lerander SDumas & riften. Vollſtändigſte aus dem Franzöſiſchen überſetzte Ausgabe. Supplemente: XII. Band. Die ſchöne Gabriele Jugust Maquet. Sechſter Band. Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. von Auguſt Maquet. Fortſetzung des Romanes: Die Fünf und vierzig Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Ferd. Heine& Aug. Schrader. 4 Sechſter Band. — GNS— Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. Die ſchöne Gabriele. O Oe Sechſter Band. Gabriele. VI. 1 1. Genugthuung. Der König langte glücklich am Louyre an, trat, ohne geſehen zu werden, durch die kleine weſtliche Pforte ein, und nach einem guten Schlaf, den er ſich unter dem Schutze des königlichen Baldachins hingegeben hatte, erwachte er am andern Morgen wie gewöhnlich ſehr früh, um ſein ungeheures Tagewerk als Eroberer und Staaten⸗ lenker noch beim Kerzenſchimmer zu beginnen. Mehrmals hatte er ſchon nach dem Befinden Gabrielens und des kleinen Cäſar gefragt; die Antwort hatte ge⸗ lautet, daß ſich die Frau Marquiſe, müde und angegriffen von der Ceremonie des vorigen Tages, zeitig niedergelegt habe und noch ſchlummere. Heinrich rieb ſich froh lächelnd die Hände und ſetzte ſeine Arbeit mit erneueter Luſt fort. Zamet erſchien ſehr bald. Der König hatte Befehl gegeben, daß er alsbald vorgelaſſen werde, und der mit dem Geſichtsausdrucke des Monarchen ſehr zufriedene Finanzmann fing damit an, ſich nach den näheren Um⸗ ſtänden ſeines Verſchwindens zu erkundigen; Heinrich, ſeinerſeits, erzählte in der Kürze was ihm begegnet, das *ℳ 1* glückliche Zuſammentreffen mit jenem jungen Manne im benachbarten Garten, deſſen Gefälligkeit und zartfüͤhlende Zurückhaltung, und ſchloß damit, daß das Geheimniß ſeines unbeſonnenen Knabenſtreiches vollkommen geſichert ſei, als der dienſthabende Leibarzt den Thürvorhang zur Seite ſchob und den König benachrichtigte, daß die Frau Marquiſe ſich beim Erwachen unwohl gefühlt habe und den König ſo ſchnell wie möglich zu ſprechen wünſche. Heinrich ſtand unruhig vom Arbeitstiſche auf, entließ Zamet und befahl, daß Sully oder Crillon, die er früh⸗ zeitig erwartete um mit ihnen zu arbeiten, ſobald ſie kämen, zur Marquiſe nachgeſchickt werden ſollten. Der Weg vom Louvre in das Höôtel der Marquiſe war nur ein ſehr kurzer; durch mehrere Durchgänge und dem Publikum verſchloſſene Gäßchen konnte man, ohne geſehen zu werden, ſchnell dahin gelangen. Heinrich ließ ſich von zwei Dienern begleiten und befand ſich ſehr bald bei Gabrielen. Das junge Weib empfing den König am obern Ende der erſten Treppe ſtehend und mit allen Spuren lebhafter Unruhe in den reizenden Zügen. Gratienne und einige Frauen ſtanden in der Nähe, um ihre Gebieterin zu unterſtützen, die wie ein Rohr im Sturme zu ſchwanken ſchien. Als der König das kummervolle Geſicht, die tiefen Schattenringe um dieſe ſchönen Augen gewahrte, eilte er noch ſchneller die Stufen hinan, bemächtigte ſich ſofort —, —— —, Gabrielens Hand und geleitete ſie mit der rührendſten Sorgfalt in ihr Zimmer. — Mich ſo zu erwarten, ſprach er im Tone zarten Vorwurfes, in der Kälte— aufrecht ſtehend— wenn Sie leidend ſind! Sie verneigte ſich ehrfurchtsvoll. — Nicht ſo viele Ehrerbietung gegen mich, meine Gabriele, fuhr er fort, und mehr Aufmerkſamkeit gegen ſich ſelbſt! Sie ſind alſo leidend? Sie gab Gratienne und ihren Frauen einen Wink, daß ſie ſich entfernen ſollten. — Ja, Sire, ſprach ſie dann, ich bin ſehr leidend; das iſt es aber nicht, was mich bekümmert. Ich wäre dieſen Morgen ſchon nach dem Louvre gegangen, wenn meine kraftloſen Beine mich ſo weit hätten tragen können; aber, fügte ſie mit mattem Lächeln hinzu, ſie verſagten mir den Dienſt. — Hier bin ich, meine Schöne, meine Angebetete! rief Heinrich feurig; was haben Sie mir mitzutheilen? Oh!— wir wollen ſchon die friſche Röthe der Geſund⸗ heit auf dieſe Wangen wieder zurückrufen; Glück und Geſundheit ſind faſt immer unzertrennbar. — Das iſt es ja eben was mich krank macht, Sire, ſagte Gabriele ſchmachtend. Erlauben Sie mir, daß ich mich ſetze; laſſen Sie ſich dicht an meiner Seite nieder und erzeigen Sie mir die Gnade, mich ohne Unterbrechung anzuhören, denn ich bin eine ſchlechte Rednerin und mein armer Geiſt iſt ganz verwirrt. Nach dieſen Worten ſank ſie erſchöpft nieder und man ſah es ihr an, welche Gewalt ſie ſich anthat, um ihre hervorbrechenden Thränen zu verbergen. Dieſe Einleitung hatte den König in einige Verlegen⸗ heit geſetzt. Er breitete die Arme aus, um die theure Betrübte an ſein Herz zu ſchließen; ſie aber wich ihm aus und ergriff mit ihren eiskalten Händen die ſeinen. — Aber um Gotteswillen! was iſt denn nur ge⸗ ſchehen, meine Gabriele? fragte Heinrich, ſelbſt erbleichend. — Sire, ſprach ſie, ſich faſſend, ich hatte das Glück Sie zu kennen, als Sie noch um Ihre Krone kaͤmpften, Sie erzeigten mir die Ehre mich aufzuſuchen, Sie flößten. mir ein Gefühl von Zärtlichkeit ein, das meine eifrigen Feinde für ehrgeizige Abſicht erklärten.— Damals war Ihre Zeit zwiſchen dem Kriege und der Liebe getheilt, jener Liebe, auf die ich ſtolz war, durch die ich Ihr ganzes Herz— ich darf es ſagen— beſaß und be⸗ herrſchte; ich hätte Sie unglücklich gemacht, wenn ich es verweigert hätte die Ihre zu werden.. — Das wäre in der That das Unglück meines Le⸗ bens geweſen! Aber Sie waren gütig und treu; Ihr freiwillig gegebenes Wort haben Sie muthig und ſtand⸗ haft gehalten. — Nicht wahr, das habe ich?— Ich habe die Vorwürfe, den Zorn, den Haß meines Vaters aus Liebe zu Ihnen muthig ertragen; ich duldete es, daß der Name eines Mannes mit Verachtung gebrandmarkt ward, weil ich dieſen Namen geführt; ich habe es ertragen, daß der † 3 4 Name d'Eſtrées unter diejenigen aufgezeichnet ward, die das Volk niemals ohne ein beſchimpfendes Lächeln aus⸗ ſpricht..* — Mein Liebchen— Sie ſind erhaben über jede Beſchimpfung... — Erſparen Sie ſich die Mühe mich tröſten zu wol⸗ len, Sire. Auf alle dieſe Widerwärtigkeiten hatte ich mich im Voraus gefaßt gemacht, ich hatte mich darein ergeben. Die Freundin, die Vertraute, die Gefährtin meines Königs zu ſein, ſeine Sorgen und Mühen zu theilen, ſeine Leiden durch mein Lächeln zu mildern, durch mein ſtetes Beſtreben ihm zu gefallen; das Böſe, das man mir zufügte, durch Gutes zu erwidern, das war die Bahn, die ich mir ſelbſt mit dem unerſchütter⸗ lichen Vorſatze vorgezeichnet hatte, derſelben niemals untreu zu werden. — Aber wozu alle dieſe Worte, meine Gabriele? was ſoll das bedeuten? — Es ſei mir geſtattet, Sire, ein wenig meine eigene Lobrednerin zu ſein, ſprach die junge Frau, deren Stirn fich allmählig ein wenig aufzuhellen begann; ich muß ja wohl meine Sache bei Ihnen ſelbſt führen, da es ſonſt Niemand für mich thut. — Ich verſtehe Sie nicht. — Sie werden mich ſogleich verſtehen, Sire, und bevor ich zur Hauptſache komme, bitte ich Sie zu be⸗ merken, daß ich mich nicht ereifere, mich über Niemand beſchwere. Man hat mir wohl geſagt, daß Ihr Reli⸗ „ gionswechſel, den ich ſo eitel war mir als ein kleines Ver⸗ dienſt anrechnen zu wollen, ſchon beſchloſſen geweſen ſei⸗ bevor ich Sie noch darum gebeten, und daß ich, als ich mich Ihnen zum Lohne für dies Opfer hingab, die Be⸗ trogene geweſen ſei; allein ich bin ſtolz darauf, nur von meinem eigenen Herzen betrogen worden zu ſein, und niemals habe ich Sie mit Klagen oder Vorwürfen dar⸗ über behelligt. Meine Augen blieben heiter und ſtrahlten nur Liebe für Sie, nie war ich übler Laune gegen Sie, nie habe ich Sie gequält, war Ihnen nur ſtets eine ge⸗ fällige, ſanfte Geſellſchafterin,— nicht wahr, Sire? — Wohl wahr, und Sie erſchrecken mich jetzt um ſo mehr durch Ihren Trübſinn! rief der König, der ſich durch dieſen Vorwurf, ſich ſeines Religionswechſels als einer Liſt um Gabrielen zu beſtegen bedient zu haben, in ſeinem Gewiſſen getroffen fühlte; aber ohne Zweifel ſagen Sie mir alles das nur, um nun auf einen ernſt⸗ lichen Vorwurf überzugehen! — Ja, Sire; ſo hören Sie ihn denn. Trotz aller Hoffnung, die ich hegte, mir durch mein Benehmen Ihre Zuneigung zu erhalten, muß ich nun ſehen, daß ich Sie verliere. Sie hintergehen mich. — Ich? — Ja, Sire, und das iſt übel von Ihnen gehandelt. Ich hege weder Mißtrauen noch Eiferſucht, ich glaube an Alles, was Sie mir ſagen. Wie ein treuer Hund, ſchöpfe ich jede meiner Empfindungen aus Ihren Augen, ich bin traurig, wenn ich Sie traurig ſehe, ich bin hei⸗ — — ter, wenn Sie heiter ſind, ich bin ganz und ſtets die Ihre, und hatte demnach ein Recht, die gleiche Zunei⸗ gung von Ihnen zu fordern. — Aber, Gabriele, Sie beſitzen ja doch meine ganze Liebe, ſprach Heinrich etwas angſtlich werdend. — Nein, Sire. — Ich ſchwöre Ihnen... — Schwören Sie nicht. Es iſt des Königs un⸗ würdig, ſich bis zur Lüge zu erniedrigen. Ich bin Ew. Majeſtät unterthänige Dienerin und es iſt nicht mehr wie billig, daß ich ganz allein leide, wenn Wolken unſern Freudenhimmel verdunkeln. Der König handelt nach ſeinem Willen und Gefallen. Selbſt ſeine Launen müſ⸗ ſen aller Welt heilig ſein, und mir vor allen andern. Ich kenne meine Pflicht zu gut, um mir gegen meinen Herrn und Gebieter einen Vorwurf zu erlauben, und Gott iſt mein Zeuge, daß meine Lippen nichts von dem verſchweigen, was in meinem Herzen vorgeht. — Aber woher kommen Ihnen nur dieſe trüben Einbildungen? — Die Wahrheit iſt keine Einbildung, Sire. — So laſſen Sie mich wenigſtens dieſe ſogenannte Wahrheit hören, damit wir gemeinſchaftlich unterſuchen, ob ſie nicht am Ende nur eine Einbildung iſt. — Gern will ich es, da Sie mir dieſe Gnade ge⸗ ſtatten. Geſtern, Sire, haben Sie ſich zeitig in Ihre Zimmer zurückgezogen? — Nun ja, wie Sie geſehen haben. — 10— — Und haben ſich zu Bett gelegt? — Unmittelbar nachher. — Ganz recht, ſind aber ſehr bald wieder aufgeſtan⸗ den, denn eine Stunde ſpäter verließen Ew. Maj. das Louvre. Der König ſaß wie auf Nadeln. — Wer ſagt das? murmelte er. — Ew. Majeſtät hatten ein Rendezvous außerhalb des Louvre, in Zamets Hauſe. — Marquiſe... — Bei dem Sie ſich pünktlich und getreu eingeſtellt haben.— Ach, Sire, leugnen Sie es nicht, ich beſchwöre Sie darum! — So muß ich Ihnen denn Alles ſagen. Nun ja, ich hatte mit Zamet über verſchiedene wichtige Geſchäfte zu ſprechen. — Ew. Majeſtät haben ein ſanftes, mitleidsvolles Herz; Sie wollen mich noch ſchonen, mich armes, ſchwa⸗ ches Weib, und ich empfinde darum nur noch lebhafter den Kummer, dieſes großmüthige Herz verloren zu haben. — Sie irren; nichts haben Sie verloren, meine ſüße Gabriele! — Ew. Majeſtät haben bei Zamet eine Frau auf⸗ geſucht... — Wer kann das ſagen? — Statt wieder heimzukehren, ſind Ew. Majeſtäͤt aus Zamets Haus ſchnell durch ein anderes geſchlichen.. — Man ſpürt mir alſo nach! rief der König, halb erzürnt, halb verlegen, ertappt worden zu ſein. — 11— — Gott möge Jeden davor bewahren! warf Ga⸗ briele raſch ein. Iſt dies aber die Wahrheit oder nicht?— — Wer hat es Ihnen hinterbracht, Madame? — Oh!— eine wohlunterrichtete Perſon. — Nur eine einzige konnte wiſſen... — Und dieſe eben war es, ſprach Gabriele, die um nichts in der Welt wiſſen laſſen wollte, daß ſie ſelbſt die Lauſcherin geweſen. — Ein junger Menſch— nicht wahr? fragte Hein⸗ rich mit unterdrücktem Zorn. — Nehmen wir an, daß es ein junger Menſch ge⸗ weſen ſei, erwiderte Gabriele, einer weiteren Erklärung, aus Furcht ſich zu verrathen, ausweichend. — Das iſt eine ſchändliche Verrätherei! rief der König. — Sire, wenn hier von Verrath die Rede ſein kann, ſo waren Sie es allein, der an mir zum Verräther geworden iſt, was ich nicht verdient habe. Sie haben mein armes Herz, das bei dem bloßen Gedanken an Sie vor Liebe und Vertrauen überfloß, gebrochen. Sie haben mehr gethan als mich bloß hintergangen, Sire, Sie ha⸗ ben meine Lebensruhe für immer zerſtört... was ſage ich? mein Gewiſſen belaſtet! — Wie? rief der König, mit Verlegenheit, Zorn und Schmerz zugleich kämpfend, Ihr Gewiſſen? — Ja, Sire, mein Gewiſſen: Sie müſſen ſich ver⸗ bergen, um mich zu täuſchen— als ob ich Ihren Schrit⸗ — 12— ten nachſpürte!— Sie ſchleichen ſich allein aus dem Louvre, Sie laufen allein, ohne Schutz, ohne Verthei⸗ digung, durch dieſes finſtere Paris, wo ſo viele Feinde lauern, die Sie verderben wollen, das von Mördern wimmelt! Ja, Sire, Sie ſetzen Ihr Leben in Gefahr, und um meinetwillen, weil Sie ſich ſelbſt meiner treuen Wachſamkeit und Fürſorge entzogen haben; Sie geben Ihr koſtbares Leben der Gnade eines jeden Banditen Preis, der Ihnen, um eine volle Börſe zu erbeuten, das Herz durchbohren kann, dies königliche Herz, durch welches ganz Frankreich athmet! Als Gabriele ſo ſprach, war ihr Schmerz ein wahrer, unverſtellter, der ſich in Thränen und Schluchzen Luft machte, und faſt ſterbend ſank ſie in die Kiſſen ihres Armſtuhles zurück. — Hal elender Angeber und Verräther! grollte Heinrich vor ſich hin; ich erkenne ſogar ſeine ſchönen Worte wieder!— Gabriele! mein Leben, meine Seele, mein Alles! Komm wieder zu Dir! Gabriele, ver⸗ gieb mir! Gabriele konnte nicht ſprechen; der Schmerz über⸗ wältigte ſie und raubte ihr die Sprache; ſie hatte nur Thränen ſtatt der Worte. Der König warf ſich vor ihr auf die Knie nieder, umſchlang ſie mit ſeinen Armen, und verſuchte ihre vor Fieberfroſt zitternden Hände durch ſeine glühenden Küſſe zu erwärmen. — — — 13— — Willſt Du daß ich vor Reue und Scham ſterben ſoll! rief er. Ich bekenne mich ſchuldig, ich klage mich des Verrathes an Deinem Herzen an, ich flehe um Deine Vergebung! Eine thörichte Citelkeit riß mich hin. Ich bin ein wahnſinniger Thor, ein feiges Herz; ich laſſe mich von Allem verblenden, von einem flehenden Auge, einem verſprechenden Blick. Ja, ja, es iſt eine kindiſche CEitelkeit, kaum würdig eines leichtſinnigen Jünglings. Aber wenn Du auf dem Grunde meines Herzens leſen könnteſt! Wenn Du wüßteſt wie ich Dich liebe! Giebt es denn einen ſanftern, heiterern Engel als Dich, der meiner ganzen Liebe würdiger wäre? Glaube mir, Ga⸗ briele, Du allein beſitzeſt mein volles Herz; meine Sinne, meine thörichte Einbildung konnte ſich vielleichtver irren, aber ich ſchwöre Dir, daß mein Herz nie davon berührt worden iſt. Gabriele! mein Leben! komm wieder zu Dir, höre mich! — Ach, Sire! wie gut ſind Sie! Aber der Streich hat mich zu tief getroffen. — Du wirſt vergeſſen— ich ſelbſt denke nicht mehr daran! — Die Wunde wird nie wieder heilen. — Unmöglich, Gabriele; ich habe nicht einmal eine ſtrafbare Abſicht gegen Dich gehegt. Wie ein Thor lief ich fort, ohne Ziel, irgend einer einfältigen Laune nach; nicht einen böſen Gedanken gegen Dich habe ich mir vorzuwerfen. 5 — 14— — Hören Sie mich, Sire: ein jedes andere Weib als ich würde Ihnen danken, Ihnen ſagen, daß es Ihnen glaubt und verzeiht; aber meine Liebe iſt zu wahr und aufrichtig, um meinen unheilbaren Schmerz zu verhehlen. — Unheilbar? — Ja, Sire; was Sie nur aus Laune, ohne Ziel, ohne Ueberlegung gethan zu haben meinen, darin ſind Sie nur Ihrer Natur gefolgt, Sire, und ein großer König, den ſo rieſenhafte Pläne beſchäftigen, kann ſich nicht wie ein gewöhnlicher Menſch bemühen, ſeine Natur zu ändern. Zudem ſind Sie, wie ich Ihnen geſagt habe, Herr und Gebieter, und nichts auf dieſer Erde darf Sie an der Vollziehung Ihres Willens hindern. Sie verſprechen mir vielleicht heute ſich zu beſſern, Sie haben auch den guten Willen dazu, Sie verſuchen es vielleicht ſogar, aber morgen, wenn Sie ſehen, um wieviel das Opfer größer iſt als der Gewinn, dann werden Sie wie⸗ der in dieſelbe Untreue zurück verfallen, dieſelben toll⸗ kühnen Wagniſſe unternehmen, die mich tödten und Sie ſelbſt der größten Gefahr ausſetzen, und darum giebt es keinen Troſt, keine Heilung für mich! — Und was folgern Sie denn aus allen dem, Ga⸗ briele? rief der König, bewegt von dieſer Beharrlichkeit eines ſonſt ſo nachgebenden und verſöhnlichen Herzens. Wollen Sie mich gebeſſert ſehen, ſo geben Sie mir auch die Mittel dazu an. — Ich habe es bereits gefunden, Sire, entgegnete das junge Weib in dumpfer Verzweiflung; überlaſſen — 1— Sie die Arme, die Sie nicht mehr lieben, dem Dunkel der Vergeſſenheit, entſagen Sie fortan jedem Zwange, allen Heimlichkeiten— Sie müſſen mich verlaſſen, Sire! — Sprechen Sie im Ernſt, Gabriele? fragte Heinrich mit bebender Stimme. — Spricht mein bleiches Antlitz, ſprechen die Thrä⸗ nen, die der Schmerz meinem Herzen erpreßt, nicht die Feſtigkeit meines Entſchluſſes aus? — Du wollteſt, Du könnteſt mich verlaſſen? — Ich bin unwiderruflich entſchloſſen, und morgen werde ich mich ohne Aufſehen, ohne Geräuſch, ja ohne eine Klage laut werden zu laſſen, mit meinem Sohne einſtweilen nach Monceaur zurückziehen, bis ich einen ſichern, ſelbſt Ihnen unzugänglichen Zufluchtsort gefunden haben werde. Der König war ſo beſtürzt, daß er lange keine Worte finden konnte; außer ſich lief er im Zimmer auf und ab. 1 8 — So haben Sie mich alſo niemals geliebt! rief er endlich. — Ich habe es Ihnen wohl nicht bewieſen, Sire! ſchluchzte Gabriele. — Ein Weib, das ſelbſt die Zuſicherung meiner Treue von ſich weiſ't! — Wer das Herz beſttzt, bedarf keiner Bürgſchaf⸗ ten, und wer Bürgſchaften begehrt, hegt kein Vertrauen; wer aber kein Vertrauen mehr hegt, kann der wohl noch lieben? Dringen Sie weiter nicht in mich, theurer — 16— Sire; machen Sie wieder Gebrauch von Ahnem Rechte, ſeien Sie frei. — Sie weinen, Gabriele! — Und doch ſehen Sie nur die Hälfte meiner Thränen. In dieſem Augenblicke hörte man im benachbarten Zimmer das ſchwache Geſchrei des kleinen Cäſar. Gabriele erhob ſich und ſchwankte nach der Thür, um ihren Sohn zu beruhigen; aber Heinrich kam ihr zuvor, öffnete die Thür, eilte an die Wiege, in welcher das Kind ſeiner Liebe lieblich und munter lag, beugte ſich über daſſelbe und küßte es mit Thraͤnen in den Augen. Das Kind ſtreckte ſeine kleinen roſigen Händchen aus und wühlte in dem grauen Barte des gutmüthigen Königs. Gabriele mußte ſich von dieſem rührenden Schau⸗ ſpiele abwenden, und ihr Geſicht in den Vorhängen ver⸗ bergen, um ihre Faſſung zu bewahren. Da erſchien Sully auf der Thürſchwelle. Heinrich richtete ſich mit noch immer thränendem Auge auf. Sein Herz erlag der Rührung. Er kehrte zu Gabriele zurück, die bebend in den Armſtuhl geunken war und das Geſicht in den Kiſſen barg, um ihr S luch⸗ zen zu erſticken. — Vergeben Sie mir? fragte Heinrich ſanft, ihr ſeine Hand hinreichend. — 17— — Sie ſehen, Sire, welche Mühe ich mir gebe, ſtammelte ſte, und daß mir das Herz darüber bricht. — So leben Sie denn wohl! preßte der König kaum hörbar hervor. 4 Und mit ausbrechenden Thränen ſtürzte er aus dem Zimmer. Im Veſtibule hörte man ihn mit verhaltenem Zorn zwiſchen den Zähnen murmeln: — Jener junge Menſch iſt an allem ſchuld! Der Feige! der Verräther!— und ich hatte ihm die Hand gedrückt!— Aber, Ventre⸗ſaint⸗gris! ich werde mich rächen!... Sully empfahl ſich mit einer tiefen Verbeugung bei Gabriele, und folgte dann ſeinem Gebieter. Gabriele. Vl. 2 2. Eine gewonnene Schlacht. Henriette war mit Wuth und Ingrimm im Herzen in ihr Zimmer zurückgekehrt. Stumm und in ſich verſchloſ⸗ ſen, hatte ſie Herr von Entragues, der neben ihr her⸗ ging und ſich unterwegs in Ausflüchten und Entſchuldi⸗ gungen erſchöpfte, die ſie kaum beachtete, vollkommen durch das Uebergewicht ihrer bösartigen Natur beherrſcht. Seit⸗ dem ſie die ſchmachvollen Berechnungskünſte des Grafen durchſchaut hatte, empfand ſie weder Furcht noch Achtung mehr vor ihm. Er war ihr nur noch ein gewöhnliches Werkzeug, und da das Werkzeug bei dieſer Gelegenheit ſchlecht gedient und ſich als unbrauchbar erwieſen, ſo ſtrafte ſie es mit Verachtung. Der erbärmliche Vater beugte ſein Haupt und nahm die neue Demüthigung mit ſchweigender Ergebung hin. Henriette legte ſich zu Bett; allein ſie konnte nicht einſchlafen. Schon hatte dieſes noch halbe Kind die durch Gewiſſensbiſſe erzeugte Schlafloftgkeit kennen lernen; ſie ſollte auch noch den Schmerz des vereitelten Ehrgeizes erfahren. — 19— Sie empfahl ihrem Kammermädchen, einem ihr treu ergebenen Geſchöpfe, wie es eine ſolche zu Intriguen ge⸗ neigte Perſon eben brauchen konnte, ihr jede Neuigkeit, jedes Gerücht, welcher Art es auch ſei, unverzüglich zu hinterbringen. Sie konnte es ſich nicht denken, daß ein ſo galanter Cavalier wie der König ſie nicht für alles, was ſie um ſeinetwillen erduldet, entſchädigen ſollte. Sie hatte eine zu hohe Meinung von ſich ſelbſt, um nicht irgend einen neuen Hoffnungsſtrahl, ein Zeichen der Reue von Sr. Majeſtät zu erwarten. Die Könige ſind mäch⸗ tig, erfinderiſch in Hülfsmitteln zur Erreichung ihrer Wünſche, entweder durch ſich ſelbſt, oder durch ihre Die⸗ ner. Und das Haus der Entragues war ja weder einem zärtlichen Briefchen noch ſelbſt dem Beſuche irgend eines Liebesboten verſchloſſen. Allein die ganze Nacht verging, und weder das eine noch das andere erſchien. Henriettens ganzer Gewinn war und blieb eine ſchlafloſe Nacht, dann und wann nur von kurzen flüchtigen Träumen unterbrochen, jenen unheilverkündenden Wölkchen gleich, die auf dem dunkeln Hintergrunde eines Gewitterhimmels daher ziehen. Sie lag noch im Bett, als ihr Vater am andern Mor⸗ gen in ihr Zimmer trat. Er nahm ſich einen Stuhl und ſetzte ſich dicht an Henriettens Kopfkiſſen. Sein Geſicht hatte jetzt den demüthigen Ausdruck vom vorigen Abend verloren; er trug die Stirn wieder höher und freier; es war faſt ein Schimmer von Zorn, von erwachter Ener⸗ 2* 8 — 20— gie darauf zu leſen, als ob ihm über Nacht guter Rath gekommen ſei. Henriette, die ſich darauf vorbereitet hatte, ihre Klage⸗ rolle fortzuſpielen, errieth ſofort, daß ſie klüger thun würde, erſt abzuwarten, was nun kommen werde, bevor ſie ſich ihrer Heftigkeit hingäbe. Sie lauſchte alſo mit offenem Ohre. Endlich hob Herr von Entragues im feierlichen Tone an: — Sie hatten mich über den Zweck Ihres Beſuches bei Herrn Zamet hinreichend aufgeklärt, meine Tochter. Das Horoscop war nur ein mehr oder weniger geſchickt erfundener Vorwand, durch den ich mich keineswegs habe täuſchen laſſen; denn um ſein Horoscop zu erfahren, braucht ein junges Mäͤdchen ſich nicht durch zweideutige Schritte zu compromittiren, durch die Straßen zu laufen, ſich der Gefahr auszuſetzen, beſchimpft zu werden und zu Scandalen Veranlaſſung zu geben. — Aber ich bitte Sie, mir vor allen Dingen zu ſa⸗ gen, was denn ſo Entſetzliches geſchehen iſt? unterbrach ihn Henriette, gereizt durch dieſen ſtrengen Ton. Was hätte ich denn thun ſollen? — Das was ich gethan habe, Mademoiſelle; man ſchreibt Herrn Zamet, man erſucht ihn ſeine Wahrſagerin in die Wohnung des Herrn Grafen von Entragues zu ſchicken, denn da dieſe Art Weiber ſich für ihre Dienſte bezahlen laſſen, ſo hat man als Bezahlender auch das Recht, ſie ruhig in ſeiner Wohnung zu erwarten. — 21— — Sie haben an Herrn Zamet geſchrieben? — Ja, Mademoiſelle. 1 — Daß er Leonora ſchicken ſolle? — Ja, Mademoiſelle. Der Herr Graf von Auvergne, Ihr Bruder, dem ich Ihren unbeſonnenen Streich erzählt habe, und zwar, wie ich geſtehen muß, mit Zittern und Zagen, hat mit ſeinem vollkommenen Takte ſofort erkannt, daß dies ein für Ihren Ruf nachtheiliges Gerede veran⸗ laſſen würde, und um dies Gerede durch ein anderes zu erſticken, hat er mich aufgefordert, die Wahrſagerin zu uns kommen zu laſſen, ſo daß nur wenige Leute ſich ver⸗ ſucht fühlen werden, Ihnen aus dem, was in Gegenwart Ihres Vaters und Ihres Bruders geſchehen iſt, einen Vor⸗ wurf zu machen. — Was hat meine Mutter geſagt? fragte Henriette lebhaft. — Ihre Frau Mutter weiß, Gott ſei Dank! noch nichts davon! Ich habe Ihren Herrn Bruder gebeten, ſich mit derſelben Gelegenheit nach dem Louvre zu verfü⸗ gen, und ſich, theils durch die Höflinge, theils durch den König ſelbſt, möglichſt genaue Kenntniß von allen über dieſe Nacht etwa umlaufenden Gerüchten zu verſchaffen. Die übeln Folgen Ihrer Unvorſichtigkeit werden dem⸗ nach bemäntelt werden, und Sie werden ſich nur noch Ihren Mangel an Vertrauen zu mir vorzuwerfen haben, der bei längerer Fortdauer Sie für immer zu Grunde richten könnte. Ein junges Mädchen, ſo begabt es auch — 22— ſein möge, beſitzt nicht die Reife des Geiſtes, um alle ſeine Pläne und Combinationen ſo präcis zu berechnen; es läuft blindlings auf ſein glänzendes, oft aber nur trü⸗ geriſches und falſches Ziel los, während es, wenn es auf den guten Rath eines erfahrenen Führers hört, nicht ſo leicht das Scheitern ſeiner Pläne zu befürchten hat. Dieſe ſo abſcheuliche, und mit ſolcher Salbung vor⸗ getragene Moral war dem jungen Weſen ein deutlicher Fingerzeig. Henriette fühlte recht wohl, daß Vater En⸗ tragues nur darnach ſtrebte, ſeine frühere Herrſchaft und Autorität wieder über ſie zu erlangen, aber ſie erkannte auch zugleich ihre eigene Schwäche, und wie wenig ſie noch für ſchwierige Unternehmungen gereift ſei; ſie hütete ſich daher wohl, die dargebotene Hand zurückzuweiſen, die ihr für ihren Feldzugsplan einen brauchbaren Verbün⸗ deten ſicherte. — Ich bin weit davon entfernt, ſprach ſie, Ihren guten Rathſchlägen mein Ohr zu verſchließen, mein Herr; allein bis jetzt hatten Sie mich noch nicht damit beehrt. Sie alſo waren es, der Mißtrauen gegen mich hegte. Man hat eine heftige Liebe zu irgend Jemand in mir zu er⸗ regen geſucht, Hoffnungen in mir erweckt— und dann hat man mich mir ſelbſt überlaſſen. Das iſt das Ganze. — Der Weg, den Sie gehen, oder vielmehr den wir gehen, iſt ein ſchwieriger und gefahrvoller. Die Per⸗ ſon, die Sie lieben, iſt nicht frei, ſondern gefeſſelt, und zwar durch ihren eigenen Willen gefeſſelt— hier liegt das Hinderniß!— Wenn Sie zu heftig beharren, — 23— werden Sie auf Nebenbuhlerſchaften ſtoßen, die Sie ſtür⸗ zen können— dies iſt die Gefahr! — Oh!— rief die ſtolze Schöne mit verachtendem Lächeln, dieſe Hinderniſſe und Gefahren ſind ſo gering, daß nur kleinmüthige Herzen davor zurückſchrecken können. Aber ich!—— Die bewußte Perſon iſt nicht frei, ſagen Sie? Nun ja, aber nur weil man ſie gefeſſelt hat, und ſie wird ſich eben ſo gut von Andern feſſeln laſſen, die Muth und Geſchick genug dazu haben. Wir wollen es darauf wagen. Und was die Nebenbuhlerſchaft betrifft, ſo erlauben Sie mir darüber zu lachen. So gering auch meine perſönlichen Vorzüge ſein mögen, bin ich mir einem derſelben doch hinreichend bewußt. Es handelt ſich hier nur darum, wer den Vorzug erringt, und dies kann ſich wiederum nur aus dem Vergleiche ergeben. Ich war eben auf dem beſten Wege, eine ſolche Vergleichung herbeizuführen, als Sie mich aufhielten. Ich wollte ver⸗ ſuchen, ob Geiſt, Lebhaftigkeit der Leidenſchaft, feurige Erwiederung, unterſtützt von einigen phyſiſchen Reizen, wohl im Stande ſein würden, es mit ſtumpfſinnigem Schmachten, mit bloßer Sanftmuth ſiegreich aufzunehmen, wenn letztere von einer gewiſſen Schönheit unterſtützt wird, die Einige blond, Andere goldig nennen, ich aber nenne ſie fade. Eine innere Stimme ſagte mir, daß die bewußte Perſon ſchon im Begriffe ſtand, meine Mei⸗ nung in Betreff jener faden Schönheit zu theilen, als mein angeblicher Verbündeter plötzlich über mich herfiel, und alles wieder in Verwirrung brachte. Und jetzt ſagt — 27— man mir, daß es mir an Reife des Geiſtes gebreche— ich denke das Gegentheil!