— = --———— 83 M Lcueeh, c, 2 ——-———. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Oiffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — 4— 22—= auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 1 Vollſtändigſte aus dem Franzöſiſchen überſetzte 2 Ausgabe. Supplemente: IX. Band. Die ſchöne Gabriele von August IMaquet. Dritter Band. Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. ele von Auguſt Maquet. Fortſetzung des Romanes: Die Fünf und Vierzig von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Ferd. Heine& Aug. Schrader. Dritter Band. — AEe— Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. Die ſchöne Gabriele. —nS we Dritter Band. Gabriele. III. 1 1 1. Wie Heinrich in der Mühle zwei Mahlmetzen aus einem Sacke nimmt. Das junge Mädchen hatte dieſe Worte mit einer um ſo auffallendern Feſtigkeit geſprochen, weil ihre Augen dabei mit Thränen gefüllt waren. Gerührt und erſtaunt ergriff der König ihre Hand. — Sie verirren ſich zu Gedanken, ſagte er, die nie in Ihr reizendes Köpfchen kommen ſollten. Laſſen Sie das Gewiſſen des Königs, und befaſſen Sie ſich nur mit dem des Geliebten. Ich ſchwöre Ihnen, Gabriele, daß weder Ihrem Heile noch dem Meinigen Gefahr droht. — Dieſer Anſicht iſt nicht Jeder, Sire! — Wer hat Ihnen denn ſeine Anſicht mitgetheilt? — Ein ſehr frommer Mann. — Herr von Eſtrées? — Nein, nein! Mein Vater bedauert Sie wie alle ehrlichen Leute, aber er legt Ew. Majeſtät Nichts zur Laſt, während... — Während der fromme Mann mir ſo Manches zur Laſt legt. Wer iſt er denn? Vielleicht Ihr Beichtvater? — 4* — 4— — Mein geiſtlicher Rath... ein ausgezeichneter Mann. — Wahrhaftig? — Ein Licht der Kirche. — So! — Einer der berühmteſten Redner der letzten Zeit. — Leider kenne ich ſie Alle, da ſie mich mit Schmä⸗ hungen überhäuft haben. Wie nennt ſich dieſer? Wer iſt er? — Er iſt der Prior des Kloſters St. Genovefa in Bezons.— — Alſo derſelbe, dem Denis den Barſch bringt. Und wie heißt er? — Dom Modeſtus Gorenflot. Heinrich ſuchte ſich ſeiner zu erinnern. — Ich kenne ihn nicht, ſagte er, obgleich mir der Name nicht ganz fremd iſt. Dieſer Modeſtus alſo, bei dem Sie beichten, hat Ihnen geſagt, daß Sie Ihr Seelen⸗ heil in Gefahr bringen, wenn Sie mich anhören... nicht wahr? Za — Dann, Gabriele, fuhr der König ernſter fort, muß ich Ihnen einen Vorwurf machen. Sie haben treulos gehandelt... — Wie, Sire? fragte ſie erſchreckt. — Sie haben mir geſchworen, nie meinen Namen zu nennen, und keinem Menſchen meine Beſuche bei Ihnen zu entdecken... und jetzt haben Sie mich ver⸗ rathen, jetzt haben Sie Mönchen, die meine Todfeinde ſind, geſagt... — Sire, ich ſchwöre Ihnen, daß ich Nichts geſagt, Nichts verrathen, daß ich Sie nie genannt habe! — So hat dieſer Dom Modeſtus wohl Spione? — Nein, er iſt ein ſehr würdiger Mann; aber er iſt dabei ſo klug, daß ihm Nichts entgeht. Außerdem hegt er keinen Haß gegen Sie. — So! ſagte der König, ungläubig lächelnd. — Wenn er Sie haßte, würde er mir nicht ſtets Rathſchläge geben, die von denen, welche Sie bei ihm vorausſetzen, ganz verſchieden ſind. — Was ſind das für Rathſchläge? — Lieben Sie den König, ſagte er, lieben Sie ihn, denn er iſt gut und zum Glücke Frankreichs geboren. — Wahrhaftig? Den nenne ich einen guten Mönch! — Aber ſtatt des Glückes, fügt er noch hinzu, wird er Ihnen Unglück bringen, wenn er in dem Irrthume beharrt... 5 Abh, ſagte der König, da kommt wieder der böſe Mönch! 8 — O, Sire, welch ein heidniſches Wort! Iſt man böſe, wenn man Ihr ewiges Heil will? Dann wäre auch ich wohl böſe? — Sie, Gabriele, ſind ein Engel! — Hier iſt das Abendeſſen des Königs! rief Gra⸗ tienne, die triumphirend mit einer irdenen Schüſſel eintrat. —— — —ↄ——ʒꝑ Speck und Brod, in welcher der Aal noch ſiedete. — Ich bin zwar ſehr hungrig, dachte der König, aber das Abendeſſen wird mich jenen ſonderbaren Mönch nicht vergeſſen machen, der Gabrielen einen ſolchen Rath ertheilt. Die Mönche hatten den König Heinrich eben nicht verwöhnt, denn dieſe guten Väter hatten ſich in Bezie⸗ hung auf die Könige ſtets zäh gezeigt. Der Schaum, der in einer Zeit der Unordnung und Anarchie zu der Oberfläche emporſteigt, bildet ſich aus allen Verderbt⸗ heiten, mit denen der kranke ſociale Körper in allen ſeinen Theilen behaftet iſt. Die Kirche, man darf es nicht verſchweigen, war damals nicht minder krank, als das Heer, die Verwaltungsbehörden, die Bürgerſchaft und das Volk. Gleich nach den erhabenen Prälaten, die in edler Fürſorge die ernſten politiſchen, ſo verhängnißvoll mit den religiöſen Fragen eng verbundenen, behandelten, kam ein cyniſcher, von den niedrigſten Grundſätzen er⸗ füllter lärmender Haufe, der von Räubereien, Zwiſtigkeiten und ſchändlichen Handlungen aller Art lebte, wie jener Auswurf von Nachzüglern, den man bei allen kriegeri⸗ ſchen Nationen trifft. In Frankreich gab es damals eine Menge unverſchämter, filziger und räuberiſcher Mönche, welche in die heilige Religion ſo viel Zweifel und Un⸗ verſtand brachten, als jetzt der Heerbann der Kirche Frömmigkeit, ſelbſt Wiſſenſchaft beſitzt. Die feierlichen Aufzüge der Ligue, Prozeſſionen, und der öffentlich ge⸗ Die Schüſſel enthielt eine appetitliche Brühe von Zwiebeln, predigte Mord waren die Werke dieſer ſogenannten Prie⸗ ſter. Ohne den Mönch Jacques Clement zu zählen, hatte Heinrich viel dieſer Banditen in der Kloſterkutte kennen gelernt. Während er alſo dem leckern Gerichte Gratienne's wacker zuſprach, wollte er auch die Unterhaltung über den gefälligen Mönch fortſetzen, deſſen Rathſchläge ihn eben deshalb beläſtigten, weil ſie wohlwollend waren. — Ich weiß nicht, mein ſchönes Kind, begann er, ob Ihr Prior in dem Kloſter der heiligen Genovefa einen delikater zubereiteten Fiſch ſpeiſen wird; aber jeden⸗ falls, ſelbſt wenn ihm ein Koch zu Gebote ſteht, hat er keine beſſere Geſellſchaft. Ich ſchließe die Tage, an denen Sie bei ihm beichten, aus. — Ich beichte nicht bei ihm, ſagte Gabriele. — Verzeihung— wenn ich nicht irre, ſo haben Sie mir geſagt... — Daß Dom Modeſtus mein Rathgeber iſt— ja; aber ich habe nicht geſagt, daß er mein Beichtvater iſt. — Sie machen alſo einen Unterſchied! ſagte der König. — Einen bedeutenden, denn der Prior kann nicht mehr Beichte hören, ein Umſtand, den viel Gläubige beklagen. — Das iſt mir nicht klar, entgegnete Heinrich. Warum kann dieſer ehrwürdige Herr, dieſes Licht der Kirche, die Gewiſſensangelegenheiten nicht mehr leiten? — Weil ihm ein Schlaganfall die Zunge gelähmt hat, und er folglich nicht mehr ſprechen kann. — Aber Sie äußerten doch vorhin, daß er Ihnen „geſagt hat...“ — Er hat es mir ſagen laſſen. — Durch wen? — Durch den Bruder Sprecher. Heinrich drückte durch eine Bewegung ſeine Ueber⸗ raſchung aus. 3 — Welche Obliegenheiten hat ein Bruder Sprecher? fragte er. — Die Obliegenheit eines Bruders, der ſpricht. In Folge des Schlaganfalls kann ſich der Prior nicht mehr ausſprechen. — Zugeſtanden! — Aber er denkt, er weiß, er urtheilt, und ſeine Gedanken, Meinungen und Anſichten müſſen überſetzt werden... das Ueberſetzen iſt die Obliegenheit des Bru⸗ ders„Sprecher.“ .— Das iſt ſeltſam! rief der König, indem er ſeinen Teller bei Seite ſchob, denn der Bruder Sprecher hatte ein lebhaftes Intereſſe in ihm erweckt. Haben Sie die Gefälligkeit und erklären Sie mir ein wenig die Art und Weiſe der Unterhaltung zwiſchen dem Prior, dem Bruder Sprecher und der Perſon, die ſich Raths erholt. — Das iſt ſehr einfach, Sire! — Dann müſſen Ihre ſchönen Augen mich verdummt oder berauſcht haben; ich begreife wirklich Nichts davon. 7 S — — h — Nehmen wir an, ſagte Gabriele, ich ginge in das Kloſter, um mir von dem ehrwürdigen Prior einen Rath zu erbitten. Vergeſſen Sie nicht, daß er ein Mann von großen Fähigkeiten iſt. 1 b — Ein Licht, ganz recht. — Wie man ſagt, iſt er ein außerordentlicher Redner geweſen, eins von den ſeltenen Talenten, die durch die Kraft der Rede herrſchen; zur Zeit Heinrichs III. ſoll er auch ein wenig Liguiſt geweſen ſein, jetzt aber iſt er da⸗ von zurückgekommen, er hat ſich gebeſſert. — Seitdem er ſtumm iſt. — Seitdem er ſich der gewaltigen Hand Gottes beugt. Der Allmächtige hat ihn mit zwei ſchrecklichen Prüfungen heimgeſucht. — Worin beſteht dieſe zweite Prüfung? — In einer faſt erſchrecklichen Wohlbeleibtheit, die wirklich eine Krankheit, ein Trübſal iſt. Wäre er nicht der fromme Mann, der ſeiner Geduld und ſeines Rufes wegen die höchſte Achtung verdient, man müßte über ihn lachen. — Wico, ſagte Heinrich IV., der nur mit Anſtrengung ſeine Ernſthaftigkeit bewahren konnte, wie, ſo dick iſt er? — Ich glaube nicht, fügte Gabriele nachdrücklich hinzu, daß der würdige Prior durch dieſe Thür die Mühle betreten kann... — Dieſe Thür geſtattet ja einem Eſel mit zwei Säcken den Eingang! Wahrhaftig, rief Heinrich, das nenne ich ein Trübſal! Und Sie ſagen, daß er es erträgt? — 10— — Mit heroiſcher Geduld! Nie iſt eine Klage über ſeine Lippen gekommen. 5 4 — Natürlich, weil er ſtumm iſt. Erlauben Sie mir die Bemerkung, daß dieſer Umſtand ſein Dridienſ ein wenig ſchmälert. — O, wenn er ſich beklagte, würde es der Veuder Sprecher mittheilen. — Das iſt richtig. Doch, da wir wieder bei dem Bruder Sprecher ſind, fahren Sie fort, ich bitte. Sie wollten mir ſagen, wie Ghrwürden ſeine Gedanken dem Dolmetſcher mittheilt. — Durch Zeichen mit der Hand und den Fingern, eine Sprache, die ſie unter ſich beſtimmt haben. Oft genügt ſelbſt ein Blick. Das Auge des Priors iſt noch ſehr lebhaft. Bruder Robert— ſo heißt nämlich der Bruder Sprecher— hat einen hellen Blick wie ein Sper⸗ ling. Der Blitz iſt nicht ſo raſch, als der Austauſch, der delikateſten und complicirteſten Gedanken zwiſchen dem Prior und dem Dolmetſcher. — Wahrhaftig? 72 — Es iſt überraſchend. Wer nicht daran gewöhnt iſt, könnte vor Verwunderung toll werden. — Sie ſind daran gewöhnt... nicht wahr? — Ohne Zweifel... ich habe ihn ja oft um Rath gefragt. — Aber um den erſten Rath von ihm zu erhalten, bedurften Sie doch einer Unterweiſung... wie ſind Sie darauf gekommen, ſich Rath zu erbitten? 3 — „ — 8 — 11— — Mein Vater hat mich zuerſt dorthin geführt, da⸗ mit ich guten Rath hören ſolle. Jedes junge Mädchen, dem ein wenig nachgeſtellt wird, bedarf deſſen. Der gute Ruf war dem ehrwürdigen Herrn nach Bezons voran⸗ gegangen. In Burgund, wo er eine Priorei beſaß, die ihm der ſelige König verliehen, that er ſich zuerſt hervor, und dort zeigte ſich auch ſeine Krankheit. — Die Lähmung oder die Wohlbeleibtheit? — Die Lähmung; aber, Sire, ich bitte, lachen Sie nicht uͤber den armen Prior. Ich ſtehe dafür ein, daß ſein guter Rath auch Ihnen nützlich ſein würde, trotz aller Ihrer Staats⸗, Kriegs⸗ und Finanz⸗Räthe, und trotz des Beiſtandes, den Ihnen die Herren Rosny, Mornay, Chiverny und andere gelehrte Leute gewähren. — Wenn der Prior mir riethe, Sie zu lieben, wie er Ihnen in Bezug auf mich gerathen hat, ſo pflichte ich Ihrer Anſicht bei. Aber ich fürchte, daß er mir einen andern Rath ertheilt. — Zunächſt, entgegnete Gabriele, würde er von Ihnen die pünktliche Befolgung ſeiner Vorſchriften ver⸗ langen. 3 — Und dieſe ſind? — Den Irrthum abzuſchwören, in dem Sie befangen find, die Vollkommenheit der römiſch⸗katholiſchen Kirche anzuerkennen, und durch aufrichtige Bekehrung zu den wahren Glaubenslehren Ihren Unterthanen die Ruhe wiederzugeben. — 12— Ein flüchtiges Lächeln umſchwebte die Lippen des Königs, der ſich ſagte, daß dies Alles bereits geſchehen ſei. — Dom Modeſtus hat ſehr kühn gehandelt, daß er ſeine politiſchen Theorien auf dieſe Weiſe dem Bruder Schwätzer— was ſage ich— dem Bruder Sprecher anvertraut. — O, ihr gegenſeitiges Vertrauen ruht auf ſoliden Grundlagen.— — Mag ſein; aber ſie begehen eine große Unklug⸗ heit, indem Sie dem Vertrauten des Dom Modeſtus Ihre Herzensangelegenheiten mittheilen. Ihr Vater kann Alles erfahren, was wir ihm verbergen, der Bruder Sprecher kann zu Herrn von Eſtrées ſprechen. — Gewiß nicht, denn er hat mir den Befehl Uher macht, Sie zu lieben und Sie der wahren Kirche wieder geneigt zu machen. Ungeachtet der Freundſchaft, die zwiſchen meinem Vater und den Mönchen jenes Kloſters herrſcht, bin ich doch von ſeiner Verſchwiegenheit über⸗ zeugt. Wenn mein Vater erführe, daß man aus mir das Werkzeug zur Erhaltung Ihres Seelenheils machen will, ſo könnte ich mich nur auf das Märtyrerthum vor⸗ bereiten. Der König lächelte in ſeinen langen Bart hinein, den er ſtreichelte. — Ich würde viel darum geben, ſagte er, wenn ich den ehrwürdigen ſtummen Prior und den würdigen Bruder Sprecher beobachten könnte, wie ſie Ihnen Rath ertheilen; und würde dieſem Preiſe noch etwas hinzulegen, könnte — 18— ich ſehen, wie Sie den beiden Männern zuhören. Be⸗ nützen Sie denn auch die Lehren? — Ja! — Sie ſetzen wohl nicht voraus, daß dieſe Mönche Sie betrügen? — Man ſieht, ſagte Gabriele, leicht die Achſeln zuckend, man ſieht, daß Sie weder den Prior, noch den Bruder Robert kennen. Mich betrügen? Was hätten ſie davon? Was würde ihr Gewinn ſein? — Wäre es auch nur der, daß ſie von dem, was ich treibe, unterrichtet würden. Ein ſo niedlicher, kleiner Spion, wie Sie, iſt viel werth, und Philipp II., oder Herr von Mayenne würden den Bericht, den Sie den Kloſtermännern über mein Thun und Laſſen umſonſt er⸗ ſtatteten, theuer bezahlen. — Ich wiederhole Ihnen noch einmal, daß ich durch⸗ aus nichts berichte, antwortete Gabriele pikirt. Auch würde es unnütz ſein, denn der Prior und der Bruder ſind von jedem Ihrer Schritte unterrichtet Der Himmel ſelbſt, der ihn begeiſtert, muß den würdigen Dom Mo⸗ deſtus davon in Kenntniß ſetzen. Sie erinnern ſich, wie geheimnißvoll Sie Ihre erſten Beſuche bei meinem Vater abſtatteten. Es handele ſich um Staatsgeheimniſſe, ſag⸗ ten Sie ihm. Glauben Sie mir, Herr von Eſtrées würde ſich in Stücke zerhauen laſſen, ehe er an Ihnen zum Verräther würde. Trotzdem aber ſind Ihre Beſuche ihm ſehr läſtig. Wer hat mir denn Ihre Abſichten auf mich entdeckt, als ich ſelbſt noch keine Ahnung davon — 14— hatte? Dom Modeſtus! Wer hat mir vorhergeſagt, daß Sie ein Rendezvous mit mir beabſichtigten? Dom Modeſtus! Wer hat mir das Benehmen vorgeſchrieben, das ich bei dieſem Rendezvous beobachten ſollte? Immer Dom Modeſtus, und zwar durch den Bruder Sprecher. — Abh, rief der König, man ſchrieb Ihnen alſo das Betragen vor? — Gewiß. — Ihre Sprödigkeit, Ihr Widerſtand waren alſo im Voraus beſtimmt, wie der vorgeſchriebene Gang einer Ceremonie? — Ja, Sire, und das war ſehr klug, denn ich bin ſo unerfahren, daß ich durch meine Schwachheit Sie, Frankreich und mich in's Unglück ſtürzen konnte. — Ah, dieſe Mönche ſind alſo meine erbittertſten Feinde! Warum miſchen ſie ſich in meine Angelegen⸗ heiten? — Aus Rückſicht für Ihr und des Staates Wohl. — Und Sie werden, ungeachtet meines inſtändigen Bittens, beharrlich den Mönchen folgen? — Beharrlich! Ich werde Sie, trotz Ihrer ſelbſt, retten! — Sie werden ſich nicht erweichen laſſen? — Ich werde nie einen andern, als einen katholiſchen Fürſten lieben. — Nur um einem ſtupiden Mönche zu gehorchen? — Wie, Dom Modeſtus wäre ſtupide? Bruder Robert wäre ſtupide? Letzterer beſitzt zwar nicht den raſchen Gedankenflug ſeines Priors, aber um die Ge⸗ danken wiederzugeben... — Dazu reicht eine Gänſefeder hin, nicht wahr? Dieſer Bruder Robert wird ein Heuchler ſein, ein ſchwer⸗ fälliges Wagenpferd... kurz und plump... — Nein, er iſt lang, mager und ſchmächtig. Und wenn er ſeine langen Beine in Bewegung ſetzt, die ſeine weite Kutte wie zwei Stöͤcke zu durchſchneiden ſcheinen, ſo ſieht der arme Mann einem melancholiſchen Reiher wirklich nicht unähnlich. Aber er iſt ſchlicht und gut, und Alles, was er mir ſagt, mag es auch einem fremden Boden entſproſſen ſein, nehme ich in mir auf. Ich liebe ihn, und deshalb will ich nicht, daß man ſich über ihn luſtig macht, oder ihm Böſes wünſcht. — Nun, entgegnete Heinrich, man wird Ihnen, wie immer, gehorſam ſein. — Sie wollen ſich bekehren? rief Gabriele, indem ſie ihre beiden kleinen, roſigen Hände in großer Freude zuſammenſchlug. — Verzeihung, Gabriele, das habe ich nicht geſagt. Ein ſolches Verlangen an mich zu richten, wäre eine zu große Kühnheit. Glauben Sie, daß ein Mann, der ſeine Ueberzeugung und die Ruhe ſeines Gewiſſens opfert, je durch die Liebe einer Frau ſchadlos gehalten werden könne? Schalkhafter Weiſe hatte der König jedes Wort ſeiner Phraſe mit einem erkünſtelten Ernſte hervorgehoben, daß Gabriele an einem günſtigen Erfolge verzweifelte. .— 16— — Alle meine Mühe war vergebens, er wird ſich nicht bekehren! murmelte ſie. Ich bin die Tochter eines edeln Hauſes, aber ich bin ſehr unglücklich! Ich liebe den König, mein Vater und mein Bruder ſind aufrich⸗ tige, eifrige Diener Sr. Majeſtät... und ein anderer Bruder iſt unter Ihren Fahnen geblieben, Sire! War ich nicht zu der Hoffnung berechtigt, daß mein gnädiger Herr ſeiner Magd ein günſtiges Gehör geben, und mich als das beſcheidene Werkzeug zur Herſtellung des Wohls eines ganzen Volkes annehmen würde? Johanna d'Arc, ſagte mir Dom Modeſtus durch den Mund des Bruders Robert, hat Karl VlI. durch die Spitze ihres Schwerdtes s vor den Engländern gerettet; Sie, mein Kind, werden Heinrich IV. vor den Spaniern retten. 3— Sie haben kein Schwerdt, mein liebes Kind! Gabriele erröthete und ſchlug die Augen zu Boden. Sie war in dieſer Verfaſſung ſchöner, als ſie die Phan⸗ taſte eines Dichters erſchaffen kann. — Ich hoffte, flüſterte ſie, daß mein König aus Liebe zu mir das thün würde, wozu ihn zehntauſend Schwerdter nicht zwingen, wozu ihn eine Krone und der ganze Ruhm der Welt nicht reizen würden. „— Wohlan! rief hingeriſſen der König, ich ver⸗ ſpreche nichts, nein, nein, ich kann nichts verſprechen, denn es bedarf einer reiflichen Ueberlegung. Eine Ver⸗ änderung des Glaubens, meine ſüße Freundin, iſt ein ernſtes Ding. Aber glauben Sie mir, daß der Wunſch, Ihnen zu gefallen und Ihren Kummer zu mildern, mir der ſchärfſte Sporn ſein wird. Aber, mein ſüßes Kind, was haben Sie zu meiner Ermuthigung gethan? Ich habe nur Mißtrauen bei Ihnen gefunden. Sie haben mir ſoeben eingeſtanden, daß Ihre Rathgeber Ihnen an⸗ empfohlen, mich zur Verzweiflung zu treiben— wie können Sie nun Erfolg von einer Ueberredung er⸗ warten? — Nein, nein! rief Gabriele, von der Schlinge ge⸗ fangen, die der liſtige Bearner ihr durch die ganze Unter⸗ redung gelegt hatte. Es handelt ſich nicht darum, Sie zur Verzweiflung zu bringen... im Gegentheil, hoffen Sie, Sire, hoffen Sie! Aber bekehren Sie ſich! — Geben Sie mir ein Unterpfand! rief Heinrich triumphirend. Ihre ſtolze Tugend hat mich mißtrauiſch gemacht. Dieſes Pfand iſt unerläßlich. — Ich biete Ihnen mein Wort, Sire!⸗ Heinrich trat dem reizenden Kinde näher, indem er es zärtlich anblickte. — Das Wort einer jungen Dame von Ihrem Stande, von Ihrer Redlichkeit wiegt allerdings etwas; aber gehen wir ein wenig näher auf die Sache ein, ich bitte Sie. Es iſt dies meine Gewohnheit, wenn ich Verträge feſtſtelle. — Ich habe noch nie einen Vertrag feſtgeſtellt, ſagte Gabriele mit einer entzückenden Naivetät. — So laſſen Sie mich dictiren. — Es ſei, mein König. Gabriele. III. 8ᷣ — 18— — Theilen wir den Vertrag in drei Artikel. Dies iſt eine glückliche Zahl. Erſter Artikel... — Erſter Artikel: Der König wird ſeinem Glauben entſagen! rief Gabriele. — Nein, das Ultimatum an die Spitze zu ſtellen, iſt nicht üblich. Erſter Artikel... aber nein, mein ſchö⸗ nes Kind, wir haben uns Beide recht ſehr geirrt. Um jede falſche Deutung und Umgehung zu vermeiden, kann unſer Vertrag nur aus einem einzigen Artikel beſtehen. — O Sire, machen Sie den Vertrag als Fürſt, als Edelmann, als ein rechtlicher Mann!. — Das iſt meine Abſicht, Gabriele. — Stellen Sie den Vertrag ſo, daß ich nicht ge⸗ bunden bin, ohne Sie zu verpflichten. Ein Mädchen meiner Art hält das gegebene Verſprechen, und wenn es darüber ſterben ſollte. Ein ſo großer König, ein Held wie Sie, wird einem Maͤdchen nicht nachſtehen. — Nun, ſo dictiren Sie ſelbſt. — Dank, Sire, ich nehme es an! Sie haben Recht, es iſt nur ein Artikel möglich. Hier iſt er: ⸗„Zwiſchen dem erhabenen und mächtigen Herrn Hein⸗ rich, dem vierten dieſes Namens, Könige von Frankreich und Navarra einerſeits, und Gabriele von Eſtrées, einem edeln Fräulein, der Tochter eines guten und getreuen Dieners des Königs, andererſeits, iſt Folgendes verab⸗ redet und beſchworen: „An dem Tage, an welchem der König feierlich und öffentlich die ſogenannte reformirte Religion abſchwört, — 19— um in den Schooß der apoſtoliſch⸗römiſch⸗katholiſchen Kirche zurückzutreten...