8 dn** Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und ICeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nüitaube der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 11 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:* 3 für aopchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. Pf. „„„„„ u.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückfendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und A₰ defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ußß Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Welterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —, —— „ — 1 ———————— — Deutſch von Wilhelm Ludwig Weſché. * Dechsunoͤzwanzigſter Theil. Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 18 ₰ 6. Fernande. Hiſtoriſcher Roman von Alexander Dumas. 8 Aus dem Franzöſiſchen uͤberſetzt von SWilhelm Wudwig SWeſche. Erſter Band. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1§ 4 6. Fernande. Band. Erſter — ———, — E⸗ war im Monat Mai 1835, an einem jener heiteren Fruͤhlingstage, waͤhrend welcher ſich Paris zu entvoͤlkern beginnt, ſo ſehr beeilte ſich Alles, was nicht fuͤr immer an die Hauptſtadt gebannt iſt, das ſo ſchoͤne und friſche Gruͤn zu genießen, welches bei uns ſo ſpaͤt kommt und ſo kurze Zeit dauert. Eine Frau von fuͤnf und vierzig bis acht und vier⸗ zig Jahren, auf deren Geſichte man noch die Reſte einer ausgezeichneten Schoͤnheit ſah, deren Toilette den vollkommenſten Geſchmack andeutete, und deren geringſte Geberden von ariſtokratiſchen Gewohnheiten zeugten, ſtand auf der Haupttreppe eines reizenden, am aͤußerſten Ende des Dorfes Fontenay⸗aux⸗Roſes gelegenen Land⸗ hauſes, waͤhrend ein mit Wappen verſehener, und mit zwei Schweißfuͤchſen beſpannter Wagen vor der erſten Stufe dieſer Haupttreppe ſtill hielt. —q 8 — 8— — Ah! Endlich ſind Sie da, mein lieber Graf! 1 rief ſie aus, indem ſie ſich an einen Mann von etwa ſechzig Jahren wandte, der mit afeectirter Leichtigkeit von dem Wagentritte auf die Stufen ſprang, und den ihn von ihr trennenden Raum ſo raſch, als er vermogte, durchſchritt.— Da ſind Sie! Ich erwartete ſie mit ſo großer Ungeduld! Ich verſichere es Ihnen, daß ich ſeit einer Stunde zum zehnten Male herausgehe, um zu ſehen, ob Sie nicht ankaͤmen. — Ich habe meine Pferde augenblicklich beſtellt, nachdem mir Ihr Billet uͤbergeben wurde, theure Baro⸗ nin, ſagte der Graf, die Hand der ihn Anredenden auf galante Weiſe kuͤſſead, und ich habe Germain ſehr geſcholten, daß er mich nicht ſogleich nach ſeiner Ankunft geweckt. — Sie haͤtten eher daruͤber mit Germain zanken ſollen, daß er Ihnen mein Billet nicht uͤbergeben hat, bevor Sie Sich ſchlafen legten, denn daſſelbe war ſeit geſtern Abend bei Ihnen. 3 — Wahrhaftig? ſagte der Graf. Ja, da ſehen Sie, wie man bedient iſt! Inzwiſchen hat es mir der Schelm erſt heute Morgen um acht Uhr eingehaͤndigt, als er in mein Zimmer trat. Sie ſehen, daß ich keine Zeit verloren habe, denn kaum iſt es neun Uhr. Da bin ich nun, theure Baronin, verfuͤgen Sie uͤber mich, ich bin ganz zu Ihren Dienſten. — Schoͤn. Schicken Sie Ihre Leute und Ihren Wagen fort: wir werden Sie behalten — Wie! Sie behalten mich? — 9— — Ja, ich ſage es Ihnen zum voraus. — Den ganzen Tag? — Und den Abend und morgen Vormittag. Ich ſagte es Ihnen in meinem Briefe, mein lieber Graf. Wir koͤnnen Sie durchaus nicht entbehren. Wie groß auch die Herrſchaft des Herrn von Mont⸗ giroux(das war der Name des Grafen) uͤber ſich ſelbſt ſein mogte, er zog Nichts deſto weniger eine unwillkuͤr⸗ liche Grimaſſe. In der That, er hatte ſich erinnert, daß es Operntag ſei; aber den Verdruß uͤber dieſe Unannehmlichkeit, die er nicht hatte vorausſehn koͤnnen und die zu vermeiden nicht mehr in ſeiner Gewalt ſtand, nach Kraͤften verbergend, dachte er ſogleich daran, irgend einen Vorwand zu Huͤlfe zu rufen, mittelſt deſſen er ſich auf eine anſtaͤndige Weiſe aus der Verle⸗ genheit ziehen koͤnnte. — O mein Gott, wie bedaure ich, dies Ihnen ausſchlagen zu muͤſſen, meine vortreffliche Freundin, ſagte er; aber was Sie da von mir verlangen, iſt unmoͤglich, durchaus unmoͤglich. Wir haben heute Frei⸗ tag den 26ſten, und ich bin gerade Mitglied einer Commiſſion, meine Collegen erwarten mich! Es han⸗ delt. ſich um das Geſetz, welches wir zu berathen im Begriffe ſtehen. — Man wird ohne Sie berathen, mein lieber Graf; ein Pair weniger, eine Ausſicht mehr fuͤr das oͤffentliche Wohl. Aber es handelt ſich hier um perſoͤn⸗ liches Gluͤck, die einzige wichtige Sache in dieſer Zeit, in der man Egoiſt ſein muß, um es wie Jedermann — 10— zu machen. Kommen Sie, kommen Sie unſern Kran⸗ ken zu beſuchen. — Ei, meine theure Eugenie, rief Herr von Montgiroux mit einer dieſes Mal noch deutlicheren Regung der Ungeduld, ich bin kein Arzt! Dieſer Ausruf war in dem Tone zu ſichtlicher uͤbler Laune gemacht worden, als daß er dem Scharfblicke keiner Frau haͤtte entgehen koͤnnen. Frau von Barthéle nahm demnach eine erſte Miene an, und antwortete: — Es iſt die Rede von meinem Sohne, Herr Graf, dem Gatten Ihrer Nichtt, verſtehen Sie? Von unſerm Moritz. — Er befindet ſich alſo nicht beſſer? fragte Herr von Montgiroux in gaͤnzlich beſaͤnftigtem Tone. — Noch geſtern konnte man fuͤrchten, daß ſeine Krankheit toͤdtlich ſein moͤgte, ſo ſteht es. — Ach mein Gott! Ich war weit davon ent⸗ fernt zu glauben, daß ſein Befinden zu wahrhaften Beſorgniſſen Veranlaſſung gaͤe.. — Weil es acht Tage her iſt, daß Sie ihn nicht geſehn haben, Undankbarer, ſagte die Baronin im Tone des Vorwurfes, weil man nicht mehr weiß, was Sie machen, weil man Ihnen jetzt ſchreiben muß, wenn man Sie eine Minute lang ſehen will, und dieſe Mi⸗ nute verfließt auch noch mit Streiten uͤber die Zeit, die Sie bleiben wollen, und uͤber die Stunde Ihrer Abreiſe. — Aber was hat denn nur dieſes theure Kind? fragte der Graf. — Es war anfangs nur eine einfache Schwermuth, — 11— bald wurde es Niedergeſchlagenheit, dann Widerwillen gegen Alles; endlich hat ſich trotz unſerer Pflege das Fieber ſeiner bemaͤchtigt, und nach dem Fieber Geiſtes⸗ zerruͤttung. — Das iſt ungewoͤhnlich bei einem jungen Mann, ſagte der Graf mit nachdenkender Miene. Und was kann die Urſache dieſer Schwermuth ſein? — Beruhigen Sie Sich, wir kennen ſie jetzt, und wir werden ſie heilen. Der Doctor, der nicht bloß ein talentvoller Mann, ſondern auch ein denkender Geiſt iſt, ſteht dafuͤr ihn zu retten. Zu retten! Begreifen Sie, mein Freund, alle die Wonne, die dieſes Wort fuͤr das Herz einer Mutter enthaͤlt? — Demnach iſt keine Gefahr mehr vorhanden? fragte der Graf. — Das heißt, daß man geſtern nicht mehr hoffte, und daß man heute hofft, ſagte die Baronin, welche die Abſicht des Herrn von Montgiroux errieth; aber ge⸗ rade dieſe Beſſerung iſt es, weshalb wir Ihrer beduͤrfen. Ich will demnach meine Befehle dazu ertheilen, daß Sie bleiben. Das ernſte Geſicht des Grafen verzog ſich wieder von Neuem. — Bleiben, erwiederte er; aber ich habe Ihnen ja geſagt, daß das etwas wahrhaft Unmoͤgliches iſt. — Sie wiſſen ſehr wohl, erwiderte Frau von Bar⸗ théle, daß es in Angelegenheiten dieſer Art nichts Un⸗ moͤgliches giebt, als dasjenige, was man nicht thun will. Laſſen Sie hoͤren, was Sie zu ſagen haben! — 12— Woran denken Sie, was beſchaͤftigt Sie in dem Grade, daß das Leben unſeres Sohnes von untergeordneter Wichtigkeit fuͤr Sie geworden iſt? — Mein Gott! Nein, theure Freundin, Sie uͤber⸗ treiben meine Weigerung, die uͤbrigens keine iſt, antwortete auf gravitaͤtiſche Weiſe die wuͤrdige Perſon; ich ſuche nur Ihren Wunſch mit meiner Pflicht in Einklang zu brin⸗ gen. Hoͤren Sie, uͤberlegen wir, laſſen Sie uns fruͤher als gewoͤhnlich zu Mittag eſſen; ich werde um ſieben Uhr abfahren, und wenn Sie meiner durchaus waͤhrend des Abends beduͤrfen, ſo werde ich um zehn Uhr, oder ſpaͤteſtens halb eilf zuruͤck ſein; und in Wahrheit, theure Baronin, ich verſichere Ihnen, daß es eines Umſtandes von der Wichtigkeit desjenigen bedarf, welcher mir vor⸗ liegt... — Kein Wort mehr uͤber dieſen Gegenſtand, unter⸗ brach ihn Frau von Barthéle, das iſt etwas Abgemach⸗ tes, Verabredetes, daruͤber ſind wir einig, und Sie werden ſogleich einſehen, wie ſehr Ihre Gegenwart hier nothwendig iſt. — Aber es handelt ſich nicht von Nothwendigkeit, meine theure Eugenie, erwiderte der Graf in dem Tone veralteter Galanterie, es handelt ſich um Ihr Verlan⸗ gen. Ich will Alles und immer, was Sie wollen, Sie wiſſen es ja. Frau von Barthele antwortete durch einen wieder ganz erheiterten Blick, und Herr von Montgiroux, wie⸗ der auf den Gegenſtand ſeiner geheimen Gedanken zuruͤck⸗ — 13— kommend, fragte ſich, wie viel Zeit er gerade gebrauche, um ſich nach Paris zu begeben. — Ei, mit meinen Pferden und Saint⸗Jean, der, wie Sie wiſſen, ſie zu ſehr reſpectirt, um ſie zu uͤber⸗ treiben, brauche ich funfzig Minuten, um von hier nach dem Hotel zu fahren. Nun aber, fuͤgte Frau von Bar⸗ théle hinzu, verſammeln Sie ſich im Luxemburg, nicht wahr? — Ja. — Ei nun, wenn Sie am Luxemburg anhalten, ſo gewinnen Sie noch einige Minuten. — Machen wir es in dieſem Falle noch beſſer, ſagte Herr von Montgiroux, bemuͤhen wir weder Saint⸗ Jean noch ſeine Pferde. Ich widme Ihnen den ganzen heutigen Tag und morgen den ganzen Vormittag, und Sie ſchenken mir heute Abend drei Stunden. — Ich muß wohl, da Sie es wollen, aber 2 haftig, Graf, wenn ich jung waͤre, und wenn ich Anlage zur Eiferſucht haͤtte... — Nun? — Ei nun! So geſtehe ich Ihnen, daß Sie mit dieſer ewigen Zerſtreutheit mich einen ſehr traurigen Tag zubringen laſſen wuͤrden. — Ich zerſtreut? — In dem Grade, mein lieber Graf, daß Sie mich nicht befragen, daß Sie nicht die mindeſte Beſorg⸗ niß zu empfinden ſcheinen, waͤhrend Klotilde und ich wahrhaft untroͤſtlich ſind, und die Gefahr, die geſtern 1* — 14— vorhanden war, noch jetzt, ich verſichere es Ihnen, bei Weitem nicht gaͤnzlich voruͤber iſt. — Verzeihung, theure Freundin, antwortete Herr von Montgirour faſt ohne zu hoͤren. Aber dieſes neue Ge⸗ ſetz; niemals habe ich lebhafter, als bei der Verhand⸗ lung daruͤber, die Verantwortlichkeit eingeſehn⸗ die auf einem Pair des Koͤnigreiches laſtet. — Des Koͤnigreiches? wiederholte Frau von Bar⸗ 1— thele mit Spott; des Koͤnigreiches! Wiſſen Sie, daß „Sie zuweilen ſehr ſpaßhafte Ausdruͤcke haben, mein lie⸗ ber Graf? Sie nennen Frankreich ein Koͤnigreich? Was die Gewohnheit thut. Wohlan, folgen Sie mir, armes Opferz. Sie ſollten Herrn von Chateaubriand und Herrn von Fitz⸗James nachahmen, ſo wuͤrden die Geſetze des Koͤnigreiches Ihnen nicht mehr alle dieſe Verlegenheit verurſachen. — Guaͤdige Frau, erwiderte Herr von Montgiroux rnſte Weiſe, ein wahrhafter Buͤrger muß vor Allem fuͤr Frankreich leben. — Wie haben Sie das geſagt, mein lieber Graf? Ein Buͤrger? Ah! Sie machen wahrhaftig Fortſchritte in der modernen Sprache, und, vorausgeſetzt, daß wir noch zwei bis drei Revolutionen in der letzten Art haben, ſo verzweifele ich gar nicht daran, Sie noch als Jacobiner ſterben zu ſehen. Dieſe Unterredung fand, wie wir bemerkt, auf der Eingangstreppe des Schloſſes der Frau von Barthele ſtatt. Es war eine elegante, an dem aͤußerſten Ende des Dorfes Fontenay⸗aux⸗Roſes, nach der Seite des — 15— Waldes, und in einer der maleriſchſten Lagen gelegene Villa. Inzwiſchen war die prachtvolle Ausſicht, deren man von der Haupttreppe aus genoß, von Herrn von Montgiroux mit keinem einzigen Blicke begruͤßt worden, obgleich er ſonſt die Gewohnheit hatte, auf derſelben in Bewunderung der reichen und mannigfaltigen Landſchaft zu verweilen, die ſich von dem Walde von Verrisres bis nach dem Thurme von Monthlery erſtreckt; inzwi⸗ ſchen leuchtete die Maiſonne in dem Thale, und ließ gleich Spiegeln die Schieferdaͤcher der huͤbſchen weißen Haͤuſer glaͤnzen, welche die Umgebungen von Sceaux hier und da auf einem gruͤnen Teppich ausgeſtreuet hoben. Der Graf war demnach mit etwas Anderem beſchaͤftigt, da dieſer Anblick keinen Einfluß auf ihn, den alten Schaͤfer des Koͤnigreiches ausuͤbte, der Florian gekannt hatte, der Delille anbetete, und der, auf den Seſſel der Koͤnigin Hortenſia gelehnt: Partant pour la Syrie und Vous me quit- tez pour voler à la gloire, geſungen hatte. In der That, die Oper kuͤndigte gerade fuͤr dieſen Abenb ein neues Ballet an, in welchem die Taglioni tanzte, und, obgleich nach ſeiner Meinung der wolluͤſtige und luſtige Tanz unſe⸗ rer Sylphide jenen Adel vermiſſen ließ, welcher aus der Mademoiſelle Bigottini die Koͤnigin der Taͤnzerinnen der Vergangenheit und Zukunft gemacht hatte, ſo wollte er doch bei einer ſolchen Feierlichkeit nicht fehlen. Er hatte demnach, um ſeine Abreiſe zu entſchuldigen, den abge⸗ droſchenen Grund einer wichtigen Berathung der Pairs ſeiner Partei vorgewandt, und ſein trotz ſeiner parla⸗ — 16— mentariſchen Gewohnheiten uͤbel verſtellter Verdruß be⸗ wies, daß ein heftig aufgeregtes perſoͤnliches Intereſſe im Voraus ſeine Luͤge rechtfertigte. War nun jetzt die⸗ ſes Intereſſe einfach und allein durch dieſe erſte Vorſtel⸗ lung ſo heftig aufgeregt, oder knuͤpfte ſich an die Liebe zur Tanzkunſt ein mehr materielles Gefuͤhl? Das wird uns die Zukunft lehren. 1 Inzwiſchen hatte Frau von Barthele nach Art des zwiſchen ihr und dem Grafen von Montgiroux geſchloſ⸗ ſenen Vertrags dieſem ein Zeichen gegeben, ihr zu fol⸗ gen, und durch die Windungen eines uͤbrigens allen Bei⸗ den wohlbekannten Ganges fuͤhrte ſie ihn nach dem Zim⸗ mer des Kranken. Aber in dem Augenblicke, wo ſie in daſſelbe eintreten wollten, trat eine junge Frau aus ei⸗ nem anſtoßenden Kabinette, verſperrte ihnen den Weg, und, einen Finger auf ihre Lippen legend und ihrem Blücke einen Ausdruck von Beſorgniß und Wichtigkeit gebend, ſagte ſie: — Still, er ſchlaͤft, und der Doctor hat anempfoh⸗ len, daß man ſeinen Schlummer nicht ſtoͤre. — Er ſchlaͤft? rief Frau von Barthele mit einem Ausdrucke rein muͤtterlicher und doch in ihrem Ausbruche unterdruͤckter Freude aus. — Wir hoffen es zum Mindeſten; er hat die Au— gen geſchloſſen und ſcheint minder aufgeregt; aber ent⸗ fernen Sie Sich, ich bitte Sie, denn das geringſte Ge⸗ raͤuſch kann ihn aus ſeinem Schlummer erwecken. — Armer Moritz! ſagte Frau von Barthole, einen tiefen Seufzer erſtickend. Nun, gehorchen wir, kommen — 17— Sie, lieber Graf, kommen Sie in den Salon. Wenn der Doctor geſprochen hat, ſo haben wir keinen Willen mehr. Außerdem werden wir plaudern, bis wir ihn ſe⸗ hen koͤnnen; ich habe Ihnen ſo Viel zu ſagen. Der Graf machte mit dem Kopfe ein zuſtimmen⸗ des Zeichen, und Frau von Barthèle und er ſchlugen wieder den Weg nach dem Salon ein. — Mein Oheim, ſagte die junge Frau mit einem Tone voller Betruͤbniß und zaͤrtlichen Vorwurfes, Sie umarmen mich nicht? — Kommſt Du denn nicht mit uns? ſagte der Graf, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab. — Nein. Ich bewache ihn von dieſem Kabinette aus, und bei dem erſten Seufzer, den er ausſtoͤßt, werde ich zum Mindeſten bei ihm ſein. — Sie verlaͤßt ihn keinen Augenblick, fuͤgte Frau von Barthoͤle hinzu; es iſt zum Bewundern. — Aber kannſt Du uns nicht mindeſtens den Arzt ſchicken, Klotilde? Ich habe einige phyſiologiſche Kennt⸗ niſſe und, ich moͤgte mich ein Wenig mit ihm unter⸗ halten. — Sehr gern. Sogleich, mein Oheim, wird er bei Ihnen ſein. Der Graf kuͤßte ſeine Nichte von Neuem, und nachdem er ſie durch einige Worte der Zaͤrtlichkeit in ih⸗ rer ehelichen Aufopferung, ermuthigt hatte, folgte er Frau von Barthèle. Machen wir aber, bevor wir weiter gehen, Be⸗ Fernande Erſter Band. 2 — 18— kanntſchaft mit den beiden Perſonen dieſer Geſchichte, die wir ſo eben haben auftreten laſſen, und die wir ſo⸗ gleich in dem Salon wiederfinden werden, nach welchem ſie in dieſem Augenblicke zuſchreiten. Der Herr Graf von Montgiroux war im Jahre 1835 ein Mann von ungefaͤhr ſechzig Jahren, das heißt, daß er, im Jahre 1775 geboren, ein Incroyable des Directoriums und ein Schoͤner unter der Regierung des Kaiſers geweſen war. In dieſen beiden Epochen und ſelbſt ſeitdem noch hatte man ihn ſehr wegen der Eleganz ſeines Benehmens und der Anmuth ſeiner Ma⸗ nieren geruͤhmt. Aus den ſchoͤnen Tagen ſeiner Jugend hatte er prachtvolle Zaͤhne, einen Wuchs, dem es, von hinten geſehen, nicht an einer gewiſſen Feinheit fehlte, und beſonders ein wohlgebautes Bein bewahrt, das in Ermangelung der kurzen Hoſe ſich fortwaͤhrend in eng⸗ anſchließenden Beinkleidern von heller Farbe auf eine ko⸗ kette Weiſe abzeichnete. Die außerordentliche Sorgfalt, die er ſeiner Perſon widmete, ſeine einfache, aber ſei⸗ nem hohen Wuchſe und ſeiner Wohlbeleibtheit vollkom⸗ men anpaſſende Toilette, ſeine feinen und beſtaͤndig ge⸗ firnißten Stiefel, ſeine immer anſchließenden und fri⸗ ſchen Handſchuhe verliehen ihm eine Art von Spaͤtjahr⸗ jugend, einen Glanz auf den erſten Blick, auf welchen Frau von Barthele aus einem Grunde ſtolz war, den man bald begreifen wird. Endlich erhoben ſeine Geburt, ſeine geſellſchaftliche Stellung und beſonders ſein großes Vermoͤgen die perſoͤnlichen Eigenſchaften, die wir ſo eben hergezaͤhlt haben, noch mehr. — 19— Was die Geiſteskraͤfte anbelangt, ſo wollen wir uns beſtreben, ſie mit derſelben Unparteilichkeit zu ſchildern, wie wir es ſo eben mit den phyſiſchen Vorzuͤgen gethan haben. Obgleich Herr von Montgiroux zu denjenigen gehoͤrte, von denen man in der Kammer der Pairs aus dem einfa⸗ chen Grunde Nichts ſagt, weil ſie in ihr Nichts ſagen, ſo moͤge man ſich inzwiſchen daruͤber nicht taͤuſchen, denn dieſes Schweigen hatte kein parlamentariſches Un⸗ vermoͤgen zum Grunde, ſondern einfach und allein eine Berechnung der Selbſtſucht. Man hat geſagt: die Worte verfliegen, das Geſchriebene bleibt. Man hat ſich geirrt oder vielmehr iſt das Sprichwort in Frank⸗ reich vor der Errichtung der conſtitutionellen Regierung entſtanden. Nichts bleibt im Gegentheile heut zu Tage mehr, als die Worte, ſo fluͤchtig ſie auch ſein moͤgen; denn die Worte werden durch Schnellſchreiber zu hun⸗ dert Tauſend Exemplaren verbreitet, klaſſificirt, bei Seite gelegt, und erſcheinen nach Verlauf eines, zweier, zehn Jahre gleich jenen Helden der alten Trauerſpiele wieder, die man fuͤr todt hielt und die ploͤtzlich wieder aus ihren Graͤbern hervortreten, um diejenigen erbleichen zu laſſen, die ſie vergeſſen haben. Aus dieſem Grunde nun und aus keinem andern war es, daß der Graf von Mont⸗ giroux niemals, verſteht ſich auf der Tribune, ſprach; denn uͤberall anderswo erkannte man ihm dieſen fließen⸗ den Vortrag unſerer Staatsmaͤnner zu, der darin be⸗ ſteht, von ihren Lippen eine Fluth lauer Worte fallen zu laſſen, die Beredtſamkeit ſein wuͤrde, wenn ſie von Zeit zu Zeit gegen einen Schluß ſprudelten, oder ſich . 2 † ——— von der Hoͤhe eines Begriffes herabſtuͤrzten. Außerdem, eben ſo ſehr aus Hoͤflichkeit als aus Klugheit gefuͤgig, hatte es der Graf von Montgiroux bequem und vielleicht vortheilhaft gefunden, niemals ſich als ein Hinderniß in den Weg zu ſtellen, zu allen Majoritaͤten zu gehoͤ⸗ ren und mit aller Welt in Frieden zu leben. Staatsrath unter dem Kaiſer, Deputirter unter Ludwig XVIII., Pair von Frankreich unter Karl X., ließen ihn ſein Egoismus der Ruhe und ſein Stolz der Stellung einen Werth auf das Laͤcheln der Gewalthaber ſetzen, obgleich ihn doch niemals ein knechtiſcher Gehorſam nebſt ſeinen Collegen in den Schlamm jener niedrigen Miniſteriellen gereihet haͤtte, die ſich um eine Einladung zu einem mageren Mittageſſen der Straße Grenelle oder des Boulevard des Capuzins bewerben. Nein, Herr von Montgirour erkannte im Allgemeinen keine andere Obergewalt, als die Koͤnigliche Gewalt an, mogte dieſe Gewalt nun parce que(weil) oder quoique(obgleich) beſtehen, mogte ſie nun von goͤttlichem Rechte oder von Volkserhebung her⸗ ſtammen. Was aber die Miniſter anbelangt,— da un⸗ ſer Pair von Frankreich am Ende genommen einer jener ſeltenen Herren war,— ich bin genoͤthigt, dieſes Wort anzuwenden, da unſere Sprache keinen gleichbedeutenden Ausdruck mit Gentlemen hat,— da er, ſagen wir, einer jener ſeltenen Herren war, die Frankreich geblie⸗ ben, ſo verfuhr er mit ihnen als ſeines Gleichen und zuweilen ſogar als ein Oberer mit ſeinem Untergeordne⸗ ten; indem er bei ihnen zu Mittag aß, weil ſie bei ihm zu Mittag aßen, und indem er jedes Mal, wenn irgend — 21— einer unter ihnen bei ihm aß, dieſem Lehren des Ge⸗ ſchmackes und prunkvoller Einfachheit gab; uͤbrigens ei⸗ nen Anſchein von Freiheit bewahrend, da er, indem er Nichts noͤthig hatte, ſich niemals um Etwas bewarb; und die abſchlaͤglichen Antworten auf alle die alltaͤglichen Bitten Dienſte zu erweiſen, mit denen ein Staatsmann uͤberhaͤnft iſt, auf die Nothwendigkeit ſchob, ſeine Un⸗ abhaͤngigkeit zu bewahren, kurz, er gehoͤrte dieſer zahl⸗ reichen Klaſſe politiſcher Perſonen an, die ihre Pflicht erfuͤllt zu haben glauben, wenn ſie die herrſchende Mei⸗ nung geſchont haben, und die meinen, dem Vaterlande Gutes genug zu thun, wenn ſie ihm nichts Boͤſes zu⸗ fuͤgen. Außerdem hatte der Graf von Montgiroux, ge⸗ wohnt, uͤber das, was ihn umgab, eine Art von Ueber⸗ gewicht auszuuͤben, das ſich von der Zeit herſchrieb, wo die Vortheile ſeiner Jugend und ſeines Vermoͤgens in der Welt jenes Aufſehn von Dandynismus hervorge⸗ bracht hatten, das aus dem Grafen von Orſay den Koͤnig der Faſhionablen jenſeits des Meeres gemacht hat, in die oͤffentliche Angelegenheiten jene beſtaͤndige Feierlichkeit der Repraͤſentation hinuͤbergetragen. Er hatte das Bewußtſein, und beſonders, was noch weit wichtiger iſt, die Haltung ſeiner hohen geſellſchaftlichen Stel⸗ lung. Er war, wenn man ſo ſagen darf., vom Kopf bis zu den Fuͤßen Pair von Frankreich. Wenn die Pairskammer als Gerichtshof Sitzungen hielt, nahm er auf wundervolle Weiſe einen Seſſel ein, und obgleich auf den erſten Blick ihn Nichts von ſeinen neugebacke⸗ — 22— nen Collegen unterſchied, ſo richteten ſich doch die Blicke des Angeklagten auf ihn, wie auf einen in An⸗-⸗ ſehn ſtehenden Mann, deſſen Meinung Gewicht haben mußte. In der That, bloß wenn man ihn anſah, ſo fuͤhlte man die Wuͤrde der hoͤchſten Gerichtsbarkeit. Er ſtimmte mit einer ſprichwoͤrtlich gewordenen Eleganz; in letzter Hinſicht war er eine der heut zu Tage ſo ſeltenen Standesperſonen, die, indem ſie ſich immerhin ihrer Zeit anpaſſen, dennoch die Gebraͤuche von ſonſt bewahrt haben; bei allen großen Frohndienſten, bei denen es ſich beſonders darum handelte, ſich zu praͤſentiren, ſei es nun zu einer Deputation oder zu einem Leichenbegaͤng⸗ niſſe, oder zu einem oͤffentlichen Feſte, wurde demnach auch ſein Name immer aus der Urne gezogen. In Be⸗ zug auf das Koſtuͤm und die Etikette entſchied er die Majoritaͤt und haͤtte beinahe durch ſeinen Einfluß das Geſetz der Uniform durchgehen laſſen, ein Geſetz, das den Mitgliedern der untern Kammer, wie Herr von Montgiroux, ſich irrend, zuweilen die Herrn Deputirten nannte, ſo ariſtokratiſch unpaſſend geſchienen hatte. Aengſtlich gewiſſenhaft in den geringſten Einzelnheiten des Lebens, verſtand er die Achtung vor der Schicklich⸗ keit ſo weit zu treiben, um, wenn ſich die Gelegenheit dazu bot, mit offenen Augen in der Kammer und ſte⸗ hend in einem Salon zu ſchlafen; und in welchem Sa⸗ lon ihn auch die Umſtaͤnde uͤberraſchen mogten, ſei es nun, daß er Herrn Dupin die Ehre erwies, zu ihm zu gehen, oder ſei es, daß der Koͤnig ihm die Ehre anthat, ihn zu empfangen, ſo beſaß er im hoͤchſten Grade die ſchwierige Kunſt, jeden nach der geſellſchaftlichen Stel⸗ lung zu behandeln, die das Schickſal ihm angewieſen, oder nach dem Range, den er ſich erworben hatte, jedem von der Ehrerbietung an bis zu der Ungezwungenheit ſeine Gabe zuzumeſſen, indem er, ſich in das Majeſtä⸗ tiſche ergebend, die Noten der Tonleiter der Lebensart in weiſen chromatiſchen Berechnungen modulirte, ins Unendliche hin die Biegungen und die Adjectiven veraͤn⸗ 2 derte, mit einer unbegreiflichen Kunſt von der geleiſteten Huldigung zu der empfangenen Huldigung, von der Bitte zu der Protection uͤberging, immer hoͤflich, niemals af⸗ fectirt, Eines um das Andere die Schmeichelei und die Unverſchaͤmtheit ſtreifend, ohne daß man ihn jemals haͤtte dabei ertappen koͤnnen, entweder Schmeichler oder unverſchaͤmt zu ſein. Es lag zu gleicher Zeit, aber in kleinen Gaben, Etwas von Richelieu und von Fitz⸗James in ihm; kurz, er war, wie eines Tages ein Prinz von ihm geſagt hatte, der fuͤr einen der geiſtreichſten Maͤn⸗ ner Frankreichs gegolten haben wuͤrde, wenn er gewagt haͤtte, gegen Jedermann Geiſt zu haben, er war ein 3 vortreffliches conserve de gentilhomme.*) Nun aber iſt man in den Jahreszeiten, wo es *) Ein Wortſpiel, das nicht zu uͤberſetzen iſt. Conserve bedeutet nach der Herleitung des Wortes etwas Er⸗ haltenes, und nach der gewoͤhnlichen Anwendung et⸗ was mit Zucker Eingemachtes. D. Ueberſ. — 24— keine Fruͤchte oder faſt keine mehr giebt, ſehr gluͤcklich, Eingemachtes zu finden. Aber beſonders bei Frau von Barthele war es der Muͤhe werth, den Graf von Montgiroux von dem Auge eines Beobachters ſtudirt zu ſehen. Seit ungefaͤhr fuͤnf und zwanzig Jahren beſtanden Verbindungen der groͤß⸗ ten Vertraulichkeit zwiſchen ihnen; Niemandem waren dieſe Verbindungen unbekannt, die eine lange Duldung des Barons von Barthsle in gewiſſer Art in den Au⸗ gen der Welt legitimirt hatte. Bei Lebzeiten des Herrn von Barthele fuͤhrte man ſie als Muſter von Liebenden, als Herr von Barthaͤle geſtorben, als Muſter ehelicher Tugenden an. Die Heirath hatte inzwiſchen Nichts le⸗ gitimirt, und man hatte ſich ſelbſt verwundert, daß nach dem Tode des Herrn von Barthele keine geſellſchaftliche Annaͤherung zwiſchen den beiden alten Freunden ſtattge⸗ funden hatte. Frau von Barthele ſelbſt, beeilen wir uns es zu bemerken, hatte, indeß weit mehr in Folge fremder Eingebung, als aus eigenem Antriebe, eines Tages ein Wort daruͤber zu dem Grafen geſagt. Aber bei dieſer Eroͤffnung hatte Herr von Montgiroux ganz treu⸗ herzig wie Champfort geantwortet: Wie Sie, habe auch ich daran gedacht, theure Freundin. Wenn wir uns aber verheiratheten, wo Teufel ſollte ich da meine Abende zubringen? uUnd dieſe Antwort war vollkommen begreiflich bei einem Manne, der ſeit fuͤnf und zwanzig Jahren ſeine Abende anderswo als zu Hauſe zubrachte. — 25— Nun denn, in dieſen Abenden einer ſo lange waͤh⸗ renden Vertraulichkeit, die Herrn von Montgiroux zu einem Beweggrunde des Aufgebens hatten dienen muͤſſen, blieb der edle Graf immer Pair von Frankreich, das heißt, der Mann der aͤußern Repraͤſentation, ſo ſehr hatte die Gewohnheit dieſem bevorzugten Manne eine zweite Natur gebildet, welche die erſte bedeckt hatte, wie gewiſſe Quellen das Vorrecht haben, Holz, Blu⸗ men und ſelbſt Voͤgel, die ſich einige Zeit lang in ih⸗ rem Waſſer aufhalten, mit einer Steinkruſte zu uͤber⸗ ziehen. Was Frau von Barthele anbelangt, ſo war ihr Charakter dem des Grafen von Montgiroux ſo entgegen⸗ geſetzt, als man ſich ihn nur denken kann, und vielleicht hatte ſich die ſie vereinigende innige Freundſchaft nur durch jenes unbegreifliche Geſetz der Contraſte ſo unver⸗ ſehrt erhalten, an das man nicht glauben wuͤrde, wenn man nicht bei jedem Schritte in der Welt auf dieſe taͤg⸗ lichen Reſultate ſtieße. Eine Convenienzheirath hatte ſie bereits zwei und zwanzig Jahre alt, das heißt ma⸗ jorenn und Herrin ihres Willens, mit Herrn von Bar⸗ thele verbunden; aber eine Stunde vor der Unterzeich⸗ nung des Vertrags hatte ſie von ihrem zukuͤnftigen Gat⸗ ten eine Unterredung verlangt, und nachdem ſie ihm einen im Voraus hingeſtellten Seſſel neben ſich ange⸗ deutet, hatte ſie zu ihm geſagt: — Unſere gegenſeitigen Prokuratoren ſtehen im Be⸗ griffe, uns zu verheirathen, mein Herr, um einen aͤr⸗ gerlichen Proceß zu beendigen. Sie haben fuͤr mich — 26— nicht die geringſte Liebe und ich fuͤhle mich nicht im Mindeſten zu Ihnen hingezogen. Es iſt ein Vergleich, den wir zu unterzeichnen im Begriffe ſtehen, der vor⸗ trefflich fuͤr Sie, denn Sie gewinnen dabei die Ver⸗ waltung eines Vermoͤgens von ſechzig Tauſend Franken jaͤhrlicher Einkuͤnfte. Meine Eltern haben dieſe Verbin⸗ dung gewuͤnſcht und ich habe die groͤßte Ehrerbietung fͤr die Befehle meiner Eltern gezeigt, wie man es in unſerer Familie zu thun gewohnt iſt. Aber ich muß Sie von einer Sache in Kenntniß ſetzen, naͤmlich, daß ich ſeit langer Zeit den Grafen von Montgiroux liebe und daß der Graf von Montgiroux mich liebt. Ein alter Familienhaß, den alle meine Bitten nicht haben uͤber⸗ winden koͤnnen, hat allein meiner Verheirathung mit ihm im Wege geſtanden. Ich erklaͤre Ihnen demnach, mein Herr, denn, da ich Ihnen meine Liebe nicht anbieten kann und die Ihrige nicht in Anſpruch nehmen will, ſo halte ich zum Mindeſten darauf, Ihre Achtung zu ver⸗ dienen, ich erklaͤre Ihnen demnach, daß Nichts auf der Welt ein inniges Verhaͤltniß wird brechen koͤnnen, ein inniges Verhaͤltniß, das ſchon ſeit einem Jahre dauert; ein durch das unwiderſtehlichſte Gefuͤhl begonnenes Ver⸗ haͤltniß, das dieſes Gefuͤhl trotz Ihrer Tyrannei fort⸗ ſetzen muß, wenn Sie dieſelbe auszuuͤben gedenken, oder durch Ihr Wohlwollen, wenn Sie nicht wollen, daß die Unannehmlichkeit eines Bruches heute oder der Scan⸗ dal einer Trennung morgen ſtattfinden ſoll. Sie haben noch eine Stunde zum Ueberlegen: Wohlan, mein Herr, waͤhlen Sie! — 27— Herr von Barthoͤle war ein Mann nach der alten Art, in den leichtfertigen Ueberlieferungen des achtzehn⸗ ten Jahrhunderts erzogen; es war ihm Nichts in Be⸗ zug auf den Grafen von Montgiroux unbekannt. An⸗ ſtatt dem Fraͤulein von Valgenceuſe, das war der Fa⸗ milienname der Baronin, boͤs zu ſein, war er ihr im Ge⸗ gentheile ſehr dankbar uͤber ihre Offenherzigkeit geweſen, und ihr in vortrefflichen Ausdruͤcken fuͤr die Freiheit, in die ſie ihn verſetzte, dankend, hatte er ihr eingeſtanden, daß auch er eine Verbindung habe, die zu brechen ihm ſchwer werden wuͤrde. Alles hatte ſich demnach, wie im Candide, auf die beſtmoͤglichſte Weiſe von der Welt geordnet, und zwei vollkommen getrennte Zimmer hatten den uͤber die Folgen dieſer Verbindung ziemlich beſorgten Eltern offenbart, daß die vollkommenſte Ein⸗ tracht zwiſchen den neuen Gatten herrſchte. Da nun die aufmerkſame Sorgfalt des Herrn Gra⸗ fen von Montgiroux fuͤr die Baronin von Barthèͤle nur dem Gatten Verdacht erregen konnte und man bemerkte, daß der Gatte Nichts dagegen auszuſetzen fand, ſo ahmte die Welt die Gleichgiltigkeit des Gatten nach und war der Anſicht der Liebenden, denn die Welt weiß immer, was vorgeht, man moͤge nun ein Intereſſe dabei haben, ſein Geheimniß zu verbergen, oder nicht. Nach Verlauf eines Jahres der Ehe wurde Frau von Barthele von einem Knaben entbunden. Herr von Barthéle empfing die an ihn gerichteten Gluͤckwuͤnſche wie ein Mann, der entzuͤckt daruͤber iſt, einen Erben — 28— ſeines Namens zu haben. Er verdoppelte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeiten fuͤr ſeine Gattin und ließ das Kind unter ſei⸗ nen Augen erziehen, indem er nicht wollte, daß es das elterliche Haus verließe und in einer Schule jenen ari⸗ ſtokratiſchen Firniß verloͤre, den die haͤusliche Erziehung und die Gegenwart der Eltern bei einem jungen Manne erhaͤlt. Moritz war demnach mit einer ganz beſonderen Sorgfalt, wie man ſonſt die Edelleute erzog, durch ei⸗ nen Hofmeiſter und unter den Augen des Herrn und der Frau von Barthole erzogen worden. Endlich, nach funfzehn Jahren einer ſo vollkomme⸗ nen Einigkeit, daß ſie niemals auch nur im Mindeſten getruͤbt worden waͤre, und man ſie in der Welt als ein Muſter anfuͤhrte, war Frau von Barthele durch den Tod ihres Gatten in das Paradies der Wittwenſchaft einge⸗ treten, ohne, wie man damals noch ſagte, das Fege⸗ feuer der Ehe durchgemacht zu haben. Sie hatte nun auf eine ſehr anſtaͤndige Weiſe ihren Gatten beweint, den ſie betrauerte, wie man einen aufrichtigen Freund betrauert. Damals hatte eine ihrer Verwandten, Frau von Neuilly, welche ewig eiferſuͤchtig auf das Gluͤck ih⸗ rer Baſe geweſen, ihr den Gedanken eingefluͤſtert, ſich in zweiter Ehe wieder mit dem Grafen von Montgiroux zu verheirathen, ein Gedanke, den der Pair von Frankreich zu Beider Gluͤcke auf eine ſo philoſophiſche Weiſe ver⸗ worfen hatte. Ohne die unvermeidlichen Angriffe des Alters war demnach die Stellung ſo geblieben, wie ſie die Vergangenheit geſtattet hatte. Die Zukunft, dieſe Zeit der Hoffnung, hatte zwar allmaͤlig Runzeln, aber — 29— keine Enttaͤuſchung herbeigefuͤhrt. Die Haare des Herrn von Montgiroux waren grau geworden, aber er hatte einen Friſeur, der ſie ihm mit Kunſt faͤrbte. Die Taille der Frau von Barthele war dicker geworden, aber ſie hatte eine Kleidermacherin, welche ſie auf eine wunder⸗ volle Weiſe zu kleiden verſtand. Kurz, jedes Jahr hatte ohne Zweifel zwoͤlf Monate mehr herbeigefuͤhrt, aber wenn ſie fuͤr die Andern gealtert waren, ſo waren die beiden Liebenden doch nicht fuͤr ſich ſelbſt gealtert, und das war die Hauptſache. Bald waren dieſe Bande des Herzens noch enger durch Bande der Familie gewerden. Moritz hatte ſein vier und zwanzigſtes Jahr erreicht und Klotilde ihr ſieb⸗ zehntes. Die beiden mit einander erzogenen jungen Leute ſchienen eine große Zuneigung fuͤr einander zu ha⸗ ben: ein Verheirathungsplan zwiſchen ihnen war ſeit langer Zeit beſchloſſen worden. Als man ihnen dieſen Plan mittheilte, leiſtete weder der Eine, noch die Andere Widerſtand dagegen. Die Sache war in jeder Bezie⸗ hung paſſend, ſie vereinigte der Beiden Vermoͤgen. Die gemeinſchaftlichen Freunde empfingen demnach eines Morgens einen Brief, der ihnen die Verheirathung des Herrn Karl Moritz von Barthéle mit Fraͤulein Klotilde von Montgiroux meldete. Die beiden jungen Leute machten eine Reiſe nach Italien, deſſen Hauptſtaͤdte ſie beſuchten; bei ihrer Ruͤckkehr kam man dann uͤberein, daß man den Winter in dem Hotel der Straße de Varennes, das Moritz — 30— von Seiten der Frau von Barthole zufiel, und den Sommer auf dem Schloſſe Fontenay⸗ aux⸗Roſes zu⸗ hringen wolle, das Klotilde von dem Vicomte von Montgiroux, ihrem Vater, dem juͤngeren Bruder des Grafen von Montgiroux, geerbt hatte. II. Klotilde war auf dem Schloſſe Fontenay⸗ aux⸗ Roſes erzogen worden; aber derjenige, welcher im Jahre 1835 dieſe elegante Beſitzung geſehn und ſie mit dem verglichen haͤtte, was ſie drei Jahre zuvor war, haͤtte ſie gewiß nicht erkannt, und wenn der Vicomte von Montgiroux wieder in's Leben zuruͤckgekehrt waͤre, ſo wuͤrde er große Muͤhe gehabt haben, in der modernen Villa die geringſte Spur ſeiner alten Wohnung wieder⸗ zufinden. Die ſymmetriſch abgetheilten und mit Buchs⸗ baum eingefaßten Blumenbeete waren einem weiten gruͤ⸗ nen Raſenplatze gewichen, an deſſen Ende man auf ei⸗ nem ſehr reinen Waſſer zwei ſchoͤne Silberſchwaͤne hin⸗ gleiten ſoh. Die hohen Mauern, deren Spaliere ſonſt der Vorrathskammer herrliche Fruͤchte lieferten, hemm⸗ ten nicht mehr die Ausſicht auf die Gegend und hatten aufgehoͤrt, die Bewohner einzukerkern. An ihrer Stelle ſchuͤtzten Graͤben und lebendige Hecken einen koͤſtlichen Garten, in welchem uͤbrigens die Spitzbuben nur Blu⸗ men zu pfluͤcken gehabt haben wuͤrden. Ohne Zweifel war man nicht mehr fuͤr ſich, wie es wohl zuweilen, wenn ſie die jungen Eheleute beſuchten, die alten Lieb⸗ haber der patriarchaliſchen Mauern und der Franzoͤſiſchen Wohnungen nach dem Schnitt des achtzehnten Jahrhun⸗ derts zu ſagen pflegten, dagegen war man aber auch bei den andern, da die durch keine Graͤnzmauer mehr aufge⸗ haltene Ausſicht ſich von dem Garten aus uͤber die Wieſen und von den Wieſen aus uͤber die Felder er⸗ ſtreckte. Dickichte von Gebuͤſch, um offene Stellen zu verbergen, Blumenkoͤrbe, um duͤrre Orte zu beleben, außerdem kuͤnſtliche Lauben, dabei aber wundervoll an⸗ gebrachte Ausſichten, uͤberhaupt eine Anordnung des Landgutes, als waͤre ſie die vollendete Zeichnung eines Landſchaftmalers, das war es, was die moderne Gar⸗ tenkunſt trotz der Anhaͤnger der unſrigen unter Moritz von Bartheles Anleitung geſchaffen hatte, der auf eine unbarmherzige Weiſe die Aprikoſe, die Pfirſich und die Pflaume der Ausſicht auf den Thurm von Montlhery, der in dieſem Augenblicke auf dem blauen Grunde der Ebene hervortrat, und dem Anblicke der in dem gruͤnen Thale bald in Gruppen, bald zerſtreut liegenden Haͤu⸗ ſer geopfert hatte. 3 Das Gebaͤude ſeinerſeits hatte nicht minder wich⸗ tige Veraͤnderungen erlitten; es hatte aufgehoͤrt, den altvaͤterlichen Anblick deſſen, was man ſonſt ein Schloß nannte, zu bieten, um das Aeußere einer reizenden Villa mit einer Freitreppe anzunehmen, welche man durch eine — 33— doppelte Reihe friſcher, ohne Unterlaß in ihren Vaſen von Japaniſchem Porcellain erneuerter Blumen hinauf⸗ ſtieg. Dieſe Treppe fuͤhrte zu einem Vorzimmer im Geſchmacke der Zeit des Wiederaufbluͤhens der Kuͤnſte, mit mit Wappenbildern verſehenen Fenſterſcheiben, behangen mit einer Tapete von Corduanleder von dunkler Farbe und durch goldne Arabesken aufgeputzt und Abends durch eine gothiſche Lampe von reizender Form erleuchtet, die mit Hilfe dreier vergoldeter Ketten von der Mitte des Plafonds herabhing, waͤhrend an jeder Seite dieſer Lampe zwei aͤhnliche Gefaͤße hingen, die beſtimmt wa⸗ ren, Blumen zu enthalten. Dieſes Vorzimmer hatte drei innere Thuͤren, von denen die erſte in einen Speiſe⸗ ſaal fuͤhrte, von wo aus man in einen Salon und dann in ein Arbeitskahinet ging; die zweite in einen Billardſaal, der mit einem Treihhauſe in Verbindung ſtand; die dritte auf einen Gang, welcher die ganze Laͤnge des Hauſes einnahm und den der Baumeiſter in einer Breite gelaſſen hatte, die betraͤchtlich genug war, um eine Art von Gallerie aus ihr zu machen, in wel⸗ cher man die Familienportraits aufgehaͤngt hatte. Dieſe Gallerie hatte Thuͤren, welche in alle Zimmer des Erd⸗ geſchoſſes gingen. In dem mit Eichenholz ausgetaͤfelten und mit gruͤ⸗ nem Damaſt behangenen Speiſeſaale hatte man ſich nur mit der Bequemlichkeit beſchaͤftigt; man ſaß darin gut, der Tiſch war lang und breit, und die Schenktiſche von einfacher Form waren mit Gefaͤßen von Silber und Chi⸗ neſiſchem Porcellain bedeckt. Die Kunſt hatte gaͤnzlich Fernande. Erſter Band. 3 — 43— der Behaglichkeit Platz gemacht. Nur bildeten vier Jagdſtuͤcke von Godefroy⸗Jadin die vier Obertheile der Thuͤren. Der Salon war auf Engliſche Weiſe, mit Divans, großen Seſſeln a la Voltaire, Cauſeuſen und Tourne⸗ dos moͤblirt. Er war gruͤn behangen und von der Mitte des Plafonds hing ein rieſenhafter, von Giroup nach einer Zeichnung Feucheres ausgefuͤhrter Kronleuchter her⸗ ab. Die Moͤbein und die Vorhaͤnge waren dem Be⸗ hange des Salons gleich. Der Billardſaal hatte die Geſtalt eines gothiſchen Zeltes, die vier Hauptfelder waren mit Waffentrophaͤen aus verſchiedenen Jahrhunderten ausgefuͤllt. Elegante Thuͤrvorhaͤnge allein trennten dieſe verſchiedenen Ge⸗ maͤcher. Als er zu der Wiederherſtellung des Hauſes von Fontenay geſchritten, hatte Moritz von Barthele ſeiner jungen Gattin dasjenige zum Schlafzimmer vorbehalten, welches ihre Urgroßmutter bewohnt hatte und das durch den Erhaltungsgeiſt der Familie ſo geblieben war, wie es unter der Regierung der Pompadour ausgeſchmuͤckt worden war. Es war ein großes viereckiges Zimmer und daran ein Alkoven, der an Groͤße einer gewoͤhnli⸗ chen Kapelle glich. Dieſer enthielt ein ungeheures, der Laͤnge nach geſtelltes Bett. An die Stelle der alten Tapeten, die von Roſa⸗Atlas und Silber waren, hatte man jedoch neue Tapeten angebracht, welche ſo viel als moͤglich dem Geſchmack jener Zeit gleich kamen; da alle Geſimſe⸗Verzierungen vorhanden, ſo hatte man ſie bloß zu vergolden gebraucht; alle Moͤbel waren vollſtaͤndig, man hatte ſie nur neu zu uͤberziehen gebraucht; die Ge⸗ maͤlde uͤber den Thuͤren von Boucher waren unverſehrt erhalten, und man hatte ſie nur mit neuem Firniß zu uͤberziehen noͤthig gehabt; allerliebſte Conſoltiſche von Bildhauerarbeit und einem ganz raſenden Rococo erho⸗ ben ſich in allen Ecken; koͤſtliche Etagèren von Roſenholz fuͤllten die Zwiſchenraͤume der Fenſter aus; Stuͤhle und Seſſel rollten auf dicken Teppichen, die unter dem Fuße der Roſen des Gartens zu ſein ſchienen. Kurz, dieſes Zimmer, ganz in dem Geſchmacke des achtzehnten Jahr⸗ hunderts, glich dem Gemache irgend einer Prinzeſſin, die, durch eine hoͤſe Fee im Jahre 1735 eingeſchlaͤfert, Hundert Jahre nachher wieder erwacht waͤre. Auf der einen Seite dieſes Zimmers befand ſich ein zweiter Salon, der in die fuͤr Frau von Barthele beſtimmte Wohnung ging, und auf der anderen Seite Moritz Zimmer, das von dem ſeiner Gattin nur durch ein großes Toiletten⸗Kabinet getrennt war. Moritz Zimmer war eben ſo einfach, als das Klo⸗ tildens in gekuͤnſteltem Geſchmacke verziert war. Es war ein Junggeſellenzimmer in der ganzen Bedeutung des Wortes; es enthielt ein großes Bett mit eiſernem Geſtell ohne Vorhaͤnge, eine auf einen einfarbigen Tep⸗ pich vor das Bett geworfene Tigerhaut, einen Schrank voller numerirter Jagdgewehre, einen mit Arabiſchen Ya⸗ tagans, Griechiſchen Piſtolen, Malaiſchen Criks und da⸗ mascirten Saͤbeln beladenen Tiſch, Gemaͤlde von De⸗ lacroy und Decamps, Aquarellen von Boulanger und 3»r 53 — 36— Bonnigton bedeckten die Waͤnde, der Kamin war mit kleinen Statuen von Barre und von Feuchères verziert, in deren Mitte ſich auf einer Standuhr eine praͤchtige Gruppe von Barye, erhob, und hinter dem Bette eine im Be⸗ reich der Hand befindliche Weihwaſſerſchale von Mademoi⸗ ſelle Fauveau. Das waren die Verzierungen dieſes ganz maͤnnlichen Gemaches, in deſſen Hintergrunde ein Thuͤr⸗ vorhang ſich auf ein ganz einfach mit Zwillich behange⸗ nes Toilettenkabinet oͤffnete. Das war eine Art von Feldlager, das Moritz anfangs unter dem ſcheinbaren Vorwande eingerichtet hatte, ſeine Frau an den Jagd⸗ morgen nicht zu erwecken, in der That aber, um ſeine Freiheit zu ſichern. Fuͤgen wir hinzu, daß eine Dienſttreppe, aus der weiche Teppiche eine nicht knarrende Herrentreppe ge⸗ macht hatten, mit dem Toilettenkabinette in Verbindung ſtand. Seitdem er aber krank war, hatte Moritz ſeiner Mutter und ſeiner Gattin gegenuͤber keinen Willen mehr, und man hatte ihn in das große Zimmer Ludwigs XV. gebettet, wo man jeden Abend, in dem Alkoven ſelbſt, ein kleines Bett fuͤr Klotilden aufſchlug. Außerdem hatte man das Piano dahin gebracht, ſo daß es fuͤr den Augenblick keinen andern Salon mehr gab, als dieſes Zimmer, in welchem Frau von Bartheéle und Klo⸗ tilde zuvoͤrderſt all ihre Liebe, und mit all ihrer Liebe, alle ihre Gewohnheiten concentrirt hatten. Dieſer geliebte Sohn ſeiner Mutter, dieſer Gatte, fuͤr welchen ſeine Frau ſo beſtaͤndig aufmerkſam ſchien, — 37— kurz Moritz von Barthèle, auf den wir wohl kommen muͤſſen, um ihn, ſo viel es moͤglich iſt, unſeren Leſern kennen zu lehren, hatte ſo eben ſein ſiebenundzwanzig⸗ ſtes Jahr angetreten. Er war einer jener Maͤnner, die das Schickſal in jeder Beziehung als verzogene Kin⸗ der behandelt hat, indem es ihnen