— daß ich nicht zu combiniren verſtehe— das läugne ich! — Das führt uns nur ſchnurgerade auf die Erklä⸗ rung zurück, verſetzte Herr von Entragues, ohne ſich aus ſeinem Gleichmuthe bringen zu laſſen, die geſtern ſtattge⸗ funden hat. Auch ich möchte mich nicht von Ihnen eines Fehltrittes beſchuldigen laſſen, den ich nicht begangen habe, aber ſehr leicht hätte begehen können; ich wollte Sie bewachen, Sie verhindern in eine Schlinge zu fallen, ich hatte Sie unter Ihrer Maske leicht ausgeſpürt, ich folgte ohne Mühe Ihrer Unterredung, jedem Ihrer Schritte, und wenn ich geſchrien, die Thüren geſprengt, einen ärger⸗ lichen Auftritt veranlaßt, ſo hatte ich meine guten Gründe dazu. Wollen Sie ſte kennen lernen?— Wohlan, leſen Sie. Und bei dieſen letzten Worten warf Herr von Entra⸗ gues ein Billetchen auf das Bett, das Henriette ſchnell entfaltete und mit glühenden Blicken überflog. Es lautete: „Mein Herr, Ihre Tochter Henriette hat ihre Woh⸗ „nung verlaſſen und iſt zu einem Rendezvous mit dem „König zu Herrn Zamet gegangen. Vielleicht hat ſie „Luſt, Ihre Familie durch einen königlichen Beigeſchmack, „nach Art ihrer Mutter, zu illuſtriren; vielleicht ſchließen „Sie abſichtlich die Augen zu dieſem edlen Plane. Ich „aber habe weniger Nachſicht und erkläre Ihnen, daß ich, „wenn Sie ſie nicht ſchleunig von dem Abgrunde zurück⸗ „reißen, Ihre väterliche Gefälligkeit dem ganzen Hofe — 25— „bekannt machen werde. Alſo— erheben Sie ſo viel Lärmen als möglich, ſonſt thue ich es.“ „Ein Freund.“ Beſtürzt ließ Henriette das Blatt fallen. — Beliebt es Ihnen mir nun zu ſagen, was Sie an meiner Stelle gethan haben würden? fuhr der Vater ruhig fort. — Wer iſt der nichtswürdige Angeber, der mich ſo verfolgt? rief Henriette. — Das nicht thun, was ich gethan habe, ſprach Herr von Entragues weiter, hieß unſere Familie öffent⸗ lich entehren. Sehen Sie das ein? — Hal ſchrie Henriette in höchſter Wuth, das Blatt wieder anſtarrend, weſſen iſt dieſe Handſchrift? Während dem hatte ſich die Thüre geöffnet und Ma⸗ rie Touchet, ſchon bepflaſtert, geſchminkt und mit allen jugendlichen Schönheitsmittelchen aufgetakelt, näherte ſich majeſtätiſch dem Bette ihrer Tochter. Bei ihrem Anblicke erhob ſich Herr von Entragues galant; Henriette wollte den Brief verbergen, aber ihre Mutter verhinderte es durch eine gebietende Handbewe⸗ gung. 3 — Ich weiß Alles, ſprach ſie gelaſſen; mein Sohn hat mir den Vorfall ſogleich berichtet. — Und— Sie kennen auch dieſen Brief? fragte Henriette mit einem Blick des Einverſtändniſſes auf ihre Mitſchuldige, durch den ſie dieſe zur genauern Prüfung der Handſchrift aufforderte. — 26— — Auch dieſen Brief, meine Tochter.— Bevor Herr von Auvergne ſich zum König begeben, hat er mich, wie gewöhnlich, um meinen Rath befragt, welchen Entſchluß er faſſen ſolle. — Und was haben Sie beſchloſſen? fragte Herr von Entragues, dem dieſe feierliche Sicherheit ſeiner Gemah⸗ lin ſtets wider Willen imponirte. Denn dieſer Brief ging augenſcheinlich von einem Feinde aus, um irgend eine Rache auszuüben. Ich errathe hier etwas, wie eine Folge irgend einer Intrigue. Henriette erbleichte. — Sie urtheilen ganz richtig, unterbrach Marie Touchet ihren Gemahl; es iſt ein Feind, es iſt eine Rache, und darum hielt ich es für nothwendig, daß Herr von Auvergne der betreffenden Perſon ſogleich dieſen Morgen einen Beſuch abſtatte. — Wem, Madame? — Das iſt ziemlich leicht zu errathen. Suche, wem daran gelegen ſein kann, lautet die Klugheitsregel. Wem kann nun daran gelegen ſein, die Perſon des Königs zu bewachen? 4 — Der Marquiſe von Monceaux! rief Herr von Entragues aus. — Getroffen. — Sie haben Recht, daran hatte ich nicht gedacht. — Es iſt wahr, murmelte Henriette, ebenfalls durch die Ruhe ihrer Mutter getäuſcht; ja ſie allein hat ein Intereſſe dabei, mich zu beſeitigen. — Weiß ſie—? — Alles. — Sie hatte alſo Verdacht? — Fragen Sie nur Henrietten, mit welchem grim⸗ migen Geſicht ſie uns begegnete, als wir ſie bei den Stifts⸗ herren der Congregation der h. Genovefa trafen. — Als ſie den König dahin brachte, unſere Gaſt⸗ freundſchaft auszuſchlagen, fügte Henriette hinzu. — Es iſt möglich, ſprach der Graf nachdenkend; ſte hat ihre Spione. In dieſem Falle wäre die Sache ernſt⸗ hnft.. 4 — Darum eben habe ich meinen Sohn zu ihr ge⸗ ſendet; er wird zugleich den König ſehen und uns berich⸗ ten, welche Wirkung die Sache auf beiden Seiten gehabt hat. Habe ich nicht recht? Herr von Entragues verbeugte ſich bejahend. — Der Graf von Auvergne, fuhr Marie Touchet fort, hat mich auch von Ihrem Wunſche benachrichtigt, die Wahrſagerin hier bei ſich ſehen zu wollen. Ich bil⸗ lige es. Empfangen Sie ſie ſelbſt, mein Herr. Sie verſtehen das Italieniſche, glaube ich? — Sie haben mich ſelbſt darin unterrichtet, Madame. — Nun wohlz; ſobald die Italienerin kommt, ſchicken Sie ſie zu meiner Tochter in meiner Gegenwart, und ſo, daß alle unſere Leute ſehen, daß wir kein Geheimniß dar⸗ aus machen. Und dann, ſollte ein Bote meines Sohnes kommen, ſo ſoll man mich benachrichtigen und ihn ein⸗ laſſen. — 28— Der gefällige Gemahl verbeugte ſich abermals und ver⸗ ließ das Zimmer. Kaum aber war er hinaus, als Marie Touchet plötz⸗ lich ihre ſichere Haltung ein wenig verlor, ſich genau über⸗ zeugte, daß Niemand an den Thüren horche, und ſich dann dicht an das Bett ihrer Tochter ſetzte. — Ich hoffe, ſprach ſie leiſe, daß Sie ſich durch die Sicherheit, mit der ich zu Ihrem Vater ſprach, nicht haben täuſchen laſſen? Henriette blickte ſie mit ſtarren Augen an. — Und eben ſo wenig, fuhr Marie Touͤchet fort, werden Sie glauben, daß dieſer Brief von Gabriele d'Eſtrées komme? — Aber von wem denn ſonſt? flüſterte Henriette be⸗ klommen. — Er iſt furchtbar dieſer Brief, Mademoiſelle. — Freilich, meine Mutter! — Er iſt von einem Todfeinde; er verheißt uns eine unerbittliche Rache, er verkündet einen unbekannten, unſichtbaren Spion, der hier im Hauſe lebt, der jeden Ihrer Schritte kennt, ſo zu ſagen Ihre geheimſten Gedan⸗ ken weiß. — O mein Gott!. — Wiſſen Sie denn gar keinen Menſchen, der ſolchen tödtlichen Haß auf Sie geworfen hat? Suchen Sie in Ihrer Vergangenheit, Henriette, in Ihrer bereits ſehr blu⸗ tigen und dunkeln Vergangenheit. — Mutter! — Denken Sie wohl nach, ſage ich Ihnen. Henriette ſenkte den Kopf und ſtarrte düſter vor ſich hin; der Ausdruck ihrer Augen verrieth das Entſetzen der vor ihrem Gewiſſen auftauchenden blutigen Geſpenſter. — Finden Sie gar nichts? fuhr Marie Touchet nach einer ſchauervollen Pauſe fort. Nun dann, ſo werde ich Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen: jener verwundete junge Mann! — O nein, nein, meine Mutter! er iſt zu groß⸗ müthig, um dieſe ſchändlichen Zeilen geſchrieben zu haben! rief Henriette lebhaft, ſo unwillkührlich dem edeln Cha⸗ rakter ihres Schlachtopfers den Tribut der Hochachtung zollend. Zudem iſt er ja verſchwunden, weit fort von hier, auf immer. — Nun denn, wenn er es nicht iſt, warum ſollte dann nicht— — Jener Andere, den Sie meinen, Madame, würde allerdings einer ſo feigen Drohung fähig ſein, aber zum Glücke iſt er todt. — Dann müſſen meine Sinne ſich verwirrt haben, Mademoiſelle; denn nicht länger wie geſtern, als ich ge⸗ gen Abend heimkehrte, glaubte ich die Geſtalt dieſes Un⸗ glücklichen wie einen Schatten an mir vorüberſchweben geſehen zu haben. — Vergeſſen Sie nicht, Madame, daß er ſich blind⸗ lings der Parthei der Herzogin von Montpenſier hinge⸗ geben hatte. Sie hatte ihn zu ihrem Sekretär ernannt, Herr von Briſſac hat es uns geſagt, und an dem Tage — 30— wo der König in Paris einzog, befand er ſich mit allen jenen Spaniern, die der furchtbare Crillon niedergemetzelt und in den Fluß geworfen hat, in dem hölzernen Thurme des neuen Thores. — Das weiß ich ſehr wohl, aber— — Wäre er dennoch mit dem Leben davon gekom⸗ men, ſo würde es uns nicht lange unbekannt geblieben ſein, Madame. Der gehört nicht zu denen, die ſich ſo leicht in Vergeſſenheit kommen laſſen. Sie hatte noch nicht ausgeſprochen, als das Kammer⸗ mädchen durch den Thürvorhang meldete, daß der Herr Graf von Auvergne ſo eben in's Haus getreten ſei. Marie Touchet erhob ſich von ihrem Stuhle. Hen⸗ riette zog die Bettvorhänge zu, ſtand raſch auf, warf im Augenblick einen Schlafrock über, und als der Graf von Auvergne, gefolgt von dem Herrn von Entragues, in's Zimmer trat, befand ſie ſich bereits an der Seite ihrer Mutter. — Nun? rief Marie Touchet den Eintretenden ent⸗ gegen. — Nun, meine Damen, große Ereigniſſe! Der ganze Hof iſt in größter Aufregung. — Was iſt denn geſchehen? riefen Mutter und Tochter. — Der König verläßt die Frau Marquiſe. — Iſt es möglich? — Es hat großes Lärmen, Thränen geſetzt. Man weiß nicht, wer befohlen, wer gehorcht hat; man weiß nur, daß der König ſich in ſeinen Zimmern abgeſperrt — 31— . hat, und die Marquiſe in den ihren, und daß ſie Befehle ertheilt hat, daß ihre Equipagen und ihr ganzer Haus⸗ ſtand morgen nach Monceaur aufbrechen ſollen. So viel iſt wenigſtens unzweifelhaft. Henriette und ihre Mutter warfen ſich freudig trium⸗ phirende Blicke zu. — Ich bitte, fügen Sie noch die andern Commen⸗ tare hinzu, ſprach Herr von Entragues. — So hören Sie denn die Commentare: der König hat eine neue Liebe im Kopfe; irgend ein treuer Freund hat dabei geholfen. Es ſoll ein Rendezvous ſtattgefun⸗ den haben, das die Marquiſe hat hintertreiben wollen, der König iſt in Zorn gerathen,— ich wiederhole nur, was man mir erzählt hat, wie Sie begreifen werden,— die Marquiſe nicht minder; es hat einen fürchterlichen Auftritt zwiſchen Beiden gegeben. — Nun, und? rief Henriette in höchſter Spannung. — Nun, und? Das Uebrige erklärt ſich von ſelbſt: Herr Rosny hat mit ſeinen guten Rathſchlägen nachge⸗ holfen; er iſt der erklärte Gegner der Marquiſe. Man behauptet, daß der König ſeine Geliebte ſeinem Miniſter geopfert habe. So viel iſt jedoch gewiß, daß alle Welt im Louvre im Dunkeln ſchwebt, nichts deſto weniger aber bereit iſt, beim erſten Lichtſtrahl Parthei für die eine oder andere Seite zu nehmen, je nachdem das Zünglein der Wage ſich neigen wird. — Und nennt man irgend Jemand in Bezug auf jenes Rendezvous? fragte Herr von Entragues bedäͤchtig. — 32— — Je nun— — In Bezug auf jene neue Liebe des Königs? fügte Henriette hinzu. — Je nun— 1 — So ſpielen Sie doch nicht den Geheimnißvollen, mein Herr Bruder! — Setzen Sie uns von Allem in Kenntniß, mein Sohn. — Wir bitten um ein wenig Vertrauen, Herr Graf, ſchloß Herr von Entragues die Aufforderungen der Da⸗ men. — Nun denn, ja— man nennt allerdings— aber nur leiſe— — Man nennt alſo doch! rief Herr von Entragues mit triumphirenden Blicken. Nur möge man um's Him⸗ melswillen nicht zu früh nennen! fügte er etwas klein⸗ laut hinzu. — Und welche Rolle theilt man Herrn Zameth bei dieſem wichtigen Rendezvous zu? fragte Henriette. — Man ſagt, daß das Rendezvous bei ihm ſtatt⸗ gefunden habe. — Aber der König, ſagen Sie, hat ſich eingeſchloſſen? warf Marie Touchet ein; das zeigt an, daß er Kummer hat.. — Ganz gewiß; man darf es ſich nicht verhehlen, daß der König in der That Kummer hat. — Henriette runzelte die Stirn. — Das iſt nur ein Beweis ſeines edeln, ſeines vor⸗ — 33— trefflichen Herzens! rief Herr von Entragues; und dieſer Kummer gereicht dem würdigen Fürſten um ſo mehr zur Ehre! — Sie iſt übrigens noch nicht fort, murmelte Ma⸗ rie Touchet. — Was wärejetzt zunächſt zu thun? fragte Henriette. Ich glaube, mir müſſen vor allen Dingen Herrn Zamet ſehn. — Vorſicht! Vorſicht! mahnte Herr von Entragues. — Alles wäre gewonnen, rief Marie Touchet, ent⸗ ſchloſſen, wenn es gelänge, den König auf vierundzwan⸗ zig Stunden zu entfernen, während welcher eine Verſöh⸗ nung unmöglich wäre. — Wie, wenn man die Wahrſagerin darum be⸗ fragte? ſprach Herr von Entragues. Das wäre zugleich ein paſſender Behelf, Herrn Zamet zu ſehen und ſich mit ihm zu berathen. — Ich meinte ſie dieſen Morgen erwarten zu können, ſagte Henriette leiſe. — Sie begreifen, daß Zamet in dieſem Augenblicke Alles daran gelegen ſein muß, ſich in keiner Weiſe offen zu compromittiren, warf der Graf von Auvergne ein. Gehen wir Beide, Herr von Entragues und ich, ſogleich zu ihm, wie um ihn für die Erklärungen, welche er geſtern ertheilt hat, zu danken, und ihn zugleich um ſtren⸗ ges Stillſchweigen über die Vorfälle des geſtrigen Abends zu bitten. Es wäre nicht unmöglich, daß Zamet irgend Gabriele. Vl. 3 — 334— ein Mittel wüßte, den König ſo lange von Paris entfernt zu halten, bis die Marquiſe abgereiſt wäre. — uUnd vergeſſen wir nicht, ſagte Henriette, daß er ſelbſt geſtern Abend bemerkte, daß Leonora Horoscop das Wort Krone bedeute! — So gehen Sie denn, meine Herren, nahm Ma⸗ rie Touchet das Wort, und bringen Sie uns gute Nach⸗ richten. Während dem wird Henriette ſich völlig an⸗ kleiden, um für alle Ereigniſſe bereit zu ſein. Der Graf von Auvergne und Herr von Entragues hatten ſich entfernt und die beiden Frauen hatten in ihrem Slegesjubel ganz vergeſſen, daß der Anſchein ſehr oft trügt. Das ganze Haus war noch in Aufregung, die Corridors ſchlecht bewacht, und ſo war es denn möglich, daß ein Fremder unaufgehalten bis an Henriettens halb offene Zimmerthür gelangen konnte. Er ſah wie Mutter und Tochter ſich entzückt umarmten, wie letztere einen zer⸗ knitterten Brief vom Boden aufhob, um ihn verächtlich in den Kamin zu werfen. Da klopfte der Mann heftig an die Thüre und trat raſch ein. Die beiden Frauen hatten ſich bei dem Geräuſch um⸗ gewendet.. — Laramee! riefen ſie wie aus einem Munde. — SIch ſelbſt, erwiederte der bleiche junge Mann, deſſen dunkel gluͤhende Augen Blitze der unerbittlichſten Rachſucht auf die Frauen ſchleuderten.— 3. Eine verlorene Schlacht. Die beiden Damen hatten ſich noch nicht von ihrem Schrecken erholt und ſtarrten Laramée immer noch mit dem Ausdrucke abergläubiſcher Furcht an, als dieſer ſpöt⸗ tiſch ſprach: — Wie es ſcheint, halten Sie mich für ein Geſpenſt, meine Damen? Marie Touchet fand zuerſt ihre Faſſung wieder. — In der That, mein Herr, ſprach ſie, wenn Sie wirklich ein lebendes Weſen ſind, ſo muß man doch ge⸗ ſtehen, daß die Art und Weiſe wie Sie erſcheinen, viel mehr ein Geſpenſt ankündigen. — Das iſt der wahrhafte Feind, den wir ſuchen, murmelte Henriette laut genug, um von Laramée gehört zu werden. — Sie ſagen das, Madame, fuhr er zu Marie Touchet gewendet fort, ohne auf Henriette zu achten, we⸗ gen meiner langen Abweſenheit, wegen meines plötzlichen Verſchwindens. — Allerdings, mein Herr, denn man ſagte Sie todt. 3 — 36— — Je nun, ich wäre wohl auch geſtorben, wenn mir der Himmel nur eine einfache Doſis Lebenskraft zu⸗ getheilt hätte; es ſcheint aber faſt, fügte er mit fürchter⸗ lichem Lächeln hinzu, daß ich in die Claſſe der überna⸗ türlichen Weſen gehöre, denn Alles, was einen gewöhnlichen Menſchen umbringen würde, belebt und verjüngt mich. Finden Sie mich nicht verjüngt, Madame?. Marie Touchet fand wenig Behagen an dieſem Scherze; ganz andere, ernſtere Dinge lagen ihr in dieſem Augenblicke am Herzen. Sie fühlte die Feindſeligkeit, das Drohende, das hinter dieſem Scherze verborgen war, ſie wußte, was eine Drohung von Laramée zu bedeuten hatte. — Ja, ja, fuhr er höhniſch fort, ich bin von Stahl und Eiſen, und wenn auch nicht unverwundbar, ſo doch faſt unſterblich. In Betracht der Gefahren, die ich zu be⸗ ſtehen gehabt, und aller Wahrſcheinlichkeit nach noch zu beſtehen haben werde, freue ich mich darüber. Auch zmeine Freunde werden ihre Freude an mir haben. — Hoffentlich werden Sie uns über dieſe lange Ab⸗ weſenheit und dieſe plötzliche Auferweckung von den Todten einigen Aufſchluß geben, ſagte Marie Touchet, Henrietten, die ſich ihrem Schrecken und ihrer Beſorgniß über Lara⸗ moes unerwartetes Erſcheinen allzuſehr hingab, einen Blick der Ermuthigung zuwerfend. — Sehr gern, Madame. Man wird Ihnen ohne Zweifel geſagt haben, daß ich mit den Todten und den — 37— Sterbenden aus einem Fenſter des Thurmes am neuen Thor in die Seine geſtürzt ward. — Man hat es uns geſagt, und Ihr Stillſchweigen be⸗ ſtärkte uns in der traurigen Ueberzeugung Ihres Todes. Laramée antwortete nicht gleich, ſondern ſtarrte Hen⸗ rietten einige Secunden mit ſeinen verzehrenden Blicken an. — Ich hatte mehrfache Gründe, hob er endlich wie⸗ der an, mich nicht ſo bald wieder ſehen zu laſſen. Der erſte und wichtigſte, der Ihnen allein ſchon genügen wird, war die Sorge für meine Geneſung. Im Herabſtürzen war ich mit dem Kopf auf einen aus dem Waſſer her⸗ vorragenden Pfahl gefallen, und hatte mir eine gräßliche Wunde beigebracht, die für jeden Andern tödtlich geweſen wäre. Während ſechs Monaten befand ich mich im Zuſtande halben Wahnſinns. Etwas iſt ihm ſogar davon geblieben— ſchienen ſich die Blicke der Mutter und der Tochter ſagen zu wollen. — Endlich, fuhr Laramée fort, als ich wieder herge⸗ ſtellt war, gehörte ich mir nicht mehr an. Ich gehörte der großmüthigen Perſon an, die mich in ihren Schutz genommen hatte. — Jemand hatte Sie in Schutz genommen? fragte Marie Touchet. — Sie werden doch nicht glauben, daß ich mir allein aus dem Waſſer geholfen habe, mit einer klaffenden Wunde im Kopfe, wie ein überreifer geplatzter Granat⸗ apfel? verſetzte Laramée mit rohem Lachen. Allerdings bin ich ſehr werkthätig und eifrig beſchützt worden. * — 38— — Alles was Sie uns da ſagen, erregt unſer ganzes Intereſſe. Sie wiſſen, welche Freundſchaft wir für Sie hegen. — Ja, ja, ich weiß es! rief Laramée mit grinſendem Lächeln, das Henriette und ihre Mutter in große Verlegen⸗ heit ſetzte. Darum habe ich mich auch nur eben ſo lange ſtill und verborgen gehalten, als dringend nöthig war. Sobald man mir erlaubte wieder nach Paris zurückzu⸗ kehren, habe ich mich ſogleich auf den Weg gemacht. — Sie ſind erſt heute angekommen? — Das eben nicht; ich bin ſchon mehrmals insge⸗ heim hier geweſen. Ohne daß Sie es ahnten, wachte ich über Sie. — Wie? rief Marie Touchet mit dem Ausdrucke be⸗ leidigten Stolzes: Sie wachten über uns! — Ohne Zweifel.— Iſt es denn nicht natürlich, daß man ſich um Diejenigen kümmert, die man liebt, daß man ſich nach ſeinen Freunden ſehnt? — Sie hätten aber nicht viel dabei gewagt, es offen zu thun und ſich ſehen zu laſſen, ſprach Marie Touchet, ſich auf die Lippen beißend. Sie würden uns den Schmerz erſpart haben, Sie ſo lange für todt zu halten, und wir hätten Ihnen für dieſe freundſchaftliche Fürſorge, die Sie uns widmeten, unſere Dankbarkeit bezeigen können 1 — Das konnte ich nicht, Madame, verſetzte Laramée trocken; ich durfte mich nicht ſehen laſſen. — Ihr Beſchützer hält ſich alſo verſteckt? —— — 39— — So etwas dergleichen, Madame; wenn man ſich auch nicht geradezu verſteckt, ſo wünſcht man doch in der Zurückgezogenheit zu bleiben. Wie Sie wiſſen werden, ſteht die Frau Herzogin eben nicht im beſten Einverneh⸗ men mit dem neuen Hofe. — Welche Herzogin? fragte Marie Touchet ruhig, die es wohl wußte, aber unwiſſend erſcheinen wollte. — Meine edle Beſchützerin, die Frau Herzogin von Montpenſier! erwiderte Laramée mit einer gewiſſen Emphaſe. — In der That, Sie haben da eine erhabene Be⸗ ſchützerin, Herr von Laramée. — Nicht wahr, Madame? Erhaben, edel, gütig und treu für ihre Freunde beſorgt. Auch hoffe ich in jedem Betracht große Vortheile durch ſie zu erlangen. Der Ton, den Laramée in dieſe Worte legte, gab den beiden Damen viel zu denken; vergebens ſuchten ſie ſich deren Sinn zu erklären. 2 Laramée's Scharfblicke entging dies nicht, und er ſchwelgte in ihrer Angſt. Die Unterhaltung gerieth wieder einige Augenblicke in's Stocken. — Sie ſind uns nun noch eine kleine Erläuterung ſchuldig, nahm endlich Marie Touchet, die gefaßter war als ihre Tochter, wieder das Wort, warum Sie uns ſo lange vergeſſen haben, oder richtiger, warum Sie ſich heute unſerer erinnern? — Ganz recht, rief Laramée mit ſeiner cyniſchen — 40— Sicherheit und Ruhe; ganz recht, Madame, das iſt ja die Hauptſache. — Ich muß Sie bitten, ſich deutlicher zu erklären, mein Herr, ſagte Marie Touchet mit einer neuen An⸗ ſtrengung, durch ihre majeſtätiſche Haltung dem gefürch⸗ teten Gegner zu imponiren. Denn in der That, ich be⸗ greife weder Ihre Manieren, noch Ihre Sprache. Ich habe Sie ſtets beſcheiden, höflicher und ergebener ge⸗ kannt, und Ihr jetziger freier Ton iſt mir eine zu unge⸗ wohnte Erſcheinung. Sie hoffte ihren Zweck durch eine Anſpielung auf die beſcheidene, faſt unterthänige Stellung Laramée's zur Fa⸗ milie Entragues, die derſelbe ſich trotz ſeiner Mitwiſſen⸗ ſchaft und Betheiligung an ſo vielen Familiengeheimniſſen bisher hatte gefallen laſſen, am ſicherſten zu erreichen; allein ſie hatte ſich getäuſcht — Es iſt wahr, ſprach er gleichgultig; ich bin ſtets diskret und ergeben gegen Sie geweſen, Madame. Es war eine Art von Lehrzeit; ich ſtudierte mich ſelbſt. Damals hegte ich nur erſt Hoffnungen, ich fühlte meine Jugend, und das verlieh mir Geduld und Beſcheidenheit. Ich ſagte mir immer: die Reihe wird ſchon noch an Dich kommen! Ein wildes Lachen verlieh dieſen letzten Worten einen furchtbaren Ausdruck. Henriette erbebte. — Es ſcheint faſt, mein Herr, fuhr ihre Mutter fort, als wollten Sie uns beſchuldigen, nicht mehr dieſel⸗ — 41— ben wie eheuals gegen Sie zu ſein, um auf dieſe Art Ihre eigene Umwandlung zu erklären? Ich erſuche Sie, mit kurzen klaren Worten meine Frage zu beantworten: warum ſind Sie nicht ſchon vor Monaten zurückgekom⸗ men?— warum eben heute? — Weil heute eben die Umſtände meinen Plänen günſtig ſind, Madame. Aber— wie ich Ihnen bereits geſagt habe,— ich bin nicht erſt ſeit heute zurückge⸗ kommen. Und wieder ſchoß er jene ſengenden, verzehrenden Blicke auf Henriette. Sie war nahe daran, der Angſt zu erliegen. Plötzlich aber raffte ſie ſich zu einem ver⸗ zweifelten Entſchluſſe empor; wie ein von Schrecken wild gewordener Renner ſtürzte ſie ſich geradezu in die feind⸗ lichen Speere. — Aber begreifen Sie denn nicht, meine Mutter, rief ſie, deren Hand krampfhaft erfaſſend, daß der Herr dadurch andeuten will, er ſelbſt ſei es geweſen, der Herrn von Entragues jenen ſchändlichen Brief geſendet! Und mit der linken Hand hielt ſie dem jungen Manne das zerknitterte Blatt dicht vor die Augen. Laramée warf nur einen flüchtigen Blick darauf und ſprach dann ruhig: — So iſt es; ich habe ihn geſchrieben. Man kann ſich kaum eine Vorſtellung von dem Ein⸗ drucke machen, den dieſe offen hingeworfene Kriegserklä⸗ rung auf die beiden Frauen heryvorbrachte. — Sie alſo, ſtammelte Marie Touchet bleich vor Zorn, find der nichtswürdige Auflauerer! — Und haben die Dreiſtigkeit es hier offen einzuge⸗ ſtehen? rief Henriette. — Und unterſchreiben die tödtlichſte Beſchimpfung, die je der Ehre eines Weibes zugefügt worden iſt: Sie, ein Freund? — Warum nicht? Niemals hat ein treuerer Freund einen wichtigeren Dienſt geleiſtet, nie hat man die Ehre eines Weibes ſicherer bewahrt. — Dieſer Brief iſt ein ſchändliches Gewebe von Lü⸗ gen und Läſterungen. — Dieſer Brief enthält nichts als die reine Wahr⸗ heit, nur in ſehr gemilderten Ausdrücken. — Herr von Laramée!— — Iſt es wahr, daß Mademoiſelle geſtern bei Herrn Zamet war? Die beiden Frauen wollten abermals ihrem Zorne Luft machen. Laramée ließ ſie nicht zu Worten kommen. — Es dürfte Ihnen ſchwer fallen, mir das Gegen⸗ theil einzureden, fuhr er ruhig und feſt fort; denn ich ſelbſt habe Sie nach der Straße Lesdiguieres gehen, habe Sie in Zamets Haus treten ſehen. — Und wenn ich denn nun auch bei Herrn Zamet war— mein Vater und meine Mutter kannten den Be⸗ weggrund, der mich hinführte— — — 43— — Und haben ihn gebilligt, fügte Marie Touchet mit der Würde einer Königin hinzu. 3 — Vorrrefflich, Madame; in der That, muſterhaft! Sie wußten, daß Mademoiſelle d'Entragues dort den Kö⸗ nig aufſuchen, ihm den Hof machen wollte; Sie kennen die Gewohnheiten dieſes Graubartes, den ein vorzeitiges Alter noch nicht gegen die Sünde erkaltet hat! Sie wiſ⸗ ſen, daß jedes junge Madchen, das der König nur zwei⸗ mal hintereinander ſpricht, verführt, verloren iſt; das alles wiſſen Sie, Madame? Wahrlich, das erſcheint mir ganz unglaublich; denn wenn Sie es gewußt hätten, Sie wür⸗ den den Schritt Ihrer Tochter ſicher nicht gebilligt haben. — Nichtswürdige Verleumdung! rief Henriette. — Ein Majeſtätsverbrechen ſogar! ergänzte Marie Touchet. — Bitte, bitte, ſtimmen Sie Ihren Ton etwas herab, meine Damen, unterbrach ſie Laramée ſpöttiſch; dieſe Worte haben zwar einen furchtbaren Klang, ſie ſind aber nichtsdeſtoweniger hohl. Uebrigens iſt Ihre eigene Er⸗ klärung zu poſitiv, Sie haben ſelbſt die Schlechtigkeit einer ſolchen Spekulation durch jene Worte zu energiſch verdammt, als daß ich den Inhalt jenes Schreibens nicht zu⸗ rücknehmen ſollte. Ich hatte mich geirrt, Madame, Sie ſind die ehrenhafteſte der Mütter, ſowie Mademoiſelle die tugendſamſte Dame des ganzen Hofes iſt. Hoffentlich find Sie mit dieſer Ehrenerklärung und Abbitte zufrie⸗ den, und wir ſind fortan vollkommen einverſtanden. — 44— Marie Touchet ſtellte ſich, als begriffe ſie die ver⸗ ſteckte Bitterkeit dieſes Widerrufs nicht und entgegnete: — Es lohnte ſich wohl nicht der Mühe, mein Herr, einen ſolchen Sturm zu erheben, um ſchließlich zu Klage⸗ ſeufzern und Bedauern zu gelangen. Wir verachten der⸗ gleichen unwürdige Angriffe und bedürfen demnach auch keiner Rechtfertigung. Es iſt mir nur lieb, daß Sie weder Herrn von Entragues, noch meinen Sohn, den Grafen von Auvergne, hier getroffen haben, denn ſie würden die unbegreifliche Wahnſinnsſcene, die Sie ſo eben hier aufgeführt, nicht ſo geduldig hingenommen haben. Befolgen Sie alſo meinen wohlgemeinten Rath: skehren Sie baldigſt wieder zu Ihrer erhabenen Beſchü⸗ tzerin zurück, die eine Dame iſt, und Ihnen vielleicht Unterricht ertheilen wird, wie man ſich als Cavalier gegen Damen zu benehmen hat. Vergeſſen Sie uns, da Sie glücklich ſind. Sie werden ſich dadurch nicht, nur als galanter Cavalier, ſondern auch als kluger und verſtändiger Mann bewähren. Leben Sie wohl, Herr von Laramée. Aber ſtatt ſich nach dieſer gnädigen Entlaſſung zu entfernen, trat Laramée den Damen ſogar noch einige Schritte näher. — Was Sie mir da geſagt haben, Madame, ſprach er höflich, feſſelt mich im Gegentheil nur noch mehr, ja für immer an Sie. Seit ich von der Ehrenhaftigkeit der Familie, von der reinen Tugend dieſer jungen Dame — überzeugt worden bin, ſteht nichts mehr dem Schritte im Wege, den ich jetzt im Begriff bin zu thun. — Wie denn?