ö Leihbibliothek — Eduard Ottmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veiß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zir Em⸗ 5 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von NRorgens 7 Uhr bis Abends 8 Thr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ¹deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur d d — dem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. 88 —— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 7 Mt.— Puf. „ 5„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Hungersnoth im Lager. An dem Abhange des Berges, der zwiſchen Triel und Poiſſy die Seine beherrſcht, liegen mehrere theils unter den Felſen, theils in den Waldungen halb verſteckte Dörfer. Auf den Felſen erblickt man hin und wieder Wein⸗ berge, und hier iſt, ſo zu ſagen, die letzte Traube, welche die Sonne von Frankreich erwärmt, als ob ſie, nachdem ſte die Kraft ihrer Strahlen an dem Rhone, der Loire und der Saone erſchöpft, nur noch eine geringe Zärtlich⸗ keit für Vexin und einen kalten Blick für die Normandie häͤtte. Dieſe armen Weinberge, von denen wir ſprechen, konnten ſich im Jahre 1593 der wohlthätigen Sonne erfreuen. Seit einem Jahrhunderte hatte ſte keinen ſo warmen Hauch herniedergeſandt, ſo daß in dieſem Jahre die Trauben völlig reifen und ſtromweiſe den ſonſt ſo kärglichen Wein von Medan und Brezolle liefern konnten. Aber was die Sonne erſchaffen wollte, zerſlörte die Po⸗ litik; im Monat Juli war ſchon auf den Weinbergen keine Traube mehr zu ſehen. Die kleine Armee des . 1* Königs von Frankreich und Navarra, des Königs von Bearn, des geduldigen Heinrich IV. hatte in der Um⸗ gegend ſeit einer Woche ihr Lager aufgeſchlagen. Heinrich, der nach dem Tode Heinrichs III. erklärte König von Frankreich, machte ſeit vier Jahren ein Stück ſeines Königreichs nach dem andern ſtreitig, als ob Frank⸗ reich in einem Schachſpiele zwiſchen der Ligue und dem Könige ausgeſpielt würde. Arques, Jvry, Aumale, Rouen und Dreux hatten dieſen Fürſten geweiht, und dennoch konnte er nicht in Rheims einziehen, um das heilige Oel zu empfangen. Er hatte Soldaten, aber keine Unterthanen; ein Lager, aber kein Haus; er hatte einige Städte oder Marktflecken, aber weder Lyon, Marſeille, noch Paris! Mit großer Mühe hatte er ſich in Mantes mit einem ſpöttiſchen Hofe niederlaſſen können, der halb aus Rittern und halb aus Lanzknechten und deutſchen Reitern beſtand. Er war von einem guten Adel um⸗ geben, aber das Volk fehlte ihm überall. Er werde Katholik! ſagten die Katholiken. Er werde Hugenot! ſagten die Reformirten. Weg mit den Katholiken und Hugenotten! ſagten die Liguiſten. Heinrich befand ſich in großer Verlegenheit, er ſchlug ſich wacker herum, ſtets von dem Gedanken angefeuert, daß der Himmel ihn im zwölften Grade vom Throne habe geboren werden laſſen, und daß die Vorſehung eine Abſicht mit ihm haben müſſe, da durch den Tod von acht Fürſten dieſe elf Stufen geebnet ſeien. Theils um neue Pläne zu erſtnnen, theils um ſeinen durch das Warten zu Grunde gerichteten und durch den Krieg aufgebrachten Anhängern Ruhe zu gönnen, nahm er einen Waffenſtillſtand an, den ihm die Pariſer vor⸗ geſchlagen hatten. Während Herr von Mayenne ſich mit ſeinen Verbün⸗ deten, den Spaniern, abplagte, die ihn erſtickten, indem ſie ihn umarmten, und während er ſeine Freunde, die Sechs⸗ zehn, die er auf zwölf reducirt hatte, einzeln zu nehmen ſuchte, unterhandelte Henri, der arm aber ſtark, ausge⸗ hungert aber geſund an Geiſte, ohne Hemde aber Ruhm gepanzert war, mit dem Papſte ſeine Ausſöhnung mit Gott, und ließ ſeine Kanonen putzen, um ſich auch ſo ſchnell als möglich mit ſeinem Volke auszuſöhnen. Er lachte, faſtete, ging auf Abenteuer aus, dachte als König, handelte als Chevau⸗leger, und während er ſich ſo an jeden mehr oder weniger blühenden Strauch am Wege etwas pflückte, ging ſein Geſchick mit Rieſenſchritten unter dem unbeſieglichen Hauche Gottes der Vollendung ent⸗ gegen. So wurde denn zwiſchen den Royaliſten und den Liguiſten ein Waffenſtillſtand unterzeichnet, der von denen heiß erſehnt ward, deren Wunden der Heilung bedurften. Während drei Monaten ſchwieg nun das Musketen⸗ feuer, und es knüpften ſich Unterhandlungen zwiſchen Mantes und Rom, zwiſchen Paris und Mantes an. Couriere kamen und gingen, katholiſche und reformirte Prieſter ſchlugen ſich in's Mittel, und die Prediger, die am hitzigſten gegen dieſen Ketzer, dieſen Hugenotten und . dieſen Nebucadnezar geeifert hatten, ſchwiegen aus Furcht, daß ihre Stimme in der Stille der Waffenruhe zu laut ertönen möchte. Das Land war frei, und die Krieger vertauſchten ihre Pickelhaube mit einem Filzhute. Die Liguiſten bläheten ſich auf ihren großen, präch⸗ tigen Landhäuſern, und die Royaliſten der Armee, die zu der Rolle der mit Maulkörben verſehenen Jagdhunde ver⸗ dammt waren, durchſtreiften Vexin, indem ſte ihre hung⸗ rigen Blicke auf die lachenden Schlöſſer, Burgen und Meierhöfe der Liguiſten warfen, deren Küchen unver⸗ ſchämterweiſe rauchten. Dieſe ſchöne Zeit trat nach Artikel 4. des Waffen⸗ ſtillſtandes ein, wonach Perſonen und Eigenthum, von Frau von Mayenne bis zur Heumacherin auf den Feldern, von dem Schatze der Ligue bis zur Kornähre, die auf den Feldern reift, herab, für unantaſtbar erklärt wurden. Der König hielt Mantes und ſeine Umgebungen be⸗ ſetzt, und daher kam es, daß die Royaliſten auf ihren Verzweiflungsſpaziergängen in Medan die grünen Trau⸗ ben verdarben oder zerquetſchten, indem ſie einen Haſen oder ein Rebhuhn aufſuchten, das noch zu ſchwach war, um über die Seine zu fliegen. Aber dieſe Quellen waren bald verſiegt, und alle von der königlichen Armee, die keinen Urlaub genommen, empfanden, was die Pariſer in den vorhergegangenen Jahren kennen gelernt hatten: Mangel und Hungersnoth. Zu Anfang des Juli hatten zwei Compagnien des Garderegiments, das Crillon kommandirte, den Befehl erhalten, zwiſchen Medan und Vilaines ein Lager zu beziehen, und ſo die Vorhut der Armee zu bilden. Um die Einwohner nicht zu beläſtigen, hatte dieſes Corps Zelte aufgeſchlagen. Crillon, der den größten Theil des Tages abweſend war, hatte den Befehl auf ſeinen erſten Kapitain übertragen. Ein kleiner Artillerie⸗Park, der auf der Höhe aufgeſtellt war, ſtand unter der Beaufſich⸗ tigung des Herrn von Rosny, des zukünftigen Sully Heinrichs IV., deſſen Anmaßung in dieſem Punkte gren⸗ zenlos war. Da die Garden aus guten Häuſern rekrutirt wurden, ſo war die Compagnie, die ſich in dieſer poeti⸗ ſchen Gegend befand, eine gewählte. Man kam um vor Langweile und Elend. Wäͤhrend die armen Gardiſten den ruhigen, grünen Strom vor ſich ſahen, der ſich wie ein Silberband um pittoreske Inſeln ſchlang, brannte die glühende Sonne auf den Bergesabhang hernieder, an dem ſie lagerten. Wie geblendet von dem herrlichen Grün der üppigen Espen und Weiden fragten ſie ſich unter einander: warum wohl die Vögel ſo freudig die Luft durchſchnitten, warum die Fiſche ſo luſtig im Waſſer ſprängen, warum die Lämmer ſo lieblich auf den Wieſen hüpften? Warum es den königlichen Soldaten verboten ſei, alle dieſe hübſchen Sachen zu berühren, die doch Gott, wie man ſagte, zum Nutzen und zum Vergnügen des Menſchen erſchaffen habe? Unter den verzweiflungsvollſten dieſer ſchweifenden Phantome befand ſich eins, das ſich durch ſeine traurigen Seufzer, die eine noch lebhaftere Pantomime als die einer Windmühle begleitete, auszeichnete. Seine beiden Arme ſchlugen in die leere Luft, da ſie keine Beſchäftigung für das lange Schwerdt fanden, das in einem breiten Leder⸗ gehänke an ſeiner linken Hüfte hing. Dieſer Gardiſt war ein junger Mann von höchſtens zwanzig Jahren. Er hatte einen unterſetzten, nervigen Körperbau, ein ſchwärzliches Geſicht, das von langen ſchwarzen Haaren beſchattet wurde, die ſeit der Belagerung von Rouen, alſo ſeit einem Jahre, von den Oelen des Parfümeurs nicht erweicht waren. Nachdem dieſer junge Mann ſeine Arme und ſeinen Degen, den er weidlich gegen einen Apfelbaum geſchwungen, abgemühet hatte, legte er ſeine flache Hand uͤber ſeine beiden wie die eines Adlers vergrößerten und ſcharfblickenden Augen, und durchſpähete mit einem forſchenden Blicke den ganzen Horizont von Medan bis Saint⸗Germain, jenen unge⸗ heuern Halbkreis, in dem Gott die reichſten Muſter ſeiner Werke angehäuft hat. — Nun, Pontis, unſer Rekrut, fragte der Kapitain, der ſich von ſeinem Laquais im Schatten einer blühenden Linde neues Band anheften ließ, was haben Sie denn da in den Wolken zu ſchauen? Sehen Sie von hier aus den Thurm Ihrer Ahnen? Wer weiß? Dieſe Wolken ſind vielleicht darüber hinweggezogen. — Sambioux, Kapitain, antwortete der junge Mann mit einem erzwungenen Lächeln, Pontis in der Dauphiné liegt zu weit, als daß man es von hier aus ſehen könnte. Außerdem denke ich nicht daran, denn Pontis gehört 2 meinem ältern Herrn Bruder, der mich höflich hinaus⸗ geworfen hat. Und dies iſt ein Glück für mich, fügte er hinzu, indem er ſich wieder zu lächeln zwang, denn wenn ich zu Hauſe vergnügt wäre, würde ich nicht die Ehre haben, unter Ihren Befehlen dem Könige zu dienen. — Eine unfruchtbare Ehre! murmelte eine dumpfe Stimme in einer Gruppe Gardiſten, die pittoresk am Abhange eines Hügels lagerte. Alle dieſe Garden waren Edelleute und gehörten den Hugenotten an. Weder der Kapitain noch Pontis ſchienen dieſe Worte gehört zu haben. Der Kapitain kräuſelte ſein gelbliches Band. Pontis fuhr fort zu beobachten, indem er murmelte: — O nein, das ſind keine Wolken! — Nun, was denn? fragten mehrere der Gefährten, die ſich um Pontis her halb emporgerichtet hatten. — Meine Herren, ich bewundere alle jene ſchwarzen, blauen und blonden Rauchſäulen, die aus den Schorn⸗ ſteinen von Poiſſy emporſteigen. — Was haben Sie denn mit dieſen Rauchſäulen zu ſchaffen? fragte der Kapitain; Rauch iſt leerer Dunſt! — Ah, rief Pontis in einer Art melancholiſcher Ex⸗ taſe, der blaue Rauch erinnert mich an ein ſiedendes Waſſer, in dem ſich Eier, Fiſche und allerlei Geflügel kochen laſſen; der röthliche ſcheint durch einen Roſt er⸗ zeugt zu ſein, auf dem Cotelettes und Saucischen ſchmo⸗ ren; der ſchwarze kommt ohne Frage aus den Oefen der Bäcker— ah, man bäckt vortreffliches Brot in Poiſſy! — Aber wir ſind nicht in Poiſſy, antwortete philo⸗ ſophiſch einer der Gardiſten, der ſich auf dem glühenden Kraute ausgeſtreckt hatte; wir ſind auf dem Grunde und Boden Ihrer Majeſtät. — Warum ſagen Sie nicht Ihrer allerchriſtlichſten Majeſtät? fragte ein Anderer im ſcherzenden Tone. — Noch nicht, aber ich hoffe bald! antwortete Pontis raſch. Der König läßt uns vor Hunger umkommen, weil er nicht katholiſch iſt. O wäre er es doch! — O, mein Herr von der Meſſe, riefen mehrere Hu⸗ genotten, die durch den Wunſch des jungen Mannes munter geworden waren, wenn Sie dieſer Religion nicht angehören, ſo verleiden Sie ſie wenigſtens den Andern nicht! Der Kapitain entfernte ſich ſingend, um ſich nicht bloß zu ſtellen. — Meiner Treu, meine Herren, ſagte Pontis, ſuchen Sie ſolcher Geringfügigkeit wegen keinen Streit; wir ge⸗ hören Alle derſelben Kirche an! — Bah! ſagten die Hugenotten. Seit wann? — Sambioux, wir gehören einer Religion an, in der man weder trinkt noch ißt. Dieſer witzige Einfall Pontis' ward mit einem trau⸗ rigen, vom Hunger erzeugten Lachen aufgenommen. — Ich ſagte alſo, fuhr er ermuthigt fort, daß alle jene Rauchſäulen dort unten katholiſch ſind, daß Paris katholiſch iſt, und daß die uns umgebenden Schlöſſer, die uns verſpotten, katholiſch ſind. Ich will mich hängen — 11— laſſen, wenn nicht alles Gute im Leben römiſch⸗katholiſch iſt. Und deshalb ſprach ich den Wunſch aus, daß Seine Majeſtät zu der erwähnten Religion überträte. Und wenn Sie noch ſo viel murren, meine Herren, Sie werden nie ſoviel Lärm machen als mein Magen! — Wenn ſich der König zu der Meſſe bekehrt, ver⸗ laſſe ich ſeinen Dienſt! rief ein Hugenott. — Und ich verlaſſe ihn, antwortete Pontis, wenn er ſich nicht dazu bekehrt. — Element! rief der Hugenott, indem er ſich halb emporrichtete. — Ah, Sie haben noch die Kraft in Zorn zu ge⸗ rathen? Nun, ich ſchone meine Lunge bis zu einer beſſern Gelegenheit! Hugenotten und Katholiken werden wohl thun, anſtatt Streit anzufangen, auf Mittel zum Leben zu ſinnen. — Was der König da für eine Idee gehabt hat, daß er mit dieſem dicken Mayenne einen Waffenſtillſtand ſchloß! fuhr der ärgerliche Hugenott fort. Wir wären jetzt unter den Mauern von Paris; aber nein... anſtatt die Ligue auszurotten, ſchont man ſie! Das wird mit einer herzlichen Umarmung endigen. — Warum fängt man nicht gleich damit an? rief Pontis. Während man zögert, werden wir umkommen! Sambiour, mich hungert! Eine neue Perſon trat der Gruppe näher; es war ein junger Gardiſt mit Namen Vernetel. — 12— — Meine Herren, ſagte er, mir hat ſich ein Ge⸗ danke aufgedrängt: da ein Waffenſtillſtand eingetreten iſt, warum ſind wir nicht in Mantes bei dem Hofe? Man ißt und trinkt in Mantes. — Mitunter! murmelte der Hugenott. — Wahrhaftig, ſagte Pontis, der Gedanke Vernetel's iſt gut: warum ſind wir hier unthätig, und nicht in Mantes, wo der König iſt? — Weil ſich der König nicht in Mantes befindet, ſagte Vernetel. Aufgepaßt, hier iſt der Beweis! Und er zeigte den Gardiſten einen kleinen Mann, der eilig vorüber ging. Dieſer Mann trug ein in ein Stück Serge gewickeltes Paket, als ob er ein Schneider oder Garderobe⸗Lieferant wäre. — Wer iſt das? fragte Pontis. Und was läßt Sie glauben, daß der König nicht in Mantes iſt? — Man ſieht, daß Sie noch ein Neuling unter uns ſind, entgegnete der Hugenott. Sie kennen Meiſter Fou⸗ quet la Varenne nicht. — Wer iſt la Varenne? fragte Pontis. — Er iſt überall, wo der König geheimnißvoll er⸗ ſcheinen muß; er öffnet ihm die Thüren, und wenn ſie noch ſo feſt verſchloſſen ſind; er empfängt die Prügel, die Ihre Majeſtät oft verdienten— mit einem Worte, er trägt die Liebesbriefchen des Königs aus. — Ein braver Mann! rief der junge Soldat. — Das find ungeziemende Scherze, ihr jungen Leute! rief eine ernſte, männliche Stimme. — — 13— Die Gardiſten ſahen ſich um. — Herr von Rosny! murmelte Pontis. — Ja, mein Herr! antwortete ernſt der berühmte Hugenott, der durch die Lichtung des Waldes ging und in einem Pakete Papieren las. — Herr von Rosny hat ein feines Gehör, konnte ſich Pontis nicht erwehren zu äußern; wir haben kaum die Kraft laut zu reden...— — Es würde beſſer ſein, wenn Sie ſchwiegen, ant⸗ wortete Herr von Rosny, ohne ſeinen Gang zu unter⸗ brechen. — Das iſt unſer Wunſch, mein Herr; aber ſchließen Sie uns den Mund. Der junge Soldat vervollſtändigte ſeine Phraſe durch eine Pantomime, nach Art aller Nationen, die Hunger haben. Rosny zuckte mit den Achſeln, und ging weiter. — Alter Filz! murmelte Pontis. Er hat geſtern zu Mittag gegeſſen, und iſt fähig, heute noch einmal zu eſſen! — Wie, alt? fragte der Hugenott. Wiſſen Sie das Alter des Herrn von Rosny? — Er iſt wenigſtens ſiebenhundert Jahre alt. — Kaum dreißig, mein Herr Katholik! Er iſt ſieben Jahre jünger, als der König. — Das iſt ſonderbar! antwortete Pontis. Seit den zwanzig Jahren, die ich lebe, habe ich von Herrn von Rosny ſtets ſprechen gehört, wie von Abraham oder Methuſalem. Glauben Sie mir, dieſer Mann eriſtirt ſeit Erſchaffung der Welt. — Weill er ſeit langer Zeit daran arbeitet, berühmt zu werden, antwortete der Hugenott. Er iſt eine unſerer Säulen, das Manna für unſere Geiſter. — Wäre er es doch unſern Magen! Ich verehre den großen Rosny nicht aus denſelben Gründen, wie Sie. Sie find Hugenott wie er— ich bin Katholik. Ich habe aus Liebe zu unſerm Oberſten Crillon, der ebenfalls Katholik iſt, Dienſte genommen. Sie haben den Muth nicht, Ihren Abgott Rosny um etwas an⸗ zugehen. Wäre Herr von Crillon hier, anſtatt ſich wer weiß wo herum zu treiben, ich würde zu ihm gehen und mir einen Thaler borgen. Wenn ich Hunger habe, bin ich nicht ſtolz. Sambioux, wie hungert mich! Kaum hatte er dieſe von Seufzern unterbrochenen Worte vollendet, als ſich die Schritte eines Pferdes auf dem trockenen Boden vernehmen ließen. Man ſah einen dickbäuchigen Klepper, der zwei Körbe trug. Dem Klep⸗ per voran ging der Haushofmeiſter des Herrn von Rosny; ein Bauer und ein Laquais folgten. Der Zug bewegte ſich mitten durch die Gruppe der jungen Soldaten, die die Körbe und das Pferd faſt mit den Augen verſchlangen Gleich darauf ward unter den beiden prächtigen Linden, von denen wir vorhin geſprochen, ein Tiſch gedeckt. Der Haushofmeiſter ſetzte gewiſſe Mund⸗ werniichanr dieſen Tiſch, deren Farbe und Duft den Hungrigen durch die Seele ſchnitt. Herr von Rosny, der noch immer ernſt mit ſeinen Papieren beſchäftigt war, ging zu dem Tiſche und ließ ſich in Geſellſchaft eines Kapitains der Garden, eines Artillerie⸗Kapitains und einiger andern bevorzugten Herren nieder. Unter ihnen bemerkte man auch Fouquet la Varenne, den Träger der königlichen Liebesbriefchen. Dieſe Herren begannen nun unter lebhaften Geſprä⸗ chen und bei dem Geräuſche des Tafelgeſchirres ein Mahl, das, ſolchen Gäſten gegenüber, frugal, aber ſardanapaliſch zu nennen war, wenn man es von dem Geſichtspunkte der traurigen Gardiſten aus betrachtete, die ihm von ferne zuſahen. Pontis konnte dieſen Anblick nicht lange ertragen. — Ich ſagte es wohl, daß er heute noch einmal zu Mittag eſſen würde! Sambioux, rief er, für Leute, die keinen Haushofmeiſter haben, iſt doch der Friede ein dummes Ding! Im Kriege kann man doch wenigſtens jagen und plündern. Wenn man von zwei Tagen nur an einem zu eſſen bekommt, ſo ſollte man an dieſem einen Tage für zwei flott leben! — In der Umgegend giebt es ſchon zu leben, ſagte ein Hugenott, der an einer trockenen mit Knoblauch geriebenen Brodrinde kauete; warum kaufen Sie nicht ein? — Kaufen Sie ſelbſt ein, antwortete Pontis erbittert, anſtatt an Ihrer Rinde zu nagen. 3 — Eine Rinde iſt beſſer als gar nichts! antwortete der Hugenott. Uebrigens machen Sie nicht ſo viel Lär⸗ men, mein lieber junger Herr, und wenn Sie kein Geld haben, ſo ſchnüren Sie ſich den Bauch zuſammen. — Wer hat Geld? rief Pontis. Haben Sie Geld, Caſtillon? Sie, Vernetel? Wer von Euch allen hat Geld? Alle ſchlugen unwillkührlich mit der Hand an die Taſchen; man höͤrte, daß ſie leer waren. — Warum ſollen wir Geld haben? ſagte Vernetel. Der König ſelbſt hat keins. 5 — Aber der König ißt. 2 — Wenn man ihn zu Tiſche ladet. Laſſen Sie ſich von Herrn von Rosny einladen. — Ovder bitten Sie ihn, daß er Ihnen ſeine Ueber⸗ bleibſel zukommen läßt. „— Sambioux! Ich woollte lieber... Ah, meine Herren, da kommt mir ein Gedanke! Wer hat hier Hunger? — Ich! antwortete ein impoſanter Chor. — Wir gehen zuſammen, und laſſen uns in der Nachbarſchaft einladen. Wir ſind ja Leute von gutem Ausſehen.— — Ah, ah, ah! brummte der Hugenott, indem er die abgeſchabten Kleider ſeiner Kameraden anſah. — Wir ſind gute Edelleute, fuhr Pontis fort, und Garden des Königs... — Eines in Frage geſtellten Königs, das iſt unbe⸗ ſtreitbar. — Wir werden gewiß mehr oder weniger entfernt einen Bekannten, einen Vetter oder einen Freund finden. — 17— Variiren wir die Nationalitäten, damit wir mehr Aus⸗ ſicht haben, einen Landsmann zu finden. Aus welchem Lande iſt Vernetel? — Aus Tonrangeau. — Ich nehme Sie; und Caſtillon? — Aus Poitevin. — Nehmen wir Caſtillon. Ich bin aus der Dau⸗ phine; wir brauchen noch einen Gascogner. Der Stamm⸗ baum eines Gascogners treibt ſeine Wurzeln nach allen vier Enden der Welt. — Schade, daß der König nicht da iſt! ſagte Ver⸗ netel. — Warum? — Wir würden ihn mitnehmen. Guter Gott, er hat Köche und Köchinnen.... Alle lachten. Heinrich IV. ſelbſt würde gelacht haben, wenn er dieſe närriſchen jungen Leute gehört hättè. — Es iſt alſo abgemacht, fuhr Pontis fort, daß wir ohne Umſtände auf dem erſten beſten Edelhofe, den wir finden, ein Mittagseſſen fordern. Seht die reizenden Häuſer, die ihre weißen Häupter aus den grünen Bäu⸗ men emporſtrecken. Dort unten links jenes Schloß mit dem Raſenplatze— aber wir würden über das Waſſer gehen müſſen, und das iſt zu weit. Rechts— ach, ſeht nach rechts ſeht Ihr in der Mitte des jungen Parks den hübſchen aus neuen Steinen erbauten Thurm? Da wollen wir anklopfen! Er iſt kaum eine Viertelmeile weit. Vorwärts! O wie hungert mich! Gabriele. J. 2 — 18— Pontis ſchnallte ſeinen Gürtel mit einer beklagens⸗ werthen Leichtigkeit zuſammen. — Machen wir unss ſchnell auf den Weg, fügte er hinzu, damit wir nicht als Gerippe ankommen. — Aber wir müſſen den Kapitain um Erlaubniß bitten, ſagte Vernetel. — Nein, nein! rief Pontis. — Warum? 4 — Weil wir gezwungen wären vor Hunger umzu⸗ kommen, wenn er uns die Erlaubniß verweigerte— und ich will noch nicht ſterben. Außerdem würde ich mich auch nicht abhalten laſſen zu gehen, und ſo würden die Unannehmlichkeiten nicht aufhören. — Man würde zum Beiſpiel gehängt werden! — Nein, man iſt Edelmann; aber erſchoſſen, und das iſt nicht weniger unangenehm. — Ah bah! antwortete Pontis mit der Entſchloſſen⸗ heit ſeines Alters. Während wir uns nach der uner⸗ läßlichen Mahlzeit umſehen, werden unſere Kameraden Wache ſtehen. Man wird ihnen einige Ueberbleibſel für ihre Mühe mitbringen. Wenn der Kapitain fragt, wo wir ſind, ſo wird man ihm antworten, daß wir einen jungen Haſen in den Weinberg hätten laufen ſehen, und daß wir Jagd auf ihn machten. — Und wenn nun in unſerer Abweſenheit das Er⸗ greifen der Waffen befohlen würde? fragte Vernetel. — Es iſt ja Wafeenſtillſtand. — 19— — Der König muß kommen... Die Anweſenheit ſeines Briefträgers bedeutet, daß man des Königs Ma⸗ jeſtät erwartet. Auch kann Herr von Crillon ankommen. — Unſer Oberſt macht nicht viel Umſtände mit ſei⸗ nen Garden. Wenn er kommt, ſo wird er nach ſeiner Gewohnheit mit der Hand winken und ſagen:„nun gut, genug, Tambour!“ Man wird die Glieder auflöſen, ohne daß man uns gerufen hat. Außerdem habe ich Hunger, und wenn der König hier wäre, ſo würde ich es ihm ſelbſt ſagen. Sambiour, gehen wir! Von dem Feuer ihrer Kameraden hingeriſſen, tra⸗ ten Vernetel und Caſtillon den Weg mit großen Schrit⸗ ten an. Aber Pontis gab ihnen zu bedenken, daß man ſie, wenn ſie liefen, bemerken und zurückrufen würde: man müſſe ſich im Gegentheil langſam und ſchäkernd entfernen, und dabei den Himmel und das Waſſer an⸗ ſehen. In einer Krümmung des Wegs könne man ſich auf die Füße machen und die Viertelmeile in fünf Mi⸗ nuten zurücklegen. Alle drei machten ſich auf den Weg. Die Kamera⸗ den erhoben ſich und ſtellten ſich ſo zwiſchen den Tiſch der Officiere und die Flüchtigen, daß die Erſtern den Weggang der Letztern nicht bemerken konnten. Aber plötzlich erſchien hinter einer Hecke ein Reiter, der ihnen den Weg verſperrte. 