, die ihm bis an die Thore entgegenkamen. Der Graf von Hennegau erwartete ihn auf den Stufen des Palaſtes oben, von ſeinem ganzen Hofe umgeben. Auf dem großen Platze angekommen, hielt der König 8**½* 188 Eduard vor der Fagçade; dann erhob der Biſchof von Lincoln die Stimme, und ſagte: Wilhelm von Auxonne, Biſchof von Cambrai, ich fordere Euch auf als Procu⸗ rator des Königs von England, des Vicarius des römi⸗ ſchen Kaiſers, die Stadt Cambrai zu öffnen, außerdem Ihr einen Frevel am Reiche begehet, und wir mit Ge⸗ walt einziehen werden.“ Und da Niemand auf dieſe Aeußerung antwortete, weil drr Biſchof abweſend war, fuhr Herr von Lincoln fort:„Graf Wilhelm von Hennegau, wir fordern Euch im Namen des römiſchen Kaiſers auf, daß Ihr dem Könige von England, ſeinem Vicarius, vor der Stadt Cambrai, die er belagern will, mit den Leuten dienet, die Ihr ihm ſchuldet.“ Und der Graf von Hennegau antwortete:„Ich werde gerne thun, was ich zu thun ſchulde.“ Und alſogleich ging er über die große Treppe herab, und hielt den Steigbügel dem Könige, welcher abſtieg, und von ihm geleitet, in den großen Audienzſaal trat, wo das Nachteſſen in Bereitſchaft ſtand. Am andern Tage wohnte der engliſche König zu Haspre, wo er zwei Tage ruhte, ſeine Leute aus England erwartend, ſowie ſeine Verbündeten aus Deutſchland, und hier vereinigten ſich mit ihm zuvörderſt der junge Graf von Hennegau und Herr Johann von Beaumont, von einer glänzenden Geſellſchaft begleitet; dann der Herzog von Geldern und ſeine Leute, der Graf von Jülich und ſein Trupp, der Markgraf von Meißen und Orient, der Graf von Ber⸗ gen, der Graf von Salec, der Herr von Fauquemont, der Herr Arnold von Blankenheim, und eine Meng⸗ “ — 189 anderer Seigneurs, Ritter und Barone. Da ſie ſich nun vollzählig ſahen, mit Ausnahme des Herrn Herzogs von Brabant, der verſprochen hatte, vor Cambrai zu ihnen zu ſtoßen, brachen ſie auf, und lagerten um die Stadt herum. Am ſechsten Tage kam der Herzog von Brabant an, ſo wie er ſich dazu verpflichtet hatte, mit neunhundert Lanzen, ohne die übrigen Gewappneten, und eine Menge von Reiſigen und Fußvolk zu zählen, bezog das Ufer der Schelde, welches demjenigen gegen⸗ über lag, auf dem ſich der König Eduard befand, ließ eine Brücke über den Fluß ſchlagen, zum Verkehre der beiden Armeen, und ſendete, als ſein Lager in Ordnung war, dem Könige von Frankreich einen Fehdebrief. Während dieſer Zubereitungen vor Cambrai, durch⸗ ſtreiften die Seigneurs, ungeduldig, ihren Ritterruhm zu vergrößern, das Land von Avesnes bis Douai, und fan⸗ den die ganze Gegend voll, reich und üppig, denn ſie hatten ſeit langer Zeit keinen Krieg geſehen. Nun aber begab es ſich, daß, alſo reitend, Herr Johann von Beau⸗ mont, Herr Heinrich von Flandern, Herr von Fauque⸗ mont, Herr von Beauterſens und Herr von Kuck, etwa von fünfhundert Reitern gefolgt, eine Stadt erblickten, Namens Hainecourt, in deren Feſtung die Leute der Ge⸗ . 4 gend all' ihr Hab und Gut geſchleppt hatten. Dieſer Umſtand, abgeſehen von dem Wunſche, irgend eine ſchöne Waffenthat auszuführen, war den Rittern jener Zeit eben ſo wenig gleichgültig, welche die Beute, die ſie ma⸗ chen konnten, als einen Theil des ihnen von Gott ver⸗ liehenen Einkommens betrachteten. Sie rückten alſo ge⸗ gen die Stadt an, im Wahne, ſie zu überrumpeln; da 5 5 190 aber bereits Mannſchaften, ſtark genug, um die Lauer zu wecken, obwohl zum Verſuche eines Handſtreiches zu ſchwach, in der Umgegend waren geſehen worden, nah⸗ men ſich die Einwohner in Acht. Zudem befand ſich damals in der Stadt ein Herr Abt von großem Ver⸗ ſtande und kühnem Unternehmen, der, nach der Sitte des Clerus jener Zeit, die Lanze eben ſo geſchickt hand⸗ habte, wie den Krummſtab, und mit gleicher Leichtigkeit den Küraß und die Stole trug; dieſer würdige Mann ſtellte ſich alſo an die Spitze der Vertheidigungsanſtal⸗ ten, und ließ außerhalb des Thores von Hainecourt, in großer Eile, eine mit Schanzpfählen umgebene Barriére zimmern, mit einem Raume zwiſchen dieſem erſten Werke und dem Thore; dann poſtirte er alle ſeine Leute auf die Wälle und in die Schilderhäuschen, nachdem er ſie mit Steinen, Kalk und dem ganzen damals üblichen Wurfgeſchoſſe verſehen hatte; hierauf ſtellte er ſich ſelbſt an die Spitze der tapferſten Krieger, die er finden konnte, zwiſchen die Barridre und die Stadt, das Thor hinter ſich offen haltend, um ſeinen Leuten einen geſicherten Rückzug zu verſchaffen. Nach dieſen Vorkehrungen er⸗ wartete er den Feind, der bald erſchien, und, da er die Stadt auf ihrer Hut ſah, vorſichtig anrückte, jedoch ohne irgend eine Verhinderung von Seiten derjenigen, die ihn erwarteten. Ungefähr zwanzig Schritte von der Stadt ſtiegen Johann von Beaumont, Herr Heinrich von Flandern, der Herr von Fauquemont und die übrigen Ritter von ihren Pferden, eine Bewegung, die ſogleich von ihren Reiſigen nachgeahmt wurde, und die Viſire ihrer Helme 191 — ſchließend, zogen ſie das Schwert, und rückten entſchloſ⸗ ſen gegen die Barridren vor. Als die Leute auf den Wällen ſahen, daß der Angriff wirklich geſchehe, ließen ſie einen Hagel von Steinen und einen Kalkregen auf die Angreifenden herabfluthen; da dieſe aber faſt lauter mit guten Rüſtungen bedeckte Ritter waren, rückten ſie deßhalb nicht weniger vor, bis ſie die Barrièͤren er⸗ reichten; hier verſuchten ſie, dieſelben auszureißen, um ſich einen Durchzug zu bahnen; aber dieß war keine leichte Aufgabe; ſie waren ſtark und feſt in den Boden gepfählt, ſo daß ſie, da es jenen an Maſchinen gebrach, allen ihren Anſtrengungen widerſtanden. Nun mußte man die Taktik ändern, und eine andere Angriffsweiſe beginnen. Die Ritter ſteckten ihre Piken und Schwer⸗ ter in die Zwiſchenräume und durch die Schanzpfähle, und begannen auf die darin Befindlichen zu ſtoßen und zu hauen, welche auf die nämliche Art und mit einer des Angriffes würdigen Vertheidigung antworteten. Der Abt war der Erſte von Allen, die Stiche empfangend und abwehrend, während die Leute auf den Wällen fortfuhren, Steine, Balken und Feuertöpfe zu ſchleu⸗ dern. Nun aber begab es ſich, daß Herr Heinrich von Flandern, und der Abt von Hennegau mit einander das Schwert kreuzten, und da der Erſte dieſe Waffe gewandter handhabte, als der Zweite, und der Zweite ein ſtärkeres Handgelenk beſaß, als der Erſte, warf der Abt, ſeinen Nachtheil einſehend, ſein Schwert we jenes des Ritters mit beiden Händen mitte Klinge, ſtemmte ſeine Kniekehlen, und zog ſeiner ner zu ſich; der, da er ſeinerſeits ſeine Waf 192 wollte fahren laſſen, genöthiget war, ihr zu folgen; daraus erfolgte, daß zuvörderſt die Klinge zwiſchen die Schanzpfähle eindrang, dann der Griff des Schwertes, dann der Arm des Ritters; nun ließ der Abt die Klinge los, und faßte den Arm ſo, daß er ihn bis an die Schulter hineinzog, ſo zwar, daß auch der Reſt des Leibes nachgefolgt wäre, würde die Oeffnung breit genug geweſen ſeyn, und während dieſer Zeit ſchwebte Herr Heinrich von Flandern in großer Gefahr, denn er konnte u ſich durchaus nicht vertheidigen, und indeſſen der Abt ihn mit der einen Hand zog, ſtieß er mit der Andern d mit einem Dolche auf ihn los, indem er ſein Viſir zu biegen ſuchte. Da die übrigen Ritter die ihm drohende Gefahr ſahen, eilten ſie zu ihm, und zogen ebenfalls, um ihn zu befreien. Es gelang ihnen endlich; aber nachdem Heinrich von Flandern nahe daran war, ſein Leben dabei zu verlieren, ließ er ſein Schwert fahren, welches der Abt mit großem Triumphe aufhob, und das ſeit jener Zeit im Saale des Kapitels von Henne⸗ gau ſorgfältig aufbewahrt wurde, wo es, vierzig Jahre nachher, die Mönche Froiſſart wieſen, indem ſie ihm erzählten, durch welche tapfere Kriegsthat es in ihren Beſitz gekommen war. Da die Angreifenden aus dieſer erſten Schlappe er⸗ ſahen, daß hier nichts zu machen ſey, gaben ſie das Unternehmen auf, und ritten nach Cambrai, wo ſie den ig Eduard, den Herzog Brabant, und die Seig⸗ Reiches wieder fanden, die ſo eben ihre Be⸗ lagerungsarbeiten vollendet hatten, und ſich zum Sturme aßthäiſren Die neuen Ankömmlinge nahmen ſogleich nig Philipp nach Peronne aufbrechen wollte, meldete man ihm, daß der Ritter Leo von Crainheim, dem er die Erlaubniß gab, zu ſeinem Gebieter zurückzukehren, in der nämlichen Nacht geſtorben ſeyh. Der alte Ritter, welcher die Schmach desjenigen, den er repräſentirte, nicht überleben wollte, hatte den Hungertod gewählt. Zwölftes Kapitel. Da indeſſen die Belagerung von Cambrai, ungeach⸗ tet des Muthes der Stürmenden, auf keine Weiſe vor⸗ rückte, und der engliſche König erfuhr, daß Philipp von Valois, nach Erlaß ſeines Befehles zu Peronne, mit ſeiner ganzen Macht zu Saint⸗Quentin angekom⸗ men ſey, verſammelte er einen Rath, aus ſeinen tapfer⸗ ſeen und beſten Räthen beſtehend, unter denen ſich der Graf Robert von Artois, Herr Johann von Beaumont der Biſchof von Lincoln, der Graf von Salisbury, det Markgraf von Jülich und Walter von Mauny befan⸗ ich den, um ſie zu fragen, ob es beſſer ſey, die Belage⸗ n, rung fortzuſetzen, oder ſeinem Gegner entgegen zu gehen. in⸗ Die Berathung war kurz; Alle waren der Meinung, daß, da die Stadt Cambrai ſtarke Mauern habe, und eine zahlreiche Beſatzung, ihre Eroberung nichts weni⸗ ger als gewiß, es folglich beſſer ſey, eine Schlacht auf freiem Felde zu ſuchen, als ſich vor einer Stadt aufzu⸗ reiben, bis der Winter anbräche, der ſich näherte. Den Seigneurs wurde alſo der Befehl zum Aufbruche er⸗ K 196 theilt. Jeder packte ſeine Zelten und Fahne ein, ſtellte ſich unter ſein Banner, und marſchirte, connetabelweiſe, gegen den Berg Saint⸗Martin, eine Abtei der Prä⸗ monſtratenſer der Diöceſe Cambrai, die an den Gren⸗ zen der Picardie lag. Und da nun Herr Johann von Beaumont ſein Gelübde erfüllt hatte, der Armee als Marſchall dienend, ſo lange ſie auf dem Gebiete des Reiches oder Hennegau's Krieg führte, gab er das Com⸗ mando dem engliſchen Könige zurück, der es in drei Marſchallsämter theilte, und ſie den Grafen von Nor⸗ thampton, von Gloceſter und von Suffolk übertrug. Die Connetabelwürde wurde dem Grafen von Warwick ver⸗ liehen, der alſogleich die Führung der Armee übernahm, welche, auf der Höhe des Berges Saint⸗Martin ange⸗ langt, ohne ein Hinderniß weder von Seiten der Fran⸗ zoſen noch von Seiten des Fluſſes, über die Schelde ſetzte. Auf dem andern Ufer angekommen, näherte ſich der Graf von Hennegau Eduard, ſtieg vom Pferde, ließ ſich auf ein Knie nieder, und bat denſelben um die Er⸗ laubniß, ſeinem verpfändeten Worte gemäß, zum Kö⸗ nige von Frankreich ſich begeben zu dürfen, damit er dem Einen eben ſo getreulich ſein Wort halten könne, wie er es dem Andern gehalten habe; denn wie er dem Könige von England, ſeinem Schwager, im Reiche diente, wolle er ſeinem Oheime, dem Könige von Frankreich, in ſeinem Königreiche dienen. Eduard, der ſeine Ver⸗ pflichtungen kannte, machte keine Schwierigkeit, hob den Grafen auf, und ſagte:„Gott behüte Euch!“ Dann og er ſeinen Blechhandſchuh aus, und reichte ihm die Hand Wilhelm von Hennegau küßte ſie, ſtieg wieder 197 zu Pferd, grüßte zum letztenmal den König, und ent⸗ fernte ſich von der Armee, von allen ſeinen Freunden und Reiſigen begleitet, mit Ausnahme ſeines Oheimes, Johann von Hennegau, der, immer noch im Banne Frankreichs wegen der Hülfe, die er der Madame Iſa⸗ bels eſtete, ſich kein Bedenken daraus machte, unter den Seigneurs des Reiches zu bleiben, obgleich man das franzöſiſche Gebiet betreten hatte. Als der junge Graf Wilhelm ſich entfernt hatte, hielt man einen zweiten Rath, um zu erfahren, ob man tiefer in das Land vorrücken, oder, die franzöſiſche Armee erwartend, an Hennegau ſich hinziehen ſollte, von wo die Vorräthe von Waffen und Lebensmitteln ohne Hin⸗ derniß und Tag für Tag eintrafen. Die Meinungen waren getheilt; aber da der Herzog von Brabant ſich kräftig für die letztere Taktik erklärte, ſchloß ſich Jeder ſeinem Rathe an; alſogleich wurde die engliſche Armee in drei Schlachthaufen getheilt: der erſte unter der Führung der Marſchälle, der zweite unter jener des Königs, und der dritte unter jener des Herzogs von Brabant. Dann brach dieſes ganze Heer auf, mit der einen Hand ſengend, mit der andern plündernd, täglich nur drei Meilen zurücklegend, damit auf der Linie ſei⸗ nes Marſches ihm nichts entgehen ſollte, weder Städte, noch Dörfer, noch Meierhöfe; und hinter ihm ver⸗ ſchwand Alles, Weingärten, Wälder, Ernten, Reichthü⸗ mer der Erde und Güter des Himmels, ſo daß man die Armee für eine Lava hätte halten mögen, die, wo ſie vorüberzog, Alles wüſte und unbebaut zurückließ, was vor ihrem Erſcheinen fruchtbar und bevölkert war. 3—.„ 198 Von Zeit zu Zeit machte die Armee Halt, und wie ein flammender Drache, der eine von ſeinen Schwingen ausſtreckt, löſete ſich ein Trupp von ihrer Flanke ab, entfaltete ſich gegen die Picardie oder Isle⸗ de⸗France, und ſengte und plünderte einige Städte, deren Brand man von dem Herzen des Königreiches aus erblicken, deren Geſchrei man hören konnte; ſo erging es Origny Saint Benoit und Guiſe: da endlich der König Eduard zu Boherie, Abtei von Citeaux, in der Diöceſe Laon gelegen, erfahren hatte, daß der König Philipp mit mehr als hunderttauſend Mann von Saint⸗Quentin aufgebrochen ſey, um ihm die Schlacht anzubieten, wollte er nicht zu fliehen ſcheinen, indem er einen Weg fort⸗ ſetzte, der ihn von ſeinem Feinde entfernte; er kehrte alſo um, übernachtete am nämlichen Tage der erhalte⸗ nen Nachricht zu Fervaques, am andern Tage zu Mont⸗ treuil, und da er am zweiten Tage nach Flamengerie in ſein Quartier gekommen war, und einen paſſenden Platz gefunden hatte, um ſeine Armee zu lagern, die ungefähr fünfundvierzigtauſend Mann betrug, beſchloß er, den König Philipp zu erwarten, da er, ihm entge⸗ gen, weit genug umgekehrt ſey, als daß man argwöh⸗ nen könnte, daß er ihm ausweichen wolle. Der König von Frankreich war wirklich von Saint⸗ Quentin aufgebrochen; und mit ſeiner Armee ſo raſch marſchirt, daß er nach Buironfoſſe gekommen war, und dort Halt gemacht hatte, allen ſeinen Leuten befehlend, ihre Zelte aufzurichten; ſeine Abſicht war, den engli⸗ ſchen König und alle ſeine Bundesgenoſſen zu erwar⸗ ten, von denen er nur mehr zwei Meilen entfernt war. ——, 8d— —„——.—— 199 Da nun der Graf Wilhelm von Hennegau erfuhr, daß der König von Frankreich im Quartiere zu Buiron⸗ ſoſſe liege, brach er von Quesnoy auf, wo er bisher geblieben war, ritt ſo lange, bis er die franzöſiſche Armee erreichte, und ſtellte ſich ſeinem Oheime mit fünfhundert Lanzen vor. Ungeachtet dieſer prächtigen Schaar empfing ihn der König Philipp anfangs ziem⸗ lich kalt; denn er konnte nicht vergeſſen, daß er mit dem nämlichen Geleite Cambrai belagert habe. Aber der Graf Wilhelm entſchuldigte ſich klug, indem er ſagte, daß er dem Kaiſer gehorchen mußte, von dem er ab⸗ hängig ſey, wie vom Könige von Frankreich, ſo zwar, daß zuletzt der König und ſein Rath mit ſeinen Grün⸗ den ſich begnügten, und ſein Quartier ihn mitten in der Armee und möglichſt nahe bei dem königlichen Zelte angewieſen wurde. Eduard erfuhr bald die Verfügungen ſeines Geg⸗ ners, und die geringe Entfernung, welche die beiden Armeen trennte. Er verſammelte alſogleich ſeinen Rath, der aus den Seigneurs des Reiches, aus ſeinen Mar⸗ ſchälen, und aus allen Baronen und Prälaten Eng⸗ lands beſtand, und fragte ſie, ob es noch immer ihre Abſicht ſey, zu kämpfen, und daß ſie ihm folglich ihre Meinung darüber ſagen möchten, was auf dem Punkte, wo ſie angekommen, zu thun wäre. Die Seigneurs ſchauten ſich anfangs ſchweigend an, dann übertrugen ſie das Wort dem Herzoge von Brabant, der ſich er⸗ hob, und ſprach:„er glaube, daß es die Pflicht und die Ehre Aller erheiſche, zu kämpfen, wie geringer auch die Zahl ſeyn möge, und daß man unverzüglich einen 200 Herold an den König von Frankreich ſenden müſſe, um die Schlacht zu verlangen, und den Tag anzunehmen, den er bezeichnen würde. Dieſe Aeußerung wurde mit einſtimmigem Beifalle aufgenommen, und der Herold des Herzogs von Geldern, welcher franzöſiſch ſprach, be⸗ auftragt, im Namen des Königs von England und der Seigneurs des Reiches, dem Könige von Frankreich die Ausforderung zu überbringen. Er ſtieg folglich alſo⸗ gleich zu Pferde, mit einem derjenigen, die er reprä⸗ ſentirte, würdigen Gefolge, und war kaum zwei Stun⸗ den geritten, ſo nahe ſtanden ſich die beiden Heere, als er bei den Vorpoſten des Philipp von Valois ankam, und unverzüglich zu ihm geführt zu werden verlangte. Der König von Frankreich empfing ihn inmitten ſeines Rathes, und vernahm freudig die Miſſion, deren er ſich als ein verſtändiger Mann mit Ehrerbietung und zugleich mit Feſtigkeit entledigte, dann, als er erfuhr, daß ſein Gegner Halt machte, um ihn zu erwarten, und ihn zur Schlacht auffordere, Macht gegen Macht, ant⸗ wortete Philipp von Valois, daß er ſolche Worte gerne höre, und bezeichnete den kommenden Freitag, nämlich zwei Tage ſpäter, als den ihm beliebigen Tag, um handgemein zu werden, hierauf zog er von ſeinen Schul⸗ tern ſeinen eigenen Mantel, der von Hermelin, und mit einer goldenen Kette zugehäckelt war, und ſchenkte ſie dem Herolde zum Zeichen, daß er willkommen, und die Nachricht, welche er ihm brachte, eine koſtbare Nach⸗ richt ſey. Der Herold kam am nämlichen Abende zur Armee Eduards zurück, erzählte die bei dem Könige er⸗ haltene gute Aufnahme, und meldete, daß der nächſte 201 Freitag der zur Schlacht feſtgeſetzte Tag ſey. Dieſes Gerücht verbreitete ſich alſogleich unter den Seigneurs des Reiches und den engliſchen Baronen, welche einen Theil der Nacht dazu verwendeten, ihre Waffen zu un⸗ terſuchen, und ihre Sachen zu ordnen. Am andern Tage beauftragte der Graf von Hennegau die Herren von Tupigny und von Fagnoelles, zwei von ſeinen Rit⸗ tern, auf die er hinſichtlich des Muthes und der Klug⸗ heit volles Vertrauen ſetzte, die Schlachthaufen des eng⸗ liſchen Königes zu erſpähen. Sie beſtiegen folglich ihre beſten Renner, und ritten eine Zeitlang unbemerkt in einem Walde, der ſich auf der ganzen Linie hinſtreckte, der engliſchen Armee zur Seite, welcher ſie ſo nahe waren, daß ſie alle ihre Anordnungen ſehen konnten. Nun aber ereignete es ſich plötzlich, daß das Pferd des Herrn von Fagnoelles, welches ſchlecht aufgezäumt war, von einem Baumaſte auf den Rücken geſchlagen wurde, erſchrack, und ſo auf die Stange biß, daß es ſich ſei⸗ nes Reiters bemeiſterte, ihn aus dem Wald führte, und gerade zur Armee des Königs Eduard ſprengend, ihn mitten in das Lager der kaiſerlichen Seigneurs brachte. Herr von Fagnoelles wurde ſogleich von fünf oder ſechs Deutſchen umzingelt und gefangen, die ein Löſe⸗ geld von ihm forderten, indem ſie ihm antrugen, da er nicht in der Schlacht, ſondern durch einen bloßen Zu⸗ fall in Gefangenſchaft gerieth, ihn wieder frei zu laſ⸗ ſen, wenn er ihnen eine gute und annehmbare Bürg⸗ ſchaft geben wolle. Herr von Fagnoelles verlangte dann, daß man ihn zu Herrn Johann von Beaumont führe, der ſehr ſtaunte, bei ſeiner Rückkehr von der Meſſe, die * 202 eer ſo eben hörte, an der Thüre einen von ſeinen alten und guten Bekannten zu finden. Der Gefangene er⸗ zählte ihm nun, wie er in die Hände der Deutſchen ſiel, wie viel Löͤſegeld er bezahlen müſſe, und was für einen Antrag ihm jene, die ihn gefangen nahmen, ſo eben machten. Alſogleich leiſtete Herr Johann von Beau⸗ mont für ihn Bürgſchaft für die verlangte Summe, zog ihn zur Mittagstafel, und ließ ihm bei dem Nachtiſche ſein Pferd vorführen und ſein Schwert zurückgeben, un⸗ ter der einzigen Bedingung, dem Grafen Wilhelm, ſei⸗ nem Neffen, ſeine Grüße zu überbringen. Herr von Fagnoelles verſprach es, und kehrte in das Lager ſei⸗ nes Gebieters zurück, dem er verläſſige Nachrichten von der Armee des Königs Eduard geben konnte, indem er ſie näher ſah, als er ſie zu ſehen gedachte, da er Mor⸗ gens dieſe Recognoscirung unternahm. Am nämlichen Abende, während der König von Frankreich in ſeinem Zelte wachte, wurde ein Bote, ganz mit Staub bedeckt und ermüdet, denn ſeit ſeiner Landung hatte er täglich zwanzig Meilen auf dem näm⸗ lichen Pferde zurückgelegt, bei Philipp eingeführt; er kam von der Inſel Sicilien, und brachte Briefe von Robert, Grafen von Provence und Könige von Neapel. Der König, welcher die Klugheit ſeines Vetters, und ſeine aſtrologiſche Wiſſenſchaft kannte, hatte ihn bei dem erſten von dieſem Kriege erhaltenen Gerüchte um Rath gefragt, um zu erfahren, was er davon zu erwarten habe. Nun aber hatte König Robert die Geſtirne in ihren günſtigen und böſen Conſtellationen erkundet, mehr⸗ mals wegen der Abenteuer des Königs von Frankreich 4 — 203 und des Königs von England die Weiſſagungswürfel geworfen, und immer gefunden, daß dort, wo der König Eduard perſönlich anweſend wäre, der König Philipp beſiegt, und mit großem Nachtheile für das Königreich Frankreich auf's Haupt geſchlagen würde: er ſchrieb alſo dem Könige, nicht zu kämpfen, wären ſeine Soldaten auch zu Dreien gegen Einen, da der Ausgang der Schlacht zum Voraus im ewigen Buche eingeſchrieben ſtehe, woran die Hand der Menſchen nichts zu ändern vermöge. Philipp hütete ſich wohl, dieſe Briefe Je⸗ manden mitzutheilen, aus Furcht, die Armee zu ent⸗ muthigen, und beſchloß, ungeachtet der Gründe und Verbote des Königs von Sieilien, ſeines Vetters, wenn der König Eduard die Schlacht begänne, keinen Schritt zurückzuweichen, da er den Tag dazu feſtgeſetzt hatte, aber ſte auch nicht zu ſuchen, wenn ſeine Stellung ihm die Vortheile des Bodens und der Sonne gäbe. Am folgenden Tage Morgens machten ſich die bei⸗ den Armeen fertig, und hörten die Meſſe; die beiden Könige und viele Seigneurs beichteten und communiecir⸗ ten, wie es Leuten geziemt, die in den Kampf ziehen, und ſich bereit halten wollen, vor Gott zu erſcheinen dann rückte Jede der Andern entgegen, die entgegenge⸗ ſetzten Ufer eines großen Sumpfes voll Waſſer und Gras entlang, der den Durchzug ſchwierig machte, und den⸗ jenigen in Gefahr ſetzte, welcher zuerſt es wagen würde, ihn zu überſchreiten. Nach Verlauf eines einſtündigen Marſches, ſtanden die beiden Armeen einander gegen⸗ über, und jeder König ordnete ſeine Schlachthaufen. Der König Eduard, der den Vortheil des Terrains be⸗ 204 ſaß, theilte ſeine Armee in drei Haufen, alle zu Fuß, ließ die Pferde und Rüſtzeuge in einen kleinen Wald bringen, der hinter ihr lag, und befeſtigte ſich mit den Fuhrwerken und Wagen. Nun aber beſtand der erſte Schlachthaufen, achttauſend Mann ſtark, und zweiund⸗ zwanzig Banner und ſechzig Fahnen zählend, aus Deut⸗ ſchen, und wurde commandirt von dem Herzoge von Geldern, dem Grafen von Jülich, dem Markgrafen von Brandenburg, dem Herrn Johann von Hennegau, dem Markgrafen von Meißen, dem Grafen von Bergen, dem Grafen von Salm, dem Herrn von Fauquemont, und dem Herrn Arnold von Blankenheim. Der zweite hatte zum Anführer den Herzog von Brabant, und unter ſeinen Befehlen commandirten die reicheſten und tapfer⸗ ſten Barone ſeines Landes, ſowie einige Seigneurs aus Flandern, die ſich ſeinen Kämpfern anſchloſſen, ſo daß er an der Spitze von vierundzwanzig Bannern und acht⸗ zig Fahnen marſchirte, bei ſiebentauſend Mann befehli⸗ gend, Alle ſehr gut ausſtaffirt und gerüſtet, Leute von Muth und Tapferkeit. Der dritte und ſtärkſte Schlacht⸗ haufen gehorchte dem Könige von England; ihn umga⸗ ben alle Seigneurs ſeines Landes, vorzüglich ſein Vet⸗ ter, der Graf Heinrich von Derby, Sohn des Herrn Heinrich von Lancaſter mit dem ſchiefen Halſe, der Bi⸗ ſchof von Lincoln, der Biſchof von Durham, die Gra⸗ fen von Northampton, von Gloceſter, von Suffolk und von Hertfort; Herr Robert von Artois, Herr Regnault von Cobham, Herr von Percy, die Herren Ludwig und Johann von Beauchamp, Herr Hugo von Haſtings, Herr Walter von Mauny, und endlich der Graf von Salis⸗ 205 bury, der, nach kaum vierzehn Tagen, die er ſeiner jun⸗ gen Gemahlin weihte, ſeines Gelübdes entbunden, und die beiden Augen enthüllt und muthglühend, ſo eben bei der Armee eingetroffen war. Ueber dieſem Stahl⸗ meere, von dem jeder Mann eine Woge bildete, und das wie eine hohle See vorrückte, da ſie aus ſechstau⸗ ſend Gewappneten und ſechstauſend Bogenſchützen be⸗ ſtand, weheten achtundzwanzig Banner und neunzig Fahnen; endlich war, außer dieſen drei Schlachthaufen, eine Nachhut aufgeſtellt, deren Anführer der Graf von Warwick, der Graf von Pembroke, der Herr von Mil⸗ ton, und mehrere andere tapfere Ritter waren, die ſich bereit hielten, jeder Abtheilung, welche wanken ſollte, beizuſtehen, und dieſe Nachhut zählte viertauſend Mann. Der König von Frankreich war von ſo vielen Leu⸗ ten, und von ſo vielen Edlen und Rittern umgeben, daß es ein Wunder zu ſehen war, aber zu erzählen zu lang wäre. Als ſeine Schlachthaufen gerüſtet und auf⸗ geſtellt waren, beſtanden ſie aus zweihundertſiebenund⸗ zwanzig Bannern, fünfhundertſechszig Fahnen, vier Kö⸗ nigen, ſechs Herzogen, ſechsunddreißig Grafen, viertau⸗ ſend Rittern, und mehr als ſechszigtauſend Gemeinen aus Frankreich, Alle ſo reinlich gerüſtet, daß ſie einem Spiegel glichen, worin die Sonne wiederſtrahlte; aber dieſe Ritterſchaft, wie ſchrecklich und ſchön auch ihr An⸗ blick, war hinſichtlich deſſen, was geſchehen ſollte, ge⸗ theilter Anſicht; denn die Einen ſagten, es wäre eine Schande, dem Feinde ſo nahe gekommen zu ſeyn, ohne ihn zu bekämpfen, und die Andern erklärten es für einen Fehler, eine Schlacht zu liefern, weil der Köni 206 von Frankreich Alles dabei zu verlieren, und nichts zu gewinnen habe; denn im Falle ſeiner Niederlage würde der Feind mit einem Schlage bis in's Herz von Frank⸗ reich dringen, während er, wenn er Sieger bliebe, deß⸗ halb weder England erobern könnte, das eine Inſel ſey, noch die Beſitzungen der Seigneurs des Reiches, die immer einen allzumächtigen Beiſtand von Ludwig V. von Bayern, ihrem Oberlehensherrn, erhalten würden. Inzwiſchen hatte der König von England einen kleinen Zelter, einen Paßgänger, beſtiegen, und ritt, begleitet vom Herrn Robert von Artois, vom Herrn Reinhold von Cobham und Herrn Walter von Mauny, an allen Schlachthaufen vorüber, ermahnte auf eine ſanfte Weiſe die Ritter und andere Gefährten, ihm ſein Gelübde er⸗ füllen, und ſeine Ehre bewahren zu helfen, zeigte ihnen das Vortheilhafte der von ihm gewählten Stellung, an einen Wald gelehnt, durch einen Sumpf vertheidiget, und wie ſein Feind nicht zu ihm kommen könne, ohne in eine große Gefahr zu gerathen. Nachdem er an jeder Front hingeritten war, und zu ihnen geſprochen hatte, entweder um anzueifern oder zurückzuhalten, kehrte er zu ſeinem Schlachthaufen zurück, ſtellte ſich an die Spitze, und befahl, daß Niemand vor den Bannern der Marſchälle Platz nehmen ſolle. Dieſe Vorbereitungen von beiden Seiten hatten ſo ziemlich den ganzen Mor⸗ gen in Anſpruch genommen, und man war zur Mit⸗ tagsſtunde gekommen, als ein Haſe, durch einen Ritter der engliſchen Armee erſchreckt, der ſich einen Augen⸗ blick von ſeinem Schlachthaufen entfernte, aufſprang, und im vollen Rennen in die Reihen der Franzoſen 207 ſtürzte; nun begannen einige Ritter, da ſie ſahen, es fehle ihnen nicht an Zeit, auf ihn Jagd zu machen, in dem eiſernen Kreiſe ihn zu verfolgen, in welchem er eingeſchlofſen war, ein lautes Harogeſchrei erhebend; die engliſche Armee, welche dieſe Bewegung ſah, und ihre Urſache nicht kannte, erhob ſich bei dieſem Lärme, eines Angriffes gewärtig. Der König verließ alſo ſein klei⸗ nes Pferd, beſtieg ein großes und ſtarkes Schlachtroß, und hielt ſich bereit, bei dem erſten Angriffe zu erſchei⸗ nen. Die Seigneurs von Gascognien und Languedoc, im Wahne, daß man angreife, ſetzten ihre Helme auf, und zogen ihre Schwerter, während der Graf von Hen⸗ negau, in der Meinung, es ſey keine Zeit zu verlieren, und man würde handgemein werden, ſich beeilte, meh⸗ reren Seigneurs den Ritterſchlag zu ertheilen, denen er dieſe Gunſt verſprochen hatte, ſo zwar, daß er deren vierzehn zu Rittern ſchlug, die bis zum Ende ihres Lebens den Namen der Haſenritter führten. Mit allen dieſen verſchiedenen Dingen war die Zeit vorgerückt; es war drei Uhr Nachmittags, die Sonne begann am Horizonte zu ſinken, als ein Bote bei dem Könige Eduard ankam, der ſeine Briefe nahm und las, ohne vom Pferde zu ſteigen; ſie waren vom Biſchofe von Canterbury unterzeichnet, kamen vom Rathe von Eng⸗ land, und meldeten, daß die Normänner und Genueſer, nachdem ſie zu Southampton gelandet waren, die Stadt geplündert und verbrannt hatten, bis Douvers und Nor⸗ wich gekommen ſeyen, alle Küſten Englands, auf mehr als vierzig Meilen weit, verwüſtend, und dergeſtalt das Meer bewachten, daß nichts in Flandern landen tonn, 4 208 ſo zwar, daß ſie die zwei größten Schiffe erobert hät⸗ ten, welche die Engländer bisher bauten, und von denen das Eine Eduard, das Andere Chriſtoph hieß; der Kampf habe einen ganzen Tag gedauert, und tauſend Engländer ſeyen dabei umgekommen. Dieß waren, wie man ſieht, ſchreckliche Nachrichten, und dennoch ent⸗ hielten dieſe Briefe noch weit Beunruhigendere. Dieſe kamen aus Schottland; während Eduard vor Cambrai lag, hatte Philipp von Valois, wie geſagt, Boten an die Seigneurs geſchickt, die zu dem jungen Könige Da⸗ vid hielten; ſie brachten keine große Verſtärkung an Mannſchaft und Waffen mit, aber eine hinreichend ſtarke Summe Geldes, um ſich die Eine und die Andern zu verſchaffen. Der Anführer dieſer Geſandtſchaft, ein Mann von großem Muthe und hoher Klugheit, war durch alle engliſchen Poſten gekommen, und bis zum Walde Jeddart gelangt, worin ſich, wie in einem un⸗ zugänglichen Fort, der Graf von Murray, Herr Simon Frazer, Herr Alexander von Ramſay und Herr Wilhelm von Douglas hielten, Neffe des guten Lord James, der, wie wir unſern Leſern erzählten, in Spanien gefallen war, während er das Herz ſeines Königs nach dem heiligen Grabe trug. Alle dieſe Seigneurs fühlten eine große Freude bei den Nachrichten, die ſie aus Frank⸗ reich empfingen, und da der König Philipp ihnen an⸗ empfahl, die Abweſenheit Eduards zu benützen, das Kö⸗ nigreich Schottland aufzuwiegeln, und ihnen durch den großen Schatz, den er ſendete, alle Mittel dazu ver⸗ ſchaffte, hatten ſie ihn, nach Verlauf einiger Zeit, ſo gut in loyalen Boden geſäet, daß er von allen Seiten 209 einen großen Ueberfluß an Leuten und Pferden lieferte, ſo daß ſie, nunmehr an der Spitze einer mächtigen Schaar zur Zeit, da die engliſchen Gouverneure wähn⸗ ten, ſie ſeyen noch wie wilde Thiere im Walde Jeddart verſteckt und zurückgezogen, in die unteren Gegenden gezogen waren, gleich einer Heerde Wölfe, und durch Gewalt oder Ueberfall die meiſten Feſtungen wieder ge⸗ nommen hatten, ſo zwar, daß jetzt die Engländer nur mehr ſieben oder acht Städte in Schottland beſaßen, unter denen Berwick, Sterling, Roxburg und Edinburg ſich befanden. Dieß war nicht Alles; durch dieſe Erfolge ermuthiget, waren ſie, Berwick im Rücken laſſend, über die Tyne ſetzend, über die alte römiſche Mauer ſchreitend, bis Durham gedrungen, am äußerſten Ende von Northum⸗ berland, nämlich drei Tagreiſen weit in das Königreich England hinein, in allen Gegenden ſengend und plün⸗ dernd; dann hatten ſie ſich auf einem andern Wege zurückgezogen, ohne daß Jemand ihrem Rückzuge ſich widerſetzte, ſo weit entfernt war Jeder, zu vermuthen, daß dem ſchottiſchen Löwen die Klauen und Zähne ſo ſchnell wieder gewachſen wären. (Cduard las dieſe Briefe, ohne daß ſein Antlitz die mindeſte Gemüthsbewegung verrieth; als er fertig war befahl er, daß man den Boten köſtlich bewirthe, und eine eben ſo reichliche Belohnung gebe, wie wenn er eine ganz andere Nachricht gebracht hätte. Daun warf er ſeine Blicke wieder auf die Armee, die vor ihm ſtand, und bat in ſeinem Herzen Gott den Herrn, dieſe Schlacht abzuwenden, die er ſo ſehr erſehnt, und aus ſo weiter † 9*x*. 210 Ferne aufgeſucht hatte; denn, einmal Sieger oder be⸗ ſiegt, in das Herz des Königreiches gedrungen, oder auf das Gebiet des Kaiſers zurückgetrieben, konnte er in ſein Land nicht zurückkehren, wohin ihm ſo wichtige Unter⸗ nehmungen riefen. Zum Glücke befand ſich in der franzöſiſchen Armee Alles auf dem nämlichen Punkte, und in dem nämlichen Zuſtande, und als der Tag ſich zu neigen begann, war es wahrſcheinlich, daß er ohne Schlacht ſcheiden würde. Wirklich verfloſſen noch zwei Stunden ohne daß man von der einen oder andern Seite den Sumpf zu überſchreiten wagte, und bei Anbruch der Nacht begab ſich Jeder in ſein Quartier. Hier verſam⸗ melte der König Eduard ſeinen Rath, las mit lauter Stimme die eben erſt aus England erhaltenen Briefe vor, und fragte die engliſchen Barone und die Seigneurs des Reiches um ihre Meinung: die Anſicht lautete ein⸗ ſtimmig; ſeine Anweſenheit in London war von höchſter Wichtigkeit, und es erſchien dringend, daß er ſich un⸗ verzüglich dahin begab. Er ließ folglich, die Dunkelheit der Nacht benützend, die Harniſche und Zelte einpacken und aufladen, und übernachtete mit dem Herzoge von Brabant bei Avesne in Hennegau; am Morgen ſodann nahm er von den deutſchen und Brabanter⸗Seigneurs Abſchied, die unter den Waffen blieben, um das Land zu bewachen, und kam mit dem Herzoge Johann, ſeinem Vetter, nach Brͤſſel. Am andern Tage verließ der König von Frankreich, unkundig deſſen, was während der Nacht geſchehen war, ſein Quartier, und ordnete ſeine Schlachthaufen auf der nämlichen Stelle, wie am vorigen Tage; aber da er be⸗ auf ſein ter⸗ der kkte, zu acht den den der am⸗ uter refe urs ein⸗ jſter un⸗ heit cken von ann urs and nem ich, var, der er 211 Niemand erſcheinen ſah, und wähnte, daß irgend ein Hinterhalt in dem Walde gelegt worden ſey, verlangte er einen Freiwilligen, der, über die bedenkliche Stätte ſchreitend, die am vorigen Tage keine von den beiden Armeen zu durchziehen wagte, jenen Wald ausſpähen ſollte, welcher ihm gerade durch ſeine Stille verdächtig ſchien. Ein junger Edelknappe erbot ſich nun zu die⸗ ſem wagehalſigem Unternehmen, Herr Euſtachius von Ribeaumont, Sprößling einer alten und edlen Familie, der, obwohl kaum einundzwanzig Jahre alt, bereits fünf Kriegsjahre zählte, und da er ſich anſchickte, aufzubrechen, wollte der König Philipp von Valois, daß dieſer tapfere junge Mann, wenn er bei dieſem Abenteuer umkäme, wenigſtens als Ritter ſtürbe, ließ ihn niederknien, wapp⸗ nete ihn ſelbſt, und gab ihm den Ritterkuß, ſo, daß Herr Euſtachius, ganz ſtolz und freudig dieſer Ehre, wieder zu Pferd ſtieg, Gott bittend, daß er ihn irgend einen Feind treffen laſſe, damit er ſich vor den Augen des Königs der empfangenen Gunſt würdig bethätigen könnte. Er ritt alſo vor den Augen der ganzen Armee über den Sumpf, legte, am andern Ufer angekommen, ſeine Lanze ein, und rückte entſchloſſen gegen den Wald vor, in welchem er bald verſchwand. Dann durchſpähete er ihn nach allen Richtungen, aber er war öde und ſchweigſam, wie der verzauberte Wald, worin Tancred Clorinden's Blut aus einem Baume fließen ließ, ſo daß er ihn nach allen Seiten durcheilte, ohne zu ſehen, was er ſuchte, und bald wieder jenſeits des Waldes erſchien, einen Berg erklimmend, von wo herab man die ganze Gegend über⸗ 94**α*α 8 212 fah] auf dem Gipfel ankommend und Niemand dort erblickend, ſteckte er ſeine Lanze in den Boden, zum Zei⸗ chen der Beſitzergreifung, ſtülpte er ſeinen Helm auf ſie, und begab ſich barhaupt langſam zum Könige zurück, dem er Rechenſchaft von ſeiner Sendung gab, indem er ihn aufforderte, ihm mit der ganzen Armee auf das Feld zu folgen, auf welchem am vorigen Tage die Schlacht⸗ haufen des Königs Eduard gereihet ſtanden. Philipp von Valois gab alſog 1 ſeiner Vorhut den Auftrag, ſich in Bewegung zu ſetzen, und nachdem Herr Euſta⸗ chius von Ribeaumont als Plänkler, und um das Ter⸗ rain zu erkunden, ſich an die Spitze der Colonne geſetzt hatte, begann die ganze Armee durch den Sumpf zu marſchiren, aus welchem viele Ritter wegen der Wucht ihrer Rüſtungen und jener ihrer Pferde, nur mit Mühe herauskamen, was dem Könige Philipp bewies, wie ſehr Recht er hatte, nicht am vorigen Tage, im Angeſichte der feindlichen Armee, den Uebergang zu wagen, den er jetzt ohne Furcht und ohne Gefahr ausführte. Herr Euſtachius hatte ſich nicht getäuſcht; die ganze Gegend war öde, und er ging ohne Hinderniß, an der Spitze des kleinen Truppes, den er anführte, auf den Gipfel des Berges, wo er die Lanze und den Helm wieder nahm, die er dort zurückgelaſſen hatte. Philipp lagerte an derſelben Stelle, wo Eduard ſeine Schlachthaufen geordnet hatte, und blieb zwei Tage lang dort; nach Verlauf dieſer Zeit, und nach erhaltener Nachricht von den Leuten der Gegend, daß der König von England mit ſeinen Baronen und mit den Seigneurs des Rei⸗ ches nach Hennegau ſich zurückgezogen habe, dankte er 213 höflich den Königen, Herzogen, Grafen, Baronen, Rit⸗ tern und Seigneurs, die ihm gedient hatten, erlaubte ihnen, hinzugehn, wohin ſie wollten, und kehrte nach Saint⸗Quentin zurück, von wo er ſeine Reiſigen in Garniſon in die Städte Tournay, Lille und Douai ſen⸗ dete; als dieß geſchehen war, und er ſah, daß es an den Marken und Grenzen ſeines Königreiches nichts mehr zu thun gebe, begab er ſich wieder nach Paris, das ihr Mittelpunkt iſt. Eduard kam nach Antwerpen, wo er ſich einſchiffte, indem er, zum Zeichen, daß er bald zurückzukehren ge⸗ denke, unter der Obhut ſeines Gevatters Jakob von Ar⸗ tevelle, die Königin Philippine in der Stadt Gent zu⸗ rückließ, und die Grafen von Suffolk und Salisbury be⸗ auftragte, Flandern zu bewachen und zu vertheidigen, im Falle der König Philipp es wegen der Dienſte be⸗ ſtrafen wollte, die es ihm geleiſtet hatte, und die es ihm wie er hoffe, wohl wieder leiſten würde. Da er