— Was ſoll das heißen? ſtammelten Mutter und Tochter. — Ja, Madame, fuhr Laramée im feierlich ernſten Tone fort, ich liebe Mademoiſelle Henriette de Balzac d'Entragues, Ihre älteſte Tochter, mit aller Gluth der Leidenſchaft, und habe die Ehre, Sie um ihre Hand zu bitten. Ein Blitzſtrahl, der Henriettens Haupt getroffen, hätte ſie kaum gewaltiger niederſchmettern können, als dieſe ſchrecklichen Worte. Sie warf ſich ſtürmiſch in die Arme ihrer Mutter, als wolle ſie dort einen ſchützenden Zu⸗ fluchtsort ſuchen. Marie Touchet zitterte vor Wuth und Entſetzen; ver⸗ gebens rang ſie nach Worten. — Hatte ich die Ehre von Ihnen gehört und ver⸗ ſtanden zu werden, Madame? fragte Laramée nach langer Pauſe. 4 Mit dem Aufgebot aller ihrer Kraͤfte raffte ſich Marie Touchet endlich empor und ſchleuderte dem vermeſſenen Brautwerber einen zermalmenden Blick zu, den dieſer jedoch ganz ruhig aushielt. — Es ſcheint faſt! ſprach ſie dann langſam, als ob Ihr verwundeter Kopf noch nicht vollkommen herge⸗ ſtellt wäre.— — Vollkommen, Madame. — Dann begreife ich in der That Ihre Dreiſtigkeit nicht; uns ins Angeſicht, in unſerer eigenen Wohnung, einen ſolchen Schimpf anzuthun! — Einen Schimpf? Nicht daß ich wüßte. Meinen Sie vielleicht, weil ich der Sohn des Herrn von La⸗ ramée, eines beſcheidenen, unberühmten Edelmannes bin? Mich dünkt, ein Laramée ſei wohl eben ſo viel werth, wie eine Entragues. — Sie treiben einen feigen Mißbrauch mit unſerer Schwäche als Frauen! — Sie wiſſen recht wohl, Madame, daß ich mehr wie einmal Männern gegenüber geſtanden, und mich keineswegs feig gezeigt habe. — Wieder eine Nichtswürdigkeit! Sie ſpielen auf Ihr Vertrautſein mit unſern Geheimniſſen an! — Ja, Madame. — Sie bedienen ſich deſſen als eine Waffe, um uns Geſetze vorzuſchreiben! — Jeder bedient ſich ſeiner Waffen, ſo gut er kann — Welch' eine grenzenloſe Erbärmlichkeit! — Sagen Sie vielmehr, eine grenzenloſe Liebe! eine wahnſinnige, eine furchtbare Liebe! Ja, Madame, ich wiederhole Ihnen, ich liebe Henriette. Warum?— weiß ich ſelbſt nicht; eher würde ich begreifen, daß ich ſie haßte. Schon als Kind liebte ich ſie. Nachdem ich ihre Schönheit angebetet, bewunderte ich ihre Lebhaftigkeit, ihr Feuer, die Energie ihres Charakters, der ſie mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt zum Verbrechen trieb. Ich bin —j— — 47— ein ſeltſames Weſen; der Dämon des Böſen muß meine Seele mit allem Feuer und Schwefel der Hölle aufgefüttert haben! Henriette, die Geſunkene, die Ver⸗ brecherin, die dem verdammten Engel gleicht, dieſe allein liebe ich; meine Liebe zu ihr hat mich ſtrafbar gemacht, wir ſind durch gemeinſchaftliche Verbrechen an einander gekettet. Vergebens würde ſie dieſe Kette zu ſprengen verſuchen; ich habe es verſucht, und es iſt mir nicht ge⸗ lungen. Wenn Sie geſehen hätten, was ich alles gethan! Wenn Sie mich weinend, heulend vor Wuth geſehen hätten, wie ich ſte verwünſchte und verfluchte, wie ich ihr Bild mit Dolchſtichen zerfetzte, ja ihren Namen ſogar, den ich in einſamen Stunden der Verzweiflung in die Baumrinden gegraben hatte!— Wenn ich alle die ent⸗ ſetzlichen Träume meiner ſchlafloſen Nächte vor Sie hin⸗ zaubern könnte, wie ſie mir da erſchienen, meinen Schlacht⸗ opfern holdſelig zulächelnd, ſie liebkoſend, die brennenden Lippen jenen ſchönen Jünglingen darbietend, die ich dann in ihren Armen mordete, den einen durch eine Kugel, den anderen mit einem Dolchſtich! Ja, Madame, Sie haben recht: ein anderer erbärmlicher Menſch wäre ſchon tauſendmal wahnſinnig geworden bei dem bloßen Gedan⸗ ken an die unnennbaren Qualen, die mir dieſe gräßliche Liebe bereitet hat,— ich aber ſtehe noch feſt und auf⸗ recht, ich ſehe mein Ziel nahe vor mir, ich kann Ihnen meinen Willen, meinen unerſchütterlichen Entſchluß kund geben. Ich will und werde das Gift dieſer Liebe bis auf die Neige ſchlürfen, bis ſte mich getödtet haben wird! — 48— Geben Sie mir Ihre Tochter, Madame, ich habe mir ſie theuer erkauft, ſie iſt mein Eigenthum, ich fordere, ich will es! Todtenbleich ſchauderten Marie Touchet und Henriette vor dieſem Wuthausbruch eines von ſolcher Liebe ge⸗ brochenen Herzens zurück. — Zaudern Sie nicht länger, fuhr Laramee fort, es würde ganz unnütz ſein. Wer ſo weit gegangen iſt wie ich, wer das ausgeſprochen hat, was ich ſo eben ausgeſprochen, der iſt auf Alles gefaßt, hat ſich auf Alles vorgeſehen, hat nichts mehr zu ſchonen. Henriette wird nicht unglücklicher ſein, und wenn ſie es noch werden ſoll, nun denn, ſo wird ſie nur ihr Geſchick erdulden, wie ich das meine erdulde. Sie ſchrecken zuruck vor dem Antlitz, das ich Ihnen ſo eben gezeigt?— Beruhi⸗ gen Sie ſich, ich werde die Larve wieder vornehmen. Die Schminke der Heiterkeit, das Lächeln des Glücks wird die ſchauderhafte Krebswunde wieder verdecken, die ich Ihren Blicken einen Augenblick blosgeſtellt habe. Der Schützling der Frau Herzogin von Montpenſier wird ein ehrſamer Gatte werden, nur für das Glück und die Ehre ſeiner neuen Familie beſorgt; zögern Sie nicht, Sie können nicht mehr anders. Wenn Sie noch zau⸗ dern, ſo werden Sie mich glauben machen, daß ich Ihre Abſichten auf den König errathen habe. — Und wenn dem ſo wäre? rief Henriette außer ſich, in der Hoffnuͤng, daß Laramée vor dieſem ehrloſen Geſtändniß zurücktreten würde. I -— vn— 2—— 2—— mächtigen Grimme. — 49— Er lächelte mitleidig. — Es wird nicht gelingen, ſagte er. Sie ſehen, daß ich es ſchon einmal hintertrieben, und das wird auch ein zweites Mal, das wird ewig geſchehen! — Sie? warf Henriette verachtend hin. — Ja, ich. Diesmal, Henriette, habe ich mich da⸗ mit begnügt, nur Ihren Vater und die Marquiſe von Monceaur zu benachrichtigen... Die beiden Frauen erſchraken — Das nächſte Mal werde ich dem Könige ſelbſt Kunde geben. Henriette ſtieß einen Wuthſchrei aus. — Ich werde dem Könige alles ſagen, was ich weiß, und was er noch nicht weiß; ich werde ihm erläutern, welchem ſchwarzen Dämon Sie ſich durch Ihren erſten Kuß geweiht haben. — Elender! Der König ſoll dann erfahren, daß mein Ankläger ein feiler Mörder iſt! — Das werde ich ihm ſchon ſelbſt ſagen, denn es iſt ja ein Blatt aus Ihrer eigenen Geſchichte. Und wenn ich den König von der Wahrheit überzeugt haben werde, dann werde ich zum ganzen Hof, zur ganzen Stadt ſprechen; das Echo der Straßen und Plätze ſoll Henriet⸗ te's Name grauſenvoll wiederhallen; mein Geſchrei, meine Anklagen, meine Flüche ſollen von der Erde bis zum Himmel deawdene — Und ich—... ſtammelte Henriette im ohn⸗ Gabriele. VI. 4 — 50— — Sie werden mich tödten, wollen Sie ſagen?— O nein, Sie werden mich nicht tödten, denn ich kenne Sie und werde auf meiner Hut ſein. Alſo keine chimä⸗ riſchen Pläne, keine unſinnigen Hoffnungen! Was ge⸗„ ſchehen iſt, iſt geſchehen; wir können Beide nichts mehr daran ändern. Sie ſind entblättert, verloren, für jeden Anderen als mich unmöglich, und darum müſſen Sie die Meine ſein. Kein Mann wird Ihnen die Hand bieten, keiner mehr zweimal Liebesworte an Sie richten. Sie werden weder die Gemahlin irgend eines Liancour, noch die Maitreſſe Heinrichs IV. Sie werden nicht einmal zu Ihrem Vater Ihre Zuflucht nehmen können, der Ihre Vergangenheit nicht ahnet; nicht zu Ihrem Bruder, der den Haß des Königs für Sie bald in Abſcheu verwan⸗ deln würde. Alle dieſe Chancen habe ich wohl bedacht. Sie drohten mir ſo eben mit Ihrer Rache; ſie möge nur kommen, ich bin bereit, ich erwarte ſie. Von dieſer eiſernen Fauſt umklammert, konnten die beiden bejammernswerthen Frauen nur ächzen; der Schweiß des Entſetzens wechſelte auf ihrem Antlitze mit den Froſt⸗ ſchauern des Zornes ab. — Nun denn, ſagte Marie Touchet endlich erſchöpft, Sie haben einmal beſchloſſen uns ins Verderben zu ſtür⸗ 3 zen, es würde vergeblich ſein dagegen anzukämpfen. So ſei es denn. Wir werden Herrn von Entragues, meinen Sohn und die Welt auf dies ſeltſame Ereigniß vor⸗ bereiten. Bei dieſen letzten Worten drückte ſie Henrietten ver⸗ ſtohlen die Hand, um ihr ein wenig Muth einzuflößen. — Ich ſehe, daß Sie darauf hinzielen, Zeit zu ge⸗ winnen, ſagte Laramée; leider aber habe ich deren keine zu verlieren. Sie werden daher die Güte haben, dieſe Herren bis heute Abend vorzubereiten, denn noch dieſen Abend werde ich Mademoiſelle Henriette heirathen und ſte mit mir nehmen. — Dieſen Abend noch? Aber das iſt ja offenbarer Wahnſinn! ſchrie Marie Touchet. — Dieſen Abend werde ich todt ſein! jammerte Henriette in höchſter Verzweiflung. — Nicht doch, Sie werden nicht ſterben, antwortete Laramée. So lange Sie noch einen Schimmer von Hoffnung hegen, werden Sie ſich, wie ich Sie kenne, nicht tödten, und dieſe thörichte Hoffnung werden Sie hegen, bis es zu ſpät ſein wird ſich zu tödten. Ich werde 3 mich alſo dieſen Abend wieder einſtellen, um Sie zum Traualtare zu führen. Sollten die Herrn von Entragues und von Auvergne bis dahin noch nicht genugſam vor⸗ bereitet ſein, ſo thut das auch nichts; es kann nachher eben ſo gut geſchehen. — Befehlen Sie, mein Herr; Sie werden Ihr Schlachtopfer bereit finden, ſprach Henriette, in deren Auge ein Hoffnungsſtrahl aufblitzte. — Ich errathe Sie, ſagte Laramée, der ihn bemerkte, aber ohne ſich im Mindeſten dadurch beirren zu laſſen; Sie rechnen auf die Möglichkeit eines Fluchtverſuchs. 4* Aber auch das würde vergeblich ſein. Ich habe es Ihnen geſagt, alle meine Maßregeln ſind auf das Beſte getroffen. Sie müſſen ſich ſelbſt überzeugt haben, daß ich jeden Ihrer Schritte weiß, jeden Ihrer Gedanken er⸗ rathe, und eben ſo werde ich Alles erfahren, was zwiſchen hier und heute Abend etwa vorgehen könnte. Ihr Haus iſt von meinen Leuten umſtellt; ich habe Freunde, meine Damen; Sie können keine Bewegung machen, keinen Schritt thun, den ich nicht ſogleich erfahre und dem⸗ gemäß auch meine Maßregeln treffe, ihn zu vereiteln. Uebrigens können Sie es ja verſuchen; das wird mir ſogar lieb ſein, denn es wird Sie beſſer überzeugen, als meine Worte es vermögen. Alſo verſuchen Sie es immerhin! Nach dieſen letzten Worten, welche die ungluͤckliche Henriette vollends niederſchmetterten, grüßte Laramée Mutter und Tochter ehrerbietig und ſchritt langſam der Thür zu. Dort angelangt, wandte er ſich noch einmal um und ſprach mit matter Stimme, in der gleichſam noch ein Nachhall glühender Leidenſchaft vibrirte: — Vergeſſen Sie ja meine Worte nicht! So lange ich auf dieſer Erde athme, werden Sie keinem Andern mehr angehören, als mir; ich ſchwöre es! Alſo ergeben Sie ſich in Ihr Schickſal. Vielleicht werde ich Sie nicht ſo lange auf meinen Tod warten laſſen, als Sie es befürchten. Dies hängt aber weder von Ihnen, noch von den Ihrigen ab, ſondern allein von mir und von Gott. Dieſen Abend alſo iſt unſere Hochzeit. Nach dieſen Worten hob er den Thürvorhang empor, und verſchwand. Einige Minuten ſtanden die Frauen regungslos. — Diesmal glaube ich, flüſterte Henriette kaum hörbar, bin ich ohne Rettung verloren! Sie, Mutter? — Ich überlege! ſprach Marie Touchet. — Was ſagen 4. Der Erbe der Valois. Nachdem Laramée Entrague's Haus verlaſſen, begann er ſeine Anſtalten für den Abend nach dem von ihm den beiden Frauen angekündigten Programm zu ordnen. Er ließ Pferde in Bereitſchaft halten, vertheilte Ver⸗ haltungsbefehle an ſeine Leute und beſtellte die Trauung beim Pfarrer der nächſten Kirche. So ſollte endlich ſein wonnigſter Traum in Erfüllung gehen! Sein ſtrahlendes Antlitz verrieth bereits den Stolz des Siegers; man hätte ſagen mögen, ſein böſer Genius, der ihn dieſen Tag ſo ſichtlich beſchützte, hebe ihn bei den Haaren empor, damit er nicht wie ein gewöhn⸗ licher Menſch die Erde im Gehen berühre. Trotz dieſes Siegesbewußtſeins fühlte ſich aber Lara⸗ mée doch körperlich etwas ermüdet; er kehrte alſo in die Wohnung zurück, die er in dem zur Zeit leerſtehenden Hotel der Herzogin von Montpenſter inne hatte, um einen Augenblick der Ruhe zu genießen. Seit dem Einzuge Heinrichs IV. in Paris hatte ſich Frau von Montpenſier daſelbſt nicht mehr ganz behaglich — 55— gefühlt. Die Großmuth und Güte des Siegers hatte ihr keine ſonderliche Beruhigung gewährt. Sie, die un⸗ verſöhnlich haßte, die nie vergab, konnte nicht an die Ver⸗ gebung Anderer glauben. Sie ward es daher bald müde, die Welt durch holdſeliges Lächeln und heuchleriſche Freund⸗ lichkeit zu täuſchen, ſich vor dem neuen Herrſcher zu beu⸗ gen, ſchützte die ſchöne Jahreszeit, ihre angegriffene Ge⸗ ſundheit, wichtige Privatgeſchäfte in der Provinz vor, um ſich nach und nach ohne Aufſehen duns auf ihre Be⸗ ſitzungen zurückzuziehen. Die Regierung Frankreichs war und bleibt ſtets eine mühevolle Aufgabe, zu jener Epoche aber insbeſondere. Die widerſtreitendſten materiellen Hinderniſſe machten die praktiſche Ausübung der Politik äußerſt ſchwierig. Pein⸗ liche Eintreibungen der Gelder, nicht zu paſſirende Ge⸗ genden, Spaltungen zwiſchen den Provinzen, ja ſelbſt der Städte unter ſich, Royaliſten und ſpaniſch Geſtunte, Zwi⸗ ſtigkeiten und Widerſetzlichkeiten der Lehnsherrn und Lehnsträger, machten eine genaue Ueberwachung und Leitung des Ganzen faſt zu einer Unmöglichkeit. Die Herzogin von Montpenſier hielt ſich theils in Lothringen,⸗ theils in Blaiſois auf, alſo entfernter dem Bereiche von Heinrichs Gewalt, als ein politiſcher Feind heut zu Tage es von dem andern durch eine Entfernung von tauſend Meilen ſein würde. 4 Als ſich die Herzogin auf dieſe Art ſicher vor einem gewaltſamen Staatsſtreiche ſah, fing ſie allm ählig wieder an freier aufzuathmen. Die abgeſtumpfte Spitzen der — 56— Klauen erlangten ihre frühere Schärfe wieder. Die Sicherheit des Landlebens in einem ſo entlegenen Gouver⸗ nement hatte Spanier, Liguiſten und Unzufriedene aller Art um die Schweſter des Herzogs von Mayenne verſam⸗ melt. Man hatte ſich Anfangs mißtrauiſch, dann fra⸗ gend, dann ſeufzend angeblickt, und als die Seufzer nicht mehr zu weiterer Verſtändigung ausreichten, war man nach und nach zu Klagen, zum Tadel der neuen Regie⸗ rung, dann zu Drohungen übergegangen, und als man ſich endlich nach vorſichtiger Prüfung ausreichender Mittel und Kräfte dazu verſichert ſah, hatte man ſich wieder kopfüber in die ſchönſte Verſchwörung geſtürzt. Es herrſchte eine Uebereinſtimmung der Gemüther unter dieſen wackern Leuten, die Heinrich IV. wahrſchein⸗ lich am Einſchlafen verhindert haben würde, wenn er ſich nicht ſeit Jahren ſchon ſo fleißig geübt hätte, ſelbſt beim Donner der Kanonen ſanft zu ſchlafen. Die Herzogin theilte die Katholiken Frankreichs in alte und neue, und mit Beihülfe der ehrwürdigen Väter von der Geſellſchaft Jeſu war es ihr ſogar gelungen, durch allerhand geiſtreiche Argumente zu beweiſen, daß ein neu⸗ bekehrter Katholik doch im Grunde immer noch ein Ketzer ſei. Durch dieſe Sophismen hatte natürlich der Reli⸗ gionswechſel des Königs viel von dem Zauber verloren, den er zuerſt auf alle Franzoſen ausgeübt, und jeder gute, ächte Liguiſt fühlte ſich wieder vollkommen berech⸗ tigt, dem bekehrten Ketzer das Lebenslicht auszublaſen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Maſſe habgieriger, — 57— fanatiſcher Spanier, womit Philipp II. Frankreich über⸗ ſchwemmte, bei allen dieſen neuen Combinationen Haupt⸗ rollen ſpielten, und zwar mit außerordentlichem Glück. Man hatte mit Herrn von Mayenne, deſſen ſchwan⸗ kender Geiſt und inſtinctiver Ehrgeiz nie zu einer feſten Entſcheidung hatte kommen können, wieder Verbindungen angeknüpft. Mit einem Worte, ſeitdem Heinrich in den Beſitz des Thrones von Frankreich gelangt, waren alle dieſe kriechenden, fliegenden, ſchlüpfenden Feinde, dieſe ver⸗ hungerten Gewürme, dieſe giftigen Inſekten, dieſe eifrigen Wühler mehr bemüht geweſen ſeinen Thron zu durch⸗ löchern, als die Kanonenkugeln von zehn Schlachten es vermocht hätten. Von Zeit zu Zeit ſendete die Herzogin ihre Spione nach Paris. Laramée, der ſehr bei ihr in Gunſt ge⸗ kommen war, hatte einen dieſer Poſten erlangt und be⸗ diente ſich deſſen, wie wir geſehen haben, um nebenbei auch ſeine perſönlichen Angelegenheiten zu betreiben. Man weiß, wie ihm dies gelungen war; zugleich mit der Lö⸗ ſung der politiſchen Intriguen ſeiner Beſchützerin, nahete auch die Entſcheidung der ſeinigen. Durch die Hinterthür eines neben dem Hötel der Her⸗ zogin gelegenen Hauſes, zu der er den Schlüſſel hatte, und über einen geheimen Gang in erſteres, war Laramée glücklich bis in's Hauptquartier der Verſchworenen gelangt, ohne von Jemand geſehen zu werden. In jenen Zeiten des Betrugs und der geheimen Umtriebe war es eine ſehr gebräuchliche Vorſichtsmaßregel der vornehmen Ver⸗ — 58— ſchwörer, durch vertraute Agenten die an ihre Hoͤtels grenzenden Nachbarhäuſer aufkaufen zu laſſen. Sie ver⸗ ſicherten ſich dadurch eben ſo vieler geheimen Zugänge, um ihre Mitverſchworenen bei ſich einzulaſſen, oder ſie im Falle einer Ueberrumpelung entſchlüpfen zu laſſen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die kluge Frau Herzogin eine ſo wichtige Vorſichtsmaßregel ebenfalls nicht verab⸗ fäumt hatte. Laramée wollte, wie geſagt, einige Augenblicke der nöthigen Ruhe genießen, ſich noch einmal von der ge⸗ nauen Ausführung aller von ihm angeordneten Anſtalten überzeugen, dann, wenn er mit den Entragues auf's Reine gekommen und Henrietten geheirathet, ſeine junge Frau mit ſich zur Herzogin nehmen, ſie ihr vorſtellen und hier⸗ auf ſeine definitive Entlaſſung aus ihrem Dienſte ver⸗ langen. Eine Zeitlang, ſagte er ſich ſelbſt, werde ich mein Glück in irgend eine ſtille Einſamkeit vergraben, wo nichts es ſtören ſoll. Und wenn dann Henriette's ehrgeiziger Inſtinet, ihre Sehnſucht nach der großen Welt und deren Intriguen wieder erwachen wird, wenn ich meine tolle Leidenſchaft befriedigt haben werde, der Fieberrauſch ver⸗ flogen ſein wird, dann erſcheinen wir wieder, ich geheilt, ſie gebändigt. Der Unglückliche hatte bei allen dieſen ſchönen Träu⸗ men die heimtückiſchen Streiche des Schickſals nicht mit in Anſchlag gebracht. So nennen die Böſewichter, die Gottloſen die Wege der Vorſehung, die ſie mitten in ihrem verbrecheriſchen Wandel überraſcht und züchtigt. Was würde aus einem Verbrecher, wenn er ein Gewiſſen oder Furcht vor Gott hätte? Laramée gelangte glücklich in ſeine Wohnung. Die im December früh hereinbrechende Nacht fing ſchon an ihren kalten Schneemantel über Paris auszubreiten. La⸗ ramée hatte darauf gerechnet, das Hotel, wie gewöhnlich in letzter Zeit, unbewohnt, ſtill und dunkel zu finden; er war daher nicht wenig überraſcht, das Geräuſch von Schritten in Corridors, das Oeffnen und Schließen von Thüren, die in's Innere führten, zu hören, und ſeine Ueberraſchung ſteigerte ſich noch, als er das Hoôtel im Innern eben ſo hell erleuchtet fand, als es von Außen dunkel war. Die Neugierde ließ ihm keine Ruhe, er ging auf Ent⸗ deckungen aus. Die Corridors, die Veſtibules, die Vor⸗ zimmer füllten ſich nach und nach mit ſchweigenden Be⸗ ſuchern, die durch alle jene früher erwähnten geheimen Zugänge eingelaſſen worden waren, denn das Hauptthor ward feſt verſchloſſen und verriegelt gehalten. Laramée ſtieg in den Ehrenhof hinab und ſah ihn mit einzelnen dunkeln Gruppen erfüllt, aus deren Mitte hier und da unter den Mänteln eine Degenſcheide oder ein Gewehr⸗ lauf hervorleuchtete..— Majordomus, Lakaien, Thürſteher, alle waren im In⸗ nern auf ihren Poſten. — Was hat das zu bedeuten? ſprach der junge — 60— Mann halblaut zu ſich; ſollte die Herzogin plötzlich zu⸗ rückgekehrt ſein? — Ihre Hoheit iſt ſo eben glücklich angelangt, flü⸗ ſterte ihm ein neben ihm ſtehender Huiſſier geheimniß⸗ voll zu. — Dann muß ich ſogleich mit ihr ſprechen und er⸗ fahren, was ſie ſo unvermuthet und heimlich nach Paris zurückgeführt hat, fuhr Laramée zu ſich ſelbſt fort. Sollte ſie irgend eine wichtige Nachricht erhalten haben? Sollte irgend etwas im Werke ſein?— Gleichviel, ich muß es erfahren. Ich muß die Herzogin von meinem Vorhaben in Kenntniß ſetzen, ſie würde mir ſonſt Mangel an Ehrer⸗ bietung vorwerfen. Vor allen Dingen will ich mich aber des Schlüſſels zu jener Thür verſichern, durch die ich hereingekommen bin; man kann nicht wiſſen, was geſchieht. Als ſich Laramée dieſer Thüre näherte, fand er ſie bereits von einigen bewaffneten Männern beſetzt; ebenſo fand er auch Wachtpoſten auf den verſchiedenen Treppen⸗ abſätzen. — Das iſt ſeltſam! dachte er. Benachrichtigen wir ſchnell die Herzogin von dieſer ſonderbaren Erſcheinung. Er ordnete ſchnell ſeinen Mantel, zog ſeine Hand⸗ ſchuhe an und ſchritt raſch auf die Thür zu den Ge⸗ mächern der Herzogin los. Dort traf er wieder einen Huiſſier, der ihn im Na⸗ men der Frau Herzogin und im ehrerbietigſten Ton ein⸗ lud, ſich in den großen Saal zu verfügen. Auf dem Wege dahin ſah er noch mehrere geheimniß⸗ — 61— volle, ſchweigſame Geſtalten, die von verſchiedenen Rich⸗ rungen des Höôtels aus ſich alle eben dahin begaben. Endlich trat er in den Saal, in welchem die Herzogin von Montpenſier gewöhnlich ihre feierlichen Audienzen zu ertheilen pflegte. Dieſer ungeheure, mit zahlreichen Portraits des erha⸗ benen Hauſes Lothringen geſchmückte Raum hatte dieſen Abend, trotz der tageshellen Kerzenbeleuchtung, einen eigen⸗ thümlichen Charakter düſterer Majeſtät, der Laramée ſonſt noch nicht aufgefallen war. Man hätte ſagen mögen, alle dieſe gewaffneten und gerüſteten Ahnenbilder ſchauten erwartungsvoll von den Wänden herab, um Zeugen irgend eines großen, furchtbaren Ereigniſſes zu ſein. Die Herzogin ſaß nahe am Kamine, das Auge ſinnend in die Flamme gerichtet, den Kopf auf die Hand geſtützt. Der Wiederſchein des Feuers ſpielte auf ihren Band⸗ ſchleifen und der ſchwarzen Schmelzſtickerei ihrer Robe. Sobald aber der Huiſſier Herrn von Laramée laut mel⸗ dete, erhob ſie ſich plötzlich mit eigenthümlicher Haſt. — Wie, Madame, Sie hier? rief der junge Mann; ſollen Ihre Freunde ſich dieſer unerwarteten Ankunft erfreuen, oder darüber erſchrecken? — Sie dürfen ſich derſelben erfreuen, ſprach ſie feierlich. r. — Gott ſei Dank! Demnach war die Beſorgniß über Alles, was ich hier Befremdendes erblicke— — Verbannen Sie jede Beſorgniß. — Und jene bewaffneten Männer, die ich auf der — 62— Treppe und an der geheimen Thür fand, durch die ich eingetreten— — Sie ſind auf meinen Befehl dahin geſtellt worden. — Verzeihung, Madame, ich erwähne ihrer nur, weil es mir ſchien, als ob ſie mich bewachten und mir den Ausgang verſperren ſollten. — Allerdings ſind ſie zu Ihrer Bewachung da, ant⸗ wortete die Herzogin mit einer auffallenden Höflichkeit, ja faſt Ehrerbietung, die wenig zu jenen befremdenden Maßregeln paßte und Laramées Sinne vollends verwirrte. Weshalb bewachte man ihn? Wozu dieſer ſeltſam feierliche Ton? Warum nannte ihn die Herzogin nicht mein Herr, oder Laramée, oder kurzweg mein Lieber, wie ſie ſonſt zu thun pflegte? Alle dieſe Fragen ſchwebten dem jungen Manne auf den Lippen, aber eine ihm ſelbſt unerklärliche Scheu hielt ihn ab, ſie auszuſprechen. Aber die Zeit verſtrich und ein längeres Zaudern oder diplomatiſche Bedenklichkeiten wären hier am un⸗ rechten Orte geweſen. Die Stunde rückte immer näher, wo er ſich bei Hen⸗ rietten einſtellen mußte. — Madame, hob er an, als Sie mich zu ſich ent⸗ bieten ließen, ſtand ich eben im Begriff, Sie um eine Audienz zu bitten. — Sie wußten ja aber nicht, daß ich in Paris ſei, erwiederte ſie.. — Ich hatte es eben erfahren, und hielt es für meine Pflicht, Ihnen ſogleich hier zu ſagen, was ich n n — 63— Ihnen ſonſt in Ihrem Landaufenthalte mitgetheilt haben würde. 3 — Sprechen Sie. — Ich bedarf eines Urlaubes für dieſen Abend, Madame, und bitte Sie demnach ihn mir zu verwilligen. — Das iſt heute Abend durchaus unmöglich. Laramée erbebte. — Und dennoch muß ich auf meine Bitte beharren, Madame, rief er; denn ich habe wichtige Verſprechungen zu erfüllen, die durchaus keinen Aufſchub dulden. — Allerdings haben Sie noch heute Pflichten zu er⸗ füllen, die Ihnen aber zur Zeit ſelbſt noch unbekannt ſind, und neben denen jene Anderen, von denen Sie ſprechen, in gar keinen Betracht kommen können. — Madamo, ich verheirathe mich! Jetzt war an der Herzogin die Reihe zu erſchrecken. — Sie wollen ſich vermählen? rief ſie; aber das iſt ja gar nicht möglich! — Doch, doch; und zwar in einer Stunde. — Gerechter Gott!— Und mit wem denn? — Mit Mademoiſelle Henriette de Balzac d'Entragues. — Aber das iſt ein offenbarer Wahnſinn! — Ich weiß es wohl, Madame, und dennoch wird es geſchehen. — Nein, nein, es wird nicht geſchehen! Ich ſah es ruhig mit an, daß Sie dieſem Mädchen nachſtellten, es mit Ihrer Liebe verfolgten, weil ich glaubte, daß es — 6— ſich nur um eine flüchtige Neigung, einen Zeitvertreib handelte. — Einen Zeitvertreib? Mademoiſelle Henriette de Bal⸗ zac d'Entragues ein Zeitvertreib für mich? Die Tochter eines der angeſehenſten Häuſer des Landes, und ich, nur ein armer unbedeutender Edelmann! O nein, Ma⸗ dame, es handelt ſich hier um nichts geringeres als eine ernſte, wirkliche Leidenſchaft, die nur durch eine Heirath befriedigt werden kann. — Und ich wiederhole, daß das offenbarer Wahnſinn iſt, und ich werde es nicht zugeben, daß Sie einen ſolchen begehen. — Aber, Madame, ſprach Laramée mit zunehmender Feſtigkeit, ich weiß denn doch am Ende, was ich thue!— — Das wiſſen Sie nicht. — Frau Herzogin, ich habe Ihnen meine Dienſte, meinen Degen gewidmet, Sie können über mich, meinen Arm, meinen Kopf verfügen, nicht aber über mein Herz; das iſt mein Eigenthum. Die Herzogin zuckte die Achſeln, als finde ſie jede weitere Erörterung über dieſen Punkt unnöthig. — Vielleicht bedürfen Sie meiner Dienſte in dieſem Augenblicke, fuhr Laramée fort, und meine Abweſenheit zu einer Zeit, wo ſich alle Anhänger Ihres Hauſes um Sie verſammeln, könnte wie eine Deſertion erſcheinen; aber ich bitte Sie zu bedenken, Madame, daß ich Sie nur um eine Stunde Urlaub bitte; in einer Stunde werde ich verheirathet ſein, alle meine Vorbereitungen — 65— * ſind dazu getroffen. Ich hatte erſt die Abſicht, ſogleich nach meiner Verheirathung abzureiſen und meine junge Frau mit mir zu nehmen; allein ich werde nicht abreiſen, ich werde ſie nicht mit mir nehmen. Ich verſpreche Ihnen, mich in einer Stunde wieder zu Ihrer Verfügung zu ſtellen, jeden Ihrer Befehle unweigerlich zu vollziehen. — Aber eben ſo beſtimmt erkläre ich Ew. Hoheit auch, daß ich noch dieſen Abend verheirathet ſein muß, und ich werde es ſein! 1 Statt in Zorn zu gerathen, wie die Herzogin es ſonſt pflegte, wenn man ſich ihr widerſetzte, und wie La⸗ ramée auch jetzt nach einer ſo peremptoriſch ausgeſpro⸗ chenen Erklärung erwartete, blieb ſte ruhig und gelaſſen wie zuvor, und blickte nur den bleichen jungen Mann feſt und unverwandt an. — Ich habe Ihnen geſagt, hob ſie nach einer kleinen Pauſe wieder an, daß Sie Mademoiſelle d'Entragues nicht heirathen werden— und Sie werden es nicht!— Nicht in einer Stunde, nicht heute Abend, nicht morgen — nicht in einem Jahre! — Weil— fragte Laramée dreiſt. — Weil es unmöglich iſt. — Sie nennen jedes Ding unmöglich, das Sie eben nicht haben wollen, rief er bebend vor Zorn. — Keineswegs, erwiederte ſie, in demſelben Grade ruhiger werdend, als er ſich erhitzte. Dieſe Heirath wird nicht ſtatt finden, ſage ich Ihnen, weil Sie ſelbſt ſie alsbald unmöglich finden werden.