„—---— Leihbibliothek z0. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhyr offen. ſ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſe eträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefayr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ae Fünfter Band. Gabriele. V. 2 1 —ÿ— 1. Die Erlaßbriefe. Der Herzog von Mayenne war abgereiſ't. Das aufgeregte Paris zitterte unter entgegengeſetztan Einflüſſen. Die durch die Abreiſe ihres Oberhauptes außer Faſſung gebrachte Ligue murmelte leiſe das Wort Verrath. Die Royaliſten oder Politiker, wie man ſie nannte, erhoben das Haupt und ſchienen ſich einander zu ſagen: die Zeit iſt nicht mehr fern. Die auf ihre eigenen Mittel angewieſenen Spanier hatten ihre Wachſamkeit verdoppelt. Es handelte ſich für ſie um Leben und Tod. Kenntlich durch ihre Kleidung und durch ihre Sprache, fühlten ſie, daß ſte von der erſten Emeute bewältigt würden. Die Unſchlüfſigkeit und Spaltung der Pariſer waren bisher ihre ganze Macht geweſen. Der Herzog von Feria und ſeine Kapitäne verbargen ihren Zorn und ihr Mißtrauen; ſie machten der Frau von Montpenſier den Hof, obgleich ſie argwöhnten, daß ſie die Genoſſin ihres Bruders ſei. Dabei hatten ſie den Plan, Beide dem Ehrgeize Philipps II. zu opfern. Die Herzogin, die nur Briſſac noch als Stütze hatte, ſchmei⸗ 1* chelte den Spaniern, damit ſte ihr das Unglück vermeiden halfen, das ſie vorzüglich fürchtete, nämlich den Einzug des neuen katholiſchen Königs in Paris. Vor Tagesanbruch ſchon durchritt ſte die Straßen von Paris, mit einem Gefolge von Officieren. Wo ſie ſich ſehen ließ, drängten ſich die Liguiſten an ſie heran, um von ihr ein wenig Hoffnung zu erhalten. Sie ſchrie, daß ſie heiſer ward:. — Ich bleibe bei Euch, Pariſer! Und dabei wehete ſie mit Schärpen, erfand Tänze, und führte Bewegungen aus, daß die lauen Liguiſten ſte lächerlich finden mußten. Briſſac beſtärkte ſte in dieſer verſchwenderiſchen Thä⸗ tigkeit. Auch er zog, wie die Spanier, durch die Straßen. Es gewährte ein intereſſantes Schauſpiel, wenn alle drei plötzlich von verſchiedenen Seiten her auf einem Platze zuſammentrafen. Die gaffende Menge, die der kommenden Ereigniſſe harrte, empfing ſie mit lautem Gelächter. Ein ſolches Zuſammentreffen fand am Morgen nach der Abreiſe des Herrn von Mayenne ſtatt. Die Herzogin kam aus der Straße Saint⸗Antoine auf den Greveplatz. Briſſac kam über die Quais, der Herzog von Feria mit ſeinem Generalſtabe kam aus der Straße du Mouton. Eine große Volksmenge war auf dem Platze verſammelt, denn es ſollte ein Mann gehängt werden. D Galgen war errichtet. Man erwartete nur noch dem armen Sünder. —— —, Als Briſſac fragte, was hier vorgehe, antwortete der Herzog von Feria, daß der Miſſethäter wahrſcheinlich ein Emiſſär des Königs von Navarra ſei, den man vor einer Stunde ergriffen habe. Man habe ein Billet bei ihm gefunden, wonach mit Hülfe der Verſprechungen von Seiten des Bearners Aufruhr und Zwietracht in Paris erregt werden ſollte. — Das iſt gut erdacht, rief die Herzogin. Man hänge ihn. Briſſac, der ſich von einer anſehnlichen Menge um⸗ geben ſah, in der er gewiſſe plebejiſche Geſichter unter⸗ ſchied, die wenig Wohlwollen für die Spanier verriethen, fragte: — Hat man dieſen Mann verhört? Die Gruppe drängte ſich heran; ein Jeder wollte die Unterredung der Gebieter von Paris hören. — Ich ſelbſt habe ihn verhört, ſagte der Herzog von Feria; ich habe auch das Billet geſehen. — Gut; aber wer hat ihn verurtheilt? — Ich! fügte der Spanier in einem hochmuthigen Tone hinzu. Iſt der Verbrecher nicht auf friſcher That ertappt? — Pardieu! ſagte die Herzogin. — Aber es iſt in Paris Brauch, antwortete Briſſac mit einem Blicke auf die Gerichtsperſonen, die er an ihren ſchwarzen Kleidern auf dem Platze erkannte, daß jeder Verbrecher von ſeinen competenten Richtern verhört werde. — 6— — O, über dieſe Spitzfindigkeiten! rief der Spanier überraſcht. Das gemeine Volk begann zu murren. — Warum ſuchen Sie Streit mit dem Herzoge? flüſterte Frau von Montpenſier Briſſac zu. — Laſſen Sie mich! antwortete Letzterer in demſelben Tone. In demſelben Augenblicke erſchien der Verurtheilte an der Straßenecke. Walloniſche und ſpaniſche Garde eskortirte ihn. Es war ein braver Bürger mit einem bleichen, von Thränen benäßten Geſichte. Die Verzweiflung hatte ſeine Züge entſtellt, aber man errieth, daß er ein unbeſcholtener Mann war. Bei dem Anblicke des Galgens faltete er die Hände und begann ſo jämmerlich zu wehklagen, indem er ſein Weib und ſeine Kinder rief, daß ein lautes Gemurmel des Mitleids in der Volksmenge rege ward. — Morbleu, das iſt ein jammervoller Anblick! ſagte Briſſac laut, und indem er ſich abwandte, als ob er die Kraft nicht hätte, dieſes Schauſpiel mit anzuſehen. Die Gerichtsdiener und einige wohlgekleidete Bürger waren ihm während dieſer Zeit ſo nahe getreten, daß ſie faaſt ſein Pferd berührten.— — Nicht wahr, mein Herr, fragte einer von ihnen, es zerreißt das Herz, wenn man einen braven Mann unſchuldig hängen ſieht? — Unſchuldig! rief der Herzog von Feria, vor Zorn erbleichend. Wer hat das geſagt? — Ich! antwortete der Mann, der dieſe Worte ge⸗ ſprochen hatte und deſſen reinliche und ſorgfältig angelegte ſchwarze Kleidung eine Magiſtratsperſon verrieth, ich, der Schöffe dieſer Stadt! Ich, Langlois! — Langlois, Langlois! wiederholte das Volk, indem es ſich um ſeinen Schöffen gruppirte, deſſen Ruhe und Kaltblütigkeit, gegenüber dem wüthenden Spanier, jene Erhabenheit und Bedeutung hatte, die in kritiſchen Mo⸗ menten ſtets das Volk ergreift. — Unſchuldig! wiederholte der Herzog. Iſt der Mann unſchuldig, der Verſprechungen des Bearners ausſtreut? — Was für Verſprechungen? fragte Briſſac gut⸗ müthig. Man muß völlig klar ſehen in einer ſo wich⸗ tigen Sache. Der Herzog holte raſch ein gedrucktes Billet aus ſei⸗ nem Aermel hervor und gab es Briſſac, indem er ſagte: — Leſen Sie! Der Graf, umgeben von einer unzähligen Menge, über die der Reiter hoch emporragte, und die ein ſo tiefes Schweigen beobachtete, daß man das Jammern des Ver⸗ urtheilten hören konnte, der am Fuße des Galgens kniete — der Graf entfaltete das Papier und las mit lauter, vernehmlicher Stimme: „Manifeſt des Königs. „Seine Majeſtät, von dem Wunſche beſeelt, if ſeine Unterthanen in Freundſchaft nnd Einigkeit leben zu laſſen, 7 * 2 2 vorzüglich die Bürger Iir fnwohner von Paris, will Alles, was ſeit dem Ausbruche der Unruhen geſchehen, vergeben und vergeſſen... 2’ — Mein Herr, mein Herr, unterbrach ihn der Her⸗ zog, mit den Zähnen knirſchend, es iſt genug. — Ich muß Alles wiſſen, ſagte Briſſac,. Worte die Menge mit Begierde gehört.„. Und er fuhr fort:*. „... vergeben und vekgeſfen. Deshalb verbietet er allen ſeinen Procuratoren und Beamteten, irgend ei Unterſuchung anzuſtellen, ſelbſt gegen die, die man ge⸗ wöhnlich die Sechzehn nennt.. — Wie, murmelte das Volk, er verzeiht ſelbſt den Sechzehn? 2— — Ich bitte, Graf, ſagte die Herzogin, hören Sie auf. — Laſſen Sie mich! antwortete Briſſac, der wieder zu leſen begann: „Seine Majeſtät verſpricht mit dem königlichen Worte, in der römiſch⸗katholiſchen⸗apoſtoliſchen Kirche zu leben und zu ſterben, und genannte Unterthanen und Bürger genannter Stadt in dem Beſitze ihrer Güter, Privilegien, Aemter, Würden und Rechtswohlthaten zu belaſſen. „Gezeichnet: Heinrich.“ Kaum hatte Briſſac geendigt, als der Enthuſtasmus des Volks ſich Luft machte. *— Wenn es nur wahr wäre! riefen hundert Stimmen. 3 2 e r F— *,— 79:— — Dies alſo iſt der Brief! ſagte Briſſac. Er iſt allerdings zündbarer Natur, und wenn er bekannt wird, ſo glaube ich, fügt er der Ligue Nachtheil zu. — Sie geben dies ein wenig ſpät zu, antwortete der Herzog. Man muß den Schurken alſo hängen, der dieſen Brief verbreiten wollte. Er gab dem Henker ein Zeichen, daß er das Opfer ergreife. Der Schöffe Langlois ergriff Briſſac's Pferd bei dem Zaume. — Herr, rief er, dand muß man uns Alle hängen laſſen! — Warum? fragte Briſſac. — Weil wir Alle ſolche Briefe haben. — Wie? riefen der Herzog und die Herzogin. — Hier, hier! riefen zunächſt die Schöffen, indem ſte ähnliche Briefe hervorzogen und ſte emporhielten. — Hier! Hier! Hier! riefen die Bürger und die Volksmenge, indem ſie dieſelben Briefe zeigten, daß der Spanier und Frau von Montpenſter davon geblendet wurden. — Es iſt wahr, ſie Alle beſitzen Briefe, ſagte Briſſac ruhig. Und ich weiß nicht, ob ich nicht ſelbſt einen ſolchen in meiner Taſche habe. Der Herzog von Feria ward faſt ohnmächtig vor Wuth. — Um ſo mehr Grund! murmelte er. — Nein, nein! rief der Schöffe. Jener brave Mann, den man hängen will, befand ſich wie ich, wie wir Alle, — 10— auf der Straße, als die Vertheilung dieſer Briefe ſtatt⸗ fand. Man gab ihm ein Papier wie mir, wie meinen Collegen, wie Allen, die Sie hier ſehen! — Ja! Ja! Ja! riefen tauſend Stimmen tumul⸗ tuariſch. — Wenn er alſo ſchuldig iſt, fuhr der Schöffe fort, ſo ſind wir Alle ſchuldig. Man hänge uns mit ihm. — Dazu würden zu viel Galgen erforderlich ſein, ſagte Briſſac. Dann näherte er ſich dem Herzoge und flüſterte ihm in das Ohr: 34 — Wenn Sie dieſen Mann nicht frei geben, wird man uns noch hängen! — Demonios! ſtammelte wüthend der Spanier. — Man laſſe den wackern Mann frei! rief Briſſac. Ein tauſendſtimmiger Beifallsruf folgte dieſem Befehle. — Es war wahrlich unnütz, dieſen Brief laut vor⸗ zuleſen, ſagte der Spanier. — Warum nicht? Es hat ihn ja ein Jeder leiſe für ſich geleſen. Sie nehmen das Volk von Paris von der verkehrten Seite. Merken Sie auf! Man wird dieſen Bürger im Triumphe ſeiner Frau zurückbringen. Schon ſtrecken ſich zwanzigtauſend Arme nach ihm aus, mein Herr! Der Herzog antwortete ihm nicht; er wandte ſich, und ſagte zu der Herzogin: — Das ſind ſeltſame Dinge; ich bitte, Madame, geben Sie mir Auſſchlüſſe darüber. — 11— Beide begannen nun leiſe ein ſehr lebhaftes Geſpräch, das eben nicht zu Briſſac's Gunſten gefuͤhrt zu werden ſchien. Briſſac fühlte, daß ſein rechter Arm berührt ward. Als er ſich wandte, ſagte Langlois zu ihm: — Nach dem, was Sie ſo eben gethan, mein Herr, glaube ich annehmen zu dürfen, daß man mit Ihnen reden kann. — Ich glaube! antwortete Briſſac. — Wann? — Sgogleich. — Wo? — In der Mitte dieſes Platzes, der leer iſt. Erwarten Sie mich dort mit Ihren Freunden, unter denen ich, wenn ich nicht irre, den Herrn Generalprocurator Molé und den Präͤſidenten Lemaitre erkenne. — Ja, mein Herr. 1 — So gehen Sie, und wählen Sie genau die Mitte, damit man uns nicht verſtehen kann. Man wird uns zwar ſehen, aber die Worte haben weder Geſtalt noch Farbe. Der Präaäſident und die Schöffen gehorchten. Ohne irgend eine Abſicht zu verrathen, gingen ſie langſam nach der Mitte des Platzes, den die Menge verlaſſen hatte, um dem befreiten Miſſethäter zu folgen. Der kleine Volks⸗ haufen, der zurückgeblieben, drängte ſich um die Pferde des Herzogs und der Herzogin. Selbſt die ſpaniſchen Soldaten, denen man die Beute entriſſen, hatten ſich — 12— ärgerlich unter das Schirmdach des Wirthshauſes„zum Bilde unſerer lieben Frau“ zurückgezogen. Briſſac gab der Bürgergarde einige Befehle, und als er ſah, daß das gegen ihn gerichtete Geſpräch noch fort⸗ dauerte, ſtieg er vom Pferde und ging nach der Mitte des Platzes, wo die drei Pariſer Magiſtratsperſonen ihn erwarteten. Nun folgte eine ſeltſame Scene, deren Wichtigkeit ſelbſt die nicht ermeſſen konnten, die ſie mit anſahen. Der Schöffe und die beiden Präſidenten hatten ſich in einem Dreieck aufgeſtellt, ſo daß jeder von ihnen ein Drittheil des Platzes überſehen und beobachten konnte. — Da bin ich, meine Herren! rief Briſſac. Was haben Sie mir zu ſagen? Molé begann: — Mein Herr, Paris muß gerettet werden, und wir find feſt entſchloſſen, es zu retten. Koſtet es auch unſere Köpfe, wir bitten Sie, den guten Franzoſen, uns in unſerm Unternehmen zu helfen. — Ich ſtelle mich als Geißel! fügte der Präſident Lemaitre hinzu. 3 — Und ich bitte Sie, mich in das Gefängniß führen zu laſſen, denn ich conſpirire, um den Einzug des Königs in unſere Stadt zu bewirken. Briſſac ſah dieſe drei beherzten und rechtſchaffenen Männer, die ſo feſt ſeiner Ehre vertrauten, mit ſcharfen Blicken an. — Wohlan, ſagte er, nennen Sie mir Ihre Mittel. — 13— — Wir wollen dem Könige ein Thor öffnen. Unſere Bürgergarde iſt bereits davon unterrichtet. Briſſac ſah ſich verſtohlen um. — Mir ſcheint, ſagte er, wir erregen dort Verdacht. — Ja, mein Herr, und ich glaube, man ſendet Spione ab. Mögen ſie kommen. — Beeilen wir uns, ſagte Briſſac. Das Thor, das wir Sr. Majeſtät öffnen, kann nur das Neue Thor ſein. — Warum? fragten die drei Royaliſten. — Weil ich ihm geſtern dieſes Thor habe bezeichnen laſſen, und weil er dieſe Nacht ſich ihm nähern wird. Die drei Beamteten unterdrückten einen Freudenſchrei. Ihre Geſichtszüge verriethen die Dankbarkeit, wovon ihr Herz überſtrömte. — Dort kommen die Spanier! ſagte Langlois. — Sie ſind noch zweihundert Schritte entfernt, ant⸗ wortete Briſſac. Wenn Sie dieſen Abend Ihre Soldaten zur Bewachung des Thores verſammeln, ſo laſſen Sie in den Reihen einige Plätze für die Leute offen, die ich in die Stadt habe kommen laſſen. — Gut! ſagte Molé. — Sind dieſe Leute tapfer? fragte Lemaitre. — Sie werden ſie bei der Arbeit ſehen. — Still! Briſſac wandte ſich raſch: Don Joſé Caſtil kam mit ſechs walloniſchen Gardiſten näher. — Ja, meine Herren, ſagte der Graf laut zu den Magiſtratsperſonen, die Erdhaufen, die man vor den Thoren von Paris aufgeworfen, mißfalleu mir. Es ſind Schutzwehre, die nur dazu taugen, Kinder zu beruhigen. — Was für Erdhaufen? Was für Thore? fragte der Hidalgo, indem er ſich in die Unterredung drängte,— wie ein Marder in ein Kaninchenneſt. — Ah, guten Morgen, mein beſter Kapitain! rief Briſſac. Ich erkläre ſoeben dieſen Herren, die von dem Kriegshandwerke Nichts verſtehen, daß Paris durch jene lächerlichen Erdaufwürfe vor den Thoren durchaus nicht zu vertheidigen iſt. Dreißig Pioniere des Bearners kön⸗ nen mit Schaufel und Hacke alle ihre Fortificationen in zwei Stunden bei Seite ſchaffen. Laſſen Sie daher dieſe unnützen Erdhaufen dieſe Nacht abtragen, und von Stein und Mörtel Wälle erbauen, welche den Kanonen trotzen. Fragen Sie nur Herrn Don Joſé Caſtil, der ſich darauf verſteht, ob man hinter einer Steinmauer nicht ruhiger ſchläft, als hinter halbverfallenen Schanzkörben. — Gewiß! ſagte der Spanier, deſſen Mißtrauen noch nicht ganz verſcheucht war. — Alſo an's Werk, Herr Schöffe! Senden Sie Ihre Maurer und Erdarbeiter. — Wohin? fragte der Spanier. An alle Eingänge, die durch ſolche Erdhügel gedeckt find: an das Thor Saint⸗Jacques, Saint⸗Martin, Saint⸗ Denis und an das Neue Thor. — Es wird geſchehen, mein Herr! antwortete Lan⸗ glois, indem er ſich verbeugte.— 2 Dann entfernte er ſich. Seine Collegen folgten ihm. — Der Herr Herzog von Feria hält Rath mit der Frau Herzogin, und möchte auch Ihre Meinung hören, ſagte der Hidalgo, indem er auf die Gruppe deutete, welche dieſe beiden berühmten Perſonen am Ende des Platzes bildeten. — Ich werde zu ihnen gehen, antwortete Briſſac. O, welche Eſel ſind doch dieſe Schöffen, Don Joſé! — Wahrhaftig? fragte ironiſch der Spanier. — Ja! 3 — Sie haben Sie indeß bereitwillig angehört. — O, dachte Briſſac, indem er den Spanier von der Seite anſah, Du biſt zu geiſtreich, um ferner leben zu können! Unbefangen begab er ſich zur der Herzogin und ihrem Verbündeten. Frau von Montpenſier empfing ihn mit den Worten: — Wir ſagten ſoeben, Herr Graf, daß Sie ſehr unklug gehandelt, indem Sie jene Volksmenge aufge⸗ regt haben. 3 — Und ich füge hinzu, ſagte Briſſae, daß Sie ſehr unklug gehandelt, indem Sie die Volksmenge heraus⸗ forderten. — Wie? — Ich ſage, daß Sie Thoren ſind, daß Sie nicht zu wiſſen ſcheinen, daß Sie nur zehntauſend Mann gegen fünfhunderttauſend haben, und daß Sie erliegen werden, wenn Sie die Stärke nicht durch Klugheit erſetzen. — 16— — O, unſere zehntauſend Mann werden Ihre fuͤnf⸗ hunderttauſend Pariſer ſchlagen! — Wahrhaftig? Es kommt auf den Verſuch an. So wiſſen Sie alſo nicht, daß hier alle Welt conſpirirt? — So? ſagte der Herzog, indem er mit einem iro⸗ niſchen Lächeln Don Joſé anſah. — Und Sie wiſſen nicht, fuhr er fort, daß Sie ver⸗ rathen ſind? — Durch wen?. — Durch alle Welt. Ich komme ſoeben von drei Magiſtratsperſonen, von drei eifrigen Liguiſten— wie man glauben ſollte— nun, eben dieſe haben Sie verrathen. Joſé Caſtil ſpitzte die Ohren. — Ja, fuhr Briſſac fort; hätte ich nicht gefürchtet, einen Aufſtand zu erregen, ſo würde ich ſofort ihre Ver⸗ haftung verfügt haben. — Was haben Sie Neues erfahren? fragten raſch der Herzog und die Herzogin. — Ich habe erfahren, daß man dem Könige von Navarra ein Thor öffnen will. — Welches? fragte kalt der Herzog. — Wenn ich es wüßte... antwortete Briſſac. — Nun, ſo werde ich es erfahren! antwortete der Spanier.. 3 — Auch ich! ſagte die Herzogin. Der Herzog von Feria fügte hinzu: — Ich werde auch die Namen aller Verräther erfah⸗ ren, wer ſie immerhin ſein mögen! Bei dieſen Worten ſah er Briſſac an. Briſſac antwortete ruhig: — Fertigen Sie Ihre Liſte an, ich werde die mei⸗ nige anfertigen. — Und morgen früh, fuhr der Spanier fort, werde ich eine Menge Leute erſchießen laſſen, die heute keine Ah⸗ nung davon haben. — Und ich, ſagte lächelnd Briſſac, indem er ihm vertraulich auf die Schulter klopfte, ich werde eine Anzahl Leute rädern laſſen, die ebenfalls keine Ahnung davon haben. — Als Anfang, ſagte der Spanier, wechſele ich die⸗ ſen Abend ſämmtliche Poſten. Briſſac antwortete: — Ich wollte Ihnen ſoeben dieſen Vorſchlag machen, mein Herr. — Ich werde mich nur noch auf meine Spanier verlaſſen. — Und Sie haben Recht. Die Spanier ſind am meiſten dabei betheiligt, wenn der König die Stadt be⸗ tritt. Was für ein ſpaniſches Gemetzel wird das geben! Die Haare ſträuben ſich mir empor, wenn ich daran denke. Dagegen verſpricht der Brief des Königs, den Sie geſehen haben, allen Franzoſen Gnade und Verzeihung. — Es iſt mir lieb, Sie ſo geſinnt zu ſehen, ſagte Herr von Feria. Ich werde ſogleich meine Befehle er⸗ laſſen, daß alle franzöſiſchen Soldaten von den Poſten ausgeſchloſſen werden. Gabriele. V. 2 — 18— — Herrlich! Herrlich! rief die Herzogin, während der Herzog leiſe mit ſeinen Officieren ſprach. — Aber jubeln Sie nicht zu ſehr, ſagte Briſſac, ſich dem Ohre der Frau von Montpenſier zuneigend, denn morgen, meine ſchöne Freundin, werden Sie als Spa⸗ nierin Ihr Bett verlaſſen. — Wie, Graf? — Sie mißtrauen mir bis zu dem Grade, daß Sie ſich völlig dieſem Unverſchämten hingeben? Sie ſind toll und verlieren die ſchöne Parthie. — Aber... — Sie wiſſen alſo nicht, was mir die Schöffen vor⸗ hin ſagten, als Sie mich durch den Spion Caſtil unter⸗ brechen ließen? — Wahrhaftig nein! Aber es ſah aus, als ob Sie mit dieſen Schöffen conſpirirten. — Sie ſagten mir: einen franzöſiſchen König neh⸗ men wir gern, und einen Guiſen am liebſten, da uns Herr von Mayenne verläßt; aber wir müſſen ihn gleich bekommen, damit wir von den Spaniern befreit werden. — Das ſagten ſie? — Laſſen Sie ſie kommen und überzeugen Sie ſich davon. Und ſolche Leute machen Sie ſich abhold, indem Sie ſie unberückſichtigt laſſen. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie eine Franzöſin ſind. Lothringen liegt in Frankreich, Herzogin! Auch ich bin ein Franzoſe, und Sie verbin⸗ den ſich mit Spanien gegen mich. — Aber wenn es wahr iſt, daß Sie den Bearner begünſtigen... — Nur ein Feria kann dies ſagen! Nehmen wir übrigens dieſe Abgeſchmacktheit einmal an. Aber will dieſer Spanier ſeine Infantin nicht zur Königin von Frank⸗ reich machen? Er wird Ihren Vetter einſperren laſſen. — Ah, das kommt darauf an! — O, wie blind ſind Sie, unglückliche Herzogin! Wer ſoll ihn vertheidigen, wenn die ganze Garniſon aus Spaniern beſteht? Begreifen Sie denn nicht, daß ich ihm mit dem Phantome Heinrich's IV. Schrecken einjagen will, damit er Ihrer und der Ligue bedarf? Und nun verläßt Herr von Mayenne Paris, und Sie überliefern dem Spanier die Schlüſſel. Nun, handeln Sie, wie es Ihnen beliebt. Da wir jetzt nicht mehr Freunde ſind, ſo werde ich dem Beiſpiele des Herrn von Mayenne fol⸗ gen und meine Koffer packen. Es mag dann ein Jeder ſehen, wie er fertig wird. Nach dieſen Worten, die auf die Herzogin einen tiefen Eindruck ausübten, wandte er ſich und ging zu den Gar⸗ diſten, die ihn begleiteten. Frau von Montpenſter hatte einige Augenblicke nach⸗ gedacht; plötzlich trieb ſie ihr Pferd an und folgte dem Herzoge. — Mein Herr, ſagte ſie, wir können die Pariſer von der Bewachung ihrer Stadt nicht ausſchließen. — Warum? — Weil wir ihnen dadurch den Krieg erklären würden. 