8 7,] 7 5——.-.—-—-— „—-,——, Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von. 2. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Aichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mi. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„„„ 7, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersata Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namäntlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗* ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 8oſSESSe, Vollſtändigſte aus dem Franzöſiſchen überſetzte Ausgabe. Supplemente: XIII. Band. Die ſchöne Gabriele August Muquet. Siebenter Band. Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. Auguſt Maguet. Fortſetzung des Romanes: Die Fünf und Vierzig von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Ferd. Heine& Aug. Schrader. Siebenter Band. —— — ,— Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. ——— Die ſchöne Gabriele. — Siebenter Band. Gabriele. VII. 1 10. Der Gefangene des Königs. Das kleine Chatelet, in das der König ſeinen Gefangenen hatte ſperren laſſen, lag in der Cité, am Ende der kleinen Brücke, etwas weiterhin, als die Stelle, auf der man ſeitdem das Hôtel⸗Dieu hat emporſteigen ſehen. Sein maſſiver Thurm verſchloß ſo die kleine Brücke, und unter dem Gewölbe, auf dem er ſich erhob, eröffnete ſich ein Durchgang, der zugleich mit als Stadtthor diente. So düſter und unheimlich auch das Aeußere des kleinen Chatelet war, ſtand es doch nicht in ſo ſchlimmem Rufe, wie ſein älterer Bruder, das große Chatelet, deſſen Ge⸗ fängniſſe, wie man ſagte, ſo über die Maßen fürchter⸗ lich waren, daß ſelbſt die Einbildungskraft des frechſten Schurken vor dem Gedanken einer Gefangenſchaft in dieſen Gräbern für Lebende zurückſchauderte. Beſonders ſprach man von einem Kerker, die Hoſe des Hypokrates genannt, in welchem das Opfer an einem Kloben hinabgelaſſen ward, wie ein Eimer in einen Brunnen; dort mußte der Gefangene in einem trichterförmigen Loche, das dem Körper nirgend einen Ruhepunkt bot und weder das Sitzen, noch 1* das Liegen, noch das Stehen verſtattete, mit den Füßen im kalten Waſſer verweilen, und noch nie ſollte ein Un⸗ glücklicher, der zu dieſem Schreckensaufenthalt verurtheilt ward, länger wie vierzehn Tage, voll der unerhörteſten OQualen, darin am Leben geblieben ſein. Wenn nun auch die Gefängniſſe des kleinen Chaͤtelet etwas menſchlicher ſein ſollten, mußten ſie, nach dem für die Wohnungen der Beamten und Wächter beſtimmten Theile des Gebäudes zu ſchließen, noch immer traurig genug ſein. Die Fenſter, durch welche die Zimmer des Gouverneurs Licht und Luft erhielten, glichen mehr Schieß⸗ ſcharten; die ſchwarzen Mauern waren viermal ſo ſtark wie gewöhnliche Mauern, und jeder Vorübergehende— ſagten die Chroniſten jener Zeit— wandte den Blick ſchaudernd ab, wenn er dieſes Staatsgefängniß nur von weitem ſah. Dorthin hatten die königlichen Häſcher Befehl, Espe⸗ rance zu ſchaffen. Nachdem der Gouverneur den königlichen Verhafts⸗ befehl geleſen, und das ſchöne, heitere Antlitz des Ge⸗ fangenen, auf welchem ſich mehr Staunen als Furcht, mehr Neugierde als Niedergeſchlagenheit malte, aufmerk⸗ ſam betrachtet hatte, begnügte er ſich damit, ihm nur eines der gewöhnlichen Gefängniſſe anzuweiſen, und wäh⸗ rend der Gefangenwärter mit einigen der Häſcher hinaus⸗ ging, um daſſelbe für den neuen Gaſt in Stand zu ſetzen, fragte Esperance den Gouverneur mit der ihm eigenen Höf⸗ lichkeit, ob er ihm die Gnade erzeigen wolle, ihm auf einige Fragen Antwort zu ertheilen, namentlich auf die: Wo bin ich, und warum bin ich hier? Der Gouverneur, ein hugenottiſcher Edelmann und übrigens ein kleiner freundlicher Greis, erwiederte ſehr ruhig: — Sie befinden ſich hier im kleinen Chatelet, einem Staatsgefängniß; was aber die Urſache Ihrer Gefangen⸗ ſchaft betrifft, ſo muß Ihnen dieſe doch ohne Zweifel ſelbſt bekannter ſein, wie mir. — Ich kann Ihnen verſichern, mein Herr, daß ich nicht das Mindeſte darüber weiß, oder auch nur ver⸗ muthen kann. — Nun, ſo weiß ſie ohne Zweifel der König, und das iſt mir genug. Und nachdem der Gouverneur Namen und Stand des neuen Gefangenen in ſein Regiſter eingetragen, entließ er ihn mit einer grüßenden Handbewegung. Trotz ſeines Muthes und ſeiner gewohnten Kaltblütig⸗ keit fühlte ſich Esperance doch ein wenig außer Faſſung geſetzt, auch hier nichts über die Urſache ſeiner ſeltſamen Verhaftung zu erfahren. Sein Gefangenwarter holte ihn ab und führte ihn in eine Art von viereckigem, ſchwarzem, ſchmuzigem Gemach, nur mit einigen elenden Möbeltrümmern ausgeſtattet, die wahrſcheinlich der Zerſtörungswuth der Bourguignons entgangen waren, als dieſe im Jahre 1418 das kleine Chatelet erſtürmten und die Gefangenen ermordeten. Der Kerkermeiſter hielt eine kleine Lampe in der Hand, deren matter Schein Esperance kaum verſtattete, ſich in ſeinem neuen Aufenthalte ein wenig umzuſehen; als der Mann aber hinausgegangen war und das Lämpchen mit ſich genommen hatte, befand ſich der Gefangene plötzlich in tiefſter Dunkelheit. Da die Schritte des Fortgehenden noch im Gange zu hören waren, donnerte Esperance mit aller Kraft an die verſchloſſene Thüre. Der Kerkermeiſter kehrte auf das Lärmen wieder um. — Um Vergebung, mein Freund, ſagte Esperance, Ihr habt vergeſſen, mir Eure Lampe dazulaſſen. — Wenn Sie mich blos deshalb zurückgerufen haben, mein junger Herr, verſetzte der Kerkermeiſter ruhig, ſo konnten Sie ſich dieſe Mühe erſparen. Bei uns giebt es im Gefängniß kein Licht. — Entſchuldigt; aber geſetzt ich wollte ſchreiben, ſo muß ich doch dazu ſehen können? Der Mann ſah Esperance verwundert an. — Schreiben?— Bei uns ſchreibt man auch nicht. — Nun denn, mein Freund, verſetzte Esperance ge⸗ laſſen, wenn es denn einmal verboten iſt, hier Licht zu haben und zu ſchreiben, ſo muß ich mich freilich darein fügen. Dagegen wird es Euch hoffentlich wohl nicht ver⸗ boten ſein, mir eine Gefälligkeit zu erzeigen, nur eine kleine, unſchuldige Gefälligkeit, die Euch gut bezahlt wer⸗ den ſoll. — Das kommt darauf an, junger Herr, worin ſie beſtehen ſoll. — In weiter nichts, als Herrn von Crillon aufzuſuchen— — Unſern tapfern Crillon? rief der Gefangenwärter lebhaft. — Ganz recht. — Sie kennen ihn? — Ja wohl, und ich darf wohl ſagen, daß er mein beſter Freund iſt. Geht alſo zu ihm und ſagt ihm weiter Nichts, als daß ich hier, im kleinen Chatelet, gefangen ſei. Meinen Namen werdet Ihr Euch leicht merken kön⸗ nen: ich heiße Esperance. — Esperance?— Ein ſchöner Name für einen Ge⸗ fangenen, ſprach der Gefangenwärter lächelnd. — Nicht wahr? verſetzte Esperance, ohne einen Schein von Bitterkeit oder Kummer. Nun, werdet Ihr mir dieſen kleinen Dienſt leiſten, mein Freund? — Wir wollen ſehen, was ſich thun läßt, ſprach der Gefangenwärter und entfernte ſich gedankenvoll, denn ſo viel Sanftmuth und Geduld, die auffallende Schönheit ſeines neuen Gefangenen, hatten wider Willen eine Art von Mitleid und Zuneigung in ihm erweckt. Allein trotzdem ging er nicht zu Crillon, ſondern zum Gouverneur, den er pflichtgemäß von dem Begehren des Gefangenen in Kenntniß ſetzte. Auch auf dieſen hatte das Geſicht und die edle, freie Haltung Esperance's einen vortheilhaften Eindruck gemacht, und ſo ſah derſelbe denn kurze Zeit darauf den Gouverneur ſelbſt in ſeine Zelle treten. — Sie nennen ſich einen Freund des Herrn von Crillon? fragte Letzterer. — Ja wohl, mein Herr. — Das iſt kein gutes Zeichen für Sie, junger Mann, und läßt mich vermuthen, daß Sie in der That ſehr ſtrafbar ſein müſſen, wenn Herr von Crillon Sie hier im Gefängniß verläßt, denn er iſt ſonſt nicht der Mann darnach, ſeine Freunde im Unglück zu verlaſſen. Ich kenne ihn, ich! zehn Jahre lang haben wir Seite an Seite gefochten. Esperance erzählte nun dem Gouverneur alles, was er wußte, was er gethan, wer er war; er ſprach ſeine Verwunderung über eine ſo ſonderbare Verhaftung ohne allen Grund aus, die nothwendigerweiſe nur auf einem Mißverſtändniß beruhen könne, das wenige Worte ſogleich aufklären würden. Alles, was Esperance ſagte, trug ſo unverkennbar den Stempel der Wahrheit und Aufrichtigkeit, zeigte die Rein⸗ heit ſeiner Seele ſo unverhüllt, daß auch der alte Gouver⸗ neur ſich unwillkührlich dadurch angezogen fühlte. — Einſtweilen bitte ich Sie, mein Herr, ſchloß endlich Esperance, mich nicht hier in dieſem finſtern, dumpfigen Loche zu laſſen. Ich bin mein ganzes Leben lang die freie Luft, den Sonnenſchein gewohnt, und wenn ich ein Weib wäre, ſo möchte ich faſt ſagen, daß ich mich hier fürchte. Zudem werde ich nicht lange Ihr Gaſt ſein, denn ich bin feſt überzeugt, ſobald Herr von Crillon meine Gefangenſchaft erfährt... — Aber, die wird er eben nicht erfahren, junger Mann, unterbrach ihn der Gouverneur. Jeder Staats⸗ gefangene, der hier eintritt, darf nicht mehr mit der Welt verkehren, und dieſe darf Nichts mehr von ihm wiſſen. Ich habe nicht das Recht, irgend Jemand, wer es auch ſei, von Ihrem Hierſein in Kenntniß zu ſetzen. Es könnte dies ja ein Geheimniß zwiſchen dem König und dem Gefangenen betreffen, ein Geheimniß, das der König die Gnade hat mir anzuvertrauen, und es hieße dieſem königlichen Vertrauen ſehr ſchlecht entſprechen, wenn ich es verriethe. Sie ſehen alſo ein, daß meine Ehre mir verbietet, Ihren Wunſch zu erfüllen. Ganz beſonders aber im vorliegenden Falle habe ich es lediglich mit dem Könige zu thun, da er Ihren Verhaftsbefehl eigenhändig ausgefertigt hat, was doch ſonſt in der Regel nicht ge⸗ ſchieht. Esperance ließ den Kopf ſinken; zum erſtenmale be⸗ ſchlich ihn eine Anwandlung von Beſorgniß, es war ihm, als ob die Thür, durch welche er einen Augenblick einen Strahl von Licht und Freiheit zu erkennen geglaubt hatte, ſich ihm feſter als vorher verſchlöſſe. — Handeln Sie nach Ihrem Ermeſſen, mein Herr, ſprach er; ich will Sie weder zu einer Pflichtverletzung veranlaſſen, noch Ihnen Unannehmlichkeiten zuziehen. Ich werde dulden und ſchweigen. Der alte Edelmann, der ſchon ſo viele Gefangene unter ſeiner Obhut gehabt hatte, wußte recht gut Reſigna⸗ tion von Heuchelei, Geduld von Feigheit zu unterſcheiden. — Das iſt ein liebenswürdiger Charakter, dachte er; vielleicht ein verhätſchelter Liebling des Königs ſelbſt, 4 — 10— den er durch einige Tage der Einſperrung und Enthalt⸗ ſamkeit eine kleine Lection geben will. Verſtärken wir alſo die Doſis nicht. Meiner Treu! der arme Junge hat ſich ſchon in ſein Schickſal ergeben und auf das elende Lager hingeworfen. Er ſchlug mit der Fauſt an die Thür; der Kerker⸗ meiſter trat ein. — Bringe den Herrn in das obere Thurmgemach, ſagte er. Esperance errieth ſogleich, daß das eine beſondere Vergünſtigung ſei, die ihm der alte Edelmann zu Theil werden ließ; er erhob ſich wieder und dankte ihm mit Wärme. — Das obere Thurmgemach iſt ganz gut, ſprach der Gouverneur, ſeine Hand losmachend, die Esperance dankbar in den ſeinigen hielt. Es iſt ein väterliches Gefängniß, denn meinem eigenen Sohn hüätte ich kein beſſeres anweiſen können; er hat es einſt bewohnt. — Sie haben einen Sohn, mein Herr? — Ich hatte einen, ſeufzte der alte Mann, der jetzt ohngefähr in Ihrem Alter ſein müßte... — Sie haben ihn verloren? — Mit achtzehn Jahren ſchon; er ward durch einen Musketenſchuß getödtet, nach der Schlacht bei Aumale. Herr von Crillon kannte und liebte ihn auch, denn er hatte ihn in ſeine Garde aufgenommen.— Mein armer Urbain! — 11— — Urbain! rief Esperance überraſcht, Urbain du Jardin? — Sie haben ihn gekannt? Der hugenottiſche Page, dachte Esperance, den der ſchändliche Laramée ermordet hat! — Sie haben meinen armen Urbain gekannt? wie⸗ derholte der Gouverneur ſeine Frage. — Nur flüchtig, wie man ſich eben im Feldlager kennen lernt; aber Herr von Crillon hat mit mir öfter von ihm geſprochen. — Ja, ja, murmelte der Greis ſchmerzlich vor ſich hin, der wackere Crillon war es, der ihn in ſeinen Armen aufhob, ſeinen letzten Seufzer empfing. Es ſoll nicht geſagt werden, daß ſich Jemand vergeblich bei mir auf Crillons Freundſchaft berufen hat. Gehen Sie, mein junger Freund, folgen Sie dem Schließer. Ohne weiter zu ſprechen, entfernte ſich der Gouverneur traurig und ließ Esperance in ſchmerzlichem Staunen zu⸗ rück. Seltſam! das eine dem von Henrietten geleiteten Mörderdolche entgangene Schlachtopfer ſollte nun in dem⸗ ſelben Gemache der Nachfolger jenes anderen ſein, das von der Kugel deſſelben Mörders getroffen worden war! Dieſes obere Thurmgemach, vor dem mancher Andere vielleicht erſchrocken ſein würde, erſchien Esperance im Vergleich mit dem ſchauderhaften Aufenthalt, den er ſo eben verlaſſen, als ein Paradies. Das Gewölbe war zwar niedrig, das Fenſter mit Eis überzogen, aber es wehte ihm doch eine reine, geſunde Luft entgegen, die — 12— untergehende Sonne beleuchtete das Gemach mit ihren goldenen Strahlen, und durch zwei kleine runde Fenſter konnte der Gefangene, wenn er ſich auf die Zehen erhob, durch die Eiſenſtäbe das ganze prachtvolle Panorama der alten Stadt überblicken, vort die fernen Hügel, um die ſich die Abendnebel ſchon zu ſammeln begonnen, rechts den hohen Thurm von der Nötre⸗Dame, das Häuſermeer überragend, und dicht vor ſich die mit Eis⸗ ſchollen bedeckte Seine. Esperance ſtieß einen Freudenſchrei aus; der Anblick ſeines neuen Palaſtes am Abend zuvor hatte ihn kaum ſo entzückt. Aber ſein Entzücken mehrte ſich noch, als der Ge⸗ fangenwärter, der ſich jetzt eben ſo eifrig bemüht zeigte, Esperance gefällig zu ſein, als er es vorher nicht ge⸗ weſen war, die Eiſenſtangen einer feſten, maſſiven Thür weghob, die auf einen kleinen wie ein Käfig ganz um⸗ gitterten Balcon führte, und dieſe Thür nun öffnete. Raſch ſchritt der Gefangene hinaus und ließ ſich auf eine durch den runden Mauervorſprung gebildete Bank nieder, um den wundervollen Anblick zu genießen. Das Eiſengitter war zwar ſo dicht, daß der Unten⸗ ſtehende nicht das Mindeſte zu erkennen vermochte; aber der wie ein Adler in ſeinem Horſte hier oben Schwe⸗ bende konnte das ganze Gemälde frei und ungehindert überblicken. Esperance griff in ſeine Taſche und gab dem Schlie⸗ ßer die Hälfte der darin befindlichen Piſtolen. — 13— Dieſer bereitete ſtillſchweigend das Bett, machte ein tüchtiges Feuer im Kamin an, ſtellte ein leidliches Abend⸗ brod auf den Tiſch, und entfernte ſich dann, die ſchweren Eiſenriegel hinter ſich wieder vorſchiebend, deren Raſſeln und Kreiſchen Esperance in der Freude ſeines Herzens gar nicht einmal bemerkte. Die Nacht war allmählig hereingebrochen; kein Ge⸗ räuſch aus der tief unten liegenden Stadt drang mehr zu dieſer Höhe herauf. Nachdem Esperance die reine, kalte Nachtluft noch einmal in vollen Zügeneingea thmet, ſchloß er die Balcon⸗ thür wieder und warf ſich vor dem wärmenden Kamin in einen alten Armſtuhl, auf welchem der arme Urbain, wenn ihn der gelinde väterliche Zorn zur Strafe für irgend einen jugendlichen Leichtſinn hierher verwieſen, ohne Zweifel auch oft ſinnend verweilt hatte. Aber trotz des angenehmen Geruchs, den das in einer großen irdenen Schüſſel dampfende Abendbrod im Gemach verbreitete, trotz des vielverſprechenden Anblickes der bauchigen langgehalſ'ten Weinfaaſche, trotz der ſanften Wärme, welche das luſtig praſſelnde Feuer ausſtrömte, fühlte Esperance doch allmählich ſeine bisher bewahrte heitere Laune, ſeine frohe Zuverſicht entſchwinden; es war, als ob ſie ſich mit den kleinen grauen Rauchwölkchen zugleich durch den Schornſtein verflüchtigte. Er ſann über die Strafe nach, die der Himmel, ſo urplötzlich, mitten unter einem kaum jemals geträumten Glanze über ihn verhängt hatte. Wohl war ſeine dama⸗ — 14— lige Beſorgniß nicht begründet geweſen; der gefürchtete Rückſchlag hatte nicht lange auf ſich warten laſſen! Man erreicht nicht ungeſtraft ſo ſchnell und ſo ohne alle An⸗ ſtrengung den Gipfel des irdiſchen Glücks, und ſeine Philoſophie ſagte ihm, daß ihm nur wiederfahre, was Tauſenden vor ihm wiederfahren. Freilich, ein ſchlechter Troſt für den armen Jungen! Vergebens zerbrach er ſich den Kopf über die Ur⸗ ſachen dieſes plötzlichen Mißgeſchickes, er konnte nur eine finden: Durch irgend einen Irrthum oder auch abſicht⸗ lichen Betrug war er in den Beſitz jenes Palaſtes der Straße de la Ceriſaie gelangt, und dieſer Betrug, hinter dem ſich wohl gar ein Verbrechen verbarg, war entdeckt worden. Der König hatte alles erfahren, und beſchämt darüber, von dem falſchen Hausbeſitzer einen Augenblick beſchützt worden zu ſein, rächte er ſich nun dafür, indem er den unſchuldigen Gehülfen des Betrugs ſeines unrecht⸗ mäßigen Glanzes beraubte und als einen gemeinen Dieb brandmarkte. Und Crillons Schweigen, wie ſollte er ſich das er⸗ klären, wenn nicht mit denſelben Gründen? Gewiß hatte ſich auch Crillon als das Spielzeug eines nichts⸗ würdigen Betrugs erkannt, dem er wohl gar als Deck⸗ mantel dienen ſollte; und durch den König von allem unterrichtet, ſchwieg er nun. Aber Pontis, Pontis!— Daß auch dieſer ihn ver⸗ laſſen konnte? — 15— — Ach! der gute, der edelherzige Esperance bezüch⸗ tigte die treue Seele der Undankbarkeit, der Feigheit! Was aber ſeinen Schmerz auf das höchſte ſteigerte, was dem armen jungen Manne vollends die Kraft raubte gegen ſein Mißgeſchick anzukämpfen, das war der Gedanke, daß er nun der Gegenſtand des allgemeinen Geſpöttes, der Verachtung ſein werde, und daß das Gerücht ſeines ſchmachvollen Sturzes bis zu Gabrielens und Henriette's Ohren gelange. Henriette würde lachen, trium⸗ phiren, ſich ihrer Rache erfreuen— was kümmerte ihn noch Henriette!— Aber Gabriele, ſie, die Angebetete, die Herrliche! Mußte ſie nicht, von der Höhe ihres Glückes herab, inmitten des ſie umgebenden Glanzes, ein ſchimpf⸗ liches Verdammungsurtheil über ihn fällen, ihn auf im⸗ mer aus ihrem Herzen und aus ihrem Geiſte verban⸗ nen? Die Erinnerung an den armen Verwundeten von Bezons, für den ſie ſich drei Tage lang ſo lebhaft in⸗ tereſſirt, dem ſie in ihrer naiven Zärtlichkeit eine ewige Freundſchaft anbot und von ihm forderte, mußte ſie jetzt nicht, von Schande und Schmach befleckt, für immer in ihrem Gedächtniß verlöſchen? Und würde ſie ſich nun nicht in der Schaar dieſer ſchönen, ſchimmernden Höf⸗ linge nach einem anderen Freunde umſehen, der nicht mit ſolchem Zartgefühl, wie er, die Liebe und die Eitelkeit des Königs ſchonen, und dadurch ſie ſelbſt in's Verderben ſtürzen würde. Glühende Thränen entſtrömten bei dieſem Gedanken den Augen des unglücklichen Jünglings, und jetzt erſt geſtand er ſich ſelbſt, daß jeder Pulsſchlag ſeines Herzens nur ihr, der Einziggeliebten gegolten hatte. Alle wäh⸗ rend dieſer letzten Jahre ausgeſtandenen Qualen und Leiden fühlte er jetzt auf einmal aufeſich ein ſtürmen. Je⸗ ner unendliche Schmerz, jener brennende Durſt nach Tha⸗ ten, jene ſchluchzend durchwachten Nächte, waren es nicht die Krankheitsſimptome ſeiner beginnenden Liebe? Jenes ſchmerzliche Sehnen nach einer Mutter, die er für immer verloren hatte, was waren die Qualen einer Seele im Fegefeuer dagegen? Und dieſe an Wahnſinn grenzende Freude, Paris nach einer freiwilligen Verbannung wieder⸗ zuſehen, war es nicht die ſchlecht verhehlte Hoffnung, Diejenige wieder zu finden, vor der er bis übers Meer geflohen war?— Einen Augenblick hatte er gewähnt, als er ſich in dem Golde und Marmor ſeines Palaſtes ſpiegelte, daß Gott Erbarmen mit ſeinem Liebeskummer haben wolle; daß Gabriele mitten im Glanze des Louvre kaum mehr bewundert und beneidet ſei als er, zu dem ſich nun Alles drängen würde, daß das Lob des edlen Gebrauches, den er von ſeinen Schätzen machen wollte, bis zu den Oh⸗ ren des angebeteten Weibes dringen und ſüße, poetiſche Erinnerungen an den Freund, den ſie ſich einſt ſelbſt gewählt, in ihrem Herzen erwecken würde. Er hatte ſich in dieſen entzückenden Träumen einge⸗ wiegt, er hatte ſeinen freudigen Stolz durch die Güte Gottes, der ihm ſo viel Glück geſpendet, gerechtfertigt gewähnt— und nun hatte urplötzlich dieſelbe mächtige — 17— Hand Gottes das ganze ſchimmernde Gebäude dieſer Träume ſammt dem verwegenen Baumeiſter in Trüm⸗ mern zuſammengeſtürzt; keinen Palaſt, keinen Glanz, keine Reichthümer mehr; verſchwunden, verſcheucht alle dieſe ſchmeichleriſchen Freunde, die er heranziehen wollte, um durch ihren Mund ſein Lob der Geliebten verkünden zu laſſen!— Und wohl ihm, wenn auch er unter jenen Trümmern in ewige Nacht und Vergeſſenheit verſinken konnte, wenn nicht ſtatt jenes Lobes die gellende Kunde ſeiner Schmach das laute Gelächter der Menge über ſeinen ſchimpflichen Sturz bis zu ihr dringen ſollte!— Das waren die finſteren Gedanken, die ſich Esperance's bemächtigten. Und doch flogen ihm die Stunden raſch dahin. Die verglimmenden Kohlen kniſterten nur noch ſchwach, weiße Flecken lagerten ſich darüber und zeigten ihr bal⸗ diges Verlöſchen an; ſchon begann die Lampe unſtät zu flackern; bald ſollten Kälte und Dunkelheit rings umher herrſchen. Demüthig ließ ſich Esperance auf die Knie nieder, betete inbrüſtig zu Gott um Vergebung ſeines ſündhaften Hochmuthes und empfahl ſich ſeinem gnädigen Erbarmen; dann warf er ſich auf ſein Bett, an den armen Urbain du Jardin denkend, deſſen melancholiſcher Schatten viel⸗ leicht allnächtlich dieſes glückliche Aſyl ſeiner Knaben⸗ jahre heimſuchte. Endlich ſenkte ſich der mitleidige Genius des Schla⸗ fes auf ſeine thränenfeuchten Augenlider und beglückte Gabriele. VII. 2 — 18— ihn unter dem niedrigen Steingewölbe ſeines Gefäng⸗ niſſes durch einen eben ſo ſanften Schlummer, wie früher unter dem goldſchimmernden Baldachin ſeines Bettes in der Straße de la Ceriſaie. Um ſo trauriger und peinlicher ſollte der folgende Tag für ihn werden. Nachdem der Schließer Esperance's Frühſtück und friſchen Holzvorrath gebracht, verſchwand er, und kam den ganzen Tag nicht wieder zum Vorſchein, ſelbſt nicht zur Stunde des Mittageſſens. Oft war der Gefangene auf den Balcon hinausgetreten; ein ſeltſames Geräuſch erſchallte bis zu ihm von der Straße herauf, über deſſen Bedeutung er ſich vergebens den Kopf zerbrach, denn er hatte nur die Ausſicht in weitere Ferne; was dicht zu den Füßen des Thurmes vorging, konnte er des Gitters wegen nicht ſehen. Dort aber, in den entlegenen Straßen auf den Quais ſah er viele Leute unruhig hin und her laufen, die Arme zum Himmel ſtrecken; Manche verhüllten ſich das Geſicht und ſchienen zu weinen. Im Chäͤtel ſelbſt und in deſſen nächſter Nähe hörte er Waffen klir⸗ ren. Zuweilen erhob ſich, bald näher, bald ferner, ein wildes Geſchrei. Plötzlich ſah er einen ſtarken Reiter⸗ trupp, an deſſen Spitze er Herrn von Rosny zu erken⸗ nen glaubte, über den Quai, am anderen Ende der klei⸗ nen Brücke vorbei und ins Innere der Cité ziehen. Dann erhob ſich wieder gellendes Geſchrei hier und da, bis endlich die frühere Stille wieder eintrat. — 19— Was war geſchehen? Was konnte nur dieſes Ge⸗ ſchrei, dieſes Waffengeklirr, dieſer kriegeriſche Aufzug zu bedeuten haben? Irgend ein wichtiges, unheilvolles Ereigniß— ſo wenigſtens ſchloß er aus den verzweif⸗ lungsvollen Geberden jener Bürgersleute,— mußte ſich zugetragen haben, daß man ihn gänzlich vergaß, ihn ohne Lebensmittel, ohne Feuer ließ! Und keine Nachricht von ſeinen Freunden, ſelbſt von denen, die ihm zürnten? Herr von Crillon, Pontis, keiner ließ ihm auch nur ein Le⸗ benszeichen zukommen! Langſam und martervoll verſtrich der Tag dem ar⸗ men Gefangenen; in wenigen Stunden brach die Nacht wieder herein, bei deren Annäherung er auch ſchon die Wiederkehr jener ſchwarzen Geſpenſter fühlte, welche das heitere Sonnenlicht verſcheucht hatte. Sollte denn wirklich eine ſolche Exiſtenz ſeine zukünf⸗ tige werden? Leiden, ſchlafen, und nur zu neuen Lei⸗ den wieder erwachen? Dieſer Gedanke befiel ihn zum erſtenmale und erfüllte ihn mit Schrecken, und wenig fehlte, daß er ſich ſeiner Verzweiflung gänzlich hingab, als die Sonne ſich hinter dem Louvre hinabſenkte und ihre letzten Strahlen nur noch die höchſten Spitzen der Gebäude und das Eiſengitter ſeines Kerkers ver⸗ goldeten. 3 Wie, rief er entſetzt, ſo giebt es denn kein einziges Weſen mehr auf dieſer weiten Welt, das mich liebt? Ver⸗ mögen dieſe wenigen Steine einen Menſchen von Allen zu 2* — 20— trennen, die er gekannt, die ihn gekannt haben? Wird kein Herz mehr den Muth haben, mir einen Seufzer zu⸗ zuſenden, der durch dieſe Mauern bis zu meinem Herzen dringt? Ach!— wie viele Seufzer, Wünſche und Ge⸗ bete habe ich nicht ſchon in die Ferne hinaus geſendet, und Keiner, Keiner hat mir ihn zurückgegeben! Ermattet ſank er auf die Steinbank des Balcon's nieder, lehnte die von tauſend fürchterlichen Gedanken erfüllte Stirn an das Eiſengitter und preßte ſie zwiſchen ſeinen Händen, um nicht in Schluchzen auszubrechen. Er hörte, er bemerkte es nicht, daß die Riegel klirr⸗ ten, daß die Thüre ſeines Gefängniſſes geöffnet ward, daß der Schließer herein trat, durch das ganze Gemach ſchritt, endlich auf den Balcon heraustrat, bis dieſer ſeine gewichtige Hand auf Esperance's Schulter legte. Da erſt fuhr er aus ſeiner Betäubung auf. — Ach! rief er, da ſeid Ihr ja endlich! — Ein wenig ſpät, nicht wahr, junger Herr? Aber ich hatte wohl an andere Dinge zu denken, als an Sie. — Das iſt aber nicht ſehr höflich, ſprach Esperance traurig lächelnd. — Sie wiſſen freilich Nichts davon, daß unſer guter König beinahe ermordet worden wäre. — Mein Gott! fuhr der junge Mann erſchreckt empor; iſt das möglich! — Ja, ja, ein ſo guter König! — 21— — Ja, der beſte aller Könige! rief Esperance in großmüthiger Regung, das ihm ſelbſt widerfahrene bittere Unrecht vergeſſend.. — Und Sie begreifen wohl, daß ich da nicht mehr an das Mittagseſſen der Gefangenen dachte, als ich dieſe Schreckensnachricht erfuhr, ſagte der Schließer naiv. — Eben ſo wenig, lieber Freund, als die Gefange⸗ nen daran gedacht hätten, es zu verzehren.— Aber, er⸗ zählt; wie befindet ſich der König? Wie hat es ſich zugetragen? — Alles, was ich für jetzt weiß, iſt, daß er ſich wohl und geſund befindet, und daß er— aber ich höre Jemand die Treppe heraufkommen; da werden Sie ja wohl Näheres erfahren. — Man kommt?— Zu mir hierher? — Der Gouverneur. — Ach!— der Gouverneur! ſeufzte Esperance enttäuſcht. — Ja wohl; er pflegt ſtets ſelbſt die Beſucher zu begleiten, die zu Gefangenen kommen. — Beſucher?— Zu mir? — Alle Tauſend! Meinen Sie, daß ſich unſer Herr ſonſt herauf bemüht? Die hohe Treppe fängt nach gerade an, ſeinen alten Beinen etwas ſauer zu werden. — O mein Freund, laßt mich Denen entgegeneilen, die zu mir kommen! — Nicht nöthig, ſie ſind ſchon oben. — 22— Esperance ſtand mitten im Gemache und verſchlang die Thür mit den Augen, als dieſe ſich öffnete. Er ſah zuerſt den Gouverneur eintreten und hinter dem Greiſe eine weibliche Geſtalt, dicht in eine Mantille gehüllt und mit einer ſchwarzen Sammtmaske vor dem Geſicht. Beim Anblick dieſes traurigen Aufenthaltes machte ſie eine Geberde des Schreckens und des Mitleids. Sie blieb ſtehen, als ob ihre kleinen Füßchen ſie nicht weiter hätten tragen können. Der alte Gouverneur näherte ſich Esperance freund⸗ lich lächelnd, faßte ihn bei der Hand und führte ihn bis dicht vor die unbekannte Dame. Willig ließ er ſich führen, doch klopfte ſein Herz gewaltig, von Dankbarkeit und Neugierde zugleich beſtuͤrmt; und es war deutlich zu ſehen, daß auch die Dame vor Aufregung zitterte. Als Beide einander dicht gegenüber ſtanden, verbeugte ſich der Gouverneur und entfernte ſich dann, die Thuͤr offen laſſend, während der Schließer ſich auf einen Wink der Unbekannten dicht an der Thürſchwelle niederließ. — Sie ſind frei, Herr Esperance, ſprach endlich die Dame mit zitternder Stimme, bei deren Klange den jungen Mann ein Wonneſchauer durchrieſelte. Langſam hob ſie die Arme empor und nahm die Maske ab, von deren Druck unſtreitig die tiefe Röthe ihrer Wangen herruhrte. — Gabriele! ſchrie Esperance laut auf, entzückt die Hände faltend.— Oh! Verzeihung, Frau Marquiſe...! — 23— Und wie geblendet von dem Anblicke dieſes reizenden Traumbildes, das ſo urplötzlich verkörpert, in ſeiner vollen Schöne vor ihm ſtand, taumelte er einige Schritte zurück. Esperance und Gabriele blickten ſich einige Minuten ſchweigend an, beide vom unwiderſtehlichen Zauber der Schönheit hingeriſſen, und Beide mußten ſich ſchweigend ſagen, daß ſte Schöneres hienieden noch nirgend geſehen hatten. 