Vollſtändigſte aus dem Franzöſiſchen überſetzte Ausgabe. Supplemente: X. Band. Die ſchöne Gabriele Jugust Mnguet. Vierter Band.. — GAE eee Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. Auguſt Maquet. Fortſetzung des Romanes: Die Fünf und Vierzig von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Ferd. Heine& Aug. Schrader. Vierter Band. —4 S— 3— Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. Die ſchöne Gabriele. — Ow⸗ Vierter Band. Gabriele. IV. 1 ⸗ 1. Zwiſtigkeiten.(Fortſetzung.) Nach einigen Tagen erſchien Crillon wieder bei den Genovefanern. Im Auftrage des Königs erzählte er dem Bruder Robert, daß die Katholiken mit einem wahren Enthuſtasmus Heinrich bewachten, und daß ſie die Ka⸗ thedrale von Saint⸗Denis feſtlich ſchmücken ließen. Er erzählte, daß die wüthenden Hugenotten ihre Beute nicht aus den Augen verlören, und ſchilderte die Wuth der Frau von Montpenſier, deren erſter Anſchlag mißglückt war. Dann ging er zu ſeinem Kranken, den er auf dem Wege der Beſſerung fand. — Der treuen Sorge meines Pontis und der guten Mönche, ſowie der Theilnahme, mit der mich der Ritter Crillon beehrt, danke ich meine Geneſung, ſagte Esperance. Die Letztere allein ſchon würde genügen, um einen Todten aufzuerwecken. Crillon hatte Eile; er ſicherte dem Verwundeten ſeine Freundſchaft zu, und dankte Pontis auf ſoldatiſche Weiſe. Dann ſagte er Beiden: — Beſchleunigen wir die Heilung, eine ſchöne Ge⸗ legenheit erfordert Eure Anweſenheit. Unter uns und 1* — 4— ganz leiſe geſagt: Ihr ſollt bei dem Einzuge des Kö⸗ nigs in Paris mitwirken. Still! Verlaſſen Sie alſo bald Ihr Bett, Esperance, Sie würden ſonſt Ihren treuen Wächter der Ehre des erſten Sturms berauben, die ich an dieſem Tage für meine Garden in Anſpruch nehme. Es wird ein großes Schauſpiel ſein, Esperance, und ich will, daß Sie dieſem Schauſpiele beiwohnen. Ich will, daß Sie Crillon mit dem Schwerdte in der Fauſt an einer Breſche ſehen. Man ſagt, daß er einen hübſchen Anblick gewährt. Darum beſchleunigen Sie Ihre Ge⸗ neſung! Der Gedanke an einen neuen Sieg, von dem der Sohn der Venetianerin Zeuge ſein ſollte, machte das Herz des alten Soldaten vor Stolz ſchlagen.. Pontis ſprang wie ein junger Löwe, als man ihm die Einnahme von Paris in Ausſicht ſtellte. — Ja, rief er, beſchleunigen Sie Ihre Geneſung, Herr Esperance! — Nun, fragte Crillon den Verwundeten, ſind Sie denn mit dieſem Burſchen immer zufrieden geweſen? Lächelnd ergriff Esperance die Hand Pontis'. — Er ſchreit und trinkt nicht, er iſt ehrbar wie ein Mädchen. — Sambiour, rief Pontis, das wäre nicht übel, wenn ich ehrbar wie gewiſſe Mädchen wäre! Ein Blick Esperance's, der Crillon nicht entging, ſchloß ihm den Mund. — Es ſcheint, dieſe Taugenichtſe verſtehen ſich einander, dachte Crillon. Wollen einmal ſehen! Da Alles gut geht, ſagte er unbefangen, kann ich mich entfernen. Alſo auf Wiederſehen, Esperance! Pontis, begleite mich, Du wirſt mir den Steigbügel halten. La Varenne hat mich zwar auf Befehl des Königs in das Kloſter begleitet, aber der Briefträger Sr. Majeſtät iſt wahrſcheinlich an⸗ derswo beſchäftigt. Komm! Pontis folgte dem Ritter. Der gute Burſche ließ die Ohren hängen, denn er ahnte den Grund, der Crillon veranlaßte, ihn von dem Kranken zu entfernen. Kaum hatten ſie eine unbelauſchte Stelle des Corridors erreicht, als der Ritter fragte: — Iſt mein Auftrag vollzogen? — Welcher Auftrag, Herr? — Du ſollteſt ein Billet an Dich nehmen... — Ach ja... ich habe es nicht gefunden, Herr! — Du lügſt! ſagte Crillon. — Ich verſichere... — Du lügſt!. — Gewiß, Herr, das Billet muß unterwegs verloren gegangen ſein. — Ich ſage Dir, daß Du ein Lügner, ein Tauge⸗ nichts biſt! Du haſt Esperance erzählt, was ich Dir zu verſchweigen geboten. Der großmüthige Esperance hat Dir das Verſprechen abgenommen, mich wie einen alten Leithund irre zu führen. — Aber, mein Herr... — Genug! Ich liebe die Leute nicht, die mir Trotz bieten, oder mich verrathen. — Verrathen! Herr Ritter, ich ſollte Sie verrathen? — Ohne Zweifel, wenn Du ausgeplaudert, was ich Dir anvertraut habe. Du biſt mir zweifachen Gehorſam ſchuldig: als Deinem Oberſten und als Deinem Beſchützer. Du hätteſt mir Dein Leben geben müſſen, wenn ich es gefordert, und ich hielt Dich für einen ſo braven Mann, der dieſe Schuld bei Gelegenheit zahlen würde. — Ach, Herr, ſchonen Sie mich! — Wenn wir im Lager wären, ſagte Crillon, der immer heftiger ward und ſeinen Schnurbart drehte, ſo würde ich Dich erſchießen laſſen. Aber hier ſteht der Edelmann dem Edelmanne gegenüber, und ich gebe Dir einen ſchimpflichen Verweis. Als Herr dem Diener gegen⸗ über jage ich Dich fort. Packe Deine Sachen zuſammen, wenn Du welche haſt, und geh'! Pontis erbleichte und gerieth völlig außer Faſſung. — Ach, Herr von Crillon, ſtammelte er, haben Sie Mitleiden mit einem armen, wehrloſen Menſchen! — Ich will es, aber gieb mir das Billet! Pontis ließ den Kopf hängen. — Gieb es mir, oder Du verlierſt nicht nur den Dir anvertrauten Poſten hier im Kloſter, ſondern auch Deine Waffe als Gardiſt. Als Dein Oberſt kann ich Dich ent⸗ laſſen. Du biſt nicht mehr im Dienſte des Königs! In Pontis' Zügen malte ſich die Verzweiflung; er verbeugte ſich demüthig. e — Das Billet? fragte Crillon noch einmal. Pontis ſchwieg immer noch. Dieſer Widerſtand brachte Crillon zur Wuth. — Herr Pontis, rief er, ich gebe Ihnen acht Tage Zeit, daß Sie in Ihre Provinz zurückkehren können— aber nur fünf Minuten, um dieſes Kloſter zu verlaſſen! Den Augen des jungen Mannes entſtürzten Thränen, er konnte kaum die Worte hervorbringen: — Erlauben Sie mir wenigſtens, daß ich Abſchied von Herrn Esperance nehme. Crillon antwortete nicht. — In einer Minute komme ich zurück, fügte Pontis hinzu, indem er nach dem Zimmer des Verwundeten ging. Er trat ein. Mit ſchwerem Herzen neigte er ſich über das Bett ſeines Freundes. — Was haſt Du rief Esperance. — Nichts, nichts! ſagte Pontis mit erſtickter Stimme. Nehmen Sie Ihr Billet zurück— ſchnell— verbergen Sie es wohl! — Warum? fragte Esperance, indem er ſich auf⸗ richtete. — Herr von Crillon jagt mich fort! rief Pontis, indem er wie ein Kind in Schluchzen ausbrach. Esperance ſtieß einen Schrei aus; er ſchloß Pontis in ſeine zitternden Arme. — Nein, nein! rief plötzlich der Ritter, der mit einem Fauſtſchlage die Thür aufgeſtoßen hatte und nun eintrat. Ich jage Dich nicht fort. Bleibe! Du biſt ein braver Junge. Nun weinen ſie beide, dieſe Narren! Behaltet Eure Papiere, wenn Ihr wollt. Harnibieu, was find das für dumme Teufel! Raſch entfernte er ſich, denn er ſchämte ſich der Thrä⸗ 1 nen, die er in ſeinen Wimpern fühlte. Esperance ließ ſich nun von Pontis Alles erzählen. Dann ſanken ſich die beiden Freunde einander in die Arme. — Ja, ich werde ſchnell geneſen, ſagte Esperance: zunächſt um Dich zu lieben, und dann, um dem Sturme beizuwohnen. — Und um Rache an den Frauen zu nehmen! fügte Pontis hinzu. 2. Der edle Herr Nikolas. Am folgenden Morgen fragte Pontis, der nachdenkend und beſorgt geworden, den Bruder Robert, als dieſer Es⸗ perance ſeinen Beſuch abſtattete, ob es nicht möglich wäre, das Zimmer des erſten Stocks mit einem andern in dem Erdgeſchoſſe zu vertauſchen, damit der Verwundete, dem man bald einen kurzen Gang durch den Garten geſtatten würde, die Treppe nicht zu erſteigen brauche. Bruder Robert antwortete, es ſei ein Zimmer im Erd⸗ geſchoſſe vorhanden, das zwar kein hiſtoriſches Bett und keine ſo ſchöne Einrichtung enthalte, aber es biete den Herren die Bequemlichkeit, die ſie wünſchten. Noch an demſelben Tage brachte man Esperance in das neue Zimmer. Abends ging Esperance zu Bett, nachdem er einige Stunden in einem Lehnſtuhle verbracht hatte. Dies war die erſte Erlaubniß, die ihm ſein Arzt ertheilte. Er war ein wenig müde und angegriffen, daß er das Bedürfniß nach Ruhe fühlte, und weder die mäch⸗ tigen Reize des lauen und heitern Abends, noch die An⸗ ziehungskraft einer Mahlzeit, die Pontis bereitet, ver⸗ mochten ihn vom Schlummer abzuhalten. — 10— — Du wirſt neben meinem Bette allein eſſen, ſagte er zu ſeinem Freunde; und während ich einſchlafe, erzählſt Du mir eine hübſche Geſchichte. Gehe zu Tiſche und erzeige dem guten Weine des Kloſters die ihm gebührende Ehre. Du biſt ja nicht von Herrn Laramée verwundet. Pontis legte den Finger auf ſeine Lippen. — Still! ſagte er. Jetzt ſind wir im Erdgeſchoſſe und müſſen leiſe reden. Nein, fügte er hinzu, ich werde nicht eſſen, ich danke! Esperance ſah ihn erſtaunt an. — Ich erbitte mir ſelbſt von Ihnen die Erlaubniß, fuhr Pontis fort, daß ich am Fenſter bleiben und folglich dieſes Fenſter offen halten darf. Suchen Sie ſich vor der Abendkühle zu wahren, aber das Fenſter muß offen bleiben.. — Ich verſtehe Dich nicht, mein lieber Pontis. — Später gebe ich Aufſchluß, ſagte der Gardiſt. Esperance richtete ſich auf. — Du bift ſeit geſtern ſo geheimnißvoll geworden, ſagte er, daß ich mich darüber wundere. Wie heute, ſahſt Du auch geſtern Abend ſchon aus dem Fenſter un⸗ ſers alten Zimmers. Plöͤtzlich lehnteſt Du Dich hinaus, ſahſt um Dich, fuhrſt zurück, löſchteſt die Lampe aus und fingſt wieder an zu lauſchen. — Das iſt wahr, ſagte Pontis unruhig. — Warum willſt Du heute nicht eſſen? Warum willſt Du das Fenſter wieder öffnen?— Pontis nahm die Lampe und verſteckte ſie brennend — 11— in Esperance's Alkoven, ſo daß das Zimmer dunkel ward und dennoch das Licht nicht fehlte, wenn er deſſen be⸗ durfte. — Da beginnſt Du ſchon wieder Deine Streiche! Was giebt es denn, Pontis? — Sambioux, es giebt etwas! antwortete leiſe der Gardiſt. Aber es ſind Dinge, die verwundeten Leuten nichts taugen, Leuten, denen Aufregung ſchaden kann. — Iſt es denn etwas Schreckliches? — Es kann ſchrecklich werden. — Sollteſt Du deshalb den Bruder Robert veran⸗ laßt haben, daß er uns umquartirt hat? Der Vorwand mit der Treppe will mir nicht recht paſſend erſcheinen. — Herr Esperance, ſo viel ſteht feſt, daß man aus der erſten Etage einen weitern Weg als aus dem Erd⸗ geſchoſſe zu machen hat, wenn man raſch in den Garten ſpringen will.. — In den Garten ſpringen? Mein Gott, was giebt es denn? O, erzähle mir raſch, um was es ſich handelt. — Später! Wenn die Sache geſchehen iſt. — Wenn Du mich länger in dieſer Spannung läßt, ſchadeſt Du mir hundertmal mehr. Die Ungeduld iſt ein Fieber— und Du verurſachſt mir Fieber. — So hören Sie denn, Herr Esperance. Esperance unterbrach ihn. — Wir ſind dahin übereingekommen, daß Du mich künftig nicht mehr„Herr“, ſondern einfach Esperance nennſt, weil ich Dich Pontis nenne. Das merke Dir zunächſt! 1 — Es geſchah aus Achtung— aber wenn Sie es durchaus wollen— nun werde ich raſch erzählen. — Alſo, was giebt es? 5 — Jeden Abend, ſchon ſeit zwei Tagen, ſchlüpft ein Mann in den Garten. — Welcher Mann? — Wenn ich es wüßte, würde ich wahrlich nicht ſo beſorgt ſein. — Man muß es den Mönchen ſagen. DO nein! Durch dieſe Thorheit würde mein Streich mißglücken.. — Was für ein Streich? — Der Mann erſcheint dort unten an der kleinen Mauer. Sie haben doch ſo viel Ortskenntniß, um mich zu verſtehen— nicht wahr? — Ja. Ich habe den ganzen Tag am Fenſter zu⸗ gebracht, und habe dieſe ſchönen Gärten geſehen und be⸗ wundert. — So wiſſen Sie, daß uns das neue Gebäude gegenüber liegt? — In dem man ſich zankte? — Ja, dieſe ſchlechten Vögel, die man Frauen nennt, zankten ſich dort. Das Gebäude alſo iſt von dem Kloſter durch eine Mauer geſchieden, die völlig mit jenen ſchönen Pfirſichen bedeckt iſt— — Ganz recht. Aber in dieſer Mauer befindet ſich eine Thür, welche das Kloſter mit dem neuen Gebäude verbindet. 15— — Und dieſe Thür kann nur von den Bewohnern des Pavillons geſchloſſen werden. Von jener Seite kann ſich unſer Mann nicht hereinſchleichen. Nein. Er kommt von rechts, durch das Kloſter. — Du machſt Dir vergebens Sorgen. Ueberall, wo Frauen ſind, ſieht man Männer. Das Wort Frau iſt gleichbedeutend mit Intrigue. Das Wort Mann iſt eben ſo viel, als Nachtſchmetterling. Kaum blinkt ein Licht in dieſem neuen Gebäude, und wäre es auch nur in den Augen dieſer Frauen, ſo kommt raſch ein Schmetterling und umflattert es ſo lange, bis er ſich verbrennt. — O, Betrachtungen dieſer Art habe ich auch ſchon angeſtellt, ſagte Pontis, und zwar mit Veränderungen, die den Frauen noch viel weniger ſchmeichelhaft ſind. Aber was der Augenſchein lehrt, muß man glauben. Wenn der Mann, von dem wir ſprechen, der in dem neuen Hauſe wohnenden Leute wegen käme, ſo würde er in das Haus gehen, nicht wahr? — Ich glaube, ja! — Nun, warum kommt er denn unter unſer Fenſter? — Es iſt wahr! ſagte Esperance. — Wie ein Spürhund, der nach Wildpret ſucht, ſchlich er heran, und dabei wählte er das Gebüſch, um ſich zu verſtecken. — Das iſt ſonderbar. — Sie glauben, dieſer Mann kommt des neuen Hauſes wegen, und ich glaube, er kommt unſertwegen. Esperance richtete ſich auf. * — Denken Sie einmal nach, ſagte Pontis, ob Sie ſich nicht einer Perſon erinnern, die ein Intereſſe daran hat, zu erfahren, was aus Herrn Esperance geworden iſt, nachdem er auf eine ſonderbare Weiſe von einem ge⸗ wiſſen Balcon, der unter Feigenbäumen verſteckt liegt, verſchwunden iſt? — Ja, ja, Du haſt Recht! — Suchen Sie in Ihrem Gedächtniſſe, ob Sie nicht Jemanden finden, dem daran liegt, hier zu vollenden, was man dort begonnen hat, das heißt, das ſchöne Werk unſerer guten Mönche zu zerſtören, und Herrn Esperance, den Wiedererſtandenen⸗ durch einen ſchönen, jungen Mann zu erſetzen, der für immer in einem Sarge liegt. — Pontis, murmelte Esperance, in dieſem Falle war der Gedanke, mich in den Bereich des Arms dieſes Elen⸗ den zu bringen, ein unglücklicher! — Ich wollte ihn in den Bereich des meinigen bringen. Meine Idee iſt folgende: Iſt der nächtliche Späher, wie ich vorausſetze, Laramée oder einer ſeiner Spießgeſellen, ſo wird er wiederkommen, wird ſich an demſelben Orte verbergen, und hat auch vielleicht eine Verbeſſerung ſeines Plans erſonnen, um ſich uns mehr⸗ zu nähern. Dann ſpringe ich ihm aus dieſem Fenſter, das kaum drei Fuß von dem Boden entfernt iſt, auf den Rücken. Dieſer Sprung wird meinem lieben Esperance ein hübſches Schauſpiel gewähren, wenn auch nicht ganz ſo ſchön, wie Herr von Crillon an der Breſche— aber Sie können es doch von Ihrem Bette aus gemächlich ſehen. — —— — 15— — O, könnte ich dabei ſein! rief Esperance in einer zornigen Aufwallung. — Sie werden mir das Vergnügen machen, ſich ganz ſtill zu verhalten, und das Klopfen Ihres Herzens nicht um einen Pulsſchlag beſchleunigen. Es iſt durchaus keine Gefahr dabei, und von Höflichkeit wird keine Rede ſein. Wenn man mit einem ſolchen Mörder zu thun hat, zieht man nicht erſt Handſchuhe an. Der Gang der Sache iſt einfach folgender: ich ſpringe aus dem Fenſter — knack! Dann packe ich ihn bei der Gurgel, um ſicher zu ſein, daß ich den Rechten habe. Perr! ſtoße ich ihm meinen Degen bis an das Heft durch den Leib. Ich bitte Sie nur um eine halbe Minute, um dies Alles abzumachen. Aber, fügte Pontis hinzu, wir müſſen auf alle Fälle vorbereitet ſein. Wenn es das Unglück wollte, daß ich in dieſem Zweikampfe beſiegt würde,— es iſt ſchwer, faſt unmöglich!— aber bei ſolchen Gaunern hat man ſtets Verrath zu fürchten: ich kann mit dem Fuße ausgleiten, ich kann mich in ein Meſſer ſtoßen, denn dieſe Schurken tragen Meſſer in allen Taſchen— in dieſem Falle nehmen Sie meinen Dolch, Sie werden wohl Kraft genug haben, um ihn mit beiden Händen wie einen Nagel gerade zu halten. Wenn der Bandit mich nun niedergeworfen, wird er mit Ihnen anbinden. Dann rennt er in die Spitze des Nagels, und er ver⸗ endet in Ihren. Armen. Wenn ich noch leben ſollte, ſo geben Sie mir durch einen Ruf Nachricht, und mein letzter Seufzer wird ein lautes, fröhliches Lachen ſein. — Welche Einbildungskraft! antwortete Esperance. Auf der Kapelle des Kloſters ſchlug es neun Uhr. — Still! flüſterte Pontis. Ganz ſtill! Neun Uhr iſt ungefähr die Zeit! Pontis gab dem Verwundeten den Dolch in die Hände und zog die Vorhänge des Bettes zuſammen. Dann ließ er ſich an dem offenen Fenſter auf die Kniee nieder. Eine herrliche Nacht war angebrochen. Die Fenſter des neuen Hauſes flimmerten in den erſten Strahlen des Mondes. Der Garten, der an das Kloſter grenzte, lag im Dunkeln. Pontis, der hinter einer mit großblättrigen Blumen gefüllten Vaſe verborgen war, ſteckte nur ſeinen Kopf über die Fenſterbrüſtung hinaus. Auch Esperance hatte neugierig ſeinen Kopf durch die Falten der Vorhänge geſteckt; den bewaffneten Arm hielt er ausgeſtreckt. Wie ein Wilddieb auf dem Anſtande ſtreckte Pontis ſeine rechte Hand nach rückwärts und winkte, als ob er Esperance ſagen wollte: — Still, ich ſehe etwas! Und wirklich erſchien ein Mann, deſſen lange Beine den Weg an der Mauer durchſchritten; ſein langer Rücken beugte ſich, um weniger von dem Lichte des Himmels getroffen zu werden. Er durchſchritt den Garten und betrat die Orangen⸗Allee, die längs dem Kloſtergebäude hinlief. ——;. 8— — 17— Zwanzig Schritte von dem Fenſter, an welchem Pontis lauerte, blieb er ſtehen. Man hatte den Sand unter ſeinen Schritten kniſtern gehört. Den beiden jungen Leuten klopfte das Herz gewaltig. Trotz den von Pontis getroffenen Vorſichtsmaßregeln, konnte unter dieſen Umſtänden die Geneſung Esperance's nicht wohl von ſtatten gehen. Der Mann drückte ſich hinter einer Orange nieder, deren großer Kübel ihn völlig bedeckte. Nun ſah er, wie ein Sperling, der auf einem Diebſtahle ertappt zu werden fürchtet, nach rechts, nach links, nach oben und unten. Dann nüäherte er ſich dem Fenſter bis auf eine Entfer⸗ nung von fünf oder ſechs Schritten. Pontis, den die Ungeduld, der Zorn, kurz alle Lei⸗ denſchaften ſtachelten, die in dem Menſchen den Blutdurſt eines Tigers anfachen, wartete nicht länger. Er nahm den blanken Degen zwiſchen die Zähne, raffte ſich zu einem kräftigen Anſatze zuſammen, und ſprang dem ge⸗ heimnißvollen Unbekannten faſt auf den Rücken. Nach ſeinem Programme packte er ihn mit der einen Hand an die Gurgel, mit der andern in den Gürtel, hob ihn hoch empor, trug ihn zu dem Fenſter, und warf ihn wie eine Maſſe in Esperance's Zimmer. Nun folgte er mit einem gewaltigen Satze nach, ſchlug das Fenſter zu, ſah mit glühenden Augen in das Geſicht des Feindes, und ſetzte Gabriele. IV. 2 2 ihm drohend ſeine Degenſpitze auf die Bruſt, indem er ausrief:. — Nun haben wir Dich, Räuber! Esperance holte raſch die Lampe aus dem Alkoven hervor, und nun bot ſich den Blicken der beiden jungen Leute ein ſeltſames Schauſpiel dar. — Er iſt es nicht! rief Esperance, als er ein ma⸗ geres und ſonderbares, durch den Schrecken bis zur Häß⸗ lichkeit entſtelltes Geſicht, einen krummen Rücken und krumme Beine erblickte, die aneinander ſchlotterten. — Ein Bucklichter! rief Pontis. — Ohne Waffen! fügte Esperance hinzu. — Ja, ohne Waffen, meine Herren, und ohne böſe Abſichten! ſtammelte ſchwach eine meckernde Stimme, während die Beine ſich aufſtellten und der Mann ſich emporrichtete. Die beiden Freunde betrachteten ihn. Faſt wären ſie in lautes Lachen ausgebrochen über dieſe Heuſchrecke, die ſie anſtatt der Hyder gefunden hatten. Pontis nahm ſein Schwerdt unter den Arm, brachte ſeine verwirrten Haare in Ordnung, und ſagte zu dem Fremden: — Zunächſt müſſen wir wiſſen, wer Sie ſind? — Ein unbeſcholtener Edelmann, mein Herr. — Mir ſcheint, die unbeſcholtenen Edelleute gehen Nachts nicht ſpazieren und brechen nicht in die Gärten ein. Sie ſehen mir mehr wie ein Dieb aus. — 19— Der Fremde zog eine ungeheuere Börſe aus der Taſche, deren Rundung und metallreicher Klang Pontis zu der Aeußerung veranlaßte: — Das iſt wahrlich nicht die Börſe eines Diebes; deſſenungeachtet aber führt Sie keine gute Abſicht unter unſere Fenſter. — Unter Ihre Fenſter! Ach, mein Herr, Ihre Fen⸗ ſter waren mein Ziel nicht! — Und doch fand ich Sie unter meinem Fenſter. — Weil ſich von hier aus der Ort am beſten be⸗ obachten läßt, den ich belauſche. — Welchen Ort? — Jene kleine Thür in der Mauer, dieſelbe, die in den Garten führt. — Des neuen Gebäudes? fragte Esperance, der ſich zum erſten Male in das Geſpräch miſchte. Deſſelben Hauſes, in welchem die Frauen wohnen? — Ja, mein Herr! antwortete der Fremde, indem er den Kranken höflich grüßte. Esperance dankte eben ſo höflich. — Wie ich Dir ſagte, fügte Esperance hinzu, indem er Pontis anſah. Der Herr kommt, um... — Bah! unterbrach ihn Pontis rauh, denn es kam ihm ſauer an, ſeine ſchönen Rachepläne ohne Weiteres aufzugeben. Der Herr ſoll uns nicht glauben machen, daß er Abſichten auf das neue Haus hat. Ein Liebhaber mit ſolchem Rücken und ſolchen Beinen... — Pontis! rief Esperance. Der Fremde ſchnitt ein Geſicht, um den Scherz ſo gut als möglich aufzunehmen. — Ich komme nicht als Liebhaber, mein Herr, ant⸗ wortete er, ich komme als Ehemann. — Ahl! riefen die beiden jungen Leute. — So belauſchen Sie wohl Ihre Frau? fügte Pon⸗ tis hinzu. — Meine zukünftige Frau. — Eine Perſon, die neulich ſo heftig gegen einen ſchon ziemlich alten Mann ſchrie? — Gegen meinen künftigen Schwiegervater, den Grafen von Eſtrées, ſagte der Fremde. Was mich an⸗ betrifft, meine Herren, ſo bin ich kein Dieb, Sie können ſich überzeugt halten, daß ich kein Mann von ſchlechten Sitten bin. Ich heiße Nikolas Darmeval Liancourt. — Sehr gut, ſehr gut, mein Herr! Nehmen Sie doch gefälligſt Platz! rief Pontis, indem er dem Fremden einen Stuhl bot. — Wir bedauern, daß wir Sie für einen Uebel⸗ thäter gehalten haben, fügte Esperance hinzu. — Wir hatten ſchon den Entſchluß gefaßt, Sie um⸗ zubringen, ſagte Pontis. Es freuet mich unendlich, Sie geſund und wohl zu ſehen. Noch eine Secunde, und Sie wären todt geweſen. Nikolas Darmeval von Liancourt rieb ſich läͤchelnd die Kniee und den Rücken. — Haben Sie ſich vielleicht ein wenig gequetſcht? fragte Esperance. 4 —— — 21— — Ich fürchte es. Es wird ſchon vorübergehen. Es wird mir ein ewiges Vergnügen bleiben, Ihre Bekannt⸗ ſchaft gemacht zu haben. Und er rieb ſich von Neuem das Fell. — Herr von Pontis! ſagte Esperance, ſeinen Freund vorſtellend. Gardiſt Sr. Majeſtät und Liebling des Herrn Ritters von Crillon.. Nikolas Darmeval erhob ſich, um eine Verbeugung zu machen — Herr von Esperance, einer der reichſten Edelleute von Frankreich! ſagte nun Pontis. — Der bedauert, daß ſeine Wunde ihm nicht erlaubt, Sie ſtehend zu begrüßen, fügte Esperance hinzu, in deſſen ſchönen Geſichtszügen ſich ein Lächeln zeigte. Und jetzt, da wir uns kennen, ſagen Sie uns, ob wir Ihnen in irgend einer Beziehung gefällig ſein können. Indem Herr von Liancourt ſich bald zu dieſem, bald zu jenem der beiden jungen Leute wandte, ſagte er: — LJa, meine Herren, laſſen Sie mich zunächſt fried⸗ lich die Abſicht erreichen, die ich zu erreichen mir vor⸗ genommen habe. — Ihre zukünftige Frau zu uüberwachen? fragte Pontis. In des Himmels Namen, mein Herr. Ich wünſche von ganzem Herzen, daß es Ihnen gelingen möge, ſie auf einem Vergehen zu ertappen. Nikolas Darmeval machte eine graziöſe Verneigung. — Aber ich begreife nicht, ſagte Esperance, was Sie hinter dem Kübel des Orangenbaums entdecken wollten. — 22— Das Haus, in welchem Ihre zukünftige Frau wohnt, iſt weit davon entfernt. Von Weitem ſieht man ſchlecht. — Meine Herren, Sie ſcheinen mir ſo liebenswür⸗ dige junge Leute zu ſein, daß ich mich geneigt fühle, Ihnen mein volles Vertrauen zu ſchenken, ſagte Herr von Liancourt. Er rieb ſich die Schulter, indem er ein klägliches Geſicht machte. — Wir werden es zu rechtfertigen wiſſen, antwortete Pontis. 3 — So muß ich Ihnen zunächſt ſagen, daß wir, Herr von Eſtrées nämlich und ich, dieſe Heirath lebhaft wün⸗ ſchen, aber daß die Zukünftige eben nicht ſehr darüber erfreut zu ſein ſcheint. — Die jungen Mädchen haben mitunter Launen, ſagte Esperance. — Aber wiſſen Sie, warum Fräulein von Eſtrées⸗ mich ausſchlägt? Pontis und Esperance betrachteten Herrn von Lian⸗ court vom Kopfe bis zu den Füßen; dann wechſelten ſie einen Blick, als ob ſie ſagen wollten: — Wir errathen es! — Sie ſchlägt mich aus, fuhr der zukünftige Ehe⸗ mann fort, weil ihr Jemand in dieſem Augenblicke den Hof macht. — Bah! — Eine ſehr hoch geſtellte Perſon, die ihr Boten und Briefe ſendet. ——— —,— ——— — 23— — Sind Sie davon überzeugt? — Neulich habe ich einen aufgefangen. — Einen Brief? — Nein, einen Boten. Der Mann iſt ſo bekannt, man ihn nicht verkennen kann. Herr von Liancourt ſeufzte. Dann ſagte er: — Es war Herr von la Varenne. — Der Briefträger des Königs? rief Pontis. — Derſelbe! antwortete kläglich der Zukünftige. — Dann wäͤre ja der Galan... — Still! ſagte Herr von Liancourt, indem er ſich nach dem Garten wendete. — Was giebt es? — Während wir hier plaudern, kann das geſchehen, was ich verhindern will. — Was denn, mein beſter Herr Nikolas? fragte Esperance. „— Fräulein von Eſtrées hatte dem Boten geſagt: „Erwarten Sie morgen halb zehn Uhr meine Antwort an der kleinen Thür!