Vollſtändigſte aus dem Franzöſiſchen überſetzte Ausgabe. Supplemente: XIV. Band. — Die ſchöne Gabriele August Maquet. Achter Band. —'¹”‧-²Gee— Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. von Auguſt Maquet. Fortſetzung des Romanes: Die Fünf und Vierzig Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Ferd. Heine& Ang. Schrader. Achter Band. —-e Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. Die ſchöne Gabriele. — G Achter Band. Gabriele VIII. 1 1. Es wird vom Jagdrechte Gebrauch gemacht. Der König war nach Saint⸗Germain aufgebrochen, um zu jagen; allein ein heftiges Regenwetter trat ein und machte die Jagd unmöglich. Man brachte den Tag ziemlich einförmig und lang⸗ weilig im alten Schloſſe zu; der König, ſtatt in den Wäldern umherzuſtreifen, vertrieb ſich die Zeit mit Ar⸗ beiten, Spielen und Schlafen; der Hof, wie er konnte. Erſt am andern Tage kamen die Damen an. Hein⸗ rich ging Gabrielen entgegen, die er melancholiſch und kalt fand, ſoviel ſie ſich auch anſtrengte ſich ſelbſt zu beherrſchen. Das graue, naßkalte Wetter war freilich nicht geeignet, zur Heiterkeit zu ſtimmen; Schneewolken jagten ſich am Himmel hin, die aber ihren Inhalt nicht auszuſchütteln wagten, weil man ſchon zu weit im Früh⸗ linge vorgerückt war, und dies der eingeführten Natur⸗ ordnung zuwider geweſen wäre; die Schneewolken räch⸗ ten ſich aber für dieſen Zwang und verbreiteten überall, wo ſie vorüberzogen, eine wahrhafte Decemberkälte. Nichtsdeſtoweniger trieben die Bäume ihre grünen Blätter ſchon luſtig hervor, von den Vögeln mit hellen 1* — Zwitſchern begrüßt; im Walde öffneten ſich bereits jene langen, heiteren Durchſichten, unter deren grüner Blät⸗ terwölbung ſich Smaragdteppiche mit Millionen Blümchen emaillirt ausbreiteten. Nichts fehlte dem Bilde, als ein lächelnder Sonnenblick, um dieſe Blätter, Blumen, Blüthen und— die Herzen der Menſchen zu beleben. Heinrich führte Gabriele zwiſchen den Blumenbeeten umher, auf denen ſich die Kunſt der Gärtner vergebens abmühete, Flieder und Roſen ſchneller hervorzulocken, die ebenfalls nur auf jenen Sonnenblick harrten, um ganz von ſelbſt aufzublühen. Die Marquiſe hatte ſich froſtig in einen mit Pelz⸗ gefütterten Mantel gehüllt; der König aber ſchien in ſeinem Frühlingsanzuge von weißem und malvenfarbigem Atlas der rauhen Witterung als abgehärterer Kriegsmann Trotz bieten zu wollen; ſein Coſtüm war von einer Eleganz und Friſche, daß deſſen bloßer Anblick ſchon ein Fröſteln erregte. — Wie finſter Sie ſind, Marquiſe! ſagte er, eine von Gabriele's Händen erfaſſend; kalt und ſchmollend. Wahrhaftig ein leibhaftes Abbild des Wetters! — Ich geſtehe, Sire, daß ich mich in der That an Körper und Geiſt zugleich erſtarrt fühle. — Und das Herz? — Vom Herzen habe ich nicht geſprochen, Sire, er⸗ wiederte ſie ſanft. — Das wäre doch immer etwas!— Sie zürnen mir, Marquiſe, daß ich Sie genöthigt habe Paris zu verlaſſen.— Sie haben eine beſondere Vorliebe für Paris? Gabriele erröthete— wahrſcheinlich nur in Folge des ſcharfen Windes, der ſich plötzlich erhob. — Ich habe keinen anderen Willen, ſprach ſie, als den meines Herrn und Königs. — Ach! wie hold und lieblich würden mir dieſe Worte klingen, rief Heinrich, wenn Ihr Ton nicht ſo deutlich die Reſignation verriethe! Laſſen Sie mich hören, Marquiſe, was dies kleine, theure Herzchen bedrückt. Seit einiger Zeit iſt Ihr Benehmen gegen mich ein ſo kaltes, ſo zurückhaltendes; was haben Sie mir vorzuwerfen? Habe ich mich etwa geändert? Laſſen Sie hören: ſollten Sie noch irgend einen Nachklang von früherer Eiferſucht im Herzen bewahren? Bei dieſen Worten forſchten ſeine Augen mit einer Neugierde in Gabriele's lieblichem Antlitze, die eben nicht von einem ganz reinen Gewiſſen des königlichen Inquiſi⸗ tors zeugte. Aber Nichts war zu entdecken, was jene Vermuthung beſtätigt hätte. — Ich kann Ew. Majeſtät verſichern, ſprach Ga⸗ briele mit einer Schlichtheit und Natürlichkeit, die Hein⸗ rich weſentlich beruhigte, daß dies in keiner Weiſe der Fall iſt. — Es würde mich auch in Staunen geſetzt haben, erwiederte er; denn wenn jemals ein Betragen muſter⸗ haft zu nennen war, ſo iſt es das meinige. Ein ungläubiges Lächeln zuckte um Gabriele's Lippen. — Wahr und wahrhaftig! rief der König; ich habe mit Allem gebrochen, was Sie irgend betrüben könnten Und bin ich denn übrigens nicht ſchon in dem Alter, um vernünftig zu werden?— neige ich mich nicht ſchon hier und da zum Grauſchimmel? Und wenn ich ja noch in Gefahr kommen ſollte zu ſtraucheln, habe ich denn nicht meinen Schutzengel zur Seite, deſſen Hand mich ſchnell wieder auf die gute Bahn leitet? Der gute Heinrich fühlte zwar einen zärtlichen Druck dieſer kleinen Hand, aber die Wolken auf der Stirn der Marquiſe wollten fich noch eben ſo wenig verziehen, als die am Himmel. — Wenn ich traurig bin, ſprach ſie leiſe, ſo iſt es nicht die Schuld des Königs. — Weſſen denn? — Die meinige ganz allein, die meiner unglücklichen Natur, die ſich über Alles beunruhigt. — Aber welche Art von Sorgen können Sie ſich machen, Marquiſe? Ueberlaſſen Sie dies den armen gekrönten Märtyrern, die zwanzigmal des Tages von unvorherge⸗ ſehenen Leiden überfallen werden. Dieſe haben wenig⸗ ſtens hinreichende Urſache ſich über Alles zu beunruhigen. Sie aber, ſind Sie nicht von Leuten umgeben, die eifrig bemüht ſind, alle Dornen von Ihrem Lebenspfade zu entfernen? Wenn Sie ſie alſo nicht ſelbſt aufſuchen, wie es allerdings die Art der Frauen iſt— — Das glaube ich nicht, Sire! unterbrach ihn Ga⸗ briele lebhaft. Nein, meine Sorgen und Dornen ſind keineswegs ſo eingebildet, wie Ew. Majeſtät mir vorwer⸗ fen. Iſt der Zorn, die Verachtung eines Vaters nicht allein ſchon eine hinreichende Wunde, um daran zu ver⸗ bluten?. — Ihr Vater? Wahrhaftig, um deſſen Gering⸗ ſchätzung würde ich mich nicht ſo viel kümmern! Ich ſollte meinen, Herr von Eſtrées hätte alle Urſache ſeinen hochmüthigen Zorn etwas herabzuſtimmen, ſeitdem er es ſich hat gefallen laſſen, Sully vorgezogen und zum Groß⸗ meiſter der Artillerie ernannt zu werden. Ich rathe ihm ſehr, noch den Stolzen ſpielen zu wollen! — Und dennoch, Sire, nährt er noch denſelben Groll gegen mich im Herzen, und welches Kind könnte ohne Schmerzen ſehen, wie ein früher ſo zärtlicher Vater— — Ich bitte Sie um Alles in der Welt, Marquiſe, ſagen Sie mir doch ſo etwas nicht! Dieſer zärtliche Vater, er war Nichts als ein grauſamer Wächter, der Sie zur Verzweiflung brachte. Haben Sie Bougival ſchon vergeſſen? und den bucklichen Liancourt? Gehen Sie, gehen Sie, Marquiſe— wenn Sie aus Sehnſucht nach einem ſolchen Vater mit mir ſchmollen könnten, ich würde Sie beſchuldigen, nicht wahrhaft und natürlich zu ſein, ſondern daß Sie um irgend einer geheimen Urſache willen abſichtlich Händel mit mir ſuchen. Gabriele erbebte.. — In Wahrheit, Sire, antwortete ſie, Sie ſchei⸗ nen ſich vorgenommen zu haben, meine Lage nicht be⸗ greifen zu wollen. Muß ich mich einem ſo gewandten Geiſte, einem ſo zartfühlenden Herzen, wie dem Ihrigen gegenüber denn noch deutlicher ausſprechen? Was bin ich? Maitreſſe des Königs!— ich, die Tochter eines alten Hauſes, auf deren Ruf kein Makel haftete! Mai⸗ treſſe des Königs— eine Stellung, Sire, die mich ſtolz machen ſollte, und die mich nur entehrt. O, wenn Sie wüßten, wie das Volk mich nennt! — Das Volk betet Sie an, um Ihrer Schönheit, Ihrer Liebenswürdigkeit und Herzensgüte willen. — Nein, Sire, das Volk haßt, es verachtet mich, weil ich eine Stelle einnehme, auf der es lieber eine le⸗ gitime Gemahlin ſähe, die Ihnen Dauphins und Prin⸗ zeſſinnen ſchenkte. Das Volk verheirathet ſich, Sire, und hegt noch Achtung vor der Heiligkeit der Ehe! — Ach, wenn Sie mir dieſen Vorwurf machen, ſprach Heinrich niedergeſchlagen, wenn meine ſanfte Ga⸗ briele wegen Dingen mit mir grollt, über die wir längſt übereingekommen— — Das wolle Gott verhüten, Sire! Ich flehe Sie an, verſtehen Sie mich nicht falſch!— Bin ich ehrgeizig? bin ich habgierig? habe ich mich jemals in die Ange⸗ legenheiten Ihrer Regierung gemiſcht? habe ich jemals darnach geſtrebt, Aemter und Würden zu vergeben? hal⸗ ten Sie mich für eitel und thöricht genug, meine Nie⸗ drigkeit zu vergeſſen? Beurtheilen Sie mich beſſer, Sire; ich habe ja nur Ihre gute Meinung von mir, um mich über die ſchlechte Anderer zu tröſten; laſſen Sie mir wenigſtens Gerechtigkeit wiederfahren, und nennen Sie den Kummer, den mein Herz trotz des beſten Willens nicht immer zu verbergen vermag, nicht ſchmachvolle Be⸗ rechnung! — Ich weiß, ich weiß! rief Heinrich, überwältigt von den zahlloſen Beweiſen der Uneigennützigkeit dieſer edlen Seele. Aber eine Klage beweiſ't doch immer, daß Sie leiden, und jedes Ihrer Leiden wird mir ſelbſt zur Höllenqual. — Sire, dieſes einzige Wort meines Königs genügt mir! Sobald Sie begriffen haben, daß ich leide, ſobald Sie mich bedauern, erkläre ich mich befriedigt, und werde mich bemühen mich zu tröſten, dieſe Traurigkeit zu ver⸗ bannen, die Ihre Blicke verletzt.— Bei dieſen Worten richtete ſie das Haupt empor, als wolle ſie die langen, thränenfeuchten Wimpern vom Winde trocknen laſſen. — Meine arme Gabriele, ſprach der König traurig, Du leideſt, ja, ja, ich weiß es wohl! Man begeht Unge⸗ rechtigkeiten gegen Dich, die ich deutlicher wahrnehme als ich es ſage, gegen Dich, die beſte, die vollkommenſte der Frauen, die jemals meinem Throne nahe geſtanden haben. Dieſe Elenden! Sie wiſſen nicht dieſes Engels⸗ herz zu ſchätzen, das, ſtatt ſich zu rächen, nur weinen kann, und ſich bemühet, mir ſeine Thränen zu verbergen⸗ Aber Geduld, meine Gabriele! noch bin ich nicht Herr in meinem Hauſe; von allen Seiten werde ich gedrängt und beſtürmt; ich habe dieſen Valois⸗Laramée auf dem Nacken; dieſe bösherzige Montpenſier mit ihrer Bande — 10— von Chatels; den Herzog von Mayenne, der gegen mich im Felde ſteht, und dieſen Allen muß ich die Stirn bieten. Wie fände ich da die Zeit, für die Angelegenheiten meines Herzens zu ſorgen? Ein König iſt ein beklagenswerther Menſch, er darf an ſich nur zuletzt denken, ja oft ſogar niemals!— Geduld— es wird ein Tag kommen, Mar⸗ quiſe, wo ich auf dem Gipfel ſtehen werde, und an dieſem Tage werde ich über das Loos Anderer verfügen, werde meiner Gabriele ſchon Achtung zu verſchaffen wiſſen!— Ich habe ſchon meinen Plan! — Sire! rief Gabriele, erſchrocken und gerührt zu⸗ gleich von ſolcher Herzensgüte, Ihre Huld und Gnade für mich geht weiter als mein Kummer ſelbſt— ver⸗ geben Sie mir— ich war eine Wahnſinnige!— eine Elende!— Durfte ich es wagen, Gift in die Schaale zu träufeln, aus der Ew. Majeſtät Vergeſſenheit Ihrer zahlreichen Sorgen und Mühen ſchöpft?— Nein, Sire, ich bin glücklich— ich bin zufrieden— ich ſprach das nur aus Laune, aus Weibergrille— oh! vergeben Sie mir!— Und übrigens, blicken Sie dorthin: die Sonne bricht ſich Bahn durch das Gewölk, ſie erhellt Alles in der Natur mit ihrem heiteren Strahle— ſehen Sie, wie mein Auge glänzt!— und ſo glänzt ihr Strahl auch in der Tiefe meines Herzens! — Sie ſind das trefflichſte, edelſte Weib, Gabriele, ſprach der König, ſie mit Innigkeit auf die Stirn küſſend; und was ich geſagt habe, bleibt geſagt. Er hatte dieſe Worte noch nicht geſprochen, als am — 11— anderen Ende der Allee, in welcher Heinrich und Gabriele luſtwandelten, die Geſtalt des kleinen la Varenne ſichtbar ward, dieſes würdigen geheimen Liebesboten Sr. Majeſtät, deſſen Ruf nur zu gut am Hofe bekannt war. Dieſe tugendhafte Perſonnage kehrte dem zärtlichen Paare diseret den Rücken zu, und ſchien die Primeln⸗ und Levkoyen⸗ beete mit einer Aufmerkſamkeit zu beobachten, die einem Naturforſcher Ehre gemacht haben würde. Der König hatte ihn zwar geſehen, hütete ſich aber wohl, es merken zu laſſen. Nicht ſo die Marquiſe, die lachend ausrief: — Aha! der Liebesbriefträger Ew. Majeſtät! — Wo denn? fragte Heinrich.— — Dort, ſehen Sie ihn nicht, Sire? Er bückt ſich ſo tief, als ob er ſeine Naſe in den Veilchen begraben wollte. Er mag ſich nur vorſehen, der arme Mann. — Weßhalb? — Daß er ſich nicht gar zu tief bücke; es könnten ihm ſonſt die Liebesbriefchen aus der Taſche fallen. — Loſe Spötterin! — Nein, nein, Sire, es iſt mein völliger Ernſt. Aber rufen Sie ihn doch herbei, er hat Ihnen vielleicht etwas Wichtiges zu melden. — In der That, ſprach der König etwas verlegen, ich hatte ihm Auftrag gegeben, ſich in Paris zu erkun⸗ digen, wie es um Laramée's Prozeß ſteht, der mich nicht ganz ohne Beſorgniß läßt. — unnöthige Sorge, Sire; Sie gewinnen Ihre — 12— Prozeſſe ſtets! rief Gabriele lachend und den König zu dem kleinen la Varenne ziehend. So tief dieſer aber auch ſeine Naſe in das Veilchen⸗ beet vergraben hatte, bemerkte er die Nahenden doch; jedenfalls mochte er aber gegründete Urſachen haben, ein Zuſammentreffen mit Gabriele zu vermeiden, denn immer⸗ fort botaniſirend zog er ſich nach einem dichten Hollunder⸗ gebüſch hin, hinter dem er mit guter Manier davon⸗ ſchlüpfen konnte. — Oyho!l ſagte Gabriele, ich glaube gar, er fürchtet ſich vor mir. — Strohkopf! murmelte der König zwiſchen den Zähnen. Wahrhaftig, Marquiſe, man ſollte meinen, er wolle ſich vor Ihnen verbergen.— Heda! Fouquet— komm her, Du Hansnarr! Fouquet war allerdings la Varenne's früherer Name, als er noch Haushofmeiſter Katharina's von Navarra war, und bevor ihm noch der Briefträgerpoſten das Marquiſat eingebracht hatte; wenn ihn aber der König bei jenem früheren Namen rief, dann wußte der neugebackene Herr Marquis auch, daß die Wetterfahne auf Sturm ſtand. Er ſpitzte alſo die Ohren, lief ſchleunigſt herbei und ent⸗ ſchuldigte ſich tauſend und tauſendmal wegen ſeiner Hart⸗ hörigkeit beim König und Gabriele, welche Letztere immer heiterer ward. 3 Heinrich, der ſo viel Geiſt und Verſtand beſaß, hätte ſich wohl ſagen ſollen, daß ein Weib, das ſo heiter lachen kann, wo es ſich um eine Eiferſuchtsſcene handelt, keine 15— ſehr feurige Geliebte ſein kann; leider aber ſind die geiſt⸗ reichſten Leute oft die blindeſten! — Sage mir nur, fuhr er la Varenne an, Du ſcheinſt fortlaufen zu wollen, wenn man Dich ruft; treibſt Du Dein Spiel mit mir? — Ach, Sire! ich hatte weder Ew. Majeſtät, noch die Frau Marquiſe geſehen; dieſe Sträucher verbargen mir Dero hohe Gegenwart. Ich würde mir ja ſonſt nicht erlaubt haben, den Duft dieſer Blumen einzu⸗ athmen. — Ich ſterbe noch vor Lachen! rief Gabriele. Ziehen Sie ihn mitleidig aus der Verlegenheit, Sire, ſonſt er⸗ ſäuft er noch. — Ich wüßte aber gar nicht, weßhalb er verlegen ſein ſollte? verſetzte Heinrich; er hat ja gar keine Urſache dazu. Nun, laß hören: was für Nachrichten bringſt Du mir über den Prozeß? — Ach, Sire! die Sache iſt noch lange nicht zu Ende, die Herren Richter deliberiren noch über die Art des peinlichen Verfahrens. — Nun, aber was vermuthet man? — Jedenfalls eine Verurtheilung, Sire. — Und der Angeklagte? — Es iſt nur eine Stimme über das ſtandhafte Be⸗ nehmen dieſes Laramée in den Verhören; er nimmt eine Haltung an, als ob ein Maler da wäre, um ihn zu portraitiren. Aber trotz alledem bin ich froh, daß nicht mein Kopf auf ſeinen Schultern ſitzt. Uebrigens, Sire, — 441— hat der erſte Herr Präſident mir verſprochen, daß er nach Schluß der Verhandlungen einen expreſſen Boten herſen⸗ den werde, um Ew. Majeſtät von allem genau zu in⸗ ſtruiren, bevor das Urtheil gefällt wird. Wahrſcheinlich wird dies ſehr bald geſchehen. — Sie ſehen, wendete ſich der König lächelnd zu Gabriele, daß der Liebesbriefträger ſich diesmal in einen einfachen Parlamentshuiſſier verwandelt hat. — Das Eine verhindert das Andere nicht! verſetzte die Marquiſe eben ſo heiter; durchſuchen Sie nur ſeine kleinen Taſchen. Soll ich Ihnen ſuchen helfen, Sire? La Varenne gab ſich zwar alle Mühe, ein würdevolles Aeußere anzunehmen, was Gabriele's Heiterkeit nur ver⸗ doppelte; dennoch war ſeine Verlegenheit ſichtlich, als plötzlich ein Schuß vom Saume des Waldes her knallte, den das Echo des Thales vielfach wiederhallte; dann folgte lautes Hundegebell, ein Hornruf, und dann ward alles wieder ſtill. — Oho!l rief Heinrich ſtutzend, ich glaube, es macht ſich Jemand das Vergnügen, in meinem Forſte das Wild zu ſchießen? Ich möchte wiſſen, wer die Dreiſtigkeit hat, in Saint⸗Germain zu jagen, wenn meine Hunde im Zwinger eingeſperrt ſind! — Sire, ſagte la Varenne, ich vermuthe, es wird Herr von Crillon ſein, denn ich habe ihn dieſen Morgen einen Haſen hetzen ſehen. — Crillon? rief der König wieder ſichtlich erheitert. — 15— Um ſo beſſer! Wir werden dann mit einander ſpeiſen⸗ Iſt er allein? — Jener ſchöne junge Herr iſt mit ihm, der ſo reich ſein ſoll und dem Ew. Majeſtät das Jagdrecht ver⸗ liehen haben. — Das wird Esperance ſein, ſprach Heinrich arglos und ohne zu bemerken, daß dieſer Name Gabriele das Blut in die Wangen trieb. — Ganz recht, Sire, Herr Esperance. — Nun denn, ſo laßt uns zu Pferd ſteigen und ſie überfallen! Wollen Sie, Marquiſe? Der Himmel ſcheint ſich völlig aufzuklären und der Ritt wird uns Appetit machen. — Sehr gern, Sire, verſetzte Gabriele, deren Herz vor Freude höher ſchlug. — So willl ich in aller Schnelligkeit ein Reitkleid und Stiefeln anziehen. Komm, la Varenne. — Ich bin bereits zum Reiten angekleidet, ſagte Ga⸗ briele, und werde, bis man mir mein Pferd bringt, einſt⸗ weilen ein wenig in der warmen Sonne auf⸗ und ab⸗ wandeln. — Ich bitte nur um einige Minuten. Schnell, la Varenne, laß uns eilen, damit die Marquiſe nicht zu lange zu warten braucht! Berauſcht von freudiger Hoffnung, lehnte ſich Gabriele auf die vom warmen Sonnenſtrahl überfluthete Stein⸗ baluſtrade; wie ſo ganz anders, wie ſo unendlich reizen⸗ der erſchien ihr jetzt plötzlich der Garten, der Wald, der — 16— Natur ſchien vor Entzücken zu jubeln! Während ſie ſich ſo in ſüße Träumereien verſenkte, ſetzte Heinrich ſeinen Weg nach dem Schloſſe mit ſo eiligen Schritten fort, daß la Varenne's kurze Beine ihm kaum zu folgen vermochten. Sie hatten kaum das Toilettenzimmer erreicht, wo ein Kammerdiener harrte, um den König anzukleiden, als der Liebesbriefträger Sr. Majeſtät, jeden Augenblick ge⸗ ſchickt benutzend, wo der Kammerdiener hinausging, um irgend ein Kleidungsſtück zu holen, ſeinem Herrn und Ge⸗ bieter leiſe zuflüſterte: — Sire, die Frau Marquiſe hat mir mit ihrer ſcherz⸗ haften Drohung, meine Taſchen durchſuchen zu wollen, einen gewaltigen Schrecken eingejagt. — Wie ſo denn? — Weil ſie etwas darin gefunden hätte, Sire... Man reichte dem König die Stiefeln dar. — Was war es? fragte Heinrich in der nächſten Zwiſchenpauſe. — Ew. Majeſtät wiſſen ja wohl, wohin ich geſendet ward. — Ganz gewiß; aber Du hatteſt doch wohl nicht die Complimente in der Taſche, die ich Dir aufgetragen, noch die, die man Dir dafür zurückgegeben haben wird? — Das nicht, aber... Der Kammerdiener erſchien abermals, um Heinrich die Sporen anzuſchnallen. Himmel; Alles ſchien ihre Gefühle zu theilen, die ganze -—. 23 — 17— — La Varenne wird mir meinen Hut und die Reit⸗ peitſche ſchon geben; geht hinaus, ſagte der König.— Nun, fahre fort, la Varenne. — Man hat mir dies hier für Ew. Majeſtät ein⸗ gehändigt. Und dabei überreichte er dem König ein kleines Bil⸗ letchen, das dieſer eilig aufriß und las: „Theurer Sire!. „Der Gedanke an Sie füllt meine Tage wie meine Nächte. Wie kann man ſolche Qualen leiden und noch leben? Und wie könnte ich leben, ohne dieſe entzücken⸗ den Qualen? Das großmüthige Herz Heinrichs wird mich beſſer verſtehen, wie ich mich ſelbſt verſtehe! „Henriette.“ — Welche Liebe! rief Heinrich entzückt. — Es iſt eine wahnſinnige Leidenſchaft, fügte la Varenne leiſe hinzu. — Du meinſt wirklich? — Kein Zweifel, Sire. Sie hätten ſie ſehen ſollen, als ſie von Ihnen ſprach; das leibhafte Bild einer Bachan⸗ tin— aber der ſchönſten und reizendſten, die es jemals gegeben haben kann! Ach, wie ſchön! Der leicht entzündbare Heinrich erbebte am ganzen Körper; der Anblick, den er damals auf der Fähre von Pontoiſe gehabt hatte, ſchwebte ihm wieder deutlich vor Augen. — Ach, ja! murmelte er lüſtern, ſie iſt eine vollen⸗ dete Schönheit!. Gabriele. VIII. 2 — 18— — Was befehlen Ew. Majeſtät, daß ich antwor⸗ ten ſoll? — Ich werde es mir überlegen. — Die Frau Marquiſe von Monceaux erwartet Ew. Majeſtät Befehle, meldete jetzt ein eintretender Stall⸗ meiſter. Der König erſchrak ein wenig, faßte ſich aber ſo⸗ gleich wieder. — Ach, ja! rief er, unſere theure Marquiſe— brechen wir alſo auf. Du, la Varenne, wendete er ſich leiſe zu dieſem, wirſt ſchon einem Gelegenheit herbeiführen, um mich insgeheim zu ſprechen.— Ja ſo, das Billet! Er überflog es noch einmal, warf es dann ins Feuer, und wie ein Jüngling durch die Gallerie und die Treppe hinabſpringend, rief er: — Man muß die Damen niemals warten laſſen! Einige Augenblicke darauf ſaß er zu Pferde, nach⸗ dem er zuvor ſelbſt der Marquiſe den Steigbügel ge⸗ halten und ſie mit der größten Zuvorkommenheit, mit den zarteſten Galanterien überſchüttet hatte, ohnſtreitig um die beabſichtigte Untreue ſeines unverbeſſerlichen Flatter⸗ finnes wieder auszugleichen. Der König und Gabriele hatten nur einen einzigen Stallmeiſter und einen Pagen mit ſich genommen. Hein⸗ rich war ein trefflicher Jäger und kannte alle Abtheilungen und Kreuzwege des Forſtes ganz genau; nachdem er ſich daher in der Richtung orientirt, ſprengte er gerade auf die Jagd zu. — 19— Cyrus und Ruſto, die wackeren Hunde, hatten ein Reh aufgeſtöbert, und verfolgten es nun mit freudigem Gebell. Der König ſchnitt quer durch das Gehölz; Gabriele folgte ihm in einiger Entfernung, den Stallmeiſter dicht zu ihrer Rechten, der die hervorragenden Zweige mit einem Speerſchafte zurückbog. Der König, der den Wechſel des Wildes genau kannte, ſtieß ſehr bald auf Crillon, der es mit einer Büchſe in der Hand zu Fuß erwartete, und rief ihm ſchon von weitem zu: — Hehe! mein tapferer Crillon, nimm nicht etwa den König für das Wild! — Harnibieu, Sire! welch ein glückliches Zuſammen⸗ treffen! ſchrie der Ritter, mit offenen Armen und freu⸗ digen Blicken auf ſeinen Herrn zueilend. Heinrich war bereits vom Pferde geſprungen. An dem Sattelknopfe Crillon's hingen zwei Faſanen und ein Haaſe.. — Aha! Gevatter Wilddieb, rief der König lachend, erwiſche ich Dich endlich einmal! So alſo plünderſt Du meinen Forſt? — Ich nicht, Sire; ich habe noch nicht einmal einen Schuß gethan. — Nun, wer denn? 8 — Esperance, dem Ew. Majeſtät das Jagdrecht ver⸗ liehen. Welch' ein meiſterhafter Schütz! — Ventre⸗Saintgris! Und zum Danke entvölkert 2* — 20— er mir mein ganzes Gehege.— Woſ ſteckt er denn, daß ich ihm mein Compliment machen kann? Ein Schuß knallte kaum rünfhunden Schritte ent⸗ fernt. — Da meldet er ſich ſelbſt, rief Crillon, die Hand nach jener Richtung ausſtreckend. Sie können immerhin noch ein Reh auf die Liſte ſetzen. Die Hunde ſchwiegen. Unmittelbar darauf ſah man einen Mann aus dem Dickicht treten, mit der einen Hand die Sträucher zurück⸗ biegend, mit der anderen die Jagdbeute üͤber dem Graſe hinter ſich herſchleifend. Es war Esperance, der beim Erblicken des Königs nicht wenig in Verlegenheit gerieth. Crillon lachte über Esperance's verdutztes Geſicht, daß er ſich die Seiten halten mußte. — Sehen Sie nur Marquiſe, rief der König Ga⸗ briele zu,] die in dieſem Augenblicke erſt aus der Lichtung heraustrat, ſehen Sie nur, wie man bei dem armen Könige fourragirt! Esperance konnte einen leiſen Ausruf der Ueber⸗ raſchung nicht unterdrücken, als er ſeine ſchöne Freundin ſo unerwartet vor ſich ſah. Sie hatte ihm das ver⸗ ſprochene Lächeln bereits zugeſendet. Die Freude machte ſie roth wie eine Centifolie, ihn blaß wie eine Lilie. Natürlich ſchrieben der König und Crillon ſeine Ver⸗ legenheit auf Rechnung der ertappten Wilddieberei, und lachten nur um ſo herzlicher darüber. — 21— — Ein ſtarker Bock, ſprach der König, das Wild betaſtend, und feiſt, trotz der Jahreszeit. — Ich habe ihn in Ew. Majeſtät Intention ge⸗ ſchoſſen, verſetzte Esperance; jedem Herrn die Ehre. — Das laſſe ich mir gefallen, rief Heinrich in der heiterſten Laune; dafür ſollen Sie uns den Braten ver⸗ zehren helfen, junger Mann. — Komm, Crillon, ich habe etwas mit Dir zu reden. Und ſeinen Arm um Crillons Hals legend, führte er dieſen einige Schritte abſeits, während Gabriele und Esperance mitten auf der vom hellen Sonnenſcheine über⸗ flutheten Lichtung einander gegenüber blieben. Bald hatten ſte ſich genähert und konnten trotz der Gegenwart des Stallmeiſters und des Pagen, die ſich in ehrerbietiger Entfernung hielten, zwar mit freudig klagenden Herzen aber doch mit allem Anſcheine der ceremoniöſeſten Höflich⸗ keit, folgendes Geſpräch mit einander führen: — Guten Morgen, Freund. — Guten Morgen, Freundin. — So ſehe ich Sie denn endlich? — Ich hoffte Ihnen hier zu begegnen. — Mein Lächeln haben Sie ſchon empfangen, nicht wahr? — Es iſt mir tief in's Herz gedrungen! 3 — Die zweite Bedingung war, mit Ihnen zu ſpre⸗ chen, ſo oft es möglich ſein würde; jetzt kann ich es, was ſoll ich Ihnen nun ſagen? — 22— — Jedes Wort aus Ihrem Munde wird mir eine entzückende Spharenmuſik ſein. — Weil jedes meiner Worte Ihnen nur ſtets Eines und daſſelbe ſagen kann, nicht wahr, Esperance? — Mehr oder weniger deutlich, Gabriele. — Nun denn, ganz deutlich alſo, da Sie es wollen, lispelte Gabriele; ich— liebe Sie! — O zu viel! zu viel des Glücks! flüſterte der junge Mann, die Augen vor Gabriele's Gluthblick niederſchla⸗ gend und beide Hände auf ſein Herz preſſend, als ob es von einer Kugel getroffen ſei;— ach! ſchonen Sie meiner! In dieſem Augenblicke vernahm man des Königs Stimme, der mit Crillon wieder zurückkam. — Gleichviel, ſagte Heinrich, es war zu tollkühn von Dir, dieſen falſchen Valois faſt ganz allein mitten in ſeinem Lager aufzuheben. Laß Dir das nicht wieder bei⸗ kommen, Ventre⸗Saintgris! Ich verbiete es Dir allen Ernſtes hiermit. — Ja, ja, erwiederte Crillon, dieſer arme Laramée hätte uns ein verteufeltes Stück Arbeit ſchaffen können, wenn wir ihn mit Gewalt mitten unter ſeinen Leuten hätten herausholen müſſen. Aber wie geſagt, Sire, ich kannte ſeine ſchwache Seite, ich habe ihn bei dieſer ge⸗ faßt und bin ſo noch ſehr wohlfeilen Kaufes davonge⸗ kommen. Er iſt im Grunde kein böſer Menſch. — Seine ſchwache Seite? ſprach Gabriele, ſich in die Unterhaltung miſchend, um Esperance Zeit zu geben ſich wieder zu ſammeln. Welche iſt die, Herr von Crillon? — 23— — Ho ho die würde den König nicht wenig in Erſtaunen ſetzen, erwiederte der wackere Ritter mit bos⸗ haftem Lächeln. —— Was iſt es? Heraus mit der Sprache! rief Heinrich. — Herr Ritter, ſprach Esperance ſchnell, einen Finger auf den Mund legend, erlauben Sie mir Sie daran zu erinnern, daß es ein Geheimniß iſt, deſſen Bewahrung Sie geſchworen haben. — Harnibieu! Sie haben recht, junger Mann; ich danke Ihnen, daß Sie mich daran erinnern. Ja, ich werde es bewahren. — So hole doch der Teufel alle Geheimnißkrämerei! rief der König. — Aber ſchon gut, ich werde es doch noch erfahren, und werde es Ihnen dann mittheilen, Marquiſe. Gabriele warf Esperance einen ſchelmiſchen Seiten⸗ blick zu, als wollte ſie ſagen: — Wenn ich es durchaus wiſſen wollte—! Plötzlich vernahm man drei Hornrufe im Walde. — Oho!l da kommt Jemand zu mir, ſagte der König; man ſucht mich— wir müſſen antworten. Esperance ſtieß dreimal auf dieſelbe Weiſe in ſein Horn und ließ dem letzten Rufe die Königsfanfare folgen. Bald darauf erſchien der kleine la Varenne auf einem großen Pferde; ein Courrier begleitete ihn. — An den König! rief la Varenne, dem Courrier dieſen zeigend. 1 — 24— Heinrich erbrach ſchnell die empfangene Depeſche, warf einen Blick hinein und ſprach dann kalt: — Laramée iſt zum Tode verurtheilt.“ Esperance neigte ergriffen das Haupt, als ob es ſich um einen des Mitleids würdigen Feind handle. — Nal der hat wenigſtens den Strick nicht geſtohlen! rief Crillon. — Mag er baumeln! — Habe ich vielleicht die Ehre, Herrn Esperance vor mir zu ſehen? fragte la Varenne. — Der bin ich, mein Herr. — Mein Herr, der Verurtheilte läßt Sie durch den Huiſſier der Tournelle bitte, um die Erlaubniß nachzu⸗ ſuchen, ihn einige Augenblicke in ſeinem Gefängniſſe ſprechen zu dürfen. Esperance ſah den König an, der aufmerkſam zuge⸗ hört hatte. — Sieh' einmal! er kennt Sie alſo? fragte Heinrich mit ſehr erklärlicher Neugierde. — Freilich kennt er ihn! rief der Ritter mit lau⸗ tem Lachen; oder, vielmehr, er hat ihn kennen gelernt. Nicht wahr, Esperance? b Esperance warf Crillon einen bittenden Blick zu. — Na, na, ſchon gut; wir werden ſchon ſchweigen, brummte dieſer. Esperance wartete noch auf die Genehmigung des Königs. — Gehen Sie, junger Mann, ſagte Heinrich; ich e — — 25—. laube Ihnen Alles, was Sie wollen, denn ich bin noch immer in Ihrer Schuld. Ich gebe Ihnen Carteblanche! Sorge ſogleich dafür, daß der Erlaubnißſchein ausgefertigt werde, la Varenne, und lege mir ihn zur Unterzeichnung vor. Esperance's Pferd ward vorgeführt; er empfahl ſich bei ſeiner Majeſtät und verneigte ſich ehrerbietig vor Gabriele, die plötzlich einen kleinen Huſtenanfall bekam, indem Sie Esperance anblickte, und deshalb zwei ihrer Roſenfinger an die Lippen führte. Crillon folgte dem Könige und der Marquiſe. — Guter Gott! flüſterte Esperance vor ſich hin, ſegne die treue Seele, die mir mehr giebt, als Sie ver⸗ ſprochen hat! 8 Eine Viertelſtunde darauf ritt er, den königlichen Er⸗ laubnißſchein in der Taſche, nach Paris zurück, ſich ver⸗ gebens den Kopf darüber zerbrechend, was ihm Laramée in ſolcher Lage noch mitzutheilen haben könne. *☛ 2. Erbarmen. Laramée hatte ſich ſeit ſeiner Gefangennehmung unter die Hand Gottes gebeugt; er ſchien ſeine Aufgabe auf dieſer Erde erfüllt zu haben. Alle, die ihn ſahen, Gerichtsperſonen, Höflinge und Volk, ließen ſeiner Ruhe, ſeiner edlen Haltung und Sprache Gerechtigkeit widerfahren. Man konnte ihm Nichts vorwerfen, als die affectirte Majeſtät eines Ranges, der ihm nicht zukam; hätte das Blut der Valois wirklich in ſeinen Adern gefloſſen, man würde ſein Benehmen ein erhabenes genannt haben. Aber vergebens trat er mit dieſer Sicherheit vor ſei⸗ nen Richtern auf, vergebens berief er ſich auf die uns bereits bekannten Beweiſe ſeiner Geburt, welche ihm die Herzogin verſchafft hatte, vergebens legte er dem Tribu⸗ nal die genaueſten Nachrichten über die verbrecheriſche Unterſchlagung vor, die Katharina von Medicis an der Wiege ihres Enkels begangen haben ſollte; dieſes ganze von der Hand der Herzogin ſo geſchickt aufgeführte und von ihren Partheigängern, deren ſchützenden Einfluß dieſe Laramée ſogar noch vor ſeinen Richtern zu Theil werden — — 2= ließen, unterſtützte Gebäude, dieſe ganze mühevolle Arbeit der Feinde des Königs fiel vor der Gerechtigkeit und Größe der Anklage in Nichts zuſammen. Jenen Beweiſen wurden andere, authentiſcher Be⸗ weiſe, unwiderlegliche Documente gegenübergeſtellt, die ebenfalls von geheimer Hand geliefert worden waren, welche den ganzen Betrug und ſogar einen Theil ſeiner geheimen Triebfedern offen enthüllten. Mehrere der Rich⸗ ter, behauptete man, hatten eine lange Unterredung mit einem gewiſſen Mönche aus dem Genovefenſtifte von Bezons gehabt, der zwar unbekannt, aber nicht ſtumm blieb, und ein helles Licht über dieſe ganze geheimniß⸗ volle Intrigue verbreitete. Dieſen furchtbaren Belaſtungen gegenüber, die ſich wider die Anſtifter des Complottes erhoben, trat das Parlament erſchrocken zurück. Man konnte das Ver⸗ brechen bis zu ſeiner Quelle hinauf verfolgen, und welche Quelle! Die erſten, angeſehenſten Häuſer, eine Frau, die Paris und einen Theil von Frankreich eine Zeitlang beherrſcht hatte, und deren Name noch jetzt volksbeliebt war!