—A Vollſtändigſte aus dem Franzöſiſchen öüberſetzte Ausgabe. Supplemente: VIII. Band. Die ſchöne Gabriele August Kluquet. Zweiter Band. Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. von Auguſt Maquet. Fortſetzung des Romanes: Die Fünf und vierzig von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen ühberſetzt von Ferd. Heine& Aug. Schrader. Zweiter Band. Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1856. Die ſchöne Gabriele. e e Zweiter Band. Gabriele. II. 1. Das Haus d'Entrangues. Hundert Schritte von dem Dorfe, das jetzt Ormeſſon heißt, erhob ſich einſt ein Schloß, aus dem man einen Weiler, oder vielmehr Schloßtheile gemacht hat. Zu der Zeit aber, in die unſere Erzählung fällt, war dieſes Schloß noch ganz; es hatte noch ſeine kleinen, aus Ziegelſteinen erbauten, viereckigen Thürme, ſeine Gräben mit friſchem, klaren Waſſer, und ſeine in der Zeit Ludwigs IX. errich⸗ teten Bruſtwehren. Aus den Fenſtern des Thurms, und ſelbſt von der Terraſſe, hatte man eine reizende Ausſicht auf jene lachen⸗ den Hügel, welche die Ebene von Saint⸗Denis wie ein Gürtel von Gehölz und Weinbergen umgeben. Die Lage des kleinen Schloſſes war reizend. Die fruchtbaren Felder brachten die ſchönſten Früchte und die herrlichſten Blumen der ganzen Gegend hervor. Fünfzig Jahre nach ſeiner Erbauung war das Schloß zu drei Viertheilen von dem Laubwerke der Pappeln und Pla⸗ tanen bedeckt, die wetteifernd ihre bebuſchten Häupter bis zu den Zinnen des Thurmes erhoben. 1- Ein mehr buſchiger als großer Park, mehr ausge⸗ dehnte als gepflegte Blumengärten, ein Obſtgarten, deſſen Früchte mehr als einmal die Ehre hatten, auf den kö⸗ niglichen Tafeln zu figuriren, der murmelnde und durch⸗ ſichtige Bach, deſſen Heilkraft für Wunden Ambroſius Paré bekannt gemacht, dann eine elegante und bequeme Einrichtung, ſeltene Eigenſchaften alter Schlöſſer— alles dies machte aus dem kleinen Beſitzthume einen glückſeligen Aufenthalt, der von den Hofleuten beneidet ward. Auf der Rückkehr von einer Jagd hatte König Karl IX. dieſes Schloß heimlich beſucht, das damals zu verkaufen war. Er hatte es für Marie Touchet, ſeine Maitreſſe, gekauft, damit ſie, geſichert vor der Eiferſucht Katharinens von Medicis, gefahrlos den zweiten Sohn erziehen konnte, den ſie dem Könige ſoeben geſchenkt hatte. Dieſer Sohn war das einzige männliche Kind des Königs, weil der Tod, ein verdächtiger Tod, wie viele Leute ſagen, ihm den erſten Sohn der Marie Touchet und ſeine legitime Tcochter, die ihm ſeine Gattin, Eliſabeth von Oeſterreich, geboren, geraubt hatte. Aber Karl IX. ſollte nicht lange die ſüßen Vater⸗ freuden genießen, er ward ſeinen Vätern in Saint⸗Denis beigeſellt, und Marie Touchet, die ſich mit Meſſire Franz von Balzac d'Entragues verheirathete, brachte Sohn und Schloß ihrem Gatten zur Morgengabe. Den Sohn hatte Heinrich III., wie wir wiſſen, ſorg⸗ fältig erzogen; das Schloß ward von Herrn von En⸗ tragues anſtändig erhalten, und die beiden Gatten ver⸗ brachten in demſelben die heißen Tage des Sommers, wenn ſie nicht auf ihre einträglichere Beſitzung gingen, die man den Wald von Malesherbes nannte. Seit den Zeiten der Ligue war Ormeſſon ein gefähr⸗ licher, aber ſehr bequemer Aufenthalt geworden; gefähr⸗ lich, wenn die Herren deſſelben treue Anhänger des Königs Heinrich IV. waren. Denn die mit den Spaniern ver⸗ bündete Ligue ſchob unaufhörlich ihre Bataillons in die Ebene von Saint⸗Denis hinaus, um Paris zu ſchützen, das ſtets von dem ſtreitigen Könige bedroht wurde. Dann wehe den Eigenthümern, die nicht Liguiſten waren! Aber die Entragues waren nicht nur mit Herrn von Mayenne, ſondern auch mit der Ligue und den Spaniern ſehr be⸗ freundet. Wie Crillon geſagt, hatte Frau von Entragues Hein⸗ rich III., dem ganz Frankreich zujauchzte, kaum tolerir und ſie benutzte die gegen Heinrich IV. erhobene Oppofi⸗ tion, um dieſen Fürſten nicht anzuerkennen, der übrigens unbekümmert um ihre Einwilligung tapfer ſein Königreich eroberte. Jeder neue Sieg brachte Marien Touchet neuen Kummer, und den heftigſten verurſachte ihr das Benehmen des Grafen von Auvergne, ihres Sohnes, der dem Gluͤcke Heinrichs IV. folgte, und ſich bei Arques tapfer für die⸗ ſen Bearner geſchlagen hatte, der, wie Frau pon Entra⸗ gues behauptete, ihm den Thron ſtehlen wollte. Da der Aufenthalt auf dem Schloſſe den Beſitzern nicht gefährlich wurde, war er ihnen um ſo bequemer. Die Nähe von Paris brachte ſtets zahlreiche, wenn auch —, 6— nicht ausgezeichnete Geſellſchaft nach dem Schloſſe, denn die Entragues, die vor Begierde brannten, Alles zu er⸗ fahren, zogen die Quantität der Beſuchenden der Qualität derſelben vor. Gegen ſechs Uhr an dem Tage, von dem wir ſprechen, als die Hitze ſich milderte und die verlängerten Schatten der Baͤume auf die Raſen fielen, trat Frau von Entragues aus ihrem großen Saale. Sie ſtützte ſich auf einen klei⸗ nen Pagen von acht bis neun Jahren, der auf ſeiner rechten Fauſt einen Vogel und unter ſeinem linken Arme einen Feldſtuhl trug. Ein anderer, etwas größerer Page, aber noch Kind, trug ein Kiſſen und einen Sonnenſchirm. Zwei große Windſpiele ſprangen freudig, ſich einer auf den andern ſtürzend, über die Blumenbeete ihrer Herrin voran. Marie Touchet war damals fünfundvierzig Jahre alt. Bei der Regelmäßigkeit ihrer Geſichtszüge, eine Schön⸗ heit, die nie ganz verſchwindet, war ſte noch ſchön zu nennen. 1 Dieſes berühmte Geſicht, das man ſo oft mit der Sonne und allen Sternen verglichen, das zur Zeit Karls IX.„eine mehr runde, als ovale Form, eine mehr kleine, als große Stirn, einen mehr niedlichen, als klei⸗ nen Mund, und Augen mehr wunderbar, als groß“ hatte — dieſes angebetete Geſicht war mit der Zeit groß und knochig geworden. Das niedliche Rund hatte ſich dem Vierecke genähert, und die kleine Stirn war nach und nach zurückgetreten, um den Augenknochen jenen Vorſprung zu laſſen, der Verſtellung und Liſt andeutet. Die wun⸗ derbaren Augen, deren ſeidene Wimpern ſehr dünn ge⸗ worden, waren nur noch kalte Flammen. Zwei tiefe, ſchräge Falten erſetzten die Wangengrüb⸗ chen, und nahmen völlig dem Geſichte jene Grazie und jenen verführeriſchen Reiz, der einen König beſiegt hatte. Ein ernſter, faſt männlicher Charakter, eine majeſtätiſche Trockenheit, ſchöne Linien, die Gewohnheit der Würde, das heißt die Strenge— ſtarke Hände und kleine, kö⸗ niglich träge Füße vervollſtändigten nicht das Bild, ſon⸗ dern die Erinnerung an die, welche vor zwanzig Jahren geſagt: Ich entzücke Alles! An der Seite der Frau von Entragues ging ein Ca⸗ valier in vorgerücktem Alter. Jeden Augenblick ſah er ſich nach der Eingangsthür um, als ob er die Ankunft einer Perſon erwartete. Durch eine faſt ängſtliche Ko⸗ ketterie ſuchte er ein Dutzend Winter zu verbergen, die ſein faſt kahles Haupt mit Schnee bedeckt hatten. Dieſer Edelmann mit einer rothen ſpaniſchen Schärpe, mit Stiefeln aus Cordova und in Puffen von rother Seide, verbreitete bei jedem Schritte eine unbeſchreibliche Miſchung von Wohlgerüchen, die Marie Touchet, ſchein⸗ bar ohne es zu bemerken, von Zeit zu Zeit mit ihrem Federfächer verſcheuchte. Der Hidalgo hieß Caſtil. Er war einer jener Kapitains, die der Herzog von Feria, der Commandant der ſpaniſchen Garniſon von . — 8— Paris, zum Dienſte ſeines erhabenen Herrn Philipp II. an die Thore der Hauptſtadt vertheilt hatte. Die Familie Entragues empfing dieſen ſpionirenden Thorofficier, der im Solde des ſpaniſchen Königs ſtand, um ſich gegenſeitiger Artigkeiten zu erfreuen, wenn ſte nach Paris kam. Dieſe ſeltſame Perſon, die wie ein Arlequin Frau von Entragues nach einem delikaten Mittagseſſen in den Gar⸗ ten begleitete, hatte einen ſehr triftigen Grund, den der Leſer bald erfahren wird, in dem Schloſſe ſeinen Be⸗ ſuch abzuſtatten. Aber hinter dem Spanier und der Schloßfrau kam Herr von Entragues, ein ſchon gealterter Edelmann. Auch ihm folgten zwei kleine Pagen. Der Nachfolger Karls IX. führte eine ſchöne Perſon von ſechzehn Jahren am Arme, die zerſtreut auf die väter⸗ liche Phraſeologie lauſchte. Dieſe Perſon war ein braunes Mädchen mit tiefſchwarzen Augen, ſchwarzglänzenden Haa⸗ ren, einem Purpurmunde und geſchweiften Naſenlöchern, wie ſie die üppigen Indianerinnen haben. Ihre breite Stirn und ihr runder Kopf verriethen mehr Geiſt, als die Blitze ihrer Augen. Ein feines, braunes Bärtchen zeichnete einen dunkeln Schatten um die fein geſchweiften, zitternden Lippen. Ihr ganzes Weſen athmete Feuer und Kraft. Die Fülle ihres Oberkörpers und ihres Wuchſes, die kühne Biegung ihres Fußes, ihr runder und feſter Arm, die kräftige Verbindung ihres Elfenbeinhalſes mit den breiten und fleiſchigen Schul⸗ 2* tern, alles dies verrieth die Gewalt einer Natur, die ſtets bereit iſt, ſich unter dem Hauche ihrer mit großer Mühe zuſammengehaltenen, unbezähmbaren Jugend zu ent⸗ falten. Sie war Henriette von Balzae d'Entragues, die Toch⸗ ter Marie Touchets und des Herrn, der die Maitreſſe des Königs von Frankreich aus übergroßer Liebe geheirathet hatte. Abends zuvor war ſie mit der Erbſchaft der Tante aus der Normandie zurückgekehrt; ſte gab Herrn von En⸗ tragues Aufſchlüſſe über gewiſſe Einzelnheiten, um die er ſie befragte. Aber der Leſer kann glauben, daß ſie auf eine Menge anderer, ebenfalls ihre Abweſenheit betreffende Fragen nicht antwortete. Der Hidalgo Don Joſé Caſtil wandte ſich oft, um einen Blick nach dieſem ſchönen Mädchen zu werfen. Aber Henriette war zerſtreut, denn auch ſie erwartete Je⸗ manden, aber nicht aus der Richtung, die der Spanier im Auge hatte; ſie ſah mit Unruhe nach der Gegend, welche die Mutter zu ihrer Promenade wählte. Am Ende der Blumenbeete lag der Park. Hundert Schritte in dem Parke lag der Pavillon, den Henriette bewohnte. Die weißen Mauern deſſelben ſchimmerten durch das Dickicht der Feigenbäume. Henriette hatte ihre Gründe dafür, daß die Geſellſchaft ſich um dieſe Stunde nicht nach der Gegend des Pavillons wandte, Aber Frau von Entragues ging in ihrer würdevollen Langſamkeit immer weiter. — 10 Henriette verging faſt vor Unruhe und Beſorgniß. Glücklicherweiſe verwirrte ſich der kleine Fuß der Mutter in dem Kleide, und ſie that einen Fehltritt. Der Hidalgo und Herr von Entragues ſtürzten herbei, um dieſer ſchwan⸗ kenden Gottheit Hülfe zu leiſten. Henriette benutzte den Augenblick und rief: — Sie ſind müde, Madame! Schnell den Stuhl, Page! Der Knabe mit dem Stuhle gab dem Bogel die Frei⸗ heit, und der Vogel flog auf einen Zweig. Der Page mit dem Kiſſen warf ſein Kiſſen auf den Pagen mit dem Stuhle; die Hunde, die der Anſicht waren, man wolle mit ihnen ſpielen, ſtürzten ſich auf die Pagen, auf das Kiſſen und auf den Stuhl. Für die Beſitzer des Hauſes, die auf guten Ton und Etiikette hielten, zniſtand nun ein ſehr läſtiger Tumult. Die Pagen wurden arg geſcholten. — Sie ſind noch ſehr jung, fane der Hidalgo. Warum hat man in geywiſſen franzöſiſchen Häuſern die Gewohnheit, ſo junge Pagen zu nehmen? Warum wählt man nicht lieber ſtarke, junge Leute, die, vorzüglich in Kriegszeiten, überall gut zu verwenden ſind? Dieſes ungluͤckliche„überall gut“ nahm Marie Touchet mit einem finſtern Blicke auf. Dieſen Blick ſchleuderte ſie auf Henrietten, die das Köpfchen ſenkte. — Mein Herr, antwortete die Mutter, die franzöſiſchen Häuſer, in denen es Fräulein giebt, ziehen den Dienſt — 11— kindlicher Pagen vor. Ich habe geglaubt, daß man in Spanien ebenſo denkt. Der Hidalgo begriff, daß er eine Dummheit geſagt hatte. Er ſchickte ſich an, das Verſehen auszugleichen, aber Marie Touchet gab der Unterhaltung eine andere Richtung. Sie ließ ſich im Schatten eines großen Bau⸗ mes neben der Fontaine nieder. Ihre Tochter ſetzte ſich neben ſie. Herr von Entragues ſelbſt bot dem ſpaniſchen Kapitain einen Stuhl an. — Was bringen Sie für Neuigkeiten aus Paris, Sennor? fragte Henriette, die mit der Wahl des Ruhe⸗ orts zufrieden war und einen flüchtigen Blick nach dem Pavillon warf, den ihre Mutter nicht mehr ſehen konnte. — Immer noch dieſelben, Sennora! Man trifft immer noch Vorbereitungen, um den Bearner zu empfangen, wenn er je zurückkehren ſollte. Aber er wird nicht kom⸗ men, wir wiſſen das! Dieſe Großſprecherei konnte Herrn von Entragues nicht überzeugen. — Er iſt bereits gekommen, ſagte er. Ich glaube, es vergeht kein Monat mehr, und der Bearner ſteht vor Paris. — Wenn Sie mehr wiſſen, als wir, ſo reden Sie, mein Herr! entgegnete neugierig der Spanier. Sie ſind ohne Zweifel gut unterrichtet. Der Herr Graf von Au⸗ vergne, Ihr Sohn, iſt General der königlichen Infanterie und ſchöpft ſtets aus guten Quellen. — Mein Sohn, ſagte Marie Touchet, theilt uns die — 12— Abſichten ſeiner Partei nicht mit. Wir wiſſen ſehr wenig davon. Außerdem weiß er auch, daß wir ſtandhafte Gegner des Bearners, ergebene Anhänger der heiligen Ligue und alte Freunde des Herrn von Briſſac ſind, dem Herr von Mayenne, als neuem Gouverneur, Paris über⸗ geben hat. — Herr von Briſſac! Eine vortreffliche Wahl für uns Spanier! ſagte Caſtil, den der Name Briſſac, unter dieſen Umſtänden ausgeſprochen, mit neuem Mißtrauen erfüllte. Sagten Sie nicht, Madame, daß der Herr Gouverneur Ihr Freund ſei? — unſer beſter Freund! ſagte Herr von Entragues. — Sehen Sie ihn oft? fragte der Spanier. — unglücklicherweiſe, nein! Er iſt ſeit einiger Zeit ſehr ſelten geworden. Der Hidalgo merkte ſich dieſes Geſtändniß. Frau von Entragues, die nicht vernachläſſigt ſcheinen wollte, fügte raſch hinzu: — Er iſt jetzt ſtark durch Geſchäfte in Anſpruch genommen. Aber er mag abweſend oder gegenwärtig ſein, ſo hegt er eine lebhafte Neigung zu uns— deſſen bin ich gewiß. Und ich halte darauf, denn ſeine Freund⸗ ſchaft verlohnt ſich der Mühe. — Gewiß, ſagte der Spanier. Der Herr Graf leiſtet uns tapfern Beiſtand, er iſt ein aufrichtiger Liguiſt. Aber was iſt das für eine ſeltſame Familientheilung! Was für ein ſchreckliches Beiſpiel! Der Herr Graf von Au⸗ vergne kämpft gegen ſeine Mutter! — 13— Frau von Entragues biß ſich leicht in die Lippen. Der Verdruß darüber, ihrem Sohne gegenüberſtehend zu erſcheinen, kämpfte mit der Furcht, der herrſchenden Partei zu mißfallen. Herr von Entragues trat dazwiſchen, um dieſe trübe Wolke von der Göttin zu verſcheuchen. — Nein, Sennor, ſagte er, der Graf von Auvergne kämpft nicht gegen ſeine Mutter. Als ein Sohn und Neffe unſerer Könige glaubt er ihrem Andenken getreu zu bleiben, wenn er dem dient, den der ſelige König Heinrich III. als ſeinen Nachfolger bezeichnet hat, und dieſe Thatſache läßt ſich nicht ableugnen. — Hat man darüber Gewißheit? fragte der Hidalgo mit jenem Aplomb ſiegender Unwiſſenheit, die ſo gern alles Läſtige beſtreitet. — Der Herr Graf von Auvergne, mein Sohn, iſt Zeuge geweſen, antwortete Frau von Entragues. Don Caſtil verneigte ſich wie ein Prahler. Henriette, die ein wenig Biegſamkeit in die Unter⸗ haltung bringen wollte, wiederholte ihre Frage: — Was giebt es, außer der Ernennung des Herrn von Briſſac, Neues in Paris? Dann fügte ſie hinzu: — Verzeihen Sie, Sennor, ich komme von der Reiſe zurück. — Wenn die Hoffnung auf den Zuſammentritt der berühmten Generalſtaaten nichts Neues mehr iſt, ſo giebt es wahrlich nichts Neues. — Welcher Staaten? — Verzeihen Sie dieſem jungen Mädchen, Sennor, ſagte Frau von Entragues; wir beſchäftigen uns ſehr wenig mit Politik, wenn wir unter uns ſind. Meine Tochter, die Generalſtaaten ſind eine Verſammlung dreier Rangordnungen des Staates, die in ſchwierigen Verhält⸗ niſſen zuſammentreten, um über das allgemeine Wohl zu berathen. Zunächſt handelt es ſich darum, den Bearner abzuweiſen, wenn nämlich, wie ich hoffe, die Mehrheit der Stimmen dafür entſcheidet. — Man wird ſich mit Stimmeneinhelligkeit dafür entſcheiden! ſagte der Kapitain mit unerſchütterlicher Sicherheit. — Wenn es mit Stimmeneinhelligkeit geſchähe, be⸗ merkte Henriette, würde man nicht nöthig haben, die Generalſtaaten einzuberufen— ſcheint mir. Herr von Entragues lächelte ſeiner Tochter zu, um ſte für dieſe verſtändige Bemerkung zu belohnen. Der Hidalgo fügte ſchnell hinzu: — Außerdem ruft auch nicht die franzöſiſche Nation die Generalſtaaten zuſammen, ſondern der König von Spa⸗ nien, unſer gnädiger Gebieter. — Ahl! rief die überraſchte Henriette, während der Franzoſe und die Franzöſin, ihr Vater und ihre Mutter nämlich, beſchämt zu Boden blickten. — Ja, Sennora, dieſes Mittel nur allein, das von uns ausgeht, kann Ihren bürgerlichen Zwiſtigkeiten ein Ziel ſetzen. Die Geueralſtaaten werden den gordiſchen 5 Knoten zerhauen, wie das Alterthum ſagt. Wenn es Ihnen beliebt, den Sitzungen beizuwohnen, werde ich Sie einführen. — Und wen werde ich dort ſehen? — Den Herzog von Feria, unſern General; Don Diego von Taxis, unſern Geſandten; Don... — Alſo lauter Landsleute? fragte Henriette lächelnd. — Den Herrn Herzog von Mayenne, Herrn von Guiſe, fügte Entragues hinzu. — Und dieſe werden wirklich den Beſchluß faſſen, Heinrich IV. von dem Throne Frankreichs auszuſchließen? fragte Henriette. — Sicherlich! — Aber es wird nicht genug ſein, dieſen Beſchluß zu faſſen, man muß ihn auch ausführen. — O, die Ausführung iſt unſere Sache! ſagte der. Hidalgo. Sobald die franzöſiſche Nation den Beſchluß ausgeſprochen hat, bemächtigen wir uns des Ketzers, und vertreiben ihn aus Frankreich. Vielleicht bringt man ihn nach Madrid in das Gefängniß, das Franz I. beher⸗ bergt hat. Von meinem Vetter, dem Pallaſt⸗Alcaden, habe ich die Nachricht erhalten, daß die Arbeiter dieſes Gefängniß ausbeſſern. — Das Ausbeſſern hat allerdings keine Schwierig⸗ keiten, fuhr Henriette fort; aber wird es auch eben ſo leicht ſein, den Ketzer zu ergreifen? 3 O nichts iſt leichter als das! Er läuft ohne Unter⸗ laß durch Berg und Thal. — 16— — In dieſem Falle hätte man gleich damit begin⸗ nen ſollen, anſtatt ihn die Spanier in ſo vielen Schlachten beſiegen zu laſſen. — Nicht die Spanier, die Franzoſen hat der Vrar⸗ ner beſiegt! rief der Hidalgo erröthend. Ein ſtrenger Blick ihrer Mutter und die Unruhe des Herrn von Entragues veranlaßten Henrietten zu ſchweigen. — Und wenn der Bearner ausgeſchloſſen iſt, fügte Marie Touchet hinzu, indem ſich ſich mit lauter Stimme zu ihrer Tochter wandte, als ob ſie ihr eine Lection geben wollte, ſo werden die Generalſtaaten einen König ernennen. — Wer? Kaum war dieſe unſchuldige und ſchreckliche Frage, welche den ganzen Bürgerkrieg in ſich faßte, ausgeſprochen, als die kindliche Stimme eines Pagen pomphaft ankündigte: — Der Herr Graf von Briſſac! Alle wandten ſich. Herr von Entragues äußerte laut ſeine Freude. Frau von Entragues erröthete leicht, als ob der Anblick des Neuangekommenen mehr als ihr Auge berührte. — Herr von Briſſac, der Gouverneur von Paris! rief Entragues, indem er dem Fremden entgegeneite der durch den Garten kam. — Noch Jemand! dachte Henriette, indem ſie einen befürchtenden Blick nach dem Pavillon unter den Feigen⸗ bäumen ſandte. Die Stunde rückt immer näher heran, wo ich in meiner Wohnung ſein muß. — 17— — Welcher glückliche Zufall führt den Herrn Gra⸗ fen von Briſſac zu ſeinen alten, ſo ſehr vernachläſſigten Freunden? fragte Frau von Entragues. — Der Wafienſtillſtand, Madame, der den armen Gouverneur von Paris ein wenig aufathmen läßt. Wäh⸗ rend des Friedens beeilt man ſich, den Damen ſeine Grüße darzubringen. In derſelben Zeit grüßte er die Dame und küßte ihr die Hand. Ohne Zweifel drückte er ihr die Finger, denn ſte erröthete bis zu dem Grade, daß ſie faſt wieder ſchön ward. Dann begrüßte er Henrietten. Der Hidalgo wartete ernſt, bis die Reihe an ihn käme. Briſſac umarmte ihn zwar nicht, aber er erkannte ihn, und drückte ihm freundſchaftlich mit den Worten die Hände:. — Unſer wackerer Verbündeter, Don Joſé Caſtil; ein tapſerer Mann, Cid Campeador! Nachdem er die Pflichten der Höflichkeit erfüllt, gab er Hut und Handſchuhe einem großen Laquais von mili⸗ tairiſchem Anſehen; dabei flüſterte er ihm in das Ohr: — Der Spanier hat Piſtolen in ſeinem Sattel; nimm ſie, ohne daß man es ſieht, und ziehe die Kugeln aus den Läufen. Der Graf Karl von Coſſé Briſſac, ein Mann von fünfundzwanzig Jahren, war ein großer Herr von Ge⸗ ſchlecht und Manieren. Die Pariſer beteten den einge⸗ fleiſchten Liguiſten an, weil er ſie gegen den Tyrannen Gabriele. II. 2 — 18— Valois zu den Barricaden geführt hatte, und die liguiſti⸗ ſchen Pariſerinnen vergötterten ihn, weil ſie ſich zu die⸗ ſem Gotte bekennen konnten, ohne ſich eine übele Nach⸗ rede wegen ihres Patriotismus zu bereiten. Seit ſeiner Ernennung hatte der Graf einen ſo großen Eifer für die Ligue an den Tag gelegt, daß die klarſehenden Leute ihn zu lebhaft fanden, um ihn für aufrichtig zu halten. Dieſe Anſicht erſchien um ſo mehr gerechtfertigt, da er den Waffenſtillſtand mit dem Bearner auf die Ge⸗ fahr hin unterzeichnet hatte, ſeinen Auftrag gebenden Li⸗ guiſten zu mißfallen. In dieſem Augenblicke verbreitete ſich das dumpfe Gerücht von der Unzufriedenheit des Herrn von Mayenne, dem die Spanier nicht raſch genug die Krone von Frank⸗ reich gaben, und da der katholiſche König Philipp II. wußte, was er über die Beſtimmung dieſer Krone zu halten, weil er ſelbſt danach ſtrebte, ſo ſah er mit Be⸗ ſorgniß den durch Mayenne bewirkten Wechſel des Gou⸗ verneurs, warf auf Briſſac Verdacht, und empfahl ſeinen Spionen den beſagten Briſſac, der ſeit dem Waffenſtill⸗ ſtande ſchon auf Tritt und Schritt mit jener bewunde⸗ rungswürdigen Geſchicklichkeit überwacht wurde, die man der Erfindung der heiligen Inquiſition verdankt. Briſſac, fein wie ein Gascogner, das heißt wie zwei Spanier, hatte ſeine Verbündeten durchſchaut. Ein Geſchöpf des Herrn von Mayenne, aber ein Geſchöpf, das entſchloſſen war, ſich im Sinne ſeiner Sympathien und ſeines Intereſſes zu emancipiren, wollte er für Nie⸗ — 19— manden die Karten halten, und ſpielte künftig auf ſeine eigene Rechnung. So führte er ſeine Spione durch eine untadelhafte Offenherzigkeit irre. Seine Correſpondencen hatten, ſo zu ſagen, keine Siegel, ſein Haus keine Thü⸗ ren mehr. Er ging nur in Begleitung aus, kündigte ſtets das Ziel ſeines Ausganges an, ſprach Spaniſch, und dachte als Franzoſe. Er ſchmeichelte ſich mit dem Glauben, daß er fähig ſei, den Argus ſelbſt einzuſchläfern. Am Morgen des gegenwärtigen Tages hatte Briſſac in ſeinen mit Menſchen angefüllten Vorzimmern ange⸗ kündigt, daß er künftig ſeine Audienzen Nachmittags ein⸗ ſtellen werde; daß der Waffenſtillſtand eingetreten ſei; daß, wenn ein Jeder Luft ſchöpfe, der Gouverneur von Paris auch Luft ſchöpfen wolle; und daß Jeder in Frie⸗ den ſchlafen könnte, da die Herren Spanier eine ſo gute Wacht hielten. Den Beſchluß machte der Befehl, ſeine Pferde zu einer Promenade vorzuführen. Dann hatte er ſich freundlich zu dem Herzoge von Feria, dem Chef der Spanier gewendet, und ihm ein Abendeſſen in einem Landhauſe vorgeſchlagen, wo er eine gewiſſe alte Freundin vorfinden würde. Er hatte ganz leiſe Frau von Entragues genannt. Unter tauſend freundſchaftlichen Höflichkeiten hatte der Herzog den Vorſchlag abgelehnt. Bei ſeiner Ankunft in Ormeſſon war Briſſac durchaus nicht überraſcht, den Hi⸗ dalgo, einen der ſpaniſchen Spione, zu ſehen, den man abgeſchickt hatte, um zu erfahren, was man von dieſem Beſuche in der Familie Entragues zu halten hatte. 