“ — Nun? — Nun hatte ich mir vorgenommen, mich zu ver⸗ ſtecken und la Varenne zu überraſchen. Ach, es iſt ſchon halb zehn Uhr, die kleine Thür wird wieder verſchloſſen und die Antwort ertheilt ſein. Ich bin verloren! — Ah, mein beſter Herr, ſagte Pontis, Sie werden ihn ſchon erwiſchen. Wollten Sie la Varenne tödten? Ich meine zufällig! da — 24— — Nein, o nein! Wie könnte ich einen Officier Sr. Majeſtät tödten! Nein, das war wahrhaftig nicht meine Abſicht! — Ich verſtehe, ſagte Esperance. Sie wollten dieſe Ueberraſchung dazu benutzen, um mit Ihrem Schwieger⸗ vater gänzlich zu brechen. — Das noch weniger. Ich ſollte mit Herrn von Eſtrées brechen, ſollte Fräulein Gabriele, ein ſo reizendes Mädchen, verlieren? Nein, die Parthie iſt zu ſchön! — Nun, was wollten Sie denn beginnen? fragte Pontis, als er Esperance die Stirn zuſammenziehen ſah. — Ich wollte ſicher, ganz ſicher ſein... es könnte mir ſpäter nützen. Die beiden jungen Leute ſahen ſich an. — Grämen Sie ſich nicht, ſagte Pontis, Sie können annehmen, daß Sie ſicher ſind. — Ich werde mein Werk von Neuem beginnen, ſagte Herr von Darmeval, und jetzt, da wir Freunde ſind⸗ werden Sie mir nöthigenfalls helfen. — Um mich einer Frau unangenehm zu machen, bin ich zu Allem bereit! ſagte Pontis. — Danke, danke, mein lieber Herr! Und Sie, Herr von Esperance? — Ich bin verwundet, ich kann mein Bett nicht verlaſſen, antwortete Esperance trocken. — So kann ich alſo Nachts den Garten durchſtreifen, ohne daß Sie mir ein Hinderniß entgegenſtellen? — Nicht das geringſte Hinderniß! rief Pontis. — — 25— — Dann will ich mich für heute zurückziehen, mor⸗ gen werde ich vielleicht glücklicher ſein. Leben Sie wohl, meine Herren! Ich wünſche Ihnen baldige Geneſung, Herr Esperance. Aber Sie bewahren doch mein Ge⸗ heimniß, nicht wahr? — Sambiour, ich ſchwöre es! rief Pontis. — Aber ich nicht! murmelte Esperance vor ſich hin, während der Gardiſt dem edeln Nikolas ſehr zuvorkom⸗ mend behülflich war, den Rückweg durch das Fenſter zu nehmen. Pontis rieb ſich die Hände, indem er dem Bette wieder näher trat. — Unſere Geſchäfte gehen gut! rief er. Wir nch uns ſchon an den Weibern! Und an was für einem Weibe! — Komm zu mir, Pontis, ſagte Esperance. Du ſprichſt ohne Sinn und Verſtand, wie ein Nikolas Dar⸗ meval, aber nicht wie ein Edelmann. Setze Dich zu mir, ich werde Dir in wenig Worten den Beweis liefern. Pontis' Freude kühlte ſich ein wenig ab. Ueberraſcht ſetzte er ſich neben das Bett des Verwundeten. 3. Freundſchaftsdienſte. Es ſchien dem Gardiſten unbegreiflich zu ſein, warum Esperance die ſo eben ſtattgehabte Scene anders auffaßte, als er. — Wir haben beſchloſſen, ſagte er, jede Gelegenheit zu benutzen, den Frauen zu vergelten, was ſie uns zu⸗ gefügt haben. — Zunaächſt ſage mir, fragte Esperance, was Dir die Frauen zugefügt haben? — Sie haben mir den Freund gemordet, oder doch ſo verwundet, daß er faſt todt war. — Das iſt ein Grund. Aber Alle haben dies Ver⸗ brechen nicht begangen, und wenn ich Ihnen verzeihe, ſo wirſt Du gezwungen ſein, ebenfalls zu verzeihen. — Sie wollen alſo verzeihen! rief Pontis zornig. Sagen Sie nur ſchnell heraus, was geſchehen ſoll. An⸗ ſtatt die Erinnerung an das Böſe zu bewahren, die den Mann ſtärkt und kräftigt, werden wir zu Ehren dieſer Damen Sonnette und Triolette machen, werden ihnen Kränze winden, und die verſchlungene Namens⸗Chiffer — 27— der Entragues und Laramée's in Blumen darſtellen. Das Kreuz bilden zwei Meſſer— Sambioux! — Das iſt lächerlich, mein armer Pontis! ſagte Esperance. Wenn Du ſtets ſo extrem denkſt, werden wir nie übereinſtimmen. Ja, ich haſſe die Frauen, ich bin ihrer überdrüſſig, ich werde mich an ihnen rächen, ſobald ſich eine Gelegenheit darbietet; aber eine gute Gelegen⸗ heit, verſtehſt Du? Und um den Schaden wieder gut zu machen, den eine von ihnen meiner Haut zugefügt, werde ich meine Ehre und mein Gewiſſen nicht preisgeben. Du weißt noch nicht, daß ſich ein Edelmann von den Frauen ſchlagen läßt, aber er ſchlägt nur die Männer. — Ah, murmelte Pontis, dieſe Theorie werden die Damen bald zur Mode erheben, wenn ſie bekannt wird. Strafloſigkeit— vortrefflich! — Wer ſpricht von Strafloſigkeit? Iſt die Frau, die man verachtet, nicht beſtraft? O, Du wirſt ſehen, daß die Frau, von der wir reden, ſich grauſam beſtraft fühlt... — Durch das, was ſie gethan, beweiſ't ſie, daß ſie Herrn Esperance nicht liebte. Geben Sie das zu? — Ja. Und nun? — Nun, wenn dieſe Frau Sie nun nicht liebt, was kümmert ſie ſich um Ihre Verachtung? Esperance legte ſeine Hand auf Pontis' Schulter. — Ich wette, daß Du in Deiner Provinz nur Kam⸗ merzofen kennen gelernt haſt. Pontis richtete ſich auf. — 28— — Oder Nähemädchen, fügte Esperance hinzu. Ich will Deinem gerechten Stolze gern Zugeſtändniſſe machen. Es iſt mit gewiſſen Frauen wie mit gewiſſen Pferden, mein Beſter. Um dieſe zu beſtrafen, nimmſt Du Deine ſtärkſte Peitſche, Deinen ſchwerſten Stock; aber verſuche es, meine gute Stute zu ſchlagen, die man mir ohne Zweifel geſtohlen hat! Um ſie zur Verzweiflung zu bringen, brauchte ich nur zu ſagen: Iſt das ein faules Thier, ich werde es verkaufen!— Diana hätte dann die Welt umjagt. Sie iſt von edler Art und fühlt den Schimpf. Die Strafe muß ſtets dem Geſchöpfe ange⸗ meſſen ſein. — Das Geſchöpf von Ormeſſon iſt wahrlich ein ſchönes Geſchöpf! — Es ward beſchloſſen, Freund, daß nie wieder die Rede davon ſein ſoll, ſagte Esperance mit einer Hoheit, die ſein lebhaftes Mißfallen verrieth. Alſo kein Wort mehr darüber. Sprechen wir von der Dame, die das neue Haus bewohnt, und von dem Bucklichten, der ihr Nachts heimlich Schlingen legt, was, nach meiner Anſicht, eines Mannes unwürdig iſt. Ich bin nie ein Freund von Aufpaſſen geweſen, ſelbſt auf der Jagd nicht. Ich muß den Kampf haben. Ich will, daß mein Feind, und wäre es auch nur ein Eber, mir gegenüber ſteht, und zwiſchen Vertheidigung oder Flucht ſeine Wahl trifft. Hier wird das Wild angegriffen. Der Jäger iſt ein Un⸗ geheuer, deſſen Seele verkrüppelt iſt, wie ſein Rückgrat. — 29— Aber der Kampf zwiſchen dieſen beiden Gegnern iſt un⸗ gleich. Stellen wir die Gleichheit her. Pontis wollte rufen und geſtikuliren; Esperance hielt ihm die Arme. — Ich weiß, was Du ſagen willſt, ich ſehe, wie die Worte ſich auf Deinen Lippen bilden: dieſer wackere Bucklichte ſteht auf dem Punkte, eine Frau zu nehmen, und man betrügt ihn. — Ganz recht. — Aber, Pontis, er will mit Gewalt heirathen, und die Zukünftige will Nichts von ihm wiſſen. — Sie hat einen Geliebten.— — Um ſo mehr Grund, dieſen Bucklichten auszu⸗ ſchlagen. — Sie ſchlägt ihn nur aus Eitelkeit und Ehrgeiz aus, denn unter uns und ſehr leiſe geſagt, der König iſt nicht eben ein ſchöner Herr, denn er hat eine lange Naſe, dürre Beine, einen ſchwarzbraunen Teint und ſtachlichte Haare, wie ein Igel. Dabei ſitzt er ſtets zu Pferde, und ſchwitzt wie ein Braten unter ſeinem Harniſch. Ein huübſcher Bettgenoſſe! Und nun iſt er vierzig Jahre alt... — Ich würde hundert Thaler darum geben, wenn Herr von Crillon jetzt in einem Winkel verborgen wäre! rief Esperance. Er würde Dich bei lebendigem Leibe ſchinden, wie Du es verdienſt, denn Du biſt ein kleiner Judas, der ſeinen Herrn verräth. — O, murmelte Pontis erſchreckt, obgleich der Ton, in dem Esperance geſprochen, durchaus keinen Zorn ver⸗ — 30— rieth— das iſt kein Verrath, es iſt nur ein Scherz. Mein Herz iſt gut, wenn auch meine Zunge böſe iſt. Das Täfelwerk knackte wie ein raſch vorübergehendes Gelächter. Der erſchreckte Pontis machte einen Satz in das Zimmer. Esperance, der ſich an dieſem Schrecken ergötzte, hatte große Mühe, den Gardiſten abzuhalten, die Winkel und Ecken zu durchſuchen. — Abh, rief er, über Deine Läſterungen empören ſich ſelbſt die Wände! So oft man von einer Frau oder von einem Könige Böſes ſpricht, giebt es ein Ohr, das 2s hört. Du läſterteſt das Fräulein, das in dem neuen Hauſe wohnt— vielleicht hat ſie es gehört. — Unmöglich! antwortete Pontis mit einer naiven Furcht. Ich habe allerdings von dem Könige etwas geſagt, aber es war durchaus nicht der Ausdruck meiner Gedanken. — Beruhige Dich! rief Esperance, dem vor Lachen die Thränen in die Augen traten. Ich werde Dir Ge⸗ legenheit geben, daß Du Alles wieder gut machen kannſt. Morgen früh wirſt Du nach dem neuen Hauſe gehen. Pontis ſah ihn mit großen Augen an. — Du verlangſt mit Fräulein von Eſtrées zu ſpre⸗ chen. Du beſitzeſt Geiſt, und biſt, wie alle Deine Lands⸗ leute, ein Redner. Nun erzählſt Du dem Fräulein einfach und offen die Scene, die dieſen Abend hier ſtattgehabt. Du nennſt aber den Namen Nikolas von Liancourt nicht, ſagſt auch nicht, daß er bucklicht iſt, und machſt durchaus — 31— keine Anſpielungen auf Fouquet La Varenne, folglich auch nicht auf den, der ihn ſendet. — Aber, rief Pontis, was ſoll ich denn ſagen, wenn Sie mir dies Alles verbieten? — Du kannſt aus dem Grunde Herrn von Liancourt nicht nennen, weil ſchon der Anſchein kränkt, als wüßte man die Angelegenheiten eines jungen Fräuleins, das ſich ver⸗ heirathen will, ganz genau. Daß er bucklicht iſt, darfſt Du ebenfalls nicht ſagen, weil ſie es bisjetzt nicht be⸗ merkt hat, da ſie ihn heirathen will. Von La Varenne und dem Könige wirſt Du nicht reden, wenn es Dir lieb iſt, daß Dein Kopf auf Deinen Schultern bleibt. — Nun, Herr Esperance, unterbrach ihn Pontis gereizt, ſo dictiren Sie mir, was ich ſagen ſoll. — So höre: Mein Fräulein, ſagſt Du, ich bewohne mit einem Freunde, einem Edelmanne, ein Zimmer in dieſem Kloſter; wir haben bemerkt, daß jeden Abend ein Mann kommt, der Alles beobachtet, was Sie thun, und deſſen Aufmerkſamkeit vorzüglich auf jene kleine Verbin⸗ dungsthür gerichtet iſt. Du wirſt ihr die Thür bezeichnen. Dieſer Mann iſt klein, fährſt Du fort, hat einen etwas krummen Rücken, und macht Schlag halb zehn Uhr ſeine Runde. Ich habe geglaubt, daß dieſe Andeutungen Ihnen nützlich ſein können. Darum nehmen Sie ſie als gut gemeint auf, und halten Sie ſich verſichert, mein Fräu⸗ lein, daß ich Ihr achtungsvoller Diener bin. Nun machſt Du eine Verbeugung, und gehſt wieder. — 32— — Achtungsvoll! murmelte Pontis. Achtung vor der Zukünftigen des Herrn Nikolas! Da möchte ich lieber, daß ſie allein ihren Knäul abwickelt! — Du mußt die höchſte Achtung der Welt vor einer Frau hegen, die Dein Fürſt mit ſeiner Freundſchaft be⸗ ehrt. Begreifſt Du denn nicht, Unglücklicher, wieviel abſcheuliche Kataſtrophen von Deinem Schweigen abhan⸗ gen? Wenn der König in dieſes Kloſter käme, und wenn man ihm auflauerte! Wenn der Bucklichte, den wir für einen dummen Teufel halten, ein Verräther wäre! Wenn der politiſche und religiöſe Geiſt, dieſe beiden blut⸗ ſchnaubenden Furien, unter der Maske, einen Nebenbuhler zu beſtrafen, den Arm eines Mörders bewaffnet hätten! Pontis, Du haſt weder Herz, noch Verſtand. Du liebſt Nichts, und erräthſt Nichts! O, hätte ich zwei Beine, die mich tragen könnten! O, wäre es ſchon Tag! Die Hälfte meines Lebens gäbe ich darum, wären die Worte, die ich Dir ſo eben dictirt, ſchon jenem Fräulein bekannt! — Sambioux, rief Pontis, das iſt wahr! Der König... — Da Du überzeugt biſt, ſo beobachte einmal, daß man ſtets gewinnt, wenn man die Frauen nicht kränkt. Wünſche mir eine gute Nacht, und lege Dich ſchlafen, damit Du morgen deſto früher erwachſt, um Deinen Auf⸗ trag auszuführen. — Sobald das Morgenroth am Himmel erſcheint! ſagte Pontis. — 33— — Nein, ſobald das Fräulein aufſteht, antwortete Esperance, der gleich darauf in einen ſanften Schlaf verſank. Die heilende Natur verlängerte dieſen Schlaf bis neun Uhr Morgens. Als der Verwundete die hellen Augen aufſchlug, war Alles Leben um ihn. Pontis ſaß finnend am Fenſter; er ſtützte den Elnbogen auf ſein Knie, und das Kinn auf den Elnbogen. Die Orangen auf dem Fenſtergeſims ſtreuten ihren duftenden Blüthen⸗ ſchnee aus. — Esperance ſah ſo wohl aus, daß Pontis bei ſeinem Anblicke ausrief: — Wer von uns Beiden iſt denn verwundet geweſen? — Mich hungert und dürſtet! ſagte Esperance. Ich habe Luſt, einen Spaziergang zu machen, und möchte mit den Lerchen und Finken fingen. Mir iſt leicht und wohl um's Herz unter dieſem köſtlichen blauen Himmel. Pontis öffnete die Thür. Zwei Mönche brachten den kleinen Tiſch herein, auf dem das Frühſtück ſtand, das man Esperance erlaubt hatte. Der junge Mann aß begierig; er bedauerte, daß er ſeinem erzürnten Magen nicht mehr bieten konnte. Da trat der Bruder Sprecher ein. Nachdem er ſeinen Ver⸗ wundeten einen Augenblick ſchweigend angeſehen, zog er aus ſeinem Aermel eine lange, runde Flaſche hervor, die das Auge eines Reconvalescenten entzücken mußte. Dann ließ er ſich von einem der dienenden Brüder ein Glas xeichen. Gabriele. IV. 3 — 34.— Robert füllte das reine Kryſtallglas, in dem ſich die Sonnenſtrahlen brachen, mit einem dunkelrothen Weine, der wie Rubinen flimmerte. Dann reichte er es Esperance. Die Augen des Gardiſten glänzten wie Kohlen; aber der Bruder Sprecher drückte ſorgfältig den Kork wieder auf ſeine Flaſche, ſchob ſie in den Aermel zurück und entfernte ſich, nachdem er die Wirkung bewundert, die ſein alter Burgunder auf die Wangen des Reconvales⸗ centen ausgeübt. — Ich möchte mit dem Bruder Sprecher gern einen Handel abſchließen, ſagte Pontis: ein Glas meines Blutes für ein Glas von dieſem herrlichen Nectar! rief er. — Der Wein iſt älter, als Ihr Blut, antwortete lächelnd einer der Mönche, als er ſah, wie der Gardiſt mit der Zunge die Lippen leckte. — Und wenn er ſo ſelten iſt wie die Worte des Bruders Sprechers, fügte Pontis hinzu— ich habe wenig Ausſicht, ihn jemals zu koſten. Welch eine ſonder⸗ bare Idee hat man in dieſem Kloſter gehabt, daß man einen Menſchen Sprecher nennt, der niemals den Mund öffnet! Die beiden Mönche deckten den Tiſch ab, und unſere beiden Freunde blieben allein. — Nun, rief Esperance, woran denkſt Du? — Ich denke, daß es Pomard⸗Wein ſein muß, ant⸗ wortete Pontis. — Ich ſpreche von der Zukünftigen. Was hat ſie Dir geſagt? — Ach ja! Nun, ſie hat Nichts geſagt. Ich kam gerade in dem Augenblicke an, als ſie ſich mit ihrem Vater zankte. Mir ſcheint, es iſt dies ihre Gewohnheit. Ich habe nur ein Kammermädchen geſehen. — Ein hübſches? — Ah, die Elende iſt ſehr hübſch! antwortete Pon⸗ tis. Es giebt leider nur zu viel hübſche Frauen; ſie ſind die Lockſpeiſe, die uns der Teufel hinhält. — Nothwendigerweiſe. Und dieſes Kammermädchen? — Hat mich bei den erſten Worten verſteckt, die ich zu ihr geſprochen habe. Dieſes durchtriebene Volk iſt an Intriguen gewöhnt! Sie zog mich raſch unter eine Treppe, damit wir nach Gefallen plaudern konnten. Und nun denken Sie ſich— als ich ihr ſagte, von wem ich käme, antwortete ſie mir, daß man uns ſchon kenne. — Uns? — Wiſſen die Frauenenicht Alles? Ah, rief die hübſche Sünderin, Sie kommen von dem Verwundeten! Das iſt ſehr gut. Die Sache iſt wichtig, ſagen Sie?— Sehr wichtig. Ein Mann ſchleicht umher und beobachtet Sie... es iſt eine Schlinge. Kurz, ich jagte ihr eine ſolche Furcht ein, daß ſie antwortete:„In dieſem Augen⸗ blicke und während des ganzen Tages können Sie mit dem Fräulein nicht ſprechen, denn ihr Vater bewacht ſie, aber ſpäter, in der Abenddämmerung, gegen neun, halb zehn Uhr!—“ Es ſcheint dies ihre Stunde zu ſein. — Du kannſt alſo wiederkommen? — Das iſt unnütz, man wird zu uns kommen. 3 — 36— — Wie? Wer wird kommen? Das Kammermädchen? — Es fehlte Nichts mehr, wenn die Geliebte ſelbſt käme. Wahrhaftig, ich ſtehe nicht dafür. — Biſt Du toll? — SHalb zehn Uhr, wenn es dunkel iſt, wird man an das Fenſter kommen; man wird hören, was Du ihr zu ſagen haſt— ich habe meinen Auftrag ausgerichtet. Esperance ſenkte nachdenkend den Kopf. — Du findeſt dies ſehr liebenswürdig, nicht wahr? fragte Pontis ironiſch. — Liebenswürdig und ſehr anſtändig, antwortete Esperance trocken. Das Fräulein weiß, daß ich verwundet — und an das Zimmer gefeſſelt bin. Und dann auch wird ſie nicht wollen, daß man einem indiscreten Briefe das Geheimniß anvertraue. Doch, rief er plötzlich, ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich mich ſo abmühe, dieſes Fräulein zu vertheidigen! Tie bedarf meiner nicht. Wer hat Dir ein Rendezvous verſprochen? Sie? Wen trifft die Schuld, wenn Du den Schritt unüberlegt findeſt? Haſt Du nicht mit der Dienerin geſprochen? Von ihr geht es alſo aus. Kann nicht das Kammermädchen kommen? Mein Gott, welch eine unbeugſame Natur! — Da habe ich ſchon wieder Unrecht! murmelte Pontis. Gut, ich habe Unrecht! Sie verbrachten den Tag damit, daß Gapemnre theils im Zimmer, theils vor dem Hauſe unter den blühenden Orangenbäumen ſeine Kraft verſuchte. Der Verſuch war ein glücklicher. Bald ſetzte ſich Esperance, um in langen Zügen die Luft einzuathmen, bald ſchlummerte er einige Minuten, wenn die Kräfte ſich zu raſch erſchöpften. So kam der Abend heran. Der Kopfſchmerz, der mit den erſten Anſtrengungen eines Reconvalescenten ſtets ver⸗ bunden iſt, war beinahe verſchwunden. Esperance fühlte ſich ſo friſch und ſtark, daß er ſich auf zwei Stühle vor dem Fenſter ausſtreckte, anſtatt zu Bett zu gehen. Draußen ward es ſtets dunkeler, ſo daß man die ein⸗ zelnen Gegenſtände ſowohl in dem Garten als an dem neuen Hauſe nicht mehr unterſcheiden konnte. Die beiden Freunde ſaßen ruhig bei ihrer Lampe, die von Mücken und Nachtſchmetterlingen umſchwärmt ward. Plötzlich ſchien es, als ob ſich in der nahen Allee leichte Schritte vernehmen ließen. Dieſe Schritte kamen raſch näher. — Da iſt ſie! flüſterte Pontis ſeinem Freunde zu. Gratienne ſchlüpfte in der That aus den Geſträͤuchen hervor; ſie trat an das Fenſter, und ſagte in einem faſt ärgerlichen Tone: — Wenn Sie Licht haben, kann mein Fräulein ſich nicht nähern! — Fräulein! rief Pontis. Iſt ſie denn da? — Dort, zwiſchen den beiden Orangen. Esperance bemerkte einen Schatten. Er ſtreckte die Hand zurück und löſchte die Lampe aus. Gratienne lief zu ihrer Herrin. — Nun, was ſagte ich? fragte Pontis. Die Frauen ſind Schlangen. — 38— Esperance richtete ſich in ſeinen Kiſſen auf. 4 — Und Sie ſind ein Narr! antwortete er. Die beiden Frauen ſtanden vor dem Fenſter. Die am nächſten ſtehende war Gratienne; die andere, halb hinter ihr verſteckt, ſtützte ſich auf die Schulter ihrer Be⸗ gleiterin. — Pontis, biete der Dame einen Stuhl! ſagte Es⸗ perance zu dem Gardiſten, der unbeweglich blieb. Pontis ergriff einen Stuhl, ſchwang ihn durch das Fenſter und ſetzte ihn vor der bebenden Gabriele nieder. — Geh' und wache, Gratienne! ſagte ſie. Vorſichtig ging Gratienne in den Garten. — Wache, Pontis! ſagte nun auch Esperance. Der Gardiſt ſtieg aus dem Fenſter und traf in einiger Entfernung von dem Hauſe mit der Zofe zuſammen. Wie die zweier Statuen zeichneten ſich ihre Umriſſe auf dem grauen Hintergrunde des Horizontes ab. Als Esperance ſah, daß Gabriele noch nicht wagte, ſich zu nähern, ſagte er: — Ich bitte, ſetzen Sie ſich, mein Fräulein, man wird Sie weniger ſehen, als wenn Sie ſtehen. Ent⸗ ſchuldigen Sie mich, wenn ich Ihnen nicht entgegen⸗ komme, aber die Abendfriſche iſt den Wunden ſchädlich— ich bleibe mit Bedauern in dem Zimmer. Die Dunkelheit war ſo groß, daß der junge Mann unter dem Mantel, mit dem Gabriele ibren Kopf bedeckt, nichts unterſcheiden konnte.— — Ach, mein Herr, flüſterte eine ſo ſüße Stimme, — 39— daß ſie Esperance tief zu Herzen ging, Sie wollen mich auf eine Gefahr aufmerkſam machen? Demnach intereſ⸗ ſiren Sie ſich für ein armes, ſchutzloſes Mädchen? Ihre unerwartete Hülfe hat mich wieder ermuthigt. Sie kann mich retten— ſind Sie geneigt, mein Herr? — Ja, mein Fräulein! Aber ich bitte, ſetzen Sie ſich! — Ich ſoll mich ſetzen... Ich weiß nicht einmal, ob ich die Zeit haben werde, Ihnen Alles zu ſagen, was ich Ihnen ſagen möchte. Sie finden wohl meinen Schritt ſehr kühn, nicht wahr? Ach, wenn Sie wüßten, wie ungluͤcklich ich bin! Gerührt durch dieſe Töne, die faſt nichts Menſchliches hatten, näherte ſich Esperance. — Ich errathe, ſagte er. — Nein, Sie können es nicht errathen. Mein Gott, wer kommt da? Iſt es nicht mein Vater? — Nein, es kommt Niemand. Fürchten Sie nichts, unſere Wachen ſind auf der Huth. — Mein Vater hat mich nur auf einige Minuten verlaſſen. Er iſt hinausgegangen, um zu ſehen, ob die Hugenotten immer noch die Umgegend beſetzt halten; er könnte unvermuthet zurückkehren. Ich muß meine Gedan⸗ ken ſammeln. Gabriele bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. Es⸗ perance würde viel darum gegeben haben, wenn er hätte ſehen können, ob ihre Züge eben ſo ſanft waren, als ihre Stimme. — 40— — Ich wollte Sie davon unterrichten, ſagte er, daß eine gewiſſe Perſon Ihr Thun und Laſſen zu erforſchen ſucht. Nun erzählte er kurz, was er wußte, und verſchwieg auch die Gefahren nicht, die er fürchtete. — Ja, unterbrach ſie ihn haſtig, es ſind allerdings Gefahren vorhanden, aber mir drohen noch andere, weit ſchrecklichere. Die mir aufgezwungene Heirath ſoll nicht in vierzehn, nicht in acht Tagen ſtattfinden, mein Vater will, daß ſie ſogleich vollzogen werde. Ein nervöſes Zittern bemächtigte ſich Gabriele's, als ſie dieſe Worte ſprach. Thränen erſtickten ihre Stimme. — Faſſen Sie Muth, mein Fräulein! rief Esperance. Weinen Sie nicht, Sie zerreißen mir das Herz. Sie ſagten vorhin, meine Hülfe könne Sie retten— Wie? Wann? Welche Hülfe? O reden Sie, weinen Sie nicht! Das junge Mädchen lehnte fich auf die Fenſterbrüſtung, faltete die Hände und ſagte mit Heftigkeit: — Verſprechen Sie mir, mich mit geneigtem Ohre anzuhören, ſonſt bin ich verloren, denn Alles verläßt und verräth mich. — Mit ganzer Seele! Aber wer verräth Sie denn? — Urtheilen Sie. Mein Vater hat mir heute er⸗ klärt, daß Alles zu meiner Verheirathung vorbereitet ſei. Beſtürzt eilte ich zu meinem alten Freunde, zu dem Prior Dom Modeſtus, um mir Rath zu holen. Er und Bru⸗ der Robert ſind ſchon oft meine Vorſehung geweſen. Ich 41— ſchilderte ihnen meine traurige Lage. Alle meine Hoff⸗ nung hatte ich auf ſie geſetzt, denn ſie üben auf Herrn von Eſtrées einen großen Einfluß aus. — Und was geſchah? — Sie haben mich verlaſſen; ſie haben erklärt, daß ſie dem Willen eines Vaters nie entgegen ſein würden. Soviel ich auch bat und ſprach, ſie blieben unbeugſam. Die Verzweiflung trieb mich, zu Ihnen zu gehen, mein Herr, dem unbekannten Schützer, der mich dieſen Morgen durch Gratienne aufmerkſam machen ließ. Ich wußte, daß Sie Edelmann, daß Sie ein Gardiſt des Kö⸗ nigs find. — Ich nicht, aber mein Freund! unterbrach ſie Es⸗ perance. — Gleichviel, ich habe gewußt, daß Sie ein Freund Herrn Crillon's ſind, des biederſten und großmüthigſten Ritters der Welt. Ein Freund Crillon's, ſagte ich mir, wird ein junges Mädchen nicht in Schmerz und Angſt laſſen. Statt Gratienne zu ſchicken, bin ich nun ſelbſt gekommen, um Sie offen und frei um den Dienſt zu bitten, der allein mich retten kann. Verſprechen Sie mir, daß Sie einwilligen? — Wenn die Gewährung Ihres Wunſches möglich iſt.... — Sie iſt leicht. Es iſt nichts weiter nöthig, als Eile und Verſchwiegenheit. Ich habe nur einen, aber einen ſehr mächtigen Freund. Er iſt abweſend und weiß nicht, daß man mich zum Aeußerſten treibt. Wenn er — 22— es wüßte, würde er zu meiner Rettung herbeieilen. Er vermag Alles! — Ah, der König? fragte Esperance mit einem An⸗ fluge von Kälte, der Gabrielen nicht entging. — Ja, mein Herr, der König! flüſterte ſie, indem ſie das Köpfchen ſenkte. — Ich glaubte, Herr von la Varenne ſei geſtern hier im Kloſter geweſen. Hat er keine Nachrichten von Sr. Majeſtät mitgebracht? — Geſtern, ſtammelte Gabriele, war von der Be⸗ ſchleunigung dieſer Heirath noch nicht die Rede. Außer⸗ dem wird Herr von la Varenne nicht wiederkommen, be⸗ vor der König nicht ſelbſt erſcheint. Ach, wann wird dies geſchehen? Der König iſt völlig mit den Vorbe⸗ reitungen zu ſeinem Uebertritte beſchäftigt... Wenn man mich in ſeiner Abweſenheit verheirathete! Der arme Fürſt! Esperance ſeufzte. — Widerſetzen Sie ſich! ſagte er. — Ich habe es verſucht, aber der Kampf hat meine Kraft gebrochen. Einem Vater, wenn er ein Herr von Eſtrées iſt, kann man keinen Widerſtand entgegenſtellen. Und der König kommt mir nicht zu Hülfe... ach, es iſt um mich geſchehen! — Was ſoll geſchehen, mein Fräulein? ſagte Es⸗ perance. — Ich habe eilig einige Zeilen geſchrieben, die dem Könige auf der Stelle überbracht werden müſſen. Ach, — 43— mein Herr, für dieſen Dienſt würde ich Sie Zeit meines Lebens ſegnen! — Vielleicht leiſte ich Ihnen einen ſchlechten Dienſt damit, murmelte Esperance; aber ich bin nicht berechtigt, Ihnen meine Anſichten darüber mitzutheilen. Lieben Sie den König? — Er iſt ja ein ſo großer Fürſt, ein Held! — Ich begreife Ihren Enthuſtasmus, Ihre Liebe! — Meine Bewunderung... — Es bedarf Ihrer Vertheidigung nicht, mein Fräu⸗ lein. Käme es auf mich an, ſo würde ich Ihren Brief ſofort dem Könige überbringen; aber ich bin verwundet, krank. Ich kann nicht einmal gehen, viel weniger denn reiten. Aber mein Freund iſt im Stande, hundert Mei⸗ len zu reiten... wenn Sie ihm den Brief anvertrauen wollen. Ich verbürge mich für ſeine Verſchwiegenheit und Eile. — O, wie ſoll ich mich Ihnen dankbar zeigen! Hier iſt der Brief. Ich wünſche, daß Sie recht bald geſund werden mögen, mein Herr! — Und ich wünſche Ihnen viel Glück, mein Fräulein! Ein Hundegebell ließ ſich von dem neuen Hauſe her vernehmen. Die beiden Wächter zogen ſich haſtig zurück, wie Schildwachen auf ihren Poſten. Die beiden jungen Mädchen waren bereits wie Schwal⸗ ben entflohen, aber noch fühlte Esperance den wohlwol⸗ — 4.