Vollſtändigſte aus dem Franzöſiſchen ühberſetzte Ausgabe. Supplemente: XVI. Band. Die ſchöne Gabriele August Kuquet. Zehnter Band Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. Die Eae Gabeiele vo Auguſt Maguet. Fortſetzung des Romanes: Die Fünf und vierzig von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Ferd. Heine& Aug. Schrader. Zehnter Band. Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. 1— Die ſchöne Gabriele. — e Zehnter Band. Gabriele. X.. 1 —————-—— 1. Das Geſtändniß. Crillon hielt Wort. Noch an demſelben Abend ſtieg er in Paris vor Esperance's Hötel in der Straße de la Ceri⸗ ſaie ab. 3 Der Ritter verlor ſeine Zeit nicht mit Beobachtung Deſſen, was um ihn her vorging, er bemerkte weder die Diener, welche beſchäftigt waren, allerhand Gepäck und Geräthſchaften in den Hof zu tragen, er achtete nicht auf die eine Abreiſe verkündende Bewegung, er ſah nicht die traurige und beſtürzte Miene der Leute, noch die Unord⸗ nung im ganzen Hauſe. Er überließ die Sorge für ſein Pferd der Diener⸗ ſchaft, und als man auf ſeine Frage nach Esperance er⸗ wiederte, er ſei im Garten, ging er geraden Wegs dorthin. Der Abend war kühl; der bedeckte Himmel verhieß Sturm zur Nacht. Einzelne Staubwirbel trieben in den Allleen ihr Spiel mit den welken Blättern. Der ſonſt ſo ſchöne, heitere Garten war bereits ſeines Blumen⸗ ſchmucks beraubt, er hatte nichts Grünes mehr, als die Grasplätze und die einzelnen Nadelholzbäume; die erſteren 1* — 2— ſpielten mehr in's Graue und die dunkele Farbe der letz⸗ teren vermehrte noch die Düſterheit der ganzen Umgebung; einzelne ſchwarze Vögel hockten ſtumm auf den kahlen Wipfeln der anderen Bäume; ſelbſt das Plätſchern der Fontaine hatte jetzt einen melanchoniſchen Ton In einer der hinterſten Alleen ging Esperance tief⸗ ſinnig auf und ab, mit einer Art von Wohlbehagen die dicke Schicht gelber Blätter unter ſeinen Tritten auf⸗ wühlend. Schon von fern rief ihn Crillon an. Der junge Mann blieb ſtehen und wendete ſich lebhaft nach der befreundeten Stimme um. — Ach! Sie ſind es, Herr Ritter, ſprach er; ſeien Sie mir herzlich willkommen. Ich hatte mir ſoeben vor⸗ genommen, Sie außzuſuchen. Crillon blieb unbeweglich vor Ueberraſchung ſtehen beim Anblicke der Verwüſtung; welch eine Verwandlung hatte die nur erſt kurze Trennung in den friſchen, ſonſt ſo heiteren Zügen des jungen Mannes hervorgebracht. Auch ſeine Wangen waren bleich und eingefallen, wie die des Gardiſten; die Augen waren matt und lächelten düſter, wie die eines für kurze Zeit auf die Oberwelt zurückgekehrten Verſtorbenen; die Haare hingen ihm wild und unordentlich um's Geſicht. — Auch er! rief Crillon verwundert; das iſt ja eine wahre Epidemie! Was in aller Welt iſt denn nur vor⸗ gefallen, daß ich Sie eben ſo welk und niedergeſchlagen finde, wie den armen Pontis? ——— Eine flüchtige Röthe ſtieg auf Esperance's Stirn; aber er antwortete nicht. — Ihr habt einen Zank mit einander gehabt, fuhr Crillon fort, wie das oft unter jungen Leuten geſchieht, habt Euch entzweit, und ſeid nun Beide traurig darüber, weil Ihr nicht von einander laſſen könnt.— He! habe ich's getroffen? Das ſind Kinderpoſſen, und Ihr müßt Euch geſchwind wieder verſöhnen. — Unmöglich, Herr Ritter, ſprach Esperance ernſt. — Unmöglich? Warum nicht gar! Zwei junge, brave Männer ſollten ſich eines Frauenzimmers wegen entzweien?— Harnibieu! Das iſt unmöglich! Esperance's Röthe hatte ſich zur dunklen Gluth ge⸗ ſteigert und ſeine Augen blitzten wild. — Wer hat Ihnen geſagt, Herr Ritter, rief er leb⸗ haft, daß ich mich eines Frauenzimmers wegen mit Pontis entzweit habe? — Alle Tauſend! er ſelbſt. Esperance ſtutzte. — Er ſelbſt? Und— hat er Ihnen die Dame genannt? — Was denken Sie? Pontis iſt ein Ehrenmann. Niemand hat er mir genannt, nicht einmal die leiſeſte Andeutung hat er mir gegeben. Um ſo begieriger wäre ich, zu wiſſen, welches Frauenzimmer auf der Welt es werth iſt, daß ſich zwei ſo wackere Jungen um ſeinet⸗ willen verfeinden? Das iſt ja zum Todärgern; eben erſt habe ich Pontis verlaſſen, der vor Jammer wie eine —— lebendige Leiche einherwandelt, und finde Sie hier um nicht viel beſſer. Es iſt Zeit, daß dem Dinge ein Ende gemacht werde. Ihr magert Beide ab zum Erbarmen. Hallo! Sie ſind wenigſtens kein ſo halsſtarriger Dick⸗ kopf, wie der Andere, und darum glaube ich, daß das Unrecht bei dem ganzen Handel mehr auf ſeiner Seite iſt. Sie dagegen ſind der Verſtändigere, an Ihnen iſt es alſo, den erſten Schritt zur Verſöhnung zu thun. Esperance blickte finſter vor ſich nieder und ſchwieg. — Harnibieu! rief Crillon, ich habe mich einmal verpflichtet, Sie wieder zu verſöhnen, und Sie werden ſich verſöhnen; ich habe ſogar mit dem Könige davon geſprochen. Der junge Mann erſchrak ſichtlich. — Zu was das? ſprach er raſch; hat der König nicht ſchon Sorgen genug, um ihn noch mit einer ſolchen Kleinigkeit, wie das Zerwürfniß zweier ſo unbedeutenden, jungen Leute, zur Laſt zu fallen? Was kann den König ein Esperance, ein Pontis kümmern? Er hat andere Dinge im Kopfe!— Was haben Sie ihm für einen Begriff von uns beigebracht? Und was wird der Hof⸗ darüber nicht Alles ſchwatzen!. Der Ton Esperance's, ſein Schrecken, ſeine Aufregung machte Crillon ſtutzig; der alte Kriegsmann war es aus dem Felde her gewöhnt, bei Recognoscirungen auf jede Kleinigkeit zu achten und daraus weiter zu ſchließen. Dieſe Uebung kam ihm hier trefflich zu ſtatten. — Wie Sie das ſagen! verſetzte er, Esperance, auf deſſen Angeſichte die Bläſſe mit der Röthe abwechſelte, wie Ebbe und Fluth, forſchend in's Auge faſſend. Sie ſind ja ganz außer ſich. Wenn ich gewußt hätte, daß Ihnen ſo viel daran gelegen iſt, ſich vor dem Könige zu ver⸗ bergen, ſo hätte ich meine Zunge auch im Zaume halten können, trotzdem ſie ſonſt nicht ſehr gewöhnt iſt, hinter dem Berge zu halten. — Ich wüßte in der That nicht, warum ich mich vor dem Könige verbergen ſollte, ſtotterte Esperance immer verlegener. — Schon gut, ſchon gut; ich ſehe, ich bin indiseret geweſen, und wer weiß, ob ich nicht im Begriff ſtehe, unbeſcheiden, zudringlich zu werden. — O, Herr Ritter! Wie könnten Sie jemals... — Was habe ich mich in die Händel der Jugend zu miſchen, nicht wahr? Ein alter Brummbär, wie ich, ſoflte ſich um andere Sachen kümmern, nicht wahr? Die Geheimniſſe junger Leute ſind heutzutage für mich, wie die neu erfundenen Waffen für einen abgelebten Greis; wenn er es noch verſucht, ſich damit zu befaſſen, kann er leicht ſich ſelbſt, oder ſeine guten Frunde damit verletzen. Je nun, diesmal war wenigſtens die Abſicht eine gute, und darum hoffe ich, daß Sie es nicht gar zu ſtreng mit mir nehmen werden. Und nach dieſen Worten wendete ſich der Ritter ab, um Esperance nicht ſehen zu laſſen, wie ſehr ihn deſſen Vorwurf gekränkt habe. — Sie betrüben mich, mein würdiger Freund, rief der junge Mann gerührt, und Sie ſind im Irrthum, wenn Sie meinen, ich könne jemals Mißtrauen gegen Sie hegen. — Schon gut, ſchon gut, laſſen wir das.— Wir haben uns ein halbes Jahrhundert nicht geſehen, Sie jagen nicht mehr, Sie kommen nicht mehr an den Hof; man ſpricht davon, man wundert ſich. — Ich fliehe die Menſchen. — Und alles Das wegen eines Streites mit Pontis? Es betrifft alſo einen ernſten Gegenſtand? — Einen ſehr ernſten. — Und das konnten Sie mir verheimlichen, mir, Ihrem väterlichen Freunde? ſprach Crillon ſanft und herzlich. — Ich war im Begriff, Sie aufzuſuchen und Ihnen Alles zu ſagen, verſetzte Esperance in einem Tone, der ſeine Worte Lügen zu ſtrafen ſchien. Beide hatten ſich im Geſpräche dem Hauſe allmälig wieder genähert. Crillon blickte in das verſtörte Geſicht ſeines jungen Freundes und dann rings um ſich her, als wolle er ſeine eigene Aufregung verbergen. Jetzt erſt ge⸗ wahrte er die mit Einpacken und allerhand verdächtigen Anſtalten beſchäftigten Diener. — Sie wollten mich aufſuchen, Esperance? Wo denn?. — Nun— in Ihrer Wohnung, doch wohl. — Man ſollte faſt meinen, Sie hätten mich im ge⸗ lobten Lande, oder in Amerika, oder im Monde aufſuchen — — wollen, mit alle dieſem Gepäck! rief der Ritter im er⸗ zwungen ſcherzhaften Tone, in der Hoffnung, daß auch Esperance einſtimmen werde.. Aber Esperance blieb ernſt und ſtumm. — In der That, ſprach er endlich kurz und wie einen feſten Entſchluß faſſend, ich verreiſe und der Zweck meines Beſuches war, Ihnen dies mitzutheilen. Crillon fuhr betroffen auf; zu viele Symptome ſeit ſeiner Ankunft verriethen ihm eine ſehr ernſte Situation Esperance's; ſein Verdacht fing an, beſtimmtere Formen anzunehmen. — Das iſt doch wohl nur ein Scherz, will ich hoffen? ſprach er, die Hand des jungen Mannes erfaſſend und ihn zum Stillſtehen nöthigend. — Nein, Herr Ritter— nein, mein edler Freund! es iſt mein Ernſt, ich gehe fort. — Und wieder— nach Venedig? — Keineswegs, erwiederte Esperance mit tiefer Me⸗ lancholie. Was ſoll ich in Venedig? Dort habe ich Alles durchforſcht, Alles erſchöpft und würde mir nur neuen Kummer holen. Ich gehe nicht dahin. — Aber, mein Himmel! wohin denn? Sie ſpannen mich auf die Folter.— Sprechen Sie deutlich! — Ich weiß noch nicht, wohin ich gehe, mein theurer Beſchützer; aber jedenfalls weit von hier fort, und auf lange Zeit. — Nichts übereilt, mein junger Freund, ſagte Crillon nach peinlichem Schweigen, während welchem er vergebens — 10— ſeinen Kopf angeſtrengt hatte, um den Beweggrund eines ſolchen Entſchluſſes zu erſinnen. Wenn es ſich etwa um einen zweifelhaften, gefährlichen Zweikampf handelte, ſo ſetze ich voraus, daß Sie zu mir gekommen wären, um meinen guten Rath, wenn nicht meinen Beiſtand zu fordern. — Herr Ritter... — Denn Sie werden, Sie können es nicht vergeſſen haben, fuhr der alte Krieger mit bewegter Stimme fort, daß ich Ihnen vom erſten Augenblicke an, da wir uns ſahen, meinen Rath, meinen Beiſtand, meine Freundſchaft angeboten habe, daß ich es war, der Ihnen entgegen kam — ſo wenig dies auch ſonſt meine Art iſt. — Dieſe Erinnerung iſt ja noch mein einziger Troſt! rief Esperance, ergriffen von dem unverkennbaren Aus⸗ drucke des herzlichſten Wohlwollens in Crillon's Blick und Ton. — Der einzige Troſt, der Ihnen übrig bleibt? Aber was iſt Ihnen denn? Wie ſind Sie denn ſo plötzlich dahin gekommen, des Troſtes zu bedürfen?— Nein, nein, Esperance, mich täuſchen Sie nicht ſo leicht; dieſe Zurückhaltung verbirgt irgend ein großes Unglück. Zer⸗ reißen Sie mit feſter Hand den Schleier, hinter den Sie Ihre Wunde zu verbergen ſuchen. Ich will ſie kennen lernen, ich will ſie ſondiren— ich habe das Recht dazu! — Wie ſoll ich Ihnen ſagen— weiß ich doch ſelbſt nicht... 1 — 11— 1— — Ausflüchte, Winkelzüge! Sie beſitzen einen ſo klaren Verſtand, einen ſo beſtimmten, feſten Willen, trotz Ihrer Apollo⸗Maske, wie ich nur irgend einen kenne. Wenn ein Mann Ihrer Art die Stirn runzelt und ſich auf die Lippen beißt ſo weiß er auch warum; dann iſt es nicht blos, um Grimaſſen zu ſchneiden. Sie leiden, mein junger Freund, das iſt gewiß. Kein Wort weiter; ich frage, Sie antworten, und zwar peremptoriſch: Warum ſind Sie ſo verändert? Warum verbergen Sie ſich? Warum fliehen Sie die Menſchen? Worüber haben Sie ſich mit Pontis entzweit? Warum wollen Sie abreiſen, Ihre Freunde verlaſſen? Zerwinden Sie ſich die Finger, ſo viel Sie wollen, wenden Sie die Augen, preſſen Sie Ihre Lippen auf einander— das hilft Ihnen Alles zu Nichts! Ich bin da, ich habe Sie gefaßt, ich will eine deutliche, ehrliche Antwort haben! Indem Crillon dieſe Worte mit aller Autorität ſeines Alters, ſeines Ranges, ſeines Kriegerruhmes ſprach, war er mit Esperance an den Eingang einer Allee gekommen; dicht neben ihnen war eine Bank; er drückte den jungen Mann faſt mit Gewalt darauf nieder und ſetzte ſich neben ihn. 3 — Alſo, heraus mit der Sprache: warum wollen Sie fort? 2 — Weil... weil ich mich in Paris langweile... — Das iſt nicht wahr! Das iſt unmöglich! Sie ſind reich, wie nicht Einer von uns; Sie ſind jung, — 12— geſund, Sie ſind geliebt, geſchätzt, alle Welt ſucht Sie auf, Sie können ſich alſo nicht langweilen. — Wenn dem nicht ſo wäre, würde ich dann ab⸗ reiſen? 8 4 — Ich ſehe, daß ich meine Frage nicht richtig geſtellt habe; Sie ſind mir zu ſchlau und ſuchen mir zu ent⸗ ſchlüpfen; aber das beweiſ't mir nur, wie wenig Freund⸗ ſchaft Sie für mich hegen, wie wenig Sie mich achten. — Herr Ritter! habe ich Ihnen nicht ſo eben geſagt, daß ich außer Ihnen Niemand mehr auf dieſer weiten Erde habe, den ich— — Harnibieu! Wenn Sie mich wirklich lieben, ſo zeigen Sie es mir auch! Sie ſind noch ſehr jung, ich bin alt; an mir wäre es alſo, Ihnen ein gutes Beiſpiel zu geben, Muth und Faſſung zu beweiſen, und dennoch, wenn ich an der Seele oder am Leibe verwundet wäre, würde ich Sie zuerſt um Hülfe anrufen! — Ach, Herr Ritter! man iſt nicht immer ſo glück⸗ lich, Jemand zu Hülfe rufen zu können, wenn man leidet! Ein ſchmerzlicher Seufzer Esperance's begleitete dieſe Worte. — Andere vielleicht nicht, das iſt möglich, rief der Ritter, mir aber kann man Alles ſagen, denn ich bin Crillon! — Das weiß ich wohl. Nun denn, warum ſollte ich Ihnen verhehlen, was Sie nur zu gut ſehen? Ja, ich bin unglücklich! — 13— — Du, mein Kind! ſprach der alte Krieger weich und zärtlich wie eine Mutter. Mein Esperance iſt un⸗ glücklich! Und ſeit wann? Vor nicht langer Zeit erſt ſtrahlteſt Du noch vor Freude und Lebensluſt, und nun— — Das iſt vorbei, für immer vorbei; ſprechen wir nicht mehr davon. Kummer iſt nun einmal das Erb⸗ theil meines Lebens. Jedem Menſchen iſt ſein Schickſal beſtimmt, ſei es gut, ſei es übel, er muß es hinnehmen. Als ich glücklich war, habe ich mein Glück nicht in die Welt hinausgeſchrien; warum ſollte ich es jetzt mit meinem Schmerze thun? Nur könnte dieſer mich zuweilen ſchwä⸗ cher finden, als ich es ſein will, und ich mag der Welt nicht zum Schauſpiel dienen. Das iſt der Grund, warum ich fort will. Crillon ſchüttelte traurig den Kopf. — Nein, Esperance, murmelte er, das iſt nicht der wahre Grund, das Uebel ſitzt tiefer. — Wie ſollte— — Nein, ſage ich! Sie ſind vollkommen unabhaän⸗ gig, Sie können ſich abſperren, wie Sie wollen, Sie brauchen ſich vor Niemand in Paris ſehen zu laſſen, wenn Sie nicht wollen. Und dann, wenn Ihnen das nicht genügte, würde eine Reiſe über Land hinreichen. Vergeſſen Sie aber nicht, daß Sie mir ſo eben erſt ſagten: ich gehe weit fort von hier, und auf lange. — Um meinen Schmerz abzuſtumpfen. — Einen Liebesſchmerz vielleicht? ſragte Crillon theilnahmvoll. — 1— Esperance erröthete, aber er konnte nicht länger zurückhalten. — Nun dann, ja, ich geſtehe es, und wenn Sie über meine Schwäche ſpotten ſollten. — Ich werde ſicher der Letzte ſein, der ſpottet, mein Sohn; ich begreife Ihre Leiden, ich fühle ſie mit Ihnen. Auch ich war einſt jung, auch ich habe einſt geliebt, und ward geliebt! fuügte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu; aber ſelbſt gegen den herbſten Liebesſchmerz giebt es Mittel. — Ich kenne nur eines: die Entfernung. — Im Gegentheil; die Entfernung iſt eine der grau⸗ ſamſten Qualen, vielleicht die grauſamſte nächſt dem Tode. Nur die Nähe des geliebten Weibes vermag dieſe Qual zu lindern; Sie aber ſcheinen die Geliebte gar ſelbſt zu fliehen, da Sie abreiſen wollen? — So iſt es auch. — Ich will nicht einen Augenblick vorausſetzen, daß ſte Sie nicht liebe— das wäre eine faſt undenkbare Annahme. Sollte ſie alſo geſtorben ſein? — Ich beſchwöre Sie, nicht weiter in mich zu drin⸗ gen, rief Esperance; ſchon hat Ihnen mein armes Herz mehr verrathen, als es ſollte.— Beſtehen Sie nicht darauf, mehr wiſſen zu wollen. Crillon blickte einige Zeit traurig vor ſich nieder und murmelte dann, wie mit ſich ſelbſt ſprechend: — Ich entſinn mich keiner Dame von einiger Schön⸗ heit oder von einigem Range, die kürzlich in Paris ge⸗ ſtorben wäre.— Ach ja! ich vergaß noch eine andere — 15— Art von Leiden: Diejenige mit einem Anderen vermählt zu ſehen, die man liebt.— Aber ich wüßte auch keine Dame, die im Begriffe ſtünde, ſich zu vermählen, wenn nicht etwa gar die ſchöne Gabriele—— Crillon hatte dieſen Namen ohne Arg, ohne Be⸗ ziehung, nur eben zufällig ausgeſprochen; aber ein halb unterdrückter Seufzer Esperance's veranlaßte ihn, den Blick auf ihn zu richten. Der junge Mann war todtbleich geworden. — O mein Himmel! rief der Ritter plötzlich, wie von einem furchtbaren Gedanken ergriffen. — Herr Ritter, ſprach Esperance, raſch aufſtehend, die Nacht bricht herein, die Luft wird kalt. Wenn es Ihnen recht iſt, will ich dem Diener befehlen, Ihre Pferde einzuziehen. — Mir iſt es recht, antwortete Crillon zerſtreut; aber ſeine Hand zitterte, mit der er ſich den Bart ſtrich. Auch er erhob ſich und ſchritt auf das Haus zu. Esperance eilte voran, als wolle er jede fernere Erörte⸗ rung vermeiden; ſeine Dewegungen waren kurz, fieberhaft aufgeregt, die Bruſt hob ſich keuchend, als laſte ein Centnergewicht darauf. Crillon ließ ihn ungeſtört ſeine Befehle ertheilen, und trat einſtweilen unbemerkt in das Haus, um ihn im Ve⸗ ſtibule zu erwarten. Als der junge Mann einige Zeit darauf mit geglät⸗ teter Stirn und ſcheinbar heiterem Geſichte folgte, fühlte er den Arm des Ritters ſich leiſe unter den ſeinen ſchieben. — 16.— Crillon zog Esperance in den venetianiſchen Salon und ſchloß die Thür hinter ihm ab. Esperance ſchien ſich nicht viel um dieſe geheimnißvollen Vorbereitungen zu kümmern. Aber Crillon war nicht gemeint, ihn ſo wohlfeilen Kaufs loszulaſſen; er hatte Zeit gehabt nachzudenken und ſeinen Angriffsplan zu entwerfen. — Esperance, hob er plötzlich an, ich kenne Ihr Geheimniß, ich weiß jetzt den Grund Ihrer Abreiſe. — Wahrhaftig, rief der junge Mann, Sie verdop⸗ peln meine Qual! Ich will fort, um meinen eigenen Gedanken wo möglich zu entfliehen, und Sie bringen mich immer wieder ohne Erbarmen darauf zurück. Nun denn, ja, ich liebe eine Frau, die im Begriff ſteht ſich zu vermählen, und noch dazu mit einem König. Sind Sie nun befriedigt? Werden Sie mir wenigſtens den traurigen Troſt gönnen, mir zuzugeben, daß ich der un⸗ glücklichſte aller Menſchen bin? — Armer Esperance! ſprach Crillon traurig; Sie hatten Recht. Gegen ſolches Uebel giebt es kein Mittel. Ach! unglücklicher, bedauernswerther Esperance! Gott bewahre mich davor, Ihr Unglück noch zu vermehren! — Nicht wahr, mein Freund, ich bin zu beklagen? — Wenn es ſich um ein gewöhnliches Weib han⸗ delte, fuhr der alte Krieger fort, möchte ich Sie nicht aller Hoffnung berauben; ich würde Sie ſogar auffor⸗ dern, Muth zu faſſen und alle Hinderniſſe tapfer zu überwinden, wie es ſich für einen Mann ziemt. Ja, ich ““ — 172— würde ſelbſt mein erloſchenes Jugendfeuer wieder an⸗ fachen, um Ihnen dieſes Weib erkämpfen zu helfen, und müßten wir es dem eigenen Manne ſtreitig machen. Denn ich liebe Sie, Esperance, und kein Streich würde mir zu toll ſein, um es Ihnen zu beweiſen, um Sie zu tröſten. Was kann ich aber hier thun? Ich kann Sie nur bei Allem, was Ihnen heilig und theuer iſt, beſchwören, nicht mehr an ſie zu denken. — Ja, murmelte Esperance ſchmerzlich, es iſt ein ſchönes Bild ohne Körper, ein chimäriſcher Traum, und Sie ſind zu verſtändig, um mich in ſolchem Wahnſinne zu beſtärken. Sprechen wir alſo nicht mehr davon, ich bitte Sie flehentlich darum. — Dieſe Frau, mein armes Kind, wird vom König geliebt, von meinem König, der um ihretwillen Alles aufopfern würde, ſelbſt ſein Leben. Gegen meinen König und Freund darf und kann ich Ihnen keinen Beiſtand leiſten. Ich vermag nur mit Schaudern an den Kummer zu denken, den ihm jeder derartige Verſuch verurſachen würde.— Nein, nein, es kann nicht ſein!— Vor wenig Stunden erſt ſprach er noch mit mir über ſie— er vertheidigte ſie gegen die hämiſchen Verdächtigungen ihrer Feinde, und ich ſelbſt rieth ihm, ſich über jedes Bedenken hinwegzuſetzen und die Herzogin zu heirathen. Mir hat er ſein ganzes Herz aufgeſchloſſen, und ich ſollte ihn zum Dank dafür verrathen, ihn betrügen helfen?— Nimmer⸗ mehr!— Ich weiß, daß ich Ihre Seele tief betrübe, Gabriele. X. mein armes, liebes Kind, aber es muß ſein. Ihr Weg 2 — 18— iſt Ihnen klar vorgezeichnet: das Opfer iſt ein ſchmerz⸗ liches— aber es muß gebracht werden! — Wie Sie ſehen, war es ſchon halb gebracht, ver⸗ ſetzte Esperance, da Sie mich im Begriffe fanden, ab⸗ zureiſen, der Gefahr zu entfliehen. Crillon blieb mit verſchränkten Armen im tiefen Nachdenken ſtehen. Die kalte Reſignation des jungen Mannes, ſein ſtieres, geiſtloſes Lächeln, das krampfhafte Zuſammenpreſſen ſeiner Lippen, Alles kündete ihm die heftigſte Verzweiflung an, welche der männliche Muth vergebens zu bekämpfen ſtrebte. — Nichts— gar Nichts! Nirgends eine Ausſicht! hob er nach einer Weile wieder an. Selbſt wenn es ſich nicht um das Lebensglück meines Herrn und Königs handelte, ſelbſt wenn es mir möglich würde, Ihnen bei⸗ zuſtehen— würde ſie wollen? Würde ſie den Ein⸗ flüſterungen des Ehrgeizes, die ſie antreiben den Thron zu beſteigen, ihr Ohr verſchließen?— Was vermag die Liebe eines Weibes gegen die Stimme des Ehrgeizes? — Ach! was ſprechen Sie von Liebe? rief Espe⸗ rance, deſſen edler Charakter bei der ungerechten Be⸗ ſchuldigung, die der biedere Crillon, ohne es zu wiſſen, gegen die Geliebte ausſprach, wieder die Oberhand über ſeinen Schmerz gewann; von Liebe zwiſchen der Herzogin und mir? Weiß denn das edle, herrliche Weib auch nur um meinen Wahnſinn? Hat die Herzogin nur eine Ah⸗ nung meiner Verwegenheit? — Wie— Sie haben nicht einmal geſprochen? — 19— — Niemals! ſprach der großmüthige junge Mann; nie habe ich in ihrer Gegenwart auch nur mit einer Silbe meiner vermeſſenen Wünſche zu erwähnen gewagt! Dieſe unglückſelige Leidenſchaft hat niemals ein Echo gefunden, noch zu wecken verſucht. Gabriele liebt den König zu ſehr und verdient es, von ihm geliebt zu werden. Redlich und ohne Rückhalt hat ſie ſich ihm hingegeben und er hat jetzt ein Recht, ſie ſein Weib zu nennen. Wie dürfte ich unbedeutendes, unbekanntes, geringes Weſen es wagen, mich zwiſchen dieſe beiden edlen Herzen zu drängen? Soll ich durch Kundgebung meiner ſtrafbaren Wünſche ihr reines, wohlverdientes Glück vergiften?— Sie ſagen, ſie ſei ehrgeizig, Herr Ritter. Und iſt ein ſolcher Ehr⸗ geiz nicht achtungswerth? Handelt es ſich hier nicht um die Wiederherſtellung ihrer Ehre vor den Augen der Welt? Um die künftige Ehre ihres Kindes?— Nein, nein, mein edler, mein väterlicher Freund, dieſe Leiden⸗ ſchaft, die Sie errathen haben, weil Sie bis in die ge⸗ heimſten Falten meines Herzens zu blicken wiſſen, ja weil ich nicht einmal den Willen habe, es vor Ihnen zu verhüllen, dieſe Leidenſchaft würde ein ſtrafbares Ver⸗ brechen, ein Hochverrath werden, wenn die Herzogin ihr Vorhandenſein nur ahnen könnte. Ich ſagte Ihnen, daß ich abreiſe; wenn ich aber befürchten müßte, daß außer Ihnen, dem beſten, edelſten der Männer, nur noch ei 18 *— — Menſch mein Geheimniß erforſcht hätte, ich würde nicht aobreiſen, ich würde mich ſelbſt tödten! 2* 2 — 20— Crillon ſchritt auf Esperance zu und umarmte ihn liebreich. — Ja, reiſen Sie ab, ſprach er, aber nicht als ein Verzweifelnder, nicht wie ein Mann, der dem Feinde muthlos das Feld räumt; ſondern muthig, feſt, im edlen Selbſtvertrauen. Bei Ihrer Jugend darf Ihr Herz noch nicht jeder Hoffnung entſagen. Wer weiß, welches Glück Ihnen die Zukunft noch vorbehalten hat.— Schütteln Sie nicht ſo ungläubig den Kopf, Kind, Sie! Schenken Sie dem Alter und der Erfahrung auch einigen Glauben. — Ach, mein Freund! rief Esperance außer ſich, ſchenken Sie doch wenigſtens meinem Herzen den guten Glauben, daß es ſeinen heiligſten Gefühlen, der reinſten Liebe niemals untreu werden wird. Für mich giebt es auf dieſer Welt kein Glück, keinen Troſt mehr. Wo fände ich jemals wieder ein ſolches Weib? Zürnen Sie mir nicht, mein würdiger Freund, daß ich die Wunde dieſes elenden Herzens ſo rückhaltlos vor Ihren Augen bluten laſſe, das iſt ja der höchſte, der einzige Troſt, den Sie mir gewähren können.— Ja, ich fühle mich in meinem innerſten Lebensmark getroffen, ich habe keine Kraft, keinen Muth mehr— ich fühle, daß mein letzter Lebenshauch entflieht, ſobald ich dieſe Pflicht erfüllt haben werde. Lange ſchon hing mein Leben nur noch an dieſer einzigen Fiber feſt— ſie iſt jetzt zerriſſen. Ich liebte Gabriele ſchon, als ich das erſtemal von Paris abreiſ'te, wie Sie jetzt ahnen werden; nun denn, ich werde wieder abreiſen, aber nicht mehr wie damals, in der Hoffnung — 21— mein Herz von dieſer Leidenſchaft zu heilen, ſondern nur noch, um meinen unheilbaren Schmerz in ferner Ein⸗ ſamkeit zu vergraben. Verſuchen Sie es nicht, mich noch tröſten zu woͤllen; mein Herz bedarf des Troſtes icht mehr, denn es iſt todt, ausgeſtorben! Mehrere Minuten verharrten Beide im ſchmerzlichen Schweigen; Crillon hatte ſein Geſicht mit den Händen verhüllt. Er war es, der ſich zuerſt wieder gefaßt hatte und die peinliche Stille unterbrach. — Kind, ſagte er, Sie ſollen mich hören, ich will ſprechen, weil mein Herz, ſo alt es auch iſt, noch nicht ausgeſtorben iſt. Ich begreife es, daß Ihnen der Auf⸗ enthalt in Paris unerträglich geworden iſt. Gut, ſo reiſen Sie denn. — Und ich werde auch noch den Schmerz haben, Sie zu verlieren! rief Esperance. — Warum ſollten Sie mich verlieren? verſetzte der alte Ritter mit ruhigem Tone; Sie werden mir niemals näher geweſen ſein, als von dem Tage Ihrer Abreiſe an, denn ich gehe mit Ihnen. — Sie? .— Ja, ich.— Ich werde alt, der König hat Frieden mit allen ſeinen Feinden geſchloſſen, er bedarf meiner ferner nicht mehr zu ſeinem Glücke. Ich werde alſo Ihr Begleiter ſein— wenn Sie mich haben wollen!“ — Aber— Herr Ritter! ſtammelte Esperance, Crillon mit einem Gefühle der Bewunderung und Rüh⸗ rung anblickend, wie kämen Sie dazu, mir ein ſolches * * — 122— Opfer zu bringen? Sie, den noch hohe Würden er⸗ warten, der wohlerworbene Lohn ruhmvoll geleiſteter Dienſte, Sie, der Sie erſt die Hälfte Ihrer glorreichen Laufbahn durchmeſſen haben, wie kämen Sie dazu, einen armen, unbedeutenden, jungen Menſchen dem Ruhme und der Ehre vorzuziehen? Nein, nein— das iſt ja gar nicht denkbar! — Meinen Sie denn, Esperance, ich hätte ein Herz von Stein? antwortete Crillon. Ich ſage Ihnen: Gehen Sie, tragen Sie Ihr Geſchick mit Muth und männlicher Faſſung, aber unter der Bedingung, daß ich Ihnen bei⸗ ſtehen werde es zu tragen. — Was aber habe ich nur gethan, um mich einer ſo ehrenvollen Freundſchaft würdig zu machen? Womit habe ich ein ſolches Kleinod verdient?— Sie bieten mir an, um meinetwillen den erhabenſten, den edelſten König zu verlaſſen, und gleichwohl— o halten Sie mich nicht für anmaßend und eitel!— gleichwohl ſagt mir eine innere Stimme, daß Sie mich nicht um eines Königs willen verlaſſen würden? — Das kann ſchon möglich ſein, murmelte der alte Krieger, durch die naive Frage des jungen Mannes 55 ſichtlich in Verlegenheit geſetzt. Wenn Sie mich um die 4 Urſache meiner Zuneigung fragen, ſo frage ich dagegen: warum ſollte ich Sie nicht lieben? Sie ſind gut, Sie ſind edel, Sie ſind ſchön; meine Augen erfreuen ſich an Ihrem Anblick, es erlabt meine Seele, mit der Ihrigen in Berührung zu kommen. Gar manche Könige giebt es, — 223— die nicht ſoviel werth ſind, wie Sie. Ach! ich habe Sie nicht gleich vom erſten Augenblicke an ſo geliebt, trotz der Empfehlung Ihrer Mutter— denn Ihre Mutter war es, die Sie mir dringend empfohlen hat, vergeſſen Sie das nicht, mein Kind. Schon um dieſer Urſache willen ſollten Sie mich lieben, Esperance. Sie find jung und ſtehen allein in derWelt; ich bin alt, und ſtehe ebenfalls vereinſamt da; ich ſehne mich auch danach, daß mich einmal Jemand liebe. Ja, Esperance, lieben Sie mich, lieben Sie mich recht innig und halten Sie ſich an das, was Sie ſelbſt mir ſo eben geſagt: daß Sie Niemand mehr außer mir auf der Welt haben. Und wenn ich nicht glauben ſollte, daß es mit der Zeit gelingen würde, Sie zu tröſten— wenn ich an Ihrer Liebe zweifelte— wenn ich Sie jemals undankbar finden ſollte— Nein, nein! umarmen Sie mich, mein Kind; mein Herz ſchmilzt wie weiches Wachs, wenn’ ich Sie in meine Arme ſchließe! Esperance gehorchte; er lehnte ſein ſchmerzendes Haupt an dieſe tapfere Bruſt, er fühlte das ſtürmiſche Klopfen dieſes biederen Herzens, und heiße Thränen entſtrömten ſeinen Augen und linderten ſein herbes Weh. 2. Die Prophezeihung der Caſſandra. Die Zeit war in ihrem unaufhaltſamen Laufe vorge⸗ ſchritten; der Winter war kalt und traurig verſtrichen; die im Verborgenen gegen Gabriele verbündeten Feinde hatten während demſelben neue Kräfte geſammelt. Esperance wartete nur darauf, daß Crillon ſeine Reiſeanſtalten beendigt habe, um Paris zu verlaſſen. Der alte Ritter hatte ſeinen jungen Freund zur Geduld und Ergebung aufgefordert, bis ſich eine günſtige Ge⸗ legenheit für ihn zur Abreiſe bieten würde, und Espe⸗ rance hatte es ihm zugeſagt. Der Aermſte ſetzte ſeinen Stolz darin, Nichts von ſeinen Leiden merken zu laſſen. Alle ſeine Bekannten ſprachen nur von einer ſehr weiten und ſehr ſchönen Reiſe, die er mit Jean Moquet um der Wiſeenſchaften und des Ruhmes willen, Frankreich einige neue Colonien zu erwerben, unternehmen wolle. Einſtweilen ſchloß ſich der junge Mann mit ſeinem Schmerze ein; er hegte und pflegte ihn, ſo zu ſagen. Er 3 ſperrte ſich in ſeinem Hauſe ab, oder verließ es nur, ur unter dem Vorwande der Jagd einſam durch die Wälder zu ſchweifen, ſo daß der Hof und die Stadt ihn nach und nach ganz aus den Augen verlor. Nur noch ein⸗ oder zweimal hatte man ihn aus Anlaß beſonderer Hoffeſtlich⸗ keiten auf einige Minuten erſcheinen ſehen. Ganz beſonders vermied er auf das Sorgfältigſte jedes Zuſammentreffen mit Pontis. Feſt entſchloſſen, mit dem armen Burſchen für immer zu brechen— was um ſo leichter auszuführen war, da er ja Paris nie wieder betreten wollte— hatte er ſich jedoch vorgenommen, ihn am Abend vor ſeiner Abreiſe noch einmal aufzuſuchen, ihn zu umarmen und ihm zu vergeben, denn die innige Freundſchaft zu ihm war noch nicht in Esperance's Herzen erloſchen, ſo viel er ſich auch Mühe gegeben hatte, ſie zu tödten. Durch vertraute Berichterſtatter wußte er Pontis' tiefen Schmerz um ihn ſeit ihrer Trennung; Nichts hatte den ſonſt ſo lebensfrohen Gascogner zu tröſten vermocht. Sein ganzer Charakter hatte ſich eben ſo verändert, wie ſein äußerer Menſch. Er war finſter, ſchweigſam, unzugänglich geworden; faſt die ganze Zeit, die ſein Dienſt nicht in Anſpruch nahm, ver⸗ brachte er in melancholiſchem Stumpfſinne, auf ſeinem Bette liegend. Genug, die beiden, ehedem ſo glänzenden, ſo luſtigen jungen Leute waren plötzlich erloſchen, wie zwei Sternſchnuppen. In ſeinem Hauſe führte Esperance die gleiche Lebens⸗ weiſe. Die öſterliche Faſtenzeit nahete ihrem Ende, und da der König dieſe gewöhnlich mit dem Hofe in Fontaine⸗ bleau zu verbringen pflegte, ſo kamen dem jungen Manne — 26— auch von dort jeden Morgen die täglichen Geſchenke Gabriele's zu. Doch hatten ſie jetzt eine andere Geſtalt angenommen; es war nur noch irgend eine trockene, ab⸗ geſtorbene Blume, ein rührendes Sinnbild dieſes in ſeiner ſchönſten Entfaltung verwelkten Daſeins. Dieſe Zeichen von Treue und Beſtändigkeit ſetzten Esperance keineswegs in Verwunderung, er kannte ja das edle Herz des groß⸗ müthigen Weibes. Je mehr ſich aber Gabriele beſtrebte, das Andenken an ihre Liebe wach in ihm zu erhalten, je mehr bemühete er ſich, ſich aus dem Gabriele's zu verlöſchen. — Mag Gabriele es für ihre Pflicht halten, ſagte er ſich, mir immer wieder auf's Neue die Hand darzu⸗ reichen, je mehr achte ich es für die meinige, ſie immer wieder zurückzuweiſen. Kann ſie auch Nichts mehr für mein Glück thun, ſo will ich wenigſtens dem ihrigen nicht ferner im Wege ſtehen. Ach! es iſt ja das Ein⸗ zige, was mir noch für ſie zu thun verſtattet iſt. Er beharrte darauf, von aller Welt abgeſchloſſen zu bleiben und ſeine Reiſevorbereitungen zu beſchleunigen. Es war ihm, als ob Gabriele durch ihr Schweigen ſeit jener letzten Zuſammenkunft in Bougival ihm zugleich ihre Einwilligung in ihre Trennung zu erkennen geben wolle. Zu Anfang der Charwoche waren Esperance's An⸗ ſtalten beendigt. Schon zeigten ſich die Verkünder des nahenden Frühlings. Ein Gerücht hatte ſich in der Stadt verbreitet, daß der Courier mit der Einwilligung des * — 27— Papſtes in die Scheidung und neue Vermählung des Königs ſchon unterwegs ſei und jeden Tag erwartet werde. Esperance hatte ſeine Pferde für den nächſten Morgen beſtellt; mit Crillon hatte er Abrede genommen, daß er allein aufbrechen und der Ritter ihm nachfolgen ſolle, ſobald die Umſtände es dieſem irgend verſtatten würden, ſich beim Könige zu beurlauben. Noch einmal, zum letztenmale wollte der arme Ver⸗ bannte alle Räume ſeines Hauſes durchwandeln, um ihnen für immer Lebewohl zu ſagen. Hier war er ja oft ſo glücklich, ſo ſelig geweſen; aus jedem Winkel grüßte ihn ja eine Reliquie ſeiner Liebe, überall bot ſich ſeinen Blicken irgend eine Erinnerung, eine zarte Gabe Gabriele's dar. Unabläſſig war die holde Freundin bemüht geweſen, das ganze Haus mit ihren Liebeszeichen zu füllen, vom Ve⸗ ſtibule an, das die von ihr geſendeten Orangenbäumchen mit ihrem Blüͤthenduft erfüllten, bis zu den Tiſchen und Conſolen ſeines Kabinets, auf denen jene tauſend zier⸗ lichen Kleinigkeiten prangten, in deren Hervorbringung der Kunſtfleiß ſchon damals ſo erfinderiſch und geſchickt war. Aus den Volièren zwitſcherten ihm ſeltene aus⸗ ländiſche Vögel Liebesgrüße zu, ſie dufteten ihm von den Blumenvaſen entgegen; von den Wänden blitzten Tro⸗ phäen auserleſener Waffen herab; ſchön gearbeitete Schmuck⸗ ſchränkchen waren mit koſtbaren Medaillen, Edelſteinen und Ringen gefüllt, ja jeder Band des dichtgefüllten Büchergeſtells, mochte er wiſſenſchaftlichen oder poetiſchen — 28— Inhalts ſein, war für Esperance nur eine ſüße Liebes⸗ erinnerung. Und überall hin folgte das ſchlanke Hirſchkalb ſeinem Herrn, und leckte ſeine herabhängende Hand, um ſich ihm bemerkbar zu machen. Und mit jedem Schritte Esperance's auf dieſer Wanderuug unter den Denkmälern ſeiner Liebe umher, ward ſein Herz weicher. — Ach! ſeufzte er, iſt dieſe Abreiſe nicht ein leib⸗ haftes Bild des Todes? Auch der Sterbende muß ja Alles, was ihm theuer und werth war, hinter ſich zurück⸗ laſſen; ein Ringelchen, ein Miniaturbildchen, irgend ein geliebtes Kleinod iſt Alles, was er mit in ſein letztes enges Haus mitnehmen kann; alles Uebrige muß er Fremden überlaſſen. Alles, was er im Leben liebte, was er mit zarter Sorgfalt hütete und pflegte, was er an⸗ betete, alle dieſe vergänglichen Idole, er hinterläßt ſie Leuten, welche dieſe Heiligthümer mit rohen Händen an⸗ faſſen werden, ſie vielleicht durch ein profanes Lächeln entweihen würden, wenn ſie den Werth errathen könnten, den ſie für ihren ehemaligen Beſitzer hatten.