— Der König ward um ſeine Meinung befragt, aber auch er ſchrack zurück und erklärte: um einen ſolchen Scandal, wie eine Hochverrathsklage gegen die Herzogin von Montpenſter, zu erregen, müſſe man ſich erſt un⸗ widerlegbarer, eclatanter Beweisſtücke verſichern, wie es zum Beiſpiel ein ausführliches Geſtändniß und eine förm⸗ liche Denuciation Laramées ſelbſt ſein würde. Die Richter verlangten nichts Beſſeres. In jener Zeit —— — 28— kannte man noch keinen ſicheren Beweis, als das eigene Geſtändniß des Angeklagten; wie und auf welche Weiſe es erpreßt worden war, darum kümmerte man ſich nicht ſonderlich. Aber Laramée hielt die Folter der Feuer⸗ und Waſſerprobe mit männlicher Standhaftigkeit aus, bekannte Nichts, ſondern ſchrie nur um ſo lauter, daß er ein Valois ſei, und die Aechtheit ſeiner Geburt durch dies ſtandhafte Ertragen der Folterqualen beweiſen wolle. Der König ward durch dies Fehlſchlagen ſeiner Er⸗ wartungen nicht wenig betroffen, und er machte ſeinen dienſtbeflieſſenen Anhängern der Tournelle bittere Vor⸗ würfe darüber. Genug, die Folge dieſer ſtoiſchen Feſtigkeit des De⸗ liquenten war nür eine neue Beſtätigung jener Behaup⸗ tungen, welche eine logiſche und gemäßigte Discuſſion der Verhandlungen mit ſo vieler Mühe erſt entkräftet hatte. Durch ſeine hartnäckige Behauptung, daß er ein ächter Valois ſei, ſchlug Laramée nicht nur jede Anklage gegen die Herzogin von Montpenſier nieder, ſondern machte ſich ſelbſt auch noch über das Schaffot hinaus intereſſant. Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, wie ſehr die Her⸗ zogin über alle dieſe Dinge triumphirte. Sie wußte ge⸗ ſchickt im Publikum zu verbreiten, daß es ihre Schuld nicht ſei, wenn noch ein Valois am Leben, und wenn dieſer junge Mann ſein Anrecht auf die Erbfolge Karls IX. mit ſolchem Muthe und ſolcher Offenheit behaupte. Ihre Mithülfe dabei leugnete ſie mit dreiſter Stirn ab. Sie bot allen Beweiſen, die man gegen ſie aufbringen — 29— konnte, Trotz, und da ſie Heinrich's gewiſſenhafte Scheu vor allen neuen Debatten nur zu gut kannte, ſo gab ſie laut ihre Verwunderung zu erkennen, daß man es wage, ſie einer Leichtgläubigkeit zu beſchuldigen, die ja doch einen Augenblick das Verbrechen von ganz Paris, ja ſogar von einem Theile des Hofes geweſen ſei. Was jedoch einen Verſuch betraf, dem unglücklichen Schlachtopfer ihrer Ränke thätigen Beiſtand zu leiſten, ihm zur Flucht aus dem Gefängniß behülflich zu ſein, oder doch wenigſtens das Todesurtheil von ihm abzu⸗ wenden, ſo kam ihr das nicht einmal in den Sinn. Feig und herzlos, wie Alle, welche nur dem Ehrgeize leben, wollte ſie ſich nicht in einen Kampf einlaſſen, in dem alle ihre Stützen bis jetzt nach und nach untergegangen waren. Und doch rechnete der arme Laramée feſt auf ſie. Er hatte ein Recht zu hoffen, daß ihm zum Lohne ſeines Schweigens, ſeiner Treue, irgend ein guter Rath, eine Hülfe, ja ſogar die Freiheit werden würde. Während der ganzen Dauer ſeiner Gefangenſchaft, während der Verhöre, während der Folterqualen lauſchte er aufmerk⸗ ſam auf jedes Geräuſch von außen, unterſuchte er jeden Stein ſeines Kerkers, beobachtete er forſchend jeden Blick, jede Bewegung ſeines Kerkermeiſters. Es däuchte dem Unglücklichen, als müſſe ſeine Gefängnißthür ſich jeden Augenblick öffnen, als müſſe der Kerkermeiſter ihm plötz⸗ lich irgend eine Waffe, einen Schlüſſel zu ſtecken; er konnte es ſich nicht aus dem Sinne ſchlagen, daß die Herzogin — 30— fortwährend an ihn denke, und daß die Verzögerung ſei⸗ ner Befreiung einzig von der zarten Vorſicht herrühre, mit der man die Mittel ſeiner Befreiung abwäge. Aber die Zeit verſtrich, und Nichts erſchien, und die viel ſchmerzlichen Foltern der Seele als die des Körpers nahmen mit jedem Augenblicke zu. Dieſen Augenblick der Niedergeſchlagenheit und des Zweifels ſuchten die Richter, die ſeinen Seelenzuſtand ſcharf beobachten ließen, zu benutzen; fie machten noch einen letzten Verſuch, ihn zu erſchüttern und ihm eine Ausſage gegen die Herzogin zu entlocken; aber der Gefangene war ſtandhaft, groß⸗ müthig, und trotz der glänzendſten Verſprechungen, be⸗ wahrte er treu ein Geheimniß, das ihn ins Verderben ſtürzte. Es wäre vergebens, die Qualen des armen jungen Mannes in ſeinem Kerker des Chatelet ſchildern zu wollen. Dieſe Freiheit, die man ihm anbot, war es nicht zugleich die Möglichkeit, Henriette wiederzuſehen? Und Henriette wiederſehen, mit ihr vereint werden, war das nicht der Inbegriff des irdiſchen Glücks für ihn, gegen das alle Freuden des Paradieſes in ein Nichts verſchwanden? Noch nie war Laramée unglücklicher, und noch nie zufriedener mit ſich ſelbſt geweſen. Sein heldenmüthiges Opfer erhob ihn in ſeinen eigenen Augen wieder. Hen⸗ riette mußte es ja doch erfahren, und hierin einen neuen Antrieb finden, ihren Retter zu lieben. Die Erinnerung an dieſe edle That, das reizende Bild der Heißgeliebten — 31— fachten neuen Muth und Freude in ſeinem Herzen an, daß ſein Henker der Tournelle vergebens zu erſchüttern ſtrebten. Laramée empfand ein dem Rauſche ähnliches Entzücken, beharrlich den Titel eines Valois zu behaup⸗ ten, einen Titel, der ihn ja zu Henriette's Herrn und Gebieter erhob; und da das Geſchick ihm die Wonne vorenthielt, die Geliebte ſeines Herzens zur Königin zu erheben, ſo wollte er wenigſtens in ihrem Andenken ewig als Fürſt und König fortleben. Da aber erſchien der Tag der Verurtheilung, dieſe feierliche Stunde, welche ſelbſt die Stirn des kühnſten Verbrechers in den Staub beugte, furchtbare Verurthei⸗ lung, ohne möglichen Widerruf noch Appellation— eine Verurtheilung, bei der der Henker dem Richter auf dem Fuße folgt,— und keine Hülfe von den Freunden, keine Nachricht von ihnen, nicht einmal ein Zeichen ihres un⸗ fruchtbaren Mitleids! Was ſind alle Leiden des Körpers gegen das Ab⸗ mühen des menſchlichen Gehirns im Schweigen und der Einſamkeit des Kerkers, tauſend Conjecturen zu erſinnen, die eben ſo ſchnell, wie Fieberphantome wieder ver⸗ ſchwinden, wenn die tollkühnſten Hoffnungen mit ſchrecken⸗ voller Angſt abwechſeln, wenn die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Jahren werden, wenn man auf ſeine Vergangenheit, wie auf die Trümmer eines geſcheiterten Schiffes zurückblickt und die Zukunft nur von der dro⸗ henden Flamme des göttlichen Zornes erleuchtet wird? Noch immer konnte und wollte Laramée nicht glauben, daß er unrettbar verloren ſei, als ein Prieſter in ſeinen Kerker trat, um ihn zum Tode vorzubereiten. Da erſt ſtand die ganze furchtbare Wirklichkeit enthüllt vor ihm da. Aber nicht einmal der Troſt ward ihm zu⸗Theil, ſeinen Schmerz vor dem Throne der Religion ausſchütten zu können, denn dieſe Religion verlangte ein vollſtändiges Sündenbekenntniß von ihm, und ſelbſt um den Preis der ewigen Seligkeit wollte der Unglückliche nicht zum Wortbrüchigen und Verräther an Denen werden, die ihn ſchmachvoll verleugneten. Er hätte die unheilvollen Leiden⸗ ſchaften ſeines Lebens zu den Füßen Gottes niederlegen müſſen, und Laramée hing mehr an ſeinen Leidenſchaften, als an ſeinem Leben; Stolz und Liebe waren Fleiſch und Blut an ihm geworden Er ſchwieg, als der Prie⸗ ſter ihm vollſtändige Sündenvergebung als Austauſch eines vollſtändigen Sundenbekenntniſſes darbot; als er aber vom Diener des Herrn die Worte vernahm: Vergiß Die, die Du geliebt haſt, und verſöhne Dich mit Dei⸗ nen Feinden! da wollte der Bedauernswerthe wenigſtens der einen dieſer göttlichen Vorſichten Genüge leiſten; er hörte auf dieſe eine Mahnung ſeines Gewiſſens und ließ Esperance, ſeinen tödlichſten Feind, um eine Unter⸗ redung bitten. Nichtsdeſtoweniger hoffte er kaum auf die Gewährung dieſer Gunſt von Seiten eines Mannes, an dem er ſich ſo ſchwer vergangen hatte; er fing an ſich ſelbſt zu er⸗ kennen und mit einem wahrhaften Ausbruch von Dank⸗ barkeit begrüßte er das Erſcheinen dieſes Mannes in ſeinem Kerker. Esperance war ſeinem edlen Charakter auch hier treu geblieben, und hatte keine Minute Zeit verloren, um der flehenden Stimme eines beſiegten Feindes Gehör zu geben. Der Gouverneur des Chatelet, jener Greis, den wir ſo gütig und theilnehmend gegen Esperance geſehen haben, erkannte augenblicklich ſeinen ehemaligen Gefangenen wieder, und geleitete ihn ſelbſt lächelnd in Laramée's Gefängniß. Das Wiederſehen der beiden jungen Männer war in der That ein erſchütterndes. Der Verurtheilte befand ſich in LEnem jener ſchauder⸗ haften Behältniſſe, die mehr der ſchmutzigen Höhle eines Raubthieres als einem Aufenthalte für Lebende gleichen. Die Kunſt der Kerkermeiſter hatte ſich in Erfindungen erſchöpft, um jede Flucht unmöglich zu machen. Der Inſtinet des Lebens ſchauderte zurück vor dieſen unzer⸗ ſtörbaren Granitmaſſen, vor dieſen eiſernen Thüren Ein Fröſteln überlief Esperance, als er eintrat, und er ge⸗ ſtand ſich, daß er lieber ſterben würde, als eine einzige Nacht in dieſer Hölle zubringen. Laramée war unbehindert in ſeinen Bewegungen; an ſolchem Orte waren die Ketten überflüſſig. Er ging dem großmüthigen Beſucher entgegen, den der Gouver⸗ neur ihm zuführte; man ließ ihnen eine Lampe, worauf beide Kerkermeiſter ſich zurückzogen. Gabriele. VIII. 3 e So hatte es ſich Laramée erbeten und ſo hatte es Esperance bewilligt, in dem auch nicht der Schatten eines Verdachtes ſich mehr regte. Eine Pauſe der gegenſeitigen Erwartung ging den erſten Worten voraus. Der freie Mann, der Sieger be⸗ trachtete ſeinen elenden Feind mit mitleidigen Blicken und er beſtrebte ſich, zartfühlend eine beſcheidene Haltung an⸗ zunehmen, um den Unglücklichen nicht zu beleidigen. Auch in den Augen des Gefangenen zeigte ſich eine Spur von Rührung, als er Esperance ſchweigend an⸗ blickte.. — Ich danke Ihnen, unterbrach Laramée endlich die peinliche Stille, ich danke Ihnen, mein Herr. — Ich warte auf das, was Sie mir zu ſagen haben. Laramée hob langſam die Arme und ſtrich ſich mit den abgemagerten Händen über das bleiche Geſicht. Er machte noch eine Anſtrengung, um die letzten Zuckungen des Stolzes zu bewältigen.. — Ich wollte nicht aus dieſem Leben ſcheiden, ſprach er dumpf, ohne die Vergebung Desjenigen zu erlangen, dem ich ſo ungerecht nach dem Leben getrachtet habe— und ich werde heute freier, als je bekennen, wie un⸗ würdig der Verzeihung mein Verbrechen iſt, da ich heute erſt die Großmuth eines Feindes kennen und ſchätzen lerne. Er konnte nicht weiter ſprechen; die Aufregung benahm ihm die Stimme. Esperance fiel raſch ein: — Sie begehen in dieſem Augenblicke eine gute That, die manche anderen, weniger gute wieder ſühnet. Was aber auch die Welt über Sie urtheilen möge, den⸗ noch erſcheinen Sie in meinen Augen weniger ſtrafbar, wie in denen Anderer, denn ich kenne den Dämon, der Sie ins Verderben geſtürzt hat. — O, mein Herr! rief Laramée mit feſter, faſt drohender Stimme, ſchmähen Sie Diejenige nicht, die ich jetzt nicht mehr mit dem Degen in der Hand vertheidigen kann! — Und Sie, erwiederte Esperance, verſchwenden Sie die Zeit nicht mit eitlen Ausbrüchen einer übelangebrach⸗ ten Großmuth. Ich wiederhole Ihnen, daß ich dies Weib durch und durch kenne Um dieſer ſchwarzen Seele willen haben Sie ſich unrettbar ins Verderben geſtürzt, armer Wahnſinniger; ſehen Sie nun, wie ſte es Ihnen lohnt. 3 — Und ich ſage Ihnen, Henriette wäre hierher gekom⸗ men, wenn ich es verlangt hätte! Durfte ich dies aber? Würde es eines Ehrenmannes würdig geweſen ſein, um einer Schwachheit willen in meinen letzten Augenblicken ein Weib zu compromittiren, das ich um den Preis mei⸗ nes Lebens gerettet habe? Sie ſchweigt, ſie verbirgt ſich, und ich billige dies. Sie gehört Ihrer Familie, gehört der Welt an; auch nicht der leiſeſte Wiederſchein meiner traurigen Berühmtheit darf auf ſie zurückfallen. Klagen Sie ſie nicht an, wenn ich ſie freiſpreche. — Wie es Ihnen beliebt. — Zudem haben gerade Sie weniger das Recht 3* dazu, wie jeder Andere, fügte Laramée mit düſteren Blicken hinzu. Esperance fühlte das Blut bei dieſer Anſpielung in ſeine Wangen ſteigen. Die Erinnerung an ſein Verhält⸗ niß zu Henrietten lebte augenſcheinlich noch im Herzen des Gefangenen fort. — Gott wolle verhüten, ſprach er, daß ich Made⸗ moiſelle d'Entragues ungerecht anklage.— Kann ich aber meine Augen vor dem Lichte der Wahrheit verſchließen? Können Sie Thatſachen wegleugnen? Mich hat ſie er⸗ morden laſſen— daß es nicht gelang, iſt wahrlich nicht ihr Verdienſt,— und Sie läßt ſie hinrichten. Alles das ſpricht wenigſtens nicht von einem gefüͤhlvollen Herzen. Indeß, da Sie ſich befriedigt erklären, enthalte ich mich aller weiteren Worte über ſie. — Aber was verlangen Sie denn, daß ſie thun ſolle? rief Laramée mit einer Lebhaftigkeit, die deutlich die Ver⸗ wirrung ſeiner Seele verrieth. — Was man unter ſo furchtbaren Umſtänden thun muß, in die ihre eigene Vorſichtigkeit, ihre Koketterie Sie geſtürzt hat: man macht ſeine Vergehungen durch eine großmüthige Hingebung wieder gut. Aber nein, ſage ich Ihnen, ſie hat kein Herz. Laramée zuckte ſchmerzlich zuſammen. — Fragen Sie nur, fuhr Esperance leiſer fort, ob ſie um den unglücklichen Urbain du Jardin auch nur eine Thräne geweint hat— ob ſie ſo viel Thränen vergoſſen hat, als ich um ihretwillen Blut verloren habe?— Und — 37— wenn Sie hier im Kerker mit dem Tode ringen, müßten ihre Thränen, ihre Seufzer ſich nicht allen Hinderniſſen zum Trotz den Weg bis zu Ihnen bahnen, um Ihnen wenigſtens dieſen einen Troſt zu ſpenden, ſich von ihr beweint zu wiſſen? — Ich würde den Anblick ihres Schmerzes nicht er⸗ tragen können, ſprach Laramée, aber ich bin überzeugt, daß ſie um mich weint. Und indem der Unglückliche dies ſagte, blickte er mit einem ſo innigen Ausdruck empor, als ob Henriette wei⸗ nend vor ihm ſtünde und er ihr aus der Fülle ſeines Herzens für ihr Mitleid dankte. — Niemals iſt mir etwas achtungswerther erſchienen, als der Wahnſinn dieſes Mannes,— dachte Esperance. — Mein Herr, hob Laramée ſich faſſend wieder an, es hat allerdings den Anſchein, als ob alle Welt mich verließe. Glauben Sie denn aber wirklich, daß Niemand meiner gedenke? Das Chatelet iſt nicht ſo leicht mit Sturm zu nehmen: Sie find hereingekommen, weil Sie durch Herrn von Crillon oder auf irgend welche Weiſe die Erlaubniß des Königs dazu erlangt haben; ich rech⸗ nete darauf, als ich Sie darum bitten ließ. Aber ſchwer⸗ lich würde es einem Anderen, und wäre er eben ſo groß⸗ müthig wie Sie, auf eben ſo leichte Weiſe gelingen, in meinen Kerker zu dringen. Ich habe Sie wiedergeſehen, um mir Ihre Vergebung zu erbitten, Sie haben mir verziehen, ich danke Ihnen nochmals dafür—— nun aber werden Sie mir noch einen Dienſt leiſten. — Welchen? — Ach! den größten von allen; einen Dienſt, vor dem alle Schreckniſſe des Todes verſchwinden werden, der meine letzten Augenblicke in ſuͤßes Entzücken verwandeln wird.— Weiß Henriette, daß ich mich nur um ſie zu retten Ihnen ergeben habe? Weiß ſie, daß, wenn ich nur für mich allein gehandelt, nur an mich gedacht hätte, ich mich tödten laſſen und noch mit einer Art von Ruhm hätte fallen können, daß ich mir auf dieſe Weiſe die Schmach der Gefangenſchaft, die Schmerzen der Folter und des Schaffots erſpart haben würde— weiß ſie das, mein Herr? — Ich vermag Ihnen allerdings keine beſtimmte Antwort darauf zu ertheilen; indeß erſcheint mir eine ver⸗ neinende als die richtigere, denn nur drei Perſonen hätten es ihr ſagen können, und keiner von uns Dreien hat natürlicher Weiſe mit Mademoiſelle d'Entragues ge⸗ ſprochen. — Nun denn, mein Herr, rief Laramée mit leuch⸗ tenden Blicken und Esperance's Hand erfaſſend, vernehmen Sie den letzten, den höchſten Dienſt, um den ich Sie zu bitten habe: Setzen Sie ſie von Allem in Kenntniß — von Allem— aber nicht wenn ich todt ſein werde, ſondern jetzt; nicht, damit ſie ſich durch irgend einen Schritt zu meiner Rettung compromittire— ſondern, daß ſie mir nur ein Wort, nur ein Zeichen der Liebe widme, das Sie mir überbringen werden, und das meine dürſtende Seele noch im letzten Augenblicke erquicken wird. — 39— Vielleicht lieben auch Sie, mein Herr, und werden meine Bitte begreifen. Und was ich verlange, iſt gar ſo wenig — ein Wort ein Zeichen— flehen Sie ſie in meinem Namen darum an, wie ich Sie anflehe, es mir im Augen⸗ blicke zu überbringen, wenn ich den letzten, ſchwerſten Gang aus dieſem Gefängniſſe antrete. Ich weiß, daß ich viel von Ihnen begehre, fuhr er fort, die Hand ſeines Feindes krampfhaft an ſeine Bruſt drückend; aber ich weiß es, daß Sie ein großes Herz beſitzen, und das mei⸗ nige in dieſem Augenblicke vielleicht milder beurtheilen, als irgend ein Menſch auf dieſer Welt!— Gott, der Ihnen ſchon ſo wunderbar ſeinen Schutz hat angedeihen laſſen, wird Sie dafür ſegnen und an Ihnen thun, was er für mich, den Verfluchten, nicht hat thun wollen! Ich leſe in Ihren Augen, daß Sie mir meine Bitte ge⸗ währen— ach! und doch iſt dies noch nicht Alles, um was ich den großmüthigen Esperance anflehen möchte! Der Ton, der Ausdruck Laramée's war ein ſo ſchmerz⸗ licher, daß ſich der junge Mann von Erbarmen hinge⸗ riſſen fühlte. — Sprechen Sie es immerhin aus, ſagte er ſanft. — Ich verlange Größeres, Schwereres von Ihnen, fuhr Laramée mit ſteigender Leidenſchaft fort. Ja, Sie werden mit Henriette ſprechen, werden ihr das Opfer, das ich ihr bringe, entdecken,— Sie werden zu mir zurückkommen, werden mir überbringen, was ſie Ihnen für mich anvertraut haben wird—— aber dann?— begreifen Sie das furchtbare Wort: was dann?— wenn — 40— ich todt ſein, wenn ich nicht mehr da ſein werde, um meinen Schatz, mein höchſtes Kleinod zu hüten, zu vertheidigen, wie ich es mein ganzes Leben hindurch ge⸗ than habe!— O, Sie ſind ſchön! ſie liebt Sie! rief er mit einer Art von wildem Geheul; ſie wird Sie vielleicht noch lieben, wenn ſie Sie wieder ſieht, wenn ſie Ihre triumphirende Schönheit, den Glanz und Schimmer Ihres Glückes, Ihr in heiterer Fülle prangendes Daſein mit den kalten, widerlichen Ueberbleibſeln des unter tauſend Mar⸗ tern hingerichteten Verbrechers vergleicht!— Möge ſie Sie nicht lieben! möge ihr Herz, ihr Körper nie wieder einem Anderen angehören, mögen die entſetzlichen Qualen der Eiferſucht mich nicht noch bis über mein ſchmachbe⸗ decktes Grab hinaus verfolgen! Auch die Todten haben eine Seele, die noch für Leiden empfänglich iſt— Ver⸗ ſprechen Sie mir, daß Sie mir Henriette auch nach meinem Tode nicht rauben wollen! Fordern Sie ſie in meinem Namen auf, der Welt zu entſagen, ſich in Kloſtermauern zu vergraben, mir noch jenſeits anzugehören! Sie wird es thun, nicht wahr? Sie kann ja gar nicht anders!— Wie ſollte ſie jemals noch am Hofe glänzen können, ſei es geliebt vom König, ſei es am Arme eines Gatten, mit dem Andenken an einen Mann im Herzen, der ſich freiwillig dem Tode geweiht hat, um ihre Ruhe, ihre Ehre zu retten? Nein, nein, Henriette wird das Gelübde ablegen! Sie werden ſie dazu zwingen, verſprechen Sie es mir! Sie kann, ſie ſoll nach mir keinem Manne mehr angehören, nicht mehr das Antlitz eines Mannes — nnnn—— ꝑꝑ́Ö—— — 11— erblicken!— Es iſt ja das Geringſte, was ſie noch für mich thun kann!— Haben Sie Erbarmen mit mir, Sie, der Sie Zeuge meiner Höllenqualen ſind! Dies Weib— dies ſchöne, reizende Weib— Henriette— gebrechliches Geſchöpf!— das mich vielleicht morgen ſchon vergeſſen haben wird!— Feiges, elendes Weib, das nicht den Muth hat mit mir ins Grab hinabzuſteigen!— Tod und Verdammniß! Und indem der Unglückliche dieſe Worte mehr heulte als ſprach, zerfleiſchte er ſich mit ſeinen Nägeln das Antlitz, und mit dem Blute zugleich rannen Thränen der Wuth und der Verzweiflung über ſeine Wangen. Esperance fühlte ſich dieſem Schmerzensausbruche der wahnſinnigſten Leidenſchaft gegenüber auf das Tiefſte er⸗ ſchüttert. Welche furchtbare Zerrüttung eines menſchlichen Herzens! Kein Gedanke an Gott, an Ewigkeit, nicht einmal an das Leben! keine Gewiſſensbiſſe, keine Reue! Nichts, Nichts, als dieſer einzige Gedanke an ſeine Liebe! Laramée erſchien ihm wie einer jener fanatiſchen Götzen⸗ diener, die in einem Wuthanfall der Begeiſterung und des Wahnfinns die vergoldeten Götterbilder mit eigenen Händen zertrümmern, vor denen ſte noch einen Augenblick zuvor in dem Staube gelegen hatten: Laramée läſterte ſeinen Abgott. Was bleibt einem Menſchen, der dahin gekommen iſt, das ſelbſt zu beſchimpfen, was er liebt, was bleibt ihm noch anderes, als der Tod? Von unendlichem Mitleid ergriffen, näherte ſich Es⸗ perance dem Gefangenen, und faßte ſeine Hände. In — 42— ſeinen Augen war der unglückliche junge Mann von jedem Verbrechen losgeſprochen, denn welche Strafe konnte härter ſein, als die, die er ſich jetzt ſelbſt auferlegte? Einem ſolchen Elende gegenüber mußte jeder Haß, jede Verachtung ſchwinden. Der edelmüthige Esperance war nahe daran, nur noch einen beklagenswerthen Freund an ihm zu er⸗ 3 blicken. — Hören Sie mich an, ſprach er endlich; ich ſehe Sie ſo unglücklich vor mir, daß ich Alles für Sie thun will, was irgend in meinen Kräften ſteht. Warum, ſtatt ſich dieſer unmännlichen Verzweiflung hinzugeben, ſtatt nur an Ihren Tod zu denken, warum denken Sie nicht lieber an die Möglichkeit Ihrer Rettung? Laramée ſtarrte Esperance bei dieſen Worten über⸗ raſcht an. — Rettung? murmelte er. Was wollen Sie damit ſagen? — Der König, das weiß ich, hegt keinen Zorn gegen Sie. Ich ſelbſt hörte ihn ſagen: Gehen Sie zu Laramée, ich erlaube Ihnen Alles, was Sie wollen, ich gebe Ihnen Carteblanche. Wenn Sie auf mich hören wollen, ſo kann ich vielleicht die dunkle Wölbung Ihres Kerkers mit einem Worte in ein ſtrahlendes Firmament verwandeln. Laramée horchte immer aufmerkſamer. — Thun Sie etwas für ſich ſelbſt, fuhr Esperance fort, kommen Sie der gnädigen Geſinnung des Königs entgegen. — 73— — Wie könnte ich... 2 — Hören Sie nur. Sie haben bis jetzt in allen Verhören hartnäckig behauptet, daß Sie ein Valois ſind, trotzdem Sie ſelbſt recht gut wiſſen, daß Sie das nicht ſind. Laramée runzelte die Stirn. — Sie ſind es nicht, ſage ich Ihnen, wiederholte Esperance feſt, und ich weiß ja die Triebfeder, die Sie zu dieſer Behauptung treibt,— der Stolz;— Sie wollen nicht als ein Betrüger vor Henriette's Augen gelten. Von einer Leidenſchaft, wie der Ihrigen, kann ich das ſehr wohl begreifen. Laramée erröthete vor dem hellen Blick, den ſein bis⸗ heriger Todfeind in ſeine Seele warf.— — Nun denn, ſprach Esperance weiter, wenn Sie durchaus daran feſthalten, ſo brauchen Sie ſich darum noch nicht einer wiſſentlichen Lüge ſchuldig zu bekennen. Sei es, beharren Sie auf Ihrer Lüge— — Ich glaube wirklich ein Valois zu ſein, unterbrach ihn Laramée ſtolz. — Auch das will ich zugeben. Sagen Sie, daß Sie es glauben, aber erklären Sie zugleich auch, wer Sie zu dieſem Glauben verleitet hat. — Cine Feigheit? fuhr Laramée auf; ein niedriger Verrath? — Hat Sie die Herzogin etwa nicht verrathen? Wo bleibt die Hülfe, die ſie Ihnen ſendet? — Geduld! — Unjinniger! wollen Sie durchaus darauf warten, bis der Henker Ihnen dieſen Wahn mit einem glühenden Eiſen aus dem Fleiſche brenne?— Sie ſind verkauft und verrathen, ſage ich Ihnen!— Wohlan denn, da die Herzogin Sie ihrem erbärmlichen Intereſſe aufopfert, warum wollen Sie ſelbſt Nichts für Ihr eigenes thun? — Wollen Sie das Leben, die Freiheit?— Wollen Sie noch dieſen Abend auf offener Landſtraße, in Gottes freier Luft, auf einem guten Pferde dahinfliegen, einem zwanzig⸗ dreißigjährigen, freudevollen Daſein entgegen? — Ich?— — Ich biete Ihnen die Freiheit an— und ſollte ich mein Leben für das Ihrige einſetzen müſſen, denn Sie haben mein Herz gerührt, und ich ſelbſt bin ja zum Theil mit an Ihrem Verderben ſchuld. — Sie ſind eine edle Seele, flüſterte Laramée er⸗ ſchüttert. — Geben Sie mir eine ſchriftliche Erklärung, daß Sie ſich in dem guten Glauben befanden, wirklich ein Valois zu ſein, daß Sie es noch glauben, weil man ihnen die Beweiſe davon vorgelegt hat. Nennen Sie ehrlich und muthig die Anſtifter des Complottes, mit einem Worte, ſeien Sie eben ſo ehrenhaft und loyal gegen den König, als man feig und niedrig gegen Sie geweſen iſt. Wenn Sie aufrichtig ſein wollen, müſſen Sie mir bekennen, daß Ihr eigenes Gewiſſen meine Worte nur bekräftigt. Für dieſes Schreiben empfangen Sie von meiner Hand —= s= Leben und Freiheit— ich ſchwöre es Ihnen vor Gott dem Allwiſſenden, der Jedes meiner Worte hört. Ein furchtbarer Sturm hatte ſich in Laramée's Bruſt erhoben; ſein Herz ſchwellte freudig vor dieſem ſo uner⸗ warteten Hoffnungsſtrahl; dennoch verharrte er eine Mi⸗ nute ſchweigend. — Geben Sie mir Henriette? rief er plötzlich. — Dieſe kann ſich Ihnen nur ſelbſt geben, nicht ich, antwortete Esperance achſelzuckend. Weiß ich es, was auf dem Grunde ihres Herzens ſich regt? — Sie hatten mir ſoeben verſprochen, zu ihr zu gehen. — Das habe ich, und ich werde s thun. — Nun denn, fragen Sie ſie, ob ſie mich begleiten, ob ſie die Meine ſein will, und ich nehme Ihren Vor⸗ ſchlag an! — Und Sie werden Alles für den König nieder⸗ ſchreiben, was ich Ihnen dietire, was ich ſoeben von Ihnen verlangt habe? — Augenblicklich! Mit Henriette fliehen! mit ihr leben!— O, mein Herr! für ſolchen Preis würde ich Ihnen meine Seligkeit verkaufen! Esperance hielt Laramée die Hand hin. 3 — So ſchwören Sie mir, ſprach er feierlich, was Sie mir jetzt nur erſt verſprochen haben. — Ich ſchwöre es Ihnen, bei meiner Liebe zu Hen⸗ rietten! rief Laramée mit freudeblitzenden Augen. — 46— Esperance hielt Laramée's Hand einen Augenblick in der ſeinen feſt. — Wie aber, ſprach er dann, ſie loslaſſend, wenn * ſie ſich weigert? Die Stirn des Gefangenen verfinſterte ſich plötzlich wieder. — In dieſem Falle, ſprach er dumpf in ſich hinein, wird mir der Tod nur ein willkommener Freund ſein! Aber ſich raſch wieder ermannend, fuhr er fort: — Aber ich weiß es, ſie liebt mich, ſie wird ein⸗ willigen! O, mein Herr, jetzt, wo ich wieder angefangen habe zu hoffen, jetzt verzehrt mich auch die Ungeduld. Benutzen Sie die Zeit, ſie iſt uns kurz zugemeſſen.. Beeilen Sie ſich!— Jede Minute der Erwartung iſt für mich ein Jahrhundert voll Qualen!— Retten Sie mich, geben Sie mir Henriette wieder, und ich werde Sie auf meinen Knieen anbeten! Noch einmal drückte Esperance die Hand des Un⸗ glücklichen. — Sie ſollen mich nicht vergebens herbeigerufen haben, ſagte er. Das tiefſte Stillſchweigen, vertrauen Sie auf mich, und möge mein Name Ihnen ein glück⸗ bringender ſein! — In wie viel Zeit werden Sie wieder hier ſein können? fragte Laramée, vor Freude am ganzen Körper zitternd. — So ſchnell als es mir irgend möglich iſt; beten Sie zu Gott bis dahin. — E — Ich kann es nicht— ich bin es nicht im Stande! Meine ganze Seele iſt in Aufruhr und Verwirrung, ich vermag nicht einen Gedanken zu faſſen, oder vielmehr, nur einen einzigen!— O, ſagen Sie, wann werden Sie zurück ſein? — Zählen Sie langſam bis zehntauſend, antwortete Esperance. Und nachdem er an die eiſerne Thür gepocht, die ſich ihm ſogleich aufthat, warf er dem ihm gierig nach⸗ ſtarrenden Laramée noch ein ermuthigendes Lächeln zu, und verſchwand. 3, Die Inſel Louviers. Esperance hatte ſich noch nicht hundert Schritte vom Chatelet entfernt, als ſein Plan ſchon vollſtändig ge⸗ geordnet war. Der Gedanke, Laramée zu retten, hatte ſich ſeiner nach und nach mit ſolcher Gewalt bemächtigt, daß alle anderen davor in den Hintergrund traten; er war ent⸗ ſchloſſen alle Hülfsmittel, ſein ganzes Vermögen, den Cre⸗ dit ſeiner Freunde, ja ſelbſt den Gabriele's zur Durch⸗ führung dieſes Planes aufzubieten. Aber die Zeit drängte. Das Urtheil war geſprochen, es verblieben dem Gefangenen nur noch wenige Stunden zu leben. 3 Esperance hatte beabſichtigt, ſich zunächſt jene Unter⸗ redung mit Henrietten zu verſchaffen, die er Laramée ver⸗ ſprochen hatte. Sein Herz empörte ſich bei dem Gedanken an eine Zuſammenkunft mit dieſem weiblichen Teufel, aber wie geſagt, kein Widerwille, kein Abſcheu vor Henriette ver⸗ mochte den Entſchluß dieſer großen Seele zu erſchüttern. Sein Geiſt war eben ſo fruchtbar an Erfindung von — 49— Hülfsmitteln, wie ſein Herz edel; er ſagte ſich, um eine Unterredung mit Mademoiſelle d'Entragues zu erlangen, ohne ſich zu compromittiren, ohne ihr zu ſchreiben, ohne zu ihr zu gehen, müſſe er ſich vor allen Dingen an Leonora wenden. Er ſchrieb dieſer Letzteren alſo ein Billetchen in ita⸗ lieniſcher Sprache folgenden Inhalts: „Es iſt durchaus nöthig, daß ich einen Augenblick die Perſon ſpreche, welche Sie mich an jenem Ballabende unter dem Epheu von Zamets Mauer ſehen ließen. Ich ver⸗ laſſe mich zur Vermittelung dieſer Unterredung auf Ihre Freundſchaft. Sie werden ſie ſelbſt begleiten, damit ſie nicht etwa eine Argliſt dabei vermuthe, und können ihr ſagen, daß ihr eigenes, koſtbarſtes Interreſſe bei dieſer Unterredung auf dem Spiele ſtehe, die übrigens nur wenige Minuten währen ſoll. Jene Perſon möge ſelbſt Ort und Stunde beſtimmen. Sie leiſten dadurch zwei Perſonen einen wichtigen Dienſt, deren eine, und zwar die Ihnen dies ſchreibt, Sie ihrer ganzen Dankbarkeit verſichert.“ Er unterzeichnete Speranza; am Erfolge zweifelte er keinen Augenblick. — So wird denn dies Ungeheuer kommen, ſagte er zu ſich ſelbſt. — Ich werde ſie überzeugen, oder nicht überzeugen, gleichviel; da ich mir aber einmal gelobt habe den Ge⸗ fangenen zu retten, ſo will ich ihn auf alle Fälle aus ſeinem Kerker ſchaffen— Gabriele VIII. 4 Wie aber fange ich das an? Den wackeren Crillon aufſuchen, der Alles über den König vermag, Crillon, der Einzige, der den König zu jeder Stunde ſprechen darf, und der im Stande iſt die ſchwierige Begnadigung an der Spitze ſeines Sieger⸗ degens davon zu tragen. Nächſtdem dürfte aber bei der Ausführung wohl noch die Beihülfe eines kräftigen und treuergebenen Armes nöthig werden.—— Er ließ Pontis einige Zeilen zu⸗ kommen, durch welche er ihn noch im Laufe des Abends zu ſich berief.. Nachdem alles auf dieſe Weiſe vorbereitet war, ver⸗ fügte ſich Esperance nach dem Arſenale, wo Crillon dieſen Abend bei einem Feſtmahle bei Sülly ſein ſollte. Die glänzendſten Anſtalten waren dort getroffen und man rechnete faſt mit Beſtimmtheit auf das Erſcheinen des Königs ſelbſt. Der tapfere Ritter plauderte eben mit einigen ſeiner Freunde, als ein Diener zu ihm herantrat und ihm leiſe meldete, daß Esperance im Veſtibule ſei und ihn dringend zu ſprechen verlange. Crillon ging ſogleich hinaus und errieth ſofort an dem langen Geſichte des jungen Man— nes, daß es ſich um etwas Außerordentliches handle. Esperance führte Crillon ins Garten⸗Parterre hin⸗ aus, und erzählte ihm ſofort, ohne Umſchweife, ohne ir⸗ gend welche Vorbereitung, die der Ritter, wie er wußte, nicht ſonderlich liebte, ſeinen Beſuch im Chatelet, einen Theil ſeiner Unterredung mit Laramée, und das innige — 51— Mitleid, welches ihn beim Anblicke dieſes Unglücklichen ergriffen habe. — Ich ſagte mir ſelbſt, ſchloß er ſeine Erzählung, daß es chriſtlich für mich wie für Sie ſein würde, hier etwas zu thun.. — Aber was denn, mein Gott? rief Crillon. — Seine Begnadigung erlangen. Der Ritter prallte ſo heftig zurück, daß jeder Andere als Esperance dadurch entmuthigt worden wäre. — Nun wahrhaftig, das iſt mir eine nagelneue Ge⸗ ſchichte! Wie, wir ſollten die herrlichſte Gelegenheit, die es geben kann, unbenutzt vorübergehen laſſen, einen Teufel zur Hölle zurück zu ſpediren, aus der ihn der Oberſte aller Teufel zur Qual der Menſchen hat entwiſchen laſſen?