— lenden Händedruck Gabriele's, er ging von der Hand in das Herz über. — IFſt denn in dieſem Briefe Feuer enthalten? mur⸗ melte Esperance. Er erinnerte ſich, daß dieſes Papier, bevor es in ſeine Hände übergegangen, auf Gabriele's Buſen erwärmt worden war. Am nächſten Morgen kleidete ſich Esperance melan⸗ choliſch an. Tauſend Gedanken durchflogen ſeinen Geiſt, der ihm noch kränker, als ſein Körper zu ſein ſchien. Plötzlich ward die Thür geöffnet und eine Kapuze trat ein Es gab nur eine Kapuze von dieſem pedantiſchen Anſehen, nur eine, die ſich ſo majeſtätiſch wiegte. CEsperance erkannte den Bruder Robert, der die ge⸗ wöhnliche Herzensſtärkung brachte. Der Mönch ließ ſeine Blicke durch das Zimmer ſchweifen, als ob er Jemanden ſuchte. — Ich ſehe Ihren liebenswürdigen Geſellſchafter nicht, mein lieber Bruder? — Pantis iſt ausgegangen, mein lieber Bruder! antwortete Esperance. — Ah, ausgegangen! Es thut mir leid. Wir ha⸗ ben Diener und Domeſtiken genug, welche die Aufträge unſerer Gäſte beſorgen können. Man hätte Ihrem Freunde, dem Herrn Pontis, dieſe Mühe erſparen können. Esperance ſchwieg, denn er konnte nicht lügen. — — 45— — Es thut mir um ſo mehr leid, fuhr Bruder Ro⸗ bert fort, da Herr Pontis zu Pferde geſtiegen ſein muß. Als ich vorhin durch die Ställe ging— heute wird näm⸗ lich der Futtervorrath ausgetheilt— ſah ich ſein Pferd nicht mehr an der Krippe. Bei dieſen Worten ſah Bruder Robert den jungen Mann mit einem durchdringenden Blicke an. Esperance blieb ſtumm. — Demnach ſcheint er weit gegangen zu ſein, ſagte der Mönch. — Sehr weit, lieber Bruder. Der Mönch ſetzte ſich auf dieſelbe Stelle des Fenſters, wo Abends zuvor Gabriele die Hand des Verwundeten gedrückt hatte. — Herr von Crillon hat ihm befohlen, Sie nicht zu verlaſſen, fügte Bruder Robert hinzu. Er begeht ein Unrecht, indem er den Befehlen des Ritters nicht ge⸗ horſam iſt. Esperance erröthete. — Die jungen Leute, fuhr der Mönch fort, begehen oft Fehler, entweder weil ſie zu wenig Geiſt, oder zu viel Herz beſitzen. Der gerade Weg iſt der beſte. Der verwirrte Esperance antwortete: — Halten Sie ſich verſichert, mein lieber Bruder daß ſich Pontis auf einem geraden Wege befindet. — Das kommt darauf an! ſagte Bruder Robert. Esperance zitterte. Das Geheimniß lag ſchwer auf ſeiner Seele. — 6= — Sie wiſſen Alles? fragte er. — Ich weiß nichts, antwortete kalt der Mönch. Aber da Herr Pontis ausgeritten iſt, ſo ſchließe ich, daß er wichtige Gründe dazu haben muß. — Sehr wichtige! — Um ſo ſchlimmer! ſagte der Mönch. — Urtheilen Sie ſelbſt, mein lieber Bruder, ſagte Esperance, der glücklich war, einen Theil der Verant⸗ wortlichkeit von ſich abwälzen zu können. Konnten zwei junge Leute, die das Herz auf dem rechten Flecke haben, kaltblütig die Ungerechtigkeiten anſehen, die man hier begeht? — Begeht man hier Ungerechtigkeiten? fragte Bruder Robert mild. — Und Sie ſelbſt reichen die Hand dazu, denn Sie haben ſie angerathen, oder wenigſtens doch verdolmetſcht. Anſtatt die junge Dame zu retten, geben Sie zu, daß man ſie opfert. — Ich verſtehe nicht ein Wort davon, mein theurer Bruder. — Sie wiſſen nicht um das Unglück des Fräuleins von Eſtrées? Sie kennen die Gewaltthätigkeit nicht, die man an ihr verübt? — Ich wußte nicht einmal, daß Sie das Fräulein kennen, ſagte der Mönch mit einem Blicke, der Esperance⸗ erröthen machte. — Ich habe ſie jetzt erſt kennen gelernt. — Und Sie tadeln ihren Vater? — Weniger ihn, als den künftigen Gatten. Es iſt ſchändlich, wenn ſich Jemand zu dem Werkzeuge hergiebt, mit dem ein Vater ſeine Tochter martert! — Ein rettendes Heilmittel iſt immer bitter. — Gut; aber ein Ehemann iſt mitunter ein wenig zu bucklicht. — Solche Unterſcheidungen ſind für uns arme Mönche zu weltlich! ſagte Bruder Robert mit Salbung. Wir dürfen uns in die Angelegenheiten Anderer nicht miſchen. — Glücklicherweiſe denke ich nicht wie Sie! rief Esperance. Bruder Robert hob den Kopf empor, als ob er nicht recht gehört hätte. — Während wir hier ſprechen, fuhr Esperance fort, entwirren ſich mancherlei Dinge, die Sie verwirrt haben, und ich bekenne ohne Scheu, da ich im Herzen feſt da⸗ von überzeugt bin, daß Sie mir beipflichten, denn Sie ſind ein würdiger, humaner, wohlthätiger und geiſtreicher Mönch, und Ihre Kapuze kennt nur halb Ihre Geſin⸗ nung über unſere weltlichen Schwächen. Sollten Sie mich aber dennoch tadeln, ſo antworte ich Ihnen, daß ich kein Mönch bin, daß ich Mitleid mit einem jungen, ge⸗ opferten Mädchen habe, und daß ich bei einem kleinen Complotte gegen den künftigen Mann deſſelben mit⸗ wirke.. — Bei einem Complotte? — In dieſem Augenblicke theilt es Pontis Jemandem — 48— mit, einer ſehr mächtigen Perſon, die ihre Maßregeln ſchon ergreifen wird. — Dann müſſen ſie ſehr raſch ergriffen werden! ſagte lakoniſch Bruder Robert. — Raſch und entſchieden. Dieſen Abend werden Sie ſehen... — Bedürfen Sie dieſen Morgen nichts, mein lieber Bruder? Brauchen Sie Niemanden, um Ihren Geſell⸗ ſchafter zu erſetzen? — Ich danke! ſagte Esperance, der den Wunſch des Mönchs errieth. Und ſomit gab er das Geſpräch auf. Plötzlich klopfte man an die Thür, und eine dünne Stimme rief draußen: — Bruder Robert, ſind Sie da? — Treten Sie ein! ſagte Esperance. Nikolas von Armeval trat ein. — Ach, da finde ich Sie endlich, theurer Bruder! rief der beſtürzte Edelmann. Seit einer halben Stunde ſuche ich Sie... ich habe Ihnen Dinge von Wichtigkeit mitzutheilen. Nein— gehen wir nicht hinaus! Guten Morgen, Herr Esperance, wie geht es Ihnen heute? Recht gut! O, das freut mich! Und Ihrem Freunde? Das iſt ja vortrefflich! Nein, theurer Bruder Robert, gehen wir nicht hinaus, eine liebenswürdigere Geſellſchaft als die dieſes Herrn würden wir nicht finden. Der Herr iſt mein Freund. So muß ich Ihnen denn ſagen, mein ſehr theurer Bruder, daß wir ein Complott entdeckt haben. — — 49— Wenn ich ſage wir, ſo verſtehe ich darunter Herrn von Eſtrées und einen anonymen Freund, der ihm Nachricht davon gegeben... ich vermuthe, es iſt der liebe. Prior... eine Nachricht von der höchſten Wichtigkeit. Ja, es muß der ehrwürdige Dom Modeſtus geweſen ſein, der Mann, der Alles weiß, meine Vorſehung! Kurz, ich ſuchte Sie — ich habe Sie gefunden— Alles iſt in Ordnung! Dieſe Fluth von Worten, von lebhaften Pantomimen begleitet, veranlaßte den Mönch weder zu einer Geberde, noch zu einer Aeußerung. — Was iſt in Ordnung? fragte Esperance. — Es läßt ſich vermuthen; wir handeln, man greift uns an, wir wehren uns. Ich bitte Sie, Bruder Ro⸗ bert, geben Sie die letzten Befehle. — Was für Befehle? fragte der Mönch. — Herr von Eſtrées iſt dieſen Morgen ſchon ganz früh zu dem Herrn Prior gegangen; aber Dom Modeſtus war nicht ſichtbar. Herr von Eſtrées hat ihm nun dieſe geheimnißvolle Nachricht mittheilen laſſen und ihn in dieſer kritiſchen Lage um Rath gefragt. Sie iſt in der That kritiſch, denn wenn der geheimnißvolle Freund recht un⸗ terrichtet iſt, ſo entführt man uns Fräulein von Eſtrées vor der Heirath. Esperance machte eine Bewegung, die der künftige Gatte für eine Beileidsäußerung hielt. — Ja, mein Herr, ſagte er, man will nichts Anderes, als ſie uns entführen! Ohne den unbekannten Freund würde es geſchehen. Gabriele. IV Esperance ſah den Mönch an, der unbeweglich unter ſeiner Kapuze blieb. — Was hat der Prior geantwortet? fragte Esperance, deſſen Herz klopfte. — Drei Worte nur, aber was für Worte!„Beeilen Sie ſich!“ Und wir haben uns beeilt. Erſchreckt erhob ſich Esperance. — Die heftigen Bewegungen ſind ſchädlich! ſagte Bruder Robert, indem er den jungen Mann durch die einfache Berührung mit ſeinem Finger zurückhielt. Und wir haben uns beeilt? wandte er ſich dann zu dem Herrn von Armeval. — Ich komme, um Sie im Namen des Priors und des Herrn von Eſtrées zu bitten, Alles zu dieſem Zwecke anzuordnen. — Ich werde dem ehrwürdigen Prior gehorchen! ſagte Bruder Robert. Kommen Sie, Herr von Liancourt. — Ich möchte mit dieſem Herrn noch einige Worte ſprechen! rief Esperance, indem er den zukünftigen Gat⸗ ten zurückhielt. Aber Sie, theurer Bruder, halte ich nicht zurück. — So werde ich warten, bis Sie zu Ende find! ſagte ruhig der Mönch. — Wollen auch Sie mir einen Wink geben? fragte Herr Nikolas. — Viielleicht. — Ich höre! — Es iſt ein wohlgemeinter Wink, fügte Esperance hinzu, wenn man einem Edelmanne Ueberlegung anräth, und zwar in dem Augenblicke, wo er einen ſo harten Entſchluß faßt. Herr von Liancourt ſah ihn mit großen Augen er⸗ ſtaunt an. — Es ſteht Ihre Ehre auf dem Spiele! fuhr der junge Mann fort. — Nicht wahr, rief der Zukünftige, nicht wahr, meine Ehre ſteht auf dem Spiele? Denken Sie nur, alle meine Freunde erwarten ungeduldig das Ende dieſer lächerlichen Geſchichte. Man kennt meine Verlobung mit Fräulein von Eſtrées, man ahnt die Nachſtellungen des Königs. Jeder fragt ſich ſpöttelnd: wird er ſie bekom⸗ men? Das iſt ſehr läſtig. Nun, wir werden ja ſehen, wie es endet! — Sie haben den Sinn meiner Worte nicht richtig gefaßt, ſagte Esperance. Ihre Ehre ſteht auf dem Spiele, wenn Sie eine Frau heirathen, die eine Verbindung mit Ihnen nicht will. — Ah, das iſt mir ſehr gleichgiltig! rief der kleine Mann. Das findet man ſtets bei den jungen Mädchen. Lieber Herr, meine erſte Frau hat dieſelben Schwierig⸗ keiten gemacht, man hat ſie zu der Heirath zwingen müſſen. Einen Monat ſpäter wäre ſie durch's Feuer ge⸗ laufen, um mir zu folgen. Kommen Sie, Bruder Ro⸗ bert, treffen wir unſere Vorbereitungen. — Ich bitte Sie noch einmal, die Sache zu über⸗ 4* — 52— legen, ſagte Esperance; Sie könnten ſich ſehr gefährliche Feinde zuziehen. — Wir haben Geſetze! rief der kleine Mann mit Emphaſe. — Die Geſetze werden Ihnen keinen Schutz gegen die allgemeine Verachtung verleihen! ſagte Esperance er⸗ bittert. — Mein Herr, wenn Sie nicht verwundet, wenn Sie nicht krank wären...! rief Herr von Armepal, indem er mit gascogniſcher Prahlerei emporfuhr. Esperance wollte ihm heftig antworten; Bruder Ro⸗ bert verhinderte es dadurch, daß er dem kleinen Manne einen gebietenden Blick zuwarf. — Mein Bruder, ſagte er zu dem Zukünftigen, Sie verſtehen die klugen Worte des Herrn Esperance nicht. Er iſt ein zu wohlerzogener Edelmann, um in einem hei⸗ ligen Hauſe, deſſen Gaſt er iſt, Streit hervorzurufen. Er will nur ſagen, daß Ihnen mancherlei Unannehnlichkeiten erwachſen würden, wenn Ihre Frau ſpäter auf den Ge⸗ danken kommen ſollte, ſich an Ihnen zu rächen. — Gut, Gut! ſagte der kleine Mann, den die ruhige Haltung Esperance's von dieſer Deutung überzeugte. Ob früher oder ſpäter, ich ſtehe für die zweite Frau von Lian⸗ court wie für die erſte. Und da Herr Esperance es nur gut mit mir meint, ſo hält mich nichts mehr ab, ihm als Freund zu ſagen: Kommen Sie dieſen Abend zu meinem Schwiegervater nach Bougival zum Nachteſſen, vort werden Sie uns nach der Ceremonie finden. Um — 53— nicht unklugerweiſe Aufſehen zu erregen, werden wir nur wenig Freunde in der Kirche, deſto mehr aber bei der Hochzeit haben. Man wird lachen, dafür verbürge ich mich, man wird viel lachen und die Neidiſchen verhöhnen! Alſo abgemacht, Herr Esperance, Sie ſind unſer Gaſt, ebenſo auch der andere Edelmann, der Gardiſt des Kö⸗ nigs. Ah, ich werde einen Gardiſten des Königs bei meiner Hochzeit als Gaſt haben! Das iſt pikant! Aber ich ſehe dieſen Edelmann nicht— wo iſt er? — Er beſorgt einen Auftrag, antwortete raſch Bru⸗ der Robert. 3— Er iſt deshalb nicht weniger eingeladen. Gehor⸗ chen wir alſo ſchnell dem hochwürdigen Prior, lieber Bruder, und beeilen wir uns, damit in einer Stunde Alles vorbei iſt. Auf Wiederſehen, Herr Esperance. Kom⸗ men Sie nicht zur Kapelle, es ermüdet Sie— ſparen Sie Ihre Kräfte für den Abend auf. Nach dieſen Worten entfernte er ſich. Bruder Robert heftete noch einen langen Blick auf Esperance, als ob er in dem Grunde ſeiner Seele leſen wollte— dann folgte er dem zukünftigen Gatten. — Ich habe Alles für ſie gethan, was mir zu thun möglich war! flüſterte Esperance, als er allein war. Jetzt iſt es an dem Könige, ihr Hülfe zu bringen; an ihr iſt es, ſich zu vertheidigen und Zeit zu gewinnen. O, ſie wird ſich ſchon zu helfen wiſſen, die Frauen beſitzen ja ſtets irgend ein Hilfsmittel! Kaum hatte er dieſe Betrachtung beendet, als ein leiſes — — 52— Klopfen an dem Fenſter ihn erzittern machte. Er ſah nach dem Fenſter. Gratienne ſteckte ihren Kopf hinter einem Blumentopfe hervor. Sofort öffnete er, und ein kleines Packet ftel in die Mitte des Zimmers. Gratienne verſchwand in der ſchattigen Allee. Esperance öffnete nun einen Umſchlag, der einen Brief einſchloß. Die ungleichen, mit Thränen genäßten Zeilen verriethen ihm die Herzensangſt, mit der ſie erdacht, und das Zittern der Hand, mit dem ſie geſchrieben. Eifrig las er: „Ich bin verrathen. Um mir das letzte Hülfsmittel zu rauben, hat man nach einer neuen Unterredung den feſten und unumſtößlichen Entſchluß gefaßt, mich zum Al⸗ tare zu ſchleppen. Ich würde bereits todt ſein, wenn ich nicht einer Perſon, die meine Schwüre empfangen, mein Verfahren erklären müßte. Nehmen Sie meinen Dank, mein Herr, für Ihre Großmuth. Danken Sie auch Ih⸗ rem Freunde, der ſich einer ſo vergeblichen Mühe unter⸗ zogen hat. Nun habe ich Sie noch um eine Gefälligkeit zu bitten. Verlaſſen Sie mich in der Kapelle nicht, wo Gott ſelbſt mich verlaſſen wird. Wohnen Sie der Cere⸗ monie bei, damit ich einen Freund in meiner Nähe habe, deſſen Mitgefühl mir Troſt gewährt. Da ich Ihre Züge noch nie geſehen habe, da ich ſie kennen lernen will, um ſte nie wieder zu vergeſſen, ſo tragen Sie Sorge, daß ich Sie in dem Garten finde, durch den ich gehen muß. Setzen Sie ſich auf die Bank bei der Fontaine, meine — 55— thränenſchweren Augen werden Ihnen ſagen, was mein dankbares Herz an Freundſchaft für Sie empfindet.“ Der Umſchlag enthielt außer dem Briefe ein Armband, auf deſſen Agraffe der Name Gabriele's in kleinen Perlen geſchrieben ſtand. — Auch ich habe ſie noch nicht geſehen! dachte er— O, daß wir uns an einem ſo traurigen Tage kennen ler⸗ nen müſſen! Da läutete die Glocke. Gerührt begab ſich der junge Mann an den beſtimmten Ort und ſetzte ſich auf die Bank neben der Fontaine. Kaum hatte er ſich bei dem ſanften Rauſchen des Waſſers ſeinen Gedanken überlaſſen, als ſich in dem Gar⸗ ten des neuen Gebäudes Stimmen vernehmen ließen. Die Thür öffnete ſich, und die große Allee herab, deren Mittel⸗ punkt die Fontaine bildete, bewegte ſich der Brautzug der Kapelle zu. Herr von Eſtrées führte ſeine Tochter an der Hand. Er war nachdenkend, beſorgt. Seine Züge verriethen den Kampf noch, aus dem er als Sieger hervorgegangen. Die bleiche Gabriele, deren Augen vor Zorn und Verzweiflung glühten, ſah um ſich, entweder um eine unerwartete Hülfe, ein Wunder des Himmels, zu ſuchen, oder wenigſtens doch den Freund, den ſie gerufen hatte. Endlich kam ſie bei der Fontaine an, welche durch ein Roſengebüſch verdeckt ward. Esperance ſtand auf, damit ſie ihn beſſer ſehen könne. Zugleich ſah er nun auch die arme Braut. Indem beide — 36— ſich anblickten, wurden ſie von ein und demſelben Ge⸗ fühle durchbebt. Sie hatte nie geahnt, daß es eine ſo edle Schönheit, einen ſo rührenden Ausdruck des Schmer⸗ zes, eine ſo achtungsvolle Anmuth geben könne. Dem jungen Manne erſchien die ſtrahlende Schönheit wie ein poetiſcher Traum. Eine ſo vollkommen göttliche Schönheit konnte es keine zweite in der Schöpfung geben. Geblendet und beſtürzt trat er ihr einen Schritt entgegen, und blieb, von ihrem Blicke bezaubert, entzückt ſtehen. Ihre troſtloſen Blicke hatten ihm ein Lebewohl ſagen wollen — jetzt erglänzten ſie, und ſagten: auf Wiederſehen! Herr von Eſtrées führte ſeine Tochter weiter, die ſich immer noch umſah. Esperance ward durch dieſen Blick mit fortgezogen, er bemerkte nicht einmal, daß ihn Herr von Liancourt bei der Hand ergriffen hatte und zur Ka⸗ pelle führte. Eine halbe Stunde ſpäter hieß Gabriele Frau von Liancourt. Esperance hielt den Kopf mit beiden Händen bedeckt und betete. Schwiegervater und Schwiegerſohn wünſchten ſich ge⸗ genſeitig in warmer Ergießung Glück. — Jetzt, rief Herr von Eſtrées, iſt die Ehre gerettet! Ihnen liegt es ob, mein Sohn, ſie zu erhalten! Gabriele, in Thränen aufgelöſ't, lehnte an einem Pfei⸗ ler der Kapelle. Einige Worte, die der Bruder Sprecher mit ihr wechſelte, belebten ſie nach und nach wieder, wie der Thau die welken Blumen. — Freunde, rief Herr von Armeval, laßt uns der Freude huldigen! Umgeben wir die junge Gattin mit Scherzen, damit ſie die kleinen Sorgen des jungen Mäd⸗ chens völlig vergeſſe. — Mein Kind, ſagte Herr von Eſtrées zu ſeiner Tochter, es gab nur ein Mittel, Ihre Ehre zu retten, und ich habe dieſes Mittel angewendet. Verzeihen Sie es mir. Meine Liebe zu Ihnen iſt zu groß, als daß ich Ihre Schande ertragen könnte. Jetzt ſchulden Sie mir keinen Gehorſam mehr. Die allgemeine Achtung wird Sie für einige ehrgeizige Träume entſchädigen. Kehren wir nun zu unſerm Hauſe in Bougival zurück. Der Bruder Sprecher näherte ſich dem Herrn von Eſtrées. — Noch nicht! ſagte er leiſe und geheimnißvoll. Man hat verdächtige Reiter das Kloſter umſchwärmen geſehen. Reden Sie mit dem Prior, und verbergen Sie ſorgfältig Ihre Tochter in dem neuen Hauſe. Langſam entfernte er ſich, nachdem er Herrn von Liancourt ein Zeichen gegeben. Dieſer folgte dem Sprecher und verließ die Kapelle. — Was giebt es denn? fragte er, den Bruder Ro⸗ bert umtanzend. — Faſt Nichts, außer der Ankunft der königlichen Reiter. — Welcher Reiter? fragte der kleine Mann, der bei dem Namen des Königs erzitterte. — Derjenigen, die Fräulein von Eſtrées entführen ſollen. — 58— — Sie kommen zu ſpät! rief Herr von Liancourt, indem er lachend die Spitzen ſeiner Zähne zeigte. — Um Gabriele zu entführen, ja; aber es iſt noch Zeit genug, um Sie zu entführen. — Mich? — Ohne Zweifel. Es iſt ihre Abſicht, und man ſucht Sie zu dieſem Zwecke. — Man ſucht mich? rief der Bucklichte beſtürzt. Dann werde ich entfliehen und das Haus von Bougival auf ge⸗ wiſſen Umwegen zu erreichen ſuchen, die ich kenne. — Ich fürchte, daß man Sie ergreifen wird, wenn Sie draußen ſind! ſagte ruhig Bruder Robert. — Das iſt ſchändlich! — Abſcheulich! — Was ſoll ich thun? — Ich würde ſelbſt in Verlegenheit ſein, wäre ich an Ihrer Stelle. — Wenn ich nun den ehrwürdigen Prior bäte, daß er mich hier verſteckte? Ein Kloſter iſt ein Zufluchtsort. — Der Gedanke iſt gut. Aber ſeien Sie verſchwie⸗ gen, denn es giebt hier vielleicht Spione. — O, verbergen Sie mich, verbergen Sie mich! bat der vor Schrecken verwirrte Nikolags. — Da Sie es wollen, werde ich Sie verbergen, ſagte Bruder Robert, indem er dem kleinen Manne voranging, der ihn antrieb, ſeine Schritte zu beſchleunigen. Man kam zu einem dunkeln Gange hinter der Ka⸗ — 59— pelle. Dann ſtieg man einige Stufen hinab, und der Mönch öffnete die Thür eines finſtern Verſtecks. — Wie ſchwarz! murmelte der kleine Mann, dem jetzt ſchon die Haut ſchauderte. — Schwarz, aber ſicher! antwortete Bruder Robert, indem er den Neuvermählten hineindrängte. — Sie ſind ein Engel! ſtammelte Herr Nikolas, deſſen Zähne vor Furcht klapperten. Bruder Robert ſchloß dreimal die Thuͤr hinter ihm, und ſtieg, ſtill lächelnd, die Stufen wieder hinan. 4. Die Abſchwörung. Der Sonntag des 25. Juli 1593 war für Frankreich ein hoher Feſttag. Von dem früheſten Morgen an hörte man auf dem Lande die dröhnenden Glocken von Saint⸗Denis, deren Hallen ſich mit dem Geläute der Dörfer miſchte, und vereint mit dem Kanonendonner das ſchweigende Paris und ſeine argwöhniſchen Vorſtädte einlud. Reitende Boten durchkreuzten ſich auf allen Wegen, berührten Dörfer und Weiler, und ſtreuten ſelbſt Briefe an den Thoren von Paris aus, die das Volk von dem Uebertritte des Königs unterrichteten und einluden, der Ceremonie in Saint⸗Denis beizuwohnen, und zwar ohne Paß, ohne irgend eine Förmlichkeit; es ward Allen Frei⸗ heit und Sicherheit verbürgt. Freude und Jubel waren unermeßlich. Mit Eifer ergriff man die Briefe und hörte die Berichte der könig⸗ lichen Boten. Auf einen Befehl der Frau Montpenſier waren alle Thore von Paris geſchloſſen, und jedem Pariſer ohne Ausnahme hatte man bei ſtrenger Strafe unterſagt, nach ———ÿ—ꝛxy — 61— Saint⸗Denis zu gehen. Aber deſſenungeachtet hatte eine große Zahl jener Kühnen, die Alles wagen und Nichts fürchten, ſelbſt den Galgen nicht, wenn es ſich um ein ſehenswerthes Schauſpiel handelt, die Mauern überſtiegen, ſo daß man von allen Punkten der ungeheuern Stadt große Haufen Männer und Frauen auf das Land eilen ſah. Als ſie einmal die Stadt hinter ſich hatten, lachten, tanzten und ſangen ſie vor Freude; durch ihre große An⸗ zahl ermuthigt, ſpotteten ſte der ſpaniſchen Soldaten und der liguiſtiſchen Bürger, die ihnen wüthend von den Mauern herab nachſahen. War der Eifer, der Ceremonie beizuwohnen, von Paris nach Saint⸗Denis ſchon ſo groß, ſo zeigte er ſich nicht minder auf dem freien Landſtriche zwiſchen Saint⸗ Germain, Pontoiſe und der Abtei Dagobert. Der Ein⸗ ladung des Königs und den Reizen des ſchönſten Monats im Jahre folgend, ſah man überall feſtlich geſchmückte Männer und Frauen, ihre Kinder auf Eſeln und Wagen mit ſich führend, Flecken und Dörfer verlaſſen; alle Wege zwiſchen den blühenden Kornfeldern wogten. In dem Schloſſe von Ormeſſon, bei den Entragues, ſah man um ſechs Uhr Morgens ſchon die reich geſchirr⸗ ten Pferde in dem großen Hofe; ſie ſchienen verachtend auf ein mit Schweiß und Staub bedecktes Roß zu blicken, das ſo eben angekommen war und noch keuchte. Reich gekleidete Pagen und Diener prüften noch ein⸗ mal ihre ſorgfältig gemachte Toilette. Man war zur Abreiſe bereit, und wartete nur der Schloßherrin, die ſich — 62— noch in ihrem Kabinette befand und mit Hülfe dreier Kammerfrauen das Alter von vierzig Jahren zu bekämpfen eifrig bemüht war. Herr von Entragues, ſtrahlend wie eine Sonne, ver⸗ ließ zuerſt ſein Zimmer, um mit dem Auge des Herrn und Gebieters die Equipagen zu betrachten. Er war zufrieden; ſein Haus mußte in Saint-Denis eine gute Meinung erwecken. Nun ging er nach dem Pavillon unter den Feigen⸗ bäumen, um zu ſehen, ob er auch mit ſeiner Tochter zufrieden ſein könne. Zehn Schritte von Henriette's Pavillon traf er La⸗ ramée, der, wie immer, als Jäger gekleidet war. Der junge Mann, bleicher und düſterer als ſonſt, grüßte Herrn von Entragues, ohne ihn anzuſehen. — Guten Morgen, Laramée! ſagte Henriette's Vater. Sie ſind ſchon ſo früh in Ormeſſon? Haben auch Sie, der eingefleiſchte Liguiſt, ſich bekehrt, da Sie gekommen find, dem Uebertritte des Königs zum Katholicismus beizuwohnen? Laramée biß ſich in ſeine ſchmalen Lippen. — Ich habe meine Geſinnung durchaus nicht ge⸗ ändert, antwortete er; eben ſo wenig iſt es meine Abſicht, jenem Uebertritte beizuwohnen, von dem zu ſprechen Sie mir die Ehre erzeigten. Frau von Entragues hat mich veranlaßt, ihr Nachricht von meinem Vater zu bringen — es geſchieht hiermit. Ich wußte nicht, daß Sie nach —. 