2. Das alte Lied vom Herzen. Als aufblühende Schönheit hatte Esperance Gabriele verlaſſen, als vollendete Schönheit ſah er ſie jetzt wieder. Man konnte nichts Lieblicheres ſehen als die Linien ihres Geſichts, deren Ausdruck noch durch das Nachdenken, ja ſogar durch ſo manchen erlittenen Kummer veredelt war. Der Körper aber, ehemals der untadelhafte Typus jung⸗ fräulicher Grazie und Zartheit, hatte durch ſeine volle Entwickelung jenen wollüſtigen Reiz erhalten, der die melancholiſche Schwärmerei eines Liebhabers in Wahnſinn zu verwandeln im Stande iſt. Als Esperance daher dieß ſeidenweiche, goldene Haar, dieſe zarte, friſche Roſenhaut erblickte, unter der das Leben in einem Netze von tauſend kleinen Aederchen pul⸗ ſirte, den ſchmachtenden Blick des blauen Auges, die korallenrothen, ſchwellenden Lippen, den unter dem durch⸗ ſichtigen Spitzengewebe ſtürmiſch wogenden Buſen, wich er, wie wir geſagt haben, einige Schritte zurück und preßte die gefaltenen Hände auf ſeine Bruſt, in welcher jetzt die doppelte Gluth der geiſtigen und der ſinnlichen Liebe emporloderte. —— Aber auch ſie bewunderte den Ausdruck ſanften See⸗ lenadels in den Zügen des Gefangenen, die beredtſame Bläſſe ſeiner Wangen, dieſen Zug von Trauer und Wehmuth um die fein geformten Lippen. Die anmuthige Kraft dieſer jugendlichen Männlichkeit erinnerte ſie an jene alten Götterbilder, deren Anblick ſchon ihre himm⸗ liſche Abſtammung verrieth. Esperance hatte ſeine reichen, glänzenden Locken, die die hohe Stirn umſchatteten, mit einer raſchen, ſtolzen Bewegung zurückgeſchüttelt, und bei dieſer Bewegung erzitterte Gabrielens Herz, wie der Olymp erzitterte, wenn Jupiter das gewaltige Haupt ſchüttelte. Esperance war der erſte, der das Schweigen unter⸗ brach. — Sie hier, Madame? flüſterte er, in einem Ge⸗ fängniß...* — In dem Ihrigen, um meine Pflicht zu erfüllen! ſprach ſie raſch. Wenn ich mich damit begnügt hätte, Jemand zu ſenden, um Sie aus Ihrem Gefängniſſe ab⸗ zuholen, wenn ich nicht ſelbſt gekommen wäre, um Ihnen Aufklärung zu geben, ſo würde man den Fehler, den ich begangen, vielleicht mit gutem Rechte einen anderen Namen geben können.—— Sie haben aber ſchon Ur⸗ ſache genug, mir zu zürnen. — Ich, Madame? — Ich bin alſo ſelbſt gekommen, um meinen Fehler wieder gut zu machen, und ich hoffe, daß Sie mir Ver⸗ zeihung angedeihen laſſen werden. — Aber ich verſtehe durchaus nicht, was Sie damit ſagen wollen? — Es iſt edel von Ihnen, mein Herr, den Unwiſſen⸗ den und Beſcheidenen ſpielen zu wollen, und ich darf ſagen, daß ich Ihrer Schonung nicht ganz unwürdig bin; aber übertreiben Sie nicht, ich bitte Sie, mein Herr, denn ohne böſe Abſicht würden Sie dadurch ein Herz verwunden, das Ihnen— trotz Allem, was Sie glauben mögen,— ein treues Freundesherz geblieben iſt. — Aber ich ſchwöre Ihnen, daß ich weit davon ent⸗ fernt bin, nur das mindeſte Nachtheilige von Ihnen zu glauben!— — Schwören Sie nicht, denn Ihre Augen ſprechen das Gegentheil.— Ach! ich weiß ja, wie freimüthig dieſe Augen Ihre Gedanken ausſprechen.— Sie grollen mir.— Und doch kann ich Ihnen die heilige Verſicherung geben, als ich dem Könige in der Beſtürzung antwortete, wußte ich gar nicht, daß Sie jenes Hötel der Straße de la Ceriſaie bewohnten; ja mehr noch, ich wußte nicht ein⸗ mal, daß Sie nach Paris zurückgekehrt waren. Ich könnte Ihnen vielleicht über jene ſeltſame, plötzliche, geheimnißvolle Abreiſe Vorwürfe machen; das ſind aber Dinge, die nur Sie allein angehen, mein Herr, und ſo ſchweige ich darüber. — Mein Gott, Madamel rief Esperance, wobei ſoll ich Ihnen betheuern, daß ich kein Wort von alledem ver⸗ ſtehe, was Sie die Güte haben mir zu ſagen— Sie laſſen ſich herab, ſich ſelbſt eines Unrechts gegen mich anzuklagen, das mir niemals eingefallen wäre Ihnen vor⸗ zuwerfen. Und wenn wirklich hier von einem Ihrerſeits gegen mich begangenen Unrechte die Rede ſein kann, ſo flehe ich inſtändigſt, es mir zu erklären. — Aber— ſtammelte Gabriele verlegen, denn noch immer glaubte ſie, dieſe Unwiſſenheit ſei Verſtellung, aber ich ſpreche ja von Ihrer Verhaftung. — Was haben Sie mit dieſer zu thun? Der König hat mich aus Gründen verhaften laſſen, die Ihnen ohne Zweifel nicht mehr bekannt ſind, als ich ſte kenne. — Sie irren, mein Herr, ſprach Gabriele erröthend; ich kenne nicht allein dieſe Gründe, ſondern ich bin ſogar deren Veranlaſſung. Sie erzählte nun dem jungen Manne jenes unglück⸗ liche Mißverſtändniß, das den König gegen ihn aufge⸗ bracht und ihn zu dieſer Rache getrieben habe. Sie klagte ſich an, dies Mißverſtändniß, die Quelle ſo großer Unannehmlichkeiten für Esperance, nicht augenblicklich aufgeklärt zu haben. — Aber— ſchloß ſte ihre Erzählung, von dem Augenblicke an, als Ihr Name genannt worden war, als ich erfuhr, daß Sie es geweſen waren, mit dem der König geſprochen, den ſeine Hand ſo ungerecht getroffen hatte— von dieſem Augenblicke an, habe ich mir Nichts mehr, nicht einmal das geringſte Zaudern, vorzuwerfen, und ohne jenes fürchterliche Ereigniß, das Frankreich bei⸗ nahe ſeines beſten Königs beraubt hätte, würden Sie mich ſchon früher hier geſehen haben. — 28— — Selbſt dieſes Ereigniß kenne ich noch nicht, ſprach Esperance; einem Gefangenen bleibt ja Alles unbekannt, was in der Welt vorgeht! Gabriele theilte ihm auch das Mordattentat mit, ſo wie die tumultuariſchen Scenen, die es im Louvre und in der Stadt hervorgerufen hatte. Ueber das Auftauchen eines Prätendenten, eines falſchen Valois, glitt ſie nur mit wenigen Worten hinweg. Das gehöͤrte ja auf das Feld der Politik, und Gabriele ſchien die Unterhaltung lieber auf einen anderen Gegenſtand lenken zu wollen. — Ja, ja! ſprach Esperance, wehmüthig den Kopf . ſchüttelnd, ſo fliegt das Leben dahin, gleichviel ob man ein Gefängniß bewohne oder in fernen Ländern umher⸗ G ſchweife; Nichts iſt beſtändig auf dieſer Welt, und ohne . daß wir es ahnen, ändert die Zeit alles: Glück, Wohl⸗ ſtand, Zuneigung! Er unterdrückte einen Seufzer und fuhr dann gleich⸗ gültig fort: — Nun denn, Madame, danken wir dem Himmel für ſeine Gnade. Der König iſt gerettet, und Sie ſind glücklicher und ſchöner als je. Sie antwortete nicht; der reizende Kopf neigte ſich auf die Bruſt herab; mit dem einen Arme ſtützte ſie ſich auf die Lehne des alten Stuhles, den anderen ließ ſie ſchlaff hinabhängen. — Sie haben da eben Worte geſprochen, lispelte ſie kaum hörbar, die mich ſchmerzlich berühren. — Ich, Madame! — 29— — Ja; ich habe den Sinn derſelben recht wohl ver⸗ ſtanden. Sie ſagten, daß während unſerer Abweſenheit Alles dem Wechſel unterworfen ſei, ſelbſt die Herzen, auf die wir am feſteſten vertrauten. — Habe ich das geſagt? — Es war wenigſtens Ihre Meinung.— Ich hoffe, daß dieſer Vorwurf nicht mir gelten ſollte? — Guter Gott!/— wie käme ich zu der Verwegen⸗ heit, Ihnen auch nur den Schatten eines Vorwurfs zu machen?— Mit welchem Rechte?— Zu welchem Zwecke?— Ich, ein armer, unbedeutender Menſch, Ihnen Vorwürfe machen?— Ich ſchwöre Ihnen, daß mein Herz die tiefſte Verehrung für Sie hegt, und ſeit ich weiß, wie gütig Sie gegen mich geweſen ſind, die innigſte Dankbarkeit! — Mein Herr, erwiederte ſie mit himmliſcher Sanft⸗ muth, die Zeit iſt uns zu karg zugemeſſen, um ſie mit ſpitzfindigen Erörterungen über dieſen Gegenſtand zu ver⸗ geuden; auch bin ich allen Umſchweifen und Winkelzügen abhold, die am Hofe vielleicht nöthig ſein mögen. Sehen Sie die untergehende Sonne, die uns mit ihren letzten Strahlen übergießt; ſie erinnert mich daran, daß mir nur noch eine halbe Stunde übrig bleibt, um hier zu verweilen, und daß ich, wenn dieſe halbe Stunde ver⸗ ſtrichen iſt, vielleicht niemals die Gelegenheit wiederfinden werde, Sie zu überzeugen... — Wovon, Madame? — Von meiner Reue, Ihnen ſo viel Ungemach ver⸗ urſacht zu haben. — 30— — Es iſt vorüber und vergeſſen! rief Esperance; was Sie jetzt um meinetwillen gethan, überſteigt ja die kühnſten Wünſche, ſelbſt eines Fürſten, eines Kaiſers. Ich, ein armer, unbedeutender Fremdling— Ach, Madame! Sie ſehen mich geblendet von Freude und Stolz! Vielleicht hatte der junge Mann in dieſe Worte einen Ausdruck gelegt, der ſie in Erſtaunen ſetzte, denn mit der den Frauen üblichen Zurückhaltung, wenn ſie ſich von ihrem Herzen haben hinreißen laſſen, erwiederte ſie: — Ich war es Herrn von Cirillon ſchuldig, ſelbſt zu Ihnen zu kommen, und Ihnen meine Entſchuldigungen zu machen. Er hat mir meine Unbeſonnenheit hart vorge⸗ worfen. Dieſen Morgen war er ſelbſt hier, um Sie ab⸗ zuholen, allein er fand den Gouverneur nicht, und in dieſem Augenblicke, wo es ihm der Dienſt unmöglich macht, ſich um Sie zu kümmern, wird er mir es Dank wiſſen, mich der Freundſchaft, die er für Sie hegt, er⸗ innert zu haben. Alſo, mein Herr, Sie ſind freiz; die freie, reine Luft dieſer Stadt, des ganzen Landes, gehört Ihnen wieder. Kehren Sie in Ihren kleinen Palaſt zurück, ſeien Sie glücklich— Nun, Sie zaudern?— Sollten Sie ſchon einem jener Gefangenen gleichen, von denen ich öfter erzählen gehört habe, die ihren Kerker liebgewonnen hatten und die Freilaſſung ausſchlugen? Aber der heitere, neckende Ton, den ſie affectirt hatte, äußerte die entgegengeſetzte Wirkung auf Esperance; er runzelte die Stirn. — Ich ſehe, Madame, ſagte er traurig, daß Sie es ——₰. — 31— bereuen, ſo gütig und vertraulich gegen mich geweſen zu ſein. Sie entſchuldigen ſich wegen der Gnade, die Sie mir erzeugen. Und doch war ich weit davon entfernt, damit einen Mißbrauch zu treiben. Ich hörte Ihnen zu— jede Silbe, die von Ihren Lippen floß, war mir eine Entſchädigung für die traurigen Stunden, die ich hier verbracht.— Aber da Sie es befehlen, bin ich bereit dieſen Ort zu verlaſſen. Je ernſter und wehmüthiger Esperance ward, je mehr ſchien Gabriele ihre ſanfte Heiterkeit wieder zu erlangen. Träumeriſch lächelnd, das Antlitz noch dunkler geröthet vom Scheine der untergehenden Sonne, näherte ſie ſich langſam der Balconthüre, trat über die Schwelle, fand die Steinbank, die noch wenige Minuten vorher Esperance zum Sitze gedient hatte, ließ ſich darauf nieder, und lehnte den Kopf, die Hände auf das Eiſengitter ſtützend, an die Mauer zurück. Allmählich aber wechſelte der Ausdruck ihres Geſichts; ſie ward bleich und ihre Augen trübten ſich. Esperance, der ihr Schritt vor Schritt gefolgt war, als ob ſie die Seele und er der Körper wäre, hielt auf der Thürſchwelle an, ließ ſich auf ein Knie nieder und betrachtete Gabriele mit gefalteten Händen — Nicht wahr, Madame, ſprach er nach längerer Pauſe ſchüchtern, Sie denken jetzt, daß man ſogar auch im Kerker glücklich ſein kann? — Ganz recht, das dachte ich ſo eben, antwortete ſie ſanft. — 32— — Und wie kamen Sie auf dieſen Gedanken? — Indem ich dort meinen Kerkerbetrachtete. Und dabei zeigte ſie auf das Louvre hinüber, deſſen ſchwarze Umriſſe ſich auf dem Eiſe des Fluſſes abſpiegelten. — Sie werden dieſen hier verlaſſen, flüſterte ſie, ich werde in jenen dort zurückkehren! — Ein ſchmerzlicher Seufzer entrang ſich Esperance's Bruſt. — Man iſt nicht Königin, ſprach er, ohne nicht auch ein wenig Sklavin zu ſein. — Ich bin nicht Königin, rief ſie bitter, wohl aber Sklavin!— Ja, ja, eine wirkliche Sklavin! — Durch Ihren eigenen Willen, fügte er mit klopfen⸗ dem Herzen hinzu. — Das iſt wahr. — Und ich will glauben, daß Sie es nicht bereuen? — Nein, ſprach ſie, aber ſo leiſe und ſo kurz, daß man es mehr an der Bewegung ihrer Lippen errieth, als hörte. Plötzlich aber ſich gewaltſam emporraffend, fuhr ſie fort: — Sie beſitzen eine köſtliche Wohnung, Herr Esperance. — Hat man es Ihnen erzählt, Madame? — Ich habe ſie zum Theil geſehen. — Sie? rief er erſtaunt. — Ja wohl; habe ich Ihnen nicht ſo eben erklärt, wie ich mich, um den König beſſer überraſchen zu kön⸗ nen, hineingewagt hatte? — 33— — Ich erinnere mich in der That kaum— — Ganz gewiß habe ich Ihnen geſagt, daß ich den König in Ihrem Hauſe überraſchte? — Das heißt, als er von mir fortging. — Das heißt, als er jenes Haus durch das Ihrige verließ, in das er durch die Straße Lesdiguieres getreten war. — Ich habe nicht darnach geforſcht, woher Se. Majeſtät kam. — Keine falſche Delicateſſe. Er ſelbſt hat es ja ge⸗ ſtanden. Er kam aus Zamets Hauſe, in welchem er eine Dame geſehen hatte— — O, Madame! ich bitte, laſſen Sie jene Natter, Eiferſucht genannt, nicht in Ihr edles, liebevolles Herz dringen! — Ich bin nicht eiferſüchtig! rief ſie heftig. — Wenn Sie es nicht ſind, warum wollen Sie den König überraſchen? — Sie haben recht, verſetzte ſie plötzlich kalt. Und ihr unſtäter Blick ſuchte das Arſenal, als wolle ſie dahinter die Bäume von la Ceriſaies entdecken. Wiederum ſchwiegen beide einige Augenblicke. — Kann man Ihr Haus von hieraus ſehen? fragte ſie dann. — Nein, Madame. — Sie werden recht glücklich darin ſein, nicht wahr? Es ſoll ſehr ſchön, ſehr reich und glänzend ſein, ein reizender Aufenthalt! — Man ſagt es. Gabriele. VII. 3 — 374— — Iſt der Garten ſchön? — Schöner wie der des Genovefenſtiftes— Sie wiſſen, dort in Bezons? Esperance erbebte. — Mit ſeinen Lilien, fuhr ſie immer lebhafter fort, die großen Nachtkerzen glichen, mit ſeinen Roſen⸗ und Jasminhecken, die in der Abendſonne dufteten, ſeinen be⸗ rauſchenden Nelkenbeeten und Thymianrabatten, um die in der Mittagſonne die Bienen ſchwärmten— Erinnern Sie ſich noch dieſes ſchönen Gartens? — Ja, Madame! lispelte Esperance mit Wonne⸗ ſchauern. — Ich vergaß der großen Orangenkübel zu erwäh⸗ nen, in der Allee, dicht am Kloſter, mit ihrem himmli⸗ ſchen Blüthenduft. Das war mein Lieblingsſpaziergang. Ich entfinne mich noch, als ich eines Abends unter ihnen geluſtwandelt war, und als ich in mein Zimmer zurück⸗ kehrte, war mein Haar und mein Mieder voll Blüthen, die auf mich herabgefallen waren. Es war an jenem Abend, wo Sie mir den Dienſt leiſteten— Sie waren noch ſehr ſchwach und leidend, und dennoch ſo gütig, ſo zartfühlend gegen mich. Esperance mußte den Kopf hinter das Thürgewände zurücklehnen; er fühlte, daß er todtenbleich geworden ſei und wollte es Gabrielen nicht ſehen laſſen. — Wie glücklich war man damals! fuhr ſie fort. — Sind Sie es jetzt nicht mehr? ſtammelte Espe⸗ rance; Sie haben einen Sohn— man ſagt eben ſo ſchön wie Sie ſelbſt. — Einen kleinen Engel! verſetzte ſie erröthend. — Bedarf es denn noch mehr um glücklich zu ſein? — Das iſt nun ſchon das Drittemal, daß Sie mir dies Wort ſagen, ſprach Gabriele ſanft, ſich zu Espe⸗ rance umwendend, und Sie wiſſen doch, daß Sie mir damit weh thun.. — Ach, Madame, wie ſoll ich denn wiſſen— — Wenn Sie es alſo nicht wiſſen, dann ſagen Sie auch nicht, daß ich glücklich ſei. Wenn ich zu Ihnen von Ihrem Glücke ſprach, ſo geſchah es, weil ich die Gewiß⸗ heit habe, daß es von keiner Wolke mehr getrübt werden wird, weil ich weiß— — Was könnkn Sie von mir wiſſen? Ich beſchwöre Sie! — Daß Sie heiter und ſorglos in der Welt umher⸗ gereiſt ſind, Ihre Freunde vergaßen, die ſich während⸗ dem in Paris Ihrethalben kümmerten. Herr von Crillon hat es öfters in meiner Gegenwart ausgeſprochen. Und als Sie wiederkehrten, fanden Sie das Haus ganz fertig, das Sie ſich hatten bauen laſſen. Jung, reich, unab⸗ hängig, was fehlte Ihnen noch? Die Freiheit bringe ich Ihnen wieder. Und wenn ich ferner noch an Ihrer Thür vorüber komme, werde ich mir ſagen: hier wohnt ein glücklicher Menſch. — Sie ſprechen jetzt, wie ich ſo eben geſprochen habe, entgegnete Esperance, und Ihre Vorausſetzungen werden 3* — 36— einen harten Stoß erleiden, Madame, denn wenn Sie ferner noch an meinem Hauſe vorüber kommen ſollten, würden Sie das nicht ſagen. — Warum nicht? — Nun, zunächſt weil ich es nicht mehr bewohnen werde. — Was ſoll das heißen? — Dieſe Nacht iſt die letzte, die ich darin zubringen werde. — Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr. Wo könnten Sie in ganz Paris eine reizendere Wohnung finden? — Morgen verlaſſe ich Paris. — Welcher Einfall! — Der Aufenthalt iſt mir ein Werträglicher gewor⸗ den. Ja, Madame, der von Ihnen vorzugsweiſe glücklich geprieſene Menſch iſt ein Unglücklicher, der ſich in Paris langweilt— — Sie werden wieder auf Reiſen gehen? — Wahrſcheinlich. — Auf längere Zeit? — Für immer. Gabriele's Haltung verrieth eine wachſende Unruhe und Bewegung. — Hat man denn in Ihrem Alter ſchon ſo ernſte Geſchäfte, fuhr ſie fort, daß ſte das ganze Leben in An⸗ ſpruch nehmen können? — Ich habe gar keine Geſchäfte. — 37— — Ja ſo, ich begreife.— Aber ich bitte um Ver⸗ zeihung; ich bemerke eben jetzt, daß ich Sie förmlich aus⸗ forſche. Indeß— wenn ich neugierig bin, ſo iſt es ein wenig aus Freundſchaft. Wir hatten einſt ein Freund⸗ ſchaftsbündniß geſchloſſen; Sie haben das ohne Zweifel ſchon längſt vergeſſen— — O nein, gewiß nicht! rief Esperance ſchnell. — Um wieder auf Ihre Abreiſe zu kommen; eine Entfernung für ewig kann doch nur ihren Grund in einer Niederlaſſung— einer Verbindung haben, die ebenfalls für immer iſt. — Ich verſtehe Sie nicht. — Nun, ich wollte ſagen— Sie werden ſich ver⸗ heirathen, ſchloß ſie kurz abbrechend. — Keineswegs. — Allerdings kann man ſich, auch ohne zu heirathen, auf immer mit— mit einer Perſon einigen— ſie auf⸗ ſuchen— — Die Perſon, die ich aufſuchen, die ich gern finden möchte, ſprach Esperance traurig, iſt allerdings eine heißgeliebte Perſon: es iſt meine Mutter— aber ſie iſt todt! — O dann, rief Gabriele ſich vergeſſend und Espe⸗ rance's Hand ergreifend, dann dürfen Sie nicht abreiſen; nichts zwingt Sie dazu, und Alles hält Sie zurück! — Wer denn, Madame? Was könnte mich in einer Stadt zurückhalten, wo Alles, was ich ſehe, wo jedes Wort, jede Stimme mir neue Leiden bereitet? Ich habe Ihnen geſagt, daß ich mich hier namenlos unglücklich fühle und vor Schmerz ſterben werde. Warum ſollte ich alſo in Paris bleiben? — Aber Sie waren ja doch hierher zurückgekehrt— hatten ſich geſtern noch in Paris häuslich niedergelaſſen? — Geſtern war es möglich— heute nicht mehr! — Sie haben Freunde hier! — Herrn von Crillon und Pontis, einen Beſchützer und einen Schützling— Beide ſehr vergeßlicher Natur. — Und ſonſt keine? — Die geſtern nicht an mich gedacht haben, die mich morgen wieder vergeſſen haben werden. Gabriele ließ ſchwermüthig den Kopf hängen. — Sie haben recht, ſprach ſie endlich langſam. Man muß lernen die Stützen auf dieſer Welt entbehren. Sie haben mir da eine bittere, aber eine heilſame Lehre gegeben! — Sie können das nicht von ſich ſagen, Madame Sie, die Allvermögende, die Allgefeierte— Sie, die alle Welt anfleht, die keiner Stütze bedarf! — Ach! rief ſie mit ausbrechendem Schmerze, die nicht einen einzigen Freund auf dieſer weiten Welt be⸗ ſitzt!— Nennen Sie mir einen, nur einen!— Ich habe nicht einmal meinen Sohn, denn ſeine Augen ſind noch für mich geſchloſſen, wie ſein Herz. Alle Welt haßt mich— ſelbſt die, die zu meinen Füßen liegen und mir ſchmeicheln! Keiner vertheidigt mich, Keiner kann ſich ſogar überwinden höflich zu lügen, um mir — 39— ein wenig Freundſchaft anzubieten. Auch Sie hatten mir Freundſchaft geſchworen, und nehmen dennoch Ihren Eid zurück! — Ach, Madame, ſprach Esperance mit erſtickter Stimme, es giebt Eide, welche die menſchlichen Kräfte überſteigen, und oft iſt der Menſch ein faſt ohnmächtiges Weſen, um das halten zu können, was er gelobt hat. — Wie? Sie wollen mich alſo wirklich verlaſſen? Sie können mich leiden ſehen, und reichen mir nicht mit⸗ leidig die Hand? — Ich würde dieſen ſchmerzlichen Anblick nicht er⸗ tragen können, und darum muß ich ihm entfliehen. — Wenn alſo einer Ihrer Freunde vom Tode be⸗ drohet würde, ſo würden Sie ſeinen Anblick fürchten, ihn fliehen, ihn elend verlaſſen ſtatt ihm die Freundes⸗ hand zu reichen? Ich hatte gewähnt, ſie beſäßen ein Herz... 4 — Ich habe ein Herz, Madame, das Ihre ungerech⸗ ten Vorwürfe zerreißen! Wozu ſollte ich bleiben? Wo⸗ mit könnte ich Ihnen dienlich ſein? Würde es Ihnen dann Freude gewähren, mich leiden zu ſehen? — Leiden?— Was leiden Sie? — Ich beſchwöre Sie, entreißen Sie mir kein Wort weiter! Sie ſehen, wie ich ringe und kämpfe! — Entdecken Sie mir Ihre Leiden, und Sie ſollen ſehen, ob ich feig oder ſchwach genug ſein werde, mich von Ihnen abzuwenden, Sie zu verlaſſen. 40 — Nun denn, rief Esperance, von ſeiner Leiden⸗ ſchaft hingeriſſen, von Gabriele's großmüthiger Beharr⸗ lichkeit beſiegt, ja, ja, ich werde ſprechen, werde Ihnen Alles ſagen, da Sie mich dazu zwingen; um ſo weniger werden Sie mich dann, wenn Sie mich gehört haben werden, an der Ausführung meines Vorſatzes verhindern, oder mir vorwerfen, wozu Sie mich ſelbſt genöthigt haben. Wenn ich im vorigen Jahre auf befremdliche Weiſe, plötzlich, ohne Abſchied abgereiſ't bin, ſo ge⸗ ſchah es, weil ich Sie am Tage nach der Einnahme von Paris vom König kommen ſah, weil mein Muth und meine Kraft erſchöpft war, weil ich Sie der Lüge und des Verrathes beſchuldigte, weil ich Ihnen fluchte, daß Sie mir Freundſchaft gelobt hatten und nicht Ihre Liebe gaben. Ich weiß, daß mich dieſes Geſtändniß auf ewig von Ihnen trennen wird, aber das Geſchick reißt mich fort, Sie werden das, was ich Ihnen jetzt ſage, nicht wieder von mir hören; es iſt der letzte Schmerzensſchrei meines zum Tode verwundeten Herzens, und mit ihm ſtrömt auch all' mein Lebensblut dahin! Ja, elend und unglücklich reiſte ich ab, aber noch unglücklicher kehrte ich zurück. Hätte ich Sie heiter, glücklich, berauſcht. vom Glanze Ihrer Stellung wiedergefunden— ach! ich hoffte es, ich hatte mein Herz auf den traurigen Troſt vorbereitet, von Ihnen vergeſſen, verachtet zu ſein,— ja, verachtet!— Vergeben Sie mir, wenn ich mich ſo weit vergeſſe.— Statt deſſen aber erſcheinen Sie ſanft, gütig, zärtlich, ich ſehe Sie unglücklich! Mein Herz, meine Seele nimmt an nichts mehr, außer an Ihnen, Theil, ich ſehe, ich kenne nur noch Sie; ich fühle, daß eine wahnſinnige Liebe mich erfaßt, die mich Ihrer Achtung berauben wird, wie ſie mir meine Ruhe geraubt hat.— Sie ſind nicht mehr frei, Sie lieben den König— der Gedanke daran giebt mir doppelt den Tod; und wer weiß, ob nicht mein Tod auch Sie vollends in das Verderben ſtürzt?— Ich bin zu Ende; mein Herz iſt wüſt und leer, bis die Verzweiflung in daſſelbe einziehen wird. O zürnen Sie mir nicht, beklagen Sie mich; daß ich mein Auge nicht vor Ihrer himmliſchen Schön⸗ heit zu ſchließen vermochte, iſt ja mein ganzes Verbrechen, — mein Unglück! Laſſen Sie mich meinen Wahnſinn in irgend einem Winkel dieſer Erde begraben, wo Sie meine Thränen, meine Seufzer nicht mehr hören können, nicht mehr erfahren ſollen, wie namenslos ich Sie liebe!... Gabriele ſprach Nichts, kein Laut entſchlüpfte ihren Lippen; bleich, mit geſchloſſenen Augen ſaß ſie da, das Haupt an die Mauer zurückgelehnt. Man hätte ſagen mögen, der Sturm der Leidenſchaft habe ſie geknickt, ſie athme nicht mehr, ſie lebe nicht mehr. Esperance verhüllte ſein Geſicht, er ſchämte ſich ſeiner eigenen Schwäche; er ſah nicht, wie das junge Weib nach und nach wieder zu ſich kam, wie Gabriele mit der kalten Hand über ihre Stirne fuhr, wie ihr Blick ihn aufſuchte. — Sie liebten mich alſo in Bezons? lispelte fie kaum hörbar. — 22— — Jal erwiederte er eben ſo leiſe. Gabriele erhob die Augen gen Himmel und ſeußzte. Sagte ſie ſich wohl, daß ſie von den zwei Wegen, die damals offen vor ihr lagen, den übelſten gewählt habe? daß ſie das wahre Glück auf dem anderen, ach! nun für immer geſchloſſenen, gefunden haben würde? Ja, ja, ſie ſagte es ſich; aber ihre Seele war zu rein und edel, um mit der Wahrheit zu feilſchen. — Ich hatte mich dem Könige gelobt, ſprach ſie leiſe, als antworte ſie der Stimme ihres eigenen Gewiſſens. — O mein Gott! rief Esperance; wollen Sie mir damit ſagen, daß Sie mich ohne das geliebt haben würden? — Mehr noch, ich ſage Ihnen, daß ich Sie zärt⸗ lich liebe. — Nein, nein, es iſt nicht, es kann nicht ſein! Es iſt nur Freundſchaft, was Sie für mich empfinden! — Ich weiß nicht, ob es Freundſchaft oder Liebe iſt, ſprach ſie ruhig, und ein Schein, wie eine Verklä⸗ rung, flog über ihr Antlitz; ich kenne den Unterſchied nicht, und ich forſche auch nicht darnach. Ich wußte ja ſelbſt nicht, daß ich Sie liebte Ich ward mir deſſen erſt bewußt, als Sie mir ſagten, daß Sie abreiſen würden um niemals wiederzukehren.— Gehen Sie nicht, fügte ſie ſanft bittend hinzu. — Sie haben mich verſtanden, und dennoch ſprechen Sie ſo zu mir? — 43— — Und warum nicht? Ob Sie mich tauſend Meilen entfernt oder hier lieben, was liegt daran? Sie lieben ja meine Seele, da meine Perſon Ihnen nicht angehören kann. Ach! Nichts wird Sie daran hindern, meine Seele zu lieben! Und was die Leiden betrifft, vor denen Sie ſich fürchten, denen Sie entfliehen wollen, werden ſie Ihnen nicht überall hin folgen? Wird nicht hier vielmehr mein Lächeln, meine Stimme, der leiſe Druck meiner Hand ſie mildern? Wenn Sie die Ueberzeugung haben werden, daß Sie mein theuerſter, mein einziger Freund ſind, daß mein Herz, all mein Denken nur Ihnen gehört, daß Sie allein mein trauriges Daſein verſchönen, wenn Sie mir das Ihrige ganz weihen, mir beiſtehen, mir rathen, mich vertheidigen, wird das nicht hinreichen, um Ihre Leiden zu lindern, Ihnen Freuden zu bereiten? O, verlaſſen Sie mich nicht, mein geliebter Freund! Ich ſtehe einſam und auf meiner traurigen Höhe; ich habe keinen Vater mehr; der meinige verleugnet mich, er liebt, er kennt mich nicht allein mehr, ja er verachtet mich ſogar, da er meinen Schutz benutzt, um ſich zu hohen Stellen aufzuſchwingen. Ich habe den König, werden Sie mir vielleicht ſagen. Nun denn, er hintergeht mich, Sie wiſſen das beſſer, wie irgend Jemand, und ohne mein Kind, dem ich mich ſchuldig bin, ohne den Mordanfall, war ich bereits im Begriff, mich für immer von ihm zu trennen, mich in eine ewige Ein⸗ ſamkeit zu vergraben. Und nun werfen Sie einen Blick auf Alles, was mich umgiebt: Ehrgeizige, denen ich im Wege ſtehe, oder die mir ſchmeicheln, um ſich meiner zur — 4— Erreichung ihrer niedrigen Zwecke, zu bedienen; Frauen, die mir meine Stellung beneiden, angebliche Freunde des Königs, vie ihm rathen, mich zu verlaſſen; hier Heuchelei und Verrath, dort liſtige Fallſtricke, und im Hintergrunde von alledem Gift oder Mörderdolch, um ſich meiner zu entledigen. Das iſt der Glanz, das Glück, um deſſen⸗ willen mich Tauſende beneiden, von dem mich der Tod bald befreien wird.—— Meinen Sie nicht, daß ich eines Freundes bedarf, der mein Herz aufrecht erhält, der mich verhindert, in meinem Alter ſchon zu verzweifeln? Ich habe vom erſten Tage an in Ihrer Seele geleſen, und auch Sie glaubten, die meinige zu verſtehen; Sie haben ſich nicht getäuſcht; ich bin zärtlich, ich bin ſtolz, ich fühle die Kraft in mir, Sie zu lieben. Sind Sie nicht eben ſo, und werden wir nicht dem Himmel das Schauſpiel zweier ſo innig vereinten, ſo edel ergebenen Herzen geben, daß er Erbarmen mit uns haben und un⸗ ſerer heiligen Freundſchaft ſein Lächeln nicht verſagen wird? Ach! ſeit geſtern iſt dieſer Gedanke in meinem Herzen erwacht, zur Rieſengröße angewachſen, er hat mich ge⸗ läutert wie ein göttliches Feuer, das mich verzehrt!— Ein unausſprechliches Entzücken hat ſich meiner bemäch⸗ tigt— o, wenn Sie wüßten, wie ich Sie lieben werde!— Sie werden den Strahl dieſer Liebe fühlen, der Sie über⸗ all aufſuchen, wie eine belebende Sonne zu Ihnen dringen wird. Bedenken Sie, daß mein Herz überſtrömt, daß ich erſt zwanzig Jahre zähle, daß ich jung ſterben werde. Lieben Sie mich! kommen Sie mir zu Hülfe— laſſen Sie mich nicht allein in dieſer Welt voll Arg und Trug, Sie, deſſen Seele, das fühle ich, für die meinige ge⸗ ſchaffen worden iſt! — Gabriele! rief Esperance, von Schmerz und Wonne überwältigt, Sie verlangen mein ganzes Leben von mir! — Ihr ganzes! — Wohlan denn, Sie ſollen es haben! So mußten Sie zu mir ſprechen, um ganz verſtanden zu werden. Ich weihe mich Ihnen ganz und für ewig; meinen Geiſt, meinen Körper, meine Seele, nehmen Sie ſie hin!— Aber ich ſelbſt beſtimme den Preis! — Sprechen Sie. 3 — Sie werden mit mir ſprechen, ſo oft Sie können; Sie werden mir zulächeln, wenn Sie nicht mit mir ſprechen können, Sie werden mich lieben, auch wenn Sie mich nicht ſprechen und ſehen können! — Ach! flüſterte Gabriele mit Thränen in den Augen, wie gnädig iſt Gott, daß er Sie für mich ge⸗ ſchaffen hat! Schwere Tritte weckten die Liebenden aus ihrem ſtum⸗ men Entzücken. Der Schließer, der vielleicht eingeſchlafen war, hatte ſich von der Schwelle aufgerichtet und ſchritt im Gemache umher; er war bemüht, das Kaminfeuer wieder anzufachen. 