dann in die offene See gekommen war, ohne auf einen von den normänniſchen oder genueſiſchen Seeräubern zu ſto⸗ feun, ſchiffte er ſo eilig, daß er am 21. Februar des Jahres 1340 in London eintraf, und noch am nämli⸗ chen Tage nach Weſtminſter ging, wo ſeine Rückkehr ein Gegenſtand der Freude für ſein ganzes Königreich war. Dreizehntes Kapitel. Seit den Nachrichten, welche König Eduard an dem zur Schlacht bezeichneten Tage, und an welchem die .E A 214 Schlacht nicht ſtatt fand, erhielt, hatten ſich ſeine An⸗ gelegenheiten in Schottland noch verſchlimmert; eine letzte kühnere und nicht minder gelungene Unterneh⸗ mung, als die übrigen, beſtimmte Eduard, ſeine erſten Blicke nach jener Seite, als derjenigen zu richten, wo die Gefahr am dringendſten war. Wir ſagten, daß unter der Zahl der feſten Plätze, welche Baliol oder vielmehr Eduard in Schottland behalten hatte, das Schloß Edinburg ſich befand, das man für uneinnehm⸗ bar hielt; aber Wilhelm Douglas war einer andern Meinung, und nachdem er den Grafen Patrick, Sir Alexander Ramſay und Simon Frazer, den ehemaligen Lehrer des jungen Königs in ritterlichen Uebungen ver⸗ ſammelt hatte, theilte er ihnen ſeinen Plan mit, und erbot ſich, ihn allein auszuführen, oder die Gefahren und die Ehre deſſelben mit ihnen zu theilen. Je ver⸗ wegener ein Unternehmen war, deſto mehr mußte es ſolchen Männern gefallen; ſie nahmen alſo einſtimmig den Plan des Douglas an, und beſchäftigten ſich alſo⸗ gleich mit ſeinem Vollzuge. Ihre erſte Sorge war, zweihundert von den tapferſten und wildeſten Schotten zu wählen; da er ihnen auftrug, in kleinen Abtheilun⸗ gen, um keinen Verdacht zu erregen, an einer Küſte der Grafſchaft Fife ſich einzufinden, kamen ſie bei Nacht mit einem mit Mehl, Haber und Stroh beladenen Fahr⸗ zeuge, und holten ſie in einer Schaluppe ab, immer zehn Mann; als Alle an Bord waren, und ſie einen ſchlechten Wind hatten, ſchifften ſie rudernd, und zwar ſo lange, bis ſte auf drei Meilen von Edinburg ankamen; hier trennten ſie ſich in zwei Schaaren, und indem Wilhelm Deug⸗ — 8 * 245 8— las, Simon Frazer und Sir Alexander Ramſay, nur zwölf von den entſchloſſenſten Männern bei ſich behiel⸗ ten, befahlen ſie den Uebrigen, auf einem andern Wege, als demjenigen, den ſie ſelbſt einſchlagen ſollten, in eine alte öde Abtei zu ziehen, die am Fuße des Berges, und nahe genug dem Schloſſe lag, um das verabredete Signal zu hören, und alſogleich, ihren Gefährten zu Hülfe, herbeizueilen, ſofort daſelbſt ſich in Hinterhalt zu legen; ſie und ihre zwölf Bergbewohner zogen dann zerriſſene Kleider an, und ſetzten alte Hüte auf, um wie arme Handelsleute auszuſehen, beluden zwölf Pferde, jedes mit einem Sacke Haber, Mehl oder Stroh, be⸗ waffneten ſich unter ihren Mänteln, und begannen mit Tagesanbruch den Felſen zu erſteigen, der ſo ſteil war, daß wenn die Pferde nicht, wie die Männer unter den beſten Thieren der Bergbewohner wären gewählt wor⸗ den, ſie dieſen Weg nicht hätten machen können. Nach tauſend Mühen gelangten ſie endlich zur Hälfte des Berges. Auf dieſem Punkte angekommen, gingen Wil⸗ helm von Douglas und Simon Frazer von der Kara⸗ vane weg, die unter den Befehlen des Sir Alerander Ramſay blieb, ſetzten ihren Weg fort, und kamen ſo zum Fallgatter. Da ihnen hier die Schildwache den Durchzug wehrte, verlangten ſie mit dem Pförtner zu ſprechen, der, hiervon unterrichtet, alſogleich kam; nun ſagten ſie zu ihm, daß ſie Handelsleute ſeyen, die, nach⸗ dem ſie erfahren, daß die Garniſon auf dem Punkte ſtehe, Mangel an Lebensmitteln und an Futter zu lei⸗ den, aus Ergebenheit für Baliol, und zugleich um ſich ihr Brod zu verdienen, es gewagt hätten, durch die 216 Banden ſchottiſcher Streifreiter zu ziehen, und endlich mit zwölf mit Korn, Haber und Stroh beladenen Pfer⸗ den angekommen wären, die ſie wohlfeil zu verkaufen geneigt ſeyen. Der Pförtner antwortete, daß die Gar⸗ niſon gerne Lebensmittel kaufen würde, woran ſie wirk⸗ lich einen großen Mangel habe, daß es jedoch noch ſo früh an der Zeit ſey, daß er weder den Gouverneur noch den Haushofmeiſter in Kenntniß zu ſetzen wage, aber inzwiſchen, bis ſie erwacht wären, wenn ihre Ge⸗ fährten kommen wollten, ihnen das erſte Thor öffnen wolle. Dieß war Alles, was Wilhelm von Douglas und Simon Frazer verlangten; ſie gaben folglich dem kleinen Truppe ein Zeichen, heraufzuſteigen, und er ſetzte ſich mit einer ſolchen Art von Ehrbarkeit in Marſch, daß er unmöglich einen Verdacht erregen konnte. Auf der Plateforme angekommen, ging ihm der Pförtner ſelbſt entgegen, und führte ihn in die erſte Einfriedung, dann öffnete er ihm die Barridren, und ſagte zu den vorgeblichen Handelsleuten, daß ſie auf Gerathewohl ihre Waaren abladen könnten, da ſie ihnen, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, zu dem von ihnen bezeichneten Preiſe bis auf den letzten Sack abgekauft würden; die Berg⸗ bewohner ließen es ſich nicht zweimal ſagen, und die Säcke gerade auf die Thorſchwelle werfend, verſicherten ſie ſich, daß man es nicht wieder verſchließen konnte; hierauf näherte ſich einer von ihnen dem Pförtner, der ſeinen Bund Schlüſſel in der Hand hielt, und verſetzte ihm einen ſo raſchen und tiefen Dolchſtich, daß er lautlos zu Boden ſtürzte. Alſogleich warf der ganze kleine Trupp die zerriſſenen Kleider weg; Simon Fra⸗ 217 zer nahm die Schlüſſel, während Wilhelm von Doug⸗ las, ſein Horn anſetzend, drei ſchrillende und gedehnte Klänge erſchallen ließ. Dieß war das verabredete Zei⸗ chen: ſobald der Reſt des in der alten Abtei im Hin⸗ terhalte aufgeſtellten Truppes den ſowohl bekannten Klang dieſes Hornes hörte, ſprang er aus dem Verſtecke hervor, die Felſen mit der Schnelligkeit der Hirſchen und Gemſen dieſer Berge erklimmend. Die Schild⸗ wache, bereits durch den Klang des Hornes aufmerk⸗ ſam gemacht, errieth Alles, und ſchrie, da ſie dieſe Männer kommen ſah, aus allen Kräften:„Verrätherei! Verrätherei! ſchnell, Seigneurs! ſchnell, kommt heraus und ſchaaret Euch!“ Auf dieſes Geſchrei erwachten der Caſtellan und Jene im Innern, wappneten ſich völlig, und eilten zum Thore, um es wieder zu ſchließen; al⸗ lein ſie fanden dort Wilhelm Douglas und ſeine Ge⸗ fährten; auch die Schildwache wollte an das Thor eilen und es ſchließen, aber Simon Frazer hatte die Schlüſ⸗ ſel. In dieſem Momente kam der Reſt des Truppes an, und nun mußten die Bewohner des Schloſſes die übrigen Thore vertheidigen, anſtatt jene anzugreifen, welche ihre Feinde bereits genommen hatten. Hier, in dieſem engen Hofe, worin Alle eingeſchloſſen waren, ſo⸗ hin Eine von beiden Parteien unterliegen mußte, ge⸗ ſchahen Wunder von Waffenthaten, denn die Stürmen⸗ den hatten mit einem tapferen Ritter, der Caſtallan war, Namens Walter von Limouſin zu thun, der ſich wie ein Löwe vertheidigte, von Barrière zu Barridre, von Thor zu Thor; endlich, da er allein übrig blieb Dumas, die Gräfin von Salisbury. 10 218 —mit ſeinen ſechs Knappen, mußte er ſich ergeben. Die Generale des Königs David ſetzten an ſeine Stelle ei⸗ nen tapferen ſchottiſchen Knappen, welcher Simon von Vergy hieß, ließen ihm als Garniſon den Trupp, der das Schloß nahm, und kehrten zu andern Unternehmun⸗ gen zurück. Eduard hatte deßhalb, weil er Flandern verließ⸗ nicht auf ſeinen Krieg gegen Philipp von Valois, und nicht auf ſein Gelübde verzichtet, das er gethan, im Angeſichte der Glockenthürme von Saint⸗Denis zu la⸗ gern; aber, wie man ſieht, war die Lage Englands, zwiſchen den normänniſchen Seeräubern und ſchottiſchen Landſtreifern, kritiſch genug, auf daß ſein König zurück⸗ kam, um ihm durch ſeine Gegenwart wieder ein wenig Zuverſicht und Muth zu verleihen. Eduard war alſo unſchlüſſig, auf welchen von ſeinen Feinden, zu Land oder zu Meer, er zuerſt losgehen ſollte, als er das Ge⸗ lingen des abenteuerlichen, von Wilhelm von Douglas ſo kühn vollbrachten Unternehmens erfuhr. Von nun an ſäumte er nicht mehr, ſeine erſte Sorge auf die Grenzen Schottlands zu verwenden, deren Garniſonen er verſtärken wollte, und nachdem er kaum vierzehn Tage in London damit zugebracht hatte, ſeine Inſtruk⸗ tionen zu ertheilen, um eine Flotte daſelbſt bereit zu finden, reiſete er nach Appebly und Carlisle, beſichtigte alle Marken des Königreiches von Brampton bis New⸗ caſtle, nahm Johann von Neufpoille mit ſich, der ihr Gouverneur war, ging bis Berwick, wo Eduard Bali ſich aufhielt, und begab ſich nach einem Auft thalt von einigen Tagen, um mit ihm die Intereſſen bei⸗ 8*— & 2— S — f 219 den Königreiche zu erörtern, am rechten Ufer der Tweed bis Norham hinauf, wo er ſeine Begleitung ließ, nahm dann Johann von Neufville zu ſeinem einzigen Beglei⸗ ter, ritt allein mit ihm eine halbe Tagreiſe weit fort, und klopfte mit einbrechender Nacht an die Thore des Schloſſes Wark. Hier war es, wenn man ſich deſſen erinnert, wo Elſe von Granfton, nachdem ſie den Gra⸗ fen von Salisbury ſeines Gelübdes entbunden hatte, das ihrige vollzog. Seitdem ihr Gemahl ſie verlaſſen hatte, war ſie in der Einſamkeit und Abſonderung ge⸗ blieben, muthig in dieſem Schloſſe verweilend, wie aus⸗ geſetzt ſie auch den Ausflügen der Schotten ſeyn mochte. Freilich war der Platz feſt, beſaß eine ſtarke Garniſon, und wurde von Wilhelm von Montaigu ſorgfältig be⸗ wacht. Sobald daher dieſer erfuhr, daß zwei engliſche Ritter Gaſtfreundſchaft auf eine Nacht im Schloſſe Wark verlangten, ſo wollte er, wie ſehr ihm auch noch die Einnahme von(dinburg zu denken gab, ſelbſt ſie empfangen und ausfragen: er ging folglich zum Schlupf⸗ thore hinab, und fragte die neuen Ankömmlinge, wer ſie wären, und was ſie wollten. Statt aller Antwort öffnete Johann von Neufoille das Viſir ſeines Helmes, und gab ſich als Gouverneur von Northumberland zu erkennen. Der Ritter, der ihn begleitete, ſey, ſagte er, ein Geſandter des Königs Eduard, der mit ihm die Provinz beſichtige, um zu ſehen, ob dort hinſichtlich der Schotten Alles in guter Ordnung ſich befinde. Wil⸗ helm von Montaigu empfing ſie alſogleich mit gller Willfährigkeit, die ihrem Range gebührte, geleitete ſte in das Ehrengemach, und verließ ſie, da ſie die Gunſt 10* 2 nachgeſucht hatten, der Gräfin ihre Aufwartung zu ma⸗ chen, um die Befehle derſelben zu erholen. Kaum hatte er ſich entfernt, als Eduard ſeinen Helm abnahm: übri⸗ gens war die von ihm beobachtete Sorgfalt, ſein Viſir geſchloſſen zu halten, vielleicht nur eine übertriebene Vorſichtsmaßregel. Seit den zwei Jahren, während welcher er in dieſem Theile Englands nicht erſchienen war, hatte er ſeinen Bart, ſeinen Knebelbart, und ſein Haupthaar wachſen laſſen, ſo daß dieſe neue Zierde, die übrigens mit mehr oder weniger Uebertreibung von al⸗ len Seigneurs zu jener Zeit angenommen wurde, ſein Antlitz genügend veränderte, daß nur ſeine Vertrauteſten ihn wieder erkennen konnten, oder jene, die bei dieſem Wiedererkennen ein Intereſſe des Haſſes oder der Liebe hatten. Zudem war er ſo ohne Abſicht gekommen, nur von jenem alten Sehnen geleitet, das er immer nach der ſchönen Elſe gehegt hatte, ein Sehnen, welches die Abweſenheit und der Krieg gedämpft, aber nicht aus ſeinem Herzen verdrängt hatten, und welches mit ſeiner ganzen urſprünglichen Gewalt von jenem Momente an wieder erwacht war, da er ſich in der Nähe des Schloſ⸗ ſes befand, welches ſie bewohnte. Deßhalb hatte er ſich eben ſo ſehr, um ſeine Gemüthsbewegung, als um ſein Antlitz zu verbergen, in einen Theil des Saales geſetzt, wohin das Licht kaum drang, ſo daß der Kö⸗ nig, als Wilhelm von Montaigu zurückkehrte, entweder aus Zufall oder abſichtlich, hinreichend vom Dunkel um⸗ hüllt war, daß es unmöglich wurde, ihn wieder zu er⸗ kennen, hätte auch ſein Aeußeres keine Veränderung er⸗ litten. Johann von Neufville, da ihn nichts bewog, 221 8 ſich zu verſtecken, und unkundig deſſen war, was im Geiſte des Königs vorging, hatte ſich an den Kamin gelehnt, und ſprach tapfer einem großen Humpen Meth zu, den zwei hinter ihm eingetretene Diener auf den Tiſch ſtellten. „Wohlan,“ ſagte er zu Wilhelm von Montaigu, ſeine Phraſe unterbrechend, um das Glas bisweilen an ſeinen Mund zu bringen, und in kleinen Zügen zu ſchlürfen,„was für Nachrichten bringt Ihr uns, mein junger Caſtellan? Gewährt uns die Gräfin von Salis⸗ bury die Gunſt, um die wir ſie bitten laſſen, und auf welche Niemand größere Anſprüche hat, als wir, wenn es genügt, um ſie zu erhalten, Bewunderer ihrer Schön⸗ heit zu ſeyn?“ „Die Gräfin dankt Euch für Eure Artigkeit, mein Herr,“ antwortete kalt der junge Mann,„aber ſie be⸗ gab ſich nach dem Empfange unangenehmer Briefe, die eben heute eintrafen, in ihr Gemach, und ihr Schmerz iſt ſo groß, daß ſie hofft, er werde ihr zur Entſchuf⸗ digung bei Euch dienen, und Ihr würdet die e haben, mich als ihren Repräſentanten anzunehmen.“ „Und darf man,“ fragte Eduard,„wenn nicht, um ſie in ihrem Kummer zu tröſten, ſo doch mindeſtens um ihn zu theilen, den Grund kennen, der ihn veran⸗ rlaßt, und welche ſo ſchreckliche Nachricht die Briefe ent⸗ hielten, welche ſie empfing?“ Wilhelm bebte bei dem Klange dieſer Stimme, und näherte ſich Eduard unwillkürlich einen Schritt; dann blieb er alſogleich ſtehen, die Augen auf ihn heftend, wie wenn dieſe Augen die Eigenſchaft beſäßen, mitten im Dunkel zu erkennen; aber er antwortete nicht. Der König wiederholte ſeine Frage.. „Dieſe Briefe,“ fuhr endlich Wilhelm mit bewegter Stimme fort,„enthielten die Nachricht, daß der Graf von Salisbury den Franzoſen in die Hände gefallen ſey, ſo daß die Gräfin zur Stunde nicht weiß, ob er todt iſt, oder lebt.“ „Und wo und wie wurde er zum Gefangenen ge⸗ macht?“ rief Eduard aus, indem er ſich in ſeiner ganzen Höhe aufrichtete, und ſeiner Frage die ganze Kraft eines Befehles verlieh. „Bei Lille, Monſeigneur,“ antwortete Wilhelm, in⸗ dem er Eduard bei dem Titel nannte, den man den Grafen, den Herzogen und den Königen gleichmäßig gab,„in dem Momente, da der Graf von Suffolk und er, der deßhalb übernommenen Verpflichtung gemäß, aufbrachen, um dem Jakob von Artevelle Beiſtand zu bringen, der ſie gegen Tournay zu, in einem Engpaſſe, Pont ⸗de⸗Fer genannt, erwartete.“ „und hat ſeine Gefangennehmung keine andere Folge gehabt?“ fragte Eduard beſorgt. „Sie hat die Folge gehabt, Monſeigneur,“ ant⸗ wortete Wilhelm kalt, daß der König Eduard einen ſeiner tapferſten und loyalſten Ritter verlor.“ „Ja, ja, gewiß, und Ihr ſprechet verſtändig, mei d junger Caſtellan,“ erwiederte Eduard, ſich wieder ſetzend; „der König wird äußerſt ergrimmt ſeyn, wenn er dieſe Nachricht erfahren wird; aber der Brief lautet, daß der Graf Gefangener iſt und nicht todt, nicht wahr? Nun denn, dieß iſt kein Unglück ohne Hülfsmittel, und e ich bin überzeugt, daß der König Eduard geneigt ſeyn wird, jedes Opfer zu bringen, um einen ſo edlen Ritter loszukaufen.“ „Daher wollte die Gräfin ihm morgen einen Boten ſenden, Monſeigneur, ſo ſehr zählte ſie auf das Wohl⸗ wollen und die Loyalität, für die Ihr jetzt die Bürg⸗ ſchaft übernehmet.“ „Es iſt überflüßig, daß ſie mit dieſer Mühe ſich befaſſe,“ ſagte Eduard,„ich werde die Botſchaft über⸗ nehmen.“ „Und wer ſeyd Ihr, mein Herr,“ entgegnete Wilhelm, „damit ich zur Kenntniß meiner edlen Tante den Namen desjenigen bringen kann, dem ſie eine ſo große Ver⸗ bindlichkeit ſchulden wird.“ „Es iſt überflüſſig, ihn Euch zu nennen,“ ſagte Eduard,„aber hier iſt Herr Johann von Neufoille, der als Gouverneur der Provinz alles Vertrauen ver⸗ dient, und für mich gut ſtehen wird.“ „Gut, Monſeigneur,“ verſetzte Wilhelm;„ich will die Befehle der Gräfin erholen, die in ihrem Betgemache betet.“ „Könnet Ihr uns, in Erwartung der Antwort, den Boten ſenden, der dieſe Briefe brachte? Wir haben ein großes Verlangen, Herr von Neufville und ich, Nach⸗ richten aus Flandern zu erhalten, und weil er von dort kommt, kann er uns welche geben.“ Wilhelm verbeugte ſich zum Zeichen ſeiner Bei⸗ ſtimmung: zehn Minuten nachher trat der Bote ein; ein Knappe des Grafen; er traf wirklich am nämlichen Tage aus Flandern ein, und hatte an dem Scharmützel Theil genommen, bei welchem Salisbury und Suffolk waren gefangen worden. Die Abreiſe Eduards nach England, und die Rückkehr Philipps von Valois nach Paris, hatten die Feindſeligkeiten nicht unterbrochen: die Grafen von Suffolk, von Salisbury, von Nort⸗ hampton und Herr Walter von Mauny waren, wie geſagt, zurückgeblieben, um den Krieg in den Städten von Flandern zu führen, während Herr Godemar Dufay im Doornik'ſchen, Herr von Beaujeu zu Mortagne, der Seneſchall von Carcaſſonne in der Stadt Saint⸗ Amand, Herr Aimery von Poitiers zu Douai, der Herr Walliſer de la Beaume, Herr Devilliers, der Marſchall von Mirepoir, und der Herr Moreuil in der Stadt Cambrai, täglich irgend einen neuen Ausfall machten, in der Hoffnung, auf engliſche Detachements zu ſtoſſen, um zu ſcharmützeln, und kühne Waffenthaten zu ver⸗ richten. Nun begab es ſich, daß eines Tages, mit der Genehmigung des Königs von Frankreich, der ſeinem Neffen den ſeinem Feinde geleiſteten Beiſtand nicht ver⸗ zeihen konnte, die verſchiedenen Cambrai'ſchen Garniſonen ſich zuſammenzogen, jede ihr Contingent lieferte, und ſo wohl ſechshundert Reiſige verſammelten; mit ſinken⸗ der Nacht brachen ſie dann auf, verſtärkten ſich mit den Detachements von Chäteau⸗Cambreſis und Mau⸗ maiſon, und zogen nach der Stadt Haspres, welche groß und gut mit Gräben umgürtet, aber nicht mit Thoren verſchloſſen war, obgleich ſie Wälle hatte. Da übrigens der Krieg zwiſchen Hennegau und Frankreich nicht erklärt, im Gegentheile der Graf von Geldern bei ſeinem Oheime wieder in Gnaden ſtehend erachtet 4 ——-—„„„ ,/— 225 wurde, hegten die Einwohner weder Beſorgniß noch Mißtrauen, ſo daß die Franzoſen bei ihrem Einzuge Jeden ſehr ruhig in ſeinem Hauſe, Quartier oder Hötel eingeſchlafen fanden; es ſtand ihnen demnach Alles zu Dienſten, Gold und Silber, Tücher und Kleinodien; daher machten ſie ſich auch fleißig darüber her, zündeten die Stadt an, als ſie Alles genommen hatten, und brannten ſie ſo vollſtändig nieder, daß nichts ſtehen blieb, als die Mauern, welche ſie umgaben, dann trieben ſie ihre ganze, auf Wagen und Pferde geladene Beute vor ſich her, und kehrten nach Cambrai zurück. Da dieſes Ereigniß gegen neun Uhr Abends geſchah, ſprengte ein Kurier, der von der Stadt in dem Momente weg⸗ geritten war, da die Franzoſen ſo eben ihren Einzug gehalten hatten, mit verhängtem Zügel nach Valen⸗ ciennes, und kam dort gegen Mitternacht an, um die Nachricht davon dem Grafen Wilhelm zu überbringen, der in ſeinem Hötel de la Salle ruhig ſchlief, ohne zu vermuthen, daß man ſeine Stadt plünderte und ver⸗ brannte; bei der erſten erhaltenen Kunde ſprang er aus ſeinem Bette, rüſtete ſich eilig, ließ ſeine Leute wecken, eilte perſönlich auf den Marktplatz, und gab Befehl, die Sturmglocken zu läuten. Auf dieſes Lärmzeichen kam Jeder herbei, und der Graf von Hennegau, von den Eiligſten gefolgt, und den Uebrigen den Befehl zurück⸗ laſſend, ihm nachzuziehen, ritt raſch aus der Stadt, voll Begierde, ſeine Feinde zu finden. Auf einem Berge ankommend, der die ganze Umgegend beherrſcht, ſah er in der Richtung von Magny einen großen Schimmer, der ihm deutlich anzeigte, daß die Stadt in Flammen 226 ſtehe; dieß ſtachelte auf's Neue ſeine Eile, und er hatte: bereits ungefähr zwei Dritttheile des Weges zurückgelegt, als ihm ein zweiter Kurier meldete, daß die Franzoſen mit ihrer Beute und ihren Gefangenen abzogen, und es überflüſſig ſey, ſeinen Weg fortzuſetzen. Dieſe letztere Nachricht erhielt er in der Abtei von Fontenelles, wo ſich ſeine Frau Mutter befand, ſo daß er, anſtatt nach Valenciennes zurückzukehren, voll Grimm die Gaſtfreund⸗ ſchaft der Aebtiſſin nachſuchte, indem er ſagte, daß ihm das Königreich Frankreich dieſe Ueberrumpelung und dieſen Brand von Haspres, zu dem nichts ermächtigen konnte, ſchwer büßen ſolle; die gute Dame that ihr Möglichſtes, ihren Sohn zu beſchwichtigen und den König Philipp zu entſchuldigen, der ihr Bruder war; aber der Graf Wilhelm gab ihren Gründen kein Gehör, wie gut ſie auch waren, und ſchwur, ſich nicht eher zufrieden zu ſtellen, bis er ſeinem Oheime das Doppelte deſſen, was er ihm ſo eben gethan, würde zugefügt haben. Daher war er kaum wieder in Valenciennes, als er ſchreiben ließ, und Briefe an alle Ritter und Prälaten ſeines Landes ſendete, mit dem Auftrage, an dem Tage, den er ihnen bezeichnete, zu Bergen in Hennegau zu ſeyn. Die Nachricht hiervon drang raſch zu Herrn Johann von Hennegau auf ſeinem Gute Beaumont, und da er ſtets ſtandhaft zum Könige von England ge⸗ halten hatte, ſtieg er ſchnell zu Pferd, um ſeine Dienſte ſeinem Neffen anzubieten, und ritt ſo tüchtig ſeines Weges, daß er am andern Tage in Valenciennes an⸗ kam, wo er den Grafen in ſeinem Palaſte de la Salle traf. Nicht ſo bald erfuhr dieſer ſeine Ankunft, als er 2 — ——, ꝙ A 224 4 ihm entgegenging, und, da er ihn kaum noch bemerkte, zu ihm ſagte, ohne ihm Zeit zu laſſen, ſich zu nähern: „Ah! lieber Oheim, Ihr ſeht da Euern Krieg mit den Franzoſen gewaltig verſchönert.“ „Werther Neffe,“ antwortete Herr von Beaumont, „Gott ſey gelobt, und was Ihr mir da ſagt, macht mir großes Vergnügen, obgleich dieſe Worte Euch von dem eben erſt Euch veranlaßten Verdruße und Schaden eingegeben ſind, aber Ihr waret auch für den Dienſt des Königs Philipp allzuſehr eingenommen, und es ſchadet nicht, daß Ihr empfindet, wie er belohnt. Nun ſehet zu, von welcher Seite Ihr in Frankreich einfallen wollet, und macht Euch auf den Weg; von welcher Seite Ihr auch einfallen möget, ich folge Euch.“ „Gut, gut,“ antwortete der Graf;„verbleibet in dieſer guten Stimmung, denn es drängt mich, wie Euch, und der Schlag wird in kurzer Zeit geführt werden.“ Wirklich wurde, am Tage nach dem zur Verſamm⸗ lung, wobei Jeder erſchien, bezeichneten Tage, Herr Thibaut Gignas, Abt von Crespy, mit den Fehdebrie⸗ fen des Grafen und aller Seigneurs, Barone und Rit⸗ ter des Landes beauftragt, und während er ſie dem Könige Philipp von Valois brachte, ſchaarte der Graf Reiſige, und entbot alle jene des Landes Brabant und Flandern, ſo daß er bei der Rückkehr ſeines Sendlings zehntauſend Gewappnete hatte. Sie waren kaum ver⸗ ſammelt, als der Graf an ihrer Spitze gegen die Stadt Aubanton zog, die eine große Stadt war, welche einen ſtarken Tuch⸗ und Leinwandhandel trieb. Ungeachtet 228 der bethätigten Eile überraſchten ſie dieſelbe doch nicht unverſehens; denn ihre Einwohner hatten alle dieſe Rüſtungen des Grafen Wilhelm und ſeines Oheims, des Herrn von Beaumont, mit großem Mißtrauen beobach⸗ tet, folglich zu dem Landvogte von Vermandois geſen⸗ det, um ihn um Beiſtand zu erſuchen, und dieſer ih⸗ nen den Seigneur von Vervins, den Vicedom von Chä⸗ lons, und den Herrn Johann de la Bove mit ungefähr dreihundert Gewappneten gegeben; ſie fanden die Stadt in ziemlich ſchlechtem Vertheidigungszuſtande, aber da ſie einige Tage vor ſich hatten, gruben ſie Gräben, ver⸗ ſtärkten die Mauern, legten Barrieren außerhalb der Gräben an, und erwarteten ihre Feinde. Am folgen⸗ den Freitage bemerkten ſie dieſelben, die aus einem, Thierache genannten, Walde hervorzogen, und, etwa auf eine Viertelmeile angekommen, auf einem Hügel ſtehen blieben, um zu erkunden, von welcher Seite man die Stadt am beſten nehmen könnte; nach Beendigung die⸗ ſer Spähe ſchlugen ſie ihr Lager; am andern Tage, mit der Morgendämmerung, theilten ſie ſich in drei Haufen, der erſte unter dem Banner des Grafen Wil⸗ helm, der zweite unter jenem des Herrn Johann von Beaumont, der dritte unter jenem des Herrn von Fau⸗ quemont, und rückten gegen die Stadt. Die Belager⸗ ten ihrerſeits beſetzten die Mauern mit vielen Armbruſt⸗ ſchützen, und ſtellten ſich hinter den Barrieren auf; dann, die kurze Friſt bis zum Zuſammenſtoſſe der beiden Ar⸗ meen noch benützend, ſchlug der Vicedom von Chalons ſeine drei Söhne, zu Rittern, die drei ſchöne und tapfere junge Leute waren, in einer guten Schule gebildet, und 8ᷣ △η‿ — 2 —————ꝛ:———,——O— 2QA8 229 mit den Waffen vertraut. Der Sturm geſchah mit ei⸗ ner Erbitterung, der Jenen in der Stadt bewies, daß es ein Rache⸗ und Vertilgungskrieg, und im Falle der Niederlage kein Pardon zu erwarten ſey; anſtatt durch dieſe Ausſicht ſich einſchüchtern zu laſſen, ſchöpften ſie daraus einen neuen Muth, und verfuhren auf die näm⸗ liche Weiſe. Ungeachtet des Hagels von Pfeilen aller Art, die es auf den Grafen von Hennegau regnete, kam er dennoch zuerſt bei den Barrieren an, und fand dort den Vicedom von Chälons und ſeine drei Söhne; faſt zur nämlichen Zeit griff auf der Brücke Herr Johann von Beaumont den Seigneur von Vervins, ſeinen per⸗ ſönlichen Feind, an, der ihm ſeine Stadt Chimay ver⸗ brannt und geplündert hatte; von beiden Seiten war der Anprall ſchrecklich. Die auf den Wällen Befindli⸗ chen warfen auf die Andern Steine, Balken und Kalk herab. Die Stürmenden zerſchmetterten mit mächtigen Artſchlägen die Barrieren, und ſpießten mit ihren lan⸗ gen Lanzen jene, die ſich ihnen nähern wollten, um ſie zu vertheidigen; endlich wurde eine Barriere durchbro⸗ chen, und man wurde handgemein. In dieſem Mo⸗ mente war's, daß die drei jungen Leute, die ihr Vater ſo eben zu Rittern geſchlagen hatte, ihre Ritterwürde verdienen wollten, und ſich, während der Vicedom von Chalons dem Herrn von Fauquemont die Stirne bot, dem Grafen Wilhelm entgegen warfen; allein dieſer war ein gewaltiger und gewandter Ritter: mit dem erſten Stoſſe ſeines Schwertes durchbohrte er die Tartſche und den Küraß des Aelteſten der drei jungen Leute, und zwar ſo ſis, daß ihm die Klinge hinter den 230 Schultern hervordrang; die zwei Andern ſahen ihn fal⸗ len, aber ohne ſich damit zu beſchäftigen, ihm einen unnützen Beiſtand zu leiſten, denn ſie hielten ihn wohl für todt, griffen ſie den Grafen an, der die Stärke eines Rieſen zu haben ſchien, und ihnen die Streiche, welche ſie nach ihm führten, kampfglühend erwiederte; da ſie ihn jedoch drängten, der Eine mit einer Lanze, der Andere mit einem Schwerte, und er denjenigen nicht erreichen konnte, welcher mit der Lanze nach ihm ſtieß, begann er in großer Gefahr zu ſchweben, als einer von den beiden jungen Leuten gewahrte, daß Herr von Fau⸗ quemont ſeinem Vater hart zuſetze; mit dem Gedanken, daß ſein Bruder ſich wohl allein vertheidigen könnte, übrigens von einem innigeren Gefühle zu dem Einen als zu dem Andern hingeriſſen, ſtürzte er in dem Mo⸗ mente ihm zu Hülfe, da Herr von Fauquemont, mit einem Kolben bewaffnet, nachdem er ihn zu Boden ge⸗ worfen, in ſeiner Rüſtung ihn zu erſchlagen verſuchte, durch die er mit ſeinem Schwerte nicht dringen konnte. Plötzlich von hinten angegriffen, mußte Herr von Fau⸗ quemont von dem Greiſe ablaſſen, und dem jungen Manne ſich ſtellen; inzwiſchen zogen jene in der Stadt den faſt ohnmächtigen Vicedom von Chaͤlons hinein; aber da ſein Helm ſich wieder geöffnet hatte, kam er faſt alſogleich zu ſich, und eilte nun auch ſeinem Sohne zu Hülfe, wie ſein Sohn ihm zu Hülfe gekommen war. Mittlerweile kämpfte der Graf von Hennegau mit dem andern jungen Manne; dieß war derjenige, der ihn mit der Lanze angriff; Wilhelm ſah wohl ein, daß er mit ſeinem Gegner nur mit Mühe fertig würde, ſo lange — gZ S— 2 —„ ͤ— D/ Sdre dSe—9 -—-„hZ —— 2=—;₰/d f 231 er ihm dieſe Waffe in den Händen ließe. Er hieb ihm alſo mit einem Rückſtreiche ſeines Schwertes die Lanzen⸗ ſtange ſo völlig ab, daß das eiſenbeſchlagene Ende auf den Boden fiel, in den es ſich ſpießte; der junge Mann warf die Stange weit von ſich, die ihm zu nichts mehr dienen konnte, und bückte ſich, um eine Art zu ergrei⸗ fen, die er für den Fall hinter ſich geſtellt hatte, daß ſeine Lanze brechen ſollte. In dieſem Momente raffte Wilhelm von Hennegau alle ſeine Kräfte zuſammen, faßte ſein Schwert mit beiden Händen, und verſetzte da⸗ mit ſeineni Feinde einen ſo gewaltigen Streich hinter den Kopf, wo der Helm minder ſtark war, daß er ihn öffnete, wie wenn er von Leder geweſen wäre, und die Klinge ſo tief in das Gehirn drang, daß der junge Mann wie ein Ochs unter dem Beile zuſammenſtürzte, ohne auch nur noch Zeit zu haben, Gott um Gnade anzurufen. Als der Vater ſo ſeine beiden Kinder fal⸗ len ſah, faßte er das Dritté bei dem Arme, zog es zurück, und wollte in die Stadt heimkehren; aber die Stürmenden kamen ihm ſo dicht auf den Leib, daß ſie untereinander mit ihm hineindrangen. Seinerſeits hatte Herr von Beaumont Wunder von Tapferkeit gethan, und der Anblick ſeines Feindes, des Herrn von Vervins, ſeinen Muth noch verdoppelt, der ohnehin groß war, ſo daß er, nach einſtündiger Schlacht, die Schanzpfähle durchbrochen oder zertrümmert hatte, die von dieſer Seite allein die Stadt beſchützten. Als Herr von Vervins dieſen Zorn ſah, der ihm galt, wie er wußte, begriff er, daß er, wenn er gefangen würde, weder Pardon noch Loskauf erwarten dürfe; er ließ ſich 232 alſo ein Pferd vorführen, einen ausgezeichneten Renner, und bevor ſeine Gegner ihre Pferde erhielten, die man ihnen in einer Entfernung von zehn Minuten hielt, ent⸗ floh er durch das entgegengeſetzte Thor, welches jenes von Vervins war; allein man hatte ſich ſo ſehr beeilt, die Pferde des Herrn Johann von Beaumont und ſei⸗ nes Gefolges zu bringen, daß in dem Momente, da er, wie geſagt, auf der einen Seite hinausritt, ſein Feind auf der andern mit großem Geleite eilig hineinſprengte, mit flatterndem Banner ohne Aufenthalt durch die Stadt jagte, mitten durch die Fliehenden, ohne ſie anzuſchauen, da er nur einem Einzigen zu Leibe gehen wollte, und am Thore von Vervins ankam, als jener, den er verfolgte, an der Ecke der Straße in einem Staubwirbel ver⸗ ſchwand. Von der Anſicht geleitet, daß ſein Neffe auch ohne ihn ſtark genug ſey, ſetzte Johann von Hennegau ſeine Verfolgung fort, den Seigneur von Vervins einen Feigen und eine Memme ſchmähend, und ihm zurufend, zu halten; aber der Andere that es nicht, und trieb ſeinen Renner ſo ungeſtüm an, daß er zu den Thoren ſeiner eigenen Stadt gelangte, die zum Glücke offen ſtanden, und unverzüglich hinter ihm wieder geſchloſſen wurden, ſobald er über die Schwelle geritten war. Da Herr Johann von Hennegau ſah, daß nichts mehr zu thun ſey, kehrte er um, voll Zorn, daß ſein Feind ihm entwiſchte, und ſich deßhalb an jenen von ſeinen Soldaten rächend, die auf der nämlichen Straße flohen, und an denen er vorübergeritten war, ohne ſie zu be⸗ achten, während er ihrem Anführer nachſetzte. Indeſſen war der Graf Wilhelm in die Stadt gedrungen, hatte 233 ſeine Feinde verfolgt, die ſich auf dem Hauptplatze ſam⸗ melten, ſie angegriffen und zum Zweitenmale geſchla⸗ gen, und da Keiner von dieſen zu entfliehen ſuchte, ſie Alle getödtet oder gefangen; dann ließ er Pferde und Karren im Ueberfluße bringen, das Beſte, was er fin⸗ den konnte, aufladen, machte es, wie man es ihm ge⸗ macht hatte, zündete die Stadt an den vier Ecken an, indem er ſofort verbrannte, was er nicht mitſchleppen konnte; dann, als die Stadt nur mehr Aſche war, zog er ſich auf den Fluß zurück, und ritt am andern Tage mit ſeinem Oheime, der, wie er, voll Freude war über eine ſo glänzende Rache, in der Richtung des Fleckens Maubere⸗Fontaines von dannen. Dieſe Nachrichten gelangten bald zu Philipp von Valois, der dem Herzoge von Normandie, ſeinem Sohne, befahl, ſich alſogleich nach Hennegau mit dem zahlrei⸗ cheſten Heerbanne zu begeben, den er auftreiben könne, und auf dem Gebiete ſeines Vetters Alles mit Feuer und Schwert zu verwüſten; zu gleicher Zeit ſendete er neue Verhaltsbefehle an Hugo Quieret, Behuchet und Barbevaire, daß ſie, bei Todesſtrafe, die Küſten von Flandern dergeſtalt bewachen ſollten, daß der König Eduard daſelbſt nicht landen könne. Als jene von Douai, Lille und Doornik ſahen, wie die Sachen ſtänden, brach⸗ ten ſie ein Aufgebot von tauſend Gewappneten und drei⸗ hundert Armbruſtſchützen auf die Beine, um einen Zug durch das flamändiſche Land zu unternehmen; zu die⸗ ſem Zwecke brachen ſie am Abende von Doornik auf, und kamen bei Sonnenaufgang in der Nähe von Cour⸗ tray an, das ſie zu ſtark und zu gut bewacht fanden, 234 um es durch einen Handſtreich zu nehmen, deſſe en Vor⸗ ſtädte ſie aber plünderten und verbrannten, mit der Beute, die ſie vort machen konnten, alſogleich hinter die Lys ſich zurückziehend. Nun aber griff dieß unmittel⸗ bar die guten Leute von Flandern an, ſo daß Jakob von Artevelle große Beſchwerden hiewegen in der Stadt Gent erhielt, deren Rutwaert er war, darüber ergrimmte, und ſchwur, daß dieſe Frevelthat an der Doornikern ge⸗ rächt werden ſolle; demnach erließ er ſein Aufgebot an alle guten Städte von Flandern, und ſchrieb deßhalb an die Grafen von Salisbury und von Sufeolk, die, wie wir ſagten, zu dem Könige Eduard hielten, am bezeichneten Tage zwiſchen der Stadt Audenarde und Doornik, an einem gewiſſen Engpaſſe, Pont⸗de⸗Fer genannt, zu ihm zu ſtoßen. Die beiden Grafen von England ließen antworten, daß ſie am bezeichneten Tage dort ſeyn würden. Sie machten ſich alſo auf den Weg, um ihr Wort zu halten, von Herrn Wafflart de la Croir geführt, welcher das Land kannte, da er lange darin kriegte; allein es geſchah, daß jene zu Lille dieſes Auf⸗ gebot erfuhren, das in Allem nur aus fünfzig Lanzen und vierzig Armbruſtſchützen beſtand, und, aus der Stadt etwa fünfzehnhundert Mann ſtark aufbrechend, drei Hinterhalte legten, damit die Grafen von Suffolk und Salisbury, von was immer einer Seite ſie vor⸗ überzögen, ihnen nicht entwiſchen könnten. All das hätte jedoch zu nichts geführt, da Wafflart ſie auf einem Seitenwege geleitete, der auf eine andere Straße aus⸗ mündete, wenn nicht zufällig ein kürzlich aufgeworfener Graben den von ihnen eingeſchlagenen Weg würde durch⸗ 235 ſchnitten haben. Bei dem Anblicke dieſes friſch und tief gezogenen Grabens, hielt Herr Wafflart ſehr verlegen an, und gab den Rittern den Rath, umzukehren, ohne ſich um die verabredete Zuſammenkunft zu bekümmern; denn jeder andere Weg, ſagte er zu ihnen, als jener, welchen er ſie führte, und den ſie nicht fortſetzen könn⸗ ten, brächte ſie in Gefahr; doch die Ritter wollten nichts hören, begannen über die Beſorgniſſe ihres Führers zu lachen, und befahlen ihm, einen andern Weg einzuſchla⸗ gen, und vorwärts zu gehen, denn ſie hatten ſich gegen Jakob von Artevelle verbindlich gemacht, und wollten auf keine Weiſe ihr Wort brechen. Nun willigte Herr Wafflart ein; aber indem er eine letzte Anſtrengung machte, um ſie von dieſem Plane abzubringen, bevor ſie des Weges gingen, ſagte er zu ihnen:„Tapfere Seigneurs, freilich habt Ihr mich zum Führer auf die⸗ ſer Reiſe genommen, und ich meinerſeits mich anhei⸗ ſchig gemacht, Euch zu führen, werde Euch auch auf jedem Euch beliebigen Wege führen und geleiten, denn ich habe alle Urſache, mit Eurer Geſellſchaft zufrieden zu ſeyn; aber ich ſage es Euch zum voraus, daß ich, wenn es geſchieht, daß jene von Lille in irgend einem Hinterhalte uns aufpaſſen, da jede Vertheidigung ver⸗ gebens wäre, durch die Flucht für das Heil meines Lei⸗ bes ſorgen werde, und zwar ſo ſchnell, als ich es zu thun vermag.“ Bei dieſen Worten begannen die Ritter zu lachen, und antworteten ihm, daß, wofern er nur vorwärts gehen, und ſie auf den Weg bringen würde, auf wel⸗ chem ſie nach Pont⸗de⸗Fer kämen, ſie ihn hinſichtlich 236 alles deſſen für entſchuldigt hielten, was er im Falle eines Zuſammentreffens thun zu ſollen glauben dürfte. Sie ſetzten alſo ihren Weg lachend und plaudernd fort, ohne zu ahnen, daß die Vorherſagung des Herrn Waff⸗ lart in Erfüllung gehen würde, als in dem Momente, da ſie ſo eben in eine ganz mit dicken Gebüſchen und Bäumen beſetzte Schlucht gerathen waren, plötzlich die Helme eines Truppes Armbruſtſchützen ſich erheben, und um ſie her ſchimmern ſahen, welche riefen:„Nieder mit den Engländern, nieder!