zu gleicher Zeit einen großen Namen und ein großes Vermoͤgen, und außer⸗ dem die Auszeichnung giebt, die oft weder das Vermoͤ⸗ gen noch der Name verleihen. In der That war es ſchwierig, einen Mann zu ſehen, der auf eine einfachere Weiſe ein vornehmer Herr war, als Moritz von Bar⸗ thele. Die einfachſte von ihm vorgebrachte Sache nahm augenblicklich einen vollkommen ariſtokratiſchen Stempel an. Seine Pferde waren die am Beſten ge⸗ pflegten, ſeine Wagen die eleganteſten, ſeine Leute die am Beſten gekleideten von ganz Paris. Geſchickt in al⸗ len Leibesuͤbungen, ritt er, wie Daure und Makenſie, war er einer der beſten Fechter und durchſchnitt er auf fuͤnfundzwanzig Schritt weit eine Kugel auf einer Meſ⸗ ſerklinge. Herr ſeines Vermoͤgen ſeit ſieben Jahren, frei in ſeinen Handlungen ſeit ſeiner Volljaͤhrigkeit, hatte er dieſes verzehrende Leben von Paris nach ſeinem Ge⸗ fallen genoſſen, ohne daß jemals ein fremder Wille dem ſeinigen ein Hinderniß in den Weg gelegt haͤtte, und doch beeilen wir es uns zu ſagen, ohne daß jemals die gewiſſenhafteſte Strenge ſeinem Lebenswandel einen Vor⸗ wurf zu machen gehabt haͤtte; in der That, in einem auserleſenen Kreiſe lebend, durch Freundſchaft mit jun⸗ gen Leuten verbunden, die einen Namen geachtet b — 38— zu erhalten, und eine geſellſchaftliche Stellung zu be⸗ haupten hatten, hatten ihn die Achtung vor den Ge⸗ ſetzen der Schicklichkeit und das Gefuͤhl ſeiner perſoͤn⸗ lichen Wuͤrde vor Ausſchweifungen bewahrt, in welche ſich ſeit der Revolution von 1830 einige junge Maͤnner von Stande thoͤrigter Weiſe geſtuͤrzt hatten, wie um ſich fuͤr den Zwang zu entſchaͤdigen, in welchem ſie in den letzten Jahren der Regierung Karls X. gelebt hatten. Moritz von Barthoͤle, der Mann nach der Mode, in dieſer Welt uͤber der Mode, nach der alltaͤglichen Be⸗ deutung, welche man dieſem Worte giebt, wurde dem⸗ nach auch uͤberall, wo er erſchien, bemerkt, nicht gerade durch die typiſche Regelmaͤßigkeit, die man in den Kuͤn⸗ ſten bewundert, ſondern durch den perſoͤnlichen Zauber, durch den aus dem Geſichtspunkte des Gefuͤhles weit vorzuziehenden eigenthuͤmlichen Ausdruck, der macht, daß man ſich zu demjenigen, welcher ihn beſitzt, unwill⸗ kuͤrlich hingezogen fuͤhlt. Sein Geſicht hatte jene fri⸗ ſche und matte Blaͤſſe, welche die Maͤnner mit ſchwar⸗ zen Haaren auszeichnen; ſeine ſchoͤnen und ſchwarzen Haare und ſein Bart mit blaͤulichem Scheine faßten ſein Geſicht auf eine wundervolle Weiſe ein, ſeine Hand und ſein Fuß, dieſe beiden Zeichen der Raſſe, ſtanden durch ihre zarte Kleinheit im Rufe; endlich hatte er etwas ſo Schwaͤrmeriſches und ſo Schwermuͤthiges in dem ge⸗ woͤhnlichen Ausdrucke ſeines Blickes und in dem zerſtreu⸗ ten Laͤcheln, das ihn begleitete, und dieſer Blick ſchleu⸗ derte dagegen eine ſolche Flamme, wenn die Aufregung — 39— bei ihm auf die Ruhe folgte, daß der Gedanke, Moritz, mit wem es auch ſein moͤgte, zu vergleichen, noch Nie⸗ mandem eingefallen war. Gut, einfach, wohlwollend, ſchien er jedoch der Einzige zu ſein, dem ſeine Ueber⸗ legenheit unbekannt war. Ohne weder ein Gelehrter, noch ein Kuͤnſtler zu ſein, war Moritz gleichwohl weder irgend eine Wiſſen⸗ ſchaft, noch irgend eine Kunſt fremd. Er verſtand ge⸗ nug von der Phyſik und der Chemie, um eine arznei⸗ wiſſenſchaftliche Frage mit den Thenards und den Or⸗ filas zu verhandeln. Ohne Kuͤnſtler in der eigentlichen Bedeutung des Wortes zu ſein, was immer eine gewiſſe praktiſche Ueberlegenheit andeutet, konnte er doch mit Huͤlfe des Bleiſtifts ſeinen Gedanken wiedergeben oder eine Erinnerung bewahren. Dem Scheine nach der Po⸗ litik gaͤnzlich fremd, war es ihm doch, wenn Herr von Montgiroux, von ſeinen ehrenwerthen Collegen der ei⸗ nen oder der andern Kammer umringt, in dem Salon der Frau von Barthole eine Frage des Augenblickes auf⸗ ſtellte, mehr als Tauſend Male begegnet, von einer an⸗ dern Gruppe aus, in der er ſich befand, dieſe Frage ploͤtzlich durch ein ſo lichtvolles Wort aufzuklaͤren, daß ſie im Lichte blieb, bis daß die rabuliſtiſche Gewandt⸗ heit zwei bis drei Ehrenwerther, ſie herabziehend, die⸗ ſelbe wieder in Dunkelheit zuruͤckverſenkt hatte. Zwei bis drei halb abtruͤnnige Miniſter, welche als junge Leute Moritz politiſche Meinungen getheilt hatten, Mei⸗ nungen, die weder etwas Gehaͤſſiges, noch Ausſchlie⸗ ßendes hatten, hatten aus ihm bald einen Officier, bald — 40— einen Diplomaten, bald einen Staatsrath machen wol⸗ len; aber er hatte es immer ausgeſchlagen, indem er ſagte, daß ſeine Anhaͤnglichkeit fuͤr die gefallene Familie eine Art von ſuͤßem und gewiſſenhaftem Kultus waͤre, der keine Miſchung zuließe, was uͤbrigens nicht verhin⸗ derte, daß, wenn Moritz von Barthele, was ſich oft ereignete, ſich in irgend einem der Salons der hohen Ariſtocratie mit demjenigen unſerer Prinzen befand, wel⸗ cher zu jener Zeit der Einzige war, welchem ſein Alter ſchon erlaubte, dorthin zu gehen, er offen ſeinem Geiſte und ſeinem Muthe alle Gerechtigkeit und ſeinem Namen und ſeinem Range alle Ehrerbietung widerfahren ließ. Das waren nun aber Beweiſe von Geſchmack, welche der ſo eben von uns bezeichnete Prinz ſehr ſchaͤtzte. In Chantilly oder in Verſailles, bei den Wettrennen oder m Lager, war demnach auch Moritz von Barthole im⸗ mer der Gegenſtand einer perſoͤnlichen und beſonderen Aufmerkſamkeit dieſes Prinzen, welche er ſeiner Seits auf eine wundervolle Weiſe zu wuͤrdigen wußte. Wie wir bemerkt, hatte Moritz, als er Klotilden heirathete, nur ein rein bruͤderliches Gefuͤhl fuͤr ſie em⸗ pfunden, und die Heirath war daher nicht allein ein Satz in die Lotterie, eine Ausſicht auf Gluͤckſeligkeit ge⸗ weſen, ſondern außerdem ein natuͤrliches Mittel, das Leben voller Liebesabenteuer aufhoͤren zu laſſen, das ihn in ſeinen Wirbel fortriß, indem es ihm das Herz leer ließ. Inzwiſchen hatte Moritz durch ſeine Verbin⸗ dungen mit den Frauen, die er bis dahin gekannt hatte, einen Vortheil gefunden, naͤmlich den Unterſchied zu — 41— fuͤhlen, welcher die große Erfahrung von der aͤußerſten Unbefangenheit trennt. Die Zuneigung, welche ſeine Gattin fuͤr ihn hegte, hatte ſich ihm demnach mit ei⸗ nem koͤſtlichen Dufte ihm bis dahin unbekannter Zuͤch⸗ tigkeit und Friſche gezeigt. Gewoͤhnt ſie faſt taͤglich zu ſehen, hatten ſeine Augen ſich bis dahin auf ſie gerich⸗ tet, ohne Etwas zu zergliedern; als ſie aber auf eine feierliche Weiſe verbunden waren, als der Prieſter zu Klo⸗ tilden von ihren Pflichten, und zu Moritz von ſeinen Rech⸗ ten geſprochen hatte, ging der Begriff vom Beſitze aus ſeinem Verſtande in ſein Herz uͤber; ein banges und ſchuͤchternes Verlangen fuͤhrte ihn zur Zergliederung, und die Zergliederung ließ ihn in Derjenigen, welche beſtimmt war, ſeine Lebens-Gefaͤhrtin zu werden, natuͤrliche Reize, erworbene Eigenſchaften, eine ſo wahre und ſo liebliche Anmuth erkennen, daß der junge Mann ein un⸗ erwartetes Entzuͤcken empfand, und ſich für einen Au⸗ genblick lang in dem Grade taͤuſchte, daß er ſich fuͤr verliebt in ſeine Frau hielt. Uebrigens, indem das neue Leben, welches Moritz fuͤhrte, ſeinen Irrthum verlaͤngerte, folgten bald die Launen eines Mannes, der vernuͤnftig wird, der Be⸗ taͤubung der erſten Eindruͤcke. Bei ſeiner Ruͤckkehr aus Italien hatte Moritz nach den von ihm gezeichneten Plaͤnen das Schloß umgebaut und den Garten umge⸗ pflanzt gefunden. Nun hatte er das alte Familien⸗Moͤ⸗ bel⸗Magazin gepluͤndert und die beſten Tapezierer von Paris ans Werk geſtellt, um ſeinem Gluͤcke eine Woh⸗ nung einzurichten. Er hatte mit dem Hotel der Straße —-— 22— de Varennes begonnen, wo er Alles umgewandelt hatte. Er war ſo gluͤcklich, die Vergangenheit zu zerſtoͤren, um die Zukunft aufzubauen! Die Zeit genuͤgte ihm nicht, um Alles zu ſehen, Alles zu billigen, Alles zu waͤhlen und Alles zu kaufen; von ſeiner Mutter aufgemuntert, unterhielt ſein großes Vermoͤgen die Heiterkeit und die Taͤuſchungen ſeiner Seele, indem es ihm geſtattete, alle ſeine Launen zu befriedigen. Moritz hatte aus ihm die reizende Villa gemacht, die wir geſehn haben, ſo daß von drei Jahren der Ehe, zwei und ein halbes in Rei⸗ ſen, in Bauten und in Gluͤckſeligkeit verfloſſen waren, ohne daß auch nur das geringſte Woͤlkchen den reinen und faſt glaͤnzenden Himmel ihres ehelichen Horizontes verfinſtert haͤtte. Klotilde war vollkommen gluͤcklich. Beſonders waͤh⸗ rend der letzten verfloſſenen ſechs Monate hatte ſich Mo⸗ ritz Aufmerkſamkeit, wo nicht ſeine Liebe, fuͤr ſie zu verdoppeln geſchienen. Seine Ausgaͤnge waren freilich haͤufiger, aber bei jedem Nachhauſekommen brachte er ihr irgend eine Chineſiſche Spielerei von Gausberg, ir⸗ gend eine allerliebſte bei Suſſe gekaufte Aquarelle, ir⸗ gend einen von Marls erſonnenen wundervollen Schmuck mit. Außerdem fehlten die Vorwaͤnde nicht. Man mußte bei Lord S.. fechten, man war in Couvray bei dem Grafen von L... zur Jagd eingeladen, man hatte in dem Kaffee Paris ein Herrn⸗Eſſen mit dem Herzoge von G... oder dem Grafen von B.. 3z dann kam der uͤber Alles gehende Jockey⸗Club, dieſe ewige und wundervolle Entſchuldigung der Geliebten, — 43— die ſich losmachen, oder der Gatten, die ſich langwei⸗ len. Klotilde nahm alle dieſe Entſchuldigungen an, die ſie ſelbſt nicht einmal verlangte. Ihr Leben floß ruhig, friedfertig, einfoͤrmig, ohne Traurigkeit und ohne Auf⸗ regung, ohne Argwohn und ohne Langeweile dahin. War nicht ihr Gatte, wenn man in Geſellſchaft gehen mußte, immer da, um ſie hinzufuͤhren? Und ſchien er in den Geſellſchaften nicht immer derſelbe Moritz, den ſie galant und zuvorkommend gekannt hatte? Alle Frauen ihrer Umgebung beneideten ſie, indem ſie ſie ſo ſchoͤn ſahen, und ſie fuͤr ſo geliebt hielten. Kam nicht Frau von Neuilly, ihre Baſe, die grauſamſte und die un⸗ barmherzigſte Verraͤtherin aller dieſer kleinen Geheim⸗ niſſe, welche das Herz einer Frau martern, alle vier⸗ zehn Tage zu ihr, ohne jemals Gelegenheit gefunden zu haben, ihr ein ſchlechtes Betragen ihres Gatten anzu⸗ geben! Klotilde war demnach, wie wir bemerkt, voll⸗ kommen gluͤcklich. Frau von Barthole ihrer Seits ſah den Grafen von Montgiroux nicht ein Mal, ohne daß ſie ſich mit ihm Gluͤck uͤber den weiſen Entſchluß wuͤnſchte, daß ſie die beiden jungen Leute mit einander verheirathet haͤtten. Man war alſo zu dieſem Punkte haͤuslicher Gluͤck⸗ ſeligkeit gelangt, von der man fuͤhlte, daß ſie nicht mehr wachſen koͤnnte, als man von einem Tage bis zum anderen Morgen eine ungeheure Veraͤnderung in Mori Character gewahr wurde. Er wurde tieffinnig, dann ſchwermuͤthig; hierauf verfiel er in eine tiefe Hinfaͤlli — 44— keit, die er nicht einmal zu bekaͤmpfen verſuchte, und die weder die Pflege ſeiner Mutter, noch die Liebkoſun⸗ gen ſeiner Frau zu zerſtreuen vermogten. Bald gab die⸗ ſer Zuſtand von Erſchlaffung zu ziemlich lebhaften Be⸗ ſorgniſſen Veranlaſſung, ſo daß man einen Arzt holen ließ. Der Arzt ſah auf den erſten Blick in dieſer Krank⸗ heit alle die Gefahr, welche in Krankheiten beſteht, von denen der Kranke nicht geheilt ſein will. Er verhehlte Frau von Barthele durchaus nicht, daß ein heftiges moraliſches Leiden die Urſache dieſer Krankheit waͤre. Frau von Barthele befragte den Baron von Barthele, den Mann von Welt, wie ſie Moritz, den Schuͤler, be⸗ fragt haͤtte, indem ſie wie alle Muͤtter glaubte, daß ihre Kinder kein Geheimniß vor ihnen haben duͤrften; aber zum großen Erſtaunen der Baronin hatte Moritz ſein Ge⸗ heimniß bewahrt, indem er dabei freilich immerhin leug⸗ nete, daß dieſes Geheimniß beſtehe. Endlich war er zu dem Punkte gelangt, daß ſein Zuſtand die ernſten Beſorg⸗ niſſe veranlaßte, welche wir die Frau von Bartheèle am Anfange dieſer Geſchichte dem Grafen von Montgiroux haben ausdruͤcken hoͤren, Beſorgniſſe, welche, wir ſind gezwungen es zu geſtehen, der ernſte Pair von Frank⸗ reich vielleicht nicht mit all der Sympathie getheilt hatte, welche ihm gleichwohl die geheimen Bande geboten, die ihn mit der Familie vereinten. 5 2 — 45— III. 1 2„. 1 In der That, ſeit ſeiner Ankunft in Fontenay⸗aux⸗ 3 Roſes, und der von Frau von Barthele an ihn gerich⸗ 2 teten Bitte, ihr ſeinen ganzen Tag und den Vormittag m des folgenden zu widmen, ſchien der Graf in ſeinem . Inneren ſehr mit Etwas beſchaͤftigt. Freilich konnte 3 Moritz Krankheit eben ſo gut, als eine fremde Urſache, r ihn in dieſen Tiefſinn verſenkt haben, aber das nur in 6 d fremden Augen, und es war augenſcheinlich, daß dieſer 4 „ Tiefſinn, der Frau von Barthéle nicht gaͤnzlich entgan⸗ gen war, ihr ohne den perſoͤnlichen Tiefſinn, in den ſie de ſelbſt verſunken war, noch bei Weitem ſichtbarer geweſen 4 waͤre. In dem Salon angelangt, ließ ſie demnach den 3 Grafen ſich ſetzen, und auf die muͤtterlichen Beſorg⸗ niſſe zuruͤckkommend, die ſich fuͤr den Augenblick ih⸗ res Geiſtes bemaͤchtigt hatten, ohne indeſſen den ihr an⸗ — 46— geborenen Leichtſinn gaͤnzlich aus ihm verſcheuchen zu koͤnnen, fuhr ſie fort: — Ich ſagte Ihnen alſo, mein Freund, daß Klo⸗ tild ein Engel iſt. Wir haben wahrhaft gut gethan, dieſe Kinder mit einander zu verheirathen. Wenn Sie wuͤßten, welche ruͤhrende Pflege ſie ihrem Gatten ange⸗ deihen laͤßt! Und er, unſer Moritz, wie geruͤhrt er uͤber dieſe Pflege iſt! Wie ſeine Stimme bewegt iſt, wenn er ihr dankt! Mit welchem tiefen Ausdruck er, ihre beiden Haͤnde in die ſeinigen ſchließend, zu ihr ſagt: Gute Klotilde, ich betruͤbe Sie, verzeihen Sie mir!... O! Jetzt ſind dieſe Worte, die er beſtaͤndig wiederholte, erklaͤrt; wir wiſſen, fuͤr welches Vergehen dieſe Verzei⸗ hung iſt, um die er bat. — Aber ich, erwiderte Herr von Montgiroux, ich weiß von gar Nichts, um da Sie mich haben bleiben laſſen, um mir die Sache mitzutheilen, ſo hoffe ich, theure Freundin, daß Sie Ihre Gemuͤthsbewegungen be⸗ herrſchen und ein wenig Ordnung in ihre Gedanken brin⸗ gen werden, damit ich ihnen bis ans Ende folgen kann. — Ja, Sie haben Recht, erwiderte Frau von Barthele; ich will gerade auf die Sache eingehen. Hoͤ⸗ ren Sie mich demnach an. Die Anempfehlung war eben ſo nutzlos, als das Verſprechen laͤcherlich war. In der That war Frau von Barthèle, wie man bis jetzt hat bemerken koͤnnen, von dem Him⸗ mel mit einem vortrefflichen Herzen, aber mit einem 2Bß N — 47— ſo wenig methodiſchen Verſtande, als man ihn nur finden konnte, begabt. Ihre Unterhaltung, außer⸗ dem voller Feinheit und Originalitaͤt, pflegte von ei⸗ ner Sache auf die andere uͤberzuſpringen, und ge⸗ langte nur durch Tauſend Abweichungen an ihr Ziel, wenn ſie jedenfalls dahin gelangte. Ihre Zuhoͤrer muß⸗ ten ſich darin ergeben, ſie auf den verſchiedenen Boden hin zu verfolgen, wohin ſie ſich verſetzte. Ihr Gang war der des Springers im Schachſpiele; Diejenigen, welche ſie kannten, fanden ſie immer wieder, oder noͤ⸗ thigten ſie vielmehr, ſich wieder zu finden; Diejenigen aber, welche ſie zum erſten Male ſahen, knuͤpften mit ihr eine oft unterbrochene Unterhaltung an, auf welche die Ermuͤdung ſie bald zu verzichten noͤthigte. Uebrigens, eine vortreffliche Frau, ruͤhmte man wirkliche Vorzuͤge von ihr, die in einer Welt ziemlich ſelten ſind, in wel⸗ cher man ſich mit dem Scheine dieſer Vorzuͤge begnuͤgt. Dieſer Mangel an Zuſammenhang in den Ideen, wel⸗ chen wir ihr ſo eben zum Vorwurfe gemacht, verlieh uͤbrigens ihrer Unterhaltung etwas Unvorhergeſehnes, das Denjenigen nicht unangenehm war, die, wie Herr von Montgiroux, keine Eile hatten, an das andere Ende dieſer Unterhaltung zu gelangen. Sie war ein ungeſtüͤ⸗ mes und offenherziges Weſen, deſſen Offenherzigkeit und Ungeſtuͤm den Zauber der Treuherzigkeit bewahrt hatte. Das, was ſie dachte, entſchluͤpfte ihrem Munde, wie ein zu ſehr mit Gas geſchwaͤngerter Wein der Flaſche entſprudelt, wenn man ſie entkorkt, inzwiſchen, beeilen wir uns es zu ſagen, nahm die Erziehung der großen — 48— Welt, die Gewohnheit der vornehmen Geſellſchaft, die⸗ ſen angeborenen Tugenden, ben, wo nicht ein Fehler, die zum Uebermaße getrie⸗ doch eine Unannehmlichkeit werden koͤnnen, Alles, was ſie Hartes und Regelloſes haben mogten. Die Falſchheit der durch die Tonleiter der Lebensart gelehrten Schicklichkeiten erianerten ſie raſch an das allgemeine Maß, an den Tact, an die Gegen⸗ ſaͤtze der geſellſchaftlichen Harmonie, und Frau von Bar⸗ thele ließ ſich immer nur durch Dinge ohne Wichtigkeit, oder wenn ſie von einem heuchleriſchen oder boͤswilligen Worte getroffen war, zu der Vortrefflichkeit ihres Charakters fortreißen, wenn man ſo ſagen darf. Inconſequent wir eine vornehme Dame, hatte ſie indeſſen in der Stimme, in dem Blicke, in der Haltung die Sicherheit einer in ihrem Salon zu herrſchen und in dem Anderer zu gebieten ge⸗ wohnten Frau, und wenn die Leichtfertigkeit ihrer Ent⸗ ſcheidungen zuweilen gegen die Wichtigkeit des behandel⸗ ten Gegenſtandes abſtach, wenn die Excentricitaͤt ihrer Paradopen die Frage oft aus einem von demjenigen, aus welchen ſie ihn ſelbſt ins Auge faßte, ganz verſchiedenen Geſichtspunkte ins Auge faſſen ließ, ſo fuͤhlte man doch auf dem Grunde deſſen, was von ihr ausging, eine ſo vollkommene Guͤte, eine ſo wohlwollende Abſicht, daß man immer geneigt war, ſich ihrem Willen zu unterwerfen, ſo ſehr war man von der Reinheit des Herzens, das ihn faßte, und von dem Eifer, uͤberwachte, durch drungen. der ſeine Ausfuͤhrung Zu dem Alter gelangt, wo jede Frau von geſundem Verſtande darauf verzichtet, auf eine andere Weiſe, als durch das Wohlwollen ihres — 49— Geiſtes zu gefallen, geſtand ſie ihre zuruͤckgelegten fuͤnf⸗ zig Jahre ein, aber indem ſie mit großer Aufrichtigkeit des Herzens hinzufuͤgte, daß ſie ſich noch eben ſo jung, als bei fuͤnf und zwanzig Jahren faͤnde. Niemand dachte daran, ihr zu widerſprechen. Sie war thaͤtig, friſch, munter; ſie machte die Honneurs beim Thee mit vollkommener Anmuth, und vielleicht mangelte dieſer Herbſtblume in der That nur die Fruͤhlingsſonne. Auf den Gegenſtand, der ihn intereſſirte, durch die Ungeduld des Grafen zuruͤckgebracht, begann Frau von Barthele demnach wieder: — Sie wiſſen, mein lieber Graf, Moritz Leben iſt fuͤr Klotilden und fuͤr mich unſer Leben. Wir haben kein anderes Gluͤck, als das ſeinige, unſere Augen ſehen nur durch ſeine Augen, und all unſere Erinnerungen, wie alle unſere Blicke in die Zukunft ſind fuͤr ihn. Nun, wohlan denn! Sie muͤſſen wiſſen, Sie, den dieſe end⸗ loſe Sitzung an das Luxemburg feſſelt, Sie muͤſſen wiſ⸗ ſen, daß wir ſeit unſerer Ankunft hier Alles in Bewe⸗ gung geſetzt haben, um den Kummer kennen zu lernen, der ſo viele Verwuͤſtungen in dem Herzen unſers armen Moritz anſtellt; denn am Ende werden Sie Sich erin⸗ nern, daß er traurig, tiefſinnig, finſter geworden war. — Ich erinnere mich deſſen vollkommen. Fahren Sie fort, theure Freundin. — Was konnte nun aber dieſe Schwermuth bei ei⸗ nem reichen, jungen, ſchoͤnen, allen andern Maͤnnern uͤberlegenen Manne verurſachen? Und, glauben Sie nicht, Graf, daß die muͤtterliche Liebe mich uͤber dſeſen Punkt Fernande. Erſter Band. — 50— verblendet: Moritz iſt allen jungen Leuten ſeines Alters ſehr uͤberlegen. — Das iſt meine Meinung, wie die Ihrige, ſagte der Graf. Aber dieſes Geheimniß.. — Nun denn! Dieſes Geheimniß, verſtehen Sie? Es war fuͤr uns das Raͤthſel der Sphinx. Inzwiſchen, und waͤhrend wir uns den Kopf zerbrachen, um die Ur⸗ ſache davon zu errathen, machte das Uebel Fortſchritte, ſeine Kraͤfte ſchwanden ſichtlich, und obgleich er keine Klage ausſtieß, obgleich er ſeinen Unmuth unterdruͤckte, ſo war es doch augenſcheinlich, daß er von irgend einer gefaͤhrlichen Krankheit bedrohet war. — Sie werden Sich erinnern, daß ich es ſelbſt be⸗ merkte! Aber fahren Sie fort! — In der That, wir ſind auf Ihren Rath auf das Land gegangen. Wir hatten anfangs gefuͤrchtet, daß er ſich weigern moͤgte, Paris zu verlaſſen; aber wir irrten uns, der arme junge Mann machte keine Schwierigkeiten, er ließ ſich wie ein Kind leiten; nur ſchloß er ſich, als wir hier ankamen, trotz allen den Er⸗ innerungen, die ihm dieſes Haus zuruͤckrufen mußte, in ſein Zimmer ein, und am folgenden Tage war er genoͤ⸗ thigt, das Bett zu huͤten. 3 — Ich wußte nicht, daß die Sache ſo gefaͤhrlich waͤre, ſagte der Graf. — Das iſt nicht Alles, das Uebel begann von nun an entſetzliche Fortſchritte zu machen. Wir ließen ſeinen Freund Gaſton, dieſen jungen Arzt, den Sie kennen⸗ holen. — “ 4 — 51— — Und was ſagte er? — Er unterſuchte ihn zu wiederholten Malen mit großer Aufmerkſamkeit, dann mich bei Seite nehmend, ſagte er zu mir:— Kennen Sie irgend einen Gegen⸗ ſtand großen Kummers bei ihrem Sohne, gnaͤdige Frau? — Sie koͤnnen Sich denken, daß ich ausrief: Moritz einen großen Kummer! Ein Mann in den gluͤcklichſten Verhaͤltniſſen der Erde. Ich fragte ihn demnach, ob er wohl recht uͤberlegt haͤtte, eine ſolche Frage an mich zu richten; aber er beſtand darauf.— Ich kenne Moritz ſeit zehn Jahren, ſagte er; Moritz hat keinen organi⸗ ſchen Fehler, welcher die Krankheit herbeifuͤhren koͤnnte, die er hat, das heißt, eine Gehirnhaut⸗Entzuͤndung; das iſt die Krankheit, die Moritz hat.— Es muß dem⸗ nach bei ihm eine Urſache moraliſcher Uneinigkeit obwal⸗ ten, fuhr er fort, und dieſe Urſache iſt es, die man ſuchen muß. — In dieſem Falle befragen Sie ihn ſelbſt, rief der Graf aus. — Ich habe es gethan, aber er beharrt darauf mir zu ſagen, daß er Nichts habe, und daß ſeine Krankheit eine natuͤrliche Krankheit ſei. — Dann will ich ihn ſelbſt beſuchen, ſagte Herr von Montgiroux, und ich werde von ihm zu erlangen trachten.. — Um was ich, ſeine Mutter, ihn vergebens befragt habe, nicht wahr? Außerdem iſt es unnoͤthig, da wir es jetzt wiſſen. 4* — Sie wiſſen es? Aber dann ſagen Sie es mirz fangen Sie doch damit an. — Erlauben Sie mir, Ihnen bemerklich zu machen, mein lieber Graf, daß Sie nicht die geringſte Methode in den Begriffen haben. — Ich ergebe mich, Baronin, fahren Sie fort, ſagte Herr von Montgiroux, indem er ſich wieder ſeiner ganzen Laͤnge nach auf ſeinen Divan zuruͤckwarf, ſein rechtes Bein auf das linke ausſtreckte, und ſeine Augen auf die Decke heftete. — Die Krankheit fuhr fort, entſetzliche Fortſchritte zu machen, ſo daß wir geſtern ganz beſtuͤrzt waren;z Moritz hoͤrte uns nicht mehr, ſah uns nicht mehr, ſprach nicht mehr mit uns; der Doctor wußte ſich nicht mehr zu helfen, Klotilde und ich ſahen einander entſetzt an. Siehe da, da trat ploͤtzlich ein unbeſonnener Bediente .. O mein Gott! Seine Unheſonnenheit iſt es, die uns Alle gerettet hat! Graf, es giebt wirklich ſeltſame Zufaͤlle, und Derjenige, welcher von dort oben aus Al⸗ les leitet, muß ſich oft unſerer angeblichen Weisheit er⸗ barmen. — Nun, dieſer Bediente? beeilte ſich der Graf mit einem ſchlecht verhehlten Ungeſtuͤm zu fragen, indem er haſtig ſeinen Kopf nach der Seite der Frau von Bar⸗ thele umwandte. — Er trat in das Zimmer des Kranken, und ohne, da man die Vorhaͤnge zugezogen hatte, um das Ein⸗ dringen des Tageslichts zu hemmen, die Zeichen zu ſe⸗ hen, die wir ihm machten, damit er ſchweigen ſollte, — — 53— meldete er... Ich haͤtte gewuͤnſcht, dieſen Bedienten fortjagen zu koͤnnen. — Er meldete?... begann der Graf wieder, ent⸗ ſchloſſen, die Unterhaltung bis ans Ende im Zuͤgel zu halten. — Er meldete zwei Freunde meines Sohnes, Leon von Vaux und Fabian von Rieule. Ich glaube, Sie kennen ſie? — Selbſt unter ziemlich traurigen Beziehungen, ant⸗ wortete der Graf, ſeinen Entſchluß, ſich nicht von der graden Linie zu entfernen, vergeſſend; zwei junge Tho⸗ ren, zwei ſchlechte Subjecte, die ſchlechte Geſellſchaften beſuchen. Wenn ich, wie Sie, einigen Einfluß auf Mo⸗ ritz haͤtte, ſo erklaͤre ich Ihnen, daß ich ihn dieſe beiden Herrn nicht ſehen laſſen wuͤrde. — Wie, ich, mein lieber Graf, Sie verlangen, daß ch einen ſiebenundzwanzigjaͤhrigen jungen Mann in den Bekanntſchaften leite, die er machen ſoll? Zudvoͤrderſt ſind Leon und Fabian fuͤr Moritz keine Bekanntſchaf⸗ ten von geſtern, es ſind Freunde von ſechs bis acht Jahren. — Dann, fuhr Herr von Montgiroux mit einer uͤblen Laune, deren Ausbruch Nichts begruͤndete, fort, verwundere ich mich nicht uͤber den traurigen Zuſtand, in den ſich Moritz verſetzt befindet. O mein Gott! Ich will Ihnen dieſes Geheimniß ſagen, wenn Sie wollen. — Aber nein, Sie koͤnnen Nichts ſagen, Sie wiſ⸗ ſen Nichts, Sie ſind ungerecht gegen dieſe jungen Leute, — 54— weil ſie jung, und wir alt ſind, weiter Nichts. Sie ſind auch jung geweſen, mein lieber Graf, und Sie haben gethan, was ſie thun. — Niemals! Dieſer Herr Fabian von Rieule iſt ein junger Mann, der mit ſeinen Liebes⸗Abenteuern prahlt, der nicht allein verfuͤhrt, ſondern auch noch entehrt. Was ſeinen Freund anbelangt, ſo iſt er ein Kind, dem ich nur wie ſeinem Freunde vorwerfe, ſchlechte Geſellſchaften zu beſuchen. — Schlechte Geſellſchaften, ſchlechte Geſellſchaften, erwiderte die Baronin, noch ein Mal Hundert Meilen weit von dem Gegenſtande ihrer Unterhaltung abge⸗ zogen. — Ja, ſchlechte Geſellſchaften, ich wiederhole es, und ich bin uͤberzeugt davon, erwiderte der Graf, deſ⸗ ſen gewoͤhnliche und berechnete Ruhe wider ſeinen Wil⸗ len einer fieberhaften Aufregung wich, welche Frau vo+ Barthele nicht entging. — Ich hoffe, der Beweis liegt nicht darin, daß Sie ſie dort antreffen, wo ſie hingehen, ſagte die Baronin auf eine gereizte Weiſe. Der Graf biß ſich unwillküͤrlich angeregt in die Lip⸗ pen, wie es ein Miniſter macht, der ſich im Eifer der Rede hinreißen laͤßt, irgend eine gefaͤhrliche Wahrheit zu ſagen; aber ſogleich gewann ſeine Kaltbluͤtigkeit als Pair von Frankreich die Oberhand, und er antwortete laͤchelnd: — Ich, gnaͤdige Frau? Sie vergeſſen, daß ich ſech⸗ zig Jahr alt bin! 4 1 — 55— — Man iſt mit jedem Alter jung, mein Herr. — Mit meinem Charakter? — Sie waren in Grandvaux, mein Herr, und jetzt, wo ich daran denke, laſſen Sie hoͤren, welches Intereſſe haben Sie, dieſe beiden armen jungen Leute anzuklagen, die ich ſehr liebenswuͤrdig finde? — Welches Intereſſe? Sie fragen es? erwiderte der Graf auf ſentimentale Weiſe, wo Moritz ſterbend, und der Zuſtand, in welchem er ſich befindet, vielleicht von dem boͤſen Beiſpiele herruͤhrt, das ſie ihm gegeben! — Ah! Sie haben Recht, lieber Freund, und das iſt ein Beweggrund, der Ihre ganze Voreingenommen⸗ heit entſchuldigt. Aber worauf begruͤnden Sie dieſe Vor⸗ eingenommenheit? Laſſen Sie hoͤren, denn wenn ſie ver⸗ nunf ig iſt, ſo werde ich ſie theilen. 8— Dieſe beiden jungen Leute gehoͤren ausgezeichne⸗ ten Familien an, ſagte der Graf, gezwungen eine Er⸗ klaͤrung zu geben, obgleich die Fabians ſich von geſtern herſchreibt. — Adel des Kaiſerreiches, nicht wahr? ſagte Frau von Barthele, veraͤchtlich die Lippen ſpitzend, Kanonen⸗ Adel, der in Dampf davon fliegt.. — Nicht einmal, nicht einmal, rief der Graf aus, entzuͤckt, daß Frau von Barthele ihm dieſe neue Gelegenheit bot, uͤber Fabian herzufallen, welcher der ganz beſondere Gegenſtand ſeines Haſſes ſchien; Fou⸗ rage⸗Adel, Krippen⸗Baronie. Sein Vater war erſter Magazin⸗Verwalter, ich weiß nicht von was. — Aber Alles das liegt außer den Beſchuldigungen, —. 56— welche Sie gegen dieſe jungen Leute richten, mein lie⸗ ber Graf, und taͤglich druͤcken Sie in der Kammer Leu⸗ ten die Hand, die von noch weit niedrigerem Urſprunge ſind und die noch gan ndere Dinge, als Stroh und Heu verkauft haben. — Wohlan denn! Da ich es ſagen muß, ich weiß, daß Herr Fabian ſehr unpaſſende Dinge in Bezug auf eine junge und hbbſche Frau verſucht. — Die Sie kennen? ſagte Frau von Barthele ge⸗ reizt. — Keineswegs; aber ich kenne einen Ehrenmann, der ſich fuͤr dieſe Frau intereſſirt und den die Bewerbun⸗ gen dieſer Herren ſehr plagen. — und dieſer Ehrenmann, Sie nennen ihn? — Es waͤre ein Verrath, auf Ihre Frage wene worten, theure Baronin, erwiderte der Graf auswei chend; denn dieſer Ehrenmann... — Iſt verheirathet? fragte Frau von Barthéle. — Beinahe, antwortete Herr von Montgiroux. — Schoͤn, ſagte die Baronin, indem ſie die Arme uͤber einander ſchlug und einen ſpoͤttiſchen Blick auf den Grafen richtete. Schoͤn, das kann den Verleumdern der Pairs zur Antwort dienen. Wahrlich, unſere Staatsmaͤnner ſind hohe Faͤhigkeiten, da ſie in ihrem umfaſſenden Verſtande einen kleinen Boudoir⸗ Scandal mit wichtigen darlamentariſchen Fragen vereinigen koͤnnen. Herr ven Wantgiur ſah das Gewitter, das aus⸗ zubrechen im Begriffe ſtand, voraus, und beeilte ſich, einen Zug von Gefuͤhl als Blitzableiter aufzuſtellen. — 57— — Theure Baronin, ſagte er, Sie vergeſſen, daß es ſich um unſern lieben Moritz und um nichts Anderes handelt. Bei dieſem Ausrufe ſchmolz das Herz der Baronin, und die Geliebte wurde wieder Mutter. — Wenn ich eiferſuͤchtig waͤre, ſagte ſie, indem ſie inzwiſchen nicht ſo ploͤtzlich mit dem von ihr gefaßten Argwohne brechen konnte, ſo wuͤrde ich glauben, daß Sie nicht ſo unparteiiſch in der Meinung waͤren, welche Sie uͤber dieſe beiden jungen Leute aufgeſtellt haben; aber ich bin großmuͤthig, und außerdem geſtehe ich Ih⸗ nen, daß mein Herz in dieſem Augenblicke ganz Moritz angehoͤrt. Mein Sohn hoͤrte alſo Leon von Vaux und Fabian von Rieule nennen, obgleich er Nichts mehr zu hoͤren ſchien, er ſah die Bewegung, welche ich machte, obgleich er Nichts mehr zu ſehen ſchien, und in dem Augenblicke, wo wir ihn eingeſchlafen glaubten, wandte er ſich um, um zu befehlen, daß man ſie eintreten ließe.— — Wie es ſcheint, hatte ihr Name eine Revolution hervorgebracht, ſagte der Graf auf ernſte Weiſe. — Ganz recht, und das ſoͤhnt mich ein Wenig mit ihnen aus. — Die Revolutionen ſind electriſche Erſchuͤtterungen, welches Alles bis auf die Leichen galvaniſiren, rief der Pair von Frankreich gerade ſo aus, als ob er in der Kammer geweſen waͤre. Dann ploͤtzlich mit der parlamentariſchen Ruhe ei⸗ nes Redners inne haltend, den der Praͤſident zur Ord⸗ — 58— nung gerufen hat, huͤllte er ſich in ſeine Wuͤrde, indem er bloß folgende Worte fallen ließ: — Fahren Sie fort, theure Freundin, ich hoͤre Ih⸗ nen zu. — Moritz befahl demnach, daß man ſie eintreten ließe; ich blickte den Doctor an, er machte mir ein be⸗ jahendes Zeichen; als ich hierauf Moritz Befehl wieder⸗ holt hatte, neigte er ſich an mein Ohr: Schoͤn, das iſt eine gute Gemuͤthsbewegung, laſſen wir ihn mit ſei⸗ nen Freunden allein; vielleicht mehr, als Sie ſelbſt mit ſeinem Leben bekannt, kennen ſie das Geheimniß, wel⸗ ches er uns verbirgt. Wir werden ſie beim Fortgehn befragen.— Ich nahm Klotilde bei der Hand, und wir zogen uns in das kleine Kabinet zur Seite zuruͤck. Der Doctor folgte uns und ſchloß die Thuͤre. Im ſelben Augenblicke fuͤhrte man dieſe Herren zu dem Kranken ein. Finden Sie jetzt nicht, mein lieber Herr Gaſton, ſagte ich zu dem Doctor, daß wir zu mehrerer Sicher⸗ heit nicht uͤbel thun wuͤrden, die Unterhaltung dieſer Herren zu behorchen?— In Betracht der Wichtigkeit des Umſtandes, antwortete der Doctor, glaube ich, daß wir uns dieſe kleine Unbeſcheidenheit wohl erlauben koͤn⸗ nen. Sind Sie der Meinung des Doctors, mein lie⸗ ber Graf? — Gewiß, denn ich ſetze voraus, daß Moritz Ge⸗ heimniß kein Staatsgeheimniß iſt. 3 — Wir verließen demnach das Kabinet und kehrten zuruͤck, um uns hinter die kleine Thuͤre des Alkovens — 82 6 8 8 2 u u Kdu N — 59— zu verſtecken, welche, dem Bette naͤher, uns beſſer zu hoͤren geſtattete. — Und meine Nichte war bei ihnen? fragte der Graf. — Ja. Ich wollte ſie entfernen, aber ſie druͤckte mir die Hand.— Er iſt mein Gatte, ſagte ſie, wie er Ihr Sohn iſt; laſſen Sie mich demnach mit Ihnen horchen, und ſein Sie unbeſorgt, welches das Geheim⸗ niß auch ſein mag, ich werde ſtark ſein.— Zu gleicher Zeit nahm ſie meine Hand, und wir horchten. — Fahren Sie fort, Baronin, fahren Sie fort, ſagte der Graf, denn wahrhaftig, Ihre Geſchichte hat alle Unwahrſcheinlichkeit, aber auch alles Intereſſe eines Romanes. — Ei mein Gott, rief Frau von Barthele aus, indem ſie die Gelegenheit benutzte, um nach ihrer Ge⸗ wohnheit auf einen anderen Gegenſtand uͤberzuſpringen, ſcheint nicht Alles, was heut zu Tage vorgeht, unglaub⸗ lich? Und wenn man uns vor zwanzig Jahren das erzaͤhlt haͤtte, was wir taͤglich ſehen, worauf wir mit jedem Augenblicke ſtoßen, ſagen Sie, haͤtten Sie da nicht uͤber Unmoͤglichkeit geſchrieen? — Ja, aber ſeit zwanzig Jahren bin ich ſo ſehr von meiner Unglaͤubigkeit zuruͤckgekommen, ſagte der Graf, daß ich jetzt den Fehler habe, in das Uebermaß des Gegentheiles zu verfallen. Fahren Sie demnach fort, theure Freundin, denn ich bin auf das Hoͤchſte geſpannt, die Entwickelung dieſes Auftrittes kennen zu lernen. — 60— — Nun denn! Als wir zu horchen begannen, hatte, wegen der Zeit, die wir verloren, um die Runde des Zimmers zu machen, und wegen der Vorſichtsmaßregeln, die wir genoͤthigt geweſen waren anzuwenden, um nicht gehoͤrt zu werden, die Unterhaltung bereits begonnen, und Leon von Vaup verſpottete Moritz in einem ſo ſpaßhaften Tone, daß ich beinahe die Geduld daruͤber verlor. 1 — Was willſt Du? ſagte Fabian. Er iſt naͤrriſch! — Das kann ſein, ſagte Moritz, aber dem iſt ſo. Ich glaube, dieſe Frau iſt die einzige, welche ich wahr⸗ haft geliebt habe, und als ich mit ihr gebrochen, hat es mir geſchienen, als ob Etwas in mir gebrochen waͤre. — Aber, mein Lieber, ſagte Fabian, ich habe ſie auch ſehr geliebt. Bei Gott! Wir haben ſie Alle geliebt. Als Du mir aber in ihrer Gunſt nachgefolgt biſt, bin ich darum nicht geſtorben. Im Gegentheile habe ich ſie gebeten, einer ihrer Freunde zu bleiben, und ich gehoͤre zu ihren beſten. — Sie begreifen die Lage der armen Klotilde waͤh⸗ rend dieſer Zeit, ſagte die Baronin. Ich fuͤhlte ihre Hand feucht werden, dann ſich in der meinigen zuſam⸗ menziehn. Ich blickte ſie an, ſie war bleich wie der Tod. Ich gab ihr ein Zeichen, ſich zu entfernen, aber ſie ſchuͤttelte den Kopf, indem ſie einen Finger auf den Mund legte. Wir fuhren demnach fort zu horchen. — Wenn Du die Sache wie ich genommen haͤtteſt, mein Lieber, fuhr Fabian fort, und wie ſie hoffentlich, 8 — 61— wenn die Reihe an ihn kommt, Leon nehmen wird, ſo wuͤrdeſt Du, wie ich, der Freund des Hauſes geblieben ſein. — Unmoͤglich, rief Moritz aus, unmoͤglich! Nach⸗ dem ich dieſe Frau beſeſſen, haͤtte ich ſie nicht gleichguͤl⸗ tig in die Arme eines Andern uͤbergehen ſehen koͤnnen. Ich haͤtte dieſen Andern, wer er auch ſein mogte, um⸗ gebracht. — Ha! Das waͤre ſchoͤn geweſen, ein Duell wegen dieſes Geſchoͤpfes! antwortete Fabian. — Aber von welcher Frau ſprachen ſie denn? rief Herr von Montgiroux aus. — Das weiß ich nicht, erwiderte die Baronin, ſei es nun Zufall, oder ſei es Vorſicht, ihr Name wurde nicht ein einziges Mal ausgeſprochen. — Eine andere Frau, als die ſeinige! Moritz liebt eine andere Frau, als meine Nichte! fuhr der Graf fort, und Klotilde weiß von dieſer Liebe! Und Sie ſind nicht empoͤrt, Baronin? — Ei, Herr Sittenprediger, iſt man etwa Herr ſeines Herzens? Die Liebe iſt eine Krankheit, die uns befaͤllt, man weiß nicht wie, und die wieder verſchwin⸗ det, man weiß nicht warum. — Ja, aber es iſt unmoͤglich, daß Moritz vor Liebe krank ſei. — Er iſt es inzwiſchen. Sehen Sie, fragen Sie vielmehr den Doctor, der da kommt. — Wie, Doctor? rief Herr von Montgiroux aus, als er den jungen Arzt anblickte, der auf Klotildens — 62— Aufforderung zu ihnen kam; wie, Sie glauben wirklich, daß die Urſache der Krankheit meines Neffen in einer Liebſchaft laͤge? 3 — Nein, Herr Graf, erwiderte der Doctor, nicht in einer Liebſchaft, ſondern in einer Leidenſchaft. — Aber empfindet man eine wahre Leidenſchaft fuͤr eine Frau, die deren ſo unwuͤrdig ſcheint, als die, von welcher Frau von Barthsle ſpricht? — Es giebt ſein und ſcheinen, ſagte der Doctor. — Nach Ihrer Anſicht iſt diefe Frau alſo nicht ſo, wie man ſie ſchildert? — Zuvoͤrderſt kenne ich ſie nicht, ſagte der Doctor, und wir wiſſen noch nicht einmal, von wem die Rede iſt. Aber, wie Sie wiſſen, ſcheint Herr von Rieule, oder gilt zum Mindeſten dafuͤr, ſehr leichtfertig in Bezug auf den Ruf von Frauen zu ſein. — Das Alles iſt nicht das, was mich verwundert, ſagte Frau von Barthele. — Und was verwundert Sie denn? — Was mich verwundert, iſt, daß eine Frau, welche es auch ſein moͤge, die von einem ſchoͤnen, rei⸗ chen, eleganten, wohlgebauten Manne, wie Moritz, geliebt iſt, ihn wegen irgend eines Mannes, welcher es auch auf der Welt ſein moͤge, betruͤgen koͤnne. Daus verwundert mich, und das veranlaßt mich zu glauben, daß dieſe Frau ſeiner unwuͤrdig iſt. — Aber wahrhaftig, meine liebe Baronin, Sie ſprechen, als ob Moritz immer noch ledig waͤre. Den⸗ ken Sie doch an Klotilden! —— — Ah! Klotilde iſt erhaben an Aufopferung gewe⸗ ſen, nicht wahr, Doctor? Die hat ſich mit den Wor⸗ ten in meine Arme geworfen! O.! Wir werden ihn ret⸗ ten, nicht wahr, wir werden ihn retten? Das kommt daher, ſehen Sie, weil die Frauen allein zu lieben ver⸗ ſtehen. 3 — Vor Liebe krank! begann der Graf wieder, der von ſeinem Erſtaunen noch nicht wieder zu ſich kommen konnte. — Ja, vor Liebe krank, wiederholte Frau von Barthole mit einer Art von halb ernſtem, halb komiſchem Entzuͤckens. Was liegt darin Erſtaunungswuͤrdiges? Giebt es nicht taͤglich Leute, die ſich eine Kugel durch den Kopf jagen, oder ſich ins Waſſer ſtuͤrzen, weil ſie verliebt ſind? Und ſehen Sie, der Vetter dieſes Herrn, wie nennen Sie ihn doch? Der, wie Sie wohl wiſſen, immer Miniſter von Etwas iſt, hat er ſich nicht in ein Frauenzimmer vom Theater verliebt? Helfen Sie mir doch, Sie wiſſen wohl, was ich ſagen will, ein Geſand⸗ ter; ſo, daß er daran geſtorben iſt, oder ſie geheira⸗ thet hat, ich erinnere mich nicht mehr recht. — Ungluͤcklicher Weiſe, erwiderte der Graf mit einem trockenen Tone, kann Moritz nicht heirathen, weil er bereits verheirathet iſt. Er hat demnach, wenn ſeine Leidenſchaft eben ſo heftig iſt, als die der von Ihnen angefuͤhrten Perſon, nur noch ſein Teſtament zu machen und an der Auszehrung zu ſterben, wie ein Schaͤfer der Aſtraͤag oder... — Das iſt es alſo, was Sie fuͤr Moritz thun —— — 64,— wuͤrden, Sie, mein Herr, fuͤr Ihren?... Ein Blick des Grafen hielt ſie zuruͤck.— Nun denn! Wir werden mehr thun, ſeine Gattin und ich, wir werden ihn retten.. — War zuvoederſt der Zuſtand wirklich ſo bedenk⸗ lich, als Sie ſagen? — Sehr bedenklich, Herr Graf, ſagte der Doctor; ſo bedenklich, daß ich geſtern nicht gewagt haͤtte, fuͤr das Leben des Kranken zu ſtehen. — Aber das iſt unglaublich! — Nein, Herr Graf, Niichts iſt fuͤr uns unglaub⸗ lich, die wir die Arzeneikunde aus dem Geſichtspunkte der Philoſophie anſehn. Warum wollen Sie, daß nicht, beſonders bei einer ſo nervoͤſen Konſtitution, als die von Moritz, eine heftige moraliſche Erſchuͤtterung eine gleiche Zerruͤttung hervorbringen kann, wie der Spitze eines Degens oder der Kugel einer Piſtole? Sie ſagen, daß Sie einige phyſiologiſche Kenntniß haben, mein Herr, treten Sie an ſein Bett, und betrachten Sie ihn; Sie werden ſein Antiitz ſcheckig, die Hornhaut ſeines Auges gelb, ſeinen Puls aufgeregt, kurz alle Symptome einer Gehirnhautentzundung, ſonſt auch Gehirnfieber genannt, ſinden. Nun denn! Dieſes Gehirnfieber hat ſeinen Urſprung in einem heftigen moraliſchen Schmerze, und indem er uͤber die Urſache dieſes Schmerzes ſchwieg, den wir durch jetzt dieſelbe Wirkung, die ihn hervorge⸗ bracht, zu bekaͤmpfen verſuchen werden, haͤtte er ſich eben ſo ſicher getoͤdtet, als wenn er ſich eine Kugel durch den Kopf gejagt haͤtte. — 65— — und welches iſt das Heilmittel, das Sie verſu, chen wollen? — O mein Gott, es iſt nicht neu, Herr Graf, denn es ſchreibt ſich von zwei Tauſend fuͤnf Hundert Jahren her. Sie kennen die Geſchichte der Stratonike und des jungen Antiochos, nicht wahr? — Ja. — Nun denn, wir werden vor dem Kranken den Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft voruͤbergehen laſſen, und da nach dem, was man verſichert, die Dame von keiner ſproͤden Tugend iſt, ſo muͤßten wir ſehr ungluͤcklich ſein, wenn ſie das Uebel, das ſie veranlaßt hat, nicht heilte. — Aber dieſe Frau, dieſe Frau, fuhr Herr von Montgiroux fort, wie heißt ſie? — O mein Gott, erwiderte Frau von Barthäale, ich glaube, daß dieſe Herren es mir geſagt haben, aber ich geſtehe Ihnen, daß ich mich ihres Namens nicht mehr erinnere. — Wie wollen Sie nun dieſe Kur bewerkſtelligen? Nach dem, was Sie mir geſagt haben, iſt Moritz zu ſchwach, um zu ihr zu gehen. — Ei nun! ſagte Frau von Barthäle, ſie wird hier⸗ her kommen. — Wie! Dieſe Frau, deren Namen Sie nicht wiſſen... — Sie mag heißen, wie es ihr gefaͤllt, wenn Sie meinem Sohne nur das Leben wieder giebt, das iſt Alles, was ich von ihr verlange. Fernande. Erſter Band⸗ 5 — 66— — Aber was wird die Welt ſagen, wenn ſie Sie ein Frauenzimmer von dieſer Art in ihrem Hauſe em⸗ pfangen ſieht? — Die Welt mag ſagen, was ſie will! Lieſt außer⸗ dem die Welt die Rezepte der Aerzte, und bekuͤmmert ſie ſich um die Mittel, die in einer beruhigenden Arzenei befindlich ſind? Wir handeln auf Verordmuing des Doc⸗ tors. Wir haben keinen anderen Willen mehr, als den 4 der Wiſſenſchaft. Die Welt wird mir meinen Sohn nicht wiedergeben, mein lieber Graf, und die ſchoͤne Unbekannte wird mir ihn wiedergeben; das iſt es, was auf Alles antwortet. — Aber im Gegentheile, das antwortet auf Nichts, erwiderte der Graf. Noch ein Mal, bedenken Sie, was man denken kann, was man ſagen wird! — Man wird Nichts ſagen, man wird von dem Augenblicke an Nichts denken, wo ich da bin. Ich habe, Gott ſei Dank, einiges Anſehn. Mein Sohn iſt ſterbend, man wird meinen Schmerz ehren. — Die boͤſen Spaßvoͤgel verſchonen Nichts. — Ich werde ihnen Schweigen auferlegen! — Demnach iſt es alſo ein gefaßter Entſchluß? — Unwiderruflich. — Und den der Doctor billigt? — Ich billige ihn nicht allein, ſagte dieſer, ſondern ich rathe dazu, und im Nothfalle verordne ich inhn. — Dann habe ich Nichts mehr zu ſagen, erwiderte der Graf, als daß man Klotilden entfernen muß. — ungluͤcklicher Weiſe hat ſich Klotilde bereits te — 67— daruͤber ausgeſprochen; ſie willigt in Alles, aber unter der Bedingung, daß ſie bliebe. ¹ — Demnach alſo wird ſich meine Nichte unter dem⸗ ſelben Dache befinden? — Ich befinde mich wohl auch unter demſelhen, mein Herr! — Sprechen wir dann nicht mehr daruͤber, da man immer thun muß, was Sie wollen! Nur ſagen Sie mir, an welchem Tage ſoll dieſe dramatiſche Scene Statt finden? — Zu welchem Ende richten Sie dieſe Frage an mich? — Zu dem Ende, an dieſem Tage in Paris zu bleiben. — Nun denn! Dieſer Tag iſt heute, und ich habe Sie zu keinem anderen Zwecke holen laſſen, als um Sie im Gegentheile bei dieſem wichtigen Umſtande bei uns zu haben. — Aber, gnaͤdige Frau, rief der Graf aus, beden⸗ ken Sie doch, daß es mir unmoͤglich iſt, bei meiner Stellung... verantwortlich, wie ich vor der oͤffent⸗ lichen Meinung bin. — Still, ſagte die Baronin, da kommt Klotilde. In der That oͤffnete gerade in demſelben Augen⸗ blick die junge Frau die Thuͤre des Salons. 