3 — Wir hatten den Mann vergeſſen! rief Esperance leiſe. — 46— — Auf denn, ſprach Gabriele freudeſtrahlend, dort winkt Ihnen die Freiheit! Zündet eine Fackel an, guter Mann, und leuchtet uns die Treppe hinab. Der Schließer beeilte ſich zu gehorchen. An der Thüre gab ihm Esperance noch den Reſt der Piſtolen, die er in der Taſche hatte. G Alle drei ſtiegen hinab; der Schließer mit der Fackel voran, dann Gabriele, und hinter ihr Esperance; aber oft blieb ſie ſtehen, um dem Geliebten zuzulächeln, und dieſe beiden, vom Scheine der Fackel, wie vom Strahle ihrer eigenen Herzen beleuchteten ſchönen Geſichter ge⸗ währten einen Anblick, über den ſich ſelbſt die Engel im Himmel hätten freuen müſſen.. Am Thore des Chätelet erwartete ſie der Gouver⸗ neur und bot Gabrielen ehrerbietig die Hand, um ſie nach ihrer Sänfte zu geleiten; bevor ſie einſtieg, warf ſie den armen Leuten, die ſich verſammelt hatten, um die glänzende Equipage zu bewundern, ihre goldgefüllte Börſe zu. — Heute iſt ein Freudentag! rief ſie freundlich lächelnd. Als ſie eingeſtiegen war und ihre Reiterescorte an⸗ fing, ſich in Bewegung zu ſetzen, reichte ſie Espe⸗ rance noch einmal die brennende Hand aus der Sänfte und zog ihn ſo nahe heran, daß ihr Athem ſeine Stirn fächelte. — Meiner Befreierin Dank! rief er laut, ſich ehr⸗ furchtsvoll auf dieſe ſchöne Hand herabbeugend. 4— — 27— — Meinem Freunde Dankl erwiederte ſie leiſe. Und indem auch ſie ſich tief verneigte, berührten Ihre Lippen Esperance's Hand. Die Sänfte war ſchon weit entfernt, als der junge Mann noch unbeweglich daſtand und ſeine Sinne zu ſam⸗ meln bemüht war. 3. Jagdrecht. Als Esperance in ſeine Wohnung in der Straße de la Ceriſaie heimkehrte, glaubte er ſeine Leute durch ſeine unvermuthete Ankunft zu überraſchen, und war ſelbſt der Ueberraſchte, denn man hatte ihn bereits erwartet. Schon zwei Stunden vorher war dem Haushofmeiſter eine Weiſung von unbekannter Hand zugegangen, die ſowohl ſeine als ſämmtlicher Dienſtleute lebhafte Beſorgniß— denn alle liebten ſchon ihren jungen Gebieter— in die lauteſte Freude verwandelte. In wenigen Augenblicken waren alle Anſtalten getroffen, als ob der Herr nur wie gewöhnlich ausgegangen ſei und zur Abendmahlzeit heimkehre. Er errieth an jener Weiſung die zärtliche Für⸗ ſorge ſeiner Befreierin, die ihn nicht der Unannehmlich⸗ keit ausſetzen wollte, ſein ganzes Haus bei ſeiner Rück⸗ kehr in Unordnung und Verwirrung zu finden; ja, ſie war es, die ihm ſo eben erſt verſprochen hatte, jeden Augenblick über ihn zu wachen, und die ihr Verſprechen bereitse rfüllt hatte, noch bevor ſie es geleiſtet. Er dankte ſeinen Leuten heiter für ihre Theilnahme und ihren Eifer, ließ ſich willig von ihnen pflegen und 9. 8 hätſcheln und ließ ſich dann behaglich an der wohlbe⸗ ſetzten Tafel nieder, deren Herrlichkeiten er aber nur mit den Augen verſchlingen konnte, denn bei jedem Biſſen, den er verſuchte, ſchienen die ſtürmiſchen Schläge ſeines freudeerfüllten Herzens den Aufforderungen ſeines Magens Hohn zu ſprechen. Wonnevolle Tantalusqual, die nur die verliebte Jugend kennt, vor Hunger und vor Glück⸗ ſeligkeit zugleich verſchmachten zu wollen! Welcher Mann erinnert ſich nicht mit Freuden jener Zeit, wo er mitten beim heiterſten Feſtmahle den Teller oder das Glas zuruckſchob, wenn er an demenon der abweſenden Geliebten erhaltenen oder verſprochenen Kuß dachte? Wem eine Stunde vor oder nach einem Ren⸗ dezvous nicht das Herz auf die Lippen tritt, der kann wohl ein guter Tiſchgenoſſe, nicht aber ein glücklich Liebender ſein. Esperance beeilte ſich die Tafel aufzuheben und ſich in ſein Zimmer zurückzuziehen, um zu ſchlafen, wie er“ ſagte, in der That aber, um ſich ohne Zeugen und un⸗ geſtört ſeinen wachen Träumen hinzugeben. Sein friſches, treues Gedächtniß, wie es eben nur im zwanzigſten Jahre iſt, ließ ihm die ganze himmliſche Gefängnißſcene Wort für Wort, Bewegung für Bewegung, Blick für Blick noch einmal durchleben, durchſchwelgen. Das Lächeln, der Ton, womit ſie zu ihm ſprach: Ja, ich liebe Sie! — und: O, wenn Sie wüßten, wie ich Sie lieben werde!— Alles ſchwebte ihm lebhaft vor Augen und Ohren; Entzücken erfaßte ihn, wenn er ſich ihres Blickes Gabriele. VII. 4 — 50— voll unendlicher Liebe, ihres Händedruckes auf der Treppe erinnerte— aber Wonneſchauer durchrieſelte ihn, wenn er jenes Momentes gedachte, wo ihre brennende Lippe ſeine Hand berührte! Tauſendmal verſuchte er dieſen Kuß mit ſeinen eigenen Lippen von ſeiner Hand wieder wegzuſaugen! Wie ſo ganz anders lag jetzt das Leben vor ihm! wie ſchnell und leicht ſollte es ihm dahin fließen, in einer endloſen Kette ſüßer Hoffnungen, ſüßer Erinnerungen! Wie ſollte jeder Tag neue Schätze zu dem früheren ſam⸗ meln! Welche unerſchöpfliche Quelle des Genuſſes ent⸗ ſtrömte nur dem einen Gedanken, daß er ſelbſt von Gabriele zum Geliebten ihres Herzens erkoren worden ſei, daß Nichts fortan mehr den poetiſchen und keuſchen Verkehr ihrer für immer verbundenen Seelen unter⸗ brechen könne, ſelbſt nicht die Entfernung, ſelbſt nicht die Hinderniſſe, die Macht und Gewalt ihm in den Weg ſtellen konnte. Ein ſanfter, erquickender Schlummer ſpann dieſe himmliſchen Träume bis zum nächſten Morgen fort, wo Esperance ſich beim Erwachen ſeines unermeßlichen Glückes erſt vollkommen klar bewußt ward; es war ihm jetzt plötzlich, als beginne er nun erſt zu leben, und bis dahin ſei ſein Leben nur ein ſeelenloſes Vegetiren geweſen. Eine freudige Ueberraſchung erwartete ihn noch, als er aus ſeinem Schlafzimmer trat. Pontis ſtand vor ihm und umarmte ihn mit aller Wärme eines treu⸗ ergebenen Herzens. Dann erſchien auch Crillon, der ſeine Freilaſſung durch Gabriele erfahren hatte und, eben erſt von ſeiner Expedition zurückgekehrt, zu ihm geeilt war, um ihn in ſeine väterlichen Arme zu ſchließen. Nie war ein fröhlicherer Kreis um den Herd eines einfachen Sterblichen verſammelt. Esperance ſtrahlte vor Glückſeligkeit. Pontis machte den Ritter auf ſein gutes Ausſehen und ſeine unerſchöpfliche Beredtſamkeit aufmerk⸗ ſam; er fand Gabriele's Benehmen erhaben, anbetungs⸗ würdig. Crillon behauptete dagegen, ſie habe nur ihre Pflicht gethan. Esperance lächelte und ſtimmte allen Beiden kopfnickend bei. Das Geſpräch ward immer lebhafter, aber nicht mehr von Gabriele war die Rede,— denn Esperance wußte ihm jedesmal, wo man es auf ſie lenken wollte, geſchickt eine andere Wendung zu geben,— ſondern von dem falſchen Valois, von der verſchmitzten Herzogin und von alle der Plage, die dieſe neue politiſche Complica⸗ tion dem König wieder über den Hals ziehen würde. Nachdem Esperance und Pontis ihrer Wuth über jenen nichtswürdigen Laramée hinlänglich Luft gemacht, ihr Staunen über die unerſchöpfliche Widerſtandskraft der Herzogin, die immer beſiegt, ſich immer wieder von Neuem erhob, ausgeſprochen, fragte Esperance endlich den Ritter, wie es nur möglich ſei, daß der König ſich um eines ſo erbärmlichen Schuftes willen nur einen Augenblick Sorgen mache. Konnte ein Löwe ſich einer Fliege wegen kümmern? 4* — — 32— — Und doch beſchäftigt es den König ſehr nſtlich, erwiederte Crillon. — Den König, der ein ſo kluger Kopf iſt! — Ach was! Kopf hin, Kopf her! Der Kopf iſt eben das Uebelſte dabei! — Wenn mir mein Oberſt erlauben wollte zu ſprechen, ſagte Pontis etwas zaghaft. — Sprich, mein Jüngelchen, aber ſprich vernünftig! — Nun denn, Monſeigneur, man munkelt ſo aller⸗ hand, daß der König am Kopfe verwundet worden ſei, und daß in Folge deſſen ſein Gehirn etwas gelitten habe. — Das iſt nun wohl ein wenig übertrieben, Du Einfaltspinſel! verſetzte Crillon mürriſch; indeß, ſo viel iſt gewiß, daß der König nicht mehr ſo recht Schwarz von Weiß zu unterſcheiden vermag und zuweilen wunderliche Einfälle hat. Solltet Ihr wohl glauben, daß wir uns geſtern beinahe über jene Vettel, jene Entragues, gezankt hätten? — Wirklich? ſprach Esperance erröthend. — Ja, ja. Der König behauptete, dies Mädchen ſei wirklich aus Liebe zu ihm auf dem Balcon in Ohn⸗ macht gefallen, und ich verleumde ſie nur, wenn ich das Gegentheil behauptete. — Sie behaupteten alſo das Gegentheil? fragte Es⸗ perance. — Das will ich meinen!— Wenn es mir über⸗ laſſen würde, ſagte ich dem König, ſie wieder zu ſich zu 4 5* bringen, ſo bedürfte es nur eines einzigen Wortes, nur eines einzigen Namens dazu. — Ich hoffe, Herr Ritter, Sie haben weiter Nichts geſagt, denn Sie wiſſen, daß mein Zartgefühl als Mann von Ehre dabei betheiligt iſt. — Verſteht ſich, verſteht ſich; nicht eine Silbe wei⸗ ter iſt über meine Lippen gekommen. Aber der König runzelte die Stirn, rieb ſich ſeine kranke Lippe mit Bal⸗ ſam und brummte: So oft ein armer Fürſt geliebt wird, beeifert ſich doch Jedermann ihm einzureden, er ſei ein— — Was? unterbrach ihn Esperance. — Er ſei betrogen, wollte der Herr Obriſt ſagen, ſetzte Pontis ſchnell hinzu. Schade iſt es aber, daß unſer guter König nicht weiß, was dieſer Laramée Mademoiſelle d'Entragues iſt, und eben ſo umgekehrt. Denn ſo wie unſer Sire nun einmal iſt, wird der Handel mit ihr doch früher oder ſpäter ins Reine kommen. Man weiß ja, wie verſeſſen er auf dergleichen Geſchichten iſt. Der Herr Graf von Auvergne thut ſein Beſtes dabei, die ganze Familie läßt ebenfalls Nichts fehlen, und— meiner Treu! mir thut die arme Marquiſe von Monceaur leid. — Pah! ein Keil treibt den andern, warf Cril⸗ lon hin. — Ich bitte Sie, Herr Ritter, eine beſſere Meinung von der achtungswertheſten und liebenswürdigſten Dame des ganzen Hofes zu hegen! Wie kann man ſie und eine Henriette d'Entragues neben einander ſtellen? — Das ſagen Sie nur ſo, weil ſie Sie aus dem Gefängniß abgeholt hat. Aber, Sie unglücklicher Dank⸗ barkeitsengel! wenn ſie Sie nicht erſt hineingebracht, hätte ſie nicht nöthig gehabt Sie wieder herauszuziehen — das iſt doch klar! — Und dennoch wage ich zu behaupten, daß zwiſchen der Marquiſe von Monceaux und Mademoiſelle d'Entra⸗ gues ein Unterſchied iſt, wie zwiſchen einem Engel und einer Furie. An dem Tage, wo Henriette zur Herrſchaft über den König gelangt, beklage ich Frankreich! — Und uns insbeſondere! rief Pontis. Denn wir ſtehen dort verdammt übel angeſchrieben, während die gute Marquiſe uns augenſcheinlich beſchützt. Nicht wahr Esperance? — Noch ein Wort über dieſen Laramée, ſprach der junge Mann einlenkend. Hat er Anhänger? Findet ſeine Fabel Glauben? — Leider! Alle Liguiſten, alle Spanier, viele Prie⸗ ſter oder Mönche, und vor allen die Jeſuiten werden ihn nach Kräften unterſtützen. — Das iſt freilich eine mächtige Parthei, murmelte Esperance. Aber ſie muß bekämpft werden! — Apropos von Kämpfen! rief plötzlich Crillon. Sie wiſſen noch nicht, daß der König dieſen Morgen beim Erwachen Ihrer gedacht und von Ihnen geſprochen hat. — Ein wenig auf Einflüſterung der guten Marquiſe vielleicht, ſagte Pontis ſchelmiſch, denn ſie wird große Eile gehabt haben, aller Welt zu erzählen, was alle Welt bereits weiß: ihren Beſuch im kleinen Chätelet? — Ganz recht, mein Jüngelchen, lachte Crillon. — Und was hat der König geſagt? — Je nun, Anfangs ſchien er freilich ein wenig uͤberraſcht, daß Ihnen die Ehre einer ſolchen Vermittlerin zu Theil geworden war, verſetzte der Ritter, ohne Espe⸗ rance's abermaliges Erröthen zu bemerken; dann aber hat er ſich eines Beſſeren beſonnen, und geſagt, daß lange noch nicht genug geſchehen ſei, um Ihnen den üblen Nachgeſchmack der Kerkerluft zu vertreiben. — Nicht genug? — Ach ja, der gute König hat auch ſeine großmüthi⸗ gen Tage. Gewiß, ſagte er, muß ſich der junge Mann durch den Schutz der Frau Marquiſe geſchmeichelt füh⸗ len. Das erſetzt ihm aber nicht die Zeit, die er im Ge⸗ fängniß zugebracht, noch die häßliche Farbe, die ihm dieſe unverdiente Ungnade hinterlaſſen hat. — Unverdient, hat er geſagt? rief Pontis. Das war ſchön von ihm! — Harnibieu! ſagte ich zum König, ſo kommt es, daß der beſte Fürſt von der Welt immer ein wenig Un⸗ heil anſtiftet, ohne es ſelbſt zu wiſſen!— Man muß es ihm verzeihen, antwortete Se. Majeſtät, denn wenn er es weiß, bemüht er ſich auch, es wieder gut zu machen. Ich hatte mich in dem jungen Mann geirrt, und bin ihm eine Genugthuung dafür ſchuldig. — Schön, prächtig! rief der junge Gardiſt. — In der That, das iſt edel, ſagte Esperance. — Nur gerecht, ſchloß der Ritter. — Bei alledem ſehe ich aber noch nicht, fuhr Es⸗ perance fort, wie Ihnen dies bei Erwähnung eines be⸗ vorſtehenden Kampfes einfallen konnte. — Hören Sie nur: Se. Majeſtät könnte wohl auf den Gedanken kommen, Ihnen eine Compagnie in irgend einem Regimente anzubieten. Es liegt ihm ſehr viel an der Bildung guter Offiziere, unſerm großen Monarchen, und wenn er welche findet, die jung, ſchön, tapfer und reich ſind, ſo kapert er ſie weg. Alſo, laſſen Sie es ſich geſagt ſein. — Mich kann das nicht blenden. — Oho! ſagen Sie das nicht; er weiß ſeine Leute zu faſſen, wenn er ſeine Zunge gewetzt hat. Ich erinnere mich nur zu wohl, wie er uns, ſeine Freunde, durch ein einziges, auf gewiſſe Weiſe geſprochenes Wort wohl hundertmal zu den tollſten Streichen anhetzte. Genug, wenn er Ihnen eine Compagnie anbietet, ſo ſind Sie gefangen. — Noch nicht, ſprach Esperance lächelnd; übrigens iſt er auch noch nicht da, um ſie mir anzubieten— — Ganz richtig, junger Menſch, verſetzte Crillon plötzlich ernſt; er iſt noch nicht da, und wird auch nicht zu Ihnen kommen. Aber Sie werden bald im Louvre ein, fuhr er dann wieder freundlicher fort, und dann gebe ich Ihnen auf, ihm zu widerſtehen. Ja, ja, Sie werden ins Louvre kommen. Se. Majeſtät hat mir be⸗ fohlen, Sie ſo bald als möglich zu ihm zu führen, und das ſoll heute noch, dieſen Vormittag noch geſchehen, wenn's Ihnen beliebt. — So werde ich gehen, antwortete Esperance mit freudigem Herzklopfen, daß die Gelegenheit, Gabriele wiederzuſehen, ſich ihm ſo ſchnell darbot. — Welche Ausſicht! rief Pontis; wenn man ihm vielleicht gar eine Offtzierſtelle in der Garde anböte und ich künftig unter ſeinem Commando ſtände! Welchen leichten Dienſt würde ich da haben, was für ſchöne Ur⸗ laube— und die Schmauſereien erſt! Welch ein Glück! Da könnte man ſich doch endlich einmal gute Tage machen! 8 — Na, na, brummte Ciillon, will der Faulpelz wohl ſein Maul halten! So weit ſind wir noch lange nicht. Wenn Esperance in die Garde eintritt, ſo wird er zu⸗ nächſt unter meinem Commando ſtehen, und ich werde ihm vor allen Dingen ſtreng anempfehlen, einen ſolchen Schlingel, wie Du biſt, nicht zu verwöhnen. Der Krebs⸗ ſchaden hat ohnedies weit genug bei Dir um ſich ge⸗ freſſen. — Und unſern kleinen ſchönen Palaſt! rief Pontis wieder, ohne das Schelten ſeines Obriſten zu beachten, den müßten wir ja dann verlaſſen? Und unſere Küche, unſern Keller, und alle dieſe Herrlichkeiten des Lebens— Sambiourx! Keine Schwachheiten, Esperance; gieb nicht Dein Glück auf, um der blinden Ehre nachzulaufen! Und wenn Du mein Offtzier wirſt, dann ſchickte es ſich ja auch nicht mehr für mich, in Deiner Kutſche zu fahren! Dann würdeſt Du mich vielleicht in Arreſt ſchicken, wenn ich mir noch ferner erlaubte, Dich Du zu nennen!— Nein, nein, Esperance, keine Schwachheiten! — Befürchte nichts, erwiederte dieſer lächelnd. Ich werde mich wie vor dem Feuer vor dieſen Verſuchungen der Eitelkeit hüten. Die Ehre! ei ja doch, das iſt nur Heu für glückliche Leute! — Wahrhaftes Heu, foenum, wie wir Lateiner zu ſagen pflegen, ſchloß Pontis pathetiſch. — Ihr ſeid mir zwei ächte Philoſophen! rief der Ritter lachend. — Nur uneigennützig, Monſeigneur, nur uneigen⸗ nützig, wie weiland Ariſtides und Curius, verſetzte der Gascogner. — Maulaffen, Ihr! wenn Ihr einſt Eure Haare verlieren, oder keine mehr zu verlieren haben werdet, und eben ſo die Zähne, wenn keine hübſche Frau mehr nöthig haben wird, vor Euren unverſchämten jungen Geſichtern die Augen züchtig niederzuſchlagen, dann werdet Ihr wohl ſehen, ob die Ehre foenum iſt, wie der Schlingel da ſagt! Was ſollte man denn anfangen auf dieſer Welt, ohne Haare, ohne Zähne, ohne rothe Wangen, ohne hübſche Weiber, wenn man nicht noch den goldenen Schein und das Schellengebimmel des Ruhms hätte?— Uebrigens. ſehe ich gar nicht ein, warum dieſer einfältige Pontis immer für zwei ſpricht!— Du biſt ein Lump, Jüngelchen, ein ſchäbiger Lump; Du haſt keine andere Ausſicht, als — 59— ein Freibett auf einem ehrlichen Schlachtfelde, eines jener Betten, von dem man nicht wieder aufſteht, Du müßteſt denn das Haferſtroh Deines alten verfallenen Caſtells wieder aufſuchen. Esperance dagegen iſt reich, iſt ange⸗ ſehen; er beſitzt alles, was Du haſt und nicht haſt. Alſo ſprich Du nur für Dich ſelbſt, Gelbſchnabel! — Nicht doch, Herr Ritter, rief Esperance heiter, Pontis beſitzt im Gegentheil alles, was ich beſitze; was mein iſt, iſt auch ſein. — Ganz recht, ſagte der Gardiſt mit drolligem Ernſt. — Ei ſo geht mir doch! werden Sie auch die reiche Erbin mit ihm theilen, die ſich früher oder ſpäter einmal glücklich ſchätzen wird, Madame Esperance zu heißen? — Spät, ſehr ſpät! rief Esperance ſo herzlich lachend, daß nicht nur Pontis, ſondern endlich ſogar der Ritter mit einſtimmte. — Ich weiß nicht, ſprach er, als das Gelächter ſich beſchwichtigt hatte, ich weiß nicht, was heute mit unſerem Meiſter Esperance vorgeht, aber ſo habe ich ihn noch nicht geſehen, ſeine Augen ſprühen Feuer und Flammen. — Das iſt die Zufriedenheit, mein Herr. — Harnibieu! Etwa, daß Sie im Gefängniß ge⸗ weſen ſind? Dann ſind Sie nicht ſchwer zu befriedigen. Wenn das Gefängniß Ihnen ſo wohl bekommt, ſo könn⸗ ten wir ja den König bitten, Ihnen von Zeit zu Zeit dies Vergnügen zu verſchaffen, um Ihre gute Laune zu erwecken. Kommen mir da aus Italien zurück, ganz bleich, abgehärmt, traurig, ſeufzen und ſtöhnen, daß es — 60— einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen, ſprechen von nichts als von Tod und Sterben;— man ſteckt Sie ins Gefängniß wie einen Vagabunden; ich denke, Sie werden wenigſtens vor Kummer darin ſterben, da Sie ſchon ſo ſchöne Anlagen dazu zeigten,— meine ganze Nacht verbringe ich ſchlaflos aus Sorge um Sie— und ſiehe da: luſtig und munter wie ein junges Mai⸗ kätzchen! Esperance lachte nur um ſo herzlicher, und Pon⸗ tis that desgleichen, ohne eigentlich zu wiſſen weshalb. — Verrücktes Volk, die heutige, junge Welt! brummte der Ritter fort; läßt die Ohren hängen, wenn es luſtig ſein ſollte, und lacht wie toll, wenn einmal der Ernſt des Lebens an die Thüre klopft.— Vorwärts, Mordieu nach dem Louvre; ſehen wir uns einmal die geſpaltene Lippe des Königs und ſeinen grauen Schnurrbart an. Das wird Ihre Gedanken vor allen Dingen auf den Schuft von Laramée lenken, den man wohl eines ſchönen Tages viertheilen wird,— wenn er Sie nicht vorher verſchlingt,— und auf dieſe kleine Schlange, den Cha⸗ tel, den man eben im Begriff ſteht ganz langſam zu ſchinden, um ihm ein wenig die Wahrheit zu entlocken. Sie werden an Ihre gute Freundin, die Entragues den⸗ ken, die Ihnen ſo wohl will, und an die ehrenwerthe Frau Marie Touchet mit ihrem kleinen Meſſerchen,— lauter angenehme und erheiternde Dinge,— und wenn Sie dann noch dem König ins Geſicht lachen, nun ſo haben wir ja noch das Chäͤtelet mit ſeinem wackern — 61— Gouverneur da, um die Doſis zu wiederholen, da ſie Ihnen ſo trefflich bekommen iſt.— Apropos! dieſer Gou⸗ verneur heißt du Jardin, und iſt der Vater jenes armen 3 jungen Pagen, jenes Urbain, Sie wiſſen ſchon, wen ich damit meine, Esperance.— Nun, finden das die jungen Herren etwa auch ſo luſtig? Zu Crillons großer Befriedigung wurden die beiden jungen Leute plötzlich wieder ernſt und man brach nach dem Louvre auf, wo Pontis ſich überzeugte, daß die Gleichheit nur ein eitler Wahn auf dieſer Welt ſei, denn der Ritter ging mit ſeinem Freunde in die königlichen Zimmer, während er im Vorſaale der Garden bleiben mußte. Esperance hatte alle Urſache mit ſeiner Aufnahme beim König zufrieden zu ſein. Heinrich war die Huld und Freundlichkeit ſelbſt, erſparte ihm aber die Verlegen⸗ heit einer öffentlichen Genugthuung. Er zog ihn auf die Seite und ſprach mit ſeinem liebenswürdigſten Lächeln: — Die Geſchichte iſt unter uns vorgefallen, und ſoll auch unter uns bleiben. Man weiß nicht, daß Sie von Heinrich, dieſem Tyrannen, in Ketten gelegt worden ſind, und wir müſſen auch der Welt Nichts davon ſagen. Man müßte ihr ſonſt auch ſagen, dieſer neugierigen, ſchwazhaften Welt, daß der König ſich wie ein Schüler, und der Schüler wie ein König benommen habe. Mein Königthum ſteht aber zur Zeit noch nicht ſicher genug auf ſeinen Füßen, und wenn wir dergleichen unter die Leute brächten, könnte es ihm leicht nachtheilig werden. 2—„ — 62— Alſo, bleiben wir gute Freunde, junger Mann. Ich be⸗ durfte Ihrer, und Sie würden mir einen großen Dienſt haben leiſten können, ohne dieſen sbiritus familiaris der Weiber, der den Männern ſo gern einen ſchlimmen Streich ſpielt. Ich nehme indeſſen Ihren guten Willen für die That. Bitten Sie ſich von mir aus, was Sie wollen, und wenn es in meiner Macht ſteht, ſoll es Ihnen ge⸗ währt ſein. Nun— wendete er ſich zu Crillon, biſt Du jetzt zufrieden geſtellt, alter Brummbär? — Iſt es Esperance? fragte der Ritter. — Ich bin beſchämt und gedemüthigt durch die Gnade des Königs, ſprach Esperance, das Knie beugend. — Nun, verkangen Sie, mein ſchöner Vertrauter, fuhr der König fort; wenn es nur kein Geld iſt! — Oho Sire! rief Crillon; er könnte Ihnen allen⸗ falls welches leihen, wenn Sie in Verlegenheit kommen ſollten. — Alle Tauſend! ich würde mich wohl hüten, es abzulehnen; der Fall kann kommen. Nun alſo, was verlangen Sie? — Sire, die Fortdauer Ihrer Huld und Gnade. — Das iſt eben Nichts ſehr Reelles, erwiederte der König, etwas verlegen, der Schuldner des jungen Mannes bleiben zu ſollen. Esperance, mit ſeinem außerordentlichen Zartgefühl, errieth die Gedanken des Königs. — Sire, ſprach er, ich bin ein leidenſchaftlicher — 63— Jäger, und beſitze in dieſem Augenblicke keine eigenen Ländereien. — Und Sie möchten gern auf den meinigen jagen? — Von Zeit zu Zeit, wenn Ew. Majeſtät es mir gnädigſt verſtatten wollten.— — Das ſei Ihnen gewährt, ſprach Heinrich, ohne das liebliche Geſicht zu bemerken, das hinter ſeinem Rücken zwiſchen einem Thürvorhange plötzlich zum Vorſchein kam und Esperance, der es allein ſehen konnte, freundlich zulächelte. Das Lächeln war aber auch ſo ſchelmiſch und bos⸗ haft, um ſelbſt einen Kobold zur Verzweiflung zu bringen. Denn Gabriele hatte dieſe Autoriſation Esperance's, auf königlichem Reviere jagen zu dürfen, mit angehört. Als ſie aber aus Esperance's Blicken ſah, daß er ſie bemerkt, erröthete ſie aus Beſorgniß, er könne ihr Lächeln wohl gar falſch deuten, oder ſie könne von Jemand anderem ge⸗ ſehen werden, und verſchwand eben ſo ſchnell wieder. Nach beendigter Audienz nahm Crillon ſeinen Schütz⸗ ling wieder mit ſich fort. — Harnibieu! Sie haben nicht ſchlecht gewählt, ſagte der Ritter, als ſie allein waren; Sie ſind nun ſo zu ſagen, der Tiſch⸗ und Hausgenoſſe des Königs. Sie wiſſen wohl noch gar nicht, daß das Jagdrecht auf kö⸗ niglichem Revier Ihnen zugleich auch alle königlichen Schlöſſer und zu jeder beliebigen Stunde öffnet. — Sol zu jeder beliebigen Stunde? rief Esperance mit verſtellter Naivetäͤt. — 64— — Ja, ja, ob der König zugegen ſei, oder nicht. Das iſt ein Vorrecht, das ſogar die Prinzen von Geblüt nicht immer haben. Und wenn es Ihnen einfiele, einen Hirſch des Nachts bei Laternenſchein zu hetzen, ſo könnte es Ihnen Niemand verwehren. — Nun denn, antwortete Esperance plötzlich wieder ernſter, ich werde von dieſem Vorrechte Gebrauch machen⸗ ohne es zu mißbrauchen. — Ich werde Gabriele ſehen können, wann ich will, dachte er bei ſich, und ſogar ohne daß ſie es weiß. Ich werde ſie ſehen können, ohne daß irgend Jemand es ahnet, daß ſie es iſt, die ich ſuche.— Ach! welch ein Glück für mich!— Am Fuße der Troßen Treppe trennten ſich Crillon und Esperance. Pontis faßte ſeinen Freund unter den Arm und zog ihn mit ſich fort, um ſich den Verlauf der Audienz er⸗ zählen zu laſſen. — Da du einmal Deinen glücklichen Tag haſt, ſprach der Gascogner, ich, an Deiner Stelle, würde gleich quitte ou double ſpielen. — Wie ſoll ich das verſtehen? — Beluſtigen wir uns. — Meinethalben. Aber wie? — Ich habe einen Einfall: Du biſt uns noch den Einzugsſchmaus Deines allerliebſten Palaſtes ſchuldig; gieb ein großes Feſt zur Einweihung. Wir wollen alle — 65— fröhlichen Geſellen und alle liebenswürdigen Damen von Paris einladen. Sambioux! man muß ſich einen Kreis bilden! — So viele Leute... — Glaube mir, Esperance, wir müſſen uns bekannter machen; ich werde Dir ſchon erzählen warum. — Nun ſo erzähle drauf los. — Nein, jetzt nicht; heute iſt die Wache im Louvre an mir. Aber laß morgen mir ein gutes Frühſtück bereit halten, und Du ſollſt allerliebſte Geſchichten von mir hören. — Meinethalben denn. Auf dem weiteſten Umwege und nur langſam ſchlendernd, kehrte Esperance in ſeine Wohnung zurück. Es war ihm ein Bedürfniß, mehrere Stunden in freier Luft zu verweilen, um ſein Glück zu überdenken und Faſſung zu erringen. Als er endlich ruhiger das Veſtibule ſeines Hôtels be⸗ trat, ward ihm eine neue Ueberraſchung. Ein niedliches Hirſchkälbchen ſtand an einem Mar⸗ mortiſch angebunden und knabberte an einem Körbchen voll Blumen; es trug ein Halsband von hellblauem Cor⸗ duan mit einem ſilbernen Schildchen daran, und auf dem Schildchen waren die Worte gravirt: — Königliches Jagdrecht.— Auf ſeine Fragen, wie denn dieſes allerliebſte Thierchen hierher komme, erwiederten ſeine Leute: ſie Gabriele. VII. 5 — 66— könnten weiter keinen Beſcheid geben, als daß es im Augen⸗ blick Jemand aus dem Louvre als ein Geſchenk für ihn hergebracht habe. — Wiederum Gabriele! flüſterte Esperance in ſich hinein, das Hirſchkälbchen liebkoſend; ſo viel Geiſt und Herz, vereint mit ſolcher Schönheit!— O, mein Gott! iſt denn das nicht zu viel des Glücks für mich armen Sterblichen! 5 — » 4. Intriguen aller Art. * Der Leſer wird vielleicht verwundert ſein, daß wir ihn noch nicht wieder zu Esperance's Nachbar, dem reichen Zamet geführt haben, dem Beſitzer von Millionen, deſſen Hötel in der Straße Lesdiguieres der Zielpunkt ſo vieler Wünſche in Paris war. Wir wiſſen bereits, daß der ganze Adel und die Miniſter ſich an Zamet drängten, um Geld von ihm zu leihen; allein wir kennen ihn ſelbſt noch zu wenig, da er zu jenen ſeltſamen Naturen gehört, deren Eigenthüm⸗ lichkeiten der Griffel der Geſchichte in der Regel nur mit flüchtigen, unvollſtändigen Zügen aufzeichnet. Was eine ſolche Perſon öffentlich thut, nimmt in den Annalen ſeiner Zeitepoche gewöhnlich nur wenig Raum ein; wer ſich aber der Mühe unterziehen wollte, die verborgenen Pfade und Schlangenwindungen zu unterſuchen, die er wandeln mußte, um zu ſeinem Ziele zu gelangen, wer dieſen ſo wenig noch beachteten Typus mit dem Lichte der Wahrheit beleuchten wollte, der würde ſtaunen ob der rieſenhaften Verhältniſſe, welche die Geſtalt des ſchlich⸗ 5* — 68— ten Geldmannes plötzlich von ſeinen Augen annehmen würde. Zamet, der den Medicäern ergebene Florentiner und zugleich ihr geheimer Agent in Frankreich, diente dieſem Fürſtenhauſe mit einem Eifer und einer Hingebung, die er ſelbſt zwar nur auf Rechnung ſeiner Dankbarkeit für daſſelbe ſetzte, die man aber, ohne ihm im mindeſten Un⸗ recht zu thun, dem zügelloſeſten und zugleich raffinir⸗ teſten Ehrgeize zuſchreiben konnte. Er verdankte allerdings Katharina von Medicis ſeinen jetzigen Reichthum, allein er hatte ſich im Stillen gelobt, daß er durch Hülfe einer andern Medicäerin wo möglich noch verdoppelt werden ſollte; bei allem ſeinen Selbſtvertrauen fühlte er aber auch zugleich, daß die Kräfte eines einzelnen Menſchen einer ſolchen Rieſenaufgabe nicht gewachſen ſein würden. Es gab keine Medicis mehr in Frankreich; Katharina ſammt ihrer ſehr wenig betrauerten Nachkommenſchaft war todt, und Frankreich ſchien eben nicht geneigt, ſeinen Nacken noch einmal unter ein italieniſches Joch zu beugen. Der Name Medicis erinnerte noch zu lebhaft an Reli⸗ gionskriege, Bartholomäusnacht, innere und äußere Kriege; er war gleichſam noch identiſch mit den Worten: Hungersnoth, Sittenverderbniß, Familienverbrechen. Eine dreißigjährige Reihe von Mordthaten und Beraubungen bildeten ein ſo blutiges und ſcheußliches Gefolge dieſes Mannes, daß er ſo ziemlich eine Unmöglichkeit gewor⸗ den war. — 69— Und trotz alledem hatte ſich Zamet vorgenommen, die goldenen Byzantiner mit den Lilien Frankreich's auf's Neue zu vermählen; ſeine Maßregeln wurden darnach getroffen, und die Geſchichte kann uns Zeugniß geben, ob der ſchlaue Speculant ſich verrechnet hatte. Einige Zeit vor den, im letzten Kapitel geſchilderten Auftritten, ging Meiſter Zamet mit großen Schritten in der Gallerie ſeines Hôtels in der Straße Lesdiguieres auf und ab. Er war nachdenkend, verdrießlich, und ſorgſam mit der Analyſirung eines kürzlich erſt aus Florenz er⸗ haltenen Briefes beſchäftigt. An einem Tiſche ſitzend, beide Elenbogen darauf ge⸗ ſtützt, ſann und grübelte auch Signora Leonora Galigai, und ihr geiſtreich blitzendes Auge ſuchte vergebens in der Luft den Dämon der Inſpiration zu erhaſchen. Am andern Ende des Gemaches, dicht am Kamine, ſaß ein Mann, mehr ſchläfrig als ſinnend, ein ſchöner Faullenzer, mit der Haltung eines Edelmanns und der Schüchternheit eines Lakais, und wartete auf ein Wort Zamet's oder Leonora's, bevor er ſich entſchloß, ſeine ſtar⸗ ken Glieder in Bewegung zu ſetzen, und ſich der behag⸗ lichen Wärme des Kamins und dem dolce far niente zu entreißen. — Der Eilbote wartet, murmelte Zamet endlich auf italieniſch, und die Depeſche muß durchaus noch dieſen Abend abgefertigt werden. Was ſoll ich dorthin melden? Haben Sie irgend eine Idee, Leonora? — Ich würde deren ſogar mehrere haben, wenn wir lügen wollten, antwortete die Florentinerin gelaſſen; aber wozu Lügen erſinnen? Was wir bedürfen iſt Wahrheit. — Nun, eine Wahrheit iſt es zum Beiſpiel, daß der König nicht todt iſt. — Sie können das ſchreiben, und es kann in Flo⸗ renz Freude verurſachen! — Eben ſo iſt es die Wahrheit, daß der König mehr wie je zur Marquiſe von Monceaux zurückgekehrt iſt.