— Und ich, der ich eine ſolche Menge dieſer koſtbaren Kleinodien be⸗ ſitze, was ſoll ich nun damit beginnen? Soll ich ſie auf meinen Wagen, zu Schiffe mit mir herumſchleppen, ſie auspacken, einpacken, wie irgend ein verwöhnter Reiſender jene tauſend lächerlichen Bequemlichkeiten des Lebens? Und doch habe auch ich mich daran gewöhnt, inmitten dieſer koſtbaren Nichtigkeiten zu leben, meinem — 29— ein Lebensbedürfniß geworden. Soll ich ſie hier zurück⸗ laſſen, wie jener Sterbende, von dem ich ſoeben ſprach? Dann werden ſich Leute finden, die ſich ihrer noch bemäch⸗ tigen, die ſie nur nach ihrem materiellen Werthe abſchätzen und das, was mir das Koſtbarſte war, vielleicht verächt⸗ lich in den Abraum werfen.— Nein, ich werde es wie jener Weltweiſe machen, der alle ſeine Reichthümer mit ſich trug; ich werde den kleinſten Edelſtein, die feinſte Spitze, ich werde die Blume wählen, die ihr Athem zu⸗ letzt berührt hat, ich werde ſie auf meinem Herzen ver⸗ wahren, und im letzten Augenblicke, wenn die Pferde vorgeführt, die Diener entlaſſen ſeien werden, wenn ich nur allein noch im Hauſe ſein werde, dann gebe ich dieſen kleinen gefiederten Sängern die Freiheit, und wenn ich ſchon den Fuß gehoben haben werde, um über die Schwelle zu ſchreiten, ſtecke ich das Haus mit Allem, was es enthält, in Flammen. Die edlen Metalle und die Cryſtalle wird die Glut ſchmelzen, die Geräthſchaften, die Stoffe, die Bücher, die Bäume werden zu Aſche verbrennen, das Haus ſelbſt wird in einen Aſchen⸗ und Trümmerhaufen verwandelt werden, und wenige Stunden darauf wird Alles, was ich beſeſſen, geliebt, berührt, gebraucht habe, eben ſo vor den Blicken der Menſchen verſchwunden ſein, wie in einigen Tagen das Andenken an den Beſitzer. Ich werde Nichts hinter mir laſſen als eine wüſte Brandſtätte, Nichts vor mir haben, als ein fernes, einſames Grab! Eben war er mit dieſen Entſchlüſſen bei ſich in's — 30— Reine gekommen, ein ſchmerzlicher Seufzer entrang ſich ſeiner beklommenen Bruſt, als er ein leiſes Geräuſch hinter ſich vernahm; erſchrocken drehte er ſich um, ob vielleicht ein unberufener Lauſcher ſein Selbſtgeſpräch gehört habe, und erblickte Gratienne vor ſich, athemlos, mit freudeſtrahlenden Augen. — Gott ſei Dank! rief ſie, die Gefahr iſt vorüber! Man müßte niemals geliebt haben, um nicht zu be⸗ greifen, welchen Eindruck dieſe Erſcheinung auf den armen, ſoeben noch den ſchmerzlichſten Betrachtungen hingege⸗ benen jungen Mann hervorbrachte. Wie hold erſchien jetzt dem Liebenden dieſes oft triviale Geſicht der Ver⸗ trauten! Welcher Engel, in ſeiner vollen Glorie und Schönheit, hätte ſich eines beſſeren Empfanges von ihm zu erfreuen gehabt. Gratienne war nun zwar keineswegs ſo ſchön wie ein Engel; ſie beſaß jedoch eine jener glücklichen, heiteren Phyſiognomien, welche oft beſſer gefallen, wie eine regel⸗ mäßige vollendete Schönheit. Wie oft hatte das Herz des jungen Mannes heftiger geklopft, wenn er das Ge⸗ räuſch ihrer Schritte vernahm, als ob es Gabriele ſelbſt wäre, nie aber hatte ihr Anblick ihn ſo freudig bewegt, wie eben heute. Er ſtieß einen Freudenſchrei aus und eilte mit ausgebreiteten Armen auf ſie zu Gratienne fragte, ob Niemand ſie hören könne, und auf Esperance's Verſicherung, daß ſie ganz unbeſorgt ſein dürfe, fuhr ſie fort: —,— — 31— — Ich bringe einen Brief von der Frau Herzogin; wenn Sie ihn aber haben wollen, muß ich Sie bitten, mich einige Augenblicke in dieſem Zimmer allein zu laſſen. Esperance blickte ſie verwundert an, ohne ſie zu verſtehen. Das gute Mädchen ward blutroth. — Da man mich oft verfolgt, angehalten, ja ſogar beraubt hat, ſprach Gratienne, wenn ich nach der Ere⸗ mitage in der Vorſtadt zu Ihnen ging, habe ich den Brief diesmal ſo ſorgfältig unter meinen Kleidern ver⸗ borgen, daß man mich hätte tödten müſſen, um ihn zu erlangen, und vor der Hand wagen es die Feinde der Frau Herzogin doch noch nicht, auf offener Straße am hellen Tage einen Mord zu begehen. Esperance dankte dem muthigen Mädchen für ſeine Vorſicht und verließ das Zimmer. Es war dies das erſte Mal, daß ihm Gabriele ſelbſt zu ſchreiben wagte, und er fragte ſich mit einer unerklärlichen Beklommenheit, was ſie zu einem ſolchen Schritte getrieben haben könne. — Sie kennt meinen Entſchluß, ſagte er ſich, und will mir zuletzt noch einen unumſtößlichen Beweis ihrer vertrauensvollen Liebe geben. Unvorſichtige, edle Seele! die vor keiner Pflicht zurückbebt, die das Herz ihr vor⸗ ſchreibt; ſie erröthet, mir nicht eben ſo rückſichtslos zu vertrauen, wie ich ihr vertraut habe! Dieſer Gedanke regte ihn einen Augenblick freudig auf, aber eben ſo ſchnell erfüllte wieder Trauer ſein Herz. 64 — 32— — Es iſt ein Lebewohl, das ſie mir ſendet, dachte er, ein letztes Lebewohl, auf ewig. So iſt denn Alles zu Ende!— Sie befiehlt mir, ſie auf immer zu vergeſſen! Er preßte ſeine Hände vor die Stirn und ſtarrte verzweiflungsvoll vor ſich hin, als Gratienne die Thür wieder öffnete. — Hier, nehmen Sie, ſprach ſie, ihm ein kleines, von ſüßen Wohlgerüchen duftendes Sachet von geſtickter Seide überreichend. Mit bebenden Händen ergriff er es, entfaltete es und nahm ein Blatt Papier heraus, das er mit ſchmerzlichem Entzücken an ſeine Lippen drückte. Gratienne trat an ein Fenſter und wendete Esperance den Rücken zu, um ihn nicht im Leſen des Briefes zu ſtören. „Freund! ſchrieb Gabriele, ich erfahre, daß Sie abreiſen wollen, und wie man ſagt, ſchon morgen. Herr von Crillon ſprach es in meiner Gegenwart mit einer Beſtimmtheit aus, daß ich Mühe hatte, meinen Schrecken zu verbergen. Ich glaube nicht daran, ich weiß, daß es nicht wahr iſt, nicht wahr ſein kann; aber dennoch ver⸗ ſetzt es mich in Unruhe und Angſt. Nein, nein, ich werde esniemals glauben, daß Sie mich ſo verlaſſen können, ohne mich noch einmal geſehen, geſprochen zu haben! Und dennoch halte ich Sie für großmüthig genug, einen ſo fürchterlichen Entſchluß zu faſſen, um mir den Tren⸗ nungsſchmerz zu erſparen; Sie lieben mich genug, um ſich ſelbſt ein ſolches Opfer aufzuerlegen. Ich zittere, indem v⸗ v⸗ — 33— ich dies niederſchreibe. Nein, Freund meiner Seele, thun Sie das nicht! Meine Verzweiflung würde ſo groß ſein, daß ich Ihnen bis an's Ende der Welt folgen müßte, um Ihnen noch einmal Lebewohl zu ſagen. Ich beſchwöre Sie bei Ihrer Liebe! „Morgen iſt große Jagd in Fontainebleau; Sie kön⸗ nen ohne Gefahr hinkommen; wir werden allein ſein. Sei es, daß Sie in'sgeheim kommen, ſei es öffentlich, ich erwarte Sie. Gratienne wird Ihnen ſagen, wie und wo. Bedenken Sie, daß ich keine Entſchuldigung an⸗ nehme. Eine Stunde nach Ihrer Weigerung würden Sie mich bei ſich ſehen, und ſollte mein Leben auf dem Spiele ſtehen!“ Esperance hate den Brief geleſen und wieder geleſen, aber er war ſo beſtürzt, daß er keinen beſtimmten Ge⸗ danken zu faſſen vermochte. Noch nie hatte ſich die Liebe Gabriele's offener und edler ausgeſprochen; nie hatte ſte dieſelbe in einen ſo ent⸗ ſchiedenen Befehl eingekleidet. Dieſem Befehle nicht ge⸗ horchen, hieß eine Frau compromittiren, deren Muth in ſolchen Augenblicken der Exaltation keine Schranken kannte— und dennoch, ihm gehorchen, konnte die Ge⸗ kiebte in noch weit größere Gefahr ſtürzen! Was thun? Mehrere Minuten verſtrichen, die Gratienne wie eben ſo viele Stunden erſchienen, während welcher der un⸗ glückliche Esperance vergebens ſeine Gedanken anſtrengte, um irgend einen Ausweg aus dieſem furchtbaren Dilemma zu erfinnen. Gabriele. X. 3 —27„— Er ſagte ſich, daß Gabriele ein Recht habe, noch einen letzten Abſchied von ihm zu fordern, daß ihr Vor⸗ ſchlag auf keine unüberwindlichen Hinderniſſe ſtoße, ja ſogar leicht auszuführen ſei; daß er ohne Gefahr, ſelbſt vor den Augen der grauſamſten Feinde Gabriele's, zu dieſer Zuſammenkunft gelangen könne. Was aber konnte eine ſolche öffentliche Zuſammenkunft nützen? Sich in Gegenwart Anderer ſehen, ohne ſeinen Schmerz in Wor⸗ ten ausſprechen, nicht einmal durch Blicke verrathen zu dürfen, hieß das nicht die Qualen der Trennung verdop⸗ peln? In welcher Abſicht konnte Gabriele ihrem Ge⸗ liebten anbefehlen, ſich dieſen Qualen auszuſetzen, ohne eine Thräne zu vergießen, ohne einen Seufzer wagen zu dürfen? Und war ſie ihrer ſelbſt denn ſo ſicher, um ſich derſelben ohne Gefahr auszuſetzen? War der helden⸗ müthige Entſchluß nicht ſchon Opfer genug? Durfte er noch ein anderes annehmen?— Aber das Weib, das man anbetet, vergöttert, zurückzuweiſen, wenn es ſich ſelbſt darbietet, es beſchwören, den Geliebten zu vergeſſen, um nur an ihr Glück, an ihr Kind zu denken, reichte denn das nicht hin, um der Pflicht zu genügen? Konnte ſie denn von ihm fordern, daß er ſich ſelbſt die Pein bereite, die Geliebte am Arme eines Anderen zu ſehen? Und das war ja doch der Anblick, der ſeiner in Fontainebleau wartete. Und im anderen Falle, das heißt, wenn er die Zu⸗ ſammenkunft ausſchlug, was geſchah dann? Gabriele war vielleicht im Stande, ſich auf das Aeußerſte zu com⸗ promittiren, jede Rückſicht aus den Augen zu ſetzen? Vielleicht war es nur das, worauf ihre erbitterten Feinde lauerten, um ſie deſto ſicherer zu verderben? Liebe, Muth, Verzweiflung konnten ſie dahin treiben, ſelbſt zu ihm zu kommen; man konnte ſie bei ihm überraſchen, und dann war Alles unrettbar verloren! Nein— ſagte ihm wiederum ſeine Vernunft;— das wird, das kann ſie nicht thun. Zudem haͤngt es ja nur von mir ab, ſie daran zu verhindern.— Lieber ſterben, als nach Fontainebleau gehen und ihr mit kalter Beſonnenheit, in Gegenwart Anderer, eine leere Abſchieds⸗ formel herſagen; eine heimliche Zuſammenkunft aber kann ihren und meinen Tod herbeiführen.— Das Eine wie das Andere muß verhütet werden— ich gehe nicht nach Fontaineblau, und eben ſo wenig darf ſie hierher kom⸗ men! Ihr Leben, das meine ſteht auf dem Spiele; der doppelte Egoismus iſt hier nur eine unerläßliche Pflicht. Soll ich aber feig und erbärmlich genug ſein, ihr zu ſagen, daß ich nicht komme? Soll ich ſie durch ſolche Großſprecherei zu einer wahnſinnigen Großmuth heraus⸗ fordern, deren Folgen nur der ſichere Untergang des edlen Weſens ſein würde?— Nein!— Ich hatte meine Abreiſe auf morgen feſtgeſetzt, was hält mich ab, noch heute Abend abzureiſen? So ſei es; Gratienne ſoll ihr eine zuſagende Antwort hinterbringen, und ſobald ſie mich verlaſſen hat, breche ich auf. Im Augenblick, wenn ſie Gabriele meine Einwilligung verkündet, werde ich 3* — 36— ſchon viele Meilen von Paris ſein, und zu der Zeit, wo Gabriele mich in Fontainebleau erwartet, werde ich die Grenzen Frankreichs ſchon überſchritten haben. Und ſollte ſie ihre großherzige Drohung, hierher zu kommen, wahr machen, ſo wird ſie hier nur noch einen Aſchenhaufen finden; Gabriele wird dann nicht einmal mehr einen Vorwand finden, um ſich zu ſchaden.— So handle ich als Mann, ſo rette ich die Geliebte!— Gratienne! Gratienne näherte ſich, geängſtigt durch das lange Harren, das ihr kein ſonderliches Vertrauen zu Esperance's Eifer, der Aufforderung der Geliebten Folge zu leiſten, einflößte. — Meine gute Gratienne, wohl haſt Du die Wahr⸗ heit geſprochen: Die Gefahren ſind groß, die uns um⸗ geben; aber wir ſind bereits daran gewöhnt. Ich werde morgen nach Fontainebleau kommen. Hat Dir Deine Herrin eine Stunde beſtimmt, wo ſie mich zu ſehen wünſcht? — Wenn Sie offen kommen wollen, um an der Jagd Theil zu nehmen,— was ich für das Gerathenſte halte,— ſo muß es des Morgens geſchehen. Im Laufe des Tages wird dann Madame Gelegenheit finden, das Nöthige vorzubereiten, und Ihnen die Stunde nach der Rückkunft von der Jagd mittheilen laſſen. — Ich bin nicht ganz Deiner Meinung, liebe Gra⸗ tienne, und halte es für ſicherer, wenn ich erſt Abends, nach Dunkelwerden, in Fontainebleau eintreffe. —.37— Dann werde ich ſchon viele Meilen entfernt ſein!— ſetzte er in Gedanken hinzu. — Auch Madame war dieſer Meinung, trotzdem ich ihr zu widerſprechen verſuchte; ich habe alſo zwei Stim⸗ men gegen mich, und muß mich beſcheiden. So hören Sie denn: die Herzogin wird Unwohlſein vorſchützen, um nicht an der Tafel Theil nehmen zu müſſen, und wird ſich in ihre Zimmer zurückziehen. — Wie aber gelange ich in's Schloß? — Das ſei meine Sorge. Finden Sie ſich eine Stunde nach Dunkelwerden im ovalen Hofe ein, in der Nähe der Wendeltreppe Um dieſe Zeit iſt man bei Tafel und Niemand wird Sie bemerken. Ich werde Sie ſelbſt zur Frau Herzogin geleiten. 1 — So ſei es, ſprach Esperance; um ſechs Uhr geht die Sonne jetzt unter, um ſieben Uhr werde ich am Ein⸗ gange der Wendeltreppe ſein. — Wohl. Ach! ich gehe mit leichterem Herzen wie⸗ der fort, als ich gekommen bin. — Und Deine Gebieterin? Du ſagſt mir gar Nichts von ihr? ſprach Esperance melancholiſch. Schön und blühend wie immer, nicht wahr? Gratienne ſchüttelte traurig den Kopf. — Wenn Sie ſie geſehen hätten, als ſie dieſen Brief ſchrieb, verſetzte das gute Geſchöpf, Sie würden mich nicht ſo lange auf die Antwort haben warten laſſen. — Ach Gratienne! rief Esperance, in tiefſter Seele — 38— gerührt, glaube ja nicht, daß es aus Mangel an gutem Willen geſchah, ihr zu gehorchen. Aber begreifſt Du meine bange Beſorgniß nicht?— Kind, Du? Weißt Du denn nicht, daß eine einzige Unvorſichtigkeit ihr Leben in Gefahr bringen kann? — Das weiß ich nur zu gut, und darum eben ſchlug mir das Herz ſo gewaltig, als ich Ihnen dies Briefchen überbrachte.— Es iſt ein Beweis ihrer Liebe, die ſelbſt den Tod nicht ſcheut. 3 — Beruhige Dich, gutes Mädchen, erwiederte Espe⸗ rance mit vor Aufregung bebender Stimme; der Beweis ſoll Niemand das Leben koſten. Er zündete eine Kerze an einem Eckkandelaber an, küßte nochmals inbrünſtig jede Stelle des Papiers, die Gabriele's Hand irgend berührt haben konnte, und hielt es dann über die Flamme, bis auch das letzte Stückchen zu Aſche verbrannt war. — Du wirſt ihr erzählen, was Du geſehen haſt, ſprach er dann, Du wirſt ihr Alles wiederholen, was ich Dir geſagt habe? — Das werde ich. — Und ſage ihr, daß ich ſie bis zum Tode lieben werde! Vergiß das ja nicht, gute Gratienne. — Gewiß nicht. Bin ich doch auch ohne Ihre Ver⸗ ſicherung ſchon genugſam davon überzeugt. — Und was auch geſchehen, was ich auch thun möge, = 39— ſie ſolle ja feſt an dem Glauben halten, daß es nur aus heißer, inniger Liebe geſchieht! — Aber was ſoll denn geſchehen? Was wollen Sie thun? rief das arme Mädchen, erſchrocken über den Ton, in dem Esperance dieſe Worte geſprochen hatte. — Ich werde es ihr morgen Abend ſelbſt ſagen, rief Esperance haſtig und wie beſchämt, daß er ſich von ſei⸗ nem Gefühle hatte hinreißen laſſen, der Geliebten, die er nicht wiederſehen ſollte, dieſen Abſchiedsgruß zu ſenden. Gratienne ſchien beruhigt durch dieſe Antwort und ſchritt lächelnd der Thuͤr zu. Esperance begleitete ſie, als würde es ihm ſchwer, auch von ihr zu ſcheiden. — Du wirſt viel auszuſtehen haben, wenn Du ſo nach Fontainebleau zurückkehrſt, ſagte er; es wird kalt dieſe Nacht und die Sänfte kommt langſam vorwärts. Ich wette, daß Ihr ſieben Stunden über den kurzen Weg zubringt. — Ich werde unterwegs ſchlafen, und von der Freude träumen, die meine Gebieterin morgen beim Erwachen haben wird, wenn ich ihr I nnwor überbringe. Sie wollte fort. — Warte noch, rief ihr Esperance zu und eilte zu einem ſchöngearbeiteten Käſtchen hin, das auf dem Tiſche ſtand. — Was ſuchen Sie denn? fragte Gratienne. — Es iſt heute das erſte Mal, daß Du mir einen Brief von ihr bringſt, ſprach der junge Mann leiſe, und — 40— es iſt daher nicht mehr als billig, daß ich Dich für Deine Bemühung und Treue belohne. Und mit dieſen Worten legte er ein Smaragdenhals⸗ band in ihre Hand, deſſen Reichthum Gratienne einen Ausruf der Bewunderung und Freude entlockte. — Aber, Herr Esperance, nie werde ich es wagen, einen ſo koſtbaren Schmuck zu tragen, ſtammelte ſie er⸗ röthend. — Du wirſt es thun, zu meinem Andenken; es find Smaragden von der Farbe meines Namens, denn ich heiße ja Esperance— die Hoffnung! Du biſt meine Hoffnungsgöttin! Er küßte ſte. Aber ſo viel ſich Esperance auch Mühe gab, einen ſcherzhaften Ton anzunehmen, hatte doch der Kuß— nie hatte er Gratienne geküßt— und dies koſt⸗ bare Geſchenk ſo etwas Feierliches, daß ſie ihren Arg⸗ wohn auf's Neue erwachen fühlte und ſchon im Begriffe ſtand, mit Fragen in Esperance zu dringen, als man plötzlich dreimal in eige licher Weiſe an die Thür klopfen hörte. — Es iſt der Haushofmeiſter, der mich zu ſprechen verlangt, ſagte Esperance; es muß irgend etwas Wich⸗ tiges ſein. Gratienne verbarg ſich hinter einen Vorhang, wäh⸗ rend Esperance die Thür halb öffnete, um den Haushof⸗ meiſter zu fragen, was es gebe. — 11— — Gnaͤdiger Herr, ſprach dieſer, ſoeben iſt eine Frau angekommen, die Sie dringend zu ſprechen begehrt. — Ihr Name? — Sie weigert ſich, ihn zu nennen. — So ſchicke ſie fort; ich habe mit keiner Frau zu ſchaffen. — Sie beharrt durchaus darauf, gnädiger Herr; es ſcheint eine Ausländerin zu ſein, denn ſie verſteht das Franzöſiſche eben ſo ſchwer, als ſie es ſchlecht ſpricht. Ich konnte nur verſtehen, daß ſie viel von Signor Spe⸗ ranza ſchwatzte, womit Sie ohne Zweifel gemeint ſind. Der junge Mann fuhr erſchrocken auf. — Eine kleine, braune, lebhafte Frau? fragte er raſch. — Ja, gnaͤdiger Herr, äußerſt lebhaft. — Fort, fort! ſchicke ſie fort— ich habe Nichts mit ihr zu thun! rief Esperance, den Haushofmeiſter wieder zur Thuͤr hinausſchiebend. Dieſer war aber noch t die halbe Treppe hinab, als die Frau, die er wie ſchicken ſollte, ihm den Weg vertrat. Sie hatte die zwei Diener, die ſie im Veſtibule hatten zurückhalten wollen, mit einer Kraft auf die Seite geſtoßen, die man der kleinen Perſon nicht zu⸗ getraut hätte, eilte die Treppe herauf und ſchien ent⸗ ſchloſſen, trotz aller Hinderniſſe bis zu Esperance zu dringen. — Madame, ſchnauzte ſie der Haushofmeiſter aufge⸗ — z— bracht an, Sie müſſen ſelbſt den Befehl meines Herrn gehört haben, alſo machen Sie, daß Sie fortkommen. — Sagen Sie ihm, daß ſein Leben auf dem Spiele ſteht! rief die Fremde, immer vorwärts dringend. Sie hatte dieſe Worte ſo laut geſprochen, daß Espe⸗ rance ſie im Zimmer hatte hören müſſen, und ſetzte noch lauter auf italieniſch hinzu: — uUund noch ein zweites, Speranza, das Ihnen theurer iſt, wie Ihr eigenes! Dieſe Worte und der Ton, in dem ſie geſprochen, ließen keinen längeren Widerſtand mehr zu. Mit Mühe gelang es ihm, nur den Haushofmeiſter in's Zimmer zu laſſen und hinter ihm die Thür zu verriegeln, an welche die Italienerin nun ſtürmiſch klopfte. Er übergab Gratienne der Obhut des Haushofmeiſters und ſchärfte dieſem dringend ein, ſte über die kleine Hinter⸗ treppe ſicher bis an ihre Sänfte zu geleiten und ſie vor allen Dingen der Fremden zu verbergen. Gratienne ſchien nochuzu zögern. — So geh' doch! rief er ihr leiſe zu, oder Du diñ verloren! Nachdem er noch hinter Gratienne die Thür zur klei⸗ nen Treppe verſchloſſen und den Schlüſſel abgezogen, ſprang er in's Vorzimmer hinaus. Die Florentinerin ſtand vor ihm. — Welch' eine unerhörte Dreiſtigkeit! rief er ihr auf italieniſch zu. Haben Sie den Verſtand verloren, Leo⸗ — 33— nora, daß Sie es nach dem, was vorgefallen, noch wagen, vor mir zu erſcheinen? — Bevor ich Ihnen antworte, entgegnete Leonora, müſſen Sie mir erſt Rede ſtehen: Haben Sie die Un⸗ vorſichtigkeit begangen, der Herzogin ſchriftlich zu ant⸗ worten? Esperance fühlte bei dieſer Frage das Blut in ſeinen Adern ſtocken. — Wenn Sie geſchrieben haben, fuhr die Italienerin fort, ſo nehmen Sie den Brief zurück; hoffentlich iſt es noch nicht zu ſpät dazu! — Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen, ſtammelte der junge Mann todtenbleich. — Ich ſage, daß, wenn Gratienne ein Schreiben bei ſich trägt, ein Schreiben von Ihnen an die Herzogin, ſo find Sie alle Drei verloren! Rufen Sie alſo Gra⸗ tienne zurück, wenn es noch Zeit iſt, nehmen Sie ihr den Brief ab und verbrennen Sie ihn, wie Sie ſoeben den der Herzogin verbrannt haben— deſſen Rauch man noch riecht.„ — Ein neuer Fallſtrick, nicht wahr? murmelte Es⸗ perance, zwiſchen Mißtrauen und Furcht ſchwankend. Aber Leonora ſah ihn feſt an, ohne nur mit den Wimpern zu zucken. — Hören Sie mich, Speranza, ſprach ſie ernſt; der Dienſt, den ich Ihnen jetzt leiſte, iſt größer, als der Schaden, den ich Ihnen wider Willen zugefügt habe: Von Villejuif aus bin ich Gratienne's Sänfte Schritt — do— vor Schritt gefolgt, ich habe ſie hier ausſteigen, in Ihr Haus treten ſehen; es hing nur von mir ab, mich ihrer zu bemächtigen, ſie zu verhindern, bis zu Ihnen zu ge⸗ langen, oder die Botſchaft zu unterſchlagen, deren Ueber⸗ bringerin ſie war. Gratienne hat Sie ſoeben verlaſſen, unſere Agenten ſtehen draußen und lauern ihr auf; nicht hundert Schritte weit kann ſie mit Ihrem Briefe kom⸗ men, ohne angehalten zu werden. Wenn ich Ihre Fein⸗ din wäre, wie Sie es denken, ſo brauchte ich es nur ungehindert geſchehen zu laſſen, und Sie und noch eine andere Perſon ſind unrettbar verloren. Darum ſage ich Ihnen: Rufen Sie Gratienne ſchnell zurück, Speranza! Haben Sie mich nun verſtanden? Iſt das ein Fallſtrick? Esperance konnte Nichts darauf erwiedern. Das Argument war ſchlagend; er ſtand wie vernichtet und ſeine Haltung überzeugte Leonora beſſer, als Worte, daß er überzeugt war. — Nun, um ſo beſſer, fuhr ſie nach einiger Zeit fort, als ſie ihn unbeweglich ſtehen ſah; Sie haben nicht geſchrieben, deſto beſſer! er ich habe Ihnen noch mehr zu ſagen; führen Sie mich alſo in Ihr Kabinet, oder wenn Sie befürchten, daß ich dort ſpioniren will, fügte ſte bitter hinzu, ſo folgen Sie mir in den Garten; wie es Ihnen beliebt, denn hier auf der Treppenflur kann ich nicht ſprechen. Und mit den letzten Worten fing ſie bereits an, die Treppe wieder hinabzuſteigen; Esperance folgte ihr willen⸗ los, beſtürzt. — 55— Als ſie in den Garten gelangt waren, und der junge Mann unterwegs Zeit gehabt hatte, ſich wieder zu ſam⸗ meln und gegen einen etwaigen neuen Hinterhalt zu rüſten, blieb er ſtehen. — Ich höre, ſprach er, allerdings nicht ohne großes Erſtaunen über Ihren verdächtigen Schritt, aber ich höre. — Und niemals bedurfte es Ihrer ganzen Aufmerk⸗ ſamkeit mehr, verſetzte Leonora, als in dieſem Augenblick. Speranza, ſo ſehr Sie auch in Ihrem Herzen wünſchen mögen, mich auf einer falſchen Fährte zu ertappen, achten Sie wohl auf jedes meiner Worte. Bilden Sie ſich ein, eine Prophetin des Alterthums ſpräche zu Ihnen. — Daß Sie eine Prophetin ſind, wußte ich bereits, verſuchte Esperance zu ſcherzen, nur Ihr Alterthum war mir noch unbekannt. — Um Gotteswillen, ſcherzen Sie nicht, Speranza! Seit wir uns das letzte Mal geſehen, haben Ihre Feinde furchibens ungeheure Fortſchritte gemacht. Sie find an das Ziel ihres Ehrgeizes gelangt, und ſind nahe daran, das ihrer Rache zu erreichen. Mehr darf ich Ihnen für jetzt nicht entdecken, aber die nächſte Zukunft ſchon wird Sie über Das aufklären, was Ihnen heute noch dunkel iſt. Speranza, ſeit lange ſchon höre ich davon reden, daß Sie abreiſen würden, aber Sie reiſen immer noch nicht ab. Von mir aus überwache ich jede Ihrer Bewegungen; ich ſehe Ihre Unentſchloſſenheit, ich ſehe Sie jeden Tag Reiſeanſtalten treffen und wieder einſtellen, um weniger — 46— hellſehende Augen, als die meinigen, zu täuſchen. Jeder fernere Aufſchub iſt fortan gefährlich, unmöglich. Die Ereigniſſe drängen ihrer Entſcheidung zu. Ich beſchwöre Sie, Speranza, ſäumen Sie keinen Tag mehr, reiſen Sie! Sie hatte ſo feierlich geſprochen, mit ſolcher Hoheit und ſanfter Autorität, ihr Ton war ſo eindringend und zugleich ſo wohlwollend, ihre ganze Perſon athmete eine ſo wahre, oder ſo meiſterhaft erheuchelte Aufregung, daß der junge Mann zu tief gerührt ward, um es länger ver⸗ hehlen zu können. — Aber, Leonora, da Sie Alles wiſſen, ſprach er, ſo wiſſen Sie doch ohne Zweifel auch, daß ich morgen wirklich abreiſe. Uebrigens, welches Gefühl giebt Ihnen dieſen guten Rath ein, den Sie mir ertheilen? Dies, was ich bis jetzt von Ihnen erlebt, berechtigt mich, ſogar Ihren beſtgemeinten Rathſchlägen zu mißtrauen. — Das iſt wahr, erwiederte ſie mit dem unverkenn⸗ baren Ausdruck der Traurigkeit; aber vergeſſen ie meine Handlungen und achten Sie nur noch auf meine Worte. Erinnern Sie ſich, daß ich Sie geliebt habe... — Ei ſo gehen Sie! Die Heuchelei iſt eine Ihrer gefährlichſten Waffen. Je mehr Sie Ihre Treuloſigkeiten und Verräthereien in Honig hüllen, je weniger traue ich Ihnen.— Auch Henriette hat mich einſt geliebt; und was Leonora betrifft, ſo genügt mir zur Würdigung ihrer Liebe die Erinnerung an Das, was Ayoubani gethan. — — =— — Bei Gott, Speranza! knirrſchte die Italienerin wüthend, was Ayoubani gethan, war nicht gegen Sie gerichtet; Ayoubani arbeitete für ſich ſelbſt... gegen... doch warum ſollte ich Ihnen meine geheimſten Geheimniſſe vertrauen, Sie glauben mir ja doch nicht. Thränen funkelten in ihren Augen. — Nein! antwortete Esperance feſt und trocken. — Speranza! fuhr Leonora auf, die dieſe wohlver⸗ diente Verachtung wie ein Peitſchenſchlag traf, ich habe Ihnen ſoeben meine Treue und Ergebenheit bewieſen, indem ich Gratienne ungehindert zu Ihnen gelangen ließ, habe Ihnen bewieſen... — Nichts, gar Nichts haben Sie mir bewieſen, un⸗ terbrach ſie Esperance kalt. Wer ſteht mir dafür, daß es nicht in Ihren Plaͤn paßt, Abends acht Uhr die Groß⸗ müthige gegen mich zu ſpielen, um mich harmlos zu machen und mich dann deſto ſicherer um Mitternacht zu erwürgen? — Derfluchte, die ich bin! ſchrie Leonora, ihr Schnupftuch vor Wuth mit den Zähnen zerreißend. Nun denn, ich habe Dir ſoeben geſagt, daß Du abreiſen ſollſt; ich wiederhole es Dir, ich flehe, ich beſchwöre Dich darum! Jede Minute, die Du länger in dieſem Lande verweilſt, koſtet Dich ein Jahr Deines Lebens. Speranza! Du gleichſt jenen glänzenden, verwegenen Vögeln, die ihr Neſt an dem ſchönſten Schilfrohre aufhängen. Aber eines Tages zuckt plötzlich der Blitz aus den Wolken eer, die Fluth rauſcht und wogt, und reißt das — 4— ſchwankende Rohr mit in die Tiefe hinab. Geh', Spe⸗ ranza, fliehe, ohne hinter Dich zu blicken— das Ver⸗ derben lauert zu Deinen Füßen— ich kann, ich darf Dir nicht mehr ſagen. Gott ſei mein Zeuge, daß ich die Hälfte meines Blutes hingeben möchte, um Dich zu retten! — SIch verſtehe Ihre Anſpielungen, verſetzte Esperance mit verſtellter Ruhe; jenes vom Blitz und den Fluthen bedrohte Schilfrohr, das iſt die Herzogin, nicht wahr? — Ja! 3 — Was habe ich denn mit der Herzogin gemein? — Speranza, es wäre eine zu plumpe Maske, mir gegenüber leugnen zu wollen, welchen Theil Du an dieſer Frau nimmſt, mir, die ich iſt verloren, ſage ich Dir, und Nichts in der Welt kann ſie mehr retten. Fliehe ſie, wenn Du nicht mit in ihr Verderben hineingeriſſen ſein willſt. — Nichts kann ſie mehr retten, ſagen Sie? Ich hoffe aber doch, daß es noch möglich ſein den hin⸗ Es⸗ perance ſardoniſch; was ſie in's Verderben ſtürzen kann, das iſt ihr unglückſeliger Ehrgeiz, ihr Streben nach der Krone. Und wenn ſie nun dieſem ehrgeizigen Ziele ent⸗ ſagte, würde man ſie da retten können? — Ich geſtehe, daß dies ſogar das einzige Mittel iſt. — Ach, Du armer Dämon! rief Esperance trium⸗ phirend, Deine Liſt iſt entdeckt, alle Deine großen Worte verhüllten nur ein ſehr erbärmliches Geheimniß. Wenn. Du mich ſchreken willſt, mußt Du etwas Anderes aus⸗ — 49— findig machen. Jetzt wäre der paſſende Augenblick, Deine Pandoraſchachtel zu öffnen— wenn Du eine haſt! — Genug! murmelte Leonora düſter, Esperance heftig beim Arme erfaſſend; vielleicht habe ich ſogar ſchon zu viel geſagt. Du ſollſt fortan nur noch wenige Worte, gleichviel ob große oder kleine, aus meinem Munde hören, und ich bitte Gott inbrünſtig, daß er ſie zu Deinem ver⸗ ſtockten Herzen dringen laſſen möge.