2* — 20— Aber da er entſchloſſen war, mit der größten Behut⸗ ſamkeit zu verfahsen, um ſeinem Unternehmen den Er⸗ folg zu ſichern, dachte er nur daran, den Argwohn des Hidalgo bis zum Augenblicke der Ausführung einzuſchlä⸗ fern. Er entließ alſo ſeinen Diener, nachdem er ihm den Befehl ertheilt, deſſen Wichtigkeit Caſtil bemerkt hatte. Nun ſetzte er ſich ſo zwiſchen die Damen, daß er das Geſicht des Kapitains nicht aus den Augen verlor. — Wie ſchön iſt doch das Land! rief er aus. Wie ſchön ſind dieſe Schatten, dieſe Gewäſſer— überall er⸗ blickt man Schönheiten! Dabei ſandte er einen Blick nach Marie Touchet. Dies war die Ausgleichung von einem Vierteljahre. Der Hidalgo, den das Flüſtern Briſſac's zu ſeinem Diener zerſtreut hatte, war aufgeſtanden. Auch Briſſac ſtand auf. — Was wünſchen Sie? fragte Herr von Entragues. — Ich hatte meinem Diener leiſe den Auftrag er⸗ theilt, mir zu trinken zu bringen, und nun kommt er nicht wieder zurück. — Ich ſelbſt werde es Peſorgen, ſagte raſch Hen⸗ riette, die vor Ungeduld brannte, und hundert Vorwände ſuchte, um zu entkommen. Der Hidalgo wollte ihr zuvorkommen. — Ich werde Ihnen dieſe Mühe erſparen, Sennora! rief er. — Wie, mein Herr, ſagte Briſſac, Sie wollten mir als Page dienen? Dieſe Worte bannten den tief gedemüthigten Cid. — Setzen Sie ſich, Henriette, ſetzen Sie ſich Kapi⸗ tain! ſagte trocken Marie Touchet. Giebt es hier keine Pagen zur Bedienung? Ein Pfiff genügt, um ſie her⸗ beizurufen. Und majeſtätiſch ließ ſie aus einer kleinen Pfeife einen Pfiff ertönen, der einer Schloßfrau aus dem drei⸗ zehnten Jahrhunderte Ehre gemacht hätte. Henriette nahm ärgerlich ihren Platz wieder ein; der Spanier traurig den ſeinen. Herr von Entragues verſuchte es, das Geſpräch mit ſeinen Gäſten anzufeuern. Frau von Entragues zürnte über die Langſamkeit der Diener. Der Spanier ſann auf ein Mittel, um zu erfahren, was Briſſac ſeinem Laquais geſagt hatte. Briſſac ſann auf ein Mittel, ſich zu entfernen, ohne den Spanier nach ſich zu ziehen, und Henriette zerbrach ſich den Kopf, wie es anzufangen ſei, um vor acht Uhr auf eine geſchickte Weiſe davon zu kommen. Plötzlich ſprangen zwei Pagen herbei: Hüpfend, um ſich von den beiden Windſpielen nicht in die kleinen Beine zwicken zu laſſen, erſchienen ſie unter dem Laub⸗ dache des Baumes und meldeten: — Der Herr Graf von Auvergne iſt ſo eben im Schloſſe angekommen! — Mein Sohn! rief Marie Touchet, außer ſich vor Ueberraſchung. — Der Graf! ſtammelte Herr von Entragues. — 22— Er war über den Eindruck erſchreckt, den dieſer un⸗ vorhergeſehene Beſuch auf den Spanier ausübte. Ddiieſer verſchlang Briſſac mit einem zugleich ironi⸗ ſchen und triumphirenden Blicke, der bedeutete: — Ich habe Dich gefangen! Du haſt mit dem Grafen von Auvergne hier eine Zuſammenkunft verab⸗ redet. Ich finde mich dabei ein. Wie willſt Du Dich nun herausziehen? Briſſac errieth ihn, und ſagte zu ſich ſelbſt: — Warte, Unverſchämter! Da Du die Sache ſo wendeſt, werde ich Dich lehren, das Land zu beſuchen. Mein Mittel iſt gefunden. Das ganze Haus gerieth, über dieſes Ereigniß in Bewegung. Frau von Entragues ſcherzte nicht, wenn es Ceremonien galt. Ihre Leute empfingen den Herrn von Auvergne wie einen Fürſten. Henriette glaubte vor Wuth ohnmächtig werden zu müſſen über dieſen neuen Zwiſchenfall. Aber ſie mußte ſich darüber wegſetzen und Frau von Entragues folgen. Marie Touchet, die wie eine Statue auf ihrem Stuhle geſeſſen, erhob ſich, um ihrem Sohne entgegen zu gehen. Das Ceremonial des Hauſes Frankreichs er⸗ heiſcht, daß auch die Königin ihrem königlichen Sohne entgegengeht. Briſſac blieb unbeweglich. Der Spanier glaubte, er habe ſeine Faſſung verloren, näherte ſich ihm, und ſagte gleisneriſch: — 23— — Finden Sie es paſſend, mein Herr, daß wir in der Geſellſchaft des Generals bleiben, der die königliche Infanterie kommandirt? — Bah! Warum nicht? Es iſt Waffenſtillſtand! antwortete Briſſac mit erkünſtelter Naivetät. — Man könnte dieſes Zuſammentreffen übel deuten, fügte der Hidalgo beharrlich hinzu. Und dennoch ſchei⸗ nen Sie zu zögern... — Ich zögere, weil es in Frankreich unartig iſt, da⸗ von zu laufen, wenn Jemand ankommt. Dieſe falſche Beharrlichkeit hatte den Spanier ſchon zu drei Viertheilen in der Schlinge gefangen. — Mein Herr, ſagte er, indem er nun ganz hinein⸗ ging, ich beſchwöre Sie im Namen der Ligue, compro⸗ mittiren Sie ſich nicht, indem Sie hier bleiben— denn Sie compromittiren ſich! — Vielleicht haben Sie Recht! antwortete Briſſac. — Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie! — Gut, es ſei, da Sie es durchaus wollen. Sie ſind ein tüchtiger Kopf, Don Joſé. — Ich eile, um Ihre Pferde vorführen zu laſſen. — Unſere Pferde! Ich ſetze voraus, daß Sie mich begleiten, Don Joſé. Die bewunderungswürdige Gutmüthigkeit, mit der dieſe letzte Einladung geſprochen, machte den Spanier fertig. Er bildete ſich ein, daß Briſſac nach dieſem ver⸗ fehlten Zuſammentreffen mit dem Grafen von Auvergne jetzt den Zeugen von dem entfernen wolle, was ſich zwi⸗ — 24— ſchen dem Grafen und ſeiner Familie ereignen würde Es gab ſtets neue Complots, die dem Don Joſé Caſtil vorbehalten waren, um ſie durch die Kraft ſeines Genie's zu vereiteln. Anſtatt zu antworten, legte der Spanier geheimniß⸗ voll ſeine Hand auf die Lippen. Die Verzweiflung des Herrn von Entragues über dieſes Hin⸗ und Herbewegen bot einen bejammernswer⸗ then Anblick. Was ſollte die Ligue von dieſen Beſuche denken, der ihm, dem ſchon als Royaliſten verdächtigen Edelmann, galt? Und hatte er dem Spanier nicht geſagt, daß der Graf von Auvergne nie nach Ormeſſon komme? Welch ein Unglücksſtern! Herr von Entragues lief hinter den beiden Liguiſten her, um ſeine Unſchuld zu betheuern. Er ließ ſich ſo weit herab, dem Hidalgo zu beſchwören, daß der Beſuch des Grafen ein durchaus unvorhergeſehener ſei. — Thut nichts! ſagte Briſſac. Es iſt nicht paſſend, daß ich mit ihm zuſammentreffe. Er wird durch den Blumengarten kommen— wählen wir einen entgegenge⸗ ſetzten Weg, damit man nicht ſage, ich habe ihn gegrüßt. Sie ſind Zeuge, Don Joſé. Gewiß! antwortete Don Joſé. Briſſac bat den Herrn von Entragues bei den Da⸗ men ſeine Entſchuldigung zu übernehmen, die dieſen plötz⸗ lichen Rückzug begreiflich finden würden. Nachdem er ihn mit erkünſtelter Kälte gegrüßt, verließ er den Troſtloſen⸗ . — 5— Nun ſagte Caſtil zu Briſſac, der ihn mit ſich fortzog: — Wir ſind bei dieſem unvorhergeſehenen Falle nicht zu Narren geworden, nicht wahr? Während Sie ſich durch Ihre Entfernung dagegen verwahren, werde ich bleiben, damit man uns nicht mitſpielt. — Wie, Sie wollen mich allein laſſen? fragte Briſ⸗ ſac, indem er dem Spanier auf das Freundſchaftlichſte die Hand drückte. Dann würden Sie ſich compromitti⸗ ren. Ich bitte, kommen Sie! — 3ch wage Nichts! ſagte der Hidalgo, der jetzt mehr als je überzeugt war, daß er eine ganze royaliſti⸗ ſche Verſchwörung entdecken würde. Herr von Briſſac ging. Der Spanier folgte Herrn von Entragues auf dem Fuße. Er kam noch zu rechter Zeit an, um zu ſehen, wie der Sohn Karls X. und Marie Touchet zuſammen⸗ trafen. Der Graf von Auvergne benahm ſich mit ſeinen zwanzig Jahren und ſeinem Titel als königlicher Baſtard ganz vortrefflich. Er war genügend demüthig, und ge⸗ nügend unverſchämt. Seine Mutter hatte ihn gelehrt, ſich über alle Welt, ſogar über ſie ſelbſt zu ſtellen. Er betrat das Schloß wie ein Sieger, aber wie ein ſtolzer Sieger. Indem er ſeine Mutter grüßte, die ihm eine tiefe Verneigung machte, ſagte er: — Guten Tag, Madame! Bekennen Sie, daß ich hier ein Ereigniß bin. Ah, da bemerke ich auch Herrn — 26— von Entragues! Wahrhaftig, er iſt wieder jung ge⸗ worden! Ihr Diener, Herr von Entragues! Herr von Entragues verneigte ſich. Der junge Mann bemerkte den Spanier. — Don Joſé Caſtil, Kapitain im Dienſte Sr. Ma⸗ jeſtät des Königs von Spanien! ſagte Marie Touchet, die ſich beeilte, dieſer unangenehmen Vorſtellung ein Ende zu machen. Der Graf berührte nachläſſig ſeinen Hut, und fragte: — War der Herr bei Arques? Der Hidalgo murmelte ein„Nein“ der ſchlechteſten Laune, und zog ſich hinter den Herrn von Entragues zurück. Dieſer ergriff die Hand Henriette's, füͤhrte ſie ihrem Bruder zu, und ſagte: — Fräulein von Entragues, die Sie nicht kennen, Herr Graf, denn Sie haben ſie nur ein Mal geſehen, als ſie noch Kind war. Der Graf ſah das ſchöne Mädchen an, das ihn wie einen Fremden grüßte. Nur betrachtete er ſie mit einer Aufmerkſamkeit, die weder dem Vater noch der Mutter entging. — Aber im Gegentheil, ich kenne ſie! rief er aus. — Wie iſt das möglich? fragte Marie Touchet. — War ſie geſtern hier? Dieſer vertrauliche, faſt geringſchätzende Ton fiel den Entragues, ſelbſt dem jungen Mädchen nicht auf, da ſie zu neugierig waren, die Abſicht ves Grafen kennen zu lernen. — Henriette iſt geſtern erſt angekommen, antwortete Herr von Entragues. — Woher?: — Aus der Normandie. — Sie iſt durch Pontoiſe gekommen? — Ja. — Zwei Laquaien haben ſie begleitet? — Ja. — Sie ritt einen ſchwarzen Zelter, der mit dem rechten Fuße hinkte? — Ja; aber woher wiſſen Sie das Alles? — Als ſie die Fähre verließ, blieb ihr Kleid an einem Pfahle hangen, ſo daß ſie ſchwankte. — Das iſt wahr! rief die überraſchte Henriette. — Und im Fallen zeigte ſie ein höchſt elegantes Bein! 1 Henriette erröthete. — Nun, mein Herr? fragte ſie lächelnd. — Nun, mein Fräulein, Sie können ſich mit einem glücklichen Wurfe ſchmeicheln! Sie haben eine ſchöne Eroberung gemacht. — Ah! riefen der Vater und die Mutter zugleich, indem ſie lächelten. Der Graf fuhr in ſeiner eyniſchen Vertraulichkeit fort: — Sie erinnern ſich, eine kleine Bretterbude neben der Hütte der Fährleute, und in dieſer Bude drei Männer geſehen zu haben? — Ich weiß es nicht! ſtammelte Henriette. — Gut, ſo ſage ich es Ihnen. Wiſſen Sie auch, wer dieſe drei Männer waren? Ich, Herr Fouquet la Varenne, der auf dem Wege nach Medan war, und endlich... ah, dies iſt das Beſte bei der Sache!... der König! — Der Bearner! rief Frau von Entragues. — Nein, der König, entgegnete Herr von Auvergne, der König, der Fräulein von Entragues und ihr Bein geſehen hat. Der König, der vor Bewunderung laut ſeufzte und bis zur Tollheit in Fräulein von Entragues verliebt iſt. — Iſt es möglich? ſagte Marie Touchet mit einer Beſcheidenheit vom beſten Geſchmacke. — Welche Thorheit! ſtammelte Entragues, dem das Herz zu klopfen begann. — Es iſt vielleicht eine Thorheit, aber ſie hätte Folgen haben können, wenn der Fährmann nicht den König gerufen hätte. Seufzend, daß er der Unbekannten nicht folgen konnte, betrat er die Fähre. Bis nach Pontoiſe haben wir von dieſem braunen Geſichte und dieſem runden Beine geſprochen. In Pontoiſe übernachteten wir. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich auch nur eine Ahnung gehabt hätte, daß dieſes Bein zu unſerer Familie gehört! Henriette ward feuerroth. Ihr Buſen wogte, und eine Art unbeſtimmten Rauſches bemächtigte ſich ihres Kopfes. Nun hatte ſie keine Eile mehr, nach ihrem Pavillon zu kommen; ſich zierend nahm ſie neben ihrer — 29— Mutter Platz, als ob ſie den Bruder zu weitern vertrau⸗ lichen Mittheilungen aufforderte. — Der König von Navarra hat einen guten Ge⸗ ſchmack, ſagte Marie Touchet. — Gewiß, der König hat einen guten Geſchmack, fügte der Graf von Auvergne hinzu, denn Fräulein von Entragues iſt ein kleines Wunder. — Der König wird ſehr überraſcht ſein, ſagte der Vater, wenn er von Ihnen erfährt, daß dieſe Unbekannte die Tochter eines edeln Hauſes, daß ſie die Schweſter ſeines Freundes, des Grafen von Auvergne, iſt. Und er wird es erfahren, denn Sie werden es ihm ohne Zweifel ſagen. — Warum? fragte Henriette mit Koketterie. — Mordieu, rief der junge Mann, ich wette, daß er es bereits weiß, denn kein anderer als er hat mich heute hierher geſchickt.„Benutzen Sie den Waffenſtill⸗ ſtand und die Nachbarſchaft, ſagte er zu mir, um Ihre Mutter zu beſuchen, damit ſie mich nicht anklagt, daß ich Sie von ihr trenne.“ — Daraus geht noch nicht hervor, daß er etwas weiß! bemerkte Frau von Entragues. — Bah, er konnte mir doch nicht ſagen:„melden Sie dem Fräulein von Entragues, daß ich ſie ſchön finde!“ O nein, er geht mit mir behutſam um, und dann auch liegt es Herrn Fouquet la Varenne ob, ſolche Aufträge auszurichten. . — 30— — Aber wenn er Sie zu dem genannten Zwecke hierher geſchickt hat... aus Neugierde... ſo mußte doch der König den Namen meiner Tochter wiſſen? ſagte Frau von Entragues. Ein ſpöttiſches Lächeln umzog den Mund des jungen Mannes, als er die Fortſchritte Marie Touchet's bemerkte, die fünf Minuten zuvor Heinrich nur den Bearner, und ihn jetzt, dem Spanier in das Geſicht, den König nannte. — Kennt nicht Varenne alle hübſchen Geſichter in Frankreich? fragte er. Sie ſind alle in ſeinem Verzeich⸗ niſſe geordnet und mit Etiketten verſehen. Bei Gelegenheit holt er nun eins heraus, wie ein Kellner ein Fläſchchen aus einem Schranke holt. — Es ſind alſo in dieſem Augenblicke Fläſchchen auf dem Tiſche vorhanden, ſagte Vater Entragues, um die Metapher fortzuſetzen. Derr gute Mann bemerkte nicht, wie unanſtändig es war, ein ſolches Geſpräch in Gegenwart eines jungen Mädchens zu führen. — Wahrhaftig, nein! Der König hat bei der Mar⸗ quiſe von Guercheville zu wenig, aber bei der Frau von Beauvilliers zu viel Glück gehabt— und doch hat er ſchon wieder eine andere Leidenſchaft. Aber es muß ſcheinen, als ob ich enden wollte, bevor ich angefangen habe. — Wer iſt denn der Gegenſtand dieſer Leidenſchaft? — 31— fragte Marie Touchet, die nicht minder geſpannt war, als ihr Mann.. Henriette verſchlang jedes Wort. — Ein Fräulein aus dem Hauſe d'Eſtrées, wie ich glaube; man nennt ſie Gabriele. Wie man ſagt, iſt ſie eine unvergleichliche Blondine. Ich kenne ſie nicht. — Nuns fragte der Vater Entragues. — O, das ſind Verwickelungen, aus denen nicht mehr herauszufinden iſt! Eine Tochter, die ſich gegen die Liebe empört— ein wilder Vater, der im Stande iſt, ſeine Tochter wie ein Metzger aus dem Alterthume— ich habe ſeinen Namen vergeſſen— zu tödten; der König wird deſſen müde werden, wenn er es nicht ſchon iſt. Unſere werthe Majeſtät ſeufzt tief, aber nicht lange. Der Augen⸗ blick iſt günſtig, man muß ihn ergreifen, um... — Um? rief Marie Touchet mit erkünſtelter Würde. Entragues rief daſſelbe mit erkünſtelter Ueberraſchung. Henriette mit erkünſtelter Schaam. — Um Königin zu werden, ohne Zweifel! antwortete ironiſch der cyniſche junge Mann. Zumal, da unſer König ſeine Ehe mit der Königin Margarethe auflöſen wird. Dies hängt nur noch an einem Faden. — Bah! ſagte Marie Touchet. Der König wird ſeine unbekannte Schöne in dieſem Augenblicke vergeſſen haben. — Wenn wir nämlich annehmen, daß er je an ſie gedacht hat! fügte Henriette erröthend hinzu. In Deuil ſchlug es acht Uhr. * — 32— Der Abendwind trug jeden Schlag langſam und deut⸗ lich, wie eine dringende Mahnung, an Henrietten's Ohr. Aber ſie erwachte nicht aus ihrem Sinnen. — Acht Uhr! rief die Mutter, um dem Geſpräche eine neue Wendung zu geben. Nun erwachte Henriette; ſie ſchrak zuſammen. Vater und Mutter wechſelten einen Blick, der bedeutete: — Schicken wir das Kind fort, daß wir offener mit dem Grafen von Auvergne reden können. Ein Geräuſch, als ob ein Zweig im Parke zerbräche, und das Wiehern eines Pferdes in der Nähe des Pa⸗ villons unterbrach das eingetretene Schweigen. Henriette's Stirn verdüſterte ſich; ſie verließ ihren Platz.. Die Nacht ſank auf die großen Bäume herab. Die unter dem dichten Blätterdache fitzenden Perſonen ſahen ſich kaum noch.. Der Spanier, der während dieſer ſeltſamen Scene in jedem Worte einen geheimnißvollen Sinn geſucht, und die trivialſte Phraſe des Grafen von Auvergne für eine diplomatiſche Chiffer gehalten hatte, war von den Zu⸗ ſammenſtellungen, die ſein Gehirn durchkreuzten, ſo er⸗ mattet, daß er ſeine Abreiſe ankündigte. Als Grund gab er den Schluß der Thore an, der um neun Uhr erfolgte. Aber der eigentliche Grund war der, daß er dem Herrn von Briſſac folgen wollte, deſſen ſo ſchnelle Ent⸗ fernung ihm, wenn auch ein wenig ſpät, Beſorgniſſe einzuflößen begann. 33— — Ich werde ihn wieder einholen, dachte der Spanier. Er nahm Abſchied. Entragues geleitete ihn ſehr höf⸗ lich. Aber der Schloßherr verſagte ihm die Aufmerkſam⸗ keit, die er gewöhnlich ſeinen liguiſtiſchen Freunden be⸗ wieſen hatte. Dieſe plötzliche Kälte nach ſo vielen Freundlichkeiten ſchien Marie Touchet am unrechten Platze zu ſein. Sie flüſterte es deshalb leiſe ihrem Manne zu. — Es würde eben nicht gaſtfreundlich erſcheinen, antwortete Entragues, wollte ich einem Liguiſten in Ge⸗ genwart eines Royaliſten ſo viel Freundſchaft bezeigen. Der Kapitain iſt Spanier, es iſt wahr; aber der Herr Graf von Auvergne iſt der Sohn des Königs, und Ihr Sohn! Entragues beeilte ſich, mit Caſtil abzubrechen. Caſtil's ſehnlichſter Wunſch war erfüllt. Henriette verſchwand in der Dunkelheit, ohne zu grüßen; ſie hatte ſich vorgenommen, ſo raſch als möglich zurückzukehren. Frau von Entragues blieb mit dem Grafen von Au⸗ vergne allein. Schon bereitete ſie ſich vor, ihn von Neuem zum Reden zu veranlaſſen, als ein Page herbeieilte und anmeldete, daß ein Edelmann in voller Haſt von Medan angekommen ſei und die Frau vom Hauſe zu ſprechen verlange. — Seinen Namen? fragte die Schloßherrin. — Laramée. — Er mag warten. Gabriele. II. 3 — 34— — Legen Sie ſich keinen Zwang an, ſagte der Graf von Auvergne— empfangen Sie ihn. — Er ſagte, fügte der Page hinzu, daß er Nach⸗ richten überbrächte. — Und ſehr wichtige Nachrichten! rief Laramée, der ſich vor Ungeduld kaum zu faſſen vermochte und dem Pagen auf dem Fuße gefolgt war. — So kommen Sie, Herr von Laramée, ſagte Frau von Entragues beſorgt. Kommen Sie, der Herr Graf von Auvergne erlaubt es. 2. Von einer ſchlecht gefügten Mauer und einem ſchlecht verſchloſſenen Fenſter. Laramée haͤtte ſein gutes Ausſehen verloren, als er ſich vorſtellte. Die ſchnelle Reiſe, die Folgen der am Tage gehabten Aufregung, und das Brüten über einen ſchlechten Gedanken hatten ſeinem Geſichte einen düſtern Ausdruck verliehen. Frau von Entragues brannte zwar vor Begierde, mit ihm allein zu ſein, aber ſte wagte es nicht, ihn ſo⸗ fort bei Seite zu führen. Die Intelligenz des jungen Mannes, oder vielmehr ſeine Bosheit, kam ihr zu Hülfe. Da Laramée wußte, daß der Graf von Auvergne, ein Royaliſt, anweſend war, begann er: — Ich bringe Ihnen eine verdrießliche Kriegsnach⸗ richt, Madame. — Wie, eine Kriegsnachricht? fragte Herr von En⸗ tragues, der jetzt zurückkehrte, nachdem er dem Spanier das Geleit gegeben. Sind wir denn im Kriege, Herr von Laramée? Dann wandte er ſich zu dem Grafen von Auvergne . 3* — 36— und erklärte ihm, daß Laramée der Sohn eines benach⸗ barten Gutsbeſitzers ſei. — Wir haben Frieden, oder vielmehr wir ſollten ihn haben, mein Herr, antwortete der junge Mann; aber dies ſteht unglücklicherweiſe nur auf dem Papiere. Aber in Wirklichkeit haben wir Krieg, denn heute haben die Soldaten des Bearners... — Des Königs! ſagte Herr von Entragues, den ein Runzeln der Stirn des Grafen von Auvergne unruhig gemacht hatte.. — Soldaten, fuhr Laramée in zorniger Aufwallung fort, Soldaten haben den Eingang in unſer Haus er⸗ zwungen, Lebensmittel erplündert, und zuletzt Feuer an⸗ gelegt. — Feuer angelegt! rief Frau von Entragues. — In Ihrer Scheure, Madame, in der die ganze Erndte von dieſem Jahre für Ihren Jagdbedarf aufge⸗ ſpeichert lag. Auf ein Zeichen ihres Mannes ſchwieg Frau von Entragues; aber das Schweigen dieſer beiden Perſonen war beredt; ſie erwarteten, daß der Graf von Auvergne ſeine Anſicht ausſprechen ſolle. Dieſer aber verlor nicht einen Augenblick den kalten Spott, der in ſeinem Lächeln lag. — Welche Soldaten haben das gethan? fragte er. — Man nennt ſie die Garden. — Ah, die Garden! Gut; aber die Waffenſtillſtands⸗ Convention enthält einen Artikel... — 37— Laramée beantwortete den Spott durch Spott. — In unſerm Lande, antwortete er, zünden die Soldaten unſere Speicher mit dem Papiere dieſes Ar⸗ tikels an. — Haben Sie ſich nicht bei einem Chef beklagt? fragte der Graf. — O gewiß, mein Herr! — Nun? fragte Herr von Entragues. — Man hat mir den Vorſchlag gemacht, mich hängen zu laſſen. Der Graf von Auvergne brach in ein ſo heftiges Gelächter aus, daß Laramée in eine fürchterliche Wuth gerieth. — Der Herr Graf iſt ein guter Royaliſt! murmelte er, indem er die Zähne zuſammenbiß und die Fäuſte ballte. Marie Touchet ſchien ſich ein wenig darüber zu är⸗ gern, daß der Sohn Karls IX. ſo vergnügt war; aber Herr von Entragues, den der Zorn des Gutsbeſitzers und die Höflichkeit des Hofmanns verwirrt gemacht, lächelte nach der einen, und drohete nach der andern Seite wie eine Doppelmaske. — Ich wette, daß er ſich an Crillon gewendet hat! fügte Herr von Auvergne hinzu, indem er ſich vor Lachen die Seiten hielt. — Gerade an ihn, ſagte Laramée, und es war eine große Dummheit von mir, ich habe es empfunden. Darum werde ich mich künftig nicht mehr beklagen, ich werde mir ſelbſt Gerechtigkeit verſchaffen. — 38— — Man wird Sie viertheilen, mein armer Burſche! rief der Graf, indem er wieder zu lachen begann. Doch, das iſt Ihre Sache! Mit der ihm eigenen Geſchicklichkeit, einem compro⸗ mittirenden Geſpräche auszuweichen, drehete er ſich auf den Abſätzen herum, und ergriff den Arm des Herrn von Entragues, der ſich über ſein verbranntes Stroh durch die Hoffnung auf eine andere Unterhaltung mit ſeinem Stiefſohne tröſtete. Laramée blieb mit der Schloßfrau allein. Frau von Entragues ſaß mit geſenktem Haupte da. Sie fühlte die Beleidigung, ſte fühlte das Zittern Laramée's. Aber ſie wagte es nicht, ihrer Aufregung in Gegenwart des Grafen von Auvergne Worte zu geben. — Beruhigen Sie ſich, ſagte ſie zu dem jungen Manne. Der Verluſt iſt zu erſetzen. 