2* 2. Was ein Kaninchen und zwei Enten in Verxin koſten können. Der Reiter war ein lebhafter, junger Mann von zwanzig Jahren; ſein Haar war bewunderungswürdig blond, ſein Schnurbart goldig und ſeine Augen waren blitzend, wie ſeine Zähne. Sein Wuchs war ſchlank und ſchön, wie der des Adonis. Er ritt einen vortrefflichen Grauſchimmel, der mit einem reſpektabeln Felleiſen beladen war. Seine Kleidung aus feinem, grauen Tuch mit grünem Beſatz, halb bürgerlich, halb militäriſch, verrieth den Sohn aus guter Familie. Unter dem Arme trug er einen neuen, zuſammengerollten Mantel. Das breite ſpaniſche Schwerdt an der Seite vollendete das Ganze, und Pferd und Ge⸗ ſchirr, Kleider und Geſtalt ſtrahlten, obgleich beſtint in dem Glanze der Mittagsſonne. — Verzeihung, meine Herren, ſagte der junge Reiter, indem er die drei Gardiſten in dem Augenblicke anhielt, wo ſie zu laufen anfangen wollten, Verzeihung— hier iſt wohl das Lager der Garden, nicht wahr? — Ja, mein Herr, antwortete Pontis. — Und Herr von Crillon befehligt die Garden? fuhr 3 der junge Mann fort. — 21— — Ja, mein Herr! — Verzeihen Sie, wenn ich Sie aufhalte, denn Sie ſcheinen Eile zu haben; aber wollten Sie mir wohl das Zelt des Herrn von Crillon andeuten? — Herr von Crillon iſt nicht im Lager, antwortete Vernetel. — Wie, nicht im Lager? Wo werde ich ihn dann wohl finden? — Mein Herr, wir haben die Ehre, Sie zu grüßen! ſagte Pontis, indem er Vernetel ein Zeichen gab. Vernetel und Caſtillon wollten wieder antworten, Pontis aber nahm ſie bei der Hand und zog oder ſchleppte ſie vielmehr mit ſich fort, um die fernere Unterhaltung zu verhindern. — Seht Ihr denn nicht, ſagte er, daß ich vor Ent⸗ kräftung umfalle, wenn das Geſpräch noch lange dauert? Vorwärts! Der Weg wird abſchüſſig, mein Körper rollt allein dem Mittagseſſen zu. Der Reiter ſah lächelnd den drei tollen Gardiſten nach, die den Abhang hinuntertanzten. Ohne ihre Haſt zu begreifen, ritt er dem Lager der Garden zu. Pontis hatte Unrecht, den Herrn von Rosny um ſein Mahl und um ſeinen Haushofmeiſter zu beneiden. Dieſes Mahl war mit Verdruß gewürzt. Herr von Rosny ſuchte auf jede nur mögliche Art la Varenne auszu⸗ forſchen, wie und warum er allein nach Medan gekommen ſei, da er doch nie ohne ſeinen Herrn ginge. La Va⸗ renne erkünſtelte eine ſehr geheimnißvolle Miene und — 22— antwortete auf alle dieſe Fragen mit einer diplomatiſchen Unwahrheit, die Rosny, trotz ſeiner Philoſophie, in Zorn verſetzte. Mehr als einmal ſchlug er zornig auf den Tiſch, und tadelte laut, die Etikette vergeſſend, den Leichtſinn und die Launen ſeines Königs. In dieſem Augenblicke brachten die Gardiſten den jungen Reiter, der ſoeben in das Lager gekommen war. — Wer ſind Sie, und was wollen Sie? fragte Herr von Rosny, der nach Gewohnheit ſeine Serviette zuſam⸗ menlegte. — Ich möchte Herrn von Cirillon ſprechen, antwor⸗ tete artig der junge Mann. — Wer ſind Sie? wiederholte Rosny. Kommen Sie vielleicht von Rom? — Mein Herr, ich möchte Herrn Crillon, den Ober⸗ ſten der franzöſiſchen Garden, ſprechen, fuhr der junge Mann ruhig fort, ohne dieſe Neugierde zu berückſichtigen. — Es ſteht Ihnen frei, Ihren Namen zu verſchwei⸗ gen, ſagte der phlegmatiſche Rosny. Führt Sie ein dienſt⸗ liches Geſchäft hierher, ſo kann ich Sie hören und Ihnen genügen, da ich im Intereſſe des Königs Herrn Cril⸗ lon's Stelle vertrete. Deshalb fragte ich Sie. Ich bin Crosny. Der junge Mann verneigte ſich. — Mich führt ein beſonderes Geſchäft zu Herm Crillon, ſagte er. Was meinen Namen anbetrifft, mein Herr, ſo nenne ich mich Esperance, und habe die Ehre, — 23— Ihr Diener zu ſein. Ich komme nicht von Rom, ſondern aus der Normandie. Der Zauber, der in dem Weſen dieſes jungen Man⸗ nes lag, imponirte Rosny. — Ein ſchöner Name!l ſagte er. — Der kein Name iſt! murmelte der Kapitain. Rosny begann wieder:— — Herr von Ciillon iſt nicht gegenwärtig, mein Herr, er muſtert die übrigen Compagnien ſeines Regi⸗ ments, die längs des Fluſſes zerſtreut lagern; aber er muß bald zurückkehren. Warten Sie! — Hoffen Sie! fügte der Kapitain lächelnd hinzu*). — Ich hoffe mein ganzes Leben lang, antwortete der junge Mann mit ſeiner anmuthigen Munterkeit. Rosny und der Kapitain ſtanden auf. — Esperance! flüſterte Rosny ſeinem Kameraden in das Ohr. Ein paſſender Name für die Abenteurer! Beide ſtiegen zu dem Ufer des Fluſſes hinab, um die Verdauung durch einen Spaziergang zu fördern. Esperance band ſein Pferd an einen Baum, legte ſeinen Mantel zuſammen und ſetzte ſich oben darauf. Dann wandte er ſich nach Art der Träumer oder der Verliebten nach der poetiſchen Seite des Panoramas, das ſich zu ſeinen Füßen ausbreitete. Kaum war eine Viertelſtunde verfloſſen, als ſich ein lautes, freudiges Gelächter in der äußerſten Umſchanzung *) PEsperance, die Hoffnung. — 24— vernehmen ließ. Die Gardiſten drängten ſich um die drei Lieferanten, die wir nach Mundvorrath haben ausziehen ſehen. Pontis trug in beiden Händen hoch in der Luft eine irdene Schüſſel von anſehnlicher Größe. Unter dem Arme trug er mit bewunderungswürdiger Geſchicklichkeit ein Brod von mehreren Pfunden. An ſeinem Halſe hingen zwei erwürgte Enten und mehrere Tauben. Vernetel brachte als Trophäe ein langes und dickes Kaninchen, ein rundes Brod und ein Bündel Würſte und Sauciſſen. Caſtillon trug nur eine Trinkflaſche, aber ſie war ſo groß, daß ſie die ganze Kraft eines Mannes in Anſpruch nahm. Die allgemeine Freude verwandelte ſich in Bewun⸗ derung, als Pontis ſeine Schüſſel zu der gewöhnlichen Höhe herabſenkte; man entdeckte nämlich, daß ſie eine Paſtete von gehacktem Fleiſche enthielt, und daß dieſe Paſtete in ihrer kräftigen Brühe noch kochte. Die Korporalſchaft trat zuſammen. Dieſe ſchickten ſich an, die Enten und das Kaninchen zuzubereiten; an⸗ dere, glücklichere, ſetzten ſich unmittelbar zu Tiſche, das heißt, man machte auf dem Raſen einen reinen Platz, deſſen Mittelpunkt jene edele Paſtete bildete, und ein Dutzend Gäſte erhielten von dem großmüthigen Pontis die Erlaubniß, auf großen Brodtſchnitten das gehackte Fleiſch auszubreiten. Esperance betrachtete lächelnd das Feſt dieſer herz⸗ haften Schmauſer, und bewunderte Pontis, den König des Feſtes, deſſen vor Freude ſtrahlendes Geſicht die ganze Gruppe verklärte. Da ließ ſich plötzlich aus der Entfer⸗ nung ein Schreien vernehmen. Dieſes Schreien erregte die Aufmerkſamkeit Esperance's. Aber die vor Hunger und Glück aufgeregten Gäſte hörten es kaum. — Horch, man ſchreit! ſagte Vernetel mit vollem Munde. — Ja, antwortete Pontis, man wird im Schloſſe das Verſchwinden des Mittagsmahls bemerkt haben. — Erzählen Sie doch, Pontis, wie Sie zu dieſem herrlichen Fange gekommen ſind, ſagte ein Gardiſt, der ein Geflügel rupfte. — Da würde ich manchen ſchönen Biſſen verlieren! ſagte der junge Mann. Doch hört in wenig Worten die Geſchichte: Wir hatten höflich unſere Naſen durch die Thür geſteckt und fragten nach dem Herrn vom Hauſe, um ihm unſere Aufwartung zu machen. Ein mürriſcher Thürſteher öffnete das Gitter ein wenig und ſagte, es ſei Niemand zu Hauſe. Wir ließen uns aber nicht ab⸗ weiſen und erklärten ihm, daß wir Edelleute und Gar⸗ diſten des Königs ſeien. Der Tölpel antwortete, es gäbe ebenſowenig einen König und Garden in Frankreich, als es einen Waffenſtillſtand gäbe. 4 — Liguiſten! Spanier! riefen alle Gäſte. — Das merkten wir auch auf der Stelle, fügte Pontis hinzu, indem er die allgemeine Entrüſtung benützte, um ſeinen Mund zu füllen. Nun ſetzte ich meinen Fuß zwiſchen die Thür und das Gitter, und hinderte auf dieſe . — 26— Weiſe den Liguiſten, wieder zu ſchließen. Dann trat ich ein, und dieſe beiden Herren folgten mir. Aus der Küche drang uns ein Duft entgegen, der ſelbſt den heiligen Antonius ohnmächtig gemacht hätte. Da Niemand zu Hauſe iſt, ſagte ich, ſo bereitet man dieſes Mittagseſſen umſonſt. Und zugleich ſtreckte ich die Hand nach dieſem Geflügel aus, das der Pachter eben vorbei trug. Der Thürſteher ſchrie, und auf dieſes Schreien ſturzten zwei Bediente mit Bratſpieß und Spicknadel herbei. Wir Edelleute zogen unſere Schwerdter nicht, aber ich ergriff einen Feuerbrand von dem Herde und ſchleuderte ihn zwiſchen die Canaillen. Der Feuerregen trieb ſie in die Flucht. Nun ergriff ich die Schüſſel, die Ihr hier ſeht, und hing auf meine Weiſe dieſen heiligen Geiſt an mei⸗ nen Hals. Vernetel und Caſtillon rührten keine Hand, die übergroße Bewunderung hatte ſie entkräftet. Ich be⸗ zeichnete alſo dem Einen dieſes hübſche Fläſchchen, dem Andern das Kaninchen. So beladen traten wir unſern Rückzug an, ohne daß wir beunruhigt wurden, und nun ſind wir wieder da. Pontis ward durch einen donnernden Beifall belohnt. Esperance, der immer noch an demſelben Platze ſaß, er⸗ höhete dieſen Beifall durch ein lautes Gelächter. Plötzlich hörte man das Rufen lauter und ganz in der Nähe. Wahrſcheinlich war es während einiger Mi⸗ nuten von der Runderhabenheit des Berges aufgefangen geweſen. Das Rufen und Schreien kam von einem „— Manne, der plötzlich an dem Eingange des Lagers der Garden erſchien. Athemlos geſtikulirte er energiſch mit den Armen. Aus ſeinen Augen ſprühte der Zorn. Er zog natürlich die Aufmerkſamkeit aller Zuſchauer auf ſich. — Es iſt Jemand aus dem Schloſſe, in dem wir Zehnten erhoben haben! flüſterte Vernetel ſeinem Nachbar Pontis in das Ohr. Dieſer unterbrach ſein Mahl. Die übrigen Gardiſten ſtellten ebenfalls ihre Küchenvorbereitungen ein. Man ſah ſie das zur Hälfte entfederte Geflügel hinter ihren Mänteln verbergen. Wie Alle, ſo war auch Esperance von der Aufregung betroffen, die ſich in den Zügen des zuletzt angekommenen Mannes ausprägte. Sein jugendliches Geſicht hatte ſich bis zur Häßlichkeit verzogen. Seine mehr rothen als blonden Haare ſträubten ſich empor. Seine ſchmalen und bleichen Lippen bebten vor Zorn. Er war ein Mann von kaum zweiundzwanzig Jah⸗ ren, groß und ſchlank gewachſen. Seine feinen und nervigten Formen verriethen eine ausgezeichnete Natur, die aber durch ſtarke Leibesbewegungen in ihrer Ent⸗ wickelung unterbrochen war. Trotzdem er ein altväte⸗ riſches, grünes Wams von grobem Stoffe trug, ſo konnte man dennoch ſeine edeln und ungezwungenen Manieren bemerken. Aber ein für den Tiſch zu langes und für die Jagd zu kurzes Meſſer, das ohne Scheide in ſeiner — 28— zitternden Hand blitzte, verrieth einen jener unbändigen, wüthenden Menſchen, die nach Blut lechzen. Dieſer junge Mann war den Berg ſo ſchnell hinan⸗ geklettert, daß ihm der Athem fehlte und daß er kaum die Worte ſtammeln konnte: — Wo ſind die Chefs? Ein Gardiſt, der den Wüthenden aufzuhalten ſuchte, indem er ihm den Schaft einer Lanze entgegenſetzte, ward faſt umgeworfen. Ein Fähndrich, der auf den Lärm herbeigeeilt war, warf ſich dazwiſchen, als er ſeine Schildwache bedroht ſah. — Scherzen Sie, Herr, daß Sie mit dem Meſſer in der Hand das Lager der Garde des Königs betreten? — Die Chefs! rief noch einmal der junge Mann mit widriger Stimme. — Ich bin einer derſelben! antwortete der Fähndrich. — Sie ſind nicht der, den ich brauche, antwortete der Mann mit ſtolzer Geringſchätzung. Außer Pontis und ſeinen Genoſſen droheten Alle dem Beleidiger. — O, rief er, Ihr jagt mir keine Furcht ein, Ihr nicht! rief er im Tone verhaltener Wuth. Ich ſuche einen großen, einen mächtigen Chef, der die Macht zu beſtrafen hat. Rosny und der Kapitain waren langſam näher ge⸗ treten, um die Urſache des Tumultes zu erfahren. Der junge Mann bemerkte ſie. — 29— — Ach, da ſind ja die, die ich brauche! murmelte er mit einem widrigen Lächeln. — Was giebt es? fragte Rosny, vor dem ſich die Reihen öffneten. Er heftete ſeinen durchdringenden Blick auf dieſes Geſicht, das durch alle böſen Leidenſchaften der Menſch⸗ heit wie aufgelöſ't erſchien. — Mein Herr, antwortete der junge Mann, ich komme, um Genugthuung zu fordern. — Legen Sie zunächſt Ihr Meſſer ab! ſagte Rosny. Nehmt es ihm! Zwei Gardiſten packten die Fauſt dieſes Mannes, und entriſſen ihr das Meſſer. Er verzog keine Miene. — Für wen fordern Sie Genugthuung? fuhr Rosny fort. — Für mich und die Meinigen. — Wer ſind Sie? — Ich nenne mich Laramée, und bin Edelmann. — Gegen wen fordern Sie dieſe Genugthuung? — Gegen Ihre Soldaten. — Ich habe hier keine Soldaten! antwortete Herr von Rosny, den der hochmüthige Ton eines ſolchen Menſchen verletzte. — In dieſem Falle habe ich mit Ihnen nichts zu ſchaffen. Bezeichnen Sie mir den Chef dieſer Leute hier. Er deutete auf die vor Zorn bebenden Gardiſten. — Herr von Laramée, antwortete Rosny kalt, Sie ſprechen ſehr laut, und wenn Sie Edelmann ſind, wie Sie ſagen, ſo ſind Sie ein ſchlecht erzogener Edelmann. Dieſe Leute hier ſind Ihnen ebenbürtig, und ich fordere Sie auf, ſie höflicher zu behandeln. Ich würde es Ihnen überlaſſen haben, ſich mit ihnen zu verſtändigen, wenn es mir nicht geſchienen hätte, daß Sie gekommen wären, um Reclamationen zu erheben. In Abweſenheit des Herrn von Crillon führe ich hier das Commando, und Sie ſehen mich bereit, trotz Ihres ungewöhnlichen Auf⸗ tretens, Ihnen Gerechtigkeit angedeihen zu laſſen. Alſo berichten Sie ruhig, höflich und kurz! Der junge Mann biß ſich in die Lippen, zog die Augenbrauen zuſammen und ballte die Fäuſte; aber die Kaltblütigkeit und Entſchiedenheit Rosny's, an deſſen ganzem Körper kein Muskel zuckte, deſſen ſcharfer Blick ihn wie die Spitze eines Schwerdtes getroffen hatte, be⸗ wältigten ihn; er athmete auf, ſammelte ſeine Gedanken, und ſagte: — Gut! Ich bewohne mit meiner Familie das Schloß, das Sie dort am Fuße des Hügels, rechts zwi⸗ ſchen den Baͤumen, ſehen können. Mein Vater liegt zu Bette, er iſt verwundet. —Verwundet? unterbrach ihn Rosny. Iſt er ein Soldat des Königs? Dieſe Frage machte den jungen Mann erröthen. — Nein, antwortete er verwirrt. — Alſo Liguiſt! murmelten die Garden. — Fahren Sie fort! ſagte Rosny. — Ich befand mich mit meinen Schweſtern an dem — 31— Bette des Vaters, als wir durch ein Kampfgetöſe er⸗ ſchreckt wurden. Fremde waren gewaltſam in das Haus gedrungen, hatten meine Leute geprügelt und verwundet, und geplündert. — Ruhe!l befahl Rosny den Stimmen, die rings um ihn her laut wurden. — Die Fremden, fuhr Laramée fort, waren mit ihren Gewaltthätigkeiten nicht zufrieden, ſie nahmen auch noch Feuerbrände von dem Herde, und ſchleuderten ſie in die Scheuere, die jetzt in Flammen ſteht. Sehen Sie hin! Alle blickten nach dem bezeichneten Punkte. Man ſah in der That weiße Rauchwolken, die ſchneckenförmig wallend aus den Bäumen des Parks emporſtiegen. Pontis und ſeine Genoſſen erbleichten. Eine pein⸗ liche Stille herrſchte in der Verſammlung. — Das iſt wirklich eine Feuersbrunſt! ſagte Herr von Rosny in einer Bewegung, die er nicht bemeiſtern konnte. Wir müſſen folglich dorthin gehen! — Das Stroh brennt raſch, wenn man ankommt, wird Alles vorbei ſein. Sehen Sie, die Dächer brennen ſchon!) Nach dieſen Worten ſchwieg der junge Mann, er war mit der Wirkung zufrieden, die ſte hervorgebracht. — Ihre Familie ſendet Sie nun, daß Sie Gerechtig⸗ keit fordern? fragte Rosny. — Ja, mein Herr! — Sind die Schuldigen hier? — 32— — Es ſind Gardiſten. — Des Königs? — Gardiſten! wiederholte Laramée, und dabei legte er ſo ſichtlich den Widerwillen an den Tag, das Wort „König“ auszuſprechen, daß Rosny ſich davon verletzt fühlte. — Den Verſicherungen einer einzigen Perſon, Herr von Laramée, kann man nicht glauben, antwortete er; ſchaffen Sie Zeugen zur Stelle. — Man komme in das Haus; nicht Ihre Soldaten werden Alles niederbrennen und morden, ſondern ein Chef... die Verwundeten werden reden, und die rau⸗ chenden Mauern werden anklagen! Ein allgemeines Gemurmel der Entrüſtung erhob ſich gegen den Kühnen, der auf dieſe Weiſe das ganze Corps der Garde beleidigte. Empört antwortete Rosny dem jungen Manne: — Sie hören, mein Herr, was man von Ihren Beleidigungen denkt. Auch merkt man wohl, Sie kennen die Waffenruhe, und wiſſen, daß das geheiligte Wort des Königs von Frankreich Sie ſchützt. — O, es hat mich vorhin auf ſeltſame Weiſe ge⸗ ſchützt! rief Laramée in bitterer Jronie. Ich berufe mich nicht auf den Waffenſtillſtand, daß er mich ſchütze, ſondern daß er mich räche. Mir ſtehen alle Beweiſe zu Gebote. Ich habe nicht nur den Bericht meiner Domeſtiken gehört, ich ſelbſt habe auch die Diebe entfliehen ſehen, 4 und werde ſie nöthigenfalls wiedererkennen. Aber da ———— — 33— Sie Herr von Rosny ſind, da Sie das Wort Ihres Königs ſo hoch ſtellen, ſo muß ich wiſſen, ob mir Gerechtig⸗ keit werden ſoll,— wo nicht, ſo werde ich unmittelbar an Ihren Herrn gehen, und... — Genug, genug! ſagte Rosny, der den Zorn auf⸗ keimen fühlte. Sparen Sie Ihre Phraſen und Ihre wüthenden Blicke! Meine Nachſicht und Ruhe reicht nur bis zu einer gewiſſen Grenze. — O, Sie drohen mir? rief Laramée mit einem finſtern Lächeln. Das iſt nicht übel! So vollendet man das Werk... man bedroht den Klagenden! Es lebe der Waffenſtillſtand! Es lebe das Wort des Königs! — Mein Herr, entgegnete Rosny haſtig, indem er in die Spitzen ſeines Schnurbarts biß, Sie mißbrauchen Ihre Vortheile. Ich ſehe wohl, mit wem ich zu thun habe. Wenn Sie ein Diener des Königs wären, würden Sie nicht von einer ſolchen Erbitterung und einem ſolchen Rachedurſte beſeelt ſein. Sie ſind ein Liguiſt, ein Freund der Spanier. — Wenn dies der Fall wäre, ſagte Laramée, ſo wären Sie mir einen noch wirkſamern Schutz ſchuldig, denn vor acht Tagen konnten ſich Ihre Feinde mit den Waffen vertheidigen, während ſie heute Nichts haben als Ihr Wort und Ihre Unterſchrift. — Sie haben Recht, man wird Sie ſchützen. Sie ſagten vorhin, daß Sie die Schuldigen wiedererkennen würden— hier ſind alle Gardiſten, machen Sie die Runde und verſuchen Sie es. Gabriele I. — 34— — Man hätte mir dieſe Mühe erſparen können, mur⸗ melte der boshafte Kläger. Leute von Ehre geben ſich ſelbſt an. — Ich nehme an, daß Sie dies nicht erwarten, ſagte Rosny. Da Sie ſich auf den Wafeenſtillſtand be⸗ rufen, kennen Sie ohne Zweifel die Artikel deſſelben; die Strafe, welche nach dieſen Artikeln die Art von Gewaltthätigkeit mit ſich führt, über die Sie ſich beklagen, iſt ſolcher Natur, daß ſie denen Schweigen anräth, deren Gewiſſen zum Reden veranlaßt. — Ich kenne wirklich dieſe Strafe, mein Herr, rief der junge Mann, und erwarte, daß ſie ſtreng vollzogen werde. — Sobald Sie die Schuldigen erkannt und über⸗ führt haben. — Gut, das wird nicht lange dauern! Bei dieſen Worten erheiterte ſich das bleiche Geſicht Laramée's; dann heftete er ſeine Blicke auf den Kreis der Garden, die unwillkuͤhrlich zurückwichen und ſich in unregelmäßigen Reihen aufſtellten. Der rachgierige Liguiſt ging langſam durch dieſe Reihen, als ob er eine Muſterung abhielte. Rosny, deſſen Kopf tauſend widerſprechende Gedanken durchkreuzten, kämpfte gegen ſeinen empörten Stolz und gegen ein Gefühl natürlicher Billigkeit, das den Grund⸗ ſatz der Disciplin und des Völkerrechts noch befeſtigte. Er ſtützte ſich endlich auf den Kapitain, deſſen Erbitte⸗ rung den höchſten Grad erreicht hatte, und flüſterte ihm zu: —— — 35— — Eine böſe Geſchichte! Und ich bin allein hier! Wäre nur Herr von Crillon anweſend; denn er iſt ver⸗ antwortlich für die Garden! — Wenn man mich gewähren ließe, antwortete der zornige Kapitain, ſo würde ich die Sache bald in Ord⸗ nung bringen. — Wie? fragte Rosny. — Mit einem tüchtigen Hanfſtricke und jenem Aſte. — Ruhig, mein Herr, antwortete der Hugenott, der ſich durch dieſe unkluge Aeußerung des Officiers veran⸗ laßt fühlte, ſich völlig dem allgemeinen Rechte zuzuneigen. Ruhig! Wir dürfen die Conventionen und Acten, die der König unterzeichnet hat, nicht ſo leicht behandeln. — Dieſer Laramée iſt ein Verbrecher, ein Läſter⸗ maul... — Ich weiß es, ja, ich weiß es! Aber man hat ihm Gewalt angethan, und ſein Haus angezündet. Ihm muß Gerechtigkeit werden. Indem ich ihn zwinge, ſelbſt die Schuldigen herauszuſuchen, verſuche ich es, entweder die Beſtrafung hinauszuſchieben oder unmöglich zu machen. Auf die Weiſe öffnete ich den Leuten hier eine Thür des Heils. Aber wahrhaftig, ich glaube, er hat ſie ſchon wieder verſchloſſen, denn der verſchmitzte Kerl bleibt bei jener kleinen Gruppe ſtehen und ſieht ſie mit ſo freu⸗ digen Blicken an, daß wir wahrſcheinlich bald ein Urtheil zu ſprechen veranlaßt ſein werden. Kommen Sie, thun wir unſere Pflicht! 