— Geh'! ſieh' Ga⸗ briele nie wieder! Fliehe ſo ſchnell wie ein Pfeil von dannen!— Aber Du bleibſt bei Deinem ungläubigen Lächeln, Dein Ohr iſt taub, Dein Herz iſt verſchloſſen! — So thue denn nach Deinem Willen, eile blind Dei⸗ nem Geſchick entgegen! Wenn aber die verhängnißvolle Stunde gekommen ſein wird, ſo erinnere Dich an Das, was ich Dir geſagt habe: Du haſt es gewollt! Falle, aber klage mich dann nicht an.— Lebe wohl! Nachdem ſie dieſe Worte geſprochen, hüllte ſich Leo⸗ nora verzweiflungsvoll in ihren Mantel und floh mit eiligen Schritten davon, Esperance, trotz ſeines unheil⸗ baren Mißtrauens, verlegen und beſtürzt ſtehen laſſend. — Daß Gabriele irgend eine Gefahr droht, ſprach er nach langem Nachdenken vor ſich hin, das iſt möglich. Wenn dieſe verſchworenen Teufel in mich dringen, zu fliehen, ſo iſt das ein Zeichen, daß meine Gegenwart ſie an der Ausführung ihrer ſchändlichen Pläne behindert, daß ich der Herzogin vielleicht Hülfe bringen könnte.— Im anderen Falle aber, wenn Leonora wirklich aufrichtig war, was ich aber nimmer glauben werde, wenn die Gabriele. X. 4 — 50— Gefahr für Gabriele in der That ſo groß wäre, daß ich ſie nicht zu retten vermöchte, dann wäre ich ein elender Feigling, ſte in der Gefahr zu verlaſſen, und nur auf meine Sicherheit zu denken.— Aber es iſt nicht ſo: die Indianerin ſtraft die Italienerin Lügen; die Eine ſagt ja, die Andere nein! Und was ſagt Esperance? Esperance wird morgen Abend in Fontainebleau ſein! 33 Pontis ſindet die erſehnte Gelegenheit. Der entſcheidende Tag war gekommen. Er verſtrich Es⸗ perance mit tödtlicher Langſamkeit; aber zu viele und zu wichtige Intereſſen ſtanden auf dem Spiele, als daß er die Unvorſichtigkeit begangen hätte, der von der Herzogin beſtimmten Stunde vorzugreifen. Gegen Mittag brach er von Paris auf, nachdem er noch einmal von allen trauten Räumen ſeines Hauſes Abſchied genommen, und ſeine betrübte Dienerſchaft mit reichen Geſchenken entlaſſen hatte. Nur ein vertrauter Diener blieb zur einſtweiligen Beaufſichtigung des Hau⸗ ſes zurück, da er feſt entſchloſſen war, ſogleich nach ſeiner Unterredung mit Gabriele wieder zu kommen, und den am Abend zuvor gefaßten Vorſatz in's Werk zu ſtellen; keine Spur ſeines Daſeins ſollte hinter ihm zurückbleiben. Er ahnte wohl, daß man ihn beobachten, ihm auf dem Fuße folgen würde, aber was war dagegen zu thun? Mit ſolchen Feinden, wie Leonora, wie Henriette, ward jede Liſt unmöglich. Keine Rückſicht mehr auf ſie nehmen, feſt und kühn ſeinem Ziele entgegen gehen, erſchien ihm 4* — 52— als das ſicherſte Mittel, die ausgeſchickten Späher zu Schandenzu machen. Esperance's Taktik beſtand in der Verſchmelzung zweier Projekte: Nur kurze Zeit in Fontainebleau ver⸗ weilen, ſich dort ſo gut wie möglich verbergen, und im Augenblicke, wo man ſeine Gegenwart vielleicht verrathen konnte, ſchon wieder verſchwunden ſein. Was die einzuſchlagende Straße betraf, ſo bedurfte es keiner weiteren Verſtellung; alle Welt konnte glauben, daß er nach Italien gehe; Fontainebleau lag ja am Wege dahin. Um ſieben Uhr war es völlig Nacht geworden; das Wetter war trübe, unfreundlich, kalt. Alle Einwohner des Städtchens waren jetzt in ihren Häuſern, bei ihrem Abendeſſen und wärmten ſich. Faſt aus allen Fenſtern flimmerten Lichter, und ſchon begann man hier und da die Hausthüren zu verſchließen. Esperance kannte jeden Fuß breit von Fontainebleau; da war kein Baum des Waldes, kein Winkel des Schloſſes, der ihm entgangen wäre. Wie oft war er als heiterer, glänzender Cavalier mit anderen heiteren Geſellen durch dieſe Gallerien, Säle und Corridors gewandelt, wie oft hatte er als privilegirter Jäger den Forſt in allen ſeinen Richtungen durchſtreift! Er wußte ſo genau, wie irgend Einer die Stunden der Mittags⸗ und Abendtafel, des Spiels, der Aſſembleen, und alle Gebräuche und Ge⸗ wohnheiten des königlichen Haushaltes. Ohne von irgend Jemand geſehen zu werden, ſchlich — 53— er ſich über den Küchenhof; das emſige Treiben der Dienerſchaft in der Officin, die Vorbereitungen zur Abendtafel, verſtatteten es ihm, bis an den Fuß der Wen⸗ deltreppe zu gelangen. An einem Fenſter des Erdgeſchoſſes unterſchied er Gratienne's unruhige und beſorgte, harrende Geſtalt. Schon ſeit einiger Zeit hatte die getreue Zofe hier auf der Lauer geſtanden; auch ſie hatte ihn bemerkt. Noch einmal ſpähete ſie rings umher, aber nichts Verdächtiges war zu entdecken, und ſo konnte ſie denn Esperance in vollkommener Sicherheit auf ihr Zimmerchen führen, um ihm dort noch die letzten Inſtructionen zu ertheilen. Der Augenblick war günſtig; ein feuchter, kalter Ne⸗ bel ſenkte ſich auf die ſchlecht erleuchteten Höfe herab. Zu jener Zeit befleißigte man ſich noch einer größeren Sparſamkeit, wie heut zu Tage; faſt drei Viertheile des großen weitläufigen Gebäudes waren dunkel und unbe⸗ wohnt; der König hatte alle ſeine Gäſte in einem einzigen Flügel des Schloſſes zuſammengepfercht, ſowohl um ſei⸗ ner Chatoulle Ausgaben, wie ſeiner nicht ſehr zahlreichen Dienerſchaft Arbeit zu erſparen. In ihrem Zimmer angelangt, verkündete Gratienne Csperance, daß ſie beauftragt ſei, ihm in die Zimmer der Herzogin zu geleiten, wo ſie ihn erwarte. Ein heftiger Schrecken durchzuckte den jungen Mann, er wollte Ein⸗ wendungen machen, wollte ſogleich wieder fort; aber Gratienne beſchwichtigte ihn mit der Verſicherung, daß Gabriele Alles reiflich erwogen und bedacht, und zu der „ — 54— Ueberzeugung gelangt ſei, kein Ort im ganzen Schloſſe ſei beſſer vor jeder Ueberraſchung verwahrt und dem⸗ nach ein geeigneteres Verſteck als ihre eigenen Zimmer, die kein Menſch, ſelbſt nicht der König, ohne ihr Vor⸗ wiſſen zu betreten wage. Zudem werde ſie, der Ver⸗ abredung gemäß, Müdigkeit, Unwohlſein vorſchützen, und den König um die Erlaubniß bitten laſſen, allein und aller Welt unzugänglich bleiben zu dürfen. Es konnte dies um ſo weniger Verdacht erregen, als ſte ſich in letz⸗ ter Zeit ſchon ſehr häufig von der geräuſchvollen Abend⸗ tafel zurückgezogen hatte, dies mithin heute dem König nichts Neues war. Esperance konnte keinen Weigerungsgrund mehr auf⸗ bringen; er zog daher den Hut tiefer über die Stirn und ließ ſich von Gratienne führen, weniger vor Furcht als vor ſüßer Aufregung bebend, die Heißgeliebte noch einmal wiederzuſehen. Während er ſeiner Führerin durch lange, dunkle Corridors, durch die weiten, öden Säle folgt, wollen wir es verſuchen, dem Leſer ein ſo deutliches Bild, als es eben mit Worten möglich iſt, von der Phyſiognomie des Schloſſes und ſeiner Bewohner zu entwerfen. Es hatte eben ſieben Uhr geſchlagen. Die äußeren Thüren waren größtentheils ſchon verſchloſſen. In den rieſtgen Kaminen loderten eben ſo rieſige Eichenklötze. Das Abendeſſen des Königs ſchmorte und dampfte an Spießen und in Caſerolen; die Tafel war gedeckt und erwartete die Gäſte. ——— —,— Die Jagd hatte faſt bis zum Dunkelwerden ge⸗ dauert, der König hatte ſich eben erſt ſeiner beſchmutzten Stiefel entledigt; er machte ſich ſchön, um ſo vortheilhaft wie möglich inmitten ſeiner Tiſchgenoſſen zu erſcheinen. Während die Kammerdiener ihn ankleideten, ſeine Haare und ſeinen Bart parfümirten, unterhielt er ſich mit Za⸗ met, der ehrerbietig an der Ecke des Kamins, dem Arm⸗ ſtuhle des Königs gegenüber, ſtand. — Es bleibt dabei, ſagte Heinrich, und was ich in Uebereinſtimmung mit der Herzogin beſchloſſen habe, wird den guten Pariſern ein nachahmungswürdiges Beiſpiel ſein; ſte werden ſehen, daß es an meinem Hofe auch noch gottesfürchtig und fromm zugeht. Die Frau Herzogin will die letzten Tage der heiligen Woche in Paris zu⸗ bringen; man wird ſie in der Kirche ihre Andacht ver⸗ richten ſehen. Es iſt gut, daß ſie öffentlich und zur Er⸗ bauung des Volkes die Frömmigkeit zeigt, die königlichen Perſonen geziemt, und ich hoffe, dies wird ihr vollends die Liebe und Achtung erwerben, die ihre Tugenden in ſo hohem Grade verdienen.— Zamet verbeugte ſich ſtumm; ſein ſcharfer, forſchen⸗ der Blick haftete auf dem Geſicht des Königs, als wollte er das darauf leſen, was ſeine Zunge nicht ausſprach. — Was mich betrifft, fuhr Heinrich fort, ſo laſtet noch eine Menge Arbeiten auf mir, die mich hier zuruck⸗ halten; ſobald ſie aber erledigt ſind, werde auch ich nach Paris kommen und die Frau Herzogin in Deinem Hauſe abholen. — 56— — In meinem Hauſe, Sire? — Jaz; ſie wird Dich um eine kurze Herberge bitten und es kann wohl ſein, daß ich daſſelbe thue. Dein Haus und Dein Garten ſind ja ein wahres Paradies. Du wohnſt beſſer wie ich, Gevatter Zamet. Verpflege mir alſo die Herzogin gut; ſie wird es Dir vergelten, wenn ſie Königin ſein wird. Sei es ein launiſches Spiel der Kaminflamme, ſei es eine ſchnell unterdruͤckte Aufregung, aber ein aufmerk⸗ ſamerer Beobachter, als Heinrich hätte ein flüchtiges Er⸗ bleichen auf dem Geſichte des Florentiners wahrnehmen können. — Es iſt mir eine große Ehre, Sire, ſprach er mit, eben ſo ſchnell wiederkehrendem Lächeln, und ich werde mein Möglichſtes thun. Indeß muß ich Ew. Majeſtät geſtehen, daß ich nur ſchlecht darauf vorbereitet bin, einen ſo hohen Gaſt geziemend zu bewirthen. — Ei was! rief der König lachend; wenn Deine Küche nicht im allerbeſten Stande iſt, ſo entſchuldigt das die Faſtenzeit. Einſtweilen wollen wir uns heute Abend noch einmal und zum letztenmale in dieſer Woche an einer guten Fleiſchkoſt erlaben. Ich habe Dispens vom heiligen Vater für eine Mahlzeit, und ich geſtehe Dir, daß mein Jägerappetit nicht eben bös darüber iſt.— La Varenne ſoll herein kommen. La Varenne erſchien, um noch einige beſondere Be⸗ fehle ſeines Herrn und Gabriele's zu empfangen, worauf die Flügelthüren des königlichen Kabinetts geöffnet wurden. — 57— Mehrere Herren des Hofes warteten im Nebenzim⸗ mer, und wurden nun vorgelaſſen. Unter den angeſehenen Cavalieren befand ſich auch der Graf von Auvergne, der dem Könige ſeinen Stiefvater, den Herrn von Entragues, vorſtellte. Es war dies die erſte officiele Einladung, welche die Entragues vom Hofe erhalten hatten, im vertrauteren Zirkel zu erſcheinen. Herr von Entragues ward vom Könige ſehr huldvoll auf⸗ genommen, trotz des feinen Lächelns, welches während der Unterhaltung auf des letzteren Lippen ſchwebte. — Aber, ich ſehe ja die Damen nicht? fragte der König plötzlich, ſich rings im Kreiſe umſehend. — Sire, beeilte ſich der Graf von Auvergne zu ant⸗ worten, die Damen hatten das Unglück, bei der Rück⸗ kunft von der Jagd in Bas⸗Bréau mit dem Wagen um⸗ zuwerfen und eine Achſe zu zerbrechen. Sie bitten Ew. Majeſtät um einige Stunden der Ruhe, um ſich von dem gehabten Schrecken wieder zu erholen. — Wir werden alſo nicht das Vergnügen haben, die Damen an der Tafel zu ſehen? rief Heinrich. — Ich fürchte ſehr, daß ihr Magen von dem Sturze eben ſo gelitten haben, wie das Uebrige, erwiederte der junge Mann lachend. — Das iſt ſchade, ſehr ſchade, ſagte der König ver⸗ drießlich, die Wege in dieſem Walde ſind abſcheulich, man bricht Hals und Beine darauf. Hoffen wir, daß meine Kaſſe hinreichend gefüllt ſein werde, um meine Forſten den Damen eben ſo wohnlich zu machen, wie meine Gärten; — 58— Rosny ſoll mir Sorge dafür tragen, die Straßen ſind ja ohnedies ſeine Leidenſchaft. Nun denn, Ihre Damen ſind entſchuldigt, Herr von Entragues, und ſo bleibt uns Nichts übrig, als auf ihre Geſundheit zu trinken. Und als er bemerkte, daß mehrere der Anweſenden ihn forſchend anblickten, als wollten ſie ſeine Gedanken errathen, oder als commentirten ſie ſeine Worte in eige⸗ ner Weiſe, ſetzte er ſchnell hinzu: — Zum Glücke wird die Gegenwart der Frau Her⸗ zogin von Beaufort uns entſchädigen. Aber er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, die eine Wolke über Vater Entragues Stirn breiteten, als Herr von Beringhen, der erſte Kammerdiener des Königs, ein⸗ trat und Sr. Majeſtät einige Worte ins Ohr flüſterte, worauf Heinrich's Züge ebenfalls ſchnell einen Ausdruck lebhafter Unzufriedenheit annahmen. — Das nenne ich Unglück! rief er. Im Augen⸗ blicke, da ich von der Frau Herzogin ſpreche und Sie auf deren Gegenwart vertröſte, meine Herren, läßt ſie mir ſagen, daß ſie von der Jagd ermüdet und unwohl ſei und nicht an der Tafel theilnehmen könne. Das iſt traurig, indeß, ihre Wünſche ſind mir Befehle. Gehen Sie, Beringhen, vermelden Sie ihr mein Beileid, ſo wie, daß ich nach dem Souper zu ihr kommen würde, um mich ſelbſt nach ihrem Befinden zu erkundigen. Die Mehrzahl der Anweſenden drängten ſich um den königlichen Boten und erſuchten ihn eifrig, die Frau Herzogin ihres ehrfurchtsvollſten Bedauerns zu verſichern. — 59— Heinrich war während dem an den Kamin getreten, um ungeſtört ſeinen Gedanken Audienz zu geben: — Das Märtyrerthum nimmt ſeinen Anfang. Es geſchieht mir ganz recht. Henriette will nicht mit Ga⸗ briele ſpeiſen, und Gabriele weigert ſich, mit Made⸗ moiſelle d'Entragues an einem Tiſche zu ſitzen, das iſt die ganze Sache. Die Letztere hat Unrecht, und ich werde ihr meine Meinung glatt herausſagen; ihr Be⸗ nehmen wird mir jetzt ein wenig zu anmaßend. Die Andere aber iſt in ihrem vollen Rechte. Arme, liebe Freundin! ich werde ſie beruhigen.— Wie ſoll ich aber Alles das ausgleichen? In dieſem Augenblicke erſchien der Oberküchenmeiſter mit einigen ſeiner Offizianten an der Thür: — Die Tafel iſt zu Sr. Majeſtät Befehl! rief er ceremoniös. 9 — Nun denn, zu Tiſche, meine Herren! ſprach der König, einen Seufzer unterdrückend. Die Hofcavaliere folgten, die Köpfe zuſammenſteckend und ſich allerhand Bemerkungen über das Ausbleiben der Damen zuflüſternd. Während die ganze Verſammlung hinter den Licht⸗ trägern her durch die lange Galerie zog, ſaß am äußer⸗ ſten Ende derſelben auf einer Bank neben der Thüre ein junger dienſthabender Gardiſt, die Muskete und den Kopf auf die Arme geſtützt, ſtumm, unbeweglich, wie eine Bildſäule. Er ſchlief ſo feſt, daß weder das Ge⸗ — 60— räuſch der vielen Schritte noch der helle Kerzenſchein ihn weckten. — Da iſt Einer, der einen geſunden Schlaf hat! ſprach der König heiter gelaunt. Ah— guten Abend, mein wackerer Crillon.— Iſt das einer von Deinen Gardiſten?. — Gott verzeih' mir— ja! rief der Ritter, der bei den erſten Worten des Königs raſch vorgetreten war, und eben im Begriffe ſtand, den faulen Schläfer, der ſo frech war gegen die Dienſtinſtruction ſo gröblich zu ſündigen, mit einem wüthenden Rippenſtoß zu wecken, woran ihn jedoch der König raſch verhinderte. Er winkte den voranleuchtenden Pagen herbei, nahm ihm den ſechsarmigen Leuchter aus der Hand und hielt ihn dem Gardiſten dicht vor das Geſicht. Jetzt endlich erwachte dieſer und zeigte das bleiche, beſtürzte, verdummte Geſicht des armen Pontis. Sein Dienſtvergehen inne werdend, fuhr er raſch empor, als ob er von einer Stahlfeder in die Höhe geſchnellt würde, und ſtand nun kerzengerade da. — Dies Geſicht iſt mir ſchon bekannt, ſprach der König lachend. Alle Anweſenden ſtimmten in das Gelächter ein, denn der Anblick war in der That ein komiſcher. Wie erdrückt von dem allgemeinen Spotte und der Schaam ließ aber der arme junge Mann den Kopf mit dem Ausdruck der ſchmerzlichſten Entmuthigung ſinken. — Es iſt der arme Pontis, Sire, flüſterte Crillon — 61— dem Könige zu; ich erkannte ihn ſelbſt nicht gleich, ſo mager und elend iſt er geworden. Ich bitte, ihm zu verzeihen, denn es iſt ſein erſtes Dienſtvergehen und die Schaam, darauf ertappt worden zu ſein, iſt ihm die här⸗ teſte Strafe. — Ja, ja, ſchlafe ruhig fort, mein Junge, antwor⸗ tete der König gütig; wir ſtehen ja nicht vor dem Feinde. — Wollte Gott, dies wäre der Fall! murmelte der Gardiſt mit einem ſchmerzlichen Ausdruck von Verzweif⸗ lung, der den König frappirte und ihm das tiefe Seelen⸗ leiden des Bedauernswerthen ahnen ließ. Nachdem das Gefolge vorübergezogen war, ward die Gallerie wieder dunkel und ſtill, wie vorher; nur durch die offene Thür fiel ein matter Wiederſchein der Tafel⸗ beleuchtung in dieſelbe. Pontis ließ den Arm mit der Muskete wieder ſinken und fiel ermattet auf die Bank zu⸗ rück, nicht achtend auf den köſtlichen Geruch der Spei⸗ ſen, der ehedem gewiß ſehr erregend auf ſeinen Appetit gewirkt haben würde. Der König nahm Platz, die Tafelgenoſſen folgten ſei⸗ nem Beiſpiele. Aber indem Heinrich ſeine Serviette entfaltete, fiel ihm ein Billet aus derſelben auf den Schooß, das er ſchnell ergriff. — Ohol rief er, die Stirn runzelnd; ein Billet, das einem Fürſten auf ſolche Weiſe zugeſtellt wird, verkündet ihm ſelten etwas Gutes. Sollte eine Verſchwörung gegen meinen guten Appetit im Werke ſein?— Laſſen Sie 6²— 4 ſich nicht ſtören, meine Herren; eſſen Sie.— Keine Un⸗ terſchrift? deſto ſchlimmer, dachte er. Er fing an zu leſen, und während des Leſens ver⸗ finſterten ſich ſeine Züge immer mehr und mehr; da er ſich indeß beobachtet wußte, that er ſich möglichſte Ge⸗ walt an, ſeine Aufregung zu verbergen. — Sire, lautete der Inhalt des Billets, eine ge⸗ wiſſe Dame, welche Sie dieſen Abend allein wähnen, hat ihre Einrichtung danach getroffen, in aller Stille und Heimlichkeit einen Beſuch bei ſich zu empfangen. Wenn Ew. Majeſtät dies Stelldichein nicht ſtören, ſo iſt das ein Zeichen allzu großer Geduld, wie allzu geringer Neu⸗ gierde. Dieſe wenigen Zeilen reichten hin, eine ganze Welt von Gedanken, Vermuthungen und Befürchtungen in des Königs Geiſt anzuregen. Das Billet ſpielt offenbar auf eine der Damen an, welche in Fontainebleau wohnten— dachte der König— entweder auf Gabriele oder Henriette. Jedenfalls befindet ſich an der Tafel ſelbſt irgend Jemand, der darum weiß, oder den Inhalt erräth, vielleicht gar der Schreiber ſelbſt, und beobachtet mich in dieſem Augenblicke. Alſo Vor⸗ ſicht!— Heinrich hielt das Papier ruhig an eine Kerze und ſprach lächend, indem es aufloderte: — Die Nachricht war angenehmer als ich vermu⸗ thete.— Speiſen wir! — 65— Er verſuchte auch zu eſſen; aber ſein Appetit war verſchwunden. Das Geräuſch des Feſtes und der erzwungene Vor⸗ ſatz, heiter zu erſcheinen, erzeugten eine nicht natürliche Aufregung in ihm, über deren Veranlaſſung ſich der Scharfblick einiger der Tafelgenoſſen jedoch nicht täuſchte. Da indeß die Mehrzahl daran gewöhnt war, den König in Geſellſchaft faſt immer heiterer Laune zu ſehen, ſo gelang es ihm dennoch ziemlich gut, den äußeren Schein zu retten. Deſto gewaltiger ſtürmte es aber in ſeinem Inneren. Ein raſcher Entſchluß mußte gefaßt werden. — Man will meine Eiferſucht rege machen, ſagte ſich Heinrich; man will mich verlocken, entweder zur Her⸗ zogin zu gehen, oder zu Mademoiſelle d'Entragues, um mich zu überzeugen, ob Beide allein geblieben find; eine dieſer beiden Nebenbuhlerinnen will der anderen einen ſchlimmen Streich ſpielen. Welche von Beiden aber? Und wer wird am Ende der Geſchlagene ſein?— Ich! — Welche Parthei ich auch ergreifen möge, werde ich der anderen immer zu lachen geben— vielleicht ſogar beiden! Während dem hatte Zamet, ſcheinbar im eifrigen⸗ ſpräche mit ſeinem Tiſchnachbar, den König aufmerkſa⸗ beobachtet. Aber das Beobachtungstalent des Florentiners zeigte ſich auch eines ſolchen Herren würdig; ſein raſcher, ſcharfer Blick wußte dem Heinrichs nur ſtets im günſtigen Moment zu begegnen. Dieſer zeigte ſich nicht weniger — 64— gewandt; während er ſich ſcheinbar um Alles bei Tafel bekümmerte, ſah er alle Anweſenden forſchend an und ſuchte auf jedem Geſicht irgend einen Zug, ein Lächeln, einen Blick zu erhaſchen, der ſeinen Verdacht auf eine richtige Spur bringen konnte. Die Abendtafel währte dem armen gequälten Fürſten viel zu lang; er entdeckte Nichts, und war endlich ge⸗ nöthigt, auf ſeinen erſten Gedanken zurückzukommen, näm⸗ lich daß er hier allein der Gefoppte ſei. Das Billet konnte nur von der einen, oder der anderen der beiden eifer⸗ füchtigen Damen herrühren, ſo viel war gewiß. Viel⸗ leicht war es ohne alle Bedeutung— vielleicht aber auch von ſo wichtiger, daß es der Mühe genauerer Nach⸗ forſchung lohnte. Heinrich fühlte die Gefahr, die jeder entſcheidende Schritt ihm bereiten konnte, ſo richtig, daß er beſchloß, ſich gänzlich paſſiv zu verhalten. Aber vergebens; ſein reizbarer, erfinderiſcher Geiſt, ſobald es ſich um die Beſiegung irgend einer Schwierig⸗ keit handelte, ließ im keine Ruhe; trotz ſeines Entſchluſſes, vermochte er es nicht über ſich, einen ſo verdächtigen Wink ganz unbeachtet zu laſſen. Er war es ſich ja ſelbſt ſchuldig, ſagte er ſich, wenigſtens den weſentlichen Theil des Geheimniſſes zu ergründen. Zwei Wege boten ſich ihm dazu dar; der eine war ziemlich leicht, der andere jedoch ſchwieriger, und beide konnten am Ende doch zu keinem Reſultate führen. Wenn er der Herzogin noch einen Beſuch abſtattete, wie er es vorher ausgeſprochen, ſo konnte das Niemand in Ver⸗ — — 65— wunderung ſetzen. Stattete er hingegen Henriette einen Beſuch ab, ſo würde alle Welt darüber reden, es gab einen Scandal, den Gabriele ihm niemals vergeben würde, und— wie geſagt— was konnte ihm der eine oder andere Beſuch nützen? Wenn ein Weib einmal Urſache hat, auf ſeiner Hut zu ſein, wenn der Forſcher ſich hüten muß, die mindeſte Eiferſucht zu zeigen, um nicht viel⸗ leicht eine Unſchuldige zu kränken, wenn die Wohlan⸗ ſtändigkeit, die Würde es verbieten, ein Verhör anzu⸗ ſtellen, die Thüren gewaltſam zu erbrechen, kann man da wohl Denjenigen finden, den dies Weib ſich einmal vorgenommen hat, Aller Blicke zu verbergen? Nein, nein — ein Beſuch konnte in keinem Falle zu einem Reſultate führen! Und dann— dies Billet, dieſe feige anonyme De⸗ nunciation, was bewies ſie denn im Grunde? Nichts. Wie oft war nicht ſchon Henriette, und ſelbſt Gabriele, bei ihm verleumdet worden? Hatte ſich bis jetzt auch uur eine dieſer Verleumdungen als begründet gezeigt? Und zumal ſeine ſanfte, edle Gabriele! Hatte er nicht jedes⸗ mal mit Beſchämung das Feld räumen müſſen? Giebt es nicht in jedem Königspalaſte Schlangen, welche ziſchen, wenn ſie nicht beißen können? Nein; wie ſo oft ſchon, hatte auch diesmal der De⸗ nunciant gelogen! Wenn er nun aber diesmal wirklich nicht gelogen hätte— wie dann? Man wird zugeben müſſen, daß die Löſung eines ſo kitzlichen Problems inmitten einer ge⸗ Gabriele. X. 5 — 66— räuſchvollen Tafelunterhaltung, an der man fortwährend Theil nehmen muß, keine leichte Aufgabe iſt. Indeß, der König war kein Lehrling mehr. Er hatte ſchon viel complicirtere Verhandlungen unter viel ſchwierigeren Um⸗ ſtänden zu einem glücklichen Ende geführt, und unter Karl IX., unter Katharina von Medicis eine gute Schule durchgemacht. Endlich, als man ſchon bis zum Deſſert gekommen war, verfiel Heinrich auf ein ſinnreiches Mittel. Er er⸗ innerte ſich, daß ihm Beringhen die den Entrague's an⸗ gewieſenen Zimmer am Ende eines Corridors bezeichnet hatte, der auch zu den Zimmern der Herzogin führte. In Folge dieſer Maßregel ſeines klugen Beringhen hatte er nicht einmal eine zufällige Begegnung in dieſem Cor⸗ ridor zu ſcheuen; er war ſehr lang, ſehr dunkel, und wurde höchſtens von der niederen Dienerſchaft betreten, da aus jeder der daranſtoßenden Wohnungen eine be⸗ ſondere Degagementstreppe nach dem Hauptveſtibule im Erdgeſchoſſe führte. Als vollendeter Taktiker erkannte Heinrich ſofort, daß von dort aus eine Ueberwachung eben ſo bequem, als ſicher ſei, ohne irgend Jemanden zu compromittiren. Es handelte ſich nur noch darum, einen geeigneten Wächter zu finden, und dieſe Wahl war nicht leicht. In Erwartung einer glücklichen Eingebung befeſtigte ſich Heinrich in ſeinem Entſchluſſe, auf alle Fälle jeden Aufſehen erregenden Schritt zu vermeiden, ja nicht ein⸗ mal Gabriele zu beſuchen, wie er es hätte thun können, — 67— ohne Furcht, ſich zu verrathen, da ja das Unwohlſein der Herzogin einen genügenden Vorwand gab, und er ſelbſt es vor Kurzem erſt erklärt hatte. Das Billet konnte mithin ja gar keinen Bezug darauf haben. Er nahm ſich ferner auch vor, gar nicht mehr von Mademoiſelle d'Entragues zu ſprechen, als ob er ſie und ihre vom Umſturze des Wagens zerſchlagenen Glieder ganz vergeſſen habe; dieſe ganzliche Neutralität mußte noth⸗ wendig alle Spione— wenn es deren an der Tafel gab und dieſe wirklich den Eindruck des Billets erſpäht hatten — vollkommen irre führen. Höchſt erfreut, auf dieſe Weiſe ſeine Würde und zu⸗ gleich die der Frau, die er heirathen wollte, ja ſogar ſeiner neuen Maitreſſe, ſicher geſtellt zu haben, richtete er alle ſeine Gedanken jetzt nur noch auf die Wahl eines paſſenden Vertrauten. Endlich war die Tafel aufgehoben; die Geſellſchaft ſtand noch plaudernd und den Aufbruch des Königs er⸗ wartend in einzelnen Gruppen; Heinrich hatte ſich auf Crillons Arm geſtützt und war eben im Begriff, dieſem treuen Freunde ſeine Verlegenheit mitzutheilen und ihm die Ausführung ſeines Planes anzuvertrauen, als ihm noch zur rechten Zeit einfiel, daß dies Werk unter der Würde eines ſolchen Mannes ſei, und nebſt dem mehr Geſchicklichkeit als Tapferkeit erheiſche. Crillon war ja zu gerade und hitzig und zu wenig verſchlagen; hier be⸗ durfte es zwar eines entſchloſſenen Herzens, eines feſten Armes, großer Geiſtesgegenwart, aber doch auch. zugleich — 68s— einer gewiſſen Argliſt, und vor allen Dingen, irgend einer unbekannten, geringeren Perſon. Man verließ den Speiſeſaal und ging in die Zimmer hinüber. Am Eingange der Gallerie ſiel des Königs Blick auf Pontis, der diesmal feſt aufgerichtet und hellen Auges auf ſeinem Poſten ſtand. — Ich habe meinen Mann gefunden! ſchoß es wie ein Blitz durch Heinrichs Kopf, als er an dem jungen Gardiſten vorbeiging. Er blieb ſtehen und ſprach zu ſeinem Gefolge ge⸗ wendet: ¹ — Wir werden noch ein Spielchen machen, meine Herren. Laſſen wir die ermüdeten und unpäßlichen Damen die Ruhe genießen, deren ſie bedürfen. Ich gebe das Ihnen zu Gehör, Graf von Auvergne. Sie werden Ihrer Mutter und Ihrer Schweſter meine Grüße und meine beſten Wünſche einer ruhigen Nacht überbringen. Guten Abend, Herr von Entragues. Auch unſerer viel⸗ geliebten Herzogin wünſche ich eine recht gute Nacht, da ſie morgen ſchon früh aufbrechen will, um in Paris ihre öſterliche Andacht zu verrichten;— nicht wahr, Gevatter Zamet? — Wiſſen Ew. Majeſtät vielleicht die Stunde? — Je nun, ich denke, jedenfalls wird ſie morgen Abend bei Dir ſein. — Dann bitte ich um Erlaubniß, noch heute Abend nach Paris zurückreiſen zu dürfen, Sire, um alle An⸗ ſtalten zu treffen, daß die Frau Herzogin ſich nicht all⸗ n — 69— zuſehr über meine beſcheidene Gaſtfreundſchaft zu beklagen habe. — Geh, Gevatter, geh, und ſtecke Dich nicht in zu große Unkoſten.— Sie aber, meine Herren, halten Sie immer Ihre Thaler in Bereitſchaft, denn ich ahne, daß ich heute Abend Glück haben werde, fügte er mit einem mehr melancholiſchen als ſcherzhaften Lächeln hinzu, denn er gedachte jenes bekannten Sprichwortes, daß Derjenige Glück im Spiele habe, der Unglück in der Liebe hat.— Aha! da iſt ja auch mein junger Gardiſt wieder munter, wie ein Eichkätzchen.— Gehen Sie immer voran, meine Herren, gehen Sie; ich will nur dem armen Jungen einige Worte des Troſtes über ſeinen Unfall ſagen— ich folge Ihnen alsbald. Als der Hofſtaat ſich entfernt hatte, trat der König an Pontis heran. Niemand war mehr in der Gallerie, als der Page mit dem Armleuchter, der aber wenigſtens zwanzig Schritte weit von den Beiden ſtand und demnach nicht horchen konnte. Zu größerer Vorſicht aber neigte ſich der König dicht an das Ohr des Gardiſten und flüſterte ihm Einiges zu, worauf deſſen Auge zwar etwas erſtaunt, aber zugleich dienſteifrig blitzte. — Verſtanden? ſagte Heinrich dann. — Vollkommen, Sire. — Und meinſt, daß es Dir gelingen werde? — Ich ſtehe dafür. — Wachſam wie ein Fuchs und ſtumm wie ein Fiſch! — 70— — Ohne Sorge, Sire. — Aber wenn man Widerſtand leiſtet, wenn man Dir entſchlüpft? Du ſcheinſt mir nicht der Kräftigſte? — Man traue nicht darauf; ich bin bei ſchlechter Laune, und da iſt nicht gut mit mir ſpaßen. — Sei aber vorſichtig. Hier iſt ein Schlüſſel, den Du nöthig brauchen wirſt. — Zu Befehl, Sire. Und nachdem der König einen kleinen Schlüſſel in Pontis Hand hatte gleiten laſſen, begab er ſich in ſein Spielzimmer. 4. Liebe. Sobald der geeignete Augenblick gekommen war, geleitete Gratienne Esperance in ein mit violettem, reichgeblümten Damaſt ausgeſchlagenes Kabinet. Die Meubles waren von Ebenholz mit Elfenbein ausgelegt, andere wieder von kunſtvoll ciſelirtem Silber, nach der italieniſchen Mode. In dem rothmarmornen, von weißen Cariatiden getragenen Kamine loderte ein helles Feuer und verbreitete eine an⸗ genehme Wärme. Eine goldene, mit reichen Sculpturen verzierte Lampe hing an drei langen Ketten vom gleichen Metall von der Decke herab. Sie war ein Geſchenk Karls V. an Franz I. Zwei Gemälde von Raphael und Leonardo da Vinci, unſterbliche Meiſterwerke von ungleich größerem Werthe als alle ſilbernen und goldenen Geräthſchaften im Zim⸗ mer, leuchteten von der Wand. Esperance warf nur einen flüchtigen, zerſtreuten Blick auf alle dieſe Wunder der Kunſt und Induſtrie; das, was ſeine Augen zu ſehen begehrten, war die holde Herrin derſelben. Sie war nicht da. Gratienne ſchlug auf ein kleines ſilbernes Glöckchen, und zog ſich zurück. Bald darauf vernahm der junge Mann mit wonnigem Erbeben eilige Schritte nahen, vernahm das Rauſchen eines ſeidenen Gewandes, der ſchwere Thürvorhang ward zur Seite geſchoben— Gabriele ſtand vor ihm, mit vor Freude bleichen Wangen, und in ihrem Auge, in ihrem ſanften, lieben Auge glänzte eine Thräne, köſtlicher als die köſtlichſte Perle des Orients. Sie breitete Esperance die Arme entgegen, ſie hielt ihn feſt an ihr Herz gepreßt, und lange Zeit hatten Beide weder die Kraft noch Luſt, nur ein einziges Wort zu ſprechen. Endlich aber drückte ſie den Freund ſanft von ſich, ergriff ihn bei beiden Händen und betrachtete mit weh⸗ müthigen Blicken die Verwüſtungen, welche der Kummer in dieſen ſo ſchönen Zügen angerichtet hatte. Er ließ ſie ſtill gewähren, er lächelte, er ſchwelgte ſtumm in der Wonne des Wiederſehns. Sie war die Erſte, welche das Schweigen unterbrach. — Vor allen Dingen, ſagte ſie, verbannen Sie alle Furcht und Zurückhaltung. Dieſer Ort, dem Anſcheine nach der gefährlichſte von allen, iſt in Wahrheit der einzige ſichere, denn er iſt der einzige, bis wohin unſere Späher nicht zu dringen vermögen. Dicht über uns iſt Gratienne's Zimmer. Niemand von meiner Dienerſchaft befindet ſich mehr in meiner Wohnung, denn ſie glaubt mich bereits zu Bett und iſt beim Abendeſſen. Nur ein Beſuch des Königs könnte noch zu befürchten ſein, allein er iſt ſelbſt noch bei Tafel und Gratienne ſteht auf der Lauer, um mir jede irgend verdächtige Bewegung von dorther ſogleich zu melden. Sollte alſo der König nach der Abendtafel noch hierher kommen wollen, wie er mir durch Beringhen hat ſagen laſſen, ſo würden Sie noch zehnmal die Zeit haben, über die kleine Treppe, die mit meinem Alkoven in Verbindung ſteht, in Gratienne's Zimmer hinauf und von da in Sicherheit zu gelangen. Zudem weiß ich, daß der König nach der Jagd ſtets lange bei Tafel zu ſitzen liebt. — Um ſo beſſer, ſagte Esperance, Gabriele's Hände an ſeine Lippen drückend; wenn er aufſtehen wird, werde ich wahrſcheinlich nicht mehr bei Ihnen ſein. — Ach, mein Freund! unterbrach ihn Gabriele, ich habe Ihnen ſo viel zu ſagen, daß die Zeit, ſo viel wir deren auch haben mögen, doch zu ſchnell verſtreichen wird! — Sie können mir Nichts zu ſagen haben, theure Gabriele, was wichtiger wäre, als was ich Ihnen zu entdecken habe, und hätten Sie mich nicht ſelbſt geſtern Abend zu dieſer Zuſammenkunft eingeladen, ich hätte Sie dieſen Morgen um eine Audienz bitten laſſen. — Ich hatte alſo Recht, als ich feſt daran glaubte, daß Sie nicht abreiſen würden, ohne mich noch einmal geſehen zu haben. Es wäre ein großes Verbrechen an meinem Herzen geweſen. — Ich will Sie nicht belügen, Gabriele. Vielleicht würde ich dennoch dieſes Verbrechen begangen haben, ohne 2,— die ſehr ernſten Warnungen, die ich geſtern erhalten habe. Ihre Feinde triumphiren, theure Freundin, ſie drohen nicht mehr, ſie bereiten ſich vor, einen entſcheidenden Streich zu führen. — Welche Feinde?