“ — Nun? ſagte der berauſchte König. — Fügen Sie das Uebrige hinzu, Sire! ſtammelte Gabriele, indem ſie ihr Geſicht mit beiden Händen be⸗ deckte. Die Erſchütterung ihres zärtlichen, großmüthigen Her⸗ zens machte ſich in Thränen Luft, die durch ihre Elfenbein⸗ finger rieſelten.. Heinrich ſtürzte vor ſeiner Göttin auf die Kniee nieder. — Verzeichnen Sie in dem Vertrage, fügte das junge Mädchen hinzu, daß Gabriele Frankreich retten wollte. — In mein Herz werde ich es ſchreiben, daß Sie ein Engel an Güte, Anmuth und Liebe ſind; ich werde es ſo tief einſchreiben, Gabriele, daß man mir das Herz ausreißen muß, um die Erinnerung an Sie zu ver⸗ löſchen. Er erhob ſich und ſchloß das junge Mädchen an ſeine Bruſt. Sein Gewiſſen machte ihm Vorwürfe, daß er dieſe Seele durch eine anſcheinende Liebesſchwäche ge⸗ täuſcht hatte. Gabriele ſtrahlte vor Glück. Sie dankte dem Himmel, daß er das Herz des Königs gerührt; in ihrer Aufrich⸗ tigkeit dankte ſie auch dem großmüthigen Fürſten, daß er ihr ein ſolches Opfer zu bringen geſtattet habe. Hätte ſie wiſſen können, daß derſelbe Artikel in dem⸗ 2· — 20— ſelben Vertrage dem Könige Heinrich IV. eine Stunde zuvor Paris erobert hatte! — Zwei ſolche Eroberungen: Gabriele und Paris! Wie viel Könige würden ſich für eins von Beiden der Verdammniß überliefert haben! Heinrich gab ſich im Grunde der Seele das Ver⸗ ſprechen, die Täuſchung durch ſo. viel Zärtlichkeit und Treue zu belohnen, daß Gabriele nichts dabei verloren hatte. Hand in Hand beſiegelten Beide durch einen aufrich⸗ tigen Blick den Vertrag. — uUund nun, mein Kind, werden Sie weder dem ehrwürdigen Prior, noch dem Bruder Robert das Ergeb⸗ niß unſerer Unterredung mittheilen, ſagte fröhlich der König. Wir werden ſehen, ob ſie es errathen. Sie wiſſen zwar Alles, aber ich zweifle daran, daß ſie die Vorgänge in der Mühle erfahren werden. — Wenn die Kunde von dieſem unermeßlichen Acte durch ganz Europa wiederhallt, werde ich, verſteckt in einem Winkel, mit edelm Stolze mir wiederholen: das hat Heinrich für mich gethan! Der König ſann verlegen auf eine Antwort. Da trat Gratienne haſtig ein. — Meiſter Denis kommt zurück! ſagte ſie. Die ſchwerfälligen und gemeſſenen Schritte deſſelben ließen ſich auf den Brettern der Mühle hören. Der Kö⸗ nig erhob ſich. Er fragte Gabriele mit den Blicken, wie er ſich zu verhalten habe. — 21— — Nennen Sie ſich Herr Wilhelm! ſagte ſie raſch. Sie bringen mir Nachrichten von meinem Bruder, dem Marquis von Coeuvres. — Gut! Denis trat ein. Der gute Mann war ſehr erſtaunt, eine ſolche Ge⸗ ſellſchaft in der Mühle vorzufinden. Gabriele erzählte nun die unvermuthete Ankunft des Herrn Wilhelm, und Gratienne berichtete das Mißgeſchick Herrn Wilhelms, der von der Mühle in das Waſſer gefallen ſei und ſich die Kleider durchnäßt habe. Die jungen Mädchen hatten gefürchtet, daß der Müller dieſe ein wenig außerordent⸗ liche Geſchichte in Zweifel ziehen würde; Meiſter Denis aber ſagte: — Der heutige Tag iſt wahrlich ein Tag der Ereig⸗ niſſe— guter Gott, da iſt ſchon wieder ein Ereigniß. — Was iſt geſchehen? fragten die drei andern Per⸗ ſonen. — Den guten Vätern des Kloſters iſt doch nichts begegnet? fragte Gabriele. — Nein, mein Fräulein, ihnen iſt nichts begegnet, aber mir. Ich habe auf meinem Wege einen ermordeten Menſchen gefunden. Die beiden jungen Mädchen ſchrien vor Schrecken laut auf. — Wos? fragte der König beſorgt. — Hundert Schritte von dem Wege nach Colombes, am Ufer des Fluſſes. — 22— Heinrich dachte an den Spanier, aber Denis berich⸗ tigte ſofort ſeinen Irrthum. — Einen ſchönen, jungen Menſchen, einen wahren Sanct⸗Baſtian, ſagte der Müller. Es iſt unglaublich, daß man ein ſo ſchönes Geſchöpf mit ſo prächtigen, blon⸗ den Haaren tödten kann! Gabrielen's Beſtürzung rührte den König. — Was habt Ihr mit ihm angefangen? fragte er. — Ich habe ihn mit den Andern in das Kloſter getragen. — Wer waren dieſe Andere? — Seine Kameraden. — und auch dieſe waren todt? riefen der König und Gabriele. — Nein, ſie lebten, denn ſie halfen mir den Ver⸗ wundeten tragen. Der eine von ihnen war klein, der andere groß. 1 — Der Todte iſt alſo nur verwundet? — Ja, aber ſchwer verwundet. Denken Sie nur, der Kleine iſt ein Gardiſt des Königs Heinrich. Der König zitterte. — Wer hat Euch das geſagt? rief er. — Er ſelbſt. Und der Große iſt der Oberſt des Kleinen. Heinrich fuhr ſo heftig empor, daß er faſt den Tiſch umgeworfen hätte. — Der Oberſt der Garden? — 23— — Wahrſcheinlich doch, denn ich hörte, daß ihn der Gardiſt„mein Oberſt“ nannte. — Crillon! Du haſt Crillon geſehen? fragte der König mit einer Angſt, die dem Müller Furcht ein⸗ flößte. — Ich habe nicht geſagt, daß es Herr Crillon war! ſtammelte er. — War er ein ſtarker, hochgewachſener Mann? — Ja. — Mit ſchwarzen Augenbrauen, grauem Barte und feſtem Blicke? — Ja, mit einem ſchrecklichen Blicke; dieſer Blick aber ward ſehr traurig, wenn er ſich auf den armen Ver⸗ wundeten richtete. — Dann iſt es Crillon doch wohl nicht, ſagte der König.. — Jetzt glaube ich ſelbſt, daß er es geweſen ſein muß! rief Denis. Jeder im Kloſter bewies ihm die höchſte Achtung, auch Bruder Robert, der ſich gewöhn⸗ lich wenig rührt. Da hätte ich ja auch einmal den großen Crillon geſehen! Meine zehn Piſtolen hat mir alſo Cril⸗ lon geſchenkt! — Ich muß klar ſehen, ſagte der König. Erzähle mir genau und ordnungsmäßig... — Ja, erzähle! ſagte Gabriele. Schon öffnete Denis ſeinen breiten Mund mit der Selbſtgefälligkeit eines Redners, der Spannung erregt, als eine ſtarke, volltönende Stimme auf dem Damme rief: — 24 — Gabriele! Gabriele! In dem Schweigen der Nacht kamen dieſe Worte deutlich den Fluß herüber. 1 Die Perſonen in der Mühle bebten zuſammen. — Die Stimme meines Vaters! flüſterte die beſtürzte Gabriele. — Er ſchöpft Verdacht, da er ſchon zurückgekehrt iſt! dachte der König. Der Müller ſah durch das kleine Fenſter der Mühle. — Es iſt wirklich Herr von Eſtrées! ſagte er dann. — Ich bin verloren! — Ruhig! ſagte der König. — Gabriele! rief die Stimme noch einmal. Sende mir den Kahn, ich will Dich abholen! Das junge Mädchen hatte die Faſſung verloren. Wie zwei aufgeſchreckte Vögel rannten die Mädchen durch die Mühle. Der König hatte ſeine Ruhe wiedererlangt. — Fürchten Sie nichts, ich werde tiefer auf die Inſel gehen. Wenn Sie in dem Kahne zu Herrn von Eſtrées hinüberfahren, wird er nicht hierher kommen. — Aber Denis... — Denis wird ſchweigen, ſagte Gratienne. Der verblüffte Müller ſtand mit weit aufgeriſſenen Augen da; er konnte ſich die Vorgänge nicht er⸗ klären. — 25—, — Ich bringe dem Fräͤulein böſe Nachrichten von dem Marquis von Coeuvres, flüſterte ihm der König zu; der arme Vater darf ſie nicht wiſſen. — Alſo noch ein Ereigniß! rief Denis. Iſt das ein Tag! Der arme Herr von Coeuvres! Ach ja, wir dürfen dem Vater nichts ſagen! — Jetzt, Freund, ſetze Fräulein von Eſtrées raſch über den Fluß, damit der Vater nicht ungeduldig wird. — Gleich! Gleich! ſagte der Müller. Gabriele und Gratienne befanden ſich bereits in dem Kahne, als Denis ihn beſtieg. Während der Müller das Seil vom Ufer löſ'te, legte der König den Finger an die Lippen. Als Antwort legte Gabriele eine Hand auf ihr Herz. Der Kahn ent⸗ fernte ſich. Der im Schatten verborgene Heinrich folgte ihm mit den Augen und mit der Seele. Der König hatte ſich nicht getäuſcht. Als Herr von Eſtrées bei ſeiner Tochter war, forderte er nicht mehr, daß man ihn nach der Mühle überſetze. Heinrich hörte den Austauſch der Fragen und Antworten, deſſen Ende ſtets der Sieg der Frau iſt, wenn es an Zeit fehlt, ſte zu überraſchen. Dann entfernte ſich die Gruppe und verſchwand in dem Hauſe auf dem Damme. Es iſt zu ſpät, um nach dem Kloſter der hei⸗ ligen Genovefa zu gehen, dachte Heinrich. Dieſe Nacht bleibe ich in der Mühle, und morgen werde ich nach⸗ — 26— forſchen, warum Crillon den verwundeten jungen Mann begleitet hat. Er war blond... Sollte es der Graf von Auvergne ſein, der rothes Haar hat? Der gute Denis hat vielleicht die Nüancen verwechſelt. Ich muß durchaus wiſſen woran ich bin, und vorzüglich den Grund von Crillon's Kummer erfahren. 2. Das Kloſter von Bezons. Strahlend war die Sonne an dem wolkenloſen Himmel aufgegangen. Ein mildes Licht fiel auf die alten Mauern des Kloſters von Bezons und drang nach und nach in die innern Höfe, in die Gaͤrten und ſelbſt in das Herz dieſer glücklichen Abgeſchiedenheit, deren Platz der Erbauer klüglich hinter einem bewaldeten Hügel gewählt hatte, um ſie vor dem kalten Hauche des Nordwindes zu ſchützen. Es war bereits fünf Uhr, und für die Leute, die arbeiten, hatte der Sommertag längſt begonnen; in dem Kloſter aber ſchien das Leben noch zu ſchlafen, man ſah nur einige dienende Brüder aus den Gebäuden in die Obſtgärten gehen, um die Mundvorräthe für das erſte Mahl zu holen. Die Verbrüderung dieſes Kloſters befand ſich in einer ruhigen, glücklichen Lage. Der verſtändige Prior hatte die Zahl der Mönche auf zwölf beſchränkt, aber auf zwölf wohlhabende Mönche, und ſomit wurden die Ele⸗ mente der Unordnung und die Urſachen des Verfalls fern gehalten, der damals einen Theil der religiöſen Orden Frankreichs an den Bettelſtab brachte. Die Genovefaner — 28— von Bezons lebten ſtets in Ruhe und Ueberfluß. Unter einer ſolchen Verwaltung war es ſelbſt den Mönchen un⸗ möglich, ein unglückliches Leben zu führen. Unſere Genovefaner waren keine wiſſenſchaftlich ge⸗ bildeten Leute wie die Benedictiner oder Karthäuſer, ſie waren auch keine vagirenden Pilger wie die Franziskaner und Kapuziner; ſie hatten alſo nur darauf zu ſehen, daß ſie nicht dick wurden wie die Bernhardiner, oder durch übertriebene Bußübungen mager wie die Jakobiner und Karmeliter. Eine kluge und menſchliche Disciplin leuchtete aus jedem Artikel ihrer Ordensregel. Seit zwei Jahren hatten die zwölf Mönche der Abtei keinen Streit unter einander gehabt, und der Superior, der despotiſch und ohne Appellation zum Wohle der Verbrüderung regierte, war nicht in die Nothwendigkeit verſetzt geweſen, eine Strafe zu verhängen. Außerhalb der Mauern hatte man nie erfahren, daß dieſe Mönche ſich mit Politik befaßt hätten,— in jener Zeit, wo in den Klöſtern neben jeder Mönchskutte eine Büchſe und ein Cuiraß hing, ein ſeltener Umſtand. Deſſen⸗ ungeachtet aber erhielten ſie häufigen und gewählten Be⸗ ſuch. Sie waren mit hochgeſtellten Perſonen befreundet, und nicht ſelten kamen große Damen mit einem Gefolge von Stallmeiſtern und Pagen, ſelbſt Prinzen, um in Bezons die Annehmlichkeiten ländlicher Gaſtfreundſchaft zu ſuchen. Die Milchſpeiſen der Mönche, deren Heerden und Eſelinnen eine fette Weide an den Uferabhängen des — 29— Fluſſes und in den Lichtungen des Waldes fanden, waren als vortrefflich bekannt. Ebenſo rühmte man die ſchönen Zimmer des Kloſters, in denen ſich die Bequemlichkeit des weltlichen Luxus mit klöſterlicher Einfachheit ver⸗ einigte. Die Ausſicht aus dieſen Zimmern war köſtlich, die Luft vortrefflich, die Bedienung freundlich und die Mahlzeiten eben ſo reichlich als ausgeſucht. Es läßt ſich denken, daß dieſe vortreffliche Verwal⸗ zung die allgemeine Neugierde rege machte. Jeder wußte, daß der Prior ſtumm und unfähig war, ſich zu bewegen; man bewunderte deshalb um ſo mehr das Talent und die Klugheit dieſes Mannes, der, obgleich der beiden wich⸗ tigſten Fähigkeiten eines wachſamen Obern beraubt, ſich dennoch dergeſtalt aller Orten zu befinden ſchien, daß ſelbſt die größte Kleinigkeit ſeinem Scharfblicke nicht entging, und daß nie ein Befehl nachläſſig vollzogen wurde. Wir behalten uns vor, dieſes Wunder ſpäter zu er⸗ klären. Für jetzt möge es dem Leſer genügen, mit uns das Muſterkloſter zu betreten, und die Ruhe, die der Hügel, die Friſche, welche der Fluß den Baͤumen und Menſchen ſendet, zu genießen. Durch einen mit Ulmen bepflanzten Hof kommt man zu dem Hauptgebäude. Rechts und links neben dem Haupteingange erhebt ſich in Form eines Vierecks ein Pavillon; den einen bewohnt der Bruder Pförtner, den andern der Stalldiener. Die aus weitläufigen Ställen und Scheuern beſtehenden Wirthſchaftsgebäude zur Linken verſchwinden unter Feigen und hundertjährigen Eichen. — 30— b Die Wohnung der Ordensbrüder war ein weitläu⸗ figes, nicht hohes Gebäude, deſſen zahlreiche Fenſter nach b allen Seiten hinausgingen, ſo daß die träumeriſchen 8 Gemüther die Ausſicht nach der reizenden Hügelkette, und die Freunde der Einſamkeit die auf die öde Landſtrecke hatten, welche ſich ſanft bis zu dem Kloſter erhob. Den Weltkindern bot ſich eine Ausſicht auf den Weg, das Dorf Bezons, auf eine lachende Ebene, auf den Fluß und auf die ſtets Unterhaltung gewährende große Straße. In dem Erdgeſchoſſe lag ein großer mit Eichenholz getäfelter Saal. In dem rieſigen Kamine dieſes Saals ging das Feuer nie aus. Er war das Sprechzimmer und der Verſammlungsort für müßige Leute. Wie in vielen Klöſtern, ſo hätte man auch dieſen Saal als Küche benutzen können; aber die Brüder der heiligen Genovefa hatten ihre Küche in einem Hinterflügel des Hauſes ver⸗ ſteckt, denn ſie behaupteten, und zwar nicht ohne Grund, es ſei keine gaſtfreundliche Gewohnheit, die duftenden Speiſen eines Mahls den Augen und Naſen derer zu unterbreiten, die nicht eingeladen wären. Außerdem mußte man auch dafür ſorgen, daß in der Faſtenzeit oder an Faſttagen der Duft eines Küchleins oder eines Wildprets nicht verrathe, es ſeien Kranke im Hauſe, denn dieſer Duft würde dem Rufe ſchaden, den ſich das Kloſter in Bezug auf Geſundheit in der Umgegend zu erfreuen hatte. Dieſer große, mit Eichenholz getäfelte und gedielte Saal enthielt zwei oder drei ſchöne Gemälde, die ver⸗ ſchiedene hohe Perſonen dem Prior als Geſchenk verehrt — 31— hatten. Bequeme Stühle luden zum Sitzen ein. Von der Decke herab hing eine große Lampe. Durch die großen Fenſter mit den kleinen in Blei gefaßten Scheiben drang ein mildes Licht herein, das auf dem Wege durch die weiten Vorhänge zu einem lieblichen Schatten ward. Von dem Saale aus führte eine Treppe zu den Zim⸗ mern des Priors. Eine andere, breitere, führte zu den Zimmern der Mönche, die von dem übrigen Theile des Hauſes völlig geſchieden waren. Rechts endlich befand ſich das Refectorium, das vermöge ſeiner architektoniſchen Conſtruction im Winter wohl geheitzt und geſchloſſen, im Sommer friſch und luftig gehalten werden konnte. Ueberall ſchien die ängſtliche Vorſicht des Obern die Worte ein⸗ geſchrieben zu haben: 4 „Reinlichkeit, Helle, Ueberfluß.“ Es war alſo fünf Uhr Morgens, die erſten Strahlen der Sonne beſchienen das Kloſter. Das junge Licht er⸗ hellte ein koſtbar tapezirtes und vergoldetes Zimmer in dem erſten Stockwerke, das mit Bildern, Märtyrer und Helden darſtellend, geſchmückt war. In der Mitte der einen Wand erhob ſich ein Bett mit einem Baldachin, deſſen weite und faltenreiche Vor⸗ hänge von rothem Sammt eine Schattirung hervorbrach⸗ ten, die einen Maler entzückt haben würden. Dieſer Sammt war in jener Zeit ein königlicher Reichthum, und obgleich er ein wenig verblichen, ſo konnte man ſich den Umſtand, daß er in dieſem beſcheidenen Hauſe anzu⸗ — 32— treffen war, nur durch die Annahme einer Schenkung oder einer Erinnerung erklären. Und ſo war es wirklich. Katharine Marie von Lothringen, Herzogin von Montpenſier, die Schweſter des Herzogs und Kardinals von Guiſe, der auf den Be⸗ fehl Heinrichs III. in Blois getödtet wurde, hatte es ihrem Freunde, dem ehrwürdigen Prior, geſchenkt. Die Herzogin, die bei verſchiedenen Gelegenheiten die Gefälligkeit und Weisheit des Priors nachgeſucht, hatte es ihm auf ſeine Bitte geſchickt, als der Orden ſich in Bezons inſtallirte, nämlich zwei Jahre vor dem Be⸗ ginne dieſer Geſchichte. Es war daſſelbe Bett, in dem ihr Bruder, der Kardinal, die letzte Nacht vor der Er⸗ mordung geſchlafen hatte. Dieſes merkwürdige Bett ſchmückte nun ein Beſuchzimmer der Abtei in Bezons. An dieſem Morgen barg es einen bleichen jungen Mann, deſſen erloſchenes Auge mit trauriger Begier die Sonne und das Leben einſog. Es war Esperance, der nach einem kurzen Schlummer erwachte und ſich der Vor⸗ gänge bewußt ward. Sein Herz ſchlug matt, ſein Kopf war wüſt und ſchmerzte. Ein heftiges Brennen, ähnlich der Wirkung eines glühenden Eiſens, durchwühlte ſeine Bruſt und ließ jede Fiber des Körpers erzittern. Er hatte Durſt, und verſuchte es, Jemanden zu rufen, der ihm zu trinken gäbe. Aber er bemerkte anfangs Niemanden in dem Zim⸗ mer. Nachdem er ſich einige Minuten angeſtrengt, ent⸗ deckte er unter einem großen Lehnſtuhle zwei ausgeſtreckte — — 33— beſtäubte Beine, welche man für die eines todten Körpers hätte halten können, wenn nicht ein gewiſſes ſtarkes Athmen den erſchöpften und von einem ſchweren Traume heimgeſuchten Schläfer verrathen hätte. Dieſe Beine gehörten dem armen Pontis an. Er wollte bei dem Verwundeten wachen, aber nachdem er zwei Stunden gegen den Schlaf gekämpft, hatte ihn eine, die menſchliche Kraft überſteigende Müdigkeit beſiegt, und er war nach und nach von dem Stuhle zu Boden geſunken, der ihn jetzt, bis auf die Beine, bedeckte. So lange es ihm möglich, ſtörte Esperance die Ruhe ſeines Wäͤchters nicht; aber der Durſt trocknete ihm die Kehle aus, und der Schmerz brannte heftiger, ſo daß der Kranke zu wimmern begann. Pontis, den ein Kanonenſchuß nicht geweckt haben würde, hörte das leiſe Wimmern nicht, das von der Stimme eines Sylphen hervorgebracht zu werden ſchien. Esperance wollte rufen; aber ein reißender Schmerz in ſeiner Bruſt ſagte ihm, daß er durſten und ſchweigen müſſe. Während er entmuthigt den Kopf in das Kiſſen zu⸗ rückſinken ließ, öffnete ſich leiſe die Thür, ein großer Schatten trat zwiſchen die Sonne und das Bett, trat oder glitt vielmehr tiefer in das Zimmer, und näherte ſich dem Lager des Verwundeten, indem er ihm andeutete, ruhig zu bleiben. Nun ſtreckte dieſe wohlthätige Erſchei⸗ nung den Arm aus, und Esperance fühlte den Saft einer köſtlichen Orange, welche die Finger des Phantoms Gabriele. III. 3 über ſeinem Munde ausdrückten, auf die trockenen Lippen herabrieſeln. Ein unausſprechliches Wohlbehagen verbreitete ſich durch ſein ganzes Weſen, er ſchlürfte in wollüſtigen Zügen den kühlenden Saft ein, ohne eine Bewegung machen zu müſſen. Das Leben war wiedergekehrt, und er ver⸗ ſuchte nun ſeinen Wohlthäter anzuſehen und ihm zu danken. Aber die Geſtalt hatte ihm bereits den Rücken zugewendet, und ſchritt der Thür zu, nachdem ſie auf die Beine des ſchnarchenden Pontis einen Blick geworfen Esperance ſah nur die Spitze eines grauen Bartes, die unter einer Kaputze hervorragte, und einen rieſigen Kör⸗ per, den eine Möͤnchskutte bedeckte. Er glaubte zu träu⸗ men. An der Thür blieb die Geſtalt ſtehen, wandte fich, und empfahl dem Verwundeten durch ein Zeichen noch einmal, daß er ſich ruhig verhalten möge. Auch jetzt ſah Esperance nur zwei Finger, die ſich in einem weiten Aermel verloren, wie der Bart in der Kaputze. Plötzlich machte Pontis, der ohne Zweifel einen böſen Traum hatte, einen Satz, ſtieß ſich dabei mit dem Kopfe an den Stuhl, und erwachte. Der erwachte Schläfer bot einen ſo komiſchen Anblick, daß Esperance herzlich darüber gelacht haben würde, wenn das Lachen nicht ſo ſchmerzhaft geweſen wäre. Der Gardiſt kroch aus den dicken Franſen des Stuhls hervor, wie ein Igel aus ſeinem Lager. Sein Geſicht verrieth den heftigſten Zorn gegen den Seſſel und gegen ſich ſelbſt. Er eilte zu ſeinem Kranken, den er mit offenen, faſt freundlichen Augen antraf. — O, welch ein Schöps bin ich... ich habe ge⸗ ſchlafen! rief er aus. Wie befinden Sie ſich? Aber ſprechen Sie leiſe, ganz leiſe! — Beſſer! flüſterte Esperance. — Wahrhaftig? — Pontis, fuhr Esperance flüſternd fort, treten Sie nahe, ganz nahe zu mir heran; ich habe viel mit Ihnen zu reden. — Viel? O, das dulde ich nicht, man hat Ihnen das Reden verboten. — Ich werde mich kurz faſſen! hauchte der Ver⸗ wundete. Aber antworten Sie mir als braver Soldat, als Edelmann. — Aber... — Schwören Sie mir, Pontis, die Wahrheit zu ſagen. — Die Wahrheit— worüber? — Man hat geſtern meine Wunde unterſucht? — Ja. — Muß ich ſterben oder nicht?... Sie zögern... Seien Sie aufrichtig! — Nun, der Bruder, der Sie verbunden, hat geſagt: wenn nicht ein Zwiſchenfall eintritt, wird er davonkommen. Esperance ſah Pontis mit einem durchdringenden Blicke an. Es ward ihm klar, daß der Gardiſt nicht gelogen hatte. . 3* — 36— — CEs iſt viel Hoffnung vorhanden! rief Pontis. Ich wette Hundert gegen Eins, daß Sie geneſen! — Jedenfalls alſo iſt der Tod dabei... das genügt mir. Wer begleitete Sie, als man mich hierher trug? — Herr von Crillon; er begegnete uns und gerieth in Verzweiflung. — Wo iſt er? Was macht er? — Er ſchläft, wie ich vorhin. — Sie haben doch meinen Wunſch erfüllt, den ich Ihnen ausſprach, als Sie mich emporhoben und fort⸗ trugen? Von dem Unfalle, der Sie betroffen, Nichts zu fagen? — Ja. — Ich habe auch Nichts davon geſagt; aber Herr von Crillon wußte, daß Sie zu den Entragues gegangen, und daß Sie wahrſcheinlich mit jenem Laramée zuſam⸗ mentreffen würden. Ich konnte ihn alſo nicht glauben machen, daß Sie durch einen Zufall verwundet wären. — Was hat er Ihnen darauf geſagt? — Daß Sie von Ormeſſon zurückgekehrt ſeien, daß Laramée Ihnen hinter einer Mauer aufgelauert, und einen Meſſerſtich verſetzt habe. — Iſt das Alles? Alles. Viel mehr weiß ich ja übrigens auch nicht. — Was wiſſen Sie noch? — Ich ſtand unten an dem Pavillon, und hörte Ihren Streit mit den Frauen. Plötzlich ſprang ein Mann 37 — 37— aus dem Fenſter, und fiel mir beinahe auf die Schultern. Im erſten Augenblicke glaubte ich, daß Sie herabgeſprun⸗ gen wären— deshalb umfaßte ich den Springer, um ihn fortzutragen; da erkannte ich aber den Schurken, den Laramée. Ich kralle nun meine zehn Finger in ihn, er zerreißt ſeinen Rock und entwiſcht. Ich ihm nach— aber er verſchwindet zwiſchen den Bäumen. Mein wüthen⸗ der Lauf hat mir weiter Nichts eingetragen, als zwanzig Schrammen an den Beinen, und eben ſo viel Beulen an dem Kopfe. Indem ich mich beim Mondenſcheine ein wenig unterſuche, ſehe ich plötzlich Blut an meinem Wamſe, und zwar gerade an der Stelle, wo ich Laramée an mich gedrückt hatte. Da ſteigt der Gedanke in mir auf, daß entweder Sie ihn verwundet haben, oder daß er Sie verwundet hat. Ich ſtelle die Verfolgung ein, und kehre zu dem Pavillon zurück. Hier herrſchte eine erſchreckliche Stille, eine wahre Todtenſtille. Ich lauſchte. Da hörte ich eine klägliche Stimme... ich zitterte, denn ich er⸗ kannte Ihre Stimme, die kaum noch ein Fünkchen Leben verrieth. Nun ſprang ich auf einen Zweig, und von dem Zweige auf den Balcon. Da ſah ich Sie in Ihrem Blute am Boden liegen. Ich ergriff Sie, und trug Sie auf mein Pferd. Wie ein Kind hielt ich Sie auf meinen Armen, ich wollte Sie nach der erſten beſten Beſitzung bringen, um Sie verbinden zu laſſen. In dem Dickicht eines kleinen Gehölzes hörte ich das Jagen eines Pferdes — Laramée kam an. Als er mich ſieht, ſtößt er einen Schrei aus; ich antworte ihm durch einen zweiten. Ein — 38— Musketenſchuß knallt, die Kugel ſauſ't rechts an mir vorbei. Ich ſetze die Sporen ein— der andere mir nach— wie ein Wahnſinniger komme ich bei dem Ufer des Fluſſes an. Hier fand ich nun Herrn von Crillon, der mir half, Sie in das Kloſter zu tragen. Esperance hatte aufmerkſam zugehört; jede von Pontis angedeutete Einzelheit erregte die ſchmerzliche Erinnerung aller ſeiner Leiden.