27/ʃ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Otltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Leſebedingungen. 1. 0Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ E pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen... 2. Lesepl Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ — den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4⁴ wird. 8 f45 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3. für mtchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 del— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. , 35„, 2„=„ 3„= ⸗„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung à der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Gabriele. IX. 1 1. Ein Familienrath. Die Rückkehr des Grafen von Auvergne nach Paris, und die Nachrichten, die er ſeiner Familie mitbrachte, verſetzten dieſe intereſſante Geſellſchaft in gewaltige Be⸗ ſtürzung. — Das habt Ihr nun von Euren ſauberen Plänen und Intriguen, ſagte er muͤrriſch. Die Marquiſe hat ſich in eine Herzogin verwandelt, und dieſer Fleiſchklumpen von Mayenne, der Held des Tages, iſt fortan ihr ge⸗ treueſter Verbündeter. Und was den Signor Speranza betrifft, ſo reißt man ſich faſt um ihn, der König hat ihn umarmt, und ich glaube wahrhaftig, er iſt im Stande, ihm alle Schlüſſel ſeines Hauſes anzuvertrauen. Man muß geſtehen, Ihr ſeid ſehr geſchickte Prinzeſſinnen, daß Ihr mich der Gefahr ausgeſetzt habt, eine Ohrfeige in's Geſicht zu erhalten! Bei dieſen Worten verſuchte Marie Touchet, eine maje⸗ ſtätiſche Grimaſſe zu ſchneiden, die aber nur gemein aus⸗ ftel. Henriette verkauete ſich ihre ſchönen Nägel, und Herr von Entragues hielt ſich an den wenigen Haaren 1* — 7— ſchadlos, die ihm ſo viele bittere Enttäuſchungen noch übrig gelaſſen hatten. — So wäre denn Alles verloren! ſtöhnte er ver⸗ zweiflungsvoll. — Wie es ſcheint. — Man wird verſuchen, ſich darüber zu tröſten, warf Henriette bleich vor Zorn und Ingrimm verächtlich hin. Trotz alle dem werde ich aber, die ich kein Mann bin, den Muth nicht ſo ſchnell verlieren, wie Ihr ſtolzen Herren der Schöpfung. — Sie haben gut reden, Mademoiſelle, antwortete der Graf von Auvergne, der Henriette nur, wenn er bei vorzüglich guter Laune war, ſeine kleine Schweſter nannte; Sie haben die Demüthigung nicht perſönlich zu erdulden gehabt. Ich hätte Sie wohl geſtern Abend an meiner Stelle ſehen mögen, als die ganze Geſellſchaft mir faſt in’s Geſicht lachte und der König mich nur über die Achſel anſah. — Wir bitten Sie voll Schmerz um Verzeihung, mein Herr, ſagte Vater Entragues. — Wir theilen Ihren Unwillen, mein Sohn, ſetzte Marie Touchet hinzu.. — Warten wir nur das Ende ab, ſchloß Henriette; auf Regen folgt Sonnenſchein, und wer weiß, ob das nicht gerade ein recht befruchtender Sonnenregen war. Ich habe ſchon andere Gewitter erlebt. Wie geſagt, war⸗ ten wir das Ende ab. 2 — Lange werden Sie da nicht zu warten brauchen, ſprach der junge Mann höhniſch. — Ich baue immer noch auf die Prophezeihung der Wahrſagerin, bemerkte Marie Touchet pathetiſch. — Eine Krone, nicht wahr? rief der Graf von Au⸗ vergne lachend. O ja, bauen Sie nur darauf; Sie ſind auf dem beſten Wege dazu. — Wenn der jetzige Weg nicht der gute iſt, ſo wird man einen andern einſchlagen, der der beſte iſt, verſetzte Henriette bitter. Die anderen drei Mitglieder des Familienrathes wur⸗ den von der Entſchloſſenheit und Zuverſicht frappirt, welche dieſe Worte kund gaben. — Wie es Ihnen belieben wird, Mademoiſelle, ſagte der Graf; wenn es ſich aber vielleicht gar hier um die offene Heerſtraße handelte... — Mein Herr! — Ach was! wir ſind hier in der Familie und kön⸗ nen uns gegenſeitig ſchon die Wahrheit ſagen! Ich, für meinen Theil, erkläre hiermit rund heraus, daß ich dieſer ewigen Niederlagen herzlich müde bin. Wir haben ſo viele Schläge bekommen, daß mir der Rücken nachgerade zu brennen beginnt. Ich wundere mich, wie Sie es ſo lange aushalten. Das iſt wahrer Heroismus! Nach dieſer freimüthigen Erklärung trat eine Stille der Entmuthigung in dem edlen Familienkreiſe ein. Plötzlich vernahm man die Huftritte eines Pferdes im Hofe des Hoôtels und einen Augenblick darauf meldete der Kammerdiener Herrn von la Varenne. Noch niemals hatte der königliche Liebesbote es ge⸗ wagt, bei hellem Tageslichte im Hôtel der Entragues zu erſcheinen; er mußte diesmal alſo eine außerordentliche, ſo zu ſagen officielle Veranlaſſung dazu haben. Die Unruhe der Familie ward dadurch nur vermehrt, und verwandelte ſich ſogar in Schrecken, als ſie den klei⸗ nen Mann mit mürriſchem Geſicht und gerunzelter Stirn eintreten ſah. Vater, Mutter und Sohn eilten ihm entgegen; drei Seſſel wurden ihm zugleich geboten; ächzend und ſtöh⸗ nend vor Müdigkeit ließ er ſich auf dem bequemſten der⸗ ſelben nieder. — Puh!— Ihr Diener, meine Damen!— Ah! — Ihr ganz Ergebenſter, meine Herren!— Die Gegen⸗ wart des Herrn Grafen von Auvergne ſagt mir, daß Sie bereits von Allem unterrichtet ſind. — Leider! ſeufzte der Vater, während Marie Touchet nur ſtumm die Augen gen Himmel erhob. — Diesmal ſind wir noch mit einem blauen Auge davon gekommen, fuhr la Varenne fort. — Davon gekommen, ſagen Sie? rief Henriette, den kleinen Mann an der Schulter packend und kräftig ſchüttelnd. — Durch ein wahres Wunder! — Sagen Siel erzählen Sie! riefen vier Stimmen zugleich. 4 —— La Varenne nahm eine wichtige Miene an. — Sie wiſſen, ſprach er, die Ueberraſchung des Kö⸗ nigs, das Feſt, welches er Herrn von Mayenne gegeben, ſo wie die Erhebung der Marquiſe zur Herzogin... — Ja doch, ja, nur weiter! 3 — Bebend und ſchaudernd ſah ich dem Augenblick der Erklärungen entgegen. Schon während der Tafel ſchoß mir der König einige ſo grimmige Blicke zu, daß ich mich ganz krank davon fühlte.— Ja, ich bin es in der That noch, meine Dame. Marie Touchet eilte an ein Käſtchen voll Fläſch⸗ chen und Büchſen und bot la Varenne ein ſtärkendes Elexir an. — Können Sie nun fortfahren? fragte Henriette. — Ja, Mademoiſelle; Dank Ihrer Güte, Madame! — Dieſen Morgen alſo kam der verhängnißvolle Augen⸗ blick. Ich trieb mich rings um das große Veſtibule herum Plötzlich tritt der König heraus, entdeckt mich und winkt mir zu, ihm in den Garten zu folgen. Ich raffte all' meinen Muth zuſammen und gehorchte. — Das alſo, rief Se. Majeſtät höchſt zornig, das alſo ſind die Berichte, die man mir abſtattet? Das ſind alſo die Intrignen der Marquiſe— der Herzogin, wie man ſie jetzt nennen wuß;— und Sie wagen es, Sie —— Ach! meine Damen, harte Worte für das Ohr eines Edelmannes habe ich vernehmen müſſen! 3 Die Entragues verſuchten es nicht, zu lachen, indem ſie daran dachten, daß dieſer würdige Edelmann früher bei der Schweſter des Königs Hühner geſpickt hatte. — Was haben Sie geantwortet, Herr von la Va⸗ renne? fragte der Vater. — Was ich konnte. — Sollten Sie mich etwa beſchuldigt haben? rief Henriette. — Ich ſchmeichle mir, Mademoiſelle, daß Sie mich nicht für ſo ungeſchickt halten, dies gethan zu haben. Sire, antwortete ich, es war nicht meine Schuld.— Demnach alſo die Schuld Derer, die Sie benachrichtigt haben, verſetzte der König. 3 — Sehen Sie, daß man uns angeklagt hat! rief 3 Marie Touchet. — Sire, ſagte ich, Diejenigen, die mich benachrichtigt haben, glaubten an Das, was ſie mir ſagten.— Was 3 glaubten ſie? ſagten Se. Majeſtär zornig.— Sire, ſagte ich, daß die Frau Marquiſe— die Frau Herzogin, wollte ich ſagen,— mit Herrn Esperance abgereiſt, oder unter⸗ wegs mit ihm zuſammengetroffen ſei, was auf eins heraus⸗ kommt, und daß zwiſchen ihnen eine Art von traulichem — geheimnißvollem, wollte ich ſagen— Verhältniß ob⸗ 1 zuwalten ſcheine.— Sie ſind ein Eſel! ſagten Se. Ma⸗ jeſtät.— Ich bitte Sie, meine Damen: ich, ein Eſel! — Wie dem auch ſein möge, Szre, ſagte ich, ſo hatte Mademoiſelle d'Entragues wohl gegründete Urſache, einen Ueberfall der Frau Marquiſe— Frau Herzogin, wollte ich ſagen,— zu befürchten, da dies nicht das erſte Mal — wäre; geruhen Ew. Majeſtät, ſich jenes Ballabendes im Hauſe des Herrn Zamet zu erinnern, wo die Marquiſe — die Frau Herzogin, wollte ich ſagen,— vom Hauſe dieſes nämlichen Herrn Esperance aus— — Bravo! ſchön! vortrefflich! riefen die Entragues; das war eine meiſterhafte Antwort! — Nur eben ein glücklicher Gedanke, verſetzte la Varenne mit ſtolzer Beſcheidenheit, wie er allerdings nicht Jedermann und ſtets zu Gebote ſteht. — Und der König? — Den König ſchien die Erinnerung an jenen Abend zu frappiren; er ließ den Kopf hängen, und wie ein ſcharfblickender Geiſt, der er iſt, ſagte er: Das iſt wahr; etwas der Art konnte befürchtet werden, denn kein Menſch hatte ja eine Ahnung von der Abſicht der Herzogin, mich wieder mit meinem Vetter Mayenne zu verſöhnen.— Ew. Majeſtät Uebereilung, wagte ich zu ſagen, hat allein die Sache ſchlimm gemacht.— Gut gemacht, Du dum⸗ mes Vieh! geruhten Se. Majeſtät zu ſagen und mir dazu einen Fauſtſtoß in die Rippen zu verſetzen. Denken Sie ſich meine Freude! Denn jedes Mal, wenn der König mich ein dummes Vieh nennt und mir Rippen⸗ ſtöße giebt, iſt er ſtets in der beſten Laune. Auch benutzte ich augenblicklich meinen Vortheil. — Wie ſo? — Ew. Majeſtät, ſagte ich, werden demnach einſehen, daß die Unglücklichſte bei dieſer ganzen Geſchichte die — 10— arme Mademoiſelle d'Entragues iſt!— Ich werde dar⸗ nach trachten, ſie zu tröſten, ſagten Se. Majeſtät. Die Augen des Vaters und der Mutter erglänzten vor Freude, während ein verrätheriſches Lächeln um Hen⸗ riette's Lippen ſpielte. — Tröſten? murmelte ſie; ſeht doch, wie gnädig! — Demgemäß alſo haben wir eigentlich keine Nieder⸗ lage erlitten, ſagte der Vater. — Wenigſtens iſt ſie wieder gut gemacht worden, ſprach la Varenne, ſich mit dem Hute Kühlung zufächelnd. Und durch wen? — Wir werden Ihnen dankbar ſein, bemerkte Marie Touchet. — Blindes Glück, weiter Nichts, warf der Graf von Auvergne leicht hin. — Nein, mein Sohn, nicht blindes Glück; Henriette hat Recht, in allen dem ſieht man nur die Beſtimmung. Wir haben den Sieg davongetragen. Dieſe war indeß die Einzige, welche die allgemeine Freude nicht theilte. In dieſem angeblichen Siege war Nichts, was ihren Stolz befriedigen konnte. — Das alſo iſt Alles, mein Herr, was der König genehm fand, für mich zu thun? wendete ſie ſich an la Varenne. — Keineswegs, Mademoiſelle; aber was ich noch auszurichten habe, gilt nur Ihnen ganz allein. Und nach dieſen Worten erhob ſich der Liebesbote, ergriff mit cyniſcher Unverſchämtheit die Hand der jungen —-———— — ——— — 41— Dame und führte ſie in eine Fenſtervertiefung, während die Eltern ihre ehrloſe Discretion vor ſich ſelbſt mit der Achtung entſchuldigten, die man einem königlichen Abge⸗ ordneten ſchuldig ſei. Nichtsdeſtoweniger beobachteten Marie Touchet ſowohl, als Vater Entragues la Varenne's Geberden und deren Wirkung auf Henriette's Geſichtsausdruck mit geſpannter Neugierde. Plötzlich ward dieſe purpurroth, ihre Augen leuchteten und ein wollüſtig verſchmitztes Lächeln zuckte um ihre Lippen. Sie hätte in dieſem Augenblicke einem Maler als treffliches Modell zu einem weiblichen Dämon dienen können, der einen Heiligen in Verſuchung führen ſoll. Nachdem la Varenne ſeine geheime Botſchaft ausge⸗ richtet hatte, empfahl er ſich der ganzen Familie, nicht ohne vorher von Marie Touchet den verſprochenen Beweis von Dankbarkeit erhalten zu haben: eine goldene Doſe mit Perlen, ein compactes Präſent von reellem Werthe, wie es ſich als Lohn für einen ſo pofitiven Speculanten ge⸗ ziemte. Henriette ſchien nach la Varenne's Fortgehen in einer Art von Verzuckung zu ſein. Vater und Bruder näher⸗ ten ſich und faßten liebkoſend ihre Hände. — Nun? fragten ſie Beide.* — Nunl! erwiederte Henriette, erfreut, ihre Neugit 2 noch mehr zu reizen. — Was will der König von uns? — Von Ihnen? Nichts. — 12— — Nun alſo, von Ihnen? — Eine Kleinigkeit. — Spannen Sie uns nicht auf die Folter, kleine Schweſter. — Ein einfaches Rendezvous— um ſich zu ver⸗ ſtändigen. — Oho! rief Herr von Entragues, ſich ſtolz empor⸗ richtend; es ſcheint demnach doch, als ob Se. Majeſtät nicht ohne uns ſein könnten. Und was haben Sie ge⸗ antwortet? — Allerhand. — Sie werden hoffentlich nicht unterlaſſen haben, ihn aufmerkſam darauf zu machen, daß eine junge Dame Ihres Standes keine Rendezvous annimmt... — Gewiß. — Ohne ſichere Gewährleiſtung ihrer Ehre und der ihrer Familie, fügte Marie Touchet ſchnell hinzu, ſich ſo wieder an der Unterhaltung betheiligend. — Ja wohl. Madame. — Und was hat la Varenne zu Ihren Stipulatio⸗ nen geſagt, kleine Schweſter? Meint er, daß der König darein willige? — Ob er darein willigt oder nicht, rief Herr von Entragues; wir haben zu beurtheilen.. — Ich ſollte meinen, unterbrach ihn der junge Mann, etwas piquirt durch den kurzabſprechenden Ton des ſonſt gegen ihn ſo unterwürfigen Stiefpapas, ich ſollte meinen, daß der Wille des Königs denn doch auch mit in Betracht — 13— zu ziehen ſei, und ich, der ich ihn doch ziemlich genau kenne, halte ihn keineswegs für geneigt, ſich im Voraus Bedingungen vorſchreiben zu laſſen. — Der König iſt zu flatterhaft, mein Sohn, als daß man ſich auf ſein bloßes Wort verlaſſen könnte. Mit König Karl, Ihrem glorreichen Vater, war das freilich ein Anderes. — Ich halte dafür, ſagte Herr von Entragues, daß ein gutes, gehörig ſichergeſtelltes Wittwenthum oder Leib⸗ gedinge, ſo etwa dreißig⸗ oder vierzigtauſend Thaler Ein⸗ künfte, dem Worte des Königs einige Conſiſtenz geben würden. — Mir wurden fünfzigtauſend verſichert, und zwar zu einer Zeit, wo das Geld ſeltener war, wie heutzutage, ſagte Marie Touchet. — Was iſt Geld? murmelte Henriette verächtlich; ein Mittel, um ſich ohne Gewiſſensſcrupel ſeines Wortes zu entbinden. 5 — Kein Geld? fragte Marie Touchet entſetzt. — Aber, Mordieu! rief der Graf von Auvergne, was wollen Sie denn? Verlangen Sie etwa, der Kö⸗ nig ſolle Sie heirathen, noch bevor er mit Ihnen ge⸗ ſprochen hat? — Und warum nicht ſagte Henriette, da man ſchließ⸗ lich doch einmal dahin kommen muß. — Hoho! Laſſen Sie da nur vor allen Dingen die Ehe mit Königin Margaretha aufheben. Sie ver⸗ — 12— geſſen, meine Beſte, daß der König ordentlich und richtig mit ihr getraut iſt. — Man wird dieſe Ehe löſen. — Das erfordert Zeit. Wie wollen Sie es ver⸗ hüten, daß der König während dem nicht die Geduld verliere, deren er ohnedies ſchon nicht ſehr viel hat? Sie werden ihm die Luſt benehmen, zu Nutz und Frommen Anderer, die nicht ſo empfindlich ſind, wie Sie. — Es liegt etwas Wahres in dem, was der Herr Graf ſagt, bemerkte Herr von Entragues, und ich beharre daher darauf, daß ein Leibgedinge von ſiebenzig⸗, achtzig⸗ tauſend Thalern... — Sagen Sie meinethalben hunderttauſend, rief der junge Mann ungeduldig, aber kommen Sie endlich einmal zu einem Beſchluß. Henriette zuckte zornig die Achſeln. — Das iſt ja eine förmliche Verſteigerung, ſagte ſie. — Ei Mordieu! fuhr der Graf von Auvergne fort, wenn Sie durchaus eines Kinderſpielzeugs bedürfen, ſo kaufen Sie ſich einen goldenen Reif und legen Sie ſich ihn um die Stirn, wenn Sie vor Ihrem Spiegel ſein werden. Sie gleichen jenen kleinen Mädchen, die wohl ſchöne Ohrringe tragen möchten, aber ſich nicht die Ohren durchſtechen laſſen wollen. Ueberlegen Sie, berechnen Sie, und während der Zeit ſieht ſich die Laune des Kö⸗ nigs nach etwas Anderem um. — Laune? verſetzte Henriette piquirt.. — Herr von Auvergne hat Recht, und hundertmal Recht, ſagte Herr von Entragues. Ein kluger Mann bedenkt ſich, ehe er hunderttauſend Thaler für Nichts weg⸗ giebt, und hunderttauſend Thaler ſind wohl eben ſo viel werth, als die Marquiſate und Herzogstitel, die verſchwen⸗ det werden.— — Ich habe einen Gedanken, der Alles ausgleicht, hob Marie Touchet mit der Majeſtät einer Pythia an, ein Mittel, mit deſſen Hülfe wir uns überzeugen können, ob es nur eine Laune des Königs iſt, oder Liebe, was ihn an meine Tochter feſſelt. Der König kann ſich ja für die Zukunft verbindlich machen, ohne die Gegenwart zu compromittiren; er kann die Ehre dieſes Hauſes ſicher⸗ ſtellen, ohne etwas von ſeinen Liebesanſprüchen einzu⸗ büßen. — Tauſendnocheinmal! rief der Graf von Auvergne, Ihr Mittel muß ja ein wahres Panacée ſein, Madame, und ich wäre wohl begierig, es kennen zu lernen. — Ein Eheverſprechen, welches der König Mademoi⸗ ſelle Henriette de Balzac d'Entragues ausſtellt. — Das nehme ich an, ſprach Henriette. — Auf die Weiſe, fuhr Marie Touchet triumphirend fort, ſteht es dem Könige ganz frei, ob er ſich nach dem Tode der Königin Margaretha vermählen will oder nicht, aber er wird dann wenigſtens keine Andere heirathen, als Henriette, und wir werden keine Nebenbuhlerin mehr zu fürchten haben. — In der That, ſagte Herr von Entragues, ein Eheverſprechen wäre das wirkſamſte Mittel. — 16— — Wenn es der König ausſtellt, bemerkte der Graf von Auvergne; wird er es aber ausſtellen?: Das erin⸗ nert mich an jenen Mann, der trockenen Fußes hätte durch einen Fluß gehen können, wenn ſein Pferd nur alles Waſſer daraus geſoffen hätte. Die einzige Schwierigkeit iſt alſo nur das Ausſaufen. — Wenn der König das Eheverſprechen nicht unter⸗ ſchreibt, ſo iſt das ein Beweis, daß nicht auf ſeine Zärt⸗ lichkeit zu bauen iſt, und ich gebe ihn auf, ſagte Henriette. — Und werden ſehr wohl daran thun, meine Tochter, denn die Ehre über Alles! Das verhindert aber dennoch nicht das Leibgedinge von hunderttauſend Thalern, ſprach Vater Entragues. 3 — Im Gegentheil! fügte der Graf von Auvergne hinzu. — Genug, ſchloß endlich Marie Touchet ihren Ser⸗ mon, dieſes Mittel hilft uns über alle Verlegenheiten hinweg. Ein beſtimmtes, deutliches Ja, oder ein Nein, und die Sache iſt für immer zu Ende. — Sie halten den König verdammt kurz im Zügel, meine Dame; ich wiederhole es, ſehen Sie ſich vor, daß er nicht durchgeht! — Was hält uns jetzt ab, beſtimmter aufzutreten? verſetzte Marie Touchet, die ſich mit Stolz der überwun⸗ denen Gefahren erinnerte, und an Laramée's Tod, der Henriette die Freiheit wiedergegeben hatte. Nichts ſteht uns jetzt mehr im Wege. Und je mehr man vom König —— — 17— begehren wird, je höhere Meinung wird ihm das von dem Kleinode beibringen, nach dem er ſtrebt. — Ein wahrhaftes Kleinod, ſprach der Graf von Auvergne mit einer impertinent⸗galanten Verbeugung gegen ſeine Schweſter. — Und ein unſchätzbares dazu! rief der würdige Vater, die durch ſo viel Schamerröthen hart geprüfte, jungfräuliche Stirn ſeiner keuſchen Tochter ſalbungsvoll küſſend. Nur vergeſſen Sie das Leibgedinge nicht! Ein Diener meldete jetzt, daß die Signora Leonora Galigai die Damen in ihrem Kabinete erwarte. — Die Wahrſagerin? rief der Graf von Auvergne; da mache ich mich aus dem Staube! — Nein, nein, bleiben Sie noch, ſagte Vater Entra⸗ gues, um mit mir die Schenkungsacte und das Ehever⸗ ſprechen zu berathen. .— Ich ſelbſt werde deren Abfaſſung überwachen, be⸗ merkte Marie Touchet, ſich zu ihrem Sohn und ihrem Mann ſetzend. — Schnell zu Leonora, dachte Henriette zitternd; ihr Beſuch zu dieſer Stunde beunruhigt mich. Sie eilte in ihr Kabinet, wo ſie Leonora am Tiſche ſitzend fand, den Ellnbogen aufgeſtützt, den Kopf nach⸗ denkend in der Hand, und mit dem Finger wie unbewußt den Verſchlingungen des Teppichmuſters folgend. Sie vergaß bei Henriette's Eintreten den üblichen Handkuß, ja, ſte ſchien dieſe nicht einmal zu beachten. — Was giebt es denn ſchon wieder? fragte Henriette, Gabriele. IX.. 2 — 18— mehr beſorgt, als erzürnt über dieſe Hintanſetzung der bisher gewohnten Ehrerbietung der Italienerin. —— Eine wichtige Sache, antwortete dieſe ernſt; Herr von Pontis hat ſich geſtern Abend geſchlagen. — Was kümmert das uns? Und, vor allen Dingen, woher kennſt Du dieſen Menſchen? — Ich kenne ihn, das genüge Ihnen. Unſer aller Intereſſe iſt dabei betheiligt. Was jedoch den Kampf betrifft— ſoll ich ihn Ihnen erzählen? — Du erſchreckſt mich mit Deiner geheimnißvollen Einleitung. Inwiefern kann ich bei ſolchen Schlägereien betheiligt ſein? — Sie mögen ſelbſt darüber urtheilen: Pontis war in dem Wirthshaus, wo die wachehabenden Gardiſten gewöhnlich zu ſpeiſen pflegen. Man kam auf die Lieb⸗ ſchaften des Königs zu ſprechen, und auf die Nachfolgerin, die er möglicherweiſe der Marquiſe von Monceaux, jetzigen Herzogin von Beauford, geben könnte. — Nun? 1 — Mehrere nannten Ihren Namen. Das iſt ein Anrecht, das Sie ſich durch Ihre Schönheit erworben. — Wenn Du mir Complimente ſagſt, Leonora, ſo überfällt mich ein Grauſen. Weiter, weiter! — Meine Herren, rief Pontis, dem der Wein bereits zu Kopfe geſtiegen war, dieſe Perſon wird dem König niemals Etwas ſein.— Man fragte ihn, warum? — Ja, warum? murmelte Henriette, immer unruhiger werdend. — 19— — Weil ich es nicht will!— verſetzte Pontis. — Der Menſch war offenbar betrunken und wußte nicht, was er ſprach! rief Henriette. Leonora blickte ſie einen Moment ſcharf an. — Meinen Sie? ſprach ſie dann; hören Sie nur weiter: Wie? rief einer der Gardiſten Pontis zu, Ma⸗ demoiſelle d'Entragues, die ſchöne, die edle, die untadel⸗ hafte Henriette d'Entragues ſollte die Liebe des Königs nicht verdienen?— Die Untadelhafte? ſchrie Pontis mit höhniſchem Lachen; Sambioux! wenn der König etwas Näheres von der Tugend dieſer untadelhaften Schönheit wiſſen will, ſoll er mich nur fragen; ich kann ihm reinen Wein einſchenken. — Der Unverſchämte! ſtammelte Henriette. Und was hat man ihm geantwortet?. — Es erhob ſich ein wildes Gezänk, die Degen flogen aus den Scheiden und es war bereits Blut gefloſſen, als plötzlich Herr von Crillon dazwiſchentrat. — GHoffentlich wird er den Frechen gezüchtigt haben? — O ja; er ließ ſich die Urſache des Zwiſtes erzäh⸗ len und ſprach dann lachend: Ihr ſeid Einer ſo dumm wie der Andere, und werdet Euch ſofort in Arreſt begeben. — Aber das iſt ja ein neuer Schimpf! rief Henriette, blaß vor Zorn. — Und ein gefährlicherer, als Sie denken, fuhr Leonora fort, denn die Sache wird Lärm machen und kann bis zu den Ohren des Königs kommen; dieſer könnte ſogar auf den Einfall gerathen, Pontis ſelbſt zu ver⸗ 2 — 20— nehmen.— Es iſt hohe Zeit, meine ich, daß man dem durch eine energiſche Beſchwerde vorbeuge. Sie ſchwieg und ſah Henriette beobachtend an, die ſtarren Blickes, mit feſt zuſammengebiſſenen Lippen, den Kopf unter dem doppelten Gewicht der Schmach und der Furcht auf die Bruſt hängen ließ und nachzudenken ſchien. Leonora errieth ſehr wohl, daß Henriette ſich nicht ohne Grund ſo tief erniedrigte. — Was kann uns übrigens die Anklage dieſes Pontis kümmern, ſprach ſie nach einiger Zeit weiter, wenn er ſie nicht beweiſen kann! Leonora's Augen ſchienen auf dem Grunde von Hen⸗ riette's Seele zu leſen, die immer noch ſchwieg. — Kann er ſie denn beweiſen? fuhr ſte dann fort. — Vielleicht— lispelte Henriette kaum hörbar. — Aber wie? — Es exiſtirt ein Brief von mir. — Mein Gott— an wen denn? — An— an den Freund dieſes Pontis. — An Speranza? fuhr die Italienerin auf. — Ja. — und das haben Sie mir nicht geſagt?— Welch' ein Unglück!— Wir müſſen dieſen Brief wiedererlangen! — Meinſt Du denn, rief Henriette mit ausbrechendem Grimm, ich hätte nicht ſchon Alles verſucht— Bitten, Thränen, Drohungen! Vergebens; er giebt ihn nicht heraus, er hält mich damit im Schach— Tag und Nacht denke ich nur an jenes verfluchte Blatt! Aber wo ſoll — 21— ich es finden? Wo hält er es verborgen? Wie oft ſchon kam ich auf den Einfall, ſein Haus an allen vier Ecken anzünden zu laſſen, ihn ſelbſt, dieſen feigen Esperance, erdolchen zu laſſen!— Iſt denn der Brief auch wirklich in ſeinem Hauſe? Trägt er ihn bei ſich, oder hat er ihn einem ſicheren Verſtecke anvertraut? Werde ich nicht un⸗ nöthig Gewaltmittel angewendet haben?— Was thun, was beginnen?— Ich werde noch wahnſinnig darüber! — Und was ſagt Ihre Mutter dazu? — Du bildeſt Dir doch nicht ein, daß ich ihr dieſen un⸗ verantwortlichen Fehlgriff geſagt?— Habe ich denn nicht genug eingeſtanden, habe ich denn nicht ſchon genug der Schmach in ihrer Gegenwart hinabgeſchluckt?— Du biſt die Einzige, Leonora, die mein Geheimniß weiß. Rette mich! Du, die Alles entdeckt, forſche in Deinen Karten nach, wo der Brief ſein kann— verſchaffe Dir ihn— rette mich! — Dieſer Brief iſt alſo wohl ſehr compromittirend? — Wenn er in des Königs Hände geräth, bin ich verloren. — Wirklich? rief die Florentinerin mit einem eigen⸗ thümlichen Ausdruck, und ihr Auge blitzte triumphirend; aber eben ſo ſchnell war dieſe Aufregung wieder ver⸗ ſchwunden. Nun denn, beruhigen Sie ſich, Signora, ich werde Sie retten. — Du wirſt den Brief finden? — Ich hoffe es. Jetzt aber kehren Sie zu Ihrer — 22— Mutter zurück. Kein Wort weiter— laſſen Sie mich machen. Sie ſollen bald Nachricht von mir erhalten. Henriette umarmte die Italienerin mit einer an Wahn⸗ ſinn gränzenden Freude. Dann ſchieden ſie. — Was die Karten mir nicht ſagen werden, flüſterte Leonora lächelnd vor ſich hin, indem ſie die geheime Treppe hinabſtieg, das werde ich durch Ayoubani erfahren. — Ich bin zu weit gegangen, ſagte ſich Henriette auf dem Wege zu ihrer Mutter; ich habe mich in die Hände dieſer Florentinerin gegeben— aber ich werde ſie über⸗ wachen! 2. Die Sühnung. Der Herzog von Mayenne brachte trotz Heinrich's herz⸗ lichem Entgegenkommen keine ſo ganz ruhige Nacht im Schloſſe von Monceaux zu, als wenn ſein Gewiſſen voll⸗ kommen rein geweſen wäre. Und doch hätte er unter dem Dache einer ſo edlen, ehrenhaften Wirthin wie Gabriele war, ganz ruhig ſchlafen können. Aber der Lothringer kannte die Geſchichte zu gut und erinnerte ſich manches Siegers, der die tollen Streiche des Beſiegten mit dem Gefängniſſe hatte büßen müſſen. Er konnte kaum den Tagesanbruch erwarten, um ſich einer Beſtätigung der großmüthigen Anerbietungen Hein⸗ rich's IV. zu verſichern. Dieſer konnte ſich ja über Nacht leicht eines Anderen beſonnen haben— und in ſeiner Gewalt war er nun einmal! Er fand aber den König eben ſo ruhig, eben ſo leutſelig und freundlich, als er ihn am Abend zuvor verlaſſen hatte. Eine zahlreiche Schaar von Hofleuten war anweſend, als die beiden neuen Freunde ſich einen Morgengruß boten. Heinrich faßte den Lothringer ver⸗ traulich unter den Arm und zog ihn raſchen Schrittes mit ſich in den Park hinaus. 