3 X — 36— Während dieſer ganzen Scene hatte Esperance von ſeinem Platze aus begierig gelauſcht. Aber als er die Unterredung Rosny's und des Officiers gehört, bemäch⸗ tigte ſich ſeiner ein tiefes Mitleiden mit dieſen armen Gardiſten, die er vor Kurzem ſo freudig hatte ausziehen ſehen. Doch er fühlte auch einen unbeſchreiblichen Zorn gegen den Kläger, deſſen Ausſehen, deſſen Redeweiſe, mit einem Worte deſſen ganze Perſon ihn, trotz der Gerechtig⸗ keit und ſeiner Klagen, empörte. Esperance näherte ſich Fouquet la Varenne, der als ein Bürger, den die Soldaten wenig intereſſirten, die Scene gleichgültig beobachtet hatte. — Verzeihung, mein Herr, ſagte er. Was ſpricht jener berüchtigte Artikel des Waffenſtillſtandes über die Kriegsleute aus, die ſich Gewaltthätigkeiten haben zu Schulden kommen laſſen? — Nun, junger Mann, antwortete der kleine Brief⸗ träger, den Tod! 3. Wie Laramée Bekanntſchaft mit Eſperance macht. Laramée hatte bereits eine hübſche Anzahl Gardiſten be⸗ ſichtigt, ohne irgend einen zu bezeichnen, als er plötzlich, wie Rosny dem Kapitain bemerkt hatte, ſtehen blieb. Er näherte ſich dem verdächtigen Gardiſten, betrachtete ihn einen Augenblick, und wandte ſich dann zu Rosny zurück, indem er rief: — Hier iſt einer von ihnen! Es war Vernetel, den er bezeichnete, indem er die Bruſt deſſelben mit dem Finger berührte. Faſt in demſelben Augenblicke ſtreckte er ſeine Hand gegen Caſtillon aus, und rief: — Hier iſt der Zweite! Die beiden Beſchuldigten ſchrien laut auf. Ein dum⸗ pfes Drohen durchlief die Reihen. — Woran erkennen Sie dieſe Herren wieder, die Sie doch nur von hinten geſehen haben, wie Sie ſagen? fragte Rosny. Ohne zu antworten zeigte Laramée einen kaum ſicht⸗ baren Blutstropfen auf dem Collet Vernetel's, an dem einige graue Haare von einem Stück Wildpret hingen. — 38— Caſtillon's Schulter zeigte einen Streifen von jenem feuchten Kellerſande, in welchem die Flaſchen liegen. Vernetel hatte in der That das Kaninchen und Ca⸗ ſtillon die große Flaſche gebracht. Denen, die bereits überzeugt ſind, mußten dieſe Be⸗ weiſe genügen. Keiner machte eine Bemerkung, ſelbſt die Angeklagten nicht. Aber Laramée war noch nicht am Ziele. Er blieb vor mehreren Gardiſten ſtehen, die er ſcharf in's Auge faßte, bis er endlich zu Pontis kam, der ihn zwar ein wenig bleich, aber feſten Fußes erwartete. Der Kläger ergriff die Hand des Gardiſten. Pontis ſtieß ihn zurück, indem er ſagte: — Berühren Sie mich nicht, oder es iſt kein Waf⸗ fenſtillſtand mehr! — Hier iſt der Dritte, ſagte Laramée, und zwar der ſchuldigſte. Er hat den Feuerbrand ergriffen— be⸗ trachten Sie ſeine Hände, ſie ſind ſchwarz und riechen nach Rauch. — Nehmen Sie nicht an, fragte der Kapitain, daß Ihre Beweiſe uns genügen? — Man führe dieſe Männer in das Schloß und confrontire ſie mit meinen Leuten. — Unnütz, rief Pontis, unnütz! Es wäre wahr⸗ haftig erniedrigend, vor einem ſolchen Ankläger zu er⸗ röthen oder zu erbleichen. Seit zehn Minuten läßt ſich ein ganzes Corps Garden von einem ſolchen Kerl wegen — 39— einiger Tauben und eines Rückenſtücks von einem Kanin⸗ chen beleidigen— das iſt kränkend! — Was ſoll das heißen? fragte Rosny. Und was ſchließen Sie daraus? — Ich ſchließe daraus, daß ich es war, der zu dem Schloſſe gegangen, weil das Schloß, eine wahre kleine Feſtung, einmal da iſt. Ich glaubte zu treuen Dienern des Königs zu kommen, und bat um einen Platz bei Tiſche, was unter guten Edelleuten, die reiſen, überall Sitte iſt. Noch mehr: in meiner Heimath, der Dau⸗ phine, geht der Schloßherr den Gaſten entgegen, und führt ſie mit Gewalt an ſeinen Herd. Aber weil wir hier einen ſchlechten Franzoſen, einen Spanier, einen Filz vor uns haben, Sambioux! und weil der Waffenſtillſtand uns die Hände bindet, ertragen wir die Folgen davon. So habe ich denn geglaubt, mir einige Lebensmittel ver⸗ ſchaffen zu müſſen, als die Leute dieſes Herrn mich ab⸗ wieſen. — Nicht verſchaffen, kaufen! rief Vernetel. — Ja, kaufen, fügte Caſtillon hinzu, wir haben die Lebensmittel gekauft! — Sie lügen! rief Laramée mit zornbebender Stimme. — Ich habe ein Geldſtück in die Küche geworfen! ſtammelte Caſtillon. — Sie lügen! fuhr der inſolente Ankläger fort. — Ja, ſagte Pontis ſanft zu Caſtillon und Vernetel, indem er liebreich ihre Hände ergriff— ja, der Herr hat Recht, Sie lügen, meine armen lieben Freunde, wir haben — 490— nicht gekauft. Iſt denn bei uns Geld vorhanden? Nie! Aber Ehre, und ich werde ſie dieſem ſogenannten Edel⸗ manne darthun Ich, Pontis, ich allein habe den Plan zur Plünderung entworfen, ich habe meine beiden Freunde mit mir fortgezogen, ohne ihnen meine Abſichten mitzu⸗ theilen. Ich habe ſie gegen ihren Willen zu meinen Mitſchuldigen gemacht. Ich habe den Feuerbrand in das Zimmer geworfen, ohne daran zu denken, daß er eine Feuersbrunſt bewirken würde. Außer mir giebt es keinen Schuldigen. Ich liefere mich aus— hier bin ich! — Mein Herr, riefen Caſtillon und Vernetel, glau⸗ ben Sie es nicht, auch wir ſind ſchuldig! — Pardieu! ſagte Laramée. — So fordern Sie drei Opfer! entgegnete Rosny, empört über den Geiſt der Rache, der den jungen Mann ſo wüthend beſeelte. — Eins für das Geflügel! fügte Pontis hinzu. — Sie reklamiren ſie alſo, nicht wahr? fragte der Kapitain. — Ich fordere Gerechtigkeit. — Cröffnen Sie Ihren Entſchluß. — Das iſt ſehr einfach. Der Waffenſtillſtand iſt gebrochen— räumen Sie es ein? — Ja! ſagte Rosny. — Zugeſtanden! rief Pontis. Aber wir ſchlagen ihn mit ſeinen eigenen Worten. Will der Herr nicht ein Stück von meinem Felle für ſeine Enten? — — 41— — CEs ſteht geſchrieben, ſagte Laramée, indem er jede Silbe kurz und deutlich ausſprach, daß die Ueber⸗ tretungen des Waffenſtillſtandes, alſo Plünderung, Ge⸗ waltthätigkeiten und Brandſtiftungen mit dem Tode be— ſtraft werden. Hat Ihr König dies unterzeichnet— ja oder nein? — Mit dem Tode! murmelte Pontis, beſtürzt über die gräßliche Beharrlichkeit dieſes jungen Mannes. .— So ſteht es geſchrieben, Sie müſſen es wiſſen! wiederholte Laramée. — Wegen zwei Enten, das wäre zu viel! rief Ver⸗ netel außer ſich. — Es handelt ſich darum zu erfahren, ſagte Laramée mit einer durch die Leidenſchaft erſtickten Stimme, ob ein Eid ein Eid iſt, und daß das Land wiſſe, im Falle die. Artikel eines Waffenſtillſtandes ungeſtraft verletzt werden dürfen, ob man die königlichen Soldaten, wenn ſte unſere Häuſer betreten, mit Worten, oder mit unſern guten Musketen zu empfangen hat, die, Gott ſei Dank! niemals fehlen. Ferner, ob man die regelmäßige Schlacht Krieg, und die Metzeleien, die im Lande verübt werden, Frieden nennt. Dann, fuhr er erhitzt fort, wird Alles gut ſein, um dieſe Meineidigen zu verderben. Man wird ſie die Lebensmittel ſtehlen laſſen, aber dieſe Lebensmittel werden vergiftet ſein. Dies ſind die Folgen der Ungerechtigkeit, meine Herren. Plündern Sie wie die Ratten, ſo geben wir Ihnen, wie den Ratten, Arſenik. Und meine Herren, — 42— die Ratten ſengen und brennen noch nicht einmal, ſie nagen nur! Rosny, der dieſe Rede mit geſenktem Kopfe angehört hatte, unterbrach ſein Nachdenken. — Mein Herr, ſagte er, da Sie darauf beharren, daß die betreffenden Artikel in Anwendung gebracht wer⸗ den, ſo ſoll es nach Ihrem Wunſche geſchehen. Es iſt zwar nicht chriſtlich, aber Sie find in Ihrem Rechte. Laramée verbeugte ſich. Sein Geſicht war ruhig ge⸗ worden, und erſchien nun wie es eigentlich war: edel und ſchön, kühn und ſtolz. — Es thut mir leid, wandte ſich Rosny zu Pontis, Sie dem Profoß übergeben zu müſſen, der Sie ſo lange gefangen hält, bis das Kriegsgericht über Ihr Loos ent⸗ ſchieden haben wird. Pontis gab durch ein Zeichen ſeine Zuſtimmung. Seine Ergebung übte auf Laramée nicht den geringſten Eindruck aus. — In Bezug auf die andern, ſagte er, als ob er der Richter und Vollſtrecker des Urtheils zugleich wäre, habe ich zu bemerken, daß ich ſie weiter nicht zur Rechen⸗ ſchaft ziehe. Einige Tage Gefängniß genügen mir. Rosny, roth vor Zorn, unterbrach ihn. 3 — Mein Herr, ſagte er, über die Andern habe ich zu verfügen, nicht Sie! Ich entbinde die Andern von jeder Verantwortlichkeit, ſie ſind frei, ihr Kamerad wird für alle zahlen. Nun können Sie ſich zurückziehen, Herr von Laramée, und überall veröffentlichen, daß der König — 43 von Frankreich eine gute Juſtiz übt, ſelbſt ſeinen Feinden gegenüber. Bei dieſen Worten deutete er dem jungen Manne den Weg an; er verabſchiedete ihn. Dieſer aber ſagte, ohne irgend eine Bewegung zu verrathen: — Ich bitte, noch einen Augenblick, denn ich glaube, wir haben uns nicht verſtanden. — Wie? fragte Rosny, der in ſeinem gerechten Stolze der Plackerei eines ſochen Gegners überdrüſſig war. Und zugleich warf er ihm einen Seitenblick zu, der ein Unwetter ankündigte. Dieſer Blick Rosny's war ſehr bekannt und ſehr gefürchtet. Aber Laramée ward davon nicht einen Augenblick erſchreckt. — Nein, mein Herr, fuhr er fort, wir verſtehen uns nicht. Ich weiß die Artikel des Waffenſtillſtandes aus⸗ wendig, aber Sie vergeſſen ſie ſtets. So ſteht nicht ge⸗ ſchrieben, daß der Deliquent dem Profoß ſeiner Parthei übergeben werde, damit die Richter ſeiner Parthei das Urtheil über ihn fällen, nein— es ſteht im Gegentheil geſchrieben, daß er denen überliefert werde, die er beleidigt und verletzt hat, damit dieſe Gerechtigkeit üben. Das iſt der Inhalt. Demnach, mein Herr, wird man mir den Schuldigen ausliefern müſſen, damit der Amtmann des Orts über ihn richte. Aber es handelt ſich hier nicht mehr um das Urtheil, denn das Verbrechen ſteht feſt, es iſt bewieſen und zugeſtanden. Die Strafe iſt vorge⸗ ſchrieben, alſo gehen wir zur Execution über. — Ein Schrei der Wuth und des Abſcheu's ertönte in allen Reihen. Man würde dieſen Menſchen zerriſſen haben, wenn die energiſchen und geachteten Vorgeſetzten die Gardiſten nicht im Zaume gehalten hätten. — Ah, Burſche, murmelte Pontis, Du haſt Recht, darauf zu dringen, daß ich erſchoſſen werde, denn bliebe ich frei, oder nähme die Sache eine Wendung, daß ich entkäme, ſo... — Gehen Sie gefälligſt bei Seite, ſagte Rosny zu Laramée, ich kann ſonſt nicht für Ihr Heil einſtehen. Herr von Crillon muß bald zurückkommen, er wird ſicher das Geſetz vollziehen laſſen. Er iſt unumſchränkter Herr ſeiner Garden; erwarten Sie ſeine Rückkehr. Aber ſeien Sie vorſichtig, denn es könnte leicht geſchehen, daß Herr von Pontis entweder, der nichts mehr zu riskiren hat, Ihnen ſein Schwerdt durch den Leib ſtößt, denn man kann ihn nur ein Mal erſchießen— oder daß einer ſeiner Kameraden mit Ihnen einen Streit ſucht, der Ihnen... Sie verſtehen mich. Es giebt Deutſche unter dieſen Herren. — Ich danke Ihnen für dieſe klugen Rathſchläge, mein Herr! entgegnete Laramée mit ſeinem widerwärtigen Lächeln. Aber in Ihrem Lager fürchte ich weder das Eine noch das Andere. Herr von Rosny wird nie zu⸗ geben, daß ein Mann ermordet werde, der ſich mit gutem Rechte beklagt. Bei dieſen Worten grüßte er den berühmten hugenotti⸗ ſchen Baron, ohne auch nur zu verſuchen, die beleidigende Ironie ſeiner Redeweiſe und ſeines Blicks zu unterdrücken. — 15— Plötzlich fühlte er, daß ſich eine Hand auf ſeine Schulter legte. Er wandte ſich. Es war die Hand des jungen Esperance. Während der empörenden Unterhandlung, der er beigewohnt, hatte er nur mit außerordentlicher Mühe ſich beſiegen können; jetzt war es ihm unmöglich, der Verſuchung zu wider⸗ ſtehen, in die Scene zu treten und eine Rolle mitzuſpielen. Zitternd vor Ungeduld, die ihn ſeit zehn Minuten verzehrte, durchſchritt er die Reihen der erbitterten Gar— diſten, um Herrn Rosny in dieſem verhaßten Geſpräche zu erſetzen. Er legte alſo ſeine reizend weiße und nervigte Hand auf die Schulter Laramée's. Dieſer wandte ſich ärgerlich wie eine Katze, die man bei dem Ablecken einer Schüſſel ſtört. — Ich bitte, zwei Worte mit Ihnen reden zu dürfen, wenn es beliebt, mein Herr! ſagte Esperance mit einem liebenswürdigen Lächeln. Beide ſtanden ſich einander gegenüber. Beider Geſicht war ſchön: das eine durch ſeine perlenartige Bläſſe, unter welcher der Zorn loderte— das andere durch das friſche Wangenroth, das jene glückliche Geſundheit des Körpers und des Geiſtes anzeigt, ohne die es weder eine wahrhafte Gutmüthigkeit, noch eine wahrhafte Kraft giebt. Bei den erſten Worten, die Esperance ſprach, erzitterte Laramée, ſein Inſtinet ließ ihn einen feſten Gegner ahnen. — Was wollen Sie? fragte er trocken. — Ich will Ihnen ein Mittel angeben, Ihre An⸗ gelegenheit zu beendigen, mein Herr. In ſchwierigen Verhältniſſen iſt man oft glücklich, die geſuchte Löſung zu finden. Esperance hatte ſo laut geſprochen, daß zuerſt Rosny, dann eine Anzahl Gardiſten, die ihn gehört, näher ge⸗ treten waren, um ſelbſt die Löſung zu beurtheilen, von welcher der junge Mann ſprach. Er hatte geſehen, wie Pontis von den Schützen des Profoß umgeben ward. Dieſer ſchmerzliche Anblick veranlaßte ihn, aus ſeiner Unterredung ein ſchnelles Reſultat zu ziehen. Laramée aber fühlte ſich von dieſer feindlichen Wie⸗ deraufnahme einer Frage, die er für erſchöpft hielt, ver⸗ letzt, und wollte ſobald als möglich den läſtigen Rath⸗ geber abweiſen, deſſen Einleitungsworte eine neue Gallerie Neugieriger und Uebelgefinnter herbeigelockt hatten. Demnach ſagte er zu Esperance: — Sie würden mir ein großes Vergnügen bereiten, wenn Sie ſich mit Ihren eigenen Angelegenheiten befaßten, und nicht mit den meinigen. — Mein Herr, antwortete der ſchöne junge Mann, nach dem, was ich ſo eben vernommen habe, fühle ich mich durchaus nicht bewogen, Ihnen ein Vergnügen zu bereiten. Aber nach Ihrem erſten Auftreten in dieſer Angelegenheit glaube ich, daß Sie ſich in großer Verle⸗ genheit befinden. Sie haben dergeſtalt geſchrien und geſeufzt, daß Sie ſich durch eigene Schuld in Aufregung verſetzt haben. Das kommt oft vor. Nun fürchten Sie — 4r die Partheilichkeit Derjenigen, bei denen Sie Ihre Klagen angebracht haben. Sie haben alles nur Mögliche ver⸗ langt, um etwas zu erreichen. Ich erkläre dies folgender⸗ maßen.. — Und ich, mein Herr, unterbrach ihn Laramée un⸗ verſchämt, ich trage durchaus kein Verlangen nach Ihren Erklärungen, ich erlaſſe ſie Ihnen. Zu gleicher Zeit wandte er ihm den Rücken zu. Aber Esperance ließ ſich nicht aus der Faſſung bringen; er wandte ſich mit einer Sicherheit und Ruhe und machte zugleich ſo geſchickt einen Satz, um ſeinem Manne wieder gegenüber zu ſtehen, daß die Aufmerkſam⸗ keit der Zuſchauer ſich in Verwunderung verwandelte. — Ich ſagte, begann er in demſelben Tone wieder, daß Sie, wären Sie bei kaltem Blute geweſen, häͤtten einſehen müſſen, geſtohlene Hühner und verbranntes Dies ſteht in den Artikeln des Waffenſtillſtandes ge⸗ ſchrieben, ich weiß es wohl; aber auch auf dem Grunde Ihres Geiſtes und Ihres Herzens finden Sie den bar⸗ bariſchen und den Menſchenfreſſern würdigen Artikel. Dieſer Gedanke, den ich in Ihren Augen leſe, macht Ih⸗ nen Ehre. Laramée ward bleich wie ein Geſpenſt, denn er merkte, daß ſein Gegner fich über ihn luſtig machte. Ein fürchterlicher Blitz ſchoß aus ſeinen gerötheten Augen. — 718— Esperance fuhr fort: — Nun erlaube ich mir, auf Ihre wilden Anſichten zurückzukommen, die Ihnen vorhin der Zorn eingegeben, und in dieſer Beziehung Ihnen meine Löſung anzubieten. Jeder begreift, daß ein Schaden angerichtet iſt, und daß dieſer Schaden wieder ausgeglichen werden muß. — Ah, ſind Sie ein Advokat oder ein Prediger? rief der vor Zorn zitternde Laramée. — Weder das Eine, noch das Andere, mein Herr, aber man geſteht zu, daß ich mit Leichtigkeit rede. Ich hatte einen vortrefflichen Lehrer, einen Venetianer, der Theolog und Rechtsgelehrter zugleich war. Ihm ver⸗ danke ich den lateiniſchen Grundſatz, den ich Ihnen in unſere Mutterſprache überſetze, damit man mich nicht für einen Pedanten hält. Der Schaden an Geld wird durch Geld bezahlt. Was koſtet nun eine Ente? Was ſind fünfhundert Bündel Stroh werth? Sie ſtehen ohne Zweifel ſehr hoch im Preiſe, da man ſie zur Zeit des Waffenſtillſtandes erplündert oder verbrennt. Unter uns geſagt, in gewöhnlichen Zeiten würde ſich dieſe Sache durch zwei Piſtolen ordnen laſſen. Sie wollen wieder ſchreien— ach ja, ich habe vergeſſen, daß man mit dem Stroh auch die Scheuern verbrannt hat. Element, das iſt wichtiger! Es giebt Scheuern, die mindeſtens zwanzig Thaler werth ſind. Die Umſtehenden brachen in ein ungeheures Gelächter aus, das Laramée völlig darniederſchmetterte; er ballte die — 49— Fäuſte und ſuchte mit den Blicken an ſeiner Seite das Meſſer, das man ihm genommen hatte. — Lachen Sie nicht, meine Herren! ſagte Esperance ernſt. Sie würden ſonſt über dieſen Herrn vergeſſen, daß es ſich um ein Menſchenleben handelt. — Ich finde es ſchmählich, ſtammelte der vor Wuth ſeiner Sinne nicht mächtige Laramée, entehrend, daß man auf dieſe Weiſe einem einzigen Feinde gegenüber zwei⸗ hundert Helfer ſucht. — Bin ich Ihr Feind? Ich bin im Gegentheil Ihr beſter Freund. Ich will Sie vor ewigen Gewiſſensbiſſen bewahren. Das gräßliche Lächeln, das den Mund des Andern verzog, machte Esperance begreiflich, daß das Wort Ge⸗ wiſſensbiſſe nicht für Jeden denſelben Sinn hatte. La⸗ ramée begleitete es mit einer verachtenden Geberde, und unterbrach die Unterhaltung durch die Phraſe: — Wir werden uns wiederſehen! Er entfernte ſich noch einmal. Jetzt aber verlor Es⸗ perance die Geduld; er ſtreckte die Arme aus, ergriff La⸗ ramée bei den Hüften, und drehte ihn, ſo groß er auch war, zu ſich herum, als ob dieſes Geſchöpf von Fleiſch und Bein ein ausgeſtopfter Gliedermann geweſen waͤre. Der beſtürzte Laramée ſchwankte. Der Fluch, den er ausſtieß, ward durch das Beifallstoben der Menge übertönt. Gabriele. I. 4 — 50— — Jetzt, ſagte Esperance, ſind meine Bitten und meine höfliche Unterhaltung zu Ende. Kommen wir zur Sache. Sie wollen, daß dieſer junge Mann ſtirbt? Er zeigte auf Pontis.— — Ich will es nicht! Sie ſagen, daß er Ihr Eigen⸗ thum in Brand geſteckt habe— das iſt nicht wahr, die Scheuer, die vorhin brannte, iſt nicht die Ihrige, ſie iſt ein Zubehör der angrenzenden Meierei des Herrn von Balzac d'Entragues, Ihr Vater iſt ſein Freund, faſt möchte ich ſagen, ſein Intendant— kurz, ich weiß, daß die Scheuer nicht die Ihrige iſt. Ah, es wundert Sie, daß ich, ein durchreiſender Fremder, Ihre Verhältniſſe ſo ge⸗ nau kenne? Geduld, ich werde Ihnen noch mehr ſagen. Sie ſind ein übermüthiger Menſch, einer jener tugend⸗ haften Katholiken, die ſtatt der Milch die Galle und den Weineſſig der heiligen Mutter Ligue eingeſogen haben. Ihr Vater liegt jetzt noch an einer Wunde darnieder, die er im Kampfe gegen den König, für die Spanier, em⸗ pfangen hat. Und er iſt ein Franzoſe! Es würde Ihnen lieb ſein, wenn Sie einige Soldaten des Bearners hängen laſſen könnten, da es Ihnen nicht mehr möglich iſt, ſie aus dem Hinterhalte eines Buſches zu tödten, wie dies das letzte Jahr in der Gegend von Aumale geſchehen iſt. Ah, ah, wie ich Sie in Erſtaunen verſetze! Nun, mein beſter Herr, ich, der ich ſo viel ſchöne Sachen von Ihnen weiß, der ich weder ein Gardiſt des Königs, noch dem Waffenſtillſtande unterworfen bin, ich werde Ihnen, wenn Sie darauf dringen, allerlei kleine Geheimniſſe vor dieſen — 51— Herren mittheilen, und wiederhole Ihnen meine Schluß⸗ folgerungen: für die Ihnen geſtohlenen Enten und für die an Ihrer Wohnung verübte Gewaltthätigkeit können Ihnen nach meiner Berechnung zwanzig Piſtolen zukom⸗ men; aber da es ſich um die Rettung eines unſerer Mit⸗ menſchen handelt, lege ich dieſer Summe achtzig Piſtolen bei. Wahrhaftig, mit achtzig Piſtolen iſt ein braver Mann gering angeſchlagen— aber ich habe nicht mehr in meiner Börſe. Hier ſind meine hundert Piſtolen, nehmen Sie und unterzeichnen Sie Ihre Verzichtleiſtung. Bei dieſen Worten zog Esperance ſeine reich geſtickte Börſe hervor und öffnete ſie vor den Augen Laramée's. Dieſer ſtand wie verdummt vor Ueberraſchung und Schrecken. Nachdem dieſer Fremde, der ihn kannte, ihn der Lüge überführt, zog er auf dieſe Weiſe auch noch ſeine geheimſten Gedanken an das Licht. Dieſe Kraft, dieſe Schönheit, dieſes Selbſtvertrauen, der ſchreckliche Schrei des Gewiſſens und dieſe allgemeine Verſtoßung raubten ihm die Fähigkeit, zu denken, zu reden und ſich zu bewegen. Was Esperance anbetrifft, ſo hatten ihn ſeine ritter⸗ lichen Worte, ſein Geiſt, ſeine Kühnheit und vorzüglich ſeine prächtige, mit Gold geſtickte Börſe in den Augen der Garden, wenn auch nicht zu einem Gotte, doch zu einem Abgotte umgewandelt. Hätte Pontis nicht die Achtung und die Beſcheiden⸗ heit, ſowie die Schützen des Profoß davon abgehalten, 4* — 52— er würde ſich ihm in die Arme geworfen haben. Er trocknete eine Thräne, oder doch wenigſtens einen feuchten Dunſt von ſeinen Augenwimpern. Mit der Zähigkeit eines Verblendeten wiederholte ſich Laramée noch einmal die Fragen: — Wer iſt dieſer Menſch? Von wem hat er alles dies erfahren? —— 4. Wie Herr von Crillon den Artikel 4. des Waffenſtillſtandes auslegt. Da aber das Erſtaunen keine Herzensrührung, und das Schweigen keine Zuſtimmung iſt— obgleich es das Sprüchwort ſagt— ſo gedieh die Angelegenheit des armen Pontis nicht weiter, und ihm blieb keine andere Ausſicht, als eine baldige Rückkehr des Herrn von Crillon. Laramée konnte der Neugierde, die ihn verzehrte, nicht länger widerſtehen. — Demnach kennen Sie Herrn von Balzac d'En⸗ tragues? fragte er. — Ja, mein Herr! antwortete Esperance. Und als er ſah, daß ſich die Geſichtszüge Laramée's ſonderbar verklärten, fügte er hinzu: — Ich kenne ihn oberflächlich. — Aber alle dieſe Einzelnheiten, die Sie ſo rück⸗ haltslos ausplaudern, deuten an, daß Sie ihn genau ken— nen... mag nun er... oder... — Wer? fragte Esperance, indem er einen ſo dreiſten Blick auf Laramée warf, daß dieſer die Augen abwandte, — 54— als ob er fürchtete, zu viel geſagt zu haben. Es iſt er⸗ ſichtlich, fuhr Esperance fort, daß ich meine Nachrichten über Sie aus guter Quelle geſchöpft habe. — Sie haben ſchon zu viel geſagt, mein Herr, als daß Sie nicht vollenden ſollten, ſagte der bleiche, junge Mann. Dieſelben Einzelnheiten, fügte er mit leiſer Stimme hinzu, hat man Ihnen ſicherlich nicht anvertraut, damit Sie ſie, wie ſoeben geſchehen, mißbrauchen ſollen. Anſtatt ſich auf dieſe beſondere Erklärung einzulaſſen, zuckte Esperance mit den Achſeln und ſagte: — Willigen Sie ein oder lehnen Sie ab? — Ich werde es überlegen. — Sie haben zehn Minuten Zeit. Dieſe kurz und ſtolz geſprochenen Worte ſtachelten den Hochmuth Laramée's wieder an; er rief ſogleich: — Gut, ich habe überlegt! Der Dieb empfange den Tod, und wir— wir ſprechen ſpäter mehr! — O nein, ſprechen wir auf der Stelle. Ich bin Ihrer Großſprecherei und Ihrer Grauſamkeit überdrüſſig. Der, den Sie einen Dieb nennen, iſt in meinen Augen nur ein verhungerter, junger Mann. Sie fordern ſeinen Tod, ich fordere ſein Leben, und da Sie, um zu dieſem Zwecke zu gelangen, alle nur möglichen Wege, ſelbſt die eines Edelmannes unwürdigen, eingeſchlagen haben, ſo werde ich alle Mittel anwenden, die mir zu Gebote ſtehen. So erfahren Sie denn, daß ich Sie für einen treuloſen, ſchlechten Galgenſtrick halte, den ich ſofort mit einem Schwerdthiebe zu Boden ſtrecken werde, wenn Gott gerecht — 55— iſt. Da der Zweikampf auch für mich einen ſchlechten Ausgang haben kann, ſo will ich, daß Ihnen, bevor wir ihn beginnen, alle Mittel zur Flucht abgeſchnitten werden. Wenn Sie mich tödten, ſo will ich, daß man Sie hängt. Haben Sie mich verſtanden? Indem er ſich dem Ohre Laramée's zuneigte, flü⸗ ſterte er: — Ich werde dieſen Herren ſagen, daß Sie von einem Anſtande bei Aumale im verfloſſenen Jahre einen gewiſſen Ring heimgebracht haben, den Sie ſicherlich nicht bei einem Haſen gefunden, denn er iſt der Ring eines Edelmannes, auf dem man bei näherer Unterſuchung das eingegrabene Wappen erkennen wird. Laramée verrieth durch eine Bewegung ſeine Be⸗ ſorgniß. — Und wenn ich nun einen Ring heimgebracht hätte, ſagte er, indem er beſtürzt in das ruhige und freundliche Geſicht des jungen Esperance ſah, wie könnte man mich deshalb hängen laſſen? — Wenn nun dieſer Ring einem gewiſſen hugenot⸗ tiſchen Edelmanne gehört hätte, der durch einen Schuß getödtet oder vielmehr ermordet wurde, als er in der Nähe von Aumale einen Hohlweg paſſirte, der mit einem doppelten Dorngehäge beſetzt war... 2 Laramée wurde todtenblaß. — Im Kriege, ſagte er, trägt man eine Büchſe, um ſich ihrer gegen die Feinde zu bedienen. — Sehr gut! Aber wenn man dieſen Feinden in die Hände fällt, ſo werden Sie von ihnen gefangen. Das wollte ich Ihnen ſagen. Laramée war außer Faſſung gebracht; zitternd ſagte er: 4 — Sie wollen darthun, daß ich... 2 — Daß Sie einen hugenottiſchen Edelmann ermordet haben? Das würde ſchwer ſein. Aber ich würde be⸗ weiſen, daß