— Ich glaube, beſter, Sie ſind verrückt, ſo etwas von mir zu verlangen. — Nein, mein Herr, und ich ſchwöre Ihnen, daß ich mir die Sache ſogar ſehr reiflich überlegt habe, ehe ich zu Ihnen kam, und daß ich im Gegentheile vor Scham verrückt werden könnte, wenn mir mein Vorhaben mißlänge. Crillon ſchlug die Arme zuſammen und blickte Es⸗ perance halb finſter, halb mitleidig an. — Sie haben eine beſondere Manie, lieber Freund, ſagte er endlich; kennen Sie ſie? Man erkennt ſich ſehr häufig ſelbſt nicht, und ich will Ihnen daher einen Spie⸗ gel vorhalten: Sie haben die Manie der Großmuth. Sie erinnern mich leibhaft an den frommen Aeneas Vir⸗ gil's, einen Helden, deſſen Bekanntſchaft Sie ohne Zweifel 4* auch gemacht haben werden; jedesmal, wenn er Schwert⸗ ſtreiche austheilte, weinte er dazu, was ihn aber nicht abhielt, dennoch ganz gehörige Schwertſtreiche auszuthei⸗ len, wenn ſich die Gelegenheit dazu bot. Ich habe dieſen berühmten Helden immer höchſt lächerlich und al⸗ bern gefunden. Wahrſcheinlich hatte ihm der Brand von Troja, und die Freude, von ſeiner böſen Ehehälfte befreit zu ſein, das Gehirn verrückt; an Ihnen aber, Esperance, ſind mir dergleichen Beweggründe zur Zeit noch nicht bekannt. Alſo, heilen Sie ſich von Ihrer übelangebrach⸗ ten Großmuthsmanie. Je mehr ſich der Ritter in eine heitere Laune redete, je ernſter ward Esperance. — Mein Herr, ſprach er, bis jetzt habe ich Sie noch nie um etwas gebeten, ſo oft mir auch Ihre Güte Gunſt⸗ bezeugungen aller Art angeboten hat, und heute, wo ich die erſte Bitte an Sie richte, ſollten Sie mich ſchnöde abweiſen? Zudem handelt es ſich hier nicht um mich allein; auch Sie ſind daran betheiligt, Sie ſind ſogar verpflichtet, meine Bitte zu erfüllen. — Verpflichtet? Ich?— Nun, bei meinem Degen, das iſt ſtark! — Erinnern Sie ſich an jenes Abenteuer im Lager der Rebellen, als Sie, gerührt von der ruhigen Erge⸗ bung und der Großmuth des Unglücklichen— auch er iſt von der Manie der Großmuth beſeſſen, wie es ſcheint, ihm beim Abſchiede die Worte zuriefen, die mir treu im Gedächtniß ſind: Vielleicht werde ich mehr als — 53— das für Sie thun, wenn Sie fortfahren ſich vernünftig zu betragen. Ich ſollte meinen, der Aermſte hätte Ihnen ſeitdem keinen Grund gegeben— — m! ja, ja, das mag Alles ſein, brummte Cril⸗ lon; aber— — Sie haben es geſagt, und mithin ſind Sie auch verpflichtet es zu thun, verſetzte Esperance ehrerbietig, aber feſt. — Harnibieu! junger Menſch, ich glaube gar, Du willſt mir gute Lehren geben? — Keineswegs, mein Herr; ich komme nur Ihrem Gedächtniß zu Hülfe, damit nicht geſagt werde, Crillon habe jemals ſein Wort gebrochen. — Aber alle Teufel! glauben Sie denn, ich hätte nicht ſchon ſelbſt daran gedacht, als ich den König heute morgen ſo gut geſtimmt ſah? Waͤhrend der ganzen Rückreiſe nach Paris habe ich den König von dieſem er⸗ bärmlichen Werkzeuge der Montpenſter unterhalten, habe ihm dreiſt ins Geſicht behauptet, daß dieſer Laramée eigentlich kein ſo ganz verhärteter Böſewicht ſei, ich aber im Grunde des Herzens erfreut wäre, daß die Welt von ihm befreit würde. Wir laſſen ihm Gerechtigkeit wider⸗ fahren, wir vergeben ihm ſeine Sünden; ſeine Stiefeln ſind für die große Reiſe geſchmiert, mag er abfahren! — Ich habe ihm verſprochen, daß er leben ſolle, ver⸗ ſetzte Esperance mit Beharrlichkeit, und bitte Sie, vom Könige die Beſtätigung meines Verſprechens zu erlangen. Wie man ſagt, wird der König hierher kommen? — 54— — Freilich wird er kommen; er iſt ſogar ſchon hier, und wenn Sie mich noch länger aufhalten, wird er ohne mich eſſen müſſen. — Nun denn, Herr Ritter, ſo will ich Sie nicht länger beſchweren und flehe Sie an, mir meine Zudring⸗ lichkeit zu vergeben. Wie Sie wiſſen, wohne ich nur wenige Schritte von hier; ich muß die erbetene Begnadi⸗ gung noch heute Abend haben; morgen iſt es zu ſpät, und ich bin entehrt. Die bewegte Stimme Esperance's, ſeines geliebten Esperance, rührte Crillon's Herz. — Nein, nein, das ſoll nicht geſchehen, rief erz ſo haben Sie doch nur ein wenig Geduld! Man ſpeiſt noch nicht; ſo viel ich hier ſehen kann iſt die Geſellſchaft noch in der Bibliothek verſammelt und man deckt erſt die Tafel. Warten Sie einige Minuten; ich gehe ſogleich zum König und bringe Ihnen ſeine Antwort zurück, möge ſie ausfallen, wie ſie wolle. Esperance wollte ſich entfernen. — Nein doch! dort auf die Bank, hinter jene Char⸗ mille ſollen Sie ſich ſetzen. Ich werde verſuchen den König hierher zubringen, und Sie ſollen dann ſeine Ent⸗ ſcheidung hören, als ob er mit Ihnen ſelbſt ſpräche. In der That war Esperance kaum einige Minuten allein geblieben, als er den König, ſchwarz gekleidet, im bloßen Kopfe, mit Crillon, dem er ernſt und aufmerkſam zuhörte, den Perron herabkommen und ſich langſam der Charmille nähern ſah, hinter welcher Esperance verbor⸗ gen war. Heinrich hörte der warmen Bitte des Ritters willig zu. Dieſer charakteriſirte ſich vollſtändig in ſeinem Style: er brannte vor Ungeduld Esperance's Wünſche zu erfül⸗ len, und bat den König zu gleicher Zeit, das Wohl des Staates ja ſorgſam im Auge zu behalten. — Hehe! mein wackerer Crillon, ſagte der König, der Staat iſt bei dieſer ganzen Angelegenheit jetzt nicht mehr betheiligt. Laramée iſt entweder Valois oder La⸗ ramée. Wenn er ſich einen Valois nennt und ich ihn hinrichten laſſe, ſo giebt das einen Fleck; wenn er es nicht iſt und er darauf beharrt, mir Verlegenheiten zu bereiten, warum ſollte ich die Thodheit begehen ihn zu ſchonen? Das ſicherſte und einzige Argument, das mir übrig bleibt, um der Welt zu beweiſen, daß er kein Va⸗ lois iſt, iſt, wenn ich ihn an den Galgen aufhängen laſſe. — Ja, ja, das iſt wahr, murmelte Crillon. — Leider iſt es wahr! ſeufzte Esperance in ſeinem Verſtecke, die Richtigkeit dieſer Argumentation anerkennend. — Könnten Ew. Majeſtät Dem nicht Trotz bieten? verſetzte Crillon. — Trotz bieten? Wem denn?— Müſſen die Könige nicht immer irgend wem oder was Trotz bieten?— Es handelt ſich nur um die Wahl.— Willſt Du, daß ich wegen eines Atoms, eines Nichts, die ganze Welt in Bewegung ſetze? — 56— — Na, meiner Treu! rief Crillon, wenn es ſo iſt, ſo hänge man ihn und die Geſchichte hat ein Ende! Esperance erbebte bei dieſer ſeltſamen Art ſeine Bitte zu unterſtützen. Der König verſank in tiefes Nachdenken. — Was kann mir daran gelegen ſein, fuhr er, wie mit ſich ſelbſt ſprechend fort, ob dieſer Menſch ſtirbt oder lebt, ſobald mir klar bewieſen würde, daß er Nichts als ein willenloſes Werkzeug der Herzogin von Montpenſier iſt und ſeine Thorheit bereut? Uebrigens könnte man der Sache auch auf andere Weiſe abhelfen als durch meine Begnadigung, die immerhin ein gefährliches Beiſpiel ſein würde.— Wenn es Dir gar zu großes Vergnügen macht, ihm durchzuhelfen, ſo mag er doch ein Loch in die Mauer brechen und entfliehen. Ich bin doch nicht da, um die Gefangenen zu bewachen! Esperance fuhr vor Freude in die Höhe. — Alles gut und ſchön, ſprach Crillon, aber dann werden Sie ihn verfolgen und wieder feſtnehmen laſſen? — Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich mich jemals wieder darum bekümmere, was aus ihm geworden iſt, wenn er mich nicht ſelbſt durch neue dumme Streiche an ſich erinnert! Ich habe keine Luſt daran, die Leute ohne Noth zu quälen, und der Anblick eines Galgens macht mir immer Herzweh. — Aber der Gouverneur, der ihn hat entwiſchen laſſen— — Der gute, alte du Jardin! ein ehemaliger Glau⸗ bensgenoſſe und Kriegskamerad, ein würdiger Mann, den — —— ich wie einen Anverwandten liebe.— Behüte, Crillon! Wie würde ich dieſen armen du Jardin Etwas zu Leide thun— dafern er mir nur ſtatt des entſprungenen Gal⸗ genvogels ein bündiges Document von deſſen eigener Handſchrift präſentirt, worin dieſer deutlich und beſtimmt erklärt, daß es Laramée, aber keineswegs ein Valois ſei, der meine Kerkermauer durchlöchert hat. Auf dieſe Weiſe kann ich ja nur dabei gewinnen; ich erſpare einen Strick und die Herzogin wird ſich die Gelbſucht an den Hals ärgern, wenn ich dieſe Erklärung zeigen werde. — Mit der Gelbſucht allein iſt's nicht gethan, wenn ſte nicht auch davon ſtirbt, brummte Crillon; aber die hat ein zähes Leben. 3 — Ich wiederhole Dir, ſagte der König ruhig, daß ich nicht die mindeſte Gefahr für den Staat darin ſehe, daß ein Laramée aus dem Gefängniſſe entwiſcht; wäre es ein Valois— dann freilich würde ich anders ſprechen! — Ich verſtehe Ew. Majeſtaͤt, ſprach Crillon, den König wieder nach dem Perron zurückgeleitend, wo ihn bereits mehrere Herren des Hofes erwarteten. Dort empfahl er ſich ihm, und eilte zu Esperance zu⸗ rück, der dem Ritter leidenſchaftlich die Hand drückte. — Dank! Dank! flüſterte der junge Mann; ich hatte die Nothwendigkeit einer ſolchen Erklärung Lara⸗ mée's bereits vorausgeſehen, und der König ſoll ſie ſogar vollſtändiger haben, als er es verlangt. Wie aber fan⸗ gen wir es nun an? * — 58— — Ich werde noch dieſen Abend ſelbſt mit du Jar⸗ din ſprechen, ſagte Crillon. — Sagen Sie ihm, daß er Laramée in das obere kleine Thurmgemach ſperre, in dem ich war. — Gut. — Für einen Strick mit Knoten, für eine Feile werde ich ſchon ſorgen, ſo daß er dieſe Nacht fliehen kann, ohne den Verdacht einer Mitwiſſenſchaft auf den Gouverneur zu bringen. — Machen Sie das, wie Sie denken, ich kümmere mich nicht darum. — Nur ſage ich Ihnen nochmals, daß Sie im Be⸗ griffe ſtehen mit Ihrer einfältigen Großmuth einen dum⸗ men Streich zu machen. Sie haben aber eine Sprache mit mir geführt, der ich nicht widerſtehen konnte; es war die erſte Gunſt, um die Sie mich gebeten, und die konnte ich nicht abſchlagen. Der alte Kriegsmann ſchloß Esperance in ſeine Arme und betrachtete ihn einen Augenblick voll Zärtlichkeit. Und in der That, nie war ihm das Geſicht des jungen Mannes ſchöner erſchienen. Jede gute That iſt eine Eingebung von oben; wie ſollte der göttliche Strahl die Schönheit nicht noch ſchöner erſcheinen laſſen? Jetzt blieb Esperance noch den mißlichſten Theil ſeiner Unternehmung zu vollführen: die Unteredung mit Hen⸗ riette. Seufzend entſchloß er ſich dazu. Leonora hatte ſchon geantwortet. Als Esperance ſein —,— 4 3 —,— — 59— Haus betrat, fand er Signor Concino ſchlummernd auf einem Stuhle. Nachdem er wach gerüttelt worden war, ſprach er Nichts als die Worte: — Dieſen Abend, halb Neun, Inſel Louviers. Dann ging er. Es war ſchon acht und ein Viertel. Die Friſt, welche Esperance Laramée beſtimmt hatte, mußte ziemlich ver⸗ ſtrichen ſein. Nicht ohne heftige Aufregung ſah Esperance punkt halb neun Uhr von ſeinem Lauerpoſten, dem Arſenal gegenüber, einen kleinen Nachen über den Arm des Fluſſes ſetzen, und gleich darauf eine weibliche Geſtalt, dicht in Schleier und Mantel gehüllt, unter den jungen Ulmen auf ſich zuſchreiten. Das Feuer von Henriette's ſchwarzem Auge blitzte durch das luftige Gewebe. Leonora, die mit Henriekte ans Land geſtiegen war, winkte dem jungen Manne mit der Hand einen Gruß zu, und blieb dann am Eingange der Inſel auf einem ab⸗ gehauenen Baumſtamme ſitzend zurück. Die Inſel Louviers war zu jener Zeit eine Privat⸗ beſitzung, ein Garten der Familie d'Entragues, deren Namen ſie ſeitdem noch mehrmals geführt hat. Die Wahl des Ortes bot für beide Theile gleiche Vortheile; Henrietten Einſamkeit und Verborgenheit, Es⸗ perance Sicherheit; rings umher hatte er freien Rückzug; er war ja ein trefflicher Schwimmer und brauchte nur ins Waſſer zu ſpringen. 60 Mit finſterer, gezwungener Haltung ging er ſeiner Freundin einige Schritte entgegen; Beide betrachteten ſich eine Minute mißtrauiſch. — Sie haben mich gerufen, hob ſie endlich kurz und ſtreng an, den Schleier zurückſchlagend; da bin ich. Esperanee verbeugte ſich. — Sie werden hoffentlich überzeugt ſein, Mademoi⸗ ſelle, daß nur eine höchſt wichtige Urſache mich veranlaſſen konnte, um Ihnen dieſe Unbequemlichkeiten zu bereiten. — Gewiß. Leonora ſprach etwas von meinem per⸗ ſönlichen Intereſſe dabei, und ich habe mich ſelbſt ge⸗ fragt, inwiefern Sie bei meinem Intereſſe betheiligt ſein können; allein ich bin mir die Antwort zur Zeit noch ſchuldig geblieben. — Nicht ich bin es, Mademoiſelle, erwiederte Espe⸗ rance entſchloſſen, keine Minute mit unnöthigen Einlei⸗ tungen zu verlieren, ſondern Herr von Laramée. Henriette erbleichte zitternd. Zum erſtenmale blickte ſie Esperance jetzt ſcharf und feſt an und fühlte ſich ergriffen von der düſteren Schön⸗ heit dieſer Züge, die Jeden entzücken mußten, der es nicht verſtand, die ſchwarze Seele unter dieſer ſchönen Hülle zu erkennen.. — Ich werde mich möglichſt kurz faſſen, fuhr er fort, und allen Ihren Fragen zuvorkommen. Hören Sie in zwei Worten, um was es ſich handelt: Laramée iſt im Kerker, iſt zum Tode verurtheilt, und wird morgen früh hingerichtet werden. — 61— — Das iſt ja aller Welt bekannt, warf ſie verächt⸗ lich hin.. — Ganz recht; was aber der Welt noch nicht be⸗ kannt iſt, das iſt die Art, wie der Unglückliche gefangen genommen wurde, mitten in ſeinem Lager, unter ſeinen Soldaten, ohne Kampf, ohne Widerſtreben— er, der ſonſt ſo muthige, tapfere Mann. — Wahrſcheinlich ſagte er ſich, daß gegen den tapfe⸗ ren Crillon und die, welche ihn begleiteten, jeder Kampf ein Wahnſinn ſei, ſprach Henriette ſpöttiſch. — Nicht aus Rückſicht auf ſich ſelbſt, Mademoiſelle, hat ſich Laramée uns ergeben, ſondern aus einem ande⸗ ren, edleren Gefühle, das uns ſelbſt zum Mitleid gerührt hat, und ich hege noch ſo viel Zutrauen zu Ihrer Weib⸗ lichkeit, daß es auch Sie rühren werde. — Ich bin begierig auf Ihre Analyſe dieſes rühren⸗ den Gefühles, entgegnete Hemiette d'Entragues, gewalt⸗ ſam an ſich haltend, um ſich nicht durch den verächtlichen Ton, in dem Esperance dieſe Worte ſprach, zu einem Zor⸗ nesausbruch hinreißen zu laſſen. — Mademoiſelle, Laramée hat nur aus Furcht nach⸗ gegeben, Sie auf eine höchſt gefährliche Weiſe zu com⸗ promittiren. — Mich compromittiren.— Herr Laramée?— Was ſoll dieſer Unſinn heißen? — Warte, Schlange, ich werde Dich am Ziſchen verhindern!— dachte der junge Mann. — Allerdings, Mademoiſelle; hören Sie nur, fuhr „ — 62— er laut fort; Laramée hatte Ihnen einen langen Brief geſchrieben, voll Liebesbetheuerungen, voll Erkenntlichkeit; er dankte Ihnen darin für die großmüthige Art, wie Sie ihn zu ſeinem Unternehmen aufgemuntert, als deſſen Preis Sie ihm Ihr Herz und Ihre Hand in Ausſicht genellt haben; er bot Ihnen darin die Hälfte ſeiner Krone an, nannte Sie ſeine Königin, und beſiegelte ſein koſtba⸗ res Anerbieten durch ſeine Unterſchrift: Karl, König. Mit innerlicher Freude gewahrte Esperance, wie Hen⸗ riette's Beſtürzung und Verwirrung ſich mit jedem ſeiner Worte ſteigerte. — Dieſer Brief, ſprach er weiter, war einem Cou⸗ rier anvertraut worden, der ihn direct in Ihre Hände übergeben ſollte, und bereits auf dem Wege nach Paris, als Herr von Crillon und ich den Courier auffingen, ihm den Brief abnahmen und ſeinen Inhalt genau ſtu⸗ dirten. Henriette war todtenbleich und griff um ſich, als ob ſie irgend eine Stütze erhaſchen wolle. Einen Augenblick empfand Esperance eine Anwandlung von Mitleid; aber ſein Abſcheu, dieſes Weib nur zu berühren, überwog die Regung der Menſchlichkeit; er ſah gleichgültig zu, wie ſie rückwärts taumelte und ſich endlich an einen Baum lehnte. — Sie begreifen, Mademoiſelle, welche Wirkung dieſer Brief bei Sr. Majeſtät hervorgebracht hätte, wenn wir ihn derſelben übergeben hätten,— wie es allerdings unſere Abſicht war.— Ja, ſo ſchweben manchmal Ge⸗ fahren über uns, ohne daß wir es ahnen! — 63— Esperanre verſchränkte die Arme und weidete ſich einige Secunden an dem Anblicke ihrer Todenangſt; der kalte Schweiß trat ihr auf die Stirn. — Nun denn,— nahm er wieder das Wort, der unglückliche Laramée hatte Erbarmen mit Ihnen; er be⸗ ſchwor ſeine Feinde, ihm dieſen Brief zurückzugeben, ver⸗ ſprach, ſich dafür ohne Schwertſtreich auszuliefern und nicht nach ſeinem eigenen Leben zu trachten— ja, ſo groß iſt die Allgewalt dieſer Liebe: er weihete ſich dem ſicheren Verderben, um Sie zu retten! — Und— was hat man ihm geantwortet? ſtam⸗ melte Henriette. — Man nahm es an. — Der Brief alſo—⸗ 8 — Iſt verbrannt. Sie haben— von dieſer Seite wenigſtens— Nichts mehr zu befürchten. Ein teuf'liſcher Triumph leuchtete aus Henriette's Blicken. — Ja, Sie ſind gerettet, fuhr Esperance fort; aber der Unglückliche, dies Schlachtopfer ſeiner Liebe und Er⸗ gebenheit, er ſchmachtet im Kerker und ſieht den Tod vor ſich. Die Hinrichtung iſt auf morgen früh acht Uhr feſtgeſetzt. — Was— kann ich— dabei thun? rang Hen⸗ riette mühſam hervor. Giebt es ein Mittel, um es zu verhüten? — Allerdings giebt es eines, UhrGantiſle; Laramée ſelbſt hat es gefunden, und auf ſeine Bitte ſtehe ich jetzt vor Ihnen. * Henriette fühlte, daß ein furchtbarer Angriff ihres Feindes jetzt erfolgen werde; ſie hatte in Esperance's feſten Blicken geleſen, daß er ihr den wichtigſten Theil ſeiner Sendung noch zu eröffnen habe, und daß fie aller ihrer Geiſtesgegenwart bedürfe, um der Gefahr Trotz zu bieten. Sie ſank in ſich zuſammen, wie ein Tieger, der ſich zum gewaltigen Sprunge auf ſeinen Feind vorbe⸗ reitet. — Ich warte auf das, was Sie mir zu ſagen haben, ſprach ſie leiſe, und wenn es in meinen Kraͤften ſteht, den Unglücklichen zu retten, der mich gerettet hat— — Das ſind lobenswerthe Geſinnungen, Mademoiſelle! unterbrach ſie Esperance; beharren Sie darin, und Sie ſelbſt beſeitigen dann die ſchwerſten Hinderniſſe. — Was verlangt Laramée? — Er liebt Sie mit höchſter Leidenſchaft— — Das iſt es wohl nicht, vermuthe ich, was er Sie beauftragt hat, mir zu ſagen. — Ich muß Sie bitten, mich nicht zu unterbrechen. Ja, er liebt Sie, und liebt Sie ſo über alle Begriffe, daß er ohne Sie weder leben kann, noch leben will, und er fordert Sie auf, ſich förmlich und feierlich gegen ihn zu verpflichten— Henriette ſtarrte Esperance mit einem Erſtaunen an, das wenigſtens nicht geheuchelt war. — Wie ſollte ich mich gegen ihn verpflichten, fragte ſte,gegen einen Unglücklichen, deſſen Lebensſtunden bereits — gezählt ſind? Ob er ohne mich leben könne oder nicht, davon kann doch nicht weiter die Rede ſein, da er— leider!— ſo ſchnell ſterben muß. — Nehmen wir an, er bliebe am Leben, ſprach Es⸗ perance ruhig. Henriette fuhr hoch auf. — Wer in der Welt will ihn retten? rief ſie mit einem Ausdrucke, der ſie in Esperance's Augen zur ſcheuß⸗ lichen Furie machte. 8 — Ich, Mademoiſelle. — Wollen Sie Ihren Spott mit mir treiben? — Ich verbürge Ihnen, daß Larameée gerettet werden wird. — Aber der König? 8 — Der König hat bereits eingewilligt. Sie ſehen alſo, daß Nichts Laramée behindern wird, am Leben zu bleiben.— Nichts auf der Welt, verſtehen Sie wohl? Henriette wollte auffahren; aber im nämlichen Mo⸗ mente fühlte ſie auch, daß ſie, wenn ſie ihren abſcheu⸗ lichen Egoismus in ſeiner ganzen Blöße ſehen laſſe, den jungen Mann verhindern würde, weiter fortzufahren, und ſie wollte Alles wiſſen, um Alle zu täuſchen. Aber es war zu ſpät; ſchon hatte ſie ſich verrathen. Esperance hatte ſie verſtanden, er hatte auf dem tiefſten Grunde ihrer Seele geleſen. — Ich weiß wohl, ſprach er verachtend, daß Sie ihn lieber ſterben ſehen wie jeden Anderen— mich vielleicht ausgenommen. Aber er wird leben, er ſoll leben, ich Gabriele. VIII. 3 5 — 66— will es haben, und ich überbringe Ihnen ſeine beſtimmte Willensmeinung: er verlangt, daß Sie ihn in ſeine Ver⸗ bannung begleiten. Diesmal vermochte Henriette ſich nicht mehr zu be⸗ herrſchen. — Aber das iſt ja offenbarer Wahnſinn! rief ſie, und dieſer angebliche Retter hätte mich nur in der Ab⸗ ſicht gerettet, um mich in noch größeres Verderben zu ſtürzen? — Um ſeine Abſicht dabei kümmere ich mich nicht; ſehen Sie ſelbſt zu, wie Sie mit ihm zurecht kommen. Ich verkündige Ihnen nur ſeinen Willen, der übrigens auch der meinige iſt. — Wie war das? ſchnaubte die Tigerin. — Es iſt mein Wille! antwortete der Löwe. Genug der Verbrechen— genug des Blutes, das Ihre verbreche⸗ riſche Leidenſchaft und Ihr feiger Ehrgeiz vergoſſen!— Zum letzten Male: Laramée, vom König begnadigt, wird dieſe Nacht aus dem Chäͤtelet entfliehen— und Sie werden ihn begleiten!— Er nennt dieſe Verbindung einen Lohn ſeines Opfers— mag er es;— ich weiß nur zu gut, daß ſie für ihn wie für Sie die furchtbarſte Strafe Ihrer Sünden ſein wird— aber gleichviel!— Wenn Gott einmal die Züchtigung beſchloſſen hat, weiß er ſie auch zu vollziehen, und was er thut iſt wohlge⸗ than. Genug, Sie werden mit dieſem Manne noch in dieſer Nacht abreiſen, wo nicht, ſo entbinden Sie ſelbſt mich jener einfältigen Delicateſſe, die mich bis jetzt zurück⸗ — 62— gehalten hat; ich entlarve Sie, ich trete als Ihr An⸗ kläger auf, ich berufe mich auf Crillon's und Pontis' Zeugniß, die ich bis jetzt nur mit Mühe zurückgehalten habe, ich enthülle ihre Schandthaten vor dem königlichen Tribunale, und dann werden Sie ſich vergebens nach der Verbannung ſehnen, die das unglückliche Opfer Ihrer Verbrechen Ihnen jetzt durch mich anbietet. Jeder Nerv Henriette's zuckte krampfhaft. — Ich bin verloren— dachte ſie— unrettbar ver⸗ loren, wenn ich ihn meine Gedanken errathen laſſe!— Sie legte die Hände vor's Geſicht, als wolle ſie ihre ausbrechenden Thränen verbergen; ſie weinte auch wirklich, aber nicht Thränen der Reue, der Zerknirſchung, ſondern Thränen der Wuth und des Ingrimms. — Wohlan, mein Herr, ſprach ſie endlich, wie er⸗ ſtarrt vor Schmerz, ich weiß, daß ich für die Welt ver⸗ loren bin, daß ich fortan nur dieſem Unglücklichen ange⸗ hören darf. Aber meinen Sie nicht, daß ich das Recht habe, über eine Schmach zu weinen, die ſo laut und ſo eclatant auf mich und meine ganze Familie zurückfallen wird?— Ja, ich war ſchuldig— aber iſt die Strafe nicht auch eine furchtbare? — Und doch ſehe ich kein anderes Mittel, Ihre Ver⸗ brechen zu ſühnen, verſetzte Esperance bewegt. So viel vergoſſenes Blut läßt ſich nicht in einem Tage abwaſchen. Sie werden leiden, aber es muß ſein. 3 — Nun denn, ſo hart auch die Züchtigung ſei, ich werde mich ihr unterwerfen. 5* — 68.— — Und von dem Augenblicke an, wo Sie dies thun, werde ich Ihnen vergeben, werde ich Sie wieder achten. — Ja, fuhr der junge Mann fort, am Tage nach Ihrer Vermählung mit Laramée, werden Sie von mir, wo Sie auch ſein mögen, jenen Brief zurückempfangen, den Sie ſo hartnäckig von mir gefordert haben, und den ich dann nicht mehr das Recht haben werde, Ihnen länger vor⸗ zuenthalten. Einen Augenblick belebten ſich Henriette's Augen wieder; aller Haß, alle Rachſucht ihres Herzens loderten in dieſem einzigen Blicke empor. Esperance ſah es nicht; wie erröthend vor ſeinem eigenen Edelmuthe hatte der arme Junge die Augen nie⸗ dergeſchlagen. — Es iſt gut, murmelte ſie zähneknirſchend.— Und nun, was habe ich zu thun? Wie wird dieſe Flucht ſtattfinden? — Sie kennen das Chätelet — Ja. Ueber dem Thore, welches der Kleinen⸗Brücke gegen⸗ überliegt, ganz oben unter der Zinne des Thurmes iſt ein kleines Gemach, in das man den Gefangenen für dieſe Nacht bringen wird. Von dort aus wird er entfliehen. Ich werde ihn am Fuße des Thurmes mit Pferden er⸗ warten, oder vielmehr, wir werden ihn erwarten, Made⸗ moiſelle, denn Sie werden mich begleiten. Henriette zuckte, als ob ſie ſich auf's Neue empören wollte. — 69— — Jenes Gemach, fuhr Esperance fort, als wollte er die letzte Widerſtandskraft des feigen Mädchens brechen, jenes Gemach würde noch eine ſchmerzliche Erinnerung in Ihnen erwecken. Zum Glücke weiß Laramée es nicht, er würde ſonſt nicht den Muth haben es zu betreten. — Was iſt denn? fragte ſie geſpannt. — Dort wohnte in ſeiner Jugend, in ſeiner glück⸗ lichen, ſorgloſen Jugend der Sohn des Gouverneurs des Chatelet, jener ſchöne hugenottiſche Jüngling, Urbain du Jardin— erinnern Sie ſich noch dieſes Namens? Henriette ſtieß einen Schrei aus, den Esperance für einen Schrei des Entſetzens hielt. — Urbain du Jardin, ſtammelte ſie, war der Sohn des jetzigen Gouverneurs des Chatelet? — Leider! ſprach Esperance, ohne eine Ahnung des teufliſchen Triumphes, den dieſe Entdeckung in Henriette's Herzen hervorrief. — Ja, ſein Sohn, und ich habe die Thränen des armen Greiſes geſehen, als er mir während meiner kurzen Gefangenſchaft den Armſtuhl anbot, auf dem ehemals ſein unglückliches Kind ruhte und auf dem, ohne daß er es weiß, heute Abend deſſen Mörder ruhen wird. 3 — Genug, Genug! rief Henriette mit fieberhafter Haſt, die Esperance auf Rechnung ihres erwachten Ge⸗ wiſſens ſchrieb. Auf Morgen, alſo! Laſſen Sie mich die Stunde wiſſen, und verlaſſen Sie ſich auf mich! — Umm ſo ſicherer— dachte Esperance,— als ſie nicht mehr anders kann. —ᷓ;— — — 70— — Avdieu, alſo, ſagte er laut, ich kehre zu Laramée zurück. Sie zeigte mit höhnender Geberde auf den Nachen, der ihn herüber gebracht hatte. Esperance drückte im Vorbeigehen verſtohlen Leonora's Hand, und war in wenigen Minuten wieder am anderen Ufer. 4. Die Rache eines Vaters. Esverance kehrte eiligen Schrittes in ſeine Wohnung zurück, um Waffen, Pferde und Geld in Bereitſchaft zu ſetzen. Alle ſeine Befehle wurden ebenſo raſch als um⸗ ſichtig ertheilt. Er wickelte ein dünnes Seil von feſter Seide mit vielen Knoten unter ſeinem Wamms um den Leib, zum großen Erſtaunen ſeines Freundes Pontis, der ſich in Folge der erhaltenen Weiſung pünktlich eingefunden hatte, und der Nichts von allen dieſen Anſtalten begriff. Dann faßte ihn Esperance unter den Arm, und beide ſchritten raſch dem Chatelet zu. Unterwegs theilte Esperance dem jungen Gardiſten die ſo wichtigen Ereigniſſe dieſes Tages mit, und als er bis zu ſeiner Zuſammenkunft mit Henriette und ſeinen getroffenen Anſtalten, um Laramées gemeinſchaftliche Flucht mit ihr zu bewerkſtelligen, gekommen war, ſah er Pontis beide Arme gen Himmel erheben und wüthend damit in der Luft herumfechten. — Aber ſage mir nur, brach der Gascogner endlich los, biſt Du denn geradezu wahnſinnig geworden? Wie, Du denkſt ernſtlich daran, den Galgen um eine ſo prächtige ——— Zierde zu prellen? Einem ſolchen Schufte das Leben zu retten, einem Erzböſewicht, der mich beinahe hätte arque⸗ bufiren laſſen, der Dich ſelbſt beinahe ermordet hätte? Der— — Alte Geſchichten, Freund Pontis, alte Geſchichten, auf die man nicht mehr zurückkommen darf, beſchwichtigte ihn Esperance, erſpare Dir alle Einreden. — Und Du haſt Dich herabgelaſſen, mit dieſer Beſtie von Entragues förmlich zu unterhandeln— nur mit dieſer Kreatur zu ſprechen? — Glücklicherweiſe, ja,— denn der Vertrag iſt jetzt nach meinem Willen geſchloſſen. Pontis ſchlug ein höhniſches Gelachter auf. — Ach, Du ehrlicher Esperance, rief er, der da glaubt, mit einer ſolchen Perſon ſei irgend ein Vertrag zu ſchließen!— Sie hat Dich uur gefoppt, und ehe Du es Dir verſiehſt, iſt ſte Dir entſchlüpft. — Diesmal ſollte es ihr doch ſchwer werden, eine Hinterthür zu finden, durch die ſie mir entſchlüpfen könnte; ich halte ſie feſt. — Aber ich ſehe nur die Nothwendigkeit nicht ein, wenn man dem Glücke ſo im Schooße ſitzt wie Du, ſich in die Angelegenheiten einer ſolchen Spitzbubenbande zu miſchen. — Wenn ich ſo wie Du nur einem kleinlichen Egoismus folgen wollte, könnteſt Du vielleicht recht ha⸗ ben,— doch nein, ſelbſt dann noch habe ich ganz klug gehandelt. Indem ich mich in die iße vayane Hen⸗ — — 73— riette's und Laramée's miſche, Meiſter Pontis, ſorge ich zugleich ſür meine eigenen, und wenn Du Deinen Ver⸗ ſtand ein wenig zuſammennehmen und die Sache ordentlich überlegen wollteſt, ſo würdeſt Du einſehen, daß es ein äußerſt kluger Streich von mir iſt, mich auf dieſe Weiſe für immer von dieſem Laramée und ſeiner würdigen Mit⸗ genoſſien zu befreien. Ja, lieber Freund, Du haſt noch keinen Begriff davon, wieviel mir daran gelegen ſein muß, dieſe Henriette d'Entragues für immer aus Frank⸗ reich zu entfernen. Und dennoch iſt Gott mein Zeuge, daß nicht mein Interreſſe mich bei dieſer ganzen Ange⸗ legenheit geleitet hat; erwächſt etwas Gutes für mich daraus, ſo verdanke ich es einzig der Gnade Gottes, nicht meiner Klugheit. 5 Pontis konnte dieſe Argumente zwar nicht unbedingt widerlegen, aber er fuhr wenigſtens fort zu keifen und zu brömmeln, daß Henriette noch nicht fort, daß ſie die verſchmitzteſte Perſon von der Welt ſei, und daß ſie ſchon Mittel und Wege finden würde in Paris zu bleiben. — Du vergißt immer, antwortete Esperance in ent⸗ ſchiedenem Tone, daß wir noch einen Talisman beſitzen, mit deſſen Hülfe wir äußerſten Falles Henriette's Wider⸗ ſtand brechen können. So lange die kleine ſilberne Kapſel an meinem oder an Deinem Halſe hängen wird, Freund Pontis, wird M. emoiſelle d'Entragues unſerem Willen wie eine Sktaaim forde müſſen. — Wenn dem ſo iſt, ſo füge ich mich, ſagte Pontis: Aber, Apropos, dabei fällt mir ein, daß dein Monat um ———/—-A-’ — 2775 iſt, und daß nunmehr wieder an mir die Reihe iſt, das Medaillon zu tragen, da wir uns in die Aufbewahrung dieſes gefährlichen Kleinods theilen. — Du haſt Recht, und wenn jetzt auch nicht die Reihe an Dir wäre, P tis, würde ich es Dir doch heute über⸗ geben haben; venn ich werde dieſe Nacht mit Henriette zuſammenſein, und da wäre es unvorſichtig dieſes Medaillon auf meiner Bruſt zu behalten. Ein Unglück iſt bald ge⸗ ſchehen! Ein unvermutheter Ueberfall, ein Sturz mit dem Pferde, eine Ohnmacht. Du weißt ja, welche Fertigkeit ſie hat, die Leichname zu plündern! Pontis nahm das kleine flache Medaillon, in wel⸗ chem jenes Billetchen der Mademoiſelle d'Entragues ein⸗ geſchloſſen war, deſſen blutigen Urſprung der Leſer hoffentlich nicht vergeſſen haben wird; hing es ſich um den Hals und verbarg es unter ſeinem Büffelwamms. — Sei ganz unbeſorgt, ſagte er, ich werde ganz ge⸗ wiß nicht in Ohnmacht fallen. — Führe nur gewiſſenhaft meine Anordnungen aus, erinnerte Esperance, und vernachläſſige nicht den aller⸗ kleinſten Umſtand. Laramée's Flucht muß noch vor Tages⸗ anbruch bewerkſtelligt ſein, ſei alſo bereit, wenn ich Dich brauchen werde. Vor Ablauf einer Stunde werde ich wieder bei Dir ſein. Während dem waren die beiden jungen Leute an das Chatelet gekommen, wo Esperance ſeinen Freund verließ und ſich zum Gouverneur führen ließ, mit dem er ſich einige Zeit unterhielt, um ſich zu überzeugen, ob alle An⸗ ſtalten dem von Crillon geleiſteten Verſprechen gemäß ge⸗ troffen wären. Der alte Ritter hatte Wort gehalten. Hierauf kehrte er in Laramée's Kerker zurück, der ſich in ſeiner Ungeduld ſchon hundertmal verzählt hatte und be⸗ reits den Anbruch des Tages nahe wähnte. Das Klirren der Riegel war ihm die köſtlichſte Muſtk, die er noch jemals vernommen; er ſtürzte an die Thur und ſchloß den großmüthigen Befreier, der zurückkam um ihm Leben oder Tod zu verkünden, mit einer Zärtlichkeit an ſeine Bruſt, deren er ſich ſelbſt nicht für fähig ge⸗ halten hätte. — Nuns fragte Laramée zitternd; was hat ſte geſagt? — Sie willigt ein. Laramée faltete einen Augenblick vor Entzücken die Hände. — Nicht wahr, ſie liebt mich? — Sie muß doch wohl, da ſie einwilligt mit Ihnen zu fliehen. — Ja, ja, ſie liebt mich!