2 † 2 — 20— — und warum nicht? fragte der Herzog. — Ihre Politik will es, mein Herr, rief die Her⸗ zogin; aber nicht die meinige! Sorgen Sie dafür, daß die Thore von Spaniern und Pariſern dieſe Nacht zugleich bewacht werden. Der Herzog ſah ſie überraſcht an. — Man merkt es wohl, ſagte er, daß Sie mit Herrn von Briſſac geſprochen haben. — O, es bedarf keiner Unterredung mit Briſſac, da⸗ mit ich den guten Theil erwähle. — Sie glaubten ihn vorhin erwählt zu haben. Kö⸗ nig Franz J., unſer Gefangener, hat Recht, wenn er ſagt: die Frauen ſind ſehr veränderlich! Briſſac näherte ſich. — Dieſe Aeußerung iſt eben nicht artig, mein Herr! ſagte er. — Laſſen Sie, Briſſac, laſſen Sie! unterbrach ihn die Herzogin. Ich ſehe, daß ich den Herrn Herzog auf⸗ bringe, und er vertheidigt ſich. Aber ich werde ihm Stand halten: die Stadt muß durch Pariſer und durch Spanier bewacht werden. — Das laſſe ich gelten! murmelte Briſſac. — Sie verſtehen uns, mein Herr! rief die Herzogin, erfreut, befehlen zu können. — SIch verſtehe! antwortete der Spanier. Dann verabſchiedete er ſich raſcher, als es die Höflich⸗ keit erlaubte. — Alſo dieſen Abend bei den Wachtpoſten, die ich — 21— ſelbſt beſuchen werde, ſehen wir uns wieder! rief die Herzogin. — Dieſen Abend! antwortete der Herzog, indem er ſich entfernte. — Beruhigen Sie ſich, Briſſac, ſagte Frau von Montpenſier, indem ſie dem Gouverneur die Hand reichte. Dieſe Nacht ſoll er ſeine Infantin nicht als Königin proclamiren. — Dafür ſtehe ich! antwortete Briſſac. In dieſem Augenblicke trat ein Page zu der Herzogin und meldete, daß ein Edelmann von dem Lande ange⸗ kommen ſei und einen wichtigen Brief überbringe. — Kennt man dieſen Edelmann? fragte ſte. — Er nennt ſich Laramée! antwortete der Page. 2. Die Bürgerpatrouille. Der Abend dieſes bewegten Tages war angebrochen. Die friedlichen Bürger, die keine andere Sorge haben, als zehn Stunden zu ſchlafen, hatten ſich in ihre Häuſer zuruͤckgezogen. Auch die Liguiſten, die, ſchon beunruhigt durch die Vertheilung der königlichen Briefe, den freundſchaftlichen Wink erhalten, in ihren Wohnungen zu bleiben und ſich darin zu verrammeln, da die Verſprechungen des Bearners irgend eine Schlinge verbargen, vielleicht eine Bartholomäus⸗ nacht— auch die Liguiſten hatten ſich zurückgezogen. Die ganze kriegeriſche Thätigkeit der Pariſer entfaltete ſich an den Thoren. Es war um die Zeit, wo die verſpäteten Spazier⸗ gänger oder Geſchäftsleute jeden Abend, ehe die Feier⸗ glocke ertönte, zur Stadt zurückkehrten. Einem Beobachter, der über der Stadt hätte ſchweben können, würde ſich ein ſeltſames Schauſpiel dargeboten haben. Die Geſtalten, die dieſen Abend durch die ver⸗ ſchiedenen Thore von Paris die Stadt betraten, würden am hellen Tage nicht gewagt haben, ſich zu zeigen. . — 23— Wie ſteif war die Haltung dieſer Leute unter den bürgerlichen Kleidern. Man ſah Frauen von wunder⸗ barer Größe, obgleich ſie gebückt unter einer ſchweren Laſt gingen; man ſah Müller, die ſo ſchöne Kriegspferde ritten, oder Hauſirer, die ſo ſonderbar geformte Kaſten trugen, daß die mißtrauiſchen Spanier ihnen bei Tage ſicher den Eingang nicht geſtattet hätten, ohne ſie vorher einem gründlichen Examen zu unterwerfen. Alle dieſe ſeltſamen Leute gingen durch die verſchie⸗ denen Straßen dem Arſenale zu, das in einem einſamen Stadttheile lag. Jenſeits der Contreescarpe der Baſtille ſtellten ſie ſich ſchweigend am Ufer des Fluſſes auf, wie Leute, die einen Markt abhalten wollen. Ein Markt um dieſe Stunde und an dieſem Orte war unwahrſcheinlich; und doch fand ſich ein Schöffe ein, der über die Ordnung bei ſolchen Gelegenheiten wachte, die Gruppen je nach ihren Verkaufsartikeln abſonderte, und ſie nach einem kleinen Hauſe ſchickte, das der Inſel Lou⸗ viers gegenüber lag. Sonderbar war es, daß ſie verſchwanden, und ſtatt der eingetretenen Gruppe von zwölf Männern oder Frauen erſchienen eine halbe Stunde ſpäter eben ſo viel Bürger⸗ gardiſten, die je nach den Traditionen ihrer achtbaren Miliz mehr oder weniger grotesk gekleidet und bewaffnet waren. Jedes dieſer Pelotons ward von einem Officier zu irgend einem Poſten geführt, wo ſie ſich aufſtellten. Als der Schöffe, der dieſe geheimnißvollen Operationen — 24— leitete, ſein Werk vollendet hatte, führte er die letzte Gruppe von zwölf Perſonen nach dem Neuen Thore. Unterwegs ſah er, wie der Schritt dieſer ſeltſamen Soldaten, ohne daß ſie ſelbſt es wollten, ſo regelmäßig und feſt wurde, und daß ſie nach wenigen Minuten ſo militäriſch marſchirten, als ob nur ein Körper ſich auf vierundzwanzig Beinen bewegte. Stets traf nur ein Schlag das Straßenpflaſter. Trotz dieſer Regelmäßigkeit boten ſie indeß einen lächer⸗ lichen Anblick dar. Einige, ſehr magere, in ein Wams von ſchwarzem Sammet gekleidet, trugen einen ſo großen Cuiraß, daß er zwei ſolcher Oberkörper bedeckt haben würde. Andere trugen einen ſo großen Helm, daß es ausſah, als ob ſie weder Kopf, noch Hals hätten. Wieder Andere hatte einen Rundſchild aus der Zeit Karl's des Großen; keiner hatte ſein langes Schwerdt ordentlich angeſchnallt. Dieſe trugen eine Büchſe— Jene Beile oder andere Waffen. Wenn um dieſe Zeit Kinder in den Straßen geweſen, ſie würden ihnen mit einem Karnevalsgeſchrei gefolgt ſein. Der Officier war die auffallendſte Erſcheinung. Sein Helm, ein Zeitgenoſſe des letzten Kreuzzugs, war mit einem Viſire geſchmückt, das ſtets auf die Naſe des Trägers herabfiel. Die breiten Schultern und der runde Bauch dieſes würdigen Bürgers hingen in einem blauen Wamſe mit grünen und rothen Bändern und Knoten. Sein Koller und Degengehenk beſtand aus ge⸗ ſticktem Büffelleder. So komiſch dieſe Ausſtattung, und — 25— ſo trivial auch die Haltung dieſes Mannes mitunter war, ſo veredelte doch eine plötzliche Bewegung ſeiner kräftigen Arme und eine ſtolze Biegung ſeiner mächtigen Muskeln die ganze Geſtalt. Dieſer Officier marſchirte an der Seite ſeiner Colonne. Der Schöffe ging dicht hinter ihm. Plötzlich trat eine ſpaniſche Patrouille aus einer Sei⸗ tengaſſe. —(ue viva? rief ſie an. Wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, richteten ſich dieſe zwölf Bürger empor, jeder griff nach ſeiner Waffe, ihre Haltung ward gerade und ihre Köpfe hoben ſich ſtolz, wie auf das Commando beim Exerciren. Der Chef der Spanier und der der Bürger wechſelten die Parole, und beide Patrouillen entfernten ſich nach verſchiedenen Richtungen. Der Spanier ſah ſich mehr als einmal um, um die militäriſche Haltung dieſer Bürger⸗ gardiſten zu bewundern. Der Schöffe näherte ſich raſch dem Officier. — Mein Herr, ſagte er, nehmen Sie ſich wohl in Acht! Sie ſehen zu edel aus unter den Waffen, man wird Sie erkennen! — Glauben Sie, Herr Langlois? fragte der dicke Mann. — Gewiß, mein Herr! Und dann halten Ihre Sol⸗ daten Schritt, wie Gardiſten des Königs! Für Bürger iſt ſo etwas unwahrſcheinlich. Der dicke Officier lächelte wohlgefällig. —— — 26— — Deshalb, mein Herr, haben ſich die Spanier um⸗ geſehen, fuhr der Schöffe fort. Es ſollte mich nicht wun⸗ dern, wenn ſie uns verfolgen ließen. — Ich glaube kaum, daß man mich in dieſer Ver⸗ mummung erkennt, murmelte der Officier. Ich muß ab⸗ ſcheulich ausſehen. Und wie find dieſe armen Burſche gedemüthigt! fügte er mit einem Seitenblicke auf ſeine Leute hinzu. Sie haben ſie wie Faſtnachtsnarren ge⸗ kleidet. Sie ſehen jammervoll aus. — Nein, nein! antwortete Langlois. — Sind wir bald am Ziele? fragte der Officier. Ich bin meines Viſirs überdrüſſig, es ſchindet mir die Stirn und wird mir die Naſe zerquetſchen. Harni... — Ruhig! mahnte der Schöffe. Wir ſind zur Stelle. Die zwölf Soldaten ſtießen ungeſchickt Einer gegen den Andern, wie ihnen jetzt der Officier befahl. — Vortrefflich! ſagte Langlois. Man war auf einem kleinen Platze zwiſchen der Straße du Goq und der Straße Saint⸗Honoré ange⸗ kommen. Hier ſtanden auf der einen Seite ungefähr hundert Mann Bürgergarde aufmarſchirt; auf der andern ſtand ein ganzes Bataillon Spanier, vielleicht zweihundert Mann ſtark; ſie waren mit Musketen und Degen bewaffnet. In der Mitte des Platzes gingen der Präſident Le⸗ maitre und der Generalprocurator Molé mit Don Joſé Caſtil, dem Commandanten des Bataillons, auf und ab. — Ich bringe Verſtärkung! rief Langlois. Als die von Langlois geführten zwölf Milizen er⸗ ſchienen, erhob ſich in den Reihen des ſpaniſchen Bataillons ein ungeheures Gelächter, in das ſelbſt die gegenüberſtehen⸗ den Bürgermilizen mit einſtimmten. Wir müſſen bekennen, daß ſich die Parodie zu einer größern Vollendung wohl nicht erheben läßt. Das Klap⸗ pern der Büchſen, die aneinander ſtießen, der ſchwankende Gang, und das Klappern der Cuiraſſe boten ein ſo ſelt⸗ ſames Schauſpiel, daß Don Joſé's Aufmerkſamkeit erregt wurde. — Seltſame Geſtalten! ſagte er. — Man darf es ihnen nicht übel nehmen, ſagte der Schöffe Langlois; es ſind Arbeitsgeſellen, die ich zum erſten Male bewaffnet habe. Cäſaren können es noch nicht ſein. — Und auf dieſe Leute zählen Sie bei der Verthei⸗ digung Ihrer Stadt? fragte der Spanier, mitleidig lächelnd. Langlois zuckte demüthig mit den Achſeln. — Wenn dieſe Menſchen ſchießen, ſo werden ſie einer den andern morden! ſagte der Präſident Lemaitre. — Ich habe das Beſte gegeben, was ich hatte, ant⸗ wortete Langlois, indem er ſeine Leute hinter die andern hundert Mann ſtellte. Plöͤtzlich ließen ſich Hufſchläge vernehmen. Der Herzog von Feria kam aus der Straße Saint⸗Honoré auf den Platz. Seine Garden und mehre von den Sechszehn Blicken das Geſicht zu entſtellen, wie eine Katze mit ihren — 28— folgten ihm, die ihn ſeit der Kunde von dem Angriffe nicht mehr verließen. Briſſac kam von dem Croix du Trahoir her. Er ſaß zu Pferde und war wie zur Schlacht gerüſtet. Sein erſter Blick traf Langlois, den er vor ſeinen zwölf Mann bemerkte. Der Spanier ritt Briſſac entgegen, und ſagte mit erregter Stimme: — Was habe ich vorhin ſehen müſſen? Man reißt die Erdſchanzen nieder, die das Neue Thor befeſtigen. Die Arbeiter ſagen, es geſchähe auf Ihren Befehl. — Ja, mein Herr, antwortete Briſſac. Ich habe dieſen Morgen den Kapitän Caſtil davon in Kenntniß geſetzt. Es ſollen Steine die Erde erſetzen; Sie werden das Material geſehen haben, das die Herren Schöffen herbeiſchaffen laſſen. — Ich wuͤrde dieſe Maßregel vortrefflich nennen, ſagte der Herzog von Feria leiſe zu Briſſac, wenn ſie nicht gerade heute zur Ausführnng gebracht würde. — Warum iſt ſie nicht heute eben ſo gut, als ſie geſtern geweſen wäre und morgen ſein würde? — Weil heute, wie man mir gemeldet, der König von Navarra etwas gegen Paris unternehmen wird. Bei dieſen Worten ſah der Spanier Briſſac for⸗ ſchend an. — Mein Herr, antwortete der Graf, Sie haben die höchſt unangenehme Gewohnheit, den Leuten mit den — 29— Krallen es entſtellen würde. In Frankreich iſt dies nicht Brauch. Ich entſchuldige Sie, da Sie ein Fremder ſind. — Wenn Sie wollen, brauchen Sie mich auch nicht zu entſchuldigen! ſagte übermüthig der Herzog. — Gut, mein Herr; wir werden uns erklären, wenn ich meinen Dienſt beendet habe. Es wird mich nicht verdrießen, wenn Ihr Schwerdt eben ſo tief eindringt, wie Ihre Blicke. Aber ärgern wir uns in dieſem Augen⸗ blicke nicht. — Mein Herr, man wird damit beginnen, das Ab⸗ tragen der Erdwerke zu unterbrechen. 3 — Mein Herr, man wird es nicht unterbrechen. — Mir liegt die Bewachung von Paris ob, mein Herr, und ich bin für die Stadt verantwortlich gemacht. — Meine Verantwortung iſt größer, antwortete Briſſac, denn ich bin der Gouverneur. — Und wenn ich Gewalt zur Vertreibung der Ar⸗ beiter anwenden ſoll... — Verſuchen Sie es nicht, ſagte Briſſac kalt. Wird ein einziger meiner Arbeiter berührt, ſo laſſe ich die Sturmglocken ziehen und alle Ihre Spanier in den Fluß werfen. — Mein Herr! rief der Herzog, deſſen Geſicht der Zorn weiß färbte. — Richten Sie ſich danach. Drohen Sie mir nie wieder, denn wenn ich nicht derſelben Sache diente, wie Sie, wenn ich nicht noch mehr das Anrücken des Bear⸗ ners fürchtete, als Sie, und brauchte ich Ihre Garniſon nicht gegen ihn, es lägen alle Spanier längſt in den ſchmutzigſten Winkeln meiner Stadt begraben. Der Herzog knirſchte mit den Zähnen. — Wir werden ſpäter darüber ſprechen! ziſchte er. Bah, wir ſind vortrefflich gute Freunde— ſpäter werden wir Alles vergeſſen haben. Denken wir an den Dienſt in dieſer Nacht, und geben wir unſern Soldaten nicht das Schauſpiel eines Streites ihrer Chefs. Wir find hier an dem Neuen Thore. Wer ſoll heute Abend dieſes Thor bewachen? Der Herzog trocknete ſeine ſchweißtriefende Stirn. — Ich werde ſehen! murmelte er. — Stellen Sie einen ſtarken Poſten hierher, weil Sie Beſorgniß wegen der Erdarbeiten haben. — Ich werde eine ſtarke Abtheilung Spanier an dieſes Thor poſtiren, Herr Gouverneur. — Es ſei. Aber beeilen wir uns. Paris hat ſechs⸗ zehn Thore, und wenn wir bei der Schließung eines jeden ſo lange verweilen, werden wir mit Tagesanbruch erſt fertig werden. 4 — Ich werde mich mit meinen Officieren berathen. — Gut. Und ich werde mich mit meinen Bürgern berathen. Der Herzog rief Don Joſé und ſeine Officiere.* Briſſac rief Langlois und zwei Magiſtratsperſonen. — Sind alle unſere Leute in der Stadt? fragte er. — Ja, mein Herr. — Iſt nirgends Verdacht rege geworden? — 21— — Nirgends. — Wann wird der König mit ſeinen Truppen eintreffen? 4 — Gegen halb vier Uhr Morgens. — Nicht früher? — Er geht erſt halb zwei Uhr von Saint⸗Denis ab. — Genug! Ein militäriſches Commando veranlaßte Briſſac, ſich umzuwenden. Der Herzog von Feria hatte das Deta⸗ chement bezeichnet, das das Neue Thor bewachen ſollte. — Sechszig Mann! zählte Briſſac. — Und Don Joſé commandirt ſie, ſagte Langlois. — Sechszig Mann vor! rief Briſſac ſeinen Bür⸗ gern zu. Der Herzog von Feria kam raſch herbei. — Mein Herr, ſagte er, das iſt zu viel! — Sie haben von Ihren Leuten ſechszig ausgewählt, Herr Herzog. — Aber ich erſuche Sie, mir die numeriſche Ueber⸗ legenheit zu laſſen. An dieſem Thore wird der Dienſt ſehr ſchwer ſein. — Um ſo mehr Grund, daß ich eben ſo viel Mann⸗ ſchaften ſtelle, als Sie. — Geben Sie mir in dieſem Punkte nach, ſagte der Spanier. — Wegen Ihres ewigen Mißtrauens, mein Herr. Gut, ich werde nur vierzig Mann ſtellen. — 32— — Auch das iſt noch zu viel. Das Neue Thor hat nur Raum für ſechszig und zwölf Mann. — Herr von Briſſac, ſagte Langlois, ſich in das Geſpräch miſchend, beweiſen wir dem Herrn Herzog ganz unſere aufrichtige Geſinnung, und ſtellen wir nur zwölf Mann, weil er es wünſcht. — Ich wähle die zuletzt gekommenen, rief Don Joſé, indem er ſpöttiſch lächelnd auf die Abtheilung zeigte, die der Schöffe herbeigeführt hatte.— — Gut, auch dieſe mögen es ſein! ſagte Langlois, indem er Briſſac mit dem Elnbogen anſtieß, als dieſe zwölf Mann zu defiliren begannen. Der dicke Officier lüftete ſein Vifir, indem er an Briſſac vorbeimarſchirte. Bei dem Anblicke dieſes Ge⸗ ſichtes fuhr der Graf vor Ueberraſchung zuſammen. — Ah, Don Joſé, rief er dem Kapitän zu, der jeden dieſer zwölf Mann höhnend muſterte. Sie haben bei der Auswahl wirklich eine gluckliche Hand gehabt.— — Nicht wahr? antwortete Caſtil. Es giebt in ganz Paris ihres Gleichen nicht. — Auch anderwärts nicht! ſagte Briſſac. Die zwölf Mann, gefolgt von dem ſpaniſchen Ka⸗ pitän, nahmen ihren Poſten am Neuen Thore ein, deſſen Gitter ſich hinter ihnen ſchloſſen. Langlois und die beiden Magiſtratsperſonen wechſelten mit Briſſae Blicke, die andeuteten, daß Don Joſé wirklich eine glückliche Hand gehabt hatte. — 33— Kaum war dieſe Scene vorüber, als die Herzogin von Montpenſier auf dem Platze erſchien. Sie ritt ein feuriges Pferd. Ein Heer von Dienern und Officieren jeder Gattung folgte ihr. — Gut, ſagte ſie zu Briſſac. Iſt die Wache ver⸗ theilt, wie ich befohlen hatte? — An dem Neuen Thore iſt es bereits geſchehen, antwortete Briſſac; wir gehen jetzt zu den andern Thoren. — Sie wiſſen doch, daß man von einem unvermu⸗ theten Lärme für dieſe Nacht ſpricht? — Man ſpricht täglich davon. — Wie ſtehen wir mit dem Herzoge? — Auf dem beſten Fuße. — Aprospos, Graf, ich werde Ihnen meine Ad⸗ jutanten ſenden, wenn ich Ihnen eine Botſchaft zuzuſtellen habe. Hier iſt ein neuer, ſehen Sie ihn ſich genau an, damit Sie ihn erkennen. — Wer iſt der Herr? — Herr von Laramée, ein Edelmann. Er hat vor Kurzem ſeinen Vater verloren, und hängt mit bewunde⸗ rungswürdigem Eifer und großer Treue an der Ligue. — Gutl ſagte Briſſac. — Man hatte ihn auch den Entragues empfohlen, aber es ſcheint, daß dieſe Entragues noch royaliſtiſcher geworden ſind, als der König ſelbſt. Herr von Laramée hat es daher vorgezogen, mich in Paris, im Mittelpunkte aller Bewegungen, aufzuſuchen. Dies iſt eine gute Vorbedeutung. Gabriele. v. 3 — Wir werden dem Herrn Arbeit geben, antwortete Briſſac, deſſen beobachtendes Auge den Neuangekommenen bereits vom Kopfe bis zu den Füßen gemeſſen hatte. — Ueberwachen Sie den Spanier ſcharf! ſtüſterte die Herzogin dem Grafen zu. Ich habe gehört, daß er Ihnen einen Streich ſpielen will. — Danke! antwortete Briſſac. Die Herzogin tummelte einen Augenblick ihr Pferd, dann verſchwand ſie in der Straße Saint⸗Honoré; ein Schwall von Pöbel umſchwärmte ſie unter dem Rufe Es lebe Guiſe!“ — Sie berauſcht ſich in dieſem trüben Weine! mur⸗ melte der Herzog, indem er die Richtung nach dem Thore Saint⸗Denis einſchlug. Aber der Herzog von Feria, der alle ſeine Bewegun⸗ gen belauſchte, verſperrte ihm den Weg. — Zwei Worte, Graf. Iſt es nöthig, daß wir Beide Paris durchſtreifen, da die Gefahr zugleich in und außer der Stadt iſt? — Nein, antwortete Briſſac; es giebt genug zu thun für zwei gute Pferde. — Um ſo mehr, fügte der Spanier hinzu⸗ da ein ſehr ernſtes Gerücht geht. — Bah! Was für ein Gerücht? — Man verſichert, daß eine Menge feindlicher Ca⸗ vallerie von Saint-Quen und Montrouge anrückt.“ — Ah, Chimären! Der Herzog deutete kalt auf einen walloniſchen Soldaten. — 35— — Dieſer Mann hat jene Cavallerie geſehen. Der Soldat beſtätigte es. „— Das iſt etwas Anderes, antwortete Briſſac. Die Sache verdient, daß ſie unterſucht werde, und man wird ſie unterſuchen. 3 — Deshalb wollte ich mich mit Ihnen berathen, Herr Graf. Die Sache verdient, daß ſie unterſucht werde, und man wird ſie unterſuchen. — Sie haben Recht, Herr Herzog! — Nun, ſagte raſch der Spanier, würden Sie wohl eine Recognoscirung der äußern Befeſtigungswerke aus⸗ führen? — Ich? antwortete Briſſac, ein wenig verwirrt, denn er merkte die Schlinge, die in dieſem Vorſchlage lag. Ich unterziehe mich gern jeder Dienſtverrichtung. — So haben Sie die Gefälligkeit, mein Herr, und machen Sie dieſe Runde. — Sehr gern! — Ich werde Ihnen nicht verhehlen, was man ſagt. — Sagt man denn immer noch etwas? — Man verſichert, daß wir verrathen ſind. — Ich ſelbſt habe Sie darauf aufmerkſam gemacht, Herr Herzog!. — Es iſt ſo richtig, daß feindliche Cavallerie in dem Felde iſt, daß ſich an dem Verrathe nicht mehr zweifeln läßt— nicht wahr? — Sicherlich! — 36— Der Herzog hörte mit Spannung dieſe Antwort an; es ſchien, als ob er wollte, daß auch die umſtehenden Leute ſie hören ſollten. — Es iſt keine Zeit mehr zu verlieren, fuhr er fort, und da Sie die Gefälligkeit haben und die Runde ſelbſt machen wollen, ſo iſt die Stunde dazu da, wie ich glaube. — Ich gehe! ſagte Briſſac, deſſen Herz klopfte. Aber da ich eine folche Recognoscirung nicht allein ausführen kann, ſo muß ich mir eine Escorte ſuchen. — Hier ſind acht ſichere Leute, Herr Gouverneur! — Acht Spanier! — Alle ſind kaſtilianiſche Edelleute, deren Tapfer⸗ keit und Treue ich Ihnen verbürge; allen iſt Verrath ein Abſcheu. Briſſac prüfte dieſe acht Phyſiognomien, die der Arg⸗ wohn verdüſtert hatte. In Aller Augen glänzte das Feuer einer unerſchütterlichen Entſchloſſenheit. — Teufel! murmelte er. Der Wein iſt eingegoſſen, er muß alſo getrunken werden. Man war bei dem Thore Saint⸗Denis angekommen. Die acht Mann warteten auf ihren neuen Chef, um hinter ihm aus der Barriere zu gehen. Die Nacht war finſter und regneriſch. Die ſchlechte Fackel eines Wachtpoſtens beleuchtete die Geſichter mit einem röthlichen Scheine. — So leben Sie wohl! rief Briſſac dem Herzoge zu. Darf ich auch ſagen, auf Wiederſehen? Der Herzog führte die Patrouille bis vor die Mauern; hier, wo Alles dunkel und völlig ſtill war, hielt er an. — 37— — Auf Wiederſehen, ſagte er, wenn Sie auf dem Wege der Cavallerie des Königs von Navarra nicht be⸗ gegnen— andernfalls, leben Sie wohl! — Ah, ſagte Briſſac, ich verſtehe! Das heißt, wenn ich ihr begegne... — So werden dieſe acht Edelleute Sie tödten! ant⸗ wortete kalt der Herzog. Dann kehrte er nach der Stadt zurück. Nachdem Briſſac einige Secunden überlegt, zuckte er mit den Achſeln und ritt entſchloſſen in das Feld hinaus. Die unheimliche Begleitung folgte ſchweigend. Die Glocke von Notre⸗Dame ließ zwölf Schläge er⸗ tönen, die der Wind auf ſeinen feuchten Flügeln traurig über die Ebene hintrug. Gleichviel! dachte Briſſac. Wenn die Armee des Königs nicht wie ein macedoniſcher Phalange geſchult iſt, oder wenn die Uhr Sr. Majeſtät nicht der von Notre⸗ Dame vorgeht, ſo ſteht mein Marſchallsſtab auf dem Spiele. 3. Das Neue Thor. Das Neue Thor ſchloß Paris am Seine⸗Ufer, am Quai des Louvre, faſt auf dem Punkte, wo die Straße Saint⸗ Nicaiſe auf die Gallerie dieſes Schloſſes ausläuft. Wie faſt alle Thore von Paris, ſo war auch dieſes Thor ein Gebäude, das von beiden Seiten durch eigene Vertheidigungsthürme gedeckt ward. Der Hauptthurm an dem Neuen Thore, Thurm du Bois genannt, hing mit einem kleinen, ſchmalen Thürmchen zuſammen, in welchem ſich die Treppe zu dem großen Thurme befand. Die Schießſcharten und Fenſter gingen auf den Fluß hinaus, der hier ſehr tief war, da man ihn bei der Grün⸗ dung des Thors ausgegraben hatte. Eine Zugbrücke ſtellte die Verbindung her, und den Wall, der ſich dieſſeits der Brucke befand, hatte Briſſac durch ſeine Arbeiter nieder⸗ reißen laſſen. Die Leute brauchten ſich nur rechts zu wenden, um die Erde mit ihren Schaufeln in die Seine zu werfen. Das Erdgeſchoß des Thurmes bildete einen runden Saal von ungefähr dreißig Fuß im Durchmeſſer. Ueber demſelben befand ſich die Wohnung des Thorwarts, eines — 39— alten hinkenden Soldaten, den die bürgerlichen Unruhen auf dieſem nicht ermüdenden und unwichtigen Poſten vergeſſen hatten, da das mit Schutt ausgefüllte Neue Thor nie geöffnet ward. Aus der Wohnung dieſes guten Mannes hatte man eine ſchöne Ausſicht über die Seine und über das Feld, das ſich ohne Unterbrechung mehre Meilen weit ausbreitete. Der runde Saal unter der Wohnung des Thorwarts ward als Wachtſtube benutzt. An den nackten Mauern ſah man große Nägel, die zum Aufhängen der Waffen beſtimmt waren. Der Thorwart ſtieg die kleine Treppe des Thürmchens hinab, wenn die Wache, durch die Nachbarſchaft des Fluſſes durſtig gemacht, nach einer gewiſſen gährenden Flüſſigkeit rief, die aus Getreide und Honig beſtand. Man glaubte, der Thorwart fertige ſie ſelbſt, indem er ſie auf ſeiner Plattform in der Sonne kochen ließ, aber er kaufte ſie gut in einem benachbarten Wirthshauſe, und verkaufte ſie wieder, nachdem er die Vorſicht gehabt, ſie durch eine anſtändige Miſchung mit Seine⸗Waſſer zu verſüßen. Nachdem in dieſer Nacht die Wache am Neuen Thore durch den Herzog von Feria und Briſſac auf die oben beſchriebene Weiſe zuſammengeſetzt war, ſtieg der Kapitän Caſtil, als Wachtofficier und vorzüglich als ein Offtcier, der ſich bei ſeinen Soldaten langweilt, aus dem Erd⸗ geſchoſſe in die Wohnung des Thorwarts, um die Lage ſeines Poſtens genau kennen zu lernen. — 40— Der Invalide war in einem Kämmerchen damit be⸗ ſchäftigt, die ſchäumende Flüſſigkeit, die ſeine Gäſte im Erdgeſchoſſe ohne Zweifel bald fordern würden, aus einer Tonne in Zinnkrüge zu füllen. Dieſes Getränk roch ſtark nach Annis und Pfeffer, ein Duft, der die Naſe eines deutſchen Lanzknechts gekitzelt haben wuͤrde. Aber Don Joſé war ein nüchterner Mann, er run⸗ zelte die Stirn, als er dieſen verrätheriſchen Duft einſog. — Mein Kapitain, ſagte der Invalide, indem er ge⸗ ſchickt alle Hülfsmittel der franzöſiſchen Sprache anwen⸗ dete und ſie verführeriſch mit einigen ſpaniſchen Worten miſchte, mein Kapitain, iſt Ihnen ein Glas gefällig? Sie ſollen es umſonſt haben. Sehen Sie nur, wie klar der Trank iſt, wie herrlich er ſchäumt. — Puah! Schon das Einathmen des Dunſtes Dei⸗ nes verwünſchten Getränks berauſcht! rief Don Joſé. Man erſtickt in Deinem Laboratorium! Der Kapitain näherte ſich nun einem kleinen Balcon, der durch einen zerfetzten Vorhang geſchloſſen war. Als er dieſen Vorhang zurückſchlug, drang eine friſche Luft von dem Fluſſe herein. — Ah, ſagte Don Joſé, Du haſt Geſellſchaft hier? Und wirklich, man ſah auf dieſem Balcon, deſſen ſchlecht gefügte Bretter von eiſernen Balken getragen wurden, zwei Männer. Der eine ſaß auf einem Stuhle, der andere lehnte an der Baluſtrade. Bei dem Scheine des Lichtes bemerkte ſie Don Caſtil, ſobald er den Vor⸗ hang beſeitigt hatte. — 41— Die ſitzende Perſon war in eine graue Kutte gekleidet, und ihren Kopf verhüllte eine Kapuze. Der Mönch war nicht zu verkennen. Mit der größten Aufmerkſamkeit überwachte er die am Fuße des Thurms beſchäftigten Arbeiter. Die Stimme des Kapitains vermochte ihn nicht, ſich umzuwenden. Der Andere war ein großer junger Mann, deſſen blondes Haar in dem feuchten Winde flatterte. Er nahm eben kein großes Intereſſe an der Thätigkeit der Erd⸗ arbeiter, die Ankunft einer neuen Perſon ſchien ihm Freude zu machen. — Wer ſind dieſe beiden Männer? fragte der miß⸗ trauiſche Spanier den Thorwart. — Der Mönch, Herr Kapitain, iſt mein alter Freund, ich kann wohl ſagen, ein Verwandter. Nicht wahr, Bruder Robert? Kaum merklich beſtätigte es der Mönch. — Müſſen denn die Mönche nicht Nachts in ihren Betten ſein? fragte Caſtil. — Sie müſſen es wohl; aber wenn man ihnen die Thore verſchließt, ſind ſie gezwungen, anderswo zu bleiben. Bruder Robert konnte dieſen Abend nicht in ſein Kloſter zurückkehren, und darum hat er mich um Nachtquartier gebeten. — Iſt ſein Begleiter, dieſer lange Menſch, auch ein Mönch? Der junge Mann wandte ſich zu Caſtil; ſicher, aber ohne zu prahlen, antwortete er: — 2— — Sie ſprechen eine unnütze Frage aus, mein Herr. Sehen Sie meine Kleidung und mein Schwerdt an, um 9 ſich zu überzeugen, daß ich nicht Mönch bin. — Wer ſind Sie denn? — Er iſt mein Vetter, antwortete der Mönch mit hohler Stimme. Sind wir Ihnen hier läſtig? Anſtatt zu antworten, wurde Don Joſé nachdenkend. Argwöhniſche Leute haben ſtets eine ſehr rege Phantaſie. Der Invalide fuhr fort, ſein Getränk zum Verkaufe vorzubereiten. — Sie werden wiſſen, ſagte Caſtil, daß die Poſten nicht betrunken ſein dürfen, und deshalb habe ich während meiner Wache jede Art von Getränk unterſagt. Der erſtaunte Invalide wollte ſeiner Flüſſigkeit eine Lobrede halten, aber der Spanier ſchloß ihm durch einen ſo peremptoriſchen Befehl den Mund, daß der Verkaͤufer den Inhalt aller ſeiner Zinnkrüge in das Faß zurück⸗ brachte. — Ihre Gäſte, fuhr Don Caſtil fort, dürfen nicht hier bleiben. Es kann ſich ein Unglück ereignen. Ihr Licht kann leicht den Fußboden anzünden, und ich habe unten Pulver. Sie werden daher ſo freundlich ſein, und dieſe beiden Herren in die Wachſtube ſchicken. Sie können während der Nacht bei uns bleiben. — Ich bin nicht gern bei Soldaten, antwortete der Mönch. 