— Und wir waren ſo nahe daran, ſie für immer auseinander zu bringen!— Ich hatte ſchon die Verhand⸗ lungen mit Herrn von Rosny ſo ſchön in Gang gebracht! — Es iſt zum Verzweifeln! — CEs iſt freilich unangenehm, fuhr Leonora in demſelben Tone wie früher fort: aber ſchreiben müſſen wir es darum doch. — Man wird an unſerem Hofe in Florenz ſehen, daß noch gar Nichts geſchehen iſt, daß die Zeit unnütz verſtreicht! Leonora zuckte mit den Achſeln, als wollte ſte ſagen: — Was kann ich dafür? — Der Brief wird demnach ſehr ſchnell geſchrieben ſein, ſeufzte Zamet. — uUnd noch ſchneller geleſen. — GHoffentlich werden die nächſten Nachrichten beſſer lauten. — Auch das können wir anfügen; immer ein kleiner Troſt, warf Leonora ſpöttiſch hin. — 21— — Schreiben wir alſo, brummte Zamet; ſchreiben Sie. — Sie werden es mir nicht zweimal zu ſagen brau⸗ chen, wenn ich ſchreiben könnte; Sie müſſen ſich alſo ſchon entſchließen, ſelbſt zur Feder zu greifen. —. Sie wiſſen ja, daß ich die Gicht in den Fingern habe! Leonora lächelte. — Die alberne Gicht! ſagte ſie; ſie würde es nicht wagen ſich zu rühren, wenn Sie gute Nachrichten zu ſchreiben hätten. Vorwärts alſo, Concini; Du haſt nicht die Gicht in den Fingern; ſchreibe Du! Der Faullenzer ſtreckte Arme und Beine aus, daß die Muskeln knackten, und dehnte ſich wie ein Jagdhund, der aus ſeiner Hütte hervorgeſtöbert wird. Leonora reichte ihm die Feder zu, die er mit der linken Hand ergriff. — Sie werden aber wenigſtens dictiren, ſchloß ſie, zu Zamet gewendet. Dieſer dictirte nun in der That einen kurzen Be⸗ richt über die Vorfälle, die ſich ſeit ſeinem letzten Schrei⸗ ben ereignet hatten: die Verwundung des Königs, ſeine Verſöhnung mit Gabriele und die ephemere Erſcheinung jenes angeblichen Valois. Concini ſchrieb langſam und ſchlecht, mit der linken Hand. Zamet verwies es ihm, wogegen er vorſchützte, ſich an der rechten Hand verbrannt zu haben. Die wahre Urſache war jedoch, daß er ſeine Handſchrift ſo viel wie möglich verſtellen wollte, um im Fall einer Entdeckung nicht erkannt zu werden, was ihm auch in der That — 22— trefflich gelang; der geübteſte Gerichtsſchreiber würde Mühe gehabt haben, ſie zu entziffern. Als Zamet endlich zu dictiren aufhörte, warf er die Feder hin und ſchüttelte ſich wie nach einer anſtrengen⸗ den Arbeit. — Bin ich nun frei? fragte er. — Du kannſt gehen, ſagte Leonora. — Woſ geht er denn jeden Abend ſo eilig hin, er, der ſich ſonſt zu jedem Dinge möglichſt viel Zeit nimmt? wendete ſich Zamet an Leonora. — Er geht ſpielen, erwiederte dieſe, um uns eine Ausſteuer zu ſammeln; da uns Niemand eine geben wird, wie es ſcheint, ſo müſſen wir ja wohl ſelbſt dafür ſorgen. 1 Dieſe Anſpielung auf Zamets wohlgefüllte Kaſſe hatte zwar nicht den gewünſchten Erfolg, aber ſie machte wenigſtens der langweiligen Conferenz ein Ende. Concini ſtand auf und verließ die Gallerie. Zamet las die Depeſche noch einmal durch, warf ſie dann Leonora hin, die ſie zuſammen faltete, mit einem Petſchaft ſiegelte, auf das mehrere kunſtvoll in einander verſchlungene Buchſtaben gravirt waren, und befahl ihr, das Couvert dem bereitſtehenden Courier einzu⸗ händigen. — Und nun, glaube ich, fügte er hinzu, iſt es hohe Zeit, daß ich mich ankleide, wenn ich noch dem Balle beiwohnen will, den mein Nachbar heute giebt, dieſer — 22— wunderbare Nachbar, der mir wie vom Himmel gefallen iſt und den man ſogar für reicher ausgiebt, als mich. Mit offenbar ſehr mürriſchem Geſicht zog ſich der Geldmann hierauf in ſein Schlafzimmer zuruck. Kaum aber war Leonora allein, als ſie die zu dieſem Zwecke ſchon beſonders gebrochene Depeſche ſehr geſchickt noch einmal öffnete, ohne das Siegel zu verletzen, mit flüch⸗ tiger Hand drei oder vier Zeilen auf die Rückſeite des Umſchlages ſchrieb, ihn eben ſo wieder ſchloß, und dann hinabging, um das Packet dem wartenden Boten ſelbſt einzuhändigen. Sie kehrte aber wieder in das obere Veſtibule zurück, als ſich von außen Pferdetritte hören ließen. Leonora beeilte ſich in ihr eigenes Zimmer zu gelangen, an deſſen Thür nur wenige Minuten darauf eine jugendliche, helle Stimme ihren Namen nannte. Es war Henriette, in einen großen Mantel gehüllt, bleich und ſichtlich leidend; eine ſchlecht verborgene Ver⸗ legenheit verrieth nur zu deutlich, daß ſte in einer höchſt wichtigen Angelegenheit gekommen ſei. Eleonora empfing ſie mit jener zuvorkommenden Höflichkeit, die den Italienerinnen beſonders eigen iſt, ließ ſie niederſetzen, liebkoſ'te ſte, breitete eine große Wolfsdecke unter ihre Füße und ſagte ihr tauſend Com⸗ plimente über ihre Schönheit.. Henriette war ungewöhnlich zerſtreut, ſie ſchien es gar nicht zu hören. — 71— — Aber was haben Sie denn? fragte endlich Leo⸗ nora; was führt Sie denn eigentlich zu ſolcher Stunde zu mir? — Zunächſt mein Vater, verſetzte Henriette auf italieniſch; er iſt bei Zamet, mit dem er allerhand Ge⸗ ſchäfte abzumachen hat, während ich mit Dir zu ſprechen habe. Laß uns alſo keine Zeit verlieren. — Was giebt es denn, Signora? — O— eine Kleinigkeit nur, faſt ein Nichts; aber dieſes Nichts würde mir von großem Nutzen ſein, wenn Du es unternehmen wollteeſt. — Ich bin ganz pereit dazu. Henriette hielt einen Augenblick inne, um ihre Ge⸗ danken zu ſammeln, oder vielmehr zu ordnen und dann möglichſt geſchickt vorzutragen,— die gewöhnliche Taktik aller Diplomaten, welche luͤgen wollen, um Andern die Wahrheit zu entlocken. — Geht Herr Zamet nicht mit auf den Ball heute? fragte ſie dann. — Ja, Signora. — Bei dem benachbarten Herrn? — Dicht neben uns. Ein ſchöner Ball, wie man ſagt, von dem ſich alle Welt Wunderdinge verſpricht; es iſt ein Ereigniß im Stadtviertel. — Wer hat denn Herrn Zamet eingeladen?— Der Herr Nachbar ſelbſt? ——— 4 f 1 1 — 75— — Ich glaube nicht; ein großer Kriegsheld, ſo viel ich weiß— una illustrissima spada— der neulich Abend hier geweſen iſt. — Vielleicht Herr von Crillon? — Ganz recht, ſo hieß er. — Du haſt demnach den Nachbar noch nicht ſelbſt geſehen? — Niemals; ich weiß noch nicht, wie er heißt. — Das iſt auch nicht nöthig. Ich hoffte aber, daß Du ihn wenigſtens geſehen haben würdeſt. — Weshalb? — Um ihn nöthigenfalls wiederzuerkennen. — Weiter Nichts?— Ich kann ihn dieſen Abend ſehen, wenn ich ſonſt will. — Auf welche Weiſe?. — Wenn ich eine Leiter an die Mauer lege, die ſeinen Garten von dem unſrigen trennt. Das Feſt ſoll hauptſächlich im Garten ſtattfinden. Der bewußte Herr wird alſo auf alle Fälle hinkommen und demnach werde ich ihn ſehen. Henriette's Augen funkelten. — Das iſt ein guter Einfall, rief ſie; in der That, eine Leiter... . Sie hielt plöͤtzlich inne. — Obwohl das Mittelchen eben nicht ſo nobel iſt, fügte ſie mit bitterem Lächeln hinzu; indeß, wenn man nicht eingeladen iſt, hilft man ſich, wie man kann. — 276— — Das nimmt mich Wunder, ſprach Leonora; man ſagt, daß ſo viele Perſonen vom Hofe eingeladen ſind; und Sie mit Ihrer Familie nicht? Henriette erröthete flüchtig. — Ich weiß nicht, warum; allein, was kümmert mich das! Es ſcheint im Gegentheil, daß ſie das ſehr viel kümmert, dachte die Italienerin im Stillen, als ſie Henriette's finſtere Stirn beobachtete. — Du ſagteſt ſoeben, fuhr Mademoiſelle d'Entra⸗ gues fort, Du könnteſt die betreffende Perſon ſehen,— das iſt ſchon viel werth, allein das genügt mir noch nicht. — So! — Wenn Du ihn genau berrachtet haben wirſt, ſo daß Du gewiß biſt, ihn ſtets und überall wiederzuer⸗ kennen, dann möchte ich auch, daß Du ſein Haus genau erforſcheſt. — Sein Haus? — Daß Du Alles, was er thut und unternimmt, jeden ſeiner Schritte beobachteſt— oder beobachten ließeſt. Leonora's Geſicht ward immer ernſter. — Sie ſagen mir da entweder zu wenig, oder zu viel, Signora, ſprach ſie. Ein Befehl, den man nur halb verſteht, wird in der Regel ſchlecht ausgeführt. Beobachten iſt ein unbeſtimmtes Wort, erklären Sie ſich deutlicher: Wann ſoll ich beobachten, wo, warum? —— Henriette blickte die verſchlagene Italienerin ſcharf an. — Ich wähnte, ſprach ſie langſam, wenn ich mich an eine Wahrſagerin wendete, ſo erſpare mir das die Hälfte der Erklärungen. — Ganz recht; mit der Hälfte der Erklärungen werde ich auch das Ganze errathen, aber mit einem Viertel höchſtens die Hälfte. — Nun denn, entgegnete Henriette, jedes Wort ſorg⸗ fältig abwägend, ich bin von einer meiner Freundinnen beauftragt worden, die dieſen jungen Mann liebt...2 — Den jungen Mann? — Ich vermuthe wenigſtens, daß er jung iſt. Sie hat mich, wie geſagt, beauftragt, zu erforſchen, ob ſie wohl hoffen darf, von ihm wieder geliebt zu werden. Meine Freundin muß allem Anſcheine nach Zweifel hegen. — Sie iſt ſchön, dieſe Freundin? — Nun— ja. — Warum ſollte er ſie alſo nicht wieder lieben? — Das iſt noch kein ausreichender Grund. — Es kommt darauf an, welche Gattung von Liebe Ihre Freundin beanſprucht. — Sie macht eben keine außerordentlichen Anſprüche; indeß, Leonora, wenn nun das Herz dieſes jungen Mannes bereits anderwärts gefeſſelt wäre? — Aha! — Das iſt es eben, was ich wiſſen möchte— ver⸗ ſteht ſich, für meine Freundin. — Ich verſtehe vollkommen. Und, um das zu wiſſen, — 78— wünſchen Sie, daß ich den jungen Mann beobachte, oder beobachten laſſe? — So iſt es. — Daß ich erfahre, wo er hingeht? — Ja, Leonora. — Wen er ſieht? — Ja. — Wen er liebt? — Du haſt es errathen. Meine Freundin wird Dir ſehr erkenntlich dafür ſein. Ich habe ihr geſagt, daß Du kaum hundert Schritte von dem fraglichen Herrn wohnteſt. — Kaum dreißig⸗ Signora. — Daß Du von Deinen Fenſtern aus in ſeinen Garten ſehen könnteſt. — Faſt in ſein Haus. — und dieſe Nachrichten haben meine Freundin ſo entzückt, daß ſie mir einſtweilen dieſe zwanzig Piſtolen für Dich gegeben hat, bis ſie Dir Deine Mühe reich⸗ licher belohnen wird. Leonora nahm die Goldſtücke mit ſchlecht verhehlter Habgierde und verwahrte ſie in ihrer Taſche. — Ich werde etwas Beſſeres thun, ſprach ſie dann, als nur über die Mauer ſehen; ich werde in ſein Haus gehen. — Das könnteſt Du? — Nichts leichter als das. Geht doch Herr Zamet hinein, der ſechs mal ſo dick iſt als ich. — Aber wenn Zamet Dich dort träfe? — Ich werde ihm ſchon aus dem Wege zu gehen wiſſen. Und übrigens, wenn er mich nun auch träfe! Bin ich nicht frei? Kann ich nicht gehen, wohin ich will? — Aber Du biſt nicht eingeladen? — Ich gehe überall hin, wohin ich will. Und wenn ich einmal bei dem jungen Herrn ſein werde, müßte ich ſehr einfältig ſein, wenn es mir nicht gelänge mit ihm zu ſprechen, und er müßte ſehr ſchlau ſein, wenn es ihm gelänge, mir etwas zu verbergen. — Du biſt ein wahres Kleinod, Leonora! Und wann beginnſt Du? — Noch dieſen Abend. — An einem Ballabend? — Eben deshalb. Wenn der junge Mann irgend eine Perſon liebt, ſo wird dieſe Perſon jedenfalls beim Feſte ſein. Für wen giebt man Bälle, wenn nicht für die Geliebte? Wenn aber die Geliebte da iſt, ſo werde ich ſie Ihnen nennen, bevor Mitternacht vorüber iſt. — Du haſt recht, rief Mademoiſelle d'Entragues, ihre Freude kaum noch verbergend, und jedes Deiner Worte iſt eine goldene Weisheitslehre. Nun denn, während Du ſo manöpriren wirſt, will ich mir das Vergnügen gön⸗ nen, Dich mit meinen Blicken zu verfolgen. Du haſt mich da auf einen glücklichen Gedanken gebracht, und die Leiter verlockt mich ungemein. Dein Garten iſt dunkel, einſam, nicht wahr? — Natürlich, da Herr Zamet abweſend ſein wird, — 80— und ebenſo Concini. Die Dienſtleute werden ſich unter⸗ einander mit Karten oder Würfeln die Zeit vertreiben, oder früh zu Bett gehen. — Schön!— So werde ich denn meinem Vater ſagen, daß Du mir eine Lection in der Chiromantie geben willſt, daß er in ſein Hötel heimkehren und mich in einigen Stunden in der Sänfte abholen laſſen ſolle. Du wirſt indeſſen Anſtalten treffen, als ob wir mit einander ganz allein und ungeſtört hier bleiben wollten; ſobald Herr von Entragues fort iſt, ſchaffft Du mich in aller Stille zu meinem Obſervatorium, auf der glückſeligen Gartenleiter, und eilſt dann ſelbſt zu dem Herrn Nachbar. Das wird eine höchſt beluſtigende Parthie werden! — Ganz gewiß, und Sie werden das Feſt ſehen können, als ob Sie mit zu den Eingeladenen gehörten. Henriette biß ſich auf die Lippen. — Und Du ſiehſt kein Hinderniß, kein mögliches Mißlingen, Leonora? — Durchaus nicht. Da man ſich aber auf Alles vorſehen muß, ſo werde ich meine ſchöne ſlorentiniſche Tracht anlegen, die mir ſo vortheilhaft ſteht, und ich bürge Ihnen dafür, daß ich ſogar die Aufmerkſamkeit eines Königs feſſeln will, wenn ſich einer dort findet. — Es gehört durchaus nicht zu den Unmöglichkeiten, daß der König ſelbſt da wäre! ſprach Henriette lebhaft. — Um ſo beſſer! um ſo beſſer! rief Leonora mit kin⸗ diſcher Ausgelaſſenheit, die Henriette vollkommen täuſchte. Sie wurden durch das Eintreten des Herrn von —— Entragues unterbrochen, der ſeine Tochter abzuholen kam. Alles verlief, wie die beiden Frauen übereingekommen waren. Der Vater willigte ein, allein nach Hauſe zurück⸗ zukehren, und verließ Henrietten, vertieft in gelehrte Er⸗ läuterungen über Lebenslinien, Conſtellationen und allerlei dergleichen Krimskrams. Kaum war Herr von Entragues hinaus, als Leonora ſich mit Beihülfe ihrer Beſucherin entkleidete. Sie be⸗ deckte ihr wundervolles Haar mit dem hinten lang hinab⸗ wallenden italieniſchen Kopftuche mit den goldenen Nadeln, und ſchnürte die Taille in das goldgeſtickte Leibchen; der buntbeſetzte Rock umgab ihre Hüften, unter dem das feingeformte Bein im rothſeidenen Strumpfe kokett her⸗ vorſah. Sie war ſchön, von jenem fremdartigen Reiz übergoſſen, vor dem oft ſelbſt eine regelmäßige Schönheit in Schatten tritt, und Henriette mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß niemals ein bezaubernder Blick ſo viele für die Ruhe der Cavaliere ſehr gefährliche Flammen verkündigt habe. Leonora führte ihre Genoſſin an das hintere Ende des ganz dunkeln Gartens, hob mit ihren kleinen nervig⸗ ten Händen eine Leiter vom Boden auf, die ſelbſt für einen Männerarm ſchwer geweſen wäre, und lehnte ſie vorſichtig an die Mauer; Henriette ſtieg hinauf und es traf ſich ſo glücklich, daß ihr Kopf halb von den, aus einer auf dem Mauerpfeiler befindlichen Vaſe, herabfal⸗ lenden Schlinggewächſen verdeckt ward. — Ich ſehe, ich ſehe vortrefflich!— Dankl flüſterte Henriette der Italienerin zu, die hinter ihr hinauſgeſtiegen Gabriele. VII. 6 war, um ſich ebenfalls von der zweckmäßig gewählten Poſition zu überzeugen. Den Mantel dicht um ſich geſchlagen, die Arme bequem auf die Mauer geſtützt, nahm ſich Henriette vor, hier geduldig auszuharren. Leonora verſprach, ſie ſo bald wie möglich wieder abzuholen. Von der andern Seite der Mauer vernahm man be⸗ reits das Präludiren der Inſtrumente und ſah die Fackeln und Lampen in den Laubgängen flimmern. Die Nacht war prachtvoll! Der erſte Hauch des Früh⸗ lings hatte die Luft wieder erwärmt; die Veilchen dräͤng⸗ ten ſich aus ihrer Hülle hervor und verbreiteten rings ihren lieblichen Duft„das Smaragdgrün der erſten Blätter erglänzte an den Zweigen im Wiederſchein der bunten Lampen und Fackeln, die ſchnurgeraden Hagebuchenhecken zeichneten ihre zierlichen Linien gegen die röthliche Däm⸗ merung ab. Und dort in der Ferne glänzte und ſtrahlte das Haus; die Fenſter glichen Feuergarben und goſſen ein Lichtmeer über die nähergelegenen Partien, in denen ſich die Schaar der Gäſte munter umhertrieb. Im großen Saale des Erdgeſchoſſes bot die reichbe⸗ ſetzte Tafel den Blicken der hungrigen Tänzer ihre Herr⸗ lichkeiten dar; man hätte ſagen mögen, eines jener Pracht⸗ gemälde Paul Veroneſes habe dem Feſtanordner zum Modell gedient. Dem Amphitryon, der ſich unter ſolchen Auſpicien ankündigte, konnte es eines Tages nicht an zahlreichen Freunden fehlen. 2— — 83— Pontis ſchweifte in einem Coſtüm von übertriebenem Glanze um die Buffets herum, als ob er dabei Schild⸗ wach ſtände; vielleicht ſuchte er ſich ſchon im Voraus die leckerſten Biſſen und gewiſſe vielverſprechende Flaſchen aus. Esperance, friſch und liebenswürdig, wie immer, irrte geſchäftig unter den Gruppen ſeiner Gäſte umher, hier Glückwünſche, dort Lobeserhebungen und Freundſchafts⸗ verſicherungen in Empfang nehmend. Ein weißes Hirſch⸗ kalb folgte überall ſeinen Schritten, geblendet und beunruhigt durch den Glanz und das Gewühl, und verſuchte öfters das niedliche Köpfchen liebkoſend an ſeine Hand zu ſchmiegen. Wenn er durch die Laubgänge dahinſchritt, da und dort Befehle ertheilend, oder irgend eine Dame mit geiſt⸗ reichen Galanterien begrüßend, erhob ſich ſtets ein Mur⸗ meln des Beifalls um ihn her. Auch Zamet ſchweifte durch den Garten, ſich im Stillen die Koſten eines ſo königlichen Feſtes überſchlagend. Er hatte Crillon getroffen und ſich ſeines Armes bemäch⸗ tigt, der mit ſcherzhafter Bosheit dem reichen Finanz⸗ mann zu beweiſen ſuchte, daß man ihn fortan nur noch Hiob, Esperance aber einen Cröſus nennen würde. Zamet gerieth in einige Verwirrung; er wollte Nähe⸗ res zu erforſchen ſuchen und drängte ſich ebenfalls an Esperance, um ihm, wie die Anderen, mit Lobſprüchen und Glückwünſchen zu überſchütten. Crillon ließ ſte eine Weile nebeneinander dahin gehen und hatte ſeine Freude an den vergeblichen Bemühungen Zamets, ſeinen jungen 6* 73 — 84— Nebenbuhler über ſeine Vermögensverhältniſſe auszu⸗ forſchen. Indeß ſchien dieſe Unterhaltung dem jungen Manne, trotz ſeiner naiven Freimüthigkeit, auf die Länge doch etwas in Verlegenheit zu ſetzen; je mehr er ſich bemühete, ſeine bisherige Armuth und ſeine gänzliche Unkenntniß mit der Quelle ſeines Reichthumes zu betheuern, jemehr erſchrak der Florentiner über dieſe räthſelhafte Rivalität. Plötzlich ließ Zamet Esperance's Arm los, und ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. — Was iſt Ihnen, Signor Zamet? fragte Esperance. — Haben Sie nicht dort, hinter jenen Bäumen, ein Frauenzimmer in italieniſcher Tracht vorbeiſchlüpfen ſehen? — Nein, aber man kann ja nach ihr ſuchen. — Das wäre doch äußerſt ſeltſam, murmelte Zamet halblaut vor ſich hin; ja, ja,— da iſt ſie wieder! In der That ſchlüpfte Leonora eben wieder leicht, wie ein Schatten, an den Lampen vorüber. — Jenes niedliche Figürchen, das uns den Rücken wendet? ſagte Esperance. — Ja, ja, ich habe ihr Geſicht deutlich geſehen! — Sie kennen ſie? — CEi gewiß, und ich begreife nicht, wie ſie hierher⸗ kommt. Erlauben Sie, Signor, daß ich meine Wißbe⸗ gierde befriedige. Und mit dieſen Worten eilte Zamet raſchen Schrittes „ — 85— der Allee zu, in welcher die Italienerin eben verſchwun⸗ den war. Esperance hatte kaum die Zeit gehabt ſich zu fragen, wer dieſes Weib wohl ſein könne, als er dieſes ſelbſt hinter einem Baume, der ihr als Schutz vor Zamets Späherblicken gedient hatte, hervorſpringen ſah. Sie kam gerade auf den jungen Mann zu und blieb mit dem unverkennbarſten Ausdrucke der Ueberraſchung und des Entzückens dicht vor ihm ſtehen. — Speranza! rief ſie aus. — Die Florentinerin mit den rothen Unterkleidern? ſagte ſich Esperance. Durch welchen Zufall—. — Wie? fuhr Leonora fort, Sie alſo ſind der Be⸗ fitzer dieſes Hauſes und Gartens? — Nun ja. — Iſt es aber auch gewiß? — Fragen Sie nur Signor Zamet ſelbſt darum, meine Beſte, der Sie geſehen hat und in dieſem Augen⸗ blicke nach Ihnen ſucht. — Schnell! rief ſie, ſeinen Arm ergreifend, führen Sie mich ein wenig auf die Seite und vergönnen Sie mir nur einige Augenblicke Gehör; ich habe Wichtiges mit Ihnen zu ſprechen.. 9. Thue was Du ſollſt, komme was da wolle! Es war jetzt die Stunde gekommen, wo die ermüdeten Tänzer ſich nach Erfriſchungen umſahen und die Muſi⸗ kanten anfingen zu erlahmen. Das Abendeſſen entfaltete alle ſeine verlockenden Gemüſe, und die Tafeln füllten ſich mit verhungerten⸗Gäſten. Esperance, der einen forſchenden Blick auf die reizende Florentinerin heftete, merkte wohl, daß ſie ihm eine ernſte Mittheilung zu machen habe. Er bat ſie nur um einen Augenblick Friſt, um an der Tafel zu erſcheinen und für die Bewirthung ſeiner Gäſte Sorge zu tragen, und während er ſich mit dem Verſprechen baldiger Rückkehr entfernte, ſchritt ſie allein unruhig in der Allee auf und ab, an derem Ende ſich der Theil der Mauer befand, den Mademoiſelle d'Entra⸗ gues zu ihrem Obſervatorium auserkoren hatte. 8 Plötzlich jedoch ſah ſie ſich an der Einbiegung einer anderen Allee Zamet gegenüber, der ſie endlich aufge⸗ ſpührt hatte und den Augenblick benutzte, um ihr den Weg zu verſperren. Das Geſicht des Finanzmannes verrieth die Unruhe ſeines Geiſtes. „ 2 — 87— — Leonora! rief er, ſie bei der Hand feſthaltend, wie kommen Sie hierher? Warum ſind Sie hier? Was ſoll Ihre heimliche Unterredung mit dieſem jungen Manne bedeuten? — Ich könnte Ihnen darauf antworten, daß Sie das nichts angeht, erwiederte Leonora ſchelmiſch lächelnd. — Nein, nein; das können, das dürfen Sie nicht, denn bei dem mindeſten verdächtigen Schritte, den Sie hier in Paris thun, würde ich genöthigt ſein, unſere Hoheiten in Florenz davon in Kenntniß zu ſetzen. — Ganz daſſelbe würde auch ich thun müſſen, ſagte Leonora ganz ruhig, wenn Sie mir im mindeſten Ver⸗ dacht geben ſollten. Und doch laſſe ich Sie in vollkom⸗ mener Freiheit gehen, wohin es Ihnen beliebt, nicht wahr? Sie ſpinnen die Fäden Ihres Geſchäftsnetzes nach allen Richtungen aus, und ich laſſe Sie ruhig gewähren. — Man rechtfertigt ſich nur halb, wenn man Andere anklagt, ſtammelte Zamet, etwas verwirrt durch die Kaltblütigkeit und Entſchloſſenheit des jungen Weibes. — Ganz recht, Signor Zamet, darum rechtfertige ich mich auch nur, ohne Sie deshalb anzuklagen. Wenn ich hierher gekommen bin, ſo geſchah es, weil ich den Herrn des Hauſes kenne. Sie wiſſen es ja, es iſt jener junge Mann, den mein guter Stern mich ſo wun⸗ derbar am Thore von Melun treffen ließ, im Augenblicke, als man mich verhaften wollte; er bewahrte mein Leben, und ſomit mein Geheimniß... 2 — 88— — Das iſt ein Anderes, ſagte Zamet; aber Sie hätten mich wenigſtens davon unterrichten können. — Das hüätte ich freilich gekonnt,— wenn ich es ſelbſt gewußt hätte, daß er unſer Nachbar ſei. 3 — Das wußten Sie nicht? Noch vor einer Stunde war es Ihnen unbekannt, und jetzt auf einmal wiſſen Sie es? — Nun, ja doch. — Sie werden mir zugeben, daß das wunderlich iſt. — Freilich iſt es wunderlich; aber Sie wiſſen, daß mein ganzes Leben aus Wunderlichkeiten zuſammengeſetzt iſt. Ich habe in unſeren alten Dichtern einmal geleſen, daß die drei Göttinnen, welche den Lebensfaden der Sterblichen ſpinnen, je nach Umſtänden, Gold und heitere Farben zu den Lebensfaden der Glücklichen, und Schwarz zu den der Unglücklichen nehmen. Der meinige muß ein ſeltſam gemiſchtes Geſpinnſt ſein. — Das Alles aber erklärt mir noch nicht, ver⸗ ſetzte Zamet hartnäckig, wie es zugegangen, daß Sie erſt ſeit einer Minute Signor Speranza in unſerem jungen Nachbar wiedergefunden haben. — Speranza! rief Leonora entzückt lächelnd, der ſchöne Speranza! Denn Sie werden mir zugeben, daß er ſchön iſt, und daß es dem Herzen eines Weibes nicht zu verargen iſt, wenn es in ſeiner Nähe raſcher klopft? — Du biſt verliebt, Leonora! — Und warum nicht? — Aber Concini... 3 — 89— — Wir find noch nicht verheirathet. — Ein Grund mehr, Du Böſewicht, daß Du ihn nicht betrügſt. — Concini iſt zu faul, um ſich wegen dergleichen Dingen zu kümmern. Uebrigens— brach ſie ab, plötzlich einen ernſteren Ton annehmend, ſind das lauter Albernheiten, die ich da ſchwatze. Speranza wird ſogleich wieder kommen, und ich habe Ihnen nur noch ein ernſtes Wort zu ſagen. — Wie? er wird wieder kommen— hierher— zu Dir? — Ja.. — Er wird alle ſeine Gäſte im Stiche laſſen, um hier mit Dir allein zu plaudern? — Ja doch. — Es wird ein Gerede geben; Du wirſt dem jungen Herrn an ſeinem Rufe ſchaden. — Unverſchämter! rief Leonora, dem Finanzmann einen Flammenblick zuſchleudernd; ich bin wohl eben ſo viel werth, als jene Anderen, mit denen er plaudern würde, wenn ich nicht da wäre! — Das mag wohl ſein; aber... — Und ganz beſonders bin ich eben ſo viel werth, als Diejenige, die mich hierher geſchickt hat, um mit ihm zu ſprechen. — Oho! man hat Dich geſchickt?— Und wer? — Die Signora, die Signoretta— die künftige Königin in der Einbildung. 90 — Henriette d'Entragues? — Still!— Sprechen Sie den Namen nicht ſo laut, daß er von dieſer Mauer aus, die Sie gerade vor ſich haben, gehört werden könnte. — Sie lauſcht?— Wahrhaftig, das iſt gut! — Und wenn Sie durch Ihren Garten heimkehren, ſo ſtoßen Sie nicht die Leiter an dieſer Mauer um; die künftige Majeſtät könnte ſonſt den Hals brechen. — O brave Leonora!— Welch' ein erleuchteter Geiſt! — Meinen Sie? — Wie? die Entragues ſchickt Dich hierher, um mit Herrn Esperance, zu ſprechen? — Nur im Auftrage einer ihrer Freundinnen, erwie⸗ derte Leonora mit liſtigem Augenblinzeln. — Das heißt, daß ſie ſelbſt wahnſinnig in ihn ver⸗ liebt iſt.— Herrlich! Und was ſollſt Du ihm ſagen? — Allerhand Kleinigkeiten— Albernheiten! — Vor allen Dingen verſchaffe Dir Beweiſe! — Laſſen Sie mich nur machen. — Ach, Leonora!— Wenn es uns erſt gelungen ſein wird, Dieſe dahin zu bringen, wohin ſie gern ge⸗ bracht ſein möchte,— die wird nicht ſo ſchwer wieder wegzuſchaffen ſein, wie die Marquiſe von Monceaux! — Das hoffe ich auch. — Sie iſt laſterhaft, dieſe Henriette, fuhr Zamet. verachtend fort. Nicht einmal die äußere Haltung weiß ſie zu bewahren!— Wie im Augenblick, wo ſie ein — 91— Weib ſtürzen will, das das Muſter aller Sittſamkeit iſt—! Aber, ſei wohl auf Deiner Hut, Leonora, ſie nicht zu vorſchnell mit Esperance zu compromittiren... — Machen Sie ſich keine Sorge! — Denn, ſiehſt Du, der Augenblick iſt günſtig für uns; der König beißt an, ſie hat ihn behert, ſo eine Teufelin ſie auch iſt. Noch geſtern hat er mich ganz leiſe nach ihr gefragt, und nicht zufrieden damit, hat er auch noch ſeinen la Varenne hingeſchickt, um ſich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Die Sache iſt im ſchönſten Gange, ſtören wir ſte alſo nicht. — Befürchten Sie nichts, Signor Zamet, ſage ich Ihnen. Speranza iſt zu reizend, als daß ich ihn von dieſer franzöſiſchen Furie verſchlingen laſſe. Nein, nein! — armer, lieber Speranza!— ſie ſoll ihn nicht haben! — Du willſſt ihn lieber für Dich behalten, nicht wahr? ſagte der Italiener mit zweideutigem Lächeln. — Das wäre noch nicht das Uebelſte, was ihm be⸗ gegnen könnte, mein theurer Meiſter.