4 — Es iſt wahr, Madame! ſagte Laramée leiſe. Man kann ein Feuer löſchen. Es erliſcht oft von ſelbſt. Aber wie ſoll man ein Geheimniß verlöſchen, das die Ehre einer Familie verſchlingt? — Was wollen Sie ſagen? rief Marie Touchet mit einer neuen Anwandlung von Schrecken. — Der Verluſt der Scheure iſt das kleinſte von den Unglücksfällen, die uns betroffen. Auch iſt er der Grund eines ſo haſtigen Beſuches nicht. Sie erinnern ſich, Madame, daß Ihre Ländereien in Vexin an die unſerigen grenzen, daß mein Vater dem Herrn von En⸗ — 39— tragues kein Fremder iſt, und daß ich, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, mit Ihren Töchtern erzogen ward? — Ohne Zweiffel, ich erinnere mich deſſen. — Für die ältere, für Fräulein Henriette, hegte ich eine lebhafte Freundſchaft... Sie wußten warum... Marie Touchet machte eine Bewegung der Ungeduld. — Sie berechtigten mich dazu, ſagte Laramée, und zwar an dem Tage, wo Sie mir, als einem Ihrer Ver⸗ wandten, anvertrauten, daß Fräulein Marie, ein Kind noch, Gefahr liefe, ſich zu compromittiren, indem ſie leichtſinnig einem Ihrer Pagen einen Ring geſchenkt habe. Gott iſt mein Zeuge, daß ich mich darüber nicht ſo be⸗ unruhigt habe wie Sie; Marie war kaum zwölf Jahre alt, und ich nannte dieſen Fehler einen unbeſonnenen Streich, der keine Folgen haben könne; aber Sie riefen meine ergebene Freundſchaft an... — Ja, ich weiß Alles! antwortete haſtig die Schloß⸗ frau. Sie haben dieſen Ring genommen und zurück⸗ gebracht. Dadurch haben Sie mir einen ſehr großen Dienſt geleiſtet, den ich gebührendermaßen zu würdigen wiſſen werde. — Ich hoffe es, Madame! ſagte Laramee zitternd. Denn ich habe mein ewiges Heil verſcherzt, um Ihre Ehre zu rächen: ich habe einen Menſchen getödtet! Seit jenem Tage ſind mir noch mancherlei Dinge bekannt ge⸗ worden, die ich nicht wußte. — Wie? fragte Marie Touchet unruhig. — 40— — Ja, Madame, ich glaubte, daß man einen todten Menſchen nicht wiederſähe, und daß ein begrabenes Ge⸗ heimniß nie wieder an das Licht käme. Ich habe mich getäuſcht: das bleiche und düſtere Geſicht des hugenotti⸗ ſchen Edelmanns ſchwebt ſtets vor meinen Blicken, leuch⸗ tend bei Nacht, leichenfarbig bei Tage. Das Geheimniß, Madame, beſitzen wir, Sie und ich, nicht allein. Ein junger Mann, der mir in dem Lager der Garden ent⸗ gegentrat, als ich die Beſtrafung der Raͤuber forderte, flüſterte mir unſer ſo theuer erworbenes Familiengeheim⸗ niß in das Ohr. — Er hat es Ihnen geſagt? — Aumale... die. Dornhecke... den ermordeten Edelmann! — Und... der Ring? — Auch den Ring mit ſeinem Wappen. — Mein Gott! Wer iſt denn dieſer junge Mann? — Ich kenne ſeinen Namen nicht, aber ſeine Geſtalt werde ich nie vergeſſen. Ein Etwas ſagt mir, daß ich ihn wiederfinden werde. — Man wird ihn wiederfinden müſſen! ſagte Marie Touchet düſter. — Von wem kann er erfahren haben, was wir Beide allein zu wiſſen glaubten? Forſchen wir in Ihrer Familie nach. Sollte Fräulein Marie die Wahrheit ge⸗ wußt haben? — Sie hat ſie nie gewußt; Marie iſt in einem Kloſter. Da ſie beſtimmt iſt, das Gelübde abzulegen, — — 41— brauchte ſie ſich um Dinge dieſer Welt nicht mehr zu kümmern. Außerdem erinnert ſich ein Kind... — Hat ſie vielleicht ihrer Schweſter Henriette ihren Kummer anvertraut? Mit einer ungewöhnlichen Sicherheit ſagte Frau von Entragues: — Nein, nein! Marie nicht, und wenn es Henriette wäre, ſo müßte ſie einen ſehr ſichern, einen ſehr innigen Vertrauten gefunden haben. Laramée ſchien ſie zu verſtehen, denn in ſeinem Ge⸗ ſichte ſprach ſich eine ſchreckliche Drohung aus. Frau von Entragues fügte raſch hinzu: — Wir haben keine günſtige Zeit zu einer Unter⸗ haltung über dieſen Gegenſtand gewählt. Der Herr Graf von Auvergne bringt dieſen Abend, vielleicht auch die Nacht bei uns zu. Bleiben Sie im Schloſſe, wir werden ſpäter eine Gelegenheit finden, dieſe Unterhaltung wieder aufzunehmen.. Laramée war in ein ſo tiefes Nachdenken verſunken, daß er dieſe Worte kaum hörte. Er bemerkte nicht mehr, daß Marie Touchet daran lag, ihn zu entfernen. Dieſes Nachdenken entging ihr nicht, und da ſie klarer ſah, oder mindeſtens nicht zerſtreut war, hielt ſie es für einen ſtum⸗ men Vorwurf. Wahrſcheinlich hielt ſie es für gefährlich, den jungen Mann unter dem Einfluſſe eines ſo übeln Eindrucks zu entlaſſen, denn ſie berührte leicht ſeinen Arm und ſagte: — Wie geht es Ihrem Herrn Vater? — 12— — Nicht gut. Seine Wunde wird ſchlecht abge⸗ wartet. Wir haben keinen Arzt und die jetzige Hitze wirkt auf Verwundungen ſehr ſchlecht ein. — Ich bitte Sie nicht, das Abendeſſen mit uns ein⸗ zunehmen, ſagte Marie Touchet nach dieſer Höflichkeits⸗ form— der Herr Graf von Auvergne liebt die neuen Geſichter nicht, und dann auch haben Sie ſich ihm ein 3. 8 wenig zu ſehr als Liguiſt gezeigt.— — Iſt es Ihnen lieber, wenn ich nach Medan zurück⸗ kehre? fragte kalt Laramée. — O, das ſage ich nicht! — Legen Sie ſich keinen Zwang an, fuhr bitter der junge Mann fort. Mein Pferd iſt zwar ein wenig müde, aber ich werde hier ein friſches nehmen. Ich möchte nicht, daß mein trauriges Geſicht den Herrn Grafen von Auvergne trübe ſtimmt. Aber bevor ich ſcheide, bitte ich Sie um die Gefälligkeit, Fräulein Henriette zu grüßen, die ich ſeit ſo langer Zeit nicht geſehen habe. Sie muß ſehr ſchön geworden ſein. 1 Obgleich dieſe Worte mit ruhigem Munde geſprochen wurden, ſo hatten ſie doch etwas Unheimliches, ähnlich dem Schweigen, das den Gewittern vorangeht. Frau von Entragues fand nicht, daß die Entfernung eines läſtigen Gaſtes zu theuer erkauft ſei. — O, es iſt ſehr gerecht, daß Sie Henrietten ſehen! ſagte ſie. Sie war vor einem Augenblicke noch hier. Ich glaube, ſie hat ſich in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie kennen den Weg nach dem Pavillon, nicht wahr? — 43— Gehen Sie dorthin und klopfen Sie an die Thuür, Hen⸗ riette wird Ihnen öffnen, oder in den Park herunterkom⸗ men. Ich verlaſſe Sie jetzt, um meinen Sohn wieder aufzuſuchen.: Faſt freudig verbeugte ſich Laramée. Er hatte die Erlaubniß, Henrietten zu beſuchen. Frau von Entragues entfernte ſich; auch ſie war zufriedengeſtellt, denn ſie fürch⸗ tete die Mitſchuld Laramée's mehr, als die eines Andern. Laramée war für ſie nicht mehr ein Vertrauter, er war ein Gläubiger, mit dem ſie in einem Augenblicke der Noth eine Schuld eingegangen, deren Wiederbezahlung eine Unmöglichkeit war. — Wer weiß, dachte ſie auf dem Wege zu ihrem Sohne, ob dieſer Laramée nicht deshalb von ſeinem Phantome und von Wiederauferſtehung unſeres Geheim⸗ niſſes ſpricht, um mich zu erſchrecken und zu zwingen, ihm Henriette's Hand zu bewilligen! Aber iſt die Gefahr jetzt entfernt? Die abweſende Marie kann keine Erklä⸗ rungen geben. Henriette wird ſich nicht ſelbſt verrathen, auch wird ſie ſich von dieſem läſtigen Laramée ſchon los⸗ zumachen wiſſen. So denkend ſetzte ſie ihren Weg fort. — Es iſt erſichtlich, fügte ſie hinzu, daß Laramée mir dieſe Schlinge legt. Jener junge Mann, der ihn in dem Lager der Garden ſo erſchreckt hat, iſt eine erfun⸗ dene Perſon; ich habe Marien angeklagt, um Henrietten, meine ältere, meine Lieblingstochter, zu rechtfertigen— jetzt muß ich mich der Erſteren wieder annehmen. Aber — 4— wenn Urbain vor ſeinem Tode dieſem jungen Manne Alles erzählt hätte, ſo hätte er doch den Namen Mariens nicht ausgeſprochen. Ah, Laramée glaubt mich zu be⸗ trügen, und er iſt der Betrogene. Oder ſollte Henriette unſere Fabel Jemandem anvertraut haben— vielleicht jenem geheimnißvollen, jungen Manne?... Aber wann? Wie? Zu welchem Zwecke? Unter welchem Einfluſſe? Wie alle liſtigen und ränkeſüchtigen Leute, ſo ſtieß auch Frau von Entragues hier an eine unbekannte Klippe. Sie konnte den ſo einfachen Grund nicht wiſſen, der die verſtellten Vertraulichkeiten des jungen Mädchens hervor⸗ gerufen hatte. Dieſes Nichtwiſſen beruhigte ſte völlig; ſte erlangte ihre vorige Sicherheit wieder. Das Erwachen mußte ein ſchmerzliches ſein Kaum war ſie wieder bei Herrn von Entragues und dem Grafen von Auvergne, ſo verflogen alle dieſe düſtern Bilder. Sie fand die beiden Hofleute in voller Beſchäf⸗ tigung, die blühende Kette ihrer Schande zu flechten. Man ſprach nun zu drei von glücklichen und unglücklichen Erfolgen; man zergliederte die Schönheiten und die Mängel; man ſprach von der Vergangenheit, von berühmten Zeit⸗ punkten, von dem Ruhme der Familie; man ging die Verſe des Desportes und Karls IX. durch. Was konnte man nicht Alles von einem neuen Fürſten erwarten? Er war zwar ein wenig geizig, aber ſein Herz würde ſeine Börſe ſchon öffnen. Wenn der König ſeinem Glauben entſagte, ſo hatte er ſeine Glücksfälle. Blieb er Hugenott, ſo würde er ſich — — 45— nicht weniger mit ſeinem Schwerdte doch endlich eine ſehr hohe Stellung in Frankreich erringen Wenn er nicht König wurde, ſo würde er doch ſtets ein Held bleiben, den England und die ungeheure Partei der Reformirten unterſtützte. Sein Haus würde ein Palaſt ſein, wenn nicht ſogar ein Hof. Was war nun zu fürchten, wenn man dem Glücke eines ſolchen Fürſten folgte? Das Schlimmſte war eine gute Heirath und das Königthum von Navarra, nachdem die Königin Margarethe ausge⸗ ſchloſſen. Solche Träume baute man auf den Abdruck, den der niedliche Fuß eines jungen Mädchens in dem Sande zurück⸗ gelaſſen hatte. Die drei Gäſte nahmen fröhlich das Abendeſſen ein. Sie ſprachen von dieſen Abſcheulichkeiten in verblümten Worten, wie Banditen die Diebesſprache reden, um den Dienern kein Aergerniß zu geben, oder vielmehr, um dieſe herrlichen Pläne nicht profanen Ohren anzuvertrauen. Der Gegenſtand dieſer Combinationen war nicht gegen⸗ wärtig. Henriette kam, um ſich bei der Mutter zu ent⸗ ſchuldigen, daß ſie nicht bei Tiſche erſchiene. Sie wäre erſchöpft, ſagte ſie, und zöge es vor, in ihrem Zimmer allein der Ruhe zu pflegen; ſie hätte ſelbſt ihre Kammer⸗ frau verabſchiedet. Da Marie Touchet glaubte, daß ſie ſich mit Laramée unterhielte, ſo hütete ſie ſich wohl, ihre Tochter zurückzuhalten. Der Graf von Auvergne beklagte ſich über die Freiheit nicht, die ihm aus Henriette's Ab⸗ weſenheit erwuchs; er benutzte ſte nach allen Richtungen, — 46— denn nachdem er Küche und Keller tüchtig zugeſprochen, richtete er ſeine Angriffe auf die mütterliche Kaſſe. Dieſer falſche Prinz war ein großer, ein ſehr gefähr⸗ licher Taugenichts. Wie vielmal in ſeinem Leben wäre er ſchon gehängt worden, wenn ſich ſein Vater Touchet, oder ſelbſt Entragues genannt hätte! Nachdem er geſchickt von der Gunſt geſprochen, deren er ſich bei Heinrich IV. erfreute, ſchilderte er die große Armuth, die verhinderte, daß dieſe Gunſt eine ergiebige Quelle für ihn werde. Er beſaß Geiſt und Gewandtheit, um Alles zu ſagen. Zunächſt ergötzte er ſeine Wirthe, und nachdem er ſie weidlich lachen gemacht, wie er ſie für ſich ſelbſt zu intereſ⸗ ſtren gewußt, hielt er ſeine Sache für gewonnen. Frau von Entragues gab wirklich ihrem Manne ein Zeichen. Der gefällige Stiefvater bot auf die artigſte Weiſe von der Welt, wie es ſich einem Prinzen zu bieten geziemt, zweihundert Piſtolen, ein Geſchenk Karls IX. Der Graf nahm ſie an, und begann wieder zu trinken. Nun ſchickte man die Diener und die Pagen fort, um ohne allen Rückhalt reden zu können. Herr von Auvergne brachte nun neue Beweiſe von dem Eindrucke, den Henriette auf den König ausgeübt. Für ihn, den bereits Trunkenen, gab es keine Schwierig⸗ keiten mehr: die erſte Perſon, die das Schloß betreten würde, mußte nach ſeiner Meinung Heinrich IV. ſein, der kam, um ſich Henrietten's Hand von den Eltern zu fordern. Der Graf nannte den König ſchon Schwager, und — 47— Herr von Entragues hätte bald geſagt:„Nehmen Sie ſie, mein lieber Schwiegerſohn!“ In dieſer traulichen Unterhaltung verfloß eine halbe Stunde. Frau von Entragues ſchlürfte mit der größten Sicherheit das Gift dieſes Verſuchers ein. Da erregte plötzlich ein ſonderbares Geraͤuſch an dem Fenſter der großen Thür ihre Aufmerkſamkeit. Sie allein ſaß mit dem Geſichte dieſer Thür zu; En⸗ tragues und der Graf wandten ihr den Rucken. Die Nacht draußen war eben ſo ſchwarz, als der Saal hell erleuchtet war. Ein bleicher Gegenſtand, aus dem zwei Feuerpunkte hervorglühten, heftete ſich an die Fenſter, und Frau von Entragues erkannte das Geſicht Laramée's, das von einem Ausdrucke verzerrt ward, wie ſie es nie geſehen. Neben dieſem erſchrecklichen Geſichte bewegte ſich un⸗ aufhörlich ein Finger; das Zeichen des Rufens war nicht zu verkennen. Wenn man dieſe gebieteriſche Vertraulich⸗ keit und die Unſchicklichkeit dieſes Zeichens, der Schloßfrau gegenüber, bedenkt, ſo wird man den Schrecken Marie Touchet's begreifen, die, trotz ihrer empörten Würde, ſtets dieſen verwünſchten Finger hinter dem Fenſter ſah, der ihr ſagte: Komm! Ohne die Aufmerkſamkeit der beiden Männer zu erre⸗ gen, die in dieſem Augenblicke ihre Herzen und ihre Gläſer vereinigten, erhob ſie ſich. Sie gehorchte Laramée's Winke, und ging in den Garten hinaus. — 48— — Was giebt es noch? fragte ſie wuͤrdevoll. Sind Sie toll, mein Herr! — Vielleicht, Madame, denn ich fühle nicht mehr, daß ich einen Kopf habe. — Was wollen Sie von mir? — Folgen Sie mir, ich bitte Sie! Laramée ſchauderte zuſammen. Seine kalten Hände hatten die der Frau von Entragues ergriffen. — Wohin führen Sie mich? fragte ſie, ernſtlich erſchreckt über dieſe rauhe Stimme, über dieſen fürchter⸗ lichen Blick. — Zu dem Payvillon Fräulein Henriette's. Frau von Entragues zitterte, ohne zu wiſſen warum. — Wen werde ich dort ſehen, mein Herr? — Ich weiß nicht, ob Sie ſehen werden— aber hören werden Sie ſicherlich. — Erklären Sie ſich! — Zunächſt ſagen Sie mir, Madame, ob Sie wuß⸗ ten, daß Fräulein Henriette dieſen Abend einen Beſuch erwartet? — Keinen, den zu empfangen ich die Erlaubniß gegeben! — Dann müſſen Sie mir folgen! Laramée ſtützte den zitternden Arm der Frau von Entragues auf den ſeinigen, und führte ſie ſchneller, als es die Etikette erlaubte, nach dem Orte des Parks, wo ſich unter Feigenbäumen der Pavillon erhob. — Die Thür iſt verſchloſſen, ſagte er leiſe. Als ich — vorhin anklopfen wollte, hörte ich dort oben durch ein ungeſchickt offen gelaſſenes Fenſter Stimmen. — Wie, Stimmen? Henriette iſt allein! Ohne zu antworten, ſtreckte Laramée den Arm gegen das Gebäude aus. Zwar waren die Laute, die aus dem Pavillon drangen, unverſtändlich, aber es ließ ſich unter⸗ ſcheiden, daß ſie von einer Stimme geſprochen wurden, die nicht dem jungen Mäadchen angehörte. Marie Touchet horchte. Bald hörte ſie die Stimme Henriette's, die einer an⸗ dern antwortete. Dann vereinigten ſich zwei Stimmen lebhaft zu einem Duett, das eben nicht die reinſte Harmonie verrieth. — Dorr oben iſt ein Mann flüſterte leiſe die Mutter. Laramée nickte mit dem Kopfe. — Wie kann ein Mann Zutritt zu Henrietten ge⸗ funden haben? Laramée führte Frau von Entragues zu der Mauer, die den Park einſchloß. Durch einen Riß in dieſer Mauer zeigte er ihr auf der andern Seite derſelben ein Pferd, das ruhig graſ'te und ſeines Herrn wartete. — Ich werde meine Tochter rufen! ſagte Marie Touchet.. — Sie wird den Mann durch das Fenſter entlaſſen, ſagte Laramée. Haben Sie einen Schlüſſel zu der un⸗ tern Thür. — Ja! Ich werde ihn holen. Laramée hielt ſie zurück. — Sie werden vielleicht die Riegel vorgeſchoben Gabriele, II. 4 — 50— haben, und das Geräuſch, das Sie bei dem Oeffnen dieſer Thür verurſachen, wird ſie aufmerkſam machen. — Was iſt zu thun? — Hat dieſer Pavillon zwei Ausgänge? — Nein, wenn man das Fenſter, das nach den Fel⸗ dern hinausgeht, nicht einen Ausgang nennen will. — Das iſt ein Ausgang. Da man durch das Fenſter zu Fräͤulein Henriette eintritt, kann man ſte auch durch das Fenſter wieder verlaſſen. — Nun, einen andern kenne ich nicht. — Madame, klopfen Sie an die untere Thür. Wenn Fräulein Henriette Ihre Stimme erkennt, wird ſie nicht umhin können, Ihnen die Thür zu öffnen. — Aber das Fenſter? — Ich übernehme es, das Fenſter zu beobachten, ſagte Laramé. Auf dieſer Seite ſoll Niemand entſchlüpfen, dafür ſtehe ich! Klopfen Sie, Madame! Er verſchwand zwiſchen den Bäumen. — 4 3. Gold und Blei. Das hinter der Mauer graſende Pferd gehörte Herrn Esperance. Der junge Mann war in dem Augenblicke angekommen, als es in Deuil acht Uhr ſchlug. Freudig erkannte er ſogleich den Ort. Liebende ſind ausgezeichnete Topographen. Henriette hatte ihren Pavillon und die Umgebungen deſſelben ſo vollkommen beſchrieben, daß Esperance ohne Mühe die Andeutungen ſeiner Geliebten erkannte. Da er bei der Unterſuchung des Schloſſes die gebahnten Wege vermie⸗ den, war er der Mauer gefolgt, und dieſe hatte ihn na⸗ türlich zu dem Pavillon geführt, der den einen der Win⸗ kel bildete. Unter dem Laubdache der Bäume war es bereits dun⸗ kel. Esperance ſandte einen langen Blick nach allen Seiten, und als er in weiter Ferne nur Landleute ſah, die nach ihren Hütten znrückkehrten, ſprang er vom Pferde. Das arme Thier hatte mit Ungeduld auf dieſen Augen⸗ blick gewartet. Es kam faſt um vor Hunger und Durſt. Ein Bächlein rieſelte an ſeinen beſtaubten Füßen vor⸗ 4* über, und junge Baumſchößlinge mit langem Kraute ge⸗ miſcht boten ſich dem Thiere als Entſchädigung für das lange Faſten dar. Es ſenkte ſeine dampfenden Rüſtern in das friſche Waſſer, und Alles war vergeſſen: die Hitze des Tages, der anſtrengende Lauf, und die ungerechten Sporen. Nachdem ſich Esperance überzeugt, daß der Halfter gut und lang genug war, um ſeinem Pferde eine Stunde freie Weide zu laſſen, beſchäftigte er ſich mit den Vorbe⸗ reitungen zum Einſteigen. Das Werk war nicht ſchwer zu vollbringen, und der Augenblick war gut gewählt. In der nächſten Umgebung war Niemand zu hören und zu ſehen; ſelbſt auf dem Balcon zeigte ſich keine er⸗ wartende Perſon. Und wozu wäre das auch gut gewe⸗ ſen? Vielleicht lauſchte Henriette hinter den Vorhängen. Die Hauptſache war das geöffnete Fenſter, und man ſah deutlich, daß die beiden Fenſterflügel offen ſtanden. Esperance ſetzte den Fuß auf den Sattel des Pferdes, ergriff mit den Händen einen Zweig, ſetzte den andern Fuß auf einen höhern Zweig, und ſchwang ſich empor. Das Ganze war das Werk von vier Secunden. Zwar knackte es in den Zweigen, zwar erhielt er einige Riſſe in den Rock und in die Haut, aber was thut's? Wächſt die Haut nicht wieder zuſammen, trei⸗ ben die Zweige nicht wieder? Die alten Feigenbäume haben Saft genug, und die jungen Leute nicht minder. Esperance ſtand auf dem Balcon und ſah vorſichtig in das Zimmer. Es war leer. — 53— Er ſchlüpfte hinein, damit man ihn von draußen nicht ſehen konnte. Das mit grünem Damaſt tapezirte Zimmer kam ihm groß und düſter vor. Das polternde Geräuſch erſchreckter Vögel in einem großen Käfich er⸗ ſchreckte Esperance im erſten Augenblicke, dann lächelte er darüber. Draußen wieherte ſein Pferd, als ob es ihm einen Abſchiedsgruß nachriefe. Als der junge Mann ſich allein ſah, begann er das Zimmer zu unterſuchen Es hatte nur ein Fenſter, das nach dem Balcon hinausging, daſſelbe alſo, durch das Esperance eingetreten war. Links befand ſich ein klei⸗ nes Kabinet, das durch ein mit Eiſenſtäben vergittertes Fenſter ſein Licht von dem Parke aus erhielt. Es mußte dies Kabinet Henriette's Schlafzimmer ſein, denn es ſtand ein Bett darin. Das Zimmer eines geliebten Maͤdchens iſt wahrlich kein Schauſpiel, das ein zwanzigjähriges Herz kalt und ruhig läßt! Bei dem Anblicke dieſes Gemachs ward Esperance von einer ungewiſſen zärtlichen Rührung er⸗ griffen. Henriette war ihm die angebetete Geliebte ſchon nicht mehr, die Worte Crillons tönten noch vor ſeinen Ohren und raubten ihr den ſchönſten Zauber. Espe, rance klagte ſie nicht mehr der Schwachheit, ſondern der Lüge an. War er begehrlich nach ihr? Das iſt mög⸗ lich. Liebte er ſie noch? Das iſt zweifelhaft. Liebte er ſie weniger? Das iſt ſicher. Esperance war traurig geworden, er ſeufzte. Da ließ ſich plötzlich das Geräuſch eines Riegels vernehmen⸗ den man im Innern bewegte. Haſtige Schritte ertönten auf der Treppe Esperance fühlte, daß ihn ſein ganzer Muth verließ. Der Schritt einer herbeieilenden Geliebten erweckt ſtets ein Echo in unſerm Herzen. Der junge Mann hatte bereits Crillon, die Vorwürfe und die vorbereitete Einleitung zu dem anzuſtellenden Verhöre vergeſſen. Er verbarg ſich aus Vorſicht hinter den Falten des Vorhangs, denn es war ja möglich, daß Henriette nicht allein kam. Als er ſie aber ohne Beglei⸗ tung eintreten ſah, verließ er mit Liebe glühenden Augen und offenen Armen ſein Verſteck. — Sind Sie da? fragte Sie in einem ſo ſeltſam trockenen Tone und ſo zerſtreut, daß der junge Mann un⸗ willkührlich erſtarrte. Wir wiſſen, daß er das Schlechte nicht glauben konnte, und daß ein Hauch ihres Lebens jede Wolke ver⸗ — ſcheuchte. — Was haben Sie, fragte er die Geliebte. Verfolgt man Sie? Fürchten Sie ſich? Sie antwortete nicht. Mehr verwirrt als erſchreckt wandte ſie den Kopf hin und her. Wenn Sie wollen, fügte er hinzu, ſo trete ich den Rückweg über den Balcon an, und beſteige mein Pferd wieder, um Sie ganz zu beruhigen. Nach dieſen Worten ging er zu dem Fenſter. Sie hielt ihn zurück. — Nein, ſagte ſie, ſpäter! Da Sie einmal hier ſind, wollen wir auch ein wenig plaudern. — 55— — Dieſes„Da Sie einmal hier ſind“ erregte die 2 Aufmerkſamkeit Esperance's. Die Phraſe erſchien ihm unlogiſch, wenn nicht unhöflich; aber ſein Vorrath an Gefälligkeit und Redlichkeit war noch nicht erſchöpft. — Ja, meine theure Schöne, antwortete er, plau⸗ dern wir! Und er umſchlang Henrietten mit ſeinen Armen. Um ſich los zumachen, führte ſie eine ſo geſchickte und ſo raſche Bewegung aus, daß er ſie kaum berührte. Dann ſetzte ſie ſich auf einen Stuhl. Esperance legte ſein Schwerdt auf ein Zimmergeräth neben dem Balcon, und ließ ſich neben Henrietten auf die Kniee nieder, indem er ſich auf den Arm ihres Stuhls lehnte. Nun heftete er auf das junge Mädchen