— Welchen Triumph?— Was für Drohungen?— Was für einen Streich? fragte Gabriele mit einer ſieberhaften Luſtigkeit, die Esperance durch die Seele ſchnitt. — Wenn auch meine Mittheilung nur eine unbe⸗ ſtimmte iſt, ſagte er, muß ſie Sie nichtsdeſtoweniger über die Gefahren aufklären, die Sie umgeben. Ich ge⸗ ſtehe Ihnen, daß ich nichts Deutliches weiß, aber eben deshalb halte ich meinen Verdacht und meine Befürch⸗ tungen nur um ſo begründeter. — Nun denn, ſo hören Sie erſt mich, unterbrach ihn die Herzogin, und den jungen Mann auf einen Seſſel neben ſich niederziehend, der vor freudigem Schrecken über eine ſolche ſüße Vertraulichkeit, wie ſie ihm Gabriele bis jetzt noch nicht bewieſen, erbebte. Sie ſagen, Sie wiſſen Nichts, Sie können Nichts mit Beſtimmtheit angeben; deſto beſſer kann ich es. Ich weiß Alles und kann Ihnen Aufklärung über dieſen unbeſtimmten Verdacht geben, der Sie ſo ſehr peinigt. Ich zitterte, daß Sie nicht kommen möchten, Sie, ſo vorſichtig, ſo zartfühlend, der Sie weder ein König, noch ein Ritter ſind, und dennoch im kleinen Finger mehr Ehrenhaftigkeit und Ritterlichkeit beſitzen, als die geſammte gekrönte Ritterſchaft der Erde! — 75— Schweifen wir aber nicht vom Wege ab, Freund, denn er iſt lang; hören Sie alſo. Esperance lauſchte mit geſpannter Erwartung jedem ihrer Worte. — Die Feindin, welche Sie erſchreckt, fuhr Gabriele fort, ihr Geſicht ihm zugeneigt, ihre Augen in die ſeinigen tauchend, ſeine Hand in die ihre nehmend und die an⸗ dere auf ſeine Schulter legend, um jedem ihrer Worte Nachdruck zu geben, dieſe furchtbare Feindin iſt Made⸗ moiſelle Henriette d'Entragues, nicht wahr? Sie bedroht meine Zukunft, ſie hat Abſichten auf den König, ſie nähert ſich ihrem Ziele mit kühnen Schritten— das war es, was Sie mir ſagen wollten? — Nun— allerdings, und ich beſchwöre Sie, Her⸗ zogin, dieſe Feindin nicht ſo gering zu achten; wie ich ſie kenne, iſt ihre jetzige Kühnheit mir ein untrügliches Anzeichen, daß ſie ſich ihrem Ziele nahe weiß. Gabriele lächelte verächtlich. — Sie hat es erreicht, ſprach ſie. Seit drei Tagen, oder richtiger ſeit drei Nächten, hat der König ſie mit einem Beſuche beehrt und ſie hat ihn mit ihrer Gunſt beglückt. Sie haben ſich Beide alle Ehre erwieſen, ich verſichere Sie deſſen.— Sie erbeben? Sehen Sie mich an; ich lache aus Mitleid. Ja, die Ehre war eine gegenſeitige und das Geſchäft iſt in aller Rechtlichkeit abgeſchloſſen worden. Der Eine hat gut gekauft, die Andere hat gut verkauft. Was kann es bei ſolchem Handel Beſſeres geben? Der König hat die ſpröde — 76— Tugend der Mademoiſelle d'Entragues mit hunderttauſend Thalern und einem Eheverſprechen erkauft. Das iſt faſt umſonſt.— So lachen Sie doch, mein Freund, lachen Sie, wie ich! Esperance war bleich vor Zorn geworden und wollte auffahren. — Ich habe Sully das Geld aufzählen ſehen, fuhr Gabriele mit gerötheten Wangen fort, man hatte mich hinter einen Fenſtervorhang, gerade dem Könige gegen⸗ über, verborgen, und ich konnte das Schauſpiel alſo vollkommen genießen. Oh— es war der Muͤhe werth! — Der Miniſter hatte die mit dem Schweiße vieler Tauſende erpreßte Summe in lauter ſchöne harte Thaler umgewechſelt, der arme Finanzmann, und um das Herz ſeines Herrn und Gebieters durch deren Anblick zu rühren, war er auf den ſinnreichen Gedanken gekommen, den ganzen Fußboden des Zimmers damit zu bedecken— wobei er freilich auch ſelbſt einigen Schweiß vergoß. Es war ein ungeheurer Haufen, man hätte meinen mögen, es ſei eine Million. Der König kam, der Miniſter zeigte ihm das ſilberglänzende Parquet und erbat ſich eine gnädige Quittung über die Summe.— Das iſt eine theuer bezahlte Nacht! murmelte der König. Ja, das hat er geſagt.— Oh! welches auch die Qual eines armen, um ſein ganzes Lebensglück betrogenen Weibes iſt, ſo findet es doch in ſolchem Augenblicke Troſt in dem Gedanken, daß es ſich hat erobern laſſen, daß es ſich niemals verkauft hat!— — Gabriele, ſprach endlich Esperance, dies Geld, es iſt Nichts.— Aber das Eheverſprechen.— Sie haben mir Nichts weiter darüber geſagt, und doch iſt das der weſentlichſte Punkt. — Wozu auch? Was kann das uns kümmern? — Doch!— Andere Rechte treten den Ihrigen gegenüber auf.— — Gehen Sie doch, Freund!— Handelt es ſich denn jetzt noch um meine Rechte?— Meinen Sie etwa, ich werde noch auf dem beſtehen, was eine Henriette d'Entragues ein Recht hat zu beanſpruchen? — Aber Ihr Sohn— — Genug davon, Esperance, ich beſchwöre Sie. — Nein, Gabriele, man ſoll nicht ſagen, daß ich, der ich Sie mehr liebe als mein Leben, miichſelbſt auf⸗ geopfert habe, um dieſer Henriette d'Entragues einen Triumph zu verſchaffen, wo es nur eines einzigen Wortes von mir bedarf, um ſie zu ſtürzen. Keinen Zorn mehr gegen dies elende Geſchöpf, meine Gabriele; Sie würden ihr damit zu viel Ehre erzeigen; ſie ſoll untergehen, ſchimpflich untergehen, wie das giftige Gewürm, das es gewagt hat, bis zur edlen Blume hinanzukriechen, um ſie zu beſudeln, und das der Sturmwind ſchon nahe dem Ziele wegweht, das des Wanderers Fuß zertritt. Ein einziges Wort von mir an den König, nur drei Zeilen einer ihm wohlbekannten Handſchrift vorgelegt, und das Königthum dieſer Henriette d'Entragues erliſcht, bevor es noch zu glänzen begonnen. Der Schritt iſt ein — 8— ſchwerer, er kann vielleicht gefährlich werden, aber den⸗ noch ſoll er morgen geſchehen. — Man möchte wahrhaftig meinen, Sie beſtrebten ſich mich zu tröſten, Esperance, erwiederte Gabriele mit dem Ausdrucke beleidigter Würde. Achten Sie mich denn wirklich ſo gering, um an meinen Zorn zu glauben? Mit dem Könige ſprechen! Henriette d'Entragues ſein Eheverſprechen ſtreitig machen! ſie bekämpfen, um mich in meiner Stellung zu erhalten! Nein, mein Freund, das wäre es, was allenfalls eine Entragues thun würde, nicht aber ich.— Ihr Geld, ſie hat es verdient; das Eheverſprechen hat ſie ſich erkauft; laſſen wir ihr alles das, mein Esperance, und ſtatt an meine verlorene Würde, an meine zerbrochene Krone zu denken, ſtatt mir die Hülfsmittel herzurühmen, die Ihnen noch übrig bleiben, um mich zur Königin zu erheben, ſtatt uns mit einem Worte die Lippen und den Geiſt durch die Erwähnung aller dieſer ſchmuzigen Intriguen zu beſudeln, mein edles, treues Herz, ſprechen wir lieber von unſeren Gelübden, von unſerer Liebe, von den ſchweren Prüfungen, die ſie zu beſtehen gehabt, erholen wir uns von ſo vielen Nichts⸗ würdigkeiten, indem wir uns die Hände zum ewigen Bunde reichen und uns zärtlich zulächeln. Ja mehr als das, mein Esperance, laß uns über unſere einfältigen Gewiſſensſcrupel, über unſere thörigte Delicateſſe lachen. Ja, während Du mich liebteſt und dennoch entſchloſſen warſt abzureiſen, Dich mit blutendem Herzen von mir zu trennen— Oh nicht wahr! Dein Herz würde geblutet haben?— um mich rein und fleckenlos einem Herrn und Gemahl zu hinterlaſſen, während ich Dich aus Ehrfurcht für geſchworene Treue, aus Dankbarkeit, aus Freund⸗ ſchaft, mit einem Worte wegen Allem, was es Edles und Großes in der Welt giebt, vor Liebe hinſterben ließ und ſelbſt langſam hinſtarb, haben dieſe Leute, um derenwillen wir Beide unſere Herzen, unſer Blut opferten, in feiger Verborgenheit ihren ſchmachvollen Handel geſchloſſen. Die Eine verkauft ihre Perſon, der Andere eine lügenhafte Unterſchrift. Und Du, Unſinniger! Du ſtürzeſt Dich in einen Flammenabgrund, um dem Kön ge einen Verdacht zu erſparen, Du wählteſt Verbannung und Tod, um meinen Sohn legitim werden zu laſſen, den dieſer König ſo eben durch einen einzigen Federzug für immer zu einem elenden, beſchimpften Baſtard gemacht hat? Denn wenn ich heute ſterbe, wird Mademoiſelle d'Entragues morgen meine Erbſchaft beanſpruchen; Du würdeſt gezwungen ſein, ſie Königin zu nennen! Nein, nein, Du höchſtes Kleinod meines Lebens! Du mein Heißgeliebter! Laß uns lachen über unſeren tugendhaften Heldenmuth, die Flamme unſerer Verachtung verzehre die letzte Erinnerung an dieſe Erbärmlichkeiten, wie das Feuer dieſes Kuſſes, mit dem ich meine Seele in die Deinige hauche, auch die letzte Spur dieſer falſchen Großmuth vertilgen ſoll! Esperance ſah Gabriele wie ſtarr und betäubt an. Nie hätte er ſie ſo vielen Stolzes, ſolcher Leidenſchaft⸗ lichkeit für fähig gehalten. Sie hielt ihn feſt mit ihren Armen umſchlungen und ſchien ihn mit ihren Blicken, — 30— ihrem Athem mit ihren brennenden Lippen verzehren zu wollen. — Freundin, flüſterte er, hingeriſſen von dieſer unwiderſtehlichen Liebesgewalt, Freundin, ſehen Sie ſich vor! Wenn Alles das, was Sie mir ſo eben geſagt haben, Ihnen nur durch einen gerechten Unwillen über erlittene Schmach eingegeben worden wäre, wenn dieſer Liebeswahnſinn nichts anderes wäre, als tiefe Empörung, wenn die Glut, mit der Sie mich verzehren, nur die des Zornes wäre— hüten Sie ſich!— ſie würde nur zu ſchnell wieder verlöſchen, und morgen ſchon würden Sie ſich derſelben nur mit Schamröthe erinnern, würden Sie mir meine Schwäche, mit der auch ich mich davon hin⸗ reißen ließ, vorwerfen. Ach, Gabriele! laſſen Sie mich Sie anbeten und ſterben. Morgen ſchon würde ich viel⸗ leicht Ihnen fluchend ſterben! — Esperance! rief ſie mit einer Begeiſterung, welche ihrer Schönheit das Gepräge einer überirdiſchen Majeſtät verlieh, Esperance! ich bin Dein glückbringender Engel, ich bin die Belohnung, die Dir für Dein ganzes ver⸗ lorenes Leben vom Himmel geſandt iſt— ſiehſt Du das nicht, fühlſt Du, begreifſt Du das nicht? Ich habe mit Dir gewetteifert an Tugend, an Grauſamkeit gegen uns ſelbſt, ich habe mit dieſen kleinen Händen Dein Herz zermalmt, ſtatt es, der ganzen Welt zum Trotz, mit dem meinigen zu verſchmelzen, da es mir doch von Gott ſelbſt peſchieden worden iſt, da er es war, der Dich mir auf ſo wunderbare Weiſe zuführte. Ich war feig und erbärmlich, — 81— denn ich habe Dich mißbraucht, ſtatt mich an Dich zu feſſeln, wie die Sklavin an ihrem Herrn! Biſt Du von Erz, von kaltem Marmor, o mein Geliebter, wie jene alten Götterbilder der Jugend und Schönheit, denen Du gleichſt? Und unſere Thränen, unſere Seufzer, unſere keuſche Enthaltſamkeit, unſere ewig nur von neuen Opfern, neuen Qualen genährte Leidenſchaft, hältſt Du ſie für ſo wenig, daß der Preis Dir ein unverdienter ſcheint? Nun denn, ſo muß ich Dir ſagen, ich, Esperance, daß Du mich nicht liebſt, daß Du mich verkennſt, mißachteſt, daß Du meine glühende Liebe mit kalter Verachtung von Dir ſtößeſt! Ja, Du Geliebter meiner Seele, ſo lange ich Dir nur ſchweigend zuhörte, ſo lange ich mich erniedrigend Deinem heldenmüthigen Bedenken beugte, das ja nur mir allein zu Gute ging, ja, ſo lange und bis heute war ich Deiner Liebe noch nicht würdig! Heute aber erhebe ich mich wieder, heute will ich mir nichts mehr von meiner königlichen Würde vorreden laſſen, heute gebiete ich ſogar der Mutterſtimme in mir Stillſchweigen — heute will ich nichts Anderes mehr ſein, als Deine Geliebte— und für's ganze Leben nur noch Deine Geliebte! Vergieb mir, o vergieb mir! daß ich nur einen einzigen Augenblick wähnen konnte, meine Pflicht erheiſche es, eine ſolche aufopfernde Treue und Hingebung wie die Deinige mit Füßen zu treten! Und wenn ich Dir meine Arme öffne, wenn ich Dir zurufe: Esperance! ich liebe Dich innig, unbeſchreiblich! Esperance ich bete Dich an! Esperance, Du biſt die Glut, die in meinen Adern rollt, Gabriele. X. 6 — 82— Du biſt der Athem meines Lebens, ich fühle Nichts mehr in mir, das nicht Dir angehört, und da Du mir Dein Daſein nicht widmen, nicht für mich und mit mir leben willſt, da Du vom Sterben ſprichſt, ſo gieb mir wenigſtens das Recht, mit Dir zu ſterben! Er wollte einige Worte flüſtern, er wollte all ſein Denken und Fühlen in einen Dank gegen Gott ſammeln, der es verſtattete, daß armen ſterblichen Geſchöpfen ſchon hienieden eine ſolche Seligkeit zu Theil werden könne, aber Bitten oder Weigerung, jeder Gedanke ward von ihren Küſſen erſtickt, von ihren Thränen erlöſcht. Er fühlte ſich wie von einer Wolke über die irdiſche Sinnen⸗ welt erhoben, und auf einige Augenblicke ſchwebten dieſe beiden von der Liebe entkörperten Seelen zum Himmel empor. — Sei geſegnet! lispelte Esperance, Dein Herz iſt beſſer als das meine; ja, Du biſt der Engel meines Glückes! Ach! warum ward ihren Seelen nicht die Gnade verliehen, in dieſem Augenblick wirklich von dieſer Erde zu ſcheiden? Warum mußten ſie Beide verurtheilt ſein, wieder in dies irdiſche Leben herabzuſteigen? Was kann deſſen ſtaubige Heerſtraße denjenigen noch bieten, die be⸗ reits die Wonne der Seligen gekoſtet haben? Esperance war es, der zuerſt von dem Gedanken an die eiſerne Nothwendigkeit aus der Vergeſſenheit alles Irdiſchen geweckt ward, nnd dieſer herbe Gedanke beugte ſeine Stirn; ſchon bereuete er, dem allmächtigen Triebe ₰— —,— 83 ſeines Herzens gehorcht zu haben; er verſank in ſchwei⸗ gendes Sinnen; die kalte, nüchterne Vernunft hing ſich wie ein Bleigewicht an ſeine Seele und zog ſie nieder in's elende Leben herab. Er ſprang auf und ſchritt, wie von namenloſer Angſt getrieben, im Zimmer auf und ab. Aber Gabriele, eben ſo ſtrahlend von Glück, eben ſo heiter als ſie vorher melancholiſch geweſen war, ſtand vor ihm und umarmte ihn mit einem Engelslächeln. — Und nun, ſprach ſie, warum Dich noch betrüben? Warum nur noch denken? Lohnt es denn noch der. Mühe? Sollteſt Du wohl gar noch der Marquiſe von Monceaur, der Herzogin von Beaufort gedenken? Sie find nicht mehr, ſie ſind geſtorben, und fortan bin ich nur noch Deine Gabriele, Dein Weib! — Mein Weib! rief Esperance, dem Wahnſinne nahe. — Du wirſt, Du kannſt nicht denken, fuhr ſie fort, daß ich fortan noch irgend etwas Anderes ſein könne— jede andere Verheirathung iſt nun eine Unmöglichkeit geworden— mein Körper kann fortan keinem Anderen mehr gehören, nachdem Du meine Seele als Dein Eigen⸗ thum hingenommen haſt, ich biete Dir Trotz, es mir ferner noch anzurathen! So iſt es mir endlich denn gelungen, ſo bin ich denn endlich glücklich: ich bin frei! Esperance gehört mir, die Welt gehört uns!—— Man hörte Gratienne im nebengelegenen Zimmer laut an irgend ein Geräth ſtoßen— dies war das verabredete Zeichen, wenn ſie ihrer Gebieterin eine Nachricht mit⸗ zutheilen habe. 6* — 84— Die beiden Liebenden fuhren horchend auf; aber ſelbſt die Ankündigung eines plötzlichen Ueberfalls ihrer Feinde würde ſie in dieſem Augenblicke nicht mehr er⸗ ſchreckt haben. Gratienne erſchien an der Thüre. — Der König iſt ſoeben von der Tafel aufgeſtan⸗ den, meldete ſie; aber ſtatt hierher zu kommen, iſt er in ſeine Zimmer gegangen, um mit den Cavalieren zu ſpielen. Alles iſt ruhig. — Gott ſei Dank! rief Gabriele, ſo haben wir vollkommen Zeit, uns Alles zu ſagen, was wir noch auf dem Herzen haben. Dieſer Abend gehört uns, rein und ungetrübt. Gott ſelbſt hat alle Wolken fortgeweht, die uns bedroheten; für uns iſt der Himmel rein und hell. Sind wir glücklich, mein Geliebter? — Leiſer, leiſer! Der Klang Deiner Stimme dünkt mir ein herausfordernder Hohn, ſo lange wir noch in dieſen Räumen ſind, ſo lange uns noch dieſe Umgebung an eine ſchmerzliche Vergangenheit erinnert. Und doch, wenn ich Dich höre, empfinde ich jene unausſprechliche Wonne, wie man ſie bei der Verwirklichung eines ſchönen Traumes empfindet— ja, ſo eben noch träumte ich nur von Dir, und nun beſitze ich Dich! — uUnd für ewig. Du wirſt mir mein Glück nicht mehr ſtreitig machen? — Cher ſterben. Dich verlieren, als ich Dich noch nicht kannte, wie ich Dich jetzt kenne, das war ſchon mehr, als meine Kräfte zu ertragen vermochten; aber — 85— Dich jetzt verlieren— unmöglich! Befürchte Nichts, Du mein Leben! Du wirſt mich nicht mehr von Pflicht, von Ehre ſprechen hören, ich werde Dich nicht mehr auffordern, Dich zu opfern. Jetzt biſt Du mein Eigen⸗ thum, und ich werde Dich gegen die ganze Welt ver⸗ theidigen! — So hätteſt Du an jenem Abende in Bougival zu mir ſprechen müſſen, mein Esperance. Wie viel glückliche Tage haben wir ſeitdem verloren! — Andere erwarten uns dafür, Tage eines reineren, wohl erworbenen, unbeſtreitbaren Glückes. Der König hat Dir durch ſeine Treuloſigkeit die Freiheit wieder ge⸗ geben; bedenke, meine Gabriele, daß Du nicht länger an dieſem verdammten Hofe leben kannſt, wo tauſend Fall⸗ ſtricke unter Deinen angebeteten Füßchen lauern. — Siehſt Du das auch ein? — Wiſſen wir denn Alles, was dieſe Teufel noch ausbrüten, was ſie ſchon in's Werk geſtellt haben, um Dich zu verderben? Können wir es auch nur ahnen? Um ſie zu errathen, müßten wir eben ſo ſchwarze Seelen haben, wie ſie. Beſorgt kam ich hierher, um Dich zu benachrichtigen, zu warnen, und jetzt ſtehe ich zitternd, rathlos da; Nichts vermag mich zu beruhigen. Ich be⸗ greife jetzt nicht, wie es mir möglich war, mit dieſer Angſt im Herzen zu leben. Furcht und Entſetzen erfaſſen mich.— Einen Kuß, meine Gabriele, um mich zu über⸗ zeugen, daß dieſe Ungeheuer Dich noch nicht in ein körper⸗ loſes Geſpenſt, ein Schattenbild verwandelt haben! — 86— — Das müßte erſt ſeit ganz Kurzem ſein, ſprach ſie mit bezauberndem Lächeln, ihn innig an die Bruſt ſchlie⸗ ßend. Aber Du haſt Recht, mein Geliebter, auch ich fürchte mich jetzt, ich kann es Dir nicht verbergen; Dein Muth, der Gedanke an Dich war es, der mich aufrecht erhielt, und nun hat mich Deine Furcht angeſteckt. Eine innere geheimnißvolle Stimme ſagte mir, daß jemehr Du Dich von mir zu entfernen ſchienſt, unſere Vereinigung um ſo näher ſei. Das iſt ſo wahr, daß ich Deine Reiſe⸗ anſtalten ohne Schrecken, ja ſogar mit einer Art von Wohlbehagen beobachtete. Ich meinte, ich würde Dich mit leichter Mühe zurückrufen können, wenn es Zeit wäre, daß es mir gelingen werde, Dich für mich und ganz für mich zu gewinnen Und nun, da ich Dich feſt in meinen Armen halte, jetzt ergreift mich Bangigkeit, Dich zu verlieren. Du ſiehſt, daß Gott ſelbſt meinem erſten Gefühle recht gegeben, darum laß uns Sorge tra⸗ gen, daß dies Letztere zur Lüge werde; wir ſind vereint, und wir dürfen uns nicht mehr trennen. Ja, Esperance, dieſe Elenden werden mich tödten, wenn Du mich nicht von hier wegführſt! — Sprich nur ein Wort: Wann? wie? Sprich, ich bin bereit zu Allem! — Von meiner Seite iſt bereits Alles vorbereitet. Der Inſtinct der Liebe hat bei mir die Stelle der Po⸗ litik vertreten. Ich bin mit dem Könige übereingekommen, daß ich die zweite Hälfte der Charwoche in Paris zu⸗ bringen werde, in Zamet's Hauſe. — 87— — Bei Zamet? rief Esperance erbleichend. Um des Himmels Willen nicht! Das iſt ein Vipernneſt; gehe nicht dahin, meine Gabriele. — Ich weiß es ſo gut wie Du, Geliebter; ja, ich weiß, daß dieſer Zamet mit den Entragues einverſtanden iſt, daß er tief und unergründlich iſt, wie das Meer. Aber Zamet's Haus liegt dicht hinter dem Deinigen, und dieſe Nachbarſchaft hat mich über alle anderen Beſorg⸗ niſſe hinwegſehen laſſen. Dich in meiner Nähe haben, das würde mich antreiben, mich in eine Feuersbrunſt zu ſtürzen, wie Du es gethan haſt, nur von mir wegzu⸗ kommen— Du Böſer, Lieber! — Gehe nicht zu Zamet; ich beſchwöre Dich darum, flehte Esperance, mit Schaudern an die Prophezeihung der Italienerin denkend. — Es iſt einmal beſtimmt und läßt ſich nun nicht mehr ändern. Morgen früh breche ich von hier auf. — Alſo unwiderruflich? rief Esperance verzweif⸗ lungsvoll. — Du erſchreckſt mich!— Wohlan, was die Her⸗ zogin angeordnet, kann Gabriele wieder aufheben. Haſt Du einen Plan? — Hundert werde ich ausfindig machen, um Dich nicht in das Haus dieſes heimtückiſchen Florentiners gehen zu laſſen! — Du weißt alſo etwas Näheres? fragte Gabriele mit einem leichten Beben der Stimme. — 88— — Ich weiß nichts Beſtimmtes, aber mein Herz ſagt es mir, wenn Du dieſes Haus betrittſt, ſo verläßt Du es nicht mehr lebend. Schaudernd ſchmiegte ſich Gabriele an die Bruſt des jungen Mannes. .— Sterben! flüſterte ſte, jetzt ſterben! Nein, nein, ich will nicht ſterben! — Auf welche Art gedenkſt Du die Reiſe von hier nach Paris zurückzulegen? Unter Bedeckung der Garden? — Nein, allein; aber die Spione lauern von allen Seiten, und dem Könige kann es beikommen, mir eine Bedeckung mitzugeben. Wir dürfen auf keine Freiheit rechnen, bis ich in Paris ſein werde. Zudem ſoll ich die Seine zu Schiff hinabgehen und meine Sänfte erſt in Port⸗de⸗Bercy finden. — Das iſt mir genug! rief Esperance, plötzlich wie von einem glücklichen Gedanken ergriffen. Suche Deine Abreiſe, die Fahrt ſelbſt ſo in die Länge zu ziehen, daß Du erſt mit Einbruch der Nacht in Port⸗de⸗Bercy anlangſt. — Das wird nicht ſchwer ſein. — Du nimmſt Gratienne mit Dir? — Immer. — Gut. Wenn Du von Port⸗de⸗Bercy aufßbrichſt, muß es dunkel ſein. Ich kenne die Gegend ganz genau; etwa zweihundert Schritte vom Orte iſt ein kleines Ge⸗ hölz, rechts vom Wege; dort laſſe die Sänfte unter irgend einem Vorwande anhalten, und während Gratienne — 89— den Führer und die Diener beſchäftigt, ſchlüpfft Du heraus. Ich werde mit guten Pferden da ſein. — Wohl. Und Gratienne wird in der Sänfte bleiben und thun, als ob ich noch bei ihr wäre, und allein die Reiſe fortſetzen. Aber bei Zamet angelangt? — Dort ſagt ſie, Du hätteſt unterwegs noch einen Beſuch in der Stadt gemacht, — Bei meiner Tante, Frau von Sourdis, zum Beiſpiel? — Gleichviel wo— und würdeſt erſt ſehr ſpät heimkehren. Während dem werden wir bereits einen großen Vorſprung gewonnen haben. Ich habe zwei Pferde, die im Stande ſind, zwölf Lieues in einem Ritte zurückzu⸗ legen.—— Aber, Dein Sohn? — Ach! wohl habe ich daran gedacht, ſprach Ga⸗ briele traurig; ich wollte ihn mitnehmen.— Aber habe ich das Recht, ihn ſeinem Vater zu rauben? Der König liebt das Kind ſo ſehr. Beide neigten betrübt das Haupt; Beiden entſchlüpfte zu gleicher Zeit ein ſchmerzlicher Seufzer. — Ich weiß recht wohl, fuhr ſie dann fort, daß ich ein Verbrechen begehe, wenn ich mein Kind verlaſſe. — Ziehſt Du es vor, lieber am Hofe zu bleiben, und von Mörderhänden zu ſterben, Gabriele? Du denkſt an Deinen Sohn, und mich haſt Du ſchon vergeſſen? — Wohlan, rief die Herzogin, Esperance's Hand feſt erfaſſend, wenn es denn ſein muß, lieber eine Ver⸗ brecherin, als eine Feigherzige: ich bin Dein!— Ich — 90— hätte das früher bedenken ſollen, ehe ich Dein Geſchick an das meine kettete; jetzt iſt es zu ſpät. Wenn der König gerecht iſt, wird er mir bald mein Kind zurück⸗ geben. — Sei unbeſorgt, meine Gabriele; Mademoiſelle d'Entragues wird ſchon die Sorge über ſich nehmen, dies Kind von dem Könige zu entfernen und es Dir wieder zukommen zu laſſen, damit es ihn nicht zu ſehr an die Mutter erinnere. Alſo, kein Zögern mehr, Alles iſt feſt beſchloſſen? — Unwiderruflich. — Der morgende Abend wird uns auf ewig vereint ſehen, oder auf ewig getrennt— denn Eines muß ich Dir vorherſagen: wenn man uns verfolgen, uns einholen ſollte, ſo werde ich mich vertheidigen! Sich aber gegen einen König vertheidigen, das heißt den Tod doppelt herausfordern. — Wir werden uns vertheidigen, mein Esperance, ſprach die Herzogin ruhig, und ich werde an Deiner Seite bis zum letzten Athemzuge kämpfen, und, wenn Du unterliegen ſollteſt, mir ſelbſt den Tod geben. Beſſer vereinigt untergehen, als getrennt im Gefängniß ſchmachten. — Wenn dem ſo iſt, antwortete Esperance, gerührt von dieſer Feſtigkeit und Ruhe, ſo ſoll uns Nichts mehr zurückhalten, und wir werden alle Hinderniſſe überwinden. Die Nächte ſind jetzt noch lang. Bevor noch irgend Jemand daran gedacht haben wird, uns zu verfolgen, werden wir in Dieppe anlangen. Um uns bis dorthin — 91— einzuholen, müßte der König innerhalb der erſten vier Stunden nach unſerer Flucht Befehle geben, uns zu verfolgen; er kann ſie aber möglicher Weiſe erſt zwanzig Stunden nachher erfahren, und dann ſind wir ſchon nicht mehr in Frankreich. — Gott möge Dich erhören! — Er wird uns erhören, geliebte Freundin; er ſieht die Reinheit unſerer Herzen, er weiß, wie aufrichtig und beharrlich wir gegen unſere Liebe angekämpft haben, und daß ſie unüberwindlich iſt. — Ja, Esperance, der Himmel weiß es, daß Du mein ganzer Ehrgeiz, mein einziges Glück biſt. — Und er hört den Schwur, den ich hiermit leiſte, rief Esperance begeiſtert, Dich zu lieben, ſo lange mein Herz ſchlagen wird, ſo lange ein Athemzug über meine Lippen gehen wird, ſo lange ein Blutstropfen in meinen Adern rinnen wird! — Auch ich weihe Dir mein ganzes Leben! rief Gabriele, ihren Arm um Esperance's Hals ſchlingend, und ihn ſo liebevoll anblickend, daß Beiden zugleich die Thränen in die Augen traten und ſich auf ihren Wangen in dem feierlichen Kuſſe vereinigten, mit dem ſie ihr Gelübde beſiegelten. — Aber da find wir ja ganz traurig geworden, Ge⸗ liebte, ſagte endlich der junge Mann; iſt das nicht un⸗ dankbar von zwei Herzen, die ihrem Glücke ſo nahe ſind? — 92— — Und meinſt Du denn wirklich, daß es Traurig⸗ keit ſei, was jetzt mein Herz erfüllt und ſo ſtürmiſch klopfen macht?— Weint man nicht zuweilen auch vor Freude und Seligkeit? Und giebt es denn ein Mittel, dieſen ſüßen Thränen Einhalt zu gebieten?— Ach! gehe nicht von mir, ſchließe mich feſt in Deine Arme! — Morgen, Geliebte, morgen wird Nichts mehr unſer Glück unterbrechen. Heute aber— vergieb mir, Gabriele, daß ich ſelbſt es bin, der Dich daran erinnert, daß die Zeit Flügel hat. Wir müſſen ſcheiden. — Scheiden!— Du willſſt fort? rief ſie mit einem ſo ſchmerzlichen Ausdruck, daß Esperance ſeine ganze Standhaftigkeit aufbieten mußte, um der holden Ver⸗ lockung zu widerſtehen. — Es muß ſein! ſprach er, mit einem Verſuche, ſich ihren Armen ſanft zu entwinden. — Nein, nein! Bleib'!— Nur hier, nur bei mir biſt Du ſicher! — Der König kann nach dem Spiele noch hierher kommen. Ich würde mich der Gefahr ausſetzen, mich verbergen zu müſſen, entdeckt zu werden. Ich würde dieſe ganze Nacht verſäumen, die ich nothwendig brauche, um alle Anſtalten zu unſerem Vorhaben zu treffen. — O, mein Gott! ſprach Gabriele träumeriſch, niedergeſchlagen, hatte ich doch gar nicht mehr daran gedacht, daß Du mich noch ein Mal verlaſſen müßteſt. Welche finſtere, ſchauerliche Nacht! — 93— — Um ſo ſicherer wird ſie mich Aller Blicken ver⸗ bergen. — Wie der Sturm heult! — Um ſo weniger wird man meine Schritte hören. Faſſe Dich, meine Heißgeliebte; ſammle Deinen Geiſt.— Befiehl Gratienne, mich wieder aus dem Schloſſe zu geleiten.— — Um des Himmels Willen nicht! rief das junge Mädchen, das Alles gehört hatte. So leicht es mir auch ward, Sie hereinzuführen, ſo ſchwierig, ja unmöglich würde es ſein, Sie ohne Verdacht wieder hinauszubringen. Nehmen Sie den Schlüſſel der Frau Herzogin, er öffnet alle Thüren des Schloſſes; nur der König hat einen gleichen. Mit dieſem Schlüſſel bedürfen Sie Niemandes Hülfe, was ſehr wichtig iſt, denn es iſt ſchon ſpät. — Hörſt Du, Gabriele? Es iſt ſchon ſpät. Auf morgen alſo! — Und dann für ewig vereint!— Aber nein, nein, Esperance! rief ſie, ihn von neuem umſchlingend; gehe nicht, bleibe dieſe Nacht in Gratienne's Zimmer, und ich werde dieſe hier bei mir behalten; morgen früh dann, mit Tagesanbruch.— — Ich beſchwöre Sie, Madame, unterbrach Gratienne die Herrogin ängſtlich, laſſen Sie ihn fort; am Tage würde man ihn unfehlbar erkennen! — Gratienne hat Recht, Geliebte; laß mich fort. — 94— — Nun denn, ſo ſei es— geh'!— Aber ſo, wie Du hier biſt, kannſt Du nicht fort; wenn irgend Jemand Dich ſähe, trotz der Dunkelheit könnte man Dich an Deinen Kleidern, Deiner Geſtalt erkennen— was be⸗ ginnen? — Madame hat ganz Recht, ſagte Gratienne, und ich bin bereits darauf bedacht geweſen. Laſſen Sie Ihren Federhut und Ihren reichgeſtickten Mantel hier; ich habe einen einfachen Hut und den großen Regenmantel des Hausintendanten der Herzogin heimlich auf die Seite zu ſchaffen gewußt— das wird Sie unkenntlich machen. — Ganz vortrefflich! Und wenn man ihn ja ſehen ſollte, ſo wird man ihn höͤchſtens für einen meiner Leute halten. — uUnd iſt er denn nicht der Ihrige? ſprach Gra⸗ tienne lächelnd, die für dieſes Wort von beiden Liebenden zugleich umarmt ward. Schon hatte ſie dem jungen Manne den Mantel um⸗ gehangen und den Hut aufgeſetzt, der in der That dadurch unkenntlich war. Gabriele fand jetzt keinen Vorwand mehr, Esperance noch länger zurückzuhalten; es mußte geſchieden ſein! Sie brach in verzweiflungsvolles Schluchzen aus, das ſelbſt die Küſſe des Geliebten kaum zu ſtillen vermochten. — Faſſung, theure Freundin! Faſſung! Morgen ſehen wir uns ja wieder! tröſtete Esperance. — Morgen alſo— morgen!— morgen! ſeufzte — 95— Gabriele, jedes Wort mit einem Kuſſe begleitend. Und welchen Weg wird er einſchlagen, Gratienne? — Ganz einfach über den langen Corridor und die große Treppe hinab. Je weniger Umwege er macht, je unverdächtiger wird ſein Fortgehen ſein und je ſicherer wieder hinausgelangen. 3 — Sie hat Recht; welches Hinderniß ſollte mir auch aufſtoßen? Ich ſehe keines, das wahrſcheinlich wäre. — Auch ich nicht, ſagte Gratienne. — Ja, ja, Gratienne hat Recht, flüſterte Gabriele. — So leb' denn wohl! Auf morgen! Noch ein Mal hielten ſich die Liebenden umſchlungen. Gratienne, beharrlich wie ein treues Hündchen, zerrte Esperance der Thüre zu; Gabriele finkt kraftlos auf einen Seſſel. Plötzlich rafft ſte ſich wieder auf, eilt ihm nach und erfaßt ihn noch einmal. — Und Du liebſt mich, nicht wahr? ruft ſte. — Muß ich Dir darauf erſt noch antworten? Sie nähert ihre Lippen Esperance's Ohr. — Sage mir noch ein Mal, daß Du glücklich von mir gehſt! lispelte ſie. — So glücklich, daß es mir iſt, als hätte ich Nichts mehr in dieſem Leben zu erwarten! — Doch, doch!