— Gabriele. VI. 5 — * “ — 66— — Davon müßte ich zuvor überzeugt ſein, Madame — Das ſoll ſogleich geſchehen; der entſcheidende Au⸗ genblick iſt gekommen, und nur in dieſer Abſicht hatte ich Sie zu mir entbieten laſſen. Und zugleich ergriff die Herzogin einen kleinen Ham⸗ mer und ſchlug damit an eine Metallglocke, deren vibri⸗ render Klang durch den Saal widerhallte. Wie verzaubert von dieſer unerhörten Kaltblütigkeit blieb Laramée ſtumm und unbeweglich in geſpannter Er⸗ wartung, wohin dieſes ſeltſame Vorſpiel noch führen werde. Beim Schall der Glocke öffneten ſich mehrere Thüren, die ſchweren Tapetenvorhänge wurden weggeriſſen und man ſah etwa ein Dutzend Männer eintreten, deren Ge⸗ ſichter und Namen Laramée wohl bekannt waren. Es waren die vorzüglichſten Häupter der Ligue, die der Hauch der royaliſtiſchen Reaction einen Augenblick auseinander geweht hatte; einige jener fanatiſchen Pre⸗ diger, die der Einzug des Königs aus Paris vertrieben und die ſeine Großmuth allzu unvorſichtig verſchont hatte; es war ein Jeſuit, Profeſſor des Collegiums, in welches die Herzogin Jean Chäͤtel ſich hatte aufnehmen laſſen; es waren die vom Herzog von Feria, oder auch vom König Philipp Il. ſelbſt ausgeſendeten Spanier; es waren einige unverbeſſerliche Bürger von Paris, zwei oder drei Mitglieder von der Faction der Sechzehn, mit einem Worte, der ganze Generalſtab der Revolution, welche die Herzogin von Montpenſier fortwährend wie eine drohende Wetterwolke — 67— über dem armen, kaum erſt von den überſtandenen Stür⸗ men ſich erholenden Frankreich ſchweben erhielt. Vor dieſer Verſammlung ſo wichtiger und mächtiger Perſonen war Laramée bis an die Thür zurückgewichen, die eine Abtheilung Hellebardiere und Mousquetiere von Lothringen beſetzt hielt. Die Herzogin gewahrte ſeine Bewegung und befahl den Wachen mit einem raſch zugeworfenen Blick, ſich dichter aneinander zu ſchließen. — Ich bitte Sie, treten Sie näher, ſprach ſie zu Laramée. Wohl oder übel mußte er gehorchen. * Nachdem eine tiefe, feierliche Stille eingetreten war, trat Katharina von Lothringen, die ſich eben ſo viel auf ihre Beredtſamkeit wie auf ihr Feldherrntalent einbildete, mitten in die Verſammlung, legte einen Arm auf die Lehne ihres Stuhles und hob nun mit majeſtätiſcher Hal⸗ tung an: „Meine edlen und getreuen Herren, die Sie die wahre Stärke, die feſteſte Stütze unſerer heiligen Religion und unſers Patriotismus bilden, Sie kennen zum größten Theil unſere Abſichten, unſere Beſtrebungen, da Sie unſere Hoffnungen wie unſern Schmerz mit einer Treue und Hingebung theilten, die einer ſo erhabenen Sache würdig iſt; allein es iſt Ihnen bis jetzt noch unbekannt geblieben, wie und unter welcher Weihaln ſich unſere Hoffnungen ver⸗ wirklichen ſollen.“ „Niemand unter uns wird es ſich verhehlen, auf 4 5* — 68— wie ſchwankenden Füßen die Macht der neuen Regie⸗ rung ſteht, unter die ſich Frankreich für den Augen⸗ blick gebeugt hat. Nur ein geringer unvorhergeſehener Umſtand kann ſie wieder ſtürzen: ein ſolcher Zufallskrieg, die Politik der Uſurpation iſt mannigfachen Gefahren blos⸗ geſtellt, der neue König kann auf dem erſten, beſten Schlachtfelde ſeinen Tod finden; eben ſo gut aber auch durch den Haß und die Rache der unterdrückten Patrioten. Ich ſpreche nicht von den Gefahren eines ſchnellen Todes, denen er ſich ſelbſt durch ſeine ausſchweifende abenteuer⸗ liche Lebensweiſe ausſetzt, aber gewiß iſt es, daß man eben ſo ſchnell an den Folgen einer Ausſchweifung, einer Orgie ſterben kann, wie durch eine Kugel oder einen Dolchſtoß.“ „Gott iſt mein Zeuge, und Sie alle haben es geſehen — da mehrere unter Ihnen mich ſogar getadelt haben,— daß ich, um das Wohl Frankreichs zu fördern, meinem perſönlichen Haſſe Stillſchweigen gebot, die Schmach und das Unglück meiner Familie vergaß und dem neuen Mo⸗ narchen huldigte. Allein ich kann mich dadurch nicht über die Wechſelfälle der Zukunft blind machen: der König hat keine Erben— ein unehelicher Baſtard zählt nicht als ſolcher;— wenn der König ſtirbt, was ſoll dann aus Frankreich werden? Seine Majeſtät König Philipp II. hat in einem Gefühle hochherziger Großmuth ſeinen Thronanſprüchen entſagt. Der Herzog von Mayenne, mein Bruder, desgleichen. Ich thue es ebenfalls für meinen Neffen von Guiſe, da es ihm nicht gelungen iſt, — 69-— die Majorität der Wünſche des franzöſiſchen Volkes zu erlangen. Aber mitten in dieſer allgemeinen Verlaſſen⸗ heit und Rathloſigkeit hat uns die göttliche Vorſehung ein wunderbares Mittel des Heils beſchieden. Meine Herren, vernehmen Sie andachtsvoll, was meine Lippen Ihnen jetzt verkünden werden: es erxiſtirt noch ein Sprößling des alten Königsſtammes, Frankreich beſitzt noch einen legi⸗ timen Erben der Krone der Valois! Ein Murmeln und Flüſtern, ähnlich den Vorboten eines nahenden Sturmes, rauſchte nach dieſen Worten durch die Verſammlung. Hier und da überflogen for⸗ ſchende Blicke der zumeiſt Eingeweihten, der Jeſuiten, den Kreis, um ſich von deren Wirkung zu überzeugen. — Ein Valois? Ein Valois? hörte man von mehrern Seiten leiſe fragen. — Ja, meine Herren, ein ächter Valois! fuhr die Herzogin mit erhobener Stimme fort. Sie alle wiſſen, daß aus der Ehe König Karls IX. mit Eliſabeth von Oeſterreich am 27. October 1572 ein Kind geboren ward, das man als Marie Eliſabeth von Frankreich bezeichnete. Der König hatte einen Sohn gehofft, erwartet, allein es war ein Mädchen, welches ihm ſeine Mutter Katharina von Medicis zeugte— ein Mädchen, das nur kurze Zeit am Leben blieb und deſſen Tod Frankreich und der Welt ſchon am 2. April 1578 verkündigt ward. Nun denn, meine Herren, dieſes Kind Karls IX. war kein Mädchen, ſondern ein Sohn, den Katharine von Medicis, aus Eiferſucht und um ihrem Lieblingsſohne, dem nach⸗ maligen Heinrich III., die Krone zu ſichern, heimlich bei Seite geſchafft und dafür ein Mädchen untergeſchoben hatte! Diesmal folgte den Worten der Herzogin eine tiefe Stille. In den Augen ihrer Getreuen, die ſte ſo genau kannten, überſtieg dieſes angeblich von der Vorſehung geſandte Heilmittel ſogar noch die Schranken des Wun— derbaren. — Ich ſehe, fuhr ſie ſchnell fort, dieſe tiefe Stille benutzend, daß ſie erſtaunt und faſt ungläubig ſchweigen; das ungeheure Verbrechen eines ſolchen Betrugs erfüllt Sie mit Unwillen und Entſetzen! Was werden Sie erſt ſagen, wenn ich Ihnen die vollſtändigſten, unumſtöß⸗ lichſten Beweiſe vorlege, Documente, deren Ausführlichkeit und naive Genauigkeit auch nicht den Schatten eines Zweifels an dem Complot Katharinas von Medicis gegen das Wohl ihres Sohnes mehr aufkommen laſſen, an einem Attentat, meine Herren, durch welches, ohne den wunderbaren Schutz der Vorſehung, eines der edelſten Königsgeſchlechter, das die Welt jemals gehabt, für ewige Zeiten erlöſchen ſollte? — Hier, meine Herren, fuhr die Herzogin fort, ein Bündel Pergamente, Briefe und andere Schriften auf dem Tiſche ausbreitend; treten Sie näher, überzeugen Sie ſich ſelbſt, nehmen Sie ſelbſt Einſicht von dieſen denkwürdigen Aktenſtücken und Belegen; gewöhnen Sie ſich immerhin an den Gedanken, daß Ihnen noch ein legitimer Herrſcher, ein wirklicher Allerchriſtlichſter König — 21— verbleibt, und wenn Ihre Seelen von dieſer freudigen Ueberzeugung durchdrungen ſein werden, dann danken Sie mit mir Gott, deſſen Güte es nicht gewollt hat, daß Frankreich der Uſurpation und der Ketzerei anheim falle! In der That ſah man mehrere der Liguiſten und fanatiſirten Prieſter theils mißtrauiſch, theils von Furcht erfüllt, ein ſo unverhofftes Glück könne vielleicht nur auf einer Täuſchung beruhen, näher an den Tiſch her⸗ antreten. Die in das Geheimniß bereits eingeweihten Spanier und der Jeſuit blieben ruhig in der Entfernung ſtehen. — Hier, meine Herren, ſprach die Herzogin, eines der Documente nach dem andern entfaltend, hier werden Sie die ſchlichte Erzählung der begangenen Fälſchung finden, werden erfahren, wo Katharina von Medicis jenes Mädchen hernahm, daß ſie ſtatt des ächten Prinzen un⸗ terſchob. Dieſes andere Papier ſagt Ihnen, daß Katha⸗ rina den jungen Prinzen zu einem vertrauten, ihr lehns⸗ pflichtigen Edelmann ſchaffen ließ, um ihn mit ſeinen eigenen Kindern zu erziehen, in ſeinem Hauſe zu Viliai⸗ nes, in der Umgegend von Medan. Laramée, der bis dahin unbeweglich geblieben war, zuckte plötzlich zuſammen. — Leſen Sie ferner noch dieſe Beweisſtücke, fuhr die Herzogin fort, hier das auf ſeinem Sterbebette abge⸗ legte Bekenntniß des Edelmanns, unterſtützt durch dieſe Briefe, durch dieſe amtliche Beglaubigung des Prieſters, — 72 dem er das furchtbare Geheimniß anvertraut und der ihm darauf hin die Sacramente verabreichte. Leſen Sie — prüfen Sie— fürchten Sie nichts! Es iſt durch⸗ aus nothwendig, daß Sie vollkommen von der Wahrheit dieſer wunderbaren Offenbarung durchdrungen werden, die uns der Himmel ſendet. „— In der That— es iſt wahr—“ riefen erſt einzelne Stimmen, denen ſich nach und nach immer mehr anſchloſſen;„die Beweiſe find eclatant— unumſtößlich!“ — Und wenn Sie ſie geprüft, verglichen haben, dann werden Sie mit mir ausrufen: ein Wunder! — Ein Wunder! ein Wunder! riefen dieſe Fanatiker, deren Hauptzweck dabei nur die Erneuerung des Bürger⸗ krieges war. — Jetzt, meine Herren, werden Sie auch errathen, warum der König von Spanien, warum das erhabene Haus Lothringen einem ächten Sprößling der Valois gegenüber allen ihren Anſprüchen auf die Erbfolge ent⸗ ſagten. — Es lebe das Haus Valois! ſchrie die ganze Verſammlung. — Und nun, ſchloß die Herzogin, von deren Stirn in Folge der Aufregung der Schweiß rieſelte, und nun, meine Herren, bleibt Ihnen nichts mehr übrig, als dieſen ſo wunderbar geretteten Prinzen, das Schlachtopfer Ka⸗ tharinens von Medicis, den Sohn Königs Karl IX., Ihren zukünftigen Herrn und den meinigen kennen zu lernen,— denn er lebt, meine Herren, er befindet ſich —— — — 73— ganz in Ihrer Nähe! Denn er hat ſchon, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ſein koſtbares Blut an Ihrer Seite für ſeine eigene heilige Sache vergoſſen. Gott erzeigt mir die Gnade zu verſtatten, daß ich ihn aus ſeiner Verborgen⸗ heit hervorziehe, daß ich ſeiner königlichen Stirn die Krone ſeiner Väter darbiete! Geſtern noch war er ein unbe⸗ deutender Edelmann, ein Nichts, heute iſt er König von Frankreich! Erſcheinen Sie, mein König! Ihr bis⸗ heriger Name war Laramée! — Träume ich! ſtammelte der junge Mann, wie berauſcht, wie vom Fieberparoxismus ergriffen, die Her⸗ zogin und alle Anweſenden vor ſich die Knie beugen zu ſehen. Er fühlte, daß alles Blut in ſeinen Adern ſich nach ſeinem Herzen drängte, er erbleichte vor der Größe und Majeſtät dieſes Traumbildes, und in ſeinem ſprachloſen Erſtarren ward er zum leibhaften Ebenbilde jenes dü⸗ ſteren Karls IX., mit deſſen Zügen ihm die Laune des Glücks in der That einige Aehnlichkeit verliehen hatte und deſſen Erinnerungrjetzt in mehreren der Anweſenden, die ihn noch perſönlich gekannt, plötzlich wieder erwachte. — Der König ſchwankt! rief die Herzogin auf⸗ ſpringend; man geleite Se. Majeſtät ſchnell in ihr Zimmer! — Und bewache ihn dort wohl, flüſterte ſie einem Spanier zu. — Wenn das Volk ihn erblickt, fuhr ſte zu den Zurückbleibenden gewendet fort, wird es eben ſo von der — 2— Wahrheit überzeugt ſein, wie ich und Sie es ſind, daß er der wirkliche Sohn ſeines Vaters iſt. Und nun, meine Herren, halten Sie ſich bereit. Jeder von Ihnen kennt ſeine Rolle und ſeinen Poſten. Eine innere Stimme ſagt mir, daß das große Ereigniß uns nahe iſt. Sie haben jetzt einen Herrn, einen Mittelpunkt, und ich hoffe, daß kein Franzoſe ſich weigern wird, ſeiner Fahne zu folgen! Ich kenne Sie alle zu gut, um Ihnen noch ſagen zu müſſen, daß die geringſte Indiscretion für uns der ſichere Tod ſein würde. Leben Sie wohl, meine Herren. Es lebe der ächte König! — Es lebe der ächte König! wiederholten die Ligui⸗ ſten, vor der Herzogin vorbeiziehend. Der Jeſuit entfernte ſich zuletzt und indem er fich vor der Herzogin noch einmal verbeugte, fragte dieſe leiſe flüſternd: — und unſer Schüler?— Iſt er bereit! — Auf morgen, erwiederte der Jeſuit ebenſo, den Andern folgend. 5. Geſandtſchaften. Am nächſten, zu Gabriele's Abreiſe beſtimmten Tage, war die Sonne kaum aufgegangen, als zwei in große Mäntel gehüllte Männer vor dem Hauſe der Marquiſe im Geſpräch auf⸗ und abſchritten. Es war bitter kalt; ein weißer Reif bedeckte die hart gefrorne Erde; man hörte ihn unter den Füßen der beiden Cavaliere knarren, die ſich eben ſo hitzig unter⸗ hielten, lals ihre Hände und Naſen kalt waren. Von Zeit zu Zeit hob der eine oder der andere von ihnen die Augen zu dem Fenſter der Marquiſe empor, an denen jedoch noch keine Spur von Leben zu entdecken war. — Ich wiederhole Ihnen, Herr Zamet, ſprach die kleinſte und wie es ſchien froſtigſte der beiden Perſonen, daß der König, unſer Herr, mir ſelbſt dieſen Auftrag er⸗ theilt hat. Eine Frau zu verhindern, ihrem eigenſinnigen Kopfe zu folgen— ein mißlicher Auftrag! — Wie es ſcheint iſt es der des Königs nicht weniger, erwiederte der Florentiner Zamet. — Es hat allerdings den Anſchein darnach, und ich ließ Sie rufen, um ein vertrautes und ernſthaftes Wort mit Ihnen darüber zu ſprechen. Ich kenne Ihren Eifer und Ihre Ergebenheit für die Perſon Sr. Majeſtät, und danke Ihnen, daß Sie ſich ſo früh bemüht haben, um mich hier aufzuſuchen, wohin mich die Befehle des Königs geführt. Wie geſagt, die Angelegenheit iſt eine ſehr ernſte. — Wirklich? — In der That. Der König hat ein ſo zärtliches Herz, Herr Zamet, und ſeitdem ſeine Geliebte ihn zu verlaſſen droht, lebt er ſo zu ſagen nicht mehr. Apropos, Sie, der Sie ein ſo ſcharfes Auge haben, ſehen Sie noch nichts bei der Marquiſe ſich regen? — Nicht das Mindeſte, Herr von Rosny. — Wir werden alſo noch Zeit haben, ein wenig zu plaudern, ehe ſie erwacht. — Aber warum will ſie den König verlaſſen? — Gehen Sie doch! Sie wiſſen das beſſer als irgend Jemand auf der Welt, da Sie ja ſelbſt die un⸗ freiwillige Urſache dieſes Bruches ſind. — Eine ſehr unfreiwillige, Herr von Rosny, das kann ich beſchwören! rief Zamet, als ob er befürchtete, daß man dieſe Beſchuldigung im obern Stock gehört haben könne. Auf mein Gewiſſen, ich bin in keiner Weiſe für das verantwortlich, was der König thut. — Vertheidigen Sie ſich nur nicht ſo eifrig, mein Herr; das Unglück iſt jedenfalls nicht ſo groß, daß der König ſich nicht darüber zu tröſten wiſſen wird⸗ Nachdem Rosny dieſe Worte geſprochen, warf er — 2727— Zamet einen ſchnellen Seitenblick zu, um ihre Wirkung zu beobachten. Aber Zamet war ein Italiener, das heißt, ein liſtiger Fuchs. Er ließ nicht ſo auf den erſten Blick in ſeinem Geſichte leſen. — Ich pflichte aller Welt vollkommen bei, fuhr Sully fort, daß die Marquiſe eine reizende Frau iſt— die beſte aller Frauen ſogar. Niemals wird der König eine ſo verſtändige Geliebte wiederfinden. Ihre Ausgaben ſind mäßig, ſie iſt weder übertrieben habgierig noch ehr⸗ ſüchtig— — Schon ſehr ſchätzenswerthe Eigenſchaften für die Geliebte eines Königs, mein Herr. — Gewiß, gewiß, und es wäre mir viel lieber, ſie beſäße deren weniger. Alle Tauſend! es wäre mir viel lieber, der König hätte es mit einem eingefleiſchten Teufel zu thun, der ihn täglich drei, viermal reizte, ihn zu ver⸗ fluchen.— Der König läßt ſich zu leicht feſſeln, ſehen Sie, und das taugt ihm nichts; häusliche Wirren, Stürme und Zwiſtigkeiten würden ihm viel erſprießlicher ſein; ich kenne ihn durch und durch. Solch ein ungetrübter Lie⸗ beshimmel reibt ihn zu ſehr auf. Sollten Sie nicht irgendwo ſolch ein weibliches Teufelchen kennen, Herr Zamet, hübſch genug, um unſeren geliebten Sire für einige Zeit zu bezaubern, und bös genug, daß er es bald darauf wieder zu deſſen hölliſchen Namensvetter jagte? Sie würden ihm, mir, dem ganzen Lande einen großen Dienſt damit erweiſen. — Aber, Herr von Rosny, wenn nun der König — 78— einmal ſo ſterblich in die Marquiſe von Monceaux ver⸗ liebt iſt— — Sie verläßt ihn ja. — Iſt das ſchon ſo gewiß? fragte Zamet, Rosny einen eben ſolchen forſchenden Seitenblick zuwerfend, wie dieſer vorher ihm. Ihre Anweſenheit hier, zu ſo früher Stunde, läßt mich eine verliebte Sehnſucht des Königs nach Verſöhnung ahnen. — Sie haben ganz richtig gerathen, mein Beſter; der König hat verſucht, die Grauſame wieder zu er⸗ weichen. — Und es wird Ihnen gelingen; Sie find ja ſo beredtſam. — Das iſt es eben auch, was ich mich frage. Soll ich meine Beredtſamkeit auch wirklich aufbieten? Werde ich meinem Könige und Herrn wahrhaft einen Dienſt dadurch leiſten? — Wenigſtens ſeinem Herzen. — Aber auch ſeinem königlichen Intereſſe? — Das iſt freilich eine andere Frage. Ein Ver⸗ liebter kennt in der Regel keine andern Intereſſen, als die ſeiner Liebe. — Ich werde mein Möglichſtes thun, um den König zu befriedigen, verſetzte Sully achſelzuckend; man muß ſich indeſſen doch auf den Fall vorſehen, daß die Marquiſe von Monceaur unerbittlich bleiben ſollte. Sie beſitzt un⸗ gewöhnlich viel Charakter. Der Ausdruck, mit dem er dieſe Worte ſprach, zeigte — d9— ziemlich deutlich, daß er eben nicht ſehr viel Eifer für ſeinen Auftrag mitbringe. — Und in ſolchem Falle— — Je nun, in ſolchem Falle müßte man darauf denken, dem Könige eine andere angenehme Zerſtreuung zu verſchaffen. — Hm! hm!— Das ift leichter geſagt als gethan! — Ich habe freilich dabei auf Ihre Hülfe gerechnet, mein lieber Herr Zamet, und zwar aus zweierlei Gründen. — Sprechen Sie unverhohlen, Herr von Rosny. — Der erſte iſt, daß der Nerv aller Zerſtreuungen, wie der des Krieges, das liebe Geld iſt,— und wir haben leider keines. Herr Zamet runzelte ein wenig die Stirn. — Und Sie haben deſſen viel, ſehr viel, fuhr Rosny fort. Die Stirnrunzeln mehrten ſich. — Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, ſagte der Italiener mit bedauerndem Achſelzucken, daß mehr als die Hälfte meines Vermögens— — In Florenz angelegt iſt, unterbach ihn Rosny, beim Großherzog.— Weiß es, weiß es, und ſchließe daraus, daß Sie ganz vortrefflich mit dieſem Fürſten ſtehen? — Wie, Sie wiſſen—? rief Zamet erſchrocken. — Ich weiß immer, wo das Geld ſteckt, verſetzte Sully lächelnd; was ich aber nicht weiß, das iſt die Art wie es hierher zu ziehen iſt. Ja, ja, Sie haben ſo eine — 80— Kleinigkeit von einer Million Thalern, oder mehr, dort ſtehen.— Ach! hätten wir es doch hier! — Aber, Herr von Rosny, ich gebe Ihnen noch⸗ mals die Verſicherung— — Schon gut, ſchon gut, bemühen Sie ſich nicht. Hören Sie, mein beſter Herr Zamet, wenn Sie etwa krank werden ſollten— der Fall wäre ja doch möglich— dann rathe ich Ihnen in beſter Meinung, das Geld nicht in ſo weiter Ferne ſtehen zu laſſen, während Sie hier ganz in der Nähe Gelegenheit haben, es viel vortheilhafter unterzubringen. — Welche wäre das? — Nehmen wir an, der König würde gänzlich und für immer von der Marquiſe von Monceaux getrennt; nehmen wir ferner an, er beluſtigte ſich bald da, bald dort ein wenig, während man ſeine Scheidung von der Königin Margaretha eifrig und mit glücklichem Erfolge betriebe— — Oho! rief der Italiener, Sully abermals einen forſchenden Blick zuwerfend, der mit gleichgültiger Miene mit der Spitze ſeines Stockes allerhand mathematiſche Figuren in den Reif zeichnete. —— Sollten Sie etwas gegen eine gute Vermählung des Königs einzuwenden haben, mein Herr Zamet? finai Sully ſpitz. — Je nun, ich meine... ſtotterte der Florentiner, ſcheus Blicke um ſich werfend, doß nicht etwa ein Lauſcher in der Nähe ſei. — — — 81— — Ganz recht, derſelben Meinung bin auch ich. Auch ich verſtehe unter einer guten Vermählung eine mit irgend einer jungen, ſchönen Prinzeſſin— wenn es möglich iſt,— vor allen Dingen aber mit einer reichen Prinzeſſin! — Das ließe ſich hören. — Haben Sie Ihre Augen ſchon irgend wohin ge⸗ richtet? — Je nun. — Zum Beiſpiel, die Infantin von Spanien? — Ein ſchwarzbraunes Aeffchen. — Dann haben wir eine Prinzeſſin von Savoyen... — Die ſieben Todtſünden in einer Perſon, und überdieß noch bittere Armuth. — Ferner— meiner Treu, warum nicht? die Kö⸗ nigin Eliſabeth von England? — ¶Sei ſechzig Jahren predigen ihr die Aerzte vor, ſie möge als Jungfrau ſterben. — Teufel! dann wäre unſer König allerdings kein Mann für ſte. Ich glaube, ſomit haͤtten wir ſo ziemlich alle mannbaren Prinzeſſinnen von Europa die Muſterung paſſiren laſſen, nicht wahr?— Aber, warten Sie einmal — nein, wahrhaftig, mein beſter Herr Zamet, wir haben da noch jemand vergeſſen. — Ich wüßte nicht. Wer ſollte das ſein? warf der Florentiner mit einer naiven Einfalt hin, die ſeiner Di⸗ plomatie alle Ehre machte. Gabriele. VI. 6 — 32— — Es iſt ſogar Jemand aus Ihrem eigenen Vater⸗ lande.— Haben Sie denn nicht in Florenz eine Prinzeiſin? — Ja, in der That! — Die Tochter des Großherzogs von Medicis. — Prinzeſſin Marie. — Sie wird jetzt alt ſein... 2 — Etliche und zwanzig Jahre. — Und ſchön. — Ein Wunder von Schönheit! — Ein vortrefflicher Staat— ein behäbiges Völk⸗ chen, das die Medicäer gut zu mäſten verſtanden. — Die Medicäer ſind kluge Leute. — Das will ich meinen; Leute, bei denen ein Herr Zamet eine Million angelegt hat!— Apropos, was für einen Charakter hat die Prinzeſſin? — Das kann ich nicht ſagen, ich weiß es in der That nicht. — Das ſollten Sie nicht wiſſen?— Erſt geſtern hat mir Jemand geſagt, daß Sie ihre Milchſchweſter, die Tochter ihrer Amme, bei ſich hätten. Und dabei heftete Rosny einen Blick auf den Finanz⸗ mann, als wolle er bis auf den Grund ſeiner Seele ſchauen. — Sie wiſſen Alles, Herr von Rosny, erwiederte der Florentiner, ſich tief verneigend. — Alles, was meinen königlichen Herrn intereſſiren kann,— da haben Sie recht, lieber Herr Zamet. Sie ſehen, daß ſich bei dieſer Sache Alles wie von ſelbſt fügt. Bilden Sie ſich einmal eine logiſche Folgerung aus 83— unſeren ſoeben ausgeſprochenen Vorausſetzungen: Der Bruch des Königs mit der ſchönen Gabriele, ſein Zeitver⸗ treib mit jedem Lärvchen, das man ihm in den Weg bringt— denn man wird irgend ein hübſches Lärvchen für ihn ausfindig machen, nicht wahr? Dann die kirch⸗ liche Löſung ſeiner Ehe mit der Königin Margaretha— der ganz nothwendigerweiſe eine andere legitime Vermäh⸗ lung folgen muß.— Bewundern Sie mit mir, wie vor⸗ trefflich Ihre florentiniſche Prinzeſſin mit jener Million Thalern zu alledem paßt, die Ihnen überdieß irgend ein Marquiſat, oder ein Herzogthum, oder endlich auch, wenn Sie es vorziehen, Hypotheken zu hohen Zinſen auf gute Ländereien verſichert, eintragen würde.. — Ich liebe den König unſern Herrn zu ſehr, ſagte Zamet vor Freude bebend, um nicht auf alle dieſe meiſter⸗ haft erfundenen Combinationen einzugehen.— Aber welche Schwierigkeiten werden noch zu überwinden ſein, bevor wir zu dieſem Ziele gelangen! — Wie man ſagt, ſoll Ihre kleine Landsmännin ſich ein wenig auf Hexereien verſtehen? — Das iſt allerdings eine Krankheit unſeres Landes. — Ich hätte nicht übel Luſt, mir von ihr mein Horoscop ſtellen zu laſſen, ſprach Sully lächelnd. — Sie wird Ihren Befehlen gehorchen, Herr von Rosny. — Das genügt. Sie können überzeugt ſein, Herr Zamet, daß ich Sie für einen ehrlichen Mann und einen treuen Freund unſeres trefflichen Königs halte. 6* —&— Zamet verbeugte ſich abermals. — Sie würden uns wohl bis gegen Ende des Mo⸗ nats ein Darlehn von fünfzigtauſend Thalern vorſchießen, nicht wahr? Um unſer Ziel zu erreichen, wird es nöthig ſein Se. Majeſtät durch irgend einen kleinen Krieg oder ſonſt auf eine andere Weiſe zu zerſtreuen. — Ich werde Anſtalten treffen die Summe zu ſchaffen. — Meinen beſten Dank einſtweilen!— Das wird unſerm theuern Sire, der ſeit geſtern nichts wie Kummer und Aerger erfahren hat, Freude machen; er hat ein ſo edles, weiches Herz! Sollten Sie wohl glauben, daß dies das erſte Mal iſt, ſeit ich ihn kenne, wo ich ihn habe von Rache ſprechen hören? Sie können daraus ſchließen, wie zornig er ſein muß. Rache?— An wem? — Je nun, an demjenigen, der es gewagt haben kann, die Marquiſe zu benachrichtigen. Gott verzeihe mir! aber ich glaube, daß der arme Schächer das Bad für alle wird bezahlen müſſen. Indeß, was kümmert das uns, wenn es nur den König zerſtreut!— Alſo, mein lieber Herr Zamet, wir haben heute den 27. December, und ich hätte daher Luſt, unſere fünfzigtauſend Thaler morgen bei Ihnen holen zu laſſen. — Morgen ſchon? Das dürfte doch etwas früh ſein. — Ich glaube, ich höre die Frau Marquiſe nach ihren Leuten rufen. Ich verlaſſe Sie alſo, Herr Zamet. Nun denn, auf morgen Abend das Darlehn, in Er⸗ — 85— wartung jener ſchönen Intereſſen, die wir ſo eben be⸗ ſprochen haben. 