4 — Laſſen Sie uns nun von Geſchäften ſprechen, lieber Vetter, wie wir es geſtern Abend verabredet haben, hob der König an. — Ew. Majeſtät ſagten mir zugleich, daß das ſehr ſchnell geſchehen ſein würde, verſetzte Mayenne. — Natürlich, natürlich; das wird ganz von Ihnen abhängen, mein Vetter; die Verhandlung wird eine kurze fein, wenn Sie wenig begehren, und eine lange, wenn Sie viel begehren. Wie geſagt, es kommt ganz auf Sie ſelbſt an. 3 Mayenne warf dem Könige einen forſchenden Seiten⸗ blick zu, um ſich zu verſichern, wie er das meine, und begann dann ſeine Bedingungen, zwar mit aller Höflich⸗ keit, aber doch mit der nöthigen Feſtigkeit zu formuliren. Dem bei ſolchen Friedensverhandlungen üblichen Ge⸗ brauche gemäß, verlangte er zunächſt einige Städte als Pfand der Sicherheit auf ſechs Jahre— nicht um ſeinet⸗ willen, wie er ſagte, ſondern um der Getreuen willen, die er ja in die Gefahr gebracht hatte. — Wie diel verlangen Sie? zfragte der König. — Drei. Iſt das zu viel, Sire? — Drei, es ſei darum. Haben Sie ſich ſchon über⸗ legt, welche? — Ich würde Chalons gern haben, wenn Ew. Ma⸗ jeſtät Nichts dagegen einzuwenden hätten, ferner die Stadt Seurre in Burgund, und endlich Soiſſons. 3* — 25— — Sie haben keinen ſchlechten Geſchmack, Vetter. Aber nehmen Sie ſie hin. Iſt das Alles? — Sire, gar manche meiner guten Freunde find in dieſen unglücklichen Krieg mit verwickelt worden. — Und Sie möchten ſie gern vor allen nachträg⸗ lichen Anklagen, Verfolgungen, Strafen und andern üblen Folgen geſichert ſehen?. — Ganz recht, Sire, denn es wäre mir fürchterlich, dieſe wackeren Leute in einer Verlegenheit ſitzen zu laſſen, aus der mich Ihre Güte ſo großmüthig gezogen hat. — Das macht Ihrem Herzen Ehre, Vetter; alſo, zugeſtanden.— Iſt das Alles? — Ich ſchäme mich in der That ſo viel zu begehren, aber dieſer Krieg ward doch eigentlich für die Sache der katholiſchen Religion begonnen, und um meiner Ehre willen möchte ich nicht, daß man ſagen könnte, ich, ein altes Oberhaupt der Ligue, habe in meinem Frieden mit Ew. Majeſtät Nichts ſtipulirt, was nicht... — Was nicht auch den Herren von der Ligue zu Gute käme, wollen Sie ſagen? Nicht mehr wie billig. Nun, laſſen Sie hören, Vetter, was Sie dieſen Herren Angenehmes zu erzeigen wünſchen— verſtehen Sie mich wohl, Sie, mein Vetter, denn was mich betrifft, ſo muß ich Ihnen bekennen, daß ich mich um ihre Wohlgewo⸗ genheit und ihr Vergnügen ſehr wenig kümmere. — O, Sire, nur ein ganz kleiner Artikel, nur der Schatten eines Artikels gegen die Hugenotten ... — 26— — Ich bin nicht mehr von der reformirten Religion, mein Vetter, und habe demgemäß das Recht, Ihnen in dieſer Beziehung billige Zugeſtändniſſe zu gewähren— vorausgeſetzt, daß Sie nicht etwa eine neue Bartholo⸗ mäusnacht unter ſolche zählen! Beide fingen an zu lachen. — Nun, hören Sie, ſprach der König dann, Sie haben Ihre drei Städte, machen Sie darin, was Sie wollen. — Ich würde dann um die Erlaubniß bitten, in dieſen drei Städten alle öffentlichen und Beamtenſtellen nur mit Katholiken beſetzen zu dürfen. — Das heißt, auf ſechs Jahre, Vetter? — Ja, Sire, und ohne im Uebrigen den Calviniſten zu nahe zu treten. — Nun denn, wenn das das ganze Leid ſein ſoll, was Sie ihnen zufügen— zugeſtanden. — Die böſen Läſterzungen ſollen nicht ſagen, daß ich als ein erbärmlicher Egoiſt gehandelt habe, ſprach Ma⸗ yenne, ſich Kühlung zufächelnd, denn der König zog ihn ſo raſchen Schrittes im heißen Sonnenſchein mit ſich fort, daß ihm der Schweiß auf der Stirn perlte. — Nein, nein, Vetter, das ſoll man nicht ſagen, 3 erwiederte der König, einen boshaft lächelnden Seitenblick auf den dicken, keuchenden Mann werfend, nichtsdeſto⸗ weniger aber ſeine Schritte verdoppelnd. Die Katholiken werden mit Ihnen zufrieden ſein.— Sind das nun alle Ihre Bedingungen? — 22— — Je nun, Ew. Majeſtät werden mir nun, wo ich für die Ruhe und das Beſte Anderer geſorgt habe, wohl auch verſtatten, ein wenig für mich ſelbſt zu ſorgen? — Reden Sie, Herzog; ſprechen Sie von ſich und für ſich, was ich noch lieber höre, als wenn Sie für Andere ſprechen, denn Sie ſind und bleiben ja doch mein lieber Vetter. — Allzugnädig, Ew. Majeſtät.... Ja, das iſt ein ſehr zarter Punkt; ich habe verwünſcht viel Geld bei dieſem Kriege zugeſetzt! — Wem ſagen Sie das, Vetter? rief Heinrich. Ich weiß am Beſten, wie theuer das Kriegführen iſt! Indeß, die Städte, die Sie beſetzt hielten, werden denn doch auch ihr Theil dazu beigetragen haben, und— hier und da ſogar auch die Meinigen. — Ach Sire— ſolche Kleinigkeit— iſt nicht der Rede werth!— Während ich und die Meinigen dabei zu Grunde gegangen ſind. — Armer Vetter! — Ja, ja, Ew. Majeſtät koſten mich ſchweres Geld! ſtöhnte der Lothringer mit einem Seufzer der Verzweif⸗ lung und der Erſchöpfung. Der König ſchritt immer raſcher vorwärts, Hügel hinauf, Thäler hinab, wie ein echter Jäger aus den Bearner Bergen. — Nun, wieviel haben Sie denn ſo ungefähr aus⸗ gegeben? fragte Heinrich, die Summe im Voraus bei ſich nach der Dicke von Mayenne's Seufzern taxirend. — 28— Statt zu antworten blieb der Herzog ſtehen und ſchnaufte gewaltig. Wenn ich ihm Zeit zum Nachdenken laſſe, wird er die Summe verdoppeln, dachte der König. Und bevor noch der Herzog wieder zu Athem ge⸗ kommen, ſetzte er den Wettlauf mit vermehrter Schnellig⸗ keit fort. — Sire, keuchte Mayenne, Ew. Majeſtät würden erſchrecken, wenn ich die ganze Summe nennen wollte. Zudem wäre es ein ſchmähliches Unrecht, wenn ich den König alle meine dummen Streiche bezahlen laſſen wollte: an Waffen, Munition und Sold der Truppen beträgt es allein über eine Million. — Hoho! rief der König, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. — An Vergleichen, trockenen Verluſten, ausgeblie⸗ benen Einkünften wieder eine Million— — In der That! — Und endlich an Geldern, welche mir Ihre ſieg⸗ reichen Truppen weggekapert, Contributionen, die von meinen Ländereien erhoben worden ſind und anderen dort angerichteten Schaden wenigſtens noch eine dritte Million! — Lieber Vetter, ſagte der König etwas kurz, wenn Sie ſo viele Einbußen erlitten und noch einen Thaler in der Taſche haben, müſſen Sie reicher ſein als ich, denn wenn ich eine ſolche Summe bezahlen müßte, bliebe mir Nichts übrig, als mich bankerott zu erklären. Der Lothringer ſah, daß er zu weit gegangen war. — 29— — Sire, ſagte er, oder richtiger, ſtöhnte er, ich wiederhole, daß mich Gott davor behüten ſolle, Ew. Ma⸗ jeſtät meine begangenen Fehler bezahlen zu laſſen. Der Beſiegte hat das zerbrochene Geſchirr zu bezahlen, nicht der Sieger. — Hier iſt weder von einem Sieger, noch von einem Beſiegten die Rede, ſprach der König freundlich, aber ohne ſeinen Schritt zu hemmen, ſondern von zwei guten Freunden. — Nun denn, Sire, rief der Herzog, roth wie eine Päonie und nach Luft ſchnappend, wenn wir gute Freunde ſind, ſo flehe ich Sie um die Barmherzigkeit an, einen Augenblick ſtill zu ſtehen, ſonſt ſtehe ich ab, wie ein Karpfen auf heißem Sande! — Mein armer Vetter! rief Heinrich, in ein herz⸗ liches Gelächter ausbrechend. Das war die einzige Rache, die ich an Ihnen nehmen wollte. Ich gebiete meinen Füßen hiermit Stillſtand, und Sie Ihren Forderungen. Kommen Sie, hier iſt eine weiche Raſenbank, und über⸗ dies mache ich Ihnen bemerklich, daß ich Sie bis auf ungefähr hundert Schritte vom Schloſſe zurückgeführt habe, und daß ſich in den Kellern der Herzogin noch ein ziemlicher Vorrath jenes hübſchen Weines von Artois befindet, den Sie ſo ſehr lieben.— Der Herzog ſank auf die Raſenbank nieder. — Alſo Frieden, Vetter! fuhr Heinrich fort. Und um der Sache mit einem Streiche ein Ende zu machen: wie viel bedürfen Sie, um Ihre Finanzen wieder ein wenig in Ordnung zu bringen? — Sire— mit dreimalhunderttauſend Thalern würde ich die gröbſten Schulden decken können,— und wenn es dreimalhundertfunfzigtauſend wären— — Machen wir die viermalhunderttauſend voll. — Nun denn, Siro, rief der Lothringer erfreut, ich bin es zufrieden! — Geben Sie mir die Hand, Mayenne; es iſt ab⸗ gemacht. Der Herzog ſchlug ein und trocknete ſich tief auf⸗ athmend den Schweiß von der Stirn, wie ein Mann, der ſo eben vom Tode errettet worden iſt. Heinrich rief nach dem Kellermeiſter, um Erfriſchungen für den Herzog herbeizuſchaffen. Sie ſtießen an, tranken und lachten wie Brüder. Bald darauf näherten ſich die Hofleute, und unter ihnen Gabriele, ſtrahlend vor Schönheit und Freude. Mayenne raffte ſich mühſam empor, um ſeiner hol⸗ den Wirthin ſeine Huldigung darzubringen. — Sie ſehen, Herzogin, ſagte der König heiter, wenn meine Schlachten mit Herrn von Mayenne hätten durch Wettlaufen entſchieden werden können, wie bei den olym⸗ piſchen Spielen, ſo würde ich ihn unfehlbar jedesmal geſchlagen haben. — Geſchlagen und begraben, Madame, ergänzte der Herzog, denn ohne die Güte des Königs ſähen Sie jetzt einen todten Mann vor ſich. 4- — 31— — Es ſcheint faſt, als ob Sie ebenfalls Luſt hätten ein Wettrennen zu beginnen, Herzogin, ſagte der König, wenn auch nicht zu Fuß, denn ich ſehe Sie im Reitkleide. — Sire, ich hatte das Gelübde einer Oktave ge⸗ leiſtet, wenn Gott mir die Gnade gewährte, mein Unter⸗ nehmen mit glücklichem Erfolge zu ſegnen; Ihr Friede mit dem Herzog iſt geſchloſſen, und ich beeile mich daher mein Gelübde zu erfüllen. — GHoffentlich ſoll es doch nicht eine Wallfahrt nach Sanct⸗Jakob von Compoſtella werden? fragte der König. — Nein, Sire; nur nach Bezons, und ich werde die Nachbarſchaft benutzen, um zugleich meinem väterlichen Hauſe an der Chauſſee von Bougival einen Beſuch ab⸗ zuſtatten.— — Bezons! das iſt ja wahr; ich hatte ganz ver⸗ geſſen— murmelte der König vor ſich hin. — Bezons? Iſt denn das ein ſo berühmter Wall⸗ fahrtsort? fragte der Herzog verwundert. — Es iſt ein berühmtes Genovefenſtift, mein Vetter, antwortete der König mit abſichtlichem Nachdruck; es iſt die fromme Gemeinde, zu der jener Gottesmann gehört, den Sie geſtern Abend nennen hörten. — Mein Friedensrath, Herr Herzog, fügte Gabriele hinzu, der eigentliche Urheber unſeres gegenwärtigen Glückes. — Kannten Sie nicht einen Bruder Robert— wenn ich nicht irre? — Ganz recht, lieber Vetter, derſelbe. Nun denn, Herzogin, ſo laſſen Sie ſich nicht von Ihrem frommen Vorhaben abhalten. Es könnte ſein, daß wir ſogar dieſen Weg gemeinſchaftlich machten, ſagte der König be⸗ deutungsvoll. Gabriele war überraſcht und ſtand ſchon im Begriff, den König um eine deutlichere Erklärung zu bitten; allein dieſer gab ihr einen heimlichen Wink, den ſie ſogleich verſtand, beide Herren freundlich grüßte und ſie allein ließ. — Lieber Vetter, hob der König nach einigem Still⸗ ſchweigen mit eigenthümlich bewegter Stimme wieder an, wir glaubten ſo eben, wir wären mit unſeren Geſchäften zu Ende, allein dem iſt nicht ſo. Ich vergaß, daß ich Ihnen noch— nicht ſowohl eine Bedingung, als viel⸗ mehr eine Bitte, mitzutheilen habe— beruhigen Sie ſich, es handelt ſich nur um eine zarte Aufmerkſamkeit, die einem ſo galanten Manne, wie Sie ſind, hoffentlich nicht ſchwer werden wird. — Ich bin ganz Ohr, Sire.— Wen betrifft es? — Eben jenen Bruder Robert. — Ich kenne ihn nicht, Sire. — Das iſt möglich, aber ſo viel ich weiß, kennt er Sie. Doch, das iſt eine Geſchichte, die ſich nicht ſo mit wenigen Worten mittheilen läßt, ich muß etwas weit dazu ausholen. Alſo ſetzen Sie ſich, damit Ihnen das Zuhören nicht zu ſauer wird, und ſchenken Sie mir ein aufmerkſames Ohr, lieber Vetter. — Was in aller Welt wird da herauskommen? dachte Mayenne, überraſcht von Heinrich's plötzlichem Uebergange S VV — 33— aus dem bisherigen ſcherzhaften, vertraulichem Tone zu dieſer faſt feierlichen Stimmung. Der König verweilte noch einige Zeit ſchweigend neben ihm, den Kopf in die Hand geſtützt und ſichtlich bemüht, einen paſſenden Eingang zu dem zu finden, was er vortragen wollte. Mayenne wartete in höchſter Span⸗ nung und nicht ohne ein gewiſſes Gefühl von Bangig⸗ keit auf das, was nun kommen würde. — Ich ſagte Ihnen, lieber Vetter, ſprach endlich der König, daß ich eine Bitte an Sie zu richten hätte; ver⸗ ſprechen Sie mir im Voraus, ſie zu erfüllen? — Wenn es von mir abhängt, Sire, und wenn... — Sie hängt ganz und lediglich von Ihnen ab, gewährt Ihnen keinerlei Nachtheil— im Gegentheil, ſie iſt ſogar zu Ihrem eigenen Beſten und eben ſo leicht zu erfüllen, als ich hier dieſes Unkraut ausreiße.— Ja, Herzog, auch Sie ſollen das Unkraut einer ſchmerzlichen Erinnerung aus einem edlen Herzen reißen! — Ich wiederhole Ew. Majeſtät, wenn die Erfüllung dieſer Bitte von mir allein abhängt, ſo iſt ſie ſo gut wie ſchon erfüllt, erwiederte Mayenne, der wie auf glühenden Kohlen ſaß. — Nun denn, ſo hören Sie: Ich hatte einſt einen Freund, einen tapferen Edelmann, der auch unter meinem Schwager, Heinrich III. ſeligen Andenkens, gedient; einen treu bewährten, würdigen Freund und Landsmann, einen trefflichen Edelmann aus der Gascogne... — Er hieß? fragte der Herzog lebhaft. Gabriele. IX. 3 — 34— — Ich kann mich in dieſem Augenblicke nicht auf ſeinen Namen beſinnen, erwiederte der König etwas ver⸗ legen; er wird mir aber wohl ſpäter noch einfallen, vielleicht auch Ihnen. Dieſer wackere Gascogner ward ſchon im Beginn ſeiner rühmlichen Laufbahn von einem furchtbaren Unglück betroffen, das ſeine ganze Zukunft mit einem Schlage vernichtete. Mayenne entſchlüpfte ein Ausruf der Ueberraſchung. — Hören und urtheilen Sie, Vetter. Der arme Edelmann hatte irgendwo in Paris— wenn ich nicht irre, an der Ecke der Straße des Noyers— eine Braut, ein junges, reizendes Geſchöpf. Eines Abends, als er zum Beſuche bei ihr war, fiel es einem gewiſſen, eifer⸗ ſüchtigen Prinzen ein, das Haus umſtellen, den jungen Mann überfallen und ſo fürchterlich durchprügeln zu laſſen, daß dem Unglücklichen Nichts übrig blieb, als ſich durch das Fenſter zu retten und— mit Gefahr ſeines Lebens— vom Balcon hinabzuſpringen. Die Beſchim⸗ pfung war der Art, daß ein ehrenhafter Cavalier ſie niemals vergeſſen konnte, und der Prinz, der ſie ihm hatte zufügen laſſen... — Sire, unterbrach den König Mayenne, deſſen lebhafte Geſichtsfarbe plötzlich in Leichenbläſſe überge⸗ gangen war, die That dieſes Prinzen war eine feige, nichtswürdige; mehr wie einmal hat er zu Gott um Vergebung deshalb gefleht, und zwar um ſo inbrünſtiger, als der arme Beſchimpfte ihm niemals verziehen hat, und — wie man ſagt— im Elend geſtorben iſt. 1. 5 * — 35— — Aus Ihrer Rührung ſehe ich, daß Sie wiſſen, von wem ich ſpreche, mein Vetter. — La, Sire, ich kenne dieſen edlen Gascogner, und ich kenne auch den Prinzen.— Armer, armer Chicot! was würde Mayenne darum geben, wenn Du nicht aus der Welt gegangen wäreſt, ohne Deinem bereuenden Be⸗ leidiger verziehen zu haben! — Ganz recht, er nannte ſich Chicot, ſagte der König. Aber kommen Sie noch etwas weiter weg von hier, Vetter, denn ich fürchte, man könnte uns am Ende hören, und ich habe Ihnen noch Mancherlei zu erzählen. An Ihrer Reue, Ihrem Schmerze ſehe ich aber, daß wir uns fehr leicht einigen werden. Der König faßte Mayenne unter den Arm und führte ihn in ein dichtes Gebüſch, wo Beide etwa eine Viertel⸗ ſtunde verweilten. Als ſie wieder zum Vorſchein kamen, trug des Her⸗ zogs Geſicht deutlich die Spuren einer tiefen Ergriffenheit, das des Königs dagegen ſtrahlte vor Freude, und die ewig lauernden Höflinge konnten nur noch die Worte Mayenne's hören: — Ew. Majeſtät ſollen befriedigt ſein. Heinrich drückte ihm gerührt die Hand. — Nun alſo, meine Herren, wendete er ſich dann laut an die Verſammlung, wir gehen nach Bezons, um der Frau Herzogin zu gehorchen. Sie hat ein Gelübde gethan und wir wollen es ihr erfüllen helfen; es iſt nicht mehr wie billig, daß wir unſer Dankgebet mit dem 3⸗ ihrigen vereinigen. Und da mein Vetter Mayenne mit von der Partie ſein will, ſo werden wir bei dem herr⸗ lichen Wetter und in der liebenswürdigen Geſellſchaft unſerer ſchönen Wirthin eine höchſt angenehme Pilger⸗ fahrt haben. In der That brach ſehr bald nachher der ganze Hof von Monceaur nach Saint⸗Denis auf, wo man ſehr ſpät ankam uud die Nacht dort zubrachte. Am anderen Mor⸗ gen, nach dem Frühſtücke, ſetzte ſich die glänzende Ca⸗ valcade wieder in Bewegung, noch verſtärkt durch viele Damen und Edelleute. Der König hatte Gabriele erſucht, ihren Beſuch im Genovefenſtifte nicht vorher anmelden zu laſſen. Der Hof hielt im Augenblicke vor dem Kloſter an, als die Glocke die fromme Brüdergemeinde oben zur Vesper rief. Ihre Ueberraſchung war daher nicht gering. Schon hatte der König mit Mayenne und einem Theil der Cavaliere die Kirche betreten, und Gabriele's Augen ſuchten überall Bruder Robert, den einer der dienenden Brüder aus dem Garten herbeigerufen hatte, während zwei andere den würdigen Dom Modeſtus auf ſeinem Stuhle bis zum erſten Platz im hohen Chore rollten. Bruder Robert betrat die Kirche, ohne mehr zu wiſſen, als daß der König ſo eben angelangt ſei, um dem Kloſter einen Beſuch abzuſtatten, und ſchon ſchritt er auf Gabriele zu, die inmitten der übrigen Damen an ihrem grün⸗ ſeidenen Kleide, ohne anderen Schmuck als einen weißen — 37— Spitzenbeſatz, leicht kenntlich war, als er plötzlich ſtehen blieb, als ob ſeine Füße auf den Steinplatten feſtgewur⸗ zelt wären. Eine Todtenbläſſe verbreitete ſich über ſein Antlitz, ſein durchbohrender Blick ſchien an irgend einem befremd⸗ lichen Gegenſtand zu haften, ſeine Naſenflügel erweiterten ſich wie die eines edlen arabiſchen Roſſes, das die Nähe eines Feindes wittert, und die durch die raſche Bewegung zurückgefallene Kapuze ließ den ganzen furchtbaren Krampf ſeiner Geſichtszüge erkennen. Es war Mayenne, den Bruder Robert ſo anſtarrte, und von dem er die Augen nicht abwenden zu können ſchien. Mayenne, eben ſo beſtürzt, verſuchte vergebens dieſen ſo furchtbaren, und doch zugleich ſo unendlich ſchmerz⸗ lichen Blick auszuhalten; er mußte die ſeinigen abwenden und ſchien die Architektur der Kirche mit großem Inter⸗ eſſe zu betrachten. Endlich ſchien der Genovefenbruder wieder aus ſeinem Hinſtarren zu erwachen und zog die Kapuze wieder tief über ſein bleiches Antlitz herab. Während dem hatte ſich Gabriele andachtsvoll auf ihre Knie niedergelaſſen, der an ihrer Seite kniende König neigte ebenfalls das Haupt zum Gebete, und ringsum im weiten Kreiſe ahmte der Hof das Beiſpiel dieſer Beiden nach. Nichts unterbrach die feierliche Stille, als die Stimmen der beiden Mönche, welche in der Abſingung der Pſalmenverſe unter einander abwechſelten. Der Gottesdienſt war zu Ende, und der Hof ſowohl wie die Brüdergemeinde trafen Anſtalt, die Kirche zu verlaſſen. Der König war, Mayenne an der Hand führend, bis zum Ausgang gelangt, wo er ſtehen blieb. Der Herzog verſuchte es jetzt flüchtig und ſchüchtern, dem jetzt unfaß⸗ baren Blicke Bruder Roberts zu begegnen, der immer noch unbeweglich an einem Pfeiler kniete, obgleich alle Anweſenden ſich mit Beendigung des Gottesdienſtes er⸗ hoben hatten. Die ganze Verſammlung errieth, daß ſich noch irgend etwas Außerordentliches ereignen werde. — Ich habe andächtig gebetet, hob der König mit heller, deutlicher Stimme an, und Gott aus der Fülle meines Herzens für die Gnade gedankt, die er dieſem Königreiche erwieſen. Ich habe zu ihm für meine Freunde, für alle meine Unterthanen gebetet.— Und Sie, Herr Herzog? — Ich, Sire, erwiederte Mayenne tief ergriffen, ich habe für meine zahlreichen Feinde gebetet, auf daß Gott ihre Herzen zu Liebe und Verſöhnung ſtimme.— Ja, meine Herren, in dieſem Augenblicke, wo der Schutz des edelſten und großmüthigſten Königs mich unverletzlich macht, an dieſem Tage, wo ich ſeine Vergebung erlangt, möchte ich mein Herz gern auch durch die Vergebung Derer erleichtert und gereinigt wiſſen, die ich im Ver⸗ laufe meines Lebens durch Hochmuth und Gewaltthätigkeit beleidigt habe. — 39— Die Höflinge ſahen ſich einander erſtaunt an. Der König ſchwieg und ſchlug die Augen nieder, um denen Gabriele's nicht zu begegnen. Dom Modeſtus riß die ſeinigen weit auf und hielt ſie unverwandt auf den Pfeiler gerichtet, hinter dem Bruder Robert kniete. Dieſer allein ſchien des Königs und Mayenne's Worte nicht gehört zu haben; im inbrünſtigen Gebet war er bis zu den Steinplatten mit der Stirn herabgeſunken. — Meine Herren, fuhr der Herzog fort, einige Schritte in der Richtung des knienden Mönchs vortretend, viele unter Ihnen werden verſtehen, daß ich damit die böſen Handlungen meines Lebens meine. Meine Empö⸗ rung gegen meinen Herrn und König iſt eine derſelben; aber er verſtatte mir hier laut und offen zu erklären, daß dieſes Vergehen, ſo ſchwer es auch wiegt, es nicht iſt, was ich am mehrſten zu bereuen habe. Der König war ſtark und mächtig, und hätte ſich vertheidigt, bis ihm doch endlich der Sieg verblieben wäre; ich war ein Rebell, doch kein elender Feigling, und mit Ehren würde ich unterlegen haben. Aber mehr als einmal war ich der Stärkere, befand ich mich ohnmächtigen Gegnern gegen⸗ über, die ich durch meine Macht erdrückte; das war eine Feigheit, und die durch dieſelbe Betroffenen ſind es, die ich um ihre Verzeihung bitten will. Dieſelbe Stille wie vorher; kein Athemzug war zu hören. Der Mönch begann ſein verhülltes Haupt langſam von den Steinplatten aufzurichten und aus den Augen des dicken Priors leuchtete ein Strahl von Intelligenz. — Unter dieſen Unglücklichen, die ich ſo ſchmachvoll zertreten, ſprach Mayenne weiter, befand ſich beſonders einer, den ich wohl hier am Fuße des Altars, im An⸗ geſichte Gottes und meines Königs wieder begegnen möchte. Er war ein wackerer, ehrenhafter Edelmann, der meiner vollkommenſten Hochachtung würdig war, und doch habe ich ihn feig beſchimpft. Er war beſſer als ich. Man ſagt, er ſei todt, ſei geſtorben, indem er mich verfluchte. Während dieſer Worte hatte ſich der Mönch allmäh⸗ lig bis zu ſeiner vollen Größe emporgerichtet und ſtand nun, die Kapuze immer noch über das Geſicht gezogen, an den Pfeiler gelehnt. — Ja, er iſt todt, fuhr der Herzog fort, ſich dem Mönche immer mehr nähernd; aber wenn es Gott geſiele, ihn wieder von den Todten zu erwecken— und Gott iſt Nichts unmöglich— ich würde mich demüthig vor ihm beugen, wie ich mich jetzt vor dieſem ſchlichten Mönche beuge; ich würde ihn wegen meiner ſo ungerechten wie grauſamen Beſchimpfung um Verzeihung bitten, würde ihm dieſen Rock darreichen, den ich in der Hand halte, und ſagen: Ich habe Sie beſchimpft, Chicot, ich bitte es Ihnen ab; rächen Sie ſich an mir, verſchaffen Sie ſich volle Genugthuung. Und zugleich that er, wie er geſagt, er hielt Bruder Robert ſeinen Rock hin. Schon bei dem Namen Chicot hatte dieſer plötzlich die Kapuze zurückgeſchlagen und ließ ſeine thränenfeuchten Augen über die ganze Verſammlung, den Herzog, den — a König, Gabriele hinwegſchweifen, die alle tief erſchüttert von des Herzogs Worten waren, denen der hohe Rang des Sprechers eine feierliche Würde verlieh. Mayenne hatte das Haupt geneigt. Lange verweilte Bruder Robert's Blick mit einem Ausdruck unbeſchreib⸗ licher Güte und Verzeihung auf ihm; dann lehnte er plötzlich den Kopf ſchluchzend an den Pfeiler zurück und ſchlug die Hände vor's Geſicht, zwiſchen deren abgema⸗ gerten Fingern eben ſo viele Thränenbäche herabrieſelten. Auch Dom Modeſtus erhob ſeine Hände gen Himmel, verſank aber ſogleich wieder in ſeinen früheren Stumpffinn. Nach dieſer Erklärung Mayenne's, deren Bedeutung die Höflinge vergebens zu ergründen ſtrebten, trat dieſer einige Schritte zurück. Der König wendete ſich gegen die Verſammlung und gab durch einen befehlenden Wink zu verſtehen, daß man ihn allein laſſen möge. Der ganze Hof, bis auf Gabriele und den Herzog, entfernte ſich geräuſchlos. Jetzt trat Heinrich an den Mönch heran, der immer noch unbeweglich wie eine Bildſäule an dem Pfeiler lehnte, zog ihm mit ſanfter Gewalt die Hände vom Ge⸗ ſicht und ſprach gerührt: — Nun, habe ich meinen Freund wiedergefunden? Willſt Du für mich auch ferner noch Bruder Robert heißen? Laut ſchluchzend ſank der Mönch zu des Königs Füßen nieder und rief: — 42— — Nein, nein, ich heiße nun wieder Chicot, und danke meinem König; jede Schuld iſt bezahlt, Alles iſt vergeben und vergeſſen!. Der König hob ihn auf, ſchloß ihn an ſein Herz und führte ihn in Mayenne's Arme; dann zog er dieſen und Gabriele aus der Kirche, um nicht einen unberu⸗ fenen Neugierigen wieder herbeizulocken. Chicot lief auf Dom Modeſtus zu und rüttelte ihn, außer ſich vor Freude und Entzücken. — Jetzt ſei auch Du glücklich! rief er. Sei frei, rede fortan!. — O— Dankl ſtöhnte der dicke Prior tief auf, wie ein Menſch, dem eine jahrelange Centnerlaſt von der Bruſt genommen wird. 3. Die Gefahren der Eiferſucht. Inmitten dieſer allgemeinen Glückſeligkeit, während die Herzen aller guten Franzoſen zum erſten Male nach ſo vielen Jahren die Süßigkeit des Friedens und der Einig⸗ keit genoſſen, während die Kriegsleute der in Frankreich ausſterbenden ſpaniſchen Parthei noch den letzten Todes⸗ ſtreich verſetzten, und Sully, die Seele einer ordentlichen, geregelten Verwalrung, alle Quellen des Reichthums und des Credits wieder in Fluß ſetzte, war dennoch in dieſem glücklichen Lande ein Unglücklicher verblieben. Dieſer war Esperance, dem das allgemeine Glück nur Kummer und Beſorgniſſe gebracht hatte. Gabriele's Er⸗ hebung zur Herzogin ſchien die Kluft zwiſchen ihnen Bei⸗ den nur vergrößert zu haben; die Gefahren mehrten ſich; Neid, Mißgunſt und tödtlicher Haß umgaben und bewach⸗ ten die königliche Geliebte noch ſchärfer, als vorher. War es ſchon vorher ſchwierig geweſen, ſich Gabriele zu nähern, ſo machte es nun dieſer neue Zuwachs an Glanz, Ehren und Würde faſt zur Unmöglichkeit.