— Aber ich höre dort Stimmen, lautes Lachen— — Der Wein thut ſeine Wirkung. — Man kommt— man kommt! — Ich mache mich aus dem Staube. — Im Gegentheil— Sie müſſen bleiben. Es wird beſſer ſein, wenn es nicht ſcheint, als ob wir Geheimniſſe vor einander zu verbergen hätten; Sie haben mich hier unvermuthet getroffen, das iſt Alles. — Aber wer biſt Du für ihn? Ich muß das wiſſen. — 92— — Nun, ich bin die ich bin: Leonora Galigai, die Frau Concinos, der Schützling Maria von Medicis. Zamet erſchrak. — Unvorſichtige! rief er, Du haſt dieſen Namen genannt? — Und warum nicht? Ich mußte ihm doch zeigen, daß ich weder eine Spanierin, noch eine ſeines Schutzes unwürdige Abenteurerin ſei. — Aber, er kann das Geheimniß unſerer Prinzeſſin errathen, wegen deſſen Du hierher gekommen biſt? — Wie ſo? Sind Sie nicht auch ein Florentiner, und dennoch ein guter Freund des Königs von Frankreich und der Marquiſe von Monceaur, wie Sie ſpäterhin ein guter Freund der Mademoiſelle d'Entragues und aller Anderen ſein werden, die der flatterhafte König dieſer noch zu Nachfolgerinnen geben wird? — Schweig, man könnte uns hören. In der That kam Esperance in dieſem Augenblicke heran und ſuchte ſeine kleine Italienerin. Er fand ſie an Zamets Arme, deſſen ſich die Liſtige bemächtigt hatte. — Was ſehe ich? rief er ſcherzhaft; der ehrenhafte Signor Zamet hat alſo das florentiniſche Täubchen ein⸗ gefangen? — Die florentiniſchen Tauben, Signor Speranza, ſind weiß mit roſenrothen Aeuglein, ſprach fie, Zamets Arm loslaſſend und dafür den des jungen Mannes er⸗ faſſend; ich aber bin ſchwarz, und meine Augen find noch —“.,— „ — 93— ſchwärzer als mein Gefieder; ich bin Nichts, als ein kleiner Rabe. — Dies kleine eigenſinnige Mädchen wollte mit aller Gewalt hierher, ſprach Zamet, um ſich die Herrlichkeiten Ihres Feſtes zu beſehen; Sie ſind der Herr des Hauſes, ich überlaſſe es Ihnen.. Esperance lachte. — Bei mir iſt ſte in vollkommener Sicherheit. Leonora warf ihm einen eigenthümlichen Blick zu, als wolle ſie ihm dieſe Worte vorwerfen, die jede Andere veruhigt haben würden. Zamet machte eine ſpöttiſche Verbeugung und ging fort. — Ich bin nun zu Ihren Befehlen, kleiner Rabe, ſagte Esperance. Aber vor allen Dingen eine Frage. — Laſſen Sie hören. — Zamet ſagte ſo eben, Sie hätten durchaus zu mir zu kommen gewünſcht, und als Sie mich erblickten, ſchrien Sie überraſcht auf, als hätten Sie nicht erwartet, mich hier zu finden. — Das iſt wahr. — Aber darum nicht weniger ſonderbar. — Ich ſage nicht nein. Aber jetzt werden Sie mir Gehör ſchenken, nicht wahr? Und bei dieſen Worten drückte ſie den Arm des jungen Mannes zaͤrtlich an ſich. — Ich bin hierher gekommen, fuhr ſie fort, um Ihnen einen wichtigen Dienſt zu leiſten, oder doch we⸗ nigſtens eine Unannehmlichkeit zu erſparen. 975 — Ich danke Ihnen. — GHoffentlich zweifeln Sie nicht an dem lebhafteſten Intereſſe, das ich an Ihnen nehme,— an meiner war⸗ men Dankbarkeit? — Dankhbarkeit iſt eine Tugend großmüthiger Herzen. — Seit lange ſchon ſuchte ich nach einer Gelegen⸗ heit, Ihnen die meinige zu beweiſen; dieſe Gelegenheit bietet ſich jetzt, und ich ergreife ſie. Das Feuer ihrer Augen bekräftigte dieſe Worte. — Aber, ſagte Esperance, Sie haben mir immer noch nicht erklärt, wie Sie hierher gekommen ſind, um mir einen Dienſt zu leiſten, da Sie ja nicht wußten, daß Sie zu mir kamen? — Lieber Herr, verbreiten wir uns nicht weiter über dieſes Kapitel, das könnte nur zu unnützen Erörterungen führen. Halten wir uns an das Reſultat, und an weiter Nichts. Indeſſen, ich will offen mit Ihnen zu Werke gehen, denn ſehen Sie, Signor Speranza, wenn man mit Ihnen ſpricht, ſo fängt man zwar mit dem Verſtande an, bald aber miſcht ſich das Herz hinein und jagt den Verſtand fort. — Gute Leonora! — Laſſen Sie ſich alſo ſagen: ich kam zunächſt hier⸗ her, um Ihnen wahrſcheinlich Langeweile zu bereiten. — Oho! — Ja. Ich wußte ja nicht, daß Sie es waren, Signor Speranza! Sie verſtehen mich? — Noch nicht ſo recht. 7 ——Vʒy-—— — Nun ja, ich kam zum Herrn dieſes Hauſes mit gewiſſen Ideen, um ihm eine gewiſſe Botſchaft auszu⸗ richten— — Eine langweilige? — Allem Vermuthen nach. Als ich aber plötzlich Signor Speranza vor mir ſah— ein Geſicht, das ich niemals vergeſſen werde,— da kamen mir andere Ge⸗ danken, und ſtatt einer langweiligen Geſchichte, bringe ich Ihnen einen guten Dienſt. Sie hing ſich dabei noch feſter an Esperance's Arm, drückte ihn noch mehr an ſich, und ihre Blicke wurden noch beredſamer. — Ich werde immer neugieriger. — Man hatte mich beauftragd, den Herrn dieſes Hauſes zu fragen— Beachten Sie wohl, den Herrn dieſes Hauſes, nicht Signor Speranza! — Zu fragen—? — Welches die Dame ſei, die er liebe, ſprach die Italienerin langſam und ſcharf betonend, ihre leuchtenden Blicke tief in Esperance verlegen umherirrende Augen bohrend. So ſchnell dieſer ſich aber auch wieder geſammelt, war ſeine Verwirrung Leonora dennoch nicht entgangen. — Speranza— ſprach ſie bewegt, iſt nicht gezwungen mir zu antworten. — Dieſe Frage, meine ſchöne Freundin, gewinnt oder verliert an Wichtigkeit, je nach der Perſon, die ſte an mich richtet.— Sind Sie ſelbſt die Fragerin? — 96— — Ich will nicht behaupten, daß ich nicht große Luſt dazu hätte, Speranza, antwortete die Italienerin mit leiden⸗ ſchaftlichem Ausdruck, und er fühlte das unruhige Wogen ihres Buſens deutlich an ſeinem Arm; aber ich bin Ihnen zu treu ergeben, um Sie zu belügen. Ich würde Ihnen damit keinen Dienſt leiſten— und, nicht wahr, Sie bezweifeln es nicht, daß ich das will?— Ja, ich will es, und muß es! — Und ich bin es, der Ihnen dankbar dafür ſein wird, ſagte er lebhaft, denn er konnte ſich nicht länger das Intereſſe verhehlen, daß dieſe Frage in ihm erweckte. Wem in aller Welt konnte denn ſo viel daran gelegen ſein, den Namen Derjenigen zu erfahren, die er liebte? Wer konnte wohl vielleicht gar ſchon dieſen ſüßen, und zugleich ſo furchtbaren Namen auf dem Grunde ſeines Herzens geleſen haben? Wer iſt es, wer? — Werden Sie es mir wirklich Dank wiſſen, Speranza? erwiederte Leonora, von einem unerklärlichen Drange hin⸗ geriſſen, den ſie aus Esperance's Augen und ſeiner Be⸗ rührung ſchöpfte. Sagen Sie, daß Sie es mir Dank wiſſen werden! Er nahm die andere auf ſeinem Arme liegende Hand der Italienerin, öffnete ſie ſanft und berührte die innere Fläche mit ſeinen Lippen. Sie erbleichte. So leiſe dieſer Kuß gehaucht war, fluthete doch ſein Feuer, wie ein verzehrendes Gift, durch ihre Adern. —— — 97— — Ich bin außer Stande Ihnen zu widerſtehen, wenn Sie mir zu gehorchen befehlen, flüſterte Leonora. Sie wollen wiſſen, wer mich zu Ihnen ſendet, um Sie auszuforſchen; die Delicateſſe verbietet mir, meinen Namen zu nennen, aber thun Sie, was ich Ihnen jetzt heißen werde, und Sie werden befriedigt ſein. Er blickte ſie erſtaunt an. — Vergeſſen Sie nicht, daß ich mich ein wenig auf Zauberei verſtehe, ſagte ſie halb ſchelmiſch. Dort geht eben ein Mann mit einer Kerze vorüber; es iſt einer Ihrer Diener, nicht wahr? — Ja wohl, und noch dazu ein Venetianer. Er wird Sie verſtehen. — Befehlen Sie ihm, genau zu befolgen, was ich ihm ſagen werde. Sie hatte ſeinen Arm losgelaſſen und war etwas zu⸗ rückgetreten. Esperance rief den Diener zu ſich und ſagte ihm einige Worte. Der Mann näherte ſich Leonoren ehrerbietig, die ihm ſchnell und leiſe ins Ohr flüſterte: — Geht bis zur letzten Tanne rechter Hand in dieſer Allee, und wenn wir etwa zwanzig Schritte hinter Euch ſein werden, dann zündet mit Eurer Kerze, wie aus Ver⸗ ſehen, einen der Aeſte an, den Ihr aber ſogleich abbrechen müßt, um die weitere Verbreitung des Feuers zu ver⸗ hüten.— Der Diener ſah ſie verwundert an, dann ſeinen Herrn. Gabriele. VII. — 98— — Vorwärts! rief Leonora. — Ich habe Euch geſagt, dieſer Dame zu gehorchen, ſprach Esperance. Der Diener verbeugte ſich und ging voran; Leonora und Esperance folgten langſam ihm nach. — Und nun, Signor Speranza, ſehen Sie ſich ein⸗ mal um, wo Sie ſind. — In der Tannen⸗ und Lerchenallee. — Am Ende derſelben iſt eine Mauer? — Ja, von Zamets Garten. — Und was ſehen Sie auf der Mauer? — Wir ſind noch etwas zu entfernt und die Nacht iſt zu dunkel, um deutlich ſehen zu können; indeß glaube ich eine ſteinerne Vaſe zu unterſcheiden, von der ſich Schling⸗ pflanzen herabranken.— Aber, was macht denn der Dummkopf? Ich glaube, er will mir meine Bäume verbrennen! — Kümmern Sie ſich jetzt nicht darum, ſondern blicken Sie ſcharf— aber ohne es auffallend zu machen, — nach jener Stelle auf der Mauer. 3 Plöͤtzlich loderte der harzige Aſt zu einer hellen Flamme auf, deren rother Wiederſchein Henriette's bleiches Geſicht beleuchtete, die unter dem Schutze des Epheu's herüber geſpähet hatte und Esperance nun, wie die fürch⸗ terliche Maske des Haſſes und der Eiferſucht erſchien. Er war im Begriff zu ſchreien; aber Leonora, die ſeinen Arm kräftig erfaßt hatte, nöthigte ihn ſchnell wieder umzukehren und ſetzte dann ihre Promenade in entgegen⸗ * geſetzter Richtung ſcheinbar harmlos und die Ungeſchick⸗ lichkeit des Dieners nicht beachtend, fort. — Henriette!— murmelte der junge Mann be⸗ troffen; Henriette iſt es alſo, die Sie abgeſendet hat, um mich auszuſpähen? Leonora antwortete nicht. — Henriette will den Namen Derjenigen wiſſen, die ich liebe? fuhr er fort; Sie vermuthet demnach... — Nun, fragte Leonora, ſollte Sie wirklich Grund zu Vermuthungen haben? — Nicht doch, nicht den mindeſten, erwiederte Esperance, von einer ſehr erklärlichen Unruhe ergriffen. — Demrnach erſcheinen Sie mir etwas beſtürzt.— Was ſoll ich Henrietten antworted? — Je nun.— Was Sie wollen, Leonora. — Denn irgend eine Antwort muß ich ihr bringen, Speranza, und zwar eine wahrſcheinliche, denn ſie iſt weder leichtgläubig, noch leicht zu hintergehen. — Wohlan! rief der junge Mann, plöoͤtzlich in einen ſcherzhaften Ton übergehend, ſo antworten Sie ihr, daß ich in Sie verliebt ſei, mein kleiner Rabe. Ein Blitz leuchtete aus den Augen der Italienerin. — Sie wollen es alſo, Speranza? rief ſie leiden⸗ ſchaftlich. Er ſah ſie betroffen an; dieſes wilde Feuer flößte ihm faſt Furcht ein.— — Sie wollen es? wiederholte ſie ſtürmiſch. — Je nun— ich meinte nur,— ſtammelte er verlegen. 7 7 — 100— Signor! 4 — Nicht doch, nicht doch,— Sie ſind es im Gegentheil, die Alles durch Ihre unwiderſtehliche Heiter⸗ keit entflammt... — Heiterkeit nennen Sie das? rief ſie bitter. — Aber, Leonora... — Sie haben recht, Speranza, fahren wir lieber in unſerem früheren freimüthigen Tone fort: Geſtehen Sie, daß der Anblick dieſes Geſichts, das ich Sie auf jener Mauer ſehen ließ, Ihnen einen großen Schrecken einge⸗ flößt hat? — Ich kann es nicht leugnen, daß es mich ein wenig— indeß, Schrecken iſt wohl ein zu ſtarker Ausdruck. — Demnach alſo hatte Signora Henriette richtig gerathen: Sie fürchten, daß ſte Ihr Liebesgeheimniß erforſche? — Ich habe kein Liebesgeheimniß! verſetzte Esperance lebhaft. — Das werden wir dieſem Weibe unwiderlegbar beweiſen müſſen, Speranza, denn ich verſtehe mich ein wenig auf Phiſiognomien, und die, die wir ſo eben er⸗ blickt haben, ſchien mir ſehr gefährlich für Ihre Ruhe. Auf welche Weiſe ermächtigen Sie mich, Henrietten zu beweiſen, daß ſie ſich geirrt habe?— Sie zögern?— Wollen Sie, daß ich Ihnen zu Hülfe komme? ſprach die Italienerin mit einem Lächeln, deſſen eigenthümlicher — Hal ich verſtehe.— Sie ſind ſchnell abgekühlt, v — 101— Ausdruck ſich nicht wiedergeben läßt. Ich glaube, daß ich einen guten Gedanken gefunden habe. — Sprechen Sie. — Es iſt eben der Dienſt, den ich mir vorgenommen hatte, Ihnen zu leiſten, ſobald ich Sie erkannt hatte. — Ich nehme ihn an. — Es giebt hier nur ein Mittel. Lieben Sie wirk⸗ lich irgend Jemand, und ich werde der Signora den Namen der Perſon nennen, werde ihr beweiſen— daß ich nicht lüge.— Laſſen Sie hören, Speranza, würde es Ihnen denn gar zu ſchwer werden, irgend einen Namen ausfindig zu machen?— Es giebt viele Frauen hier— ich betrachte ſie mir ſo eben, und viele unter ihnen ſind ſchöhn.— Wenn Sie wählen wollten... Sie mußte inne halten; die Stimme verſagte ihr vor dem ſtürmiſchen Klopfen ihres Herzens. — Vielleicht— fuhr ſie nach einer Minute kaum hörbar fort, vielleicht brauchen Sie nicht einmal ſehr weit zu ſuchen, denn Sie müſſen wiſſen, daß Sie Gott beſonders geſchaffen hat, daß Sie, ſtatt wie andere Männer zu athmen, einen Strom von Liebesfeuer aus⸗ athmen, der einen Zauber ausübt. Wer Sie erblickt, wird davon ergriffen, wer Sie berührt, wird von der Flamme verzehrt.. Ein Beben ergriff bei dieſen Worten ihren Körper, als ob ein Fieber ſie ſchüttelte; ihre ganze Seele lag in ihrem Blick und in ihrer Stimme. Die Gefahr iſt groß, dachte Esperance, für mich ſo wohl, wie für Gabriele; zwei Weiber haben ſich gegen mich verbündet, die eine iſt meine Todfeindin, die andere liebt mich mit wahnſinniger Leidenſchaft. Ich könnte durch die Eine den ganzen Einfluß der Anderen ver⸗ nichten, wenn ich wollte; könnte mein Geheimniß ſicher ſtellen,— was ſage ich! könnte Henriette ſogar ins Verderben ſtürzen. Was bedarf es viel, um aus Leonora eine unüberwindliche Verbündete zu machen? Ein Hände⸗ druck, ein Kuß, ein Verſprechen.— Von tauſend Männern würde kaum einer hier zögern, und jeder würde ſich ein⸗ reden, dennoch als Ehrenmann gehandelt zu haben,— denn was iſt eine Leotlora, einer Gabriele gegenüber! Er ſtrich ſich mit der Hand über die mit kaltem Schweiß bedeckte Stirn. — Nun! flüſterte Leonora, die ſeinen Seelenkampf mit ſchmerzlicher Erwartung beobachtete, ſprechen Sie nur ein Wort, antworten Sie mir, wie einer treu ergebenen Freundin. Wie, dachte Esperance, ſollte ich plötzlich feig ge⸗ worden ſein?. — Nun denn, Leonora, ſprach er mit edler Maͤnn⸗ lichkeit, ich werde antworten, ja, ich werde in Ihnen fortan die treue Freundin erblicken und Sie ſo be⸗ handeln. Man hat Sie an mich abgeſchickt, Leonora, um zu erfahren, ob ich irgend Jemand liebe. Werden Sie meinen Worten glauben, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Sie mit Freuden lieben würde, wenn mein Herz noch — 103— frei wäre? Ja, ja, ich weiß es, Sie glauben mir!— Aber mein Herz iſt nicht mehr frei. Ich habe ein Weib verlaſſen, fern von hier, in Venedig, das ich mit aller Gluth der Leidenſchaft liebe, dem ich geſchworen habe, es treu und ungetheilt zu lieben. Meine Seele iſt nun einmal ſo geſchaffen, und ich würde eher den Tod wählen, als einen Eid brechen. Ich weiß wohl, daß man über mich lachen würde, wenn die Welt dieſe thörichte Treue für eine Abweſende erführe; aber ich ſpreche hier zu dem Weibe, deſſen Herz ſo eben auch zu mir geſprochen hat. Sie, Leonora, Sie werden mich verſtehen, wenn ich Ihnen ſagen werde, daß es mir mit einiger Lüge und Geſchicklichkeis ein Leichtes geweſen wäre, Sie zu täuſchen, Sie einige Stunden, oder Tage, in dem Wahne zu wiegen, als würden Sie von mir geliebt. Sie werden mich noch beſſer verſtehen, wenn ich hinzufüge, daß ich mir die Schwierigkeit meiner Lage nicht verhehle, der Gefahr, der ich mich durch meine plumpe Aufrichtigkeit ausſetze, ſobald Sie es wollen. Aber nie könnte ich es mir vergeben, wenn ich, um die Gefahr zu beſchwören, meinen Eid bräche, wenn ich meine Lippen, meinen Körper einer Anderen hingäbe, als Der⸗ jenigen, die auch meine Seele beſitzt. Und auch ſie würde es mir nicht vergeben, und wenn ihr Heil von meiner Untreue abhinge; ſie würde vor Schmerz ſterben, und ich vor Schaam. Aber wird ſie es jemals erfahren? ſagt die Welt. Vielleicht nicht; aber ich, ich würde es fortan nicht mehr wagen, ihr ins Auge zu blicken, der — 104— mein ganzes Leben gehört. Und ſo hören Sie denn meine Antwort, Leonora: ich werde nie mehr wie ein Weib auf einmal lieben; vielleicht werde ich Diejenige, die jetzt mein ganzes Herz beſitzt, einſt nicht mehr lieben — wer weiß, ob dieß nicht bald, nicht morgen ſchon geſchieht?— Dann, Leonora, dann werde ich es ſein, der Sie anflehen wird, ihm zu gewähren, was ich heute nicht annehmen darf, das heißt, das Geſchenk der ent⸗ zückendſten Liebe, auf die jemals ein Ehrenmann ſtolz ge⸗ weſen iſt, ſie eingeflößt zu haben! Und nach dieſen Worten ergriff er ſanft die kalte Hand der Italienerin, die ihn bleich, aber ohne Zorn anblickte und deren Räuſch allmählich verflog, um einer eben ſo leidenſchaftlichen Bewunderung Platz zu machen, und drückte ſie an ſeine Lippen. — Genug, genug! ſprach ſie nach längerem Schweigen: Und iſt das Alles, was ich Ihrer Freundin Henrietten d'Entragues hinterbringen ſoll? Esperance ſah ſie mit dem Ausdrucke großmüthiger Hingebung an. 3 — Wenn man ſo glücklich iſt, eine ſolche Freundin zu beſitzen, ſagte er, dann ſchreibt man ihr nicht vor, was ſie thun ſolle, ſondern man vertraut deren Geiſt und deren Herzen. Noch einmal preßte Leonora beide Hände des jungen Mannes an ihre Bruſt, dann riß ſie ſich los und eilte fort. — Ja, ſo möchte ich geliebt ſein! ſagte ſie ſich ſelbſt. Aber erfahren will und muß ich den Namen — * — 105— Derjenigen, die ein ſolches Herz beſitzt, wiſſen will ich ihn, wenn auch nicht um ihn Henrietten zu verrathen⸗ aber für mich. In acht Tagen muß ihn Coneini aus⸗ gekundſchaftet haben. Ja, ſo möchte ich geliebt ſein— und ſie muß einer ſolchen Liebe würdig ſein!— Jetzt begreife ich Henriette's Eiferſucht und ihr Verlangen, ihren Namen zu erfahren.— Mag ſie darnach forſchen, wie ſie weiß und kann— ich werde ihn aber entdecken. In acht Tagen muß ich ihn wiſſen! 6. Ulyſſes und Diomedes. Alsbald, nach Leonora's Entfernung, gab ſich Esperance wieder den trüben Gedanken hin, die ſich ſeiner ſchon einmal am Anfange der Unterredung bemächtigt, und die er gewaltſam verbannt hatte. 4 Die Gefahr würde unermeßlich ſein, ſagte er ſich, wenn ich für Gabriele nur ſo eine gemeine, ſinnliche Liebe hegte, die ſich ſelbſt unbedachtſam durch materielle Beweiſe verräth, und wie ein fliehendes Kriegsheer ſtets Trümmer ihres Gepäcks auf dem Schlachtfelde zurück⸗ läßt. Wie aber will man hier entdecken, was ſich nur auf dem tiefſten Grunde unſerer Herzen regt? Welche Henriette wäre im Stande meine verſtohlenen Seufzer aufzufangen und ſie Heinrich IV. zuzutragen? Welche Leonora könnte das himmliſche Lächeln von Gabriele's Lippen rauben, den unfaßbaren Kuß, den ihre Seele der meinigen giebt, um ihn dem Könige als Beweis vorzu⸗ legen? Kein ſchwazhaftes Blatt Papier, keine compro⸗ mittirende Zuſammenkunft, kein verrätheriſcher Bote, vor deſſen Beſtechlichkeit gewöhnliche Liebende erzittern müßten! — 107— Nein, nein, ich biete meinen Feinden Trotz, mich zu ſtürzen, oder auch Gabriele nur im mindeſten zu ſchaden! Und das iſt ja der einzige Lohn meiner ritterlichen Ergebenheit, den ich anſtrebe, fuhr er mit traurigem Lächeln fort, ein Lohn, den zu Wenige begreifen werden, um ihn zu erkennen und ſeine Spur zu verfolgen. Muth, Esperance, Muth! weder der Haß einer Mademoiſelle d'Entragues, noch die wilde Leidenſchaft einer Leonora Galigai ſollen mich abhalten dieſe Nacht ſanft zu ſchlafen, wenn meine Gäſte fort ſein werden, wenn ich allein ſein werde, um mich ungeſtört den Liebesträumen hinzugeben— ach! deren Erfüllung ich ja wachend niemals erleben werde! N Und immer ſchneller durch den Garten dahinſchreitend, als könne er dieſen ſüßen Augenblick des Alleinſeins da⸗ durch früher herbeizaubern, gelangte Esperance wieder zu ſeinen Gäſten, die ſich bereits zum Aufbruche rüſteten. Die Tanzplätze waren allmählich leer geworden, die Muſik war verſtummt, die letzten Kerzen flackerten bereits unſtät vom Hauche des nahenden Morgens. Was Esperance gewünſcht hatte, war endlich erreicht, er war allein. Indeſſen that es ihm doch leid, nicht wenigſtens noch von zwei Freunden Abſchied genommen zu haben, die ohne Zweifel mit den Uebrigen unbemerkt fortgegangen waren, und da eben der Haushofmeiſter herantrat, um ſeinen Herrn zu fragen, ob er mit ſeinen Feſtanordnungen zufrieden geweſen ſei, fragte ihn Esperance, nachdem er — 108— ihm die wohlverdienten Lobſprüche geſpendet, zu welcher Stunde ſich Herr von Crillon entfernt habe. — Monſeigneur, antwortete der Haushofmeiſter, vor etwa einer Stunde verlangte Herr von Crillon, ſichtlich ermüdet von all dem Getöſe und dem Gedränge der Tänzer, den Schlüſſel zu Ihrem großen Kabinet von mir, um ſich ein wenig zu erholen, und ſoviel ich weiß, muß er noch dort ſein. — So öffnen Sie mir, verſetzte Esperance. Der Haushofmeiſter gehorchte. In der That erblickten die Eintretenden den Ritter in einem großen Armſtuhle ausgeſtreckt, und ſo feſt ſchla⸗ fend, als läge er icn allerbeſten Bett. Esperance hütete ſich wohl, dieſen ihm ehrwürdigen Schlummer zu unterbrechen; es lag eine ſo edle Heiter⸗ keit, ſolch eine fromme Ruhe auf der Stirn des tapfern Ritters! Er drückte die Thür leiſe wieder zu und ſank in einen Lehnſtuhl. — Und Pontis? fragte er den Haushofmeiſter; hat der ſich wacker beluſtigt? — Ich glaube wenigſtens, ſprach der Haushofmeiſter lächelnd. — Wo hat er ſich denn hinbegeben? In das Quar⸗ tier der Garden, oder in ſein Zimmer? — Nein, Monſeigneur, nicht ſo weit; er iſt im Ge⸗ gentheil ganz in Ihrer Nähe. Esperance ſah ſich verwundert im ganzen Saale um ☛ł * — 109— Der lächelnde Haushofmeiſter hob einen Zipfel des Tiſchtuches auf, und Esperance gewahrte unter demſelben zwei Füße, die er an den ungeheuren feuerfarbenen Schuh⸗ roſetten, als die ſeines Freundes erkannte. Ohne ein lautes Lachen unterdrücken zu können, zog er die beiden Füße an ſich und mit ihnen die ganze Ge⸗ ſtalt des Schläfers, der ſich zu ſträuben verſuchte, und ohne die Augen zu öffnen auf die unverſchämten Störer ſeiner Ruhe ſchimpfte. Esperance rüttelte ihn, hob ihn mit vieler Mühe vom Boden auf und ſtauchte ihn mit einigen kräftigen Scheltworten auf einen Stuhl. Pontis riß endlich die Augen auf, und ſtierte, einige Entſchuldigungen herlallend, vor ſich hin. Nach und nach wurden aber ſeine Reden verſtändlicher. Er habe, ſtammelte er, nach beſten Kräften verſucht, den Galanten bei den Damen zu ſpielen, alle ſeine Ver⸗ führungskünſte und den Glanz ſeines Coſtüms vor ihnen entfaltet, aber weder der Purpurſammt ſeines Wammſes, noch die Unmaſſe feuerfarbener Schleifen, noch die golde⸗ nen Ketten und das Geſchmeide, womit er ſich aufgetakelt, hätten ihm etwas geholfen. Die Damen, meinte er, hätten den Abend ihre Blicke und ihr Lächeln nur für den Hausherrn aufgeſpart. — Ich mochte noch ſoviel ſagen, ſchloß er, daß ich Dein beſter Freund ſei, keine wollte auch nur fünf Mi⸗ nuten in meiner Nähe bleiben. Es iſt freilich wahr, daß ich einen ſchauderhaften Tanz vollführe, aber, wie — 110— geſagt, ich bin doch nun einmal Dein Freund, und da ich überall ſchnöde abgefertigt ward, ſo blieb mir weiter Nichts übrig, als zum einzig unfehlbaren Tröſter meine Zuflucht zu nehmen. — Du haſt getrunken! — Ach! welch köſtlicher Wein! — Haſt zu viel getrunken! — Geizhals! — Du biſt ein Trunkenbold, ein Dummkopf,— Du zwingſt mich, vor meinen Dienſtleuten über Dich zu erröthen! Pontis wollte aufſtehen, wollte proteſtiren, aber ſeine Beine und ſeine Zunge verſagten ihm den Dienſt, die Trunkenheit überwältigte den Zorn, und er kollerte wieder vom Stuhle herab, auf dem ſein Freund ſich vergeblich bemühte, ihn feſtzuhalten. — Warte— nur— morgen! lallte er drohend. — Ja, ja, morgen wollen wir ſchon weiter darüber ſprechen, rief Esperance, der ſich des Lachens nicht ent⸗ halten konnte. In dieſem Augenblicke näherte ſich einer der Lakayen Esperance, und meldete ihm, daß ein Mönch im Vor⸗ zimmer ſei, der ihn zu ſprechen begehre. — Ein Mönch? Zu dieſer Stunde? Wahrſcheinlich ein terminirender Bruder, den die Ueberbleibſel des Feſtes angelockt haben. — Nein, Monſeigneur, er hat nicht gebettelt. — Jedenfalls will er aber etwas haben. Er wird — 111— ſich geſagt haben, daß die Freude die Herzen zur Wohl⸗ thätigkeit ſtimmt, und ich finde den Gedanken nicht ſchlecht. Laßt ihn kommen, wenn es auch ſchon ſpät iſt. — Monſeigner, er iſt bereits eingetreten, ſagte ein anderer Lakay, und, ohne Ihre Antwort abzuwarten, iſt er geraden Wegs in den Garten gegangen, als ob er ſein ganzes Leben in dieſem Hauſe zugebracht hätte. Esperance zog ſeine Börſe und erhob ſich, um den Mönch aufzuſuchen. Dieſer war während dem, zur großen Verwunderung der Diener Esperance's, auf der Gartenterraſſe zwiſchen den Blumenkübeln und den erſterbenden Lämpchen ruhig auf⸗ und abgeſchritten. Dort fand ihn Esperance. Schon von Ferne fiel ihm die hohe breitſchultrige Geſtalt, der feſte Gang, die dicht verſchloſſene ſchwarze Kapuze auf; er mußte dieſen Mann ſchon öfter geſehen haben. — Richtig! rief er beim Näherkommen, der Ge⸗ novefenbruder, ich hatte mich nicht getäuſcht. Bruder Robert. — Ich ſelbſt, erwiederte der Mönch. Guten Morgen, Herr Esperance — Seid mir willkommen, ehrwürdiger Bruder.— Welch ein glücklicher Zufall führt Euch zu mir? — Ich ging eben vorüber, ſagte der Mönch, ohne ſich zu kümmern, wie unwahrſcheinlich es ſei, daß man des Morgens um drei Uhr, von Bezons kommend, zufällig durch die Straße de la Ceriſaie gehe. — Lieber wäre es mir geweſen, erwiederte Esperance — 112— lächelnd, wenn Ihr abſichtlich und um meinetwillen ge⸗ kommen wäret. — Ich komme allerdings auch um Ihretwillen, Herr Esperance, und wegen des Ritters Crillon.— So viel ich weiß, ſoll er noch hier ſein. — Ja, ehrwürdiger Bruder. Wollt Ihr mir folgen? Beide kehrten in den Saal zurück. — Ich hatte den Ritter ſchon aufgeſucht, ſprach der Mönch im Gehen, als er vom Könige kam, um ihm eine Mittheilung zu machen; man ſagte mir, daß Sie ein großes Feſt gäben, und daß der Herr Ritter ohne Zweifel dabei ſein würde. Esperance gab einem ſeiner Leute Befehl, den Ritter zu wecken und ihm zu melden, daß Jemand ihn dringend zu ſprechen verlange. Während dem betrachtete der Ge⸗ novefenbruder mit ruhiger Neugierde Pontis, der ſich vergeblich abmühete, wieder Herr ſeiner Beine und ſeiner Sinne zu werden. Bruder Robert deutete ſtumm mit dem Finger auf ihn. — Ja, ſprach Esperance lächelnd, es iſt Pontis, der Kamerad Pontis, ein ſchauderhafter Trunkenbold. Der Wein hat ihn ſo ſtumpfſinnig gemacht, daß er weder Guch noch mich mehr erkennt. Pontis riß die Augen gewaltſam auf und mühete ſich nur um ſo mehr ab, zu verſtehen zu geben, daß er, wenn auch nicht ſprechen, doch noch hören könne. — Er hat mich doch erkannt, ſprach der Mönch kalt, — — 113— Pontis den Rücken zukehrend, um dem Ritter entgegen⸗ zugehen, der eben mit neugierigem Geſicht eintrat. — Was Tauſend! Bruder Robert hier? rief Cril⸗ lon aus. — Ja, Herr; da man mich nicht einladet, ſo lade ich mich ſelbſt ein. Bei dieſen mit gewohntem Pflegma geſprochenen Worten tauſchten Crillon und Esperance einen ſchnellen Blick, als ob ſie ſich ſagen wollten: — Das hat etwas Wichtiges zu bedeuten! Der Möoͤnch ſchien es nicht zu beachten, ſondern ſtand ruhig harrend da. — Wie wäre es, wenn wir uns in meinem Kabinet niederließen? ſagte Esperance, udd wollte vorangehen, um ſeinen Gäſten die Thüre zu öffnen. Bruder Robert hielt ihn zurück: — Nicht nöthig; wir können hier eben ſo gut ſprechen. — So geht alle hinaus, und ſorgt, daß uns Nie⸗ mand hier ſtöre! rief Esperance ſeinen Leuten zu, die ſich augenblicklich entfernten. Der ganze weite Raum bis zur Eingangsthüre war nun leer. Außer dem ſchnarchenden Pontis war kein fremder Horcher mehr in der Nähe. — Und nun, Bruder Robert, rief Crillon ungeduldig, laßt uns ſchnell hören, was Euch hierher führt. — Je nun— das Vergnügen Euch zu ſehen. — Schon gut, ſchon gut!— Und was weiter? — In der That, nahm Esperance das Wort, ſcheint Gabriele. VII. 8 — 114— mir der Ton und die Haltung des ehrwürdigen Bruders mehr Trauer als Vergnügen anzudeuten. — Ihr habt Recht— ich bin allerdings traurig. — Und weshalb, wenn man fragen darf? — Ich komme aus dem Louvre, wo ich den König in großer Verzweiflung verlaſſen habe. — Den König— in Verzweiflung? riefen Crillon und Esperance zugleich. — Ganz gewiß. Meint Ihr Herren denn, daß dieſe neue Ausſicht auf einen blutigen Bürgerkrieg in Frank⸗ reich ſeinem königlichen Herzen gleichgültig ſei? Aber mein Gott! wo ſoll denn jetzt ſchon wieder ein Bürgerkrieg herkommen? fragte Crillon. — Für den Augenblick in der Champagne, Herr Ritter, morgen in Lothringen, und übermorgen in ganz Frankreich! — Oho!