4 — Das Geld wird bereit liegen, Herr von Rosny. — Und vergeſſen Sie mein Horoscop nicht. Auf Wiederſehen! Und mit bedeutungsvollem Händedruck von Zamet Abſchied nehmend, trat Sully in das Hötel, um ſich bei der Marquiſe von Monceaur anmelden zu laſſen. Es war die höchſte Zeit. Gabriele war mit Tages⸗ anbruch aufgeſtanden, hatte ſich ankleiden laſſen, dann ihre Reiſeanſtalten angeordnet, und ohne geſehen zu wer⸗ den durch eine Spalte des Fenſtervorhanges die Unter⸗ redung des Miniſters mit Zamet beobachtet. Als er bei ihr eintrat, waren alle Vorbereitungen beendet. Gabriele gab eben Befehl, daß man die Pferde vorſpannen ſolle. Nachdem der Miniſter ſein Erſtaunen und ſein Be⸗ dauern über das, was er vernommen, ausgeſprochen, er⸗ klärte er den vom Könige erhaltenen Auftrag und führte die Sache ſeines Herrn zwar mit Wärme, indeß nur mit ſehr gemäßigter, und keineswegs mit jener Beredtſamkeit, welche die Welt ſchon ſo oft an ihm bewundert hatte. Gabriele war bezaubernd in ihrer melancholiſchen Schönheit. Sie ſchien Sully nur ein halbes Ohr zu leihen und währen der ſprach, umarmte und liebkoſ'te ſie zu wiederholten Malen ihr Kind. — Ich ſcheide von dem Könige, hob ſie endlich an, nach⸗ dem der Miniſter ſeine Rede geendet, aber ich liebe ihn — 86— noch und werde ihm ſtets die zärtlichſte Freundſchaft wid⸗ men. Ich verlaſſe ihn nur um ſeines eigenen Glückes willen; vielleicht, wenn ich es wollte, könnte ich bleiben; aber der König bedarf ſeiner vollen(Freiheit, alle Welt wünſcht es und wirft mir vor, ihn in meinen Feſſeln zu halten. Es würde nur meinen tiefen Schmerz vergrößern, ſpäter vielleicht verabſchiedet zu werden, was denn doch am Ende geſchehen würde. Ich ziehe es alſo vor, dem zuvorzukommen. Gehören Sie vielleicht zu Denen, die mir darin Unrecht geben? Sully konnte aufrichtig ſein, wenn er es ſein wollte. Die Redner von Profeſſion fanden gewöhnlich andert⸗ halben Redner an ihm; aber thatkräftigen Leuten gegen⸗ über war er laconiſch, wie ein alter Lacedämonier. — Nein, Madame, ſagte er, und ich werde Ihnen nur ſoweit widerſprechen, als es die Schicklichkeit er⸗ heiſcht. — In Sachen der Politik, Herr von Rosny, zählt die Schicklichkeit für nichts. Alſo aufrichtig: würden Sie dem Könige rathen, mir die Kleider in Stücke zu reißen, um mich feſtzuhalten? — Nun denn, nein, ich würde es nicht rathen. Seien Sie darum nicht weniger verſichert, daß ich eine Freund⸗ ſchaft, eine Achtung für Sie hege, die Sie auf jede Probe ſtellen können; aber— — Aber— Sie ſehen mich lieber zu Monceaux, als im Louvre? — — 827— — Ach Madame! Sie ſind es nicht, die mich hier genirt, ſondern die Maitreſſe des Königs. — Und dennoch habe ich Sie noch ſehr wenig ge⸗ nirt, ſeit ich zu dieſer vergänglichen Krone gelangt bin! ſprach Gabriele mit wehmüthigem Lächeln. Ich habe nur einen ſehr kleinen Raum auf meinem Throne einge⸗ nommen, und ich wünſche von ganzem Herzen, daß der König und ſeine Miniſter in Zukunft nicht mehr beläſtigt werden, als ſie es durch meine Gegenwart geworden ſind. Leben Sie wohl, Herr von Rosny. Ich verliere den König, weil ich ihm eine zu wahrhafte Freundin war. Er wird eine Andere an meiner Stelle wählen, die mich aber nicht erſetzen wird. Ich war ſanft gegen das arme Volk und ich hoffe, es wird meinem Andenken nicht fluchen. Leben Sie wohl, Herr von Rosny, ſchloß ſie. mit ausbrechenden Thränen; Sie wenigſtens haben mich genug geachtet, um nicht gegen mich zu heucheln; leben Sie wohl! Die Engelsgüte machte einen tieferen Eindruck auf den ſtrengen Hugenotten, als er ſelbſt erwartet hatte. Als er dies großmüthige Weſen in Thränen vor ſich ſah, frei von jeder bitteren Regung, ohne allen Groll, mußte er ſich ſagen, daß Heinrich in der That ein Weſen von ſolcher Reinheit, wie Gabriele, niemals wiederfinden würde, und machte ſich lebhafte Vorwürfe, nicht frei⸗ gebiger mit ſeinem Balſam zur Heilung einer ſo edlen Herzenswunde geweſen zu ſein. Er kam ſich ſelbſt un⸗ höflich, roh vor, er ſann auf eine Möglichkeit, ſeine — 38— Worte zurückzunehmen, oder doch nachträglich zu mildern, und mußte ſich am Ende ſelbſt eingeſtehen, ganz das Gegentheil von dem gethan zu haben, was der König ihm aufgetragen hatte. Da ihm ſein miniſterielles Gewiſſen indeß ſagte, daß er im Grunde ſeinem Könige und dem Staate einen weſentlichen Dienſt geleiſtet habe, und Gabriele ihm weiter Nichts vorwarf, als ein klein wenig Härte, ſo unterdrückte er ſchnell dieſe mitleidige Regung — So entferne ich mich denn, Madame, ſprach er mit einem Ausdruck der Ehrerbietung, der wenigſtens diesmal ungeheuchelt war, um Sr. Majeſtät Bericht abzuſtatten, daß es mir nicht gelungen iſt, Sie zurückzuhalten. — So gehen Sie, mein Herr, verſetzte Gabriele noch unter Thränen lächelnd, und rühmen Sie ſich nicht gar zu ſehr der Mühe, die Sie ſich deshalb gegeben haben. Es war dies ihre einzige Rache. Das ſanfte Weib reichte ihrem grauſamen Henker ſogar noch die weiße Hand, die dieſer ehrfurchtsvoll mit den Lippen berührte und dann eiligſt die Flucht ergriff, den Sieg und ſeine Gewiſſensbiſſe mit ſich nehmend. Allein noch hatte er nicht das Vorzimmer überſchrit⸗ ten, bis wohin Gabriele ihm das Geleite gab, als man eilige Tritte auf der Treppe und eine rauhe Stimme vernahm. —— GHolla! Ihr Maulthiere und Eſel! macht nicht ſo viel Lärm mit euren Schellen. Harnibieu! ihr ſeid noch nicht fort! 4. — 89— Gabriele und Sully erbleichten bei dieſer Stimme⸗ Es war Crillon, den der arme König ſeinem erſten Abgeſandten in der Herzensangſt nachgeſchickt hatte, es wohl errathend, daß dieſer ſeine Botſchaft nicht mit ſon⸗ derlichem Enthuſiasmus ausgerichtet haben würde. — Aha! da ſind Sie ja, Herr von Rosny! rief der ehrliche Kriegsmann im Eintreten. Nun, wie ſteht es? Haben Sie Madame von ihrem Wahne geheilt? — Nein, mein Herr, verſetzte Rosny, ärgerlich über die unwillkommene Dazwiſchenkunft dieſes neuen Wort⸗ führers. Madame beharrt auf ihrem Vorſatze und iſt eben im Begriff abzureiſen. Gabriele hatte ſich ſchnell wieder gefaßt. — Das iſt wahr, fügte ſie hinzu, ſich mit ihrem ganzen Muthe waffnend, ich reiſe in dieſem Augen⸗ blicke ab. — Nicht doch, Madame, nicht doch! ſprach Crillon, Gabriele's Hand angreifend und ſie wieder in's Zimmer zurückführend. Vor allen Dingen müſſen Sie mich erſt anhören, denn auch ich habe Ihnen eine Rede zu halten. Rosny war den Beiden gefolgt, um dieſen Redner⸗ zu überwachen, deſſen wunderliche Weiſe und Offenherzig⸗ keit einige Beſorgniſſe in ihm erregte, es möge dieſem ge⸗ lingen, ihm das gewonnene Spiel wieder zu verderben. — Mein beſter Herr, ſagte Crillon, ihn bei den Schultern faſſend und ganz ruhig wieder zur Thür hin⸗ ausſchiebend, der König erwartet Sie mit größter Un⸗ geduld; er bedarf Ihrer. Er läßt Ihnen ſagen, Sie — 90— möchten Ihr Pferd ein wenig in Galopp ſetzen, wenn es Ihnen gefällig wäre. Während der Zeit werde ich hier einen neuen Sturmangriff verſuchen. Rosny ſträubte ſich. — Aber ſo haben Sie doch nur ein wenig Mitleid mit dem armen König, rief Crillon ungeduldig, er er⸗ wartet Sie dort und zerfließt in Thränen, daß es einen Stein in der Erde erbarmen möchte! Vor Ingrimm ſeinen Bart zerkauend, mußte Sully wohl oder übel den Rückweg antreten. — Ja, ja, meine liebe Dame, fuhr Crilon; zu Ga⸗ briele gewendet fort und ihre beiden Hände ergreifend, um ſie in ein Fenſter zu führen; ja, der König weint! — er iſt in einer Verzweiflung, daß mir das Herz blutet. Harnibien! wollen Sie das dulden?— Ein König von Frankreich mit rothgeweinten Augen! das iſt ja unerhört! — und ich? Sind die meinigen etwa trocken? — Ach Sie! ein Frauenzimmer— da hat es nicht ſo viel auf ſich!— Und weshalb dieſer Zorn, dieſer ganze Lärm?— Weil der König auf dem Maskenball 4 war, weil er Sie ein wenig betrogen hat? Aber ich bitte Sie! er hat Sie vielleicht ſchon dreißigmal betro⸗ gen, ohne daß Sie darüber bös geworden ſind.— Schön! ich ſage da gute Dummheiten, unterbrach er⸗ ſich plötzlich, als er eine Anwandlung von Zorn aus Ga⸗ briele's Augen blitzen ſah. Nein, nein, es iſt nicht wahr, reine Erfindung. Der König hat Sie niemals betrogen, — 1— auch nicht einmal vorgeſtern; er hat mir die ganze Ge⸗ ſchichte ausführlich erzählt. Die Sache iſt nicht einer einzigen armſeligen Thräne aus dieſen hübſchen Augen werth. Harnibieu! wenn Ihr Sohn groß ſein wird, wird er die Weiber ebenfalls betrügen,— da müßte er nicht der Sohn ſeines Vaters ſein,— und Sie werden dazu lachen. Alſo lachen Sie! Gabriele wußte in der That nicht, ob ſie über dieſen ſeltſamen Troſt lachen oder weinen ſollte. Sie ſtammelte einige abgebrochene Reden, mit Seufzern untermiſcht, hervor; es waren dieſelben Klagen und Beſchwerden, die⸗ ſelben Entſchlüſſe, es war mit einem Worte jener ſanfte Widerſtand, wie ihn eben ein gutes, ungerecht gemißhan⸗ deltes Herz zu leiſten im Stande iſt. — Wenn Sie wegen verletzter Eigenliebe fort wollen, ſo haben Sie Unrecht, entgegnete Crillon. Was hat denn der arme König gethan? Er hat Sie ſelbſt um Ver⸗ zeihung gebeten, er hat Sie durch Andere darum bitten laſſen, das iſt ja Alles, was Sie verlangen können, und Ihre Ehre iſt vollkommen gedeckt. Hüten Sie ſich aber, die Sache gar zu weit zu treiben— Wie! dieſer gute König hat ein Kind, ein allerliebſtes kleines friſchgetauftes Zuckerpüppchen; er hat ſich ſo an ſeine Liebkoſungen ge⸗ wöhnt, und nun wollen Sie ihm ſein Kind, ſeinen klei⸗ nen Spielkameraden entführen?— Harnibieu! das iſt nicht recht, das iſt grauſam! Nein, nein, thun Sie es nicht, ſonſt nöthigen Sie mich, Sie ein böſes Herz zu nennen.— — 92— — Lieber Herr Crillon, vermehren Sie nicht mein Leiden; beharren Sie nicht länger darauf, meinen Ent⸗ ſchluß erſchüttern zu wollen; ich habe ja nichts mehr als mein Kind und Gott! — Und mich! Bin ich etwa nichts? rief der gut⸗ herzige Ritter gerührt. Genug, ich habe es dem König einmal verſprochen, daß Sie bleiben würden; und ſollte ich mich quer vor Ihre Schwelle legen, Sie werden nicht abreiſen! Crillon hatte noch nicht ausgeſprochen, als man am Fuße der Treppe eine keuchende Stimme vernahm: — Ich will, ich muß mit Herrn von Crillon ſprechen! — Der Teufel hole das einfältige Vieh! brummte der Ritter, erzürnt über dieſe Unterbrechung. — Sagen Sie ihm, ich ſei einer von ſeinen Gar⸗ diſten! rief die Stimme. — Was kümmert mich das jetzt? dachte Crillon. — Ich heiße Pontis, und muß ihn durchaus wegen eines großen Unglücks ſprechen, das ſich ereignet hat. — Gott weiß, was der Schuft wieder angeſtiftet hat, er macht immer dumme Streiche, ſagte Crillon zu Gabriele; aber es wird nicht ſo große Eile haben; er mag warten, ſammt ſeinem albernen Unglück. — Sagen Sie ihm, heulte die Stimme, es beträfe Herrn Esperance! Mit einem Satze war Crillon an der Treppe, bog ſich über das Geländer hinab und ſchrie mit einer Sten⸗ torſtimme: 3 — 93— — Komm herauf, Dummkopf! — Esperance! flüſterte Gabriele, und eine lieb⸗ liche Erinnerung ſtieg vor ihren von Thränen getrübten Blicken auf. — Crillon und Pontis ſtanden einander bereits gegenüber, als Gabriele auf die Thürſchwelle trat. — Herr Ritter, rief der Dauphineſer, zitternd, dun⸗ kelroth im Geſicht, und bei jedem Worte athemlos inne haltend, wo iſt Herr Esperance? — Parbleu! wie ſoll ich das wiſſen? — Wie, Sie wiſſen es nicht? Aber geſtern Abend ſind Häſcher in ſein Haus gedrungen— — Haͤſcher!— Und wozu? — Häͤſcher? wiederholte Gabriele näher tretend. — Ja, Madame, Häſcher, die im Namen des Königs kamen. — Nun, und weiter? rief Crillon. — Dann haben Sie Herrn Esperance fortgeſchleppt. — Wohin? — Da ich Sie darum frage, Herr Ritter— — Aber haſt Du Dich denn nicht erkundigt, Schafs⸗ kopf? ſchrie Crillon, den jungen Mann am Büffelwamms faſſend und heftig ſchüttelnd. — Freilich habe ich das. — Bei den Leuten, bei ſeinen Nachbarn, bei Zamet? — Iſt er ein Nachbar Zamets? fragte Gabriele ſtutzend. — Ja, Madame, Straße de la Ceriſaie. — Straße de la Ceriſaie! rief Gabriele, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen.. — Aber, fuhr Crillon zu Pontis gewendet fort, warum dieſe Häſcher? Was wollten ſie von ihm? Was hat er verbrochen? — Nichts. — Wen hat er geſehen, bei ſich aufgenommen? — Niemand, als einen in einem Mantel verhüllten Mann, den man ihn vorgeſtern Abend, zwiſchen neun und zehn Uhr, bei der Hand aus dem Garten über den Hof führen ſah. Gabriele erbebte. — Im Augenblick, fuhr Pontis fort, als ich Eſel in ſeiner ſchönen Caroſſe paradirte. — Aber dieſer Mann, drängte Crillon, wer war es? — Weiß ich es? — Ich glaube es zu wiſſen, unterbrach Gabriele, von einem nervöſen Zittern ergriffen. Dies Haus, das Herr Esperance bewohnt— es iſt ſchön? — Ja. — Neu? — Ganz neu. — Ein großer Hof, ein Garten, und dieſer ſtößt— — An den des Herrn Zamet. Ganz recht. — Und dort hat Herr Esperance vorgeſtern Abend einen Mann hinausgeleitet? — Ja, Madame. — Nun denn, dieſer Mann war der König. — 95— — Jetzt begreife ich, rief der Ritter; der König kam von Zamet und bediente ſich einer Breche in der Mauer.— — Und der König hat ſich eingebildet, fuhr Gabriele fort, daß ich durch den armen Esperance von ſeinem Aben⸗ teuer benachrichtigt worden ſei, und rächt ſich nun dafür. — Harnibieu! jetzt begreife ich wieder gar nichts. — Später werden Sie alles begreifen. Crillon war im Begriff zu antworten, als ein Diener Gabriele's eilig in's Zimmer ſtürzte, ſeiner Gebieterin ein kleines, ſeltſam geformtes Paͤckchen überreichte, und ihr zuflüſterte: — Hier, Madame, unterſuchen Sie dies geſchwind; man ſagte, das Leben des Königs hänge davon ab! Haſtig zerriß Gabriele den Umſchlag, der ein in Gips modellirtes Figürchen enthielt; an dem Figürchen war ein Zettel befeſtigt; ſie überflog ihn und erbleichte. — Um des Himmelswillen, Herr von Crillon! rief ſte, eilen Sie in's Louvre, zum König, ſchnell, ſchnell! — Was ſoll ich ihm ſagen?. — Daß ich in Paris bleibe, daß ich ihn nicht mehr verlaſſe, daß ich ſogleich bei ihm ſein werde.— Gehen Sie, eilen Sie, ich folge Ihnen! — Der Köoͤnig wird nicht mehr weinen, und ich werde zugleich von ihm erfahren, was aus Esperance geworden iſt, rief der Ritter, die Treppe mit der Schnelligkeit eines Jünglings hinabſpringend 6. Im Louvre, den 27. December 1594. Der Saal des Königs im Louvre war an dem Tage voll von geſchäftigen, beſorgten Leuten; Kriegsmänner und Civilperſonen gingen in der Gallerie auf und ab, ſich über die Zurückgezogenheit und Trauer des Königs, ſo wie über ſeinen Bruch mit Gabrielen unterhaltend. Ue⸗ berall hatten ſich einzelne Gruppen gebildet, viele Leute gingen aus und ein, ohne beobachtet zu werden. Das an ſich unbedeutende und oft ſchon erlebte Er⸗ eigniß hatte diesmal die Größe und Bedeutung einer Cataſtrophe angenommen. Tauſenderlei verſchiedene Ge⸗ rüchte liefen umher, bald wußte man beſtimmt, daß die Marquiſe ſchon abgereiſt ſei, bald behauptete man, daß ſich der König ſehr bald darüber tröſten werde. Plötzlich ging Herr von Rosny eiligen Schrittes durch den Saal, um ſich in das Kabinet Sr. Majeſtät zu begeben. Seine kalte verſchloſſene Phyſiognomie ward von vie⸗ len neugierigen Blicken befragt, aber nichts war über den — 97— wahren Stand der Dinge daraus zu erforſchen. Sully wäre ſelbſt in große Verlegenheit gerathen, wenn er hätte ſagen ſollen, was er in dieſem Augenblicke davon denke.. Daß es Crillon gelingen werde, Gabrielen von ihrem Entſchluſſe abzubringen, ſiel ihm nicht im entfernteſten ein, andrerſeits ſcheute er ſich auch Heinrich die entſchie⸗ dene Weigerung ſeiner Geliebten anzukündigen. Je näher Sully der königlichen Kabinetsthür kam, je langſamer wurden ſeine Schritte, um Zeit zum Erſinnen irgend einer ausweichenden Antwort zu gewinnen. Allein der König ließ ihm nicht die Zeit dazu. So⸗ bald er ihn durch einen Spalt des Thürvorhanges nur gewahrte, eilte er auf ihn zu, und befragte ihn mit Bli⸗ cken um den Erfolg ſeiner Sendung. — Sie hat Sie abgewieſen! rief Heinrich, als er das verſchloſſene Geſicht ſeines Miniſters eine Sekunde betrachtet. 4 — Ich muß Ihnen leider geſtehen, Sire, daß... ſtammelte Rosny achſelzuckend.. — Dieſer Streich iſt zu hart, rief der König außer ſich; er wird mir den Tod geben. Und ich liebte die Undankbare ſo heiß und zärtlich.— Was ſage ich, die Undankbare!— Nein, nein, ich allein bin hier undank⸗ bar, und ſie rächt ſich nur für meinen Verrath an ihrem Herzen—— Sie thut ganz recht. Das alles klingt nicht ſo übel, dachte Sully; die Erploſton iſt nur mäßig, ich habe weder zu viel noch zu Gabriele. VlI. 7 — 93— wenig geſagt. Wenn die Marquiſe darauf beharrt, ab⸗ zureiſen, ſo iſt er jetzt wenigſtens hinlänglich vorbereitet; läßt ſie ſich durch Crillon erweichen, ſo habe ich mich wiederum nicht ſo weit vorgewagt, um nicht mit Ehren zurücktreten zu können. Um aber in dem Falle dem erſten Anſtoße auszuweichen, müſſen wir vor allen Dingen den König zu entfernen ſuchen. — Sire, ſprach er alſo laut, faſſen Sie Muth. Ew. Majeſtät können und dürfen nicht länger ſo nieder⸗ geſchlagen bleiben. — Nein, gewiß nicht, entgegnete Heinrich, und mein Entſchluß iſt bereits gefaßt. — Wahrhaftig? rief Rosny erfreut. — Ja. Spogleich gehe ich zur Marquiſe, um ihr alles zu ſagen, was ich auf dem Herzen habe. — Aber, Sire, bringen Sie dadurch nicht die kö⸗ nigliche Würde in Gefahr, blosgeſtellt zu werden?— Daß meine Bemühungen die Marquiſe zu überreden ge⸗ ſcheitert, thut nichts, und wenn es Crillon eben ſo wenig gelungen iſt... — Es iſt mir aber gelungen! rief der Ritter, in dieſem Augenblick mit dem anmeldenden Huiſſier zugleich in das Kabinet dringend. Bei Crillons Anblick, beim Klange dieſer ſüßen Worte, ſtieß der König einen Freudenſchrei aus und umarmte ſeinen glücklichen Abgeſandten, während Sully ſich auf die Lippen biß. 3 — ——-rꝛ— — 99— — Sie bleibt alſo, mein Crillon, ſie bleibt? rief der gute König mit einem kaum zu beſchreibenden Ent⸗ zücken. — Mehr noch, ſie kommt zu Ihnen. — O mein Himmel! dann müſſen wir ihr ſchnell entgegen! Komm, Crillon, kommt, meine Freunde! — Sire, ich beſchwöre Sie, Mäßigung! ſprach der Miniſter, den König bei der Hand faſſend. — Ich bitte nur um einen Augenblick Geduld, Sire, fügte Crillon hinzu, die andere Hand des Königs erfaſſend. Die Marquiſe von Monceaux wird in einigen Minuten im Loudvre ſein, und wird mir hoffentlich bezeugen, daß ich Ihre Angelegenheiten auf das Gewiſſenhafteſte beſorgt habe. Finden Sie das nicht auch, Sire? — Ja, ja, mein treuer Crillon! — Nun ſo erlauben Sie mir auch ein wenig an die meinigen zu denken, die in Ihrer Hand liegen. Eine Liebe iſt der anderen werth. — Was willſt Du? — Sie haben einen jungen Mann in der Straße de la Ceriſain verhaften laſſen. 1 — Allerdings habe ich das; einen Gecken, der mich mit Gabrielen entzweit hatte, einen Verräther, dem ich mich anvertraut hatte, um ungeſehen aus Zamets Hauſe zu entkommen, und der mich der Marquiſe verrathen hat! — Das iſt unmöglich, ſprach Crillon feſt und ent⸗ ſchieden. — Wie ſo? 7* — — 100— — Mehr noch als unmöglich, das iſt falſch, grund⸗ falſch! Der junge Mann iſſt ein loyaler, ehrenhafter Burſche, aber kein Verräther. — Du kennſt ihn alſo? — Harnibieu! Ob ich Esperance kenne! — Esperance? Ja, ja, ganz recht; jetzt entſinne ich mich,— jener ſchöne junge Mann, der verwundet ward, im Genovefenſtift— ja, ja, ich wußte wohl, daß ich dies Geſtcht ſchon einmal irgendwo geſehen hatte. Nun denn, mein braver Crillon, Dein Schützling iſt trotz alle dem ein Verräther— und ich hatte mich ihm anvertraut, hatte ihm die Hand gedrückt! Ventre⸗ſaint⸗gris! wäre ich nur ein ſchlichter Edelmann, ich hätte ihn mit der Degenſpitze für ſeine Felonie gezüchtigt; da ich aber ein König bin, muß ich ihn auch als ſolcher ſtrafen! — Und dennoch ſage ich, es iſt ein ehrenhafter Junge! — Ein Hochverräther iſt er! — Setzen Ew. Majeſtät etwa Zweifel in meine Bürgſchaft? rief Crillon, vor Zorn erbleichend. — Deine Bürgſchaft? — Ja, Sire, ich leiſte Ihnen Bürgſchaft, daß der junge Mann Sie nicht verrathen hat, und fordere alle ſeine Ankläger heraus, es mir ins Angeſicht zu be⸗ weiſen... — Du ſollſt befriedigt werden, denn Gabriele ſelbſt iſt es, die es mir geſagt, und da ſie kommt, ſo wird ſie es Dir wiederholen können. — Gabriele? rief der Ritter außer ſich. Hat man — 101— jemals eine ſolche Doppelzüngigkeit geſehen! Und ſo eben ſagte ſie mir, daß er ganz unſchuldig ſei— Bei meinem Degen! ich habe ſtets behauptet, daß der Hof nichts weiter als ein Tummelplatz für bösherzige Lügner und Schufte iſt, und ich habe Recht! — Da iſt ſie ſelbſt! rief der König, den Thürvor⸗ hang zur Seite ſchiebend, um Gabriele früher zu ſehen, die ein ſchmeichelhaftes Murmeln der Höflinge bei ihrem Eintritt in die Galerie empfing. Im vollen Glanze ihrer von der Aufregung noch er⸗ höhten Schönheit ſchritt ſie raſch durch die Galerie, und überall auf ihrem Wege fegten die Straußfedern den Fußboden. Der König konnte ſich nicht länger halten; er breitete ihr die Arme entgegen und zog ſie mit einem von Thränen und von Freude zugleich glänzendem Antlitz in ſein Ka⸗ binet. Sully, der richtig erkannte, daß der Augenblick günſtig ſei, um ſeinem Rückzuge den Schein der Discretion zu geben, ſchlich mit einem unterdrückten Seufzer hinaus. Crillon aber blieb. Er ließ den König einige Minuten ſich an dem Anblicke ſeines Abgottes erlaben, er ließ Heinrich Zeit, ſein Herz in zärtlichen Vorwürfen, in Seufzern, in Betheuerungen ewiger Treue und Liebe aus⸗ zuſchütten, dann aber berührte er leiſe Gabrielens Arm und ſprach: — Während Sie hier glücklich ſind, ſchmachtet ein unſchuldig Angeklagter durch Ihre Schuld im Kerker. — 102— Seien Sie aufrichtig und wahr, Madame, wie es Ihr Geſchlecht in der Regel ſonſt nicht iſt: Sie haben Espe⸗ rance des Hochverraths angeklagt; beharren Sie noch darauf? — O mein Gott! rief Gabriele; in der Freude und Verwirrung dieſes Augenblicks vergaß ich des Armen; aber noch iſt es hoffentlich Zeit, mein Unrecht wieder gut zu machen! — Sie ſagten mir, daß Sie alles durch dieſen jungen Mann erfahren hätten, ſprach der König. — Ich ſagte Ihnen, Sire, was ein armes Weib ſagen kann, das man belügt und ſelbſt zur Lüge treibt. Das Wahre aber iſt, daß ich ſchon vor Ihrem Ausgange, nicht durch den jungen Mann, ſondern durch einen Brief eines mir völlig Unbekannten davon unterrichtet war; daß ich mich, um Sie auszuſpähen— und ich klage mich deſſen hiermit ſelbſt an,— in der Straße de la Ceriſain verborgen hatte, und daß ich Sie mit meinen eigenen Augen aus jenem Hauſe kommen ſah. Allein jetzt bin ich es der Wahrheit ſchuldig, nur mich allein anzuklagen; erſt heute erfuhr ich durch unſeren wackeren Crillon, daß Herr Esperance in der Straße de la Ceriſain wohnt, und daß Ew. Majeſtät vorgeſtern Abend mit ihm geſprochen haben. — Habe ich es Ihnen nicht geſagt, Sire? ſchrie Crillon freudig, Gabrielens Hand küſſend. Und nun bitte ich Sie, was haben Sie mit dem armen, ehrenhaften, ſo unſchuldig verleumdeten Jungen gemacht? — 103— — Ich ſchäme mich faſt es zu ſagen, erwiederte der . König etwas verlegen, ich habe ihn ins Chätelet ſperren laſſen. — Harnibieu!— ins Gefängniß!— wie einen ge⸗ meinen Schurken— meinen braven Esperance!— Ach, Madame! er iſt im Stande darüber krank zu werden— wohl gar zu ſterben!— Im Kerker!— Ja, ja, ſo geht es auf der Welt! Die Weiber lügen in den Tag hinein, ohne zu bedenken, daß ihre Lügen auf einen ehrlichen, unſchuldigen Burſchen zurückfallen können! — Sie ſehen meine Verzweiflung darüber, lieber Crillon, rief Gabriele, faſt weinend. — Was hilft die Verzweiflung jetzt, nun das Un⸗ glück geſchehen iſt!- — Man muß ihn in Freiheit ſetzen, ſagte der König. — Harnibieu! das wird ſchnell veiceſen ſein! ſchrie der Ritter, ſchnell wie ein Pfeil davon ſchießend und die Liebenden allein laſſend. — Und Sie, Sire, ſprach Gabriele, der Heinrich zärtlich die Hände drückte, mit ſanftem Vorwurfsblick; haben Sie nicht auch wie ich Gewiſſensbiſſe? — Meine Seele iſt nur von Liebe und Freude er⸗ füllt, ſeitdem ich Sie wiederſehe— Ach, mein Himmel! unterbrach ſich Heinrich plötzlich auffahrend. — Was iſt? fragte Gabriele erſchrocken. — Da iſt der närriſche Crillon davongelaufen, und ohne einen von mir unterzeichneten Befehl wird ihm der Gouverneur des Chäaͤtelet den Gefangenen nicht heraus⸗ geben, und wenn er hundertmal Crillon wäre! — So ſchreiben Sie ſchnell den Befehl, drängte Gabriele; wir wollen einen Pagen nachſenden. Dann aber bitte ich Ew. Majeſtät auch Das gnädig anhören zu wollen, was ich Ihnen vorzutragen habe. Der König ſchrieb noch, als Sully eintrat, Gabrielen mit einem etwas verlegenen Lächeln begrüßend. — Sire, hob der Miniſter an, die Galerie iſt mit Leuten angefüllt, und ich komme Ew. Majeſtät eine gute Nachricht zu verkündigen. — Das iſt die Folge der Rückkehr dieſes guten Engels, ſprach der König galant, den Befreiungsbefehl Esperance's unterzeichnend, den Gabriele mit den Augen verſchlang. Aber was iſt das für eine Nachricht? — Die Herren de Ragny und de Montigny, Edel⸗ leute aus der Picardie, ſind eben erſchienen, um ihre Un⸗ terwerfung zu erklären. Das erſpart uns Kanonen und Pulver, und mithin Geld. Sie harren in der Galerie, um ſich Ew. Majeſtät zu Füßen zu werfen. — Rebellen?— Aber, mein lieber Rosny, ich habe da ebenfalls eine kleine Rebellin bei mir, die ſich unter⸗ worfen hat, und ich bin ihr einige Augenblicke ſchuldig, um ihr meine Bedingungen zu verkündigen. — Ich glaube faſt, daß Ew. Majeſtät eigentlich ſelbſt hier der Unterwürfige ſind, antwortete der Miniſter ernſt⸗ haft. — Und demgemäß bin ich es, die hier Bedingungen ———— = 103 zu machen hat, ſprach Gabriele eben ſo ernſthaft. Sie können ſie immerhin mit anhören, Herr von Rosny. — Madame... — Die erſte iſt, daß der König das Louvre nicht mehr ohne mich verlaſſen wird. — Sehen Sie ſich vor, Frau Marquiſe, verſetzte der Miniſter etwas freundlicher; dieſe Bedingung ſcheint mir doch etwas von der Eiferſucht dictirt zu ſein, und die Eiferſucht geht leicht zu weit— ſelbſt in ihrem Triumphe. — Ich bin nur eiferſüchtig darauf, über das Wohl meines Königs zu wachen, und da ſein Leben bedroht iſt, wenn er das Louvre verläßt... — Wer ſagt das? fragte der Miniſter mit ſpöttiſchem Lächeln. — Dieſes Blatt, erwiederte Gabriele, das ſo eben an ſie abgegebene Billet hervorziehend und dem Miniſter zeigend. — Von wem? — Leſen Sie die Unterſchrift. — Bruder Robert?— Mir unbekannt— — Aber mir nicht! rief der König heftig und ſich des Blattes bemächtigend. Er las laut: „Meine geliebte Tochter, weichen Sie nicht von des Königs Seite; laſſen Sie ihn nicht aus dem Louvre gehen, ganz beſonders aber laſſen Sie die Geſtalt, die Sie hier vor ſich ſehen, nicht in ſeine Nähe kommen, wenn Ihnen dieſelbe etwa begegnen ſollte. — 106— — Hier iſt ſie, fügte Gabriele hinzu, eine kleine ſehr kunſtvoll modellirte und gemalte Gipsfigur unter ihrer Mantille hervorziehend. — Ventre⸗ſaint⸗gris!— Bruder Robert hat mir dieſelbe Figur ſchon einmal gezeigt! — Mit einem Meſſer bewaffnet, ſagte Sully. Das iſt nur ein Schreckmittelchen— eine echte Mönchserfin⸗ dung, um Ew. Majeſtät einzuſchüchtern— — Nein, nein, verſetzte der König nachdenkend; der Mönch, der das erfunden hat, gehört nicht zu Denen, die ſo leicht einzuſchüchtern ſind und die Andere furchtſam machen wollen. 