5* IV. Klotilde kam, ihrem Oheim zu melden, daß Moritz erwacht ſei, und daß er in das Zimmer des Kranken treten koͤnnte. Herr von Montgiroux warf einen fluͤchti⸗ gen Blick auf ſie. Klotilde war bleich, aber ſie ſchien ruhig und ergeben. Als ſie die geheime Urſache von Moritz Krankheit erfuhren, hatten Frau von Barthole und Klotilde, die Eine in einem erſten Gefuͤhle muͤtterlicher Liebe, die Andere in einer Regung ehelicher Aufregung, den von uns bemerkten Entſchluß gefaßt, einen Entſchluß, den der Doctor in der Strenge ſeiner Pflicht, welche vor allem verlangt, daß der Arzt den Kranken, um welchen Preis es auch ſei, rette, ihnen eingegeben hatte. Die⸗ ſer Entſchluß war die Wirkung eines zu natuͤrlichen und zu rechtmaͤßigen Gefuͤhles, als daß die Eine, wie die — 69— Andere nur einen Augenblick lang an die laͤcherliche Lage dachten, in welche die Anweſenheit einer Frau, die Moritz Geliebte geweſen war, ſie ſtellen wuͤrde. Aber Herr von Montgiroux, der, wie man hat bemerken muͤſſen, nicht der Mann der erſten Eindruͤcke war, hatte ſogleich dasjenige ins Auge gefaßt, was die Zulaſ⸗ ſung einer galanten Frau in dem Hauſe ſeiner Nichte Ungewoͤhnliches und Anſtoͤßiges haͤtte; außerdem beſchaͤf⸗ tigte ihn, ich weiß nicht welche Beſorgniß in Bezug auf dieſe Frau, und ließ ihn wuͤnſchen, beſonders nicht in Gegenwart der Baronin mit ihr zuſammenzutreffen: er hatte demnach fliehen wollen, und ihre alte Herr⸗ ſchaft benutzend, hatte ihn Frau von Barthsèle zuruͤckge⸗ halten. Ein Feind jeden Kampfes, gab der Graf mit einer Art von bangem Zoͤgern nach; eine unbeſtimmte Ahnung ſagte ihm im Stillen, daß er in irgend Etwas bei dieſem ganzen Abenteuer betheiligt zu werden im Begriffe ſtaͤnde, und Frau von Barthele wuͤrde vielleicht ſelbſt eine Offenbarung desjenigen erlangt haben, was in dem Geiſte des edlen Pairs vorging, als Klotilde ihre Unterredung unterbrach, die eine unbedachtſame Waͤrme anzunehmen begann. Sie kam, wie wir geſagt haben, ihrem Oheim zu melden, daß Moritz erwacht ſei, und daß er zu dem Kranken eintreten koͤnnte. Frau von Barthele und Herr von Montgiroux ſtan⸗ den ſogleich auf, und folgten Klotilden. Der Graf ging die Treppe binauf, indem er in ſei⸗ nem Geiſte nachſann, durch welches Mittel er ſich aus — 70— der Verlegenheit ziehen koͤnnte, als ploͤtzlich, ihre Blicke durch ein Fenſter in den Hof richtend, Frau von Bar⸗ thoͤle ausrief: — Ah! Da iſt Herr Fabian von Rieule, wir wer⸗ den gleich etwas Neues erfahren. In der That, Fabian fuhr auf einem Tilbury in den gegenuͤberliegenden Hof. — In dieſem Falle, mein liebes Kind, ſagte der Graf, der unter dem ploͤtzlichen Eindrucke eines Schrek⸗ kens, uͤber den er ſich keine Rechenſchaft abzulegen ver⸗ mogte, ſtehen blieb, kehre zu Deinem Gatten zuruͤck, ich werde in einem Augenblicke bei Dir ſein; aber wie Frau von Barthele draͤngt es mich zu wiſſen, welche Nachricht uns dieſer Herr uͤberbringt. Und er eilte zu der Baronin, um ſie keinen Augen⸗ blick lang mit dem Neuangekommenen allein zu laſſen. Dieſer Neuangekommene, auf den wir gezwungen ſind, einen Augenblick lang die Augen zu richten, waͤh⸗ rend er flink aus ſeinem Tilbury ſpringt und die Stu⸗ fen der Haustreppe hinaufſteigt, indem er die leichten Unordnungen wieder herſtellte, die eine raſche Fahrt in in ſeiner Toilette herbeigefuͤhrt hatte, war ein junger Mann von ſieben und zwanzig bis acht und zwanzig Jahren, ein ſchoͤner Mann, in der ganzen Bedeutung des Wortes, der bei oberflaͤchlicher Betrachtung fuͤr einen Mann von hoͤchſter Eleganz gelten konnte. Er war, wie wir bemerkt, der Freund oder vielmehr der Gefaͤhrte Moritzens, denn wenn wir dieſen Letzteren auftreten zu laſ⸗ ſen haben, werden wir zu zeigen verſuchen, welcher den - 71— gewoͤhnlichen Blicken faſt unerkennbare Unterſchied einen Abgrund zwiſchen dieſen beiden Maͤnnern ſchuf. Ver⸗ moͤge der Eile des Herrn von Montgiroux und ſeiner Bekanntſchaft mit der Oertlichkeit, konnte er durch die eine Thuͤre eintreten, waͤhrend Fabian durch die andere eintrat. — Nun, mein lieber Herr von Rieule, ſagte Mo⸗ ritzens Mutter, was kommen Sie uns mitzutheilen? Re⸗ den Sie, reden Sie raſch. Als aber der junge Mann den Mand oͤffnete, um zu antworten, erblickte er Herrn von Montgiroux. Frau von Barthele wurde gewahr, daß ſich bei dieſem Anblicke ein leichtes Zoͤgern auf Fabians Antlitze malte. — O, das thut Nichts, ſagte ſie, reden Sie, reden Sie, Herr von Montgiroux iſt in dem Kom⸗ plotte! Fabian blickte Herrn von Montgiroux an, und ſein Zoͤgern ſchien ſich in Erſtaunen zu verwandeln. Was den Staatsmann anbelangt, der die Wuͤrde ſeines Cha⸗ rakters nicht compromittiren wollte, ſo begnuͤgte er ſich, eine Bewegung mit dem Kopfe als Zeichen der Zuſtim⸗ mung zu machen. — Nun denn, gnaͤdige Frau, antwortete Fabian, Alles iſt nach Ihren Wuͤnſchen und nach unſeren Hoff⸗ nungen gelungen; die in Rede ſtehende Perſon nimmt die Landpartie an. — Und wann ſoll die Zuſammenkunft Statt finden? fragte Frau von Barthele mit einer Art von Bangig⸗ — 72— keit. Vergeſſen wir nicht, daß jeder Augenblick der Verzoͤgerung Moritzens Leben gefaͤhrden kann. — Die Zuſammenkunft iſt fuͤr heute Morgen ſelbſt verabredet, und in wenig Augenblicken werden wir ohne Zweifel die Perſon ankommen ſehn. Und Fabian warf auf den Grafen einen Blick, um zu ſehen, welche Wirkung die Meldung dieſer bevorſte⸗ henden Ankunft auf ihn hervorbringen wuͤrde, aber der Graf, welcher Zeit gehabt hatte, ſeine Maske als Mann der Politik wieder vorzunehmen, blieb gleichguͤltig. — Sie hat keine Schwierigkeiten gemacht? fragte Frau von Barthsle. — Es iſt nur von einem einfachen Beſuche auf dem Lande die Rede geweſen, antwortete der junge Mann; ein zu verkaufendes Haus iſt der Vorwand geweſen, deſſen ſich Leon de Vaux bedient hat, um die Perſon zu beſtimmen, in ſeiner Geſellſchaft nach Fontenay zu kommen; unter Weges uͤbernimmt er es, ſie vorſichtig darauf vorzubereiten, Ihnen den Dienſt zu erweiſen, welchen Sie von ihr verlangen. — Aber fuͤrchten Sie nicht, daß ſie ſich dann wei⸗ gert, weiter zu gehen? 4 — Wenn ſie die Lage erfahren wird, in welcher ſich Moritz befindet, ſo hoffe ich, daß das Andenken an eine alte Freundſchaft alle anderen Ruͤckſichten uͤber⸗ winden wird. — Ja, und ich hoffe es, wie Sie, ſagte Frau von Barthéle entzuͤckt. — Aber, mein Herr, fragte der Graf mit einer —— ,— 2s — 73— Stimme, die trotz aller Gewalt des Staatsmannes uͤber ſich ſelbſt nicht frei von Gemuͤthsbewegungen war, wie heißt dieſe Perſon, wenns Ihnen gefaͤllig iſt? — Wie! Sie wiſſen nicht, von wem die Rede iſt? fragte Fabian. — Keinesweges! Ich weiß, daß die Rede von einer jungen und huͤbſchen Frau iſt, aber Sie haben ihren Namen noch nicht ausgeſprochen. — Dann iſt er Ihnen unbekannt? — Gaͤnzlich! — Sie heißt Madame Ducoudray, antwortete Fabian von Rieule, indem er ſich mit der groͤßeſten Kaltbluͤtigkeit verbeugte. — Madame Ducoudray? wiederholte Herr von Montgirour mit einem Gefuͤhle ſichtlicher Freude. Ich kenne ſie nicht. Und der Graf athmete wieder auf, wie ein Mann, dem man einen Felſen von der Bruſt nimmt. Die Luft ſchien frei in ſeine Lungen zu dringen, ſeine krampfhaft zuſammengezogenen Zuͤge und ſeine tiefen Runzeln glaͤt⸗ teten ſich wieder, und fielen in ihre gewoͤhnliche Schlaffheit zuruͤck. Fabian folgte auf dem Geſichte des Grafen allen dieſen Symptomen von Zufriedenheit, und er laͤchelte unmerklich. — Meine theure Freundin, ſagte nun zu Frau vo Barthèle Herr von Montgiroux, der, nachdem, wie er ſchien, alles dasjenige erfahren hatte, was er wiſſen wollte, jetzt, wo ich ſo ziemlich der Ankunft unſerer Zauberin gewiß bin, laſſe ich Sie mit Herrn von — — àà0— Rieule plaudern, und gehe wieder zu unſerem Kranken hina uf. — Aber Sie bleiben doch bei uns, nicht wahr? — Da Sie es durchaus wollen, ſo muß ich Ihnen wohl gehorchen; nur ſende ich meine Leute fort. Es iſt wohl verſtanden, daß Sie mir heute Abend Ihre Pferde geben, um nach Paris zu gehen? — Ja, ja, das iſt eine abgemachte Sache. — Schoͤn! Sie erlauben, daß ich ein Wort ſchreibe, damit man mich nicht zum Mittageſſen erwartet? — Schreiben Sie. Der Graf naͤherte ſich einem Tiſche, auf welchem man, fuͤr den Fall des Beduͤrfniſſes, zu Jedermanns Gebrauch eine Lage Fließpapier, Federn, Tinte und Papier ſah. Nun kritzelte er auf ein Blaͤttchen parfuͤ⸗ mirtes Velinpapier folgende Worte: „Auf heute Abend um acht Uhr, in der Oper, meine Allerſchoͤnſte.“ . Hierauf ſiegelte er dieſes Billet, ſchrieb die Adreſſe darauf, indem er dabei einen beſorgten Blick nach der Seite der Frau von Barthele warf, und verließ das Zimmer, um ſeine Befehle zu geben, und, wie er geſagt hatte, zu Moritz hinaufzugehen. Sobald er fortgegangen war, beeilte ſich Frau von Barthele, die ſich ihrer Seits auch weit behaglicher fuͤhlte, den Freund ihres Sohnes zu befragen, mit ihrer gewoͤhnlichen Leichtfertigkeit zu ſagen: — Kurz, wir werden alſo doch dieſe ſchoͤne Ma⸗ — 75— dame Ducoudray ſehen; denn Sie haben mir geſagt, daß ſie ſchoͤn waͤre, nicht wahr? — Mehr als das, ſie iſt liebenswuͤrdig! — Madame Oucoudray, ſagen Sie? — Ja. — Wiſſen Sie, Herr von Rieule, daß dieſer Name wirklich das Anſehn eines Namens hat? — Ei, das kommt daher, weil es in der That einer iſt. — Und es iſt gewiß und wahrhaftig derjenige der Dame? — Es iſt zum Mindeſten derjenige, welchen wir ihr fuͤr dieſen Umſtand geben. Man koͤnnte ſie bei Ihnen antreffen, und auf dieſe Weiſe werden die Sachen zum Mindeſten ein gutes Anſehn haben. Madame Ducou⸗ dray iſt ein Name, der zu Nichts verflichtet; man iſt mit dieſem Namen Alles, was man will. Wie ich Ihnen geſagt, wird ihr Leon unter Weges mittheilen, ſo wohl in welcher Abſicht wir ſie zu Ihnen fuͤhren, als unter welchem Namen ſie Ihnen vorgeſtellt werden ſoll. — Und ihr wahrer Name, welcher iſt er? fragte Frau von Barthele. — Wenn es ihr Familienname iſt, von dem Sie reden, ſo glaube ich, daß ſie ihn niemals Jemandem genannt hat. — Sie werden ſehen, daß es die Tochter irgend eines großen Herrn iſt, die ſich Etwas vergiebt, ſagte lachend Frau von Barthele. — Aber das koͤnnte wohl ſein, ſagte Fabian, — 76— und mehr als ein Mal iſt dieſer Gedanke in mir aufge⸗ ſtiegen. — Demnach frage ich Sie auch nicht um den Na⸗ men, unter welchem ſie in das Wappenbuch von Frank⸗ reich eingeſchrieben iſt, ſondern um den Namen, unter welchem ſie bekannt iſt. — Fernande. — und dieſer Name iſt... bekannt, ſagen Sie? — Sehr bekannt, gnaͤdige Frau... um derjenige der am Meiſten in der Mode ſtehenden Frau von Paris zu ſein. — Wiſſen Sie, daß Sie mich beunruhigen? Wenn Jemand zu uns kaͤme, waͤhrend ſie da waͤre, und dieſe Dame füͤr das, was ſie iſt, erkennen wuͤrde? — Wir haben Ihnen mit der groͤßeſten Offenher⸗ zigkeit geſtanden, gnaͤdige Frau, welches die Stellung der Madame Ducoudray, oder vielmehr Fernandens in der Welt iſt; es iſt noch Zeit, gnaͤdige Frau, alle dem von Ihnen gefuͤrchteten Unpaſſenden zuvorzukommen. Sagen Sie ein Wort, ſo eile ich ihr entgegen, und ſie wird nicht einmal dieſes Schloß zu Geſicht be⸗ kommen. — Sie ſind grauſam, Herr von Rieule! Sie wiſ⸗ ſen wohl, daß ich meinen Sohn retten muß, und daß der Arzt behauptet, daß es nur dieſes Mittel gaͤbe. — Es iſt wahr, gnaͤdige Frau, er hat es geſagt, und erinnern Sie Sich wohl, nur auf dieſe Verſiche⸗ rung hin habe ich Ihnen anzubieten gewagt... — So iſt dieſe Madame Ducoudray, welche ſo ſchreckliche Leidenſchaften einfloͤßt, alſo ſehr liebenswuͤr⸗ dig? — Sie werden bald ſelbſt daruͤber urtheilen. — Und ſie hat Geiſt? — Sie hat den Ruf, die Frau von Paris zu ſein, welche die huͤbſcheſten Witze ſagt. — Weil dieſe Art von Frauen Alles ſagen, was ihnen durch den Kopf faͤhrt; das iſt begreiflich. Und ſie hat hinlaͤngliche Manieren, nicht wahr? — Vollkommene, und ich kenne mehr als eine Frau von dem hoͤchſten Range, welche ſie darum beneidet. — Dann verwundert es mich nicht mehr, daß Mo⸗ ritz ſich in ſie verliebt hat. Nur das verwundert mich, daß, faͤhig die Auszeichnung zu verſtehen, wie ſie zu ſein ſcheint, ſie meinem Sohne widerſtanden hat. — Wir haben nicht geſagt, daß ſie ihm widerſtan⸗ den haͤtte, gnaͤdige Frau; wir haben geſagt, daß Mo⸗ ritz eines Tages ihre Thuͤre verſchloſſen gefunden und ſie ſich nicht wieder haͤtte oͤffnen laſſen koͤnnen. — Sie werden zugeben, daß das noch weit mehr zu verwundern iſt. Aber welcher Urſache ſchreiben Sie dieſe Laune zu? — Ich habe gar keinen Begriff davon. — Es geſchah gewiß nicht aus Intereſſe, denn Mo⸗ ritz iſt reich, und wenn nicht etwa irgend ein auslaͤn⸗ diſcher Fuͤrſt... — Ich glaube nicht, daß Fernande bei ihrem Bru⸗ che mit Moritz durch das Intereſſe geleitet worden iſt. — Wiſſen Sie, daß alles Dasjenige, was Sie mir ——— — 78— da ſagen, mich auf das Hoͤchſte neugierig macht, ſie zu ſehen? — Noch zehn Minuten, und Ihr Wunſch wird er⸗ fuͤllt werden. — Apropos, ich wollte Sie uͤber die Art und Weiſe zu Rathe ziehen, mit welcher wir mit ihr verfahren muͤſſen. Meine erſte Anſicht iſt,— und alles Dasje⸗ nige, was Sie mir ſo eben geſagt haben, beſtaͤtigt mich in dieſer Anſicht noch mehr,— daß wir von dem Au⸗ genblicke an, wo man glaubt, daß wir ihre Lebensweiſe nicht kennen und wir ſie wie eine Frau der hoͤheren Kreiſe bei uns aufnehmen, wir ſie auch ſo behandeln muͤſſen, wie wir eine wahre Madame Ducoudray be⸗ handeln wuͤrden. — Ich freue mich, Frau Baronin, uͤber dieſen Punkt gaͤnzlich mit Ihnen einverſtanden zu ſein. — Nicht wahr, Sie begreifen, Herr von Rieule, daß ein Gefuͤhl von Schicklichkeit, eine ganz natuͤrliche Bedenklichkeit mich daran denken und im Voraus die Aufnahme vorbereiten laſſen, welche ich ihr angedeihen laſſen muß. In der That, Jedermann wird ſich hier nach mir richten und ſein Benehmen mit dem meinigen in Uebereinſtimmung bringen. 85 — Ich bitte Sie demnach auch zu glauben, gnaͤ⸗ dige Frau, daß ich durchaus nicht beſorgt bin. — Ich will, daß meine Zuruͤckhaltung und meine außerordentliche Hoͤflichkeit ihr ſelbſt den Maßſtab des Tones angiebt, den ſie annehmen muß. Was Klotilden anbelangt, ſo habe ich, ohne es Ihr gerade beſtimmt — 79— zu ſagen, alle Sorgfalt darauf verwandt, ſie verſtehen zu laſſen, daß dieſe Dame ziemlich... leicht ſei, daß man mit Vorſicht, mit einem ceremonioͤſen und kalten Wohlwollen handeln muͤſſe. Am Ende, wer wird die⸗ ſes Abenteuer erfahren? Niemand. Moritz iſt bettlaͤ⸗ gerig, man kennt ſeine Lage, man begnugt ſich, ſich im Hotel nach ſeinem Befinden zu erkundigen. Wir ha⸗ ben ſogar noch nicht einmal, und ich danke dem Him⸗ mel dafuͤr, unſere Couſine, Frau von Neuilly geſehen. Sie kennen ſie, Herr von Rieule, nicht wahr? Fabian machte ein Zeichen mit dem Kopfe, beglei⸗ tet von einem Laͤcheln. — Ja, ich weiß, was Sie ſagen wollen: die neu⸗ gierigſte, die plauderhafteſte, die raͤnkeſuͤchtigſte Frau, welche es unter der Sonne giebt. Wir befinden uns alſo unter, fuͤr die Kur, welche wir zu verſuchen im Begriffe ſtehen, ſehr guͤnſtigen Umſtaͤnden. — Gewiß, gnaͤdige Frau, erwiderte Fabian mit einer Art von Ernſt, welcher ſichtlich eine geheime Ab⸗ ſicht verbarg: Nur verwundert mich die Leichtigkeit, mit der Frau Moritz von Barthéle eingewilligt hat, die Frau in ihrem Hauſe zu empfangen, welche ihr das Herz ihres Gatten geraubt hat, und wegen der ſie die⸗ ſen ganzen Winter verlaſſen geweſen iſt. — Gewiß, ich leugne nicht, daß dieſe Aufopferung außerordentlich iſt. Aber wollen Sie, daß ſie aus Rach⸗ ſucht Wittwe wird? Arme Klotilde, ſie iſt ein Engel an Ergebung. Zudoͤrderſt will ſie Alles, was ich will; dann betet ſie ihren Gatten an, und man betet die Leute — 80— mit ihren Fehlern, und zuweilen ſogar wegen ihrer Feh⸗ ler an. Von jeher fuͤr einander beſtimmt, hat ihre Liebe fuͤr ihren Gatten von ihrer Wiege an begonnen; von ihrer Seite iſt es eine wahre, dauerhafte, die Probe beſtehende Liebe, aber ihre Liebe iſt eine rechtſchaffene und keine jener uͤberſpannten, welche toͤdten, wie die, welche Moritz fuͤr dieſe Frau empfindet. Fabian konnte ein Laͤcheln nicht unterdruͤcken, als er Moritzens Mutter dasjenige beſtaͤtigen ſah, was er im⸗ mer vermuthet hatte, naͤmlich daß die Heirath ſeines Freundes mit Fraͤulein von Montgiroup eine vortheil⸗ hafte Verbindung fuͤr den Einen wie fuͤr die Andere un⸗ ter allen Beziehungen auf Intereſſe, kurz eine Conve⸗ nienz⸗Heirath geweſen ſei, eine jener Verbindungen, welche zuweilen Ruhe, aber niemals Gluͤck gewaͤhren. Moritzens Krankheit hatte es ihn ſchon von der einen Seite ahnen laſſen; auf der anderen hatte Dasjenige, was Frau von Barthele die Aufopferung Klotildens nannte, das Verhaͤltniß vollends aufgekläͤrt. Die Sache wandte ſich demnach herrlich zu Gunſten ſeiner Wuͤnſche und neigte ſich zu dem Gelingen ſeiner Plaͤne, denn Fabian de Rieule hatte Plaͤne. Dieſe innere Zufriedenheit fuͤhrte ein unwillkuͤrliches Laͤcheln auf ſeine Lippen; Frau von Barthele ſah dieſes Laͤcheln. — Woruͤber lachen Sie, Herr von Rieule? fragte ſie. — Ueber Moritzens Verwunderung, antwortete Fabian mit der unbefangenſten Miene von der Welt; er, der Madame Ducoudray ge⸗ mich beſ uldigte, ihm bei — 81— ſchadet zu haben, waͤhrend ich ſie ihm im Gegentheile zufuͤhre! — Armes Kind! ſagte die Baronin. Und alle Beide ſtuͤtzten ſich auf die Fenſterlehne, um zu ſehen, ob Fernande nicht kaͤme. Nach Verlauf eines Augenblickes machte ein leiſes Geraͤuſch, daß Frau von Barthoͤle ſich umwandte, es war Klotilde, welche eintrat. — O mein Gott, rief die Baronin aus, was giebt es oben, meine liebe Klotilde? Geht es etwa ſchlim⸗ mer mit ihm? — Nein, gnaͤdige Frau, antwortete Klotilde, aber mein Onkel hat mir einen Wink gegeben, ihn mit Mo— ritz und dem Arzte allein zu laſſen. Ich habe ſeinen Wunſch erfuͤllt und komme wieder zu Ihnen. Und die junge Frau erwiderte durch eine Vernei⸗ gung die Begruͤßung, welche Fabian an ſie richtete. — Gut, gut, ſagte Frau von Barthoͤle nun, be⸗ ruhige Dich, mein Engel; die Dame, Du weißt ſchon, dieſe Dame, Madame Ducoudray, willigt ein zu kom⸗ men, und wir erwarten ſie von einem Augenblicke zum anderen.. Klotilde ſchlug die Augen nieder und ſeufzte. — Sie ſehen, ſagte Frau von Barthele Fabian ins Ohr, der Schmerz greift auch ihre Geſundheit an, das arme Kind! Der junge Mann warf einen fluͤchtigen Blick auf Klotilden, und uͤberzeugte ſich augenblicklich vom Gegen⸗ theile. Niemals, vielleicht ſelbſt gerade wegen dieſer Fernande. Erſter Band. 6 leichten Blaͤſſe, welche eben ſo gut von Ermuͤdung, 5 als von Kummer herruͤhren konnte, hatte ihm die Gat⸗ tin ſeines Freundes ſchoͤner geſchienen. Ihre roſige und weiße Geſichtsfarbe, ihre friſchen Lippen, ihr klarer Blick glänzten von Jugend und von Geſundheit; ihre Haltung war natürlichz der Schmerz, welchen ſie em⸗ pfand, hatte nichts Gekünſteltes. Außerdem leidet man in ihrem Alter(Klotilde war kaum zwanzig Jahre alt) noch nicht ſehr an der Furcht zu verlieren, weil man noch Nichts verloren hat. Waiſe von Kindheit an, wa⸗ ren alle Diejenigen, welche ſie geliebt hatte und die ſie liebte, bei ihr geblieben, und ihre Gegenwart glich ſo ſehr der Vergangenheit, daß ſie ſich vor der Zukunft nicht entſetzte. Der moraliſche Schmerz, welchen ihr die Krankheit ihres Gatten verurſachte, hatte demnach auch keinen beunruhigenden Charakter; er glich einer leichten Wolke an einem ſchoͤnen Fruͤhlings⸗Morgen, 3 welche an dem reinen Himmel hinglitt und die Sonne verſchleierte, ohne nur ihre Strahlen zu erloͤſchen. Ja, wenn man ſie pruͤfte, fuͤhlte man bei ihr nicht einmal den Aerger, welchen Moritzens Verrath nothwendiger Weiſe. haͤtte erwecken ſollen; außerdem war ſie ſo zuͤchtig erzo⸗ 4 gen worden, daß ſie die Groͤße dieſes Verrathes viel⸗ leicht nicht einmal in ſeiner ganzen Ausdehnung begriff. Ihre Reinheit ſpiegelte ſich auf den Anderen wieder, um ihr Unrecht verſchwinden zu laſſen; in ihrer Unſchuld reinigte ſie Alles, und da ſie keinen Begriff von dem Boͤſen hatte, ſo vermuthete ſie es niemals bei An⸗ deren. ¹ 4 4 2 K&ð&⏑ᷣ—— 8— — 83— Waͤhrend ſie ſo die Augen niedergeſchlagen hielt, waͤhrend Frau von Barthele ſie mit leiſer Stimme we⸗ gen der Leiden bedauerte, welche ſie nicht empfand, fand Fabian einen außerordentlichen Zauber darin, dieſe von Herzen und Haltung ungekuͤnſtelte junge Frau an⸗ zublicken, welcher die Ehe in gewiſſer Art nur den jung⸗ fraͤulichen Schleier des jungen Maͤdchens geluͤftet hatte, und nach einer fluͤchtigen Zergliederung ſo vieler reiner, durch die Sicherheit, welche das ſich Bewegen in den hoͤheren Kreiſen verleihet, und durch die Ruhe, welche die Tugend einfloͤßt, noch hervorgehobener Neize, dachte er an die Wunderlichkeit des menſchlichen Her⸗ zens, welche aus dem kalten Gatten Klotildens den lei— denſchaftlichen Geliebten Fernandens gemacht hatte. Aber Frau von Barthele, bei welcher die Erfahrung die Furcht erweckte, deren Zaͤrtlichkeit ſich uͤber die ge⸗ ringſten Dinge entſetzte, die durch eine beſtaͤndige Auf⸗ regung ſich uͤber die Urſache ihrer Schmerzen zu betaͤu⸗ ben ſuchte, Frau von Barthèle nahm, indem ſie weder Klotilden Zeit zu einem zweiten Seufzer, noch dem jungen Manne Muße zu einer laͤngeren Muſterung ließ, ſogleich wieder das Wort. .— Du warſt alſo anweſend, liebe Klotilde, ſagte ſie, als Herr von Montgiroux in das Zimmer des Kranken getreten iſt? — Ja, gnaͤdige Frau, ich ſaß an ſeinem Bette. — Und hat Moritz den Grafen zu erkennen ge⸗ ſchienen? 1 6* — Ich weiß es nicht, denn er hat ſich nicht einmal nach ſeiner Seite umgewandt. — Und dann? Dann hat ihn mein Onkel angeredet, aber Mo⸗ ritz hat ihm nicht geantwortet. Sie ſehen, mein lieber Herr Fabian, begann Frau von Barthoèle wieder, indem ſie ſich an den jun⸗ gen Mann wendete, in welchen Zuſtand von Entkraͤf⸗ tung das arme Kind verſunken iſt. Sie ſehen, daß Al⸗ les erlaubt iſt, um ihn einem ſolchen Zuſtande zu ent⸗ 3 reißen. Fabian machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zeichen. — und was hat Herr von Montgisour gethan? fuhr die Baronin fort, indem ſie ſich von Neuem an ihre Schwiegertochter wandte. 8 — Er hat einen Augenblick lang leiſe mit dem Doc⸗ tor geſprochen, und mir einen Wink gegeben, das Zim⸗ 3 mer zu verlaſſen. 4 —— und iſt Dein Gatte Dein Fortgehen gewahr ge⸗ 1 worden? Hat er irgend eine Bewegung gemacht, um Dich zuruͤckzuhalten? — Leider nicht, gnaͤdige Frau, indem ſie leicht erroͤthete und einen zweite — ———, ☛☛̈¶—— n Seufzer ausſtieß. 32— Gnaͤdige Frau, ſagte Fabian zu der Baronin leiſe genug, um den Anſchein des Geheimniſſes zu be⸗ wahren, und indeſſen laut genug, um von Klotilden gehoͤrt zu werden, glauben Sie nicht, daß, damit de . 45 1 antwortete Klotilde, 1 Erſchuͤtterung nicht zu heftig wird, Moritz benachrich⸗ tigt werden muͤßte, daß er, ohne daß man ihm gerade ſagte, welchen, einen Beſuch empfangen wuͤrde, den Beſuch einer Frau. An Ihrer Stelle waͤre ich beſorgt, daß der unerwartete Anblick einer Perſon, die er ſo hef⸗ tig geliebt hat, die Wuͤnſche des Doctors uͤbertreffen, und aus einer heilſamen Kriſis eine gewaltſame, und dem zu Folge gefaͤhrliche Kriſis machen moͤgte. — Ja, Herr Fabian, ja, Sie haben Recht, ſagte Frau von Barthsle. Sieh, Klotilde, Herr von Rieule machte mir eine ſehr richtige Bemerkung, er ſagte... — Ich habe gehoͤrt, was Herr von Rieule ſagte, erwiderte Klotilde. — Nun, was meinſt Du dazu? — Sie haben mehr Erfahrung, als ich, gnaͤdige Frau, und ich geſtehe Ihnen, daß ich bei einem ſol⸗ chen Umſtande nicht wagen wuͤrde, meine Meinung aus⸗ zuſprechen. — Nun denn, ich trete der Meinung des Herrn Fabian bei, ſagte Frau von Barthele. Hoͤren Sie mich an, Herr von Rieule, und ſehen Sie, ob mein Plan nicht vortrefflich iſt. Statt leiſe und mit Vorſicht zu reden, wie wir es bis jetzt gethan haben, will ich Herrn von Montgiroux und dem Doctor einen Wink geben, ſich an Moritzens Bett zu ſetzen. Ich werde dann auch an ihrer Seite Platz nehmen, und in dem Tone gewoͤhn⸗ licher Unterhaltung melden, daß eine Nachbarin vom Lande uns um die Erlaubniß haͤtte bitten laſſen, unſer Haus zu beſuchen, das ihr als ein Muſter von Ge⸗ — 36— ſchmack geprieſen worden ſei. Da er es iſt, der Alles hier angegeben hat, ſo bin ich uͤberzeugt, daß ihn das ſchmeicheln wird, denn dieſes liebe Kind hat fuͤr ſeine Ideen in Bezug auf Amoͤblement eine künſtleriſche Ei⸗ genliebe; in der That, hat er wirklich hier Alles ange⸗ geben, und das Haus iſt nicht mehr wieder zu erken⸗ nen. Aber, was ſagte ich doch, Herr von Rieule. — Sie ſagten, gnaͤdige Frau, daß Sie Moritz benachrichtigen wollten, daß eine Nachbarin vom Lande.. — Ja! Dann, verſtehen Sie, werde ich dieſe Nachbarin vom Lande auf eine Weiſe bezeichnen, die ihn einige Vermuthungen faſſen laſſen kann. Wir wer⸗ den es nicht ausſchlagen koͤnnen, will ich fortfahren, die Neugierde einer jungen und huͤbſchen Frau zu be⸗ friedigen; dieſe letzten Worte werde ich betonen, ob⸗ ſchon ſie ein wenig außergewoͤhnlich iſt, fuͤge ich immer noch betonend hinzu. Es waͤre ſogar moͤglich, daß ſie ein wenig leichtfertig iſt, werde ich ferner hinzufuͤgen, indem ich es noch mehr hervorhebe; aber auf dem Lande zieht ein einziger Beſuch, den man nicht zu er⸗ widern genoͤthigt iſt, keine Folgen nach ſich... Waͤh⸗ rend deſſen werden wir die Wirkung dieſer natuͤrlicher Weiſe ſo ausgeſprochenen Worte, wie ich ſie Ihnen ſo eben ausgeſprochen habe, beobachten, als ob es ſich um die einfachſte und wahrſte Sache von der Welt han⸗ delte... Dann werde ich zuruͤckkommen, um Sie von Alle dem zu unterrichten, was vorgefallen iſt. Frau von Barthele machte eine Bewegung, um den - T — 8— Salon zu verlaſſen, und Klotilde ſchickte ſich an ihr zu folgen. Fabian hatte demnach einen Augenblick lang die Beſorgniß, daß ſein Plan nicht gelingen moͤgte, aber die Baronin hielt ihre Schwiegertochter zuruͤck. — Warte, warte, liebe Schoͤne; mir iſt Etwas eingefallen, ſagte ſie: naͤmlich, da ich ihrer moraliſchen Schilderung einige phyſiſche Umſtaͤnde hinzufuͤgen will, ſo darfſt Du nicht anweſend ſein, Deine Gegenwart wuͤrde ihm Zwang auferlegen, mein ſchoͤner Engel. In Deiner Gegenwart wuͤrde er mich nicht zu befragen wa⸗ gen, glaube nur, ich bin uͤberzeugt, daß Moritz im Grunde des Herzens ſein abſcheuliches Unrecht gegen Dich anerkennt. — Gnaͤdige Frau! fluͤſterte Klotilde erroͤthend. — Aber ſehen Sie doch, wie ſchoͤn ſie iſt, fuhr die Baronin fort, und ob es nicht wahrhaft unverzeihlich von ihrem Gatten iſt! Wenn ich Dir demnach auch, ſobald Moritz geneſen, einen Rath zu geben habe, lie⸗ bes Kind, ſo iſt es der, ihn auch ein Wenig zu aͤr⸗ gern. — Und wie das, gnaͤdige Frau? fragte Klotilde, indem ſie ihre beiden großen himmelblauen Augen auf die Baronin erhob. — Wie? Ich werde Dir es ſelbſt ſagen. Aber kommen wir auf unſere Dame zuruͤck; ſie iſt angekom⸗ men, ich habe ſie geſehen. — Sie haben ſie geſehen? rief Klotilde aus. — Ei nein doch, mein liebes Kind; fuͤr Moritz iſt ſie angekommen, und nicht fuͤr Dich.— Sie haben ſie — 88— geſehen? Wird Herr von Montgirour fragen.— Aber ich habe ſie nur erſt mit halbem Auge geſehen, werde ich antworten.— Was iſt ſie fuͤr eine Frau? wird Dein Onkel fragen.— Ei, eine Frau... In der That, Herr von Rieule, wie iſt ſie? Damit ich antworten kann! Obgleich Klotilde keine Bewegung machte, ſo war es doch augenſcheinlich, daß dieſe Unterhaltung ſie, wenn nicht vor Schmerz, doch zum Mindeſten vor Verdruß leiden ließ. Fabian folgte dieſem Leiden mit dem Auge eines vollendeten Phyſiologen. — Schwarz oder blond? fragte Frau von Bar⸗ thele, welche mit ihrer natuͤrlichen Unbedachtſamkeit im⸗ mer uber das Oberflaͤchliche hinglitt, und die, indem ſie niemals Etwas ergruͤndete, das leichte Zuſammenziehen von Klotildens Zuͤgen nicht bemerkte. — Schwarz. — Kann man eine Schwarze lieben, ſagte Frau von Barthole, wenn man die liebenswuͤrdigſte Blondine vor Augen hat? Endlich, groß oder klein? — Von mittler Groͤße, aber vollkommen gebaut. — und ihre Kleidung? 1 — Ausgezeichnet geſchmackvoll. — Einfach? — O, von der gioͤßten Einfachheit. — Schoͤn; ich laſſe Sie bei einander. Du wirſt mich ſogleich benachrichtigen, Klotilde, ſobald man den Wagen der Madame Ducoudray erblickt. Apropos, wie wird ſie kommen? 11 — 89— — Ei, wahrſcheinlich in ihrer Kaleſche; das Wet⸗ ter iſt zu ſchoͤn, um ſich in ein Coupè einzuſperren. — Ah, dieſe Prinzeſſin hat alſo Equipagen? — Ja, gnaͤdige Frau; ſie ſind ſogar wegen ihrer Eleganz beruͤhmt. — O, mein Gott, mein Gott, in welcher Zeit le⸗ ben wir! rief Frau von Barthele aus, indem ſie den Salon verließ und Fabian mit Klotilden allein ließ. V. Wie wir bemerkt, war dies Dasjenige, was Herr von Rieule gewuͤnſcht, und ſeitdem er die junge Frau hatte eintreten ſehen, hatte er beſtaͤndig manoͤvrirt, um dieſen Zweck zu erreichen. Sagen wir jetzt einige Worte uͤber Fabian von Rieule, den wir noch keine Zeit gehabt haben, unſeren Leſern kennen zu lehren. Fabian von Rieule war Dasjenige, was man in der vollen gewoͤhnlichen Bedeutung des Wortes einen ſchoͤnen Mann nennt; außerdem ſchienen ſeine Kleidung und ſeine Manieren die ſtrengſten Anſpruͤche der Pari⸗ ſer Eleganz zu befriedigen, und es bedurfte eines ſehr geuͤbten Blickes, oder einer ſehr gruͤndlichen Pruͤfung, um, bei ihm die Abſtufungen zu unterſcheiden, welche den Mann von dem Edelmanne trennten. Fabian war ungefaͤhr dreißig Jahre alt, obgleich er auf den erſten Blick nicht ſo alt zu ſein ſchien. Seine — 91— Haare hatten eine reizende Schattirung von dunkelem Kaſtanienbraun, welche einen Bart von ein wenig hel⸗ lerer Farbe, in welchen ſich einige Haare von einer ein wenig zweideutigen Schattirung miſchten, hervortreten ließen; ſeine Zuͤge waren regelmaͤßig, aber ſtark, und eine ein wenig zu hohe Roͤthe, die ſich gewoͤhnlich uͤber ſein Geſicht verbreitete, nahm ihm ein wenig von der Auszeichnung, welche immer die Blaͤſſe begleitet. Groß und wohlgebaut, fuͤhlte man indeſſen auf den erſten Blick, daß es ſeinen ſtark hervortretenden Gliedern an Feinheit in ihren Gelenken und an Zartheit an ihren En⸗ den mangelte; ſeinen dunkelblauen, vollkommen unter wohlgezeichneten Augenbrauen eingefaßten Augen fehlte es nicht an einer gewiſſen Gewalt, aber vergebens haͤtte er verſucht, ſich dieſen unbeſtimmten und verlorenen Blick anzueignen, welcher den Zuͤgen ſo viel Zauber verleihet. Kurz, ſeine ganze Perſon hatte, wenn man ſich ſo aus⸗ druͤcken darf, die erworbene Eleganz, aber nicht die an⸗ geborene Auszeichnung; Alles, was die Erziehung und die Geſellſchaft verleihet, aber Nichts von dem, was die Natur bewilligt. Fabian von Rieule hatte ſich mit Moritz von Bar⸗ thoͤle befreundet, und das war gewiß die groͤßte Albern⸗ heit, welche er hatte begehen koͤnnen, denn Moritz Nach⸗ barſchaft diente einzig und allein dazu, alle dieſe leich⸗ ten Unvollkommenheiten ſichtbar zu machen, die er fern von ihm leicht verbergen konnte. In der That, ein boͤſer Genius ſchien Fabian je⸗ des Mal zu verfolgen, wenn er mit Moritz wetteifern 3— 4 — 92— wollte, denn in allen Dingen war Moritz gegen ihn im Vortheil. Unzufrieden mit ſeinem Schneider, hatte Fa⸗ bian den ſeinigen aufgegeben, und den von Moritz ge⸗ nommen, denn Fabian hatte geglaubt, daß dieſer Un⸗ terſchied von Vollkommenheit, den er in der Haltung ſeines Freundes bemerkt hatte, von dem eigenthuͤmlichen Schnitte herruͤhre, welche Humann ſeinen Kleidern gab. Er hatte ſich alſo von Humann kleiden laſſen, und da er weit davon entfernt war, albern zu ſein, ſo war er genoͤthigt geweſen ſich zu geſtehen, daß ſein Zuruͤckſtehen von einer gewiſſen Fuͤlle des Wuchſes herruͤhre, der ſei⸗ nem Baue angehoͤrte. Fabian und Moritz nahmen alle Beide an den Wettrennen Antheil; aber faſt immer, ſei es nun bei den Wettrennen auf dem Marsfelde, oder ſei es bei denen von Chantilly, trug Moritz Pferd den Sieg uͤber das Fabians davon; freilich war es nur wenig, etwa einen halben Kopf, aber es genuͤgte, daß Fabian ſeine Wette verlor. Dann gelang es Fabian um einen theuren Preis und unter einem anderen Namen das ſiegende Pferd zu kaufen; er gewann den Jokey fuͤr ſich, dem er die Ehre des Triumphes zuſchrieb, und mit demſelben Jokey und demſelben Pferde, die ihn im vorigen Jahre beſiegt hatten, verlor er wieder, freilich nur um einen Viertelskopf, aber er verlor. Moritz und Fabian waren beide Spieler, angenehme Spieler, be⸗ ſonders hohe Spieler; alle Beide verſtanden mit Ruhe zu verlieren, aber Moritz allein verſtand mit Gleichguͤl⸗ tigkeit und durchaus mit derſelben Miene zu gewinnen, mit der er verlor. Endlich hatte man behauptet, daß 8 ᷣ G&ᷣ S—ℳ—J—ͤͤͤͤ 1 NR 8—— 8 S dieſe Nebenbuhlerſchaft ſich noch weiter erſtreckt haͤtte, indem die Eigenliebe noch weit mehr im Spiel iſt, wenn ſie Intereſſen oder Niederlagen des Herzens angreift, als bei den Wettſtreiten der Toiletten, den Pferderen⸗ nen und dem Spiele, und daß Fabian auch darin von Moritz geſchlagen worden waͤre. Fabian hatte indeſſen Liebſchaften genug gehabt, ſo daß es ihm gelungen war, in der Mode zu ſein; aber Moritz war immer darin ge⸗ weſen. Man hatte gewußt, daß Fabian Verbindungen mit der Prinzeſſin von*rr, der Baronin von***, Lady ** gehabt haͤtte, aber es hieß allgemein, daß Moritz dieſe Eroberungen vernachlaͤſſigt habe. Wie man ſieht, hatte alſo Moritz in allen Dingen den Vortheil vor Fabian behalten. Dieſer Letztere hatte demnach auch geſchworen, ſich eines Tages wegen ſeiner langen Untergeordnetheit auf eine glaͤnzende Weiſe zu raͤchen, und in ſeiner Hoffnung war endlich der Mo⸗ ment, ſeine Revanche zu nehmen, herbeigekommen. In der That, die außerordentliche Verlegenheit, welche ſich in Klotildens Benehmen zeigte, ſobald ſie ſich mit ihm unter vier Augen befand, ſchien Fabian von einer guͤnſtigen Vorbedeutung. Als ein gewandter Mann, und daran gewoͤhnt, alle Mittel in Anwendung zu brin⸗ gen, welche zu dem Gelingen eines Liebeshandels bei⸗ tragen, hatte er auf den erſten Blick die Vortheile auf⸗ gefaßt, welche ihm ſein am Tage zuvor der Frau von Barthele gemachter Vorſchlag gewaͤhrte: naͤmlich jene Frau, welche ihr Sohn liebte, nach Fontenay⸗ aux⸗Ro⸗ ſes zu bringen. Da indeſſen dieſe Gefaͤlligkeit ihm in — 94— der Meinung Klotildens ſchaden und den Nutzen un⸗ wirkſam machen konnte, den er aus ihrer Eiferferſucht zu ziehen gedachte, ſo hatte er es unter dem Vorwande, Léon de Vaux ein Alleinſein mit Fernanden zu verſchaf⸗ fen, ſo eingerichtet, daß Léon de Vaux die Nebenbuhle⸗ rin Klotildens unter das eheliche Dach einfuͤhrte. Er wollte ſeinem Freunde um eine Stunde zuvorkommen, und waͤhrend dieſer Stunde der Goͤttin ſeines Freundes begreiflich machen, daß er, gezwungen, den ihm von Frau von Barthele gegebenen Auftrag anzunehmen, zum Mindeſten nicht der thaͤtige Agent eines Ereigniſſes haͤtte ſein wollen, das, von welcher Seite man es auch ins Auge faſſe, immer etwas Demuͤthigendes fuͤr die Ei⸗ genliebe und Schmerzliches fuͤr das Herz der jungen Frau bot. Anfangs entſtand von der einen wie von der ande⸗ ren Seite ein tiefes Schweigen; aber es giebt Momente, in welchen das Schweigen einen tieferen Eindruck macht als die Rede, ſo gewandt oder ſo leidenſchaftlich ſie auch ſein moͤge: naͤmlich dann, wenn in dem Herzen eine Art von Wiederhall deſſen ſtattfindet, was in den Her⸗ zen der Anderen ſtattfindet. Was ging nun aber in dem Herzen Fabians vor? Wir wiſſen es. Aber in dem Klotildens? Woher kam bei ihr dieſe innere Aufregung, welche ſie zu uͤberwinden ſtrebte? Hatte ſie das Gefuͤhl wahrgenommen, das ſie hervorgerufen hatte, naͤmlich dieſes Verlangen nach Beſitz, welches die Frauen ſo ſel⸗ ten von der Liebe unterſcheiden? War ſie nicht gleich⸗ guͤltig gegen dieſe Wirkung ihrer Schoͤnheit, uͤber deren — 95— Gewalt ſie bis jetzt die jungen Leute ihrer Umgebung, halb aus Achtung fuͤr ſie, halb aus Furcht vor Moritz, in Unwiſſenheit gelaſſen hatten? Hatte der Verrath eines Gatten das traurige Ergebniß gehabt, ein Gefuͤhl in dieſe junge Seele dringen zu laſſen, das nicht im Ein⸗ klange mit ihren Pflichten ſtand, und begriff ſie bereits im Geheimen die Rache, ohne ſich vollſtaͤndige Rechen⸗ ſchaft daruͤber abzulegen, noch ſie ſich zu erklaͤren? Wer vermag es zu ſagen? Die Eitelkeit des Weibes befindet ſich oft, ohne daß ſie es ſelbſt weiß, durch einen jener ihrer Natur angeborenen Inſtincte der Gefallſucht ver⸗ letzt. Dann faßt der Geiſt bei ihr unbeſtimmte Begriffe auf, deren ganzen Werth ſie anfangs nicht verſteht, die aber mit Beharrlichkeit wiederkehren und die jedes Mal, ſo oft ſie wiedergekehrt ſind, eine tiefere Spur ihrer Anweſenheit zuruͤcklaſſen. Wenn es wahr iſt, daß die Begriffe angeboren ſind und daß unſere Seele deren Keim enthaͤlt, genuͤgt es da nicht des Strahles der er⸗ ſten Gelegenheit, daß ſie aufbrechen; und einmal aufge⸗ brochen, entwickeln ſie ſich da nicht ſchneller durch die Gelegenheiten, welche der erſten folgen? Klotilde war aber augenſcheinlich aufgeregt, und Fabians Gegenwart trug Viel zu dieſer Aufregung bei. Vielleicht gerade wegen dieſer geheimen Verlegenheit, die ſie auf ihrem Herzen laſten fuͤhlte, war ſie es indeſ⸗ ſen, die zuerſt dieſe ſtumme Vorrede brach. Was Fa⸗ bian anbelangt, ſo war er zu gewandt, um ſie nicht ihre Rolle als Herrin vom Hauſe bis ans Ende ausfuͤllen und ein Schweigen aufhoͤren zu laſſen, das in ſeinen — 1 hA 3 — 96— Augen weit ausdrucksvoller war, als alle Geſpraͤche von der Welt. — Bis zu der Ruͤckkehr der Frau von Bartheͤle, Herr von Rieule, ſagte ſie, ſchlage ich Ihnen vor, mit mir einen Blick auf die Blumen zu werfen, von denen man ſagt, daß ſie ſehr ſelten ſeien, die ich ſehr ſchoͤn finde, und die unſer Gaͤrtner mit vieler Sorgfalt pflegt. — Ich ſtehe zu Ihren Dienſten, gnaͤdige Frau, antwortete Fabian, indem er ſich ehrerbietig verneigte. Und wie um durch dieſe Ortsveraͤnderung gewiſſer⸗ maßen ſich ſelbſt zu entſchluͤpfen, verließ Klotilde bei die⸗ ſen Worten den Salon, und ging von Fabian begleitet durch den Billardſaal in das Gewaͤchshaus. — Sehen Sie, Herr von Rieule, ſagte Klotilde, indem ſie ihre Blumen mit einer zu affectirten Aufmerk⸗ ſamkeit muſterte, als daß dieſe Aufmerkſamkeit nicht Ver⸗ legenheit verrieth, ſehen Sie dieſe armen Pflanzen, ſie ſcheinen die Trauer des Hauſes zu theilen, und ſie ha⸗ ben ganz das Anſehen von Verlaſſenen, ſeitdem Moritz krank iſt. In der That, ich glaube, es iſt das erſte Mal ſeit acht bis zehn Tagen, daß ich hier eintrete, und dieſe Blumen ſind zu zart, ich moͤgte beinahe zu ſagen wagen, zu ariſtokratiſch, um der Pflege eines einfa⸗ chen Gaͤrtners uͤberlaſſen zu werden. Fabian ſah mit Wohlgefallen, wie ſie dieſe gefuͤhl⸗ loſen Pflanzen liebkoſete, aber er brach von ſeiner Seite das Schweigen nicht. Schweigen hieß von ſeiner Seite eine andere Art von Unterhaltung hervorrufen, Die junge Frau verſtand ihn. Sie erhob den Kopf, aber nun be⸗ . gegneten ihre Augen dem feurigen Blicke Fabians, und ſie ließ ſie von Neuem auf die Blumen zuruͤckſinken. Nun, da ſie ſich in der unbedingten Nothwendigkeit ſah, Si⸗ cherheit, zum Mindeſten in dem Benehmen zu zeigen, hielt ſie ſich fuͤr ſehr ſtark, wenn ſie fortfuͤhre, die Krankheit ihres Gatten zum Gegenſtande des Geſpraͤches zu machen. Nur waͤhlte ſie von dieſer Krankheit viel⸗ leicht die einzige Epiſode, die ſie haͤtte bei Seite laſſen ſollen. — Herr von Rieule, ſagte ſie, nachdem ſie ſich ge⸗ ſetzt und Fabian ein Zeichen gegeben hatte, ſich auf den großen Divan von Perſiſchem Stoff zu ſetzen, der rings⸗ um in dem Treibhauſe angebracht war, deſſen Blumen man von Außen pflegen konnte; Herr von Rieule, ſagte ſie mit jener entſchloſſenen Miene, welche die innere Unruhe verraͤth, Sie haben viel Begeiſterung gezeigt, als Sie das Bild von Madame Ducoudray ſchilderten. Das iſt der Name, wie ich glaube... — Begeiſterung, gnaͤdige Frau! beeilte ſich Fabian ihr in die Rede zu fallen. Ich bitte Sie inſtaͤndigſt, erlau⸗ den Sie mir, Sie zu uͤberzeugen, daß Sie Sich geirrt haben. — Ich meine nicht, erwiderte Klotilde treuherzig; ichh war ſehr aufmerkſam bei der Unterhaltung, beſonders beil ſſe Moritz intereſſirt. Sie haben dieſelbe Frau von Barthele nicht allein als eine ausgezeichnete Frau, ſon⸗ dern auch noch als eine vorzuͤgliche Schoͤnheit geſchildert, und die Art und Weiſe, mit der Sie Sich ausgedruͤckt, entſchuldigt und laͤßt mich jetzt Moritzens Leidenſchaft be⸗ Fernande. Erſter Band. 7 — die uns Alle greifen, die mich,— ſie corrigirte ſich, hier in Verzweiflung verſetzt. Das unwillkuͤrliche Verſchweigen der jungen Frau, denn Klotilde beſaß weder die Kunſt, noch hatte ſie die Abſicht, auf dieſe Weiſe ihre geheimſten Leiden zu offen⸗ baren, dies Verſchweigen entging Fabian nicht, wenn ſie einen Beweggrund der Betruͤbniß anriefe. Frau Mo⸗ ritz von Barthele hatte geglaubt, darin einen Stuͤtzpunkt zu finden; aber der Pluralis, durch welchen ſie, nach ploͤtzlichem Antriebe ihres Gewiſſens, ihren erſten Aus⸗ druck unſchuldiger Weiſe verbeſſerte, entſchleierte ihr Herz bis in ſeine geheimſte Falte, und Fabian begnuͤgte ſich als gewandter Mann einige unbeſtimmte Worte zu ſtam⸗ meln. Dieſes Mal nahm die Unterhaltung eine fuͤr ſeine Pläne zu guͤnſtige Wendung, als daß er ſie abzulenken verſuchte. — Glauben Sie mir, gnaͤdige Frau, ſagte er, daß ich an Ihrem Schmerze einen ſehr lebhaften Antheil nehme; wenn Moritz auf mich gehoͤrt haͤtte... — Beſchuldigen Sie ihn nicht, erwiderte Klotilde, er iſt minder ſtrafbar, als man glaubt. Es iſt eine Verirrung ohne Folgen, die Laune eines verzogenen Kin⸗ des, ſeine Mutter und mein Onkel entſchuldigen i — Seine Mutter, ja, ſagte Fabian laͤchelnd erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ich an Onkel weniger Nachſicht bemerkt zu haben glaub — Was beweiſet, daß wir mehr werth ſſ Sie, meine Herren? — Wer macht Ihnen das ſtreitig? ——— — O=SS=S— —— S 8SSSSͤ S ₰ 8 — 99— — Oder vielmehr, fuhr Klotilde fort, daß der Un⸗ terſchied zwiſchen der Stellung der Gattin und des Gat⸗ ten groß iſt. Weil die Welt... warum? ich weiß es nicht... Euch, Ihr Herren, uͤber das Verbrechen ſtellt, wegen deſſen ſie uns ſchaͤndet. — Sie irren Sich, gnaͤdige Frau, erwiderte Fabian, die Meinung der Welt enthebt von dem Verbrechen nur aus dem geſellſchaftlichen Geſichtspunkte, und nicht aus dem Geſichtspunkte des Gefuͤhles. In dieſer Hinſicht, und ich kann es beſonders in Hinſicht auf Sie ſagen, gnaͤdige Frau, ſcheint mir das Voruttheil unter ſeiner doppelten Anſicht abgeſchmackt. — Ich werde minder ſtreng als Sie ſein, Herr von Rieule, antwortete die junge Frau, indem ſie die Au⸗ gen niederſchlug. Ich begreife unter dieſen Umſtaͤnden Alles, und, glauben Sie nur, die Eigenliebe verblendet mich nicht. Moritzens Verbrechen, und ich bediene mich abſichtlich des von Ihnen ausgeſprochenen Wortes, um deſſen Bedeutung zu veraͤndern, iſt ein unwillkuͤrliches Verbrechen. Ich habe immer ſagen hoͤren, und, ſo wenig Erfahrung ich auch in ſolchen Sachen haben mag, ſo glaube ich doch auch, daß der Wille machtlos in Angelegenheiten des Herzens iſt, und daß er eher die Liebe entſtehen laͤßt, als daß er ſie aufhoͤren zu laſſen vermag. 