“ und alſogleich die That den Worten beigeſellend, einen Hagel von Pfeilen und Bol⸗ zen auf die Ritter entſchnellten. Bei dem erſten Schreie und bei dem erſten Pfeile, wendete Herr Wafflart, der das eintreffen ſah, was er vorherſagte, ſein Pferd, 3 ſich aus dem Gedränge, rief den Rittern zu, es 8 ſo zu machen, und entfloh eiligſt, wie er es zu thun geſagt hatte; allein dieſe wollten es nicht eben ſo ma⸗ chen, und da Herr Wafflart fliehend ſich umwendete, ſah er ſie abſteigen, um ſich kräftiger zu vertheidigen. Dieß war Alles, was er von ihnen Daſte⸗ da er ſie dam aus den Augen verlor, und Keiner von denen, die ſie begleiteten, außer ihm, zurückgekehrt ſey; er habe den Knappen des Grafen von dem ſeinem Herrn be⸗ gegneten Mißgeſchicke in Kenntniß geſetzt, und ihn nach England geſendet, um dieſe ſchlimme Nachricht der Grä⸗ fin zu hinterbringen. Eduard und Johann von Neufpoille hörten mit gro⸗ ßer Theilnahme dieſen Bericht an, den ſie aus Flan⸗ dern erhielten; denn ſeitdem ſie an den Marken von Schottland ritten, waren ſie deſſen vollig unkundig, was 237 ſich jenſeits des Meeres ereignet hatte. Daher belohnte der König den Boten reichlich für die Eile im Vollzuge ſeiner Miſſion, und entließ ihn alſogleich, in der Er⸗ wartung der Rückkehr des Wilhelms von Montaigu. Die Nacht rückte jedoch heran, und Wilhelm kam nicht wieder; da es Mitternacht geſchlagen hatte, begaben ſich endlich Johann von Neufville und Eduard in die für ſie bereiteten Gemächer; allein Eduard, anſtatt ſich zu entkleiden und in das Bett zu legen, zog bloß ſein Pan⸗ zerhemdchen aus, und blieb auf, ganz bewegt in ſeinem Gemache auf und abgehend: dieß geſchah, weil die bö⸗ ſen Gedanken in ihm auftauchten, und er dachte, daß der Graf gefangen oder todt, ſeine Gemahlin wehrlos und ihm preisgegeben ließe. Er ging alſo mit gekreuz⸗ ten Armen auf und ab, das Herz voll von ehebrecheri⸗ ſchen Wünſchen, mit ſorgenvollem Antlitze; dann blieb er von Zeit zu Zeit am Fenſter ſtehen, und ſchaute zu dem äußerſten Ende des Flügels des Gebäudes hinüber, das in einem rechten Winkel vorſprang, zu dem kleinen ſpitzbogenförmigen Fenſter, durch deſſen colorirte Schei⸗ ben die Lampe der Hauskapelle ſchimmerte. Dort war Elſe, die ſich weigerte, ihn zu empfangen, weil ſie viel⸗ leicht wußte, wer er war, und darum in der Liebe und Einfalt ihrer Seele, zu dem allmächtigen Gotte für ihren todten oder gefangenen Gatten betete. Nun ſah Eduard, den Kopf an das Fenſter lehnend, und die Blicke immer auf jenes Licht heftend, mit den Augen des Gedankens jenes ſchöne Antlitz, das ihm ſtets lächelnd begegnete, in Thränen gebadet, und durch Schluchzen entſtellt, und es erſchien ihm deßhalb noch um ſo wünſchenswerther, denn die Eiferſucht verdoppelte die Liebe, und es wäre für ihn eine unerhörte und ungekannte Wonne geweſen, mit ſeinen Lippen dieſe Thränen zu trocknen, die für einen Andern floßen. Dann beſchloß er, die Gräfin zu ſehen, wär's auch nur einen Augenblick, und mit ihr zu ſprechen, um nach ſo vielen Kriegsſtrapatzen wieder einmal durch den harmoniſchen Klang ihrer Worte er⸗ freut zu werden; das Licht brannte immer noch in der Hauscapelle, und ließ in der Nacht wie Rubine und Saphire die colorirten Scheiben funkeln, welche die Klei⸗ der und Mäntel der Heiligen darſtellten. Er dachte ſich, daß dort, von jenem Lichte erhellt, jene Frau ſey, die er ſeit drei Jahren liebte, ohne es ihr jemals geſagt zu haben, und ohne Abſicht, ohne Willen, von einer unwiderſtehlichen Gewalt angetrieben, öffnete er die Thüre, trat in den dunklen Corridor, an deſſen Wendung er, wie am Ende eines langen Kreuzganges, den Strahl vor ſich ſah, der durch die halbgeöffnete Thüre drang, und mit einer gebrochenen Linie die Ecke der Mauer und die Flieſen des Ganges erleuchtete. Er näherte ſich nun auf den Zehen und mit verhaltenem Athem dem Eingange in die Capelle; dort angekommen, gewahrte er, bis zum Altare hinſchauend, die Gräfin, auf den Fußbodenplatten knieend, mit herabhangenden Armen und den Kopf auf ihren Betſtuhl ſtützend; zu gleicher Zeit hob ein Mann, an eine Säule gelehnt, der ſo unbe⸗ weglich da ſtand, daß man ihn für eine Bildſäule hätte halten mögen, die Hand zum Zeichen des Schweigens auf, und näherte ſich, wie vom Steine ſich ablöſend, Eduard, ohne daß ſeine Füße, welche über die wappen⸗ *⁴ ver ten hel me nie zut un 239 verzierten Steinplatten ſchritten, mehr Geräuſch mach⸗ ten, als jene eines Fantomes; der König erkannte Wil⸗ helm von Montaigu.„Ich wollte eine Antwort holen, mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„da ich ſah, daß Ihr ſie nicht bringet, und die Urſache nicht kannte, welche Euch zurückhalten mochte.“ „Sehet, Monſeigneur,“ verſetzte Wilhelm,„betend und weinend iſt dieſer Engel entſchlummert. „Ja,“ erwiederte Eduard,„und Ihr wartetet, bis er erwachen würde.“ „Ich überwachte ihren Schlaf, Monſeigneur,“ ſagte Wilhelm;„dieß iſt eine mir vom Grafen anvertraute Pflicht, die mir jetzt um ſo heiliger iſt, da ich nicht weiß, ob er nicht zur Stunde vom Himmel herabſchaut, wie ich ſie vollziehe.“ „Und Ihr werdet hier die Nacht zubringen?“ fragte Eduard. „Ich werde wenigſtens ſo lange bleiben, bis ſie die Augen öffnet; was ſoll ich ihr dann in Eurem Namen ſagen, Monſeigneur?“ „Sagt ihr,“ antwortete Eduard,„daß die Bitte, die ſie an den Himmel gerichtet hat, auf Erden erhört worden iſt, und daß der König Eduard ihr bei ſeiner Ehre ſchwört, daß wenn der Graf von Salisbury lebt, er losgekauft, oder, wenn er todt iſt, gerächt werden wird.“ 5 Bei dieſen Worten kehrte der König, mit langſamen Schritten ſich entfernend, in ſein Gemach zurück, mehr als jemals in ſeiner Liebe beſtärkt; er warf ſich ganz angekleidet auf ſein Bett, weckte, ſowie der Tag er⸗ ⁴ 240 ſchien, Herrn Johann von Neufpille, und verließ das Schloß der Gräfin von Salisbury, ohne mit ihr ge⸗ ſprochen zu haben, und Alles von der Zukunft erwar⸗ tend, und von den Ereigniſſen, die ſie mit ſich bringt. Vierzehntes Kapitel. Als Eduard wieder nach London kam, fand er ſeine Befehle vollzogen und ſeine Flotte bereit; er hatte nun einen doppelten Grund, nach Flandern zurückzukehren; denn außer ſeinem ſtändigen Plane mußte er ſeinem Schwager beiſtehen, der ſich ſeinetwegen in dieſen un⸗ gleichen Kampf eines Grafen gegen einen König einge⸗ laſſen hatte, ferner einen ganzen Hof von Damen und Kammerherren der Königin zu führen, die noch immer in der guten Stadt Gent unter der Obhut Jakobs von Artevelle verweilte, und außer dieſem Hofe eine große Verſtärkung an Bogenſchützen und Reiſigen bringen, um den Krieg fortzuſetzen, und zwar für den Fall, daß die Seigneurs des Reiches ihn verlaſſen ſollten, was er in Folge von Briefen zu fürchten begann, die er von Lud⸗ wig V. von Bayern erhalten hatte, der ſeine Vermit⸗ telung zu einem Wafefenſtillſtande zwiſchen ihm und dem Könige von Frankreich anbot. Er ſchiffte ſich alſo am 22. Juni ein, eine von den ſchönſten Flotten führend, die man jemals geſehen hatte, fuhr die Themſe hinab, und ſegelte ſo majeſtätiſch in das Meer, daß man hätte meinen mögen, er wolle die Eroberung der Welt ver⸗ *ℳ 8 241 ſuchen. So ſchiffte er zwei Tage lang; dann am Ende des zweiten Tages, erblickte er, die Küſten von Flan⸗ dern entlang, zwiſchen Blankenberg und Sluis, eine ſolche Menge von Schiffsmaſten, daß man ſie für einen Meerwald hätte halten mögen. Alſogleich rief er dem Piloten, welcher, wie er, dieſes unerwartete Schauſpiel betrachtete, und fragte ihn, was es ſeyn könnte. Der Pilot antwortete, er glaube, daß es wohl die Armee der Normänner und Franzoſen ſey, die das Meer für den König Philipp bewachten, und ſeiner Rückkehr nach Flandern harreten, um ihn zu Pöindern, daſelbſt zu landen. „Dieß ſind alſo,“ ſagte Eduard, aufmerkſam dieſe Worte anhörend,„die nämlichen Leute, welche mir meine zwei großen Schiffe Eduard und Chriſtoph nahmen, und meine gute Stadt Southampton plünderten und verbrannten?“ „Sie ſind es wirklich,“ antwortete der Pilot. „In dieſem Falle,“ entgegnete Eduard,„laßt uns nicht weiter ſegeln, denn ich habe ſchon lange gewünſcht, ſie erreichen und bekämpfen zu können; jetzt, da wir ſie eingeholt haben, werden wir ſie alſo bekämpfen, und wenn es Gott und dem heiligen Georg gefällt, ſie an einem Tage für alle Plünderungen büßen laſſen, die ſie ſeit drei Jahren an uns verübten. Werft alſo die An⸗ ker da aus, wo wir ſind, und laſſet die ganze Nacht wachen, damit ſie uns nicht entwiſchen.“ Bevor jedoch der Pilot die empfangenen Befehle vollzog, traf der König die Vertheilung der Schlacht⸗ Dumas, die Gräfin von Salisbury 11 * 242 haufen, damit am folgenden Tage, bei Lichtung des Ankers, die Flotte ſo geſtellt ſeyn möge, wie ſie es ſeyn ſollte, und nur vorzurücken und zu kämpfen brauche. Mit Hülfe der Nacht, welche alle ſeine Manöver ſeinen Gegnern verhüllte, ließ er die ſtärkſten Schiffe in die erſte Reihe, und zwiſchen jedes mit Rittern und Rei⸗ ſigen bemannte Schiff ein mit Bogenſchützen beſetztes Schiff ſtellen; dann noch an den beiden Flügeln, eine Reihe von Wurfſpießſchleuderern, um ſich überall hin zu begeben, wo es nöthig wäre; ferner hatte er auf ein beſonderes, als znellſegler bekanntes Schiff, alle Gräfinnen, Baroneſſell, Ritterfrauen und Bürgerinnen von London bringen laſſen, welche ſich zur Königin nach Gent verfügten, und gab ihnen eine Bedeckung von dreihundert Gewappneten und fünfhundert Bogen⸗ ſchützen; dann fuhr er von Schiff zu Schiff, anempfahl Jedem, die Ehre des Königs am bevorſtehenden Tage wohl zu wahren, und als Jeder das Verſprechen gege⸗ ben hatte, kehrte er an Bord des königlichen Schiffes zu kurzer Ruhe zurück, um am andern Tage friſch und kräftig perſönlich kämpfen zu können. Mit Anbruch des Tages erwachte der König, und ſtieg auf das Ver⸗ deck; Alles war in der nämlichen Ordnung, wie am vorigen Tage, und die Franzoſen und Normänner hat⸗ ten nicht nur nicht daran gedacht, zu fliehen, ſondern auch ihrerſeits alle ihre Schlachtverfügungen getroffen. Eduard erkannte auf den erſten Blick, daß ſie ſchlecht geſtellt waren; denn mit Ausnahme einiger Schiffe, die ſich von der Flotte getrennt zu haben ſchienen, hat⸗ ten ſich die übrigen quer vor den Strand gelegt, was 243 alle ihre Bewegungen hinderte, und eintretenden Falles ſie am Manövriren hindern mußte. Dann zählte er alle großen Schiffe, einhundertvierzig an der Zahl, ohne die Barken, und dieſe hundertvierzig Schiffe und dieſe Barken waren mit vierzigtauſend Mann bemannt, Genueſer, Picarder und Normänner. Als der König und ſein Marſchall alle dieſe Beobachtungen gemacht hatten, bemerkten ſie, daß wenn ſie in der Linie vor⸗ rückten, auf welcher ſie ſtanden, nämlich von Weſten nach Oſten, ſie die Sonne im Geſichte hätten, was die Bogenſchützen am Zielen verhindern, und der engliſchen Armee die große Ueberlegenheit entziehen würde, welche ihre Schützen ihr über alle andern Heeresabtheilungen verliehen; der König befahl folglich, ſo zu manövriren, daß man gegen den Wind rudere, bis die engliſche Flotte ungefähr auf eine halbe Meile die Höhe der fran⸗ zöſiſchen Flotte würde umſegelt haben, dann mit günſti⸗ gem Winde und die Sonne im Rücken auf ſie zurück⸗ zukommen. Dieſe Bewegung wurde alſogleich ausge⸗ führt; die Flotte, die ſich ihrer Segel nicht bedienen konnte, rückte vor, das Meer mit ihren langen Rudern peitſchend; bei dieſem Anblicke ſtießen die Normänner, die Genueſer und die Picarder laute Schreie und ein langes Hohn⸗ gelächter aus; denn ſie hatten an ſeinem Banner ge⸗ ſehen, daß der König perſönlich bei der Flotte war, und glaubten, er ſuche das Weite, um zu fliehen; aber bald wurden ſie enttäuſcht; die Schiffe wendeten ſich ſchwerfällig; in dieſem Momente, da der Wind günſtig wurde, hißte man die Segel, und die ganze Flotte kehrte nach bewerkſtelligter Bewegung um, und umzingelte die 11* 244 Bucht, vor welche die Franzoſen ſich quer gelegt hatten die am vorigen Tage vom Könige Eduard und ſeinem Marſchall feſtgeſetzte Schlachtordnung beibehaltend. Da nun die Admirale der franzöſiſchen Flotte ſahen, daß ſie ſich täuſchten, als ſie wähnten, daß der Feind fliehe, trafen ſie ebenfalls ihre letzten Schlachtverfügungen; ſie ſtellten wie eine vorgeſchobene Redoute das große Schiff vor die Front, das ſie ein Jahr früher den Engländern abnahmen, und welches Chriſtoph hieß, bemannten es mit vielen genueſiſchen Armbruſtſchützen, um es zu be⸗ wachen und um zu ſcharmützeln; dann ließen ſie auf der ganzen Linie die Trompeten und Zinken erſchallen, um zu verkündigen, daß ſie bereit ſeyen, und die Schlacht mit großer Freude und großer Sehnſucht annehmen würden. Die Schlacht begann mit einem Austauſche von Bolzen und Pfeilen zwiſchen den Bogenſchützen des großen Schiffes Chriſtoph und den engliſchen; aber der König Eduard überzeugte ſich bald, daß ſeine Feinde faſt alle ihre Schützen auf dieſes Schiff thaten, und beſchloß, daß man dieſes zuerſt nehmen müſſe; er ließ folglich ſein eigenes Schiff mit langen, an eiſernen Ket⸗ ten befeſtigten Hacken verſehen, und rückte perſönlich gerade gegen die Bogenſchützen, indem er dem Reſte der Flotte befahl, auf der ganzen Linie den⸗ Kampf, Schiff gegen Schiff, Mann gegen Mann zu beginnen. Seine beſten Ritter umgaben ihn, der Graf von Derby, der Graf von Hertfort, der Graf von Huntington, der Graf von Gloceſter, Herr Robert von Artois, Herr Reinhold von Cobham, Herr Richard Stafford, und Herr Walter von Mauny, Alle mit ihren eiſernen Rü⸗ 245 ſtungen angethan, an denen die Bolzen und Pfeile der genueſiſchen Armbruſtſchützen und Bogenſchützen ſich ab⸗ ſtumpften. Daher rückten ſie majeſtätiſch vor, ohne um eine Linie abzuweichen, ohne einen Schritt rückwärts zu thun, ihre Banner hinter ſich und das Schwert in der Hand; dann, als ſie auf Tragweite kamen, wurden die Enterhacken und Klammern geworfen, und die bei⸗ den Schiffe ſtießen mit einem ſchrecklichen Krachen auf⸗ einander. Zu gleicher Zeit ſenkte ſich eine Brücke von dem einen Borde auf den andern, und die Ritter ſtürz⸗ ten auf das Schiff. Hier begann ein furchtbarer Kampf, denn man konnte nicht fliehen, und waren die genueſi⸗ ſchen Bogenſchützen minder gut bewaffnet, ſo waren ſie dagegen viermal zahlreicher, als ihre Angreifer; als ſie übrigens ſahen, daß man handgemein werden müſſe, hatten, mit Ausnahme derjenigen, die in die Maſtkörbe geſtiegen waren, und von da einen Hagel von Pfeilen auf die Angreifenden regnen ließen, die Uebrigen Aexte ergriffen, Kolben und Spieße, und wehrten ſich ſehr muthig; denn Genua war damals eine mächtige Stadt, beſonders auf dem Meere herrſchend, mit welchem ſeine Reiſen und ſein Handel es ſeit dem zwölften Jahrhun⸗ derte vertraut gemacht hatten. Wie tapfere Soldaten und gute Matroſen ſie auch waren, mußten ſie aber dennoch weichen, denn ihre Feinde waren die erſten Ritter der Welt, und ſie hatten die beiden Schiffe ſo gut aneinandergefügt, daß ſie auf dem Lande zu kämpfen vermeinten. Schritt für Schritt vom Vordertheile zum Hintertheile von dieſer eiſernen Wand getrieben, welche die Seigneurs bildeten, und die man eben ſo unmöglich 246 einſtürzen als trennen konnte, ſahen ſich die Bogen⸗ ſchützen auf dem Hintertheile zuſammengedrängt, und dort, in ihren eigenen Bewegungen gehindert, ſelbſt durch ihre Zahl verloren, ohne andere Rüſtungen, als ihre ausgepolſterten Wämſer und ihre ledernen Leibröcke, den ſchrecklichen Hieben jener langen Schwerter aus⸗ geſetzt, gehärtet, um Eiſen und Stahl zu durchhauen, mußten ſie ſich ergeben, ſterben, oder in's Meer ſprin⸗ gen. Viele wählten das Letztere, denn, leicht gekleidet, konnten ſie ſchwimmen, was den Rittern unmöglich war, die, in's Waſſer gefallen, durch ihre eigenen Rüſtungen in die tiefeſte Tiefe gezogen wurden. Man ſah ſie dann, unter den Pfeilen der andern Schiffe, zu den Schiffen ihrer Partei ſchwimmen, welche ſich bereit hielten, ſie aufzunehmen. Einige kamen hin, die mei⸗ ſten wurden unterwegs von den engliſchen Bogenſchützen getödtet, die ein bequemes und leichtes Ziel an Leuten fanden, die genöthiget waren, nahe bei ihnen vorüber⸗ zuziehen, oder weiterhin zu ertrinken. Sobald das große Schiff wieder erobert war, bemannte es Eduard mit Bogenſchützen, beſtieg es, ſein Schiff verlaſſend, weil jenes ſtärker zur Vertheidigung war, pflanzte ſein Ban⸗ ner auf demſelben auf, und rückte mit ihm gerade auf die Genueſer los. Jetzt entſpann ſich der Kampf auf der ganzen Linie, und wurde von beiden Seiten mu⸗ thig unterhalten; alle franzöſiſchen und normänniſchen Schiffe waren geentert, mit Klammern an die engliſchen Schiffe befeſtiget worden, und man kämpfte Bord an Bord. Dieſe Art zu kämpfen war für die Franzoſen nachtheilig, denn ihre ganze Flotte beſtand aus See⸗ 247 leuten, gewöhnt, ſich mit kurzen Säbeln zu ſchlagen, mit Dolchen und Spießen, während die engliſche Flotte, welche Landtruppen transportirte, ganz mit Bogen⸗ ſchützen bemannt war, die aus der Ferne kämpften, und mit Rittern, welche, wenn man Bord an Bord kam, einen großen Vortheil aus ihren eiſernen Rüſtungen und aus ihren langen Schwertern zogen. Nur Bar⸗ bevaire hatte dieſen Nachtheil vorhergeſehen, und an⸗ ſtatt ſich quer zu legen, wie die Uebrigen, die weite See gehalten, ſo daß er, als er die Schlacht für die Picarder und Normänner verloren ſah, anſtatt ihnen beizuſtehen, und ſo eine Ablenkung zu machen, abſegelte, und das hohe Meer erreichte. Zu gleicher Zeit bedeck⸗ ten ſich die Küſten mit den guten Leuten von Flan⸗ dern, die bei dem Getöſe der Schlacht herbeigeeilt wa⸗ ren, und, Barken und Boote beſteigend, ihren Bundes⸗ genoſſen, den Engländern, zu Hülfe kamen. Auf dieſe Art war den von der Meerſeite angegriffenen Normän⸗ nern und Picardern der Rückzug nach dem Lande ab⸗ geſchnitten, den ihnen die Flamänder verlegten; allein als tapfere und loyale Soldaten kämpften ſie nicht min⸗ der verzweifelt, und ohne davon zu ſprechen, ſich zu er⸗ gehen, ſo daß die Schlacht von ſechs Uhr Morgens bis Mittag dauerte. Zu dieſer Stunde war für die ver⸗ einigte Flotte Alles verloren, und die Engländer began⸗ nen mit der Schlacht von Sluis jene Reihe von See⸗ ſiegen, die erſt zu Trafalgar und Aboukir enden ſoll⸗ ten. Von den vierzigtauſend Mann Normännern, Pi⸗ carder und Genueſer, entkamen nur die Letzteren, welche, wie geſagt, das Weite ſuchten. Alle wurden gefangen, 248 getödtet oder ertränkt. Hugo Quieret wurde nach der Schlacht kaltblütig ermordet, und Behuchet, ſagen die großen Chronikſchreiber, der ſich beſſer auf ſeinen Vor⸗ theil verſtand, als auf das Kriegführen zu Meer, als Seeräuber an dem großen Maſte ſeines Schiffes auf⸗ geknüpft. Eduard, der in dieſer Schlacht perſönlich kämpfte, wie der Geringſte ſeiner Ritter, und durch den Pfeil eines Armbruſtſchützen eine Wunde am Schenkel erhielt, verweilte den ganzen Abend und die ganze Nacht auf ſeinen Schiffen, und machte einen ſo großen Lärm mit Trompeten, Pauken, Trommeln und jeder Art von Inſtrumenten, daß man, wie Froiſſart ſagt, Gott nicht donnern gehört hätte. Bei dieſem Getöſe liefen alle guten Leute der Dyefer und umliegenden Städte an das Ufer; am andern Tage, am 26., landeten der König und alle ſeine Leute, nachdem ſie die franzöſiſche Flotte zerſtört hatten, nicht wie wenn die Hand der Menſchen ſie angegriffen hätte, ſondern wie wenn die Hand Gottes, durch irgend einen Schiffbruch, Menſchen und Schiffe in die tiefeſte Tiefe des Meeres würde geſchleudert haben. Alſogleich begab er ſich mit ſeiner ganzen Ritterſchaft, V zu Fuß und barhaupt, als Wallfahrer nach Notre⸗ Dame⸗d'Ardenbourg, wo der König die Meſſe hörte und dinirte, ſtieg dann zu Pferd, und kam an dem⸗ ſelben Tage nach Gent, wo die Frau Königin ſeiner harrete, die ihn mit großer Freude empfing. Kaum angekommen, war Eduard's erſte Sorge, um das ge⸗ machte Verſprechen zu erfüllen, ſich zu erkundigen, was 4 aus den Grafen von Salisbury und Suffolk Kerrorren — * 8 249 ſey. Er erfuhr ſodann, daß Beide nach einem ver⸗ zweifelten Widerſtande gefangen, zunächſt in das Ge⸗ fängniß nach Lille, dann von da nach Frankreich an den König Philipp geſendet wurden, der ſehr erfreut war, zwei ſo tapfere Ritter in ſeiner Gewalt zu haben, und ſchwur, daß er ſie weder für Gold noch für Silber, ſondern nur auswechslungsweiſe, und gegen irgend einen edlen Seigneur von dem ämlichen Range und Muthe, freilaſſen würde. Eduard dachte alſo, daß es für den Augenblick vergeblich wäre, in dieſer Beziehung irgend einen Schritt zu thun, um ſo mehr, als der König von Frankreich, der über den Verluſt ſeiner Schlacht bei Sluis ganz ergrimmt ſeyn mußte, jetzt nicht in der Stimmung ſeyn dürfte, etwas ſeinem Vetter von Eng⸗ land Angenehmes zu thun; daher beſchäftigte er ſich einzig damit, ein Parlament zu Willeworde zu ver⸗ ſammeln, wo die Allianz zwiſchen Flandern, Brabant und Hennegau ſollte erneuert werden, und der Tag zu dieſem Parlamente wurde auf den 10. des Monates Juli anberaumt, der ſo eben begonnen hatte.. Am genannten Tage erſchienen der König von Eng⸗ land, der Herzog Johann von Brabant und der Graf Wilhelm, zu Willeworde, begleitet vom Herzoge von Geldern, vom Markgrafen von Jülich, von Herrn Johann von Beaumont, vom Markgrafen von Brandenburg, vom Grafen von Bergen, von Herrn Robert von Artois und von Herrn von Fauquemont. Sie trafen dort Jac⸗ quemart von Artevelle mit vier Bürgern aus jeder der vorzüglichſten Städte von Flandern, welche ſeinen Rath bildeten, und, im Einverſtändniſſe mit ihm, jeden wich⸗ 250 tigen Beſchluß faßten, den er dann unterzeichnete und verkündigte. Hier wurde beſchloſſen, daß die drei Länder, nämlich Flandern, Hennegau und Brabant, von dieſem Tage an in allen Fällen und in allen Dingen einander helfen und tröſten ſollten, ſo, daß, wenn eines von dieſen drei Ländern mit wem immer zu thun bekäme, die beiden andern es unterſtützen ſollten; daß, wenn zwei miteinander uneins würden, das dritte den Frieden unter ihnen herzuſtellen habe, und im Falle ihm dieß nicht gelänge, ſollten ſie ſich dann deßhalb auf den Ausſpruch des Königs von England berufen, der, als Bürge ihrer Treue, ſie hinſichtlich ihrer Klagen zufriedenſtellen werde. Alle dieſe Punkte wurden in die Hände Eduard's be⸗ ſchworen, und zur Erinnerung an dieſen Vertrag, und zum Zeichen des Bündniſſes der drei Länder, eine Münze geſchlagen, die in Brabant, Flandern und Hennegau gleichmäßig Cours haben ſollte, und den Namen Gefährten oder Verbündete erhielt. Außerdem wurde feſtgeſetzt, daß, gegen Magdalena, der König Eduard mit ſeiner ganzen Macht Flandern verlaſſen, und die Belagerung von Doornik beginnen ſollte. Da nun aber König Philipp, der zu Arras zu dem Banner des Herzogs Johann, ſeines Sohnes, ſtieß, und als einfacher Ritter bei der Armee blieb, alle dieſe Be⸗ ſchlüſſe des Parlaments von Willeworde erfahren hatte, ſendete er den Grafen Rudolph von Eu, Connetabel von Frankreich, ſeine beiden Marſchälle, die Herren Robert Bertrand und Matthäus de la Trie, den Sene⸗ ſchall von Poitou, den Grafen von Ghine, den Grafen 4 von Foir und deſſen Brüder, den Grafen Aimery von 8 L 251 — Narbonne, den Grafen Aymar von Poitiers, Herrn Gottfried von Chargny, Herrn Girard von Montfaucon, Herrn Johann von Landas, und den Seigneur von Chätillon, ſohin die Blüthe des Königreiches, in die bedrohte Stadt, und bat ſie, dieſelbe wohl zu bewachen, wegen ihrer Ehre und der ſeinigen, damit dieſer großen und ſchönen Stadt, eine von den Thoren Frankreichs, kein Nachtheil zugehen möge; dann ließ er, in Folge ſeiner angenommenen Politik, und in der Meinung, daß der Augenblick gekommen ſey, einen großen Schlag auszuführen, nebſt vielen mit Waffen und Geld wohl verſehenen Rittern, den König David und deſſen Ge⸗ mahlin nach Schottland aufbrechen, die ſeit ſieben Jahren am franzöſiſchen Hofe verweilten, während ihnen ihre Anhänger nach und nach ihr Königreich wieder eroberten, wie wir es im vorigen Kapitel geſagt und erzählt haben. Indeſſen alle dieſe Kriegsanſtalten geſchahen, und von Bretagne bis tief in das deutſche Reich Jeder nur von Krieg zu träumen ſchien, wünſchten nur zwei Gemüther, gleich Friedensengeln über allen dieſen Zer⸗ würfniſſen ſchwebend, das Ende aller dieſer Zwiſte: das Eine delſiner König Robert, genannt der Gute, der noch der König von Sicilien hieß, obgleich er dieſe von ſeinem Großvater, Karl von Anjou, am Tage der ſicilianiſchen Vesper verlorene Inſel nicht mehr beſaß, und Briefe geſendet hatte, damit der König Philipp den König Eduard nicht bekämpfen ſollte, indem er in den Geſtirnen geleſen habe, daß jeder Zuſammenſtoß wiſchen dieſen beiden Fürſten, für Frankreich verderb⸗ lich ſeyn würde; das Andere war Frau Johanna von 252 Valois, Schweſter des Königs Philipp und Mutter des jungen Grafen von Hennegau, die mit großem Leid⸗ weſen die Schwerter zwiſchen ihrem Sohne und ihrem Bruder gezogen ſah, das heißt: zwiſchen dem Oheime und Neffen. Sie hatten ſich alſo brieflich miteinander verſtändiget, ſo zwar, daß der König von Neapel die Sache für wichtig genug erachtete, perſönlich ſein König⸗ reich zu verlaſſen, und zum Papſte Clemens VI. in Avignon zu ziehen, um ihn um ſeine Dazwiſchenkunft in dieſem Streite zu bitten; er war einer von jenen Königen, damals minder ſelten, als jetzt, die, ſelbſt gelehrt, die Wiſſenſchaften lieben, einſehend, daß die Intelligenz die Sonne der Königreiche iſt, und daß es kein großes und glänzendes Reich giebt, als jenes, welches von den himmliſchen Strahlen der Dichtkunſt erleuchtet iſt; daher war, als Petrarka's Krönung durch ganz Italien beſchloſſen wurde, der König von Neapel vom Dichter gewählt worden, ſeine Prüfung vorzu⸗ nehmen; daher verdankte er dieſer ein wenig pedantiſchen Gelehrſamkeit und ſeiner Liebe zu den Gelehrten, weit mehr, als dem Wohlſtande ſeines dee und dem Ruhme ſeiner Waffen, ſeinen Ruf des größten Königs der Chriſtenheit. Das Nämliche begegnete ſeitdem, und aus demſelben Grunde, Franz I. und Ludwig XIV, welche der wunderbare Schild der Dichter noch gegen die Streiche der Geſchichte beſchützt. Er hatte übrigens den Papſt und die Cardinäle völlig geneigt gefunden, in dieſem für beide Königreiche ſo verderblichen Kriege vermittelnd einzuſchreiten, ſo daß er, des guten Willens des päpſtlichen Hofes ſicher, in ſein ſchönes Königreich — mit wied war gem Gen mit Gra vier fand auf mock vor J ohe Kna bei Sai von Lan länd und von die beid dem und die der burg von Blat 253 mit dem reinen Himmel zurückgekehrt war, um Dante wieder zu leſen, und Petrarka zu krönen. Inzwiſchen war Eduard, unkundig aller dieſer Dinge, um ſein gemachtes Verſprechen zu halten, in dem Momente von Gent aufgebrochen, wo das Getreid zu reifen begann, mit einer Armee, bei der ſich zwei Prälaten, ſieben Grafen, achtundzwanzig Bannerherren, zweihundert Ritter, viertauſend Reiſige, und neuntauſend Bogenſchützen be⸗ fanden, das ganze Fußvolk ungezählt, welches wohl auf fünfzehn⸗ bis achtzehntauſend Mann ſich belaufen mochte. Kaum hatte er ſich vor der Stadt gelagert, vor dem Thore, Saint⸗Martin genannt, als ſein Vetter Johann von Brabant mit zwanzigtauſend Mann Ritter, Knappen und Gemeine zu ihm ſtieß, und ſein Lager bei Pont⸗à⸗Raine ſchlug, in der Nähe der Abtei von Saint⸗Nicolas; dann, hinter ihm, der Graf Wilhelm von Hennegau, mit der ſchönſten Ritterſchaft ſeines Landes, und eine große Zahl von Holländern und See⸗ ländern, welche ſich zwiſchen den König von England und den Herzog von Brabant ſtellten; dann Jacquemart von Artevelle mit mehr als ſechzigtauſend Flamändern, die gegen das Thor von Sainte⸗Fontaine zu, auf den beiden Ufern der Schelde lagerten, und eine Brücke von dem Einen auf das Andere ſchlugen, um nach Muße, und ſo oft es ihnen gefiele, frei zu verkehren; zuletzt die Seigneurs des Reiches, der Herzog von Geldern, der Markgraf von Jülich, der Markgraf von Branden⸗ burg, der Markgraf von Meißen und Orient, der Graf von Bergen, Herr von Fauquemont, Herr Arnold von Blankenheim und alle Deutſche, welche, gegen Hennegau . 254 hingedehnt, ſo eben die Einſchließung der Stadt mit einer eiſernen Mauer vollendet hatten, die bei zwei Meilen weit reichte. 4 Die Belagerung dauerte eilf Wochen, während welcher es heftige Stürme gab, wobei die Tapferſten von beiden Seiten große Waffenthaten ausführten, die nichts ent⸗ ſchieden; nur trennte ſich bisweilen ein Haufen ab, überdrüſſig, vor dieſen ſtarken Mauern zu liegen, und zog aus, um irgend ein Schloß zu verbrennen, irgend eine Stadt zu plündern, irgend eine Abtei zu entweihen. Während dieſer Zeit hatte der Papſt zu Avignon durch einen Cardinal Briefe dem Könige von Frankreich über⸗ bringen laſſen, worin er ihn ſehr zum Frieden ermahnte, während Johanna von Valois, welche, wie geſagt, Philipps Schweſter und Eduards Schwiegermutter war, von einem Lager zum andern eilte, die Knie der beiden Fürſten umſchlingend, ſie beſchwörend, Waffeenſtillſtand zu ſchließen, und zwiſchen ſie, da ſie bei ihrem Sohne nichts ausrichtete, der ſo zornig war, daß er nichts hören wollte, Herrn Johann von Beaumont und den Markgrafen von Jülich ſchiebend; beidieſem Letzteren bewirkte ſie ſo viel, daß er deßhalb an den Kaiſer ſchrieb, der zum zweitenmal einen Boten an Eduard ſendete, und ihm das Anerbieten erneuerte, der Ver⸗ mittler zwiſchen ihm und dem Könige von Frankreich werden, da der Krieg bei der Art ſeiner Führung nichts 1 entſcheiden, und nur die Länder zu Grunde richten könne, in denen er ſeit zwei Jahren hauſete. Ein Friede war unmöglich, vorzüglich von Seiten Eduards, der ſein Gelübde erfüllen mußte; es handelte 1 mit wei 255 ſich alſo lediglich um einen Waffenſtillſtand, und Frau Johanna von Valois beſchäftigte ſich ſo eifrig damit, als ſie ſah, daß ſie nichts Anderes erhalten könne, daß ſie die beiden Könige dahin brachte, einen Tag feſtzu⸗ ſetzen, an welchem jede von den beiden Mächten vier Mandatare mit Vollmachten zum Unterhandeln, und mit der Gewißheit ſenden ſollte, daß, was ſie beſchlöſſen, von ihren Souverainen genehmiget würde. Es wurde alſo ein Tag anberaumt und bezeichnet, und der Ort in einer Capelle gewählt, die ſich inmitten von Feldern erhob, welche man Esplechin nennt; und an dem an⸗ beraumten und bezeichneten Tage, als Jeder ſeinerſeits die Meſſe gehört hatte, begaben ſich die Bevollmächtigten in die genannte Capelle, und Madame Johanna von Valois mit ihnen, ſo zwar, daß darin von Seiten Philipp's von Frankreich verſammelt waren: Johann, König von Böhmen, Karl von Alençon, Bruder des Königs, der Biſchof von Lüttich, der Graf von Flan⸗ dern und der Graf von Armagnac, und von Seiten Eduard's von England: der Herzog Johann von Brabant, der Biſchof von Lincoln, der Herzog von Geldern, der Markgraf von Jülich, und Herr Johann von Beaumont. Die Conferenzen dauerten drei Tage: während des erſten Tages konnte man ſich über nichts verſtändigen, und die Geſandten wollten ſich ohne Erfolg trennen, als Madame Johanna ſo dringend bat, daß ſie verſprachen, am andern Tage wieder zuſaumen zu kommen. Am andern Tage begannen die Verhandlungen wieder, jedoch vereinigte man ſich über einige Punkte, aber es geſchah ſo ſpät, daß man die Punkte, über die man ſich ver⸗ 256 ſtändigte, nicht einmal niederſchreiben konnte; endlich verſprach man, am folgenden Tage am nämlichen Orte wieder zu erſcheinen, um das Uebrige vorzunehmen und zu bewilligen, und am folgenden Tag hielten ſie großen Rath, und dießmal wurde der Waffenſtillſtand, zur großen Freude der Madame Johanna, von beiden Theilen auf ein Jahr bewilliget, und unterzeichnet. Am nämlichen Tage verbreitete ſich die Nachricht davon in beiden Armeen, worüber die Brab ind Hennegauer eine große Freude fühlten; denn ſeit zwei Jahren trugen ſte die ganze Laſt des Krieges; die Bewohner der Stadt Doornik waren nicht minder darob erfreut; denn die Hungersnoth begann ſich bei ihnen in ſolchem Grade fühlbar zu machen, daß ſie gezwungen waren, alle armen Leute und unnützen Mäuler aus ihren Mauern zu weiſen. Die Nacht hindurch wurden alſo im Lager und auf den Wällen große Freudenfeuer angezündet, und lautes Freudengeſchrei von den Belagerten und Belagernden erhoben; mit Anbruch des Tages brachen dann dieſe ihre Zelte ab, packten ſie ein, und luden ſie auf Wagen, bedeckten ſie mit Leinwand, und zogen ſingend von dannen, wie Mäher, die ihr Tagewerk vollbracht haben. König Eduard ging nach Gent, um Madame Philippine abzuholen, fuhr mit ihr über das Meer zurück, und landete zu London am 30. November des nämlichen Jahres. 3 257 Fünfzehntes Kapitel. Wie viele Mühe ſich auch Madame von Valois gegeben hatte, um die Unterzeichnung des Vertrages von Doornik zu Stande zu bringen, ſo war's doch offenbar, daß dieſer Waffenſtillſtand mehr einem von jenen Ruhemomenten glich, den ſich zwei Kämpfer ver⸗ gönnen, um den Kampf mit neuer Kraft fortzuſetzen, als wirklichen Friedenspräliminarien; zudem ſollten, im Momente der Rückkehr Eduard's nach London, zwei Urſachen, eine voraus beſtandene, und eine entſtehende, die mit bewaffneter Hand und erfolglos in Flandern berathene Frage, auf zwei andere Punkte der Welt übertragen, wo es, wie verſtellt ſie auch war, doch jedem in der Politik der Zeit geübten Auge leicht ſeyn mußte, ſie als die nämliche zu erkennen. Die erſte dieſer Urſachen war die Rückkehr des Königs Daniel Bruce in ſein Königreich. Nach einer glücklichen Ueber⸗ fahrt an Bord eines von Malcolm Fleming von Cum⸗ mirnald befehligten Schiffes, war er mit Madame Johanna von England, ſeiner Gemahlin, zu Inverbervich, in der Grafſchaft Kincardine, gelandet, daſelbſt von den Seigneurs von Schottland feſtlich empfangen, die ihn alſogleich nach Saint⸗Johnſton geleiteten; bald hatte ſich das Gericht ſeiner Rückkehr nach allen Seiten hin verbreitet, ſo daß Jeder, begierig, ſeinen ſeit ſieben Jahren abweſenden König wieder zu ſehen, dahin eilte, wo er vorüber kam, ihn hinderte, auf den Straſſen vorwärts zu, kommen, wenn er ausging, und ihm in 258 ſeine Gemächer folgte, wenn er ſich dahin zurückgezogen hatte; dieſe Beweiſe von Liebe rührten den König eine Zeitlang; aber bald wurde ihm dieſes ewige Hinzu⸗ dringen, das ihm an alle Orte folgte, ſo läſtig, daß er eines Tages, da die Menge bis in ſeinen Speiſeſaal gedrungen war, und mit ihrem gewöhnlichen Ungeſtüm ihn umdrängte, von einer Regung der Ungeduld be⸗ wältiget, einen Streitkolben einem ſeiner Gardiſten aus den Händen riß, und damit einen ehrlichen Hochländer niederſchlug, der ſein Kleid berührte, um zu ſehen, aus welchem Tuche es gemacht ſey. Von dieſem Tage an wurde David Bruce von den Neugierigen weniger gequält, und konnte, da er wieder einige Ruhemomente fand, ſich endlich mit den Angelegenheiten ſeines König⸗ reiches beſchäftigen. Seine erſte Sorge war, Boten an alle ſeine Freunde zu ſenden, daß ſie in ſeinem Kriege mit dem Könige von England ihm zu Hülfe kommen möchten, indem er ſie bat, für den Anweſenden das zu thun, was ſie mit ſo großer Ergebenheit während ſeiner Abweſenheit gethan. Dieſem Aufrufe entſprachen zunächſt der Graf von Orkney, ſein Schwager, die kleinen Fürſten von den hebridiſchen und orcadiſchen Inſeln, die Ritter von Schweden und Norwegen, endlich mehr als ſechzigtauſend Mann zu Fuß,, und dreitdſend Gewappnete. Die zweite von dieſen Urſachen, das Gegentheil von jener, war, wie geſagt, ganz zufällig und unvorherge⸗ ſehen, und hatte ſich im Koͤnigreiche Frankreich ſelbſt ergeben. Von der Belagerung von Doornik zurück⸗ kehrend, war Johann III., genannt der Gute, Herzog 259 von Bretagne, der ſeine Provinz auf das Aufgebot des Königs Philipp verlaſſen, und ſeinem Gebieter einen ſchöneren und reicheren Zuzug gebracht hatte, als irgend ein anderer Fürſt, im Lager krank geworden, von einer ſolchen Krankheit befallen, daß er ſich in's Bett legen, und daran ſterben mußte. Zu noch größerem Unglücke hinterließ dieſer Herzog von Bretagne kein Kind, ſo daß ſein Herzogthum ohne unmittelbare Erben blieb. Dagegen aber hatte er zwei Brüder gehabt, den Einen von Vater und Mutter, der 1334 ſtarb, eine einzige Tochter zurücklaſſend, Namens Johanna, die den Gra⸗ fen Karl von Blois geheirathet hatte, den Andern, wel⸗ cher Johann hieß, Graf von Montfort, und Sohn des nämlichen Vaters war, aber während der zweiten Ehe Arthurs II. mit Yolande von Dreux geboren. Nun aber hatte dieſer Herzog von Bretagne bei Lebzeiten, da er ſah, daß er keine Nachkommenſchaft habe, und auch keine Hoffnung beſitze, welche zu erhalten, gedacht, daß die Tochter ſeines leiblichen Bruders mehr Recht auf ſein Erbe habe, als ſein Vaterhalbbruder, ſo daß er ihr ſein Herzogthum Bretagne verſprochen, und ſie an Karl von Blois, Neffen Philipp's von Valois, in der Hoffnung verheirathet hatte, daß dieſe erlauchte Ver⸗ wandtſchaft dem Johann von Montfort Ehrfurcht ein⸗ flößen möchte, den er mit Recht in Verdacht hatte, daß er nach ſeinem Herzogthume lüſtern ſey. Der Ster⸗ bende hatte ſich hinſichtlich dieſes letzten Punktes nicht getäuſcht; denn kaum war er todt, und dieſe Nachricht zur Kenntniß ſeines Bruders gekommen, als dieſer, durch das Teſtament ganz aus dem Beſitze geſetzt, ſich alſo⸗ 11 ½**ν 3 260 gleich nach Nantes begab, welche die vornehmſte Stadt der ganzen Bretagne iſt, und durch reiche Spenden bei den Bürgern, und bei jenen der umliegenden Gegenden, es dahin brachte, daß er, von ihnen als Herzog und Gebieter aufgenommen wurde, und daß ſie Alle ihm den Eid der Treue und Huldigung leiſteten. Nach dem Ende dieſer Ceremonie ließ der Graf zu Nantes ſeine Gattin zurück, die den Muth eines Mannes und eines Löwen in ſich vereinigte, und begab ſich nach Limoges, wo, wie man wußte, der große Schatz eingeſchloſſen war, den der ſelige Herzog ſeit langer Zeit aufhäufte. Dort fand er die nämliche feſtliche Aufnahme, wie in Nantes, und nach einem ausgezeichneten Empfange von Seiten der Bürger, der Geiſtlichkeit und der Stadtge⸗ meinde, die ihm ebenfalls als ihrem Seigneur huldig⸗ ten, wurde ihm der Schatz in guter Eintracht überge⸗ ben, ſo, daß er, nachdem er in Limoges nach Belie⸗ ben verweilt hatte, wieder nach Nantes zog, wo er die⸗ ſen Schatz verwendete, um eine Armee zu Fuß und zu Pferd auf die Beine zu bringen, und als dieſe Armee ſo zahlreich war, als er für nöthig hielt, zog er ins Feld, um das ganze Land zu erobern, und nahm nach und nach Breſt, Auray, Vannes, Hennebon und Car⸗ hair; als er im Beſitze aller dieſer Städte war, ſchiffte er ſich zu Corredon ein, fuhr über das Meer, und landete zu Chertſey, und da er die Anweſenheit des Königs in Windſor erfuhr, begab er ſich eilig zu ihm, erzählte ihm Alles, was eben erſt geſchehen war, und wie er befürchte, der König Philipp möchte ihn aus dem Beſttze ſeines Herzogthumes fetzen, und machte er —½ 5& .