— Und wer ſollte ihn denn führen? — Der neue Valois. — Jener Schuft von Laramée, jener Lump? — Er wird ſich nächſtens in Rheims ſalben laſſen. — Seid Ihr wahnſinnig, Bruder Mönch? ſchrie Crillon mit ſo gewaltiger Stimme, daß Pontis davon erwachte. Laramée in Rheims zum König geſalbt? Das ſind ja Narrenspoſſen! — Laramée— Schuft! lallte Pontis, mit der ſchweren Hand nach ſeinem Degengriff tappend. — Ich flehe Euch an, ehrwürdiger Bruder, uns zu erzählen, wie das möglich iſt! drang Esperance in v den Mönch, der nur auf dieſe Aufforderung zu warten ſchien. — Laramée, oder Valois, wie Ihr ihn nennen wollt, ſprach Bruder Robert kurz und beſtimmt, iſt glücklich aus Paris entkommen; er hat einen Kern von Truppen aufgefunden, den die Herzogin für ihn in Bereitſchaft ge⸗ halten hat; dieſem Kern haben ſich die von Philipp II. geſendeten Spanier angeſchloſſen; ferner die Unzufriedenen, — an denen es in Frankreich niemals fehlt. Dieſes ganze Geſindel hat den neuen Prätendenten als ächten Valois anerkannt, oder hat ſich wenigſtens ſo geſtellt, und er— um ſich ſofort das Anſehen eines Königs von Frank⸗ reich zu geben,— rückt mit ſeiner Armee auf Rheims los, und will ſich dort in aller Geſchwindigkeit ſalben laſſen. Das iſt die ganze Sache, und wie Ihr zugeben werdet, eine ſehr einfache. — Harnibieu! ſchnaubte Crillon; und der König? — Welchen meinen Sie? Es wird deren nun zwei in Frankreich geben, ſprach der Genovefenbruder ruhig. — Und die königliche Armee? — Es wird deren ebenfalls zwei in Frankreich geben — was ſage ich?— drei ſogar, denn der Herzog von Mayenne hat die ſeinige noch immer bei der Hand. — Aber man wird, beim Teufel! doch irgend et⸗ was thun?. — Ich ſollte es meinen.— Aber was? fragte der Mönch mit unerſchutterlichem Gleichmuth. — Der König ſollte nicht ſchon irgend einen Gedanken 8⸗ — 116— gefunden haben? Das werde ich mir nicht ſo leicht ein⸗ reden laſſen! — Ohne Zweifel wird der König manchen Gedanken haben, und auch ſogar kluge Gedanken; wo ſollen aber die Mittel herkommen, ſie auszuführen? — Pah!— wenn's weiter Nichts iſt!— Zudem iſt vielleicht dieſe ganze Salbungsgeſchichte nur eine aus⸗ geſprengte Lüge.. — Nein— es iſt die Wahrheit, ſprach Bruder Robert feſt. — Ja, wenn Ihr das mit ſolcher Beſtimmtheit be⸗ hauptet, das iſt ein Anderes. Aber woher wißt Ihr es? — Das würde jetzt zu lang zu erzählen ſein. Es genüge Euch zu wiſſeſi, daß ich deſſen gewiß bin. — So erzählt, Harnibieu! es iſt ſchon der Mühe werth... — Nein.— Es iſt ein Beichtgeheimniß. — Weiß es wenigſtens der König? — Er weiß ſo viel, als er zu wiſſen braucht. Ich wollte den theuren Fürſten nicht allzuſehr zur Verzweif⸗ lung bringen, denn er iſt es ohnedies ſchon genug. Und er hat auch Urſache dazu. Eine feindliche Armee in Lothringen, eine in der Picardie, eine im Süden, ich ſollte meinen, daß ſei ſchon mehr als hinreichend, um Frank⸗ reich in Verwirrung zu ſtürzen.— Und nun ſoll noch eine vierte aufgebracht werden, um gegen die Champagne ins Feld zu rücken... — Ohne zu berückſichtigen, daß hier in Paris ein — 112— ſchlimmes Unwetter losbrechen kann, wenn der König es verläßt, fügte Esperance ernſt hinzu. — Sehr richtig bemerkt, ſprach der Mönch lebhafter als bisher. — Harnibieu! rief Crillon, ſtatt Euch die Köpfe mit Aufzählung aller dieſer Unglücksgeſchichten zu verwirren, thätet Ihr klüger, irgend ein Rettungsmittel zu erſinnen! — Rettungs— mittel—! ſtammelte Pontis, dem es gelungen war, ſich halb aufzurichten, und der die uner⸗ hörteſten Anſtrengungen machte, die Weindünſte, die ſeine Sinne umnebelten, zu verjagen. — Halte Du Dein Maul, Saufaus! herrſchte ihn der Ritter grimmig an, oder ich Arete Dir allen Wein aus dem Leibe, den Du verſchlungen haſt!* Pontis antwortete nur durch ein unverſtändliches Grunzen. — Sollte unſer ehrwürdiger Bruder Robert uns nicht irgend einen guten Rath zu ertheilen haben? ſprach Es⸗ perance bedeutſam. Ich müßte mich ganz irren, oder ſeine Weisheit hat bereits ein Auskunftsmittel gefunden. — Die Weisheit ſpricht: Zerſtöre die Urſache, und Du zerſtörſt die Wirkung. — Mordieu! eine ſchöne Weisheit, rief Crillon; ſo klug bin ich auch! Zertritt dieſen Laramée, und Du trittſt den Zunder des Bürgerkrieges aus—— Wie aber ſoll das geſchehen? — Das wird freilich ein ſchwieriges Unternehmen ſein, antwortete der Mönch ohne die mindeſte Aufregung — 118— zu verrathen. Laramée ſitzt ſicher in ſeinem Lager, wohl⸗ bewacht und gehütet von ſeiner Armee, das heißt, von zwei oder drei Liguiſtenregimentern. Crillon zerkaute ſich vor Wuth ſeinen Schnurrbart. — Eine ſchöne Armee! brummte er. Man gebe mir zweihundert Mann, und ich haue dies ganze Geſindel in die Pfanne! — Dieſe zweihundert Mann wird man Ihnen aber eben nicht geben können, ſagte Bruder Robert; und übri⸗ gens, wenn Sie ſie auch hätten, meinen Sie, daß die Rebellen Sie ruhig erwarten würden? Sie würden ſich ſo lange vor Ihnen zurückziehen, bis ſie ſich hinreichend verſtärkt hätten, um Ihnen ohne Gefahr eine Schlacht an⸗ bieten zu können. — Nun denn, ſo würde man ſie ſchlagen! — Und der Bürgerkrieg wäre im Gange, verſetzte der Genovefenbruder ſtreng; das iſt es aber eben, was vermieden werden muß. — Wollt Ihr etwa zufällig eine Armee vernichten, ohne zu kämpfen? fragte der Ritter ironiſch. — Das will ich in der That, ſprach der Mönch, einen durchdringenden Blick auf Crillon heftend. — Wenn man ein Rieſe wäre, fuhr dieſer fort, ſo könnte man dieſe Pygmüäen allenfalls verſchlingen oder zertreten— Leider aber leben wir nicht mehr in den Zeiten der Myrmidonen! — Sie ſind eben ſo ein Rieſe, wie es die Helden Homers waren, erwiederte der Mönch, und was dieſe — 119 vollbracht haben, ſind Sie ebenfalls im Stande zu voll⸗ bringen. — Meint Ihr wirklich? fragte Crillon naiv. Esperance lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit; er errieth, daß der Mönch bereits einen fertigen Plan im Rückhalte hatte. — Ritter, ſprach Bruder Robert, im Laufe Eures Heldenlebens habt Ihr oft ſchon mehr vollbracht, als allein in ein feindliches Lager dringen und Pferde entführen. — Die Pferde des Rheſus! rief Esperance. — Ja, ja, ich habe etwas dergleichen in meiner Jugend gehört, brummte der Ritter; Ulyſſes und Diome⸗ des allein im feindlichen Heerlages— das muß herrlich geweſen ſein!— aber ein verdammt ſchweres Stück Arbeit. — Ein Mann ſſt weit leichter zu tödten, als drei Pferde zu entführen, ſagte der Mönch ruhig. — Jetzt verſtehe ich! rief Esperance wieder. Man müßte dieſem Schurken mitten unter ſeinen Truppen den Kopf ſpalten, und der Bürgerkrieg hätte ein Ende! — Ja, ja, das wäre ſo etwas, meinte Crillon be⸗ haglich. — Allerdings wäre es etwas, verſetzte Bruder Robert, aber noch nicht Alles; es genügt nicht ihn zu tödten. — Wie ſo? Was ſoll denn noch mehr mit ihm ge⸗ ſchehen? — Für die Sicherheit des Staates wäre es mir lieber, — 120— wenn der Betrüger vor Gericht geſtellt, öffentlich verhört und verurtheilt würde. — Und hingerichtet, wie es ſich gehört, ganz recht! rief Crillon. Harnibieu! ſo werde ich denn Diomedes ſein! — und ich Ulyſſes! ſchloß Esperance. Der Mönch nickte zufrieden mit dem Kopfe und ver⸗ grub ſeine Hände tief in die Aermel ſeiner Kutte. — Ich könnte Ihnen, wenn Sie es wollten, fuhr er dann langſam fort, einen ziemlich wichtigen Dienſt leiſten; ich könnte Sie ſicher und ohne Gefahr bis mitten in das Rebellenlager gelangen laſſen. — Was da! Wenn Ihr es könnt, ſo weiß ich auch, daß Ihr es thut, ſprach Crillon ungeduldig; alſo heraus mit der Sprache! 2 — In dieſem Augenblicke befinden ſich drei ſpaniſche Offiziere in unſerem Kloſter, die mit guten Päſſen und Empfehlungsbriefen an den neuen Prinzen verſehen ſind. Dieſe wackern Leute kommen aus dem Angoumois und wollen in die Champagne. Sie haben ſich unſerm ehr⸗ würdigen Prior, Don Modeſtus, der, wie Ihr wißt, einen außerordentlichen Scharfblick beſitzt, ein klein wenig ent⸗ deckt. Das Wenige hat ihm aber genügt, um ihren ganzen Plan zu durchſchauen. Er hat mich ſogleich nach Paris abgeſendet, um den König zu benachrichtigen. Ich fand aber Se. Majeſtät ſo niedergeſchlagen, daß ich nicht das Herz hatte, ihm das ganze Mißgeſchick zu enthüllen, und hoffte mir bei Ihnen wieder Stärkung zu holen, und Gott hat mein Bemühen geſegnet. — — 421— — Harnibieu! das will ich meinen!— Aber dieſe Spitzbuben, dieſe Spanier werden nicht auf Euch warten, und während Ihr hier ſeid, werden ſie ſchon ein gutes Stück Weges zurückgelegt haben. — Sie werden ſchon auf mich warten, ſprach der Mönch lächelnd. — Wie wollt Ihr das wiſſen? — Ich habe ſie einſperren laſſen. — Kriegsmänner!— Sie werden die Thüren ſprengen. — Ich habe ihnen ihre Waffen wegnehmen laſſen. — So ſpringen ſie zum Fenſter hinaus und machen ſich mit ihren Papieren auf und dadon. — Ich habe Sorge getragen, daß ihnen ihre Kleider weggenommen worden ſind; die Spanier find ſehr ſitt⸗ ſame Leute, ſie werden nicht ganz nackt durchs Land laufen. Crillon brach in ein lautes Gelächter aus und ſchloß den Mönch kräftig in ſeine Arme. — Harnibieu! Ihr ſeid kein Mönch, Ihr ſeid der leibhafte Erzengel Michael! — Nun denn, fort! rief Esperance. — Ja, ja, ſchnell fort, ſagte der Ritter, Bruder NRobert beim Arme packend und raſch fortziehend. Aber plötzlich verſperrte ihnen etwas den Weg. Es war der taumelnde Pontis, den ſie ganz außer Acht ggelaſſen hatten, und der Ihnen nun zuſchrie: — Sambioux!— Ich bin auch da! — Du biſt es, Unglücksmenſch! ſagte Esperance. Schlafe aus.„ — Anf die Seite! rief Erillon. — Ich habe— Alles verſtanden, ſtammelte Pontis; man will— ſich ſchlagen— ich bin dabei! — Fort mit Dir! Wir können keinen Betrunkenen brauchen, ein Betrunkener iſt ein Feind. Pack' Dich! Und da Du verſtanden haſt, welch' ein wichtiges und ruhmvolles Werk wir vorhaben, ſo mag es Deine Strafe ſein, daß Du zu Hauſe bleiben mußt. — Esperance! ſchluchzte Pontis und verſuchte ſich an ſeinen Freund zu klammern. — Lege Dich ſchlafen, ſage ich Dir! Wir haben einen ſcharfen Ritt vor uns, und Du kannſt Dich ja nicht einmal auf Deinen Beinen erhalten. Und in der That, ſchon auf den erſten Verſuch Esperance's ſich von ihm loszumachen, rollte Pontis der Länge nach ins Zimmer hin. Er ſtöhnte und jammerte, und haſchte nach ſeines Freundes Hand. — Ich hatte Dir verboten, Dich jemals wieder zu betrinken, ſprach Esperance ſtreng; Du hatteſt es mir verſprochen, und haſt Dein Wort gebrochen. Nimm nun auch Deine Strafe dafür hin. Pontis ſchluchzte zum Erbarmen; aber vor Be⸗ trunkenheit konnte er weder mehr ein Wort ſprechen, noch eine Bewegung machen.„ — Der Schlingel hat doch wenigſtens noch d Herz auf dem rechten Flecke, ſagte Erillon; aber — 123— beſoffen wie ein burgundiſcher Karrenführer; er wird gleich feſt eingeſchlafen ſein. Aber laſſen wir ihn, und vorwärts! Esperanee und der Mönch folgten ihm raſch nach den Ställen zu. Alle drei halfen den Dienern beim Satteln der Pferde. Esperance beſchwichtigte die Hunde, die, als ſie die Reiſevorbereitungen merkten, ihre Freude durch lautes Heulen und Bellen zu erkennen gaben, um nicht ver⸗ geſſen zu werden! — Tout-beau, Cyrus! tout-beau, Ruſto! rief der junge Mann ihnen zu; eure guten Freunde, die Pferde, gehen fort, aber zu einer Jagd, Kei der ich euch nicht brauchen kann. Tout-beau! marſch in die Hütte! wenn ich zurückkomme, wollen wir uns mit der Jagd ſchon unterhalten. Er liebkoſ'te das Hirſchkalb in ſeinem Verſchlag, flüſterte leiſe den Namen Derjenigen, die es ihm ge⸗ ſchenkt hatte, und ſchwang ſich dann leicht in den Sattel des vorgeführten Pferdes. Wenige Minuten darauf ſprengten die drei Reiter, der Genovefenbruder voran, ſchon auf der Straße von Bezons dahin. Esperance hatte einen großen dunklen Mantel über die Kutte und Kapuze des Mönchs ge⸗ worfen, der durch dieſe Verkleidung nichts Prieſterliches mehr verrieth; ganz beſonders ſpürte ſein Pferd nichts davon; kein Kriegsmann hätte es beſſer mit Fauſt und Beee bändigen können. Während dem war es Pontis gelungen, ſich an den Tiſch zu klammern und auf die Beine zu kommen. Aber die Tiſche, die Gläſer, das ſilberne Geſchirr und die Flaſchen drehten ſich im wirbelnden Kreiſe vor ſeinen Augen. Die Vernunft ſchien allmählig wieder in ihm zu erwachen, und ließ ihm die lächerliche Schmach ſeiner Lage erkennen. — Elender! rief er, vergeblich bemüht feſt zu ſtehen, du biſt betrunken— du taumelſt— ein Kind kann Dich bewältigen! 1 Er ſchlug ſich wüthend mit der Fauſt ins Geſicht. — Erbärmlicher Feigling! ſchrie er da, du biſt be⸗ ſchimpft— man wird kämpfen, und du wirſt nicht dabei ſein!— Deine Freunde ekeln ſich vor dir!— Da, du dummes Vieh! da, du Trunkenbold, du unfläthiges Schwein! da!— da! Und jedes dieſer Schmeichelworte begleitete er mit einem wüthenden Schlag. Die an der Thür weilenden Diener ſahen dieſem ſeltſamen Schauſpiel halb erſchrocken, halb furchtſam zu; keiner wagte zu lachen. — Wenn ihm zufällig ein Meſſer in die Hände kommt, ſagten ſie leiſe unter ſich, ſo iſt er im Stande ſich umzubringen. Pontis hatte ſo heftig und ſo lange auf ſein Geſicht losgepaukt, daß ihm endlich das Blut aus Naſe und Mund lief; er ſchwankte zwar noch, aber ſchon konnte er ſich mit einer Hand am Tiſche aufrecht erhalten; mit — 125— dem fließenden Blute ſchien auch ſein Rauſch zu ver⸗ fliegen. Mit wilder Freude gewahrte er die Spuren auf ſeinem ſchönen Wamms. — Waſſer her! brüllte er mit furchtbarer Stimme, Waſſer für den erbärmlichen Pontis! Man reichte ihm eine große Karaffe, die er gierig, austrank, dabei die Hälfte in den Bart und über die Bruſt vergießend. — Ah!— das thut gut!— das erfriſcht!— Sambiour! ich fühle mich wieder ſtark wie ein Löwe!— Sol fort ſind ſie alſo?— Na, wartet, ich komme gleich nach!— Platz da! Ein Pferd, ein Pferd! Er taumelte durch den Saal, nach den Ställen, die man vor ihm verſchließen wollte; àber in ſeiner Wuth hätte er auch die feſteſte Thüre zertrümmert, und man mußte ihm endlich ein Pferd ſatteln, nur um ihn zu be⸗ ſchwichtigen, denn man rechnete feſt darauf, daß es ihm unmöglich ſein würde, in den Sattel zu kommen. Aber die Willenskraft dieſes Menſchen überwand das körperliche Unvermögen. Zehnmal verſuchte er aufzu⸗ ſteigen, und zehnmal fiel er wieder herab. Er weinte vor Wuth. Plötzlich riß er den Degen aus der Scheide: — Schurken, die ihr alle ſeid! ſchrie er den be⸗ ſtürzten Dienern zu, ich maſſacrire euch, wenn Ihr mir nicht auf's Pferd helft!— Ich bitte Euch um Gottes⸗ willen!— Ich befehle es Euch, Ihr Hundsfötter! Ich beſchwöre Euch, Ihr Freunde! ———-::::ñↄ.õ-— — 126— Die Diener empfanden Mitleid, denn im Grunde liebten ſie alle dieſen wackeren Freund ihres Herrn; außerdem flößte das Laſter des Trunkes ihnen nicht den gleichen Abſcheu ein wie Esperance. Sie nüäherten ſich alſo Pontis und verſuchten ihm begreiflich zu machen, daß er ſich vergeblich anſtrenge. — Auch werden Sie die Herren ſchwerlich finden, ſagte der Haushofmeiſter, denn ſie haben nichts hinter⸗ laſſen, wohin ſie wollen, und müſſen jetzt gewiß ſchon weit von hier ſein. Alſo, glauben Sie mir, mein Herr; bleiben Sie hier und wir wollen Sie gut pflegen. Wirklich hätte Pontis jetzt beinahe den Muth ver⸗ loren. Da ploͤtzlich ward er auf das Bellen und Heulen der Hunde aufmerkſam. — Die Hunde! rief er, die Hunde! ſie werden ſchon die Spur ihres Herrn ſinden! Hallo, Cyrus! Hallo Ruſto!— Macht ſie los! macht ſie los! Ich werde ihnen ſchon nachkommen! Und mit einer letzten verzweifelten Anſtrengung ge⸗ lang es ihm endlich in den Sattel zu kommen; die los⸗ gelaſſenen Hunde ſprangen wie toll vor Freude jauchzend an dem Pferde in die Höhe, und ſobald das Thor geöffnet war, fuhren ſie mit der Naſe an der Erde ſchnopernd, zum Hofe hinaus— Pontis, ſich feſt an den Sattelknopf klammernd, im Carriere hinterdrein. 7. Der König berührt Dich, Gott heile Dich! Laramée, der neue König von Frankreich, hatte ſein Hauptquartier in der Nähe von Rheims, in einem ver⸗ laſſenen Landhauſe aufgeſchlagen, das ihm zugleich als Reſidenz und als Feſtung diente. Dort überließ er ſich mit Behagen ſeinen Träumen von Liebesglück, von Macht und Größe. Von ſeinen Soldaten umgeben, die ſorgfältig über ihn wachten und deren Zahl ſich mit jedem Tage vermehrte, war er als thätiger und intelligenter Mann eifrig darauf bedacht, ſie zu bewaffnen, ihnen einigen kriegeriſchen Unterricht zu ertheilen, während er zugleich das Volk in dem Glauben zu befeſtigen ſuchte, daß die Legitimität, dieſe letzte Hoffnung des durch Zwiſtigkeiten zerriſſenen Frank⸗ reichs, in ſeiner Perſon die Stadt Rheims mit der Ehre bedenke, dem Lande einen neuen König aus dem Stamme der Valois zu geben. 8 Viele Müſſiggänger, leichtgläubig wie Alle, die Nichts zu thun haben, beſuchten ihn und gingen entzückt von ihm wieder weg. Ein gewiſſer Adel in der Geſtalt und — 28 —„ in ſeinen Zügen, wie man mihn gewöhnlich mit dem Be⸗ griffe königlicher Würde zu verbinden pflegt, kam ihm dabei trefflich zu ſtatten; er beſaß jenen hellen, ſtolzen und ſogar etwas grauſamen Blick der Prinzen aus dem Stamme der Valois. Was bedurfte es mehr, um jenes Gafferheer, an dem es dem ſchönen Frankreich zu keiner Zeit gefehlt hat, in ſeinem Wahne zu beſtärken? Uebrigens vergaß Laramée aber auch nicht für ſeine Sicherheit zu ſorgen. Er hatte ſeine fünfzehn⸗ oder ſechzehnhundert Mann nicht ohne ſtrategiſches Geſchick in einem Umkreiſe von einigen Stunden ſtaffelweis auf⸗ geſtellt, und die Verbindung der Linien mit dem Haupt⸗ quartiere war ſo geordnet, daß nicht ein Faden dieſes Spinnennetzes von außen berührt werden konnte, ohne daß man es im Centrum erfuhr. An einem hellen, friſchen Frühlingsabend bot das Reſidenzſchloß des neuen Monarchen einen mehr wunder⸗ lichen als königlichen Anblick dar. Im großen Hofe, den man zu einem Ehrenhofe erhoben hatte, waren die per⸗ ſönlichen Leibwachen Sr. Majeſtät, das heißt etwa zwei⸗ hundert Spanier und beſonders eifrige Liguiſten in Parade aufgeſtellt, unter denen ein ſcharfer Beobachter mehr wie ein Geſicht von denen wiedererkannt hätte, die wir bereits an jenem Abend der Verkündigung eines letzten Valois im Hotel der Herzogin von Montpenſier geſehen haben. Mitten im Hofe, unter einem großen Kaſtanienbaums, zwiſchen deſſen friſchen Blättern bereits hitenn und da Ie — eigenthümlichen ſteifen Blithenbäſche zum Vorſchein kamen, war eine Art von Thron errichtet, deſſen Höhe die ärmliche Ausſchmückung einigermaßen erſetzen ſollte. Man hatte einen alten, ehemals riſchtyollen Armſtuhl. der von dem ſeit lange entwöhnte az der Sonnen⸗ ſtrahlen gleichſam verſchämt z chien, aus dem Staube einer Rumpelkammer hervogge ogen; eine ziemlich verblichene wollene Tapete war von der Wand des Saales abgenommen worden, um ſie in Geſtalt eines Thronhimmels an den Aeſten des Kaſtanienbaumes zu befeſtigen. Dieſe Tapete, die man leider nicht hatte wählen können, da ſie die einzige im ganzen Schloſſe war, ſtellte das Märtyrerthum irgend eines Heiligen dar. Der Leidende wand und krümmte ſich, mit einem Strick um den Hals— ein Emblem von verhängnißvoller Be⸗ deutung für die neue Majeſtät!— inmitten einer Gruppe von Henkärn und römiſchen Soldaten mit fabelhaft ge⸗ formten Helmen; hier und da hatte der Künſtler höchſt ſinnig Nägel, glühende Zangen, Meſſer und allerhand andere Marterwerkzeuge am Boden verſtreut; man brauchte ſich nur zu bücken, um ſie in Anwendung zu bringen. Allein ſo merkwürdig dieſe alte Tapete auch war, vermochte ſie die Augen der Zuſchauer doch nicht von einem anderen, ihrer Neugierde würdigeren, obgleich noch häßlicheren Gegenſtand abzulenken. Man ſah auf Trag⸗ bahren oder mit Stroh bedeckten Karren eine Schaar Kranke von Schauder erregendem Anblick in den Hof Gabriele. VII. 9 ſchaffen, denen ein Haufen Bauern und niedriges Stadt⸗ volk nachdrängte. Die Offtziere des neuen Königs ließen die Kranken in einer Linie, rechts vom Throne aufſtellen, und lints die Zuſchauer, deren Blicke begierig nach Demienigen ausſpäheten, der durch eine einfache Be⸗ rührung alle dieſe Unglücklichen heilen ſollte— wenn er 8 nämlich der wirkliche König von Frankreich war. Zwei Tage zuvor hatte er ein anonymes Briefchen aus Paris erhalten, das Nichts als die Worte enthielt: „Der König heilt Lahme und Gichtbrüchige.“ Da er die Hand, welche dieſe Worte geſchrieben, ſehr wohl kannte, die Weiſung auch von einer anſehn⸗ lichen Geldſendung begleitet war, um die Koſten der Ceremonie zu beſtreiten, ſo ſtand Laramée nicht an, den Rath ſeiner Beſchützerin, deſſen Zweck er ſogleich errieth, bald möglichſt in Ausführung zu bringen. Die Aus⸗ übung dieſes abſonderlichen Privilegiums der Könige von Frankreich war ein treffliches Mittel, um die klein⸗ gläubigen Seelen der Provinzbewohner mit einem Schlage zu bekehren. — Man ſuchte nach geeigneten Subjecten für die Pro⸗ 3 cedur, und fand ſie auch ſchnell. Für Geld iſt ja Alles. zu haben. Da Rheims die Krönungsſtadt war, ſo mußte 5 auch ganz natürlich ſtets ein kleines Depot ſolcher Re⸗ quiſiten für außerordentliche Gelegenheiten vorhanden ſein. Endlich war die mühſame Aufſtellung dieſer unſitt⸗ lichen Schaar zu Stande gebracht und Aller Augen harrten auf die Erſcheinung des neuen Wunderthäters. 1 — — Indeß darf man nicht etwa glauben, daß Laramée ſich dieſer Prüfung lediglich als Charlatan unterzogen hatte, um die rohe Menge zu täuſchen; er hatte ſeine Rolle vielmehr von der ernſteſten Seite aufgefaßt. Der verliebte Wahnſinn des Unglücklichen hatte ſich zu einer förmlichen Manie der Hoheit und königlichen Würde geſteigert. Er hatte es ja mit der ſtolzeſten weiblichen Seele zu thun, er wollte ſie beherrſchen, ſich von ihr bewundern laſſen, und wie konnte er dieß beſſer erreichen als durch eine, wenn auch für jetzt nur ſcheinbare Be⸗ ſitzergreifung des königlichen Thrones, nach dem ja ihr eigenes Streben ausſchließlich gerichtet war. Laramée, der Spielball des launiſchen Geſchickes, glich nach ſeiner neuen Standeserhebung dem Manne in jenem arabiſchen Märchen, deſſen ehrgeizige Wünſche der allesvermögende Kalif zum Scheine ſofort in Erfüllung gehen läßt: Geld, Feſte, Kronen, Palläſte, Alles verleiht er ihm für einen Tag, und als er am Abend ſeine Hand wieder von ihm abzieht, fällt der arme Betrogene von ſeiner Höhe auf ein wenig Stroh zurück, wo Verzweiflung und ſtumpfer Wahnſinn ihn erwarten. Laramée träumte wachend; er hielt ſich wirklich für einen König, weil es ihm zur Nothwendigkeit geworden war, es zu ſein, und Keiner hatte größeren Glauben an ſeine Legitimität, als er ſelbſt.— Als er daher in ſeinem antiquirten Coſtüm Karls IX. unter der Vorhalle ſeines Palaſtes erſchien, als die Trompetenfanfaren ihn begrüßten, als er das ſtaunende 9⸗ — 132— Murmeln der Menge vernahm und Aller Blicke ehr⸗ furchtsvoll auf ſich gerichtet ſah, da richtete er ſich mit ſolcher Majeſtät und Würde empor, daß Karl IX. ſelbſt ihn nicht als Nachfolger verleugnet haben würde. Nur mit Mühe konnten ſeine Leibwachen den Andrang der Menge im Zaum halten; aber ein einziger Wink ſeiner Hand genügte, um das Geräuſch und Gedränge in augenblickliche Stille und Regungsloſigkeit zu ver⸗ wandeln. Ein Wunder war ſomit ſchon bewirkt! Langſam und feierlich ſchritt er auf die Kranken zu, die ſich vor ihm in den Staub beugten, berührte ihre Stirn und ihren Hals mit ſeiner weißen, nervigen Hand und ſprach mit feſtex Stimme die ſacramentalen Worte: — Der König berührt Dich— Gott heile Dich! Bei dergleichen Gelegenheiten iſt das Wunderbare⸗ ein glückliches Kriegsmittel; wer in der Abſicht ge⸗ kommen iſt daran zu glauben, glaubt auch daran. Unter den Kranken aus Rheims befanden ſich mehrere, die ge⸗ ſchickt genug vorbereitet worden waren, um das Wunder ihrer augenblicklichen Heilung zu vollführen. Sie rich⸗ teten ſich kräftig auf und zeigten dem Volke mit begeiſtertem Geſchrei ihre wie durch Zauberei geneſenen Körper. Das Wunder war offenbar! Vielleicht hatten dieſe Wunderkuren der Herzogin von Montpenſier ſchwerere Summen gekoſtet, als eine wirkliche ärztliche Kur ge⸗ koſtet haben würde; allein der Erfolg überwog die Koſten und die überzeugten Zuſchauer brachen in den enthuſia⸗ ſtiſchen Jubelruf aus: — 133— — Es lebe der König! es lebe der ächte Sohn Karls IX.! Wen könnte es alſo noch in Erſtaunen ſetzen, daß der unglückliche Laramée ſelbſt am gläubigſten von ſeiner Heilkraft überzeugt war? Stützte ſich ſein Glaube doch feſt auf ſeine Leidenſchaft für Henriette— und Leiden⸗ ſchaft macht blind! Als er daher nach beendeter Ceremonie die Gluͤck⸗ wünſche ſeiner Armee und einiger Edelleute, ſowie einen vollſtändigen königlichen Anzug, den ihm einige Damen von Rheims als Geſchenk darbrachten, in Empfang ge⸗ nommen, hatte der junge Mann nichts Eiligeres zu thun, als den Abgott ſeiner Seele von ſeinem Triumphe in Kenntniß zu ſetzen; er ſchloß ſich In ſein Zimmer ein, und ſtatt Gott zu danken, oder ihn um Erbarmen anzu⸗ flehen, ſchrieb er einen weitläufigen Brief an Mademoiſelle d'Entragues, um den günſtigen Eindruck, den die Königs⸗ ceremonie hervorgebracht, auch dieſem ſkeptiſchen Herzen fühlbar zu machen. „Ja, jetzt bin ich König! ſchrieb er. Rings um mich her höre ich rufen: Es lebe der König! es lebe Karl X.! — Mein Herz wird ſanft bewegt von dieſem Rufe, denn für mich bedeutet er noch mehr als er ausſpricht; ja, meine ſchöne und zärtliche Freundin, mein Herz beant⸗ wortet ihn mit dem Jubelrufe: Es lebe Königin Hen⸗ riette! die Perle der Schönheit, die edle Gemahlin des neuen Monarchen!— Sie werden ſie bald befitzen, dieſe Krone, die allein noch die Schönheit Ihrer Stirn zu er⸗ — 134— höhen vermag. Vielleicht werde ich ſie noch mit ſchweren Kämpfen erringen müſſen, aber um ſo beſſer, denn dieſe Kämpfe werden meinen Namen mit Ruhm bedecken, und Sie lieben den Ruhm! „Wie glücklich, wie ſtolz bin ich! Noch vor Kurzem zweifelte ich; Ihr Herz ſchien mir für immer geſchloſſen; ich wußte noch nicht, daß Sie eben ſo vorſichtig wie ſchön ſind, daß Ihre Hüter zahlreich und unerbittlich ſind. Aber in dieſer letzten Prüfung, in der Sie ſich mir ent⸗ hüllt haben, ſah ich endlich in das Innerſte Ihrer Ge⸗ danken. Sie haben mir zugelächelt, Sie haben mir die Hand gedrückt, Sie haben mich gerettet. Und doch hatte ich Sie noch am Abend zuvor faſt beleidigt; die Rache wäre Ihnen Aeicht geweſen, wenn Sie mich nicht geliebt hätten.— Dank! innigen Dank! ich werde Ihr Erbarmen, Ihr ſüßes Verſprechen des höchſten irdiſchen Glücks nie vergeſſen!— Ich werde aber auch die er⸗ muthigenden Zeichen nicht vergeſſen, die Sie mir ſeitdem hierher zukommen ließen. Ich bedurfte der Hülfe Ihres Geiſtes und Ihres Herzens, um ſo viele Schwierigkeiten zu überwinden. 1 „Fortan wird mir Alles leicht ſein. Sobald ich genug Fortſchritte gemacht haben werde, um das Feld halten zu können, müſſen Sie zu mir kommen. Ich brenne darauf, Sie mit dem Glanze der königlichen Würde zu bekleiden. Faſt jeden Tag benachrichtigen mich meine Offiziere von Complotten, welche gegen die Perſon des Uſurpators, des Apoſtaten Heinrich von Navarra ge⸗ — 135— ſchmiedet werden. Noch geſtern haben ſich einige muthige Krieger erboten, ihm mitten in ſeinem Louvre, im Schooße ſeiner ſardanapaliſchen Freuden, in denen er ſchamlos ſchwelgt, den Tod zu geben. „Aber die Krone, die er einen Augenblick getragen hat, macht ihn mir heilig. Zwiſchen Königen find der⸗ gleichen Verbrechen unmöglich. Nur auf dem Schlacht⸗ felde werde ich ihm nach dem Leben ſtreben. Dort iſt es ein Anderes, und ich glühe vor Verlangen, dieſem Scheinhelden und ſeinen angeblich unbeſtegbaren Garden zu zeigen, daß der Arm eines Valois den Degen noch ſiegreich zu ſchwingen vermag. „Leben Sie während dem ohne Furcht, meine geliebte Seele; ich fühle mich Ihnen, je woͤſter die Zeit fortrückt, je näher. Alle düſteren Erinnerungen, alle traurigen Gedanken verſchwinden vor dem ſtrahlenden Lichte, das mich umgiebt. Vor dem Blitze der Gegenwart entſchwin⸗ den die dunkeln Nebel der Vergangenheit. „Die Eröffnung des Feldzuges kann nun nicht mehr lange ausbleiben. Ich erwarte nächſtens Verſtärkung. Der König von Spanien ſendet mir drei ſeiner beſten Offiziere, denen ein ſchon ſeit mehreren Tagen eingeſchifftes Truppencorps auf dem Fuße folgen wird. Ich werde mich mit dieſen Offizieren berathen und in Paris Ver⸗ bindungen anzuknüpfen ſuchen, wo, wie man verſichert, die alte Ligue ſich ſchon rüſtig regt; als katholiſcher, durch die Taufe der Bartholomäusnacht gereinigter Fürſt, will ich ſie von neuem wieder aufleben laſſen. „Sobald meine hieſigen Anſtalten genugſam vorge⸗ rückt ſind, werde ich mich in Rheims ſalben laſſen. Wer⸗ den Sie nicht auch dahin kommen, Königin meiner Seele? Werden Sie mir nicht dieſen Tag ſchenken, als Ent⸗ ſchädigung für jenen andern, ſchmerzlichen Andenkens, als der Bearner in Saint-Denis ſeinen Glauben ab⸗ ſchwor, wohin Sie mit Ihren Eltern gingen, als ich noch arm, unbeachtet, verlaſſen, verdammt war, und wo wir dann nach dem Kloſter von Bezons gingen?