4 — Leider, ja, gewiß, rief Fabian feurig aus, und das, was Sie da ſagen, gnaͤdige Frau, iſt nur zu wahr.. Ein Seufzer unterbrach Fabians Worte in dem 7* —— 2 ———— — 100— Augenblicke, wo ſie zu bedeutungsvoll zu werden im Begriffe ſtanden, und eine vollkommen geſpielte Ver⸗ wirrung nahm den Werth einer inneren und unterdruͤck⸗ ten Verwirrung an. Dann, als ob er dieſer ganzen Zeit bedurft haͤtte, um ſeine Aufregung zu bemeiſtern, begann er nach ei⸗ nem Momente des Schweigens wieder: — Aber wegen deſſen, was hier vorgeht, wegen deſſen, was Sie betrifft, gnaͤdige Frau, erlauben Sie mir, Ihnen die ganze Wahrheit zu ſagen. Wohlan denn, auf Ehre, ich wiederhole es Ihnen, ich kann Moritzens thoͤrigte Eingenommenheit fuͤr dieſe Frau nicht begreifen. — Und dennoch prieſen Sie ſo eben ihr Lob auf eine Weiſe, um eine Leidenſchaft, ſo heftig ſie auch ſein moͤge, zu entſchuldigen, erwiderte Klotilde mit einer ſchlecht verhehlten Unruhe. — Ei, mein Gott, ja, gewiß, ſagte Fabian, wie von der Wahrheit uͤberzeugt. In jedem anderen Hauſe, uͤberall anderswo, neben jeder anderen Frau wuͤrde ich ſie vielleicht ſchoͤn finden; aber, wollen Sie, daß ich es Ihnen ſage, ihre Anweſenheit hier erzuͤrnt mich, und obgleich ich dem Scheine nach, und um gegen Frau von Barthele nicht ungefaͤllig zu ſein, mich zu dieſem Aben⸗ teuer hergegeben habe, ſo mißbillige ich es doch jetzt. Dieſe Frau neben Ihnen iſt eine Entweihung. — Ah, Herr von Rieule, rief Klotilde mit unwill⸗ kuͤrlicher Aufregung aus, in welcher uͤbrigens mehr ſchwe⸗ ſterliche als eheliche Liebe lag, bei der ſchrecklichen Wahl ———,. — — — 101— einen Gatten zu retten oder zu verlieren, ſteht es einer Frau nicht zu, zu uͤberlegen und ſtreng gegen die Mittel zu ſein, welche ein Reſultat wie dasjenige herbeifuͤhren koͤnnen, welches wir hoffen. Bedenken Sie, daß es der Doctor, Moritzens Jugendfreund, einer der ausgezeich⸗ netſten Aerzte von Paris iſt, der Alles dieſes angeordnet und verlangt hat. Außerdem ſteht es in Niemandes Gewalt, das Geſchehene zu aͤndern„..Die Gefahr aͤndert gar Manches, laͤßt uͤber gar manche Schicklich⸗ keitsregeln hinausgehen, und ſie legt mir Geduld und Ergebung auf. Das iſt meine Pflicht, wie man mir geſagt hat; ich werde meine Pflicht thun, und Moritzens Dankbarkeit wird mich einſtens dafuͤr belohnen. — Ich geſtehe, gnaͤdige Frau, erwiderte Fabian, daß ich einiges Erſtaunen daruͤber empfinde, Sie in die⸗ ſem Augenblicke ſo ſprechen zu hoͤren. Geſtern meinte ich in Folge dieſes Auftrittes, deſſen Veranlaſſung durch unſern Beſuch ich weit entfernt war zu ahnen, in Ihrer Sprache eine Art von Schmerz und Unwillen zu bemer⸗ ken, die ich mir zu tadeln erlaubt habe. Ich muß zuge⸗ ben, daß ich nicht recht die ganze Wichtigkeit einſah; aber die Ueberlegung, und mehr noch ein Gefuͤhl, das ſeit geſtern bei dem Anblicke Ihrer Stellung in mir er⸗ wacht iſt, haben mich das zuruͤcknehmen laſſen, was ich Ihnen geſagt hatte. — Nun denn, Herr von Rieule, antwortete Klo⸗ tilde, ſeit geſtern iſt in mir eine ganz entgegengeſetzte Veraͤnderung vorgegangen, man denkt Viel waͤhrend ei⸗ ner langen dahinſchwindenden Nacht, die man an dem Bette eines uns theuren Sterbenden ohne Schlaf zu⸗ bringt. Die Nacht iſt außerdem oft das Geheimniß der Ruhe und die Ruhe iſt faſt immer das Gluͤck. Sie ſe⸗ hen, Herr von Rieule, daß ich vernuͤnftig bin, und daß ich heute auf Alles antworten kann, was Sie mich geſtern haben hoͤren laſſen. — Waͤre ich denn ungluͤcklich genug geweſen, Ihnen durch meine Offenherzigkeiten zu mißfallen? antwortete Fabian. Indeſſen habe ich Ihnen geſtern Nichts ge⸗ ſagt, was ich nicht heute Ihnen zu wiederholen bereit waͤre. Nur habe ich Sie heute ein Mal mehr geſehen; nur habe ich Sie ſeit geſtern ganz wuͤrdigen koͤnnen, und zu dem, was ich geſtern geſagt habe, fuͤge ich heute hinzu, daß ich nicht begreife, wie man Ihnen untreu ſein kann, und daß ich geneigt bin, ihn zu bedauern, wenn Sie durchaus nicht wollen, daß ich ihn tadle. — Herr von Rieule! ſtammelte Klotilde erroͤthend und indem ſie durch eine Bewegung unwillkuͤrlichen Zu⸗ ruͤckziehens die außerordentliche Verlegenheit verrieth, in welche ſie Fadian geſtuͤrzt hatte. Wenn Sie es durchaus verlangen, ſo werde ich ſchweigen, fuhr der junge Mann fort, wenn wir aber Ihnen die Frau zufuͤhren, welche Ihren Gatten in dem Grade verblendet, um ihn zu verhindern, Ihnen die Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, welche Ihnen den Vorzug vor jeder anderen Frau ſichern muͤßte, ſo wei⸗ den Sie mir erlauben, weniger die Mittel zu bedauern,„ welche wir zu ſeiner Geneſung anwenden, als die U ſache, welche ſein Leben in Gefahr ſetzt. Ich fuͤhle, daß — 103— Ihr gutes Herz eine Laune entſchuldigen darf, welche ſolche Verwuͤſtungen anſtiftet. Aber vermag Ihr Verſtand ſie zu begreifen? — Man muß indeſſen an das glauben, was man ſieht, Herr von Rieule. — Frau von Barthale ſagte mir ſo eben, daß Ihre Heirath weit eher eine Heirath aus Liebe, als aus Con⸗ venienz waͤre. Entweder war ſie im Irrthum, oder ich muß außerordentlich erſtaunt ſein, Ihr Gluͤck zerſtoͤrt zu ſehen. Ich weiß und Sie ſagten es ſo eben ſelbſt, daß die Liebe uͤber alle Convenienzen der Geſellſchaft ſpot— tet; das Herz nimmt keinen Antheil an den Familien⸗ berechnungen: aber geſtehen Sie dann, daß Moritz Sie nicht liebte. Das iſt es, was die gegenwaͤrtige Lage be⸗ weiſet, das iſt dasjenige, was ich nicht begreifen kann, das iſt endlich dasjenige, was mich gegen ihn empoͤrt. Fabian hatte mit einem ſolchen Eifer der Ueberzeu⸗ gung, mit einem ſo maͤchtigen Feuer des Gefuͤhles ge⸗ ſprochen, daß Klotilde die Augen nicht aufzuſchlagen wagte; zu gleicher Zeit fuͤrchtete ſie ſich zu ſchweigen, und obgleich ihre Gemuͤthsaufregung ſie zum Schweigen geneigt machte, ſo bezwang ſie ſich doch, um es zu bre⸗ chen. Dieſe Art von Heftigkeit, zu welcher ſich Fabian hatte hinreißen laſſen, floͤßte ihr einen unbeſtimmten Schrecken ein, deſſen ſie ſich vergebens zu erwehren ſuchte. Endlich, ohne daß ſie zu ſehr verſucht haͤtte, ſich Rechenſchaft von der Verwirrung abzulegen, welche ſie empfand, antwortete ſie mit anſcheinender Ruhe, durch welche Fabian nicht getaͤuſcht wurde: — 3 —— — 104— — Seit den drei Jahren, daß ich verheirathet bin, habe ich mich niemals uͤber Herrn von Barthoͤle zu be⸗ klagen gehabt, und ohne dieſe ungluͤckſelige Krankheit wuͤrde mir noch jetzt das Vergeſſen eines Augenblickes unbekannt ſein, den ich zu vergeſſen wiſſen werde, denn ich liebe meinen Gatten. Aber indem ſie dieſe feierlichen Worte ausſprach, er⸗ loſch ihre Stimme auf ihren Lippen, es entſtand ein neues Schweigen, das weder der Eine, noch die Andere zu brechen verſuchte. Fabian hatte einen großen Schritt gethan; an dieſem reizenden Orte, in Mitte des Duf⸗ tes dieſer Blumen, mit dem Morit ſo oft die ſuͤße Har⸗ monie ſeiner Stimme vermiſcht hatte, hoͤrte Klotilde eine andere Stimme, als die ihres Gatten, und dieſe Stimme gelangte bis zu ihrem Herzen, und ließ ſie er⸗ beben. 44 Was Fabian anbelangt, ſo fuͤhlte er ſich, da er weit mehr noch durch das Verlangen nach Rache, als durch wahre Liebe geleitet wurde, Herr ſeiner ſelbſt und demzufolge Klotildens. Waͤhrend demnach die junge Frau, in dieſes Schweigen wie in ein Netz verwickelt, das ſie nicht zu zerreißen wagte, ſich einem unbeſtimm⸗ ten Schwanken hingab, ſich endlich zu dem Erſtaunen und zu der Verwirrung von Eindruͤcken fortreißen ließ, die ihm um ſo ſeltſamer ſchienen, als ſie gaͤnzlich neu waren, benutzte Fabian die Zeit, indem er das geringſte der Worte, welche er auszuſprechen im Begriffe ſtand, abwog und den Entſchluß faßte, Klotilden uͤber das, was ſie empfand, aufzuklaͤren, ohne jedoch ein ſo ſtar⸗ — 105— kes Licht darauf fallen zu laſſen, daß die Verwirrung, welche ſie daruͤber empfinden wuͤrde, ſie bis zum Ent⸗ ſetzen fuͤhren koͤnnte. Nachdem er einige Zeit lang einen jener magneti⸗ ſchen Blicke auf ſie geheftet, welche die Frauen auf ſich laſten fuͤhlen, nahm er demnach das Wort. — Werden Sie mir erlauben, gnaͤdige Frau, ſagte er ſeufzend, Ihre Betrachtungen zu unterbrechen, indem ich Ihnen die meinigen mittheile? Wie mir ſcheint, ge⸗ ſtattet die Seltſamkeit der Lage unter uns ein gewiſſes Vertrauen, eine Art von Hingebung, die mich hoffen laͤßt, daß Sie mir Dasjenige verzeihen werden, was ich Ihnen zu ſagen im Begriffe ſtehe. Sie lieben Moritz, ſagen Sie; Sie glauben es, ohne allen Zweifel muͤſſen Sie es glauben; aber es giebt keine wahre Liebe ohne Eiferſucht, und bis jetzt, oder vermoͤge einer großen Ge⸗ walt uͤber ſich ſelbſt, haben Sie dieſe ungeſtuͤmen Ge⸗ fuͤhle verheimlicht, welche das Beſtehen einer wahren Leiddenſchaft verrathen, die keine Ruhe mehr geſtatten, die das Leben fuͤr immer vergiften,— oder Sie haben kein einziges derſelben empfunden. Aber wenn ſich Ihre Liebe noch nicht durch dieſe gewaltſamen Symptome offenbart hat und dieſe. Liehe dennoch beſteht, ſo ſetzen Sie Sich vielleicht dadurch Vielem aus, daß Sie dieſe Frau hier empfangen, die Ihnen das Herz geraubt hat, auf welches ausſchließlich Anſpruch zu machen nicht al⸗ lein Ihr Titel als Gattin, ſondern auch noch Ihre Ue⸗ berlegenheit uͤber all? Frauen Ihnen das Recht verlieh, Ihnen beſonders, die Sie das Ihrige ausſchließlich ga⸗ — - 106— ben. Vielleicht, ſage ich, wuͤrde es kluͤger ſein, dieſe Frau zu entfernen und mich zu beauftragen, dieſe veran⸗ ſtaltete Zuſammenkunft zu brechen. Sie haben nur ein Wort zu ſagen, es iſt noch Zeit dazu... — Aber, Herr von Rieule, antwortete Klotilde mit einer leichten Regung von Unwillen,— Sie vergeſſen, daß Moritz ſtirbt und daß der Arzt behauptet, daß die Anweſenheit dieſer Frau ihn allein zu retten vermag. — Das iſt wahr, gnaͤdige Frau, erwiderte Fabian, indem er ſich darin gefiel, das Meſſer in Klotildens Herzen um und um zu drehen, aber vorausgeſetzt, daß die Gegenwart dieſer Frau die wundervolle Wirkung hätte, Moritz dem Leben und der Geſundheit wiederzu⸗ geben, wird ihn dieſe Frau auch der Vernunft wiederge⸗ ben? Bedenken Sie, gnaͤdige Frau, daß Sie die Ruhe Ihres ganzen Daſeins in einem Wurf auf das Spiel ſetzen! Sie werden dieſe Frau ſehen, aber der Geſichtspunkt, aus welchem Sie dieſelbe ſehen werden, wird Sie alle dieſe Vorzuͤge uͤbertreiben laſſen, die in meinen Augen nichtig ſind, die aber in den Ihrigen wahre Ueberlegen⸗ heiten werden. Frei von Gefallſucht, wie Sie ſind, indem Sie nicht wiſſen, was Sie an hohen Reizen, an wahren Vorzuͤgen beſitzen, werden Sie Sich vielleicht fuͤr geringer als ſie halten, weil ſie dasjenige vollbracht hat, was Sie nicht haͤtten ausfuͤhren koͤnnen; vielleicht werden Sie dann durch dieſen Irrthum Ihrer Beſchei⸗ denheit das Gift der Eiferſucht, dieſe Marter ohne Raſt, dieſen Schmerz ohne Ende in Ihre feurige Seele dringen fuͤhlen; dann werden Sie nicht mehr Dasjenige, ++— — RK N — 107— was die Kunſt zuſammengeſtellt, von Demjenigen zu un⸗ terſcheiden vermoͤgen, was die Natur gegeben hat; Sie werden ſtudirte Manieren fuͤr natuͤrliche Anmuth halten, der Witz glaͤnzender Worte, welchen Ungezwungenheit und Kuͤhnheit geltend machen, wird Ihnen vorzuͤglicher, als das ſchuͤchterne Gefuͤhl ſcheinen, das ſich nicht zu verrathen wagt. Sie werden ſie ſehen, ohne Sich zu ſe⸗ hen, gnaͤdige Frau, Sie werden ſie hoͤren, ohne ſich zu hoͤren, und Sie werden ungluͤcklich ſein, denn Sie werden Sich fuͤr wirklich geringer halten, denn ich werde nicht beſtaͤndig da ſein, um Ihnen zu ſagen: Sie uͤber⸗ treffen dieſes Weib, gnaͤdige Frau, wie ein Diamant eine Blume, wie ein Stern einen Diamant; Sie wer⸗ den ungluͤcklich ſein, oder vielmehr Sie werden ihn nicht lieben. Die Blicke und die Stimme Fabians waren von einem ſo feurigen und ſo uͤberredenden Ausdrucke beſeelt, daß Klotildens Verwirrung immer ſichtbarer wurde. Indeſſen ſich zuſammennehmend, blieb ſie fortwaͤhrend gefaßt. — Sie vergeſſen, Herr von Rieule, antwortete ſie, daß es ſich jetzt weder um mich, noch um Moritz han⸗ delt, daß ich es nicht bin, fuͤr die eine Mutter zittert, und indem ich Ihnen immerhin fuͤr die Theilnahme danke, welche Sie fuͤr mich hegen, habe ich vielleicht das Recht, mich uͤber den außerordentlichen Eifer zu ver⸗ wundern, den Sie darauf verwenden, mir mein eigenes Ungluͤck zu entſchleiern. — Dieſer Eifer wuͤrde Sie nicht uͤberraſchen, gnaͤ⸗ — 108— dige Frau, wenn Sie in meinem Herzen leſen, wenn Sie nach ſeinem Werthe das Gefuͤhl wuͤrdigen koͤnnten, das mich leitet, und wenn Sie dadurch zu der Ueber⸗ zeugung gelangten, daß Ihr Intereſſe mich mehr be⸗ ruͤhrt, als das meines beſten Freundes. Das Geſtaͤndniß war dieſes Mal ſo unumwunden, ſo daß Klotilde eine Regung des Entſetzens nicht zu unter⸗ druͤcken vermogte. — Ich hoͤre Sie fortwaͤhrend an, mein Herr, aber ich verſtehe Sie nicht mehr, ſagte die junge Frau in einem froſtigen und zuruͤckhaltenden Tone. — Ja, es iſt wahr, Verzeihung, Verzeihung, gnaͤ⸗ dige Frau, ſagte Fabian, indem er eine Verlegenheit heuchelte, welche er keineswegs empfand; ich vergaß, wie wenig ich die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu ſein. Statt daß ich fortfahre, von Ihnen zu reden, bin ich demnach auch gezwungen, gnaͤdige Frau, Sie einen Au⸗ genblick lang von mir zu unterhalten, Ihnen eine Son⸗ derbarkeit meines Charakters, oder vielmehr Ihnen eine Wunderlichkeit meines Herzens zu erklaͤren. Er ſchwieg einen Augenblick, Thraͤnen leuchteten in ſeinen Augen und eine unterdruͤckte Ruͤhrung ſchien ihm die Stimme zu brechen. Wider Ihren Willen hoͤrte ihn Klotilde fortwaͤhrend an. — Unter dem Scheine weltlichen Leichtſinnes ver⸗ berge ich ein ſehr ungluͤckliches Herz, fuhr er fort; ja, gnaͤdige Frau, ich habe den Schmerz, immer wider mei⸗ nen Willen hingeriſſen zu ſein, mich auf die Seite der Unterdruͤckten zu ſchlagen, wer ſie auch ſein moͤgen. ——ö 5—. ee——— — 10)— Verzeihen Sie mir dieſe Mittheilungen, und vor Allem, ſpotten Sie nicht daruͤber. Das geht ſo weit, daß ich auf einem Balle, ſtatt mich an Frauen zu wenden, welche ihre Schoͤnheit und ihr Schmuck mit Bewunde⸗ rung umgiebt, ich die arme Verlaſſene, die Niemand auffordert, aufſuche, um ſie an dem Vergnuͤgen und der allgemeinen Freude Theil nehmen zu laſſen. Ueberall, wo ich ſie antreffe, hat die Verlaſſenheit Rechte auf meine Aufmerkſamkeit, auf meine Sorgfalt, ſelbſt auf meine Achtung. Ich ſtelle mich nicht als Raͤcher der Bedruͤckten hin, aber ich finde ein Gluck darin, zu troͤ⸗ ſten; das iſt eine Rolle, die nicht glaͤnzen laͤßt, aber deren Ausfuͤhrung gleichwohl angenehm iſt. Es lag in Fabians Stimme ſo viel Ueberzeugung, und in ſeiner Miene ſo viel Wahrheit, daß eine an dieſe Art von Treiben am Meiſten gewoͤhnte Frau davon uͤber⸗ liſtet worden waͤre; als er die von ihm hervorgebrachte Wirkung ſah, fuhr Fabian demnach auch fort: — Wenn Sie wuͤßten, gnädige Frau, wie viel Un⸗ gerechtigkeiten es in der Welt gut zu machen giebt, wie viele Frauen, die man fuͤr gluͤcklich haͤlt, den Kopf ab⸗ wenden, um Thraͤnen zu vergießen, und wie vieles Laͤ⸗ cheln die Lippen ſtreift, das keineswegs aus dem Herzen entſpringt! — Aber wiſſen Sie, Herr von Rieule, ſagte Klo⸗ tilde, daß nach dieſer Rechnung Ihr ganzes Leben ein Akt der Aufopferung ſein muß? — Und dieſer Akt der Aufopferung iſt nicht ſeheſ verdienſtlich, gnaͤdige Frau, denn am Ende kann ein — 1410— Tag anbrechen, an welchem, wenn ſie den Unterſchied einſieht, welcher zwiſchen dem Herzen desjenigen ſtatt⸗ findet, Ider ſie verlaͤßt, und dem Herzen desjenigen, der ſie bedauert, eine Frau, die vielleicht niemals einen Blick auf mich hat fallen laſſen, geruhen wird, mich mit ei⸗ nem Worte zu belohnen, mich mit einem Laͤcheln zu be⸗ zahlen, und ſo den gluͤcklichſten der Maͤnner aus mir macht. Dieſes Mal konnte man ſich nicht mehr weder uͤber den Sinn der Worte, noch uͤber die Abſicht desjenigen, der ſie ausſprach, taͤuſchen; vor Schrecken erbleichend, ſtand demnach Klotilde ploͤtzlich auf. — Verzeihung, Herr von Rieule, ſagte ſie, ich hoͤre das Rollen eines Wagens, das iſt wahrſcheinlich Madame Oucoudray, welche in den Hof faͤhrt, und ich habe der Frau von Barthéle verſprochen, ſie von ihrer Ankunft zu benachrichtigen. Und raſch wie der Blitz eilte ſie durch den Billard⸗ ſaal und verſchwand hinter dem Thuͤrvorhange des Salons. — Gut, ſagte Fabian, indem er den Kragen ſeines Hemdes zurecht zog und ſeine Manſchetten faltete, meine Angelegenheiten gehen vortrefflich; ſie iſt geflohen, ſie fuͤrchtet alſo, ſich zu verrathen, wenn ſie bliebe. Ah, man laͤßt mich hier die Rolle des Arztes ſpielen; wohl⸗ an denn, es ſei, aber man wird mir meine Beſuche be⸗ zahlen!. — 111— VI. La Rochefoucauld hat in ſeinen zur Verzweiflung bringenden Maximen geſagt, daß in dem Ungluͤcke ei⸗ nes Freundes immer irgend Etwas laͤge, das uns Ver⸗ gnuͤgen mache. La Rochefoucauld hat die Sache aus dem am Mei⸗ ſten philanthropiſchen Geſichtspunkte genommen; er haͤtte ſagen ſollen, daß es kein Ungluͤck gaͤbe, das man nicht auszubeuten ſuche, keine Kataſtrophe, aus der es nicht gelaͤnge, einigen Nutzen zu ziehen, kein beklagenswerthes Ereigniß, bei dem es nicht Spieler auf Steigen und auf Fallen gaͤbe. So hatten Fabian von Rieule und Leon von Vaux Beide auf die Krankheit ihres Freundes Moritz ſpecu⸗ lirt, um ſeine Stelle einzunehmen, der Eine bei ſeiner Frau und der Zweite bei ſeiner Geliebten. Fernande hatte in der That eine Zeit lang dafuͤr gegolten, dem jungen Baron von Barthole anzugehoͤren, ſie hatte ſei⸗ ————— — 112— nen Aufmerkſamkeiten nachzugeben geſchienen, und da Nichts von ihrem Bruche ruchbar geworden war und da ſie eine große Vorſicht darauf verwandt hatten, ihr Verhaͤltniß zu verbergen, ſo hielt man ſie noch durch 3 eine ſehr romantiſche und ſehr ſchmachtende Liebe bis . zu dem Augenblicke vereinigt, wo die Wahrheit an den Tag kam, das heißt bis ſeit geſtern. Jetzt, wo Leon von Vaux nicht mehr daran zwei⸗ feln konnte, daß zwiſchen Moritz und Fernanden ein be⸗ ſtimmter Bruch Statt faͤnde, quaͤlte ihn Eines außerordent⸗ V lich: naͤmlich, wer denn Moritzens Nachfolger ſei? Das war eine ernſte Frage fuͤr den jungen Mann, denn er 3 knuͤpfte eine beſondere Wichtigkeit daran, den Lebens⸗ wandel der launigen Frau kennen zu lernen, welche ſeine Bewerbungen immer duldete, ohne ſie jemals zu beloh⸗ nen. In der That, ſeit beinahe einem Jahre wartete Leon von Vaux, obgleich von Vermoͤgen, von Manie⸗ ren und einem Aeußeren, um nicht zuruͤckgewieſen zu wer⸗ den, beſonders von einer Frau, die man fuͤr ſehr leicht⸗ fertig hielt, daß der Wind der Laune nach ſeiner Seite blieſe. Uebrigens ertrug Leon von Vaux ſeine Probezeit in Geduld; zum Mindeſten ſechs bis acht Jahre juͤnger, 3 als Fabian, empfing er durch ſeine Platoniſchen Ver⸗ bindungen mit der beruͤhmteſten Buhlerin von Paris, denn, ſprechen wir es unverhohlen aus, das war der Titel, welchen man Fernanden im Allgemeinen gab, ei⸗ nen Wiederſchein von Glanz und Ruf, den ſie ſelbſt beſaß; er fand außerdem den Vortheil darin, ſeine ——— 22 ei⸗ ne — 113— Laufbahn als Mann der Liebesabenteuer auf eine Weiſe zu beginnen, um das Gewerbe auf den erſten Schlag von Grund aus zu lernen; fuͤgen wir hinzu, daß er nirgends, ſelbſt nicht in den hoͤheren Kreiſen, eine Frau ſah, welche mehr zu ſeinem Herzen ſprach. „ Ein Wagen, je nach der Jahreszeit, das heißt, eine Sommerkaleſche und ein Wintercoupé, Alles von der eleganteſten Form und faſt immer von einem dunkeln Braun, Diener, auf Engliſche Weiſe gekleidet, das heißt ganz ſchwarz, ein Geſpann von wundervoll ſchoͤnen Apfel⸗ ſchimmeln, ſchwarze, glaͤnzend lackirte Geſchirre, kaum durch einige Silberfaͤden verziert, deuteten, wenn nicht die hohe Stellung, doch zum Mindeſten den ausgezeich⸗ neten Geſchmack der Frau an, welche man Abends unter der Halle der Oper oder der Italiener und zuweilen Mor⸗ gens vor der kleinen Thuͤre der Kirche Saint⸗Roch ausſtei⸗ gen ſah. Die Gaffer, welche Alles nach dem Aeußeren beurtheilen und die den Schein beneiden, ohne jemals die Wirklichkeit zu kennen, welche das Gluͤck in den Ge⸗ nuͤſſen des Luxus beſtehen laſſen, ſagten ſich, wenn ſie eine ſchoͤne, junge, elegante Perſon leicht aus dieſem Wagen huͤpfen ſahen: Das iſt eine recht gluͤckliche Frau! Aber, was aus Fernanden das vollkommene Abbild einer Frau von Stande machte, waren die Reinheit und die Leichtigkeit ihrer Sprache, die Sicherheit ihres Be⸗ nehmens, die Anmuth ihres Ganges, die Einfachheit ihrer Kleidung und der Adel ihrer Manieren. Ihre Fernande. Erſter Band. 8 — 114— mit den Ausdruͤcken von Jedermann, was ſelten iſt, ausgeſprochenen Urtheile waren immer voller Logik, ob⸗ gleich kuͤhn in der Anſicht; uͤber welchen Zweig der Kunſt auch eine Frage aufgeſtellt wurde, ſie entſchied ſie immer mit einer unbeſtreitbaren Ueberlegenheit des Ge⸗ ſchmackes. In der Muſik waren ihre Bemerkungen von einer ſolchen techniſchen Genauigkeit und von einer ſolchen Feinheit des Gefuͤhles, daß man auf das Hoͤchſte uͤber ihre Urtheile erſtaunt war. Setzte ſie ſich vor ein Piano, was ſie ohne ſich bitten zu laſſen und zuweilen aus ei⸗ genem Antriebe that, ſo verrieth ihr erſtes Vorſpiel den Genius der Begeiſterung. Wenig Auserkorene waren in ihrem Atelier zugelaſſen, aber diejenigen, welche durch beſondere Gunſt daſſelbe betreten hatten, ſagten, daß es unmoͤglich waͤre, daß ſie ihre Gemaͤlde nicht von einem großen Maler verbeſſern ließe, der zu ihrem vertrauten Kreiſe gehoͤrte und von dem man ſagte, daß er ihr Ge⸗ liebter ſei. So wußte ſie auch zu loben und zu tadeln, und das mit mehr, wir wollen nicht ſagen Gerechtigkeit, ſondern Richtigkeit, als diejenigen, welche ihr Geſchaͤft aus dieſem ungluͤckſeligen Gewerbe, das man die Kri⸗ tik nennt, machen. In der Literatur war ihr Geſchmack ſtreng; ſie las wenig leichtfertige Werke. Ihre Biblio⸗ thek zeigte eine lange Reihe großer Schriftſteller aller Jahrhunderte. In Bezug auf Urtheil, Geiſt und Ma⸗ nieren ſtand demnach auch Fernande nicht allein den ausgezeichnetſten und am Meiſten genannten Frauen der hoͤheren Kreiſe gleich, ſon een ſie uͤbertraf dieſelben ſo⸗ gar in gewiſſen Punkten. Die Vorzuͤge des Herzens beſtanden bei ihr in demſelben Grade, kals die des Ver⸗ ſtandes, woruͤber ihre vertrauten Freunde allein die Irr⸗ thuͤmer haͤtten verbeſſern, oder die Meinungen derer haͤtten beſtaͤtigen koͤnnen, die ſie nur halb kannten, und die ſie fuͤr boshaft, nicht von Herzen, denn man er⸗ zaͤhlte keine einzige ſchlechte Handlung von ihr, aber zum Mindeſten in Worten erklaͤrten..5 Verdankte nun Fernande ihre Erfolge dem Zauber ihrer Perſon, der Feinheit ihrer Zuͤge, oder dem Zuſam⸗ menwirken ihrer Talente? War man mehr durch ihre im⸗ mer ſichtbare Anmuth uͤberraſcht, oder durch die Eigen⸗ ſchaften, welche man in dem Maße, als man ſie naͤher kennen lernte, an ihr entdeckte? Wer hatte ſie zu die⸗ ſer hohen Eleganz gebildet? Woher ſtammte ſie? Wer hatte das kleine Volk der Loͤwen mit ihr begabt? Ach! Allen dieſen ohne Antwort gebliebenen Fragen, welche ſogar die Neugierde ihrer Vertrauteſten in Verzweiflung ſetzte, mußte man eine andere hinzufuͤgen, die Niemand aufwarf, die aber doch wichtig wurde, um Jeden dieſe ausgezeichnete Frau kennen zu lehren: welches waren die herrſchenden Gefuͤhle ihrer Seele? Gewiß kannte man ihre Macht und ihre Erhabenheit genug, aber wer hatte ihre Geheimniſſe ergruͤndet, und wer konnte behaupten, daß es in dieſem ſo geſchmeichelten, und dem Anſcheine nach ſo gluͤcklichen Leben nicht unenblichen Kummer und reichliche Thraͤnen gaͤbe? Inzwiſchen war jede Oberfläͤche dieſes Daſeins glaͤnzend, und ſchien wie ein ſchoͤner See mit klarem Waſſer die Strahlen der Sonne wiederzu⸗ ſpiegeln. 8* — 116— Anſtatt Fernande gleich Anfangs in den Salon tre⸗ ten zu laſſen, in welchem er meinte, daß ſie erwartet waͤre, hatte ſie Léon von Vauy beim Ausſteigen aus dem Wagen unter dem Vorwande, ſie ſeine Schoͤnheit be⸗ wundern zu laſſen, in der Wirklichkeit aber, um ſo lange als moͤglich die Verlegenheit zu verzoͤgern, in der er ſich nothwendiger Weiſe zu befinden im Begriffe ſtand, in den Garten gefuͤhrt. Ganz mit ſich oder Fernanden be⸗ ſchaͤftigt, hatte er nicht gewagt, ſie von dem wichtigen Amte in Kenntniß zu ſetzen, das ſie einnehmen, der ho⸗ hen Rolle, die ſie ſpielen ſollte; er hatte ſich immer ge⸗ ſagt:— ſpaͤter; und jetzt, wo er zu dem Momente ge⸗ langt war, wo Fernande auftreten ſollte, hatte er nicht mehr den Muth zu ſprechen. Sich auf den kuͤhnen Geiſt ſeines Freundes und auf die Moͤglichkeiten des Zufalles verlaſſend, der ſo oft den Thoren guͤnſtig iſt, weil die Thoren blind wie er ſind, ging er demnach unbeſonne⸗ ner Weiſe und mit der ganzen Keckheit ſeines Dandys⸗ mus einer der kitzlichſten geſellſchaftlichen Fragen entge⸗ gen, die jemals aufgeworfen worden ſind, naͤmlich der Einfuͤhrung der Buhlerin in die Familie, und indem er ſeine ſchoͤne Begleiterin auf die Annehmlichkeiten der Be⸗ ſitzung, den moſigen Teppich des Raſens, den Spiegel des Baſſins, den Zauber der Ausſicht aufmerkſam machte, ließ er ſie die Haustreppe hinaufgehen, durch das Vor⸗ zimmer ſchreiten, und fuͤhrte ſie in den Salon, wo Fa⸗ bians Anweſenheit Fernanden endlich zu beruhigen ſchien. — Ah! Herr von Rieule, rief ſie aus, als ſie Fa⸗ bian erblickte, endlich ſehe ich Sie! Ich geſtehe Ihnen, — 117— ich begann wahrhaft beſorgt zu werden; geben Sie zu, dieſer Ausflug iſt hoͤchſt ſeltſam, und ich bin wahrhaft erſtaunt und furchtſam daruͤber. Ich habe Herrn von Vaux befragt, er hat den Geheimnißvollen und den Raͤthſelhaften geſpielt. Aber Sie, Herr von Rieule, werden mir hoffentlich ſagen, wo wir uns befinden, und was das fuͤr ein bezaubertes Schloß iſt. Man begegnet Niemandem darin, Alles ſcheint darin ſchweigend. Sind wir in dem Schloſſe der Schoͤnen im ſchlafenden Walde? — Gerade, Madame, und Sie ſind die Fee, welche in dieſem geheimnißvollen Palaſte Alles wieder bele⸗ ben ſoll. — Scherz bei Seite, Herr von Rieule, erwiderte Fernande, laſſen Sie hoͤren, warum hat man mich hier⸗ her gefuͤhrt? Soll ich einem laͤndlichen Feſte, der Be⸗ kraͤnzung einer Roſenjungfrau beiwohnen? Woher kommt die uͤberraſchte Miene, mit der Sie mich anhoͤren? Spreche ich eine Sprache, die Sie nicht verſtehen? Ant⸗ worten Sie, erklaͤren Sie Sich!. — Wie, Madame, rief Fabian auf das Hoͤchſte er⸗ ſtaunt aus, dieſer unbeſonnene Leon hat Ihnen nicht geſagt.. Leon unterbrach ſeinen Freund: — Du mußt wiſſen, mein Lieber, ſagte er zu ihm, daß, wenn ich das Gluͤck habe, zufaͤllig unter vier Au⸗ gen mit Madame zu ſein, ich an nichts Anderes zu den⸗ ken vermag, als ſie zu bewundern, und ich dieſe koſt⸗ bare Zeit benutze, um ihr hundert Male zu wiederholen, daß ich ſie liebe. ——ef — 118— — So geben Sie denn in dieſem Falle zu, daß ich durchaus großmuͤthig bin, antwortete Fernande, denn ich habe Sie hundert Male dieſelbe Sache wiederholen laſſen, ohne Sie fuͤhlen zu laſſen, daß es mit einem einzigen ſchon zu Viel waͤre. Faſt immer artig, wußte Fernande indeſſen von Zeit zu Zeit, wenn ſie es fuͤr angemeſſen und nothwen⸗ dig hielt, beſonders mit gewiſſen Maͤnnern, einen Ton von Wuͤrde anzunehmen, der durch die Uebereinſtimmung der Haltung, der Stimme und der Abſicht Achtung ge⸗ bot. Eine froſtige Gleichguͤltigkeit bemaͤchtigte ſich dann ploͤtzlich ihrer, erſtarrte ihr Laͤcheln, erloͤſchte ihren Blick, und eben ſo, wie ſie die Gewalt hatte, die Freude zu erwecken, ſo gelang es ihr, den Kuͤhnſten und Unbeſon⸗ nenſten Zuruͤckhaltung aufzuerlegen, in der ſie zuweilen wuͤnſchte, daß man bliebe.. Leon von Vaux ſtammelte einige Worte der Ent⸗ ſchuldigung; Fabian, der keine Entſchuldigungen zu ma⸗ chen hatte, wartete. — Ich habe Sie voller Bewunderung fuͤr die Lage, fuͤr die Eleganz und fuͤr die Bequemlichkeit eines Land⸗ hauſes geſehen, meine Herren, fuhr Fernande fort, das, wie Sie ſagten, zu verkaufen waͤre. Sie wußten, daß ich einen ſolchen Kauf zu machen wuͤnſchte; Sie haben mich eingeladen, es mit Ihnen zu beſuchen, und ich bin gekommen. In der That, dieſe Wohnung iſt ſehr ſchoͤn, ſehr ausgezeichnet, ſehr elegant; aber ſie kann nicht unbewohnt ſein; irgend Jemand befindet ſich darin, waͤre es auch nur ein Verwalter. Wer iſt dieſer Je⸗ ———— — 119— mand? Wo iſt dieſer Verwalter? Reden Sie, bei wem ſind wir? Wollen Sie mir etwa irgend eine Ueberra⸗ ſchung bereiten? In dieſem Falle ſage ich Ihnen im Voraus, ich verabſcheue ſie. Eine gewiſſe Schnelligkeit im Sprechen verrieth an ſich allein die uͤble Laune, in welcher ſich Fernande be⸗ fand. Sie wußte, daß man ſeine Kraft ſo lange be⸗ haͤlt, als man ſich maͤßigt, und man haͤtte ſie beſſer kennen muͤſſen, als die beiden jungen Leute bis jetzt Gelegenheit gehabt hatten, um die innere Unzufrieden⸗ heit zu ahnen, die ſie aufregte. — Madame, antwortete Leon, indem er ſeinen Zuͤ⸗ gen alle die Feinheit zu geben ſuchte, deren ſie faͤhig waren, Sie befinden ſich hier bei einer Perſon, die wiederzuſehen Ihnen vielleicht nicht unlieb ſein wird. — Ah, wahrhaftig? rief Fernande aus, indem ſie ihren Zorn unter einem ſpoͤttiſchen Laͤcheln verbarg. Es iſt irgend ein Verrath? Ich errathe es an Ihrer ſchlauen Miene. In der That, ich erinnere mich: Sie haben mir geſtern auf eine affectirte Weiſe von einem vorneh⸗ men Herrn geſprochen; ich kenne keinen vornehmen Herrn, und ich will keinen kennen lernen. Nun denn, laſſen Sie mich nicht zu lange in meiner Neugierde ſchmachten: wo bin ich? Und indem ſie ſich, ihre ſchoͤnen ſchwarzen Augen⸗ brauen leicht runzelnd, an Fabian wandte, fuhr ſie mit einer Art von unterdruͤckter Ungeduld fort: — Ich wende mich an Sie, Herr von Rieule, den ich fuͤr einen Mann von zu gutem Geſchmack halte, nicht um eine ſchlechte That zu begehen, ſondern um einen albernen Scherz zu machen. Leon biß ſich auf die Lippen und Fabian antwortete laͤchelnd:. — Ich kann es Ihnen nicht laͤnger verhehlen, Ma⸗ dame, ja es iſt die Wahrheit. Dieſe Spazierfahrt iſt eine Falle, die wir Ihrer Argloſigkeit geſtellt haben, und Sie ſind hier in dieſem Augenblicke die wichtigſte, und vor Allem die nothwendigſte Perſon eines, beruhigen Sie ſich, ſehr unſchuldigen Komplottes, denn es handelt ſich einfach und allein darum, einem armen Kranken das Leben wiederzugeben. — Ja, Madamo, fuͤgte Leon hinzu, eines vor Liebe Kranken, einem Ihrer Opfer, einer zweiten Auflage des Kranken André Chéäniers. Sie wiſſen, und Ihr Lieb⸗ lingsdichter hat geſagt:* .. Sinnloſe, die wir ſind, Es iſt immer dieſe Liebe, welche die Menſchen quaͤlt. — Wahrhaftig, rief Fernande mit einem noch mehr hervortretenden Ausdrucke von Spott aus, ein Beweis, daß ſich ein noch weit heftigerer Zorn in der Tiefe ihres Herzens ſammelte, wahrhaftig? Nun denn! Herr von Vaux, ich geſtehe Ihnen, ich bewundere an Ihnen ſo viel Gefaͤlligkeit, ſo viel Selbſtverleugnung, beſonders bei ſo vieler Liebe. Das iſt ſchoͤn von einem Manne, der mir hundert Male in einer Stunde geſagt hat, daß er raſend in mich verliebt waͤre. Dann, nach einem kurzen Schweigen, waͤhrend deſ⸗ ſen ſie ſich ſammeln und dasjenige bedenken konnte, was — 121— ſie unter dieſen Umſtaͤnden zu thun haͤtte, affectirte ſie eine ſo große Ruhe, daß ſie die kuͤhnſten Plaͤne einge⸗ ſchuͤchtert haͤtte, und mit dem Tone einer Frau, die ih⸗ ren Entſchluß faßt, ſetzte ſie hinzu: — Ich muß geſtehen, Sie verfuͤgen auf eine ſelt⸗ ſame Weiſe uͤber mich. Ich habe Ihnen inzwiſchen kein Recht dazu gegeben, meine Herren, weder dem Einen, noch dem Anderen. Aber was liegt daran? Sie wiſſen, ich bin Beobachterin; nun denn, ich werde dieſen Um⸗ ſtand, dieſes Abenteuer, denn es iſt eines, benutzen, um Sie alle zu wuͤrdigen. Sie ſind ein großmuͤthiger Mann, Herr von Vaux, das iſt eine neue Anſicht, un⸗ ter der ich Ihre Bekanntſchaft mache. In Bezug auf Sie, Herr Fabian, geſtehe ich, daß ich weniger Fort⸗ ſchritte gemacht habe; aber ich zweifle nicht, daß auch Sie irgend ein Gefuͤhl leitet, das um ſo ehrenvoller iſt, als es uneigennuͤtzig ſein wird. Wir werden ſehen! Aber, wenn ich mich nicht irre, ſo belebt ſich jetzt unſere Einſamkeit. In der That oͤffnete ſich in dieſem Augenblicke die Thuͤre des Salons, und Frau von Barthele, durch Klotilden von der Ankunft der Madame Ducoudray un⸗ terrichtet, erſchien auf der Schwelle, bevor Fernande, wie wir geſehen haben, ein einziges Wort der Erklaͤrung von den beiden jungen Leuten hatte erlangen koͤnnen. Bei dem Anblicke der Baronin entſtand in dem Aeu⸗ ßeren der Buhlerin eine ſichtliche Verwandlung; ſie ſchien um einen ganzen Kopf zu wachſen, und auf das ſooͤttiſche uͤber ihr Geſicht verbreitete Gefuͤhl folgte der Ausdruck einer kalten Wuͤrde. Das Benehmen der Frau von Barthele war feier⸗ lich und gezwungen; ein kuͤnſtliches Laͤcheln entſtellte fuͤr den Augenblick ihr offenherziges Geſicht voller ungekuͤn⸗ ſtelter Gutmuͤthigkeit; ſie machte beim Eintritte eine Verbeugung, die zu tief war, um hoͤflich zu ſein; kurz, Alles an ihr verrieth die Verlegenheit, in der ſie ſich be⸗ funden haben mußte, als ſie dieſen aͤußerſten Entſchluß gefaßt hatte, in ihrem Hauſe eine Frau zu empfangen, zu der ſie ſich hingezogen gefuͤhlt haben wuͤrde, wenn der Zufall allein ſie ihren Blicken vorgeſtellt haͤtte. Sie hielt, wie durch die Wirkung einer geheimen Furcht, ihre Augen niedergeſchlagen, und erhob ſie erſt dann wieder, nachdem ſie in ſchicklichen Ausdruͤcken, von denen aber jedes Wort im Voraus abgewogen zu ſein ſchien, alle die Ungeduld und die Bangigkeit ausgedruͤckt, welche ſie in der Ungewißheit und in der Hoffnung uͤber die Anwe⸗ ſenheit Derjenigen empfunden hatte, welche die Guͤte ge⸗ habt, ihre Einladung anzunehmen. Erſt jetzt, und nachdem ſie ihre Anrede auf eine fehlerfreie Weiſe beendigt, warf die Baronin von Bar⸗ thele einen Blick auf Fernanden. Sogleich druͤckte eine zweite, minder foͤrmliche Ver⸗ beugung, als die erſte, durch eine unwillkuͤrliche Bewe⸗ gung entweder eine Buͤßung ihres Schreckens, oder die Wirkung einer wunderlichen Zufriedenheit aus, als ſie eine, beſonders durch ihre Einfachheit und ihren feinen — 123— Geſchmack ſchoͤne Perſon von ausgezeichneter Haltung er⸗ blickte. In den vornehmen Geſellſchaften an fluͤchtige Er⸗ forſchungen gewoͤhnt, ſah Frau von Barthele mit die⸗ ſem verſchlingenden Blicke, mit dem eine Frau die Mu⸗ ſterung einer andern Frau in ihrem Ganzen und in ih⸗ ren Einzelnheiten vornimmt, Alles Dasjenige, was ſie ſehen wollte, naͤmlich, daß das weiße Kleid, welches Fernande trug, von dem feinſten indiſchen Mouſſelin war, daß der Italieniſche Strohhut, der ihren Kopf be⸗ deckte, von Mademoiſelle Baudran angefertigt ſei, daß die ſchwarze Mantille, die uͤber ihre Achſeln geworfen war, und die dhtza feihes und eleganten Wuchs zeigte, ſtatt ihn zu verbergelf, aus der Modehandlung der Ma⸗ demoiſelle Delatour kaͤme; endlich, daß die Farbe der Schuhe, welche einen Kinderfuß bekleideten, und die Handſchuhe, welche Fernandens Haͤnde bedeckten, bis auf die geringſte Kleinigkeit dieſes ich weiß nicht was von guter Geſellſchaft andeuteten, das der Griſette, ſo bereichert ſie auch ſein moͤge, niemals zu erreichen ge⸗ lingt; denn dieſes ich weiß nicht was iſt eine liebliche und feine Eſſenz, die man weit eher fuͤhlt, als man ſie ſieht, und die gleich einem Wohlgeruche ſich noch bei Weitem mehr der Seele, als den Sinnen offenbart. Zu gleicher Zeit verwirrt und entzuͤckt uͤber dieſe Muſterung, ſprach Frau von Barthole von jetzt an auf eine ungezwungene Weiſe, indem ſie die Worte ihre Gedanken ausdruͤcken ließ. — Ich habe die Ehre, Ihnen fuͤr die Zeit zu dan⸗ — 124— ken, Madame, ſagte ſie mit einer faſt herzlichen Ruͤh⸗ rung, welche Sie ſo gütig ſind, dem Gluͤcke meiner Fa⸗ milie zu bewilligen. Nicht minder uͤber die Worte der Frau von Bar⸗ thale erſtaunt, als dieſe bei ihrem Anblicke geweſen war, aber zuruͤckgehalten durch dieſe Vorſicht und dieſe in ihrer Stellung immer unerlaͤßliche Zuruͤckhaltung gegen Jedermann, die bei dieſer ausnahmsweiſen Veranlaſſung noch bei Weitem mehr noͤthig geworden waren, machte Fernande ihrer Seits zwei Verbeugungen, welche in Allem denen nachgebildet waren, welche man an ſie ge⸗ richtet hatte, und ſie antwortete mit der zugleich liebli⸗ chen und klangvollen Stimme, welche ihren geringſten Worten ſo viel Werth verlieh, und beſonders mit je⸗ nem vollendeten Tone, der in einer liebreichen Abſicht den abſichtsloſeſten Redensarten einen Sinn zu verleihen ſcheint. — Sobald ich weiß, gnaͤdige Frau, ſagte ſie, auf welche Weiſe ich Ihnen nützlich ſein ſoll, ſobald ich weiß, was ich, wie Sie ſagen, fuͤr Ihr Gluͤck zu thun vermag — Was Sie vermoͤgen! rief Frau von Barthele aus, indem ſie allmaͤlig einem unwiderſtehlichen Ein⸗ fluſſe nachgab. Ei, Sie vermoͤgen Alles! Was Sie vermoͤgen. Der Doctor wird es Ihnen ſagen. Er iſt ein ſehr geſchickter Arzt und außerdem ein Mann von dem ausgezeichnetſten Verſtande.. Fernande warf auf die beiden jungen Leute einen ausdrucksvollen Blick, wie um ſie uͤber den Sinn dieſer — 125— Sprache und um die Aufloͤſung dieſes Raͤthſels zu fra⸗ gen, das immer unverſtaͤndlicher fuͤr ſie wurde. Waͤh⸗ rend dieſer Zeit beſtaͤtigte Frau von Barthale durch die Ueberlegung im Stillen die guͤnſtige Meinung, welche ſte vom erſten Augenblicke an fuͤr dieſe ſeltſame Frau ge⸗ faßt, mit der das Ungluͤck ſie in Beruͤhrung gebracht hatte. — Madame, antwotrete Leon von Vaux auf die ſtumme Frage, die an ihn gerichtet war, und indem er mit einem Anſcheine hoher Ehrerbietung auf Frau von Bar⸗ thole deutete, das iſt eine Mutter, die entzuͤckt ſein wird, Ihnen das Gluͤck ihres Sohnes zu verdanken. Es lag in dem Sinne dieſer Worte und beſonders in dem ernſthaften und einfaͤltig ſchalkhaften Tone deſ⸗ ſen, der ſie ausſprach, etwas ſo Laͤcherliches, daß Fer⸗ nande bei jeder andern Veranlaſſung eine jener Regun⸗ gen von Luſtigkeit empfunden haben wuͤrde, denen ſie ſich zuweilen gern hingab; aber ſie begnuͤgte ſich zu laͤ⸗ cheln, und ſelbſt dieſes Laͤcheln ſtreifte kaum ihre Lippen. Die Frau, welche man ihr als eine fuͤr das Leben ih⸗ res Sohnes beſorgte Mutter vorſtellte, war in ihrem Selbſtvertrauen ſo einfach und ſo wahr, eine ſo unend⸗ liche Traurigkeit offenbarte ſich, wie ohne ihr Wiſſen, in ihren Zuͤgen, daß Fernande durch eine unbeſtimmte Seelenahnung einſah, daß auf dem Grunde dieſes dem Anſcheine nach laͤcherlichen Abenteuers ein Gegenſtand wahrer Betruͤbniß und vielleicht ein großes Ungluͤck vor⸗ handen ſei. Mit vollendeter Guͤte bat ſie demnach auch ſogleich Frau von Barthele ſich zu erklaͤren. — 126— Nun antwortete dieſe, welche allmaͤlig den Ent⸗ ſchluß vergaß, den ſie gefaßt hatte, eine vornehme Dame zu bleiben, indem ſie die Strenge der Sprache und der Haltung, die ſie ſich vorgenommen, beibehielt, und die, ohne es recht zu ahnen, der Anziehungskraft nachgab, welche Fernande ausuͤbte, mit ihrer gewoͤhnlichen Gut⸗ muͤthigkeit und Unbeſonnenheit: — Ei, er liebt Sie, das arme Kind; ja, Ma⸗ dame, er liebt Sie, und die Liebe, welche Sie ihm ein⸗ gefloͤßt haben, ſtuͤrzt ihn in eine Niedergeſchlagenheit und in eine unmoͤglich zu beſaͤnftigende Geiſtesverwir⸗ rung. Es iſt Todesgefahr vorhanden, Madame; aber da Sie ſo guͤtig ſind, unſeren Antrag anzunehmen, um einige Tage bei uns, bei ihm zuzubringen... Das Erſtaunen Fernandens legte ſich durch eine Bewegung ſo ausdrucksvoller Empoͤrung an den Tag, daß Frau von Barthele, welche ſah, daß ſie die junge Frau auf eine grauſame Weiſe verletzt haͤtte, die Hand der Buhlerin ergriff; und ſie mit unwillkuͤrlicher Zaͤrtlich⸗ keit druͤckend, rief ſie aus: — Ach, Madame, ſein Sie uͤber das Ungluͤck ge⸗ ruͤhrt, das Sie, vielleicht ohne es zu wiſſen, verurſa⸗ chen, und ſein Sie feſt uͤberzeugt, daß wir Alles das⸗ jenige zu wuͤrdigen und zu vergelten wiſſen werden, was Ihre Guͤte, was Ihre Gefaͤlligkeit... Fernande wurde entſetzlich bleich, und erſt bei dem Anblicke ihrer Blaͤſſe ſah Frau von Barthele ein, in welchem Grade die ſo eben von ihr ausgeſprochenen, in einem gewiſſen Sinne genommenen Worte unſchicklich — 127— wurden; ſie unterbrach ſich demnach ploͤtzlich ſelbſt, ſtam⸗ melte einige unverſtaͤndliche Worte und fuͤhlte ihre Ver⸗ wirrung ſich noch vermehren, als ſie Leon, wahrſchein⸗ lich um ſich uͤber die einen Augenblick zuvor erhaltene Zurechtweiſung zu raͤchen, mit halbleiſer Stimme zu Fernanden ſagen hoͤrte:. — Nun, Madame, jetzt werden Sie begreifen, nicht wahr? Dieſer Mangel an Schicklichkeitsgefuͤhl verletzte die beiden Frauen zu gleicher Zeit und mit demſelben Schlage, und Jede von ihnen hatte unendliche Muͤhe, um den Vorwurf zu unterdruͤcken, der bereit ſchien, uͤber ihre Lippen zu treten und den doch ihr Blick allein ausdruͤckte. Was Fabian anbelangt, ſo ſchien er als einfacher Zuſchauer einem Schauſpielakte beizuwohnen; er begriff die gegenſeitige Verlegenheit der Frau von Welt und der Buhlerin, und obgleich man ſagt, daß die Freund⸗ ſchaft uns in der Regel uͤber die Eigenſchaften unſerer Freunde verblende, ſo fand er dennoch, daß bei dieſer Veranlaſſung die Rolle Leons, beſonders in ſeiner Ei⸗ genſchaft als Schmachtender, die laͤcherlichſte von allen Dreien waͤre. Was Fernanden anbelangt, ſo ging der durch die unſchuldiger Weiſe grauſamen Worte der Frau von Bar⸗ theͤle hervorgebrachte Eindruck voruͤber, oder ſchien zum Mindeſten mit der Schnelligkeit des Blitzes voruͤber zu gehen. Ein innerer Entſchluß, deſſen Flamme man in ihren Augen leuchten ſah, verlieh ihrer Haltung einen — 128— Stolz, welcher den Anſtand, der von ihrem Weſen un⸗ zertrennlich war und alle ihre Handlungen erhob, nur noch erhoͤhete; ſie wies die Hand der Frau von Bar⸗ thele ſanft zuruͤck und antwortete mit einem wundervol⸗ len Takte im Ausdrucke und in dem Benehmen: — Ohne mich dem auszuſetzen, vielleicht ungerecht gegen Sie zu ſein, gnaͤdige Frau, vermag ich in dieſem Augenblicke nicht die Sprache zu fuͤhren, welche ich meinem Charakter zufolge hoͤren laſſen ſollte. Ich wende mich demnach auch nicht an Sie, ſondern an die Herren von Rieule und von Vaux, die mich hierhergefuͤhrt haben. Indem ſie ſich nun mit Ruhe und Wuͤrde nach der Seite der beiden Freunde wandte, fuͤgte ſie hinzu: — Eine Frau in einer erniedrigenden Stellung einer anderen Frau gegenuͤber zu ſtellen, ohne daß ſie es ver⸗ dient hat, iſt eine Frechheit, meine Herren, die mich von Ihrer Seite nicht zu verwundern vermag, obgleich ich Ihnen noch die Ehre erwies, Sie deren unfaͤhig zu halten; es iſt eine Niedertraͤchtigkeit mehr, welche Sie gegen dieſe ſchwachen Weſen begangen haben, die Sie von der Kindheit an durch Verfuͤhrung, durch Liſt, durch Ueberrumplung der Tugenden berauben, welche die einzige Kraft ihres Geſchlechts ausmachen, die Sie auf der Schwelle der Kindheit, und zuweilen noch bevor ſie den Verſtand erlangt, belauern, um ſie zuerſt zu ver⸗ fuͤhren und ſich nachher das Recht anzumaßen, ſie mit Schimpf und Verachtung zu uͤberhaͤufen. Und dennoch, ich wiederhole es, hatte weder der Eine, noch der An⸗ dere von Ihnen das Recht, mich in die Stellung zu —2 verſetzen, in die er mich verſetzt hat und in der ich mich befinde. Ganz beſtuͤrzt uͤber einen Auftritt, den zu erwarten ſie weit entfernt war, beeilte ſich Frau von Barthoèͤle vermittelnd einzutreten, indem ſie verſuchte, Fernanden Worte der Entſchuldigung fuür ſie und fuͤr die beiden jungen Leute hoͤren zu laſſen, aber Fernande unterbrach ſie mit dem Tone einer Frau, die einſieht, daß ſie Herrin der Umſtaͤnde iſt und daß cs ihr zukommt, ſich hoͤren zu laſſen. — Ich bitte Sie, gnaͤdige Frau, ſagte Fernande, kein Wort, keine Sylbe. Alles veranlaßt mich zu glau⸗ ben, daß ich in Ihnen eine jener von der Geburt an durch das Schickſal beguͤnſtigten Perſonen ſehe, die in dem erſten Abſchnitte ihres Lebens von aufmerkſamen Eltern geleitet wurden, und die Ihnen reine Sitten und heilſame Beiſpiele uͤberliefert haben. Warum nun uns mit einander in Beruͤhrung bringen, warum die beiden Extremitaͤten der menſchlichen Geſellſchaft ſich ſo weit biegen zu laſſen, bis daß ſie ſich beruͤhren, warum ent⸗ weder durch Gewalt oder durch Liſt die Buhlerin der Frau von Welt gegenuͤber zu fuͤhren? Ich begreife die ganze Entfernung, welche gerechte Vorurtheile zwiſchen uns ſtellen, gnaͤdige Frau, und um Ihnen zu beweiſen, daß die Schuld nicht von mir herruͤhrt und daß ich mir volle Gerechtigkeit widerfahren laſſe, entferne ich mich. Bei dieſen Worten machte Fernande eine tiefe Ver⸗ beugung, und ohne nur einen Blick auf einen oder den andern der beiden jungen Leute zu werfen, that ſie ei⸗ Fernande. Erſter Band. 9 — 130— nige Schritte nach der Thuͤre zu; ſogleich warf ſich Frau von Barthèle, die anfangs ſtumm und regungslos vor Erſtaunen geblieben war, ihr in den Weg: — Madame, o, Madame! rief ſie die Haͤnde fal⸗ tend aus, haben Sie Mitleiden mit einer verzweifeln⸗ den Mutter. Ich bitte Sie inſtaͤndigſt, mein Sohn iſt ſterbend, Madame, es handelt ſich um meinen Sohn. Fernande antwortete nicht; da ſie ſich aber in die⸗ ſem Augenblicke zwiſchen Frau von Barthele und den beiden jungen Leuten befand, wandte ſie den Kopf halb und veraͤchtlich auf ihrer Achſel zuruͤck, und ſich an dieſe Letzteren wendend ſagte ſie, indem ſie ihren Zuͤgen einen ſeltſamen Ausdruck von Verachtung und von Zorn gab: — Was Sie anbelangt, meine Herren, ſo haben Sie Fernanden verkannt. Fernanden! Sie verſtehen, was mein auf dieſe Weiſe ausgeſprochener Name ſagen will. Blicken Sie mich an, meine Herren, und erin⸗ nern Sie ſich Ihr ganzes Leben lang an die Roͤthe, mit der Sie meine Stirn bedeckt haben. — Wenn Sie uns erlauben wollen, Ihnen eine nothwendige Erklaͤrung zu geben, ſagte Fabian in ern⸗ ſtem Tone, ſo glaube ich, daß ſie auf der Stelle fuͤhlen werden, wie wenig wir die Drohung verdienen, welche Sie an uns richten, beſonders wenn Ihre Anweſenheit nur ein Beweis der Achtung iſt, welche wir uͤr Sie hegen. 