— Meine Liebe! — Um Gotteswillen! gehen Sie, gehen Sie! rief Gratienne, Esperance zur Thür hinausdrängend, und — 96— dann ſchnell zu ihrer Gebieterin zurückeilend, um die Beſinnungsloſe in ihren Armen aufzufangen. Der Corridor war dunkel; ringsum herrſchte tiefe Stille. Esperance zog den Schlüſſel Gabriele's hervor, drehte ihn leiſe und vorſichtig im Schloſſe herum, öffnete langſam, lauſchte dann noch ein Mal aufmerkſam und ſchritt dann raſch in die Dunkelheit hinaus. 5. Das Weinſpalier des Orangeriehauſes. Schon hatte Esperance den langen Corridor durchſchritten und begann die Treppe hinabzuſteigen, als es ihm ſchien, als ob er hinter ſich Tritte vernähme. Er wendete ſich um und ſah, trotz der Dunkelheit, die Umriſſe einer menſchlichen Geſtalt ſich an einem Fenſter abzeichnen, durch welches nicht ſowohl Helligkeit eindrang, denn in einer Nacht, wie dieſe, war das unmöglich, ſondern nur eine etwas weniger ſchwarze Dunkelheit. Esperance blieb unbeweglich ſtehen, um zu lauſchen; er bemerkte, daß die Schattengeſtalt ſich vom Fenſter ab⸗ löſte und ſich nach ſeiner Seite hin zu bewegen ſchien. Eine heftige Unruhe ergriff ihn, er ſprang ſo ſchnell, als die Finſterniß es ihm verſtattete, die Treppe hinab, ver⸗ nahm aber bald die Tritte eines Menſchen auf den oberſten Stufen. — Sollte man mich wirklich verfolgen? dachte er. Da er indeß Fontainebleau und alle ſeine viel⸗ fachen Gänge, Treppen und Ausgänge ſehr genau kannte, ſo hoffte er, dem Späher, wenn es wirklich ein ſolcher war, mit leichter Mühe entſchlüpfen zu können. Er Gabriele. X. 7 — 98— beſchleunigte alſo ſeine Schritte und lenkte in einen an⸗ deren Corridor ein, der nach dem Orangeriepavillon führte. Aber ein feſter, raſcher und ſchallender Tritt auf den Steintafeln des Corridors zeigte ihm an, daß man aller⸗ dings ſeine Spur verfolge. Esperance überlegte einen Augenblick, ob es nicht vielleicht das Gerathenſte ſei, einen noch kürzeren Weg einzuſchlagen, die nächſte beſte Ausgangsthür zu er⸗ reichen, und wenn man ihn auch noch draußen zu ver⸗ folgen wage, geradezu mit dem Feinde anzubinden. Er wußte, daß ihm, einmal in's Freie gelangt, ein einzelner Gegner kaum gefährlich ſein könne, und daß es wenigſtens vor der Hand nur einer war, davon hatte ihn ſein ſcharfes Gehör überzeugt. Er beflügelte alſo ſeinen Lauf noch mehr, nach der Thüre zu, die von der Orangerie nach dem Prinzenhof führt. Zu ſeinem Schrecken gewahrt er aber, daß das Gitter geſchloſſen iſt und dahinter, im Hofe, ein Peleton Soldaten um ein Feuer ſitzen, das der feine Sprühregen nicht recht zu hellem Brennen kom⸗ men ließ. — Wozu ein Waffenpoſten hier? fragte er ſich. Das iſt doch ſonſt nicht der Fall. Aber ich brauche ja nicht durchaus über den Prinzenhof zu gehen; es giebt noch viele Ausgänge. Verſuchen wir es, den Spion vielleicht auf falſche Fährte zu bringen. In der That war ſeine Lage kritiſch; längeres Ver⸗ weilen hier war gefährlich, er konnte hier zwiſchen dem verſchloſſenen Gitter und dem Spione, deſſen Tritte er — — 99— ſchon die Treppe herabkommen hörte, wie in einer Mauſe⸗ falle gefangen werden. Er kehrte raſch um, drückte ſich dicht in den Winkel eines Mauervorſprungs und hielt den Athem an ſich, um ſeinen Verfolger an ſich vorbeizulaſſen und vielleicht etwas von ſeiner Perſönlichkeit zu erſpähen. Seine Erwartung ward auch nicht getäuſcht. Der Mann kam laufend herbei und kaum drei Schritte von Esperance vorüber. Dieſer fühlte ſich einen Augenblick verſucht, ſich über ihn zu werfen und ihn niederzuſtoßen; aber wenn er einen einzigen Schrei ausſtieß, ſo hörten es die Soldaten im Prinzenhofe, und ein ſolcher Gewalt⸗ ſtreich im Hauſe des Königs hätte alle dieſe theueren Intereſſen rettungslos gefährdet, die er durch eine ge⸗ ſchickte Flucht beſſer zu vertheidigen glaubte. Bei dem ſchwachen Scheine des Wachtfeuers im Hofe konnte Esperance einige allgemeine Umriſſe der Geſtalt ſeines Verfolgers unterſcheiden. Es ſchien eine nicht große, hagere Geſtalt von ſchlaffer Haltung zu ſein; das Laufen ſchien ihn etwas anzuſtrengen und Esperance hörte ihn ſchnaufen und keuchen, wie einen Hund, der einen flüch⸗ tigen Hirſch ſchon eine Stunde lang verfolgt hat. Als der Spion weit genug entfernt war, ſprang Es⸗ perance, von einem neuen Gedanken ergriffen, raſch aus ſeinem Winkel hervor und lief wieder zurück, während Jener noch am verſchloſſenen Gitter ſtand und ſich fragte, wie und auf welche Weiſe ſeine Beute ihm entſchlüpft ſein könne. — 100— Die Treppe wieder hinaufſpringen, den Schlüſſel hervorziehen, den ihm Gabriele gegeben hatte, eine links gelegene Thür aufſchließen, hineinſchlüpfen, war für den jungen Mann das Werk eines Augenblicks. Er be⸗ fand ſich in einem langen, mit allerhand Geräthen und Baugerüſten angefüllten Gange, demſelben, aus dem Heinrich IV. die ſpäter ſo berühmte Hirſchgallerie ſchuf. Esperance ſchließt die Thüre ſorgfältig wieder hinter ſich zu, und lacht im Stillen über den geprellten Ver⸗ folger. Er wußte, daß am anderen Ende dieſes Ganges eine kleine Treppe war, die in den ovalen Hof hinab⸗ führte, und einmal dort, konnte er jeder Verfolgung ſpotten. Er ſchöpfte Athem. Plötzlich aber hört er eine Hand ſuchend an der Thür herumtappen und fühlen. Kein Zweifel, der Spion hat die Thür gefunden, er iſt ihm auf der Ferſe, er will herein. Ja, aber öffnen! Da— ein Schlüſſel wird in das Schloß geſteckt— er dreht ſich— er ſchließt! Ein kalter Schweiß bedeckt Esperance's Stirn: der Verfolger hat ebenfalls einen Schlüſſel! Dieſer Schlüſſel, der alle Thuͤren im Schloſſe von Fontainebleau öffnet, Gabriele hat ihm geſagt, daß außer ihr nur noch der König einen beſitze— es iſt alſo der König ſelbſt, der Esperance verfolgt, oder doch verfolgen läßt! Er hat alſo Verdacht geſchöpft, Gabriele's Ge⸗ heimniß iſt alſo in Gefahr! Ein jeder Widerſtand iſt demnach fernerhin unmöglich, es bleibt Nichts übrig, als — 101— die Flucht, und zwar eine ſo ſchnelle Flucht, daß ein Feind ihn in wenigen Minuten ſchon nicht mehr ein⸗ holen könne. Esperance ſetzt alſo ſeinen Lauf fort und verſchwin⸗ det durch die entgegengeſetzte Thür. Aber auch im ovalen Hofe ſtehen Schildwachen. Keinen Zweifel mehr, alle Ausgänge ſind beſetzt, es iſt ein Complott! Der auf Esperance's Ferſen losgelaſſene Mann ſpielt nur die Rolle des Treibers, der das Wild in’s Netz und der Kugel des Jägers entgegenſcheucht. Und doch ſcheint es nicht, als ob der König beab⸗ ſichtige, Esperance tödten zu laſſen, denn ein einzelner Mann hätte dazu nicht ausgereicht. Augenſcheinlich— man wollte ihn nur fangen, ihn erkennen— und dann war Gabriele unrettbar verloren.—— Bei dem bloßen Gedanken fühlte Esperance alles Blut in ſeinen Adern ſtocken. 3 Was thun? Immer fort aus einem Corridor in den anderen, Treppe ab⸗ und Treppe auflaufen, Thüren auf⸗ und hinter ſich wieder zuſchließen, die der Verfolger eben⸗ falls zu öffnen verſteht? Lief Esperance da nicht Gefahr, plötzlich einem zweiten Spione gegenüber zu ſtehen, zum Kampfe genöthigt zu ſein, den er eben vermeiden will, um nicht das Uebel ärger zu machen? Dieſes Aeußerſte zu ergreifen, dazu wird immer noch Zeit ſein, wenn die Umſtände es unvermeidlich machen. Er läuft, er ſucht noch immer einen Ausgang, oder doch einen bedeutenden Vorſprung zu gewinnen, und ſchon iſt es ihm gelungen, ſchon hat er den Spion weit hinter ſich gelaſſen. Er bleibt ſtehen, er horcht, er lauſcht— nein, die verhängnißvollen Tritte laſſen ſich nicht mehr hinter ihm vernehmen. Goit ſei Dank! Esperance iſt wieder in jenen, ſpäter die Hirſchgallerie genannten Gang gekommen und bleibt wiederum ſtehen, um etwas Kräfte zu ſammeln— vielleicht auf derſelben Stelle, wo fünfzig Jahre ſpäter Monaldeschi unter den von Chriſtiane von Schweden ausgeſandten Mördern fallen ſollte. Da hört er ein mühſames Athmen, vielmehr ein Keuchen, dicht in ſeiner Nähe; kein Zweifel, der Mann iſt da, dicht auf Esperance's Ferſen, er ſucht nach ihm in der Dunkelheit. Wie hat er ihm ohne Geräuſch ſo nahe folgen können? Er kommt immer näher, ohne daß man das Mindeſte hört; ſchon fühlt er ſeinen warmen Athem. — Ich errathe, ſagt ſich Esperance; der Spion, un⸗ geduldig darüber, mich immer durch ſeine Tritte von ſeiner Verfolgung zu benachrichtigen, hat ſeine Schuhe oder Stiefeln ausgezogen und läuft auf bloßen Strümpfen; ſo konnte er meiner Spur folgen, ohne daß ich ihn hörte. Das ſcheint mir ein gefährlicher Schurke zu ſein. Alſo kein Erbarmen mehr, oder ich bin verloren. Da ſtreckt ſich eine taſtende Hand aus, bei deren Be⸗ rührung der junge Mann zuſammenzuckt. Er beant⸗ wortet die Berührung mit einem ſo kräftigen Fauſtſchlage, daß der Feind zehn Schritte weit zurücktaumelt und dann — 103— erſt zu Boden ſtürzt, und da halbe Maßregeln hier ganz am unrechten Orte ſind, ſo reißt Esperance eines der Fenſter auf und ſpringt durch daſſelbe auf die weiche Erde des Orangeriegartens hinab. Kaum aber hat er ſich wieder emporgerafft, als er dicht hinter ſich einen Schall, wie von einer ſchwer nie⸗ derfallenden Maſſe, und einen halb unterdrückten Fluch hört. Kein Zweifel mehr, der Spion iſt ebenfalls durchs Fenſter herabgeſprungen; ja, noch mehr, Esperance ſieht durch den Nebel eine Degenklinge blitzen. Der Fauſt⸗ ſtoß hat alſo ſeine Wirkung hervorgebracht: man geht von der Defenſive zur Offenſive über; die Verfolgung wird ſich in einen Kampf verwandeln. In der That, der erſchöpfte, keuchende, durch die er⸗ littene Niederlage und die Anſtrengung erbitterte Unbe⸗ kannte iſt entſchloſſen, von den Waffen Gebrauch zu machen. Wehe dem, der ſich bei ſolcher Gelegenheit vom An⸗ dern zuvorkommen läßt! Der Sieg gehört dann in der Regel dem, der den erſten Streich führt. Augenblicklich hat Esperance einen neuen Plan ent⸗ worfen: Kaum zwanzig Schritte von ihm ragt eine mit Weinſpalieren bedeckte Mauer empor, von der ihm Ga⸗ briele ſo manchesmal Trauben geſchickt hat. Er wird die Mauer von Latte zu Latte, wie auf einer Leiter, er⸗ klettern, er erreicht eine Fenſteröffnung, die hinüber in den Fontainenhof geht, und einmal dort, iſt er frei. Um dies zu bewerkſtelligen, muß aber vor allen — 104— Dingen erſt der hartnäckigen Verfolgung ſeines Feindes ein Ende gemacht werden; der ſeltſame Spürhund hat ihn nach und nach in Wuth verſetzt So oft ſein unbe⸗ ſchuhter Fuß auf dem vom Regen aufgeweichten Boden ausgleitet, knurrt und knirſcht er in erſchreckender Weiſe. Der mindeſte Fehltritt von Esperance's Seite giebt ihn der Degenſpitze des nach ſeinem Blute lüſternen Verfolgers preis; er fühlt, daß der entſcheidende Augenblick gekom⸗ men iſt. Er nimmt einen kleinen Umweg nach der Mauer, um den Spion noch mehr zu vermeiden; im Laufen hef⸗ telt er ſeinen Mantel ab. An der Biegung einer Allee macht er plötzlich einen raſchen Seitenſprung; der Andere kann ſich nicht erhalten und ſchießt an ihm vorbei. Ge⸗ lenkig, wie ein Tiger, ſpringt Gabriele's Geliebter auf ihn los, im Augenblicke, wo jener ſich umwenden und ihn in veränderter Richtung verfolgen will; er rennt ihn nieder, wirft ihm ſeinen Mantel über den Kopf, wickelt ihn zehnmal hinein, und zerbricht ihm ſelbſt unter den Falten des feuchten Stoffes den Degen, den er nicht losgelaſſen hatte. Esperance vervollſtändigt ſeinen Sieg durch einige kräftige Fußtritte, die dem erſtickenden Feinde ein dumpfes Brüllen entlocken, und als er genug gethan zu haben glaubt, um ihm wenigſtens auf einige Zeit die Luſt an der ferneren Verfolgung zu verleiten, läuft er wieder in gerader Richtung auf die Mauer los und beginnt die Spalierlatten ſo ſchnell wie möglich zu erklimmen. Aber der Andere, ſchäumend vor Wuth, Schaam und Schmerz, ſucht ſich mit dem ihm in der Hand ge⸗ bliebenen Stück Klinge von ſeiner Hülle zu befreien, in⸗ dem er ſie nach allen Richtungen in Fetzen haut und reißt; es gelingt ihm, ſich auf die Knie emporzurichten, die Arme frei zu bekommen, aber noch kann er Nichts ſehen, die Wuth hat ihn wie geblendet; da hört er die Latten des Spaliers unter dem Gewichte Esperance's knacken, und erräth daraus, daß dieſer auf dem Punkte iſt, ihm zu entrinnen. Er will ſich aufraffen, fällt aber, in die Fetzen des Mantels verwickelt, wieder nieder; jetzt endlich ſieht er den Flüchtling ſchon ziemlich hoch oben; noch zwei Latten und er hat die Fenſteröffnung erreicht — ſchon legt er eine Hand auf den Rand— er wird entkommen— — Salt!l oder ich ſchieße! will er ſchreien, aber ſeine vertrocknete Kehle bringt nur unartikulirte Laute hervor, ſeine Wuth geht in Raſerei über, er reißt das Piſtol aus dem Gürtel, legt den Hahn auf das Rad, zielt auf gut Glück— der Schuß kracht, und beim Blitzen des Pulvers iſt die Mauer auf einen Augenblick hell erleuchtet. Der Flüchtling hält inne, ſeine Hand läßt das Spalier los, ſein Körper ſinkt in ſich zuſammen, und wie ein getroffener Vogel von Aſt zu Aſt ſtürzt, ſo ſtürzt er von Latte zu Latte auf den Boden herab; wie ein Falke auf ſeine Beute, ſo ſchießt der Verfolger auf ihn los und murmelt in wilder Freude: — Sambiour! jetzt endlich werde ich erfahren, wer Du biſt! — 106— Er beugt ſich über den Verwundeten, er richtet ſeinen Oberkörper auf und ſucht mit gierigen Blicken ſeine bleichen Züge zu erkennen.— Plötzlich aber wird ſein eigenes Auge ſtier, ſein Haar ſträubt ſich empor, ſeine Hand erſtarrt zu Eis in dem warmen Blute. — Pontis, flüſtert eine ſchwache Stimme, wie ein Hauch, Du, Pontis, haſt mich getödtet? — Esperance! ſchreit der ungluͤckliche Gardiſt auf und taumelt faſt wahnſinnig vor Entſetzen zurück. — Du— mein Mörder? — O, mein Gott! mein Gott!— ich habe Es⸗ perance getödtet!— O, mein Gott!— ich habe meinen beſten Freund gemordet!— O, mein Gott und Herr! — Esperance! mein Esperance! Pontis iſt auf die Knie geſunken, er zerwindet ſich die Hände, er rauft ſich die Haare und ein verzweiflungs⸗ volles Stöhnen ringt ſich aus ſeiner Bruſt. — Du hatteſt mich alſo nicht erkannt? — Und er fragt noch!— er beſchuldigt mich, ich hätte ihn tödten wollen— ich, der ich ihn mehr liebte, wie mein Leben! jammert der arme junge Menſch. — Aber— hatte der König Dir nicht befohlen— — Einen Mann, der über den langen Corridor kom⸗ men würde, zu verfolgen, zu erforſchen, wer es ſei. — Der von der Herzogin kommen würde? — Oder von Mademoiſelle d'Entragues; er wußte es ſelbſt nicht. — 107— — Wie!l er wußte es ſelbſt nicht?— So wäre noch nicht Alles verloren, ſtammelte Esperance, ſich mit dem Aufwande ſeiner letzten Kräfte halb aufrichtend. Noch könnte alſo Gabriele gerettet werden?— Nichts ſpricht gegen ſie, als meine Anweſenheit?— Auf, Pontis! hilf mir, ſchaffe mich fort! Man darf mich um keinen Preis hier finden— fort, fort! Sage, daß Du mich gefehlt, daß Du mich nicht erkannt haſt.— Hilf mir auf! ich werde noch die Kraft haben, über dieſe Mauer zu kom⸗ men.— Ach! rühre mich nicht an— zu viel— der Schmerz!— ich kann nicht von der Stelle. Oh— oh! Pontis, reiße mir das Wamms auf— laſſe mein Blut fließen— ich erſticke— ich ſterbe! Esperance war wieder kraftlos zuſammengebrochen. — Sprich nicht ſo, Esperance! wimmerte Pontis, oder ich reiße mir ſelbſt zu Deinen Füßen das Herz aus der Bruſt! — Nun denn— ſo tödte mich vollends! nimm mich auf Deine Schultern,— wirf meinen Körper in eine Ciſterne— begrabe mich lebendig— aber um Gottes⸗ willen!— laß mich nicht hier gefunden werden, damit man Gabriele nicht beſchuldige.—— Rette ſie, Pontis! ich beſchwöre Dich, rette ſie! — Mein Freund— mein Esperance! Pontis zerfleiſchte ſich ſelbſt mit ſeinen Nägeln. — Warum hat er noch ſoeben mein elendes Leben verſchont, heulte er, ſtatt mich zu tödten wie einen Hund! — 108— — Weine nicht, Pontis— ſchreie nicht— man könnte kommen.— Hilf mir lieber ein Mittel erſinnen, damit die Herzogin nicht entehrt werde— daß dieſer weibliche Teufel, dieſe Henriette nicht triumphire.— Sinne, denke nach, Pontis!— Sie lacht, ſie triumphirt in ihrer Verborgenheit!— Ach! Pontis— warum haſt Du mich getroffen?— Ich entkam, und Alles war ge⸗ rettet!— Muß Gabriele untergehen, ſo ſei verflucht!— Nein, nein— Freund!— Bruder! rette ſie, ich be⸗ ſchwöre Dich! Und von Schmerzen verzehrt, vor Verzweiflung außer ſich, ſtreckte er Pontis flehend die Hände entgegen. Dieſer, faſt dem Wahnſinne zur Beute, rafft ſich em⸗ por, betet zu Gott, ſchlägt ſich wüthend mit beiden Fäuſten vor die Stirn, ſtuͤrzt dann wieder auf die Kniee nieder, beugt ſich über den Freund und verſucht mit krampfhaft zitternden Händen das edle Blut zu ſtillen, das warm aus deſſen Bruſt hervorquillt. 3 Plötzlich berühren ſeine Finger einen harten Gegen⸗ ſtand— es iſt die goldene Kapſel, die erſte Veranlaſſung ihres Zwiſtes, ihrer Trennung— von Esperance's Ver⸗ wundung. — Ha! ruft er, wie von einem Strahle göttlicher Eingebung erleuchtet, verlangteſt Du nicht ſoeben, ich ſolle Gabriele's Ehre retten? — Ja, Pontis. — Sie und uns an jenem Ungeheuer zu rächen? — 109— — Oh— wenn Du es könnteſt! — Ich kann es— und ich werde es! ich ſchwöre es Dir! Esperance preßte ſeine gefaltenen Hände auf die Wunde. — Wie? Wie? ſtöhnte er. — In dieſem Medaillon, fuhr Pontis fort, iſt ein Brief Henriette's? — Ja. — Ein Rendezvous, das ſie Dir ehemals gegeben hatte? — Ja. — Ohne Datum, ohne genaue Angabe der Zeit? — Nein, nein... Nichts als... — Nun denn, Deine Gabriele iſt gerettet! Dieſer Brief muß von geſtern ſein, Henriette von Entragues war es, die Dich nach Fontainebleau gerufen, von ihr kamſt Du eben jetzt, als ich Dich überfiel. Gabriele hat Nichts mehr zu befürchten; unſere gemeinſame Todtfeindin hat ſich in ihrer eigenen Schlinge gefangen, ſie iſt unrettbar verloren! — Ich begreife jetzt! murmelte Esperance. Dank, Pontis, Dank, mein Bruder, mein Wohlthäter!— Pon⸗ tis, ich liebe Dich, ich ſegne Dich! Und den Freund mit beiden Armen umſchlingend, peddeckte er deſſen Geſicht mit Küſſen und Thränen. — Hörſt Du? rief Pontis, den Kopf raſch empor⸗ richtend. 2 — 110— — Ja, ich höre Stimmen— Schritte— der Knall Deiner Piſtole hat die Leute geweckt, man kommt.— Oeffnen wir ſchnell die Kapſel! — Zeige mir, wie man die Feder drückt— — Ach!— meine Finger haben nicht mehr die Kraft— o mein Gott! und wie wenig braucht es doch, um ein Menſchenleben zu vernichten!— Hilf mir drücken — hier— hier— es iſt offen!— Wirf das Medaillon weg— ſo.— Jetzt kann ich ſterben! — Nein, nein, Du wirſt nicht ſterben— Hülfe! Hülfe! — Still!— Ich fühle die Kugel— dicht an mei⸗ nem Herzen. In wenigen Minuten wird es mit mir vorüber ſein— aber Gabriele, ſie wenigſtens wird ge⸗ rettet ſein— Gott iſt gnädig! Da vernahm man in nicht zu großer Entfernung eine Stimme, welche ſprach: — Hier herum muß es ſein, wo der Schuß gefallen iſt. Schnell, ſchnell! Ein Mann, mit einer Fackel in der Hand, näherte ſich eiligen Schrittes dem Schauplatze des traurigen Vorfalles. — Es iſt Herr von Rosny, flüſterte Pontis in das Ohr ſeines Freundes; was ſoll ich thun? — Antworte Du ſtatt meiner, ſtöhnte Esperance; denn ich fühle— daß es mit mir— zu Ende geht. .— GHierher! zu Hülfe! brachte Pontis mühſam hervor. — 111— — Hier iſt es, Sire; wir ſind an Ort und Stelle! rief Sully, einem Manne leuchtend, der dicht hinter ihm ging. — Es iſt der König! flüſterte Esperance; das iſt gut.— Nun, Pontis, der Augenblick iſt gekommen, räche Deinen Freund! — Bleibt Alle zurück; Niemand ſoll den Garten be⸗ treten, befahl der König ſeinem Gardecapitain, der ihn begleitete; Du, Rosny, leuchte mir allein. Und raſchen Schrittes näherte er ſich der Gruppe, den gezogenen Degen in der Hand. Pontis ſtand aufgerichtet, bleich, die Haare klebten ihm vom Regen und vom Schweiße an der Stirn, mit Schmuz und Blut befleckt, ein Bild des Schreckens und des Schmerzes. — Du biſt es? ſprach Heinrich, betroffen ſtehen blei⸗ bend. Nun? — Der Mann iſt da, Sire, am Boden. — Verwundet?— Du haſt ihn verwundet? — Er ſtand auf dem Punkt, mir zu entſchlüpfen— Ew. Majeſtät hatten mir befohlen, mich unter jeder Be⸗ dingung zu überzeugen, wer es ſei. — Und wer iſt es? — GEs iſt mein beſter, mein einziger Freund— mein Bruder! ſtammelte Pontis, die glühend heißen Thränen hinabwürgend.. Sully beleuchtete die bleichen Züge des Sterbenden, bebend beugte ſich der König zu ihm herab. — 112— — Esperance! rief Heinrich entſetzt. Er war es! — Aber woher kam er? — Von Mademoiſelle d'Entragues, die ihm ein Ren⸗ dezvous gegeben hatte, antwortete der Gardiſt mit heller, klarer Stimme, als ob er eine Siegesbotſchaft zu ver⸗ künden habe. Ein Freudenblitz leuchtete aus Esperance's Augen; er verſuchte es, ſich aufzurichten, ſank aber ſogleich wie⸗ der zurück. — Ein Rendezvous— von ihr? murmelte der König.. — Dies Blatt fand ich bei dem Verwundeten, als ich ihm das Wamms aufriß und es verſuchen wollte, das Blut zu ſtillen, antwortete Pontis, dem König das Pa⸗ pier überreichend. Sully hob die Fackel empor und Heinrich las mit zitternder Stimme: „Theurer Esperance, Du weißt, wo Du mich finden kannſt, Du wirſt weder den Tag noch die Stunde ver⸗ geſſen haben, die Deine Henriette Dir beſtimmt. Ich liebe Dich! Komm, aber ſei vorſichtig.“ Während des Leſens hatte Esperance mit gierigen Blicken jede Bewegung, jede Muskel in dem Geſichte des Königs beobachtet. Heinrich reichte Sully den Brief hin, der ein ver⸗ achtendes Lächeln nicht unterdrücken konnte. — Ja, es iſt ihre Hand, ſprach endlich Heinrich, tief — 113— ergriffen. Sie waren in Ihrem Rechte, Esperance, ſelbſt in meinen Augen. Ich bitte um Ihre Vergebung.— Aber ſchleunige Hülfe iſt hier vor allen Dingen noth⸗ wendig! Wir werden Sie ohne Geräuſch, ohne Auf⸗ ſehen in das Schloß ſchaffen, mein Leibarzt ſelbſt... — Es iſt überflüſſig, Sire, flüſterte Esperance, deſſen Kräfte jetzt immer ſchneller ſchwanden; laſſen Sie mich — hier— ſterben— Da, mit einem Male vernahm man eine ſtarke, männ⸗ liche Stimme von der Orangerie her: — Und ich ſage Euch, daß auf dieſer Seite ein Schuß gefallen iſt!— Wo iſt der König?— Hat man auf den König geſchoſſen?— Zurück, Ihr Schlingel! Harnibieu! ich will den ſehen, der mir hier den Eintritt verweigert, wenn dem Könige eine Gefahr droht!. — Halt, Crillon!— bleib' zurück— es iſt Nichts! rief Heinrich, vor Schaam erröthend und dem Ritter ent⸗ gegeneilend, um ſein Näherkommen zu verhüten; es iſt mir durchaus Nichts geſchehen, mein würdiger Freund! Aber ſchon war dieſer herangekommen. — Gott ſei ewig gedankt, Sire, Sie ſind nicht ver⸗ letzt! rief der alte Kriegsmann, ein wenig überraſcht, daß der König ihn immer noch zurückzudrängen ſuchte. Aber man hat hier geſchoſſen, Sire— ich ſehe dort einen Menſchen am Boden liegen— wer iſt es denn? — Ich bin es,— Esperance! ſprach der Verwun⸗ Gabriele. X. 8 — 114— dete mit ſo ſanfter, rührender Stimme, daß der König ſein Geſicht erſchüttert in den Händen verbarg. Crillon ſtieß einen furchtbaren Schrei aus und ſtand todtenbleich, unbeweglich auf den Sterbenden ſtarrend, da, eine Bildſäule des höchſten Entſetzens. — Du— Du? Verwundet!— rang er mühſam hervor. O mein Herr und Gott!— armes, armes Kind!— und in der Bruſt, nahe dem Herzen.—— Wer, wer iſt der Mörder? — Ich bin es! rief Pontis mit einem Ausdrucke der Verzweiflung, der nicht wiederzugeben iſt, und auf beide Kniee ſtürzend; ich bin es, der ihn nicht erkannte, ich, der— um dem Befehle des Königs zu gehorchen, ſeinen Freund und Bruder gemordet hat! Crillon war ebenfalls neben dem Verwundeten auf die Kniee geſunken. — Glaube es nicht, Crillon! rief der König, von Schaam und Reue gefoltert; ich wollte nur, daß man ihn anhalten, ihn erkennen ſollte, ich hatte nicht befohlen, ihn zu tödten. Sully hatte während dieſer Worte Henriette's Brief dem Ritter vor die Augen gehalten. Jetzt begriff Crillon Alles: Den geheimnißvollen Wink, den der König bei Tafel erhalten, ſeine erwachte Eiferſucht, Esperance's großmüthige Aufopferung! Und wie ein unaufhaltſamer Strom quoll die edle Empörung aus ſeinem Herzen empor und in bitteren Worten über ſeine Lippen: — 115— — Sie alſo, Sire, ſprach er, ſich langſam aufrich⸗ tend, Sie alſo ſind es, der um Ihrer Weiberſtreitigkeiten willen den Freund durch den Freund tödten läßt! — Crillon!— — Jener Henker, Karl IX., hätte es nicht beſſer ge⸗ konnt— fuhr der Ritter fort, Schrecken erregend in ſeinem Schmerz und Zorn. — Crillon, Du beleidigſt mich in dem Augenblicke, da ich mich vor Dir zu rechtfertigen ſtrebe? ſprach der König ſanft. Nichts aber vermochte den entfeſſelten Strom von Crillon's Wuth mehr zurückzuhalten. — So habe ich mein Leben und meine Dienſte einem königlichen Mörder gewidmet! rief er mit bleichen, zitternden Lippen. So oft habe ich mein Blut für dieſen König vergoſſen, der mir nun zum Lohne das Liebſte auf der Welt hinſchlachten läßt.— Ha, Sire! Das heißt denn doch vom Unterthan zu viel gefordert! Auch auf des Königs Stirn begann ſich jetzt die Röthe des Zornes zu zeigen; doch ihn ſchnell bekämpfend, ſprach er im Tone des Vorwurfs: — Iſt das denn mein Crillon, der ſo zu mir ſpricht. — Crillon, der ſeinen Freund und König einem Fremden aufopfert? — Einem Fremden? Mir, mein Esperance ein Fremder! — Wer iſt es denn? fragte Heinrich geſpannt. 8* — 116— — Es iſt mein Sohn! Bei dieſem Ausrufe, den ein übermenſchlicher Schmerz dem alten Krieger gewaltſam zu entreißen ſchien, taumelte der König entſetzt zurück; er mußte ſich auf Sully's Schulter ſtützen und Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen. Pontis brach wie vom Blitze getroffen zuſammen, Esperance aber, lächelnd, wie nur die Engel lächeln kön⸗ nen, hob die ſchon erſtarrenden Arme und ſchlang ſie um des Ritters Hals, der ſich, weinend wie ein kleines Kind, zu ihm niederbeugte. — Oh! flüſterte er kaum noch hörbar, welch' ein Unglück, im Augenblicke ſterben zu müſſen, wo man einen ſolchen Vater findet!— Und doch— bin ich noch zu glücklich, daß mir noch ſo viel Zeit verſtattet wurde — Sie umarmen zu können!— Vater— fügte er ſchon mit dem Tode ringend hinzu, der ſeinen ſchwarzen Schleier über ihn zu breiten begann, mein Vater— dieſen Kuß— für Sie! Er berührte mit ſeinen Lippen das thränenbenetzte Antlitz des Ritters, und mit einer letzten Anſtrengung, um ſich deſſen Ohr zu nähern, hauchte er noch: — Und dieſen— fuͤr— Ga— Der letzte Athemzug entſchwebte ſeinen Lippen mit dem Namen der Geliebten, den er nur noch halb aus⸗ ſprechen konnte. Einen Augenblick blieb Crillon wie vernichtet, keines Gedankens fähig. Aber als er dieſes ſo edle Herz nicht — 117— mehr ſchlagen fühlte, als der ſchöne, bleiche Kopf leblos zurückſank, als dieſe ſo lieben, ſanften Augen ſich für immer geſchloſſen hatten, da erhob er ſich mühſam, keu⸗ chend, mit einem ſchmerzlichen Stöhnen, wie der Krieger, der ſich das tödtliche Eiſen ſelbſt aus der durchbohrten Bruſt reißt. Pontis lag im lautloſen Schmerze über der Leiche des heißgeliebten Freundes. — Soldat des Königs, unterbrach endlich die rauhe, ſtrenge Stimme des Ritters die grauſenvolle Stille, Du haſt nur dem Befehle des Königs gehorcht, Du biſt nicht an dieſem Tode ſchuld. Ich vergebe Dir in Esperance's und meinem Namen. Steh' auf und hilf mir den Körper meines Sohnes von hier fortſchaffen. Langſam und mechaniſch wie ein Automat richtete ſich Pontis empor. Sully trat heran, um zu helfen, und auch der König that einen Schritt vorwärts. Aber mit einer majeſtätiſchen Geberde, als ob er hier der König, und der König nur der Unterthan ſei, ſtreckte Crillon beiden abwehrend ſeinen Arm entgegen. — Pontis und ich werden dazu hinreichen, ſprach er dumpf. — Mein tapferer, mein wackerer Crillon! rief Hein⸗ rich mit ſchmerzlich bewegter Stimme, wenn Du wüßteſt, was mein Herz in dieſem Augenblicke leidet.— — Ich kann es mir vorſtellen, Sire, antwortete Crillon ohne Leidenſchaft; Ihr Herz iſt nicht bös, aber — 118— die Ausſchweifung führt endlich zum Verbrechen; die Liebesintriguen haben Sie verleitet, vom Pfade des Rech⸗ tes abzuweichen. Ja, der Tod dieſes jungen Mannes iſt ein Verbrechen, das Nichts mehr auszulöſchen vermag; ich war Ihnen, meinem Könige, mein Blut und mein Leben ſchuldig, nicht aber das Esperance's, das meines einzigen Kindes, und noch dazu nicht im Kampfe für Thron und Vaterland, ſondern um Ihrer Maitreſſen willen.— Ich habe Pontis verziehen, aber Ihnen— niemals! zwiſchen uns hat Alles ein Ende. — Ritter, ſprach Sully, ſchonen Sie Ihres Herrn und Gebieters! — Ihr Herr und Gebieter, Herr von Rosny, nicht der meinige.— Adieu! Crillon nahm den lebloſen Körper wie den eines Kindes auf ſeine Arme, ſo daß deſſen Haupt über ſeine Schulter herabhing, und mit bloßem Kopfe, das graue Haar dem Winde und Regen preisgegeben, mit bleicher Wange und ſtarrem Auge, ging er feſten Schrittes der Thür der Orangerie zu; Pontis folgte ihm, leiſe betend und Esperance's blondes Haar mit Küſſen und Thränen bedeckend. — So alſo, Du arme, arme Mutter, murmelte der Held leiſe vor ſich hin, den bittenden Blick zum ſternen⸗ loſen Nachthimmel emporhebend, als wolle er ein von dort herab drohendes Geſpenſt beſchwören, ſo habe ich über Dein Kind gewacht, das Du meiner väterlichen Liebe 149= und Sorgfalt noch aus jener Welt empfohlen hatteſt! Jetzt aber haſt Du ihn bei Dir, Deinen Esperance, und ich bin nun allein zurückgeblieben! Nur ein dumpfes Schluchzen war noch durch die Stille zu vernehmen und bald war auch Nichts mehr in der Dunkelheit der Nacht von dem furchtbaren Ereigniſſe zu gewahren. 6. Abſchied und Wiederſehen. Am andern Morgen bemerkte man, daß der König früher als alle übrigen Bewohner des Schloſſes aufgeſtanden war. Als die dienſthabenden Kammerdiener bei ihm eintraten, ſahen ſte ihn ſchon am Fenſter ſitzen, beim melancholiſchen Grauen des Morgens hinüberblickend nach den Mauern des Orangengartens. Auf das Geräuſch der Schritte wendete er ſich raſch um. Seeinne erſte Sorge war, ſich nach Gabriele's Befinden erkundigen zu laſſen, dann aber zu fragen, ob Alles dieſen Morgen in Fontainebleau in guter Ordnung ſei. Der Kammerdiener antwortete erſtaunt, daß, ſo viel er wiſſe, Alles in vollkommenſter Ordnung ſei. — CEs iſt nur, ſprach der König, ſein Geſicht wieder abwendend, damit man ſeine Verlegenheit und die leb⸗ hafte Spannung nicht bemerken ſollte, womit er einer Ant⸗ wort harrte, es iſt nur, weil ich dieſen Morgen ſchon ein Geräuſch zu hören glaubte. — Ew. Majeſtät werden vielleicht das Rollen eines Wagens gehört haben, erwiederte der Kammerdiener. — Wann? — 121— — Vor wenig Augenblicken erſt. Herr von Entra⸗ gues iſt dieſen Morgen noch vor Tagesanbruch mit ſeinen Damen nach Paris zurückgereiſ't. Der König erbebte. Er bezweifelte es nicht im Ge⸗ ringſten, daß dieſe ſo ſchleunige Abreiſe mit den Ereig⸗ niſſen dieſer Nacht im Zuſammenhange ſtünden. — Sol ſie find abgereiſ't? ſprach er gedehnt. Nun, glückliche Reiſe. Und als er in dem Geſichte ſeines Kammerdieners Nichts bemerkte, was ihn ſchließen ließ, daß dieſer irgend eine Kenntniß des traurigen Vorfalles habe, beruhigte er ſich wieder ein wenig, ſtand auf und ging einige Mal im Zimmer auf und ab, aber immer noch lebhaft genug und mit ſo deutlichen Spuren peinlicher Erwartung, daß es nur um ſo mehr die Neugierde des Dieners erregte. Plötzlich ſchien dem Könige etwas Wichtiges einzu⸗ fallen; er verlangte Hut und Mantel, verließ das Zim⸗ mer, und ging raſchen Schrittes auf das der Herzogin zu. Er hatte große Eile, denn er wollte nicht, daß irgend eine Nachricht von Außen zu Gabriele gelange, bevor er ſelbſt da ſei, um ſie entweder aufzufangen oder doch wenigſtens zu erläutern. Denn ſo entfernt er auch davon war, die wahre Urſache von Esperance's Tode zu ahnen, ſagte ihm doch eine innere Stimme, daß dies furchtbare Ende des liebenswürdigen jungen Mannes, für den ſich Gabriele ja mehrmals auf das lebhafteſte intereſſirt, und dem ſie in der That auch noch in neuerer Zeit zu Dank verpflichtet worden war, ſie tief erſchüttern würde. — — 122— Zu ſeiner großen Verwunderung erfuhr er aber in Gabriele's erſtem Zimmer, daß die Herzogin bereits auf ſei, und fand ihre Frauen eifrig mit Vorbereitungen zur Reiſe beſchäftigt. Gratienne ſchien ſich verdoppelt zu haben, um an allen Orten zugleich ihre Befehle zu er⸗ theilen. Dieſes, noch kaum vor einer Stunde ſo ſtille und geheimnißvolle Gemach ſummte wie von einem Bienenſchwarme. Bei Heinrich's Eintreten wollte Gratienne ſchnell in das Kabinet ihrer Gebieterin eilen, um dieſe von der Ankunft des Königs zu benachrichtigen; ein Wink ſeiner Hand hieß ſie aber bleiben, und er ging allein zu Ga⸗ briele, die er ebenfalls noch allein wußte. 