68— Saint⸗Denis gehen würden, um der Ceremonie des Re⸗ negaten beizuwohnen. — Laramée, ſagte Herr von Entragues zornig, aus Rückſicht für Ihren Vater, den wir, ich und meine Frau, lieben, zählen wir Sie zu unſern Freunden; aber ich muß Ihnen bemerken, daß Ihre Ausdrücke den Heiden und Liguiſten auf eine unerträgliche Weiſe merken laſſen. — Ich glaubte, antwortete Laramée, grün und blau vor Wuth, ich glaubte, Herr von Entragues ſei vor vierzehn Tagen auch noch Liguiſt geweſen. — Wenn ich es vor vierzehn Tagen war, ſo küm⸗ mert Sie das nicht. Daß ich es heute nicht mehr bin, ſteht feſt. Ich liebe mein Vaterland, und diene meinem Gotte. Einem ketzeriſchen Fürſten habe ich mich wider⸗ ſetzt; einem katholiſchen Könige entgegenzutreten, habe ich nicht mehr das Recht. Ihnen ſteht es frei, nach Belieben zu denken und zu glauben; aber ich erſuche Sie, durch Ihre Läſterungen mein Ohr nicht zu beleidigen und mein Haus nicht zu compromittiren. Zitternd vor Zorn verbeugte ſich Laramée; ſeine Au⸗ gen hätten den Herrn von Entragues erdolcht, wenn der Haß tödtete. Herr von Entragues ging der Treppe Henriette's zu. — Wenn Sie Frau von Entragues ſuchen, ſagte er zu Laramée, ſo benachrichtige ich Sie, daß ſie hier nicht zu finden iſt. — Verzeihung, murmelte Laramée, ich glaubte, ſie ſei bei Henriette! — 6½— Er wandte ſich, um weiter zu gehen. Da erſchien Henriette oben auf der Treppe. — Guten Morgen, Vater! rief ſie, indem ſie vor⸗ ſichtig die Treppe herabſtieg, um ſich nicht in die Falten ihres langen Reitkleides zu verwickeln, deſſen Schleppe ein Page und eine Kammerfrau nachtrugen. Wie angewurzelt blieb Laramée bei dem Tone dieſer Stimme ſtehen; die Beleidigungen aller Entragues der Welt würden ihn nicht vermocht haben, einen Zoll weit zu weichen. Schönheit und Toilette verliehen Henriette einen wunderbaren Glanz. Ihr mit Perlen und Gold geſticktes Kleid von grauer Seide, das kleine rothe Sammtbaret mit einem feinen, weißen Reiherbuſche, der kleine gewölbte Fuß in den Stiefelchen von rother Seide, und das feſte und runde Bein, das ſich bei jedem Schritte verrieth, entlockten dem Vater einen Ausruf der Genugthuung; Laramée ſtieß einen dumpfen Seufzer der Bewunderung ſeiner Abgöttin aus. — Du biſt ſchön, ſehr ſchön! ſagte Herr von Entra⸗ gues. Deine Toilette iſt äußerſt elegant. Senke Deinen Kopfputz ein wenig zur Seite. Dein Blick erhält dadurch eine größere Lebendigkeit. Ich finde Dich ein wenig bleich. Jetzt bemerkte Henriette Laramée. Alle Freundlichkeit verſchwand aus ihrem Geſichte. Sie ſah ihn ernſt an und grüßte den jungen Mann ſchweigend. — Deine Mutter muß bereit ſein, gehe und hole ſie! ſagte Herr von Entragues, während er im Gehen jede — 65.— Falte und jede Einzelnheit der Toilette Henriette's wohl⸗ gefällig betrachtete. Laramée war vergeſſen. Henriette, vom Sonnenlichte übergoſſen und wie berauſcht von Stolz, athmete die mit Blumenduft geſchwängerte Luft; ein Beifallsgemurmel der herbeigeeilten Landleute und Diener erhob ſich, als ſie erſchien. Herr von Entragues verließ auf einen Augenblick ſeine Tochter, um ſich nach der Mutter zu erkundigen. Laramée benutzte ſeine Abweſenheit, um ſich Henriette zu nähern und ſie zu fragen: — Sie erwarteten mich wohl heute nicht? Sie erröthete. Verdruß und Ungeduld legten ihre Stirn in Falten. — Aus welchem Grunde hätte ich Sie erwarten ſollen? ſagte ſie. — Es wääre liebreich geweſen, mich zu benachrich⸗ tigen, denn ich würde mich vorbereitet und danach ge⸗ trachtet haben, Ihre Cavalcade nicht zu verunzieren. — Ich konnte nicht denken, daß ein ſo eifriger Liguiſt, wie Sie ſind, entſchloſſen ſei, heute nach Saint⸗ Denis zu gehen. — Sie wiſſen es wohl, Henriette, daß ich mich für Sie zu Allem entſchließe, antwortete Laramée mit Affec⸗ tation. Dieſe Worte betonte der junge Mann ſo abſichtlich, daß Henriette noch bläſſer ward. Gabriele. IV. 5 — 66— — Still, ſagte ſie, mein Vater kommt mit meiner Mutter. Laramée trat langſam einen Schritt zurück. Nun erſchien, majeſtätiſch wie eine Königin und ſtrah⸗ lend wie ein Reliquienkäſtchen, die edele Dame von En⸗ tragues. Ihre Toilette ſchwankte zwiſchen den Erinnerungen an ihren erſten Frühling und den Anforderungen ihres Herbſtes. Es war ihr unmöglich geweſen, das Schnür⸗ leib von 1573 dem weniger bequemen, aber auch weniger feierlichen Bruſtlatze von 1593 ganz zu opfern; ungeachtet dieſes Schwankens zwiſchen Jung und Alt, war ſie noch ſchön genug, daß Henriette bei ihrem Anblicke Laramée und die Welt vergaß, daß ſie wieder eine Frau ward, die ſich mit dem Aufſuchen der Fehler einer Toilette be⸗ ſchäftigte. Der entzückte Herr von Entragues konnte ſich einen Augenblick für den König von Frankreich halten, den die Gnade dieſer Gottheit dazu gemacht. Die Schloßdame benahm ſich Laramée gegenüber nicht ſo ſtolz, wie Henriette. Schon von Weitem lächelte ſte ihm entgegen und rief ſeinen Namen. — Während ich mich mit Herrn von Laramée unter⸗ halte, führe man die Pferde vor! ſagte ſie. Alles beeilte ſich, dem Befehle zu gehorchen. Herr von Entragues ſelbſt leitete die Stallmeiſter und Pagen. Marie Touchet blieb mit Laramée allein. — Wie geht es mit der Geſundheit Ihres Vaters? fragte ſie. — —— — 67— — Der Arzt hat mir mitgetheilt, Madame, daß mein Vater dieſen Monat nicht mehr überleben würde. — Ach, der arme Edelmann! ſagte Marie Touchet. Aber tröſten Sie ſich, denn wenn Sie auch Ihren Vater verlieren, es bleiben Ihnen ja Freunde. Laramée verbeugte ſich nachläſſig, während er Hen⸗ rietten betrachtete, die ſich anſchickte, zu Pferde zu ſteigen. — Bringen Sie Neues über den Verwundeten? fragte raſch Marie Touchet, indem ſie ihre Hand, die ein zarter Handſchuh bekleidete, auf ſeine Schulter legte. — Nichts, Madame. Soviel und emſig ich auch ſeit jenem Tage forſchte, ich habe Nichts erfahren. Die Blutſpuren wurden, wie Sie wiſſen, durch den Fluß unterbrochen. Meine Fragen nach dem Verwundeten und nach dem Gardiſten des Königs haben mich verdächtig gemacht. Man hat es mich an mehren Orten merken laſſen. Ich mußte alſo auf weitere Forſchungen verzichten. Einmal begegnete ich einem Müller, der von dem Ereigniß Kenntniß zu haben ſchien. In einem Wirthshaufe bei Marly hatte er von einem verwundeten jungen Menſchen, von Herrn von Crillon und von einem hinkenden Pferde geſprochen. Ich wollte mit dieſem Manne reden, da ſah er mich aber ſo ſeltſam an, und brach die Unterredung ſo plötzlich ab, daß ich argwöhnte, er würde bewaffnete Mannſchaft holen, um mich feſtnehmen zu laſſen. Ich fürchtete, Sie zu compromittiren, indem ich mich ſelbſt compromittirte, und ritt im Galopp nach Hauſe. — Sie haben mir viel Sorge gemacht! 5- — 68— — Madame, Sie begreifen meine Lage: es war mir unmöglich zu ſchreiben, meinen Vater zu verlaſſen oder hierher zu kommen... denn man forderte mich nicht dazu auf, und ich bekenne, daß ich darüber erſtaunt war. Marie Touchet gerieth in Verlegenheit. — Man war hier ſehr beſchäftigt, ſagte ſte. Außer⸗ dem müſſen wir ſorgfältig darauf bedacht ſein, keinen Arg⸗ wohn zu erwecken. Trotz meiner Vorſorge iſt die Ge⸗ ſchichte ruchtbar geworden. — O, dies Alles hätte Fräulein Henriette nicht hindern müſſen, ein wenig freundlicher gegen mich zu ſein, fügte Laramée düſter und ſchmerzlich hinzu. — Verzeihen Sie ihr— für das Gemüth eines jungen Mädchens war es eine zu heftige Erſchütterung. — Nein, ich verzeihe ihr nicht! antwortete er in einem faſt drohenden Tone. Es giebt Ereigniſſe, welche die für immer einander verbinden, die ſich dabei zu Ge⸗ noſſen gemacht. Marie Touchet zitterte vor Furcht. — Nehmen Sie ſich in Acht, ſagte ſte, man kommt zu uns. Herr von Entragues näherte ſich wirklich. Er war ein wenig überraſcht darüber, daß ſeine Frau die Unter⸗ haltung mit Laramée ſo weit ausdehnte. Henriette brannte in fieberhafter Ungeduld; ſie trieb ihren Zelter den beiden Perſonen entgegen, um das Ge⸗ ſpräch derſelben zu belauſchen. — 69— . — Ich fragte Herrn von Laramée, ſagte raſch Marie Touchet, warum er uns nicht nach Saint⸗Denis begleitet? — Bah, Herr Laramée will den Liguiſten ſpielen! rief Herr von Entragues. Außerdem iſt er im Reiſe⸗ coſtüm, und wenn man einer Ceremonie beiwohnen will, ſo erfordert es der Brauch, daß man Feſtkleider anlegt. Laramée näherte ſich dem Pferde Henriette's, als ob er eine Schnalle an dem Steigbügel feſter ziehen wollte. — Sie ſehen, daß man mich fortjagt, ſagte er leiſe; aber ich will bleiben! Und er entfernte ſich, nachdem er ſeinen kleinen Dienſt geleiſtet. 4 Henriette war einen Augenblick betroffen; ſie erröthete vor Wuth über den ſo klaren Ausſpruch dieſer beleidi⸗ genden Willensmeinung. Ein Blick der Mutter, die Alles begriff, zwang ſie, das Schweigen zu brechen — Herr Laramée, ſagte ſie mit Anſtrengung, kann uns recht gut nach Saint⸗Denis begleiten; er braucht deshalb der Ceremonie nicht beizuwohnen. — Gewiß! antwortete er mit ſtolzer Genugthuung. — Wie Sie wollen, ſagte Herr von Entragues. Aber treten wir unſere Reiſe an, meine Damen; der Herr Graf von Auvergne hat uns geſagt, wie Sie ſich er⸗ innern, daß wir vor halb acht Uhr in der Kirche ſein müſſen, um einen guten Platz zu bekommen. Mit einem impoſanten Geräuſche ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Die Hunde ſprangen voran, die Pferde bäumten ſich ſtolz empor, Pagen und Stallmeiſter bildeten den Nachtrab, und zwei Läufer ſtellten ſich an die Spitze. Durch ein geſchicktes Manöver nahm Henriette ihren Platz in der Mitte, ſo daß ſie die Mutter rechts, und den Vater links zur Seite hatte. Laramée, der folgte, konnte nur ein gleichgültiges Geſpräch mit ihr führen. Von Zeit zu Zeit wandte ſie ſich um, als ob ſtie ihr Opfer nicht völlig der Verzweiflung anheim fallen laſſen wollte. Laramée erhielt mit Mühe ſeine Faſſung, wohl hundertmal wollte er quer über das Feld entfliehen, und hundertmal ward er durch ſeine verhängnißvolle Liebe an die Schritte dieſer Frau gefeſſelt, die dieſes bösartige Herz an einer unſichtbaren Kette mit ſich fortzog. In Saint-Denis zog er ſich zurück. Die Damen nahmen in der Kirche die Plätze ein, die der Graf von Auvergne ihnen vorbehalten hatte. Laramée hätte ſich entfernen ſollen, aber er blieb feig in der Volksmenge. Mit dem Schlage acht Uhr begann das Glockengeläute und der Kanonendonner. Der König erſchien. Er trug ein Wams von weißer Seide, weiße ſeidene Strümpfe, einen ſchwarzen Mantel und einen ſchwarzen Hut mit weißen Federn. Sein ganzer, ihm treu gebliebener Adel folgte ihm. Crillon befand ſich zu ſeiner Linken, wie ein Schwerdt; rechts gingen die Fürſten. Seine ſchotti⸗ ſchen und franzöſiſchen Garden gingen ihm voran, dieſen die Schweizergarden. Zwölf Trompeter ſchmetterten. In den mit Blumen geſchmückten Straßen wogte eine unab⸗ ſehbare Volksmenge, um Heinrich IV. zu ſehen. Man rief mit Enthuſiasmus: es lebe der König! Ein feierliches Schweigen herrſchte in dem weiten Dome, als der Erzbiſchof von Bourges dem Könige ent⸗ gegenging und ihn fragte: — Wer ſind Sie? — Ich bin der König! antwortete Heinrich IV. — Was wollen Sie? fragte der Erzbiſchof. — Ich will in den Schooß der katholiſchen, apo⸗ ſtoliſchen und römiſchen Kirche aufgenommen werden. — Wollen Sie es aufrichtig? — Ja, ich will und wünſche es! ſagte der König, indem er niederkniete, und mit ſo lauter, volltönender Stimme ſein Glaubensbekenntniß ablas, daß das Gewölbe des Gotteshauſes wiederhallte. Dann überreichte er dem Erzbiſchof das unterzeichnete und beſiegelte Document. Ungeachtet der Heiligkeit des Ortes erhob ſich ein Beifallsſturm, der ſeine Wogen durch die Mauern des Gotteshauſes zu wälzen ſchien, und überall die Freude und den Dank der Menge entflammte. In Zukunft ſollte Nichts mehr den König von dem Volke ſcheiden, als die Mauern von Paris. Die Ceremonie erreichte mit derſelben einfachen und rührenden Majeſtät ihr Ende. Nach der Meſſe verließ der König die Kirche. Das Volk drängte ſich heran, fiel vor ihm auf die Kniee, ſtreckte die Arme aus und rief: „— Freude und Geſundheit! — 72— „— Nieder mit der Ligue! „— Tod den Spaniern! Allen, vorzüglich den Letztern, lächelte der König zu. Unter dem Portale des Doms umarmte ihn Crillon mit Thränen in den Augen. — Harnibieu, rief er, wir brauchen uns alſo künftig nicht mehr zu trennen! Wenn ich ſonſt zur Kirche ging, gingen Sie zur Predigt— dieſe Zeit war eine verlorene. Es lebe der König! Die Menge wiederholte brüllend: es lebe der König! Die Spanier und Liguiſten, die das Echo davon hören mußten, konnte dieſer Enthuſtasmus zur Wuth bringen. Als ſich der König in ſeine Wohnung zurückzog, be⸗ merkte Crillon, der die Thür bewachte, daß der Graf von Auvergne ſich durch die Menge der neugierigen Zu⸗ ſchauer drängte, um einzutreten. 3 Zu gleicher Zeit ſah Crillon mit ſeinem Adlerauge Marie Touchet, ihre Tochter und den Herrn von Entra⸗ gues über die Menge hinwegragen; der Graf von Au⸗ vergne hatte dieſen Perſonen Plätze auf einer Freitreppe angewieſen, damit ſie beſſer ſehen und geſehen werden konnten. — Ich bin glücklich, Sie anzutreffen, mein Herr! ſagte der Graf zu Crillon. Es ſind zwei Damen hier, die ſehnlichſt wünſchen, dem Könige ihre Achtung und Dankbarkeit auszuſprechen. Sie ſind zu gute Katholiken, —— — 23— als daß man ihnen nicht zuerſt den Zutritt zu Sr. Majeſtät geſtatten ſollte. — Harnibieu, dachte Crillon, der wohl wußte, von welchen Damen der Graf ſprach, das giftige Gethier will ſchon von einem Katholiken zehren! Geduld, Geduld! Herr Graf, ſagte er zu dem jungen Manne, der König hat mir aufgetragen, Niemandem den Eingang zu geſtatten. — Aber meine Mutter und meine Schweſter... — Ich bedauere unendlich, mein Herr; aber ein Befehl bleibt für Crillon daſſelbe, was er Ihnen ſein würde. Wenn ich draußen wäre und Sie ſtänden hier, ſo würden Sie mir ebenfalls den Eintritt verſagen, wie ich ihn Ihnen verſage. 3— Es ſind Damen... — Und große Damen, ich weiß es; ich füge ſelbſt hinzu, ſehr ſchöne Damen— aber ich kann unmöglich einem Befehle zuwider handeln. — Später, mein Herr, bewilligen Sie mir wohl... — Sie würden den Damen die Zeit rauben. Später werde ich abreiſen, um ein wichtiges Geſchäft zu beſorgen, und wenn auch der König abreiſ't... Der Graf von Auvergne ſah ein, daß er Crillon gegenüber Nichts erreichte. Er zog ſich zurück und verbarg ſorgfältig ſeinen Aerger. Als er zu den Damen zurückkam, die über den Erfolg ſeiner Unterhandlungen ſehr unruhig waren, ſtieß er auf La Varenne. — z.— — Iſt es wahr, fragte er, daß man den König nicht begrüßen kann, weil er ſo raſch abreiſ't? — Sobald er ſeine Kleider gewechſelt haben wird, Herr Graf. — Sind ſchon Befehle wegen der Begleitung erlaſſen? — Seine Majeſtät will ohne Begleitung reiſen. — Das iſt gefährlich. Wohin geht der König? — Er will die benachbarten Klöſter beſuchen. — Darf man wiſſen, welche Klöſter er beehrt? — Ja. Seine Majeſtät geht zunächſt zu den Geno⸗ vefanern von Bezons. — Danke, ſagte der Graf. Er beeilte ſich, ſich den Damen anzuſchließen. — Wir ſind durch Herrn von Crillon abgewieſen, ſagte er. Dieſer grobe Menſch iſt uns im Stillen abhold, und ich weiß nicht warum. Aber für uns iſt es ein Grund mehr, daß wir noch heute den König ſprechen. Verbergen wir unſere Abſicht. Ruhen Sie ein wenig in meiner Wohnung, und wenn die Hitze vorüber iſt, werde ich Sie an einen Ort führen, wo wir den König nach Gefallen ſprechen können. Kommen Sie, meine Damen, um Ihre Toilette im Schatten zu bewahren. — Dieſer Crillon iſt eiferſüchtig! murmelte Herr von Entragues. — Ob er eiferſüchtig iſt oder nicht, ſagte der eyniſche junge Mann, er wird den König nicht hindern, Hen⸗ — 75— rietten zu ſehen, die heute ſo ſchön iſt, wie ſie nie geweſen. Laramée hatte ſich abermals hinter die Damen ge⸗ ſchlichen wie ein geſchlagener Hund, der grollt, aber ſtets wieder zurückkommt. Er hatte dieſe Worte gehört. — Ah, murmelte er erbleichend, jetzt begreife ich, warum man Henrietten nach Saint⸗Denis geführt hat. Gut, auch ich werde zu den Genovefanern von Bezons gehen, und dann werden wir ſehen! 5. Der König rächt Heinrich. Der König, nur von La Varenne und einigen bevor⸗ zugten Dienern begleitet, legte raſch den Weg von Saint⸗ Denis nach Bezons zurück. Müde von der Arbeit für die Krone, wollte er den Reſt des Tages ſeinem Freunde Heinrich widmen. Nach ſo vielen kirchlichen Ceremonien, Geſängen und betäubenden Beifallsrufen athmete der würdige Fürſt wieder auf. Alles in ihm ruhete, nur das Herz nicht, das freudeberauſcht Gabrielen entgegenflog, ſchneller als der leichtfüßige Araber, dem die Begleitung kaum zu folgen vermochte. Aber ein wenig Beſorgniß beeinträchtigte ſein Glück. Heinrich wunderte ſich über das ſeltſame feindliche Auf⸗ treten des Herrn von Eſtrées. Er hatte alſo einen Mann herbeigeſchafft, hatte die Verlobung ungeſtüm beſchleunigt und das arme Mädchen bis zu dem Grade in die Enge getrieben, daß es gezwungen war, um Hülfe zu rufen! Der König hatte durch Pontis wirklich den Brief empfangen und auf der Stelle durch denſelben Boten ge⸗ antwortet, daß er am nächſten Morgen nach beendeter — 27— Feierlichkeit kommen werde, und daß Gabriele bis dahin feſt bleiben möge. Nach der Berechnung des Königs hätte Pontis Nach⸗ mittags das Kloſter wieder erreichen müſſen. Gabriele, durch die verheißene Hülfe ermuthigt, würde Widerſtand geleiſtet haben. Es war alſo noch Nichts verloren, und die Ankunft Heinrichs mußte die Lage der Dinge ändern, ohne der Stütze des geheimnißvollen Freundes, des Bru⸗ ders Sprechers, zu gedenken. Unter ſolchen Gedanken eilte der König dem Kloſter zu. Daß Herr von Eſtrées und Gabriele nicht bei der Feierlichkeit in Saint-Denis geweſen— des Königs Blicke hatten ſie vergebens geſucht— war zwar kein beruhigendes Zeichen; aber wie er ſich Alles erklärte, ſo erklärte er ſich auch leicht das Benehmen eines ſtrengen Vaters, der jede Annäherung ſeiner Tochter an den ge⸗ fürchteten Liebhaber vermeiden will. Dieſe guten und ſchlimmen Alternativen beſchäftigten den König, und er kam in einer ziemlich ruhigen Gemüthsverfaſſung bei dem Kloſter an. Die erſte Perſon, die ihm in dem Vorhofe begegnete, war Herr von Eſtrées ſelbſt, der, zum zehnten Male ſeit dem vorigen Abende, ausging, um Erkundigungen über ſeinen verſchwundenen Schwiegerſohn einzuziehen. Der Anblick des Königs verſetzte den Grafen in eine Beſtür⸗ zung, daß er ſtarr und unbeweglich, ohne einen Gruß hervorzubringen, ſtehen blieb, während Alles ſich beeilte, den Fürſten zu beglückwünſchen. Mit der Leichtigkeit eines jungen Mannes ſprang Heinrich vom Pferde. Leutſelig, wenn auch ein wenig verſtimmt, trat er zu dem Grafen von Eſtrées. — Wie kommt es, ſagte er, indem er dem Grafen vertraulich die Schulter berührte, wie kommt es, mein alter Freund, daß Sie allein von allen meinen treuen Dienern und Verbündeten heute in der Kirche fehlten, wohin der König von Frankreich jeden ſeiner getreuen Unterthanen geladen hatte? — Sire, ich ziehe es vor, Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ſtammelte der bleiche Alte, der ſich bemühete, ſo ruhig als möglich zu antworten. Meine Abweſenheit hatte einen ernſten Grund. — So, und welchen Grund? Ich bin neugierig, dieſen Grund von Ihnen ausſprechen zu hören, antwortete der König, um den Grafen zu einer Taktloſigkeit zu veranlaſſen. — Ich war wegen meines Schwiegerſohns beſorgt, Sire, den ich ſuchte. — Wegen Ihres Schwiegerſohns! rief Heinrich, ironiſch lächelnd. Sie beeilen ſich, dieſes Wort über Ihre Lippen zu bringen. Ein Vater nennt den Schwie⸗ gerſohn, der die Tochter geheirathet hat. Und Ihre Tochter, fügte er laut lachend hinzu, iſt, wie ich voraus⸗ ſetze, noch nicht verheirathet. Der Graf nahm alle ſeine Kraft zuſammen, indem er antwortete: — 9— — Verzeihung, Sire, Fräulein von Eſtrées iſt ſeit geſtern Abend verheirathet! Der König erbleichte, als er ſah, daß die Geſichter der Umſtehenden keine Verneinung ausdrückten. Sein Herz war gebrochen. — Seit geſtern verheirathet? murmelte er. — Seit geſtern Mittag! antwortete kalt der Graf. Der König trat raſch in den Saal. Auf ſeinen Wink entfernten ſich Alle ehrfurchtsvoll. — Treten Sie näher, Herr von Eſtrées! ſagte er mit einer Feierlichkeit, die dem Vater die letzte Faſſung raubte. 4 Heinrich trat einige Schritte tiefer in den Saal. In den Augen des Herrn von Eſtrées befand er ſich in einer Aufregung, die furchtbar zu nennen war, wenn der König ſtatt Heinrichs IV., Karl IX. oder auch Heinrich III. geweſen wäre. Dem Grafen gegenüber blieb er ſtehen. — Fräulein von Eſtrées iſt alſo verheirathet, fragte er kurz— und unwiderruflich verheirathet? Herr von Eſtrées verbeugte ſich ſchweigend. — Ich würde an dieſes ſeltſame Ereigniß nicht glauben, wenn Ihre ungewiſſen Blicke und Ihre zitternde Stimme es mir nicht bereits zweimal wiederholt hätten. Sie ſind ein ſchlechter Mann, mein Herr! — Sire, ich habe meine Ehre bewahren wollen! — Und verletzen die des Königs! rief Heinrich. Mit welchem Rechte, mein Herr? — 80— — Aber, Sire..! Mir ſcheint, daß ich Ew. Ma⸗ jeſtät nicht verletze, wenn ich über meine Tochter verfüge. — Bei dem wahrhaftigen Gotte! rief Heinrich, wollen Sie vielleicht ein Spiel mit mir treiben? Ich habe Ihnen die Ehre erzeigt, Sie in Ihrem Hauſe zu beſuchen und Sie meinen Freund zu nennen. Und nun verheirathen Sie Ihre Tochter, ohne mich davon zu be⸗ nachrichtigen. Seit wann fühlt man ſich in Frankreich nicht mehr beehrt, den König zur Hochzeit einzuladen? — Sire...! — Sie ſind entweder ein ſchlechter oder ein flegel⸗ hafter Menſch— wählen Sie! — Die Gereiztheit Ew. Majeſtät ſelbſt liefert den Beweis... — Daß ich delicat, Sie aber grob gehandelt! Daß ich ruhig, Sie aber ungeſtüm verfahren! Daß ich die Geſetze meines Königreichs beobachte, daß Sie aber alle Geſetze der Artigkeit und Menſchlichkeit mit Fuͤßen treten. Ah, Sie fürchteten, daß ich Ihnen die Tochter nehme! Das ſind Befürchtungen eines elenden Menſchen, nicht aber Bedenken eines Edelmanns! Sie hätten mir un⸗ umwunden ſagen ſollen: Sire, erhalten Sie mir meine Tochter! Glauben Sie, daß ich ſie Ihnen entriſſen haben würde? Bin ich ein Tarquin, ein Heliogabal? Aber nein, Sie haben mich wie einen Dieb behandelt, bei deſſen Ankunft man das Silbergeſchirr verſteckt oder zu einem Nachbar bringt. Himmel und Hölle! Ich glaube, — — 81— Herr von Eſtrées, daß meine Ehre eben ſo viel gilt, als die Ihrige! — Sire, ſtammelte der beſtürzte Graf, ich bitte, hören Sie mich an! — Was können Sie mir noch ſagen? Sie haben Ihre Tochter heimlich verheirathet— wollen Sie noch hinzufügen, daß Gabriele Sie dazu gezwungen hat? — Begreifen Sie die Pflichten eines Vaters... — Begreifen Sie die Pflichten des Unterthanen gegen ſeinen Fürſten! Sie haben nicht wie ein Franzoſe, Sie haben wie ein Spanier gehandelt. Man ſetzt einem jungen Mädchen nicht den Dolch auf die Bruſt, um es zum Altare zu treiben! Man benutzt die Abweſenheit des Königs nicht, den die Unglückliche zu Hülfe rufen konnte! Herr von Eſtrées, Sie ſind Vater, es iſt wahr; aber ich bin König, und werde mich deſſen erinnern! Nach dieſen, von Geberden der Wuth unterbrochenen Worten, ging Heinrich in großer Bewegung wieder durch den Saal. Der Graf lehnte an einem Pfeiler der Thür; er hatte den Kopf geſenkt, ſein Geſicht war bleich, und auf ſeiner Stirn perlte der Schweiß. Mit Scham ſah er, wie ſich die Zahl der Zeugen dieſer Seene in der Vor⸗ halle mehrte, denn der König hatte ſo laut geſprochen, daß ſeine Stimme in dem Saale wiederhallte. Der Zorn Heinrichs hatte ſich nach einigem Ueber⸗ legen gemildert. Er blieb plötzlich vor dem Grafen ſtehen und fragte:. Gabriele. IV. 6 — Wo iſt Ihre Tochter? — Sire... — Ich denke, Sie haben mich verſtanden. — Meine Tochter iſt zu Hauſe, das heißt... — CEs ſtand Ihnen frei, ſie zu verheirathen; aber auch mir ſteht es frei, ihr mein Beileid zu bezeigen. Mein Herr, wo iſt Ihre Tochter? Der Graf richtete ſich empor. — Ich werde die Ehre haben, ſagte er, Ew. Ma⸗ jeſtät zu führen. — Es ſei! Sie wollen hören, was ich dem armen Kinde ſagen werde? Es iſt mir lieb, daß Sie es hören. Zeigen Sie mir den Weg! Herr von Eſtrées, dem die Zähne klapperten und die Kniee ſchlotterten, verbeugte ſich, und öffnete dann die Thür. Er führte den König dem Hauſe zu. — Man ſage dem hochwürdigen Prior, wandte ſich Heinrich zu der Gruppe Mönche, die am Wege ſtand, daß ich ihm hernach einen Beſuch abſtatten werde. Seit der erſchütternden Gemüthsbewegung des vorigen Abends hatte Gabriele ihr Zimmer nicht verlaſſen. Gra⸗ tienne, die ihr ſelbſt von dem kleinſten Vorgange im Kloſter Nachricht brachte, war bei ihr. Durch ſie hatte Gabriele auch die Antwort des Königs erhalten, die Pontis zwei Stunden nach der Trauung übergeben hatte. Mehr als je hatte die junge Frau ihr Schickſal beklagt, als ſie aus dem Briefe erſah, daß der König ſo ruhig auf ihre Treue bauete. Jetzt lag ihr daran, bei den —— — 83— Genovefanern zu bleiben, ſtatt zu ihrem Vater oder zu ihrem Manne zu gehen. Sie hatte erkannt, daß der Bruder Sprecher zur Erreichung dieſes Zweckes geheim mitwirke. Herr von Armeval war verſchwunden, nach Bougival zu gehen, hatte ſie keine Veranlaſſung, wohl aber dazu, im Kloſter zu bleiben, das der beſtürzte Herr von Eſtrées durchſuchte, um ſeinen Schwiegerſohn auf⸗ zufinden, deſſen ſonderbare Abweſenheit er irgend einer Schlinge des Königs zuſchrieb. Gabriele glich einer armen Sünderin, bei der der Henker um die feſtgeſetzte Stunde nicht erſcheint. Schon vor Anbruch des Tages war ſie in ihren Kleidern, die ſie ſeit dem verfloſſenen Abende nicht abgelegt, aufgeſtan⸗ den. Dann hatte ſie ſich an das Fenſter geſetzt, und überſah aͤngſtlich den Weg, um zu erforſchen, ob ihr Vuater den verlorenen Gatten nicht zurückbrächte, oder ſie durchſpähete mit den Blicken den Garten, um zu ſehen, ob ihre neuen Freunde nicht ein Zeichen oder einen Boten ſendeten. Die Aufregung Gabriele's ſchien ſich auf den armen Esperance übertragen zu haben. Pontis hatte ſeinen Verwundeten in einem Zuſtande vorgefunden, daß er nicht begreifen konnte, wie die Heirath eines unbekannten Mädchens mit einem Bucklichten bei einem vernünftigen Menſchen eine ſolche Wirkung hervorbringen konnte. Er erſchöpfte ſich in den ſeltſamſten Vermuthungen, um die Wahrheit zu entdecken. Wie ein gejagter Fuchs ſprang er bald durch das Fenſter in den Garten, bald in das . 