— — Haben Sie keine Perſon in dem Pavillon bei mir geſehen? fragte er. — Ja, eine bleiche Frau, die wie eine Bildſäule des Schreckens an der Wand lehnte. — Pontis, ich mag nun ſterben oder am Leben bleiben— ſagen Sie nie, daß Sie dieſe Frau dort ge⸗ ſehen haben. Nicht wahr, Pontis, Sie erzeigen mir dieſe Freundſchaft? — Ach, Sie ſind ja mein Retter! — Schwören Sie mir, daß nie ein Wort über Ihre Lippen komme, das dieſe Frau berührt. Sie iſt unſchuldig ich will nicht, daß man ſie anklage. — Sie haben mich bereits gebeten, zu ſchweigen, und ich habe Herrn von Crillon Nichts geſagt, obgleich er in mich drang; aber Ihnen, Herr Esperance, muß ich ſagen, daß dieſe Frau eine Verbrecherin iſt, denn ſie hat ge⸗ ſehen, daß Sie verwundet, dem Tode nahe waren, und ſie hat weder gerufen, noch iſt ſie Ihnen zu Hülfe ge⸗ kommen. Ich behaupte, daß ſie beſtraft werden muß. — 39— — Genug! Sie wiſſen das Alles nicht... vergeſſen Sie es, Pontis! Nun habe ich Sie noch um eine Ge⸗ fälligkeit zu bitten. — Befehlen Sie, mein beſter Herr Esperance. — Trotz Ihrer Wette iſt es wahrſcheinlich, daß ich ſterbe. — Sterben.... — Unterbrechen Sie mich nicht. Greifen Sie in meine Börſe— oder beſſer, nehmen Sie die Börſe. Sie enthält einen Brief, den Sie mir ſorgfältig aufbewahren werden. Ich vertraue ihn der Ehre eines Edelmanns, der Dankbarkeit eines Freundes an. — Sprechen Sie leiſer, leiſer! ſagte Pontis bewegt, indem er innig die kalten Hände des Verwundeten drückte. — Nehmen Sie alſo dieſen Brief, und wenn ich ſterbe, verbrennen Sie ihn, ſobald ich den letzten Seufzer ausgehaucht habe. Bleibe ich am Leben, ſo geben Sie ihn mir zurück. Verſtanden? — Ich ſchwöre, daß ich Ihren Willen getreu erfülle; aber, Herr Esperance, Sie werden leben, gewiß, Sie werden leben! rief Pontis mit vor Schmerz erſtickter Stimme. — Um ſo mehr Grund, meine Börſe raſch zu neh⸗ men, damit ſie weder Herr von Crillon noch ſonſt Jemand ſieht. Man könnte ſonſt entdecken, was ich verbergen will. — Ich werde den Brief auf der Stelle verbrennen. — Nein! Es iſt möglich, daß ich am Leben bleibe, und in dieſem Falle werde ich ſeiner bedürfen. — 20— — Ah, ich verſtehe! — Weder für Gold noch für Blut, weder morgen noch in zwanzig Jahren, weder lebend noch ſterbend werden Sie dieſen Brief einem Andern geben, als mir. — Ich ſchwöre es! ſagte Pontis, indem er die Börſe nahm. Ich habe geſchworen, für Sie zu ſterben, wenn ſich mir die Gelegenheit dazu bietet— ebenſo werde ich für dieſes mir anvertraute heilige Gut ſterben. — Sie ſind ein braver Edelmann— nehmen Sie meinen Dank. Verbergen Sie ſchnell die Börſe, man kommt! — 3. Beſuche. Kaum hatte Pontis die Börſe unter ſein Wams geſteckt, als Herr von Crillon in das Zimmer trat. Der Bruder Wundarzt des Kloſters, derſelbe, der bei der Ankunft die Wunde unterſucht hatte, folgte ihm. Crillon war beſorgt, ergriffen. Aber als ein Mann, der gewohnt war zu leiden und leiden zu ſehen, bewahrte er ſeine Faſſung. Er erkünſtelte eine zufriedene Miene, fand Alles vortrefflich, das Wetter, das Geſicht des Ver⸗ wundeten, das Zimmer und die Tapeten. Der würdige Ritter leitete die Unterhaltung durch eine Phraſe ein, welche die ganze ſchmerzliche Aufregung ſeines Gemüths verrieth, denn ſie wäre, von einem Gleichgültigen aus⸗ geſprochen, dumm geweſen. — Der junge Mann kann ſich glücklich preiſen, ſagte er, daß er dieſe Schramme erhalten hat, denn ſie ver⸗ ſchafft ihm das ſchönſte Nachtlager in dem beſten Gaſt⸗ hauſe von Frankreich. Ah, ein Bett in dem Genovefa⸗ Kloſter von Bezons iſt ein ſeltener Fund! Und nun noch ein Kardinals⸗Bett, wie man ſagt! Als er Pontis lächeln ſah, fügte er hinzu: — Wenn ich bei jeder Beſchädigung meines Körpers jedesmal ein ſolches Bett gefunden hätte, ich würde mich über meine fünfzig Wunden freuen. Er ſuchte und fand ein ſchwaches Lächeln in Espe⸗ rance's bleichem Geſichte. Der Kloſterbruder hatte indeſſen ſeine Vorbereitungen getroffen, um die Wunde zu unterſuchen. Crillon wollte mit Pontis oder dem Wundarzte ein Geſpräch anknüpfen, um den Geiſt des Kranken zu beſchäftigen. Der Letztere antwortete ſo lange, als er mit den erſten Operationen beſchäftigt war; bei dem Abnehmen des Verbandes aber ſchwieg er, und Crillon hatte ſeinen Zweck verfehlt. Während der Bruder die Wunde aufmerkſam unter⸗ ſuchte, in der die heilende Natur ihr wunderbares Werk bereits begonnen hatte, öffneten einige neugierige Mönche leiſe die Thür, um dieſes ergreifende Schauſpiel von Weitem mit anzuſehen. Schweigend vollendete der Wundarzt ſein Werk. Nach⸗ dem er Alles wieder in Ordnung gebracht, wollte er das Zimmer verlaſſen; aber der ungeduldige Crillon hielt ihn zurück, indem er lächelnd fragte: — Dieſer Mann iſt alſo gerettet— nicht wahr? —So Gott will! antwortete der Mönch, indem er ſich tief verbeugte. Nach dieſer ausweichenden Antwort entfernte er ſich. Der Ritter näherte ſich Esperance, indem er ſagte: — 43— — Haben Sie gehört, mein junger Freund? Sie ſind gerettet! — So Gott will! flüſterte Esperance in einem Tone, der verrieth, daß ihm die Zweideutigkeit, welche in der Antwort des Arztes lag, nicht entgangen war. — O, ich bin davon überzeugt, fuhr Crillon fort. Ich verſtehe mich auf Wunden, und habe deren nicht nur viel ſchrecklichere geſehen, ich kann wohl ſagen, ich habe ſte auch gehabt. Jetzt würde meine alte Haut nicht viel mehr aushalten, aber in Ihrem Alter iſt man nicht umzubringen. Dieſe ſtolze Uebertreibung beruhigte den jungen Mann nicht; aber das Gefühl, das ſie dictirt, war ein ſo liebe⸗ volles, daß ſie Dank verdiente. Esperance ſtreckte ſeine Hand aus, um die Crillon's zu ergreifen. Der Ritter ſetzte ſich neben das Bett, indem er ſagte: — Da ich nun über Ihren Zuſtand beruhigt, völlig beruhigt bin— dieſe Worte betonte er— kann ich Ihnen mittheilen, daß mich der König dieſen Morgen in Saint⸗ Germain erwartet; ohne Zweifel hat er mir Aufträge zu ertheilen. Ich laſſe Pontis bei Ihnen zurück, der ſo lange Urlaub hat, bis Sie völlig hergeſtellt ſind. Pontis wird den Dienſt des Krankenwärters ſchon erlernen. Ich halte ihn für einen wackern Burſchen, wenn ich ihm auch nicht verzeihe, daß er zu ſpät gekommen iſt— ich werde es ihm nie verzeihen! — Ich habe mich nach Kräften beeilt, Herr Oberſt! rief Pontis. — 44— — Aber immer noch nicht genug! Coriolan iſt ein Pferd, mit dem Sie eine gute Viertelſtunde früher nach Ormeſſon hätten kommen müſſen, als Esperance, auch wenn Sie eine halbe Stunde ſpäter als er abgeritten wären. Coriolan! Man ſieht, daß dieſe Evelleute aus der Dauphiné keine Pferde haben! Wer hat Sie das Reiten gelehrt? Wahrſcheinlich ein Nachzügler. Wenn man ein Thier wie den Coriolan zwiſchen den Beinen hat, kommt man ſtets an, wo und wann man will. Doch genug, das Uebel iſt einmal geſchehen. Sie werden alſo bei Herrn Esperance bleiben, dem ich Sie gebe... verſtanden? Ich habe nicht geſagt, daß ich Sie ihm leihe. Alſo, wir haben uns verſtanden! Herr Espe⸗ rance iſt ein großer Herr, und Sie werden mir das Ver⸗ gnügen machen, ihn mit der größten Hochachtung zu behandeln. — Mein Herr, ſtammelte Pontis mit Thränen in den Augen, Sie beſtrafen mich, und ich bin unſchuldig . Sie kränken mich!... — Wie, Kadett? — Sie ſehen wohl, daß ich Herrn Esperance auf⸗ richtig liebe, folglich iſt es unnütz, mir Achtung zu empfehlen. Meine Freundſchaft iſt ſtärker, als jedes andere Gefühl.— — Gut geantwortet! ſagte Crillon, indem er ſich zu Esperance wandte. Der Burſche iſt ohne allen Zweifel ein guter Menſch. Aber bleiben wir bei der Sache. Dieſe Freundſchaft muß in Zucht und Ordnung gehalten * — 45— — werden. Darf ich annehmen, Herr Pontis, daß Sie auch für mich einige Freundſchaft hegen? — O gewiß, Herr Oberſt! — Gut! Dies wird Sie nicht abhalten, mir blind⸗ lings zu gehorchen? — Im Gegentheil! — Ich ſehe, wir verſtehen uns. Sie werden alſo im Dienſte des Herrn Esperance Alles thun, was Sie mir oder dem Könige thun würden— das iſt Alles eins! Pontis verbeugte ſich ehrfurchtsvoll. — Ihre Ordre? fragte er mit einem ſo komiſchen Ernſte, daß die Stirn Esperance's ſich erheiterte, und Crillon ſelbſt lächeln mußte. — Die größte Emſigkeit und Sorgfalt in dieſem Zimmer. Untadelhaftes Betragen in dieſem Kloſter. Pünkt⸗ liche Ausführung der Befehle des Priors, der, wie man ſagt, ein großer Geiſt und ein guter Mann iſt. Pontis verbeugte ſich noch einmal. — Iſt das Alles, mein Herr? — Ah! Und eine Flaſche Wein täglich! Der Gardiſt erröthete. — Zuletzt, fuhr Crillon fort, indem er Pontis näher trat, enthalten Sie ſich jeder Aeußerung über den König und über Kriegs⸗ oder Religions⸗Sachen. Wir ſind auf neutralem Boden, und es würde ungeziemend ſein, wollte der vom Feinde gepflegte Verwundete ſeinen Wirth kränken. — Sind wir unter einem feindlichen Dache? fragte Esperance mit ſchwacher Stimme. 8 — Man weiß nie, wo man iſt, wenn man ſich bei Mönchen befindet, antwortete Crillon. Aber man darf nicht vergeſſen, die Facade des Hauſes anzuſehen. Erblickt man nicht ein Kreuz an derſelben? — Ja, mein Herr, ſagte Pontis. — Dieſes Kreuz bedeutet, daß wir in dem Hauſe Gottes ſind. Alſo Friede und guter Wille— das iſt die Ordre für das Innere. Draußen bleibt draußen. Crillon nahm die feine Hand Esperance's, drückte ſie zärtlich, und ſagte mit feſter Stimme: — Und nun werde ich daran denken, Sie zu rächen, denn das Verbrechen iſt groß genug, um ſich zu bemühen. — Mich rächen... — Harnibieu! Wie erſtaunt Sie ſind! Meine Ab⸗ ſicht überraſcht Sie, als ob ſie aus den Wolken ſiele. Sind Sie denn ein Weib? Ein Bandit lauert Ihnen hinter einer Mauer auf und verſetzt Ihnen einen Dolch⸗ ſtoß— eine Collelata, wie man in Venedig ſagt— er tödtet Sie, denn Sie würden geſtorben ſein, wenn man Sie nicht fortgetragen hätte... und nun wollen Sie, daß ich dieſe Schurkerei nicht für ein Verbrechen halten ſoll? — Ich glaube, mein Herr, die Sache geht mich an, und ſobald ich geneſen bin... — Machen Sie mich nicht raſend! Aber ich will nicht ſo laut ſprechen. Die Sache geht Sie an... was foll das heißen? — Daß ich für den Meſſerſtich einen Schwerdthieb zurückgeben werde. —,— — 47— — Harnibieu! Wenn ich das gewiß wüßte, ſo wäre ich im Stande, Sie wie ein lahmes Pferd in dieſer Ecke umkbmmen zu laſſen! Was iſt das für eine Sitte, mein lieber Herr! Das Schwerdt wollen Sie gegen einen Dolch ziehen? Jetzt braucht man den Dolch nicht mehr. Sie, Sie wollen ſich mit einem Mörder ſchlagen? Ich verbiete es Ihnen, bei Ihrem Kopfe! — Man muß die Umſtände berückſichtigen, mein Herr. Jener Menſch ward vielleicht gereizt... — Gereizt? Durch einen jungen Mann vielleicht, der arglos nach einem Balcon ſchaut? Gereizt! Dann verbirgt man ſich nicht im Schatten einer Mauer, dann zerſchneidet man dem die Kniekehlen nicht, der reizt! — Ich wiederhole es, die Sache war vielleicht anders. Crillon wandte ſich raſch zu Pontis. — Dann hat mich dieſer hier belogen! rief er. — Das habe ich nicht geſagt, fügte Esperance hinzu. — Die deutlichſten Beweiſe liegen vor, rief Pontis eifrig, daß ein Mord verübt ward, ein ſcheußlicher Mord, bei dem ſich alle Haare auf dem Kopfe eines Chriſten⸗ menſchen emporſträuben! Esperance war überwunden, er ſchwieg. — Du theilſt meine Anſicht, Kadet. Gut! Ich gehe nun nach Saint⸗Germain, und werde die Sache dem Könige erzählen. Der König liebt die Geſchichten, und dieſe wird ihn intereſſiren, vorzüglich, wenn ich ihm jede Einzelnheit mittheile. — Mein Herr, gewähren Sie mir eine Gunſt. —— — Ich weiß, was Sie wollen. Sie wollen Gnade für dieſe nichtswürdigen Weiber... — Sprechen Sie die Namen nicht ſo laut, mein Herr! — Die verbrecheriſchen Weiber haben den erſten Anlaß zu dem ganzen Unglücke gegeben, und vielleicht auch ſind ſte dem Verbrechen nicht fremd! — Mein Herr! — Dem Verbrechen, das iſt das rechte Wort! rief Pontis, wobei er ſich die Hände rieb. — Dem heimtückiſchen Mordanfalle! Ich bleibe da⸗ bei, daß es ein ſolcher war! fuhr Crillon fort, der ſtets erbitterter ward. — Ja, ein Mordanfall! rief der vor Freude ſtrah⸗ lende Pontis. — Und Sie fordern nun, daß man ſolche Geſchöpfe ſchont, von denen ich Ihnen bereits ſo Manches erzählt habe? — Haben Sie Mitleiden! bat Esperance. Gehen Sie in Ihrer Rache nicht weiter, als ich ſelbſt gehen würde. — Bah! Warum nicht? Ein ſchwaches Herz ver⸗ zeiht immer, aber die Gerechtigkeit nie! — Gerechtigkeit... vortrefflich! ſagte Pontis. — Ein guter Chriſt wie Sie verzeiht ſtets ſeinem Mörder, aber der Henker nicht! — Der Henker.. Gut! rief Pontis, der vor Freude emporſprang. — 79— Esperance faltete die Hände, ſeine Augen ſchloſſen ſich. Die Anſtrengung, mit der er ſeine Bitte ausge⸗ ſprochen, hatte ihn völlig entkräftet; er ſenkte das Haupt, als ob er ohnmächtig würde. Der erſchreckte Crillon umſchlang ihn mit ſeinen Ar⸗ men; indem er ihn wie ein Kind liebkoſ'te, brachte er ihn zum Bewußtſein zurück. — Wir wollen nicht mehr von den Frauen ſprechen, murmelte er. Sie vertheidigen ſie und wollen ihnen verzeihen— es ſei! Man wird ihrer ferner nicht erwähnen. — Gegen Niemanden! flüſterte Esperance. — Selbſt gegen den König nicht. Sind Sie zufrieden? — Dank! Dank! ſagte ſchwach der Verwundete mit einem Blicke zaͤrtlicher Erkenntlichkeit. — Sie machen aus mir, was Sie wollen, fuhr Crillon fort. So mögen denn die Frauen ausgeſchloſſen ſein, man trifft ſie ſpäter oder früher ſchon wieder an. Aber den Mann überlaſſe ich Ihnen nicht, das iſt ein anderes Ding! Sobald ich von Saint⸗Germain zurück⸗ komme, werde ich ihn aufſuchen laſſen. Esperance wollte etwas durch ein Zeichen zu erkennen geben. — Kein Wort mehr, ſagte Crillon, ich verſtehe Sie! Sie wünſchen, daß die Sache auf ſich beruhen bleibe, weil man einen Criminalprozeß gegen den Mörder er⸗ hebt, und weil Sie fürchten, daß man durch Zeugen, Confrontationen und alles dieſes Gewäͤſch zu Entdeckungen gelangt... nicht wahr? Gabriele. III. Der erſchöpfte Esperance antwortete durch eine Be⸗ wegung mit den Augenwimpern, daß dies ſeine Gedanken ſeien. — Wir werden weder Richter noch Secretaire haben, fügte Crillon hinzu; es ſoll weder eine Klage erhoben, noch eine Unterſuchung eingeleitet werden— ich will die Sache in aller Stille, ohne Umſtände mit dem Herrn Laramée abmachen. Pontis, laſſen Sie mein Pferd ſat⸗ teln. Da wir von Pferden ſprechen— was iſt aus der ſchönen Stute des Herrn Esperance geworden? — Meine arme Diana! flüſterte der Verwundete. — Wahrſcheinlich, antwortete Pontis, ſteht ſie noch an den Baum gebunden, wo ich ſie geſtern Abend ge⸗ ſehen habe. — Wo gemordet wird, ſtiehlt man auch. Aber die Stute ſoll eben ſo gut bezahlt werden, als der Meſſer⸗ ſtich. Leben Sie wohl, Esperance! Seien Sie guten Muths, und denken Sie nur an mich! Mein Pferd, Pontis! Der Gardiſt ſtuͤrzte aus dem Zimmer; aber auf der Thürſchwelle rannte er an einen Mönch, der mit einem Briefe in der Hand eintrat. — Für Herrn von Crillon! ſagte der Mönch. — Was giebt es? Wie kann man wiſſen, daß ich hier bin? fragte überraſcht der Ritter. — Ein Fremder hat dieſen Brief für den Herrn von Crillon dem Bruder Pförtner übergeben, antwortete der Mönch. — Crillon nahm das Papier. Er drückte es raſch in die Hand, als er die Aufſchrift erkannt hatte. — Er hier! flüſterte er beſorgt vor ſich hin. Was mag geſchehen ſein? Woher weiß er, daß ich in dieſem Kloſter bin? Nun las er begierig. Bald erheiterte ſich ſeine Stirn. — Vortrefflich! ſagte er beruhigt zu Pontis. Ich werde nicht ſofort abreiſen. Bitten Sie den hochwürdigen Prior, wandte er ſich zu dem Mönche, daß er einem Ca⸗ valier, einem meiner Freunde, der durch Zufall meinen Aufenthalt in dieſem Hauſe erfahren und in einer wichti⸗ gen Angelegenheit einige Worte mit mir zu ſprechen hat, die Erlaubniß ertheilen möge, zu mir einzutreten. — Mein Herr, antwortete der Bruder, den hoch⸗ würdigen Herrn Prior zu ſprechen, iſt mir unmöglich; aber ich werde mich an den Bruder Sprecher wenden, wenn es Ihnen recht iſt. — An den Bruder Sprecher? fragte Crillon über⸗ raſcht, denn dieſer ſeltſame Titel verfehlte nie ſeines Eindrucks. — Nun, er ſteht mit unſerm Prior in Verbindung, ſagte der Mönch; er wird Ihre Bitte vortragen. — So wenden Sie ſich an den Bruder Sprecher, mein theurer Bruder! ſagte Crillon, indem er ſich feierlich verneigte. Dann wandte er ſich zu Pontis. — Wiſſen Sie, was ein Bruder Sprecher iſt? fragte er. 4- — Nein, mein Herr! antwortete der Gardiſt. Beide ſahen Esperance an. — Auch ich weiß es nicht! flüſterte der junge Mann. Der Mönch kam zurück. — Ah, das nenne ich ſchnell! rief der Ritter. — Die Zelle des Bruders iſt nur zwei Schritte von dieſem Zimmer entfernt, mein Herr, antwortete der Mönch; er hat mir geantwortet, daß er ſogleich die Erlaubniß des Priors einholen wolle. Sehen Sie, er geht ſchon hinab; das iſt er, der durch das Fenſter ſieht, das in den großen Hof hinausgeht. Wahrſcheinlich ſieht er den Fremden, der an dem Thore wartet. Er wird nicht lange warten müſſen. — Ich will doch wiſſen, ſagte Crillon, wie ein Bruder Sprecher ausſieht! Er beugte ſich aus dem Fenſter, und folgte der be⸗ zeichneten Perſon mit den Blicken. — Harnibieu, wie lang und mager iſt dieſer Spre⸗ cher! rief er aus. — Der würdige Sprecher iſt mitunter wirklich ſehr groß, antwortete der Mönch. 4 — Wie, mitunter? fragte Crillon. Iſt er denn zu⸗ weilen auch klein? — Wenn er ſich bückt, ja, mein Herr! Crillon ſah den Mönch mißtrauiſch an, denn er glaubte, der fromme Bruder wolle ſich über ihn luſtig machen. —— — 53— — Das geht allen Leuten ſo, ſagte er, auch mir; wenn ich mich bücke, bin ich nicht ſo groß, als wenn ich mich gerade halte. Sie ſagen mir nichts Neues, mein würdiger Bruder. Mit der größten Ruhe antwortete der Mönch: — Es kann ſich mit dem Bruder Sprecher Niemand vergleichen; er wird oft dergeſtalt von Gichtſchmerzen zu⸗ ſammengezogen, als ob er in zwei Stücke zerbrechen ſollte, und dann iſt er klein wie ein Kind. An den Tagen, wo er nicht krank iſt, geht er aufrecht, und dann ſtößt er mit dem Kopfe an viele unſerer Decken. — Heute muß er ſich ſehr wohl befinden, ſagte Crillon; das iſt mir lieb. Auf dem benachbarten Corridor ließ ſich eine Glocke vernehmen. — Unſer Bruder iſt in die Zelle des Priors ge⸗ treten, ſagte der Mönch; man ruft mich, daß ich die Antwort hole. Erlauben Sie, daß ich der Aufforderung Folge leiſte! fügte er mit einem Seufzer im Tone der Leichenrede hinzu. — So ein Mönch iſt doch immer ein komiſcher Kerl, ſagte Crillon zu Pontis; aber dieſe hier ſind ſehr komiſch. Ein Bruder Sprecher! Und wie lang iſt er! Ich habe nie einen ſo ausgedehnten Menſchen geſehen. — Dieſer wackere Mönch muß mir vorhin, als Alles ſchlief und ich vor Durſt faſt umkam, zu trinken gegeben haben, ſagte Esperance mit ſchwacher Stimme. Er kam mir wie ein Rieſe vor, und ich ſchrieb es meiner fieber⸗ haften Aufregung zu, daß mir ſein Arm ungewöhnlich lang erſchien. Der Mönch trat wieder ein. — Die Erlaubniß iſt ertheilt, ſagte er zu Crillon; der Cavalier, den Sie erwarten, kann eintreten. Wollen Sie, daß man ihn hierher führe, mein theurer Bruder? — Nein, man führe ihn in mein Zimmer, wenn es Ihnen beliebt. Ich ſelbſt gehe eben dorthin, fügte Crillon hinzu, der fürchtete, durch ſein Benehmen den Rang deſſen zu verrathen, den er erwartete. Der Brief hatte ihm das ſtrengſte Incognito anempfohlen. Der Mönch entfernte ſich, um den Fremden zu holen und in das Zimmer zu führen, in welchem Crillon die Nacht verbracht hatte. Der Ritter zog Pontis hinter die Thür, daß Espe⸗ rance ſeine Worte nicht verſtehen konnte. — Herr Esperance, ſagte er, hatte einen Brief in ſeiner Taſche. Pontis erzitterte. — Nimm dieſen Brief, und bringe ihn mir, fuhr Crillon fort, aber ohne daß er es merkt. Der beſtürzte Pontis ſann auf eine Antwort. — Durchſuche alſo mit Vorſicht ſeine Kleider. Er ſcheint uns zu beobachten— gehe ſchnell in das Zimmer zurück, und führe meinen Auftrag aus, ſobald ſich Ge⸗ legenheit dazu bietet. Nachdem er dieſe Worte dem Gardiſten zugeflüſtert, lächelte er dem Verwundeten noch einmal einen Abſchieds⸗ w gruß zu, dann folgte er dem Mönche. Dabei warf er einen ſo neugierigen Blick auf die Zelle des Bruders Sprecher, daß er ſicherlich durch die Thür derſelben ge⸗ drungen, wenn ſie nicht von gutem Eichenholz und ſtark mit Eiſen beſchlagen geweſen wäre. Dieſe Thür war übrigens nicht hermetiſch verſchloſſen, wie es ſchien, denn je nachdem Crillon ſich entfernte, ward ſie, ohne Zweifel durch den Druck der Luft, mehr und mehr geöffnet, und ſchloß ſich nur dann erſt völlig wieder, als der Fremde, den man herbeigeführt, Crillon's Zimmer betreten hatte. Hätte Crillon ſich noch einmal gewandt, ſo würde er in dieſer halbgeöffneten Thür zwei glühende Augen ge⸗ ſehen haben, die, obgleich von einer großen Kaputze in Schatten eingehüllt, die Treppe hätten beleuchten können. 4. Wer den Zweck will, will auch die Mittel. Kaum war Crillon mit dem Könige allein, als er ihn eifrig nach der Urſache dieſes unerwarteten Beſuchs fragte. Heinrich warf den Hut, mit dem er bei dem Eintritte in das Kloſter ſein Geſicht bedeckt hatte, auf ein Zimmer⸗ geräth, athmete in langen Zügen die reine Thalluft ein, und antwortete mit einer Traurigkeit, die dem Ritter ſofort auffiel: — Ich habe mehrere Gründe, mein lieber Crillon. Der erſte iſt meine Beſorgniß um Ihre Perſon. Was iſt an der Geſchichte von dem Verwundeten, dem Gar⸗ diſten und der offenen Straße? Sollte ſie dennoch wahr ſein, obgleich ſie mir ein Müller erzählt hat? — Unglücklicherweiſe iſt ſie wahr, Sire! — Man hat mir geſagt, daß Sie ſehr traurig wä⸗ ren... jetzt ſind Sie verlegen... ſollte der Verwundete der Graf von Auvergne ſein? — Nein, Sire! Unglücklicherweiſe iſt er noch nicht verwundet.. — Für den Sohn Karls IX. iſt dieſer Ausſpruch ſehr hart. — — 572— — Ich liebe ihn nicht, Sire! Ich wollte, daß er in dieſem Augenblicke in dem Bette läge, in dem mein armer, übel zugerichteter Verwundeter liegt. — Sie ſeufzen... ſteht Ihnen der junge Mann nahe? — Ja, Sire! Man hat ihn mir empfohlen; ich halte viel auf ihn, antwortete Crillon, die Worte langſam wie ein Menſch ausſprechend, den ein heftiger Schmerz drückt. — Iſt er in einem Zweikampfe, von einem Gegner, oder vielleicht von dem Gardiſten verwundet, der ihn be⸗ gleitete? — Nein, Sire, von einem Mörder! — Miine königliche Macht iſt nur gering, Crillon, aber ich werde ihn viertheilen laſſen. — Ich halte Sie beim Worte, Sire! — Wird der junge Mann am Leben bleiben? — Ich hoffe es. — Gut, ſagte der König, der bereits wieder an etwas Anderes dachte. — Sire, ſo gut Sie es auch meinen, fügte Crillon raſch hinzu, ſo ſind Sie doch nicht in der Abſicht allein gekommen, um mit mir über meine Angelegenheiten zu ſprechen; ich vermuthe, daß Sie ſelbſt eine wichtige Ver⸗ anlaſſung haben... — Gewiß, Crillon, eine ſehr wichtige Veranlaſſung. Was für Mönche bewohnen dieſe Abtei? — Genovefaner, Sire! — 58— — Das iſt mir bekannt; aber zwiſchen Mönch und Mönch iſt ein Unterſchied. Dieſe hier beherrſchen unum⸗ ſchränkt das Gewiſſen meiner Geliebten, und treiben ſie zu einer Strenge, die mir läſtig iſt. — Ich kenne unſere Wirthe nicht, aber was Sie mir ſagen, Sire, macht mir Freude. Wir ſind alſo bei bra⸗ ven Leuten. — Ah, mein weiſer Meiſter, laſſen Sie weniger Tu⸗ gend, aber mehr Menſchlichkeit gelten. Dieſe Mönche kommen mir ſehr ſonderbar vor: der eine iſt fett, der andere iſt mager, der eine ſpricht nie, der andere immer; das Alles riecht nach Duckmäuſerei. — Der Magere, rief der Ritter, hat auch auf mich einen höchſt ſonderbaren Eindruck ausgeübt. Sie meinen den Sprecher, nicht wahr? — Da er mit aller Welt ſpricht, ſagte Heinrich, ſo will ich, daß er auch einmal mit mir ſpreche. Ich be⸗ kenne, daß man meine Neugierde angeregt hat. Gabriele behauptet, daß der Prior im Voraus Alles weiß, was ich beginne. In dieſem Augenblicke weiß ich ſelbſt nicht, was ich in einer ſehr ernſten Angelegenheit beginnen ſoll — wir wollen doch ſehen, Ventre⸗Saint⸗Gris! ob der Mönch ein ſo guter Wahrſager iſt, wie ihn der Ruf ſchildert. Zieht er mich aus dieſer Verlegenheit, ſo werde ich ihn öffentlich als ein Licht anerkennen, wie dieſer be⸗ rühmte Dom Modeſtus ſich ſehr beſcheiden nennen läßt. Des Königs Stirn hatte ſich verfinſtert. Crillon ſah ihn an, ſchüttelte den Kopf und ſagte: — 59— — Ein Tag iſt nicht wie der andere; geſtern waren wir freudig und triumphirten— heute ſind wir traurig und kleinmüthig. Und doch, Sire, haben wir geſtern Abend Alles gewonnen. — Wir könnten leicht dieſen Morgen Alles wieder verloren haben, antwortete der König. Bevor wir jedoch von Geſchäften reden, möchte ich wiſſen, wo wir ſind. — In einem ſchönen Zimmer, wie Sie ſehen. — Ich liebe die Zimmer in einem Kloſter nicht, und vorzüglich die, welche für die Fremden beſtimmt ſind. Sie haben ſtets einen verborgenen Winkel für Spione, oder irgend ein Luftloch, das die Stimme zu einem Orte führt, wohin ſie nicht gelangen ſollte. Sprechen wir leiſe. Crillon trat dem Könige näher. — So wiſſe denn, mein