3 — Eine Nacht geht raſch vorüber, mein lieber Bru⸗ der. Außerdem ſind die ſpaniſchen Soldaten keine Heiden, — 43— und ich dulde in meiner Gegenwart weder Flüche noch Schwüre. — Aber ich, mein Herr, antwortete der junge Mann mit einer gewiſſen Hoheit, ich nehme Ihre Befehle nicht an. Stehen Ihre ſpaniſchen Soldaten auch in dem Ge⸗ ruche guter Chriſten, ſo verbreiten ſie nichtsdeſtoweniger einen Duft von Leder und Wagenſchmiere, der mir nicht angenehm iſt. — Ah, rief laut der Spanier, Sie müſſen ſehr ver⸗ wöhnt ſein, mein ſchöner Herr! — Ich bin nun einmal, wie ich bin, mein Herr Spanier! 4 — Still, Vetter, ſagte der Mönch, erregen Sie keinen Streit. Der Herr Kapitain hat Recht. Ein Kriegsmann gehorcht Erforderniſſen, von denen ein Student wie Sie, und ein Mönch wie ich, ſehr wenig verſteht. Der Spa⸗ nier iſt ein eifriger Katholik, das ſteht feſt. — Ja, aber das Leder? — Die verſtorbene Königin Katharine ſagte, daß der Körper eines todten Feindes ſtets einen guten Geruch ver⸗ breite. Und ich ſage, daß ein guter Diener Gottes ſtets wie Balſam duftet. — Die Antwort iſt gut! ſagte Caſtil. Ich erwarte, daß Sie in einer halben Stunde unten ſind. Nach dieſen Worten entfernte er ſich. Kaum war er verſchwunden, ſo wandte ſich der junge Mann mit ſichtlicher Ungeduld zu dem Mönche: — Wahrlich, Bruder Robert, ich bewundere Ihre — 44— Kaltblütigkeit. Sie wiſſen, daß ich ſeit Pontis' Abreiſe und ſeit Sie mir die Lection in Betreff Madame Ga⸗ briele's gegeben, vor langer Weile im Kloſter umkomme. Ich ſuche einer Gefahr und der Langweile zu entfliehen. Sie machten mir den Vorſchlag, mich zu Herrn von Cril⸗ lon zu führen, ich nahm den Vorſchlag an— und wohin ſind wir gekommen? Wir ſehen zu, wie man Erde in das Waſſer wirft, und laſſen uns die Grobheiten eines Spaniers gefallen! — Mein lieber Herr Esperance, ſagte der Mönch, ich kann das, was geſchieht, nicht abwenden. Mein hoch⸗ würdiger Prior ſandte mich mit einem Auftrage an die Frau Herzogin von Montpenſier nach Paris; ich ſah, daß Sie vor Langweile faſt umkamen, und ich ſah auch, daß der Müſſiggang in Ihnen das Gelüſte nach der Frau des Nächſten anregte. — Der Müſſiggang! murmelte Esperance in einer tiefen Melancholie. Der Mönch, der die Gemüthsbewegung bemerkte, die ſich bei der Erinnerung an Gabriele in Esperance's Ge⸗ ſicht ausdrückte, fuhr fort: — Ja, des Nächſten, und dieſer Nächſte iſt ein Freund unſeres Kloſters, ein braver Edelmann. — Er iſt ein feiger Menſch, der ſich verſteckt, wäh⸗ rend man ihm die Frau nimmt. — Das geht Sie nicht an, mein Herr! ſagte der Mönch. — Aber die Dummheit dieſes Eſels, deren er ſich 4 — 45— gegen mich rühmte, den Strick abgeſchnitten zu haben, mit dem mein braver Pontis den Mörder gehängt hatte, dieſe Dummheit geht mich an. Warum miſchte ſich der Feigling in dieſe Sache? Er konnte hängen laſſen, was einmal aufgehängt war! — Vergeſſen Sie nicht, daß der vor ſeinem Gitter aufgehängte Körper ihm die Ausſicht benahm. — Mag ſein; aber es iſt ein Räuber, ein Verbrecher wieder in das Leben zurückgerufen, der mich tödten wird, wenn ich ihm nicht zuvorkomme. O, Ihr Nächſter, Bru⸗ der Robert, hat ein ſchönes Werk vollbracht! — Daß er einen neuen Strick verdorben hat, ſteht feſt, antwortete der Mönch; aber dies iſt kein Grund, daß Sie ihm die Frau nehmen. Solche Dinge mögen in der Welt geſchehen, aber nicht in den Klöſtern. Und deshalb habe ich Sie mit mir genommen. — Um Herrn Crillon zu beſuchen. — Geduld! — Sie ſind in der Wohnung der Frau von Mont⸗ penſier geweſen, haben die Dame aber nicht angetroffen. Ich nehme an, daß Sie Herrn von Crillon dort nicht zu finden hofften. — Man weiß nie, wo man die Leute antrifft! Aber dort unten kommen Leute an das Thor. Der Invalide hatte ſich über den Balcon gelehnt. — Herr von Briſſac! ſagte er. — Wir müſſen hinabſteigen! ſagte der Mönch. Wenn Sie Herrn von Crillon nicht ſehen, werden Sie wenig⸗ — 46— ſtens Herrn von Briſſac ſehen. Es iſt immer ein Kriegsmann. Der Invalide ſeufzte und ſagte: — Wenn doch Herr von Briſſac mir die Erlaubniß geben wollte, daß ich dieſe Nacht verkaufen darf. — Begreifſt Du denn nicht, Gevatter, daß der Spa⸗ nier fürchtet, Dein Getränk ſchläfert die Soldaten ein? Dieſe Worte machten Esperance nachdenken und er⸗ regten die Vermuthung, daß außergewöhnliche Umſtände eingetreten ſeien. Auf der Treppe, die unter den Schritten der Männer kreiſchte, neigte ſich der Mönch ſo an das Ohr Espe⸗ rance's, daß beide Köpfe unter der Kapuze verborgen waren. — Seien Sie auf der Huth, ſagte er, mit den Spa⸗ niern muß man klug zu Werke gehen. Hören und ſehen Sie, aber kein Muskel Ihres Geſichts darf reden! Esperance machte eine Bewegung, als ob er nach dem Grunde dieſes Rathes fragen wollte. — Der Spanier iſt mißtrauiſch, antwortete der Mönch, indem er den Finger auf ſeine Lippen legte. — Ah, dachte Esperance, hier unten bietet ſich mehr Ausſicht auf Zerſtreuung, als dort oben! Beide betraten die Wachtſtube. Ihre Anweſenheit machte durchaus kein Aufſehen. Alle Anweſenden be⸗ ſchäftigten ſich mit dem Gouverneur von Paris, den man ſoeben eingelaſſen hatte. Die acht Mann Wache, triefend von Regen und mit Schmuz bedeckt, hatten ihn nach dem — 37— Thorpoſten zurückgeführt, da ſich keine Gelegenheit gebo⸗ ten, ihn zu erdolchen, wie ihr Befehl lautete. — Nun, Kapitain, rief Briſſae, indem er Don Joſé mit der freundlichen Miene näher trat, die ihn nie ver⸗ ließ— wir haben einen anſtrengenden Spaziergang ge⸗ macht; fragen Sie Ihre Freunde, die mich draußen er⸗ warten. Nicht wahr, meine Herren, wir haben genug daran? Sie ſind entlaſſen; ſagen Sie dem Herzoge von Feria, was Sie geſehen haben. Ein vielſtimmiges Gemurmel von Außen war die Antwort auf dieſe Anrede. Die Spanier ließen ſich dieſen Befehl nicht wiederholen, ſie verſchwanden. — Wir haben wenigſtens acht Lieus zurückgelegt, fuhr Briſſac fort, ohne auch nur einen Sporn von allen den königlichen Reitern anzutreffen, die, wie der Herzog meint, das Land überſchwemmen. — Sol ſagte Caſtil. — Für die Royaliſten iſt das Wetter zu ſchlecht, fuhr Briſſac fort. Der Regen, der Nordoſtwind und der Koth iſt nur für die braven Spanier gut, die wahre Centauren ſind. Wahrlich, ich bin wie gerädert! Nun will ich ſchlafen, und ich rathe Ihnen, Sennor Caſtil, daß Sie und Ihre Leute es ebenſo machen. Der Spanier antwortete hochmüthig: — Die Herren Bürgergardiſten ſchnarchen ſchon— hören Sie? Auf dem Tiſche und auf den Bänken, die man zu⸗ 438— ſammengekauft hatte, lagen wirklich die zwölf Bürger⸗ gardiſten in einem tiefen, geräuſchvollen Schlafe. Während dieſer Scene hatte der Mönch die Spanier gezählt. Er näherte ſich Briſſac und Caſtil. — Wie, meine Herren, ſagte er, Sie ſind dem großen Convoi nicht einmal begegnet, der dieſe Nacht Rueil paſ⸗ ſtrt iſt? — Welchem Convoi? fragte Briſſac, indem er ſich wandte, um das ſeltſame Geſicht Deſſen zu prüfen, der ſich in die Unterhaltung miſchte. — Ich glaubte feſt, daß Ihnen dieſer Fang nicht entgangen ſei, fuhr der Mönch fort. Vorhin, als der Thorwart Sie anmeldete, ſagte ich zu meinem Vetter: Herr von Briſſac hat Glück; die Frau Herzogin wird ihn auf Entdeckungen ausgeſchickt haben, und er hat die Geldſendung des Bearners genommen. — Die Geldſendung! riefen Briſſac und Caſtil , zugleich. Indem der Mönch noch näher trat, ſtreifte er wie zufällig den Arm des Gouverneurs. — Sechzehntauſend Livres in neuen Thalerſtücken, ſagte er. — Element, das iſt eine ſchöne Summe! rief Briſſac mit lüſternen Blicken. Und dabei berührte er mit ſeinem Stiefel die Sandale des Mönchs, ohne daß es ein Dritter bemerkte. Aber dieſe Geldſendung wird eine Erfindung ſein, wie die von der Cavallerie. — Woher wiſſen Sie das? fragte Don Joſé den Mönch. — Ich gehöre dem Kloſter von Bezons an, das dicht neben Rueil liegt, wo der Convoi vorbeikommen muß, und zwar aus dem Grunde, weil man dieſen Morgen Vorſpannpferde für vier Wagen in Bereitſchaft geſetzt, und weil man uns zu dieſem Zwecke unſere Pferde genom⸗ men hat. Die Augen des Spaniers wurden immer glänzender. — Sie ſprachen von Frau von Montpenſier? fragte er. — Ja. Unſer ehrwürdiger Prior, der ſich zu ihren Freunden zählt, hatte mich abgeſchickt, ſie von der Ankunft des Convoi zu unterrichten. Ich habe zwar die Herzogin in Ihrem Hötel nicht angetroffen, aber ich habe ihr eine ſchriftliche Benachrichtigung hinterlaſſen. Da ich nun erfuhr, daß Herr von Briſſac ſich außerhalb der Mauern befand, dachte ich: er wird dem Convoi entgegengeſandt ſein und einen ſchönen Fang gemacht haben. — Sechzehntauſend Livres! wiederholte Briſſac. Und die Herzogin hat mir kein Wort davon geſagt! — Sind Sie ſogleich von dem Hoͤtel der Herzogin hierher gegangen? fragte Caſtil, deſſen Neugierde ſich ver⸗ doppelte. — Ja, Sennor. Ich fand das Thor verſchloſſen. — Sie wiſſen doch, daß es ſtets verſchloſſen iſt. — Nein. Man macht ja den Durchgang frei. — Aber warum wählen Sie dieſen Weg, um zu Ihrem Kloſter zurückzukehren? Gabriele. V. — 50— — Weill er der kürzeſte iſt. Alle Antworten des Mönchs waren ſo klar, ſo einfach, und der Ton, in dem er ſie ertheilte, trug das Gepräge einer ſo bewunderungswürdigen Aufrichtigkeit, daß der Spanier ganz verwirrt ward. — Sechzehntauſend Livres! wiederholte er. — Und ich habe ſie verfehlt! rief Briſſac. Das wäre eine ſchöne Hülfe geweſen. Er ſeufzte. — Nun, ſchlafen wir! fuhr er fort. Wie es auch ſei, mein würdiger Bruder, ich danke Ihnen nichtsdeſto⸗ weniger für dieſe Eröffnungen. Wenn ich unterwegs einen Freund mit einem friſchen Pferde und einer leeren Börſe finde, werde ich ihm das Geſchäft übertragen. Gute Nacht, meine Herren! Gute Wacht, Don Joſé! Ich kehre in meine Wohnung zurück. — Können Sie mir das Thor nicht öffnen laſſen? rief der Mönch dem Gouverneur nach, der ſich entfernte. — Das geht den Herrn Kapitain an; ich habe hier Nichts zu ſagen. — Bleiben Sie noch! flüſterte Caſtil dem Bruder Robert zu. Wir wollen darüber ſprechen. — Er wird nicht widerſtehen können, dachte Briſſac; er wird dem Convoi nachſpüren und ſeinen Poſten ver⸗ laſſen. Bravo, Mönch! — Wenn Sie ſich langweilen, Vetter, ſagte de Mönch treuherzig zu Esperance, ſo unterhalten Sie ſich — mit den Herren von der Bürgergarde, die wie wir fran⸗ zöſiſch ſprechen. Esperance folgte dem ſeltſamen Blicke Robert's. Als er bei der Gruppe der Soldaten, die größtentheils laut ſchnarchten, ankam, fühlte er, daß ihn eine Hand aufhielt. Dieſe Hand ſtreckte ſich unter dem Tiſche hervor. Er zitterte, und faſt hätte er einen Schrei ausgeſtoßen, als er in einem der vermeintlichen Schläfer Pontis er⸗ kannte, der ſich mit dem linken Arme den Kopf bedeckte, doch ſo, daß Esperance ſeine wie Kohlen funkelnden Augen ſehen konnte. Noch hatte er ſich von ſeiner Ueberraſchung nicht er⸗ holt, als links unter demſelben Tiſche hervor zwei Kniee ſeine Beine erfaßten. Der Ofſicier der Bürgergarde hob mit Anſtrengung ſeinen vom Schlafe ſchweren Kopf em⸗ por, und zeigte dem jungen Manne unter dem Vifire ein Geſicht, bei deſſen Anblicke Esperance faſt umgeſunken wäre. Alle Geheimniſſe der Nacht wurden ihm jetzt offenbar. Er zog die Schnalle ſeines Gürtels feſter zuſammen und überzeugte ſich, daß der Schwerdtgriff ihm bequem zur Hand war. Dann ſetzte er ſich neben Pontis nieder. Caſtil ließ ſich von dem Mönche Aufklärung geben, ohne den noch anweſenden Gouverneur zu beachten. Plötzlich ließ ſich der raſche Galopp eines Pferdes vernehmen. Dann rief eine helle Stimme raſch und lebhaft: — 32— — Herr von Briſſac! Iſt Herr von Briſſac hier? In demſelben Augenblicke ſprang ein ſchweißtriefender und von Regen durchnäßter, junger Mann vom Pferde und ſtürzte mit der Frage in die Wachtſtube: — Herr von Briſſac? — Hier bin ich! ſagte der Gouverneur. — Die Frau Herzogin läßt Ihnen ſagen, daß Sie allarmiren laſſen! Die feindliche Reiterei rückt heran. Allarm! — Laramée! riefen Esperance und Pontis, indem ſie bei dem Tone dieſer Stimme emporſprangen.. Beide ſtanden dem Adjutanten der Herzogin ge⸗ genüber. Laramée war bleich wie ein Geſpenſt. — Sie hier! murmelte er. Bei dem Worte„Allarm“ hatten alle Soldaten ihre Musketen und Hellebarden ergriffen. Die Bürgergardiſten ſtanden in einem Augenblicke bewaffnet da. Aus allen Geſichtern blitzten Haß und Kriegsluſt. — Meine Herren, rief Laramée, indem er ſeinen Feind bezeichnete, der neben Esperance ſtand, dieſer Menſch heißt Pontis und iſt ein Gardiſt des Königs. Verrath! Verrath! — Elender! murmelte der Officier der Bürger⸗ gardiſten, indem er Laramée einen Fauſtſchlag auf den Kopf verſetzte. — Herr von Crillon! heulte dieſer, indem er das Geflcht erkannte, da das verwünſchte Viſir ſich nicht fügen wollte. Bei dieſem gefürchteten Namen ſtießen Don Joſé und alle Spanier ein Schreckens⸗ und Wuthgeheul aus. Man bezeichnete den Bürgerofficier und rüſtete ſich zum Kampfe. In dem runden Raume des Thurmes entſtand nun ein leidenſchaftliches Gewirr, wie es Bourgignon und Terbury liebten. — Harnibieu, ja, ich bin Crillon! rief der Ritter mit dröhnender Stimme, indem er mit einer erhabenen Bewegung den lächerlichen Helm weit von ſich ſchleuderte. Ich bin der tapfere Crillon! Zu mir, meine Gardiſten! Und nun wollen wir ſehen! Bei dieſen Worten hatte er das Schwerdt gezogen, jenes ſchreckliche Schwerdt, das, indem es aus der Scheide fuhr, den Saal in zwei Stücke theilte, wie der Blitz eine Wolke durchſchneidet. Hinter ihm und zu ſeinen beiden Seiten bildeten die Gardiſten ſo raſch und kräftig ein Ganzes, daß die Spa⸗ nier bis in die Mitte des Saales zurückwichen. Der Mönch verlor ſeine Ruhe nicht; er drängte Herrn von Briſſac hinaus, der wie alle Andere vom Leder gezogen hatte; dann ſchob er die großen Riegel vor die Thür der Wachtſtube und legte ſich mit dem Rücken an dieſe Thür, indem er beide Hände auf eine Arxt ſtützte, die er von der Wand geriſſen hatte. — 54— — Haben Sie auf die Fenſter Acht! ſagte er zu Esperance, der ebenfalls nach dieſer Seite geeilt war. — Sechzig gegen zwölf! rief Don Joſé, indem er ſeinen Soldaten das Häuflein Franzoſen zeigte, die ihm den Weg vertraten. — Zwölf gegen ſechzig! antwortete Crillon brüllend wie ein Löwe. Denkt daran, Kinder, daß nicht ein ein⸗ ziger dieſer Schufte lebendig aus dem Thurme komme, denn der Einzug des Königs hängt davon ab. Esperance, ich habe Ihnen verſprochen, daß Sie Crillon an einer Breſche ſehen ſollen— jetzt ſehen Sie her! Die Spanier gaben eine Musketenſalve, daß die Wände ſtäubten. Crillon und ſeine Gardiſten hatten ſich auf den Bauch geworfen Wie Leoparden ſprangen ſie nun wieder empor. — Jetzt, rief der Ritter, vorwärts! Sie ſind die Unſrigen! Er drang vor. Fuür die erſten zwei Schwerdthiebe hatte ſein Flammenauge zwei Spanier gewählt— Beide ſtürzten vor ſeinen Füßen nieder. Als der Pulverdampf ſich verzogen hatte, daß Crillon und ſeine Leute ſich wie⸗ der ſehen konnten, lagen zehn Spanier auf dem Boden des Saales— alle waren an der Kehle oder am Herzen getroffen, ſie regten ſich nicht mehr. Die Franzoſen wa⸗ ren alle unverletzt. Laramée, der ſich in der Mitte der Spanier befand, hatte wie alle Andern ein Schwerdt in der Hand; aber er hatte noch keinen Hieb gethan, man hätte glauben können, daß dieſes ſchreckliche Schauſpiel ihn des Ver⸗ ſtandes beraubt habe. Unbeweglich ſtand er da, er konnte ſich an dieſe gräßliche Lage nicht gewöhnen. Pontis rief mit gellender Stimme ſeinen Namen; er antwortete nicht. Don Joſé führte ſeine Soldaten noch einmal zum Angriffe vor. Dieſer lächerliche Sennor zeigte ſich mit⸗ unter auch tapfer; aber heute zitterte er wie jedes Thier, das den Löwen wittert. Seine Truppe rannte tumul⸗ tuariſch auf die Stahlklingen der Gardiſten. Der Boden ward abermals mit Leichen bedeckt. Der Dampf des Pulvers und des Blutes zog ſich dichter unter der gewölb⸗ ten Decke zuſammen. Don Joſé ſank mit geſpaltenem Haupte zu Boden. Die Spanier wichen zurück. — Vorwärts, da ſie nicht mehr heranwollen! rief der Ritter, indem er zum Angriffe überging. Und er hieb von Neuem in den decimirten Haufen. Erſchreckt ſuchten Einige die Riegel der Thür zu öffnen. Aber ſie ſtießen auf den ſchweigenden Mönch, der ſie mit ſeiner Art niederſchlug. Andere flogen wie Schmetter⸗ linge nach dem Fenſter; aber hier empfing ſie Esperance mit Schwerdthieben, daß ſie zu Boden ſanken. Einige kletterten an den Eiſenſtäben der Schießſcharten empor, Andere krallten ſich in die Wände dieſes ver⸗ ſchloſſenen Käfichs und noch Andere baten den Sieger um Gnade, indem ſie ihre Waffen wegwarfen. — 56— Laramée, der ſich verloren ſah, faßte einen feigen Entſchluß. Dreimal war er von der Thür zurückgewichen, die der Mönch vertheidigte, jetzt warf er ſich auf das Fenſter und focht mit Esperance. Plöͤtzlich ſtellte er ſich verwundet und ſank zu Boden. Der großmüthige Es⸗ perance ſenkte ſein Schwerdt. Da packte er Esperance's Beine und warf ihn nieder. Während dieſer Zeit öffneten einige Verwundete das Fenſter und ſtürzten ſich in die Seine, wobei ſie einige neue Hiebe auf den Weg bekamen. Der wüthende Pontis hatte Alles verlaſſen, um Es⸗ perance zu Hülfe zu fliegen. Er ſuchte an dieſen beiden Körpern, die ſich feſt umſchlungen am Boden wälzten, einen Ort, um ſein Schwerdt hineinzubohren. Aber wie ſollte er treffen, ohne den Freund zu verwunden? Nur die Köpfe waren in dieſer gräßlichen Blutpfütze noch zu erkennen. Pontis benutzte den Augenblick, wo Laramée's Kopf, den er unterſcheiden konnte, erſchien, und gab ihm einen fürchterlichen Schlag mit dem Knopfe ſeines ſtumpfen Schwerdtes. Der betäubte Schuft ließ ſeine Beute fahren. Espe⸗ rance erhob ſich. Wie von einem Gedanken durchdrungen, ergriffen Beide den beſinnungsloſen Feind, warfen ihn durch das Fenſter und fielen einander in die Arme, indem ſie ausriefen: — Diesmal iſt er ſicher todt! Von dieſem Augenblicke an ward der Kampf zur — 7— Schlächterei. Die wenigen Verwundeten, die noch übrig geblieben, mußten denſelben Weg wandern, und der von Schweiß und Blut triefende Crillon konnte mit ſeinen Kampfgenoſſen auf einem Hügel von Leichen ausruhen. — Es iſt vier Uhr, ſagte ruhig Bruder Robert. Ich glaube, daß Se. Majeſtät ankommt. Nun öffnete er die Thür der Wachtſtube. Draußen hörte man ein Trompetengeſchmetter. Es waren die Trom⸗ peten der königlichen Armee, die an dem neuen Thore wiederhallten. Bruder Robert hieb mit ſeiner Art den Pfahl in Stücke, der die Ketten der Zugbrücke hielt. Mit der Rückſeite ſeiner Waffe ſprengte er das ſchwere Thor, das ſich kreiſchend in ſeinen großen Angeln drehte. Gleich darauf erſchien ein Reiter. Er triefte von Regen; über ſeinem Cuiraß trug er eine weiße Schärpe. Sein Geſicht verklärte die Freude, ſein Auge ſtrahlte. Als der erſte Hufſchlag ſeines Pferdes auf der Brücke wiederhallte, hob er die Hände zum Himmel empor, um ihm zu danken. — Ich bin da! rief er. Mein Gott, habe Dank! — Es lebe der König! ſagte der Mönch bewegt und feierlich, indem er den Thorflügel zurückzog. Freudebebend ſprengte der heroiſche Reiter in die Stadt. — Es lebe der König! wiederholten Crillon und — 58— ſeine Gardiſten, die auf der Schwelle der Wachtſtube ſtanden und ihre rothen Schwerdter aneinander ſchlugen. So betrat Heinrich IV. ſeine Hauptſtadt. Seine von Thränen umflorten Augen ſuchten verge⸗ bens den Freund, der ihm das Thor geöffnet hatte. Bruder Robert hatte ſeine Kapuze über das Geſicht gezogen und ſchlug langſam den Weg über das Feld zu ſeinem Kloſter ein. 4. Der Verfalltag. Als die Herzogin von Montpenſter ihren Adjutanten Laramée nicht zurückkommen ſah und rings umher kein Geräuſch hörte, glaubte ſte, es ſei ein falſcher Lärm ge⸗ weſen. Erſchöpft von den Anſtrengungen der Nacht legte ſie ſich um drei Uhr zu Bett. Ein Armee⸗General hat ja viel zu thun! Nachdem ſie ihre Kammerfrauen und Officiere ver⸗ abſchiedet, ſchlief ſie wie ein gewöhnlicher Soldat. Plötzlich ließ ſich in ihren Vorzimmern ein unge⸗ wöhnliches Geräuſch hören, und verworrene Stimmen weckten fie. Die Thür ward geöffnet, und der Intendan kündigte erſchreckt an:. — Es iſt ein Edelmann da, den der König ſendet. Die Herzogin erhob ſich. — Welche Unverſchämtheit! ſagte ſie. Welcher König ſendet ihn? Und warum erlaubt ſich dieſer König, wenn es einen giebt, meinen Schlaf zu ſtören? Aber der Edelmann ſtand ſchon auf der Schwelle des Zimmers. — Auf Befehl Sr. Majeſtät! ſagte er. — 60— — Ich will doch dem Verwegenen einmal in das Geſicht ſehen, der hier das Wort„Majeſtät“ in Ver⸗ bindung mit dem Worte„Befehl“ an meine Perſon zu richten wagt! — Madame, antwortete der Edelmann, indem er durch eine tiefe Verbeugung grüßte,— er war kein an⸗ derer als Saint⸗Lüc, der alte Freuud des Königs Hein⸗ richs III.— Madame, es iſt weniger ein Befehl als eine Bitte, die ich die Ehre habe, im Namen des Königs Ihnen auszuſprechen. Kaum vor den Thoren von Paris angelangt, hat Ihre Majeſtät an Sie gedacht. — Er iſt vor den Thoren? rief ſie. Und man hat mir Nichts davon geſagt? Ich zweifele daran! Bei dieſen Worten ſprang ſie in ihr Kabinet, wo die zitternden Kammerfrauen ihrer warteten und ſie ſchnell ankleideten. — Dem Himmel ſei Dank, murmelte die Amazone, ich werde noch zu rechter Zeit kommen. Meinen Degen! — Wozu, Madame? fragte höflich Saint⸗Lüc. — Zunächſt, mein Herr, gehen Sie dahin zurück, woher Sie gekommen ſind, und ſagen Sie dem, der Sie geſandt hat, daß ich auf einen Vorſchlag von ihm durch⸗ aus nicht höre. Fügen Sie noch hinzu, daß die Spanier... — Verzeihung, Madame, Sie haben mich miß⸗ verſtanden. — Genug, rief ſie, genug! Wo find meine Officiere, meine Wachen? Wie iſt es möglich geweſen, daß ein Bote des Bearners bis hierher hat kommen können? — 61— — Weder Wachen noch Officiere werden Ihnen ant⸗ worten, Madame, ſagte lächelnd Saint⸗Lüc; Sie bedürfen deren nicht mehr, denn Sie werden bewunderungswürdig bewacht ſein. Und ich, Madame, bin zu gleicher Zeit mit meinem Herrn angekommen, der ſich nicht mehr den Bearner, ſondern den König von Frankreich nennt. Ich komme aus ſeinem Louvre. Die Herzogin erbleichte. — Soviel ich weiß, gehört das Louvre Niemandem! ſagte ſie. — Verzeihung, Madame, es muß wohl dem Könige gehören, da Se. Majeſtät es bewohnt. Die Herzogin fuhr empor. — Der König bewohnt das Louvre? rief ſie. — Das ganze Louvre, Madame. — Seit wann? Mein Gott, ſeit wann? — Seit dieſem Morgen vier Uhr. — Der König iſt in Paris! — Treten Sie an das Fenſter, und Sie werden ihn ſehen, wie er ſich nach Notre⸗Dame begiebt. — Und ich war nicht da! murmelte ſie. Ich ſchlief! Aber die Spanier? — Sie werden Mühe haben, in dieſem Augenblicke Spanier zu finden, Alle ſind wohl verwahrt. — Der König in Paris! ſtammelte die Herzogin, indem ſie eine Stütze ſuchte, als ob ſie einer Ohnmacht nahe waͤre. Saint⸗Lüc trat höflich näher. — 62— — Ich verſtehe Sie, rief ſie aus, indem ſie ſich energiſch aufrichtete— Sie kommen, um die Befehle des Siegers zu erfüllen. Sie wollen mir meinen Degen ab⸗ fordern, mich verhaften. Aber ſagen Sie Ihrem Herrn, daß eine Prinzeſſin meines Namens bleibt, was fie ſein muß, ſelbſt auf der Folter. Zögern Sie nicht, mein Herr, zeigen Sie mir den Weg. Gehen wir zu dem Chätelet oder zur Baſtille? Ich folge Ihnen! — Ihre Phantaſie, Madame, geht zu weit, ant⸗ wortete Saint⸗Lüc. Statt des Arreſtbefehls habe ich die Ehre, Ihnen eine einfache Einladung von Sr. Majeſtät zu überbringen. — Erklären Sie ſich, mein Herr! ſagte die Herzogin, die das Wort eines Mannes von dieſem Range ein wenig beruhigt hatte. — Madame, der König ladet Sie ein, heute nach dem Abendgottesdienſte ein kleines Mahl in ſeinem Louvre mit ihm einzunehmen. — Herr von Saint⸗Lüc, dieſen Spott! — Es iſt durchaus kein Spott, Madame. Im Gegentheil... 