6* Zimmer zurück, je nachdem er irgend eine Aufklärung zu erhaſchen glaubte. Sein Freund lag ruhig im Bette, den Kopf unter die Kiſſen vergraben, als ob er einen geheimen Schmerz erſticken wollte. Am frühen Morgen theilte Pontis Esperance mit, daß der kleine Ehemann noch immer nicht aufgefunden ſei. Warum nahm Esperance dieſe Nachricht mit ſichtlicher Freude auf? Warum ſtand er heiter lächelnd auf? War⸗ um überſchüttete er den edeln Nikolas, den er zwar ſeines Zornes für unwerth hielt, dennoch mit Sarcasmen und komiſchen Verwünſchungen? Pontis ſuchte es vergebens zu errathen. Esperance ſelbſt war vielleicht eben ſo ver⸗ legen über dieſen Punkt, als der Gardiſt. Nach dem Frühſtücke ſetzten ſich die beiden Freunde auf die Bank, die neben der Fontaine unter den Bäumen ſtand. Unter dem Vorwande, beſſer zu verdauen, über⸗ ließ ſich Esperance einer melancholiſchen Träumerei, während Pontis aus Weiden kleine Pfeifen verfertigte, mit denen er die Rückkehr des Herrn von Liancourt feiern wollte. Ohne Zweifel hatte die Nacht, dieſe fruchtbare Mutter der Träume, über Esperance und Gabriele einen Traum ausgegoſſen, der durch die gleichzeitige Berührung zweier Seelen ſie zu Bruder und Schweſter gemacht, der ohne ihren Willen ein geheimnißvolles Band um ſie geſchlun⸗ gen hatte. Denn Esperance ſah durch eine Lichtung der Bäume während des ganzen Morgens nach dem Fenſter des Fräuleins von Eſtrées, und auch ſein Blick hatte die — 85.— Kraft ſie anzuziehen, denn von dieſem Augenblicke an wandte Gabriele ihre Augen nicht mehr von der Fontaine ab. Still in Thränen zerfließend, wie die Tochter Jeph⸗ ta's, ſtand ſie noch da, als ein Geräuſch von Stimmen in der Hauptallee plötzlich die Situation der beiden jungen Leute unter den Bäumen änderte. Mit allen Zeichen der Hochachtung und Ueberraſchung ſtanden ſie auf. Gabriele bemerkte es. In demſelben Augenblicke eilte Gratienne herbei, und rief: — Der König! Gabriele ſah Herrn von Eſtrées, der langſam durch den Garten kam; der König folgte ihm. Dann erſchien eine Gruppe von Mönchen und Dienern Heinrichs, die beſcheiden in einer Entfernung von dreißig Schritten zurückblieb. Alles vergeſſend, ſtürzte das junge Mädchen die Stufen der Treppe herab; in großer Aufregung erreichte ſie die Grenzlinie der beiden Gärten. Hier ſank ſie zu des Königs Füßen auf die Kniee nieder, und rief unter einem Thränenſtrome: — O, mein theurer Sire! Der weichmüthige König konnte einen ſolchen Anblick nicht ertragen, in Thränen ausbrechend hob er Gabriele empor und murmelte: — Es iſt alſo um ſie geſchehen! Die Lage des Herrn von Eſtrées bei dieſen Klagen läßt ſich denken. Wüthend biß er in ſeinen Hut und in ſeine Handſchuhe. — 86— — Alſo deshalb, ſagte der König, ſind Sie heute nicht in Saint⸗Denis erſchienen, mein Fräulein, um Ihre Gebete mit denen meiner Freunde zu vereinen! — Mein Herz hat dieſe Gebete geſprochen, Sire! antwortete Gabriele. Wohl Niemand in Ihrem ganzen Königreiche hat aufrichtiger für Ihr Glück gebetet, als ich! — Während Sie ſelbſt ſo unglücklich waren! Denn Sie ſind durch die Heirath, zu der man Sie gezwungen hat, unglücklich geworden— nicht wahr? — Ich mußte meinem Vater gehorchen, Sire! ſchluchzte Gabriele, indem ſie heftiger weinte. 8 — Ein König, antwortete Heinrich mit erzürnten Mienen, kann den Familienvätern in der Ausübung ihrer Rechte nicht Gewalt anthun. Aber wenn die unglück⸗ lichen Frauen ſich bei ihm beklagen, ſo hat der König das Recht, zu helfen. Beklagen Sie ſich bei mir, mein Fräulein. Leider muß ich„Madame“ ſagen! Soweit hat man die Unhöflichkeit in dieſem Hauſe getrieben, daß ich nicht einmal den Namen Ihres Gemahls weiß. Herr von Eſtrées glaubte mitreden zu müſſen. — Er iſt ein rechtſchaffener Edelmann, ein treuer Diener Eurer Majeſtät. Außerdem glaube ich vermuthen zu dürfen, daß Sie ſeinen Namen jetzt kennen. — Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr! ſagte würde⸗ voll der König. — Mein Vater will ſagen, daß Herr von Liancourt ſeit der Trauung verſchwunden iſt! rief Gabriele, die in ihrer Herzensgüte den liebenden König beruhigen und den Vater in Schutz nehmen wollte. — Verſchwunden! ſagte der König. Mit einem maliciöſen Lächeln fügte Gabriele hinzu: — Auch ſcheint Herr von Eſtrées der Meinung zu ſein, daß Ew. Majeſtät um die Sache wiſſen können. — Was ſoll das heißen? fragte Heinrich. — Der König weiß doch immer Alles! ſagte Herr von Eſtrées verwirrt. — Wenn ich die Dinge kenne, mein Herr, ſo frage ich nicht danach. Daß ich den Namen ihres Mannes jetzt kenne, verdanke ich Madame Liancourt. Herr von Liancourt gehört einem picardiſchen Hauſe an, wenn ich nicht irre? — Ja, Sire! antwortete Herr von Eſtrées. — Aber der einzige Liancourt, den ich kenne, iſt bucklicht. — Er iſt derſelbe! rief Gabriele. — Ich bedauere es, ſagte Heinrich, der ſeine gute Laune eben nicht verbarg. Aber ich freue mich darüber, daß dieſer mißgeſtaltete Schmetterling den guten Geſchmack nicht verletzt hat und verſchwunden iſt, ohne eine ſo friſche und edle Blume zu berühren. Herr von Eſtrées verbiß ſeine Wuth. — Deſſenungeachtet wage ich Ew. Majeſtät zu bitten, Befehl zu ertheilen, daß man Herrn von Liancourt auf⸗ ſuche. Hat man ein ſolches Verſchwinden durch ein Ver⸗ brechen bewirkt, ſo intereſſirt es den König, da das Opfer einer ſeiner Unterthanen iſt; hat man ſich vielleicht einen Scherz gemacht, ſo betrübt dieſer Scherz eine ganze Fa⸗ milie, er ſchadet der Reputation einer jungen Frau. Der König wird alſo Sorge tragen, daß er aufhöre. — Ah, mein Herr, rief der König, Sie wollen mir etwas weis machen! Ich ſoll mich um verlorene Ehe⸗ männer, um verirrte Bucklichte kümmern! Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich in der Schlacht meine verwun⸗ deten oder todten Unterthanen ſelbſt aufſuche! Ich ſchone mich nicht weniger, als den geringſten meiner Soldaten. Aber wenn Sie mich zwingen wollen, nachdem Sie Ihre Tochter ohne mein Wiſſen verheirathet, das Land zu durch⸗ ſuchen, um Ihren Schwiegerſohn aufzufinden, mich, der ich erfreut bin, ihn bei allen Teufeln zu wiſſen— Ele⸗ ment, dann halten Sie mich für einen Strohkönig! Wüßte ich, Herr von Eſtrées, wo Ihr Liebling ſich be⸗ findet, ich würde es Ihnen wahrlich nicht ſagen. Nun zünden Sie alle Ihre Kerzen an, guter Mann, und ſuchen Sie! Gabriele ſeufzte über dieſen Einfall, und Gratienne konnte ſich nicht enthalten, in ein lautes Lachen auszu⸗ brechen. Herr von Eſtrées erbleichte, ſein Zorn erreichte den höchſten Gipfel. — Wenn dies eine meiner treuen Dienſte würdige Antwort, wenn dies der Lohn für die Dienſte meines Sohnes und für meine unerſchöpfliche Ergebenheit iſt... wenn ich dies meinen Freunden mittheilen ſoll, die mich — 89— in meinem Hauſe erwarten, und zu denen ich aus Furcht vor Spott nicht zurückzukehren wage... — Wenn man Sie verſpottet, mein Herr, antwortete der König im Tone des durch dieſe unklugen Worte ge⸗ reizten Gebieters, ſo geſchieht Ihnen, was Sie verdienen, da Sie dem Könige von Frankreich, einem Edelmanne ohne Makel, gemißtraut haben. Was Ihre Dienſte be⸗ trifft, die Sie mir vorwerfen, ſo ſtellen Sie ſie von jetzt an ein, ich will ſie nicht mehr. Bleiben Sie zu Hauſe; ich werde Ihnen morgen Ihren Sohn, den Marquis von Coeuvres, zurückſchicken, obgleich er ein braver Mann iſt, den ich wie einen Bruder liebe, weil er es verdient, und aus Freundſchaft für ſeine Schweſter. Bleiben Sie mit Ihrem Sohne und Ihrem Schwiegerſohne zuſammen. Ich bin ohne Sie als König von Navarra geboren, bin ohne Sie und ohne die Ihrigen König von Frankreich gewor⸗ den, und werde ohne Ihren Dienſt, den Sie mir ſo filzig vorwerfen, meinen Thron in meinem Louvre zu beſteigen wiſſen. — ESire, rief Herr von Eſtrées beſtürzt, denn er ſah das Glück und die Zukunft ſeines Hauſes für immer ver⸗ nichtet, Sire, Sie ſchmettern mich nieder! — Gehen Sie! ſagte der König. Wir haben Nichts mehr mit einander zu ſchaffen, mein Herr! Von Scham und Schmerz gebeugt, entfernte ſich der Graf. — Und wie ſteht es mit uns? fragte Heinrich leiſe Gabriele. — 90— — So loyal wie Sie geweſen ſind, Sire, eben ſo loyal werde ich ſein! ſagte die bleiche, junge Frau. Sie haben Ihr Wort gehalten und ſind Katholik geworden — ich werde das meine halten und die Ihre ſein. Aber bewahren Sie Ihr Gut. — O, bewahren Sie es mir! rief Heinrich, hinge⸗ riſſen von leidenſchaftlicher Liebe. Schwören Sie mir noch einmal, unſern gemeinſchaftlichen Vertrag treu zu halten! Vergeſſen Sie ihn nicht, wenn Ihr Mann ſich wiederfindet. — Ich werde daran denken, daß ich einem andern Herrn angehöre. Aber enden Sie meine Pein, Sire! — O, ſeien Sie geſegnet für dieſes Wort! Ihre Hand! 1 Gabriele reichte ihm ihre zarte Hand; der König drückte ehrfurchtsvoll einen Kuß darauf. — Ich reiſe dieſe Nacht noch ab, um mein Unter⸗ nehmen gegen Paris zu beginnen, ſagte der König. In kurzer Zeit werden Sie Nachrichten von mir erhalten. Wie aber iſt es Ihnen möglich geweſen, mir Ihre Nach⸗ richten zukommen zu laſſen, und zwar durch einen meiner Gardiſten? — Mein Bote war einer jener beiden jungen Män⸗ ner, die im Kloſter wohnen; es ſind zwei großmüthige Herzen, zwei muthige und verſtändige Freunde. — Ach ja! der eine von ihnen iſt jener Verwundete, den Crillon hierher gebracht hat, ein hübſcher Burſche, der mir gefällt. — 91— Gabriele erröthete. Esperance ſtand unter einem Fliederbuſche. Bleich und unbeweglich, den Arm um Pontis' Hals geſchlungen, beobachtete er ſie von weitem.— Der König wandte ſich, um dem Blicke Gabriele's zu folgen. Als er die beiden jungen Leute bemerkte, ſagte er: — Ich würde ihnen ſelbſt danken, wenn ich Sie da⸗ durch nicht verriethe. Danken Sie ihnen ſtatt meiner. Und er gab Pontis, deſſen Herz vor Freude zitterte, ein freundliches Zeichen. — Sire, ſagte Gabriele, theils aus Mitleid mit ihrem Vater, theils um die Aufmerkſamkeit des Königs, deſſen weiteres Fragen über Esperance ſie vielleicht in Verlegen⸗ heit geſetzt haben würde, auf einen andern Gegenſtand zu lenken, Sire, Sie werden nicht abreiſen, ohne vorher meinem armen Vater verziehen zu haben. Er hat mich leider ſehr hart behandelt, aber er iſt doch ein braver und treuer Diener. Und mein Bruder— ſoll auch ihn mein Unglück treffen? Soll er ſeinem Könige nicht mehr dienen?— — Gabriele, Sie ſind eine gute Seele, ſagte Heinrich; und ich bin nicht rachſüchtig. Ich verzeihe Ihrem Vater um ſo lieber, je lächerlicher der von ihm gewählte Ehe⸗ mann iſt. Aber ich will, daß er meine Verzeihung Ih⸗ nen verdanke, und daß ſie uns nütze. Laſſen wir ihn für jetzt bei dem Glauben, daß ich ihm noch zürne. Und — 92— wahrlich, ich habe ihm noch nicht verziehen. Mein Herz zittert noch von dem erlittenen Schlage. — Auch würde es Sie ehren, fuhr die junge Frau fort, wenn Sie meinem armen, mißgeſtalteten Gatten nicht übel geſinnt wären. Begnügen Sie ſich, ihn von mir fern zu halten, ohne daß ihm ein anderes Leid zugefügt werde— nicht wahr? — Aber er iſt ja nicht auf meine Veranlaſſung ent⸗ fernt! rief der König. Ich habe bis jetzt geglaubt, daß Sie ſelbſt. — Wahrhaftig? fragte Gabriele. Ich bin daran unſchuldig. Was ihm nun wohl begegnet ſein mag? Sie ward durch die Ankunft des Bruders Robert unterbrochen. Der Mönch hatte einige Perſonen, die man ſehen konnte, in der Vorhalle zurückgelaſſen, um dem Könige entgegen zu gehen. — Es iſt ſehr unangenehm, ſagte der König, nüch⸗ tern wieder abreiſen zu müſſen, wenn man gekommen iſt, um bei Freunden zu ſpeiſen. — Der hochwürdige Prior, antwortete Bruder Ro⸗ bert, hat ein kleines Mahl für Se. Majeſtät bereiten laſſen— iſt es recht, daß ich es in dem Schatten bei der Fontaine habe auftragen laſſen?— — O gewiß, rief Heinrich. Speiſen wir in freier Luft, unter dem heitern Himmel! Man ſieht ſich beſſer, die Blicke ſind aufrichtiger, die Herzen leichter! Sie beehren mich, bei dieſem Mahle ein Gaſt zu ſein, Ma⸗ — 93— dame. Sie werden den erſten Act in Ihrer Freiheit ausüben. 3 — Erlauben Sie mir, Sire, fügte Gabriele hinzu, daß ich meinen Vater ein wenig tröſte. — Aber nur ſehr wenig! Kommen Sie ſchnell zu⸗ rück, denn meine Augenblicke ſind gezählt. Gabriele entfernte ſich. Einige Mönche erſchienen, um unter den ſchattigen Bäumen eine Tafel vorzubereiten. Esperance und Pontis entfernten ſich beſcheiden. Der König trat zu dem Mönche und ſah ihn mit einem vorwurfsvollen, aber freundlichen Blick an. Dann ſagte er, indem er mit dem Finger auf Gabriele deutete: — Alſo auf dieſe Weiſe liebt man mich und dient man mir hier! Ich beſaß einen koſtbaren Schatz— man liefert ihn einem Andern aus. Bruder Robert, es iſt gewiß, daß ich hier Feinde habe! — Sire, entgegnete der Mönch, hören Sie, was unſer Prior Sr. Majeſtät antworten würde:„Ein junges Mädchen dem Vater entführen, iſt ein arges Verbrechen; aber einem Manne die Frau nehmen, iſt nur eine Sünde, die um ſo geringer wird, wenn die Frau gezwungen ſich verheirathet hat. — Und jeder Sünde kann Vergebung werden, ant⸗ wortete Heinrich ſeufzend. Deſſenungeachtet aber iſt Ga⸗ briele verheirathet. — Iſt Ew. Majeſtät nicht ebenfalls verheirathet? — 94— — Aber ich werde die Ehe mit Frau Margarethe löſen. — Wenn Sie dies bei einer Fürſtin vermögen, die ſich des Schutzes des Papſtes erfreut, läßt ſich nicht daran zweifeln, daß es Ihnen gelingen wird, die Verbindung Madame Gabriele's mit einem unbedeutenden Edelmanne aufzuheben. Bis dahin ſtehen die Dinge ſehr gut. — Aber es iſt immer ein Ehemann vorhanden, das heißt eine Gefahr für ſeine Frau.. — In ſeiner Anweſenheit iſt es möglich, wenn er aber abweſend iſt?. — O, er wird ſchon wiederkommen! — Glauben Sie, Sire? Ich glaube es nicht. — Aus welchem Grunde? — Ew. Majeſtät iſt ſehr heftig, und wenn der Un⸗ glückliche wieder zum Vorſchein kommt, wird er verloren ſein— das weiß er! 1 — Er verſteckt ſich? rief der König in einem Aus⸗ bruche gascogniſcher Fröhlichkeit. Wo? Wo? Reden Sie! — Um ihn Ihrer Rache zu überliefern, nicht wahr? fragte der Mönch in einem komiſchen Ernſte. Das war die Frage eines Tyrannen. Ich habe verſprochen, das Opfer zu retten, und ich werde es retten, ſelbſt wenn Sie meinen Kopf fordern! Bei dieſen majeſtätiſch geſprochenen Worten ließ der Mönch ein großes Schlüſſelbund erklirren, das in ſeinem Gürtel hing. — 95— — Bruder Robert, Sie ſind ſtets derſelbe! murmelte lächelnd der König. — Ich vergaß Ew. Majeſtät zu melden, unterbrach ihn der Mönch, daß der Herr Graf von Auvergne mit einigen Damen und Cavalieren auf die Ehre wartet... — Der Graf von Auvergne? Was will er? fragte überraſcht der König. — Er wird es Ihnen ohne Zweifel ſagen, Sire; denn dort kommt er ſchon mit ſeiner Geſellſchaft. 6. Theater⸗Coups. Auf einen Wink des Bruders Sprecher näherten ſich die Damen, die den Grafen von Auvergne begleiteten. Sie glühten vor Freude, denn das Ziel ihrer Wünſche war erreicht. Heinrich fühlte ſich zu glücklich, um nicht ein freund⸗ liches Geſicht zu zeigen. Er empfing den Grafen wohl⸗ wollend und die Damen begrüßte er mit den Worten: „Sie führen mir liebenswürdige Damen zu!“ Dieſe Phraſe eroberte Herrn von Entragues völlig, der be⸗ reits auf dem beſten Wege war, ein eifriger Royaliſt zu werden. Indem der Graf Marie Touchet bezeichnete, fügte er hinzu: — Ich habe die Ehre, Ew. Majeſtät Madame, meine Mutter, vorzuſtellen. Der König kannte die berühmte Perſon; er grüßte wie ein Mann, der zu verzeihen weiß. — Mein Stiefvater, der Herr Graf von Entragues! fuhr der junge Mann fort. Der Stiefvater verbeugte ſich. — 97— — Und Fräulein von Entragues, meine Schweſter! vollendete der Graf, indem er die Hand Henriette's ergriff, die unter dem prüfenden Blicke des Königs zitterte. — Eine vollendete Schönheit! dachte Heinrich, der als Kenner die Toilette und die Reize des jungen Mäd⸗ chens in's Auge faßte. Der Graf von Auvergne näherte ſich dem Könjge und fragte lächelnd: — Iſt ſie Ew. Majeſtät bekannt? — Nein! Ich habe noch nie eine ſolche Schönheit geſehen! Der Graf neigte ſich dem Ohre Heinrich's zu und flüſterte: — CErinnern ſich Ew. Majeſtät der Fähre von Pon⸗ toiſe nicht mehr und jenes reizenden Beines, das uns ſo lange beſchäftigte? — Pardieu, rief der König, jetzt erinnere ich mich! Und dieſes reizende Bein... 2 — Fräulein von Entragues kam an jenem Tage aus der Normandie zurück— ſie hatte die Ehre, Ew. Majeſtät bei Pontoiſe zu begegnen. — Sie haben mir Nichts davon geſagt, Graf. — Weil ich meine Schweſter damals noch nicht kannte. Während dieſer Unterhaltung, die man mindeſtens ſeltſam nennen konnte, blickte Henriette zu Boden und ward roth wie eine Erdbeere. Herr von Entragues ging auf und ab, und die majeſtätiſch ernſte Marie Touchet Gabriele. IV. 7 ſtellte ſich, um weder läſtig noch beläſtigt zu ſcheinen, als ob ſie Nichts verſtände. 3 Der König, den zwei ſchöne Augen ſtets berauſchten, wie gewiſſe feurige Weine, die man meidet und dennoch gern trinkt, rief aus: — Sie haben recht gethan, Graf von Auvergne, mit Ihren Familienſchätzen nicht zu geizen, und zwar um ſo mehr, da die Anweſenheit dieſer Damen hier gewiſſe liguiſtiſche Gerüchte, die mit den Namen Entragues und Marie Touchet nicht im Einklange ſtehen, Lügen ſtrafen. Nun errötheten die erhabenen Eltern. — Sire, ſtammelte Herr von Entragues, konnte Ew. Majeſtät auch nur einen Augenblick an unſerer Hoch⸗ achtung und Treue zweifeln? — Wer kann in der Zeit des Bürgerkriegs für ſich ſelbſt ſtehen? ſagte lächelnd der König. — Sire, antwortete Marie Touchet feierlich, der katholiſche König iſt der König aller guten Franzoſen. Um Ew. Majeſtät dies zu erklären, haben wir zu Pferde einen Weg von vier Stunden zurückgelegt. — Vortrefflich! rief Heinrich fröhlich. Dieſe frei⸗ müthige Antwort gefällt mir. Geſtern taugte ich nicht dazu, den Spaniern hingeworfen zu werden, und heute ruft man: es lebe der König! Bei dem Himmel, Ma⸗ dame, Sie haben Recht! Hätte mein Uebertritt zur katho⸗ liſchen Kirche auch keinen andern Vortheil, als von ſchö⸗ nen Damen anerkannt und begrüßt zu werden, ſo könnte ich ſchon zufrieden ſein. Heute iſt nicht geſtern— be⸗ — 99— graben wir das Geſtern, da es meinen ſchönen Untertha⸗ ninnen mißfäͤllt! — Es lebe der König! rief Herr von Entragues wie berauſcht. — Der König gewinnt mit einem einzigen Worte die Herzen, ſagte Marie Touchet mit einer Ziererei, die Karl IX. mit Eiferſucht und Henriette mit Beſorgniß hätte erfüllen können. — Warum ſpricht Fräulein von Entragues nicht? bemerkte der König. — Ich denke viel, Sire! antwortete das junge Mäd⸗ chen mit einem Blicke, neben dem die ihrer Mutter nur Irrlichter waren. Dieſe galanten Plänkeleien verſetzten den König in die heiterſte Laune. Er dankte Henrietten durch einen mehr als höflichen Gruß. — Mir ſcheint, wir ſind auf dem Wege zum Ziele! flüſterte der Graf von Auvergne dem Herrn von En⸗ tragues zu. 3 Bruder Robert, der die ganze Scene beobachtet hatte, ohne ſich den Schein zu geben, als ob er Etwas be⸗ merkte, ſandte dem Könige einen Mönch, der ankündigte, daß die Tafel ſervirt ſei. — Es iſt wahr; ich hatte den Hunger vergeſſen! ſagte Heinrich mit großer Galanterie. Das Mahl wartet: kommen Sie, meine Damen. Der anſtrengende Weg muß in Ihnen die Luſt erregt haben, den Wein dieſes Klo⸗ ſters einmal zu verſuchen. 7* Dieſe Einladung erſtickte die Entragues faſt. Der Stolz, der Geiz und die Unenthaltſamkeit ſahen ſich mit ſtrahlenden Blicken an, die Freude trieb ihnen den Schweiß aus allen Poren. Sie wähnten ſich bereits im Beſitze einer Krone. — und hier kommt eine reizende Wirthin, die bei Tiſche die Honneurs machen wird! fuhr Heinrich fort, indem er auf Gabriele zeigte, die glänzend ſchön in der ſchattigen Allee ſich näherte. Die Scene verwandelte ſich. Die Entragues erbleichten. Unwillkührlich trat Hen⸗ riette ihrer ankommenden Nebenbuhlerin einen Schritt entgegen, als ob ſie ſie bekämpfen wollte. Mit einem Blicke, in dem ſich ihr ganzer Haß ausſprach, verſchlang ſie die Züge, die Haltung, den Wuchs, die Hände, die Füße und den Schmuck Gabriele's. Eine Leichenbläſſe überzog ihr Geſicht, denn Alles, was ſie ſah, war unver⸗ gleichlich, vollkommen und unangreifbar. Der erſchreckte Herr von Entragues flüſterte ſeinem Stiefſohne zu: — Wer iſt dieſe Perſon? — Ich fürchte, daß ſie die neue Paſſion des Königs, jene Eſtrées iſt, von der ich Ihnen bereits geſagt habe, antwortete der Graf. — Auch ſie iſt ſchön, murmelte Herr von Entragues — nicht wahr, Madame? — Sie iſt blond! antwortete Marie Touchet gering⸗ ſchätzend. — 101— Die Herren wurden dadurch wenig beruhigt. Der König ergriff Gabriele's Hand, und führte ſie zu Tiſche. Die Damen zitterten vor Wuth, als Heinrich Mutter und Tochter der jungen Frau vorſtellte, anſtatt dieſe den Beiden vorzuſtellen. Gabriele grüßte mit einer beſcheidenen Anmuth und mit einer Sicherheit, die mehr Verzweiflung erweckte, als ihre Schönheit. Heinrich nahm ſeinen Platz ſo, daß Gabriele ihm rechts, Marie Touchet links ſaß. Henriette ſaß zwiſchen ihrem Vater und ihrem Bruder ihm gegenüber. Nun konnte ſie wenigſtens ihre Blicke in die Seele der Un⸗ bekannten dringen laſſen, die ihr den Platz zur Rechten des Königs geſtohlen hatte. Nachdem die Gläſer gefüllt waren, ſagte Heinrich: — Ich rinke zunächſt auf das Glück der neuen Marquiſe von Liancourt, die geſtern noch Fräulein von Eſtrées war. Ein Jeder mußte dem Beiſpiele des Königs folgen; aber Henriette berührte ihr Glas nicht einmal mit den Lippen. — Wir müſſen dieſe kaum emporgekeimte Blume entwurzeln, flüſterte der Graf von Auvergne ſeiner Mutter zu, während der König Gabriele zulächelte. Säumen wir nicht! — Sire, ſagte Marie Touchet, unſer Beſuch hat einen doppelten Zweck. Es handelt ſich nicht nur darum, Ew. Majeſtät unſere ergebenen Glückwünſche darzu⸗ bringen, und uns ſelbſt zu verpflichten, ſondern auch dem — 102— Könige zu dem bevorſtehenden Feldzuge unſere Dienſte anzubieten. Man ſpricht überall d von, daß Ew. Maje⸗ ſtät gegen Paris anrücken wollen. Der König hat weder ein förmliches Lager, noch ein Hauptquartier, das eines ſo erhabenen Fürſten würdig iſt. — Es iſt wahr! ſagte Heinrich, der den Zweck dieſer Einleitung noch nicht begriff. — Ich habe oft von kriegskundigen Männern ſagen hören, fuhr Marie Touchet fort, daß der Raum zwiſchen Saint⸗Denis und Pontoiſe eine der beſten Poſitionen in der Umgegend von Paris iſt. — Auch das iſt wahr, Madame. — Wir beſitzen dort ein zwar ſehr einfaches, aber bequemes und von Natur feſtes Haus, das vor jedem An⸗ griffe ſchützt. Welche Ehre würde es für uns ſein, wenn Ew. Majeſtät dieſes Haus zu Ihrem Aſyle zu wählen geruhten! 