- Wenn er nun ſo darüber nachdachte— und er hatte viel Zeit und Muße zum Nachdenken, der arme Espe⸗ rance,— ſo fragte er ſich, welchen Vortheil ihm ſeine ſo zarte und unermüdliche Liebe als Liebhaber gebracht hatte? Man giebt ſein ganzes Herz hin, man opfert ſein Leben auf, man zieht ſich von der Welt zurück, man verſenkt ſich in einen einzigen und alleinigen Gedanken, man entſagt der Ruhe, den heiteren Freuden, den ſüßen Tändeleien und Abwechſelungen flüchtiger Liebesverhält⸗ niſſe, dem Ruhme und dem Glanze, Alles, Alles opfert man auf, um ſtets bereit zu ſein, dem leiſeſten Winke, der geringſten Laune des geliebten Weibes zu gehorchen — und was iſt der Gewinn von allen dem? Die ſanften, unmateriellen Freuden des ruhigen Liebes⸗ bewußtſeins ſtumpfen ſich am Ende ab und befriedigen nicht mehr. Das Herz der feurigen, begehrenden Jugend ſpricht eine andere Sprache, als der kalte, beſonnene Ver⸗ ſtand; andere Wünſche, andere Begierden erwachen in ihm, trotz aller ſittlichen Reinheit; es ſchmückt die Bilder eines weniger ätheriſchen Liebesgenuſſes mit allen Reizen einer glühenden Phantaſie aus, und der ſo lange und ſo gewaltſam unterdrückte Sinnentrieb macht ſich in melan⸗ choliſchen Seufzern Luft, in einer Gluth, die das Herz verzehrt und vergiftet. Dies war Esperance's Stimmung, dies waren ſeine Empfindungen, wenn er die Jugend und das Leben im freudigen, geräuſchvollen Ringen an ſich vorüberbrauſen ſah, von dem er allein ausgeſchloſſen war; er war zu edel, er liebte zu wahrhaft und innig, um ſeine ſüße Herrin deshalb anzuklagen, er hielt ſich an das Schickſal, das nun einmal in ſeiner Grauſamkeit und Härte nicht will, daß ein Sterblicher hienieden vollkommen glück⸗ lich ſei. Ganz beſonders fühlte er dies während jener langen, einſamen Streifereien durch Felder und Wälder, wenn der Abend ſich auf die Landſchaft niederſenkte, wenn Blätter, Blüthen und Blumen im ſanften Dämmerſcheine ineinan⸗ der zu ſchmelzen ſcheinen, wenn Alles ringsum Wohl⸗ geruch, Schweigen und Geheimniß athmet, wenn der Vogel dem Vogel ohne Geſang im leiſen Fluge zum Neſtchen folgt, wenn die Herden ſich ſammeln und ge⸗ meinſam heimwärts ziehen, wenn ein harmoniſcher Hauch durch die ganze Natur weht und dem Menſchen zuzurufen ſcheint: Genieße die Freuden der Ruhe und der Liebe! Da kehrte auch Esperance wieder heim, abgemattet, niedergedrückt von den Lügen und Trugbildern ſeines Lebens. Was war ihm dann ein glänzendes, aber ein⸗ ſames Feſtmahl, wo man allein trinkt? was ſein ſchönes Haus, in dem er einſam ſchlief und wachte? Was war ihm ſein treues Pferd, das ihn ſtets allein über Berg und Thal dahin trug, und wie ſchön und herrlich mußte es ſein, zu zwei im kühlen Schatten der Wälder, über Wieſen und Moos dahinzufliegen, gemeinſam zu ruhen an der murmelnden Quelle oder im traulichen Raum des Hauſes, mit dem über Alles geliebten Weibe gemeinſam zu ſchlürfen den würzigen Wein aus kryſtallener Schale? Nichts von all' dieſem Glücke war Esperance beſchie⸗ den, ja, er hatte nicht einmal den leidigen Troſt, ſeine — 47— Klagen in eine vertraute Freundesbruſt ausſchütten zu können, von Freundeslippen Tröſtung dafür zu ſchöpfen. Zu viele Gefahren umgaben Gabriele, als daß er irgend einer Seele das Geheimniß hätte anvertrauen können, von dem die Ehre, die Ruhe, das Leben der Geliebten abhing. Immer und überall ausgeſpähet, niemals geſtützt und getröſtet, verbrachte er traurige Stunden damit, Pon⸗ tis allerhand vorzulügen, den ſein indolenter Egoismus anderwärts hinzog, ja ſelbſt dem wackeren Crillon, der theilnehmender und vielleicht hellſehender, aber auch um ſo ſtrenger war. Dazu ſeine nahe Nachbarſchaft mit Zamet, die ihn fortwährend den Späheraugen Leonora's, der Verbündeten jener Entragues, bloßſtellte; er fühlte, daß er keine freie Bewegung mehr habe, daß der Zeitpunkt immer näher rücke, wo ſeine und Gabriele's Feinde von den im Ge⸗ heimen geſchmiedeten Waffen Gebrauch machen und von der Beobachtung zum Angriff übergehen würden, ohne einem einzigen ihrer Streiche zuvorkommen zu können. Es war eine harte Prüfung für dieſen trotz ſeiner Ruhe ſo kühnen und muthigen Charakter, für dieſe recht⸗ liche und unbeugſame Natur, die Gott geſchaffen zu haben ſchien, um im Vertrauen auf ihre Kraft, auf ihre geſtählte Seele, gerade und ſorglos ihrem Ziele zuzuſchreiten! Aber was ſollte, was konnte er thun? Allein für ſich daſtehend, würde Esperance Alles um ſich her zerſchmet⸗ tert haben; alle Intriguen und Complotte Henriette's wä⸗ ren ſeinem ſtarken Arme nur ein elendes, lächerliches — Spinngewebe geweſen; aber Gabriele war die Feſſel, an der man ihn feſthielt, er fühlte es, und gerieth in Ver⸗ zweiflung, es nicht verhindern zu können. — In ganz Frankreich, ſagte er ſich oft, gab es nur ein weibliches Weſen, deren Liebe mich in ſolcher Weiſe lähmen konnte, und gerade dieſes Weſen mußte ich wäh⸗ len! Aber, dem Himmel ſei Dank, ich liebe ſie mit aller Kraft, allem Muth meiner Seele, und werde ſie zu ſchützen wiſſen, ſo lange mir noch Athem in der Bruſt, ein Bluts⸗ tropfen in den Adern bleibt! Was ſpreche ich aber von meinem Muthe? Beſäße ich den wirklich, ich wäre ſchon längſt fort, ohne Gabriele etwas zu ſagen, ſchon längſt wäre ſie von jeder Sorge, von alle den Gefahren befreit, die meine Liebe ihr bereiten! Dann aber bedachte er wieder, daß ohne ihn, ohne ſeinen Schutz und ſeine ſtete Wachſamkeit Gabriele viel⸗ leicht ſchon verloren, daß es Henriette von Entragues, unterſtützt von einer zahlreichen Neiderſchaar, vielleicht ſchon längſt gelungen ſein würde, die erklärte Favorite zu ſtür⸗ zen und ihre Stelle einzunehmen. Er gefiel ſich dann in dem Gedanken, daß ſeine Gegenwart Gabriele nöthig, unentbehrlich ſei, daß ohne die Furcht, die er Henriette einflößte, ohne die ſtete Dro⸗ hung jenes geheimnißvollen Briefes und ſeiner Enthül⸗ lungen, die wohl geeignet waren, Heinrich ſchnell abzukühlen, dieſes Ungeheuer, die Mörderin Urbain's, Esperance's, Laramée's und ſo mancher Anderen vielleicht — 448— noch, ſchon längſt Gabriele's zartes Herz gebrochen haben würde. 4 3 — Ja, rief er dann muthig, ich werde Dich bis zum Tode bekämpfen, feige, elende Heuchlerin, giftgeſchwollene Sirene! ja, ich werde die beſte, die edelſte der Frauen gegen Dich vertheidigen. Wehe Dir, wenn Du es wagſt, Dein Natterhaupt gegen ſie zu erheben! Wehe Dir, wenn ich Deine geſpaltene Zunge ziſchen höre! Jedes Mitleid werde ich aus meiner Seele verbannen und Dich unter meinen Füßen zertreten! Aus allem Bisherigen haben wir bereits erſehen, daß Esperance gutherzig, vertrauensvoll, aber auch ſtark war, drei Tugenden, welche in dem Herzen des damit Ausge⸗ ſtatteten keinen Raum zum Hegen langer Traurigkeit laſſen. Kraft ſchließt Furcht aus, Güte den Haß, Ver⸗ trauen den Argwohn. Jedesmal daher, wenn Esperance in Gefahr ſchwebte, ſeiner Trauer anheimzufallen, genügte ſchon Gabriele's Name, die Erinnerung an ihr Lächeln, an ihren Liebesblick, ihn wieder aufzuheitern, und er fühlte ſich wieder glücklich in dem Gedanken, ihr nützlich, von ihr geliebt zu ſein. Der König war nach ſeinem Beſuche in Bezons nach Paris zurückgekehrt, theils um die Artikel ſeines Vertrages mit Mayenne feſtſetzen zu laſſen, theils um Gabriele in der ländlichen Stille und Einſamkeit von Bougival einige Ehhblung zu gönnen. 3 Sie hatte Esperance den Sonnabend zu einem Ren⸗ dezvous in ihrem väterlichen Hauſe beſtimmt. — 49— Dieſer glückliche Sonnabend kam endlich heran. Esperance erwartete von dieſer Zuſammenkunft weit mehr, als von den vorhergegangenen. Er fühlte ſich zu größerem Ehrgeize angeſpornt; er fühlte, daß ſeine Rechte und Anſprüche an Gabriele's Herz durch den Dienſt, den er ihr in Monceaur geleiſtet, ſich geſteigert hatten. Und dann hatte ihn Gabriele ja beklagt, hatte es eingeſtanden, daß er allein der Benachtheiligte ſei, ein Vortheil, den kein Liebhaber unbenutzt läßt. Ein Weib, das dem Ge⸗ liebten für bewieſene Uneigennützigkeit dankt, fordert die⸗ ſen dadurch nur zu größeren Anſprüchen heraus. Bevor der junge Mann nach Bougival aufbrach, was er, in der ſicheren Vorausſetzung, daß Jemand, dem ſeine Feinde einmal nachſpüren wollen, doch den Spionen nicht zu entgehen vermag, ohne alle Geheimnißkrämerei that, ließ er noch Pontis zu ſich rufen, um von dieſem vielleicht etwas Genaueres über den Stand ſeiner Angelegenheiten zu erfahren. Pontis hielt ſich ſeit jenem unbeſonnenen Streite im Wirthshauſe etwas zurückgezogen, denn er befürchtete mit Recht, ausgezankt zu werden. Er war zwar nicht gänz⸗ lich betrunken geweſen, er hatte ſich zwar nur erſt eine halbe Indiscretion zu Schulden kommen laſſen, allein er war gewiß, daß er Henriette ganz unerwähnt hätte laſſen können, daß er gar nicht hätte trinken ſollen, wie er es ſeinem Freunde verſprochen hatte, und dieſer zweifach halbe Bruch ſeines Verſprechens bildete demnach einen ganzen. Grund genug, um Esperance's Freundſchaft für den leicht⸗ Gabriele. IX. 4 ſinnigen Gascogner zu erkalten. Dennoch war dem nicht ſo. Esperance war ganz derſelbe geblieben. Freilich hatte ihm Crillon den ganzen Vorfall aus Haß gegen die Entragues ſo erzählt, daß Pontis nicht allzuſchwarz daraus hervorging; der wackere Ritter hatte Esperance überdies noch in's Ohr geflüſtert: — Der Burſche hat noch eine viel zu kurze Zunge; ich an ſeiner Stelle und in ſeinem Alter hätte drei Tage hintereinander von einem ſo reichhaltigen Gegenſtande fortgeſchwatzt— Harnibieu!— ich möchte wohl wiſſen, welcher Degen ſcharf genug geweſen wäre, mir die Zunge abzuſchneiden, wenn ich mir einmal vorgenommen hätte, von der Leber weg zu reden!— Aber ſo ſeid Ihr jungen Großſprecher heutzutage. Da kommt ein alter Krüppel daher, gebietet Euch Stillſchweigen, und Ihr ſeid ſtumm wie die Fiſche; er beſiehlt Euch, die Degen einzuſtecken, und Ihr ſteckt ſie ein.— Armſelige Tröpfe! Mordieu! mir hätte Einer in meiner Jugend ſo das Maul verbie⸗ ten ſollen, und wenn er zehnmal ein Crillon geweſen wäre! Dieſer höchſt poſſirliche Ausfall gegen die zu discrete und zu gut disciplinirte heutige Jugend beluſtigte Espe⸗ rance ungemein, und ſtimmte ihn nachſichtiger gegen ſei⸗ nen ſchwatzhaften Freund, der ſoeben in ziemlich verlegener Haltung in der Straße de la Ceriſaie ankam und eine ſcharfe Lection erwartete. — Hoho! rief ihm Esperance entgegen, wir haben uns ja verdammt ſchön gemacht! In der That ſchimmerte und glänzte Pontis wie eine Jahrmarktsbude; er hatte ſich bebändert, aufgewichſt und pomadiſirt wie ein Stutzer, der jährlich hunderttauſend Thaler zu verzehren hat. Pontis warf einen zugleich nachläſſigen und ſelbſt⸗ zufriedenen Blick auf ſeine Toilette. — Du giebſt mir ja Geld genug, ſagte er, und ſo gebe ich es denn aus! — Gieb aus, Pontis, gieb aus! Nur in zwei Dingen ſei geizig. — Ja, ja, ich verſtehe ſchon, brummte der Gascogner, mürriſch über ſich ſelbſt; im Trinken und im Schwatzen, willſt Du ſagen? — Sieh;, ſteh'! wie leicht Du erräthſt! — Sambioux! ich bin nicht ſo delicat— das heißt, kein ſolcher Einfaltspinſel. — Daß Dich die Peſt! Wo nimmſt Du denn dieſe ſeltſamen Theorien über die Delicateſſe her, Meiſter Pontis? Sie erſcheinen mir, gelind geſagt, etwas leicht⸗ ſinnig.— — Meiſter Esperance, Leute, die einem tollen Wolf begegnen und ihm aus Delicateſſe die Hand zum Beißen hinhalten, ſind und bleiben Einfaltspinſel. Ich will lieber beißen, als gebiſſen werden, und trotz der Vor⸗ würfe, die ich in Deinem Geſichte leſe, mich im Wirths⸗ hauſe ſo weit vergeſſen zu haben, bleibe ich dabei und ſage Dir, daß jedesmal, wenn von dieſer Wölfin die 4* — 52— Rede ſein wird, von dieſer Hyäne, von dieſem Schakal, von dieſer giftigen Ratte, genannt Henri... — Meiſter Pontis! rief Esperance mit drohendem Blick, der Pontis ſogleich zähmte, ich erſuche Dich in aller Güte, Deinen Mund zu halten. Wer ſpricht denn jetzt von dieſen Leuten? Welche Wespe hat Dich denn geſtochen? 3 — Nun ja, eine Wespe betrifft es eben, eine Spinne, einen Scorpion... — Genug davon! Laß uns von apetitlicheren Thie⸗ ren reden. Wie weit biſt Du mit Deiner Liebſchaft? — O, da ſteht Alles zum Beſten!. Wie könnte es auch anders ſein? — Ein eitler Geck biſt Du eben nicht, ſprach Espe⸗ rance lachend. — Ach was dal hier iſt nicht von Geckerei die Rede, ſondern von Verſtand und Geſchick in Führung von derlei Angelegenheiten. Wenn man nicht auf ſeiner Hut iſt, gehen die Weiber mit Einem durch. Das iſt ganz wie bei den Pferden. — Es ſcheint, Du kannſt Dich nicht aus dem Thier⸗ reiche herausfinden; das iſt Deine Liebhaberei.— Nun alſo, die Indianerin, meinſt Du, wird Dir nicht durch⸗ gehen? — Sambioux! Das wollte ich ihr gerathen haben! — Nichtsdeſtoweniger ſchien mir aber Deine India⸗ nerin ein ziemlich wildes Stück zu ſein. Du haſt ſie demnach wohl ſchon gut gezähmt? 4 So halb und halb, ſprach Pontis ſelbſtgefällig; aber ich darf ihr den Zügel nicht zu locker laſſen. — Genug, Du haſt ſie gebändigt und biſt glücklich? — Ich bin vor der Hand erſt beim Charakter. — Sie widerſteht Dir alſo? — Ich ſage Dir: die Tugend ſelbſt! — Alle Wetter! Das lohnt der Mühe, ſich mit Inndianerinnen einzulaſſen und ſo wenig Glück zu haben! — Aber, Du armer Junge, wenn ſie nicht ſpricht, Dich nicht verſteht, gelbhäutig iſt, und zum Ueberfluß auch noch tugendhaft, dann begreife ich in der That nicht, welchen Erſatz ſie Dir für ſo viele tugendhafte Untugen⸗ den gewährt. — O doch, mancherlei! Zunächſt, man langweilt ſich nie mit einer Frau, die zankt. — Ihr zankt Euch alſo? — Mehr als das; wir ſchlagen und kratzen uns. Esperance brach in ein ſchallendes Gelächter aus. — Höre, Pontis, ſprach er dann, ich bin Dein näch⸗ ſter Freund, Du mußt mir das erzählen. — Was iſt da viel zu erzählen? Sie iſt erſtens eiferſüchtig... — Das ſollen alle gelbhäutigen Weiber ſein. Du giebſt ihr alſo Urſache dazu, Du Schmetterling, Du? — Nicht im Geringſten; ſie erfindet ſie. — Sage mir: iſt ſie auf indianiſche oder franzöſiſche Manier eiferſüchtig? —— 54— — Spotte nur! Ich ſage Dir, ſie iſt es auf ächte pariſer Manier. Soll ich Dir ein Beiſpiel erzählen? — Erzähle. — Noch heute, vor kaum einer Stunde... Zuvor aber ſieh' Dir einmal mein Wamms an. — Prachtvoller, grüner Atlas; wenigſtens acht Livres die Elle. — Zehn, willſt Du ſagen. Und ſieh', wie es zuge⸗ richtet iſt. — In der That. — Zähle einmal die Nägelriſſe. — Es ſind ihrer zu viele. — Pructus belli, mein Freund; das ſind die Früchte meines Sieges. — Wie? Die Indianerin vertheidigt ſich auf dieſe Manier? Das geht noch über die Pariſerin! — Im Gegentheil, ich bin es, der ſich vertheidigt. — Du vertheidigſt Deine Tugend? Höre, Pontis, jetzt wird mir's zu bunt! — Höre nut erſt. Ich wollte ſie küſſen, ſie wehrt und ſträubt ſich. Plötzlich hält ſie inne.— Was haben Sie da unter Ihrem Wamms? ſpricht ſie durch Pantomime — Du weißt, was ich da verborgen habe— und ritz! ratz! reißt ſie mir die Bruſt auf und gewahrt die goldene 8 Kapſel. Esperance ward plötzlich ernſt. — Was iſt das? fragten Ayoubani's funkelnde Augen, während ich meinen Wamms lachend wieder zuknöpfte. — Du lachteſt alſo? ſprach Esperance kalt. — Wenn Du ihren Zorn geſehen hätteſt! Sie gab mir durch Geberden zu verſtehen, daß es das Portrait irgend einer Geliebten ſein müſſe,— ich lachte,— daß es ein Liebespfand ſei,— ich lachte noch ärger,— bis ſte ſich plötzlich wie eine Tigerin über mich warf, um es mir mit Gewalt zu entreißen. Es gab eine förmliche Bataille, dann und wann von einem kurzen Waffenſtill⸗ ſtand und pantomimiſchen Verhandlungen unterbrochen. — Und wem verblieb endlich der Sieg? fragte Es⸗ perance mit gerunzelter Stirn. — Fragſt Du das im vollen Ernſte? — Nicht anders. — So muß ich Dir auch ernſthaft antworten: Meine liebe Ayoubani, ſagte ich, wenn Du berühren das, ich klopfen auf kleine Finger, und wenn Du beharren, ich werden ganz bös.— Das iſt ſo meine Art, mit ihr zu ſprechen. — Und ſie verſtand es? — Vortrefflich. Sie ſchmollte erſt, dann machte ſie Miene, fortgehen zu wollen. Nun aber ſollſt Du ſehen, welchen Vortheil Feſtigkeit in ſolchen Liebeshändeln ge⸗ währt. Als Ayoubani merkte, daß mein Vorſatz ein unerſchütterlicher ſei, gab ſie den ihren auf und wir ſchie⸗ den als die beſten Freunde von der Welt. Nur mußte ich ihr vorher noch ſchwören, daß es eine Relique des heiligen Laurentius ſei. — Pontis, ſprach Esperance, der während dieſer Er⸗ zählung immer finſterer geworden war, gieb mir die Kapſel zurück.— — Wie war das? — Ich ſage Dir, Du ſollſt mir den Brief zurück⸗ geben. Ich halte ihn nicht mehr für ſicher in Deinen Händen. — Biſt Du verrückt? — Im Gegentheil, ſehr vernünftig; gieb her. — Höre, Esperance, ich glaube gar, Du miß⸗ traueſt mir. — Ja! — Esperance!—. — Ruhig und gelaſſen! Ein Mann, der in ein Weib verliebt iſt, gehört ſich nicht mehr ſelbſt an. Heute haſt Du Ayoubanis Neugierde widerſtanden, morgen wirſt Du unterliegen. — Du beleidigſt mich. — Keineswegs, ich warne Dich nur. 1 — Aber ſo ſei doch nur vernünftig: Wie willſt Du denn, daß dieſe Indianerin auch nur ahne, welchen Brief die Kapſel enthält, und welche Wichtigkeit er habe,— ſte, die vielleicht nicht einmal Indianiſch leſen kann. — Und ich ſage Dir, daß ich nicht an Deine Ayou⸗ bani, an Deine Indianerin mit ihrem Mongolen, daß ich an gar Nichts glaube. Du giebſt mir augenblicklich die Kapſel zurück.. Er hatte dieſe Worte in einem ſo entſchiedenen Tone geſprochen, daß Pontis ſtarr vor ihm ſtand. — Uebrigens, fuhr Esperance fort, iſt es nicht Deine Geliebte allein, die ich fürchte; Du liebſt die Abendeſſen, die nächtlichen Gelage... — Den Wein, willſt Du ſagen? — Ganz recht, den Wein. — Jetzt beleidigſt Du mich vollends! ſchrie Pontis mit zornfunkelnden Augen. Bin ich in dieſem Augen⸗ blicke betrunken? Nein, nicht wahr? — Vor Zorn vielleicht.. — Ja gewiß, vor Zorn, weil Deine Ungerechtigkeit mich empört!— Nun denn, Herr Esperance, da Sie Ihr Vertrauen Demjenigen entziehen wollen, der es noch niemals verrathen, da Sie Ihr Geheimniß bei Dem nicht ſicher verwahrt wähnen, der mit Freuden ſein Leben für Sie hingegeben hätte... Sie ſollen befriedigt ſein! Er riß ſein Atlaswamms auf und ſuchte mit vor Wuth zitternden Händen nach der goldenen Kapſel unter ſeinem Hemd; bei dieſer Gelegenheit gewahrte Esperance einige blutige Spuren von Ayoubani's Nägeln auf Pontis' Bruſt, die dieſer, ohne es in der Aufregung zu bemerken, wieder aufriß. — Aber, ſtammelte er, vergeblich bemüht, die ſeidene Schnur zu zerreißen, an der die Kapſel befeſtigt war, wir ſind fortan geſchiedene Leute— wer mich für ſo ſchlecht hält, mit dem kann ich keine Gemeinſchaft mehr haben, von dem kann ich Nichts mehr annehmen!— Sie ſollen den Schlüſſel zur Eremitage augenblicklich zu⸗ rückerhalten. — 58— Esperance war gerührt, gerührt von dem Blute, das er auf des Freundes Bruſt ſah, und noch mehr durch die Thränen, die ihm über die Wangen rollten. — Ich kann ihm nicht erklären, dachte er, daß Ga⸗ briele's Sicherheit weit mehr, wie meine eigene von die⸗ ſem Briefe abhängt. Er wird mich für einen Furcht⸗ ſamen, für einen Egoiſten halten, und mich nicht begreifen. Soll ich wegen einer vielleicht nur eingebildeten Gefahr mit einem ſo treuen Freunde brechen? Pontis mühete ſich noch immer ab, die Schnur auf⸗ zuknüpfen. — Genug, ſagte Esperance, laß es gut ſein, und ſprechen wir nicht mehr davon; ich hatte Unrecht und Du biſt ein guter, wackerer Junge; vergieb mir. Mag es denn gehen, wie es Gott gefällt. Geh', knöpfe Dein Wamms wieder zu und beruhige Deine Nerven. Sei mir nicht mehr bös. Pontis ſtand noch immer ſtumm und unentſchloſſen da ob er noch ſchmollen oder vergeben ſolle; die Auf⸗ regung war zu groß geweſen. Ruhig trat Esperance an ihn heran, knöpfte ihm ſelbſt das Wamms über der Kapſel zu, ergriff dann ſeine beiden Hände und blickte ihm freundlich in die Augen. Das war dann freilich zu viel für den armen Pontis, der dem Freunde gerührt um den Hals fiel. In dem Augenblicke hörte man eine Glocke ſchlagen. — Ich muß jetzt nothwendig ausreiten, ſagte Espe⸗ rance, alſo— auf gutes Glück in der Liebe!. 1 — 59— Fünf Minuten darauf ritt er nachdenkend durch die Straße de la Ceriſaie dahin. — Die Zeit war mir heute zu kurz zugemeſſen, ſagte er bei ſich ſelbſt, aber morgen werde ich erfahren, wer dieſe Indianerin iſt, denn daß es keine wirkliche India⸗ nerin iſt, davon war ich gleich Anfangs überzeugt. Heute will ich es Pontis noch einmal auf gut Glück überlaſſen, ſich des kleinen boshaften Dämons zu erwehren, aber von morgen an, keine Unvorſichtigkeit mehr!— Morgen wird es mir jedenfalls gelingen, die Kapſel ohne Streitig⸗ keiten und in aller Güte von Pontis zurück zu erhalten, um ſie in Crillon's Händen noch ſicherer zu verwahren. Aber auch Pontis hatte ſeinen Monolog für ſich: — Esperance wird ſeit einiger Zeit immer launiſcher und krittlicher; ich glaube, der große Reichthum iſt es, der ſeinen Charakter ſo verändert. Ein Menſch, dem Alles in der Welt gelingt, wird ſehr leicht ein unaus⸗ ſtehlicher Menſch. Ayoubani mißtrauen! Man ſieht, daß ihn die Frauen vom Hofe, dieſe weißhäutigen Teufelin⸗ nen, verdorben haben. Rede mir nur noch Einer von dieſen weiß und roth geſchminkten Schönen.— Pfui!— Aber die Stunde rückt heran, der Indianerin mein Bouquet zu überbringen.— Da ſie ſich meinem Willen ſo gehor⸗ ſam fügt, müßten wir wenigſtens glücklich ſein. Das arme, liebe Täubchen— wenn auch ein gelbes! Esperance und Pontis befanden ſich alſo, jeder nach ſeiner Seite hin, auf dem Wege zu ihren Rendezvous, und Leonora war eben im Begriff, daſſelbe zu thun, als — 60— ſie Mademoiſelle d'Entragues ſo unerwartet wie unwill⸗ kommen bei ſich eintreten ſah. Henriette hatte das Kammermädchen, das ſie erhalte⸗ ner Weiſung zufolge nicht hatte einlaſſen wollen, gewalt⸗ ſam bei Seite gedrängt und trat mit dieſer zugleich in Leonora's Zimmer, die ſie im heimlichen Geſpräch mit zwei ihr unbekannten Frauen traf, denen die Florentinerin, wie es Henriette ſchien, hölhſt intereſſante Verhaltungs⸗ befehle ertheilte. Das Eintreten von Mademoiſell d'Entragues brachte Leonora trotz ihrer gewöhnlichen Geiſtesgegenwart ſichtlich in Verlegenheit, denn ſie brach das Geſpräch mit den beiden Frauen kurz ab. Ein Gedanke fuhr Henriette, die ſchon ſeit einigen Tagen die Italienerin mit verdoppelter Wachſamkeit hatte beobachten laſſen, plötzlich durch den Kopf. — Laſſen Sie ſich nicht ſtören, wenn Sie dieſen Damen noch etwas zu ſagen haben, ſprach ſie ſchnell. Ich hatte vergeſſen, meinen Leuten Befehl zu ertheilen, daß ſie meine Sänfte nicht vor dem Hauſe auf offener Straße ſtehen laſſen ſollen, wo ſie Jedermann ſehen kann. Nur ein Wort mit meinem Lakai, und ich komme augen⸗ blicklich wieder zurück. Sie verließ raſch das Zimmer, winkte dem Lakai, einen vertrauten Diener ihres Hauſes, zu ſich heran und flüſterte ihm zu: — Zwei Frauen werden alsbald aus dieſem Hauſe kommen, ſo und ſo gekleidet; Du wirſt ihnen unbemerkt — 61— folgen, beobachten, wohin ſie gehen, wer ſie ſein mögen, und bringſt mir dann in aller Stille Beſcheid. Nachdem der Lakai ſich entfernt, kehrte Henriette ruhig und mit ſcheinbar argloſer Haltung wieder zu Leonora zurück, die, ohne ebenfalls irgend einen Argwohn oder eine Unruhe ihrerſeits merken zu laſſen, die beiden Frauen eben entließ. Doch entging es Henriette's Scharfblick nicht, daß ſie zuletzt noch einige Zeichen des geheimen Einverſtändniſſes mit ihnen wechſelte.. — Sie werden mir verzeihen, ſagte Leonora, als ſte mit Henriette allein war, aber meine Eigenſchaft als Wahrſagerin nöthigt mich immer, Beſuche aller Art an⸗ zunehmen. Dieſe beiden Damen befragten mich, und Ihr Erſcheinen im Augenblick der Erklärungen... — Hat Sie vielleicht genirt? — Nicht meinetwillen, ſondern Ihretwegen, weil Sie nicht lieben, daß man Sie bei mir ſehe. Ich glaube, ſetzte die Italienerin mit einer geſchickten Wendung hinzu, Sie werden es mir Dank wiſſen, die Conſultation mit jenen Beiden abgekürzt zu haben. Allerdings bin ich Ihnen dankbar dafür, entgegnete Henriette, deren gereizte Neugierde, ſo ſehr ſie dieſelbe auch zu verbergen bemüht war, Leonora's Scharfblick eben ſo wenig entging, wie ihre Verlegenheit vorher Henriette. — Ich ſetze voraus, fuhr die Italienerin fort, daß irgend eine wichtige Neuigkeit Sie zu dieſer Stunde und ſo plötzlich hierher führt? — 62— — Ja. Sie wiſſen, daß die Herzogin auf Ihrem Landhauſe in Bougival iſt? — Das weiß ich. — Wiſſen Sie auch, daß der— Andere ſoeben aufgebrochen iſt? So pflegte Henriette Esperance, deſſen Namen ſie ſich auszuſprechen ſcheuete, zu bezeichnen. — Auch das weiß ich, verſetzte Leonora gleichgiltig; ich habe ihn ſogar fortreiten ſehen. — Nun, ſo werden Sie hoffentlich auch wiſſen, ſprach Henriette, etwas verwundert über Leonora's Ruhe, wo es ſich um ſo wichtige Angelegenheiten handelte, was dieſe doppelte Abweſenheit vermuthen läßt. Wenn ich mich über etwas wundere, ſo iſt es, daß Sie ſelbſt noch nicht aufgebrochen ſind.— — Nicht nöthig; ich werde auch ohnedies Alles er⸗ fahren, was wir zu wiſſen brauchen. Schon geſtern habe ich Concino nach der Chauſſée auf die Lauer ge⸗ ſchickt; die Herzogin iſt erſt vorgeſtern ſpät Abends dort angelangt, und iſt nicht einen Augenblick unbeobachtet geblieben. Ich finde Sie im Gegentheil ſehr lau und gleich⸗ giltig, fügte Leonora mit einem boshaften Seitenblicke hinzu, daß Sie nicht ſchon ſelbſt in Bougival oder der Umgegend ſind. — Ich! rief Henriette. — Ganz gewiß. Was kann ich, eine arme, unbe⸗ deutende Fremde thun, ſelbſt in dem Falle, daß ich ein Rendezvous der Herzogin mit Signor Speranza entdecktek — — 63— Mein Zeugniß würde durchaus kein Gewicht haben, wäh⸗ rend Sie, im Gegentheil, die Sie den König zu über⸗ zeugen ſtreben, daß Sie allein ſeiner Liebe würdig ſind, Zeugen dorthin ſchaffen können, deren Rang und Namen ihrer Ausſage weit mehr Gewicht geben würden; alſo, wie geſagt, Sie ſollten dieſen Abend in der Gegend der Chauſſée ſein, Signora. Henriette biß ſich auf die Lippen. — Wie mir ſcheint, ſchieben wir uns gegenſeitig die Arbeitslaſt zu, ſagte ſie; wenn ich mich nicht ſehr irre, möchten Sie mich heute Abend da ſehen, wohin ich Sie bitten wollte, zu gehen Sie legte einen beſonderen Nachdruck auf dieſe letzten Worte. Leonora verſtand ſie augenblicklich; ſie fühlte, daß Henriette ſie beargwohne, doch zeigte ihr Geſicht keine Spur von Unzufriedenheit darüber. — Ich wiederhole Ihnen, daß ich das für ganz un⸗ nöthig und nutzlos halte, und zudem würde ich Ihnen dieſen Abend auch bei dem beſten Willen nicht zu Dien⸗ ſten ſtehen können. — Aha! Sie find dieſen Abend ſchon beſchäftigt? fragte Henriette. — Ja, Signora, und zwar in Ihrem Intereſſe. — Wirklich? rief Henriette in einem Tone, der nicht ſonderlich viel Glauben an die Wahrhaftigkeit dieſer Ver⸗ ſicherung verrieth. — Ich habe heute Abend eine der wichtigſten Geiſter⸗ 64— beſchwörungen vor in Betreff jenes Briefes, von dem Sie mir neulich ſagten. Henriette erbebte. — Ich werde nun bald wiſſen, wo er ſich befindet, ſchloß Leonora. — Durch eine Geiſterbeſchwörung? — Ja, Signora. — Ich möchte derſelben wohl gern beiwohnen, meine gute, kleine Leonora, ſagte Henriette ſo einſchmeichelnd wie möglich. — Das kann nicht ſein; Ihre Gegenwart würde den Zauber unwirkſam machen; die geheimnißvollen Mächte bleiben ſtumm, ſobald Derjenige zugegen iſt, den ihre Enthüllungen betreffen; es wäre der ſicherſte Weg, um gar Nichts zu erfahren. Darum eben wünſchte ich, daß Sie fein folgſam wären und ſich nach der Chauſſée ver⸗ fügten, um mit Ihren leiblichen Augen den materiellen Theil unſerer Angelegenheit zu beobachten, während ich mich mit Geiſtern unterhalte. 