3 — Können zwei Todfeinde ein Mahl zuſammen ein⸗ nehmen? — Dies iſt, wie es ſcheint, nicht die Meinung des Künigs, denn er erwartet Sie im Louvre, und es würde Sr. Majeſtät ſehr unangenehm ſein, wenn Sie nicht kämen. — 63— Saint⸗Lüc ſchien die unbeſchreibliche Verwirrung der Herzogin nicht zu bemerken. Nachdem er dieſe Worte mit großer Höklichkeit geſprochen, verbeugte er ſich tief und entfernte ſich. Wie eine Wahnſinnige lief Frau von Montpenſier zu dem Fenſter, und öffnete oder riß viel⸗ mehr den Flügel auf. Als ſſte die allgemeine Bewegung, die weißen Schaͤrpen ſah, und das freudige Rufen und das Beglückwünſchen des Königs hörte, bemächtigte ſich ihrer eine zweite Ohnmacht, fie ſank in die Arme ihrer Frauen und Laquaien, der einzigen Höflinge, die ſte nicht verlaſſen hatten, weil ſte ihren Gehalt zu verlieren fürchteten. Plötzlich erſchien Chatel, der Günſtling der Herzogin. Er durcheilte die Vorzimmer und ſank athemlos und be⸗ ſtürzt zu den Füßen ſeiner erhabenen Gebieterin nieder. — Es iſt alſo wahr, mein armer Chatel? fragte mit matter Stimme die Herzogin. — Leider, Madame! — Ich bin beſiegt! — Nein, verrathen! — Wer hat mich verrathen? — Herr von Briſſac! — Der Ehrloſe! Aber hat man denn keinen Wider⸗ ſtand geleiſtet? — Der Poſten an dem Thore Saint⸗Honoré hat ſich übergeben; die Thore Saint⸗Denis und Saint⸗Martin haben die Schöffen überliefert. — Aber unſere Freunde... der Herzog von Feria? — 64— — Als er erwachte, hatten die Reiter des Bearners bereits ſein Haus beſetzt. — Was hatte man mit den Spaniern angefangen? — Die Soldaten des Königs hatten ſie eingeſchloſſen. — Aber das Volk? Aber die Ligue? — Das Volk hat feig die heilige Ligue verlaſſen; es ſingt, lacht, und ruft: es lebe der König! Hören Sie... Aus der Ferne ließ ſich wirklich Volksjubel und Kanonendonner vernehmen.. — Man ſchlägt ſich! rief die Herzogin. — Nein, die Baſtille ergiebt ſich; die königlichen Kanoniere entladen die Geſchütze. — Der König! Der König! Es lebe der König! riefen enthuſiaſtiſch tauſende von Stimmen in der Straße unter den Fenſtern des Höôtels. — Man hole Herrn von Laramée! ſagte düſter die Herzogin. — Ah, Madame, antwortete der junge Tuchhändler, indem er zu Boden blickte, dieſer arme Edelmann... — Nun? — Sie hatten ihn nach dem Neuen Thore geſchickt... — Ja, um dem Herrn von Briſſac eine Nachricht zu überbringen. — Der Poſten an jenem Thore iſt zuſammengehauen. Die Bürger haben die Spanier, die dieſen Poſten bildeten, getödtet und dann in den Fluß geworfen. — Aber Laramée? — Wenn er nicht zurückgekehrt iſt, ſo wird er ihr Schickſal getheilt haben. 5 — Das iſt zu viel! Das iſt zu viel! murmelte die Herzogin. Ich kann nicht mehr leben! — Madame! — Ich will ſterben! rief ſie wüthend. Man gebe mir einen Degen, einen Dolch! — Madame, theure Gebieterin— im Namen des Himmels! — Wer erbarmt ſich meiner Qualen? kreiſchte die erſchreckliche Perſon. Findet ſich denn kein Freund, der mir die Schmach erſpart, den Sieger zu ſehen? Gebt mir den Tod! Ihre Aufregung wuchs immer mehr, und alle ihre Nerven vibrirten wie die ſchlaffen Saiten einer Harfe. — Töoͤdte mich! rief ſte. Tödte mich, wie einſt Brutus und Cato ſich tödteten! Tödte mich, und ich werde Dich ſegnen! Ich erbitte dieſen Dienſt als eine Gnade von Dir! Bei dieſen Worten entblößte ſte ihre Bruſt, die noch weißer, als ihre Seele ſchwarz war. Der naive junge Mann ward elektriſirt durch dieſe tragiſche Wuth. Er hatte den Titus Livius geleſen und kannte die ſchönen Hingebungen, von denen die Geſchichte des Alterthums erzählt; er glaubte ſich zu der Rolle eines römiſchen Freigelaſſenen berufen. Die Aufforderung der Herzogin hielt er für ernſtlich gemeint. Ihre Bitten ſtiegen ihm zu Kopfe, er zog ſeinen kleinen Dolch, und Gabriele. V. 5 — 66— ſturzte auf Frau von Montpenſier zu, um ſie antik zu erdolchen. Der Anblick des Stahls brachte die Herzogin zur Wirklichkeit zurück; kräftig ſtieß ſie Chatel von ſich und ſah ihn an. — Ich war wahnſinnig! rief ſie. Glaubſt Du, daß ich ſterben muß? 3 Der Ton, in dem dieſe Worte geſprochen wurden, drang tief in die Seele des jungen Mannes. Er ſteckte ſeinen Dolch in die Scheide zurück. — Sie haben Recht, Madame, ſagte er; ich ver⸗ ſtehe Sie. Ihre Augen vollendeten die Deutung ihrer Gedanken. Plötzlich verkündete das Brauſen der Volksmenge, die ſich jubelnd auf den Platz ergoß, die Ankunft des Königs. Heinrich erſchien mit entblößtem Haupte und unbe⸗ waffnet. Alle ſeine treuen Freunde, Rosny, Crillon, Saint⸗Lüc, Sancy und ſämmtliche Kapitains umgaben ihn. Die Menge küßte ſein Pferd und ſeine Kleider. Der König begab ſich in die Kirche Notre⸗Dame, um Gott für ſeinen Sieg zu danken. Briſſac war zum Marſchal von Frankreich ernannt⸗ — Es regnet, ſagten die Liguiſten. Das iſt eine böſe Vorbedeutung. — Es regnet, ſagten die Royaliſten. Das iſt ein Segen des Himmels, um die Lunten der liguiſtiſchen — 67— aAc Musketiere zu verlöſchen, die den König hätten ermorden können. Ein großartiges Schauſpiel bot ſich den Pariſern bei dem Auszuge aus der Kirche. Der König wollte mit den Spaniern völlig zu Ende kommen. Dieſe hatten ſich nämlich in einer Zahl von dreitau⸗ ſend Mann tumultuariſch verſammelt. Ihre Führer hatten den Kopf verloren. Mit den Waffen in der Hand er⸗ warteten ſie den Tod. Sie ſtanden iſolirt in der ungeheuern Bevölkerung, die ſie haßte. Die gewaltige Armee des Königs hatte ſie völlig in ihrer Gewalt, und die geringſte Prahlerei konnte ſie verderben. Unter dem Volke hörte man das dumpfe Getöſe, das der Ausführung großer Acte der Rache vorangeht. Ganz Paris wußte bereits, daß die Spanier vor dem Thore Saint⸗Denis verſammelt waren, um endlich die Strafe für ihre langen Bedrückungen und für die an dem Könige verübten Unredlichkeiten, der ſie ſtets offen bekämpft, zu empfangen. Das Volk wartete begierig des blutigen Schauſpiels. Die Vernichtung einer ganzen Armee ſollte die Vergel⸗ tung ſein! Die Umgebungen des Thores Saint⸗Denis waren von hunderttauſend Zuſchauern belagert, die nur auf ein Zeichen warteten, um thätig bei dieſer großen Tragödie mitzuwirken. 5* — 68— Die ſpaniſchen Soldaten, auf ihre Lanzen oder Mus⸗ keten geſtützt, beugten ſich in düſterer Ermuthigung und Beſchämung unter der Laſt aller dieſer aufgeregten Blicke. Einige hatten ihre Frauen und Kinder bei ſich. Das in der Haſt zuſammengebrachte Gepäck und die erſchöpften Pferde vollendeten dieſes Bild. Auf jedem Geſichte konnte man Schrecken, Verzweiflung und Hunger leſen. Der Herzog von Feria, der von der Höhe ſeines Stolzes geſtürzt, war nur noch ein Rebell, ein ertappter Dieb, deſſen Größe darin beſtand, ſich als der erſte dem Willen des Siegers zu unterwerfen. Schweigend ſtand er in der Mitte ſeiner Officiere, die, bleich wie er, nur an den Tod dachten. Man kündigte den König an. Schon verſperrte eine lange Reihe von Gardiſten und Bogenſchützen alle Ausgänge und ſchloß die Spanier in einen Kreis von Eiſen und Feuer ein. Dem Könige voran ging der Marſchall von Briſſac, umgeben von Cavallerie. Bei der Ankunft dieſer neuen Truppen wogte die Menge wie das zurücktretende Meer. Eine Woge drängte die andere, ſo daß die Straßen und Plätze leer wurden. Nur die Fenſter, Thüren und Stadtwälle füllten ſich mit Zuſchauern, deren größter Theil bewaffnet war. Die Spanier ſahen nur noch die Soldaten des Kö⸗ nigs und die Geſchütze, die bereit zum Feuern waren. Es war ein feierlicher Augenblick. Alle Herzen klopften laut. Die Spanier empfahlen ihre Seele dem Herrn. — 69— Als Briſſac mit entblößtem Haupte und theilnahm⸗ loſen Mienen ſich dem Herzoge von Feria näherte, glaubte man allgemein, er verkündige ihm das verhängnißvolle Urtheil. Eine tiefe Stille trat ein; nur die Herzen klopften noch. — Herzog, ſagte der Marſchall, der König ſchickt mich, um Ihnen zu ſagen, daß dieſer Tag des Siegs ein Tag der Verzeihung iſt. Sie ſind frei. Verlaſſen Sie mit den Ihrigen, mit Waffen und Gepäck furchtlos Paris. Die Thore ſind Ihnen geöffnet, ziehen Sie hinaus, wann es Ihnen beliebt! Kaum hatte Briſſac dieſe Worte geſprochen, als ſich der tiefe Schrecken in die höchſte Freude verwandelte. Soldaten und Officiere, die ſich ſchon niedergemetzelt oder wenigſtens zu Kriegsgefangenen gemacht wähnten, warfen ihre Hüte empor, und der ganze Stadttheil hallte wieder von ihrem Freudengeſchrei. Die Frauen und Kinder ſah man niederknien und inbrünſtige Gebete zum Himmel ſenden für den großmüthigen Monarchen, der ſie von einem ſo grauſamen Untergange rettete. Tief gerührt verneigte ſich der Herzog von Feria, um Briſſac zu danken. Das Wort erſtarb auf ſeinen Lippen. Alle Zuſchauer vergaßen ihren Haß, um die Güte des Siegers zu bewundern. Wenn die Pariſer ein ſchwer zu erſetzendes Schauſpiel verloren, ſo gewannen ſie dafür die Gewißheit, daß ſte von einem hochherzigen und groß⸗ müthigen Fürſten regiert wurden. Heinrich IV. nahm ſeinen Platz an einem der Fenſter des Thores Saint⸗Denis, und zwar an dem, das ſich gerade über dem Thore befand und die Ausſicht über die ganze Straße Saint⸗Denis bot. Auf ein Zeichen ihrer Chefs ſtellten ſich die Soldaten der fremden Armee in Ordnung auf, und traten je vier Mann hoch ihren Marſch an. Mit geſenkten Waffen und Fahnen, verlöſchten Lunten und die Torniſter auf dem Rücken, zogen ſie vorbei. Die Neapolitaner zogen zuerſt durch das Thor, dann die Spanier, und zuletzt die Wallonen und Lanzknechte. Jeder, ſelbſt der geringſte Knecht der Armee, ſah zu dem Könige hinauf und grüßte, indem er tief ſeinen Hut zog. Einige riefen in der Freude ihres Herzens: es lebe der König von Frankreich! Andere knieten nieder, laute Segenswünſche ausrufend. Als der Herzog von Feria erſchien, hielt er ſein Pferd an, um dem großmüthigen Fürſten, der ihm das Leben geſchenkt, eine größere Ehre zu erzeigen. Murmelnd dankte er Heinrich IV. dafür, daß er ſeine armen Sol⸗ daten verſchont habe. Der ſtets lächelnde und geiſtreiche König antwortete: — Gut, gut, Herr Herzog! Empfehlen Sie mich Philipp II., Ihrem Herrn; aber kommen Sie nie hier⸗ her zurück! Man begreift wohl, daß dieſe Worte bei dem geiſt⸗ reichſten Volke der Erde Glück machten. — — — 71— Saint⸗Lüc führte die Spanier ſehr höflich bis nach Bourget; von dort geleitete man ſie bis zur Grenze, und die Einnahme von Paris war vollendet. Der König hatte Eile, ſeinem Heinrich einige Zer⸗ ſtreuungen zu gewähren. Denſelben Abend empfing er im Louvre den Beſuch der Herzogin von Montpenſier; er ſpielte mit ihr Karte, und gewann ihr das Geld ab. Dies war ſeine ganze Rache. War auch dieſe Zerſtreuung eben nicht unterhaltend, ſo war doch die Rache eine ziemlich vollſtändige. Statt der gehofften Metzelei und des allgemeinen Schreckens hatte die Herzogin geſehen, wie ſich zwei Stunden nach dem Einzuge des Königs alle Läden wieder öffneten, wie man die Häuſer mit Teppichen und Blumen ſchmückte, wie die Bürger ſich in freundlichen Geſprächen unter die Kriegsleute miſchten, wie das gemeine Volk mit den Bürgern lachte und ſang, wie die Ligüe, ähnlich dem Schnee vor der Sonne, zerrann, und wie die letzte ehr⸗ geizige Hoffnung der Guiſen in Rauch aufging. Ernſtlich krank kehrte ſie in ihre Wohnung zurück, und legte ſich zu Bett, ohne daß ſich Jemand um ſie kümmerte. Man ſprach mehr von der Frau eines liguiſtiſchen Fleiſchers, die bei der Nachricht von dem Einzuge des Königs vor Zorn todt niedergeſunken war, als von der Herzogin. Gegen zehn Uhr Abends näherte ſich La Varenne dem Könige, und ſtüſterte ihm einige Worte in das Ohr. Lächelnd verließ Se. Majeſtät die Geſellſchaft, und zog ſich in ihr Zimmer zurück. — 22— Mit Anbruch des nächſten Tages ſaß eine große Anzahl Edelleute in einem der Säle des Louvre um ein großes Feuer und genoſſen fröhlich die Reſte eines großen Feſtes. Ihre lebhafte Unterhaltung bewegte ſich nicht mehr um die Vergangenheit, ſondern um die Zukunft des neugeborenen Frankreichs. Die Geſellſchaft beſtand aus Gardiſten, die ſich im Dienſte befanden, und aus einigen bevorzugten Edelleuten, welche um die beſondere Gunſt angehalten, den König die erſte Nacht, die er in ſeinem Palaſte verbrächte, zu bewachen, nachdem er ſo viel Jahre im Exile und auf Schlachtfeldern verlebt. Daß dieſe Glücklichen ſich nicht gelangweilt hatten, während der König ſchlief, bewies die Zahl der leeren Flaſchen. Unter den Gardiſten bemerkte man auch Pontis. Unter den Hofleuten bewunderte man allgemein Espe⸗ rance, den Crillon dem Könige als einen tapfern Kämpfer von dem Neuen Thore vorgeſtellt hatte. Die Gunſt des Königs, ſowie ſeine Tapferkeit und ſein edles Weſen hatten dem jungen Manne bald eine Menge Freunde erworben⸗ Aber eine andere Perſon feſſelte ebenfalls die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit; es war Herr von Liancourt, der heute noch bucklichter, aber auch noch fröhlicher war, als ſonſt. Pontis, ein wenig aufgeregt durch den Wein und des Schweigens während einer ganzen Nacht überdrüſſig, ſchoß ſeine Pfeile auf dieſen edeln Herrn ab, die jeder ſchwirren hörte, aber von Liancourt nicht bemerkt wurden, obgleich ſie ſtets das volle Ziel trafen. Der Bucklichte brachte wohl zum zwanzigſten Male die Geſundheit des Königs aus. — Sind Sie nun mit Sr. Majeſtät völlig ausge⸗ ſöhnt? fragte Pontis. Mir ſcheint, Sie haben mit dem Könige nicht gut geſtanden. — Ohne Zweifel; aber das iſt nun vorbei. Der König iſt gnädig, ich bin geiſtreich geweſen. Und ſomit iſt eine Verſtändigung herbeigeführt. — O, erzählen Sie uns dieſe Verſtändigung! rief Pontis, trotz der Winke, die ihm Esperance gab. — Daß ich wieder zu Gnaden aufgenommen, ver⸗ danke ich dem Rathe des hochwürdigen Priors der Ge⸗ novefaner, antwortete Herr von Liancourt. Er ſetzte mich geſtern durch ſeinen Dolmetſcher von dem Einzuge des Königs und von der Großmuth deſſelben gegen die Spa⸗ nier in Kenntniß. Es iſt Zeit, bemerkte er dabei, daß Sie Ihr Grollen gegen den König einſtellen. — Sie grollten ihm? fragte eine Stimme. — Herr von Liancourt hatte ſich in ſeine Keller.. verzeihen Sie, auf ſeine Beſitzungen zurückgezogen! rief Pontis. — Aber warum grollte er? fragte ein impertinenter Neugieriger. — Das find Familienangelegenheiten! rief Esperance, der fürchtete, den Namen Gabriele's zu hören. Der Bucklichte fuhr fort: — Ich habe den Rath des Hochwürdigen befolgt; geſtern Abend, ich war kaum auf freien Füßen, bin ich im Louvre angekommen, um den König zu begrüßen. Se. Majeſtät empfing mich gütig, er hat mir ſogar ge⸗ lächelt, und anſtatt mich nach Bougival zurückkehren zu laſſen, hat er mir die Gunſt erwieſen, mich gewaltſam in dem Palaſte zurückzuhalten, wo ich unter Ihnen eine ſo reizende Nacht verbracht habe, wie ſicher der König ſelbſt nicht gehabt hat. Ein ſpöttiſches Lächeln umſpielte den Mund La Va⸗ renne's, der in einer Fenſtervertiefung mit Zamet, dem Financier, in einer Unterredung begriffen war. — Jetzt behandelt der König dieſen Unglücklichen mit Milde, ſagte Pontis leiſe zu Esperance; das iſt noch viel gefährlicher. — Es iſt ein Glück für ihn, antwortete Esperance mit einem erzwungenen Lächeln, daß ſeine Frau noch nicht in Paris eingezogen iſt, wie der König. In dieſem Augenblicke erſchien ein Gardekapitain und rief Pontis zu einer dienſtlichen Verrichtung. Zur größ⸗ ten Freude Esperance's ward das Geſpräch, bei dem er gezittert, auf dieſe Weiſe unterbrochen. Pontis entfernte ſich. Nach einigen Minuten kam er zurück, und rief Es⸗ perance. Dieſer trat ihm raſch entgegen. — Was giebt es? fragte der junge Mann. — Man hat mir zwar eine große Gunſt erzeigt, aber dieſe Gunſt erfordert einen Frohndienſt; der König hat mir aufgetragen, Jemanden ſehr geheimnißvoll auf das Land zu escortiren. — Ohne Zweifel einen Gefangenen? — Wahrſcheinlich. Das wird eine langweilige Ge⸗ ſchichte werden. Willſt Du mir bei dieſem Frohndienſte helfen? Wir werden wenigſtens zuſammen reiten und uns unterhalten. — Gern! — Ich werde unſere Pferde ſatteln laſſen. Erwarte mich dort unten in der Allee neben dem Fluſſe. Der Gefangene ſoll dort hinausgeführt werden. Ich bringe unſere Pferde mit, Du haſt Dich um Nichts zu kümmern. — Gut! ſagte Esperance, indem er den Weg nach dem bezeichneten Orte einſchlug. Sein Herz war voll von dem geheimen Zauber, der die ganze Natur verſchönt. 1 Der Tag begann zu grauen. Es regnete nicht mehr; ein leiſer, friſcher Wind kräuſelte den Fluß und bewegte mit einem geheimnißvollen Flüſtern die Bäume, die ſich auf das Waſſer hinabneigten. Eine mit Rädern verſehene Sänfte kam aus einer geheimen Thür des Palaſtes. Sie war mit großen Blumenvorhängen geſchloſſen. Zwei weiße Maulthiere zogen ſie ſanft über den Sand hin. Dieſen Gefangenen behandelt man mit großer Rück⸗ ſicht, dachte Esperance, als die Sänfte an ihm vorüber⸗ ging. Der Wind bewegte die Vorhänge, und ein Parfüm kam aus der Sänfte, der Esperance wie eine plötzliche Erinnerung berührte. — Nehmen Sie den Weg nach Bougival! befahl eine Frauenſtimme dem Kutſcher. Der junge Mann zitterte, als er dieſe Stimme hörte. In demſelben Augenblicke ward der Vorhang geöffnet, und ein neugieriger Kopf ward ſichtbar. — Gratienne! rief Esperance. — Herr Esperance! flüſterte das junge Mädchen, das beſtürzt die Vorhänge offen ließ. Ihr gegenüber ſaß Gabriele. Bei dem Namen Esperance verbarg ſie ihr erglüchen⸗ des Geſicht mit beiden Händen. Der junge Mann erbleichte und lehnte ſich an einen Baum, ihm war, als ob der Boden unter ihm wankte. Ein ſchwarzer Schleier breitete ſich vor ſeinen Blicken aus. Er hörte Pontis nicht, der mit den beiden Pferden ankam. — Zu Pferde! ſagte fröhlich der Gardiſt. Welch ein köſtlicher Morgen! Nach einer ſo ſchönen Nacht werden wir eine prächtige Promenade haben. Nun, biſt Du noch nicht im Sattel? — Ich bin kein Gardiſt des Königs, antwortete düſter Esperance. Verrichte Deinen Dienſt allein. Lebe wohl! Er entfloh mit verwundetem Herzen. Die Sänfte ſetzte ihren Weg fort. Die herabfallen⸗ den Vorhänge erſtickten einen ſchmerzlichen Seufzer, der wie ein Schluchzen klang. — Eine ſonderbare Laune! murmelte Pontis, der gezwungen war, der Sänfte zu folgen. Gabriele hatte dem Könige ihr Wort gehalten. 5. Die Schramme am Auge. Sechs Monate waren ſeit der Uebergabe von Paris ver⸗ floſſen. Es war gegen das Ende des Jahres. Der December hatte ſeinen dichteſten Nebel und ſeinen tiefſten Schnee über dem Lande ausgebreitet. Seit langer Zeit hatte der Winter in Frankreich nicht mit einer ſolchen Strenge geherrſcht. Auf der weißen Straße von Montreau nach Melun, der zur Seite hier und da ein von der Art verſchont gebliebener Baum zum Himmel emporſtarrte, hörte man Nachts die Wölfe heulen. Den ganzen Tag über war es ruhig, die Landleute waren zu hungrig, um zu fingen, und die Kälte war zu ſtreng, um auszugehen, auch war die Furcht vor dem Spanier noch nicht ganz erloſchen. Wölfe und Spanier auf einmal waren zu viel auf einer großen Straße, und das Ei der Henne, die ein Jeder im Topfe haben ſollte, war noch nicht gelegt. Der Herr war abweſend, er befaßte ſich nicht mit häuslichen Geſchäften. Heinrich band in der Picardie mit Herrn von Mayenne wieder an, dem entmuthigten Ringer. Der König ermuthigte ihn wieder. Ueberall er⸗ —y freute er ſich des Schutzes Gottes: kaum hegte er einen Wunſch, ſo war er auch ſchon erfüllt. Madame Lian⸗ court hatte ihm einen Sohn geboren, und dieſes Kind, das unter Siegen die Welt erblickt, ſollte in der Kirche Notre⸗Dame getauft werden, ſobald der König zurückkehrte. Dieſe Nachricht, die ſich raſch durch das ganze Land verbreitete, ward nicht ohne Erläuterungen aufgenommen, und Jeder, der den franzöſiſchen Geiſt kennt, wird erfreut ſein zu vernehmen, daß ſie das Volk mehr mit Vor⸗ urtheilen erfüllte, als die Kälte, der Mangel und der Krieg. Wir wiſſen nicht, ob dies gerade der Gegenſtand des Geſprächs war, das zwei ſeltſame Perſonen unterhielten, die im December ſich den Thoren von Melun zu bewegten. Beide waren zu Pferde und in große Mäntel, nach Art der arabiſchen Burnus, eingehüllt, oder vielmehr ver⸗ graben. Sie ritten neben einander in dem Schnee, während ſie, nicht etwa Diſtichen von Theocrit oder Vir⸗ gil, ſondern ſchöne und gute italieniſche Flüche im tiefſten Baſſe und höchſten Soprane wechſelten, die alle Wölfe aus Frankreich hätten vertreiben können. Der Baß kam aus der Tiefe einer breiten und ge⸗ waltigen Bruſt. Das Pferd war klein, aber der Reiter ſtolz, was ſich nur nach dem ſchwarzen Auge und dem bereiften Barte beurtheilen ließ, den die Falten des Mantels nicht immer vor dem eiſigen Winde ſchützten. Der Sopran war eine kleine Frau mit einem bald melancholiſchen, bald wie ein Blitz leuchtenden Blicke. Sie klapperte vor Froſt mit den Zähnen auf ihrem Thiere, — 30— und dachte nur daran, ſich vor dem Winde zu ſchützen, wobei ſie wüthend bald ihren Begleiter, bald die glatte Straße, bald das abſcheuliche Frankreich, wo es friert, bald die verhaßten Thore von Melun ſchimpfte, die ſich nicht erreichen laſſen wollten. Man kam indeß endlich bei dieſen Thoren an. Je näher man der Stadt kam, je lebhafter ward die Straße. Einige Reiſende überholten die beiden Italiener, andere blieben hinter ihnen zurück; aber Alle ſtimmten darin überein, daß ſie das Ausſehen dieſer beiden Fremden ſeltſam fanden. Aber auch die Fremden fanden dieſe Franzoſen neugierig und ſpöttiſch; ſie theilten ſich dies wahrſcheinlich in ihrem Jargon mit, und wenn ſie es nicht ſagten, ſo drückten es die Augen und das ironiſche Lächeln der jungen Frau aus. An dem Thore befand ſich eine Schildwache und ein Steuereinnehmer, der jeden der Ankommenden mit grö⸗ ßerer Aufmerkſamkeit examinirte, als zur Ausübung der Zollgeſetze nöthig war. Die Haltung der beiden Zuletztangekommenen fiel dieſem Manne auf; er hielt die Fremden an, die wahr⸗ ſcheinlich ihre Pferde deshalb raſcher gehen ließen, um ſobald als möglich unter Dach und Fach zu kommen. — Holla! rief er. Wie eilig! Prüfen wir zuvor dieſe Felleiſen! Auf ſeinen Wink traten mehre Soldaten herbei, und ergriffen die Zügel des Pferdes und des Mauleſels. — Siamo Foreſtieri! rief ungeduldig die junge Frau. ————— — 814— — O, o, Spanier! rief der Viſitator, der dieſes reine Italieniſch für Spaniſch hielt. — Spanier! wiederholten rings um ihn her die Soldaten, welche die Gewohnheit des Kriegs wenig zu Gunſten ihrer gewöhnlichen Feinde geſtimmt hatte. Man durchſuchte die Felleiſen, die durchaus nichts Verdächtiges enthielten. Die vermeintlichen Spanier ſpra⸗ chen lebhaft mit