3 — O, ja, ja, Madame! rief Frau von Barthele außer ſich aus, und die Art, mit der ich Sie empfan⸗ —— — 131— gen, haͤtte Sie, meine ich, von dieſer Wahrheit uͤber⸗ zeugen muͤſſen. — Ich glaube Alles, was Sie mir zu ſagen geru⸗ hen, gnaͤdige Frau, antwortete Fernande, indem ſie von dem Tone hoͤchſten Stolzes zu dem Tone der be⸗ ſcheidenſten Hoͤflichkeit herabſtieg; aber glauben Sie ge⸗ faͤlligſt, daß es auch meiner Seits ein Beceis der ho⸗ hen Achtung iſt, welche ich fuͤr Sie hege, daß ich mich entferne, bevor die ſchmerzliche Lage, in der ich mich befinde, mich gezwungen hat, dagegen zu fehlen. Und zu gleicher Zeit that ſie nochmals einen Schritt auf die Thuͤre zu, aber in dieſem Augenblicke oͤffnete ſich dieſelbe und Klotilde erſchien. 3 — O, meine Tochter, meine Tochter! rief Frau von Barthele aus, vereinigen Sie Sich mit mir; und wie ich fuͤr mein Kind bitte, ſo bitten Sie fuͤr Ihren Gatten. Fernande blieb regungslos vor Erſtaunen, und die beiden jungen Frauen warfen ſich einander einen Blick von einem unmoͤglich zu ſchildernden Ausdrucke zu. Das Erſcheinen der neuen Perſon, welche ſo eben aufgetreten war, vermehrte, wie man ſich wohl denken wird, noch die Verlegenheit und die Verwirrung aller Theilnehmer an dem Familien⸗Drama, das wir unſe⸗ ren Leſern vor die Augen zu ſtellen verſuchen: Das Al⸗ ter und der Titel als Mutter verliehen der Frau von Barthole in den Augen der jungen Leute und der Frau, welche ſie mitgebracht hatten, eine Art von moraliſcher Gewalt, aber Klotilde befand ſich mit ihrem Titel als 9* — Gattin in eine falſche Stellung verſetzt, die zu umge⸗ hen ihr nicht mehr moͤglich war. Man mogte, ob man nun die Ueberzeugung einer drohenden Gefahr hatte oder nicht hatte, noch ſo ſehr ſich ſelbſt ſagen und es Jeder⸗ mann laut wiederholen: Man muß einen Sohn retten, man muß einen Gatten retten. Es war von der Ehe die Rede, nach Beaumarchais Aus⸗ ſage dem drolligſten der ernſten Dinge, und die in die⸗ ſer Beziehung immer zum Lachen geneigte Welt mußte ſelbſt uͤber die Thraͤnen lachen, die ſie fließen ſaͤhe, wenn ſie Klotilden Fernanden gegenuͤber fand, die ehrbare Frau bei der Buhlerin, die rechtmaͤßige Gattin der Geliebten gegenuͤber, mit andern Ausdruͤcken, das, was man bil⸗ ligen muß, und das, was man vereinigt tadeln muß, Alles das bot ein Verhaͤltniß, welches wider die Sitte war, einen Begriff, welcher gegen die angenommenen Gebraͤuche anſtieß, einen Anblick, der das geſellſchaft⸗ 3 liche Gefuͤhl verletzte. Frau von Barthèle fuͤhlte es ſelbſt, aber ſie hatte ſich mit ihrer gewohnten Unbeſonnenheit in dieſe Verle⸗ genheit verſetzt; ſie beſchloß ihr herzhaft die Spitze zu bieten, indem ſie den Folgen ihrer Unuͤberlegtheit bis ans Ende Trotz boͤte. Sie ergriff demnach Klotildens Hand, welche ſie zaͤrtlich druͤckte, ohne daß ſie recht wußte warum, vielleicht um ſich ſelbſt in ihrem Ent⸗ ſchluß zu erhalten, und indem ſie ſich an Fernanden wandte, ohne ihr indeſſen ihre Schwiegertochter vorzu⸗ ſtellen, ſagte ſie mit einer großen Herzensergießung und wie man ſich an einen Rettungszweig klammert, zu ihr: — 133— — Da iſt ſeine Frau, Madame. Das arme Kind ſteht auf dem Punkte, nach drei Jahren der Ehe Wittwe zu werden; haben Sie Mitleiden mit ihr. Der Blick, welchen die beiden jungen Frauen einan⸗ der zugeworfen, hatte genuͤgt, daß ſie ihre Nebenhuhler⸗ ſchaft verſtanden. Hier der Zauber, das Blendwerk, der Glanz; dort die Unſchuld, die Schoͤnheit, die Ge⸗ walt des Rechtes; Jede hatte die Andere um irgend Etwas zu beneiden; alle Beide erroͤtheten und verneigten ſich zu gleicher Zeit. — Meine liebe Klotilde, ſagte Frau von Barthéle mit leiſer Stimme, aber dennoch ſo, um gehoͤrt zu wer⸗ den, wir muͤſſen jetzt Alles begreifen. Hier iſt Madame Ducoudragy. — Madame Ducoudray! rief Fernande mit Erſtau⸗ nen aus, als ſie ſah, daß ſie es ſei, welche man unter dieſem Namen bezeichnete. — Ja, Madame, beeilte ſich Fabian zu ſagen, in⸗ dem er ihr durch den Ausdruck ſeines Blickes und die Bewegung ſeiner Zuͤge begreiflich zu machen ſuchte, daß man aus Ruͤckſicht fuͤr die geſellſchaftlichen Vorurtheile zu dieſer Liſt ſeine Zuflucht haͤtte nehmen muͤſſen; ja, Madame, wir haben nicht geglaubt, hier ein Geheim⸗ niß aus dem Namen Ihres Gatten machen zu muͤſſen. Verzeihen Sie uns dieſe Unverſchwiegenheit, die wir, wo nicht fuͤr nothwendig, doch zum Mindeſten fuͤr ſchick⸗ lich gehalten haben. Das war der letzte, Fernanden verſetzte Schlag. Sie richtete einen Blick der Empoͤrung auf die beiden —— — 134— jungen Leute; hierauf zu Frau von Barthäle zuruͤckkeh⸗ rend, ſagte ſie zu ihr: — Auch ich habe meinen Stolz, gnaͤdige Frau, auch ich habe meine Schamhaftigkeit; wenn Sie mich empfangen, ſo iſt es gut, daß Sie mich wegen meiner empfangen; denn wenn Sie mich unter einem anderen Namen als dem meinigen empfangen, ſo iſt Ihre gü⸗ tige Aufnahme keine Ehre mehr, ſondern eine Demuͤ⸗ thigung. Ich bin nicht verheirathet, ich bin keine Wittwe, ich heiße nicht Madame Ducoudray; ich nenne mich Fernande. — Wohlan, Madame, unter welchem Namen Sie Sich hier vorſtellen moͤgen, rief Frau von Barthoͤle aus, ſeien Sie willkommen; wir ſind es, die Sie auf⸗ geſucht haben, wir ſind es, die um Ihre Anweſenheit bitten, wir ſind es, die Sie inſtaͤndigſt zu bleiben bitten. 1 Bei dieſer bebenden Stimme, deren muͤtterlicher Ausdruck bis zum Herzen drang, bei der Geberde, mit welcher Klotilde die Worte ihrer Schwiegermutter beglei⸗ tete, ſah Fernande ein, daß zwei ſo ausgezeichnete Frauen ſich nicht in einem ſolchen Verhaͤltniſſe befaͤnden, ohne dabei eines jener maͤchtigen Intereſſen zu haben, welche die Stellungen über die Regeln der Welt erhe⸗ gen. Sie wurde demnach ſchnell anderen Sinnes, und indem ſie ihren auf dem Grunde ihres Herzens kochen⸗ den und empoͤrten Stolz bemeiſterte, ſagte ſie zu der Baronin, indem ſie ſich mit einer Ehrerbietung voller Anmuth verneigte: 3 4 — Ich habe keinen Willen mehr, gnaͤdige Frau, machen Sie mit mir, was Sie wollen; was liegt mir gußerdem an dem Namen, mit dem man mich ruft, da ich auf meinen wahren Namen verzichtet habe. Nur verlange ich jetzt die Erklaͤrung, die ich ſo eben zuruͤck⸗ wies und die Sie mir zu geben im Begriffe ſtanden, als Madame eingetreten iſt. Und ſie deutete mit der Hand auf Klotilden, deren Namen ſie nicht wußte. — O, ich danke, ich danke! rief Frau von Barthele entzuͤckt aus; ich fuͤhlte, daß Sie uns beiſtehen wuͤr⸗ den; Sie ſind zu ſchoͤn, um nicht gut zu ſein... Sie muͤſſen alſo wiſſen... Frau von Barthele hatte kaum dieſe Worte ausge⸗ ſprochen, als eine neue unerwartete Entwicklung noch⸗ mals die Richtung dieſes Auftrittes verwandelte, ohne daß man von jetzt an vorauszuſehen vermogte, welches Ende er nehmen koͤnnte. Herr von Montgirour trat ein. Als er Fernanden erblickte, blieb Herr von Mont⸗ giroux ploͤtzlich ſtehen und ſtieß einen Ausruf aus. Dieſe unerwartete Ankunft, dieſer dem Grafen entſchluͤpfte Ausruf der Ueberraſchung, brachten einen jener Theater⸗ Effecte hervor, welcher durch die Verſchiedenheit der von jeder Perſon empfangenen Eindruͤcke ſo ſchwierig zu ſchil⸗ dern iſt, und wegen derer man die Einbildungskraft wir⸗ ken laſſen muß, welche dem Geiſte mehr als die faſt immer ohnmaͤchtige Kunſt des Erzaͤhlers offenbart. Nur war es fuͤr Jeden augenſcheinlich, daß die fal⸗ ſche Madame Ducoudray und der Graf von Montgiroup — 136— ſich naͤher kanntrn, als ſie es hatten glauben laſſen wol⸗ len, denn der Eine wie die Andere erholten ſich unmit⸗ telbar wieder von dem gegenſeitigen Erſtaunen, das ſie an den Tag gelegt hatten; aber dieſes Erſtaunen war gleichwohl ſichtlich genug geweſen, um alle den Voraus⸗ ſetzungen Spielraum zu laſſen, welche die intereſſirten oder nicht intereſſirten Zuſchauer dieſes Auftrittes ſich zu bilden Luſt hatten. — Da iſt die Aufloͤſung des Raͤthſels, welches Dich beunruhigte, ſagte Fabian zu Leon; der regierende Prinz iſt der Graf von Montgiroux. — Welche Gemeinſchaft kann zwiſchen dem Herrn von Montgiroux und dieſer Frau ſtattfinden? fragte ſich Frau von Barthele. — Ah, fuͤr Fernanden ſtirbt mein Neffe vor Liebe, murmelte der ernſte Pair von Frankreich. — Iſt das eine geſchickt geſtellte Falle, eine Rache Leon von Vaux? fragte ſich Fernande. Nur Klotilde allein, ruhig und frei von den Ein⸗ druͤcken des Augenblickes, faßte keine geheime Furcht; ſie brach demnach auch zuerſt das Schweigen. — Mein Oheim, ſagte ſie, ſchickt Sie nicht etwa der Arzt zu uns? — Ja, gewiß, antwortete der Graf raſch, gewiß. Der Doktor weiß um die Ankunft, von Madame und er wird ungeduldig. — Nun denn, ſagte die Baronin, da Madame die Guͤte hat, ſich zu unſerer Verfuͤgung zu ſtellen, und —— ‿ —QOCM—C—C—Q— F V———— — 137— da der Doktor ungeduldig wird, ſo verlieren wir keinen Augenblick. — Ich habe Ihnen bereits geſagt, gnaͤdige Frau, daß ich zu Ihren Befehlen ſtaͤnde, ſagte Fernande, und da man behauptet, daß ich nothwendig bin... — Nothwendig, murmelte Herr von Montgiroux, nothwendig. Das iſt das Wort, Madame. Ein ar⸗ mer Thor, der Gatte meiner Nichte, hat das Ungluͤck gehabt, Sie zu ſehen, und ſtirbt, wie alle diejenigen, welche Sie geſehen haben, vor Liebe. Der Graf hatte dieſe Worte mit einem ſolchen ver⸗ drießlichen Tone ausgeſprochen, daß Klotilde glaubte, Herr von Montgiroux wollte in der Strenge ſeiner Grundſaͤtze Fernanden eine Lektion geben. — O, mein Oheim! rief ſie aus, indem ſie ſich in die Arme des Grafen warf, ich bitte Sie inſtaͤndigſt. Dann fuͤgte ſie leiſe hinzu: Die Strenge wuͤrde von unſerer Seite und bei dieſer Veranlaſſung wenig paſſend ſein. Aber der Pair von Frankreich war zu gereizt, um dabei ſtehen zu bleiben, und da Fernande ſich beeilte, ihm zu antworten: — O, Herr Graf, ich hoffe, daß Ihre Artigkeit Sie den Zuſtand des Kranken uͤbertreiben laͤßt,— ſo ſagte er: — Nein, Madame, nein, denn in ſeinen Fieber⸗ reden nennt er Sie, beſchuldigt Sie der Undankbarkeit, der Treuloſigkeit, des Verrathes; was weiß ich? Der Auftritt ſtand im Begriffe, in einen perſoͤnli⸗ chen Streit auszuarten, den Herr von Montgiroux in — — 138— ſeiner Unvorſichtigkeit mit Fernanden beginnen wollte, als die Baronin ihren fruͤheren Geliebten mit einem Worte in den Anſtand ſeiner Stellung zuruͤcktreten ließ. — Sie vergeſſen, Herr Graf, ſagte ſie mit Wuͤrde, daß Madame Ducoudray in meinem Beiſein bei mei⸗ nem Sohne, in Gegenwart Ihrer Nichte iſt, und daß, wenn Sie irgend eine Erklaͤruag von ihr zu verlangen haben, der Ort ſchlecht gewaͤhlt und der Mement un⸗ zeitig iſt. — O, ja, ja, mein Oheim, rief Klotilde aus, ohne Etwas von den Gefuͤhlen zu verſtehen, welche Herrn von Montgiroux beſchaͤftigten; ich bitte Sie in⸗ ſtaͤndigſt, denken wir in dieſem Augenblicke nur an Moritz. — Moritz! rief Fernande aus, heißt der Kranke etwa Moritz? — Ja, Madame, antwortete die Baronin. Wiſſen Sie denn nicht, bei wem Sie Sich befinden? Ich bin die Baronin von Barthele. — Moritz von Barthele! rief Fernande aus. O, mein Gott, mein Gott, habe Erbarmen mit mir! Bei dieſen Worten legte ſie die Hand an ihre Stirn, und nachdem ſie einen Augenblick lang gewankt hatte, ſank ſie bewußtlos in Klotildens und der Baronin Arme, die, als ſie dieſelbe erbleichen und ſich fallen laſſen ſa⸗ hen, vorgetreten waren, um ſie aufzufangen. 9 2 — 139— VII. Die Frau, welche in der Familie der Frau von Barthele ſo viel Verwirrung verurſachte, erinnerte ſich, als ſie wieder zur Beſinnung kam, der Stellung, in welche man ſie wider ihren Willen verſetzt hatte. Durch eine maͤchtige Gegenwirkung fand ſie ihre Geiſtesgegen⸗ wart wieder, und rief dieſe Kraft des Willens zuruͤck, die ihr ſo viel Selbſtvertrauen verlieh; denn fuͤr Jeden, der ſich nicht interreſſirte, den Grund ihrer Exiſtenz zu kennen, war Fernandens Leben rein von jedem Aer⸗ gerniß. Außerdem hatte ſich Fernande eine Art von Rang in der Pariſer Welt geſchaffen, und unter dieſem Worte muß man den Kreis reicher, adeliger und eleganter jun⸗ ger Leute verſtehen, welche von dem Boulevard des Italiens aus der Welt den Ton angeben. Obgleich man — 140— von Fernanden wenig vertraute Verbindungen gekannt hatte, ſo hatten ſie doch Alle als Koͤnigin gekannt, wo nicht in ihrem Boudoir, doch zum Mindeſten in ihrem Salon, dem Sammelplatze geiſtreicher Leute, die ſich ihr vorſtellen ließen, wie man ſich ſonſt Ninon de l'En⸗ clos vorſtellen ließ. Die Umgebung Fernandens war demnach ein wahrer Hof, ein Hotel Rambouillet, den philoſophiſchen Pathos und den literariſchen Haß abge⸗ rechnet, ein Gerichtshof des Geſchmackes, vor dem die Leute, welche Anſpruͤche auf Eleganz oder auf Geiſt machten, beſtehen mußten, und aus deſſen Mitte ſich die erlaſſenen Urtheile als anerkannt bei den Kuͤnſtlern und bei den Leuten von Welt verbreiteten. Die Folge davon war, daß die Abendeſſen Fernandens einen großen Ruf erlangt hatten, und daß man in dem am Meiſten ari⸗ ſtocratiſchen Salon der Faubourg Saint⸗Germain und in der eleganteſten Werkſtaͤtte des neuen Athens ganz offen ſagte: Ich habe geſtern bei Fernanden zu Nacht gegeſ⸗ ſen. Wenn man dann fragte mit wem, ſo ereignete es ſich faſt immer, daß die Namen der Gaͤſte der Liſte der beruͤhmteſten Namen Frankreichs angehoͤrten. Die Folge davon war, daß der inzwiſchen bei uns ſo ſeltene Ge⸗ rechtigkeitsſinn Fernanden eine ausnahmsweiſe Stellung angewieſen hatte, und daß man ſie nicht mit den gewoͤhn⸗ lichen Unterhaltene Frauen genannten Weibern vermengte, ohne daß man indeſſen alle die Achtung fuͤr ſie hatte, die man den verheiratheten Frauen, wie ga⸗ lant ſie auch ſein moͤgen, bewilligt. Da man indeſſen in dem Hauſe von Fontenay⸗aux⸗ — 141— Roſes des gefallenen Engels bedurfte, ſo verlieh dieſes Beduͤrfniß, ohne daß man es gewahr wurde, den Auf⸗ merkſamkeiten, welche man ihr erwies, etwas von der Zaͤrtlichkeit, welche man fuͤr die ſeinigen und fuͤr ſich ſelbſt hat. Als ſie Fernanden ohnmaͤchtig werden ſahen, hatten Frau von Barthele und Klotilde, vielleicht ein Wenig aus Beſorgniß und aus Vorſicht, ſich nicht auf ihre Kammerfrauen verlaſſen wollen, um ſie wieder zu ſich kommen zu laſſen; indem ſie der ſchoͤnen Ohnmaͤch⸗ tigen den kleinen Dienſt des Auf⸗ und Zuſchnuͤrens er⸗ wieſen, hatten ſie ſich demnach mit eigenen Augen uͤber⸗ zeugen koͤnnen, daß der Geſchmack Fernandens kein aͤu⸗ ßerer Schein der Toilette waͤre, ſondern im Gegen— theile die Gewohnheit eines inneren Luxus, der ſich bei ihr durch die aͤngſtliche Sorgfalt offenbarte, welche die Frauen, die ſie ſelbſt haben, allein zu wuͤrdigen verſte⸗ hen; bei der Wittwe ging dieſe Bemerkung ſogar ſo weit, daß ſie deshalb vermuthete, Fernande muͤſſe von ausgezeichneter Geburt ſein, und daß der Tauf⸗, oder vielmehr der angenommene Name, unter welchem ſie bekannt waͤre, irgend einen vornehmen Familiennamen verberge. Als ſie ſah, daß ſie der Gegenſtand der Aufmerk⸗ ſamkeiten von Moritzens Mutter und Gattin war, ſchloß Fernande anfangs ihre halbgeoͤffneten Augen wieder und das mit einer unwillkuͤrlichen Bewegung, durch die Wir⸗ kung einer inſtinctmaͤßigen Verſchaͤmtheit der Seele, durch die Kraft eines Gefuͤhls, deſſen Geheimniß ihr Herz dewahrte; aber faſt ſogleich fuͤhlte ſie, daß je eher ſie aus dieſem Verhaͤltniſſe herauskaͤme, deſto beſſer ſei es fuͤr ſie und fuͤr die Andern. Nun, wie wir geſagt, durch die Kraft ihres Willens die Augen wieder oͤffnend, ſammelte ſie ihre Gedanken einen Augenblick lang, und ohne durch affectirte Zierereien Intereſſe zu erregen zu ſuchen, ließ ſie einen ungekuͤnſtelten Dank hoͤren. Die Maͤnner, welche ſich entfernt hatten, erhielten nun die„ Erlaubniß, in den Salon zuruͤckzukehren, und belebten durch ihre wirkliche oder geheuchelte Theilnahme wieder dieſes Zwiſchenſpiel, in welchem ſich Jeder auf den Auf⸗ tritt vorzubereiten ſchien, der in dem Zimmer des Kran⸗ ken vor ſich gehen ſollte. In der That, fuͤr Jedermann mußte das Trauerſpiel dort ſein, aber fuͤr Fernande war es bereits auf dem Grunde ihres Herzens. — Gnaͤdige Frau, ſagte ſie, indem ſie ſich an Klo⸗ 4 tilden wandte, Sie werden mich an das Bett des Kran⸗ ken fuͤhren; nur zwiſchen Ihnen und ſeiner Mutter wil⸗ lige ich ein, vor den Augen des Herrn von Barthele zu erſcheinen. Sich hierauf an Fabian und an Leon wendend, ſagte ſie: — Sie geben mir eine ſchreckliche Lehre, meine Herren, ſie wird nicht ohne Nutzen fuͤr mich ſein und ich danke Ihnen dafuͤr. Die Buhlerin bedurfte des Muthes, der aus der Seele entſpringt, um zwiſchen dieſen beiden geachteten Frauen ihre Faſſung zu behalten, denn ſie liebte Moritz mit alle der Gewalt eines tiefen Gefuͤhles; fuͤr ihn al⸗ lein und durch ihn allein hatte ſie den erſten Eindruck 1 8 —iäü— von Liebe empfunden; dieſe Liebe war das Princip mo⸗ raliſcher Entwickelungen geweſen, welche ihre erhabene Natur ihr durch eine Menge fruchtbarer und Fernanden angeborener Keime vorbehielt. In der That, wie wir bemerkt, verbarg Fernande unter einem Scheine von Leichtſinn edle Geiſtesanlagen, welche die Erziehung, die ſie empfangen hatte, und eine große Feinheit des Taktes, die ihr eigenthuͤmlich war, immerwaͤhrend ge⸗ gen die unwillkuͤrlichen Einfluͤſterungen der Gefallſucht und die geſellſchaftliche Verderbtheit vertheidigten, mit der ihr eine Ausnahme bildendendes Leben ſie nothwen⸗ diger Weiſe hatte umgeben muͤſſen. Bei den Wettrennen von Chantilly hatten Moritz und Fernande ſich zum erſten Male geſehen. Wie man weiß, waren dieſe Wettrennen unter dem hohen Patro⸗ nate, das ſie leitete, der Sammelplatz alles Ausgezeichne⸗ ten von Paris geworden. Moritz, den eine Reiſe nach Italien von Frankreich entfernt hatte, den die Sorgfalt, welche er in Folge dieſer Reiſe auf ſein Haus in der Straße Varenne und auf ſeine Villa in Fontenay ver⸗ wandt, beſchaͤftigt hatten, feierte gewiſſermaßen ſeine Ruͤckkehr in die Welt. Zwei ſeiner Pferde liefen, Mi⸗ randa und Antrim, und er ſollte eines dieſer Pferde ſelbſt reiten, da das letzte Rennen ein Wettrennen von Gentleman⸗Riders war. In dem Augenblicke der Abreiſe nach Chantilly hatte ſich Frau von Barthele unwohl gefuͤhlt; Klotilde hatte nun erklaͤrt, daß ſie bei ihrer Schwiegermutter bleibe. Morit hatte ſich zuruͤckziehen und ſich damit begnuͤgen — 144— wollen, ſeinen Jockey reiten zu laſſen; aber man weiß, welch wichtige Frage ein ſolcher Ruͤcktritt iſt; außerdem hatte Moritz ſeinen Ruf als Sportsman zu erhal⸗ ten. Die beiden Frauen beſtanden darauf, daß er Nichts in den Anordnungen aͤndere. Nachdem er ſich bei dem Arzte verſichert, daß das Unwohlſein ſeiner Mutter durchaus keine Gefahr boͤte, entſchloß ſich Moritz, nach Chantilly zu gehen. Moritz befand ſich demnach wieder mitten unter al⸗ len ſeinen alten Junggeſellenbekannten. Auch Fabian ließ rennen. Wie Moritz, hatte auch er zwei Pferde einge⸗ ſchrieben, Fortunatus und Roland; wie Moritz, wollte auch er ſelbſt rennen: der fruͤhere Wetteifer der beiden jnngen Leute ſollte alſo von Neuem aufleben. Unſere Abſicht iſt nicht, unſeren Leſern die naͤheren Umſtaͤnde eines jener Feſte mitzutheilen, die unſer Freund Charles de Boignes ſo ſchoͤn ſchildert, ſagen wir nur, daß Fabian und Moritz den Preis Orleans theilten und daß bei dem Rennen der Gentleman⸗Riders, Mirande, von Moritz geritten, wacker uͤber alle Hecken ſetzte, waͤhrend Roland die letzte verweigerte. Seiner alten Gewohnheit nach befand ſich demnach Fabian wieder durch ſeinen Freund geſchlagen. Fernande hatte Moritz niemals geſehen, ſie hatte ſeinen Namen niemals ausſprechen hoͤren; ſie begann in der Welt in der Mode zu ſein, als ſich Moritz aus ihr zuruͤckzog. Fernande hatte in ihrem Wagen eine je⸗ ner unbedeutenden Frauen, aus denen ſich die eleganten Frauen, welche weder Bruder, noch Gatten haben, eine — — — 145— Geſellſchafterin und eine Anſtandsperſon machenz; ſie fragte dieſe Frau, wer der ſchoͤne Reiter mit ſchwarzen Haaren waͤre, der den ſchoͤnen Rothfuchs ritte. Die Geſellſchaf⸗ terin Fernandens kannte weder das Pferd, noch den Reiter. Fernande war demnach genoͤthigt, zu dem Programme ihre Zuflucht zu nehmen, und das Programm war es, welches ihr zuerſt den Namen des Mannes nannte, der einen ſo großen Einfluß auf ihr Leben haben ſollte. Die Wettrennen ſollten am folgenden Tage fort⸗ dauern. Die Liebhaber, welche das Feſt herheigezogen, blieben demnach in Chantilly. Man weiß, wie es bei einer ſolchen Gelegenheit zuging, und wie man ſich um jedes Zimmer ſtritt. Fernande hatte ſich lange genug vorher vorgeſehen, um eine vollſtaͤndige Wohnung zu haben, in der ſie ihren ganzen Hof empfing. Nach dem Wettrennen verſammelten ſich demnach ihre Freunde von Paris bei Fernanden, und da ſie das bequemſte Haus von Chantilly beſaß, ſo wurde verabredet, daß man ſich am Abend bei ihr einfaͤnde und dort in Gemeinſchaft zu Nacht aͤße. Moritz hatte anfangs die Abſicht gehabt, am ſelben Abend nach Fontenay⸗aux⸗Roſes zuruͤckzukehren, aber auf dem Turf waren eine Menge von Wetten fuͤr den folgenden Tag abgeſchloſſen worden; in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Sieger war der Baxon von Barthele den Beſiegten eine Revanche ſchuldig. Er blieb demnach, obgleich, wie wir bemerkt, ſein erſter Gedanke der ge⸗ weſen war, abzureiſen. Das Geruͤcht von dem verabredeten Nachteſſen ver⸗ Fernande. Erſter Band. 10 3 — 146— breitete ſich. Fabian kam, um mit Moritz daruͤber wie von einer Art von Feierlichkeit zu reden, der beizuwoh⸗ nen er ſich nicht entbinden koͤnnte. Moritz kannte Fer⸗ nanden dem Namen nach, er hatte oft eine große Neu⸗ gierde empfunden, dieſe Frau zu ſehen, von der ſeine Freunde immer wie von einer der anmuthigſten und der geiſtreichſten Frauen, die es gaͤbe, ſprachen. Man hatte demnach keine große Muͤhe, ihn zu Etwas zu ver⸗ locken, das er ſeit langer Zeit wuͤnſchte. Indeſſen wil⸗ ligte er nur unter der Bedingung ein, Fabian zu be⸗ gleiten, daß man ſeinen Freunden das groͤßte Geheim⸗ niß anempfehle, aus Beſorgniß, daß Klotilde dieſe kleine Ausſchweifung erfahren moͤgte, und daß waͤhrend des Abendeſſens unter keinem Vorwande weder von ſeiner Mutter, noch von Klotilden die Rede waͤre. Fabian that, als ob er dieſe Verſchaͤmtheit des Sohnes und des Gatten begriffe, und ſchwor ſeinem Freunde, daß er von ſeiner Seite keine Plauderhaftigkeit zu fuͤrchten haͤtte. Moritz war demnach Fernanden am ſelben Abende vorgeſtellt worden, und Fernande hatte ihn mit alle der Achtung empfangen, die man einem Sieger ſchuldig iſt. Anfangs hatte Fernande in Moritz nur einen ele⸗ ganten Mann mehr in ihrem Hofe eleganter Maͤnner geſehn, es zeigte ſich demnach auch durchaus keine Ver⸗ aͤnderung in ihrem Benehmen, und ſie blieb eine Zeit lang ſchaͤckernd, geiſtreich und kokett, wie ſie es immer war. Bald indeſſen floͤßten die koͤrperlichen Vorzuͤge, die immer fuͤr die Sympathie geneigt machen, Fernan⸗ — 147— den eine jener unvermeidlichen Anziehungen ein, auf welche ſich die Corpuscularphiloſophie Thomas Browns ſtuͤzt, und die nach ſeiner Meinung die Grundlage hef⸗ reger Leidenſchaften bilden. Bald, und beſonders als die Heiterkeit der Tafel der Unterhaltung einen freieren Lauf verliehen hatte, ſprach Moritz. Der Ton ſeiner Stimme war klangvoll, ſein Witz war feurig; von Zeit zu Zeit erleuchteten poetiſche Funken ſeine Worte mit dem Ausſtrahlen einer Idee, einer in der Welt, in wel⸗ cher er ſich befand, ſo ſeltenen Sache, und unter dem Feuer witziger Einfaͤlle begann ſich ein ernſter Gedanke in das Herz der Buhlerin zu ſchleichen. Statt, wie gewoͤhnlich, die Unterhaltung zu leiten, oder vielmehr ſie leicht und froͤhlich, je nach den Launen ihres Gei⸗ ſtes, von einem Gegenſtande zum andern uͤberſpringen zu laſſen, horchte Fernande und blickte Moritz an. Jetzt, und ohne daran zu denken, entdeckte ſie in dem Geſichte des jungen Mannes die Zuͤge, fuͤr welche ſie in ihrer Eigenſchaft als Kuͤnſtlerin immer eine beſondere Vor⸗ liebe gefaßt hatte, die reinen Linien, von denen ihre Einbildungskraft traͤumte, ohne ſie zeichnen zu koͤnnen, wenn ſie den Pinſel oder den Stift in der Hand, das ſchoͤne Ideal auf dem Papier oder auf der Leinwand ſuchte. Sie ahnete nun, daß das Herz bei Moritz der Geſtalt und dem Geiſte gleich waͤren. Sie warf einige Worte hin, die beſtimmt waren, in der Seele wieder zu ertoͤnen, wie der Glocken Hammer das Erz ertoͤnen laͤßt. Die Worte gaben gerade den Ton zuruͤck, wel⸗ chen Fernande erwartete; außerdem brachten ſie auf Mo⸗ 10* — 148— ritzens Geſicht dieſen Anſtrich von Schwermuth, von dem wir geſagt haben, daß er ihn oft hatte, und der be⸗ ſonders bei einem Manne ſo verfuͤhreriſch iſt. Waͤhrend der ganzen Dauer des Abendeſſens machte er Fernanden nicht ein Kompliment. Zu weit entfernt von ihr ſitzend, um ihr alle die kleinen Dienſte zu erweiſen, die man ſich unter Tiſchgenoſſen erweiſt, begnuͤgte er ſich ſie anzu⸗ blicken. Nur, jedes Mal, wenn die Froͤhlichkeit lauter ausbrach, und wenn die, indeſſen in gewiſſen Schran⸗ ken gehaltene Unterhaltung freier wurde, ſo verſchleierte ſich Moritzens Blick, indem er den gefallenen Engel an⸗ blickte, mit einer Wolke tieferer Traurigkeit, als ob Moritz ſich in dem Geheimſten ſeines Herzens geſagt haͤtte:— So jung, ſo ſchoͤn, ſo elegant, ſo wohl ge⸗ ſchaffen, um geliebt zu werden, welches Ungluͤck, daß ſie das iſt, was ſie iſt. Und in der That, Moritz empfand ſeiner Seits die⸗ ſelben Sympathien und empfing dieſelben Wunden. Ver⸗ ſchiedene Urſachen brachten bei ihm aͤhnliche Wirkungen hervor. Er fand in Fernanden die Verwirklichung der Traͤume ſeiner Liebe, dieſe Formen, welche ſeine Ein⸗ bildungskraft tauſend Male in dem Schatten und in der Nacht der Hoffnung gezeichnet hatte, dieſes Weſen der Gedanken, dieſes zugleich durch das Herz und durch den Geiſt geſchaffene Trugbild, von welchem man ohne Un⸗ terlaß durch die Wirklichkeiten des Lebens zerſtreut und abgewendet wird, das man aber mit Wonne in der Ruhe und in der Einſamkeit wiederfindet, wenn man die Augen ſchließt, wenn man die beſtehenden Sitten — 149— vergißt, wenn die Seele auf die Sinne des Fleiſches zu⸗ ruͤckwirkt. In Mitte dieſer laͤrmenden Luſt, in Mitte dieſes Austauſches lauter Worte, die um ſo mehr ſchall⸗ ten, als ſie leer waren, ſeufzte Moritz alſo wirklich im Geheimen; indem er traurig über die Täuſchung laͤ⸗ chelte, mit dem Blicke der zu ſpaͤten Beſeelung ſeiner er⸗ loſchenen Sehnſucht folgte, betrachtete er betruͤbt und mit innigem Bedauern, in Mitte der Ausbruͤche der Freude, das ungluͤckliche Weib, das er in der Reinheit ſeiner er⸗ ſten Empfindungen angebetet hatte, ohne es zu kennen. Unter dem Schutze eines ſuͤßen Mitleidens drang dieſer Eindruck bis in ſein Herz, und indem es das Bild von ſonſt wiederfand, empfing ſein Herz ungekannte Erſchuͤt⸗ terungen, und errieth in ſich neue Anlagen. Obgleich von entgegengeſetzten Punkten ausgegangen, befanden ſich alſo Moritz und Fernande an demſelben Ziele vereinigt. Der Abend hatte fuͤr ſie die Dauer ei⸗ nes Blitzes; man trennte ſich um drei Uhr Morgens, und als man davon ſprach ſich zu trennen, warfen Beide die Augen auf die Uhr, indem ſie meinten, daß es Mit⸗ ternacht waͤre. Als er nach Haus zuruͤckkehrte, hatte Moritz nur noch eine Erinnerung: Fernande; als Fer⸗ nande, nachdem alle dieſes Getoͤſe verſtummt, alle die⸗ ſes Geraͤuſch erloſchen war, in ihr Zimmer zuruͤckkehrte, hatte ſie nur noch einen Gedanken: Moritz. Jedes er⸗ innerte ſich der geringſten Worte, der leichteſten Beto⸗ nungen der Stimme, der geringſten Geberden des An⸗ deren. Jedes entſchlief mit dem Wunſche, ſich am fol⸗ genden Tage wiederzuſehen. — 150— Der folgende Tag brach finſter und gewitterhaft an. um Mittag gab Moritz ſeine Karte bei Fernanden ab, aber er wagte nicht zu bitten empfangen zu werden. Um ein Uhr brach das Gewitter aus, und ein entſetzlicher Regen raubte alle Hoffnung, daß die Wettrennen Statt haben koͤnnten. Man war demnach genoͤthigt, die Wet⸗ ten auf einen anderen Tag zu verlegen; von allen Sei⸗ ten ſchickte man nach Poſtpferden, und Jedermann ſchlug wieder den Weg nach der Hauptſtadt ein. Moritz hatte die Vorſicht gebraucht, nach Fernan⸗ dens Adreſſe zu fragen; Fernande wohnte Straße des Mathurins, No. 19. Was Fernanden anbetrifft, ſo hatte ſie keine Frage uͤber Moritz gethan, zuvoͤrderſt weil ſie fuͤhlte, daß ſie dieſe Fragen nicht mit dem natuͤrlichen Tone ihrer Stim⸗ me thun wuͤrde, dann, weil ſie es ſeltſam fand, an ihn zu denken, endlich, weil ſie ſich im Geheimen be⸗ trog, ſich zuweilen auf dieſe Weiſe eine unbeſtimmte Hoffnung zu ſchaffen, die immer getaͤuſcht worden war, und die dennoch immer wiederkehrte, denn die Hoffnung, ſo ſchuͤchtern ſie auch ſein moͤge, iſt eine Arzenei des Gluͤckes, welche die leidenden Herzen beruhigt. Freilich hat die Hoffnung das mit dem Opium gemein, daß, wenn man erwacht, man nur noch niedergeſchlagener und noch ungluͤcklicher iſt. Außerdem hatte ſie die Ahnung, daß ſie Moritz wiederſehen wuͤrde. In der That, am Tage nach ihrer Ruͤckkehr von Chantilly, gegen drei Uhr Nachmittages, als ſich Fer⸗ — 151— nande gerade zum Ausgehen anſchickte, kam Moritz zu ihr. Alle Beide wurden verwirrt, als ſie ſich an der Thuͤre des Vorzimmers begegneten, alle Beide erriethen an ihrem Erroͤthen, daß ſie an einander gedacht haͤtten, alle Beide endlich empfanden das Verlangen, den Mo⸗ ment ſich zu ſprechen um keinen Augenblick zu verzoͤgern. Indeſſen, als ob ſie das Beduͤrfniß gefuͤhlt haͤtten, ſich auf dieſe Unterredung vorzubereiten, beſtand Moritz dar⸗ auf, daß Fernande wegen ſeiner nicht zuruͤckkehre; aber Fernande ihrer Seits antwortete, daß ſie nur fuͤr fuͤnf Minuten ausginge, und bat den jungen Mann ſie zu erwarten. Nach einer ſtummen Uebereinkunft wurde Moritz demnach in dem Augenblicke in Fernandens Zim⸗ mer gefuͤhrt, wo dieſe ausging oder that, als ob ſie ausginge. Allein in der Wohnung dieſer Frau, der er durch Zufall begegnet war, die er kaum einige Stunden lang geſehen hatte, und die dennoch alle ſeine Gedanken be⸗ ſchaͤftigte, empfand Moritz eine jener heftigen Gemuͤths⸗ bewegungen, von denen ſich zu erholen man einer lan⸗ gen Zeit bedarf. War es die Empfindung des Verge⸗ hens, das er beging, was ihn ſo bewegte, oder verlor er vielmehr, nachdem er einer Art von unerklaͤrlicher und unwiderſtehlicher Gewalt nachgegeben, den Muth, als er an das Ziel gelangte, das er nur uͤberſchreiten ſollte, um eine fuͤr ihn neue Bahn, zu betreten? War es die rechtmaͤßige Frau, war es die Buhlerin, war es Klo⸗ tilde, war es Fernande, welche ſo ihren geheimnißvollen Einfluß ausuͤbte? Wie dem auch ſein moͤge, durch den 8— 152— guͤnſtigen Zufall einen Augenblick allein zu ſein, hatte er Muße den Ort zu muſtern, wohin ihn die Laune faſt unwillkuͤrlich fuͤhrte, und allmaͤlig milderten ſich ſeine Eindruͤcke, die Seele fand ihre Freiheit wieder, und ein neuer und allmaͤchtiger Zauber bemaͤchtigte ſich gaͤnzlich ſeiner Geiſteskraͤfte bei dem Anblicke der Gegenſtaͤnde, welche ſeine Blicke uͤberraſchten. Fernandens Salon, ſtatt mit damals in der Mode ſtehenden Zierrathen uͤberladen zu ſein, ſtatt mit kleinen Figuren von Saͤchſiſchem Porzellan beſetzte Etagsren zu bieten, ſtatt dieſe Saͤchelchen voller Merkwuͤrdigkeit aus⸗ zuſtellen, die aus den meiſten unſerer modernen Salons Troͤdelbuden machen, war von ernſtem Anſehn und von einem tadelloſen Geſchmack. Ganz mit violettem Chineſi⸗ ſchen Damaſt behangen, mit Thuͤrvorhaͤngen und Moͤ⸗ beln von demſelben Stoffe, hob dieſe dunkle Farbe auf wundervolle Weiſe zwei große Schraͤnke von Boule, auf deren einem zwei prachtvolle Vaſen von meergruͤnem Steingut, die Blumen enthielten, ſtanden, auf dem an⸗ deren eine ungeheure, aus einem Stuͤcke geſchnittene Schale von Malachit, und ihr zur Seite zwei große Fuͤllhoͤrner von altem Chineſiſchen Porzellan, aus deren jedem eine Garbe von goldenen Lilien hervortrat, die beſtimmt waren, als Armleuchter zu dienen. An der Wand hingen Gemaͤlde der Italieniſchen Schule, faſt alle von vor der Zeit Raphaels, oder Kopien der Mei⸗ ſterwerke aus der Jugend dieſes Meiſters. Das waren Michel Angelos, Peruginos, Giovanni Bellinis, in deren Mitte ſich ein oder zwei Holbeins von wundervol⸗ — 153— lem Colorit und koſtbarer Vollendung verirrt hatten. Ein mit Partituren bedecktes Piano, ein mit Buͤchern und Albums bedeckter Tiſch deuteten an, daß man in dieſem comprommittirten Leben der Muſik und der Ma⸗ lerei huldige. In der That, zur Rechten und durch die Oeff⸗ nung eines Thuͤrvorhanges erblickte man eine Art von Atelier; dorthin zog ſich der Geſchmack und der Geiſt der Herrin der Wohnung zuruͤck, um gewiſſermaßen die Geſchichte ihrer Gewohnheiten zu verzeichnen. Ohne die Schwelle deſſelben zu uͤderſchreiten, warf Moritz je⸗ nen begierigen Blick hinein, der mit einem Male Alles zu uͤberſehen verſteht; die in ihrem unteren Theile mit gruͤner Serge verhuͤllten Fenſter ließen in dieſes Zimmer nur ein fuͤr die an den Waͤnden haͤngenden Skizzen, oder fuͤr die angefangenen Gemaͤlde, welche auf den Staffeleien ſtanden, guͤnſtig angeordnetes Licht dringen. Dieſes Zimmer war gaͤnzlich der Kunſt gewidmet; da ſtanden die ſchoͤnſten griechiſchen Statuen im verjuͤngten Maßſtabe; da waren Gipsaddruͤcke von den Meiſterſtuͤk⸗ ken des Mittelalters; da waren Waffen aller Laͤnder, Stoffe aller Zeiten, Damaſte und Brocate, wie ſie Paul Veroneſe und van Dyk auf die Schultern ihrer Dogen oder um den Leih ihrer Herzoginnen werfen; es war eine ſtudirte Unordnung, es war ein maleriſches Chaos, welches das Auge erfreute, das bei Derjenigen, welcher dieſe Sammlung von Gegenſtaͤnden und dieſe Anordnung der Dinge gelungen war, ein unendlich rich⸗ — 154— tiges Gefuͤhl der Compoſition und der Farbenmiſchung andeutete. Dem Atelier gegenuͤber ſtand eine mit einem dop⸗ pelten Thuͤrvorhange verſehene Thuͤre offen: das war die des Schlafzimmers; dieſes war mit granatfarbigem Damaſt behangen und hatte orangefarbige Vorhaͤnge. Das Bett, der Spiegelſchrank und die anderen Moͤbeln waren von Roſenholz. Dort hatte Fernande in der all⸗ gemeinen Strenge des Amoͤblements ein wenig nachge⸗ laſſen. Ein Dichter aus der Zeit des Kaiſers wuͤrde bei dem Anblicke der von uns ſo eben beſchriebenen beiden Zimmer geſagt haben, daß der Tempel der Liebe ſich dem Tempel der Kuͤnſte gegenuͤber befaͤnde. Moritz warf nur einen Blick hinein, und wich mit beklommenem Herzen zuruͤck. Weshalb dieſe ſchmerzliche Empfindung bei dem Anblicke dieſes ganz koketten und ganz wohlriechenden Zimmers? Erklaͤre, wer es vermag, dieſen Eindruck. Moritz ſkehrte demnach zu dem Salon zuruͤck; er ſchlug die Klavierauszuͤge auf, welche auf dem Piano lagen; es waren der Freiſchuͤtz von Weber, Moſes mit italieniſchem Text von Roſſini, Zampa von He⸗ rold. Er ſchlug die Buͤcher auf, welche auf dem Tiſche lagen: es waren die Werke von Boſſuet, Moliere, Cor⸗ neille. Nichts verrieth Leichtſinn in Alle dem, was ſeine Augen uͤberraſchte; kein anklagendes Merkmal zeigte die Stellung an, welche Fernande in der Geſell⸗ ſchaft einnahm; Alles offenbarte im Gegentheile die zu⸗ gleich einfache, anmuthige und ſtrenge Frau. Moritz — 155— haͤtte ſich in dem Hotel irgend einer jungen und huͤb⸗ ſchen Herzogin des Faubourg Saint⸗Germain glauben koͤnnen. In dieſem Augenblicke trat Fernande ein, oder er⸗ hob vielmehr, ohne gehoͤrt zu werden, den Thuͤrvor⸗ hang; aber durch ein inſtinetmaͤßiges Erbeben, durch eine magnetiſche Empfindung, errieth Morit ihr Her⸗ annahen und ſchlug die Augen auf. Vielleicht war von Seiten der jungen Frau eine gewiſſe Berechnung vorhan⸗ den geweſen, Moritz ſo einige Augenblicke allein zu laſ⸗ ſen: vielleicht hatte ſie gemeint, daß eine gewiſſe moraliſche Reinigung jeder Unterhaltung zwiſchen ihnen vorausge⸗ hen muͤßte. Demnach auch mehr noch durch ihr eigenes Herz als durch das Erſtaunen, welches ſich auf dem Geſichte des jungen Mannes malte, Alles dasjenige be⸗ greifend, was in ſeinem Inneren vorging, ging ſie ohne Umſchweife auf die fuͤr ſie wichtige Frage ein, diejenige, welche ihr Benehmen bei dieſer Veranlaſſung leiten mußte, und da ihre ausnahmsweiſe Stellung ihr Alles in dieſer Beziehung leicht machte, ſo nahm ſie dreiſt ihre Zuflucht zur Offenherzigkeit: das hieß mit einem Worte und ploͤtzlich ihre Hoffnung auf Gluͤck beſtaͤtigen oder zerſtoͤren. — Sie haben gedacht, mein Herr, ſagte ſie, ohne daß weder ihre Stimme noch ihr Geſicht die geringſte Gemüuthsbewegung verrieth, und indem ſie auf Moritz einen forſchenden Blick heftete, Sie haben gedacht, nicht wahr, daß es genuͤge, ſich bei mir zu melden, um angenommen zu werden? — 156— — Entſchuldigen Sie mich, Madame, ſtammelse Moritz, aber ich habe die Ehre gehabt, Ihnen in Chan⸗ tilly meine Karte uͤbergeben zu laſſen, und ſeit zwei Tagen habe ich mir in meinem Herzen ſo viel Vorwuͤrfe daruͤber gemacht, daß ich nicht darauf beſtanden, Sie zu ſehen... — O, keine Entſchuldigungen, mein Herr, ſagte Fernande, ich habe kein Recht, weder mich zu verwun⸗ dern, noch mich beleidigt zu fuͤhlen. Sie haben mich ein einziges Mal geſehen, Sie kannten mich nicht, und der Ruf, den man mir ohne Zweifel durch meine Schuld gemacht hat, denn Sie wiſſen, die Welt iſt unfehlbar, hat Sie zu dieſem Schritte bevollmaͤchtigen muͤſſen; ſein Sie aufrichtig, mein Herr. Und indem ſie dieſe Worte ausſprach, ſank Fernan⸗ dens Stimme von der Hoͤhe, zu welcher ſie ſich anfangs erhoben hatte, zu einem ſanften und ſchwermuͤthigen Tone herab. Moritz glaubte ſogar, eine Thraͤne in ihren Augen glaͤnzen zu ſehen. — Meine Aufrichtigkeit, Madame, antwortete Mo⸗ ritz nicht minder bewegt als ſie, wird hoffentlich ihre Verzeihung erhalten, denn ſie hat ihre Entſchuldigung. Der Eindruck, den Sie auf mich waͤhrend des Abends hervorgebracht haben, den ich die Ehre gehaht habe in Ihrer Geſellſchaft zuzubringen, iſt ſo tief geweſen, daß ich ſeit dieſem Augenblicke nur einen einzigen Wunſch gehabt habe, naͤmlich den, Sie wiederzuſehen. Wenn dieſer, ſobald ich es vermogt habe, in Ausfuͤhrung ge⸗ brachte Wunſch eine Unſchicklichkeit iſt, ſo klagen Sie — 157— mein Herz an, Madame, und nicht meinen Verſtand; aber beſtrafen Sie mich nicht zu hart; Sie wiſſen, die geringſten Verletzungen am Herzen ſind tödtlich. Fernande laͤchelte, ſetzte ſich auf einen breiten Divan und gab Moritz einen Wink, ſich zu ſetzen; Moritz legte die Hand an einen Seſſel, aber Fernande bezeichnete ihm den Platz neben ihr. — Ich danke Ihnen, mein Herr, ſagte ſie zu ihm, ich danke Ihnen, wenn Sie die Wahrheit ſagen, denn ich will offenherzig gegen Sie ſein; denn, fuͤgte ſie hinzu, indem ſie den Kopf wieder erhob, mit einem Ausdrucke liebenswuͤrdiger Natuͤrlichkeit, wenn ich jemals irgend Jemandem zu gefallen gewuͤnſcht habe, ſo ſind Sie es. — Großer Gott, Madame, rief Moritz erbleichend aus, ſagen Sie da, was Sie denken? — Hoͤren Sie mich an, mein Herr, fuhr Fernande fort, indem ſie dem jungen Manne durch eine Geberde, die zugleich voller Anmuth und Ausdruck war, Schwei⸗ gen auferlegte, hoͤren Sie mich an. Moritz faltete mit einem Ausdrucke zugleich banger und leidenſchaftlicher Erwartung die Haͤnde, uͤber den man ſich nicht taͤuſchen konnte. — Wenn unter den Tauſend Sachen, die man nicht ermangelt hat, Ihnen uͤber mich zu ſagen, begann Fer⸗ nande wieder, man Ihnen nicht geſagt hat, daß mein Vermoͤgen mir jetzt Unabhaͤngigkeit zuſichert, ſo muß ich es Ihnen vor Allem ſagen; wenn man Ihnen dann ferner geſagt hat, daß ich nicht gaͤnzlich Herrin meines Herzens und meiner Perſon waͤre, ſo hat man Sie be⸗ logen, und ich muß dieſe Lüge berichtigen: ich bin un⸗ abhaͤngig in jeder Beziehung, mein Herr; von dem Manne, den ich liebe, verlange ich demnach Nichts als ſeine Liebe, wenn ich ſie habe entſtehen laſſen koͤnnen; unter dieſer Bedingung und auf dieſen Schwur willige ich in Alles. Wollen Sie es, ich liebe Sie. Indem ſie dieſe Worte ausſprach, ging Fernanden die Stimme aus, und die Hand, welche ſie ganz be⸗ bend nach Moritz ausſtreckte, vermegte die Einwilligung des jungen Mannes nicht abzuwarten und ſank auf ihren Schooß zuruͤck. Ein Anderer wuͤrde Fernanden zu Fuͤßen geſunken ſein, haͤtte Tauſend Mal dieſe Hand gekuͤßt, haͤtte ver⸗ ſucht, ſie durch Hundert Mal wiederholte Schwuͤre zu uͤberzeugen; Moritz ſtand auf. — Hoͤren Sie mich an, Madame, ſagte er: bei der Ehre eines Edelmannes, ich liebe Sie, wie ich nie⸗ mals geliebt habe, ja, noch mehr, ich glaube in die⸗ ſem Augenblicke, daß ich niemals Jemanden als Sie geliebt habe. Vergeſſen Sie jetzt meine Hundert Tauſend Franken Einkuͤnfte, wie ich ſie vergeſſe, und behandeln Sie mich, als ob ich Ihnen nur mein Leben anzubieten haͤtte; nur verfuͤgen Sie daruͤber. Sich dann vor Fernanden auf beide Kniee werfend, ſagte er: — Vertrauen Sie meinem Worte? Glauben Sie an meine Liebe? 