Freund, ſagte Heinrich IV., daß vielleicht in dieſem Augenblicke Alles, was ich geſtern mit Briſſae feſtgeſtellt habe, wieder aufgehoben iſt. — Wie, ſagte Crillon, der zitterte, der geſchloſſene Friede, die ohne Schlacht geſchlagenen Spanier, das Kö⸗ nigreich Frankreich, dieſer ſchöne Kuchen, den wir mit einem Male zu verſchlucken im Begriffe ſtanden... ah, Sire, ſollte nicht eine jener ſchwarzen Wolken, die Ihnen bei jeder Sprödigkeit Ihrer Geliebten zu Kopfe ſteigen, dieſe Grabesviſton erzeugt haben? — Wollte der Himmel, es wäre ſo! Ich bin oft betrübt, Crillon, Du weißt es, aber ſtets nur, wenn ich — 60— gewichtige Gründe dazu habe. In dieſem Augenblicke, mein Freund, bin ich ſehr betrübt. Crillon ward aufmerkſam. — Ich wartete dieſen Morgen auf meine Correſpon⸗ dence an der Brücke von Chatou. Dieſen Ort hatte ich wegen der Nachbarſchaft des Schloſſes Eſtrées gewählt, in dem ich, beiläufig bemerkt, eine ſchöne Nacht zu ver⸗ bringen hoffte. Der König ſeufzte. — Wo haben Sie denn die Nacht verbracht, Sire? — In einer Mühle. — Man findet in einer Mühle eben ſo ſchöne Nächte, als an andern Orten. — Dies hängt von der Art und Weiſe ab, wie ſich das Rad dreht, antwortete immer noch ſeufzend der un⸗ glückliche Liebhaber. Aber trennen wir die Angelegen⸗ heiten Heinrichs von denen des Königs von Frankreich. La Varenne alſo, der ausdrücklich von Medan kam, wo ich ihn zurückgelaſſen hatte, um Herrn von Eſtrées zu täuſchen, brachte mir dieſen Morgen meine Depeſchen: Unter dieſen Depeſchen befand ſich eine aus Spanien. — Immer noch? ſagte Crillon. — Immer noch! antwortete der König. Spanien iſt ein ſchreckliches Land, von dem ich Tag und Nacht träume. Es ſcheint die Beſtimmung dieſer verwünſchten Spanier zu ſein, daß ſie mir ohne Unterlaß Verdruß bereiten, ſei es nun dadurch, daß ich ſie ſchlage, oder daß ſie mich ſchlagen. Geſtern hielt ich ſie für geſchlagen, und ich 2— — 61— hatte Dir jene glückliche und überraſchende Depeſche von der Jeſuiten⸗Congregation des Escurial mitgetheilt— nicht wahr? — Dieſe Depeſche war vielleicht eine glückliche, und wir haben Beide den Spion geſegnet, der ſo geſchickt die Inquiſitoren getäuſcht und die Spanier überliſtet hat. Harnibieu! Sollte Ihnen der Courier aus Spanien die⸗ ſen Morgen die Nachricht gebracht haben, daß wir die Ueberliſteten wären, Sire? — Ja, Crillon, das iſt es! Die Depeſche kommt von meinem geheimen Agenten bei Philipp II., ſie ent⸗ hält kein Wort von dem, was ich Briſſac geſtern als ge⸗ wiß angekündigt habe. Er meldet mir im Gegentheil, daß die Generalſtaaten den Herrn von Mayenne ernennen werden. Crillon ſah den König mit großen Augen an. — Dies alſo... — Dies enthält die Depeſche, die mir geſtern unter dem Couvert meines Agenten übergeben wurde, als ob ſie von ihm käme. Sie kündigt die beabſichtigte Heirath der Infantin mit dem jungen Guiſe an; jenes Ereigniß, das Briſſac aufbrachte, und ihn beſtimmte, ſich auf unſere Seite zu ſchlagen, iſt alſo für uns eine falſche Nachricht, die bald aufgeklärt ſein wird. Briſſac muß glauben, ſie ſei eine Myſtification, ein erbärmlicher, gemeiner Kunſt⸗ griff, um ſeine Geſinnungen zu ändern. Demnach habe ich mich durch eine unglückliche Combination ſelbſt ge⸗ täuſcht; ich werde vielleicht allen Vortheil, den mir die — 62— Parteiänderung des Gouverneurs von Paris verſprach, ſowie den ungeheuren Gewinn verlieren, den ich ſicherlich aus dem allgemeinen Abſcheue vor dem Plane Philipp's gezogen haben würde. — Das iſt allerdings eine böſe Wendung! murmelte der beſtürzte Crillon. Aber, Sire, wie iſt es möglich geweſen, daß Sie ſich haben überliſten laſſen?„ — Man glaubt ſtets, was man wünſcht, und die liguiſtiſche Partei compromittirte ſich durch dieſe anti⸗ nationale Intrigue ſo zu meinem Glücke, daß ich daran geglaubt habe. — Die Depeſche muß aber doch ein Siegel gehabt haben... — Das Siegel meines Agenten. — Dann iſt dieſe Depeſche, die Sie dieſen Morgen erhalten, falſch? — So hoffte ich Anfangs, aber la Varenne hat ſie von dem Agenten ſelbſt empfangen, der aus Spanien zu⸗ rückgekehrt iſt, wo man ihn als einen von mir beſolde⸗ ten Spion erkannt und beinahe erhängt hätte. Er iſt ſo ermüdet eingetroffen, daß er nicht bis zu meiner Per⸗ ſon gelangen konnte. — Das ſind ſchlechte Sachen, Sire! — O, welch' eine Waage iſt doch das Leben! Geſtern berührten wir mit der Stirn die Wolken, und heute... — Heute waten wir in einem Sumpfe. Aber, Sire, man muß einer ſolchen Kleinigkeit wegen nicht verzweifeln. Sagten Sie nicht, Herr von Briſſac werde wieder umlenken? — 63— — Gewiß, wenn er erfahren wird, daß ich ihn hinter⸗ gangen habe. — Nun, ſo ſchnallen wir den Cuiraß wieder an, und ziehen das Schwerdt wieder. Dann wird Herr von Briſſac zufrieden ſein, denn wir werden ein offenes Spiel mit ihm beginnen. — Alſo ſollen wir immer noch kämpfen, immer noch Franzoſen tödten! — Wer das Ziel will, darf die Mittel nicht ver⸗ ſchmähen. — Ich will das Ziel und werde es erreichen! ſagte Heinrich kurz und entſchieden. Zuvor aber iſt es wichtig, daß ich mit dieſen Mönchen rede. Ich wiederhole es, Freund, ſie kennen meine Angelegenheiten zu genau, und kümmern ſich zu eifrig um mich, als daß ich aus einer Unterredung mit ihnen nicht einigen Nutzen ziehen ſollte. Sämmtliche Verſchwörungen in der Natur werden gegen⸗ wärtig in den Klöſtern eingeleitet. Auch bei den Geno⸗ vefanern iſt mir eine bekannt geworden, und wenn ſie auch nur Heinrich, in der Perſon ſeiner Geliebten, Ga⸗ briele's, zu berühren ſcheint, ſo berührt ſie dennoch auch den König, da die Mönche ihn zur Aenderung ſeines Glaubens treiben, indem ſie ihm Gabrielen als Belohnung zeigen; es iſt dies ein Mönchsmittel, das meiner kleinen Liebespolitik zu ſtatten kommt. Wie aber wiſſen Sie meine Liebe zu Gabrielen? Warum wollen ſie, daß ich meinem Glauben entſage? Dies Alles iſt wichtig genug, um ſie zu befragen. Laſſen Sie den Prior um eine ge⸗ als ob es für heime Unterredung bitten, Crillon, doch ſo, Sie ſelbſt geſchähe. — Ich gehe, Sire. — Glauben Sie, daß die Mönche mich kennen? — Bis jetzt liegen keine Anzeichen vor. Aber wenn man Sie ſieht, wird man Sie vielleicht erkennen. — Immerhin. Ich werde mit offenen Karten ſpielen. Wir befinden uns hier in einem Kloſter, das unter dem Regimente eines durch ſeine Einſicht berühmten Priors ſteht. Heinrich von Navarra, der Hugenott, kann dieſen Prior um Rath befragen, ohne ſich irgend wie zu com⸗ promittiren; hat er es doch ſchon bei ſo vielen andern von allen Orden und Secten gethan. Deshalb mögen ſie mich erkennen. Erkennen Sie mich nicht, ſo werde ich in meinen Forſchungen noch weiter gehen. Nachdem Crillon einen Augenblick überlegt hatte, ſagte er: — Sire, vermuthen Sie irgend eine verdrießliche Beziehung zwiſchen dieſen Mönchen und dem Ihrer Feinde, der Ihnen geſtern die falſche Depeſche hat zu⸗ kommen laſſen? — Ich vermuthe nichts, und vermuthe Alles. Bei dieſer Logik befinde ich mich ſehr wohl, ſeit ich mich dem Stande eines Kronprätendenten gewidmet habe. — Aber Sie haben Jemanden in Verdacht, Sire? — Ich habe mehrere Perſonen in Verdacht. Zu⸗ nächſt iſt es eine gewiſſe Frau, deren Hand... — Die Entragues, nicht wahr? fragte Crillon raſch, der erfreut war, daß ſeine Antipathie eine gegrün⸗ dete ſei. — Die Entragues beſitzen dazu nicht Geiſt genug! ſagte der König geringſchätzend. Wer ſind dieſe Entra⸗ gues? Gemeine Intriguanten. Nein, Ritter, ich meine eine mächtige Frau! Nennen wir ſie Montpenſier, Cril⸗ lon! Sie iſt eine gefährliche Feindin. — Der ſelige König wußte es! rief Crillon. — Dieſe Frau hinkt, aber ſie macht ſehr große Schritte, wenn es nöthig iſt. — Sie iſt Ihre ärgſte Feindin, Sire! — Ohne Zweifel, denn ich will König, ſie will Kö⸗ nigin ſein, und ſie weiß, daß ich ſie nie heirathe. Ein eigenes Gefühl läßt mich dieſen Namen dem Namen der Genovefaner zur Seite ſtellen, denn Montpenſier und Jacques Clement ſind für mich unzertrennlich. — Leider, Sire, haben Sie diesmal Recht, wie immer. — So gehe, Crillon, und erwirke mir eine Unter⸗ redung mit dem Prior. Crillon ſchritt der Thür zu. — Warten Sie! ſagte der nachdenkende König. Wenn man die Unterredung bewilligt, verlaſſen Sie das Kloſter nicht. Crillon war über dieſe faſt melancholiſche Zerſtreuung des Königs erſtaunt. — Ich werde es nur verlaſſen, Sire, wenn Sie es befehlen, ſagte er. Gabriele. III. 5 — 66— — Ich denke dabei an zwei Dinge, mein wackerer Ritter. Erſtens möchte ich Sie ſtets in meiner Nähe haben, und dann bitte ich Sie, die kleine Abtheilung Mannſchaften, die la Varenne begleitet, in dieſe Gegend zu ziehen; ſte hat den Befehl, am Flußufer unterhalb Chatou zu verweilen, bis ich zu ihr ſtoße. — Nichts iſt leichter, als das, Sire! Aber fürchten Sie für meine Perſon? — Ich fürchte für Sie und mich, Crillon! ſagte Heinrich ruhig. Oder vielmehr, ich fürchte weder für den Einen, oder noch für den Andern. Aber ſeitdem ich die Luft dieſes Kloſters geathmet, ſind mir argwöhniſche Gedanken gekommen, die ich nicht erklären kann. Ich gleiche den Katzen, die überall, wohin ſie zum erſten Male kommen, die Atmoſphäre mit der Naſe, den Boden mit den Tatzen unterſuchen, und ſich durch die beziehentlichen Sinne von Allem Rechenſchaft geben. Wir haben die Kutten dieſer Mönche geſehen, aber wir müſſen auch wiſſen, was unter dieſen Kutten ſteckt. — Harnibieu! rief plötzlich Crillon. Welch' ein Dummkopf bin ich! Der König ſprang erſchreckt von ſeinem Stuhle auf. — Was giebt es? — O, ich bin ein Thier, ein Ochſe, ich würde ſagen, ein Pferd, wenn dieſes Geſchöpf nicht zu vernünftig wäre, „als daß es mit mir verglichen werden könnte. — Freund Crillon, Sie denken zu ſchlecht von ſich! Was für Gründe haben Sie dazu? — 67— — Weil ich vergeſſen habe, Ihnen zu ſagen, Sire, daß mein armer Verwundeter, mein Schützling, jetzt in einem Bette liegt... — Sie haben es mir geſagt, Crillon. — Wiſſen Sie auch, in welchem Bette, mein König? — Ihre Augen ſind erſchrecklich, Ritter! — In dem Bette eines Guiſe! In dem Bette eines zu Blois getödteten Kardinals! In dem Bette, das eine Freundin ihrem Freunde, das Frau von Montpenſier dem Prior Dom Modeſtus Gorenflot geſchenkt hat. Die Her⸗ zogin hat nur den Mönch gewechſelt. Im Jahre 1589 war es ein Jakobiner— heute iſt es ein Genovefaner! — Was habe ich geſagt, Crillon? fragte kalt und ruhig der König, indem er ſeine Arme auf der Bruſt kreuzte. Es riecht hier nach Guiſen. — Wir ſind in der Höhle! — Gut, ſo ſuchen wir dieſe Höhle zu verlaſſen, aber zuvor wollen wir uns nach den Bewohnern ein wenig umſehen. Holen Sie die Escorte, von der ich ſprach— ſuchen Sie Ihren Argwohn zu verbergen. — Harnibieu! Ich ſoll Sie in einem Hauſe zurück⸗ laſſen, in dem das Bett eines Guiſen ſteht? Nein! Pontis kann den Auftrag eben ſo gut ausrichten, wie ein Anderer, aber er wird Sie nicht ſo gut vertheidigen, wie ich! — Wer iſt Pontis? — Einer meiner Gardiſten. 5⸗ — 68— — Ah, der Gefährte des Verwundeten. — Ja. Aber, Sire, wozu wäre es gut, daß Sie mit dieſen eingefleiſchten Mönchen ſprechen, die vielleicht darauf warten? Gehen wir, ohne mit ihnen zu ſprechen. Statt der Aufſchlüſſe, die Sie erwarten, könnten Sie einen guten Stoß empfangen. — Bah! Ich werde dieſen Stoß mit meinem Schwerdte pariren. Was Sie mir von dem dieſes Haus beſeelenden Geiſte geſagt, hat meine Neugierde verdoppelt. — Wahren Sie ſich vor dem Aermel der Mönche! Und die Genovefaner haben enorme Aermel! Wenn Sie mir folgen wollen, Sire, ſo klopfen Sie, ohne den Aermel zu vergeſſen, den Sie tüchtig ſchütteln, auf den Bauch, man wird dies für eine vertrauliche Zärtlichkeit halten, aber Sie erfahren zu gleicher Zeit, ob unter der Kutte ein Dolch verborgen iſt. — Das ſoll geſchehen, Crillon. Lächelnd öffnete der König die Thür, die auf den Cor⸗ ridor führte. Hier ging ein Mönch langſam auf und ab; er war gebeugt, als ob er eine große Gedankenlaſt trüge. — Habt die Gefälligkeit, mein lieber Bruder, rief Heinrich, und bittet den hochwürdigen Vater Prior, daß er dem Ritter von Crillon eine kurze Unterredung bewillige. Der Mönch verbeugte ſich, ohne zu antworten. Dann ſtieg er eine Treppe hinab. — Aber, Sire, fragte Crillon, wenn man nun ſieht, daß ich es nicht bin? — Dann wird es zu ſpät ſein, die bewilligte Unter⸗ — 69— redung zurückzunehmen. Schicken Sie Ihren Gardiſten nach dem bewußten Orte. Ich erwarte hier die Antwort des Priors. Crillon empfahl dem Könige noch einmal Vorſicht und Klugheit. Zehn Minuten ſpäter erſchien ein junger Die⸗ ner der Genovefaner und klopfte leiſe an die Thür des Zimmers. Dann meldete er, daß der hochwürdige Vater Prior es für eine Ehre halte, den Ritter von Crillon zu empfangen. Heinrich erhob ſich, zog ſeinen Gürtel feſter zuſammen, verſicherte ſich, daß das Schwerdt leicht in der Scheide ſpielte, zog ſeinen breiten Hut ſo tief über die Augen herab, daß das Geſicht halb bedeckt ward, und folgte dem jungen Führer, nachdem er die kräftige Hand des Colonel's ſeiner Garden noch einmal gedrückt hatte. Dieſer entfernte ſich raſch, um Pontis den Auftrag zu ertheilen. Heinrich hatte nur einen kurzen Weg zuruͤckzulegen. Am Ende des Corridors fand er eine kleine Treppe, auf der man zu einem Vorgemache, und von dieſem zu der Wohnung des Priors gelangte. Das Kind öffnete die Thür eines großen Zimmers, deſſen Fenſterladen feſt verſchloſſen waren. Nachdem der Führer mit ſeiner feinen Stimme den Ritter von Crillon angemeldet, entfernte er ſich und ſchloß die beiden Thüren. Der König ſtand einige Augenblicke im Dunkeln; er bewunderte die Vorſicht des Priors, der ohne allen Zweifel dem Fremden ſein Mienenſpiel verbergen wollte, ein Kunſtgriff, der den Frauen und Diplomaten eigen zu ſein pflegt. 1 Dieſe Vorſicht konnte dem nicht mißfallen, der daſſelbe wünſchte. Indem er nach allen Seiten um ſich ſah, ging er einige Schritte weiter, und nach und nach gewöhnte ſich ſein Blick an die Finſterniß, er unterſchied die ein⸗ zelnen Gegenſtände dieſes ſonderbaren Schauplatzes, auf dem eine Scene geſpielt werden ſollte, die den Leſer un⸗ terhalten wird. 5. Der Bruder Sprecher. In dem Winkel des Zimmers ſtand ein Bett mit ge⸗ wundenen Säulen von Ebenholz. In dieſem Bette ſuchte der König zunächſt den Mann, mit dem er ſprechen wollte, denn er konnte nicht annehmen, daß ein geſunder Prior ſeinen Beſuch in einer ſolchen Finſterniß empfangen würde. Aber der Prior ſaß auf einem Stuhle, oder vielmehr auf einer Eſtrade, denn der Stuhl war wirklich ein Monu⸗ ment, der zu der Maſſe, die er tragen mußte, im Ver⸗ hältniß ſtand. Dieſer wunderbare Prior feſſelte die Aufmerkſamkeit des Königs dergeſtalt, daß er einige Secunden lang nur dieſen Gegenſtand betrachtete. Gabriele hatte in ihrer Beſchreibung nicht übertrieben: es gab wohl keine my⸗ thologiſche Perſönlichkeit, keinen indiſchen Fetiſch oder chineſiſchen Gelehrten, oder ein gemäſtetes Opferthier, deſſen Entwickelung einen ſolchen Umfang erreicht hätte. Ein Theil des Fenſterladens, der ſich nun öffnete, ließ durch einen Raum von ungefähr einem Quadratfuße ſo viel Licht eindringen, daß das ergebene Opfer dieſer pantagrueliſchen Wohlbeleibtheit von oben beleuchtet ward. — 72— Der Schädel des Priors, den eine ſchwarze Kappe einſchloß, ſchien nicht mehr vorhanden zu ſein, denn man ſah in der Mitte der Fettmaſſen, die bis zu den Schläfen gingen, nichts als zwei bewegliche Augen. Seine dicken und ſchwarzen Wangen fielen auf die Bruſt herab, und dieſe Bruſt ging bis an das Kinn hinauf. Der Anſtand verbietet es, von dieſem vierfachen Kinn zu ſprechen, das einem dreifachen Kropfe ſehr ähnlich ſah; ebenſo wenig von dem Bauche, einem kegelförmigen Berge auf koloſſa⸗ ler Grundlage, deſſen Gipfel dieſer komiſche Kopf bildete. Das Bemühen des Dom Modeſtus, ſeine beiden Hände, die wie Hammelkeulen ausſahen, über dieſem Bauche zu falten, war vergebens; aber die Finger ſtrebten gegen⸗ ſeitig nach einander, und ihre Hauptbeſchäftigung war, ſich an den Falten des Gewandes oder an der Gürtel⸗ ſchnur feſtzuhalten. Das Tabouret, auf dem die Füße des Priors ruhten, glich, ſeiner Breite und Feſtigkeit nach, einem kleinen Tiſche. Durch die Kiſſen war er dergeſtalt auf ſeinem Stuhle eingezwängt, daß er eine weitere Bewegung nicht ausführen konnte; ſeine matten Augen blinzelten bei dem ſchwachen Lichte, das der andere Mönch durch das Fenſter von oben herab eingelaſſen hatte. Als der König ſich an dieſem unerquicklichen Schau⸗ ſpiele ſatt geſehen, ſuchte er den berühmten Genoſſen Gorenflot's. Bruder Robert— kein anderer konnte es ſein— ſaß zu den Füßen ſeines Priors auf einem ſehr niedrigen — — — 73— Stuhle, und zwar ſo, daß er, indem er dem Fremden den Rücken wandte, in directer Verbindung mit dem Geſichte des Hochwürdigen ſtand; dies war ohne Zweifel nöthig, um zu beobachten und den Gedanken aufzufaſſen, der in jeder Bewegung der Geſichtszüge oder der dicken Hände lag. Bruder Robert, völlig in ſein Gewand und ſeine Kaputze vergraben, zeigte daher dem Könige einen con⸗ vexen Rücken, der unter den launiſchen Falten der Mönchs⸗ kutte ganz bunt erſchien. Nach der Oberfläͤche zu ur⸗ theilen, mußte dieſer gewölbte Rücken ſehr lang ſein. Faſt in gleicher Höhe mit den Schultern bemerkte der König die eckigen Kniee des Bruders Robert; aber un⸗ geachtet dieſer ſonderbaren Poſitur, ungeachtet dieſer, der des Priors ſo entgegengeſetzten Statur, ungeachtet der Verſchlingung dieſer großen Arme und langen Beine unter einem immenſen runden Rücken und dieſes mit grauem Wollenſtoffe bekleideten Spinnenſkelett's, ward die Auf⸗ merkſamkeit Heinrichs durch einen andern Umſtand leb⸗ hafter in Anſpruch genommen. Die Fußbank, oder vielmehr der kleine Tiſch, der die gigantiſchen Füße des Priors trug, war mit einer Menge ſonderbarer Gegenſtände bedeckt, welche die Blicke des Königs auf ſich zogen. Man ſah hier weichen rothen Wachs, wie ihn die Modelirer gebrauchen, Boſſirhölzchen von Bildhauern, ein Schreibzeug und eine Feder, eine kleine Schiefertafel, einen Cirkel, zwei oder drei Bücher, zuſammengerolltes Pergament, ein kleines Fläſchchen mit — 1— einer ſchwarzen Flüſſigkeit, und eine lange Haſelnußgerte, die allen dieſen Einzelnheiten ein magiſches Anſehen gab und das Gemach als die Werkſtatt eines Zauberers er⸗ ſcheinen ließ. Plötzlich traf eine rauhe und ſchnarrende Stimme das Ohr des Königs, eine Stimme, die jedes Wort aus einer ſtacheligen Kehle herauszureißen ſchien. In dem leiernden Tone eines öffentlichen Ausrufers brachte dieſe Stimme folgende Phraſe zu Tage: „Man bittet, den Inhalt gegenwärtiger Tafel zu leſen und die Schwäche des hochwürdigen Priors zu entſchul⸗ digen, der den Beſuch mit einem demüthigen Gruße empfängt.“ Noch ehe der König ſich von dem Eindrucke erholt, den dieſe abſcheuliche Stimme auf ſeine Nerven ausgeübt, löſ'te ſich einer der beiden Spinnenarme durch eine ma⸗ ſchinenartige Bewegung nach rückwärts, wie das Spiel eines Mechanismus, von dem Körper ab, und reichte dem überraſchten Könige ein kleines Bild mit Eichenholz⸗ rahmen, auf dem er folgende Zeilen las: „Die Perſonen, welche den hochwürdigen Prior be⸗ ſuchen, werden benachrichtigt, daß der fromme Mann, da ihn Gott mit einer Lähmung der Zunge heimgeſucht, ſeine Gedanken durch die Stimme eines Bruders mit⸗ zutheilen gezwungen iſt, den die Gewohnheit in den Stand ſetzt, ihn zu verſtehen. „Um allen Irrthum zu vermeiden, ſind die betreffen⸗ den Perſonen gebeten, ſich in ihrer Unterhaltung direct an den Prior, und nie an den Bruder Dolmetſcher zu wenden. Dieſer Letztere iſt gezwungen, um genau zu überſetzen, ſtets das Pronomen„Ich“ anzuwenden, als ob der Prior ſelbſt ſpräche. Es iſt demnach von Wich⸗ tigkeit, daß die Beſuchenden ſich die Idee einprägen, ſie ſprächen wirklich mit dem Prior ſelbſt und empfingen von ihm die Antwort. Der Herr Prior bedient ſich zwar einer geliehenen Stimme, aber die Gedanken ſind ſeine eigenen.“ Nachdem der König dieſe ſonderbare Lectüre beendet, ſtreckte Bruder Robert, als ob er Buchſtabe für Buchſtabe die dazu nöthige Zeit berechnet hatte, abermals ſeine Hand aus, nahm, ohne den Rücken zu bewegen, die Tafel, und legte ſie auf den kleinen Tiſch zurück, der zu den Füßen ſeines Priors ſtand. Nun reichte er ihm die Haſelnußgerte. Dom Modeſtus ergriff ſie mechaniſch mit ſeiner fetten Hand. Der Spre⸗ cher hob den Kopf empor, als ob er in eine noch engere Communication mit dem Prior treten wollte. Die Gerte bewegte ſich nun höchſt ſeltſam zwiſchen den Fingern Gorenflot's. Bruder Robert überſetzte auf der Stelle dieſe Bewegungen, und ſagte mit eintönigem Schnarren: — Es iſt mir eine unverhoffte Ehre, den berühmten Ritter von Crillon, den Gott vor allem Uebel behüten möge, bei mir zu ſehen! Nachdem der Bruder Sprecher alſo geredet, ſenkte er den Kopf, und während er auf die Antwort wartete, die iyö-——— — 76— darauf erfolgen mußte, nahm er ein wenig Wachs, und begann es zwiſchen ſeinen Fingern ungewöhnlich raſch zu kneten. Dem Anſcheine nach, dachte Heinrich IV., bin ich für dieſe Mönche wirklich Crillon. Sie ſtellen ſich wenigſtens, als ob ſie mich für Crillon halten. Entweder täuſchen ſte mich, oder ich täuſche ſie. Trotz ihrer Gaukeleien aber wollen wir ſehen, ob ſie mehr Gascogner ſind, als ich, und wer von uns den Andern zwingen wird, ſich blos zu ſtellen. Dann ſagte er ſalbungsvoll: — Ihr Gaſt iſt ſehr erfreut, ſich mit einem geiſtlichen Herrn, der durch ſeine Weisheit ſo berühmt iſt, unter⸗ halten zu können. Gorenflot blinzelte beſcheiden mit den Augen. Der Bruder Sprecher hob den Kopf wieder empor und ant⸗ wortete: 8 — Was wünſchen Sie von mir? — Mancherlei! antwortete der König, indem er einen Schritt weiter trat, um das Treiben des Bruders Sprecher ein wenig näher zu betrachten. Dieſer berührte den Fuß des Priors, der einzuſchlafen ſchien. Nun bewegte ſich die Gerte mit großer Schnellig⸗ keit in den Händen Gorenflot's, und Robert rief eben ſo ſchnell: — Der Herr Ritter von Crillon wird erſucht, ſich zu ſetzen! Der König trat wiederum näher. —— —— — 77 ⁰— — Dort! ſagte haſtig Bruder Robert. Dort, hinter mir, in den Lehnſtuhl! Und zu gleicher Zeit deutete ſein endloſer Arm dem Könige einen Seſſel an, der dem Prior gegenüber, aber unmittelbar hinter der Fußbank des Sprechers ſtand. Zu ſeinem Bedauern mußte der König zurücktreten, um auf dieſem Seſſel Platz zu nehmen. — Cirillon iſt vorlaut geweſen! dachte er. Die Gerte Gorenflot's begann wieder zu ſprechen. Robert überſetzte: — Nennen Sie die erſte der Fragen, die Sie an mich zu richten haben. — Sie bezieht ſich auf meinen Herrn, den König Heinrich IV., der erfahren hat, daß Sie einer Perſon, die er hochſchätzt, gute Rathſchläge ertheilen. Er hat mir aufgetragen, Ihnen dafür zu danken Aber er möchte auch zugleich wiſſen, wie Sie erfahren haben, daß der König das Haus des Fräuleins von Eſtrées häufig beſucht. Gorenflot riß die Augen auf. Robert legte ſeine Geräthſchaften auf dem Tiſche zu⸗ ſammen, ſtieß noch einmal an den Fuß Gorenflot's, und ſogleich ſetzte ſich die Gerte wieder in Bewegung. — Der König iſt allgemein bekannt, antwortete der Sprecher; es genügte, daß ihn eine Perſon in das unſerm Kloſter ſo nahe Haus der Eſtrées gehen ſah, um uns von ſeiner Anweſenheit Nachricht zu geben. 