— Wiſſen Sie auch, mein Herr, daß das, was ſie für mich thut, groß, erhaben iſt? Um eines unglücklichen Verurtheilten willen Alles ver⸗ laſſen, Eltern, Familie, Reichthum, Glück, eine ganze Zukunft! Nur die Liebe vermag ſolche Opfer zu bringen! — Alles recht ſchön und gut, verſetzte Esperance mit unerſchütterlicher Kaltblütigkeit; aber Sie werden ſpäter noch hinreichend Zeit haben, um Mademoiſelle d'Entragues Ihre Dankbarkeit und Ihre Bewunderung zu erkennen zu geben, waͤhrend wir jetzt noch wichtigere Dinge zu thun haben. — 76— Laramée verneigte ſich, zum Zeichen, daß er zu allem bereit ſei. — Ich komme ſo eben vom Gouverneur, fuhr Es⸗ perance fort; Herr von Crillon hat ſelbſt mit ihm ge⸗ ſprochen. Der König will— zwar nicht Sie begnadigen, denn das kann er nicht— aber doch die Augen zu Ihrer Flucht ſchließen. Es wird genügen, wenn Sie das Ge⸗ wiſſen des Königs durch die Erklärung, wegen deren wir bereits übereingekommen ſind, beſchwichtigen. — Ich habe ſie bereits in meinem Kopfe geordnet, unterbrach ihn Laramée; ſoll ich ſie gleich niederſchreiben? — Warten Sie noch.— In Ihrer Lage darf man Nichts umſonſt thun. Man wird Sie in ein anderes Gefängniß, ganz oben unter der Zinne des Thurmes bringen. An dieſes Gefängniß, oder richtiger Gemach, ſtößt ein kleiner, mit Eiſenſtäben vergitterter Balcon. Hier iſt eine Feile; Sie find ſchlank, wenn Sie zwei Stäbe durchfeilen wird es genügen. Ferner iſt hier eine ſeidene Schnur, feſt genug, um das ganze Chäͤtelet daran zu hängen— warten Sie— helfen Sie mir ſie loswickeln — ſo;— ſte iſt hundert Fuß lang, alſo noch zwölf Fuß länger, als die Höhe des Gebäudes beträgt. Sie werden ſich ſelbſt anſchlingen und ſich daran herabgleiten laſſen; reißen Sie Ihren Filzhut in Stücken und wickeln Sie dieſe um die Hände, damit die Schnur ſie nicht blu⸗ tig reibt. Laramée bemächtigte ſich mit convulſtviſcher Freude der Gegenſtände, welche ihm Esperance überbrachte. — 77— — Und Henriette, fragte er, wo werde ich Sie fin⸗ den? Es iſt doch nicht ein bloßes Trugbild, mein Herr, durch das Sie mich verlocken wollen, in die Flucht zu willigen? Nicht wahr, mein Herr, ſie hat wirklich ver⸗ ſprochen, mich zu begleiten? — Ich habe dieſen Argwohn von Ihnen vermuthet; aber beruhigen Sie ſich; Sie werden ſie am anderen Ende der Kleinen⸗Brücke zu Pferde an meiner Seite warten ſehen. So viel ich weiß, haben Sie ein ſcharfes Auge? — Henriette's Geſtalt würde ich auf tauſend Schritte im Dunklen erkennen! — Nun wohl; laſſen Sie ſich nicht eher herab, bis Sie ſie ſehen. Uebrigens wird ſie außer mir noch einen Begleiter mit einem Handpferde für Sie bei ſich haben, was Ihnen das Erkennen noch leichter machen wird. Nur mache ich Sie aufmerkſam, daß wir, um keinen Verdacht zu erregen, an das Ufer des Fluſſes hinab in den Schatten des Quais reiten werden. — Sie werden alſo dabei ſein, mein Herr? — Ich habe mein Wort verpfändet, Sie zu retten, zund werde mich nur auf mich ſelbſt verlaſſen. — Man ſagt, daß zuweilen Engel vom Himmel her⸗ abſteigen und menſchliche Geſtalt annehmen, um Unglück⸗ liche zu beſchützen, ſprach Laramée mit einem Ausdruck von Reue und unendlicher Dankbarkeit, der ſeinem ſonſti⸗ gen Charakter ganz zuwider war; von heute an glaube ich es! So wäre denn Alles genau verabredet, fuhr Es⸗ — 78— perance fort; wenn Sie vom Kloſter Notre⸗Dame die Hora werden läuten hören, um drei Uhr Morgens, laſ⸗ ſen Sie ſich herab. Die Schildwache wird in ſolcher Weiſe auf⸗ und abgehen, daß ſie Sie nicht ſieht. — Und bis dahin werde ich die Stäbe durchfeilt und die Schnur befeſtigt haben. — Wohl. — Und nun, mein Herr, wann ſoll ich die Erklärung niederſchreiben. — Sie werden in dem oberen Thurmgemache Papier und alles Nöthige zum Schreiben finden, und vor Ihrer Flucht wird der Gouverneur ſich ſelbſt überzeugen, ob die Erklärung in der geforderten Weiſe abgeſaßt iſt. — Der Gouverneur wird kommen? — Ja, er wird kommen, ſagte Esperance, unwillkür⸗ lich bei dem Gedanken ſchaudernd, daß dieſe beiden Män⸗ ner ſich einander gegenüber ſtehen ſollten, wenn auch ohne das furchtbare Geheimniß, durch das ſie in gegenſeitiger Beziehung ſtanden, zu kennen. Der Gouverneur iſt ein würdiger, gutmüthiger Greis, ſanft und mitleidig gegen die armen Gefangenen, und vor allen Dingen ſtreng und gehorſam gegen die Befehle des Herrn von Crillon, dem er zu großer Dankbarkeit verpflichtet iſt. Nicht wahr, Sie kennen den alten Mann nicht? — Nein, ich erinnere mich nicht, ihn jemals geſehen zu haben; zudem befand ich mich in einem Zuſtande, als ich hierhergebracht ward, der mich gleichgültig gegen meine ganze Umgebung machte. Nur glaube ich mich zu erinnern, daß mir der Kerkermeiſter einmal ſagte, er ſei Hugenott. — Hugenott oder Katholik, das hat hier Nichts zu bedeuten, wenn er Sie nur fliehen läßt! rief Esperance, dem dieſe Erörterungen peinlich zu werden begannen. — Ich erwähne das nicht ganz ohne Abſicht, ver⸗ ſetzte Laramée; als Hugenott könnte er nur höchſt ungern einen Valois die Freiheit wieder erlangen ſehen, deſſen Vater der Urheber der Bartholomäusnacht geweſen iſt. — Da Sie eine ſchriftliche Erklärung von ſich ge⸗ ben, daß Sie kein Valois ſind! brach Esperance kurz ab. Alſo laſſen wir das. Zudem haben Sie Nichts mit dem Gouverneur zu reden, ſo wie er Nichts mit Ihnen. Er wird ſich nur die Erklärung von Ihnen holen, und dann nicht weiter um Sie kümmern. — Vielleicht wäre es aber doch beſſer, wenn ich Ihnen dieſe Erklärung gleich jetzt ausſtelle? Esperance ward von dieſer ſeltſamen Beharrlichkeit Laramée's frappirt. War es irgend ein dunkles Vorge⸗ fühl des Mißlingens, oder was ſonſt, was den Gefange⸗ nen ſo beunruhigte? — Ich glaube Alles aufs Beſte gemacht zu haben, ſprach er, indem ich Ihnen alle nur möglichen Gewähr⸗ leiſtungen gebe; Sie wollten der Einwilligung und der Gegenwart der Mademoiſelle d'Entragues ſicher ſein, das wird geſchehen; Sie wollten jene Erklärung erſt ausſtel⸗ len, wenn Sie Ihrer Befreiung gewiß wären, auch das iſt Ihnen zugeſtanden. Jetzt aber müſſen wir doch erſt 8— 80— die erforderliche Zeit haben, um Sie in das Gemach zu überſiedeln, von welchem aus Ihre Flucht einzig möglich iſt: es bedarf der Zeit, um die Stäbe zu durchfeilen, das Schreiben aufzuſetzen, und endlich habe auch ich noch einige Vorbereitungen zu treffen. Dann muß ich Made⸗ moiſelle d'Entragues die Stunde der Flucht auch noch wiſſen laſſen können, und ſie hat doch auch einige Anſtal⸗ ten zumachen. Die Zeit hat Flügel; je ſchneller ich Sie alſo verlaſſe, um ſo beſſer für Sie. — Sie haben recht, und ich werde die Minuten zäh⸗ len! rief Laramée; vergeben Sie mir, Sie ſo beläſtigt zu haben. Es war nur das Gefühl der Furcht, den Tag anbrechen zu ſehen, der mein letzter ſein ſollte, denn wie mir der Kerkermeiſter ſagte, war die achte Stunde zu meiner Hinrichtung feſtgeſetzt— von drei bis acht Uhr ſind nur wenige Stunden! — Um acht Uhr wird der Tod weiter von Ihnen entfernt ſein, als er es jemals war, erwiederte Esperance mit einem Lächeln, das ſelbſt einen Sterbenden neu be⸗ lebt haben würde. Um alſo zu rechter Zeit einzutreffen, muß ich die Augenblicke benutzen. Ich verlaſſe Sie jetzt. — Der Himmel ſegne Sie! — Gedenken Sie unſeres Uebereinkommens! — Es iſt hier eingegraben, ſprach der Gefangene auf ſeine Stirn zeigend, wie Ihre Großmuth in meinem Herzen! Und bei dieſen Worten beugte Laramée ein Knie — 81— vor Esperance und preßte ſchneller, als dieſer es verhin⸗ dern konnte, deſſen Hand an ſeine brennenden Lippen. Der junge Mann entfernte ſich raſch, Gott innig für die Gnade dankend, die er ihm gewährt, einen Feind ver⸗ ſöhnt und einen Unglücklichen glücklich gemacht zu haben. Kaum war Esperance fort, als Laramée ſich wieder emporrichtete und ſich bemühte, ſeine Gedanken zu ſammeln, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu ſein. Alles verlief ſich übrigens, wie es verabredet worden war; zwei Schließer erſchienen einige Minuten darauf, um den Gefangenen abzuholen, brachten ihn nach dem oberen Thurmgemach, und ließen ihn dort, mit Licht ver⸗ ſehen, allein. — Laramée beeilte ſich nun vor allen Dingen die Eiſenſtäbe durchzufeilen, die ſeidene Schnur gut zu be⸗ feſtigen, und bereitete die Filzſtücken vor, um ſeine Hände beim Hinabgleiten zu ſchützen; dann, nachdem er einen vor Ungeduld brennenden Blick auf den noch dunklen und ſchweigſamen Horizont geworfen, ſetzte er ſich an den Tiſch und ſchrieb die Erklärung ſo vollſtändig, ſo deut⸗ lich und bündig nieder, als es Esperance nur wünſchen konnte. Ja, er ſchrieb ſogar noch mehr, als man von ihm verlangt hatte; er ſprach ſeine bittere Reue darüber aus, daß er eitel und thöricht genug geweſen ſei, ſich durch die Intriguen einer ſo bösherzigen Frau, wie die Herzogin von Montpenſier, zur Empörung gegen ſeinen rechtmäßigen Herrn und König verleiten zu laſſen. — Indem Laramée dies niederſchrieb, fühlte er ſeine Gabriele VllII. 6— 4 ——-— — — 82— Seele vom Strahle der Freude geläutert und erhoben⸗ er war gut, er war edel; die glückliche Liebe hatte ihn in einen wahrhaften Helden verwandelt. Kaum war er mit dem Schreiben zu Ende, als er ſchwerfällige Tritre auf der Treppe wiederhallen hörte, die Thür ward geöffnet— ein ehrwürdiger Greis erſchien auf der Schwelle. An der Beſchreibung, die ihm Esperance gemacht, er⸗ kannte er den Gonverneur. Er ſtand auf und begrüßte ihn achtungsvoll, aber ſtumm; nach dem erhaltenen Rathe ſeines Retters war er entſchloſſen, nicht zu ſprechen, wenn man ihn nicht dazu nöthige. Da er bemerkte, daß der Gouverneur eben ſo ſtumm und überdies noch⸗ſteif und unbeweglich unter der Thür ſtehen blieb, begnügte er ſich nur mit der Hand auf den Tiſch zu deuten, wo ſein Schreiben lag, und trat dann an die offene Balronthüre; mit Entzücken ſog er die feinen, vom Fluße aufſteigenden Dünſte ein, dieſe Vorläufer des nahenden Morgens. Aus dem Stadtviertel Saint⸗Mar⸗ tin herüber erſchallte in dieſem Augenblicke ein kleines Horaglöckchen; die Glocke von Notre⸗Dame mußte un⸗ verzüglich einſtimmen. Zu gleicher Zeit entdeckte das ſcharfe Späherauge des jungen Mannes am anderen Ende der Kleinen⸗Brücke, am Ufer des Fluſſes, einige dunkle Geſtalten ſich im Schatten des Quais bewegen, in denen er alsbald einen Reitertrupp erkannte. Die Ungeduld ließ ihm nicht länger Ruhe; er kehrte — — 33— ſich wieder nach dem Tiſche um und wollte den Gou⸗ verneur eben bitten, ſeine Erklärung mit ſich zu nehmen und die Thür zu verſchließen. Aber zu ſeiner großen Verwunderung ſah er den Greis immer noch unbeweg⸗ lich auf demſelben Flecke ſtehen, ein Papier in der Hand, das aber nicht Laramée's Erklärung war; dieſe hatte er noch nicht einmal eines Blickes gewürdigt. Der Gefangene betrachtete den alten Edelmann nun genauer; ſein Geſicht verkündete keineswegs jene Güte und Sanftmuth, welche Esperance ihm ſo warm nach⸗ gerühmt hatte. Die bleichen Züge hatten einen grauſen⸗ erregenden Ausdruck, die Augen waren ſtarr und blitzend auf Laramée gerichtet, und ein ſeltſames Beben ſeiner Lip⸗ pen kündigte einen inneren Groll, faſt eine Drohung an. — Mein Herr, ſprach Laramée endlich unruhig, hier iſt die verlangte Erklärung— ich glaube, daß ſte vollkommen. genügen wird, und daß mithin Alles in Ordnung iſt.— — Darunm handelt es ſich jetzt nicht mehr, antwortete der Greis mit einer Grabesſtimme; bevor Sie dies Ge⸗ mach verlaſſen— haben Sie Ihr Gewiſſen erforſcht? — Ich habe es, und habe mich vor Gott ſchuldig bekannt— — Der Empörung, des Hochverraths, des Majeſtäts⸗ verbrechens— ja, ja, und der König mag Ihnen ver⸗ geben haben, da er mich hat erſuchen laſſen, Ihre Flucht zu begünſtigen. Sind das aber die einzigen Verbrechen, die Sie ſich vorzuwerfen haben? 6* ——— — 84— Da ertönte vom Thurme Notre⸗Dame die verabredete Stunde. 3 Laramée erbebte und machte eine Bewegung, als wollte er an die Balconthüre eilen; aber eben ſo ſchnell war der Gouverneur dicht an ihn herangeſprungen und hatte ihn am Arme gepackt. — Kalt, rief er; erſt antworten Sie mir! — Was ſoll ich Ihnen denn antworten? ſtammelte Laramée, den dies ungeſtüme Verhör immer unruhiger machte, denn er meinte mit einem Verrückten zu thun zu haben. — Sagen Sie mir nur ganz kurz, ob Sie ſich La⸗ ramée nennen? — Allerdings nenne ich mich ſo, da ich dieſe Er⸗ klärung auch ſo unterſchrieben habe. — Sind Sie der Mann, der nach der Schlacht von Aumale in einem Hohlwege, hinter einer Hecke, einen argloſen Reiter meuchleriſch ermordet hat? Laramée ward todtenbleich und wankte vor dem wuth⸗ blitzenden Auge des alten Ritters zurück. —So antworten Sie doch! ſchrie dieſer mit furcht⸗ barer Stimme. — Mein Herr— ſtotterte Laramée in höchſter Be⸗ troffenheit, wenn ich Verbrechen begangen habe, ſo ſteht es allein Gott und dem Könige zu, mich deshalb zur Verantwortung zu ziehen und mich zu ſtrafen.— Aber gehen Sie meine Privathandlungen an, und mit welchem Rechte verhören Sie mich, wie ein Inquiſitor? — 35— — Weil ich der Baron du Jardin bin, und Sie der Meuchelmörder meines Sohnes ſind! Laramée ſtieß einen gellenden Schrei aus und ſank, die Hände vors Geſicht legend, wie vernichtet in den Armſtuhl, der am Tiſche ſtand. — So enhielt der Wink alſo doch die Wahrheit! murmelte der Greis; ich ſehe den Mörder Urbains vor mir, an derſelben Stelle, wo ich mein geliebtes Kind ſo oft an mein Herz gedrückt habe! Eine Todtenſtille herrſchte ringsum, nur vom hellen Klingen des Horaglöckchens unterbrochen. — Mein Herr, hob endlich der Gouverneur mit finſterer Würde an, der König hatte Sie begnadigt, ich aber vergebe Ihnen nicht. Sie haben meinen Sohn er⸗ mordet, und Sie werden ſterben! Preiſen Sie ſich glück⸗ lich, daß ich Ihnen vergönne, nur als Empörer zu enden, und nicht auf Ihre Verurtheilung als Meuchel⸗ mörder antrage. Er ſchlug mit der Fauſt an die Thüre, worauf ſo⸗ gleich einige bewaffnete Häſcher in dieſelbe traten. — Aus Mitleid mit dem Verurtheilten, rief ihnen der Gouverneur zu, hatte ich ihm ſeinen Kerker für dieſe letzte Nacht mit dieſem beſſeren Aufenthalte vertauſchen laſſen, und ſeht,— er hat die Eiſenſtangen durchgefeilt und ein Seil zur Flucht daran geſchlungen. Laßt uns ihn ſcharf bewachen, meine Kinder, bis morgen früh acht Uhr, damit er der Gerechtigkeit Gottes nicht ent⸗ ſchlüpfe! — 86— Zwei Häſcher faßten zwiſchen dem Balconfenſter und dem Gefangenen Poſto; der Gouverneur ſetzte ſich quer vor die Eingangsthüre und fuhr dann fort: — Wenn Jemand bis dahin nach mir fragen ſollte, ſo gebt keine Antwort; ich weiche nicht von der Stelle, bis der Henker kommt, um ſeine Beute zu holen! Noch ein letzter Schauder durchzuckte bei dieſen letzten Worten Laramée's Körper. Dann aber hob er den Kopf wieder empor, und als ob die Todesdrohung ſeinem Entſetzen eine Ende gemacht, alle ſeinen Muth und Stolz wieder in ihm angefacht habe, ſprach er, auf die Schrift zeigend, die noch neben der erſterbenden Kerze dicht vor ihm auf dem Tiſche lag: — Der Elende, der mich Ihnen verrathen hat, hofft vielleicht noch den Preis ſeines Bubenſtückes zu ernten und mich nach meinem Tode noch mit Schimpf und Schmach zu bedecken; da ich aber ſterben muß, will ich auch ein Valois bleiben und als Valois ſterben! Und mit dieſen Worten hatte er das Papier ergriffen und ließ es an der Kerze in Flammen auflodern. Der Gouverneur rührte und regte ſich nicht, Laramée ſank, nachdem der letzte Funke verglommen, in den Arm⸗ ſtuhl zurück, und wieder trat die vorige Stille ein. Da plötzlich fallen Laramée die Worte ein, welche dem unglücklichen Vater entſchlüpft ſind; er vermag es nicht länger, auf dieſer verhängnißvollen Stelle zu weilen. Er ſpringt auf, ſtößt voll Abſcheu den Stuhl zurück und bleibt nun mit verſchränkten Armen, das Haupt auf — 387— die Bruſt geſenkt, bewegungslos zwiſchen den ihn be⸗ wachenden Häſchern ſtehen. Das war das düſtere Bild, das die erſten Strahlen des anbrechenden Morgens beleuchteten. Während dem hatte jedoch Esperance, getreu ſeinem gegebenen Worte, auf der bezeichneten Stelle gewartet; auch Henriette hatte ſich eingefunden; ſie harrte in einer Sänfte, von Pontis ſcharf bewacht, der noch ein lediges Pferd für Laramée am Zügel führte. Auf das verabredete Zeichen ritt Esperance noch etwas näher an's Chatelet heran; jeden Augenblick glaubte er den Gefangenen am Thurm herabgleiten zu ſehen, aber eine Minute nach der andern verſtrich und Nichts war zu bemerken. Esperance harrte noch uͤnmer. Endlich war der Tag völlig angebrochen, und Henriette, auf deren Geſicht eine teufliſche Freude auf⸗ leuchtete, erklärte feſt und beſtimmt, daß Nichts ſie ver⸗ pflichte, ſich in dieſem Stadtviertel öffentlich zur Schau zu ſtellen, daß Esperance ſie hintergangen habe und daß ein jeder Fluchtverſuch des Gefangenen bei hellem Sonnen⸗ ſcheine geradezu eine Unmöglichkeit ſei. Die beiden jungen Leute wußten namentlich dem letzten Argumente Nichts entgegenzuſetzen und mußten das verrätheriſche Weib mit Grimm im Herzen nach ihrer Wohnung zurückkehren laſſen. Zudem ward Henriette ihnen auch nur läſtig, da Laramée nicht kam, ja konnte ihnen ſagar ernſte Ver⸗ legenheiten bereiten. Wohl zehnmal hatte Esperance verſucht, ins Chaͤtelet — 88— zu dringen, war aber ſtets mit roher Härte zurückge⸗ wieſen worden; ſeine Fragen nach dem Gouverneur waren befohlenermaßen ohne Antwort geblieben. Er fragte ſich, ob der König vielleicht ſeine Meinung geändert— oder ob Laramée ſich wohl gar im letzten Augenblicke noch ge⸗ weigert habe, die verlangte Erklärung abzugeben? Ge⸗ nug, tauſend mehr oder weniger wahrſcheinliche Ver⸗ muthungen und Conjuncturen, wie ſie nur ein erhitztes Gehirn erzeugen kann, tauchten während drei tödtlich langer Stunden in Esperance auf und verſchwanden eben ſo wieder. Er konnte es nicht faſſen, daß Laramée ſich nicht wenigſtens auf dem Balcon blicken laſſe, ihm irgend ein Zeichen gebe, und noch viel weniger, wenn das Hinder⸗ niß vielleicht vom König oder von Crillon ausging, daß dieſer letztere ihm keine Mittheilung machte. Esperance hatte Pontis zum Ritter geſchickt, der aber die Antwort brachte, daß der König, ſo viel er wiſſe, Nichts an ſeinem Willen geändert habe; übrigens werde er alsbald ſelbſt nach dem Chaͤtelet kommen, um Er⸗ kundigungen einzuziehen. Während dem hatte ſich der Gréveplatz nach und nach mit Zuſchauern gefüllt, der Galgen ragte hoch empor, ſein Opfer verlangend, und gegen ſieben Uhr näherte ſich der Henker mit einer ſtarken Abtheilung Häſchern dem Chäaͤtelet, juſt im Augenblicke, als auch Crillon, auf Esperance's wiederholtes Drängen, davor erſchien. Vor dem Befehle des Ritters öffnete ſich das Thor — — — — 89— und zugleich mit ihm erlangten auch Esperance und Pontis Einlaß. Der Verurtheilte befand ſich bereits in der unteren Halle, umgeben von dem furchtbaren Trauergefolge. An der Thüre hielt der unerbittliche Greis Wache, feſt ent⸗ ſchloſſen, das Opfer ſeiner Rache bis zum letzten Momente nicht aus den Augen zu laſſen. Als Crillon ſich dieſem genähert und um Aufklärung dieſes ganzen ſeltſamen Vorganges gebeten hatte, zeigte ihm der Gouverneur ſtatt aller Antwort ein Billet fol⸗ genden Inhalts: — Baron du Jardin, der Gefangene, den Sie dieſe Nacht entfliehen laſſen ſollen, iſt derſelbe Laramée, der Ihren Sohn Urbain meuchlings ermordet hat. — Und das iſt wahr! murmelte Crillon wüthend, abwechſelnd bald den Gouverneur, bald Esperance an⸗ ſehend, welcher Letzterer nur einen Blick auf das Papier warf und todtenblaß ward. — Er hat es ſelbſt eingeſtanden, ſagte der Greis. — O— dann kümmere ich mich nicht mehr um den Erzböſewicht! rief der Ritter; hängt ihn auf! — Niemals iſt eine größere Niederträchtigkeit erlebt worden! ſprach Esperance ſchaudernd, der die wahrhafte Urheberin dieſer Denunciation ſofort errieth. — Und niemals hat ſich die Gerechtigkeit des Himmels glänzender offenbart! ſetzte Pontis hinzu. — Um Gotteswillen, Freunde! bat Esperance, laßt — 90— uns noch einen letzten Verſuch machen— laßt uns zum Könige eilen! — Wenn der König dieſen Elenden begnadigen wollte, ich würde mir ſelbſt Gerechtigkeit ſchaffen, unterbrach ihn der Gouverneur. — Die Sache iſt zu Ende: hängt ihn auf und kein Wort mehr über ihn, brummte Crillon. Kommen Sie, Esperance, wir haben hier nichts mehr zu thun. — Sie vielleicht nicht, erwiederte der junge Mann, deſſen feuchte Augen ſeine tiefe Erſchütterung verriethen; aber ich kann nicht ſo von dem Unglücklichen ſcheiden, ohne ihm geſagt zu haben, was ich leide. Crillon zuckte unwillig die Achſeln und ging fort. Schon ſetzte ſich der furchtbare Zug in Bewegung. Laramée ſchritt mit hoch emporgerichtetem Haupte und freien, feſten Blicken zwiſchen der doppelten Reihe von Häſchern und Soldaten einher. Nur als er dicht am Gouverneur vorüberſchritt, ſchlug er einen Augenblick die Augen nieder und flüſterte leiſe: Vergebung! — In einer halben Stunde werde ich vergeben haben, erwiederte der Greis eben ſo leiſe. Plötzlich gewahrte Laramée Esperance, der ſich durch die Bedeckung Bahn zu ihm zu brechen ſuchte, und die Augen des Verurtheilten erglänzten noch einmal von Rach⸗ ſucht, Haß und Verachtung. — Ha! Verräther, da biſt Du! knirſchte Laramée. Kommſt Du, elender Angeber, Dich noch an meinem Tode — 91— zu weiden, nachdem Du mich ſo feige getäuſcht und ver⸗ rathen haſt? Du willſt Dich überzeugen, daß ich wirklich todt bin, um mir dann Henriette um ſo ſicherer zu rauben? Ich wußte es ja wohl, rief er wuthſchäumend, daß Du ſte noch liebteſt und daß Du mir ſie niemals gönnen wür⸗ deſt! Ich wußte es, daß Du ſie nicht mit mir fliehen laſſen würdeſt! Esperance wollte ſprechen. — Feiger— niederträchtiger Verräther! fuhr Lara⸗ mée fort. Aber ich werde gerächt werden— Sie liebt mich! ſte wird Dir meinen Tod vorwerfen— ſie wird Dir fluchen!— Die Wuth des Unglücklichen war ſo groß, daß er ſo⸗ gar einen Verſuch machte, die Fauſt gegen Esperance zu heben. — Was! rief Pontis, die Hand ſeines Freundes voll Ingrimm drückend, Du läßt Dich ſo beſchimpfen, Du? — So antworte doch auf die ungerechte Beſchuldigung dieſes Schurken!— Sage ihm, daß dieſes ſchändliche Weib—— Still unterbrach ihn Esperance mit erhabener Ruhe. Der Unglückliche hat nur noch wenige Augen⸗ blicke zu leben.— Wenn ich ihm Alles ſagte, er würde in Verzweiflung gerathen— Schweig alſo!— Mag er in ſeinem Wahne beharren, da es ja ſein letztes Glück iſt— Mag er ſich geliebt— mich für ſeinen Verräther halten— er ſterbe in Frieden! Stumm, ohne ihn zu beſchimpfen, ſah die Menge den — 92— Verurtheilten mit muthiger Haltung zwiſchen ſich durch⸗ ſchreiten, nach dem Gréveplatze hin; noch ſpähete ſein Auge nach irgend einem Retter, oder doch wenigſtens nach einem letzten Lächeln ſeiner treuloſen Braut umher. Nichts! Die verhängnißvolle Stunde war gekommen; wie ein Triumphator erſtieg der Unglückliche die Leiter— ſein letzter Athemzug war der Name Henriette! „* 5. Blut für Blut. Am Todestag edes unglücklichen Laramée, als im Louvre noch Jedermann davon ſprach, Einige über die Hinrich⸗ tung frohlockten, Andere ihn wieder bemitleideten— denn darüber war wohl Niemand in Zweifel, daß der Henker nur ein Werkzeug der Intriguen der Herzogin von Mont⸗ penſier hingerichtet hatte,— an dieſem Tage drängte ſich der ganze Adel in den Palaſt, um den König zu beglück⸗ wünſchen und die eifrigſten Verſicherungen der Ergeben⸗ heit und Treue zu erneuen. Zwei Caroſſen hielten vor dem Haupteingange des Louvre. Aus der einen ſtiegen Herr von Entragues und der Graf von Auvergne, Marie Touchet und Henrietten die Hand reichend, die Erſtere majeſtätiſcher, die Letztere ſtrahlender an Schönheit wie je. Henriette hatte ja ſeit dieſem Morgen acht Uhr Nichts mehr von ihrem gefähr⸗ lichen Mitſchuldigen zu befürchten, von ihm, der ſo oft ihre Perſon und ihr Glück bedroht hatte! Aus der anderen Caroſſe ſtieg ſtolz, feſten Blickes, trotz des eiſigen Empfanges aller Umſtehenden, die Her⸗ zogin von Montpenſier, ein zahlreiches und glänzendes — 94— Gefolge hinter ſich. Trotz dieſer Haltung war ſie jedoch keineswegs ſo ruhig wie Henriette; ſie war immer noch im Dunkeln, ob nicht Laramée noch in ſeiner letzten Stunde ihr Geheimniß verrathen habe. Die beiden Gruppen trafen zugleich am Fuße der großen Treppe ein; Henriette und ihr Vater, die ſchon die unterſten Stufen hinanſtiegen, blieben einen Augen⸗ beick ſtehen, um die furchtbare Lothringerin voran zu laſſen. Die Herzogin heftete im Vorbeigehen einen durchdrin⸗ genden Blick auf das junge, ſchöne Mädchen, als ob ſie deſſen Befähigung, das angefangene Werk fortzuſetzen und zu beenden, habe erforſchen wollen, und beglückte es mit einem huldvoll grüßendem Lächeln. An der Aufregung, welche im ganzen Palaſte, in den Sälen und Gallerien herrſchte, an Sully's finſtern Blicken, an der Bläſſe welche bei der Anmeldung der Herzogin einen Augenblick des Königs Antlitz überflog, errieth Jedermann, daß ein höchſt intereſſanter Auftritt nun er⸗ folgen werde. Dennoch ſchritt Katharina von Lothringen ſtolz und langſam vorwärts, und wußte Allen, die die Unvorſichtig⸗ keit begingen, ihr in's Geſicht zu blicken, eine Verbeugung abzunöthigen. So gelangte ſie in die große Gallerie, wo ſie ſich zunächſt nach dem Könige umſah, den ſie im leiſen Ge⸗ ſpräch mit ſeinem Miniſter und ſeinem Gardecapitain er⸗ blickte. Heinrich ſetzte ſich alsbald wieder an den Spieltiſch, und gab von da an nicht das mindeſte Zeichen von Auf⸗ regung. Die Herzogin ſchritt auf den Spieltiſch zu; an dem leiſen Gemurmel und der plötzlich darauf folgenden Stille errieth der König, daß es nun doch Zeit ſei, den Kopf umzudrehen; er wollte eines jener heuchleriſchen Com⸗ plimente verhindern, wie ſie dieſer Frau jederzeit zu Ge⸗ bote ſtanden, aber ſchon hatte ſie die Lippen geöffnet. — Sire, ſprach ſie, trotz meines leidenden Zuſtandes konnte ich es mir nicht verſagen hierherzueilen, um Ew. Majeſtät meine aufrichtigen Glückwünſche— Sie ſtockte plötzlich vor dem kalten, ſtarren Ausdrucke in Heinrich's Zügen, denn fie kannte ihn zu gut, um nicht zu wiſſen, daß dies ein Zeichen des heftigen Zor⸗ nes bei ihm war; ſie erwartete einen Ausbruch.