Sie ihm den in Rede ſtehenden Ring vom Finger gezogen haben. — Ah! — Ja, noch mehr! Ich werde ſogar die Perſon „ nennen, welche dieſen Ring dem Edelmanne geſchenkt hat. Dann auch die Perſon, der Sie ihn gegeben haben. Vielleicht erräth man dann, warum der Edelmann ermor⸗ det ward; vielleicht gelangt man dann zu Entdeckungen, die Sie an den Galgen bringen. Sie ſehen, daß ich ſtets auf denſelben Punkt zurückkomme. Da er der richtige iſt, bleibe ich dabei. Laramée war im höchſten Grade erſchreckt; krampf⸗ haft zerrte er mit den Fingern ſeinen rothen Schnauz⸗ bart. — Gut, murmelte er nach einigen Augenblicken des Nachdenkens in abgebrochenen Lauten. Sie ſind im Be⸗ ſitze eines meiner Geheimniſſe... ich trete zurück... der Dieb mag leben. Aber nach dieſem Zugeſtändniſſe, mein Herr, werden Sie, wenn Sie kein Feigling ſind, anſtatt dieſe Soldaten zum Morde auf mich zu hetzen, mich auf einem Umwege begleiten. Ich kenne einen einſamen, verſteckten Waldplatz, der zu der Unterredung, deren wir ohne Zeugen bedürfen, und wozu mir nur mein Degen fehlt, vortrefflich geeignet iſt. Zehn Minuten genügen, um aus meinem Hauſe die Waffe zu holen, dann ſtehe ich zu Ihren Befehlen. — Gut, entgegnete Esperance, holen Sie Ihren Degen. Aber ich ſage Ihnen im Voraus, daß ich der Büchſe nicht viel vertraue, und daß ich etwas an die Bruſt zu legen auf meinem Sattel habe. Bevor Laramée auf dieſen rauhen Angriff antworten konnte, hörte man mehrmal den Namen Crillon's aus⸗ ſprechen. Und wirklich ſah man den berühmten Ritter, den drei aufeinanderfolgende Könige den Beinamen des Bra⸗ ven gegeben, und der an Tapferkeit, Geſchicklichkeit und Großmuth in Europa ſeines Gleichen nicht hatte, unter den Linden. Rosny und die Officiere begleiteten ihn. Crillon war damals zweiundfünfzig Jahre alt; er war ſtark von Körper und trug ſeinen Kopf, den man zu ſeinen übrigen Formen klein nennen konnte, aufrecht. Ohne das Feuer, das aus ſeinen breitgeſchnittenen Augen blitzte, hätte man ihn mit ſeinem dichten, grauen Schnur⸗ barte, mit ſeinen rothen und dicken Wangen für einen ehrbaren bürgerlichen Viertelsmeiſter halten können, den man in den Ringkragen eines Colonel's eingerahmt hat. Aber dieſer Schnurbart ſträubte ſich empor, aber dieſe Backen zitterten im Sturme der Schlacht, und dieſer un⸗ terſetzte Körper ward elaſtiſch wie eine Feder. Eine gött⸗ — 58— liche Flamme beſeelte dieſe Maſſe, und aus der gemeinen Hülle des bürgerlichen Viertelmeiſters trat der erhabene Held hervor. Eine große Anzahl Gardiſten folgten dem verehrten Chef in einiger Entfernung. Dieſer ließ ſich von Rosny die Anklage und die Erbitterung des Klägers erzählen. — Woſ iſt der Angeſchuldigte? fragte er. — Hier, mein Herr! antwortete Pontis in einem kläglichen Tone. — Ah, Du biſt es! Du machſt einen ſchlechten An⸗ fang, junger Soldat aus der Dauphine. Das arme Volk zu plündern iſt verboten. — Mein Herr, ich hatte Hunger, und dann habe ich auch nicht das arme Volk in Contribution geſetzt, ſondern einen reichen Edelmann, der mir ein Mittagseſſen hätte anbieten ſollen. — Woſ iſt dieſer Edelmann? fragte Crillon. Rosny zeigte mit dem Finger auf Laramée, der neben Esperance ſtand. — Dieſe Beide? fügte Crillon hinzu. — Ich nicht! ſagte Esperance, indem er zurücktrat. — Ah, alſo dieſer Herr. Und Crillon maß den Ankläger mit jener kalten Au⸗ torität, vor der jeder Stolz ſich ſchweigend beugt. — Was hat man ihm genommen? — Geflügel, ſagte Pontis. — Und eine Scheuer hat man ihm angezündet, ſagte Rosny heftig. — 59— — Dafür hat dieſer großmüthige Herr ihm hundert Piſtolen geboten, rief Pontis haſtig, als ob er ſeinen Colonel hindern wollte, einem ungünſtigen Gedanken zu folgen. — Für Geflügel und eine Scheuer hundert Piſto⸗ len— das iſt ſehr anſtändig! ſagte Crillon. — Nicht wahr, mein Herr? — Schweige, Cadet! Nun, ſo gebe man dem Kläger die hundert Piſtolen, und dieſer möge ſeinen Dank abſtatten. — Der Kläger will ganz etwas Anderes, unterbrach ihn Rosny. — Was? — Er fordert, daß der Artikel des Waffenſtillſtandes in Anwendung gebracht werde. — Welches Waffenſtillſtandes? — Ich denke, es giebt nur einen, ſagte der ſtörrige Laramée, der klug gehandelt zu haben glaubte, daß er bis hierher geſchwiegen, nach der mit Esperance getroffenen Uebereinkunft wollte er Pontis das Leben laſſen, aber unter der Bedingung, daß man ihm dafür danke. — Sprechen Sie zu mir? fragte Crillon, indem er ſein großes, ſchwarzes Auge, das auf dem unglücklichen Laramée haftete, ausdehnte. — Ja, mein Herr! — In dieſem Falle ziehe man ſeinen Hut, mein Beſter! — Verzeihung, mein Herr! Laramée entblößte ſeinen Kopf. — 60— — Sie ſagten alſo, fuhr Crillon fort, daß dieſer junge Mann für ſein Geflügel und für ſeine Scheuer etwas anders fordert, als Geld? — Er will, daß der Artikel des Wafefenſtillſtandes in Ausübung gebracht werde, rief Pontis, das heißt, er will, daß ich erſchoſſen werde. — Erſchießen! ſagte Crillon. Wegen einiger Hühner! — Zweier Enten wegen, mein Herr. Sehen Sie nur, der Profoß hatte mich ſchon ergriffen. — Wer hat den Befehl dazu gegeben? fragte Crillon, indem er ſich umwandte.. — Ich, antwortete Rosny, ein wenig verlegen. — Sind Sie toll? entgegnete Crillon. — Mein Herr, man muß der Unterſchrift des Kö⸗ nigs Achtung verſchaffen — Harnibieu! rief Crillon. Ihr Civiliſten haltet Euch für Soldaten, weil Ihr uns im Kriege begriffen ſeht. Wie kann man einen Menſchen dem Profoß über⸗ geben, weil er Enten genommen hat. — Und eine Scheuer angezündet, unterbrach ihn Rosny. — Wir wiſſen es. Und Du, ſagte er zu Laramée, verlangſt dieſe Strafe für meinen Gardiſten? — Ja, antwortete Laramée, beſtürzt darüber, daß ihn Crillon plötzlich Du nannte. Aber der Stolz ſprach noch lauter als der Erhal⸗ tungstrieb. — 61— — Auch wenn man Dir hundert Piſtolen Löſegeld zahlen ließe? — Ja, fuhr Laramée ein wenig kleinlaut fort. — Nun, ſagte Crillon, deſſen Augenbrauen und Schnurbart ſich emporſträubten, ich will Dir einen andern Vorſchlag machen, und ich wette, daß Du nicht mehr auf Deine Forderung beſtehſt, wenn Du ihn gehört haſt. Crillon legte die Hände auf den Rücken und trat ihm näher. — Herr von Rosny, fuhr er fort, iſt ein Philoſoph, ein geſchickter Mann in allem, was Worte und Artikel betrifft. Er hat die Geduld gehabt, Dich anzuhören, und wie es ſcheint, iſt eine Verſtändigung erfolgt, weil er Dir meinen Profoß geliehen hat, denn dieſer Profoß iſt der meinige. Ich will ihn Dir ganz und gar geben. Sieh' einmal jenen ſchönen Lindenzweig. In drei Mi⸗ nuten wirſt Du an dieſem Zweige hängen, wenn Du noch zwei Minuten zögerſt, den Heimweg anzutreten. — Morbleu! rief Laramée beſtürzt. Ich bin Edel⸗ mann, und Sie vergeſſen, daß der König über Ihnen ſteht. — Der König? fuhr Crillon fort, der ſich nicht mehr zu mäßigen wußte. Der König? Du haſt von dem Könige geſprochen, wie mir ſcheint. Gut, ich werde Dir die Zunge ausſchneiden laſſen. Hier iſt Crillon König, der König hat das Commando über die Garden nicht. Ich habe Dir zwei Minuten Zeit gegeben, Burſche — hüte Dich, oder ich nehme eine davon zurück! — 62— Eine Geberde Laramée's, eine vergebliche Proteſta⸗ tion, verloren ſich in dem Getümmel, das den Worten Crillon's folgte. Die Garden wußten ſich vor Freude nicht mehr zu faſſen, ſie klatſchten wie toll in die Hände und warfen ihre Hüte empor. — Prpoofoß, einen Strick, rief Crillon, und einen guten! Laramée, ſchäumend vor Wuth, wich vor dem Pro⸗ foß zurück, der mit dem geforderten Stricke herantrat. — Verzeihung, mein Herr, ſagte Esperance zu dem unglücklichen Schloßbeſitzer, nehmen Sie Ihr Geld mit. — Ich nehme Beſſeres mit, als Geld! antwortete Laramée, der dergeſtalt mit den Zähnen knirſchte, daß man ihn kaum verſtehen konnte; ich nehme eine Erinnerung mit, die lange in mir leben wird. — Was wird aus unſerer Unterredung auf dem ein⸗ ſamen Waldplatze, mein Herr? — Sie werden nicht lange darauf zu warten haben! ſagte Laramée. Und zugleich trat er ſeinen Rückzug an, das Ge⸗ ſicht den Garden zugewendet. Er ging rückwärts wie der Tiger vor der Flamme. Ein ſchallendes Hohngelächter begleitete ſeinen Ab⸗ gang. Die Schmach ereilte ihn; er hatte ſie ſeit länger als einer Stunde nur zu ſehr verdient. Einen Schrei der Verzweiflung, der Rache und des Schreckens ausſtoßend, lief er davon und verſchwand. — 63— — Es lebe Herr von Crillon, unſer Colonel! brüll⸗ ten die vor Freude berauſchten Garden. — Ja, ſagte Crillon, aber daß ſo etwas nicht wie⸗ der geſchieht! Denn der Taugenichts hatte wirklich Recht. Ihr Alle ſeid reif für den Strick. Nachdem Crillon ſeine beiden Hände der Menge ent⸗ zogen hatte, die ſich herandrängte, um ſie zu küſſen, wandte er ſich zu Rosny, der ärgerlich vor ſich hin brummte. — Ah, ſagte er, hegen Sie keinen Groll. Sie ſehen, daß Sie mit ſolchen Raͤubern zu gewiſſenhaft ver⸗ fahren. — Das Geſetz bleibt Geſetz, und Sie haben Un⸗ recht, ſich darüber zu ſtellen. Die durch Ihre heutige Schwäche erhitzten Gemüther werden ein zweites Mal weniger zurückhaltend ſein, und anſtatt dem zu gebenden Beiſpiele einen Menſchen zu opfern, werden Sie zehn opfern müſſen. — Es ſei, ich werde ſie opfern. Aber die Gelegen⸗ heit wird eine gute ſein, während die heutige eine nutz⸗ loſe Grauſamkeit geweſen wäre.— — Mein Herr, antwortete Rosny ärgerlich, ich wollte nur den Waffen des Königs die gebührende Achtung ver⸗ ſchaffen. — Harnibieu! Laſſe ich es daran fehlen? fragte Crillon mit der Lebhaftigkeit des jungen Mannes. 3— Ich bitte, mein Herr, wenn Sie mir Bemerkungen zu machen haben, ſo wählen wir dazu eine beſondere — 64— Unterredung, damit Niemand Zeuge von den Streitig⸗ keiten iſt, die zwiſchen den Officieren der königlichen Armee entſtehen. — Aber, mein beſter Herr Rosny, zwiſchen uns iſt keine Streitigkeit vorhanden; ich bin raſch und brutal— Sie ſind vorſichtig und langſam. Dies allein genügt, um uns mitunter zu trennen. Was ſich vor unſern Leuten ereignet, ereignet ſich in der Familie, und ich ſehe keinen Zeugen, der uns abhalten könnte, uns freund⸗ ſchaftlichſt zu umarmen. — Erlauben Sie mir, hier iſt einer! antwortete Rosny, indem er Esperance bezeichnete. — Dieſer junge Mann, es iſt wahr. Hat er nicht hundert Piſtolen für Pontis geboten? — Ja. Sehen Sie, wie innig Pontis ihm die Hände drückt. — Ein hübſcher Jungel fügte Crillon hinzu. Wahr⸗ ſcheinlich iſt er ein Freund des Pontis. — Keineswegs; er iſt ein Fremder. — Wahrlich, ich muß ihm dafür danken. — Dies wird ihm ein um ſo größeres Vergnügen gewähren, da er Sie bei ſeiner Ankunft im Lager der Garden ſuchte. — So hat er mich gefunden! ſagte Crillon ver⸗ gnügt, indem er auf Pontis und Esperance zuſchritt. Die beiden jungen Leute ſtanden ſich immer noch mit verſchlungenen Händen gegenüber. Pontis ſprach mit dem — 65— Feuer eines großmüthigen Herzens, das den geleiſteten Dienſt gern vergrößert, ſeinen Dank aus. Esperance ſuchte es mit der Einfachheit einer ſchönen Seele, die fürchtet zu viel Dank zu empfangen, zu verhindern. Die Ankunft Crillons machte dieſer Scene ein Ende. — Mein Herr, ſagte Pontis zu ſeinem Retter, ich bin mit Ihnen noch nicht fertig, ich werde ewig Ihrer eingedenk ſein! — Gut, rief Crillon, gut, Kadet! Ich liebe die Leute, die ſolche Schulden machen und ſie bezahlen! Geh'! Und er verſetzte ihm eine Zärtlichkeit von hundert Pfund Gewicht auf die Schulter. Pontis beugte ſich unter der doppelten Laſt des Re⸗ ſpekts und dieſer mythologiſchen Fauſt. Er ſandte Es⸗ perance noch ein letztes Lächeln zu und trat dann zu ſeinen Kameraden. — Was Sie betrifft, mein Herr, ſagte Crillon zu Esperance, ſo danke ich Ihnen im Namen meiner Garden. Harnibien! Sie gefallen mir. Haben Sie eine Bitte an mich zu richten, die ich Ihnen gewähren kann? — Nein, mein Herr! — Um ſo ſchlimmer! Was iſt es denn? — Nicht viel, mein Herr. Ich bringe Ihnen einen Brief. — So geben Sie! ſagte Crillon wohlwollend. Der Gabriele. I.. 5 66— Schreiber des Briefes hat einen angenehmen Boten ge⸗ wählt. Von wem kommt er? — Mir ſcheint, er kommt von meiner Mutter. Die Ungewißheit, die in dieſer Antwort lag, machte ſte eigenthümlich. Crillon ſah den jungen Mann er⸗ ſtaunt an. — Wie, Ihnen ſcheint! ſagte er. Sind Sie deſſen nicht gewiß? — Wahrhaftig nein, mein Herr! Aber leſen Sie, und Sie werden eben ſo viel wiſſen als ich, vielleicht noch mehr. Dieſe mit einer fröhlichen Anmuth geſprochenen Worte erhöhten das Intereſſe Crillon's; er nahm den Brief aus den Händen Esperance'’s. Der Brief war durch ein großes ſchwarzes Siegel verſchloſſen, in dem eine arabiſche Deviſe abgedrückt. Man hätte es für ein Abbild eines jener alten orientaliſchen Münzen halten mögen, auf denen die Kalifen ein Gebot aus dem Koran oder eine Erhebung ihrer Tugenden prägen ließen. Der Brief lag in einem Umſchlage von italieniſchem Pergament. Ein ſtarker und zugleich edler Duft, wie der des Weihrauchs oder des Cinnamet's, entſtrömte ihm. Während Crillon den Umſchlag zerriß, trat Esperance beſcheiden zurück. Aber ſo wenig er ſich auch der Neu⸗ gierde hingeben wollte, ſo ward er doch von dem Ausdrucke des Geſichts Crillon's betroffen, als dieſer die erſten — 67— Zeilen geleſen. Zuerſt war es Ueberraſchung, dann eine ſo große Spannung, daß ſie der Beſtürzung glich. Je mehr der greiſe Krieger las, je tiefer ſenkte er den Kopf. Zuletzt erbleichte er, ſtützte den Kopf auf die Hand, und ſtieß einen wimmernden Seufzer aus. Wie eine ſchwarze Wolke ein lachendes Thal der Lombardei verdüſtert, ſo verdüſterte ſich das heitere Geſicht des Ritters. Mit Anſtrengung hob er dieſen ſo leichten Brief empor, um ihn noch einmal zu leſen. Es zeigte ſich dieſelbe Bewegung, die in Angſt und Verwirrung über⸗ ging. — Mein Herr, ſtammelte er, indem er einen unſichern Blick auf den jungen Mann warf, dieſer Brief überraſcht, ergreift mich, ich geſtehe es. Ich würde es vergebens vor Ihnen zu verbergen ſuchen. — O, mein Herr, antwortete Esperance lebhaft, wenn der Auftrag Ihnen unangenehm iſt, ſo zürnen Sie mir nicht. Gott iſt mein Zeuge, daß ich ihn wider meinen Willen übernommen habe. — Ich klage Sie nicht an, junger Mann, entgegnete Crillon mit demſelben Wohlwollen; aber um die mir ein wenig dunkeln Sachen, die dieſer Brief enthält, zu verſtehen, iſt es nöthig, daß ich Sie frage. — Da wenden Sie ſich an den unrechten Mann, mein Herr, denn auch ich habe einen Brief empfangen, 5* — 68— von dem ich nicht das Geringſte begreife. Wollen Sie mir den meinigen erklären helfen, ſo werde ich Ihnen denſelben Dienſt bei dem Ihrigen leiſten. — Sehr gern, junger Mann! ſagte Crillon mit be⸗ wegter Stimme. Erklären wir uns näher, erklären wir uns vorzüglich offen... nicht wahr? Sie ſind bei einem Freunde, mein Herr. Ich bitte, treten wir bei Seite, daß uns Niemand hört. Bei dieſen Worten ergriff Crillon die Hand des jungen Mannes, und führte ihn in ſein Quartier, aus dem er alle anweſenden Perſonen entfernte. 5. Warum er ſich Esperance nennt. Nachdem Crillon ſich überzeugt hatte, daß er unbelauſcht reden konnte, ſetzte er ſich neben Esperance. — Wir können jetzt ohne Zwang reden, ſagte er. Beginnen Sie damit, daß Sie mir Ihren Namen nennen. — Esperance, mein Herr. — Dies iſt Ihr Taufname; aber wie iſt Ihr Fa⸗ milienname? — Ich nenne mich kurzweg Esperance. Von einer Familie weiß ich nichts. — Aber Sie ſprachen doch von einer Mutter... hat ſie einen Namen? — Wahrſcheinlich, aber ich weiß ihn nicht. — Wie, rief Crillon überraſcht, Sie haben ihn nie in Gegenwart Ihrer Frau Mutter nennen hören? — Nie, und zwar aus dem ſehr triftigen Grunde, weil ich meine Mutter niemals geſehen habe. — Wer hat Sie denn erzogen? — Eine Amme, die ſtarb, als ich fünf Jahre alt war. Dann ein Gelehrter, der mir das mitgetheilt hat, was er wußte. Er hat mich in den Wiſſenſchaften, in — 70— den Künſten und Sprachen unterrichtet; auch hat er die Stallmeiſter, Bedienten und Fechtmeiſter bezahlt, damit ich Alles erlernte, was ein Mann wiſſen muß. — Und das wiſſen Sie Alles? fragte Crillon mit einer Art natürlicher Bewunderung. — Ja, mein Herr. Ich ſpreche Spaniſch, Deutſch, „Engliſch, Lateiniſch und Griechiſch; ich bin in der Bo⸗ tanik, in der Chemie und Aſtronomie bewandert. Was das Reiten, das Fechten mit Schwerdt und Lanze, das Schwimmen und das Fortificationszeichnen betrifft, ſo haben mir meine Lehrer geſagt, daß ich mich damit ſehen laſſen könne. — Sie ſind ein liebenswürdiger Junge! rief der alte Ritter. Aber kommen wir auf Ihre Mutter zurück, die übrigens eine gute Mutter ſein muß, da ſie in dieſem Grade für Ihre Erziehung geſorgt hat. — Ich zweifele nicht daran. — Sie ſagen dies ſo kalt... — Ja, antwortete Esperance in einem melancholiſchen Tone. Da ich allein unter der Leitung eines ſelbſtſüch⸗ tigen und geizigen Mannes leben mußte, der nie von meiner Mutter, aber ſtets von ſeinem Gelde ſprach; der ſtets, wenn ſich mein Herz der Hoffnung öffnete, über dieſe Mutter, die ich zäͤrtlich geliebt haben würde, etwas zu erfahren, ſich beeilte, dieſes Herz nicht nur wieder zu verſchließen, ſondern auch durch irgend eine Drohung oder eine brutale Ablenkung zu erkalten; da ich alſo meine Mutter für ein fabelhaftes, chimäriſches Weſen — 21— halten mußte, ſo erloſch nach und nach die Neigung in mir, die ein einziges zartes Wort der Anſpielung in mir erhalten haben würde. — Sollten Sie ſchlecht geworden ſein? fragte Crillon mit einer ſchmerzlichen Herzensbeklemmung. 4— Ich, mein Herr, rief der junge Mann, liebens⸗ würdig lächelnd, ich, ſchlecht? O nein! Meine Natur iſt eine bevorzugte. Gott hat mir nicht einen Tropfen Er⸗ bitterung gegeben. Die kindliche Liebe habe ich durch die Liebe zu allem Guten und Schönen in der Schöpfung erſetzt. Als Kind habe ich zuerſt die Vögel, die Hunde, die Pferde, dann die Blumen, und ſpäter meine Spiel⸗ genoſſen verehrt. Ich bin nie traurig geweſen, wenn die Sonne geſchienen und wenn ich mit einem menſchlichen Weſen habe ſprechen können. Alles, was ich von der Verderbniß der Welt und von Unvollkommenheiten der Menſchen kennen gelernt habe, iſt mein Lehrer, der mich unterrichtet hat. Ein ſchlechter Menſch ſetzt mich in Er⸗ ſtaunen, ich betrachte ihn wie ein ſeltenes wildes Thier, und wenn er mir die Zähne oder die Krallen zeigt, ſo glaube ich, daß er mit mir ſpielen will, und ich lache. Kratzt er oder beißt er, ſo werde ich böſe, und vermuthe ich, daß er giftig iſt, ſo tödte ich ihn, und dies geſchieht einzig und allein nur deshalb, damit er Andern nichts Böſes thue. O nein, nein, Herr Ritter, ich bin nicht ſchlecht! Dies iſt ſo wahr, daß man mich mitunter feig geſcholten, wenn ich eine Beleidigung nicht rächen wollte, die ich nicht verſtanden hatte. — Sollten Sie furchtſam ſein? fragte Crillon. — Ich bin es nicht. — Aber um geduldig eine Beleidigung zu ertragen, muß doch wohl ein wenig der Muth fehlen. — Glauben Sie? Das iſt möglich. Aber ich bin der Anſicht, daß man in Fällen, wo man überzeugt iſt, der Stärkere zu ſein, man ſich des Angriffs enthalten muß. — Aber gegen die Starken können die Schwachen ſich der Geſchicklichkeit bedienen, murmelte Crillon. — Da ich ſtets gefunden, daß ich der Stärkere und der Geſchickteſte war, habe ich nie einen Streit völlig zu Ende gebracht. Aber ſollte ich einmal auf einen ſchlechten Menſchen ſtoßen, der ſtärker und geſchickter wäre als ich, ſo würde ich ihn eben nicht ſanft angreifen, dafür ſtehe ich ein. — Das iſt gut, ſehr gut! Das ſöhnt mich mit Ihrem Charakter wieder aus, und ich möchte beinahe Ihrer Mutter zürnen, daß ſie ihren Sohn ſo beharrlich von ſich fern gehalten. Wie alt ſind Sie? 4 — Man ſagt, ich ſei zwanzig Jahre alt. — Wie, Sie haben nicht einmal Gewißheit über Ihr Alter? — Wozu wäre das gut? Meine Rechnung beginnt, ſoweit meine Erinnerung reicht, mit dem Todestage meiner Amme. Sie ſtarb, wie man mir ſagte, als ich fünf Jahre alt war. Seit jener Zeit ſind fünfzehn Jahre verfloſſen. — Rechnen Sie darauf, daß Ihre Mutter ſich Ihnen einſt entdecken wird. — Mein Herr, ich hege dieſe Hoffnung nicht mehr. Als ich vor ſechs Monaten mich eines Morgens anſchickte auf die Jagd zu gehen— ich muß Ihnen ſagen, daß ich ein kleines Gut in der Normandie bewohne und daß die Jagd meine Lieblingsbeſchäftigung iſt— als ich alſo von meinem Lehrer Abſchied nahm, um zu jagen, trat ein ſchwarz gekleideter Mann in mein Zimmer, ein Greis mit einem ſchönen, von weißen Haaren beſchatteten Ge⸗ ſichte. Nachdem dieſer Mann mich aufmerkſam betrachtet und mit einer Achtung gegrüßt hatte, die mich bei einem Greiſe überraſchte, vertrat er mir den Weg, als er ſah, daß ich meinen Lehrer Spaletta rufen wollte. „— Gnädiger Herr, rufen Sie Spaletta nicht, denn er iſt nicht mehr hier. „— Woc iſt er denn? „— Ich weiß es nicht, gnädiger Herr; aber ich hatte meine Ankunft durch einen vorausgeſchickten Courier mel⸗ den laſſen, und als ich vorhin das Haus betrat, ſagte mir Ihr Laquais, daß Spaletta zu Pferde geſtiegen und ſchnell davongeritten ſei. „— Das iſt ſeltſam! rief ich. So kennen Sie Spaletta, mein Herr? „— Ein wenig, antwortete der Greis, und ich zählte auf ihn, daß er mich bei Ihnen einführen würde. Seine Abweſenheit überraſchte mich. „— Und mich beunruhigt ſie, denn er entfernt ſich gewöhnlich nur ſelten. Aber da Sie einmal eingeführt ſind, ſo nennen Sie mir den Grund Ihres Beſuchs. „Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſprochen, als ſich die Stirn des Greiſes verfinſterte. Es ſchien, als ob ich einen bittern Gedanken in ihm zurückrief, den mein An⸗ blick zuvor aus ſeinem Geiſte verſcheucht hatte. „— Es iſt wahr, murmelte er— der Grund meines Beſuchs... nun, er i*ſt folgender, mein Herr. „Seine Stimme zitterte, ſo daß man hätte glauben mögen, er wolle einen Seufzer oder Thraͤnen zurückhalten. Er überreichte mir nun einen Brief, der in ein Perga⸗ ment eingeſchlagen war, ähnlich dem, das ich vorhin Ihnen zu überreichen die Ehre hatte, Herr Ritter. Dieſes Pergament war mit einem ſchwarzen Siegel geſchloſſen, ähnlich dem, das Sie vorhin gebrochen. Kurz, mein Herr, hier iſt der Brief, nehmen Sie ſich die Mühe, ihn zu leſen. 