einen Blick, in dem ſich ſeine ganze Seele abſpiegelte. Hätte Hen⸗ riette dieſe edle Geſtalt, dieſen träumeriſchen und doch lächelnden Mund betrachtet, ſie würde dem Verlangen nicht widerſtanden haben, ihre Lippen darauf zu drücken. Aber auch ſie träumte, und ſah ihn nicht. — Mir ſcheint, ſagte Esperance ſanft, Sie bezahlen mir meine Reiſe, und die Sehnſucht nach Ihnen, die mich in den drei Tagen unſerer Trennung faſt verzehrte, ſehr ſchlecht. Meinem guten Pferde habe ich friſches Waſſer, Kräuter und Liebkoſungen gegeben. In Erman⸗ gelung des Hafers erklärte es ſich damit zufrieden. Und Sie, Henriette, geben mir Nichts! Henriette ſeufzte. — 36— — Wetten wir, daß ich beſſer bin, als Sie, fuhr Esperance fort, und daß ich Nichts vergeſſen habe, was Ihnen gefallen, oder mindeſtens doch Zerſtreuung gewäh⸗ ren kann. Erinnern Sie ſich noch, als wir vor zehn Tagen in der Normandie am Rande unſerer kleinen Fon⸗ taine ſaßen, als die Waſſertropfen auf die Blätter des Nußbaums rieſelten, und mich dieſe Diamanten bewundern ließen, die, wie Sie ſagten, denen Ihrer Mutter glichen? Da goß ich dieſe glänzenden Tropfen auf Ihr ſchönes, ſchwarzes Haar aus, ſie fielen auf Ihr reizendes Ohr, und ich trank alle dieſe Diamanten. — Nun? fragte Henriette. — Nun, ich habe ſie nur ſcheinbar getrunken. Das Feuer meiner Küſſe hat ſie gehärtet. Ich gebe ſte Ihnen haltbar und feſt zurück, damit ſie an Ihren Ohren bleiben. Er bot ihr die Diamanten, die Crillon ſo bedauert hatte. Sie hatten das Glück, ihr zu gefallen. — Wie gut find Sie!l ſagte ſte. — Ah, Sie geben es zu! rief dieſes brave Herz in einer ſo ungeheuchelten Freude, daß ſie jeder andern Frau unwiderſtehlich geweſen wäre. Erheitern Sie Ihr Geſicht, fügte er hinzu, und laſſen Sie mich eine Hen⸗ riette nicht mehr ſehen, die ich nicht kenne, werden Sie wieder die reizende, angebetete Geliebte! Bei dieſem Worte hätte ſie faſt ihren Platz verlaſſen. Indem ſie das Käſtchen zurückſtieß, das noch offen auf — 57— ihren Knieen ſtand, ſagte ſie in demſelben kalten Tone, den ſie ſchon bei ihrem Eintritte angenommen hatte: — Es iſt nöthig, daß ich mit Ihnen rede! Der überraſchte Esperance nahm die Diamanten auf, und legte ſie auf den Tiſch. — Ich weiß wahrlich nicht, ſagte er würdevoll und ohne Aufregung, aus welchem Grunde Sie mit mir in einem ſolchen Tone reden. Der Aufenthalt in dem väter⸗ lichen Hauſe muß Sie zum Nachdenken veranlaßt haben. — So iſt es, Herr Esperance, ich habe nachgedacht. — Herr? wiederholte der junge Mann, der ſich nach und nach verletzt fühlte. Dann werde ich Sie Fräulein nennen. — Unter Leuten, die beſtimmt ſind, ſich zu trennen, wird es gut ſein. Esperance ſah erſtarrt das junge Mädchen an. — Die Trennung iſt unvermeidlich, fuhr ſte fort, ſte muß ſtattfinden. Meine Traurigkeit wird Ihnen ſagen, wieviel es mich koſtet, Ihnen dies auszuſprechen. — Sollte man unſer Einverſtändniß entdeckt haben? fragte Esperance, deſſen Leichtgläubigkeit unerſchöpflich war. — Beinahe! — Durch Geſchicklichkeit und Klugheit werden wir den Verdacht abwenden. — Dies würde nicht genügen, Herr Esperance. Die ein Mal vermiedene Gefahr wird unfehlbar wieder ein⸗ treten. Es kommt Alles darauf an, daß unſer Geheim⸗ — 58— niß für immer unter uns erliſcht, daß Sie mich genug lieben, um mich zu vergeſſen. — Die beiden Worte„Lieben und Vergeſſen“ laſſen ſich nicht mit einander verbinden, mein Fräulein. Wa⸗ rum fordern Sie, daß ich Sie noch liebe, wenn Sie mich nicht mehr lieben? — Das ſage ich nicht. Man gehorcht immer der Nothwendigkeit. — Welcher Nothwendigkeit? — Es trifft ſich in dem Leben einer Frau, daß man auf Grauſamkeiten ſtößt. — Wollen Sie ſich verheirathen? — Ich will es nicht, aber vielleicht meine Familie. Henriette ſprach dieſe Antwort ſo trocken, ſo ſtolz aus, daß ſich der junge Mann im tiefſten Herzen verletzt fühlte. Es ſchien ihm, daß man ihn mitleidslos an⸗ griffe, und daß es eine Feigheit ſei, auf dieſen Angriff nicht durch einen energiſchen Schlag zu antworten. Die⸗ ſen rächenden Schlag hatte ihm Crillon unterwegs be⸗ zeichnet. Er fuhr mit der zitternden Hand durch ſein ſchönes Haar, und indem er die ſitzende Frau durch ſeinen gan⸗ zen Wuchs, durch die Schönheit ſeines Körpers und ſei⸗ ner Seele beherrſchte, ſagte er mit finſterer Stirn: — Ich weiß nicht, mein Fräulein, ob Sie klug handeln, wenn Sie Ihrer Familie die Sorge überlaſſen, Ihnen einen Mann zu ſuchen. Sie ſah ihn überraſcht an. — — 59— — Ein Mann, fuhr er fort, wird viel verlangen. Er wird Rechenſchaft über Ihr ganzes Leben ſordern, und jede Ihrer Handlungen wird ihm Stoff zu Fragen und Nachforſchungen liefern. — Ich ſetze voraus, antwortete die erbleichende Hen⸗ riette, daß dieſe Fragen und Nachforſchungen nie ein mich entehrendes Reſultat liefern. Sie ſind ein braver Mann, mein Herr— ich glaube es wenigſtens— bei Ihnen wird man umſonſt über mich anfragen. Nur Sie können mein Geheimniß entdecken... muß ich fürchten, daß es je geſchieht? Mißtrauen Sie ſich ſelbſt, ſo ſagen Sie mir, damit ich weiß, woran ich bin. Das redliche Herz des jungen Mannes klopfte heftig dem Augenblicke entgegen, in dem er den großen Schlag ausführen wollte. Aber der giftige Blick ſeiner Feindin erfüllte ihn wieder mit Muth. — Ihr Geheimniß, mein Fraänlein, iſt nicht gefähr⸗ det, ſagte er bewegt. Ich rede nämlich von dem Geheim⸗ niſſe, um das wir Beide wiſſen. Für dieſes Geheimniß verbürge ich mich, aber nur für dieſes allein. Auf die andern kann ich mich nicht einlaſſen. — Was wagen Sie zu ſagen? rief Henriette mit einer Herzbeklemmung, die völlig das wenige Blut aus ihrem Geſichte zog, das dieſe Unterredung noch darin ge⸗ laſſen hatte. Was für andere Geheimniſſe könnte ich haben? — Dieſe Geheimniſſe gehen mich nicht an, mein Fräulein; aber Ihr Gatte wird ſich darum kümmern. — 60— Anſtatt, wie ich, zu glauben, daß Fräulein Marie von Entragues, ein Kind von zwölf Jahren, dem Pagen ihrer Mutter jenen Ring geſchenkt hat, wird er Sie fra⸗ gen, ob nicht Sie den Ring verſchenkt haben, den Ihret⸗ wegen ein Mörder dem Leichnam Urbain's Du Jardin geſtohlen hat. Henriette ward leichenblaß. Sie ſtieß einen dumpfen Schrei aus. Der feſte Blick und die kühne Rede des jungen Mannes machten ſie erbeben. Esperance kreuzte die Arme und wartete auf Antwort⸗ — Wer hat Ihnen dieſen Namen genannt? fragte ſie in einer furchtbaren Angſt. — Gleichviel; ich weiß ihn, und das iſt genug. — Aber weſſen klagen Sie mich an, indem ſie die⸗ ſen Namen mit dem meinigen zuſammenſtellen? — Ich glaube es Ihnen bereits geſagt zu haben, mein Fraͤulein, und davon, daß Sie mich verſtanden ha⸗ ben, liefert Ihre Beſtürzung den Beweis. — Ich fühle, daß man mich verleumdet, beleidigt . dies empört mich, das iſt Alles! Aber wie kommt es, daß Sie mich heute eines Verbrechens beſchuldigen, wegen deſſen Sie mir vor drei Tagen noch keine Vor⸗ würfe gemacht haben? — Weil ich es erſt ſeit zwei Stunden weiß. — Warum aber, fuhr ſie raſch fort, erinnerten Sie mich vor zehn Minuten, zu meinen Füßen, an unſere Liebe? —y— — 3 — 61— — Weil ich vor zehn Minuten noch hoffte— jetzt hoffe ich nicht mehr: — Was? — Sie unſchuldig zu finden. — Nennen Sie mir die Verleumder! — Was würde es Ihnen nützen, ſie zu kennen? Sie haben mich vorhin verabſchiedet— dies iſt ein Zeichen, daß Sie mich nicht mehr lieben. Wenn man Leute nicht mehr liebt, braucht man ſich auch nicht mehr um das zu kümmern, was ſie denken. — Mein Herr, ich halte wenig von der Achtung eines Mannes, der ſo wenig Vertrauen zu mir hegt, daß er mir das zuſchreibt... — Was man Ihrer armen abweſenden Schweſter zu⸗ ſchreibt, die Sie beſchuldigen laſſen, ja, die ſie ſelbſt be⸗ ſchuldigen! — Mein Herr, Sie beleidigen mich! — Der Zorn iſt keine Antwort. — Die Beleidigung iſt kein Beweis, und wenn Sie gekommen ſind, um mich zu beleidigen, ſo hätten Sie beſſer gethan, nicht zu kommen. Esperance war gut, aber er war nicht ſchwach. Dieſer neue Angriff erbitterte ihn. — Ich bin nur gekommen, mein Fräulein, ſagte er, um der von Ihnen erhaltenen Einladung zu folgen. Denn Sie haben mich aufgefordert, und glücklicher Weiſe trage ich den Brief bei mir. Wollen Sie mir vielleicht — 62— ſagen, daß er nicht von Ihnen kommte Eine Perſon, die mich ſo behandelt, kann nicht ſchreiben: „Theurer Esperance, Du weißt, wo Du mich findeſt, Du haſt weder die Stunde noch den Ort vergeſſen, den Deine Henriette, die Dich liebt, feſtgeſetzt hat.“ — Nicht wahr, mein Fräulein, fügte er hinzu, in⸗ dem er den offenen Brief dem zitternden jungen Mäd⸗ chen unter die Augen hielt, nicht wahr, Sie begreifen ſelbſt nicht, wie es Ihnen möglich war, dieſe Zeilen zu ſchreiben? Sie begreifen nicht, wie Sie das, was hier geſchrieben ſteht, haben denken können? Mit Schrecken ſah Henriette den Brief in der Hand des jungen Mannes. Esperance, der durch die Aus⸗ ſchüttung des erſten Zorns ruhiger geworden war, legte das Billet wieder zuſammen, und ſteckte es in die Börſe zurück, die er an ſeinem Gürtel trug. Henriette's Augen verſchlangen dieſes anklagende Pa⸗ pier; mit wüthenden Blicken ſah ſie es verſchwinden. — Ich bin alſo nur gekommen, begann der junge Mann wieder, um meine Rolle als Liebhaber fortzuſpie⸗ len, die Ihre Lüge unterbrochen hat. Unterwegs habe ich Ihren Fehltritt und Ihre Lüge erfahren. Man rieth mir, wiederumzukehren. Ich war ſo ſchwach, daß ich mir vornahm, eine Erklärung von Ihnen zu fordern. Hier bin ich: Sie verweigern mir dieſe Erklärung, Sie weiſen meine verſöhnenden Vorſchläge mit Drohungen zurück— ich nehme den Krieg an. Adieu, mein Fräu⸗ lein, Adieu! — 63— Er ging zu dem Fenſter. Sein Entſchluß ſtand klar in ſeinen Zügen geſchrieben. Als Henriette ſah, daß er ſich entfernen wollte, ward ſie von Verzweiflung ergriffen, denn er nahm ja den verhängnißvollen Brief mit ſich. Sie eilte ihm nach, und ergriff mit allen Zeichen der Reue und Demuth ſeine Hände. — Esperance, rief ſte, bleibe! Du weißt ja, daß ich Dich liebe! — Nein, antwortete er, ich weiß es nicht mehr! — O, ſo begreife doch meinen Schmerz, meinen Wahnſinn! O, ſo begreife doch das Schreckliche meiner Lage! — Warum treibt man mich fort? — Du haſt mich angeklagt! — Warum belügt man mich? — Erinnere Dich, unter welchen Umſtänden! La⸗ ramée trägt die Schuld an Allem. Ich habe das Unglück, daß er mich liebt! Er ſchrieb mir bei meiner Tante einen lächerlich verwirrten Brief, den der Zufall in Deine Hände brachte. Du warſt erſtaunt, Du fragteſt mich. In jenem verhängnißvollen Briefe war von einem Ge⸗ heimniſſe, von Marien, von der Ehre der Familie die Rede. Ich vertraue mich Dir an, ich erkläre Dir, daß Laramée ſich Rechte über mich anmaßt, um ſich für ſeine Ergebung bezahlt zu machen. In ſeinem Briefe ſpricht er nur von dem Fehltritte Marien's, da meine Mutter — 64— aus Zärtlichkeit für mich nur von meiner Schweſter mit ihm geſprochen hat. Willſt Du nun, daß ich mich unnütz anklage und Gefahr laufe Deine Liebe zu verlieren, um meine jüngere Schweſter zu rechtfertigen, die Du nie ge⸗ ſehen haſt, nie ſehen wirſt? Deine Liebe iſt mir mehr werth, als die Ehre! Ach, Du weißt es ja, daß ich wegen Deiner Alles vergeſſen habe! Wohlan denn, ſo verzeihe mir, Du biſt nicht böſe. Habe Mitleiden mit Deiner Geliebten, deren erſte Liebe Du biſt. Ich bin vielleicht leichtſinnig geweſen— aber nenne mir ein junges Mädchen, das es nicht wäre. Eine Unbeſonnen⸗ heit iſt kein Verbrechen. Verzeihung! Vergiß, Esperance! Ach, ich liebe Dich ja, und habe nie aufgehört Dich zu lieben! Sie umſchlang ihn mit ihren ſchönen Armen und küßte glühend ſeine Lippen. — Aber Sie treiben mich doch fort! ſagte er ver⸗ wirrt. — Verzeihe den Zorn einer edeln Seele, die ſich über eine ſchmähliche Beſchuldigung empörte. — Sie trieben mich fort, ehe ich eine Beſchuldigung ausgeſprochen. — O mein Gott, ſo verzeihe noch einmal einem armen jungen Mädchen, das die Eltern umſtricken, ge⸗ fangen halten und vielleicht für immer von dem trennen, den es liebt. Mein Vater iſt unerbittlich, und meine Mutter träumt von Verbindungen, die über mein ſchwa⸗ ches Verdienſt gehen. Ihren Argwohn erwecken, heißt meinen Tod herbeiführen. — Sie werden wegen Ihrer Liebe zu mir nicht verloren ſein, ſagte Esperance. Bei mir haben Sie weder Armuth noch Schande zu fürchten! — Sie kennen Ihre Eltern nicht, ſagte ſanft die Heuchlerin. Aus dieſem Grunde werden die meinigen nie in unſere Verbindung willigen. Ach, jetzt ſind Sie wieder vernünftig geworden, Sie ſind nicht mehr der Wüthende, der ein armes Mädchen mißhandelt, deſſen einziges Verbrechen das Unglück iſt. Ich leſe in Ihren ſchönen Augen, daß Sie vergeſſen haben... ich leſe noch mehr darin... Lieben Sie mich noch immer? — Ach, ich muß ja wohl! ſeufzte dieſes zärtliche Herz. Ein Blitz des Sieges erleuchtete das bleiche Geſicht Henriette's. — Iſt es denn möglich, ſagte ſie, daß der Stolz eine ſchöne Seele bis zur Undankbarkeit, bis zur Undeli⸗ cateſſe verdreht? Sie hüllte dieſes bittere Wort in den Honig eines Kuſſes. — Wie? fragte Esperance. — Ja, Sie machen mir einen Beweis der Liebe, einen Brief zum⸗Vorwurf.. — Ich habe ihn nicht zum Vorwurfe gemacht, ich habe ihn nur angezogen. 4 — Die Röthe ſteigt mir in das Geſicht. Er wirft mir meine Vertraulichkeit vor! Ach, und ich ſagte mir Gabriele. II. 5 —(66— in meinem Schmerze..„Wenn er ſich heute mit dieſem Briefe gegen mich bewaffnet, heute, wo er mich noch liebt, welchen Gebrauch wird er einſt davon machen, wenn er mich nicht mehr liebt?“ Auch dieſer neue Gifttropfen ward durch einen Kuß verſüßt. — Glauben Sie, daß ich Ihnen bis zu dieſem Grade feindlich geſinnt bin? — Sie nicht! Aber man wird auf Sie einwirken. Sie ſind für Alle ſchwach, nur nicht für mich, und ſind wir einmal getrennt... Ach, mein theurer Esperance, wenn Ihre Schwachheit oder ein unglücklicher Zufall dieſen Brief in fremde Hände fallen läßt, ſo bin ich ver⸗ loren, verloren durch den, den ich ſo innig liebe! Das iſt eine gräßliche, aber eine gerechte Strafe! Dieſe letzten Worte ſprach ſie mit großer Rührung. Esperance ſchloß ſie hingeriſſen in ſeine Arme. — Fürchte dieſen Brief nicht mehr, ſagte er; wir Beide wollen ihn verbrennen. Armer Esperance! Die teufliſche Freude, die aus Henriette's Augen ſtrahlt, hältſt Du für das Lächeln eines Engels, und den Judaskuß für eine ſüße Liebesbetheu⸗ rung! Er ſuchte ſeine Börſe, um den Brief hervorzuholen. Henriette ſtreckte die vor Begierde zitternde Hand aus. Plötzlich ließen ſich raſche Schläge an der Thür des Pavillons vernehmen, und eine ungeduldige Stimme rief: — 67— — Henriette! Henriette! — Meine Mutter! flüſterte beſtürzt das junge Mädchen. 3 Esperance lief zu dem Balcon. Henriette hielt ihn zurück, denn ſie dachte daran, daß er den Brief noch hatte. — In mein Zimmer! ſagte ſie. Sie ſtieß den jungen Mann in das Kabinet, ſchloß die Thür deſſelben, und ſtieg die Treppe hinab, um zu öffnen. 5* 4. Die Gewohnheiten des Hauſes. Henriette war noch aufgeregt, als ſie ihrer Mutter die Thür der Treppe öffnete. Die Vorhalle war finſter. Die Stimme Marie Touchet's zitterte. Als ſie die Verwir⸗ rung ihrer Tochter bemerkte, ſchwieg ſie. — Da bin ich, Mutter! ſagte Henriette, die Augen abwendend. — Warum öffneten Sie nicht ſogleich? — Ich wollte ſchlafen gehen... ich ſchlief ſchon, glaube ich; aber jetzt bin ich wieder munter, und kann mit Ihnen zum Abendeſſen gehen, Mutter. In ihrem Eifer hinauszutreten und Marie Touchet aus dem Pavillon zu entfernen, ſtieß Henriette ſie ſanft nach außen. Marie Touchet ſtieß ſie zurück. — Steigen wir zu Ihrem Zimmer hinauf, ſagte ſie, indem ſie an ihrer Tochter vorüberging. — Ich bin verloren! dachte Henriette, die nun be⸗ reute, Esperance nicht entlaſſen zu haben. Nachdem die Mutter ſich raſch umgeſehen, ging ſie zu dem offenen Fenſter, und als ſie Laramée bemerkte, — 69— der unten Wache ſtand, fragte ſie ihn, ob Niemand von dieſer Seite hinausgegangen ſei. — Niemand! antwortete Laramée. Frau von Entragues ging zu ihrer Tochter zurück. — Wo iſt der Mann, den Sie hier verſteckt halten? fragte ſie. — Welchen Mann? fragte Henriette mit einer gräß⸗ lichen Herzensbeklemmung. — Wenn ich es wüßte, würde ich nicht danach fragen. — Aber es iſt Niemand hier, Madame. — Ich habe ſeine Stimme gehört! — FIch ſchwöre Ihnen. In ſieberhafter Haſt durchſuchte nun die Mutter jeden Winkel, jedes Zimmergeräth, ſelbſt die Vorhänge. Von Würde und Majeſtät war nicht mehr die Rede. Da ſie hier nichts gefunden, ging ſie dem Schlaf⸗ zimmer zu, ſtieß Henriette heftig bei Seite, die ihr den Weg verſperren wollte, und trat ein. Henriette hoffte, daß der junge Mann nach Art der gewöhnlichen Liebhaber ſich unter dem Bette oder in einem Schranke geſchickt verſteckt halke; aber Esperance ſtand neben jenem kleinen vergitterten Fenſter. Er hatte Alles gehört, und war auf Alles gefaßt. Bei dem Anblicke dieſer ſchwarzen in Dämmerung gehüllten Geſtalt griff Marie Touchet haſtig nach Feuer⸗ ſtahl und Stein, um eine Kerze anzuzünden und zu leuchten. — 70— Während dieſer Vorbereitungen betrachtete Esperance das vor Wuth bleiche Geſicht der beleidigten Mutter. Ihm war nicht unbekannt, daß ſie in einem ſolchen Falle eine raſche und ſchreckliche Juſtiz übte. Henriette verbarg ſich hinter einem großen Lehnſtuhle. Marie Touchet hob die Kerze ſo hoch, daß ſie das Geſicht des jungen Mannes beleuchtete. Ein Schauer überlief fie, als ſie ſah, daß er ſo ſchön, ſo ruhig, ſo anbetungswürdig war. Daß ſie einen ſolchen Liebhaber bei ihrer Tochter fand, ſtürzte alle ihre Pläne für die Zukunft zuſammen. Es mußte noch ein Flecken verwiſcht werden. Schmach und Blut war das unerbittliche Schickſal ihrer Familie. — Was machen Sie da? fragte ſie mit drohender Stimme. Sie ſchweigen... Antworten Sie wenigſtens, Mademoiſelle! Im Uebermaße ihres Schreckens rief Henriette: — Mutter, ich kenne ja den Herrn nicht! — Ein Verbrecher vielleicht! rief Marie Touchet, erbittert durch die hinreißende Schönheit des jungen Mannes. Das edle und reine Auge Esperance's forderte un⸗ gezwungen die Mutter auf, ihren Blick nach dem Tiſche zu richten, auf dem die Diamanten blitzten. — Was iſt das? rief ſie mit verdoppelter Wuth. Ich kenne dieſe Schmuckſachen nicht! — Auch ich nicht! ſtammelte die vor Scham und Schrecken faſt wahnſinnige Henriette. — 71—— Das Mitleiden dictirte dem jungen Manne die Lüge die zur Rettung der Ehre ſeiner Geliebten nöthig war. — Hören Sie die Wahrheit, Madame, ſagte er endlich mit ſeiner weichen, wohlklingenden Stimme. Ich kam vor ſechs Tagen durch Rouen. Dort ſah ich das Fräulein, und ward von einer heftigen Liebe zu ihr er⸗ griffen, ohne daß ſie mich auch nur bemerkte. Es war ein Feſttag. Das Fräulein betrachtete an dem Laden eines Juden jene Diamanten, die Sie dort ſehen. Da der Schmuck die Aufmerkſamkeit des Fräuleins erregt, kam ich auf den Gedanken, ihn zu kaufen. — Ich finde es ſehr kühn, meiner Tochter Diamanten zu kaufen. — Verzeihung, Madame, Liebe zu beweiſen iſt kein Verbrechen, wohl aber Liebe einzuhauchen. Ich wollte Fräulein weder beleidigen noch compromittiren, ich bin ihr achtungsvoll von Weitem bis hierher gefolgt. — Warum? fragte Marie Touchet mit der Hoheit einer Königin. — Um ihren Namen und ihren Stand zu erfahren, den von ihren Leuten zu erfragen ich mir nicht erlaubt hätte, und um eine günſtige Gelegenheit zu erlangen, ihr dieſe Diamanten anzubieten, die kein Geſchenk ſein ſollen, ſondern ein geheimnißvolles Pfand der Gefühle, die ich ihr einſt an den Tag legen wollte. Ich halte es für erlaubt, einer Frau zu gefallen zu ſuchen, wenn man ſie dabei achtet und nicht compromittirt. Danach habe ich geſtrebt. Seit geſtern habe ich den Gelegenheiten und — 72— Gewohnheiten dieſes Schloſſes nachgeforſcht, und dieſen Abend, als ich glaubte, Fräulein habe den Pavillon ver⸗ laſſen, um mit Ihnen zu Nacht zu eſſen, habe ich es ge⸗ wagt— mit großem Unrechte, Madame— in ihr Zimmer zu dringen, und die Diamanten auf ihren Tiſch zu legen; ich wollte ihren Geiſt, wenn nicht ihr Herz beſchäftigen. Da trat plötzlich das Fräulein, das ich ab⸗ weſend glaubte, ein; als ſie mich ſah, ſtieß ſie einen Schrei aus. Ich wollte ſie beruhigen, wollte ihr meine reinen Abſichten erklären und ihre Bedenken beſiegen, da ertönte Ihre Stimme, Madame, unten an der Treppe. Dies Alles iſt die Wahrheit. Ich bitte Sie, mir zu verzeihen, und vorzüglich, die junge Dame nicht anzu⸗ klagen, die völlig unſchuldig iſt und in dieſem Augenblicke ungerechten Verdacht erleidet. Ich allein verdiene Ihre Vorwuͤrfe und beuge mich demüthig vor Ihrem Zorne. Farbe und Leben waren nach und nach auf Hen⸗ riette's Wangen zurückgekehrt. Sie mußte die Geiſtes⸗ gegenwart bewundern, die ſie rettete. Die Rolle wurde ſo ſchön für ſie, daß Henriette ſie begierig ergriff und die Maske anlegte. — Ja, rief ſie, ja, es iſt die Wahrheit! Marie Touchet ließ ſich nicht täuſchen. Dieſe geſchickte Vertheidigung vermehrte ihren Zorn. — Alſo das Einſteigen durch das Fenſter zu meiner Tochter ſoll ich entſchuldigen? Das iſt ein kühnes Ver⸗ langen! — 273— — Die Thür war verſchloſſen, antwortete Esperance ruhig. Außerdem wollte ich nicht, daß mich Fräulein von Entragues ſähe— ſie hätte mich geſehen, wäre ich durch die Thur eingetreten. Die Mutter drückte krampfhaft ihre Finger zuſammen⸗ — Es bleibt noch zu erklären übrig, ſagte ſie, warum Sie ſich bei meiner Ankunft in dieſem Zimmer verbargen, anſtatt den Weg zurückzugehen, den Sie gekommen ſind. Dieſer neue Schlag beugte Henrietten wieder nieder⸗ — Fräulein von Entragues hatte mich beſchämt verabſchiedet, antwortete Esperance verwirrt; ich aber wollte bleiben— von einer Hoffnung geleitet. Vielleicht, dachte ich, würde ich ſo glücklich ſein, die Mutter Fräu⸗ lein Henriette's zu ſehen— um ſie von meinen ehrfurchts⸗ vollen Gefühlen zu überzeugen; dieſe Dame, dachte ich, wird nach dem Uebermaße meiner Schüchternheit das Uebermaß meiner Liebe und des Wunſches beurtheilen, der mich bei meinen Nachforſchungen leitete. Aus dieſem Grunde, Madame, habe ich mich verſteckt. Fräulein Henriette muß der Anſicht geweſen ſein, ich habe mich entfernt. Zum größten Verdruſſe des Fräuleins iſt mein Plan gelungen, denn ich war ſo glücklich, dieſe aufrich⸗ tigen Erklärungen zu Ihren Füßen niederzulegen. Henriette athmete wieder auf; Marie Touchet ſah ſie mit einem ruhigeren Blicke an. Aber das Unwetter ent⸗ lud ſich in ſeiner ganzen Gewalt über dem Haupte des unglücklichen Esperance.