— Aber trotz ſeines lebhaften Temperaments, wußte ſich der König zu beherrſchen, um den Vortheil nicht aus der Hand zu geben. — Meine Couſine, ſprach er, inmitten der allgemei⸗ nen Stille, wenn ich dieſen Abend Beſuche erwartete, ſo war es wenigſtens nicht der Ihrige. Die Lothringerin wechſelte die Farbe. Sie hatte immer noch gehofft, daß Heinrich's Langmuth ſich auch diesmal mit einigen leeren Höflichkeitsformeln begnügen, und ſo mindeſtens die diplomatiſchen Relationen— wie man ſich in der Hofſprache auszudrücken pflegt— wür⸗ den fortbeſtehen können; dieſer Empfang kündigte aber einen offenbaren Bruch an. — 96— — Und warum, verſetzte ſie vor Erregung bebend, und warum ſollten Ew. Majeſtät mich nicht erwartet haben? — Weil das Louvre heute Abend kein Platz für eine ſo ehrbare Prinzeſſin, wie Sie, iſt; die Wohnung eines Königs, der ſeine Verwandten auf dem Schaffot ſterben läßt. — Sire, ich weiß in der That nicht, was Ew. Ma⸗ jeſtät mit dieſen Worten—„ — Dieſe Worte ſind Ihre eigenen, Couſine, nicht die Meinigen. Sie waren es ja, die dieſen Laramée ſtets für einen Valois erkannt hat, die ihm Beweiſe, Do⸗ cumente, Geld, Credit verſchafft hat. Er kannte ſich ja ſelbſt nicht, der Unglückliche; Sie waren es, die ihm erſt das Geheimniß ſeiner Geburt entdeckte. — Sire, das ſind Beſchuldigungen— — Die ich Ihnen durch meine Präſidenten und Ge⸗ richtsſchreiber in einem gut verwahrten Gemache der Baſtille vorlegen laſſen ſollte, wollen ſie ſagen. Ich weiß das wohl. Aber Sie ſind eine Frau, und ich führe nicht Krieg mit Weibern, nur mit Männern. Ja, mehr noch, ich erſpare den Frauen ſogar, wenn ich es irgend vermag, Alles, was ihnen unangenehm ſein könnte. Da⸗ rum enthebe ich Sie fortan auch der Unannehmlichkeit, hier im Louvre zu erſcheinen. Sie haben ja große und reiche Ländereien, Couſine, und ich rathe Ihnen wohl⸗ meinend, dort ein recht ruhiges Leben zu führen. Sie gehören zu jenen gefährlichen Nachbarn, die man gern ſo weit wie möglich von ſich entfernt hält. 1 Und nach dieſen Worten erhob ſich der König, machte der vor Scham und Wuth erſtarrten Herzogin eine cere⸗ monielle Entlaſſungsverbeugung, ſetzte ſich dann wieder und nahm ruhig ſeine Karten wieder auf. Ein Murmeln des Beifalls rauſchte durch die Gallerie. Die Herzogin war einer Ohnmacht nahe; alle ihre Züge waren entſtellt, die Galle ſtieg ihr plötzlich nach dem Geſicht. Es war ein granſenhafter Anblick, dieſe gelbe, gerunzelte Stirn zu ſehen, aus der die ſchwarzen, blutgerötheten Augen Flammenblitze hervorſchoſſen. Plötzlich rafft ſie ſich gewaltſam empor, dreht dem König, keines Wortes mächtig, den Rücken und verläßt raſchen Schrittes die Gallerie. Aber ſchon auf den erſten Stufen verſagen ihr die Kräfte; ſie bricht beſinnungslos zuſammen, ihre Diener müſſen ſie aufheben und in den Wagen tragen. Kaum war ſie verſchwunden, als Aller Bruſt ſich er⸗ weiterte. Man hätte ſagen mögen, der König ſowohl als Frankreich habe nun keine Feinde mehr zu bekämpfen, Nichts verdüſtere mehr den Blick in die Zukunft. Heinrich hob ſogleich das Spiel auf und miſchte ſich heiter unter die Gruppen der Hofleute, von denen ganz beſonders Herr von Entragues durch lautere Freudenaus⸗ brüche, als ein ganzes Dutzend Enthuſiaſten zuſammen, die Aufmerkſamkeit Sr. Majeſtät auf ſich zu ziehen ſuchte. Der König bemerkte denn auch den würdigen Cavalier Gabriele. VIII. 7 — 98— und lächelte ihm freundlich zu. Aber er bemerkte auch Henriette. Sie war ſo ſchön, ihr Buſen wogte mit ſolchem Liebesungeſtüm, als ſie ihre brennenden Blicke auf Heinrich richtete, daß dieſer nur ein Mittel fand, um ſeine eigene Verwirrung vor etwaigen Späherblicken zu verbergen; er wendete ſich mit ceremonieller Galanterie an die ſteife und majeſtätiſche Marie Touchet, und dämpfte ſo durch das Eis eines halben Jahrhunderts die Gluth, welche jene achtzehn Jahre in ihm anfachten. Der Graf von Auvergne flatterte wie ein Schmetter⸗ ling um dieſe Gruppe, und ſchoß bald dahin, bald dort⸗ hin, je nachdem die Gelegenheit ſich bot, Hülfspfeile ab. Ganz am anderen Ende der Gallerie befand ſich wäh⸗ rend dem Gabriele, lachend, ſcherzend und Alles entzückend, was ſich um ſie herumdrängte, um einen huldvollen Blick von ihr zu erhaſchen. Aber trotz dieſer anſcheinenden auf⸗ geweckten Laune ſah und hörte die Marquiſe von Mon⸗ ceaux Nichts von dem, was um ſie her vorging. Sie hatte ſich ſo geſtellt, daß ſie den Eingang der Gallerie fortwährend im Auge behielt und keiner der Ankömm⸗ linge ihr entgehen konnte; Der, auf den ſie harrte, er⸗ ſchien aber immer noch nicht. Esperance beſaß mehr Zartgefühl und Gewiſſenhaftigkeit, als Mademoiſelle d'En⸗ tragues; er hielt es für unpaſſend, ſeinen Triumph über den Tod eines gefährlichen Feindes im Louvre offen zur Schau zu tragen. Als der König genugſam mit den Entragues kokettirt und ſich überzeugt hatte, nicht von der Marquiſe von — 99— Monceaux beobachtet worden zu ſein, näherte er ſich eben⸗ falls derſelben, höchſt erfreut, in ſeinen kleinen Liebes⸗ plänkeleien weder ertappt noch behindert worden zu ſein; la Varenne, der von einem Winkel des Saales aus jede Miene, jede Bewegung ſeines Herrn verfolgte, ſchloß aus der Zurückhaltung und Geſchicklichkeit Heinrichs, der ſich ſonſt in der Regel wenig zu beherrſchen wußte, wenn es ſich darum handelte, eine flüchtige Laune zu befriedigen, auf den günſtigen Fortſchritt der neuen Intrigue. — Man muß zu erfahren ſuchen, raunte der König Sully im Vorbeigehen zu, was aus der Herzogin geworden iſt, denn ſte rannte davon wie eine toll gewordene Wölfin. Sie könnte beißen— alſo aufgepaßt! Eine halbe Stunde darauf kam der erſte Gardecapi⸗ tain, der beauftragt worden war, die Abfahrt der Lothrin⸗ gerin zu überwachen, wieder mit der Meldung zum Könige zurück, daß ſie ſogleich nach ihrer Heimkunft von heftigen Krämpfen befallen worden ſei, und daß man ſie in Er⸗ wartung der Aerzte auf ein Bett gelegt habe, wo ſie noch ohne Bewußtſein liege. — Es läßt ſich allerdings nicht leugnen, daß ich ſie etwas hart angelaſſen habe, ſagte Heinrich. Wenn man mir nur nicht vorwirft, ich habe ſie tödten wollen. — Zur Wiedervergeltung, Sire? verſetzte Sully ſpöt⸗ tiſch. Laſſen Sie die Leute reden. — Für den Fall, daß die Herzogin von Montpenſier nicht wieder zum klaren Bewußtſein käme, fragte der 7* — 100— Gardecapitain, befehlen denn Ew. Majeſtät noch, daß ſie Paris verlaſſe? — Ach, lieber Freund! rief der König, in ſeinen grauen Bart lachend, wie ſchade, daß ſie nicht immer ohne Be⸗ wußtſein war, da würde ich heute nicht nöthig gehabt haben, ſie fortzuſchicken! Und leiſe flüſterte er Sully und Gabrielen zu: — Sie mag ſich verbindlich machen, nicht mehr zu reden, ſich nicht mehr zu rühren, nicht mehr zu denken, und ich will ſie in Frieden laſſen. — Wie kann man nur noch ſo viele Umſtände mit dem boshaften Thiere machen? brummte Sully mürriſch. Das Beſte wäre, wenn ſie ihre häßliche Seele je eher je lieber Gott beföhle; aber ich zweifle, daß er ſie wird haben wollen. — Ja, ja, ich befürchte ſehr, wir ſind noch weit vom Ende dieſer Geſchichte entfernt, ſagte der König, be⸗ ſorgt ſeufzend; wenn wir auch die Herzogin los ſind, bleibt dann immer noch ihr Bruder Mayenne, und der wird ſich noch lange rühren, wird reden, denken und handeln, dafür ſtehe ich Euch. Was für ein abſcheuliches Ungeheuer iſt doch dieſe Ligue; je mehr man ihr Köpfe abſchlägt, deſto mehr wachſen ihr wieder! Bei Mayenne's Namen lächelte Gabriele ſchelmiſch und ſprach, ihr zartes Händchen auf des Königs Arm legend: — Es giebt keine noch ſo kleine Hand, die nicht im — 101— Stande wäre, einen großen Dorn auszureißen. Hat doch Judith einen grimmen Holophernes beſiegt. — Was wollen Sie mit dieſen ſeltſamen Sentenzen ſagen? fragte Heinrich, der von Natur ſehr neugierig war. — Nichts, Sire, verſetzte die Marquiſe heiter, weiter gar Nichts, als daß Herr von Mayenne einen viel zu dicken Bauch hat, um wirklich ein böſer Mann zu ſein. Seine Schweſter iſt mager, und darum macht ſie Ihnen auch ſo viele böſe Stunden. — Sollte man nicht wahrhaftig meinen, unſere liebe Marquiſe habe den dicken Mayenne ſchon in den Sack geſteckt und halte die Schnüre feſt in ihrer kleinen weißen Hand? Sieh nur, Rosny, welch ein liſtig triumphiren⸗ des Geſicht! In dieſem Augenblicke ward der König durch das Hinzutreten des Grafen von Auvergne unterbrochen, der eine intereſſante Mittheilung hinterbringen zu wollen ſchien. — Sire, ſprach er, die Aerzte der Herzogin von Montpenſier haben erklärt, daß ſie zum Tode erkrankt ſei und nicht ohne augenblickliche Gefahr transportirt wer⸗ den könne, ſei es auf welche Art es wolle, und obgleich die Herzogin, ſobald ſie wieder zu ſich gekommen, ihre ſchleunige Abreiſe begehrt, laſſen die damit beauftragten Offiziere doch erſt noch um Ew. Majeſtät Befehle bitten. Der König that nicht, als ob er den Grafen gehört hätte, ſondern ſchritt mit Gabriele plaudernd weiter. — 102— — Der König iſt kein Arzt, ſagte Sully, den Grafen ebenfalls ſtehen laſſend. Es verhielt ſich in der That ſo, wie er geſagt hatte; die Herzogin war von einem tödtlichen Schlaganfalle be⸗ troffen worden. Kaum war ſie wieder zum vollen Be⸗ wußtſein gelangt, als ſie ihren ganzen Körper plötzlich gelähmt fühlte, dieſen ſo energiſchen und kräftigen Körper, der ſich bisher jeder ihrer Launen gehorſam gefügt, der ihren Willen bisher ſo tapfer unterſtützt hatte. Allein, unbeweglich, ganz der Marter anheimgegeben, nur noch mit den Gedanken zu leben, verbrachte ſie Stunden der unausſprechlichſten Angſt; kein Mittel, kein Ausweg, um der königlichen Hand zu entfliehen, die ſich zum erſten⸗ male erdrückend auf ſie legte. Keine Hülfe mehr! Der Blick in die Vergangen⸗ heit zeigte ihr nur Niederlagen, und der in die Zukunft nur noch den Tod. Alle jene früheren Werkzeuge ihres Willens waren urplötzlich wie durch eine höhere Macht gebrochen, vernichtet, verſchwunden. Bruder Robert hatte es dem König wohl geſagt: ſie hatte nur noch drei Pfeile beſeſſen, und der letzte hatte ſich an Laramée's Galgen abgeſtumpft. Die Herzogin zählte nur noch auf ihren Bruder Mayenne, zwar nicht für ſich, denn ſie wußte wohl, daß dieſer Bruder ſie niemals geliebt hatte, aber doch als auf einen Gegner Heinrichs, den Mayenne noch immer bedrohte. Sie hatte ihm beim Beginne des Laramée'ſchen Complottes einen vertrauten Abgeſandten geſchickt und ihm — 103— vorſchlagen laſſen, ſeine Truppen mit denen des Präten⸗ denten zu vereinigen. Wir wiſſen, daß Crillons tollkühne Tapferkeit die letzteren aufgelöſt hatte; aber die Herzogin hoffte immer noch, daß Mayenne aus Familienhaß die Trümmer derſelben ſammeln und mit Spanien engere Verbindungen anknüpfen würde, als je. Der Herzog von Mayenne hatte jedoch Nichts auf die Mittheilungen ſeiner Schweſter geantwortet, und dieſe wußte durchaus nicht mehr, was ſie davon denken ſollte. War der Courier vielleicht aufgefangen, ihm die Depeſche gar abgenommen und dem König überbracht worden?— Oder hatte ſich Mayenne für den Augenblick aus Vor⸗ ſicht einer Antwort enthalten? In ihrer grenzenloſen Un⸗ ruhe expedirte die Herzogin noch von ihrem Schmerzens⸗ lager aus einen getreuen Agenten an ihren Bruder, mit der ſtrengſten Weiſung, um jeden Preis eine Antwort zu bringen. 3 — Beeilen Sie ſich, ſtöhnte ſie; ſagen ſie meinem Bruder, daß ich im Sterben liege und daß daher keine Stunde Zeit mehr zu verlieren ſei. Der Courier beeilte ſich möglichſt, während ſeine Herrin bereits im letzten furchtbaren Doppelkampfe mit den Qualen der Seele und des Körpers rang. Sie lag regungslos da, in Schweigen und Dunkelheit gehüllt; man hätte ſagen mögen, ſie wolle ſich ſelbſt in Vergeſſenheit ver⸗ graben; ſie glich der zum Tode verwundeten Pantherin, die ſich tief im Hintergrunde einer Höhle in ihr Blätter⸗ — 104— lager wühlt und nur durch das Funkeln ihrer Augen verräth, daß noch Leben in ihr ſei. Am Hofe erwähnte man ſie nur noch, um ſich zu fragen, ob denn die Herzogin nun endlich geſtorben ſei. Allmählig aber ſchien ſie ſich doch wieder etwas zu erholen; noch harrte ſie auf eine günſtige Antwort von Mayenne, noch hoffte ſie auf die Wiederkehr ihrer Kräfte, wenigſtens ſo weit, um ſich in ſein Lager flüchten, die Gluth ihrer Rache und Verzweiflung in ſeine ſchlaffe Seele hauchen zu können. Endlich kam der Bote zurück. Die Reiſe war eine ſehr ſchwierige und gefahrvolle geweſen; er hatte mehrere Tage gebraucht, um ſich durch die Spione und die Poſten der Obſervationsarmee zu ſtehlen, die Mayenne in einem Winkel der Picardie eingeſchloſſen hielt. Zum erſtenmale ſeit ihrer Erkrankung richtete ſich die Herzogin in ihrem Bette auf und erbrach, vor Freude zitternd, den heißerſehnten Brief ihres Bruders; ſchon der bloße Anblick ſeiner Schriftzüge erfüllte ſie ſo mit frohen Hoffnungen, daß ſie ſie hätte küſſen mögen. Mayenne ſchrieb: „Meine Schweſter, „Jeder ſorge für ſich, wie er kann, auf dieſer Welt. Sie ſelbſt haben dieſen Grundſatz Ihr ganzes Leben ſo beharrlich befolgt, daß Sie ihn bei Anderen nur billigen können. Sie melden mir, daß Sie täglich ſchwächer werden, und ich ſage Ihnen dagegen, daß auch ich am — — 105— Ende meiner Kräfte bin. Sie ſind ſehr krank, und ich betrachte mich ſchon als todt und begraben. „Bei allen dieſen letzten Geſchichten haben Sie ohne Zweifel Ihr eigenes Intereſſe im Auge gehabt, und ich fange an zu glauben, daß es Zeit ſei, auch ein wenig für das meinige zu ſorgen. Bevor ich zur ewigen Ruhe eingehe, möchte ich doch auch noch einige Freuden dieſes Lebens in Ruhe genießen. Verſuchen Sie es, mit aller Welt in Frieden zu leben, liebe Schweſter; ich werde daſſelbe thun.“ Dieſer Brief war ein Todesſtreich für die Herzogin; ſie bekam einen neuen, viel heftigeren Krampfanfall, als den erſten im Louvre, und diesmal war ihre letzte Lebens⸗ kraft für immer gebrochen. 5 Ja, mehr noch, jenes ſeltſame, furchtbare Phänomen, welches ſchon einmal im Jahre 1574, und zwar eben⸗ falls im Monat Mai, die Bewohner des Schloſſes von Vincennes mit Schrecken und Entſetzen erfüllt hatte, offen⸗ barte ſich auch jetzt wieder, als ob der höchſte Richter beſchloſſen habe, dieſelben Verbrechen auf dieſelbe Weiſe zu ſtrafen. In der Nacht, welche auf dieſe Criſis folgte, war die Herzogin, trotz des heftigen Fiebers, endlich ein wenig eingeſchlummert. Plötzlich erwacht ſie, in Schweiß ge⸗ badet; ſie ruft nach ihren Frauen, ſie ſchreit ihnen zu, ſie dieſem glühenden Bade zu entreißen, in dem ihre ab⸗ gemagerten Glieder ſchwimmen. Die Frauen eilen mit Kerzen herbei und weichen 4. ——— ——— — 106— ſchaudernd wieder zurück, als ſie ſtatt des Schweißes Blut von der Stirn ihrer Gebieterin träufeln ſehen; aus jeder ihrer vom Fieber erweiterten Poren rieſelt ein Blut⸗ quell und verbreitet ſich wie ein Bach über das ganze Bett. Die ſchnell herbeigerufenen Aerzte erklären, daß die Herzogin von demſelben geheimnißvollen und furcht⸗ baren Uebel befallen ſei, das auch Karl IX. zweiund⸗ zwanzig Jahre früher ins Grab gebracht hatte. Gegen dieſes Uebel hatte die Wiſſenſchaft noch kein Heilmittel ausgefunden— es war keine Hoffnung mehr! Die Herzogin verſank in ein dumpfes, unheimliches Brüten; man ſah ſie mit dem furchtbarſten Ausdruck des Entſetzens in einen Spiegel ſtarren, den ſie am Fußende ihres Bettes hatte aufſtellen laſſen, als verſuche ſie, die Blutstropfen zu zählen, die immer abgewiſcht, immer wieder auf der Stirn, auf Schläfen, Wangen, Hals und Armen zum Vorſchein kamen. Zuweilen fuhr ſie auf, als ob Zorn und Wuth ſie packe; aber bei jedem ſolchen Ausbruche, ja bei der min⸗ deſten Bewegung, vermehrte ſich der grauſenhafte Schweiß, bis endlich die von der Hand Gottes getroffene Ver⸗ brecherin in einer förmlichen Blutlache ſchwamm. Die Aerzte zogen ſich beſtürzt zurück; ſie erklärten, daß hier ihre Kunſt zu Ende ſei; ja ſelbſt die Diener ſchauderten vor jeder Berührung der Verurtheilten zurück. Man ſchickte nach Prieſtern, aber auch dieſe erbebten beim Anblick dieſes blutenden lebendigen Leichnams, und er⸗ griffen die Flucht. 8 — — 107— Es war Nacht, die letzte qualvolle Leidensnacht der Unglücklichen; ſie lag allein, röchelnd in ihrem gräßlich beſudelten Bett; vergebens rief ſie um Hülfe, Niemand wagte ihr zu nahen. Plöͤtzlich gewahrt ſie durch die offen gelaſſene Thüre die hohe Geſtalt eines Mönchs langſam daherſchreiten; die Diener neigten ſich, von Entſetzen ergriffen, tief vor ihm zur Erde und wichen dann ſcheu zurück. Er ſchrei⸗ tet immer näher, er ſteht endlich dicht vor dem Bett der Sterbenden und betrachtet ſchweigend das furchtbare Schau⸗ ſpiel dieſes Todeskampfes. Als ſie ihn ſo nachdenkend unter ſeiner Kapuze auf ſich herabſchauen ſah, warf ihm die Herzogin einen Dan⸗ kesblick zu, ſie wollte die Hände falten, aber ſie wagte es nicht, aus Furcht vor der feuchten Wärme des Blutes. — Ich will die Abſolution meiner Sünden, ſprach ſie mit dumpfer Stimme, in der ſich aber immer noch jener ſtolze befehlende Ton erkennen ließ, der ihr das ganze Leben lang eigen geweſen war.. — Um losgeſprochen zu werden, muß man erſt ſeine Sünden bekennen, ſprach der Mönch feierlich. — Laßt erſt alle dieſe Leute ſich entfernen, die mich hören könnten, murmelte die Herzogin. Der Mönch antwortete nicht, machte keine Bewegung. Die Stimme noch mehr dämpfend, fuhr endlich die Herzogin fort: — Ich habe geſündigt vor Gott— aus Habſucht — aus Ehrgeiz— aus Stolz. — Weiter! Sie ſah ihn erſtaunt an. — Wenn ich mir noch andere Sünden vorzuwerfen habe, ſo leide ich auch jetzt dafür— mein Gedächtniß wird ſchwach— die Stimme verſagt mir— verlangt nicht zu viel von mir in ſolchem Augenblicke. Ich glaube, die Strafe überwiegt die Sünden.— Gebt mir die Ab⸗ ſolution!— — Sie ſprechen von Ihren Sünden— aber nicht von Ihren Verbrechen! fuhr der Mönch fort. — Verbrechen! ſtammelte ſie beſtürzt. — Ja, Weib, von Deinen Verbrechen! ſprach der fürchterliche Beichtiger, die Stimme erhebend. Ich glaube es wohl, daß Dein Gedächtniß, Deine Kräfte Dir ſchwin⸗ den, aber ich kann ihnen zu Hülfe kommen. Du haſt Dich der Habſucht, des Stolzes, des Ehrgeizes angeklagt — aber die Unzucht!— dieſes ſcheußliche Laſter, das Dein ganzes Leben bis ins reife Alter beſudelt, wie jetzt dieſer Blutſchweiß Dein Todeslager beſudelt— dieſe Tod⸗ ſünde, welche Du wie ein Panier aufgepflanzt haſt, um ſchweigſt Du? 3 — Mönch! kreiſchte die Herzogin auf, und machte einen ohnmächtigen Verſuch, die geballte Hand gegen ihn derſank. — Beichte, Weib! fuhr er feierlich fort, bekenne Dir Legionen Mörder damit anzuwerben— dieſe ver⸗ auszuſtrecken, die aber augenblicklich kraftlos wieder nie⸗ Deine Sünden, wenn Du Vergebung vor Gott erlan⸗ gen willſt! Starr vor Entſetzen, vermochte die Herzogin nicht zu ſprechen; aber ihre ſtarren Blicke ſuchten unter der Ka⸗ puze die Züge des Mannes zu erforſchen, der ſich er⸗ dreiſtete, eine ſolche Sprache gegen ſie zu führen. — Und Deine Mordthaten! ſprach der unerbittliche Strafprediger weiter. Sie ſind nicht zu zählen; Heinrich IV. ward durch Dich zweimal von Mörderhand getroffen; Salcede, der auf dem Schaffot gerädert worden iſt; La⸗ ramée, der am Galgen geſtorben iſt; und die Tauſende von Soldaten, die um Deinetwillen ihr Leben auf dem Schlachtfelde eingebüßt haben; und die mit ihren Müt⸗ tern verhungerten Kinder; und jene Scharen bleicher Geſpenſter, die während der Belagerung von Paris die Knochen der Leichname abnagten, um ihr jämmerliches Daſein zu friſten, während Du in Deinem Palaſte ſchwelg⸗ teſt, auf die Uſurpation des franzöſiſchen Thrones den Becher leerteſt!— Beichte, Herzogin! Bekenne Deine Miſſethaten, wenn Du nicht mit dem furchtbaren Gefolge jener zahlloſen Dir fluchenden Schlachtopfer vor Gottes Richterſtuhle erſcheinen willſt! Die Herzogin konnte von ihrem Bette aus ſehen, wie ihre Diener und alle Draußenſtehenden ſich neugierig der Thüre näher drängten, um ihre Antwort auf dieſe grau⸗ ſenhaften Anklagen zu hören. — Aber wer ſeid Ihr denn? flüſterte ſte. — 110— Der Mönch ſchlug langſam ſeine Kapuze zurück und ließ der Sterbenden ſein Geſicht ſehen, die, als ſie ihn erkannte, einen Schrei des Entſetzens ausſtieß. — Bruder Robert!— Ha! jetzt begreife ich, wer mich beſiegt hat!— Erbarmen, Erbarmen! ſetzte ſie wimmernd hinzu. — Bekenne Dein Verbrechen! — Barmherzigkeit! — Sprich nur jedesmal ein Ja, wenn ich Dir eine Deiner Miſſethaten namhaft mache, das wird Gott und den Menſchen genügen.— Deine hochverrätheriſchen An⸗ ſchläge? — Ja, hauchte die Herzogin kaum hörbar. — Die Schlachtopfer Deiner Unzucht? — Ja! — Die verhungerten Einwohner von Paris, die getödteten Soldaten, die in den Gefängniſſen Erwürgten? — Ja. — Salcede und Laramée, durch Dich auf das Schaf⸗ fot gebracht? — Ja, ſtöhnte ſie nach einer von Krämpfen verur⸗ ſachten Pauſe. — Zwei Mordſchläge gegen Heinrich VVY?— Du zögerſt?— Hüte Dich! eine einzige Lüge hebt das Ver⸗ dienſt von zwanzig Bekenntniſſen wieder auf!. — Ja, flüſterte ſie ſo leiſe, daß der Mönch es kaum verſtehen konnte. — 111— — Und Heinrich III. Dein König, Dein ehemaliger Freund, durch Deinen Buhlen Jaques Clement ermordet? — Nein, nein! ſchrie ſie, die bluttriefenden Hände ringend. — Du leugneſt? — Ich leugne! — So wage es vor Gott zu leugnen, vor deſſen Angeſicht Du in wenigen Augenblicken ſtehen wirſt, deſſen ſtrafende Hand Dich bereis getroffen hat! — Erbarmen!— Ja, ja— ich bekenne! rief ſie, gewaltſam die Augen ſchließend, aus denen Blutstropfen ſtatt der Thränen rannen.— — Nun denn, ſchallte die Stimme des Mönchs feier⸗ lich durch das Zimmer, ſo ſpreche ich Dich denn im Namen Gottes auf dieſer Welt von Deinen Sünden los, und flehe zu ihm, daß er Dir auch in jener Welt ver⸗ geben möge. Stirb in Frieden! Er breitete die Arme über die Sterbende aus, in deren Augen jetzt noch einmal ein düſteres Feuer auf⸗ flackerte— vielleicht das Feuer des Zornes— vielleicht das des ewigen Strafgerichtes. Nach und nach aber erloſch dieſe Gluth, der Kopf ſank zurück, noch einmal, zum letzten Male ſteiften ſich die Arme zur Drohung— aber der Hauch Gottes hatte das elende Gefäß bereits zerbrochen. Mit einem kurzen, gellenden Schrei hauchte die Her⸗ zogin von Montpenſier ihren letzten Athemzug aus. — 112— — Jetzt,— murmelte der Mönch, jetzt hat Heinrich IV. keinen andern Feind mehr zu fürchten, als ſich ſelbſt. Meine Aufgabe iſt vollendet— jetzt habe ich nur noch an Gott zu denken. Und die Kapuze wieder tief über ſein Geſicht herab⸗ ziehend, ſchritt er langſam durch die Schaar der knienden Diener hin. 6. Ayoubani. Die Zeit war vorwärts geſchritten. Die acht Tage, welche ſich Leonora zum Ziele geſetzt, um Esperance's Ge⸗ heimniß zu erforſchen, waren verſtrichen, und noch viele Tage dazu, und noch immer war die Italienerin von die⸗ ſem erſehnten Ziele ſo weit entfernt, wie zuvor; nicht die leiſeſte Spur hatte ſie entdecken können.“ Esperance, der Henriette's Pläne kannte und den Grund von Leonora's Neugierde errieth, war auf ſeiner Hut. Was konnten übrigens auch— ſagte er ſich— dieſe beiden Frauen trotz aller Geſchicklichkeit und Aus⸗ dauer der beſten Spione entdecken?. Was war in der That natürlicher, als daß er öfters zum König ging, ſei es in Crillons Begleitung oder allein? Gingen nicht Viele hin, wie er? Und wenn er, entweder allein oder im Gefolge des Königs, in den königlichen Forſten jagte, was war dabei Verdächtiges? Und wenn Gabriele auch beim Jagd⸗Rendezvous erſchien, oder einen Hirſch, einen Fuchs zu Pferde verfolgte, wa⸗ ren da nicht noch viele Damen in Gabriele's Geſellſchaft? Konnte ſich irgendeiner rühmen, jemals einen Händedruck, Gabriele VIII. 8 — 114— oder einen Kuß, oder auch nur ein verdächtiges Wort aufgefangen zu haben? Esperance lebte alſo ruhig und zufrieden im Bewußt⸗ ſein ſeines beſcheidenen Glückes. 5 Zudem gaben auch ſeine Feinde oder deren Spione kein Zeichen des Lebens von ſich. Nur in den erſten Tagen von Leonora's Neugierde hatte Esperance bei ir⸗ gend einem einſamen Ausfluge weit hinter ſich die Geſtalt des trägen Concino, nachläſſig auf ſeinem Pferde hängend, zu erblicken geglaubt; aber Concino ſchien ſehr bald einer Anſtrengung entſagt zu haben, die ihm Nichts einbrachte und viel koſtete. Lahm gerittene oder verſchlagene Pferde, Hüftweh, dann und wann ein tüchtiger Sturz auf grund⸗ loſen Wegen, das war bis jetzt der einzige Lohn ſeiner Mühen und Beſchwerden geweſen, denn Esperance war ein eben ſo guter wie unermüdlicher Reiter, immer vor⸗ trefflich beritten, und machte es ſich zum beſonderen Ver⸗ gnügen ſeinen Spion im tollſten Carriere hinter ſich drein zu hetzen, über Gräben, Hecken und Barrieren ſetzen und durch Flüſſe ſchwimmen zu laſſen. Wie geſagt, der träge Concino hatte die fruchtloſe Anſtrengung ſehr bald ſatt bekommen, und der junge Mann ſchwelgte in dem Glücke, ohne Gewiſſensbiſſe, wie ohne Hinderniſſe, von ſeiner an⸗ gebeteten Gabriele geliebt zu ſein. Um aber Nichts zu unterlaſſen, was die Vorſicht irgend erheiſchen konnte, hatte er ein niedliches Haus in der Vorſtadt gekauft, und richtete ſeine häufigen Beſuche daſelbſt ſo geheimnißvoll ein, daß ſie eben aller Welt kein Geheimniß bleiben konnten; in dem ganzen übrigens ſehr einſamen Stadtviertel war nur von den Maulthieren mit ſtattlichen Federbüſchen, von den dicht verſchloſſenen Sänften, von den, unter grauen Mänteln bemerkbaren niedli Füßchen der abenteuerlichen Pilgerinnen, die in der Umgegend der geheimnißvollen Einſiedelei erſchienen und verſchwanden, die Rede. Es verbreiteten ſich aller⸗ hand Gerüchte von Liebſchaften und Rendezvous, und das war es eben was Esperance wollte. Jedenfalls wußte Gabriele, was ſie von allen dieſen Gerüchten zu halten hatte, denn ſie ſpielte, wie der ganze Hof, ebenfalls die Neugierige, ermunterte Andere ſchein⸗ bar, Forſchungen anzuſtellen, war aber übrigens heiterer und unbefangener wie je. Genug, die Späher wußten nicht mehr, woran ſie waren. Wir wollen keineswegs behaupten, daß Esperance's Glück ein ganz vollkommenes geweſen wäre. Liebende ſeiner Gattung verpflichten ſich faſt immer zur Uneigen⸗ nützigkeit, und doch bleibt die Eſſenz aller Liebe immer und ewig und das Streben nach dem Beſitze. Man be⸗ gehrt Nichts, aber man wünſcht Alles, und wenn die Seele des Liebhabers nicht eben ſo geſtählt iſt, wie die eines Ariſtides oder Curtius, ſo machen ſich jene Wün⸗ ſche doch endlich in Seufzern und Worten Luft, die ſehr im Gegenſatze zu jener Verpflichtung der Enthaltſamkeit ſtehen. Jeden Morgen erhielt Esperance irgend ein Geſchenk, ein Liebes⸗ und Erinnerungszeichen von Gabriele, und 8* — 116— die erſinderiſche Freundin wußte die Sendungen mit der nur den Frauen eigenthümlichen zarten Subtilität, die ſelbſt der Unmöglichkeit gegenüber nicht in Verlegenheit geräth, immer wieder in neue Geſtalt einzukleiden. Dem Hirſchkälbchen und dem zierlichen bande war eine ganze Sammlung der prachtvollſten afrikani⸗ ſchen Blumen gefolgt, welche der berühmte Reiſende Jean Mocquet mit nach Frankreich gebracht hatte, und dieſe Sammlung war ſo reich und mannichfaltig, daß ſie fuͤr mehrere Wochen vorhielt. Dann war es eine Spitzen⸗ krauſe, ein ausgezeichneter Racehund, ein Kleinod, deſſen Werth entweder in ſeiner kunſtvollen Arbeit oder in ſei⸗ ner Antiquität lag,— eine ſeltene Waſſe,— eine Medaille,— eine Zeichnung,— zuweilen irgend ein ge⸗ ſchmackvoller Stoff,— eines Tages blaue, dann wieder goldene chineſiſche Fiſche,— ja einmal ſogar ein Karpfen aus dem Schloßteiche von Fontainebleau mit ſeinen Ringen an den Floſſen. Und jeden Morgen erwartete Esperance die Sendung mit ungeduldigem Herzklopfen, und jeden Morgen fragte er ſich, auf was für einen Gedanken Gabriele heute kommen würde; war es ein heiterer, ſcherzhafter, ſo lachte er; war es ein zärtlicher, ſo ſeufzte er. Was die Ueberbringer betraf, ſo waren es entweder Kaufleute, oder Diener, Hauſirer, Weiber, welche den Gegenſtand überbrachten, ohne nur Esperance zu ſehen, alles Leute, die, wenn ſie ausgefragt worden wären, Niicchts hätten verrathen können, weil ſie ſelbſt Nichts wußten. — 117— Doch wie geſagt, einem ſo jungen, ſo feurigen und zärtlichen Liebhaber wie Esperance konnten dieſe täglichen Erinnerungszeichen kein genügender Erſatz für das ſein, was er entbehren mußte, was er mit der ganzen Gluth ſeiner Bele wünſchte, ſo wenig er es ſich auch ſelbſt geſtand. Würde nicht auch ein Ariſtides noch etwas Anderes wünſchen? Und ſelbſt ein Curtius, würde er nicht beim Empfang des Hirſchkälbchens, der Blumen und Fiſche gedacht haben, daß Gabriele ihn doch im Grunde noch mit anderen, köſtlicheren Gaben beglücken könne? Mußte nicht endlich der Augenblick kommen, wo auch in Esperance die ewig unerſättliche Natur des Men⸗ ſchen erwachen, und ihr Recht behaupten würde, wo er ſich ſehnen würde, ſein ſtilles, beſcheidenes, ungetrübtes und unantaſtbares Glück mit einem anderen, gefährliche⸗ ren zu vertauſchen, gleichviel ob es auch ihn und die Ge⸗ liebte in's Verderben ſtürzen konnte?— Vielleicht war dieſer Augenblick ſchon gekommen, viel⸗ leicht war er es, worauf Esperance's Feinde mit Zuver⸗ ſicht hofften! An einem ſchönen Sommerabende war Pontis, der getreue Genoſſe, ſeinem Oreſt ungeduldig in den Garten gefolgt; beide ſchienen jene ſeltſame Befangenheit zu empſinden, wie es zu geſchehen pflegt, wenn man ſich gegenſeitig viele Dinge zu ſagen hat, die man lieber un⸗ ausgeſprochen laſſen möchte. Esperance war nach und nach durch alle Gänge und Windungen ſeines Gartens gewandelt, in der Hoffnung, daß Pontis von ſelbſt gehen — 118— würde; aber der Pylades ſchien durchaus keine Luſt zu haben. Endlich warf ſich Esperance der Länge nach auf den weichen Raſen nieder, legte ſeine gefalteten Hä unter den Kopf, richtete ſeine Augen zu dem unermeßlichen blauen Himmelszelte empor und ſchien die ganze Welt zu vergeſſen. Pontis that daſſelbe, nur mit dem Unterſchiede, daß Esperance auf dem Rücken, Pontis auf dem Bauche lag, Esperance den Himmel und Pontis die Erde betrachtete. Beide blieben einige Zeit ſo im tiefen Schweigen neben einander liegen, das nur dann und wann von dem Liebesgezwitſcher der Vögel unterbrochen ward, die ihre Neſter aufſuchten. 85— Esperance, hob Pontis endlich an, es ſcheint mir faſt, als beläſtigte ich Dich, als wollteſt Du mir etwas verbergen. — Was denn? warf Esperance gleichgültig hin. — Du langweilſt Dich. — Im Gegentheil, nie iſt mir das Leben ſo ange⸗ nehm erſchienen, wie eben jetzt. — Du biſt müde, abgeſpannt. — Friſch und munter, wie es dieſe Vögelchen mor⸗ gen früh ſein werden. — Esperance, Du gehſt zu oft in Deine Eremitage, wie Du das kleine hübſche Haus in der Vorſtadt nennſt. — Warum nicht gar! —ÿj,—=e — 119— Esperance wendete den Kopf auf die andere Seite, um ein ſchelmiſches Lächeln zu verbergen. — Nein, nein, im Ernſt, Du giebſt den Leuten zu viel zu reden, verſetzte Pontis mit poſſierlicher Mentor⸗ wichtigkeit, und eines ſchönen Tages wirſt Du eine ganze Legion von Vätern, Müttern, Ehemännern und Liebha⸗ bern auf dem Halſe haben, die Dir ihre Rechnungen unter die Naſe halten werden. — Du übertreibſt, Pontis. — Ich ſage nur, was andere Leute ſagen. Geſtern noch war ich in den kleinen Apartements auf Wache, und hörte, wie man dem König Deine verliebten Helden⸗ thaten erzählte. — Macht der König etwa keine? — Der König, das iſt etwas Anderes; da ihn Nie⸗ mand zur Rechenſchaft ziehen kann, ſo hat er auch allein das Recht dazu. — Ich glaube gar, Du willſt mir eine Faſtenpredigt halten? — Wenn das eine Faſtenpredigt iſt, fo iſt Crillon der eigentliche Faſtenprediger, denn ich wiederhole nur, was er geſagt hat; er meint, daß Du Dich zu wenig verbirgſt und nächſter Tage ertappt werden würdeſt.— Im Ernſt, Esperance, Du ſollteſt vorſichtiger ſein, ſonſt kommt man Dir auf die Spur. — Nennt man irgend Jemand? fragte Esperance mit verſtellter Neugierde; laß hören, nenne mir einen Namen, nur einen! — 120— — Ich könnte Dir einige Dutzend nennen, wenn ich Dir Alles wiederſagen wollte, was man ſich von Deinen Liebſchaften erzählt. Esperance zuckte die Achſeln. — Jugend muß austoben! ſprach er, einen leiſen Seufzer unterdrückend, denn er gedachte im ſelben Augen⸗ blicke ſeiner ſo trübſelig verlebten Jugend. — Dem gemäß, hob Pontis wieder an, habe ich mir bereits ein Plänchen entworfen. — Einen Plan? In Bezug auf mich? — Ja wohl; ich habe mir geſagt, daß ich als Dein beſter, treueſter Freund die Verpflichtung habe, über Dich zu wachen, damit Dir nicht ein Unglück geſchehe. — Sehr weiſe gedacht! — Spotte, ſo viel Du willſt. Die zu häufigen Be⸗ ſuche in der Eremitage können Dir noch ſchlimme Dinge zuziehen. Du erſcheinſt mir, wie geſagt, müde, abge⸗ ſpannt, ſorgenvoll. Geſtehe es, Du haſt Sorgen? — Aber— 1 — Man muß das Uebel mit der Wurzel ausrotten. Ich habe mich entſchloſſen, ſelbſt in die Eremitage über⸗ zuſiedeln. Auf dieſe Weiſe werde ich mit aller Bequem⸗ lichkeit über Dich wachen können, und jede Gefahr ſoll mich unterm Gewehr finden. — Sage mir nur in aller Welt, was Du da für Unſinn faſelſt? ſprach Esperance, ſich aufrichtend, um Pontis beſſer in's Geſicht ſehen zu können. Ich glaube wahrhaftig, Du ſprichſt im Ernſt! — So ernſthaft, wie eine Maske in der Tragödie. — Du willſt in die Vorſtadt⸗Eremitage ziehen? — Um Gunſt und Ungunſt von Dir abzuwenden, das iſt Herrn von Crillons Meinung. — Mein guter Freund, rief Esperance mit verſtellter Empfindlichkeit, ich liebe und achte Herrn von Crillon über die Maßen, ich empfinde desgleichen eine zärtliche„. Freundſchaft für Dich, aber ich erſuche Euch alle Beide, Euch nicht in meine Angelegenheiten zu miſchen. — Wenn man wahrhafte Freunde hat, ſo gehört man ſich nicht mehr ſelbſt an. — Genug des Scherzes nun, Pontis. — Wenn ich Dir aber ſage, daß ich keineswegs ſcherze! Morgen verlaſſe ich dieſe prachtvolle Wohnung, 4 die Du mir ſo großmüthig eingeräumt haſt; ich thue es nur mit Bedauern, denn mit Dir vereint zu wohnen, iſt nun einmal mein größtes Glück;— allein es muß ge⸗ ſchehen, und der Pflicht füge ich mich immer; man iſt Soldat, man kennt die Disciplin. Morgen ziehe ich in die Vorſtadt. 4 Esperance war während dieſer pathetiſchen Rede Pon⸗ tis' ganz aufgeſtanden, faßte dieſen nun beim Arme, hob ihn vom Raſen, auf dem er ſich behaglich wälzte, wie eine Puppe in die Höhe und ſtellte ihn auf ſeine Füße. — Du wirſt mir den Gefallen thun, ſprach er ernſt, nicht mehr ſolche Dummheiten zu ſchwatzen. Du wohnſt hier bei mir, und bleibſt hier wohnen, damit abge⸗ macht! Was Herrn von Crillon betrifft, ſo übernehme — 122— ich es, ſeine Anſichten mit aller Freundſchaft und Hoch⸗ achtung, die ich ihm ſchuldig bin, zu berichtigen: Schlage Dir alſo den Gedanken aus dem Sinne, das Haus in der Vorſtadt zu beziehen. Du wirſt Dich nicht unter⸗ fangen, es zu betreten. Pontis, der bisher gewohnt war, wie ein verzogenes Kind ſtets nur ſeinen Willen zu haben, ſah ſeinen Freund ganz verdutzt an. — Du ſchlägſt es mir alſo ab? — Ich verbiete Dir ſogar, nur daran zu denken. Pontis machte ein ſo komiſch erſtauntes Geſicht, daß Esperance alle Mühe hatte, ernſthaft zu bleiben. — So laß Dir denn ſagen, ſprach Pontis nach einer ſehr verlegenen Pauſe, vertraulich den Arm ſeines Freundes unterfaſſend, daß meine Ueberſiedelung in das Vorſtadthäuschen nicht lediglich eine Pflicht iſt, die ich zu Deinem Beſten erfülle— — Nun, was denn ſonſt? — Sieh nur, indem ich über Deine Angelegenheiten wachte, wollte ich zugleich auch ein wenig für die mei⸗ nigen ſorgen. — Was Du ſagſt! — Ja, ja, ich wollte Dich vor Gefahr hüten, aber zu meinem eigenen Beſten. — Aha, ſo erwiſcht man den Vogel! rief Esperance lachend. Na, komm, erzähle mir das. — Ich glaube, ich bin verliebt, murmelte Pontis mit höchſt kläglicher und verlegener Miene. 