1 — O, ja, rief Fernande aus, indem ſie ihre beiden — 159— Arme um ſeinen Hals ſchlang, o, ja, Sie ſind kein Fabian. Und die Lippen der beiden jungen Leute begegneren ſich wie die Heloiſens und Saint-Preup's in einem herben und langen Kuße; dann, da Morit dringender wurde, ſagte ſie zu ihm: — Hoͤren Sie mich an, Moritz; ich habe alle Schicklichkeitsverhaͤltniſſe uͤberſchritten, ich habe Ihnen zuerſt geſagt, daß ich Sie liebte, zuerſt meine Lippen den Ihrigen genaͤhert. Ueberlaſſen Sie mir das An⸗ tragsrecht in allen Dingen. Moritz ſtand auf und ſah Fernanden mit einem Blicke unbeſchreiblicher Liebe an. — Sie ſind meine Koͤnigin, meine Seele, mein Leben, ſagte er; befehlen Sie, ich gehorche. — Kommen Sie, ſagte Fernande. Und nachlaͤſſig auf Moritzens Arm geſtuͤtzt, trat ſie mit ihm in ihr Atelier, ſetzte ſich vor eine Staffelei, auf welcher ſich ein angefangenes Bild befand. — Jetzt, ſagte Fernande, indem ſie ihre Pinſel er⸗ griff, plaudern wir, vor Allem muß man ſich kennen lernen. Ich, ich bin Fernande, ein armes reich gewor⸗ denes Maͤdchen, das die hoͤflichen Leute wegen ihrer ſelbſt Madame nennen, das aber unwiderruflich aus der Geſellſchaft verbannt und des Zutrittes fuͤr unfaͤhig er⸗ klaͤrt iſt; kurz, ich bin eine Buhlerin. — Fernande, ſagte Moritz mit beklommenem Her⸗ zen, ſprechen Sie nicht ſo, ich bitte Sie inſtaͤndigſt darum. — Im Gegentheil, mein Freund, antwortete die junge Frau mit hebender Stimme, obgleich ihre Hand dem begonnenen Bilde Pinſelſtriche von uͤberraſchender Feſtigkeit hinzufuͤgte; im Gegentheil, ich muß Sie gegen Alles das abhaͤrten, was man Ihnen uͤber mich ſagen wird. Man ſchont mich nicht, ich weiß es, aber war⸗ um ſollte ich mich beklagen? Ich habe kein Recht dazu. Moritz ſah ein, daß die Arbeit, welche Fernande in dieſem Augenblicke ausfuͤhrte, nur ein von ihr erfun⸗ denes Mittel waͤre, damit ihre Augen ſich einander nicht begegneten; wie man begreifen wird, wurde es ihr auf dieſe Weiſe weit leichter zu ſprechen und Geſtaͤndniſſe abzulegen, welche ihr Sinn fuͤr Rechtſchaffenheit ihr vorſchrieben. Ein ſolches Verfahren bewies zum Min⸗ deſten Aufrichtigkeit; niemals haͤtte die Koketterie eines verlorenen Weibes eine ſolche Liſt erdacht. Das Gemaͤlde, an welchem Fernande nach einer Zeichnung arbeitete, von welcher man geglaubt haͤtte, daß ſie von Overbeck entworfen ſei, war eines jener Meiſterſtuͤcke von Ausdruck, von denen uns die idealiſti⸗ ſchen Maler allein Muſter hinterlaſſen haben, und deren Gefuͤhl ſeit dem Tage, wo Raphael ſeine dritte Manier annahm, faſt gaͤnzlich aus der Kunſt verſchwunden iſt. Jeſus ſtand in Mitte ſeiner Juͤnger und zu ſeinen Fuͤßen weinte ein Weib: war dieſes die Ehebrecherin? War es die buͤßende Magdalene? Was liegt daran! Es war eine junge und ſchoͤne Suͤnderin, welcher der Sohn Gottes verzieh. An dieſem, uͤbrigens beinahe vollendetem Werke — 161— hatte Fernande noch keine Hand an den goͤttlichen Kopf gelegt; noch mehr, dieſer Kopf fehlte auf dem Entwurfe, wie er auf dem Gemaͤlde fehlte. Hatte ein frommer Ge⸗ danke den Kuͤnſtler in dem Zweifel an ſeinem Talente zuruͤckgehalten? Das war wahiſcheinlich; aber wie ſon⸗ derbar, unter dem neuen und unbekannten Eindrucke, den ſie in Moritzens Gegenwart empfand, begann ſie, indem ſie dabei immer mit ihm ſprach und ſich durch ſeine Rede aufmunterte, ohne die Zerſtreuung zu fuͤrch⸗ ten, welche ihr der junge Mann verurſachen konnte, deſſen gluͤhender Blick ihrem Pinſel folgte, dieſes ſchwie⸗ rige Werk, vor welchem Leonardo, der große und der ſanfte Leonardo, ſelbſt drei Jahre lang zuruͤckwich. — Ich will Ihnen nicht ſagen, was ich geweſen bin, fuhr ſie fort, nur wuͤrde ich gluͤcklich ſein, zu wiſ⸗ ſen, daß Ihnen daran liegt, zu erfahren, wer ich bin. Ich will Ihnen Nichts uͤber die Vergangenheit ſagen, ich kann Nichts daran aͤndern, nur ſage ich Ihnen, daß es keine wegen Strenge ihrer Sitten geprieſene Frau auf der Welt giebt, die, einmal meine Stellung verſtanden und angenommen, mein gegenwaͤrtiges Lehen tadeln koͤnnte. Ah, fuhr ſie fort, ich habe mich nicht zu dem gemacht, was ich bin, glauben Sie es nur! Sie erſtickte einen Seufzer, und ſie hatte die Kraft, die Augen von dem Gemaͤlde abzuwenden und ſie auf den jungen Mann zu richten; ſchweigend und das Herz voller Ruͤhrung, hoͤrte er zu, wie man bewundert. — und jetzt, Moritz, fuhr ſie fort, wiſſen Sie von mir Alles das, was Sie wiſſen muͤſſen, kennen Sie Fernande. Erſter Band. 11 Alles das, was Sie kennen lernen koͤnnen; ſeien Sie großmuͤthig, ich koͤnnte ſagen billig genug, um Mitleid mit mir zu haben. Trachten Sie den Muth zu begrei⸗ fen, den ich bedarf, um dieſes dem Anſcheine nach ſo leichfertige Daſein zu ertragen. Ja, ich weiß es wohl, Sie haben mich in Mitte junger Thoren, Ihrer Freunde, angetroffen. Aber es iſt eine der am Meiſten unver⸗ meidlichen Wirkungen dieſer Vergangenheit, die ich ver⸗ wuͤnſche, daß ich mich nicht von dem Joche der Folgen befreien kann. Wenn man einmal von dem gebahnten Pfade abgewichen iſt, ſo erfordert, eine Andere wuͤrde ſagen wegen der Vorurtheile der Welt, ich ſage wegen der geſellſchaftlichen Geſetze, die natuͤrlichſte lobenswer⸗ the Handlung eine Anſtrengung, die einfachſte der Tu⸗ genden eine Auflehnung. Um die Haͤlfte meines Lebens nach meiner Neigung zu leben, bin ich genoͤthigt, die andere zu opfern. Sie haben mich in Mitte geraͤuſch⸗ voller Beluſtigungen kennen gelernt. Ich haͤtte, beſon⸗ ders an dieſem Abende, die Einſamkeit und die Stille vorgezogen, denn ich war zum Sterben traurig. Den⸗ noch habe ich mich dieſes Mal nicht zu beklagen, daß ich den an mich gerichteten Bitten nachgegeben, da ich Ihnen begegnet bin, da ich Sie heute ſehe, Sie neben mir fuͤhle. O, ich bin es bald gewahr geworden, daß Sie die Froͤhlichkeit Ihrer Freunde nicht theilten, und ich war zufrieden uͤber Ihre Traurigkeit, denn es ſchien mir, daß in Ihrer Traurigkeit ein Wenig Eiferſucht laͤge. Ich haͤtte gewuͤnſcht, Ihnen ſagen zu koͤnnen: Fuͤrchten Sie Nichts, Moritz, nicht einer dieſer Maͤn⸗ —,-OA——-8 8 . R ——õöõööö — 163— ner iſt mein Geliebter geweſen, denn, ich wiederhole es Ihnen, ich war durch eine Art von Ahnung zu Ihnen hingezogen; wenn Ihre Blicke ſich auf mich hefteten, fuͤhlte ich mich erbeben; wenn Sie ſprachen, ſog ich Ihre Worte ein; kurz, ich empfand das dunkle Be⸗ duͤrfniß, zu lieben, ich ſuchte eine Zuflucht in meinem Bewußtſein, ich traͤumte von gaͤnzlicher Verleugnung meines Stolzes. Was wollen Sie? Es giebt keine Ruhe fuͤr mich, als in der Hingebung, es giebt kein Gluͤck, als in der Liebe; lieben heißt meine Fehltritte ſuͤhnen. Verſtehen Sie mich? O, Moritz, Moritz, ſa⸗ gen Sie, daß Sie mich verſtehen! Ein mit Thraͤnen verſchleierter Blick begleitete dieſe Frage. — Ja, ja, antwortete Moritz, mehr noch durch eine leichte Bewegung des Kopfes, als mit der Sprache, als ob er ſich gefuͤrchtet haͤtte, durch das Ausſprechen eines einzigen Wortes den Wohlklang von Fernandens Stimme zu ſtoͤren, als ob er ſich nicht von dieſem trau⸗ rigen Blicke haͤtte zerſtreuen wollen, in welchem ſich, wie in einem Spiegel, der Sinn Alles deſſen wiederſpie⸗ gelte, was er ſoeben gehoͤrt hatte. — Ich danke Ihnen, erwiderte Fernande, ich danke Ihnen, ich waͤre ungluͤcklich geweſen, wenn ich Sie bei der ſchmerzhaften Seite meines Daſeins gefuͤhllos gefun⸗ den haͤtte. Ich ſagte Ihnen alſo, Moritz, daß mein Leben regelmaͤßig waͤre, und das iſt die Wahrheit; Alles, was ich von ihm dem Geraͤuſche und den Feſten. 11* entreißen kann, widme ich dem Studium, der Arbeit und der Betrachtung. Die Folge davon iſt, daß ich in dem Strudel, in welchen ich zuweilen fortgeriſſen bin, immer die Ruhe meiner Vernunft behalte; die Leiden⸗ ſchaften allein vermoͤgten meine Seele zu beunruhigen, ihre Aufregung in meine Ruhe zu ſchleudern, mich aus dem Kreiſe heraustreten zu laſſen, in den ich mich ein⸗ geſchloſſen habe; aber bis zu dem Augenblicke, wo ich geſehen habe, hatte ich mir geſagt, daß ich niemals lieben wuͤrde, und ich glaubte es aufrichtiger Weiſe, Moritz, denn hier in meinem Hauſe bin ich unter dem Schutze meiner Gewohnheiten. Jeder Platz iſt fuͤr ir⸗ gend eine Arbeit beſtimmt; wenn ich nicht mehr Thor⸗ heiten begangen habe, als ich begangen, ſo verdanke ich es der Arbeit. Die Arbeit iſt der Schutzengel, der uͤber mich wacht, ich bin uͤberzeugt davon. Das Malen, die Muſtk, eine ernſte Lektuͤre, und der Tag verfließt, ohne daß die Langeweile bis in meine Seele dringt; von Zeit zu Zeit kommen einige Freunde, denen ich zu ſagen wage, daß ich leide, und die uͤber meinen Schmerz nicht lachen, um ſich mit mir zu unterhalten. Es iſt etwas ſo Suͤßes um eine Unterhaltung, in welcher die Gefuͤhle ihren Eindruck hervorbringen, in welcher der Gedanke, ohne danach zu ſtreben, ſich zu dem Grade erhebt, daß der Geiſt ihm nicht mehr zu folgen wagt, in welcher er, unſtaͤt, maͤchtig und gefluͤgelt, alle Ent⸗ fernungen ſich nahe bringt, alle Kontraſte vereinigt und auf dieſes kindiſche Wort: Wenn ich Koͤnigin waͤre!— Palaͤſte baut, um eine Fee darin wohnen zu laſſen; . ðn——&△ ⁸½ u 9* poetiſche Traͤumereien, welche die Seele in Mitte unſe⸗ rer unbarmherzigen Wirklichkeit aufrecht erhalten. 3 Wenn Moritz mit Freiheit des Geiſtes und des Herzens uͤber den ernſten und tiefen Sinn dieſer Sprache haͤtte nachdenken koͤnnen, ſo wuͤrde ſich zuverlaͤſſig ſeiner ein außerordentliches Erſtaunen bei dem Gedanken be⸗ maͤchtigt haben, daß es eine Buhlerin war, die ſo ſprach; aber in dem Dunkel einer entſtehenden Leiden⸗ ſchaft war er bereits nicht mehr Herr, von derjenigen, welche ſie einfloͤßt, weder Etwas zu wuͤrdigen, noch zu verwerfen; der Zauber war ſo maͤchtig, die Verblendung ſo vollſtaͤndig, daß er, ganz in die Gegenwart verſun⸗ ken, keine Erinnerungen mehr hatte und keine Hoffnun⸗ gen mehr faßte, als ob ſich das Leben, Vergangenheit und Zukunft in dem Blicke, in der Geberde Fernandens vereinigt haͤtte. Sie hatte ihre Arbeit unterbrochen, und mit der Treuherzigkeit eines Kindes fragte ſie ihn: — Haben Sie mich verſtanden? — O ja, antwortete Moritz, und ich meine, daß Alles dasjenige, was Sie mir ſagen, nur das Echo meiner eigenen Gedanken ſei. Sie lieben mich, Fer⸗ nande, wie Sie ſagen: wohlan denn, auch ich liebe Sie, und mit aller Kraft meiner Seele. — Mein Gott, wenn es wahrwaͤre, wie gluͤcklich wuͤrde ich ſein! Denn erſt von heute an beginne ich zu begrei⸗ fen, daß es graͤßlich ſein muß, allein zu lieben, allein zu leben, mit Wollen und Sorgen ſeine Zeit allein zuzubringen. Nun denn, wenn Sie mich nicht liebten, Moriß, ſo ———— —— — —— wuͤrde ich von nun an allein in dem Leben daſtehen. Aber Alles wuͤrde dann bald aus ſein, denn, indem ich Sie hier, bei mir, neben mir ſehe, indem ich die Worte hoͤrte, die Sie mir ſo eben geſagt, habe ich in meine Seele eine ſo ſuͤße Hoffnung aufgenommen, daß ich ſter⸗ ben wuͤrde, wenn ich ſie verloͤre. — Ei, haͤngt es jetzt etwa von mir ab, Sie zu lieben oder Sie nicht zu lieben? rief Moritz aus. Bin ich nicht durch ein unwiderſtehliches Gefuͤhl zu Ihnen hingezogen und koͤnnte ich denn, wena ich es auch wollte, mich von Ihnen trennen? — Wuͤrden Sie das, was Sie mir da ſagen, Mo⸗ ritz, keiner andern Frau ſagen? rief Fernande aus. Iſt das wahr, was Sie mir da ſagen? — O, auf mein Wort und bei meiner Ehre, ant⸗ wortete Moritz, die Hand auf ſeinem Herzen. Fernande ſtand auf. — Dieſer Augenblick laͤßt mich gar vielen Kummer vergeſſen, Moritz, ſagte ſie, Sie ſind mein Erloͤſer. Und ihren Blick wieder auf das Gemäͤlde richtend, fuͤgte ſie hinzu: — Sehen Sie, wie meine Sinne mit meinen Ge⸗ danken in Uebereinſtimmung warenz ſeit einem Monate zoͤgere ich, den Kopf des Heilandes zu malen, und in zehn Minuten iſt dieſer Kopf vollendet worden. Moritz warf die Augen auf das Gemaͤlde, und ſah mit Erſtaunen, daß der traurige und ſchwermuͤthige Kopf Jeſu ſein eigenes Portrait war. — Sie erkennen Sich, nicht wahr? ſagte Fernande. — 167— Nun denn, verſtehen Sie zu gleicher Zeit meinen Ge⸗ danken und meine Hoffnung? Gott verzeiht der ſtrafba⸗ ren Frau durch Ihren Mund, durch ihre Augen. Wer⸗ den Sie ſein goͤttliches Wort Luͤgen ſtrafen? Und wuͤrde mir, wenn ich jemals gegen das heilige Verſprechen feh⸗ len ſollte, das ich ablege, Ihnen nicht treulos zu ſein, es nicht, um meine Seele wieder zu ſtaͤrken, genuͤgen, vor dieſem Bilde zu beten, das von der himmliſchen Barmherzigkeit ſpricht?— Sie legte ihre Palette und ihren Pinſel auf einen Stuhl. Ich werde dieſes Ge⸗ maͤlde nicht mehr beruͤhren, ſagte ſie, ich wuͤrde irgend Etwas daran verderben. Das, was man unter der Begeiſterung des Gefuͤhls ſchafft, hat immer einen Cha⸗ rakter von Erhabenheit und von Wahrheit. Verlaſſen wir dieſes Atelier, Moritz, und kommen Sie in den Salon; ich will mich Ihnen ganz zeigen, ich will, daß Sie mich lieben. Sie reichte Moritz die Hand, der ihr ſeinen Arm anbot, und, auf den jungen Mann geſtuͤtzt, ihn mit einem ſanften und ſchwermuͤthigen Laͤcheln anblickend, indem ſie ſo zu ſagen ihren Schritt nach dem ſeinigen richtete, ſetzte ſie ſich an das Piano. — Ich habe Ihnen geſagt, Moritz, fuhr die Si⸗ rene fort, hier iſt jeder Platz fuͤr ein Studium bezeich⸗ net; wenn das Malen mich ermuͤdet hat, ſo zerſtreut mich die Muſik. Liebſt Du die Muſik, Moritz? — O, Du fragſt mich das, Fernande? — um ſo beſſer, ich bete ſie an. Sie iſt der leben⸗ dige und augenblickliche Ausdruck der Eindruͤcke der Seele. — 168— Bin ich allein, leide ich, oder bin ich froͤhlich, ſo ſind mein Schmerz oder meine Freude zu geheim, um ſie einer Freundin mitzutheilen, die daruͤber lachen wuͤrde; ich ſetze mich an mein Piano, und meine Finger ſagen ihm die verborgenſten Geheimniſſe meines Herzens. Dort giebt es niemals falſch verſtandene Regungen des Ge⸗ müths. Ein getreues und harmoniſches Echo wiederholt es meinen Gedanken in allen ſeinen Umſtaͤnden und in ſeiner ganzen Ausdehnung. Nach Verlauf einer Vier⸗ telſtunde, die ich an meinem Piano zugebracht, fuͤhle ich mich erleichtert. Mein Piano, Moritz, iſt mein beſter Freund. Und nun, nachdem ſie ihre Finger uͤber die Taſten hatte hineilen laſſen, wie um die Bluͤthe des Geſanges von den Wolken der Gedanken zu befreien, ließ ſie die Arie aus Romeo: Ombra adorata und das ihr vorherge⸗ hende Recitativ mit einer ſo wahren und ſo hinreißenden Betonung hoͤren, daß Duprez und die Malibran daruͤ⸗ ber eiferſuͤchtig geweſen waͤren. Moritz horchte in andaͤchtigem Entzuͤcken; alle durch dieſe reine und klangvolle Stimme erweckten Fibern ſei⸗ nes Herzens ertoͤnten unter Fernandens Fingern. Als ſie geendigt hatte, dachte er demnach auch nicht daran, ihr eine abgedroſchene Lobeserhebung zu machen. — Laſſen Sie mich Ihre Stimme kuͤſſen, Fernande, ſagte Moritz. Und waͤhrend die junge Frau, auf die Lehne ihres Stuhles zuruͤckgeworfen, einen der lieblichſten Toͤne der Arie, welche ſie ſo eben geſungen hatte, hoͤren ließ, naͤ⸗ — 169— herte Moritz ſein Geſicht dem ihrigen und ſog den har⸗ moniſchen Athem ein, der ihren Lippen entſchluͤpfte. — Wie ſchoͤn Sie ſind, ſagte Moritz, und wie alle Eindruͤcke Ihrer Seele ſich auf Ihrem Antlitze wieder⸗ ſpiegeln! — Und wie ſollte man nicht von dieſer Muſik be⸗ wegt ſein? rief Fernande aus. Sagen Sie, fuͤhlt man ſie nicht bis in die Tiefe des Herzens widerhallen? — Ja, aber es iſt das erſte Mal, daß ich ſie ſo ertoͤnen hoͤre. Wo haben Sie denn Ihre Jugend zuge⸗ bracht, Fernander, und wer hat Ihnen dieſe wundervolle Erziehung gegeben, die ich bis jetzt bei keiner Frau der hoͤheren Kreiſe angetroffen? Eine Wolke der Traurigkeit zog uͤber das Geſicht der jungen Frau. — Das Ungluͤck und die Abſonderung, ſagte ſie, das ſind meine beiden großen Lehrer; aber ich habe Sie gebe⸗ ten, Moritz, mir niemals von der Vergangenheit zu reden. Machen wir uns dieſen Tag nicht traurig, er iſt der gluͤcklichſte Tag meines Lebens, und ich will mir ihn rein von jeder Wolke erhalten. Und jetzt, Moritz, fol⸗ gen Sie mir, fuhr Fernande mit einem Ausdrucke un⸗ endlicher Liebe fort, ich habe Ihnen noch Etwas zu zeigen.. — Eine neue Ueberraſchung? ſagte Moritz. — Ja, antwortete die junge Frau laͤchelnd. Und ganz erroͤthend mit der Verſchaͤmtheit eines jungen Maͤdchens ſprang ſie auf, druͤckte in der Ecke des ———-y——— 85 — 1— Salons eine unſichtbare Feder, und eine Thuͤre oͤffnete ſich. Dieſe Thuͤre fuͤhrte in ein reizendes, ganz mit wei⸗ ßem Mouſſelin behangenes Boudoir, weiße Vorhaͤnge fielen vor den Fenſtern herab, weiße Vorhaͤnge huͤllten das Bett ein; dieſes Zimmer hatte das Anſehn jungfraͤu⸗ licher Ruhe, welches auf eine ſanfte Weiſe das Auge und die Gedanken einſchlummern ließ. — O, fragte Moritz, indem er Fernanden mit ſei⸗ nen ſchoͤnen ſchwarzen Augen verſchlang; o, Fernande, wo fuͤhren Sie mich hin? — Dorthin, wo niemals ein Mann eingetreten iſt, Moritz; denn ich habe dieſes Boudoir fuͤr Denjenigen allein einrichten laſſen, den ich lieben wuͤrde. Tritt ein, Moritz! Moritz uͤberſchritt die Schwelle der weißen Zelle, und die Thuͤre ſchloß ſich wieder hinter ihnen. — 171— VIII. Wor dem vertraulichen Verhaͤltniſſe, welches ſich zwiſchen Fernanden und Moritz gebildet, war allen Bei⸗ den dieſes Leben des Herzens unbekannt geweſen, das allein den Leidenſchaften ihre Kraft und ihre Dauer ver⸗ leiht; aber bei der erſten Offenbarung dieſes bis dahin unbekannten Daſeins hatte Moritz alle Taͤuſchungen ſei⸗ nes ehelichen Lebens entſchwinden ſehn. Klotilde war huͤbſch, Klotilde war ſogar ſchoͤn, ſchoͤner vielleicht, als Fernande, aber von jener kalten Schoͤnheit, die ſich nie⸗ mals, weder bei dem Strahle der Begeiſterung, noch bei den Thraͤnen des Mitleidens belebt. Moritzens Gluͤck mit Klotilden war ein ruhiges, einfoͤrmiges, negatives Gluͤck; es war eher die Abweſenheit des Schmerzes, als die Anweſenheit der Freude. Klotildens Laͤcheln war rei⸗ zend, aber es war immer daſſelbe Laͤcheln; es war ihr Laͤcheln des Morgens, es war ihr Laͤcheln des Abends, — 172— es war ihr Laͤcheln, mit dem ſie Moritzens Fortgehen begleitete, und mit dem ſie ſeine Ruͤckkehr begruͤßte. Kurz, Klotilde ſchien eine jener kuͤnſtlichen Blumen, wie man deren in den Werkſtaͤtten von Batton und von Nattier ſieht, immer friſch, immer huͤbſch, die aber in ihrer ewigen Friſche und in ihrer Schoͤnheit ohne Ende etwas Unbelebtes haben, was die Abweſenheit des Le⸗ bens verraͤth.—. Moritz hatte Klotilden mit ſechzehn Jahren gehei⸗ rathet, und hatte ſich ſelbſt geſagt: Sie iſt ein Kind. Klotilde hatte drei Jahre gebraucht, um eine Frau zu werden, ohne daß ſich Etwas anderes in ihr entwickelte, als ihre kalte Schoͤnheit. Die Folge davon war, daß Moritz Klotilden immer geliebt hatte, wie man eine Schweſter liebt. Dieſes ganze Gebaͤude gluͤcklicher Ruhe hatte dem⸗ nach in Moritzens Augen die Stelle des Gluͤcks vertre⸗ ten. Die in Ehren gehaltenen Schicklichkeitsverhaͤltniſſe in Bezug auf ſeine junge Frau hatten ihm das ein⸗ getragen, was die Leute von Welt Achtung nennen. Die Ruhe und die Eitelkeit hatten ihn in dieſem Mit⸗ telzuſtande zwiſchen Langweile und Gluͤckſeligkeit erhalten. Aber von dem Augenblicke an, wo Moritz Fernanden wiedergefunden hatte, das heißt, die Frau nach ſeinen Neigungen, das Herz nach ſeinem Herzen, die Seele nach ſeiner Seele, hatte er ſich nicht mehr darum be⸗ kuͤmmert, auf welcher Stufe der menſchlichen Geſellſchaft er ſie angetroffen hatte. Er hatte ſie in ſeine Arme ge⸗ nommen und hatte ſie zu den hoͤchſten Regionen ſeiner — 173— Liebe erhoben. Von nun an hatten die Wallungen, die Geheimniſſe, die leidenſchaftlichen Gemuͤthserſchuͤtterungen eines neuen Daſeine den entſchlafenen Beduͤrfniſſen ſei⸗ nes Weſens, den geheimen Geſetzen ſeiner poetiſchen und feurigen Natur entſprochen. Alles war verſchwunden, in der Vergangenheit verſchwunden, denn die Vergangenheit war leer von Erſchuͤtterungen, und Jeder, der uͤber das Meer gefahren, vergißt die Tage der Ruhe, um ſich eines einzigen ſtuͤrmiſchen Tages zu erinnern. Es gab demnach fuͤr ihn keine Gluͤckſeligkeit mehr, als in den Blicken Fernandens; in ſeinen Augen behielt der Luxus keinen andern Werth mehr, als durch den auserleſenen Geſchmack, mit dem ſie Alles ſchmuͤckte; die Kuͤnſte ent⸗ ſprachen ſeinen Anſichten nur durch das Gefuͤhl, das ſie daran knuͤpfte; endlich ſelbſt ſein jetzt ſo reiches Leben wurde ihm augenblicklich unertraͤglich, wenn es nicht Fernande war, der er es widmete. Auch fuͤr Fernanden hatte ſich ein ihren Wuͤnſchen und ihrem Willen mehr entſprechendes Daſein eroͤffnet. Die Heiligkeit einer wahren Liebe ſchien ſie in gewiſſer Art zu reinigen, die Vergangenheit verſchwinden zu laſ⸗ ſen und ihrer Seele ihre angeborene Unſchuld wiederzu⸗ geben. Fernande verſcheuchte alle Erinnerungen an die Vergangenheit, um nicht eine Zukunft zu beſudeln, de⸗ ren Verheißungen ſie ſanft einwiegten. Man haͤtte ſa⸗ gen koͤnnen, daß ſie durch die Gewalt des Willens in ihre Kindheit zuruͤckkehrte, um dieſes Mal uͤber die Er⸗ eigniſſe ihres neuen Lebens nach den Anforderungen ih⸗ rer Vernunft zu verfuͤgen; und dieſe Kraft des Willens, —— — 174— durch welche Alles ein anderes Anſehn annahm, verlieh zu gleicher Zeit ihrer Schoͤnheit einen weit maͤchtigeren Reiz, und ihrem Geiſte einen lebhafteren Umſchwung. Das Gluͤck ihrer Seele umſtrahlte ſie gleich dem Scheine einer feurigen Gluth. Eine ſolche Uebereinſtimmung der Sympathie hatte ſchnell eine Leidenſchaft geſteigert, deren tiefen Eindruck der Eine wie die Andere zum erſten Male empfand. Jeder Tag fuͤgte Etwas dem Reize des Alleinſeins, dem Glücke der Vertraulichkeit hinzu. Je mehr ſie ſich ein⸗ ander wuͤrdigten, deſto enger fuͤhlten ſie ſich verbunden. Alle Beide in dieſem gluͤcklichen Alter des Lebens, wo die verrinnende Zeit die Reize des Koͤrpers noch erhoͤhet, ſahen ſie in ihrer geheimnißvollen Zaͤrtlichkeit ſo Viel er⸗ freuliche Ausſichten auf Gluͤck, daß die Quelle dieſes Gluͤckes unerſchoͤpflich ſchien. Bei Fernanden beherrſchte die Seele faſt immer die Sinne und ſchloß die Vereh⸗ rung der Sinnlichkeit ſelbſt aus, welche das Gefuͤhl ſo raſch abſtumpft, und aus gewiſſen Verbindungen ein ſo lockeres Band macht. Die Liebe, dieſes Feuer, das nur auf Koſten ſeiner Dauer leuchtet, war ſo zuͤchtig un⸗ ter den Huͤlfsmitteln des Herzens und des Geiſtes ver⸗ deckt, daß es bei dieſen beiden ſchoͤnen jungen Leuten fuͤr die Dauer ihres ganzen Daſeins ausreichen zu muͤſſen ſchien. Die Zeit verfloß raſch, und demnach zeigte ſich die junge elegante Frau weder mehr auf den Promena⸗ den, noch in den Theatern. Die ſchoͤnſten Wintertage, dieſe Tage, welche man ſo begierig benutzt, verfloſſen, ohne daß man Fernandens Wagen weder in den Champs⸗ — 175— Elyſées, noch in dem Boulogner Waͤldchen erblickte. Die anziehendſten Vorſtellungen der Franzoͤſiſchen oder der Italieniſchen Oper verfloſſen, ohne daß die Blicke die Loge wiederfanden, in welcher Fernande in Mitte ihres Hofes thronte. Sie hatte ſich fuͤr ihre Stunden eine ſo regelmaͤßige und ſo vollſtaͤndige Verwendung ge⸗ ſchaffen, daß ihr kein Augenblick mehr uͤbrig blieb, um ihn den alltaͤglichen Gleichguͤltigen oder den Schmeich⸗ lern von ſonſt zu widmen. Seitdem Moritz ihre Woh⸗ nung betreten, hatte Niemand mehr bei ihr Zutritt, Niemand genoß ihr Vertrauen; kein neugieriger Blick vermogte das Geheimniß ihres Betragens zu durchdrin⸗ gen, und in ihrem Rauſche ließ ſie die Menge ſich ver⸗ wundern und murren. — Mein Gott, wie gluͤcklich ich bin! ſagte ſie oft, indem ſie ihr reizendes Haupt auf Moritz Achſel ſinken ließ und mit halb geſchloſſenen Augen, den Mund halb geoͤffnet, ſprach. Der Himmel hat Erbarmen mit mei⸗ nen Leiden gehabt, lieber Freund, denn er hat mir die⸗ ſen Engel geſandt, der zu ſpaͤt gekommen iſt, um der Schutzgeiſt meiner Vergangenheit zu ſein, der aber der Retter meiner Zukunft ſein wird. Ich verdanke Ihnen meine Ruhe von heute und fuͤr immer, Moritz; denn mit dem Gluͤcke giebt es nur Tugend. ÄAh, glauben Sie ſicher, der Richter dort oben wird ſtreng gegen Die⸗ jenigen ſein, welche nicht verſtanden haben, die Reich⸗ thuͤmer anzuwenden, welche er auf den Grund ihrer Seele niedergelegt hatte, und die, da ſie ſich das Gluͤck verſchaffen konnten, das wir genießen, es haben vor⸗ — 176— uͤbergehen laſſen, ohne es zu wollen. Siehſt Du, Mo⸗ ritz, das Gluͤck iſt ein Probirſtein, auf welchem alle unſere Gefuͤhle gepruͤft werden, die guten und die ſchlechten Eigenſchaften laſſen nicht daſſelbe Zeichen dar⸗ auf zuruͤck. Das Gluͤck, welches ich von Dir habe, Moritz, erhebt mich in dem Grade, daß ich, die ich mich zuweilen des Lebens geſchaͤmt habe, jetzt ſtolz auf das Daſein bin. In der That, die Welt hat ſich jetzt fuͤr mich auf uns Beide beſchraͤnkt, das Weltall be⸗ ſchraͤnkt ſich fuͤr mich auf dieſes kleine Zimmer, das Paradies, das Du belebt haſt, das Eden, das Nie⸗ mand vor Dir betreten hat, und das Niemand nach Dir betreten wird, denn der Engel unſerer Liebe wacht auf der Schwelle. Ich hoffe auf Dich, wie auf Gott, ich glaube an Deine Liebe, wie an das Leben, das mich beſeelt. Ich ſage nicht, daß ich in beſtimmten Augenblicken an Dich denke, nein, Deine Liebe iſt in mir. Ich denke nicht an das Blut, das mein Herz ſchlagen laͤßt, und dennoch iſt es dieſes Blut, das mich leben laͤßt. Ich bin ſo gewiß, daß Du mich liebſt, Moritz, daß niemals ein Zweifel meine Zuverſicht in dieſer Beziehung getruͤbt hat. Es ſcheint mir, daß ich durch die Gewalt meiner Einbildungskraft allen Hand⸗ lungen Ihres Lebens beiwohne. Ich dringe mit Ihnen in die Haͤuslichkeit Ihrer Familie, ich ſehe Ihre Mut⸗ ter, ich liebe ſie deshalb, weil ſie Ihnen das Leben gegeben hat, ich achte ſie, wegen ihres Namens, ich verbeuge mich vor ihr, um einen Theil der Segnun⸗ gen zu empfangen, die ſie Ihnen ertheilt; was Sie — 177— gluͤcklich ſind, Moritz! Und, ſehen Sie, wie thoͤrigt ich bin, ich meine, daß ich bei den Aufmerkſamkeiten betheiligt ſei, welche Sie ihr erweiſen, bei der Liebe, welche Sie fuͤr ſie haben. Ich verſtecke mich in Ge⸗ danken in einen Winkel Ihres Salons, wie ein armes, zur Strafe in eine Ecke geſetztes Kind, das Alles ſe⸗ hen, Alles hoͤren kann, dem es aber verboten iſt zu ſprechen. O, Moritz, ich lebe nicht allein bloß fuͤr Sie, ſondern ich lebe auch noch bloß durch Sie, ich fuͤhle es. Auch Moritz verſtand unter dem Leben nur die Zeit, welche er Fernanden widmete. Demnach auch, zwiſchen Klotilden, welche er Fernanden verheimlichte, und Fer⸗ nanden, welche er der Welt verheimlichte, geſtellt, war er zu gleicher Zeit gluͤcklich und ungluͤcklich; ungluͤcklich, bei Klotilden eine Zaͤrtlichkeit zu heucheln, die er nicht haben konnte, bei Fernanden eine Freiheit, die er nicht hatte, und in der Welt eine Ruhe, die er nicht mehr beſaß. In der That, obgleich das Vertrauen zwiſchen den beiden Liebenden ohne Graͤnzen war, ſo hatten ſie den⸗ noch einige fuͤr ihr Gluͤck unentbehrliche Vorbehalte in ihre gegenſeitigen Mittheilungen gelegt... Nach ih⸗ rer Meinung hieß das nicht betruͤgen, es hieß mit Un⸗ terſcheidungskraft lieben, weiter Nichts. Zwiſchen der Taͤuſchung und der Wahrheit entſteht immer ein Ge⸗ wiſſensvertrag, einer jener ſtillſchweigenden und noͤthi⸗ gen Vergleiche, die allein geheime Verbindungen moͤg⸗ lich machen. Mit der Offenherzigkeit, die ihr erlaubt Fernande. Erſter Band. 12 — 178— war, hatte demnach auch Fernande nicht eingewilligt, Moritz von ihrem vergangenen Leben zu erzaͤhlen, weil es in dieſem Leben Handlungen gab, uͤber die ſie zu erroͤthen hatte. So hatte Moritz mit der groͤßten Vor⸗ ſicht Fernanden verheimlicht, daß er verheirathet war, eben ſo ſehr aus Achtung fuͤr Klotilden, als aus Liebe zu Fernanden. Die Folge davon war, daß er, ge⸗ zwungen zugleich ſeine Gattin und ſeine Geliebte zu taͤu⸗ ſchen, ſein Leben damit zubrachte, der Einen ſeine Lie⸗ be, und der Anderen die Pflichten zu verbergen, die ihm auferlegt waren. Fernande gab ſich gaͤnzlich hin, waͤhrend Morit ſich nur halb nehmen ließ. Und den⸗ noch wuͤrde Moritz dieſes getruͤbte Gluͤck, fuͤr welches Gluͤck es auch ſein moͤgte, nicht hingegeben haben. Erſt ſeit drei Monaten fuͤhlte er in ſeinen unendlichen Wonnen und in ſeinen tiefen Schmerzen, daß er voll⸗ ſtaͤndig lebte. Aber Nichts iſt dauernd auf der Erde; das Unge⸗ witter entſtand aus den Vorſichtsmaßregeln ſelbſt, wel⸗ che die beiden Liebenden getroffen hatten, um es zu vermeiden. Fernande war keine jener Frauen, welche von der Buͤhne verſchwinden, ohne daß man es be⸗ merkt. Sie hatte das Recht, ſich wohl mit einer Reue, aber nicht mit einer Liebe abzuſondern. Ihre fruͤheren Anbeter forderten ihre unſichtbar gewordene Sonne wie ein Eigenthum zuruͤck. Bereuend, haͤtten ſie dieſelbe bedauern koͤnnen; gluͤcklich, waren ſie eiferſuͤchtig auf Denjenigen, von dem ihr Gluͤck herruͤhrte. Sie wurde umſtellt, ausſpionirt, belauert. Wenn der Wille ſich —— — — 179— mit dem Intereſſe verbindet, ſo gelangt man dazu, Al⸗ les zu erfahren. Es giebt kein ſo unerforſchliches Ge⸗ heimniß, daß es dem Neide nicht gelaͤnge, ſeinen haͤ⸗ miſchen Blick hineinzuwerfen, und ſo geſchickt gewebt der Schleier auch ſein moͤge, es befindet ſich immer ein Stecknadelloch darin, durch welches man nicht ſehen kann, durch welches man aber geſehen wird. Man ſah Moritz zu Fernanden eintreten; man ſah Moritz vier Stunden, nachdem er bei ihr eingetreten war, wieder fortgehen, waͤhrend Niemand angenommen war. Es war alſo nun kein Zweifel mehr vorhanden, daß Moritz der vorgezogene Geliebte, der anſpruchsvolle Geliebte, der eiferſuͤchtige Geliebte ſei. Von Seiten Fernandens glaubte man an keine freiwillige Zuruͤckgezogenheit, man wollte Dasjenige nicht dulden, was eine Verletzung al⸗ ler Geſetze der Galanterie war, und eines Morgens empfing Fernande von einer kleinen verſtellten Hand⸗ ſchrift eines jener Billette, gegen welche es keine geſetz⸗ maͤßig moͤgliche Rache giebt, obgleich ſie eben ſo ſicher, als das Eiſen und das Gift toͤdten. Es war ein anonymer, in folgenden Ausdruͤcken abgefaßter Brief: „Eine edle Familie iſt in Verzweifelung geſtuͤrzt, „ſeitdem der Baron Moritz von Barthele Sie liebt. „Seien Sie eben ſo gut, als Sie ſchoͤn ſind, Ma⸗ „dame, und geben Sie nicht allein einen Sohn ſei⸗ „ner Mutter, ſondern auch noch einen Gatten „ſeiner Gattin zuruͤck.“ 12* — 180—* Fernande war ſo eben nach einer gluͤcklichen Nacht voller goldiger Traͤume aufgeſtanden, wie ſie deren hatte, ſeitdem ſie Moritz kannte. Sie, welche den jungen Baron ohne Nebenabſicht liebte, hatte nicht einmal eine entfernte Ahnung von den Gewiſſensbiſſen gehabt, welche Moritz von Zeit zu Zeit am Herzen nagten. Nein, in ihr war die Gluͤckſeligkeit vollſtaͤndig, uner⸗ meßlich, unendlich; der Schlag war demnach ſchreck⸗ lich, die Nachricht war demnach vernichtend. Sie uͤber⸗ las den Brief, den ſie auf den erſten Blick nicht ver⸗ ſtanden hatte, ein zweites Mal. Sie uͤberlas ihn, in⸗ dem ſie bei jeder Zeile erbleichte; dann, als ſie mit Le⸗ ſen fertig war, ſank ſie vernichtet nieder. Indeſſen war ihr erſter Gedanke der Zweifel: War es wohl moͤglich, daß Mori ihr ein ſolches Geheim⸗ niß verhehlt haͤtte? War es moͤglich, daß jedes Mal, wenn Morit ſie verließ, ſie, ſeine Geliebte, ſie, zu der er ſagte, daß er ſie mit aller Macht ſeiner Seele liebe, war es moͤglich, daß dies geſchah, um zu ſeiner Frau zuruͤckzukehren? Moritz war alſo ein Mann, wie alle anderen Maͤn⸗ ner, Moritz konnte alſo eine doppelte Liebe im Herzen haben. Moritz konnte alſo mit den Lippen ſagen: Ich liebe Dich, und nicht lieben. Das war unmoͤglich. Fernande traͤumte von Tauſend Mitteln ſich zu uͤber⸗ zeugen. Bei ihrem feurigen und entſchloſſenen Charak⸗ ter war der Zweifel fuͤr ſie das Schlimmſte. Unter den Frauen, welche Fernande ſah, befand ſich eine Art von Gelehrte, eine Scudery im Kleinen, n AU* eine ſeichte Schriftſtellerin. Dieſe Frau ſah durch die Stellung ihres Geliebten, einer vornehmen und maͤchti⸗ gen Perſon, ganz Paris. Aller Achtung in den Augen der Welt beraubt, welche dem geſellſchaftlichen Einfluß des Marquis von**f unterlag, ſtand ſie indeſſen Fer⸗ nanden gegenuͤber in einer hoͤheren Stellung, denn der Titel verheirathete Frau iſt ein dichter Mantel, der gar manche Schande verſchleiert, der gar manches Erroͤthen verbirgt. Madame d'Aulnay(das war der Name die⸗ ſer Frau), die von Zeit zu Zeit einen ſehr moraliſchen Roman, ein ſehr abgeſchmacktes Schauſpiel erſcheinen ließ, hatte alſo einen Gatten. Freilich war dieſer Gatte faſt auf den Zuſtand der Mythe herabgeſetzt, faſt im⸗ mer unſichtbar, und wenn er nicht unſichtbar war, ſo blieb er zum Mindeſten ſchweigend. Fernande hatte den Einfall, an dieſe Frau zu ſchreiben. Sie ergriff eine Feder und Papier, und ſchrieb in der Eile die folgenden wenigen Zeilen: „Liebe Madame, „Man bittet mich um die Adreſſe der Frau Mo⸗ „ritz von Barthele; ich kenne ſie nicht. Aber Sie, „die Sie Alles wiſſen, Sie müſſen ſie kennen. Ich „ſpreche nicht von der Wittwe, ſondern von der „Frau des Barons. 4 „Der Maler, welcher mich um dieſe Adreſſe bit⸗ „tet, und der, wie ich glaube, beauftragt iſt, ihr „Portrait zu fertigen, wuͤnſcht im Voraus zu wiſſen, „ob ſie jung und ſchoͤn ſei. — 182— „Sie wiſſen, daß ich immer bin Ihre ſehr er⸗ „gebene und ſehr dankbare „Fernande.“ 3 Hierauf klingelte ſie und ſchickte ihren Kammerdie⸗ ner zu Madame d'Aulnay. Zehn Minuten nachher kehrte er mit einem kleinen entſetzlich nach Moſchus riechenden und mit einer lateiniſchen Deviſe verſiegelten Billet zuruͤck. Fernande empfing zitternd die Antwort der Madame d'Aulnay. Dieſe Antwort war ihr Tod oder ihr Leben. Einige Zeit lang drehete ſie dieſelbe in ihrer Hand her⸗ um. Endlich erbrach ſie das Siegel, und wie durch eine Wolke las ſie:. „Liebe Schoͤne, „Die Frau Baronin Moritz von Barthele wohnt „in dem Hotel ihrer Schwiegermutter, Straße de „Varennes No. 24. „Obgleich man ſich, wie Sie wiſſen, unter „Frauen nicht leicht dieſe Dinge eingeſteht, ſo will „ich Ihnen doch unter uns ſagen, daß ſie liebens⸗ „wuͤrdig iſt. Demnach iſt auch in der Welt nur von „der wunderbaren Leidenſchaft die Rede, welche ſie „ihrem Gatten, dem ſchoͤnen Moritz von Barthéle „eingefloͤßt hat, den Sie ſonſt hier oder da werden „angetroffen haben, der aber ſeit ſeiner Verheira⸗ „thung kaum Geſellſchaften beſucht. „In Bezug auf das Letztere, was machen Sie — 183— „denn ſelbſt, liebe Kleine? Seit Jahrhunderten ſieht „man Sie nicht. „Indeſſen wiſſen Sie, wie gern man Sie ſieht, „Straße de Provence No. 11. „Armandine d' Aulnay.“ Dieſer Brief ließ Fernanden keinen Zweifel mehr uͤbrig. Moritz war wirklich verheirathet, ſeine Frau war jung und huͤbſch, und ſeine Liebe fuͤr ſeine Frau war zum Sprichworte in der Welt geworden. Es war eilf Uhrz ſeiner Gewohnheit nach kam Moritz um zwoͤlf Uhr; Moritz, das heißt, der Gatte einer anderen Frau. Anfangs brach Fernande in Schluchzen aus; aber in dem Maße, als der Zeiger auf dem Zifferblatte wei⸗ ter ruͤckte, trockneten ihre Thraͤnen bei dem Feuer des Zornes; es ſchien ihr, als ob die letzteren von Feuer waͤren, und als ob ſie ihre Augenwimpern verſengten. Bei jedem Wagen, der in der Straße voruͤber fuhr, glaubte ſie Moritz Wagen zu hoͤren. Man haͤtte ſagen koͤnnen, daß ihr die Raͤder uͤber das Herz gingen, und dennoch laͤchelte ſie bei jedem neuen Rollen, indem ſie leiſe murmelte: — Wir werden ſehen, was er ſagen wird; wir wer⸗ den ſehen, was er antworten wird. Endlich, als es zwoͤlf Uhr ſchlug, hielt ein Wagen vor der Thuͤre. Bald hoͤrte Fernande das Laͤuten der Schelle, und ſie erkannte Moritz Weiſe zu ſchellen. Trotz den Teppichen, welche den Fußboden bedeckten, ————— — 184— hoͤrte ſie einen Augenblick nachher ſich naͤhernde Schritte, und ſie erkannte Moritzens Gang. Die Thuͤre ging auf, und Moritz trat wie gewoͤhnlich mit ruhiger und ver⸗ gnugter Stirn ein, gluͤcklich Fernanden wieder zu ſehen, die er ſeit geſtern Abend verlaſſen hatte, und die er je⸗ den Morgen ſeit Jahrhunderten nicht geſehen zu haben meinte. Fernande ſaß mit ſtarrem und finſterem Blicke, bleich und regungslos in ihrem Salon, indem ſie in je⸗ der ihrer Haͤnde einen zerknitterten Brief hielt. Da ſie ſich in einem Halbdunkel befand, ſo ſah Moritz den ſchrecklichen Ausdruck ihres Geſichtes nicht, ging gerade auf ſie zu, und naͤherte, wie gewoͤhnlich, ſeine Lippen ihrer Stirn, um einen Kuß darauf zu druͤcken. Eine ploͤtzliche Roͤthe trat mit einem Male an die Stelle der Todesbläſſe, welche Fernandens Geſicht bedeckte; ſie ſtand auf, und trat einen Schritt zuruͤck. — Mein Herr, ſagte ſie mit dumpfer und bebender Stimme, mein Herr, Sie haben wie ein Schurke ge⸗ logen! Moritz blieb einen Augenblick lang regungslos und ſtumm, als ob ihn der Blitz getroffen haͤtte; aber bald, entſetzt uͤber die Entſtellung der Zuͤge Fernandens, that er einen Schritt auf ſie zu, indem er zugleich den Mund oͤffnete, um ſie zu fragen, was ſie haͤtte. — Sie ſind ein Niedertraͤchtiger, mein Herr, fuhr Fernande fort. Sie betruͤgen zugleich zwei Frauen, mich und Frau von Barthèle; Sie ſind verheirathet, ich weiß es⸗ — 185— Moritz ſtieß einen Schrei aus: er fuͤhlte das Gluͤck ſich gewaltſam von ſeinem Herzen losreißen und fuͤr im⸗ mer von ſich fliehen. Bebender und verzweifelter als Diejenige, deren Verzweiflung ſich durch die Haltung und durch die Sprache offenbarte, beugte er den Kopf, und ſank erſchoͤpft, vernichtet, zu Boden geſchmettert auf einen Stuhl. — Mein Herr, fuhr Fernande fort, Ehre und Pflicht rufen Sie nach Haus, Ehre und Pflicht verbie⸗ ten mir, Sie ferner zu empfangen. Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie! Dem Himmel ſei Dank, ich bin hier in meinem Hauſe. In meinem Hauſe! Verſtehen Sie wohl, mein Herr, Alles was dieſes Wort an Ruͤckſich⸗ ten in ſich enthaͤlt! Und indem ſie, zu ſehr durch ihre eigenen Eindruͤcke gemartert, um Moritz Niedergeſchlagenheit richtig zu wuͤrdigen und zu verſtehen, ſich uͤber einen Zuſtand irrte, der im ſtrengſten Falle der Lauheit gleichen konnte, hielt ſie ihn, indem ſie ihn regungslos ſah, fuͤr ruhig; ſie fuͤgte demnach auch mit dem Tone der Verachtung hinzu: — Nachdem Sie auf die Leichtglaͤubigkeit eines ar⸗ men Weibes ſpeculirt haben, mein Herr, iſt es moͤglich, daß Sie die Abſicht haben, ihrem Willen Widerſtand zu leiſten, Ihre Staͤrke zu mißbrauchen, um trotz ihren Befehlen bei ihr zu bleiben. Wenn dem ſo iſt, ſo iſt es an mir, das Feld zu raͤumen. Und in ihr Schlafzimmer gehend, warf Fernande in der Eile einen Shawl uͤder ihre Achſeln, ſetzte den erſten beſten Hut, den ſie fand, auf ihren Kopf, und ——— 5 1.—— — 186— durch ihr Toilettenkabinet entſchluͤpfend, empfahl ſie ih⸗ rem Bedienten, der ſich im Vorzimmer befand, Herrn von Barthele zu melden, daß ſie im Laufe des Tages nicht zuruͤckkehren wuͤrde. Indem ſie zu Fuß, auf das gerade Wohl hin, ohne Zweck ausging, ihre Blaͤſſe unter einem Schleier und durch die Schnelligkeit ihres Ganges die Aufregung ver⸗ barg, die ſich ihrer bemaͤchtigt hatte, befand ſich Fer⸗ nande bald in der Straße de Provence, vor dem Hauſe der Madame d'Aulnay. Sie wußte nicht, wohin ſie gehen ſollte. Sie trat ein. — Ei! Sie ſind es, lieber Engel! rief die Schrift⸗ ſtellerin aus, indem ſie ein gezwungenes Laͤcheln ſchnitt; das laſſe ich mir gefallen, und ich ſehe, daß Sie em⸗ pfindſam gegen Vorwuͤrfe ſind. Waren Sie denn ein⸗ geſperrt, daß man Sie dieſen ganzen Winter über nicht geſehen hat? Aber was haben Sie denn, Sie ſind bleich, wie ein Leintuch, Sie haben rothe und geſchwol⸗ lene Augen. Was iſt denn vorgefallen, mein Gott? Laſſen Sie hoͤren! und indem ſie ſo ſprach, zog ſie die junge Frau in eine Art von Betzimmer, welches ſich hinter ihrem Schlaf⸗ zimmer befand. — Was ich habe.. ach, rief Fernande aus, ich bin die ungluͤcklichſte von allen Frauen! Und ihre lange unterdrückten Thränen ſtroͤmten uͤber ihre Wangen. — Sie, unglücklich! Mit Ihren zwanzig Jahren, — 187— mit Ihrem reizenden Geſicht, das Sie entſtellen, wie ein Kind, das Sie ſind! Gehen Sie doch, unmsglich, und ich bin uͤberzeugt, daß, wenn Sie mir die Urſache Ihres großen Schmerzes erzaͤhlten... — O! Fragen Sie mich um Nichts, ich wuͤrde Ihnen Nichts ſagen. Ich bin ungluͤcklich, das iſt Alles. — Nun, nun, ich errathe: irgend eine heftige Lei⸗ denſchaft. Aber was Sie thoͤrigt ſind, ſo zu lieben, liebe Schoͤne! In Ihrem Alter zu lieben, armer Engel! Aber ſo wiſſen Sie doch, daß, wenn man ſchoͤn wie Sie iſt, man nicht lieben darf. Zu lieben! Das iſt eine von den Thorheiten, die hoͤchſtens gut fuͤr haͤßliche Frauen iſt; aber die Leidenſchaften ſchaden unſeren mo⸗ raliſchen Kraͤften, entſtellen unſere koͤrperlichen Vorzuͤge. O! Ich will einen Roman oder ein Schauſpiel uͤber die Gefahr zu lieben ſchreiben, und, nehmen Sie Sich in Acht, ich werde ihn Fernande nennen. Glauben Sie mir, mein ſchoͤnes Kind, es giebt kein Schoͤnheitsmit⸗ tel, das der Gleichguͤltigkeit gleichkommt, das iſt das wahre Eau de Ninon. Ich kenne keine Schminke, die der Freude gleichkommt. Laſſen Sie Sich lieben, ſo Viel als man will; aber Sie, Ihrer Seits, huͤten Sie Sich vor dem Gefuͤhl! Das Gefuͤhl toͤdtet. — Ja, ja, Sie haben Recht, antwortete Fernande, die gehoͤrt hatte, aber ohne recht zu verſtehen. — Ob ich Recht habe! Ich glaube es wohl. Ge⸗ ſchwind, trocknen wir die Perlen ab, die uͤber dieſe Ro⸗ ſenblaͤtter rieſeln, fuhr die Schriftſtellerin fort, indem ſie Fernandens Augen das Taſchentuch naͤherte, das ſie auf ihren Schooß hatte fallen laſſen, und das von ih⸗ rem Schooße auf den Boden geglitten war. Die Thraͤ⸗ nen machen Runzeln, wie die alten Frauen behaupten. Troͤſten Sie Sich, Sie kennen das Sprichwort: Einen Liebhaber verloren, zehn wiedergefunden. Fuͤr Sie iſt, Gott ſei Dank, in dieſer Beziehung Alles leicht. Sie bringen den Tag mit mir zu; ich werde Sie zerſtreuen. Wollen Sie? — Ja! — Wir wollen eine Spazierfahrt in das Boulogner Waͤldchen machen, das Wetter iſt praͤchtig, und dieſe erſten Fruͤhlingstage ſind koͤſtlich, wenn ſie nicht rauh ſind. Sie haben keine Toilette gemacht, ſagen Sie; aber was kuͤmmert das Sie? Sie ſind immer ſchoͤn. Die Toilette iſt gut fuͤr uns alte Frauen. Mit zwanzig Jahren iſt ſie ein Vergnuͤgen, mit fuͤnf und dreißig Jahren iſt ſie ein Geſchaͤft. Indem ſie ſich fuͤnfunddreißig Jahr gab, log Ma⸗ dame d'Aulnay um zehn. Dieſe Art Fieber der Empoͤrung, welches Fernan⸗ dens Muth aufrecht erhielt, ließ nur unbeſtimmte Toͤne zu ihren Gedanken dringen; außerdem machte das Be⸗ duͤrfniß nach neuen Eindrüͤcken, koͤrperliche Aufregung und Mannigfaltigkeit aͤußerer Gegenſtaͤnde nothwendig. Sie nahm daher einen Vorſchlag an, der ihr Bewe⸗ gung, den Anblick und die Luft der freien Natur ver⸗ ſprach. Aber man mußte warten, bis die Stunde die⸗ ſer Spazierfahrt herbeigekommen war. Madame d'Aul⸗ nay empfing viele Beſuche; von einem Augenblicke zum — 189— anderen konnte ein Fremder, ein Unbekannter kommen, und jede Minute war ein Jahrhundert fuͤr die Ungeduld der jungen verzweifelten Frau. In der That, man meldete den Grafen von Mont⸗ giroux. Ohne in irgend einer Hinſicht die Beziehungen zu kennen, welche zwiſchen dem Grafen von Montgiroux und Moritz beſtanden, ſtand Fernande auf; aber Ma⸗ dame d'Aulnay hielt ſie zuruͤck, — Bleiben Sie doch, mein lieber Engel, ſagte ſie zu ihrz Herr von Montgiroux iſt ein liebenswürdiger Mann. 3 Zu gleicher Zeit, da Madame d'Aulnay ein Zeichen gegeben hatte, daß ſie zu ſprechen ſei, trat der Pair von Frankreich ein. — 190— „ IX.