178— — Das war ſehr lang! dachte der König. Können zwei oder drei Schläge, welche die Gerte nach rechts und links in der Luft macht, ſo viel Worte bedeuten? Dann fügte er laut hinzu: — Ich glaubte, Sie hätten, eben aus dem Grunde, daß das Kloſter jenem Hauſe ſo nahe liegt, den König ſelbſt ſehen können, folglich ihn erkannt, und Fräulein von Eſtrées ihn bezeichnet haben. Robert überſetzte: — Ich habe Heinrich IV. nie geſehen, würde ihn daher auch nicht erkennen, wenn er mir begegnete. Dieſe Antwort befriedigte den König nicht, ſie ver⸗ doppelte vielmehr ſein Mißtrauen. Das ganze Geſpräch, das nur durch Zeichen und Augenwinke geführt ward, kam ihm außerdem höchſt unwahrſcheinlich vor. Indem er die Unterhaltung unterbrach, rief er: — Erlauben Sie mir, ehrwürdiger Vater, daß ich Ihnen eine Idee mittheile, die ſo eben in mir aufge⸗ ſtiegen iſt. — Es ſei! antwortete Robert, indem er ſein Wachs unter der Kaputze knetete. — Die Leichtigkeit, mit welcher der Bruder Sprecher Ihre Gedanken ausdrückt, iſt ſo bewunderungswürdig, daß ich bitte, mich von dem Erſtaunen darüber erholen zu dürfen. Aber... 3 Die Kaputze bewegte ſich, und der Rücken krümmte ſich wie der einer Katze, die ſich zuſammenrollt. — Aber, fuhr der König fort, mir ſcheint, der hoch⸗ würdige Vater könnte ſich eben ſo erfolgreich und noch geheimer mit den ihn beſuchenden Perſonen unterhalten, wenn er mit ſeinen Händen, die nicht gelähmt ſind, auf der Tafel ſchreiben wollte, die ich zu ſeinen Füßen ſehe. Auf dieſe Weiſe würde jede Vermittelung unnütz ſein. In den dicken Geſichtszügen des Priors ſprach ſich eine gewiſſe Unbehaglichkeit aus; die Gerte bewegte ſich wieder zwiſchen den Fingern. — Meine Lähmung, ſagte Robert, beſchränkt ſich unglücklicherweiſe nicht auf die Zunge, ſie dehnt ſich oft auch bis auf die Hände aus. — Aber doch nicht auf beide? fragte der König. — Beſonders auf die rechte, und ich ſchreibe nur mit dieſer! ſchnarrte Robert. — Das iſt ſehr ärgerlich, mein Hochwürdiger! Man würde Ihnen noch viel wichtige Dinge anvertrauen, wenn ſie ein Dritter nicht hörte. Heinrich glaubte die Kapuze zu reizen, aber Robert fuhr mit derſelben Ruhe fort, ſein Figürchen zu drehen. Er hob den Kopf, um die Antwort des Priors zu ver⸗ nehmen, der mit ſeinem Stäbchen verſchiedene Zeichen in der Luft machte. — Herr Ritter, antwortete er unbeirrt, die Art und Weiſe, die ich zu meiner Unterhaltung mit der Welt ge⸗ wählt, iſt wegen ihrer Raſchheit und Sicherheit die beſte. Ich habe den Bruder, den Sie dort ſehen, meine Zeichen und Bewegungen zu verſtehen gelehrt. Die Wiſſenſchaft — 80— der Mimik habe ich ſehr eifrig ſtudirt. Von Cadmus an, der die Schreibekunſt erfand, ſind bis auf unſere Tage ungefähr ſechstauſend fünfhundert Zeichenſyſteme erfunden, um die Rede zu erſetzen. 3 Die Egypter galten in dieſer Kunſt für Meiſter. Sie werden von den Hieroglyphen derſelben gehört haben. Mein Stäbchen beſchreibt jenen Hieroglyphen ähnliche Figuren, von denen eine einzige oft einen ganzen Satz ausmacht. Das indianiſche Alphabet enthält Schriftzeichen von eben ſo großer Bedeutung. Ja noch mehr: meine Studien haben ſich ſelbſt mit der Unterhaltung der Thiere befaßt. Es wird Ihnen nicht entgangen ſein, Herr Ritter, daß alle Thiere einer und derſelben Gattung ſich bewunde⸗ rungswürdig verſtehen, und zwar nicht durch das Schreien, das ſie aus der Entfernung anwenden, ſondern durch Zit⸗ tern, durch Bewegungen der Beine oder Füße, durch Zeichen mit Kopf oder Ohren, durch Zuſammenziehen der Stirn und der Lippen, und durch das Zeigen der Zähne. Dieſes letzte Mittel vorzüglich iſt ein Lieblingszug in ihrer Unterhaltung, und liefert dem Menſchen ſelbſt Me⸗ tamorphoſen für ſeine Schwäche. Man ſagt: die Zähne zeigen. Sie haben dieſen Ausdruck wohl ſchon gehört. — Ich habe ſelbſt nicht ſelten ſchon Zähne geſehen, ſagte der König, der die ſinnreiche Weitſchweifigkeit dieſer Antwort bewunderte, und nicht wußte, ob er darüber lachen oder ſich ärgern ſollte. O, man hat mir gar oft ſchon die Zähne gezeigt, ehrwürdiger Vater! — 81— — Alle dieſe Elementar⸗Materien, fuhr der Bruder Sprecher fort, habe ich ſorgfältig geprüft und analaſirt, und aus ihnen habe ich mir eine ſehr reiche und manch⸗ faltige Sprache gebildet, wie Sie ſehen können. Mir ſcheint, daß Bruder Robert, der eben kein geiſtreicher Mann, der ſelbſt arm an Intelligenz iſt... Bruder Robert beugte demüthig ſein Haupt unter dieſem Geißelhiebe, den ihm die Gerte des Priors ertheilte. — Mir ſcheint, fuhr der Ueberſetzer fort, daß dieſer gute Bruder ſo klar und raſch meine Gedanken wieder⸗ giebt, daß Ihre Aufmerkſamkeit nicht ermüdet. In Betreff des letzten Punktes, des Geheimniſſes unſerer Unterredung nämlich, füge ich hinzu, daß Bruder Robert bereits in einer langen Reihe von Jahren meine Gedanken mitgetheilt hat, und zwar Perſonen, deren Lage vielleicht noch zarterer Natur war, als die Ihrige iſt; aber nie, Herr Ritter, habe ich Anlaß gefunden, in ſeine Verſchwie⸗ genheit Zweifel zu ſetzen. Ich leiſte Bürgſchaft für mich und ihn. Tragen Sie übrigens die geringſten Bedenken, ſo halten Sie ſich durchaus nicht für verpflichtet, mir etwas anzuvertrauen, und wenn Sie es vorziehen, mir zu ſchreiben, ſo werde ich allein Ihre Gedanken erfahren. In dieſem Falle aber würde es Ihnen einige Mühe machen, die Antwort aus den Zeichen meiner Ruthe zu entnehmen. Bruder Robert wird während dieſer Zeit den Kopf abwenden, damit er von unſerer Unterhaltung Nichts verſteht. Das Spiel mit der Gerte hatte Modeſtus ermüdet, er Gabriele. III. 6 — 82— ließ die Hand nach dieſer Mittheilung ſinken, um zu ruhen. Der Bruder Robert nahm ſein Wachs und ſein Stäbchen wieder. 3 Der Konig ſtrich ſich den Bart und murmelte: — Von dieſen Beiden iſt einer wenigſtens ein ge⸗ ſcheidter Kopf, ich glaube, auch nur einer; aber welcher? Sein Entſchluß ſtand ſofort feſt: — Ich bin überzeugt, ſagte er, und zögere ferner nicht, Ihnen Alles mitzutheilen. Wenn Sie den König Heinrich nicht kennen, ſo iſt Ihnen wenigſtens Crillon bekannt genug, daß Sie ſeine Offenheit entſchuldigen. Ich leugne nicht, daß das ſcheinbar Geheimnißvolle dieſes Orts mich mit Mißtrauen erfüllt hat. — Was für Geheimnißvolles? fragte ſingend Bruder Robert. — Dieſe Finſterniß, die kaum ein bleicher Lichtſtrahl durchdringt. — Mein Geſicht iſt ſchwach! überſetzte der Sprecher. — Und die Beharrlichkeit, mit der Bruder Robert ſein Geſicht verbirgt. Die Kaputze erzitterte. — Der Anblick Bruder Robert's iſt eben nicht an⸗ genehm, ſchnarrte die Stimme; nicht die Eigenliebe läßt ihn ſein Geſicht verbergen, ſondern der Wunſch, die Blicke eines Fremden nicht zu verletzen. — O, wenn es nur das iſt, rief der König, ſo mag er ſeine Bedenken verbannen! Wir Alle in der Welt ſind mehr oder weniger häßlich. — 83— Zugleich ſtreckte er die Hand nach der Kaputze aus. — Zeige Dich dem Ritter von Crillon! Dieſe, von der Ruthe angedeuteten Worte, richtete Bruder Robert an ſich ſebſt. Dann wandte er langſam dem Könige den Kopf zu. Ueberraſcht von dem Anblicke dieſes ſeltſamen Geſichts erhob ſich Heinrich. Bruder Robert hatte ſo tief eingefallene Backen, als ob er fie beliebig hätte in den Mund ziehen können. Seine großen Augen, die weder Ausdruck noch Glanz be⸗ ſaßen, nahmen, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, den Kopf ein. Der wie ein Hauſenmaul eingekniffene Mund verſchwand unter einem mehr weißen, als grauen Barte. Ein Streifen grauer Haare grenzte ſo dicht an die Augen⸗ brauen, daß faſt keine Stirn vorhanden war. Die bis zu dem Munde herabgebogene Naſe gab dem Kopfe des Mönchs einen thieriſchen Charakter, eine Phyſiognomie, die an gewiſſe Unglück verkündende Vögel erinnert. Der König betrachtete dieſes Geſicht, das ſich ruhig und unbeweglich ſeiner Prüfung darbot. Nachdem er die Blicke abgewendet, um ſich ſeinen Betrachtungen zu über⸗ laſſen, ſagte Bruder Robert, der den Prior gefragt, in einem melancholiſchen Tone: — Sie ſehen, daß der Bruder keinen erquicklichen Anblick gewährt, und daß er wohl thut, wenn er ſich verbirgt. Wenn es Ihnen beliebt, ſetzen wir jetzt die Unterhaltung fort, denn Sie haben mir noch keine von 6- — 84— ‚den zahlreichen Mittheilungen gemacht, die Sie vorhin mir ankündigten. Die Ironie, die aus dieſen Worten hervorleuchtete, rief den König zu ſich ſelbſt zurück. — Ganz recht, ſagte er raſch, ich beginne. Es han⸗ delt ſich um die Glaubensänderung des Königs. — Ich höre, überſetzte Robert, der ſeinen Platz wieder eingenommen hatte und ſich mit der ziemlich voll⸗ endeten Figur beſchäftigte. — Der König, mein Herr, hat mich beauftragt, Sie zu fragen, warum Sie ihm durch das Fräulein von Eſtrées den Rath ertheilt, die katholiſche Religion anzu⸗ nehmen? — Weil ſie die einzig wahre iſt! überſetzte Robert. — Das iſt nicht der rechte Grund! antwortete raſch. der König, der entſchloſſen war, das Abenteuer zu Ende zu bringen, und entweder den Prior, indem er ihn er⸗ ſchreckte, die Maske abzureißen, oder Robert irre zu führen. Es iſt deshalb geſchehen, weil Sie dem Könige dienen, oder ihm ſchaden wollen. Gorenflot zuckte mit den Augen. Seine Gerte hatte ſich kaum bewegt, ſo erfolgte die Antwort: — Weill ich dem Könige dienen will. — Das glaube ich nicht, mein Vater! Die Kaputze bewegte ſich. — Was giebt Ihnen Anlaß zu dieſem Argwohn? — 85— — Das Bett des Kardinals von Guiſe, das ich in dieſem Hauſe geſehen habe. Das Geſicht Gorenflot's nahm einen erſchreckten, dummen Ausdruck an. Hierdurch ward der König in ſeinen Angriffen ermuthigt. — Es iſt ein Geſchenk, ſagte Robert. — Von einer Todfeindin des Königs, deren Freund Sie ſind. — Was von einer ſo großen Dame kommt, darf man nicht ablehnen. — Selbſt den Dolch Jacques Clement's nicht, wenn ſie ihn Ihnen böte, ſagte der König. Gorenflot zitterte und erbleichte; ſein Mund öffnete ſich. Bruder Robert richtete ſich auf. — Sie würde ihn mir nicht anbieten! überſetzte er, bevor noch ein Wink, noch eine Bewegung oder die Ruthe zu ihm geſprochen hatte. Der Ritter von Crillon hat Unrecht, meine Ergebung und meine Achtung vor dem Könige in Zweifel zu ziehen. — Man kann nicht zugleich der Herzogin von Mont⸗ penſier und dem Könige Heinrich IV. zugethan ſein! rief der König. Jemehr man ſich bemüht, dies darzuthun, je verdächtiger macht man ſich, und iſt man bei Crillon einmal des Verraths an ſeinem Herrn verdächtig, ſo ſpricht Ciillon laut, und ſein Wort kann für eine Drohung gel⸗ ten. Man wahre ſich vor den Drohungen Crillon's, denn er vertritt den König, und weiß Alles, was in den Klöſtern vorgeht! — 86— Dieſe Worte hatte der König mit vor Aufregung zitternder Stimme geſprochen. Gorenflot erſchrak; er erhob ſich von ſeinem Stuhle, bewegte die Arme und ſah mit wirren Blicken um ſich, als ob er den Bruder Robert um Hülfe anflehte. Dann ſank er unbeweglich zurück, und ſtieß ein ſchmerzliches Geſtöhn aus. — Ah, der Stumme redet! rief der König. — Er redet nicht, er ſchreit! antwortete raſch Bruder Robert, indem er ſich zu dem Könige wandte und wäh⸗ rend einiger Secunden von einer Bewegung ergriffen ward, welche den ganzen Ausdruck ſeines Geſichts und die Haltung ſeines Körpers dergeſtalt veränderte, daß er um zehn Jahre jünger erſchien. — Ah, dachte der König, der plötzlich eine Ent⸗ deckung gemacht, iſt es möglich? Ich würde darauf ſchwören, daß ich ſo eben Chicot geſehen, wenn ich ihn nicht vor zwei Jahren todt in meinen Armen gehalten hätte. Während Bruder Robert ſeinem halb ohnmächtigen Prior zu Hülfe eilte, und ihm das Fläſchchen mit der ſchwarzen Flüſſigkeit unter die Naſe hielt, verſank der König ſtets tiefer in die Betrachtungen, welche ſo viel Seltſamkeiten in ſeinem Geiſte erſtehen ließen. Nicht mehr die Neugierde, ſelbſt nicht mehr der Er⸗ haltungstrieb beſeelte ihn, der bei großen Männern Genie heißt, bei Männern, denen das Wohl des Körpers im Vergleiche zur Förderung ihres Glücks ein Nichts iſt. Heinrich fuͤhlte nur einen gewaltigen Trieb, in dem — 87— Phantome, das die Laune des Zufalls ihm einen Augen⸗ blick vorgeführt, einen Mann zu erkennen oder vielmehr wiederzufinden. Ihm war, als ob die Erreichung dieſes Zwecks eine Anſtrengung erforderte, welche die gewöhn⸗ liche Menſchenkraft überſteigt. Es iſt leicht, aus einem Menſchen einen Schatten machen, ſagt Hamlet; aber nicht ſo leicht iſt es, einen Schatten zu verkörpern und zu beleben. Warum hatte der Prior einen ſolchen Schrecken gezeigt? Warum hatte ſich das Geſicht des Bruders Robert ſo völlig verändert? Was würde das endliche Ziel dieſer Unterredung ſein, die einfach im Intereſſe einer Privatſpeculation begonnen hatte? Gorenflot ſchnappte nach Luft wie ein Seehund, der in den letzten Zügen liegt. Bruder Robert zeigte ſich unbedeckt, als ob er jeden Argwohn des Königs verlöſchen wollte; er hatte ſein Vogelgeſicht wieder angenommen, und ſchnitt jeden Augenblick eine neue Fratze, ſo daß er in einer halben Stunde wohl dreißig Perſonen, oder viel⸗ mehr dreißig Thieren ähnlich ſah. Die Aufmerkſamkeit des Königs ward mehr als je dadurch gefeſſelt. Der Bruder Sprecher bemerkte dies; er brachte den Prior ſo gut als möglich wieder in das Gleichgewicht, und hierzu bediente er ſich einiger Hülfsmittel, die Rippen⸗ ſtößen eben nicht unähnlich waren. Dann gab er ihm die Ruthe wieder, ſetzte ſich auf ſeine Fußbank zurück, und ſtieß ein Hum, hum! aus, als ob er den König zur Fortſetzung der Unterredung aufforderte. — 88— — Ich befinde mich beſſer, ſagte er im Namen des noch halb unfähigen Priors; ich kann auf die Fragen des berühmten Ritters von Erillon wieder antworten. Mein gefühlvolles Herz ward von dem Verdachte und durch die Drohungen einer ſo edeln Perſon verletzt. Aber ich habe Gott angerufen wegen der mir gewordenen un⸗ gerechten Vorwürfe, und Gott hat mich geſtärkt. Sprechen wir weiter, Herr Ritter! Heinrich ward in ſeinem Sinnen nicht geſtört. An⸗ ſtatt dem Prior zu antworten, trat er dem Bruder Ro⸗ bert näher, ſah ihn mit einer traurigen und zugleich huld⸗ vollen Miene an, und indem er eine Hand auf die ma⸗ gere Schulter deſſelben legte, ſagte er:— Sehen Sie mich noch einmal an, wie vorhin— ich bitte darum! Gorenflot bewegte wie krampfhaft ſeine Gerte; er machte ſeltſame Schnorkel und Figuren. Da ſchrie Bruder Robert wie eine gereizte Katze: — Der hochwürdige Vater fragt, ob der Herr Rit⸗ ter gekommen iſt, um ſich über einen armen, von der Natur vernachläßigten Mönch luſtig zu machen? Das iſt weder liebevoll noch ſchicklich! Indem er dieſe Worte mit einem Seitenblicke be⸗ gleitete, ließ er den vierten Theil von einen ſo grotesk verzerrten Geſichte ſehen, daß der König entmuthigt und nachdenkend ſtehen blieb, und auf ſeinem Verlangen nicht weiter beharrte. — Man muß mich entſchuldigen, ſagte er, indem er ſich hinter dem Bruder Robert wieder niederließ. Ver⸗ — — 89— zeihen Sie, daß ich die Ruhe des hochwürdigen Priors durch Drohungen einen Augenblick geſtört habe. Die Eigenſchaft des Freundes der Frau von Montpenſier kann dem Freunde des Königs von Frankreich nur ein Gegenſtand des Argwohns und des Zorns ſein, und Crillon iſt der getreueſte Freund des Königs.— Auch ich! fügte der Ueberſetzer im Namen Gorenflot's hinzu, der ſich nach und nach beruhigte. — Nichts beweiſ't, daß Sie es ſind, antwortete ruhig der König; wohl aber beweiſ't Alles das Gegen⸗ theil. Sie leiten das Gewiſſen eines jungen Madchens, das der König zärtlich liebt, und anſtatt dem jungen Mädchen zu erlauben, ſich den günſtigen Gefühlen zu überlaſſen, die der König vielleicht angeregt, veranlaſſen Sie es zum Gegentheil, indem Sie ſich ihrer wie eines politiſchen Hobels bedienen, um alle Entſchlüſſe des Kö⸗ nigs zu verrücken. Dies iſt wahrlich kein Freundſchafts⸗ act. Rühmen Sie ſich deſſen nicht. Nein, der König iſt in dieſem Kloſter kein Freund, und das iſt Schade. Ueberall von Schlingen umgeben, von ſeinen unverſöhn⸗ lichen Feinden belauert, und von ſeinen Freunden nur wenig geliebt, bedarf er ſeines ganzen Muthes, des gan⸗ zen Vertrauens auf Gott, um den begonnenen Kampf fortzuſetzen. Nein, nein, er hat keine Freunde! Nachdem Bruder Robert das dicke Geſicht des Dom Modeſtus befragt hatte, ſagte er:— Sie verleumden viel der rechtlichen Leute, Herr Ritter, und vergeſſen ſich dabei — 90 felbſt. Vorhin nannten Sie ſich einen getreuen Freund Heinrichs IV. Der König erinnerte ſich an ſeine Rolle. — O, ich zähle nicht! rief er aus. — Crillon zählt nicht! Und Rosny, Mornay, d'Au⸗ bigné, Sancy? — Rosny beſitzt große Eigenſchaften; aber er liebt den König nur ein wenig, um ihn zu beherrſchen. Mor⸗ nay iſt ein ſtrenger, unnachſichtiger Mann. Sancy hat dem Könige wichtige Dienſte geleiſtet, aber ſie ſind ſo wichtig, daß er die Laſt dieſer Dienſte fühlt... viel⸗, leicht weil Sancy ſie ihn fühlen laſſen will. Aubigné, nun ja, er liebt Heinrich, wie ein Kind ſeinen Hund oder ſeinen Sperling liebt, um ihm die Federn auszurupfen oder die Ohren zu zwicken. — Wer eine große Liebe hegt, wendet ſtarke Züch⸗ tigungen an! ſagte Bruder Robert mit dumpfer Stimme. Indem der König den Mönch mit einem durchdrin⸗ genden Blicke anſah, fuhr er fort:— Von allen Freun⸗ den, die der unglückliche König beſeſſen hat, erinnere ich mich nur eines einzigen. Und dieſer war eine wahre Perle. Auch dieſer Freund züchtigte, aber unter heiterm Lächeln, mit einer ſammetweichen, krallenloſen Pfote. Das war ein Freund des Königs! Dieſen, mein ehr⸗ würdiger Vater, werde ich nie vergeſſen! Bei dieſen Worten neigte ſich Heinrich auf die Ka⸗ putze:. — Wer war denn dieſer Phönix? murmelte die — 91— Stimme, die plötzlich ſo weich geworden war, daß man ſie hätte für bewegt halten können. — Dieſer Phönix war ein guter gascogniſcher Edel⸗ mann, ein Landsmann des Königs, ein braver, ein klu⸗ ger Menſch, die Seele des Brutus in dem Körper des Therſites, die Rechtſchaffenheit des Ariſtides und die un⸗ erſchrockene Tapferkeit des Leonidas.— Der Herr Rit⸗ ter iſt ein Gelehrter! ſagte Bruder Robert, deſſen Kupuze nicht minder zitterte, als ſeine Stimme. Habemus Cril- lonem non inficetum, würde Cato geſagt haben. Durch eine Regung des Herzens, die er nicht bemeiſtern konnte, ward der König zu dieſem Manne hingezogen. — Sie ſelbſt ſind ein großher Gelehrter, Bruder Ro⸗ bert! rief er aus. Der Bruder Sprecher nahm raſch das eingerahmte Blatt, das zu den Füßen des Priors lag, und zeigte dem Könige mit ſeinen langen, gekrümmten Fingern den Satz, der ſich darüber ausſprach, daß es für den Beſuchenden von Wichtigkeit ſei, ſich einzubilden, er ſpreche mit dem Prior ſelbſt, daß die Stimme eine erborgte, der Gedanke aber ſein eigener ſei. Nachdem Heinrich geleſen, ſah er die träg auf dem Seſſel liegende Maſſe des Priors an, und antwortete: — Es iſt wahr! Aber Sie werden zugeſtehen, daß man ſich irren kann. Ich komme alſo auf meinen Freund zurück, das heißt, auf den Freund des Königs. Aber er iſt auch der meinige, und Sie dürfen ſich daher nicht — 92— wundern, wenn ich mich mitunter des Pronomens„Ich“ bediene, wie unſer vortreffliche Bruder Sprecher. Die Ruthe ſprach wieder. — Fahren Sie fort! näſelte Robert. Die Lobrede auf dieſen Edelmann, der, wie Sie ſagten, dem Könige ſo ergeben war, erregt mein höchſtes Intereſſe. Freund⸗ ſchaft! Rara avis in terris! — Fürwahr, die Freundſchaft iſt ein ſeltener Vogel, ſagte der König; aber ſie war die vorherrſchende Tugend des Wackern, von dem wir ſprechen. Er war bereits dem verſtorbenen Könige Heinrich III. in einer ſo treuen Freundſchaft zugethan, wie ſie vielleicht nie ein Souverain erweckt hat; mit ſteter Sorgfalt wachte er über die Er⸗ haltung der oft bedrohten Krone, und mit einer noch erhabenern Hingebung wachte er über die koſtbaren Tage ſeines Königs. Ein ſchrillendes Lachen, ähnlich einem Grabesgewim⸗ mer, ertönte einen Augenblick unter der Kapuze, wie in der Tiefe einer Gruft. Des Priors Geſicht war plötzlich bleich geworden, und ſeine Züge drückten diesmal einen Gedanken aus. — Wozu hat dieſe Sorgfalt, dieſe Wachſamkeit ge⸗ dient? murmelte der Bruder Sprecher. — Gott hatte die Tage des armen Königs gezählt! ſagte der König in einem feierlichen Ernſte. Die Hin⸗ gebung eines Menſchen vermag nichts gegen die Rath⸗ ſchlüſſe Gottes. Aber ich vergeſſe, rief er plötzlich, daß ich Sie durch dieſe traurige Geſchichte ermüde; ich ver⸗ geſſe, daß ich zu Freunden der Herzogin von Montpenſier rede, und daß der Tod des ſeligen Königs in den Klöſtern Frankreichs eben keine große Trauer erregt hat. Das ernſte Geſicht des Bruders Sprecher hob ſich plötzlich empor, als ob er durch einen Schrei gegen dieſe Beſchuldigung proteſtiren wollte. Heinrich erwartete un⸗ geduldig die Wirkung ſeiner Liſt. Aber Bruder Robert ſetzte ſich langſam auf ſeinen Platz zurück, ohne ein Wort zu äußern. Die Ruthe Gorenflot's machte einige Zeichen und der Ueberſetzer fügte hinzu: — Sprechen wir nicht mehr von Politik, wenn es Ihnen beliebt, Herr Ritter! — CEs iſt nicht Politik, es iſt Geſchichte! antwortete der König. Die Geſchichte des gascogniſchen Edelmann's, an der Sie vorhin Intereſſe fanden, ſchließt ſich unmittel⸗ bar der Geſchichte der Könige Heinrichs III. und Hein⸗ richs IV. an. Indem unſer Freund dem erſten dieſer Fürſten diente, folgte er einer Art perſönlichen Intereſſes; er diente ſeinem eigenen Haſſe. — Seinem Haſſe! unterbrach ihn die Kapuze. So hatte dieſer vollkommene Mann dennoch irdiſche Leiden⸗ ſchaften? — O, ſehr viel, und deshalb war er ſo groß und ſo gut! Die Schwachheiten der Seele gleichen den weichen Fleiſchkiſſen, welche die weiſe Natur um die Muskeln und Sehnen gelegt hat. Sie hemmen die zu große Heftigkeit der Bewegungen, die ſonſt unbändig werden würden, und ſchützen die Triebfedern ſelbſt vor einer Reibung, die ſie * ſchnell abnutzen würde. Durch die Schwachheiten erhält die Seele eine Befriedigung, daß ſie gern auf der Erde weilt— träte nicht zuweilen eine kleine Veränderung ein, ſo würde das irdiſche Leben langweilig werden. Die Kapuze machte eine beiſtimmende Bewegung. — Ich habe dieſe Worte ſchön gefunden, ſagte der König, und darum wiederhole ich ſie; ſie ſind nicht von mir. Unſer Freund hat ſie oft ausgeſprochen. Da nun dieſe Schwachheiten ihre Entſchuldigung gefunden, geben wir zu, daß ſie zu rechtfertigen ſind. Er haßte tödtlich einen Mann, der ihn ohne Grund ſchrecklich beleidigt hatte. Wenn der Gegenſtand dieſes Haſſes vielleicht ein einfacher Privatmann geweſen, der den Ereigniſſen jener Zeit fern geſtanden, ſo würde die Rolle des gascogniſchen Edelmanns nicht ſo bedeutend ausgefallen ſein, er hätte die Beleidigung mit einem Degenſtoße in irgend einem Winkel beſtraft. Aber der Feind unſeres Freundes war eine hervorragende Perſönlichkeit, ein ſehr großer und mächtiger Fürſt. Außerdem fügte ein wunderliches Schick⸗ ſal, daß dieſer Feind auch ein furchtbarer Feind Hein⸗ richs III. war, und wenn nun der Gascogner ſeine eige⸗ nen Angelegenheiten verfolgte, ſo betrieb er auch die ſeines Herrn. Ich würde Ihnen den Namen dieſes Fürſten, der Heinrich III. ſo viel Böſes zugefügt, nennen; aber Sie haben ein gewiſſes Bett in Ihrem Hauſe, das mir den Mund ſchließt. 