einander, ohne auch nur zwei franzöfiſche Worte zuſammenzubringen, die ſie als Antwort auf die Fragen des Viſitators hinwerfen konnten. Während dieſer Debatte hatte die reizbare Frau ihr Geſicht ganz enthüllt, ein Geſicht, das regelmäßig, fein und von echt ſüdlichem Charakter war. Die Verſchlagenheit ihrer Augen, die Beweglichkeit ihrer Phyſiognomie, das Spiel ihrer Lippen, die eine doppelte Reihe prächtiger Zähne ſehen ließen, genügten dem Zollviſitator nicht, der immer beharrlicher rief: — Spanier! Spanier! Ihre Papiere! Die Haltung des Reiſegefährten der Dame blieb während dieſer ganzen Scene unerſchütterlich ruhig. Er gab ſich nicht einmal die Mühe, ſich zu bewegen. War dies eine Wirkung des Schreckens? Feige Menſchen und ſolche, die ein ſchlechtes Gewiſſen haben, benützen oft die Unbeweglichkeit als ein Hülfsmittel. Oder war es die Unkenntniß mit dem, was vorging? Er blieb indeſſen feſt in ſeinen Mantel gewickelt, der ſein Geſicht vertikal in zwei Hälften theilte, das Geſicht ſchien nur ein einziges Auge zu haben, deſſen Apfel ſich raſch von Gabriele. Vv. 6 einem zu dem andern der Umſtehenden wandte, nachdem er zuvor den Geſichtsausdruck ſeiner jungen Frau be⸗ trachtet hatte. Plötzlich ſprach der Viſitator leiſe zu dem Chef der Soldaten. — Es iſt wahr, rief dieſer, er verbirgt ſein Auge! — Machen Sie Ihr Auge frei! ſagte der Viſitator. Der Italiener verſtand es nicht. — Er ſcheint es nicht zu verſtehen, murmelten die Umſtehenden. — Ihr Auge! Ihr Auge! wiederholten ungeduldig zwanzig Stimmen. Der überraſchte Italiener ſah ſeine Gefährtin an, aber er rührte ſich nicht. Mit einer heftigen Bewegung riß der Chef des Wacht⸗ poſtens die Falten des Mantels herab, die den Kopf des Unbekannten bedeckten. Sein Geſicht ward ſichtbar. Trotz einer gewiſſen Trivialität, welche die Schönheit gewiſſer orientaliſcher Ragen nicht ausſchließt, war es ſchön und von ſtolzem Ausdrucke. — Sein Auge iſt rothſtreifig! rief der Viſttator. Er iſt es! — Er iſt es! wiederholten mehre der Umſtehenden, die das Geheimniß zu kennen ſchienen. — Er iſt es! Er iſt es! riefen hundert andere Perſonen, die nicht einmal wußten, um was es ſich handelte. — — 83 Das rechte Auge des Italieners war unter der Wimper wirklich durch eine Aufſchürfung der Haut, die bis an die Schläfe ging, ein wenig geröthet. Die Soldaten warfen ſich auf dieſen Mann und zogen ihn raſch von ſeinem kleinen Pferde. Einige Zuſchauer fingen nun an, den Unglücklichen zu puffen und zu ſchel⸗ ten, obgleich ſie weder ſeinen Namen noch ſein Verbrechen kannten. Als die junge Frau dies ſah, ſtieß ſie durchdringende Klagelaute aus. — Schlagt ihn nicht, riefen die Soldaten, wir wer⸗ den ihn braten laſſen! — Nein, nein, ſagte der Viſitator, er muß ſeine Mit⸗ ſchuldigen nennen! — Ah, verbrecheriſcher Spanier! rief eine Stimme. — Elender Mörder! heulte eine zweite. — Oime! 0 povero Concini! ſchluchzte die kleine Frau, indem ſie mit Fauſtſchlägen und durch Kratzen ihren unglücklichen Gefährten gegen dieſe Wüthenden zu vertheidigen ſuchte. Aber ihre Kraft reichte nicht aus; der Strom zog auch ſie mit fort zu dem kleinen Häuschen des Viſitators, das für Beide ſich in eine Folterkammer zu verwandeln die Ausſicht bot. Ein großer, blonder, junger Mann auf einem ſchö⸗ nen, türkiſchen Pferde, gefolgt von einem eben ſo gut be⸗ rittenen Diener, war indeß bei dem Thore von Melün angekommen. — 82— Als er dieſe Scene ſah, deren Vorſpiel eine traurige Löſung vorherſagte, als er das verzweiflungsvolle Geſchrei der jungen Frau hörte, trieb er ſein Pferd an, und ſchlug den Soldaten auf die Schulter, der den Arm der un⸗ glücklichen Frau, die krampfhaft die Kleider ihres Reiſe⸗ gefährten hielt, mit ſich fortzog. — Freund, ſagte er, Sie viertheilen ja dieſes arme Geſchöpf! Sehen Sie nur den kleinen Arm unter Ihrer rohen Fauſt an. — Bah, mein Herr, antwortete der Soldat mit einer gewiſſen Achtung vor der majeſtätiſchen Erſcheinung des Fremden, bah, das wird kein großes Unglück ſein, es iſt ja eine Spanierin. — bieta, pieta, signor! rief die Frau, indem ſie ſich zu Dem wandte, deſſen Vermittelung ſie errieth. — Es iſt keine Spanierin, ſondern eine Italienerin, antwortete der junge Mann, der raſch von dem Pferde ſprang und den Soldaten ſo heftig ſchüttelte, daß er ſeine⸗ Beute fahren ließ. — Eine Italienerin! rief die überraſchte Menge, in⸗ dem ſie ſich zur Seite gruppirte. Der Soldat empfand einen noch größeren Reſpekt, als er die Muskelkraft des Fremden kennen gelernt hatte. — Wollen Sie die Mörder unſers guten Königs vertheidigen? fragte er. 3 — Ah, das iſt etwas Anderes! antwortete der junge Mann. Die junge Frau hatte begriffen, daß ſie einen Dol⸗ — 85.— metſcher gefunden, ſie begann raſch mit ihm italieniſch zu ſprechen, und er antwortete ihr in derſelben Sprache. Die Freude der armen Angeklagten ließ ſich nicht ver⸗ kennen; wie berauſcht ſchlug ſie triumphirend die Hände zuſammen, daß die Menge davon gerührt ward, und ſagte: — Dieſer Edelmann kennt ſie! Bei den erſten Lauten ſeiner Mutterſprache hatte der Italiener die Arme nach dem Fremden ausgeſtreckt und gerufen: — Was habe ich gethan? Was will man von mir? Der Viſitator und die Soldaten ſahen ſich gezwungen, ſtehen zu bleiben. Man umringte und betrachtete unſern jungen Mann. In ſeinen ſchönen Augen glänzten Offen⸗ heit, Muth und Verſtand. Schon durch ſein erſtes Auftreten hatte er die ganze Verſammlung für ſich ge⸗ wonnen. — Mein Herr, fragte der Viſitator, haben Sie das Kauderwälſch dieſer Spanier verſtanden? — GEs find Italiener, mein Herr, antwortete der junge Mann; ſie ſprechen das reinſte Toskaniſch. Was haben ſie denn gethan, daß man ſie ſo rauh behandelt? — Sehen Sie ſein rechtes Auge an! ſagte der Viſitator. — Es iſt ein wenig geröthet... es iſt wahr! — Nun, mein Herr, dieſes Signalement hat man uns von Einem geliefert, der hier durchkommen muß; er geht nach Paris, um den König zu ermorden. 3 — 86— — Ich dachte, Se. Majeſtät befindet ſich nicht in der Hauptſtadt. — Der gute König wird dort zur Taufe ſeines Soh⸗ nes erwartet. — Welches Sohnes? fragte der Fremde. — Cäſar's, mein Herr, des Sohnes der ſchönen Ga⸗ briele und des Königs. Der Fremde erbleichte. — Gut! murmelte er, gewaltſam ſeine hochfliegende Bruſt zuſammendrückend. Dieſer Mann alſo ſoll auf die Ermordung des Königs ausgehen! Fängt man denn immer wieder damit an? — Alle acht Tage, mein Herr. Das Leben unſeres guten Vaters wird ſtets bedroht, und heute von dieſem Schurken hier! — Hat er es Ihnen geſagt? — Er wird ſich wohl hüten. Anfangs ſtellte er ſich, als ob er uns nicht verſtände, und wir waren Gott ſei Dank genug, ihn zu errathen. Aber Verzeihung, mein Herr, fügte der Viſitator mißtrauiſch hinzu, Sie nehmen ſich dieſer Schurken zu ſehr an— ſind Sie vielleicht Liguiſt oder Spanier, da Sie ihre Sprache ſo gut ver⸗ ſtehen? Haben Sie Papiere? — Ja, mein Herr! antwortete kalt der junge Mann. Und ich nehme keinen Anſtand, ſie Ihnen zu zeigen. — Woher kommen Sie? — Ich komme von Venedig, wo ich mich zu meinem Vergnügen aufgehalten habe. — — 87— — Wohin gehen Sie? — Nach Paris, wohin mich Herr von Crillon be⸗ rufen hat. — Herr von Crillon! rief der Viſitator, den plötzlich eine ſtarke Regung von Achtung anwandelte. — Herr von Cirillon! wiederholten die Soldaten, die bei dieſem theuern Namen freudig erbebten. — Hier iſt ſein Brief Machen Sie mir die Freude, ihn zu leſen, fügte der junge Mann hinzu, indem er dem Zöllner ein entfaltetes Papier reichte. Dieſer bückte ſich und las unter tiefen Verneigungen. Dann gab er das Papier dem jungen Manne zurück, vor dem faſt Alle das Haupt entblößten, indem ſie mur⸗ melten: — Das iſt ein Freund des braven Crillon! Die beiden Italiener hatten Zeit gehabt, ſich zu er⸗ heben und ihre Kleider wieder in Ordnung zu bringen, Die junge Frau ergriff die Hand ihres Schützers und ſprach mit großer Zungenfertigkeit zu ihm. — Madame, antwortete der junge Mann italieniſch, man klagt Sie und Ihren Reiſegefährten an, daß Sie in ſchlechter Abſicht nach Paris gehen. Die beiden Italiener erbleichten. — In welchen Abſichten? ſtammelte die junge Frau. — Man behauptet, daß Sie den Koͤnig ermorden wollen. — Wirz rief die Italienerin heftig. Wir, den König ermorden! O, mein Herr, wir beabſichtigen das Gegentheil. — 88— — Wer ſind Sie? Vermeiden Sie jede Stockung, denn man beobachtet Sie. Verſuchen Sie nicht zu lügen, denn ich ſelbſt würde Ihnen Angeſichts einer ſo ſchreck⸗ lichen Anklage eine Lüge nicht verzeihen. — Ich heiße Leonora Galigai, ſagte ſie, und mein Mann heißt Concino Concini. — Was betreiben Sie? Sie ſtockte. Dann fuhr ſie fort: — Mein Mann iſt der Sohn eines Notars in Florenz⸗ — Aber Sie? — Ich... ich bin ſeine Frau. — Und was gedenken Sie in Frankreich zu thun? — Mein Herr... das, was Concino thun wird. — Dieſe Antwort iſt vernünftig, aber nicht aufrichtig. Sie verbergen mir etwas, und das iſt ſchlimm für Sie. Ich liebe den König, und um ein Unglück von ihm ab⸗ zuwenden, werde ich Sie dem Zorne dieſer Menge über⸗ laſſen. Sehen Sie zu, wie Sie fertig werden. Dieſe Drohung ſchien eine große Wirkung auf die beiden Italiener auszuüben. — Bedenken Sie das! fügte der junge Mann hinzu. Dann trat er zu dem Zöllner und zu dem Chef der Soldaten, indem er ſagte: — Es ſcheint mir nicht, als ob dieſe Leute Uebel⸗ thäter wären, aber ich halte ſie für Abenteurer, die ſich nicht offen zeigen. Ich habe ſie eingeſchüchtert, ſie be⸗ rathen ſich, und wir werden nun wohl die Wahrheit erfahren. —— — 89— — Warum hat er ein rothes Auge? fragte der hart⸗ näckige Viſitator. — Es iſt wahr, ich dachte nicht mehr daran, ant⸗ wortete der junge Mann, der ſich wieder zu den Italie⸗ nern wandte. Warum iſt dieſes Auge geröthet? fragte er. — Signor, antwortete raſch die junge Frau, ich bin eiferſüchtig. Concino iſt kokett und hat geſtern einer ge⸗ wiſſen großen Dame, die in einer Sänfte uns begegnete, Blicke zugeworfen. Da habe ich ihm ein wenig die Augen ausgekratzt. Meſſen Sie, wenn Sie wollen, die Schramme nach meinen Nägeln. — Das iſt wahrſcheinlich, antwortete der junge Mann, indem er die Hand der Italienerin betrachtete, die wie eine kleine Vogelkralle mit ſchönen rofigen und gebogenen Nägeln ausſah. Nun bleibt Ihnen noch, mir zu ſagen, zu welchem Zwecke Sie nach Frankreich ge⸗ kommen ſind. Ich habe Ihnen die nöthige Zeit bewilligt, um eine Antwort zu geben, die Ihre Intereſſen mit der Wahrheit ausgleicht. Nehmen Sie ſich in Acht, in dem Hauſe des Zöllners brennt ein gutes Feuer, und die Eiſen ſind bald glühend gemacht! — Per che fare! riefen ängſtlich die beiden Italiener. — Alle, die hier ſtehen, ſind neugierig, und ſobald ich den Rücken wende, wird man Sie zum Geſtändniß zu bringen wiſſen. — Das iſt ein galanter Mann! flüſterte der Italie⸗ ner ſeiner Gefährtin zu. Zeigen wir ihm die. Em⸗ pfehlung. 4 — 90— — Suchen wir es noch zu verſchieben! flüſterte die Italienerin zurück. Als der junge Mann ſah, daß die Umſtehenden des Zögerns überdrüſſig waren und unter ſich zu murmeln begannen, ſagte er: — Leben Sie wohl! Sehen Sie zu, wie Sie fertig werden! Er wandte ſich, um den Zügel ſeines Pferdes zu er⸗ greifen, das die Soldaten ſtreichelten. Die Italienerin hielt ihn zurück, indem ſie mit zitternder Stimme ſagte: — Fordern Sie, daß man uns an einen Ort gehen läßt, wo wir allein find! — Noch mehr der Geheimniſſe, Signora? — Sie werden erfahren, warum! antwortete ſie. Der junge Mann ſprach einige Worte zu dem Viſi⸗ tator. Dieſer öffnete ſeine Thür. Raſch und flink, wie ein Eichhörnchen, trat die Italienerin ein. Concino blieb ruhig bei der Wache zurück. Der junge Mann war Leo⸗ nora gefolgt. — Wenden Sie ſich ein wenig ab, ſagte ſie lächelnd. Er kam der Aufforderung nach, aber nicht raſch ge⸗ nug, als daß ihm entgehen konnte, wie ſie unter ihren Kleidern ſuchte. Er unterſchied eine Unterhoſe von rother Wolle, und ein wenig dünne, aber graziöſe Beine. Dies Alles erſchien und verſchwand mit der Schnelligkeit des Blitzes. Die Italienerin zeigte ſich wieder, mit einem Papiere in der Hand. — Nehmen Sie dieſen Empfehlungsbrief, den man — 91— mir in Florenz gegeben hat, ſagte ſie. Leſen Sie, und wenn Sie wiſſen, wer wir find, ſo verſprechen Sie mir auf Ihr Ehrenwort als Edelmann, daß Sie das, was Sie geleſen, Namen und Dinge, vergeſſen wollen. — Der Brief iſt an Herrn Zamet adreſſirt, ſagte er. — Kennen Sie ihn? — Ich habe ihn im Louvre geſehen. — Ah, Sie haben Zutritt in dem Louvre! rief raſch die Italienerin. — Wie Jeder, der zu dem Könige will, antwortete der junge Mann, der ſich vergeſſen hatte. Nun las er folgende Worte: „Ich empfehle Herrn Zamet meine Leonora und Con⸗ cino, die in Geſchäften nach Paris gehen. Man kann ihnen vertrauen, denn ſie ſind meine treuen Diener. „Marie.“ — Was für eine Marie? fragte der junge Mann. — Betrachten Sie das allgemein bekannte Wappen. — Das Wappen der Medicis! Die Italienerin legte einen Finger auf ihre Lippen. — Sie ſtehen alſo im Dienſte der Marie von Me⸗ dicis, der Nichte des regierenden Großherzogs von Toscana? Langſam antwortete Leonora, um Worte zu wählen: — Ich bin ihre Milchſchweſter, ſagte ſie, die Tochter ihrer Amme. Wir ſind arm und ſuchen uns ein Ver⸗ mögen zu erwerben. Die Prinzeſſin, die ſelbſt nicht reich iſt, empfiehlt uns Herrn Zamet, der ſich im Golde wälzt. — 92— Man macht in Frankreich raſch ſein Glück, hat ſie uns geſagt, wenn man gute Augen hat, zu ſehen, und ſchöne Augen, um ſie ſehen zu laſſen. — Ganz recht! ſagte träumeriſch der junge Mann. Dann betrachtete er die kleine Frau, die ihm bereits den Brief entriſſen und ihn unter ihren Kleidern und Hoſen wieder verborgen hatte. — Sind wir noch Mörder? fragte lachend die Italienerin. 3 — Nein, Signora! — Nun, ſo ſagen Sie es jenen rohen Menſchen. Aber erinnern Sie ſich Ihres Verſprechens. Verrathen Sie weder Namen, noch Dinge! Sie allein wiſſen, und werden darum wiſſen. Der junge Mann trat wieder hinaus. Er nahm den Vifitator und den Chef des Wachtpoſtens bei Seite, in⸗ dem er ſagte: 4 — Meine Herren, dieſe Italiener ſind Kaufleute, die werthvolle Wechſelbriefe bei ſich führen. Aus Furcht vor Dieben ſuchen ſie dieſe Briefe zu verbergen. Ich kenne ihre Namen: Leonora und Concino. Schreiben Sie ſie in Ihrem Regiſter neben den meinigen, der als Garantie dienen wird. Mein Name iſt Esperance. Ich werde Ihnen, wenn Sie es wünſchen, den Brief Herrn Crillon's als Bürgſchaft hinterlaſſen. — Ich danke Ihnen, mein Herr, ſagte der Viſitator; aber das Auge... Esperance erzählte den ehelichen Streit vom vorigen Tage, und Alle brachen in Lachen aus. — 93— Die beiden Italiener waren mit dem Volke von Melün wieder ausgeſöhnt. Selbſt der Zöllner ſprach einen höflichen Gruß aus, einen Zoll, den man zu allen Zeiten und in allen Ländern einem reichen Reiſenden nie verweigert hat. Der Italiener ſetzte ſich mit übergeſchlagenen Beinen auf ſein kleines Pferd, und die Italienerin, die mit der Vertraulichkeit einer alten Bekanntſchaft ſich in Esperance's Arme warf, beſtieg ihr Maulthier wieder. Wenn irgend etwas raſch eine Vertraulichkeit herbeiführen kann, ſo iſt es der Anblick einer rothen Unterhoſe und eines ſchönen Beines unter delicaten Umſtänden. Die Italienerin hatte über dieſes Ereigniß Ermüdung und Kälte vergeſſen. Man frühſtückte in einem guten Wirthshauſe, und zwei Flaſchen feurigen, ſüßen Weines verſcheuchten völlig die ſchwarze Wolke, die ſich einen Augenblick über den Häuptern der beiden Reiſenden zuſam⸗ mengezogen hatte. Glücklich, einen Dolmetſcher gefunden zu haben, beſtürmten ſte Esperance mit Fragen, der aber je verſchloſſener ward, je eifriger die Italiener fragten. Die kleine Frau, vernarrt in den ſchönen Edelmann, deſſen Verdienſte ſie in den Himmel erhob, würde ſicher noch Concino's Eiferſucht erregt haben; und wäre er rach⸗ gierig geweſen, er hätte ſich eben ſo ſicher noch einige Schrammen zugezogen. Der Name Esperance's, den ſte Herr Speranza nannte, ſchmeichelte ihren Lippen, ſagte ſte; aber ſie würde wahrer geſprochen haben, wenn ſie geſagt hätte, daß er ihrem Herzen ſchmeichelte. — 97— Obgleich Concino dieſen Enthuſiasmus nicht theilte, ſo fühlte er doch die Wichtigkeit des Dienſtes, den Espe⸗ rance ihm geleiſtet hatte. — Dieſes Volk hätte mich in Stücke zerriſſen, ſagte er; ich fühlte ſchon ihre Krallen und ihre Zähne. Es muß ſchrecklich ſein, auf dieſe Weiſe zu ſterben. Ich danke dem Engel, den mir Gott zur Hülfe geſendet hat! Und er küßte ihm, nach italieniſcher Sitte, die Hände. Leonora, die nicht weniger dankbar war, drückte unter dem Tiſche mit ihren beiden kleinen Füßchen die Füße ihres Retters Speranza. Es iſt wahr, damals war es in Frankreich ſehr kalt. Der Retter war gerührter, als er es ſein wollte. Um der Dankbarkeitsſcene ein Ende zu machen, ſtand er auf. Er drückte den Wunſch aus, vor dem Einbruche des Abends Paris zu erreichen, und auch Leonora, die nicht mehr er⸗ müdet war, entſchloß ſich, mit ihm zu reiſen. Man ließ die erfriſchten Pferde vorführen, hüllte ſich feſt in die Mäntel, und die nun vermehrte Karavane ſetzte ihren Weg auf der großen Straße fort. Die dankbare Leonora verſäumte keine Gelegenheit, mit ihrem Beine oder ihrer Schulter Esperance zu berüh⸗ ren. Ihre Augen hingen ſtets an denen ihres neuen Reiſegefährten. Concino hing ſeinen philoſophiſchen Träu⸗ men nach, oder bewunderte die Landſchaft. Die Italienerin fragte Esperance um tauſend Einzeln⸗ heiten des franzöſiſchen Coſtüms. Galant und höflich ant⸗ wortete er darauf, wie es einem gebildeten Edelmanne „ — 95— geziemt. Geſchickt ging ſte von der Aeſthetik zur Politik über. Sie ſprach von dem Könige. Er erſchöpfte ſich in Lobeserhebungen. Sie richtete mehrere Fragen an ihn über die alte Frau Heinich's IV., die verlaſſene Margarethe. Esperance erzählte, was er wußte. Dann kam ſie auf die neue Leidenſchaft des Königs, die er für Frau von Liancourt hegte. Aufmerkſamer als je leitete ſie das Geſpräch auf den Grad von Zuneigung, den der König für dieſe Favoritin wohl empfinden könne. Esperance antwortete höchſt einſylbig. Leonora wollte wiſſen, ob dieſes Feuer lange brennen würde. — Ich weiß Nichts davon, ſagte der junge Mann. — Iſt ſie denn ſo ſchön, fragte die Italienerin, daß man ſie die ſchöne Gabriele nennt? — Ich kenne ſie nicht, antwortete Esperance, der auf dieſe Weiſe das Geſpräch abbrach. So geſchickt es Leonora auch anfing, ſte konnte über dieſen Gegenſtand, der ihr am meiſten am Herzen lag, von Esperance Nichts erfahren. Als die liſtige Italienerin durch Blicke und Worte ihre Zärtlichkeiten verſchwendete, ward der junge Mann liebenswürdig und geſprächig. Und als der aus ſeinen Träumen erwachte Concino zu lauſchen begann, unterhielt man ſich von den Thalern des Herrn Zamet. Gegen ſieben Uhr Abends, bei einem prachtvollen Sternenhimmel, erreichte man die Barrière von Paris. Esperance wollte die Reiſenden zu Zamet's Wohnung geleiten, die ſich in der Straße Lesdiguisres, hinter dem Arſenale, befand. — Wird es Sie nicht von Ihrem Wege ablenken? fragte Concino, den das ewige Berühren des Knie's Leo⸗ nora's mit dem Esperance's beſorgt gemacht hatte. — Durchaus nicht! antwortete der junge Franzoſe. Ich gehe nach dem Arſenale, das in demſelben Stadt⸗ theile liegt. Er bezeichnete ihnen die Thür des reichen Financiers. Während Concino den ſchweren Hammer an der Thür hob, nahmen Esperance und Leonora Abſchied. Er war höflich, ſie war feurig. — A rivedere! flüſterte Leonora, indem ſie einen Finger an ihre Lippen legte. — 6. Wie Esperance ein eigenes Haus bekam. Bei ſeiner Ankunft im Arſenale erfuhr Esperance, daß Herr von Crillon von einer Inſpection noch nicht zurück⸗ gekehrt ſei, die er über neue Truppen abhalten mußte. Aber er hatte Befehl gegeben, der Perſon, die ſich auf ihn berufen würde, ein Zimmer vorzubereiten. Der junge Mann erſah daraus, daß Crillon ihn nicht vergeſſen hatte. Er betrat das alte gothiſche Zimmer, in dem ein Feuer brannte, das von halb durchgeſägten Bäu⸗ men genährt ward. Sein Diener erwärmte die Tücher, und ſervirte das Abendeſſen, dem er ſelbſt wacker zuſprach, nachdem ſein ermüdeter Herr unter günſtigen Ausſichten auf einen guten Schlaf, ſich zu Bett gelegt hatte. Esperance fragte ſich nicht, warum Crillon im Ar⸗ ſenale wohnte. Kaum war er am folgenden Morgen aufgeſtanden und angekleidet, als der Ritter mit offenen Armen und allen Zeichen einer liebreichen Freude in ſein Zimmer trat. — Nun, Landläufer, verlorenes, undankbares Kind, ſind Sie endlich da? rief der Held, indem er den jungen Mann zum zweiten Male umarmte. Sie fliehen ja mit Gabriele. V. 7 einer wahren Wuth die, die Sie lieben! Was iſt das? Sie kündigen eine kleine Reiſe von vierzehn Tagen an, verlaſſen uns, während wir den Einzug in Paris feſtlich begehen, und bleiben ſechs Monate aus? Ah, mein Freund, wollen Sie uns glauben machen, daß Sie weder Herz noch Gedächtniß haben? Geſtehen Sie nur, man hat Sie hier ſehr gut behandelt. Esperance ward durch dieſe Beweiſe von Zuneigung und durch dieſe nur zu gegründeten Vorwürfe gerührt; er verſuchte zunächſt durch Ausflüchte zu antworten und bemühete ſich dabei, ſeine wahre Bewegung zu verbergen. — Mein Herr, antwortete er, Sie wiſſen, was eine Reiſe iſt. Man nimmt ſich vor, hundert Schritte zu machen, und macht deren tauſend. Eine Straße hat ge⸗ heimnißvolle Reize, die Bäume ſcheinen die Arme aus⸗ zuſtrecken und uns zu rufen, ſo daß man von einem zu dem andern geht, und ſich unvermerkt ſehr weit entfernt. — Ich kenne dieſen Geſchmack an Reiſen in entfernte Länder nicht. Ginge es nach mir, ſo müßten Sie nach Bequemlichkeit reiſen. — Ich liebe die Bequemlichkeit überall, wo ich ſie haben kann. — Sie haben ſie wohl überall gefunden? Mir ſcheint, daß Ihr Geſicht bleich iſt, daß Sie ſelbſt mager geworden ſind. — Die Hitze... — Es friert, daß die Steine zerſpringen. — In Frankreich; aber nicht dort, woher ich komme — 999— — Nun, woher kommen Sie denn? Aus China? — Wie, Herr Ritter, fragte der überraſchte Espe⸗ rance, Sie wiſſen nicht, woher ich komme? — Ich würde nicht fragen... — Aber Sie haben mir dorthin geſchrieben, wo ich war. — O gewiß, ich habe geſchrieben, aber ich wußte nicht wohin. Haben Sie denn meinen Brief erhalten? — Das iſt ſeltſam! rief Esperance. Sie ſchreiben, und wiſſen nicht, wohin. Ihr Brief kommt in meine Hände, und Sie haben ihn nicht abgeſchickt! — Solche Dinge können auch nur Ihnen begegnen, mein beſter Esperance! rief Crillon heiter. Aber um Sie nicht zu lange in Verlegenheit zu ſetzen, hören Sie, wie Alles zugegangen iſt. Unter dem Vorwande einer Reiſe haben Sie von Pontis und mir einen haſtigen Abſchied genommen. Vierzehn Tage ſpäter ſchrieben Sie mir, daß Sie weiter reiſen würden, als Sie beabſichtigt hatten. So verfloſſen vier Monate, ohne daß ich Nachricht von Ihnen erhielt. Das war ſchrecklich, denn man intereſſirt ſich für Sie. — Verzeihen Sie, ich hatte an Pontis geſchrieben. — Geduld! Pontis durchlief mit der Armee des Königs die Welt. Pontis war nicht mehr in Paris. Man ſchlägt ſich heute hier, morgen dort! Ihr Brief mußte alſo Pontis in Paris erwarten, er lag zwei Mo⸗ nate in meiner Wohnung, und das macht ſechs Monate. Dann wollte es ein glücklicher Zufall, daß man ihn mir 7. — 100— nach Avignon ſchickte, wo ich mich bei meiner Familie aufhielt. Als ich die Handſchrift und das Siegel des Briefes erkannte, überſchickte ich ihn an Pontis, der da⸗ mals in Artois war. Unglücklicher, Sie hatten uns nicht einmal Ihre Adreſſe angegeben. — Deshalb bin ich ſo erſtaunt, antwortete lächelnd der junge Mann, daß Sie mir geantwortet haben, und daß Ihr Brief in meine Hände gekommen iſt. Aber Sie ſind ſo gut, und Ihr Arm iſt ſo lang... — Durchaus nicht, machen Sie mich nicht beſſer, als ich bin. Ich war aufgebracht. Ich hätte nur in dem Augenblicke geantwortet, wo mein Aerger den höch⸗ ſten Grad erreicht— im letzten October, als ich dieſen Brief erhielt. Crillon öffnete einen Kaſten, der auf ſeinem mit Waffen beladenen Schranke ſtand. „Herr Ritter, es iſt nöthig, Herrn Esperance von dorther zurückkommen zu laſſen, wo er ſich befindet. Ihm drohen große Gefahren. Rufen Sie ihn durch einen Brief zurück, den ich mich verpflichte ihm zu überbringen. Sie allein beſitzen die Autorität über ihn. Stellen Sie eine Zuſammenkunft in Paris gegen Ende des Monats December mit ihm feſt. Gegenwärtiger Brief iſt nur im Intereſſe des jungen Herrn Esperance geſchrieben. Sie müſſen ihn um jeden Preis bei ſich behalten. Mor⸗ gen werde ich den Brief in Ihrer Wohnung abholen laſſen.