„ Der Graf von Montgiroux kannte Fernanden von Anſehn; er kannte ihren Verſtand, er ſchaͤtzte ihre Ele⸗ ganz. Er naͤherte ſich daher der jungen Frau mit jener liebenswuͤrdigen Artigkeit der Maͤnner des vorigen Jahr⸗ hunderts, welche wir durch den Haͤndedruck der Englaͤn⸗ der erſetzt haben, wie wir an die Stelle des Ambraduf⸗ tes den Geruch der Cigarre haben treten laſſen. Frau von Aulnay wurde den Eindruck gewahr, den Fernande auf den Grafen hervorgebracht hatte, und da der Pair von Frankreich Einer von Denen war, welche die Schriftſtellerin gern unter ihre Getreuen zaͤhlte, und ſie gewoͤhnlich alle Arten von Zuvorkommenheiten fuͤr ihn hatte, ſo ſagte ſie: — Sein Sie willkommen, lieber Graf. Wuͤrden Sie Sich heute wohl mit einem ſchlechten Mittageſſen begnuͤgen? — 191— Der Graf nickte bejahend, indem er zugleich Frau von Aulnay und Fernanden anblickte und ſich nach ein⸗ ander vor ihnen verneigte. — Ja? begann Frau von Aulnay wieder. Schoͤn, das iſt abgemacht, Sie werden unſer Alleinſein brechen, denn wir gedachten den Tag unter vier Augen zuzubrin⸗ gen, ich habe Herrn von Aulnay bereits wiſſen laſſen, daß er mit den Akademikern zu ſpeiſen haͤtte. Sie wiſ⸗ ſen, daß ich damit beſchaͤftigt bin, aus dieſem armen Herrn von Aulnay einen Unſterblichen zu machen? — Aber ich meine, das wird ſehr leicht ſein, gnaͤ⸗ dige Frau, erwiderte der Pair von Frankreich artiger Weiſe, beſonders, wenn in Ihrer Ehe die Guͤtergemein⸗ ſchaft beſteht. — Ja, ich weiß, daß Sie ein liebenswuͤrdiger Mann ſind, das iſt eine laͤngſt bekannte Sache; aber kommen wir auf unſer Mittageſſen zuruͤck: wir koͤnnen auf Sie rechnen, nicht wahr?. — Ja, ich bin beruhigt uͤber die Stoͤrung, welche ich verurſache, und geſtehe ſogar, daß Ihre Einladung ein großes Gluͤck fuͤr mich ſein wird. — Wohlan, beruhigen Sie Sich; ohne Zweifel ha⸗ ben wir zu plaudern; aber wir werden mit einander den Wald von Boulogne beſuchen, und waͤhrend einer Spa⸗ zierfahrt von zwei Stunden ſagen ſich zwei Frauen gar Mancherlei, wir werden alſo zwei Stunden haben, um nach unſerm Behagen zu plaudern und um halb ſieben Uhr werden Sie uns aller unſerer Mittheilungen entle⸗ digt wiederfinden. Iſt Ihnen das ſo recht? . — — 192— — Ja, unter der Bedingung, daß Sie mir erlau⸗ ben, Ihren Leuten meine Auftraͤge fuͤr das Mittageſſen zu geben. — Sind Sie hier nicht wie zu Haus? Thun Sie, was Ihnen beliebt, mein lieber Graf. Der Graf ſtand auf und empfahl ſich den beiden Frauen, die zehn Minuten nachher jede einen praͤchtigen Strauß aus dem Laden der Madame Barjon erhielten. Der von Frau von Aulnay dem Grafen von Mont⸗ giroux gemachte Vorſchlag hatte Fernanden anfangs er⸗ ſchreckt, dann hatte ſie ſich gefragt, was ſie Frau von Aulnay, was ſie der Graf, was ſie die uͤbrige Welt kuͤmmere. Fuͤhlte ſie nicht, daß ſie in Mitte der ge⸗ raͤuſchvollſten und zahlreichſten Geſellſchaft mit ihrem Herzen allein bleiben wuͤrde? Sicher eines ſchmerzlichen Alleinſeins mit ihren Gedanken hatte ſie ſich demnach darin ergeben. Kaum hatte ſich der Graf entfernt, als Frau von Aulnay den Plan verfolgte, der ihrem Geiſte entkeimt war. — Nun, ſagte ſie, liebe Schoͤne, wie finden Sie ihn? — Wen? fragte Fernande, wie aus einem Traume erwachend. — Unſeren Tiſchgenoſſen von heute. — Ich habe ihn nicht bemerkt, Madame. — Wie, rief Frau von Aulnay aus, Sie haben ihn nicht bemerkt? Aber er iſt ein liebenswuͤrdiger Mann, Sie koͤnnen es mir auf's Wort glauben. Zudoͤrderſt —-—ᷣ—. — 3 B S — 193— beſitzt er alle Eigenſchaften der guten Zeit, und beſonders fuͤr uns Frauen wog dieſe Zeit wohl die jetzige auf. Dann hat Niemand mehr Zartgefuͤhl. Ich weiß nicht, wie er es anfaͤngt, daß man Etwas annimmt, aber von ſeiner Hand nimmt die Allerſproͤdeſte immer an. Er iſt kein Kind mehr, ich gebe es zu; aber wenn man ihn hat, ſo fuͤrchtet man zum Mindeſten nicht mehr, ihn zu verlieren: mit ihm iſt es nicht, wie mit allen dieſen ſchoͤnen jungen Leuten, die immer Tauſend Ent⸗ ſchuldigungen fuͤr ihre Abweſenheit vorzubringen haben und die ſich nicht einmal die Muͤhe geben, eine fuͤr ihre Untreue zu ſuchen. Ohne Frau, ohne directen Erben, Pair von Frankreich, hat er immer die Ausſicht, bei ir⸗ gend einer neuen Zuſammenſetzung des Miniſteriums mit einzutreten, vorausgeſetzt, daß man ſich den wahren In⸗ tereſſen der Monarchie zuneigt. Nun, woran denken Sie, mein ſchoͤner Engel? Sie laſſen mich ſprechen und hoͤren mich nicht. — Doch, ich hoͤre Sie und mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit! Was ſagten Sie, um Vergebung? Frau von Aulnay laͤchelte. — Ich ſagte, fuhr ſie fort, daß Herr von Mont⸗ girour einer jener Maͤnner iſt, deren Art taͤglich mehr ausſtirbt, liebe Schoͤne, und das zum Ungluͤck fuͤr uns Frauen. Ich ſagte, daß er eine Großartigkeit der Ma⸗ nieren hat, wovon wir mit ſeiner Generation das Ende ſehen werden; ich ſage, daß er einer jener ſeltenen gro⸗ ßen Herrn iſt, die noch uͤbrig geblieben ſind; ſſch ſage, daß, wenn ich zwanzig Jahre alt waͤre, ich Alles, was Fernande. Erſter Band. 13 — 194— in meinen Kraͤften ſtaͤnde, thun wuͤrde, um einem ſol⸗ chen Manne zu gefallen. Aber ich habe Unrecht, Ih⸗ nen das zu ſagen, Ihnen, die Sie gefallen, ohne es zu wollen.. — Aber, meine liebe Frau von Aulnay, ich meine, daß Sie mich heute mit Komplimenten uͤberhaͤufen, ſagte Fernande, indem ſie zu laͤcheln verſuchte. — Sie zweifeln immer an Sich ſelbſt, liebe Schoͤne, und ich verſichere Ihnen, das iſt ein großes Unrecht, das Sie gegen Sich haben. Nun denn, ich biete Ih⸗ nen eine Wette an. — Welche? — Das Doppelte gegen das Einfache. — Sprechen Sie. — Naͤmlich, daß wir Herrn von Montgiroux vor der Stunde des Mittageſſens im Walde von Boulogne begegnen werden. — Und warum das? — Weil Sie einen großen Eindruck auf ihn hervor⸗ gebracht haben, kurz, weil er in Sie verliebt iſt. Dieſe letzten Worte drangen durch das Dunkel, welches Alles in Fernandens Geiſte verwirrtez unter ei⸗ ner Art von Ruhe des Geiſtes und der Haltung verbarg ſie die innere Unruhe, der Sturm der Eiferſucht ſtieg aus ihrem Herzen ihr zu Kopfe; der Entſchluß, denje⸗ nigen nicht wiederzuſehen, der ſie betrogen hatte, die Nothwendigkeit eines Bruches, ſelbſt das Verlangen nach Rache, ſummten vor ihren Ohren, indem ſie ihr verworrene Plaͤne, ſinnloſe Entſchluͤſſe zufluͤſterten. Mit⸗ N u .d or ne — — 195— ten in Alle dem tauchte ploͤtzlich ein Gedanke auf: durch den Schmerz ſelbſt, den ſie empfand, fuͤhlte Fernande die Schwaͤche ihres Herzens. Wenn ſie Moritz begeg⸗ nen ſollte, wenn Moritz, verzweifelt bittend, ſich vor ihr auf die Kniee wuͤrfe, ſo wuͤrde ſie ihm vergeben, und, ſobald ſie ihm vergeben haͤtte, was wuͤrde ſie dann in ihren eigenen Augen ſein?... Sie mußte alſo jede Sinnesaͤnderung unmoͤglich machen; nun erinnerte ſich die Frau, welche in der ganzen Reinheit ihres Herzens geliebt hatte, daß man aus ihr eine Buhlerin, eine ga⸗ lante Frau, ein unterhaltenes Maͤdchen gemacht haͤtte z eine ploͤtzliche, wunderliche, unerwartete Veraͤnderung er⸗ eignete ſich in ihrer ganzen Perſon, ein Schauder uͤber⸗ lief ihren ganzen Koͤrper, kalter Schweiß trat auf ihre Stirn; aber ſie trocknete ihre Stirn mit dem Taſchen⸗ tuche ab, mit dem ſie ihre Thraͤnen abgetrocknet hatte: ſie legte ihre Hand auf ihr Herz, um ſein Klopfen zu unterdruͤcken; dann, als ob ſie aus einem entſetzlichen Traume erwache, antwortete Fernande mit bitterem Laͤ⸗ cheln und ſchneidender Stimme: — Was ſagten Sie mir, Madame, was ſagten Sie mir ſo eben? Ich habe nicht recht verſtanden. — Ich ſagte Ihnen, liebe Schoͤne, erwiderte Frau von Aulnay, daß Sie Ihren gewoͤhnlichen Einfluß aus⸗ geuͤbt haben, und daß unſer Tiſchgenoſſe naͤrriſch in Sie verliebt fortgegangen iſt. 4 — Wer, dieſer Herr? ſagte Fernande. Ah, ich bin uͤberzeugt, Sie irren ſich; er hat nicht im Minde⸗ ſten auf mich geachtet. 13* ————ͥᷓ— — 196— — Sagen Sie, mein ſchoͤner Engel, daß Sie nicht im Mindeſten auf ihn geachtet haben, und dann werden Sie das Wahre getroffen haben. Dieſer Herr, wie Sie ſagen, iſt ein Mann von Geſchmack, und ich ſtehe Ihnen dafuͤr, daß er Sie auf den erſten Blick gewuͤr⸗ digt hat. Bedenken Sie doch, daß meinem Scharfblicke, meiner Kenntniß des menſchlichen Herzen Nichts ent⸗ geht. — Und Sie nennen ihn? — Aber ich habe Ihnen ſeinen Namen drei Mal genannt, ohne zu rechnen, daß Joſeph ihn gemeldet hat. — Ich habe Nichts gehoͤrt. — Graf von Montgiroux. — Graf von Montgiroux? wiederholte Fernande. — Sie kennen ihn dem Namen nach, nicht wahr? — Sehr gut. — Dann wiſſen Sie alſo, daß er ein aller Achtung wuͤrdiger Mann iſt? — Ich weiß Alles, was ich wiſſen wollte, antwor⸗ tete Fernande in einem Tone, der andeutete, daß es unnoͤthig ſei, laͤnger bei dieſem Gegenſtande zu ver⸗ weilen. — Gnaͤdige Frau, der Wagen iſt bereit, lagte der Bediente, indem er die Thuͤre oͤffnete. — Gehen Sie mit, liebe Freundin? fragte Fran von Aulngy. — Ich bin bereit, antwortete Fernande. N 8U 8=— i! t ſchwand in einem Augenblicke. — 197— Beide ſtiegen in den Wagen. Ohne Zweifel bewirk⸗ ten Geraͤuſch und Bewegung bei der Schriftſtellerin die gewohnte Zerſtreuung; aber Fernande blieb ſtumm, ge⸗ fuͤhllos. Ihre Augen ſahen, ohne zu unterſcheiden, ihre ganze Seele war mit ihrem Schmerze beſchaͤftigt. Sie war in die geheimſte ihrer Betrachtungen verſunken, welche Ihre Geſellſchafterin ſo beſcheiden geweſen war, nicht zu unterbrechen, als Frau von Aulnay ihr ploͤtzlich die Hand auf den Arm legte. — Sehen Sie? ſagte dieſelbe. — Was? antwortete Fernande erbebend. — Hatte ich es Ihnen nicht geſagt? — Was hatten Sie mir geſagt? — Daß wir ihm begegnen wuͤrden. — Wem? — Dem Grafen von Montgiroux. — Wo iſt er? fragte Fernande. — Da iſt ſein Coupé, das an unſerer Kutſche vor⸗ uͤberfahren wird. In der That, ein reizendes Coupé, dunkelblau mit Silber, kam im ſcharfen Trabe eines herrlichen Geſpan⸗ nes heran. Alles war jung, der Kutſcher, die Bedien⸗ ten, die Pferde, Alles, ausgenommen der Kopf, der ſich aus dem Schlage ſtreckte und den beiden Damen einen freundlichen Gruß zuſandte. Fernande antwor tete auf dieſen Gruß durch ein rei⸗ zendes Laͤcheln. Das durch ſeinen Lauf davon gefuͤhrte Coupé ver⸗ — 198— — Nun, ſagte Frau von Aulnap, haben Sie inhh dieſes Mal geſehen? — Ja. — Nun, wie finden Sie ihn? — Ei, ſagte Fernande, ich finde ihn ſehr paſſend und er ſcheint mir gut auszuſehen. — Gut, gut, ſagte Frau von Aulnay, ich war bange, daß Ihre Zerſtreuung Sie dieſes Mal verblendet haͤtte. In jedem Falle iſt es nicht das letzte Mal, daß wir ihm begegnen, ſein Sie ruhig. In der That, nach einer Viertelſtunde der Spa⸗ zierfahrt und als der Wagen in einer ſandigen Allee rollte, ſahen die beiden Frauen das elegante Coupé ih⸗ nen von Neuem entgegenkommen. Nur, ſtatt raſch voruͤberzufahren, hielt er dieſes Mal an. Frau von Aulnay wechſelte mit dem Grafen von Montgiroux einige Worte, der, indem er ſeine Blicke in das Coupé ſenkte, ſehen konnte, daß Fernande einen 3 der Straͤuße in der Hand hielt, die er geſandt hatte. Bei dieſem Anblicke erheiterte ſich das Geſicht des Gra⸗ fen, und als er die Damen verließ, lag etwas Trium⸗ phirendes in ſeiner Stimme, als er ſeinem Kutſcher zu⸗ rief: — Nach dem Hotel. — Er geht entzüͤckt, ſagte Frau von Aulnay. — Und woruͤber? fragte Fernande. — Er hat geſehen, daß Sie ſeinen Strauß in der Hand hielten. der — 199— — Sie glauben, daß er es bemerkt hat? — Kokette! Sie haben es wohl auch geſehen. Und jetzt haͤngt es nur von Ihnen ab, daß es binnen Kur⸗ zem eine freie Pairsſtelle giebt. — Wie das? — Seien Sie unerbittlich gegen den Grafen und ich ſetze mein Wort zum Pfande, daß er ſich, ehe acht Tage vergehen, eine Kugel durch den Kopf jagt. — Sie ſind nicht bei Troſt! — Nicht doch! Sie ſind nicht allein geliebt, ſon⸗ dern angebetet. Verſchmaͤhen Sie das nicht; es iſt etwas ſehr Gutes, angebetet zu ſein. — Ach, ſagte Fernande mit einem tiefen Seufzer. — Dann ploͤtzlich die geheuchelte Luſtigkeit wieder anneh⸗ mend, die ſie ſeit einem Augenblicke zu Huͤlfe gerufen hatte, fuhr ſie fort:— Aber ich erinnere mich, wir eſſen mit dem Grafen zu Mittag, nicht wahr? — Ja, und er iſt nach Haus gefahren, um ſeine Toilette zu wechſeln. — Das iſt gerade, woran ich dachte. Waͤre es nicht gut, daß Sie mich an meiner Wohnung abſetzten, damit ich es eben ſo machte? — Gehen Sie doch! Ihr Neglige iſt reizend. Stoͤ⸗ ren Sie dieſe ſchoͤne uUnordnung nicht, lieber Engel... Sie wuͤrden das Anſehen haben, als ob Sie Sich ſei⸗ netwegen Muͤhe gegeben haͤtten. Wenn er ein junger Mann von fuͤnf und zwanzig Jahren waͤre, ſo wuͤrde — 200— ich Nichts ſagen; aber man muß unſere Alten nicht ver⸗ woͤhnen, und ſie ſind noch die einzigen Liebenswuͤr⸗ digen. — Wie Sie wollen, ſagte Fernande, welche im Grunde des Herzens zitterte, beim Nachhauſekommen Moritz dort zu finden. Die Spazierfahrt dauerte noch eine Stunde lang, aber das Geſpraͤch ſchloß ſich da; oder, wenn es wie⸗ der etwas lehhafter wurde, ſo hatte Herr von Mont⸗ giroux aufgehoͤrt, der Gegenſtand deſſelben zu ſein. Als ſie endlich nach Haus kam, fand Frau von Aulnay den Tiſch gedeckt. Es war augenſcheinlich, daß, wie er ſich die Erlaubniß dazu erbeten, der Graf dafuͤr geſorgt hatte. Schlag ſechs Uhr meldete man den Grafen von Montgiroux. Er trat ein, und die Herrin des Hauſes gruͤßend, ſagte er: — Ich bitte Sie, Madame, zu verſichern, daß ich deshalb, weil ich ſchon um ſechs Uhr komme, nicht ganz ein Kleinſtaͤdter bin; nur das Verlangen, Sie zu ſehen, hat mich fruͤher kommen laſſen, ſonſt Nichts. Hierauf ſetzte ſich der Graf mit vollkommener Unbe⸗ fangenheit, ſprach mit außerordentlichem Zauber uͤber alle die Dinge, von denen man mit Frauen ſpricht, von der neuen Oper, von der bevorſtehenden Abreiſe des Italieniſchen Theaters nach London, von Plaͤnen auf das Land zu gehen, indem er die Frauen frug, was ſie — 201— zu thun gedaͤchten, wobei er erklaͤrte, daß er Nichts recht feſt beſchloſſen habe, und bereit waͤre, ſich zur Verfuͤgung der erſten beſten Laune zu ſtellen, wenn die Kammer ihm Freiheit dazu ließe. Und indem er dieſe Worte ausſprach, blickte er Fernanden an, wie um ihr zu ſagen: Geben Sie einen Wink, Madame, und dieſer Wink wird ein Befehl ſein; druͤcken Sie einen Wunſch aus, und dieſer Wunſch ſoll erfuͤllt werden. Fernande antwortete, wie der Graf, daß ſie nicht wiſſe, was ſie thun wuͤrde, daß ſie aber jeden Falles, da ſie einen ſehr zuruͤckgezogenen Winter zugebracht, ſich bei der Ruͤckkehr der ſchoͤnen Jahreszeit zu entſchaͤdigen gedaͤchte. Frau von Aulnay hatte ein Schauſpiel auffuͤhren zu laſſen, eine Beſchäftigung, die ſie in Paris zuruͤckhal⸗ ten mußte. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Zwiſchen den beiden Frauen ſitzend, war Herr von Montgiroux gleicher Weiſe artig fuͤr Beide, ohne daß ſeine Artigkeit irgend etwas Lacherliches gehabt haͤtte. Es war ſogar bei Weitem eher das liebreiche Wohlwollen eines Greiſes, die Leut⸗ ſeligkeit eines ausgezeichneten Mannes, als Galanterie in dem Sinne, welchen man mit dieſem Worte ver⸗ bindet. t Fernande, deren Geſchmack ſo fein, deren Takt ſo vollkommen war, konnte ſich nicht enthalten, in ihrem Innern anzuerkennen, daß Herr von Montgiroux des — 202— Lohes wuͤrdig ſei, das Frau von Aulnay ihm beigelegt hatte: und obgleich ihr Laͤcheln unendlich traurig war, ſo uͤberraſchte ſie ſich doch zwei bis drei Mal beim Laͤcheln. Man ſtand vom Tiſche auf und ging in den Salon, um den Kaffee zu trinken. Als man die Taſſen wieder auf die Platte ſtellte, meldete man der Frau von Aulnay, daß der Director des Theaters, dem ſie ihr Stuͤck geben wollte, ihr ein paar Worte von der hoͤch⸗ ſten Wichtigkeit zu ſagen haͤtte. — Mein lieber Graf, ſagte Frau von Aulnay, wie Sie wiſſen, ſind die Theaterdirectoren nebſt dem Kaiſer von Rußland und dem Groß⸗Sultan die einzigen in Europa uͤbrig gebliebenen unumſchraͤnkten Monarchen, und deshalb iſt man ihnen wohl einige Ruͤckſicht ſchul⸗ dig; erlauben Sie demnach, daß ich Sie fuͤr einen Au⸗ genblick verlaſſe, um meinen Autokraten zu empfangen; außerdem haben Sie Sich hoffentlich nicht zu beklagen, ich laſſe Sie in guter Geſellſchaft. Bei dieſen Worten ſtand ſie auf, kuͤßte Fernanden auf die Stirn, machte dem Grafen eine Verbeugung und verließ das Zimmer. Fernande fuͤhlte ihr Herz beklkommen werden. War dieſes unter vier Augen Bleiben zwiſchen Frau von Aulnay und dem Grafen verabredet? Ward ſie wirklich mit dieſer Ungezwungenheit behandelt? Dann, bevor Frau von Aulnay noch die Thüre — 203— wieder geſchloſſen hatte, ſtieg ein bitterer Gedanke in ihr auf. — In der That, ſagte ſie ſich, indem ſie auf ihren eigenen Gedanken antwortete, was bin ich am Ende? Eine Buhlerin. Nun denn, keine Heuchelei, Fernande, und thue nicht, als ob Du Dich Deines Standes ſchaͤmteſt. Und nun erhob ſie ihren Kopf wieder, den ſie einen Augenblick geſenkt gehalten hatte, und zwang ihren Blick auf dem Grafen zu verweilen. — Madame, ſagte dieſer, durch die Art und Weiſe ermuthigt, mit der ſich Fernande ſeit dem Morgen ge⸗ gen ihn benommen hatte, und indem er ſeinen Seſſel dem Kanapee naͤher ſchob, auf dem ſie halb lag; Ma⸗ dame, ich hatte Sie niemals geſehen, aber ich hatte gar oft Ihr Lob wiederholen hoͤren. Ich hatte mir von Ihnen einen hohen Begriff gemacht, Sie haben ihn durch einen unausſprechlichen Reiz und durch einen aus⸗ gezeichneten Geſchmack uͤbertroffen; ich hatte erwartet, die Schoͤnheit in alle dem Glanze leuchten zu ſehen, der ſie gewoͤhnlich umgiebt, und ich finde ſo viel Beſcheiden⸗ heit und Sanftmuth in Ihrem Blicke und in Ihrer Sprache, daß ich jetzt hoͤchſtens Ihnen das zu ſagen wage, was Sie uͤbrigens wohl wiſſen, naͤmlich, daß es unmoͤglich iſt, Sie zu ſehen, ohne Sie zu lieben. — Sagen Sie, mein Herr, antwortete Fernande unendlich betruͤbt laͤchelnd, daß Sie wohl wiſſen, daß ich eine jener Frauen bin, denen man Alles ſagen darf. —õ;——— — 204— — Nun denn! Nein, Madame, erwidette der Graf; vielleicht war ich mit dieſer Anſicht hierher gekommen, aber ich habe Sie geſehen, nicht ſo, wie Sie das al— berne Geſchwaͤtz unſerer jungen Leute geſchildert hat, ſon⸗ dern ſo, wie Sie wirklich ſind. Und jetzt zittere und zoͤgere ich bei dem Verſuche, Sie verſtehen zu laſſen, daß ich wahrhaft zu gluͤcklich ſein wuͤrde, wenn Sie mir erlaubten, Ihnen einige der Augenblicke zu widmen, welche mir meine Pflichten als Staatsmann uͤbrig laſſen.. Fernande empfing dieſe vorausgeſehene Erklaͤrung mit einem ſanften und ſchwermuͤthigen Laͤcheln. Man haͤtte kennen muͤſſen, was ihre Seele bewegte, um ganz die Bitterkeit zu verſtehen, die dieſes Laͤcheln enthielt. Aber weder ſein Rang, noch ſein Alter ließen den Herrn von Montgiroux uͤber dieſe ſtumme und außerdem faſt unmerkliche Zuruͤckhaltung erſchrecken; er wuͤnſchte zu ſehr, als daß er gewagt, es zu ergruͤnden. Nun, ohne in dem direkten Ausdrucke ſeiner Ge⸗ fuͤhle weiter zu gehen, beruͤhrte er mit dem unendlichen Takt, mit der wundervollen Kunſt, welche die Leute von Stand darauf verwenden, die ſchwierigſten Dinge zu ſagen, die Bedingungen des Vertrages in ſo zarten Aus⸗ druͤcken, daß man ſich am Ende uͤber den Beweggrund dieſes ſchimpflichen Antrages, uͤber den Zweck dieſes ehr⸗ loſen Handels irren konnte. Jeder, der dieſen Greis und dieſe junge Frau, ohne ſie zu kennen, geſehen und ihr Geſpraͤch gehoͤrt, haͤtte annehmen koͤnnen, daß es — 205— von dem heiligſten und achtbarſten Gefuͤhle eingegeben waͤre, haͤtte glauben koͤnnen, daß ein Vater ſich an ſeine Tochter wende, oder daß ein Gatte in dem Be⸗ wußtſein, daß er ſein Alter durch Guͤte erkaufen muͤßte, ſeiner Frau zu gefallen ſuchte. Er ſprach von dem Gluͤcke, ein großes Vermoͤgen zu beſitzen, mit der Er⸗ kenntlichkeit eines Mannes, den man verpflichtet, wenn man ihm hilft, es darauf gehen zu laſſen. Er uͤbertrieb die Großmuth der Freundin, welche ſeinem Reichthume dadurch Werth verleihen wuͤrde, daß ſie ihn verſchwende. Die Theilung, ſagte er, iſt ſehr oft nur ein Akt der Gerechtigkeit, nur die Erſtattung einer ſchuldigen Sache. Sind zwei ſchoͤne Grauſchimmel nicht bei Weitem eher geeignet, leicht eine elegante Frau zu ziehen, als einen ernſten Pair von Frankreich, der Anſtands halber Nie⸗ mand uͤberfahren kann? Iſt eine erſte Rangloge in der Oper nicht natuͤrlicher Weiſe dazu da, um ein junges und friſches Geſicht glaͤnzen zu laſſen, und nicht um die graͤmlichen Zuͤge eines Staatsmannes zu zeigen? Fuͤr ihn paßt ſich ein kleiner Platz ganz im Hintergrunde, in der dunkelſten Ecke, und das noch, wenn man ſo gefaͤl⸗ lig ſein will, ihn dort zu dulden. Was habe ich, fuhr er fort, der Hageſtolz, ich, der ich keine Kinder habe, Beſſeres zu thun, als Andere mit Liebe und Aufmerk⸗ ſamkeit zu umgeben? Ich beſuche gern die Laͤden, das zerſtreut mich; man findet, daß es mir nicht an Ge⸗ ſchmack fehlt. Ich wuͤnſche nicht aus der Uebung zu kommen und dei den Gewohnheiten von ehedem zu blei⸗ ben, ich bin alſo in die Nothwendigkeit verſetzt, Viel — 206— zu kaufen, um mich mit der Mode bekannt zu machen. Außerdem muß ein Mann meines Ranges im Intereſſe des Handels Geld ausgeben; das iſt eine Regierungs⸗ frage: das erwirbt mir Anhaͤnger, das macht mich volks⸗ thuͤmlich. Dann habe ich eine gute Eigenſchaft: ich zahle puͤnktlich alle Rechnungen, welche man mir uͤber⸗ bringt, beſonders, wenn ſie mich nicht perſoͤnlich ange⸗ hen. Und dann, ſollten Sie es glauben, laͤßt mir mein Haushofmeiſter nicht das Vergnuͤgen, mich mit meinem Hauſe zu beſchaͤftigen? Alles in demſelben iſt durch den Gebrauch vorgeſchriehen, ſo daß ich wohl anderswo das Vergnuͤgen aufſuchen muß, mich ein Wenig hinein zu mengen. Bei den erſten Worten des Grafen hatte ſich Fer⸗ nandens Stolz empoͤrt; aber bald hatte ſie ein trauriges Vergnuͤgen daran gefunden, ſich ſelbſt dadurch zu demuͤ⸗ thigen, daß ſie dieſe verbluͤmte Rede anhoͤrte und auf ſich anwandte. Was bin ich? ſagte ſie ſich im Stillen. Eine Buhlerin, und nichts Anderes; eine Geliebte, die man nimmt, um ſich von ſeiner Frau zu entfernen. Mit welchem Rechte ſollte ich ungehalten daruͤher werden, daß man ſo mit mir ſpricht! Ich bin noch gluͤcklich, daß man ſolche Formen anwendet, daß man mit ſolcher Schonung verfaͤhrt; nun denn, Fernande, Muth! Und waͤhrend der ganzen Rede des Grafen von Montgiroux laͤchelte ſie mit einem reizenden Laͤcheln; dann, als er geendigt hatte, ſagte ſie: — In Wahrheit, Herr Graf, Sie ſind ein liebens⸗ wuͤrdiger Mann. — 207— Und ſie reichte ihm eine Hand, welche der Graf mit Kuͤſſen bedeckte. In dieſem Augenblicke trat Frau von Aulnay wie⸗ der ein. Nach Verlauf von fuͤnf Minuten war der Graf ſo fein, ſeinen Hut zu nehmen und ſich zu entfernen. Als ſie aber nach Haus kam, fand Fernande den Kammer⸗ diener des Herrn von Montgiroux, der ſie ein kleines Billet in der Hand erwartete. Fernande nahm das Billet, ſchritt raſch durch den Salon und trat in ihr Schlafzimmer, in das Schlaf⸗ zimmer mit dem Bette von Roſenholz und nicht in die jungfraͤuliche Zelle, welche fuͤr Moritz geoͤffnet und hin⸗ ter ihm wieder verſchloſſen ſich niemals wieder fuͤr einen andern Mann oͤffnen ſollte. Dort erbrach ſie das Billet und las: „Wenn man das Gluͤck gehabt hat, Sie zu fehen, „wenn man vor Verlangen ſtirbt, Sie wiederzuſehen, „— um welche Stunde darf man da, ohne unbe⸗ „ſcheiden zu ſein, ſich an Ihrer Thuͤre melden? „Graf von Montgiroux.“ Fernande nahm eine Feder und antwortete: „Jeden Morgen bis Mittag, jeden Tag bis um „drei Uhr, wenn es regnet, jeden Abend, wenn man „mir den Hof macht, jede Nacht, wenn man liebt. „Fernande.“ Aspaſta wuͤrde Alcibiades oder Socrates nicht an⸗ ders geantwortet haben. Arme Fernande! Sie mußte ſehr gelitten haben, um ein ſo liebenswuͤrdiges Billet zu ſchreiben. X. Won dem folgenden Tage an anderte ſich Alles in dem innern und aͤußeren Leben Fernandens. Geraͤuſch, Bewegung, Conzerte, Schauſpiele genuügten nicht mehr dem Beduͤrfniſſe, das ſie empfand, ſich zu betaͤuben; ſie wollte von Neuem angebetet ſein, ſie machte ſich wieder zur Seele jenes leichtfertigen Lebens, das man in Paris das elegante Leben nennt; ihr Salon wurde wieder der Sammelplatz der renomirteſten Loͤwen, ein zweiter Jockey⸗Club. Keine Lectuͤre, keine Arbeiten, keine Studien mehr, eine immerwaͤhrende Aufregung, eine phyſiſche Ermuͤdung, dazu beſtimmt, um der Seele ein Wenig Ruhe zu geben, das war Alles. Das Leben der einen Augenblick lang vergeſſenen Buhlerin ſtieg wieder aus der Tiefe auf die Oberflaͤche, und Moritzens Anden⸗ ken war in die tiefſten und geheimſten Abgruͤnde dieſes Herzens begraben, welches ihm waͤhrend eines ganzen Fernande. Erſter Band. 14 — 210— Winters die Verehrung der reinſten Liebe gewidmet hatte. Der Graf von Montgiroux, deſſen Anweſenheit alle dieſe Veraͤnderungen bei Fernanden herbeigefuͤhrt hatte, wurde von Tag zu Tag verliebter in ſeine Mai⸗ treſſe, aber zu gleicher Zeit auch eiferſuͤchtiger. Fernande hatte das, was ſie that, berechnet, als ſie Herrn von Montgiroux in ihrer Wohnung empfing: ſie hatte naͤm⸗ lich den Vorbehalt ihrer gaͤnzlichen Freiheit ausgemacht. Gluͤcklicher, als es die verheiratheten Frauen ſind, die keinen andern Mann lieben koͤnnen, ohne ihren Gatten zu verrathen, hatte Fernande niemals einen Geliebten betrogen; aber ſie hatte immer verlangt, daß ihr eine unumſchraͤnkte Unabhaͤngigkeit bewilligt wuͤrde: man mußte ihrem Worte vertrauen oder ſie verlieren. Sie wollte die Freiheit haben, in ihrem Hauſe zuzulaſſen, wen es ihr gefiele, in ihrem Wagen ſpazieren zu fahren, wer ihr angenehm ſchien, die Ehre ihrer Loge wem es ihr gutduͤnkte zu erzeigen. Dieſe ſtillſchweigende Bedin⸗ gung, welche ſie in dem mit Herrn von Montgirour ab⸗ geſchloſſenen Handel ausgemacht hatte, ſetzte den armen Pair von Frankreich in Verzweiflung, der, auf der ei⸗ nen Seite von den Befuͤrchtungen gepeinigt, welche ihm in einem ſolchen Falle immer ſeine alte Verbindung mit Frau von Barthéle einfloͤßte, auf der andein durch eine ſeine Stellung beruͤckſichtigende Schaam zuruͤckgehalten, Fernanden nicht zu allen ihren Vergnuͤgungen folgen konnte, und indem er den begangenen Fehler erkannte, wenn er ihre zwei und zwanzig Jahre mit ſeinen ſechzig t — 211— . Jahren verglich, ohne Unterlaß von dem Gedanken ver⸗ folgt wurde, daß ſie ihn betruͤge. Sein Leben verfloß in beſtaͤndigen Beſorgniſſen, in immer wieder entſtehen⸗ den Befuͤrchtungen; die moraliſche Sicherheit, welche die dem Alter ſo nothwendige Ruhe erzeugt, war zer⸗ ſtoͤrt. Zu jeder Stunde des Tages kam er zu Fernan⸗ den, und jedes Mal fand er ſie laͤchelnd, denn Fernande war dankbar fuͤr die Aufmerkſamkeiten, welche Herr von Montgiroux fuͤr ſie hatte, und ſie, die ſo eiferſuͤchtig war, ſie hatte Mitleiden mit ſeiner Eiferſucht. Daraus ging hervor, daß, ſo lange als der Graf da war, die Hand Fernandens in der ſeinigen haltend, er vertrauend, er gluͤcklich war; aber ſo bald er ſie verlaſſen hatte, ſtieg der Gedanke: Fernande mitten unter alle dieſen ſchoͤnen jungen Leuten, fuͤr welche ſie alle Sympathien ein und deſſelben Alters haben mußte, wieder in ſeinem Geiſte auf, und ſeine einen Augenblick lang beſaͤnftigten Be⸗ fuͤrchtungen entſtanden wieder weit heftiger und weit ſte⸗ chender auf dem Grunde ſeines Herzens. Und doch, wenn Jemand, mit der Gabe verſehen, bis auf den Grund der Seele zu leſen, die Lage des Grafen, die dieſelbe, ohne es zu wollen und ohne es zu wiſſen ver⸗ urſachte, mit dem Zuſtande der Frau hätte vergleichen koͤnnen, ſo haͤtte er ihn gewiß beneidet. In der That, Fernande hatte, wie wir bemerkt, dieſes geraͤuſchvolle und aufgeregte Leben nur wieder an⸗ genommen, um ſich ſelbſt zu entrinnen, und ſo lange ſie, von zwei kraͤftigen Pferden gezogen, dahin rollte, ſo lange ſie ſich von dem Zauber der Sicme Suhres oder * 0 Rubinis hinreißen ließ, ſo lange als ſie uͤber das koͤſtliche Laͤcheln der Mademoiſelle Mars in dem alten Luſtſpiele laͤchelte oder ſie mit ihren Thraͤnen in dem modernen Trauerſpiele weinte, ſo lange ſie, entweder als Koͤnigin ihres Salons, oder als die Seele eines froͤhlichen Mah⸗ les geſchmeichelt und gefeiert war, gelangte ſie noch, wohl oder uͤbel, zu dem Ziele, das ſie ſich vorgeſteckt hatte; ſobald ſie aber allein war, zerriß die gleich dem Schwerte des Damocles uͤber ihrem Haupte haͤngende Wirklichkeit den Faden, der ſie zuruͤckhielt, und das arme Weib ſank, von ihrem Schmerze verzehrt, wieder unter den Felſen des Siſyphus, den ſie nicht bis zu dem Gipfel des Vergeſſens zuruͤckzuſtoßen vermogte. Und dann war die Niedergeſchlagenheit Fernandens etwas Entſetzliches, und ſie ſelbſt fuͤrchtete die Einſamkeit ſo ſehr, daß ſie ſelbſt die langweiligſten, ſelbſt die wi⸗ derwaͤrtigſten ihrer Anbeter bei ſich zuruͤckhielt, aus Furcht, ſich ſonſt in den Abgrund ihrer Gedanken zu vertiefen. Nichts hatte mehr Gewalt uͤber dieſes Da⸗ hinſchwinden, weder Lectuͤre, noch Muſik, noch Malerei; hielt die Kraft ihres Willens ſie zuweilen auftecht, war es ihr, obgleich allein, gelungen, ſich dem ewigen Ge⸗ danken zu entziehen, der ſie belagerte: dann erwartete, weit ſtaͤrker, als ihr Wille, ihr Bewußtſein ſie im Schlafe. Dann waren es entweder Traͤume voller Wonne oder graͤßlich vor Verzweiflung; wenn ſie Moritz nicht in ihre Arme ſchloß, ſo ſah ſie Moritz in den Armen einer Andern. Bald erwachte ſie fieberhaft und zugleich erſtarrt; ſie ſprang aus ihrem Bette, verließ dieſes feile * — 213— Zimmer, um ſich in jene kleine, ganz von ihren ſuͤße⸗ ſten Erinnerungen erfuͤllte weiße Zelle zu fluͤchten. Dann, mit einem einfachen Morgenrocke bekleidet, die bloßen Fuͤße in ihren geſtickten Pantoffeln, knieete ſie vor die⸗ ſem Bette nieder, das niemals ein feiler Gedanke beſu⸗ delt hatte. Dort kehrten ihr zuweilen die Thraͤnen zu⸗ ruͤck und die Naͤchte, in denen ſie weinen konnte, waren ihre gluͤcklichen Naͤchte, denn dann fuͤhrten die Thraͤnen Erſchoͤpfung und die Erſchoͤpfung eine Art von Ruhe herbei.. Waͤhrend dieſer kurzen Augenblicke der Ruhe pflegte ſich wohl Fernande uͤber das zu befragen, was ſie ge⸗ than hatte, und ſie fragte, ob ſie das gethan haͤtte, was ſie haͤtte thun ſollen; dann verſuchte ſie, ſich ein Betra⸗ gen zu erklaͤren, das der Inſtinct allein ihr eingegeben hatte; dann ſuchte ſie ſich Rechenſchaft uͤber die Vergan⸗ genheit abzulegen. — Warum habe ich ihn fortgewieſen? ſagte ſie. Worin beſtand ſein Verbrechen? Mich zu lieben, mir verheimlicht zu haben, daß er verheirathet waͤre, weil er mich liebte, mich demzufolge ſeiner Frau vorzuziehen, derjenigen, welche der Stolz und die geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſe ihm drei Jahre, bevor er mich kannte, auf⸗ erlegt hatten! Und in welchem Augenblicke, Thoͤrigte, die ich bin, habe ich mit ihm gebrochen?— Als dieſe Liebe ein Theil meiner Seele, ein Theil meines eigenen Lebens geworden war! Wen habe ich beſtraft? Mich zu⸗ voͤrderſt, ihn nachher; denn wer ſagt mir, daß er das leidet, was ich gelitten habe? O, er liebt mich, wie ich ihn liebe, er iſt beſtraft, wie ich beſtraft bin, er leidet, wie ich leide, und das iſt mein Troſt. O, mein Gott, wer haͤtte mir geſagt, daß ich das Beduͤrfniß em⸗ pfinden wuͤrde, ihn leiden zu ſehen? Und Moritz litt wirklich, wie es Fernande ſagte. Jeden Tag ſeit dem Tage, wo ſie ihm ihre Thuͤre hatte verbieten laſſen, war er zu der Stunde zuruͤckgekehrt, zu welcher er gewohnt war zu kommen. Dann hatte es fuͤr Fernanden einen Moment ſchmerzlicher Genugthuung gegeben; Moritz kam bleich und zitternd, um ſich zu ſichern, ob der ihn verbannende Befehl immer noch beſtaͤnde, und jeden Tag ſah ſie Moritz ſich noch weit bleicher und weit zitternder, als am vorigen, entfernen: dennoch entſchluͤpfte ſeinem Munde keine Klage; er ſtieg wieder in den Wa⸗ gen, der Wagen verſchwand an der Ecke der Straße, und Alles war vorbei. Hinter einem Vorhange verbor⸗ gen, die Hand auf ihr Herz gelegt, das ſich bald zu⸗ ſammenzog, als ob es zu ſchlagen aufgehoͤrt haͤtte, bald ſich ausdehnte, als ob es den Buſen ſprengen wollte, verlor Fernande nicht eine dieſer Bewegungen, und ſich der Thuͤre des Vorzimmers naͤhernd, ſog ſie den Klang ſeiner Stimme ein. Dann, ſobald er fort, der Wagen verſchwunden war, ſank ſie in einen Seſſel, indem ſie ihn von dem Grunde ihres Herzens aus rief und den⸗ noch nicht nachgab. Warum? Weil Moritzens Anblick einen anderen Ideengang in ihrem Geiſte hatte entſte⸗ hen laſſen, indem er in ihm die geheimſten Myſterien der Eiferſucht erweckte. In der That, wenn Fernande, nachdem ſie Kenntniß von Moritzens Verheirathung ge⸗ — 215— habt, nicht aufgehoͤrt haͤtte, ihn zu ſehen, waͤre dann dieſes Glück, deſſen Verluſt ſie beklagte, nicht noch weit ſchrecklicher geweſen, als das Leiden ſelbſt? Die kleinſte Verzoͤgerung von dem Augenblicke ſeines Kommens, ſein Fortgehen, zehn Minuten vor der gewoͤhnlichen Stunde, die Entſtellung ſeiner Zuͤge, ein minder freund— liches Laͤcheln, ein unwillkuͤrlicher Tiefſinn, eine von jenen Tauſend Geringfuͤgigkeiten, an welche ſie zu einer anderen Zeit nicht einmal gedacht haͤtte, haͤtten jeden Augenblick dieſe Sicherheit geſtoͤrt, auf welche ſie ſorgen— los ihr Daſein ſtuͤtzte. Ihr Bewußtſein haͤtte den Ver⸗ gleich zwiſchen der hochſtehenden und der niedriaſtehen⸗ den Frau nicht ertragen. Dieſer ploͤtzliche Schrecken, dieſer unuͤberwindliche Widerwille, welche das offenbarte Geheimniß in ihr hatten entſtehen laſſen, waren alſo eine heilige, ihr vom Himmel geſandte Eingebung, die ſie befolgen mußte. Alle Wahrheit kommt von Gott, welche Urſache es auch ſein mag, die ſie an den Tag treten laͤßt, und welche Wirkung ſie auch hervorbringen mag. Wenn ſie fortgefahren haͤtte, Moritz zu ſehen, ſo waͤre Moritz nicht ungluͤcklich geweſen, ſo haͤtte Mo⸗ ritz nicht gelitten, und Moritz mußte ungluͤcklich ſein und leiden; das war der Troſt der ſchlafloſen Naͤchte Fer⸗ nandens, das war der Erſatz ihrer dem Lachen gewid⸗ meten Tage. Ein letztes Band beſtand noch zwiſchen ihr und Moritz, das einer traurigen Sympathie; Alles war noch nicht zwiſchen ihnen zerſtoͤrt, ein gemeinſchaft⸗ licher Schmerz blieb ihnen. Aber bald erwartete Fernanden eine bei Weitem — 216— gräßlichere Qual. Eines Morgens, zu der Stunde, wo Moritz gewoͤhnlich kam, um ſich zu verſichern, daß ſein Ungluͤck immer daſſelbe ſei, erſchien Moritz nicht. Nun bemaͤchtigte ſich eine unendliche, ungekannte, verzehrende Eiferſucht Fernandens. Moritz konnte ſich troͤſten, Mo⸗ ritz konnte vergeſſen; ſie konnte Moritz eines Tages ru⸗ hig, geiſtreich, wie ſie ihn oft geſehen hatte, wiederſehen, ohne daß er bei ihrem Anblicke erbleichte und zitterte; das war Etwas, woran ſie niemals gedacht, weil es ihr unmoͤglich geſchienen hatte. Nun war die Reihe an Fernanden, unter einem langen Shawle unter einem dichten Schleier um das Hotel der Straße Varennes in der Hoffnung herumzu⸗ ſtreifen, Moritz zu erblicken. Ein halb offen ſtehendes Thor, ein Hof ohne Leben, eine Freitreppe ohne Die⸗ ner, ein Haus ohne Bewohner, ſtumm am Tage, fin⸗ ſter bei Nacht, das antwortete ihrer ungeduldigen Neu⸗ gierde jedes Mal, wenn ſie es mit dem Biicke befragte, wenn ſie wie ein Schatten vor dieſem Grabe voruͤber ging. Und dennoch ſetzte Fernande daſſelbe Leben fort, dieſelben ſcheinbaren Vergnuͤgungen kehrten zu den Stun⸗ den zuruͤck, die ihnen gewidmet waren; durch eine ſchreck⸗ liche Gegenwirkung auf ſich ſelbſt hatte Fernande die Kraft, in Mitte ihrer leichtfertigen Anbeter zu leben, ſie laͤchelte muthig Herrn von Montgiroux zu, ihre Toi⸗ lette zeigte von derſelben Sorgfalt. Am Abend ſah man ihre grauen Pferde an dem Eingange der Theater ſtam⸗ pfen; am Tage ſah man ihren Wagen raſch durch die — 217— Alleen des Boulogner Waldes rollen. In der Oper ſchien ſie aufmerkſam auf die Stimme der Saͤnger; im Thea⸗ ter Francais fuhr ſie fort Celiméène oder Hortenſe zu be⸗ klatſchen; der Weihrauch der Schmeichelei bildete eine Dampfwolke um ihr von Jugend glaͤnzendes und von Diamanten funkelndes Haupt; kurz, ſie lebte in einer Atmoſphaͤre, in welcher die ſchnell dahin ſchmachtende Schoͤnheit einen Koͤrper ohne Schoͤnheit, eine kalte Seele, ein leeres Herz, einen erſchoͤpften Geiſt zuruͤcklaͤßt, und zum erſten Male die Wichtigkeit des Reichthums einſe⸗ hend, legte ſie Werth darauf. Fernande hatte haͤufige Zuſammenkuͤnfte mit ihrem Notar; ſie kaufte Guͤter an, wie man ſagte. Die eifrigſten Anbeter Fernandens waren Fabian von Rieule und Leon von Vaup: nur affectirte Fabian, der Fernanden ſeit drei bis vier Jahren kannte, bei ihr das Benehmen eines ehemaligen Geliebten, waͤhrend Leon ſich bemuͤhte, dieſe Tauſend kleinen Aufmerkſamkeiten fuͤr ſie zu haben, welche andeuten, daß man das zu er⸗ langen ſucht, was Fabians Benehmen erlangt zu haben glauben ließ. Fernande machte ſich uͤber alle Beide lu⸗ ſtig; Fabian, mit ſeiner kalten Verderbtheit, mit ſeiner berechneten Verfuͤhrung, war fuͤr ſie ein Studium, waͤh⸗ rend Leon von Vauxp, mit ſeiner ungekuͤnſtelten Gecken⸗ haftigkeit, ſeiner Ueberzeugung von Eleganz, ſeiner Af⸗ fectation der guten Manieren, fuͤr ſie nur ein Spiel⸗ werk war. Sie hatte wohl den Gedanken gehäbt, daß der anonyme Brief, den ſie empfangen, von dem einen oder von dem anderen, und vielleicht ſogar von allen — 218— Beiden herruͤhrte, aber Nichts in ihrem Betragen hatte ihr uͤber dieſen Punkt die mindeſte Gewißheit geben koͤnnen. In jedem Falle, wenn der Brief von Leon von Vaux war, ſo hatte er in Nichts den Zweck erreicht, den er dabei beabſichtigte. Fernande war in den Augen Aller frei geblieben, ihr Herz bewahrte zu Viel Liebe, ihre Seele hatte zu viele Schmerzen erlangt, als daß ſie den Worten der Galanterie, mit denen man ihre Ohren betaͤubte, einen ernſten Sinn beizulegen ſuchte oft ließ ſie dieſelben voruͤbergehen, als ob ſie ſie nicht einmal gehoͤrt haͤtte, oft antwortete ſie darauf mit bit⸗ terem Spott; ihr ehedem ſanfter und wohlwollender Charakter wurde beißend und herb; dieſer muͤrriſche Haß, den ſie gegen die Menſchheit hatte entſtehen fuͤh⸗ len, ſeitdem die Menſchheit ſie leiden ließ, wurde mit jedem Tage gluͤhender, ihre entzauberten Augen ſahen nur noch die ſchimpfliche Seite aller Dinge, ſie ent— ſtellte ſelbſt gute Abſichten; die Wahrheit fuͤhrte ſie zur Ungerechtigkrit, weil ein Wenig Gluͤck nicht das Gleich⸗ gewicht durch eine hienieden unerlaͤßliche Nachſicht her⸗ ſtellte. — Aber, lieber Engel, ſagte Frau von Aulnay ei⸗ nes Morgens zu ihr, was iſt Ihnen denn begegnet, das Ihren Charakter ſo veraͤndert? Sie werden wahrhaft unertraͤglich, und man erkennt Sie nicht mehr. — Ei, Madame, ſagte Fernande, wer hat mich denn je gekannt? — Sie machen ſich Feinde, ich warne Sie, liebe Schoͤne. — Was beweiſt das? Daß ich endlich die Wahrheit wiſſen will... — Ein trauriger Vortheil. Man wird Sie verlaſ⸗ ſen, wenn das ſo fortdauert. — O, nicht gaͤnzlich. Sie ſprachen von Fein⸗ den, die ich mir machte, die da werden mir hoffentlich bleiben. — Ihr Witz iſt bitter, Fernande. — Wie die Pflanzen, welche reinigen, Madame. — O, Sie haben auf Alles eine Antwort, ich weiß es wohl, aber nehmen Sie Sich in Acht, Niemand iſt ohne Tadel. — Glauben Sie mir, ich bin demnach auch ſo ſtreng, wenn ich mich beurtheile, daß ich mich mit mir nur dann ausſoͤhne, wenn ich mich vergleiche. — Alles das iſt vortrefflich fuͤr die Gegenantwort, aber man lebt in dieſer Welt. — Wie Sie, oder außer der Welt, wie ich. — Aber, mit ein Wenig Gewandtheit waͤren Sie in dieſer Welt empfangen geweſen. — und wenn ich zu ein Wenig Gewandtheit Viel Heuchelei hinzugefuͤgt haͤtte, ſo haͤtte ich in ihr ſelbſt geachtet werden koͤnnen, nicht wahr? — Aber nein doch! Sehen Sie mich, zum Beiſpiel; nun denn, unter uns, liebe Gute, Jedermann weiß, daß der Marquis von**ſ mein Geliebter iſt. — Ja, aber Jedermann weiß auch, daß Herr von Aulnay Ihr Gatte iſt; und dann bin ich keine Schrift⸗ ſtellerin, man beurtheilt mich nach meinen Werken. — Und mich, wonach beurtheilt man mich? — Nach Ihren Werken. Haben Sie nicht eine Ihrer Colleginnen drei Jahre hinter einander den Tu⸗ gendpreis erhalten ſehen, weil Herr von L... Bureau⸗ Chef im Miniſterium, nicht reich genug war, ſie zu unterhalten? — Wir werden alſo Fernande menſchenfeindlich ſehen. — Ich habe nicht, wie Sie, Gluͤck, Ruhe und Achtung genug, um die Rolle der Philinte zu ſpielen. — Glauben Sie mir, meine Liebe, die Rolle, welche fuͤr jede junge und huͤbſche Frau paßt, iſt die der Céliméène. — Nehmen Sie Sich in Acht; es giebt keine Céli⸗ mene, die nicht mit der Zeit eine Arſinoëé wird. — Boͤſe, man wird alſo niemals Etwas aus Ihnen machen? — Ich bin das, wozu Sie mich gemacht haben, Madame, und Sie nennen das Nichts. Sie ſind ſchwer zu befriedigen. — Sie haben wohl Urſache ſich zu beklagen, Sie haben einen uͤbertriebenen Luxus, ein Hotel, Pferde. — Das iſt, um ſchneller ans Ziel zu gelangen. — Ehrgeizige, man wird Ihnen eine Eiſenbahn an⸗ legen. — Sprechen Sie mir davon nicht, ich verabſcheue ſie. — Warum das? — Ohne Zweifel wird man vermoͤge der Eiſenbah⸗ nen bald von Niemand mehr fern ſein. — Ja, aber wenn ein Land ſich erſchoͤpft, wuͤrde man in ein anderes gehen koͤnnen, und das waͤre ein ganz klarer Nutzen fuͤr gewiſſe Gewerbe, zum Beiſpiel von ei⸗ nem Tage zum anderen in St. Petersburg ſein zu koͤnnen. Bei dieſen Worten war die Schriftſtellerin aufge⸗ ſtanden und hatte mit einem ſpoͤttiſchen Laͤcheln den Sa⸗ lon verlaſſen. Zehn Minuten nachher waren Fabian von Rieule und Léon von Vaux eingetreten; ſie kamen, um Fer⸗ nanden eine Hpazierfahrt nach Fontenay⸗ aux⸗Roſes vorzuſchlagen, wo nach ihrer Ausſage eine reizende Villa zu verkaufen waͤre. Dieſe Spazierfahrt, welche Fer⸗ nanden von dem Boulogner Walde abzog, war etwas Neues und bot dem zu Folge eine Art von Reiz; die Spazierfahrt wurde angenommen und fuͤr den folgenden Morgen feſtgeſetzt. Wir haben geſehen, was in Fontenay⸗aux⸗Roſes vor und ſeit Fernandens Ankunft vorgefallen war; wie ſie durch ihr Benehmen und durch ihre Manieren ſich in dem Geiſte der Baronin eine beſondere Stellung zu ge⸗ ben gewußt hatte; wie Herr von Montgiroux und Fer⸗ nande