1 Henriette gewann es über ſich, ihren unbändigen Stolz und ihre Leidenſchaftlichkeit zu bezähmen; ſie ergriff liebkoſend die Hand der Florentinerin und ſprach: — Nun denn, ſo werde ich Dir gehorchen, Du kleiner Eigenwille, ich werde mich noch dieſen Abend nach der Chauſſée begeben. Concino, ſagſt Du, iſt ſchon dorthin voraus? 4 — Schimpfend und fluchend, der Faullenzer; aber er iſt fort, und wenn er ſich einmal überwunden hat, . „ — 6582— zu ſchlafen, ſo hält er die Augen auch weit offen, ſagte Leonora lachend. — Gut, ſo gehe ich denn. Vielleicht hilft es uns nicht viel, vielleicht erfahren wir ganz und gar Nichts. Du wirſt ſelbſt nur zu gut wiſſen, daß eine Frau, die einmal Argwohn geſchöpft hat, ſchwer oder gar nicht zu überraſchen iſt. Indeß, da Du es einmal für nöthig findeſt, und der ſchöne Abend eine angenehme Promenade verſpricht, ſo ſei es darum, damit Du deſto ungeſtörter Deine Geiſter beſchwören kannſt. Mache nur gute Ge⸗ ſchäfte mit ihnen, beſſere, als ich allem Vermuthen nach dort draußen machen werde. Dieſe Worte hatte Henriette in einem ſo harmlos⸗ natürlichen und ſcherzhaften Tone geſprochen, daß es ihr wirklich gelang, die liſtige Italienerin zu überliſten. — Morgen, antwortete dieſe, um Henriette's Folg⸗ ſamkeit zu belohnen und ſie in ihrem Vertrauen zu be⸗ ſtärken, morgen erfahren Sie das Reſultat der Geiſter⸗ beſchwörung, und von morgen an werden Sie nicht mehr vor dieſem Briefe, der Ihnen ſo viele Unruhe macht, zu zittern brauchen. Beide ſchieden unter den zärtlichſten Liebkoſungen. Nachdem Henriette ihre Sänfte beſtiegen, gab ſie, in der ſicheren Vorausſetzung, daß Leonora's Blicke ſie vom Fenſter aus verfolgten, Befehl, nach der Straße Saint⸗ Antoine einzulenken. Dort erwartete ſie der vertraute Diener. Gabriele. INX. 5 — 662— — Nun? fragte Henriette, ihn dicht an die Sänfte heranwinkend. — Die beiden Frauen ſind zu Macquet, den Apo⸗ theker des Königs und berühmten Reiſenden gegangen, und haben Straußenfedern, Glashalsbänder, Bogen, Pfeile, orientaliſche Stoffe und allerhand ſolchen Kram von ihm geholt. — Wozus fragte Henriette verwundert. — Das weiß ich allerdings nicht; ich bemerkte nur, daß ſie ſehr über dieſen ganzen Wildenapparat lachten. — und Du konnteſt durchaus nichts Näheres er⸗ forſchen? — Nichts; nur hörte ich, wie die Eine ſagte, ſie müßten ihre Maskerade beeilen, um zu rechter Zeit in der Eremitage einzutreffen. — Das haben ſie geſagt? rief Henriette mit vor Freude blitzenden Augen. — Ja, Mademoiſelle. — Schön, herrlich! Schlagt jetzt die Richtung nach der Chauſſée ein, und tragt mich dann, ſo ſchnell die Pferde laufen können, nach der Eremitage.—— Dort alſo will Leonora ihre Geiſter citiren? Wohlan, ich weiß einen, auf den ſie nicht rechnet, und der dennoch von der Partie ſein wird. 4. In Bougival. Win man den vollkommenſten Ausdruck männlicher Schönheit ſehen, ſo wird man ihn ſicher in den Zügen und der Haltung eines jungen Mannes von zwanzig Jahren finden, der entweder einem Kampfe, oder einem Liebesrendezvous entgegeneilt. Er iſt tapfer— er liebt. Sein Lächeln iſt ſtolz, kühn, und doch ſanft und lieblich. Kein Gedanke, der nicht die Großmuth ſeines Herzens bewährt, keine Be⸗ wegung, die nicht die Vereinigung aller ſeiner Geiſtes⸗ und Körperkräfte ausſpricht. Er bedarf der Vorſicht, das ſieht man an ſeinen ſchnellen und doch nachdenkenden Blicken; er bedarf aller ſeiner Kräfte, das verräth ſein feſter und doch leichter Schritt; er iſt glücklich, denn ſeine Stirn ſtrahlt, und wer den raſchen Reiter nur in der Abenddämmerung ſieht, der erräth, daß ein über die Erbärmlichkeiten dieſes Lebens erhabener Gedanke ihn ſein Roß anſpornen läßt. Es iſt aber auch ſo ſüß an das Glück zu denken, das man geben und empfangen wird, das Vertrauen ſeines zärtlich liebenden Herzens genügt, um ihm ringsumher 4 5- — 68— Alles im entzückenden Lichte erſcheinen zu laſſen, das nur ein Wiederſtrahl ſeiner eigenen Schönheit iſt. Esperance hat die Stoffe, die Farben, die Wohl⸗ gerüche gewählt, die Gabriele am meiſten liebt. Sie wird dieſe Stickereien, dieſe Spitzen betrachten, ihre Hand wird auf dieſem Atlas ruhen— wer weiß, ob ſie nicht vielleicht ihr Haupt einen Augenblick auf dieſer Schärpe ruhen läßt, die von den ſtürmiſchen Schlägen ſeines Herzens jetzt auf- und abwogt! Immer ſüßere Träume erfüllen das Gehirn des jungen Mannes, und darum hat er, der Anfangs nur langſam dahinritt, ſein Roß nach und nach immer raſcher angetrieben und ſcheint jetzt auf den Fittichen des Sturmes dahinzufliegen. Der Himmel iſt mit zahlloſen kleinen Wölkchen be⸗ deckt, deren roſiger Schimmer allmählig bleicher wird; noch glänzt Alles hoch droben am Firmament, aber ſchon beginnen Schatten ſich auf die Erde herabzuſenken, ſchon fangen die Umriſſe der Landſchaft an zu verſchwimmen, Alles verkündet Stille, Frieden, Glück! Es iſt einer jener Abende, wie es deren nur wenige im Jahre— ach! und wenige im Leben giebt. Ein laues Lüftchen ſtreicht über die Wieſen daher, als wolle es die Gluth des Herzens mildern; ſanft und ohne Geräuſch ſchmiegen ſich die Wellen des Fluſſes dem Ufer an, und das ſchwan⸗ kende Schilfrohr ſenkt ſich wie von ſelbſt in das naſſe Element hinab; nirgends mehr Kampf, nirgends mehr ein Widerſtand in der ganzen Natur. Augen, die ſich begegneten, würden jetzt nicht mehr die Kraft haben, ſich — 69— zu fliehen; Arme, die ſich umſchlingen, können ſich nicht mehr trennen, und Lippen, welche das Wort Liebe zu lispeln begönnen, würden es nur in einem langhinſter⸗ benden Kuſſe endigen können. Dies waren die Flammen, die Esperance's Herz ver⸗ zehrten, als er, ohne zu wiſſen wie, in Bougival anlangte. Er ſprang vom Pferde und verbarg es in einem dichten Gebüſch, etwa dreihundert Schritte vom Hauſe, links am Wege, der über Felder und durch eine Kaſta⸗ nienallee ſanft nach Luciennes hinanſteigt. Um zu Gabriele's Hauſe zu gelangen, hielt ſich Es⸗ perance auf der dunkelſten Seite der Straße, mit gierigen Blicken nach einem Fenſter dieſes Hauſes ſpähend, das Gratienne hatte offen laſſen ſollen, um ſeine Ankuft zu bemerken und ihn, ohne die Aufmerkſamkeit der wenigen Diener oder der Hunde zu erregen, ſofort einzulaſſen. Bei der erſten Beſprechung des Rendezvous in Mon⸗ ceaux hatte Gabriele geſchwankt, ob ſie nicht lieber die Mühle dazu wählen ſolle. Dort wäre man allein und ſicher vor jeder Ueberraſchung geweſen; allein ihr Zart⸗ gefühl erinnerte ſie an ſo manche Scene, deren Schauplatz dieſe Mühle früher war. Dorthin kam Heinrich damals, als er noch zaghaft ſchmachtete; die Bretter des Schiffes hatten ſo oft unter ſeinen Fußtritten geknarrt, um ihr ſein Kommen zu verkünden, und die Herzogin von Beau⸗ fort wollte jetzt keine jener Erinnerungen an die damals noch ſchuldloſe Liebe Gabriele's erwecken. — 0— Der Aufenthalt im Landhauſe ſelbſt war vielleicht weniger ſicher, doch aber immer noch geſicherter als ir⸗ gendwo anders; die Herzogin befand ſich mit nur we⸗ nigen treubewährten Dienern allein daſelbſt. Sie war überzeugt, daß der König ihre Zurückgezogenheit achten und ihr verſtatten würde, ungeſtört und unbeläſtigt durch die Laubgänge zu wandeln, die ihre harmloſen Kinder⸗ ſpiele ſchon beſchattet hatten. Zudem mußte jedes Geräuſch von Außen ja ſogleich gehört werden; Esperance brauchte ſich kaum zu verbergen. Er ſollte ſehr bald wieder auf⸗ brechen. Ja ſelbſt die, die ihn etwa eintreten ſähen, würden kaum Urſache haben, Verdacht aus einem Schritte zu ſchöpfen, der ohne Heimlichkeit geſchah, da er, wenn ſeine Abſicht eine üble geweſen wäre, ſich leicht aus dem Wäldchen durch die kleine Hinterthür hätte hereinſchleichen können. Zudem fühlte ſich Gabriele dieſen Tag über jede kleinliche Bedenklichkeit erhaben. Gratienne harrte alſo am Fenſter, und ſobald ſie Esperance kommen ſah, beeilte ſie ſich, ihm die Thür zu öffnen. Nichts kündigte dieſem die Anweſenheit irgend eines Spähers an, wie ſie ihm ſchon ſo oft auf den Ferſen gefolgt waren. Ein ungeheurer Wagen mit Heu, das man auf der Inſel gemäht hatte, und das die Schnitter nicht mehr hatten einbringen können, verſperrte einſtweilen das Thor, bis man es am anderen Morgen zu den übrigen Vor⸗ räthen in die Scheuer bringen würde. Dieſe Scheuer ſchloß, wie man ſich vielleicht erinnern wird, die hintere, dem Fluſſe zugekehrte Seite des Hof⸗ raumes wie eine rieſenhafte Mauer ab. Sie lehnte ſich an der einen Seite an den nach der Chauſſee zu gelegenen Schloßflügel an, ſo daß dieſe Scheuer mit dem Schloſſe, den übrigen Wirthſchaftsgebäuden und der Gartenmauer ein regelmäßiges Viereck bildeten.. Gratienne führte Esperance hinter den die Thür verſperrenden Heuwagen herum, längs der Scheuer hin in die Zimmer des anſtoßenden Schloßflügels, in deren einem er Gabriele in einem Armſtuhle am offenen Fenſter träumend, und keineswegs ſo freudig erregt, wie er er⸗ wartet hatte, fand. Statt aufzuſpringen, ihm entgegen zu eilen, die Arme auszubreiten, wendete ſie nur das bleiche Geſicht nach ihm herum und ſtreckte ihm langſam die zitternde Hand hin, die er ergriff, um ſie an ſeine Lippen zu drücken, aber zu ſeinem Schrecken eiskalt fand. Gratienne betrachtete einige Augenblicke dieſe ſchweig⸗ ſame Gruppe, verließ dann das Zimmer und ſchloß die Thür hinter ſich. Esperance war an dem Armſtuhle niedergekniet und berührte mit der Stirn Gabriele's Bruſt, deren Herz er unregelmäßig und wie ſchmerzbewegt ſchlagen fühlte. — Gabriele, ſprach er endlich leiſe, das iſt nicht der Herzſchlag der Liebe; Ihre Augen ſind feucht und ich ſehe die Spuren der Thränen auf Ihren Wangen. — Ja, ich habe geweint. — Sie leiden— um meinetwillen vielleicht? — Ja, Esperance, um Ihretwillen. Er ergriff ihre beiden Hände und vereinigte ſie in den ſeinen; als er ſie aber leidenſchaftlich ſeinen Lippen näherte, riß ſie Gabriele raſch zurück, um ſich das Geſicht damit zu verhüllen, über das in demſelben Augenblicke ein neuer Thränenſtrom herabrann. — Um Gotteswillen! was iſt Ihnen? rief der junge Mann erſchrocken. Ich komme hier an, das Herz mit Freude und Jubel erfüllt, dem Himmel innig dankend für das Gluck, das er mir beſchieden hat... — Armer, armer Esperance! ſeufzte Gabriele. Er erhob ſich und betrachtete ſie noch aufmerkſamer, dann rückte er einen Seſſel heran und ließ ſich dicht an ihrer Seite nieder. — Ich würde mich glücklich preiſen, hob er an, wenn ich es allein wäre, den Sie bedauern. Aber erklären Sie mir die Veranlaſſung zu dieſem Mitleide, das ich Ihnen einflöße. — In Wahrheit, erwiederte Gabriele mit einem Blick voll ſo unendlicher Liebe auf Esperance, daß dieſer ſich von Wonneſchauern durchbebt fühlte, ich verdiene ſo viele Güte nicht, daß ich ſo feig weine und Sie dadurch be⸗ trübe, wenn ich nach Allem vielleicht fröhlich ſein und Sie auffordern ſollte, mir Glück zu wünſchen. — Ich verſtehe Sie nicht, meine Gabriele. — Vor allen Dingen laſſen Sie mich dieſe elenden Thränen wegtrocknen. Vergeben Sie ſie einem zu ſchwa⸗ chen Geſchöpfe. Ja, mit feſtem Blicke und freudiger Stimme will ich Ihnen die Nachricht verkündigen, die Ihr Herz mit Freude erfüllen und dem meinigen die Feſtigkeit wieder geben ſoll. — Eine Nachricht?. — Ich wiederhole es, die Sie mit Freude erfüllen wird, und deren auch ich mich nur zu erfreuen habe. Ich war wahnſinnig, feig.— Ja, Esperance, ja mein treuer, mein geliebter Freund, eine glückliche Nachricht!— Ich werde bald frei ſein, und ganz Ihnen angehören, mein Esperance. — Frei!— Ganz mir angehören! rief der junge Mann mit einem Entzücken, das ſeine ſchönen Züge zu denen eines Erzengels verklärte. Sprechen Sie die Wahr⸗ heit, Gabriele? Sollte das wirklich möglich ſein? — Ja, flüſterte ſie, unter Thränen lächelnd. — Unſjinniger, der ich bin! rief er, plötzlich düſter werdend; ſie weinte ſo eben noch, ſie hatte geweint und wird wieder weinen! Und ich laſſe mich von Worten täuſchen, die ihr ſichtlicher Schmerz ja Lügen ſtraft!— Wie ſollten Sie frei ſein können, Gabriele? Ich ſehe die Möglichkeit nicht. Frei und glücklich, verſtehen Sie mich wohl.. Sie ſchwieg einige Augenblicke, als bemühe ſtie ſich, ihre Gedanken zu ſammeln und die Wolken zu verſcheu⸗ chen, die ihre Stirn umlagert hatten. Der Kampf dieſer zarten Seele mit einem ihm noch unbekannten Schmerze brachten Esperance außer ſich. — 272— — O ſprechen Sie, Gabriele! Sie wiſſen, daß Ihr Zaudern mir das Herz zerreißt— ſprechen Sie, ich be⸗ ſchwöre Sie darnm! Es giebt kein Unglück, das meine Phantaſie mir nicht an der Stelle dieſer angeblichen guten Nachricht vormalt, die Sie mir mit Thränen und Schluch⸗ zen ankündigen. Das Zimmer, in welchem ſich die beiden Liebenden befanden, war nur von einer kleinen Lampe erleuchtet, deren bleicher Schein der durch das offene Fenſter vom Fluſſe herüberwehende Luftzug bewegte. Dicht vor dem Fenſter ſah man Fledermäuſe hin⸗ und herfliegen und manchmal ſogar die oberen geſchloſſenen Scheiben ſtreifen. — Vor allen Dingen, mein geliebter Esperance, Hören Sie mich mit Ruhe an, denn noch niemals haben wir Beide unſerer ganzen Geiſtesgegenwart ſo nöthig be⸗ durft, wie in dieſem Augenblick. Wenn ich Ihnen ſo eben verkündigte, daß ich bald frei ſein würde, ſo ver⸗ ſchwieg ich Ihnen, daß dieſe ſo glückliche Freiheit Einen von uns, vielleicht allen Beiden manche Ueberwindung, manches Opfer koſten würde. Um dies mit Beſonnenheit prüfen zu können, ſollen Sie mich eben ruhig und ge⸗ duldig anhören. Esperance antwortete nicht, aber man ſah an der Spannung ſeiner Züge, wie ſchmerzhaft ihm die Gewalt war, die er ſich anthun mußte, um ruhig zuzuhören. — Geſtern gegen Abend, fuhr Gabriele fort, kam der König hierher. Ich hatte ihn nicht erwartet. Er war zu Pferde, und ganz allein. Anfangs war ich etwas ver⸗ legen, denn ich fürchtete, er möge vielleicht einen Verdacht hegen, in welcher Abſicht ich hier allein geblieben ſei. Es fehlt uns ja weder an Feinden noch an Spinnen, die mehr als einmal nahe daran waren, unſer Geheim⸗ niß zu entdecken und uns zu verderben. Aber das Be⸗ nehmen des Königs war ſo gütig, ſo vertrauensvoll und offen, daß ich mich bald wieder beruhigt fühlte. Doch ſollte meine Ruhe nur von kurzer Dauer ſein. Dieſes herzliche Wohlwollen verbarg mir eine Gefahr, die ich weit entfernt geweſen war zu ahnen— Ruhe, Faſſung, mein Freund!— Der König ergriff meine Hand und führte mich an den Fluß hinab, an deſſen Ufer wir den kleinen Nachen des Müllers fanden. Wir ſtiegen Beide ein, ich nicht wenig überraſcht von dieſen geheimnißvollen Anſtalten Sr. Majeſtät, und an dem Seile fortgleitend, an welches der Nachen mit einem Kloben befeſtigt iſt, langten wir an der Mühle an, die ganz leer und ver⸗ laſſen war. Der Müller lag ein Stück davon im Graſe am Rande der Inſel und ſchlief. Wir befanden uns alſo allein, als ob es abſichtlich ſo vom Könige veranſtal⸗ tet worden ſei. Gabriele hielt wieder einen Augenblick inne und ergriff liebkoſend und beſchwichtigend Esperance's Hand, deſſen Stirn ſich immer mehr verdüſterte. — Das Weſen des Königs verrieth, als wir lan⸗ deten, eine gewiſſe feierliche Stimmung, die mich nur mehr und mehr in Verwunderung ſetzte. Ich folgte ihm bis ans Ende der Mühle, wo er mich ſanft nöthigte, auf 76— einem Schemel niederzuſitzen, während er ſelbſt ſich mir gegenüber auf einen Querbalken ſetzte. Niemand würde wohl in den beiden an ſolchem Orte verweilenden Per⸗ ſonen einen König und eine Herzogin errathen haben. — Hier war es, Gabriele, hob endlich der König an, wo ich nun bereits vor langer Zeit Treue von Ihnen be⸗ gehrte und Ihnen dafür die meinige verpflichtete. Jahre find ſeitdem verſtrichen, unſere beiderſeitigen Schickſale haben ſeitdem manchen Wechſel erfahren, aber mein Herz iſt daſſelbe geblieben, trotzdem ich Ihnen manchmal Kummer verurſacht; Sie dagegen haben mir nur ſtets Frende und Troſt in trüben Stunden bereitet. Erſt neuer⸗ dings verdanke ich Ihrer Klugheit, Ihrem milden, ver⸗ ſöhnlichen Geiſte, einen meiner ſchönſten, ſüßeſten Triumphe, da er auch nicht durch einen einzigen Blutstropfen meines Volkes erkauft worden iſt. Dieſe edle That verdient ihren Lohn, der ihr noch nicht zu Theil geworden iſt. Ich will, daß Ihr Kummer für immer endige; der Augenblick iſt gekommen, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweiſen. Fortan, Gabriele, wird Niemand mehr in dieſem Königreiche es wagen, Sie auch nur mit einem Blicke zu kränken. Ich bin der Erſte darin, Sie ſollen die Erſte ſein, ich habe es ſo beſchloſſen, nach manchem Zaudern, wegen dem ich Sie um Ihre Verzeihung bitte. Hier, an derſelben Stelle wollte ich es Ihnen eröffnen, wo Sie mir einſt, als ich noch arm und ohne Macht war, gelobten, die Meinige zu werden. Sie ſollen vor Gott wie vor der Welt meine rechtmäßige Gemahlin ſein... — 77— Gabriele hielt inne, als ſte Esperance todtbleich wer⸗ den und die Augen ſchließen ſah. Er preßte ſeine ge⸗ ballten Hände vor die Bruſt, als ob ihn dort ein tödtlicher Streich getroffen habe; ſeine Lippen aber blieben ſtumm. — Sie leiden! flüſterte Gabriele ſchmerzlich. — Nein, nein, ich bewundere die Großmuth— preßte Esperance mühſam hervor; nur begreife ich nicht, wenn das die Freiheit iſt, die Sie mir ſo eben ver⸗ kündigten... — O, mein Freund! rief Gabriele, können Sie einen Augenblick zweifeln, daß ich eine Ehre zurückwies, deren ich ſo wenig würdig bin? — Und warum ſollten Sie ihrer nicht würdig ſein? — Weil ich nur noch eine innige Freundſchaft und Verehrung für den König empfinde, weil alle ſeine Wohlthaten nicht im Stande waren, dies erkaltete Herz wieder zu erwärmen, weil dies Herz, weil meine ganze Liebe Ihnen und nur Ihnen allein angehört! Bei dieſen, mit unausſprechlicher Zärtlichkeit hinge⸗ hauchten Worten fühlte Esperance ſein Herz vor Wonne und Verzweiflung faſt vergehen, aber dennoch gelang es ihm, äußerlich ruhig und ernſt zu bleiben; er ſuchte ſich noch ſelbſt zu verblenden, er kämpfte noch gegen den furchtbaren Streich an, der ſeine ganze Zukunft auf ewig zu vernichten drohete. — War es nicht vielleicht nur eine Prüfung, der Sie der König unterwarf? ſprach er endlich; wollte er — 78— nicht vielleicht nur Ihren ſo gerechten Stolz in Ver⸗ ſuchung führen? — Nein, mein Freund. Er hat mir die eigenhän⸗ dige Copie eines Briefes gezeigt, den er ſelbſt nach Rom geſchrieben, um den heiligen Vater zu bewegen, daß dieſer ſeine Ehe mit Margaretha von Valois löſe, und ebenſo die Originalantwort des Geſandten, nach welcher die Einwilligung des Papſtes kaum noch zu bezweifeln iſt. — In der That war dies das einzige Hinderniß, Gabriele, und nun es beſeitigt iſt, wird Nichts mehr Ihrem Glücke im Wege ſtehen. Er hatte dieſe Worte ohne alle Bitterkeit, ohne Zorn, ohne den mindeſten Anſchein einer gewaltſamen Selbſt⸗ beherrſchung geſprochen. — Nichts? ſagte Gabriele überraſcht. — Nein, Nichts mehr. — Auch ich ſelbſt nicht, Esperance? — Warun ſollten Sie ſich dem Willen des Königs widerſetzen? Würden Sie es können? Er iſt der Herr und Gebieter. — Ich habe noch einen anderen. — Wen? — Sie ſelbſt. Und wenn ich einwilligte, würden Sie einwilligen? Ich bezweifele es. — Ihre Güte und Ihr Zartgefühl iſt unend⸗ lich, ſprach Esperance mit leiſe bebender Stimme; mich ſelbſt zu befragen, der ich nur ein flüchtiger Schat⸗ ten, nur ein Atom in Ihrem Leben bin; mich Ihren — — 79— Herrn zu nennen, mich, der ich es mir zum höchſten Ruhme rechne, Ihr Sklave zu ſein— das iſt zu viel Großmuth! Gabriele, ich danke Ihnen; ich erwartete es ſogar von Ihrem edlen Herzen; ich liebe Sie, ich liebe Sie mit einer Gluth, einer Innigkeit— ach! welchen Namen ſoll ich dem Gefühle geben, das Sie mir einflößen? Gabriele nahm ſeine Betheuerungen in einem an⸗ deren Sinne, als ſie gemeint waren; ſie glaubte immer noch, er nehme das Opfer an, das ſie entſchloſſen war ihm zu bringen, und dieſem gelte ſein Dank. — Sie begreifen, fuhr ſie fort, in welche Verlegen⸗ heit mich der Vorſchlag des Königs ſetzte. Zum Glück beſaß ich Geiſtesgegenwart genug ihm zu erklären, daß ich mich außer Stande fühle, ihm ſogleich darauf zu antworten. Ich ſchützte vor, daß mich der Glanz dieſes Glückes, meine Unwürdigkeit betäube, blende; genug, ich hatte den Muth, mir Bedenkzeit zu erbitten— als ob es hier noch eines Bedenkens bedürfe! Jetzt aber, heute aber ſtehen wir der Gefahr gegenüber, ein ferneres Aus⸗ weichen wird unmöglich. Muth, mein theurer Esperance, Muth; faſſen Sie ſich wieder, denn lieber möchte ich mir ſelbſt das Herz durchbohren, lieber ſterben, als Sie noch länger dem Kummer zur Beute werden ſehen! — Gute Gabriele! — Wie kalt ſagen Sie das! Alſo nur gut bin ich gegen Sie? Und befürchten Sie etwa eine Reue über dieſen nichtigen Schimmer, den ich Ihnen aufopfere, in — 80— mir zu erwecken, weil Sie Ihre Freude ſo direct zu er⸗ 5 Seele ſchlecht und thun dieſem armen Herzen weh, das der Beweiſe ihrer Liebe ſo bedürftig iſt, in einem Augen⸗ blicke, wo es von Freude erfüllt iſt, Ihnen die Beweiſe der ſeinigen geben zu können. Esperance ſtand von Unruhe getrieben auf. — Ich glaube, ſprach er mit Anſtrengung, wir ver⸗ ſtehen uns nicht. — Wie ſo? — Sie wuünſchten zweierlei, Gabriele: zuerſt den Ausdruck meiner lebhafteſten Dankbarkeit— ich habe ihn Ihnen dargebracht, ſo lebhaft, ſo warm, als es mein Herz vermochte. Sie möchten mich freudig, triumphirend ſehen— und worüber? Ueber das Opfer, das Sie mir bringen wollen?— Dies Opfer, ich kann es nicht annehmen! 3— Sie können nicht? Sie wollen, daß ich den König heirathe? — Ja. — Aber bedenken Sie denn nicht, Esperance, daß wir dann auf ewig getrennt ſind? — Ich weiß es! — Die Maitreſſe des Königs durfte ihre Augen zu einem Manne erheben, der würdig iſt geliebt zu werden. Stolz darauf, trotzdem die Unſchuld und Reinheit ihres kennen geben? Dann, Esperance, kennen Sie meine Herzens bewahrt zu haben, durfte ſie ihr Herz dieſer Liebe hingeben, ihr alle ihre Gedanken, ihr ganzes Daſein — 31— weihen.— Aber die Gattin des Königs, Esperance, die Königin?— Ach! die darf nicht mehr lieben, ſelbſt nicht im tiefſten Geheimniß ihres eigenen Herzens! — Das iſt wahr! ſeufzte er mit erſtickter Stimme. — Und Sie wollen alſo nicht mehr von mir geliebt ſein! ſchrie ſie ſchmerzlich; Sie könnten meine Liebe ent⸗ behren wollen!— ſie verſchmähen! Der unglückliche junge Mann fühlte alle Fibern ſeines Herzens erbeben, fühlte ſich dem Wahnſinne nahe; dennoch bewahrte er eine äußerliche Ruhe. — Ich konnte, ſprach er mit dem Ausdrucke uner⸗ ſchütterlicher Entſchloſſenheit, ich konnte meine Blicke zu dem Weibe erheben, das der König liebte, das eines Tages wieder frei werden konnte; ich konnte mein Leben ſeit ſo lange mit dieſer Hoffnung, dieſer Leidenſchaft friſten— aber es wagen, dieſe verbrecheriſchen Wünſche, die wahnſinnige Hoffnung noch auf Sie, auf die Köni⸗ gin zu richten— Nein, niemals, Gabriele! — Und darum eben, rief ſie, ihn mit ihren Armen umſchlingend, darum werde ich niemals Königin von Frankreich ſein, darum verkündigte ich Ihnen ſo eben, daß ich frei ſei! Sie hielt ihn in fieberhafter Aufregung umſchlungen, und als ihre Lippen nur ſeinen Hals berührten, fühlte er ſie durch die Spitzen wie ein glühendes Eiſen. Einen Moment, nur einen kurzen Moment bohrten ſich ſeine brennenden Blicke in die ihrigen, dann riß er ihre zarten Hände von ſeinem Halſe los, preßte ſie zwi⸗ Gabriele. IX. 2 6 — 82— ſchen ſeine zitternden Finger und rief mit unwiderſtehlicher Kraft und Entſchloſſenheit: — Und Sie müſſen Königin werden! Ihre Ehre hängt davon ab, Ihr Sohn erheiſcht es!— Er, der eines Tages ein Mann ſein und Sie wegen Dem, um das Ihre falſche Großmuth ihn bringt, zur Rechenſchaft ziehen wird! Vergeſſen wir nicht, Gabriele, daß Sie einen Sohn haben! Der König betet ſein Kind an; wollen Sie es ihm rauben, dieſem armen Fürſten? Wollen Sie das Kind ſeines erhabenen Vaters berauben? Ach! Sie wiſſen es nicht, was ein Kind leidet, das ſeine Ehre nicht in ſeiner Wiege findet— ich aber weiß es, ich!— Vergebens wirft meine Mutter mir aus ihrem Grabe Schätze und Reichthümer zu; ſie alle gäbe ich hin für ein einziges Lächeln von ihr, für einen einzigen liebe⸗ vollen Blick des Mutterauges! Ihr Kuß hat mich nicht geſegnet, und darum wird mir auch Nichts auf dieſer Welt gelingen. Welche Qual wird Ihnen die Traurig⸗ keit dieſes Kindes ſein, die Ihnen ewig Ihre Schmach, dieſe Trennung vom Könige vorwerfen wird, während es jetzt in Ihre Hand gegeben iſt, ihm einen Vater und eine Fürſtenkrone zu erhalten!— Und ich, ich ſollte eine ſolche Ungerechtigkeit dulden, ſogar die Urſache derſelben ſein? Ich ſollte Sie dazu verurtheilen, ein dunkles, niedriges, demüthiges Leben hinzuſchleppen, Sie, die Gott ſo ſchön, ſo vollkommen geſchaffen hat, um die Zierde eines jeden Thrones zu ſein? Auch ich, Gabriele, würde mich nur vor mir ſelbſt herabwürdigen! Der Mann, — 83— den Sie durch Ihre Liebe erheben, wäre dann nur noch ein feiger Egoiſt, ein gemeiner Verführer, und an wel⸗ chem Zufluchtsorte ich auch dieſe geborene Königin ver⸗ bergen könnte, würde ich vor Scham wie ein Dieb ſterben, der in ſeiner Höhle neben dem geſtohlenen Kleinode Hungers zu ſterben verdammt iſt! Ach! Gabriele, wie unendlich muß ich Sie doch lieben, daß ich mein eigenes Herz zerfleiſche, indem ich ſo zu Ihnen ſpreche. Seien Sie Königin! bewahren Sie mir in Ihrem Herzen eine gleiche Achtung, wie Ihrem erhabenen Gemahl, denn wenn er Ihnen einen Thron anbietet, ſo bin ich es, deſſen Hand Sie hinangeleitet; denn ich werde Ihnen den Sohn erhalten haben, dem Sohne die Mutter, und jedesmal, wenn Sie dieſes Kind erblicken, wenn Sie es von ſeinem Vater geliebkoſ't ſehen werden, dann werden Sie ſtolz darauf ſein, mich geliebt zu haben, werden mich in Ihrem Herzen ewig lieben! Sie antwortete nicht, ihre Arme ſanken wie gelähmt herab, ſie fühlte ihre Kräfte ſchwinden und neigte das Haupt, wie eine vom glühenden Sonnenſtrahle verwelkte Blume. Endlich entrang ſich ein ſchmerzlicher Seufzer ihrer Bruſt. — Ja, mein Kind gehört dem Könige! ſprach ſie kaum hörbar. Und ſollen wir denn ſo auf ewig von einander ſcheiden? O, Esperance! ich liebe Sie, wie noch nie ein weibliches Weſen geliebt hat! 8 6* — 21— — Wie glücklich bin ich doch! antwortete er eben ſo leiſe. — Esperance! fuhr ſie fort, die ſchönen Hände wie eine Bittende gefaltet und auf's Neue in Thränen aus⸗ brechend, wäre ich beſſer gegen Sie geweſen, muthiger, weniger egoiſtiſch, hätte ich mich Ihnen ganz hingegeben — ein unauflösliches Band würde uns jetzt vereinigen, Sie würden mir jetzt nicht geſagt haben: Trennen wir uns! Seien Sie Königin!