— 3 — 2— — Ihre Nachforſchungen! rief die Mutter, indem ſie ihrem lange zurückgehaltenen Zorne freien Lauf ließ. Ihre Nachforſchungen! Um dem Fräulein von Entragues nachzuforſchen, haben Sie ſich noch nicht genannt. Wer ſind Sie denn? Esperance ſenkte mit gleisneriſcher Beſcheidenheit das Haupt. — Ich bin nicht arm! ſagte er. — Darum handelt es ſich nicht. Sind Sie Fürſt? Sind Sie König? — Nein, Madame! — Ihren Namen! Ihren Namen! rief Marie Tou⸗ chet, die durch die verſtellte Unterwürfigkeit des jungen Mannes immer aufgeregter ward. Es handelt ſich nicht darum, Diamanten zu kaufen, wir ſind keine Juden; aber Sie, find Sie auch nur ein guter Edelmann? Esperance athmete einen Augenblick auf, um deſto größere Wirkung in ſeine Antwort zu legen. Dann ſagte er: — Ich weiß es nicht, Madame Die Wirkung war eine ſchreckliche. Wie eine Rieſin richtete ſich die Mutter empor. Dann ſagte ſie mit einer übermüthigen Geberde: — Sie müſſen ein frecher Geſell ſein, daß Sie ſo dem Galgen die Stirn bieten. Kein Edelmann! Und man unternimmt es, Mädchen von Adel zu verführen! Was ſage ich— man wagt es zu geſtehen, daß man ihnen nachforſcht! Ah, Unglücklicher! Wenn ich nicht — 75— fürchtete, den Zorn ihres Vaters und ihres Bruders auf meine unkluge Tochter zu ziehen, Sie ſollten mir Ihre Unverſchämtheit bezahlen! Esperance war erfreut, der Entwickelung näher gerückt zu ſein, ohne die ſeine Geliebte compromittirt worden wäre. — Aber ich beleidige ja Niemanden! ſagte er. — Schweigen Sie! — Ich ſchweige. — Und gehen Sie, gehen Sie, Elender! — Ich hätte mich längſt entfernt, wenn ich die Ach⸗ tung hätte verletzen wollen, die man den Damen ſchuldet! antwortete Esperance mit einem ſchlecht verhehlten Lächeln. — Und vergeſſen Sie Ihre Diamanten nicht, fügte Marie Touchet hinzu; ſie können Ihnen bei Ihres Glei⸗ chen noch gute Dienſte leiſten! Bei dieſen Worten warf ſie das Käſtchen dem jungen Manne zwiſchen die Beine. Esperance lachte über den Zorn der Frau. Er bückte ſich nicht, um das Käſtchen aufzuheben. Nachdem er die beiden Damen durch eine graziöſe Verneigung gegrüßt, ſchritt er dem Balcon zu. — CEntſchuldigen Sie mich, ſagte er, wenn ich dieſen verbotenen Weg wieder nehme. Unten ſteht mein Pferd, und außerdem auch möchte ich keinen Scandal in Ihrem Hauſe veranlaſſen. — O, auch ich will ihn vermeiden! rief die wüthende Marie Touchet. Und darum fordere ich Sie auf, nicht nach dieſer Seite zu gehen, denn Sie würden unter dem Fenſter Jemanden findtn, deſſen Begegnen ich Ihnen er⸗ — 76— ſparen will. Sie verdienen eine Züchtigung, aber ich verſchiebe ſie auf eine ſpätere Zeit. Und nun merken Sie ſich: ſollte es Ihnen jemals einfallen, auch nur dieſes Fenſter anzuſehen oder von Ihrem Abenteuer zu ſprechen, ſo wird das Fräulein hier den Reſt ihres Lebens in einem Kloſter verbringen. Was Sie anbetrifft, ſo... — Ich weiß, was Sie ſagen wollen, murmelte Es⸗ perance mit einem eben nicht heitern Lächeln. Seien Sie unbeſorgt, Madame, von heute an bin ich ſtumm und blind. Wo hinaus beliebt Ihnen, daß ich gehen ſoll? — Warten Sie, daß ich die Perſon benachrichtige, die dort unten auf Sie lauert. In dem Augenblicke, als Marie Touchet ſich dem Fenſter näherte, um Laramée, den ſie noch auf ſeinem Poſten wähnte, aufmerkſam zu machen; in demſelben Augenblicke, wo Esperance in Henriette's Augen den durch ſeine Geduld und durch ſeinen Geiſt wohl verdien⸗ ten Dank leſen wollte, erſchien Laramée auf der Schwelle des Zimmers. Sein Auge blitzte vor wilder Aufregung. Als er Esperance erblickte, rief er: — O, ich war überzeugt, daß ich ſeine Stimme wiedererkannt hatte! Nach dieſen, in einem gehäſſigen Tone geſprochenen Worten, wandte ſich Frau von Entragues; ſie eilte zu Laramée, um von ihm eine Erklärung zu fordern. Bei dem Anblicke ſeines Feindes begriff Esperance die ihm drohende Gefahr; er ahnte den Kampf. Anſtatt ſeinen Weg nach dem Balcon fortzuſetzen, trat er in die — 272— Mitte des Zimmers zurück. Laramée heftete einen ver⸗ zehrenden Blick auf ihn. Auch er trat der Frau von Entragues einige Schritte entgegen. Henriette war bei dem Erſcheinen des neuen Zeugen bis an die Thür ihres Zim⸗ mers zurückgewichen, als ob ſie ihre Schande dadurch mehr verbergen wollte. — Ah, Sie, mein Herr! ſagte Laramée mit einer ſo ziſchenden Stimme, daß Esperance erzitterte, wie vor dem Geziſche einer Schlange. Unwillkürlich ſtieg in ihm der Gedanke auf, ſich dem Tiſche neben dem Balcon zu nähern, auf dem ſein Schwerdt lag. Aber um nicht beſorgt zu erſcheinen, führte er dieſen Entſchluß nicht aus.„Die Großmuth des Geg⸗ ners,“ ſagt ein arabiſches Sprichwort,„iſt die ſicherſte Waffe gegen einen feigen Feind.“ Laramée begriff dieſes Zögern. Langſam ging er um den Tiſch, als ob er zu Frau von Entragues treten wollte, und indem er an Henrietten vorüberging ſchleu⸗ derte er ihr einen drohenden und Derztweiflungspollen Blick zu. Dann ſagte er zu der Mutter: — Wie mir ſcheint, Madame, hatten Sie vorhin mit dieſem Herrn Streit. Kann ich Ihnen nützlich ſein, ſo verfügen Sie über mich. Frau von Entragues fühlte ſich durch den Schutz einer ſolchen Perſon gedemüthigt. — Nein, antwortete ſie; der Herr hat ſeine Gegen⸗ wart auf eine Weiſe erklärt, die mich zufriedenſtellt. Er wird gehen. Laramée ſprang zu dem Balcon, ſo daß er ſich zwiſchen Esperance und das Schwerdt deſſelben ſtellte. — So wiſſen Sie alſo nicht, ſagte er zu Marie Touchet, wer dieſer Mann iſt, den Sie jetzt entlaſſen? — Nein! — Es iſt derſelbe, der mir gedroht, derſelbe, der das Geheimniß kennt. Ja, Madame, er will uns Alle ver⸗ derben, und zu dieſem Zwecke iſt er hier! Frau von Entragues ſtieß einen Schrei der Ueber⸗ raſchung und des Schreckens aus. — Dieſen Morgen iſt er mir entkommen, fügte La⸗ ramée hinzu; dieſen Abend ſoll er mir nicht ent⸗ kommen! Während dieſes Geſprächs zog Esperance ſeinen Gürtel zuſammen, und betrachtete mit einem verachtenden Lächeln das geſchickte Manöver ſeines Feindes. Marie Touchet war bleich geworden. — Das ändert die Sache, ſagte ſie aufgeregt, und erfordert eine Erklärung. — Und der Herr wird ſich erklären! fügte Laramée hinzu, indem er ſich an denſelben Tiſch lehnte, auf dem das Schwerdt lag. Die feige Henriette faltete die Hände, und ſandte Es⸗ perance einen bittenden Blick zu, nicht daß er geduldig, ſondern daß er verſchwiegen ſein möge. Ohne ſich zu rühren, antwortete der junge Mann: — 79— — Ich begreife nicht... die Ankunft dieſes Herrn hat Alles verwirrt. — Es wird ſich Alles entwirren, ſagte Laramée, indem er mit dem Griffe des Schwerdtes ſpielte. — Madame, ich wende mich an Sie, fuhr Esperance fort; mit dieſem Herrn will ich nichts zu thun haben. Ich glaube, Sie erzeigten mir die Ehre, von mir Er⸗ klärungen zu fordern— worüber habe ich mich zu er⸗ klären? — Ueber die vermeintlichen Geheimniſſe, von denen Sie dieſen Morgen mit Herrn von Laramée geſprochen haben... über dieſe tödtlichen Geheimniſſe! Esperance ſah Henrietten an, die das Geſicht mit bei⸗ den Händen bedeckte.. — Ich ſollte Herrn Laramée in einem gewiſſen ver⸗ ſteckten Buſche, mit dem er mich beehrte, Erklärungen geben, ſagte er. Aber hier iſt nicht der Ort, und die Zeugen ſtehen mir nicht an. — Und dennoch werden Sie reden! ſagte Marie Touchet, indem ſie mit glänzenden Augen und geballten Fäuſten dem jungen Manne näher trat. — O gewiß, Sie werden reben! ſagte auch Laramée, und indem er, die Hand auf das Meſſer in ſeinem Gürtel gelegt, ebenfalls näher trat. — Glauben Sie? fragte Esperance, der über die Schwäche der Einen und über die Wuth des Andern lächelte. Laramée warf einen fürchterlichen Blick auf ihn. — 30— — Ich bin davon überzeugt! rief er. Der Schreck hatte Henrietten faſt des Verſtandes be⸗ raubt; ſie murmelte leiſe Gebete vor ihrem Crucifix. Esperance blieb allein, mit gekreuzten Armen ſtand er ſeinen beiden Gegnern gegenüber. Laramée zog ſein Meſſer aus der Scheide. — Ah, ſagte Esperance langſam, ich vergaß, wo ich bin, und bei wem ich bin. Es iſt die Gewohnheit des Hauſes Entragues, den läſtigen Bewahrer eines Geheim⸗ niſſes zu morden! — Mein Herr, rief Marie Touchet leichenblaß, Sie zwingen uns dazu! — Sie ſehen, daß es geſchehen muß! heulte Laramée, die Zähne fletſchend. — Bah! antwortete Esperance. Ich bin kein kleiner Page, ich bin nicht Urbain du Jardin, und fürchte mich weder vor den böſen Blicken der Frau von Entragues, noch vor dem häßlichen Meſſer dieſes Herrn. Stellen Sie ſich immerhin zwiſchen mich und mein Schwerdt, ich werde es ſchon ſinden, wenn ich ſeiner bedarf; aber ſolchen Feinden gegenüber iſt das Schwerdt unnütz. Platz da! Zurück, Madame! Und Sie, Schurke, hinaus! Henriette ſlüchtete ſich in ihr Zimmer, und ſchloß ſich ein. Frau von Entragues wich bis an die Thür zurück. Laramée, das Meſſer in der Hand, ſenkte den Kopf wie der Stier, der ſeinen Gegner zermalmen will. — Du biſt dieſen Morgen dem Stricke entgangen, rief Esperance, dieſen Abend wird man Dich erwürgen! — 81— Und indem er ſeine beiden Arme ausſtreckte, wie eine Zange, packte er die Fauſt Laramée's, entwand ihr das Meſſer, und warf es auf den Boden. Dann ergriff er den Mann bei der Kehle, und drückte ſie mit ſeinen ner⸗ vigten Fingern zuſammen. Unter dieſem fürchterlichen Drucke wurde Laramée's Geſicht blutroth, ſeine ſtieren Augen vergrößerten ſich, und auf ſeine Lippen trat der Schaum. Er fiel, oder ſtellte ſich, als ob er fiele. Plötzlich ſtieß Esperance einen Schrei aus, ſeine Hände öffneten ſich und ſein Körper bog ſich zuſammen. Der frei gewordene Laramée, auf deſſen Stirn der Schweiß perlte, ſprang zurück, und ließ den ſich windenden Espe⸗ rance in der Mitte des Zimmers. Der junge Mann hatte eine breite Wunde, aus der Blut hervorquoll. Der Mör⸗ der hatte nämlich, indem er ſich bückte, ſein Meſſer wie⸗ der ergriffen und Esperance in die Bruſt geſtoßen. Die entſetzte Marie Touchet wich vor dem fürchter⸗ lichen Blutſtrome zurück, der über den Boden bis zu ihr drang. Esperance wollte die Hand ausſtrecken, um ſein Schwerdt zu ergreifen, aber dieſe Bewegung raubte ihm ſeine letzte Kraft, ſeine Augen verdunkelten ſich, ſeine Knie wankten — er brach zuſammen. — Crillon! Crillon! murmelte er. Die beiden leichenblaſſen Mörder ſahen ſich wie im Delirium an. In dem angrenzenden Zimmer hörte man erſticktes Rufen, während draußen auf dem Feigenbaume die Nachtigall den erſten Strahl des Mondes begrüßte. Gabriele. II. 6 Da ließen ſich plötzlich Schläge an der Thür des Pavillons vernehmen, und zwei lallende Stimmen riefen Henriette und Frau von Entragues. — Mein Mann und der Graf von Auvergne! rief Marie Touchet. — Oeffnet! Oeffnet! Ich will meine kleine Schweſter ſehen! rief der Sohn Karls IX., indem er auf den Stufen des Pavillons ſtolperte. So zeigt mir doch die hübſche, kleine Königin! fügte der Betrunkene hinzu. Herr von Entragues brach in ein ſchallendes Geläch⸗ ter aus. Dieſe Worte weckten Frau von Entragues aus ihrer Betäubung, wie eine Poſaune des jüngſten Gerichts. Sie blies die Lichter aus, von denen eins ſich wieder entzündete, trotz ihres Blaſens. Dann eilte ſie die Treppe hinab, um den Grafen von Auvergne zu verhindern, weiter zu gehen. Laramée, der vor Entſetzen mit den Zähnen klap⸗ perte, ſuchte tappend nach einem Ausgange, als ob er blind geworden ſei. In ſeiner Verwirrung rüttelte er an der Thür Henriette's, dann krallte er heulend ſeine Nägel in das Holz. Dann öffnete er die Thür des Balcons, und ſchwang ſich über die Brüſtung deſſelben in das Freie. In dem Augenblicke, wo er zu Boden fiel, hörte man einen doppelten Schrei der Ueberraſchung und des Zorns. Dann ließ ſich der Lärm einer wüthenden Verfolgung vernehmen, der nach und nach in dem Schweigen der Nacht erloſch.. Esperance war mehr betäubt, als ohnmächtig zu Bo⸗ — 83— den geſunken. Durch den Stoß beim Fallen erhielt er ſeine Beſinnung wieder. Als er ſchwerfällig die Augen öffnete, ſah er ſich in der Mitte des Zimmers liegen. Der blaſſe Grabesſchein der Kerze ſchien einen Todten zu beleuchten. Er legte eine Hand auf ſeine Wunde, mit der an⸗ dern ſtützte er ſich auf den Boden. Da ſchien es ihm, als ob die Thür von Henriette's Zimmer ſich kaum merk⸗ lich öffnete, als ob das junge Mädchen mit bleichem Ge⸗ ſichte und ſtarren Augen ſich zeigte, als ob zuerſt der Kopf, dann eine Hand und zuletzt der ganze Körper ſich langſam dem angrenzenden Zimmer entwand. Es war wirklich Henriette von Entragues. Esperance erkannte ſie. Er horchte, ſie ſah ſich um. Ihr Kleid ſtreifte die Thürangeln und das Schloß. Sie trat einen Schritt in das Zimmer und ſah erſchreckt den armen Esperance an. Der junge Mann wollte reden, aber ihm fehlte die Kraft dazu. Nun verſuchte er zu lächeln, aber der Schat⸗ ten hüllte ſeinen Kopf ein und dieſes erhabene Lächeln ging verloren. — Sie kommt, dachte er, um meine Wunde zu ver⸗ binden, oder meinen letzten Seufzer zu empfangen. Dieſe Barmherzigkeit wird ihr Gott lohnen— ſie wird ihr für einige ihrer Fehltritte Verzeihung erwirken. Henriette ſtand neben dem jungen Manne, ſie neigte ſich und ſtreckte die Hand nach ihm aus; aber nicht um die Wunde zu verbinden, oder den letzten Athemzug von den bleichen Lippen des Geliebten zu küſſen. 6- Sie zog mit ihren zitternden Fingern die lange Börſe hervor, in der Esperance das Briefchen verwahrte, und als ſie unter den Maſchen das Papier fühlte, begann ſie die Schnur zu löſen, welche die Börſe mit dem Gürtel verband. Bei dem Anblicke dieſer Entweihung erhielt Esperance ſo viel Kraft und Leben wieder, daß er eine Bewegung ausführen konnte, als ob er ſich vertheidigen wollte. Zu⸗ gleich entrang ſich ſeinem empörten Herzen ein tiefer Seufzer. Henriette wich beſtürzt zurück. Sie öffnete den Mund, aber ſie konnte nicht rufen. Je mehr ſich der Sterbende emporrichtete, je mehr wich ſie zurück. — O, über die Feige! ſagte Esperance mit einer Grabesſtimme. Die Elende plündert die Leichen! Du brauchſt den Brief des armen Esperance, wie Du den Ring Urbains gebraucht haſt! Mein Gott, ſtrafe ſie dafür! Mein Gott, ich will nicht mehr leben, aber gieb mir die Kraft, daß ich dieſen Ort verlaſſen und weit von hier ſterben kann! — Sambiourx! rief eine Donnerſtimme. Und in demſelben Augenblicke ſprang geräuſchvoll ein Mann von dem Balcon in das Zimmer. — Wer ſpricht vom Sterben? rief dieſer Mann. Herr Esperance? O mein Gott, ich dachte es! Dieſer Schurke hat ihn mir getödtet! — Pontis, rette mich! — 85 — Sambioux, Sambiour! rief der Gardiſt, indem er mit beiden Händen ſich die Haare ausraufte. — Trage mich fort, Pontis! Pontis ergriff Esperance mit ſeinem herkuliſchen Arme, legte ihn auf ſeine breite Schulter, hing ſich mit einer Hand an den Balcon, erfaßte mit der andern einen Zweig, der ſich krachend bis zur Erde hinabbog, und verſchwand mit ſeiner Beute. Henriette ſchloß die Augen, breitete die Arme aus und ſank leblos neben dem Fenſter nieder. 5. Der König. Vielleicht iſt es von Vortheil für den Leſer, wenn er Herrn von Briſſac folgt, als er das Haus der Entragues aus Furcht vor der Begleitung des Spaniers verläßt, das heißt aus Furcht, von ihm beläſtigt zu werden. Der Gouverneur von Paris bereitete ein großes Un⸗ ternehmen vor. Die Folgen eines Fehlſchlagens deſſel⸗ ben waren ihm bekannt. Die geringſte dieſer Folgen war ſein Tod und der Untergang eines Theils von Frankreich. Das Gelingen hingegen brachte ihm das glänzendſte Loos dieſer Erde, und ſicherte zugleich das Wohl des Vaterlandes. Es handelte ſich um die Wahl zwiſchen der Ligue und dem Könige, zwiſchen Frankreich und Spanien. Aber um ſich zu entſcheiden, mußte er die Stärke und die Schwäche beider Situationen kennen lernen. Dieſe Verlegenheit hatte dem Herrn von Briſſac manche ſchlafloſe Nacht bereitet. Aber ein tapferer Mann lebt nicht ewig mit einer Schlange im Herzen: er zieht den Kampf vor, er ſtirbt oder tödtet. — 87— Briſſac hatte den Entſchluß gefaßt, die Schlange zu bekämpfen. Dadurch, daß er täglich an ihren Berathungen theil⸗ nahm, hatte er ſich genügend über die Spanier und über die Ligue unterrichtet, er kannte genau die Treuloſigkeit jener und die Albernheiten dieſer; er wollte nun wiſſen, was er ſich von der andern Parthei zu verſehen hatte, wenn dieſe Frankreich für ihr Eigenthum erklärte. Er wollte durch eigene Anſchauung die Kräfte und die Pläne des ſo ſehr bekämpften Bearners kennen lernen. Sein geſunder Verſtand ſagte ihm, daß ein verächtlicher Feind bis zu dieſem Grade nicht zu fürchten ſei. Er mußte ſich alſo einen Herrn, und in dieſem Herrn einen Freund wählen, der mächtig genug iſt, das Glück deſſen zu machen, der ihm die Krone gegeben hat. Sollte dies nun Mayenne, ſollte es Philipp II., oder ſollte es Heinrich IV. ſein? Der Gouverneur von Paris, ein ſehr ſinnreicher Mann, dachte ſich folgendes: — Die Dankharkeit iſt keine Frucht, die auf dem Baume der Politik natürlich wächſt, man muß nachhel⸗ fen, daß ſie blüht, ſich entfaltet und reift; man muß, wenn ſie reif iſt, verhindern, daß ſie auf den Nachbar fällt, oder daß ſie von dem erſten beſten ſchlauen Diebe, der vorübergeht, geſtohlen werde. Es bieten ſich mehrere Mittel, die Dankbarkeit eines Großen zu erzwingen. Man verpflichtet ihn durch manch⸗ fache und große geleiſtete Dienſte, daß er ſie nie wieder — 88— aus dem Gedächtniſſe verliert, oder man ſtürzt ihn muthig in eine ſolche Gefahr, daß er das Löſegeld, das man bei Ausgleichung der Rechnung fordert, nicht umgehen kann. Briſſac wählte dies letzte Mittel, denn er hatte ge⸗ hört, daß der Bearner undankbar und kurz von Gedächt⸗ niß war. Er beſchloß alſo, dieſem Fürſten eine ſolche Furcht einzujagen, daß er ſie niemals vergeſſen ſolle: die Bezah⸗ lung würde dann um ſo pünktlicher und beſſer werden. Sein Plan war, ſich Heinrichs IV. während der Freiheit, welche der Waffenſtillſtand ihm gab, zu bemäch⸗ tigen. Das Unternehmen bot keine Schwierigkeit. Schon ſeit acht Tagen durchſtreifte Heinrich allein, oder wenig⸗ ſtens doch ſo gut als allein, die Umgegend von Paris. Er war ſo ſehr mit ſeinen neuen Liebſchaften beſchäftigt, daß er alle Maßregeln der Klugheit darüber vergaß. Wenn Briſſac dieſen Plan nicht in Ausführung brachte, ſo unterlag es keinem Zweifel, daß der Herzog von Feria ihn auf Rechnung des Königs von Spanien verwirklichte. Briſſac wollte von zwölf tapfern Män⸗ nern, die um ſo tapferer waren, da ſie nicht wußten, gegen wen man ſie verwendete, den Weg bewachen laſſen, den der König jeden Abend wählte. Da Heinrich ſtets verkleidet war, und ſich ſehr in Acht nahm, daß man unter der Verkleidung den König vermuthete, ſo würde man ihn ſchwerlich erkennen können. Dann ſollte der Gefangene an irgend einen einſamen, ſichern Ort geführt werden, wo ihn Briſſac erwartete. Hier wollte nun der — 89— Gouverneur von Paris entweder nach der Eingebung des Augenblicks oder nach der Wendung des Geſprächs zu ſeinem Vortheile die große Frage berühren, die ganz Frankreich theilte, und Europa in Furcht erhielt. Hein⸗ rich ſollte nun an Mayenne ausgeliefert, oder gegen ein gutes Pfand wieder in Freiheit geſetzt werden. Ddies war der Plan Briſſac's, und wir haben nicht übertrieben, wenn wir ihn ſinnreich nannten. Daß er als ein tiefes Geheimniß bewahrt wurde, war eine Be⸗ dingung, ohne die er nicht gelingen konnte. Gegen ſieben Uhr verließ er alſo das Haus der Frau von Entragues. Der nebelichte Abend ſtellte eine düſtere Nacht in Ausſicht. Der Graf, gefolgt von ſeinem Diener, ſchlug lang⸗ ſam den Weg nach Paris ein; dabei beobachtete er die Umgegend mit dem klugen Auge eines krieggewohnten Mannes. Als er nirgends einen Spion auf dem Wege gewahrte, wandte er ſich plötzlich links, durchſchritt einige kleine Baumgruppen, die ſeinen neuen Weg verdeckten, und ſchlug dergeſtalt die Richtung nach der Ebene ein, daß er Argenteuil und die Seine ſſttets zur Linken behielt. Sein Diener, auf deſſen Treue er ſich verlaſſen zu können glaubte, war ein junger und kräftiger Soldat, der ihm faſt ſeit einem Jahre als Spion diente. Vermöge der Verbindungen, die er in dem königlichen Lager anzu⸗ knüpfen gewußt, hatte er ſeinem Herrn bereits große Dienſte geleiſtet. — 90— — Arnaud, fragte Briſſac dieſen Mann, ſagteſt Du nicht, daß wir oberhalb Argenteuil über den Fluß gehen müßten? — Ja, Herr, und dann verfolgen wir ihn bis nach Chatou. In jener Gegend läßt ſich jeden Tag„die Perſon“ ſehen, die Sie ſuchen. — Warum ſagſt Du, in jener Gegend? Iſt ſein Weg nicht ſo beſtimmt, wie Du es behaupteteſt? — Dies hängt von dem Orte der Abreiſe ab, mein Herr. Reiſ't die Perſon von Mantes ab, ſo kommt ſie durch Marly; aber das Ziel iſt ſtets daſſelbe. — Es iſt alſo immer jenes Haus des Fräuleins von Eſtrées, das bei Bougival am Ufer des Fluſſes liegt? — Ja, mein Herr! — Aber, Unglücklicher, wenn er dieſen Abend durch Marly kommt, werden ihn meine Aufpaſſer verfehlen, weil ich ſie von Argenteuil bis Bezons aufgeſtellt habe. — Dieſen Abend kommt„die Perſon“ von Mont⸗ morency, ſie geht alſo denſelben Weg, auf dem wir uns befinden. Ihre Aufpaſſer werden ihm jedenfalls be⸗ gegnen.