3 — Sei es denn, ſprach der Miniſter, unmerklich mit den Achſeln zuckend; Ew. Majeſtät wird das Louvre nicht verlaſſen, und was die hier nachgebildete Figur betrifft, ſo wird man wachſam ſein— Einſtweilen aber, Ma⸗ dame, hat der König denn doch einige wichtige Geſchäfte zu erledigen, die das Wohl des Staats erheiſcht. Viele Perſonen erwarten den König in der Galerie; die Galerie iſt im Louvre und wir verletzen daher nicht die von Ih⸗ nen geſtellte Bedingung, wenn wir Se. Majeſtät dahin gehen laſſen. — Ich komme ſogleich, ſagte der König. Sie wer⸗ den während dem dieſen Befehl für den Gouverneur des Chatelet unterſtegeln, Rosny, und Madame wird ihn an ſich nehmen. — Ich werde darauf warten, Sire. — 107— — Und ich will nun einen Umgang in der Galerie halten. — Sie kommen wieder rülke — Augenblicklich. — Und Sie ſchwören mir, das Louvre nicht zu ver⸗ laſſen? — Mein eigener Vortheil iſt es ja, wenn ich mich Ihren Befehlen füge, ſprach der König, die Geliebte zärt⸗ lich an ſein Herz drückend, während der Miniſter pfleg⸗ matiſch Siegellack und Petſchaft zurecht legte. Heinrich ſchob ſelbſt den Thürvorhang zurück. Der Huiſſier ſtampfte, dem Ceremoniell gemäß, laut mit dem Fuße auf, um den wachthabenden Gardecapitain durch dies Zeichen zu benachrichtigen, und dieſer rief in die Galerie hinaus: — Der König, meine Herren! Heinrich erſchien, das Lächeln auf den Lippen, mit heiterer Stirn und freudeblitzendem Auge, wie am Tage einer gewonnenen Schlacht. Er ſchritt auf die Höflinge zu, deren Zahl ſich noch vermehrt hatte und die ihn bald mit ehrfurchtsvoller Ver⸗ traulichkeit umringten. Gabriele war in der Nähe der offen ſtehenden Thür geblieben und verfolgte ihn ängſtlich mit ihren Blicken. Sie ſah, wie er ſich der Gruppe der picardiſchen Edel⸗ leute näherte, deren Unterwerfung Sully vorhin angekün⸗ digt hatte. Einer von ihnen richtete mit einer Kniebeu⸗ gung im Namen ſeiner ebenfalls knieenden Freunde eine 103— kurze Anrede an den König, die dieſer mit einigen güti⸗ gen und verzeihenden Worten erwiderte. Der Auftritt war rührend und intereſſirte Gabrielen auf das lebhafteſte. Sully hatte eben im Kabinet die Ordre unterſiegelt und überreichte ſie nun Gabrielen, wodurch deren Auf⸗ merkſamkeit für einen Augenblick von der Scene in der Galerie abgelenkt ward. Sobald ſie aber das Couvert an ſich genommen, richtete ſie ihre Blicke wieder hinaus. Die Edelleute dankten dem Könige für ſeine Groß⸗ muth; ein beifälliges Murmeln rauſchte durch die ganze Verſammlung. Plötzlich vernimmt man einen Schrei vom Ende der Galerie her, auf deren Schwelle ein Mönch mit ausge⸗ breiteten Armen und unordentlicher, beſtaubter Kleidung erſcheint. Aufgepaßt! er iſt hier! rief eine dumpf am Gewölbe widerhallende Stimme. — Bruder Robert! ruft Gabriele; ihre Blicke ſuchen den König. Dieſer hat ſich eben gebückt, um den dicht vor ihm knieenden Edelmann aufzuheben, als man dicht über ſeinem Kopfe ein Meſſer in der Hand eines bleichen jungen Mannes blitzen ſieht. Gabriele ſtößt einen gellenden Schrei aus. Sie hat in dem Mörder die Gipsfigur des Genovefenbruders wiedererkannt. Jean Chäͤtel hatte ſich unter die Gruppe geſchlichen und dieſen Augenblick gewählt, um den Mord⸗ ſtreich zu vollführen. — 109— Auf Gabrielens Schrei hatte der König den Kopf ein wenig gewendet, ſo daß der ſeinem Herzen beſtimmte Stoß ihn am Munde traf. Verwundet, betäubt, richtet er ſich inmitten der bleichen und beim Anblicke des über ſein Geſicht rieſelnden Bluton vor Schrecken erſtarrten Menge auf. Gabriele brach ohnmächtig zuſammen. Während der allgemeinen Erſtarrung will der Mör⸗ der entfliehen; aber Bruder Robert erfaßt ihn mit kräf⸗ tiger Fauſt am Halſe und ſchleudert ihn den Officieren und Edelleuten zu, deren gezogene Schwerdter ſchon drohend über ihm blitzten. — Tödtet ihn nicht! ſchreit der Mönch mit gewal⸗ tiger Stimme; er muß ſprechen! Sully, der bleich und zitternd herzugeſprungen iſt, läßt den König in ſein Kabinet tragen. Von allen Seiten vernimmt man jetzt Klagen, Ausbrüchsder Wuth in der Verſammlung; die augenblickliche Erſtarrung iſt in eine 1 allgemeine Verwirrung übergegangen. Bruder Robert folgt Sully in das Kabinet, deſſen Thür der Miniſter in ſeiner Beſtürzung offen gelaſſen hatte. Heinrich war ſchnell wieder zu ſich gekommen und bemühte ſich nun ſelbſt, ſeine Freunde zu beruhigen. Er erkundigte ſich nach Gabrielen, die man wieder aufgerich⸗ tet und an ſeine Seite geleitet hatte. Er lächelte dem armen Weibe zu, das wieder zur Beſinnung erwacht war 3 und nun beim Anblick des Blutes in eine Thränenfluth ausbrach.— — 110— Mit finſterer, imponirender Ruhe hat während dem der Mönch einen Cordon von Wachen vor dem Cabinet aufſtellen laſſen und ſchließt die Thüren, außerhalb wel⸗ cher man noch das Geräuſch der verwirrten Menge ver⸗ nimmt; dann nähert er ſich dem Könige, wäſcht die klaf⸗ fende Wunde aus und verſucht ſie mit zitternden Fingern wieder zu ſchließen. — Ach, Bruder Robert! jammerte Gabriele, die Fi⸗ gur, die Figur! — Ich war nicht im Stande zu rechter Zeit zu kommen, murmelte der Mönch dumpf in ſeine Kapuze. — Wie iſt es mit der Wunde? fragte der König, als er ſah, daß keiner der Umſtehenden es wagte, das Wort zuerſt an ihn zu richten. — Nicht wahr, ſie iſt nicht gefährlich? ſagte Sully mit Thränen in den Augen. — Nicht im Geringſten, antwortete der Mönch. — Gott ſei Dank! rief der Miniſter; ich will es ſo⸗ gleich überall verkündigen laſſen! Und mit dieſen Worten wollte er zur Thür eilen, allein Bruder Robert vertrat ihm den Weg und hielt ihn mit eiſerner Fauſt feſt. — Sind Sie verrückt, Bruder Mönch! fragte Rosny, erſtaunt über ſolche Dreiſtigkeit. — Bleiben Sie, ſprach dieſer ruhig. — Aber Sire, rief Rosny, hören Sie nur dies Weh⸗ 5 klagen und Jammern! In wenig Augenblicken wird die ganze Stadt im Trauer und Angſt ſein; das heißt den — 111— Staat einer wirklichen Gefahr ausſetzen, wenn wir nur einen Augenblick länger zögern zu verkündigen, daß der König außer Gefahr iſt. Kümmert Euch um Eure Ge⸗ bete und Compreſſen, aber miſcht Euch nicht in Staats⸗ angelegenheiten! — Und ich ſage Euch, erwiederte der Mönch, daß man der Schreckensnachricht ruhig ihren Lauf laſſen ſoll, daß viel größere Gefahr für den Staat iſt, wenn man den König nicht ſterbend glaubt. Und woher wißt Ihr ſelbſt denn ſo gewiß, daß die Wunde nicht dennoch tödt⸗ lich iſt, daß das Meſſer nicht vergiftet war? Bei dieſen Worten drückte er ſowohl dem Könige wie Gabrielen verſtohlen die Hände; beide verſtanden ſofort die Bedeutung des Druckes und erwiederten ihn eben ſo. Der König lächelte ſogar. — Aber dieſer Menſch iſt verrückt! ſchrie Rosny, außer ſich vor Wuth. — Sie ſelbſt ſind verrückter als ich, denn Sie ſchreien wie ein Verrückter! verſetzte der Mönch leiſe und haſtig. Wie, Sie wollen ein Staatsmann ſein, und begreifen nichts von dem was vorgeht? Sie begreifen nicht, daß die Herzogin von Montpenſier ſo eben ihren zweiten Trumpf ausgeſpielt hat, und daß Sie ſie verhindern wer⸗ den, ihren dritten und letzten auszuſpielen? Wer iſt nun von uns Beiden verrückter?— Sehen Sie den König an: er ſagt nichts, er ſchließt die Augen, Sie ſehen alſo, daß er todt iſt! — 112— Dieſe düſtere, wie von einem überirdiſchen Geiſte be⸗ ſeelte Geſtalt hatte in dieſem Augenblicke nichts Menſch⸗ liches mehr; ſie erſchien wie einer jener erhabenen Pro⸗ pheten, deren Gedanken und Worte wie der Blitz leuch⸗ ten und die vor ihrer unheilvollen Prophezeiung ſtarreude Menge wie das Rollen des Donners erſchüttern. Deer König öffnete noch einmal die Augen, ſah Rosny an, legte den blutigen Finger auf den Mund, als wolle er dieſem Schweigen und Gehorſam empfehlen, und ſank dann langſam in Gabrielens Arme zurück. Der Mönch hatte das Cabinet raſch verlaſſen und einigen vertrauten Dienern einen Wink gegeben, die Thür hinter ihm wieder feſt zu verſchließen. Als er in die Galerie trat, drängte ihm dieſe ver⸗ ſammelte Menge mit bleichen verſtörten Geſichtern ent⸗ gegen. — Wie iſt es?— Was ſagt man?— der König! der König!— Wie oefindet ſich der König? fragten hundert Stimmen, leiſe und von Angſt beklommen. — Der König iſt todt! entgegnete der Mönch mit tiefer, feierlicher Stimme, die einen allgemeinen Schauer hervorrief. Einen Moment trat Todtenſtille ein. Dann aber brach unaufhaltſam ein Jammern und Wehklagen aus, von dem nur hier und da die Worte vernehmlich waren: — Der König iſt todt!— der König iſt todt! — 113— Auf einen gebieteriſchen Wink des Mönchs räumten die Wachen langſam die Gallerie. Edelleute, Officiere, Höflinge und Diener zerſtreuten ſich nach allen Richtungen, und alsbald vernahm man unter den Fenſtern, durch die Straßen den Klageruf: „Der König! der König iſt todt!“ wie das Brauſen eines unheilverkündenden Sturmes. In ſeine ſchwarze Kapuze gehuüllt, ſtand Bruder Ro⸗ bert unter der Pforte und lauſchte aufmerkſam dem im⸗ mer weiter ſich verbreitenden Geheul in dem ungeheuren Straßenlabyrinth. Gabriele. VI. 8 7. Abwehr und Ausfall. Wir haben Marie Touchet und ihre Tochter in einer verzweifelten Situation verlaſſen. Es dürfte daher nicht überflüſſig ſein, uns ihnen wieder zuzuwenden und zu ſehen, auf welche Weiſe ihr Scharfſinn ſie aus derſelben befreite. Im erſten Augenblick war ihre Beſtürzung ſo ge⸗ waltig, daß ſte nirgend einen Rettungsweg ſahen. La⸗ ramée hatte ſie in der Alternative gelaſſen, ſich ihm ent⸗ weder ſtillſchweigend zu übergeben, oder alles zu entdecken, und dadurch zugleich die Familie zu entehren und alle ehrgeizigen Pläne für immer zu zerſtören. Ihr nächſtes Beſtreben mußte demnach dahin gerichtet ſein, ſich dieſer fürchterlichen Alternative zu entziehen. Aber weder die Tochter, mit ihrer verzweiflungsvollen Wuth, noch die Mutter, mit dem Pflegma ihrer rach⸗ ſüchtigen Ueberlegung, konnten einen Ausweg finden. Sie überzeugten ſich ſehr bald, daß das ganze Haus, wie Laramée es ihnen geſagt hatte, umſtellt und bewacht, und jede Flucht eine Unmöglichkeit ſei; zudem, wenn dieſe auch vielleicht gelungen wäre, was half es? Bei den Mitteln, die ihrem Verfolger zu Gebote ſtanden, hätte er ſie früher oder ſpäter doch wieder in ſeine Ge⸗ walt bekommen, und ſein grauſames Spiel mit ihnen fortgeſetzt, wo er es gelaſſen. Schon der bloße Gedanke an einen Aufſehen erregen⸗ den Schritt, der den König gewarnt und ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf Henriette's Wandel gelenkt, war ihnen uner⸗ träglich. Nachdem Marie Touchet über eine Stunde nach einem Rettungsweg aus dieſem dunklen Labyrinthe umhergetappt, mußte ſie ihrer Tochter voll Beſchämung geſtehen, daß ſie keinen gefunden, daß ihre Lage eine verzweifelte und das einzige Mittel, um die Streiche ihres Verfolgers, wenn auch nicht abzuwehren, aber ihnen doch einen Theil ihrer Kraft zu benehmen, darin beſtehe, Herrn von Entragues und dem Grafen von Auvergne, ſobald dieſe von Zamet und aus dem Louvre zurückgekehrt ſein wuͤrden, Alles offen zu geſtehen. Die ſtolze Henriette beugte das Haupt vor dieſer ent⸗ ſetzlichen Nothwendigkeit und gab ſich rückhaltlos dem Ausbruche ihrer Verzweiflung hin. Es giebt Lagen, wo ſelbſt dieß wenigſtens auf Augenblicke den Schmerz etwas lindert. Als ihr Vater und ihr Bruder endlich erſchienen, hatte ſie ſich wieder ein wenig gefaßt und zu dem un⸗ vermeidlichen Opfer entſchloſſen. Marie Touchet ergriff das Wort und theilte den beiden erſchrockenen Cavalieren mit allem Aufwande ihrer erfinderiſchen Beredtſamkeit und in den gewandteſten 8* — 116— Milderungsausdrücken Laramées Brautwerbung ſo wie die Urſachen dieſer unerhörten Dreiſtigkeit mit. Während dieſer Erzählung, die, wie man begreifen kann, nur kurz und ſummariſch war, um das Benehmen Henriette's, welches Laramée zu ſolcher Dreiſtigkeit ver⸗ anlaßt, höchſtens als das eines leichtſinnigen jungen Mädchens erſcheinen zu laſſen, ſaß dieſe ſchluchzend, mit verhülltem Anlitz da, und verſuchte es, die Zuhörer durch jene flehende Geberde zu erweichen, welche Cicero den Rednern als eines der wirkſamſten Ueberredungsmittel anempfiehlt. Herr von Entragues hörte der Erzählung ſeiner Gemahlin von jenem hugenottiſchen Pagen, von jenem Unbekannten aus der Normandie, ſchweigſam im Zimmer auf und abgehend und ſich vor Ingrimm die Nägel zer⸗ kauend zu. Der Graf von Auvergne ſtarrte finſteren Blickes auf die ſchwarzen, glänzenden Locken hin, welche ſich ſo zierlich um den weißen, üppigen Hals ſeiner Schweſter ringelten. Trotz der mütterlichen Beſchönigungs⸗ künſte mußte er ſich doch ſagen, daß dieſes kleine reizende Schweſterchen bereits Fortſchritte auf der Bahn der In⸗ triguen und Abenteuer gemacht habe, die ſelbſt für einen Cavalier ſeinesgleichen etwas allzufrei erſchienen ſein würden. Marie Touchet hatte ihre meiſterhafte Rede beendet. Ein minutenlanges Schweigen folgte darauf, das ſie be⸗ ſorgter wegen der beabſichtigten Wirkung machte, als es der heftigſte Zornesausbruch gethan haben würde. — 117— Henriette fühlte ebenfalls die wachſende Gefahr und ver⸗ doppelte demgemäß ihr Schluchzen und ihre Verzweif⸗ lungspantomine. — Das Ende vom Liede iſt, unterbrach der Graf von Auvergne endlich die peinliche Stille, daß dieſer La⸗ ramée ſich die bedenkliche Lage Mademoiſelle Henriette's zu Nutzen machen will? 3 — So ſcheint es, mein Sohn. — Dieſer Laramée iſt alſo von allem unterrichtet? Und einem ſolchen Schurken konnten Sie ſich anver⸗ trauen, ihm auch nur ahnen laſſen.. 2 — Wir wurden dazu gezwungen, unterbrach ihn Marie Touchet feierlich. — Gezwungen! wiederholte der Graf achſelzuckend; als ob man jemals gezwungen werden könnte, Thorheiten zu begehen! Das Wort war eben ſo wenig kindlich wie brüder⸗ lich; aber bei ſolcher Gelegenheit kann man allerdings dergleichen Gefühlen nicht Rechnung tragen. — Nennen Sie das nicht Thorheit, ſprach Marie Touchet mit zürnender Majeſtät, was nur eine Nothwen⸗ digkeit war, um uns für erlittenen Schimpf zu rächen. — Kann ſein, warf der Graf ungeduldig hin. Was aber ſoll nun mit dieſem Laramée werden? — Ich fürchte ihn jetzt weniger, ſeitdem ich den Muth hatte Ihnen alles zu geſtehen, verſetzte Marie Touchet ſehr geſchickt; mein größter Herzenskummer war, 118— daß Sie noch nichts von dem wußten, was Henriette ſo nahe betrifft. — Mir wäre es lieber geweſen, niemals etwas da⸗ von zu erfahren, brummte Vater Entragues mürriſch vor ſich hin. — Ich bitte, mein Herr, üben Sie ein wenig mehr Nachſicht; beugen Sie eine Schuldige, die bereut, nicht noch tiefer! ſprach die Mutter, zugleich einen flehenden Blick auf ihren Sohn werfend. — Meiner Treu, das iſt wahr! nahm der Graf wieder das Wort; wir müſſen dieſe armen Weiber aus der Verlegenheit ziehen. Wenn ich Sie recht ver⸗ ſtehe, ſo befürchten Sie, daß dieſer Schurke, wenn Sie ihn abweiſen, dem König alles wiedererzähle, und dieſer dann in Betreff Henriettefs anderen Sinnes werde? — Ganz richtig. — Nun da giebt es ja noch ein leichtes Mittel! rief Vater Entragues; man muß den elenden Schuft bei den Ohren faſſen und ihn todtſchlagen wie einen Hund! Nicht wahr, mein Herr? — Das ſcheint mir allerdings das Kürzeſte zu ſein, erwiederte der Graf von Auvergne. Iſt er einmal todt, ſo kann er dem Könige nichts mehr erzählen. — Hüten Sie ſich, meine Herren! ſprach Marie Touchet ſchnell und leiſe. Dieſer Laramée iſt liſtig und verſchlagen wie ein Teufel. Er wird jedenfalls ſeine Maßregeln darnach getroffen haben, daß ſein Geheimniß — 119— nicht mit ihm untergehe; er wird es ausfuͤhrlich nieder⸗ geſchrieben und mit Beweiſen belegt, einem ſeiner Spieß⸗ geſellen anvertraut haben, damit dieſer im Falle ſeines Verſchwindens es veröffentliche. — Dann, freilich— ſprach der Graf etwas ent⸗ muthigt. — Was kann ein Blatt Papier noch für Kraft ha⸗ ben, warf Herr von Entragues ein, wenn Derjenige nicht mehr iſt, der ihm allein Nachdruck geben kann? Ich be⸗ harre auf meiner Anſicht. Man ſchaffe ſich vor allen Dingen dieſen Laramée vom Halſe— es wird immer⸗ hin ein Feind weniger ſein, und noch dazu ein Feind, der Mademoiſelle d'Entragues mit Gewalt heirathen will. Seine Spießgeſellen, wenn er deren ja hinterläßt, ſind wenigſtens keine Brautwerber; ſie werden Geld verlan⸗ gen, oder irgend etwas Anderes und man wird ſie be⸗ friedigen, während dieſer Laramée nur durch Henriette's Hand zu befriedigen iſt, und das iſt geradezu eine Mon⸗ ſtröfität! —— Meinethalben, ſo tödte man ihn, verſetzte der Graf von Auvergne ruhig; auf jeden Fall iſt die Sache damit am ſchnellſten abgethan. Jetzt nahm auch Marie Touchet eine verzweiflungs⸗ volle Miene an. — Meine Herren, ſprach ſie ſeufzend, dieſes Mittel iſt durchaus nicht anwendbar. — Warum nicht? fragten Gemahl und Sohn zugleich. — 120— 1 — Weil Laramée es bereits kennt— nur zu gut kennt. — Er weiß, daß Sie ihn umbringen wollen? Sie haben es ihm alſo angekündigt? — Ich hatte vergeſſen Ihnen zu ſagen, ſtammelte Marie Touchet, daß wir uns bei den beiden Verlegenhei⸗ ten, die ich Ihnen ſo eben flüchtig mitgetheilt, in die Nothwendigkeit verſetzt ſahen, uns Laramée's Arms zu be⸗ dienen— Henriette ſank immer mehr in ſich zuſammen. — Wie rief der Graf von Auvergne, der hugenot⸗ tiſche Page und der normanniſche Edelmann—alle beide— 2 Er beendete den Satz mit einer bezeichnenden Hand⸗ bewegung. — Ja, mein Herr, antwortete die Mutter beſcheiden. — Morbleu! rief der junge Mann, das Familien⸗ gemälde, welches ſich vor ihm entrollte, mit bewundern⸗ den Blicken anſtarrend, Sie machen Ihre Sachen ganz vor⸗ trefflich, meine Damen! — Alles für die Ehre! entgegnete die Mutter pa⸗ thetiſch. Herr von Entragues drehte ſich um ſich ſelbſt, wie eine Schlange, die man auf glimmende Kohlen wirft. — Jetzt begreife ich freilich, ſprach der junge Graf nach einigem Bedenken, daß dieſer Laramée ſich für alle Fälle vorgeſehen hat. Er kennt Ihre Manieren. Peſt und Tod! Sie haben ſich da einen höchſt geführlchen Gegner auf den Hals geladen!— — 121— Marie Touchet hob die Blicke gen Himmel, um nicht gerade aus ſehen zu müſſen; das Augennieder⸗ ſchlagen hatte ſie bereits angewendet. — So gefährlich, fuhr der Graf fort, immer klein⸗ lauter werdend, daß ich bei meiner Ehre nicht ſehe, wel⸗ chen Ausgang dieſer verzweifelte Kampf nehmen ſoll. — Ach was dal! rief Herr von Entragues, man mag dem Tode noch ſo ſchlau Trotz bieten, man mag ſeine Feinde noch ſo genau kennen, am Ende muß man doch immer unterliegen. — Ich kann dieſer Meinung im vorliegenden Falle nicht beipflichten, Herr von Entragues, und ich ſchwöre Ihnen, wenn ich Urſache hätte irgend Jemand auf der Welt ſo wenig Gutes zuzutrauen, wie Laramée dieſen Damen, daß der Jemand mich nicht umbringen ſollte. — Aber ich bitte Sie, was würden Sie denn thun? — Je nun, vor allen Dingen würde ich nicht ſelbſt kommen, um meine künftige Gemahlin aus dem elter⸗ lichen Hauſe abzuholen, ſondern ich würde ſie durch ein höfliches Billetchen erſuchen, ſich in die Kirche zu be⸗ mühen, wo die Trauung ſtattfinden ſoll, und ſie würde ſich wohl oder übel dazu bequemen müſſen, ſo daß, wenn man etwa noch Luſt hätte mich aus der Welt zu ſchaffen, dies wenigſtens erſt nach der Hochzeit geſchähe— und Sie können ſich verſichert halten, daß dieſer Schelm von Laramée es nicht um ein Haar anders machen wird. — Aber er hat geſagt, daß er ſelbſt kommen würde, wagte endlich auch Henriette zu ſprechen. — Schon gut, er kann es geſagt haben, aber thun wird er, wie ich Ihnen ſoeben geſagt. — Und Henriette ſoll und wird nicht zu ihm in die Kirche gehen, ſchrie Herr von Entragues, immer mehr in Hitze gerathend, und Herr Laramée wird ſelbſt hierher kommen müſſen! — Und dann—: — Nun, dann haben wir ihn, und dann—! — Dann giebt es Lärmen, Scandal, Austauſch von Briefen, Botſchaften hin und her, das Geheimniß kommt endlich doch an den Tag, und— meiner Treu, ich werde mich hüten, mich in dieſes Chaos zu verwickeln. — Ach, mein Herr! riefen Mutter und Tochter, in Verzweiflung dem Grafen die Hände flehend entgegen⸗ ſtreckend, wie die Hiketiden des Aeſchylus. — O nein, mein Herr, Sie werden uns nicht ver⸗ laſſen! bat Herr von Entragues, plötzlich herabgeſtimmt. — Mordieu! ja, ich werde Sie verlaſſen, und zwar für immer! Was würde der König ſagen, wenn er von allen dieſen Liebſchaften, dieſen Complotten, dieſen Mord⸗ geſchichten in Ihrem Hauſe erfährt, und ich ihm jeden Tag, wo ich ihn im Louvre beſuche, eine ſolche Bagage unter meinem Mantel mitbringe? — Der König wird nichts erfahren, mein Herr, ſo⸗ bald Sie nur darein willigen, unſer Führer, unſere Stütze zu ſein, rief Marie Touchet. O, mein Herr, ich beſchwöre Sie, ſtürzen Sie ein junges Mädchen nicht in ſolche Verzweiflung, das mehr leichtſinnig als ſtrafbar geweſen iſt! — 123— — Das zwei Mordthaten begangen hat, und eine dritte beabſichtigt? Mort de ma vie! Sie haben ſelt⸗ ſame Begriffe von Leichtſinn! — Um Ihrer Familie, um Ihrer ſelbſt willen, helfen Sie uns! — Um meiner ſelbſt willen, das iſt eine andere Sache. Ja, um meiner ſelbſt willen könnte ich allen⸗ falls ein Uebriges thun, obſchon ich Gefahr laufe, mich dabei arg zu compromittiren, denn— um die Wahrheit zu ſagen— ich glaube, daß ich noch der Einzige bin, der bei der ganzen Geſchichte einiges Intereſſe erregen würde: Ich ſehe aber nur nicht ein, was ſich dabei thun läßt? — Laramée wird hierher kommen, ſagte Henriette, ich ſtehe Ihnen dafür. Er liebt mich über alle Begriffe, und ſollte es ſelbſt mit Gefahr ſeines Lebens ſein, ſo wird er keine Gelegenheit verabſäumen, mich zu ſehen. Und dann, er hält es für unmöglich, daß wir, Madame und ich, Sie jemals von der Wahrheit unterrichten; er hält uns alſo für ſchutz⸗ und hilflos. — Und das ſind Sie, bei Gott! auch, Mademoiſelle; denn wenn Ihnen auch Ihre liebevolle Abſicht gelänge, den Burſchen in eine andere Welt zu ſpediren, ſo kann ich es doch nicht verhindern, daß das ſaubere Geheimniß bis zu den Ohren des Königs gelange. — Warum ihn tödten? rief Henriette. Er liebt mich, ſage ich Ihnen, und wenn er Sie mit uns verbün⸗ det ſieht— Wollen Sie mir verſtatten, mein Herr, Ihnen 3 — 124— meine Idee mitzutheilen, die in meinem kleinen unwür⸗ digen Geiſt aufgeſtiegen iſt? — Laſſen Sie Ihre Idee hören, Mademoiſelle, ſprach der Graf ſpöttiſch. — Ich würde nämlich vorſchlagen, mein Herr, ſtatt Herrn von Laramée zu drohen, wenn er kommt, ihn ſehr höflich zu empfangen; ihm Vertrauen einzuflößen, ſtatt ihn zu tödten, ihn zu entfernen. — Das iſt ſehr klug ausgeſonnen, rief Marie Tou⸗ chet eben ſo ſpöttiſch, wie vorher der Graf, es bleibt nur noch, uns zu ſagen, wie und auf welche Weiſe dies ge⸗ ſchehen ſolle? Meinen Sie, er ſei der Mann danach, ſich mit Hoffnungen und Schattenbildern abſpeiſen zu laſſen? — Ich habe ſagen hören, flüſterte Henriette, daß alle gewaltſam erzwungene Trauungen vor dem Geſetze keine Gültigkeit haben, und wenn irgendwo die Gewalt offenbar erwieſen werden kann, ſo iſt es hier. — Aber, meine werthe Demoiſelle, ſprach der Graf mit cyniſchem Lächeln, wenn Sie einmal verheirathet ſind, ſo iſt die Sache nicht mehr ungeſchehen zu machen. Henriette erröthete. — Die Trauung in der Kirche wird Herrn von Larameée zufrieden ſtellen, flüſterte ſie noch leiſer als vorher. — Sie ſind, auf meine Ehre, hinmliſch! rief der Graf, in ein ſchallendes Gelächter ausbrechend. Meinen Sie, daß Ihr Mann ſich damit begnügen würde? Der — 125— Teufel ſoll mich holen, wenn ich es thäte! Nein, nein, das iſt alles nicht das Rechte. — Nun, ſo laſſen Sie uns Ihren Vorſchlag hören! ſprach Herr von Entragues neugierig. — Sie ſagen, fuhr der junge Mann fort, Laramée werde kommen, um Sie zu holen. Gut alſo, ich nehme den Fall an. Weder ich noch Herr von Entragues dür⸗ fen dann zum Vorſchein kommen; Sie Beide müſſen ihn allein empfangen; nehmen Sie den Schein an, als hät⸗ ten Sie ihn erwartet und wären zu allem bereit. — Sehr wohl, murmelten die drei Zuhörer. — Ich werde zuvor vier von meinen Leuten ſchicken, die über den Burſchen herfallen— — Erlauben Sie, daß ich Sie unterbreche, ſagte Marie Touchet raſch. Er hat ſeine Agenten rings um das Haus verſteckt, ſeine Spione, die jedem unſerer Schritte, der kleinſten unſerer Bewegungen auflauern. Sie werden Ihre Leute ins Haus ſchleichen ſehen und Laramée einen Wink geben, nicht zu erſcheinen, oder wenn er doch kommt, ſo giebt es einen Kampf, ein Kampf kann nicht ohne Lärmen abgehen, und jeder Lärm macht unſere Lage nur noch gefährlicher. — Nun wohl, ſo ſchicke ich zwanzig, dreißig, fünfzig Mann meiner Garden, wenn es ſein muß, die erſt im Augenblicke, wenn Laramée ins Haus gelangt iſt, herbei ſtürzen ſollen, und gegen die ein jeder Widerſtand eine Unmöglichkeit iſt. Laſſen Sie mich nur die Sache zum Ende führen. Er wird dann verſuchen, Scandal zu — 126— machen, mit Entdeckungen drohen, Anklagen erheben. Dann wollen wir ſehen. Dieſer Laramée iſt ein Schütz⸗ ling der Herzogin von Montpenſter, ſagen Sie? Wohl, ſo gehen wir zu Frau von Montpenſier; man wird ſich verſtändigen, aber man wird ſich nicht heirathen. — Ich weiß ein beſſeres Mittel, rief Marie Touchet plötzlich. — Laſſen Sie hören. — Laramée hat ſeine Spione auf der Straße ver⸗ theilt, aber auch nur auf der Straße; ich habe mich überzeugt, daß keiner im Hauſe iſt. Laſſen wir in aller Stille eine Oeffnung in der Mauer machen, die unſer Haus vom nebenangelegenen trennt, eine Breſche, durch welche Herr von Auvergne ſeine Leute hereinſchicken wird. Laramée iſt zu toll verliebt, um nicht den Tod zu füͤrch⸗ ten, oder ſich nicht ans Leben zu klammern, zumal wenn ihm ein Schimmer von Hoffnung bleibt, Mademoiſelle d'Entragues doch vielleicht einſt noch zu beſitzen. Die Wachen des Herrn von Auvergne werden das ganze Haus beſetzen, ſie werden ſich Laramée's bemächtigen, wenn er erſcheinen wird. Dieſer wird ſich plötzlich einem ſiche⸗ ren, unfruchtbaren Tode gegenüber ſehen, er wird viel⸗ leicht kapituliren, oder wenigſtens Zeit zu gewinnen ſuchen. — uUund muß man ihn dann noch umbringen, pol⸗ terte Herr von Entragues, nun wohl, ſo expedirt man ihn ſo ſchnell wie möglich; denn, ich wiederhole es, iſt er einmal todt, ſo verlieren alle ſeine Entdeckungen und Anklagen die Hälfte ihres Werthes. 4 — 127— — So wären wir über dieſen Punkt alſo einver⸗ ſtanden, ſprach der Graf von Auvergne. Ich werde die nöthigen Mannſchaften ſchicken, und wir haben nur noch die Art, wie ſie ins Haus kommen ſollen, zu berathen. — Das Hotel, nahm Marie Touchet wieder das Wort, iſt nur durch ein Haus, deſſen Beſitzer unſer Freund iſt, von der kleinen Straße de la Vannerie getrennt; die Leute kommen verkleidet durch dieſes Haus herein, und Herr von Entragues wird den Beſitzer davon benach⸗ richtigen. Die Breſche in unſerer Mauer wird ſehr ſchnell durchgebrochen ſein, und ſollten wir ſelbſt mit Hand an⸗ legen muͤſſen. — Vortrefflich. Und nun laſſen Sie uns fortgehen, Herr von Entragues, mit ruhigem, ſorgloſem Geſicht, als ob wir irgend welche Geſchäfte hätten. Ich ſage nicht, daß das Mittelchen unfehlbar waͤre und beſtimmt gelingen werde; indeß, bei der traurigen Lage, in der ich Sie ſehe, iſt es immer beſſer wie gar nichts. Und ſollten Sie nur damit erreichen, für den Augenblick dieſen ver⸗ teufelten Laramée los zu werden, ſo iſt auch das ſchon ein Troſt. Die beiden Frauen ergriffen des Grafen Hände; Marie Touchet drückte die eine majeſtätiſch ans Herz, Henriette die andere leidenſchaftlich an ihre Lippen. Dies war der im Hauſe Entragues combinirte Plan. Wir wiſſen bereits, wie derſelbe durch eine andere umfaſſendere Combination der Herzogin von Montpenſier unnöthig gemacht ward. — 128— Der Abend verſtrich, die Wachen waren glücklich in's Haus geſchmuggelt und zweckmäßig vertheilt worden; wer aber nicht erſchien, war Laramée. Mutter und Tochter verbrachten die ganze Nacht in tödtlichſter Spannung. Herr von Entragues kam dabei am übelſten weg; er verlor in dieſer einen angſtvollen Nacht auch die we⸗ nigen Haare, die ihm noch geblieben waren. Wiederholt ſchickte er ſeine Leute auf Kundſchaft aus, was allein ſchon hingereicht hätte, Laramée auf die ihm drohende Gefahr aufmerkſam zu machen; aber nicht nur daß, er ſelbſt nicht erſchien, ſondern man bemerkte mit Erſtaunen, daß auch ſeine Spione und Agenten ſpurlos verſchwunden waren. Dieſes Verſchwinden, dieſes Schweigen, das die beiden elenden Frauen hätte mit Freude erfüllen ſollen, verdoppelte nur ihre Angſt und Beſorgniß. Das böſe Gewiſſen ſieht überall nur Gefahren und Fallſtricke. Die Nacht, welche böſe Pläne mit ihrem dunkeln Schleier begünſtigt, machte dem Tages lichte Platz. Der Morgen verſtrich, ohne daß ſich irgend etwas ereignete. Ein Billetchen des Grafen von Auvergne ward nur durch das einzige Wörtchen: Nichts! beantwortet. Dieſes unerklärliche Ausbleiben Laramées beunruhigte Herrn von Entragues in ſolchem Grade, daß er es nicht länger in ſeinem Hauſe aushalten konnte; er verfügte ſich zur Herzogin von Montpenſier, um womöglich zu er⸗ fahren, was vorgegangen ſei. Während dem hatten ſich im Louvre die im vorigen Kapitel bereits erzählten Ereigniſſe zugetragen, und ſchon — 129— verbreitete ſich in ganz Paris die Schreckensbotſchaft, als der Graf von Auvergne bleich und verſtoͤrt in das Zim⸗ mer ſeiner Mutter ſtürzte, um ihr den Tod des Königs anzukündigen Mam kann ſich vorſtellen, welche Wirkung dieſer ein⸗ zige, von ihnen nicht vorgeſehene Fall auf dieſe ehrgeizigen Seelen äußerte. Der König todt!