“ 8 — Wer hat ihn unterzeichnet? rief Esperance. — 101— — Er hat keine Unterſchrift. Die Züge ſind ſchön, aber es ſcheint, daß ſie von der zitternden Hand eines Greiſes kommen. — Und Sie haben mir geſchrieben, daß ich zurück⸗ kommen ſoll? — Auf der Stelle, denn auch ich erblickte Ihr In⸗ tereſſe dabei. Aber wo waren Sie denn, daß Ihnen ſo große Gefahren drohten? — Ich war in Venedig, antwortete Esperance. Crillon ſprang von ſeinem Stuhle empor. 3 — In Venedig! murmelte er, während ſein groß⸗ müthiges Blut ihm in die Wangen trat. Aber mein Gott, Freund, was haben Sie in Venedig gemacht? — Venedig kann eben ſo gut das Ziel einer Reiſe ſein, wie jeder andere Ort. — Esperance, Sie behandeln mich nicht als einen Freund, ſagte Crillon, deſſen Herz heftig klopfte; Sie find vorſätzlich zurückhaltend und verſchwiegen. Erſt verreiſen Sie, ohne zu ſagen wohin, dann bleiben Sie ſpurlos verſchwunden, und nun kommen Sie traurig und verändert zurück. Sie ſind nicht mehr der friſche und fröhliche junge Mann, der Sie ſonſt waren. Ich frage — Sie zaudern mit der Antwort; ich dringe in Sie— und Sie lügen. Gut, es mag ſein— Sie brauchen mir Nichts zu ſagen. Sprechen wir von andern Dingen. Die Freundſchaft Crillon's— bah, was iſt ſie denn? Wer iſt Crillon? Ein alter Soldat, der ſich ſeiner Jugend nicht mehr erinnert. — 102— — O, mein Herr, mein Herr, wie grauſam ſind Sie! rief Esperance. Sie reißen mir die Geheimniſſe aus dem Herzen. — Das iſt wohl ſehr ſchmerzlich? — Leider werde ich verſucht ſein, es zu glauben. Ich habe nie die Langweile gekannt, und jetzt hat ſie mich dergeſtalt geplagt... — Und iſt Venedig die Urſache dieſer plötzlichen Langweile? Venedig iſt wirklich eine einförmige Stadt! — Nein, in Venedig habe ich mich nicht gelangweilt, ſagte Esperance langſam. Ich habe glücklich dort gelebt, ſehr glücklich. — Für junge Leute iſt Venedig ein fröhlicher Auf⸗ enthalt, ſagte Crillon mit bewegter Stimme. — Ich habe dort viel geweint, fuhr Esperance mit einem reizenden Lächeln fort. — Sie bringen mich immer mehr in Verwirrung, mein junger Freund, ſagte der Ritter, der ſeine Faſſung kaum erhalten konnte. Sie waren glücklich, und doch weinten Sie viel— wie läßt ſich das vereinigen? — Mein Herr, ſagte der junge Mann, ich hatte in meinem Leben nicht geweint; ach, es iſt eine große Luſt! — Worüber haben Sie geweint? — Ach, über mancherlei. — Ueber das ſchurkiſche Fraͤulein von Verneuil? — Nein, nein! rief Esperance raſch. — Ich ſage das, weil man geſehen hat, wie ſie bei den Genovefanern hinter Ihnen herlief, die Verrätherin — 103— wollte Sie erwiſchen. Ich, der ich Ihre Schwachheit kenne, habe mir geſagt: er reiſ't, um ſich ihrer zu entledigen. — Es iſt ein wenig Wahres daran, ſagte Esperance, erfreut, daß Crillon die Sachen ſo deutete. — Aber dies iſt kein Grund zu weinen. Harnibieu, in Venedig giebt es Waſſer genug! — Ich habe auch nicht um das Fräͤulein von Ver⸗ neuil geweint, Herr Ritter. — Um was denn? 1 — Indem ich mein Schickſal, meine verlaſſenen Tage auf der Erde betrachte— jeder Liebe beraubt, getaͤuſcht in meinen erſten Illuſionen— Herr Ritter, da mußte ſich meiner eine tödtliche Langweile bemächtigen. Und ich habe ſie bereits empfunden. Mein Herz und mein Körper haben harte Schläge erlitten. Womit ſoll ich mich tröſten? An weſſen Buſen ſoll ich mich flüchten? Gott kann ſich nicht um mich kümmern, denn ich bin. noch zu jung und zu geſund. Wenn man zwanzig Jahre zählt und ſolche Muskeln hat wie die meinigen, hat man kein Recht, Gott mit Klagen zu beläͤſtigen. Ach, Sie lieben mich wohl, ich weiß es; aber wie kann ich meine kleinen elenden Mühſeligkeiten auf Ihren ruhmreichen Lebensweg ſtreuen? Auch Pontis liebt mich, aber er iſt ein unbeſonnener Menſch. Wiſſen Sie, woran ich ge⸗ dacht habe? — Bei meiner Ehre, das kann ich nicht wiſſen! rief Crillon. — 104— — Ich habe an meine Mutter gedacht. Das war ein neues Hinderniß für den Ritter, der für den ruhigen und unſchuldigen Blick, mit dem Espe⸗ rance ihn anſah, einen erſchreckten Blick zurückgab. — An Ihre Mutter! ſagte langſam und dumpf der würdige Krieger. Aber wie kommen Sie auf dieſen ſonderbaren Gedanken, da Ihre Muter nicht mehr auf dieſer Welt iſt? — Eben deshalb habe ich an ſie gedacht. — Dann müſſen Sie einen neuen Grund dazu ge⸗ habt haben! — Ich habe ihren Abſchiedsbrief wieder geleſen. Ach, mein Herr, ein glücklicher Menſch konnte den ganzen Inhalt dieſes Briefes nicht verſtehen— aber ein gebro⸗ chenes Herz begriff ihn gleich. Deshalb bin ich in Ve⸗ nedig geweſen. — Das begreife ich nicht, fuhr Crillon fort. Aus welchem Grunde verbinden Sie das Andenken an Ihre Mutter mit Venedig? Ich erinnere mich von Ihnen gehört zu haben, daß Sie davon Nichts wüßten, und jener Brief, von dem Sie ſprachen und den Sie mich leſen ließen, enthält ebenfalls keine Silbe über dieſen Gegenſtand.. — Der an mich gerichtete Brief enthält allerdings Nichts, antwortete Esperance; aber Sie erinnern ſich, daß ich Ihnen einen Brief überbrachte, den dieſelbe Hand geſchrieben. — Ganz recht. Und nun? — Dieſen Brief hielten Sie offen in der Hand— an dem erſten Tage, an dem ich die Ehre hatte, im Lager mit Ihnen zu ſprechen. — Wohl möglich. Aber was folgern Sie daraus? — Zufällig fielen meine Blicke auf den Brief. Ohne Indiscretion— das ſchwöre ich Ihnen— las ich die Worte:„Venedig, auf dem Sterbebette.“ Crillon zitterte. — Und dieſe Worte, Herr Ritter, habe ich ſeit jener Zeit nicht vergeſſen, denn ſie waren von derſelben Hand geſchrieben, die meinen Brief geſchrieben hatte— von der Hand meiner Mutter. Und das Sterbebett war das meiner Mutter! Crillon ſchwieg. Esperance fuhr fort: — Wenn ich das Bedürfniß zu weinen fühlte, ſchloß ich mich in Venedig ein, und ſuchte mit den Augen des Körpers und der Seele den Ort, wo meine unglückliche Mutter den letzten Seufzer ausgehaucht. Niemand kannte mich, und ich wollte Niemanden fragen. Für mich umgab ein heiliges Geheimniß dieſes Grab Aber ich ſetzte meine Nachforſchungen fort. Paläſte, Kirchen, Klöſter, Alles was ſchweigend und düſter, Alles was pomphaft und geräuſchvoll war, die bevölkerte Baſilika und das ein⸗ ſame Kloſter, die mit Epheu bedeckte Ruine, den Garten, wo Roſen und Jasmin blühen— Alles habe ich in meinen ſchmerzlichen Ergießungen durchſpäht und befragt⸗ Ich hatte es mir zum Geſetze gemacht, den ganzen Mar⸗ — 106— cusplatz, die ganze Piazetta, den ganzen Quai Stein für Stein zu durchſuchen, weil ich überzeugt war, daß auch der Fuß meiner Mutter da gewandelt, wo ich wan⸗ delte. Wenn alles Geräuſch ſchwieg, war ich der Letzte, der in der Gondel um die Lagunen fuhr, der den Himmel und die Paläſte betrachtete, die ſich in dem Waſſer ſpie⸗ gelten. Und meine Mutter muß mich in dieſer lächerlichen Melancholie geſehen haben. So oft ich in den Krüm⸗ mungen zwiſchen den blühenden Inſeln fuhr, ſagte ich mir, daß dort ein ſchöner Platz für ein geheimnißvolles Grab ſein müſſe; und wo ich eine düſtere Lampe vor einer Madonna ſchimmern, überall, wo ich Cypreſſen unter dem Kraute an einer verfallenen Kirche ſah, ſagte ich mir: dieſe Lampe wird vielleicht auf Koſten meiner Mutter unterhalten, vielleicht ſchläft ſie unter jenen großen ſchwarzen Bäumen! Dann weinte ich, und liebte meine Mutter. Ach, es iſt ſo ſchön, Jemanden zu lieben... Crillon ſtand auf, wandte Esperance den Rücken und ging durch das Zimmer, indem er mit dem Fuße an jedes Möbel ſtieß, das er auf ſeinem Wege erreichen konnte. — Nicht wahr, Sie lachen über mich? fragte Esperance. Ohne ſein Geſicht zu zeigen und ohne zu antworten, zuckte Crillon zwei⸗ oder dreimal mit den Achſeln, und nachdem er ſich in dem Kamine verborgen, ſagte er: — In dieſem Zimmer raucht es ſo arg, daß ich wahrhaftig ganz blind geworden bin! — — — 107— Haſtig riß er die beiden Flügel des Fenſters auf. Es war erſichtlich, daß die Augen des guten Ritters nicht vom Rauche geröthet waren. Die Luft verſcheuchte bald den Rauch oder die Er⸗ innerung. — Ich kann wohl annehmen, ſagte Crillon, daß Sie genug geweint haben, da Sie zurückgekehrt ſind. — Ich bin zurückgekehrt, weil Sie mich gerufen haben. — Aber ich bin der Aufforderung eines anonymen Briefes nachgekommen. Sie haben mir noch Nichts von den Gefahren erzählt, von denen Sie bedroht waren. — Ich weiß von keiner Gefahr! rief Esperance. Hätte ich nicht zwei Gründe zur Abreiſe gehabt, ich wäre ſicher dort geblieben. — Erſtens meinen Brief, nicht wahr? Und dann... — Und dann einen ſehr proſaiſchen Grund. — Welchen? — Ich hatte kein Geld mehr. Crillon lachte. — Hatte man Sie vielleicht beſtohlen? — Nein. Meine Revenüen waren ausgeblieben. — Wie, bei dieſer ausgezeichneten Regelmäßigkeit, mit der ſie jeden Monat eintrafen? — Sie war vorbei. Seit drei Monaten habe ich Nichts empfangen. Soll ich Ihnen meine Anſicht dar⸗ über ſagen? — Vielleicht hat ſich ein zweiter Spaletta eingefunden. — 108— — Noch mehr, als das. Mein Vermögen war eine Chimäre. Der Greis mit den weißen Haaren wird ge⸗ ſtorben ſein, und meine Renten bezieht ein Anderer. — Element, das wäre ſchön! — Meine Liebe, meine Finanzen find ruinirt; ich bin völlig ruinirt, Herr Ritter! — Das iſt gut! ſagte Crillon, indem er ihm freund⸗ lich auf die Schulter ſchlug. Wenn Sie kein Geld mehr haben, werden Sie nicht mehr ſo flüchtig ſein, Sie wer⸗ den hübſch bei mir bleiben. Aber was ſage ich denn? Esperance, Sie werden ſtets Geld haben, da ich nie ohne Geld bin. — Mein Herr—! — Ah, ich komme nicht mit zwanzigtauſend Thalern, wie der Greis in weißen Haaren; aber ich habe den Vortheil vor ihm voraus, mehr zu halten, als ich ver⸗ ſprochen habe. Darum tröſten Sie ſich. Schlagen Sie in meine Hand, und ſchöpfen Sie aus meiner Börſe. Bei dieſen Worten öffnete der wackere Crillon einen Kaſten. Esperance hielt ihn zurück. — Verzeihung— ärgern Sie ſich nicht über mich. — Warum ſoll ich mich ärgern? fragte der Ritter, indem er in ſeinen Piſtolen wühlte. — Weil ich Ihr großmüthiges Anerbieten nicht an⸗ nehmen werde, ſagte kalt Esperance. — 109— Crillon ließ die Goldſtücke aus ſeiner Hand wieder fallen. Dann wandte er ſich mit gerunzelter Stirn zu dem jungen Manne. — Holla, rief er, das geht zu weit! Halten Sie mich für einen verächtlichen Kerl, lieber Herr? — Sehen Sie, da ärgern Sie ſich! — Harnibieu, ob ich mich ärgere! Sie beleidigen mich, indem Sie mich abweiſen! — Erlauben Sie, daß ich mich erkläre. Ich bin weder ein grober, noch ein dummer Menſch. Ihre erſte Handvoll Piſtolen werde ich ſicher annehmen. — Gut; dies iſt Alles, was man von Ihnen for⸗ dern kann. — Aber die zweite werde ich nicht annehmen. Soll ich etwa auf Koſten deſſen ein träges Leben führen, der jedes Geldſtück mit ſeinem Blute bezahlt? Niemals! — Die Geſinnung iſt gut. Aber was wollen Sie beginnen? Ah, da kommt mir eine Idee! Nehmen Sie Dienſte in der Garde. Ich ſtehe dafür, daß Sie vor Ablauf von ſechs Monaten eine Fähndrichsſtelle haben. — Ich habe den Krieg nicht gern, wie Sie wiſſen, und vor der Disciplin fürchte ich mich. — Ich werde mit Rosny ſprechen, daß Sie eine Stelle bei Hofe erhalten. — Danke! Auch mit dem Hofe mag ich Nichts zu thun haben. — 110— — Das iſt unrecht. Der Hof iſt galant. Der König hat ſich eine junge Wegitreſſ angeſchafft, die Spiel und Tanz liebt. Esperance erröthete. — Man wird bei Hofe ſtets bankettiren, tanzen und taufen! fuhr Crillon fort. — Das iſt ein zu fröhliches Leben! ſagte Esperance traurig. — Zu fröhlich, und deshalb wird es nicht lange— dauern. — Warum? Wenn der König ſeine neue Maitreſſe liebt... — Er iſt nicht jedermann. — Erfordert das Glück, daß man jedermann angehört? — Wenn man König iſt, ja! — Dann mißfällt die neue Maitreſſe wohl gewiſſen Perſonen? — Gewiß! — Man ſagt, ſie ſei ſanft... wohlthätig. — Mein Gott, ja, das iſt ſie! — Nun, warum liebt man ſie nicht? — Mein lieber Freund, der König braucht keine Maitreſſe, wohl aber eine Frau.. — Aber der König hat ja ſchon eine Frau. — Ja; aber er braucht noch eine andere. Vor allen Dingen aber braucht er ein Kind, ſelbſt zehn, zwanzig Kinder! — Wenn ich nicht irre, murmelte Esperance, ſo hat er einen Sohn. — 111— — Einen Baſtard! — Der arme König iſt auf ſeine Weiſe glücklich, ſagte der junge Mann; und nun gießt man ihm Galle in ſeinen Nectar. — Bah! Solcher Glückſeligkeiten kann er haben, ſoviel er will. Nach der ſchönen Gabriele wird eine andere kommen. — Will er ſich denn trennen von... dieſer Frau? — Man wird ihn davon trennen. — Was wird dann aus der armen Geſchiedenen? — Pardieu, man verheirathet ſie, und ſtattet ſie gut aus! — Aber, Herr Ritter, ſie iſt ja ſchon verheirathet. — Ganz recht. Der König hat ſchnell dieſe Verbin⸗ dung auflöſen laſſen, und ſie iſt frei. — Unter welchem Vorwande? Crillon brach in Lachen aus. — Dieſer arme Herr von Liancourt, rief er aus, iſt von dem Tribunale für unfäͤhig erklärt, ſein edles Ge⸗ ſchlecht fortzupflanzen. — Aber wie man ſagt, hat er doch in ſeiner erſten Ehe elf Kinder erzeugt. — Um ſo mehr Grund, hat der Richter geſagt, daß er ferner Nichts mehr erzeugen kann. Trotz ſeiner Herzensbeklemmung mußte Esperance lachen. — Und der Richter hat Recht! fügte Crillon hinzu. Man hat ſchon ſo viel darüber gelacht, daß ich mich wundere, noch darüber lachen zu können. Ich hoffe, daß ich Ihnen noch Neuigkeiten erzähle, die Ihnen Ihre gute Laune zurückbringen. — Gewiß, mein Herr, ſtammelte der junge Mann, indem er ſeine Nägel in die Hand drückte. Aber trotz aller dieſer Heiterkeit ſehe ich einen unglücklichen König und eine fehr beklagenswerthe Frau. — O, des Königs Natur geſtattet keinen langen Kummer, und wenn man den Hofgerüchten Glauben ſchenken darf, ſo ergreift er ſchon ſeine Maßregeln. — Um Frau von Liancourt fortzuſchicken? — Nennen Sie die Dame nicht ſo. Seit der Geburt des kleinen Cäſar, eines bewunderungswürdigen Kindes, iſt ſie Marquiſe von Monceaux. Nun, ich will gerade nicht ſagen, daß ſte der König fortſchickt, aber er zerſtreut ſich hier und da ein wenig, obgleich er die Marquiſe leidenſchaftlich liebt, die ſchön, ſehr ſchön iſt. Ah, ſie iſt noch nie ſo ſchön geweſen! — Herr Ritter, unterbrach ihn Esperance raſch, ſprechen wir ein wenig von dem guten Pontis. Hat er mich vergeſſen? — O nein! Aber ſeit Ihrer Entfernung hat der Taugenichts ſein altes Leben wieder angefangen. Der ſtete Krieg iſt freilich eine Entſchuldigung, denn die Kriege des Königs ernähren den Soldaten ſchlecht, er hat Nichts als Waſſer zu trinken. — Vorausgeſetzt, daß er ein wenig Wein dazu hat, ſagte Esperance. — 113— — Pontis findet ſtets ſeinen Wein, er hat ihn auch in Artois zu finden gewußt. Der Burſche iſt unbezahl⸗ bar, wenn es gilt den Flaſchen nachzuſpüren. Wahr⸗ haftig, Sie würden ein Werk der Wohlthätigkeit üben, wenn Sie in die Garden träten, denn Sie machten aus dieſem Pontis ein vollkommenes Subject. Er liebt Sie, er fürchtet Sie. Treten Sie bei den Garden ein! — Ich bitte Sie, mein Herr, dringen Sie nicht in mich, bat Esperance ſanft; mein Entſchluß ſteht unwider⸗ ruflich feſt. Alles, was Sie mir ſagen, ſetzt mich in Erſtaunen. Ich liebe den Hof nicht, ich liebe die Welt nicht mehr, ich habe nur einen Wunſch... — Noch zu weinen? — O nein, damit iſt es aus! ſagte Esperance fröh⸗ lich. Ich will in entfernte, mir ganz neue Länder gehen, um dort zu jagen. Kommt Pontis bald zurück? — Späteſtens dieſen Morgen zehn Uhr wird er mit dem Könige zur Taufe zurückkommen. — Gut. Dann umarme ich Freund Pontis, und trete ſogleich meine Reiſe an. — Harnibieu, das wollen wir doch ſehen! rief der Ritter. Daß Sie mein Geld ausſchlagen, mag Ihnen hingehen; daß Sie nicht in der Garde dienen wollen, ebenfalls— aber daß Sie wieder in das Exil zurück⸗ kehren, verbiete ich Ihnen! — Herr Ritter... — Ich verbiete es Ihnen! ſagte der Ritter. Gabriele. V. 8 — Aber, mein Herr, wenn ich nun unglücklich bin! — An meiner Seite mögen Sie ungglücklich nach Belieben ſein. Sie waren kein Jeremias, als ich Sie kennen lernte, und jetzt zerfließen Sie faſt in Waſſer wie eine Nymphe. Nein, ich werde Sie ſchon wieder kräftigen! — Sie werden ſehen, daß ich leide. — Das leugne ich nicht, denn Sie haben einen Meſſerſtich empfangen. Ich habe deren mehr als ſechszig bekommen, ohne die Kugeln und das Eiſenſchrot zu zählen. Sie haben drei Litres Blut verloren— ich ein ganzes Faß. Mordieu, und ich lache noch! Ich werde noch bei der Taufe des kleinen Cäſar tanzen. Harnibieu, wir werden zuſammen tanzen. . Esperance erbleichte. Glücklicherweiſe ſteckte ſein Laquais, der leiſe an die Thür geklopft hatte, den Kopf und den Arm in das Zimmer. Der Arm hielt einen Brief. — Von wem kommt er? fragte der Ritter. — Von Jemandem, der ſich erkundigte, ob Herr Es⸗ perance angekommen ſei, antwortete der Laquais. „Esperance nahm den Brief, dem ein kleiner Schlüſſel entſtel, als er ihn öffnete. — Sollte das ſchon die Einladung zum Balle ſein? fragte der Ritter, als er die Beſtürzung erblickte, die ſich in den Zügen des jungen Mannes ausſprach. — Das iſt wahrlich noch ſeltſamer! ſagte Esperance.. — Ihnen begegnet ſtets etwas Neues, mein lieber Freund! Aber iſt dieſes Neue auch gut? — Urtheilen Sie, mein Herr. Crillon las mit lauter Stimme: „Mein gnädiger Herr!“ — Es giebt nur eine Perſon, die mich ſo nennt, ſagte raſch Esperance, und dieſe Perſon iſt der Greis, von dem wir vorhin ſprachen. — Der Mann mit den zwanzigtauſend Thalern Rente. Wollen ſehen, was er ſchreibt: „Mein gnädiger Herr, da Sie ſich in Paris befinden, das für einen Mann wie Sie der beſte Aufenthalt iſt, ſo bin ich der Anſicht, daß Sie bald das Haus beziehen, das Sie in der Straße de la Ceriſaie von Ihren Er⸗ ſparniſſen der letzten drei Monate gekauft haben.“ — Haben Sie denn ein Haus gekauft? fragte der erſtaunte Crillon. — Es ſcheint ſo, antwortete Esperance beſcheiden. Aber fahren Sie fort. „Ich hoffe, daß Sie es Ihrer würdig finden und die Einrichtungen billigen werden, die ich darin vornehmen zu müſſen geglaubt habe. In einem Kaſten auf dem Kamine wird der gnädige Herr die Papiere über ſein Beſitzrecht und die übrigen Schlüſſel finden, die dort niedergelegt hat ſein treuer Diener Guglielmo.“ Crillon ließ das Papier fallen. Esperance ſah ihn mit großen Augen an. 8* — 116— — Das iſt ſehr ſtark! ſagte Crillon endlich. Glauben Sie daran? — Warum nicht? fragte Esperance, indem er den kleinen ciſelirten Schlüſſel zwiſchen den Fingern drehte. — Und warum auch nicht? Es iſt wahr. Die Straße de la Ceriſaie iſt nicht weit von hier, ſie liegt hinter der Straße Lesdiguières, worin Zamet, der italie⸗ niſche Financier, wohnt. — Ich weiß es, ſagte Esperance. Wenn Sie Luſt haben... — Ihr Haus anzuſehen? Ich brenne vor Ungeduld. — Gut, ſo gehen wir dorthin, Herr Ritter. — Meinen Hut und meinen Degen! rief der Held mit einer Stentorſtimme. Harnibieu, machen wir uns auf den Weg! 7. Luſt und Feſtlichkeiten. Die Straße de la Ceriſaie grenzte auf der einen Seite an die Straße dü Petit⸗Müsk, auf der andern an eine Scheinthür des Arſenals; gleichlaufend mit der Straße Saint⸗Antoine bildete ſie ein rechtwinkliges Dreieck mit der kleinen Straße Lesdiguières, in welcher der reiche Finan⸗ cier Zamet ſich ein Häôtel erbaut hatte, das damals glän⸗ zend und berühmt war. Dieſer, heute faſt untergegangene Stadttheil hatte im Jahre 1594 noch Reſte von Glanz und Leben. Es war noch nicht die ſchöne Zeit des Platzes Royale, der zehn Jahre ſpäter angelegt wurde, ſondern man erinnerte ſich hier des Palaſtes des Tournelles, den Katharine von Me⸗ dicis ſo lange bewohnt, und eine Anzahl glänzender Hô⸗ tels des Adels ſchmückte noch die Straßen Saint-Paul, Saint⸗Antoine und die Umgebungen der Baſtille. Es war daher ganz vernünftig, wenn ein reicher Herr dieſen Stadttheil wählte, um ſich eine Wohnung darin zu erbauen. Die Gärten waren zahlreich, groß und mit alten Bäumen bepflanzt. Reine Luft, Stille und Einſam⸗ keit in unmittelbarer Nähe der bewegten Stadt, breite, — 118— geſunde Wege— das waren die glänzenden Vortheile zu einer Zeit, wo die Straßen oft tief ausgetreten wur⸗ den, wo ſich der Mauerwinkel mehrmals in einer Nacht in eine Mördergrube verwandelte, und wo der Fußgänger oft gezwungen war, auf einen Grenzſtein zu ſteigen, wenn er nicht von einem Mauleſel umgeriſſen werden wollte. Als Esperance und Crillon in die Straße Ceriſaie traten, bemerkten ſie nur an dem Ende, das an die Straße dü Petit⸗Müsk grenzt, zwei ſehr beſcheidene Häuſer. Die beiden Männer beachteten dieſe alten Wohnungen nicht. Aber bald ſahen ſie am Ende einer Mauer, die aus ſchönen Steinen erbaut und von blühenden Bäumen über⸗ ragt war, im Hintergrunde eines zweiten Hofes einen Palaſt im florentiniſchen Style, deſſen feine Sculptur⸗ arbeiten und bewunderungswürdigen Fenſter mit kleinen Kryſtallſcheiben die Aufmerkſamkeit einiger Vorübergehen⸗ den erregten, die vor dieſem neuen Meiſterwerke ſtill ſtanden. Das Gebäude hing mit der Straße durch zwei Flügel zuſammen, die Pavillons mit prachtvollen Steinbalcons bildeten. Eine reichverzierte Thür von maſſivem Eichenholz, in der jedes ausgelegte Feld mit einem Nagel von polirtem Stahl geſchmückt war, ähnlich wie bei Diamanten, ſchloß und zierte den Eingang in der prachtvollen, von Stein⸗ figuren getragenen Niſche. Das Gebäude bot einen zugleich beruhigenden und reizenden Anblick. —— — 119— Wie Neugierige blieben Crillon und Esperance ſtehen. Ihre Blicke durchſpähten die Umgebungen, aber es war in der ganzen Straße kein anderes Haus zu entdecken. — Wenn der Brief des Greiſes mit den zwanzig⸗ tauſend Thalern Rente kein Scherz iſt, ſo ſtehen wir vor Ihrem Schloſſe, ſagte Crillon. Er wollte anklopfen. Esperance hielt ihn zurück. — Mein Herr, ſagte er, ich hege einen Zweifel! — Nun? — Mein Geſchäftsmann ſagt in ſeinem Briefe, daß das Haus von den Erſparniſſen der letzten drei Monate, alſo für ſechstauſend Thaler, erkauft ſei. — Ganz recht. — Glauben Sie, daß man ein ſolches Haus für eine ſolche Summe kaufen kann? — Die Thür und die Einfaſſung deſſelben muß ſoviel gekoſtet haben, antwortete Crillon. Aber gleichviel, treten wir immerhin ein. — Erlauben Sie, daß ich zuvor dieſe Leute frage, die das Gebaäude betrachten. — Sie haben Recht. Holla, mein Freund, wem gehört dieſes Haus? — Wir bewohnen zwar dieſen Stadttheil, antwortete der Bürger, aber wir wiſſen es nicht, wer der Be⸗ ſitzer iſt. — Vortrefflich! flüſterte Esperance dem Ritter zu. — Wie, Sie wiſſen es nicht? fuhr der Ritter fort. — 120— Ein ſolches Monument gereicht dem ganzen Stadttheile zur Ehre Zum Teufel, iſt es denn von ſelbſt erſtanden? — O, nein! ſagte ein anderer Bürger mit ſchlauer Miene. Aber ſelbſt wenn man es wüßte, ſo würde man nicht ſagen können, was man weiß. — Ah, ſagen Sie uns nur, was Sie wiſſen, mein lieber Herr! unterbrach ihn Crillon. Ich bin ein guter Menſch und unfähig, Ihnen Unrecht zu thun. — Sie ſehen danach aus, mein Herr. Außerdem kann man auch wohl eine Vorausſetzung ausſprechen, ohne ein Majeſtätsverbrechen zu begehen. — Pardieu! — Was will er mit ſeinem Majeſtätsverbrechen ſagen? flüſterte Esperance. — Meine Herren, fuhr der gute Bürger fort, der vor Begierde brannte, ſeine kleine Nachricht auszukramen, meine Herren, man ſagt, man behauptet— ich verſichere Nichts— aber man verſichert, daß dieſes Haus... — Sie braten mich an einem langſamen Feuer, mein guter Mann. — Daß der König dieſes Haus erbaut habe. — Ahl! ſagte Crillon, indem er Esperance anſah. — Aber der König hat ſeinen Louvre, ſagte dieſer. — Aber nicht, daß ſeine Maitreſſen darin wohnen, mein Herr, fügte der Bürger hinzu. Aber hier, zwei Schritte von Herrn Zamet, ſeinem Freunde, ſeinem Ge⸗ vatter, ſeinem... — Ja, von ſeinem Gevatter Zamet! unterbrach ihn Crillon. — Das geht ſchlecht! ſagte er leiſe zu Esperance. — Sie begreifen mich wohl, mein Herr! fuhr der Erzähler fort. Der König geht durch die Straße Les⸗ diguières zu Zamet— das iſt ganz natürlich. Man glaubt, er gehe zu Zamet, nicht wahr? Alles in Ehren. — Und dann? — Nun, dann geht er zu der Dame in der Straße de la Ceriſaie. Die Ehre bleibt unangetaſtet. — Aber die Frau Marquiſe von Monceau wohnt in der Straße dü Doyenné neben dem Louvre, rief Cril⸗ lon, wenn ſie nicht im Louvre ſelbſt wohnt. Sie ſehen alſo, daß der König nicht nöthig hatte, ein Haus in der Straße de la Ceriſaie zu bauen, um zu ihr zu gehen. — Ich ſpreche auch nicht von der ſchönen Gabriele, ſagte der Bürger, indem er liſtig mit den Augen blinzelte. Der König iſt galant, er amüfirt ſich gern. Der theuere Sire iſt im Stande, ſich zehn ſolcher Häuſer zu bauen, und ſie alle zehn zu bewohnen. — Man ſollte dem Kerl die Ohren reiben! flüſterte Crillon, dem die Unterhaltung nicht gefiel, Esperance zu. Wäͤhrend dieſes Geſprächs, das vor dem Hauſe einen in dieſem Stadttheile ungewöhnlichen Zuſammenlauf be⸗ wirkt, hatte ein hochgewachſener Mann, eine Art wohl⸗ gekleideter und wohlbewaffneter Waͤchter, das Pförtchen in dem Thore geöffnet, und ſah heraus. Als er Esperance erblickte, ſtieß er einen Schrei der — 122— Ueberraſchung aus, lief haſtig herbei und grüßte den jungen Mann mit allen Zeichen achtungsvoller Er⸗ gebenheit. — Was machen Sie? fragte Esperance. — Ich öffne meinem gnädigen Herrn, antwortete der Mann. — Warum...? ſtammelte Crillon. — Damit mein gnädiger Herr nicht vor der Thür zu warten braucht, anſtatt in ſein Haus zu treten. Bei dem Namen„gnädiger Herr“ und den Worten „ſein Haus“ flog die erſchreckte und überraſchte Gruppe auseinander; man fürchtete, in Gegenwart des Beſitzers dieſes Hauſes zu viel compromittirende Muthmaßungen ausgeſprochen zu haben. Crillon und Esperance folgten dem Wächter, der, nach⸗ dem ſie eingetreten, die Thür hinter ihnen ſchloß. Zögernd ſahen ſie ſich einander an. — Nun, fragte Esperance den Wächter, wer bin ich? — Mein gnädiger Herr Esperance, unſer Gebieter. — Ganz recht. Aber woher kennen Sie mich? Ich kenne Sie nicht.. 