1 — O, ſprechen Sie immerhin, Herr Ritter! überſetzte der Sprecher. — Dieſer Fürſt ſtammte aus dem berühmten Hauſe der Guiſen, er war ein Bruder jener Guiſen, die in Blois getödtet wurden, ein Bruder der Frau von Mont⸗ penſier, Ihrer Freundin. Er nannte ſich und nennt ſich noch Herzog von Mayenne. Früher hat er gegen Hein⸗ rich III. conſpirirt, jetzt führt er gegen Heinrich IV. Krieg. Und dieſen Feind verfolgte der Gascogner, unſer Freund. Dieſer treue, dieſer brave und geiſtreiche... doch erinnern Sie ſich, Hochwürdiger, Sie werden dann ohne Zweifel wiſſen, von wem ich rede; und wenn Ihr Gedächtniß Ihnen den Dienſt verſagen ſollte, ſo fragen Sie nur den Bruder Robert, er wird Ihnen über den unvergleichlichen Mann Auskunft geben, der, wie ich bereits geſagt, der einzige wahre Freund Heinrichs von Navarra, des jetzigen Königs von Frankreich, geweſen iſt. Dieſe Worte, die Heinrich mit der vollen Gewandt⸗ heit und dem ganzen Feuer ſeines großen Geiſtes ge⸗ ſprochen, ſteigerten das blödſinnige Erſtaunen Gorenflot's auf den höchſten Gipfel. Seine wirren Blicke richteten ſich auf den Bruder Robert, und baten flehentlich, ihm in dieſer gräßlichen Verlegenheit zu Hülfe zu kommen. Ungeachtet der emſigen Arbeit der Ruthe dachte dieſer eine Zeit lang nach; dann ſagte er: — Ich weiß durchaus noch nicht, von wem der Herr Ritter ſpricht. Das übertriebene Lob hat mich von der Spur abgelenkt. Wäre die in Rede ſtehende Perſon ein beſcheidener Diener des ſeligen Königs, ein Mann gewe⸗ — 96— ſen, der eingezogen gelebt und gehandelt, den man ſchnell vergeſſen hätte, ich würde ihn vielleicht erkannt haben. — Eingezogen gelebt! rief der König. Er, der zu der Zeit der unglücklichen Dame von Monſoreau lebte, der Büſſy von Amboiſe liebte und ihm gegen den Herzog von Anjou diente! Dieſe ewig merkwürdige und rüh⸗ rende Geſchichte wird keiner vergeſſen, der ſie einmal kennt! Eingezogen gehandelt, er, der mit eigener Hand Nicolas David und den Kapitain Borromeo tödtete, dieſe furchtbaren Mitkämpfer der Guiſen! Ihn ſchnell ver⸗ geſſen, deſſen Gedächtniß allein der Bruſt ſeines Königs Seufzer erpreßt! Wäre er hier, ſo könnte er in meinen Augen leſen, wie ich ihn geliebt, wie ich ihn noch liebe, wie ich ihn bedauere! Dieſe Worte ſprach der König tief erſchüttert; ſeinen Augen entrollten Thränen. Als Bruder Robert ſich flüchtig umſah, bemerkte er auf Heinrich's Geſichte dieſe hochherzige Rührung. Dann ſenkte er wieder das Haupt und antwortete mit ſchwan⸗ kender Stimme: — Die Thatſachen, die Sie ſoeben anführten, Herr Ritter, haben mir völlige Aufklärung gegeben. Die Per⸗ ſon, um die es ſich handelt, iſt genau dieſelbe, an die ich gleich Anfangs gedacht habe. Heißt ſie nicht... 2 — Chicot! ſagte der König laut, als ob er ihn riefe. Die Kapuze zitterte nicht; aber Gorenflot erbebte bei dieſem Namen auf ſeinem Stuhle, wie ein Gott von Wr A— — 97— Jagrenat, deſſen Thron in ſeiner tiefſten Grundlage er⸗ ſchüttert wird. — Ja, ſagte kalt der Bruder Sprecher, ſo hieß der, von dem wir reden, und über den wir jetzt vollkommen einig ſind. Die Lobeserhebungen, mit denen ihn der Ritter Crillon beehrt, klingen mir angenehm; ja, ſie ſind mir angenehm, weil... weil auch Herr Chicot mich mit ſeiner Freundſchaft beehrt hat. Der Ausdruck, mit dem die Lippen des Bruders Robert dieſen Namen ausſprachen, läßt ſich nicht be⸗ ſchreiben. — Sie ſind ſein Freund geweſen? fragte der König. Sie ſind jener Mönch— ſein Genoſſe? Doch Verzeihung, ich glaubte, Sie führten einſt den Namen Panurgos? — Nicht ich hieß Panurgos, ſondern unſer Eſel! überſetzte Robert. Er iſt todt, wie Herr Chicot. Und Herr Chicot iſt todt, das iſt allgemein bekannt. Meh⸗ rere Krieger haben es mir angezeigt, und wer außerdem könnte es beſſer wiſſen, als Sie, Herr Ritter, der Sie den König faſt nie verlaſſen haben, und Chicot iſt in der Nähe des Königs geſtorben. — Ja, antwortete der König. — Sind Sie vielleicht dabei geweſen? fragte Robert. — Ich war dabei. Dieſe Worte wurden mit einem tiefen Schweigen auf⸗ genommen. Bruder Robert unterbrach ſeine Modellir⸗ arbeit einen Augenblick und ſann nach; dann ſagte er, indem er der Ruthe gehorchte: Gabriele. III. 7 — 93— — Es wäre mir lieb, überſetzte er, wenn ich bei dieſer Gelegenheit nähere Auskunft über den Tod des armen Herrn Chicot erhalten könnte. Die Auskunft eines Augenzeugen hat für ſeinen alten Freund einen hohen Werth. Würden Sie wohl die Gefälligkeit haben, mir die Geſchichte davon zu erzählen, Herr Ritter? — Gern, mein hochwürdiger Herr. Chicot war dem Könige Heinrich IV. bis zu dem Augenblicke treu geblie⸗ ben, wo ihn Alle verließen; er bot ihm ſeine fernern Dienſte an, und dieſe waren dem neuen Könige um ſo willkommener, da er die Wichtigkeit derſelben erkannte, denn er ſelbſt hatte erfahren, wie gefährlich Chicot als Gegner war, als er einmal ſeinen Herrn gegen einen Feind vertheidigte. Aber Chicot war Heinrich IV. nicht jener unzertrennliche Genoſſe, der antike Freund, der in ſeinem Zimmer ſchlief, mit ihm an einem Tiſche aß, und alle Geheimniſſe des Lebens ſeines Herrn kannte. Chicot war an das große und glänzende Leben Heinrichs III. gewöhnt. Das Bett Heinrichs IV. war hart, ſein Silber⸗ geſchirr war oft verſetzt, und irdenes, reich verziertes Ge⸗ ſchirr mußte deſſen Stelle erſetzen. 3 Durch dieſen indirecten Angriff, durch dieſe herbe Anſpielung auf ſein zerrüttetes Vermögen hoffte der Kö⸗ nig ſeinem Gegner eine Entdeckung abzuzwingen, aber Bruder Robert antwortete pflegmatiſch: — Es iſt wahr, Chicot war habgierig, geizig, weibiſch und liebte eine gute Tafel. Schwächen dieſer Art ſind bei Menſchen gemeinen Schlages und von dun⸗ — 99— keler Herkunft ſehr verzeihlich. Außerdem hatte ihn Kö⸗ nig Heinrich III., dieſer großmüthige, freigebige und glän⸗ zende Fürſt, deſſen Hand ſich leicht öffnete, deſſen Herz von Dankbarkeit überſtrömte, verwöhnt. Der ſelige Kö⸗ nig beraubte ſich ſtets ſelbſt, um ſeine Diener zu berei⸗ chern; er aß an ſeiner Tafel das trockene Brod, um ſei⸗ nen Dienern die Faſanen auf goldenen Schüſſeln zu bieten. Wie alle großmüthige Herzen, ſo vergaß ſich der ſelige König ſelbſt... ja, er hatte ſeinen Freund Chicot ver⸗ wöhnt! Der gute Gascogner muß ohne allen Zweifel ſchlecht und materiell geworden ſein. Verzeihen Sie, Herr Ritter, dem Monarchen und ſeinem ergebenen Freunde. Gorenflot ließ den Kopf ſinken, und Bruder Robert glitt von ſeiner Fußbank, ſo daß er auf den Knieen lag. Heinrich ſelbſt ward von Hochachtung ergriffen. Der Schlag, den er in einer lobenswerthen Abſicht auszufüh⸗ ren gedachte, hatte empfindlich ſein eigenes Herz ge⸗ troffen. — Ich glaube, antwortete er raſch, daß dieſer Gas⸗ cogner nicht die Abſicht hatte, mit Heinrich IV. ein inti⸗ mes Freundſchaftsband zu knüpfen, um ſeine Erinnerungen nicht zu ſchwächen, und um der Zärtlichkeit, die er dem verſtorbenen Könige bewahrt, nicht eine neue folgen zu laſſen. Gewiſſe Freundſchaftsverhältniſſe ſind ein Gottes⸗ dienſt, den ſchöne Seelen gewiſſenhaft unterhalten. — Vielleicht! antwortete der Ueberſetzer. Aber Sie haben uns Auskunft über die letzten Augenblicke Herrn Chicot's verſprochen. 7* — 100— — In dem Treffen bei Bures kämpfte er als tapferer Soldat. Stets glühend vor Eifer, ſich an Herrn von Mayenne zu rächen, machte er den Freund und Vetter deſſelben, den Grafen von Chaligny, zum Gefangenen, und führte ihn mir triumphirend zu. — Ihnen, Herr von Crillon, oder dem Könige? un⸗ terbrach ihn Robert. — Ich war dem Könige ſo nahe, daß er den Ge⸗ fangenen uns Beiden zuführte. Indem er Chaligny mir vor die Füße ſtieß, ſagte er freudig:„Hier, Heinrich, mache ich Dir ein Geſchenk!“ — Er nannte den König Du? — Nur den König. Dieſe Worte erregten ein all⸗ gemeines Gelächter. Der wüthende Chaligny richtete ſich auf, und ſpaltete Chicot mit dem Schwerdte, das dieſer ihm großmüthig gelaſſen, den Kopf. — Ich bin als Mönch mit den Kriegsregeln wenig bekannt, murmelte Bruder Robert; aber dies ſcheint mir eine ſchlechte, feige That zu ſein. — Sie war infam! — Und... der Verwundete? — Chicot ſank zu Boden. Ich ließ ihn durch die beſten Wundärzte verbinden und pflegen. — In Ihrem Zelte, nicht wahr, Herr Ritter? fragte Robert. — In meinem Zelte, antwortete verlegen der König. Ich hatte nicht immer ein Zelt. — Mit einem Worte, in der Behauſung des Königs. — 101— der König hat immer eine beſondere Behauſung. Chicot ſagte mir, Heinrich III. habe ihn oft, wenn er in ſeiner Nähe verwundet worden, in ſeine Wohnung ſchaffen und dort ſtets ſorgfältig verpflegen laſſen. Er ſchlief zu ſeinen Füßen... dies iſt das Privilegium treuer Hunde. Der König erröthete; ſeine ſo offen blickenden und glänzenden Augen verdüſterten ſich. Dieſe einfachen Worte hatten einen Gewiſſensvorwurf erweckt, der langſam aus ſeinem Herzen zu den Lippen emporſtieg. — Es iſt wahr, murmelte er. Ich vergaß, Chicot in meiner Wohnung verbinden zu laſſen. Ich ſchickte ihn in ein ſicheres Haus... man ſagte mir, daß er ſtets ſchwächer würde... endlich brachte man mir die Nachricht, daß es ſehr ſchlecht mit ihm gehe... ich eilte zu ihm... er war todt! — Von Ihnen, Herr Ritter, war dies natürlich; aber von dem Könige Heinrich IV.... O, wenn Chicot zu den Füßen des Königs gelegen hätte, murmelte Ro⸗ bert mit kläglicher, erſchütternder Stimme, er würde we⸗ nigſtens das unausſprechliche Glück gehabt haben, mit ſeinem letzten Seufzer ſeinen Herrn zu ſegnen, und alle ſeine Dienſte wären vielleicht bezahlt geweſen! Von einer Bewegung ergriffen, die er bis dahin vielleicht nie empfunden, ſenkte der König das Haupt. Bruder Robert, der ſeine Augen auf Dom Modeſtus gerichtet hatte, fuhr feierlich fort: — Chicot iſt todt— Friede ſei ſeiner Seele! Er war ein Mann von gutem Willen, wie die heilige Schrift — 102— ſagt. Wünſchen wir ihm Glück, daß er jetzt nicht mehr im Dienſte der Großen dieſer Erde ſteht! Bei dieſen Worten hob er die kleine, jaſt vollendete Wachsfigur empor. Der König ſah ſie und ſtaunte. Die Figur ſtellte ihn ſelbſt dar, mit ſeinem großen Barte, mit ſeiner berühmten großen Naſe, und in einem Hofanzuge. Es war ganz ſeine Geſtalt, ſeine kriegeriſche, ungezwungene Haltung. Er war knieend abgebildet, mit einem Gebetbuche in der Hand, auf welchem man das Wort„Meſſe“ las. Der König war erſtaunt bei dem Anblicke dieſes Wunderwerks, das der Bruder Sprecher während des Geſprächs ausgeführt hatte; er faltete die Hände und beugte ſich zu der kleinen Statue hinab, um ſie deutlicher zu ſehen., — Das iſt ja mein Portrait! rief er. Ah, Sie haben mich erkannt! Ohne ſich umzuwenden, ſchrieb Robert raſch mit der Spitze des Boſſirhölzchens an die Figur: Crillon.— Eques.— MCLXXXIV. Der König konnte wieder nicht zu Worte kommen. Dieſe unerſchütterliche Geiſtesgegenwart entfernte ihn von ſeinem Ziele. Er bereitete ſich vor, eine kleine Rache zu üben— da ward die Thür des Zimmers geöffnet, der Knabe, der den König zu dem Prior geführt hatte, lief haſtig herbei und flüſterte Dom Modeſtus einige Worte in das Ohr. 4 — — 103— Gorenflot ward braunroth; man hätte glauben mögen, ein neuer Schlaganfall ſei im Anzuge. Bruder Robert verrieth durchaus keine Beſorgniß; er ſtellte ſich, als ob er ſeinen Prior befragte, und ſagte dann zu dem Könige: — Es würde dem Ritter von Crillon vielleicht un⸗ angenehm ſein, der Perſon hier zu begegnen, die uns zu beſuchen kommt. Steigen Sie die kleine Treppe hinan, mein Herr, ſie führt in das Zimmer des Bruders Robert. Den Freund, den Sie eben erwartet, werde ich durch eine andere Thür dorthin führen laſſen. Gehen Sie und ſuchen Sie die Ueberzeugung zu gewinnen, daß der König hier Freunde hat. Der König zitterte und ſah die beiden Mönche an, als ob er fragen wollte: rechnet Ihr darauf, mich in einer Schlinge zu fangen? Die Hand an ſeinem Schwerdte, ſtieg er rückwärts die Treppe hinan; das Auge heftete er unverwandt auf den Prior und ſeinen Ordensgenoſſen. Er erreichte bald das bezeichnete Zimmer und ſchloß die Thür. Faſt in demſelben Augenblicke ſah er Crillon durch eine andere Thür eintreten, die auf den Corridor hinausging. — Sire, wie bleich Sie ſind! rief der Ritter. Ha⸗ ben Sie ſchon von ihrer Ankunft in dieſem Hauſe gehört? — Weſſen Ankunft? — Die Ankunft der Herzogin, der Frau von Mont⸗ penſier. — Sie hier? Haſt Du ſie geſehen? — 104— — Sie iſt hier; vier Spanier, zwei Edelleute, ihr Stallmeiſter und ein kleiner, junger, mir unbekannter Mann begleiten ſte. Nehmen wir uns in Acht, Sire, bis Pontis und unſere Verſtärkung ankommt. — Sollte er ſich ſo wegen meiner Undankbarkeit rächen wollen? murmelte Heinrich, immer noch mit dem geheim⸗ nißvollen Bruder Sprecher beſchäftigt. — Rächen an Ihnen?... Wer, Sire? — Still! ſagte Heinrich. Höre dieſe Stimme! Man unterſchied deutlich jedes Wort, das unten in dem Zimmer des Priors geſprochen wurde. —, — V — v 6. Die Herzogin von Tiſiphone. Die um jene Zeit ſo berühmte Herzogin war wirklich angekommen, um den Prior des Kloſters zu beſuchen. Crillon hatte ſich nicht getäuſcht. Sie kam mit einem ſehr zahlreichen Gefolge, das Achtung einflößte. Durch ein Loch, das geſchickt in der Wand des Alkovens ange⸗ bracht war, ſah Bruder Robert die Spanier und den kleinen jungen Mann, den der Ritter dem Könige bereits be⸗ zeichnet hatte. Die beiden Thürflügel von dem Gemache des Priors öffneten ſich, als ob ſie einer Königin den Eintritt ge⸗ ſtatten ſollten. Nachdem Bruder Robert heimlich mittels eines Schwengels ein Stück Decke geöffnet, ſo daß die Dicke derſelben gemindert ward, und in dem obern Stocke jedes Wort gehört werden konnte, trat die Herzogin zu Dom Modeſtus ein. Katharine Marie von Lothringen, Herzogin von Mont⸗ penſier, zählte ungefähr einundvierzig Jahre. Ihr Geſicht hatte nur wenig von der Schönheit bewahrt, auf die ſie ſo ſtolz geweſen war. Sie hatte ſchwarze, tiefliegende und bösartig blickende Augen, ſtarke Brauen, deren Bogen — 106— ſich über einer feinen und langen Naſe berührten, einen fein geſchweiften Mund, Verſchlagenheit und Umſicht verrathend, und eine flache, zurückgehende Stirn, wie die der Vipern. Die Ungleichheit des hinkenden Beines ſuchte ſie durch ein Hüpfen zu verbergen, das vielleicht einem jungen Mädchen wohl angeſtanden hätte, ſicherlich aber bei einer Frau, deren Haupt zu ergrauen begann, ſeltſam erſchien. Wie eine verletzte Ameiſe kroch und nagte dieſe kleine, magere Perſon überall herum. Ihr moraliſches Portrait giebt noch ein häßlicheres Bild. Eine Todfeindin Heinrichs III., der, wie man ſagte, ſie durch heimliche Vernachläſſigung beleidigt, hatte fie die in Blois verübte Ermordung ihrer Brüder als eine in die Augen fallende Gelegenheit benutzt, und von dieſem Augenblicke an den König wüthend verfolgt, indem ſie die Prediger bezahlte, das Feuer der Ligue ſchürte und die Hand des fanatiſchen Jacques Clement bewaff⸗ nete, den ſie durch die ſchmählichſten Opfer dazu verleitet haben ſoll. Nach der Ermordung Heinrichs III. hatte man ſie ausrufen hören:„O hätte er doch, bevor er ſtarb, erfahren, daß dieſer Stoß von mir gekommen iſt!“ Sie hatte die Spanier nach Frankreich gerufen, und hatte ſeit dem Tode Heinrichs III. den Bürgerkrieg ge⸗ nährt, um die Krone von Frankreich an ihr Haus zu bringen. Durch die Thätigkeit ihres verſchlingenden Haſſes, und durch die hölliſche Geſchicklichkeit ihrer Com⸗ binationen vermochte dieſe Furie eben ſo viel als eine Armee; ſie bebte vor keinem Verbrechen zurück. Sie „ 12 ſtachelte den oft trägen und lauen Mayenne auf, und würde auch ihn geopfert haben. Da dieſe Flamme ſtets einer neuen Nahrung bedurfte, ſo war Heinrich IV. an die Stelle Heinrichs III. getreten. Er war nun das Ziel, nach dem ſie Alles richtete. Die Haſt, mit der ſie in das Zimmer des Priors Dom Modeſtus trat, verrieth ihre Unruhe und Ungeduld. Am Ende des Corridors, neben dem großen Saale, konnte man ihre ſpaniſchen Wachen und ihre Liguiſten ſehen, die wartend auf⸗ und abgingen. — Schließt die Thüren! befahl ſie gebieteriſch. Bruder Robert beeilte ſich, dem Befehle zu gehorchen. Nachdem er die Thüren verſchloſſen hatte, kam er demüthig und mit allen Zeichen tiefer Hochachtung zurück, ſetzte ſich zu den Füßen ſeines Priors nieder, und ergriff das Wachs und das Boſſirſtäbchen. Die Herzogin hatte das Haupt geſenkt, und durch⸗ maß das Zimmer, indem ſie mit ihrer Reitgerte die Mö⸗ bel, und wenn ſie nicht an Möbeln vorbeikam, ihr Tuch⸗ kleid ſchlug, deſſen Schleppe ſie hinter ſich her zog. Gorenflot ſah ſeinen Sprecher mit großen Augen an; dieſer beruhigte ihn durch ein leiſes Blinzeln mit den Augenlidern, das nur dieſen beiden Mäaͤnnern verſtändlich war, die ſich gewöhnt hatten, einander zu verſtehen. Nachdem der Bruder Sprecher die Bewegungen der Ruthe geſehen, ſagte er der Herzogin, daß ſie willkommen ſei, und daß ihre Gegenwart der ganzen Brüderſchaft eine hohe Ehre und eine große Freude bereite. 8— 108— Sie zitterte wie eine Tigerkatze in ihrem Käfich. — WMeinerſeits iſt es nicht ſo! antwortete ſie. Ich bin nicht gekommen, um Ihnen Schmeicheleien zu ſagen, Herr Prior. — Warum, Madame? fragte der Dolmetſcher. Die Herzogin knirſchte mit den Zähnen; dann ſagte ſte: — O, die Sache iſt ſo wichtig, daß ich mich gefragt habe, ob ich hierher gehen, oder Sie zu mir kommen laſſen ſollte. — Die Frau Herzogin weiß, daß ich mich nicht be⸗ wegen kann, antwortete Bruder Robert. — Sie ſind ſchwer, Herr Prior, es iſt wahr; aber ich habe ſchon ſchwerere Maſſen in Bewegung geſetzt, und ich weiß nicht, woher mir der Gedanke kommt, daß zehn meiner Leute Sie wie eine Feder nach Paris ent⸗ weder in meine Wohnung, oder in die Baſtille tragen können. — In die Baſtille! ſchienen die erſchreckten Augen Gorenflot's zu rufen. Aber die Stimme des Bruders Robert ſagte kalt: — Warum in die Baſtille, Frau Herzogin? — Weil man ſich dort auf die Anklagen des Ver⸗ raths rechtfertigt. Gorenflot fühlte, wie ſich die wenigen Haare unter ſeiner Mütze emporſträubten. Seine Stirn bedeckte ein kalter Schweiß, der in dicken Tropfen über die Augen⸗ knochen auf ſeine ungeheuern Wangen herabrieſelte. Sanft und ruhig antwortete Bruder Robert: * — — — 109— — Ich verſtehe Sie nicht, Madame! — Es iſt unmöglich, rief die erbitterte Herzogin, daß wir uns mittels dieſes dummen Teufels unterhalten! Sie deutete auf Bruder Robert, der unter ſeiner Ka⸗ puze hockte. Die Herzogin ſchäumte vor Wuth. — Dieſer Eſel, dieſer Tropf, fuhr ſie fort, überſetzt Ihre Worte mit einem ſtupiden Phlegma! Das Thier fühlt nichts dabei. Sie erbleichen wenigſtens, Dom Mo⸗ deſtus, und ſchwitzen Angſtſchweiß. Aber er iſt ein Pfahl, ein Knochenmann, ein Skelett, das man an die Decke einer Hexe hängen ſollte. Himmel und Hölle! Ich würde ihn lebendig ſchinden laſſen, wenn ich genau wüßte, daß man eine Haut auf ſeinen Knochen fände! Bruder Robert ließ ſich nicht aus der Faſſung brin⸗ gen; er gab ruhig zur Antwort: — Die Vorwürfe, mit denen die Frau Herzogin meinen Sprecher überſchüttet, ſind ungerecht. Er überſetzt genau meine Gedanken; er ſpricht, wie ich denke. — Sie haben alſo keine Furcht? — Nicht die geringſte. — Der Schweiß rinnt Ihnen nicht von der Stirn herab? — Mein Fett läuft bei der Hitze. — Und zittern Sie nicht, ſich mir gegenuüber zu erklären? — Warun ſoll ich zittern, wenn ich weiß, daß ich keinen Fehler begangen habe? Außerdem kommt meine — 110— Kraft von oben, und ich fürchte die Maͤchtigen der Erde nicht. Nichts war ſeltſamer, als dieſe unwahrſcheinliche Ueberſetzung der Gefühle, welche den Prior bewegten. Bruder Robert ſprach von der Ruhe und dem Muthe Gorenflot's, und Gorenflot ſchien von ſeinem Stuhle her⸗ abrollen zu wollen, und ſeine Züge entſtellten ſich ſichtlich. Die Herzogin trat zu Robert, packte ihn bei ſeiner Kapuze, und ſchüttelte ihn wüthend, wobei ſie rief: — Rede Du ſelbſt! — Das iſt verboten! antwortete er, indem er ſie ruhig anſah. — Ich befehle es Dir! Bruder Robert ſenkte ſeine Kapuze wieder und ſchwieg. Die Herzogin ward abwechſelnd bleich und roth. Das Schweigen der beiden Mönche erbitterte ſie, und dennoch ſah ſie kein Mittel, dieſes Schweigen zu unterbrechen. Die Unerſchrockenheit Roberts gab auch dem Prior den Muth zurück; er ſchien ſelbſt der Herzogin zu trotzen, denn in ſeinem breiten, feiſten Geſichte zeigte ſich eine Art ironiſchen Lächelns. — Ich glaube, Sie drohen mir mit dem Märtyrer⸗ thume! rief die wie eine Trompete ſchmetternde Stimme des Dolmetſchers. Wohlan, Madame, wir empfangen freudig das Märtyrerthum wie Bruder David, der auf Ihre Veranlaſſung getödtet ward; wie Bruder Borromeo, den Sie haben ermorden laſſen; wie Bruder Clement, den Sie... — 444— — Genug! unterbrach ihn die Herzogin. Genug! Wer redet von Märtyrerthum? — Sie haben die Baſtille genannt. — Es geſchah im Zorne. — Der Zorn iſt eine Todſünde. Die Herzogin zuckte mit den Achſeln. — Ich weiß es wohl, daß Ihnen dies gleichgültig iſt, ſagte der Sprecher; aber in den Keſſeln und auf den Roſten der Hölle werden Sie ganz anders ſprechen! — Wollen Sie mir eine Predigt halten? — Das iſt mein Geſchäft, mein Beruf. Der Prophet redete ſtolz zu der übermüthigen Jeſabel, und Jeſabel... — Ward von den Hunden gefreſſen— das wollte ich Ihnen ſagen. Und weil ich Jeſabel bin, die Königin war, vergeßt das nicht! ſo nennen Sie mir die Hunde, die mich lebendig freſſen werden. Tod und Teufel! — Schwöoͤren und Fluchen... Todſünde! — Dom Modeſtus! — Ich diene dem Allerhöchſten! Sie beleidigen mich — das iſt um ſo ſchlimmer für Sie. — Noch einmal! rief die vor Zorn ihrer Sinne nicht mächtige Herzogin. Sie predigen, ſchlechter Mönch, und antworten mir nicht! — Und Sie beleidigen, Sie heulen, Sie ſchäumen ſelbſt, und fragen nicht. Bei dieſen Worten, die Gorenflot, den verantwort⸗ lichen Herausgeber derſelben, vom Kopfe bis zu den Füßen erbeben ließen, wandte ſich die Herzogin mit einem Sprunge — — 112— um. Sie bot einen erſchrecklichen Anblick. Ihre ge⸗ flochtenen, faſt auseinander fallenden Haare ſchienen wie die Schlangen der Tiſiphone zu ziſchen. — Sie vergeſſen ſich, Herr! geiferte ſie wüthend. Glauben Sie denn, daß Ihnen nicht ſo viel Hals mehr geblieben iſt, daß man Sie hängen laſſen kann? — Da ſind wir wieder bei dem Märtyrerthume! antwortete Robert kalt. Wir drehen uns in einem läſter⸗ lichen Kreiſe herum: vitiosum circulum tenemus! Laſſen Sie uns ſchnell hängen! Aber ändern Sie den Ton, die Unterhaltung iſt langweilig. Dieſe verachtende Ruhe dämpfte plötzlich den Zorn der Herzogin. Sie kreuzte die Arme, trat Gorenflot näher, und ſagte langſam, als ob ſie einen Nachdruck auf jedes Wort legte: — An welchem Tage war ich hier, um Sie über die neue Verlegenheit zu befragen, welche der Ligue durch die Generalſtaaten bereitet ward? — Es ſind heute drei Wochen, Madame! antwortete der Dolmetſcher. — Was haben Sie mir zu thun gerathen? — Sie wiſſen es eben ſo gut, als ich, Fürſtin! — Sie haben mir gerathen, ich möge die Sache meines Bruders, des Herrn von Mayenne, verlaſſen, und dieſen Rath ſtützten Sie auf die Anſicht, daß er zu wenig Ausſichten habe, zur Regierung zu gelangen. — Gewiß, er hat ſehr wenig! ſagte Robert. V —,— VW — 113— — Ihrem Rathe folgend, wie ich ſtets gethan— denn ich muß bekennen, Sie beſitzen einen bemerkens⸗ werthen Scharfſinn, wovon Sie Proben gegeben, Sie, der Jacques Clement verrathen hat... Gorenflot erbleichte. — Ihrem Rathe folgend, fuhr die Herzogin fort, verließ ich alſo die Sache meines Bruders, und ſchlug Spanien die Verheirathung der Infantin mit meinem Vetter von Guiſe vor. — Nichts iſt natürlicher als das, unterbrach ſie der Dolmetſcher; denn der König von Spanien will ſeine Tochter mit einem franzöſiſchen Prinzen vermählen, und Herr von Mayenne iſt bereits verheirathet. — Und außerdem blieb, nach Ihrem geiſtreichen Rathe, die Krone von Frankreich im Beſitze des Hauſes Guiſe. Wahrlich, der Rath iſt bewunderungswürdig, und ich danke Ihnen noch jetzt dafür. — Bethätigen Sie den Dank dadurch, daß Sie mich vorhin hängen laſſen wollten? — Warten Sie, ich bin noch nicht zu Ende. Wer hat den Heirathsvorſchlag, der dem Könige von Spanien gemacht worden, abgefaßt? Sie, nicht wahr? — Ja; ich habe Ihnen dieſen Vorſchlag dictirt, nachdem ich mich lange dagegen geſträubt hatte— Sie erinnern ſich deſſen. Ich mißtraue dem Spanier, wie ich Ihnen oft wiederholt habe. Gabriele. III. 8 — 114— — An welchem Tage brachte ich Ihnen die Antwort des Königs von Spanien, das heißt, ſeine Annahme des Vorſchlags? 