— Grau⸗ ſame Erinnerungen, die ſo lange auf dem Grunde meines Herzens brennen werden, bis der Ruhm ſie vertilgt haben wird! „Ja, ja, Sie werden nach Rheims kommen! Eine innere Stimme ſagt mir, daß Sie eben ſo muthig als ſchön ſind, daß Sie ſtolz darauf ſein werden, mir Ihre Großmuth zu beweiſen. Uebrigens ſind Sie ja auch ſelbſt bei meinem Triumphe intereſſirt, und können ihn durch Ihre Rathſchläge und Ihre Gegenwart nur be⸗ ſchleunigen. „Wenn Sie ſchon irgend einen Plan für die Reiſe entworfen haben, wenn es nöthig werden ſollte, die Wach⸗ ſamkeit Ihrer Eltern zu täuſchen, ſo werde ich Ihnen durch einen jener drei Offiziere Geld und Päſſe zuſenden, und Pferde auf Ihrer ganzen Route bereit halten laſſen, um ſchnell zu mir zu gelangen. Ich erwarte dieſe Offiziere jede Stunde. Dieſer Brief wird morgen in Ihren Hän⸗ den ſein, in drei Tagen können Sie mir folglich geant⸗ ſ ¹ — 137— wortet haben. Thun Sie es ohne Furcht; der Bote iſt zuverläſſig. „Leben Sie wohl, geliebtes Leben! erhalten Sie mir Ihr Herz. Ich liebe Sie ſo, daß wenn ich nur einen Theil dieſer Gluth auf den Kampf verwende, ich in acht Tagen die Welt erobert haben werde. „Unterzeichnet: Karl, König.“ Wie man ſieht, hatte der arme Laramée ſeine ganze Seele in dieſe überſpannten Zeilen niedergelegt; ſein ganzes Leben war getreulich darin abgeſpiegelt: Gewiſſensbiſſe, Scham, Entſetzen, Nichts von der Vergangenheit hatte er vergeſſen; Hoffnung, Stolz, gränzenloſe Liebe, Nichts vergaß er für die Zukunft. 4 Das Bild der ſchönen Henriette, ſeines böſen Dämons, folterte ihn in ſeiner Einſamkeit; inmitten aller dieſer Schwierigkeiten und Hemmniſſe erſchien ſie ihm noch tauſendmal begehrenswerther; er hätte gegen das geſammte Frankreich gekämpft, um ſie zu beſitzen, ſowie er wieder⸗ um, wenn ſie nur damit zu erlangen geweſen wäre, die Krone des Weltalls mit Füßen von ſich geſtoßen haben würde. Es war in dieſer unergründlichen Seele ein ſteter aufzehrender Kampf der Vernunft und des Wahn⸗ ſinns. Bald fühlte er das hohle Nichts ſeiner Träume in ſeiner ganzen unerbittlichen Logik; bald wieder be⸗ rauſchte er ſich in ſeinen Wünſchen und Hoffnungen wie in einem Zaubertrank, der ihn zum Wahnſinn, zur Raſerei trieb. Dergleichen Träumen, welche auch den ſtärkſten — 138— Organismus zerſtören müſſen, behält die göttliche Weis⸗ heit faſt immer ein plötzliches Erwachen vor. Nachdem Laramée ſeinen Brief geleſen und wieder durchgeleſen, mit Sorgfalt verbeſſert, was ihm nech nicht warm genug erſchien, hier und da noch ein Worr eingeſchaltet hatte, das ihm geeigneter dünkte, um Hen⸗ riette zu reizen, übergab er die Depeſche einem vertrauten Boten, mit dem Befehle, ſie ohne Zaudern an ihre Addreſſe zu ſchaffen. Dann ſtieg er zu Pferd, um ſeine Truppen zu muſtern und ſich ſelbſt von den für die Nacht getroffenen Sicher⸗ heitsmaßregeln zu überzeugen. Es fehlte dieſem merkwürdigen Menſchen nicht an manchen guten Eigenſchaften zu einem tüchtigen Anführer und wackern Mann, wenn der Teufel ſich ſeiner nicht bemächtigt und die Gluth ſeiner Seele zu einer verderb⸗ lichen Flamme angeſchürt hätte. Laramée beritt mit Einbruch der Nacht die äußerſten Vedetten, viſitirte jeden Wachtpoſten und ertheilte die zweckmäßigſten Befehle, um jeder nächtlichen Ueberrum⸗ pelung vorzubeugen. Uebrigens hatte er ziemlich zuverläſſige Berichte er⸗ halten; nirgend war noch ein Armeecorps, oder auch nur ein Truppendetaſchement gegen ihn ins Feld gerückt; nirgend noch in einem Umkreiſe von zwanzig Stunden war auch nur von Truppenzuſammenziehungen die Rede, es war faſt, als ob man ihn und ſein Heer gar nicht —,— — 139— der Beachtung werth halte. Laramée ließ ſich aber durch dieſe anſcheinende Sicherheit nicht einſchläfern. Dagegen empfahl er den verſchiedenen Vorpoſten⸗ commandanten, wenn ſich drei ſpaniſche Offiziere mit Päſſen meldeten, deren Inhalt und Siegel er genau be⸗ ſchrieb, dieſe ohne Verweilen zu ihm zu geleiten. Kamen dieſe Offiziere zu Fuß, ſo ſollte man ihnen Pferde geben, um ſie raſcher zu befördern; kamen ſie zu Pferde, ſo ſollte man ihnen eine hinreichende Escorte geben, ohne jedoch deßhalb von ſeinen Anordnungen, zur Sicherheit des Feld⸗ lagers, im mindeſten abzuweichen; vor Allem aber ſolle man ſogleich eine Meldung in das Hauptquartier vor⸗ ausſchicken. Jedem Andern, als dieſen drei Offizieren, war und blieb jedoch das Ueberſchreiten der Vorpoſtenkette auf das Strengſte unterſagt. Bei vertrauten Courieren, welche das Loſungswort hatten, verſtand es ſich von ſelbſt, daß man ſie paſſiren ließ. Bei dieſer Runde hatte Laramée zugleich Gelegen⸗ heit, ſich von dem guten Eindruck zu überzeugen, den die Heilung der Lahmen und Gichtbrüchigen auf ſeine Trup⸗ pen gemacht hatte. Ebenſo erhielt er die günſtigſten Nachrichten über die Stimmung der Bevölkerung, und wußte dieſe durch die Ankündigung der baldigen Ankunft anſehnlicher Truppenverſtärkungen, ſowie großer Geld⸗ ſummen noch zu ſteigern. d Alles ging demnach gut; der neue König ward vom Jubelruf ſeiner Leibwachen begrüßt, als er langſamen — 140— Schrittes und ſich ſchon im Voraus an den entzückenden Bildern des befriedigten Stolzes und der Liebeswonnen berauſchend, nach ſeinem Hauptquartier zurückritt. Die Abendtafel, zu der er die vornehmſten Offiziere ſeiner Armee eingeladen hatte, erwartete ihn. Die Ge⸗ richte waren auserleſen und der Wein floß in Strömen. Bei einem Gelage in der Champagne verſteht ſich das von ſelbſt. Laramée allein verhielt ſich höchſt mäßig und begnügte ſich damit, ſeinen Gäſten tapfer einſchenken zu laſſen. Man trank auf den Ruhm und Glanz des neuen Thrones, auf die Eroberung Frankreichs, auf die Geſund⸗ heit des katholiſchen Königs; man ſchwatzte viel und mancherlei durch einander, von Fahnen und Truppenaus⸗ rüſtungen, von Schlachten und Belagerungen, beſonders aber von reicher Beute und Contributionen. Der Krieg koſtet viel Geld— und zumal ein Bürgerkrieg! Und wie Laramée ſelbſt am wenigſten trank, ſo ſchwatzte er auch am wenigſten, was abſonderlich klug von ihm war.. Trotzdem dauerte die Abendtafel bis elf Uhr und drohte ſogar ſich bis über Mitternacht hinaus zu ver⸗ längern, als man plötzlich den raſchen Tritt eines Pferdes im Hofe vernahm, und bald darauf ein Soldat einge⸗ führt ward, der Laramée das Eintreffen der von ihm bezeichneten ſpaniſchen Offiziere bei den Vorpoſten meldete. Augenblicklich erhob er ſich vom Tiſche und entließ ſeine Gäſte. — 141— — Meine Herren, ſagte er, die verſprochene Ver⸗ ſtärkung rückt an. Jedenfalls werde ich den größten Theil der Nacht in Verhandlungen mit dieſen Offizieren zubringen müſſen, ausgezeichnete Männer, welche Se. Ma⸗ jeſtät, der König von Spanien, mir ſendet. Halten Sie außen gute Wacht, damit wir unſern Verbündeten einen guten Begriff von unſerer Wachſamkeit und Disciplin geben. Die Anweſenden verneigten ſich ehrerbietig, der König zog ſich in ſein Empfangszimmer zurück und ertheilte die nöthigen Befehle, daß die fremden Offiziere ſogleich bei ihrer Ankunft im Schloſſe zu ihm geführt würden. 8. Proſerpina's Krallen. Es waren drei Männer, die ſich am Abend bei den Vor⸗ poſten eingefunden hatten. Alle drei waren wohlberitten und trugen unverkenn⸗ bar jenes kriegeriſche, und ſtolze Gepräge an ſich, das Frankreich nur zu lange ſchon an den ſpaniſchen Cava⸗ lieren beobachtet hatte. Sie waren zu dem commandiren⸗ den Lieutenant geführt worden, einem Franzoſen, dem einer der Herren, ein junger ſchöner Mann, die Päſſe zur Durchſicht übergab und dabei zugleich im gebrochenen Franzöſiſch erklärte, daß ſeine Begleiter nur ſpaniſch ſprächen und verſtünden. Aus den Papieren erſah der Lieutenant indeſſen doch ſo viel, daß es die drei fremden Offiziere waren, welche man ihm bezeichnet hatte, und ließ einen ſeiner Leute aufſitzen, um ſie ins Hauptquartier zu geleiten. Die Spanier, deren ernſte, würdevolle Haltung ganz mit dem Charakter dieſer Nation übereinſtimmte, ritten ſchweigend durch die verſchiedenen Linien der Truppen. Sie beobachteten ſcharf jeden Poſten und verſtändigten ſich nur durch irgend ein unmerkliches Zeichen, einen Druck der Hand oder des Kniees, wenn ihren Blicken irgend etwas aufſtieß, das der Beachtung werth ſchien. Sie überzeugten ſich, daß der Dienſt trefflich organi⸗ ſirt ſei; faſt alle hundert Schritte ward die Parole ver⸗ langt. Nach etwa einer kleinen halben Stunde hatten ſie das Hauptquartier erreicht. Die Escorte ritt an die Schildwache vor dem Schloſſe heran um die gehörige Meldung zu machen, und während man Laramée von der Ankunft der Spanier benachrichtigte, blieben dieſe allein. Dieſe benutzten die wenigen Minuten, um ſich noch in der Haſt einige Worte zuzuflüſtesn, nachdem ſie ſich überzeugt hatten, daß kein Lauſcher in der Nähe ſei, und ſich noch einmal kraͤftig die Hand zu drücken. Ein Offizier des Wachtpoſtens erſchien und ladete die Spanier ein, in den Schloßhof zu treten, bis Se. Majeſtät von ihrer Ankunft unterrichtet ſei. Erſt als ſie vom Pferd geſtiegen waren, konnte man ihre Geſichter und ihre Haltung etwas deutlicher erkennen. Der Eine von ihnen, der älteſte und augenſcheinlich der vornehmſte, hüllte ſich froſtig wie ein ächter Spanier in ſeinen großen Mantel; ſo viel ſich aber unterſcheiden ließ, war ſeine Geſtalt gedrungen und ſein Bart fing ſchon bedeutend an ins Graue zu ſpielen. Die beiden Anderen waren jünger; der eine rückte ſein Degenkoppel zurecht, das ſich durch das Reiten verſchoben hatte, der — 144— Andere bückte ſich nach ſeinen Sporen; er hatte einen unterwegs verloren. Alle drei betrachteten ſich ohne alle Affectation das Gebäude, das Laramée's Leute das königliche Schloß nannten; ſie ſchätzten, ſo zu ſagen, die Höhe und Stärke der Mauern, die Größe und Zahl der Fenſter ab. Auch hierin zeigten ſie ſich als ächte Spanier, die überall forſchen und Alles, was nichtihr Eigenthum iſt, nur gering achten. Als man ihnen endlich meldete, daß der König ſie zur Audienz erwarte, ſahen ſie ſich einen Augenblick an, als ob ſie ſich noch einmal fragen wollten, wem von ihnen eigentlich der Vortritt gebühre. Indeß, der Aelteſte ging voran, wie es ſich auch gehörte, und die beiden jüngeren hielten ſich zu ſeinen beiden Seiten einen halben Schritt ruckwärts. Als ſie in das Veſtibule traten, erklang eben eine Stimme von oben herab: — Sie verſichern, daß dieſe Offtziere nicht franzöſiſch ſprechen?— Das hatte ich mir gedacht, aber zum Glück kann ich genug ſpaniſch, um mich mit ihnen zu verſtän⸗ digen.— Gehen Sie und ſorgen Sie dafür, daß uns Niemand ſtöre; wenn ich Jemandes bedürfen ſollte, werde ich ſchon rufen. Beim Klange dieſer Stimme geriethen die drei Spanier in eine eigenthümliche Aufregung; einer der beiden jüngeren, ein kleiner Mann mit breiten Schultern, — 145— erröthete ein wenig und ſtieß ſeinen Gefährten mit dem Elbogen an, der ihm ganz ruhig erwiederte: — l rey! — Ja, meine Herren, ſprach der dienſthabende Offtzier, es iſt in der That der König, den Sie ſo eben gehört haben. 3 Ein kaum bemerkliches Lächeln flog bei dieſen Worten gleichzeitig über die Lippen der Spanier, das aber na⸗ türlich ſchon ſpurlos verſchwunden war, als ihr Führer eine Thüre öffnete und ceremoniös rief: — Treten Sie ein, meine Herren! Laramée ſaß an ſeinem Tiſche, auf dem mehrere Kerzen brannten, und blätterte aufmerkſam in den Papieren der Spanier; er fand darin zu ſeiner Freude die unwider⸗ legbarſten Beweiſe der lebhaften Theilnahme, welche Se. Majeſtät Philipp II. dem Gedeihen ſeines Unter⸗ nehmens ſchenkte. Scheinbar ganz in Gedanken vertieft, in der That aber, um ſich eine impoſantere Haltung zu geben, blieb er regungslos ſitzen, und erſt als er hörte, daß die Schritte der Abgeſandten dicht vor ihm anhielten, neigte er mit einem flüchtigen Seitenblick ein wenig den Kopf. Ein geborener König hätte es nicht beſſer machen können. Seien Sie mir willkommen, Sennores, ſprach er auf ſpaniſch. Da keine Antwort erfolgte, ſondern die Fremden ſtumm und unbeweglich dicht vor ihm ſtehen blieben, erhob La⸗ ramée noch einmal den Kopf, um ſie genauer zu betrachten; Gabriele. VII. 10 aber als ob er plötzlich Geſpenſter vor ſich ſähe, ſo ſtarrte er ſie mit offenem Munde und erbleichenden Wangen an; die Pulſe ſtockten ihm—— Gerade ihm gegenüber ſtand Crillon, rechts neben dieſem Esperance und links Pontis! Ein Furchtſamerer wäre bei dieſem Anblick ohn⸗ mächtig geworden; aber im Moment hatte ſich Laramée wieder gefaßt; er beugte nur den Kopf etwas mehr vor, als ob er die drei Geſtalten durch einen dichten Nebel erblicke und ſie deutlicher erkennen wolle. Es war keine Täuſchung: Crillons Geſicht ſah finſter auf ihn herab, Esperance mit dem Ausdrucke feierlichen Ernſtes, und Pontis mit einer Miſchung von Spott und wildem Haß. F, — Da Sie uns erkannt haben, ſprach Crillon zuerſt ruhig, ſo rathe ich Ihnen vor allen Dingen wohlmeinend, ſich weder zu rühren, noch zu ſchreien; ich traue Ihnen genug Verſtand zu, um zu errnlhan, was bei dem erſten Hülferuf geſchehen würde. Und bei dieſen Worten gab er Pontis einen leichten Wink, worauf dieſer einen langen Dolch zog und noch dichter an Laramée herantrat. Laramée wollte ſprechen, aber ſeine Lippen bewegten ſich lautlos. — Wenn Sie uns etwas zu ſagen haben, fuhr der Ritter fort, ſo ſagen Sie es friſch heraus, nur möglichſt leiſe, damit ja Niemand herbeigelockt werde; denn ſonſt würden wir, nachdem wir Sie abgefertigt, es mit jedem — 1— Eintretenden ebenſo machen, und es wäre in der That ſchade um jeden unnöthigen Mord. Laramée's Staunen und Schrecken läßt ſich kaum be⸗ ſchreiben. Uebrigens war es weniger ein Erſchrecken, als ein völliges Erſtarren. Vor der Tollkühnheit eines ſolchen Wageſtückes blieb ihm förmlich der Verſtand ſtill⸗ ſtehen. Der Körper blieb zwar feſt und aufgerichtet, aber wie gelähmt, wie ein vom Blitzſtrahl getroffener Leichnam, der, ſo lange er nicht berührt wird, noch den Anſchein des Lebens bewahrt. Ja, ſeine Erſtarrung war ſo groß, daß er ſich von Pontis ganz ruhig den Degen vom Gehänge löſen ließ, ohne nur den mindeſten Widerſtand zu verſuchen. Mehrere Secunden herrſchte Todtenſtille im Zimmer. Endlich ſchienen Laramée's Lebensgeiſter wieder zu erwachen; ſein angeborener Muth gewann wieder die Oberhand über den Schrecken, äußerte ſich aber nur in einem finſtern Trotz. — Wenn Sie hierher gekommen ſind, um mich zu ermorden, ſprach er dumpf, warum iſt es noch nicht ge⸗ ſchehen? — Wir ſind nicht deshalb hierher gekommen, ver⸗ ſetzte Crillon; wir würden zwar äußerſten Falles nicht davor zurückſchrecken, wenn Sie uns dazu nöthigten; bis jetzt aber halte ich dies noch für überflüſſtg. — Und doch könnten Sie ſich getäuſcht haben, ſagte Laramée, denn ich bin kein Lamm, um immer ſo ſtill 10* dazuſitzen, wie es im erſten Augenblicke der Ueberraſchung der Fall war.. — Eine Ueberraſchung, die ich ſehr natürlich finde, antwortete Crillon; auch der Tapferſte würde überraſcht geweſen ſein, und ich muß Ihnen ſogar geſtehen, daß ich Ihnen eine ſolche Haltung nicht einmal zugetraut hätte. Während dieſer Rede hatte Laramée ſeine Gedanken wieder völlig geſammelt; ähnlich einem Ringer, den der erſte unerwartete Anſtoß niedergeworfen hat, richtete er ſich wieder auf, um einen kräftigeren Anlauf zu nehmen. — Mich will bedünken, meine Herren, ſprach er ſpöttiſch, daß Sie ſich ein wenig verrechnet haben, und daß Sie verloren ſind. Esperance rührte ſich nicht, Pontis Augen blitzten wild, und der Ritter ſchüttelte faſt unmerklich den Kopf. — Glauben Sie das ja nicht, ſagte er. — Entſchuldigen Sie. Wie Sie ſoeben noch ſagten, hängt es von mir ab, ob ich leben oder mich tödten laſſen will. — Ganz richtig. — Nun, das iſt eben, worin Sie ſich verrechnet haben. — Wie ſo? — Sie ſagten ſich: er wird ſich vor dem Tode fürchten und ſchweigen. — Etwas dergleichen ſagten wir uns allerdings. — Von zwei Dingen das eine: entweder ich ſchweige — und was wollen Sie mit mir machen?— Oder — 1— ich ſchreie, Sie tödten mich— was wollen Sie dann anfangen? — Ich verſtehe Sie noch nicht recht, ſprach Crillon. — Nun ja; wenn ich ſchweige, ſo werden Sie mich irgend Etwas unterzeichnen laſſen wollen, irgend eine Entſagungsacte, oder dergleichen.— Nehmen wir an, ich unterzeichne. Was dann? Wie wollen Sie es anfangen, um mit heiler Haut aus meinem Lager zu entkommen? Und wenn Sie mich tödten, wird es noch ſchlimmer ſein. Was werden meine Soldaten dazu ſagen?— Wie ich es alſo auch betrachten möge, ſcheint mir Ihr Leben mindeſtens ebenſo gefährdet, wie das meinige. — Mein Herr, erwiederte Crillon, Sie urtheilen mit ſolcher ⸗Geiſtesſchärfe, daß es eine Freude iſt, mit Ihnen zu verhandeln. — Nur muß ſich die Verhandlung nicht gar zu ſehr in die Länge ziehen, denn meine Geduld verläßt mich nachgerade— alſo, ſehen Sie ſich vor, daß Sie nicht den Kürzeren ziehen! — Ich danke Ihnen, aber bleiben Sie lieber noch ruhig, und denken Sie nur an ſich, denn was uns be⸗ trifft, ſo haben wir uns bereits für alle Fälle vorgeſehen. Allerdings würden wir Sie ſofort getödtet haben, wenn Sie im erſten Augenblicke der Ueberraſchung um Hülfe geſchrien hätten, und würden es thun, wenn Sie es ſich noch wollten beikommen laſſen, weil alle guten Soldaten — und ich will gern glauben, daß die Ihrigen das ſind,— es in der Art haben, wie die Doggen über Die herzu⸗ fallen, die ihnen ihr Anführer bezeichnet; ich kenne das ja von den meinigen. Aber wir wollen eben nicht maſſa⸗ crirt ſein, bevor wir uns verſtändigt haben.— Indeß, wenn es Ihnen Vergnügen gewährt, können Sie ja einen Verſuch machen: rufen Sie ganz ruhig zum Fenſter hin⸗ aus, oder laſſen Sie uns einige Ihrer Offtziere herbei⸗ rufen— meinethalben Ihre ganze Armee, wenn Sie es wollen— wir ſind bereit ſie zu empfangen. — Sich zu Drei gegen Tauſend zu ſchlagen? rief Laramée mit erzwungenem Lachen. — Nicht doch, mein Herr— obwohl ich Ihnen rathe, mich nicht auf dieſe Probe zu ſtellen; es würde uns nicht darauf ankommen, wenn wir auch unterlägen. Aber nein, mein Herr; wir werden nicht gegen Ihre Armee kämpfen; wir würden nur gewiſſe Papiere vorleſen, die ich in meiner Taſche habe, und der Kampf würde unter⸗ bleiben. — Und was ſagen dieſe Papiere? fragte Laramée kalt. — Rufen Sie Ihre Leute herbei, wenn Sie Luſt haben, und Sie werden es zugleich mit ihnen erfahren. Sie zögern? Das iſt verſtändig von Ihnen. Ich ſehe, daß Sie ein kluger Kopf ſind. — Ich verſtehe. Sie wollen verſuchen, meine Sol⸗ daten durch irgend ein Verſprechen Heinrichs von Navarra, oder auch durch Lügen und Verleumdungen zum Treu⸗ bruch zu verleiten. — Ich würde ihnen nur ganz einfach beweiſen, daß Sie ebenſo wenig ein Valois ſind, als ich Laramée bin, und das würde ſie ein wenig abkühlen. — Mein Herr! rief der junge Mann, dunkelroth vor Zorn, beweiſen Sie! — Wenn Sie es durchaus wollen— meinethalben, ſprach Crillon, ruhig zum Fenſter gehend, während Pontis die ſcharfe Schneide ſeines Dolches blitzſchnell an Laramée's Gurgel ſetzte. Im nämlichen Augenblicke ward leiſe an die Thür geklopft. Die drei Gefährten blieben unbeweglich. Ein Blitz leuchtete aus Laramée's Augen, er wollte rufen— aber er fühlte die Kälte von Pontis Klinge, und gleichzeitig hatte auch ſchon Esperance die Hand ausge⸗ ſtreckt, um ihm den Mund zuzuhalten, oder einen Leich⸗ nam aufzufangen. — Ich hatte den Riegel vorgeſchoben, ſprach Crillon; öffnen Sie, Esperance, und laſſen Sie Jedermann herein, den der Herr da vorlaſſen will. Sie aber, Pontis, ſtecken Sie nur ein; ich habe hier beſſere Waffen in der Taſche, um dieſen Pſeudokönig zum Schweigen zu bringen. Laramée's Geſicht ging von der Röthe zur Leichen⸗ bläſſe über; dieſe furchtbare Ruhe ſeiner Feinde raubte ihm vollends die Faſſung. — Wenn ich es wollte, ſprach er zähneknirſchend, würden wir jetzt alle ſterben; aber mein Schickſal iſt anderwärts beſchloſſen, und Sie werden deſſen Lauf nicht aufhalten. Es ſteht geſchrieben, daß ich glücklich und — 152— ruhmvoll enden werde, trotz Ihrer Papiere und Ihrer Dolche. Crillon lächelte und zuckte mitleidig die Achſeln. Esperance öffnete; ein Majordomus erſchien an der Thüre. — Sire, ſprach er, der Bote, den Ew. Majeſtät heute Abend abgeſendet haben, iſt ſo eben ins Haupt⸗ quartier zurückgekehrt. — Zurückgekehrt? ſtammelte Laramée, noch mehr beſtürzt durch die Freude, die aus den Blicken ſeiner Feinde leuchtete; und warum iſt er zurückgekehrt? — Ach Sire!— und in einem Zuſtande... Crillon trat wieder dicht an Laramée heran. — Das iſt Ihnen unbegreiflich, flüſterte er ihm ins Ohr; ſoll ich Ihnen erklären, warum der arme Teufel ſeine Reiſe nach Paris nicht fortgeſetzt hat? Ein heftiges Zittern ergriff Laramée. — Es iſt, fuhr Crillon fort, weil wir ihn unter⸗ wegs aufgehalten und ihm ſeine Depeſche abgenommen haben. Laramée ſtierte bald den Ritter, bald den Major⸗ domus an, der auf Beſcheid harrend an der Thüre ſtand. — Geh, geh!— Laß' uns allein! rief er endlich dieſem zu. Der Majordomus verſchwand, die Thür ward wie⸗ der verriegelt. — Ja, ja, ſprach der Ritter weiter, dieſer ſo zärt⸗ liche und zugleich ſo vielſagende Brief an eine gewiſſe . — Dame, dieſes Meiſterſtück der Liebe und der Politik iſt in unſeren Händen und wird nicht an ſeine Adreſſe ge⸗ langen. Es war alſo überflüſſig, den Menſchen noch den weiten Weg machen zu laſſen, und darum iſt er zurückgekehrt. Laramée glaubte ſeinen Ohren nicht trauen zu dürfen; Alles in ihm erbebte; ſeine ſtarren Augen ſchienen ſagen zu wollen: Sprecht! erklärt Euch deutlicher!— aber ſeine Lippen vermochten nicht zu ſprechen. — Wir näherten uns Ihrem Feldlager mit einigem Mißtrauen, fuhr Crillon fort, wie Sie leicht denken können, und jedes Geſicht erſchien uns verdächtig. Plötz⸗ lich begegneten wir Ihrem Courier, Juſtig dahin galop⸗ pirend. Der arme Teufel erſchrack nicht wenig, als er ſeinen Weg von uns dreien verſperrt ſah. Indeß machte er doch noch ziemlich gute Miene, und uns ſcharf an⸗ blickend ſagte er: Ich wette, daß Sie die ſpaniſchen Herren ſind, die wir noch dieſen Abend in Rheims er⸗ warteten?— Richtig gerathen, mein Sohn, antwortete Esperance auf ſpaniſch, das er ganz leidlich ſpricht.— Und ich, fuhr unſer Mann fort, muß noch dieſe Nacht nach Paris, wo man mich erwartet.— Darauf konnten wir natürlich nicht länger in Zweifel ſein, daß es einer Ihrer Leute ſei, der wichtige Papiere bei ſich führe; wir packten den Burſchen und entledigten ihn des Brief⸗ chens an Ihre Geliebte. Eine ſaubere Dirne, Harnibieu! — Wie? Sie kennen ſie? ſtotterte Laramée mühſam! ſich den Schweiß von der Stirne trocknend. — 154— — Ob wir Mademoiſelle Henriette d'Entragues kennen? Die Perle der Schönheit, die edele Gemahlin des neuen Monarchen, wie Sie ſie zu nennen belieben? Fragen Sie doch Esperance, ob er ſie kennt, er, den Sie ja in ihrem Auftrage in eine andere Welt zu ſpediren verſuchten. Ein dumpfes Wuthgeheul war Laramée's ganze Ant⸗ wort; die Eiferſucht traf ſein Herz ſchärfer, als Pontis⸗ Dolch es vermocht hätte. — Ritter, flüſterte der großmüthige Esperance Crillon leiſe zu, ſchonen Sie des Unglücklichen! — Eit, ſo gehen Sie doch, rief der alte Haudegen. — Ich bitte Sie inſtändigſt. Dieſer Zug des Mitleids gab Laramée den letzten Stoß; er ſank wie vernichtet in den Stuhl zurück. — Henriette! ſtöhnte er. — Meiner Treu! fuhr Crillon, Sie haben Ihre Herzallerliebſte da ganz niedlich compromittirt; da wird es heißen: mitgefangen, mitgehangen. Sie iſt Ihre Mitſchuldige. — Meine Mitſchuldige? — Ganz natürlich; ſchuldig der Rebellion, der Ver⸗ ſchwörung gegen die Sicherheit des Staats und die ge⸗ heiligte Perſon des Königs, der Fälſchung, des Betrugs, des Hochverraths, und wie die Verbrechen alle heißen, wovon Sie dieſer prachtvolle Brief überführt. — Mein Gott! mein Gotr! wimmerte Laramée. — Das Geringſte, das dieſer himmliſchen Perſon * — 155— begegnen kann, iſt beim Halſe aufgehangen zu werden, bis der Tod erfolgt, wie die Herren vor Gericht zu ſagen pflegen; ich hoffe aber darauf, daß ſie verbrannt werden wird. — Und zwar lebendig! fügte Pontis höhniſch hinzu. — Ja, ja, ſie iſt compromittirt— ſtöhnte Laramée, von Fieberſchauer gerüttelt; und dieſer Brief— Sie— Sie haben ihn? — Harnibieu! das will ich meinen! Ein ſo koſt⸗ bares Document... — Nun denn, heulte der junge Mann wuthſchäumend, ſei es darum! wir alle werden hier ſterben; ich werde rufen, ich werde Sie tödten laſſen, Dich ſelbſt werde Sie tödten! Ich weiß nicht was ich thun werde, aber etwas Furchtbares wird es ſein,— ich dulde nicht, daß auch nur ein Schatten des Verdachtes auf ſie falle... — Oho! rief Crillon, wenn es nicht anders ſein kann, ſo ſchneiden wir uns denn gegenſeitig die Hälſe ab.— Vorwärts! — Ich werde noch die Kraft haben, dieſen Brief Ihren Leichen zu entreißen.— Heraus damit, bevor ich um Hülfe ſchreie! — Aber halten Sie uns denn für Dummköpfe, ſprach der Ritter ganz ruhig, daß Sie meinen, wir trügen den Brief mit uns herum? Wahrhaftig, das wäre das Meiſterſtück aller Dummheiten geweſen, Ihnen ein ſo wichtiges Beweisſtück ſelbſt zurück zu bringen!— Nein, Beſter, ſolche Eſel ſind wir nicht. — 156— — Aber wo— wo iſt er?— was haben Sie damit gemacht? fragte Laramée von Todesangſt gefoltert, denn ihm leuchtete jetzt die ſchreckliche Wahrheit von Crillons Worten ein. — In dieſem Augenblicke iſt er in den Händen eines wackeren Mannes aus unſerem Gefolge, um ihn uns bei unſerer Zurückkunft wiederzugeben. Sind wir bis morgen Mittag nicht zurück— wie ich aber zuver⸗ läſſig hoffe,— ſo wird dieſer Bote, der ein wenig ſicherer iſt, als der Ihrige, ſeinen Weg ruhig fortſetzen und dieſen Brief des Königs von Rheims dem Könige von Paris einhändigen. Mag dann Mademoiſelle d'Entragues zuſehen, wie ſie mit den Herren Präſidenten der Tournelle und anderen derartigen Herren zurecht kommt. — Sie iſt verloren! ſchrie Laramée in höchſter Verzweiflung. Das war der tödtlichſte Streich, den Sie mir verſetzen konnten. Meine Herren, ich flehe Sie an, ſchonen Sie dieſes armen unſchuldigen Mädchens! Sie iſt unſchuldig, ich ſchwöre es Ihnen! — Und Sie find blind, mein beſter Mann, ſagte — Meine Herren! Sie ſind Männer, Sie ſind Edelleute! Sie werden gegen ein ſchwaches Weib nicht Gebrauch von ihrer Kraft machen— Sie würde nur das Opfer ihrer Großmuth gegen mich werden.— Meine Herren, ſie iſt meine Verlobte! — Was ſchadet das? warf Pontis pflegmatiſch ein, Verlobte können eben ſo gut gehangen werden. — Nein, nein, Herr Ritter— edler, großmüthiger Crillon! Sie ſehen, daß ich um nichts für mich bitte! — Nein, tödten Sie mich— hier biete ich Ihnen meine Bruſt dar— ſtoßen Sie zu, kein Laut ſoll über meine Lippen kommen!⸗— aber verſchonen Sie dieß unglück⸗ liche Weſen! — Das iſt jetzt nicht mehr möglich, brummte Crillon in den Bart, und Sie zwingen uns nur, hier einen furchtbaren Scandal anzurichten.— Erſt werden Sie getödtet, dann giebt es ein einfältiges Zungengefecht, mit Degengeklirr untermiſcht, deſſen Wiederhall ſich weit verbreiten wird; wir werden bis Mittag nicht an dem Orte ſein, wo unſer Kamerad auf uns harrt, und— meiner Treu!— morgen Abend iſt der verwünſchte Brief in des Königs Händen. Alſo, mögen Sie ſich immerhin hier die Kehle abſchneiden laſſen, mag ich immerhin Ihren Leuten beweiſen, daß Sie nur ein falſcher Prinz waren, ich mag immerhin ein Dutzend Spanier über die Klinge ſpringen laſſen— denn gut⸗ willig werden ſie ſich nicht ergeben, ſie wiſſen zu genau, was ihrer harrt,— ich werde mich vergebens mit meinen beiden Gefährten haben blutig ritzen laſſen, Ihr Geſchick— wie Sie ſich auszudrücken beliebten,— wird darum nicht weniger auf Ihre Mitſchuldige zurück⸗ fallen, und— Harnibieu!