1”— Ich kenne den gnädigen Herrn, weil er ſeinem Portrait gleicht, wie man uns geſagt hat. 1— Welchem Portrait? — Dem Portrait des gnädigen Herrn, das ſich in dem Zimmer deſſelben befindet. — 123— Esperance verrieth durch ſein Zittern, daß er in Zorn gerieth. 4 — Scherzen Sie auch nicht? rief er aus. Das Lächeln des Wächters verwandelte ſich in Schrecken. — Ich, ſcherzen? Warum denn? Weil ich be⸗ haupte, meinen gnädigen Herrn zu kennen? Mein gnaͤ⸗ diger Herr wird bald ſehen, ob nicht ſein ganzes Haus ihn erkennt. Bei dieſen Worten ſetzte er eine Glocke in Bewegung. Eine Schaar von Dienern, alle gut ausgewählt und in reicher Livree, verſammelte ſich in der Vorhalle. Der Waͤchter zeigte ihnen Esperance. — Der gnädige Herr! riefen Alle wie aus einem Munde, indem ſte grüßend das Haupt entblößten.. — Hier läßt ſich nicht mehr zweifeln! ſagte Crillon. — Man zeige mir dieſes Portrait! befahl Esperance. Nachdem man eine Marmortreppe, deren zwanzig Stufen mit einem perſiſchen Teppich bedeckt, erſtiegen, trat man in ein bewunderungswürdiges Empfangszimmer. Ueber dem Kamine hing in einem Rahmen von vergol⸗ deten Blättern das ſprechend ähnliche Portrait Esperance's. Man hätte glauben mögen, er lebe. — Jetzt begreife ich, ſagte er, daß mich alle dieſe Leute kennen. — Auch ich! fügte Crillon hinzu, der entzückt vor dieſem Meiſterwerke ſtand.* — Aber ich begreife nicht, ſagte Esperance, wie man — 124— mich ohne mein Wiſſen hat malen können. Wo, wann, wie hat mich der Maler aufgefaßt? Crillon trat näher, um die Unterſchrift zu leſen: „Francois Porbus, las er. Venedig, 1594.“ — Ah, rief Esperance, jetzt weiß ich es! Eines Tages war ich mehrere Stunden in der Marcus⸗Kirche geblieben, um zu träumen und zu beten. Ich hatte mich an einen Pfeiler des Schiffs gelehnt. Mir gegenüber ſaß ein Maler, von Neugierigen umgeben, und zeichnete. Ich glaubts⸗ er zeichnete die Taufkapelle. Da hörte ich von den Venetianern den berühmten Namen Porbus aus⸗ ſprechen. — Er malte Ihr Portrait, ſagte Crillon. Aber wäh⸗ rend Ihre Diener ſich beſcheiden durch die Thür entfernen, vergeſſen Sie nicht, was der Brief ſagt. — Was? — Wir ſind in Ihrem Zimmer. Die Papiere über Ihr Beſitzrecht und die Schluͤſſel müſſen ſich in einem Kaſten auf dem Kamine befinden. Lächelnd trat Esperance näher. Der kleine Schlüſſel aus dem Briefe öffnete den Kaſten. Crillon und ſein Freund nahmen ein Packet geord⸗ neter Papiere heraus, die den Beſitz des Bodens und des Gebäudes authentiſch beſtätigten. Unter den Pergamenten befand ſich ein Schlüſſelbund; jeder Schlüſſel hatte ſeine Etikette. Das Wort„Geld⸗ kaſten“ ſiel Esperance zuerſt in die Augen. — 125— — Das muß jene Truhe von Roſenholz mit Eiſen⸗ beſchlägen ſein, ſagte Crillon. — Ganz recht! antwortete Esperance, der den Schlüſ⸗ ſel verſuchte. Die Truhe enthielt Säcke mit der Aufſchrift:„Zehn⸗ tauſend Thaler.“ — Harnibieu, rief der Ritter, von Bewunderung hin⸗ geriſſen, wenn der König ſo viel hätte! Esperance ſagte kein Wort mehr. Ueberwältigt von dem, was er ſah, verließ er das Zimmer und durcheilte mit dem Ritter die Gallerien, die Bibliothek, die Säle und die Kabinets; überall zeigte ſich Glanz, der höchſte Geſchmack und ein fürſtlicher Lurus. Ein Kammerdiener führte die beiden Freunde. Nach⸗ dem ſie das Haus und die Einzelnheiten deſſelben beſich⸗ tigt, nachdem ſie das Kryſtal⸗ und Silbergeſchirr bewun⸗ dert, gingen ſte in die Ställe, wo acht Pferde in Heu und Hafer ſchwelgten, ohne ihren zukünftigen Herrn auch nur mit einem Blicke zu beehren, wahrſcheinlich weil man ihnen ſein Portrait nicht gezeigt hatte. Unter einer be⸗ nachbarten Remiſe glänzte eine vergoldete und mit Sammet ausgeſchlagene Karoſſe. — Eine Karoſſe! rief der erſtaunte Crillon. Und der König hat keine! Der Ritter von Aumale hatte die einzige, die in ganz Paris zu finden war. Wagen⸗ und Reitgeſchirr, in den Ställen Hunde, an den Haken Waffen, in dem Keller Weine— Nichts fehlte. Auf den ungeheuren Herden in den Küchen duftete das Mittagseſſen. — Gehen wir in die Gäͤrten! ſagte Crillon. Dieſe im Winter ſchon bewunderungswürdigen Gär⸗ ten verſprachen im Frühlinge ein wahres Paradies zu werden. Die beiden Freunde hatten das äußerſte Ende deſſel⸗ ben erreicht. Die Einfriedigung war eine hohe Mauer, wovon ein ganzer Theil unter der Einwirkung des Froſtes und dem Gewichte von hundertjährigem Epheu, der ſich daran emporgerankt, eingefallen war. Die dadurch ent⸗ ſtandene Lücke bereiteten ſich Arbeiter vor, auszubeſſern. Esperance äußerte ſeine Verwunderung darüber. — Mein gnädiger Herr, ſagte der Gärtner, dieſe Mauer hat ſchon ſeit langer Zeit mit dem Einſturze ge⸗ droht, aber man reſpektirte ſie des ſchönen Epheu's wegen. Aber vor zwei Tagen iſt ſie eingeſtürzt. Um ſie auszu⸗ beſſern, mußte man Herrn Zamet's Beſitzthum betreten, der auf der andern Seite wohnt. Herr Zamet iſt abwe⸗ ſend, und ſeine Leute, die ein wenig eiferſüchtig auf das Haus meines gnädigen Herrn find, haben unſern Arbei⸗ tern den Eingang nicht geſtattet. Aber man erwartet, wie ſie ſagen, Herrn Zamet, der dieſen Morgen mit dem Könige zurückkommt; er wird uns die Erlaubniß nicht verſagen. — Ich übernehme es, ſeine Erlaubniß zu erwirken, ſagte Crillon. Die Oeffnung wird morgen geſchloſſen — 127— ſein. Eine Verbindung mit Zamet iſt übrigens nicht gefährlich. Er fürchtet die Diebe eben ſo ſehr, als wir. — O, mein Herr, man hält ihn für ſehr reich, aber er kann nicht ſo reich ſein, als unſer gnädiger Herr. — Gut, murmelte Esperance, indem er zu dem Hauſe zurückkehrte, ſo werde ich den Mann mit ſtebzehnhundert⸗ tauſend Thalern entthronen. — Mein lieber Freund, ſagte Crillon, vielleicht hat Zamet mehr Thaler; aber hier athmet Alles Jugend, Liebe und Kunſt. Das Haus Zamet's iſt ein Geldkaſten; das Ihrige iſt ein Schmuckkäſtchen. Wenn Sie eine Frau verführen wollen, ſo zeigen Sie ihr dieſes Haus; ſte wird nie etwas Aehnliches geſehen haben. Ah, un⸗ terbrach er ſich, ich habe einmal ein gewiſſes Zimmer geſehen... — Schöner als dieſe? fragte Esperance unſchuldig. Crillon antwortete durch ein Blinken mit den Augen und durch ein Lächeln. In dieſem Augenblicke gingen ſie durch einen Flügel des Erdgeſchoſſes, der eine lange und hohe Gallerie bil⸗ dete, deſſen Fenſter ſorgfältig geſchloſſen waren. Mechaniſch betrachtete Esperance die Wunder dieſes Ortes. Ein Diener erſchien und bot dem jungen Manne einen neuen Schlüſſel, der auf einem vergoldeten, ſilbernen Becken lag. — Was giebt es noch? fragte Esperance. Indem der Diener auf eine Thür von Ebenholz zeigte, ſagte er: — — 128— — Der gnaͤdige Herr wird gewiß das ſtillen Be⸗ trachtungen gewidmete Zimmer beſuchen wollen. Esperance brachte den Schlüſſel in das Schloß. Der Diener grüßte und verſchwand. Kaum war die Thür geöffnet, als ein koſtbarer Duft von Aloe bis in die Vorhalle drang, wo ſich die beiden Freunde befanden. Esperance hob einen Vorhang. Er konnte einen Schrei der Ueberraſchung nicht zu⸗ rückhalten, denn er ſah einen großen Saal, deſſen Getäfel und Säulen von Cedernholz gefertigt waren. Die darin befindlichen Möbel waren kunſtvoll aus Eſchenholz gear⸗ beitet. Er ſah einen Kryſtal⸗Lüſtre von Marano mit roſenrothen, blauen, gelben und weißen Glasblumen, in denen Kerzen von derſelben Farbe brannten; unſchätzbare Stickereien; Gemälde von Bellini, Georgion und Palma⸗ le⸗Vieux; Ebenholztiſche mit Elfenbein ausgelegt; einen Schenktiſch mit Kannen und Schüſſeln von ciſelirtem Golde. Dieſe erleuchtete Feerie entzückte Esperance, deſſen Geſicht Freude und Bewunderung ſtrahlte. Aber als er ſein Gefuͤhl Crillon mittheilen wollte, ſah er, wie der Ritter erbleichte und zitternd, mit ſtarren Augen, den Schweiß auf der Stirn, in einen Seſſel ſank, als ob er erwartete, daß die Wand vor ihm ſich öffnete, um einem Schatten den Eingang zu geſtatten. — Was haben Sie, Herr Ritter? rief er. Schmet⸗ tert Sie dieſe Diana im Bade, von Georgion, dieſe 3 — — 129— Madonna von Jean Bellini, oder dieſe Suſanna von Palma nieder? Crillon antwortete nicht, er athmete kaum. — Sie ſagten, daß Sie einſt ein ſchönes Zimmer geſehen hätten— war es eben ſo ſchön, als dieſes hier? Crillon erhob ſich und ließ ſeine trunkenen Blicke durch den Raum ſchweifen. Er ſtieß einen tiefen, die Bruſt zerreißenden Seufzer aus. — In dem Zimmer, das ich geſehen habe, murmelte er, befand ſich ein Schatz, den ich auf der Erde nie wie⸗ derſehen werde. Gehen wir! Gehen wir! Während er dieſe Worte mit bebender Stimme ſprach, ging er raſch der Thür zu. Plötzlich wandte er⸗ſich wie⸗ der, umſchlang Esperance mit beiden Armen und drückte ihn leidenſchaftlich an ſeine Bruſt. — Leben Sie wohl, rief er; die Stunde iſt vorbei. Der König muß zurückgekehrt ſein— er erwartet mich. Leben Sie wohl! — Ich hoffe, Sie werden bald zurückkehren? — Ja, ja, ich werde zurückkehren! ſtammelte Crillon, der in einer unbeſchreiblichen Verwirrung entfloh, denn er hatte zitternd ſeine poetiſche Erinnerung an Venedig in dieſem Zimmer und dieſen Möbeln verwirklicht geſehen. Als Esperance allein war, ließ er ſich auf den Kiſſen nieder, bedeckte ſeine Stirn mit den Händen und fragte ſich, ob dies Alles nicht ein Traum ſei. Das Feuer praſſelte in dem Kamine, die Kerzen brannten in ihren Girandolen, und einige Stunden Gabriele. v. 9 — 130— köſtlichen Erinnerns und Vergeſſens waren tropfenweis auf ſein verwundetes Herz gefallen. Noch einmal ging er mit einer ſchmerzlichen Empfindung ſein Leben durch, in dem er nur Ueberdruß und Finſterniß fand, als eine freudige, laute Stimme, begleitet von Sporenklang, in der Vorhalle ſich hören ließ. Dieſe Stimme rief Es⸗ perance. — Ah, rief Esperance, das iſt Pontis! Er eilte aus dem Zimmer, um ſeinen Freund zu umarmen. Kaum hatte ihn dieſer erblickt, als er ſeinen Hut hoch in die Luft fliegen ließ. — Sambioux, rief Pontis, Du biſt ein Fürſt ge⸗ worden! Umarmen wir uns noch einmal! — Woher kommſt Du? — Von üuͤberall. — Wie, von überall? — Ja, ich habe die Zimmer, die Corridors, die Ställe, den Garten und den Keller geſehen. — Wie, Du haſt ſchon...2 — Herr von Crillon hat mich nach der Ceremonie ſchnell fortgeſchickt. Ich komme hier an; man antwortet mir, Du hingeſt Deinen Betrachtungen nach— ich gehe ſpazieren und warte. Ach, Freund, der Louvre läßt ſich mit Deinem Schloſſe faſt nicht vergleichen! — Sage: mit unſerm Schloſſe, denn auch Du wirſt Theil daran haben. — Wahrhaftig? — Du biſt mir ein guter Freund geweſen, ich werde Dir noch ein beſſerer Freund ſein. — Ich werde nun Pferde haben? — Gewiß. — Werde in einem von dieſen Zimmern wohnen? — Du haſt nur zu wählen. — Werde einige von jenen Thalern haben? — Nimm nach Belieben. Pontis warf ſich Esperance an den Hals. — Du biſt wirklich ein großer Herr! rief er aus. Gott hat den rechten Mann mit ſeiner Gnade überſchüttet. Man wird hier eſſen, nicht wahr? — Setzen wir uns zu Tiſche, wenn Du willſt. — Gnädiger Herr, die Tafel iſt ſervirt! meldete der Haushofmeiſter. — Vorwärts, Pontis! ſagte Esperance. — Gleich. Und nun wirſt Du mir Deine ſchöne Reiſe erzählen, auf der Du Dein Glück gemacht haſt. Es iſt doch eine Erbſchaft, nicht wahr? — Ja, eine Erbſchaft. — Ich dachte es mir. Sambiour! Die ſchöne Entragues wird ſich die Lippen abbeißen, daß ihr eine ſo reiche Parthie entgangen iſt. — Apropos, was iſt aus ihr geworden? — Sie legt Leimruthen, um einen andern Fang zu thun. 8 — Verlorene Mühe, nicht wahr? — 132— — Wenn Du geſehen hätteſt, was für Blicke ſie heute während der Taufe dem Könige zuwarf— es war ſcandalös! — Du haſt die Taufe mit angeſehen? — Ich ſtand als Wache vor der Taufkapelle. Das Kind iſt ſo groß wie ein Kalb. Apropos, Du haſt doch Zuckerwerk bekommen? — Biſt Du toll? — Iſt nicht die Wöchnerin unſere Freundin? Kann die Marquiſe von Monceauxr uns die reizende Gabriele der Genovefaner vergeſſen machen? — Schweige, ſchweige! — Spiele den Stolzen, ſo viel Du magſt— aber ich will mein Zuckerwerk haben, und ich werde es be⸗ kommen, ſollte ich mich auch an Herrn von Liancourt wenden müſſen. Esperance lachte. Pontis verzehrte lachend ein vortreffliches Mittagseſſen. — CErheitere mich, ſagte Esperance, denn mein Herz iſt krank. — Was, bei dieſen Schätzen, bei dieſem Weine? — Ich trinke nicht, und ſoviel Schätze nützen einem Menſchen, der allein iſt, Nichts.. — Wir ſind unſerer zwei, und wenn Du willſt, können wir unſerer drei ſein— Du brauchſt nur zu ſprechen. Mein beſter Freund, ich habe heute den ganzen Hof geſehen; er hat prächtige Frauen, Frauen, von denen — 133— man wachend träumen kann. Alle dieſe Frauen kannſt Du heirathen, wenn Du willſſt. — Alle? 3 — Du wirſt nöthigenfalls wählen. Ach, das wird ein ewiges Feſt, eine ewige Heiterkeit werden! Und was für Spaziergänge wollen wir machen. Freund, Du haſt herrliche Pferde! — Wahrhaftig? — Die Frauen haben die Pferde gern— zeige den Frauen ſchnell Deine Pferde. Hätte ich eine Geſtalt wie Du, es ſollte nicht eine einzige frei athmen, ich würde ſehen, daß ſie ſich in Maſſe täglich an meiner Thür erwürgten. Von Zeit zu Zeit wirſt Du auch, dem Weine zu Ehren, Männer einladen— man illuminirt das Haus, und giebt Bälle und Maskeraden. Esperance, wäre ich an Deiner Stelle, mein Haus ſollte von morgen an ſo viel Zer⸗ ſtreuungen bieten, daß die ſchöne Gabriele meinetwegen den König von Frankreich verlaſſen müßte. Esperance erbleichte. — Unglücklicher, ſagte er mit dumpfer Stimme, in⸗ dem er aufſtand, ſchweige, Du biſt betrunken. Pontis ließ beſtürzt die Hand ſinken, in der er das Glas hielt. — Ja, wiederholte Esperance, Sie haben zu viel getrunken, Pontis. Das iſt Ihr Fehler. Wenn es im Kopfe nicht richtig iſt, ſchwatzt man wunderliches Zeug. Einem Gardiſten des Königs geziemt es nicht, daß er unehrerbietig von ſeinem Herrn und von Perſonen ſpricht, — 134— die ihm lieb ſind. Es giebt hier Diener, die Sie hören können. — Das iſt wahr! ſtammelte Pontis. Aber ich ver⸗ ſichere, daß ich nicht betrunken bin. — Nun, ſo meide auch den Schein. — Als Beweis, daß ich noch bei kaltem Blute bin, werde ich dieſe Flaſche leeren. — Nein, ich bitte Dich! Herr von Crillon ſagte mir dieſen Morgen noch, daß ich Dich überwachen und am Trinken hindern ſollte. — Sambioux! — Höre mich an. Ich bedarf Deiner, darum ſei vernünftig. Du weißt, daß wir ein Geheimniß zu be⸗ wahren haben, daß dieſes Geheimniß mir das Leben koſten konnte, und den Tod eines Menſchen verurſacht hat. — Ach, rief Pontis, Du willſt von Laramée ſpre⸗ chen! Der Unglückliche iſt todt! — Es iſt eine Seele, über die wir Gott Rechenſchaft geben müſſen. — Er hatte keine Seele. — Sei ernſthaft. Nun iſt der Brief Henriette's noch — die einzige Waffe, die ich gegen dieſe erbitterte Feindin habe. Seit zehn Monaten ſetzt mich dieſer Brief in Ver⸗ legenheit. Ich wollte Dich damit nicht beläſtigen, da Du ſtets im Felde warſt, denn Du konnteſt fallen, und man hätte ihn bei Deinem Körper gefunden. Aber heute kannſt Du ihn an Dich nehmen, denn ſobald Henriette erfährt, 7 1 — 135— daß ich zurückgekehrt bin, wird ihre erſte Sorge ſein, ihren Brief mir ſtehlen zu laſſen. — Gieb ihn mir, ſagte Pontis. Ich gehöre nicht zu denen, die man beſtiehlt. — Ich habe ihn in dieſes kleine Käſtchen geſchloſſen, das flach wie ein Reliquienbehältniß iſt; es läßt ſich bequem tragen und verbergen. Der Brief bleibt ſo friſch darin, als ob er geſtern erſt geſchrieben wäre. — Ein hübſches Bijou, das nöthigenfalls die Degen⸗ ſtöße abhalten wird, die Fräulein von Entragues auf uns richten läßt. Ich erwarte ſie. Das Käſtchen wird auf meiner Bruſt ſicher ſein, das ſchwöre ich Dir! Und um Dir jetzt ganz zu beweiſen, daß ich bei Verſtande bin, werde ich Dich daran erinnern, daß ich dieſen Abend die Wache habe. Während Du Dich an dieſem luſtigen Feuer erwärmſt, laß mich auf meinen Poſten zurückführen. — Gern! — Aber mit Ceremonie, in der Karoſſe! Sam⸗ bioux! Ich werde in einer Karoſſe zum Louvre fahren! Gebrauchen wir heute zuerſt die Karoſſe, mein Prinz! Aber Fackeln müſſen dabei ſein! — Gut, ſagte Esperance, der durch dieſe Begeiſterung ſeinen Humor wieder erhalten hatte. Fahre zuerſt in der Karoſſe, und zwar mit Fackeln! — Haben Sie gehört? rief Pontis einem Diener zu. Und morgen, mein gnädiger Herr, werden wir ein Pro⸗ gramm von Feſtlichkeiten aufſtellen, das alle Pflaſterſteine von Paris aus der Erde tanzen laſſen ſoll. — 136— — Beſorge die Feſte und den Tanz der Pflaſterſteine. Eine Viertelſtunde ſpäter rollte Meiſter Pontis in einer Karoſſe dem Louvre zu. Eine Menge Volk hatte ſich verſammelt, das bei dieſem, ihm neuen Anblicke in lautes Rufen ausbrach, als ob ein Kaiſer davonführe. Esperance warf ſich in einen Pelzmantel, und ging bei dem klaren Mondenſchein in einer der Alleen auf und ab, um ſich zu zerſtreuen. Um dieſe Zeit kam eine Sänfte die Straße de la Ceriſaie herab, und verſchwand geheimnißvoll, vielleicht zwanzig Schritte von Esperance's Hauſe, im Schatten. 8. Das Rendezvous. In dieſer Sänfte, die der Kälte wegen feſt verſchloſſen war, befanden ſich nur zwei Frauen. Die eine, in einen Pelz gehüllt, lehnte ſich auf den Arm der andern. Sie ſchickten ſich an, den vereinſamten Ort zu erkennen, wo⸗ hin man ſie gebracht hatte, als ein hochgewachſener Mann eilig und keck von dem andern Ende der Straße kam, und ohne Zögern die Vorhänge der Sänfte zurückſchob. Er legte ſo wenig Artigkeit und Zurückhaltung an den Tag, daß die beiden Frauen einen ſchwachen Schrei ausſtießen. — Wer ſind Sie? Was wollen Sie? fragte die eine mit unſicherer Stimme. — Ich bin der, Frau Marquiſe, der Ihnen die Nach⸗ richt gegeben hat, in Folge deren Sie hierher gekommen ſind. Wenn ich mir erlaube, Ihnen ſo zu nahen, ſo geſchieht es, um mein Werk zu vollenden. Sicher iſt das, was ich die Ehre hatte Ihnen zu ſchreiben, nicht voll⸗ ſtändig, und hat Ihnen dunkel erſcheinen können. — Es iſt wirklich ſo, antwortete die eine der beiden Frauen, welche der Unbekannte Marquiſe genannt hatte. Ich habe nicht recht verſtanden... — 138— — Und Sie ſind dennoch gekommen. — Ihr Brief ſagte mir, daß ich mich in die Straße de la Ceriſaie begeben möge, und zwar in einer wichtigen, den König betreffenden Angelegenheit. — Ja, Madame, ſie betrifft den König, der die Marquiſe von Monceau täuſcht. — Und Sie übernehmen es, den Beweis zu liefern? — Da Sie gekommen ſind, können Sie ſich mit eigenen Augen überzeugen. In der Sänfte ließ ſich ein Seufzer vernehmen, der von einer verzweiflungsvollen Bewegung begleitet ward. — Erklären Sie ſich! murmelte eine bewegte Stimme. Doch zuvor ſagen Sie mir, was Ihr Zweck iſt. — O, Madamo, ich könnte Ihnen ſagen, daß es Ihr perſönliches Intereſſe ſei. Aber ich lüge nicht. Ich handele in meinem eigenen Intereſſe, und da ich zugleich auch Ihnen diene, ſo habe ich gedacht, daß Sie mir helfen werden. — Was liegt in Ihrem Intereſſe, mein Herr? Viel⸗ leicht irgend eine Machination gegen die geheiligte Perſon Sr. Majeſtät? Als ich mich entſchied, hierher zu kommen, habe ich meine Vorſichtsmaßregeln getroffen, und ich brauche nur zu rufen... — Das wäre unnütz, Madame! Ich unternehme Nichts gegen das Leben des Königs, ſagte bitter der Unbekannte, ich beſchäftige mich mit einer andern Sache. 3 Meine Abſicht iſt, zu verhindern, daß eine Dame, die ich — 139— liebe, nicht der Verſuchung erliegt, die Frau Marquiſe von Monceau zu erſetzen. — Denkt denn der König daran? — Sie werden ſich davon überzeugen, Madame. Der König hat nach der Ceremonie bei der Frau Mar⸗ quiſe geſpeiſ't, nicht wahr? — Oder er hat ſich vielmehr geſtellt, als ob er ſpeiſ'te. Ich erinnere mich, daß er kaum etwas mit den Lippen berührt hat. — Er behält es ſich ohne Zweifel für ein anderes Mal vor. — Der König wollte gleich nach Tiſche ſchlafen gehen, er war müde, wie er ſagte. Als ich ſein Zimmer betreten wollte, hat man mich an der Thür abgewieſen. — Se. Majeſtät hatten dieſen Abend bei Zamet ein Rendezvous. Dort wird man ſpeiſen, und zwar mit gutem Appetite. Dort wird man die Ermüdung vergeſſen. — Bei Zamet? — Richten Sie ſich ein wenig empor in Ihrer Sänfte, Madame, und Sie werden durch die Gaͤrten die erleuch⸗ teten Fenſter des Höôtels in der Straße Lesdiguières ſehen — Sie können ſelbſt die Flöten und Geigen des Con⸗ certs hören. — Dorthin ſollte der König gehen? — Der König iſt ſchon dort, Madame. Er iſt maskirt, von einem einzigen Edelmanne begleitet, ein⸗ getreten. Aber ich habe ihn erkannt, wie ich auch bei — 140— ihrem Eintritte die Frau erkannt habe, wegen der er zu Zamet geht, obgleich ſie eine Maske trug. — Und der Name dieſer Frau, mein Herr? — Verzeihung, das iſt mein Geheimniß! ſagte rauh der Unbekannte. Daß die Marquiſe von Monceaur ſich den König erhalte, liegt in meiner Abſicht; aber ich will nicht, daß ſie dieſe Frau verderbe. — Wenn die Marquiſe raſcher bei ihrer Vertheidi⸗ gung wäre, wenn ſie haſſen und ſich rächen könnte, mein Herr, ſo würde man ſie ſicher mehr ſchonen, als es jetzt geſchieht. Da Sie mir den Namen der Genoſſin des Königs nicht nennen wollen, ſo begnüge ich mich. Der König iſt alſo mit der bei dem Feſte, die Sie von ihm fern halten wollen.