1 — 123— — Ach, Du armer Teufel! Und in wen? — Das iſt eine ganz lange Geſchichte. Ich werde Dir das einmal des Abends erzählen, wenn wir unge⸗ ſtört ſind. — Wir köͤnnen nicht ungeſtörter ſein, wie eben jetzt. Wir ſind ganz allein unter dieſen ſchönen Bäumen, im Angeſicht des blauen Himmels; die Luft iſt balſamiſch, die Vöglein ſind zur Ruhe gegangen, die Fontaine plät⸗ ſchert ſo vertraulich, genug, ich wüßte nicht, wie die Umſtände zum Erzählen, wie zum Hören einer in⸗ tereſſanten Liebesgeſchichte günſtiger ſein könnten. Alſo— heraus mit der Sprache! — Lieber Freund, es iſt— eine Indianerin. — He! Wie war das? — Ja, ja, eine wirkliche, leibhafte Indianerin.— Es kommt mir bisweilen ſelbſt vor, als ob es nur ein Traum wäre. — Was Teufel! Giebt es denn Indianerinnen in Paris? — Ach, lieber Freund! ſiehſt Du— dieſe muß ſich verborgen halten; ſie hat ſich von dort geflüchtet. — Wo— von dort?: — Nun, da— dort drüben— von den Ufern des Ganges. — Und warum? — Das weiß ich nicht ſo recht genau, aber ich ver⸗ muthe, weil man ſie zwingen wollte, ſich mit der Leiche ihres Mannes zu verbrennen. — 124— — Sie iſt alſo eine Wittwe? — Allem Anſcheine nach. — Und von wem? — Da fragſt Du mich zu viel; ich weiß es ſelbſt nicht. Wenn man wahrhaft liebt, hütet man ſich, den Gegenſtand ſeiner Liebe durch zu vieles Fragen zu be⸗ leidigen. — Entſchuldige mich; es war ja nicht bös von mir gemeint. Es iſt alſo eine Flüchtige, die ſich verbirgt? — Ich verſtehe ſchon, was Du ſagen willſt; Du meinſt, irgend eine Abenteurerin, nicht wahr? — Gott ſoll mich behüten! — Ach! wenn Du ihre Diamanten geſehen hätteſt, und die Perlen, und die Straußenfedern, und das ganze indianiſche Coſtum! — Ja, ja, ich kann mir Alles das vorſtellen. Aber iſt ſie denn auch ſchön? — Oh!— von ganz eigenthümlicher Schönheit!— ein wenig klein— aber das iſt ja nicht ihre Schuld, das bringt das indianiſche Klima ſo mit ſich;— ein wenig klein, aber ich bin ja ſelbſt nicht groß. Und Augen hat ſie! Augen, ſage ich Dir— ſchwarz wie die Nacht und blitzend wie Karfunkel! Und ein Händchen, wie ein Vogelpfötchen— Aber worüber ſinnſt Du denn? — Ich denke darüber nach, wie Du es angefangen haſt, mit einer Indianerin in den Straßen von Paris zuſammenzutreffen. — 125— — Wenn Du es hören wirſt, wirſt Du ſtaunen. Dergleichen Abenteuer können nur mir begegnen! 4 — Und Du biſt verliebt? — Leidenſchaftlich, wüthend!— und um ſo wüthen⸗ der, als die Indianerin nicht unabhängig iſt und die Gelegenheiten, ſie zu ſehen, höchſt ſelten ſind. — Nun, es ſcheint aber doch, Du haſt ſie geſehen? — Freilich wohl— aber das war reiner Zufall. — Und haſt ihr geſagt, daß Du ſie liebſt? — Verſteht ſich— auf der Stelle! — Und was hat ſie geantwortet? — Ja, das iſt eben die Schwierigkeit. Du wirſt begreifen, daß ſie in ihrer Eigenſchaft als Indianerin nicht franzöſiſch ſpricht. — Und Du nicht indianiſch, ganz natürlich. Wie Teufel fangt Ihr es aber da nur an, Euch zu ver⸗ ſtändigen? — Je nun, man hilft ſich, wie man kann. Es giebt ſo gewiſſe Zeichen, Mienen, Geſten; man erfindet eine neue Sprache, jeder thut etwas von der ſeinigen dazu— ich kann Dir verſichern, daß es ganz aller⸗ liebſt iſt. — O ja, das kann ich mir denken, aber doch nur unvollſtändig. Es giebt gewiſſe politiſche Details, ge⸗ wiſſe ſpitzfindige Fragen, Familienangelegenheiten, welche die Pantomime unvermögend iſt, auszudrücken. Wie heißt ſie denn? — Ach!l ſie hat einen himmliſchen Namen: Ayoubani! — 126— — Ayoubani— in der That, das klingt ſehr hübſch. — Siehſt Du, und eben deßhalb wollte ich mir Dein niedliches Häuschen in der Vorſtadt von Dir leihen, fuhr Pontis ganz naiv fort. Ich darf nicht zu Ayoubani gehen, denn ſie wird von ihren Frauen bewacht, und von irgend einem mongoliſchen Prinzen, der eiferſüchtig iſt, wie— wie ein Mongole! Wenn er mich bei ihr anträfe, er würde ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit den Hals abſchneiden. — Die arme Ayoubani! Aber wenn er nun Dich bei ihr träfe, würde er ihr dann nicht eben ſo gut den Hals abſchneiden? Ob Du bei ihr biſt, oder ſie bei Dir, ich ſollte meinen, das käme doch ganz auf daſſelbe heraus. Erkläre mir das. — Da verlangſt Du zu viel von mir, rief Pontis mürriſch. Wenn ich Dir ſage, daß wir uns gegenſeitig faſt gar nicht verſtehen können, wie Teufel ſoll ich es da anfangen, dergleichen Subtilitäten mit ihr zu verhandeln? Ich liebe ſie, das iſt Alles; und ich habe Urſache, zu glauben, daß auch ſie mich liebt. Und nun: willſt Du mir in meiner Liebe beiſtehen, oder willſt Du es nicht? — Ereifere Dich nur nicht ſo, lieber Freund, ſprach Esperance beſchwichtigend; Du mißverſtehſt meine Ab⸗ ſichten. Ganz natürlich will ich Dir beiſtehen, aber um es zu können, mußte ich doch erſt wiſſen wie. Wie Du mir ſo eben ſehr⸗ ſchön ſagteſt, iſt es die Pflicht eines Freundes, über ſeinen Freund zu wachen. Wie nun, — 127— wenn jener mongoliſche Prinz Dir etwa ſeine Rechnung unter die Naſe halten ſollte? — Sobald ich mich in Deinem Hauſe befinde, werde ich mich ſchon zu vertheidigen und Ayoubani zu be⸗ ſchützen wiſſen. — Das heißt: Du willſt Deine Streiche auf meine Rechnung ſchieben? — Esperance! rief Pontis drohend, Du greifſt meine Ehre an! — Nein, nein, ſchon gut; ich traue Dir, und Du ſollſt die Eremitage zu Deiner Verfügung haben. — Sol laſſe ich es mir gefallen. — Und Du wirſt mich Deine Indianerin ſehen laſſen? Ich habe noch niemals eine Indianerin geſehen. — Wo denkſt Du hin?— Sie legt den Schleier faſt niemals ab. — Ja nun, ich denke, zuweilen wirſt Du ſie doch dazu vermögen— wäre es auch nur, um ihre ſchwarzen Augen beſſer zu ſehen. — Ich kenne ihren Charakter; wenn ſie wüßte, daß ich ſie irgend Jemandem zeigte, ſie wäre im Stande, mich niemals wieder zu ſehen. Du haſt gar keine Begriffe, wie ſcheu ſie iſt! Aber gedulde Dich nur, mit der Zeit hoffe ich ſie ſchon noch zu zähmen, und dann ſollſt Du ihr vorgeſtellt werden. — Nun, ganz wie Du willſt.— Aber, verzeihe mir, fuhr Esperance lächelnd fort, da kommt mir noch ein ſehr drolliger Gedanke. — 128— — Und der wäre? — Wenn Ihr Euch Beide nur durch Pantomime verſtändlich machen könnt, ſo mag das allenfalls in Be⸗ treff der Liebesgefühle ausreichen; wie aber hat es Ayou⸗ bani angefangen, Dir eine ganze, ſo verwickelte Hiſtorie begreiflich zu machen: Ich bin Wittwe— man hat mich lebendig verbrennen wollen— ich will nicht, daß mich irgend Jemand ſehe— wenn Du mich irgend Jemandem zeigſt, ſo verlaſſe ich Dich auf ewig— übrigens aber bin ich bereit, in ein anderes Haus zu Dir zu gehen, unter der Bedingung, daß der mongoliſche Prinz, der ſo verteufelt eiferſüchtig iſt, Nichts davon erfahre— und was dergleichen Dinge mehr ſind? Ich geſtehe Dir, Pon⸗ tis, daß ich nicht begreife, wie man ſolche Dinge er⸗ klären will, ohne zu ſprechen; ich, für mein Theil, möchte es wenigſtens nicht übernehmen, dergleichen Anderen ohne Worte verſtändlich zu machen, noch es zu verſtehen. Wie ſoll man zum Beiſpiel nur das einzige Wort: mongoliſch, durch Pantomime ausdrücken? Pontis zuckte verlegen die Achſeln. — Die indianiſche Sprache, ſagte er, iſt keineswegs ſo ſchwer, als Du Dir vielleicht vorſtellſt; hin und wieder hat ſie ſogar eine erſtaunliche Aehnlichkeit mit der franzöſi⸗ ſchen; ich verſtehe ſehr viele Sätze, und jedesmal, wenn wir in Verlegenheit gerathen, weiß Ayoubani ein Wort zu erfinden, das ihren Gedanken wiedergiebt. Sie iſt außerordentlich geiſtreich und weiß, je nach Dedarf, ganze Phraſen zu ſchmieden. 8 — 129— — Wunderbar! — Uebrigens handelt es ſich gar nicht um Alles das. Unſere Schwierigkeiten gehen uns ganz allein an, und wenn ich ſie nur zu beſeitigen weiß, kann es Dir ganz gleichgültig ſein, wie ich das anfange. — Das iſt wahr, lieber Freund. Nun, meinet⸗ wegen denn, bediene Dich der Eremitage, wie es Dir gut dünkt. — Ich danke Dir. Aber— verſprich mir, daß Du mich nicht durch irgend eine Indiscretion compromit⸗ tiren willſt! denn— nimm es mir nicht übel, lieber Es⸗ perance,— zuweilen biſt Du ein wenig indiseret. — Jeder Menſch hat ſeine kleinen Schwächen, er⸗ wiederte dieſer, boshaft lächelnd; aber ich werde mich beſſern. — Du wirſt alſo keinen Verſuch machen, Ayoubani zu ſehen, bevor ſie ſelbſt darein gewilligt hat? — Nein doch, ich verſpreche es Dir!— Wirſt Du ſie morgen ſehen? — Vielleicht— ich weiß es nicht— es iſt noch unbeſtimmt. — Nun, nun, angſtige Dich nicht; morgen bin ich nicht in Paris. — So?— Du jagſt? — Vielleicht. A. — Wo? — Ich weiß es ſelbſt noch nicht; in Saint⸗Germain, Gabriele. VIII. 9 . in Fontainebleau, im Walde von Senart— je nach⸗ dem es mir einfällt. — Allein? — Mit wem ſoll ich denn jagen? — uUnd Du brichſt ſchon früh auf? — Sehr früh.— In der That, Pontis, Du haſt Recht, die Indiscretion iſt wirklich eine kleine Schwäche— — Nimm es nicht übel, Freund, aber ich wollte nur fragen, ob Du mir da die Schlüſſel zum Vorſtadt⸗ häuschen nicht lieber heute geben willſt, im Falle ich Dich Morgen früh nicht ſehen ſollte.— — Du ſolſt ſie ſogleich haben. — Und wenn es Dir ſonſt Nichts verſchlägt, ſo könnte ich vielleicht heute Abend ſchon einige Vorbereitungen dort treffen? — Ganz wie Du willſſt. Esperance gab ein gewiſſes Zeichen auf einem kleinen ſilbernen Pfeifchen, worauf ſogleich ein Diener herbeieilte. — Die Schlüſſel zur Eremitage an Herrn von Pon⸗ tis, rief er dieſem zu. Und nun geh, Pontis, folge dieſem Burſchen. Viel Glück! — Du biſt der König aller Freunde! rief Pontis. Wie geſagt, ein wenig Indiscretion abgerechnet, ein wahrer Goldfreund! — Ich danke Dir. — Werde ich Dich heute noch ſehen? — Ich werde wohl ſchon zu Bett ſein, wenn Du heimkehrſt. — 131— — So könnte ich ja gleich dort ſchlafen? — Wo, dort? fragte Esperance lächelnd. — Nun, in der Eremitage. — Das ſteht ganz bei Dir; betrachte das Haus fortan als Dein Eigenthum. Pontis umarmte ſeinen Freund nochmals entzückt, und ſchoß dann wie ein Pfeil davon.— Als Esperance ſich allein ſah, ſann er einige Zeit über das nach, was ihm Pontis ſoeben erzählt hatte; einen Augenblick war es ihm, als ſteige ein leiſer Ver⸗ dacht in ihm auf, es könne vielleicht mehr hinter jener Indianerin ſtecken, als eine wirkliche Indianerin, den er aber alsdann wieder verbannte. Die Sonne war längſt ſchon zu Ruhe gegangen, und ſo folgte er denn ihrem Beiſpiele. Um zwei Uhr Morgens ſtand er wieder auf. Alles im Hauſe ſchlief noch. Er ſuchte ſich ein tüchtiges kurzes Schwert aus, nahm ſeine Jagdbüchſe, ſteckte Geld zu ſich, ging ſelbſt in den Stall, um ſein beſtes Pferd zu ſatteln, und ritt in aller Stille davon. 9* 7. Der Donner rollt in der Ferne. Nur wenige Stunden, nachdem Esperance aufgebrochen, luſtwandelten zwei jugendliche Frauengeſtalten in Zamets Garten. Es waren Henriette und Leonora. Mademoiſelle d'Entragues ſtattete zweimal wöchentlich Beſuche bei der Wahrſagerin ab, zu der ſie allmählig in eine Art Freundſchaftsverhältniß gekommen war. Hen⸗ riette hatte abſichtlich die früͤhe Morgenſtunde zu dieſen Beſuchen gewählt, weil man ſich mitten in der ſchönſten Jahreszeit befand, weil Zamets Garten groß und ſchön war, weil um dieſe Zeit noch alle Welt im Schlafe lag, und weil es eine, in Bezug auf den guten Ruf einer jungen Dame viel bequemere Stunde war, als eine ſpäte Abendſtunde, die trotz aller Vorſicht doch leicht Verdacht erwecken kann. Zudem war es im Familienrathe der Entragues, dem ſich Henriette, wie wir geſehen haben, ſtets willenlos unterwarf, ſo beſchloſſen worden. Seit⸗ dem es ſich um eine Krone handelte, erlaubte man der unſchuldigen jungen Perſon die harmloſen Morgenſpazier⸗ gänge. — 133— Die wöchentlichen zwei Beſuche hatten indeß bei Hen⸗ riette einen doppelten Zweck. Der König ſchrieb ihr jede Woche zweimal, und der ehrſame Herr la Varenne trug dieſe Briefchen jedesmal vor acht Uhr Morgens in Zamets Garten, damit der allbekannte königliche Liebes⸗ bote in dem vielbelebten Stadtviertel der Entragues nie⸗ mals geſehen würde. Henriette und Leonora luſtwandelten alſo Arm in Arm in des reichen Florentiners Garten, den königlichen Brief⸗ boten erwartend. Der Gegenſtand ihrer Unterhaltung war ſo ziemlich immer derſelbe; man ſprach von Gabriele und Esperance, von der erſteren ſteigende Macht und Gunſt beim König, und von des letzteren geheimnißvolle Liebſchaft. Leonora, welche die Ereigniſſe drängten, hatte die ganze Intrigue mit ihrem italieniſchen Ungeſtüm betrieben. In dem Kreiſe der erbitterten Feinde der Marquiſe wollte man ſchon die nahe Stunde ihres Sturzes vorher be⸗ ſtimmen. Henriette's durchdringender Verſtand kam Leo⸗ nora's Verſchmitztheit zu Hülfe und heide Frauen hatten bereits ſo ziemlich richtig erforſcht, was Esperance mit ſo großer Sorgfalt in ſeiner Seele zu vergraben ſtrebte, und obſchon es nur eben noch Vermuthungen waren, genügten ſie doch, um einen ſchlauen Feldzugsplan zur völligen Ueberrumpelung des Feindes zu entwerfen. Indem Henriette auf den erſten bedeutſamen Schritt Gabriele's, ihren Beſuch im Chatelet, um Esperance in Freiheit zu ſetzen, zurückging, und ſich zugleich erinnerte, — 134— ſie ſchon in Bezons bei dem jungen Manne geſehen zu haben, ſagte ſie ſich ſelbſt, daß eine Frau in ſo hoher und ſchwieriger Stellung, wie die Marquiſe, ſich nicht in eigener Perſon zu einem Gefangenen bemüht, nur um ihm die Freiheit anzukündigen, die er auch ohnedies ſchon erlangt hätte, wenn ſte nicht durch ein alle Rückſichten hintenanſetzendes Intereſſe für dieſen Gefangenen dazu getrieben würde. Und Henriette hatte ganz recht. Von dieſem Augenblicke an, und zudem auch noch durch Laramée's Tod von jedem Zwange nach dieſer Seite hin befreit, hatte ſie Gabriele unabläſſig beobachter und in ihrem Lächeln, ihrem Blick, dem Ausdruck ge⸗ wiſſer Worte, kurz, in hundert kleinen Anzeichen, die eben nur dem Auge eines eiferſüchtigen Weibes ſichtbar ſind, das immer mehr wachſende Intereſſe entdeckt, wel⸗ ches die Marquiſe von Monceaux an Esperanee feſſelte. Es iſt freilich wahr, daß außer jenem faſt unmerk⸗ lichen Lächeln, jenen flüchtigen Blicken, Nichts auf der Welt auf ein Einverſtändniß ſchließen ließ, und am aller⸗ wenigſten von ſeiner Seite; allein der einmal erwachte Verdacht bedarf nur wenig, um weiter zu fußen, und wenn man einmal entſchloſſen iſt, äußerſten Falles ſelbſt Schuldbeweiſe gegen einen Feind zu ſchmieden, ſo genügt auch das allergeringſte Material dazu. Esperance's Jagden, ſeine Beſuche in der Eremitage wurden ausgeſpäht. Leonora vereinigte ihre Beobachtungen mit denen Henriette's. Treu ihrem politiſchen Plane— verſteht ſich, bis auf einige Gewiſſensvorbehalte,— lieferte ſie alle Waffen in das gemeinſchaftliche Zeughaus, welche ihr erfinderiſches Spionirſyſtem gegen die beiden, dem Verderben geweiheten Liebenden aufbringen konnte. Esperance hatte ein außerordentlich geſchicktes Spiel zu ſpielen gehofft, indem er die Aufmerkſamkeit ſeiner Gegner auf das kleine Haus in der Vorſtadt lenkte; mit vieler Mühe war es ihm gelungen, ſich weibliche Be⸗ ſucherinnen zu verſchaffen, um die Spione irre zu führen. Aber eines ſchönen Tages, oder richtiger geſagt, eines Abends, machte Leonora alle ſeine ſchlauen Combinationen durch eine einzige Kriegsliſt zu Schanden. Sowohl aus den Rapporten ihrer geheimen Agenten, als durch den eigenen Augenſchein, hatte ſich die Italienerin überzeugt, daß alle dieſe Beſucherinnen, trotz ihrer dichten Schleier, trotz ihrer verſchiedenen Equipagen, trotz der Abwechſelung ihres Coſtums und der Stunden ihrer Be⸗ ſuche, einander ungemein ähnlich waren, und hatte dem⸗ gemäß Concino unter der Larve eines gänzlich Betrunke⸗ nen an die Ecke der Vorſtadtſtraße auf die Lauer geſtellt. Der Italiener ſpielte ſeine Rolle, die keine große körper⸗ liche Anſtrengung bedurfte, ganz vortrefflich; er taumelte an eine dieſer geheimnißvollen Damen an und zerrte ihr die Mantille, in die ſie ſich gehüllt hatte, von den Schultern, indem er that, als wolle er ſich daran feſt⸗ halten; die Schöne rief erſchrocken ihren Lakai zu Hülfe und ergriff ſchleunig die Flucht, aber zu ſpät; als der Lakai hinzuſprang, hatte ſich der ſcheinbare Trunkenbold — 136— bereits aus dem Staube gemacht, nachdem er in der ver⸗ hüllten Dame Gratienne, die treu ergebene Kammerzofe Gabriele's, erkannt hatte. Welch ein Lichtſtrahl! Daß Esperance's Huldigungen nicht einer Schönen ſo niederen Standes dargebracht werden konnten, war außer allem Zweifel. Er, der ſchönſte, der reichſte, der geſuchteſte Cavalier am ganzen Hofe, und eine Dienerin, eine gemeine Müllerstochter? Ganz unmöglich! Gratienne konnte demnach nur die Ueberbringerin der Liebesbriefe und Beſtellungen einer Anderen, und zwar ihrer Gebieterin ſein. Allein ſo viel Wahrſcheinliches auch dieſe Annahme für ſich hatte, wollte ſie Leonora doch einige Zeit noch nicht gelten laſſen, denn ſie wußte ja aus Esperance's eigenem Munde, daß er eine ſchöne Venetianerin leiden⸗ ſchaftlich liebe und ſich ſelbſt gelobt habe, ihr ewig treu zu ſein. Indeß, Esperance konnte auch gelogen haben; es war kaum glaublich, daß er ſich Liebesbriefe durch ein Weib, durch Gratienne, würde bringen laſſen, die ſo leicht zu überfallen und zu plündern war. Nein, nein, Gratienne ging gewiß nicht als Botin mit Briefen und anderer, im Falle der Ueberrumpelung ſo leicht wegzu⸗ fangender Liebeswaare nach der Eremitage; ſie kam nur zu Esperance, um die Welt zu der Meinung zu ver⸗ leiten, der junge Mann empfange Damenbeſuche und unterhalte Liebesintriguen; Gabriele, die zärtliche Ga⸗ briele, war ſo eiferſüchtig auf ihren Geliebten, daß ſie ihm keine andere Schauſpielerin zu dieſer Trugkomödie — .— 137— erlaubt hatte, als ihre getreue Gratienne Esperance hatte ſich, um ſeine Geliebte zu beruhigen, damit zu⸗ frieden erklärt, und ſo ward denn gerade dieſe zarte Rück⸗. ſicht der beiden vollkommenen Weſen der ſtärkſte Beweis, den ihre Feinde gegen ſie aufbringen konnten. Sobald Leonora einmal den Schlüſſel dieſer Combi⸗ nation gefunden hatte, ward ihre Aufgabe immer leichter. Andere, weniger ſchlaue Köpfe hätten ſich vielleicht durch die Möglichkeit irre leiten laſſen, daß Gratienne am Ende wohl hübſch genug ſei, um einem lebhaften jungen Manne einige Stunden zu gefallen, hätten angeführt, daß ja ſogar Heinrich IV., ein König, ſich bisweilen zu Gärtnerinnen, Müllerinnen und anderer appetitlichen Waare dieſer Art herabgelaſſen habe; Leonora kannte Esperance zu genau, um ſich in Bezug auf ſeinen Geſchmack nicht zu irren; Esperance würde wohl Prinzeſſinnen, Herzoginnen, Königinnen ſogar lieben können, ſich äußerſten Falles auch wohl mit einer Marquiſe begnügen, aber ein Liebes⸗ verhältniß mit einer Zofe, und wäre es eine Gratienne — das war ja ganz unmöglich! Es handelte ſich alſo nur noch darum, die ent⸗ ſcheidende Stunde zu erfahren, wo die Liebenden ſelbſt ihren Gegnern gewonnenes Spiel geben würden, jene Stunde, der kein Liebender auf dieſer Erde entgehen kann und um welche er flattert, wie der Schmetterling um die verhängnißvolle Flamme der Kerze, an der er ſich früher oder ſpäter die Flügel verbrennen ſoll. Die Zeit drängte, wie ſchon geſagt worden iſt. Die⸗ — 138— jenige Parthei, welche eine politiſch kluge Vermählung des Königs wünſchte, ſah mit Verzweiflung die Liebe Heinrich's zu Gabrielen immer feſter Wurzeln ſchlagen. An der Spitze dieſer Verbündeten, wiewohl entfernt von allen erbärmlichen Intriguen, ſtand Sully, der fortwäh⸗ rend wiederholte, daß von allen weiblichen Weſen gerade die Marquiſe von Monceaux die gefährliche Gegnerin ihrer Wünſche und Pläne ſei; der kluge Hugenott ſagte ſich, daß Heinrich nur von der Seite des Herzens anzugreifen ſei; er hat zu viel Geiſt, zu viel geſunden Verſtand, zu viel vernünftigen Egoismus, um nicht die eigennützigen Berechnungen einer Maitreſſe, und wären ſie auch noch ſo ſchlau verſteckt, zu errathen; gegen eine wahrhafte Uneigennützigkeit, igegen einen aufrichtigen Schmerz, gegen eine ehrenhafte Zuneigung iſt er aber widerſtandlos; er giebt ſich dieſem Zauber willig hin; er liebt den häus⸗ lichen Frieden, die keuſche Seelenruhe eines wahrhaft guten und edlen Weibes. Gabriele, die Nichts begehrt, Nichts erſtrebt, immer nur ablehnt, die immer lächelt und niemals zankt, dieſes fürchterlich vollkommene We⸗ ſen wird den König in aller Ewigkeit abhalten, ſich zu vermählen— wenn ſie ihn, ſelbſt gegen ihren Willen, am Ende gar dahin bringt, ſie zur Königin von Frank⸗ reich zu erheben! Dieſe Ideen, die Sully Zamet mittheilte und Zamet wiederum den Entragues, erregte bei dieſen Letzteren eine wahre Feuersbrunſt von Wuth und Zorn, die Leonora immer mehr anzufachen bemüht war, und Henriette, die — 139— Starke, die Stolze, die Unfehlbare, gewahrte nicht, daß ſie eben dadurch allmälig ſelbſt die Selavin Derjenigen ward, in der ſie nur ihr blindes Werkzeug ſah. Leonora erzählte Henrietten Alles wieder, was deren Zorn unterhalten und ſie zu ſolchen Schritten antreiben konnte, deren Verantwortlichkeit die ſchlaue Italienerin nicht auf ſich laden mochte. Henriette bebte dagegen vor Nichts zurück, was ihre eigene Intrigue fördern konnte. Nur immer vorwärts gehen! das war die Lo⸗ ſung der Entragues. Leonora hatte dieſelbe Loſung angenommen, aber mit einer kleinen, ächt italieniſchen Variante: Nur immer vor⸗ wärts treiben!— das heißt: ſie ließ Andere ins Feuer vorangehen. Nachdem wir auf dieſe Weiſe den Stand der Dinge dem Leſer deutlich gemacht, erſuchen wir ihn, den beiden Frauen in Zamets Garten zu folgen, den ſie in allen Richtungen durchſtreiften, indem ſie hier und da eine noch vom Morgenthau feuchte Blume brachen. Der Bote des Königs, pünktlich, wie die aufgehende Sonne, langte in dem Augenblicke an, als Leonora ihrer Gefährtin eben Esperance's heimlichen Ausflug von heute Morgen mitgetheilt hatte. Dieſe Nachricht, die ſie eben nur als einen Beweis ihrer unermüdlichen Wachſamkeit, als einen einfachen Polizeirapport hingeworfen hatte, regte Henriette nicht ſonderlich auf; ſie war es ſchon zu ſehr gewohnt zu vernehmen, wie Esperance an dieſem Tage auf die Jagd gegangen, an jenem ein neues Pferd pro⸗ — 140— birt, ſich an einem anderen wiederum in ſeine Eremitage zurückgezogen habe. La Varenne's Ankunft gewährte ihr dennoch ein un⸗ mittelbares Intereſſe. Der königliche Liebesbote ſtrahlte heute im ſchönſten Putze, er verbeitete einen Duft von Ambra und Roſenöl um ſich her und hatte ſein holdſe⸗ ligſtes Lächeln hervorgeſucht, als er ſich den Damen mit einem unterthänigen Morgengruß näherte, für Henriette lauter ſichere Anzeigen, daß er heute der Ueberbinger be⸗ ſonders günſtiger Nachrichten ſei. Sie nahm das Billetchen Heinrich's in Empfang und trat einige Schritte ſeitwärts, um es zu leſen. Schon bei den erſten Worten ſtieß ſie einen halblauten Freudenruf aus; ſie winkte Leonora zu ſich, worauf beide Frauen ſich in eine ſchattige Allee zurückzogen, die ſie für La Va⸗ renne für einige Augenblicke verbarg. — Weißt Du, was der König mir vorſchlägt, Leo⸗ nora? hob Henriette flüſternd an. — Ich ahne es, ſagte die Florentinerin mit ſchelmi⸗ ſchem Lächeln; aber ſprechen Sie es immerhin aus. — Eine Abendcollation, heute noch, in Saint⸗Germain. — Obho!— was würde Herr von Entragues dazu ſagen? Collation— Abend— Saint-⸗Germain— das ſind drei gefährliche Worte für die Tugend eines jungen Mädchens! Ein eigenthümliches Lächeln Henriette's bewies Leo⸗ nora ſehr ſchnell, daß deren Tugend gegen ſ elende Ge⸗ fahren gepanzer ſei. — 4141— — Ich weiß wohl, fuhr die Italienerin fort, die ſelbſt eine ſtumme Antwort verſtand, ich weiß wohl, daß ſie nicht ſo ungeſchickt ſein werden, irgend etwas vor dem Sturze Ihrer Nebenbuhlerin zu gewähren. In⸗ deß, gefährlich bleibt es Nichts deſtoweniger doch. Und wie, wenn die Marquiſe Mittel und Wege fände, Sie im traulichen Selbander mit dem Könige zu überraſchen? — Das hat keine Noth, Leonora; ich weiß bereits, daß die Marquiſe heute mit Tagesgraun nach Monceaux abgereiſt iſt. — Allein? — Doch wohl, da der König eben ihre Abweſenheit benutzen will, um mir dieſe Collation anzubieten. — Allein abgereiſt! wiederholte die Florentinerin nachdenkend. — Ich ſehe alſo keine Gefahr dabei, fuhr Henriette fort, wenn ich dieſe Abweſenheit benutze, um eine Stunde mit dem Könige zuzubringen und ihm ſo allerlei Neuig⸗ keiten ins Ohr zu raunen. — Ja, ja, das kann ſchon ſein, ſprach Leonora im⸗ mer noch ſinnend. — Worüber denkſt Du nach? — Ueber dieſe Abreiſe nach Monceaur. — Meinſt Du vielleicht, es ſei eine Liſt Gabriele's, um den König zu überraſchen? Nicht doch: ich kenne die Marquiſe zu genau, und ſo ſehr ich ſie haſſe, halte ich ſie doch einer ſo kleinlichen Intrigue für unfähig; ſo etwas paßt höchſtens für uns einfältige Leute, meine — 142— Beſte. Die Marquiſe iſt eine große Seele, wie Herr Esperance ſagen würde, der ſelbſt eine ganz ungeheuere Seele iſt, und ſolche große Seelen ſind zu ſtolz, um zu ſpioniren und zu überfallen. Pfui! — Ich meine auch keineswegs, daß dieſe großherzige Frau Marquiſe allein nach Monceaux gereiſt ſei, nur um Sie zu überraſchen. — Ich glaube, Du träumſt mit offenen Augen. Was ſtarrſt Du ſo vor Dich hin? — Ich verſuche nur Signor Speranza zu verfolgen, der dieſen Morgen ebenfalls abgereiſt iſt. — Dieſe edlen, fleckenloſen Liebesleutchen hätten ſich etwa ein Rendezvous gegeben? rief Henriette höhniſch. Niemals! Das wäre ja ihrer engelhaften Vollkommen⸗ heit zuwider, und nie werden ſie uns einen ſolchen Triumph gönnen. Signor Speranza, wie Du ſagſt, ſchwärmt im verliebten Taumel allein umher, forſcht in dem ſchmutzigen Graſe nach dem, was man die Witterung irgend eines vierfüßigen Thieres nennt,— dann wird er leidenſchaftlich fünf bis ſechs Meilen Wald durchrennen. und ſich dabei Geſicht und Hände an den Dornen blutig reißen, ohne es zu fühlen, und endlich wird er im höchſten Liebesparoxismus irgend einem Wilde eine Kugel in das Fell jagen,— das iſt das Ganze, was Signor Speranza, dieſes Ideal aller ſchmachtenden Lieb⸗ haber, zu dieſer Stunde treibt. Meinen Kopf ſetze ich dafür zum Pfande!— Dann wird er ſich, mit Staub und Schweiß bedeckt, zwiſchen zwei Trunkenbolden, Na⸗ — 143— mens Crillon und Pontis, zu Tiſche ſetzen, man wird eine gehörige Anzahl Flaſchen leeren, und die nüchternen Seuf⸗ zer des Liebhabers, untermiſcht mit dem Schlucken der beiden Betrunkenen, werden das Schlußconcert bilden.— Das iſt ſo ſeine Manier zu lieben. Leonora antwortete Nichts, aber ſie lächelte noch ſchelmiſcher. — Nichts verhindert alſo ein unvollkommenes Weſen wie ich bin, fuhr Henriette, erleichtert durch dieſen ſpötti⸗ ſchen Ausfall, fort, ein Stündchen mit dem König in Saint⸗Germain zu zubringen, der ebenſo großes Verlangen trägt, mit mir zu koſen, als ich, ihn zuvor ein wenig in die Schule zu nehmen— verſteht ſich, in eine höchſt ehrbare Schule. Mein Vater wird mich nicht verlaſſen, alſo ſei unbeſorgt. Er hat noch mehr Angſt vor meiner Schwäche, wie Du.— Meine Schwäche! murmelte ſie vor ſich und ein düſteres Feuer leuchtete aus ihren Blicken. Es gab eine Zeit, wo mein Herz ſchwach war— da⸗ mals machte ſich alle Welt eine Freude daraus, es zu martern,— jetzt iſt an mir die Reihe!— Genug der Verachtung, der Beſchimpfung, der Leiden!— Die Schwäche überlaſſe ich Anderen, mir bleibt der Triumph der Rache! — Sie ſprechen, wie eine Königin ſprechen muß, ſagte Leonora mit jener Ruhe und Sicherheit, welche auch die gepanzertſten Herzen dem Gifte der Schmeichelei zugänglich macht. Und was werden Sie la Varenne antworten? — 144— — Daß ich zur angebenen Stunde in Saint⸗Ger⸗ main ſein werde. — Und welche iſt das— wenn ich fragen darf? — Um vier Uhr, dieſen Abend. Es bleibt mir alſo nicht zu viel Zeit, um für meine Toilette zu ſorgen. Man ſagt, daß die Marquiſe allein in Frankreich ſich geſchmack⸗ voll zu kleiden wiſſe; wir wollen doch ſehen, ob der König dies heute Abend auch ſagen wird. Schnell, die Antwort für la Varenne!— Aber wie mir ſcheint, iſt Jemand bei ihm? — Es iſt Concino. — Beſtiefelt und beſtaubt.— Jagt denn Dein Concino etwa auch? — Nein, Madaͤme; ich hatte ihn dieſen Morgen fort⸗ geſchickt, um Speranza zu folgen, und jetzt bringt er mir Nachricht. — Deſto beſſer! Bevor ich abreiſe, werde ich ſte von Dir hören. — Das werden Sie gleich jetzt, denn da kommt er auf uns zu. In der That hatte Concino, nur im Vorbeigehen, la Varenne vertraulich die Hand gedrückt, und ſchritt dann den Damen entgegen. — Nun, was bringſt Du? rief Leonora. — Nun, er hat die Straße nach Meaurx eingeſchlagen. — Er wird allem Vermuthen nach in der Gegend von Livry jagen, ſagte Henriette. — Meinen Sie? Ich glaube, man kann über Meaux Pee. — 145— auch nach Monceaux gelangen? warf Leonora gleich⸗ gültig hin. — Wahrhaftig! rief Henriette ſtutzend. — Vier Stunden von hier, fuhr Concino fort, in Vaujours, hat er angehalten und gewartet. Die beiden Frauen warfen ſich bedeutſame Blicke zu. — Um ſieben Uhr langte eine Kutſche von Paris an, die Kutſche der Marquiſe. Henriette fuhr empor. — Dieſe war nur von zwei Piqueurs begleitet. Signor Speranza näherte ſich der Kutſche, immer zu Pferde, und ſprach mit der Marquiſe, etwa zehn Minuten lang; dann fuhr der Wagen langſam weiter und Signor Speranza wendete ſein Pferd— — Nach Paris zurück? fragten beide Frauen zugleich. — Nein; rechts, und ſprengte querfeldein. — Und Du biſt ihm nicht gefolgt? — Auf freiem Felde hätte er mich ja gleich geſehen; übrigens war ich heute müde; Signor Speranza verfol⸗ gen iſt ein hartes Stück Arbeit, mit ihm Schritt halten, wenn er auf dem Rappen ſitzt— er ritt heute den Rappen,— aber geradezu unmöglich. Ich lege mich nieder. Und nach dieſen Worten drehte ſich Concino in der That pflegmatiſch auf dem Abſatze herum und ließ ſich durch Nichts mehr zurückhalten. Henriette und Leonora blieben einige Zeit betroffen ſtehen. Gabriele VIII. 10 — 146— — Sie haben ſich in Monceaux Rendezvous gege⸗ ben! rief Henriette zuerſt. — Möglich. — Es iſt gewiß. Und um nicht zuſammen geſehen zu werden, haben ſie verſchiedene Wege eingeſchlagen, ſie den kürzeſten, er den längſten, und im Schatten der Dämmerung treffen ſie ſich wieder. — So ziemlich zu gleicher Zeit, wenn Sie ſich im Schatten des Königs befinden werden, ſagte Leonora boshaft. In meinem Vaterlande nennt man das eine Quadrille. — Und eine ſo herrliche Gelegenheit, dem Könige die Augen zu öffnen, ſollten wir ungenutzt vorüber gehen laſſen? rief Henriette. — Da Sie mit ihm nach Saint⸗Germain gehen? Er kann doch nicht füglich an zwei Orten zugleich ſein. — Unſere Agenten, die wir nach Monceaur ſchicken wollen, werden ſchon genauen Bericht abſtatten. Leonora lächelte verachtend. — Ein Bericht von Spionen! ſagte ſie. Wird das dem Könige genügen, gegen ein angebetetes, und ſo an⸗ betungswürdiges Weſen, wie die Marquiſe. Henriette fuhr auf, als ob ein Scorpion ſie geſtochen habe. — Es iſt wahr! Man muß das anbetungswürdige Weib von dem Anbeter ſelbſt überraſchen laſſen! — Und Ihr eigenes Rendezvous? bemerkte Leonora mit erheucheltem Mitleid. — Wenn die Marquiſe erſt aus dem Louvre ver⸗ — 147— trieben ſein wird, werde ich noch viel Zeit zu Rendez⸗ vous haben. — Nun gut, ſo ertheilen Sie La Varenne dem ge⸗ mäß Ihre Antwort, denn er wartet noch darauf. — Antworte Du für mich, ich will indeſſen über⸗ legen— — Behüte der Himmel! An mich hat ja der Kö⸗ nig nicht geſchrieben. Ihm nicht ſelbſt antworten, wäre eine unverantwortliche Unſchicklichkeit; das könnte Alles verderben. — Nun gut, ich übernehme la Varenne. Du aber könnteſt es übernehmen, den König von dem Rendezvous ſeiner ſchönen Freundin in Kenntniß ſetzen zu laſſen. — Auf welche Weiſe? fragte die Italienerin, als ob es ihr durchaus an einer paſſenden Idee fehle. — Ein Brief— — Anonym— und immer wieder anonym? Das iſt abgenutzt! 