8 Gabriele war in Reiſekleidern, ihre Fenſter ſtanden offen, ſie lehnte ſich über das Geländer ihres Balcons. Friſch und ſchön, wie ſie es vielleicht nie vorher geweſen war, lächelte ſie dem Himmel, dem Walde, dem ſchimmernden Fluſſe zu; ſie ſchien alle Schönheiten der Natur mit einem Blicke, mit einem Gedanken alle Wonnen des Lebens umfangen zu wollen, und ſendete eben ſo viele Dankgebete zu Gott empor, als reine Athemzüge ihrem freudig ſchwellenden Bufen entſtiegen. Und wie ſchön war dieſer Morgen in Fontainebleau! Welch' ein zauberiſcher Aufenthalt! Die friſchen Morgen⸗ lüftchen hatten die feuchten, ſchweren Nebel der Nacht theils verweht, theils in blitzende Thautropfen verwandelt. Eine Gruppe kleiner goldener Wölkchen bildete eine Krone um die aufgehende Sonne. Weithin am flammenden * — 123— Horizonte dehnten ſich breite Purpurſtreifen, von denen ſich die wellenförmigen Maſſen des im erſten Frühlings⸗ ſchmucke prangenden Waldes loshoben. Näher, im Parke ſelbſt, breiteten die Kaſtanienbäume ſchon ihre Kronen aus, ſo rund, ſo regelmäßig, und dem Auge ſo wohl⸗ gefällig, als ob ſte die Hand eines Rieſen geformt hätte. Und zu ihren Füßen endlich, dicht unter dem Balcon, erhoben bereits einige Blumen ihre Häupter von den Beeten, wie verlangend dem Wärme ſpendenden Tages⸗ geſtirn entgegen. Alles in der Natur lachte, glänzte und ſtrahlte, von der ſtolzen Fürſtenwohnung an, bis zum demüthigen Grashalme hinab, Alles ſchien bemüht, jede Erinnerung an eine ſo fürchterliche Nacht verwiſchen zu wollen. Sobald Gabriele Schritte hinter ſich vernahm, drehte ſie ſich raſch um, und als ſie den König erblickte, um⸗ düſterten ſich ihre eben noch ſo heiteren Züge. Dem Könige entging dieſer Wechſel nicht, aber er erwartete ihn. In ſeinem Irrthume in Betreff der nächt⸗ lichen Cataſtrophe, die ihm vor Aller Blicken zu verbergen gelungen war, glaubte er mit Beſtimmtheit, daß Espe⸗ rance nur wegen Henriette d'Entragues nach Fontainebleau gekommen ſei; demgemäß konnte das Aviſobriefchen, das er am Abend zuvor unter ſeiner Serviette gefunden hatte, nur von Gabriele herrühren, und ihr Schmollen, ihr Unwillen beim Erblicken des Ungetreuen war daher nur eine ſehr natürliche Erſcheinung. Und in der That war Heinrich's Argumentation, — 124— wenn ſie überhaupt richtig geweſen wäre, eine ganz lo⸗ giſche. Wenn Gabriele den König gewarnt hatte über Henriette zu wachen, ſo war dies aus Eiferſucht geſchehen, ſte wußte demnach um ſein Verhältniß mit dieſem Weibe, und ſie bereitete ſich daher wohl jetzt vor, ihm neue Vorwürfe zu machen, ihm, der noch wenige Stunden zuvor es gewagt hatte, einen ſo kränkenden Verdacht gegen ſie zu hegen. Im Bewußtſein ſeiner dreifachen Schuld, der des ungerechten Verdachtes, der eigenen Untreue und des tra⸗ giſchen Reſultates, zu welchem dieſe neue Intrigue geführt hatte, kam der König daher in einer leicht zu begreifenden Gemüthsaufregung zu Gabriele. Er wollte vor allen Dingen verhüten, daß die Herzogin den blutigen Auftritt erfahre, von welchem Fontainebleau dieſe Nacht der Schauplatz geweſen war; er wollte es verſuchen, ihren Kummer über eine neue Hintergehung von ſeiner Seite zu verſcheuchen. Er fühlte ſein Herz von Gewiſſens⸗ biſſen, von Schmerz zerriſſen, und überdies noch von ſeiner mit erneuerter Kraft wieder erwachten Liebe zu Gabriele. Das, was er jetzt darbringen wollte, war mehr als der Ausdruck der Liebe, es war eine aufrichtige Abbitte und vollgültige Genugthuung. Die Wolke, welche Gabriele's Stirn bei ſeinem Ein⸗ treten einen Augenblick umdüſterte, beſtärkte demnach Heinrich nur noch in ſeiner Meinung: ſie ſchmollte, ſie war leidend. Mit ausgebreiteten Armen und flehenden Blicken ging er auf ſie zu. * Aber wie weit war Gabriele davon entfernt ihn zu verſtehen! Ihre Gedanken, wenn auch vielleicht von einem und demſelben Punkte ausgehend, wichen doch himmelbreit von einander ab. Auch ſie fühlte ſich ſchul⸗ dig, auch ſie glaubte der Verzeihung zu bedürfen und bat auch in der Stille ihres Herzens darum, wenn ſchon ihr Mund ſtumm blieb. Ihr Vergehen hatte ja alle Vergehungen Heinrich's verwiſcht. Ihre edle Seele fand die Wiedervergeltung höchſt ungerecht; Heinrich wäre ja ſchon durch den Ver⸗ luſt eines ſolchen Herzens hinreichend geſtraft geweſen. Welch' ein herber Schmerz erwartete ihn noch! Er ſollte Diejenige auf immer verlieren, die, wenn auch nicht mehr ſeine Geliebte, doch noch ſtets die treueſte Freundin war, die er auf der Welt beſaß. Als ſie ihn daher auf ſich zukommen ſah, neigte ſie reuevoll die ſchöne Stirn, und als ſie ihn lächeln, um ein Zeichen ihrer Liebe flehen ſah, da fühlte ſie eben ſo heftige Gewiſſensbiſſe, als geſtern ihre Empörung heftig geweſen war. Und wie viel Glück und Freude erwartete ſie noch — ſie, deren friſche Jugend noch ein Mal von der be⸗ fruchtenden Sonne der Leidenſchaft aufblühen ſollte, ſie, die den Verrath, Todesdrohungen, Untergang und Ver⸗ zweiflung hinter ſich laſſend, der Liebe und der Freiheit entgegeneilte, das heißt, dem glänzendſten, dem unermeß⸗ lichſten Glückshorizonte, den zu umfaſſen einem ſterblichen Weſen hienieden nur je beſchieden werden kann! — 126— Und Heinrich!— er ſollte zurückbleiben, verlaſſen, beſchimpft, bis zur Ungerechtigkeit beſtraft für die Ver⸗ gehungen ſeiner Sinne, an denen ſein Herz ja doch nie⸗ mals Theil gehabt. Er ſtand bereits an der Pforte des Alters, nur ein ehrgeiziges, habſüchtiges Weib konnte ihn jemals noch lieben, Keine aber würde ſich noch daran erinnern, daß auch er einſt jung geweſen, daß ſeine Liebe nicht immer lächerlich geweſen ſei; Keine endlich würde jemals im Stande ſein, die guten Eigenſchaften dieſes edlen, großen Herzens zu würdigen, dieſer verdunkelten Sonne, deren blendender Strahl Gabriele getroffen, und an der Andere nur noch die Flecken ſehen würden. Das war es, was ſie bei ſeinem Anblicke traurig machte, was noch einen Funken jener früheren Zärtlichkeit wieder in ihr anfachte, und als der König ihr die Arme entgegenbreitete, da wendete ſie ſich bereuend, beſchämt von ihm ab; ſie hätte weinen mögen, wenn die Thränen ihr Geheimniß nicht verrathen hätten, wenn ſie der Ge⸗ danke nicht davon abgehalten hätte, daß ſie ſich fortan nur noch Esperance ſchuldig ſei. Was dieſen Letzteren betraf, den bereits zum Schatten⸗ reiche hinabgeſtiegenen Geliebten, was jenes Glück betraf, dem ſie jubelnd entgegenharrte, während es bereits für immer entſchwunden war, ſo hatte ſie keinen Verdacht, keinen Gedanken, keine Ahnung des Geſchehenen. O Vergänglichkeit alles Irdiſchen! Das unglückliche Weib hatte ſo oft ſchon den Lebenden beweint, und jetzt hoffte es noch auf den Todten! — 427— Heinrich zog ſie auf einen Stuhl an ſeine Seite nieder, ergriff ihre beiden Hände und blickte ihr lange und liebevoll in die Augen. — Schon fertig zur Abreiſe, meine Gabriele? fragte er endlich. Meine Gabriele?— Dies Wort, aus dem Munde deſſen, dem ſie nicht mehr angehörte, ſchnitt der Herzogin durch die Seele. — Haben Sie denn ſo große Eile, mich zu ver⸗ laſſen? fuhr Heinrich ſanft fort; und doch habe ich Sie ſo lange nicht geſehen! 1b — In der That, flüſterte Gabriele, plötzlich von dem Gedanken ergriffen, daß ein ganzes Jahrhunvert in ſo wenig Stunden verfloſſen war. Sie erröthete und wendete ſich ab, als habe ſie Gratienne noch einige Befehle zu ertheilen. — Haben Sie ſanft geruht? Haben Sie ſich von Ihrem geſtrigen Unwohlſein wieder ganz erholt, meine Gabriele? ſprach der König weiter. Meine erſte Abſicht, als Sie mir es geſtern melden ließen, war, Sie ſogleich nach der Tafel zu beſuchen, aber ich überlegte, daß es wohlgethan ſein würde, Ihre Ruhe nicht mehr zu ſtören. Er ſah ſie bei dieſen Worten ſo forſchend an, daß ihre Verlegenheit immer mehr und mehr ſtieg. Beide verfolgten eine Zeit lang ihre geheimen Gedanken. — Ja, Gabriele, hob dann der König wieder an, ſeit dem Augenblicke, wo ich geſtern Abend bei Tafel meine Serviette entfaltete, habe ich fortwährend nur an Sie gedacht. Die Herzogin konnte eine Bewegung des Schreckens nicht ganz unterdrücken, die Heinrich's Scharfblick keines⸗ wegs entging; aber er ſchrieb ſie auf Rechnung ihres Beſtrebens, ihre Eiferſucht von geſtern Abend nicht merken zu laſſen. Er war ſelbſt nur zu froh, daß ſie nicht weiter auf dieſen Punkt einging, um ihn nicht ſchnell fallen zu laſſen. Er ſchwieg, in geſpannter Erwartung deſſen, was ſie ſagen würde. — Ich danke Ew. Majeſtät, ſagte Gabriele endlich, ich habe die ganze Nacht ſehr ſanft geruht und fühle mich nunpvollkommen zu meiner kleinen Reiſe gekräftigt. — Sind wir bald ſo weit, Gratienne? — Ja, Madame, antwortete Gratienne, die fort⸗ während geſchäftig ab⸗ und zugegangen war, und auf jedes Wort aus des Königs Munde gehorcht hatte, um ihrer Gebieterin im Falle der Noth beiſpringen zu können. — Guten Morgen, Gratienne! Guten Morgen, meine kleine Gevatterin! rief ihr der König heiter zu, der ſtets äußerſt befliſſen geweſen war, mit einer ſo wichtigen Verbündeten auf freundſchaftlichem Fuße zu ſtehen. Wie friſch und munter Du heute wieder biſt! Dich braucht man niemals zu fragen, ob Du wohl ge⸗ ruht haſt.. — Und dennoch, Sire, habe ich eine ziemlich unruhige Nacht gehabt, erwiederte die Zofe. Jagt man denn des Nachts in Ew. Majeſtät Park? 3 2 — 129— Der König fuhr zuſammen. — Wer ſoll denn des Nachts jagen? ſprach Gabriele ruhig und ohne den mindeſten Verdacht. — Das frage ich eben, fuhr Gratienne fort. Ich weiß nur, daß dieſe Nacht geſchoſſen worden iſt; mehrere Perſonen außer mir haben es ebenfalls gehört— es war drüben, in der Nähe des— — Ach ja! ich weiß ſchon, unterbrach ſie der König lebhaft; man hat es mir gemeldet. Einem der Gardiſten iſt zufällig die Muskete losgegangen, aber der arme Teufel iſt mit dem Schrecken davon gekommen; weder er noch ſonſt Jemand hat dabei Schaden genommen. Er fühlte, daß er bleich geworden war. Zum Glück hatte Gabriele ihn gar nicht angeſehen. — Ich habe Sie ſo früh beſucht, fuhr er zu dieſer gewendet fort, um noch ein wenig Ihre Geſellſchaft zu genießen, da ich ſie jetzt leider einige Tage werde ent⸗ behren müſſen. Sagen Sie, liebe Gabriele, wiſſen Sie ſchon, daß neuerdings wieder höchſt erfreuliche Nachrichten aus Rom eingegangen ſind, und daß man Sie, noch ehe das Jahr verfloſſen iſt, Königin nennen wird?. — Wahrhaftig? erwiederte ſte mit einem erzwun⸗ genen Lächeln. Wie gütig ſind Sie gegen mich! — Und haben Sie dies nicht verdient, und noch viel mehr dazu? Giebt es eine Würde auf der Welt, die nicht durch Gabriele's Verdienſt noch übertroffen würde? — Sire— Gabriele. X. 9 — 130— — Sind Sie nicht die edelſte, die reinſte der Frauen, wie Sie die ſchönſte ſind? — Sire, ich bitte Sie— unterbrach ihn die Her⸗ zogin, ihr von Unruhe und Verwirrung geröthetes Antlitz zu ihm erhebend. — O wie hold und lieblich Ihnen dies Erröthen der Beſcheidenheit anſteht! rief Heinrich leidenſchaftlich. Dieſe allein macht Sie der Krone würdiger, wie irgend ein Weib auf Erden!— Aber, was iſt Ihnen, meine Gabriele? Sie ſcheinen unruhig? — Ich wüßte nicht, Sire— ſtammelte Gabriele; vielleicht weil Ew. Majeſtät mich heute mit allzugroßer Güte überſchütten. — Ach! weil ich Sie leider verlieren werde, geliebte Freundin, und weil man den Werth deſſen, was man beſitzt, erſt dann recht erkennt, wenn man ſich davon trennen ſoll! Dieſe an ſich ſo einfachen, ſo natürlichen Worte ſtan⸗ den in ſo wunderbarer Beziehung zu dem Vorhaben der Herzogin, daß ſie ſich ſchon entdeckt wähnte, und ihre Röthe ſich in Todtenbläſſe verwandelte. Da aber der König ihre Hände mit innigen Küſſen bedeckte und ſie auf ſeinem Geſicht nur den Ausdruck der Trauer ge⸗ wahrte, wie ſie eben den Umſtänden angemeſſen ſchien, ſo gelang es ihr, das Gewicht der Anſpielung für ſich zu bewahren. Aber ſie fühlte ſich erdrückt davon und brach in einen Thränenſtrom aus.— — 131— — Sie weinen, mein theures Leben? fragte Heinrich ſanft. Wäre es wegen unſerer Trennung? Sollte ich wirklich ſo glücklich ſein? — Ja, Sire, ich weine, Sie verlaſſen zu ſollen! rief ſie, überwältigt von dem zu lange unterdrückten Schmerze. — Nun, ſo gehen Sie nicht fort, erwiederte der König, eben ſo bewegt; bleiben Sie hier. — Unmöglich, Sire; bedenken Sie— — Ja, ja, Sie haben Recht. Trotz Ihrer Liebe zu mir ſind Sie die Verſtändigere. Ich liebe Sie ſo innig, daß Ihr bloßer Anblick mich die Pflichten vergeſſen läßt, die mir die heilige Oſterwoche als chriſtlicher Fürſt auf⸗ erlegt. Sie haben Recht; gehen Sie nach Paris, theure Freundin, um meinem Volke den Anblick ſeiner frommen, edlen Königin zu gewähren, und während Sie dort für mich zu Gott beten, werde ich ihm hier für ſeine Gnade danken, die mir in Ihnen einen guten Engel zur Seite gegeben hat! Gabriele glaubte bei jedem dieſer zärtlichen Worte, womit der König ſie zu tröſten ſuchte, vor Schmerz und Ungeduld vergehen zu müſſen. — Aber wir werden nicht mehr lange eine ſolche Qual zu erleiden haben, fuhr er fort; nicht wahr, mein theures Herz? Sie in der Stadt, ich auf dem Lande, und fünfzehn Lieues zwiſchen uns— welche eine Ent⸗ fernung! Ich möchte faſt meinen Gevatter Zamet be⸗ neiden, der ſo glücklich ſein wird, Sie in ſeinem Hauſe 9* — 132— zu beſitzen. Aber ich bedaure im voraus die armen Pferde, die Ihnen die Zeichen meiner Erinnerung zu⸗ tragen werden.— Auf jeden Fall können Sie mich zum nächſten Sonntag erwarten. Dann ſind wir wieder ver⸗ eint, und trennen uns, ſo Gott will, nicht mehr! — Ja, Sire, ſtammelte Gabriele, kaum noch ihrer Sinne mächtig; ſie fühlte, daß ihr die Kräfte verſagten, und ihr Herz war zum Ueberfließen voll. — Um mich über Ihre Abweſenheit zu tröſten, ſorach er weiter, werde ich unſeren kleinen Cäſar bei mir haben. Nicht wahr, Sie laſſen mir ihn, unſeren Sohn, dies theure Kind unſerer Liebe? Das war der letzte, der härteſte Schlag. Gabriele ſchwankte. Sie wollte antworten, aber ihre beklommene Bruſt vermochte nur ein Schluchzen und Stöhnen her⸗ vorzubringen; keine Worte; ſie bewegte die Hände, halb bittend, halb abwehrend, in der Luft, und ohne Gra⸗ tienne, die erſchrocken herzuſprang, und ſie mit vielſagenden Blicken bei beiden Armen erfaßte, hätte ſie ſich ohne Zweifel ihr Geheimniß entſchlüpfen laſſen. Für ihre edle, offene Seele und ihr Mutterherz war es zu viel der Qual. Zum Glück ward in dieſem Augenblicke gemeldet, daß Allles zur Abreiſe der Frau Herzogin bereit ſei. Auch der König, den ein Zuſammentreffen ſo vieler Umſtände in dieſer letzten Zeit zur Melancholie geſtimmt hatte, ward bald ebenfalls von dieſer ſeltſamen Traurigkeit ergriffen, die ihm vielleicht zu einer anderen Zeit unver⸗ ſtändlich geblieben wäre. Er umarmte Gabriele wieder⸗ — 133— holt, überhäufte ſie mit den zärtlichſten Namen und mit Liebkoſungen. Eine Schaar von Höflingen und Dienern war von dem Schauſpiele angezogen worden, und be⸗ trachtete vom Vorzimmer aus nicht ohne Rührung dies weinende, ſich umſchlingende Paar, dies vollkommene Muſter ehelicher Zärtlichkeit. Da trat die Amme ein, den kleinen Cäſar auf ihrem Arme. — Cäſar— unſer Cäſar— unſer Kind! flüſterte Gabriele. Ja, Sire, ich danke Ihnen, daß Sie mich an ihn erinnert haben.— Ich empfehle dies Kind Ihrer Obhut. Ach Sire! erinnern Sie ſich ſtets meiner Worte— ich empfehle Ihnen unſer Kind! Und dabei bedeckte ſie das Geſicht des kleinen, ihr froh zulächelnden Weſens mit Thränen und Küſſen. — Aber wozu, ſprach Heinrich, der ſich ebenfalls nicht mehr der Thränen erwehren konnte, wozu ſagen Sie mir das Alles? — Schwören Sie mir, fuhr Gabriele fort, ſich ſtets meiner zu erinnern, mein theurer Freund und Sire!— mit Güte und Nachſicht, ohne Zorn— wegen meiner Schwächen und Fehler, die Ihrer Liebe unwürdig ſind! — Schwören Sie mir, unſer Kind ſtets zu lieben, was auch geſchehen möge— — Gabriele, Sie zerreißen mir das Herz! — Wir müſſen ſcheiden— — Aber nur auf wenige Tage. Um Gotteswillen faſſen Sie ſich; wir werden uns ja geſund und froh wiederſehen! — 134—— — Niemand weiß, was die nächſte Stunde uns bringen, uns rauben kann; aber ſeien Sie überzeugt, Sire, daß Sie niemals eine aufrichtigere Freundin be⸗ ſeſſen haben, als mich. — Das glaube ich— das weiß ich ja! — Vergeben Sie mir, Sie beleidigt zu haben. — Ich bin es, mein geliebtes Leben, der um Ihre Verzeihung zu bitten hat! rief Heinrich, von Schmerz und Reue über ſeine wirklichen Vergehungen hingeriſſen. — Leben Sie wohl, Sire!— Ach! dies Wort iſt ein herbes! — Darum ſage ich auch nur, auf Wiederſehen, Gabriele! — Leben Sie wohl! wiederholte die Herzogin, den von Thränen umſchleierten Blick rings im Kreiſe umher werfend. Sie ſah, daß Alle weinten, denn Allen war ſie eine gütige Herrin oder eine treue Freundin geweſen. — Ich danke— ich danke! ſchluchzte ſie mit jenem bezaubernden Lächeln, das ihr ſo viele Herzen gewonnen hatte. Und Gratienne, die ſie ſtützend dicht neben ihr ſtand, flüſterte ſie zu: — Laſſe mein Kind fortſchaffen, Gratienne, ich werde ſonſt nicht die Kraft haben, mich loszureißen! Endlich gelangte ſie, alle ihre Kräfte aufbietend, bis zur Treppe. Der Wagen war vorgefahren, von einem glänzenden Gefolge von Cavalieren umgeben, die bereit waren, der Herzogin bis zu der Stelle, wo ſie ſich einſchiffen ſollte, das Geleit zu geben.. Der König wich nicht von Gabriele's Seite. Er bezeichnete ſelbſt einige ſeiner beſten Freunde, um ihr im Schiffe Geſellſchaft zu leiſten. Es war dies eine breite, flache Barke, eine Art von Fähre, auf der ein förmliches Zelt von weichen Teppichen errichtet war. Die Herzogin nahm darin mit einigen Ehrendamen Platz, ſo wie der Elite der Cavaliere, die ſich um die Ehre ſtritten, ſie begleiten zu dürfen. Der König hatte ihr einen Gardecapitain ernannt und für die Zeit ihres Aufenthaltes in Paris einen voll⸗ ſtändigen Hofſtaat organiſirt, um ihr königliche Ehren zu erweiſen. Jeder begriff, daß dieſes Schiff nicht mehr bloß die Geliebte Heinrich's, ſondern die baldige Königin von Frankreich trug. Aber ſchon überfiel Gabriele ein Schrecken vor dieſer glänzenden Sklaverei, und ſie ſann auf Mittel, ſich ihrer zu entledigen, wie ſie es Esperance verſprochen hatte. Im letzten Augenblicke des Abſchiedes begann der beiderſeitige Kampf auf's Neue, Beider Augen entſtrömten wieder Thränen, und vielleicht würde es gar nicht zu einer Trennung gekommen ſein, wenn Sully ſeinen Herrn nicht zurückgehalten hätte, während das Fahrzeug langſam vom Ufer abſtieß. — 136— Bald aber riß er ſich wieder los und wendete ſich nochmals dem dahingleitenden Schiffe zu. Auf's Neue und immer wieder wurden Winke ausgetauſcht, Lebewohl⸗ rufe; ſie breiteten ſich Beide die Arme entgegen, aber immer größer ward der Zwiſchenraum, der Heinrich von ſeiner Geliebten trennte; nur noch undeutlich konnte ſein getrübter Blick die Geſtalt der Geliebten inmitten der ſie umgebenden Gruppe unterſcheiden, noch einmal trug das Echo ihnen ihre Liebesgrüße zu— da bog das Fahrzeug um eine mit Gehölz bedeckte Uferſpitze— ſie ſahen ſich nicht mehr— ſie ſollten ſich niemals im Leben wieder⸗ ſehen!— Die Fahrt ward vom herrlichſten Wetter begünſtigt; nur kleine weiße Wölkchen zogen am tiefblauen Himmel hin und ſpiegelten ſich im klaren Strom. Ein Theil der Cavaliere ſtieg in Melun aus. Ga⸗ briele hatte es möglich gemacht, die läſtigſten derſelben durch Aufträge, Befehle und Bitten verſchiedener Art auf längere Zeit von ſich zu entfernen. Nur die am we⸗ nigſten beläſtigenden, vertrauteren waren noch bei ihr; doch war bereits ihr Plan zur Reife gediehen, wie ſie ſich auch dieſer zu geeigneter Zeit entledigen würde. Die Unterhaltung am Bord drehte ſich um alles Denkbare, was ein gewöhnliches Weib, eine ehrgeizige Seele nur immer entzücken und ſchmeicheln kann, und mehr wie einmal wagten es einige beſonders eifrige Lie⸗ besdiener, Gabriele's Ohr mit dem Titel Majeſtät zu kitzeln. — 137— Sie aber hörte nur zerſtreut oder auch gar nicht auf alle dieſe faden Galanterien und kriechenden Huldigungen; je näher ſie ihrem Ziele rückte, je träumeriſcher, je düſterer ward ſie, als ob ſie bereits in den Kreis der tödtlichen Atmosphäre getreten ſei, die ihrer wartete. Sie dachte an das ungeheure Aufſehen, das ihr Verſchwinden am nächſten Morgen erregen würde. Sie ſchauderte bei der Vorſtellung des Kummers, der ſich des Königs bei dieſer Nachricht bemächtigen würde. Sie würde ihr Vor⸗ haben aufgegeben, den geleiſteten Eid gebrochen haben, ohne den für jedes edle Frauenherz ſo unendlich ſüßen Gedanken, Esperance Alles aufgeopfert zu haben, und an das Glück, durch das der Heißgliebte ihr dies Opfer danken und lohnen werde. Als das Fahrzeug Villeneuve⸗Saint⸗Georges erreicht hatte, gab die Herzogin Befehl, den Damen und Herren einige Erfriſchungen zu ſerviren Man wählte ein reizen⸗ des Plätzchen am Ufer dazu aus, und in der heiteren Verwirrung, die dergleichen improviſirte Collationen in der Regel erzeugen, an der jedoch Gabriele keinen Theil nahm, ward ſie von einer ſeltſamen Geſtalt, einer Art von Bettelmönch, geſtreift, mit über den Kopf gezogener Kapuze, der ihr, indem er demüthig um ein Almoſen bat, ein kleines zuſammengerolltes Zettelchen zuſteckte und im nächſten Augenblicke ſchon wieder ſpurlos verſchwun⸗ den war. Der Vorfall an ſich war Gabriele durchaus nichts Neues. Sie war es gewöhnt, bei jeder Ausfahrt, bei — 138— jedem Spaziergange, mit Geſuchen und Bittſchreiben von jeder Art und Geſtalt behelligt zu werden, die ihr ihre bekannte Mildherzigkeit zuzogen. Sie rollte daher ruhig das Zettelchen auf und las: „Gehen Sie nicht zu Zamet, und vor allen Dingen, nehmen Sie Nichts von dem an, was man Ihnen an⸗ bieten wird, und ſollte es auch nur eine Pfirſiche ſein.“ Zu jeder andern Zeit würde ſie bei ſo gewichtiger Warnung vor Schrecken erblaßt ſein. Aber was küm⸗ merte ſie ſich jetzt um Zamet und ſeine vergifteten Früchte? Gabriele ging ja nicht zu Zamet; nur noch wenige Stun⸗ den und ſie befand ſich unter dem Schutze ihres geliebten Esperance. Einige Neugierige, die ſte nach der Leſung des Zet⸗ telchens beobachteten, ſahen ſie ruhig und achſelzuckend lächeln, es in tauſend kleine Stückchen zerreißen und dieſe dem Winde und den Wellen preisgeben. Gleichviel— dachte ſie,— es ſcheint nach alledem doch, daß mich bei dieſem würdigen Zamet keine ſehr brüderliche Gaſtfreundſchaft erwartet hätte. Man rechnet alſo auf meine Liebhaberei für die Pfirſichen, um das Eheverſprechen der Mademoiſelle d'Entragues zur Gel⸗ tung zu bringen; im April find ſie eine große Seltenheit und der arme Zamet hat ſich um meinetwillen— oder auch um Henriette's willen— in gewaltige Unkoſten ge⸗ ſetzt. Wie werde ich morgen darüber lachen, wenn ich — 139— an der Seite meines Esperance die würzigen Aepfel der Normandie eſſen werde! Die Fahrt ward ohne Störung weiter fortgeſetzt. Von Charenton an begann Gabriele die Ufer aufmerk⸗ ſamer zu betrachten. Sie meinte, die Ungeduld könne doch wohl einen Liebenden antreiben, ein Stück am Ufer entgegenzueilen, um das Fahrzeug deſto früher zu ſehen. Von dieſem Augenblicke an war Alles vergeſſen, was ſie hinter ſich zurückließ. Esperance ſehen, ihn in der Abenddämmerung ſchon von fern unterſcheiden, das war das einzige Ziel ihrer Blicke, ihrer Gedanken, ihrer ganzen Seele. Aber Nichts war noch von ihm zu entdecken!— Sie ſagte ſich, daß er eben ſo vorſichtig und klug, wie zärtlich ſei. Er hatte verſprochen, ſie in Port⸗de⸗ Bercy zu erwarten, und man war ja noch über eine halbe Stunde davon entfernt. Die Nacht begann ihren Schleier allmälig über die Landſchaft auszubreiten. Ein Stück oberhalb Bercy äußerte Gabriele ihren Vorſatz, nur mit wenigen Perſonen ihres Gefolges auszuſteigen, und bat die Uebrigen, die Reiſe zu Waſſer bis an das Louvre ohne ſie fortzuſetzen. Sie fühle ſich, ſagte ſie, zur Ruhe und Zurückgezogenheit geſtimmt, und wolle daher alles Aufſehen und alle Neu⸗ gierde des Volks vermeiden. Während die Menge ſich am Ufer hindränge, um ſie am Quai⸗de⸗l'Ecole aus⸗ ſteigen zu ſehen, werde ſie ihren Einzug in Paris ganz — 140— allein und unbemerkt in ihrer Sänfte halten, und in Zamets Hauſe dann eine Nacht ungeſtörter Ruhe ge⸗ nießen. Was kann eine Königin nicht ihren Höflingen glau⸗ ben machen; alle waren überzeugt, keiner wagte eine Ein⸗ wendung zu erheben. Einige hundert Schritte vor Bercy ging Gabriele an's Land, nur von Gratienne, dem unvermeidlichen La Va⸗ renne und Herrn von Boſſompierre begleitet. Die Sänfte harrte bereits. Siee blickte forſchend umher; nirgend auch nur ein Zeichen von Esperance's Nähe— jedenfalls hatte er ſich und die Pferde auf das ſorgfältigſte verſteckt— um ſo beſſer! Alles geht nach Wunſch, ja über alles Erwarten. Es gelingt ihr, ſich auch noch ihrer beiden letzten Be⸗ gleiter zu entledigen: den einen ſchickt ſie voraus, um fie bei Zamet anzumelden und dort zu erwarten, dem anderen dankt ſie mit holdſeligem Lächeln für ſeine bis hierher geleiſtete Geſellſchaft, was für ſo viel als eine förmliche Entlaſſung zu nehmen war. Beide Herren ge⸗ horchten, beſtiegen die bereit gehaltenen Pferde und ſpreng⸗ ten davon. Nachdem der Hufſchlag in der Ferne verhallt war, blieb Gabriele allein mit Gratienne in der Sänfte zurück. Der Augenblick war entſcheidend. Die Pferde folgten dem Ufer der Seine, auf einem dunklen, gänzlich ein⸗ — 141— ſamen Quais. Noch war Nichts von Esperance zu ſehen und zu hören; aber gewiß lag er ganz in der Nähe, hinter irgend einem Gebüſch, einer Mauer auf der Lauer, und harrte darauf, bis Gabriele, wie es verabredet wor⸗ den war, die Sänfte verlaſſen haben und allein ſein würde. Noch einmal ſchärfte ſie Gratienne ein, ſich bis zu Zamets Hauſe voraustragen zu laſſen, um ihm zu ſagen: die Herzogin habe unterwegs noch ihrer Tante, der Frau von Sourdis, einen Beſuch abgeſtattet und werde daher erſt ſpäter, von deren Leuten begleitet, in der Straße Lesdiguières anlangen. Dann huſchte ſie leiſe und ge⸗ wandt aus der Sänfte, ohne daß der vorangehende Pferdeführer es bemerkte; Gratienne entfernte ſich in der Sänfte, und Gabriele blieb allein in der Dunkelheit zurück. Aber Nichts um ſte her unterbrach die unheimliche Stille; weder der Herr noch die Pferde waren zu ent⸗ decken. Tauſend Vermuthungen, wie ſie nur die Angſt der Erwartung erzeugen kann, ſtiegen wie fieberhafte Er⸗ ſcheinungen in Gabriele's Seele auf. Zehn Minuten verſtrichen— eine Viertelſtunde— eine halbe Stunde— eine ganze Ewigkeit!— und noch Nichts! 4 Sollte ſie ſich geſtern getäuſcht haben?— War nicht vielleicht Alles nur ein Traum geweſen?— Hatte denn Esperance ihr wirklich verſprochen, ſie zu retten?— War dies der Ort, den er genannt hatte? — 142— Allein ſein, verlaſſen, in der immer dunkler werden⸗ den Dämmerung, dieſe Königin! Mit jeder der mehreren Tauſend Secunden verrinnt ihre Lebenskraft tropfenweiſe, in unſäglicher Qual. Sie vermag es nicht länger zu ertragen, ſie muß dieſer fürchterlichen Ungewißheit ein Ende machen. Wenn Esperance ſich in der Stunde geirrt— wenn er ſich ver⸗ ſpätigt hätte?— Aber er, ſich verſpätigen, wo ſein und Gabriele's Leben auf dem Spiele ſtand!— Nein, nein! — Indeß, Alles iſt möglich! Aber Gabriele muß Gewißheit haben; die Straße de la Ceriſaie iſt nicht ſo weit von hier— hin, zu Es⸗ perance! Im beflügelten Laufe langt ſie an. Die Thüren ſtehen offen— ganz recht. Man wird ſo eben die Pferde vorführen— nein— der Hof bleibt dunkel, leer. Kein Licht, kein Laut, kein lebendes Weſen rings umher.— Gabriele's Herz droht in ſtürmiſchen Schlägen die Bruſt zu zerſprengen; noch nie im Leben hat ſie dieſe namenloſe Angſt empfunden.— Aber vorwärts— vor⸗ wärts!— Gewißheit muß ſie haben. Auch im Veſtibule Nichts!— Aber auch hier ſtehen alle Thüren offen.— Ha! dort, am Ende jenes langen Ganges ſchimmert ein Licht! Gabriele rafft ihren letzten Muth zuſammen— ſie ſchreitet vorwärts.. Sie erreicht eine Thür— die Flügel ſtehen offen— aber eine Portiere iſt zugezogen, durch deren Spalt ein — 143— matter Lichtſchimmer dringt: um ſo beſſer; ſie wird ſehen können, was in dieſem Zimmer vorgeht, ohne ſelbſt ge⸗ ſehen zu werden. Sie erblickt zwei Manner vor ſich. Wer ſind ſie? Der eine ſitzt, den Kopf in die Hände verſenkt, der an⸗ dere kniet am Boden— neben ihnen brennen dicke Wachskerzen. Aber was iſt denn dort Weißes, zwiſchen den beiden Männern? Gabriele verſucht es, die Portiere leiſe zu öffnen, um beſſer ſehen zu können; aber die Ringe verurſachen ein Geräuſch an dem Eiſenſtabe— der ſitzende Mann hebt ſchnell den Kopf, es iſt Crillon; der kniende ſpringt auf, es iſt Pontis! Beide ſtoßen einen Schrei aus, indem ſie die Her⸗ zogin gewahren. Und zwiſchen ihnen, lang ausgeſtreckt— Esperance, ganz weiß bekleidet, Esperance, ſchön wie der Engel des Todes!— Schläft er? Er iſt ſo bleich? Das Hirſchkalb liegt zu ſeinen Füßen und betrachtet ihn neugierig. Der Ruf: Esperance! ringt ſich aus Gabriele's Bruſt los. Er antwortet nicht auf ihre Stimme— Er iſt todt! Sie breitet die Arme weit aus, ſie taumelt, ſie bricht beſinnungslos über dem Leichnam des Geliebten zuſammen. Wie lange ſie ſo da liegt— wer weiß es?