— Sie haben einen ſonderbaren Plan entworfen, mein Herr. Sie hätten ganz einfach dieſe Früu verhindern ſollen, dort einzutreten. — Ich bin zu ſpät gekommen. Aber ich werde das Feſt ſtören, Madame, dafür ſtehe ich Ihnen ein. — Wie? rief die junge Frau beſorgt. Ich ſetze vor⸗ aus, daß dem Könige Nichts geſchieht. — Dem Könige wird Nichts als die Unannehm⸗ lichkeit geſchehen, daß man ihn bei dem Rendezvous überraſcht. Er wird einen öffentlichen Eelat fürchten; er wird fürchten, daß der Scandal bis zu Ihnen dringe, und entfliehen. Dann werden Sie ihn fortgehen ſehen, und Sie können ihn der Untreue überführen. — Dann muß ich mich dem Hôtel Zamet's gegen⸗ über aufſtellen. — 141— — In der Straße Lesdiguières? An dem allgemei⸗ nen Eingange? Wo es jetzt von Pferden, Laquaien und Leuten aller Art wimmelt? Wo man Sie erkennen könnte? Nein, nein, Madame! Auch wird der König dort nicht das Hötel verlaſſen. — Warum? — Weil es noch zwei andere Ausgänge giebt. Zu⸗ nächſt hat Zamet's Hôtel eine verborgene Thür. An die⸗ ſer werde ich meinen Platz nehmen, damit die Dame, von der wir ſprechen, nicht entſchlüpfe und an einem dritten Orte mit dem Könige zuſammentreffe. — Wo iſt der dritte Ausgang? — Hier, Madame, die kleine Thür dieſes neuen Hauſes, deſſen Beſtimmung Sie wohl nicht kennen. — Nein. Und was iſt dieſe Beſtimmung? — Man ſagt, der König habe es erbaut, um das Geheimniß ſeiner Untreue deſto ſicherer zu bewahren. — Mein Gott! — Und man hat in der That bis heute den Beſitzer dieſes Palaſtes nicht kennen gelernt, der mit königlichem Luxus ausgeſtattet iſt. — Ich begreife: die Nachbarſchaft Zamet's iſt der Vorwand. — Ganz recht; aus Zamet's Wohnung kann man in das neue Haus gelangen. Es iſt leicht, dort hinaus⸗ zugehen, und der König wird dort hinausgehen. Aber Sie werden die Thür bewachen, und, trotz der Masken die erkennen, die das Haus verlaſſen. — 142— — Ohne Zweifel! — Der Schlupfwinkel iſt alſo entdeckt; veranlaſſen Sie Frau von Monceaux, daß ſie über ihr Gut wache. — Ich werde den König hindern, ſich wegen eines zweifelhaften Vortheils Todesgefahren auszuſetzen. — Ah, der Vortheil iſt Nichts! ſagte der Unbekannte in einer Art Wuth, die die Frau beleidigen mußte, auf die er anſpielte— denn der König betrügt eine gute und ſchöne Geliebte wegen einer... Doch, leben Sie wohl, Madame! Wachen Sie auf Ihrem Poſten, ich werde nach dem meinigen zurückkehren! — Nehmen Sie meinen Dank, mein Herr... — Was ich thue, iſt nicht der Mühe werth! ant⸗ wortete der Unbekannte mit wilder Ironie. Denn ich zerreiße Ihnen das Herz— aber das meinige iſt ſchon in Stücke zerriſſen. Wenn Sie eiferſüchtig ſind, ſo können Sie in langen Zügen das gräßliche Glück einſchlürfen, das darin beſteht, die Perſon, die man liebt, bei dem Verbrechen des Verraths zu ertappen. Leben Sie wohl, Madame! Mit der Schnelligkeit eines verfolgten Hirſches ent⸗ floh die ſeltſame Perſon, und verſchwand in der Biegung der Straße. — Muth, Muth, Madame! flüſterte die zweite Frau, indem ſie die zitternde Marquiſe an ihr Herz drückte. — Mein ganzes Leben iſt verloren! flüſterte dieſe. Aber mir ſoll der Muth nicht fehlen, Gratienne. Wo — 143— ſind wir? Wir wollen dieſe Straße quer durchſchneiden⸗ Die Kälte trübt meine Augen! — Und die Thränen, meine theure Herrin! — Ich ſehe undeutlich— wir müſſen näher gehen. — Und wenn nun der König Sie bemerkte? Wenn er erführe, daß Sie ihn belauerten? Er würde es Ihnen nie verzeihen! Was wird das für einen Eclat geben, ohne des Spottes Ihrer Feinde zu gedenken! — Ich habe Feinde, es iſt wahr; dann auch darf ich dem Könige die Genugthuung meiner Eiferſucht nicht gewähren. Mir allein will ich genügen, unterbrach ſich die arme Frau mit einem krampfhaften Lachen, ich muß ſehen, ohne geſehen zu werden. Wie aber ſoll ich das anfangen? — Darf ich mir erlauben, Ihnen ein Mittel an⸗ zugeben? — Ja, Gratienne. — Kehren Sie in Ihre Wohnung zurück, geliebte Herrin, legen Sie ſich ſchlafen, und beruhigen Sie ſich. Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen ſage, ob ich den König habe herauskommen ſehen oder nicht. — Nein, Gratienne, ich werde Dir nicht glauben, weil ich Dein Herz kenne. Die Antwort, die Du mir aus Furcht, mich zu betrüben, bringen wirſt, weiß ich jetzt ſchon. — Ich verſpreche Ihnen... — 144— — Nein, Gratienne, ich will mit meinen eigenen Augen ſehen! Ich will das gräßliche Glück, wie jener un ſagte, bis auf den letzten Tropfen trinken! — Dann werde ich auf ein anderes Mittel finnen. Sie können ſich als Reconvalescentin der Kälte nicht aus⸗ ſetzen. Wer weiß, wie lange Sie warten müſſen. — Ich werde, wenn es ſein muß, bis zum Tode warten! — Was iſt das für ein Wort! Laſſen Sie mich ausſteigen. Ich ſehe Licht in dem Pavillon. Laſſen Sie mich, ich finde das Mittel! Sie ſprang aus der Sänfte und lief nach der halb offen gebliebenen Thür, weil der Thürhüter ſie dann erſt verſchließen wollte, wenn die Kutſche zurückgekehrt ſei. Wie ein Wieſel ſchlüpfte ſie hinein. Einige Minuten ſpäter ſtand ſte wieder an der Sänfte. — Kommen Sie, Madame, ſagte ſie; es iſt Alles vorbereitet. — Was iſt vorbereitet? — Ich habe mit dem Wächter dieſes Hauſes geſpro⸗ chen. Ich habe ihm eine Dame angekündigt, die durch Diebe erſchreckt worden, und ungeſehen neben dem Feuer ſich erholen will. — Aber... — Aus dem Winkel neben dieſem Feuer werden Sie alle Perſonen ein⸗ und ausgehen ſehen, denn die Thur befindet ſich neben dem Pavillon des Wächters. — 145—. — So ſei es denn! ſagte die Marquiſe, die nun das Haus betrat. Er wird mich dielleicht ſehen, aber auch ich werde ihn ſehen! Der Unbekannte hatte nicht gelogen. Der König, der den Louvre verlaſſen hatte, als man ihn in ſeinem Bette wähnte, war wirklich nach Zamet's Hoôtel gegangen. Heinrich's Herz klopfte wie das eines Uebelthäters. Sein unüberlegter Schritt ſetzte ihn in Verlegenheit. Aber es ſollte ſich ihm etwas Neues bieten, er ſollte ſchwarze Augen ſehen, nachdem er blaue Augen geſehen, der Geiſt eines Dämons folgte der Seele eines Engels. Er glaubte Alles gerettet zu haben, wenn er nur ſeinen Kopf mit ſich nähme, und das Herz zu Hauſe ließe. — Außerdem, ſagte er ſich, iſt es ein Uhr, die Nacht iſt halb vorüber; ein fröhlicher Refrain zwiſchen zwei muthwilligen Küſſen, und Alles wird mit den Kerzen Zamet's verlöſchen. Welch ein wackerer Gevatter iſt dieſer Zamet! Stets iſt er darauf bedacht, ſeinen Fürſten zu zerſtreuen. Er iſt noch reicher an Phantaſte, wie an Thalern, er ſchafft mir ein amüſantes Königthum. Man glaubt allgemein, ich ſchlafe in meinem Bette— dieſer Zamet macht mich lachen! Wenn ich morgen früh im Louvre unter meinem königlichen Thronhimmel erwache, werde ich glauben, daß ich einen reizenden Traum gehabt habe. Und dann werde ich meine ſüße Gabriele wieder lieben! 4 In dieſer Stimmung trat der König durch die kleine Thür ein. Zamet wartete und flüſterte ihm zu: Gabriele. V. 10 — Sie iſt da! Sie iſt allein! Zamet, der Florentiner, feierte ein Feſt. Die gewähl⸗ ten und nicht zahlreichen Gäſte verſuchten in dem großen Saale neue Tänze. An einem Tiſche in einer Ecke ſaßen einige Spieler. Die Geſichter waren größtentheils mas⸗ kirt. Als der König, der ebenfalls maskirt war, ein⸗ getreten, merkte Niemand die Anweſenheit des Herrſchers. Heinrich war kein guter Tänzer. Er ſpielte nur, um zu gewinnen. Spiel und Tanz gewährten ihm keinen Zeitvertreib; er ließ ſeine entmuthigten Blicke durch den Saal ſchweifen. Zamet bemerkte es, und gleich dachte er daran, ihm einen anderen Zeitvertreib zu verſchaffen. In einem Winkel, dem Könige gegenüber, ſaß eine maskirte Frau. Ein großer orientaliſcher Schleier mit feinen Spitzen hüllte ſie ein. Der König bewunderte bereits die Umriſſe ihres üppigen Wuchſes, die kühne Biegung ihrer Formen, und die blendend weißen Schul⸗ tern, auf dem ſich ein Elfenbeinhals wiegte. Indem Zamet durch den Saal ging, gab er dieſer Frau einen unmerklichen Wink, um ihr den König zu bezeichnen. Langſam und geſchmeidig erhob ſie ſich. Ihre Augen ſandten Flammenblicke durch die Löcher der Maske. Be⸗ vor ihr Kleid auf die kleinen Füße herabfiel, ließ es die zarten Knöchel eines Nymphenbeines ſehen. Dieſe Frau ging zu dem Könige, ſah ihn feſt in das Geſicht, und ſagte bei dem Geräuſche der Muſik: = 17= — Wenn ich nicht irre, habe ich einen Cavalier vor mir, der ſich langweilt? — Es iſt wahr, antwortete der König; aber ich fühle, daß die Langweile bei Ihrer Annäherung entflieht. — Der Ritter iſt ohne Zweifel müde, ſich zu ver⸗ vollkommnen? fuhr die Dame mit einer leichten Ironie fort. — Leider! antwortete Heinrich. Aber wo findet man jene Vollkommenheit, von der Sie ſprechen? — Mir kommt es nicht zu, darauf zu antworten. — Und dennoch könnten Sie es beſſer, als irgend Jemand. — Ich habe nur ein Verdienſt, nämlich das, zu wollen, was ich will. Wenn ich Jemandes Arm erfaſſe, ſo halte ich ihn feſt; wenn ich mich ſeines Geiſtes be⸗ mächtige, ſo bewahre ich ihn mir. — Aber ſein Herz? 4 9— Sprechen wir nicht davon. Man nimmt einen Arm, faͤngt einen Geiſt— aber wo iſt das Herz? „ Der König ſenkte ſeinen glühenden Blick, indem er ſagte:—. — Das Herz iſt unter dieſen Schleifen und gold⸗ geſtickten Bändern, die ich an Ihrer linken Seite zittern ſehe. Die Seide bewegt ſich, es muß alſo etwas dar⸗ unter klopfen. Nennen wir dieſes Etwas das Herz. Dieſer heftige Angriff verwirrte die Unbekannte; ſie ſenkte den Kopf, und das Band bewegte ſich ſtärker. — Sie mißtrauen mir, fuhr der König fort. Hier iſt mein Arm. Mein Geiſt wird auf Sie hören! 1 10* * — 148— — Ich nehme Ihren Arm an! rief die Unbekannte, wie triumphirend. Ihn zunächſt! Und damit wir uns freier unterhalten können, verlaſſen wir, wenn es Ihnen beliebt, dieſen Saal, um in die Blumengallerie zu gehen, die daran grenzt. Ich glaube, ich habe meinem Cavalier viel zu ſagen, das ihn intereſſirt. — O hätten Sie die Wahrheit geſagt! Sie traten in die Gallerie, die nur ſelten von Spa⸗ ziergängern beſucht ward. — Aber iſt es auch ſchicklich, fragte dieſe ſeltſame Frau mit einem Blicke, der den König erzittern machte, daß ich mit dieſem Cavalier ſpreche, ohne zu wiſſen, wie ich ihn nenne? Kann ich ihn„mein Herr“ nennen?... Er wird lachen! — Nein, ich werde nicht lachen! — Wenn ich ihn„Sire“ nenne, werde ich nicht wagen, offen zu ſein. — Mir ſcheint, ich bin erkannt, ſagte der König. So ſei es denn. Auch ich kenne Sie. Verbannen wir die Eigenſchaften und zugleich die Schmeichelei. — Sire! — Unter der Maske, mein Fraͤulein, darf man die Wahrheit ſagen. — Ich würde mich dem Könige zu Füßen werfen müſſen, um ihm für die Gunſt zu danken, die er mir bewilligt. — Wenn wir ganz allein waͤren, mein Fräulein, würde ich vor Ihnen niederſinken. Aber anſtatt zu danken, würde ich fragen. 9 1 — 149— — Sire, vor allen Dingen erlauben Sie mir die Frage: warum haßten Sie mich? Hat mir Jemand bei Ew. Majeſtät geſchadet?. Dieſe Frage ſetzte den König in Verlegenheit. — Ich verſichere Ihnen... — O, Sie haßten mich! Sie ſtellten ſich ſtets, als ob Sie die Blicke von mir abwendeten. Sie würden mich immer noch ſo ſtreng behandeln, wenn ich nicht Jemandem meinen Kummer anvertraut, wenn Herr Zamet nicht mit⸗ leidig Ew. Majeſtät erzählt hätte, daß dieſe ungerechte Grauſamkeit mich zu Tode martert. — Mein Frällein, ich hätte ſoviel Anmuth bemerken müſſen... — O, das iſt es nicht! rief raſch die maskirte Frau. Es iſt meine Hochachtung, mein heißer Wunſch, meinem Fürſten zu gefallen! Aber Sie haben mir jede Gelegen⸗ heit genommen, mich Ihnen zu erklären... — Wenn dies wäre, antwortete Heinrich, ſo würde ich keine Verzeihung verdienen. Aber es iſt nicht ſo. Man zählte das Haus der Entragues zu den Verbün⸗ deten der Ligue, und Sie wiſſen, daß es heute keine Ligue mehr giebt, ſelbſt in meinem Gedächtniſſe nicht. — O, Sire, ich bitte nicht um Verzeihung, ich bitte um mehr, als das. Es iſt Ihre Pflicht, Sire, Ihre Getreuen zu lieben! — Wahrhaftig? rief der König, indem er dem glü⸗ henden Einfluſſe dieſer ſtets vertraulicher werdenden Be⸗ rührung erlag. Sie wollen, daß ich Sie für eine — 150— Freundin halte? Sie hätten ſtets an den König Heinrich gedacht? — Ich habe von ihm geträumt! Der heutige Tag iſt der ſchönſte meines Lebens, denn ich habe mein Herz ausgeſchüttet. Um hierher zu kommen, habe ich den größten Gefahren getrotzt. Nun möge eine ſchmerzliche Trennung erfolgen, nun mögen mir Ew. Majeſtät ſelbſt Verbannung... — Wie, ich ſollte Sie verbannen? — Wenn nicht Sie, doch wenigſtens meine Feinde. Möge man mir, ich wiederhole es, ein ewiges Exil auf⸗ erlegen, ich nehme eine Erinnerung mit mir, die alle meine Stunden in Feſte und Triumphe verwandelt! — Ich werde dieſen reizenden Geiſt, dieſe göttlichen Augen und dieſes zurtliche Herz nicht verbannen. — Habe ich denn ein Herz? Ach, es iſt wahr, Sire! Ich fühle es jetzt zum erſten Male. Sie lehnte ſich an den König, indem ſie ihn mit ihren Flammenblicken verſchlang. Der Duft dieſer ſtrahlenden Schönheit begann den König zu berauſchen, der, ohne es zu bemerken, die Schwelle der Gallerie überſchritten hatte, um einen ſtillern Ort zu erreichen. Plötzlich eilte Zamet beſtürzt und zitternd herbei. — Herr von Entragues! rief er in einem Tone, als ob er hätte ſagen wollen: rette ſich, wer es kann! — Mein Vater! flüſterte das erſtaunte junge Mädchen, indem es ſich dem Könige anſchmiegte, ſtatt zu entfliehen. Aber Heinrich entwand ſich ihr. — 151— — Was will er? fragte er. — Er verlangt ſeine Tochter... er behauptet, ſie ſei hier... er iſt aufgebracht... — Man hat mich verrathen! rief Henriette. Aber der König wird mich in Schutz nehmen! — Ich? ſtammelte Heinrich, den ein Schrecken an⸗ wandelte. — Der König iſt der Gebieter, fuhr das anmaßende Mädchen fort; ſeine Protection wird genügen. — Der König verletzt nie die Autorität der Fami⸗ lienväter, entgegnete Heinrich. Ein Vater! Lärmen! O, mein Fräulein, verbergen Sie ſich, um wenigſtens den erſten Zuſammenſtoß zu vermeiden. Henriette rührte ſich nicht; ſie ſchien den Sturm her⸗ beiführen zu wollen. — Ah, Gevatter, ſagte Heinrich leiſe zu dem Floren⸗ tiner, dieſe Leute wollen durchaus Aufſehen erregen. Wie kann ich mich ihnen entziehen? — Sire, ſagte Henriette, die ſah, daß die Beute ihr entſchlüpfte, Sire, geben Sie mich dem Zorne des Herrn von Entragues nicht preis! — Mein Fräulein, vor den Spaniern würde ich mich nicht zurückziehen, aber vor einem ſchreienden Vater ... Leben Sie wohl! — Durch den Garten, Sire! ſagte Zamet, indem er die erſten Schritte des Königs leitete. Heinrich verſchwand. Nun hörte man die Stimme des Herrn von Entragues — 152— in den Vorhallen. Zamet trat mit dem Fuße auf den Boden, und eine Wand ſtieg empor, welche ploͤtzlich die Gallerie von dem Saale trennte. Lichter, Muſik, Tänzer und Spiel— Alles verſchwand wie unter der Berührung einer Fee. Die gedemüthigte Henriette ſank verzweiflungs⸗ voll auf eine Bank. Sie blieb allein in dem ſchauerlichen Halbdunkel zurück. — Ich habe mich umſonſt in das Verderben geſtürzt! ſagte ſie, ihre Maske abreißend. Ich werde nicht ſagen können, was mich hierher geführt hat. Anſtatt zu antworten, öffnete Zamet eine Tapetenthür, und zeigte Henriette eine junge Frau mit bleichem Ge⸗ ſichte und ſchwarzen Augen, an die er einige italieniſche Worte richtete. Dieſe Frau ſetzte ſich neben Henriette, ohne eine Silbe zu ſagen. Darauf erſchien Vater Entragues mit zerzauſten Haa⸗ ren; majeſtätiſch begann er ſeine Rolle als Vater. Er blieb auf der Schwelle des Zimmers ſtehen, und erblickte ſeine Tochter. Als er den nicht bei ihr ſah, den er zu finden hoffte, drückte ſein Geſicht eine ſehr naive Nieder⸗ geſchlagenheit aus. Schon öffnete er den Mund, um zu rufen: Wo iſt der König?... Aber ein Schimmer von Verſtand, ein Reſt von Scham erhellten ſeinen, von unedlem Ehrgeize getrübten Geiſt; er begnügte ſich, tragiſch die Arme zu kreuzen und feierlich zu fragen: — Was machen Sie hier, Mademoiſelle? Man ſuchte Sie bei Ihrer Mutter. — 153— Sie antwortete nicht. — So bin ich gezwungen, von Herrn Zamet Rechen⸗ ſchaft zu, fordern, fügte Herr von Entragues hinzu. — Mein Herr, antwortete dieſer, ich bin ſechszig Jahre alt, und kann Ihnen mithin keinen Verdacht ein⸗ flößen, den ich zu verantworten hätte. Fragen Sie mich übrigens ernſtlich, in welcher Abſicht das Fräulein hierher gekommen iſt? — Ich muß wohl! ſtammelte der Vater. — Dann, mein Herr, antworte ich Ihnen, daß ich die Anweſenheit des Fräuleins durchaus nicht wußte. Meine Gäſte ſind maskirt gekommen, und das Fräulein war nicht unter der Zahl meiner Gäſte; ich würde es nicht geahnt haben, wenn ſie ihre Maske nicht abgelegt hätte. — In welcher Abſicht iſt ſie hierher gekommen? — Fragen Sie ſie ſelbſt. Aber es iſt dies eine über⸗ flüſſige Mühe, wenn Sie Leonora bei ihr ſehen. — Wer iſt Leonora? — Die berühmte Italienerin, die allen Damen bei Hofe die Zukunft vorherſagt. Leonora breitete kalt die Karten auf dem Tiſche aus. Ihre kühnen Blicke ſchienen Muth und Leben auf Hen⸗ riette's bleiche Züge zurückzurufen. Dieſe benutzte den Vorwand. Sie war gerettet. — Es iſt ſo! flüſterte ſie. Ich wollte mir das Ho⸗ roscop ſtellen laſſen.— 74 — 154— Herr von Entragues begnügte ſich mit dieſem Vor⸗ wande. Er ſah um ſich, indem er einen Seufzer unter⸗ druͤckte. — Um einer unſchuldigen Laune zu fröhnen, ſagte er dann, hätten Sie ohne Furcht Ihrem Vater ſagen können, wohin Sie gehen. Ich hätte Sie dieſes Horos⸗ cops nicht beraubt. — Das wäre auch ſchade geweſen! ſagte Zamet, indem er dem gefälligen Edelmanne die Kartenhaufen zeigte, welche die liſtige Italienerin legte. Das Horoscop verkündet dem Fräulein ein wunderbares Glück. — Was für ein Glück? — Der gnädige Herr fragt, welches Glück ſeiner Tochter vorbehalten iſt, ſagte Zamet zu Leonora. — Eine Krone! ſagte die Galigal, unbeweglich wie eine Sibylle auf ihrem Dreifuße. Nachdem ſie dieſes magiſche Wort geſprochen, ver⸗ ſchwand ſie durch die geheime Thür. Herr von Entragues führte ſeine Tochter mit ſich fort, indem er leiſe zu ihr ſagte: — Geſtehen Sie wenigſtens, daß der König hier geweſen iſt, und daß er mit Ihnen geſprochen hat. — Bah! antwortete Henriette in einer dumpfen Wuth und mit wilder Jronie, vielleicht beſchäftigte ſich der König damit, die Krone auf mein Haupt zu ſetzen; aber die Tugend und die Moral der Familie hat ihn geſtört, und die Krone iſt zu Boden gefallen. — 155— — Ich werde Dir erklären, warum ich gezwungen war, dieſen Eclat herbeizuführen, murmelte verzweiflungs⸗ voll der Hofmann. Sie verſchwanden. Zamet war indeſſen dem Könige nachgeeilt; er nahm an, der König warte noch in dem Garten, daß man ihm die kleine Thür öffne. Aber an dieſer Thür wachte ein Mann, deſſen An⸗ weſenheit Zamet erſchreckte. Der Financier eilte zurück, um ſeine Diener zu fragen und die Spur des Königs aufzufinden. Der König, beſtürzt aus Furcht vor einem öffent⸗ lichen Scandale und völlig abgekühlt über die Verdienſte einer ihm ſo ſtreitig gemachten Eroberung, hatte raſch die düſterſte Allee des Gartens eingeſchlagen. Er befand ſich plötzlich vor einer eingefallenen Mauer, deren weite Oeffnung ihm den Weg zur Freiheit zu zeigen ſchien. Raſch durchſchritt er dieſe Oeffnung. Er war, ohne es zu wiſſen, bei dem Nachbar. Kaum hatte er zwanzig Schritte zurückgelegt, als er von Esperance angehalten ward. Der junge Mann, der immer noch ſeinen Spaziergang fortſetzte, vertrat ihm den Weg. Der König war maskirt. Als Esperance einen Mann ſah, der auf ſeine Fragen nicht antwortete und ſich fortzuſchleichen ſuchte, fragte er feſt und entſchieden, mit welchem Rechte man, maskirt — 156— wie ein Uebelthäter, ſein Beſitzthum betrete; und dabei drohete er, bewaffnete Hülfe herbeizurufen. Der Mond trat hinter einer Wolke hervor und be⸗ ſchien Esperance's Geſicht. — Ventre⸗ſaint⸗gris! rief der überraſchte König. Mir ſcheint, daß ich Sie kenne.. Und zugleich riß er ſeine Maske ab. — Der König! murmelte der beſtürzte Esperance. — Ja, der König, der ſich in großer Verlegenheit befindet; der König, der auf allen ſeinen Beinen davon⸗ läuft, und nicht geſehen werden will. Haben Sie einen ſichern Ausgang, mein Freund? — Ja, Sire! antwortete Esperance haſtig. Und müßte ich alle meine Mauern einreißen! — Danke! Wohin wende ich mich? — Ich bitte, folgen Sie mir! Sie kamen in dem großen Hofe an, der von einem falben Mondenlichte erhellt ward. — Ich hole mein Schwerdt, ſagte Esperance; dann kehre ich zu Ew. Majeſtät zurück. Heinrich hielt den jungen Mann zurück. — Begleiten Sie mich nicht, ſagte er; zu viel Achtung würde mich kenntlich machen. Befehlen Sie von Weitem, daß man mir die Thür öffne. Mehr fordere ich nicht. — Ich gehorche; aber es iſt ſehr unvorſichtig, allein durch die Stadt zu gehen und ſich den Dolchen auszu⸗ ſetzen. Ach, Sire, und die Leute, die Sie lieben — 157— — Dürfen die Thorheit nicht erfahren, die ich dieſen Abend begangen! ſagte ſeufzend der König. Das iſt Alles, was ich wünſche. Esperance verbeugte ſich, indem er antwortete: — Ich werde ſchweigen! Der König reichte ihm mit einem wohlwollenden Lächeln die Hand. — Danke, ſagte er. Und nun leben Sie wohl! — Oeffnet das Thor! rief der Kutſcher von außen, der die leere Kutſche zurückbrachte. Der König durcheilte raſch den Hof, wobei er ſein Geſicht zu verbergen ſuchte. Als das Thor geöffnet war, flog er wie ein Pfeil hinaus. Aber ſo raſch er auch davon eilte, man erkannte ihn durch das Fenſter des Pavillons. — Er iſt es! ſagte die Marquiſe, indem ſie ſich an den Arm ihrer Begleiterin klammerte, die ſie zu der Sänfte zurückführte. Mein Leben iſt zerſtört! Gratienne, mein Vater hatte Recht, wenn er mir fluchte! Mein armes Kind iſt eine Waiſe! 4 Ende des fünften Bandes. Druck von C. G. Naumann in Leipzig. — 3 * — 157— — Dürfen die Thorheit nicht erfahren, die ich dieſen Abend begangen! ſagte ſeufzend der König. Das iſt Alles, was ich wünſche. Esperance verbeugte ſich, indem er antwortete: — Ich werde ſchweigen! Der König reichte ihm mit einem wohlwollenden Lächeln die Hand. — Danke, ſagte er. Und nun leben Sie wohl! — Oeffnet das Thor! rief der Kutſcher von außen, der die leere Kutſche zurückbrachte. Der König durcheilte raſch den Hof, wobei er ſein Geſicht zu verbergen ſuchte. Als das Thor geöffnet war, flog er wie ein Pfeil hinaus. Aber ſo raſch er auch davon eilte, man erkannte ihn durch das Fenſter des Pavillons. — Er iſt es! ſagte die Marquiſe, indem ſie ſich an den Arm ihrer Begleiterin klammerte, die ſie zu der Sänfte zurückführte. Mein Leben iſt zerſtört! Gratienne, mein Vater hatte Recht, wenn er mir fluchte! Mein armes Kind iſt eine Waiſe! 4 Ende des fünften Bandes. Druck von C. G. Naumann in Leipzig. — 3 *