4 — Iſt es Ormeſſon? fragte Heinrich. — Ja, Sire! Laſſen Sie das Maß der Freude un⸗ ſerer Familie überſtrömen, und willigen Sie ein, das hiſtoriſche Haus zu beziehen. Der ſelige König Karl IX. hat oft mit Vergnügen dort geweilt, und es finden ſich noch viel Bäume vor, die ſeine königliche Hand gepflanzt hat. Sprechen Sie ein Wort, Sire, und dieſes Haus iſt für immer berühmt. Heinrich ſah die brennenden Blicke des Fräuleins von Entragues, die ihn, unter dem Vorwande zu bitten, be⸗ zauberten. — 103— Um den König zu beſtimmen, rief Herr von Entragues: — Von dort aus kann man den Fuß auf alle Straßen ſetzen. — Man kann in ein und einer halben Stunde von dort hierher kommen! fügte der Graf von Auvergne hinzu. — Ohne deſſen zu gedenken, daß der König, wenn er unſern Vorſchlag anzunehmen geruht, in ſeinem Hauſe ſo viel Zimmer finden wird, um nach Belieben Perſonen aufzunehmen. Dieſe letzte Phraſe war inhaltſchwer. Sie ſtellte ſo fein eine Gefälligkeit, die ſeine heimlichen Liebesabenteuer nur zu oft erheiſchten, in Ausſicht, daß Heinrich ſchwankte und Gabriele fragend anſah. Plötzlich ſah er einige Schritte hinter Henriette die Kapuze des Bruders Robert, die ſich langſam bewegte, als ob dieſes Dreieck von grauer Wolle hätte ſagen wollen: — Nein, nein, nein! Mit feſten, fragenden Blicken ſah er den Mönch an. Die Kapuze wiederholte: — Nein, nein, nein! — Chicot will nicht, dachte Heinrich überraſcht, daß ich nach Ormeſſon gehe. Er muß ſeine Gründe dazu haben. — Es iſt mir unmöglich, Madame, antwortete der König verbindlich lächelnd. Der bereits feſtgeſtellte Plan erlaubt mir nicht, Ihrem Wunſche nachzukommen. Uebri⸗ gens bin ich Ihnen deshalb nicht weniger verpflichtet. — Gut! ſagte die Kapuze, indem ſie ſich von oben nach unten bis auf die Bruſt des Mönchs bewegte. ——;— — 104— Mit einem Lächeln, das Niemand verſtehen konnte, dachte der König: — Ich ſpiele die Rolle des Priors Gorenflot, nur mit dem Unterſchiede, daß ich für den Bruder Sprecher rede. Aus der Entmuthigung, die ſich in allen Geſichtern ausſprach, konnte Heinrich entnehmen, wie weit der Bau ſchon vorgeſchritten war, den ſeine Weigerung niederriß. — Wir find diesmal wieder geſchlagen, dachte der Graf von Auvergne; ſehen wir uns nach andern Mitteln um. Gabriele ſah mit ſo heitern, unſchuldigen Blicken um ſich, daß ihr Wiederſchein allein ſchon alle dieſe wilden Tigerblicke hätte zähmen müſſen. Henriette entſchloß ſich, einen Angriff auf den Geiſt des Königs zu unternehmen, da ſein Herz unerſchütterlich blieb. Schon hatte ſie eines jener Geſpräche begonnen, in denen ſie mit Scharffinn und Kühnheit glänzte, und der Sieg ſich ihr zuneigte, denn der aufmerkſame König er⸗ widerte das Bombardement, als der Bruder Sprecher ſich ihr näherte und Henriette gutmüthig fragte: — Haben Sie etwas verloren? — Ich? fragte Henriette überraſcht. — Unterwegs— ein Geſchmeide... — Mein Armband vielleicht— was thut's? — Ein Edelmann hat es gefunden und bringt es Ihnen. — Ein Evelmann fragte der König. — Seinen Namntfenns ich niche antwortete Bruder Robert unbefangen. 8 — Er mag kommen, und das Armband zurück⸗ geben, ſagte Heinrich. Der Bruder Sprecher gab einem Mönche ein Zeichen, und gleich darauf ſah man eine Perſon mit raſchen Schritten näher kommen, deren Gegenwart Henrietten und ihrer Mutter eine unterdrückte Aufwallung des Zorns entriß. Es war Laramée. Er trug das Armband in der Hand. — Was will dieſer unvermeidliche Laramée? flüſterte der Graf von Auvergne dem Herrn von Entragues in das Ohr. Man könnte ihn für eine durſtige Fliege halten, die unſere Pferde ſeit dieſem Morgen ſchon verfolgt. — Ein widerwärtiges Geſicht! ſagte der König ganz leiſe zu Gabriele, indem er den bleichen jungen Mann betrachtete. Wiſſen Sie, wem er ähnlich ſieht? — Nein, Sire! — Sie werden es erfahren. Nicht wahr, Madame, wandte er ſich an Marie Touchet, dieſer junge Mann hat Aehnlichkeit mit meinem ſeligen Schwager, Karl IX.? — Ja wahrlich, ein wenig! antwortete die Dame, ſich in die Lippen beißend. Laramée trat nicht weiter heran; er⸗blieb halb unter den Bäumen verborgen, das Armband in der Hand haltend, das Fräulein von Entragues nicht zurückverlangte. Laramée's ſehnlichſter Wunſch, Henriette ſelbſt da zu überwachen, wo ſie es am wenigſten erwartete, war erreicht. 2 — 106— Das unabläſſige Verfolgen dieſes unermüdlichen Wäch⸗ ters machte das junge Mädchen beſorgt; es ſuchte in den kalten und unergründlichen Augen der Mutter Hülfe. Mit Hülfe der Verſtellung, die einen Theil der welt⸗ lichen Erziehung ausmacht, gelang es ihr, die Unruhe ihres Gemüths zu verbergen. Laramée gab das Arm⸗ band Henrietten zurück; dieſe dankte weder durch ein Wort noch durch einen Blick. Der König unterhielt ſich noch einige Augenblicke über die Aehnlichkeit dieſes Mannes mit dem ſeligen Kö⸗ nige. Die Damen wurden wieder ruhiger, der Graf von Auvergne faßte einen Entſchluß, und Herr Entragues gab ſich das Verſprechen, den unverſchämten Menſchen, der ſich erfrechte mit Karl IX. Aehnlichkeit zu haben, zur Thür hinauszuwerfen. Laramée benutzte die eingetretene Pauſe, um ſich einige Schritte zurückzuziehen und unbemerkt ſeine Beob⸗ achtung fortzuſetzen. Als ob mit dem Verſchwinden dieſes böſen Genius Henrietten Geiſt und Leben zurückgekehrt ſei, begann ſie ihre Angriffe wieder, und zwar um ſo kühner, je größer die Gefahr geworden. Sie entfaltete ſo viel witzige Ironie, daß der König, ein empfänglicher Gascogner, laut lachte, und Schlag für Schlag, Epigramm für Epigramm, Thor⸗ heit für Thorheit dieſer Sirene zurückgab, die ſtets ſiegte und nie beſiegt ward. Je mehr Henriette Boden gewann, je mehr ließ ſie ihre Reſerven ſpielen, wie jeder gute General nach einer 8 — 107— gewonnenen Schlacht, um den Feind aus ſeiner Poſition zu treiben. Wie Alle, hatte auch Gabriele anfangs gelacht; ſie hatte ſelbſt verſtändig und zart an der allgemeinen Unter⸗ haltung theilgenommen. Als aber ein Duell zwiſchen dem Könige und Henriette allein daraus ward, ſchwieg ſie, wie alle ſanften und ernſten Gemüther, die ſich vor dem lauten Lärmen zurückziehen. Anfangs hatte ſie ge⸗ lächelt, dann verſchwand dieſes Lächeln und ſie begnügte ſich zuzuhören. — Die Blonde iſt geſchlagen! flüſterte Marie Tou⸗ chet ihrem Sohne zu. Plötzlich trat der Schatten des Bruders Sprecher zwiſchen die Sonne und Henriette. — Sire, ſagte er, die jungen Leute, die Sie gefordert haben, ſind da. — Welche jungen Leute? fragte der zerſtreute König, der vielleicht dem Mönche zürnte, daß er ihn in der Unter⸗ haltung ſtörte. Ich habe Niemanden verlangt. Bruder Robert ließ ſich durch das Erſtaunen des Königs nicht außer Faſſung bringen. — Es ſind die, denen Ew. Majeſtät danken wollte. — Ah, ich weiß es! flüſterte die erröthende Gabriele dem Könige in das Ohr. Es iſt der Gardiſt und ſein Freund! — Gut, gut, unſere Freunde! ſagte der König. Bruder Robert mag ſie rufen, ſie ſind nicht weit. Ich will ſte vor meiner Abreiſe ſehen. —-ꝛ—— — 108— Bruder Robert gab ein Zeichen. Ein Mönch ent⸗ fernte ſich. Heinrich wandte ſich nun wieder zu Frau von En⸗ tragues und Henriette. — Ich will ſie ſehen, vorzüglich den Einen von ihnen; der Andere iſt mein Gardiſt, er bietet mir nichts Außergewöhnliches. Aber der Verwundete iſt ein hübſcher Junge. 1 — Der Verwundete? fragten mehrere Stimmen zu⸗ gleich. Er iſt verwundet? — Ja. Crillon, der ihn liebt und beſchützt— unter uns geſagt, er iſt ihm dringend empfohlen— hat ihn hierher gebracht, wo dieſe würdigen Mönche ihm wie durch ein Wunder Leben und Geſundheit wiedergegeben haben. Es iſt in der That ein beſonderer Segen des Himmels, daß er dem Tode entronnen, denn die Wunde war, wie man ſagt, fürchterlich. Nicht wahr, Bruder Robert? — Der Stich mit einem großen Meſſer hatte ihm die Bruſt durchbohrt, antwortete kalt der Mönch, indem er ſeine Blicke umherſchweifen ließ und ſich ſtellte, als ob er das Zittern Henriette's, das Erröthen ihrer Mutter und das krampfhafte Zucken Laramée's, der hinter dem Baume ſtand, nicht bemerkte. — Dort, meine Damen, fügte der König hinzu, kommen die jungen Leute. Entſcheiden Sie ſelbſt, ob der, von dem ich ſpreche, nicht ſo ſchön iſt, daß er die Frauen eiferſüchtig machen könnte. — 109— — Sehen wir dieſes Wunder an! ſagte Marie Touchet. — Bewundern wir dieſen Phönix! fügte Henriette heiter hinzu. Plötzlich erbleichte Marie Touchet und ließ das Glas fallen, das ſie in der Hand hielt. Henriette, die ſich ge⸗ wandt hatte, um ſchneller zu ſehen, ſtand auf wie bei dem Anblicke einer gräßlichen Gefahr. Sie ſtieß einen Schrei aus, und klammerte ſich krampfhaft mit den Fin⸗ gern an den Tiſch, der ihren zurückgebogenen Körper tragen mußte. Esperance und Pontis, geführt von einem Diener, traten aus der Allee unter das Blätterdach der Bäume. Esperance ging voran, er neigte ſich tief, um den erha⸗ benen Gaſt zu grüßen. Als er ſich emporrichtete, ſtand er Henrietten gegenüber. Ihr Geſicht war todtbleich, ihre Lippen bebten, und ihre großen Augen ſtarrten ihn an. Der junge Mann ergriff Pontis' Hand, und blieb wie angewurzelt ſtehen. Kaum hatte Henriette den Schrei ausgeſtoßen, als ſich ein rauher Ausruf unter den Bäumen vernehmen ließ. Auch Laramée hatte das Phantom Esperance's er⸗ kannt. Beſtürzt ſah er ihn an, wie Macbeth den Geiſt Banco's, wie das böſe Gewiſſen die Strafe. Weder Herr von Entragues noch der Graf von Au⸗ vergne ſchienen dieſen Auftritt zu begreifen. Nachdem der König einige gleichgültige Worte an Esperance ge⸗ — 110— richtet, ſah er den Mönch mit fragenden Blicken an. Bruder Robert hatte in dieſem Augenblicke ſeine Kapuze zurückgeworfen, um jede Einzelnheit dieſes Schauſpiels beſſer erfaſſen zu können. Sein neugieriges und bös⸗ artiges Geſicht ſchien dem Könige zu ſagen: — Hier geht etwas Außerordentliches vor, denn unſer alter Freund vergißt die Rolle des Bruders Robert. Henriette verſuchte umſonſt ihre Bewegung zu beherr⸗ ſchen und die Erſcheinung mit aller Kraft ihres Willens und ihrer energiſchen Natur zu verſcheuchen. Das furcht⸗ bare Feuer, das aus Esperance's Augen loderte, ſchleuderte ſie zurück. Sie ſchwankte. Ohne die Hülfe ihres Vaters wäre ſie rücklings zu Boden geſtürzt. Der ſchmerzliche Zuſtand ihrer Tochter ließ die Bläſſe Marie Touchet's erklärlich finden. Während die mitleidige Gabriele ſich bemühete, Fräulein von Entragues zum Bewußtſein zurückzubringen, beſchäftigte ſich der Graf von Auvergne angelegentlich damit, den König auf eine an⸗ dere, beſſere Bahn zu lenken, der bereits einige beunru⸗ higende Fragen ausſprach. — Was iſt es mit dieſem jungen Mädchen? fragte Heinrich, indem er den Bruder Robert anſah. Sollte der Anblick unſers Adonis ſie niedergeſchmettert haben? — Mademeiſelle hat wahrſcheinlich eine große Spinne geſehen oder eine von den Schnecken, die wir hirsuta nennen, antwortete ruhig der Mönch. Dieſe Thiere findet man häufig in unſern Gärten. — 111— — So iſt es! rief Herr von Entragues, indem er ſeine Frau und ſeine Tochter aufzurichten verſuchte. Nicht wahr, Madame, Sie haben eine Spinne geſehen? — Ahl!l rief der König, den die allgemeine Verwir⸗ rung immer mißtrauiſcher machte. Marie Touchet ſtammelte einige Worte ohne Zu⸗ ſammenhang. — Mögen die Damen für die Damen ſorgen, ſagte Heinrich. Ich will mein Pferd wieder beſteigen. Man bemühe ſich meinetwegen nicht— es findet hier Jeder Beſchäftigung. — Wir werden Ew. Majeſtät bis an das Thor be⸗ gleiten, ſagten der Graf und ſein Stiefvater, die ſich ver⸗ zweiflungsvolle Blicke zuwarfen. Heinrich küßte zärtlich die Hand Gabriele's; dann entfernte er ſich. Die beiden Entragues und der Bruder Sprecher folgten ihm. Esperance und Pontis ſtanden mit verſchlungenen Armen, und bezeichneten ſich einander Laramée, der wie eine Schlange, die der Löwe feſſelt, an dem Baume lag. Einige Zeilen genügen, um die Stellung jeder ein⸗ zelnen Perſon dieſes Bildes zu beſchreiben. Nachdem Gabriele dem Könige mit den Blicken ge⸗ folgt, ſah ſie neugierig bald Henriette von Entragues, bald Esperance an. Marie Touchet ſuchte ihre Tochter zum Bewußtſein zurückzubringen. Henriette erholte ſich, — 112— da die Abreiſe des Königs jede Erklärung überflüſſig gemacht hatte. Im Hintergrunde des ſchattigen Plätzchens ſtanden Pontis und Esperance. Beiden gegenüber befand ſich Laramée. — Der Verbrecher, ſagte Pontis zu ſeinem Freunde, bietet uns Trotz! — Du irrſt, antwortete Esperance; er iſt halb todt vor Schrecken. — Ich wollte, er wäre ganz todt, Herr Esperance! — Erinnere Dich deſſen, was wir verabredet. Kein Wort verrathe je das Geheimniß Henriette's. Ihre Bläſſe und ihre Ohnmacht verrathen, daß ſie mich für ein Ge⸗ ſpenſt gehalten hat. Siehſt Du, daß ich mich räche? — Sehr unbedeutend! ſagte Pontis. — Es genügt mir, Freund! — Mir nicht! murmelte der Gardiſt. Wenn Sie mit dem Fräulein dort Nichts abzumachen haben, ſo habe ich jedenfalls mit dem Burſchen eine kleine Abrechnung zu halten. Er hat die Abſicht gehabt, mich hängen zu. laſſen. — Sie werden mir die Freude machen, und Ihr Schwerdt ruhig in der Scheide laſſen, ſagte Esperance ernſt. Die Sache geht nur mich allein an. Ruhig, Pontis! — Gut! antwortete der Gardiſt. Ihr Wille ſoll geſchehen. — Verſprichſt Du es mir? — Ich ſchwöre es! — 113— — So folge mir. Wir wollen den Burſchen bei Seite nehmen, wo ich ihm zwei Worte zuflüſtern werde, die er in ſeinem ganzen Leben nicht vergeſſen ſoll. Pontis zuckte die Achſeln; eine Unterredung unter ſolchen Umſtänden, wo nach ſeiner Meinung das Schwerdt die einzige mögliche Löſung herbeiführen konnte, machte ihn ungeduldig. Grollend murmelte er eine Abhandlung über abgeſchmackte Großmuth, die den feigen und ſchlech⸗ ten Menſchen ſtets neue Nahrung gäben. Esperance ergriff ſeinen Arm und ging dem Orte zu, wo Laramée ſtand, deſſen Geſicht je bleicher wurde, je näher ſeine Feinde kamen. Aber noch ehe ſie ihn erreicht hatten, entriß ſich Henriette, die jedes Wort dieſer Unterredung errathen, den Armen Gabriele's und ihrer Mutter, lief zu Esperance, ergriff ſeine Hand und zog ihn durch eine raſche Bewe⸗ gung aus dem Bereiche der Bäume, wo die kluge Ma⸗ rie Touchet Gabriele zurückhielt. Auf dieſe Weiſe ſtand das Feld allen nur möglichen Erklärungen offen. Esperance verſuchte es zwar, Widerſtand zu leiſten, aber Henriette war auch diesmal unwiderſtehlich. Kaum fühlte ſich Pontis frei, als er durch den Garten lief und in dem Erdgeſchoſſe des Kloſters verſchwand. Mit düſterer Ironie ſagte er ſich: — Meine Idee wird Esperance bei der Unterredung Nichts nützen, und das Schwerdt wird in der Scheide bleiben! Gabriele. IV. 8 — 114— Wir werden den Grund ſeiner raſchen Entfernung ſogleich erfahren. Laramée hatte ſicher keine Ahnung da⸗ von, und auch Esperance würde nicht daran gedacht haben, als er ihn davon laufen ſah, ſelbſt wenn Henriette ſeine ganze Aufmerkſamkeit nicht in Anſpruch genommen hätte.. Kaum befand ſich Henriette außer dem Bereiche der Stimmen, als ſie vor Esperance ſtehen blieb und ihn mit Thränen anſah, die in dieſem Augenblicke nicht er⸗ künſtelt waren. — Ach, Verzeihung, rief ſie, Verzeihung, mein Herr! Sie meſſen mir die Schuld an jenem ſchrecklichen Aben⸗ teuer nicht bei, das Ihnen das Leben hätte rauben können — nicht wahr? — Gewiß nicht, mein Fräulein! antwortete Espe⸗ rance ruhig. Ich beſchuldige Sie nicht, daß weder Sie ſelbſt mich ermordet haben, noch daß Sie mich dem Meſſer des Mörders überliefert. — und weſſen werden Sie mich nun beſchuldigen? — So viel ich weiß, habe ich Ihnen noch Nichts geſagt, mein Fräulein. Ich befinde mich meiner Heilung wegen in dieſem Kloſter, und habe Sie nicht gerufen. Sie ſind zufällig hierher gekommen. Sie ſehen mich einfach nur deshalb, weil ich hier bin. — Und noch am Leben! O, dem Himmel ſei Dank dafür! Nun werden die Vorwürfe meines Gewiſſens mir die Naͤchte nicht mehr vergiften! — 115— — Ich bin erfreut, mein Fräulein, unfreiwillig dazu beigetragen zu haben, daß Sie wieder ruhig ſchlafen können. Da Sie nun beruhigt ſind, und ihre Nächte künftig nicht mehr geſtört ſein werden, ſo haben wir uns Nichts mehr zu ſagen. Grüßen wir uns höflich— wenigſtens mache ich Ihnen meine Verbeugung. Sehen Sie— Ihre Mutter wirft Ihnen ſchon einen Blick zu, der Sie zu rufen ſcheint. 4 — Meine Mutter! Meine Mutter! Es handelt ſich ja nicht um meine Mutter! Sie muß glücklich ſein, wenn ich mich mit Ihnen verſöhne! rief ſie heftig. — Sie gehen zu weit! In den Augen einer ſo ſtrengen Mutter müſſen Sie ſich compromittiren, wenn Sie mit mir ſprechen. Dieſe Ironie ſtachelte Henrietten wie ein Sporn. — Verzeihung, Verzeihung! rief ſie. Häufen Sie Zorn, Vorwürfe, ſelbſt Beleidigungen auf mich, dies ver⸗ zeiht man einem ſo grauſam beleidigten Manne— aber verſchonen Sie mich mit Hohn und Verachtung, mein Herr! — Warum ſollte ich Sie mit meinem Zorne beehren? fragte Esperance. Wenn Sie eiferſüchtig den Dolch er⸗ griffen und mir die Bruſt durchbohrt hätten, ſo würde ich Sie fürchten, ich würde Sie nicht verachten. Aber erinnern Sie ſich jener Frau, jener Hyäne, jener Diebin, die ſich über meinen Körper herabbeugte? Sie denken vielleicht nicht mehr daran, aber ich werde ſtie nie ver⸗ geſſen. Ich will mit dieſer Frau Nichts mehr gemein 8- — 116— haben. Gehen Sie Ihren Weg, mein Fräulein, und laſſen Sie mich den meinigen gehen. — Ich bin feig geweſen, ich habe aus Furcht un⸗ recht gehandelt... — Gleichviel! Ich verlange keine Rechtfertigung von Ihnen. Meine Wunde iſt faſt geheilt, ſehen Sie... Er entblößte ſeine weiße Bruſt, in deren zarter Haut ſich eine rothe Narbe zeigte. 1 Zitternd verbarg ſie ihr Geſicht mit den Händen. — Sie ſehen, fuhr er fort, daß ich kein Recht mehr habe, dem Mörder zu grollen. Was ſind körperliche Leiden, was ſind ein Dutzend in Fieber und Delirium verbrachter Nächte? Die Stunde der Liebe und wollü⸗ ſtiger Freuden, die mir die Geliebte gewährt, ſind damit bezahlt. Unſere Rechnung iſt ausgeglichen. Mit der Seele freilich iſt es anders— doch laſſen wir das, laſſen wir das! Er grüßte noch einmal, und wollte ſich durch eine der Alleen entfernen. Sie hielt ihn haſtig zurück. — Aber wenn ich Sie nun liebe! rief ſie. Wenn ich Sie ſchön, gerecht und erhaben finde, wenn ich mich demüthige, wenn ich mich ſelbſt anklage, wenn ich Ihnen geſtehe, daß mein ganzes Leben von Ihrer Verzeihung abhängk, wenn, ſeitdem Sie mich verlaſſen haben... O mein Gott, verlaſſen! Wenn ich ſeit jenem ſchrecklichen Augenblicke, wo ich wieder zu mir ſelbſt kam, wo man Ihren Körper nicht mehr fand— wo meine Mutter und Laramée fluchten und droheten— wenn ich ſeit jener gräßlichen Nacht nicht mehr geſchlafen habe— o, lachen Sie, lachen Sie nur! Wenn ich nur daran gedacht habe, Sie lebend oder todt wiederzufinden— wären Sie todt geweſen, um auf Ihrem Grabe zu knien, und Ihnen mein Herz zur Sühne zu bringen— wären Sie noch am Leben geweſen, um Ihre Hände zu ergreifen, wie jetzt, und Ihnen zu ſagen: Verzeihe mir, ich habe ſchlecht gehandelt, ich bin ehrgeizig geweſen und habe Chimären gehuldigt, die das Herz austrocknen— verzeihe mir, denn ich bin bald ein Dämon, bald ein leichtſinniges Weib, bald ein Geſchöpf, das wie ein Engel zu allem Guten fähig iſt. O, gewähre mir noch mehr als Verzeihung, Esperance, Du biſt ja nicht aus Haß und Groll zuſam⸗ mengeſetzt, wie wir— liebe mich noch, und ich werde mich durch die Liebe zu einer ſolchen Höhe erheben, daß wir von dieſen neuen Sphären aus die Erde nicht mehr ſehen, auf der ich Deinen Haß und Deine Verachtung verdienen ſollte. Esperance, ich beſchwöre Dich in dieſem feierlichen Augenblicke! Morgen wird es weder für mich, noch für Dich Zeit ſein! Laß uns vergeſſen, hoffen und lieben! Esperance ſah ſtarr auf den Raſen, wie Dido, als ſie den Aeneas bittet. — Du antworteſt nicht? fragte ſie. Du läßt mich warten? Beſtrafe mich— aber antworte! Willſt Du antworten? — Im Augenblicke! antwortete der junge Mann mit — 118— feſter Stimme und einem ſo glänzenden Blicke, daß Hen⸗ riette zurückbebte. Sie fordern Liebe von mir, und Sie ſelbſt empfinden keine Liebe. Unterbrechen Sie mich nicht! Ihr Gefühl iſt nur ein Ueberbleibſel der Jugend, eine der letzten fieberhaften Zärtlichkeiten, welche das Alter nicht Zeit hatte völlig zu erſtarren. Dieſe Liebe iſt Nichts als die Reue über den Tod eines Menſchen, das Ergeb⸗ niß der Furcht, die mein Schatten in Ihnen erweckt hat. — O, Sie mißbrauchen meine Demüthigung! — Nein, ich ſage Ihnen die Wahrheit, und dies iſt ein Recht, das ich theuer erkauft habe. Glauben Sie mir, ich würde auch dieſes Recht nicht benutzen, wenn ich nicht hoffte, daß der ohne alle Rückſicht Ihnen vor⸗ gehaltene Spiegel Ihre Aufmerkſamkeit auf die troſtloſe Wirklichkeit Ihres Bildes lenken würde; und wenn Ihre Fortſchritte im Guten, wenn Sie anders ſchon Fortſchritte gemacht, Andern zum Beiſpiele dienen, ſo werde ich mir im Stillen Glück dazu wünſchen. Was meine Perſon anbetrifft, die Sie zu lieben vorgeben, und die Sie um Gegenliebe bitten, ſo iſt ſie derſelben eben ſo unfähig, als Sie. Die Liebe, die ich einſt hegte, war ein über⸗ flüſſiger Saft, der mit meinem Blute verſiegt iſt. Viel⸗ leicht wäre ſte nicht abgeſtorben, wenn ſie in dem Herzen einige Wurzel gefaßt hätte, aber ich erkläre Ihnen, und zwar ohne verletzende Worte zu ſuchen— ich werde ſie im Gegentheil ſorgfältig vermeiden— ich erkläre Ihnen, daß ich, wenn ich die Hand auf dieſes Herz lege, das ſo oft an dem Ihrigen ſchlug, Nichts fühle, als die regel⸗ — 119— mäßige und gewöhnliche Bewegung eines zähen Lebens, und man muß es wohl glauben, da es einem ſo harten Stoße widerſtanden hat. Ich liebe Sie nicht mehr, mein Fräulein, und ich glaube folglich nicht, daß Sie mir mit Recht deshalb Vorwürfe machen können. Die Stirn Henriette's verrieth, daß ſie ein unaus⸗ ſprechliches Leid empfand; ſie machte noch einen letzten Verſuch. — Da Sie mich ſo weit treiben, ſagte ſie, Almoſen zu fordern, ſo muß ich meine Anſprüche auf Ihr Mitleid gelten zu machen ſuchen. Sie ſelbſt haben vorhin geſagt, daß Sie Erinnerungen geweckt, die mich erzittern machen. Werden jene entſchwundenen Zeiten der Liebe, werden jene Stunden, wo Ihr jetzt erkaltetes Herz ſo warm für mich ſchlug, nicht zu meinen Gunſten reden? Anſtatt mit mir zu wiederholen:„vergeſſen wir und lieben wir uns“, reichen Sie mir die Hand und ſagen Sie mit mir: „vergeſſen wir, und ſeien wir künftig Freunde!“ Mit einem aufrichtigen Blicke ſah Esperance in das ſchwarze, tiefe Auge Henriette's. Er las darin eine Art unheimlicher Begierde. Vielleicht war ſie in dieſem Au⸗ genblicke eben ſo aufrichtig als er; aber Gott, der ihr die Gewalt verliehen, zu zünden und das Herz fortzureißen, hatte ihr die überzeugende Sanftmuth verſagt, den Reiz, der den Verdacht einſchläfert. Wenn Esperance nicht ein ſo edelmüthiges Herz befeſſen, man hätte glauben mögen, er verzeihe es Henriette nicht, daß ſte von ſo großer Liebe zur Freundſchaft überging. — 120— — Ich bedauere, ſagte er langſam, daß ich Ihrem Wunſche nicht genügen kann. Ich kann Ihre Anſicht von der Ordnung der Gefuͤhle, die Sie aufſtellen, nicht theilen. Die Freundſchaft ſteht in meinen Augen eben ſo hoch, als die Liebe, wenn nicht noch höher. Wenn ich einer Perſon meine Freundſchaft ſchenke, ſo muß ich über ſte völlig im Klaren ſein. Wenn ich liebe, ſo ſehe ich nur auf ſchöne Augen, auf den Wuchs, auf den Fuß und auf den Buſen, der mich reizt. Ich habe Sie geliebt, und bereue es nicht; aber ich kann nie Ihr Freund werden. Erbleichend richtete ſie ſich empor. — Diesmal, ſagte ſie, nehmen Sie weder auf meine Lage, noch auf mein Geſchlecht Rückſicht. Sie beleidigen mich, als ob ich ein Mann wäre. — Sie wiſſen zu gut, daß ich friedlicher Natur bin, als daß Sie dieſe Worte mit Ueberzeugung geſprochen haben könnten. 