—— Alle Pläne waren mit einem Schlage über den Haufen geworfen, alle Glücksträume des Hauſes Entragues in Rauch auf⸗ gegangen! Was verſchlug jetzt Henriettens früheres Leben? Was kümmerte man ſich jetzt um Laramées Zorn und Drohungen? Was war es jetzt? Ein unbemerkbares Atom, ein Nichts! Zu was dieſe im Herzen angeſammelte Wuth und Rache, zu was alle dieſe geſchärften Dolche?— Der König, dieſer Brennpunkt aller ihrer Wünſche, war ja nicht mehr!— Der Graf von Auvergne erzählte mit aller Ausführ⸗ lichkeit, wie der Mörder in der großen Gallerie des Louvre, im Beiſein des ganzen Hofes, der herbeigeeilt war, um der Rückkehr der Marquiſe von Monceaux beizuwohnen, kaum drei Schritte von ihm entfernt, den unglücklichen Fürſten niedergeſtoßen, der ihm noch den Augenblick zu⸗ vor huldvoll zugelächelt hatte. Er ſchilderte die Trauer, das allgemeine Entſetzen, das Alle ergriffen, und wie die furchtbare Stimme eines Mönchs aus dem Genovefen⸗Stifte, der dem König die erſte Hülfe geleiſtet und gleich darauf durch die Trauer⸗ botſchaft: daß der König todt und der Thron erledigt ſei, Gabriele. VI. 9 — 130— alle Anweſenden wie Spreu auseinander geſcheucht habe, um ſie in der ganzen Stadt zu verkünden. Es würde unmöglich ſein, die ſtumme Beſtuͤrzung der beiden Frauen zu ſchildern; ſie gingen von der heftigſten Erregung zur gänzlichen Erſchlaffung über. Man hätte ſagen mögen, das ganze Leben verleihende Nervengeflecht ſei plötzlich vernichtet. Auch der Graf von Auvergne vermochte ſich nicht zu faſſen. Der König hatte ihn beſchützt, erhoben; mit dem Könige verlor er alles. Wer würde fortan über Frankreich herrſchen? Wer ſollte die Ligue bekämpfen, oder ſie mit mächtiger Stimme um ſich verſammeln, um die übermüthigen Spanier aus dem Lande zu jagen? Noch nie hatte ſich eine Nation, nach ſo vielen Hoffnun⸗ gen, ſo glückverheißenden Ausſichten, nach einer ſo glor⸗ reichen Regierung plötzlich in ſo gänzlicher Verlaſſenheit befunden. Um ſeine glühende Stirn abzukühlen, näherte ſich der Graf einem Fenſter. Die Wehklagen ertönten von der Straße de la Coutellerie bis ins Zimmer herauf; das Volk irrte, wie ein auseinander gejagter Ameiſenhaufen, durch die Straßen, weinend, ſchreiend und ſich bekreuzend; ſchon fing man hier und da an die Kaufläden zu ſchließen, ſchon hörte man hier und da Riegel und Eiſenſtangen klirren, hinter denen ſich die Vorſichtigſten oder die Aengſt⸗ lichſten gegen einen Feind zu verrammeln ſuchten, den ſie noch nicht kannten, deſſen Angriff, gleichbiel von welcher Seite, ſie aber erwarteten. — 131— Plötzlich erdröhnt das Thor des Hötels von heftigen Schlägen, ein Reiter ſprengt in den Hof und ſtürzt faſt vom Pferde. Es war Herr von Entragues, der von der Herzogin von Montpenſier zurückkam, wo man ihn nicht vorgelaſſen hatte, der aber unterwegs wohl zehnmal vom Volke angehalten worden war, weil man ihn nach der Art, wie er unter dem doppelten Einfluſſe des Schreckens und der Neugierde ſein Pferd anſpornte, für irgend einen Courier hielt. Die beiden Damen und der Graf eilten ihm bis ins Vorzimmer entgegen und beſtürmten ihn mit Fragen. Er zitterte und keuchte ſo, daß er einige Minuten nicht zu ſprechen vermochte. — Nun, riefen die Drei faſt zugleich, wiſſen Sie ſchon... 2 — Ja— ja— aber Sie ſelbſt— wiſſen Sie... 2 — Was denn? — Wiſſen Sie— wer des Königs Nachfolger ſein wird? — Nein. — Ein Prinz aus dem Hauſe Valois— den die Herzogin von Montpenſier bei ſich verborgen hielt— bis irgend ein Ereigniß... — Ein Valois?— Welcher? — Welcher? Ein Sohn Karls IX. — Sie find der einzige, mein Sohn! rief Marie Touchet, den Grafen von Auvergne heftig beim Arme faſſend.— 9* — 132— — Nein doch, Madame, nein! ſchrie Herr von En⸗ tragues, bleich vor Zorn, nein! Auch ich glaubte es An⸗ fangs, aber man ſpricht von einem legitimen Sohne König Karls IX. und der Königin Eliſabeth! — Einen legitimen? — Ja doch, ja; das Gerücht hat ſich ſchon durch die ganze Stadt verbreitet, und man verſichert, daß der neue Prinz alsbald dem Volke gezeigt und von den Guiſen mit großem Pomp in's Parlament geleitet werden wird. In dieſem Augenblicke vernahm man plötzlich ein ent⸗ ferntes Getöſe, wie das Heulen des Sturmes, der ein Unwetter verkündigt, das ganze Stadtviertel bis zum Giebel der Häuſer erſchüttern. 2 —— 8. Crillon iſt ungläubig wie Thomas. Dieſes Getös verkündete dem Volke die Annäherung eines neuen Herrſchers, den ihm die Vorſehung durch ein Wun⸗ der aufbewahrt hatte. Ein großes Gefolge von Liguiſten und Edelleuten des Hauſes Lothringen— von wo es herkam wußte Nie⸗ mand,— verſtärkte ſich unterwegs durch eine herzuge⸗ laufene Menge Volkes, ſo daß es ſchwer zu beſtimmen war, ob Alle, welche das Geleite dieſes wunderbaren Sprößlings der Valois bildeten, ſeine Anhänger oder nur Neugierige waren. Das Gemurmel der überraſchten Menge, das feierliche Schweigen der daherziehenden Edel⸗ leute bildete einen eigenthümlichen Contraſt zu den Schmer⸗ zensausbrüchen und der tumultuariſchen Bewegung der Leute, die im ſelben Augenblicke erſt die Nachricht von dem Tode des Königs erfuhren. Laramée, zu Pferd und in ernſter, ſchweigender Hal⸗ tung, bildete den Mittelpunkt dieſes ganzen Haufens; ſein Geſicht, noch bleicher als es gewöhnlich war, erinnerte in der That frappant an die Züge Karls IX. Seine — 134— Parteigänger hatten Sorge getragen, dieſe Aehnlichkeit durch eine entſprechende Kleidung noch auffallender zu machen; ganz gegen die herrſchende Tagesmode trug er das lange Wamms mit der zuſammengeſchnürten Wespen⸗ taille, die gekrauſte Halsfraiſe und das bekannte kleine Federbaret des berühmten Urhebers der Bartholomäus⸗ nacht. Einige geſchickt unter die Menge vertheilte Emiſſaire machten das Volk auf die merkwürdige Aehnlichkeit auf⸗ merkſam, die nicht verfehlte, dem Erben eines Fürſten, der die Ketzerei in Frankreich mit Stumpf und Stiel hatte ausrotten wollen, bei dieſer abergläubiſchen, noch immer vom religiöſen Fanatismus angeſteckten Menge gute Früchte zu tragen. Laramée nahm ſeinen Weg nach dem Greveplatze durch die Straße de la Coutellerie, wo Diejenige wohnte, nach deren Beſitze alle ſeine Wünſche jetzt mehr wie je ge⸗ richtet waren. Die Gluth ſeiner Leidenſchaft ſtieg mit dem Rauſche eines ſo unerwarteten glücklichen Erfolges. Ein ſeelenkundiger Beobachter hätte gewahren können, wie dieſe zwiefache Flamme der Liebe und des Ehrgeizes zu ſeinem Gehirn emporloderte, deren Wiederſchein ſein bleiches Antlitz zuweilen mit einer düſteren Röthe über⸗ flog. Inmitten dieſer, immer mehr anwachſenden, aus allen Stadtvierteln herbeiſtrömenden Volksfluth, ritt er über den Greveplatz dahin, und ein verzehrendes Feuer blitzte in ſeinen Augen auf, als er von fern das Hoôtel der — 135— Entragues erkannte, auf deſſen Balkon er die Beherrſche⸗ rin ſeines Herzens zu ſehen hoffte. Seine Hoffnung ward nicht getäuſcht, dort ſtand fie! Auch ſie hatte ihn erblickt. Marie Touchet, Vater Entragues und der Graf von Auvergne erkannten eben⸗ falls den finſtern Reiter, umgeben von einer eben ſo ſeltſamen Ehrerbietung, wie ſeine neue Königswürde es war. Ihr ſprachloſes Erſtaunen, ihre zum Himmel empor⸗ gehobenen Arme, der Ausdruck und die Bewegung in allen dieſen Phiſiognomien, die auf ſeinen Triumpf her⸗ abſchauten, verurſachten ihm die höchſte Freude, die er bis jetzt noch in ſeinem Leben empfunden; er fühlte ein dämoniſches Entzücken. Dieſe Ueberraſchung, dieſes Stau⸗ nen der Entragues rächte ihn für alle Schmach und Demüthigungen, die er von ihnen erduldet und tilgte jeden Kummer ſeines Herzens. Nur noch wenige Augen⸗ blicke, und er befand ſich unter Henriette's Fenſter, und Diejenige, die ihn noch am Abend zuvor als verächt⸗ lichen Brautwerber von ſich geſtoßen, mußte ihn als ihren König und Herrn begrüßen. 4 Aber während ſich Laramée durch die kleine Straße Jean de l'Epine der Straße de la Coutellerie näherte, erhob ſich auf der entgegengeſetzten Seite, da, wo die Straße de la Coutellerie in die Straße de la Vannerio ausmündet, eine gewaltige Bewegung Dort bei den erſten Häuſern wogte und drängte ſich eine dichte Men⸗ ſchenmenge, aber nicht dem Haufen zuſtrömend der den — 136— neueu Triumphator umgab, ſondern wie ein Strudel ſich um ſich ſelbſt drehend. Und mitten in dieſen Gruppen gewahrte man einen Reiter, hoch aufgerichtet zu Roß, ſprechend, geſticulirend und eifrig bemüht, ſeinen Zuhörern etwas von dem Feuer mitzutheilen, das ſeine Blicke und ſeine Worte verkündeten. Dieſer Reiter war Crillon, der muthige, unbeſiegbare Crillon, der, ohne erſt die Ausfertigung des königlichen Befehls abzuwarten, aus dem Louvre fortgeſprengt war, um Esperance aus ſeinem Kerker zu erlöſen; er hatte den Gouverneur nicht im Chaͤtelet getroffen, der auf dem Stadthauſe mit den Architektor Geſchäfte zu erledigen hatte, und war nun eben im Begriff geweſen, ihn dort aufzuſuchen und ſeinen Gefangenen von ihm zu fordern. Aber auf dem Wege dahin war der tapfere Ritter mehreren Leuten begegnet, die wie wahnſinnig und fort⸗ während ſchreiend:„Der König iſt todt! der König iſt todt!“ nach allen Richtungen umherliefen; er hatte geſehen, welche Beſtürzung dieſe furchtbaren Worte ver⸗ breitet, Alles wie ein Wirbelwind mit ſich fortriſſen und endlich, von tödtlichen Schrecken getroffen, ſein Roß an⸗ gehalten. Da und dort ſah er bleiche Geſichter entfliehen, An⸗ dere nach dem Louvre eilen, wieder Andere in ſtarrer Beſtürzung da ſtehen und Thränen vergießen, aber nicht einer von allen dieſen Leuten zweifelte an der Wahr⸗ heit dieſer Schreckensbotſchaft. Die Kunde großer Un⸗ — 137— glücksfälle findet die Menge ſtets leicht zum Glauben ge— neigt; die furchtſame und ſchwankende Menſchennatur zeigt ſich bei ſolchen Gelegenheiten am meiſten in ihrer Blöße. — Der König iſt todt? wiederholte Crillon das Geſchrei, als er ſein Pferd endlich an der Ecke der Straße des Arcis anhielt. Aber das iſt ja ganz unmöglich! — Ich habe ihn ja im Augenblicke erſt verlaſſen, in Fülle des Lebens und der Geſundheit!— Todt?— Nein, nein, das iſt unmöglich! So nachdenkend, einer Bildſäule gleich unbeweglich in dem Sattel ſitzend, gewahrte der Ritter gar nicht, daß er laut mit ſich ſelbſt ſprach, daß ſich eine dichte Gruppe um ihn bildete, meiſt ehrbare, gutgeſinnte Bürger, die voll Achtung und Mitleid auf dieſen Mann mit dem grauen Haar, mit dem dicken Schnurbart blickten, den ganz Paris kannte, bewunderte, anbetete. Eben ſo wenig gewahrte der würdige Kriegsmann, daß er während dieſes Selbſtgeſprächs nach und nach die Arme ſchlaff herabhängen ließ, daß ſich ſein Kopf auf die Bruſt neigte, und daß der Wind ihm den Hut fortgewehet hatte.. Ein weinendes Weib näherte ſich dem ſtillſtehenden Pferde, daß mit der Naſe die hartgefrorne Erde beſchno⸗ perte, legte ihre Hand an den Steigbügel und ſprach: — Ach! Herr von Crillon— leider iſt es nur zu gewiß, unſer guter König iſt todt! — 138— — Todt?— Wer hat das geſagt? ſchrie Crillon, plötzlich aus ſeiner Betäubung erwachend. — Hier, mein Mann und mein Sohn, die beide im Dienſte des Herrn von Ragny ſtehen. Und dabei wieß ſie auf zwei Männer, deren roth⸗ geweinte Augen die Wahrheit ihrer Worte nur zu deut⸗ lich beſtätigten. — Sie haben beide geſehen, wie der veruchie Mörder den Stoß führte, mein guter Herr, ſchloß d Weib. — Aber wenn ich euch ſage, daß ich den König kaum erſt vor einer halben Stunde geſund und friſch verlaſſen habe! — Und vor einer Viertelſtunde hat ein Böſewicht von Schüler den König mitten in ſeinem Louvre erdolcht. — Es iſt ſo, wie ſie ſagt, Herr Ritter, ſprach der zltere der beiden Männer; ich ſtand mit meinem Herrn am Ende der Gallerie und habe es ganz deutlich ge⸗ ſehen, wie der arme König getroffen niederſank und wie man ihn forttrug. Sehen Sie, hier ſein Blut, das ich ſelbſt vom Fußboden aufgewiſcht habe. Und dabei zeigte er auf einen großen Blutfleck in ſeinem Schnupftuche. — Das Blut unſeres guten, unſeres geliebten Kö⸗ nigs! wehklagten die Umſtehenden, auf's Neue in Thrä⸗ nen und Schluchzen ansbrechend. Was ſoll nun aus uns werden? Crillon ſtieß einen ſo ſchmerzlichen Seufzer aus, — 139— daß man hätte meinen mögen, er hauche zugleich ſeine Seele aus. Er erbleichte, er war gebrochen, vernichtet; zwei dicke Thränen rollten ihm über ſeine männlichen Wangen in den Schnurbart. — Ach, mein armer König! ſtöhnte er, mein armer, geliebter Freund!— Aber ich muß ihn noch einmal ſehen, bevor ich es glaube! Zugleich wendete er ſein Pferd, um nach dem Louvre zurück zu ſprengen. — Und ſchon denkt man daran ihm einen Nach⸗ folger zu geben, ſagte einer der Bürger. — Als ob das möglich wäre! ſagte ein anderer. Wie der Blitz hatte Crillon ſein Pferd wieder ge⸗ wendet. — Welchen Nachfolger? rief er mit Donnerſtimme. — Hören Sie nicht das Geſchrei, Monſeigneur? fragte eine Frau. — Freilich höre ich es. — Nun, das verkündet ja eben die Ankunft des neuen Königs, der ſich ins Parlament begiebt. — Welcher König? 8 — Der Sohn Karls IX. — Aber, lieben Leute, was ſchwatzt Ihr denn da durch einander? rief der Ritter, nach und nach ſeine Sinne wieder ſammelnd. Man ſollte den Grafen von Auvergne zum König ernennen?— Das iſt ja ein baarer Unſinn! -— 140— — Nein, nein, Monſeigneur; nicht den Grafen von Auvergne; der iſt ja nur ein Baſtard, ſondern ein Anderer, ein wirklicher Sohn der Königin Eliſabeth, den die Herzogin von Montpenſier verborgen gehal⸗ ten hat. — Kinder, Kinder! ſprach Crillon in ſeinem gut⸗ müthigen, biederen Tone, ich wiederhole Euch, daß das lauter unſinniges Gewäſch iſt, und Euer angeblicher Sohn Karls IX. fängt an ſtarke Zweifel in mir zu er⸗ regen, daß der König wirklich todt ſei! — Sehen Sie nur dort die Menge! Hören Sie das Geſchrei?— das verkündet ſeine Annäherung.— Da, da, wie ſich Alles dorthin drängt! — Darauf wäre ich doch ſelbſt neugierig!— Und um es deutlicher zu ſehen, laßt uns ihm entgegen gehen. Und dabei trieb er ſein Pferd in der Richtung der Straße de la Coutellerie vorwärts, in derem anderen Ende die Spitze des Zuges bereits ſichtbar ward. Crillon konnte noch nichts erkennen, aber ſchon waren die in ihm erwachten Zweifel faſt zur Gewißheit gewor⸗ den; ſein edles, felſenfeſtes Löwenherz hatte wieder ſeine ganze Kraft erlangt, ſein Haupt richtete ſich wieder kühn empor. — Hört mich, meine Freunde, ſprach er zu der zahlreichen Menge, die neben ſeinem Pferde herſchritt, man ſagt der König ſei todt, aber ich weiß noch nichts davon. Man hat mir einen mit ſeinem Blute gefärbten Lappen gezeigt; aber wenn ihr wüßtet, wieviel mir ſchon — 141— Blut abgezapft worden iſt, der ich roth und friſch bin— und doch bin ich noch nicht todt, wie ihr alle ſehen könnt. Möglich, daß er verwundet worden iſt, wie ich es oftmals worden bin; aber, bei Gott! irgend Etwas ſagt mir, daß wenn der König, mein guter Freund, nicht mehr am Leben wäre, ſeine Seele mir vor dem Scheiden von dieſer Welt ein Zeichen gegeben hätte. Wir liebten uns viel zu ſehr, um ſo ganz ohne Lebewohl von einander zu gehen. Harnibieu! ich ſage euch, meine Kinder— und ich habe noch niemals gelogen,— der König iſt nicht todt! Dieſe Rede, die lebhaften Geberden, von denen ſie begleitet war, das blitzende Auge des tapfern Ritters, ſeine Rührung, die das ſeinen König treuliebende Volk begriff und theilte, hatte einen anſehnlichen Haufen um Crillon verſammelt, auf den ſeine Haltung bereits eine ermuthigende Wirkung zu äußern begann; ringsumher erhob ſich ein beifalliges Murmeln. — Nein, nein, meine Freunde, fuhr er fort, ſo lange ich Den, den ich vor wenigen Augenblicken noch lebend und geſund in meinen Armen gehabt habe, nicht todt vor mir ſehe, ſo lange ich nicht ſeineegeſchloſſenen Augen, ſeinen verſtummten Mund ſelbſt geſehen habe, ſage ich und werde ich ſagen: Unſer König lebt noch, meine Kin⸗ der, und ich erkenne keinen andern König an als ihn! Kommt, Freunde, ſehen wir jenem Anderen etwas näher ins Geſicht. — Ja, ja, folgen wir Crillon! es lebe der brave — 142— Crillon! rief die Menge, Mann und Roß in die enge Straße nachdrängend, langſam dem Haufen des neuen Prätendenten entgegenziehend, den man wegen einer Bie⸗ gung der Straße von dieſer Stelle aus noch nicht ſehen konnte. Als man aber etwa fünfzig Schritte weiter gelangt war, ſtanden ſich die beiden Haufen einander plötzlich gegenüber. Crillons zornblitzendes Auge ſuchte und entdeckte den frechen Triumphator ſofort inmitten ſeiner Anhänger, die abermals zu rufen verſuchten: Es lebe der König! es lebe der Sohn Karls IX! — Harnibieu! brüllte der Ritter, ſich hoch in den Steigbügeln aufrichtend, wer wagt es hier einen andern König leben zu laſſen, als König Heinrich IV., meinen und Euren König? Dieſe Erſcheinung, dieſe gewaltige Stimme verurſachte plötzlich eine allgemeine Stille ringsumher; man ſah, wie Laramée vor ihr erbleichte, wie der Schakal vor dem Ge⸗ brüll des Löwen. Aber ſchnell beſann er ſich, daß er ſich eben dicht unter dem Balcon Henriettens befand, daß ſie auf ihn ſah, und er fühlte wieder den Muth in ſich, um Himmel und Hölle Trotz zu bieten. — Ich bin der Sohn König Karls IX., rief er mit hoher, gellender Stimme, und da Künig Heinrich todt iſt, ſo bin ich König! Der ihm nachfolgende Haufe erhob ein Beifallsgeſchrei. — 131— — Oho, rief der Ritter mit verachtendem Hohn, ſoll das etwa Euer König ſein, Ihr dort drüben? Den kenne ich ja. Das alſo iſt der gewaltige Kämpe der Ligue—, bei meinem Barte, ein ſauberer Klopffechter! — Und einem ſolchen Burſchen folgt Ihr, Strohköpfe die Ihr alle ſeid? Einem ſolchen Lumpen und Diebe bringt Ihr Lebehochs?— Schämt Ihr Euch nicht?— Aber warte, mein Bürſchchen, warte; Crillon iſt zwar allein, aber er wird Dir zeigen, wie man mit einem Kö⸗ nige Deiner Art umſpringt. Friſch, meine Freunde, folgt mir, im Namen unſeres Königs und Herren! Und Ihr dort, Ihr Verräther und Dummköpfe, hervor mit Euch, daß. man Euch ordentlich beſehen kann!— Vorwärts, Kin⸗ der, drauflos und— Harnibieu!— es lebe der ächte. König! Bei dieſen Worten, deren Energie und unwiderſteh⸗ lichen Zauber nichts zu ſchildern vermag, hatte Crillon⸗ ſchon den Degen gezogen, und wollte ſein Pferd etwas rückwärts treten laſſen, um einen kräftigeren Anlauf zu nehmen; aber die ganze Straße hinter ihm war ſo ge⸗ 1 drängt voll, daß das bäumende Thier nicht von der Stelle konnte. Weiber und Kinder flüchteten ſich in die Häu⸗ ſer, wähend die Männer ſich nur um ſo dichter um den Ritter ſchaarten. Auch Laramée hatte muthig den Degen gezogen: aber ein Theil ſeiner Anhänger, durch die plötzliche Er⸗ ſcheinung des furchtbaren Crillon entmuthigt, hob ihn blitzſchnell vom Pferde und zog ihn rückwärts, um ſein Leben zu bewahren, oder auch um ſeine koͤnigliche Würde nicht durch einen Zuſammenſtoß zu compromitiren, der keinen erfreulichen Ausgang zu nehmen verſprach. Wie durch Zauberei erhoben ſich jetzt in der That rings um Crillon drohende Waffen; eiſenbeſchlagene Stöcke, Hellebarden, Aexte, Musketen blitzten hier und da in der Straße. Der Muth der getreuen Bürger hatte ſich bis zur Begeiſterung geſteigert; ein Kampf war unver⸗ meidlich. — Aber, Herr Ritter, wagte noch ein Zaghafter dicht neben Crillon zu rufen, wenn der König wirklich todt iſt, ſo muß er doch einen Nachfolger haben! — Harnibieu! ſo ſoll es wenigſtens nicht dieſer ſein! Seht nur, wie ſeine Anhänger das Feld räumen, wie ſie das Haſenpanier ergreifen! Seine ganze Armee ſtiebt auseinander wie Spreu!— Und er— wo iſt er? Sein Geſindel ſchleppt ihn fort, um ihn in Sicherheit zu bringen!— Tod und Verdammniß! daß auch die Straße ſo voll geſtopft iſt— laßt mich durch, Kinder, damit ich dem Elenden auf den Leib kann!— Da, da, ſie haben ihn ſchon in's Haus geſchafft, damit er ſich in irgend einen Winkel verkrieche.— Harnibieu! und ich muß es mit anſehen, wie der Schuft entwiſcht! In der That hatten die Entragues, feſt von dem Tode des Königs überzeugt, da ihn der Graf von Au⸗ vergne ja ſelbſt hatte ermorden ſehen, ſehr ſchnell erkannt, daß Laramée nicht mehr ein Mann ſei, den man von dieſem wahnſinnigen Crillon ſo ohne Weiteres nieder⸗ . — 145— metzeln laſſen dürfe, ſondern daß die Pdlitik vielmehr erheiſche, ihm einen guten Rückzug zu ſichern. Marie Touchet hatte zuerſt dieſe Eingebung gehabt, der ſowohl Vater Entragues als der Graf von Auvergne, die ſich bei Crillons Erſcheinen ſchleunigſt vom Balcon zurückge⸗ zogen hatten, um nicht geſehen zu werden und ſich nicht zu compromittiren, beipflichteten. Das Reſultat der kurzen Berathung war, daß Herr von Entragues die Anhänger Laramée's benachrichtigen ließ, den Prätendenten in ſein Haus zu ſchaffen, das ſowohl augenblicklichen Schutz, wie einen ſicheren Fluchtweg dar⸗ biete. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Antrag mit um ſo mehr Bereitwilligkeit angenommen ward, als La⸗ ramée ſofort bedachte, daß er Marie Touchet und Hen⸗ riette in dem Hauſe finden würde. Auf dieſe Weiſe verſchwand der Erbe Karls IX. vor Crillons Augen, der in höchſter Wuth ſeine getreuen Bürger aufforderte, das verdammte Haus augenblicklich zu ſtürmen, was freilich nicht ſo ſchnell gethan wie ge⸗ ſagt war. Laramée war glücklich in das Hötel gelangt, und hörte hinter ſich die Pforten unter den Schlägen der Angreifen⸗ den brechen. Von ſeinen Freunden geleitet, kam er endlich durch den Hinterhof bis nahe zu der Breſche, die man noch am Abend zuvor gebrochen, um die Soldaten ein⸗ zulaſſen, welche ihn fangen oder nach Befinden ſogar hatten tödten ſollen. Die ſonſt gegen ihn ſo launiſche Glücksgöttin bot Gabriele. VI. 10 ihm heute ein Mittel des Heils dar, das ein unfehlbares Mittel zu ſeinem Verderben hatte werden ſollen. Zuvor jedoch wollte Laramée Henrietten durchaus die Urſache ſeines Ausbleibens am vorigen Abend, ſo wie ſeine neue Lage erklären. Die mit ſeiner Bewachung beauftragten Edelleute ließen ihm indeß nicht die Zeit dazu. 4 Sie machten ihn auf die Unbeſtändigkeit der Volks⸗ gunſt, auf die Gefahr aufmerkſam, noch länger in einem Hauſe zu verweilen, das in zehn Minuten erſtürmt wer⸗ den konnte. Zudem erklärten ihm die Beſitzer des Hauſes, daß er ſie, die ihm in der Bedrängniß eine Zuflucht ge⸗ währt, zugleich mit in's Verderben ſtürze. — Crillon ſchont Nichts, rief man ihm zu, und der Haufe, der ſeine blinde Wuth unterſtützt, wird alles ohne Erbarmen niedermetzeln, was ihm in die Hände fällt! Laramée beharrte hartnäckig darauf, Frau von Entra⸗ gues und ihre Tochter ſelbſt zu ſprechen; Nichts konnte ihn von dieſem wahnſinnigen Gedanken abbringen, weder das Krachen der unter den Streichen der Angreifer wan⸗ kenden Pforten, noch das Geſchrei des wüthenden Ritters, deſſen furchtbare Stimme das Toben ſo vieler Hunderte überſchallte. Er wolle, ſagte er, bleiben oder ſterben, bis er Henriette geſehen habe. Endlich erſchien dieſe, bleich und zitternd, faßte die Hand des jungen Mannes, zog ihn zu einem Winkel unter der Treppe, wo die Breſche hinter einem Teppich ver⸗ 4 — 147— borgen war, und draͤngte ihn hinein, unterſtützt durch ſeine beſorgten Anhänger. — Schnell dort durch den Garten, rief ſie, dann über den Hof weg, und Sie ſind in der Straße de la Vannerie. Gehen Sie, eilen Sie!— und vergeſſen Sie nicht, daß Sie von Derjenigen gerettet worden ſind, die Sie verderben wollten! — Wohl! erwiederte er, ich werde dieſen Dienſt be⸗ lohnen, werde ihn mit einer Krone belohnen! Ich nehme den Rettungsweg an, den Sie mir eröffnen, Henriette, weil er zugleich der kürzeſte iſt, um mich in's Parlament zu begeben. Dort erwarten mich meine Freunde, meine Unterthanen. Dorthin muß ich gelangen, muß jedes Hinderniß beſiegen, und waͤre es ſelbſt Schimpf und Schmach. — Eine Krone! dachte das leichtſinnige Mädchen, von dem Zauber dieſes Wortes ergriffen. Jene itali⸗ eniſche Wahrſagerin hatte mir ſie ja prophezeiht. Wa⸗ rum ſoll ſie mir nicht eben ſo gut von Laramées Hand geboten werden, wie von Demjenigen, der jetzt todt iſt?—. — Leben Sie wohl, Prinz! rief ſie laut, wir ſehen uns wieder! — Ich danke Ihnen.— Auf Wiederſehen! flüſterte Laramée mit freudeſtrahlendem Blick, ihre Hand an ſeine Lippen drückend. 3 In dem Kuſſe auf dieſe verrätheriſche Hand hatte er alle Gluth ſeiner, durch dieſen vermeintlichen Liebes⸗ 10* — 1248— beweis für immer entwaffneten Seele gehaucht. Der Unglückliche! Er war noch beſſer als ſeine Mitſchul⸗ dige, denn er hielt ſie für beſſer als ſich ſelbſt. Nach der Flucht Laramée's erkannten indeſſen die verlegenen Entragues die Nothwendigkeit, ſich für alle möglichen Fälle in Crillons Augen zu rechtfertigen. Vater Entragues erſchien an einem dicht mit Eiſen ver⸗ gitterten Fenſter des Erdgeſchoſſes und rief den Ritter mit lauter Stimme an, der auch zugleich herzuſprengte. — Harnibieu! rief dieſer, als er Herrn von En⸗ tragues erkannte; ich hätte es mir gleich denken ſollen, daß irgend ein Verrath im Spiele iſt, da Sie dabei ſind! — Herr Ritter, erwiederte der liſtige Edelmann, verlieren Sie nicht die Zeit mit ſo ungerechten. Beſchul⸗ digungen; man iſt mit Gewalt und wider unſern Willen in mein Haus gedrungen; ein Trupp Partheigänger des Prätendenten hat die Thüren erbrochen und iſt über die Mauern geſtiegen; ſie haben eine Oeffnung in die Schei⸗ dewand des Nachbarhauſes gebrochen, um ihren Herrn zu retten; beeilen Sie ſich, beeilen Sie ſich, oder wir ſind alle verloren. Plötzlich erhob ſich ein Geſchrei, gegen welches aller Tumult dieſes Morgens nur dem Summen eines Bienen⸗ ſchwarmes glich, vom Greveplatze her. Crillon, der einen unvermutheten Angriff im Rücken ſeines undisci⸗ plinirten Haufens befürchtete, wendete ſich ſchnell, um der neuen Volksfluth, die er von dieſer Seite heran⸗ wogen ſah, die Spitze zu bieten. — 149— Er hörte deutlich ein Geſchrei: Es lebe der König! das alle Schranken der Begeiſterung überſtieg. Ohne darauf zu achten, wen ſein Pferd niedertrat, bohrte er ihm die Sporen in die Weichen, und trieb es mit einer an Wahnſinn gränzenden Wuth vorwärts; er meinte, es ſei dem Prätendenten gelungen, nach jener Seite hin zu entkommen und dieſem gelte der fanatiſche Volksjubel. Plötzlich hielten Roß und Reiter wie feſt gebannt an—— Vom Groveplatze her, ſah man eine Kutſche in die Straße lenken, deren zurückgeſchlagene Lederbehänge das Innere zu überſehen verſtatteten. Vier Pferde ſchleppten das ſchwerfällige Fuhrwerk im langſamen Schritte daher, das von franzöſiſchen Gar⸗ den, Schweizergarden und einer ſchimmernden Schaar von Pagen, Edelleuten und Offizieren umgeben war. Im Wagen aber ſaß, ſchwarz gekleidet, das hellblaue Ordensband um den Hals, im bloßen Kopfe, bleich— Heinrich IV., trotz der geſpaltenen Lippe, die die Wund⸗ ärzte wieder zuſammen geheftet hatten, heiter lächelnd und Leuten aus dem Volke, zu beiden Seiten aus dem Wagen heraus, die Hände reichend; Männer und Weiber drängten ſich heran, unter den Füßen der Pferde weg, zwiſchen den Musketen und Hellebarden durch, und machten ihrem Entzücken durch Freudenthränen und Jubelrufe Luft. Auch über Crillons gebräunte Wange rollten bei die⸗ ſem Anblicke wieder Thränen, diesmal aber nicht Thränen des Schmerzes und der Trauer. — 150— — Harnibieu! rief er zu den um ihn ſtehenden treuen Bürgern; was habe ich Euch geſagt? Da ſeht Ihr es ja, Kinder, daß er nicht todt iſt! Und unaufhaltſam drängte er wieder vorwärts, um in die Arme ſeines Freundes und Königs zu ſinken. Aber ſo wunderbar und ergreifend dies Schauſpiel auch war, ſo hätte ein intelligenter Beobachter doch ein nicht weniger intereſſantes 30 dem Balcon des Hötels Entragues verfolgen können. Beim Erblicken des vom Tode wiedererſtandenen Kö⸗ nigs, des echten Beſitzers der Krone, waren Marie Touchet und ihr Gemahl nahe daran, vor Schrecken in Ohnmacht zu ſinken. Der Graf von Auvergne ſprang in drei Sätzen die Treppe hinab, um Heinrich IV. ſeine Glückwünſche darzubringen. Henriette ſtieß einen lauten Freudenſchrei aus, der Aller Blicke auf den Balcon lenkte, und ſank dann ihrem Vater in einer höchſt maleriſchen Stellung ohnmächtig in die Arme. — Die Freude hat meine Tochter getödtet! ſchrie Vater Entragues, aber es lebe der König! es lebe der König! Heinrich, der im nämlichen Augeblicke unter dem Balcon vorbei fuhr, verwendete kein Auge von der Gruppe und grüßte freundlich hinauf— trotz Crillons zornigem Achſelzucken, der ſeinen Platz wieder dicht neben dem Wagen eingenommen hatte. 