—·—————— zu nee in's rach lar⸗ fffte und des hm, und aus er 261 Eduard zuletzt den Antrag, ihm unter der Bedingung die Huldigung dafür zu leiſten, daß er ihn im Beſitze deſſelben erhalten würde. Der Antrag des Grafen von Montfort war der Politik Eduard's allzu günſtig, um nicht angenommen zu werben. Er dachte, daß nach Ablauf des Wafefenſtillſtandes der Eintritt in Frankreich ihm durch Bretagne natürlich offen ſtände, und da er die Freude der Brabanter und Seigneurs des Reiches bei der Unterbrechung der Feindſeligkeiten geſehen hatte, zweifelte er, daß ſie in einem Jahre ſehr geneigt ſeyn . möchten, ſie wieder zu beginnen. Er bewilligte alſo dem Grafen von Montfort ſein Verlangen, ſeinem Wunſche gemäß, und empfing in Gegenwart der engliſchen Barone, und jener vom Grafen mitgebrachten, die Huldigung wegen des Herzogthumes, dem Grafen dagegen verſpre⸗ chend, daß er ihn, als ſeinen Vaſall, gegen jeden Mann, wär's auch der König von Frankreich, der es verſuchen ſollte, ihn anzugreifen, beſchützen und vertheidigen würde. Indeſſen war Karl von Blois, der ebenfalls, wie ge⸗ ſagt, durch ſeine Gattin Anſprüche auf das nämliche Herzogthum hatte, nach Paris gekommen, um ſich bei dem Könige Philipp, ſeinem Oheime, über die Berau⸗ bung von Seiten des Grafen von Montfort zu bekla⸗ gen. Der König Philipp, welcher ſogleich die Wichtig⸗ keit der Frage einſah, hatte ſeine zwölf Pairs verſam⸗ melt, um ſie um Rath zu fragen, und von ihnen zu erfahren, was er thun ſollte. Ihre Meinung war, daß er den Grafen von Montfort auffordern ſollte, vor ihnen zu erſcheinen, damit ſie vernähmen, was er auf die gegen ihn erhobene Anklage zu erwiedern vermöge. Folg⸗ 262 lich wurden Boten zu ihm geſendet, um ihn vor Gericht zu laden, welche ihn von London zurückgekehrt, und in Nantes gar feſtlich lebend fanden. Sie ſetzten auf eine kluge und ehrerbietige Weiſe die ihnen übertragene Miſ⸗ ſion auseinander. Der Graf hörte ſie an, und ant⸗ wortete, daß er dem Könige gerne gehorchen, und ſei⸗ ner Vorladung folgen wolle; dann ließ er die Boten köſtlich bewirthen, und machte ihnen im Momente der Abreiſe ſolche Geſchenke, daß ſie keine koſtbareren wür⸗ den erhalten haben, wären ſie auch an einen König geſendet worden. Als der Tag gekommen war, ſich in die Befehle Philipps zu fügen, traf der Graf von Mont⸗ fort große und prächtige Reiſeanſtalten, brach von Nan⸗ tes auf mit einem glänzenden Geleite von Rittern und Knappen, und ritt ſo nach Paris, wo er mit einem Gefolge von mehr als vierhundert Pferden einrückte. Alſogleich begab er ſich in ſein Hötel, immer von ſei⸗ nen Reiſigen bewacht und begleitet, und blieb dort den Tag ſeiner Ankunft und die folgende Nacht; am fol⸗ genden Tage ſtieg er zu Pferd, und ritt mit dem näm⸗ lichen Ehrengeleite in den Palaſt, wo ihn König Phi⸗ lipp erwartete, der Graf Karl von Blois, und die vor⸗ nehmſten Seigneurs und Barone des Königreiches. Dort angekommen, ſtieg der Graf Montfort vom Pferde, ging langſam die Stufen der Freitreppe hinauf, trat in das Gemach, worin der Hof war; nachdem er die Seigneurs und Barone gegrüßt hatte, verbeugte er ſich unterthäni⸗ ger vor dem Könige, erhob dann den Kopf wieder, und ſagte ruhig zu ihm, und wie ein Mann, deſſen Ent⸗ ſchluß gefaßt iſt, was auch geſchehen möge:„Ihr habt 10 „ h„-————+, ——— 263 mir zu kommen befohlen; Eurer Vorladung und Eurem Willen gemäß bin ich da.“ „Graf von Montfort,“ antwortete der König,„ich weiß Euch vielen Dank, daß ihr gekommen ſeyd, und werde es mir merken; aber ich verwundere mich ſehr, wie und warum Ihr es wagtet, Euch des Herzogthu⸗ mes Bretagne zu bemächtigen, auf welches Ihr kein Recht beſitzet, dadurch denjenigen hier enterbend, der näher dem Erbe ſtand, als Ihr, und wie Ihr dann meinem Feinde, dem Könige Eduard, wegen deſſelben Huldigung leiſtetet, wenigſtens ſo wie man mir ſagte.“ „Werther Sire,“ erwiederte der Graf, ſich wieder verbeugend,„Ihr täuſchet Euch, dünkt mir, hinſichtlich der Frage wegen meiner Rechte; ich weiß keinen nähe⸗ ren Verwandten, als meinen kürzlich ohne Erben ver⸗ ſtorbenen Bruder, und mich, der ich hier bin. Solltet Ihr jedoch wider mein Erwarten, einen Andern für berechtigter zur Erbfolge halten, ſo bin ich zu ſehr Cuer Getreuer und Freund, um nicht dem Erkenntniſſe bei⸗ zuſtimmen, und mich demſelben ohne Bedenken und Zö⸗ gern zu unterwerfen; was meine dem Könige Eduard geleiſtete Huldigung betrifft, ſo ſeyd Ihr ſchlecht berich⸗ tet worden, Sire; dieß iſt Alles, was ich Euch erwie⸗ dern kann.“ „Gut,“ verſetzte der König,„und Ihr ſagt genug davon, um mich zufriedenzuſtellen. Ich befehle Euch alſo, da Ihr mir lehenbar ſeyd und ſeyn ſollet, die Stadt Paris vor vierzehn Tagen nicht zu verlaſſen, zu welcher Zeit die Barone und die zwölf Pairs über Eure Verwandtſchaft erkennen, und entſcheiden werden, wel⸗ 264 cher von Euch, Ihr oder Graf Karl von Blois, ein Recht auf dieſes Erbe hat. Wenn Ihr anders handelt, ſo wiſſet, daß Ihr mich heftig aufbringen und erzür⸗ nen werdet. Hiermit bitte ich Gott, daß er Euch in ſeinen heiligen Schutz nehme.“ „Sire,“ erwiederte der Graf,„nach Euerm Willen.“ Er entfernte ſich ſodann, und kehrte in ſein Hötel zurück, um zu diniren. Aber anſtatt ſich an die Tafel zu ſetzen, begab er ſich ganz nachſinnend und bekümmert in ſein Gemach, bedenkend, daß, wenn er das Erkenntniß der Pairs und Barone erwarte, dieſes Erkenntniß leicht zu ſeinem Nachtheile ausfallen könnte, denn es war nicht ſchwierig vorauszuſehen, daß der König dem Grafen Karl von Blois geneigter ſeyn würde, der ſein Neffe war, als ihm, der ihm nichts war. Ferner war es für den Fall, daß dieſes Erkenntniß gegen ihn ausfiele, wahrſcheinlich, daß der König ihn auf der Stelle ver⸗ haften ließe, bis er Alles zurückgegeben hätte, Städte und Schlöſſer, ſo wie jenen großen Schatz, den er ge⸗ funden, und bereits theilweiſe ausgegeben habe. Es ſchien ihm alſo klüger und vorſichtiger, nach Bretagne zurückzukehren, ſollte er auch den König aufbringen und erzürnen, als zu Paris zu erwarten, welchen Ausgang ein ſo gefährliches Wageſtück nähme. In Folge dieſes Entſchluſſes verließ er noch am nämlichen Abende Paris, nur von zwei Rittern begleitet, um keinen Verdacht zu erregen, trug den Uebrigen ſeines Ehrengeleites auf, ſich in kleinen Zügen und bei Nacht, wie er es that, da⸗ von zu machen, und kam ohne Anſtand wieder nach Bretagne, wo er bereits war, als König Philipp meinte, 265 4 er ſey noch in ſeinem Höôtel in Paris. Er begriff je⸗ doch, kaum angekommen, die ganze Gefahr ſeiner Lage, und ohne einen Augenblick zu verlieren, mit Hülfe ſei⸗ ner Frau, die, anſtatt in ſeinen Empörungsplänen ihn zu entmuthigen, ihm unaufhörlich neuen Muth zuſprach, eilte er in alle Schlöſſer und Städte, die ſich ihm er⸗ geben hatten, verſah ſie mit guten Garniſonen, guten Anführern, und verhältnißmäßig mit Lebensmitteln; dann, nachdem er Alles ſo angeordnet hatte, wie es nöthig war, kehrte er nach Nantes zur Gräfin und zu den Bürgern der Stadt zurück, von denen ſie Beide, wegen der reichlichen Spenden und der Artigkeiten, die ſie ihnen erwieſen, ſehr geliebt wurden. Man begreift leicht, wie groß der Zorn des Königs von Frankreich und des Grafen von Blois ſeyn mußte, als ſie die Abreiſe des Grafen von Montfort erfuhren. Jedoch warteten ſie, bevor ſie etwas gegen ihn thaten oder beſchloſſen, den Ablauf der vierzehn Tage ab, den Zeitpunkt, da der Graf und die Barone ihr Erkenntniß hinſichtlich des Her⸗ zogthums Bretagne fällen ſollten. Karl von Blois hatte immer noch große Ausſichten; aber vom Tage der Ab⸗ reiſe des Grafen an, war an einer für ihn günſtigen Entſcheidung nicht mehr zu zweifeln. So geſchah's auch: der Graf Karl von Montfort wurde mit ſeinen Anſprü⸗ chen abgewieſen, und das Herzogthum Bretagne ein⸗ ſtimmig dem Grafen von Blois zuerkannt; aber hier lag die Frage nicht; es handelte ſich darum, es wieder zu nehmen. Deßhalb war kaum das Urtheil durch den Geſammtſpruch aller Barone gefällt, als der König Karl Dumas, die Gräfin von Salisbury. 12 266 von Blois kommen ließ.„Lieber Neffe,“ ſagte er zu ihm,„man hat Euch hier ſo eben eine große und ſchöne Erbſchaft zuerkannt; nun beeilet Euch, und bemühet Euch perſönlich, ſie von Demjenigen wieder zu erobern, der ſie mit Unrecht beſitzt; bittet folglich alle Eure Freunde, daß ſie Euch bei dieſem Unternehmen beiſtehen mögen. Was mich betrifft, werde ich Euch nicht ent⸗ ſtehen, und außer Gold und Silber, das ich Euch zur Verfügung ſtelle, und von dem Ihr ſo viel nehmen könnet, als Ihr nothwendig habet, werde ich meinem Sohne, dem Herzoge von Normandie auftragen, mit Euch den Oberbefehl zu übernehmen; aber vor allen Dingen bitte und anempfehle ich Euch, zu eilen, da, wenn der König von England, unſer Feind, welchen der Graf von Montfort die Huldigung geleiſtet hat, in Euer Herzogthum käme, derſelbe uns Beiden großen Nachtheil zufügen könnte, denn er könnte keinen ſchö⸗ neren und bequemeren Eingang in unſer Königreich Frankreich finden.“ Herr Karl von Blois verbeugte ſich bei dieſen Wor⸗ ten, die ihn ſehr erfreuten, vor ſeinem Oheime, und dankte ihm für ſeinen guten Willen; dann wendete er ſich zu den Pairs und Baronen, und bat den Herzog von Normandie, ſeinen Vetter, den Grafen von Alengon, ſeinen Onkel, den Grafen von Blois, ſeinen Bruder, den Herzog von Burgund, den Herzog von Bourbon, Herrn Ludwig von Spanien, Hexrn Jakob von Bour⸗ bon, den Grafen und Connetabel von Frankreich, den Grafen von Ghines, den Vicomte von Rohan, endlich alle Prinzen, Grafen, Barone und Seigneurs, welche , 8 A&ú—.——,-/—= ͤ=— 267 gegenwärtig waren, ihm bei dieſem ſchweren Werke bei⸗ zuſtehen; das er unternehmen wolle, und Alle verſpra⸗ chen es ihm, indem ſie ſagten, daß ſie gerne mit ihm und ihrem Seigneur, dem Herzoge von Normandie, gehen würden; dann entfernte ſich Jeder, um ſeine Vorkeh⸗ rungen zu treffen, und ſich marſchfertig zu halten, wie es der Moment erforderte, da man auf dem Punkte ſtand, in ein ſo fernes Land zu ziehen. Nun aber, da man wußte, daß dem Könige Philipp die Intereſſen ſeines Neffen ſehr am Herzen lagen, war Jeder ſchnell bereit, ſo daß gegen Anfang des Jahres 1341 die Ba⸗ rone und Seigneurs, welche unter dem Banner des Herzogs der Normandie marſchiren ſollten, in der Stadt Angers verſammelt waren, von wo ſie, ſich vollzählig erkennend, bald nach Ancenis aufbrachen, welches auf dieſer Seite die Grenze des Königreiches war. Nach⸗ dem ſie drei Tage dort geblieben waren, ihre Macht zu berechnen und zu muſtern, fanden ſie, daß ſie drei⸗ tauſend Gewappnete zählten, ungerechnet die Genueſer, ſo, daß ſie ſich für zahlreich genug hielten, kühn im Bretagnerlande einrückten, und Chantonceaux belagerten. Die erſten Unternehmungen gegen dieſe Feſtung fielen unglücklich aus, vorzüglich für die Genueſer, die, be⸗ gierig, ihre Proben abzulegen, ſich unvorſichtig ploß⸗ ſtellten, und große Verluſte litten. Aber nach und nach hatten die Belagernden ſich Mühe gegeben, Maſchinen zu bauen, und die Stürme geſchahen regelmäßiger, und da die Bewohner der Stadt ſahen, daß man ihnen mit ſo großem Eifer zuſetze, und keine Hoffnung auf Bei⸗ 12*½ 268 ſtand zu hegen ſey, ergaben ſie ſich den franzöſiſchen Seigneurs, die ihnen Pardon gaben, und, dieſen An⸗ fang für ein gutes Zeichen haltend, gerade auf Nantes marſchirten, welches ihr Feind, der Graf von Mont⸗ fort hielt. Vor der Stadt angekommen, richteten ſie ihre Zelten und Fahnen um ihre Mauern herum in ſchöner und regelmäßiger Ordnung auf, wie die fran⸗ zöſiſchen Seigneurs es zu machen pflegten, und die Be⸗ wohner der Stadt, ermuthiget und geſtärkt von dem Grafen von Montfort und Herrn Mervey von Leon, der die Söldlinge befehligte, ſchickten ſich an, ihren Fein⸗ den eine tapfere und kräftige Vertheidigung entgegen zu ſtellen. Die Feindſeligkeiten begannen mit erfolgloſen Schar⸗ mützeln; endlich kam ein Abenteuer von ſo ernſten Fol⸗ gen, daß wir es mit einigen Einzelnheiten erzählen werden. Eines Morgens, da die Söldlinge des Grafen und einige Bürger der Stadt hinausgezogen waren, um in der Umgegend eine Auskundſchaftung vorzunehmen, ſtießen ſie auf eine Zufuhr, aus fünfzehn mit Lebens⸗ mitteln und andern Gegenſtänden beladenen Wagen be⸗ ſtehend, die ſich unter dem Geleite von ſechszig Mann zur Armee begaben. Da die Städter etwa zweihundert waren, fielen ſie ohne Zögern friſch über ſie her, töd⸗ teten einen Theil der Bedeckung, jagten die übrigen in die Flucht, kehrten die Wagen um, und begannen ſie nach der Stadt zu führen. Die Nachricht von dieſem Ueberfalle war jedoch, wie ſehr auch die Nanteſer eil⸗ ten, durch die Flüchtlinge zur Armee gebracht worden, bevor jene die Stadtthore wieder erreicht hatten. Alſo⸗ ͤ» —— 269 gleich rüſtete ſich Jeder, die zuerſt Fertigen ſtiegen zu Pferd, und holten die Zufuhr nahe bei der Barriere ein. Hier entſpann ſich der Kampf von Neuem und hart, denn die Krieger der Armee eilten in großer Zahl herbei, ſo daß die Söldlinge und Bürger wären ge⸗ ſchlagen worden, als ein von der Garniſon entſendetes Detachement ihnen zu Hülfe kam, und das Treffen wie⸗ der herſtellte. Nun ſpannten Einige, während ihre Kameraden ſich ſchlugen, die Pferde aus, und trieben ſie ſtadtwärts, damit die Franzoſen, im Falle ſie Sieger blieben, wenigſtens die Wagen nicht fortführen könnten. Der Kampf wurde alſo um dieſelben herum mit Er⸗ bitterung fortgeſetzt, als ſo bedeutende Verſtärkungen von der Armee für ihre Leute eintrafen, daß die Bür⸗ ger und Söldlinge, die von den Wällen herab ihre Freunde ſich zurückziehen ſahen, mit großem Geſchrei und in Menge hinausſtürzten, und in Unordnung mit⸗ ten in das Handgemenge ſich warfen. Da nun Herr Mervey von Leon aus ihrer unregelmäßigen Art zu kämpfen, erſah, daß ſie nicht lange Stand halten könn⸗ ten, befahl er den Rückzug. Die Reiſigen, an militä⸗ riſche Manöver und Befehle gewöhnt, gehorchten alſo⸗ gleich mit Ordnung und Pünktlichkeit; aber die Bür⸗ ger, dieſer Arten von Uebungen unkundig, blieben mit⸗ ten unter den Franzoſen handgemein, ohne Anführer, ſie zu befehligen, und folglich ohne Einheit, um anzugrei⸗ fen oder ſich zu vertheidigen. Daraus erfolgte, daß Viele getödtet wurden, und eine große Zahl gefangen, während die Söldlinge, in guter Ordnung ſich zurück⸗ ziehend, in die Stadt zurückkehrten, ohne mehr als ei⸗ — * 270 nige Mann verloren zu haben, die Bürger dagegen mehr als hundert Todte, zweihundert Verwundete, und eben ſo viele Gefangene zählten. In Folge dieſes Aben⸗ teuers entſtand ein großes Mißvergnügen unter den Bürgern gegen die Reiſigen, die ſie beſchuldigten, ſie bei dieſer Gelegenheit im Stiche gelaſſen zu haben, ſo zwar, daß ſie, ſowohl um ihre Güter zu retten, welche ſie draußen zerſtören ſahen, als um ihre gefangenen Väter, Kinder oder Freunde zu befreien, mit dem Her⸗ zoge Johann geheime Unterhandlungen eröffneten, mite dem Verſprechen, daß ſie, wenn man ihnen Leben und Eigenthum verbürgen, und ſich verpflichten wolle, ihnen ihre Verwandten und Freunde zurückzugeben, ihnen ei⸗ nes von den Thoren der Stadt öffnen würde, damit die franzöſiſchen Seigneurs hineinkommen und den Gra⸗ fen von Montfort in ſeinem Schloſſe fangen könnten. Dieſe Anträge waren dem Herzoge der Normandie zu vortheilhaft, als daß er ſie ablehnen mochte. Die Ueber⸗ einkunft wurde getroffen, und da am bezeichneten Tage die Franzoſen das Thor geöffnet fanden, gingen ſie ge⸗ rade auf den Palaſt los, und nahmen den Grafen von Montfort, bevor er daran denken konnte, ſich zu vertheidigen, gefangen, und führten ihn in das Lager, ohne daß, dem gegebenen Verſprechen gemäß, irgend ein Nachtheil für die Stadt daraus entſtand. Karl von Blois legte alſogleich eine ſtarke Garniſon in die Stadt Nantes, und kehrte mit ſeinem Gefangenen zu Philipp von Valois zurück, der ſehr erfreut war, den Feuer⸗ brand dieſes fatalen Krieges in ſeiner Gewalt zu haben, den Grafen von Montfort in den Thurm des Louvre 8 ☛88—— 274 ſtecken ließ, und ihn dort als Gefangenen, der Pflicht⸗ verletzung und Verrätherei ſchuldig, bewahrte.. Während dieſe Ereigniſſe zu Nantes und Paris vor⸗ fielen, gegen Ende December des Jahres 1341, berei⸗ tete ſich Eduard, welcher wußte, daß die Feindſelig⸗ keiten zwiſchen Bretagne und Frankreich begonnen hat⸗ ten, ſeinem Vaſallen, wie er es ihm verſprach, Trup⸗ pen zu ſenden, als Johann von Neufville eines Morgens von Neweaſtle ankommend, wo er, wie ge⸗ ſagt, Gouverneur war, dem Könige bemerkte, daß er in dieſem Momente allzuſehr mit ſeinen eigenen Ange⸗ legenheiten ſich zu beſchäftigen habe, um irgendwie daran zu denken, jene von Andern zu entwirren. Wir haben geſagt, wie König David ſein Aufgebot erließ, und Je⸗ der ſich beeilte, ihm zu entſprechen, entweder aus Liebe zu ihm, oder aus Haß gegen Eduard; daher kam's, daß der König, da ſeine Armee ſchnell auf fünfund⸗ ſechszigtauſend Mann geſtiegen war, unter denen man dreitauſend Gewappnete zählte, in England einrückte, indem er zu ſeiner Linken das Schloß Rorbourg ließ, das zu den Engländern hielt, und die Stadt Berwick, worin Eduard Baliol, ſein Mitbewerber um den Thron von Schottland, eingeſchloſſen war, und vor der Feſtung Neweaſtle, an der Tyne, lagerte. Dieſe Erpedition be⸗ gann nicht unter glücklichen Vorzeichen; denn in der⸗ ſelben Nacht, da König David angekommen war, machte ein Trupp Belagerte einen Ausfall aus einem Schlupf⸗ thore, drang mitten in das ſchottiſche Lager, überfiel den Grafen von Murray in ſeinem Bette, und nahm ihn als Gefangenen in die Stadt mit. Er war ein 272 tapferer Ritter, der von ſeinem Vater, dem Regenten während der Minderjährigkeit David's, eine mächtige und treue Liebe für ſein Vaterland und ſeinen König erbte. Am andern Tage befahl David den Sturm; allein nach zweiſtündigem Kampfe an den Barrieren der Stadt, mußte er ſich mit großem Verluſte an Leuten zurückziehen, und wendete ſich gegen Durham. Kaum hatte Johann von Neufpoille, der das Schloß Neweaſtle befehligte, die Feinde ſich entfernen ſehen, als er ſich auf ſein beſtes Pferd warf, und auf Nebenwegen, die nur die Bewohner des Landes kennen, in fünf Tagen nach Chertſey begab, wo ſich damals der König von England befand. Dieß war der erſte Bote, welcher Eduard die Nachricht dieſes Einfalles brachte. Auch dieſer beeilte ſich, ſein Aufgebot zu erlaſſen; es enthielt einen Aufruf an alle Engländer, die mehr als fünfzehn Jahre zählten, aber ſechszig noch nicht erreicht hatten. Da es ihm jedoch dringend ſchien, ſich perſönlich von den Streitkräften und Plänen der feindlichen Armee Kenntniß zu verſchaffen, beſtellte er ſeine Ritter, Knap⸗ pen und Reiſige zu den Marken von Northumberland, und ging zu Meer nach Berwick. Kaum daſelbſt an⸗ gekommen, erfuhr er, daß Durham mit Sturm genom⸗ men, und Alles in der Stadt ohne Löſegeld und Par⸗ don getödtet wurde, ſelbſt Mönche, Weiber und Kin⸗ der, die, ohne Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Ortes, in der Kirche waren verbrannt worden, worin ſie ein Aſyl geſucht hatten. Die Ankunft des Königs zu Ber⸗ wick, obgleich er noch ganz allein war, genügte, um David Bruce zum Rückzuge zu beſtimmen: er zog ſich 273 alſo gegen die ſchottiſchen Grenzen zurück, erreichte die Tweed, und da die Nacht anrückte, ſchlug er ſein Lager in einiger Entfernung vom Schloſſe Wark, in welchem die ſchöne Elſe von Granfton der Rückkehr ihres Gat⸗ ten harrete, des Kriegsgefangenen im Chätelet zu Pa⸗ ris; dieſe Feſtung, denn ſie verdiente dieſen Namen in jeder Beziehung, war von unſerm alten Bekannten Wilhelm von Montaigu, und von etwa hundert tapfern Reiſigen vertheidiget. Der junge Edelknappe, welcher während der ſeitdem verfloſſenen vier Jahre ein Mann geworden war, und nicht aus der Art ſchlug, konnte den Feind nicht ſo nahe wiſſen, ohne von der Kriegs⸗ luſt befallen zu werden. Er nahm vierzig gut berittene und gut gerüſtete kecke Geſellen mit ſich, fiel der ſchot⸗ tiſchen, in einem Hohlwege marſchirenden Armee in den Rücken, tödtete ihr zweihundert Mann, und nahm ihr hundertzwanzig mit Kleinodien, Geld und Kleidern be⸗ ladene Pferde; das Geſchrei der Verwundeten, der Lärm der Waffen wiederhallten dieſe ganze Armee entlang, welche bebte, wie wenn ſie nur einen einzigen Leib ge⸗ bildet hätte, und klangen bis zu Wilhelm von Douglas, der die Vorhut anführte; die Schlange, welcher man auf den Schweif trat, kehrte ſich um, bereit, den klei⸗ nen Trupp zu verſchlingen; aber bereits gab er das Zeichen zum Rückzuge mit ſeinen Gefangenen und ſei⸗ ner Beute. Wilhelm von Douglas verfolgte Wilhelm von Montaigu, und ſtieß mit ſeiner Lanze gegen die Barrieren des Schloſſes in dem Momente, da ſie hin⸗ ter den Beutemachern ſich ſchloſſen. Douglas begann alſogleich den Kampf mit jenen auf den Wällen. Die 274 Ritter von Schweden und Norwegen, die Fürſten der orcadiſchen und hebridiſchen Inſeln eilten bei dem An⸗ blicke der Leitererſteigung den Belagernden zu Hülfe; zuletzt miſchte ſich David Bruce ſelbſt mit dem Reſte der Armee in den Kampf: er war lange und blutig. Das Schloß wurde tapfer angegriffen, aber auch kräftig vertheidiget; die beiden Wilhelm thaten Wunder.— Endlich befahl der König, als er ſah, daß man ohne Kriegsmaſchine nichts ausrichte, und ſeine tapferſten Soldaten bereits am Fuße der Wälle lagen, den im⸗ proviſirten Sturm aufzugeben. Allein die Streiter wa⸗ ren ſo kampferpicht, und beſonders Douglas, den Wil⸗ helm von Montaigu an dem blutigen Herzen erkannte, das er in ſeinem Wappen führte, und von der Mauer herab herausforderte und verhöhnte, daß David ihnen verſprechen mußte, vom Schloſſe nicht abzuziehen, be⸗ vor er ſeine Leute würde gerächt, und die ihnen ge⸗ raubte Beute wieder genommen haben, was Alle für eine Schmach hielten, von welcher Jeder ſeinen Theil empfangen habe. Die Stürmenden zogen ſich alſogleich auf doppelte Pfeilſchußweite vom Schloſſe zurück, ihre Verwundeten und Todten von Stand mitnehmend. Die Uebrigen ließen ſie am Fuße der Wälle. Ein Theil der Armee begann unverzüglich das Lager abzuſtecken und zu ſchlagen, und die Kriegsmaſchinen und Werk⸗ zeuge in Stand zu ſetzen, die am folgenden Tage zum Sturme dienen ſollten, während der Andere nicht min⸗ der wichtige Geſchäfte beſorgte, ganze Ochſen und Schaafe in ihren Häuten briet, aus den Harniſchen den flachen Stein zog, den jeder Ritter bei ſich trug, N N Nͤ 8= —— 8—— ʃ d 275 C˖—˖— ihn am Feuer glühte, und eine Handvoll mit Waſſer eingerührtes Mehl darüber breitete, das, von der Hitze durchdrungen, alſogleich die Dicke einer Art von Fladen annahm,— Dieſe Lebensweiſe im Felde überhob die Schotten der Mühe, jenes ganze Küchengeräth von Oefen und Kochkeſſeln mitzuſchleppen, die den Marſch eines Kriegstruppes verzögern. Daher machten ſie, bei ihren Einfällen oder Rückzügen, Eilmärſche von acht⸗ zehn bis zwanzig Meilen, die ihre Gegner völlig vom rechten Wege abbrachten. So alſo war die Scene, welche ungefähr tauſend Schritte weit vom Schloſſe Wark vorfiel, eine Scene des Lebens und der Beſee⸗ lung, die, wenn man ſich ſo ausdrücken kann, einer Scene des Gemetzels und Todes die Hand gab; denn der ganze Raum, der ſich zwiſchen dem Fuße der Wälle und den erſten Linien des Lagers hindehnte, war die Stätte des Schlachtfeldes, auf dem man, wie geſagt, jene Verwundeten zurückgelaſſen hatte, die wegen ihrer Vgeringen Wichtigkeit für keinen anſehnlichen Verluſt ge⸗ halten wurden. Daher erhoben ſich von Zeit zu Zeit aus dieſem finſteren Raume, wie aus einem Abgrunde, vom Winde fortgetragen, Schreie, Jammerworte, oder undeutliche Töne, die keiner menſchlichen Zunge anzu⸗ gehören ſchienen, und die tapferſten Schildwachen auf dem Walle durchſchauderten. Dann ziſchte ein flam⸗ mender Pfeil durch die Luft, wie eine Sternſchnuppe, bohrte ſich lichterloh brennend in den Boden, und er⸗ leuchtete einen Augenblick einen Theil des Schlachtfeldes. Der Zweck der Belagerten, dieſes Manöver von Viertelſtunde zu Viertelſtunde wiederholend, war: die im 276 Lager Befindlichen zu verhindern, den Verwundeten bei⸗ zuſtehen, und die Verwundeten, das Lager zu errei⸗ chen; denn wenn man bei dem Schimmer dieſer krie⸗ geriſchen Fackeln einen Mann auf der Leichenſtätte ſich aufrichten ſah, wurde er alſogleich ein Zielpunkt der ih⸗ res Schuſſes ſo ſicheren engliſchen Bogenſchützen, daß Jeder von ihnen, wie ſie ſagten, zwölf todte Schott⸗ länder in dem Köcher trug, der an ihrer Seite hing; dann ſtürzte der Unglückliche, welcher ſeine letzten Kräfte zuſammengerafft hatte, um ſich nach der Seite des Le⸗ bens hinzuſchleppen, in Folge einer neuen Wunde wie⸗ der zu Boden, und bei dieſem fand der Tod nur halbe Arbeit. Bisweilen verlieh dieſes zitternde Licht, durch ſein Flackern, erſtarrten Leibern den Anſchein des Le⸗ bens, und ein überflüßiger Pfeil wurde entſchnellt, um ſich in einer Leiche zu verlieren. Gewiß war dieß, wie geſagt, ein geeignetes Schauſpiel, die Aufmerkſamkeit eines Soldaten zu feſſeln, und dennoch wachte über dem Eingangsthore des Schloſſes Wark ein völlig gewapp⸗ neter junger Mann, den Helm zu ſeinen Füßen geſtellt, ohne daß er einen Eindruck von dem zu empfangen ſchien, was vor ſeinen Augen geſchah; er war ſogar dergeſtalt in ſeine Gedanken verſunken, daß er nicht be⸗ merkte, daß eine Frau, die man freilich an der Leich⸗ tigkeit ihrer Schritte für einen Schatten gehalten hätte, durch eine innere Treppe auf die Plateforme kam, und ſich ihm näherte. In der Entfernung einiger Schritte angekommen, blieb ſie jedoch ſtehen, wie wenn ſie zö⸗ gerte, ſtützte ſich auf eine Zinne, und verweilte regungs⸗ los. Sie war bereits einige Minuten lang in dieſer 34 277 Stellung, als der Ruf der Wache vom andern Flügel des Schloſſes ſich vernehmen ließ, und, von Schildwache zu Schildwache ſich nähernd, den jungen Mann er⸗ reichte, der, ſich umwendend, um den Ruf nach der entgegengeſetzten Seite mitzutheilen, auf Lanzenlänge jene Frau erblickte, weiß, regungslos und ſtumm, wie eine Bildſäule. Dann verſtummte der begonnene Ruf unvollendet in ſeinem Munde; er machte eine Bewegung, um ſich dem Gegenſtande zu nähern, auf deſſen Erſcheinen an ſeiner Seite er ſo wenig gefaßt war; aber er blieb alſogleich ſtehen, an ſeinen Platz durch ein Gefühl ge⸗ bannt, das ein oberflächlicher Beobachter für Ehrfurcht hätte halten können. In dieſem Momente wiederholte die Schildwache, da ſie kein Echo ihres Rufes hörte, denſelben noch lauter. Der junge Mann ſchien nun eine Anſtrengung der Selbſtüberwindung zu machen, und wiederholte ebenfalls mit einer Stimme, an der man eine merkbare Bebung erkennen konnte, den nächt⸗ lichen und wachſamen Ruf, der immer ſchwächer wer⸗ dend ſich entfernte, und ſich an derſelben Stelle vedlor, wo er zu ertönen begonnen hatte. „Schön, mein Caſtellan,“ ſprach jetzt mit einer ſanf⸗ ten Stimme, und dem jungen Edelknappen ſich nähernd, die weiße Geſtalt,„ich ſehe, daß Ihr gute Wache hal⸗ tet, und daß wir in Sicherheit ſind. Wir begannen jedoch daran zu zweifeln, als wir ſahen, daß man ſo nahe zu Euch gelangen könne, ohne bemerkt zu werden.“ „Ja, es iſt unverzeihlich von mir, Madame,“ ant⸗ wortete der junge Mann,„nicht... Euch nicht ge⸗ hört zu haben, denn dieſe Wolken, die aus Schottland * kommen, gleiten minder leiſe am Himmel hin, als Ihr es auf Erden thut, ſondern... Euch nicht geahnet zu haben; ich glaubte nicht, daß mein Herz ſo taub ſey!“ „Und warum,“ fuhr die Dame lüchelnd fort,„iſt mein lieber Neffe nicht bei dem Abendeſſen erſchienen, deren Honneurs ich ſo eben unſern tapfern Rittern machte? Es dünkt mir, daß er heute eine hinreichend harte Anſtrengung gemacht habe, um Appetit bekom⸗ men zu haben.“ „Weil ich hinſichtlich der Sorge, über das mir an⸗ vertraute Gut zu wachen, auf Niemand mich verlaſſen wollte, Madame. Hätte ich einen Augenblick Ruhe, wenn ich nicht hier wäre?“ „Ich glaube vielmehr, Wilhelm,“ fuhr die Gräfin lächelnd fort,„daß Ihr Buße thut, um die Unbeſon⸗ nenheit zu ſühnen, die uns dieſe Armee auf den Hals zog. Wenn dieß der wahre Beweggrund iſt, der Euch von uns entfernt, ſo finde ich die Strafe, welche Ihr Euch auferlegt, allzu verdient, um irgend wie ihre Strenge zu mildern. Da man jedoch Eurer klugen Erfahrung im Rathe bedarf, ſo ſtellet Jemand an Euern Platz; Ihr möget ihn wieder einnehmen, wenn Ihr Eure Meinung werdet abgegeben haben.“ „Und worüber berathet man ſich?“ rief Wilhelm aus;„ich hoffe, daß keine Rede davon iſt, ſich zu er⸗ geben, und daß man nicht vergeſſen wird, daß ich hier der Caſtellan, und folglich der Herr in Kriegsangele⸗ genheiten dieſer Feſtung bin, ſo lange die Abweſenheit meines Oheimes von Salisbury dauern wird.“ „Guter Gott! wer ſpricht mit Euch von Uebergabe, 4 —— z —+———. „—=—ͤ— ͤ—6—— e/ Herr Gouverneur? Seyd unbeſorgt; Niemand denkt hier an ſo etwas, und der Muth, den ich heute wäh⸗ rend des Sturmes bewies, ſollte mich, dünkt mir, ge⸗ gen einen ſochen Verdacht ſchützen.“ „O! ja, das iſt wahr,“ verſetzte Wilhelm, die Hände faltend, wie er es vor dem Bildniſſe einer Heiligen ge⸗ than hätte,„Ihr ſeyd muthig, edel und ſchön, wie die Walkyrien, jene Töchter Odin's, die in den Geſängen der ſächſiſchen Barden die Schlachtfelder beſuchen, um die Seelen der ſterbenden Krieger zu ſammeln.“ „Ja, aber ich habe keine weiße Stute, die den Schrecken aus den Nüſtern ſchnaubt, und keine goldene Lanze, die Alles zu Boden ſtürzt, was ſie berührt; hieraus folgt, daß ich, wie ruhig ich auch den Andern gegenüber ſeyn, oder ſcheinen mag, für Euch, Wilhelm, mich zu verſtellen aufhören, und dieſe Hoffnungsmaske ablegen will, damit Ihr meine ganze Unruhe ſehen könnet. Berechnet, wenn Ihr es vermöget, aus wie vielen tauſend Mann jene Menge beſteht, die uns um⸗ zingelt, ſehet, mit welchen ſchrecklichen Anſtalten ſie ſich beſchäftiget; dann werfet einen Blick auf uns; zählet unſere Vertheidiger, und prüfet unſere Vertheidigungs⸗ mittel!... Wilhelm, es wäre unvorſichtig, uns bloß auf unſere Streitkräfte zu verlaſſen.“ „Mit Gottes Hülfe werden ſie uns denn doch ge⸗ nügen müſſen, Madame,“ entgegnete Wilhelm ſtolz, „und ich glaube, daß zwei oder drei Stürme wie der heutige, unſern Feinden, wie zahlreich ſie auch ſeyn mögen, nicht nur die Hoffnung, das Schloß einzuneh⸗ men, ſondern auch die Luſt rauben dürften, es zu ver⸗ 280 ſuchen. Da! Eben erſt fordertet Ihr mich auf, die Lebenden zu zählen, verſucht es, die Todten zu zählen.“ Wirklich war ſo eben ein flammender Pfeil von den Mauern weggeflogen, und mitten in das mit Lei⸗ chen beſäete Schlachtfeld gefahren, das, wie geſagt, vom Fuße der Wälle bis zu den Linien des Lagers ſich hin⸗ dehnte. Elſe folgte mit den Augen dem kriegeriſchen Meteor, welches, fortwährend brennend, da es die Erde berührte, einen ſehr weiten Kreis erhellte. Gegen das äußerſte Ende dieſes Kreiſes zu, und in der Richtung des Lagers, konnte man nun, in Folge jenes Schim⸗ mers, einen Mann ſehen, der von Leiche zu Leiche ging, wie wenn er Jemand zu erkennen ſuchte; endlich kniete er ſich neben Einen von ihnen hin, und hob ihm den Kopf empor. Im nämlichen Augenblicke ſchwirrte ein Pfeifen durch die Luft, ein Schrei ließ ſich vernehmen; der Mann richtete ſich auf ſeinen Füßen auf, wie wenn er fliehen wollte; aber alſogleich ſank er wieder neben denjenigen nieder, den er aufgeſucht hatte; faſt unver⸗ züglich erloſch der flammende Pfeil, Alles kehrte in das Dunkel zurück; einige Jammertöne erhoben ſich in der Finſterniß; dann verſtummten auch ſie, wie das Licht erloſchen war, und Alles wurde wieder lautlos. Wil⸗ helm fühlte in dieſem Momente die ſchwach werdende Gräfin ſchwer an ſeinem Arme hangen, und kehrte ſich, ſelbſt ſchaudernd, zu ihr um; denn durch die eiſernen Schienen ſeiner Rüſtung hindurch, drang die Gluth die⸗ ſer Hand. Elſe brach unter ihren Knien zuſammen, und ſchien nahe daran, zu Boden zu fallen; Wilhelm ſtützte ſie. — „——.,——,——jõ 281 „O!“ ſagte Elſe, mit der Hand über ihre Stirne fahrend,„was für ein ſchreckliches Ding iſt ein Schlacht⸗ feld! Am Tage iſt es nichts. Ihr wiſſet, wie beherzt und muthig ich war? Wohlan, alle jene Männer, die ich inmitten des Getöſes und Gemetzels fallen ſah, alle jene Todesſchreie, die ich hörte, haben mich weniger ſchmerzlich ergriffen, als der Sturz dieſes Unglücklichen, der die Leiche eines Vaters, Sohnes oder Freundes ſuchte, um die heilige Pflicht des Begräbniſſes zu er⸗ füllen, und als das Stöhnen, welches er ſterbend aus⸗ ſtieß. O! horchet, horchet; vernehmet Ihr nicht wie⸗ der Klagelaute?“ „Es iſt nur allzu wahr, Madame,“ antwortete Wil⸗ helm;„viele Männer, die auf dem blutigen Bette lie⸗ gen, auf das Ihr einen flüchtigen Blick warfet, ſind noch nicht todt, und ſterben nun vollends. Sie ſind Soldaten; ſo mußten ſie enden.“ „O! für einen Krieger iſt es nichts, inmitten der Schlacht und des Getöſes, unter den Augen der Waf⸗ fenbrüder und Anführer, bei dem Schalle der Inſtru⸗ mente zu ſterben, die den Sieg ſchmettern; aber lang⸗ ſam und ſchmerzlich ſterben, ferne von Allem, was man geliebt hat, und von dem man geliebt wird, in einer ſo finſtern Nacht, daß ſelbſt das Auge Gottes ſie nicht ſcheint durchdringen zu können, auf einer fremden, mit dem eigenen Blute durchweichten Erde ſterben, ſie mit Zähnen und Fingern wühlend... ol dieß iſt der Tod eines Vatermörders, eines Ketzers, oder eines Verdamm⸗ ten!... Und wenn ich denke, daß es auf der Welt noch etwas Schlimmeres giebt, als dieſen Tod! o! Wil⸗ helm, dann iſt es wohl erlaubt, den Muth zu verlieren, zu zittern und zu beben.“ „Was wollet Ihr damit ſagen?“ rief Wilhelm be⸗ ſorgt aus. „Habt Ihr die zu Durham begangenen Abſcheulich⸗ keiten nicht erzählen hören? Habt Ihr nicht ſagen hören, daß Alles erbarmungslos zerriſſen wurde von dieſen ſchottiſchen Wölfen, hervorgebrochen aus ihren Wäldern, und von ihren Bergen herabgetrabt, Alles, Männer, Greiſe, Kinder, ſelbſt Weiber, und daß die Wenigen von Letzteren, die man verſchonte, mehr Urſache hatten, Gott anzuklagen, als wenn ſie geſtorben wären?“ „O! Ihr fürchtet ſo etwas nicht, hoff ich! O! wir Alle werden uns bis auf den Letzten tödten laſſen, und man wird zu Euch nur über meine Leiche kommen.“ „Ja, ich weiß dieß, Wilhelm,“ verſetzte Elſe ruhig; „aber nachher?... Das Schloß wird deßhalb doch genommen werden; im letzten Augenblicke kann es mir an Muth gebrechen, mich zu tödten, denn ich bin ein Weib, und folglich ſind mein Herz und mein Arm in Gegenwart des Todes ſchwach!“ „Wohlan!“ rief Wilhelm aus,„ſo will ich.. O! ich Elender, was hab' ich gedacht? Was wollte ich ſagen?“ „Ich danke, Wilhelm,“ ſagte Elſe, dem jungen Edelknappen die Hand reichend,„mein Gedanke hat den Eurigen geweckt; das iſt gut; mein Gemahl hat mich unter Euern Schutz geſtellt, mit größerer Beſorgniß noch, dafür ſteh' ich gut, für meine Ehre, als für mein Leben; wenn Ihr mich ihm nicht lebendig und A ͤ ͤööf. 283 rein zurückgeben könnet, wie Ihr mich von ihm empfinget, ſo werdet Ihr mich wenigſtens todt und rein zurück⸗ geben, und er wird ſagen, daß Ihr Euern Auftrag, wenn nicht getreu, wenigſtens tapfer erfüllet habt, und lebendig oder todt, Euch oder Euerm Andenken dafür dankbar ſeyn; aber dieß iſt ein äußerſter Fall, Wilhelm, und vielleicht giebt es ein Mittel.“ „Welches?“ rief der junge Mann, ohne ihr Zeit zu laſſen, auszureden. „Man ſagt, daß der König zu Berwick iſt, wo er eine Armee verſammelt; Berwick liegt nur eine Tage⸗ reiſe von hier.“ „Ihr werdet Beiſtand von Eduard verlangen, Ma⸗ dame?“ fragte Wilhelm erblaſſend. „Und er wird ihn mir gewähren, deſſen bin ich gewiß,“ antwortete die Gräfin. „O! ſangdieul ich zweifle nicht daran!“ rief Wilhelm aus.„Und Ihr werdet ihn in dieſem Schloſſe empfangen, Madame?“ „Iſt er nicht mein Souverain und mein Gebieter? Iſt er nicht der Seigneur, dem mein Gemahl Treue und Huldigung geleiſtet hat? und wenn er meine Bitte mir gewährt, wenn er mir zu Hülfe kommt, und ich ihm das Leben ſchulde, und vielleicht mehr als das Leben, wird er nicht ein neues Recht auf meine Dank⸗ barkeit haben?“ „Ja, ja, und auf Eure Liebe,“ murmelte Wilhelm, mit ſeinen eiſernen Handſchuhen ſich vor die Stirne ſchlagend.. „Mein Herr!“ ſagte die Gräfin mit Kälte und Würde. „O! Vergebung! Vergebung!“ rief der junge Edel⸗ knappe aus;„Ihr wüßt dieß nicht, Madame, denn die Tugend trägt einen Schleier. Aber wenn Ihr, wie ich, ſeinen Blicken gefolgt wäret, wenn ſie ſich auf Euch hefteten, wenn Ihr den Ton ſeiner Stimme erforſcht hättet, wenn er mit Euch ſprach, wenn Ihr ihn hättet erröthen und erblaſſen ſehen, wenn er ſich Euch näherte, wenn Ihr in jener Nacht erwacht wäret, da ich neben Euch wachte, o! Ihr würdet nicht zweifeln, daß dieſer Mann Euch liebt. Und dieſer Mann iſt ein König...“ „Was liegt daran,“ verſetzte Elſe,„ob die unſinnige Liebe, die ich einzuflößen das Unglück habe, von einer höheren Perſon kommt, als ich, oder von einer gerin⸗ geren, als ich? Ich liebe meinen edlen Gemahl hin⸗ reichend, um gewiß zu ſeyn, daß keine Verführung vermögen wird, in der Treue mich wanken zu machen, die ich ihm geſchworen habe, und eine wie gute Mei⸗ nung ich auch von meiner Schönheit haben mag, ſo glaub' ich doch nicht, daß ſie jemals eine Liebe hervor⸗ rufen könne, ſtark genug, um denjenigen, der von ihr ergriffen wird, zur Gewaltthat zu treiben. Wenn Ihr alſo, Wilhelm, keine andere Einwendung gegen das Mittel zu machen habet, das ich Euch vorſchlage, ſo wiird dieß für mich kein Beweggrund ſeyn, es aufzu⸗ ggeben, und ich bitte Euch, zu forſchen, ob es nicht Jemand unter den Bewohnern dieſes Schloſſes giebt, tapfer und ergeben genug, um durch das ſchottiſche Lager zu ziehen, und mein Geſuch dem Könige von England zu überbringen.“ „Ich weiß Jemand, der auf ein Zeichen von Euch 285 ſterben, Madame, und ſich überglücklich fühlen wird, zu ſterben,“ entgegnete Wilhelm traurig;„wollet alſo gefälligſt wieder zu den Rittern hinuntergehen, die Eurer im Berathungsſaale harren. Schreibet Eure Briefe, in einer Viertelſtunde wird der Bote bereit ſeyn.