4 — Kann Ihnen meine Freundſchaft ſchaden? — Kann Ihnen die meine nützen? — Wäre es auch nur für die Tage, wo der Zufall uns einander näher bringt. — Dieſe Tage, mein Fräulein, werden ſehr ſelten ſein! Unſere Sterne verfolgen nicht dieſelbe Bahn. Uebri⸗ gens können wir uns leicht arrangiren! Da Sie wiſſen, daß ich nicht todt bin, werden Sie natürlich nicht über⸗ raſcht ſein, wenn Sie mir begegnen, wir drehen uns — 121— artig und unbefangen den Rücken zu, oder wir grüßen uns noch artiger, wenn Ihnen dies lieber iſt. — Wenn es Ihnen nicht lieb iſt, kann es mir gleich⸗ gültig ſein, ſagte Henriette mit einem Stolze, der Espe⸗ rance klar bewies, daß der Firniß der Sanftmuth nicht eben ſtark auf dieſer rauhen Rinde lag. Demnach bin ich abgewieſen, mein Herr? Esperance verbeugte ſich. — In allen Punkten? Er verbeugte ſich noch einmal. Henriette biß die Zähne zuſammen. — Nun bleibt uns noch ein Geſchäft zu beſprechen, ſagte ſie. Der junge Mann ſah ſie überraſcht an. — Ja, mein Herr! Wer die Freundſchaft verwei⸗ gert, verſpricht Haß. Und Sie haſſen mich! — Das habe ich nicht geſagt, mein Fräulein, ich habe vielmehr das Gegentheil ausgedrückt. Vernehmen Sie noch einmal mein Glaubensbekenntniß: ich hege keine Liebe, keine Freundſchaft, keinen Haß! — Phraſen, Ausflüchte, Spitzfindigkeiten, die mich nicht täuſchen können! Sehen Sie mich nicht ſo erſtaunt an. Sie ſind ebenſo wenig erſtaunt, als ich vorhin ver⸗ liebt war. Wir ſpielen eine Parthie, nicht wahr? Gut, decken wir die Karten auf. Da Sie frei ſein wollen, und da ich völlig auf Sie Verzicht leiſte, ſo kann es nicht in Ihrer Abſicht liegen, daß ich Ihre Sclavin bleibe. — 122— — Meine Selavin? — Ich bin es. Sie halten das erſte Gelenk einer Kette, die ſtets meine Abſichten, meine Freiheit und mein Leben feſſeln wird, einer Kette, die mich entehrt. Laſſen Sie dieſe Kette los, mein Herr!. — Ich ſtrenge mich vergeblich an, Sie zu verſtehen, ſagte Esperance. 3 — So will ich Ihnen helfen! Der Liebhaber, der die Pfänder ſeines zärtlichen Verhältniſſes mit einer Frau aufbewahrt, kann dieſe Frau verderben— nicht wahr? — Ah, rief Esperance, nun verſtehe ich! — Das iſt ein Glück! — Sie meinen Ihren Brief? — Sie werden mir ſagen, daß Sie dieſen Brief nicht bei ſich tragen? — Zunjächſt. — Ich glaube es. Schicken Sie Jemanden mit die⸗ ſem Briefe nach Ormeſſon; er wird dafür die Diamanten zurückbringen, die Sie in meinem Zimmer vergeſſen haben. — Das wäre unnütz, mein Fräulein, ſagte Esperance kalt; ich werde nicht nach dieſen Diamanten ſchicken. Werfen Sie ſie in den Fluß, ſtreuen Sie ſie auf den Straßen aus, ſchicken Sie ſie mir zurück, daß ich ſie den Armen gebe— machen Sie damit, was Ihnen gut dünkt. Den Brief... — Nun? — Sie werden ihn nie wiederſehen. Sie ſollen nicht — 123— meine Seclavin bleiben, wie Sie vorhin ſagten, oder er⸗ röthen, wenn Sie mir begegnen— ich ſchwöre Ihnen, rechts auszuweichen, wenn ich Sie von links kommen ſehe; aber es gefällt mir, dieſe ſhrat iche Waffe gegen Sie zu behalten. — Das iſt feig! rief Henriette mit einem fürchter⸗ lichen Blicke. — Wenn ich Ihnen glauben darf, ſo iſt es vielmehr eine Kühnheit! — Sie wollen mir dieſen Brief nicht zurückgeben? — Nein. — Wohlan, ſo werde ich ihn mir nehmen! — So lange Sie mich nicht ermorden laſſen, ſo lange ich noch aufrecht ſtehe, ſo lange mir noch ein Tropfen Blut bleibt, um mich zu vertheidigen, ſo lange werde ich Ihnen Trotz bieten! — Ueberlegen Sie noch einmal! Esperance zuckte mit den Achſeln. — Fürchten Sie ſich nicht vor mir, ſagte Esperance freundlich; Sie ſehen ja, daß ich mich vor Ihnen nicht fürchte. — Das iſt ein Unglück! flüſterte das junge Mädchen mit einer ſchrecklichen Bewegung. Leben Sie wohl! Ich werde Ihnen kein Wort mehr ſagen, Esperance. Aber ich haſſe Sie— nehmen Sie ſich in Acht! — Sie haben ſchon einige Worte zu viel geſagt! antwortete Esperance. Henriette ging raſch nach den Bäumen zurück, nahm — 124— den Arm ihrer Mutter, und zog die majeſtätiſche Marie Touchet mit einer außerordentlichen Kraft mit ſich fort, ohne Gabriele zu grüßen, die ſich nach ihrer Geſundheit erkundigte. Die Frauen begegneten Herrn von Eſtrées und dem Grafen von Auvergne, die nach den Bäumen zurückgehen wollten, nachdem ſie Heinrich IV. das Geleit gegeben. Mehr als zehnmal rief Henriette aus: — Gehen wir! Gehen wir! Und dabei warf ſie nach rechts und links unruhige Blicke. — Was ſuchen Sie? fragte der Graf. Iſt wieder eine Ohnmacht im Anzuge? — Die verwünſchte Ohnmacht! murmelte Herr von Entragues. — Ich ſuchte Laramée! ſagte Henriette wüthend. — Es handelt ſich jetzt nicht um Laramée, ſagten die beiden unmuthigen Hofleute. Fragen Sie lieber, was der König von Ihrer Ohnmacht denkt. — Der König weiß recht gut, ſagte raſch Marie Touchet, daß ein junges Mädchen Nervenanfällen un⸗ terliegt. — Was liegt auch daran? rief Henriette in fieber⸗ hafter Aufregung. Wo iſt Laramée? Ein Gärtner, der auf einem Beete arbeitete, hörte dieſe Frage. Er hatte den lauernden jungen Mann lange Zeit bei der Baumgruppe geſehen, während Henriette mit Es⸗ perance geſprochen. — 125— — Suchen Sie den Herrn in den Jagdkleidern, der vorhin dort war? fragte er. — Ja! — Man hat ihn vor zehn Minuten gerufen. — Wer? — Herr von Pontis. — Wer iſt Herr von Pontis? — Ein Gardiſt des Königs, der hier wohnt. — So! rief Henriette. — Ja. Der blaſſe junge Mann ſtand dort unter den Bäumen, zur Seite der Fontaine. Da näherte ſich ihm Herr von Pontis und klopfte ihn auf die Schulter. Der Andere ſah ſich raſch um. Ich weiß nicht, was ſte ſprachen, ich ſah nur, daß ſie zuſammen raſch davon⸗ gingen. — Gut! ſagte Marie Touchet, indem ſie den Arm ihrer Tochter ergriff; wir werden ihn ſchon antreffen. Gehen wir. Die ganze Familie verſchwand in dem Thore. Der erſchöpfte Esperance war auf eine Bank ge⸗ ſunken. Seine Blicke ſuchten Pontis, denn er fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Gabriele war zu ihrem Vater zurückgekehrt. Ein Geräuſch, als ob ein Eber durch das Dickicht bricht, weckte plötzlich den bleichen, jungen Mann; er ſah oder er errieth vielmehr Pontis unter wilden, verſtörten Zügen und in zerfetzten Kleidern. Schweißtriefend riß — 126— der Gardiſt die jungen Buchen auseinander, die ihm den Weg verſperrten, und ſagte keuchend: — Leben Sie wohl! Auf Wiederſehen! Tauſend Grüße an die guten Brüder! Dann entfloh er. Esperance ergriff einen der Fetzen ſeines Wamſes und rief: — In des Himmels Namen, antworte: was iſt ge⸗ ſchehen? In welchem Zuſtande biſt Du? 8. Hund und Wolf. Wir berichten, wozu Pontis ſeine Zeit verwendet hatte Wir haben geſehen, wie er nach ſeiner Unterredung mit Esperance verſchwand. Der durch die feindlichen Blicke der beiden Freunde bedrohte Laramée war plötzlich von dem Augenblicke an frei geworden, wo Henriette den Arm Esperance's ergriffen hatte. Der Gärtner hatte ſich nicht getäuſcht. In aͤngſtlicher Spannung hatte Laramée jede Bewegung des jungen Mädchens, jede Geberde des jungen Mannes beobachtet. Wovon konnten ſie ſprechen? Wie war es möglich, daß ſie, eine Frau, ſich ſo raſch von ihrer Aufregung erholte, während er, ein ſtarker und kühner Mann, bei dem An⸗ blicke ſeines dem Tode entkommenen Opfers immer noch zitterte? Das Gewebe aller dieſer Intriguen verwirrte Laramée. Es war ihm unmöglich, den. kühnen Sprüngen der En⸗ tragues und der ungeſtümen Henriette zu folgen. Er wußte ſich weder die Anweſenheit Esperance's, die ver⸗ ſchwenderiſchen Händedrücke des jungen Mädchens, noch die geduldige Höflichkeit Marie Touchet's zu erklären. Der — 128— Graf von Auvergne, der König, Esperance, Ormeſſon, Saint⸗Denis, Bezons— Alles tanzte wie vom Fieber erzeugte Viſionen durch ſeinen wüſten Kopf. Und wahr⸗ lich, es waren der verſchiedenen Eindrücke zu viel, als daß ſie die Kraft eines einzelnen Geſchöpfs nicht über⸗ ſteigen ſollten. Die Eiferſucht, der Haß, die Furcht und der religiöſe Fanatismus würden einzeln ſchon hingereicht haben, um vier Köpfe zu verdrehen. Der junge Mann ſtützte ſich an ſeinen Baum, wie ein Gefangener an ſeinen Pfahl, und erwartete, daß Licht und Ruhe endlich wieder ſeinen Verſtand beherrſchten. Schon unterſchied er den Gedanken, zu den beiden in der Unterredung begriffenen Perſonen zu gehen, Henriette zu ihrer Mutter zurückzuführen und von Esperance eine ent⸗ ſcheidende Erklärung zu fordern. Seine wilde Herrſchſucht billigte dieſen Plan. Er war der Meinung, Henriette würde ſich aus Furcht vor Aufſehen leicht fügen. Dem verwundeten Esperance wollte er vorſchlagen, den Meſſer⸗ ſtich durch einen Degenſtich vergeſſen zu machen, ſobald er ganz geheilt ſein würde. Da legte ſich plötzlich eine Hand auf die Schulter des jungen Mannes. Als er ſich wandte, ſah er einen Fuß weit von ſeinem Geſichte das lächelnde und durchtriebene Geſicht des Gardiſten Pontis. Zum zweiten Male ſah er bei vollem Tageslichte dieſe männliche und ſeltſame Geſtalt. Bei dem nächtlichen Zuſammentreffen in Ormeſſon hatte die Dunkelheit Beide verhindert, ſich gegenſeitig genau in's Auge zu faſſen. — 129— Vorhin hatte er Pontis am Arme Esperance's nur durch einen Vorhang von Blättern geſehen. Im Lager von Vilaines und hier im Kloſtergarten hatten ſie ſich alſo wirklich gegenüber geſtanden. Es würde vieler Zeilen bedürfen, wollten wir mit⸗ theilen, was Pontis' Geſichtsausdruck dem Laramée ſagte; aber ein einziger Blick machte es ihm klar. Laramée legte die Hand an den Griff ſeines Degens und wandte ſich um. — Ich ſehe, ſagte Pontis, daß Sie mich ſchnell ver⸗ ſtanden haben. Es iſt eine Luſt, Geſchäfte mit geiſtreichen Leuten zu haben. — Mein Herr, antwortete Laramée, ich bin durchaus nicht geiſtreich, und will auch die Zeit damit nicht ver⸗ lieren, es ſein zu wollen. Sie haben mit mir zu reden — ich bin bereit, Sie zu hören. — Dieſe Phraſe wiegt eine ganze Rede auf und erinnert an das Alterthum! ſagte Pontis. — Aber Sie werden doch nicht vorausſetzen, daß ich hier im Freien, in der Nähe von Damen, den Degen ziehe?.. — Gut! Es iſt Ihnen läſtig? — Ich wiederhole es! 4 — Dann, mein Herr, müſſen Sie ſich ſeit unſerm letzten Zuſammentreffen ſehr geändert haben. Damals zogen Sie ohne Weiteres das Meſſer aus der Taſche der beiden Damen ſelbſt. — Rufen Sie dies noch lauter! ſagte Laramée mit Gabriele. IV. 9 — 430— einem giftigen Blicke. Sie wollen mir darthun, daß Sie darauf ausgehen, gehört zu werden, damit man uns am Kampfe hindere. — O, Sie irren! Von Aufſehen kann zwiſchen uns keine Rede ſein, mein Herr! Mein Freund hat es mir durchaus unterſagt, mich mit Ihnen einzulaſſen. Es wird nur eine ſtumme Erklärung ſtattfinden. Sollten Sie ſich aber weigern, mir zu folgen, dann würde ich meine Zu⸗ flucht zu Gewaltmaßregeln nehmen müſſen. — Ich wiederhole Ihnen, daß Sie einen unpaſſenden Ort gewählt! — Ah, wem ſagen Sie das? Auch ich habe einen andern gewählt. Sie haben doch Nichts dagegen einzu⸗ wenden? Laramée zitterte. — Gehen wir! ſagte er. Dann fragte er, wie entzückt: — Wohin gehen wir? — Sie werden bemerkt haben, antwortete Pontis, daß ich vorhin, anſtatt gerade auf Sie zu zu gehen, den Weg quer durch den Garten nahm? — Ich habe es bemerkt. — Weil ich nun ſo raſch ging, hätten Sie ſich ſagen müſſen: dieſer Pontis iſt kein Narr, er geht, um Etwas für mich vorzubereiten. — Ich dachte daran. — Ich wiederhole, daß Sie ungemein geiſtreich ſind. Nun ſtellen Sie ſich, als ob durchaus Nichts im Werke — 131— wäre. Kommen Sie, wir gehen wie zwei Liebende dorthin. Unterwegs erkläre ich Ihnen meine ſchlauen Pläne. Laramée zitterte, daß er gezwungen ward, in dieſem Augenblicke Henriette zu verlaſſen, deren Geſpräch mit Esperance ſehr lebhaft ward. Aber Pontis ergriff höf⸗ lich ſeinen Arm und führte ihn den Kloſtergebäuden zu. Er mußte folgen. — Sehen Sie, ſagte Pontis, ich wohne in dieſem Kloſter ſchon lange, daß ich alle Winkel und Verſtecke aufgeſpürt und beſucht habe. Es iſt unmöglich, Ihnen die Kunſtgriffe zu detailliren, die ich habe anwenden müſſen, um in die Speiſekammer, oder in die Küche zu ſchlüpfen, damit ich ohne Vorwiſſen des Bruders Sprecher die Fleiſchſuppen und gebratenen Geflügel ſtehlen konnte, die den armen Esperance gekräftigt und wieder lebens⸗ luſtig gemacht haben. Sie hatten ihm tüchtig zur Ader gelaſſen! — Sie können gehen, ohne ſo viel zu ſchwatzen! murmelte Laramée. — Ich ſchwatze, damit Ihnen der Weg nicht lang wird. Uebrigens werden wir bald zur Stelle ſein. Nun will ich die Frage, wohin wir gehen, beantworten. Wir werden eine kleine Treppe hinter der Küche hinabſteigen, an der Speiſekammer vorübergehen, und nachdem wir die Kapelle hinter uns haben, in die Keller hinabſteigen, wo ſich die Holzgelaſſe befinden. Beruhigen Sie fich, die Keller ſind nur ein etwas niedriges Stockwerk. Dieſes 1 9* — 132— Kloſter iſt vortrefflich gebaut, mein Herr. Es hat drei Stockwerke Keller. In dieſem Augenblicke betraten die beiden jungen Leute wirklich den Corridor, auf dem die Treppe ſich zeigte, von der Pontis geſprochen hatte. Unſer Leſer erinnert ſich vielleicht, daß er den Bruder Sprecher und Herrn von Liancourt auf derſelben Treppe geſehen hat. Dieſer einſame Ort erhielt ſein Licht, oder vielmehr ſeine Dämmerung, durch kleine Luftlöcher, die in einen innern Hof hinausgingen. In dem Augenblicke, als man hinabſteigen wollte, blieb Laramée ſtehen und ſagte zu ſeinem Führer: — Da wir nicht ohne Abſicht dieſen Ort betreten, mein Herr, und da dieſe Abſichten eben nicht die ſchmeichel⸗ hafteſten ſind, ſo werden Sie mir erlauben, daß ich meine Vorſichtsmaßregeln treffe. — Wie, mein Herr, welche Vorſichtsmaßregeln? — Ich ziehe zunächſt meinen Degen. — Wie Sie wollen; ich laſſe den meinigen in der Scheide. — Und nun gehen Sie voran. — Ah, mein Herr, das iſt viel verlangt! rief Pontis. Ich ſetze nämlich voraus, daß Ihr Fuß ausgleitet, daß Sie, ohne es zu wollen, auf mich fallen, daß Sie die Hand ausſtrecken, um ſich zu halten, und daß dieſer teuf⸗ liſche Degen, den Sie in der Hand halten, mir in den Leib fährt. Das müßte Ihnen und mir ſehr unangenehm ſein. Nein, treffen wir andere Anſtalten. — 133— — Kanrn ich außerdem wiſſen, ob Sie mir in dieſer Finſterniß nicht eine Schlinge gelegt haben? — Sie haben Recht, das läßt ſich vorausſetzen. Wohlan, halten Sie Ihren blanken Degen, wie es Ihnen gut ſcheint. Aber um Ihnen zu beweiſen, wie ſehr ich wünſche, Ihnen angenehm zu ſein, theilen wir die Hälfte: Sie werden zwei Degen haben— hier iſt der meine und nun gehen Sie voran. Das iſt Ihnen recht? Wenn die Treppe breit genug wäre, würden wir neben einander hinabſteigen. Leider iſt ſie es nicht! Mit düſterer Genugthuung nahm Laramée die beiden Degen unter den Arm und ſtieg rücklings die Treppe hinab. Sein ſcharfes Auge beobachtete die kleinſte Be⸗ wegung ſeines Gegners. So kamen ſie in einen langen, mit feinem Sande beſtreuten Gang, den eine angenehme, friſche Luft durch⸗ wehte. Rechts und links waren Mauern. Eine mit Eiſen beſchlagene Thür führte ohne Zweifel zu dem Keller, in dem die feinen Weine lagen. — Beeilen wir uns! ſagte Laramée. Aber dieſer Gang iſt zu ſchmal. Unſere Klingen werden bei jeder— Parade die Wände berühren. Pontis antwortete mit einem ſeltſamen Lächeln: — Für das, was ich beabſichtige, iſt er breit genug. Meſſen wir zunächſt die Degen. — Welche Förmlichkeiten! ſagte Laramée. Faſt ſcheint es, als ob Sie Zeit gewinnen wollen. Hier ſind die Degen, meſſen Sie! —- 134— Bei dieſen Worten überreichte er ſie. Pontis ergriff ſie beide zugleich und warf ſie mehr als zehn Schritte weit hinter ſich. — Was thun Sie? rief Laramée, erſchreckt zurück⸗ weichend.. — Ah, rief Pontis, der plötzlich Geſichtsausdruck und Sprache änderte, Du glaubſt wohl, ich werde das Schwerdt gegen Dich ziehen? Weil ich Dich einen geiſtreichen Menſchen genannt habe, läßt Du Dich hierher führen? O, Du dreifacher Dummkopf! Haſt Du Dein kleines Meſſer bei Dir? — Mein Herr, ich werde rufen! — Verſuche es! rief Pontis, indem er einen Satz machte, ihn bei der Kehle packte und an die Wand drückte. Aber Laramée war ſtark, und der Schrecken verdop⸗ pelte ſeine Stärke. Mit einer übermenſchlichen Anſtrengung entſchlüpfte er den nervigten Fäuſten, die ihn zu erwürgen drohten. — In der Nähe, oder aus der Ferne! ſagte Pontis, indem er mit ausgeſtreckten Händen weiter ging. Ich werde Dich ſchon erreichen. Weiche nur zurück, der Cor⸗ ridor hat keinen Ausgang. Laramée gewährte einen fuͤrchterlichen Anblick. Er bückte ſich, wie eine wilde Katze, die ſich zum Sprunge vorbereitet. — Ich bin kein Verräther, fügte Pontis hinzu. — 135— Sieh' dieſe Thuͤr und dieſe Eiſenſtäbe. Siehſt Du ſie? Nun ſieh' den Strick, der daran hängt. Vorhin habe ich ihn befeſtigt. Das iſt die Ueberraſchung, die ich Dir zugedacht! — Elender! heulte Laramée. — Ueber was beklagſt Du Dich? Du biſt zwanzig Jahre alt— auch ich! Ich bin klein, Du biſt groß! Wir haben beide kein Schwerdt. Du haſt mich hängen laſſen wollen, jetzt will ich Dich hängen. Aber Du haſt hier einen Vortheil, den ich im Lager nicht hatte: wenn der Profoß mich gehalten hätte, ſo konnte ich keinen Wi⸗ derſtand leiſten, während Du, wenn Du willſt, Dich weh⸗ ren kannſt; Du kannſt die Genugthuung haben, mich an demſelben Stricke aufzuhängen, den ich Dir beſtimmt hatte. Aber ich glaube nicht daran, denn ich hoffe, daß ich hier der Stärkſte bin, wie Du in Ormeſſon der Nie⸗ derträchtigſte geweſen biſt. Vorwärts... Halte Dich gut... vertheidige Deinen Hals! Beiße und kratze! Der Hund Pontis kämpft gegen den Wolf Laramée! Kaum hatte er ausgeſprochen, als ſich ſein Gegner mit der Kraft des Wolfes, dem er ihn ſoeben verglichen, auf ihn ſtürzte. Es war ein ſchreckliches Schauſpiel. Die beiden Männer, gleich an Muth, aber nicht an Kraft, hielten ſich feſt umſchlungen und kämpften ſo einige Mi⸗ nuten. Ihre Kräfte ſchwanden, aber ihre Wuth wuchs. Laramée, der größer und vielleicht auch gewandter war, warf Pontis unter ſich und drückte ihn feſt auf den Bo⸗ —. 136— den, indem er ſeine langen Beine und ſeine Fäuſte an die Wände ſtemmte. Pontis aber rollte wie eine Kugel unter ihm hinweg, ſprang auf, packte Laramée in der Mitte des Körpers, ſchwang ihn wie eine Wurfmaſchine in der Luft, und als er ſah, daß er von dem Stoße an die Mauer betäubt war, ſchleppte er ihn nach dem Stricke und befeſtigte ihn an der Schlinge, die er vorbereitet hatte. Weder Nägel, noch Zähne, noch verzweifelte Fußtritte ſtörten den Gardiſten in ſeiner Beſchäftigung. Umſonſt riß ihm der Ueberwundene ſeine dichten Haare aus, um⸗ ſonſt zerkratzte er ihm mit Sporenſtößen die Seiten und das Geſicht— Pontis zog den Strick empor, und mit ihm den elenden Laramée, dem Hören und Sehen verging. Jetzt hörte Pontis, der ſich in einer nervöſen Auf⸗ regung befand, in der alle Sinne ſchärfer ſind, Schritte in der Allee des Gartens, die ſich an dem Gange hinzog. Dann glaubte er einen Schatten zu ſehen, der ſich durch eins der Luftlöcher hinabneigte; er un ſelbſt hinter der Thür einen Schreckensruf zu vernehmen. Nun ſtieg er, auf jeder Stufe ſtrauchelnd, die Treppe hinan, und ging, blind, taub und blutig gekratzt, wie wir ihn ge⸗ ſehen haben, zu der Baumgruppe, wo ſein Freund ihn erwartete. Als Esperance ihn in dieſem ſchrecklichen Zuſtande ſah, ſtieg in ihm ſogleich der einzige Gedanke auf, der dieſen Zuſtand erklären konnte. — Du biſt mit Laramée zuſammen geweſen! ſagte er. — Sambiour, ich glaube wohl! — Was haſt Du mit ihm gemacht? Wo iſt Dein Degen? — Wir ſprechen ſpäter davon. Umarme mich ſchnell, gieb mir eine oder zwei Piſtolen, und lebe wohl. Mein Bleiben könnte mir ſchlecht bekommen. — In des Himmels Namen, rede! Haſt Du Dich mit dieſem Elenden geſchlagen? — Nein, das war ja verboten. — So hat er Dich geſchlagen? — Nein, nein! Wir waren in Streit gerathen, und da iſt mir ein kleines Unglück begegnet. — Ihr ſtrittet Euch über Henriette? — Nein, auch das iſt ja verboten. Wir ſtritten, ich weiß nicht mehr über was, als er plötzlich von einem Dinge gefangen ward, das ihn fortzog... — Mein Gott, von welchem Dinge? — Ich glaube, es war ein Strick. Er iſt hartnäckig — ich bin es auch. Er zog an der einen, ich an der andern Seite. Ich zog dergeſtalt, daß es gut iſt, wenn ich mich aus dem Staube mache. Leben Sie wohl! — Unglücklicher, Du haſt ihn getödtet! — Ich fürchte es faſt. Leben Sie wohl! Entſchul⸗ digen Sie mich bei dem vortrefflichen Bruder Robert. Sagen Sie ihm, daß ich vor Confrontationen, Verhören und Verbalproceſſen einen Abſcheu hätte. — 138— — Du willſt mich verlaſſen?. — Du biſt ein großer Knabe, und die junge Gattin wird Deine Krankenwärterin ſein. Umarmen wir uns! Nach dieſen Worten eilte er davon. Nachdem er wielleicht zehn Schritte zurückgelegt, blieb er ſtehen. — Ich gehe zu Herrn von Crillon, rief er, dem ich mich entdecken will; vielleicht hat er Nachſicht mit mir! Drei Minuten ſpäter hatte er einen Zaun überſprun⸗ gen, dann eine Mauer, und Pontis befand ſich nicht mehr in dem Bereiche des Kloſters. Esperance war allein; erſchreckt fragte er ſich, wozu er ſich nun entſchließen ſolle Er wollte den Bruder Ro⸗ bert aufſuchen, wollte ihm Alles erzählen und Alles ent⸗ ſchuldigen— da kam Gabriele zurück; ſie ſtieß einen Schrei aus, als ſie die Beſtürzung in den Zügen des jungen Mannes ſah. — O, ich wußte es wohl, rief ſie, daß die Unter⸗ haltung mit Fräulein von Entragues mehr⸗ beſe als gute Folgen für Sie haben würde. — Auch ich bin der Meinung, Madans. ſagte Es⸗ perance, auf den der Ton dieſer ſanften Stimme und die Freundlichkeit dieſes lieblichen Blicks denſelben Eindruck ausübte, wie die Muſik nach dem Donner, wie der ſanfte Mondenſtrahl nach einem grellen Blitze. — Ich möchte wohl Ihre vertraute Freundin ſein, fügte ſie hinzu, um zu erfahren, was ſie Ihnen mit ſo großer Heftigkeit ſagte. Sie waren Beide ſehr bleich. — Ich bin immer bleich! — Ja, aber ſie. Doch verzeihen Sie— meine Neu⸗ gierde wird Ihnen läſtig. — Ach, Madame, antwortete Esperance, indem er dankbar ihre kleinen Finger drückte, Sie ſind weder neu⸗ gierig noch läſtig; aber Ihre Augen ſind ſo klar, Ihre Seele ſpiegelt ſich ſo rein darin ab, daß ich dieſen ſchönen Kriſtal zu beſchmuzen fürchte, wenn ich meinen trüben Kummer darüber ausgieße. — Hat Ihnen dieſe Frau Kummer bereitet? — Ja; aber er iſt nun vorüber. — Sie ſchien Ihnen zu drohen, als ſie ſich entfernte. Da klage ich mich ſelbſt an... aber indem ich mich ſtellte, als ob ich auf ihre Mutter hörte, habe ich auf die Tochter gehört. Sie hat Ihnen geſagt: Nehmen Sie ſich in Acht! — Es iſt wahr. — Dieſe Drohung läßt mich für Sie fürchten. Ich 4 hatte mir vorgenommen, ſobald ich mit meinem Vater Frieden geſchloſſen, zu Ihnen zurückzukehren, daß Sie mich beruhigen. ¹ — Ich danke, Madame. — Wir ſind ja Freunde, nicht wahr? Sie haben mir einen Dienſt geleiſtet... 