9— Aber Du wirſt doch nicht wollen, daß ich ſelbſt hingehe und die Angeberin mache? — Und ich erſt? In welcher Eigenſchaft könnte ich es denn thun? — Aber die Zeit verſtreicht, rief Henriette außer ſich, und wir ſtehen da und thun Nichts! — Iſt das meine Schuld?— Geben Sie mir irgend eine Idee an— — Ich habe keine— mein Kopf iſt wirr! — Rüuhig, nur ruhig! Faſſen Sie ſich vor allen — 10* — 148— Dingen.— Man kann allerdings nicht an den König ſchreiben, aber man kann mit ihm ſprechen, oder mit ihm ſprechen laſſen; das iſt ſicherer. — Wer ſoll mit ihm ſprechen? — Mein Gott! wer ſonſt, als la Varenne? — Dieſes Haſenherz, das immer in Todesangſt iſt, ſich zu compromittiren! — Das kommt ganz darauf an, was er zu ſagen haben wird. — So hilf mir. — Was bedürfen Sie noch der Hülfe, bei Ihrem Geiſte!— Nun, ſo ſagen Sie la Varenne zum Beiſpiel — Aber nein, das hieße zu ſehr blosſtellen. — Suche nur, ſuche! Du wirſt gewiß etwas er⸗ ſinnen! — Das iſt äußerſt ſchwierig. Wie wäre es— oder wenn— Halt! das könnte gehen: Schlagen Sie das Rendezvous geradezu ab, weil Sie einen Falſtrick der Marquiſe fürchteten. — Ich ſehe noch nicht recht— — Fügen Sie hinzu, Sie hätten zuverläſſige Kunde, daß die Marquiſe mit einem ihrer getreueſten Freunde in Vaujoures ein Rendezvous gehabt und dieſem Auftrag gegeben habe, ihr Relais zu beſtellen, um noch dieſen Abend in Saint⸗Germain einzutreffen. Auf dieſe Weiſe hat es nicht einmal den Anſchein, als wollten Sie die Marquiſe nur im mindeſten verdächtigen. — 149— — Alles gut; aber dann wird der König in Saint⸗ Germain bleiben. — Das kommt ganz auf das Portrait an, welches Sie la Varenne von dem bewußten Freunde entwerfen werden. Wie, wenn dieſes Portrait ein wenig die Eifer⸗ ſucht des Königs erregte? — Hal jetzt begreife ich— Du biſt ein Teufel an Verſtand! — Ci, ſo gehen Sie doch! Sie wollen meiner ſpotten, Madame— Nun, reden Sie geſchwind mit la Varenne. Henriette rief den kleinen Mann herbei. — Mein Herr, ſprach ſie, ich ſehe mich leider in die Nothwendigkeit verſetzt, die huldvolle Einladung Sr. Majeſtät auszuſchlagen; ja, die Vorſicht verbietet mir ſogar ihm zu ſchreiben. Man ſpürt uns nach. Die Frau Marquiſe iſt heute in aller Frühe nach Monceaux aufgebrochen, aber nicht allein, wie der König geglaubt hat, ſondern in Begleitung einer Perſon, mit der ſie ohne Zweifel ein Complott ſchmiedet, um uns dieſen Abend in Saint⸗Germain zu überfallen. La Varenne ſperrte Ohren und Augen weit auf. — Fügen Sie noch hinzu, fuhr Henriette fort, daß dieſe Perſon die Thätigkeit, die Kraft, die Geſchicklichkeit ſelbſt iſt, für mich ein ſehr gefährlicher Wächter, da er der Marquiſe zu großer Dankbarkeit verpflichtet iſt und ihr daher gewiß nach beſten Kräften beiſtehen wird— ich glaube, ein Herr Esperance. — 150— — Esperance dieſer ſchöne junge Cavalier, der fort⸗ während jagt? — Und noch dazu auf dem Reviere des Königs, ſprach Henriette, zweideutig lächelnd; ganz recht, derſelbe. Alſo beeilen Sie ſich, Se. Majeſtät zu benachrichtigen. — Die Marquiſe mit Herrn Esperance abgereiſt! rief la Varenne, außer ſich vor Erſtaunen. Da wird der König die Ohren ſpitzen! — Das mag er immerhin! Alſo, gehen Sie, ge⸗ hen Sie! La Varenne ließ es ſich geſagt ſein und lief davon, ſo ſchnell es ſeine kurzen Beine vermochten. — Und nun, ſagte Henriette zu Leonora, kehre ich heim und halte mich, wie eine Schnecke in ihrem Hauſe, verborgen. Oder giebſt Du mir einen anderen Rath? — Keinen anderen, als ruhig abzuwarten. — Und Du meinſt wirklich, der König werde ſo eiferſüchtig auf Gabrielen ſein, um ihr bis Monceaur nachzulaufen und ſie zu überfallen? fragte Henriette mit ſichtlicher Bitterkeit. — Das glaube ich. Aber wenn er ſelbſt nicht aus Eiferſucht nach Monceaux ginge, ſo wird er es ſchon aus Furcht thun, den Argwohn der Marquiſe zu erregen; er wird ſie durch ſeine Gegenwart beſchwichtigen wollen, und wenn er dann vielleicht das Liebespärchen im günſti⸗ gen Augenblicke überraſcht, ſo haben wir erreicht, was wir wollten, ohne uns eine Blöße gegeben zu haben. Henriette glühete vor Ungeduld. — 151— — Welch' eine erbärmliche Rolle für ein Weib, wie ich bin! rief ſie; wie eine Raupe dahin ſchleichen zu müſſen! — Die Raupe entpuppt ſich aber zum Schmetterling. Scheiden wir für jetzt. Halten Sie ſich nicht länger in dieſem Stadtviertel auf. Leben Sie wohl, ſagte die Ita⸗ lienerin, Henrietten, die ſie allmälig immer mehr beherrſchte, ſo daß ſie ihr jetzt ſchon alle Schritte und Bewegungen vorſchreiben konnte, nach dem Ausgange führend. Henriette gehorchte und kehrte eiligen Schrittes in ihre Wohnung zurück, wie Leonora in das Haus. Zamet, der die beiden Frauen fortwährend von ſeinem Fenſter aus beobachtet hatte, kam Leonora auf der Schwelle entgegen und zog ſie in ſein Zimmer. — Rücken wir vorwärts? fragte er. Nach dem, was mir Concino ſo eben geſagt, dürfen wir noch heute etwas Entſcheidendes erwarten. — Ich hoffe es. — Nur ein recht tüchtiger Lärm! Möge der König im rechten Augenblicke kommen und irgend ein hitziger Freund, wie wir ihn brauchen, dieſen Esperance ein Piſtol vor den Kopf brennen, und der Scandal befreit uns für immer von der Marquiſe. — Sachte, ſachte, rief Leonora, die Stirn runzelnd; ich gebe Ihnen die Marquiſe preis, machen Sie mit ihr was Sie wollen; was jedoch Signor Speranza betrifft, ſo iſt das eine andere Sache. Er hat mich vertheidigt, er hat mich vor Schimpf und Schande, ja vor dem Tode — 152— bewahrt, und ich will nicht, daß ihm nur ein Haar ſei⸗ nes Hauptes gekrümmt werde. Verſtehen Sie, ich will nicht! — Aber— — Ich ſage Ihnen nur: ich will es nicht! — Ja, freilich, wenn Du ſogar anfängſt die Senti⸗ mentale zu ſpielen, wenn Du einen Feind verſchonſt, weil er ein hübſcher Junge iſt— — Wenn ich nur das von Ihnen gewünſchte Ziel erreiche, das Wie kann Ihnen ganz gleichgültig ſein. — Nun denn, ſo mache, daß wir dahin gelangen! — Das werde ich, und zwar durch Geſchicklichkeit weit ſicherer als mit Gewalt,. Schon iſt es mir gelungen, durch den einfältigen Pontis alle Schritte Speranza's zu erfahren. Laſſen Sie die Florentinerin Leonora und die Indianerin Ayoubani nur gewähren. Wir rücken vor⸗ wärts! Nur fordere ich, daß Speranza heil und geſund aus der Geſchichte hervorgehe— es müßte denn irgend ein außer aller Berechnung ſtehender Zufall.— Genug, ich fordere es, und Sie kennen mich genug, um zu wiſſen, daß ich mich nicht ſo leicht abfinden laſſe. — Meinethalben denn. Am Tage Deiner Hochzeit mit Concino magſt Du Deine Rechnung mit ihm aus⸗ gleichen. — Ich denke, wenn ich ihm meine Ausſteuer vorzäh⸗ len werde, verſetzte die Italienerin mit ſchamloſen Lachen, wird er mir wohl alle meine Rückſtände quittiren! 8. Der Gaſthof zum goldenen Bären. Gabriele, die ſich ſchon als junges Mädchen beklagte, keine Freiheit zu genießen, hatte ſeit ihrer Standeser⸗ hebung die Qualen der Sklaverei erſt recht empfinden gelernt. Nicht, daß der König ein argwöhniſcher Tyrann, ein unbequemer Inquiſitor geweſen wäre; aber er widmete faſt alle ſeine freie Zeit dem geliebten Weibe, er floh die Etiquette, die ewig gleichlangweilige Hofordnung, er ſtrebte nach dem Frieden des häuslichen Lebens, und faſt immer ſah ihn Gabriele in einem Augenblicke bei ſich eintreten, wo ſie ihn am wenigſten erwartete. Das war indeß noch bei weitem nicht, ihr ſchlimmſtes Leiden. Gabriele empfand, wenn auch keine Liebe, doch wahre und aufrichtige Freundſchaft für dieſen leichten, heiteren Charakter; ſie liebte die Ausbrüche dieſer be⸗ luſtigenden Laune, ſie erfreute ſich an den häufigen Re⸗ gungen dieſes edlen und großmüthigen Herzens. Die Geſellſchaft des Königs ſelbſt konnte ſie alſo nicht ſo ſehr beläſtigen, aber wenn er ſtie verlaſſen hatte, dann kamen die Hofleute, die Frauen, dieſe ganze buntgefiederte, heuch⸗ — 154— leriſche Schaar, und nach dieſer unvermeidlichen Qual kamen die beſcheideneren, demüthigeren Spürhunde, die Kaufleute, die niederen Beamten, die Bittſteller, und end⸗ lich die Diener, dieſe wegen ihrer beharrlichen Neugierde läſtigſte Race. Und da Gabriele das Bedürfniß immer mehr fühlte, doch wenigſtens zuweilen Herrin ihrer Zeit zu ſein, da ſte manche ihrer Schritte, ſelbſt die unſchuldigſten, ver⸗ bergen mußte, aus Beſorgniß, daß man ſie mit denen Esperance's in irgend eine Verbindung ſetze, ſo geſchah es nicht ſelten, daß ſie erſchöpft, entmuthigt, ſich wieder nach den Feſſeln von Bougival, nach den langweiligen Strafpredigten ihres Vaters— zumal aber nach jenen heimlichen Ausflügen auf die Schiffmühle zurückſehnte. Für eine ſo ſanfte und gefühlvolle Seele wird jede kleine Widerwärtigkeit gar bald ein Gegenſtand wirklichen Kummers. Heinrich konnte Nichts dabei thun. Hätte er die Läſtigkeit dieſes Zwanges für ſeine Geliebte ahnen können, er würde dem zu allererſt abgeholfen haben, denn Niemand auf der Welt liebte ja die Unabhängig⸗ keit ſo ſehr, wie er— und bedurfte ihrer ſo ſehr, wie er. Man ſah, wie er auf alle Weiſe bemüht war, Gabriele zu zerſtreuen, einestheils aus Zärtlichkeit, anderntheils aber auch ein wenig aus Egoismus, denn, indem er ihr mehr Freiheit verſtattete, verlängerte er zugleich ſeine eigene Kette. Und ſo hatte er denn die plotzliche Bitte der Marquiſe, ſich auf einige Tage nach Monceaur zurückziehen und — 155— dort die ländliche Ruhe genießen zu dürfen, mit wahr⸗ hafter Freude vernommen. — Sie find jetzt eben mit wichtigen Arbeiten über⸗ häuft, Sire, hatte Gabriele geſagt, und ich werde Sie alſo in den nächſten Tagen wenig oder gar nicht zu ſehen bekommen; ich fange an, der näheren Umgebungen von Paris müde zu werden. Ich möchte unſern kleinen Cäſar gern eine eben ſo reine, aber weniger ſcharfe Luft ge⸗ nießen laſſen, als die von Saint⸗Germain, die ihn zum Huſten reizt und aufregt. Monceaux mit ſeiner lachenden Umgebung, in der ſchönen Ebene, wird auch meinen, durch die unermeßlichen Perſpectiven von Saint⸗Germain etwas ermüdeten Augen wohl thun; ich möchte mich gern auf einige Tage nach Monceaur zurückziehen. — Gehen Sie, meine Geliebte, Theure, antwortete Heinrich, der ebenfalls ſeine Gründe hatte, allein ſein zu wollen. Ich muß in der That eine Armee organiſtren, um nur endlich einmal mit dieſem Mayenne zu Stande zu kommen, deſſen neuerliche Drohungen mir Tag und Nacht keine Ruhe laſſen. Dieſe Fluth von bettelnden Soldaten, die ich täglich muſtern, um deren Kleidung, Ernährung, Bewaffnung und ſonſtige Verpflegung ich mich ſelbſt bekümmern muß, wie ein alter Werbe⸗ meiſter, der ich bin, würde Ihnen widerwärtig werden. Gehen Sie alſo nach Monceaur, und bringen Sie mir unſern kleinen Cäſar recht geſund und munter zuruͤck— vor allen Dingen aber, ſich ſelbſt! Gabriele traf ihre Reiſeanſtalten, wie immer, ohne — 156— alle Oſtentation; man war es ſchon gewohnt, ſie höchſt einfach reiſen zu ſehen Sie ſchickte ihre Frauen und ihren Sohn mit den Saumthieren voraus, mit der Wei⸗ ſung, ſie auf der Hälfte des Wegs zu erwarten. Nur für ihren Sohn erbat ſie ſich vom Könige eine Escorte; ſte ſelbſt zog die Einſamkeit vor. Sie beſtellte ihre Kutſche, mit zwei jungen Piqueurs, welche Befehl hatten, dem Wagen nur ganz zwanglos und nach ihrer eigenen Be⸗ quemlichkeit zu folgen.. Man bemerkte, daß die Marquiſe am Abend vor ihrer Abreiſe eine ſehr lange und geheime Unterredung mit dem Prior des Genovefenſtiftes gehabt, den ſie in Bezons beſucht hatte. Man ſah ſie unmittelbar darauf mit Bruder Robert im Garten auf⸗ und abgehen, dieſen Blumen und Früchte, die ſie beſonders liebte, für ſie pflücken. Forſchende Augen— und wann hätte es je⸗ mals in der Umgebung der Großen daran gefehlt!— nahmen wahr, daß die Unterhaltung des Genovefenbruders mit Gabriele ſehr ernſthaft war, daß ſie ihm die größte Aufmerkſamkeit ſchenkte, daß der Mönch ſeine Rathſchläge oder Ermahnungen,— wer konnte es wiſſen?— auf die eindringlichſte Weiſe zu wiederholen ſchien, und daß die Marquiſe ihm mit der Haltung einer gelehrigen Schülerin Gehorſam zu verſprechen ſchien. Endlich, als Beide ſich wieder dem Eingange näher⸗ ten und von einander Abſchied nahmen, gelang es den Spähern, folgende wenige Worte aufzuſchnappen: — 157— — Nochmals Dank, mein würdiger Freund, für ſie Beide, wie für mich! Man kann ſich denken, auf wieviel verſchiedene Weiſe dieſe Worte commentirt wurden. Wer in aller Welt konnte dieſe, dem ſchlichten Mönche zu Dankbarkeit ver⸗ pflichtete Dreieinigkeit ſein? Der Leſer wird es erfahren, wenn er ſich bis zu Gabriele's Ankunft in Monceaur gedulden will. Schon am Abende vor der Abreiſe hatte ſie vom Könige und ihren Vertrauteſten Abſchied genommen. Sie wollte, wie ein Soldat, mit dem Morgengrauen aufbrechen. Die Sonne war noch kaum am Horizönte erſchienen, als die Frauen mit dem kleinen Cäſar das Hötel der Decanei verließen. Eine Viertelſtunde darauf fuhr Gabriele in einer ſchwerfälligen Kutſche durch die Straßen des noch im tiefen Schlafe liegenden Paris. Die Thore waren noch nicht geöffnet, und Gabriele konnte den eigenthümlichen Anblick dieſer großen, damals noch viel maleriſcheren Stadt, mit ihren Tauſenden von kleinen und großen Häuſern, Hütten, Palläſten und Mo⸗ numenten, höchſt bizarr untereinander geworfen und an⸗ einander geklebt, genießen, ohne einen einzigen ihrer Ein⸗ wohner zu gewahren. Die Friſche des Morgens hatte noch kaum dieſen Dunſt des Pariſer Lebens verweht, der ohne Unterlaß in un⸗ ſichtbaren Spiralen aus dieſem Häuſer⸗ und Straßen⸗ labyrinth, über den Brücken, den Waſſerleitungen, den Cloaken emporwirbelte; hier und da flüchtete ein verlaufener — 158— Hund vor der Peitſche des Wächters; aufgeſcheuchte Katzen klimmten ſchnell wie Eichhörnchen an den Vorſprüngen der Häuſer zu den Giebeln und Dächern empor, und glotzten von da ſpöttiſch mit ihren großen grünen Augen auf die ſchwerfällige Reiſegelegenheit hernieder. Hier und da ſchlichen einige Bürgerpatrouillen in bunt⸗ ſcheckiger Bewaffnung vorüber, ſich die ſchläfrigen Augen reibend und mit Sehnſucht dem Augenblicke entgegen⸗ ſehend, wo es ihnen vergönnt ſein würde, den verſäum⸗ ten Nachtſchlaf in ihren Betten nachholen zu dürfen. Endlich langte Gabriele am Stadtthore an, an dem ſich Landleute mit ihren Wagen und Karren, voll Lebens⸗ mittel, drängten, die ſie auf den Markt brachten. Sie fuhr durch eine Menge von Eſeln, mit Körben voll Ge⸗ müſe beladen, deren Anblick und deren friſcher Geruch ihr eine Seltenheit war, während all dieſes Landvolk, indem es dieſe Dame aus ihrer großen Kutſche neugierig hervorſchauen ſah, die unvergleichlichen hellblauen Augen, dieſe noch bis auf den heutigen Tag populär gebliebene Schönheit, und jugendliche Friſche anſtaunte, ſich unter⸗ einander erfreut zuraunte:„Die ſchöne Gabriele! Das iſt die ſchöne Gabriele!“ Kaum hatte der Wagen das Thor eine Strecke hinter ſich, als auch Gabriele ſtatt der ſchweren erſtickenden Atmosphäre dieſes Straßengewirres die reine, erquickende Morgenluft über die Wieſen und Felder daherwehen fühlte; jetzt erſt konnte ſie frei athmen und empfand eine wahr⸗ haft kindliche Freude darüber. Zum erſtenmale ſeit langer — 159— Zeit befand ſie ſich allein auf offener Landſtraße, konnte ſie nach Belieben ausſteigen, gehen, laufen. Ihre beiden Piqueurs, junge muntere Leute von kaum zwanzig Jahren, benutzten die ihnen ertheilte Erlaubniß, rechts und links vom Wege abzuſchweifen; ſie ritten über die thaubedeckten Wieſen, durch die Gebüſche dahin und plünderten die Haſelnußgeſträuche nach Herzensluſt. Gabriele hatte die Wagenvorhänge zu beiden Seiten ganz zurückſchlagen laſſen, und während der Kutſcher nur mit ſeinen jungen, muthigen Pferden zu thun hatte, die von der Reiſeluſt ihrer Herrin angeſteckt zu ſein ſchienen und kaum im Zügel zu halten waren, hatte die Marquiſe die ſchönſte Muſe, ſich rings in der Gegend umzu⸗ ſchauen, als ob ſie auf irgend Jemand harrte, oder ſich überzeugen wollte, ob ſie nicht von Spähern verfolgt werde. Sie erwartete in der That Esperance, dem ſie, wie wir bereits wiſſen, am Abend zuvor durch Gratienne das ſchon ſeit ſo lange erſehnte Rendezvous hatte beſtimmen laſſen. 1 Aber erſt in Vaujours, vor dem einſamen, mitten im Walde gelegenen Gaſthauſe, erblickte ſie Esperance plötzlich, als Jäger gekleidet und ausgerüſtet; er ſaß auf ſeinem prachtvollen, feurigen Pferde, das unter ihm ſchnaubte und ſcharrte, aber dennoch dem leiſeſten Drucke ſeiner Hand gehorchte, die Büchſe vor ſich auf den Sattelknopf geſtützt. Seitdem man den Waldesſaum erreicht hatte, waren die beiden jungen Piqueurs verſchwunden; nur — 160— von Zeit zu Zeit ſah man ſie von fern über irgend eine Waldblöße dahinſprengen und ſich wie die ausgelaſſenen Kinder herumjagen und tummeln. Esperance konnte ſich allmälig dem Wagen nähern, ohne ſelbſt vom Kutſcher bemerkt zu werden, denn der vorderſte Ledervorhang, hinter dem dieſer förmlich verſchanzt ſaß, war wohlweis⸗ lich nicht zurückgeſchlagen worden. Die damaligen Kutſchen waren lange, breite, ſchwer⸗ fällige Maſchinen; die gebauchten Seiten dieſer Rieſen⸗ ſchachteln machten es ſogar unmöglich, daß man vom Kutſcherſitze aus vernehmen konnte, was im Innern ge⸗ ſprochen ward. Esperance benutzte dieſe höchſt günſtige Conſtruction des Fuhrwerks als geſchickter Taktiker; er ritt, ein wenig rückwärts, ſo dicht am Schlage nebenher, daß er den Oberkörper bequem bis in die Kutſche vor⸗ beugen konnte und zu größerer Sicherheit nur mit ge⸗ dämpfter Stimme zu ſprechen brauchte. Aber ein paar andere Augen ſahen von vorn dieſer Scene zu, wie wir aus Conecino's Rapport bereits er⸗ fahren haben. Was aber unter der weiten, dickgepolſter⸗ ten Kutſchendecke geflüſtert ward, das blieb dem trägen, vorſichtigen Spione ein Geheimniß, ſoviel er auch darum gegeben hätte, es zu wiſſen. — Wiſſen Sie wohl, geliebte Gabriele, flüſterte Es⸗ perance, daß ſie ſehr unvorſichtig ſind! — Und wiſſen Sie wohl, mein geliebter Esperance, erwiederte Gabriele lächelnd und eben ſo leiſe, daß Sie dieſen Morgen außerordentlich furchtſam ſind? — Sie müſſen gewichtige Gründe gehabt haben, um zu ungewöhnlich früher Stunde auszufahren, und ſo am hellen Tage, auf die Gefahr hin, von Spionen geſehen zu werden, auf offener Landſtraße mit mir zuſammen zu treffen. — Sie mögen uns immerhin ſehen, hören ſollen ſie uns ſicher nicht. Sehen Sie ſich einmal um, ob Sie etwas von meinen beiden Piqueurs entdecken. Esperance zog ſeinen Kopf aus dem Wagen zurück und ſchaute aufmerkſam in der Gegend umher. — Dort in der Ferne ſehe ich ſie, ſich auf der Land⸗ ſtraße mit abgebrochenen Zweigen peitſchend und ver⸗ folgend. Ich wette, daß ſie einen Vorſprung von we⸗ nigſtens zehn Minuten haben. — Nun denn, ſo hindert uns Nichts, uns einmal die Hände zu reichen und zu drücken. Ja, ja, drücken Sie ſie recht, dieſe Hand, denn jedes ihrer Aederchen geht vom Herzen aus, das freudiger ſchlägt und vor Entzücken ſchmelzen möchte, wenn ich Sie ſehe und berühre. Esperance erfaßte die weiche, brennende Hand Ga⸗ briele's und preßte ſie an ſeine Lippen, ſeine Augen, ſeine Wangen. — Genug, Esperance, genug! flüſterte Gabriele, deren Wangen ſich ebenfalls mit dunkler Purpurgluth überzogen. Wir bedürfen beide unſerer ganzen Ruhe und Beſonnenheit, ich zum Sprechen, Sie zum Hören. — Sie gehen nach Monceaur? ſprach der junge Mann, gehorſam die Hand Gabriele's loslaſſend. Gabriele. VIII. 11 — 162— — Ja, und hoffe, es mit Einbruch der Dämmerung zu erreichen. Haben Sie Ihre Einrichtung danach ge⸗ troffen, um dieſe Nacht dorthin zu mir kommen zu können? Esperance erbebte bei dieſer Frage; ein verzehrendes Feuer blitzte in ſeinen Augen auf, das Gabriele mit Wonne und Schmerz zugleich erfüllte, denn ſie errieth die Deutung, welche der Geliebte dieſen unvorſichtigen Worten gab. — Da haben wir es, ſprach ſie melancholiſch lächelnd; dieſe ſo einfachen, ſo natürlichen Worte entflammen plötz⸗ lich das Gehirn meines Freundes und laſſen ihn ver⸗ geſſen, daß zwiſchen uns niemals die Rede von dem ſein kann, was Andere mit entzückenden Träumen erfüllt.— — Sie haben Recht; unterbrach ſie Esperance ſanft und traurig, zwiſchen Ihnen und mir bedeutet das Wort Nacht nur Dämmerung, und vereinigt ſein— von Ge⸗ ſchäften ſprechen und ſich nur zulächeln. Ich hatte es einen Augenblick vergeſſen. Vergeben Sie mir, ſtrafen Sie mich— oder ſtrafen Sie vielmehr Ihre Augen, deren ſtumme Beredtſamkeit oft eine ganz andere Sprache ſpricht, als Ihr Mund. Gabriele neigte ihr Haupt, von einer Aufregung er⸗ griffen, die ſie in ihrer edlen Offenheit nicht einmal zu verbergen ſuchte. — Ja, ja, lispelte ſie, es iſt ein großes Unrecht von mir, Sie ſo anzublicken. Wie ſoll ich aber meine Augen daran verhindern, das auszuſprechen, was mein — 163— Herz empfindet, meine Lippen aber nicht ſagen dürfen? Ich werde mich aber bemühen. — Alles, was Sie ſprechen und thun, Gabriele, iſt gut und edel, und ich danke Ihnen dafür! Ich allein bin der Schuldige, meine Wünſche noch höher zu er⸗ heben, wo Sie mir ja ſchon ſo viel des Glückes zu Theil werden laſſen!— Sie haben Recht; Ruhe und Be⸗ ſonnenheit ſind jetzt vor Allem nöthig, um die koſtbaren Augenblicke nicht ungenützt verſtreichen zu laſſen— ich glaube, Ihre Piqueurs haben mich bemerkt und nähern ſich uns! — Nun denn alſo, hören Sie, ſprach Gabriele, ſich ebenfalls aus der ſüßen Traumvergeſſenheit emporraffend. Ich habe Sie zu mir beſcheiden laſſen, Esperance, um Sie um einen Dienſt zu bitten, den Sie allein mir leiſten können, denn es bedarf dazu eines ſo ergebenen, ver⸗ ſchwiegenen und muthigen Herzens, wie ich außer dem Ihrigen keines auf dieſer Welt kenne. — Befehlen Sie über mich. — Ich gehe nach Monceaux, wo ich Jemand er⸗ warte. — Den König? — Nein; eine Perſon, deren Anweſenheit bei mir zu gefährlichen Vorausſetzungen, zu ernſten Unfüllen An⸗ laß geben könnte, wenn ſie entdeckt würde. Esperance ſah ſie erſtaunt an. — Sie werden mich verſtehen, fuhr Gabriele fort, — 11* — 164— wenn Sie die Perſon ſehen, wenn Sie ſie erkennen werden. Iſt Ihnen La⸗Ferté⸗ſous⸗Jouarre bekannt? — Ich bin mehrmals da durchgekommen. Links die Marne, rechts der Wald.— — Ganz recht. Etwa einen Büchſenſchuß von der Stadt, hierherwärts, iſt ein Gaſthof gelegen, zum golde⸗ nen Bären benannt. Sie werden eintreten, Sie werden in dem kleinen Garten, hinter den Wirthſchaftsgebäuden, einen Mann finden, einen Bauer, von ungewöhnlich dicker Geſtalt. Sie werden ihm nur Ihren Namen nen⸗ nen, und er wird Ihnen folgen. — Alles das iſt nicht ſchwer auszuführen. — Schwieriger dürfte es allerdings ſein, dieſen Mann nach Monceaux zu ſchaffen, ohne daß er von irgend Je⸗ mand geſehen werde. Am Ende des Parks zieht ſich ein tiefer Hohlweg vorüber, der ſo holperig und ausgefahren iſt, daß er ſeit lange ſchon faſt gar nicht mehr benützt wird. Der tiefſten Stelle dieſes Hohlweges gegenüber werden Sie heute Abend eine Oeffnung, ziemlich von Geſtrüpp verſteckt, in der Mauer des Parks finden. Treten Sie mit Ihrem Begleiter ein; von da an wird Gratienne Ihre Führerin ſein. — Ich muß Ihnen nochmals ſagen, daß Alles das, ſo geheimnißvoll es auch iſt, mir keineswegs ſchwierig erſcheint. — Schwieriger, oder doch gefährlicher, als ſie denken. Ich vergaß noch einen Umſtand, mein Freund, einen Umſtand, der meinem Herzen der peinlichſte iſt. Es wäre . — 165— möglich, daß ſie unterwegs auf aufgeſtellte Spione, be⸗ waffnete Leute— ich weiß nicht, wen,— ſtießen, die ſich des Mannes bemächtigen wollten, dem Sie zum Führer dienen. In dieſem Falle, mein Heißgeliebter— Sie ſind jung, ſtark, muthig, tapfer,— in dieſem Falle müſſen Sie den Mann mit Gefahr Ihres Lebens ſchützen, ihn retten, ihm nicht die kleinſte Gewalt anthun laſſen. — O mein Gott! ich ſchaudere bei dem Gedanken, wel⸗ cher Gefahr ich ſelbſt Sie ausſetze, und dennoch, es muß geſchehen! — Seien Sie unbeſorgt, ſagte Esperance ruhig. Aber da ſehe ich Ihre Piqueurs kaum noch fünfzig Schritte von uns entfernt. Die Neugierde läßt ihnen nicht länger Ruhe. — Ich bin zu Ende.— Erweiſen Sie mir dieſen Dienſt, von deſſen Größe Sie jetzt noch keine Ahnung haben, und vor allen Dingen: erhalten Sie ſich mir. Ich werde Ihnen ewig dankbar dafür ſein. — Belohnen Sie mich im Voraus dafür, indem Sie mir einen, nur einen jener Blicke gönnen, wie Sie ſo eben— Dank! o Dank!— Um wie viel Uhr ſoll ich an der bezeichneten Stelle am Parke ſein? — Sobald es völlig dunkel geworden iſt. Die Piqueurs waren unterdeß ganz herangekommen, und muſterten den Reitersmann neben dem Wagen mit erſtaunten Blicken. Esperance neigte ſich ehrerbietig im Sattel vor Ga⸗ briele, und nachdem er ſich mit einem raſchen Jägerblicke 166 rings in der Gegend orientirt, warf er ſein Pferd rechts herum und ſprengte über die Waldblöße dahin, der freien Ebene zu.. Dort war er allerdings völlig blosgeſtellt, allein auch er konnte ſich ringsum bis in die Ferne umſehen, ob er nicht von irgend einem Späher verfolgt werde. Er ſah aber Nichts als einen einzelnen Reiter drüben am Wald⸗ ſaume halten, der, ſtatt ihm über die Ebene zu folgen, ſehr bald ſein Pferd wendete und in der Richtung nach Paris wieder zurückritt. Von Voujours bis La⸗Ferté⸗ſous⸗Jouarre iſt ein ziemliches Stück Wegs, zumal wenn man auf Kreuz⸗ und Querwegen reiten muß. Esperance ritt in der Rich⸗ tung nach Anet zu; er wechſelte ſein Pferd zu Precy, nahm auf der Poſt in Villemareuil ein zweites mit ſich, und langte nach etwa drei Stunden ſcharfen Reitens ſehr ermüdet im Angeſichte des kleinen Ortes an, den ihm Gabriele bezeichnet hatte. Dort ruhete er ſich aus, denn von La⸗Ferté⸗ſous⸗ Jouarre bis Monceaur waren nur noch etwa zwei gute Wegſtunden, und es blieb ihm daher noch mehr Zeit übrig als nöthig war, um ſeinen Auftrag zu erfüllen. Während der Ruhe hatte er vollkommene Muße, über dieſen Auftrag ſeiner Geliebten nachzudenken. Wer war dieſer Mann, an deſſen Leben, an deſſen Freiheit ihr ſo viel gelegen war? Gabriele hatte, ſo viel Esperance wußte, keine Familiengeheimniſſe. Niemals hatte man ſte der Einmiſchung in politiſche Intriguen beſchuldigt. — 167— Sie gehörte nicht zu jenen unruhigen Störgeiſtern, welche Miniſter ernennen und wieder abſetzen laſſen, ſich an die Spitze bald dieſer, bald jener Parthei ſtellen, mit einem Worte, die ſich ſelbſt Dornenruthen flechten, um nur einen Fetzen des königlichen Mantels daran aufhängen zu können. Wer alſo konnte dieſer Mann ſein, und was hatte ſein geheimnißvoller Beſuch in Monceaux zu bedeuten? Da aber Esperance ebenfalls nicht zu jenen Grüblern gehörte, die ſich ewig den Kopf zerbrechen, um Hirnge⸗ ſpinnſte zu erſinnen, ſondern im Gegentheil lieber frei und unbekümmert ihre Straße dahingehen, ſo ſagte er ſich, daß Gabriele ſelbſt am Beſten wiſſen müſſe, was ſie thue, und daß die beiden ſchönen blauen Augen der reizenden Frau allein hinreichten, um ſelbſt den blindeſten Mann in allen möglichen politiſchen Fährlichkeiten als Leitſtern zu dienen Luſtig und guter Dinge machte er ſich daher wieder auf, gelegentlich auch über das von Gabriele ausgeſprochene Wort Dankbarkeit nachdenkend und allerhand Hypotheſen auf daſſelbe bauend, die am Ende den Park von Mon⸗ ceaux in ſeiner Phantaſie in einen Zaubergarten Armidens verwandelten, denen ſelbſt die holdeſte aller Zauberinnen nicht fehlte. Er träumte wachend und war glücklich. Schon ſah er rechts vom Wege den goldenen Bären auf dem Wirthshausſchilde kreiſchend an der eiſernen Stange hin⸗ und herbaumeln. Er ſtieg ab, warf die Zügel einem vor der Thür ſtehenden Aufwärter zu, ſchritt dann — 168— mit einer Sicherheit über den Hof, als ob er ſein ganzes Leben lang dieſen Gaſthof bewohnt habe, durch eine Scheune und trat in den bezeichneten Garten. Es war nur ein ſehr beſchränkter Raum, in welchem es zwiſchen Möhren, Kraut und Sallat von Roſen, Nel⸗ ken und Jelängerjelieber wimmelte. Rothblühende Boh⸗ nen rankten ſich an Stangen empor, und an der halb⸗ verfallenen Mauer breitete ſich ein mächtiger Windſtoß aus. Hunde kläfften, ein großer zahmer Igel kollerte vor Esperance's Stiefeln her, der ſich nach dem erwarteten dicken Bauersmann umſah und ihn überall, nur nicht zu ſeinen Füßen ſuchte.