— Briſſac dachte einen Augenblick nach. — Ich glaube nicht, daß er ſich vertheidigen wird, ſagte er. Was glaubſt Du? — Nein, mein Herr. Er iſt allein. — Biſt Du davon überzeugt? — Sie wiſſen, mein Herr, daß er geſtern mit dem Grafen von Auvergne und mit Fouquet in Pontoiſe — 91— war. Der Letztere iſt nach Medan zu den Garden ge⸗ gangen, wovon Sie Nachricht erhalten haben. Der Graf von Auvergne iſt bei den Entragues, Sie haben ihn ja ſelbſt dort geſehen. Der Andere muß alſo den ganzen Abend allein ſein. — Iſt er verkleidet? — Wie immer. Seit den zwei Monaten, wo ich ihn auf Ihren Befehl beobachte, iſt er ſechs Mal bei Fräulein Gabriele von Eſtrées geweſen, und ſtets unter irgend einer Verkleidung. Wäre er nicht verkleidet, ſo würde ihn der Vater erkennen, und ihm den Eintritt verſagen Briſſac verſenkte ſich wieder in ſein Nachdenken. Von Epinay gingen die Pferde raſcher, und man be⸗ merkte bald das Dorf Argenteuille. Hier hatte der Fluß eine ſeichte Stelle, und der Soldat veranlaßte ſeinen Herrn, an dieſer Stelle den Fluß zu durchreiten, um die Fähre zu vermeiden. Die beiden Reiter verfolgten das kahle, hohe Ufer, indem ſie aufmerkſam jeden Schatten, jede kleine Schlucht und jedes Geräuſch beobachteten. Briſſac ſprach ſeine Ueberraſchung, oder vielmehr ſeine Bewunderung aus. Nirgends gewahrte man etwas. Die Wahl des Hinterhalts war eine bewunderungswürdige. — Ich würde mich hier ſelbſt ergreifen! ſagte er. Welch eine Stille herſcht in dieſer Einöde! Und dennoch befinden wir uns an demſelben Orte, den ich für den Hinterhalt bezeichnet habe. 2 * . — 92— Man ſah wirklich weder Menſchen noch Pferde; man hörte kein anderes Geräuſch als das Murmeln des Waſ⸗ ſers, das ſich um dieſe Jahreszeit tief unten über Steine und Sandbänke fortwälzt. Der Ort war einſam, faſt wild. Auf der einen Seite befand ſich der Fluß, auf der andern das hohe, hin und wieder mit niederm Gebüſche bewachſene Ufer. — Das iſt ſeltſam, dachte Briſſac. Aber der Schlag muß ausgeführt werden; meine Leute müſſen ſchon zu⸗ rückkommen. Ohne irgend eine Bemerkung zu machen, folgte Ar⸗ naud ſeinem Herrn; ſeine Aufmerkſamkeit war anderswo. Briſſac beſchäftigte ſich nur damit, die Gegend vor ſich ſorgfältig zu beobachten. Plötzlich rief er: — Da iſt Jemand! In der Krümmung eines Fußwegs erſchien wirklich ein Mann in einfachen, dunkeln Kleidern. Das kriegeriſche Anſehen dieſes Mannes ſchien den Ruf Briſſac's zu rechtfertigen. Der Mann ſchritt gerade auf den Gouverneur zu, und dieſer beeilte ſich, ihn zu erreichen. Briſſac brannte vor Ungeduld, Nachrichten zu erfahren. Als ſich beide gegenüber ſtanden, ſagte der Fremde in einem freudigen Tone: — Guten Abend, Herr Graf! Erkennen Sie mich wieder? — 93— — Herr von Crillon! rief Briſſac beſtürzt, denn Crillon hier und zu dieſer Stunde anzutreffen, war ihm nicht in den Sinn gekommen. — Ihr vielgetreuer Diener! antwortete der Ritter. — Welcher ſeltſame Zufall führt mich dem Herrn von Crillon entgegen? — Man muß ja wohl dem Könige gehorchen, Graf! — Alſo der König, der König von Navarra hat Sie geſendet? — Der König von Frankreich und Navarra! fügte Crillon ruhig hinzu. — Wahrlich, ſagte Briſſac, deſſen Beſorgniß eben ſo groß war als ſein Schreck, wahrlich, Herrn von Cril⸗ lon an einem ſolchen Orte zu begegnen, iſt ein Unglück! Zu welchem Zwecke hat Sie der König geſendet? — Um Sie zu verhaften, Herr Graf! antwortete Crillon mit einer ſchrecklichen Ruhe. Briſſac war tapfer, aber er erbleichte. Er wußte, daß Crillon auf ernſten Wegen nicht ſcherzte. — Was ſagen Sie dazu? fuhre der Ritter fort. Haben Sie Luſt, Widerſtand zu leiſten? — Ja, antwortete Briſſac, denn es iſt nicht möglich, daß ſich ein bewaffneter Edelmann von einem einzigen Feinde ergreifen läßt, ohne ſich zu entehren. — Oh, ſagte Crillon, Sie ſind ja ſo wenig bewaff⸗ net, daß es nicht der Mühe werth iſt, davon zu ſprechen. — 94— — Ich habe mein Schwerdt, Herr von Crillon! — Bah! Sie wiſſen, daß Niemand mehr gegen mich das Schwerdt zieht. — Es iſt wahr, aber ich beſitze die Waſſe der Schwachen, die thieriſche Waffe, deren Schlag ſich nicht pariren läßt. Es würde mich in Verzweiflung bringen, müßte ich mit dieſer feigen Waffe den tapfern Crillon tödten. Aber ich werde ihn tödten, wenn er mir den Weg verſperrt. Zu gleicher Zeit zog er ſeine Piſtolen hervor. — Ich ſagte Ihnen bereits, daß Sie ruhig bleiben mögen, antwortete Crillon. Stecken Sie Ihre Piſtolen wieder ein, ſie ſind nicht geladen. — Sie ſind nicht geladen! rief Briſſac in zorniger Aufwallung. Sind Sie deſſen ſo gewiß, daß Sie den Schuß erwarten? Bei dieſen Worten ſetzte er den einen der Läufe auf die Bruſt des Ritters. — Wenn Sie Vergnügen daran finden, ein wenig Lärm zu machen und mir einige Haare im Barte zu ver⸗ ſengen, ſo drücken Sie ab, mein beſter Graf! antwortete Crillon kalt, ohne daß er verſuchte, die Waffe abzuwenden. Ihre Piſtolen enthalten vielleicht ein wenig Pulver, Ku⸗ geln aber ſicherlich nicht mehr. — Unmöglich! rief Briſſac verwirrt. — Darum ſchießen Sie ſchnell, um ſich zu über⸗ zeugen. Wenn Sie überzeugt ſind, werden wir uns — 35— 8 8. beſſer verſtändigen. Schießen Sie, aber verletzen Sie mir mit dem Pfropfen das Auge nicht. 72 Briſſac ſuchte vergebens den Blick Arnaud's; der ver⸗ wirrte Soldat hatte den Kopf abgewendet. Beſtürzt ließ Briſſac die Hand ſinken. Man hatte ihm ein Spiel ge⸗ trieben, während er mit dem Spanier geſpielt hatte. — Ich begreife Alles! murmelte er. Sie haben Arnaud erkauft! — Erkauft? Nein, entgegnete Crillon, denn wir haben kein Geld zum Kaufen; er hat ſich verſchenkt. Aber was ſuchen Sie denn mit Ihrem ſo muntern Auge? Sie denken wohl nicht mehr daran, ſich meinen Händen zu entziehen— nicht wahr? — O gewiß, ich denke noch daran! Sie ſelbſt, Herr Ritter von Crillon, haben ſich mir ausgeliefert, ohne eine Ahnung davon zu haben. Indem ich nur den Herrn fangen wollte, werde ich nun auch den Diener fangen. — Das iſt mir nicht ganz verſtändlich, ſagte Crillon. — Ich habe zwölf Männer an dem Wege poſtirt, den der König kommen muß; ſie werden den König, und Sie mit ihm ergreifen. 8 Crillon brach in ein lautes Lachen aus. Dieſes ſchal⸗ lende Lachen machte das Vertrauen Biſſac's ein wenig ſchwanken. — Aergern Sie ſich nicht, wenn ich lache! rief der Ritter. Aber das Abenteuer iſt zu ſpaßhaft. Denken Sie, daß Ihre zwölf Männer keinen größeren Erfolg ge⸗ *½ — 96— habt haben, als Ihre Piſtolen und Ihr Schwerdt, denn die armen Teufel ſind wie Schnee zerronnen. Guter Gott, zwölf Männer ſind für Crillon nur ein Biſſen! — Sie haben ſie vernichtet? rief Briſſac, dem dieſe That, von einem Helden wie Crillon vollbracht, eben nicht in Erſtaunen ſetzte. — Vernichtet? Nein, aber aufgehoben; dieſe guten Leute gehen jetzt ruhig nach Poiſſy, wo ſie dieſe Nacht ſchlafen werden. Morgen werden ſie zu unſerer Armee ſtoßen, bei der ſie künftig verbleiben ſollen. Nun betrüben Sie ſich nicht, mein beſter Graf, ſondern ſteigen Sie vom Pferde, und begleiten Sie mich nach einem anmuthigen Plätzchen, das dreißig Schritte von hier entfernt liegt. Wir haben Ihnen mancherlei Dinge mitzutheilen. Sie ſind mein Gefangener, aber ich werde Sie mit Achtung behandeln. Arnaud wird auf Ihr Pferd achten, beun⸗ ruhigen Sie ſich deshalb nicht. Doch, Verzeihung... geben Sie mir Ihr Schwerdt, wenn es Ihnen gefällig iſt. Der verwirrte Briſſac gab ſein Schwerdt ab, und ließ ſich von Crillon führen. Er ſah und hörte nicht mehr. Er war betäubt wie ein Fuchs, der in eine Grube gefallen; ein Kind hätte ihn an einem Faden bis an das Ende der Welt führen können. — Dieſe Spieler ſind geſchickter als ich, dachte Briſſac. Ich habe verloren! Nachdem Crillon den Soldaten Arnaud auf der tiefern Seite des Wegs als Vorpoſten ausgeſtellt, führte er — 97— Briſſac nach einer kleinen Lichtung des Waldes, die ſie nach kurzer Zeit ſchon erreichten. Hier ſtanden zwei neben einander angebundene Pferde. Auf dem friſchen Kraute neben den beiden Pferden ſaß ein Mann in einem wollenen Mantel. Seine linke Hand ſtützte er auf ein Schwerdt, deſſen Griff allein in dem Mondenſcheine glänzte. Der Mantel bedeckte alles Uebrige. Dieſer Mann hatte ſich auf eine junge Eſche geſtützt, und ſtützte wiederum den Kopf mit der Hand, die auf dem rechten Knie ruhete, als ob er in ein tiefes Nach⸗ finnen verſunken wäre. Der Schatten der Blätter hüllte ſein Geſicht und ſeine Schultern ein. Ein glänzender Punkt verrieth ſeinen Gürtel: dieſer Punkt war nämlich eine Kette oder eine Schnalle; ein anderer lichter Punkt, der Sporn, verrieth das äußerſte Ende ſeines Beins. Dieſe ganz finſtere Geſtalt, die nur zwei Lichtpunkte hatte, trug den impoſanten Charakter einer geheimnißvollen Größe. 8 Briſſac bemerkte dieſe ſo dafitzende Perſon. Er fragte Crillon, wer ſie ſei. — Der König! antwortetè Crillon ganz einfach. Zugleich entfernte er ſich, und ließ Briſſac mit Hein⸗ rich IV. allein. Ein dreifacher Panzer hätte die Bruſt umſchließen müſſen, die bei dieſem unvermutheten Anblicke nicht eine ungewöhnliche Regung empfunden haben würde. Man Gabriele. II. 7 — 98— mochte ein noch ſo eingefleiſchter Liguiſt, durch und durch ein Gascogner ſein, man würde ſich nicht ohne Herz⸗ klopfen dieſem Feinde genähert haben, den man zu halten glaubte, während er ſeinen Gegner hielt; dieſen Fürſten, den man verleugnete, während er ſich um ſo ſchrecklicher erhob, der größer in ſeiner einſamen Stellung war, als er es auf einem Throne geweſen wäre. Und Briſſac hatte das Schwerdt vor Augen, das bei Aumale, Arques und Ivry geſiegt hatte! Beſtürzt, verzweiflungsvoll blieb er zwei Schritte vor dem Fürſten ſtehen. Der König hatte, entweder aus Zerſtreuung, oder weil er einen Eingang zu der Unterredung ſuchte, weder den Kopf erhoben noch ein Wort geſprochen. Dieſes Schweigen, dieſe Unbeweglichkeit beruhigten Briſſac ein wenig. Das erſte Wort des Königs, deſſen Freiheit, Ver⸗ mögen und vielleicht auch Leben Briſſac auf dieſe Weiſe bedroht, und der nun das Loos ſeines unklugen Gegners in den Händen hatte, konnte erſichtlich kein eben ſchmei⸗ chelhaftes ſein. Der Graf grüßte durch eine tiefe Verneigung. Der König erwachte aus ſeinem Sinnen, er hob den Kopf empor und ſagte: — Setzen Sie ſich, mein Herr! — Er deutete ihm einen Platz neben ſich auf dem weiten Mantel an. — 99— Aus Artigkeit zögerte Briſſac noch einen Augenblick; dann folgte er einer neuen Aufforderung, und ließ ſich ſo weit als möglich von dem Könige nieder. Nun konnte er das Geſicht des Fürſten ſehen, denn der Mond war ſo hoch emporgeſtiegen, daß ſein Licht durch die Wipfel der umſtehenden Bäume fiel. Das Ge⸗ ſtirn der Nacht erfüllte die Waldlichtung mit einem blei⸗ chen Schimmer. 6. Zwei berühmte Sinnesänderungen. Obgleich der König kaum vierzig Jahre zählte, ſo hatte er doch ſchon ſpärliche Haare und einen greiſen Bart. Beſaß er auch nicht jene friſche und verführeriſche Schön⸗ heit, welche die Frauen verblendet und einnimmt, ſo beſaß er in einem um ſo höhern Grade die Schönheit, welche dem Geiſte der Männer imponirt und ihre Herzen überredet. Seinen großen, lebhaften Augen entſtrömten ſichere Blicke, die durch Nichts beläſtigt, aber durch eine ernſte Güte gemildert wurden. Briſſac aber fuͤhlte ſich nicht behaglich, als ihn dieſer Blick wie eine grelle Flamme traf, die das Innerſte ſeines Herzens zu beleuch⸗ ten beſtimmt war. — Herr von Briſſac, begann der König, ich weiß, daß Sie ein eifriges Verlangen tragen, mich zu ſehen. Es war heute Abend ſicherlich Ihre Abſicht, dieſes Ver⸗ langen zu befriedigen, und ich weiß, welche Anſtrengun⸗ gen Sie zu dieſem Zwecke gemacht haben. Auch ich habe Sie ſehen wollen. So hat denn Jeder von uns den gemeinſchaftlichen Zweck erreicht. n — 101— Es wäre unmöglich geweſen, das artiger und milder auszudrücken, was Briſſac in einer heftigen Faſſung zu hören gefürchtet hatte. Er verneigte ſich vor dieſer de⸗ likaten Courtoiſie des Siegers. — Antworten Sie mir noch nicht, fuhr Heinrich fort. Antworten Sie ſpäter, wenn Sie die ganze An⸗ gelegenheit kennen. „Sie wollten ſich heute meiner Perſon bemächtigen, mein Herr: der Plan war ſchön, nicht allein durch die Schwierigkeit des Unternehmens ſelbſt, ſondern er bot auch auf den erſten Anblick verſchiedene Vortheile, die Sie dazu verleiten konnten, zumal da Sie Ihrer Parthei ſo leidenſchaftlich anhangen. Dies iſt natürlich, und ich tadele Sie deshalb nicht. Briſſac fühlte, daß er erröthete; er ſuchte den Schat⸗ ten, um ſein Geſicht zu verbergen. Der König fuhr fort: — Ich berufe mich nicht auf die Treue Ihrer Unter⸗ ſchrift, die ſich unter der Wafefenſtillſtands⸗Acte neben der Meinigen befindet. Dem Gouverneur von Paris liegt es vor allen Dingen ob, und ſeine Treue beſteht vorzüglich darin, die ihm anvertrauten Intereſſen zu wahren. Und wahrlich, indem Sie mich der Ligue überliefern, ſchützen Sie Ihre Stadt, die ich ſtets mit einer Belagerung be⸗ drohe, für immer vor mir. Wahrlich, ein Liguiſt kann Ihnen Ihre Abſicht nicht zum Vorwurfe machen. Und auch ich, der ich nicht Liguiſt bin, werde ſie Ihnen ferner nicht vorwerfen. Ich begreife die ganze Tragweite der⸗ — 102— ſelben, und finde ſie bis zu einem gewiſſen Punkte großmüthig. Wozu wäre es gut, fragen Sie ſich, den Pariſern noch einmal Elend, Hunger und Tod zuzuziehen? Alle jene Kanonen, die tödten und in Brand ſchießen, die Würgereien auf dem Schlachtfelde, die jammernden Weiber und Kinder zerreißen mein Herz; ich werde das Elend unterdrücken, indem ich deſſen Urſache unterdrücke; ich werde den Krieg mit einem Streiche endigen; ich mache Paris wieder glücklich und Frankreich gebe ich ſeine Blüthe zurück; ich werde mein Vaterland retten, indem ich den König beſeitige. Das, mein Herr, haben Sie ſich geſagt. Briſſac wollte antworten; der König unterbrach ihn durch eine freundliche Bewegung. — Der Grund dieſes heftigen Krieges gegen mich iſt erſichtlich Ihre Freundſchaft für Herrn von Mayenne, ſagte er. Sie glauben ihm zu dienen? Ich glaube es nicht. Hören Sie meine Gründe dafür. Der König holte ein zuſammengelegtes Papier aus ſeinem Rocke, das er in den Fingern zerknitterte. — Der Spanier täuſcht Sie, und treibt ſein Spiel mit Ihnen; die Zuſammenberufung der Generalſtaaten, die einen König von Frankreich ernennen ſollen, iſt eine unverſchämte Myſtification. Herr von Mayenne glaubt, man wird ihn auf den Thron ſetzen. Irrthum! Der König von Spanien ſetzt ſeine Tochter, die Infantin Clara Eugenia, auf den Thron von Frankreich, und murrt —e — 103— das Parlament und die Verſammlung zu arg, weil ſie noch nicht ganz ſpaniſch gemacht ſind, ſo verheirathet man die Infantin mit dem jungen Herzog von Guiſe, dem Neffen des Herrn von Mayenne. Der Gemahl der Königin wird ſterben, und— in der Geſchichte der ſpa⸗ niſchen Ehen iſt es ja eine ganz gewöhnliche Thatſache — die Infantin von Spanien regiert allein. Sie werden mir das ſaliſche Geſetz entgegenſtellen. Irrthum! Phi⸗ lipp II. wird dieſes Grundgeſetz unſeres Vaterlandes auf⸗ heben, wonach aus dem Scepter nicht ein Spinnrocken gemacht werden ſoll. Und nun wird der Sohn Karls V. König von Frankreich und Spanien, ohne Krieg und ohne Koſten. Er wird die Welt haben! Man könnte ſagen, daß Sie zittern, Herr von Briſſac; dies kommt vielleicht daher, weil der Geiſt der Ligue den franzöſiſchen Charakter noch nicht ganz in Ihnen getödtet hat. Vielleicht auch, weil Sie in meine Worte Zweifel ſetzen. Nun, ſo nehmen Sie dieſe Depeſche, welche mir einer meiner Getreuen aus Spanien heute geſendet hat, wo ich ebenfalls Auge und Hand habe; leſen Sie, Sie werden den ganzen Plan darin verzeichnet finden, den ich Ihnen ſo eben mitgetheilt habe: die Ernennung der In⸗ fantin, ihre Heirath, die Aufhebung des ſaliſchen Ge⸗ ſetzes. Leſen Sie dieſe Depeſche, und zeigen Sie ſie dem Herzoge von Mayenne, weil Sie ſein Freund ſind. Es wird Ihnen Beiden eine heilſame Benachrichtigung ſein, und Sie werden künftig wiſſen, für wen Sie mit ſo großem Eifer arbeiten. — 104— Der König überreichte Briſſac die Depeſche; dieſer empfing ſie mit zitternder Hand. — Das wäre entſetzlich! murmelte er beſtürzt. Das wäre eine infame Treuloſigkeit! O über das unglückliche Land! Es wäre Alles nicht ſo weit gekommen, wenn wir dem Spanier einen katholiſchen Fürſten entgegenzu⸗ ſtellen hätten. Die Ketzerei hat die Ligue hervorgerufen... — Vorwand, mein Herr! entgegnete Heinrich IV. Mein Vorgänger, Heinrich III. war, wie ich glaube, ein guter Katholik: dies hat weder die groben Beleidigungen der Prediger ſeiner Religion verhindert, noch das katho⸗ liſche Meſſer des Jacques Clement abgehalten. Ich bin nicht Katholik, und deshalb ſtößt man mich zurück. Des⸗ halb iſt Paris mir verſchloſſen, Paris, das Thor von Frankreich! Deshalb, weil ich ein Ketzer bin, haben die Liguiſten den Spanier gerufen, deshalb haben ſie ihm ihr Vaterland ausgeliefert und ihre Kinder die ſpaniſche Sprache gelehrt, die vielleicht einſt die franzöſiſche Sprache vergeſſen haben werden. Weil ich nicht Katholik bin! Ventre⸗Saint⸗Gris! Vorwand! Wenn die Liguiſten dieſen Vorwand nicht hätten, würden ſie einen andern erfinden. Ich werde ihnen dieſen Vorwand nehmen. Man ſoll nicht ſagen, daß ich auch nur einen einzigen Fehler begangen, daß ich auch nur ein einziges Loch gelaſſen hätte, durch das ſich die fremde Uſurpation in Frankreich eingeſchlichen. Briſſac ſah den König verwundert an. — 105— — Ja, fuhr Heinrich fort, mein Volk, mein wahres franzöſiſches Volk, wünſcht wirklich einen König ſeiner Religion. Ich habe mich in der katholiſchen Religion unterrichten laſſen; ich habe in den wenigen Mußeſtunden, die mir der Krieg gelaſſen, die beſten katholiſchen Theo⸗ logen zu mir gerufen. Sie haben mich zwar nicht ge⸗ lehrt, daß Gott in einem einzigen Cultus und auf einem einzigen Altare zu finden ſei, aber daß man ihn edler und glänzender auf dem römiſch⸗katholiſchen Altare an⸗ betet. Ich habe die erhabenen Schönheiten dieſer Re⸗ ligion kennen gelernt, ich bin tief in die heilige Größe ihrer Myſterien eingedrungen. Gott, der meinen Eifer und meine Liebe ſah, hat meine Bemühungen geſegnet, er hat mir ſein erhabenes Licht geſendet, er hat mir die Kraft verliehen, ihm, der ſeinen göttlichen Sohn dem Wohle der Menſchheit opferte, eine leere Beharrlichkeit, einen tollen Irrthum dem Wohle meines Volks zu opfern, und ich bin heute ein ernſtlich Bekehrter, ein eifriger Verehrer des katholiſchen Cultus, ein beſtegter Sohn der römiſchen Kirche, der Gott zum Zeugen nimmt, Herr von Briſſac, und ihn laut bekennt, indem er die Hand auf ein redliches Herz legt. In acht Tagen wird mich mein Volk zu Saint⸗Denis, unter den Gewölben der Baſilika, wo die alten Könige von Frank⸗ reich ſchlafen, ruhig und mit gebeugter Stirn zum Altare gehen ſehen, umgeben von meinem Adel. Ich werde ohne Scham einen Irrthum abſchwören, den mir Gott verzeiht. Ich werde der katholiſchen Kirche Treue ſchwören, ohne — 106— den Schutz zu vergeſſen, den ich meinen alten Glaubens⸗ genoſſen ſchulde. Das will ich thun, mein Herr, und wir werden ſehen, was die Ligue dazu ſagt. Wir werden ſehen, ob ſie aufhört, ihre Kanonen zu laden und ihre Dolche zu ſpitzen. Indeß, Graf, Kanonen und Gewehre, Schwerdter und Dolche werden ſich auf die Bruſt eines katholiſchen Fürſten richten, der katholiſch wie der Herr von Mayenne, katholiſch wie der König von Spanien iſt! — Eine Bekehrung! murmelte Briſſac, den der Ge⸗ danke an dieſes ungeheure politiſche Ereigniß faſt um den Verſtand brachte. — Beruhigen Sie ſich, antwortete der König mit einem traurigen Lächeln; der Krieg wird darum immer noch ſehr lange dauern. Paris iſt, Dank Ihrer Für⸗ ſorge, ſehr feſt und wird ſich grauſam vertheidigen. Eine poetiſche Melancholie umſchleierte die Stirn Heinrichs IV. — Wie oft habe ich mich ſeit fünf Jahren gefragt, ſagte er, ob es nicht Zeit ſei, das Schwerdt in die Scheide zu ſtecken, ob es eines Mannes von Herz nicht unwürdig ſei, auf dieſe Weiſe um den Beſitz eines Throns zu ſtrei⸗ ten, von dem ihn ein ganzes Volk ausſchließt. Ich' habe mich gefragt, wo ſind denn die Vortheile, die alle dieſe Widerwärtigkeiten, dieſe Anſtrengungen und dieſe ewige Arbeit des Körpers und der Seele, die mir das Leben verbittern und mich vor der Zeit altern machen, aufwiegen? — 107— Da habe ich mir wie der Prophet zugerufen:„Genug der Arbeit für meine Hände, genug für meinen Kopf, genug für einen Leichnam, der athmet und ſich König nennt!“ Und dennoch habe ich wieder zum Schwerdte gegriffen, dennoch habe ich die Nächte wieder mit Arbeiten ver⸗ bracht, dennoch habe ich meine Räthe ermüdet. Alles, was ein Menſch an einer gemeinſchaftlichen Laſt heben kann, habe ich gethan, ohne zu murren, ohne mich zu beklagen, und wenn Sie wüßten warum, würden Sie vielleicht ſagen, daß ich recht gethan habe. Es handelt ſich jetzt nicht mehr darum, meine Krone einem franzöſiſchen Fürſten ſtreitig zu machen, ſondern ſie einem Fremden zu entreißen, der ſo laut redet, daß man ihn von Spanien bis nach Frankreich hört. Ich bin ein Kind dieſes Landes, mein Herr, und will die Sprache nicht verlernen, die mich meine Mutter gelehrt hat. Und deshalb werde ich bis in den Tod kämpfen. Die Leute, die mich Feind nennen, ſind Liguiſten oder Spanier; ich bin ihr Feind in der That, denn ſie verſchwören ſich zum Ruine meines Vaterlandes. Ich werde ihnen ein ſo ſchrecklicher Feind ſein, daß ich Städte, Burgen, Weiler, „Eiſen und Holz, Menſchen und Thiere zeyſtöre und ver⸗ nichte, ehe ich einen Fremden den Saft und das Blut Frankreichs einſaugen laſſe.. Dieſe Worte hatte Heinrich mit einer großmüthigen Heftigkeit geſprochen; er richtete ſich empor, ſein Auge blitzte, das Feuer ſeiner großen Seele verklärte ſein Ge⸗ — 108— ſicht, und majeſtätiſch zog er ſein ruhmreiches Schwerdt aus dem Schatten, daß es in den Strahlen des Mondes blitzte. Briſſac verdeckte ſein Geſicht mit den Händen; ſeine Bruſt athmete ſo ſchwer, als ob ſie von Seufzern gehoben würde. Der König war wieder ruhig geworden. — Jetzt, Herr Graf, ſagte er, wiſſen Sie Alles, was ich denke. Mein Herz iſt erleichtert. Ich freue mich, daß ich es Ihnen eröffnet habe. Seit langer Zeit haben Sie in Paris ſpaniſch ſprechen gehört; heute haben Sie einige Worte in gutem, reinen Franzöſiſch vernommen. Stehen Sie auf und gehen Sie— Sie ſind frei! Crillon wird Ihnen Ihr Schwerdt zurückgeben. Briſſac erhob ſich langſam; über ſein Geſicht rannen Thränen. — Sire, ſagte er, indem er ſein Haupt beugte, an welchem Tage wollen Ew. Majeſtät in Paris einziehen? Deer König ſtieß einen Freudenſchrei aus; er öffnete Briſſac die Arme. — O, ich bin Franzoſe, glauben Sie es nur, Sire, ich bin ein guter Franzoſe! rief der Graf, indem er ſich zu den Füßen ſeines Königs niederſtürzte. Dieſer erhob ihn und drückte ihn feſt an ſeine Bruſt. In demſelben Augenlicke ertönten zwei Piſtolenſchüſſe auf dem Wege, wo Crillon ſich aufgeſtellt hatte, um über die Sicherheit des Königs während ſeiner Unterredung mit Briſſac zu wachen. — 109— Heinrich bückte ſich, um ſein Schwerdt zu ergreifen. Briſſac eilte voran, um Crillon zu unterſtützen, im Falle es nöthig wäre. Er fand den Ritter lachend, wie immer nach einer Heldenthat. — Was giebt es? fragte Briſſac, dem der König auf dem Fuße folgte. — Einen Spanier, den ich ein wenig außer Faſſung Hebrächt habe, Graf! — Den Spanier, den der Herr Graf ſehr gut kennt, ſagte Arnaud; er iſt ein Spion des Herzogs von Feria, der trotz unſerer Umwege uns gefolgt iſt. Er ſuchte hier mit großer Unruhe, und wollte um jeden Preis den Herrn von Briſſac finden. — Ich habe ihn angehalten, ſagte Crillon, damit er den König nicht entdeckte und ſtorte. Die beiden Piſtolen⸗ ſchüſſe dieſes dummen Teufels haben mich verfehlt. Jetzt begann Briſſac zu lachen. — Arnaud, ſagte er zu Crillon, hat mit dieſen Piſto⸗ len gethan, was Sie ihn mit den meinigen haben vor⸗ nehmen laſſen. 