2 — Einen ſo großen Dienſt, Madame, ſagte Esperance lächelnd, daß Sie mir ewige Dankbarkeit ſchulden. Trotz⸗ — 140— dem ich mir geſchworen hatte, mich nie wieder durch die Reize einer Frau gewinnen zu laſſen, ſo iſt Ihr Aner⸗ bieten doch ſo verlockend, daß ich eine letzte Probe ver⸗ ſuchen werde. Mit ganzer Seele nehme ich Freund⸗ ſchaft an. 3 — Alſo abgemacht: Sie werden mir ſtets die Wahr⸗ heit ſagen und mir rathen. Und wenn ich leide, tröſten Sie mich. — Leider werden Sie meines Troſtes vielleicht be⸗ dürfen! ſagte Esperance traurig. — Warum? fragte Gabriele erſchreckt. — Weil Sie— weil Sie denſelben Weg betreten haben, den die Frau, von der wir ſprachen, betreten hat; weil Sie ihr Hinderniſſe bereiten, und weil ſie Alles, was ihr läſtig iſt... — Nun? — Mit Füßen tritt, ohne, wie mir, zu ſagen: Neh⸗ men Sie ſich in Acht! — O, dann werden Sie mich vertheidigen! — Ich werde nicht mehr hier ſein, Madame. Dieſen Abend noch muß ich das Kloſter verlaſſen. — Sie? rief Gabriele erbleichend, denn ſie fühlte, daß ſich ihr Herz an dieſe Freundſchaft von einem Tage ſchon gewöhnt hatte. — Ich muß meinem Freunde folgen, antwortete der junge Mann, um zu vermeiden, daß eine Frau durch ſeine ſchrecklichen Mittheilungen betrübt werde. — 141— — Will denn Herr Pontis abreiſen? — Er iſt ſchon abgereiſ't. — O mein Gott! flüſterte Gabriele. Aber wir werden uns doch jedenfalls wiederſehen? — Unſere Wege werden uns nicht zuſammenführen. Sie werden glänzen und herrſchen, Madame; der Glanz, der Ihrer wartet, wird meine Augen blenden. Erröthend blickte ſie zu Boden. — So wäre die kaum erblühte Freundſchaft ſchon wieder todt! flüſterte ſie mit ſo ſchwacher und harmo⸗ niſcher Stimme, daß ſie einem fernen Geſange glich. Ach, mein Herr, wäre doch dieſe Freundſchaft nie geboren! Esperance wollte antworten; aber als er den Blicken Gabriele's begegnete, fühlte er, daß dieſe Blicke ihm mehr entlocken würden, als er ſagen wollte. Er wandte ſich ab, und ſchwieg. Plötzlich ſah er in der Allee den Bruder Robert er⸗ ſcheinen, deſſen Geſicht, wie immer, unter der Kapuze verborgen war. — Madame, rief er, ich muß Sie verlaſſen, denn ich habe dieſem guten Mönche viel mitzutheilen. Wenn er mich dann nicht mit Abſcheu davonjagt, kann ich mich glücklich preiſen. — Mein Gott, was iſt denn geſchehen? fragte Ga⸗ briele, indem ſie mit Esperance dem Bruder Robert ent⸗ gegenging.. — Eine letzte Bitte habe ich an Sie zu richten, — 142— Madame: ſeien Sie nicht Zeugin von dem, was ich ſagen werde. — Sie erſchrecken mich! flüſterte ſie. — Warum erſchrecken Sie? fragte die gellende Stimme Bruder Roberts, der in dieſer Entfernung die letzten Worte gehört hatte. — Herr Esperance will durchaus das Kloſter ver⸗ laſſen, antwortete Gabriele. Der junge Mann zitterte. — Aus welchem Grunde? fragte ruhig der Mönch. Der Herr iſt noch nicht geheilt, er bedarf unſerer Pflege noch. — Sehen Sie, rief Gabriele, Sie müſſen bleiben! Ja, wir bleiben! Der Mönch benutzte dieſe Worte als Einleitung zu der Mittheilung: — Madame, Sie werden dieſen Abend nach Bou⸗ gival zurückkehren; Herr von Eſtrées hat es ſo eben unſerm hochwürdigen Prior mittheilen laſſen. Die Wege ftnd frei, und Sie haben keinen Grund mehr, länger hier zu bleiben. Gabriele erbleichte. — Aber mein Vater hat mir Nichts davon geſagt! ſtammelte ſte. Der König glaubt, daß ich hier bleibe... und wenn nun Herr von Liancourt zurückkommt... — Herr von Liancourt kommt nicht zurück! unter⸗ brach ſie ernſt der Mönch. Die Gefahren, die Ihnen drohen könnten, haben Sie in Bougival nicht mehr zu fürchten. Bei dieſen Worten ſah Robert Esperance und Ga⸗ briele mit einem leuchtenden Blicke an. Beide errötheten. Sie grüßten ſich zum Abſchiede. Esperance folgte dem Mönche und kehrte in ſein kleines Zimmer zurück. Gabriele ging dem neuen Hauſe zu. Die Seufzer der beiden jungen Leute waren dem Bruder Sprecher nicht entgangen. 59. Wer zuletzt lacht, lacht am Beſten. 4 Die Freunde des Königs hatten ſich nicht geirrt. Da⸗ durch, daß er zur katholiſchen Kirche übergetreten, war den Liguiſten der letzte Vorwand genommen. Da die Bevölkerung von Paris wußte, der König war katholiſch, ſo legte ſie ſich keinen Zwang mehr an, um laut zu be⸗ weiſen, daß ſie das Joch eines franzöſiſchen Königs der ſpaniſchen Occupation vorzog. Seit fünf Jahren hatte dieſe ausgehungerte, erſchöpfte Stadt alle Kraft, allen Geiſt verſchwendet. Wenn man in Paris lange geſchrien und geſungen, Epigramme und Anagramme gemacht hat, ſo fragt man ſich, ob der Ge⸗ genſtand der Mühe werth iſt. Man erwog nun, ob Mayenne mehr als Crillon, und ob Philipp II. mehr als Heinrich IV. nütze. Die Musketen verloren gegen die Geſänge den Prozeß.. Aber die Spanier wollten den Prozeß nicht verlieren, und die Frau Herzogin von Montpenſier wollte es noch viel weniger. Aus dieſem Grunde herrſchte in Paris eine große Aufregung, ſeit die Kunde von dem entſchei⸗ denden Schlage des Königs dorthin gelangt war. — 145— Eines Morgens war das erwachte Paris von neuen ſpaniſchen, walloniſchen und italieniſchen Truppen ein⸗ geſchloſſen. Man verkündete mit Gepränge die Ankunft mit Dublonen beladener Wagen, um die Rentiers und beſoldeten Beamten anzulocken. Die Umarmungen und Höflichkeitsbezeigungen zwiſchen den triumphirenden Spa⸗ niern und entzückten Liguiſten wollten kein Ende nehmen. Herr von Briſſac, der die Thore ſorgfältig geſchloſſen hielt, empfing bald den Beſuch des Herzogs von Feria, des Chefs der ſpaniſchen Truppen. Dem Herzoge folgte eine ſo zahlreiche Begleitung, daß ſie wenig Beruhigung einflößte.—. Der Gouverneur von Paris ſtand hinter ſeinen Fen⸗ ſtervorhängen, als dieſe mit Federbüſchen und Stickereien geſchmückte und pomadiſirte kleine Armee in den Hof ſeines Hauſes zog. Unſer alter Freund, der edle Joſé Caſtil, Kapitain eines der Thore von Paris, war in der Truppe zu bemerken. Kaum hatten ihm die Huiſſiers Meldung davon ge⸗ macht, als Herr von Briſſae Befehl gab, Spanier vorzulaſſen. Wir wiſſen, daß Briſſac Anlaß zu Mißtrauen ge⸗ geben, und daß ſein letztes Abenteuer mit Joſé Caſtil dieſes Mißtrauen noch vermehrt hatte. Briſſac ahnte zwar den Zweck dieſes Frühbeſuchs, aber er blieb nichts⸗ deſtoweniger artig und ruhig. Heiter empfing er die Spanier und führte ſie in den großen Saal; er ſchien weder die Verlegenheit des Her⸗ Gabriele. IV. 10 zogs von Feria zu bemerken, noch die verſtohlenen Blicke, die Don Joſé, der ſich zurückhielt⸗ mit dem ſpaniſchen Generalſtabe wechſelte. — Nun, meine Herren, rief er, iſt Verſtärkung an⸗ gekommen? — Und Geld, mein Herr! antwortete der Herzog, inem er ſich Briſſac näherte. — Beide ſind willkommen. — Aber Ihre Thore ſind geſchloſſen, ſagte der Herzog von Feria.— — Man wird ſie öffnen, antwortete Briſſac freund⸗ lich. Wir haben Nichts zu fürchten, als daß die Geld⸗ ſendung ein wenig geſchmälert werde, wenn man das ganze Volk, das Hunger hat, ernähren ſoll. — Der König Philipp ſendet die ſpaniſchen Dublo⸗ nen nicht, um die Pariſer zu ernähren, mein Herr! ant⸗ wortete der Herzog in einem faſt trockenen Tone. Aber Briſſac hatte ſich vorgenommen, Nichts übel zu nehmen. — Um ſo ſchlimmer, antwortete er; leere Magen ſchlagen ſich ſchlecht, und Sie wiſſen, daß ein Zuſammen⸗ ſtoß unausbleiblich iſt. Der König von Navarra rückte an, er ſchließt Paris immer enger ein, und wird es belagern. — Unſere Verſtirkungen werden genügen, um die Belagerer abzuhalten, und ſelbſt den Belagerten Muth zu geben, antwortete der Herzog. —— ——- ⁰—— ——— —— -—— —.— — Ihre Worte erfreuen mich, ſagte der Gouverneur; aber Sie würden mich verbinden, wenn Sie mir ſagen wollten, wozu das angekommene Geld beſtimmt iſt? — Zu zwei Zwecken: der erſte iſt, unſere Soldaten zu bezahlen; der zweite, um die letzten Bedenken einiger Parlamentsmitglieder zu heben. Briſſac machte eine Bewegung der Ueberraſchung. — Was haben Sie, mein Herr? fragte der Spanier. — Ich muß höchlich ſtaunen! Sie haben die Ab⸗ ſicht, das Parlament zu erkaufen, und zeigen das Geld dazu allen Blicken? Liegt es in Ihrem Plane, daß das Geſchäft nicht zu Stande kommt? — Warum ſollte es nicht zu Stande kommen? — Weil ein käuflicher Mann es nicht gern hat, daß der Kauf ſeiner Ehre und ſeines Gewiſſens auf offener Straße abgeſchloſſen werde. Ich glaubte an etwas anderes. — An was? — Daß dieſes ſo offen transportirte Geld dazu dienen ſolle, das Volk gegen das unfügſame Parlament auf⸗ zuwiegeln. 8₰ — Ich verſtehe Sie nicht ganz, ſagte der Herzog, den Briſſac's geſchicktes Manöver verwirrte. — So werde ich mich verſtändlich machen, fügte der Gouverneur lächelnd hinzu, der überzeugt war, daß er den rechten Fleck getroffen hatte. Das Parlament von Paris iſt nach ſeiner Art ein ehrenvolles, rechtliches und von Patriotismus beſeeltes— nach ſeiner Art, mein Herr! 10* t — 148— Es behauptet, daß der wahre Beherrſcher Frankreichs ein Franzoſe ſein muß. Das iſt ein Utopien verdrehter Rechtsgelehrter. Hieraus ergab ſich, daß es bisjetzt alle Verhandlungen Spanien's, wegen Uebertragung der Krone an die Infantin, in die Länge zog. Es wird Ihnen dies nicht entgangen ſein. — Gut, mein Herr. Und was folgern Sie nun? — Ich folgere, daß die Zeit vergeht, daß das Geld Ihres großmüthigen Herrn verſchwendet wird, und daß man ſich endlich genöthigt ſieht, anderes kommen zu laſſen. Eine Anzahl Spanier liegen mehr oder weniger begraben auf allen Schlachtfeldern Frankreichs— man wird auch andere Soldaten kommen laſſen müſſen. Und dennoch entfernen Sie ſich von Ihrem Ziele, anſtatt ihm näher zu rücken. Der Feind, der König will ich ſagen, macht täglich Fortſchritte; er hat wahre glänzende Siege davongetragen. Sein Uebertritt zur katholiſchen Kirche iſt wahrlich kein ungeſchickter Streich. Er nähert ſich immer mehr dem Ziele. Was iſt zu thun? — Wie, was zu thun iſt? rief der Herzog von Feria, indem er ſeinen Kopf ausſtreckte wie ein Dachs, deſſen Hals in einer Schlinge gefangen iſt. — Verzeihung, Sie faſſen meine Idee nicht richtig auf. Im Franzöſiſchen bedeutet„was iſt zu thun: was werden Sie thun?“ 2 — So würde ein Politiker, ein Royaliſt fra en; ) g aber ich, ein Spanier, kann es nicht. Ich weiß, was ich thun werde. — —,—* — 149— Briſſac biß ſich in die Lippen und kratzte an der Naſe; dies war das einzige Zugeſtändniß, das er dem heftigen Drange, den Prahler durch das Fenſter zu werfen, gewährte. — Wenn Sie wiſſen, was Sie thun werden, mein beſter Herzog, ſagte er,— ich weiß nicht, was ich thun ſoll. Ich habe geglaubt, Sie beehrten mich mit Ihrem Beſuche, um mir dies zu ſagen. — Ich komme, um Sie zu fragen, warum die Thore geſchloſſen ſind? — Sie ſind ſtets verſchloſſen, mein Herr; Sie wiſſen es beſſer, als irgend Jemand, weil an allen Thoren Spanier ſtehen. — Ihre Franzen haben das Oeffnen verweigert. — Dies gebietet der Belagerungszuſtand, Sie müſſen es wiſſen. Wenn eine franzöſiſche Truppenabtheilung dieſen Morgen Eingang verlangt hätte, Ihre Spanier hätten ſie abgewieſen, wie meine Franzoſen Ihre Spanier abgewieſen haben. — So fordere ich von Ihnen Einlaß. — Hier ſind die Schlüſſel, mein Herr; Sie werden nie ſo viel Spanier unſerer Stadt zuführen, als ich wünſche. 5 — Das iſt ein vortreffliches Wort, wofür Ihnen zu danken ich mich beehre, ſagte kalt der Herzog. Man übergab dem Spanier die Schlüſſel, als Zeichen, daß er entlaſſen ſei. Aber ſein Werk war noch lange nicht vollbracht. Er zog Briſſac bei Seite, und ſagte leiſe: — 150— — Sie haben vorhin einige Worte geäußert, die mir aufgefallen ſind. Ah! dachte Briſſac. — Die Haltung des Varlaments iſt Beſorgniß er⸗ regend, und dennoch muß der Wille meines Herrn voll⸗ zogen werden. Das große Wort war ausgeſprochen. Briſſac fühlte, daß er offen hervortreten müſſe. — Was iſt der Wille Ihres Herrn? fragte er. Der Spanier heftete einen durchdringenden Blick auf den Gouverneur, indem er ſagte: — Das Parlament muß heute noch, verſtehen Sie? heute noch unſere Infantin anerkennen. — Und wenn es ſie nicht anerkennt? fragte ruhig Briſſac. — So wird man ihm zwölf Stunden Zeit geben, um einen Entſchluß zu faſſen. — Und wenn dieſe zwölf Stunden vorüber ſind? — So wird es anerkennen müſſen! ſagte der Herzog. — Das Parlament wird vielleicht an die Garniſon von Paris appelliren. — Das iſt unmöglich, mein Herr! — Und die Garniſon gehorcht natürlich ihrem Gou⸗ verneur. Der Herzog ſah Briſſac in das Geſicht und fragte: — Und wem gehorcht der Gouverneur? Briſſac ward es nun völlig klar, warum der Herzog von Feria mit einem ſo großen Gefolge zu ihm ge⸗ „ſſͤſſ — — 151— kommen war und die Schlüſſel der Thore verlangt hatte. — Ich werde dem Herrn Herzoge von Mayenne gehorchen, antwortete er ungezwungen. — Mehr kann ich nicht fordern, mein Herr! Voll⸗ enden Sie gefälligſt Ihre Toilette. Während dieſer Zeit werde ich unſere Verſtärkungen einziehen laſſen, und in einer Stunde gehen wir zuſammen zu Herrn von Mayenne, der in Ihrer Gegenwart eine kathegoriſche Erklärung ab⸗ geben wird. 3 Briſſac grüßte den Herzog mit ſeiner gewohnten Artigkeit, und führte ihn bis an die erſte Stufe der Treppe. Er dehnte ſelbſt ſeine Artigkeit ſo weit aus, daß er Don Joſeé einen beſondern, freundſchaftlichen Gruß zunickte. Don Joſé dankte mit einem ironiſchen Lächeln. Kaum hatte Briſſac ſeinen Beobachtungspoſten hinter den Vorhängen wieder eingenommen, als er eine Sänfte in den Hof tragen ſah, die von liguiſtiſchen Soldaten und Pagen begleitet ward. Das Wappen von Lothringen glänzte an der Stickerei dieſer Sänfte. Frau von Mont⸗ penſier ſtieg aus, und zwar ſo, daß ſie mit dem Herzoge von Feria Grüße wechſeln konnte. Der Spanier ſtieg die Stufen der Freitreppe hinab, die Herzogin, geſtützt auf ihren jungen Günſtling, Herrn Chatel, ſtieg ſie hinauf. Dieſes Begegnen erweckte in dem Herzoge einigen Verdacht, denn er ließ Don Joſé Caſtil mit einem De⸗ tachement in dem Hofe des Gouverneurs zurück. Das wachſame Auge Briſſac's zählte zwölf Mann. — 152— Dies hinderte ihn jedoch nicht, der Herzogin entge⸗ genzueilen, und ſie ſo geſchickt zu unterſtützen, daß ihr die Unannehmlichkeit, ſichtlich zu hinken, erſpart ward. Auch die Herzogin hatte zwölf Mann im Hofe ge⸗ laſſen, die ſich freundſchaftlich unter die Spanier miſchten. — Mein beſter Briſſac, ſagte ſie, als ſie allein mit ihm war, ich komme, um Ihnen mein Herz auszuſchütten. Wir ſind ja alte Freunde! — Aber nicht zu alte! ſagte der Graf mit einem ſtechenden Blicke, denn er hatte ſeit langer Zeit der Frau von Montpenſier ſeine Zinſen nicht bezahlt. — Der Bearner rückt heran, der Spanier amüfirt uns, und die Pariſer ſind unſchlüſſig. Wir müſſen heute noch einen großen Schlag ausführen. — Auch ſie! dachte Briſſac. — Sie müſſen mir das Parlament zwingen helfen, daß es meinen Vetter Guiſe auf den Thron ſetzt. — So, ſo! ſagte er. — Iſt dies nicht Ihre Anſicht? — Sie wiſſen wohl, Herzogin, daß meine Anſicht ſtets die Ihrige iſt. Aber die Sache iſt nicht leicht. Die Spanier haben es ebenfalls auf dieſen Thron von Frank⸗ reich abgeſehen. — Das iſt nicht die Hauptſchwierigkeit, denn die Spanier unterſtützen uns, ohne es zu merken, mit ihrer Phantaſie, die Infantin zu verheirathen; aber wir müſſen Herrn von Mayenne dahin bringen, daß er einwilligt, — ſeinen Vetter zu krönen. Dies iſt nicht leicht, und doch kann man ihn nicht umgehen. — Ich glaube es wohl, denn er iſt Herr von Paris. — Sollte er es ſo ganz ſein? fragte die Herzogin. — Gewiß, Herzogin, ohne ihn rückt kein Liguiſt aus. — Ah, das habe ich vorausgeſehen. Sie machen mir die Freude und gehen mit mir zu ihm. Sie find doch für mich, und nicht für ihn? — Pardieu! — Sie ſind unabhängig, und Ihre Truppen gehor⸗ chen nur Ihnen. — Ventrebleu! Ich möchte einmal ſehen, wenn es anders wäre! — Das iſt mir genug. Erklären Sie einfach und unumwunden meinem Bruder, was Sie mir ſo eben in vier Worten geſagt haben. — Und dann wird er ſich fügen? — Was bleibt ihm, wenn er zwiſchen Ihnen und dem Spanier zu wählen hat? — Sie ſind ein Engel des Lichts! Ich kleide mich an. — Ich erwarte Sie! ſagte die Herzogin, indem ſte mit einem galanten Lächeln in das angrenzende Ge⸗ mach ging. — Das iſt die zweite! murmelte Briſſac. Briſſac hatte ſeine Toilette kaum vollendet, als der Herzog von Feria zurückkam. Er war überraſcht, die Herzogin noch vorzufinden, und noch überraſchter, als 8 8 — 154— Briſſac ihm erklärte, daß Frau von Montpenſier ihnen die Ehre erzeigen werde, ſie zu Herrn von Mayenne zu begleiten. Der Herzog runzelte die Stirn, und wollte einige Fragen an Briſſac richten; dieſer aber hatte der Herzogin ſchon ſeine behandſchuhte Hand geboten. Er führte ſie zu ihrer Sänfte und beſtieg ſein Pferd. Die drei Gruppen bewegten ſich dem Hötel des Herrn von Mayenne zu.. Briſſac hatte nur einen Laquais und einen Soldaten in ſeinem Gefolge. Unterwegs plauderte Briſſac unbefangen bald mit dem Herzoge, bald mit der Herzogin. Jenem blinzelte er mit 83 den Augen zu, und dieſer lächelte er entgegen, daß Beide entzückt darüber waren. 3 Man kam bei dem Herrn von Mayenne an. Dort bot ſich ihnen ein ſonderbares Schauſpiel dar. 1 Eine Menge Diener ſattelten Pferde, brachten Koffer und Portefeuilles herab; eifrig beſchäftigte Leute kreuzten ſich auf der Treppe; alle Thüren waren geöffnet, und überall herrſchte eine allgemeine Unordnung und Thätigkeit. — Was bedeutet das? fragte der Herzog von Feria. — Wir werden es gleich erfahren! rief Frau von Montpenſier, indem ſie haſtig die Treppe hinanging, die 8 zu dem Zimmer ihres Bruders führte. Dceer Herzog war voölig angekleidet; ſein enormer Bauch war bereits durch die Degenkoppel eingeſchnürt. Er hatte den Hut auf dem Kopfe, und ſchloß ſo eben „. Sr= Hr= — 155— einen kleinen Koffer, den ſein Kammerdiener bereits er⸗ griffen hatte, um ihn fortzutragen. Trotz ſeiner bewun⸗ derungswürdigen Leibesſtärke war der Herzog flink und beweglich, und ſeine Augen blitzten in einem uner⸗ ſchöpflichen Feuer unter den dichten Brauen, die ſie be⸗ ſchatteten. — Meine Schweſter! rief er mit erkünſtelter Ueber⸗ raſchung, als er die ungeſtüme Herzogin eintreten ſah. Ah, und der Herzog von Feria! Guten Morgen, Schweſter! Ich grüße Sie, mein Herr! Ah, auch Du noch, Briſſac!. Während Herr von Mayenne ſo ſprach, ließ er ſich den Mantel umhängen und zog die Handſchuhe an. — Man möchte glauben, Sie wollten ausgehen, Bruder! ſagte die Herzogin. — Wir werden Sie nicht lange aufhalten, fügte der Spanier hinzu. — Ja, antwortete ruhig Herr von Mayenne, ich gehe aus. — Wollen Sie, daß wir Ihre Rückkehr erwarten? rief der Herzog. — Dann würden Sie ſehr lange warten müſſen, antwortete Herr von Mayenne mit derſelben Ruhe. — Woſhin gehen Sie, mein Herr? fragten die beiden Beſuchenden ängſtlich. — Nach Artois. — Sie verreiſen? rief die Herzogin. — Sie verlaſſen Paris? rief der Herzog. — 156— — Wie Sie ſehen, antwortete der dicke Herr, während Briſſac, der bei Seite getreten war, dieſe ſeltſame Scene mit anſae. .— Das iſt unmöglich! fügte Frau von Montpenſier hinzu. — Sie können Ihre Verbündeten nicht verlaſſen! rief der Spanier, bleich vor Schrecken.— — Ich verlaſſe Niemanden, antwortete Herr von Mayenne. Sie ſind ſtark genug, um hier ohne mich fertig zu werden, während in der Provinz meine An⸗ weſenheit nöthig iſt. Wiſſen Sie denn noch nicht, daß Herr von Villeroy dem Könige Rouen übergeben hat, und daß Lion im Begriffe ſteht, ſich ſelbſt zu übergeben? Wenn Paris nun daſſelbe thäte, meine Herren— mer⸗ ken ſie auf! — Nie, nie! rief heulend die Herzogin. — Wir ſind noch da! rief wüthend der Spanier. — Da Sie hier ſind, antwortete Mayenne kalt, ſo habe ich einen Grund mehr, daß ich an einen andern Ort gehe. — Erklären Sie mir endlich, Bruder... — Gern, Schweſter! — Mein Herr, fügte der Sed von Feria hinzu, im Namen des Königs, meines Herrn.. — Ich habe die Ehre, Ihnen zu antworten, mein Herr, ſagte trocken Mayenne, daß der König, Ihr Herr, — 157— thut, was er will, und daß ich thue, was ich kann. Ich bin nicht Spanier, ſo viel ich weiß.. — Aber es giebt hier eine ſpannſche Gärnſſn, die mit Ihnen verbündet iſt. — Man iſt ohne mich in dem Kabinette fertig ge⸗ worden, man wird auch auf dem Schlachtfelde ohne mich fertig werden, antwortete Mayenne. — Verſtändigen wir uns, mein Herr. — Ich verſtändige mich vollkommen. Ihr Diener! Wüthend rief der Spanier: — Sie deſertiren uns alſo? — Sie ſind eine ergötzliche Perſon! rief Herr von Mayenne, roth vor Zorn. Sie wagen es, eine Sprache zu führen, die Ihnen ſo ſchlecht anſteht. Deſertiren, ſagen Sie? Lernen Sie Franzöſiſch, mein Herr! Man nennt den einen Deſerteur, der den Dienſt Frankreichs verläßt. Vertheidigen Sie Ihre Thore, Ihre Mauern und Ihre Caſernen; Sie haben Geld und Soldaten genug, um gute Geſchäfte zu machen. Ich reiſe mit mei⸗ ner Frau und meinen Kindern. Nehmen Sie ſich in Acht— auch ich werde mich in Acht nehmen! Der Herzog von Feria wandte ſich zu Herrn von Briſſac. — Mein Herr, ſagte er, werden Sie dulden, daß uns der Fürſt in einer ſolchen Verlegenheit verläßt? — Was wollen Sie, daß ich thue? fragte gut⸗ — 158— müthig der Gouverneur. Der gnädige Herr iſt mein Gebieter. — Stellen Sie ihm wenigſtens vor... — Sparen Sie Ihre Unterredungen mit Briſſac; er iſt kein Redner. Ich habe ihn zum Gouverneur von Paris ernannt! Dann wandte er ſich zu der Herzogin. — Sie wollten Erklärungen, ſagte er— ich habe ſie abgegeben. — Ich erwarte noch andere! murmelte ſie, außer ſich vor Zorn. Der Herzog von Feria begriff, daß man ihn verab⸗ ſchiedet habe. Er befand ſich in einer argen Verlegen⸗ heit. Die Abreiſe des Herrn von Mayenne war ein Todesſtoß für die Ligne. Da dieſe aus zwei Elementen, aus dem franzöſiſchen und dem ſpaniſchen beſtand, und erſteres allein die Duldung bei den Liguiſten bewirkte, ſo veränderte die Zurückziehung dieſes Elements die Ligue in eine fremde Occupation. Nicht mehr Franzoſen ſtan⸗ den Franzoſen gegenüber, ſondern Frankreich zeichnete ſich auf der einen Seite ab, und Spanien auf der anderen. Philipp II. hatte dieſe Trennung nicht vorausgeſehen. Die Herzogin ſelbſt hatte ſie nicht geahnt; ihre Bläſſe und ihr nervöſes Zittern bekundeten dies deutlich. Da der ſpaniſche Herzog ſich zitternd hin und her wandte, ohne ſich entſchließen zu können, zu gehen, obgleich Mayenne ihn bereits dreimal gegrüßt hatte, ſagte ſie zu ihm leiſe: 4 — Laſſen Sie mich mit meinem Bruder allein, Herr Herzog, ich werde ihn ſchon umſtimmen! Briſſac verbeugte ſich, als ob er gehen wollte, um den Herzog von Feria mit ſich fortzuziehen. — O, Sie können bleiben, Herr Gouverneur! rief fie. Der Spanier fühlte ſich verletzt; ohne ſeine zornige Aufregung zu verbergen, ging er. Briſſac, der das Unwetter vorausſah, zog ſich in den entlegendſten Winkel zurück, den er finden konnte. — Bruder, rief die Herzogin ungeſtüm, Sie ſind doch Ihrer Sinne mächtig? — So mächtig, Schweſter, daß ich Ihnen Dinge ſagen will, die Sie überraſchen werden, antwortete Herr von Mayenne. — Wenn dieſe Dinge mir beweiſen, daß Sie nicht abreiſen, um dem Bearner die Krone zu überlaſſen, ſo will ich ſie gelten laſſen. — Unter uns, im Familienkreiſe kann man offen ſein. Ja, ich laſſe dem Bearner die Krone. Aber was thut's? — Wie, was thut's? ſchrie die Herzogin. Spricht ſo ein Guiſe?— — Pardieu! Was haben denn die Guiſen ſtets ge⸗ than? Sie haben regieren wollen, nicht wahr? Mein Großvater hat es verſucht, mein Vater hat es verſucht, ich verſuche es, meine Schweſter verſucht es und Ihr — 160— Vetter ebenfalls. Jeder ſorgt für ſich in dieſer Welt. So lange ich für mich arbeite, ſtrenge ich mich an; aber ſeit es ſich darum handelt, meinen Vetter zum Könige von Frankreich zu machen, höre ich auf. Sie wiſſen, ich habe Kinder, und ich habe keine Luſt, ſie unter ihren Vetter zu ſtellen. — Alſo das iſt der Grund? murmelte die Herzogin verachtend. — Ja, das iſt er. Mich leitet kein anderer. Sie ſind darüber erſtaunt? — Nein, ich ſchäme mich deſſen. — Bewahren Sie dieſe Schaam für Ihre eigenen Intriguen. Daß Sie gegen einen König conſpiriren, um Ihren Bruder zu rächen, will ich hingehen laſſen; aber daß Sie Ihren tauſendmal verrathenen und geopfer⸗ ten Bruder an Spanier verkaufen, um ihre Wuth zu ſättigen, ein Kind zu bevormunden, kann ich Ihnen nicht hingehen laſſen. Sie complottiren mit dem Spanier— ſehen Sie nun zu, wie Sie mit ihm fertig werden. — Sie werden es bereuen. — Ich? Nie! — Ich werde allein den Sieg davontragen. — Nach Ihrem Belieben. — Und ich werde beweiſen, daß es in unſerer Fa⸗ milie immer einen Helden giebt. Es iſt ſehr ſchlimm für Sie, daß ich es ſein werde! — Ich laſſe Ihnen meinen Helm und meinen Cuiraß. — Der Helm iſt zu klein, der Cuiraß zu groß. — Ich würde Ihnen auch mein Schwerdt überlaſſen, aber es iſt fuͤr Sie zu ſchwer, Herzogin. — Ich habe meine Waffen! rief die Herzogin in aus⸗ brechender Wuth.— — Das Meſſer des Bruders Clement. Leben Sie wohl, Schweſter! Dieſes furchtbare Wort hatte die Herzogin niederge⸗ ſchmettert; ſie konnte nur durch einen Schlangenblick darauf antworten. Sie ging ſtolz an dem Herzoge von Mayenne voruͤber und entfernte ſich, den Tod im Herzen. Briſſac näherte ſich dem Fürſten. — Was ſoll ich thun? fragte er. — DOu wirſt dafür ſorgen, daß ich auf meinem Wege nicht angehalten werde, antwortete Mayenne, indem er in ſein Zimmer zurückging. — Sie können darauf zählen! ſagte Briſſac. Der Herzog gab den Befehl zu ſeiner Abreiſe. — Das war der Dritte! ſagte Briſſac. Dann ging er langſam zu dem Spanier und der Her⸗ zogin, die in dem Hofe, umgeben von einer tumultuariſchen Verſammlung, einen Rath hielten. Auf der einſamen Treppe bemerkte er Arnault, jenen treuen Agenten des Königs. Er war als Laquais ver⸗ kleidet. — Ah, ſagte er, Du komnſt gelegen. — Was willſt Du? Gabriele. IV. 2 11 — 162— — An welchem Tage kann der König kommen? — Morgen. — Um welche Stunde? — Um drei Uhr Mittags. — Durch welches Thor? — Durch das Thor de l'Ecole. Arnault verſchwand unter der Menge. — Der Letzte lacht am Beſten! murmelte Briſſac. Ende des vierten Bandes. 4 Druck von C. G. Naumann in Leipzig. —“ —“