“ Die Gräfin drückte Wilhelm zum Zeichen des Dankes die Hand, und entfernte ſich leicht, wie ſie gekommen war. Wilhelm folgte ihr mit den Augen bis zu dem Momente, da ſie auf den Stufen der Treppe zu ſchweben ſchien. Dann kehrte er ſich um, rief einem Knappen, auf deſſen Treue und Wachſamkeit er rechnen zu können wußte, übergab ihm ſeinen Poſten, ſetzte ſeinen Helm auf ſeinen Kopf, und entfernte ſich ſeufzend. Die Gräfin ging wieder in den Saal hinab, wo die Ritter ihrer harreten, und ſchrieb mit ihrem Rathe die Briefe, welche ſie an den König richtete. Sie hatte ſie eben geſiegelt, als Wilhelm von Montaigu eintrat. Die kurze Zeit, welche verfloſſen war, hatte ihm genügt, ſeinen Anzug zu ändern, und anſtatt der ſchweren Schlacht⸗ rüſtung trug er einen Leibrock, blau und ſchwarz, ge⸗ ſchnitten wie jene der Bogenſchützen, ein anliegendes, mit dieſen beiden Farben geſtreiftes Pantalon, leichte Halbſtiefel, und eine Faltenmütze von Sammet. Seine Waffen beſtanden aus einem kurzen Schwerte, einem Hirſchfänger ähnlich, aus einem Eibenholzbogen, und einem mit Pfeilen gefüllten Köcher. Er näherte ſich der Gräfin, und verbeugte ſich vor ihr.„Sind die Briefe fertig, Madame?“ fragte er ſie. „Was bedeutet dieß?“ riefen die Ritter aus;„Ihr ſelbſt übernehmet dieſe Botſchaft?“ 286 „Meſſeigneurs,“ antwortete Wilhelm,„ich habe ein ſo großes Vertrauen zu Eurem Muthe und zu Eurer Loyalität, daß ich Euch die Vertheidigung des Schloſſes überlaſſe. Was mich betrifft, ſo iſt der Wunſch in mir aufgetaucht, aus Liebe zu meiner Gebieterin und zu Euch, meinen Leib bei dieſem Abenteuer zu wagen; denn ich ahne, daß es zu meiner und zu Eurer Ehre enden wird, und daß ich den König Eduard hierher werde gebracht haben, bevor Ihr zur Uebergabe ſchreitet.“ Die Ritter gaben dieſem Entſchluſſe ihren vollen Beifall; die Gräfin reichte Wilhelm die Depeſchen, der ſich auf ein Knie niederließ, um ſie zu empfangen. „Ich werde für Euch beten,“ ſagte Elſe. „Gott ſchenke mir die Gnade, daß ich während Eures Gebetes ſterbe,“ entgegnete Wilhelm;„ich werde wohl ſicher ſeyn, in den Himmel emporzuſchweben.“ In dieſem Augenblicke ſchlug die Schloßuhr, und man hörte das Rufen der Soldaten auf ihren Poſten, welche die ganze Länge der Wälle hin wiederholten: „Schildwachen, wachet!“ „Mitternacht!“ rief Wilhelm, der auf jeden Schlag der Uhr gehorcht hatte;„es iſt keine Zeit mehr zu, verlieren.“ Und er eilte zum Gemache hinaus. 4 4½8 Sechzehntes Kapitel. Wilhelm ließ ſich ein Schlupfthor des Schloſſes öffnen, und wagte ic ohne einen Sohiidknapden oder 44 ⸗ es 287 Edelknecht mitzunehmen, auf das Schlachtfeld, über das er ohne Unfall kam. Die Nacht war finſter und reg⸗ neriſch, und folglich ſeinem Unternehmen günſtig, daher gelangte er unbemerkt bis zu den Verſchanzungen, und da der Regen, welcher in Strömen fiel, die Schotten in ihren Zelten zurückhielt, ſtieg er über die Schanz⸗ pfähle, und befand ſich im Lager; unkundig, ob er es eben ſo leicht verlaſſen könnte, als er hineingekommen war, orientirte er ſich, bevor er weiter ging, und wendete ſich zu ſeiner Linken, wo er die Ufer der Tweed finden ſollte, indem er mit Recht dachte, daß, wenn er entdeckt würde, dieſer Fluß, wie reiſſend und ange⸗ ſchwollen er auch war, ihm ein gefährliches, aber doch mögliches Rettungsmittel böte. Nach ungefähr hundert Schritten kam er zum Fluße; er folgte vorſichtig dem Ufer, auf welchem er ſich befand. Er marſchirte unge⸗ fähr ſeit zehn Minuten, als er ein Geräuſch zu hören glaubte; er blieb alſogleich ſtehen, und horchte mit der Aufmerkſamkeit eines Menſchen, deſſen Leben auf der Feinheit ſeiner Sinne beruht. Wirklich näherte ſich ein Trupp Reiter auf ſeiner Seite, gleich ihm den Geſtaden der Tweed folgend. Sich rechts in das Feld werfen, hieß die Rettungsausſicht verlieren, die er ſich verſchafft hatte; er zog es alſo vor, in das hohe Gras zu ſchlüpfen, welches das Ufer ſäumte, und an den Wurzeln der Bäume ſich feſt haltend, war er in dem ausgehöhlten Raume zwiſchen dem Ufer und dem Waſſer verborgen, das unter ihm brauſete; hier übertäubte das Toſen des Stromes einen Augenblick den Lärm der Männer, und anfangs glaubte er, ſich getäuſcht zu haben, aber bald 288 bewies ihm das Wiehern eines Pferdes das Gegentheil. Einige Secunden nachher begann er den Klang der Stimmen zu hören, und faſt alſogleich konnte er einige Worte des Geſpräches vernehmen. Wilhelm verſicherte ſich zunächſt, daß ſein Schwert leicht aus der Scheide gehen konnte; dann warf er die Blicke auf das Waſſer, und ſah, daß er nur die Wurzeln fahren zu laſſen brauche, an die er ſich klammerte, um in den Fluß zu fallen. Ueberzeugt, daß er, je nach dem Bedürfniſſe, kämpfen und fliehen konnte, wendete er von Neuem ſeine ganze Aufmerkſamkeit dem Geräuſche zu, das ſich immer mehr näherte. „Und Ihr glaubet, Capitain,“ ſagte Einer von den Ankömmlingen, den man an dem gebieteriſchen Tone ſeiner Stimme für den Anführer des Truppes halten konnte,„daß wegen dieſer hölliſchen Nacht, während welcher die Arbeiter nichts thun können, unſere Kriegs⸗ maſchinen erſt morgen nach Mittag fertig ſeyn werden?“ „Wenigſtens, Monſeigneur, hat mir dieß der Leiter der Arbeiten verſichert,“ antwortete mit dem Tone der Ehrerbietung die gefragte Perſon. 4 „Dieß wird den Sturm noch verzögern,“ ſagte mit dem Tone der Ungeduld der erſte Sprecher.„Gregor!... „Monſeigneur!“ antwortete eine neue Stimme. „Du wirſt morgen früh mein Banner nehmen, einen Trompeter vorausreiten laſſen, meinen Handſchuh an eines von den Thoren des Schloſſes nageln, und Wilhelm von Montaigu herausfordern, zu kommen, um zu Ehren Gottes und ſeiner Dame eine Lanze mit Wilhelm von Douglas zu brechen.“ 8 ,) —, ——,——,—9 289 „Ich werde Euren Willen vollziehen, Monſeigneur,“ erwiederte der Knappe. In dieſem Momente war die von Douglas befehligte Nachtrunde gerade an der Stelle angekommen, wo Wilhelm ſich verſteckt hielt, ſo daß Douglas, ſein Schwert ausſtreckend, denjenigen hätte berühren können, den er am folgenden Tage herauszufordern ſich anſchickte, und in ſolcher Nähe zu vermuthen weit entfernt war. Auch dießmal zeigte das Thier die Ueberlegenheit ſeiner Sinne über jene des Menſchen, denn an Wilhelm vorüber⸗ gehend blieb das Pferd des Douglas ſtehen, ſtreckte den Hals, und wendete ſeine Nüſtern gegen den jungen und wagehalſigen Edelknappen, der in ſeinem Geſichte den warmen und feuchten Dampf ſpüren konnte, den ſie ſchnoben. „Was giebt's, Fingal?“ ſagte Douglas, ſich im Sattel zurecht ſetzend. „Wer da?“ rief Gregor, mit ſeinem Schwerte auf die Gebüſche ſchlagend. „Irgend eine Otter, die auf den Fiſch lauert, irgend ein Fuchs, der auf die Koſten unſerer Küche ſein Glück ſucht,“ äußerte der Capitain lachend. „Soll ich abſteigen, Monſeigneur?“ fragte Gregor. „Nein,“ antwortete Douglas,„es lohnt ſich nicht der Mühe, und Rasling hat Recht. Vorwärts, Fingal,“ fuhr er fort, die Sporen einſetzend,„vorwärts, wir haben keine Zeit zu verlieren. Und Du wirſt beifügen,“ ſprach er weiter, zu Gregor, ſich wendend,„daß ich ihm alle Vortheile des Bodens und der Sonne laſſe.“ Dumas, die Gräfin von Salisbury. 13 290 „Was den letzten Artikel betrifft, Monſeigneur,“ bemerkte der Capitain,„ſo glaub' ich, daß Ihr Euch unbedenklich verpflichten könnet.“ „Woferne er nur annimmt,“ erwiederte Douglas nachläſſig, deſſen Stimme ſich in der Ferne zu verlieren begann,„ſo wirſt Du ihm alle Bedingungen zugeſtehen.“ Mehr hörte Wilhelm nicht, entweder weil das Geſpräch aufgehört hatte, oder die Entfernung zu groß war; er ſteckte ſein Schwert wieder in die Scheide, das er halb gezogen hatte, ſchwang ſich auf den Rand des Ufers, und ſetzte ſeinen Weg fort, ohne auf ein anderes Hinderniß zu ſtoſſen, als auf den von den Soldaten in der Eile angelegten Einfriedungsgraben. Stark und leicht wie ein Bergbewohner, ſetzte er mit einem Sprunge hinüber, und befand ſich außerhalb des Lagers. Wilhelm marſchirte ſeit ungefähr zwei Stunden, als die erſten Strahlen des Tages den Gipfel der Berge vergoldeten, an deren Fuße er auf einem ſchmalen Pfade wanderte. Nach und nach ſchien das Licht auf der geneigten Fläche der Hügel zu wiederſtrahlen; zu gleicher Zeit begann ein dichter Nebel, von der Nacht in der Tiefe des Thales angehäuft, gleich den Wogen eines ſchwellenden Meeres ſich zu bewegen; während einiger Augenblicke verweilte ſo der Nebel ſchwebend zwiſchen Wilhelm und dem Horizonte, den er ſeinen Blicken entzog, wie wenn er mit Anſtrengung die Erde verlaſſen hätte; endlich rollte er gleich einem Theatervorhange empor, und ließ durch ſeinen feuchten Flor hindurch eine Landſchaft erſcheinen, von jenem Dämmerungshalbſchatten erhellt, der ſchon nicht mehr die Nacht, aber auch noch nicht 291 der Tag iſt. Nun begann inmitten dieſer hellen und poetiſchen Atmosphäre, ein ſchottiſches Lied ſich hören zu laſſen. Wilhelm erkannte alſogleich die durchdrin⸗ genden Modulationen eines Dudelſackes der ſchottiſchen Bergbewohner, blieb unverzüglich ſtehen, und lauſchte. In dieſem Momente ſah er, ungefähr fünfhundert Schritte weit entfernt, auf dem Gipfel eines kleinen, durch die zufällige Beſchaffenheit des Weges gebildeten Hügels, zwei ſchottiſche Soldaten erſcheinen, die in das Lager ein Geſpann Ochſen trieben, welche ſie ohne Zweifel ſo eben in einem nahen Meierhofe geſtohlen hatten; Einer von den beiden Soldaten ritt eines von jenen kleinen Pferden, die man mit dem Namen Paß⸗ gänger bezeichnete, und ſpornte die Ochſen mit der Spitze ſeiner Lanze, um ihren Gang zu beſchleunigen. Als Wilhelm ſie erblickte, ſpannte er den Bogen, den er abgeſpannt in der linken Hand trug, zog einen Pfeil aus ſeinem Köcher, ſtellte ſich mitten auf den Weg, und wartete, bis ſie auf die Tragweite des Pfeiles und der Stimme waren; die Schotten trafen ihrerſeits ihre Vertheidigungsanſtalten. Dieſe Anſtalten waren um ſo dringlicher von beiden Seiten, als die Beſchaffenheit des Bodens keinen andern Durchzug gewährte, als den Fuß⸗ pfad auf welchem die Reiſenden ſich befanden, da ſie auf der einen Seite durch die ſteile Abdachung des Berges, und auf der andern durch den Fluß eingeengt waren. Da jedoch die Schottländer Wilhelm unbeweglich ſahen, ſetzten ſie ihren Weg fort; dieſer ließ ſie gewähren; als ſie ungefähr noch hundertfünfzig Schritte entfernt waren, 13* 292 ſtreckte er die Hand gegen ſie aus.„Holla! meine Herren mit den rothen Beinen,“ rief er ihnen in der Walliſermundart zu, die er, als Grenznachbar, wie ein Bergbewohner ſprach,„keinen Schritt weiter, bevor wir uns erklärt haben!“ „Was wollet Ihr?“ antworteten die Schotten, welche, da ſie ihre Sprache ſprechen hörten, nicht mehr wuß⸗ ten, ob ſie Wilhelm als einen Freund oder Feind be⸗ trachten ſollten. „Ich will vor Allem, daß Du mir das Pferd gibſt, welches Du reiteſt, Freund Ochſentreiber,“ verſetzte Wil⸗ helm, denjenigen anredend, der die Ochſen ſpornte,„da ich noch einen weiten Weg zu machen habe, während Du in zwei Meilen das Lager erreichen kannſt.“ „Und wenn ich nicht geneigt wäre, es Dir zu ge⸗ ben, was thäteſt Du?“ erwiederte der Schotte. „Bei meiner Seele,“ entgegnete Wilhelm,„ich würde es Dir mit Gewalt nehmen.“ Der Schotte begann zu lachen, und trieb, anſtatt zu antworten, die Ochſen mit der Spitze ſeiner Lanze an. Da Wilhelm ſeinerſeits dachte, es ſey vergeblich, das Geſpräch fortzuſetzen, legte er den Pfeil auf ſeinen Bogen; der Schotte ſah die feindliche Bewegung des jungen Edelknappen, warf ſich, in der Vorausſicht ihrer Folgen, ſchnell von ſeinem Pferde herab, packte den Ochſen bei dem Schweife, machte ſich, wie es ſein Kamerad bereits gethan hatte, einen Wall aus dem Leibe des Thieres, und ſetzte ſeinen Weg wieder fort. „Ah! ah!“ ſagte Wilhelm, über die Taktik lächelnd, „es ſcheint, daß mein Pferd mir zwei Pfeile mehr ko⸗ . 293 ſten wird, als ich dafür zu bezahlen gedachte; gleich⸗ viel, ich würde es noch theurer kaufen, da ich deſſel⸗ ben ſo ſehr bedarf.“ Bei dieſen Worten hob er langſam den linken Arm empor, dann zog er mit den beiden Fingern der rech⸗ ten Hand den Strang zurück, wie wenn er die beiden Ende des Bogens vereinigen wollte; einen Augenblick ſchien er unbeweglich, wie ein ſteinerner Bogenſchütze; plötzlich entſchwirrte der Pfeil, und drang tiefer als zur Hälfte ſeiner Länge in die Blöße der Schulter des Einen der Ochſen, die den beiden Schotten zu lebendigen Schil⸗ den dienten. Das töodtlich verwundete Thier blieb an⸗ fangs, auf ſeinen vier Füßen zitternd, ſtehen; dann ſprang es, alſogleich ein ſchreckliches Gebrüll ausſtoßend, mit einer Schnelligkeit vorwärts, mit welcher ſich jene des ſchnelleſten Pferdes nicht meſſen könnte; aber nach ungefähr dreißig Schritten wurden ſeine Vorderbeine ſchwach, und es ſank auf ſeine Knie, rutſchte jedoch mit Hülfe ſeiner Hinterfüße fort, den Boden mit ſei⸗ nem Horne wühlend, und ſelbſt vollends den Pfeil bis zu deſſen Gefieder in die Bruſt ſich bohrend; aber dieß war die letzte Anſtrengung ſeines Todeskampfes; auch ſeine Hinterbeine brachen zuſammen; er ſtürzte, ver⸗ ſuchte wieder aufzuſtehen, ſank noch einmal nieder, ſtreckte den Hals, ſtieß ein klägliches Gebrüll aus, und ver⸗ endete alſogleich. Wie kurz auch dieſer Moment war, ſo hatte Wilhelm doch ſchon einen zweiten Pfeil aus ſeinem Köcher gezogen, und auf ſeinen Bogen gelegt. Die Vorſichtsmaßregel war nicht überflüſſig; denn als der Schotte ſich ſchirmlos ſah, hatte er ſich auf ſein 294 Pferd geſchwungen, und ſprengte gerade auf den jun⸗ gen Edelknappen los; dieſer hob den tödtlichen Bogen zum zweitenmal empor; allein ſein Gegner legte ſich dergeſtalt auf den Hals ſeines Pferdes hin, daß es dem geſchickteſten Bogenſchützen unmöglich geweſen wäre, den Mann zu treffen, ohne zu riskiren, das Thier zu tödten. Wilhelm war nahe daran, ſeinen Bogen fallen zu laſ⸗ ſen, und ſein Schwert zu ergreifen, als das Pferd, bei dem Leibe des todten Ochſen ankommend, erſchrocken einen Seitenſprung machte, und die Flanke ſeines Rei⸗ ters preisgab; es war nur ein Augenblick, aber dieſer Augenblick genügte dem raſchen und ſicheren Auge des jungen Mannes; der Pfeil entſchwirrte, und der Schotte ſank zu Boden, mit vom Pfeile ſeines Gegners durch⸗ bohrter Bruſt. Das ſcheue Pferd ſetzte ausſchlagend und wiehernd ſeinen Weg fort; aber als es nur mehr zehn Schritte von Wilhelm entfernt war, ließ dieſer jenes eigenthümliche Pfeifen vernehmen, womit der ſchottiſche Reiter ſeinem halbwilden und im Gebirge herumirren⸗ den Pferde zurückzurufen pflegt; bei dieſer bekannten Sprache blieb das Thier ſtehen, und ſpitzte die Ohren. Wilhelm ließ den nämlichen Ton wieder hören, indem er ſich ihm näherte; weit entfernt, noch einmal die Flucht zu verſuchen, blieb es nun ſtehen, und bot von ſelbſt den Rücken ſeinem neuen Herrn, der ſich raſch auf daſſelbe ſchwang, und es gegen den zweiten Schot⸗ ten lenkte, der, ebenfalls verwundet, auf die Knie ſank, und um Pardon bat. 4 „Gerne,“ ſagte Wilhelm;„denn wenn ich eines Pfer⸗ des bedurfte, bedurfte ich auch eines Boten. Schwöre ⸗ „ n. 295 mir alſo, den Auftrag, welchen ich Dir geben werde, getreulich zu vollziehen, und ich ſchenke Dir das Leben.“ Der Soldat leiſtete den verlangten Eid. „Gut,“ verſetzte Wilhelm,„Du wirſt zuvörderſt zu David von Schottland gehen, und ihm ſagen, daß Wil⸗ helm von Montaigu, Caſtellan des Schloſſes Wark, dieſe Nacht durch ſein Lager zog, daß Du ihn auf dem Wege zu dem Könige Eduard trafeſt, der zu Berwick iſt, und daß er Deinen Kameraden getödtet, und Dich verwun⸗ det habe; dann wirſt Du Dich zu Douglas begeben, und ihm ſagen, daß Wilhelm ſeine Herausforderung hörte, ſie annahm, und in der Vermuthung, er werde ſeine Rückkehr nicht erwarten, ſelbſt ihm die Waffen, den Ort und die Bedingungen des Kampfes bezeichnen werde. Endlich wirſt Du den Ochſen da tödten, der Dir übrig bleibt, damit weder Du, noch ſonſt Jemand von der Armee ſein Fleiſch benütze. Nun ſteh auf, und thu, was ich Dir ſagte; Du biſt frei.“ Bei dieſen Worten ſetzte Wilhelm von Montaigu ſein Pferd in Galopp, und ritt ſo eilig, daß er fünf Stunden ſpäter die Stadt Berwick erblickte. Er traf dort Eduard, der bereits eine anſehnliche Armee ver⸗ ſammelt hatte. Kaum erfuhr der König die Gefahr, worin die Gräfin ſchwebte, als er Befehl zum Auf⸗ bruche gab. Noch am nämlichen Abende trat die ganze Armee den Marſch an; ſie beſtand aus ſechstauſend Gewappneten, zehntauſend Bogenſchützen, und ſechzig⸗ tauſend Mann Fußvolk. Aber ungefähr auf der Hälfte des Weges, konnte er die Langſamkeit nicht aushalten, ☛ 296 mit welcher man, wegen des vielen Fußvolkes, mar⸗ ſchirte. Er wählte folglich tauſend Gewappnete unter ſeinen tapferſten Rittern, befahl einer gleichen Anzahl Bogenſchützen, ſich an die Mähne der Pferde zu halten, ſtellte ſich mit Wilhelm von Montaigu an die Spitze dieſes kleinen Truppes, und gab ihm das Beiſpiel, in⸗ dem er ſein Pferd in ſcharfen Trab ſetzte. Ein wenig vor Tagesanbruch erkannte Wilhelm an den Leichen der beiden Ochſen den Platz, auf dem er am vorigen Tage den Schotten das Treffen geliefert hatte. Eine Stunde nachher, und als die erſten Strahlen der Sonne zu er⸗ ſcheinen begannen, kamen ſie auf einen Hügel, von wo aus man das Schloß und ſeine Umgebung erblickte; aber die Schotten, wie Wilhelm es vorausſah, hatten Eduard nicht erwartet, und während der Nacht David Bruce die Belagerung aufgehoben; das Lager war leer. Kaum befanden ſie ſich ſeit fünf Minuten hier, als Wilhelm von Montaigu aus den Bewegungen, die auf den Wäl⸗ len geſchahen, erſah, daß ſie erkannt waren; Eduard und er ſetzten folglich ihre Pferde in Galopp, und rit⸗ ten, nur von fünfundzwanzig Rittern begleitet, durch das ganze feindliche Lager. Lautes Freudengeſchrei be⸗ grüßte bald ihr Herannahen. Endlich, in dem Momente, da ſie abſtiegen, that ſich das Thor auf, und die Grä⸗ fin von Salisbury, herrlich geſchmückt und ſchöner als jemals, kam dem Könige entgegen, und ließ ſich auf ein Knie nieder, um ihm für die Hülfe zu danken, die er ihr brachte; aber Eduard hob ſie alſogleich auf, und ohne mit ihr ſprechen zu können, ſo voll war ſein Herz von Dingen, die er ihr nicht zu ſagen wagte, ging er „ g·ͤͤ— S, 297 langſam neben ihr, und Beide kehrten Hand in Hand in das Schloß zurück. Die Gräfin von Salisbury führte ſelbſt den König in das prächtige Gemach, das ſie für ihn bereiten ließ, aber ungeachtet aller dieſer Mühen und Aufmerkſamkei⸗ ten, fuhr Eduard fort, das nämliche Schweigen zu be⸗ obachten; nur ſchaute er ſie ſo unabläſſig und ſo ſehn⸗ lich an, daß Elſe, ſchüchtern, die Rothe ſich in's Ge⸗ ſicht ſteigen fühlte, und ſachte ihre Hand aus der Hand des Königs zog. Eduard ſeufzte, und lehnte ſich ganz ſinnend in eine Fenſtervertiefung. Die Gräfin, alſo⸗ gleich ihre Freiheit benützend, um die übrigen Ritter zu begrüßen, und hinſichtlich des Frühſtückes einige Befehle zu ertheilen, entfernte ſich aus dem Gemache, und ließ den König allein. Sie traf Wilhelm, der ſich Näheres über den Aufbruch der Armee erzählen ließ. Ohne Zweifel hatte der verwundete Schotte ſeine Botſchaft getreulich hinterbracht; denn gegen zehn Uhr Morgens hatten die Bewohner des Schloſſes eine große Bewe⸗ gung im Lager bemerkt; fie waren alſogleich auf die Wälle geeilt, in der Meinung, daß der Feind einen neuen Sturm verſuchen wolle; aber bald hatten ſie er⸗ kannt, daß dieſe Anſtalten einen ganz andern Zweck er⸗ zielten, und begriffen, daß die Schotten Nachricht von dem Beiſtande erhielten, den ſie erwarteten, und deß⸗ halb einen neuen Muth gefaßt. Wirklich war die Ar⸗ mee gegen die Vesperzeit aufgebrochen, und, außer Pfeil⸗ ſchußweite marſchirend, vor dem Schloſſe vorübergezo⸗ gen, um eine oberhalb deſſelben befindliche Furt zu ſu⸗ chen. Die Belagerten hatten einen großen Lärm mit 298 ihren Trompeten und Cymbeln gemacht, aber David Bruce ſich geſtellt, als ob er dieſen Kriegszuruf nicht höre, und gegen Abend war die ſchottiſche Armee aus dem Geſichte verſchwunden. Die Gräfin näherte ſich Wilhelm, und fügte ihre Glückswünſche zu jenen der Ritter; denn wie unvorſichtig und wagehalſig auch der junge Edelknappe war, hatte er doch ſein Unternehmen mit eben ſo viel Muth als Glück ausgeführt. Sie lud ihn ein, ſich an der Tafel zu erholen; aber Wilhelm lehnte die Einladung ſeiner ſchönen Tante ab, die Er⸗ müdung wegen des doppelt zurückgelegten Weges vor⸗ ſchützend. Der Vorwand war genügend wahrſcheinlich, um daran zu glauben, oder ſcheinbar daran zu glauben. Elſe beſtand nicht länger darauf, und begab ſich mit den Gäſten in den Saal, worin das Frühſtück aufge⸗ tiſcht war. Der König war noch nicht hinabgegangen: Elſe ließ folglich zum Waſſer blaſen, um ihm anzudeuten, daß man nur mehr auf ſein Belieben warte; aber die An⸗ deutung war vergeblich. Eduard erſchien nicht, und die Gräfin entſchloß ſich, ihn zu holen. Sie fand ihn wieder an der nämlichen Stelle, wo ſie ihn gelaſſen hatte, immer noch regungslos, nachſinnend, und die Augen nach dem Freien gerichtet, das er nicht ſah; nun näherte ſie ſich ihm. Da Eduard ſie kommen hörte, ſeufzte er, die Hand nach ihr ausſtreckend; die Gräftn ließ ſich auf ein Knie nieder, und faßte die königliche Hand, um ſie zu küſſen, aber Eduard zog ſie alſogleich zurück, wendete ſich zu Elſen, und ſchaute ſie unabläſ⸗ ſig an. Elſe fühlte ſich wieder erröthen, aber noch in 2= S 8 — ⏑—— 299 verlegener wegen dieſes Schweigens, als wegen eines Geſpräches, entſchloß ſie ſich, es zu brechen.„Theurer Sire,“ ſagte ſie lächelnd,„warum ſeyd Ihr ſo ſehr in Gedanken verſunken? Nehmt es mir nicht übel, aber nicht Euch gebührt ein ſolches Nachſinnen, wohl aber Euern Feinden, die es nicht wagten, Euch zu erwar⸗ ten. Auf, Monſeigneur, weg mit dieſen Kriegsgedan⸗ ken, und kommet, damit wir Euch freudig und auf feſtliche Art empfangen.“ „Schöne Elſe,“ erwiederte der König,„dringet nicht in mich, an der Tafel Platz zu nehmen, denn, bei mei⸗ ner Seele, Ihr hättet einen traurigen Gaſt. Ja, ich bin mit Kriegsgedanken gekommen, aber der Anblick die⸗ ſes Schloſſes ließ andere, ganz entgegengeſetzte in mir entſtehen, und dieſe liegen ſo tief, daß ich nichts weiß, was ſie mir aus dem Herzen nehmen könnte.“ „Kommet, Monſeigneur, kommet,“ ſagte Elſe;„die Dankſagungen der durch Eure Ankunft Geretteten, wer⸗ den Euch von dieſen Gedanken ablenken, die, wie Ihr ſelbſt zugeben müſſet, erſt ſeit einigen Augenblicken ent⸗ ſtanden ſind. Gott hat Euch, wie Ihr ſehet, zu dem Gefürchtetſten der chriſtlichen Fürſten gemacht. Bei Eurer Annäherung ſind Eure Feinde geflohen, und ihr Einzug in Euer Königreich iſt durch die Art, auf welche ſie es verließen, zu ihrer Schande ausgeſchlagen.— Wohlan, Monſeigneur, verſcheuchet alle dieſe ſchweren Sorgen, und kommet in den Saal, wo Eure Ritter Euch erwarten.“— „Ich täuſchte mich, Madame,“ fuhr der König fort, immer noch unbeweglich, und ohne den Blick von Elſen —* 300 abzuwenden,„ja, ich täuſchte mich onderbar, als ich Euch ſagte, daß der Anblick dieſes Schloſſes die Ge⸗ danken in meinem Herzen erzeugte, die mich beſchäftigten; ich hätte ſagen ſollen, daß er ſie wieder weckte, denn ſie waren nur entſchlummert, obgleich ich ſie erloſchen wähnte. Sie ſind die nämlichen, die mich ſchon vor vier Jahren erfüllten, als Robert von Artois in den Speiſeſaal des Palaſtes zu Weſtminſter trat, jenen ver⸗ hängnißvollen Reiher bringend, bei dem wir Alle ein Gelübde thaten. O! als ich jenes ausſprach, Frankreich zu bekriegen, war ich weit entfernt, dasjenige zu ahnen, das Ihr ausſprechen würdet; Ihr habt das Eurige treuer erfüllt, als ich das Meinige; denn wir haben keinen ernſten Krieg geführt; während Ihr, Madame, ein ewiges und unauflösbares Band geknüpft habt!...“ „Erlaubet mir, Euch zu erinnern, Sire, daß dieſe Heirath mit Eurer Genehmigung und Einwilligung geſchloſſen wurde, und der Beweis davon iſt, daß Ihr bei dieſer Gelegenheit das Geſchenk der Grafſchaft Salis⸗ bury dem Grafentitel beifügtet, den mein Gemahl bereits führte.“ „Ja, ja,“ verſetzte Eduard lächelnd,„ich beging dieſe Albernheit; ich wußte damals nicht, was er mir Alles raubte, und ich benahm mich gegen ihn, wie gegen einen Freund und treuen Unterthan, anſtatt ihn als einen Verräther zu beſtrafen.“ „Ihr vergeſſet,“ unterbrach ihn Elſe ſanft,„paß dieſer Verräther zur Zeit Gefangener im Chätelet zu Paris iſt, und zwar Eures Dienſtes wegen, Monſeigneur. Verzeihet, daß ich mir erlaube, Euch daran zu erinnern, ( 22 22ͤ 2. —‿ —————— 301 Sire; aber Ihr ſcheint es vergeſſen zu haben; ich glaubte jedoch, daß die Abweſenheit des Grafen einen leeren Platz in Euren Rathsverſammlungen und in Eurer Armee zurückgelaſſen hätte.“ 8. „Was ſprecht Ihr da von meinen Rathsverſamm⸗ lungen und von meinen Armeen, Elſe? Was kümmert mich mein Königreich, was kümmert mich der Krieg? Ich bin ſehr unglücklich, wenn Ihr, ungeachtet alles deſſen, was ich Euch ſagte, noch glaubet, daß mein Nachſinnen von dieſen Dingen herrühre. Nein, Elſe, all das konnte geſtern noch von einiger Wichtigkeit für mich ſeyn, denn geſtern hatte ich Euch noch nicht wieder geſehen, aber heute...“ Elſe that einen Schritt zurück; der König ſtreckte die Hand nach ihr aus, wagte es aber nicht, ſie zu berühren. Dieſe Geberde bannte ſie jedoch. „An was aber,“ fuhr Eduard fort,„ſoll ich nach Eurer Meinung heute denken, wenn nicht an Euch, die ich ſchöner ſehe, als ich ſie verließ? an Euch, die ich vier lange Jahre hindurch traurig und einſam liebte, während welcher ich Alles that, Euch zu vergeſſen? Doch nein, in meinem Palaſte, unter meinem Zelte, mitten in der Schlacht, war mein Geiſt in England, mein Herz bei Euch. O! Elſe, Elſe! bei einer ſolchen Liebe muß man geliebt werden, oder darob ſterben.“ „O! Maonſeigneur!“ rief Elſe erblaſſend aus,„Mon⸗ ſeigneur, Ihr ſeyd mein König, Ihr ſeyd mein Gaſt; geziemt es Euch wohl, ſo Eure doppelte Gewalt, Cure doppelte Würde zu mißbrauchen? Ihr werdet nicht hoffen, mich zu verführen, Monſeigneur, und wie ſoll R 302 ich alſo, nach Eurer Meinung, Euch lieben? O! Ihr ein ſo großer Fürſt! Ihr, ein ſo edler Ritter! Nein, der Gedanke iſt nicht in Euch aufgetaucht, nicht wahr? an Mann zu entehren, den Ihr Euern Freund nennt, und beſonders, da dieſer Mann Euch ſo tapfer gedient hat, daß er jetzt, wegen Eures Streites mit dem Könige von Frankreich, Gefangener in Paris iſt? O! gewiß, Monſeigneur, Ihr würdet ob einer ſolchen Handlung bitter getadelt, wenn Ihr auf den Einfall geriethet, ſie zu begehen, und wenn jemals der Gedanke in mein Herz ſich ſchliche, einen Andern zu lieben, als den Grafen, ah! Sire, ſo wär's an Euch, mir deßhalb nicht bloß einen Verweis zu geben, ſondern auch mich perſönlich nach dem Geſetze zu beſtrafen, um den andern Frauen die Warnung zu geben, Gatten treu zu bleiben, die ſo treu ſind ihrem Könige!“ Bei dieſen Worten machte Elſe eine Bewegung, ſich zu entfernen; aber der König trat raſch zu ihr, und hielt ſie am Arme zurück; im nämlichen Momente ging der Thürvorhang auf, und Wilhelm von Montaigu erſchien an der Schwelle:„Monſeigneur,“ ſagte er zu Eduard, „da es dort, wo der König iſt, weder einen Gouverneur, noch einen Caſtellan giebt, indem die ganze Stadt und die ganze Feſtung dem Könige gehören, ſo wollet die Güte haben, das Loſungswort zu geben; denn jetzt, und ſo lange Ihr uns die Gnade erweiſen werdet, hier zu bleiben, werdet Ihr dem Grafen von Salisbury für das Leben und die Ehre aller derjenigen bürgen, die das Schloß bewohnen.“ Ein Zornblitz, der nur leuchtete und erloſch, zuckte — — 303 in den Augen des Königs; ſeine Stirne wurde ernſt, und ſein Blick fiel auf den Thürvorhang, der ſo zur rechten Zeit ſich erhob, wie wenn er ihn hätte fragen wollen, ſeit welcher Zeit Wilhelm hinter ihm verborgen war. Aber bald verſchwanden alle Zeichen des Miß⸗ vergnügens nacheinander, und wichen einer völligen Ruhe.„Ihr habt Recht, mein Herr,“ antwortete er dem jungen Edelknappen mit einer Stimme, an welcher man nicht die leiſeſte Bewegtheit bemerken konnte:„das Loſungswort für dieſen Tag und für dieſe Nacht ſey Loyalität, und ich hoffe, daß ſie Niemand vergeſſen wird. Meldet es den Wachcommandanten, und ſucht uns wieder bei Tiſche auf; ich will Euch beſondere Inſtruktionen mittheilen; kommet ja, denn morgen reiſe ich ab.“ Dieſe Worte ausredend, und während Wilhelm zum Zeichen der Ehrfurcht und des Gehorſames ſich ver⸗ beugte, reichte Eduard ehrerbietig der zitternden und ſtummen Gräfin die Hand.„Madame,“ ſagte er zu ihr, die erſten Stufen der Treppe hinuntergehend, die in den Speiſeſaal führte,„bei meiner Seele, ich bin ein unglücklicher Mann; ich muß die Laſt eines König⸗ reiches tragen, zwei blutige Kriege führen; ich habe ein königliches Haus, deſſen vergangene Leiden ihre Trauer über die Gegenwart hinbreiten. Ich hoffte auf Eure Liebe, um das Düſtere meiner Tage zu erhellen, und habe nun dieſe Hoffnung verloren, welche die Sonne meines Lebens war. Ich verlaſſe Euch morgen; wann werde ich Euch wiederſehen?“ „Theurer Sire,“ antwortete die Gräfin,„die Abwe⸗ 304 ſenheit meines Gemahles zwingt mich, in der Zurück⸗ gezogenheit zu leben; die Abweſenheit iſt ein halber Tod und eine halbe Trauer. Ich werde vor der Rück⸗ kehr des Grafen Niemand mehr ſehen.“ „Aber ich muß gelegentlich der Grundlegung der Capelle des heiligen Georg, Feſte in Windſor geben,“ rief Eduard aus.„Wer wird Königin des Turnieres ſeyn, wenn Ihr nicht kommet?“ „Sire,“ erwiederte die Gräfin,„es wird eine große Ehre und ein großes Vergnügen für mich ſeyn, hinzu⸗ gehen, wenn mein Gemahl mich dahin begleitet.“ „ Und ohne ihn, Madame?“ Werde ich nicht gehen.“ (duard und die Gräfin traten ſchweigend in den Saal, und Jeder ſetzte ſich an den ihm angewieſenen Platz. Aber das Mahl war traurig, denn der König 3 blieb ſtumm, und Niemand wagte das Schweigen zu hhen: Elſe wagte es nicht, die Augen außzuſchlagen, ſo ſehr fühlte ſie inſtinktmäßig die Blicke des Königs auf ihr haften; Keiner von den Gäſten konnte ſich dieſen Bang erklären, und Einige glaubten, daß Eduard deßhalb ſo tiefſinnig wäre, weil ihm die Schotten ent⸗ wiſchten; aber etwas Anderes beſchäftigte ihn; die Liebe war's die ihm ſo tief in's Herz gedrungen war, daß ſie ſeitdem nicht mehr heraus konnte. Gegen das Ende des Mahles trat Wilhelm von Montaigu ein, näherte ſich Eduard, und ſagte zu ihm, als er ſah, daß dieſer, immer noch nachdenkend, ſeine Gegenwart nicht beachtete: „Sire, das Loſungswort iſt den äußeren und inneren Poſten gegeben, und hier bin ich, Eurer Befehle gewärtig.“ △ 305 „Gut, mein junger Edelknappe,“ verſetzte Eduard, langſam den Kopf erhebend,„Ihr ſeyd ein ſo geſchickter Bote, daß ich Euch eine neue Botſchaft übertragen werde. Haltet Euch bereit, zur ſchottiſchen Armee ab⸗ zugehen, und ihrem Könige, David Bruce, einen Brief zu übergeben; nehmet in meinen Ställen meine beſten Pferde, und ein ſolches Gefolge, wie es zur Verbür⸗ gung Eurer Sicherheit nöthig ſeyn wird.“ „Sire,“ antwortete Wilhelm,„ich habe mein Schlacht⸗ roß, das ſchnell oder langſam geht, je nachdem meine Stimme es antreibt oder zurückhält; ich habe mein Schwert und meinen Dolch, die mir immer zum An⸗ griffe oder zur Vertheidigung genügten; weiter brauch' ich nichts.“ „Gut; macht Euch alſo reiſefertig.“— Wilhelm ging fort. „Die Frau Gräfin wird mir erlauben,“ fuhr Eduard fort,„daß ich einen Brief in ihrer Gegenwart ſchreibe?“ Die Gräfin winkte einem Pagen, welcher Perga⸗ ment, Dinte, eine Feder, Siegelwachs und einen Faden von rother Seide, um das Siegel anzuhängen, vor Eduard hinſtellte. Als Eduard geſchrieben hatte, ſtand er auf, ging um den Tiſch herum, und reichte der Gräfin den Brief. Dieſe las ihn mit einer ſteigenden Gemüthsbewegung; bei den letzten Zeilen ſank ſie Eduard zu Füßen; denn dieſer Brief machte David Bruce den Antrag der Auswechslung des Grafen von Murray ge⸗ gen den Grafen von Salisbury, und obgleich dieſer Letztere Gefangener des Königs von Frankreich war, 306 und nicht des Königs von Schottland, war es wahr⸗ ſcheinlich, daß dieſer in Folge ſeiner Verbindungen mit Philipp von Valois, von ihm die Freilaſſung des Gra⸗ fen von Salisbury leicht erhalten würde. Eduard be⸗ rauſchte ſich einen Augenblick traurig in Elſens Dank⸗ barkeit, denn er dachte während dieſes Augenblickes, daß dieß das einzige Gefühl ſeyn möchte, welches er jemals von ihr erwarten dürfte; dann hob er ſie ſeufzend und mit abgewendetem Haupte auf, und ſeine Blicke fielen auf Wilhelm von Montaigu, der ſchon bereit und reiſe⸗ fertig war. Dann zog er ſachte ſeine Hände aus jenen Elſens, kehrte langſam zu ſeinem Platze zurück, legte den Brief zuſammen, ſchloß ihn mit dem Seidenfaden, zog einen Ring vom Finger, und drückte ihn wie ein Siegel auf das Wachs, welches das Gepräge davon erhielt und bewahrte. „Meiſter Wilhelm,“ ſagte Eduard,„hier iſt der Brief; reitet fort, bis Ihr zu David von Schottland kommet, wär's auch bis an die andere Grenze ſeines Königreiches; Ihr werdet dieſe Depeſchen in ſeine könig⸗ lichen Hände übergeben, und ſeine Antwort mir nach London bringen, wo ich Euch erwarten werde. Dann werden wir, zur Belohnung für Eure loyalen Dienſte, feierlich Euch zum Ritter ſchlagen, damit Ihr bei dem Turniere eine Lanze brechen könnet, bei dem, wie ich hoffe, der Graf von Salisbury einer von den Ausfor⸗ derern, und die Gräfin die Königin ſeyn wird.“ Bei dieſen Worten grüßte Eduard die Gräfin kalt, und begab ſich, ohne Elſen's und Wilhelm's Dank⸗ ſagungen zu erwarten, in ſeine Gemächer. Wilhelm B 307 reiſete alſogleich ab, ritt ſo ſchnell, als die Kraft ſei⸗ nes Pferdes es erlaubte, und kam nach Verlauf von ſechs Tagen zur ſchottiſchen Armee bei Stirling. Er gab ſich unverzüglich zu erkennen, und ließ ſich zu dem Könige führen. Wilhelm von Douglas war bei dieſem. Der junge Edelknappe ließ ſich auf ein Knie nieder, und überreichte David ſeine Depeſchen. Dieſer las ſie mit einer ſichtbaren Zufriedenheit, und ging in ein an⸗ ſtoſſendes Zimmer, um darauf zu antworten. Wilhelm von Montaigu und Wilhelm von Douglas befanden ſich nun allein. Die beiden Jünglinge, welche ihre an Ruhm und Ritterlichkeit wetteifernde Laufbahn began⸗ nen, ſchauten alſogleich einander an, und betrachteten ſich eine Zeit lang mit Stolz, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen. Wilhelm von Douglas brach zuerſt das Schwei⸗ gen.„Ihr habet, ich weiß nicht wie, gewußt, mein Herr,“ ſagte er zu ſeinem jungen Feinde,„daß es meine Abſicht war, Euch vor dem Schloſſe Wark her⸗ auszufordern, und eine Lanze mit Euch zu brechen, da ich vor den Augen der ſchönen Gräfin Elſe und des edlen Königs David nichts Beſſeres thun konnte.“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Wilhelm lächelnd; „aber ich weiß auch, daß Ihr ſo eilig von dannen rit⸗ tet, daß ich Euch bei meiner Rückkehr nicht mehr fand, und Euch erſt heute einholen konnte. Die Einladung war mir allzu angenehm, als daß ich mich nicht be⸗ eilen ſollte, Euch perſönlich zu ſagen, daß ich ſie an⸗ nehme.“ „Ihr wiſſet,“ entgegnete Wilhelm von Denglas ge⸗ 13**£*σ 308 ringſchätzig,„daß ich Euch die Wahl der Zeit und des Ortes gelaſſen habe; es iſt alſo an Euch, zu wählen.“ „Leider, mein Herr, zwingt mich die Miſſion, mit der ich beauftragt bin, die Sache zu vertagen; doch wenn es Euch beliebt, kann es bei den Feſten geſchehen, die der König im Schloſſe Windſor geben wird. Ort und Bedingungen des Kampfes werden wie bei Allen ſeym „Ihr vergeſſet, mein Herr, daß wir mit Ctlan Krieg führen.“ „Ich überbringe Briefe, die einen Waffenſtilſtand oörſchlagen. Jedenfalls, da ich von jetzt bis dorthin den Ritterſchlag von der Hand des Königs Eduard er⸗ halten ſoll, werde ich dieſen um eine Gabe erſuchen, die er mir gewiß nicht verweigern wird; nämlich um einen Geleitsbrief für Euch, mein Herr.“ „So bleibt's dabei,“ entgegnete Douglas,„und ich verlaſſe mich auf Euer Gedächtniß.“ In dieſem Momente traten zwei Pagen ein; ſie holten Wilhelm von Montaigu, um in das Quartier ihn zu führen, das für ihn bereitet war, und für die ganze Zeit ſeines Aufenthaltes in Stirling zu ſeinen Dienſten ſtehen ſollte. Er folgte ihnen alſogleich; doch in dem Momente des Ueberſchreitens der Thürſchwelle wendete er ſich zu ſeinem künftigen Gegner um.„Zu Windſor alſo?“ ſagte Wilhelm von Montaigu. „Zu Windſor,“ antwortete Wilhelm von Douglas. Die beiden Jünglinge grüßten ſich mit höflichem Stolze, und Wilhelm ging fort. Am nämlichen Abende erhielt er die Antwort des David Bruce, der dem Kö⸗ p 309 nige Eduard verſprach, ſich für die Freilaſſung des Grafen von Salisbury zu verwenden, und ungeachtet des dringenden Zuredens ſeines königlichen Wirthes, machte er ſich am folgenden Tage mit der Morgendäm⸗ merung wieder auf den Weg nach London. Da jedoch das Schloß Wark auf ſeinem Wege lag, verweilte er dort im Vorüberzuge einen Tag; allein er konnte die Gräfin nicht ſehen. Eduard war, wie er es geſagt hatte, am nächſten Tage nach der von uns erzählten Scene abgereiſet. Siebenzehntes Kapitel. In London ankommend, hatte Eduard einen Boten der Gräfin von Montfort gefunden, die den Vollzug des Verſprechens nachſuchte, das er ihrem Gemahle gab, als er Keine Huldigung erhielt. Um dieſen Vertrag noch enger zu knüpfen, warb die Gräfin für ihren Sohn um eine von den Töchtern des Königs von Eng⸗ land, die den Titel einer Herzogin von Bretagne füh⸗ ren ſollte. Nichts konnte in dieſem Momente Eduard ein größeres Vergnügen bereiten, als ein ſolcher An⸗ trag. Bretagne war eines von den vornehmſten Her⸗ zogthümern der Erde, und gehörte es einmal ſein, ſo fand er auf dieſer Seite das Thor nach Frankreich wie⸗ der offen, das ihm in der Normandie verſchloſſen war. Auf dieſe Art blieb Eduard auch ſeinem Gelübde ge⸗ treu. Der Krieg, auf der einen Seite beendiget, ent⸗ ſpann ſich auf der andern wieder, und der engliſche 310 Leopard hörte nur auf, ſeinen Feind in den Kopf zu beißen, um in ſeinen Flanken zu wühlen. Eduard be⸗ rief alſo Walter von Mauny zu ſich, ſeinen treuen Ge⸗ fährten, befahl ihm, einen ſtarken und verläßigen Hee⸗ reshaufen von Rittern, Reiſigen und Bogenſchützen zu nehmen, und mit ihnen der Gräfin zu Hülfe zu ziehen. Walter ſchwang ſein Banner, und alſogleich ſchaarte ſich um daſſelbe eine große Zahl von Seigneurs von Ruf, die nur Krieg verlangten, und nur rühmliche Waffen⸗ thaten ſuchten. Sie ſchifften ſich alſo ohne Zögern ein, und nahmen ſechstauſend Bogenſchützen mit; aber, durch widrigen Wind verhindert, blieben ſie ſechszig Tage auf dem Meere, während welcher die Angelegenheiten der Gräfin von Montfort i in tagne ſich ſehr verſchlim⸗ Blis Nantes genommen, mert hatten. Als Karl 0 und ſeinen Feind, Johann von Montfort, nach Paris geſendet hatte, glaubte er, gewonnenes Spiel zu haben. Aber er bemerkte im Gegentheile bald, daß der härteſte Theil ſeines Werkes ihm noch zu thun übrig bleibe. Sie trug, wie geſagt, ein Löwenherz in einem Frauen⸗ leibe, ſo daß ſie, anſtatt ihren Gemahl zu beweinen, den ſie für todt hielt, ihn zu rächen beſchloß. Sie ließ folglich die Glocke läuten, verſammelte auf dem Platze Volk und Soldaten, und erſchien auf dem Bal⸗ kone des Schloſſes, ihren Sohn in ihren Armen hal⸗ tend. Beide wurden mit lautem Freudengeſchrei be⸗ grüßt, denn die Gräfin und ihr Gemahl hatten ſo ſ reichliche Spenden gemacht, daß ſie ſehr geliebt wur⸗ den. Dieſe Kundgebung verdoppelte ihren Muth; dann hob ſie ihr Kind in ihren Armen empor, zeigte es Al⸗ 311 len, und ſprach:„Seigneurs! Seigneurs! verlieret den Muth nicht; hier iſt mein Sohn, der Johann heißt, wie ſein Vater, und das Herz ſeines Vaters haben wird; wir haben den Grafen verloren, aber mit ihm nur einen einzigen Mann. Faſſet alſo Muth in Gott, und Ver⸗ trauen auf die Zukunft. Wir beſitzen, Dank dem Himmel, Geld und Muth, und anſtatt des Anführers, den Ihr verloret, werde ich Euch einen ſolchen geben, daß Ihr nichts zu vermiſſen brauchet.