— Aber — 144— ſie kommt wieder zu ſich, ſie ſchlägt die Augen auf, noch iſt ja der Kelch nicht bis zur Hefe geleert. Sie ver⸗ nimmt den Bericht des furchtbaren Ereigniſſes. Crillon hält ſie in ſeinen Armen, er will ſie tröſten, wie er es eben vermag, er dankt ihr für ihren Edelmuth, daß ſie hierher gekommen, um Demjenigen Lebewohl zu ſagen, der ſie mehr wie ſein Leben geliebt, der dort als Leiche vor ihr liegt. — Sein letztes Wort war Ihr Name, Madame, ſchließt Crillon ſeinen qualvollen Bericht; der Kuß, den er Ihnen noch zuſenden wollte, erſtarb auf ſeinen Lippen. Plötzlich rafft Gabriele ſich empor aus Crillons Armen. Sie nähert ſich Esperance, eben ſo weiß, eben ſo kalt, wie er; ſie kniet neben ihm nieder und heftet ihre zucken⸗ den Lippen auf dieſen lebloſen Mund. Man hätte ſagen mögen, ſie wolle ihm ihr Leben einhauchen, oder von ihm den Tod einſaugen. Crillon ward von Bangigkeit ergriffen, daß ſte ſo ſterben und in dieſem Hauſe dieſe verhängnißvolle Ehre zurücklaſſen könne, die Esperance nur mit dem Preiſe ſeines Blutes gerettet hatte. — Kommen Sie, meine Tochter, ſprach der alte Krieger, tief erſchüttert, kommen Sie; denken Sie an ſich, an den König, an Ihren Sohn!— Sie dürfen nicht länger hier verweilen. Esperance ſelbſt verbietet es Ihnen, es iſt ſein letzter Wille, den er Ihnen durch den Mund eines Vaters kund thut.— Wo ſoll ich Sie hinführen? — 145— Gabriele antwortete nicht; noch lange blickt ſie ſtumm auf den Geliebten; lauſcht an ſeinem Munde, an ſeiner Bruſt; in ihrem Wahnfinn meint ſie, er müſſe noch ein⸗ mal die Augen aufſchlagen, ihr noch einmal zulächeln. Endlich kehrt ihr die Sprache wieder, ſie ruft ihn mit den zärtlichſten Liebesnamen, ſie fleht und betet zu Gott, wie noch nie ein menſchliches Weſen zu ihm gebetet hat. — Aber vergebens! Gott liebt die Menſchen nicht genug, um ihnen zweimal Leben zu verleihen. — Esperance iſt todt— ſpricht fie endlich matt und tonlos, führen Sie mich zu Zamet! Gabriele. X. 10 7. Das Gewächshaus. d Es war ein lebhafter Andrang am folgenden Tage bei dem reichen Florentiner. Alle Freunde des Königs— damals zählte man ſchon ganz Paris dazu— waren nach dem Höôtel der Straße Lesdiguidères geeilt, um Hein⸗ rich IV. in der Perſon der künftigen Königin die Cour zu machen. Eine prachtvolle Frühlingsſonne überfluthete mit ihren Strahlen den ſchönen Garten Zamet's; Schaaren glän⸗ zender Cavaliere ſchwärmten zwiſchen mit Primeln und Veilchen bedeckten Beeten umher; jeder erkundigte ſich angelegentlich nach dem Befinden der Frau Herzogin, deren Fenſter immer noch dicht verſchloſſen waren. Zamet, der an dieſem Morgen ungewöhnlich verlegen und gezwungen erſchien, beantwortete alle an ihn gerich⸗ tete Fragen ſo gut er konnte: den Gleichgültigen ſagte er, daß die Frau Herzogin von Beaufort, ermüdet von der geſtrigen Reiſe, noch ruhe; den Vertrauteren geſtand er flüſternd, daß der Schlaf der Frau Herzogin ihm un⸗ gewöhnlich lang erſcheine und etwas beunruhige, denn es war jetzt nahe an Mittag, und ſeit geſtern Abend, wo — 147— ſich Gabriele ſogleich nach ihrer Ankunft zu Bett gelegt, war ſie noch nicht ſichtbar geworden, ja hatte noch nicht einmal ihre Dienerſchaft gerufen. Er wußte nur, daß Gratienne, ihre vertraute Kammerzofe, ſchon am frühen Morgen einen Courier mit einem Briefe an das Geno⸗ vefenſtift in Bezons abgefertigt hatte. Wenn man dieſe ſelbſt befragte, ſo lautete ihre Ant⸗ wort ſtets: Madame ſchläft noch! Dabei hütete ſte das Vorzimmer ihrer Gebieterin wie ein Argus. Von Zeit zu Zeit wechſelten Leonora und Zamet ver⸗ ſtohlene Blicke mit einander. Dieſe ſchwärmte die meiſte Zeit in Geſellſchaft einiger galanter oder neugieriger Ca⸗ valiere, deren einige ſie mit Liebesanträgen beſtürmten, andere wieder Prophezeihungen von ihr zu hören begehr⸗ ten, im Garten umher. — Weiß man aber auch ganz gewiß, daß die Frau Herzogin ſich nicht unwohl befindet? fragte la Varenne ängſtlich, halb gegen Zamet, halb gegen Baſſompierre gewendet. Ohne gerade ein Adler zu ſein, konnte la Varenne doch bisweilen durch die Wolken ſchauen, und ſeit er an Gabriele's baldige Thronbeſteigung glaubte, war er ganz Auge und Ohr zu ihren Gunſten geworden. — Unwohl? rief Zamet unruhig. Und weshalb ſollte ſie unwohl ſein, Herr von la Varenne? Warum gerade unwohl, ich bitte Sie? Haben Sie die Güte, mir zu agen, worauf Sie Ihre Beſorgniß gründen. 10* — 148— — Hoho! Zamet, wie Du Dich ereiferſt? ſprach Herr von Baſſompierre lachend und ohne alles Arg. In der That war der Florentiner ganz roth ge⸗ worden. — Ich finde es begreiflich, wie meine Beſorgniß auch Herrn Zamet ein wenig anſtecken kann, erwiederte la Va⸗ renne ſchnell, der ſchon befürchtete, Mißfallen erregt zu haben. Die Frau Herzogin iſt Gaſt ſeines Hauſes, und ſeine Verantwortlichkeit daher keine geringe! Was mich betrifft, ſo fragte ich nur deshalb ſo angelegentlich, weil es, wenn ſie wirklich unwohl ſein ſollte, meine Pflicht wäre, Sr. Majeſtät ſogleich zu ſchreiben. Der König hat mir auf das Strengſte anbefohlen, ihm ſofort von Allem, was die Herzogin betrifft, durch einen Courier Nachricht zu geben. — Vereinigt ſich denn hier nicht Alles, um zu ihrem Wohlbefinden beizutragen? unterbrach ihn Zamet. Uebri⸗ gens hat ſie noch Keiner von uns geſehen. Urtheilen Sie ſelbſt, Herr von Baſſompierre: Die Frau Herzogin kam geſtern Abend ſpät, ganz verſchleiert und allein in meinem Hauſe an. Sie hatte mir verbieten laſſen, ihr bis an's Schiff entgegen zu gehen, weil ſie noch Ihre Tante, die Frau von Sourdis, unterwegs hatte beſuchen wollen. Sie kommt an, ſpricht aber mit Niemand, ja zieht ſich ſo ſchnell und eilig in ihr Schlafzimmer zurück, daß ich nicht einmal weiß, ob ſie mich auch nur begrüßt hat. Sie werden zugeſtehen, daß dies etwas befremdend er⸗ ſcheint. — 149— — Parbleu! rief Baſſompierre; das iſt Alles ganz natürlich: Sie war müde; ſie wollte nicht, daß Du an's Schiff kommen ſollteſt, um nicht einen Haufen Gaffer herbeizuziehen. Mich ſelbſt hat ſie ja unterwegs ſchon entlaſſen. 3 — Mir hat ſie zwar im Vorbeigehen guten Abend geſagt, ſprach la Varenne, aber unter ihrem Schleier, und ſie erſchien mir ſehr bleich. — Ich kann Ihnen verſichern, daß ſie ſich geſtern während der ganzen Reiſe friſch und munter wie ein Röschen befand, ſagte Baſſompierre. — Ich wage zu hoffen, nahm Zamet wieder das Wort, daß die Frau Herzogin dieſen Morgen daſſelbe ſein wird, was ſie geſtern war, und morgen ſein wird, was ſie heute iſt. Zudem hat mir Gratienne Nichts ge⸗ ſagt, was dem widerſpräche; ſie ſchläft noch, das iſt Alles, und das Weitere müſſen wir erwarten. — Da fürchte ich ſehr, daß unſer Mittageſſen darun⸗ ter leiden wird, rief Baſſompierre. Weißt Du wohl, Za⸗ met, daß zwölf Uhr vorüber iſt, und daß Deinen Küchen ſchon ein Duft entſteigt, als ob es hohe Zeit wäre, ſich zu Tiſche zu ſetzen? Sage, werden wir ein gutes Diner haben? — Wenn Sie denſelben Geſchmack haben, wie die Frau Herzogin, antwortete der Italiener, ſo werden Sie. mit meiner Küche zufrieden ſein. Ich geſtehe Ihnen, daß ich mich bemüht habe, das Diner nur aus ſolchen Ge⸗ — 150— richten zuſammenzuſetzen, von denen ich weiß, daß ſie unſere zukünftige Herrſcherin liebt. — Nicht mehr als Deine Schuldigkeit. — Und der König wird es Ihnen Dank wiſſen, fügte la Varenne hinzu. Uebrigens kann man ſchon Das lieben, was die Frau Herzogin liebt, denn ſie be⸗ ſitzt in allen Dingen einen ausgezeichneten Geſchmack. — Wenn ich nur ſo glücklich wäre, Verſe machen zu können! ſprach Baſſompierre ſeufzend; ich würde de⸗ ren einige wunderſchöne machen, auf ein goldenes Ei graviren, und der Frau Herzogin durch's Fenſter in das Zimmer werfen; das Ei würde die Fenſterſcheibe zer⸗ brechen, die ſchöne Schläferin würde aufwachen, und wir hätten dann doch einige Ausſicht, zu unſerem Mittageſſen zu gelangen. Dieſe Worte wurden von einigen hungrigen Magen, die ebenfalls den Schlaf der künftigen Königin etwas lang fanden, vernommen und im Fluge aufgegriffen. — Ich ſchlage vor, ſagte einer der Cavaliere, daß man ein Morgenſtändchen der ſchönſten Stimmen und der vorzüglichſten Inſtrumente veranſtalte, und von dieſen unter ihrem Balcon die heiterſten Liebesmelodien auf⸗ führen laſſe. — An einem grünen Donnerſtage heitere Liebes⸗ melodien! bemerkte Zamet, den dieſer lange Schlaf ſeines Gaſtes in der That immer mehr und mehr zu beun⸗ ruhigen begann. Er war eben im Begriff, auf Leonora's Rath einen — 151— neuen Boten nach dem ſchweigſamen Vorzimmer abzu⸗ ſenden, um Erkundigungen einzuziehen, als plötzlich Gra⸗ tienne erſchien und verkündigte, daß ihre Herrin ſogleich in den Garten herabkommen würde. — Es war hohe Zeit, rief la Varenne, ſich mit dem Hute Luft zuwehend, denn ich war eben im Begriff, an den König zu ſchreiben. Die Stirn des Florentiners glättete ſich wieder, Leo⸗ nora erſchien weniger zerſtreut. Alle Anweſenden, Män⸗ ner wie Frauen, drängten ſich nach der in den Garten herabführenden Freitreppe hin, um die beſten Plätze am Fuße derſelben zu erlangen, das heißt diejenigen, auf denen ſie ein belebender Strahl des aufgehenden Tages⸗ geſtirns am erſten treffen konnte. Die Frauen bereiteten ſich vor, die Toilette Derjenigen, welche bereits durch ihren ausgezeichneten Geſchmack, ihre ſtets edle und geläuterte Prachtliebe über Frankreich herrſchte, und durch ihre reiche Erfindungsgabe jedem Beſtandtheil ihres Schmuckes einen Charakter von Poeſie und Kunſt⸗ ſchönheit zu geben wußte, zu bewundern. Die Männer— obſchon ſie keineswegs alle die Her⸗ zogin im gleichen Grade liebten, vielleicht weil ſie es ihnen nicht genug verſtattete,— drängten ſich gleichwohl ebenfalls an ihren Weg, um eine der vollkommenſten, eine der beſtändig friſcheſten Schönheiten zu bewundern, welche noch je aus den Händen des Schöpfers hervor⸗ gegangen war. Endlich erſchien Gabriele auf den oberſten Stufen. — 152— Sie war ganz ſchwarz gekleidet,, wie es die Etiquette während dieſer heiligen Tage vorſchrieb. Geſchmackvolle Schmelzſtickereien blitzten auf dem dunkeln Damaſt und hoben die durchſichtige Weiße ihres Halſes und ihrer Hände noch mehr hervor. Langſam ſtieg ſie die Treppe herab, faſt einer Wachs⸗ figur gleich, die von einem verborgenen Mechanismus in Bewegung geſetzt wird. Alles an ihr athmete eine ſo feierliche, impoſante Majeſtät, eine ſo ernſte Schönheit, daß das Rauſchen ihrer Kleider auf den Stufen bei den mehrſten Derjenigen, die gehofft hatten, ſich an ihrem Anblicke zu erfreuen, eine Art von Grauſen befiel. Das war nicht eine Frau, die ſich ſoeben erſt lebend und blü⸗ hend aus dem Bette erhoben hatte, ſondern eine Königin, die ihrem Grabe entſtieg. Ihre Wangen waren wie mit einem Roſenhauch über⸗ zogen, ihr ſonſt ſo ſanftes, ſchmachtendes Auge blitzte und glänzte heute; aber es bedurfte nur eines einigermaßen geübten Blickes, um ſogleich zu errathen, daß dies unge⸗ wöhnliche Feuer in Gabriele's Augen von Fiebergluth erzeugt, daß dieſe Röthe auf ihren Wangen zum erſten Male in ihrem Leben eine künſtliche war. Gewöhnlich theilte die Friſche ihres Blutes, die jugendliche Lebens⸗ fülle ihrer ſammetnen Haut ein hinreichend lebhaftes Co⸗ lorit mit. Wozu alſo heute dieſe Schminke? War es nur ſo eine flüchtige Laune? Keiner ahnete, daß dieſe Schminke nur dazu nöthig — 153— war, um einem Leichenantlitze den Schein des Lebens zu verleihen. Warum hätte ſie auch bleich ſein ſollen, dieſe aller⸗ glücklichſte der Frauen, die ja nun bald einen Thron be⸗ ſteigen ſollte? Zamet eilte auf ſie zu, küßte ihr ehrerbietig die Hand, und ſprach, während Gabriele die ganze Verſammlung grüßte: — Ach! Madame, man fing bereits an, ſich um Ihretwillen zu beunruhigen; aber endlich ſind Sie er⸗ ſchienen, und Allen kehrt die Freude und der Appetit zurück. Ihr Befinden iſt ein gutes, hoffe ich? — Vollkommen! ſprach Gabriele mit ernſter, feier⸗ licher Stimme. — Was habe ich Ihnen geſagt? rief Baſſompierre triumphirend; Madame iſt niemals ſchöner und blühender geweſen! — Ich muß in der That bekennen, bemerkte la Va⸗ renne, daß ich noch niemals eine ſo friſche Röthe auf den Wangen Ihrer Majeſt. — Fahren Sie vn, fahren Sie nur fort! rief Za⸗ met mit einem rohen, a ber aufrichtig ſein ſollenden Ge⸗ lächter. Das, was Sie 3* heute noch nicht auszuſprechen getrauen, wird morgen alle Welt ſagen. Und Alle beklatſchten mehr oder weniger ſervil dies plumpe Kompliment ihres Wirthes. — Gefällt es Ihnen, ſich hier im Garten ein wenig 31 6 — — 154— niederzulaſſen? fragte Zamet. Es ſcheint faſt, als ob das Stehen Sie ermüde, Madame. In der That bemerkte man, daß Gabriele's Gang ein ſchwankender war, und ſte ſich nur mit Gewalt aufrecht zu erhalten ſchien. — Nein, gehen wir, erwiederte ſte, und gehen wir ſogar etwas raſch; ich liebe die Bewegung. Machen wir einen Spaziergang durch den Garten. — Es iſt nur— man wartete— das Diner iſt bereits ſervirt, Madame. — Sol das Diner? ſprach Gabriele, ſtehen bleibend. — Man ermartete nur Ihre Befehle... — Und warum? Das thut mir leid. Es iſt heute ein heiliger, ein Trauertag, der grüne Donnerſtag. Ich faſte heute. Dieſe Worte, und die Art, wie ſie ausgeſprochen wur⸗ den, machten einen unbeſchreiblichen Eindruck auf die An⸗ weſenden. Alle blickten die Herzogin verwundert an, deren Trauerkleidung ganz mit dem düſteren Tone harmo⸗ nirte, in welchem ſie dieſelben ſprach.. Der Beſtürzteſte von Allen aber war der Florentiner; es war als ob das Wort faſte ihn niedergedonnert hatte. Er vergaß ſich ſogar ſo weit, Leonora mit den Augen zu ſuchen, die, auf einer der oberſten Stufen ſtehend, an einen Pfeiler der Treppe gelehnt, den ganzen Auftritt mit Intereſſe, oder richtiger, mit leidenſchaftlicher Span⸗ nung beobachtete. Auch ſie zuckte bei den Worten ein wenig zuſammen. — 155— — Iſt es denn ſo erſtaunend, fuhr Gabriele fort, daß ich an einem Tage, wie der heutige, faſte? Der König wünſcht, daß ich die Ceremonien, welche die Kirche während der heiligen Woche der ganzen Chriſtenheit vor⸗ ſchreibt, fromm erfülle, und ich gehorche dem Könige. — Ich werde dieſe gottesfürchtige und fromme Ge⸗ ſinnung Sr. Majeſtät ſogleich ſchreiben, ſagte la Varenne. — Ganz vortrefflich! murmelte Baſſompierre. Wer⸗ den wir etwa auch faſten? Dann wünſchte ich wohl, man hätte mich wenigſtens gleich heute früh davon be⸗ nachrichtigt!— Der König hätte mir das geſtern ſagen ſollen, als er mir befahl, die Herzogin zu begleiten. — Uebrigens verſteht es ſich von ſelbſt, fuhr Ga⸗ briele fort, ſich gewaltſam emporraffend, daß es mir nicht beikommt, irgend Jemand mein Beiſpiel aufzudringen. Ja, mehr noch, wenn irgend Jemand ſich verpflichtet glauben ſollte, blos um meinetwillen daſſelbe zu thun, der würde mir großes Mißvergnügen verurſachen. Ich erſuche Sie alſo, Zamet, Ihre Gäſte zur Tafel zu führen, und es ſich ſelbſt recht wohlſchmecken zu laſſen. — Aber, Madame, ſtammelte der Florentiner, was ſoll aus dem Feſte werden— ohne Sie—— — Nun, ein wirkliches Feſt iſt wohl heute ſchicklicher⸗ weiſe nicht möglich, unterbrach ihn die Herzogin, wenig⸗ ſtens für mich nicht, Herr Zamet. Es iſt ein Gelübde, das ich gethan; und— wenn ich es Ihnen ſagen ſoll, damit Sie mich bei den Damen entſchuldigen, die mir vielleicht zurnen, daß ich ſie ſo lange habe hungern — 156— laſſen,— ich habe dieſe kleine Büßung dem Papſte gelobt. — In Erwiederung der guten Nachrichten, die er Ihnen aus Rom hat zugehen laſſen? rief Baſſompierre. — Ganz recht, Herr Herzog. Sie Alle aber, die Sie nicht in gleicher Beziehung zu Sr. Heiligkeit ſtehen, ſpeiſen Sie, laſſen Sie es ſich recht wohlſchmecken. Ich wünſche es, ich befehle es Ihnen ſogar. Sie begleitete dieſen Befehl mit dem holdſeligſten Lächeln, das ihr zu erzwingen möglich war. In dieſem Augenblicke fühlte Zamet, daß Jemand ihn verſtohlen an den Ellenbogen ſtoße; ohne es zu wollen, ſah er ſich raſch um, und begegnete Leonora's ſtrafenden Blicken ob dieſer Unvorſichtigkeit. Schnell ließ er ſeine Augen im Kreiſe umherſchweifen, ob vielleicht irgend Je⸗ mand dies Zeichen des Einverſtändniſſes mit der Wahr⸗ ſagerin bemerkt habe. Gabriele war vielleicht die Einzige von Allen, der es nicht entgangen war. Aber ihre Seele ſchwebte in zu erhabenen Regionen, um auf dies erbärmliche Spiel nie⸗ driger Leidenſchaften herabzublicken, oder nur der Beach⸗ tung zu würdigen. — Nun, fuhr ſie im Tone einer Königin fort, wird man zu Tiſche gehen? Soll ich mich zurückziehen, wenn vielleicht meine Gegenwart einen Zwang auferlegt? Es ſollte mir leid thun. Zamet verbeugte ſich in ſtummer Reſignation. Die übrige Geſellſchaft fühlte ſich mehr als getröſtet über dieſe Verzögerung, die ihren Appetit nur geſchärft hatte, empfahl ſich der Herzogin ehrerbietigſt und machte ſich in einzelnen Gruppen auf den Weg nach dem Speiſeſaale. — Aber, Madame, ſagte Zamet, in Verzweiflung über dieſen an ſich ſo einfachen und ſo natürlichen Zwiſchen⸗ fall, der alle ſeine Pläne über den Haufen warf, wenn Sie uns nur wenigſtens die Ehre erzeigen wollten, an der Tafel Platz zu nehmen.— — Wenn Sie es gar ſo ſehr wünſchen, erwiederte Gabriele, ſo bin ich auch dazu bereit, wenn ſchon meine Büßung dadurch etwas verſtärkt wird, Andere eſſen zu ſehen; wo nicht, ſo werde ich, während Sie für die Be⸗ wirthung Ihrer Gäſte ſorgen, im Garten ſpazieren gehen, und Sie kommen dann nach der Tafel wieder zu mir. —— Ich erwarte Sie. Zamet verſtand ſich genau auf alle Nuancen der menſchlichen Stimme, um nicht in den drei letzten Wor⸗ ten eine entſchiedene Weigerung zu erkennen. Er zog ſich betreten zurück. — Es iſt Alles verfehlt, wir ſind verrathen, flüſterte er Leonora zu. — Noch nicht, erwiederte die Wahrſagerin ebenſo. — Haben die Frau Herzogin Ihrem gehorſamen Die⸗ ner irgend einen Befehl zu ertheilen? fragte la Varenne kriechend. — Nein, la Varenne; gehen Sie zu Tiſche, wie alle Uebrigen. — 158— — Die Frau Herzogin erſcheinen mir etwas traurig, niedergeſchlagen. Wünſchen Sie vielleicht, daß ich an den König ſchreibe? — An den König? Wozu? rief die Herzogin lebhaft. — Um das Herz Sr. Majeſtät durch die Nachricht zu tröſten, daß ſeine Königin ſich ebenſo nach ihm ſehnt, wie er ſich nach ihr. — Ach, ganz recht!— Ja, ſchreiben Sie ihm das — wenn Sie wollen. Und die Bedientenſeele mit einer leichten Handbe⸗ wegung verabſchiedend, ſchritt ſie langſam durch den Gar⸗ ten dahin. Ziemlich am Ende deſſelben, nahe an den Gewächshäuſern, ſetzte ſte ſich, oder ſank ſie vielmehr er⸗ ſchöpft auf eine Gartenbank, von welcher aus ſie durch die noch ſpärlich belaubten Bäume den Giebel von Es⸗ perance's Haus ſehen konnte, und verweilte einige Zeit ſchweigend, den Blick auf jenen Punkt gerichtet. Niemand war bei ihr, als ihre ſtete Begleiterin, ihre getreue Gratienne. — Iſt ſchon eine Antwort aus Bezons angekommen? fragte ſie endlich kurz, faſt tonlos. — Noch nicht. — Sieh' nach, ob der Courier vielleicht da iſt. — Ja, Madame. Gratienne flog davon. — Wie er mich warten läßt! welche Qual er mir bereitet! murmelte Gabriele leiſe vor ſich hin. Ach, Bruder Robert! ich hielt Dich mehr für meinen Freund!— Bruder Robert! haſt Du denn kein Erbarmen mit einem unglücklichen Weibe!— Und Du, mein ſanfter, ſüßer Freund, mein Esperance! fuhr ſie fort, den Blick wieder mit dem Ausdrucke des unendlichſten Schmerzes auf jenes Haus richtend, vergieb Deiner armen Gabriele, daß ſie ſo lange zögert, Deinem Rufe zu folgen! Wenn ich noch nicht bei Dir bin, ſo iſt es nicht, weil ich mich fürchte, weil meine Seele ſich nicht ſehnt, ſich zu der Deinen emporzuſchwingen. Du glaubſt es mir, nicht wahr? Du weißt es, Du ſiehſt es von Deinem Himmel aus, wo Du meiner vertrauensvoll harreſt? Hätte ich Zamet's Ein⸗ ladung angenommen, ſo wäre ich jetzt vielleicht ſchon todt; aber noch wäre dies zu früh. Bevor ich dieſe letzte Reiſe antrete, muß ich noch Bruder Robert um etwas bitten, unſeren Freund, der vielleicht der Erſte war, der unſere Liebe errathen hatte.—— Du weißt es, was ich von ihm will, nicht wahr, mein Esperance? Dort droben weiß man ja Alles. Gedulde Dich, ſüßer Freund. Sobald ich die Antwort des guten Bruders habe, dann zögere ich nicht länger; ſchon bin ich ja ganz in der Nähe von Zamet's Gewächshauſe, alſo beruhige Dich. ich komme bald! Gabriele hörte und bemerkte nicht, daß Gratienne wieder zurückgekehrt war und ſchon an ihrer Seite ſtand. — Ach! Bruder Robert— rief ſie ſtöhnend aus, verkürze meinen Todeskampf! —öͤͤͤͤſ — — 160— — Was ſprechen Sie da von Tod? rief Gratienne erſchrocken. — Habe ich dies Wort ausgeſprochen, Gratienne? — Im Namen des Himmels beſchwöre ich Sie, theure Gebieterin, weinen Sie, weinen Sie doch! Ihre trockenen Augen flößen mir Furcht und Entſetzen ein! — Schweig ſtill— man kommt! Es war Zamet, der, nachdem er für die Bewirthung ſeiner zahlreichen Gäſte Sorge getragen, jetzt wieder her⸗ beieilte, um der Herzogin zu zeigen, daß er ſie nicht ver⸗ nachläſſige. — Madame, ſprach er, man pflegt in der Regel nicht bis über Mittag hinaus ſich beim Faſten jeder Nah⸗ rung zu enthalten. Jetzt iſt es bald halb zwei Uhr, hüten Sie ſich, durch dieſe allzugroße Strenge Ihrer Geſund⸗ heit zu ſchaden; der König würde Ihnen Vorwürfe da⸗ rüber machen, und mir nicht weniger. — Glauben Sie? — Gewiß, gewiß, ich ſtehe Ihnen dafür! rief er lebhaft, in der Meinung, ſie beginne in ihrem Ent⸗ ſchluſſe zu wanken. Nehmen Sie wenigſtens— — Nichts, Zamet, noch Nichts; ſpäter erſt.— Oh! ſorgen Sie nicht, ich werde ſchon etwas zu Eſſen von Ihnen begehren; die Vorbereitungen, welche Sie ganz beſonders um meinetwillen getroffen haben, ſollen nicht verloren ſein; ich ſtehe Ihnen dafür. Zamet erſchrack. — Wollen Sie mir nicht einmal Ihre Genchshäuſer — 161— zeigen? fuhr ſie fort; man hat Sie mir als prachtvoll beſchrieben, beſonders dieſes Jahr; es ſollen ſich fort⸗ während die ſchönſten, reifſten Obſtſorten aller Jahres⸗ zeiten darin vorfinden? — So ziemlich— bis auf die Weintrauben, die mir dieſes Jahr verunglückt ſind. Sie waren eingetreten; Gratienne beiden folgend. — Und wie iſt es mit den Pfirſichen? wendete ſich die Herzogin wieder ſchnell zu ihm. Zamet ward todtenbleich. Dies ewige Lächeln auf Gabriele's Geſicht brachte ihn faſt zum Wahnſinn; er mußte allen ſeinen Muth zuſammenraffen. Die Herzogin war gerade auf einen Pfirſichbaum zu⸗ gegangen; er war ihr gefolgt. — Sieh! ſprach ſie, ich bemerke hier nur noch eine am ganzen Baume. Haben Sie die anderen ſchon abge⸗ nommen? — Es war die einzige dieſes Jahr, Madame, ſtam⸗ melte der Florentiner. — Dafür iſt ſie aber auch um ſo prachtvoller. Wahr⸗ lich, niemals habe ich eine ſo ſchöne geſehen.— Wiſſen Sie auch, daß das mein Lieblingsobſt iſt? Faſt möchte man meinen, dieſe Pfirſiche ſei nur deßhalb ſo ſchön, um mich zum Brechen meines Faſtengelübdes zu verführen. Der Schweiß perlte auf Zamets Stirn. — Denn ich bin überzeugt, Sie würden Sie mir nicht abſchlagen, fuhr Gabriele, noch holder lächelnd, fort, Gabriele. X. 11 — 162— während der Unglückliche ſchon auf dem Punkte ſtand, die Faſſung gänzlich zu verlieren. — Der Courier! rief Gratienne in dieſem Augen⸗ blicke, dem Manne entgegeneilend und ihm ein Billet aus der Hand nehmend. Es war die von ihrer Gebieterin ſo ſchmerzlich erwartete Antwort aus dem Genovefenſtifte. Gabriele riß ihr ungeſtüm das Papier aus der Hand und flog es durch.— Ein überſeliges Entzücken leuchtete aus ihren ſchönen Augen.. — Darf man ſich zu fragen erdreiſten, ob es we⸗ nigſtens eine gute Nachricht iſt? fragte der Italiener, der ſich wieder ein wenig erholt hatte, zumal er zwiſchen den Blättern einiger rieſenhaften Cacteen Leonora's Augen lauernd auf ſich gerichtet ſah. — Vorrrefflich. Es betrifft ein fremdes Werk, in Verbindung mit einer höchſt angenehmen Partie. Ein Freund giebt mir ein Rendezvous in der Kirche du Petit⸗ Saint⸗Antoine, während der Finſtermetten. — Aber dieſe werden ſchon in etwa einer Stunde beginnen, Madame. — Das weiß ich. — Das iſt aber ein trauriges Rendezvous.— — Beruhigen Sie ſich; es iſt nur ein ſehr frommes. Zudem— wie man ſagt, ſoll die Muſik ſehr ſchön ſein? — Allerdings; ſie gilt für das Ausgezeichnetſte, was man noch an Kirchenmuſik kennt; ganz Paris ſtrömt da⸗ — 163— hin, und ich fürchte, Sie werden keinen Platz mehr be⸗ kommen. — Gratienne, ſchicke ſogleich hin, laß eine der kleinen Seitenkapellen für mich vorbehalten und meine Sänfte vorrücken. Abermals eilte Gratienne davon. Zamet ſah und hörte der Herzogin mit höchſtem Staunen zu; ſeitdem er bei ihr war, wurden ihre Worte, ihre Geberden ihm immer unbegreiflicher. Beide befanden ſich ganz allein im Gewächshauſe, nur von Leonora's Späheraugen bewacht. — Erlauben Sie, Ihrem ergebenſten Diener zu be⸗ merken, Madame, daß Sie ſich in einer außergewöhn⸗ lichen Aufregung zu befinden ſcheinen, einer Aufregung, die— — Nicht doch; eigenſinnig, launiſch, wollen Sie vielleicht ſagen. In der That, ſo eben noch ſchlug ich es Ihnen ab, etwas zu genießen— nicht wahr? — Und jetzt würden Sie es annehmen? — Ja. — So will ich augenblicklich Befehl geben, die Tafel— — Nicht nöthig— ich habe hier, was ich brauche. Und zugleich ſtreckte ſie die Hand nach dem Pfirſich⸗ baume aus. — Dieſe Frucht— ſtotterte Zamet. — Sie iſt einzig in ihrer Art; in ganz Frankreich findet man keine dergleichen wieder, und ich bin über⸗ 11* zeugt, daß Sie ſie ganz beſonders für mich beſtimmt hatten. Nur wundert es mich— da Sie mich doch zum Mittageſſen erwarteten— warum Sie ſie nicht ſchon für die Tafel gepflückt hatten? — Weil— Madame— weil in der Regel das Obſt vom Baume weg— beſſer— Gabriele hatte die nur mit einem verborgenen Faden locker an dem Baume befeſtigte Pfirſiche ſchon ab⸗ geriſſen. Sie betrachtete ſie einige Zeit aufmerkſam. — Sie kannten ſchon meine kleine Leidenſchaft, ſprach ſie dann weiter, Sie wußten, daß ich dem Vergnügen dieſe Pfirſiche zu pflücken nicht würde widerſtehen können, Zamet, und haben mir eine Falle gelegt. Ich wette, wenn ich nicht von ſelbſt auf den Gedanken gekommen wäre, Sie würden ſie mir gebracht haben. — Aber, Sie ſagen mir das in einer Art, Madame, ſtammelte der Florentiner, immer heftiger zitternd, je freundlicher und mittheilender die Herzogin ward. Und kalt, ruhig, ohne das mindeſte Zeichen von Auf⸗ regung, brach ſie die Pfirſiche auseinander, biß hinein und verzehrte die Hälfte.— Ein Blitz leuchtete vom Fenſter her, es war das Funkeln von Leonora's Augen. — Wollen Sie mit mir theilen? ſprach Gabriele, Zamet mit eiſiger Kälte die andere Hälfte der Frucht dar⸗ bietend. — Wahrhaftig, Madame, rief Zamet, den ſein em⸗ * — 165— pörtes Gewiſſes in ein Geſpenſt verwandelte, wer Sie ſo hörte, könnte glauben— — Was könnte man glauben? unterbrach ihn die Herzogin mit würdevoller Hoheit. Daß dieſe Frucht auf eine geheimnißvolle Weiſe beſonders für mich zubereitet worden iſt, daß ſie vergiſtet war?— daß Sie eine Kö⸗ nigin von Frankreich nach Ihrem Willen machen wollen, und daß Gabriele ſterben wird?— Nun, was liegt daran, wenn Gabriele ſelbſt, ſtatt ſich zu beklagen, Ihnen verzeiht, ja Ihnen ſogar dankt?— Sie ſehen: Niemand iſt mir hierher gefolgt; ich habe alle Zeugen entfernt, ich habe ſogar Gratienne weggeſchickt— ich habe es ab⸗ geſchlagen, mich an Ihren Tiſch zu ſetzen, kein Menſch hat mich auch nur das Mindeſte bei Ihnen genießen ſehen!— Alſo, beruhigen Sie ſich, Niemand wird einen Verdacht auf Sie werfen, und ich will Sie keines⸗ wegs verderben, weder Sie, noch Ihre Mitſchuldigen. Zamet hatte Mühe, ſich aufrecht zu erhalten; Alles drehte ſich mit ihm im Ring. — Ich bitte Sie nur noch um einen einzigen Dienſt, den letzten, fuhr ſie fort; ſagen Sie mir nur, ob ich lange zu leiden haben werde? — Madame!— Madame!— ſchonen Sie eines Elenden.— — Antworten Sie mir beſtimmt mit Ja oder Nein! die Zeit iſt mir nur noch karg zugemeſſen! Antworten Sie, ſage ich Ihnen, haben Sie wenigſtens den Muth!— Werde ich noch lange auf dieſer Erde zu leiden haben? — 166— Er war auf beide Kniee niedergeſunken; ſeine zittern⸗ den Hände ſuchten den Saum ihres Kleides zu erhaſchen, um ihn an ſeine bleichen Lippen zu drücken, aus denen ſich ein kaum hörbares Nein hervorrang. — Du hörſt es, mein Esperance, ich komme bald! lispelte ſie, und mit dem Lächeln eines Engels wendete ſie ſich nochmals zu dem Verbrecher: Ich vergebe Ihnen, Zamet, ich danke Ihnen. Ruhig und feſten Schrittes verließ ſie das Gewächs⸗ haus, den Ungluͤcklichen hinter ſich zurücklaſſend, noch auf den Knieen, ſich das Haar zer aufend und auf die Bruſt ſchlagend. 1 — Ich war es nicht! ich war es nicht! war Alles, was er unter Schluchzen hervorſtammeln konnte. Die Italienerin hatte die Flucht ergriffen, verfolgt von Furcht vor dem Zorne Gottes. Gabriele war in's Haus zurückgekommen und beſtieg ihre Sänfte. Aus dem Speiſeſaale erſchallte das Gelächter und heitere Geplauder der Tiſchgenoſſen; aber ſie vernahm es nicht mehr, ſie hörte bereits Stimmen aus einer anderen Welt in ihrem Ohre klingen. Alles Uebrige gehört der Geſchichte an. Die Herzogin erſchien in der für ſie vorbehaltenen Seitenkapelle der Kirche du Petit⸗Saint⸗Antoine. Viele Vornehme, viele Große und Mächtige dieſer Erde, viele Gottloſe waren hier verſammelt. Auch Henriette d'En⸗ = 162 tragues war unter ihnen, um mit eigenen Augen auf dem Geſichte ihrer Nebenbuhlerin die Fortſchritte des Giftes zu beobachten. Das Volk ſah Gabriele knieend, bleich und voll in⸗ brünſtiger Andacht beten; es ſegnete ſie, es betete ohne Zweifel ebenfalls für ſie, die ſanfte, gütige Geliebte ſei⸗ nes Königs, die niemals Böſes gethan und keine anderen Feinde hatte, als die des Königs. Man bemerkte neben der Herzogin, in einer dunklen Ecke der Seitenkapelle, einen Mönch des Genovefenſtiftes, der lange Zeit mit ihr ſprach, und mehr wie einmal wäh⸗ rend dieſer Unterredung an ſeine Bruſt ſchlug und ver⸗ zweiflungsvoll das Haupt neigte. Ohne Zweifel beichtete ſie ihm, wie ſie feſt entſchloſ⸗ ſen geweſen ſei, zu ſterben, trotz ſo vieler ihr zugegange⸗ ner Warnungen, die es ihr leicht gemacht hätten, den Fallſtricken ihrer Gegner zu entgehen. Ohne Zweifel beichtete ſie ihm alle ihre Sünden und flehete zu Gott um Vergebung derſelben, die ſeine Barmherzigkeit einem Sterbenden, der reumüthig zu ihm betet, ja niemals ver⸗ weigert. Was die Bitte betraf, die ſie an ihn zu richten ge⸗ habt, ſo mußte dieſe wohl eine ſehr rührende und der edlen Seele würdige ſein, die bald den ſchönen Körper verlaſſen ſollte, denn heiße Thränen ſtrömten beim An⸗ hören derſelben über das ſtrenge Geſicht des Mönchs. Während die Accorde der düſteren Muſik am Gewölbe der Kirche wiederhallten, während die Stimmen der Sänger * — 4168— in Klage⸗ und Reuetönen abwechſelten, flüſterte Gabriele dem neben ihr knieenden Mönche zu: 3 — Ehrwürdiger Bruder! vielleicht liebt mich Gott nicht mehr? Vielleicht wird mein Tod noch nicht hin⸗ reichen, alle Sünden meines Lebens abzubüßen, ſo ſehr ich mich auch bemüht habe, in Frieden und allen meinen Feinden vergebend aus der Welt zu ſcheiden?— Viel⸗ leicht werde ich nicht in den Himmel gelangen, wohin mein Esperance mir ſchon vorangegangen iſt, und dann würde ich ihn ja niemals wiederſehen!— O, mein Freund, meine einzige Stütze! Dulden Sie es nicht, daß mein Körper für immer von Dem getrennt bleibe, den ich noch über das Leben hinaus geliebt habe!