9.— Der König ſchläft ein 6unn Gabriele erinnert ſich. Als der König von dieſer Spazierfahrt, welche die ganze Stadt beruhigt und ſeine Feinde beſtürzt gemacht hatte, ins Louvre zurückkehrte, erwartete ihn Sully be⸗ reits mit den erſten Mitgliedern ſeines Staatsrathes, und bald erſchien auch der Genovefenbruder wieder, der eben⸗ falls ſeinen Gang durch die Stadt gemacht hatte und ſich nun in beſcheidener Entfernung, halb verborgen von dem Thürvorhange hielt. Der König, noch immer etwas leidend, er blickte den Mönch ſogleich und winkte ihm mit der Hand einen ver⸗ traulichen Gruß nach gascogniſcher Art zu, deſſen Be⸗ deutung beide allein verſtanden. Es war der geheimniß⸗ volle Dank für den wichtigen Dienſt, den der räthſel⸗ hafte Bruder ſeinem königlichen Freunde geleiſtet hatte. Triumphirend und vor Freude ſtrahlend ging Sully ſeinem Monarchen entgegen und unterſtützte deſſen immer noch ſchwankenden Gang, während von der andern Seite Gabriele auf das erſte Geräuſch, das Heinrichs Rückkehr verkündigte, ebenfalls ihren Arm als Stütze und ihre Stirn zum Kuſſe darzubieten, herbeieilte. — 152— Nach wenigen Minuten befand ſich auch Crillon, der nur ſchnell noch einige nöthige Befehle zur Sicherheit des Louvre ertheilt hatte, in der Verſammlung. — Ich denke, rief er in ſeiner gewohnten ungebun⸗ denen Weiſe Sully beim Eintreten zu, es wird für uns Beide bald Arbeit geben. — Ja, meine Freunde, ſprach der König, es giebt Mancherlei zu erwägen unggſ beſchließen. Indeß das Sprechen wird mir ſchwer, wie Ihr ſeht, und die Aerzte haben mir ſo angelegentlich das ſtrengſte Stillſchweigen anempfohlen, daß Ihr wohl größtentheils werdet errathen müſſen, was nun zu thun iſt. — Wir werden ſchon errathen, Sire, entgegnete Sully. Wünſchen wir uns vor allem Glück zu dem gu⸗ ten Erfolge dieſer Spazierfahrt, die ich dem König ange⸗ rathen hatte. Heinrich warf ſeinem Freunde, dem Mönche, einen liſtigen Blick zu, den dieſer eben ſo durch ſtummes Lächeln erwiederte. — Ich ſollte meinen, wendete er ſich dann zu den Anderen, daß wir uns vor allen Dingen zu dem klugen Rathe, den der ehrwürdige Genovefenbruder mir ertheilte, mich todt zu ſtellen, glückwünſchen müßten. Ohne dieſen pfiffigen Einfall wäre die Verſchwörung der Ligue und das Complott mit jenem falſchen Valois nicht zum Aus⸗ bruch gekommen. — Harnibieu! das iſt wahr, rief der Ritter, der mit dem Rücken gegen den Mönch gekehrt ſtand. Aber wo ſteckt denn der wackere Bruder, damit man ihm ein wenig danken könne? Ich habe gute Freunde unter den Geno⸗ vefenbrüdern von Bezons, ich! Der König deutete mit dem Finger auf die Geſtalt in der dunklen Kapuze, die nur um ſo mehr befliſſen war ſich zu verbergen. Aber Crillon hatte ſie bald ausge⸗ funden, eilte auf ſie zu und rief mit gutmüthigem Lachen: — Aha! das iſt ja mein tapferer Gevatter vom neuen Thorthurme! mein wackerer Bruder Robert!— Oh! wenn der dabei iſt, ſind wir in guten Händen, und wenn er dem König ein wenig von ſeinem Wunderelixir für ſeine Wunde geben will, ſo wird der König morgen ſehr viel ſprechen können, und übermorgen aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach zu viel. Alſo, meine Herren, bedanken wir uns alleſammt bei Bruder Robert— nicht wahr, Herr von Rosny? — Dankt mir nicht ſo viel, murmelte der Mönch, denn ich fühle mich eben nicht veranlaßt, Euren Dank mit ſchönen Gegencomplimenten zu erwiedern. — Wie war das? rief der König lebhaft, dem Ga⸗ briele ſchnell ihre zarten Finger auf den Mund legte. — Unſer ehrwürdiger Genovefenbruder ſcheint noch nicht ganz zufrieden geſtellt zu ſein, verſetzte Sully mit einem leichten Anflug von Bitterkeit, trotzdem wir ſeine Rathſchläge und Befehle auf das Beſte befolgt haben. Unſer liebes Frankreich iſt heute von einem Mönche re⸗ giert worden, und faſt hätte man meinen mögen, man ſei plötzlich in die Zeiten Heinrichs III. zurückverſetzt. — 154— — uUnd doch beſaß man zu Heinrichs III. Zeit eini⸗ gen Verſtand, erwiederte Bruder Robert mit würdevoller Ruhe; und wenn dem König gute Rathſchläge von Mönchen ertheilt wurden, ſo fand er wenigſtens Diener, welche intelligent genug waren, dieſe klugen Rathſchläge auch klug zu befolgen. — Was ſoll das heißen? rief Sully aufgeregt, dem die Anſpielung als eine zu direkte erſchien, um nicht dar⸗ auf zu antworten. — Das ſoll heißen, verſetzte der Mönch mit derſel⸗ ben Ruhe und ſein blitzendes Auge kühn auf Sully hef⸗ tend, daß Se. Majeſtät befohlen hatte, auf meinen Rath zu hören und meine Befehle zu vollziehen, und doch hat man ihnen zuwider gehandelt. — Oho! Meſſire Genovefenbruder! Ihr werdet bitter! — Es ſcheint, daß die Gewalt berauſchend wirkt und Euch ein wenig zu Kopfe geſtiegen iſt. Was hätte ich denn— wenn es Euch zu ſagen beliebt— zu thun unterlaſſen, oder vernachläſſigt? Ihr befahlt, daß man jenem erbärmlichen Schüler, jenen kleinen Chaͤtel ſchone, und er befindet ſich, wenn auch allem Vermuthen nach, nicht ſehr behaglich, doch friſch und geſund im For⸗l' Evèque. Ihr wolltet, daß man den König für todt ausgebe— nun wohl, man hat ihn für todt gehalten,— daß er ausfahre, ſich dem Volke zeige,— auch das iſt geſchehen — Was wollt Ihr denn noch mehr? — Ich wollte, entgegnete Bruder Robert, daß dieſe *½ — 155— von den Feinden des Königs gegrabene Mine ganz auf⸗ gedeckt, und dieſe Feinde vollkommen entlarvt würden. — Und ſind Sie das nicht? Iſt es nicht klar be⸗ wieſen, daß dieſer elende Betrüger, dieſer Laramée, dieſer angebliche Valois, gegen den Staat conſpirirt hat? — Und wo iſt er jetzt? — Man forſcht nach ihm. Und wo ſind ſeine Mitſchuldigen, oder vielmehr die wirklichen Anſtifter der Verſchwörung? — Geduld, Meſſire Genovefenbruder, nur Geduld! Die Herren vom Parlament werden ſchon ihre Unter⸗ ſuchungen anſtellen, und man wird Euch dann antworten. — Mein Herr, wenn Sie gethan hätten, was ich dem König rieth, ſo hätten alle Nachforſchungen bereits ihr Ende erreicht; wenn Sie das Hötel der Herzogin von Montpenſier hätten umſtellen, durchſuchen laſſen— — Es war leer. — O ja, als Sie ſich endlich entſchloſſen, Ihre behandſchuhten und mit Galanterien gemäſteten Edelleute hinzuſchicken. Sie haben ganz höflich angeklopft— nicht wahr?— und man hat ihnen darauf eben ſo höf⸗ lich erwiedert, daß Madame noch nicht von ihren Be⸗ ſitzungen zurückgekehrt ſei,— nicht wahr? — Ganz richtig. — Herrn von Crillon hätte man hinſchicken müſſen, mit einem Hundert ſeiner Gardiſten, wie ich deren einige kenne, nicht aber jene parfümirten Herrchen; man hätte das ganze Stadtviertel mit einem Netze von Hellebarden — 156— und Musketen umſtellen müſſen, durch die Fenſter ein⸗ ſteigen, die Thüren erbrechen, in jeden Keller durch die Luken dringen müſſen. Dann, mein Herr, würden Sie die Dame ſammt ihren Helfershelfern im Hintergrunde irgend, eines Alkovens gefunden haben; Sie würden ſie gefragt haben, was ſie da mit ihren Jeſuiten mache. Statt deſſen iſt ſie, während ſie ehrerbietig an ihrer Thure kratzten, wie man es bei Königinnen zu thun pflegt, durch irgend einen geheimen Ausgang entflohen und ſchlägt Ihnen ein Schnippchen, ja, ſie bietet Ihnen ſogar Trotz, ſie zu überführen, und in wenigen Minuten werden Sie ſie höchſt wahrſcheinlich umgeben von ſtaub⸗ bedeckten Offizieren, mit Eiszäpfchen an jedem Haare ihres Bärtchens— denn die edle Dame iſt ja von der Natur mit dieſer männlichen Zierde als Zeichen ihres männ⸗ lichen Geiſtes ausgeſtattet worden,— aus der Provenge ſo eben erſt ankommen ſehen; und wenn Sie ſie anklagen werden, ſo wird ſie Ihnen eben ſo höflich ſagen, daß Sie ſie vermuthlich mit einer andern verwechſeln.— Das iſt es, mein Herr, was unter König Heinrich III. nicht geſchehen wäre, und ich berufe mich deshalb auf das Gedächtniß des Herrn, von Crillon, der ja noch die Ehre gehabt hat, dieſem Fürſten zu dienen. — Harnibieu! brummte der Ritter, alles, was der ehrwürdige Bruder da ſagt, iſt leider nur die vollkom⸗ mene Wahrheit. Wir haben einen dummen Streich ge⸗ macht, Herr von Rosny, und ich ſehe unſeren Sire, der — 157— zwar nicht ſprechen kann, ſich weidlich ins Fäuſtchen lachen. Wie geſagt, es war ein dummer Streich. — Mein Herr, rief Sully immer erbitterter, ich muß mir dieſen Ausdruck auf das entſchiedenſte verbitten, und bevor ich mich ſelbſt ſchuldig bekenne, werde ich erſt abwarten— — Sie werden nicht lange zu warten brauchen, murmelte der Mönch, ſeine Kapuze bis an den Bart her⸗ abziehend. Und in der That, er hatte kaum dieſe Worte geſagt, als der Dienſt habende Gardecapitain eilig eintrat, um dem König zu melden, daß die Frau Herzogin von Mont⸗ penſier ſo eben angelangt ſei und Sr. Majeſtät ihre Glückwünſche darbringen wolle. Sully ward blutroth, Crillon ſchlug ſchallend mit der geballten Fauſt in die flache Hand, der Mönch rührte und regte ſich nicht. — Ja, ja, mein lieber Rosny! ſprach der König halblaut zu ſeinem Miniſter, auf Bruder Robert zeigend, der da kennt die gute Dame ganz genau, darauf können Sie ſich verlaſſen.— Man laſſe die Herzogin eintreten. — Crillon, Du bleibſt hier! 1 Der Mönch verneigte ſich tief und zog ſich, von Gabrielen gefolgt, durch eine Seitenthür zurück. — Das nenne ich doch eine unverſchämte Prinzeſſin! brummte Crillon in den Bart; ich bin wirklich begierig, wie ſie ſich wegen ihres nachgepfuſchten Valois, einem Bourbon gegenüber herausreden wird. — 158— — Sei unbeſorgt, ſie wird ſich ſchon herausreden, verſetzte Heinrich. Aber ich ſelbſt werde nicht mit ihr ſprechen, und meine geſpaltene Lippe wird mir als hin⸗ reichender Vorwand dienen.— Sie ſind ja ein Demo⸗ ſthenes, Rosny; Sie können die Unterhaltung führen. — Und mir zugleich meine Genugthuung holen, ſagte Rosny, ſich räuspernd, wie ein Prediger, der auf die Kanzel tritt. Der Huiſſier meldete laut die Herzogin von Mont⸗ penſier an. Bruder Robert hatte richtig prophezeiht. Die Dame war mit jenem feinen Staube bedeckt, wie er ſich bei trockener Kälte auf der Landſtraße erhebt. Die ver⸗ ſprochenen Eiszäpfchen waren indeß bereits unter der Gluth ihrer feurigen Augen weggeſchmolzen. Als ſie, ihren hinkenden Gang meiſterhaft verber⸗ gend, raſchen Schrittes durch die lange Gallerie daher⸗ rauſchte, ſah man ſelbſt die tapferſten Edelleute vor dem Wirbelwinde, den ihr Schleppkleid erregte, wie vor einer Peſtatmosphäre zurückweichen. Sie aber ſetzte ihren Weg fort, unempfindlich gegen dieſe mit Furcht gemiſchte Verachtung, daß auch die Beherzteſten die Augen nieder⸗ ſchlugen. Sogar den König brachte ihre dreiſte Haltung ein wenig aus der Faſſung. Die Herzogin trat ein und die Thüren ſchloſſen ſich hinter ihr. — 159— — Wie, Sire! rief ſie ſchon von fern; ſo iſt es denn wirklich wahr? Ew. Majeſtät haben ſich in Gefahr befunden? Heinrich deutete nur auf die ſchwarzen Tafttſtreifen, mit denen ſeine Wunde geſchloſſen war. — Sprechen Sie nicht! Sprechen Sie um's Himmels⸗ willen nicht! rief ſte heftig. O, über das ſcheußliche Verbrechen! — Zeigen Sie das Meſſer, flüſterte er einem der Nebenſtehenden zu. Sully ergriff es und hielt es der Herzogin dicht vor die Augen. — Dies iſt das Mordwerkzeug, Madame, ſprach er mit ſcharfer Betonung. — Es gleicht dem jenes verruchten Jaques Clement auf ein Haar, fügte Crillon hinzu; aber ſein ſtolzer, herausfordernder Blick ſprach deutlicher als ſeine Worte. Die Herzogin verſuchte es, dieſem Blicke Trotz zu bieten, aber es gelang ihr nicht; ſie mußte die Augen abwenden und begegnete den ruhig lächelnden des Königs. — Ich bin es, Madame, nahm Rosny wieder das Wort, der die Ehre haben wird, ſich im Namen Sr. Majeſtät mit Ihnen zu unterhalten, da die Aerzte dem König gänzliches Stillſchweigen anempfohlen haben, und übrigens war ich im Begriffe, wenn Sie nicht ſelbſt ge⸗ kommen wären, im Namen des Königs nach Ihnen zu ſchicken. Auf ein Zeichen Heinrichs ward ein Tabouret her⸗ — 160— angerückt, auf das ſich die Herzogin, ohne im mindeſten über die letzten Worte zu erſchrecken, ruhig niederließ. Es wird mir eine Ehre ſein, mein Herr, ſprach ſie mit ſtolzer Höflichkeit. Vor allen Dingen bitte ich Sie aber um die näheren Umſtände dieſes ſchrecklichen Ereigniſſes. — Sollten ſie Ihnen noch unbekannt ſein? — Zum Theil— ja— unterwegs habe ich hier und da einige Worte darüber vernommen, aber durchaus nichts Genaueres. — Sie kennen den Mörder, Madame! — Ich, mein Herr? — Allerdings, da er ſechs Monate lang Ihr Ver⸗ trauter war. — Die Herzogin runzelte die Stirn und biß die Lippen zuſammen: — Ich pflege nicht ſo freigebig mit meinem Ver⸗ trauen zu ſein, mein Herr, ſagte ſie ſpöttiſch; wahr⸗ ſcheinlich ſpielen Sie darauf an, daß ich dieſem kleinen Chatel Stoffe abgekauft habe. — Während ganzer ſechs Monate alle Tage? — Aber, mein Herr, es ſcheint faſt, als ob Sie ſich die Freiheit nehmen, mich zu verhören? — Ganz recht, Madame, ich bin ſo frei, und ich denke, daß dieß auch die Meinung Sr. Mäjeſtät ſei. Die Herzogin blickte Heinrich an und ihre Wangen erbleichten einen Augenblick. — — 161— — Es muß ſo ſein, Couſine, flüſterte dieſer mit ſichtlicher Mühe, damit Sie uns beiſtehen können, jeden Faden des Complottes zu entwirren. — Hahl rief die Herzogin, wenn dem ſo iſt, dann bin ich gern bereit, mich allen möglichen Verhören zu unterziehen. Fahren Sie fort, mein Herr; wir waren beim kleinen Chaͤtel ſtehen geblieben. — Der volle ſechs Monate lang bei Ihnen war, fuhr Rosny fort. — Den ich aber ſchon vor einem Jahre fortgeſchickt habe. — Ja, um ihn den IJeſuiten zu übergeben? — Ich glaube, ja. Habe ich übel daran gethan? — Vielleicht, Madame, denn man behauptet, daß dieſer kleine Chatel bereits anfängt, allerhand compromit⸗ tirende Dinge zu ſchwatzen. — Die— wen compromittiren? — Nun, die Jeſuiten eben, verſetzte Rosny ſehr ruhig. Wir würden aber beſſer thun, Chaͤtel vor der Hand ganz bei Seite zu laſſen, denn man wird ſchon Mittel und Wege finden, ihn ſo viel ſprechen zu laſſen, als wir brauchen, um uns zu unterrichten, und über ſeine Mitſchuldigen Näheres zu erfahren. — Er hat alſo einen Mitſchuldigen? — Jenen angeblichen Valois. — Ach ja, einen gewiſſen Laramée, nicht wahr, mein Herr? — Sie wiſſen es alſo ſchon? Gabriele. VI. 11 — 162— — Ja, man hat mir von dieſer Narrenspoſſe erzählt. — Harnibieu! Sie nennen das eine Narrenspoſſe, Frau Herzogin? brach jetzt Crillon los. Eine Narrens⸗ poſſe, wegen welcher der Eine verbrannt, der Andere ge⸗ rädert werden wird, ohne die zu zählen, denen ſie den Kopf koſten wird! — Herr von Crillon, ſprach die Herzogin trocken, diesmal den Blick ihres erklärten Feindes feſt erwidernd, ich bin hierher gekommen, um mit dem Könige zu reden, und da Se. Majeſtät am Sprechen behindert ſind, ſo ſpreche ich mit Herrn von Rosny,— aber ich ſpreche nicht mit Ihnen, und erſuche Sie, mich nicht dazu zu nöthigen. — Oho!l rief Crillon mit verachtendem Hohne; wenn ich ehemals das Wort an Ihren Bruder Guiſe richtete, war er zwar nicht immer liebenswürdig, aber er konnte doch ſtets höflich ſein. Aber, bei Gottes Tod! da Sie es nicht wünſchen, mache ich mir nichts daraus, und werde Sie nicht mehr anreden. Ich ſchweige, Madame, aber ich werde hören. Heinrich winkte den ungehobelten Ritter zu ſich und legte ihm ſeine Hand auf die Schulter, um ihn zu be⸗ ſchwichtigen. — Der König, ſagte die Herzogin lebhaft, der Kö⸗ nig ſcheint dieſes Geſchwätzes müde, und unſere ganze Unterredung— — Wird ihn über Vieles aufklären, das er zu wiſſen wünſcht, unterbrach ſie der Miniſter, ſie ſanft auf — jj.—— -—— — 163— ihrem Tabouret zurückhaltend. Wir ſprechen alſo da⸗ von— wenn es Ihnen beliebt— daß Sie bereits von dem Verbrechen jenes Betrügers gehört. — Ja, mein Herr, man hat es mir erzählt. — Laramée gehörte ebenfalls unter die Zahl Ihrer Diener?— — Zu was ſollte ich das leugnen? — In der That, Madame, es ſcheint hier ein eigen⸗ thümliches Zuſammentreffen unglücklicher Umſtände obzu⸗ walten: Zwei Mäaͤnner ſind des Verbrechens überwieſen, der eine des Königsmordes— der ſechs Monate in Ih⸗ ren Dienſten geſtanden,— der andere, daß er Se. Ma⸗ jeſtät habe vom Throne ſtürzen wollen,— und dieſer gehörte noch geſtern zu Ihrem Hauſe! — Nicht wahr, Couſine, das iſt höchſt ſeltſam? lis⸗ pelte der König. — Schmerzlich iſt es, Sire! — Ja, ja, es muß Ihnen äußerſt ſchmerzlich ſein. — Ich werde noch eine Krankheit davon haben. — Ventre⸗ſaint⸗gris! und ich hätte den Tod davon haben können! rief Heinrich, der den Gelüſten nicht widerſtehen konnte, eine Gasconnade loszulaſſen. — Still, Sire, ſtill! rief Crillon im Tone eines Ge⸗ richtshuiſſiers. — Nun denn, Madame, hob Sully wieder an, aus alle dem wird ſich ein höchſt verwickelter Prozeß entſpin⸗ nen, und es wird nicht zu vermeiden ſein, daß auch Sie in demſelben figuriren. 11* — 164— — Figuriren, mein Herr!— rief die ſtolze Loth⸗ ringerin, empört über dies Wort. — Als Zeugin, Madame; verſteht ſich, als Zeugin. Würde es da nicht vortheilhafter für Sie ſein, Sr. Ma⸗ jeſtät gleich jetzt alles zu ſagen, was Sie über dieſe Sache wiſſen? — Ich bin ganz bereit dazu.. — Vor allen Dingen, dieſer angebliche Valois, wer hat ihn erfunden? — Je nun, was weiß ich? Ich vermuthe, er wird ſich wohl ſelbſt erfunden haben. Zudem werden es ihm Ihre Richter ſchon abfragen. — Harnibieu! platzte der Ritter wieder los, ſie weiß recht wohl, daß der Schuft— Na, na, ſchon gut, Sire, ich ſchweige. — Herr von Crillon wollte nämlich ſagen, ohne Zweifel hätten Sie wohl auch ſchon davon gehört, Ma⸗ dame, daß der Betrüger uns entſchlüpft iſt — Wirklich? erwiederte ſie mit verſtelltem Erſtau⸗ nen. Nun, ſo wird man ihn jedenfalls wieder erlangen. — Man wird allerdings das Möglichſte deshalb thun. Was aber kann ſein Plan ſein? Sich in irgend eine Provinz werfen, wo Unwiſſenheit, Mangel, Leicht⸗ gläubigkeit ihm die Unterſtützung und das Geld einiger erbärmlichen Schwachköpfe verſchaffen werden. — Das könnte möglich ſein. Die Provinzen find in ihrer Treue und Ergebenheit für Se. Mäjeſtät leider noch nicht ſehr feſt. 2 — Meinen Sie aber nicht, Madame, daß alle ſeine Trugbilder bei der Prüfung ſeiner Beweisſtücke in ein Nichts zerfallen werden? — Ich fürchte ſehr, daß Sie ſich in dieſer Beziehung täuſchen, ſagte die Herzogin, Heinrich und Crillon ruhig anblickend, und die Prüfung dieſer Beweisſtücke und Documente dürfte weit mehr zu ſeinem Vortheil als zu ſeinem Nachtheile ausfallen. — Sie kennen ſte alſo, Madame? fragte der König lebhaft, die Schmerzen ſeiner Wunde nicht beachtend. — In dieſer einzigen Frage war der ganze Prozeß enthalten. Die Herzogin nahm ihn muthig an. Sol⸗ chen Gegnern gegenüber war der kleine Krieg nicht län⸗ ger möglich. — Sire, antwortete ſie, ſeit Jahren als eine Geg⸗ nerin der Könige von Frankreich bekannt, gleiche ich einem jener Magnete, die, wie man ſagt, das Eiſen und Gewitter anziehen; man vergißt, daß ich ſo glücklich war, mich mit Ew. Majeſtät wieder auszuſöhnen, und bringt mir jede Klage, jede Beſchwerde zu, aus der man eine Waffe gegen Sie zu ſchmieden hofft. — Und ſie weiß ſich ihrer häßlich zu bedienen, Har⸗ nibieu! grollte Crillon in ſeinen Bart. — Daraus folgt, fuhr die Herzogin fort, ohne ſcheinbar das Erſtaunen zu bemerken, in welches ihre Kühnheit Sully und ſogar Heinrich verſetzte, daraus folgt, daß dieſer Laramée früher einmal zu mir kam, mir alle ſeine Anſichten in Betreff ſeiner Abſtammung, alle ſeine Anſprüche auf den Thron Frankreichs offen mit⸗ theilte. Anfangs betrachtete ich das Ganze als eitele Hirngeſpinnſte— — Anfangs nur? rief nun der König und Sully zugleich.— — Ich muß Ew. Majeſtät nochmals die Verſiche⸗ rung geben, daß ich dieſen Laramée bis dahin nicht ge⸗ kannt, niemals geſehen hatte; eben ſo wenig kann ich aber auch leugnen, daß er mir ſpäter durch ſeine auffal⸗ lende Aehnlichkeit mit einem Fürſten, den ich perſönlich gekannt hatte, ein lebhaftes Intereſſe einflößte; dieſes an ſich ſehr harmloſe Intereſſe abgerechnet, habe ich ihn aber nie anders als meine Diener und Offtziere dritten Ranges behandelt. Indeß, als er mir ſeine Abkunft ent⸗ deckt, die Beweiſe und Documente derſelben vorgelegt— — Er beſitzt alſo wirkliche Beweiſe? rief Rosny. — Ganz natürlich, verſetzte die Herzogin kalt; wie würde man ihm ſonſt Glauben ſchenken? — Ganz recht, murmelte Heinrich. — Ja, Harnibieu! fuhr der unverbeſſerliche Crillon wieder auf, freilich hat er Beweiſe, die ich ebenfalls ganz genau kenne, daß er ein Spitzbube, ein Mörder iſt— und zwar einer der geriebenſten! — Still! ließ ihn nun der König an. Laß meine Couſine ſprechen, die die Beweiſe geſehen hat. — Und ich kann Ihnen nicht bergen, Sire, daß ſie manchen ſonſt recht hellen Kopf verwirren werden. — 167— — Den Ihrigen vielleicht, Madame? frug Rosny, vergeblich bemüht, den ungeduldig mit den Füßen tram⸗ pelnden Crillon durch warnende Blicke im Zaume zu halten. — Auch das will ich nicht leugnen, C2 a aber ich habe Ew. Majeſtät Treue gelobt, und werde mein Ge⸗ löbniß halten, bis— — Bis ich todt ſein werde, Couſine? — Wie ſie dies heute Morgen glaubte, brummte Crillon. — Ja, Sire, ſprach ſie dreiſt, ich bin Ihnen Treue ſchuldig bis zum Tode, und darum habe ich auch Lara⸗ mées Anſprüchen, ſo begründet ſie mir auch erſchienen, mein Ohr verſchloſſen. Ich fordere ihn auf zu ſagen, ob ich ihn auch nur durch ein Wort zu dieſem Wahn⸗ ſinnsſtreiche ermächtigt habe, den er beging, als ich noch auf meinem Landſitze war! Heinrich, Sully und Crillon ſahen ſich gegenſeitig an; alle drei gedachten in dieſem Augenblicke des Genovefen⸗ bruders, der ihnen die Frechheit der Herzogin ſo richtig prophezeiht hatte. — Aus alle dem geht hervor, nahm endlich Rosny wieder das Wort, daß die Beweisſtücke jenes Betrügers in der That blendend und verführeriſch ſein müſſen, und daß Madame, wenn ihre unverbrüchliche Treue gegen Ew. Majeſtät ſie nicht abgehalten hätte, dem Prätendenten wohl gar Vorſchub geleiſtet haben würde? — Und warum nicht— wenn er wirklich ein Va⸗ lois wäre, und wenn uns das unglückliche Ereigniß die⸗ ſes Morgens Heinrichs IV. beraubt hätte, der keine legi⸗ timen Erben hinterläßt? — Nun denn, rief Sully, hingeriſſen von ſeinem Zorne und durch die Größe der Gefahr, die dieſes dreiſte Geſtändniß vor ihm enthüllte, es iſt wahr, der König hat noch keine legitimen Erben; aber bei Gott ſchwöre ich es, er ſoll deren bekommen! — Das wünſche auch ich von ganzem Herzen, ſprach die Herzogin, ſich würdevoll vom Tabouret erhebend. Auf dieſe Weiſe werde ich nicht ferner dem ſchmachvollen Ver⸗ dacht ausgeſetzt ſein, nach einer Krone zu ſtreben, welche es Gott gefiel meinem Hauſe zu entziehen; auf dieſe Weiſe werden mich meine Feinde nicht mehr bei jeder Gefahr, die den König bedroht, der Mitwiſſenſchaft oder wohl gar der Mitſchuld bezüchtigen, wie gewiſſe Unver⸗ ſchämte ſich erdreiſtet haben zu thun. — Und auf dieſe Weiſe, ſchrie Crillon mit den brei⸗ ten Achſeln zuckend, als wolle er dieſen weiblichen Pfeil abſchütteln, wird man auch nicht mehr wagen, in Er⸗ mangelung eines Beſſeren, einen Valois auf einen Lara⸗ mée zu pfropfen. Harnibien! Ja, Sire, ſchaffen Sie ſich Kinder, und zwar ſo viele, daß alle Laramée und Chatel ſammt Genoſſenſchaft davor erſchrecken! — Diesmal ſpricht der Herr goldene Worte, ſagte die Herzogin höhniſch. Und ſomit bleibt mir Nichts übrig, als Ew. Majeſtät alles mögliche Glück und Ge⸗ — 169— deihen zu wünſchen, das Sie in ſo hohem Grade ver⸗ dienen. Sie verneigte ſich ehrbietig, ſchritt dann majeſtätiſch auf die Thüre zu, verbeugte ſich dort nochmals, und durchſchritt die Gallerie mit eben ſo hoch erhabenem Haupte, wie bei ihrer Ankunft, das Murren und die finſteren Blicke nicht beachtend. 1 — Sie ſind geſchlagen, Rosny! rief der König, er⸗ ſchöpft in den Armſtuhl zurückſinkend; dieſe Teufelin führt noch irgend etwas im Schilde! — Ja, es iſt Gefahr vorhanden, ſprach der Mini⸗ ſter düſter; aber wir wollen ihr zuvorkommen. Ich übernehme das Innere. — Und ich das Aeußere! ergänzte Crillon. Ich werfe mich aufs Pferd, um der Bande dieſes ſchuftigen Valois nachzuſetzen, dem die edle Herzogin ſicher ſchon den Vorſpann bezahlt hat.—Harnibieu! ich bringe ihn zurück, todt, oder mit dem Strick um den Hals! — Geht, meine Freunde, geht, ſprach der König vor Erſchöpfung erbleichend. Ich kann nicht mehr. Mein Herz iſt mit Trauer erfüllt ob all dieſer Greuel! Man bitte die Frau Marquiſe, zu mir zu kommen, damit mein Auge ſich an ihrem Anblicke erlabe. Dann werde ich ſchlafen, und hoffe morgen wieder als Mann zu er⸗ wachen. Zehn Minuten darauf durchſtreifte Sully mit ſeinen Leuten die Stadt, und Crillon ſprengte an der Spitze ſeiner Tapfern auf der Landſtraße dahin. Nachdem der König ſeinen kleinen Cäſar geküßt, ent⸗ ſchlief er ſanft, von Gabrielen ſorgſam gepflegt. Dann verließ dieſe das königliche Kabinet und die Erinnerung an ſo viele grauſenhafte Creigniſſe gewaltſam verbannend, flüſterte ſie leiſe vor ſich hin: — Alles geht gut; der Miniſter denkt nur an die Beruhigung des Volkes, und Crillon an die Beſtrafung der Schuldigen. Es iſt hohe Zeit, daß ich mich des armen Unſchuldigen erinnere, den alle Welt in dieſer Verwirrung vergeſſen hat. Sie nahm den am Morgen vom König unterzeichne⸗ ten Befehl zu Esperance's Freilaſſung von ihrem Tiſche, wo er bis dahin unbeachtet gelegen hatte. 2— Er leidet durch mich, ſeufzte ſie; durch mich ſoll er geheilt werden! Ende des ſechſten Bandes. Druck von C. G. Naumann in Leipzig. ———————* 8— — 3 * — 3 *