4 — Vorgeſtern. Sie verſpotteten mich dabei wegen meines Mißtrauens... — Wieviel Perſonen kannten das Geheimniß? — O, das kann ich nicht ſagen, Madame! — Aber ich kann es Ihnen ſagen! Man hatte drei Perſonen in das Vertrauen gezogen: den König von Spanien, mich und Sie. Von dieſem Mönche hier rede ich nicht, weil Sie behaupten, daß er nicht zu rechnen ſei. — Er iſt wirklich nicht zu rechnen, fügte Bruder Robert hinzu. Nun, Madame, wo hinaus wollen Sie denn eigentlich? 3 — Statt der drei mit unſern Plänen vertrauten Perſonen ſind es heute fünf. Und wiſſen Sie, wer die beiden neuen Eingeweihten ſind? — Wahrlich nein, Madame! Aber ich werde es wiſſen, wenn Sie mir die Gnade erzeigen, es mir zu ſagen. — Der eine iſt Herr von Mayenne, mein Bruder. Und er vorzüglich ſollte unſer Geheimniß nicht erfahren. — Herr von Mayenne weiß darum? rief Bruder Robert. Dann iſt Alles verloren! Ihre Conſpiration i*ſt zu früh entdeckt. — Ja, Dom Modeſtus, ich habe mich mit meinem Bruder tödtlich verfeindet. Unſer Lager iſt getheilt, und in unſerer Familie entzündet ſich ein Krieg. Aber das iſt noch Nichts. Rathen Sie, wer dem Herrn von Mayenne unſer Complot mitgetheilt hat? — Aber, Madame... — Der König von Navarra, der Bearner; er hat ihm geſtern Abend eine getreue Abſchrift des Vertrags zugeſandt, der zwiſchen mir und Spanien, bezüglich der Heirath der Infantin, geſchloſſen ward. — Das iſt unglaublich! rief Bruder Robert mit einer unüberſetzbaren Geberde. Wie, der Bearner weiß Alles? Und wer hat es ihm geſagt? — Dies von Ihnen zu erfahren, bin ich gekommen, ſagte die Herzogin finſter. Jetzt kennen Sie den Grund meines Zornes, der mich zu Drohungen hinriß, und des⸗ halb ſehen Sie mich entſchloſſen, Alles zu thun, das große Uebel, das mir dieſer Verrath bereitet, wenn auch nicht zu beſeitigen, aber doch den Verräther zu entdecken und ſo grauſam zu beſtrafen, daß man in den fernſten Jahrhunderten von dem Gräßlichen dieſer Strafe reden ſoll. Sind Sie nicht auch dieſer Meinung, Dom Modeſtus? — Völlig! antwortete unbefangen der Dolmetſcher. — Wiſſen Sie vielleicht eine Strafe, die man ihm auferlegen könnte? — Wenn Sie wollen, werden wir alle Martern der Perſer und Karthager wählen. Ich beſitze ein dickes Buch, das ganz mit Erläuterungen und Abbildungen ſolcher Martern angefüllt iſt. Einige dieſer Strafen ſind ſo ſinnreich, daß ſie jede Vorſtellung überſteigen. Die Herzogin erröthete vor Zorn. 8- — 116— — Ihre Worte gefallen mir! ſagte ſie. Aber zu⸗ nächſt... — Ich weiß, was Ew. Hoheit ſagen wollen: zu⸗ nächſt muß man den Schuldigen kennen; secundo ihn ergreifen, und tertio ihn überführen. — Das wird nicht ſchwer ſein, Herr Prior! — Beginnen wir den Prozeß! ſagte Bruder Robert, indem er den Aermel Gorenflot's mit einer komiſchen Bewegung des Eifers zurückſchlug. Wer iſt es? — Sie, oder der Bruder Robert! rief die Herzogin. Der Sprecher wandte den Kopf nach der Herzogin von Montpenſter und ſagte kalt: — Ich glaube nicht. — Wie? — Sch glaube vielmehr, Sie ſind es, oder der König von Spanien iſt es. — Was für ein Intereſſe könnte ich dabei haben? rief die Herzogin, erſtaunt über dieſe kecke Sicherheit. — Und ich? fragte Bruder Robert. — Wer weiß? Die Seele eines Mönchs iſt eine Höhle! — Die Seele der Könige und der Herzoginnen iſt ein Abgrund! ſagte ſtolz der Dolmetſcher. Außerdem liefern Sie den Beweis, und da Sie es nicht vermögen, da die Frau einen ſchwachen Geiſt beſitzt und ungeſtüm die Extreme ſucht, wenn es klug und leicht iſt, im Mittel⸗ punkte der Dinge zu bleiben, ſo werde ich Ihnen be⸗ weiſen, daß Sie ſelbſt Verräther bergen! Die Depeſche aus Spanien habe ich ſtets ſorg⸗ fältig aufbewahrt. 3 — Dann hintergeht Sie Spanien, und hat ein Du⸗ plicat jener Depeſche entweder dem Könige von Navarra oder dem Herrn von Mayenne geſchickt. Spanien will ohne Ihren Vetter und ohne Sie in Frankreich regieren! Es glaubt, Sie ſind zu ſtark, und um Sie zu ſchwächen, unterſtützt es für den Augenblick Ihren Feind Heinrich IV. Dieſer neue Gedanke machte die Herzogin betroffen. Sie überlegte. — Das iſt möglich! murmelte ſie. — Es iſt gewiß, und ich fordere Sie dringend auf, Seine katholiſche Majeſtät viertheilen zu laſſen, wenn Sie es nicht vorziehen, jene treuloſe Katharine von Lothrin⸗ gen, Herzogin von Montpenſier, um einen Kopf kürzer zu machen, um ſie dafür zu beſtrafen, daß ſie ſich ver⸗ rathen hat, indem ſie die Vermittelung der Spanier annahm. — Sie haben Recht, Dom Modeſtus. — Sie hätten Ihre Geſchäfte ſelbſt abmachen ſollen. — Ich habe ſtets Erfolg gehabt... — Es iſt wahr, Sie ſind jetzt in eine große Ver⸗ legenheit gerathen. — Ich werde mich dieſer Verlegenheit entziehen. — Ich will nicht fragen, wie Sie dies bewirken wollen, weil ich fürchte, Sie könnten mich morgen wie⸗ derum beſchuldigen, ich hätte dem Bearner Nachricht da⸗ von gegeben, dem Bearner, der geſchworen hat, alle die, — 118— welche an dem Tode des ſeligen Königs mitgewirkt haben, lebendig rädern und verbrennen zu laſſen. Siegt der Bearner, ſo iſt mein und Ihr Untergang gewiß. — Verzeihen Sie mir... der Zorn verblendete mich... — Bis zu dem Grade, daß Sie Beleidigungen aus⸗ ſtießen, und einem Freunde, wie ich bin, droheten, ihn verdächtigten. O gehen Sie, Madame, ich habe es Ihnen oft geſagt— brechen wir, brechen wir! Unter Leuten, die ſich einander mißtrauen, kann ein Freundſchaftsver⸗ hältniß ferner nicht ſtattfinden. — Demnach mißtrauen Sie mir? — Ihrer Fehler wegen, die Sie begehen, und die Ihre Freunde in's Verderben ſtürzen werden, ja! — Ich werde keine Fehler mehr begehen, Dom Modeſtus. — Durch die Veruneinigung mit Herrn von Mayenne, und dadurch, daß Sie Heinrich IV. behülflich geweſen, indem Sie eine Allianz mit Spanien ſchloſſen, haben Sie ſich bei dem ganzen franzöſiſchen Volke mißliebig gemacht. Dieſen Fehler können Sie nicht wieder aus⸗ gleichen. 4 — O, morgen ſchon! — Schwört der König ſeinen Glauben ab, ſo find Sie und die ganze Ligue verloren. — Der König wird nicht abſchwören. — Wie man ſagt, wird die Ceremonie nächſten Sonntag in Saint⸗Denis ſtattfinden. 4½ — 119— — Morgen wird der König nach einer guten Feſtung gebracht ſein. — Von Ihnen? fragte Bruder Robert. — O nein; ich ſelbſt werde es nicht verſuchen— aber ſeine Freunde werden das Geſchäft beſorgen. — Seine Freunde werden ihn einſperren? — Seine Freunde, die Hugenotten. Das Gerücht von ſeinem Uebertritte zur katholiſchen Kirche hat ſie aufge⸗ bracht, daß ſie zu einer Verſchwörung zuſammengetreten ſind. Sie wollen ihn heute aus dem Verſtecke, das er ſich bei ſeiner neuen Geliebten, dem Fräulein von Eſtrées, gewählt hat, entführen. — Haben ſie wirklich ſo viel Geiſt gehabt? — Man hat ihn den Hugenotten eingehaucht. Sie entführen alſo ſehr ſorgfältig Heinrich IV., bewachen ihn, um ihn von der Meſſe, ihrer Antipathie, fern zu halten, und während ſeiner Gefangenſchaft werde ich die Vortheile wiedergewinnen, welche ich durch die Verrätherei Spaniens verloren habe. — Man handelt vollkommen klug, auf dieſe Weiſe die Freunde ſeines Feindes zu benutzen, überſetzte Robert; aber haben Sie auch die Gewißheit, daß die Hugenotten den König entführen, bevor er noch ſeinen Uebertritt be⸗ ſchworen hat? — Seine Begleitung ſelbſt iſt damit beauftragt. Er hat eine Abtheilung ſeiner Leute in die Umgebung von Chatou kommen laſſen, daß ſie ihn bei ſeinen Liebes⸗ abenteuern bewachen. Unſer Bearner i alant. Man wird ihn ſo gut bewachen, daß ihm durchaus Nichts be⸗ gegnen kann. Bruder Robert blickte zur Decke empor, über der ſich ein leiſes Geräuſch vernehmen ließ. Dann ſagte er, als ob er der Ruthe Gorenflot's gehorchte: — Ich ſehe, daß die Frau Herzogin ganz vortreff⸗ liche Maßregeln ergriffen hat; aber die Hugenotten werden den König, wenn ſie ihn gefangen halten, wieder in Freiheit ſetzen, wäre es auch nur, um den Krieg fort⸗ zuführen oder Paris zu belagern. Sie haben doch die Belagerung von Paris nicht vergeſſen, Madame? — Ja, hochwürdiger Herr! — Auch den Fall nicht, daß man Paris nimmt? — Dies anzunehmen, wäre unnütz. Heinrich III. hat Paris belagert, wie es Heinrich IV. belagern kann— er hat es nicht genommen. — Ah, rief Bruder Robert mit ſo lauter Stimme, daß es an der Decke wiederhallte, das kam daher, weil zwiſchen Paris und Heinrich III.... — Das Ereigniß von Saint⸗Cloud ſtattfand... — Ja, Madame, und es giebt nur ein Saint⸗Cloud in der Umgegend der Hauptſtadt. — Das leuchtet mir ein; aber was in Saint⸗Cloud geſchehen iſt, hätte eben ſo gut auch wo anders geſchehen können.. Die Herzogin hob die Sitzung auf. Indem ſie Go⸗ renflot freundſchaftlich grüßte, ſagte fie: — 121—. — Hegen Sie keinen Groll gegen mich; der Streit mit meinem Bruder hatte mich des ruhigen Verſtandes beraubt. Sie können ſich meine Beſtürzung kaum den⸗ ken, als er dieſen Morgen in mein Zimmer trat und mir den ſpaniſchen Vertrag zeigte! Ich hätte mich ſelbſt ergreifen mögen; aber Sie haben Recht, Spanien ver⸗ räth uns und unterhandelt vielleicht mit dem Bearner, um meine Kraft zu ſchwächen. — So denke ich! ſagte Bruder Robert. — Nun, ſo beruhigen Sie ſich, fügte die Herzogin hinzu. Der Bearner wird nie regieren, und wenn er ſich mit zwanzig ſpaniſchen Königen verbindet; er wird nie regieren, darauf gebe ich Ihnen mein Wort! — Aber, aber, ſagte Bruder Robert, als ob er dieſen Zweifel Gorenflot's überſetzte, aber wenn er abſchwört, wenn er Paris nimmt? — Um ihn an dem Erſtern zu hindern, haben wir ſeine Hugenotten; um ihn an dem Zweiten, an der Ein⸗ nahme von Paris zu hindern, werden wir unſer Ereigniß von Saint⸗Cloud haben. Und wenn alles dies uns fehl⸗ ſchlägt, werden wir noch andere Dinge haben, die ich hier— ſataniſch lächelnd berührte ſie bei dieſen Worten ihre Stirn— hier aufbewahre, Dinge, die Ihnen einen günſtigern Begriff von den Frauen beibringen werden. Adieu, mein beſter Prior. Wir haben uns nun verſtän⸗ digt, und ſind wieder gute Freunde. Adieu, ich werde Ihnen Confitüren ſchicken! — 122— Das Geſicht Gorenflot's nahm einen Ausdruck des Schreckens an, der den Confitüren der Herzogin wenig Ehre machte. Bruder Robert lachte darüber unter ſeiner Kapuze. Der Sprecher begleitete Frau von Montpenſier bis zu der Thür. Sie gab ihre Befehle. Lächelnd ſagte ſie zu dem jungen blonden Manne, der ſie mit den Spaniern erwartete: — Helfen Sie mir das Pferd beſteigen, Herr Chaͤtel! Roth vor Freude, ſprang der neue Günſtling herbei, und bot ſeine Hand dem kleinen Fuße der Herzogin. — Wer iſt dieſer junge Edelmann? fragte Bruder Robert den Stallmeiſter. — Er iſt kein Edelmann, antwortete der Stallmeiſter, er iſt der Sohn eines Tuchhändlers, bei dem die Frau Herzogin ihre Stoffe kauft. Bruder Robert lächelte ſchweigend vor fich hin, und ſah dabei dem jungen Manne bis auf den Grund der Seele, indem er ein neues Stück Wachs zwiſchen den Fingern drückte und mit ſeinem Boſſirſtäbchen zu formen begann. 7. Wie Heinrich den Hugenotten, und Gabriele dem Könige entwiſcht. In dem Zimmer des Priors war es ſtill. Die Herzogin befand ſich bereits außerhalb der Kloſtermauern, aber der König und Crillon, auf den Boden des obern Zimmers gebückt, lauſchten immer noch beſtürzt. Crillon ſtrich ſeinen Schnurbart; der König ließ ſich in einen Seſſel nieder. — Ich glaube, Sire, ſagte der Ritter, daß mir noch ſo viel Zeit bleibt, dieſe Verbrecherin einzuholen und ihr das gute Bein zu zerbrechen. Harnibieu! Woran denken Sie, daß Sie nicht ſprechen? — Ich denke, daß die Mönche gut ſind, antwortete weich der König, und daß die Menſchen beſſer ſind, als man glaubt. — Die Männer vielleicht; aber die Frauen nicht. Ich nehme an, Sire, daß wir nicht ſchlafen werden, während die Liguiſten handeln. — Ja. Zunächſt müſſen wir uns von dem Gewiß⸗ heit verſchaffen, was ſie von den Abſichten meiner Be⸗ gleitung geſagt hat. Beginnen wir mit dem Dringendſten. — 124— Kaum hatte der König dieſe Worte geſprochen, als man haſtig an die Thür des Corridors klopfte. Crillon öffnete, und Pontis erſchien. Der junge Mann war erhitzt, ſein Geſicht glühte. Der Ritter hielt die Thür nur halb offen, und ſtellte ſich ſo, daß der Gardiſt den im Zimmer ſitzenden König nicht ſehen konnte. — Nun, feagte er, kommt die Escorte? — Sie kommt, Herr. Aber ſie iſt nicht etwa eine Abtheilung von acht Mann, ſondern eine ganze Armee, wenn ich mich nicht täuſche. 3 — Wie, eine Armee? rief der Ritter. Der König lauſchte aufmerkſam und näherte ſich der Thür, um das Geſpräch beſſer hören zu können. — Ich habe wenigſtens achtzig Reiter gezählt, Herr, die ſich in kleinen Abtheilungen das Ufer des Fluſſes entlang bewegen. — Von unſern Reitern? — Ja, Herr! Das Sonderbare dabei iſt, daß es alle Hugenotten ſind, als ob man ſie ausgeſucht hätte. Crillon zuckte zuſammen; er ſandte dem Könige einen flüchtigen Seitenblick zu. — Aber la Varenne? — Er war nicht dabei. — Und was haſt Du ihnen geſagt? — Ich habe in Ihrem Namen das erſte Piket auf⸗ gefordert, ſich dem Kloſter zu nähern. Da rief ein Reiter, den ich nicht kannte:„wenn Herr Crillon dort iſt, wird auch der König dort ſein.“ Iſt es wahr, Herr Ritter, — 125— fügte Pontis fragend hinzu, daß der König ſich im Kloſter befindet? — Was geht's Dich an? Fahre fort. — Nun fand eine Beſprechung unter den Hugenotten ſtatt, und ich hörte die Namen: Hochweg, Bougival, Eſtrées. Man ſtritt und erhitzte ſich. Endlich ſetzte ſich das ganze Detachement in Bewegung, ſo daß Sie in einer halben Stunde, anſtatt einer Escorte von acht Mann, eine Abtheilung von hundert Mann hier haben können. Eine leichte Bläſſe überzog das Geſicht des Königs. Crillon's Geſichtsfarbe änderte ſich nicht; nachdenkend riß er ſich einige Haare aus dem Barte. — Iſt Alles geſchehen, Herr Ritter? fragte Pontis. Ich muß zu dem Verwundeten, zu meinem armen Es⸗ perance gehen, der vorhin ſchon über Hunger klagte. Darf ich gehen? Crillon berührte mit dem Finger den Aermel des Gardiſten, als ob er durch dieſe Berührung des tapferſten Mannes Europa's die Tapferkeit ſeines einzigen Soldaten verhundertfachen wollte. — Haſt Du ein gutes Schwerdt? fragte er. — Ich glaube, ja, Herr! antwortete Pontis überraſcht. — Ziehe dieſes Schwerdt. Dann ſtelle Dich auf die Treppe am Ende dieſes Corridors. — Ja, Herr! — Der Weg iſt ſehr leicht zu vertheidigen, da ihn nur ein einziger Mann betreten kann. — 126— — Es iſt wahr. — Jeder, der eintreten will, und nicht ein guter Ka⸗ tholik iſt... — Den halte ich an? — Nein, Du wirſt ihn niederſchlagen. — Ah, eine Bartholomäus⸗Nacht! rief Pontis in fieberhaft freudiger Aufregung, in der Glut des alten Religionshaſſes, den ſo viel Blut und Thränen noch nicht zu löſchen vermocht hatten. — Eine Bartholomäus⸗Nacht, wenn Du willſt! ſagte Crillon.. Der Gardiſt verneigte ſich ſchweigend, dann ging er, um den von ſeinem Oberſten bezeichneten Poſten einzu⸗ nehmen. Sein Schwerdt blitzte in dem röthlichen Son⸗ nenlichte, das durch ein Fenſter des Corridors drang. — Was willſt Du thun? fragte der ſinnende König, als Crillon zu ihm zurückkam. Dieſer Gardiſt allein wird den Kampf mit hundert Reitern nicht aufnehmen können. — Er iſt nicht allein, antwortete Crillon; ſind Sie, bin ich nicht da? Haben wir nicht oft ſchon unſer Eiſen gegen hundert Mann geſchwungen? Haben Sie bei Ar⸗ ques, wo ich nicht war, allein ſo gefochten? — Höre, ſagte der König, vermeiden wir den Zu⸗ ſammenſtoß, theils der Schande einer Niederlage, theils des Aufſehens wegen, das ein ſolcher Sieg veranlaßt. Es hieße die Angelegenheiten der Frau von Montpenſier be⸗ günſtigen, wollte ich meine eigenen Soldaten tödten. Wir wollen unterhandeln. — 127— — Und während dieſer Zeit dringen die wüthenden Hugenotten hier ein, und dictiren Ihnen ihre Bedingun⸗ gen. Harnibieu! — Freund Crillon, ſind wir die Stärkſten? — Nein, und das bringt mich zur Wuth! — Nun, ſo müſſen wir die Liſtigſten ſein. Ich habe einen Plan. — Das wundert mich nicht, Sire. — Haben wir nicht irgend eine Garniſon in der Nähe? — Dreihundert Mann in Saint⸗Denis. — Hugenotten? — Harnibieu, nein! Es ſind Katholiken. Anſtatt daß Du hier bleibſt, mache mir die Freude, und de jene Katholiken von dem in Kenntniß, was die Hugenotten mit mir beabſichtigen. Dieſe wollen mich hindern, zur Meſſe zu gehen, jene aber haben das Recht, mich zur Meſſe zu führen. — Das iſt wahrlich ein bewunderungswürdiger Plan! rief der Ritter. Sie ſind ein großer König! — Nicht wahr? — Ich eile. Aber was wird während meiner Ab⸗ weſenheit hier geſchehen? Ich wäre ſtrafbar, wollte ich Sie unter dieſen Umſtänden verlaſſen. — Es wird Nichts geſchehen. Was können die Hu⸗ genotten thun? Sie können mich höchſtens zu einer Predigt führen, was ſchon tauſendmal geſchehen. Ob einmal mehr, thut Nichts zur Sache. Oder, ſie halten mich in — 128— dieſem Kloſter gefangen. Dann werde ich ihnen zu ent⸗ ſchlüpfen wiſſen, denn ich habe hier ſchlaue Helfer. Im ſchlimmſten Falle führen Sie mich fort, und dann wer⸗ den die Katholiken, die Du herbeiholſt, ihnen die Beute wieder abjagen. Crillon, ſuchen wir Zeit zu gewinnen, und vergießen wir keinen Tropfen Blutes. — Man wird Ströme Blutes vergießen, Sire, und die eine Hälfte Ihrer Armee wird die andere aufreiben, wenn wir ſie aus der Feſtung holen müßten, die Ihnen die Hugenotten anweiſen. — Glaubſt Du, daß ich mich werde fangen und ein⸗ ſperren laſſen? — O, ich weiß es, Ew. Majeſtät werden ſich lieber tödten laſſen! — Durchaus nicht, Crillon. Meine Majeſtät wird ſich ſogleich von den Genovefanern eine verborgene Thür zeigen laſſen. — Sie wollen entfliehen... 2 — Pardieu! Vor den mich bedrohenden Spaniern werde ich niemals fliehen; aber vor zu eifrigen Freun⸗ den, die mich eine Thorheit begehen laſſen wollen, ſtets! Geh' nach Saint⸗Denis zu den Katholiken und erwarte mich dort. — Sire, ich gehe. Unterwegs will ich dieſe Huge⸗ notten täuſchen, indem ich Ihnen die Vermuthung durch meinen Weggang aus dem Kloſter gebe, daß Sie ſich an⸗ derswo aufhalten, denn ſie werden nicht glauben, ich laſſe Sie allein. Wenigſtens werde ich Ihnen die nöthige Ach⸗ tung vor einem Kloſter während des Waffenſtillſtandes darthun; ſie werden Sie belagern, während Sie frei durch das Land gehen — Das iſt gut geſprochen, Crillon! — Man lernt es in der Schule Ihrer Majeſtät! antwortete der Ritter. Crillon nahm den Befehl, den er Pontis gegeben, zurück, beſtieg ſein Pferd und verließ das Kloſter. Hein⸗ rich ſah, wie er ſich den Hugenotten, die langſam an⸗ rückten, immer mehr näherte. Ohne Zweifel hatten ſie ihn erkannt, denn ſie umringten ihn. Bald verlor er ſich in der Menge. — Ja, ich ſpreche gut! murmelte der König, der ſein Geſicht an ein Fenſter des Corridors drückte; aber es giebt eine Perſon, die noch beſſer ſpricht, als ich... der würdige Bruder Sprecher! Das leiſe Rauſchen eines Gewandes ließ ſich auf der Thürſchwelle vernehmen. Der König wandte ſich. Bruder Robert lehnte an dem Kamine und modellirte ſein Wachs. Heinrich eilte zu ihm und ſchloß die Thür hinter ſich. Die beiden Männer waren allein. — Dort unten iſt Jemand, der zu Herrn von Crillon will, ſagte ruhig Bruder Robert, ohne die Blicke von ſeiner Arbeit abzuwenden. — Gut, er möge warten! antwortete der König. Aber Sie, dem ich herzlich zu danken habe, ſollen nicht warten. Gabriele. III. 9 — 130— Bruder Robert antwortete nicht, er blieb unbe⸗ weglich. Der König fuhr fort: — Sie haben mir heute einen ſo großen Dienſt ge⸗ leiſtet, daß er vielleicht den übertrifft, den Sie mir geſtern erwieſen. Der Mönch verharrte in ſeinem Schweigen und in ſeiner thätigen Regungsloſigkeit. — Sie haben mir geſtern die Abſchrift des Tractats, den Philipp II. und die Herzogin von Montpenſter ge⸗ ſchloſſen, zukommen laſſen? Robert drückte mit den Blicken ſein Erſtaunen darüber aus. Dann antwortete er: — Welches Tractats? — Sie verneinen, das iſt logiſch richtig, da Sie mir heimlich dienen. Aber Sie haben mich auch vorhin an dieſen Ort geführt, von wo aus ich die Unterredung des Priors mit Frau von Montpenſier, die Pläne und Dro⸗ hungen meiner ärgſten Feindin hören konnte. Dieſen neuen Dienſt, hoffe ich, werden Sie nicht in Abrede ſtellen. — Die Annahme war wohl ſehr natürlich, daß die Gegenwart der Frau von Montpenſier dem Ritter Crillon nicht angenehm ſein würde. Aus dieſem Grunde ließ ich Sie in mein Zimmer treten. — Sie wiſſen ſicher, daß ich nicht der Ritter von Crillon bin! rief der König. Sie kennen mich, wie ich Sie kenne. Ich bitte, legen Sie dieſe Maske ab! Nur — 131— ein einziger Menſch iſt fähig, das zu thun, was hier ge⸗ ſchehen; nur ein einziger Menſch beſitzt dieſe Schlauheit, dieſe Geſchicklichkeit, dieſe Kraft, nur ein einziger Menſch auf der Welt iſt einer ſolchen Rolle gewachſen. Der Mönch blieb unbeweglich; ſeine Stirn verfin⸗ ſterte ſich ein wenig. — Chicot! rief der König mit einer unbeſchreiblichen Zärtlichkeit. Chicot, mein alter Freund, ich habe Dich errathen, ich habe Dich erkannt! Du ſagſt, ich ſei un⸗ dankbar gegen Dich geweſen; o, verzeihe mir, es war nicht meine Schuld! In meinem Kopfe tobt eine Welt von Gedanken, deren Lärm mich oft verhindert, die Schläge meines Herzens zu hören. Wenn es geſchienen, ich hätte Dich vergeſſen, hätte Dich nicht bei mir aufgenommen, wie Du es verdienteſt, ſo verzeihe mir, ich bitte noch ein⸗ mal darum. Du haſt Dich genug gerächt, indem Du mich nicht umarmteſt, als Du mich erblickteſt— und ich bin genug beſtraft. Oeffne mir großmüthig Deine Arme! Robert wandte ſich ab. Sein ehernes Geſicht zuckte einen Augenblick ſchrecklich zuſammen. Man hätte glau⸗ ben mögen, aus jeder ſeiner Poren müſſe Blut, oder eine Thräne hervordringen. — Chicot, fuhr der König fort, indem er dem Mönche die Kapuze abzog, Du biſt es! Du würdeſt vergebens leugnen, denn ſieh', ich fühle die Narbe der Wunde an Deiner Stirn. O, geſtehe es! 9* — 132— — Was? fragte Bruder Robert mit gevpreßter Stimme. — Daß Du mein Freund biſt, daß Du nie auf⸗ gehört haſt, Deinen Heinrich zu lieben. — Der Freund des tapfern Crillon zu ſein, wäre eine zu große Ehre für mich! Den König Heinrich IV. zu lieben, iſt meine Pflicht. — Ich wiederhole, daß Du mich beleidigſt. Ich bin Dein König und befehle Dir, mich zu umarmen! — Wenn Sie der König ſind, Sire, ſo würde ein armer Mönch die Ehrerbietung verletzen, wollte er Sie berühren. Heinrich trat traurig zurück. — An dieſer Hartnäckigkeit, an dieſem Grolle, mur⸗ melte er, erkenne ich Chicot wieder, deſſen eiſernes Ge⸗ dächtniß weder eine Wohlthat, noch eine Beleidigung vergißt. Könnte ich noch zweifeln, daß Du mein alter Waffengefährte biſt, ſo würde dieſe Unverſöhnlichkeit jeden Zweifel heben. Willſt Du auch nicht mein Freund ſein, ſo biſt Du dennoch Chicot! — Chicot iſt todt! antwortete feierlich der Mönch. Ew. Majeſtät wiſſen, daß die Todten nicht wieder⸗ kehren. — Jedenfalls ſprechen die Todten und erweiſen Dienſte! ſagte der König. Sie verfertigen ſelbſt Por⸗ traits. Was haſt Du mit dem meinigen gemacht, mit jenem ſinnreich in Wachs ausgedrückten Rathe, durch den Du mir empfahlſt, meine Ceremonien⸗Kleider anzulegen, — 133— vor einem katholiſchen Altare niederzuknieen, und mit dem Meßbuche in der Hand die katholiſche Religion anzuneh⸗ men? Es war eine bewundernswerthe Statue! — Ich habe ſie durch dieſe erſetzt, antwortete der Mönch, indem er dem Könige eine neue, kleine Figur zeigte, die er ſoeben vollendet hatte. — Ein junger Mann mit einem liebenswürdigen Geſicht! — Nicht wahr? — Ich kenne ihn nicht. — Könnten Sie dies ſtets ſagen! — Du haſt ihm ein Meſſer in die Hand gegeben! rief der König. Warum? — Damit Sie ihn wiedererkennen, wenn er Ihnen je ſo entgegentritt. 