— Aber ich habe mit dieſer Leidenſchaft geſpielt, ich habe mich Ihnen vorenthalten, um Sie ganz zu behalten— ich habe eine Feſſel ge⸗ ſchmiedet, die nur Sie wund drückt, nur Sie bindet— und ich, ich entſchlüpfe ihr, ich allein werde frei!— Nein, nein, es iſt unmöglich, Esperance! Sie würden mich Zeit Ihres Lebens anklagen, mich verfluchen, mich nicht mehr lieben— O aus Erbarmen! Entziehen Sie mir Ihre Ehrfurcht, Ihre Achtung, nehmen Sie meine Ehre, wenn es ſein muß— aber laſſen Sie mir Ihre Liebe! — Gabriele, ſo lange mein Herz ſchlagen wird, ſo lange meine Augen das Licht ſehen werden, ſo lange mein Geiſt eines Gedankens fähig ſein wird, werde ich Sie lieben! Es iſt ja die Bedingung meines Lebens, wie mein Blut, wie mein Athem!— Muth, Muth!— Es muß geſchieden ſein... — Nie, niemals! — Unſere Liebe, meine Gabriele, wird nicht wie die Anderer geweſen ſein, ein Taumel des Entzückens, be⸗ — 85— rauſchender Genüſſe. Das gewöhnliche Glück der Men⸗ ſchen war für uns zu niedrig; Gott hat uns höhere Wonnen aufgeſpart, die Wonne des Schmerzes, der Thränen, der ewigen Sehnſucht. Ach! Gabriele, ich ſtehe jetzt erſt am Anfange meiner Leiden, und doch ſchwöre ich Ihnen, Nichts auf der Welt, ſelbſt nicht der Tod, wird jemals auch nur den Gedanken in mir aufkommen laſſen, Ihre Liebe ſei mir nicht die höchſte Glückſeligkeit geweſen. Lebe wohl, Gabriele, lebe wohl! Ich liebe Dich unausſprechlich, ich danke Dir das höchſte Glück meines Lebens— Lebe wohl! — Esperance! Lieber ſlerben! — Nein, Gabriele, bewahren wir uns dieſe reine Erinnerung, bewahren wir die Ehre des Königs, die Deine, die Deines Kindes, meine eigene— Ach! Ga⸗ briele— rief er im Ausbruche des unendlichſten Schmer⸗ zes, warum haſt Du mir das Anerbieten des Königs entdeckt! Ich würde noch Dein, würde noch frei ſein, aber nun iſt unſere Trennung unwiderruflich entſchieden, da Du mir das Recht entzogen haſt, Dich ganz zu be⸗ ſitzen, ohne uns Beide zu entehren! In dieſem Augenblicke ließ ſich plötzlich ein eigen⸗ thümliches Geräuſch, ein Kniſtern und Knattern von außen vernehmen. Beide fuhren betroffen empor und horchten; ein ent⸗ ferntes Geſchrei, ähnlich einem Klage⸗ oder Warnungsrufe, erſchallte von der Ebene herüber. Erſchrocken eilte Gabriele an's Fenſter. — 86— Da plötzlich verbreitete ſich nach links ein rother Schein, eine hohe Rauch⸗ und Feuerſäule wirbelt hinter dem Dache der Scheuer empor, und eine glühende Hitze ſchlägt zum Fenſter herein. Gabriele ergreift Esperance's Hand, zieht ihn zum Balcon und deutet ſprachlos nach dem gerötheten Himmel. — Das Feuer muß dort ſein! ſpricht Esperance, auf die Scheuer zeigend, deren Giebel ſich ſchwarz auf dem glühenden Hintergrunde abzeichnet. — Feuer! Feuer! ſchreit Gratienne, bleich in's Zimmer ſtürzend. — Wo brennt es? — Der große Heuwagen am Thore hat ſich entzündet, man weiß nicht wie; Funken müſſen in's Innere der Scheuer geflogen ſein, denn ſie brennt über und über. Die ganze Seite nach der Straße zu ſteht ſchon in Flam⸗ men— da brechen ſie ſchon durch das Dach! — Fliehen Sie, Esperance! rief Gabriele. — Der Hof iſt ſchon voll Leute, erwiederte er, ſie werden hier heraufkommen— man klopft ſchon an die untere Thüre. — Ich habe ſie verriegelt und verſchloſſen, ſprach Gratienne haſtig; fliehen Sie, Herr Esperance, fliehen Sie! Ich werde Madame ſchon in Sicherheit bringen. Das Feuer greift um ſich! — So viel ich aber weiß, giebt es fuͤr Sie, für uns nur einen Ausgang aus dieſem Flügel; über den Hof— nicht wahr, Gratienne? — Freilich, darum eilen Sie nur voraus; Niemand wird auf Sie achten bei der Verwirrung... — Doch, doch; bei dieſer Helle wird man mich her⸗ auskommen ſehen, dann die Herzogin; meine Gegenwart wird einen ſchmachvollen Verdacht auf ſie werfen... — Was kümmert es mich, ob man Sie ſieht, Es⸗ perance! rief Gabriele muthig; hinaus müſſen Sie ja doch einmal! — Das iſt ein Fallſtrick, den man uns gelegt hat! fuhr Esperance plötzlich auf. — Fallſtrick, oder nicht— fliehen Sie!— Hören Sie nur, man ruft ſchon nach mir, meine Leute ſuchen mich!—“ Sie rütteln an der Thüre, ſie werden ſie erbrechen! — Und die Mauer dicht hinter uns fängt ſchon an zu brechen! rief Gratienne. Dieſer Flügel ſtößt dicht an den Boden der Scheuer, im Augenblicke kann die Flamme durch die Mauer ſchlagen. — Fort, fort von hier! rief Gabriele, Esperance mit ihren Armen umſchlingend. — Blicken Sie dorthin! rief Esperance, auf das offene Balconfenſter zeigend; der Schein des Feuers be⸗ leuchtete weithin die Gegend, da und dort ſah man Landleute zu Hülfe herbeieilen. — Was denn? fragte Gabriele. — Dort drüben! hinter dem Kaſtanienbaum— in einer Linie mit dem Brunnen! =— 88— — Ich ſehe einen Mann, in ſeinen Mantel gehüllt — er ſcheint ſich verbergen zu wollen, und zugleich zu beobachten. — Das iſt einer unſerer Spione, es iſt.Cancino— ich erkenne ihn! Er hat es erfahren, daß ich hier bin und lauert auf mein Herauskommen! Gabriele ſchauderte. — Sehen Sie nur, wie er den einzigen Ausgang beobachtet, der uns noch übrig bleibt. — Herr Esperance! ſchrie Gratienne entſetzt, die Mauer ſpaltet ſich! Um Gotteswillen— die Flamme bricht durch! 3 In der That war bereits ein ſtarker Riß in der Mauer entſtanden, durch den man es wie ein Gluthmeer im Innern der Scheuer lodern ſah. Das Dach und die jenſeitige Mauer derſelben waren bereits zuſammengeſtürzt, und zuweilen ſah man durch die Flammen den Fluß wie einen See von geſchmolzenem Blei ſchimmern. Gabriele und Gratienne faßten jetzt Esperance, jede bei einem Arme, und verſuchten es, ihn nach der Thüre zu ſchleppen.. Es war die höchſte Zeit, denn ſchon war die Haus⸗ thür erbrochen, man hörte die Dienerſchaft die Treppe heraufkommen, um ihre geliebte Herrin zu ſuchen. Trotz aller Anſtrengung war es aber den beiden Frauen bis jetzt noch nicht gelungen, Esperance von der Stelle zu bringen. Jetzt plötzlich umfaßt dieſer Gabriele, drückt einen brennenden Kuß auf ihre Lippen, drängt ſte —— — 89— und Gratienne mit unwiderſtehlicher Gewalt zur Thür hinaus, wirft ſte hinter ihnen zu und zieht den Schlüſſel ab, trotz Gabriele's Rufen, die ſogleich von mehreren ihrer Getreuen ergriffen und die Treppe hinabgetragen ward. Esperance war allein; dort drüben ſtand noch der Spion auf der Lauer, auf der anderen Seite der Flam⸗ menpfuhl, und jenſeits deſſelben der Fluß. — Harre nur auf mich, feiger Schurke, rief er mit verachtendem Lächeln; dieſen einen Ausweg haſt Du überſehen, oder für unmöglich gehalten. Aber Du ſollſt Dich verrechnet haben. Tod oder lebendig! Ich werde Euch nicht als Beweis gegen Gabriele dienen; erhält mich Gott, ſo entgehe ich Euch, und ſterbe ich, ſo wird dieſe Flamme Euch nicht die Spur meines Leichnams übrig laſſen! Er erhob ſeine Augen gen Himmel, um ſeine Seele Gott zu empfehlen, ſchlug ſich ſeinen Mantel um den Kopf, nahm den Degen in die Hand, als gälte es gegen die Feuersbrunſt zu kämpfen, und, alle ſeine Kräfte zu⸗ ſammenraffend, ſprang er mit einem gewaltigen Satze in der Richtung der eingeſtürzten Mauer mitten in die hoch⸗ aufwirbelnde Lohe. 5. Ei Du verwünſchte Indianerin! Pontis ging, ein mächtiges Blumenbouquet in der Hand, in dem kleinen Hofe des geheimnißvollen Vorſtadthäus⸗ chens erwartungsvoll auf und ab; geheimnißvoll konnte es in der That genannt werden, theils ſeiner einſamen verſteckten Lage inmitten einer Menge von Gärten, theils ſeiner inneren Conſtruction wegen, die ein, für mytho⸗ logiſche Liebſchaften trefflich geeignetes Labyrinth bildeten. Die Nacht war ſchon längſt angebrochen, und noch war die Indianerin weder zu ſehen noch zu hören. Ge⸗ wöhnt an ihre launiſchen Capricen, die übrigens einem Weibe, das nicht von ſich ſelbſt abhängt, doppelt nach⸗ zuſehen ſind, ſetzte Pontis einſtweilen ſeinen bei Esperance begonnenen Monolog über deſſen unbegreifliches und be⸗ leidigendes Mißtrauen zum Zeitvertreibe fort: — Sogar die Nachſicht mit den Schwächen Anderer, die bisher eine der liebenswürdigſten Seiten ſeines Cha⸗ rakters war, hat er abgelegt, perorirte der junge Gardiſt, die Länge des Hofes zum hundertſten Male durchmeſſend. Schade, jammerſchade um den wackeren Jungen! Er, der niemals etwas Böſes über Frauen ſagte, er, der mir —— — — 91— ſogar den Mund verbot, wenn ich mich über dieſe Natter von Entragues nur ausſprach wie ſie es verdiente, er läſtert und verdächtigt jetzt ein ſo vortreffliches Geſchöpf, wie dieſe arme Ayoubani!— Was zum Teufel kann denn dieſes naive Indianerkind für Intereſſe an dem ge⸗ heimnißvollen Billet dieſer ſchändlichen Henriette haben? Lächerlich! Ayoubani, die ſchwerlich weiß, daß überhaupt eine Henriette auf der Welt iſt.— Sie iſt eiferſüchtig, gut; das iſt nun einmal das Vorrecht der Weiber. Sie ſah das goldene Kleinod auf meiner Bruſt glänzen— was bedarf es mehr? Die Indianerinnen lieben das Glänzende, das iſt bekannt. Ich, der ich kein Indianer bin, ich würde eben ſo ſein, wenn ich irgend ein gol⸗ denes Kleinod auf Ayoubani's Buſen erblickte.— Ach! Ayoubani's Buſen! rief er mit ſchmachtendem Beben, oder richtiger, wieherte er zärtlich. — Aber ſie kommt immer noch nicht, und es iſt doch ſchon ſtockfinſtere Nacht!— Sollte Esperance's Argwohn mir Unglück gebracht haben? Ungeduldig ging er in's Haus und durchſtöberte es nach allen Richtungen, als ob ſeine geliebte Indianerin aus irgend einem Winkel hervorſpringen ſollte. Zwanzig⸗. mal öffnete er die Thür und horchte hinaus, ob noch Nichts zu hören ſei. Endlich vernimmt er von fern Tritte auf dem holpe⸗ richten Pflaſter der Vorſtadtſtraße; eine Sänfte lenkt in dieſelbe ein, ſie nähert ſich der Eremitage, hält— kein Zweifel, es iſt Ayoubani! — 092— Zitternd vor Sehnſucht öffnet Pontis die Thür, ver⸗ birgt ſich aber wie gewöhnlich hinter dieſelbe, um nicht von den Sänftenträgern geſehen zu werden, und zieht die vom Kopf bis zu den Füßen in einen großen Mantel gehüllte Indianerin zärtlich an ſich. Stark und feurig, wie man es in ſeinem Alter iſt, hebt er das zarte Geſchöpf in ſeinen Armen empor und trägt es in den von Kerzen erleuchteten, Wohlgeruch er⸗ füllten, mit dicken Teppichen belegten, und vor jedem Lau⸗ ſcher verwahrten Salon. Mit der Würde einer Königin duldet es Ayoubani, daß ſie Pontis ehrerbietig auf ein ſeidenes Polſterkiſſen niederläßt; ſie nimmt ſchweigend von dem vor ihr Knieen⸗ den das ſchöne Bouquet in Empfang, ſie athmet lächelnd den Duft jeder einzelnen Blume ein, ſie iſt zufrieden da⸗ mit. Pontis läßt ſich hierauf mit kreuzweis untergeſchla⸗ genen Beinen wie ein Türke ihr gegenüber ebenfalls auf ein Kiſſen nieder, und beginnt nun ſeine halb melancholiſche, halb drollige— jedenfalls aber ſehr verſtändliche Geber⸗ denſprache. Wir haben bereits Gelegenheit gehabt, Pontis' glän⸗ zende Toilette für dieſen Abend zu bewundern; er hofft, daß die Indianerin ſie bemerken, ſie bewundern werde, und verſucht zu dieſem Zweck die maleriſcheſten und vor⸗ theilhafteſten Stellungen anzunehmen. Ayoubani läßt ihn wie einen Pfau ſich ſpreitzen und das Rad ſchlagen; ſte lächelt nur ſchalkhaft, indeß muß ihr Lächeln doch höchſt ſprechend und bedeutſam ſein, da Pontis ſich meh⸗ — — 93— rere Minuten lang mit dieſer pantomimiſchen Unterhal⸗ tung begnügt. Indeß, Alles nutzt ſich mit der Zeit ab, ſelbſt die Freuden der Mimik. Der Menſch iſt nun einmal ein Geſchöpf, das ſelbſt ſeiner reinſten Genüſſe nur zu bald überdrüſſig wird, und nachdem ſich Pontis genugſam von ſeinem ſchönen vis-a-vis hat bewundern laſſen, fängt auch er an, daſſelbe pantomimiſch zu bewundern, was ſich denn Ayoubani mit reciproker Galanterie gefallen läßt. Ayoubani iſt ſchön, dieſen Abend ſchöner wie je. Man meint die Gluth des hinter ihren rothſchwarzen Augäpfeln lodernden Feuers zu fühlen. Sie iſt klein, zierlich, ſchlank, und dabei doch üppig gebaut. Sie kennt aber auch ihre Reize und weiß ſie mit allem Raffinement der gebildetſten Hofdame in's rechte Licht zu ſtellen; es iſt in der That nichts Wildes an ihr, als ihre ſpröde Tugend. Sobald ihr Pontis die Wünſche, die ihre Schönheit in ihm erregt, deutlicher begreiflich zu machen ſucht, er⸗ röthet das holde Indianerkind ſchamhaft und graciös, drängt ſeine Hand ſanft zurück und legt ihren Finger auf ſeine kußbegierigen Lippen. Pontis hält inne. Ayoubani beginnt nun ein langes Präambulum, von ausdrucksvollen Geſten begleitet. Sie erzählt Pontis, daß ihr Tyrann ſie in ſtrengere Feſſeln geſchlagen habe. Wir wiſſen bereits, daß ſie dieſen Tyrannen durch das Pontis höchſt verſtändliche Wort Mongole bezeichnete, aber dieſes . 94— Wort ſpricht ſie ſo reizend, ſo lieblich, ſo wohlklingend, wie— wie eben nur eine Indianerin es ausſprechen kann. Pontis giebt zu verſtehen, wie ſehr er den Mongolen haſſe; er ſpringt auf, ſchwingt ſeinen Degen und ſchlägt Ayoubani vor, ihn ſofort abzuſchlachten, was vollkommen verſtanden ward, denn Ayoubani bat ihn mit dem Aus⸗ druck des Schreckens, ſich ruhig zu verhalten. Indeß hatte ſeine heldenmüthige Pantomime doch ihre Wirkung nicht verfehlt, und er erntete unmittelbar darauf die Früchte derſelben: er durfte Ayoubani's kleine Hand küſſen, und die Ohrfeige, welche ſonſt gewöhnlich auf dergleichen Freiheiten folgte, empfangen. Ayoubani legte zuletzt den Finger auf ihre Lippen, ein Zeichen für Pontis, daß er jetzt mit den Augen auf⸗ horchen ſolle. Da die Geberdenſprache ſich nicht ſchriftlich wieder⸗ geben läßt, ſo wollen wir es verſuchen, die Ayoubani's in gewöhnliche und aller Welt verſtändliche Worte zu überſetzen. — Ich kann fortan nicht mehr allein ausgehen, ſagte die Indianerin, denn mein Tyrann zwingt mir überall eine Begleitung auf. — Warum nicht gar! ruft Pontis. — Ja wohl, und zwar von zwei Perſonen, zwei Frauen, pantomimt Ayoubani. — Und doch ſind Sie allein gekommen? Allein— o welch' ein Glück! Um das Wort Glück auszudrücken, faltet Pontis die Hände und ſchleudert einen verzückten Blick gen Himmel. — Nein, erwiedert Ayoubani, und verzieht das Münd⸗ chen zu einem allerliebſten Schmollen. — Nein? Sie ſind nicht allein? — Keineswegs; meine beiden Begleiterinnen erwar⸗ ten mich draußen in der Sänfte. — Nun, ſo mögen ſie draußen warten, ſo lange ſie Luſt haben! — Unmöglich! Es fiel dem guten Pontis nicht ein, zu fragen, war⸗ um dieſe beiden Wächterinnen ſo ruhig draußen in der Sänfte blieben, ſtatt das ihnen anvertraute Kleinod da zu bewachen, wo es vielleicht am nöthigſten ſein konnte. Ayoubani's Pantomime drückte eine ſo bezaubernde Nie⸗ dergeſchlagenheit aus, daß er ſich vor allen Dingen ge⸗ müßigt fühlte, ſie in gleicher Weiſe zu erwiedern— ob eben ſo bezaubernd, müſſen wir dahingeſtellt ſein laſſen. — Ja, wir müſſen ſie ſogar hier herein holen, fuhr Ayoubani fort. — Was? Hier herein ſogar? — Es muß ſein— Mongole beftehlt ſo! Das Wort Mongole wiederum geſprochen. Jetzt neigte Pontis das Haupt noch tiefer, wie vorher Ayoubani; aber Ayoubani verfiel plötzlich auf einen höchſt glücklichen Gedanken, in Folge deſſen Pontis' Haupt ſich wieder aufrichtete, wie eine Blume nach dem Regen. Die Indianerin ſchnellte ſich wie eine Sprungfeder — 96— vom Kiſſen in die Höhe, dehnte und bog die Glieder mit unendlicher Grazie, warf das reizende Köpfchen zurück, ſtreckte das Bein vor und nahm die Stellung einer Baya⸗ dere an, die eben ihren Tanz beginnen will. Zugleich wies ſie mit dem Finger nach der Thür und bezeichnete die Zahl zwei. — Das heißt, dollmetſchte Pontis ſich ſelbſt, die bei⸗ den Begleiterinnen ſollen hereinkommen und Sie werden tanzen? — Sie auch, meinte Ayoubani, die Stellungen und Bewegungen zweier Perſonen nachahmend, die einander gegenüber tanzen. — Sehr ſchön! Sie werden die beiden Wächterinnen tanzen laſſen?— Sehr ſchön; mögen ſie tanzen. Ayoubani erblickt ein Tambourin und eine lang⸗ gehalſte Zither an der Wand und nimmt beides triumphi⸗ rend herab — Ahal! ruft Pontis; auch Muſik ſoll gemacht wer⸗ den; verſtehe alle Worte. Ayoubani eilt mehr ſchwebend als gehend nach dem Veſtibule, pfeift dort auf eine eigenthümliche Weiſe, und augenblicklich erſcheinen zwei wie egyptiſche Mumien ver⸗ hüllte Geſtalten am Hofgitter, das Pontis auf einen ſtum⸗ men Wink ſeiner Geliebten ſchnell aufſchließt. In's Zimmer eingelaſſen, warfen die beiden Geſtalten ihre Mumienhüllen ab, allein vergebens ſtrebte Pontis' Neugierde, aus den Zügen der Mongolenwächterinnen etwas Näheres über die zu erwartende Strenge oder Nach⸗ — 97— ſicht bei Ausübung ihres Dienſtes zu erſpähen; ein mit Straußenfedern verzierter Goldreif umgab ihre Stirn, von welchem rings ein dichter Schleier von geſtreiftem Stoff herabfiel; durch zwei wie bei einer Maske angebrachte Oeffnungen ſah man zwar das Leuchten ihrer Blicke, konnte aber nicht einmal die Farbe ihrer Augen unterſcheiden. Eine Menge von Glasperlen, Metallſtückchen, ſeltſam geformter Knochen, Muſcheln und Korallen brachte bei jeder Bewegung dieſer beiden ſonderbaren Geſchöpfe eine Art melodiſches Gebimmel hervor; ihre Füße waren in Sandalen von Baumrinde geſchnürt, die Beine verſchwan⸗ den unter den Falten eines ſchweren Stoffes, der wie von Seegras gewebt war, und zur Vervollſtändigung dieſes Wilden⸗Apparates trug jede von ihnen einen Bogen in der Hand, und über dem Rücken einen Köcher voll jener furchtbaren gezahnten Pfeile, vor deren erfinderiſch⸗grau⸗ ſamen Spitzen der gebildete Europäer zurückſchaudert. Pontis ſah dieſe beiden Geſtalten ſich rechts und links neben der Thür aufſtellen; ſie waren groß und kräftig und konnten in der That ſür zwei ganz reſpectable Leib⸗ wächter gelten. Der Mongole hatte gar keine ſchlechte Wahl getroffen. — Alle Tauſend! Dieſe beiden Drachen werden mir wohl die Liebesgötter verſcheuchen, dachte Pontis. Aber was da! ich habe immer ſagen hören, daß die Weiber der Wilden ſehr empfänglich ſind und ſich durch Muſik und Tanz ſehr leicht hinreißen laſſen. Wollen einmal ſehen, ob ſich Nichts mit ihnen thun läßt. Hier handelt Gabriele. IX. 7 — 98— es ſich nicht allein um die Kraft, ſondern auch um Liſt und Geſchicklichkeit, und Gott ſei Dank! daran fehlt es mir nicht. 2 Auch Ayoubani hatte während dem prüfende Blicke auf das Coſtum und die Haltung ihrer Begleiterinnen geworfen; ſie ſchien zufrieden damit und lächelte ihnen verſtohlen zu. Dann reichte ſie der einen die Zither, der anderen das Tambourin, nöthigte Pontis mit bittender Geberde, ſich auf das Polſter niederzulaſſen, auf dem ſie vorher geſeſſen hatte, und begann nun ihren Tanz. — Wer mir jemals wieder Uebles von den India⸗ nerinnen ſagt, dachte der junge Gascogner, dem will ich's in den Hals hinein behaupten, daß ſie nicht nur die ſchön⸗ ſten, ſondern auch die ehrbarſten Geſchöpfe auf Gottes weiter Erde ſind. Hat man jemals erlebt, daß Franzö⸗ ſinnen in Geſellſchaft zu einem Rendezvous gekommen ſind, und ihre Zeit ſtatt mit Lieben mit Tanzen verbracht haben? Sambioux! Wenn das nicht die leibhafte Tugend und Unſchuld iſt, ſo will ich ein einfältiger Schöps ſein! Er ſah Ayoubani mit begeiſterten Blicken zu, ſchlug den Takt mit Händen, Füßen und Kopf, und ließ ſich immer mehr von der wollüſtigen Grazie der Attituden und Bewegungen der unermüdlichen Indianerin hinreißen; ſte war ſo leicht und gewandt, ihre Geberden ſprachen ſo deutlich und verführeriſch, daß er es dem verwünſchten Mongolen am Ende nicht verargen konnte, die Wirkungen von Ayoubani's choreographiſchen Künſten durch die Bei⸗ — — 99— gabe zweier ſo handfeſten Begleiterinnen etwas gemildert zu haben. Endlich ſchienen ihr die Kräfte zu verſagen, ſie wankte; Pontis ſprang auf und breitete ihr, ſeiner nicht mehr mächtig vor Entzücken, die Arme entgegen, um ſie aufzu⸗ fangen und an ſein Herz zu drücken; ſie aber ſchlüpfte mit der Geſchmeidigkeit einer Schlange darunter weg und ſank athemlos, aber wie ein Kind lachend, auf das Polſter. Trotz der Anweſenheit der beiden mongoliſchen Dum⸗ men konnte ſich Pontis nicht enthalten, vor ihr auf die Kniee zu ſinken und nach ihren Händchen zu haſchen; ſie aber legte wiederum den Finger auf die Lippen, zum Zeichen, daß er auf den halb pantomimiſchen, halb ge⸗ ſprochenen Dialog achten ſolle, den ſie nun beginnen werde. — War das hübſch? fragte ſie; habe ich gut getanzt?. — Himmliſch! göttlich! — Wollen Sie nun auch tanzen? — Ich danke. — Verſuchen Sie es nur einmal.. — Mein Tanz würde ſich ſchrecklich ausnehmen, nach dem Ihrigen. Ayoubani hatte die Güte, nicht weiter darauf zu ach⸗ ten; aber ſie legte die kleine Hand auf ihren hochfliegen⸗ den Buſen und blickte ihn ſchmachtend an. 7* — 100— — Sie wollen ſagen, Sie lieben mich? fragte Pontis wonnetrunken. — Nein, das iſt es nicht, was ich ſagen will. Und ſie fuhr mit beiden Händen weiter herab und preßte ſie auf die Magengegend. — Sie leiden?— Es iſt Ihnen hier zu heiß? — Das iſt es auch nicht. Sie führte die rundlich zugeſpitzten Finger nach dem Munde und machte eine gewiſſe triviale Pantomime, die bei allen Völkern der Welt, ſie mögen mimiſches Talent haben oder nicht, ſo viel ſagen will, als: — Ich habe entſetzlichen Hunger! — Hunger? rief Pontis. Armes, liebes Herz!— nach ſolcher Anſtrengung— das will ich meinen! Pontis war ein Mann der Vorſicht, und hatte dem⸗ gemäß immer einige Lebensmittel zur Hand; er eilte an das Buffet, auf dem Früchte und feines Backwerk in zierlichen Körbchen ſtanden und einige Kryſtallflacons im Scheine der Kerzen flimmerten; es gelang ihm, Ayoubani eine kleine Collation aufzutiſchen, die in Ermangelung der Conſiſtenz doch wenigſtens ſehr appetitlich war. Die Indianerin ſchenkte ſich etwas Wein in einen Pokal und nippte davon wie ein Vögelchen. Sie ver⸗ langte Waſſer, und während Pontis den Rücken drehte, um auf dem Buffet nach dieſem von ihm ſehr wenig ge⸗ ſchätzten Getränk zu ſuchen, zog Ayoubani ſchnell ein kleines Fläſchchen aus ihrem Buſen und ließ einige Tropfen — 101— der darin enthaltenen Flüſſigkeit in den Pokal träufeln, aus dem ſie genippt hatte. Endlich brachte Pontis die Waſſerflaſche und wollte einſchenken; aber Ayoubani hielt ihm den Pokal an die Lippen und lud ihn mit ſchmachtenden Blicken ein, ihn auf ihr Wohl zu leeren, was denn der verliebte Gardiſt natürlich mit eben ſo ſchmachtenden Blicken that. Sie wollte ihm noch einmal einſchenken, aber eingedenk des ſeinem Freunde geleiſteten Mäßigkeitsverſprechens, ſchlug er es trotz ſeines Liebestaumels aus. Ayoubani miſchte ſehr viel Waſſer unter ihren Wein und trank. Hierauf ward ſie viel zutraulicher wie zuvor, faßte Pontis mit beiden Händen und forderte ihn auf, mit ihr zu tanzen.