“ Hiermit ſpielte ſie auf den Beiſtand an, den ſie aus England erwartete, und von dem ſie hoffte, daß Eduard ſelbſt ihn ihr bringen werde. Solche Worte zu reichlichen Spenden gefügt, flößten den Bewohnern von Rennes wieder Muth ein; da nun die Gräfin ſie entſchloſſen ſah, ſich gut zu vertheidigen, ließ ſie ihnen als Gouverneur Wilhelm von Cadoudal, und zog ſo, ihren Sohn auf den Armen, von Stadt zu Stadt, und von Garniſon zu Garniſon. Endlich, nachdem ſie alle Herzen getröſtet, und ſich von jedem Munde den Eid. hatte leiſten laſſen, ſchloß ſie ſich in die Stadt Hennebon⸗ ſur⸗Mer ein, die groß und gut befeſtiget war, und erwartete hier, alle Vertheidigungsanſtalten treffend, die Nachrichten, welche ihr aus England zukommen ſollten. Inzwiſchen hatten die franzöſiſchen Seigneurs, von Karl von Blois angeführt, und deren Marſchall Herr Ludwig von Spanien war, nachdem ſie in Nantes eine Gar⸗ niſon gelaſſen, die Stadt Rennes belagert. Aber wurde ſie gut angegriffen, ſo wurde ſie auch gut vertheidiget. Die Bürger wurden jedoch eines Berufes überdrüſſig, der nicht der ihrige war, und beſchloſſen, die Stadt 312 K gegen den Willen des Gouverneurs zu übergeben. Sie verfügten ſich alſo nächtlicher Weile in das Schloß, be⸗ mächtigten ſich Wilhelm's von Cadoudal, und führten ihn in’s Gefängniß; dann ſendeten ſie alſogleich Abge⸗ ordnete an Monſeigneur Karl von Blois, und trugen ihm an, die Stadt ihm unter der einzigen Bedingung zu übergeben, daß die Anhänger der Gräfin von Montfort mit heiler Haut und ihren tragbaren Habſeligkeiten ab⸗ ziehen dürften. Der Handel war zu vortheilhaft, als daß Karl von Blois ihn ablehnen konnte. Die Abge⸗ ordneten kehrten alſo in ihre Stadt zurück, und da die Bürger in großer Mehrzahl und Herren von Allem waren, verkündigten ſie die abgeſchloſſene Capitulation, und boten, im Namen des Karl von Blois, dem Wilhelm für den Fall ſeines Uebertrittes zur franzöſiſchen Partei jede ihm beliebige Belohnung. Aber der edle Bretagner lehnte Alles ab, und verlangte von den meineidigen Bürgern nur ſeine Waffen und ſein Pferd zurück. Dann, nach Rückempfang derſelben, ritt er durch die Stadt mit den wenigen Tapfern, die ihm treu geblieben waren, und machte ſich auf den Weg, um der Gräfin, die, wie geſagt, in der Stadt Hennebon eingeſchloſſen war, zu melden, daß ihre Feinde Meiſter von Rennes ſeyen. Ihrerſeits dachten die Franzoſen, die den Grafen bereits in ihrer Gewalt hatten, daß, wenn ſie auch die Gräfin und ihren Sohn bekämen, der Krieg bald zu Ende ſeyn würden, und marſchirten unmittelbar auf Hennebon. Daher hörte man eines Morgens, gegen die Mitte des Monates Mai, die Soldaten ſchreien:„Zu den Waffen!“ Dieß war die franzöſiſche Armee, welche am Horizonte 7 ſes u 313 erſchien. Die Gräfin hatte den Biſchof von Leon in Bretagne bei ſich, ihren Neffen, Herrn Hervey, der ſchon Nantes vertheidigte, Herrn Ywo von Treſeguidy, Herrn von Landernau, den Caſtellan von Guingamp, die zwei Brüder von Kirriec, und Herrn Heinrich und Oliver von Pennefort. Auf dieſes Kriegszeichen rannten Alle auf die Wälle, während die Gräfin, bei dem Dröhnen der großen Glocke, durch die Straſſen der Stadt eilte, wie ein Mann gerüſtet, und ein Schlacht⸗ roß reitend. Als demnach die Franzoſen ſich näherten, ſahen ſie die Stadt nicht nur durch Barrieren und Mauern gut vertheidiget, ſondern auch mit abgehärteten Soldaten und tapferen Capitainen verſehen; ſie machten alſo außer Pfeilſchußweite Halt, und ſchlugen ihr Lager wie Leute, die eine Belagerung beabſichtigen. Inzwiſchen näherten ſich einige junge genueſiſche, ſpaniſche und franzöſtſche Geſellen den Barrieren, um zu ſcharmützeln, im Falle es die Belagerten darnach gelüſten ſollte. Dieſe wichen ihnen keineswegs aus; daher verließen ſie die Stadt ungefähr in gleicher Zahl, und das Gefecht begann mit einer Kraft und Erbitterung, welche anzeigte, daß wenn der Angriff ungeſtüm ſeyn ſollte, der Wider⸗ ſtand hartnäckig äusfallen würde. Nach einem zwei⸗ oder dreiſtündigem Kampfe, waren die Belagernden genö⸗ thiget, das Zeichen zum Rückzuge zu geben, indem ſie, und vorzüglich die Genueſer, welche die Wagehalſigſten waren, eine beträchtliche Zahl von Todten auf dem Schlachtfelde zurückließen. Am folgenden Tage hielten die franzöſiſchen Seigneurs Dumas, die Graͤfin von Salisbury. 14 314 Rath, und beſchloſſen am folgenden Tage von ihren Leuten die Barrieren ſtürmen zu laſſen, um zu ſehen, wie die Bretagner ſich benehmen würden. Folglich zogen die Franzoſen gegen Morgens aus ihrem Lager, um die Barrieren zu ſtürmen. Nun öffneten die Belagerten die Thore, um ihre Außenwerke tapfer zu vertheidigen. Der Sturm begann alſogleich, und dauerte mit der Erbitterung des vorigen Tages bis gegen Mittag, wo die Franzoſen, zum zweitenmale zurückgetrieben, weichen mußten, indem ſie eine große Zahl von Todten zurück⸗ ließen, und eine beträchtliche Zahl von Verwundeten mitnahmen. Bei dieſem Anblicke geriethen die fran⸗ zöſiſchen Seigneurs, welche Alle aus dem Lager gezogen waren, und dieſes Treffen wie ein Schauſpiel betrach⸗ teten, in einen großen Zorn, und befahlen ihren Leuten, dieſen Sturm mit einer Verſtärkung von friſchen Truppen wieder zu beginnen. Ihrerſeits kamen die Bewohner von Hennebon, durch einen erſten Erfolg bereits ange⸗ feuert, mit großem Muthe und guter Hoffnung wieder zum Kampfe. Jeder that alſo ſein Beſtes, die Einen, um anzugreifen, die Andern, um zu vertheidigen, als die Gräfin, die auf einen Thurm geſtiegen war, um zu beurtheilen, wie ihre Leute ſich hielten, ſah, daß alle franzöſiſchen Seigneurs, wie geſagt, ihre Zelte ver⸗ laſſen hatten, um ſich dem Schlachtfelde zu nähern; nun ging ſie vom Thurme herab, ſchwang ſich auf ihr Pferd, raffte dreihundert Mann von den Tapferſten und am beſten Berittenen zuſammen, zog mit dieſem Haufen durch ein Thor hinaus, das nicht angegriffen war, machte einen Umweg, und ſtürzte von rückwärts mitten 315 unter die Zelte und Quartiere der Seigneurs von Frank⸗ reich, die nur von Dienern und Edelknechten bewacht waren, welche bei dieſem Angriffe entflohen. Nun warf jeder von den Reitern, der eine brennende Fackel hielt, dieſelbe auf ein Zelt von Leinwand, oder auf ein höl⸗ zernes Quartier, und alſogleich ſtand Alles in Flammen. Die Seigneurs erblickten nun den ſtarken Rauch, der inmitten ihres Lagers emporqualmte, und hörten die Fliehenden„Verrätherei! Verrätherei!“ ſchreien. Sie verließen alſo augenblicklich den Sturm, um dieſem uner⸗ warteten Angriffe die Stirne zu bieten, und mitten unter ihre Quartiere ſtürzend, ſahen ſie die Gräfin und ihre Leute, die in der Richtung von Auray flohen; denn die Gräfin hatte gedacht, daß es ihr, wäre ſie einmal entdeckt, unmöglich ſeyn würde, nach Hennebon zurückzukehren. Herr Ludwig von Spanien bedurfte nur eines Blickes, um die Schwäche derjenigen zu erkennen, welche die ganze Armee ſo eben in ſo große⸗ Unruhe verſetzt hatten, ſtieg alſogleich zu Pferd mit ungefähr fünfhundert Reiſigen, und machte Jagd auf ſie; allein vergebens. Die Gräfin und ihre Leute hatten einen allzu großen Vorſprung, und dem Marſchalle gelang es nur, die am ſchlechteſten Berittenen einzuholen, welche, da ſie den Uebrigen nicht mit gleicher Schnelligkeit folgen konnten, getödtet oder gefangen wurden. Sie ſelbſt kam geſund und wohlbehalten, ungefähr mit zwei⸗ hundertachtzig Mann, in Auray an, das, wie man ſagt, vom Könige Arthus erbaut wurde, und worin eine gute Garniſon lag. Kaum von ihrer Beſtürzung zu ſich gekommen, hatten jedoch die Seigneurs von 14* 316 Frankreich, die ſich ihrer Quartiere beraubt ſahen, be⸗ ſchloſſen, andere näher bei der Stadt herzuſtellen. Sie fällten folglich beinahe gänzlich einen unweit gelegenen Wald, und begannen Baraken zu bauen, indem ſie den Einwohnern von Hennebon zuriefen, ſie ſollten ihre Gräfin ſuchen, welche verloren gegangen ſey; in der That waren die Belagerten, da ſie dieſelbe nicht zurück⸗ kehren ſahen, zu glauben geneigt, es möchte ihe ein Unglück widerfahren ſeyn, und begannen in eine große Beſorgniß zu gerathen. Auch die Gräfin vermuthete wohl, daß ſie in Folge ihrer Abweſenheit ſehr nieder⸗ geſchlagen und geſchwächt ſeyn mußten; ſie verſtärkte daher ihren Trupp mit allen Reiſigen, die ſie zur Ver⸗ theidigung von Auray für überflüſſig hielt, ließ der Garniſon als Capitain die Herren Heinrich und Oliver von Pennefort, auf die ſie vollkommen bauen zu können wußte, ſtellte ſich wieder an die Spitze ihres kleinen Truppes, der nun auf fünfhundert tapfere Gefährten ſtieg, brach etwa gegen Mitternacht auf, ritt, durch die Dunkelheit begünſtiget, ſchweigend der franzöſiſchen Armee zur Seite, und klopfte wieder an das Thor auf dem nämlichen Wege, auf dem ſie herausgekommen war; kaum ſchloß ſich dieſes hinter ihr, als das Gerücht ihrer Ankunft in der ganzen Stadt ſich verbreitete. Alſogleich erſchollen alle Trompeten und Trommeln, einen ſolchen Lärm machend, daß die Belagernden darüber erſchrocken aus dem Schlafe auffuhren, in dem Wahne, daß man ihr Lager angreife, und ſich rüſten ließen. Da ſie ſahen, daß es nichts ſey, beſchloſſen ſie, weil ſie ohnehin bereit und unter Waffen wären, einen neuen 317 Sturm zu verſuchen; die Belagerten, doppelt ermuthiget, ſowohl durch ihre früheren Erfolge, als auch durch die unverhoffte Rückkehr der Gräfin, empfingen ſie mit ihrem gewöhnlichen Kampfeifer, ſo daß, in dem Maße als die Franzoſen ſich den Wällen näherten, die Bre⸗ tagner zu den Barrieren hinuntergingen. Aber auch dießmal geſchah, was ſchon früher geſchehen war, und nach einem Kampfe, der von Tagesanbruch bis ein Uhr Nachmittags gedauert hatte, waren die Seigneurs von Frankreich gezwungen, ſich zurückzuziehen, ſo augen⸗ fällig war es ihnen, daß ihre Leute ſich unnütz tödten ließen, und ohne irgend eine Hoffnung auf Erfolg. Nun beſchloſſen ſie, anders zu verfahren; es fehlte ihnen nicht an Leuten, wohl aber an Kriegsmaſchinen; ſie theilten alſo die Armee in zwei Theile: der Eine, unter dem Commando des Karl von Blois ſollte Auray be⸗ lagern, der Andere, vom Herrn Ludwig von Spanien befehligt, vor Hennebon bleiben. Dann entſendete man eine Abtheilung, die den Letzteren zwölf große Kriegs⸗ maſchinen bringen ſollten, welche die Franzoſen zu Rennes gelaſſen hatten. Dieſer Beſchluß wurde noch am näm⸗ lichen Tage ausgeführt: Monſeigneur Karl von Blois brach nach Auray auf, und Herr Ludwig von Spanien blieb vor der Stadt, mit deren Blokade er ſich bis zur Ankunft ſeiner Kriegsmaſchinen begnügen ſollte. Dieß war das Werk von acht Tagen, und die Belagerten, welche dieſe Unthätigkeit nicht begriffen, und von ihren Mauern herab die Trägheit ihrer Feinde ſchmählich ver⸗ höhnten, erkannten endlich die Urſache davon, als ſie dem Lager jene beweglichen Thürme, und jene rieſigen Kriegs⸗ ———— 348 maſchinen ſich nähern ſahen, welche damals das uner⸗ läßliche Arſenal einer Belagerung bildeten. Die Franzoſen verloren keine Zeit, pflanzten ſogleich ihre Maſchinen auf, und begannen die Stadt mit einem Hagel von Steinen zu überfluthen, die nicht nur jene zermalmten, welche auf den Straßen gingen, ſondern auch die Häu⸗ ſer zertrümmerten, deren Dächer ſie einſchlugen, und deren Fenſter ſie zerſchmetterten. Nun begann der große Muth, den die Belagerten gezeigt hatten, ſchwach zu werden, und der Biſchof von Leon, als Prieſter wohl zu entſchuldigen, minder ver⸗ theidigungsluſtig zu ſeyn, als jene, deren Beruf dieß war, begann den Bürgern von Hennebon zu verſtehen zu geben, daß es klüger ſey, mit Monſeigneur Karl von Blois zu unterhandeln, als noch länger eine Sache zu vertheidigen, gegen welche ein ſo mächtiger Herr gerüſtet ſey, wie der König von Frankreich. Vorſchläge, die unmittelbar materielle Intereſſen betreffen, finden immer Anklang; anfangs murmelte man heimlich, dann ſprach man laut von Capitulation und Vertrag, ſo, daß das Gerücht davon zur Gräfin kam, die, in jedem Au⸗ genblicke die Verſtärkungen erwartend, welche ſie aus England erhalten ſollte, Seigneurs und Bürger inſtän⸗ dig bat, vor Ablauf von drei Tagen keinen Entſchluß zu faſſen. Der durch den Biſchof verbreitete Schrecken war ſo groß, daß dieſe Männer, welche geſchworen hat⸗ ten, ſich bis auf's Aeußerſte zu vertheidigen, die von der Gräfin verlangte Friſt als eine ſehr lange betrach⸗ teten: dennoch beſtanden Einige darauf, ſie ihr zu be⸗ willigen, Andere dagegen wollten, daß man ſich gleich T 319 am folgenden Tage ergebe. Die ganze Nacht verging mit Erörterungen von beiden Seiten, und gewiß wür⸗ den die Franzoſen, hätten ſie in dieſem Momente den Gedanken gehabt, zu ſtürmen, leicht der Stadt ſich be⸗ mächtiget haben, die ihnen ſo viel koſtete; ſie wußten aber nicht, was hinter den Mauern geſchah, die ſie fortwährend mit dem Geſchütze durchbrachen. Kurz, die Partei des Biſchofes behielt die Oberhand, und die Berathung betraf nur mehr die Wahl der Abgeordneten, die man an Herrn Ludwig von Spanien ſenden ſollte, als die Gräfin, in ihr Gemach zurückgezogen, unkun⸗ dig ſogar, ob man ihr geſtatten würde, mit ihrem Sohne die Stadt zu verlaſſen, zum Fenſter hinausſchauend das Meer ganz mit Schiffen bedeckt ſah. Bei dieſem An⸗ blicke ſtieß ſie einen Freudenſchrei aus, eilte auf den Balkon des Schloſſes, und rief dem Volke und den Rei⸗ ſigen zu, die in Menge auf dem Platze ſtanden:„Meſ⸗ ſeigneurs, es iſt keine Rede mehr von Capitulation und Vertrag; der Beiſtand, den ich Euch verſprach, iſt ge⸗ kommen, und wenn Ihr noch daran zweifelt, ſo gehet auf die Wälle, und ſehet in das Meer hinaus.“ Die Muthmaßung der Gräfin war wirklich richtig. Kaum hatte dieſe ganze Menge von den Schießſcharten und Fenſtern aus dieſe Flotte erblickt, aus mehr als vierzig, ſowohl großen als kleinen, alle gut gebauten Schiffen beſtehend, als ihr Muth zurückkehrte, und ſie in Folge einer von jenen, dem Volke ſo eigenthümlichen Gegenwirkungen, dem Biſchofe von Leon die Feigheit Schuld gab, welche ſie eben erſt bethätigte. Daher be⸗ eilte ſich dieſer, da er bemerkte, daß er einen ſchlimmen 320 —xãxqx-—; Handel begonnen hatte, mit ſeinem Neffen Herrn Hervé von Leon, durch eines von den Thoren der Stadt zu entkommen, begab ſich alſogleich zu Herrn Ludwig von Spanien, und meldete ihm den für die Gräfin ſo gerade recht eingetroffenen Beiſtand; ſobald dieſe die Schiffe im Hafen ſah, ging ſie denjenigen entgegen, welche ſie ihr brachten, und in dieſer Lage nicht mehr als Verbün⸗ dete, ſondern als Retter kamen. Die Wohnungen der Seigneurs waren im Schloſſe, jene der Bogenſchützen in der Stadt in Bereitſchaft ge⸗ ſetzt worden; übrigens wurden Alle mit gleicher Freude und gleicher Dankbarkeit empfangen; Jeder bewirthete ſeine Gäſte, ſo feſtlich er es vermochte, und die Gräfin lud die ihrigen ein, am folgenden Tage bei ihr das Mittagsmahl einzunehmen. Herr Walter von Mauny, ein eben ſo artiger Cavalier bei den Damen, als tapferer Ritter vor dem Feinde, hütete ſich wohl, einen ſo höf⸗ lichen Antrag abzulehnen, und die Gräfin ihrerſeits, eben ſo gefallſüchtig als Weib, wie wagehalſig als Krie⸗ gerin, machte den engliſchen Seigneurs die Honneurs an ihrer Tafel mit einer Anmuth, welche ſie bewog, es als eine Glücksgunſt zu betrachten, über das Meer ge⸗ ſegelt zu ſeyn, um einer ſo liebenswürdigen Bundes⸗ genoſſin Hülfe zu bringen. Nach dem Mittagseſſen führte die Gräfin ihre Gäſte auf einen Thurm, von dem herab ſie das ganze franzöſiſche Lager entdeckten; die Belagern⸗ den fuhren fort, die Stadt mit einem Regen von Stei⸗ nen zu zertrümmern, ſo daß es erbärmlich anzuſchauen war; daher konnte es die Gräfin nicht ſehen„ohne die armen Leute höchlich zu beklagen, die ſo ihretwegen litten. 321 Walter von Mauny bemerkte, wie groß ihr Schmerz war, und ſagte, begierig, ſobald als möglich der er⸗ haltenen Gaſtfreundſchaft ſich würdig zu zeigen, zu den engliſchen und bretoniſchen Rittern ſich wendend:„Meſ⸗ ſeigneurs, habt Ihr nicht Luſt und Willen, wie ich, dieſe verfluchte Maſchine niederzuſchlagen, die unſerer ſchönen Wirthin ſo großen Unmuth verurſacht? Wenn dem alſo iſt, Meſſeigneurs, ſo ſprecht ein Wort, und die Sache wird geſchehen.“ „Bei Unſerer Lieben Frau von Guerrande, Ihr ſprechet gut, Monſeigneur,“ antwortete Herr Ywo von Treſe⸗ guidy, und was mich betrifft, werde ich bei dieſem erſten Unternehmen nicht fehlen.“ „Ich gewiß auch nicht,“ rief Herr von Landernau aus,„und man ſoll nicht ſagen, daß Ihr über das Meer ſchifftet, um allein zu thun, was uns zuſteht; macht Euch alſo an's Werk, Monſeigneur, und wir werden Euch mit allen unſern Kräften helfen.“ Die engliſchen Ritter nahmen den von ihrem An⸗ führer gemachten Vorſchlag mit Freuden auf, und ent⸗ fernten ſich, um⸗ ſich zu rüſten; aber die Gräfin wollte Walter von Mauny perſönlich wappnen, was der junge Ritter mit großer Dankbarkeit annahm; dieß geſchah ſchneller, als er es vielleicht gehofft hatte, denn die Gräfin war in der Kenntniß der Waffen eben ſo be⸗ wandert, wie der edelſte Page und der kundigſte Schild⸗ knappe. 4 Als die Ritter bereit waren, nahmen ſie dreihun⸗ dert Bogenſchützen, unter den Geſchickteſten gewählt, mit ſich, und ließen ſich das den Maſchinen nächſte Thor 322 öffnen; kaum war es offen, als ſich die Bogenſchützen auf dem Felde verbreiteten, und mit ihrer gewöhnlichen Gewandtheit ſchoſſen, ſo daß die Wächter, welche nicht entflohen, um ihre Maſchinen herum zu Boden ſtürzten, von den langen Pfeilen der Angreifenden durchbohrt; hinter ihnen kamen die Ritter, die mit ihren Streit⸗ äxrten und doppelhändigen Schwertern, die größte und furchtbarſte von dieſen Kriegsmaſchinen bald in Stücke gehauen hatten; die Uebrigen bedeckten ſie mit brenn⸗ baren Stoffen, und zündeten ſie an; dann ſprengten ſie auf die Baraken los, drangen mitten in das Lager, be⸗ vor die Franzoſen Zeit fanden, ſich in Vertheidigungs⸗ ſtand zu ſetzen, flammende Brandfackeln im Fluge in die Quartiere ſchleudernd, ſo daß in einem Augenblicke, an zehn verſchiedenen Punkten, die Flamme und der Rauch den Bewohnern der Stadt zu verkünden begannen, daß das Unternehmen in gutem Zuge ſey. Dieß war Alles, was die engliſchen und bretoniſchen Ritter woll⸗ ten; daher zogen ſie ſich in guter Ordnung zurück, als ſie einen Trupp Franzoſen auf ſich zukommen ſahen, die ſich eilig gerüſtet hatten, und ſie mit lautem Geſchrei und lärmenden Herausforderungen verfolgten. Die Rit⸗ ter ſetzten nun ihre Renner in Galopp, aber Walter dagegen hielt den ſeinigen an, indem er ſagte, daß er von ſeiner Schönen nie mehr mit dem ſüßen Namen Freund wolle begrüßt werden, wenn er in die Stadt zurückkehren ſollte, ohne Einige von denjenigen nieder⸗ geworfen zu haben, die ſo kühn waren, ſie zu verfol⸗ gen; und dieß ſprechend, kehrte er mit geſchwungenem Schwerte um, und ritt gerade auf ſie los; bei dieſem 0 18——— ₰ 2——‿ 323 Anblicke machten es die beiden Brüder von Leynondal, Herr Ywo von Treſeguidy, Herr Galerand von Lan⸗ dernau, und einige Andere eben ſo, dergeſtalt, daß hier der eigentliche Kampf begann, denn Jene von der Armee, die ihren Kameraden zu Hülfe kamen, erſetzten die Todten und Verwundeten durch ganz friſche Streiter, ſo daß Walter von Mauny und ſeine Gefährten ſich zurück⸗ ziehen mußten, was ſie in guter Ordnung thaten, in⸗ dem fie hinter ſich eine große Zahl von Franzoſen und Einige von den Ihrigen, todt und verwundet zurücklie⸗ ßen. An den Gräben und Barrieren angekommen, wen⸗ deten ſie ſich plötzlich gegen den Feind, um ihren zer⸗ ſtreuten Bogenſchützen Zeit zu gönnen, in die Stadt zurückzukehren; nun wollten die Franzoſen ſie verfolgen, aber jene Bogenſchützen, die ihren Kameraden nicht ge⸗ folgt waren, eilten auf die Mauern, und ließen von da einen ſolchen Hagel von Pfeilen auf die Angreifenden regnen, daß ſie ſich außer Pfeilſchußweite zurückziehen mußten, eine große Menge von Leuten und Pferden auf dem Schlachtfelde zurücklaſſend. Jetzt kehrten die Bretagner und Engländer ruhig in ihre Barrieren zurück, und am Fuße der Schloßtreppe fanden die Ritter die Gräfin, die ihnen mit ihren eigenen Händen ihre Helme abnehmen wollte, und ſie, Einen nach dem Andern, aus Dankbarkeit für die große ihr geleiſtete Hülfe umarmte. In der nämlichen Nacht beſchloſſen die Belagernden, in Erwägung der von ihren Feinden erhaltenen Verſtär⸗ kung, und der Unmöglichkeit, die Stadt zu nehmen, da ſie aller ihrer Kriegsmaſchinen beraubt waren, im Rathe die Belagerung aufzuheben, und zu Monſeigneur Karl 324 von Blois zu ſtoßen, was ſie am folgenden Tage tha⸗ ten, von dem Geſchreie und Hohngelächter der Bretagner und Engländer begleitet; vor dem Schloſſe Auray an⸗ gekommen, erzählten ſie, was ihnen begegnet ſey, und warum ſie die Aufhebung der Belagerung für dringlich erachteten; Monſeigneur Karl von Blois entſchuldigte ſie hiewegen höchlich, und da er dieſer neuen Truppen nicht bedurfte, entſendete er Herrn Ludwig von Spa⸗ nien und deſſen ganzen Trupp zur Belagerung der Stadt Bignan, die zur Gräfin hielt. Herr Ludwig machte ſich mit ſeinem Truppe auf den Weg; aber gegen Mittag des erſten Tages traf er auf ſeinem Zuge das Schloß Conqueſt. Dieß war eine ſtarke Feſtung, die zum Grafen von Montfort hielt, und ihr Caſtellan ein Ritter aus der Lombardei, ein guter und kühner Krieger, Namens Manſion. Herr Ludwig wollte nicht ſo nahe bei einer bretoniſchen Garniſon vor⸗ überziehen, ohne den Verſuch zu machen, eine Vergel⸗ tung zu üben; er befahl folglich, Halt zu machen, und begann ſeine Anordnungen zu einem Sturme; die Schloß⸗ bewohner hielten Stand, und vertheidigten ſich, als man an die Mauern kam, ſo vortrefflich, daß die Nacht an⸗ brach, bevor die Belagernden etwas erobern konnten; Herr Ludwig ließ dann zum Rückzuge blaſen, und la⸗ gerte mit ſeiner Armee um das Schloß herum. Da das Schloß Conqueſt nur einige Meilen von Hennebon lag, erhielt Walter von Mauny bald Nachricht von dem, was unter ſeinen Mauern vorging; der junge Ritter ver⸗ ſammelte nun ſeine Freunde, und fragte ſie, ob ſie nicht fänden, daß es ein ſtattliches Abenteuer für ſie wäre, zu 325 Herrn Ludwig von Spanien anzugreifen, und ihn zu zwingen, die Belagerung aufzuheben. Ihre Meinung war, daß kein Unternehmen glorreicher ſeyn, und grö⸗ ßere Ehre bringen könnte; ſie brachen alſo noch am näm⸗ lichen Abende auf, und ritten ſo wacker, daß ſie am andern Tage gegen Mittag im Angeſichte der Feſtung ankamen. Aber es war zu ſpät, das Schloß ſeit dem vorigen Tage genommen, und die Garniſon getödtet. Herr Ludwig hatte ſeinen Weg nach Bignan fortgeſetzt, indem er in ſeiner Eroberung einen neuen Caſtellan, und ſechzig tapfere Gefährten zurückließ, um ſie zu ver⸗ theidigen. Der Zweck des Unternehmens war alſo ver⸗ eitelt, und die engliſchen Seigneurs ſprachen von Rück⸗ kehr nach Hennebon; aber Walter von Mauny erklärte, daß er zu weit hergekommen ſey, um fortzugehen, ohne zu wiſſen, was für Leute im Schloſſe ſeyen. Folglich umritt er es, und da er die Breſche erblickte, durch die Herr Ludwig von Spanien in die Stadt gezogen war, und welche wieder zu ſchließen die Garniſon noch nicht Zeit fand, ſo ſtieg er ab, und forderte ſeine Gefährten auf, es eben ſo zu machen; ſie ließen ihre Pferde in den Händen der Schildknappen und Edelknechte, und marſchirten mit dem Schwerte in der Hand gegen dieſe Oeffnung; ihrerſeits rückten die Spanier vor, ſie zu vertheidigen; aber ſie waren ihnen weder an der Zahl noch am Muthe gleich; nach Verlauf eines einſtündigen Kampfes wurden die Belagerten auf's Haupt geſchlagen, und Walter von Mauny trat in das Schloß durch die nämliche Breſche, welche Ludwig von Spanien gemacht hatte. Die ganze Garniſon mußte über die Klinge ſprin⸗ 326 gen, mit Ausnahme von zehn Mann, denen die engli⸗ ſchen Ritter Pardon gaben; aber am nämlichen Abende, da Walter ſah, daß das eroberte Schloß ſchwer zu be⸗ haupten ſey, machte er ſich wieder auf den Weg nach Hennebon, und ließ in der Feſtung keine andere Wache, als die Leichen ihrer beiden Garniſonen. Nach Henne⸗ bon zurückgekehrt, fand Herr Walter von Mauny da⸗ ſelbſt den Grafen Robert von Artois, welcher während ſeiner Abweſenheit mit einer neuen Verſtärkung dort gelandet war, die der König Eduard ſendete, und welche in Bretagne gegen Philipp von Valois, ſeinen Feind, den Kampf wieder beginnen ſollte, den er, zu ſeinem großen Bedauern, in Flandern zu unterbrechen war ge⸗ nöthiget worden. Achtzehntes Kapitel. Inzwiſchen beſchäftigte ſich Eduard, mit derſelben Gewiſſenhaftigkeit, mit welcher er es für die Gräfin von Montfort gethan, das Verſprechen zu erfüllen, das er der ſchönen Elſe gab. In Folge der Botſchaft Wil⸗ helms von Montaigu, war ein Waffenſtillſtand auf zwei Jahre zwiſchen ihm und dem Könige David geſchloſſen worden; und eine von den Bedingungen dieſes Waffen⸗ ſtillſtandes, die Rückkehr des Grafen von Salisbury nach England geweſen. Der König David beſtand um ſo mehr darauf bei Philipp von Valois, daß er ſeinem Gefangenen wieder die Freiheit gebe, als er in dieſem V 327 Falle gegen Murray ſollte ausgewechſelt werden, einen von den vier Baronen Schottlands, die ihm ſein König⸗ reich wieder erobert hatten. In der That, von welcher Wichtigkeit auch der König Philipp ſeinen Gefangenen halten mochte, ſo konnte er doch den beharrlichen An⸗ ſuchen ſeines Verbündeten nicht widerſtehen, und gab gegen Ende Mai, in dem Momente, da Walter in Bre⸗ tagne die verſchiedenen, von uns erwähnten Unterneh⸗ mungen gut beſorgte, dem Grafen von Salisbury die Erlaubniß, nach England zurückzukehren. Es hatte Eduard eine große Ueberwindung gekoſtet, dem Grafen zurückzurufen, und ſeine Eiferſucht geſtattete ihm nicht, den Grafen im Schloſſe Wark lange ver⸗ weilen zu laſſen; daher trug er ihm auf, ſchnell zu ihm nach London zu kommen, unter dem Vorwande, daß er ihm eine Miſſion von der höchſten Wichtigkeit anver⸗ trauen müſſe; er lud ihn zugleich ein, ſeine Frau mit⸗ zunehmen, da die Feſte, welche er in Windſor zu geben gedenke, nahe bevorſtänden, und die ſchöne Elſe denſelben beizuwohnen verſprochen habe, wenn ihr Gemahl ſie dahin begleite. Der Graf war ohne Mißtrauen. Elſe hatte es nicht für geeignet erachtet, ihn durch die Mit⸗ theilung einer Liebe zu quälen, welche erlöſchen zu ſehen ſie immer noch hoffte, und die ihr übrigens, da ſie ihrer ſelbſt gewiß war, keine große Beſorgniß verur⸗ ſachte. Er kam alſo, der Einladung entſprechend, und Elſe folgte ihm, da ſie keinen Grund zu haben glaubte ihn nicht zu begleiten⸗ Eduard ſah Elſe mit einer ſo gut erheuchelten Gleichgültigkeit wieder, daß ſie wähnte, er habe ſeine 328 Liebe vergeſſen, oder ſey aus Mangel an Hoffnung von ihr geheilt worden. Um ſie übrigens ganz ſicher zu machen, hatte er ihr eine Wohnung im Palaſte, und unter den Frauen der Königin angeboten, und Madame Philippine, ſich glücklich fühlend, ihre alte Freundin wieder zu ſehen, ſie ſo dringend erſucht, daß Elſe ohne Mißtrauen einwilligte, und ihre frühere Sicherheit wieder gewann.“ Die Miſſion, welche der König dem Grafen beſtimmte, bewies, daß ſein Vertrauen, das er ihm ſchenkte, noch immer das nämliche war: Gefangene von Wichtigkeit, unter denen ſich Herr Oliver von Cliſſon, Herr Gottfried von Harcourt, und Herr Hervey von Leon befanden, die einige Tage nach ihrem Uebertritte aus den Dienſten des Grafen von Montfort in jenen des Karl von Blois, in Gefangenſchaft geriethen, waren in England angekommen, und in das Schloß Margate eingeſperrt worden. Cduard, welcher Abſichten auf ſie hatte, ernannte Salisbury zum Gouverneur deſſelben. Der Graf empfing folglich ſeine Inſtruktionen, und reiſete ab. Mittlerweile ließ der König, in der Abſicht das edle Inſtitut der Tafelrunde wieder in Schwung zu bringen, das ſo viele tapfere Ritter bildete, daß ihr Ruhm ſich über die ganze Welt verbreitete, das ehemals vom Könige Arthus gegründete Schloß Windſor wieder bauen. Er gedachte, wie geſagt, dieſe Wiedererbauung durch ein Turnier und durch Feſte zu feiern; er ſendete alſo Herolde nach Schottland, Frankreich und Deutſch⸗ land, um zu verkünden, daß Freund oder Feind, Jeder, woferne er nur Ritter wäre, erſcheinen könne, um zu Ehren ſeiner Dame eine Lanze auf dem Turnierplatze 329 von Windſor zu brechen. Eine ſolche Einladung von Seiten eines ſo mächtigen Fürſten, hatte, wie man wohl begreift, die ganze Ritterſchaft in Bewegung geſetzt, daher ſah man aus Schottland, Frankreich und Deutſch⸗ land, wie eine Abſendung des ganzen Adels der Welt, die tapferſten Kämpfer jener Zeit ankommen; Einige hatten ſich ſchon auf Schlachtfeldern getroffen, und kannten die Werthſchätzung, die ſie einander ſchuldeten, aber die Meiſten kannten ſich nur dem Rufe nach, und waren deßhalb nur um ſo verlangender, ſich zu kennen. In dem Maße, als ſie ankamen, ließen ſie ſich bei den Kampfrichtern einſchreiben, entweder unter ihrem Namen oder unter dem angenommenen, den ſie führen wollten, und am folgenden Tage erhielten ſie vom Könige Eduard ein ihrer Abkunft, oder dem Range, den ſie einzuneh⸗ men ſchienen, angemeſſenes Geſchenk. Uebrigens ſollte das Turnier drei Tage dauern, und zu Ausforderern haben: am erſten Tage Eduard ſelbſt, am zweiten Tage Walter von Mauny, der Bretagne verlaſſen hatte, um bei einem ſolchen Feſte nicht zu fehlen, und am dritten Tage Wilhelm von Montaigu, den der König, ſeinem Verſprechen gemäß, eben erſt zum Ritter ſchlug, und der hier ſeine erſte Lanze unter den Augen der Gräfin brechen ſollte. Die drei Ausforderer ſollten den Kampf auf Lanze, Schwert und Art annehmen; nur der Dolch war verboten. Am Tage vor Sanct Georg, dem zum Beginne der Feſte beſtimmten Tage, erwachte die Stadt London „bei dem Lärme der Trompeten und Zinken. Die aus verſchiedenen Theilen der Welt in die große Stadt her⸗ 330 beigeeilten Ritter, ſollten ſich zu den Zelten verfügen, die ihnen der König in der Ebene von Windſor auf⸗ ſchlagen ließ; denn man durfte nicht daran denken, eine ſo große Menge von Perſonen im Schloſſe unterzubrin⸗ gen. Von acht Uhr Morgens an waren alſo Wege, die vom Schloſſe zu London an, das heißt: vom St. Katharinenplatze zur Straſſe führten, mit Tapeten aus⸗ geſchlagen, und mit Blumen beſtreuet. Zu beiden Seiten, fünf bis ſechs Fuß von den Häuſern, waren unter Blumengewinden verſteckte Seile geſpannt, eine Art von Fußſteigen bildend, auf welchen das Volk kreiſen konnte, während der Fahrweg für die Ritter frei und offen blieb. Uebrigens gab es keinen Baum, der nicht leben⸗ dige Früchte trug, kein Fenſter, das nicht von Pyramiden von Köpfen eingenommen war, keine Terraſſe, die nicht ihre Ernte von Zuſchauern zeigte dicht wie Aehren, und wogend wie dieſe bei dem leiſeſten Geräuſche, welches das Herannahen des Ehrengeleites zu verkünden ſchien. Um Mittag ritten vierundzwanzig Trompeter blaſend aus dem Schloſſe, inmitten des freudigen Zurufes der Menge, welcher ſie endlich das von ihr ſeit dem Mor⸗ gen ſo ungeduldig erwartete Schauſpiel verkündeten. Ihnen folgten ſechzig zum Lanzenbrechen ausgerüſtete Renner, und von Ehrenſchildknappen gerittene, welche Fahnen trugen, auf denen ſich die Wappen ihrer Herren befanden. Nach den Schildknappen kamen der König und die Königin, mit ihren königlichen Gewändern ge⸗ ſchmückt, die Krone auf dem Haupte und den Scepter in der Hand, und zwiſchen ihnen, auf einem ſchönen Zelter, deſſen goldgelbe Flechten bis auf den Boden —8„ so—— 9— 102—⸗ 3341 hingen, der junge Prinz von Wallis, der künftige Held von Crecy und Poitiers, der bei einem Turniere ſeine Kriegslehrjahre vollenden ſollte. Hinter ihnen ritten ſechzig Damen, in ihrem prächtigſten Staate, und jede führte an einer ſilbernen Kette einen zum Lanzenbrechen ganz gewappneten Ritter, der ihre Farbe trug. Dann untereinander und ohne Ordnung, mit aufgeſchlagenem oder geſchloſſenen Viſire, je nachdem ſie erkannt werden oder unbekannt bleiben wollten, zwei bis dreihundert Ritter, ganz mit glänzenden Rüſtungen angethan, mit Schilden voller Wappen und Wahlſprüche. Den Zug ſchloß endlich eine zahlloſe Menge von Pagen und Edel⸗ knechten, von denen die Einen gehaubte Falken auf der Fauſt trugen, und die Andern an Koppelriemen Hunde führten, die am Halſe Bändchen mit den Wappen ihrer Herren hatten. Dieſer prachtvolle Zug ritt durch die ganze Stadt im Schritte und in guter Ordnung, um ſich nach dem, wie geſagt, etwa zwanzig Meilen von London gelegenen Schloſſe Windſor zu begeben. Ungeachtet dieſer Ent⸗ fernung begleitete ihm ein Theil der Bevölkerung, quer über die Felder laufend, während der Feſtzug auf der Straße ſich fortbewegte. Der König hatte auch für dieſen Fall Vorkehrung getroffen, und außerhalb der Einfriedung der den Rittern vorbehaltenen Zelte, eine Art von Lager herſtellen laſſen, worin zehntauſend Per⸗ ſonen gut wohnen konnten; Jeder war alſo ſicher, ſeinem Stande gemäß ein Quartier zu finden, die Seigneurs im Schloſſe, die Ritter unter den Zelten, das Volk im Bivouak. Man kam in ſtockfinſterer Nacht zu Wind⸗ 332 ſor an; aber das Schloß war ſo hell erleuchtet, daß es einem Feentempel glich. Die Zelte waren aufgeſchlagen wie die Häuſer einer Straße; nur brannten im Zwi⸗ ſchenraume eines jeden Zeltes coloſſale Fackeln, die tageshell leuchteten, während man in den in gewiſſen Abſtänden gelegenen Küchen eine Menge Garköche und Küchenjungen mit jenen Einzelnheiten beſchäftiget ſah, die nicht ohne Reize für Magen waren, die ſeit der Mittagsſtunde ritten. Jeder ſuchte ſein Unterkommen, dann ſein Abendeſſen. Bis zwei Uhr Morgens war die Nacht voll Tumult und Freudengeſchrei. Um dieſe Stunde nahm der Lärm unter den Zelten und in den Bivouaks ab, während die Fenſter des Schloſſes nach⸗ einander, mit Ausnahme eines Einzigen, erloſchen. Dieſes Fenſter war jenes des Zimmers, worin Eduard wachte. Salisbury war, um mit Herrn Johann von Beaumont Marſchall des Turniers zu werden, von Margate in derſelben Nacht mit wichtigen Nachrichten zurückgekommen. Oliver von Cliſſon und Herr von Harcourt, nahmen nicht nur die Vorſchläge Eduard's an, und wurden Engländer, ſondern verbürgten ſich auch, wie für ſich ſelbſt, für mehrere Seigneurs von Bretagne und Berry, welche, wie ſie verſicherten, daſ⸗ ſelbe Loos wählen würden, wie ſie. Dieſe Seigneurs waren Herr Johann von Montauban, Herr von Male⸗ ſtroit, Herr von Laval, Abain von Guedillac, Wilhelm, Johann und Oliver des Brieur, Denis du Pleſſis, Jo⸗ hann Malart, Johann von Senedari und Denis von Caillac. Dieſe Nachrichten erfreuten Eduard höchlich; er fah in Bretagne einen förmlichen Eingang nach un 333 Frankreich, und da er ſein Gelubde nicht vergaß, wel⸗ ches er allein unter Allen, die ihn umgaben, bis zur Stunde noch nicht erfüllt hatte, bezeigte er Salisbury ſeine ganze Freude, die ihm ſeine Unterhandlung verur⸗ ſachte. Gleich nach dem Turniere ſollte alſo Salisbury nach Margate zurückkehren, und von Oliver von Cliſſon und Gottfried von Harcourt ihre Verpflichtung unter⸗ zeichnen laſſen; hierauf ſollten die Ritter frei und ohne Löſegeld nach Bretagne heimreiſen. Endlich erloſch auch dieſes Licht, wie die übrigen, und Alles verſank in Ruhe und Dunkelheit. Aber dieſer Stillſtand der Ver⸗ gnügungen war nicht von langer Dauer. Mit Tages⸗ anbruch erwachte und regte ſich Jeder, vor Allen das Volk, welches nicht nur den ſchlechteſten Platz bekom⸗ men ſollte, ſondern auch noch fürchtete, nicht genug Platz zu erhalten, ohne ſich auch nur zum Frühſtücke Zeit zu nehmen, und Jedermann trug in ſeinen Taſchen den Mundvorrath des Tages fort. Dieſe ganze Menge ſtürzte alſo durch die Thore der Barrieren, und ergoß ſich wie ein Strom zwiſchen der Art von Bett, das man ihr zwiſchen dem Turnierplatze und den Gallerien angewieſen hatte. Kaum die Hälfte der von London gekommenen Perſonen konnte Platz finden; aber ſie ver⸗ zichteten deßhalb nicht auf das Schauſpiel. Nicht ſo bald waren ſie überzeugt, daß es nicht mehr möglich ſey, in die Einfriedung zu dringen, und daß die Bar⸗ rieren Alles umſchlöſſen, was ſie umſchließen könnten, als ſie ſich auf dem Felde zerſtreuten, alle erhöhten Punkte ſuchend, von wo es möglich wäre, das Schau⸗ ſpiel zu überſehen. 