3 Wie ſich denken läßt, wurden dieſe Worte mit einer allgemeinen Heiterkeit aufgenommen. — Recht gut, ſagte Crillon; aber er hat etwas mit ſich genommen, was Sie nicht gehabt haben, Graf. — Was? — Ich hielt ſeine Piſtolen für gefährlich, und darum habe ich ihm durch einen raſchen Hieb geantwortet, der — 110— ihm den Rock und das darunter befindliche Fell geritzt haben muß. Auch das Pferd hat ohne Zweifel ſeinen Theil davon abbekommen. Mann und Pferd ſind zwar nicht todt, aber derb geſchunden. Hören Sie, wie ſte laufen? Welch ein hitziger Galopp! — Hat er Arnaud erkannt? fragte Heinrich IV. — Ich weiß es nicht, Sire! — Da ſind Sie ſchön compromittirt, Briſſac! ſagte heiter der König. Dieſer Spanier wird Sie denunciren. Wie wollen Sie ſich herauswickeln? — Indem ich den Tag Ihres Einzugs beſchleunige, Sire! ſagte der Graf leiſe zu dem Könige. — Wir wollen daran denken, Graf. Aber beginnen Sie mit der Ergreifung Ihrer Vorſichtsmaßregeln, daß die Spanier Sie nicht ermorden laſſen. Denn wenn ſie argwöhnen... — Ew. Majeſtät ſind ſehr gnädig, an mich zu den⸗ ken. Aber ich würde Sie bitten, über ſich ſelbſt zu wachen. Iſt die Abſchwörung einmal geſchehen, ſo wird die Ligue in den letzten Zügen liegen, und dann iſt Vor⸗ ſicht gegen die Mörder nöthig. — Ich werde mein Möglichſtes thun, Briſſac, um ganz in meine theure Stadt Paris zu gelangen. — Und ich werde Ihr Zimmer im Louvre vorbe⸗ reiten, Sire! — uUnd ich werde Ihren Marſchallſtab vergolden laſſen. Der vor Freude beſtürzte Briſſac wollte reden. — 111— Der König ſchloß ihm ſanft mit ſeiner Hand den Mund und ſagte ihm leiſe in das Ohr: — Verzeihen Sie Arnaud, er iſt ein braver Mann, ich weiß das beſſer, als irgend Jemand. Behalten Sie ihn um ſich, er wird uns dienen, ſo oft Sie mit mir direct correſpondiren wollen, was von heute an oft ge⸗ ſchehen wird. Wir müſſen uns trennen; ſeien Sie klug. Hegen Sie keine Beſorgniſſe wegen Ihres Freundes Mayenne. Ich haſſe ihn nicht. Ich haſſe nicht einmal Frau von Montpenſier, meine tödtliche Feindin. Ich haſſe Niemanden, als den Spanier. Mayenne wird ein gutes Quartier bekommen und Alles, was er verlangt. Seien Sie behutſam und lieben Sie mich! — Wie Sie es verdienen— mit meiner ganzen Seele! — Nehmen Sie den Weg über Colombes, Sie kön⸗ nen von dort, ohne bemerkt zu werden, eine halbe Stunde früher nach Paris kommen, als der Spanier, wenn Cril⸗ lon's Hieb ihm nämlich erlaubt, Paris zu erreichen. Crillon trifft gut! — Leben Sie wohl, Sire! — Leben Sie wohl, Marſchall! Briſſac drückte Crillon beide Hände; dieſer gab ihm einen herzlichen Druck zurück. Arnaud blieb unentſchloſſen hinter dem Könige ſtehen. Heinrich deutete durch ein freundſchaftliches Zeichen auf Briſſac. Augenblicklich hielt der junge Mann dem Gra⸗ fen den Steigbügel, und folgte ihm ſtill und ruhig, als — 112— ob dieſes große Ereigniß, das die Geſtalt Europa's ändern ſollte, gar nicht ſtattgefunden hätte. Als Heinrich und Crillon allein waren, ſahen ſie ſich an. — Mir ſcheint, ſagte der Ritter, daß Ihre Unterre⸗ dung mit Briſſac Sie zufrieden geſtellt hat. — Haſt Du geſehen, Crillon, wie wir geſchieden ſind? — Mit Handküſſen. Aber, Sire, Büfffac iſt Gas⸗ cogner. 4 — Auch ich, mein beſter Crillon. — Verzeihung, Sire, ich wollte ſagen, er iſt ein halber Spanier. — Er iſt es nicht mehr. Alles iſt beendet, feſtge⸗ ſtellt. Paris gehört mir, ohne Belagerung, ohne Sturm, ohne Artillerie. Stecke Dein Schwerdt in die Scheide, wackerer Crillon, wir bedürfen aller jener ſchönen Schlach⸗ ten nicht mehr, in denen Du ſo glänzteſt. — Paris gehört unſer! O, Sire, haben Sie auch Gott gedankt, daß er Ihnen um einen ſo guten Preis Ihre Krone zurückgiebt? 8 — Zwanzig Mal in fünf Minuten, oder, beſſer ge⸗ ſagt, ich habe ſeit der Abreiſe Briſſac's ſtets daſſelbe Gebet wiederholt. Crillon, wir werden nun kein franzö⸗ fiſches Blut mehr vergießen— ich bin glücklich, ſehr glück⸗ lich, ich bin der glücklichſte der Menſchen! — Sire, antwortete Crillon freudig erregt, man muß das nie ſagen. Man weiß nicht, was in dem Herzen Anderer vorgeht. — — 113— — Sprichſt Du von Dir? fragte Heinrich. Dann um ſo beſſer! O könnteſt Du noch glücklicher ſein, als ich! Uebrigens glaube ich es faſt, denn Deine Augen glänzen und Dein Geſicht ſtrahlt Freude! — Es iſt wahr, meine Freude iſt ſehr groß, und ich glaube, daß ich in allen Beziehungen mehr begünſtigt bin, als Sie, Sire; denn bei Ihnen iſt in dieſem Augen⸗ blicke der Kopf befriedigt, der Ehrgeiz hat ein gutes Mahl gehalten— aber bei mir zittert das Herz, und ſpielt, wie man zu ſagen pflegt, den Grundbaß. — Liebſt Du mich ſo? — Ich liebe auch noch etwas anderes, Sire. — Sollteſt Du verliebt ſein? — Ja, ja! Ich wäre wahrlich nicht ſo zufrieden, wenn ich verliebt wäre. Außerdem müßte ſich ein Lieb⸗ haber mit einem grauen Barte hübſch ausnehmen. — Auch ich habe einen grauen Bart, und bin da⸗ bei ſchrecklich verliebt! unterbrach ihn Heinrich IV. — Ah, Sire, Sie ſind der König, und der König hat das Recht, alle nur erſinnlichen Thorheiten zu begehen. — Nennſt Du das eine Thorheit? Wenn Du meine Geliebte ſaͤheſt, würdeſt Du Dir die Finger ab⸗ beißen, daß Du ſo unbedacht geſprochen haſt. — Ich weiß, daß Ew. Majeſtät einen ſehr guten Geſchmack hat; aber— es hat ein Jeder in der Welt den ſeinigen. — Höre, mein wackerer Crillon, ſagte der König, indem er ſeinen Arm um den Hals des Ritters legte, Gabriele. II 8 — — 114— meine Gabriele iſt das anbetungswürdigſte Mädchen in Frankreich. Und jetzt, da der König ſeine Angelegenhei⸗ ten vollendet, und mit Deiner Hülfe— Du haſt dieſen Abend eine ganze Armee vertreten— ſo gut vollendet hat, können wir uns ein wenig mit den Vergnügungen des armen Heinrich beſchäftigen, den ich ſeit langer Zeit ſo ſehr vernachläſſigt habe. Komm mit mir auf den Hochweg, wo Fräulein von Erſtrées wohnt, Du wirſt ſte ſehen und eingeſtehen, daß ſie unvergleichlich iſt. — O, ich geſtehe es jetzt ſchon ein, Sire, da ich ver⸗ ſprochen habe, dieſen Abend in Saint⸗Germain zu über⸗ nachten, und dort jedenfalls eintreffen muß. — Es ſei. Da Dich aber der Weg nach Saint⸗ Germain an dem Hauſe Gabriele's vorbeiführt, ſo kannſt Du mir anderweit ſehr nützlich ſein. — Ah, rief Crillon, worin denn? — Den Verdacht eines ſtörriſchen Vaters zu zer⸗ ſtreuen. — Den Vater Eſtrées? Der iſt doch wahrlich ein fügſamer, wackerer Mann. — Er bringt mich zur Verzweiflung, ſage ich Dir! — Weil er nicht will, daß Sie ihm die Ehre er⸗ zeigen, ſein Haus zu entehren.. — Crillon, Crillon, das iſt ein ſtarkes Wort! — Sire, das kommt davon, wenn Sie mir Geheim⸗ niſſe anvertrauen, ich mißbrauche ſie auf der Stelle. Aber — verzeihen Sie mir! — 115— — Ich verzeihe Dir um ſo lieber, da Gabriele's Ehre ſo rein iſt wie der erſte Schnee. Aber leider iſt das Herz der Tochter wie der Stolz des Vaters— un⸗ beugſam. Sollteſt Du wohl glauben, daß ich den Herrn von Eſtrées habe nach Medan zu Rosny ſchicken müſſen, um nur einigermaßen die Gewißheit zu erlangen, Ga⸗ briele zu ſehen? Er erwartet mich dort, dieſer brave Edelmann, und trotz dieſer Maßregel bin ich nicht ganz ſicher, ob die Tochter einwilligt, mich zu empfangen. — Nun, dann ſehe ich Ew. Majeſtät nicht ſo glück⸗ lich, als Sie mir vorhin ſagten. — Das Unglück geht vorüber wie das Glück, ant⸗ wortete Heinrich lächelnd. Die Hoffnung gehört zu mei⸗ nen Tugenden. Meine Feinde nennen mich hartnäckig, meine Freunde nennen mich geduldig. Steigen wir zu Pferde. Uns lacht ein ſchöner Abend nach einem ſo harten Tage. Ich habe die Ligue beſiegt, und von mei⸗ nem Königreiche Beſitz genommen. Hoffen wir, daß ſich meine Geliebte nicht minder unterwürfig zeigt, als die Ligue. — Hoffen wir, da es ſich um die Befriedigung Ew. Majeſtät handelt, ſagte Crillon. Aber ich muß die Ebene durchſchneiden, um raſcher nach Saint⸗Germain zu kom⸗ men. Ich bin nicht ruhig, und darum bitte ich den König, mir die Freiheit zu geben, wenn er meiner nicht nothwendig bedarf. — Sei frei! Habe Dank und lebe wohl, braver Crillon! Morgen treffen wir uns unfehlbar zu unſerm Rendezvous! 8 — 116— Crillon half dem Könige das Pferd beſteigen, dann ſah er ihn ſich raſch entfernen. Nun ſchickte er ſich ſelbſt an, davonzureiten, da hörte er in der Entfernung hinter ſich auf dem Wege den raſchen Galopp eines Pferdes. — Sollte der Spanier mit Verſtärkung zurückkom⸗ men? fragte er ſich. Aber nein, es iſt ja nur ein Pferd — und ſollte es nicht allein zurückkommen, ſollte es ſei⸗ nen Reiter nicht verloren haben, ſo begreife ich nicht, was der Spanier hier zu ſuchen hat. Was iſt das? Der Galopp hört auf... Das Pferd ſtand wirklich ſtill. — Höre ich nicht eine Stimme... ein Gewimmer? fuhr Crillon fort. Mehr noch... einen Schrei, ein Geſtöhn! Nun ſah er bei dem hellen Mondenſchein einen Mann das ſteile Ufer hinabſteigen, um Waſſer aus dem Fluſſe zu ſchöpfen. Links im Sande neben dem Pferde ſchien ein Mann ausgeſtreckt zu liegen. — Ein graues Pferd, rief der Ritter, in deſſen Herzen ein unheimlicher Verdacht emporſtieg. Das Thier ſtieß ein langes und trauriges Wiehern aus. — Da hat ſich vielleicht ein großes Unglück zuge⸗ tragen! dachte Crillon. Jenes Pferd iſt Coriolan, es wittert mich! Fort, fort! Geräuſchvoll näherte ſich der Ritter dem Orte. Der Mann, den Crillon zu dem Fluſſe hinabſteigen geſehen, kam zurück. — 117— — Zu Hülfe! Zu Hülfe! rief dieſer Mann, ols ob ihn der Anblick eines menſchlichen Weſens ermuthigt hätte. — Harnibieu! rief der Ritter, dem dieſe Stimme eden kalten Schweiß auf die Stirn trieb. Es iſt Pontis! — Herr von Crillon! rief der Gardiſt, der den Rit⸗ ter an dem berühmten Harnibieu erkannt, und nun ſo rraſch als möglich ihm entgegeneilte. — Mein Gott, was giebt es denn? Dieſer Schrecken wer iſt der Mann, der hier am Boden liegt? — Ach, Herr, errathen Sie es denn nicht? Ich ſagte Ihnen ja, daß uns Laramée folgt! Crillon ſtieß einen Fluch, oder vielmehr einen Seuf⸗ zer aus, und ſtürzte zu Esperance, den Pontis auf dem abhängigen Rande des Ufers niedergelegt hatte; der Kopf deſſelben ruhete auf einem feuchten Raſenbüſchel. Der junge Mann hatte die Augen geſchloſſen, ſein „Geſicht war todtbleich, und ſeine ſchönen farbloſen und zerſtarrten Augen fielen mit jener rührenden Grazie zu⸗ rück, die der Vogel allein von allen irdiſchen Geſchöpfen bis in den Tod bewahrt. Unter ſeinem Wamms ſah man das Schnupftuch und die Lappen des Hemdes, die Pontis mit dem Gürtel auf der Wunde befeſtigt hatte. Als Crillon dieſe mit Blut getränkte e deinwand, dieſe Regungsloſigkeit des Körpers, und die Verzweiflung des guten Pontis ſah, ſchwand auch ihm die Geiſtesge⸗ genwart; er kniete neben dem Verwundeten nieder und äußerte alle Zeichen einer tiefen Entmuthigung. — 118— Plötzlich erhob er ſich, und rief: — Unglücklicher, Du haſt ihn mir ſterben laſſen! — Ach, Herr, es war ſchon geſchehen, als ich an⸗ kam! Aber klagen Sie mich nicht an, er iſt noch nicht todt. Mir iſt ein guter Gedanke gekommen, und wenn wir ihn nicht ohne Hülfe laſſen, wenn wir einen guten Arzt für ihn finden, ſo wird er davon kommen. Aber hier auf der Straße werden wir weder Arzt noch Hülfe finden. 4 — Ich kenne in dieſer Gegend Niemanden! ſagte Crillon, indem er die Augenbrauen zuſammenzog. In einem andern Augenblicke würde Pontis davor erſchreckt geweſen ſein. — Das erſte Haus, das wir antreffen! ſagte Pontis. — Vor Bezons oder Argenteuil giebt es keine Häuſer. Aus dieſer Wunde iſt viel Blut gefloſſen— die Anſtrengung der Reiſe trägt die Schuld. Verwünſch⸗ ter Kerl, ich begreife Dich nicht, daß Du dieſen armen Jungen ſo weit mit Dir fortgeſchleppt haſt! — Ich hätte ihn lieber an einem ſichern Orte nie⸗ dergelegt; aber wenn man verfolgt wird... — Haſt Du Furcht, wenn man Dich verfolgt? rief der Ritter, der froh war, einen ſchicklichen Vorwand ge⸗ funden zu haben, um ſeinen Zorn auszulaſſen. Du elen⸗ der Wicht haſt Furcht? — Wenn ich einen Verwundeten in den Armen halte, wenn ich mit den Knieen ein kreuzlahmes Pferd lenke, wenn ich in dem Gebüſche die Kugeln meinen Kopf — 119— umſauſen höre, wenn das von einer Kugel getroffene Pferd ſchwankt, wenn ich den wüthenden Mörder hinter mir ſeine Waffe wieder laden höre, wenn ich mir ſagen muß, daß man meinem Verwundeten das Garaus macht, ſobald das Pferd ſtürzt und ich getödtet bin— dann, Herr, ſporne ich das ferd an, drücke meinen Verwun⸗ deten, den mir Herr von Crillon auf die Seele gebun⸗ den hat, feſter an meine Bruſt, empfehle ihn allen Hei⸗ ligen des Paradieſes, und fliege davon, ohne zu ſehen und zu hören, bis das Pferd ſtürzt. Dann habe ich Furcht, Herr, ja, dann habe ich viel Furcht! Bei dieſen Worten zeigte Pontis dem Ritter ein Loch auf der Croup des armen Coriolan, der ſich ſchmerzlich auf den Steinen wand, als ob er die Kugel aus dem brennenden Fleiſche herausreiben wollte. — Wenn es ſo iſt, ſagte Crillon, ſo haſt Du Recht. Und dieſen Laramée wird man doch nicht tödten! — O, nur Geduld, Herr! Doch tragen wir zu⸗ nächſt Herrn Esperance fort. — Dort unten auf dem Wege kommt ein Mann! — Er trägt etwas unter dem Arme. Ich eile zu ihm! Er wird uns ein Haus in der Nachbarſchaft an⸗ deuten. Pontis lief ſo raſch dieſem Manne entgegen, als ob er durchaus keine Anſtrengung gehabt hätte. Der Mann trug einen Korb am Arme, und in die⸗ ſem Korbe einen großen Fiſch, deſſen Kopf und Schwanz — 120— über die beiden Deckel hinausragte. Der Fiſch bewegte ſich noch in den letzten Zuckungen des Todes. Pontis' beſtäubte und blutige Kleider erſchreckten den Mann, er ſtieß einen Schrei aus und ſtreckte dem Gardi⸗ ſten den Korb entgegen. — Nehmen Sie meinen Barſch, aber tödten Sie mich nicht! rief er mit vor Furcht erſtickter Stimme. Ich bin Denis, der Müller von dem Damme. Dieſen Fiſch ſendet Fräulein Gabriele von Eſtrées durch mich dem Prior des Kloſters, das dort drüben, hundert Schritte von hier, liegt... Ach, tödten Sie mich nicht! — Hundert Schritte von hier liegt ein Kloſter? rief Pontis. Iſt das auch wahr? — Links am Fluſſe... hinter dem Gehölze, das Sie dort auf jenem Hügel ſehen! antwortete der Müller, deſſen Zähne klapperten.. — Guter Mann, ſagte Pontis, fürchte Dich nicht, Du retteſt uns das Leben! Komm, komm!. — Nun, rief Crillon, der Alles gehört hatte: — Komm, komm! Du wirſt zehn Piſtolen erhal⸗ ten, wenn Du uns dieſen armen ermordeten Menſchen forttragen hilfſt! Der Müller wollte ſich durch dieſe Lockſpeiſe nicht fangen laſſen, aber Pontis ſtieß ihn mit beiden Händen vor ſich her bis zu dem Körper. Der Landmann be⸗ kreuzte ſich vor Schrecken; als er aber ſah, daß die ver⸗ meintlichen Mörder nicht einen Leichnam in den Fluß, ſondern einen Verwundeten in das Kloſter bringen woll⸗ ten, beruhigte er ſich ein wenig. Nachdem er Crillons Piſtolen in Empfang genom⸗ men, hob er die Hälfte der traurigen Laſt empor. Pon⸗ tis trug die andere Hälfte. Crillon zog Coriolan am Zaume mit ſich fort. Das arme Thier konnte ſich kaum noch fortſchleppen, bei jedem Schritte verrieth es ſeinen Schmerz Bald machte der Weg eine Biegung hinter dem mit Gebüſch bewachſenen Hügel, und man ſah die grauen Gebäude des ſehnlichſt erwarteten Kloſters. Crillon hing ſich an die Glocke. Bald erſchien hinter dem Eiſengitter des Pförtchens ein Licht. Nach dem in dieſer Zeit der Gewaltthätigkeiten und des Mißtrauens üblichen Examen, öffnete ſich die Thür, als man die Stimme des Müllers gehört, und der trau⸗ rige Zug verſchwand in der finſtern Tiefe des Kloſters. 7. Die Mühle auf dem Damme. Der König wußte von allen dieſen Unglücksfällen nichts; er ſetzte heiter ſeinen Weg fort. Der glückliche Erfolg mit Briſſac hatte ihn wieder neu belebt, und lä⸗ chelnd hegte er die Hoffnung auf eine Capitulation mit ſeiner ſchönen Geliebten. In jenen glücklichen Zeiten nannte man eine Frau, die ein Mann liebte, Maitreſſe oder Geliebte, auch dann, wenn ſie keine Gegenliebe empfand. Heinrich dachte alſo an ſeine Geliebte, Gabriele, an das reine und freie Mädchen, das ſechs Monate könig⸗ licher Anſtrengungen nicht hatten erobern können. Ga⸗ briele herrſchte despotiſch über das größte Herz des gan⸗ zen Königreichs Frankreich. Unter dem Vorwande wich⸗ tiger Geſchäfte hatte er, wie wir bereits wiſſen, den mür⸗ riſchen Vater des jungen Mädchens nach Medan geſchickt. Gabrielen hatte er keine Nachricht davon gegeben, da er fürchtete, ſie würde ſich beunruhigen und ihm die Thür verſchließen. Ueberzeugt, daß ſie die Grauſamkeit nicht begehen würde, freiwillig einen Liebhaber, den man den — 123— König nannte, fortzuſchicken, den man nicht haßte, und der nichts als ein Stündchen traulicher Unterhaltung, ein freundliches Geſicht und vielleicht ein Abendeſſen ver⸗ langte, wollte er ſie in ihrem Zimmer überraſchen. Der König wollte eine offene Erklärung mit Gabriele herbeiführen— wenigſtens hoffte er es. Die Zeit war günſtig. Eine köſtliche ſternenklare Nacht lag über der Erde, eine Nacht, die ſelbſt das verſchloſſenſte Herz durch ihren ſanften Hauch öffnet und die Träume des Geiſtes zur Wirklichkeit geſtaltet. Ich muß den wahren Grund dieſes langen Wider⸗ ſtandes erfahren, dachte der König. Gewöhnlich werden die Könige in der Liebe wie im Kriege als gleichgeſtellte Menſchen behandelt. Auf dem Schlachtfelde entſchlüpft das launenhafte Gluck ſehr häufig, aber in dem geſchloſ⸗ ſenen Zimmer der Geliebten verliert es den Gebrauch ſeiner Flügel, es iſt bald ergriffen und beſiegt. Gabriele hatte ſeit ſechs Monaten allen Angriffen ge⸗ trotzt. Herr von Eſtrées hatte Heinrich achtungsvoll, wenn nicht ſelbſt vertrauensvoll, aufgenommen, ſo oft er erſchien. Er dagegen hatte jeden Beſuch benutzt, um Gabrielen ſeine glühenden Empfindungen mitzutheilen. Herr von Eſtrées, der den Ruf des Königs kannte, hatte ſich ſtets geſchickt in's Mittel gelegt, wenn die Un⸗ terhaltung galant, und der Spaziergang zärtlich gewor⸗ den war, und Heinrich hatte in ſeiner Liebe wenig Fort⸗ ſchritte gemacht. Er hatte nun zu Beſuchen ſeine Zu⸗ flucht genommen, die weniger einen öffentlichen Charakter — 124— trugen. Gabriele, geſchmeichelt durch die Bemühungen eines Helden, den ſie enthuſiaſtiſch bewunderte, hatte ihm auch bereits die Gunſt einer keuſchen Unterhaltung auf der Terraſſe oder tief im Garten gewährt. Hier nun hatte Heinrich mit ſeiner unmenſchlichen Gabriele, die in der Geſellſchaft Gratienne's, eines jungen ihr ergebenen Mädchens, erſchien, die ewige Syntaxis der Liebenden in zallen Kapiteln debattirt. Der durch ſoviel Sorgen, Anſtrengungen und drohende Todesgefahren gealterte König hatte bei dieſen Gelegen⸗ heiten das Feuer der Jugend wieder erlangt; er liebte, er betete an, er vergötterte. Freude und Stolz bemäch⸗ tigte ſich ſeiner, wenn er beim Abſchiede die kleine, roſige Hand an ſeine Lippen drücken konnte; er vergaß dann jenen andern Heinrich, der durch Feuer und Blut nach der Krone von Frankreich ſtrebte. Der Himmel hatte ſeine ſchönſten Gaben in der rei⸗ zenden Gabriele vereinigt. Der König hatte nie ein Weſen geſehen, das ſo anmuthsvoll rein, ſo üppig keuſch geweſen. Seine Geduld bei der Eroberung maß er nach dem hohen Werthe des zu erobernden Gegenſtandes ab. Gegen halb ſieben Uhr kam der König bei dem Weiler auf dem Hochwege an. Hier und da bellte ein Hund unter der Thür. In den acht oder zehn Hütten, die mit ihren Schornſteinen pittoresk an dem Abhange lagen, waren die Lichter be⸗ reits ausgelöſcht. An dem Rande des Dammes erhob ſich eine große Scheuer, die mit der Dauerhaftigkeit einer Feſtung er⸗ baut war. Dieſe Scheuer ſchloß den Viehhof und die Wirthſchaftsgebäude des Schloſſes d'Eſtrées ein. Die große ſchwarze Maſſe dieſes Gebäudes, die mehr als eine Belagerung geſehen und mehr als einer Feuers⸗ brunſt wacker Trotz geboten, zeichnete ſich wunderlich an dem blauen Nachthimmel ab. Heinrich näherte fich dem Hauptgebäude. Ein Fen⸗ ſter war das Ziel ſeiner Aufmerkſamkeit— es war das Zimmer Gratienne's. Er ergriff einen kleinen Stein, und warf ihn an die großen finſtern Glasſcheiben. Das Fen⸗ ſter öffnete ſich, und eine weiße Hand gab ein Zeichen. Der König, gehorchend dieſem ſtets verſtändlichen Zeichen, folgte der Richtung, welche der kleine Finger angab. Er wußte nun, daß Gabriele ihn entweder am Ufer des Waſſers, das zehn Schritte von dem Hauſe vorbeifloß, oder auf der Terraſſe neben dem Felſen erwartete, zu der er auf einem Fußwege durch die Weinberge gelangte. Heute übte der König vertrauensvoller ſeine Schliche aus, als ſonſt. Herr von Eſtrées war abweſend, Gabriele lag wahrſcheinlich ſchon im Bette, da das Licht in dem Zimmer Gratienne's nicht mehr brannte. Aber an einem ſo ſchönen Abende war es ein Vergnügen, nicht zu ſchlafen. 1. Heinrich fand Vorrath von Wurfgeſchoſſen an allen Bäumen des Weges. Er begann, kleine, grüne Aepfel an das Fenſter zu werfen. Da der Mond ein gefähr⸗ —. 