3 Crillon, deſſen Bewegung durch dieſe Erzählung ſich geſteigert, begann halb laut folgenden Brief zu leſen. Die langen, ungewiſſen Schriftzüge deſſelben zeichneten ſich traurig auf dem Pergamentpapiere ab. „Csperance, ich bin Ihre Mutter. Aus dem Schooße meines einſamen Aufenthalts, in dem die Erinnerung an Sie mir die Ertragung des Lebens möglich macht, habe ich über Sie gewacht und Ihre Erziehung mit Sorgfalt geleitet. Ich rufe heute Ihre Dankbarkeit an, da ich mich an Ihre Zärtlichkeit nicht wenden kann. Es hat mir großen Kummer bereitet, daß ich Sie nicht meinen Sohn nennen kann, und der heiße Drang, Sie zu umarmen, hat wie ein Fieber an mir gezehrt. Ein ſolches Glück war mir verſagt. „Von meinem Schweigen hängt die Ehre eines be⸗ rühmten Namens ab. Jeder meiner Seufzer wird be⸗ lauſcht, die geringſte Annäherung an Sie würde mir das Leben koſten. Heute, wo ich die kalte Hand des Todes fühle, wo ich für immer von der Furcht frei werde, die mein ganzes Leben vergiftete, wo ich der Verzeihung Gottes und der Treue des Dieners ſicher bin, den ich Ihnen ſende, heute wage ich es, Sie mein Kind zu nennen, und dieſem Briefe den ſüßen Kuß anzuvertrauen, der meinen Lippen mit meiner Seele entſchwebt. „Man ſagte mir, daß Sie groß und ſchön geworden find. Sie ſind gut, ſtark und geſchickt. Jeder wird Sie lieben. Ihre Eigenſchaften und Ihre Erziehung werden Ihnen denſelben hohen Platz anweiſen, der Ihnen Ihrer Geburt nach gebührt. Ich habe danach getrachtet, Sie reich zu machen, Esperance; aber obgleich ich ſeit Ihrer Geburt meine Juwelen und Schmuckſachen in unechtes Gold umgewandelt, um für Sie zu ſammeln, ſo über⸗ raſcht mich doch der Tod, bevor ich ein Vermögen bei⸗ ſammen habe, daß meiner Liebe und Ihrem Verdienſte würdig iſt. Sie werden indeſſen von den Gütern dieſer Erde nichts bedürfen, und ſollten Sie ſich einmal ver⸗ heirathen wollen, ſo wird Ihnen kein Familienvater, und — 76— wäre er ein Fürſt, wegen Ihrer Mitgift ſeine Tochter verweigern. „Ich muß Sie laſſen, Esperance, mein Sohn. Meine Finger erkalten, mein Herz allein iſt noch lebend. Und nun bitte ich Sie dringend, mir nicht zu fluchen, und meinen traurigen und ſüßen Schatten, wenn er Sie in Ihren Träumen beſucht, freundlich aufzunehmen. Ich war eine zärtliche und ſtolze Seele in einem Körper, den Sie ſich als edel und ſchön vergegenwärtigen können. „Sollte Ihre Neigung Sie zu dem Kriegshandwerke treiben, ſo beſchwöre ich Sie, nie einer Sache zu dienen, die Sie gegen den Ritter von Crillon zu kämpfen ver⸗ pflichtet. Mein Diener wird Ihnen einen Brief für dieſen berühmten Mann übergeben, überliefern Sie ihn ſelbſt Herrn von Crillon. „Leben Sie wohl! Ich habe Sie Esperance genannt, weil ich all mein irdiſches Hoffen auf Sie gerichtet hatte. Und heute noch heißen Sie für mich Esperance. Ich erwarte Sie im Himmel für die Ewigkeit.“ Der Brief war ohne Unterſchrift. Unter der letzten Zeile befand ſich ein langer und breiter leerer Raum. Vielleicht hatte der Tod, indem er ſich beeilte ſeine Beute zu erfaſſen, die Schreiberin verhindert, einen Namen zu unterzeichnen, oder die Sterbende ſelbſt hatte in dem Au⸗ genblicke Anſtand genommen, ſich zu nennen. — So wiſſen Sie alſo nicht, wer dieſe Perſon war? fragte Crillon nach einer langen Pauſe. — Nein! —,—,— —— — Gleichviel. Es iſt ein rührender Brief, fügte der Ritter von Crillon in großer Bewegung hinzu. Das iſt wahrlich der Brief einer Mutter! — Finden Sie das, Herr Ritter? — Fahren Sie in Ihrer Erzählung fort, junger Mann, und ſagen Sie mir, was aus Ihrem Lehrer ge⸗ worden iſt. — Sie werden es errathen, mein Herr. Als ich den Brief meiner Mutter geleſen hatte, war ich bis zu Thränen gerührt. Da ergriff der Greis meine Hand und küßte ſie. „— Darf ich wiſſen, fragte ich ihn, ob man Sie beauftragt hat, mir den Namen zu nennen, der auf dieſem Papiere nicht geſchrieben ſteht? „Und ich zeigte ihm den für die Unterſchrift leer gelaſſenen Raum. — Mein Herr, antwortete der Greis, man hat mir das Gegentheil zur Pflicht gemacht. „— Ich hegte noch die Hoffnung, ſagte ich mit Bit⸗ terkeit, daß man ſo viel Vertrauen, wenn auch nicht in meine Discretion, aber doch in meinen Stolz ſetzen würde, um mir ein Geheimniß mitzutheilen, deſſen Bewahrung mir eine Ehrenſache iſt. „— Mein Herr, wenn Sie nichts wiſſen, werden Sie ſich nie verrathen, und folglich nie verderben können. Aus Rückſicht für ſich ſelbſt, hat Ihre Frau Mutter während Ihres Lebens geſchwiegen; aus Rückſicht für Sie, bewahrt ſie das Schweigen nach ihrem Tode. * — 78= „Ich drang nicht mehr in den guten Greis, der mir nun den für Sie beſtimmten Brief übergab; aber ich fragte ihn noch, warum man mir empfohlen habe, nie die Waffen gegen den Herrn von Crillon zu tragen. „— Weil der Herr von Crillon, antwortete der Diener meiner Mutter, ſtets nur ſich der gerechten Sache an⸗ nimmt, und weil er der Freund einer ſehr hochgeſtellten Perſon aus Ihrer Familie war. 3 „Dagegen ließ ſich nichts einwenden. Der wackere Crillon iſt in der That der biederſte Ritter, und wenn es mir meine Mutter auch nicht eingeſchärft hätte, ich würde nie auf den Gedanken gekommen ſein, die Waffen gegen ihn zu führen. Crillon erröthete und ſenkte die Blicke zu Boden. — Der Greis, fuhr Esperance fort, forderte mich nun auf, das Zimmer meines Lehrers Spaletta zu be⸗ ſuchen, um zu erfahren, ob er nicht irgend eine Andeu⸗ tung hinterlaſſen habe. Es fand ſich nichts vor. Wäh⸗ rend wir das Haus durchgingen, äußerte der Diener meiner Mutter ein Erſtaunen, das ſich in einer Art Zorn Luft machte, als ich ihm das Meublement und das Tiſchge⸗ räth zeigte, das von einer Einfachheit war, die ich bis dahin für Luxus gehalten hatte. Ich führte den Greis in den Stall zu meinem Pferde, das zwar ein kräftiges, aber ein gewöhnliches Thier war. „— Himmel, rief er, ein ſolches Leben hat man Sie führen laſſen? Nur ein einziges Pferd haben Sie? 4 „— —— Welch ein geringer Aufwand! Wieviel Leute haben Sie in Ihrem Dienſte? Haben Sie denn Schätze geſammelt? „— Ich habe eine Haushälterin, welche der Küche vorſteht, und einen Laquais. Spaletta fand die Erhal⸗ tung dieſer Wirthſchaft immer noch zu theuer, und er hatte Recht. Die Penſion, die mir meine Mutter zu⸗ kommen ließ, reichte kaum hin, ſeit ich mir eine kleine Meute von ſieben Hunden gewünſcht hatte. „Der Greis ſtampfte wüthend mit dem Fuße. „— Gnädiger Herr, rief er, jetzt begreife ich, warum Spaletta vor meiner Ankunft entflohen iſt. Sie ſagten, die Penſion Ihrer Mutter reichte kaum aus? Wiſſen Sie auch die Suumme dieſer Penſion? „— Ich glaube tauſend Thaler für das Jahr, ant⸗ wortete ich. „— Ich habe tauſend Thaler für den Monat ge⸗ ſchickt! rief der Greis, roth vor Entrüſtung. Sie müß⸗ ten ſechs Bedienten, eben ſo viel Pferde und einen Park haben, in dem Sie Pferde und Hunde zu Tode jagen könnten. Spaletta hat Sie jährlich um zehntauſend Thaler beſtohlen. Er muß ſeit den zehn Jahren, daß die Sache ſo fortging, ein reicher Mann geworden ſein! „— Ich bin deshalb nicht ärmer, antwortete ich lächelnd. Da mir die Pferde fehlten, mußte ich zu Fuß Thäler und Hügel durchklettern, und zu Fuß die Moraͤſte durchſuchen. In Ermangelung der Laquaien bediente ich mich oft ſelbſt— Sie ſehen, ich bin dabei groß und — 30— ſtark geworden. Anſtatt Spaletta zu verfluchen, ſoll⸗ ten wir ihn dafür ſegnen, daß er mir mein Geld geſtoh⸗ len hat. Bei dem Luxus, den Sie mir zugedacht, wäre ich dick und plump geworden. „— Vielleicht, gnädiger Herr, antwortete der Greis. Es wird Ihre Frau Mutter ſehr betrüben, wenn Sie erfährt, daß Sie etwas zu wünſchen oder zu bedauern hätten. Ein ſolches Unglück ſoll nicht wieder geſchehen. Ich bringe Ihnen das erſte Zwölftheil der Penſion, die Sie künftig erhalten werden. Und er zahlte mir zweitauſend Thaler in Golde aus. — Vierundzwanzigtauſend Thaler jährlich! rief Crillon. — Ja, ſoviel! — Da ſind Sie ſehr reich, junger Mann! — Nur zu reich. In einer Zeit, wo Niemand mehr Geld hat, iſt dies ein königliches Vermögen. Die mir beſtimmte Summe muß eine beträchtliche ſein, ſagte ich zu dem Diener meiner Mutter; es iſt ja nicht unmöglich, daß ich fünfzig Jahre lebe. 8 — Ihre Kinder werden fortfahren, wie Sie ange⸗ fangen, antwortete lächelnd der Greis. Fürchten Sie nichts, Sie werden Ihre Kaſſe nicht erſchöpfen. — Mein Freund, murmelte ich, wenn meine Mut⸗ A ter ſo viel aus ihren Steinen herausgebracht hat, muß ſie deren viel gehabt haben. — Viel, antwortete ernſt der Greis, ſehr viel. k4 — S— — 81— „Und ich füge hinzu, wandte ſich Esperance an Cril⸗ lon, daß dieſe ganze Geſchichte ſehr ſonderbar iſt, nicht wahr? — Ja, junger Mann! ſeufzte der Ritter. — Erlauben Sie, daß ich vollende, mein Herr. Der Greis blieb den ganzen Tag bei mir; er benahm ſich ſo achtungsvoll und zärtlich, daß ich ihn lieben mußte. Nach⸗ dem ich ihm verſprochen hatte, wozu er mich aufforderte, ihm nicht zu folgen, reiſ'te er wieder ab. Ich habe ihn nicht wiedergeſehen; aber jeden Monat kommen die zwei⸗ tauſend Thaler an. — Wiſſen Sie nichts von dieſem Spaletta? fragte Crillon. — Nein, denn der Greis, dem ich dieſelbe Frage vor⸗ legte, antwortete mir, daß er Spaletta als meinen Hof⸗ meiſter angeſtellt, und nie mit ihm in Briefwechſel ge⸗ ſtanden habe. Jetzt bleibt mir nur die Frage an Sie zu richten, Herr Ritter, ob meine Erzählung Ihnen das aufgeklärt hat, was Sie Dunkeles in meinen Worten fan⸗ den, und ob Sie nun den Brief meiner Mutter beſſer verſtehen werden? Ohne zu antworten öffnete Crillon dieſen Brief und las ihn noch einmal. Dann ſagte er zu Esperance: — Ich glaube, daß ich ihn verſtehe. — Wenn er etwas enthält, was mich intereſſiren könnte— wäre es indiscret, Sie darum zu bitten? Gabriele. I. 6 ——vIUͤſͤſͤſ — 82— — Ich weiß es noch nicht. — Ich ſchweige, mein Herr. Verzeihen Sie mir! Crillon dachte einen Augenblick nach. — Sagten Sie nicht, fragte er, daß Sie dieſen Brief vor ſechs Monaten erhalten hätten? — Ganz recht. — Dann hätten Sie ſechs Monate lang wenig Eile gehabt. — Esperance erröthete. — Habe ich unrecht gehandelt? fragte er. Ich hielt es nicht für ſehr dringend. Was forderte der Wille meiner Mutter von mir? Nicht gegen Herrn von Cril⸗ lon aufzutreten,— ich habe es gethan; einen Brief an Herrn von Crillon zu überbringen— es iſt geſchehen. Ich hätte mich freilich ein wenig beeilen können, aber Sie waren weit von mir bald hier, bald dort im Kriege begriffen. Eine weite Reiſe in jener Zeit, ich geſtehe es, würde mir läſtig geweſen ſein. — Vielleicht beſchäftigte Sie eine kleine Liebſchaft? — Ja, mein Herr! antwortete Esperance mit einem reizenden Lächeln. Aber verzeihen Sie mir. Die jungen Leute ſind Egoiſten, ſie wollen auch nicht eine einzige von den Blumen verlieren, die ihnen die Jugend ſtreut. — Ich tadele Sie nicht, ſagte Crillon; aber dieſe Liebſchaften ſind doch jetzt vorbei, dieſe Blumen ſind doch heute verwelkt? — Nein, mein Herr, Gott ſei Dank! Denn meine Geliebte iſt anbetungswürdig. — 83— — Und Sie haben ſie meinetwegen verlaſſen? — Nein, ſagte Esperance freundlich, nein, Herr Ritter, ich ziehe dieſe gute Handlung nicht einmal in Betracht. Verzeihen Sie mir dieſe Freiheit. Ich komme nur zu Ihnen, weil ich meiner Geliebten folge. — Wahrhaftig? — Seit beinahe einem halben Jahre wohnte ſie in meiner Nachbarſchaft. Ihr Vater rief ſie nach einem Hauſe zurück, das er in der Gegend von Saint⸗Denis beſitzt Nun muß ich geſtehen, obgleich es eben nicht artig iſt, daß ich mich auf dem Wege nach Saint⸗Denis befinde, daß ich hörte, Sie lägen ſeitwärts im Lager, daß ich Sie aufgeſucht, und, wie man zu ſagen pflegt, zwei Fliegen mit einer Klappe geſchlagen habe. Aber noch einmal bitte ich Sie um Nachſicht, Herr Ritter. Dieſe Offenherzigkeit iſt keine Grobheit, denn ich ziehe es vor, gegen den wackern Crillon unhöflich zu ſein, als ihn zu belügen. Da ich nun meinen Auftrag ausgerich⸗ tet, grüße ich Sie achtungsvoll, und ſetze meinen Weg fort. — So eilig? — Die in Rede ſtehende Perſon hat mir in einem Briefchen angezeigt, daß ſte mich an einem beſtimmten Tage, zu einer beſtimmten Stunde und an einem be⸗ ſtimmten Orte erwartet. Bei dieſem Rendezvous darf ich nicht fehlen, ich betrachte es als einen Befehl, deſſen Nichtbefolgung die Strafe größern Unglücks nach ſich zieht. — Iſt jene Frau verheirathet? 6* — Nein, ſie iſt unverheirathet; aber ſie iſt deshalb nicht freier. Ich muß mit großer Klugheit und Vor⸗ ſicht verfahren... und darum habe ich nicht viel Zeit. 3 — Aber... unterbrach ihn Crillon traurig.* — Habe ich Ihnen mißfallen, mein Herr? — Nein, aber Sie machen mich beſorgt, und ich will Ihretwegen nicht beſorgt ſein. Esperance ſah Crillon überraſcht an. — Dies hat ſeinen Grund darin, daß Sie mir empfohlen ſind, fügte raſch der Ritter hinzu. Wann findet die Zuſammenkunft ſtatt? — Morgen. — Wo? Ich frage nicht, um den Namen Ihrer Geliebten zu wiſſen, ſondern nur um die Entfernung beurtheilen zu können. .— Bei einem kleinen Dorfe, das den Namen Or⸗ meſſon führt. — Ich kenne es; bei dieſem Dorfe fand ein Treffen ſtatt, in dem ich verwundet ward, ſagte Crillon. — Wahrhaftig, das iſt eine ärgerliche Bekanntſchaft. — Die Balzac d'Entragues beſitzen in jener Gegend ein Haus, ein kleines Schloß mit Gräben. Esperance ward purpurroth. Aber da ihm der Rit⸗ ter nicht in das Geſicht ſah, konnte er dieſe Röthe ver⸗ bergen, die Crillon dadurch, daß er den Namen d'Entragues ohne weitere Beziehung ausgeſprochen, hervorgerufen hatte. — Man braucht acht Stunden, um dorthin zu ge⸗— langen, fuhr der Ritter fort, der Nichts vermuthete. Sie haben noch mehr als die nöthige Zeit. Bleiben Sie einige Augenblicke hier, denn ich werde vielleicht mit Ihnen noch zu reden haben. 3 — Sie wünſchen es, mein Herr, und ich gehorche, ſagte Esperance, indem er ſich achtungsvoll verbeugte. Aber was beginne ich, während ich auf Ihre Befehle warte. — Gehen Sie zu Ihrem Freunde Pontis, der draußen herumſtreift und Sie erwartet. Gehen Sie, ich werde meine Erinnerungen ſammeln. Esperance entfernte ſich. Crigldon ſah ihm mit einem liebreichen Blicke nach. Als er ihn aus dem Geſichte verloren, ſtützte er die Stirn auf die Hände und ver⸗ ſank in Nachdenken. —; 6. Ein Abenteuer Crillon's. Die Handlungen ſeines Lebens, die Crillon ſchon ſo lange und ſo wohl vollbracht hatte, zogen eine nach der andern hinter ſeinen geſchloſſenen Augenlidern vorüber. Dies waren zunächſt die Heldenthaten des jungen Mannes unter Heinrich II.; die großen Religionskriege und die Würgereien des Bürgerkriegs unter Franz II. und Karl IX.; der Morgen von Amboiſe und die Barthole⸗ mäus⸗Nacht. 3 Aber die Erinnerung Crillon's verweilte bei einem herrlichen Tage; die Sonne beſtrahlte das unermeßliche Meer, hunderte und tauſende von Segeln und Flaggen aller bekannten Farben ſchaukelten die blauen Fluthen des Golfs von Lepanto. Ganz Europa war dort durch ſeine Ritter vertreten. Sultan Selim II. ſandte ſeine furcht⸗ bare Flotte gegen die Chriſten. Der Zuſammenſtoß fand ſtatt. Crillon ſah ſich, mit dem Schwerdte in der Fauſt, auf einem elenden Fahrzeuge, deſſen Commando zu über⸗ nehmen Niemand gewagt hatte. Dieſer gebrechliche Kahn eröffnete den großen Galeeren Don Juan's von Oeſterreich 3 Liebkoſung. — 87—* den Zug. Crillon hatte an jenem Tage ſo tapfer ge⸗ fochten, daß er unſterblich geworden. An jenem Tage hat ganz Europa den Blitz ſeines Schwerdtes kennen gelernt. Crillon brachte dem Papſte Pius V. die Sieges⸗ botſchaft nach Rom. Der greiſe Oberprieſter hatte Crillon in ſeine Arme geſchloſſen und im Namen der ganzen Chriſtenheit ihm wegen ſeiner Tapferkeit gedankt. Später kamen andere Kämpfe, andere Siege. Es kam jener fürchterliche Zweikampf mit Büſſy, die Belagerung von la Rochelle nach den Metzeleien von 1572; die Reiſe nach Polen, die er unternahm, um Heinrich von Anjou zu begleiten, der damals nach einer Krone ſtrebte, und die von Frankreich aufgab, welche ſein Bruder Karl IX. ihm ſo ſchnell abgetreten. Karl IX., der dritte Gebieter Crillon's, lag im Grabe. Heinrich, König von Polen, warf ſeine kalte Krone von ſich, um die von Frankreich aufzuheben. Crillon half ihm bei der Flucht; ſie kamen Beide in Venedig an. Hier verweilten die Gedanken des edeln Kriegers lange. Sein treues Gedächtniß rief die ſtrahlenden Erinnerungen aus dem Frühlinge des Lebens wach, den mit Freude verbundenen Ruhm, die Liebe, die ſich ſpielend unter die Feldbinden und Waffen miſcht. Es war im Jahre 1574. Crillon zählte dreiunddreißig Jahre. Er i*ſt ſiegreich, ſtolz und ſchön. Sein Name tönt dem Soldaten wie eine kriegeriſche Fanfare, die Frauen läßt er erzittern, wie eine — 88— Bei der Ankunft der Königs von Frankreich erhebt ſich das damals reiche und mächtige Venedig, um ſeinen Verbündeten, der den erſten Thron der Welt einnimmt, mit Ehrenbezeigungen zu empfangen. Die Glocken von Sanct⸗Mareus, die Kanonen der Galeeren und die Ver⸗ beugungen der Senatoren begrüßen Heinrich III. Aber die jubelnde Menge empfängt Crillon, den Sieger von Lepanto, und als er über die Piazetta geht, um den herzoglichen Palaſt zu betreten, bewundern ihn die Vene⸗ tianer und die Venetianerinnen lächeln ihm zu. Was aber wird dann geſchehen, wenn der Platz mit den Marmorgängen ſich mit Zuſchauern füllt, wenn ſich ein Turnier vorbereitet, bei dem man Crillon kämpfen ſteht? Der Tag dazu iſt gekommen. Venedig, das ſeinem Krieger von Marmor, dem heiligen Theodor, ſo viel Be⸗ wunderung zollt, das nur ſeine ehernen Pferde kennt, klatſcht wie toll in die Hände, als es die Heldenthaten des franzöſiſchen Ritters ſieht. Die Kraft und Gewandtheit des Ritters wirft zehn Rivalen in den Sand, der den Platz bedeckt. Von allen Seiten ertönt Beifallsgeſchrei. Crillon ward von dieſer alten Stadt begrüßt und verehrt, als ob er der heilige Michael ſelbſt wäre. Er fand ſein Zimmer mit Blumen geſchmückt, und Blumen ſind ſelten in Venedig. Er empfing prächtige Geſchenke und bittende Einladungen. Es iſt unmöglich, alle Ehrenbezeigungen in dieſen Zeilen zu beſchreiben. — —— . — 89— Zwanzig Jahre ſind ſeit dieſem Triumphe verfloſſen, aber der alte Held, der ſpäter noch hundert Siege erfoch⸗ ten und tauſend Lorbeern geerntet, ergötzt ſich noch heute an dem Dufte der damals geſpendeten Blumen. Eines Abends kam er von einem Mahle zurück, das der Doge nach den glänzenden Regatta's, die man dem Könige Heinrich III. zu Ehren veranſtaltet, im Arſenale gegeben hatte. Die Regatta iſt das Nationalfeſt der Venetianer, ein Wettrennen mit Gondeln auf dem großen Kanale. Man bietet weder Gott, noch dem heiligen Marcus etwas Beſſeres. Jene Regatta hatte alle andern durch Glanz und Heldenthaten überſtrahlt. Eines Abends alſo kehrte Crillon nach dem Mahle allein in ſeinen Palaſt zurück. Er war noch ganz erſtaunt von dem, was er geſehen. Die Arſenalarbeiter hatten nämlich, während man bei Tiſche ſaß, eine kleine Galeere zugehauen, zuſammengefügt, gekrümmt, mit Takelwerk verſehen, von Stapel laufen und vor ihm und dem Kö⸗ nige vorbeifahren laſſen. Das ganze Fahrzeug war in zwei Stunden völlig hergeſtellt geweſen. Ausgeſtreckt auf ſeinem Polſter, gewiegt von der ſanften Bewegung der Gondel, bewunderte er bei dem Scheine der Schiffslaterne, die am Vordertheile des Fahrzeugs aufgehängt war, ſein glänzendes, mit Gold geſticktes Kleid von weißer Seide und die Vollendung ſeiner muskulöſen Beine, die eng von glänzendweißen Seidenſtrümpfen eingeſchloſſen waren. Und wahrlich, dieſer berühmte Edelmann war ſchön, bewun⸗ derungswürdig ſchön durch Heldenthaten, die vor Zeiten aus einem einfachen Ritter einen Kaiſer gemacht hätten. Er beſaß Jugend, Geſundheit, Reichthum und Ehre— ihm fehlte nichts mehr, als die Liebe. In dem Augenblicke, als er unter dem Rialto, der vamals von Holz erbaut war, hinfuhr, bog ſeine Gondel einer größern Barke aus, in der ſich plötzlich die Töne einer ſanften Muſik vernehmen ließen. Crillon wußte bereits, daß die Gondoliere von Ve⸗ nedig die Muſik dergeſtalt liebten, daß ſie ganze Nächte den Concerten lauſchen, die über die Fluth gleiten. Er wunderte ſich auch nicht, als ſeine Gondel langſamer fuhr; er lehnte ſich rechts in das kleine Fenſter und lauſchte, wie die Gondoliere. Die halbverſchleierten Accorde verſetzten ihn in eine angenehme Melancholie. Die Muſiker ſchienen nur für die unſichtbaren Geiſter der Nacht zu ſpielen und huldvoll dem menſchlichen Ohre das Lauſchen zu geſtatten. Ueberall, wo dieſe Barke vorbeifuhr, öffneten ſich ge⸗ räuſchlos die Fenſter, und man ſah durch die urſchatten weiße Formen ſchimmern, die ſich neugierig über die Balcons lehnten. Crillon kannte den Taumel jener Fee noch nicht, die man Venedig nennt; er wußte nicht, daß ſie die Nacht benützt, um die unwiderſtehliche Verführung aller ihrer Reize auf den Fremden auszugießen, und daß dieſer Zauberin alles gut iſt, um den zu verführen, den ſte liebt. Sie ſpricht zu gleicher Zeit zu den Sinnen, zu dem Geiſte und dem Herzen. 3 Gehorſam, wie in einem Traume, beſtegt durch Ohr — ꝛzxVê — 91— und Auge, bemerkte Crillon nicht, daß er bereits an dem Palaſte Foscari vorübergefahren war, in welchem er mit dem Könige wohnte; er merkte nicht, daß ſeine Gondel auf dem großen Kanale immer noch der geheimnißvollen Harmonie folgte, deren Töne das Herz vor Liebe klopfen machten. 