334 Um eilf Uhr verkündeten die Trompeten, daß die Königin das Schloß verließ. Wir ſagen: nur die Kö⸗ nigin, denn Eduard, als Ausforderer dieſes Tages, war bereits in ſeinem Zelte. Madame Philippine hatte zu ihrer Rechten Walter von Mauny, und zu ihrer Linken Wilhelm von Montaigu, welche die Helden der folgen⸗ den Tage ſeyn ſollten. Hierauf kam die ſchöne Elſe, von dem Herzoge von Lancaſter und Monſeigneur Jo⸗ hann von Hennegau geleitet; hinter ihr zogen die ſechzig Damen vom vorigen Tage, von ihren Rittern umgeben. Dieſe ganze vornehme Geſellſchaft nahm auf den Gal⸗ lerien Platz, die zu dieſem Zwecke hergeſtellt waren, und in einem Augenblicke einem mit Perlen und Dia⸗ manten wunderbar geſtickten Sammetteppiche glichen. Madame Philippine und Madame Elſe, ſaßen auf einem gleichen Throne einander gegenüber; denn an dieſem Tage waren Beide Königinnen, und ſo manche Dame hätte jetzt, im Beſitze der thatſächlichen Königinwürde, die der Einen durch ihre Geburt zukam, ſie für die Königinwürde von Rechtswegen hingegeben, welche die Andere durch ihre Schönheit behauptete. Der Turnierplatz war ein großes langes Viereck, durch Schanzpfähle geſchloſſen; an den beiden Enden öffneten ſich die Schranken, den Durchzug zu gewähren, das Eine den Kämpfern, das Andere den Ausforderern; an dem äuſſerſten öſtlichen Ende, auf einer genügend erhöhten Platforme, damit ſie die Stechbahn überrage, hatte man Eduards Zelt aufgeſchlagen, das ganz von rothem, goldgeſtickten Sammet war. Oberhalb dieſes Zeltes flatterte das königliche Banner, im erſten und — e. 2ͤ—+—4j—4, —₰ 335 dritten Felde des gevierten Wappenſchildes die Leoparden Englands, im zweiten und vierten die Lilien Frankreichs führend; an den beiden Seiten des Thores endlich, hin⸗ gen der Friedensſchild und die Kriegstartſche des Aus⸗ forderers, und je nachdem die Kämpfer den Einen oder die Andern durch ihre Schildknappen berühren ließen, oder ſelbſt berührten, verlangten ſie das einfache Lanzenbre⸗ chen, oder wünſchten den Kampf mit geſchliffenen Lanzen⸗ eiſen. Die Marſchälle waren lange darauf beſtanden, daß die Kämpfer unter keinerlei Vorwand andere Waffen, als jene gebrauchen dürften, die man ſtumpfe Waffen nannte, und zwar weil, da der König Einer von den Ausfor⸗ derern ſeyn ſollte, zu befürchten ſtand, es möchte ſich irgend ein perſönlicher Haß oder irgend eine Verrätherei in die Stechbahn ſchleichen. Eduard hatte dann geant⸗ wortet, daß er kein Paraderitter ſey, ſondern ein Krie⸗ ger, und daß er, wenn er einen Feind habe, ſehr er⸗ freut wäre, ihm dieſe Gelegenheit zu bieten, an ihn zu kommen. Die Bedingungen wurden alſo vollſtändig beibehal⸗ ten, und die Zuſchauer, einen Augenblick für ihre Ver⸗ gnügungen beſorgt, beruhigten ſich; denn obgleich dieſe Turniere ſelten in einen wirklichen Kampf ausarteten, verlieh doch die Möglichkeit des Geſchehens jedem Tur⸗ niere ein neues Intereſſe; ſelbſt die Frauen, ohne daß ſie es zu geſtehen wagten, konnten, wenn zufällig das Feſt ſo in einen blutigen Kampf ſich verwandelte, ſich nicht enthalten, durch ihre feurigeren und wiederhol⸗ teren Beifallsbezeigungen die Vorliebe zu bethätigen, die ſte für ein Schauſpiel hegten, wobei die Theilnehmer 336 dann immer eine gefährliche und bisweilen ſelbſt tödt⸗ liche Rolle ſpielten. Die übrigen Kampfbedingungen wichen von der gewöhnlichen Regel nicht ab. Wenn ein Ritter aus dem Sattel gehoben und zu Boden ge⸗ rannt wurde, wenn er ohne Beiſtand ſeiner Schild⸗ knappen nicht wieder aufſtehen konnte, ward er für be⸗ ſiegt erklärt; dieß geſchah auch, wenn im Kampfe auf Schwert oder Art einer von den Kämpfern vor dem Andern ſo weit zurückwich, daß der Rücken ſeines Pfer⸗ des die Schranken berührte; endlich, wenn der Kampf mit einer lolchen Erbitterung dauerte, daß er tödtlich zu werden drohte, konnten die Marſchälle des Turnieres ihre Lanzen zwiſchen den beiden Kämpfern kreuzen, und ſo aus eigener Gewalt ein Ende machen. Als die beiden Königinnen Platz genommen hatten, ritt ein Herold in die Stechbahn, und las mit lauter Stimme die Bedingungen des Lanzenbrechens vor. So⸗ bald das Vorleſen zu Ende war, ließ eine neben Eduard's Zelte befindliche Gruppe von Muſikern, zum Zeichen der Herausforderung, die Luft von dem Geſchmetter der Trompeten und Zinken wiederhallen; alſogleich antwor⸗ tete ihr eine andere Gruppe von Muſikern vom entge⸗ gengeſetzten äußerſten Ende; die Schranken öffneten ſich, und ein völlig gewappneter Ritter erſchien in der Stech⸗ bahn. Obgleich ſein Viſir geſchloſſen war, erkannte man ihn doch alſogleich an ſeinem Wappen, das von Gold war, mit gleich breiten und gleich vielen ſilbernen und azurten Binden, für den Grafen von Derby, Sohn des Grafen von Lancaſter mit dem ſchiefen Halſe. Er nä⸗ herte ſich, zierlich ſein Pferd bis in die Mitte der Stech⸗ 337 bahn tummelnd; dort angekommen, wendete er ſich zur Königin, die er grüßte, die Spitze ſeiner Lanze bis auf den Boden ſenkend, dann zur Gräfin von Salisbury ſich kehrend, erwies er ihr die nämliche Ehre inmitten der Beifallsbezeugungen des Volkes. Indeſſen ging ſein Schildknappe in die Turnierbahn, ſtieg auf die Plate⸗ forme, und berührte mit einem Stäbchen Eduard's Frie⸗ densſchild. Der König erſchien alſogleich, ganz gewapp⸗ net, mit Ausnahme ſeiner Tartſche, die er ſich durch ſeine Edelknechte an den Hals ſchnallen ließ, ſchwang ſich leicht auf das Pferd, das man ihm bereit hielt, und ritt mit ſo viel Anmuth und Zuverſicht in die Stechbahn, daß die Beifallsrufe ſich verdoppelten. Er trug eine venetianiſche Rüſtung, ganz eingelegt mit gol⸗ denen Schienen und linienförmigen Zierathen von wun⸗ derlichen Formen, woran man den orientaliſchen Ge⸗ ſchmack erkannte, und auf ſeinem Schilde, anſtatt ſei⸗ nes königlichen Wappens, einen von einer Wolke ver⸗ ſchleierten Stern, mit dem Wahlſpruche:„Anweſend, aber verborgen.“— Dann brachte man ihm ſeine Lanze, die er einlegte. Alſogleich riefen die Kampf⸗ richter, da ſie die Kämpfer bereit ſahen, mit lauter Stimme:„Laſſet gewähren!“ Im nämlichen Momente ſpornten die Gegner ihre Pferde, ſtürzten auf einander los, und begegneten ſich mitten in der Bahn. Beide hatten die Spitze ihrer Lanze gegen das Viſir des Hel⸗ mes gerichtet, Beide das Ziel getroffen; aber da das runde Ende der Lanze am Stahle nicht haften konnte, waren Beide ohne irgend einen Schaden weiter geſprengt. Je⸗ Dumas, die Graͤfin von Salisbury. 1 15 * 338 der kehrte alſo wieder auf ſeinen Punkt zurück, und ſie rannten auf das gegebene Zeichen von Neuem gegen⸗ einander. Dießmal ſtießen Beide mitten in ihre Tartſche, nämlich mitten auf die Bruſt; ſie waren zu gute Rei⸗ ter, um aus dem Sattel gehoben zu werden; einer von den Füßen des Grafen von Derby ſchlüpfte jedoch aus dem Steigbügel, und ſeine Lanze entfiel ſeinen Händen; Eduard blieb feſt in ſeinem Sattel, aber die Gewalt des Stoßes zerbrach ſeine Lanze in drei Stücke, von denen zwei in die Luft flogen, und das dritte ihm in der Hand blieb. Ein Schildknappe des Grafen von Derby hob ſeine Lanze auf, und reichte ſie ihm, wäh⸗ rend man Eduard eine neue brachte, ſo daß die beiden Kämpfer, als ſie ſich wieder bewaffnet ſahen, ſich auf⸗ ſtellten, und zum Drittenmale auf einander losſtürzten. Auch dießmal lenkte der Graf von Derby ſeine Lanze gegen die Tartſche ſeines Gegners, während Eduard, auf ſeinen früheren Plan zurückkommend, wie zuvor den Helm des Grafen zum Zielpunkte gewählt hatte; Beide gaben bei dieſem Gange einen neuen Beweis ihrer Ge⸗ ſchicklichkeit und Kraft, denn in Folge des heftigen Stoſ⸗ ſes, welchen Eduard erhielt, blieb ſein Pferd raſch ſte⸗ hen, und brach auf den Kniekehlen der Hinterfüße zu⸗ ſammen, während die Lanze des Königs ſo gerade mit⸗ ten in den Helmſchmuck traf, daß ſie, die Schnallen brechend, welche ihn unter dem Halſe befeſtigten, den Helm des Grafen von Derby von ſeinem Haupte ſtieß. Beide hatten als muthige und gewandte Ritter Lanzen gebrochen; aber der Graf wollte, entweder aus Müe digkeit oder aus Artigkeit, den Kampf nicht fortſetzen, 339 verbeugte ſich vor dem Könige, erklärte ſich für be⸗ ſiegt, und entfernte ſich inmitten von Beifallsbezeigun⸗ gen, die er mit ſeinem Sieger theilte. Eduard kehrte in ſein Zelt zurück, und die Trompeten ſchmetterten von Neuem zum Zeichen der Ausforderung; ihr Klang wiederhallte, wie das Erſtemal, am entgegengeſetzten äußerſten Ende; ſobald er verklungen war, ſah man alſogleich einen zweiten Ritter einreiten, den man an der Krone, die ſeinen Helm überragte, als einen Für⸗ ſten erkannte; in der That war dieſer neue Kämpfer der Graf Wilhelm von Hennegau, Schwager des Kö⸗ nigs. Dieſer Gang war, wie der andere, eher ein zierlicher Ehrenkampf, als ein wirkliches Lanzenbrechen; vielleicht wurde er deßhalb nur um ſo intereſſanter in den Augen der geübten Kämpfer, die nicht nur die Schauſpieler, ſondern auch die Zuſchauer dieſer Scene bildeten; denn Jeder that Wunder von Geſchicklichkeit. Die geführten Stöſſe verriethen jedoch eine allzumerk⸗ bare Abſicht von Seiten der Gegner, ſich einem Spiele und keinem Kampfe zu überlaſſen, damit der hervorge⸗ brachte Eindruck nicht jener ſeyn möge, den man in unſern Tagen fühlen würde, wenn man ein vortreff⸗ lich durchgeführtes Luſtſpiel ſähe, während man doch gekommen wäre, um ein ächt dramatiſches Trauerſpiel zu ſehen. Daraus erfolgte, daß es, welches Vergnü⸗ gen auch an dieſem Schauſpiele die Menge wn ihm lauten Beifall ſpendete, am Schluſſe deſſelben ſichtbar war, man hoffe nun auch etwas Ernſteres zu ſehen. Nachdem Jeder drei Lanzen gebrochen hatte, . 15* 4 340 verließ Wilhelm die Stechbahn, indem er ſich für über⸗ wunden erklärte, wie es der Graf Derby gethan hatte, indeſſen Eduard, über dieſe leichten Siege mißvergnügt, in ſein Zelt ſich begab, mit dem Bedauern, ſich nicht lieber unter einem unbekannten Namen den vielen Käm⸗ pfern beigeſellt zu haben, als ſich für Einen von den Ausforderern zu erklären, wie er es gethan hatte— Kaum war er in ſein Zelt zurückgekehrt, als die Muſik ihre herausfordernden Klänge erſchallen ließ, die An⸗ fangs ohne Folgen zu bleiben ſchienen, denn eine Stille von einigen Minuten trat ein; Jeder wurde alſo über dieſe Unterbrechung bereits unruhig, als man plötzlich eine einzige Trompete erklingen hörte; man blies eine franzöſiſche Melodie, was verkündete, daß ein Ritter von dieſer Nation ſich zum Kampfe ſtelle. Alſogleich kehrten ſich alle Blicke nach den Schranken, die ſich öffneten, einen Ritter von mittlerer Größe einlaſſend, der jedoch nach der Art zu ſchließen, wie er die Lanze trug, und ſein Pferd tummelte, eben ſo kräftig als ge⸗ wandt ſchien. Jeder ſchaute ſogleich auf ſeinen Schild, um zu ſehen, ob man ihn nicht an einem Wahlſpruche auf demſelben zu erkennen vermöge; ſeinen Schild zierte nur ſein Wappen, welches im rothen Felde drei goldene Adler mit ausgebreiteten Flügeln enthielt, zuerſt zwei, n einen, mit einer Lilie Frankreichs im aufgenähe⸗ ten Schildhaupte. An dieſer einzigen Bezeichnung, die zu unſerer Zeit ihm erlaubt hätte, ſein Incognito zu⸗ bewahren, erkannte Salisbury ihn als jenen jungen Ritter wieder, welcher am Tage nach dem Zuſammen⸗ treffen bei Buironfoſſe, auf Befehl Philipp's von Va⸗ „ 352 R ☛ ———O————Nyy—; * —ꝛ—ꝛ:::õſ--oↄA a 341 lois, durch den Sumpf ritt, der die beiden Armeen trennte, und ohne auf Jemand zu ſtoſſen, den Wald durchſpähete, der den Abhang des Berges bedeckte, auf deſſen Gipfel er, wie geſagt, ſeine Lanze aufpflanzte. Vor ſeinem Aufbruche hatte ihn Philipp, wie man ſich erinnert, eigenhändig zum Ritter geſchlagen, und bei ſeiner Rückkehr, mit dem von ihm bewährten Muthe zufrieden, ihn ermächtiget, ſeinem Wappen eine Lilie beizufügen, was man in der heraldiſchen Sprache ein Schildhaupt aufnähen heißt. Der junge Ritter hatte bei ſeinem Einzuge in die Stechbahn eine Regung um ſo lebhafterer Neugier erregt, als er mit ſeinen Krie⸗ swaffen erſchien. Er benahm ſich deßhalb nicht minder mit der ganzen Artigkeit, die damals den Adel Frankreichs auszeichnete: zuvörderſt hielt er vor der Königin an, die er mit der Lanze und zugleich mit dem Kopfe begrüßte, indem er die Spitze ſeiner Lanze bis auf den Boden ſenkte, und ſeinen Kopf bis auf den Hals ſeines Pferdes neigte; dann ließ er es alſogleich ſich bäumen, und zwang es, ſich um ſich ſelbſt zu drehen, bis es, nach Vollendung des Halb⸗ kreiſes, der Gräfin von Salisbury gegenüber ſich befand, die er auf die nämliche Weiſe begrüßte; hierauf näherte er ſich, weder haſtig noch langſam, ohne Zweifel um ſeinem Gegner eine größere Ehre zu erweiſen, dem A wohin Eduard ſich zurückgezogen hatte, und berührte deſſen Kriegstartſche kühn mit der Spitze ſeiner Lanze, wornach er alſogleich wieder in die Stechbahn ſich begab, und ſein Pferd die ſchwierigſten Uebungen der Reitkunſt ausführen ließ. Der König trat aus ſeinem Zelte, und 342 ließ ſich ein anderes Pferd bringen; er war vollſtändig gerüſtet; aber bei allem Vertrauen auf ſeine Schild⸗ rnappen, unterſuchte er deßhalb nicht minder mit einer ganz beſondern Aufmerkſamkeit die Beſtandtheile ſeines Harniſches; hierauf zog er ſein Schwert aus der Scheide, verſicherte ſich, daß die Klinge daran eben ſo gut ſey, als der Griff deſſelben ſchön, ließ ſich eine zweite Tartſche am Halſe befeſtigen, und ſchwang ſich ſo hurtig auf ſein Pferd, als es ein mit Eiſen bedeckter Mann zu thun vermochte. Die Spannung der Zuſchauer war groß; denn ob⸗ gleich Herr Euſtachius von Ribenumont ſeine Ausfor⸗ derung mit aller möglichen Artigkeit gemacht hatte, war es deßhalb nicht minder augenfällig, daß dieß ein ächtes Lanzenbrechen werden ſollte, und wiewohl von keinem perſönlichen Haſſe geſtachelt, mußte ihm die Rivalität der beiden Nationen einen ernſten Charakter verleihen, den die vorausgegangenen Kämpfe nicht haben konnten; daher ritt Eduard inmitten der tiefeſten Stille an ſeinen Platz in der Stechbahn; als Herr Euſtachius ihn kommen ſah, 5 er ſeine Lanze ein; Eduard machte es eben ſo; die Kampfrichter riefen mit lauter Stimme:„Laſſet gewähren,“ und die beiden Kimpfer ſprengten auf⸗ einander los. Der Ritter hatte ſeine Lanze gegen das Viſir, und der König die ſeinige gegen die Tartſche chtet, und Beide hatten ſo richtig gezielt, daß Eduard's Helm ihm vom Kopfe geſtoſſen wurde, während ſeine Lanze den Ritter mit einer ſolchen Gewalt traf, daß ſie ungefähr einen Fuß weit vom Eiſen zerbrach, und das Trumm in der Rüſtung ſtecken blieb. Einen Augen⸗ ——— 343 blick glaubte man, daß Herr Eunſtachius verwundet ſey; aber das Eiſen, durch die Rüſtung dringend, war durch die Panzerringelchen des Kehlkragenſtückes aufgehalten worden, ſo daß er, aus dem entſtandenen Gemurmel erſehend, daß dieß die Beſorgniß der Zuſchauer ſey, das Eiſen ſelbſt herausriß, und noch einmal die beiden Königinnen grüßtee in Zeichen, daß ihm kein Unfall begegnete. Der König nahm einen andern Helm und eine andere Lanze, und als Jeder ſeinen Umritt gemacht, und ſeinen Platz wieder eingenommen hatte, gaben die Marſchälle von Neuem das Zeichen. Dießmal wählten die Kämpfer ein gleiches Ziel, und trafen ſich mitten auf die Bruſt. Der Stoß war ſo heftig, daß die beiden Pferde die Vorderfüße aufhoben, aber ihre Reiter blieben im Sattel, wie eherne Pfeiler; die beiden Lanzen zer⸗ brachen wie Glas, und ihre Trümmer flogen bis in die Gallerie, worin das Volk war. Die Schildknappen brachten dann neue Lanzen; Jeder ergriff die ſeinige, ritt an ſeinen Platz, und ſchickte ſich zum dritten Lan⸗ zenbrechen an. Wie ſchnell auch das Signal ertönte, ſchien es doch der Kampfluſt der beiden Gegner ein zögerndes; denn ſo wie es gegeben wurde, ſprengten die Pferde dahin, wie wenn ſie die Geſinnungen ihrer Reiter getheilt hätten. Auch dießmal behielt Euſtachius das nämliche Ziel; allein Eduard hatte das ſeinige ge⸗ ändert; ſeine Lanze traf das Viſir ſo gut, daß ſie dem Ritter den Helm wegſtieß, während die Lanze von dieſem mit ſolcher Gewalt mitten auf die Bruſt traf, daß das Pferd des Königs ſich auf die Hinterfüße ſetzte, 344 und da bei dieſer Bewegung der Gurt brach, glitt der Sattel ſeinen ganzen Rücken entlang, und Eduard blieb aufrecht, aber zu Fuß. Alſogleich ſprang ſein Gegner vom Pferde, und fand Eduard bereits ſeiner Steigbügel entlediget. Er zog unverzüglich ſein Schwert, das Haupt ſich mit dem Schilde ſchirmend; allein Eduard bemerkte ihm, daß er den Kampf nicht fortſetzen würde, bis er einen andern Helm aufgeſetzt hätte. Doch bevor man ſie wieder handgemein werden ließ, führten zwei Schild⸗ knappen die Pferde durch entgegengeſetzte Ausgänge fort, während zwei Edelknechte die Lanzen aufhoben, welche die Kämpfer hatten fallen laſſen. Nach dieſer Räumung der Stechbahn entfernten ſich die Schildknappen und Edelknechte, und die Kampfrichter gaben das Signal. Eduard war einer der gewaltigſten Krieger ſeines Königreiches; daher ſah Herr Euſtachius bei den erſten Streichen, die er empfing, die N kothwendigkeit ein, ſeine ganze Kraft und ſeine ganze Geſchicklichkeit anz zuwenden. Aber auch er war, was man ſehen konnte, und wie es die Chroniken jener Zeit bezeugen, einer der tapferſten Ritter jener Epoche, ſo daß er ſich weder über die Heftigkeit, noch über die Schnelligkeit des Angriffes verwunderte, und Schlag für Schlag mit einer Kraft und Kaltblütigkeit erwiederte, welche Eduard bewieſen, was er ohne Zweifel bereits wußte, daß er einen Gegner, ſeiner würdig, gegenüber habe. Uebrigens hatten die Zuſchauer durch das Warten nichts verloren, und was dießmal vor ihren Augen geſchah, war ein wirklicher Kampf. Die beiden Schwerter, in denen die Sonne ſich ſpiegelte, ſchienen zwei flammende Schwerter, und ,ͤ ——&——&ͤðX —— ———.e+ ,.·——„·+—,—+†ù ρ— 8o 345 die Streiche wurden mit einer ſolchen Schnelligkeit parirt und zurückgegeben, daß man, ob ſie den Schild, den Helm oder den Küraß trafen, nur aus den Funken erkannte, die ihnen entſtoben. Die beiden Kämpfer hatten es beſonders auf den Helm abgeſehen, und unter den doppelten, nach dieſem Ziele geführten Streichen, Herr Euſtachius bereits ſeinen Helmbuſch fallen ſehen, und Eduard ſeine Krone von Edelſteinen verloren. End⸗ lich ſchmetterte Eduard's Schwert mit einer ſolchen Kraft, daß er, ungeachtet jeglicher Härtung des Helmes ſeines Gegners, ohne Zweifel dieſem den Kopf würde geſpalten haben, wenn nicht Herr Euſtachius zur rechten Zeit mit ſeinem Schilde parirt hätte. Die ſchreckliche Klinge hieb die Hälfte des Schildes ab, wie wenn er von Leder geweſen wäre, ſo daß Herr Euſtachius, da durch den Prall einer von den Riemen zerriſſen wurde, die andere Hälfte weit von ſich warf, die ihn mehr hinderte, als vertheidigte, ſein Schwert mit beiden Händen faßte, und dem Könige einen ſo harten Streich auf den Helm⸗ ſchmuck verſetzte, daß die Klinge in Stücke flog, und nur der Griff ihm in der Hand blieb. Der junge Ritter that dann einen Schritt zurück, um von ſeinem Schild⸗ knappen eine andere Waffe zu verlangen; aber Eduard hob raſch das Viſir ſeines Helmes auf, that ebenfalls einen Schritt vorwärts, nahm ſein Schwert bei der Spitze, und reichte den Griff davon ſeinem Gegner. „Mein Herr,“ ſagte er mit jener Anmuth zu ihm, die er bei einer ſolchen Gelegenheit ſo gut zu zeigen verſtand,„möchte es Euch nicht belieben, dieſe hier anzunehmen? Ich habe, wie Ferragus, ſieben Schwerter 346 in meinem Dienſte, und alle von vortrefflicher Härtung es wäre unangenehm, wenn ein ſo gewandter und ſo kräftiger Arm, wie der Eure, nicht eine Waffe hätte, auf die er ſich verlaſſen könnte; nehmet alſo, mein Herr, und wir werden den Kampf mit mehr Gleichheit wieder beginnen.“ „Ich nehme dieſes Schwert an, Monſeigneur,“ ant⸗ wortete Euſtachius von Ribeaumont, indem er ebenfalls das Viſir ſeines Helmes aufſchlug,„aber Gott verhüte es, daß ich die Schneide einer ſo ſchönen Waffe gegen denjenigen erprobe, der ſie mir gab; ich erkenne mich alſo für beſiegt, Sire, eben ſo wohl durch Euern Muth als durch Eure Artigkeit, und dieſes Schwert iſt mir ſo werthvoll, daß ich hier auf daſſelbe und durch das⸗ ſelbe ſchwöre, es niemals, weder im Turniere noch in der Schlacht, einem Andern, als Euch, auszuliefern. Nun eine letzte Gunſt, Sire; führet Euren Gefangenen zur Königin.“ Eduard reichte die Hand dem jungen Ritter, und begab ſich mit ihm, inmitten der Beifallsrufe der Zu⸗ ſchauer, zum Throne der Madame Philippine, die eine prächtige goldene Kette von ihrem Halſe loshäckelte, ſie zum Zeichen der Leibeigenſchaft um das Handgelenk des Beſiegten ſchlang, und erklärte, daß ſie drei Tage lang keinen andern Leibeigenen wolle. Folglich ließ ſie ihn zu ihren Füßen ſich ſetzen, das andere Ende der Kette in der Hand haltend; Eduard kehrte in ſein Zelt zurück, nahm einen andern Helm, und befahl den Muſtkern, die Ausforderung zu blaſen; aber die Zinken der Schran⸗ ken blieben ſtumm, aus Ehrerbietung oder Furcht, und —8 ²—— 8 A N 347 dreimal erſchollen die nämlichen Klänge, ohne daß ein gleiches Schmettern ihnen antwortete. Die Herolde durch⸗ eilten nun die Stechbahn, und riefen:„Geſchenke, Ritter, Geſchenke!“ und ein Goldregen ſiel von den Stufen⸗ ſitzen in die Arena. Da übrigens der Tag vorgerückt war, und die Stunde des Abendeſſens nahete, erhoben die Marſchälle ihre Lanzen, die mit Binden mit den Wappen Englands und ihrem eigenen Wappen im gevierten Schilde geſchmückt waren, um anzuzeigen, daß das erſte Lanzenbrechen zu Ende ſey. Im nämlichen Momente blieſen die Muſiker der beiden Schranken zur Heimkehr, und der Feſtzug begab ſich in der Ordnung ſeines Ankommens nach dem Schloſſe. Eduard bewirthete die engliſchen und fremden Ritter, und die Königin die Damen und Fräulein; nach dem Abendeſſen traten die Damen, Fräulein und Ritter in ein gemeinſames Gemach, wo viele Gaukler, Muſiker und Minneſänger ihrer harreten. Der König eröffnete den Ball mit der Gräfin von Salisbury, und die Kö⸗ nigin mit Herrn Euſtachius von Ribeaumont. Eduard war auf dem Gipfel der Freude; er hatte die Ehren des Tages als König und Ritter, und dieß unter den Augen der Dame, die er liebte. Eſſe ihrerſeits, wieder vertrauend geworden, überließ ſich dem Vergnügen des Tanzes mit der ganzen Hingebung der Jugend und des Glückes. Eduard benützte dieſes Vertrauen, bald um, wie aus Verſehen, die Hand zu drücken, die ſie ihm reichte, bald um ihre wallenden Haare mit ſeinen Lippen zu berühren, immer aber um ſich in dem ſcharfen und wonnigen Wohlgeruche zu berauſchen, welcher in der 348 warmen Atmosphäre eines Balles die Damen umduftet. Inmitten des Labyrinthes von Figuren, welche damals die Verſchlingung eines Tanzes bildete, fiel das Strumpf⸗ band der Gräfin, welches von ſilbergeſticktem, himmel⸗ blauen Sammet war, zu Boden, ohne daß ſie es be⸗ merkte. Eduard hob es raſch auf; allein die Bewegung war nicht ſo ſchnell, daß nicht auch andere Augen, als die ſeinigen, Zeit gefunden hätten, zu bemerken, daß der König einen Diebſtahl zu begehen die Abſicht gehabt habe. Jeder trat lächelnd zur Seite; Eduard erkannte aus dieſem hofſchranzenmäßigen Rückzuge, daß man ihn in Verdacht habe, und ſagte, das Band um ſein eigenes Bein ſchlingend:„Ionni soit, qui mal y pense.“*) Dieſer Zufall veranlaßte die Stiftung des Hoſen⸗ bandordens. Ueunzehntes Kapitel. Am folgenden Tage, zur nämlichen Stunde, wie am vorigen Tage, waren die Gallerien wieder gefüllt, die Stechbahn bereit, und die Marſchälle auf ihrem Poſten, nur das Zelt verändert; es ſah einfacher, aber zugleich kriegeriſcher aus, und das Banner, welches über ihm flatterte; wies, ſtatt des rothen Feldes mit *)„Hohn dem, der Arges dabei denkt.“(Der Wmahlſpruch des engliſchen Hoſenbandordens.) 48 1 D. U. ñ—O˖— 349 den Wappen Frankreichs und Englands im gevierten Schilde, eine Binde mit goldenem wellenförmigen Rande in grünem Felde. Dieß war, wie man ſich erinnert, Herr Walter von Mauny, der Ausforderer an dieſem Tage, und die wohlbekannte Tapferkeit des jungen Ritters, war eine ſichere Bürgſchaft für die großen Waffenthaten, die ſie bei dieſer Gelegenheit ſehen ſollten. Wirklich hatten jene, die am vorigen Tage mit dem Könige nicht zu kämpfen wagten, ſich den folgenden Tag ausgewählt, die Kampfrichter jedoch nur zehn Namen eingeſchrieben, in der Meinung, es ſey genug gethan von Seiten eines einzigen Ausforderers, zehn verſchiedenen Gegnern Stand zu halten; zudem mußten ſie looſen, denn mehr als hundert Ritter verlangten an dieſem Tage zu kämpfen. Alle Namen waren in einen Helm gethan worden, und die erſten zehn gezogenen ſollten den Vorzug erhalten, und in der Ordnung kämpfen, in welcher ihre Namen zum Vorſcheine kamen. Dieſe vom Zufalle Bevorzugten waren: der Graf von Merfort, der Graf von Arondel, der Graf von Suffolk, Roger, Graf von Mark, John, Graf von Lisle, Sir Walter Pavely, Sir Richard Fitz Simon, Lord Holland, Sir John Lord Grey von Codnore, und ein unbekannter Ritter, der ſich unter dem Namen des jungen Wagehalſes hatte einſchreiben laſſen. Walter von Mauny bewährte den hohen, ſich erworbenen Ruf; fünf von ſeinen erſten neun Gegnern wurden aus dem Sattel gehoben, drei enthelmt, und ein Einziger, der Graf von Suffolk, hielt ſich, ihm gegen⸗ über, mit einem beinahe gleichen Vortheile. Die Reihe kam an den unbekannten Ritter. Gleich 35⁰ ſeinen Vargängern durch die Ausforderungstrompeten zum Kampfe geladen, ritt auch er in die Stechbahn, und ließ, im Widerſpiele mit ſeinen Vorgängern, welche Alle den Friedensſchild des Herrn Walter von Mauny hatten berühren laſſen, durch ſeinen Schildknappen die Kriegstartſche berühren. Walter trat raſch aus ſeinem Zelte; denn durch die vorhergegangenen Kämpfe in Ue⸗ bung erhalten, hatte er ſich berauſcht, wie es ein edles Roß bei dem Klange der Trompete macht, und war des einfachen Lanzenſpieles überdrüßig geworden. Wäh⸗ rend man ihm ein friſches Pferd vorführte, und eine neue Lanze brachte, ſchaute er in die Stechbahn, und ſuchte zu erforſchen, mit welchem Manne er es zu thun habe; aber nichts konnte ihm weder den Rang, noch den Stand ſeines Gegners bezeichnen; ſein Helm war ohne Helmbuſch, ſein Schild ohne Wappen; er trug gol⸗ dene Sporen, zum Zeichen, daß er Ritter ſey, weiter nichts. Seine Waffen beſtanden aus Lanze, Schwert und Streitaxt. Walter von Mauny ſchnallte ſeine Tartſche, ritt in die Stechbahn, ließ eine Art an ſeinen Sattel⸗ bogen hängen, nahm ſeine Lanze aus den Händen ſei⸗ nes Schildknappen, legte ſie ein, indeſſen ſein Gegner ſich bereit machte, und traf Anordnungen zum Kampfe. Auf das gegebene Zeichen ſtürzten die beiden Ritter mit der ganzen Schnelligkeit ihrer Pferde gegeneinander. Walter von Mauny hatte ſeine Lanze gegen das Viſir des Unbekannten gerichtet; da er aber am Helmbuſche keinen Halt finden konnte, und die Oeffnung verfehlt hatte, glitt der Stahl auf dem Stahle ab, ohne ihm einen andern Nachtheil zuzufügen. Der wagehalſige Rit⸗ 1 ͤ— 22 N 351 ter dagegen hatte mitten auf die Tartſche getroffen, und zwar mit einer ſolchen Gewalt, daß die Lanze, zu ſtark, um ſo auf den erſten Stoß zu brechen, ſeinen Händen entfahren war. Sein Schildknappe hob ſie alſogleich auf, und gab ſie ihm wieder. Die Kämpfer nahmen alſo ihre Plätze wieder ein, und bereiteten ſich zu einem neuen Kampfe. Dießmal kehrte Walter, durch die Er⸗ fahrung belehrt, ſeine Lanze gegen die Bruſt ſeines Gegners, der ſeinerſeits ſein Ziel nicht änderte. Sie trafen ſich demnach Beide mitten auf die Tartſche, und zwar ſo heftig, daß die beiden Pferde, auf ihren Knie⸗ kehlen bebend, ſtehen blieben; das Glück der beiden Gegner war bei dieſem Zuſammenſtoße wieder ungefähr gleich. Der unbekannte Ritter ſchnellte rückwärts, wie ein Baum, der ſich biegt, erhob ſich aber ſogleich wie⸗ der. Walter von Mauny verlor die Steigbügel, faßte ſie aber mit einer ſolchen Schnelligkeit wieder, daß man es kaum bemerkte, daß er erſchüttert wurde; die beiden Lanzen waren in Stücke geflogen. Die Schildknappen hatten eine Bewegung gemacht, um andere zu bringen; aber kaum wieder in ſeinem Sattel feſt, der unbekannte Ritter ſein Schwert gezogen, und Walter von Mauny es eben ſo gemacht, ſo daß, bevor ſie noch einen Schritt gethan, der Kampf zur großen Neugier der Zuſchauer wieder begann. Die Waffe, mit welcher er geführt wurde, war jene, die Walter von Mauny am furcht⸗ barſten zu handhaben wußte. Eben ſo kräftig als ge⸗ wandt, gab es wenige Männer, die der Kraft ſeines Armes widerſtehen, oder der Richtigkeit ſeines Blickes zuvorkommen konnten; aber obgleich ſein Gegner offen⸗ 352 bar nicht die nämliche Ueberlegenheit beſaß, vertheidigte er ſich doch wie ein Mann, der, wenn auch ſeinem Feinde Hoffnungen gönnend, dennoch ihm ein ſchweres Stück Arbeit in Ausſicht ſtellte. Es trat ſogar ein Moment ein, wo der Vortheil auf der Seite des wage⸗ halſigen Ritters zu ſeyn ſchien; denn da das Schwert des Walter von Mauny in ſeinen Händen zerbrochen war, mußte der entwaffnete Ritter nach ſeiner Art grei⸗ fen. Während er ſie loshäckelte, empfing er einen ſol⸗ chen Schlag auf ſeinen Helm, daß er, weil die Riemen brachen, barhaupt blieb; aber ſogleich, die Stirne mit ſeinem Schilde ſchirmend, drang er ſo ungeſtüm auf ſeinen Gegner ein, daß dieſer gezwungen war, den An⸗ griff aufzugeben, um ſich nur mehr mit der Vertheidi⸗ gung zu beſchäftigen. Vergebens wollte er der furcht⸗ baren Waffe die Klinge ſeines Schwertes entgegenſetzen; die Klinge ſeines Schwertes brach ebenfalls wie Glas, und Walter, den nämlichen Vortheil benützend, den ere einen Augenblick früher dem Andern gegeben, führte auf den Helm ſeines Gegners mit der Schneide ſeiner Art einen ſolchen Streich, daß der unbekannte Ritter mit einem Schreie die Arme ausf reckte, und regungs⸗ los in die Stechbahn ſtürzte. Die Kampfrichter kreuz⸗ ten alſogleich ihre Lanzen zwiſchen den Streitenden, und die Schildknappen näherten ſich dem Beſiegten, und öffneten ihm ſeinen Helm; er war ohnmächtig, und das Blut floß in Strömen aus der Wunde, die er auf dem Kopfe oben erhalten hatte. Alle Blicke wendeten ſich neugierig zu dem fremden Ritter. Er war ein junger Mann von kaum fünfundzwanzig Jahren, von brauner 353 Geſichtsfarbe, mit langen ſchwarzen Haaren, und deſſen ſtark ausgeprägten Züge die ſüdliche Heimath verriethen. Doch zum großen Erſtaunen von Jedermann, kannte ihn Keiner von den Zuſchauern, und ſelbſt Walter ſuchte vergebens, an dieſe blaſſen und blutigen Züge ſich zu erinnern, die jedoch zu viel Ausdruck hatten, um das Andenken an dieſelben zu verlieren, wenn man ſie je⸗ muls ſah, ſo daß er überzeugt war, es ſey das erſte⸗ mal, daß er dieſem jungen Manne begegne. Uebrigens war das Lanzenbrechen zu Ende. Der König und die Königin machten ſich alſo wieder auf den Weg nach dem Schloſſe Windſor, wo ein prächtiges Mittagsmahl aller, dießmal im nämlichen Saale verſammelten Gäſte harrete; und dieß bot einen wunderbaren Anblick, denn niemals hatte man ſo viele vornehme Perſonen vereiniget ge⸗ ſehen; man zählte an dieſem Tage, an der nämlichen Tafel ſitzend, einen König, zwölf Grafen, achthundert Ritter und fünfhundert Damen. Nach dem Ende der Tafel verlangte ein Schildknappe, mit Walter von Mauny zu ſprechen. Er kam aus Auf⸗ trag ſeines Herrn, des Ritters Wagehals. Der Ver⸗ wundete war wieder zu ſich gekommen, und habe, ſagte er, demjenigen eine Anvertrauung zu machen, den er ſo unvorſichtig herausforderte, und der ihn dafür auf eine ſo ſchmerzliche Weiſe beſtrafte. Walter von Mauny folgte dem Boten, deſſen raſcher Gang anzeigte, daß keine Zeit zu verlieren ſey, und kam bald zum Zelte des Sterbenden. Er fand ihn auf einem Bärenfelle liegend, das Geſicht ſo blaß, daß nur ſeine Augen zu leben ſchienen, die von einem tödtlichen Fieber beſeelt 354 waren. Bei dem Geräuſche, das Walter eintretend machte, hob der Sterbende den Kopf empor, und er⸗ kannte ſeinen Sieger wieder, den er nux während des kurzen Momentes geſehen hatte, da ſein zerſchmetterter Helm das Haupt ihm entblößte; er befahl ſeinen Leu⸗ ten, hinauszugehen, und winkte Walter von Mauny, neben ihm Platz zu nehmen. Der Ritter beeilte ſich, ſeinem Wunſche zu entſprechen. Der Verwundete dankte ihm durch ein Nicken des Kopfes; dann ſank er, von der gemachten Anſtrengung erſchöpft, mit einem Stöh⸗ nen zurück, das er, ungeachtet ſeines Muthes, nur halb unterdrücken konnte. Walter glaubte, er würde ſterben, aber er täuſchte ſich; die Stunde hatte noch nicht geſchlagen, und nach Verlauf einiger Augenblicke ſchien der Verwundete wie⸗ der einige Kraft zu ſammeln.„Herr Walter,“ ſagte er dann mit einer ſchwachen Stimme,„Ihr habt ein Gelübde gethan, glaub' ich?“ „Ja,“ antwortete Walter,„ich habe geſchworen, meinen Vater zu rächen, der zu Guienne ermordet wurde, und ſeinen Mörder aufzuſuchen, und ſein Grab, um jenen auf dieſem zu tödten.“ „Und Ihr wiſſet nicht, in welcher Stadt er er⸗ mordet wurde?“ „Ich weiß es nicht.“ „Und Ihr wiſſet nicht, wo ſein Grab iſt?“ „Ich konnte es bisher nicht entdecken.“ „Wohlan, mein Herr, ich habe eine Mutter, die auch nicht weiß, in welcher Stadt ich tödtlich verwun⸗ det wurde, an welchem Orte mein Grab ſich erheben — —18o K wird, eine Mutter jedoch, die ihren Sohn wird bewei⸗ nen müſſen, wie Ihr Euern Vater beweinen müſſet; verſprechet mir etwas, Ritter.“ „Was?“ antwortete Walter. „Schwöret mir, daß Ihr, nach meinem Tode, meine Leiche in einen Sarg von Eichenholz einſchließen, und an den Ort ſenden werdet, den ich Euch bezeichne, da⸗ mit er in einer befreundeten Erde, und inmitten ge⸗ liebter Weſen ruhe, und ich, mein Herr, werde Euch dagegen ſagen, wie Euer Vater geſtorben iſt, und an welchem Orte er der ewigen Auferſtehung harre.“ „Ah! ich ſchwöre es Euch,“ rief Walter aus; ſprecht, ſprecht!“ „Habet Ihr von einem berühmten Turniere ſprechen hören, mein Herr, das zu Cambrai gegen das Jahr 1322 gehalten wurde?“ „Ja, gewiß,“ antwortete Walter,„denn mein Va⸗ ter wohnte demſelben bei, und erwarb ſich dort große Ehre.“ „Er kämpfte dort,“ fuhr der Verwundete fort,„mit einem jungen Manne, dem er ſo arg mitſpielte, daß dieſer nicht nur nie mehr ein Pferd beſteigen konnte, ſondern auch genöthiget war, ſich in einer Sänfte bis in die Stadt Reole tragen zu laſſen, wo ſeine Eltern ſich befanden. Der Vater dieſes jungen Mannes war Johann von Levis, und ſeine Mutter Conſtantia von⸗ Foir, Tochter des Roger⸗Bernhard, Grafen von Foir. Ungeachtet der Pflege, die ihm ſeine vortrefflichen El⸗ tern angedeihen ließen, für welche ein ſolcher Unfall um ſo empfindlicher war, als ſie nur einen zweiten Sohn — 15**$* 7 356 in der Wiege hatten, konnte dieſer junge Mann ſich nie erholen, und ſtarb in dem Alter, in dem ich ſter⸗ ben werde. Nun aber geſchah es, daß zwei oder drei Jahre nach ſeinem Tode, und als der ganze Schmerz hiewegen noch im Herzen der Familie blutete, Herr Leborgne von Mauny, Euer Vater, in Folge des Ge⸗ lübdes einer Wallfahrt nach St. Jakob in Galizien, die Reiſe antrat, ſein Gelübde erfüllte, und auf ſeiner Rück⸗ kehr, da er erfuhr, daß Monſeigneur Karl, Graf von Valois, Bruder des Königs Philipp, zu Reole ſey, nach dieſer Stadt ſich begab, um dort im Vorüberzuge ſei⸗ nen erlauchten Verbündeten zu begrüßen.*)— CEuer Vater blieb da eine Zeit lang, denn man feierte ihn ſehr, ſo zwar, daß das Gerücht ſeiner Anweſenheit ſich verbreitete, und bis in das Haus drang, das er in Trauer verſetzt hatte. Es hieß Gott verſuchen, Ihr werdet es zugeben, mein Herr, ſich ſo der Rache eines Vaters bloßzuſtellen; daher erfolgte aus dieſer Unvor⸗ ſichtigkeit was daraus erfolgen mußte. Eines Abends, da Herr Leborgne von Mauny aus einem entfernten Stadttheile zurückkehrte, um ſich in das Hötel von Monſeigneur dem Grafen von Valois zu begeben, wurde er von zwei Männern erwartet, von denen der Eine der Herr, und der Andere der Sdelknecht war; der Herr zog das Schwert, und rief Eurem Vater zu, ſich *) Der Graf Wilhelm von Hennegau hatte die Tochter des Grafen von Valois geheirathet, ſo, daß Herr Leborgne von Mauny und der Graf von Valois Vettern gewor⸗ den waren. 4 2 S + 8— 8 — ——QCOB·¶Q—·ʒʒᷓʒᷓʒᷓʒᷓʒ˖ʒᷓʒᷓʒ˖ʒ˖ʒ˖ʒᷓ˖ʒ˖ʒ˖ʒ˖ůͤdd —— zu vertheidigen. Euer Vater vertheidigte ſich ſo gut, daß er ſeinen Gegner zu drängen begann; als dieß der Edelknecht ſah, kam er von der Seite, und ſtieß dem Herrn Leborgne von Mauny ſein Schwert durch den Leib.“ „Die Mörder!“ murmelte Walter. „Unterbrecht mich nicht, wenn Ihr Alles erfahren wollet, denn ich fühle, daß ich nur noch einige Augenblicke zu leben habe.“ „Vor Allem,“ rief Walter aus,„ſagt mir, ob ſie ſeine Leiche unbegraben ließen?“ „Nein. Beruhiget Euch,“ fuhr der Sterbende fort. „Die Leiche Eures Vaters wurde fortgetragen, erhielt die Gebete der Kirche, und wurde in ein Grab ge⸗ ſenkt; denn jener, der ihn angegriffen, wollte einen Zweikampf, aber keinen Mord. Nun aber, glaubte er, es ſey eine Sühne, die Leiche in ein geweihtes Grab⸗ tuch zu legen, und auf den Marmor ſeines Grabes ein Kreuz mit dem einzigen lateiniſchen Worte„Orate“ eingraben zu laſſen, damit Jene, die an dieſes Grab hinknien würden, für das Opfer und zugleich für den Mörder beten möchten.“ „Und wo werde ich dieſes Grab wieder finden?“ fragte Walter. „Es lag außerhalb der Stadt,“ antwortete der Verwundete;„aber da die Stadt ſich ſeitdem erwei⸗ terte, iſt es nun in ſeine Mauern eingeſchloſſen; Ihr werdet es, mein Herr, in dem Garten des Kloſters der Minoriten wieder finden, am äußerſten Ende der Straſſe Foix.“. 358 „Gut, gut,“ verſetzte Walter, da er den jungen Ritter immer ſchwächer werden ſah,„und nun ein letz⸗ tes Wort, ich bitte Euch. Lebt dieſer Johann von Levis noch, der meinen Vater ermordet hat?