126— liches Licht auf das Pferd und den Reiter ausgoß, ſo ward Heinrich von dem Wunſche beſeelt, daß ſein Be⸗ mühen einen raſchen Erfolg haben möge. Das Glas erklang, aber das Fenſter öffnete ſich nicht. Heinrich begann noch einmal. Wiederum keine Antwort. Er wartete erfolglos. Aus Furcht, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, ritt er unter der Mauer der Scheuer hin und her. Er hoffte, daß Gratienne wieder aufwachen, oder von ihrer Herrin zurückkahren würde, die vielleicht ſchon im Bette lag. Er kehrte zum Fenſter zurück und begann das Bom⸗ bardement von Neuem. Ein eigenthümliches Geräuſch antwortete auf ſeine Angriffe. Dieſes Geräuſch kam nicht von der Seite des Hauſes, das düſter und ſtumm blieb; es kam vielmehr von dem Fluſſe, deſſen eine Hälfte im Lichte erglänzte, während die andere in den Schatten der gigantiſchen, hundert⸗ jährigen Bäume eingehüllt war, die an dem Ufer der Inſel von Bougival ſtanden. Es ſchien dem Könige, als ob ein ſchalkhaftes Ge⸗ lächter von mehreren Stimmen jeden ſeiner fruchtloſen Verſuche begleitete. Die ironiſchen Kobolde erluſtigten ſich ohne Zweifel in dem lauen Fluſſe, denn in jedes Lachen miſchte ſich ein Geflüſter, das Rauſchen und Klatſchen des Waſſers und das freudige Jauchzen, das den ſtegenden Schwimmer verräth. — 127— War Heinrich von den Badenden bemerkt? Machte man ſich luſtig über ſeine Verlegenheit? In dem Weiler wachte um dieſe Stunde Niemand mehr; außerdem würde man es auch nicht wagen, über einen Reiſenden zu lachen, der ſich dem Hauſe des Herrn von Eſtrées nähert. Der König lauſchte. Da glaubte er in den Stimmen der Kobolde lachende Frauenſtimmen, und zwar Stimmen zu erkennen, die er nicht zum erſten Male hörte. Er unterſchied ſelbſt, trotz der Entfernung, daß zwei geliebte Lippen ſeinen Namen ausſprachen, ſeinen Namen, der harmoniſch über die elaſtiſche Oberfläche des Waſſers bis zu ihm glitt. Das Gelächter näherte ſich, und bald ſah er, daß aus dem düſtern Theile des Waſſers, den der Schatten der Bäume bildete, zwei Köpfe in den hellen Theil über⸗ gingen, und ſich bis in die Mitte des Fluſſes wagten. Und nun erkannte Heinrich Gabriele und Gratienne, die ſich wie zwei Nymphen in dem klaren Kryſtall des lauen Waſſers ergötzten. Beide lachten über ihre Entfernung, und waren ſtolz auf das unbeſiegbare Hinderniß; ſie riefen den unglück⸗ lichen Reiſenden, der an das Ufer gebannt war. Aber der gereizte Heinrich kannte keine Hinderniſſe. Hundert Kanonen hätten ihn nicht zurückgehalten. Er trieb ſein Pferd in den Fluß, und zertheilte die Fluthen, nach den unklugen Najaden ſchwimmend, die ihn gerufen hatten. 2 — 128— Das Lachen verwandelte ſich nun in einen Schreckens⸗ ſchrei und dann in rührende Bitten. Das Pferd ſchwamm köſtlich, es öffnete ſtolz die Bahn. Heinrich näherte ſich; er breitete die Arme nach der erſchreckten Schwimmerin aus, deren lange, blonde Haare, die in dichten Flechten wie ein Turban zuſammengelegt waren, verſchwanden, und dann glänzender wiedererſchie⸗ nen, als ob ſich Gabriele in ein Bad von flüſſigem Silber getaucht hätte. Mitunter ſah man ihren weißen Arm, von dem die Perlen herabrieſelten; dann wieder die feine Draperie, die wie die Tunica der Amphitride ihre Schultern bedeckte. Seltener jedoch die Spitze des kleinen Fußes, der dann und wann die Oberfläche des Waſſers ſtreifte. Heinrich ſandte ihr zärtliche Küſſe zu, ohne ſich in ſeiner Annäherung zu unterbrechen. — Barmherzigkeit, Sire, Barmherzigkeit! Kehren Sie zurück! rief Gabriele bittend. Und dabei zeigte ſie dem Könige ein Geſicht, auf dem die tiefſte Verzweiflung ausgedrückt war. — Sie haben mich gerufen, meine Schöne! ſagte Heinrich. — Achten Sie eine Frau, Sire! Verzeihung!... Gnade! Wenn Sie noch einen Schritt weiter gehen, ſo laſſe ich mich in den Fluß hinabgleiten! — Ach, gewähre mir Gnade, mein kleiner Liebesgott! ſagte der erſchreckte Heinrich, indem er augenblicklich ſein Pferd wandte. Baden Sie ruhig, mein theures Leben; —— — 129— Schrecken und Drohungen ſollen Ihnen fern bleiben. Ich werde mich in dieſe Fluthen hinabſtürzen, um Ihnen meine Achtung zu beweiſen. Sehen Sie!... ich wende das Geſicht ab. Wohin ſoll ich gehen, da ich Ihnen doch einmal Lebewohl ſagen muß? — Da haben Sie ſchon zwei Dritttheile des Waſſers hinter ſich, ſagte Gabriele, die durch dieſe Gelehrigkeit des Fürſten beruhigt war. Fahren Sie ſo fort, wenn es beliebt, gehen Sie zur Muͤhle, die am Ufer der Inſel liegt, und trocknen Sie ſich. — Ich werde dorthin gehen, mein Engel; aber Sie? — O, ſprechen wir nicht mehr von mir, ich bitte Sie; vorzüglich aber machen wir hier kein Aufſehen. Sie begreifen mich wohl, Sire? — Ja, ja, ich begreife, und werde zur Mühle gehen. — Auch ich werde mit Gratienne dorthin kommen, denn wir müſſen in Abweſenheit des Müllers das Nacht⸗ eſſen beſorgen. — Dank, tauſend Dank! Der hungrige und verliebte König ſtieg bei der Mühle an das Land; dann ließ er ſein Pferd den Abhang der Inſel erklimmen, wo das Thier ſich frei ſchütteln konnte und eine köſtliche Mahlzeit in dem kleinen Küchengarten des Müllers zu halten begann. Heinrich ging über den langen Steg, der zu dem Ge⸗ bäude führte, und ſetzte ſich, das Herz voll Freude und den Körper triefend von Waſſer, an dem äußerſten Ende Gabriele. II. 9 — 130— des Mühlrades nieder, wo ihn Niemand ſah, und wo folglich ſeine Gegenwart auch Gabriele nicht beunruhigen konnte. Während er die Schönheit der Nacht und den Glanz der Landſchaft bewunderte, erreichten die Schwimmerinnen ſchweigend eine Bucht im Ufer, die von Blumen und Gebüſch überhangen war, daß die Strahlen des Mondes nicht hineindringen konnten. In dieſem Augenblicke war der König von Frankreich, der die Füße über das Waſſer hängen ließ, und bei dem geringſten Geräuſche, das ſeine Heißgeliebte verrieth, die Ohren ſpitzte, der glücklichſte Müller ſeines Königreichs. Die Waſſermühle iſt unter allen Dingen, die der Menſch poetiſch macht, die reizendſte, die alte Waſſermühle nämlich, die alte gothiſche Maſchine ohne Eleganz und Kunſt; ſie iſt ein viereckiges Fahrzeug, das ein Haus von Holz trägt, in deſſen Seite ſich ein Baum befindet, der ſich dreht und die grüne Fluth mit vier großen Holz⸗ ſchaufeln ſchäumen macht. Sie iſt ein Spielzeug für das erſte Kindesalter. Der Kahn iſt häßlich, das Haus iſt ſchwarz und mit Brettern ausgeflickt, wie ein alter Stoff mit Stücken Zeuges. Alles dies verletzt bei dem erſten Anblicke das Auge. Wenn man es aber ein wenig auf⸗ merkſam betrachtet, ſo entdeckt man in dieſen Spalten und Riſſen entzückende Schönheiten. In dem Innern der Mühle iſt Alles glänzend und glatt, das ſtets mit Mehl gepuderte Tannenholz iſt ſtets gefegt, und hat ſeine urſprüngliche Reinheit bewahrt. — A 5 A 5 — — 131— In dem Verſchlage, der durch einen Vorhang von Serge geſchloſſen wird, befindet ſich das Bett des Müllers. Dieſes Bett iſt zwar hart, aber es wird bei jedem Um⸗ ſchwunge des Mühlrades ſo ſanft geſchaukelt, daß der eingewiegte Schläfer nie vergebens den Schlummer ruft. Hat er Abends das Brett, das ihm zur Brücke dient und mit der Welt verbindet, an das Ufer zurückgezogen, ſo iſt er mit ſeinem geringen Beſitzthume allein auf der Inſel und füͤr Jedermann unzugänglich. Nun ſchimmert ſeine Lampe, ein beſcheidenes Leuchtfeuer, das das Auge des Reiſenden auf dem nahen Wege erfreut Dann iſt der Müller frei, er iſt König. Solche Gedanken durchkreuzten die Seele Heinrichs, als er auf dem Brette ſaß und auf das ſanfte Murmeln des Waſſers lauſchte, das ohne Zorn und ohne Geräuſch herabfloß, denn das Rad der Mühle drehte ſich nicht. Der König beneidete das Loos des Müllers. Da erſchien plötzlich Gratienne; ſie ſprang leicht von dem Brette in die Mühle. Gratienne war ein kurzes, rundes Mädchen mit einer ſchmetternden Stimme, ſtets aufgeräumt und heiter. Ihre vollen, runden Arme waren ftiſch getrocknet durch die laue Abendluft. Sie kannte den König und liebte ihn. Dies war mehr, als wenn ſie ihn achtete. Heinrich ergriff die beiden Hände des hübſchen Kin⸗ des, und ließ es, unter taufend Fragen über die Abweſen⸗ heit Gabriele's, ſpringen, wie in dem Dorfe. Gratienne antwortete, daß ihre Herrin ſich ſchäme, 9- 132— daß ſie keine paſſenden Kleider habe, um einen großen Fürſten zu empfangen, und daß die Mädchen, die nach dem Bade in dem ſchönen Mondenſcheine allein ein Abendeſſen einnehmen wollen, keinen Schmuck hätten; und dann ſeien die indiscreten Leute ſchuld, die Beſuche abſtatteten, ohne ſich vorher anmelden zu laſſen. Während Gratienne ſo plauderte, zündete ſie eine zweite Lampe an, und holte aus dem Schranke des Mül⸗ lers ein Paar neue Schuhe und weiße Strümpfe hervor, die ſie, ohne weiter zu ſchmollen, Ihrer Majeſtät anbot. Dann deutete ſie auf die kleine Kammer des Müllers, daß der König ſeine durchnäßten Kleider dort wechſeln möge. Während dieſer Zeit bereitete ſie das Abendeſſen ihrer Herrin vor. — Aber was wird der Herr vom Hauſe ſagen, wenn man ihm ſeine neuen Sachen verdirbt? fragte Heinrich in ſeiner Kammer. — Denis würde ſehr glücklich ſein, wenn er wüßte, welche Ehre ſeinen Sachen zu Theil wird, ſagte Gra⸗ tienne. Aber er weiß es nicht, und der Schwätzer braucht es auch nicht zu wiſſen. Für jetzt iſt er abweſend. — Auf lange Zeit? — Auf ſo lange, als er Zeit gebraucht, um dem Prior des Kloſters der heiligen Genovefa im Namen Fräulein Gabriele's ein wahres Ungeheuer von Barſch zu bringen, der ſich in dem Schutzbrette gefangen hat. Wenn er nicht langſam geht, kann er zwei Stunden ausbleiben. —— 8 — — —— 8 — 133= — Aber er wird doch endlich zurückkommen und mich ſehen. — Ew. Majeſtät werden Johann oder Peter ſein, was kümmert das den Herrn Denis? Das Königthum ſteht ja nicht in Ihrem Geſichte geſchrieben. — Unglücklicherweiſe! ſagte ſich Heinrich, dem dieſes Compliment eben nicht ſchmeichelte. Er pries ſich glücklich, ſich in Abweſenheit Gabriele's abtrocknen zu können. Aber dieſe hatte es gehört. Sie trat in demſelben Augenblicke ein. Mit offenen Händen und lächelndem Munde näherte ſie ſich ihm. — Gratienne, ſagte ſie, wenn das Königthum nicht auf ſeinem Geſichte ſteht ſo trägt er es tief in ſeiner Seele und in ſeinem Herzen! — O, meine Schöne! O, meine Liebe! rief Heinrich, indem er ſich auf die friſchen Hände neigte, die das ſchöne Mädchen ihm bot. Und wahrlich, ſie war ſchön! Das Volk, das ſie täglich ſaͤh, hat das Andenken an dieſe wunderbare Schönheit bewahrt, wie es bieder und dankbar das Andenken an die Güte des Königs Heinrich bewahrt hat. Wäre Gabriele eine Hofdame, eine Marquiſe, eine Herzogin in Sammet und Seide, mit Gold, und Dia⸗ manten bedeckt, geweſen, ſie würde dem Könige kaum ſo - ſchön erſchienen ſein, als dieſen Abend, wo ſie, ein rei⸗ zendes Bild, von der kleinen Thür der Mühle eingerahmt ward, während hinter ihr das Mondenlicht die Landſchaft mit einem Silberglanze erfüllte; die beiden Lampen des Müllers erhellten ihr Geſicht mit einem ſanften, röthlichen Scheine.— Wer könnte dieſen, einer Göttin würdigen Körper mir ſeinen ſichern und üppigen, wellenförmigen Bewegungen, welche das ſchlecht befeſtigte Kleid in breiten Falten ver⸗ rieth, wer könnte ihn malen? Wer könnte die Elfenbein⸗ arme, noch feucht in ihren leichten Aermeln, wiedergeben? Wer dieſe Fluth von blonden Haaren, die goldig auf die Schulter ſich ergoß und einen geäderten, durchſichtigen Hals bedeckte? Wer könnte dieſes unvergleichliche, ovale Geſicht zeichnen, das von zwei blauen, ſanft lächelnden Augen erhellt wird, deſſen Apfel mit einem ſchwarzen Punkte Feuer und Verwirrung in alle Herzen ſchleu⸗ dert? Ihr ganzes Bild war freundlich und ſanft, wie ein ſchöner Tag; es erweckte den Gedanken an den Früh⸗ ling, es belebte und tröſtete. Das leiſeſte Lächeln ihres bewunderungswürdigen Mundes hätte den mürriſchen Greis verjüngt, den Sterbenden auf ſeinem Lager erquickt. Nie. hat ſich wohl ein Engel zur Erde verirrt, der einen rei⸗ nern Wiederſchein himmliſcher Schönheit gebracht, als ſte; nie hat ein irdiſches Geſchöpf den Blick des höch⸗ ſten Schöpfers entzückt, der ſich, wenn er ſie ſah, Eva's, ſeines bezauberndſten, erhabenſten Werkes erin⸗ nern mußte. ————— ———— Sie war ſchön, haben wir geſagt— ſie war mehr, ſie war auch gut! Dieſes Lächeln kam aus ihrer Seele, wie der Duft der Blume entſtrömt. Neid, Ehrgeiz, Zorn, Gleißnerei waren ihr fremd. Mit ſiebzehn Jahren wußte Gabriele nicht, was eine Lüge war. Sie hielt Heinrich auf ihren Knien, ſie ſah ihn mit den Augen einer Schwe⸗ ſter an, ſte achtete ihn als Untergebene, und, indem ſie ihm ihre beiden kleinen Hände überließ, glaubte ſie ernſtlich, daß ſie ihm ihr ganzes Herz überlaſſe, dieſes unſchätzbare Herz, das ſie ſelbſt nicht kannte. Nachdem der König ihre Sammtfinger mit einem diskreten und achtungsvollen Eifer lange geküßt— das Zeichen wahrer Leidenſchaften— ertheilte Gabriele Gra⸗ tiennen den Befehl, die kleine Thür zu ſchließen. Dann bot ſie ihrem Herrn einen Holzſtuhl. Es war nur ein Stuhl vorhanden, und er kam alſo von Rechtswegen dem Könige von Frankreich zu. Hein⸗ rich aber ſetzte ſich fröhlich auf ein Scheffelmaß, und der Stuhl fiel Gabrielen zu, die bald ihre ernſte Miene wieder annahm. — Ich habe Sie noch auf eine Unklugheit aufmerk⸗ ſam zu machen, Sire, ſagte ſie mit einer bezaubernden Stimme. Mein Vater iſt abweſend, aber er kann zu⸗ rückkehren. Ew. Majeſtät haben von einem Ihrer ge⸗ treueſten Unterthanen nichts zu fürchten, aber mich wird man tüchtig auszanken, und ich werde, wie immer, weinen müſſen, wenn Sie ſich entfernt haben. — 136— — Weinen? O nein, meine liebe Schöne, Sie werden nicht weinen! ſagte Heinrich. Ihr Vater kehrt auch nicht zurück, ich habe ihn nach Mantes geſchickt. — Sie, Sire? rief das junge Mädchen. O, über den böſen König! Mein armer Vater! — Ohne Zweifel. Ich habe ihn fortgeſchickt, weil man Sie nicht ſehen kann, wenn er da iſt. Gabriele ward trauriger. — Weder in ſeiner Abweſenheit, Sire, noch in ſeiner Gegenwart, ſagte ſie. Es iſt Zeit, daß ich Ihnen die Wahrheit ſage, obgleich es mich viel koſtet; aber ich muß endlich einmal reden, und darum hören Sie mich an. — Welche Wahrheit? rief der König beſorgt. — Wir werden uns nie wiederſehen. — Oh! — Nie! Mein Vater hat es mir befohlen. Er hat mir die Stellung meinem Königesgegenüber begreiflich gemacht, denn Sie find der König, ſowohl unſern Herzen als unſern Wünſchen nach. — GEs iſt hier nicht wie in Paris, ſagte der König, der Gabrielen aufzuheitern verſuchte. Das junge Mädchen ward wirklich wieder freund⸗ licher. — Wir werden ſpäter darauf zurückkommen! rief ſte. Es iſt unmenſchlich von einer treuen Dienerin, daß ſie ihren Herrn ſo betrübt, und es würde von dem Herrn — 137— grauſam ſein, wollte er ſeine Dienerin hindern, zu Nacht zu eſſen. Sire, das Bad hat uns aufgehalten, es iſt elf Uhr, und wir ſterben vor Hunger. — Auch ich, meine Schöne! — Sire, ich werde Ihnen ſerviren! Welche Freude! Ich kann dem großen Heinrich ein Mahl geben! Ah, Sie werden ſehen, ein ſchönes Mahl! Gratienne! Gratienne erſchien. — Bringe die Kirſchen und die Johannisbeeren. — Abh, welch ein herrliches Mahl! rief der König, indem er ein Geſicht ſchnitt. — Wir haben auch Kuchen, mein König, einen leichten, ſcharfgebackenen Kuchen, wie ihn Gratienne ſo lecker zu bereiten verſteht. — Kuchen! Dann iſt ja die Tafel vollſtändig! — Ach gewiß, er iſt eine wahre Delikateſſe. Sie müſſen verzeihen, Sire, wir ſind Gutſchmecker. Auch iſt eine kleine Flaſche mit Obſt⸗Liqueur vorhanden— Sire, wie werden Sie ſich gütlich thun! Des Königs geſunder Jäger⸗ und Soldaten⸗Appetit regte ſich. Bei dem Anblicke der purpurrothen Kirſchen, die aufgehäuft auf einem Teller lagen, und vorzüglich der ſäuerlich duftenden Johannisbeeren, deren rothe und weiße Trauben in dem Lichte wie Rubinen und Perlen blitzten, lief dem Könige ein Schauder über die Haut. Die Tafel war fertig. Heinrich bot Gabrielen ein Stück Kuchen. Seufzend nahm er ſelbſt ein Stück davon. — 138— Sie verſtand ihn, und ſah ihn an. — O wie dumm bin ich! ſagte ſie. Der König hat Hunger, und ich biete ihm eine Mädchenmahlzeit! — Das ſchönſte Mädchen der Welt, meine Gabriele, kann mir nur bieten, was es hat! antwortete Heinrich. Gabriele ſchob traurig den Kuchen und die Kirſchen zurück. — Man muß ſuchen, ſagte ſie. Gratienne! — Mein Fräulein? — Fahre mich in dem Kahne bis an das Haus. Wir werden dort gewiß Mundvorräthe finden. — Nein, nein! rief Heinrich. Ich will mich lieber an Ihrem Anblicke erholen. Ich eſſe, indem ich Sie bewundere. Ich werde Ihre kleinen Hände ſpeiſen. — Eine armſelige Nahrung für den Magen, Sire! — Mirr vergeht darüber der Hunger. — Suchen wir, ſuchen wir! ſagte Gabriele, indem ſte Heinrich ſanft zurückſtieß, der, nachdem er ſich an den Händen ſatt geküßt, nun zu den Armen überging. Um das Mißfallen ſeiner Geliebten nicht zu erregen, unterbrach er ſein Mahl. Bei dem Mangel an unkör⸗ perlicher Beköſtigung ſann er nun auf eine Koſt für den Körper. — Ich glaube, begann er, man ſprach vorhin von ungeheuern Fiſchen, die ſich in den Wehren der Mühle fangen. Liegt vielleicht ein Netz oder ein Hamen aus? — 139— — Ich weiß es nicht, entgegnete Gabriele. — Ich werde ſchon eins finden. Mehr als einmal habe ich ganz vortrefflich in der Mühle zu Nacht ge⸗ geſſen... es war an Faſttagen... aber gleich viel! Der König umging nun ſuchend die Mühle. Nach einigen Minuten entdeckte er einen ſchwankenden Faden, der ſich bald dem Borde näherte, bald ſich entfernte. Das Zucken und Zittern deſſelben war von guter Vorbe⸗ deutung. Es war wirklich eine von jenen Schnuren, die Meiſter Denis jeden Abend ſorgfältig aushing. Ein ſchöner Aal hatte angebiſſen, und ſuchte nun, indem er ſich um irgend einen Pfahl ſchlang, der Hand Widerſtand zu leiſten, die ihn aus dem Waſſer ziehen wollte. Der König aber bemächtigte ſich ſeiner Beute durch Gewandt⸗ heit und Kraft. Gratienne jauchzte vor Freude, während Gabriele erſchreckt zurückwich. — Hier iſt der Braten, ſagte der König; wo aber iſt das Feuer und das Gewürz? — Ein wenig Speck, eine Zwiebel und eine Brot⸗ rinde, wie man ſie bei einem Müller findet, ſind vor⸗ handen; auch hat Meiſter Denis ein Gläschen Landwein — dort ſteht der Krug, antwortete Gratienne. Gönnen mir Ew. Majeſtät eine Viertelſtunde Zeit, und Sie wer⸗ den bedient ſein. Nach dieſen Worten eilte ſie nach dem Vordertheile der Mühle. Gleich darauf flackerte ein Feuer empor, das ſie mittels Hobelſpänen und Kohlen auf einem ab⸗ genutzten Mühlenſteine angezündet hatte. — 140— — Dieſe Viertelſtunde werde ich gut anwenden, ſagte der König, denn ich will zu den Füßen meiner Gabriele ſo oft und ſo zärtlich die Verſicherungen meiner Liebe ausſprechen, daß ich ihr ſprödes Herz erweichen werde. Indem Gabriele auf eine reizende Weiſe das Köpf⸗ chen ſchüttelte, ſagte ſie: — Ach nein, das iſt unmöglich! — Verbannen Sie dieſes Wort, ſüße Freundin! — Unmöglich, Sire! — So lieben Sie Heinrich nicht? — Im Gegentheil, ich liebe ihn recht herzlich. Aber wenn er mich ſo liebte, wee er ſagt, würde er in dieſem Augenblicke wohl bei mir ſein? — Was ſoll das heißen? fragte erſtaunt der König. Mir ſcheint im Gegentheil, daß ich Sie nicht liebte, wenn ich nicht hier wäre. — Iſt lieben und betrüben gleich bedeutend? — So betrübt Sie meine Anweſenheit? — Heißt denn lieben kränken? — Ich kränke Sie? — Verderben und entehren— heißt das lieben? — Gabriele, Gabriele! mich, Sie ſtürzen mich durch Ihre Anweſenheit in Unglück! — Das ſind ernſte Worte, mein ſchönes Kind! — Ja, mein König, Sie betrüben mich, Sie kranken — Aber ernſter noch ſind die Verhältniſſe. Sprechen wir darüber... ernſtlich... die Hand auf dem Herzen... — Auf Ihrem Herzen... — Sire, bleiben wir ernſt. Was fordern Sie von mir? Ich kann Ihre Frau nicht werden, denn Sie ſind verheirathet. — Kaum... — Und dennoch können Sie mich nicht heirathen; was ich außerdem nicht verlangen, nicht einmal darauf eingehen würde. Bin ich auch die Tochter eines guten Hauſes... Sie ſind ein mächtiger König! — König bin ich, ja; aber nicht mächtig! — Glauben Sie denn, daß mein Vater je meine Entehrung duldet? — Gabriele... — Glauben Sie, daß ich ſelbſt ſie dulden werde? Aus dieſem Grunde kränkt mich Ihre Anweſenheit. Doch ich betrübe Sie durch dieſes harte Wort... laſſen wir es. Ich habe geſagt, daß Sie mich in Unglück ſtürzen... — Ich zweifele daran, daß Sie den Beweis liefern können.. — O, ſehr leicht! Mein Vater hat mir zugeſchworen, daß er mich in ein Kloſter ſchickt, wenn Sie mich länger verfolgen, und wenn ich Ihnen Gehör gebe... oder, was noch ſchlimmer wäre, mich zu verheirathen. — 142— König! — Ein Vater bedarf der Einwilligung des Königs nicht, wenn er ſeine Tochter verheirathen will. Ver⸗ heirathet man mich, ſo bin ich unglücklich... ich würde vor Kummer ſterben. Heinrich ſank auf beide Kniee nieder. Bittend rief er aus: — Gabriele, ſprechen Sie ſo traurige Worte nicht aus! Sie, unglücklich, dem Tode nahe! — Durch Ihre Schuld! — Halten Sie mich für ſo ſchwach und furchtſam, daß ich, trotz eines Vaters, trotz der ganzen Welt, die Frau, die ich liebe, nicht vor Verzweiflung ſchützen könne? Und könnten Sie ſelbſt ſo ſchwach und zugleich ſo grau⸗ ſam ſein, Ihren Freund und Ihren König zu verſtoßen, um einem Andern anzugehören? Haben Sie den feſten Willen für mich, Gabriele, und ich werde die Kraft für uns Beide haben. Nicht ich, Sie ſelbſt machen ſich un⸗ glücklich. Helfen Sie mir, Gabriele, daß ich Ihnen helfe! Und wer wird Sie mir wieder entreißen, wenn ich Sie einmal beſitze? Sie ſehen alſo, Gabriele, daß Sie von ſich allein abhangen. Das Unglück, das Sie in der Zukunft erblicken, werden Sie ſich ſelbſt zuſchreiben müſſen. Sie würden mehr Muth haben, wenn Sie mich liebten. — O, Sire, ich habe noch nicht Alles geſagt. Daß — Das muß man erſt ſehen! rief auffahrend der ———‚— — 143— Sie mich kränken, mich unglücklich machen, iſt nichts... aber daß Sie mich betrüben, iſt ein Verbrechen! — Guter Gott! Ich, der ich nur durch Sie und für Sie athme, ich ſollte Sie betrüben! — Um Ihnen das Gewichtige der Dinge auszu⸗ ſprechen, Sire, iſt mein Kindesmund vielleicht zu leicht⸗ fertig; aber da ich jeden Abend für Sie zu Gott ge⸗ betet, wird er mich die Worte finden laſſen. Sie forderten vorhin, daß ich Ihnen meine Ehre und mein Leben opfern ſolle; ich bin dies vielleicht meinem Könige ſchul⸗ dig; aber iſt es möglich, daß ich Ihnen meine Seele, mein ewiges Heil opfere? — Ihr Heil? — Ohne Zweifel. Kann eine gute Katholikin ſich mit einem Ketzer verbinden? — Vortrefflich! rief lachend der König. Sind Sie denn ein gelehrter Doctor? — Lachen Sie nicht, Sire, die Sache iſt ſehr ernſt. — Nicht ſo ernſt, als Sie glauben, meine ſchöne Gabriele. Und, unter uns geſagt, es iſt nicht nöthig, daß wir von Ketzerei oder Meſſe ſprechen. — O es iſt nöthig, denn ich werde nie in eine Beziehung zu der Hölle treten! — Gut, gut! Laſſen wir auch die Hölle... — Damit Sie ihr allein anheimfielen, Sire, nicht wahr? Ich bin Ihre Freundin, und will Ihr Wohl, will es um ſo eifriger, da ich mit Ihnen zugleich ganz — 144— Frankreich rette, das durch Ihre Ketzerei in Gefahr ge⸗ rathen iſt. 4 — Ah, da ſind wir bei der Politik! Gabriele, ich bitte, brechen wir ab! 1 — Ich bitte, Sire, fahren wir fort, oder brechen wir völlig ab! Ende des zweiten Bandes. Druck von C. G. Naumann in Leipzig. 68“ 4— 3 8— 1 4 5 3 68“ 4— 3 8— 1 4 5 3