— Wenn der König mich vergeſſen haben wird, wenn Niemand mehr daran denken wird, mein Grab zu beſuchen, wenn ſelbſt mein Sohn nicht mehr kommen wird, um auf mei⸗ nem Grabſteine den verblichenen Namen ſeiner Mutter zu leſen, wenn ich ganz allein ſein werde.— Oh! ich beſchwöre Sie, Bruder Robert, dann vereinigen Sie mich wieder mit meinem Esperance— vereinigen Sie die Aſche unſerer beiden Herzen! Sie konnte nicht weiter. Ein kalter Schauder ergriff ſte. Man trug ſie ohne Beſinnung in ihre Sänfte und ſchaffte ſie zu ihrer Tante, der Frau von Sourdis. — Jetzt werde ich Königin ſein! tönte es triumphi⸗ rend in Henriette's Innern, als ſie ihre Nebenbuhlerin, faſt ſchon eine Leiche, an ſich vorübertragen ſah. Zamet hatte nicht gelogen; am anderen Morgen hatte — 169— Gabriele ausgelitten. La Varenne verkündigte dem Kö⸗ nige in einem und demſelben Briefe ihre Erkrankung und ihren Tod. Man muß Heinrich die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, zu ſagen, daß er ſie tief und aufrichtig betrauerte. Vierzehn Tage vergrub er ſich in die Einſamkeit, um nur ſeinem Schmerze zu leben, und nur Sully's Beredtſamkeit gelang es, ihn ſeiner Regentenpflicht, ſeinem Volke zurück⸗ zugeben. 8. Epilog. Ein volles Jahr war verſtrichen. Der königliche Hof von Frankreich war freudig belebt. Noch nie hatte man geräuſchvollere, glänzendere Liebesfeſte geſehen, noch nie hatten ſich die Höflinge beſſer unterhalten. Dieſe weſentliche Umwandlung verdankte der Hof, verdankte Frankreich der ſchönen Henriette d'Entragues, der Königin aller dieſer Feſte, der Liebeskönigin, der Herzenskönigin Heinrichs IV. und ſeiner erklärten Ge⸗ liebten, ſo offen und geräuſchvoll erklärt, wie ein ſolches Weib es zur Veröffentlichung und Sicherung ſeiner Rechte bewerkſtelligen konnte. 8 Der König, der, wie alle auf der Stufe zwiſchen dem Mannes⸗ und dem Greiſenalter noch Verliebten, wieder jung zu werden meinte, weil er auf's Neue zu leben anfing, flatterte wie ein Schmetterling von einem wol⸗ lüſtigen Entzücken zum anderen. Er lachte, er ſcherzte, er ſprudelte von Geiſt und Witz. Es war dies Mode am franzöſiſchen Hofe geworden, ſeitdem die witzigſte und ſchlaueſte Frau in ganz Frankreich ſich zur königlichen Maitreſſe emporgeſchwungen hatte. — 121— Man zankte, man ſchmollte, man entzweite ſich, man beging gegenſeitige Untreue, man verſöhnte ſich wieder, man zog alle Welt in ſein Vertrauen— die Zeit der Discretion, der geheimnißvollen keuſchen Liebe, der Her⸗ zensreinheit, der Schamhaftigkeit war vorüber. Alle dieſe Leute ſtrebten augenſcheinlich nur danach, ſich oder auch Andere zu betäuben. Vielleicht hätte ein aufmerkſamer Beobachter inmitten dieſer geräuſchvollen Freudenwirbel einige Träumer be⸗ merken können, hätte vielleicht bemerken können, daß die Lauteſten unter den Lauten gerade die Nachdenkendſten waren. 96 Es war zu Anfang des Jahres 1660, als eine große, von einem Schwarme ſchimmernder Cavaliere und könig⸗ licher Garden umgebene Kutſche aus dem Schloſſe von Saint⸗Germain nach Paris anfbrach. Im Inneren dieſer Kutſche befanden ſich der König, Mademoiſelle d'Entragues, Marie Touchet und Herr von Baſſompierre. Baſſompierre, jung, genußſüchtig, nicht ſehr gewiſſen⸗ haft, gab ſich zu Allem her, wo es etwas zu lachen und — zu gewinnen gab. Marie Touchet, aufgetakelt und geſchminkt wie immer, ſaß ſo ſteif und aufgerichtet da, daß ihr Kopfputz faſt die Decke des Wagens berührte. Sie liebte es zu figuriren und wenn irgend ein Vorübergehender ſie für ihre Tochter — wozu er freilich halb blind ſein mußte— anſah, war ſie außer ſich vor Freude. — — 172— Der König, halb luſtig, halb verlegen, trieb tauſend Poſſen und ſagte ihr allerhand Schelmereien. Es war ſichtlich, daß es ihm nicht ſowohl um dieſe zu thun war, ſondern nur um der bisherigen Unterhaltung eine andere Richtung zu geben. Henriette's Haltung konnte nicht mißdeutet werden: ſie ſchmollte. Vielleicht wird der Leſer neugierig ſein, etwas über die Urſache ihrer üblen Laune zu erfahren. Schon ſeit längerer Zeit hatte die ſchöne Henriette wieder ihre frühere Stellung in den täglichen Gewohn⸗ heiten des Königs eingenommen. Theils durch ihre Argliſt und Verführungskünſte, theils durch die eigene Schwäche Heinrich's war Alles nach und nach wieder in’s alte Gleis gekommen, als ob niemals ein Zerwürf⸗ niß zwiſchen ihnen ſtattgefunden hätte. Niemals hatte ſie jene Ereigniſſe, jenen Sturm, der ihre verhaßte Nebenbuhlerin in's Grab geweht, auch nur mit einer Silbe erwähnt, und ebenſo hatte der König, der doch ſo Vieles zu fragen und zu ſagen gehabt hätte, Henriette niemals über jenes verhängnißvolle Rendezvous, das ſie dem armen Esperance in Fontainebleau gegeben, und über die Cataſtrophen, die es zur Folge gehabt, ausgeforſcht. Das Ergebniß dieſer gegenſeitigen Zurückhaltung war, daß Mademoiſelle d'Entragues hundert Meilen weit da⸗ von entfernt war zu zweifeln, daß der König ſie nicht für ein Muſter der Sittſamkeit und Treue halte. Der — 173— König ſeinerſeits nahm dagegen die Rolle eines gläubigen Liebhabers nebſt allen daran hängenden Beneſicien ſtill⸗ ſchweigend an, das heißt, er begnügte ſich mit dem Scheine, genoß die Wirklichkeit, behielt ſeine Gedanken für ſich, und wahrte ſich, nur die Sinne befriedigend, die volle Freiheit ſeines Herzens. Die Entragues lebten unter ſich der feſten Ueber⸗ zeugung, daß Heinrich ganz und gar in ihren Netzen verwickelt ſei und niemals auch nur daran denken könne, ſich ihrer wieder zu entledigen. Der ganze Hof theilte dieſe Meinung mit ihnen und lachte darüber. Aber das arme Frankreich lachte nicht. Wenn echte Franzoſenherzen es mit anſehen mußten, wie eine Henriette d'Entragues es wagte, dieſen König, den ganz Europa bewunderte, verehrte, in ihrem Netze feſtzuhalten, ihn quälte, peinigte, nach Befinden auch züchtigte, dann ſagten ſie ſich mit Entſetzen, daß ein unter ein ſolches Joch geſchmiegter Greis niemals die Kraft haben würde, es wieder abzuſchütteln. Und in der That fragten ſich dies nicht blos die treuen Franzoſenherzen, ſondern ſelbſt dies ganze Neſt der Entragues fragte ſich in ſeinem Stolze, ſich bis zum königlichen Horſte emporgeſchwungen zu haben: — Wie will er es anfangen uns wieder zu verjagen — ſelbſt wenn er es wollte? Indeſſen genügte ihnen dieſe thatſächliche Herrſchaft noch keineswegs; es fehlte noch der Name einer Königin, dieſer eigentliche Zielpunkt ihres ehrgeizigen Strebens. —— — 174— Wenngleich Henriette das ſchriftliche Eheverſprechen des Königs in Händen hatte, dachte ſie doch zuweilen daran, daß das altbekannte Sprüchwort: Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben!— auch wohl heißen könne: Aufgeſchoben iſt halb aufgehoben!— Heinrich hatte ja gar keine Verfallzeit der Zahlungsfriſt feſtgeſetzt, und jeder Tag konnte für Henriette eine Verfallzeit werden; das wußte die Schlaue recht wohl.— Zuweilen wunderten ſich die Entragues ſelbſt über ihre große Nachſicht und Delicateſſe. Schon ein ganzes Jahr verfloſſen!— und noch hatten ſie den König nicht zur Erfüllung ſeines unterſchriebenen Verſprechens auf⸗ gefordert. Ein ganzes, langes Jahr! Welche Großmuth! Selbſt die ſtrengſte Schicklichkeit würde ſich mit einer dreimonatlichen Trauer begnügt haben. Der Vater, der Bruder, die Mutter und die Tochter forderten ſich daher in ihren vertraulichen Berathungen gar oft gegenſeitig auf, den ſäumigen Schuldner ein wenig aus ſeiner Sorgloſigkeit aufzurütteln und an die Zah⸗ lungsſriſt zu erinnern. Es giebt Leute, die nur zahlen, wenn ſie müſſen. Heinrich IV. gehörte zu dieſer Claſſe, aber— was das Schlimmſte dabei war!— er lachte der Gewaltmaßregeln. Henriette bot alle nur denkbaren Verführungskünſte, jede Liſt auf, um den König ihren Wünſchen geneigt zu machen, und als endlich jene heimlichen, verſchwiegenen Mittelchen nichts fruchten wollten, verſuchte ſie es mit dem lauten Geräuſch. — 175— Eines Tages erzählte ſie, in ganz Europa habe ſich das Gerücht einer gewiſſen königlichen Vermahlung ver⸗ breitet. Heinrich unterbrach ſie brummend: — Laſſen Sie die Narren ſchwatzen! Und hierauf brach er zur Jagd auf. Ein anderes Mal beſchwerte ſie ſich über die Be⸗ ſchimpfung einiger frechen Schurken, die es gewagt hatten zu behaupten, ſie beherrſche den König und verleite ihn zum Böſen. Sie weinte ſogar darüber. — Sie haben Unrecht, h darüber zu grämen, mein Liebchen, antwortete Heen enn nicht Jeder iſt mein Herr, der es ſein will. Und hierauf begab er ſich in den geheimen Rath. Endlich wagte ſie es ſogar, nachdem auch ſie einen geheimen Rath gehalten, dem König in einer jener guten Stunden, welche Virgil die molles habitus et tempora des Aeneas nennt, geradezu zu ſagen: — Wenn ich mich nicht ganz irre, theurer Sire, ſo haben wir noch eine kleine gerichtliche Angelegenheit mit einander in Ordnung zu bringen. Verſtatten Sie mir, daß ich Ihnen gelegentlich einmal meinen Vater zuſchicke? Heinrich ging auf den ſcherzhaften Ton ein, lachte herzlich über den Vorſchlag, nannte Herrn von Entragues ſeinen lieben kleinen Schwiegerpapa und— reiſ'te zu einer Truppenmuſterung ab. Herr von Entragues putzte und wetzte ſein Chicanen⸗ talent von Neuem auf, bereitete ſchöne Reden vor, ſtellte ſeine Netze aus und erwartete mit Spannung die ver⸗ heißene Audienz; aber Heinrich hatte niemals Zeit dazu. Vergebens kam Henriette ſeinem ſchlechten Gedächtniſſe zu Hülfe; die Sache blieb auf ſich beruhen. Henriette ſchmollte und grollte, wüthete und tobte, aber es half zu Nichts. Anfangs that Heinrich, als ob er es nicht bemerke; endlich aber, als dieſes Miniren und Operiren ihn zu ſehr beläſtigte, ihn verhinderte fröhlich zu tafeln und in Ruhe zu verdauen, verſuchte er den Weg eines zärtlichen Vergleiches einzuſchlagen. Der Gegner deutete aber mit unverwandtem Finger auf jenes eine und einzige Ultimatum hin. Er ſpielte den Blinden. Man ſchmollte ärger als je. Dies war die Stellung der Figuren auf dem Schach⸗ brete zu der Zeit, wo wir, nach Verlauf eines Jahres, unſere Blicke wieder auf ſie richten. Verdroſſen, übelgelaunt, kehrte Heinrich nach Paris zurück. Henriette und ihre Mutter waren in einer Haupt⸗ und Staatsangelegenheit dahin berufen worden. Vater Entragues hatte ſich nun einmal vorgenommen, den König zu einer beſtimmten Erklärung zu zwingen, zwar nicht perfönlich, denn er hatte ſich ja nun zur Genüge über⸗ zeugt, daß ihm auf dieſe Weiſe nicht beizukommen ſei, ſondern durch Procuration, und zu dieſem Zwecke Herrn von Rosny um eine Audienz bitten laſſen. Zu dieſem Zwecke, und um dem Miniſter die Lage der Dinge mög⸗ lichſt klar zu machen, ſollte ihn Henriette nach dem Arſenal begleiten. 8 —— ———— — — 177— Trotz alles Schmollens that Henriette alles Mögliche, um die Eiferſucht des Königs rege zu machen. Sie neckte und kokettirte mit Baſſompierre. Der arme König litt entſetzliche Qualen, hatte aber zu viel Verſtand, um es ſich merken zu laſſen. Baſſompierre befand ſich in großer Verlegenheit; auch er hatte zu viel Verſtand, um Hein⸗ rich's Leiden zu vermehren, und befürchtete gleichwohl die rachſüchtige Favorite durch Ablehnung ihrer Avancen zu beleidigen, und auf dieſe Weiſe verlief die Fahrt den vier Reiſenden— oder wenigſtens dreien, denn Marie Touchet fand es unter ihrer Würde, ſich bis zum Denken herab⸗ zulaſſen— in gleich peinlicher Stimmung. Dies war die Situation und die Haltung der Schau⸗ ſpieler. In Neuilly fand der König Reitpferde, die für ihn hier in Bereitſchaft gehalten worden waren, wozu? wußte man nicht. Er ſtieg aus und nahm Baſſompierre mit ſich, ohne irgend einen genügenden Grund auzugeben, was natürlich Henriette's Zorn bis zur Wuth ſteigerte, die ſich denn auch in einem heftigen Erguſſe Luft machte, ſobald die beiden Damen allein in der Kutſche waren. Marie Touchet ſtellte einen Vergleich zwiſchen dieſem ſeltſamen Benehmen Heinrich's und den Tagen übelſter Laune Karls IX an. — Mein König, ſagte ſie, hatte doch wenigſtens den Vorzug, in Wuth zu gerathen und ſich zu vergeſſen, was ein unendlicher Vortheil für ſeine gemißhandelte Geliebte war, denn er ſuchte dann ſtets ſein Unrecht auf Gabriele. X. 12 — — 178— irgend eine großmüthige Art wieder gut zu machen⸗ Ihrem Könige, meine Tochter, iſt ja aber gar nicht bei⸗ zukommen; er wird nie böſe, er lacht immer, das iſt ſehr unangenehm. — Abſcheulich iſt es! — Auf dieſe Weiſe iſt eine Verſtändigung mit ihm gar nicht möglich. — Seien Sie unbeſorgt; wenn ſie nicht von ihm zu erlangen iſt, ſo werden wir ſie wenigſtens vom Herrn von Rosny haben! Wie er ſtaunen wird, dieſer kluge Herr Miniſter! Wie er ſich in ſeinen Fuchsbau verkriechen wird, wenn wir ihm das Verſprechen vor die Augen halten werden, das ſeinem Herrn und Gebieter Feſſeln anlegt— denn ich verwette mein Leben, daß der König nicht den Muth gehabt hat, es ihm zu geſtehen. Dieſem Geſpött, dieſen Winkelzügen und Ausflüchten Sr. Aller⸗ liſtigſten Majeſtät muß ein- für allemal ein Ende gemacht werden! — Ich hoffe, ſprach Marie Touchet gewichtig, daß Sie ſich erinnern werden, wie ich es allein war, deren Beharrlichkeit Sie dieſes Eheverſprechen des Königs ver⸗ danken. Heute iſt es unſere Rettung. Ich hatte das vorausgeſehen, und Vorſicht iſt die Mutter der Weisheit! — Sie ſind Minerva in leibhafter Perſon, Madame! erwiederte Henriette mit einem leiſen Anfluge von Spott. Man langte im Hötel Entragues an. Dort ward die Lection noch einmal durchgegangen. Herr von Sully hatte die verlangte Audienz zugeſagt. Vater Entragues —— — 4 — 179— zog das königliche Eheverſprechen aus ſeinem geheimſten Koffer hervor. Es ward durchgeleſen, und nochmals durchgeleſen, und von allen Seiten erwogen. Man über⸗ zeugte ſich zum tauſendſten Male, daß das Document unantaſtbar, unbezwinglich, zermalmend ſei. Marie Touchet begab ſich in's Bad und die künftige Königin mit ihrem Vater nach dem Arſenale. Sully arbeitete in ſeinem großen Kabinette, deſſen Fenſter, der Inſel d'Entragues gerade gegenüber, nach dem Fluſſe hinausgingen. Die Sonne ſchien hell und rein auf die Papiere des Miniſters, und vieleeicht auch im Innern derſelben. Dieſer helle Sonnenſchein hatte ſeine Arbeitsluſt angeregt; er ſummte und brummte ein Liedchen vor ſich hin, indem er ſeine Notizen niederſchrieb, wie er gewöhnlich zu thun pflegte, wenn er bei vorzüglich guter Laune war. Jedenfalls hatte er ſeinen Thürſteher von dem er⸗ habenen Beſuche, den er erwartete, ſchon benachrichtigt, denn Herr von Entragues und ſeine Tochter wurden ſo⸗ gleich bei ihrer Ankunft und ohne vorherige Meldung eingeführt. Niemand außer dem Könige genoß in ganz Frankreich dieſes Vorrecht, denn noch niemals hatte es einen Staatsmann gegeben, der eiferſüchtiger darauf ge⸗ weſen wäre, das Anſehen ſeines Amtes ſo zur Geltung zu bringen, als Sully. Bei Henriette's Anblick nahmen ſeine Züge faſt einen Ausdruck von Galanterie an; er bot ihr lächelnd einen Stuhl. 12* — 180— Herr von Entragues ſetzte ſich, ohne eine Einladung abzuwarten, neben ſeine Tochter. Sully blieb ſtehen. — Welch' ein glücklicher Zufall, hob er an, führt Sie hierher, mitten unter mein ſchweres Geſchütz? — Eine höchſt wichtige, und höchſt ernſthafte Ange⸗ legenheit, mein Herr, die Ihnen mein Vater ſogleich mittheilen wird, antwortete Henriette im Tone einer Kö⸗ nigin, die feierliche Audienz ertheilt. — Ich bin ganz Ohr, Madame, ſprach Sully ruhig und ohne dieſen hochmüthigen Ton zu beachten. Würden Sie aber zuvor die Güte haben mir zu erlauben, daß ich dieſen Brief erſt zuſiegele, den mir der König befohlen hat, an unſeren tapferen Crillon in die Provence zu ſchreiben? — Ganz nach Ihrem Belieben, mein Herr; laſſen Sie ſich durchaus nicht abhalten, verſetzte Vater Entra⸗ gues äußerſt huldvoll. Sully hielt den Siegellack über die Kerze, ohne ſeine beiden Beſucher anzuſehen. — Es iſt, fuhr er fort, eine herzliche Beileidsbezeu⸗ gung, die unſer gütiger König an ſeinen alten Freund und Waffengefährten richtet— bei Gelegenheit eines ſehr traurigen Jahrestags— des Todes eines liebenswürdigen, jungen Mannes.— Sollten Sie ihn nicht gekannt haben?— Alle Welt kannte und liebte ihn ja.— Es⸗ perance— ein trefflicher, hoffnungsvoller Jüngling.— Ja, das iſt ſo der Lauf der Welt!— Die Guten ver⸗ laſſen uns, und— e e — 181— Während dieſer Worte hatte der Miniſter den Brief ſorgfältig geſtegelt, und betrachtete das Siegel aufmerk⸗ ſam, als ob er ſein eigenes Wappen ſtudiere. Natürlich konnte er alſo die düſtere Wolke nicht ſehen, die bei Espe⸗ rance's Namen über Henriette's Stirn weggezogen war. — Wie, das iſt ſchon ein Jahr her? rief Vater Entragues harmlos; dem gemäß muß ja wohl auch die Frau Herzogin von Beaufort ſchon ein ganzes Jahr todt ſein, denn wenn ich nicht irre, ereigneten ſich dieſe beiden Todesfälle faſt zu gleicher Zeit. Mein Himmel, wie ſchnell doch die Zeit entflieht! — Ich bin nun ganz zu Ihren Dienſten, ſagte Sully, nachdem er die Adreſſe geſchrieben, dem Huiſſier geklingelt, und dieſem den Brief zur Beſorgung über⸗ geben hatte. Er ſetzte ſich gemächlich ſeinen Gäſten gegenüber. — Mein Herr, hob Herr von Entragues nach einer Pauſe feierlich an, wir erſcheinen vor Ihnen, den wir als den redlichſten, ehrenhafteſten Mann in ganz Frankreich kennen, um Sie von einer höchſt ſchwierigen Lage zu benachrichtigen, in welche der König unſere Familie ver⸗ ſetzt hat. — Was Sie ſagen!— Und wie das? — Der König, unſer Herr, hat Mademoiſelle d'En⸗ tragues eine große, eine außerordentliche Ehre erwieſen, indem er geruht hat, ſie zu ſeiner Gefährtin zu erheben; allein in dieſem Augenblicke droht dieſer Ehre, und ber unſeres Hauſes, eine weſentliche Gefahr. — 182— — Ich bin noch nicht ſo glücklich, Sie zu verſtehen, mein Herr, ſprach Sully, ſeinen Stuhl etwas näher rückend. — Der Gegenſtand iſt ein ungemein zarter, mein Herr, und ich fürchte, mich allzu deutlich auszudrücken. — Und haben ſehr Unrecht, mein Vater, unterbrach ihn Henriette ungeduldig, denn halbe Erklärungen würden nur dem gleichen, worüber wir uns eben zu beklagen haben. Wir wollen eben, daß dieſen halben Erklärungen ein Ende gemacht werde, und dazu rufen wir den Bei⸗ ſtand einer kräftigen, ehrenfeſten Hand an, der Ihrigen, mein Herr: Der König behandelt mich als ſeine Mai⸗ treſſe, und ich bin nicht ſeine Maitreſſe. — Was Sie ſagen! wiederholte Sully mit einer Harmloſigkeit, die einem komiſchen Schauſpieler Ehre gemacht hätte. Wie? Sie ſind nicht die Maitreſſe des Königs? Wahrhaftig, wenn Sie es mir nicht ſelbſt ſagten, ich würde es nicht glauben. — Nein, mein Herr; ich bin ſeine Gemahlin! — Oh— oh! rief der Miniſter, der trotz aller meiſterlich geſpielten Unbefangenheit doch ein boshaftes Lächeln nicht unterdrücken konnte. Das ſetzt mich noch weit mehr in Erſtaunen! — Hier iſt das Eheverſprechen, mein Herr, verſetzte Vater Entragues, vom Könige geſchrieben und unter⸗ ſchrieben. Ich halte es für gültig, nach aller Form Rech⸗ tens. Und Sie, mein Herr? — ——— —e — — ———— — — — 183— Wenn Vater und Tochter auf die niederſchmetternde Wirkung dieſes Donnerſtreichs gerechnet hatten, ſo hatten ſie ſich verrechnet, denn Herr von Rosny blieb vollkommen ru hig. — Ein Eheverſprechen! ſagte er. Das iſt wunderbar! — Sie werden hoffentlich nicht denken, erwiederte Henriette mit ſtolzer Geringſchätzung, daß ich ohne ein ſolches Verſprechen die Stelle einer königlichen Maitreſſe angenommen haben würde. Ich habe die Schande im Vorzimmer gekoſtet, die Ehre ſoll mir nun Erſatz dafür geben. — Wie? der König hat ein Eheverſprechen unter⸗ ſchrieben? rief Sully, die Augen auf das Papier ge⸗ heftet, das ihm Herr von Entragues vorhielt, ohne es jedoch aus der Hand zu laſſen. Meiner Treu! das ſieht der Handſchrift des Königs ungemein ähnlich. — Wie!l nur ähnlich? fuhr der Vater auf. Zweifeln Sie etwa an der Aechtheit dieſes Documentes? — Nicht doch— nicht doch!— — Sie äußern aber ein mehr als ſonderbares Er⸗ ſtaunen darüber, unterbrach ihn Henriette, deſſen Grund ich mir nicht recht gut zu erklären weiß. Sollten Sie mich in ſolchem Grade für unwürdig halten? — Keineswegs, Madame, und Sie mißverſtehen mich ganz und gar. Sie vereinigen ja alle Vorzüge und Reize eines weiblichen Weſens in ſich; Sie ſind— um mit dem heiligen Propheten zu reden— ein vollkom⸗ menes Gefäß. Aber— — 184— — Aber? — Wie geſagt, ich muß mich wundern, daß der König ein ſolches Verſprechen ausſtellen konnte. Das iſt — mit aller Ehrfurcht vor Se. Majeſtät geſagt— ſehr unrecht von ihm. — Was wollen Sie damit ſagen, mein Herr? Sully ſchien ſich ein wahres Vergnügen daraus zu machen, ſie ſo lange wie möglich mit der Antwort hin⸗ zuhalten. Er ſpielte mit ihr, wie die Katze mit der Maus. — Der König durfte nicht— erwiederte er mit er⸗ künſtelter Verlegenheit, der König hätte bedenken ſollen — mit einem Worte, der König hat in Wahrheit eine Unredlichkeit begangen. — Gegen wen denn, mein Herr? fragte Henriette, immer mehr und mehr gereizt. — Nun, gegen Sie, Madame. Wie? Sie beſitzen ein ſolches Verſprechen in Händen, der König weiß das, und dennoch will er— — Was will er? — Wahrhaftig, Sie würden es mir niemals glauben wollen, was ich Ihnen leider zu ſagen habe, wenn ich Ihnen nicht Beweiſe vor Augen ſtellte.— Ach! unter⸗ brach er ſich, indem er mit der flachen Hand an ſeine Stirn ſchlug, da fällt mir eben ein, daß ich ja den beſten, den unverwerflichſten Zeugen gleich hier im Nebenzim⸗ mer habe! Sully klingelte. — 185— — Bitten Sie die Dame hier nebenan hereinzukom⸗ men, ſprach er zum eintretenden Huiſſier. Henriette und Herr von Entragues warfen ſich er⸗ ſtaunte Blicke zu, über dies Zaudern, dieſe Unſchlüſſigkeit, die man ſonſt bei dieſem Manne, der ſtets gerade auf ſein Ziel losging, am allerwenigſten gewohnt war. Sie hörten das Rauſchen einer ſchwerſeidenen Robe auf dem Fußboden des Corridors, die Thür ward von dem Huiſſier aufgeriſſen, und herein trat— Leonora, in einem eben ſo glänzenden als ſtolz zur Schau getragenen Aufputz. Leonora bei Sully! Leonora als vornehme Dame! Henriette konnte einen Ausruf der Ueberraſchung nicht unterdrücken, ein leiſes Fröſteln überlief ſie. Die Italienerin blickte kalt, ſtolz und ſcheinbar ohne ſie zu kennen, auf diejenige, die ſie noch ein Jahr vorher beſchützte, bezahlte, rufen ließ und wieder fortſchickte, je nachdem ihr die Laune ankam. — Was wünſcht Herr von Rosny von ſeiner er⸗ gebenen Dienerin? fragte Leonora vornehm auf franzöſiſch, aber mit ſehr merklicher tosraniſcher Ausſprache. — Signora— Verzeihung, Madame, ich vergaß Ihnen Signora di Galigai vorzuſtellen— Signora, würden Sie wohl die Gefälligkeit haben mir zu ſagen, welchen Tag Sie die Acte nach Florenz abgeſendet haben? — Was für eine Acte? platzte Herr von Entragues heraus. — Die Vermählungsacte, Signor. — 186— Henriette fühlte ihre Pulſe ſtocken. — Weſſen Vermählung? ſtammelte ſie athemlos. Leonora richtete ſich ſo hoch wie möglich auf und antwortete mit lauter, feſter Stimme: — Die Vermählung Sr. Majeſtät des Königs von Frankreich mit meiner Gebieterin, der Prinzeſſin Marie von Medicis, nachgelaſſene Tochter des Großherzogs von Toscana. — Der König iſt vermählt? ſchrie Herr von En⸗ tragues. — Vollkommen, und nach aller Form Rechtens, ant⸗ wortete Sully. Ein wichtiges, ein großes Ereigniß für Frankreich! SHenriette wäͤre umgeſunken, wenn ihr Vater ſte nicht ſchnell in ſeinen Armen aufgefangen hätte. Bald aber verlieh ihr der Zorn ihre volle Kraft wieder. Sie richtete ſich auf, zitternd, mit wuthblitzenden Augen, während dagegen Vater Entragues in den Seſſel zurückfiel, als ob der plötzliche Einſturz aller ſeiner Luft⸗ ſchlöſer ihn zermalmt habe. — Das iſt eine nichtswürdige, feige Verrätherei! rief Henriette, und ich werde den König auffordern, mir Angeſichts der Welt eine Erklärung darüber zu geben! — Eine Erklärung? ſprach Sully mit ſeltſamen Lächeln. Wollen Sie mir verſtatten, Ihnen zuvörderſt eine zu geben? Er trat an ſeinen Schreibtiſch, ſchloß mit einem Schlüſſel, den er bei ſich trug, ein Schubfach auf, und e. — — — — 187— zog ein kleines, mit einigen Blutstropfen beflecktes Papier daraus hervor. 1 Er hielt es Mademoiſelle d'Entragues vor die Augen, wie vorher Herr von Entragues das Eheverſprechen des Königs, ohne es aus der Hand zu laſſen. Es war Henriette's Liebesbriefchen an Esperance, das Pontis an jenem Schreckensabend in Fontainebleau über⸗ geben, und das Sully ſorgfältig aufbewahrt hatte, um bei paſſender Gelegenheit Gebrauch davon zu machen. Die Unglückliche war nahe daran, als ſie es wieder erkannte, vor Scham und Entſetzen zu ſterben. — Halten Sie dieſe Erklärung für genügend? fragte der Miniſter, der ſich jetzt nicht einmal mehr die Mühe nahm, ſeinen Hohn zu verbergen. Henriette mußte ſich auf den Marmorſimms des Kamins ſtützen; der Schweiß trat ihr auf die Stirn. — Hören Sie mich, Madame, fuhr Sully halblaut fort; ich habe Ihnen einen Vorſchlag zu machen. Die wirkliche und ebenbürtige Vermählung des Königs an⸗ nullirt Ihr Eheverſprechen; es iſt ein Blatt Papier ohne allen Werth. Und dennoch bin ich bereit es Ihnen ab⸗ zukaufen. Sie hob den Kopf. — Ich bezahle es mit Ihrem Billet— gewiß ein ſehr großmüthiger Preis. Henriette ſann einen Augenblick nach. Die furchtbare Ueberraſchung hatte ihre Züge völlig entſtellt, ihre Ge⸗ ſichtsfarbe war faſt aſchgrau, ſie glich einer Bildſäule — 188— von Thonſchiefer. Aber das triumphirende Lächeln Leo⸗ nora's, die ſie herauszufordern ſchien, der Anblick dieſer Blutflecken, die ſo viele grauenvolle Erinnerungen in ihr hervorriefen, weckte ſie wieder aus ihrer Erſtarrung: — Nun denn, ich nehme es an! ſprach ſie. Sully nahm mit einer ſpöttiſchen Verbeugung das Eheverſprechen in Empfang, und gab ebenſo das Billet zurück; ruhig verbrannte er das Erſtere an der Wachs⸗ kerze, während Henriette das Letztere mit einer an Wahn⸗ ſinn gränzenden Wuth in tauſend kleine Stückchen zerriß. G — Hal rief ſie zähneknirſchend, ich habe Dich theuer erkauft, Du hölliſcher Brief! endlich aber kann ich Dich vernichten!— Was aber den König betrifft— meine Rache— wohlan!— wir werden ſpäter ſehen!— Sie faßte ihren Vater am Arme, der ſprachlos und verdummt vor ſich hinſtierte, riß ihn aus ſeinem Lehnſtuhle empor und verließ raſch das Zimmer, ohne weder Leonora anzublicken, welche ſchweigend lächelte, noch den ſich tief verneigenden Miniſter. Die neue Königin von Frankreich, Marie von Me⸗ dicis, ſollte ihren feierlichen Einzug in Paris halten. Sie kam aus Lyon, wohin der ungeduldige König ihr ſchon vor mehreren Monaten entgegengeeilt war, um die künftige Gattin zu ſehen und die Hochzeit zu halten. Die ganze Bevölkerung der großen Stadt drängte ſich in der Straße Saint⸗Antoine, in der Umgegend der -xX 6 1 ⸗ — 189— Baſtille und auf dem ganzen Wege, den der königliche Zug paſſiren ſollte, herbei.. Nachdem die Vermählung des Königs publicirt und vollzogen worden war, ja ſogar ſchon das Gerücht von der Ausſicht auf Erfüllung der ſo heißerſehnten Folgen derſelben ſich zu verbreiten begann, hatte Crillon, der ſeit Esperance's Tode einſam und zurückgezogen auf ſeinen Gütern in der Provence lebte, einen Brief folgen⸗ den Inhalts vom Genovefenbruder erhalten: „Mein theurer Freund und Herr, Der letzte Wille der Frau Herzogin von Beaufort war es, in unſerer Kirche zu Bezons beſtattet zu werden, was auch damals geſchehen iſt. Allein, wie Sie wiſſen, äußerte ſie noch einen anderen Wunſch, der erſt an dem Tage in Erfüllung gebracht werden ſollte, wo die genannte Dame von aller Welt vergeſſen ſein würde. „Ich glaube, daß dieſer Zeitpunkt jetzt gekommen iſt — Niemand ſpricht ſchon mehr ihren Namen aus, ſie iſt vergeſſen; ich aber vergeſſe ſie nicht; ich erinnere Sie an das Verſprechen, was wir der unglücklichen Dame gelei⸗ ſtet haben, und erwarte Sie in Paris, um mir bei der Erfüllung deſſelben Ihren Beiſtand zu leiſten. „Ich habe den Herrn Ritter von Pontis gleichfalls davon benachrichtigt, der ſich zu obigem Zwecke bereits einen Urlaub ausgewirkt hat und Ihre weiteren Befehle erwartet. „Bruder Robert.“ — 190— Crillon ließ nicht auf ſich warten. Er fand Pontis, wie verabredet worden, in der Straße de la Ceriſaie an derſelben Stelle ſeiner harrend, wo noch vor eine Esperance's Haus geſtanden hatte. Es war verſchwunden; kein Stein, Nichts erinnerte mehr daran. Der unbekannte Mann, welcher dies Palais für Esperance hatte erbauen laſſen, war nach ſeinem Tode wieder erſchienen, um es niederreißen zu laſſen. Der in ſeiner wilden Freiheit wüſt und dennoch prachtvoll ver⸗ bliebene Garten dagegen war jetzt ein Zufluchtsort für Tauſende von Vögeln, welche in den zu dichten Gebüſchen verwachſenen Roſenſträuchern, in den Baumwipfeln niſte⸗ ten, die einzigen lebenden Geſchöpfe, welche ſich der ein⸗ ſam blühenden Blumenpracht erfreuten. Auf den erſten Blick, den der Genovefenbruder auf dieſe beiden Männer warf, gewahrte er recht gut, daß auch ſie nicht zu den gewöhnlichen, vergeßlichen Menſchen gehörten. Pontis war um zehn Jahre gealtert, ſeine Züge wa⸗ ren verfallen, das Feuer ſeiner Augen erloſchen, und Cril⸗ lon, den weder die Beſchwerden des Krieges, noch die Wunden, noch die Jahre hatten beugen können, war jetzt plötzlich zuſammengebrochen, wie ein neunzigjähriger Greis.. Als der unglückliche Gardiſt ſich ſeinem alten Generale näherte und das Knie in ehrerbietigem Schmerz vor ihm beugte, hob ihn Crillon zwar auf und drückte ihm die Hand, aber Bruder Robert bemerkte, daß er ihn nicht umarmte. — 191— o wird unſer armer Esperance auch nunmehr ſeinen Blumen ſcheiden, die er ſo ſehr liebte! ſagte er traurig. — Er wird ſchönere dafür haben, antwortete Bruder Robert, die ich ſeit einem Jahre gepflegt habe und die ihn erwarten. Alle Drei ſchritten auf ein dichtes Tannenhölzchen, nicht weit hinter der Fontaine, zu, in welchem Esperance's Körper ruhte. Bruder Robert, Crillon und Pontis hoben ihn während der Nacht ohne fremde Beihülfe auf und harrten nun des Trauerwagens, der ihn am anderen Morgen nach Bezons bringen ſollte. Da ein Rad unterwegs daran zerbrochen war, das der Führer erſt hatte wiederherſtellen laſſen müſſen, ſo konnte man erſt gegen zwei Uhr von Paris wieder auf⸗ brechen. Der kleine Zug bewegte ſich über den Platz Saint⸗ Antoine, in demſelben Augenblicke, wo der über und über vergoldete Staatswagen des Königs und der Königin, umgeben von einem glänzenden Gefolge, von der dicht⸗ gedrängten Volksmenge mit freudigem Jubelruf begrüßt, aus der Vorſtadt auf den Platz einlenkte. Im Gefolge befand ſich auch der Graf von Auvergne, vergebens bemüht, einen Enthuſiasmus zu erzwingen, der aber trotzdem nur Grimaſſe blieb, ſowie Leonora und — 192— Concino, Beide ſtrahlend im ſchimmernden Putz und vor Hochmuth 4. Der Triumphwagen mußte einen Moment anhalten, um den Trauerwagen vorbeizulaſſen. Es war die prunkvolle Freude des Lebens, die der prunkloſen Trauer des Todes begegnete. Heinrich IV. führte ſeine junge Gemahlin in's Louvre heim.— Esperance ward nach Bezons gebracht, um fortan neben der Einziggeliebten zu ruhen.—— Ende. Druck von C. G. Naumann in Leipzig. 4. fffffffffffff 14 15 16 17 18 N * 8 45 8 fffffffffffff 14 15 16 17 18 N * 8 45 8