“ „Er iſt ſeit zehn Jahren todt.“ „Aber er hatte einen Sohn, ſagtet Ihr mir, einen Sohn, der im Stande ſeyn muß, die Waffen zu tragen?“ „Ihr habt ihn heute getödtet, mein Herr,“ ant⸗ wortete der Sterbende mit erloſchener Stimme;„Euer Rachegelübde iſt erfüllt, denkt alſo nur mehr an jenes der Barmherzigkeit. Ihr verſprachet, meine Leiche mei⸗ ner Mutter zurückzuſenden; vergeſſet es nicht.“ Und der junge Mann ſank auf ſein Kriegslager zurück, mur⸗ melte einen weiblichen Namen, und verſchied. Am nämlichen Abende bat Walter von Mauny den König von England um die Erlaubniß, den Grafen von Derby zu begleiten, der gleich nach dem Ende des Turniers mit einer großen Zahl von Gewappneten und Bogenſchützen aufbrechen ſollte, um den Engländern in Gascognien Hülfe zu bringen, während Sir Thomas d'Agneroth nach Bretagne ging, um mit bewaffneter Hand die Angelegenheiten der Gräfin von Montfort zu fördern, die ſich durch den Vertrag bedeutend verbeſſern mußten, welchen mit dem Grafen von Salisbury ſo eben Herr Oliver von Cliſſon und Herr Gottfried von Harcourt abgeſchloſſen hatten, und deſſen Unterzeichnung dieſen beiden Rittern die Freiheit wieder geben ſollte. * 359 Bwanzigſtes Kapitel. Der dritte Tag war, wie geſagt, dem Wilhelm von Montaigu vorbehalten, der, von der Hand Eduard'’s zum Ritter geſchlagen, wie dieſer es am Schloſſe Wark ihm verſprochen hatte, unter den Augen der Gräfin zuerſt als ſolcher auftreten ſollte, es war alſo ein Feſt⸗ tag für den jungen Mann, und er feſt entſchloſſen, Sieger zu werden, oder zu ſterben, und in dem einen oder dem andern Falle, ſollte er entweder den Dank aus ihrer Hand empfangen, oder vor ihren Augen verſchei⸗ den, was er jedenfalls als ein Glück für ſich betrachtete. Uebrigens hatte Eduard, um ſeinem Pathen mehr Ehre zu erweiſen, die erſte Lanze mit ihm brechen wollen, ferner die Königin dem Herrn Euſtachius von Ribeau⸗ mont für dieſen Tag die Freiheit gegeben, damit der zweite Gang ihm zu Theil werde. Der dritte endlich war für Wilhelm von Douglas beſtimmt, welcher allen übrigen Rittern vorangehen durfte, und zwar wegen der vor dem Schloſſe Wark gemachten, und zu Stirling angenommenen Ausforderung, als Wilhelm von Mon⸗ taigu einen Brief des Königs Eduard an den König David dorthin brachte, einen Brief, in Folge deſſen, wie man ſich erinnert, die Unterhandlung mit dem Kö⸗ nige von Frankreich wegen Auswechslung des Grafen von Murray gegen Herrn Peter von Salisbury einen glücklichen Ausgang fand. Die beiden erſten Lanzenkämpfe geſchahen alſo völlig zierlich, ungefähr ſo, wie in unſern Tagen eine Fecht⸗ 360 übung in einem Fechtſaale; Jeder lieferte einen glän⸗ zenden Beweis von Kraft und Geſchicklichkeit; man brach zwei oder drei Lanzen, und Mantaigu hatte die Ehre, den gleichen Erfolg dieſes Kampfes mit zwei von den beſten Rittern der Welt zu theilen; aber bei dem dritten Gange wußte man, daß das Spiel in einen Zweikampf ſich verändern werde; denn das Gerücht der Ausforderung hatte ſich in der vornehmen Verſammlung verbreitet, und obgleich man den Tod des Ritters Wa⸗ gehals beklagte, war man nicht ungehalten, noch ein⸗ mal die Gemüthsaufregungen zu fühlen, die von dem Kampfe erzeugt wurden, in welchem er unterlag. Man hörte alſo mit einem allgemeinen Beben der Theilnahme und Ungeduld, die Muſiker von der Plateform herab die Melodie ihrer kriegeriſchen Ausforderung blaſen, und die Erwartung derjenigen, welche noch fürchteten, daß dieſes ſehenswürdige Lanzenbrechen nicht ſtatt finden möchte, wurde auf eine freudige Weiſe befriedi⸗ get, als vier ſchottiſche Bockpfeifer den Trompeten und Zinken mit einem Dudelſacke der Bergbewohner ant⸗ worteten. Im nämlichen Augenblicke öffneten ſich die Schranken, und Douglas erſchien. Jeder erkannte ihn an ſeinem neuen Wappen, Silber mit dem Schildhaupt im blauen Felde, mit einem blutenden Herzen im rothen Felde und eine goldene Krone im blauen Felde; man erinnert ſich, daß Douglas dieſes Wappen ſtatt des ſeinigen nahm, das blau mit ſilbernem Schildhaupte und drei ſilbernen Sternen in rothem Felde war, ſeit dem heldenmüthigen Tode des guten Lord James, der, wie wir erzählten, vor Granada fiel, als er das Herz f 7 1 — 8o 361 ſeines Königes und Freundes Robert Bruce von Schott⸗ land nach dem heiligen Grabe trug. Douglas ritt alſo in die Stechbahn, von einem all⸗ gemeinen Gemurmel der Neugier begleitet, denn er war doppelt berühmt durch die Heldenthaten ſeines Vaters und die ſeinigen. Die Erzählung ſeiner abenteuerlichen Unternehmungen, ſeine dem Könige David geweihte Treue die ſchrecklichen Verluſte, die er den Engländern ſeit ungefähr zehn Jahren zufügte, ſeitdem er zum erſten⸗ mal die Kraft hatte, eine Lanze zu führen, und ein Schwert zu ſchwingen, machten ihn zu einem Gegen⸗ ſtande der Theilnahme für die Männer, und der Be⸗ wunderung für die Damen. Wilhelm von Douglas antwortete auf dieſe Artigkeit dadurch, daß er das Viſir ſeines Helmes aufſchlug, um Madame Philippine zu begrüßen, und die Gräfin von Salisbury. Man er⸗ blickte nun die Züge eines jungen Mannes von ſechs⸗ undzwanzig bis achtundzwanzig Jahren ungefähr, was das Erſtaunen verdoppelte, denn man konnte nicht be⸗ greifen, wie er, noch ſo jung ſo viel Ruf beſaß. Als Wilhelm von Douglas den beiden Königinnen gehul⸗ diget hatte, ſchloß er das Viſir ſeines Helmes, begab ſich die Plateform hinauf, und ſtieß mit der Spitze ſeiner Lanze an die Kriegstartſche Wilhelm's von Mon⸗ taigu. Dieſer ſprang mit einem Satze aus dem Hin⸗ tergrunde ſeines Zeltes auf die Schwelle.„Gut, mein Herr,“ ſagte er,„Ihr ſtellet Euch richtig ein, und ich danke Euch.“ „Ihr ſprechet, mein junger Seigneur, als hättet „Dumas, die Gräfin von Salisbury. 16 362 Ihr die Ausforderung gemacht: das iſt ein Irrthum; die Ausforderung kommt von mir, mein Herr; ich halte darauf, die Thatſachen in ihrer ganzen Genauig⸗ keit darzuſtellen.“ „Was liegt daran, wer ſie gemacht oder empfangen hat, da ſie ſehr gerne gemacht, und eben ſo empfangen wurde? Wählet nun die Euch beliebige Stellung, und bevor Ihr Euern Platz eingenommen habet, werde ich auf dem meinigen ſeyn.“ Douglas wendete ſein Pferd, und ritt während Wil⸗ helm von Montaigu ſeine Tartſche ſich anſchnallen ließ, und unter drei oder vier Lanzen die ſtärkſte wählte, von Neuem durch die Stechbahn; am äußerſten Ende angelangt, durch das er ankam, ſchloß er ſein Viſir, und legte ſeine Lanze ein. Er war kaum mit dieſen Vorbereitungen fertig, als er ſeinen Gegner auf ſeinem Poſten ſah. Ein Augenblick genügte Wilhelm, eben⸗ falls ſeine Lanze einzulegen, und als die Kampfrichter ſie bereit ſahen, und die Ungeduld der Zuſchauer ge⸗ wahrten, riefen ſie mit lauter Stimme: Laſſet gewäh⸗ ren! Die beiden Jünglinge ſtürzten mit ſolchem Unge⸗ ſtüme aufeinander los, daß es ihnen unmöglich war, zu zielen; daher glitten die Spitzen ihrer beiden Lanzen, obgleich ſie die Helme berührten, vom Stahle ab, aus dem die Funken ſprühten, ſo daß die beiden Ritter, vom Schwunge hingeriſſen, durchaus ſprengten, ohne ſich einen Nachtheil zugefügt zu haben. Beide brachten jedoch ihre Pferde mit der ganzen Kraft und Gewandt⸗ heit vollendeter Bereiter zum Stehen, ritten wieder an ihre Plätze, und bereiteten ſich zu einem neuen Gange. — — 2/ 2 8 2 R 363 4 Dießmal richtete Douglas ſeine Lanze gegen die Tartſche ſeines Gegners, und traf ihn mit ſolcher Gewalt mitten auf die Bruſt, daß er ſie in drei Stücke brach, und Wilhelm, vom Anpralle erſchüttert, bis auf den Rücken ſeines Pferdes ſich neigte. Dieſer dagegen hatte ſo gut auf den Helmbuſch gezielt, daß er dem Douglas den Helm vom Kopfe ſtieß, und zwar ſo heftig, daß dem Schotten das Blut aus Naſe und Mund rann. Im erſten Momente hielt man ihn für ſchwer verwun⸗ det; aber er deutete durch ein Zeichen an, daß es nichts auf ſich habe, nahm einen andern Helm aus den Hän⸗ deu ſeines Schildknappen, verlangte eine neue Lanze, und kehrte auf ſeinen Platz zurück, um den dritten Kampf zu liefern. Wilhelm hatte ſich wieder aufge⸗ richtet, wie ein biegſamer Baum, den der Wind im Vorüberzuge krümmt; er wendete ſein Pferd, und ritt alſogleich auf ſeinem Poſten, wartend, bis ſein Gegner fertig wäre. Douglas ließ ihn nicht warten; die Kampf⸗ richter gaben zum drittenmal das Signal, und die bei⸗ den Jünglinge ſtürzten mit einer durch die vorigen Kämpfe nur noch geſteigerten Wuth aufeinander los. Dießmal trafen ſie ſich mit einer ſolchen Gewalt, daß, da das Pferd des Douglas ſich bäumte, und der Gurt von Wilhelms Pferde brach, die beiden Kämpfer in den Sand rollten. Alſogleich ſtand Douglas wieder auf den Füßen, und Wilhelm lag auf einem Knie. Doch bevor der Schotte die Hälfte des Raumes durchſchritt, der ihn von ſeinem Gegner trennte, wankte er, und man konnte an dem Blute, das ſeinen Küraß entlang floß, erkennen, daß er ſchwer verwundet ſey. Die 16* 364 Kampfrichter begaben ſich unverzüglich in die Stechbahn, und kreuzten ihre Lanzen zwiſchen den beiden Jüng⸗ lingen. Nun erſt bemerkten ſie, daß auch Wilhelm eine ſchwere Wunde müſſe erhalten haben; denn nach einem Verſuche, wieder aufzuſtehen, war er auf ſeine beiden Knie und auf eine Hand zurückgeſunken. In der That hatten ſich die beiden Gegner Stoß für Stoß vergolten; die Lanze Wilhelms die Tartſche des Douglas durch⸗ bohrt, und war, am Küraß abgleitend, in das Schul⸗ terblech gedrungen, während jene des Douglas, durch das Viſir fahrend, Wilhelm oberhalb der Augenbraue traf, und zerbrach, ſeinen Helm ihm an die Stirne nagelnd. Die Kampfrichter erkannten bald die Bedenklichkeit der Wunden, ſprangen von ihren Pferden, und waren die Erſten, den Verwundeten beizuſtehen; Herr Johann von Beaumont eilte zu Douglas, und Salisbury zu Wilhelm, und während man den Schotten aus der Stechbahn führte, verſuchte er, das Trumm der Lanze herauszuziehen, das in der Wunde geblieben war, aber Wilhelm hielt ſeine Hand zurück.„Nein, mein Oheim,“ ſagte er zu ihm,„denn ich fürchte, es möchte mit dem Eiſen auch das Leben ſchwinden; laſſet nur einen Prieſter kommen, denn ich wünſche auf eine chriſtliche Weiſe zu ſterben.“. „Willſt Du nicht vor Allem einen Wundarzt?“ fragte Salisbury. 4 „Einen Prieſter, mein Oheim! einen Prieſter, ſag' ich Euch; es iſt keine Zeit zu verlieren, glaubet mir.“ „Monſeigneur,“ rief Salisbury dem Biſchofe von & 8 ͤ 8— †P X hdo — n 44 v— 8 365 Lincoln zu, der neben der Königin ſaß,„habet die Güte, zu kommen, es iſt Todesgefahr vorhanden.“ Die Gräfin ſtieß einen leiſen Schrei aus, mehrere Damen wurden ohnmächtig, und der Biſchof ging die Stufen hinab, und nahm an der Seite des Verwun⸗ deten den Platz Salisbury's ein. Mitten in der Stech⸗ bahn, zu dieſer letzten religiöſen Handlung ſeine Kräfte zuſammenraffend, beichtete nun Wilhelm von Montaigu, auf den Knien und mit gefalteten Händen, ganz gerüſtet; dann ertheilte ihm der Biſchof von Lincoln die Abſolu⸗ tion im Angeſichte aller Damen, die für den jungen Verwundeten beteten, und aller Ritter, die Gott um die Gnade baten, ebenfalls eines ſo frommen und ſo ſchönen Todes zu ſterben. Nach ertheilter Abſolution, näherte ſich Salisbury ſeinem Neffen, der, im Stande der Gnade, und ſohin den Tod nicht mehr fürchtend, dem Herausziehen des in der Wunde ſtecken gebliebenen Eiſens ſich nicht mehr widerſetzte; dann ließ Salisburg ihn ſich auf den Rücken legen, ſtemmte den Fuß gegen ſeine Bruſt, und ſo gelang es ihm, das Trumm aus der Wunde zu ziehen; hierauf ſchnallte er alſogleich den Helm auf, den man bisher nicht hatte öffnen können, da er, wie geſagt, an die Stirne des Verwundeten genagelt war, und nahm vom Kopfe deſſen eiſerne Hülle weg. Wilhelm war ohnmächtig; ſeine Schildknappen eilten zu ſeinem Beiſtande herbei, und mit ihrer Hülfe brachte ihn der Graf von Salisbury in ſein Zelt. Alſo⸗ gleich kam der Arzt des Königs, von CEduard ſelbſt geſendet, und unterſuchte den Verwundeten. Salisbury, der Wilhelm wie ſein Kind liebte, erwartete ängſtlich 366 das Ende der Unterſuchung; aber es war weit entfernt, dem jungen Ritter günſtig zu ſeyn. Der Arzt ließ ſich das Eiſen der Lanze bringen; aus dem blutigen Roſte, der es überzog, war leicht zu erkennen, daß es zwei Zoll lang eingedrungen war; daher ſchüttelte der Arzt den Kopf wie ein Mann, der nicht viel Gutes hofft. In dieſem Momente kamen Edelknechte aus Auftrag des Königs, um Wilhelm von Montaigu in ein Gemach des Schloſſes Windſor zu tragen; aber der Arzt gab es nicht zu, da der Kranke zu ſchwach ſey, um das Fort⸗ bringen zu ertragen. Salisbury ſah ſich gezwungen, Wilhelm zu verlaſſen, bevor er zu ſich kam, denn ſeine Miſſion rief ihn zu Eduard; es war jener Abend, an dem er nach Margate reiſen ſollte, um die Verpflich⸗ tung Oliver's von Cliſſon zu holen, und ihm, ſo wie dem Herrn von Harcourt, die königliche Verfügung zu überbringen, welche ſie wieder in Freiheit ſetzte. Salis⸗ bury war einer von jenen Männern, bei denen die Privatneigungen den öffentlichen Pflichten nachſtanden; er verließ alſo Wilhelm, nachdem er ihn dem Arzte empfohlen hatte, wie wenn er ſein Sohn geweſen wäre. Die Gräfin hatte den König um Erlaubniß gebeten, der Abendtafel nicht beiwohnen zu dürfen, und der König ſie ihr ſogleich bewilliget; denn er begriff, wie Alle, den Schmerz, welchen ſie bei einem ſolchen Un⸗ falle fühlen mußte. Es war bekannt, mit welcher Treue und Ehrfurcht der junge Mann ſie während der Gefan⸗ 1 genſchaft des Grafen bewachte, und obgleich Einige ver⸗ mutheten, daß in dem Benehmen ſeines jungen Neffen etwas Zärtlicheres liege, als ein einfaches Verwandt⸗ 367 ſchaftsband, ſtand doch der Ruf der Tugend der Madame Elſe ſo feſt begründet, daß er durch dieſe Ergebenheit nicht litt. Obgleich man aber der Gräfin nur Gerech⸗ tigkeit widerfahren ließ, indem man die Reinheit ihrer Gefühle für ihren Caſtellan nicht in Verdacht zog, hegte ſie deßhalb zu ihm nicht minder eine faſt ſchweſterliche Freundſchaft, zu der man noch jenes zärtliche Mitleiden fügen muß, da binehe immer eine Frau, wie tugend⸗ haft ſie auch ſeyn mag, mit dem Manne fühlt, der ſie heimlich und hoffnungslos liebt. Daher verſuchte ſie nicht, als ſie Salisbury eintreten ſah, ihren Schmerz vor den Augen ihres Gemahles zu verbergen, überzeugt, daß er, weniger als Jemand, aus ihren Thränen ihr ein Verbrechen machen würde. Wirklich bedurfte Salis⸗ bury ſeines ganzen Muthes, die ſeinigen zurückzuhalten; er kam, um von ihr Abſchied zu nehmen; denn unge⸗ achtet des dringenden Zuredens Eduard's, um ihn zu⸗ rückzuhalten, hatte der unbeugſame Bote beſchloſſen, eine Miſſion zu vollziehen, deren ganze Wichtigkeit er einſah. Er reiſete alſo am nämlichen Abende ab, und empfahl Wilhelm der Pflege der Gräfin. Dieſe Trennung, wie kurz ſie auch ſeyn mochte, geſchah unter ſo traurigen Anzeichen, daß ſie bei Beiden von einem ahnenden Schmerze begleitet war, ſo, daß, wenn Salisbury ein Mann von einem ſeinem Könige minder ergebenen Herzen, oder von einem in ſeinen Pflichten weniger ſtarken Geiſte geweſen wäre, er Eduard inſtändig gebeten hätte, irgend einen Andern zu wählen, um an ſeiner Stelle die von ihm begonnene Unterhandlung abzuſchließen; aber in dem Momente, da dieſer Gedanke im Grafen auftauchte, 368 ſtieß er ihn wie ein Verbrechen zurück, und nahm, eine neue Kraft aus der Scham über ſeine Schwäche ſchöpfend, von Elſen Abſchied, indem er es ihr freiſtellte, ihn in London zu erwarten, oder in das Schloß Wark zurück⸗ zukehren. Als die Gräfin allein war, gruppirten ſich alle ihre traurigen Gedanken, alle ihre melancholiſchen Ahnungen, um einen und denſelben Schmerz,— nen, den ihr Wilhelm's Unfall verurſachte; unvermögend, den Zweifel zu ertragen, rief ſie einem Pagen, und befahl ihm, ſich nach dem Verwundeten zu erkundigen. Der Knabe kehrte nach kurzer Friſt zurück, denn die Zelte waren, wie geſagt, nur auf die Länge der Stechbahn vom Schloſſe getrennt. Wilhelm war noch immer ohnmächtig, und der Arzt fand keinen Grund, ſeine erſten Anſichten zu ändern; nach ſeiner Meinung mußte die Wunde tödtlich ſeyn, und obgleich es möglich war, daß der junge Mann wieder zum Bewußtſeyn komme, hatte er doch, wofern kein Wunder geſchah, keine Ausficht, den folgenden Tag zu erleben. Dieſe Antwort, deren Elſe nach der Aeußerung des Grafen gewärtig ſeyn mußte, ergriff ſie deßhalb nicht minder ſchmerzlich; ſie erinnerte ſich dann an dieſe ſo zärtliche, und doch ſo ſchüchterne Ergebenheit, an dieſe immer lebendige, aber dennoch immer ſtumme Liebe, und zwar im Laufe von vier Jahren, während welcher ſie Wilhelm nie einen Augen⸗ blick verlaſſen hatte, außer, wie er es im Schloſſe Wark gethan, um ihren Befehlen zu gehorchen, und ſich mit ihrem Wohle zu beſchäftigen. Während dieſer vier Jahre hatte ſie Tag für Tag im Herzen des jungen Ritters ͤ 2* —8-s ͤ—.+———, ½½ 8&ᷣ —„—— 369 wie in einem Buche geleſen, deſſen Blätter die Zeit umwendete, und in dieſem Herzen nur Gebete der Liebe gefehen, die für den Mund der Engel geſchrieben ſchienen. Sie ſtellte ſich dieſen armen Verwundeten vor, am vorigen Tage noch ſo fröhlich und hoffnungsvoll, heute erwachend, um zu ſterben, allein und verlaſſen unter einem Zelte, und es dünkte ihr, daß ſie, wenn er ſo ſtürbe, entfernt von den einzigen zwei Perſonen, die er auf Erden liebte, deßhalb ihr ganzes künftiges Leben hindurch einen nagenden Vorwurf des Gewiſſens behalten würde. Dennoch zögerte ſie eine Zeitlang; zwei⸗ oder dreimal ſtand ſie auf, und ſank wieder unſchlüſſig in ihren Armſtuhl zurück, ſo ſehr fürchtete ſie, man möchte, ungeachtet der Verwandtſchaftsbande, dieſen Beſuch bei einem Sterbenden übel deuten; endlich aber gewann die laute Stimme des Herzens die Oberhand über die Stimme der Welt, und ihr Haupt in einen Schleier hüllend, ohne Pagen, ohne Zofe, ohne Cdelknecht, verließ ſie das Schloß Windſor, und begab ſich nach dem Zelte Wilhelm's von Montaigu. Was der Arzt vorhergeſehen, traf ein: Wilhelm war zu ſich gekommen, und der Mann des Wiſſens, vom Könige Eduard beauftragt, die beiden Verwundeten gleichmäßig zu pflegen, hatte dieſen Moment benützt, zu Douglas zu gehen, deſſen Zuſtand, obgleich bedenk⸗ lich, ohne Gefahr war. Wilhelm hatte ein heftiges Fieber, und ungeachtet ſeiner Schwäche Momente des Irreredens, während welcher kaum zwei Männer hin⸗ reichten, ihn auf ſeinem Lager zu halten. In dieſen Momenten dünkte es ihm, einen Schatten zu ſehen, zu 370 dem er mit aller Gewalt hinſtrebte, und welchem er, ſelbſt noch in ſeinem Irrereden discret, ohne ihn zu nennen, bald mit Schreien, bald mit Gebeten zurief. In einem dieſer Momente der Ueberſpannung hob die Gräfin plötzlich den Thürvorhang des Zeltes auf, indem ſie die Wirklichkeit ihrer Gegenwart den derſelben vor⸗ ausgegangenen Fieberträumen folgen ließ. Unwillkürlich ließen die beiden Männer, welche Wilhelm zurückhielten, ihn los, als ſie wider ihr Erwarten jenes phantaſtiſche Weſen ſahen, dem er zurief, und ſelbſt Wilhelm, wie wenn ſeine Viſion wäre verkörpert worden, machte, anſtatt nach ihr zu ſtreben, auf ſeinem Lager eine Be⸗ wegung rückwärts, mit ſtarren Augen, hoch athmender Bruſt, und die Hände in der Haltung eines Flehenden faltend. Die Gräfin winkte, und Wilhelm's Wächter entfernten ſich, die Thüre des Zeltes in der Hand, um auf den erſten Befehl, den ſie erhalten möchten, einzutreten. „Seyd Ihr's, Madame,“ fragte Wilhelm,„oder iſtss etwa ein Engel, der Eure Geſtalt annahm, um mir den Uebergang aus dieſem Leben in das andere ſüßer zu machen?“ „Ich bin's, Wilhelm,“ antwortete die Gräfin;„Euer Oheim konnte nicht kommen, denn er iſt im Dienſte des Königes abgereiſet; ich wollte Euch nicht allein laſſen, und kam.“ „O! ja, ja, es iſt Eure Stimme,“ verſetzte Wil⸗ helm;„ich ſah Euch, als Ihr abweſend waret, hörte aber Eure Worte nicht, Ihr habt eintretend das Irre⸗ reden gehoben, und die Fantome verſcheucht. Ihr ſeyd's doch? Ich werde alſo glücklich ſterben.“ —A&—-& 2 a S 8 371 „Nein, Ihr werdet nicht ſterben, Wilhelm,“ ent⸗ gegnete die Gräfin, dem Verwundeten eine Hand rei⸗ chend, die er mit einem unbeſchreiblichen Gemiſche von Ehrfurcht und Liebe ergriff.„Euer Zuſtand iſt nicht ſo hoffnungslos, als Ihr wähnet.“ Wilhelm lächelte traurig.„Höret,“ ſagte er zu ihr, „was Gott thut, das iſt wohlgethan, und es iſt beſſer, zu ſterben, als unglücklich zu leben; verſucht es alſo nicht, mich zu täuſchen, Madame, und laßt uns den Reſt meiner Kräfte nicht dazu verwenden, mich wieder vergeblichen Hoffnungen hinzugeben; was ich ſterbend bedauere, Madame, iſt: nicht mehr da zu ſeyn, um Euch zu bewachen.“ „Mich bewachen, Wilhelm? Und vor wem? Gott ſey Dank, unſere Feinde ſind wieder über die Grenzen zurückgezogen.“ „O! Madame,“ erwiederte Wilhelm,„nicht jene ſind Eure Feinde, die Ihr am meiſten fürchtet; es giebt einen Schrecklicheren für Euch, als alle jene Mord⸗ brenner ſchottiſcher Städte, als alle jene Erſtürmer von Grenzſchlöſſern; vor dieſem, Madame, hab' ich Euch, ohne daß Ihr es vermuthet, vielleicht ſchon zweimal geſichert. Höret mich an; eben erſt redete ich irre, aber das Irrereden der Sterbenden iſt vielleicht ein doppeltes Geſicht! wohlan, inmitten meines Irreredens ſah ich Euch in den Armen jenes Mannes, ich hörte Eure Schreie; Ihr riefet um Hülfe, und Niemand kam, denn ich war mit eiſernen Banden an mein Lager ge⸗ feſſelt; ich hätte... nicht mein Leben, weil ich ſter⸗ ben muß, aber meine Seele gegeben, höret Ihr, meine 372 Seele, eine Ewigkeit lang, um Euch zu Hülfe zu kommen, und konnte nicht; ich habe ſehr gelitten, glaubet mir, und ich danke Euch dafür, daß Ihr gekommen ſeyd.“ „Dieß war Irrſinn, Wilhelm, dieß waren Fieber⸗ träume, denn ich merke, daß Ihr vom Könige ſprechen wollet.“ 3 „Ja, ja, von ihm ſpreche ich; höret mich, Ma⸗ dame: eben erſt war es vielleicht ein Delirium, aber jetzt nicht mehr; Ihr ſehet wohl, nicht wahr, daß ich in dieſem Augenblicke meine volle Vernunft beſitze! Nun denn, ich brauche bloß die Augen zu ſchließen, und ich ſehe Euch wieder, wie ich Euch ſo eben erſt ſah, und höre Eure Schreie; o! ſeht, dieß könnte mich wahn⸗ finnig machen!“ „Wilhelm, Wilhelm,“ rief die Gräfin aus, ſelbſt erſchrocken über den Wahrheitston, mit welchem der Sterbende mit ihr ſprach,„ſeyd ruhig, ich bitte Euch inſtändig darum.“ „O! ja, ja, Ruhe, um zu ſterben, ich bitte Euch inſtändig, gebt mir wieder Ruhe.“ „Was muß ich zu dieſem Zwecke thun?“ fragte Elſe mit einem Tone innigen Mitleidens;„ſprecht, und wenn es in meiner Macht liegt, werde ich es thun.“. „Ihr müſſet abreiſen,“ antwortete Wilhelm mit fun⸗ kelnden Augen,„auf der Stelle abreiſen, Euch von dieſem Manne entfernen. Ich werde nun gerne allein ſterben, da ich Euch geſehen habe; verſprechet mir, abzureiſen.“ 373 „Aber wohin ſoll ich nach Eurer Meinung reiſen?“ „Ueberall hin, wo er nicht ſeyn wird. Ihr wiſſet nicht, wie ſehr er Euch liebt; Ihr ſahet dieß nicht; um dieß zu ſehen, bedurfte man der Augen der Eifer⸗ ſucht; dieſer Mann liebt Euch ſo, daß er fähig wäre, ein Verbrechen zu begehen!“ „O! Ihr erſchrecket mich, Wilhelm.“ „Mein Gott, mein Gott! ich fühle, daß ich ſter⸗ ben werde, ſterben, bevor Ihr überzeugt ſeyd, daß die⸗ ſer Mann Alles fähig ſey! Schwöret mir, daß Ihr abreiſet, morgen, dieſe Nacht... Schwöret mir!“ „Ich ſchwöre es Euch, Wilhelm,“ ſagte Elſe.— „Aber Ihr werdet nicht ſterben; ich kehre in das Schloß Wark zurück, und nach Eurer Heilung werdet Ihr wie⸗ der zu mir kommen; Wilhelm, was fehlt Euch?“ „Gott, Gott, habe Erbarmen mit mir!“ murmelte Wilhelm. „Wilhelm! Wilhelm!“ rief die Gräfin aus, ſich zu ihm neigend;„mein Gott! mein Gott!“ „Elſe, Elſe!“ ſtammelte Wilhelm,„lebet wohl, ich liebe Euch!“ 4 Dann raffte er alle ſeine Kräfte zuſammen, ſchlang ſeine Arme um den Hals der Gräfin, zog ſie zur Hälfte zu ſich nieder, erhob ſich halb zu ihr, berührte mit ſei⸗ nen Lippen Elſens Lippen, und ſank wieder auf ſein Kiſſen zurück. Sie hatte ſeinen erſten Kuß und zugleich ſeinen letzten Seufzer empfangen.. Am folgenden Tage Morgens nahm die Gräfin, wie ſie es am vorigen Tage Wilhelm verſprach, Abſchied von Madame Philippine, welche ſie anfangs zurückhal⸗ — 374 ten wollte; allein bald eine ſo legitime Entſchuldigung würdigte, wie Madame Elſe ſie geltend machte, um die Feſte zu verlaſſen, und drang alſo nicht länger in ſie, als nöthig war, um das Bedauern auszudrücken, ſich von ihr zu trennen. Eduard, nach einigen, gleich der Königin, gemachten Vorſtellungen, gab nach, wie dieſe, und mit einer Miene von Gleichgültigkeit, die vollends die Gräfin überzeugte, daß der unglückliche junge Mann, deſſen Tod ſie beklagte, ſich grundlos beunruhigte; nur beſtand der König darauf, da die Gräfin durch Gegen⸗ den reiſen mußte, in welche alle Augenblicke Nachzügler von den Grenzen einbrachen, daß ſie eine Bedeckung annehme, und bewog ſie zu dem Verſprechen, ſich nur in geſchloſſenen Städten oder befeſtigten Schlöſſern auf⸗ zuhalten. Die Gräfin⸗ machte ſich alſo auf den Weg, und blieb am erſten Tage zu Hertfort, da ſie ſpät ab⸗ gereiſet war, und nur zehn Meilen an dieſem Tage machen konnte; ſie fand ihre Wohnung dort in Be⸗ reitſchaft, denn ein Kurier ging ihr voran, wie wenn die Königin reiſete; dieß war eine letzte Aufmerkſam⸗ keit Eduard's, und die Gräfin ſah hierin nur eine übertriebene Artigkeit, die ſich jedoch durch die alte Freundſchaft erkläre, welche der König für den Grafen von Salisbury hegte. Am folgenden Tage brach ſie wieder auf, und übernachtete in Northampton, wo ſie, in Folge der nämlichen königlichen Vorkehrungen, eine Wohnung fand, ihrer würdig, und desjenigen, der ſie ihr bot; nur ſetzte ſie der Anführer der Bedeckung in Kenntniß, daß am folgenden Tage ein weiter Marſch ſie erwarte, und daß man frühzeitig weiter reiſen müſſe, 377 welche ſie zu bekämpfen wähnte, indem ſie von Neuem einige Schlücke Gewürzwein trank, von dem ſie bereits bei ihrer Ankunft gekoſtet hatte; aber weit entfernt, daß, was ſie für ein Gegenmittel hielt, die von ihr erwar⸗ tete Wirkung hervorbrachte, wurde jene Art von Er⸗ ſtarrung, die ſich ihrer zu bemächtigen begann, dadurch nur noch ſtärker. Nun ſtand ſie auf, und wollte ge⸗ hen, allein ſie mußte ſich auf den Armſtuhl ſtützen; alle Gegenſtände ſchienen um ſie ſich herumzudrehen; ſie fühlte, daß ſie in dieſem Momente unter dem Einfluße einer unüberwindlichen Gewalt ſtehe, und ſich nicht mehr angehöre; ſie lebte in einer Welt, aus der die Wirklichkeit entſchwunden war. Der flackernde Schim⸗ mer der Lampe belebte ſelbſt unbewegliche Gegenſtände; die geſchnitzten Figuren des Täfelwerkes bewegten ſich im Dunkel; es dünkte ihr, ein fernes Geräuſch zu⸗ hö⸗ ren, ähnlich jenem einer knarrenden Thüre, aber all das wie in einem Traume. Endlich tauchte der Ge⸗ danke in ihr auf, daß der Wein, den ſie trank, ein be⸗ täubendes Mittel enthalten könne, deſſen Wirkungen ſie empfand; ſie wollte rufen, aber die Stimme verſagte ihr. Dann raffte ſie alle ihre Kräfte zuſammen, um die Thüre zu öffnen; aber kaum hatte ſie einige Schritte gethan, als eine ſchreckliche Wirklichkeit allen dieſen Viſionen folgte. Eine Getäfelfüllung glitt ſeitwärts, und ein Mann, in das Gemach dringend, hielt ſie in dem Momente in ſeinen Armen, da ſie ohnmächtig zu Boden ſtürzen wollte. — 16** 378 Einundzwanzigſtes Kapitel. Die beiden Unfälle, von denen der Eine dem Jo⸗ hann von Levis, der Andere dem Wilhelm von Mon⸗ taigu widerfuhr, die Abreiſe des Grafen von Salisbury nach Margate, und jene der Gräfin nach dem Schloſſe Wark, hatten den Windſorfeſten ein Ende gemacht. Eduard ſelbſt gedachte übrigens nicht länger in London zu bleiben; er wollte, ſagte er, alle ſüdlichen Häfen beſuchen, um daſelbſt die Rüſtungen zu beſchleunigen, die er fortwährend machte. Er war alſo am nämlichen Tage abgereiſet, wie Elſe, ohne die Rückkehr ſeines Geſandten zu erwarten, indem er ſo plötzlich, und we⸗ gen eines dringenderen Gegenſtandes, die wichtige An⸗ gelegenheit vergaß, welche zu beendigen Salisbury be⸗ auftragt war, und worüber er ihm zu London Bericht erſtatten ſollte. Sie nahm übrigens den vom Grafen erwarteten Ausgang. Oliver von Cliſſon und Herr Gott⸗ fried von Harcourt hatten unterzeichnet, und, mit Voll⸗ machten verſehen vom Herrn von Avaugour, Herrn Theo⸗ bald von Montmorillon, Herrn von Laval, Johann von Montauban, Alain von Quidillac, Wilhelm, Johann und Oliver des Brieux, Denis du Pleſſis, Johann Mal⸗ lart, Johann von Senedari, Denis von Caillac und Herrn von Maleſtroit, in ihrem Namen ſich verpflichtet; Oliver von Cliſſon und Gottfried von Harcourt waren alſo unverzüglich wieder iin Freiheit geſetzt worden; Sa⸗ lisbury war bei ihrer inſchiffung, und kehrte nach Lon⸗ don zurück, wo die Nachricht von Wilhelm's Tode ſei⸗ ner harrete. Der Gr*F liebte ſeinen Neffen, wie er — —— 379 ſeinen eigenen Sohn hätte lieben können; aber der Graf war vor Allem ein Ritter ſeiner Zeit, ein Herz des vierzehnten Jahrhunderts, ein Mann endlich, der, da er ſelbſt täglich der Gefahr die Stirne bot, den Tod wie einen Gaſt betrachtete, dem man bei ſeinem erſten Anklopfen die Thüre öffnen, und welchen man, wie ſchrecklich er auch iſt, mit einem ruhigen und religiöſen Geſichte empfangen müſſe. Entſchloſſen, zu Eduard zu gehen,um ihm die Verpflichtung der franzöſiſchen Barone zu bringen, nahm er von der Königin Abſchied, und reiſete noch am nämlichen Tage von London ab. Eduard, welcher die in jenem Jahrhunderte ſehr ſel⸗ tene, dreifache Eigenſchaft eines gründlichen Staatsmannes, kühnen Kriegers und liebeglühenden Ritters zugleich in ſich vereinigte, hatte inmitten der Feſte zu Windſor drei Angelegenheiten auf einmal durchgeführt, die für ihn von der höchſten Wichtigkeit waren. Jakob von Arte⸗ velle, den wir ſeit ungefähr zwei Jahren aus dem Ge⸗ ſichte verloren, war bei den guten Leuten von Gent be⸗ ſtändig in Gunſt geblieben, und hatte mit dem Könige von England fortwährend freundſchaftliche Verbindungen gepflogen; noch mehr: der Rutwaert dachte mit Recht, daß, da die für den Handel ſeiner Landsleute vortheil⸗ hafteſte Allianz jene mit England ſey, das ihm ſeine Wolle aus Wallis und ſein Leder aus der Grafſchaft York liefere, dieſe Allianz nicht zu theuer erkauft wer⸗ den könne. Ein Mittel, dieſe Allianz dauerhaft zu ma⸗ chen, beſtand darin, den jungen Prinzen von Wallis, 1 ſtatt Ludwig's von Crech, zum Seigneur und Erben von Flandern zu machen. Nun aber war, nach 16*** 380 Meinung Jakob's von Artevelle, der Moment gekommen, dieſes große politiſche Werk zu vollbringen, für welches⸗ wie er an Eduard einige Monate vor den Feſten zu Windſor ſchrieb, die Gemüther hinreichend vorbereitet wären. Eduard hatte vorausgeſehen, daß der Moment nicht zögern könne, und folglich alle ſeine Vorkehrungen getroffen; daher wollte er, als er von Artevelle's Brief erhielt, dieſes Geheimniß Niemanden anvertrauen, aus Furcht, es möchte ſich verbreiten. Durch das Verlöb⸗ niß ſeiner Tochter mit dem jungen Grafen von Mont⸗ fort hatte er Bretagne, durch die Wahl des Prinzen von Wallis Flandern; er verwirklichte alſo einen der rieſigſten Träume, den ein König von England haben kann; denn, obgleich auf ſeiner Inſel bleibend, hielt er, ſo zu ſagen, England in ſeinen Händen; aber er brauchte wenigſtens ein Jahr Frieden, um dieſen letzteren Plan aus⸗ zuführen. Dieſes Jahr hatte er ſo eben durch einen zwi⸗ ſchen ihm und dem Herzoge der Normandie unterzeichneten Waffenſtillſtand erkauft, durch einen Waffenſtillſtand, der bis zum Sanct⸗Michaelsfeſte 1346 dauern ſollte, nämlich ungefähr achtzehn Monate lang. Dieſer Waffenſtillſtand änderte nichts an den bezüglichen Rechten Karls von Blois und des Grafen von Montfort; die Anhänger der beiden Rivalen konnten ſogar fortfahren, miteinander zu ſchar⸗ mützeln, ohne daß einer der beiden Könige, die ſich ihres Streites annahmen, für dieſe beſonderen Gefechte verantwortlich waren; kurz, Alles war ſo geordnet, daß Jeder, von den ihm zu Gebote ſtehenden Hülfsmitteln Gebrauch machend, nach dem Ablaufe des Waffenſtill⸗ ſtandes ſich mehr als jemals geneigt finden konnte, zu “ kämpfen; aus dieſem Grunde hatte Eduard einen dop⸗ pelten Werth auf den Vertrag gelegt, welchen Salis⸗ bury von Oliver von Cliſſon und Gottfried von Har⸗ court hatte unterzeichnen laſſen, ein Vertrag, der, in⸗ dem er ihm zum voraus die Mitwirkung von zwölf Seigneurs, ſowohl aus Bretagne, als aus der Nor⸗ mandie ſicherte, ihm auf dem Continente eine materielle Kraft ſchuf, welcher Philipp von Valois kaum wider⸗ ſtehen mochte. Ueberzeugt, daß die von Salisbury an⸗ geknüpfte Unterhandlung in ſeiner Abweſenheit wie in ſeiner Gegenwart gelingen würde, hatte alſo Eduard ſeine Blicke ausſchließlich nach Flandern gewendet; daher hörte der Graf, der acht Tage nach der Abreiſe des Königs nach London zurückkam, als er im Hafen von Sandwich anlangte, wo er, wie man ihm ſagte, den König treffen würde, daß dieſer ſeit dem vorigen Tage mit dem Grafen von Suffolk, Johann von Beaumont, dem Grafen von Lancaſter, dem Grafen von Derby, und vielen Baronen und Rittern abgereiſet ſey, die er in dieſen Hafen beſchied, ohne ihnen zu ſagen, in wel⸗ cher Abſicht er ſie verſammelte. Salisbury erſtaunte anfangs, nicht zum Theilnehmer einer ſo wichtigen Expedition gewählt worden zu ſeyn; aber, da er die Schnelligkeit von Eduards Entſchlüſſen kannte, vermu⸗ thete er, daß der Plan, den er ausführte, plötzlich, und in Folge einer unerwarteten Nachricht, gefaßt wurde; er beſchloß folglich, ſich zur Gräfin in das Schloß Wark zu begeben, und dort die Befehle des Königs zu er⸗ warten. Der Graf verließ alſo das Geſtade des Meeres, und trat ſeinen Weg landeinwärts in kleinen Tagereiſen an; denn er hatte kein Gefolge, ſohin nur ein einziges Pferd. Nun aber pflegte in jener Kriegszeit jeder Ritter gewappnet zu reiſen; folglich war es eine ziem⸗ lich ſchwere Aufgabe für ſein Pferd, wie kräftig es auch war, da es die Laſt ſeines Reiters und deſſen Kü⸗ raſſes tragen mußte, mehr als zehn bis zwölf Meilen täglich zurückzulegen. Der Graf kam folglich erſt nach einem Marſche von ſechs Tagen auf den Hügeln oben an, welche Roxburgh beherrſchen, und von deren Gipfel herab er endlich das Schloß Wark erblickte. Alles ſchien ihm in dem nämlichen Stande zu ſeyn, worin er es gelaſſen, und dennoch empfand er bei dieſem Anblicke eine Regung unerklärbarer Traurigkeit, und dieſe Re⸗ gung war ſo tief, daß er, anſtatt ſein Pferd in Galopp zu ſetzen, um einige Augenblicke früher bei ſeiner viel⸗ geliebten Elſe zu ſeyn, im Gegentheile den Gang deſ⸗ ſelben mäßigte, und nur mehr zitternd ſich näherte, und wie ein Mann, über dem irgend ein Unglück ſchwebt, das er nicht kennt, von deſſen Daſeyn aber eine Ahnung ihm Kunde giebt. Dennoch rechtfertigte keine ſichtbare Aenderung ſolche Vorzeichen: das Banner flatterte auf ſeinem Thurme, die Schildwachen ſpazierten auf den Wällen mit jenem langſamen und eintönigen Schritte, welcher andeutet, daß drinnen und draußen Alles ruhig iſt. Einige Landleute aus der Umgegend, welche Lebens⸗ mittel für den folgenden Tag gebracht hatten, kamen aus dem großen Thore, und wanderten wieder ihren Dörfern zu. Salisbury gerieth einen Augenblick auf ——— — ———— 383 befragen; aber weßhalb? Er wußte es ſelbſt nicht. Er überwand alſo dieſen Moment von Schwäche, trieb, durch das Zeugniß ſeiner Augen überzeugt, daß ſeine Ein⸗ bildungskraft ihn täuſche, ſein Pferd raſcher an, und gelangte bald an den Fuß des Hügels, auf deſſen Gipfel das Schloß lag. Dort angekommen, erſah er aus dem Signale der Schildwache, daß er erkannt ſey, und ritt raſch den Pfad hinauf, der zur Plateform führte. An dem Thore angekommen, fand er ſeine Dienerſchaft, die ihn erwartete; aber nicht von ihr allein hoffte er empfan⸗ gen zu werden. Elſe war gewöhnlich die erſte Perſon, welche ihm entgegenkam, und er ſah Elſe nicht. Wie ſchnell er aber auch den Pfad hinaufritt, hatte man doch Zeit gefunden, ſie in Kenntniß zu ſetzen. War ſie nicht im Schloſſe? Aber wenn ſie nicht darin war, wo konnte ſie ſeyn? Daher war das erſte Wort, wel⸗ ches der Graf ausſprach, der Name ſeiner Frau. Doch ohne ihm zu antworten, wies ihm der Schildknappe, der den Zügel ſeines Pferdes hielt, das Schloß. Der Graf wagte es nicht, ſich näher zu erkundigen, ſtieg ab, und eilte in den Hof; dort blieb er einen Augen⸗ blick ſtehen; denn da er die Gräfin nicht auf der Frei⸗ treppe ſah, wo er ſie zu finden glaubte, ſchaute er ab⸗ wechſelnd zu allen Fenſtern empor, in der Hoffnung, ſie an einem derſelben zu gewahren; aber alle Fenſter waren geſchloſſen; dann ging er die Stufen ſo ſchnell hinauf, als es ihm die Wucht ſeiner Rüſtung erlaubte, und wendete ſich nach dem Gemache ſeiner Frau. Alle Zim⸗ mer, die er durchſchreiten mußte, um dorthin zu kom⸗ men, waren öde; endlich ſah er, eine letzte Thüre öffr d, — 1 auf der Schwelle ihres Gemaches die Gräfin ganz ſchwarz gekleidet ſtehen, und ſo bleich, daß ſie dem Tode nahe ſchien. Der Graf blieb einen Augenblick zitternd und ſtumm bei dieſem Anblicke, denn er konnte nicht erra⸗ then, was geſchehen ſey; endlich, da er die Gräfin regungslos verweilen ſah, näherte er ſich ihr, und brach das Schweigen: „Was iſt Euch begegnet, Madame,“ fragte er mit einer bebenden Stimme,„und um wen traget Ihr Trauer?“ „Monſeigneur,“— antwortete die Gräfin mit einer ſo ſchwachen Stimme, daß Salisbury ſie kaum ver⸗ nehmen konnte,—„ich trage Trauer um Eure Ehre, die mir im Schloſſe Nottingham auf eine ſchändliche Weiſe vom König Eduard von England geraubt wor⸗ den iſt.“ Ende. 1 ſſ uauauwnwauunuuaunmuuwannuaanaurwanRuuaqwanmwannaqubag 6 7 8 9 10 11 12 13 14 185 1 ſſ uauauwnwauunuuaunmuuwannuaanaurwanRuuaqwanmwannaqubag 6 7 8 9 10 11 12 13 14 185