5 Man kam bei dem Zollhauſe vorüber, nach der Inſel Sanct⸗Georg, aus deren Lagunen der Genius Palladio's ſeit dreihundert Jahren die prächtige Kirche des heiligen Georg emporſteigen ließ. Die gigantiſchen Gerüſte, die Hebewerkzeuge mit ihren langen, ſchwarzen Armen, zeich⸗ neten ſich ſeltſam an dem Himmel ab. Die Muſik dauerte fort. Crillon lauſchte immer noch. Da fuhr eine kleine Gondel, mit ihrem Häuschen von ſchwarzem Tuche und ihren ſeidenen Quaſten, quer an der Gondel vorüber, die Crillon trug. Ein einziger Gondolier, nach Art der Dienſtleute ge⸗ kleidet und maskirt, leitete ſie ohne Anſtrengung. Nach⸗ dem dieſer Menſch ſeinen Kahn an die Seite des andern gebracht, fuhr er noch einige Zeit langſam nebenher, als ob er ſeinem Herrn Gelegenheit geben wollte, Crillon in ſeiner Gondel zu betrachten. Auf ein gegebenes Zeichen ſagte er den Gondolieren des Franzoſen ein Wort, und dieſe hielten auf der Stelle an. Crillon hatte von dieſem liſtigen Verfahren nichts be⸗ merkt. Er war ärgerlich, daß man ihn von der Barke — 92— über den Aufenthalt zu befragen, als eine neue Laſt die Gondel nach links niederbeugte. Ein ſeltſames Anſtreifen an die Kajüte ließ ſich rauſchend vernehmen, und gleich darauf erſchien ein Schatten in der Thür, der dem Ritter das roſenrothe Licht der Schiffslaterne entzog. Noch ehe Crillon etwas ſah oder begriff, trat eine Frau unter den Thronhimmel, und nahm rechts auf den Pol⸗ ſtern Platz, ohne eine Wort zu äußern. Gleichzeitig ſetzte ſich die Gondel wieder in Bewegung, und Crillon ſah den ſchweigenden Gondolier der Unbe⸗ kannten an der Seite hinrudern. Vor den beiden, auf dieſe Weiſe verbundenen Gon⸗ deln fuhr die Barke der Muſiker. Crillon näherte ſich mit aller Galanterie eines Fran⸗ zoſen, und ſann auf eine Artigkeit über die Schönheit, Grazie und Liebenswürdigkeit. Aber ſeine Begleiterin war maskirt und dicht in einen ſeidenen Mantel mit ſchweren Spitzen von Burano beſetzt gehüllt. Kein Blick, kein Schimmer der Haut, nicht einmal ein Athemzug bewies unſerm Crillon, daß er ſich nicht in der Geſellſchaft eines Phantoms befände. Als er den Mund öffnete, um zu fragen, hob die Dame langſam ihren behandſchuhten Finger bis zu ihren Lippen empor, als ob ſie ihn bäte, zu ſchweigen. Er gehorchte. Nun ließ ſie ihre Hand auf das Kleid zurückſinken und verfiel wieder in ihre vorige Unbeweglichkeit. Aber des Concerts entfernte, und ſchickte ſich an, ſeine Ruderer —z—, — 93— bei dem Scheine einer großen Laterne, die von dem Hafen⸗ damme herab einen flüchtigen Strahl in die Gondel warf, ſah Crillon durch die Löcher der Maske zwei flimmernde Punkte. Die Unbekannte ſah ihn an; ſie betrachtete ihn mit ihrer ganzen Seele. Sie ſah ihn feſt an ohne zu ſchwanken, wie die neugierigen unter einer ſchwarzen Wolke verborgenen Sterne unaufhörlich die Erde betrachten. Die Gondeln bewegten ſich indeß mit einer berechneten Langſamkeit nach dem Takte der Muſik fort. Der reinſte Nachthimmel lag über Venedig. Die Muſik ward immer ſanfter, immer einſchmeichelnder. In einer ſolchen Nacht, bei einer ſolchen Muſik würde ſelbſt das Herz des keuſchen Joſeph vor Liebe ver⸗ gangen ſein. Crillon wagte es, die Unbekannte anzuſchauen. Sie ſenkte die Blicke nicht nieder. Er ſtreckte die Hand aus, um die zu ergreifen, die ihm einen Augenblick zuvor Stillſchweigen anempfohlen hatte. Aber dieſe Hand er⸗ hob ſich noch einmal, um dieſelbe kalte und feierliche Bewegung auszuführen.. Als ob die Unbekannte ſein Erſtaunen für eine Höf⸗ lichkeitsform nahm, wandte ſie ſich dem Eingange der Kajüte zu und betrachtete den Himmel und das Waſſer, weniger um Himmel und Waſſer zu bewundern, als um dem Ritter den Anblick ihrer Verwirrung und der Auf⸗ regung eines Buſens zu entziehen, den man unter der Seide und den Spitzen wogen ſah. Als ein galanter Mann benutzte Crillon dieſe ſchöne Gelegenheit, um ſeine Begleiterin deutlich in's Auge zu faſſen, ohne ihr durch ſeine Prüfung läſtig zu werden. Sie war groß, und trug den Kopf mit einer den Vene⸗ tianerinnen natürlicher Diſtinction, die alle geboren zu ſein ſcheinen, um ſich Königinnen zu nennen. Dieſe konnte ſich ſelbſt in Venedig Königin nennen. Unter der mit Gold geſtickten Kopfbedeckung, deren Franzen auf die Schulter herabfielen, ſah der Ritter die ſchwere Flechte ihrer Haare glänzen; eine reine, edel ge⸗ bogene Linie zeichnete ihren Rücken und ihre Leibesge⸗ ſtalt, während die langen Falten ihres ſeidenen Kleides über eine, der Cleopatra würdige Hüfte fielen. Aber war dieſe Frau jung, war ſie ſchön? Wie war ſie auf den ſeltſamen Gedanken Ieommnen ſich ſtumm in die Gondel zu ſetzen? Warum beobachtete ſie bei aller dieſer Hingebung dieſe Zurückhaltung? Die Gondel hatte die Giudecca verlaſſen. Die Mu⸗ ſiker wandten ſich, als ob ſie den Weg nach Fuſina ein⸗ ſchlagen wollten; dann umfuhren ſie die Spitze Sancta Maria, ruderten an dem Marsfelde entlang, kamen zu dem Rio⸗San⸗Andrea, und kehrten in den großen Kanal zurück. Während dieſer langen Fahrt hatte die Venetianerin nicht aufgehört, Crillon zu betrachten, der, nach einigen mißlungenen Verſuchen, ſie zum Reden zu bringen, glaubte, daß ſie ſtumm ſei. ——. Er ergriff zum zweiten Male ihre Hand. Jetzt ließ ſie es geſchehen. Noch mehr: ſte hob ſelbſt mit ihren zehn kleinen Fingern die nervigte Hand des Ritters ein wenig empor, prüfte ſie ſehr aufmerkſam, betaſtete ſie, und drehete bei dem Lichte der Schiffslaterne neugierig einen Ring, den Crillon an der rechten Hand trug. Dieſer Ring ſchien ihr ein wenig Unruhe zu machen. Man konnte es an dem lebhaften Spiele ihrer Finger, an dem haſtigen Drucke bemerken, daß dieſer goldene Reif ihr läſtig war. Nachdem ſie ihn hin und hergedreht, und mit den Nägeln befühlt hatte, als ob ſie die darauf eingegrabenen Buchſtaben unterſcheiden wollte, legte ſte ſanft die Hand Crillon's auf ihren Mantel zurück, ließ den Kopf hangen, und gab ſich durchaus keine Mühe, die tiefe Niedergeſchlagenheit zu verbergen, die der fieber⸗ haften Aufregung folgte. Jeder Verſuch des Ritters, eine Erklärung hervor⸗ zurufen, war vergebens. Auf dem Thurme der Kirche des heiligen Hiob ſchlug es ein Uhr. Die Unbekannte klopfte dreimal mit ihrem Fächer an den kleinen geſchnitzten Fenſterſchlag der Gondel. Der Gondolier, der ſie geführt hatte, hemmte mit einem Ru⸗ derſchlage die Fahrt der Barke Crillon's, erſchien auf der rechten Seite, und ſtreckte ſeiner Herrin den Arm ent⸗ gegen. — 96— Dieſe erhob ſich, grüßte ſchweigend den Ritter, ſetzte leicht wie eine Sylphe einen reizenden Fuß auf den Rand ihrer Gondel, und verſchwand. Crillon, der ſie zurück⸗ zuhalten verſuchte, berührte mit ſeinen Händen nur das kalte Ruder des Gondoliers. Die beiden Ruderer ſtanden unbeweglich und erwar⸗ teten ſeine Befehle. Er befahl ihnen, der benachbarten Gondel zu folgen. Aber die lange Barke der Muſtiker fuhr quer über den Kanal und hielt ſie einige Augenblicke auf. Während dieſer Zeit verſchwand die Gondel der Unbekannten wie ein Traum. Als Crillon ſeine Gondoliere ausfragte, antworteten dieſe mit der natürlichſten Miene von der Welt, daß ſie der Barke der Muſiker gefolgt wären, weil dies in Ve⸗ nedig gewöhnlich ſei, und weil der franzöſiſche Herr keinen entgegengeſetzten Befehl gegeben habe. Die geheimnißvolle Gondel, erklärten ſie, ſei ihnen unbekannt. Der maskirte Gondolier habe ihnen geſagt, ſte mögen anhalten, und ſie hätten es gethan, weil dies Brauch ſei. Die Dame, die in das Gondelhäuschen ge⸗ kommen, hätten ſie nicht angeſehen, weil es unhöflich geweſen wäre. Kurz, in den Augen dieſer guten Leute war Alles in vollkommener Ordnung; in Venedig ginge ſo etwas täglich vor, fügten ſie hinzu, aber häufiger wäre es, daß der Cavalier in die Gondel der Dame ſtiege. Crillon mußte ſich mit dieſen Erklärungen begnügen. Er gab zwar ſeinen Gondolieren einige Andeutungen, um ſie den Namen oder den Stand der Unbekannten er⸗ rathen zu laſſen— aber Alles war unnütz. — Sie war maskirt! antworteten ſie. Der Ritter blieb alſo auf ſeine eigenen Hülfsmittel angewieſen. Er ging nach dem Palaſte Foscari zurück, in dem Heinrich III. bereits ſchlief. Indem er ſich in das prachtvolle Bett legte, das ihm die venetianiſche Gaſt⸗ freundſchaft bereitet hatte, ſuchte er ſich von dem ihn plagenden Traume dadurch loszureißen, daß er ſich zu überreden ſuchte, das Abenteuer ſei ein ganz natürliches geweſen, und komme in Venedig täglich vor. Um ſich völlig zu tröſten, ſagte er ſich außerdem noch, daß dieſes Abenteuer wenig zu Gunſten ſeines Ver⸗ dienſtes ſpräche, und daß die Dame, die ihn ſo aufmerk⸗ ſam betrachtet, ihn nicht ſo nach ihrem Geſchmacke ge⸗ funden, wie ſte vielleicht gehofft habe. — Iſt es ein Zwangrecht, das man hier ausübt, flüſterte er vor ſich hin, ſo iſt es thöricht, ferner daran zu denken; hat man ein Spiel mit mir getrieben, ſo muß man es vergeſſen. Bei den erſterbenden Tönen der Muſtik, die, höflicher als die Unbekannte, ihm bis zu dem Palaſte Foscari das Geleit gegeben, ſchlief er ein. Aber als er am folgenden Morgen erwachte, hatte er nichts von den Vorgängen des Abends vergeſſen. Er wiederholte ſich die Einzelnheiten des ſeltſamen Beſuchs in ſeiner Gondel, und vorzüglich gedachte er des ſchmerz⸗ Gabriele. J. 7 8 — 98— lichen Eindrucks, den ſein Ring auf die Unbekannte aus⸗ geübt hatte. Als er aufgeſtanden war, empfing er einen prächtigen Strauß von Roſen und Lilien, auf dem der Morgenthau noch perlte. In der Mitte dieſer duftenden Blumen erglänzte ein breites Stiefmütterchen mit Sammtblättern und einem goldenen Kelche. Als er den Duft dieſer lieblichen Blumen noch einathmete, ſandte man ihm einen zweiten, ähnlichen Strauß. Eine Stunde ſpäter brachte man einen dritten, wieder eine Stunde ſpäter einen vierten — den ganzen Tag empfing er ſtündlich einen Strauß. Crillon verſtand wenig von der Blumenſprache, aber die duftende Phraſe, die man ihm während des ganzen Tages wiederholte, wußte er dennoch alſo zu deuten: „Ich denke jede Stunde an Sie!“ Anſtatt auszugehen, blieb er in ſeiner Wohnung, um dieſe Sendungen zu erwarten und anzunehmen. Aber wie er es auch anſtellen mochte, nie konnte er die Boten entdecken. Thüren, Fenſter, Kamine, Balcons und Trep⸗ pen— Alles diente der unermüdlichen Fee, um ihre Geſchenke zu ihm gelangen zu laſſen, und ſtets ragte das Stiefmütterchen wie eine leidenſchaftliche Wiederholung aus dem Strauße hervor. Zornig über die Ungeſchicklichkeit ſeiner Leute, ſtellte er ſich endlich ſelbſt auf die Wacht. Da kam am Abend ein letzter Strauß. Ein Kind brachte ihn, das erklärte, ihn von einem Gondolier empfangen zu haben. — 99— An dem Stiefmütterchen war durch ein blaues Seiden⸗ band ein leichtes Billet befeſtigt. Crillon öffnete es und las es mit glühendem Herzen. „Herr Ritter, ſagte die zarte Handſchrift, wenn der Ring an Ihrer rechten Hand das Zeichen Ihrer Verhei⸗ rathung oder eines Schwures iſt, der Sie an eine Frau bindet, ſo verbrennen Sie dieſes Billet und werfen Sie es in die Aſche; aber wenn Sie frei ſind, ſo laſſen Sie ſich in Ihrer Gondel dem Werft des Arſenals gegenüber fahren. Alſo um zehn Uhr, wenn Sie frei ſind. Ver⸗ ſtanden, Crillon? Der Ritter ſtieß einen Freudenſchrei aus. Er begriff endlich, daß ſein Abenteuer kein gewöhnliches ſei, wie ſeine Gondoliere ihn glauben machen wollten. Nie war ſein Herz freier geweſen, als dieſen Abend. Als die beiden ehernen Hämmer im herzoglichen Pa⸗ laſte die zehnte Stunde ankündigten, wartete er in ſeiner Gondel unter den Platanen, die damals auf dem Rande des Damms ſtanden. Die gigantiſchen Bäume warfen einen langen Schatten auf das Waſſer, der ihn den Blicken Aller entzog. Kaum hatte er fünf Minuten gewartet, als leiſe Ru⸗ derſchläge ihm die Ankunft einer Barke anzeigten. Bald erkannte er die ſchwarze Gondel des vorigen Abends und die Umriſſe des maskirten Gondoliers, der ſich auf ſein Ruder herabbeugte. Wie Abends zuvor fuhr die Gondel an die Seite 7* — 100— der ſeinigen. Crillon trat haſtig unter das Zeltdach, und war ſehr erſtaunt, ſich allein zu ſehen. Er befahl ſeinen Ruderern ihn zu erwarten; aber der Mann in der Maske ſagte ihnen, daß ſie nach dem Palaſte zurückkehren möchten— ſie folgten augenblicklich. Die geheimnißvolle Gondel wandte ſich der Lagune zu, und glitt leicht an den Pfählen vorüber, welche zum Schutze des Ufers hier und da eingerammt waren. Die Nacht war düſter; der Wind kam von dem Meere herüber, und hob das Waſſer zu Wellen, welche die Gondel ſanft ſchaukelten. Crillon ſah die Inſeln San⸗ Lazaro, San⸗Michelo und Murano in der Dunkelheit erſcheinen und verſchwinden. Nachdem die Barke die Lagune quer durchſchnitten, gelangte man in ein ruhigeres Waſſer mit blumigten Ufern; das Fahrzeug ſtreifte mehr als einmal an Ge⸗ büſche und Roſenſträuche. — Wohin führt mich dieſer Mann? dachte Crillon. Mir ſcheint, ich bin ſchon weit von Venedig entfernt. Er dachte nicht daran, daß man ihm eine Schlinge. legen könnte; er fragte nicht einmal den Gondolier, der ſtets mit gleicher Schnelligkeit die Gondel durch die rei⸗ zenden Krümmungen des einſamen Fluſſes leitete. Nach⸗ dem er unter einer Brücke von Ziegelſteinen, deren einziger Bogen ſich kühn von einem Ufer zum andern wölbte, hingefahren, glitt das Fahrzeug zwiſchen dichten Weiden hin, bis es an das Land ſtieß. Der Gondolier ſprang — 101— an das Ufer, und bot Crillon ſchweigend ſeinen Arm, um ihm ausſteigen zu helfen. 1 Der Ritter ſtieg an das Land, und ſah ſich neugierig um. Er befand ſich unter einer Art Säulenlaube, die von ſchlanken Reben und Epheu gebildet ward. Unter Blumen und Laub verſteckt, bemerkte er eine kaum ſicht⸗ bare Thür. Der Gondolier deutete ſchweigend auf dieſe kleine Thür, die ſich wie durch einen Zauber öffnete. Crillon trat ein. Die Gondel entfernte ſich von dem Ufer, und die Thür ſchloß ſich hinter dem Ritter, deſſen Herz bei allen dieſen Vorſichtsmaßregeln zu ſchlagen begann. Er befand ſich nun in einem kleinen, finſtern und unregelmäßig bepflanzten Garten. Kein Lichtſtrahl leitete ſeine Schritte. Schon ging er langſamer und dachte an ein Umkehren, als plötzlich ein ſanftes Licht die Baͤume erhellte und die Blätter derſelben wie Edelſteine erglänzen ließ. Eine andere Thür ward geöffnet, und Crillon be⸗ merkte den Eingang zu einem Hauſe. Nachdem er vier Schritte gethan, befand er ſich in einer Vorhalle von Marmor, von deſſen Decke herab eine brennende Lampe an ſilberner Kette hing. Ein Vorhang trennte dieſe Vorhalle von den angrenzenden Zimmern. Wie ſeltſam! Kaum hatte Crillon die Vorhalle betreten, als ſich auch die Eingangsthür hinter ihm ſchloß. Der Ritter hob den ſchweren Vorhang, und trat in das Zimmer. Da ſah er auf einem Tiſche von Ebenholz, der reich geſchnitzt und mit Elfenbein ausgelegt war, ein Mahl in prachtvollem Silbergeſchirr ſervirt. Alle Früchte der Lombardei, die Weine des Archipel in Kriſtallgefäßen von Murano, kalte Fleiſchſpeiſen und die ſeltenſten Fiſche des adriatiſchen Meeres verſprachen Crillon allein ein Feſt, das den Appetit von zwanzig Königen geſtillt haben würde. Von der Decke herab hing einer jener berühmten venetianiſchen Kronleuchter, deren prachtvolle Arbeit noch heute bewundert wird. Aus den Kelchen von mehr als zwanzig blauen und weißen Roſen, je nachdem es die Nüancen der Kriſtalle erforderten, flimmerten matte Licht⸗ flammen hervor. Dieſer kleine Wunderpalaſt mit ſeinen Säulen von Cedernholz war mit jenen bewunderungswürdigen Seſſeln ausgeſtattet, auf deren Schnitzwerk jeder Künſtler zehn Jahre ſeines Lebens und ſeines Talents verwendet hatte. Die Teppiche, die Bilder von Bellini, Georgion und dem alten Palma, alles dies verſchwand in dem däm⸗ mernden Schatten, als ob der Herr des Palaſtes dieſe Schätze wenig liebte und die Aufmerkſamkeit auf andere, koſtbarere Gegenſtände lenken wollte. Crillon ließ ſich auf einem Seſſel nieder, nahm ſein Schwerdt zwiſchen die Kniee, und wartete, daß ein menſchliches Weſen erſcheinen möge, um ihn zu empfangen. Eine Thür, die ſich ihm gegenüber in der Wand öffnete, geſtattete einer Frau den Eingang, in der er die Unbekannte des verfloſſenen Abends zu erkennen glaubte. Ihr Gang, ihr Wuchs war derſelbe, ihre Haare waren — 103— dieſelben; ſie trug auch die Maske noch, durch die Crillon den feſten Blick ſah, der ihn in der Gondel überraſcht hatte. Ohne zu ſprechen oder zu grüßen, blieb dieſe Dame auf der Schwelle des Zimmers ſtehen. Sie trug ein Kleid von weißem Seidendammaſt. Auf ihrer Bruſt flimmerte ein großes Stiefmütterchen. Wenn man die ſchweren Armbänder von Zechinen ſah, die bis auf ihre kleine Hand herabfielen und ſie mit ihren ungleichen Gelenken umſchlangen, ſo hätte man glauben mögen, daß ihr ganzer Körper durch die Arme fortgezogen und unter der Laſt dieſer Goldmaſſe herab⸗ gebeugt würde. Die innere Bewegung der Unbekannten aber war die alleinige Urſache, daß ſie ihren Kopf ſenkte; ſie bewegte ſich plötzlich, als ob ſie von einem Schwindel. ergriffen würde, und um ſich aufrecht zu erhalten, hielt ſie ſich mit den bleichen Fingern an einem Schnitzwerke in der Einfaſſung der Thür, das ihre Hand zunächſt er⸗ greifen konnte. Crillon eilte zu ihr und ließ ſich, als ein ehrbarer Ritter, vor ihr auf ein Knie nieder. Ohne ihre melancholiſche und träumeriſche Stellung aufzugeben, ſagte die Dame mit einer bewegten, voll⸗ tönenden Stimme: — Sie ſprechen Spaniſch, ich weiß es; reden wir alſo Spaniſch. Stehen Sie auf, und hören Sie mich an. Crillon gehorchte. Gebeugt blieb er vor ihr ſtehen, um die Worte und den Hauch ihres Mundes einzuathmen. Die Unbekannte fuhr fort: — Sie ſind alſo frei, da Sie gekommen ſind? Crillon verneigte ſich. — Dieſer Ring, antwortete er, kommt von meiner Mutter, und iſt mein Siegelring. — So habe ich wohl gethan, daß ich Ihnen geſtern den Ring nicht nahm, um ihn in den Kanal zu werfen, wozu ich die Luſt in mir verſpürte.* — Gewiß, Madame, es würde mich ſehr betrübt haben.. — Ebenſo, wenn ich ihn mir von Ihnen gefordert hätte? — Ich würde gezwungen ſein, eine Weigerung aus⸗ zuſprechen. — So kommt er wirklich von Ihrer Mutter? — Madame, Cirillon ſagt nie eine Lüge, und ſagt nie eine Wahrheit zweimal. — Es iſt wahr— Crillon iſt Crillon! Sie ſchwieg. Kühner als zuvor, ging ſie zu einem Polſter, ließ ſich darauf nieder, und gab dem Ritter durch ein Zeichen zu erkennen, daß er ſich ihr gegenüber ſetzen möge. — Da Sie niemals eine Unwahrheit ausſprechen, begann ſie, ſagen Sie mir, ob Sie mich lieben. — Ich möchte faſt„Ja“ ſagen; vielleicht kann ich dieſes Ja unbedingt ausſprechen, wenn ich Ihr Geſicht fenne. — — 105— — Mein Geſicht! Iſt dies unumgänglich nöthig, um Liebe zu erwecken? Ich kenne eine Perſon, die Jemanden nur ſeiner Ehre wegen liebt... und mir ſcheint, daß der Athem, die Berührung einer Frau oder eines Man⸗ nes, der liebt, genügen müſſe, um Gegenliebe zu erwecken. — Gewiß, ſtammelte Crillon. Aber der Anblick eines ſchönen Antlitzes iſt noch mächtiger. — Aber warum ſind denn gewiſſe häßliche Frauen geliebt? Crillon zitterte. — Außerdem, fuhr die Unbekannte fort, iſt die Schönheit ideell. Man kann ſchön für Andere ſein, und erſcheint gerade dem häßlich, den man rühren will. — Es iſt wahr! antwortete ſeufzend der Held, deſſen Zittern ſich vermehrte. — Sehen Sie, ſagte raſch die Venetianerin, indem ſte ſich erhob, um Crillon ein prachtvolles Gemälde von Giorgion zu zeigen, das Diana mit ihren Nymphen im Bade nach der Jagd darſtellte— hier ſind mehrere Schönheiten— wie finden Sie dieſe? — Bewunderungswürdig„Madame! — Um weniger profan zu ſein, betrachten Sie dieſe Madonnen von Bellini— gefallen Ihnen auch dieſe? — Es find vollendete Schönheiten. — Was ſagen Sie zu dieſer Suſanna von Palma? Bei dieſen Worten ergriff ſie eine Kerze, um die Gemälde zu beleuchten. Dieſe gezwungene Stellung zeich⸗ nete unter ihrem Arme eine Taille ab, die denen der 7 Nymphen glich. Um das Licht höher halten zu können, hatte ſie den Fuß auf eine Bank von wohlriechendem Leder geſetzt— dieſer Fuß, zart und gewölbt, mit Knö⸗ cheln wie die eines Kindes, ein rundes Bein, der eleganter reiche Schmuck des ganzen Körpers, deſſen runden Formen die Falten des Damaſtkleides ſich anſchmiegten— Alles dies bewies dem Ritter, daß dieſe Frau der Schönheit des Geſichts nicht bedurfte, um ſchön zu ſein und Liebe zu erwecken. Er dachte es, und ſagte es ihr. — Wahrlich! rief ſie. Was werden Sie mir ſagen, wenn Sie mein Geſicht geſehen haben? — Was ich von den Nymphen, den Madonnen und der Suſanna geſagt habe. — Nun denn, mein Herr, ſagte die Venetianerin mit einer ſtolzen Verachtung, vergleichen Sie mich nicht mit dieſen gefirnißten Geſichtern, ſie ſind todt und kalt. Ich bin ſchöner als ſie— betrachten Sie mich! Durch ein leichtes Anſtreifen mit ihren Fingern nahm ſie die Maske ab. Crillon ſtieß einen Schrei der höchſten Verwunde⸗ rung aus. Und wahrlich, eine vollkommenere Schönheit hatte er nie geſehen; und er hatte die Römerinnen und Polinnen geſehen. Unter ſchwarzen, ſchön gewölbten Brauen glänzten die großen Augen dieſer Frau. Der Blick war brennend wie ein glühendes Eiſen. Wenn dieſer Blick ſprach, ³ verklärte ſich der ganze übrige Theil ihres Geſichts: der Engel wurde ein Erzengel. Ihre Geſichtsfarbe war matt⸗ weiß, ihre Lippen waren roſig und friſch, ihre Naſe war die der Niobe, ihre Zähne wie Perlen, ihr Kopf war der einer Aspaſia auf dem Körper einer Venus— und dabei zählte ſie achtzehn Jahre. — Ich liebe Sie! rief der Franzoſe, indem er wie geblendet zu ihren Füßen niederſank. — Und ich... rief die Venetianerin, indem ſie ihn emporhob und in ſeine Arme ſank. Die Kerzen auf den Kryſtallleuchtern waren nieder⸗ gebrannt. Das bleiche Licht der Morgenröthe vertrieb die Finſterniß. Crillon öffnete die ſchweren Augenlider und ſuchte die Venetianerin an ſeiner Seite. Sie erſchien wieder. Strahlend vor Freude und Schmuck kam ſie zu Cril⸗ lon, der ihr ihre Entfernung, ſo kurz ſie auch geweſen, zum Vorwurfe machte. Mit einer Stimme, die noch einſchmeichelnder war, als ihr Lächeln, ſagte ſie: — Wir werden uns künftig nicht mehr trennen. Wir bleiben für das ganze Leben zuſammen. — Für das ganze Leben! wiederholte der berauſchte Crillon. Die Venetianerin ergriff ſeine rechte Hand, küßte den Ring und ſagte: — Nun gehört dieſer Ring Ihrer Mutter uns Bei⸗ den an. — 108— — Warum? fragte Crillon. — Weil wir nun Alles theilen werden— zunächſt dieſes hier. Sie zeigte ihm ein Käſtchen, deſſen Feder ihre ge⸗ ſchickte Hand ſpielen ließ. Es enthielt Steine, Juwelen und Perlen, welche Königinnen neidiſch gemacht haben würden. — Aber...! warf Crillon ein. — Und dann dieſes hier! fuhr die Venetianerin mit einer kindlichen Freude fort. Sehen Sie! Sie zeigte ihm einen drei Fuß langen und zwei Fuß tiefen Eiſenkaſten, der mit Goldzechinen angefüllt war. Der Ritter glaubte, daß er fortträumte. — Und nun, ſagte ſie, da Sie die Mitgift und die Frau kennen, reichen Sie mir Ihren Arm, Crillon! Sie ergriff ſeinen Arm, zwar mit einer gewiſſen Au⸗ torität, aber ſanft und zärtlich. — Wohin führt mich mein ſchöner Engel? fragte er. — Nicht weit, nicht weit! Sie zog ihn nach der Wand, in der ihre kleine, nervigte Fauſt raſch an eine Stahlfeder ſtieß. Eine Thür öffnete ſich, welche zu einem langen, fin⸗ ſteren Gange führte. In den Lichtwogen am Ende deſſel⸗ ben ſah man die Marmorſäulen und die Goldmoſaik einer Kirche. Der Altar war geſchmückt. Der knieende Prie⸗ ſter wartete, und zwei Zeugen lehnten an der Balu⸗ ſtrade. — 4109— — Was iſt das? rief der Ritter. — Eine ſchöne Kirche, die ſchönſte und älteſte. — Aber ich begreife nicht... — Sie werden Alles begreifen, gnädiger Herr. Ich bin eine reiche Patrizierin und liebe Sie. Sie werden ſogleich meinen Namen erfahren. Mein Vermögen kennen Sie— meine Liebe habe ich Ihnen bewieſen. Aber meine Familie will mich zu einer Heirath zwingen, die mich mit Entſetzen erfüllt. Wenn ich mir nun Herrn von Crillon wähle, denke ich, ſo wird die Familie nichts dagegen einzuwenden haben; außerdem wird mein Er⸗ wählter, wenn es nöthig, meiner Wahl Achtung zu ver⸗ ſchaffen wiſſen. Sie haben vielleicht eine ſchlechte Mei⸗ nung von dem jungen Mädchen, das einen Liebhaber zu empfangen ſcheint: ich habe mir einen Mann genommen. Kommen Sie, Crillon, der Prieſter erwartet uns am Altare. Wenn der Blitz das eichene Täfelwerk in Stücke zer⸗ ſchmettert, wenn eine Mine das ganze Haus in die Luft geſprengt hätte, wenn die erhabene Schönheit der Vene⸗ tlanerin einer Meduſa gewichen wäre— Crillon hätte das nicht empfinden können, was er in dieſem Augenblicke empfand. Dieſer plötzliche, unerwartete Vorſchlag, dieſe Vorbe⸗ reitungen ſchienen ihm ein hinterliſtiger Streich zu ſein, den man auf ſeine Ehre richtete. Die Schönheit der jungen Frau, ihre berauſchende Hingebung, dieſe unbe⸗ — 110— greifliche Miſchung von jungfräulicher Unſchuld und laſter⸗ hafter Keckheit, dieſer glänzende Reichthum, dieſer einſame, feenhafte Ort— Alles erſchien ihm wie Schlingen des Dämons, um ihm ſeine Seele zu rauben und ihn für immer zu verdammen, indem er ihn ſeine Gelübde brechen ließ. Crillon befand ſich in einer Verfaſſung, daß er ſich einbildete, dieſes ganze Zauberwerk, dieſes ganze inferna⸗ liſche Verſuchungsgeräth des Satans müſſe in Rauch und Dunſt aufgehen, wenn er noch eine Minute Zeit gewänne; die ſchöne Frau würde zu einer Natter, die Zechinen zu trockenen Blättern und die Kerzen zu Grabflammen wer⸗ den, dem ſanften Flüſtern der Liebesküſſe müſſe das Hohnlachen des ſiegreichen, böſen Engels folgen, und Crillon würde zerſchmettert in einer gräßlichen Einöde zurückbleiben. Wie ſollte er dieſer Frau auch nur einen der Ge⸗ danken verſtändlich machen, die ſeinen Kopf durch⸗ freuzten? Er ſah ſie ſtarr an und ſchwieg. Sie aber glaubte, ſein Glück habe ihn betäubt. Dieſes ſeltſame Weſen dachte nicht daran, daß ihr Patrizierthum, ihr Vermögen, ihre Schönheit und ihre Liebe ſie bis zu dem Grade fabelhaft und unbegreiflich machen könnte, daß ein über ſeinen Sieg erſchreckter Lieb⸗ haber ſie zurückwieſe. — Ich muß ihn durch freundliche Worte ermuthigen! dachte die Venetianerin. — 111— Indem ſie ſich mit ihrem unwiderſtehlichen Lächeln bewaffnete, ſagte ſie: — Iſt auch Ihre Frau häßlich und arm, Sie müſſen ihr ſchon gehorchen. — Unmöglich! rief Crillon, dem dieſer neue Angriff des Verſuchers den Schweiß auf die Stirn trieb. — Unmöglich! Warum? — Ich bin Maltheſer⸗Ritter. — Sie waren es in der Wiege. Solche Gelübde find abgeſchmackt; der heilige Vater, der dem Sieger von Lepanto nichts verweigert, wird Sie davon entbinden, wenn wir es wollen. — Madame, ſtammelte Crillon, der ſeinen Entſchluß feſtgeſtellt hatte, dieſe Gelübde, die man für das Kind in der Wiege ausgeſprochen, wie Sie ſoeben ſagten, habe ich als ein Mann von zwanzig Jahren wiederholt— und damals wußte ich, was ich that. Die Venetianerin war bleich wie der Tod. Sie trat zurück. Ihre Stirn verfinſterte ſich. — Sie nehmen mich nicht an? murmelte ſte mit zerreißender Stimme. Sie ſtoßen mich zurück? — Gott iſt mein Zeuge...! — Ja oder nein, mein Herr! rief das junge Maͤdchen, deſſen patriziſches Blut der Stolz nach dem Kopfe trieb. Crillon's Herz war verwundet. Er ſenkte das Haupt. — Man ſagt, Sie ſeien ein braver Mann— be⸗ weiſen Sie es! rief ſie mit Ironie. Ja oder nein? Mir ſcheint, dies iſt leicht zu ſagen. — Wohlan, ſtammelte der Ritter, indem er die Nägel in das Fleiſch ſeiner Hände krallte: Nein! In dem Geſichte des jungen. Mädchens drückte ſich eine gräßliche Verzweiflung aus. Kein Laut, kein Seuf⸗ zer entrang ſich ihrer Bruſt. Ihr mit Blitzen geſchwän⸗ gertes Auge, ihr bebender Mund, beredte Dolmetſcher deſſen, was in ihrer Seele vorging, ſprachen den ſtummen Fluch aus, unter dem ſich Crillon vernichter beugte. — Cirillon, ſagte ſie endlich, Sie waren nicht frei! Sie haben feig eine Frau betrogen. Sie ſind nicht mehr CErillon! Als er ſein Haupt erhob, um eine Rechtfertigung zu verſuchen, befand er ſich allein in dem Gemache. Er lief nach der Vorhalle, weil er von dieſer Seite her Schritte gehört zu haben glaubte. Er öffnete ſelbſt die Thür und ſah in den Garten. Es war nichts zu hören und zu ſehen. Die Thür ſchloß ſich in dem Augenblicke, als er wie⸗ der zurückgehen wollte. Die äußere Thür aber vor ihm ſtand weit offen. Crillon ſetzte ſich, oder er fiel vielmehr auf eine Stein⸗ bank. Seinen Kopf durchkreuzten tauſend unbeſtimmte Pläne, tauſend widerſprechende Gedanken. Sollte er ſich der beleidigten Frau zu Füßen werfen? — 113— War es nicht ein Verbrechen, die Ausgleichung einer ſolchen Beleidigung zu verweigern? Aber konnte es nicht auch ſein guter Stern ſein, der ihn aus der Schlinge rettete, in der er vielleicht Ehre und Glück verloren häͤtte? 4 Eine rauhe Anrede riß ihn aus dieſer ſchmerzlichen Träumerei. Der Gondolier, der auf ſeinem Poſten ſtand, machte ihn auf den Anbruch des Tages aufmerkſam. Crillon warf ſich in die Gondel. Für das herrliche Schauſpiel eines Sonnenaufgangs hatte er keinen Sinn. Venedig ſchlief noch, als die Barke beim Palaſte Foscari landete und ſeinen Paſſagier auf der Marmor⸗ treppe ausſetzte. Crillon ließ ſeine mit Gold gefüllte Börſe in die Hand des Gondoliers gleiten. Mit einer kalten Verachtung, die ſich nicht beſchreiben läßt, ſtreckte dieſer den Arm aus, und die Börſe flog in die Mitte des Kanals. Der Gondolier ſtieß ab, und in zwanzig Secunden war die Gondel hinter dem düſtern Rio del Duca verſchwunden. Von dieſem Augenblicke an verzehrten nicht Reue und Kummer, ſondern Gewiſſensbiſſe und Verzweiflung das Herz des Ritters. Dieſe ſchöne und edle Frau liebte, vergötterte ihn. Er hätte ſein Leben gegeben, um ſte wiederzuſehen. Er durcheilte Venedig, er durchforſchte die benachbar⸗ Gabriele. J. 8 — 114— ten Inſeln— umſonſt, weder der Gondolier, noch die kleine geheimnißvolle Pforte war wiederzufinden. Er miethete für ſchweres Gold Spione; aber Alles blieb umſonſt, es brachte ihm nicht einmal den Dolchſtoß ein, den er hoffte und den er ohne Unterlaß hervorrief. Am Hofe des Dogen, auf den Spaziergängen, in den Verſammlungen und bei den Feſtlichkeiten forſchte er in allen Geſichtern. Nirgends fand er die Unbekannte wieder. Als er ſie zu ſchildern verſuchte, um ſeinen Forſchungen mehr Nachdruck zu geben, antwortete man ihm, daß eine ſolche Vollkommenheit ſicherlich nicht exiſtire, er habe ohne Zweifel geträumt.. Acht Tage ſpäter verließ Heinrich III. Venedig; er war nach Frankreich zurückgerufen, und konnte der Ver⸗ lobung eines Sohnes des Dogen, den die Republik mit einer ihrer reichen Erbinnen vermählen wollte, ſobald er volljährig geworden ſei, nicht beiwohnen. Crillon folgte ſeinem Herrn. Der Körper ging nach Frankreich zurück, aber das Herz und die Seele blieben in Venedig, in jenem unter blühenden Geſträuchen und Blumen verborgenen Hauſe. Dies war das poetiſche Abenteuer, an das der brave Crillon zwanzig Jahre ſpäter dachte, als er die Stirn in ſeine Hände ſtützte. Sein edles Blut wallte noch auf bei dieſer Erinnerung. Der Brief, den ihm der junge Mann überbracht, ent⸗ hielt nur folgende Worte: — 115— „Ich mache meinen Sohn, Esperance, dem Herrn von Crillon kenntlich, damit der Zufall ſie nie mit den Waffen in der Hand einander entgegenführe. Er iſt den 20. April 1575 geboren. „Zu Venedig, auf dem Sterbebette.“ Deshalb hatte ſich die Wunde in dem Herzen des Helden wieder geöffnet, deshalb zitterte er, wenn er Es⸗ perance betrachtete. 8* 7. Was man auf der Reiſe erfährt.“ Pontis ſprach ſeinem Retter die aufrichtigſten Betheue⸗ rungen aus, als Crillon Esperance zu ſich zurückrief. An den wohlwollenden und gerührten Blicken, welche der Colonel der Garden auf ihn richtete, erkannte der Sohn der Venetianerin, daß die Betrachtungen für ihn günſtig geweſen. — Nun, mein Herr, fragte er, indem er ſich ihm mit ſeiner einnehmenden und artigen Miene näherte, haben Sie entdeckt, daß es nöthig ſei, mich hängen zu laſſen, wie Herr Laramée vorhin gewollt hat? — Wenn man ein wenig ſucht, antwortete Crillon lächelnd, ſo findet man ſchon gewiſſe kleine Sünden. Und er ſchlang ſeinen Arm um den des jungen Mannes, glücklich und überraſcht von dieſer ſüßen Ver⸗ traulichkeit. — Aber darum handelt es ſich nicht mehr, fuhr Crillon fort. Sie gehen auf Abenteuer aus, mein junger Herr, und wie mir ſcheint, auf eine ſehr unkluge Weiſe. In Kriegszeiten reiſ't ein Cavalier von Ihrem Anſehen und von Ihrem Range mit einem Pferde und einem — 1172— Mantelſacke allein auf der großen Straße? Bedenken Sie nicht, daß es viel müßige Leute giebt, die ſolche Dinge reizen? — Mein Herr, antwortete Esperance, auf dem Wege, den ich gehe, kann ich weder einen Diener noch eine Be⸗ deckung mit mir nehmen. Es fehlte Nichts mehr, als daß ich vor mir her Fanfaren blaſen ließe... Crillon unterbrach ihn: — Sie dürfen meine Fragen nicht übel deuten, ſagte er. Man hat Sie mir empfohlen, und ich glaube be⸗ rechtigt zu ſein, da ich weiß, daß Sie eine Waiſe ſind, Ihnen meine Rathſchläge, wenn nicht meinen Schutz an⸗ zubieten. — Sie find zu gütig, mein Herr! Halten Sie ſich verſichert, daß mir Ihr Schutz und Ihre Rathſchläge ſehr koſtbar ſind. — Gut, ſo fahre ich fort. Wir gehen alſo zu einem Stelldichein? — Ja, mein Herr! — Nach Saint⸗Denis, bei Ormeſſon? — In Ormeſſon ſelbſt. — Und es läßt ſich nicht aufſchieben? — Nein, mein Herr! Crillon wandte ſich nach ſeinem Zelte. — Ein Pferd! ſagte er. Dann wandte er ſich zu Esperance: Ich begleite Sie ein Stück Wegs, da ich gerade in jener Gegend ein Geſchäft habe. Bin ich Ihnen läſtig? — 118— — Wie können Sie das glauben, mein Herr? Aber wie, Sie wollen mich begleiten, Sie, eine ſo hohe Perſon? — Fürchten Sie, daß ich ein großes Gefolge mit mir nehme? Beruhigen Sie ſich, wir reiſen allein, wie zwei deutſche Reiter. — Aber, mein Herr, auch ich werde Sie nicht allein auf dem Wege zurücklaſſen. Wenn Ihnen ein Unglück begegnete... — CEs iſt Waffenſtillſtand. Außerdem ſtehe ich denen, die mich nicht kennen, meinen Mann. Den Uebrigen iſt mein Name eben ſo viel als ein Heer. Aber ich werde nicht allein gehen. Hola, Kadett! Er rief Pontis, der herbeieilte. — Haſt Du ein Pferd? fragte er. — Ich, mein Herr? Wenn ich eins hätte, würde ich es ſchon verzehrt haben. — Es iſt wahr. Laß Dir ein Pferd aus meinem Stalle geben, Du begleiteſt mich. — Danke, Colonel! — Und ich begleite Herrn Esperance. — Sambiour, das iſt prächtig! rief Pontis, indem er zu dem Stalle lief, als wenn er da einen Schatz fin⸗ den ſollte. Zehn Minuten ſpäter war Alles fertig. Esperance wollte Crillon den Steigbügel halten; dieſer aber blieb, bevor er aufſtieg, ſtehen, als ob ihm etwas einfiel. — Wir haben etwas vergeſſen, ſagte er. 15 9. — 119— Er gab dem jungen Manne ein Zeichen, daß er ihm folgen möge. Nun ſuchte er Rosny auf, der am Ufer des Fluſſes ſeinen Spaziergang fortſetzte. Der hugenottiſche Edelmann arbeitete, wie immer, in⸗ dem er Pläne entwarf oder Bemerkungen aufzeichnete. Er bemerkte zwar von der Seite, daß Crillon zu ihm kam, ſtellte ſich aber, als ob er ihn nicht ſähe. Die harten Worte von dieſem Morgen lagen ihm noch immer auf dem Herzen. Crillon aber ging ohne Umwege auf ſein Ziel los. Er vertrat ihm den Weg und ſagte mit einem aufrichtig gemeinten wohlwollenden Lächeln, indem er ſeine Hand ergriff: — Ich mache einen Abſtecher in die Gegend von Saint⸗Germain, wo ich, wie man mir gemeldet, den König, unſern Herrn, finden werde. Ich theile Ihnen dies in Vertrauen mit, Herr von Rosny. Ich nehme dieſen jungen Mann und den Kadetten mit, der, wie Sie wiſſen, dem Stricke entgangen iſt. Ich bitte Sie, Herr von Rosny, Alles hier unter Ihre unvergleichliche Aufſicht zu nehmen, in jeder Beziehung als Herr zu handeln, und mich als Ihren Diener zu betrachten. Rosny konnte dieſer großmüthigen Ergießung nicht länger widerſtehen, er umarmte Crillon herzlich; dieſer fügte hinzu: — Ich ſelbſt wollte Ihnen dieſen jungen Mann vor⸗ ſtellen, der mir durch ſeine Familie empfohlen iſt. Er iſt ein ausgezeichneter Geſellſchafter, nicht wahr, mein Herr? — 120— Sie werden mich höchlich verpflichten, wenn Sie ihm Ihre Gunſt angedeihen laſſen. Rosny wollte antworten. Crillon wandte ſich zu Esperance: — Und Sie, Freund, betrachten Sie dieſen Herrn, der unter uns noch ſehr groß werden wird, ſagte er, denn er hat jung angefangen. Rosny erröthete vor Vergnügen. — Wie ich es auch anſtellen möge, antwortete er, ich werde Ihnen niemals gleich kommen. — Es giebt mehr als einen Ruhm, Herr von Rosny: unſer König iſt der einzige, der ſie alle beſitzt Ich zähle 3 für Esperance auf Ihre Gunſt. — Was will er? fragte Rosny. — Nichts, mein Herr, als Ihre Achtung! antwortete der junge Mann. — Gewinnen Sie ſie! antwortete der Hugenot. — Ich werde danach ſtreben. — Gutv; aber damit man Ihnen helfen kann, muß man wiſſen, was Sie wollen. — Ah, rief Crillon heiter lachend, was er will? Er kann uns im Gegentheil etwas bieten. Wiſſen Sie, daß dieſer Kamerad ein großer Herr iſt, wie Zamet, zwar nicht mit ſiebzehnhunderttauſend Thalern, aber mit vier⸗ undzwanzigtauſend Thalern jährlicher Einkünfte? — Vierundzwanzigtauſend Thaler Renten! rief Rosny in einem Tone, der den Anfang jener Achtung verrieth, um die Esperance vor einem Augenblicke nachgeſucht hatte. — 121— X — Gerade ſoviel. — Wenn ſie der König hätte! ſeufzte Rosny. — Mein Herr, ſagte raſch der junge Mann, ich ſtelle mich zur Verfügung Seiner Majeſtät. — Das laſſe ich gelten! Das laſſe ich gelten! Sie ſind ein braver Cavalier! rief Rosny, indem er Espe⸗ rance die Hand reichte. — Da hat er ihn ſchon in ſein Herz geſchloſſen! dachte Crillon lächelnd. Sie nahmen Abſchied und gingen. Als ſie ſich ein wenig entfernt hatten, ſagte Crillon mit lauter Stimme: — Sie haben für den Fall, daß ich Ihnen einmal fehlen ſollte, eine gute Bekanntſchaft gemacht. Aber zu Pferde, und dann vorwärts! Umgeben von ſeinen Garden, die ihn wie einen Vater liebten, trat der Colonel ſeine Reiſe an. Sie begleiteten ihn einige hundert Schritte weit, und ſandten ihm tauſend Wünſche nach. Pontis war ſtolz, daß man ihn gewählt hatte; er brüſtete ſich wie ein Pfau auf dem großen Pferde des Colonels. Er ließ ſeine Gefährten einen kleinen Vor⸗ ſprung gewinnen, und folgte wie ein delikater Diener, in einer Entfernung, die ihm nicht erlaubte, das Geſpräch derſelben zu verſtehen. Das Wetter war prachtvoll. Die Felder, durch den Waffenſtillſtand geſchützt, reiften einer reichen Erndte ent⸗ gegen. Das reinſte Sonnenlicht webte über den bräun⸗ lichen Gefilden. Als Crillon einige Zeit ſchweigend die ſchöne Luft des Friedens, die den braven Soldaten ſo ſüß iſt, einge⸗ athmet hatte, näherte er ſich Esperance und ſagte: — Noch einmal, mein junger Freund, ich finde es unklug, daß Sie, der doch wenigſtens zweitauſend Thaler mit ſich führt, ohne Cuiraß und ohne Pickelhaube reiſen. — Zweitauſend Thaler, mein Herr? Ich habe nicht zweihundert Piſtolen. — Dann haben Sie wohl Ihre Penſton für dieſen Monat noch nicht erhalten? — Für dieſen Monat und für die folgenden; aber... — Abh, Sie verſchwenden das Geld! — Wenigſtens nicht für mich, glauben Sie mir! ſagte Esperance lebhaft. — Für wen denn?— Esperance öffnete ſeinen Rock, und zog ein Lederkäſt⸗ chen hervor. — Ein Schmuckkäſtchen! Der junge Mann öffnete die Haken, um Crillon den Inhalt deſſelben zu zeigen. — Ohrgehäͤnge! Welche ſchönen Diamanten! — Meine Ohren wären dieſer Gehänge nicht würdig, nicht wahr? fragte Esperance. — Ohren, welche ſolche Diamanten verdienen, müſſen allerdings ſehr hübſch ſein. Ach, mein armer Freund, wenn Rosny Sie mit dieſem Käſtchen ſähe, ſo würden Sie in ſeiner Achtung nicht wenig ſinken. — In Ermangelung ſeiner Achtung, würde ich mich für dieſes Mal mit einer andern begnügen. Crillon ſchüttelte den Kopf. — Würdigen Sie dieſe Achtung nicht herab, mein Herr, ſagte Esperance fröhlich, ſie iſt etwas werth. — Wahrſcheinlich wiſſen Sie darüber mehr, als ich; aber in Anbetracht der Ohrgehänge finde ich die Erobe⸗ rung ſehr theuer. Sie haben wenigſtens zweihundert Piſtolen dafür gezahlt. — Viertauſend Livres. — An einen Juden? — In Rouen. Mir blieb keine Wahl. Im Kriege verſtecken ſich die Diamanten. — Mußten Sie denn durchaus Diamanten haben? — Um jeden Preis. — Element! Ihre Unſchätzbare iſt ſehr begehrlich. — Sie iſt es wahrlich nicht. — Nun, wer denn? — Sie hat eine Mutter, mein Herr. — Eine achtbare Mutter! rief Crillon mit einer Be⸗ wegung, die Esperance lachen machte. Eine ehrbare Mutter, die Fräulein Tochter bittet, ein Bedürfniß nach Diamanten von vierhundert Piſtolen zu haben. Harni⸗ bieu! Eine ſchöne Mutter! Sie ſind da in eine hüb⸗ ſche Patſche gerathen! — 124— — Mein Herr, rief Esperance mit derſelben Mun⸗ terkeit, Ihre Einbildungskraft iſt ſehr lebhaft! Die Mutter fordert die Diamanten nicht. — Sie haben es ja ſo eben geſagt. — Ich habe geſagt, ſie hat eine Mutter. Dies be⸗ deutet, daß die Mutter eine ſo große Dame iſt.. — Daß Sie, um ſie in der Perſon ihrer Tochter nicht zu erniedrigen, der Letztern einen Ohrenſchmuck für vierhundert Piſtolen ſchenken. — Das iſt beinahe richtig. — Unverſchämte Menſchen! Und Sie, mein lieber Schützling, ſind ein Einfaltspinſel. — Sie würden Ihre Sprache ändern, wenn Ihnen Henriette bekannt wäre.. — Sie iſt keine Kaiſertochter, Harnibieu! — Aber ſie könnte eine Königstochter ſein. — Wie? die Tochter eines Königs? — Und wenn ſie es nicht iſt, ſo hat ihr Bruder die Ehre... — Ah, was erzählen Sie mir da! Haben wir denn außer unſerm Könige noch Königsſöhne? — Ja, mein Herr! antwortete Esperance mit einem leiſen Anfluge von Beharrlichkeit. — Harnibieu! rief Crillon, indem er ſich ſo heftig an die Stirn ſchlug, daß das Pferd einen Satz machte. O, wir Unglücklichen, es iſt ja wahr! — Sie hätten es errathen? — 125— — Wollte Gott, nein! — Hörten Sie nicht, als ich von dem königlichen Geſchlechte ſprach, daß ich den Grafen von Auvergne nannte? — Iſt er nicht der Sohn Karls IX. und der.. — Was? Von ihm wollen Sie reden? — Ja, mein Herr! — Dieſe Mutter alſo, dieſe große Dame, dieſe Freun⸗ din von Diamanten iſt Marie Touchet.. — Nun? — Und jetzt Frau von Balzac d'Entragues. — Ohne Zweifel. — Und ihre Tochter, Fraͤulein Henriette... — Iſt ein Wunder von Schönheit! — Armer Junge! Nach dieſen Worten ließ Crillon den Kopf auf die Bruſt herabhängen. — Mein Gott, ſagte Esperance, Sie erſchrecken mich! Sie ſehen ja ſo betrübt aus, als ob ich in die Krallen eines Ungeheuers gefallen wäre. Crillon antwortete nicht. — Sollte meine Ehre gefährdet ſein, fuhr Esperance fort, ſo werden Sie die Güte haben, es mir zu ſagen. Ich bin zwar ſehr verliebt, aber ich werde meine Maß⸗ regeln zu nehmen wiſſen. — Wie kann ich Ihnen meine Gedanken mittheilen, antwortete Crillon langſam, ohne Frauen zu verleumden, 126— oder wenigſtens den Anſchein zu haben, als ob ich fie verleumdete? Das iſt für mich ein empörendes Gewerbe. Ich ſchweige lieber. — Aber, mein Herr, ſagte Esperance, wie kommt es, daß Madame Touchet von Karl IX. geliebt ward, ohne daß die Entehrung ſie für immer von den rechtlichen Leuten ſchied? Der Graf von Auvergne, der Sohn Karls IX., iſt unzweifelhaft kein legitimer Prinz, aber er iſt doch als Prinz geboren, wenn auch als Baſtard, und ich weiß nicht, ob es unter, dieſen Umſtänden ver⸗ dienſtlich iſt, Andere gegen ihn einzunehmen. Unter dem Briefe meiner Mutter befindet ſich ein weißer Raum— dieſes Namenloſe macht mich ſehr geneigt, chriſtliche Nach⸗ ſicht gegen die illegitimen Kinder zu üben. Crillon erröthete. Sein Gewiſſen gab dem jungen Manne Recht. Esperance fuhr fort: — Um auf den Grafen von Auvergne zurückzukom⸗ men, der mir übrigens völlig unbekannt iſt, ſo iſt ſein Geſchick ein ſehr ehrenvolles. Er ward in dem Kabinet des ſeligen Königs Heinrichs III. erzogen und von dem jetzigen Könige nicht ſchlecht behandelt. Uebrigens beſuche ich ihn nicht. Der Tochter, und nicht der Mutter gehört mein Herz. Crillon ſchüttelte immer noch den Kopf. — Dieſe Entrague's ſind nicht wie andere Leute, ſagte er; man biete ihnen die Hand, ſo nehmen ſie den ganzen Arm, und zuletzt den ganzen Körper. Und was — 127— fie einmal haben, halten ſie feſt. Sie haben da bereits die Hochzeitsgeſchenke— Harnibieu! Sie würden wahr⸗ lich eine Entrague heirathen? — Warum nicht? fragte Esperance, betroffen über den faſt zornigen Ton, in welchem Crillon, ein Fremder, über ſeine Herzensangelegenheiten ſprach. — Hören Sie meine Gründe, junger Freund: zu⸗ nächſt haben Sie eine gute Meinung über die Parthei des Königs kundgegeben, welche die meinige iſt. Dies iſt Ihnen, wie ich glaube, von Ihrer Mutter eingeſchärft. — Ja, mein Herr, und ich denke, dem nicht zuwider zu handeln. — Mehr als Sie glauben. — Wie? — Das Haus der Entrague's iſt liguiſtiſch geſinnt — indem Sie der Tochter dieſes liguiſtiſchen Hauſes den Hof machen, wie Sie ſagen, können Sie unmöglich ein guter Diener des Königs bleiben. Sie complottiren ein wenig mit ſeinen Feinden. — Das iſt nie geſchehen, es hat fich nicht einmal eine Gelegenheit dazu geboten! Henriette hat zwar mit⸗ unter von einem Dorfjunker geſprochen, der zu ihren Freunden gehört und ein eingefleiſchter Liguiſt iſt, von jenem Laramée nämlich; aber dieſe vertraulichen Mit⸗ theilungen über jenen Wicht haben meinen Dienſteifer für den König nur erhöht, denn ſie erinnern mich an die Heldenthaten, die Laramee hinter den Gehägen voll⸗ bringt, Heldenthaten, die er für eben ſo unbekannt hält, 89* — 128— als ſich ſelbſt. Mit Hülfe derſelben habe ich ihn ge⸗ zwungen, dem armen Pontis die Strafe zu erlaſſen, die er forderte. Es iſt alſo gut, daß man eine Geliebte in dem feindlichen Lager hat. Um Sie völlig zu beruhigen, mein edler Beſchützer, ſo gebe ich Ihnen die Verſicherung, daß ich und Henriette, wenn wir allein ſind, nie von Politik ſprechen. — O, das wird noch kommen! Wenn Sie die Tochter heirathen, müſſen Sie die Mutter politiſiren hören. Die Dame, die edle Dame, wie Sie ſagen, läßt keinen andern König von Frankreich gelten, als Karl IX. Wenn er auch todt iſt, ſo bleibt er für ſie dennoch der König, weil er ihr König geweſen iſt. Sie wird noch ihren Herrn Sohn krönen laſſen wollen.