— dieſes ganze Schlangen⸗ neſt von Entragues mag ſich nur vor dem Galgen hüten! — Wohlan denn! rief Laramée mit einem wahrhaft erhabenen Ausdruck, keinen Lärm, keinen Scandal, keinen Kampf! Sie ſollen bis zur Mittagszeit an dem verabredeten Orte ſein, ja früher noch, Sie ſollen in ſo viel Zeit dort ſein, als der Weg dahin erfordert. — Was ſoll das heißen? ſprach Crillon, eben ſo wie ſeine beiden Freunde von dieſer ſo plötzlichen Umwand⸗ lung in Laramées ganzem Weſen frappirt. — Mit mir allein haben Sie es zu thun, fuhr der junge Mann fort, zu mir wollten Sie, nicht wahr? Meine Erniedrigung, meine Verurtheilung iſt es, was Sie verlangen, nicht aber die Qual jenes armen Ge⸗ ſchöpfes, das ich liebe. Was Sie verlangen, ſei Ihnen gewährt. Ich könnte mich hier tödten laſſen, Ihnen die Hälfte Ihres Triumphes verkümmern, aber Sie ſollen ihn vollſtändig genießen. Nehmen Sie mich lebendig hin, machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich überliefere mich Ihnen. Aber unter einer Bedingung: ſie werde verſchont! Die drei Freunde blickten ſich mit höchſtem Erſtau⸗ nen an. — Befürchten Sie nicht, daß ich einen Hinterhalt dabei beabſichtige, ſprach Laramée weiter, und ein edles Feuer leuchtete aus ſeinen Augen; ich ſpiele ehrliches Spiel, ich liefere mich Ihnen aus. Zuvor aber ſchwören Sie mir bei Crillons Ehre, daß Sie dieſen Brief nicht hier haben, daß ihn nicht einer von Ihnen verſteckt bei ſich trägt. — Das ſchwöre ich Ihnen, ſprach Crillon, und ich ſchwöre niemals falſch. — Ich weiß es, das genügt mir. Wir werden jetzt alle Vier zuſammen aufbrechen. Sie ſehen, daß ich mich gänzlich Ihrer Ehre vertraue. Wir werden mit Ihrem Gefährten zuſammentreffen, er wird Ihnen den Brief zu⸗ rückgeben, den Sie ihm anvertraut haben, Sie werden ihn in meine Hände geben, und ſobald ich ihn vernich⸗ tet haben werde, machen Sie mit mir, was Sie wollen. Das iſt mein letztes Wort. — Das nenne ich einen Mann! konnte ſich Crillon nicht enthalten auszurufen. — Der ein Ehrenmann hätte ſein können, fügte Espe⸗ rance ergriffen hinzu. — Wenn ihn jene verdammte Proſerpina nicht mit ihren Krallen feſtgepackt hätte, brummde Pontis; aber ſie hat ſie ihm einmal ins Fleiſch geſchlagen, und läßt ihn nicht wieder los.— Sambiour! — Nun, meine Herren, nehmen Sie meine Bedingung an? fragte Laramée, der zitterte, daß man es ihm abſchlagen werde. — Ein Wort, ein Mann! rief der Ritter; der Ver⸗ trag iſt geſchloſſen, und Sie haben wohl daran gethan, der ganzen Sache ſo mit einem Striche ein Ende gemacht zu haben. Sie ſollen es nicht bereuen. So viel in meinen Kräften ſteht, ſollen Sie mit allen unnöthigen Quälereien verſchont werden. Meine Abſicht war erſt, Ihnen den angemaßten Purpur von der Schulter zu reißen und Ihnen damit in Gegenwart Ihrer ganzen Armee das Geſicht zu peitſchen, ich hatte mich mit allen — 160— erforderlichen Mitteln verſehen, um Ihnen jede Art von Schmach anzuthun. Ich werde es nicht thun. Als König ſind Sie vor dieſen Schuften aufgetreten, als König werden Sie ſie wieder verlaſſen. Genießen Sie noch dieſen letzten Schimmer. Späterhin kann ich für Nichts mehr ſtehen. — Ich habe nur eine Gnade verlangt, ſprach Lara⸗ mée kalt, ſie iſt mir zugeſichert, was kümmert mich das Uebrige noch! — Nun denn, ſo brechen wir auf, rief Erillon. — Brechen wir auf! wiederholten die Freunde. — Halt! ſprach Crillon, zuvor geben Sie ihm den Degen zurück, Pontis. Murrend gehorchte der Gascogner. Laramée rief ſeine Leute herbei und ſprach ruhig zu ihnen: — Mein Pferd und die dieſer Herren!— Folgen Sie mir, meine Herren. — Thut nichts, halten wir ſcharfe Wacht, murmelte Pontis Esperance ins Ohr; der Burſche iſt ſchon feſteren Stricken entwiſcht, als dieſem. — Beſorgen Sie nichts, Herr von Pontis, erwie⸗ derte Laramée, der es gehört hatte, melancholiſch; die Kette, an der Sie diesmal mich halten, iſt ſolcher Art, daß ich nicht einmal verſuchen werde, ſie zu brechen. Dann ſprach er würdevoll zu den Offtzieren, die ſich allmählich im Hofe verſammelten: — .— 161— — Ich werde in alleiniger Begleitung dieſer Herren jetzt eine Recognoscirung vornehmen; halten Sie indeſſen gute Wacht. Alle Vier ſtiegen auf, und als ſich hier und da der Ruf vernehmen ließ: Es lebe der König!— bei dem Crillon doch etwas unruhiger im Sattel hin und her rutſchte, flüſterte Laramée mit einem Ausdrucke, der Es⸗ perance in tiefſter Seele rührte: — Lebe wohl, Königstraum! 1 Einige Minuten darauf ritt die kleine Cavalſeade, von Laramée geführt, ſchweigend durch's Lager dahin. Gabriele. VII. 9. Die Ligue ſchlägt die Spanier, und die Spanier ſchlagen die Ligue. Ohne die mindeſte Störung gelangte der kleine Reiter⸗ trupp bis zum Flecken Olizy, wo der geheimnißvolle Ge⸗ fährte ſein ſollte, in deſſen Verwahrung Crillon den Brief gegeben hatte. Ze näher man dieſem Ziele kam, je ſchmerzlicher ſehnte es Laramée herbei. Kalt, gleichgültig, in tiefes Nachdenken verſunken, hatte er den Weg bis hierher zurückgelegt, ſein Pferd ganz der Führung ſeiner Wächter überlaſſend; auch nicht durch die geringſte Bewegung hatte er dieſen ein Zeichen des Mißtrauens oder der Beſorgniß gegeben. Im Gaſthof von Olizy traf man Denjenigen, den Crillon hier zu finden erwartete. Es war Bruder Ro⸗ bert, der, um ſich die Zeit zu verkürzen, an einem Fenſter des oberen Stockes Platz genommen hatte, und dem beleb⸗ ten Markttreiben des kleinen Ortes zuſchaute. Laramée ſchien keineswegs überraſcht, als er ſich plötzlich einem Mönche gegenüber ſah, der ihm nicht unbekannt war. Er errieth die geheime Verbindung — 163— dieſer Männer, er fühlte, daß ſein Geſchick hier an einer unvermeidlichen Klippe ſcheitere. Keine Spur von Bitter⸗ keit oder Mißtrauen war an ihm zu bemerken, er war reſignirt, wie einer jener indiſchen Fanatiker. — Dank Ihrer Beihülfe, ſagte Crillon zum Geno⸗ vefenbruder, iſt es vollſtändig gelungen, und ich halte die Herzogin nun für völlig beſiegt; fortan wird ſie Nichts mehr unternehmen können. Laramée erſtickte einen Seufzer, als der Ritter die Geſchichte ſeiner Gefangennehmung, oder richtiger, ſeiner freiwilligen Ergebung dem Mönche in wenig Worten mittheilte. Bruder Robert nahm Crillon Pierauf bei Seite. — Treffen Sie nichtsdeſtoweniger Ihre Maßregeln danach, ſagte er, daß man Ihnen die koſtbare Beute nicht unterwegs noch entreiße. So geheim wir auch unſere Unternehmung gehalten haben, kann der Herzogin doch etwas davon zu Ohren gekommen ſein, und ein Hinter⸗ halt iſt ſchnell gelegt. Sie werden begreifen, wieviel den Mitſchuldigen daran gelegen ſein muß, drei Enthül⸗ lungen dieſes Menſchen zu verhüten. Sind Sie auf dem Wege von Rheims hierher von irgend Jemand verfolgt worden? — Ich glaube nicht. Wir haben uns möglichſt beeilt.— — Warum berathet man ſich hier noch? wendete ſich jetzt Laramée etwas ungeduldig an Esperance. Der 11 — 164— Mann, von dem man mir geſagt hatte, iſt da— wo iſt der Brief? Ich verlange ihn. — Das iſt in der Ordnung, erwiederte Esperance und näherte ſich jenen Beiden, um ihrer Unterhaltung ein Ende zu machen. Crillon beeilte ſich den Brief von Bruder Robert zu fordern. Dieſer zog ihn aus einer verborgenen Taſche ſeines Gewandes, und ſchon ſtreckte Laramée die Hand gierig danach aus. — Sobald er aber den Brief haben wird, ſprach der Mönch laut, werden Sie keine Gewalt mehr über ihn haben.— — Das iſt möglich, verſetzte Crillon, aber ich habe es verſprochen. — Dieſer Brief, fuhr der hartnäckige Mönch fort, ohne auf Laramées krampfhafte Zornesausbrüche zu achten, iſt zu wichtig; er iſt nicht allein der Beweis ſeines Verbrechens, er iſt auch der Beweis ſeines Einvernehmens mit den erbittertſten Feinden des Königs. — Ich habe ihn mit meinem Leben erkauft, er iſt mein Eigenthum! ſchrie Laramée wüthend. — Und ich habe es verſprochen, ſagte Crillon feſt; er muß ihm übergeben werden. — Dies ſollte ſogar ſchon geſchehen ſein, Herr Rit⸗ ter von Crillon! rief Laramée dieſem mit zermalmenden Blicken zu. — Geben Sie ihn wenigſtens nicht eher zurück, meine Herren, bis Sie den Verbrecher in Paris und in ſicherem Gewahrſam haben werden, verſetzte der Mönch warnend. — Dann würde ich mein Wort brechen, ſprach Cril⸗ lon; alſo geben Sie, Bruder Robert, geben Sie dem jungen Manne, was ihm gehört. — Die Sicherheit des Staates und des Königs ſteht höher als Ihr Wort! rief Bruder Robert majeſtätiſch. — Nichts ſteht dem Manne von Ehre höher, als ſein gegebenes Wort! ſagte Esperance. Der Genovefenbruder trat näher an dieſen heran. — Aber dieſer Brief, flüſterte er ihm mit durchdrin⸗ gendem Blicke zu, iſt ja das einzige Mittel, um ein Weib, oder vielmehr ein Ungeheuer, unſchädlich zu machen, das, wenn Sie es nicht zertreten, Gabrielen ins Verderben ſtürzen wird! Esperance erbebte. Warum ſagte ihm Bruder Ro⸗ bert das? Und warum mit einem ſo eigenthümlichen Aus⸗ druck? Er wußte alſo Alles, er errieth Alles, dieſer merk⸗ würdige Menſch! Pontis war der Einzige, der laut und entſchieden auf die Seite des Mönchs trat. — Solchem Verräthergeſindel gegenüber, rief er, iſt jede Kriegsliſt erlaubt!— Aber Crillon, dem Laramées verachtender Blick die Schamröthe auf die benarbte Stirn trieb, entriß ſchnell den Brief Bruder Roberts Händen und übergab ihn dem Gefangenen ohne Bedingungen, ohne weitere Erörte⸗ rungen. — Hier iſt Ihr Eigenthum, ſprach er. Kein Menſch auf dieſer Erde ſoll ſagen können, daß Crillon ſein Wort gebrochen habe. Laramée erbrach ihn haſtig, überflog ihn und ver⸗ langte Feuer. Esperance beeilte ſich ein brennendes Licht aus dem Nebenzimmer zu holen, über welches der Gefangene das verhängnißvolle Blatt hielt, bis das letzte Stück zu Aſche verbrannt war; er verfolgte noch den Rauch mit gierigen Blicken. Dann ſetzte er ſich in eine Ecke und achtete von die⸗ ſem Augenblicke an nicht mehr auf das, was um ihn her vorging; kaum, daß er noch ein Lebenszeichen von ſich gab. Während dem ſetzten Crillon und der Mönch ihre geheime Unterredung fort: mehr wie einmal ſchien der alte Ritter mit ſeinen Genoſſen nicht einverſtanden zu ſein, doch gab er endlich nach. Er näherte ſich dann Esperance und Pontis, führte dieſe bei Seite und ſprach: — Ihr werdet Beide den Gefangenen nach Paris ſchaffen; Bruder Robert wird Euch folgen. Ihr werdet Euren Ritt beſchleunigen, und bei dem mindeſten Auf⸗ ſtandsverſuche, bei dem geringſten Schein von Hülfe, die man etwa Laramée leiſten ſollte, kein Zaudern! ſchlagt ihm den Hirnſchädel ein. — Seien Sie unbeſorgt, Obriſt, ſagte Pontis. — 167— — Er wird Nichts mehr unternehmen, erwiederte Esperance; ſehen Sie ihn an, er iſt ein todter Mann. Aber warum verlaſſen Sie uns, Herr Ritter. Iſt es eine Unbeſcheidenheit darnach zu fragen? — Keineswegs. Ich habe nur dem Genovefenbruder bemerklich gemacht, wie ſehr es mich wurmt, ſo abzu⸗ ziehen und eine Schaar von etwa tauſend Mann hinter mir zu laſſen, die gegen unſeren König Heinrich in Waffen ſind. Der Bruder behauptet, ohne Anführer würden ſie ſich ſchon von ſelbſt zerſtreuen; ich aber be⸗ haupte, daß die Herzogin, oder der Herzog von Mayenne, oder irgend ein verdammter Spanier ſchon hinreicht, um dieſem Meuterertrupp eine gefährliche Lebensdauer zu ver⸗ leihen. Ich will ihm ein Ende machen. — Sie ganz allein? — Sorgen Sie ſich nicht, mein Plan iſt ſchon ge⸗ macht. Nur Eins habe ich Ihnen noch anzuempfehlen, Esperance: laſſen Sie ſich nicht von Ihrem gefühlvollen Herzen hinreißen. Bedenken Sie, daß dieſer Laramée durchaus auf dem Groveplatz gerädert werden muß.— Alſo, keine Nachläſſigkeit! — Der arme Wahnſinnige! — Was Dich betrifft, Pontis, ſo mag Dir Deine Trunkenheit von neulich Abend diesmal noch vergeben ein; Du haſt ſie durch Dein gutes Verhalten, ſeitdem Du uns eingeholt, wieder ausgeglichen, obſchon mich bedünken will, daß der Hund Ruſto ſich eigentlich bei der ganzen Geſchichte am Beſten benommen. Aber — 168— das ſage ich Dir, wagſt Du es, von hier bis Paris ein Glas zu berühren, das nur nach Wein riecht, ſo laſſe ich Dich bei den Beinen aufhängen, wie einen gemeinen Lump! — Bitte, bitte, mein Obriſt! brummte der junge Gardiſt; verfahren Sie glimpflicher mit mir und thun Sie mir die Ehre an, mich auf andere Weiſe zu züchti⸗ gen, als durch ſolche Drohungen. Nachdem Alles auf dieſe Weiſe beſprochen und ge⸗ ordnet war, betrieb Crillon ungeduldig den Aufbruch des kleinen Reitertrupps. Laramée ritt zwiſchen Esperance und Pontis; Bruder Robert folgte, mit einem langen Piſtol bewaffnet, das er unter ſeiner Kutte verborgen hielt. Dem Letzteren hatte Crillon überdieß noch einen Brief an den Gouverneur von Chaàteau⸗Thierry mitgegeben, worin er dieſen bat, dem Gefangenen eine gute Bedeckung zu gewähren, und einen bedeckten Wagen, um ihn einzu⸗ ſperren, damit ſeine Aehnlichkeit mit Karl IX. nicht etwa bei den Uebelgefinnten der Umgegend einen Verdacht erwecke. Bei der erſten Wegſcheide verließ der Ritter ſeine Freunde und kehrte wieder um, um ſein ſchwieriges Unter⸗ nehmen auszuführen. Bevor ſie ſchieden, grüßte der Gefangene Crillon noch artig und ſprach: — Nehmen Sie meinen Dank, mein Herr, wenn wir uns in dieſem Leben nicht wieder ſehen ſollten. Ver⸗ geben Sie mir, und vergeſſen Sie mich! — Vielleicht werde ich mehr als das für Sie thun, verſetzte Crillon, gerührt von dieſer Reſignation, wenn 3 ⸗ 7 — 4 — 169— Sie fortfahren ſich vernünftig zu betragen. Jedem Sün⸗ der kann verziehen werden. Und damit wendete er ſein Pferd. — Was will er damit ſagen? fragte Laramée ſtolz; er antwortet mir, als ob ich ihn um ſeine Gnade ge⸗ beten hätte. — Schweigen Sie, armer Unglücklicher, ſprach Esperance ſanft aber ernſt. Der Ritter will damit ſagen, daß ein guter Chriſt niemals an Gott und den Menſchen verzweifeln ſoll. Sie ſind noch jung; vielleicht erſcheint Ihnen Ihr Horizont jetzt eng beſchränkt, aber hinter die⸗ ſem giebt es noch einen anderen, unermeßlichen. Schrei⸗ ten Sie mit Gottvertrauen vorwärts, und er wird Ihren Blick erleuchten, daß Sie ihn erkenndn. Laramée ſah ſeinen Begleiter überraſcht an. Er, der niemals eine erlittene Schmach verzieh, er vermochte dies nicht von Anderen zu glauben. Man kam ohne Störung in Chaͤteau⸗Thierry an, wo der Gouverneur ſich beeilte, Crillons Aufforderung Folge zu leiſten, und von da an ward die Reiſe ſchneller und ohne irgend ein bemerkenswerthes Ereigniß zurück⸗ gelegt. Während dem hatte ſich der wagehalſige Ritter dem Lager des Prätendenten wieder genähert, das er in einer großen Beſtürzung und Verwirrung fand. Das plbötzliche Verſchwinden des Anführers war Allen unerklärlich. Man ſah Offiziere hin und her gehen, ſich erkundigen, leiſe mit einander ſprechen; die Soldaten fingen an ſich — 170— mit beſorgten Blicken anzuſehen, und verlangten endlich laut, daß man ihnen Karl X. zeige. Die Spanier, welche abgeſondert inmitten der Fran⸗ zoſen zuſammenſtanden, wollten vor allem wiſſe, aus aus den drei Abgeſandten von ihrer Nation geworden ſei, deren Ankuft am Abend zuvor vom ganzen Lager ſo freudig begrüßt worden war; Einige von ihnen wurden ausgeſchickt, um bei den Vorpoſten Erkundigungen ein⸗ zuziehen, brachten aber nur den Beſcheid zurück: daß man den König in Begleitung der drei Spanier bei Tages⸗ grauen habe wegreiten ſehen, angeblich, um eine Recog⸗ noscirung vorzunehmen. Allmählich ſteigerte ſich die Unruhe und Beſorgniß zur Angſt, und ging endlich in einen allgemeinen pa⸗ niſchen Schrecken über. Man beſchloß, Abgeordnete an die geheimen Oberhäupter der Unternehmung, den Herzog von Mayenne und die Herzogin von Montpenſier abzu⸗ ſenden, um von dieſen vielleicht etwas Näheres zu er⸗ fahren. Einſtweilen durchſuchten Streifpatrouillen die ganze Umgegend, ſogar bis Olizy, wo Laramée und ſeine Entführer den erſten Halt gemacht hatten. Was man hier erfuhr, lautete noch niederſchlagender: der König war mit ſeinen Begleitern, und zwar mit allem Anſcheine eines Gefangenen, auf dem Wege nach Paris weiter geritten, der König war verſchwunden. Die An⸗ kunft dieſer Schreckensbotſchaft im Lager wirkte wie ein Pferdetritt in einen Ameiſenhaufen. Die Trommeln wirbeln, die Trompeten ſchmettern, — 171— man greift zu den Waffen, die Abtheilungen ſchaaren ſich unter ihren Anführern, Spanier und Franzoſen geſondert; die letzteren beſchuldigten die erſteren des Verraths, da der König in Begleitung der drei ſpaniſchen Abgeſandten verſchwunden war. Die Spanier ſchloſſen ſich enger an einander; ihre Antworten mußten um ſo unbefriedigender ausfallen, da es im Grunde nur Gegenfragen und Beſchuldigungen waren, denn ſie wußten eben ſo wenig wie die Franzoſen, was aus dem König geworden ſei. Sie behaupteten, wenn die drei Geſandten Philipps II. den König fort⸗ geführt, ſo könne es nur in einer ſehr wichtigen Abſicht geſchehen ſein. Man erwiedert ihnen, daß eine ſolche Entführung des Oberhauptes, das Werbergen deſſelben, ohne irgend einen Wink davon zu geben, ein handgreif⸗ licher Verrath ſei. Von ſolchen Redensarten geht man zu Schimpfworten über— das ſpaniſche Wörterbuch iſt reich an ſolchen,— und von Schimpfworten endlich zu Schwertſtreichen. Das Gemetzel beginnt. Alte Schulden werden abge⸗ tragen. Die Spanier, weniger zahlreich und noch be⸗ ſtürzter als die Franzoſen, werden in Folge ſchlechter Dispoſitionen ihrer Commandanten, hart bedrängt. Das Blut fließt und macht die Kämpfenden blind. Dies war der Augenblick, wo Crillon auf dem Schau⸗ platze anlangte. Ein Verwundeter, den er anhält, be⸗ richtet ihm mit kurzen Worten, um was es ſich handle; der Mann hatte einen ſehr richtigen Scharfblick, er er⸗ — 172— zählt dem Ritter, wenn dieſe Leute nur eine Minute inne hielten, um ſich zu verſtändigen, ſo würde der Kampf alsbald ein Ende haben. Das war auch die Meinung des guten Ritters, aber nicht, was er wünſchte. Das Schauſpiel war ihm ein viel zu angenehmes. Er hielt auf einer kleinen Anhöhe, von der aus er den ganzen Vorgang überblicken konnte. Die Spanier und die Liguiſten ſich gegenſeitig zerfleiſchen ſehen, das iſt ja ein wahres Himmelsmanna für ſein Herz! Crillon beobachtet, er taxirt die Hiebe mit Kenner⸗ blicken, er zerkaut ſich vor Vergnügen den grauen Schnurr⸗ bart, man hätte ihn mit einem alten Kater vergleichen mögen, der ſich beim Geruche des Fleiſches, das der Fleiſcher in Stücke ſchneidet, behaglich den Bart leckt, bis er ſelbſt darüber herfallen kann. 3 Aber die Spanier, tüchtige, durch lange Kriege ge⸗ ſtählte Soldaten, laſſen ſich die Streiche nicht ſo gefallen, ohne ſie kräftig zu erwidern. Sie ziehen ſich in ge⸗ ſchloſſener Ordnung zurück und werfen ſich in einige Häuſer des nächſtgelegenen Dorfes; ſie verbarricadiren ſich in aller Haſt, während ihre beſten Schützen jedes Fenſter, jede Dachluke benutzen, um die eifrigſten Liguiſten nieder⸗ zuſchießen. Crillon iſt vor Entzücken außer ſich; er weiß es den Spaniern Dank, daß ſte ſelbſt die Mühe übernehmen, die Liguiſten zu decimiren.. Dieſe Letzteren beginnen zu weichen; der Augenblick zur Verſtändigung iſt gekommen, denn ſie zählen bereits — 173— ihre Todten und Verwundeten. Das aber iſt eben, was Crillon nicht will. — Franzoſen! ſchreit er, Franzoſen von Spaniern geſchlagen? Das ſoll nicht ſein— Harnibieu! Und mit dieſem Ausrufe ſprengt er ſeinen Hengſt mitten unter die Kämpfenden. Dieſes furchtbare Harnibieu war in ganz Frankreich und ſelbſt im Auslande berühmt. Crillon ſtieß es in ſo eigenthuͤmlicher Weiſe und mit ſolcher Kraft der Lunge aus, daß es ſelbſt den ärgſten Schlachtlärm überſchallte. Die Liguiſten, ſchon erbittert, geſchlagen worden zu ſein, und noch erbitterter, es ſich vorwerfen zu hören, fragten ſich erſtaunt, wer der unbekannte Mann ſei, der ſtch ſo tollkühn mitten ins Musketenfeuder ſtürze, wo er Nichts zu ſuchen hatte. — Mordieu! Kennt Ihr mich denn nicht mehr? ſchrie der alte Kriegsheld; ich bin ja Crillon! — Crillon! wiederholen die überraſchten und er⸗ ſchrockenen Franzoſen. — Wir ſind alſo von den Truppen des Königs über⸗ fallen? fragte ein liguiſtiſcher Offtzier. — Ihr werdet es ſogleich werden, antwortet Crillon; ich bin nur der Avantgarde vorausgejagt, weil ich nicht haben will, daß Franzoſen um ſolcher Fremdlinge willen Franzoſen zerfleiſchen— Harnibieu! — Wir ſind von den Spaniern verrathen? ruft der Offizier. — Ihr habt's geſagt, mein Tapferer! — 174— — Drauf auf die Spanier! Nieder mit ihnen! ⸗ ſchrieen hundert Stimmen rings um den Ritter. — Vorwärts, Franzoſen! vorwärts, meine Kinder! Gebts ihnen! brüllt Crillon, das Schwert ſchwingend, deſſen Flammenblitze die franzöſiſchen Truppen elektriſiren. Auf ſein Commando ſtürzt Jeder vorwärts. Die ſchon brennenden Häuſer im Nu erſtürmt, die Spanier niedergemetzelt, erdrückt; fie ſchlagen Chamade, aber Crillon iſt taub. Das Blutbad währt fort, die Todten häufen ſich, das Blut der Spanier vermiſcht ſich mit dem Roth ihrer Schärpen. Vergebens verſuchen einige Flüchtlinge uüber das Feld zu entkommen, ſie werden ein⸗ geholt, niedergemacht. Einigen, die um Pardon flehen, ruft Crillon zu: — Als Ihr aus Paris zogt, hatte Euch der König Pardon ertheilt und es Euch eingeſchärft, nicht wieder⸗ zukommen; Ihr ſeid aber wiedergekommen, freßt alſo auf, was Ihr euch eingebrockt habt! Als endlich Alles vorüber war, als Niemand mehr übrig blieb als die Franzoſen, blickten dieſe, obwohl ſtolz auf ihren Sieg, dennoch beſorgt auf den Ritter, der auf ſeinem Pferde ſitzend darauf wartete, daß Ruhe und Ordnung wieder hergeſtellt werden. Crillon iſt zu⸗ frieden; der Tag war gut: Kein Spanier war mehr am Leben, und mindeſtens hundert Liguiſten lagen todt oder verwundet auf dem Platze. — Nun, Ihr Leutchen, ruft er endlich, wißt Ihr denn, was Ihr ſo eben gethan habt? Ihr habt Frieden geſchloſſen mit Eurem wirklichen König. Geſtern hattet Ihr einen falſchen unter Euch, eine Strohpuppe, die Euch die Spanier geſchickt hatten, und Ihr waret ſo dumm, waret ſo ſchlechte Franzoſen, Euch von dieſen Verräthern hinter's Licht führen zu laſſen, ihnen bei Ausführung ihrer ſchändlichen Pläne noch behülflich zu ſein? Ihr fragt, was aus dem Anderen geworden ſei? Ergeben hat er ſich ächten Franzoſen, treuen Dienern ihres Königs; dieſen Morgen vor Tagesan⸗ bruch noch hat er Euer Lager verlaſſen und befindet ſich jetzt auf der Straße nach Paris, um ſich dem ächten König zu unterwerfen. Die Stille des Schreckens und der Verzweiflung herrſchte rings unter der Menge, die ſich in der Gewalt dieſes tollkühnen Siegers wähnte. Ruhig, als habe er eine Armee von hunderttauſend Mann hinter ſich, fuhr Crillon fort: — Was fürchtet Ihr denn? Ich erkläre Euch alle frei. Kehrt heim an Euren Herd, wenn Ihr wollt, ich verbürge Euch mein Wort, daß keine Verfolgung ſtatt⸗ finden ſoll. Aber vielleicht wißt Ihr nicht, was Ihr anfangen ſollt? Eure Laufbahn iſt zu Ende.— Wohlan, ich eröffne Euch eine neue, glänzendere, als Eure bis⸗ herige: Statt Euch zu blinden Werkzeugen jener ver⸗ hungerten Spanier herabzuwürdigen, die unſer ſchönes Frankreich gern in die Taſche ſtecken wollten, kommt mit mir nach Paris. Ihr habt Euch als Tapfere benommen, und ſollt als ſolche behandelt werden. Wenn Ihr Geld bedürft, ſollt Ihr es haben; Avancement, ich verbürge es Euch, verſpreche Euch Ruhm und Ehre; das i*ſt beſſer, glaube ich, als der Titel: Mörder und Verräther, und der Hunger und Mangel noch obendrein. Euer Schein⸗ könig hat Euch im Stich gelaſſen, die Spanier betrogen Euch, ein ächter Franzos ruft Euch jetzt!— Folget Crillon, Harnibien!— Ihr wißt, daß ſein Wort etwas gilt! Hier und da ſah man die Köpfe zuſammenſtecken, ſich mit den Augen befragen; als ob ein Gedanke dieſe tauſend Herzen beſeelte, erſcholl plötzlich das Geſchrei: — Fort mit den Spaniern!— Es lebe Frankreich! — Recht, meine Kinder: es lebe Frankreich! Es lebe der König! 4— Es lebe der König! erſchallte das jubelnde Echo aus allen Kehlen. Crillon fühlte, daß hier keine Zeit zu verlieren ſei. Kurz und beſtimmt, als ob die Truppe ſtets nur unter ſeinem Commando geſtanden, gab er die nöthigen Befehle zum Aufbruch des Lagers; er verſammelte die Offiziere um ſich, hielt eine Art von Kriegsrath, ſchmeichelte ihnen, verſprach ihnen, was ſie verlangten und nahm ſie dann gleich mit ſich fort, die Maſſe ſich ſelbſt überlaſſend, faſt überzeugt, daß der Körper immer dem Haupte folgt. Alles war ſo urplötzlich gekommen, war ſo ſchnell gegangen, daß der ganze Trupp Offtziere ſich wie von einer unwiderſtehlichen Macht fortgeriſſen fühlte; Crillon traf unterwegs ſo gute Anſtalten für ihre Verpflegung, —,— der ganze Marſch ward mit ſolcher Umſicht und Ordnung von ihm geleitet, der liſtige Kriegsheld wußte die Neu⸗ bekehrten in jeder Stadt, durch welche die Detaſchements zogen, ſo geſchickt mit zuverläſſigen Truppen zu umgeben, die die Bekehrung vollendeten oder befeſtigten, daß man ihn nach einer wahrhaft unglaublichen Friſt mit der ganzen Schaar in Paris einziehen ſah, die ſich noch kurz zuvor die Armee Karls X. genannt hatte. In der Vorſtadt Saint⸗Martin ſtellte er ſeine Truppen in Schlachtordnung auf, ſorgte dafür, daß ſie ein mög⸗ lichſt vortheilhaftes Anſehen gewannen, ſetzte ſich dann an die Spitze, und führte dieſe wüthenden Liguiſten, die noch acht Tage zuvor ganz Frankreich mit Feuer und Schwert bedroht hatten, in der heiterſten Laune von der Welt nach dem Loupre. — Sire, ſprach er lachend zum Könige, der ſeinen Augen kaum trauen konnte, ich bringe Ew. Majeſtät ein Regiment Freiwillige, die in der Champagne die ſpaniſche Garniſon aufgerieben haben. Sie möchten gern wiſſen, was aus einem gewiſſen Laramée, einem ſogenannten Valois geworden iſt, der dort eine Ver⸗ ſchwörung anzetteln wollte und ſich Majeſtät nennen ließ. — Er befindet ſich in ſicherem Gewahrſam, im Chatelet, verſetzte der König heiter, und der Prozeß gegen ihn wird ſo eben eingeleitet.— Ende des ſiebenten Bandes. Gabriele. VII. 12 Druck von C. G. Naumann in Leipzig. bedürft, ſollt Ihr es haben; Avancement, ich verbürge es Euch, verſpreche Euch Ruhm und Ehre; das i*ſt beſſer, glaube ich, als der Titel: Mörder und Verräther, und der Hunger und Mangel noch obendrein. Euer Schein⸗ könig hat Euch im Stich gelaſſen, die Spanier betrogen Euch, ein ächter Franzos ruft Euch jetzt!— Folget Crillon, Harnibien!— Ihr wißt, daß ſein Wort etwas gilt! Hier und da ſah man die Köpfe zuſammenſtecken, ſich mit den Augen befragen; als ob ein Gedanke dieſe tauſend Herzen beſeelte, erſcholl plötzlich das Geſchrei: — Fort mit den Spaniern!— Es lebe Frankreich! — Recht, meine Kinder: es lebe Frankreich! Es lebe der König! 4— Es lebe der König! erſchallte das jubelnde Echo aus allen Kehlen. Crillon fühlte, daß hier keine Zeit zu verlieren ſei. Kurz und beſtimmt, als ob die Truppe ſtets nur unter ſeinem Commando geſtanden, gab er die nöthigen Befehle zum Aufbruch des Lagers; er verſammelte die Offiziere um ſich, hielt eine Art von Kriegsrath, ſchmeichelte ihnen, verſprach ihnen, was ſie verlangten und nahm ſie dann gleich mit ſich fort, die Maſſe ſich ſelbſt überlaſſend, faſt überzeugt, daß der Körper immer dem Haupte folgt. Alles war ſo urplötzlich gekommen, war ſo ſchnell gegangen, daß der ganze Trupp Offtziere ſich wie von einer unwiderſtehlichen Macht fortgeriſſen fühlte; Crillon traf unterwegs ſo gute Anſtalten für ihre Verpflegung, —,— der ganze Marſch ward mit ſolcher Umſicht und Ordnung von ihm geleitet, der liſtige Kriegsheld wußte die Neu⸗ bekehrten in jeder Stadt, durch welche die Detaſchements zogen, ſo geſchickt mit zuverläſſigen Truppen zu umgeben, die die Bekehrung vollendeten oder befeſtigten, daß man ihn nach einer wahrhaft unglaublichen Friſt mit der ganzen Schaar in Paris einziehen ſah, die ſich noch kurz zuvor die Armee Karls X. genannt hatte. In der Vorſtadt Saint⸗Martin ſtellte er ſeine Truppen in Schlachtordnung auf, ſorgte dafür, daß ſie ein mög⸗ lichſt vortheilhaftes Anſehen gewannen, ſetzte ſich dann an die Spitze, und führte dieſe wüthenden Liguiſten, die noch acht Tage zuvor ganz Frankreich mit Feuer und Schwert bedroht hatten, in der heiterſten Laune von der Welt nach dem Loupre. — Sire, ſprach er lachend zum Könige, der ſeinen Augen kaum trauen konnte, ich bringe Ew. Majeſtät ein Regiment Freiwillige, die in der Champagne die ſpaniſche Garniſon aufgerieben haben. Sie möchten gern wiſſen, was aus einem gewiſſen Laramée, einem ſogenannten Valois geworden iſt, der dort eine Ver⸗ ſchwörung anzetteln wollte und ſich Majeſtät nennen ließ. — Er befindet ſich in ſicherem Gewahrſam, im Chatelet, verſetzte der König heiter, und der Prozeß gegen ihn wird ſo eben eingeleitet.— Ende des ſiebenten Bandes. Gabriele. VII. 12 Druck von C. G. Naumann in Leipzig.