— Endlich lenkte ein Raſcheln von Blättern des jungen Mannes Blicke nach einer Art von Brunnen oder Waſſer⸗ becken hin. Unter einem wirren Haufen von wilden Hopfen und Epheu gewahrte Esperance am Rande eines großen, in die Erde eingeſenkten Waſſerfaſſes, das hier die Stelle eines Baſſins vertrat, und auf deſſen grünlicher Ober⸗ fläche dann und wann ein Froſchkopf auf einen Moment zum Vorſchein kam, einen Mann von unförmlichem Um⸗ fange, mit ungeheuren Armen und coloſſalen Beinen, einen großen Bauernhut auf dem Kopfe, der das ganze Geſicht bedeckte, am Boden liegen. Esperance würde dieſen ſeltſamen Bewunderer der Natur für eine jener ſchrecklichen Geſtalten gehalten haben, die man aufſtellt, um die Sperlinge von den Obſtbäͤumen zu ſcheuchen, ſo unbeweglich lag er da, wenn er ſich 169— nicht das Vergnügen gemacht hätte, mit einem Weiden⸗ zweige, den er in der weißen fetten Hand hielt, jeden zum Vorſcheine kommenden Froſch auf den Kopf zu tip⸗ pen, um ihn wieder zum Untertauchen zu bringen. Lange Zeit betrachtete der junge Mann dieſe ſeltſame Figur, deren Aeußeres in der That ganz zu Gabriele's Beſchreibung paßte; da dieſer aber weiter keine Notiz von ihm nahm, ja ſogar darauf zu beharren ſchien, ſein Ge⸗ ſicht unter dem breiten Hutrande zu verbergen, ſo hielt er es für an der Zeit, das Mißtrauen des plumpen Bauern durch Nennung des kabaliſtiſchen Wortes zu be⸗ ſiegen. — Esperance, murmelte er leiſe vor ſich hin, eine Kirſche von einem naheſtehenden Bäumchen pflückend. Augenblicklich kam Leben und Bewegung in die Fleiſch⸗ maſſe; der Bauer hob den Kopf und zeigte ein zwar forſchendes aber ruhiges Geſicht, bei deſſen Anblick Es⸗ perance unwillkürlich ausrief: 3 — Jetzt verſtehe ich! Jedenfalls war die Prüfung, welcher der dicke Froſch⸗ jäger Esperance's Geſicht unterworfen hatte, günſtig für dieſen ausgefallen, denn er richtete ſich mit halben Leibe vom Graſe auf, in welchem er einen bis zur nächſten Heuernte unvertilgbaren Eindruck hinterlaſſen hatte, und ſprach mit ſchlauem Lächeln: — Wenn es Ihnen gefällig wäre, mein Herr? — Ich ſtehe zu Ihrem Befehle, mein Herr, antwor⸗ — 170— tete Esperance, indem er ſich bemühete, dem dicken Manne beim Aufſtehen behülflich zu ſein. Der dicke Mann führte nun ſeinen neuen Begleiter zu einer kleinen Hinterthür des Gärtchens, woſelbſt zwei friſche kräftige Pferde bereit ſtanden, und bat ihn ſehr höflich, ihm auch beim Beſteigen des einen derſelben be⸗ hülflich zu ſein, wie er es vorher beim Aufſtehen gewe⸗ ſen war. Esperance hob die ſchwere Fleiſchmaſſe mit einer Muskelkraft in den Sattel, die dem Unbekannten ein Lächeln der Befriedigung abnöthigte. — Ich ſehe, ſagte er, daß man mir einen guten Be⸗ gleiter ausgewählt hat. — Es wird mir eine Ehre ſein, Ihnen jedweden Dienſt zu leiſten, der in meinen Kräften ſteht, antwortete Esperance ehrerbietig. — Nun denn, ſo laſſen Sie uns aufbrechen; ich folge Ihnen, wohin Sie mich auch führen. Ohne zu antworten, ſchwang ſich auch Esperance in den Sattel und ritt voran, nachdem er ſein Schwert in der Scheide etwas gelockert hatte, die Büchſe ſchußfertig in der Rechten. Mit Einbruch der Nacht erreichten Beide den Hohl⸗ weg und fanden nach kurzem Suchen auch glücklich die beſchriebene Oeffnung in der Parkmauer. Hier erwartete ſie eine weibliche Geſtalt, die Esperance ſehr bald als die Gratienne's erkannte. Nachdem ſie den dicken Fremden durch die enge Maueröffnung gezogen und Esperance ihn geſchoben, ge⸗ leitete ſie Beide nach dem Innern des Parks bis zu einer rings von dichtem Gebüſch umgebenen Grotte. — Hier herein, Monſeigneur, ſprach ſie zum Dicken. Und zu Esperance: — Sie bleiben hier am Eingange, und halten gute Wacht. ——;O 9. Gabriele's Bad. Miten im Park von Monceaux, in einem Thale mit einem Amphitheater von Kaſtanienbäumen, Plantanen und Eichen umgeben, erhob ſich eine moosbedeckte, künſtliche Grotte, die Katharing von Medicis mit großen Koſten hatte hierher ſchaffen, und wieder aufrichten laſſen, und die nun der reizenden Nymphe von Monceaur als einſames Erholungsplätzchen diente. Das Waſſer eines Baches war aus ziemlicher Entfer⸗ nung über Wieſen und Felder hierher geleitet worden, und ergoß ſich cryſtallrein und luſtig plätſchernd in ein mitten in der Grotte angebrachtes Marmorbaſſin. Hier, unter dieſem mit Epheu und wilden Blumenfeſtons gezier⸗ ten Gewölbe, war es, wohin ſich Gabriele an heißen Sommertagen flüchtete, um ſich zu erfriſchen und zu ruhen. Oft badete ſte in dem mit weichem Sande bedeckten Becken, wie Diana unter der Obhut ihrer Nymphen, und kehrte dann, theils um der Begegnung neugieriger Gäſte im Park auszuweichen, theils, um die heiße Sonnengluth und das blendende Tageslicht zu vermeiden, durch einen unterirdiſchen Gang, der in ihrem Zimmer ausmündete — 173— und zu deſſen Thüre, außer ihr, nur der König einen Schlüſſel hatte, in's Schloß zurück. Die durch Marmorſeculpturen und reiche architektoni⸗ ſche Ornamente verzierte— oder auch verunzierte Grotte, je nachdem man will, iſt noch jetzt im Park von Mon⸗ ceaux vorhanden, und wird immer noch Gabriele's Bad genannt. Kein Ort in der Welt konnte beſſer geeignet ſein, um ſich von dem läſtigen Geräuſch und Zwang des Hofle⸗ bens zu erholen, als dieſer. Rings herum herrſchte tiefe Stille und Einſamkeit, nur vom ſanften Rauſchen der Baumwipfel oder vom Geſange der Vögel unterbrochen. Die Grotte ſelbſt, welche die Natur unſtreitig, weniger für ihren Zweck und den Geſetzen der Etiquette gemäß. gebildet haben würde, als es der gefällige Baukünſtler gethan, bildete einen ziemlich hohen, großen Salon, in welchen eben jene früherwähnte Thuüre führte. Von der Seite des Parkes her konnte man nur durch einen grot⸗ tenartigen, wie ein 8 gewundenen Gang in dieſen Salon gelangen, ſo daß weder das Auge eines unbeſcheidenen Lauſchers von außen hineindringen, und ebenſo wenig das Geräuſch der im Innern geſprochenen Worte nach außen dringen konnte. Dieſer künſtlichen Berechnung der Acuſtik und Optik zu Folge war unſere Diana ebenſowohl vor der Ueber⸗ raſchung eines neuen Actäons ſicher, als vor den Augen und Ohren des am Eingange der gewundenen Vorhalle aufgeſtellten Wäͤchters. — 174— In dieſer letzteren Lage befand ſich Esperance, als ihn Gratienne im Schatten eines vorſpringenden Felſens als Schildwache aufgeſtellt hatte, und dann mit dem Frem⸗ den im Innern verſchwunden war. Die Halle ſelbſt war ſanft von wohlduftenden Wachs⸗ kerzen erleuchtet, deren Flammen nicht der leiſeſte Luft⸗ hauch bewegte. Auf einem Tiſche prangte in einem Korbe eine Pyramide der prachtvollſten Früchte, umgeben von ſil⸗ bernen Tellern mit feinem Backwerk, und aus dem Waſ⸗ ſer des Marmorbeckens ragten die langen Hälſe gefüllter Weinflaſchen hervor, die zur Abkühlung dorthin geſtellt waren. Nachdem Gratienne den Epheuvorhang zur Seite ge⸗ hoben hatte, welcher den Eingang verhüllte, um den Unbekannten einzulaſſen, zog ſie ſich wieder in den ge⸗ wundenen Corridor zurück und ließ ihre Gebieterin mit der geheimnißvollen Perſon allein. Gabriele, im einfachen weißen Kleide, ohne anderen Schmuck, als den ihres ſchönen blonden Haares, ging ihrem Gaſte entgegen, erfaßte ſeine Hand und geleitete ihn zu einem Seſſel. — Seien Sie mir herzlich willkommen, Herr Herzog, ſprach ſie mit bezauberndem Lächeln, und verzeihen Sie mir, daß ich Sie an einem ſo mythologiſchen Orte empfange; aber ich habe immer ſagen hören, daß große Feldherren gedeckte Stellungen lieben, dafern ſie ihnen nur freie Be⸗ wegung laſſen, und wollte mir daher nicht erlauben den — — 175— Herzog von Mayenne einzuſperren, um ihn deſto ſicherer in meiner Gewalt zu haben. Mayenne, denn er war es, erwiederte das Compliment mit aller ihm eigenthümlichen Galanterie und Zartheit, wie ſie Gabriele's unwiderſtehliches Lächeln natürlich machte. 1 — Wie Sie ſehen, Frau Marquiſe, ſprach er, habe ich nicht gefürchtet, mich ganz in Ihre Gewalt zu geben, denn in dieſem Zauberpalaſt würde der größte Kriegs⸗ held dieſer Erde eben ſo leicht zu fangen ſein, wie ein wilder Sperling, der in einen Käfig fliegt, beſonders, wenn der Eingang von einem ſolchen Geſellen bewacht wird, wie der, den Sie mir zum Führer hierher geſendet haben; das iſt ja ein wahrer Herkules mit einem Ado⸗ niskopfe. Gabriele fühlte, daß ſie erröthete; um ihre Verlegen⸗ heit zu verbergen, nöthigte ſie den Herzog zum Sitzen und ließ ſich ihm gegenüber an dem Tiſche nieder.. — Monſeigneur, ſagte ſie, Sie befinden ſich hier oben ſo ſicher wie inmitten Ihrer Armee. Der König iſt in Paris, im ganzen Schloſſe von Monceaux findet ſich nicht ein Degen vor, und überdies habe ich Ihnen mein Wort für Ihre Sicherheit und Freiheit verpfändet. Was aber den Führer betrifft, den ich Ihnen geſendet, ſo glaube ich kaum, daß es in ganz Frankreich einen tapferern und ehrenhafteren Edelmann giebt, den ich zu Ihrem Begleiter und Beſchützer bei einem Wagniß hätte wählen können, deſſen großmüthiges Vertrauen ich dankbar zu ſchätzen weiß. — 176— — Sie ſelbſt, Madame, haben mir ja zuvor das Beiſpiel hierin gegeben, als Sie vor vierzehn Tagen nach La⸗Ferté⸗ſous⸗Jouarro, wo ich mich verborgen hielt, zu mir kamen und wo Sie ſich meiner Ehrenhaftigkeit anver⸗ trauten. Sie ſind es alſo, die die Conferenzen eröffnet hat, und ich vergelte Ihnen jetzt nur Gleiches mit Gleichem. — Ach, Monſeigneur! Mein Blut und Leben wollte ich mit Freuden opfern, könnte ich zwei Prinzen mit ein⸗ ander verſöhnen, die beide ſo edel und gut ſind, und in deren Händen das Glück und die Ruhe Frankreichs liegt. — Sie wiſſen wohl; daß das nicht von mir allein abhängt, Madame; der König haßt mich. — Sie irren, Herr Herzog! rief Gabriele lebhaft; Heinrich IV. haßt Niemanden; als König von Frankreich ſieht und fürchtet er in Ihnen nur den Störer der Ruhe ſeines Landes, das iſt Alles. Die Stirn des Herzogs heiterte ſich ſichtlich bei dieſer Schmeichelei auf. — Wenn das wirklich wahr wäre, erwiederte er, ſo würde das Ihrem Verſuchungswerke allerdings weſentlich Vorſchub leiſten. Aber alle Ihre Delicateſſe kann mich nicht über die Erbitterung verblenden, mit der man den Krieg gegen mich führt. — Monſeigneur, ſprach Gabriele discret die Augen niederſchlagend, wenn ich, ohne Sie zu betrüben, einen einzigen Namen hier nennen dürfte— einen Namen, den jetzt die Dunkelheit des Grabes umgiebt.— — Meine Schweſter, ich verſtehe, murmelte Mayenne. — 177— — Ja, Monſeigneur. Frau von Montpenſier war die einzige Perſon Ihres Hauſes, welche der König haßte, ſo weit er überhaupt zu haſſen vermag, weil ſie die ein⸗ zige war, welche die Feindſchaft zwiſchen beiden zu unter⸗ halten ſtrebte. Mayenne antwortete nicht.— — Ganz Frankreich weiß aber, fuhr Gabriele dann ſort, welch' ein gutes Herz Heinrich WV. beſitzt, und wie gern er erlittene Beleidigungen vergiebt. — Und dennoch rüſtet er eben jetzt wieder eine Ar⸗ mee aus, und ſtatt den Krieg nach und nach einſchlafen zu laſſen, bietet er ſeine letzten Hülfsmittel auf, um die meinigen zu vernichten. — Ganz natürlich, ſagte die reizende Diplomatin, weil Sie kein Gegner ſind, den man ohne eigene Gefahr ſchonen kann. — Ach, Madamel ſtöhnte der Herzog, ſich die Stirn trocknend, von der, trotz der angenehmen kühlen Tempe⸗ ratur in der Grotte, der Schweiß herabrieſelte, wenn Sie wüßten, wie herzlich müde ich dieſes verwünſchten Krie⸗ ges bin! Wenn Sie wüßten, wie ſehr ich, beſonders nach dem Tode meiner Schweſter, das Nichtige und Halt⸗ loſe meiner Prätenſionen fühle!— Ein König!— nie⸗ mals iſt es mir in den Sinn gekommen es zu werden, abber ich bin als Prinz und Herzog geboren, und möchte au 3 als ſolcher ſterben. tiele ſchwieg; aber ſie beeiferte ſich, dem Herzog ele VIII. 12 mit aller ihr eigenthümlichen Liebenswürdigkeit Früchte und Wein zu credenzen. — Mein Hierſein beweiſt Ihnen am Beſten, ſprach Mayenne weiter, das dargebotene Glas annehmend, wie ſehr ich in Friedensunterhandlungen einzugehen wünſche, aber nur nicht als beſiegter Rebell. Noch habe ich eine Armee zu meiner Verfügung, und wenn nur noch ein einziger Tropfen von der ehrgeizigen Galle in meinen Adern wäre, die meine unglückliche Schweſter mir fort⸗ während einzuflößen ſtrebte, ſo würde ich mir wohl allen⸗ falls noch mit Gewalt der Waffen gute Bedingungen zu ertrotzen wiſſen. Ja, ja, Madame, der Himmel bewahre Sie davor, es jemals zu erfahren, wie viel es Mühe und Schweiß koſtet, ſich den Namen eines guten Feld⸗ herrn zu erwerben. Dem König iſt es ſo wohl gewor⸗ den dies zu erreichen, indem er nur ſein gutes Recht vertheidigte; ich aber, ich ſtehe vor ganz Frankreich als ein Empörer da. Ich muß dieſen verwünſchten Spaniern ein freundliches Geſicht machen, trotzdem ſie mich haſſen und ich ſie aus Herzensgrunde verabſcheue; ſo oft man ſich ſchlägt, möchten meine Verbündeten mich gern todt, und ich ſie noch lieber alle in Stücken gehauen ſehen. Bei Gott— ein vergnügliches Leben! Alle meine Freunde fallen einer nach dem anderen oder werden des ruhmloſen Kampfes überdrüſſig und verlaſſen mich. Bald werde ich ganz allein ſtehen. Das Alter rückt mit mächtige Schritten an; ich bin dick, ſchwerfällig; Ihr A neter, der mich in La⸗Ferté⸗ſous⸗Jouaron au — 179— hiſſen mußte, weiß ein Liedchen davon zu ſingen. Und werde ich mit all dieſer Qual und Pflege noch einen guten Vertrag erkämpfen, der mir die Ruhe, die Achtung meines Vaterlandes und der Freunde wiedergiebt, die ſich nicht mehr ſcheuen ſich meine Freunde zu nennen? Sehen Sie, Madame, das ſind die Annehmlichkeiten, durch die man ſich den leidigen Kriegsruhm erringt, und ich werde nicht eher wirklich geehrt, wirklich ruhig ſein, als von dem Tage an, wo eine mitleidige Kanonenkugel mich todt auf's Schlachtfeld hinſtreckt! Gabriele ſah den Herzog erſtaunt an. War dieſer melancholiſche, niedergeſchlagene, dicke, ſchwitzende und ſtöhnende Mann denn wirklich jener kriegsberühmte, alle⸗ zeit muthige und fröhliche Mayenne, wie die Welt ihn ihr geſchildert hatte? — Ach, Monſeigneur! rief ſie gerührt, wie ſehr wünſchte ich, daß der König Sie jetzt hörte, der Friede würde bald geſchloſſen ſein! Ein unglücklicher Feind iſt ihm faſt ein Freund. Mayenne's Auge flammte plötzlich wieder auf. — Wenn das geſchähe, rief er, wenn der König wirklich meine Worte hörte, ich glaube, ich würde vor Schaam und Aerger ſterben! Aber zum Glück kann er mich nicht hören— nicht wahr, Madame? fragte der Herzog, einen mißtrauiſchen und düſteren Blick rings um ſich herwerfend. Sie können mir nicht eine Falle gelegt um mich gedemüthigt und beſchämt dem Geſpötte Feindes blos zu ſtellen! — 180— Und bei dieſen letzten Worten hatte er ſich wie unbe⸗ wußt erhoben, und einen Schritt nach dem Ausgange zu gemacht. — O, mein Herr! ſprach Gabriele, ſeine Hand er⸗ faſſend; Sie beleidigen mich; ſind Sie nicht in Treue und Glauben an mein Wort hierhergekommen? Bin ich etwa eine gemeine Verrätherin?— Beruhigen Sie ſich; ich allein habe Ihre Worte gehört, ich allein kenne Ihren geheimen Kummer, und Sie dürfen mir ruhig Ihre Friedens⸗ bedingungen anvertrauen, die ich dem Könige getreulich in Ihrem Namen vorſchlagen werde. Sie hatte noch kaum das letzte Wort geſprochen, als eilige Schritte dicht hinter ihrem Rücken in dem Verbindungsgange nach ihren Zimmern erſchallten; man hörte einen Schlüſſel ſich im Schloſſe drehen, die geheime Thüre ward raſch aufgeſtoßen, und in derſelben ſtand der König, mit zornblitzendem Auge, einen Leuchter in der Hand. — Mit wem ſind Sie hier, Gabriele? fragte er, die Hand hinter die Flamme der Kerze haltend, um die An⸗ weſenden zu erkennen. — Ha! Verrath! murmelte der Herzog, einen Schritt zurücktretend und die Hand an den Degen legend. — Wie? Herr von Mayenne!l rief der König, ſo er⸗ ſtarrt beim Anblick des Lothringers, daß der Leuchter ſeiner Hand entfiel. — Mein Herr— mein Herr! ſprach Gabri Hände bittend gegen Mayenne ausgeſtreckt; kl 9 — 181— mich nicht vorſchnell an; ich bin unſchuldig!- Wenn hier Verrath im Spiele iſt, ſo rührt er einzig vom Kö⸗ nige her— — Ich verſtehe Alles, Madame, unterbrach ſie Mayenne mit verachtendem Lächeln. Sie haben Ihre Rolle ganz vortrefflich geſpielt. Sie erwarteten den König nicht, ganz natürlich; er kommt ganz unvermuthet hierher; er findet Sie ganz zufällig mit dem Herzoge von Mayenne, und da Se. Majeſtät wahrſcheinlich eben ſo zufällig nicht ohne ein ſtarkes Gefolge hierhergekommen ſein wird, ſo bemächtigt man ſich des Rebellen, man macht kurze Um⸗ ſtände mit ihm— und der Krieg hat ein Ende. Wahr⸗ haftig, meiſterhaft geſpielt, Madame! — O, Sire! rief Gabriele, und ein Thränenſtrom entſtürzte ihren Augen, das iſt eine Beſchimpfung, die ich nie in meinem Leben verſchmerzen werde!— Sie haben Recht, Herr Herzog, Alles ſpricht wider mich; Sie haben das Recht, mich eine Feige, eine Verrätherin zu nennen; laſſen Sie mich das ganze Gewicht Ihres Zornes und Ihrer Verachtung fühlen, ich habe es ja nicht beſſer verdient. Trotz ſeiner Wuth blickte Herr von Mayenne voll Staunen auf die Scene, die er vor ſich hatte. Hier Gabriele, im heftigſten Schmerze die Hände rin⸗ gend, und dennoch ſo edel und erhaben in ihrer ganzen Haltung; dort Heinrich IV. bleich, beſtürzt, die Stirn geneigt, mehr einem Beſiegten, als einem Sieger gleichend, auf deſſen Geſicht man deutlich Schaam und Reue über eine Schwäche leſen konnte, die ihn in ſeinen eigenen Augen herabwürdigte. — So ſagen Sie doch wenigſtens, Sire, fuhr Ga⸗ briele fort, daß ich durchaus unſchuldig an dem ſchmach⸗ vollen Verrathe bin, dem der Herr Herzog als Opfer fällt. — Geben Sie mir meine Ehre wieder, mir, die ich Ihnen den Frieden und die Freundſchaft dieſes ehren⸗ haften Mannes geben wollte! Dieſe letzten Worte Gabriele's enthüllten dem Könige plötzlich die ganze Größe ſeines Vergehens. Er war hierher gekommen, um durch ſeinen plumpen Ueberfall das ganze, mühſame Gebäude der treueſten Freundin in Trümmern zu ſtürzen. Schaam und Schmerz erfüllten ſeine edle Seele. — Und ſo werde ich thun, flüſterte er halblaut. Ja, Herr von Mayenne, ich allein bin hier der Schuldige. Auf einen Wink, den ich erhalten, daß die Frau Marquiſe hier in Monceaur einem Liebhaber ein Rendezvous gege⸗ ben habe, ward ich von Eiferſucht ergriffen und brach ſchleunig auf. Ich komme im Augenblicke hier an; ich ſehe, oder glaube vielmehr Verlegenheit auf den Geſichtern zu ſehen. Niemand will mir ſagen, wo Madame ver⸗ borgen iſt. Niemand iſt in ihrem Zimmer. Ich klopfe, ich rufe, keine Antwort. Mein abſcheulicher Verdacht wird mir zur Gewißheit. Ich weiß, daß die Marquiſe öfter hier die Einſamkeit ſucht. Ich habe den Schlüſſel zu dem geheimen Gange, ich höre hier zwei Stimmen, von Leidenſchaft hingeriſſen, ſtoße die Thüre auf— —— — —.— —2——— — 183— Mayenne's Haltung war eine ruhige geworden; er hatte die Hand vom Degen genommen, aber immer noch ſchwebte jenes verachtende Lächeln auf ſeinen Lippen. — Ich bitte Sie, mein Herr, nicht an meinen Wor⸗ ten zu zweifeln, ſprach der König ſanft; ſehen Sie meine Beſtürzung, meinen Schmerz und überzeugen Sie ſich, daß ich nicht zu lügen verſtehe.— Vor allen Dingen bin ich es der Frau Marquiſe ſchuldig, um Ihre Verzeihung zu flehen, daß ich ſie aus übergroßer Liebe in einem ſo wahnſinnigen und unwürdigen Verdacht haben konnte. Was Sie betrifft, der Sie bis zu einem gewiſſen Punkte ein Recht haben, ihrer Aufrichtigkeit, wie der meinigen zu mißtrauen, ſo ſehe ich nur ein Mittel, um Sie von der Ungerechtigkeit Ihrer Beſchuldigung zu überzeugen. Der Auftritt hat nur zwiſchen Ihnen und mir ſtattge⸗ funden, ohne andere Zeugen als ſie, das unſchuldige Opfer meiner Uebereilung: freiwillig ſind Sie hierher ge⸗ kommen, frei und unbehindert ſollen Sie wieder weggehen; ich biete Ihnen nicht nur meine Pferde an, ſondern auch eine ſichere Bedeckung und mein königliches Ehrenwort. — Und nun, mein Vetter, laſſen Sie mich noch ein Wort der Entſchuldigung hinzufügen, denn ich habe Un⸗ recht, und um den Preis eines Königreichs möchte ich die üble Meinung zurückkaufen, die Sie durch meine Schuld einen Augenblick gegen meine geliebte Freundin und gegen mich gefaßt hatten. Heinrich hatte die letzten Worte mit einem ſolchen Ausdrucke von Seelenhoheit und Großmuth ausgeſprochen, — 184— daß Gabriele's Thränen verſiegten und Mayenne mit einer eigenthümlichen Regung in das offene Geſicht des Königs, in dieſe klaren Augen, blickte, in denen keine Spur von Hinterliſt und Verſtellung zu entdecken war. — Was hier vorgefallen iſt, mein Herr, wendete Gabriele ſich nun an Mayenne, hebt unſer Uebereinkom⸗ men wieder auf. Empfangen Sie Ihr Wort zurück, Her⸗ zog, und was Sie vorher gegen mich geäußert haben, wird außer mir niemals ein ſterbliches Weſen erfahren. Dieſe argloſe Offenheit, der Aufſchwung dieſer ſo zartfühlenden, wie reinen Seele, machten einen tiefen Eindruck auf Mayenne. Er ließ den Kopf hängen und drehete ſeinen großen Hut in den Händen herum, wie ein wirklicher Bauer, den die Güte ſeines Herrn in Ver⸗ legenheit ſetzt. Ein heftiger Kampf zwiſchen Stolz und Dankbarkeit fand in ſeinem ehrgeizigen Herzen ſtatt. Er war noch unentſchloſſen, ob er dem guten oder dem böſen Geiſte den Sieg zuerkennen ſollte. Heinrich, der dieſe Unentſchloſſenheit noch immer auf Rechnung des Mißtrauens ſchrieb, unterdrückte den Kum⸗ mer, den er darüber empfand, und ſprach lebhaft: — Es wäre möglich, Vetter, daß Sie noch einen arg⸗ liſtigen Hinterhalt außerhalb des Schloſſes befürchteten. Nach Allem, was vorgefallen, könnte ich es Ihnen kaum verübeln, obſchon ich meinen ſollte, mein Wort, das ich noch niemals gebrochen, müßte Ihnen ein hinreichender Bürge ſein. Wohlan denn, ich ſelbſt werde Sie begleiten, ſo weit als es Ihnen nothwendig dünken wird; meine — — 185— eigene Perſon ſoll Ihnen eine Geißel für Ihre Sicherheit ſein. Sind Sie mit dieſer Bürgſchaft zufrieden, ſo ſagen ſie nur ein Wort, und ich bin zu Ihren Dienſten. — Nun, bei Gott dem Allmächtigen! rief Mayenne, hingeriſſen von ſo vieler Großmuth und Liebenswürdig⸗ keit, das ſind denn doch viel zu viel Umſtände wegen eines Menſchen meines Schlages, Sire, denn ich bin ja doch Ihr Unterthan, und ich fühle recht wohl, daß ich Ihnen Dankbarkeit und Gehorſamkeit ſchuldig bin. Uebrigens freut es mich, daß auch Sie mir ein wenig Unrecht an⸗ thun, denn nicht Mißtrauen war es, warum ich noch ſo ſtumm und einfältig ſtehen blieb, ſondern Unentſchloſſen⸗ heit, ob ich überhaupt fortgehen, und nicht lieber ganz dableiben ſollte; ja, ja, denn Ihre Großmuth und die Unſchuld und Herzensgüte dieſes Engels hatten mich ſchon halb und halb gewonnen. Sire, Sie haben das Werk vollendet; ich flehe Ew. Majeſtät um Verzeihung und lege mich Ihnen zu Füßen— nur weiß ich wahrhaftig nicht, wie ich wieder in die Höhe kommen werde! — Ventre⸗Saint⸗gris! das ſei meine Sorge! rief Heinrich, vor Freude lachend und weinend zugleich. Und in der That hob er Mayenne auf und ſchloß ihn mit ſo inniger Rührung in ſeine Arme, daß ſelbſt das verſtock⸗ teſte Herz bei dieſem Anblicke erweicht werden mußte. — Und nochmals— und abermals— und immer wieder! ſagte der König, den Herzog wiederholt auf beide Wangen küſſend. Ach, lieber Vetter! was für ein ſchöner Tag iſt das heute für mich!— Unſer liebes Frankreich * — 186— wird der abſcheulichen Bürgerkriege ledig, und ich habe einen guten Freund mehr gewonnen! Der Herzog wollte antworten, aber auch ihm erſtickte die Rührung die Stimme. — Danken wir Gott für ſeine Gnade! ſprach Gabriele ſanft. — Und Ihnen etwa nicht? ſagte Heinrich, Mayenne aus ſeinen Armen laſſend, um Gabriele zärtlich an's Herz zu drücken. Ja, ja, lieber Vetter, das iſt der Engel der Barmherzigkeit und der Verſöhnung! Das iſt mein Schutzengel und das vollkommenſte Weib in ganz Frank⸗ reich! — Bei meiner Ehre, Sire! platzte endlich Mayenne los, ich werde Demjenigen, der das Gegentheil zu be⸗ haupten wagt, meine Klinge um die Ohren ſchlagen! — Und man konnte ſie verleumden? fuhr der König fort, und ich konnte der Verleumdung Glauben ſchenken, ſie durch unwürdigen Verdacht beleidigen, ſie überfallen! — Ich habe unendlichen Schmerz darüber empfun⸗ den, meine geliebte Seele; aber nun iſt Alles vorüber und wieder gut! Nach einer ſo bitteren Prüfung ſind wir zu glücklich, um die Urheber dieſer Verleumsung— — Ich bitte um eine Belohnung für ſie, Sire, unter⸗ brach Gabriele lächelnd den König, denn ſie ſind die Urſache eines ſo glücklichen Erfolges, den ich niemals allein erreicht haben würde.— Aber, wonach ſehen Sie ſich um, Sire? . 4 — 187— — Ich ſuchte nur, ob mein Vetter Mayenne allein hierher gekommen ſei? 4 — Allein?— Ja wohl, Sire, antwortete Mayenne; ich habe Vertrauen zu den Engeln, wenn ich ſo glück⸗ lich bin, welchen zu begegnen. — Ja, noch mehr, ſagte Gabriele lächelnd, der Herr Herzog hat ſogar zu dem Führer Vertrauen gehabt, 1 den ich ihm zugeſendet. Der König ſah die Marquiſe fragend an. — Ich bitte Ew. Majeſtät, mir zu folgen, fuhr ſie fort. Sie geleitete nun den König an den äußeren Eingang der Grotte, wo Esperance, den Degen in der Hand, noch immer unbeweglich auf ſeinem Poſten ſtand, nicht wenig überraſcht bei Heinrichs Anblick. — Das alſo iſt der Galan, mit dem man mir den Kopf warm machen wollte? murmelte dieſer vor ſich hin. Dieſer war es, der Relais für die Marquiſe beſtellt haben ſollte, um mich in Saint⸗Germain zu überraſchen? Ei, ei, Meiſter la Varenne, diesmal haſt Du Deine Sachen ſchlecht gemacht und ich werde Dir tüchtig den Tert leſen. Wahrlich, ich muß vor mir ſelbſt erröthen! Er ſah freilich nicht, der gute König, daß Gabriele's Wangen ſich bei ſeinen halblaut geſprochenen Worten viel ſtärker rötheten, als die ſeinigen. Auch Esperance wen⸗ dete ſein Geſicht ab, nicht um ſeine Verlegenheit zu ver⸗ bergen, ſondern den Schmerz, den ihm die Anweſenheit — 188— des Königs und das plötzliche Erwachen aus ſo ſchönen Träumen verurſachte. Als aber Gabriele im Vorbeigehen verſtohlen ſeine Hand ergriff und leiſe drückte, da erwachte ſein Muth wieder und ein höchſt unſchuldiger Seufzer war Alles, womit er ſeinem gepreßten Herzen Luft machte. — Ich habe Sie nun noch zu fragen, Vetter, wen⸗ dete ſich der König an Mayenne, was Sie für dieſen Abend zu thun beabſichtigen. Beliebt es Ihnen, mit uns zu Nacht zu ſpeiſen, ganz als gute Freunde, jenen Schurken und Verräthern zum Trotz, die vor Aerger berſten wer⸗ den, uns ſo plötzlich verſöhnt zu ſehen?— Oder ziehen Sie es vor, wieder heimzukehren, um ſich Alles recht reiflich zu überlegen? — Ueberlegen?— Gott ſoll mich davor bewahren, Sire! rief der Herzog lachend. Ich habe leider nur gar zu viel überlegt, zu viele Nächte ſchlaflos zugebracht.— Ich denke mir, es wird ſich wohl hier noch ein gutes Bett und eine Flaſche Wein für mich vorfinden. — Ich ſtehe dafür, ſagte Gabriele. — Vortrefflich!— Dann bitte ich Sie für dieſe Nacht darum, meine ſchöne Wirthin, und morgen— — Morgen ſprechen wir dann von Geſchäften, wollen Sie ſagen? unterbrach ihn der König. Parbleu! das wird ſehr bald geſchehen ſein, da ich Ihnen Alles im Voraus bewillige, was Sie verlangen werden. — Alles? fragte der Lothringer mit zweifelndem Lächeln. — 8 — 189— — Alles, und ſogar noch etwas darüber— dafern Sie nur nicht etwa auf den Gedanken kommen, das Herz unſeres Verſöhnungsengels in den Kauf zu verlangen; denn in dieſem Falle könnten Sie eben ſo gut mein Leben fordern! — Ich werde mich wohl hüten, das zu fordern, Sire, und wenn Madame mir nur ein klein wenig Freundſchaft ſchenken will, ſo erkläre ich mich vollkommen befriedigt. — Sie haben mich viel zu ſehr zur Dankbarkeit ver⸗ pflichtet, Monſeigneur, um Sie nicht von ganzem Herzen zu lieben, ſagte Gabriele. — Ohne Präjudiz Ihrer Liebe zu mir, Marquiſe, ſetzte der König lachend hinzu, ſonſt giebt es eine fürch⸗ terliche Nebenbuhlerſchaft! — Nun, bei Gott! dachte Esperance ſeufzend, indem er der Gruppe in einiger Entfernung folgte, dieſe Leute reißen ſich ſo um meine Gabriele, daß für mich gar Nichts übrig bleiben wird! Man ging in das Schloß zurück, in welchem die plötzliche Ankunft des Königs eine große Verwirrung an⸗ gerichtet hatte. Schon tauchten Vermuthungen und Commentare aller Art auf; ſchon ſah man Gabriele entlarvt, ſchimpflich fortgejagt, man beſtimmte ſchon das Gefängniß, in das ſie geſperrt werden würde. Die Parthei der Entragues gab ihren ſicheren Triumph durch eine unverſchämte Hal⸗ tung kund, und mehr wie ein umſichtiger Diener der Marquiſe ſchnürte bereits ſein Bündel. — 190— Heinrich war ſehr ſchnell und faſt ganz allein von Paris aufgebrochen; aber ſeine Offiziere waren ihm nach Monceaux nachgeeilt, und ihre Ankunft vermehrte nur die allgemeine Verwirrung, wie Oel, das man auf einen brennenden Holzſtoß gießt. Als aber dieſe unruhige, bewegte, neugierige Menge, an deren Spitze der Graf von Auvergne ſtand, den König ganz ruhig und heiter aus der Grotte des Parks kom⸗ men ſah, mit dem einen Arm auf den Gabriele's ge⸗ ſtützt, mit dem anderen auf einen noch unbekannten Mann, Esperance und Gratienne hinterdrein, das Gefolge bil⸗ dend, da verſchwanden alle jene Vermuthungen und Be⸗ rechnungen plötzlich wieder in Nichts, und Staunen malte fich auf allen Geſichtern; ganz beſonders war es jener dicke Bauer, über den man ſich den Kopf zerbrach. Heinrich lachte ſich in den Bart und freute ſich im Voraus kindiſch auf die Wirkung, die ſeine erſten Worte hervorbringen würden. — Meine Herren! rief er ſchon von Weitem, be⸗ ſtellen Sie ſchnell ein gutes Abendeſſen für mich und meinen Vetter Mayenne, der heute Abend eine Flaſche Wein auf meine Geſundheit trinken will. Man kann ſich kaum einen Begriff von der Wirkung machen, welche Mayenne's Namen und ſeine Erſcheinung am Arme des Königs auf die Verſammlung hervor⸗ brachte; zunächſt ein allgemeines, ſtummes Erſtaunen, das aber nach und nach in ein beifälliges Murmeln über⸗ ging und endlich in den vielſtimmigen Freudenruf: Es — — 191— lebe der König! ausbrach, der ſüß in Gabriele's Herzen wiederhallte. Nur auf ſehr wenigen Geſichtern blieb eine Beſtürzung zurück. Daß das des Grafen von Auvergne unter dieſen letzteren war, verſteht ſich von ſelbſt. — Ja, meine Herren, fuhr der König fort, nach⸗ dem wieder einige Ruhe eingetreten war, mein Vetter Mayenne hat mir ſo eben angezeigt, daß ich keinen beſſeren Freund habe, als ihn, und ich erkläre hiermit, daß auch er fortan keinen beſſeren Freund haben wird, als mich. — Gott ſei Dank dafür gebracht! rief Sully, mit freudeſtrahlendem Antlitz näher tretend. — Und nächſt ihm Madame, verſetzte der König, auf Gabriele deutend, denn ihr Verſtand, ihr Herz, ihre Freundſchaft für mich hat allein das große Werk zu Stande gebracht; ihr allein verdanke ich den Frieden und das Heil meines Königreichs. Und nachdem er ſich einen Augenblick an der ſtum⸗ men Beſtürzung gelabt, welche dieſe unerwartete Löſung bei Einigen hervorrief, ſprach er mit lauter ſchallender Stimme: 4 — Vorwärts, meine Herren, zur Abendtafel!— Frau Herzogin, Ihren Arm. — Herzogin? wiederholte die Menge mit ſtaunendem Murmeln, denn Monceaux war nur ein Marquiſat. — Ja, meine Herren, fuhr der König fort, Herzogin von Beaufort, Marquiſe von Monceaux und von Lian⸗ court?— das iſt der Titel, den Madame von heute an führen wird. — O, Sire!l fluſterte Gabriele, wohin wird mich Ihre Güte noch führen? — Noch weiter! antwortete Heinrich eben ſo leiſe. Aber ich ſehe, die Tafel iſt ſervirt. Kommen Sie, Frau Herzogin; kommen Sie, lieber Vetter.—— Ach, Ga⸗ briele! welch ein guter Gedanke von Ihnen, mich mit meinem Vetter wieder auszuſöhnen! — Er rührt nicht zuerſt von mir her, Sire, ſagte Gabriele beſcheiden. — Wer aber konnte ihn Ihnen eingeben? — Die Seele aller guten Werke: Bruder Robert. — Bruder Robert! rief der König ſichtlich ergriffen. Er, er hatte Ihnen den Gedanken eingegeben, mich mit meinem Vetter Mayenne zu verſöhnen? — Wie ich Ew. Majeſtät ſage. — Nun, bei Gott!— das wäre groß, erhaben! — Bruder Robert? fragte der Herzog, überraſcht von des Königs Aufregung; wer iſt denn dieſer Bruder Robert? — Ich werde Ihnen das ſpäter erzählen, mein Vetter, wenn wir allein ſein und beſſere Muſe haben werden; die Geſchichte iſt der Mühe werth und Sie wer⸗ den ſie, mehr wie jeder Andere, zu würdigen wiſſen.— Ha! mein wackerer Bruder Robert! — Und ich ſoll ihm ſo viele gute Dienſte niemals vergelten können?— 2 — Ventre⸗Saint⸗gris! wir werden uns das über⸗ legen! Nun, zu Tiſche, Vetter; zu Tiſche, meine Herren! 4 — 193— Frau Herzogin, laden Sie auch unſern Freund Esperance ein, und laſſen Sie uns friſch trinken— denn mir iſt warm geworden bei der Sache! Während der König heiter auf die Thuͤre des Speiſe⸗ ſaales zuſchritt, ſah ſich Gabriele nach unſerem Freunde um, und als ſie ihn von fern traurig und niedergeſchlagen allein ſtehen ſah, näherte ſie ſich ihm freundlich lächelnd und ſprach leiſe: — Ich verſtehe Sie; Sie ſehen mich reich belohnt, während Sie leer ausgehen, wie immer. Das wäre un⸗ gerecht. Kommen Sie, fügte ſie noch leiſer hinzu, Sonn⸗ abend auf mein Landhaus nach Bougival; wir wollen dort mit Gratienne einen ſchönen Abend verleben. — Mit Gratienne! ſprach der junge Mann, traurig ſeufzend; Sie mißtrauen mir alſo? — Nicht Ihnen, mein Freund, ſondern mir ſelbſt, flüſterte ſie erröthend. Auf Sonnabend alſo. Heute aber laſſen Sie uns auf die Geſundheit des Königs— und auf die Beſchämung unſerer Feinde trinken! — Es gilt! rief Esperance. Ende des achten Bandes. Gabriele. VIII. 4 13 Druck von C. G. Naumann in Leipzig. ———— 8—-—* 8 8 1 8 ———— 8—-—* 8 8 1 8