— Von dem Vater Entragues ſpreche ich nicht— Harnibieu, heirathen Sie die Tochter nicht!. Esperance begann zu lächeln. — Ich kenne ihn eben ſo wenig, als ſeine Frau,. ſagte er. Alle dieſe Leute, ſo nahe ſie meiner Geliebten auch ſtehen, habe ich noch nicht geſehen. — Wie iſt das möglich? — Hören Sie: Sie wiſſen, daß ich ein kleines Gut bewohnte, das mein Lehrer Spaletta gemiethet hatte. Ungefähr eine Meile von dieſem Gute liegt das Haus 1 einer ſehr geizigen Tante der Entragues. Mitunter traf es ſich, daß ich auf der Jagd einen Haſen oder eine Elſter auf die Grenze ihrer Ländereien hetzte. Schien mir der Beſitz des getödteten Stücks zweifelhaft, ſo ſandte ich es u — 129— zu der alten Dame. Ungefähr vor ſieben Monaten brachte ich ihr eines Tags ein Rothhuhn. Da ſah ich an ihrem Tiſche ein junges Mädchen von blendender Schönheit. Es war ihre Nichte Henriette von Balzac d'Entragues. Die„Eltern hatten ſie auf das Gut der Tante geſchickt, um ſie vor den Gefahren des Sturms zu ſchützen, den der König damals auf die Stadt Paris vorbereitete. — Ah, rief Crillon zornig, das iſt abgeſchmackt! Sie hatte durchaus keine Gefahr zu fürchten, wenn wir Paris genommen hätten. Der König bezwingt die Städte, aber nicht die Mädchen! — Gleichviel, aber man ſagte es, und ich geſtehe, daß ich die Maßregel des Herrn von Entragues billigte, als ich dieſe friſche, herrliche Blume ſah. Er hatte Recht, ſte dem Feuer einer Belagerung und der ſchimpflichen Bewunderung der Officiere und Lanzenknechte nicht aus⸗ zuſetzen. — Ja, Sie billigten es, weil Entragues Ihnen die Tochter geſchickt, um Sie zu zerſtreuen. Die Sendung der ſchönen Henriette hatte aber noch einen andern Zweck; ſie ſollte die Erbſchaft der Tante überwachen und ver⸗ hindern, daß ſie in Hände fiel, die ſich bereits geöffnet hatten, um ſie zu empfangen. — Ich ſtelle dies nicht in Abrede, denn kaum war die Tante todt und die Erbſchaft erhoben, ſo ward Hen⸗ riette auf der Stelle zu ihren Eltern zurückgerufen. — Sehen Sie! Sehen Sie! Doch fahren Sie fort. Gabriele. I. 9 — 130— — Ich ſah alſo Henrietten. Sie erröthete, als ſie mich ſah; ſie bewunderte mein Rothhuhn, als ob es ein Faſan geweſen wäre. Seit dieſer Unterredung machte ich die Bemerkung, daß mir die Zeit viel angenehmer und raſcher verging.. Crillon zwickte verzweiflungsvoll ſeinen Schnurbart. — Dann, fuhr Esperance fort, ſahen wir uns in der Kapelle, und ſpäter ſah ich ſie von meinem Fenſter aus an dem ihrigen. — Sagten Sie nicht, daß Sie eine Meile entfernt wohnten? — Ja. — Und Sie konnten eine Meile weit ſehen? O Jugend! — Sie hat ſchöne ſchwarze Augen. — Und Sie haben ſchöne blaue! ſagte Crillon mit einem Anfluge von Höflichkeit. Weiter! — Gegen das Ende des Herbſtes machte ſie Spazier⸗ ritte auf einem kleinen Pferde durch die Wälder... — Vorzüglich an den Tagen, wo Sie jagten? — Mein Gott, ja! — Was machte nun der Lehrer, und was ſagte die Tante? — Spaletta litt oft an der Gicht, und die Tante war zu alt, um zu reiten. Aber Spaletta zürnte oft⸗ mehr als die Tante. — Brave Tante! Wie gut ſie iſt— nicht wahr? — 131— Und Spaletta gewann ein wenig Geld von Ihrer Mutter — er war Ihnen läſtig? — Ja; aber an dem Tage, an dem der Brief kam, den ich Ihnen gezeigt, verſchwand Spaletta. Erinnern Sie ſich... 2 — Harnibieu, ich erinnere mich! Er verſchwand, und war Ihnen nicht mehr läſtig. — Durchaus nicht! ſagte Esperance unſchuldig. Crillon zwickte ſich wiederum in ſeinem Barte und ſtieß dabei einen Seufzer aus, der mehr ſagte, als zehn Harnibieu's! Die beiden Männer ſchwiegen einige Augenblicke. 9* 8. Ein ſchlechtes Zuſammentreffen. Crillon unterbrach zuerſt das Schweigen. — Sie lieben alſo Fräulein Henriette von Entra⸗ gues? fragte er. — Ja. — Leidenſchaftlich? — Nun, ja! — Und Henriette liebt Sie wieder? — Ich glaube. — Ahl ſagte Crillon. Sie glauben! — Ich ſehe, ſagte Esperance, geduldiger und fröh⸗ licher als Crillon erwartet hatte, ich ſehe, daß Sie mir, wie der heilige Thomas, nur glauben werden, nachdem Sie meine Seite berührt haben. Berühren Sie die Seite, auf der das Herz ſitzt! — Was giebt es noch— ein anderes Schmuckkäſtchen? — Nein, ein Briefchen. — Wiec, ſie ſchreibt? Das iſt anſtändiger, wie ich geglaubt habe. — Sie haben eine traurige Meinung von den Frauen, gnädiger Herr! — 133— — Wenigſtens von denen, die Entragues heißen, nicht von andern! Aber was ſteht in dem Briefchen? „Theurer Esperance, Du weißt, wo Du mich findeſt; Du haſt weder Tag noch Stunde vergeſſen, die Deine Henriette, welche Dich liebt, feſtgeſetzt hat. Komm. Sei klug!“ — Deine Henriette ſteht darin? murmelte Crillon. — Wie in allen Briefen. Sehen Sie! — Weder Datum noch Ort. Auch ſie iſt klug: eine Tugend der Touchet's. — Ein junges Mädchen kann ſich zu compromittiren fürchten. — Feigheit, das Laſter der Entragues! — Wahrhaftig mein Herr, antwortete Esperance in einem trockenen Tone, Sie haben wenig Nachſicht. — Ich ſehe, mein Freund, daß ich Ihnen Alles ſagen muß! unterbrach ihn der Ritter. Das Werk des kalten Greiſes, der die Bande der Liebe löſ't, iſt ein trauriges. Gewöhnlich nennt ſich dieſer Greis die Zeit— jetzt übernehme ich ſeine Rolle. Aber ſelbſt auf die Gefahr hin, Ihnen zu mißfallen, werde ich mich ausſprechen. — Ich brenne, Sie zu hören! ſagte Esperance iro⸗ niſch, aber nicht erbittert. Nennen Sie die Verbrechen Fräulein Henriette's. Sie müſſen wahrlich erwähnens⸗ werth ſein, da der brave Crillon es nicht verſchmäht, ſie zu berichten. — Sie haben Vater, Mutter, Bruder und Schweſter der Familie Entragues genannt? begann Crillon. — Ja, mein Herr. — Ich glaube, Sie haben Jemanden vergeſſen. — Wen? — Eine zweite Tochter der Frau von Entragues, die leibliche Schweſter Fräulein Henriette's. — O, die zählt nicht. Man ſpricht nicht von ihr. Und deshalb habe ich ſie Ihnen auch nicht genannt. — Ah, man ſpricht nicht von ihr! ſagte Crillon mit einem ſeltſamen Lächeln. Auch Fraͤulein Henriette nicht? — Nein. Henriette hatte ihrer nur oberflächlich erwähnt. — Fräulein Henriette hat vielleicht ihre Gründe, zu ſchweigen. Aber nicht jeder heißt von Entragues, und ich bitte Sie zu glauben, daß ſich ein ſchreckliches Gerücht verbreitet hat. Crillon glaubte einen tüchtigen Schlag auf Esperance geführt zu haben. Dieſer aber wankte nicht im Sattel. Auf eine feine Weiſe lächelnd, antwortete er: — Ich weiß, was Sie ſagen wollen. — Sie kennen die Geſchichte? — Ja. — Scandaleuſe? — Das Wort iſt vielleicht ein wenig zu ſtark; aber gleichviel, die Geſchichte iſt vorhanden, und ich kenne ſie. — Wollen Sie mir die Gefälligkeit erzeigen, und die Geſchichte erzählen, wie ſte Ihnen bekannt iſt? — Ich werde ſie Ihnen erzählen, wie ſie wirklich iſt, ſagte Esperance. Ein junger hugenottiſcher Edelmann ſtand als Page im Dienſte des Herrn von Entragues. Dieſer Page vergaß ſich ſo weit, daß er Fräulein Marie von Entragues eine Liebeserklärung machte. Man jagte ihn fort. — Eine Erklärung! rief der Ritter. Iſt das Alles? — Iſt das nicht genug? Das Ende der Geſchichte iſt ernſter und wird Sie wahrſcheinlich zufrieden ſtellen. Es iſt ein Geheimniß, aber da Sie es, wie es ſcheint, wiſſen wollen. — Erzählen Sie immerhin Ihren Schluß, ich werde Ihnen dann meinen Anfang erzählen. — Nun, ſo hören Sie: Marie war leichtſinnig mit dieſem Pagen geweſen— ſie hatte ihm einen Ring geſchenkt. — Sieh, ſieh, ſteh'! Marie? — Der aus dem Hauſe des Herrn von Entragues gejagte Page rühmte ſich deſſen. — Sehen Sie doch! Und nun? — Um dieſer Prahlerei, die der Ehre des Hauſes ſchaden konnte, ein Ende zu machen, wandte ſich Frau von Entragues an einen Edelmann, den Sohn eines Freundes der Familie, und bat ihn, ein Duell mit dieſem Pagen hervorzurufen, der in der Zeit groß geworden war und in den Garden des Königs Heinrich IV. diente. Sie müſſen ihn wohl kennen, mein Herr— es iſt Urbain du Jardin. — Harnibieu! Freilich kannte ich den armen Jungen! rief Crillon, der roth geworden, daß er ſo lange an ſich — 136— gehalten. Aber wahrhaftig, ich freſſe mich ſelbſt auf, indem ich Sie wie eine abgerichtete Elſter die Albernheiten herſchwatzen höre, die man Ihnen durch dieſe Schlange hat einblaſen laſſen. Der hugenottiſche Edelmann iſt durchaus nicht zu einem Duelle aufgefordert— er ward ermordet. — Ich weiß es, und wollte es Ihnen ſagen. — Verzeihung, Esperance, in Venedig nennt man einen bezahlten Mörder einen Bravo. Ein Bandit ward an jenen Hugenotten abgeſendet, der der beſte Junge von der Welt war Am Tage nach der Affaire von Aumale, wo der arme Burſch ſich als ein braver Mann gezeigt, hat ihn der Mörder durch drei Kugeln niedergeſtreckt, die er hinter einer Hecke auf ihn abgefeuert. — Ich weiß es. — Ich habe ihn aufgehoben, ſagte Crillon, außer ſich vor Zorn. Und wahrlich, ich habe um ihn getrauert, als ob er mein Neffe oder mein Sohn wäre. — Wahrhaftig? warf Esperance ein. — Sie finden es wohl erlaubt, weil es von den Entragues kommt rief Crillon. — Verzeihung, antwortete Esperance, ich halte es für einen abſcheulichen Mord; aber man muß ihn nicht der Familie Entragues beimeſſen. Henriette ſelbſt ver⸗ 4 fluchte den Mörder, als ſie mir alles dies erzählte. — Ich habe geſchworen, rief Crillon, daß ich dieſen Elenden hängen, nein, viertheilen laſſe, wenn er mir je in die Hand geräth! —— — Ah, mein Herr, Sie haben falſch geſchworen! — Wie? Was? — Sie haben ihn unter Ihren Händen gehabt, und er lebt noch! — Dieſen Banditen? — Es iſt Herr von Laramée, fügte Esperance hinzu, indem er über Crillon's Wuth lachte. — Harnibieu, ich habe es gerochen! — Als er Herrn von Rosny ſeinen Namen nannte, habe ich ihn wiedererkannt, und auch in mir regte ſich die Luſt, ihn durch die Gardiſten hängen zu laſſen; aber aus Beſorgniß, Henrietten zu mißfallen, erſtickte ich dieſe Luſt, und verſchwieg das, was ich von ihm wußte. — Der Elende! — Er iſt ein feiger Wicht, der es nicht gewagt hat, ſich einem Hugenotten gegenüber zu ſtellen; er hat es vorgezogen, dem Leichnam Marien's den Ring zu ſtehlen. — Immer noch der Ring Marien's! ſagte der Ritter, indem er das Pferd anhielt, und die Arme kreuzte. Wollen Sie mich jetzt einmal anhören, junger Freund? Und werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen die Geſchichte erzähle, wie ſie eigentlich iſt? — Dem Herrn von Crillon ſchenkt man ſtets Glau⸗ ben, ſagte Esperance unruhig. Aber wie die Geſchichte auch ſein möge, die Sie wiſſen, ich verwickele weder Frau von Entragues noch ihre Tochter Marie darin. Daß dieſe dem Hugenotten den Ring, und vielleicht noch mehr gegeben; daß ſie Laramée abgeſandt, um den Inhaber des Ringes zu ermorden und ein entehrendes Geheimniß mit ſeinem Körper zu begraben, iſt abſcheulich, aber mögen dieſe Leute das mit ſich ſelbſt ausmachen. Ich liebe in Henrietten die Schönheit, die Anmuth, den Geiſt und die Tugend— und ſie liebt mich wieder. Sie zählt ſechzehn Jahre, ich neunzehn. Es lebe das Leben! Crillon ergriff Esperance's Hand, und drückte ſie mit einem melancholiſchen Wohlwollen. — Kind, ſagte er, Sie haben das Bekenntniß des Hugenotten nicht ganz gehört. — Giebt es noch mehr? rief Esperance, indem er eine Unbefangenheit affectirte, die er ſeit Erillons Auf⸗ forderung nicht mehr beſaß. — O, die Hauptſache iſt noch vorhanden. Seit dem Anfange unſerer Unterhaltung haben Sie ſtets nur von Fräulein Maria von Entragues geſprochen; ich hin⸗ gegen nur von Fräulein von Entragues. — Wozu ſoll dieſer Unterſchied dienen? — CEr ſoll Ihnen bemerklich machen, daß der Fehler, den Sie der einen Schweſter beimeſſen, vielleicht von der andern begangen iſt. — O, mein Herr, dieſer Zweifel an Henrietten. — Es iſt kein Zweifel; ich ſagte„vielleicht“, um zu ſchonen— ich hätte„gewiß“ ſagen ſollen. — Aber der Beweis? — Urbain du Jardin hat ihn mit in das Grab genommen Aber deſſen, was er mir anvertraut hat, erinnere ich mich. Des Namens, den er mir genannt, — 139— bin ich gewiß. Die Geliebte, wegen der man ihn er⸗ mordet hat, iſt Fräulein Henriette von Entragues. Ich bedaure, daß Sie unter zwei jungen Damen, von denen nur die eine die Achtung eines braven Mannes verdient, gerade die gewählt haben, welche ſie nicht verdient. Uebrigens, mein beſter Esperance, iſt mein Werk voll⸗ bracht. Ich war in dem Beſitze eines Geheimniſſes, deſ⸗ ſen Eröffnung Ihnen künftige Unannehmlichkeiten erſpa⸗ ren konnte. Ich habe es Ihnen eröffnet, und Sie ſind bekehrt. Alſo ſchweige ich. Was kümmert mich Frau von Entragues und⸗ ihr ganzer Anhang? Doch, brechen wir ab, thun Sie, was Sie wollen, und merken Sie ſich nur ſo viel von meinen Worten: Ich bin Ihr Freund, Herr Esperance! — O, mein Herr, rief der junge Mann, deſſen vor⸗ treffliches Herz von Dankbarkeit überfloß, ich bin nur Gott zu größerm Danke verpflichtet! In demſelben Augen⸗ blicke, wo er mir eine Illuſton der Liebe nimmt, ſendet er mir den großmüthigſten, den mächtigſten der Beſchützer. Wahrlich, ich bin zum Glücke geboren! — Vortreffliches Kind! murmelte Crillon gerührt. Um ſeine Bewegung zu verbergen, die ſich vielleicht in ſeinem Geſichte ausdrücken konnte, wandte ſich der brave Ritter ab, indem er ſagte:. — Der Wald von Saint⸗Germain iſt doch ſchön! Beide hatten ihren treuen Diener Pontis vergeſſen. Esperance erinnerte ſich ſeiner zuerſt. Er wollte ihn durch ein freundliches Wort dafür belohnen. Aber — 140— als er ſich wandte, um ihn zu ſuchen, war er ver⸗ ſchwunden. — Herr von Pontis! rief er. — Es iſt wahr, ſagte Crillon. Der Kadett fehlt beim Appell. Soviel ſie auch riefen, es erfolgte keine Antwort. Man befand ſich an den letzten Baumgruppen des Wal⸗ des von Sain⸗Germain. Die Häuſer von Argenteuil er⸗ ſchienen in dem weißen Abendnebel, der die Gegend ein⸗ zuhüllen begann. Crillon wollte zurückkehren, um einem Holzhauer, den er geſehen, für Pontis genaue Andeutungen über den eingeſchlagenen Weg zu geben. Aber Esperance machte ſchüchtern die Bemerkung, daß es in Saint⸗Ger⸗ main bereits ſechs Uhr geſchlagen, daß er noch zwei ſtarke Stunden bis Ormeſſon zurückzulegen habe, und daß das Stelldichein mit Henriette pünktlich um acht Uhr feſt⸗ geſetzt ſei. — Ahal ſagte Crillon kalt. Gut, ſo warten wir noch. Nach einer Pauſe fragte er: — Sind Sie noch entſchloſſen, zu den Entragues zu gehen? — Ich habe ſo ernſte Erklärungen von Fräulein Hen⸗ riette zu fordern, daß ich einen feurigen Drachen beſtei⸗ gen würde, um ſo ſchnell als möglich zu ihr zu gelan⸗ gen. Aber ich gehe nicht zu den Entragues. Henriette be⸗ wohnt einen Pavillon auf den Feldern. — Und Sie haben den Schlüſſel zu dieſem Pavillon? 7 — Der Schlüſſel wäre unnütz. Ein prächtiger Fei⸗ genbaum ſteht an dem Balcon. Die Thür iſt ſehr bequem — ich meine das Fenſter. — Gut, vortrefflich! Da ich dieſer häßlichen Sipp⸗ ſchaft keinen Beſuch abſtatten kann, ſo gehe ich... es könnte ſonderbar erſcheinen... ſie wiſſen, daß ich ſie verwünſche... Nein, ich kann nicht! ſagte der gute Ritter, deſſen Beſorgniß, ſo ſehr er ſie auch zu verbergen ſuchte, ſich in jeder Bewegung, in jedem Worte, ſelbſt in dem Unzuſammenhängenden ſeiner Gedanken ausſprach. Esperance begriff Alles. — Mein Gott, ſagte er, was für ein Narr bin ich! Hier habe ich das Wort Crillons, und dort das einer kleinen... — Sprechen Sie das Wort aus! rief der Ritter. — Kokette! — Das iſt zu ſchwach! murmelte Crillon. — Und ich ſchwanke... — Nein, Sie ſchwanken nicht, ſich der Höhle dieſer ſtinkenden wilden Thiere zu nähern. Nicht wahr, ſtinkend iſt das rechte Wort— die Syrenen duften nur zu viel. Gehen Sie, mein armer Esperance... verirren Sie ſich nicht in dem Gleiſe, noch anderswo... Adieu, auf Wiederſehen! Crillon trieb ſein Pferd an. — Mein Herr, rief Esperance, glauben Sie denn, daß ich Sie allein gehen laſſe? — Warum nicht? — Wenn mir ein Unglück begegnet, ſo wird man darüber lachen; wenn Sie aber ein Strauch ritzt, wird ganz Frankreich Trauer anlegen. — Esperance, ich muß Sie umarmen! rief der wackere Krieger, indem er ſich dem jungen Manne zuneigte und ihn einen Augenblick an ſeine hochathmende Bruſt drückte. Nun gehen Sie! Ein junger Mann von zwanzig Jahren darf eine Schöne von ſechszehn Jahren nicht warten laſſen. Gehen Sie, ſage ich— machen Sie die be⸗ rühmte Marie Touchet zur Großmutter— aber heirathen Sie nicht, Harnibieu! — Das nenne ich ein Wort! rief Esperance lachend. Jetzt erkenne ich Crillon wieder. Aber ich bleibe bei Ihnen, bis Pontis zu uns ſtößt. — Der Trunkenbold wird in irgend einer Kneipe eingekehrt ſein. — Liebt er den Wein? — Der Wein iſt die Leidenſchaft aller jungen Leute. Haben Sie jenes kleine Wirthshaus im Walde bemerkt? Dort wird der Taugenichts ſein. Ich werde ihn bei den Beinen unter einem Tiſche hervorziehen... — Ich folge Ihnen! — Nein, nein, gehen Sie zu allen Teufeln, das heißt zu den Entragues! Aber iſt das nicht der Galopp eines Pferdes? — Wahrlich, ich höre ein Pferd kommen! ſagte Es⸗ perance, der vor Ungeduld brannte, ſeinen Weg fortzuſetzten. Nun, mein Herr, wenn Sie es mir erlauben. — 143— — Ich befehle es Ihnen! — Erlauben Sie mir, zu Ihnen zurückzukehren, um Ihnen die Erklärungen Henriette's mitzutheilen? — Harnibieu! Morgen werde ich in Saint⸗Germain ſein; es wird mir Sorge machen, wenn ich Sie dort nicht ſehe. Crillon ſetzte ſeinem Pferde die Sporen in die Weichen, und ſprengte im Galopp davon. Der junge Mann ſprengte mit verhaͤngten Zügeln davon. Aber ſo raſch auch der Galopp ſeines Pferdes war, und obgleich ihm die Ohren ſauſ'ten— er hörte noch einmal die entfernte Stimme Crillon's, die ihm wieder⸗ holte: — Harnibieu, heirathen Sie nicht! Crillon beobachtete Esperance, ſo lange er ihn ſehen konnte. Dann ritt er den Weg nach dem Walde zurück. Der Galopp, den er gehört hatte, ließ ſich immer noch vernehmen; er näherte ſich. Der Ritter bemerkte endlich vor ihm das Gehau mit einem ſolchen Geräuſche durch⸗ ſtreifte, als ob es ein ganzer Trupp wäre. — Das iſt kein Hirſch; mir ſcheint, es iſt ein Pferd. Was zum Teufel macht dieſes Thier ohne ſeinen Herrn in dem Buſche? dachte Crillon. Das Pferd verſchwand. — Ich werde zu dem Wirthshauſe gehen, mein Pon⸗ tis hat dort beſtimmt Wurzel gefaßt. Plötzlich erſchien das Pferd wieder. Es ſtolzirte mit — 124— einer Freude und Behaglichkeit durch das Kraut, wie ſie nur freien Weſen eigen iſt. Das Thier war weißgrau. Indem es ſich dem Ritter näherte, nagte es an Eichen⸗ zweigen. — Das iſt ja mein Pferd! ſagte Crillon. Ja wahr⸗ lich, Coriolan ohne Pontis! Sollte dem armen Burſchen ein Unglück begegnet ſein? Crillon rief den Namen des Pferdes gebieteriſch und liebreich. Coriolan erinnerte ſich wahrſcheinlich der oft empfangenen Lectionen— er kam mit geſenkten Ohren heran. — Der betrunkene Pontis wird geſtürzt ſein, ſagte Crillon. Das Mitleid gebietet, daß ich ihn aufſuche; aber morgen werde ich ihn auf vierzehn Tage in das Loch ſtecken laſſen. Plötzlich hörte er in dem Dickicht rufen. Gleich dar⸗ auf erſchien ein mit Schweiß und Staub bedeckter Mann, deſſen Kleider zerriſſen waren. Crillon erkannte ſeinen Gardiſten. — Ah, rief Pontis, endlich! — Wie, Du haſt getrunken und biſt geſtürzt? — Ich habe getrunken, ja; aber ich habe auch geſehen! — Was haſt Du geſehen? — Zwei Männer zu Pferde... Sie müſſen ſie auch geſehen haben. — Nein!. — Dann haben ſie ſich links nach dem Kreuzwege gewendet. Doch gleichviel... verlaſſen wir ſo raſch als möglich den Wald... ich bitte Sie! — 145— — Warum? — Weil wir ſehen können. — Welche Schüſſe? — Des Räubers, des Banditen Laramée. — Laramée— iſt er hier? — Er durchſtreift den Wald. aus, wo ich Ihr Pferd tränkte, Ein anderes Subject von ſch ihm. Ich wollte ihnen folgen... mein Pferd glitt aus. Während ich aufſtand, lief das Thier davon. Was ſollte ich beginnen? Beiden nachzulaufen war unmöglich. — Du hätteſt Laramée folgen müſſen. — Während ich zwiſchen dem Manne und dem Pferde ſchwankte, war der Mann verſchwunden. 3 — Und das Pferd auch. Laram ée gegangen ſein? — Sambiour, Sie fragen noch? Er folgt Herrn Esperance. — Glaubſt Du? — Ich bin davon ü auf der freien Ebene ihre Schüſſe Von dem Wirthshauſe habe ich ihn erkannt. lechtem Ausſehen war bei Aber wohin kann dieſer berzeugt. Wenn Sie ſeinen letzten Blick geſehen hätten, mit dem er ihm die Worte ge zu warten haben!.. — Harnibieu, rief der Ritter, Du haſt Recht! Er weiß vielleicht, wo er ihn antrifft. Ja, Du haſt tauſend⸗ mal Recht! Ich werde ſelbſt gehen... erwartet mich. Was iſt zu thun? Gabriele. I. zurief: Sie werden nicht lan aber der König Ah, beſteige Dein Pferd 10 — 146— und ſuche Esperance einzuholen, der auf dem Wege nach Ormeſſon reitet... — Gut, Colonel! — Hole ihn ein, und müßte auch Coriolan berſten, müßteſt ſelbſt Du berſten! — Der Eine und der Andere, Colonel! — Benachrichtige Esperance, und wenn Du ihn nicht einholſt, ſo wache über ihn... bewache das Haus von Entragues... es liegt am Ende des Parks... ein Feigenbaum breitet ſeine Zweige über den Balcon. — Gut! — Vergiß nicht, fügte Crillon hinzu, indem er ſeine ſtarke Hand auf die Schulter des Gardiſten legte, vergiß nicht, daß Du es zu verantworten haſt, wenn ihm ein Unglück zuſtößt. — Ich werde nie vergeſſen, daß er mir das Leben gerettet hat, Colonel! antwortete mit edlem Anſtande der Gardiſt. Wo werde ich Sie wiederfinden? — In Saint⸗Germain; ich bleibe die Nacht dort. Pontis drückte Coriolan die Sporen in die Weichen, und verſchwand in einer Staubwolke. Ende des erſten Bandes. Druck von C. G. Naumann in Leipzig. 68“ 4— 3 8— 1 4 5 3 — 145— — Warum? — Weil wir ſehen können. — Welche Schüſſe? — Des Räubers, des Banditen Laramée. — Laramée— iſt er hier? — Er durchſtreift den Wald. aus, wo ich Ihr Pferd tränkte, Ein anderes Subject von ſch ihm. Ich wollte ihnen folgen... mein Pferd glitt aus. Während ich aufſtand, lief das Thier davon. Was ſollte ich beginnen? Beiden nachzulaufen war unmöglich. — Du hätteſt Laramée folgen müſſen. — Während ich zwiſchen dem Manne und dem Pferde ſchwankte, war der Mann verſchwunden. 3 — Und das Pferd auch. Laram ée gegangen ſein? — Sambiour, Sie fragen noch? Er folgt Herrn Esperance. — Glaubſt Du? — Ich bin davon ü auf der freien Ebene ihre Schüſſe Von dem Wirthshauſe habe ich ihn erkannt. lechtem Ausſehen war bei Aber wohin kann dieſer berzeugt. Wenn Sie ſeinen letzten Blick geſehen hätten, mit dem er ihm die Worte ge zu warten haben!.. — Harnibieu, rief der Ritter, Du haſt Recht! Er weiß vielleicht, wo er ihn antrifft. Ja, Du haſt tauſend⸗ mal Recht! Ich werde ſelbſt gehen... erwartet mich. Was iſt zu thun? Gabriele. I. zurief: Sie werden nicht lan aber der König Ah, beſteige Dein Pferd 10 — 146— und ſuche Esperance einzuholen, der auf dem Wege nach Ormeſſon reitet... — Gut, Colonel! — Hole ihn ein, und müßte auch Coriolan berſten, müßteſt ſelbſt Du berſten! — Der Eine und der Andere, Colonel! — Benachrichtige Esperance, und wenn Du ihn nicht einholſt, ſo wache über ihn... bewache das Haus von Entragues... es liegt am Ende des Parks... ein Feigenbaum breitet ſeine Zweige über den Balcon. — Gut! — Vergiß nicht, fügte Crillon hinzu, indem er ſeine ſtarke Hand auf die Schulter des Gardiſten legte, vergiß nicht, daß Du es zu verantworten haſt, wenn ihm ein Unglück zuſtößt. — Ich werde nie vergeſſen, daß er mir das Leben gerettet hat, Colonel! antwortete mit edlem Anſtande der Gardiſt. Wo werde ich Sie wiederfinden? — In Saint⸗Germain; ich bleibe die Nacht dort. Pontis drückte Coriolan die Sporen in die Weichen, und verſchwand in einer Staubwolke. Ende des erſten Bandes. Druck von C. G. Naumann in Leipzig. 68“ 4— 3 8— 1 4 5 3