— Ayoubani im Arme halten, mit ihr im Kreiſe umher⸗ wirbeln, ihr trotz ihres Widerſtandes Küſſe rauben, das war freilich ein anderes Ding, als allein zu tanzen. Zehn Minuten verfloſſen dem jungen Manne, wie eben ſo viele Secunden, er vergaß das Weltall um ſich her, im Rauſche des Tanzes empfand er ſchon die Vorboten eines anderen, ſüßeren Rauſches, den der Liebe. Wir ſagen, er hatte das Weltall um ſich her ver⸗ geſſen; ganz natürlich konnte er daher auch nicht mehr an die beiden Wächterinnen denken, die er ſich vorgenom⸗ men hatte, entweder mit guter Manier fortzuſchaffen, oder einzuſperren, wenn es Zeit ſein würde. Dieſe bearbeiteten ihr Tambourin und ihre Zither aus Leibeskräften, in immer ſchnellerem Takte und ſchienen — 102— in Ayoubani eine Art von Tanzwuth zu erregen; ſie klammerte ſich mit beiden Händen an Pontis, ließ ſich von dem feurigen, jungen Manne immer feſter umſchlingen und riß ihn wie ein Wirbelwind zu immer raſcheren Drehungen mit ſich fort. Dennoch beobachtete ihr ſcharfes, blitzendes Auge fort⸗ während jede Muskel in Pontis' Geſicht. Zuerſt gewahrte ſie eine eigenthümliche Exaltation, die ſich in einer Schwel⸗ lung der Stirnadern und dunklen Röthe kund gab; ein flüchtiges Feuer flackerte in ſeinen Augen auf, wie elek⸗ triſche Funken, er begann ſeltſam zu lächeln, ſeine Lippen öffneten ſich und murmelten Worte ohne Zuſammenhang, Liebesausrufungen, die Röthe ſchwand von ſeiner Stirn, aber die fieberhafte Aufregung in ſeinen Zügen ſteigerte ſich. Die Indianerin umſchlang ihn immer wilder, immer leidenſchaftlicher, in dem Maße, als ſie ſeine Füͤße ſchwerer werden fühlte; ſie zog ihn nicht mehr, ſte hob, ſie trug ihn umher, mit einer Kraft, die Niemand dieſem kleinen, zierlichen Weſen zugetraut hätte. Plötzlich überzieht eine Todtenbläſſe ſein Geſicht, die Spannung ſeiner Muskeln hört auf, ſeine Arme ſinken ſchlaff herab, er bleibt taumelnd ſtehen, wie von einem augenblicklichen Schwindel ergriffen; noch hält die India⸗ nerin ihn feſt umſchlungen und ſieht ihn forſchend an, bis ſie fühlt, daß er in ſich zuſammenbricht; jetzt ſtützt ſie ihn nur noch und giebt ihm im Fallen eine Richtung, daß er zwiſchen die Polſterkiſſen niederſinkt; ſeine Seufzer verwandeln ſich in ein beklommenes Stöhnen und Aechzen, — 103— das immer ſchwächer wird; ſeine Augen ſchließen ſich, er liegt bewegungslos da, und nur ſein regelmäßiges Athmen, wie das eines Schlafenden, verräth, daß noch Leben in ihm iſt. Eine Minute beobachtete ſte ihn noch aufmerkſam, dann giebt ſie den beiden Weibern ein Zeichen, worauf dieſe augenblicklich ihre Muſik einſtellen und ſich ſchnell entfernen. Jetzt ſchießt Ayoubani auf den regungsloſen Schläfer los, wie ein Raubvogel auf ſeine Beute; mit vor Unge⸗ duld zitternden Fingern reißt ſie ihm das Atlaswamms auf, ſie ſucht und taſtet mit der Gier einer hungernden Hyäne, ſie fühlt endlich die goldene Kapſel, ſie faßt ſie und beißt die ſeidene Schnur mit ihren Zähnen durch. So hatte ſie denn endlich dies geheimnißvolle Kleinod erlangt, ſie war Herrin jenes Geheimniſſes, das ſchon ſo viel Unheil angeſtiftet hatte und noch ſo viel Unheil an⸗ ſtiften ſollte. Mit ſtürmiſch klopfendem Herzen, theils noch in Folge der anſtrengenden Bewegung, theils vor Freude und Neu⸗ gierde, nähert ſie ſich einer Wachskerze, um dieſe kleine Kapſel genauer zu betrachten und ſie zu öffnen. z Aber die Kapſel iſt mit einer verborgenen Feder ge⸗ ſchloſſen. Vergebens ſtrengt ſie ihre ſonſt zu derlei Dingen ſo geſchickten Finger an, vergebens zwängt ſie ihre Nägel zwiſchen die Fuge und ſucht ſie gewaltſam auseinander zu reißen; die Nägel zerreißen wohl, aber die Kapſel bleibt geſchloſſen. Sie ſtampft vor Wuth und Ungeduld — 104— mit den kleinen Füßchen, ſie verſucht, die Kapſel mit ihren Zähnen zu erbrechen— Alles vergebens. Da vernimmt ſie plötzlich ein dumpfes Stöhnen und erſchrickt. Es iſt Pontis, der zu träumen ſcheint; er win⸗ det ſich wie eine Schlange auf dem Teppich, um die Feſſeln des Schlafes von ſich abzuſchütteln, er hebt den kräftigen Arm und ſchlägt mit der geballten Fauſt auf den Fußboden. G — Dieſer Menſch iſt ſtark wie ein junger Stier, ſpricht die Indianerin vor ſich hin, und iſt im Stande, mich mit einem Fauſtſchlage zu tödten; er kann jeden Augenblick erwachen und dann bin ich verloren. Alſo keine Unvorſichtigkeit— ſchnell nach Hauſe! Dort werde ich mit Hülfe einer Scheere, eines Meſſers, eines Meißels, das Geheimniß dieſer verwünſchten Kapſel entdecken. Und nun, fügte ſie mit triumphirendem Lächeln hinzu, Henriette kann Gabriele ſtürzen, und Leonora hat Henriette in ihrer Gewalt— fort! Noch einmal beugt ſie ſich lauſchend über Pontis, der wieder ruhig zu ſchlafen ſcheint, während ihre Hand nach einer Oeffnung des Kleides ſucht, um die Kapſel zu verwahren. Plötzlich ergreifen zwei Hände die ihrige und entreißen ihr das Kleinod; Ayoubani dreht ſich um und ſtößt einen Schrei aus: Henriette ſteht vor ihr, eine teufliſche Freude blitzt aus ihren Augen. — Ich danke, ſagt Mademoiſelle d'Entragues mit beißender Ironie, ich danke Dir, meine gute Leonora; — 105— diesmal iſt Dir Deine Geiſterbeſchwörung meiſterhaft ge⸗ lungen. Und nach dieſen Worten bricht Hennriette in ein dä⸗ moniſches Hohngelächter aus, und die falſche Indianerin ſinkt wie vernichtet neben dem unglücklichen Pontis auf die Kiſſen nieder. Wie viel Zeit ſte ſo im ſtumpfſinnigen Brüten ver⸗ brachte, bevor ſie ihre Gedanken wieder zu ſammeln ver⸗ mochte, ſie wußte es nicht. Noch immer glaubte ſie das hölliſche Ziſchen jener Schlange zu hören, glaubte noch den krampfhaften Druck von Henriette's Fingern zu füh⸗ len, die ihr die Kapſel entrungen hatten. Aber Leonora's Geiſt war zu elaſtiſch und kräftig, um dieſer Ohnmacht des erſten Schreckens lange zu er⸗ liegen; ſie rafft ſich empor, ſie ſchüttelt die Lähmung ge⸗ waltſam von ſich ab, ſie ordnet ihre Gedanken und beginnt auf Rache zu ſinnen. Was war aus ihren beiden Begleiterinnen geworden? Hatten dieſe ſte an Henriette verrathen, oder waren ſte eben ſo wie ſie überfallen worden? Wie ſollte ſie wieder an Henriette gelangen, wie dieſe ſchimpfliche Niederlage vergelten, bei deren bloßen Gedanken ſich ihr ganzer Stolz empörte? 8 Vor allen Dingen mußte ſie aus dieſem Hauſe zu kommen ſuchen; ſie erhob ſich und näherte ſich vorſichtig der Thür. Aber im inigen Nusenstar vernimmt ſie auch Schritte, die im Veſtibule viederhallen. Das ſind keine — 106— weiblichen Tritte. Zudem würden ſie ihre Frauen, nach dem was vorgefallen, wohl kaum noch ſo lange ruhig erwartet haben.— Nein, nein! Das ſind Männertritte, feſte, haſtige; Leonora hört deutlich das Klirren der Sporen. Führte Henriette noch irgend einen Anſchlag gegen ſie im Schilde? Wollte dieſer Teufel, noch nicht zufrie⸗ den damit, ihr das Kleinod entriſſen zu haben, ihr auch noch das Leben nehmen? War dieſer Mann ein bewaff⸗ neter Mörder, von Henriette abgeſendet, um auch dieſes Geheimniß der Entragues in ſchon bekannter Weiſe auf ewig in Vergeſſenheit zu begraben? Zum erſten Male fühlt Leonora die Schrecken des Todes ihr Herz mit Eiſeskälte berühren; ſie bläſt die Lichter aus und duckt ſich in einem Winkel hinter der Thür nieder. Der Mann kommt näher; ſie ſieht durch den Thür⸗ ſpalt ſeine große, ſchwarze Silhouette immer näher kom⸗ men und in der Dämmerung vor ſich her taſten. — Pontis! erſchallt plötzlich eine wohlbekannte Stimme; Pontis! ſo antworte doch! Wo ſteckſt Du denn? — Er hier? lispelt Leonora von Entſetzen ergriffen. Wenn er mich findet, bin ich unrettbar verloren! 6. Der ſanfte Esperance. Esperance hatte einen ſo gewaltigen Anlauf genommen, daß er mit ſeinem erſten Sprunge einen Raum von mindeſtens fünfzehn Fuß durchmaß, und in noch zwei Sätzen nahe vor der Mauerlücke ſteht, ohne nur um einen Fuß breit von der Richtung abgewichen zu ſein. Es war die höchſte Zeit; ſchon leckte die Flamme an ſeinem Mantel, ſchon waren ſeine Stiefel verſengt, und die unerträgliche Hitze machte ihm das Athmen unmöglich; er hätte den ſo kurzen Zeitraum einiger Secunden, wäh⸗ rend welcher er den Athem gewaltſam an ſich hielt, nicht ungeſtraft verlängern dürfen; noch ein verzweiflungs⸗ voller Satz über einige halbverbrannte Heubündel hinweg bringt ihn bis in die Maueröffnung, eine reinere Luft weht ihm entgegen, die er tief in die Bruſt einzieht, um zum letzten mächtigen Sprunge in den Fluß aus⸗ zuholen, deſſen Fluthen im nächſten Augenblick über ihm zuſammenſchlagen— er iſt gerettet! Als er wieder auftaucht, ſteht er den ganzen Waſſer⸗ ſpiegel tageshell im Wiederſchein der Feuersbrunſt erleuchtet, aber gerade an dem Orte, wo ſich Esperance in den Fluß — 108— geſtürzt, verbarg ihn links ein Trupp großer Bäume und gegenüber das obere Ende der Inſel den Blicken eines Spähers. Die Einwohner von Bougival waren von der anderen Seite, wo die Flamme nicht hinwehete, zum Löſchen herbeigeeilt; der Müller hatte aus Beſorg⸗ niß, daß ein Funke bis zu ihm herüberfliegen könne, das Seil gekappt, und ließ ſeine Schiffmühle ſtromabwärts treiben, ſo daß Niemand Esperance aus der Gluth in's Waſſer hatte ſpringen ſehen. Einmal wieder zur Oberfläche gelangt, ſchnitt der junge Mann als vollkommen geübter Schwimmer ſo ge⸗ räuſchlos wie möglich ſchräg durch die Strömung, wählte eine beſchattete Spitze der Inſel, um einen Augenblick Athem und Kräfte zu ſammeln, und landete endlich glück⸗ lich am jenſeitigen Ufer in dichtem Weidengeſtrüpp, wo er ein kurzes Dankgebet für ſeine Rettung zu Gott empor⸗ ſendete. Nachdem er ſich wieder ein wenig erholt und das Waſſer ſo gut es ſich thun ließ aus ſeinen Kleidern ge⸗ rungen, kroch er behutſam den ſteilen Uferrand hinan und ſah ſich in der Gegend um. Die Inſel war voll⸗ kommen leer, bis auf einige Kühe, die erſtaunt in das Feuer glotzten, das über den Baumwipfeln noch immer emporloderte— kein Menſch hatte ihn geſehen. — Und weshalb habe ich der Vorſehung fuͤr meine Rettung gedankt, ſprach er vor ſich hin, da mein Leben ja doch nun zu Ende iſt?— Doch nein, Esperance, ſchäme Dich; ſei nicht undankbar gegen Gott, deſſen — — — 109— Gnade die Herzogin vor der Gefahr geſchirmt hat, um meinetwillen zu leiden. Unſere Feinde ſind abermals geſchlagen. Henriette, Leonora! hölliſche Furien, die Ihr dieſe Feuersbrunſt angeſtiftet hattet, um mich und Ga⸗ briele zu verderben, ich biete Euch Trotz! Wahret Euch, denn die Stunde iſt gekommen, Euch offen entgegen zu treten— keine Schonung mehr!— Ein Stück ſchlich ſich Esperance am Ufer aufwärts, um noch einen letzten Blick nach der brennenden Scheuer zu werfen. Trotz der Intenſität der Hitze und der Gewalt der Flammen, hielten die alten Mauern des Schloßflügels noch Stand; ſie glichen jenen alten Burgen, welche den Stürmen der Feinde heldenmüthig Trotz bieten. Nachdem das Feuer die Heuvorräthe verzehrt hatte, war es den vereinten Bemühungen der Dienerſchaft und der Land⸗ leute gelungen, es zu erſticken und deſſen Weiterverbrei⸗ tung zu verhindern. Die Flammenſäule ward immer kleiner, und Esperance beeilte ſich, die Gegenſtände in deren Nähe zu erforſchen, ſo lange ſie noch leuchtete. Er entdeckte auf der nahegelegenen Wieſe eine weiße Geſtalt, am Boden ausgeſtreckt, und einige Perſonen neben ihr, die emſig um ſie bemüht waren. Das mußte Gabriele ſein, das arme Weib, das ihren Freund unrettbar in der Gluth verloren wähnte. Sie ſchien noch immer ohne Leben. Esperance erkannte Gratienne, die neben ihrer geliebten Herrin kniete. Wohl zehn Minuten ſtand er ſo da, in dieſen An⸗ blick verſunken; als er aber ſah, daß die Herzogin wieder — 110— Lebenszeichen von ſich gab, ſich aufrichtete, ihren Kopf an Gratienne's Schulter lehnte, als er die Gewißheit hatte, daß auch dieſes theure Leben gerettet ſei; da weilte er nicht länger; er eilte dem anderen Ende der Inſel gegenüber, wo er ſein Pferd unter dem Schutze des Ge⸗ hölzes von Verbois gelaſſen hatte, warf ſich noch einmal in den Fluß, und ſchwamm vorſichtig hinüber, immer das Ufer im Auge haltend, um jede etwa mögliche Be⸗ gegnung beim Anlanden zu vermeiden. Auch dieſes zweite Wagſtück gelang ihm. Zum Glück war die Straße ganz leer; Esperance erreichte unentdeckt das Gehölz, trocknete ſich abermals und etwas ſorgfältiger als vorher, dann ſchwang er ſich auf ſein Pferd, das ihn mit freudigem Wiehern begrüßte, und ſprengte mit ver⸗ hängten Zügeln die Straße nach Paris zurück.. Während des Heimrittes hatte ſein thätiger Geiſt bereits einen vollſtändigen Feldzugsplan entworfen und beſchloſſen. Einige verſengte Locken, einige leichte Brand⸗ wunden abgerechnet, deren Schmerzen ja nur ihn allein angingen, hoffte er, daß ein Wechſel der Kleider jede Spur der Feuersbrunſt an ihm vertilgen würde. Vor allen Dingen aber durfte er nicht in ſo verdächtiger Ge⸗ ſtalt, wie jetzt, ſein Haus in der Straße de la Ceriſaie betreten und ſich vor ſeinen Leuten ſehen laſſen. Er er⸗ innerte ſich ſeiner Eremitage in der Vorſtadt. — Dort, ſagte er ſich, habe ich ja Kleider, Wäſche, eine vollſtändige Toilette. Auf jeden Fall treffe ich jetzt Pontis allein, denn zu dieſer Stunde muß ſeine Indianerin —-— 111— ihn wieder verlaſſen haben. Indeß, Alles auf der Welt iſt möglich, warum nicht auch die Nachſicht eines Mon⸗ golen? Sollte ich Pontis und die Indianerin noch bei⸗ ſammen treffen, nun ſo werde ich diseret ſein— näm⸗ lich, bis zu einem gewiſſen Grade, denn auch ich will endlich wiſſen, was hinter dieſer mehr als verdächtigen Ayoubani ſteckt. Esperance ſchlug demnach ſofort den Weg nach der Vorſtadt ein. Er erreichte die einſame Straße der Eremitage gerade ind em Augenblicke, wo die beiden falſchen Indianerinnen die Flucht ergriffen, und Henriette, die mit ihnen im Einverſtändniſſe war, in's Haus drang. Ayoubani's Sänfte mit den Trägern ſtand etwa zehn Schritte von der Thüre, und am andern Ende der Straße hielt ein Wagen. — Was Teufel ſind das für Equipagen? rief Es⸗ perance, der wohl in der Dunkelheit eine weibliche Ge⸗ ſtalt hatte in's Haus ſchlüpfen ſehen, aber ohne ſie zu erkennen. Sollte Pontis heute Abend einen Ball oder irgend ein Feſt geben? Er hielt an, ſtieg ab unb ſchlich ſich, das Pferd am Zügel führend, langſam näher. Das Gitterthor und die Hausthür ſtanden offen. In dem Inneren war weder Muſik noch irgend ein Lärmen, der ein Feſt verrathen hätte, zu vernehmen. Esperance war weiter vorgedrungen, bis an die Hausthüre, und tappte eben neben dieſer nach dem Ringe herum, um ſein 1 — 112— Pferd anzuhängen, als das Rauſchen eines Kleides ſeine Aufmerkſamkeit aufs Neue feſſelte. Eine weibliche Geſtalt, vielleicht dieſelbe, die er hatte in's Haus ſchlüpfen ſehen, tief in einen Mantel gehüllt, huſchte ſo ſchnell an ihm vorüber, daß ihre Füße kaum den Erdboden berührten. Sie lief auf den Wagen zu, um welchen Esperance einige Maͤnner bemerken konnte, die der Dame beim Einſteigen behülflich waren, worauf die ganze Equipage ſich ſchnell entfernte. — Was bedeutet das Alles? fragte ſich Esperance. Welche Eile? Sollte die indianiſche Schöne ſich auf dieſe Weiſe aus dem Staube machen? Was foll dann die Sänfte?— Auf wen wartet die noch? 8 Er beſchloß, ſich möglichſt Aufklärung zu verſchaffen. Zu größerer Vorſicht aber kehrte er noch einmal um, zog das Gitterthor heran, und betrat dann das Veſtibule, nachdem er ſich vorher überzeugt hatte, da ſein Degen locker in der Scheide ſaß. — Pontis! rief er, wo ſteckſt Du denn? Alles blieb ſtill und dunkel. Er dringt weiter; ein Geruch, wie eben erſt ausgelöſchte Wachskerzen und ver⸗ goſſener Wein, dringt ihm entgegen. Er tappt vorwärts, ſeine Hand ſtößt an die angk⸗ lehnte Thür des Salons, er tritt ein— auch hier Alles dunkel. Kaum aber iſt er zwei Schritte vorwärts gegangen, als ſeine Füße an einen Gegenſtand ſtoßen— ohne Zweifel ein Geräth— nein— es iſt ein menſchlicher Körper! — 113— Er bückt ſich— er taſtet— Männerkleider— ein Atlaswamms— ſollte wirklich—? In demſelben Augen⸗ blicke vernimmt Esperance ein ſchweres Stöhnen, es kommt von Pontis, und, Gott ſei Dank! er iſt wenigſtens nicht todt. Der Weingeruch zeigt Esperance an, warum ſein Freund ſo am Boden liegt; der Unglückliche 85 ſich abermals berauſcht. 1 Mit Widerwillen hebt ihn Esperance auf, um ihn auf irgend einen Lehnſtuhl zu ſchleppen— da höͤrt er vorſichtig eine Thüre öffnen— Esperance horcht— ein beſchleunigtes Athmen, kaum zwei Schritte entfernt, verräth ihm die Gegenwart noch einer dritten Perſon, die ſich verborgen halten will. Die Thür geht auf, man höͤrt Stoffe rauſchen und etwas Leichtes, Luftiges in den Vorſaal hinausſchlüpfen. Es war Leonora, die den Augenblick für günſtig hält, um die Flucht zu ergreifen. — Oho! denkt Esperance, das ſind zu viel Vögel in einem Käfig! Man ſoll nicht ſagen, daß ich ſie alle habe davonfliegen laſſen, ohne mir nicht wenigſtens ihr Geſteder zu beſehen! Er läßt Pontis los, ſpringt vorwärts, ſtreckt die Hand aus und ergreift ein Kleid. Es iſt ein Frauenzimmer, das er gefangen hat. — Speranza! Gnade! Gnade! hört er da plötzlich die Stimme der Italienerin, die in die Knie geſunken iſt. — Leonora! Verrath!— Ich ahnete es! ruft Es⸗ Gabriele. IX. 8 — 114— perance, und ſein Herz beginnt ſo heftig zu klopfen, daß es die Bruſt zu ſprengen droht. Er ſchließt die Thür, ſtößt Leonora bis mitten in's Zimmer zurück und ſpricht mit vor Zorn und Erwartung bebender Stimme: — Was haben Sie hier zu ſuchen? Und warum liegt Pontis ſo da? Leeonora antwortet nicht, ſie regt ſich nicht. Mit einem kräftigen Fauſtſchlage ſtößt er ein Fenſter ein und den Laden auf. Der helle Sternenhimmel wirft noch ſo viel Licht in's Zimmer, daß Esperance Pontis' am Boden liegende Geſtalt erkennen kann. Er ſieht, daß das Wamms aufgeknöpft, das Hemd zerriſſen, die Bruſt entblößt iſt; gierig wühlen ſeine Hände nach der Kapſel umher, ſie iſt verſchwunden; er ſlößt einen Wuthſchrei aus und hebt ſeinen furchtbaren Arm über Leonora, die zu ſeinen Füßen kniet. — Elende! ruft er, Du haſt das Medaillon geſtoh⸗ len! Gieb es zurück, oder Du biſt ein Kind des Todes! — Speranza, ſtöhnte die Italienerin, ſich am Boden windend, Gnade, Erbarmen! Ich habe es nicht mehr— — Du lügſt! — Es iſt mir gewaltſam entriſſen worden— — Du lügſt! — Von Henriette! 4 Esperance bebt entſetzt zurück; er erinnert ſich jener verſchleierten Geſtalt, welche in dem Augenblicke, wo er anlangte, die Flucht ergriffen hat. Er hält Alles für möglich von Seiten dieſer beiden verbündeten Teufel. — Speranza, hören Sie mich! fuhr Leonora fort, ja, ich geſtehe es, ich wollte das Billet haben, aber für mich, nicht um Ihnen dadurch zu ſchaden. Die Ver⸗ rätherin hat mir nachgeſpürt, ſie hat mich hier überfallen und es mir mit Gewalt entriſſen. Eilen Sie, Spe⸗ ranza, eilen Sie ihr nach— oh! entreißen Sie es ihr wieder— noch können Sie ſie einholen! — Leonora! wenn Du gelogen haſt, ſo biſt Du verloren! — Bei meinem Seelenheile: es iſt die Wahrheit! Esperance ſchleudert die Italienerin zurück, die ſeine Knie umklammert; er faßt an ſeine Hüfte, ob er noch ſeinen Degen hat; er wirft den Mantel zurück, damit er ihn nicht behindere, und ſtürzt wie ein Raſender aus dem Hauſe. Leonora will ihm folgen, zitternd vor Furcht und Freude; ſie erreicht die Straße, ſie blickt um ſich; aber der junge Mann iſt ſchon fern; wie der Racheengel ſtürmt er dahin. Sie zieht die Hausthür hinter ſich zu, wirft ſich in ihre Sänfte und verſchwindet. Waͤhrend dem hatte ſich Mademoiſelle d'Entragues von dem kleinen Hauſe entfernt, ſo ſchnell die Pferde die ſchwerfällige Kutſche fortzubringen vermochten. Zu beiden Seiten reiten bewaffnete Männer neben her, von denen ſte ſich für einen äußerſten Nothfall hatte begleiten laſſen. Dieſe Leute, fünf an der Zahl, waren 8* — 116— auserleſene Soldaten des Grafen von Auvergne, tollkühne Schurken, zu jedem Handſtreich zu gebrauchen, zu Allem fähig, wie die Bürgerkriege der letzten Zeit deren ſo viele hervorgebracht, und der Frieden nun brotlos ge⸗ macht hatte. Marie Touchet, die von Allem unterrichtet war, weil ſte ſonſt doch Alles ausgeſpürt hätte, war es, welche dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen hatte, um allen Wechſelfällen des gefährlichen Unternehmens ihrer Tochter begegnen zu können, ohne ſich felbſt zu compromittiren. Mit Ungeduld harrte ſie auf das Reſultat der Expedition. Auch Henriette's ganzen Mnthes hatte es zur Aus⸗ führung dieſes Handſtreiches bedurft, der, wie ſie ſich wohl bewußt war, eben ſo verderblich für ſie ausfallen konnte, als das Gelingen wichtig war. Es ſollte der letzte ſein; war ſie einmal wieder im Beſitze jenes ver⸗ hängnißvollen Briefes, ſo war ihr Horizont von allen gefahrdrohenden Wetterwolken frei. Mit vor Freude zitternden Händen befühlte ſie im Wagen das erbeutete Medaillon, an welchem Leonora's Geſchicklichkeit endlich doch geſcheitert war. Wie dieſe, wollte auch ſie es ſogleich öffnen, aber nachdem auch ſie 1 ihre ſchönen Nägel vergebens daran zerriſſen hatte, mußte ſie einſtweilen jeden ferneren Verſuch aufgeben. Zudem war es finſter und das Rütteln des Wagens beläſtigte ſie ſehr. Wohl zwanzigmal ſchon hätte ſie das Medaillon in einen Brunnen, eine Abzugsſchleuſe, in den Fluß ge⸗ — 117— worfen, wenn der ſehr natürliche Wunſch ſie nicht davon abgehalten hätte, ſich vorher zu überzeugen, ob das Billet — das echte, wirkliche Billet, auch noch darin enthalten ſei. Argliſtige und bösherzige Perſonen ſind in der Regel auch die mißtrauiſchſten, denn ſie wiſſen ja aus eigener Erfahrung, daß Nichts ſo ſchlau berechnet iſt, was nicht an einer noch ſchlaueren Liſt ſcheitern könne. Henriette gab es alſo auf, das Medaillon früher als nach ihrer Heimkunft zu öffnen, ließ aber dafür ihre Ungeduld an dem Kutſcher und den Pferden aus. Aber Paris hatte zu jener Zeit noch keine breiten, gutgepfla⸗ ſterten Straßen, es war der tödtliche Feind der Kutſchen. Jedesmal, wenn mon Trab zu fahren ſuchte, ſetzte man das Fuhrwerk der Gefahr aus, in Trümmern zu brechen, ſich ſelbſt aber Arme und Beine. Man mußte ſich daher mit einem ſo ſchnellen Schritte begnügen, als die engen, winklichten Gaſſen und der unebene Weg geſtatteten. Dennoch erreichte die Kutſche ohne Hemmniſſe und ohne Unfall ihr Ziel; das Thor des Hötels ſtand weit offen, Henriette ſprang aus dem Wagen und leicht wie ein Vogel die Treppe hinauf. Schon iſt ſie mit Marie Touchet zuſammen; Beide betrachten das Medaillon von allen Seiten und ſind um die Wette bemüht, es mit einer Scheere, einem Meſſerchen zu öffnen; allein auch hier leiſtet die verborgene Feder Widerſtand, und ſchon fängt Henriette an mit ihrem Dolche aus aller Kraft auf den Deckel zu ſtoßen, zu bohren und zu klopfen, um ihn zu zerbrechen, als ſich plötzlich — 118— ein Lärm in der Hausflur vernehmen läßt, ein Gezänk von Stimmen, und Schritte, die mit beflügelter Eile die Treppe heraufſtürmen. Marie Touchet iſt aufgeſtanden und geht an die Thür, um ſich nach der Urſache dieſes Lärmens zu erkundigen; Henriette hat eben nur noch Zeit, das immer noch feſt verſchloſſene Medaillon in ihrem Buſen zu verbergen, als die Thür aufgeriſſen wird. Ein Mann, mit bleichem Angeſtcht, um das dunkle Locken wild und verwirrt herumhängen, ſtürzt herein, oder wirft ſich vielmehr mitten in's Zimmer, hinter ihm zwei Diener, geſticulirend und ihm Halt! nachſchreiend, denn man ſieht es ihnen ohne Mühe an, daß ihre Kraäfte unzureichend ſind, um einen ſolchen Herkules ſelbſt auf⸗ zuhalten. — Esperance! flüſtert Henriette, ſtarr vor Schrecken und ſchnell hinter einen Lehnſtuhl ſpringend, um ſich eine Schutzwehr damit zu bilden. — Zu Hülfe! ſchreit Marie Touchet, denn inſtinctiv begreift ſie die Gefahr, die ihrer Tochter droht. Esperance ſpringt blitzſchnell zwiſchen Henriette und die nach den nebengelegenen Zimmern führende Thür, und hebt mit leiſer, von Wuth unterdrückter Stimme an: — Sie erwarteten mich nicht!— aber ich bin es, lebend, geſund und kräftiger wie je, und wenn Sie wollen, daß dieſe Leute hören ſollen, was ich Ihnen zu ſagen habe, ſo bedarf es nur eines Verſuches mir zu entſchlüpfen, nur einer Bewegung, und ich ſchreie es ihnen laut zu. — 119— — Hinaus! herrſchte Marie Touchet die Diener an, die ſich ganz beſtürzt und verwirrt zurückzogen. — Ich finde Sie ſehr verwegen, fuhr ſie dann, zu Esperance gewendet, majeſtätiſch fort, daß Sie zu ſolcher Stunde und in ſolcher Weiſe hier einzudringen wagen! — Erſparen Sie ſich alle unnöthigen Redensarten, Madame, und verhalten Sie ſich möglichſt ruhig, erwie⸗ derte Esperance; ich bin es, der hier fragen wird. Ma⸗ demoiſelle, wo iſt das goldene Medaillon, das Sie ſo eben in meinem Hauſe geſtohlen haben? In der Beſtürzung und Uebereilung fuhr Henriette unbeſonnen nach der Bruſt, und verrieth ſo ſelbſt den Ort, wo ſte ihren Raub verborgen hielt, wenn es nicht ſchon die zerriſſenenen Spitzen und die Unordnung ihrer Toilette verrathen hätte; dann blickte ſie nach irgend einem Ausgang umher und wich noch weiter zurück, bis ſte in einen hinter ihr ſtehenden Stuhl ſank. Esperance trat noch näher an ſie heran. — Geben Sie mir es zurück, ſprach er, und machen Sie keine Bewegung, um von der Stelle zu weichen, oder— bei Gott, dem Allmächtigen! ich, der ich Sie nur zu lange geſchont habe, ich nagele Sie mit dieſer Klinge an den Stuhl feſt! — Zu Hülfe! zu Hülfe! rief Henriette vor Zorn und Furcht bebend beim Anblick dieſer funkelnden Augen, dieſer aufeinander gebiſſenen Zähne, dieſer todtbleichen Wangen— bei einem ſo tapferen und muthigen Manne wie Esperance, ein Zeichen der höchſten Wuth. — 120— Während dem hatte Marie Touchet leiſe und raſch an eine Tapetenthüre geklopft, und plötzlich ſieht man Herrn von Entragues verſtört, halb angekleidet hereinſtürzen, eine alte Streitaxt in der Hand. Bei Esperance's An⸗ blick ruft er aus: — Wer iſt dieſer Mann? Aber die drohende und feſte Haltung, der furchtbare Blick dieſes Mannes geben ſeinen Gedanken ſehr ſchnell eine andere Richtung; er fühlt ſich von Furcht ergriffen, donnert mit der Fauſt an die Thür, und beginnt mit den Frauen um die Wette Hülfe zu ſchreien. Auf das Geſchrei eilen die Diener, welche Marie Touchet erſt hinausgewieſen hatte, wieder herein. — Zu Sülfe! zu Hülfe! ſchreit Henriette, wie wahn⸗ finnig vor Furcht. Durch das Herzukommen der Diener etwas ermuthigt, will Herr von Entragues mit erhobener Streitarxt auf Esperance eindringen. — Keinen Schritt! ruft dieſer, und ſtreckt ihm die blitzende Klinge entgegen, oder Sie ſind ein Kind des Todes! Vater Entragues bleibt unbeweglich ſtehen. — Mein Herr— aus Erbarmen— beruhigen Sie 8 ſich, wendet ſich nun Marie Touchet bittweiſe an den jungen Mann. Haben Sie Erbarmen, und machen Sie uns keinen Scandal! — Geben Sie mir das Medaillon— geben Sie mir mein Eigenthum zurück, und ich verlaſſe Sie augen⸗ blicklich. — 121— — Man kommt— man kommt! — Das ſind unſere Soldaten, er ſoll ſterben, Mut⸗ ter! ruft Henriette, in höchſter Wuth mit dem Fuße ſtampfend. In der That ſah man am Ende des Corridors die Köpfe einiger bewaffneten Männer, die die Treppe her⸗ aufkommen und in's Vorzimmer dringen; zitternd vor Furcht, winkt ihnen Marie Touchet zu, ſich in der Ferne zu halten. Kaum aber hat Esperance die Degen blinken ſehen, als er wie ein ergrimmter Löwe aufſpringt; es war kein gewöhnlicher Sterblicher, mit irdiſchen Waffen gerüſteter mehr, es war das ſprechendſte Bild des zürnenden Kriegs⸗ gottes, das ſich die Phantaſie denken kann; ſeine Augen ſprüheten Funken, ſein Athem glich dem Brauſen des nahenden Sturmes. Mit einem gewaltigen Satze hat er Herrn von Entragues über den Haufen geworfen, ihm die Streitaxt mit einer Hand entwunden und durch die klirrenden Fenſterſcheiben geſchleudert, dann kehrt er wieder zu Henriette zurück. — Du willſt mir mein Eigenthum alſo nicht zurück⸗ geben? ruft er wuthſchäumend; nun denn, ſo muß ich es nehmen! Und die Klinge zwiſchen die Zähne nehmend, wirft er ſich auf ſeine Feindin, drückt ſie in den Stuhl nieder, erreißt die Spitzen und die Seide, die ihre Bruſt ver⸗ huüllen, ſchleudert ihre Hände zurück, die die ſeinigen mit den Nägeln zu zerfleiſchen verſuchen, entreißt ihr das — 122— Medaillon, und läßt dann das elende Weib wie eine entleerte Hülſe liegen, bleich, betäubt, mit ſtierem Blicke, entblößtem Buſen, keuchend, entehrt im Angeſicht ihres Vaters, ihrer Mutter, der Diener und Soldaten, die dieſes furchtbare Ringen regungslos gefeſſelt hielt. Alles dies war ſchneller vor ſich gegangen, als es in Worten zu erzählen iſt. Jetzt aber hat ſich Marie Touchet wieder von ihrem erſten Schrecken erholt, ihre Augen leuchten, ſie iſt wieder ganz die alte Freundin und Geliebte Karls IX., jenes Urhebers der Bartholomäusnacht, und ruft mit kreiſchen⸗ der Stimme: 3 — Vorwärts! Drauf! Tödtet ihn! Tödtet ihn! — Der alte Ruf der Entragues! entgegnete Espe⸗ rance; ich kenne ihn— aber heute iſt an mir die Reihe! Schon hat er den Degen wieder erfaßt, ſein ſtarker Arm läßt die furchtbare Klinge im Kreiſe umherſauſen, ſie trifft die beiden vorderſten Soldaten und hinterläßt zwei klaffende Fleiſchwunden, wie ſie eine Senſe nicht tiefer und glatter hätte beibringen können. Der ſchmerzhafte Aufſchrei der Verwundeten und das hervorquellende Blut machte die Anderen ſtutzig; Es⸗ perance benutzt ihr Zaudern, ſtürmt mit vorgebeugtem Kopfe gegen die Gruppen an, und ſprengt ſie ſo leicht auseinander, als ob es körperloſe Schatten, nicht kräf⸗ tige Männer geweſen wären. Einen Degen, der ih entgegen geſtreckt wird, ſchnellt er mit einer gewandten Parade weit in's Zimmer hin; ein Stoß mit ſeinem — 123— Degenknopfe trifft einen zweiten Gegner vor den Magen, daß er halb ohnmächtig zurücktaumelt; ein Dritter wird in demſelben Augenblicke quer über's Geſicht gezeichnet, und was noch von Soldaten übrig bleibt, flüchtet ſich er⸗ ſchrocken hinter die Thür oder die Zimmergeräthſchaften. Esperance hat es nur noch mit den unbewaffneten Lakaien zu thun, die er mit flachen Degenhieben ausein⸗ ander ſcheucht, wie einen Trupp Schafe, und mit drei Sätzen iſt er die Treppe hinab. Er hat den Hof, das Straßenthor erreicht. Wohl hört er noch Rufen, Hülfegeſchrei, Drohungen aus den Fenſtern, er ſieht Einige ihm nach aus dem Hauſe ſtürzen, er kann hinter ſich die Schritte ſeiner zaghaften Ver⸗ folger zählen; aber was kümmert ſich der ſiegreiche, mit ſeiner Beute davoneilende Löwe um das Wehklagen des wehrloſen Hirten, um das Gekläff der ihm furchtſam nachbellenden Hunde? Auf der Straße verſuchen es einige Vorübergehende, die durch das Geſchrei herbeigelockte Nachtrunde der Bür⸗ gerwache, ihm den Weg zu vertreten; aber auch ſie weichen vor dem Blitzen ſeiner furchtbaren Klinge ſcheu zurück und verſtatten ihm freien Durchgang. Nachdem der junge Mann mit Geſchick und raſcher Geiſtesgegenwart, vielfache Umwege und Windungen in dieſem Straßen⸗ labyrinthe im ſchnellen Laufe zurückgelegt hat, ſieht er ſich endlich allein und athmet mit Entzücken die erfri⸗ ſchende Kühle der ſtillen, klaren Mondnacht ein. 7. Die Trennung. Es war am andern Morgen, Esperance ruhte noch, er⸗ ſchöpft an Geiſt und Körper— denn trotz Allem war er doch auch nur ein Menſch— in der Einſamkeit ſeines Schlafzimmers, als der Intendant eintrat, um ihn zu fragen, ob er Herrn von Pontis empfangen wolle, der trotz ſeiner Verſicherung, daß er den ſtrengſten Befehl habe, keinen Menſchen, wer es auch ſein möge, vorzu⸗ laſſen, darauf beharre, Herrn Esperance ſogleich zu ſprechen. Einige Augenblicke beſann ſich Esperance mit finſter gerunzelter Stirn.. — Sei es, ſprach er dann; ich werde ihn im Saale erwarten. Der Intendant entfernte ſich eiligſt. Esperance ſtand auf, warf ein Hauskleid über, begab ſich in den Saal und ging hier mit großen Schritten auf und ab, das griechiſche Alphabet vor ſich herſagend, wie jener philoſophiſche römiſche Kaiſer, der es, wenn er in Zorn war, ſtets ſiebenmal wiederholte, ehe er zu ſprechen begann. Pontis ward eingelaſſen. Esperance hatte ſeine ganze Ruhe wiedererlangt. Er blickte den jungen Gardiſten frei an und war verwundert, ſtatt ihn verlegen oder beſtürzt vor ſich zu ſehen, ein heiteres Lächeln, eine Unbefangen⸗ heit, ja ſogar eine Art von herausforderndem Weſen an ihm zu bemerken. Das griechiſche Alphabet war bei die⸗ ſem Anblicke aus Esperance's Gedächtniß verſchwunden und er hätte es füglich auf's Neue als Beſänftigungs⸗ mittel anwenden können. — Mein Freund, hob Pontis in vertraulichem, leich⸗ ten Tone an, ich habe Dir eine Mittheilung zu machen, die Dich vielleicht im erſten Augenblicke ein wenig in Harniſch bringen wird, denn ich kenne ſchon Deine Em⸗ pfindlichkeit über gewiſſe Dinge; aber eine kurze Ver⸗ ſtändigung wird hinreichen, um Dich wieder zu beru⸗ higen, und am Ende wirſt Du eben ſo darüber lachen, wie ich. — Ich bin auf dieſe Mittheilung begierig, die mich zum Lachen bringen ſoll, ſprach Esperance ſehr ernſthaft. Pontis blickte etwas ſtutzig auf. — Was iſt Dir? fragte er. — Nichts. Ich warte auf die Mittheilung. Dieſe war ja eben die Schwierigkeit; im Augenblicke, da Pontis ſeine ſorgfältig vorbereitete Exorde beginnen ſollte, ward er erſt inne, daß dies nicht ſo leicht ſei, als er bis jetzt gedacht. — Nun, wie es ſcheint, ſoll ich noch lange warten, — 126— fuhr Esperance in einem Tone fort, der Pontis keineswegs ſehr ermuthigte. — So höre denn, ſprach er endlich, einen herzhaften Anlauf nehmend. Zuvörderſt muß ich damit beginnen, mich zu entſchuldigen. — Worüber? — Du hatteſt Recht, mein Freund. — Wann? — Geſtern. — Worin? — In Bezug auf das, was Du über die ſo gefähr⸗ liche Eiferſucht der Weiber ſagteſt. Ach! leider hatteſt Du Recht, wie ich jetzt in aller Demuth bekennen muß. Pontis ſtockte. Esperance regte und rührte ſich nicht. — Nun, ich warte noch immer, ſprach er dann, denn jedenfalls biſt Du nicht lediglich hierher gekommen, um mir heute zu ſagen, daß ich geſtern richtig geur⸗ theilt hatte. — Es iſt— es hat ſich etwas ereignet, was die Richtigkeit Deiner Behauptung auf das Eclatanteſte beweiſ't, ſagte Pontis verlegen. — Was hat ſich ereignet?— Ich erſuche Dich, wie ein Mann zu ſprechen, Pontis, und nicht wie ein kleines Kind, das fürchtet, geſcholten zu werden. Pontis richtete ſich empor. Mehr als dieſe Worte hatte ihn der Ton verletzt, in dem ſie geſprochen worden waren. — 127— — Lieber Freund, erzählte er plötzlich ziemlich ge⸗ läufig, wie Du weißt, hatte ich geſtern Abend ein Ren⸗ dezvous mit der Indianerin Ayoubani. Sie hatte die beiden Wächterinnen mitgebracht, die ihr der verdammte Mongole aus Eiferſucht aufgenöthigt hat; aber als ein verſtändiges Mädchen— und ich ſage Dir, die kleine Hexe hat Verſtand, mehr wie drei Männer zuſammen!— wußte ſte die beiden Weiber mit muſikaliſchen Inſtrumenten zu beſchäftigen, mit Tanzen— das heißt, ſie tanzte, und wie? zum Tollwerden! Genug, wir verbrachten einen berauſchenden Abend... — Berauſchend, das iſt das richtige Wort, unterbrach ihn Esperance mit demſelben ruhigen Ernſte. Pontis blickte ihn abermals ſtutzig und noch verlegener als das erſte Mal an. — Du, mit Deinem kalten Blute, kannſt Dir freilich dieſes Entzücken, dieſen Wolluſttaumel nicht vorſtellen — Kann ſein; aber aus alle dem ſehe ich noch nicht, inwiefern ich geſtern Abend Recht hatte. — Natürlich, wenn es dabei geblieben waͤre.— Aber, denke Dir, mitten in meinem Entzücken— ich weiß nicht, war es das Uebermaß des Glücks? war es Müdigkeit? — faſt möchte ich das Letztere glauben, denn ſie zwang mich, mit ihr zu tanzen, wie ich noch nie in meinem Leben getanzt.— Kurz, ich ſchlief ein. — So? war Alles, was Esperance ſagte, aber dieſes So klang ſo kurz und ſcharf, wie das Aufziehen einer Muskete. — 128— — Und während meines Schlummers, fuhr Pontis etwas zitternd und mit erzwungenem Lachen fort, fiel es der verwünſchten Indianerin wieder ein, das Medaillon ſehen zu wollen. — Die Kapſel! — Ja, Du weißt, unſere Kapſel mit. — Und ſie hat ſie geſehen? — Nur das Medalllon, nicht den Inhalt— Du weißt ja, daß es Niemand öffnen kann, der nicht das Geheimniß kennt.— Die Spitzbübin hat ſich das Ver⸗ gnügen gemacht, es mir zu verſtecken, um mich zu quälen. Das iſt ſo ein Eiferſuchtsſpäßchen. Aber ſei ganz unbe⸗ ſorgt! Weit ſoll ſie nicht damit kommen, wir werden ſie auskundſchafen, es ihr wieder abnehmen, und ich be⸗ halte es mir vor, ſie für ihre Neugierde ſo ſchonungslos zu züchtigen, wie es dies laſterhafte, ſtarrköpfige, ver⸗ ſchmitzte Geſchlecht verdient. Während dieſer ſchönen Rede hatte Esperance eine Roſe aus einer Vaſe genommen, und rupfte die Dornen ab, ohne nur durch das mindeſte Zittern ſeiner weißen, feinen Finger ſeine Aufregung zu verrathen. Pontis da⸗ gegen hatte mit den letzten Worten gewiſſermaßen ſeinen ganzen Vorrath von Muth und Zuverſicht erſchöpft und harrte nun voll Zagen, was kommen würde. — Demrnach alſo, ſagte Esperance kalt, das Medaillon iſt Dir geſtohlen? — Oh!— Geſtohlen? Escamotirt, das laſſe ich eher gelten. — 129— — Laſſen wir alle Sylbenſtecherei bei Seite; genug, Du haſt es nicht mehr? — Nein— aber ich werde es wieder erlangen, ſo⸗ bald ich will; denn... 4 — Du meinſt, Du wirſt Ayoubani wieder ſehen? — Das verſteht ſich! — Wo? — Je nun— wo wir uns bis jetzt geſehen haben. — Und wenn ſie nun zufällig gar nicht Ayoubani hieße? — Wer? Die Indianerin? — Wenn ſie eben ſo wenig eine Indianerin wäre, wie wir Beide? — Zum Beiſpiel! — Setzen wir den Fall, dieſes Weib wäͤre ein Werk⸗ zeug meiner Feinde, eine Helfershelferin jener... — Ei, ſo geh' doch! rief Pontis, immer unruhiger werdend. — Setzen wir den Fall, ſie habe nur eine Schlinge gelegt, eine plumpe, einfältige Schlinge, eine höchſt dumme Schlinge, überzeugt, daß ſie hinreichen würde, die Eitel⸗ keit, die Großſprecherei, die Verſtocktheit, dieſe drei Haupt⸗ dummheiten, darin zu fangen? — Esperance! — Ueberzeugt, ſage ich, daß es ihr leicht werden würde, mit Hülfe der groben Sinnlichkeit, der Faulheit und der Trunkſucht, dieſer drei Hauptlaſter, zu trium⸗ phiren! Gabriele. IX. 9 — 130— — Was willſt Du damit ſagen? — Daß Du ein Unglücklicher, ein von Gott Ver⸗ laſſener biſt! Daß Deine Indianerin eine falſche India⸗ nerin war, daß Du in die Schlinge gegangen biſt, trotz aller meiner Warnungen, meiner inſtändigen Bitten! Daß Du Verſprechungen, Eide, die Ehre vergeſſen haſt! Daß mein koſtbarſtes Kleinod, das ich dem treuen Freunde anvertraut zu haben wähnte, in den Händen eines eitlen, unſinnigen Gecken, eines Trunkenboldes war! — Oh.... — Daß Du Dir es haſt ſtehlen laſſen, nicht im Ent⸗ zücken des Liebesrauſches, wie Du eitel und einfältig ge⸗ nug biſt, Dich deſſen zu rühmen, denn Deine angebliche Indianerin hat Dir nicht einmal dieſe traurige Ehre er⸗ zeigt, ſondern im Stumpfſinn der Trunkenheit— dieſes ſchmuzigen Laſters, das die wenigen guten Eigenſchaften, deren Du Dich noch rühmen konnteſt, erſäuft hat... — Esperance, ſtammelte Pontis erbleichend, Du be⸗ leidigſt mich zu oft. — Schweige, Unſinniger! rief Esperance mit Don⸗ nerſtimme. Wiſſe denn, Deine Ayoubani nennt ſich Leo⸗ nora Galigai, ſie iſt eine Italienerin, die Freundin, die Vertraute Henriette's d'Entragues, ihre Spießgenoſſin; man wußte, mit wem man es zu thun hatte, man hetzte ſte auf Dich, eine Flaſche in der einen, ein Glas in der anderen Hand.. — Ich ſchwöre zu Gott... — Schwöre nicht, füge Deiner Schande nicht noch — 131— eine Gottesläſterung bei— ſchwöre nicht, ſage ich Dir! damit ich nicht gezwungen werde, Dich einen Lügner zu nennen, nachdem ich Dich einen Trunkenbold genannt habe.— Ich habe Deine Ayoubani geſehen, ich habe ſie mit dieſer meiner Hand feſtgehalten, mit ihrem Flitterſtaat, ihren Lumpen— auch Dich habe ich gehalten, unbe⸗ weglich wie ein Klotz, todt, nach Wein riechend... — Ich hatte nicht getrunken! — Du lügſt, ſage ich Dir! Die halbvollen Gläſer ſtanden noch auf dem Tiſche, eines lag geleert zu Deinen Füßen, das ganze Zimmer war mit Weindunſt erfüllt. — Das alſo war der ſchimpfliche Schlafrauſch, wäh⸗ rend welchem Dich die falſche Indianerin nach Herzens⸗ luſt plünderte, während welchem das Medaillon, das ich Deiner Wachſamkeit, Deiner Freundſchaft, Deiner Ehre anvertraut hatte, aus Leonora's Händen in die Henriette's d'Entragues überging!... — Henriette! ſtammelte Pontis wie vernichtet, ſie hat das Medaillon?— Oh!— oh! Der Unglückliche ſchlug ſich mit dem Ausdrucke der höchſten Verzweiflung vor die Stirn und brach in ſich zuſammen. Plötzlich raffte er ſich wieder gewaltſam empor. — Ich werde zu ſterben wiſſen, ruft er, auf die Thür zugehend, aber behalten ſoll ſie es nicht!. — Beruhigen Sie ſich, mein Herr, ſprach Esperance kalt lächelnd; dafür iſt bereits geſorgt. Gott wollte es nicht, daß ich ſo feig verrathen werden ſollte, daß die 9⸗ =— 132— koſtbarſten, heiligſten Intereſſen, welche an den Beſitz dieſes Briefes geknüpft ſind, durch einen Mann ohne Treue und Glauben, ohne Ehre und Muth verrathen werden ſollten. Es iſt mir bereits gelungen, mit dem Degen in der Fauſt wieder in den Beſitz meines. Eigen⸗ thums zu gelangen. Ich hätte dabei unterliegen können, mein Herr, und daß es nicht geſchehen, kann faſt ein Wunder genannt werden. Es ſtanden Hundert gegen Eins, daß Sie dieſen Morgen, nachdem Sie Ihren Rauſch aus⸗ geſchlafen, die Nachricht meines Todes und den Triumph meiner Feinde erfuhren. Gott ſei gelobt! Habe ich auch keinen Freund mehr, ſo habe ich doch noch einen Schutzengel! — Esperance! ſtöhnte Pontis tief erſchüttert und mit gefalteten Händen, ich ſchwöre es bei Allem, was heilig iſt, ich war nicht betrunken! 1 Lagen Sie nicht ohne Beſinnung am Boden? — Ich war betäubt, aber nicht betrunken, denn ich hatte Nichts getrunken! — Sie werden es vergeſſen haben. — Nicht ein Glas!— ich ſchwöre es bei meiner Ehre! — Genug der Worte, mein Herr! unterbrach ihn Esperance mit kalter und imponirender Würde. Sie ſind mir keine Rechtfertigung ſchuldig; um Ihnen dieſe zu erſparen, habe ich Ihnen eben den Erfolg meiner Unter⸗ nehmung mitgetheilt. Ich habe das wichtige Blatt den Händen der Mademoiſelle d'Entragues wieder entriſſen — 133— und ſomit die Folgen Ihres Verraths vernichtet.— Ja, Verrath, mein Herr! das iſt das richtige Wort, und wenn es auch ein unfreiwilliger war, ſo haben Sie ſich doch vorher durch das Fröhnen Ihrer niedrigen Leiden⸗ ſchaft, durch Ihre Sinnlichkeit wiſſentlich und Ihrem mir geleiſteten Verſprechen zuwider in die Lage verſetzt, nicht mehr über Ihren Willen gebieten zu können, und das eben iſt Ihr Verbrechen— die Sache bleibt dieſelbe. Leugnen Sie alſo nicht, rechtfertigen Sie ſich nicht, es würde vergeblich ſein. — Aber man kann doch eine ſolche Anklage nicht auf ſich ruhen laſſen, wenn man nur unglücklich, nicht aber ſchuldig iſt! — Nennen Sie es, wie Sie wollen, das ſteht bei Ihnen; der Name andert Nichts dabei. — Niemals werde ich es dulden, ſchrie Pontis ganz außer ſich, daß man mich beſchuldige, ſei es auch nur durch eine Verwirrung meiner Sinne, an der Freundſchaft gefrevelt zu haben! — Wer ſpricht mit Ihnen von Freundſchaft, Herr von Pontis? erwiederte Esperance, ſich ſtolz und uner⸗ bittlich ſtreng emporrichtend. Ich hoffe, daß Sie dies Wort nicht in Beziehung auf ſich und mich angewendet haben. Es iſt für mich ein eben ſo unverſtändliches ge⸗ worden, als die Sache ſelbſt fortan eine unmögliche iſt. Einmal ſchon hatte ich Ihnen vergeben, hatte Sie wie⸗ derholt gewarnt. Der Rückfall zerreißt jedes Band zwiſchen uns. Es hieße Gott verſuchen, der mich ſo wunderbar gerettet hat, wollte ich Ihren Verſprechungen noch einmal vertrauen. Der Mann, der Ihr Freund war, der Sie geliebt hat, Sie haben ihn dieſe Nacht getödtet. Ich werde Sie niemals haſſen; aber wir werden fortan keine Gemeinſchaft mehr mit einander haben. Ich achte Sie, ſo weit die achtbaren Eigenſchaften, die Sie beſitzen, es verdienen, aber das iſt Alles; von Freundſchaft und deren Verpflichtungen iſt ferner zwiſchen uns keine Rede mehr. Begrüßen wir uns, wie es ſich für ehrliche und höfliche Leute ziemt, mit der Hand am Hute, aber nicht mehr mit dem Herzen in der Hand.— Leben Sie wohl! Während dieſer furchtbaren Worte machte Pontis alle Stadien der Temperatur, vom Eispunkte bis zum Siede⸗ punkte, und vom Schweiße wieder zum Fieberfroſte durch; bald waren ſeine Wangen todtenbleich, bald wieder dunkel⸗ roth; bald ergriff ſeinen ganzen Körper ein krampfhaſtes Beben, bald wieder erſtarrte er zu einer bronzenen Bild⸗ ſäule. Er war ein Bild des Jammers, das Jeden zum Mitleid rühren mußte; nur der ſonſt ſo ſanftmüthige, mildherzige Esperance blieb kalt dabei. Zuweilen war es, als beſtrebe er ſich, ſeine Gedanken zu ſammeln; ſeine Lippen bewegten ſich, ſeine Hände geſti⸗ kulirten. Dann wieder ließ er plötzlich Kopf und Arme ſchlaff herabſinken, nicht ſowohl betroffen von Esperance's unwiderſtehlicher Logik, als von der Stimme ſeines eige⸗ nen Gewiſſens, niedergeſchmettert durch den Gedanken an die Gefahr, in der ſein Freund ſich durch ſeine Schuld befunden hatte. . † —,— — 135— Dann wieder verſuchte es der Zorn, dieſe Eingebung des Teufels, ſein Gift in dieſes von Reue und Gewiſſens⸗ biſſen gefolterte Herz zu gießen. Pontis wollte ſich em⸗ porraffen, ſich vertheidigen, gegen dieſe Beſchuldigungen Einſpruch erheben. Es lag in derſelben allerdings eine theilweiſe Ungerechtigkeit, gegen die ihn ſein böſer Dämon rieth, ſich mit aller Energie aufzulehnen. Nach und nach gewann ſein feuriges Temperament wieder die Oberhand über ſeine Zerknirrſchung und machte ſich endlich durch eine gewaltſame Exploſion Luft. — Mein Herr, rief er plötzlich mit bebenden Lippen, vor Zorn erſtickter Stimme und ſeine Fäuſte ballend, ich weiß es, daß ich Ihnen gegenüber ſchuldig bin, aber nur der Unvorſichtigkeit— meinethalben nennen Sie es auch Dummheit, Leichtgläubigkeit, Starrköpfigkeit, ich werde es geduldig hinnehmen; aber Sie haben geſagt, ich hätte Sie im trunkenen Zuſtande verrathen, und das iſt falſch. Ich bin kein Verräther, und war geſtern auch nicht be⸗ trunken, und Sie werden mir über dieſe beiden unge⸗ rechten Beſchuldigungen Genugthuung geben. Während dieſer Rede hatte ſich Pontis in ſoldatiſcher Weiſe wieder ſtraff aufgerichtet, ſeine Linke auf die Hüfte geſtämmt, dicht über dem Degengriff, die Rechte gegen Esperance ausgeſtreckt; genug, er war wieder der ganze Pontis geworden. Schlimmeres hätte dem Aermſten aber nicht begegnen können. — 136— Einige Secunden blickte ihn Esperance ruhig und mitleidig an. — Es fehlte nur noch, ſprach er dann, daß Sie mich wie den Stammgaſt irgend einer Taverne, einer Kehl⸗ abſchneiderherberge, herausforderten. Das iſt kein glück⸗ licher Einfall, Herr von Pontis; denn wenn Sie auch den Muth und die erforderliche Geſchicklichkeit zur Füh⸗ rung des Degens beſitzen, ſo wiſſen Sie wohl, daß ich Ihnen in beiderlei Hinſicht nicht nachſtehe; ich glaube, Ihnen Beweiſe davon gegeben zu haben. Nebſt dem habe ich aber auch noch das gute Recht auf meiner Seite, und ich erzeige Ihnen die Ehre, zu glauben, daß dies allein hinreichen würde, Sie in Nachtheil zu ſtellen, im Falle Ihre Augen während eines Kampfes es ver⸗ ſuchen ſollten, den meinigen feſt zu begegnen. Aber der Teufel, der Ihnen dieſen ſchlimmen Gedanken eingeblaſen hat, ſoll heute wenigſtens ſeine Mühe verloren haben. werde meinen Degen nicht mit Ihnen kreuzen; und werde Ihnen für keines meiner Worte eine andere Genug⸗ thuung geben, als die Wiederholung der Thatſachen, die Sie mir abgenöthigt haben. Was ich geſagt habe, bleibt geſagt, ich nehme keine Sylbe zurück. Um ſo ſchlimmer für Sie, wenn Sie ſich dadurch beleidigt fühlen. Das Klügſte, was Sie thun können, iſt, über meine Vorwürfe nachzudenken, ſie ſich zu Herzen zu nehmen, und die bit⸗ tere Erfahrung, die wir Beide ſo theuer bezahlt haben, Ihren künftigen Freunden zu Gute gehen zu laſſen. Denn, ich leugne es Ihnen nicht, Herr von Pontis, ich habe ———— * — 137— Sie ſehr geliebt, habe Sie geliebt, wie einen Bruder, den mir Gott in Ihnen geſchenkt hätte; ich habe es ver⸗ ſucht, ſo weit meine, leider der Ihrigen ungleiche Natur, es mir verſtattete, mich Ihnen angenehm und nützlich zu machen, und ich glaube nicht, daß ich Ihnen in der langen Zeit, die uns einander näher brachte, Veranlaſſung zu einem einzigen Vorwurf gegeben habe. Sollte dem nicht ſo ſein, ſollte ich mich irren, ſollten Sie mir wirklich ein Unrecht vorzuwerfen haben, ſo reden Sie, und ich werde Sie mit aufrichtigem Schmerz um Vergebung bitten; denn für mich iſt die Freundſchaft ein reiner Strahl der göttlichen Güte, deſſen Glanz leider ſchon genug durch die Unvollkommenheit des armen, gebrechlichen Menſchen ge⸗ trübt wird, und nicht um den Preis meines Lebens möchte ich dies jemals mit Wiſſen und Willen thun. Wenn ich Sie alſo bis zu dieſer Stunde beleidigt, oder Ihnen ge⸗ ſchadet haben ſollte, ſo ſprechen Sie! Je weicher, trauriger Esperance's Stimme im Ver⸗ laufe dieſer Worte ward, je mehr ſchwand Pontis' ge⸗ waltſam angenommene, ſoldatiſche Haltung; ſein Haupt ſank wieder auf die Bruſt herab, die ſich keuchend hob, ſein Auge ſchweifte irr und wild umher, ein ſchmerzliches Zucken zeigte ſich in ſeinen Zügen, er preßte beide Hände auf ſein Herz, als wollte er die Schlange, die es zernagte, heraus⸗ reißen; endlich aber ſtieg die Thränenfluth der Reue und Verzweiflung heiß zu ſeinen Augen empor, er ſchlug die zit⸗ ternden Hände vor's Geſicht, um den ausbrechenden Thränen⸗ ſtrom zu verbergen und ſtürzte ſchluchzend aus dem Gemache. — 138 Esperance blieb allein. Unter anderen Umſtänden würde ihn Pontis' Schmerz gerührt und zur Vergebung geſtimmt haben. Aber dem gegenüber, was er ſelbſt litt, achtete Esperance die Leiden Anderer nur gering. Und in der That, nicht ohne einen furchtbaren Kampf vermag der Menſch den ſüßeſten Träumen ſeiner Jugend zu entſagen. Er ſträubt ſich, in wenigen Stunden um Jahrzehende zu altern, er rafft alle ſeine Lebenskraft zu⸗ ſammen, um ſich gegen ein Unglück zu ſtämmen, das er nicht ſelbſt über ſich heraufbeſchworen hat. Wie ſollte er es da nicht bereuen, auf Koſten des ihm ſchon ſo ſpär⸗ lich zugemeſſenen Lebens zu großmüthig geweſen zu ſein? — Keine Freundſchaft, keine Liebe mehr! dachte Es⸗ perance; es ſollte ſo ſein. Die Eine hat mir nicht bei⸗ geſtanden, nur die Anderen zu bewahren. Seltſam! von zwei Seiten genoß ich eines hohen, ſeltſamen Glücks, und zwei auf einanderfolgende Schickſalsſchläge berauben mich Beider. Noch vor Kurzem ſo reich, und jetzt plötz⸗ lich ſo bettelarm an Lebensfreuden! Wohin ich auch meine Blicke wende, ich ſehe Nichts als Trümmer, Untergang! — Ach, Gabriele! theure, edle Freundin— es bleibt mir Nichts mehr, als der ſüße Schmerz, Dich zu bewei⸗ nen! Du biſt für mich verloren, in der vollen Blüthe Deiner Schönheit, ohne Flecken, ohne Vorwurf... Er hielt inne, dem ſchmerzlichſten Seelenkampfe zur Beute, der ſeinen Kopf und ſein Herz erfüllte. — Sei ein Mann, Esperance— wie jene eitlen ◻ Tröſter ſagen— das heißt, ſei tapfer!— Tapfer! iſt denn ein Tapferer auch wirklich ein Mann? Iſt es nur vernünftig, tapfer und muthig zu ſein? Heißt das nicht, keine Seele, kein Gedächtniß haben, alle zarteren, edleren Gefühle aus ſeinem Herzen reißen, ſich ſelbſt etwas vor⸗ lügen? — Ich habe Gabriele geliebt, ich habe Pontis ge⸗ liebt—— die Eine war der Inbegriff aller meiner Gedanken, ihr galt jeder Schlag meines Herzens; ſeitdem ich ſie kenne, iſt keine Minute verſtrichen, in der nicht die Erinnerung an ſie alle meine Pulſe erbeben machte, wie der Schlag eines Hammers an ein bronzenes Automat von Kopf zu Füßen in mir wiederhallte— der Hammer liegt zerſchmettert, das todte Automat klingt nicht mehr! — Und Pontis— dieſer fröhliche Genoſſe mit den ſchwarzen, blitzenden, aufrichtigen Augen, mit den weißen Zähnen und dem ewig laͤchenden Munde, der wackere Freund, der mich liebte, deſſen Scherze ſo oft den Dämon der Traurigkeit von mir ſcheuchten— auch er iſt für mich verloren, ich werde ihn nicht wiederſehen! Das iſt die Folge jener verhängnißvollen Liebe. Jetzt, wo mir we⸗ niger daran lag, mein Leben fernerhin zu verbergen, wäre Pontis mein Vertrauter geworden, jetzt hätte er erfahren können, welche doppelte Wichtigkeit es für mich hatte, Henriette durch jenen Brief im Zaume zu halten, jetzt würde er mir dieſen Brief aus Mißtrauen gegen ſich ſelbſt freiwillig zurückgegeben haben, ich würde noch Glauben an ihn haben können, und jene bitteren Worte, welche — 140— eine vieljährige Freundſchaft wie ein ätzendes Gift bis zur Wurzel vertilgt haben, wären ungeſprochen geblieben!— — Aber nein— es war einmal ſo beſtimmt dort oben: Alles hoffen— und im nächſten Augenblick Alles verlieren! das iſt mein Geſchick. Mein glückverheißender Name iſt mir zum Unheil geworden. Esperance!— ja wohl, immer hoffen, und nur hoffen, und niemals das Glück erreichen.— Ach! warum hat man mich nicht lieber Verzweiflung genannt.— O, meine Mutter, meine Mutter! Vergebung! Er ſank auf ſeine Kniee nieder und flehte zu der zärtlichen Mutter empor, die jetzt aus dem Schooße der ewigen Seligkeit einen ſchmerzlichen Blick herabwerfen mußte auf den geliebten Sohn, der vergebens gegen ſein bitteres Geſchick anzukämpfen ſuchte. 