8 — Wer iſt dieſer junge Mann?* — Ein junger Pariſer, der zu Hoffnungen berechtigt, antwortete der Mönch, indem er dem Könige die Figur in die Hand gab. Für jetzt iſt er der Lieferant der Frau Herzogin. — Gut, murmelte der König, indem er bewegt die Figur betrachtete. Ich werde mich dieſer Züge und dieſes Meſſers erinnern. Habe Dank, Chicot! — Geruhen Ew. Majeſtät, mir meinen wahren Na⸗ men zu laſſen! ſagte Robert im Tone eines ſo unbeug⸗ ſamen Willens, daß der König erbebte, als habe ihn der Hauch eines übernatürlichen Weſens berührt. Der Laune eines Fürſten wegen, ſo wohlwollend ſie auch ſein möge, „ — 134— eines Fürſten, der mich beehrt, mich mit einem braven Manne zu vergleichen, will ich weder die Ruhe meiner letzten Tage in dieſer, noch mein ewiges Heil in der an⸗ dern Welt verſcherzen. Ich habe die Ehre gehabt, Ew. Majeſtät zu ſagen, daß eine Perſon unten wartet, die dem Ritter von Crillon intereſſante Nachrichten überbringt. Der König war von dem Tone betroffen, in welchem Bruder Robert dieſe Worte ſprach. Er begriff, daß der Entſchluß des Mönchs unerſchütterlich ſei. — So ſei es denn, ſagte er. So ſchmerzlich es auch für mich iſt, einen ſo innig bedauerten Freund nicht wie⸗ der erwecken zu können, ſo werde ich doch nicht länger darauf beharren. Dieſe Hartnäckigkeit ſtützt ſich vielleicht auf Gründe, die zu erforſchen ich nicht das Recht habe. Sie ſind alſo Bruder Robert; aber nichts ſoll mich hin⸗ dern, die Freundſchaft und unveränderliche Dankbarkeit, die ich der Perſon weihe, von der ich geſprochen, auf den Bruder Robert zu übertragen. Nun erwarte ich von Ih⸗ nen einen letzten Dienſt. Bezeichnen Sie mir einen Aus⸗ gang, der mich unbemerkt aus dem Kloſter führt. — Das wird ſehr leicht ſein. Folgen Sie mir. Wir haben eine Thür, die nach den Feldern hinausgeht; in einer Stunde wird man ſte vielleicht mit einer Wache beſetzt haben— jetzt iſt ſie noch frei. B — So gehen wir. Doch zuvor, Bruder Robert, umarmen Sie mich! Der Mönch neigte ſich langſam. Von einem zärt⸗ lichen Gefühle hingeriſſen, lehnte ſich Heinrich auf die — 135— Schultern dieſes ſeltſamen Weſens, das in ſeinen Armen zitterte und ſeufzte. Auf dem Corridor ertönte eine Glocke. — Der Graf von Eſtroées iſt ohne Zweifel unge⸗ duldig, ſagte Bruder Robert, indem er ſich ſchnell ab⸗ wandte, um ſeine Bewegung zu verbergen. — Herr von Eſtrées! rief der König, der dieſen theuern Namen nicht gleichgültig hören konnte. Iſt er hier? Was will er hier? — Ich habe es Ihnen geſagt, er will mit dem Ritter von Crillon reden. — O, mein Gott, ſollte Gabrielen ein Unglück be⸗ gegnet ſein? rief beſorgt der König. — Seit zehn Minuten wenigſtens iſt ihr keins be⸗ gegnet, antwortete pflegmatiſch der Mönch; denn vor zehn Minuten habe ich ſie noch friſch und bewunderungswürdig ſchön geſehen. — Du haſt ſie geſehen? Iſt ſie denn in dieſem Kloſter? — Ohne Zweifel, da ihr Vater hier iſt. — O, dann eilen wir ſchnell zu ihr, mein beſter Bruder! rief Heinrich, der bei dem Gedanken an ſeine Liebe bereits Alles vergeſſen hatte. — Ew. Majeſtät werden klug handeln, wenn Sie nicht erſcheinen, ſagte Robert. Herr von Eſtrées bittet um gaſtfreundliche Aufnahme in unſerm Hauſe, da das ſeinige, wie ich glaube, von Kriegsleuten beſetzt iſt, die Sie ſuchen. Vielleicht auch veranlaſſen ihn andere Gründe, — 136— ſeine Tochter hierher zu bringen. Der hochwürdige Prior, der Herrn von Eſtrées ſehr zugethan iſt, hat ihm ſogleich die Schlüſſel zu dem Gebäude übergeben, das neu im Garten errichtet iſt. Fräͤulein von Eſtrées richtet ſich in dieſem Augenblicke mit ihren Frauen darin ein. Wenn Ew. Majeſtät ſich zeigen, bevor dieſe Einrichtung vollendet iſt, führt Herr von Eſtrées ſeine Tochter vielleicht wie⸗ der fort. — Aus Mißtrauen gegen mich! rief Heinrich. Das iſt wahr. — Wenn auch nicht aus Mißtrauen, Sire; wenig⸗ ſtens doch aus Achtung, und um den König nicht zu be⸗ läſtigen, indem er mit ihm unter einem und demſelben Dache wohnt. — Ob er mich beläſtigt oder nicht, ich werde jetzt, da ich Gabrielen ſo nahe bin, nicht gehen. — Und ich glaube, ſagte ruhig Bruder Robert, der König wird ſo ſchnell als möglich gehen; denn es kann ſeine Abſicht nicht ſein, ſeine Krone zu verlieren und eines zärtlichen Blickes wegen ſeine Freunde zu verderben. Er wird nicht wollen, daß die Genovefaner dem Herrn von Eſtrées, der unbedingtes Vertrauen in ſie ſetzt, verdächtig werden. Mit einem Worte, der König und Fräulein von Eſtrées können hier nicht zu gleicher Zeit wohnen. — Sie haben Recht, Bruder Robert, Heinrich ver⸗ gißt ſtets, daß er ſich König nennt. So werde ich denn gehen; aber zuvor nehme ich Abſchied von Gabrielen. Wo wird ihre Wohnung ſein? -—-— 1 — 137— — Dort unten! ſagte der Mönch. Heinrich trat dem Fenſter näher, das nach dem Gar⸗ ten hinausging. Am äußerſten Ende des Gemüſegartens, vielleicht hundert Schritte entfernt, erhob ſich in einer Baumgruppe ein achteckiger Pavillon von zwei Stockwer⸗ ken, deſſen Fenſterladen man ſoeben öffnete. Die Sonne goß Wärme und Licht über dieſes Gebäude aus. Durch die geöffneten Fenſter ſah Heinrich Gratienne und ein anderes Mädchen, die ſich mit Reinigen beſchäf⸗ tigten, oder Vaſen mit Waſſer füllten. Gabriele ſaß auf dem Balcon des Hauptfenſters und bereitete friſchgepflückte Roſen und Jasmin für die Vaſen vor. Eine herbe Traurigkeit bemächtigte ſich des Herzens Heinrichs, als er ſich ſeiner ſchönen Geliebten ſo nahe ſah. Bei dem heitern, ruhigen Wetter hörte er, wie die Finken und Nachtigallen in den Baumzweigen ſangen, und wie ſich die ſüße Stimme Gabriele's mit dieſem Ge⸗ ſange vereinigte. — O, mein liebes, liebes Kind! rief er. Ich werde wiederkehren! Ich werde als Katholik wiederkehren! fügte er mit einem bedeutungsvollen Lächeln hinzu. Bruder Robert war dem Köͤnige bereits vorange⸗ gangen. Sie gingen an einer halb geöffneten Thür vor⸗ über. Bei dem Geräuſche ihrer Schritte hörte man durch dieſe Thür eine Stimme rufen: — Pontis, mich hungert! — Ruft hier nicht der Verwundete Crillon's? fragte der König. — 138— — Ja. — Pardieu! Ich will die Gelegenheit benützen, um das berühmte Bett der Guiſen zu ſehen. Heinrich ſah durch die Oeffnung, welche die Thuͤr bildete, und ſagte: — Ein ſchöner, junger Mann liegt in dieſem Bette! Sein Auge iſt wahrlich vortrefflich. Der Burſch hat noch keine Luſt zu ſterben. Fünf Minuten ſpäter kam Bruder Robert allein zu⸗ rück. Der König war dem Kloſter entſchlüpft. Frau von Montpenſier hatte ihre Parthie verloren. 8. Zwiſtigkeiten. Herr von Eſtrées, des Wartens auf Crillon, der nicht zurückkam und nicht zurückkommen konnte, müde, hatte ſich zu ſeiner Tochter begeben. Gabriele ſaß unter ihren Blumen und Spitzen; ſie lachte mit Gratienne, um dem Blicke des Vaters die ernſte Unruhe zu verbergen, welche die plötzliche Wohnungsveränderung ihr verurſachte. Es wäre unklug geweſen, Herrn von Eſtrées deshalb nicht zu befragen. Die jungen Mädchen verrathen ſich oft durch das, was ſie nicht ſagen, weit mehr, als durch das, was ſie bekennen. Es war ihr unmöglich, über Ereigniſſe zu ſchweigen, die den König betrafen. Gabriele fragte alſo: — Herr Graf, ſagte ſie, Sie haben Dom Modeſtus geſehen, nicht wahr? Hat er mehr erfahren, als wir? Was ſagt er dazu, daß die Hugenoten unſer Haus ein⸗ geſchloſſen haben? — Er meint, daß ſich irgend ein Unternehmen von jener Seite her vorbereite, und daß ich wohl gethan hätte, das Haus zu verlaſſen, in dem Ihre Sicherheit gefährdet geweſen wäre. Gereizt durch die Zurückhaltung, die der Vater ihr gegenüber beobachtete, antwortete Gabriele: — Aber dieſe Hugenotten ſind königliche Soldaten. — Gewiß. — Und wir find gute Diener des Königs. — Wer zweifelt daran? — Es wird Jeder daran zweifeln, der uns vor den Royaliſten fliehen ſieht wie vor den plündernden Spa⸗ niern oder vor den Liguiſten. Dieſe ruhige und verſtändige Antwort frappirte den Grafen. — Es iſt gut, mein Kind, es iſt gut! ſagte er. Ihr Vater weiß, was er zu thun hat, Niemand wird ihn an die Erfüllung einer Pflicht zu mahnen haben. Gabriele war ernſthafter geworden. — Wenn Sie es ſo nehmen, ſagte ſie, wenn ich nicht mehr mit dem Vater überlegen, ſondern nur einem Herrn gehorchen ſoll, ſo ſchweige ich und gehorche. Meine Nelken, Gratienne! Herr von Eſtrées liebte das reizende Mädchen, er wollte ihm durchaus nicht als ein Tyrann erſcheinen. 4 Aber die väterliche Schwachheit kämpfte in dieſem Augen⸗ blicke gegen die gebieteriſche Nothwendigkeit, ſich als ein ſtrenger Wächter zu zeigen, und dieſe Nothwendigkeit trug den Sieg über ihn davon. — Sie wollen mich zwingen, von dem Könige zu reden, ich merke es wohl; aber da ich jeden Tag die Entdeckung mache, daß Sie Ihres Vaters nicht bedürfen, — 141— um von dem Könige, ſelbſt mit ihm zu reden, ſo iſt es unnütz, daß ich mich zu Ihrem Dolmetſcher mache, oder Ihnen Neuigkeiten überbringe. Sie werden dieſe Neuig⸗ keiten ohne mich empfangen. Gabriele erröthete. — Immer noch dieſen Verdacht! flüſterte ſte. — Wagen Sie, mir zu ſagen, daß Sie nicht mit dem Könige in der Mühle waren, als ich Sie ſo oft vom Ufer aus rief? Gabriele ward purpurroth und ſenkte das Köpfchen. — Wenn Sie wenigſtens ſo viel Schaam beſäßen, eine Lüge auszuſprechen... — Mein Herr, darf man ſich weigern, den König anzuhören, wenn er ſpricht? Kann man einen König fortjagen, wenn er uns begegnet? — Man bietet Alles auf, mein Fräulein, um dem Vater gehorſam zu ſein. Der. Vater ſteht über dem Könige. — Zugeſtanden, mein Herr. Ich habe es nie be⸗ ſtritten. Ich glaube wohl, daß ich mich nie als eine ſchlechte, ungehorſame Tochter gezeigt habe. — Ich weiß, woran ich mich in dieſer Beziehung zu halten habe. In unſern Zeiten machen Gatten und Väter gute Geſchäfte mit ihren Frauen und Töchtern, wenn der Galan nur einigermaßen reich und vom Stande iſt. Ein König iſt die Blume der Galane, nicht wahr? ſelbſt wenn er verheirathet, wenn er durch ſeine Abenteuer berüchtigt, wenn ſein Haar zu bleichen beginnt. Gut, mein Fraͤu⸗ lein, iſt Ihnen der König ſo willkommen, ich kümmere mich wenig darum. Ich bin nicht der Vater der Marie Touchet, ich bin kein Speichellecker, das müſſen Sie wiſſen. Gabriele ſah ihren Vater mit Thränen in den Augen an. — Als ein treuer Diener des Königs, ſagte ſie, be⸗ handeln Sie Se. Majeſtät ſehr übel. — Ich bin zugleich Vater und Unterthan. Dem Vater ſteht es frei, die Bieverkeit des Fürſten zu beur⸗ theilen, der der Ehre ſeiner Tochter nachſtellt. Der Unter⸗ than iſt treu und ergeben. Gabriele ſchüttelte ihr reizendes Köpfchen. — Eine ſchöne Ergebenheit, flüſterte ſie, die ſich am Tage der Gefahr verbirgt. Eine ſchöne Treue, die das Haus verläßt, in dem ein flüchtiger König vielleicht die ſtcherſte Zuflucht gefunden hätte! In Herrn von Eſtrées erwachte der Zorn. Sein Auge blitzte, ſeine Hand zitterte. — Es iſt ſehr kühn, rief er, daß Sie die Abſichten Ihres Vaters tadeln! — Mein Vater hat mich nicht daran gewöhnt, den König als einen Feind zu betrachten. — Sie müſſen gehorchen, wenn ich Ihnen verboten habe, den König zu empfangen. — Sie hätten den Muth haben müſſen, den König zurückzuweiſen, als er uns die Ehre ſeines Beſuchs erzeigte. — Vielleicht werde ich ſpäter dieſen Muth haben. Damit ich aber nicht nöthig habe, zu dieſem äußerſten Mittel zu greifen, habe ich meine Maßregeln getroffen. — Wir verbergen uns in einem Männerkloſter! — 143— — Ich werde mich, wenn es zur Schlacht kommt, an die Seite des Königs ſtellen, mein Fräulein! Und während ich ihn vertheidige, werde ich ihn überwachen. So lange der Frieden dauert, vertheidige ich meine Ehre ſelbſt gegen den König. Ich bringe meine Tochter in ein Kloſter, das ſie nur verlaſſen wird... — Vielleicht wenn der König todt iſt! ſagte Gabriele ihre Thränen trocknend. — Wenn ſie verheirathet iſt! rief Herr von Eſtrées, indem er die Wirkung beobachtete, welche dieſer Schlag auf ſeine unglückliche Tochter ausübte. Der Schlag war ein ſchrecklicher. Gabriele erhob fich, als ob er ihr Herz getroffen hätte. — Verheirathet! ſtammelte ſie. Iſt es möglich! — Es iſt gewiß! Ihr Mann mag ſich gegen den König vertheidigen, wie er kann. Stehen Sie ihm bei — um ſo beſſer für ihn; verläßt er Sie, ſo geht das ihn an. Gabriele näherte ſich mit gefaltenen Händen ihrem Vater, der mit großen Schritten durch das Zimmer ging. — Vater, ſagte ſie, ſollten Sie ſo grauſam ſein, Ihre Tochter zu opfern? Sie wollen mich verheirathen, und ich liebe Niemanden! — Wenn Sie Niemanden lieben, ſo wird es Ihnen gleichgültig ſein, ſich zu verheirathen. — Das iſt Ihre Moral... — Feder iſt ſich ſelbſt der Nächſte; ich opfere Alles meiner Ehre! — 144— — Haben Sie Mitleiden mit Ihrer Tochter! — Aus Mitleiden eben verheirathe ich ſte. — Sie werden mich zur Verzweiflung bringen. — Ihre Verzweiflung wird mir weniger Kummer machen, als Ihre Schande. — Ich werde darüber ſterben! — CEs iſt beſſer, dieſer Schmerz tödtet Sie, als meine Hand, und meine Hand wird Sie tödten, wenn ich Sie einer Ehrloſigkeit überführe. Gabriele richtete ſich verletzt wieder empor. — Der Vater iſt ein Römer, ſagte ſie; aber die Tochter iſt eine Franzöſin.. — Und ſie wird ſich wie eine Franzöſin rächen, nicht wahr? — Sie wird ſich rächen, wie es ihr möglich iſt. — Die Rache liegt Ihrem Gatten ob, mein Fräulein! — Iſt auch er ein Römer? — Nein, er iſt ein Picarde. Er iſt zwar kein König, aber er iſt ein angeſehener Edelmann. Er wird Ihnen vielleicht nicht gefallen, aber er ſteht mir an. — Wie heißt er? — Von Liancourt, Edler von Armeval, Gouverneur von Chauny. Gabriele ſtieß einen Schreckensſchrei aus. Das Zart⸗ gefuͤhl der Frau empörte ſich. — Er iſt bucklicht! rief ſie. — An Ihrem Arme wird er gerade gehen. — Er hat krumme Beine. — Und Sie haben den Geiſt. — Die Kinder werden ihm nachlaufen, wenn er geht. — So wird er reiten. — Das iſt ein Verbrechen, mein Herr! Er iſt Wittwer und hat elf Kinder! — Aber eben ſo viel tauſend Piſtolen jährlicher Einkünfte. Die entrüſtete Gabriele ging der Thür des angren⸗ zenden Zimmers zu. — Ich höre nicht mehr meinen Vater, den Edel⸗ mann, ſprechen, ſagte ſte, ſondern Zamet, den Geldwucherer und Geſchäftsmann. Mit dem Herrn von Eſtrées konnte ich über den König von Frankreich verhandeln, aber dem Herrn Zamet habe ich Nichts zu ſagen. Nach dieſen Worten ſtieß ſie die Thür auf. Bleich betrat ſie ihr Zimmer. Der Vater folgte ihr. — Mögen Sie auch in Entrüſtung gerathen, aber Sie werden gehorſam ſein. Dieſen Abend noch empfangen Sie den Beſuch des Herrn von Liancourt. — Sie ſelbſt müßten mich verachten, wenn ich Ihrem Willen folgte, ſagte ſie. — Machen Sie hier kein Aufſehen! fügte Herr von Eſtrées beſorgt hinzu, denn Gabriele hatte ſo laut ge⸗ ſprochen, daß ihre Stimme die Grenzen des neuen Ge⸗ bäudes überſchreiten mußte. Schließen wir die Fenſter. — Gut, laſſen Sie ſie vermauern, ſagte Gabriele. Herr von Eſtrées knirſchte mit den Zähnen. Gabriele. III. 10 — 146— Gabriele fuhr fort: — Bitten Sie Dom Modeſtus, daß er mir einen Platz in dem„in pace“ des Kloſters anweiſe. Weinend und bleich ſank die arme Gabriele in einen Seſſel. Gratienne kam herbei, ſchloß ſie in ihre Arme, bedeckte ſie mit Küſſen, und verwünſchte murmelnd den Tyrannen, der ihre geliebte Herrin bis zum Tode kränkte. Herr von Eſtrées rang die Hände und riß ſeine Manſchetten in Stücke. Wüthend auf ſeine Tochter, und mehr noch auf ſich ſelbſt, verließ er das Zimmer. — Ah, ſagte er, man lauſcht ſchon an den Fenſtern. Das fehlte noch! Ein ſolcher Scandal in einem Kloſter, das uns aus Gefälligkeit aufgenommen hat! Mehrere Fenſter waren wirklich geöffnet. Man ſah die neugierigen Geſichter einiger Mönche. Am ärgerlichſten war es dem Herrn von Eſtrées, daß er an einem Fenſter des erſten Stocks die langen Umriſſe des Bruders Robert bemerkte, deſſen Inquiſttor⸗ blick unter der Kapuze ſich errathen ließ. Neben ihm befand ſich ein junger Mann. Der ſtrenge Vater erröthete; er ging haſtig in das Gebüſch, das an das neue Haus grenzte, um ſeine Ver⸗ wirrung zu verbergen und ſeine übele Laune austoben zu laſſen. Der junge Mann, der mit Robert aus dem Fenſter ſah, war Pontis; die ſtreitenden Stimmen hatten ihn ver⸗ anlaßt, die Sorge für Esperance ein wenig zu unterbrechen. — 147— Bruder Robert zog ſeinen Vortheil aus dieſem Zu⸗ falle. Als ihn der Gardiſt darum befragte, antwortete er gleichgültig durch gewöhnliche Redensarten. Dann verließ er das Zimmer. Nun richtete Esperance an Pontis Fragen. — Was giebt es da unten? fragte der Verwundete. Was haſt Du mit dem Bruder Robert am Fenſter zu ſchaffen? — Nichts! Es ſind Frauen, die ſich zanken. — Giebt es denn in dieſem Kloſter Frauen? fragte Esperance. — Unglücklicherweiſe ja! Wie es ſcheint, findet man ſie überall. — Und ſie zanken ſich? — Zanken ſie ſich nicht ſtets? Welch' ein Geſchlecht! Esperance lächelte traurig. — Man hat Sie dafür bezahlt, daß Sie von den Frauen nur Gutes gedacht haben, fügte Pontis hinzu. Nicht wahr? O wie werden Sie die Frauen ferner lieben! — Ich fühle wenig Neigung dazu. — Sambioux! Der Anblick einer Frau, ſelbſt der Gedanke daran macht mich wüthend! Pontis ſchloß heftig das Fenſter. — Warum nimmſt Du mir Luft und Sonne? fragte Esperance. — Ach, es iſt wahr! Auch daran ſind die wüthenden Weiber Schuld! 10* — O, ſprich nicht ſo laut! Mein Kopf iſt wüſt und leer, Du verurſachſt mir Kopfſchmerz. Die Aerzte ver⸗ weigern mir das Eſſen, weil ſie das Fieber fürchten. — Sie haben Recht. Fliehen wir vor dem Fieber wie vor einem Weibe! Das Fieber iſt ein Weib. Sam⸗ bioux! rief Pontis, indem er ſeinen Stuhl an Esperance's Bett rückte. Sprechen wir von den Schandthaten der Weiber. Ich will Ihnen einige Niederträchtigkeiten er⸗ zählen, um Sie in Ihren guten Vorſätzen zu beſtärken. Ah, Sie lachen, das iſt ein gutes Zeichen! Es war wirklich ein gutes Zeichen, Heinrich's Pro⸗ phezeiung war eingetroffen. Esperance hatte noch keine Luſt zu ſterben, und er blieb am Leben. Es gelang den vereinten Bemühungen des Bruders Sprecher und des Bruders Wundarzt, das Fieber fern zu halten; dafür aber ſtellte ſich der Hunger ein. Die Elixire aus der Krankenſtube, die Robert verſchwenderiſch ertheilte, und die Hühnerbrüſte, die Pontis aus der Küche ſtahl, heilten nach und nach die Bruſt, und gaben dem Magen die Kraft zurück. Die Augen erhielten wieder Glanz und ein roſiges Roth erſchien wieder auf den Wangen. Ende des dritten Bandes. Druck von C. G. Naumann in Leipzig. —“ — 147— Bruder Robert zog ſeinen Vortheil aus dieſem Zu⸗ falle. Als ihn der Gardiſt darum befragte, antwortete er gleichgültig durch gewöhnliche Redensarten. Dann verließ er das Zimmer. Nun richtete Esperance an Pontis Fragen. — Was giebt es da unten? fragte der Verwundete. Was haſt Du mit dem Bruder Robert am Fenſter zu ſchaffen? — Nichts! Es ſind Frauen, die ſich zanken. — Giebt es denn in dieſem Kloſter Frauen? fragte Esperance. — Unglücklicherweiſe ja! Wie es ſcheint, findet man ſie überall. — Und ſie zanken ſich? — Zanken ſie ſich nicht ſtets? Welch' ein Geſchlecht! Esperance lächelte traurig. — Man hat Sie dafür bezahlt, daß Sie von den Frauen nur Gutes gedacht haben, fügte Pontis hinzu. Nicht wahr? O wie werden Sie die Frauen ferner lieben! — Ich fühle wenig Neigung dazu. — Sambioux! Der Anblick einer Frau, ſelbſt der Gedanke daran macht mich wüthend! Pontis ſchloß heftig das Fenſter. — Warum nimmſt Du mir Luft und Sonne? fragte Esperance. — Ach, es iſt wahr! Auch daran ſind die wüthenden Weiber Schuld! 10* — O, ſprich nicht ſo laut! Mein Kopf iſt wüſt und leer, Du verurſachſt mir Kopfſchmerz. Die Aerzte ver⸗ weigern mir das Eſſen, weil ſie das Fieber fürchten. — Sie haben Recht. Fliehen wir vor dem Fieber wie vor einem Weibe! Das Fieber iſt ein Weib. Sam⸗ bioux! rief Pontis, indem er ſeinen Stuhl an Esperance's Bett rückte. Sprechen wir von den Schandthaten der Weiber. Ich will Ihnen einige Niederträchtigkeiten er⸗ zählen, um Sie in Ihren guten Vorſätzen zu beſtärken. Ah, Sie lachen, das iſt ein gutes Zeichen! Es war wirklich ein gutes Zeichen, Heinrich's Pro⸗ phezeiung war eingetroffen. Esperance hatte noch keine Luſt zu ſterben, und er blieb am Leben. Es gelang den vereinten Bemühungen des Bruders Sprecher und des Bruders Wundarzt, das Fieber fern zu halten; dafür aber ſtellte ſich der Hunger ein. Die Elixire aus der Krankenſtube, die Robert verſchwenderiſch ertheilte, und die Hühnerbrüſte, die Pontis aus der Küche ſtahl, heilten nach und nach die Bruſt, und gaben dem Magen die Kraft zurück. Die Augen erhielten wieder Glanz und ein roſiges Roth erſchien wieder auf den Wangen. Ende des dritten Bandes. Druck von C. G. Naumann in Leipzig. —“