8. Entragues und Intriguen. Der König ging zwiſchen den vom Herbſte bereits ihres Schmuckes beraubten Blumenbeeten von Saint⸗ Germain auf und ab ſpazieren. Er hielt mehrere Papiere in der Hand, die er nach einander mit großer Aufmerkſamkeit zu leſen ſchien. Dieſe eifrige Beſchäftigung war aber nur eine ſchein⸗ bare, um einen etwaigen Lauſcher, der den König von den Fenſtern des Schloſſes beobachtet hätte, zu täuſchen. Heinrich ſtudierte nicht, er las nicht, er wußte nicht ein⸗ mal, was auf dem Papiere ſtand, das er vor ſich hielt; er plauderte mit la Varenne, der mit dem geziemenden Abſtande zu ſeiner Linken nebenherging und die Augen ehrfurchtsvoll niederſchlug, nichtsdeſtoweniger aber keine Silbe von dem verlor, was ihm Heinrich, ohne den Kopf nach ſeiner Seite zu wenden, zuraunte, und dieſem ebenſo antwortete, ſo daß Niemand die Unterhaltung dieſer beiden, von einander abgewendeten Köpfe hätte errathen können. — Und Du ſagſt, daß ſich dieſe arme Henriette etwas beſſer befinde? fragte der König, ein Blatt umwendend. — Ja, Sire; aber es war ein böſer Anfall, und ich fürchtete wahrhaftig, ſie würde demſelben erliegen. — Das wäre in der That Schade geweſen. Ich kenne keine reizendere Nymphe am ganzen Hofe. Und Du ſagſt, es ſei der Kummer, der an ihr zehre? — Ich ſollte wenigſtens meinen, daß ſie Urſache dazu haͤtte, Sire. Eine Perſon, die Sie mit ſolch wahn⸗ ſinniger Leidenſchaft liebt, und plötzlich erfährt, daß Sie nächſtens eine Andere heirathen wollen! — Was hatte man mir denn da für eine Geſchichte erzählt, von einer fürchterlichen Scene, die einmal des Nachts das ganze Stadtviertel in Allarm verſetzt haben ſoll? — Eine Scene? fragte la Varenne mit erheuchelter Naivetät, denn er wußte recht gut, daß der König jene berühmte Geſchichte von dem wiedereroberten Billet damit meinte, und als Beſchützer der Entragues mußte ihm natürlich daran gelegen ſein, jedem Argwohne des Königs vorzubeugen und ihn auf andere Gedanken zu lenken. — Ja, ja, fuhr Heinrich fort, Geſchrei, Drohungen, kurz ein fürchterlicher Scandal. Man will den alten Herrn von Entragues im Schlafrock, eine Streitaxt in der Hand, geſehen haben— was, nebenbei bemerkt, ein ziemlich poſſirlicher Anblick geweſen ſein muß— man hat ein Geſchrei über ein Billet, einen Liebesbrief er⸗ hoben— — Ach ja! rief la Varenne, jetzt weiß ich, was Ew. Majeſtät meinen. In der That, es handelte ſich allerdings um ein Billet— — — Das geraubt worden war— 2 — Ew. Majeſtät ſind gut unterrichtet, ſprach la Varenne mit einer Lakaienbewunderung; welch' eine Polizei! — Nun ja, ſie iſt ziemlich gut, la Varenne, ziemlich gut— Alſo, was war es mit dieſem Billet? — Ew. Majeſtät nöthigen mich, die volle Wahrheit zu ſagen. Mademoiſelle d'Entragues hatte Ihnen, wie gewöhnlich, einen Brief voll leidenſchaftlicher Liebes⸗ ergüſſe geſchrieben, Herr von Entragues hat ſie dabei überraſcht, ihn ihr weggenommen und geleſen. Er ſoll nahe daran geweſen ſein, ſeine Tochter umzubringen. — Mein Gott! 4 — Das Fräulein wäre vor Schaam und Kummer beinahe geſtorben. — Aber dieſer Entragues iſt ja ärger als ein Wilder! — Sire, was wollen Sie? ſprach la Varenne achſel⸗ zuckend, er vertheidigt ſeine Ehre. Die Väͤter und die Ehemänner haben an Ihnen einen gefährlichen Gegner — Sie, der Sie ſich nur zu zeigen brauchen, um die Herzen zu erobern! — Und wie endete die Sache? fragte der verſtändige, der geiſtreiche, der weiſe Heinrich, von dieſem plumpen Complimente einer feilen Bedientenſeele innerlich ge⸗ ſchmeichelt. — Wie geſagt, ein furchtbarer Auftritt, Thränen, Flüche, Drohungen mit Kloſter, mit Gefängniß— — 144— 4 — Aber Henriette iſt muthig, ſie wird ſich tapfer vertheidigt haben? — Sie vertheidigt ſich ſo gut ſie kann; wie aber ſoll man einen Vater aus dem Felde ſchlagen? — Doch, doch! ich kenne deren, die es erreicht haben. — Dieſe hatten an Ihnen eine allmächtige Stütze, Sire; aber wen hat die arme Henriette. An Muth fehlt es ihr nicht, und wenn Sie ihr nur die Hand reichen wollten, ſie würde einer Welt Widerſtand leiſten. Aber ſte fühlt, daß ſie verlaſſen iſt, und daher ihr Kummer, ihre Verzweiflung— — Sieh' Dich vor! rief plötzlich der König beim Einbiegen in eine Allee, Du kommſt mir zu nahe; halte Dich ein wenig weiter zurück und blicke anderswohin. Ich ſehe dort Vorhänge ſich an einem Fenſter bewegen, man beobachtet uns. La Varenne bückte ſich, um ſeine Schuhſchleifen in Ordnung zu bringen.. — Dies Mädchen macht mir viel zu ſchaffen! fuhr der König fort. — Die Eroberung iſt aber auch der Mühe werth, Sire. Laſſen Sie eine ſo ſchöne Dame nicht vor Liebes⸗ gram ſterben. Ew. Majeſtät haben bisjetzt nur einen ſchwachen Begriff von dieſer vollendeten Schönheit, von dieſen himmliſchen Reizen— einige Male, wo ich ſo glücklich war, im Hauskleide von ihr vorgelaſſen zu werden— ah! — Aber was kann ich denn thun? — — — 145— — Ihr nur ein wenig zu Hülfe kommen. — Der Vater iſt ein grober Bauer, und ich will Frieden; ich bin der Väter überdrüſſig. — Mein Gott, er verlangt ja Nichts ſehnlicher, als geblendet zu werden! Machen Sie ihn blind, Sire. — Was verlangt er denn? — Nur eine Kleinigkeit, ſo gut wie gar Nichts; er will nur den Schein retten— das Anſehen. — Ich ſollte doch meinen, ich hätte alles Mögliche gethan, um ihm Anſehen zu verleihen, ich ruinire mich faſt dabei. — Das iſt eben nur der äußere Schein, Sire; hier handelt es ſich aber um ein wenig Wirklichkeit. — Zum Beiſpiel? — Es iſt mir ſchmerzlich, ſagte die arme Dame noch geſtern zu mir, daß der König mich nicht einmal eines kleinen Opfers für würdig hält, denn wenn er es nur wollte, würde ich ſehr bald ſo viel Freiheit erlangen, um der Neigung meines Herzens folgen zu können. — Opfer will ich wohl bringen, wenn ſie nur in meinen Kräften ſtehen; aber dieſe Entragues ſind ja ſo begehrlich!. — Wie alle armen Leute, Sire. — Wenn es ſich nur um Gold handelte, das ließe ſich allenfalls noch auftreiben. Ich arbeite ſo viel ich kann für das Wohl meines Volkes, und meine, mir hier und da mit gutem Gewiſſen auch eine kleine Zerſtreuung erlauben zu können— durch Sparſamkeit auf einer Gabriele. IX. 10 — — 146— anderen Seite würde das Geld wieder zu erſetzen ſein, was ich— — Gehört denn nicht Alles in Frankreich Ew. Ma⸗ jeſtät? ſprach die Bedientenſeele. Sie machen ſich ein Bedenken daraus, Sire, über Ihr Eigenthum zu verfügen. — Das arme Mädchen! Es muß ihr fürchterlich ſein, ſo verhandelt zu werden, la Varenne? — Allerdings leidet ſie wie eine Märtyrin. Sie ſagte: Möge der König nur den guten Willen zeigen, mich wie eine Dame zu behandeln; er möge mich nur ſo hoch achten, um mir zu verſprechen— — Was denn, mein Himmel, was denn? — Eine Art von Bürgſchaft für die Beſtändigkeit ſeiner Liebe. — Das iſt leicht— — Zu verſprechen, Sire? Allerdings. — Nun denn, wenn ſte eine Art von Verſprechen begehrt—. La Varenne ſchwieg. — Ich ſetze voraus, daß es kein Eheverſprechen ſein ſoll; das würde denn doch nicht angehen, da ich im Be⸗ griff ſtehe, mich mit der Herzogin von Beaufort zu ver⸗ mählen. La Varenne kicherte leiſe vor ſich hin. — Warum lachſt Du? — Weil Ew. Majeſtät aus übertriebener Delicateſſe immer das Gegentheil von dem thun, was Sie thun müßten, um ſchnell zum Ziele zu gelangen. — 147— — Ich verſtehe Dich nicht. — Erlauben Ew. Majeſtät mir, meine Anſicht aus⸗ zuſprechen? — Sprich. — Dieſe Entragues ſind ſehr eitel, und— wie ſich allerdings nicht leugnen läßt, ziemlich habſüchtig. — Sehr ſogar. — Sie quülen alſo ihre arme Tochter, weil ſie ihrem Stolze und ihrer Habſucht nicht genug Befriedi⸗ gung gewähren will. — Nun, ich hoffe, die Habſucht wird ſich wohl noch befriedigen laſſen, ohne ſich deshalb zu Grunde zu richten. — Und ich hoffe, auch der Stolz. Zum Beiſpiel: die Frau Herzogin von Beaufort hofft mit Beſtimmtheit, daß der König ſie heirathen werde, nicht wahr? — Ganz gewiß, und mit vollem Rechte. — Mit vollem Rechte. Sehr wohl. Und dennoch ſind Ew. Majeſtät bereits vermählt. Die Frau Herzogin muß demnach ſo lange Vertrauen in Ew. Majeſtät Ver⸗ ſprechen ſetzen, bis jene erſte Ehe gelöſt ſein wird. War⸗ um alſo ſollten dieſe Entragues, wenn Ew. Majeſtät verſprächen, ihre Tochter unter gewiſſen Umſtänden und Bedingungen zu heirathen, nicht eben ſo gut daran glauben, wie die Frau Herzogin? — Zunächſt werde ich es nicht verſprechen. Hältſt Du einen König von Frankreich für einen eben ſolchen Lump, wie Du biſt? Verſprechen bleibt Verſprechen, mein Herr Fouquet, und König bleibt König! 10* — 148— La Varenne beugte ſich demuthsvoll. Er wußte ja, was die Glocke geſchlagen hatte, wenn der König ihn Fouquet nannte. Beide gingen eine Zeitlang ſchweigend neben ein⸗ ander her. — Nun, Du ſagſt Nichts? hob endlich der König wieder an. 5 — Ich weiß nicht, ob ich wagen darf— — So ſprich meinethalben von der Leber weg, Schlingel! — Ich wage in Unterthänigkeit zu behaupten, daß es einen Unterſchied zwiſchen Verſprechen und Verſprechen giebt. — Ja, ja, und wenn ich wüßte, daß ſie ſich nur einigermaßen billig finden ließen, würde ſich wohl ein Abkommen finden laſſen. — Aber, Sire, ich wiederhole nochmals, daß es ſich hier ja gar nicht um dieſe Entragues handelt, um die Eltern und den Bruder; das ſind Leute, die man mit leichter Mühe täuſchen und aus dem Felde ſchlagen kann — Täuſchen Sie ſie, ſchlagen Sie ſie, Sire! Sie können mit Beſtimmtheit auf Nachſicht rechnen; aber die arme Demoiſelle! Stehen Sie ihr bei, Sire, oder geben Sie ſte ganz auf, laſſen Sie ſie vor Schmerz ſterben; ſie wird weniger dabei leiden, als wenn ſie dieſen ewigen Ver⸗ folgungen und Quälereien ihrer Familie ausgeſetzt bleibt. — Gott wolle verhüten, daß ein ſo reizendes Weſen meiner Grauſamkeit wegen zu Grunde gehe! — 149— — Demnach alſo: nur einen Schimmer von Beiſtand, von Unterſtützung, Sire!— Geben Sie ihr nur den Schein eines Rechts ihren Anverwandten gegenüber. Ein Verſprechen, welcher Art es auch ſei, das Sie ihr leiſten, iſt ihr Heil, ihre Freiheit, das verleiht ihr das Recht ſich in die Arme ihres Königs zu werfen. Wenn es ſich dann ſpäter darum handeln wird, die Rechnung mit ihren Eltern zu entwirren, wird ſie Ew. Majeſtät ſelbſt beiſtehen, dieſen in's Geſicht zu lachen und ſich bankerott zu erklären. Um ſo mehr, als die Schuld gar nicht mehr zahlbar ſein wird, da Ew. Majeſtät ja ſchon anderwärts vermähit ſein werden. — Das iſt nicht ſo ganz dumm ausgedacht, ſagte der König träumend. — Und außerordentlich barmherzig, Sire, die übrigen Vortheile gar nicht einmal in Anſchlag zu bringen. — Fouquet, wenn Du zu viel davon ſchwatzeſt, ſo wirſt Du mir eben das Verdienſt rauben, barmherzig geweſen zu ſein, ſprach der König in jenem halb mürri⸗ ſchen, halb ſcherzenden Ton, den er gewöhnlich bei Dingen anzunehmen pflegte, die ihm nicht recht erſchienen, und gleichwohl ſehr am Herzen lagen. — Ich darf alſo ein wenig Balſam in die Wunden dieſer armen verliebten Seele träufeln.— Ach, Sire! ich wünſchte, Sie ſelbſt könnten Zeuge ihres Entzückens ſein! — Nun, gehe nicht zu weit, binde mich nicht zu ſehr. — Im Gegentheil, Sire, ſte ſoll ſich binden, ſoll — 150— ſich gebunden und gefeſſelt in Ew. Majeſtät Arme werfen, und zwar ſo bald wie möglich— — Weiche von mir, Verſucher! Mache, daß Du fortkommſt, denn dort ſehe ich Rosny in den Garten treten. Wer iſt denn das neben ihm? Mein Geſicht nimmt doch in der That merklich ab. — Es iſt Herr Zamet, Sire; und dort hinten auf der Esplanade ſehe ich auch Herrn von Crillon ſich nähern — er ſpricht mit einem jungen Gardiſten. — Das iſt eine zu ernſte Geſellſchaft für Dich. Wahre Deine Ohren— fort! flüſterte Heinrich ſeinem Liebesboten zu, mit verdoppelter Aufmerkſamkeit in den Papieren blätternd. La Varenne ſchlüpfte wie ein Wieſel durch die Hecken und Büſche, und war in der nächſten Minute ſpurlos verſchwunden. Der König ging, ſcheinbar in die Cor⸗ reſpondenzen vertieft, weiter, und ließ Rosny erſt ganz nahe herankommen, bevor er ihn bemerkte. Der Miniſter hatte in der Regel ein ſtrenges, ſorgen⸗ volles Anſehen; er gehörte zu Denen, welche die Grazien verſcheuchen, wie Plato ſagt; heute aber war ſein Geſicht ſo finſter, daß es dem König ſogleich auffiel. — Hoho! Wir kommen wohl gar als Trauerbote, Freund? rief Heinrich heiter. Was giebt es denn Neues? Hat ſich etwa das Geld in meinen Kiſten in welke Blätter verwandelt, wie in jenem arabiſchen Märchen? — Nein, Sire; Ew. Majeſtät Münzen ſind von gutem Gepräge und nehmen, Gott ſei Dank! in erfreu⸗ licher Weiſe zu. Ich habe es gewagt zu ſtören, Sire, um mir eine beſtimmte Antwort zu holen. — Worauf, Rosny? — Je nun, in Bezug auf jenes große Ereigniß— ſprach der Miniſter mit einem ſchweren Seufzer. — Aha! meine Vermählung!— Immer kommſt Du wieder darauf zurück. Wie es ſcheint, wird es Dir außerordentlich ſchwer, Dich mit dem Gedanken vertraut zu machen? — Niemals, Sire, werde ich das können, verſetzte der Hugenott finſter. — Und doch wird Dir nichts Anderes übrig bleiben, mein Freund, es ſei denn, Du hätteſt Verzicht darauf geleiſtet, mich jemals wieder glücklich und zufrieden zu ſehen. Rosny verblieb einige Zeit ſtumm. — Ich träumte, hob er endlich an, eine andere Verbindung für Ew. Majeſtät, eine reiche, glänzende, große. — Pah!— Zufriedenheit iſt der größte Reichthum eines Menſchen. — Eines gewöhnlichen Menſchen, ja; aber ein König— — Mein Freund, ich habe Dir ſchon wiederholt und zur Genüge meine Gründe zu Gunſten dieſer Vermäh⸗ lung auseinandergeſetzt, und wiederhole Dir jetzt zum letzten Male, daß ſie durchaus nothwendig geworden iſt; alle Welt ſpricht bereits davon. — 152— — Wenn das die einzige Nothwendigkeit iſt— — Genug, Rosny; Du wirſt mich noch mißmuthig machen. Du kannſt Nichts gegen dieſe Vermählung ein⸗ zuwenden haben, ohne die Herzogin von Beaufort zu beleidigen. — Ew. Majeſtät mißverſtehen mich, ſprach Sully lebhaft; nicht die Braut iſt es, gegen die ich etwas ein⸗ zuwenden habe— Gott bewahre mich davor!— ſondern die Vermählung an ſich. — Füge Dich in das Eine, wie in das Andere, ich bitte Dich. Mein Entſchluß ſteht feſt. Ich weiß recht wohl, was Du dagegen einzuwenden haſt, was alle Welt dagegen ſagen wird, aber das kümmert mich nicht. Ich weiß auch, daß es genug heirathsfähige Prinzeſſinnen in Europa giebt, für deren eine ich mich aus politiſchen Rückſichten hätte beſtimmen können. Das iſt aber nun zu ſpät. Ich werde glücklich ſein ohne Prinzeſſin, ja wahrſcheinlich nur um ſo glücklicher. — So beſchwöre ich Ew. Majeſtät, ſich lieber gar nicht zu vermählen, ſich nicht Ihrer Freiheit zu berauben! — Ei ſo geh' doch! Durch meine Vermählung mache ich mich ja eben frei. Ich muß Kinder haben, und die Herzogin ſchenkt mir Kinder, ſo ſchön und lie⸗ benswürdig, wie ſie ſelbſt iſt. Wenn ich mich nicht vermählte, würde ich nur Baſtarde haben, unfähig, meine Thronfolger zu ſein; wenn ich mich nicht vermählte, würden ſich alle Weiber um meine Perſon ſtreiten— Lächle nicht darüber, Sully; man liebt mich wirklich, — 153— und wenn Du es nicht glauben willſt, ſo glaube wenig⸗ ſtens, daß man nach einem Antheile an meiner Krone ſtrebt. Rings um mich her, wohin ich auch blicke, Reibungen, Intriguen, Verlangen, ehrgeizige Beſtrebun⸗ gen, die meine Macht ſchwächen und untergraben. Zehn Männer gegen mich verbündet, zehn Mayenne's, und jeder mit einer Armee hinter ſich drein, werden dem Königreiche nicht ſo viel Schaden zufügen, wie zwei Weiber, die ſich um mich ſtreiten, um mich, den Grau⸗ bart, über den Du lächelſt. Ich kenne die Gewalt der Weiber über mich leider nur zu gut, und darum fürchte ich ſie. Ich will nicht, daß ihr Ehrgeiz und ihre Hab⸗ ſucht die Ruhe meines Volkes ſtören Bin ich einmal verheirathet, ſo hat es mit allen dieſen Dingen ein Ende. Ich kenne mich, ich bin zerſtreuungsſüchtig, launiſch, flatterhaft. Im Genuſſe des höchſten Glückes noch ſuche ich nach anderen Genüſſen; ja heute, wo Gabriele mich glücklicher macht, als ich es je im Leben geweſen bin, betrüge ich ſie um Anderer willen, die nicht werth ſind, ihr die Schuhriemen aufzulöſen; ich weiß es, ich möchte mich ſelbſt dafür züchtigen, und thue es doch. Das iſt nun einmal mein Fehler. Iſt ſie erſt Königin, ſo iſt ſie wenigſtens vor meinen leichtſinnigen Streichen geſchützt. Sie wird mir ein ſtarker Schild ſein, an dem alle die Pfeile abprallen, die eine ganze Escadron Amazonen gegen mein armes ſchwaches Herz abſchießen. Sie haben mich oft meine Politik als Fürſt entwickeln hören, Rosny; heute ſetze ich Ihnen meine Situation als Mann, als — 154— Menſch auseinander; begreifen Sie ſie, achten Sie ſie, und gewähren Sie mir das Vergnügen, ſie nicht noch mehr zu verwickeln, denn Ihr Geiſt faßt Alles nur von der ernſten Seite, Ihre Meinungen ſind für mich von Gewicht, und Ihre Oppoſition peinigt mich— ja, ſie betrübt mich. — Sire, antwortete Sully, durch dieſe Offenherzig⸗ keit ſeines königlichen Freundes eben ſo gerührt, wie aus der Faſſung gebracht, wenn nur der Mann jetzt zu mir ſpräche, ſo glaube ich, ich würde mir erlauben zu ant⸗ worten und getraue mir allenfalls eben ſo gu Argu⸗ mente aufzuſtellen, wie die Ihrigen. Es will mich aber bedünken, daß es hauptſächlich der König war, der jetzt geſprochen hat, und enthalte mich daher, trotz meiner heißeſten Wünſche, fernerhin über Ew. Majeſtät Wohl und das des Staates zu wachen. Der König blickte finſter vor ſich nieder. — Ach! rief Sully ſeufzend, wie ſteil und dornen⸗ voll iſt doch der Weg der Wahrheit! und wie ſchwer wird es einem treuen Diener gemacht, der ſeinen Herrn auf demſelben fortführen möchte! Meine Meinungen, ſagen Ew. Majeſtät, ſind von einigem Gewichte für Sie?— Und doch haben Sie mich bei einer ſo hochwichtigen Veranlaſſung wie dieſe gar nicht einmal darum befragt. — Weill ich Sie bereits zu gut kannte, Rosny. — Demnach alſo verurtheilen Sie die Ihrigen, Sire, verſetzte der Miniſter muthvoll. — 155— — Mag ſein, aber ich bin nun einmal entſchloſſen; ich liebe die Herzogin, und niemals werde ich ein Weib finden, ſelbſt nicht auf dem erſten Throne Europa's, das meiner Liebe würdiger iſt, wie Gabriele, durch ihre himm⸗ liſche Sanftmuth, ihre Schönheit, ihre Beſcheidenheit, ihre neigennützigkeit und durch die wichtigen Dienſte, die ſie mir, die ſie Frankreich geleiſtet hat. Wollte ich auf das hören, was man mir gegen ſie ſagen könnte, es würde ein Verbrechen an ihrer Treue ſein, denn dieſe iſt 4 unantaſtbar. Und doch würde die arge Welt noch Mittel am Wege genug finden, ſie anzuklagen, wenn ich ſie gewähren ließe. — Zuverläſſig, Sire. — Und was würde man nicht Alles von einer Prinzeſſin ſagen können! Noch einmal, brechen wir da⸗ von ab. Glaube mir, Rosny, Dein Eifer und Deine Treue wird ſich mir viel gefälliger durch Schweigen machen, als durch weitere Fortſetzung dieſer Discuſſion. — Ich will es wohl, Sire, aber es giebt andere Schwierigkeiten, die nicht ſo leicht zu überwinden ſein werden, wie mein gutgemeinter Widerſpruch. — Welche? fragte Heinrich ſtutzend. — Haben Ew. Majeſtät ganz vergeſſen, daß es noch irgendwo in der Welt eine Königin Margarethe giebt? — Meine Frau? Ventre⸗ſaint-⸗gris! Die vergeſſe ich nicht; ich habe nur zu viel Urſache, mich ihrer zu er⸗ „ innern! — 156— — Ihre Einwilligung in die Scheidung iſt das erſte und unerläßlichſte Erforderniß, Sire. — Nun?* — Königin Margaretha weigert ſich, um einer Ver⸗ mählung willen in die Scheidung zu ſtimmen, welche— — Welche—? 1 — Welche weder zum Vortheile des Aünigs noch des Königreichs iſt. — Was ſoll das heißen? fragte Heinrich etwas ver⸗ wirrt; und ſeit wann kümmert ſich Frau Margaretha ſo 3₰ angelegentlich um mein und Frankreichs Wohl? Sie„ ſoll ſich nicht in Staatsgeſchäfte miſchen, hören Sie wohl? Ich werde das nicht dulden. Sagen Sie es ihr. Aber das ſind nur Intriguen gegen die arme Herzogin, Schwie⸗ rigkeiten, die man ihr in den Weg werfen will— jämmerliche Intriguen! — Ew. Majeſtät würden Unrecht thun, ſie ſo ſehr zu verachten, ſprach Sully kalt und ruhig, denn Sie ſind allmächtig. Gegen die Gewalt der Unthätigkeit kann die ganze Welt Nichts ausrichten. Die Königin Margaretha thut eben Nichts, als ihre Zuſtimmung verſagen, und ohne dieſe können Ew. Majeſtät ſich nicht wieder ver⸗ mählen; der heilige Vater beſteht einmal unabänderlich darauf. — Welch' ein boshaftes Weib! murmelte der König. Was hat ihr nur Gabriele zu Leide gethan, dieſer— — 157— — Die Königin, unterbrach ihn Sully ſchnell, be⸗ harrt darauf, nur einer ihr ebenbürtigen Gemahlin das Feld räumen zu wollen, nur einer Fürſtin von ihrem Range. — Ventre⸗ſaint⸗gris! rief Heinrich, was bin ich doch für ein gutmüthiger Narr, auf dergleichen Dummheiten zu hören!— Ihren Rang! Zwanzigmal hätte ich ſie ihres Ranges entkleiden ſollen; an Gelegenheit dazu hat es mir nicht gefehlt. Aber ſeid nur gutherzig, und der Wolf frißt euch mit Haut und Haar Ich bin viel zu zartfühlend und nachſichtig gegen dieſe Tochter Frank⸗ reichs, dieſe Valois geweſen; ich habe ſie nicht zur wohl⸗ verdienten Strafe für ihre Laſter und Ausſchweifungen in's Kloſter ſperren laſſen, wie ich hätte thun ſollen; ich habe dieſes alte und immer noch gährende Blut der Valois nicht zur Abkühlung auf ewige Zeiten in ein heimliches Verließ begraben laſſen, und ſo werde ich jetzt dafür be⸗ lohnt. Aber, Mordieu! was noch nicht geſchehen iſt, kann ich immer noch thun, und werde es thun! — Das könnte vielleicht gefährlich ſein, Sire. — Sie dauern mich, mit Ihrer Gefahr! Ich werde Ihren angeblichen Gefahren durch einen tüchtigen Proceß ein Ende machen, wie es ſich gehört, oder mit Fußtritten, wenn das nicht hilft. Und da man denn Scandal will, ſei es, man ſoll ihn haben! Die alte Margaretha will es mit der jungen, blühenden Gabriele aufnehnen, der abgeſtorbene Herbſt mit dem friſchen Frühlinge! Cap du — 158— Dieu! Dieſe Tochter Frankreichs ſoll mir in der Bußzelle irgend einer alten einſamen Abtei verfaulen, ſo wahr ich ein Bearner bin! — Das können Ew. Majeſtät nach Belieben thun, brummte der ſtörriſche Hugenott, aber darum doch nicht⸗ frei werden. — Mort de ma vie!l rief Heinrich wüthend, ſo werde ich Wittwer werden! Gehen Sie, Sie und Ihre Tochter Frankreichs! Gehen Sie zu allen Teufeln!— Und da Sie einmal mit meinen Feinden gemeinſame Sache gegen mich machen wollen, ſo ſeien Sie verſichert, daß ich mich auf Tod und Leben gegen Sie vertheidigen werde!— Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie!— Heda! Crillon, komm her zu mir, damit mein Herz ſich wieder erlabe, das dieſe Leute mir aus dem Leibe reißen wollen! Mehr mürriſch als niedergeſchlagen ließ Sully den Kopf hängen und ging, nach einer ceremoniellen Verbeu⸗ gung, wieder nach dem Schloſſe zurück. Zamet hatte ihn erwartet und fragte ihn ängſtlich nach dem Erfolge eines Schrittes, von dem er ſich ohne Zweifel viel verſprochen hatte. — Keine Hoffnung mehr für Ihre toscaniſche Prin⸗ zeſſin, brummte ihn der Miniſter an; die Herzogin von Beaufort wird Königin. Ja, ja, ſchneidet nur Geſichter, ſo viel Ihr wollt; wenn Ihr weiter Nichts könnt, um dies Unglück zu verhüten, ſo ſieht es ſchlimm aus.— Kopf weg, es fallen Ziegeln vom Dache! . 4 ——— 4 Und mit dieſen Worten ließ er Zamet ſtehen und lief davon. Ein hölliſches Feuer leuchtete aus des Florentiners Augen, als er Sully nachſah und zwiſchen den Zähnen murmelte: 3 — Wir wollen ſehen!—— Heinrich hatte ſich an Crillon's Arm gehangen, wie ein Schiffbrüchiger, und ſtöhnte: — Ach mein Tapferer! Wie bin ich doch geplagt! — Wer iſt es nicht, Sire? — Haſt Du etwa auch Deine Noth? — Parbleu! — Weißt Du, daß all dieſes ſchlechte Volk ſich gegen mich verſchworen hat? — Warum nicht gar! rief der ehrliche Haudegen. Weshalb denn? — Weil ich meine Geliebte heirathen will. — Je nun, der klügſte Streich iſt das eben nicht, den Sie da machen. — Wie war das? — Ich ſage, daß Sie etwas Klügeres thun könnten, Sire, wiederholte Crillon; indeß, da Sie ſchon längſt aus den Kinderſchuhen heraus find, und da es Ihnen einmal Vergnügen macht— Harnibieu! ſo heirathen Sie ſie darauf los! — 160— — Das laſſe ich mir gefallen, rief Heinrich, den Ritter umarmend; Du ſprichſt doch noch wie mein Freund! — Ob Sie Die nehmen, oder eine Andere, fuhr Crillon bärbeißig fort, das bleibt ſich ganz gleich; ein Unglück bleibt es jedenfalls. Hole der Henker alle Weiber! — Du biſt ja fürchterlich grimmig; was iſt Dir denn? — Was mir iſt, Sire?— Grimmig bin ich, wie Sie eben ſagen!— Sehen Sie dort den jungen Gardiſten? — Wo denn? fragte der König, ſich die Augen mit der Hand ſchirmend. Ach ja, jetzt ſehe ich ihn. — Ein tüchtiger Soldat, der Schlingel, wie es keinen beſſeren im ganzen Corps giebt, ein wahrer Teufelskerl! — Nun, und? — Nun, und— er unterſteht ſich, mir ſeine Di⸗ miſſion zu geben. Iſt das nicht, um aus der Haut zu fahren? — Was läßt ſich da thun? — Nicht leiden will ich es, Harnibieu! Ihren beſten Soldaten! — Wie heißt er? — Pontis. — Ach ja, jetzt erinnere ich mich; mein tapferer kleiner Landsmann. Und warum will er meine Dienſte verlaſſen? — Aus reiner Dummheit! Er hat ſich mit ſeinem beſten Freunde überworfen— weshalb?— wegen eines Frauenzimmers!— und nun mag er von der ganzen Welt Nichts mehr ſehen und hören, und grämt ſich ab, daß er zuſammenfällt, wie ein eingeſchrumpfter Handſchuh. Sehen Sie ihn nur an, wie er herabgekommen iſt, als ob ihn das Fieber ein Jahr lang geſchüttelt hätte— Und das Alles wegen eines Frauenzimmers! Harnibieu! Warum auch der liebe Herrgott dies Geſchmeiß geſchaffen hat!— Aber wir wollen doch ſehen, ob ſolch einer Hexe wegen—— Thun Sie mir einmal den Gefallen, Sire, und rufen Sie den Burſchen her. — Recht gern, ſprach Heinrich lachend. — Und befehlen Sie ihm, daß er im Dienſte bleibe. — Wenn Dir gar ſo viel daran gelegen iſt— — Natürlich; der Bengel iſt ja ſo tapfer und mu⸗ thig wie Einer! — So bringe mir ihn her. Mit zwei Worten wird das abgethan ſein. Crillon eilte auf den widerſpenſtigen Gardiſten zu und ſchleppte ihn vor den König. Pontis ſah ſich in der That kaum mehr ähnlich. Der Kummer hatte das Feuer ſeiner Augen verlöſcht, ſeine Wangen waren bleich, eingefallen; er ſchlotterte in ſeinem Wamms wie ein Gerippe. Gabriele. IX. 11 — 162— Drei Schritte vom König blieb er in foldatiſcher Haltung ſtehen. Heinrich betrachtete ihn einige Augenblicke wohl⸗ wollend. — Ich höre, mein Junge, daß Du nicht in meinem Dienſte bleiben willſt, ſprach er dann mit gutmüthiger Strenge; aber daraus wird Nichts. Du bleibſt, und für Dein Fortkommen werde ich Sorge tragen. Pontis wollte antworten. — Du bleibſt, ſage ich, und damit abgemacht. Ich befehle es, rief der König, ihn auf die Achſel ſchlagend, und zugleich eine Hand voll Piſtolen in die Hand drückend. Zu jener Zeit ſchätzte es ſich noch jeder Edelmann für eine Ehre, vom Könige Geld zu erhalten. Die Zeiten haben ſich geändert. Pontis ſchwieg; er war ſo betreten, daß er nicht einmal daran dachte, die Hand zu ſchließen, in der er die Goldſtücke hielt, wenn ſie ihm der König nicht ſelbſt zugedrückt hätte. — Er iſt krank, der arme Teufel! ſagte er, Pontis mitleidig anblickend. Geh', mein Junge, geh', und pflege Dich, damit Du mir wieder Freude machen kannſt, wie ehedem. Wer weiß, wie bald ich Deiner Dienſte bedarf. Der König entfernte ſich. Crillon trat an Pontis heran. — Und wenn Du deſertirſt, Du Dickkopf, ſchnauzte er ihn an, ſo laſſe ich Dich in kleine Stücke hauen! 27 — 163— — Daraus mache ich mir auch Nichts! murmelteg, Pontis, deſſen Augen roth wurden. — Na, na, ich glaube gar, Du fängſt an zu flennen, großes Kalb!— Harnibieu! ſchäme Dich.— Na, laß gut ſein; ich muß jetzt nach Paris, und da werde ich mit Esperance ein Wort im Vertrauen ſprechen— Weiß Gott! er flennt wirklich! rief der Ritter gerührt. Du biſt doch ein rechter Eſel!. Und dabei ließ auch er, wie vorher der König, ſeine Hand auf die Schulter des Gardiſten fallen; aber das arme Gerippe hatte nicht mehr die Kraft, eine ſo ge⸗ wichtige Liebkoſung zu ertragen; er knickte zuſammen wie ein dürres Stäbchen und ſetzte ſich verdutzt auf's Gras nieder. Ende des neunten Bandes. 11* Druck von C. G. Naumann in Leipzig. fffffffffffff 14 15 16 17 18 N * 8 45 8 — 163— — Daraus mache ich mir auch Nichts! murmelteg, Pontis, deſſen Augen roth wurden. — Na, na, ich glaube gar, Du fängſt an zu flennen, großes Kalb!— Harnibieu! ſchäme Dich.— Na, laß gut ſein; ich muß jetzt nach Paris, und da werde ich mit Esperance ein Wort im Vertrauen ſprechen— Weiß Gott! er flennt wirklich! rief der Ritter gerührt. Du biſt doch ein rechter Eſel!. Und dabei ließ auch er, wie vorher der König, ſeine Hand auf die Schulter des Gardiſten fallen; aber das arme Gerippe hatte nicht mehr die Kraft, eine ſo ge⸗ wichtige Liebkoſung zu ertragen; er knickte zuſammen wie ein dürres Stäbchen und ſetzte ſich verdutzt auf's Gras nieder. Ende des neunten Bandes. 11* Druck von C. G. Naumann in Leipzig. fffffffffffff 14 15 16 17 18 N * 8 45 8