ſich erkannt hatten; endlich wie Fernande bei dem in ihrer Gegenwart ausgeſprochenen Namen von Moritz, und als ſie erfuhr, daß ſie ſich zwiſchen der Mutter und der Gattin ihres ehemaligen Geliebten befaͤnde, in Ohnmacht geſunken war. Wir haben ferner geſagt, wie Fernande, als ſie wieder zu ſich kam, augenblicklich wie⸗ der Herrin ihrer ſelbſt geworden, und wie ihr richtiger und feſter Verſtand ihr erlaubt hatte, die ſeltſame Lage zu uͤberſehn, in der ſie ſich befand. Starke Entſchluͤſſe, großmuͤthige Regungen ſind fuͤr die Seele eine Art von himmliſchen Feuer, das ſie kraͤf⸗ tig und frei erhaͤlt. Seit Ihrer geraͤuſchvollen Einſam⸗ keit in dem Wirbel ihrer Abſonderung, hatte Fernande ſo viele Plaͤne gebildet, ſo viele Umſtände vorausgeſehn, daß es ihr leicht wurde zu handeln und zu ſprechen. Niemals hatte ſie indeſſen, ſelbſt nicht in den am Mei⸗ ſten unmoͤglichen Traͤumen ihrer Phantaſie, angenom⸗ men, daß ſie Moritz eines Tages in dem von ihm be⸗ wohnten Hauſe wiederſehen, daß ſie in ihm von ſeiner Mutter und von ſeiner Frau empfangen und von ihr zu ihm gefuͤhrt werden wuͤrde; aber Moritz ſtarb vor Schmerz, ſie verloren zu haben, dahin, waͤhrend ſie den Muth hatte, in Mitte deſſen zu leben, was man Vergnügungen nennt, und da dieſer Gedanke mit einem Male ihre niedergeſchlagenen Geiſteskraͤfte wieder be⸗ lebte, ſo vermogte ſie die Zukunft mit der Vergangen⸗ heit zu verknupfen, vermogte ſie in dem Werke der Aufopferung, das man ſie auszufuͤhren anflehte, ihre Wuͤrde wieder anzunehmen; vor zwei geachteten Frauen fuͤhlte ſie ſelbſt das Beduͤrfniß, der Achtung wuͤrdig zu ſein. Als ſie die Augen wieder aufſchlug, war ſie dem⸗ nach auch weder durch die Anweſenheit des Grafen von Montgiroux eingeſchuͤchtert, noch durch die der beiden jungen Leute, welche ſie in die Falle gelockt hatten, in * Ka a——+ͦ— 22— 1 N 2& 1 38 — 223— die ſie gerathen war; ein Strahl vom Himmel hatte ihr in der Zukunft eine Rache nach ihrem Herzen gezeigt. Fernande hatte zwiſchen Clotilden und Fabian einen jener Blicke aufgefangen, welche den Frauen eine ganze Lage erklaͤren, einen vermeſſenen Blick voller Hoffnung von Seiten Fabians, einen züchtigen und faſt ſchmerz⸗ lichen Blick von Seiten Clotildens. In einem Augen— blick ſammelte ihr Gedaͤchtniß die Thatſachen, ihre Denkkraft ſtellte ſie zuſammen; ſie ſah ein, warum Fa⸗ bian, indem er dabei Leon von Vauyx die Verantwort⸗ lichkeit ließ, ſie Moritz Gattin gegenüber geſtellt hatte. Alle Berechnungen, welche der raͤnkevolle Kopf Fabians auf dieſes Zuſammentreffen hatte bilden koͤnnen, waren ihr offenbart; der Aerger der jungen Frau gegen ihren Gatten, die Eiferſucht Clotildens gegen Fernanden, Al⸗ les ſollte von demjenigen benutzt werden, der dieſe Intri⸗ gue geleitet hatte. Sie fuͤhlte das, was in Mitte einer blutigen Schlacht ein Feldherr fuͤhlen muß, der den Plan des Feindes erraͤth, und der einſieht, daß, wenn er ihn auf eine gewiſſe Weiſe angreift, er des Sieges ge⸗ wiß iſt. Sie ſah ein, das es nicht die verblendete Be⸗ gierde der Menſchen waͤre, ſondern die umſichtige Hand Gottes, die Alles das geleitet haͤtte, und ſie hatte die ploͤtzliche Ueberzeugung, daß ſie, das arme Maͤdchen ohne Namen, ſie, die verachtete Buhlerin berufen, waͤre, der edlen Familie, in der ſie zugelaſſen war, dadurch den Frieden wiederzugeben, daß ſie nicht allein Moritz das Leben, ſondern auch noch ſeiner Gattin die Ehre rettete. — 224— Das Haupt durch dieſen erhabenen Gedanken ge⸗ neigt, das Herz durch dieſe heilige Hoffnung geſtaͤrkt, ſchritt Fernande zwiſchen Frau von Barthoͤle und Clo⸗ tilden die Treppe hinauf, welche in Moritzens Zimmer fuͤhrte. —— * XI. Wie wir bemerkt, gab es in Moritzens Zimmer zwei Thuͤren, eine, welche aus dem Corridor in das Zimmer fuͤhrte, und eine andere an dem Kopfende des Bettes angebrachte Tapetenthuͤre. An dieſer Thuͤre hatten Frau von Barthèle und Clotilde am Tage zuvor die Unter⸗ redung behorcht, welche zwiſchen Moritz und den beiden jungen Leuten Statt gefunden hatte. Man blieb vor der Thuͤre des Corridors ſtehen. — Treten Sie vorſichtig ein, Madame, ſagte die Baronin, indem ſie Fernanden die Thuͤre andeutete, die ſie oͤffnen muͤßte; der Arzt verhehlt ſeine Be⸗ fuͤrchtungen nicht. Der Graf von Montgirour hat ihnen den Zuſtand von Fieber⸗Wahnſinn geſchildert, in welchem ſich der Kranke befindet. Ich ſchreibe Ihnen Nichts vor, Madame, ich empfehle Ihnen Nichts an; ich erneuere Ihnen meine Bitte, ſonſt Nichts; ich bin Mutter, geben Sie mir meinen Sohn zurc. Fernande. Erſter Band. Clotilde ſchwieg. Die Buhlerin blickte die Eine, wie die Andere mit unwillkuͤrlicher Ruͤhrung an; es war Niemand da, der ihre gegenſeitige Stellung haͤtte ins Laͤcherliche ziehen koͤnnen. Sie ſah ein, welche Gewalt die Liebe uͤber das Herz der Mutter ausuͤbte, und welche ruͤhrende Er— gebung die Heiligkeit der Ehe der Faſſung der Gattin verlieh. Sie ſah ſich, trotz der Geſetze der Moral und der geſellſchaftlichen Vorurtheile, mit einer Art von Prie⸗ ſterthum bekleidet, welche das Gefuͤhl in verſchiedenen Beziehungen heiligte. Sie machte demnach den beiden Frauen ein Zeichen der Einwilligung. Sie gingen ihren Platz an dem Poſten einzunehmen, den ſie ſich vorbe⸗ halten hatten, und, allein geblieben, legte Fernande die Hand an den Kryſtallknopf der Thuͤre, die ſich halb oͤffnete. Ihre Augen wurden verblendet, ſie blieb ſtehen. Zu gleicher Zeit hoͤrte ſie Moritzens Stimme, der, in die Vorhaͤnge des Bettes eingehuͤllt, ſie nicht ſehen konnte, und der ſie dennoch durch dieſe bei den Kranken ſo ſehr entwickelte Macht der Anſchauung errathen hatte. — Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich, rief Moritz in einem herben und zugleich ſanften Tone aus, indem er ſich in den Haͤnden des Arztes abkaͤmpfte; laſſen Sie mich, ich will ſie ſehen, ſie iſt hier, ich habe ihre Stimme gehoͤrt, ich rieche den Wohlgeruch, den ſie liebt; meine Mutter und meine Frau ſind nicht da, laſſen Sie mich, ich will ſie ſehen, bevor ich ſterbe! ——— Und Moritz ſprach dieſe letzten Worte mit einem ſo ſchmerzlichen Ausdrucke aus, daß er dieſelbe Wirkung auf die drei Frauen hervorbrachte, die Alle, durch ein unuͤberlegtes und unwillkuͤrliches Gefuͤhl voreilten. Frau von Barthole und Clotilde tauchten demnach an jeder Seite von dem Kopfende des Bettes auf, waͤhrend Fernande zu den Fuͤßen deſſelben erſchien. Es entſtand ein Augenblick ſeltſamen Schweigens. Das Tageslicht drang ſchwach in das Zimmer; Fernande konnte indeſſen Moritz auf ſeinem Bette auf⸗ gerichtet ſehen, der, bleich wie ein Geſpenſt und mit von Fieber gluͤhendem Blicke, ſeine weit geoͤffneten Au⸗ gen mit einem an Wahnſinn graͤnzenden Ausdrucke ab⸗ wechſelnd auf ſeine Mutter, auf Clotilden und auf Fer⸗ nande heftete. Die Mutter und die Gattin, welche das Bewußt⸗ ſein ihrer Stellung dreiſt machte, unterſtuͤtzten Moritz in ihren Armen, waͤhrend Fernande demuͤthig und zitternd, bei dem Anblicke dieſer beiden Schutzengel, die Moritz gegen ſie zu vertheidigen ſchienen, an ihren Platz ge— feſſelt, ſich an einen Seſſel hielt, und keinen Schritt weiter zu thun wagte. Moritz ſtieß einen Seufzer aus, und als ob er in der Ueberzeugung, daß er eine Beute des Fiebers waͤre, darauf verzichtet haͤtte, Etwas von dem, was um ihn her vorging, zu verſtehen, ſchloß er die Augen und ließ ſein Haupt wieder auf das Kopf⸗ kiſſen zuruͤckſinken. Frau von Barthèle und Clotilde wollten einen Schrei des Entſetzens ausſtoßen, als eine gebieteriſche . 15* — — 2* ⸗ Geberde des Arztes dieſen Schrei auf ihren Lippen zu⸗ rückhielt. Sie blieben alſo regungslos und ſtumm an jeder Seite des Bettes ſtehen. Waͤhrend dieſer Zeit hatte Fernande die Wichtigkeit der Lage beurtheilt, die Criſis war gekommen; Alles hing von ihr ab. Sie nahm alle ihre Kräfte zuſammen, und mit dem Schritte eines Schattens bis an das zwiſchen den bei⸗ den Fenſtern offen ſtehende Piano ſchluͤpfend, ſetzte ſie ſich; dann ihre Finger uͤber die Taſten gleiten laſſend, begann ſie langſam das Vorſpiel der Arie! Ombra adorata, die ſie mit halblauter Stimme mit einer ſolchen Macht des Gefuͤhles hoͤren ließ, daß Keiner der Zuſchauer die⸗ ſes Auftrittes dem Einfluſſe dieſer Melodie entging, die, gleich einer vom Himmel kommenden Stimme, gleich ei⸗ nem wunderbaren Troſte, gleich einem geheimnißvollen Echo der Vergangenheit, einen Augenblick lang in der Luft ſchwebte und ſich auf den Kranken herabließ. Von einer geheimen Erſchuͤtterung befallen, ſchlug Moritz nun wieder langſam die Augen auf, und ſich wie in Be⸗ geiſterung aufrichtend, ohne daß er zu wiſſen verſuchte, von woher das Wunder kaͤme, horchte er, als ob alle ſeine Sinne ſich in ſeine Seele gefluͤchtet haͤtten, waͤh⸗ rend der Arzt Allen Regungsloſigkeit und Stille anem⸗ pfahl. Nichts ſtoͤrte alſo Fernanden waͤhrend der gan⸗ zen Dauer der Arie, und die letzte Note erklang und erſtarb in Mitte einer feierlichen Stille. Moritz, wel⸗ cher ſeinen Athem anhaltend gehorcht hatte, athmete tief auf, als ob ihm eine ungeheure Laſt von ſeiner Bruſt genommen waͤre. Nun, durch die Wirkung, die ſie g.——————-—- — 229— hervorgebracht hatte, ermuthigt, wagte Fernande ſich zu zeigen. Sie ſtand von ihrem Seſſel auf, wandte ſich nach dem Bette und ſchritt auf den Kranken zu, waͤhrend der Arzt einen der Vorhaͤnge aufzog, welche das Ta⸗ geslicht abhielten. Fernande zeigte ſich Moritzens Augen wie eine uͤberirdiſche Erſcheinung, ganz glaͤnzend von ei⸗ ner Art von Heiligenſchein, welchen die Sonne um ſie bildete. — Moritz,, ſagte die Buhlerin, indem ſie dem Kran⸗ ken die Hand reichte, der mit der Bangigkeit des Zwei⸗ fels ſie ſich ſeinem Bette nahen ſah, Moritz, ich komme zu Ihnen. 2 1 Aber der junge Mann, welcher ſich inſtinktmaͤßig r der Gegenwart ſeiner Mutter und ſeiner Frau erinnerte, 1 wandte ſich nach der Seite um, wo er errieth, daß dieſe , ſein mußten, und als er ſie immer noch an derſelben 2 Stelle erblickte, rief er aus: ,— Clotilde! Gnade! Meine Mutter, meine Mut⸗ e ter, Verzeihung! 1 ⸗ Und er ſank ein zweites Mal ohne Kraft, mit ge⸗ 1⸗ ſchloſſenen Augen und in der tiefſten Niedergeſchlagenheit 1⸗ wieder auf ſein Bett. d MNun fuͤhlte Fernande, daß der Augenblick gekommen l waͤre, um ſich uͤber die Ruͤckſichten des Zartgefuͤhles ef hinauszuſetzen, die ſie bis jetzt zuruͤckgehalten hatten, iſt und ihre Zuflucht zu dem Einfluſſe zu nehmen, welche ie Moritzens Leidenſchaft ihr verſicherten. Sie bemaͤchtigte ſich alſo der Hand, mit welcher der Kranke ſeine Augen — 230— bedeckte, und ohne daß ſie den Schauder zu bemerken ſchien, den ihre bloße Beruͤhrung uͤber dieſen ganzen geſchwaͤchten Koͤrper laufen ließ, ſagte ſie mit einer Fe⸗ ſtigkeit der Betonung, die ihn erbeben ließ, und indem ſie ihn zwang, zu gleicher Zeit den Einfluß ihres Blickes und die Gewalt ihrer Stimme zu ertragen: — Moritz, ich will, daß Sie leben, verſtehen Sie mich? Ich komme im Namen Ihrer Mutter, im Na⸗ men Ihrer Gattin Ihnen zu befehlen wieder Muth zu faſſen, die Geſundheit herbeizurufen, das Leben wieder zu erlangen. Und da ſie an ſeiner Aufregung fuͤhlte, daß er ant⸗ worten wollte, fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſeinen Gedan⸗ ken unterbrach: — Hoͤren Sie mich an, an mir iſt es zu ſprechen, an mir iſt es mich zu rechtfertigen. Glauben Sie, daß die Laune allein mein Verfahren geregelt haͤtte? Glauben Sie, daß ich ruhig, ohne Leiden, ohne Reue, ohne Ge⸗ wiſſensbiſſe gelebt haͤtte, ich, die ich keine Mutter habef um in meinen Armen zu weinen, ich, die ich keine Freunde habe, in deren Armen ich weinen koͤnnte, ich, die ich fuͤr immer der Familienfreuden beraubt bin, ich, die ich, traurig und unfruchtbar, andere Frauen auf Er⸗ den die heilige Sendung erfuͤllen ſehe, die ſie von dem Himmel empfangen haben? Sagen Sie, Moritz, glau⸗ ben Sie, daß ich gluͤcklich geweſen bin, glauben Sie, daß ich nicht graͤßlich gelitten habe? — O, ja, ja! rief Moritz aus. O, ich glaube es, es iſt mir Beduͤrfniß es zu glauben. — ‧‧‧——õ—ᷣ—ÿ⸗-;õõ△òᷓ — 231— — Wohlan, Moritz, blicken Sie jetzt um ſich! Sehen Sie drei Frauen, deren Leben an Ihrem Da⸗ ſein haͤngt, und die Sie beſchwoͤren, wieder aufzuer⸗ ſtehen. Bedenken Sie, daß Ihr Leben zwei unter ih⸗ nen wieder gluͤcklich macht, daß es der dritten einen Gewiſſensvorwurf erſpart, und ſagen Sie, ob Sie ſich immer noch berechtigt glauben zu ſterben? Waͤhrend Fernande ſprach, ſchien der Kranke durch ſeine weit aufgeſperrten Augen, durch ſeinen halb offen ſtehenden Mund jedes der Worte einzuſaugen, die uͤber ihre Lippen glitten, und die Wirkung, welche dieſe Stimme auf ihn hervorbrachte, war unmittelbar und ſichtlich. Jedes Wort ſchien, indem es bis auf den Grund ſeines Herzens drang, in ihm einen unheilbrin⸗ genden Grundſatz zu laͤhmen. Seine wie durch ein Wunder abgeſpannten Nerven gaben ſeinen ſteifen Glie⸗ dern wieder ein Wenig von ihrer ehemaligen Geſchmei⸗ digkeit. Seine beklommenen Lungen dehnten ſich aus, zund ſchienen von einer reineren Luft erfuͤllt. Ein Laͤ⸗ cheln zog uͤber ſeine Lippen, aber am Ende das erſte Laͤcheln, das ſeit ſehr langer Zeit uͤber ſie gezogen war. Er verſuchte zu ſprechen; dieſes Mal war es ſeine Aufregung, und micht ſeine Schwaͤche, die ihn daran verhinderte. Entzuͤckt uͤber dieſe Criſis, deren heilſame Wir⸗ kung er vorausgeſehen hatte, empfahl der Arzt den ver⸗ ſchiedenen Theilnehmern an dieſem Auftritte mit Vor⸗ ſicht zu verfahren. 4 — Mein Sohn, ſagte Frau von Barthoèle, indem — 232— ſie ſich zu Moritz neigte, Clotilde und ich vermoͤgen Alles zu begreifen, Alles zu entſchuldigen. — Moritz, fuͤgte Clotilde hinzu, Sie hoͤren, was Ihre Mutter ſagt, nicht wahr? Fernande ſagte Nichts, ſie ſtieß nur einen tiefen Seufzer aus. Was den Kranken anbelangt, zu ſehr beſtuͤrzt, um recht klare Ideen zu faſſen, zu ſehr erſchuͤttert, um Erklaͤrungen zu verlangen, ſo reichte er, abwechſelnd ſeine Blicke voller Zweifel, Ueberraſchung und Freude auf die um ihn herum ſtehenden Frauen richtend, eine Hand ſeiner Mutter, eine Hand Clotilden, und waͤh⸗ rend alle Beide ſich uͤber ihn neigten, wechſelte er mit Fernanden einen Blick aus, in welchem Fernande allein zu leſen vermogte. Wie man ſich wohl denken wird, war der Arzt kein gleichguͤltiger Zuſchauer des Auftrittes geblieben, den er herbeigefuͤhrt. Er hatte im Gegentheile alle von ſeinem Kranken empfangenen Eindruͤcke beobachtet, und da er ſah, daß ſie zu guͤnſtigen Ausſichten bevollmaͤch⸗ tigten, ſo bemaͤchtigte er ſich der Lage, um ſie zu leiten. — Gehen Sie, meine Damen, ſagte er, indem er ſich mit einer Art von ehrerbietiger Autoritaͤt ins Mittel legte, ermuͤden wir Moritz nicht, er bedarf der Ruhe. Laſſen Sie ihn allein, und kehren Sie nach dem Fruͤhſtuͤck zuruͤck, ein Wenig Muſik zu machen, um ihn zu zerſtreuen. Eine unbeſtimmte Beſorgniß ſchilderte ſich nun in dem Blicke des Kranken, deſſen flehende Augen ſich — 233— auf Fernanden hefteten; aber, um ihn mittelbarer Weiſe zu beruhigen, fuͤgte der Arzt hinzu, indem er ſich an Frau von Barthole wandte und auf Fernanden deute te: — Befiehlt die Frau Baronin, daß man Madame in das ihr beſtimmte Zimmer fuͤhrt? — Wie! rief Moritz aus, welcher dieſen Ausruf der Freude nicht zu unterdruͤcken vermogte. — Ja, ſagte der Arzt auf eine gleichguͤltige Weiſe, Madame wird einige Tage auf dem Schloſſe zu⸗ bringen. Ein Laͤcheln der Verwunderung und der Freude er⸗ heiterte die Zuͤge des Kranken, und der Doctor fuhr fort, indem er einen gebieteriſchen Ton heuchelte: — Nun denn, da man mich zum Dictator einge⸗ ſetzt hat, ſo muß Jeder mir gehorchen. Außerdem iſt das nicht ſehr ſchwer, ich verlange nur zwei Stunden der Ruhe. Und indem er einen im voraus zubereiteten Trank nahm und ihn Fernanden uͤberreichte, ſagte er: — Hier, Madame, geben Sie das unſerem Freun⸗ de. Fordern Sie ihn auf, ſich nicht mehr zu quaͤlen, und ſagen Sie ihm gefaͤlligſt, daß wir ihn auszanken, daß Sie ihn auszanken werden, wenn er ſich unſeren Ver⸗ ordnungen nicht unterwirft. Fernande nahm den Trank und reichte ihn dem Kranken, ohne ein einziges Wort zu ſagen; aber ihr Laͤcheln war ſo inſtaͤndig bittend, ihr Blick flehete mit einem ſo lieblichen Ausdrucke, ihre Geberde war ſo an⸗ — 234— muthig, daß der gegen die Verordnungen des Arztes ſeit ſo lange widerſpaͤnſtige Kranke trank, indem er die Augen ſchloß, um das Blendwerk dieſer ſuͤßen und unglaublichen Wirklichkeit nicht wie einen Traum ver⸗ ſchwinden zu ſehn. Auf dieſe Weiſe konnte er glauben, daß Fernande immer bei ihm waͤre, und, durch dieſen ſuͤßen Gedanken eingewiegt, entſchlummerte er bald. Sobald ſie ſich von ſeinem Schlafe uͤberzeugt hatten, verließen die drei Frauen leiſe das Zimmer auf den Fuß⸗ zehen. Frau von Barthoèle war ſo gluͤcklich uͤber den Er⸗ folg dieſer Zuſammenkunft, daß ſie anfangs Fernanden ihre Dankbarkeit mit mehr Hingebung bezeigte, als ſie es ſich vorgenommen hatte; aber, wie man geſehen hat, ließ ſich die Baronin durch ihre erſten Regungen hinreißen, und wenn dieſe Regungen aus ihrem Her⸗ zen kamen, ſo fuͤhrten dieſelben ſie faſt immer zu weit. — Mein Gott, Madame, ſagte ſie beim Hinaus⸗ gehen, was Sie guͤtig ſind, uns Allen wieder Hoff⸗ nung und Leben zu geben. Aber Sie werden einſehen, Sie ſind jetzt genoͤthigt, uns nicht ſo ſchnell zu verlaſ ſen. Sie koͤnnen es nicht, Sie duͤrfen es nicht. Wir wiſſen, es iſt ein Opfer, das Sie uns bringen, indem Sie Paris und ſeine Freuden unſertwegen verlaſſen; aber unſere Sorgfalt und unſere Aufmerkſamkeiten wer⸗ den Ihnen zum Mindeſten beweiſen, daß wir Ihre Großmuth wuͤrdigen. Aus Ruͤckſicht fuͤr Moritzens Gattin, deren Gegen⸗ wart die Baronin beſtaͤndig zu vergeſſen ſchien, ſtammelte — 235— Fernande einige Worte. Clotilde fuͤhlte ihre Verlegen⸗ heit und begriff ihre Zuruͤckhaltung; an der Thuͤre des fuͤr die Fremde beſtimmten Zimmers angelangt, ſagte ſie: — Ich ſchließe mich meiner Mutter an, Madame, bewilligen Sie uns das, warum wir Sie bitten, und, glauben Sie ſicher, daß unſere Dankbarkeit dem Dienſte gleich ſein wird, den Sie uns erwieſen haben werden. — Ich habe mich zu Ihren Befehlen geſtellt, meine Damen, ſagte Fernande; ich habe keinen Willen mehr, verfuͤgen Sie daher uͤber mich. — Haben Sie Dank, ſagte Clotilde, indem ſie mit einer Geberde voll ungekuͤnſtelter Anmuth Fernan⸗ dens Hand ergriff. Aber ſie erbebte ſogleich, als ſie fuͤhlte, daß dieſe Hand eiſig war. 4 — O, mein Gott, Madame, rief ſie aus, was haben Sie denn? — Nichts, ſagte Fernande, und Sie muͤſſen nicht fuͤr mich fuͤrchten, Sie muͤſſen Sich nicht um mich be⸗ kuͤmmern. Ein wenig Ruhe und Einſamkeit wird mich bald wieder von einigen unwillkuͤrlichen Gemuͤthserſchuͤt⸗ terungen hergeſtellt haben, wegen der ich Sie gehor⸗ ſamſt um Verzeihung bitte. — Aber das begreift ſich vollkommen, daß Sie erſchuͤttert ſind, rief Frau von Barthele mit ihrem ge⸗ woͤhnlichen Leichtſinne aus. Das arme Kind liebt Sie ſo ſehr, daß man ſich nicht wundern darf, wenn Sie ihn auch liebten; außerdem genuͤgt es Sie zu ſehen, um Alles zu begreifen. — 236— Bei dieſen Worten unterbrach ſich Frau von Bar⸗ thole unwillkuͤrlich, um zu gleicher Zeit den natuͤrlichen Stolz ihrer Schwiegertochter und die Beſcheidenheit der Frau zu ſchonen, der ſie durch einen ſo ſeltſamen Um⸗ ſtand die Ehre ihres Hauſes erwies. Waͤhrend der ſo eben von uns erzaͤhlte Auftritt voll Gefuͤhl und Wahrheit in Moritzens Zimmer ſich zwi⸗ ſchen dem Kranken und den drei Frauen zutrug, er⸗ eignete ſich in dem Salon zwiſchen Herrn von Mont⸗ giroux und den beiden jungen Leuten ein Auftritt vol⸗ ler Spott und Luͤge. Wider ſeinen Willen, durch den bloßen Einfluß ſei⸗ nes Alters und ſeiner Erfahrung eiferſuͤchtig und furcht⸗ ſam, wußte der Pair von Frankreich durch Frau von Aulnay, ſeine, wie wir geſehen haben, ganz ergebe⸗ ne Freundin, daß die beiden jungen Leute zu denen gehoͤrten, welche ſich am Emſigſten bei ſeiner ſchoͤnen Geliebten zeigten. Fernande, die Nichts verheimlichte, weil ſie Nichts zu verheimlichen hatte, ging außerdem mit ihnen aus, empfing ſie in ihrer Loge und behan⸗ delte ſie mit der Vertraulichkeit, uͤber welche die Lie⸗ benden immer eiferſuͤchtig ſind, und die ſie im Gegen⸗ theile bei Weitem weniger beunruhigen ſollte, als die Zuruͤckhaltung. Der Graf war demnach ſehr erfreut, ſich durch ſich ſelbſt uͤber den Grad von Vertraulichkeit zu verſichern, zu dem die Herrn von Rieule und von Vaux mit Fernanden gelangt waͤren. Der Umſtand war guͤnſtig; er zweifelte, indem er doch glauben wollte, er glaubte, indem er doch zweifeln wollte. Wenn es — 237— nichts Unbegreifllicheres giebt, als das Herz einer jun⸗ gen Frau, ſo giebt es dagegen nichts leichter zu Begrei⸗ fendes, als das Herz eines bereits alten Mannes; Mißtrauen und Leichtglaͤubigkeit liefern ſich in ihm einen immerwaͤhrenden Kampf auf Rechnung ſeiner Eitelkeit. In dem geſellſchaftlichen Kreiſe, in welchem Herr von Montgiroux lebte, ſpielt die Eitelkeit eine ſo ernſte und ſo wichtige Rolle, daß man ſie gar oft fuͤr Liebe haͤlt, ohne zu bedenken, daß die Liebe, wie jedes von dem Herzen ausgehende Gefuͤhl, zu achtbar iſt, um ſo all⸗ gemein zu ſein, als man glaubt. F Nachdem er einen Augenblick uͤberlegt hatte, auf welche Weiſe er die Sache anfangen ſollte, begann der Staatsmann, ohne Zweifel in Folge ſeiner parlamen⸗ tariſchen Gewohnheiten, die Ausforſchung durch Vor⸗ wuͤrfe, indem er in einem ernſten Beſchuͤtzer⸗Tone die beiden jungen Leute auszankte, bei zwei ſo achtbaren Frauen, als Frau von Barthele und ſeine Nichte waͤ⸗ ren, eine Frau eingefuͤhrt zu haben, uͤber welche man ſo viele ſchlimme Geruͤchte verbreitete, die man be⸗ ſchuldigte, mehr als unconſequent zu ſein, und die durch ihre Leichtfertigkeit und ihre Unkenntniß der Gebraͤuche der vornehmen Welt, in welcher ſie ohne Zweifel nie empfangen geweſen waͤre, nicht ermangeln koͤnnte, ir⸗ gend ein Aergerniß in dem Hauſe zu veranlaſſen, in welchem man die Unvorſichtigkeit gehabt haͤtte ſie zu empfangen. Ungluͤcklicher Weiſe ſollte die bei jeder anderen Veranlaſſung vortreffliche Taktik des Parlamentsmitglie⸗ „ * — 238— des bei dieſem Umſtande an der Art von Argwohn ſchei⸗ tern, welchen die beiden jungen Leute uͤber die geheime Vertraulichkeit des Grafen von Montgiroux mit Fer⸗ nanden, und das Intereſſe gefaßt hatten, das er haben koͤnnte, die Wahrheit zu erfahren. Durch einen raſchen zwiſchen ihnen ausgewechſelten Blick wurde demnach auch der Plan gefaßt, auf gemeinſchaftliche Rechnung den emeritirten Liehhaber zu quaͤlen, welcher despotiſch die Vortheile ſeiner Stellung als reicher Mann ausuͤben wollte. Alle Beide beunruhigten uͤbrigens Herrn von Montgiroux in gleichem Grade, Fabian von Rieule durch ſeine Mienen als ehemaliger Geliebter, Leon von Vaux durch ſeine Anmaßung, ein neuer Geliebter zu werden. Indeſſen, wie man begreifen wird, mußte der Krieg hitziger von Seiten Léons von Vaux werden, der Nichts in dem Hauſe der Frau von Barthole zu ſcho⸗ nen hatte, und der noch außerdem durch die Eiferſucht gereizt war, als von Seiten Fabians von Rieule, dem, in ſeinen Plaͤnen auf Clotilde, daran lag, ſich keine Feinde in der Umgebung der jungen Frau zu machen. Léon von Vaux war es alſo, der den Handſchuh aufraffte, und der auf die anklagende Rede des Herrn von Montgiroux antworteté. — Erlauben Sie mir, Herr Graf, ſagte er, in⸗ dem er ſich als Vertheidiger der Unſchuld aufſtellte, er⸗ lauben Sie mir die Vorurtheile zu bekaͤmpfen, welche Sie gegen Madame Ducoudray gefaßt haben. — Madame Ducoudray, Madame Ducoudray, er⸗ — 239— widerte Herr von Montgiroux mit einem Unwillen, den er nicht zu unterdruͤcken vermogte; Sie wiſſen wohl, daß dieſe Perſon nicht Madame Ducoudray heißt. Ja, ich weiß es wohl, erwiderte Léon, da es ein zufaͤlliger Name iſt, den wir ihr fuͤr dieſe feierliche Veranlaſſung gegeben haben; aber moͤge ſie nun ſo heißen oder nicht, es iſt darum Nichts deſto weniger wahr, daß ſie eine liebenswuͤrdige Frau iſt, und daß man ſie, wie alle liebenswuͤrdigen Frauen, verleumdet; weiter Nichts. — Man verleumdet, man verleumdet, erwiderte der Pair von Frankreich; und warum ſollte man dieſe Frau verleumden, ſagen Sie? — Warum man ſie verleumdet? Sie, ein Politi⸗ ker, Sie fragen das? Man verleumdet, weil man ver⸗ leumdet, weiter Nichts. Uebrigens, kennen Sie Fer⸗ nanden denn nicht? — Wie verſtehen Sie das? fragte der Pair von Frankreich. — Ei, ich frage, ob Sie Fernanden nicht kennen, wie man ſie kennt, wie Fabian und ich ſie kennen, um bei ihr geweſen zu ſein, um in ihrer Loge empfangen, zu ihren Abendeſſen zugelaſſen geweſen zu ſein? Sie wiſſen, daß ihre Abendeſſen als die angenehmſten von Paris bekannt ſind? — Ja, ich weiß das Alles; aber ich kenne Ma⸗ dame Ducoudray nicht. — Verzeihung, Sie ſelbſt bemerkten mir ſo eben, daß dieſe Frau nicht Madame Ducoudray hieße. — 240— — Das geſchah, um nicht zu ſagen... Der Graf von Montgiroux unterbrach ſich ganz verlegen. — Um nicht Fernande zu ſagen. Aber Jedermann nennt ſie ſo. Sie wiſſen, daß es ein Vorrecht der Be⸗ ruͤhmtheiten iſt, ihren Namen ohne Beifuͤgung irgend eines Anderen nennen zu hoͤren. Nun aber iſt Fer⸗ nande durch ihre Schoͤnheit und durch ihren Geiſt, durch ihre Feinheit und ihr ſicheres Benehmen, durch ihre Koketterie und ihre Freimuͤthigkeit eine der faſhionablen Beruͤhmtheiten von Paris. Ja, ja, Alle, wie wir da ſind, die wir uns fuͤr ſehr ſchlau oder fuͤr ſehr ſtark halten, alle unſere am beſten durchdachten Liſten ſind im Vergleiche mit den ihrigen nur Schuͤlerſtreiche. Sie beſitzt die erhabene Kunſt, ihren kleinen Luͤgen ein wun⸗ dervolles Anſehn von Wahrheit zu geben. Kurz, ihre Betruͤgereien ſind dermaßen berechnet, daß man ſie zu⸗ weilen fuͤr Handlungen der Aufopferung haͤlt. Und Sie wollen nicht zugeben, daß man eine anderen ſo uͤberle⸗ gene Frau verleumdet? Gehen Sie doch, Herr Graf! Ei, ich wuͤrde glauben, gegen das, was ich ihr ſchul⸗ dig bin, zu fehlen, wenn ich ſie nicht von Zeit zu Zeit ſelbſt verleumdete. Herr von Montgiroux befand ſich auf der Folter. Fabian bemerkte es, und kam ihm verraͤtheriſcher Weiſe zu Huͤlfe. — Geh doch, Léon, ſagte er in einem ernſten Tone, was Du da thuſt, iſt nicht recht, und dieſe Leichtfer⸗ tigkeit paßt ſich nicht, beſonders in dem Augenblicke, wo Fernande dürch unſere Vermittelung einwilligt, der — 241— Frau von Barthele einen jener ausgezeichneten Dienſte zu erzeigen, welchen ihr eine Frau der vornehmen Welt gewiß ausſchlagen wuͤrde; denn, fuͤgte er hinzu, denn dieſer arme Moritz ſtirbt bloß aus Liebe zu ihr, und Niemand hier kann mehr daran zweifeln. — Aus Liebe, aus Liebe,... murmelte Herr von Montgiroux. 1 — O, das, Herr Graf, erwiderte Fabian mit dem groͤßten Ernſte, das iſt die reine Wahrheit. Theilt jetzt Fernande dieſe Leidenſchaft? Und hat irgend eine Ur⸗ ſache ſie dieſelbe auf den Grund ihres Herzens begra⸗ ben laſſen, in dieſen Abgrund, in welchem die Frauen ſo Vieles verbergen? Das iſt das Problem. Herr von Montgiroux, der eine große Welterfahrung hat, und der beſonders dafuͤr gilt, die Frauen aus dem Grunde zu kennen, wird uns helfen es zu loͤſen. — Keinesweges, meine Herrn, antwortete der Graf, ſchon ſeit langer Zeit beſchaͤftige ich mich nicht mehr mit ſolchen Fragen. — Die Fragen, welche die Menſchheit intereſſiren, Herr Graf, ſind würdig, von den erhabenſten Geiſtern gepruͤft zu werden. — Mein lieber Fabian, ich ſage Dir, daß Du uns geraden Weges zu philoſophiſchen Abſtractionen fuͤhrſt, waͤhrend es ſich im Gegentheile um die am Meiſten ma⸗ teriellen Wirklichkeiten handelt. Der Herr Graf von Montgiroux beſchuldigte ſo eben Fernanden leichtfertig, unconſequent, kokett, unſchicklich zu ſein; er befuͤrchtete, daß ihre Art und Weiſe ſich zu benehmen hier ein Aer⸗ 4 . Fernande. Erſter Band. 16 * — 242— gerniß erregen moͤgte! Er ſagte... er ſagte noch ganz andere Dinge... Was ſagten Sie doch, Herr Graf? — Was ich ſagte, hat kein Gewicht, mein Herr, da ich Madame Ducoudray nicht kenne. — Madame Ducoudray! Gehen Sie, Sie halten alſo jetzt darauf, erwiderte Léon von Vaux. — Ich halte darauf, weil ich uͤberlegt habe, er⸗ widerte der Greis, indem er ein ernſtes Geſicht an⸗ nahm, als ob er zu Gericht geſeſſen haͤtte, ich halte darauf, weil es ſchicklich iſt, daß dieſe junge Frau, ſo lange als ſie hier bleibt, einen Namen fuͤhrt, der dem Namen einer verheiratheten Frau gleicht, und nicht einem Vornamen... — Der dem Namen eines Maͤdchens gleicht, erwi⸗ derte Fabian ernſthaft. Der Herr Graf von Montgi⸗ roux hat vollkommen Recht, und Du biſt ein Unbeſon⸗ nener, mein lieber Léon. — Sehr ſchoͤn, mein Herr, erwiderte der Graf; achten wir die angenommenen Gebraͤuche, man weicht niemals ungeſtraft von ihnen ab, und ich ſelbſt habe von dem Augenblicke an, wo Madame Ducoudray bei meiner Nichte empfangen war, Unrecht gehabt, das von ihr zu ſagen, was ich von ihr geſagt habe. — Herr Graf, ſagte nun lauch Léon von Vaux, indem er die ernſte Diplomatik des Pairs von Frank⸗ reich nachahmte, ich weiß mich immer zu fuͤgen, ſo⸗ bald man im Namen der Welt ſpricht; aber, wollen — 1———— Sie Sich gefaͤlligſt erinnern, Sie ſind es, der Fernan⸗ den zuerſt beſchuldigte. — Ich hatte Unrecht, ſagte der Greis empfindlich, ich ſprach von Hoͤrenſagen; man ſollte vernuͤnftig ge⸗ nug ſein, um ſich niemals dieſen Meinungen hinzuge⸗ ben, von denen man nicht weiß, woher ſie ruͤhren, und die gebildet ſind, man weiß nicht, wozu... — Verzeihung, Verzeihung, Herr Graf, aber dem, was man von Fernanden ſagt, liegt wohl etwas Wah⸗ res zum Grunde.„ — Aber vielleicht uͤbertreibt man auch, erwiderte der Pair, ohne zu bemerken, daß er in vollem Wider⸗ ſpruche mit dem war, was er anfangs geſagt hatte. In der That, die Zuruͤckhaltung der Madame Ducou⸗ dray, der anſtaͤndige Ton ihrer Manieren, ihre immer vorſichtige Sprache, ſtrafen die boshaften Aeußerungen Luͤgen, die man uͤber ſie haͤlt, und Sie, der Sie ge⸗ ſtehen, daß Sie ſie verleumden, Sie wuͤrden ſehr in Verlegenheit ſein, Alles das zu beweiſen, was man uͤber ſie behauptet. — Ei, Herr Graf, erwiderte Léon, kennen Sie in unſeren Tagen einen Ruf, der ſich nicht ſo auf Nach⸗ rede bildete? Man muß von den Leuten ſprechen, ob man Gutes oder Boͤſes von ihnen ſpricht, daran liegt Wenig. Die Verleumdung iſt noch beſſer, als das Ver⸗ geſſen. Erinnern Sie Sich deſſen, was neulich ein ehemals beruͤhmter Akademiker bei Frau von Aulnay ſagte:— Ah, Madame, es beſteht eime ſchreckliche Ver⸗ — 244— ſchwoͤrung gegen mich, ſagte er.— Welche?— Die des Schweigens. — In der That, Herr Graf, der arme Mann war ſo weit gekommen, daß man nicht einmal mehr Boͤ⸗ ſes von ihm redete. Gluͤcklicher Weiſe iſt es nicht eben ſo mit Fernanden. — Aber was ſagt man am Ende von ihr, mein Herr? fragte Herr von Montgiroux mit einer Ungeduld, die er nicht mehr zu unterdruͤcken vermogte. — Ei, mein Gott, was man von gewiſſen politi⸗ ſchen Maͤnnern ſagt, die darum nicht minder geachtet ſind,— daß ſie fuͤr Jeden ſind, vorausgeſetzt, daß Geld und Anſehn daraus hervorgeht.— Eine Loge in der Oper iſt fuͤr Fernanden das, was das Kreuz der Ehrenlegion fuͤr einen Deputirten iſt. Die Miniſterien wechſeln, die Liebhaber folgen einander, bei der Einen wie bei dem Anderen iſt es immer daſſelbe Laͤcheln, die⸗ ſelbe Gefaͤlligkeit, dieſelbe Schmiegſamkeit, dieſelbe Treue, und vor Allem dieſelbe Ueberzeugung; der ein⸗ zige Unterſchied iſt, daß die Buhlerinnen die Meinung gegen ſich, und die Hoͤflinge ſie fuͤr ſich haben. Léon von Vaux hatte den Streich ſchlecht berech⸗ net, den er fuͤhrte; indem er ſich auf das Gebiet der Politik warf, kehrte er auf den Boden des Herrn von Montgiroux zuruͤck, und der alte Staatsmann war dermaßen durch Gleichguͤltigkeit oder durch Gewohnheit gepanzert, daß er bei dem Angriff, ſo direct er auch war, auch nicht einmal eine Miene verzog. Er kam demnach auf das einzige Gefuͤhl zuruͤck, welches noch die Gewalt hatte, ſein Herz ſchlagen zu laſſen: naͤm⸗ lich zu der Liebe, oder vielmehr zu der Eigenliebe. — Aber am Ende, ſagte er, da Sie Madame Du⸗ coudray ſo genau kennen, und da Sie dieſe Bekannt⸗ ſchaft nicht verleugnen... — Sie verleugnen! erwiderte Loon. Im Gegen⸗ theile, ich bin ſtolz auf ſie! — Wuͤrden Sie mir ſagen koͤnnen... — Die Zahl ihrer Anbeter? Vollkommen! — Den Teufel! Du uͤbernimmſt da ein ſchwieriges Werk, ſagte Fabian, der, wie man bemerkt hat, nur in langen Pauſen ſprach. — Warum nicht? Du weißt, daß ich ſehr ſtark in der Algebra war, und, von dem Bekannten zu dem Unbekannten verfahrend, wird man dazu gelangen. — Ich hoffe, Sie werden Sich auf der Liſte oben an ſetzen, Herr von Vaux, ſagte der Pair von Frank⸗ reich bitter.— — Nein, Herr Graf, nein, denn ich werde nur die beguͤnſtigten Liebhaber aufzaͤhlen, und ich gehoͤre noch nicht zu der Zahl dieſer; oben an auf die Liſte werde ich nicht meinen, ſondern Moritzens Namen ſetzen. — Geben Sie wohl Acht! Seit einem Monate, ſo lange ſie naͤmlich mit meinem Neffen gebrochen hat, koͤnnte es wohl ſein, daß ihm irgend ein Anderer nach⸗ gefolgt waͤre. — Ich habe Ihnen geſagt, daß ich von dem Be⸗ kannten auf das Unbekannte ſchließen wuͤrde; warten Sie daher. — 246— — Das iſt richtig, ſagte Fabian; warten wir! — Auf Moritz, fuhr Léon fort, iſt eine geheim⸗ nißvolle und unſichtbare Perſon gefolgt, die ſich ver⸗ birgt und zugleich verraͤth. Sehen wir, wer das ſein kann! Die Stunde, uͤber welche er verfuͤgen kann, iſt von eins bis zwei Uhr, und waͤhrend dieſer Stunde iſt Fernandens Thuͤre ohne Erbarmen fuͤr Jedermann ver⸗ ſchloſſen. Sein Wagen, den man indeſſen im Hofe ſieht, iſt mit zwei Brandfuͤchſen beſpannt; ſeine Loge in der Oper iſt eine Saͤulenloge, er hat davon einen Tag, den Freitag, abgetreten. Laß uns nun unter Dei⸗ nen Freunden nachforſchen, Fabian, unter Ihren Be⸗ kannten, Herr von Montgiroux, wer der Mann iſt, deſſen ernſte Geſchaͤfte ihm taͤglich nur eine Stunde laſ⸗ ſen, der eine Saͤulenloge in der Oper hat, und deſſen Wagen gewoͤhnlich mit zwei Brandfuͤchſen beſpannt iſt. — Ei der des Herrn von Montgiroux, ſagte Frau von Barthele, welche gerade in dem Augenblicke in den Salon trat, wo dieſe Frage aufgeworfen war; Herr von Montgiroux hat zwei Brandfuͤchſe an ſeinem Wagen. — Alle Welt hat Brandfuͤchſe, antwortete der Graf haſtig, das iſt die am Meiſten verbreitete Farbe. Aber, liebe Baronin, da Sie hier ſind, ſo ſagen Sie uns, wie ſich Moritz befindet. 4 — Ein Wunder, mein lieber Graf, ein Wunder! rief Frau von Barthele vor Freude ſtrahlend aus; Ma⸗ dame Ducoudray iſt ausgezeichnet an Guͤte und an — 247— Schicklichkeit geweſen; beſtimmt, ſie iſt eine liebenswur⸗ dige Frau. Ein Laͤcheln zog uͤber die Lippen der beiden jungen Leute, und eine Wolke verfinſterte die Stirn des Herrn von Montgiroux. — Ja, meine Herrn, liebenswuͤrdig, das iſt der richtige Ausdruck, begann Frau von Barthele wieder, als ſie den doppelten Eindruck ſah, den ſie hervorge⸗ bracht hatte. — Und was hat ſie denn ſo Wunderbares gethan? erwiderte der Pair von Frankreich in einem Tone, in welchem trotz ſeiner Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt einige Bitterkeit durchdrang. — Was ſie gethan hat! rief Frau von Bartheͤle aus. Was ſie gethan hat! Zuvoͤrderſt, mein lieber Graf, erlauben Sie, daß ich Athem ſchoͤpfe; man geht nicht ſo, wie ich es ſo eben gethan habe, von dem groͤßten Schmerze zu der lebhafteſten Freude uͤber; denn, freuen Sie Sich mit uns, mein lieber Graf, voraus⸗ geſetzt, daß Madame Ducoudray nur acht Tage hier bleibt, ſo ſteht der Arzt fuͤr Moritz. — Acht Tage hier, dieſes Weib! rief der Graf aus. — Zudoͤrderſt, mein lieber Graf, erlauben Sie mir Ihnen zu ſagen, daß Sie ſehr. ſtreng ſind, indem ſie unſere ſchoͤne Fernande dieſes Weib nennen. Dieſes Weib wuͤrde den Neid gar mancher vornehmen Dame erregen, ich ſtehe Ihnen dafuͤr. Es iſt unmoͤglich, mehr Barszeügl⸗ mehr Erhabenheit der Seele, mehr — 248— Takt, mehr Geiſt, mehr Anmuth zu haben, als Ma⸗ dame Ducoudray hat. Sie haben ſich Alle in ihr ge⸗ irrt, ich bin uͤberzeugt davon, oder das, was man Ih⸗ nen üͤber ſie geſagt hat, iſt Verleumdung. Ich bin ge⸗ rade keine Buͤrgersfrau, nicht wahr? Und ich maße mir an, mich auf gute Manieren zu verſtehen. Nun denn, nennen Sie Fernanden Frau von... Chanvry oder Frau von.. Montlignon, ſtatt ſie Madame Ducoudray zu nennen; ſie wuͤrde eben ſo gut eine Her⸗ zogin ſein, als die Wittwe eines Wechſelmaͤklers; denn ſie iſt die Wittwe eines Wechſelmaͤklers, eines Handels⸗ maͤklers, kurz eines reichen Mannes, wie Sie mir ge⸗ ſagt haben, nicht wahr? — Das heißt, daß wir das anfangs geſagt hatten, um die Schicklichkeit nicht zu verletzen, antwortete Fa⸗ bian; aber ſeitdem haben Sie die Wahrheit erfahren, Fernande iſt niemals verheirathet geweſen. — Sind Sie deſſen ganz gewiß? ſengte Frau von Barthoͤle. — Zuverlaͤſſig; außerdem hat ſie es Ihnen ſelbſt ge⸗ ſagt, erwiderte Léon. — Sie hat vielleicht Gruͤnde, um eine Mißheirath zu verheimlichen, ſagte Frau von Barthèͤle, die auf ihrer Anſicht beſtand. — Nein, gnaͤdige Frau; der einzige Name, den man von der Perſon kennt, von der wir ſprechen, iſt Fernande. — 249— — Sie hat indeſſen einen anderen; Fernande iſt ein Taufname, welches iſt ihr Familien⸗Name? — Wir wiſſen es nicht; zum Mindeſten ſpreche ich fuͤr Fabian und mich. Fragen Sie Herrn von Mont⸗ giroux, gnaͤdige Frau, er iſt vielleicht beſſer unterrich⸗ tet, als wir. — Ich, rief der Graf aus, welcher, da er die Finte nicht hatte kommen ſehen, nicht Zeit gehabt hatte, ſie zu pariren, ich, wie ſoll ich das wiſſen? — Ei, ſagte Léon, wie man Etwas weiß, was Andere nicht wiſſen; es bleibt immer nur die Haͤlfte eines Geheimniſſes in der Dunkelheit. Als Sie Sich einander gegenuͤber befunden, haben Sie und Fernande das Anſehn gehabt, ſich zu kennen. — Gewiß; indeſſen, wenn kennen heißt, ſich durch Zufall begegnen, in der Italieniſchen Oper, im Walde von Boulogne, dort, wo Jedermann hingeht. Ich kenne Madame Ducoudray von Anſehen. Aber Sie ſehen wohl, meine Herrn, daß Sie die Baronin von dem Gegenſtande abbringen, der in dieſem Augenblicke uns Alle intereſſiren muß, von Moritz.— Nun denm liebe Baronin, wie hat ſich das zugetragen? begann Herr von Montgiroux wieder, uͤberzeugt, daß, wenn er ſich an das Herz der Mutter wendete, das Geſpraͤch augenblicklich eine andere Wendung annehmen wuͤrde. — Vortrefflich, lieber Graf. Anfangs zitterte Ma⸗ dame Ducoudray noch weit mehr, als wir. An der — 250— Thuͤre haben wir ſie antreiben muͤſſen, um ſie eintreten zu laſſen, die arme Frau! Der Eindruck, den ſie auf Moritz hervorgebracht hat, iſt ein magiſcher Eindruck geweſen. Und dann hat ſie geſungen. Ich haͤtte ge⸗ wuͤnſcht, daß Sie, der Sie ein leidenſchaftlicher Ver⸗ ehrer der Muſik ſind, das gehoͤrt haͤtten, mein lieber Graf. — Wie, ſie hat geſungen? fragte Herr von Mont⸗ giroux ganz erſtaunt. — Ja, eine Arie aus Romeo und Julie, ombra adorata. Es ſcheint, daß das eine Arie iſt, wel⸗ che ſie Moritz ſang, als Moritz ihr den Hof machte; denn, als er dieſe Arie hoͤrte, kam das arme Kind wie⸗ der zum Leben, als ob die wundervollen Toͤne, die aus dem Munde dieſer Sirene drangen, ihm das Leben wie⸗ der gaͤben. Ha, mein lieber Graf, ich erklaͤre Ihnen, daß ich begreife, daß ein junger Mann naͤrriſch verliebt in eine ſolche Frau iſt. — Und ſelbſt ein Greis, ſagte Léon von Vauy, der geſchworen hatte, keine Gelegenheit voruͤbergehen zu laſſen, um dem Pair von Frankreich einen Stich zu ver⸗ ſetzen. — Aber, ich muß es Ihnen geſtehen, fuhr Frau von Barthele fort, das, was mich in Alle dem verwun⸗ dert, was ich nicht begreife und was ich niemals be⸗ greifen werde, iſt die Strenge dieſer Frau gegen Mo⸗ ritz. Zwei Weſen ſo geeignet, um ſich zu verſtehen, das iſt unglaublich! 1 n — 251— — Aber, fragte der Pair von Frankreich haſtig, Moritz hat alſo geſagt, daß Fernande ihm widerſtan⸗ den haͤtte? — Ei, wenn ſie ihm nicht widerſtanden haͤtte, ſo meine ich, daß er nicht vor Verzweifelung krank waͤre! — Verzeihung, gnaͤdige Frau, erwiderte Léon von Vaux, es waͤre wohl moͤglich, daß im Gegentheile ein Bruch die Wirkung hervorgebracht haͤtte, die wir be⸗ klagen. — Ein Bruch, und warum ſollte ſie mit meinem Sohne gebrochen haben? Ich frage Sie, wo haͤtte ſie etwas Beſſeres, als ihn gefunden? — Sie haben Recht, gnaͤdige Frau; aber nicht alle Verbindungen waren durch das Herz geſchloſſen; es giebt deren, welche durch Berechnung geleitet ſind. — Berechnung, pfui doch!... O, mein Herr, Sie kennen Madame Ducoudray nicht, wenn Sie mei⸗ nen, daß Berechnung... Sehen Sie, ich habe ſie erſt ſeit einer Stunde geſehen, und dennoch wuͤrde ich fuͤr ſie, wie fuͤr mich ſelbſt ſtehen. Madame Ducou⸗ dray eine intereſſirte Frau, niemals, mein Herr, nie⸗ mals! — So Viel iſt am Ende gewiß, Frau Baronin, erwiderte Léon von Vaux, daß Moritz grauſamer Weiſe zuruͤckgewieſen worden iſt, und zwar in dem Augenblicke, wo ein neues vertrautes Verhaͤltniß begann. Die Wahr⸗ — 252— ſcheinlichkeit ſpricht demnach dafuͤr, daß ſein Nachfolger den Bruch verlangt hat. — Und wer iſt dieſer allmaͤchtige Nachfolger? fragte Frau von Barthele. — Ah, ja, wer weiß das? erwiderte Léon.— Weißt Du es, Fabian?— Wiſſen Sie es, Herr Graf? — Woher ſoll ich ſolche Dinge wiſſen, mein Herr? — Wenn die Sachen ſich ſo zugetragen haben, wie Sie ſagen, ſo beweiſet das jeden Falles Gewiſſenhaf⸗ tigkeit von ihrer Seite. Gar viele Frauen der Klaſſe, welcher ſie nach ihrer Behauptung angehört, wuͤrden verſprochen und nicht gehalten haben. — Ja, ja, ſagte Léon, das geſchieht zuweilen in der Liebe, und ſelbſt in der Politik, nicht wahr, Herr Graf? — Laſſen wir Frau von Barthele fortfahren, ant⸗ wortete der Pair von Frankreich. — Nun denn, als ſie geſungen gehabt, und, wie ich ſagen muß, auf eine wundervolle Weiſe, hat ſie ſich dem Bette genaͤhert. Nun hat mein Sohn, entzuͤckt ſie wiederzuſehen und zu erfahren, daß ſie einwillige, hier zu bleiben... — Wie, ſie bleibt im Ernſte? fragte der Graf von Montgiroux voller Unruhe. — Ja, mein Herr, ſo im Ernſte, daß wir ſie in ihre Wohnung gefuͤhrt haben. — 253— — Wie, Madame, ſie wird hier bleiben? In die⸗ ſem Hauſe? — und wo ſollte ſie ſonſt hingehen? Ins Wirths⸗ haus? — Unter demſelben Dache, mit Moritz? — Da ſie es iſt, die ihn herſtellen ſoll. — Ihn herſtellen, ihn herſtellen! rief der Pair von Frankreich aus. — Ja, mein Herr, ihn herſtellen! Ichehabe nur einen Sohn, und ich halte auf ihn. — Aber meine Nichte, Madame? Aber Clotilde? — Clotilde hat nur einen Gatten, und ſie muß auf ihn halten. — Aber, Madame, bedenken Sie doch die Welt! Was wird die Welt ſagen? — Die Welt mag ſagen, was ſie will, mein Herr. Die Welt iſt es nicht, in die mein Sohn verliebt iſt; die Welt iſt es nicht, die ihm die Arie: Ombra adorata ſingen wird. Der Doktor hat in ſeiner Verordnung nicht vorgeſchrieben, daß man ihm die Welt zufuͤhren ſollte. Ohne Zweifel ſtand der Wortwechſel im Begriffe, noch heftiger zwiſchen dem Grafen und der Frau von Barthele zu werden, als ſich das Rollen eines Wagens hoͤren ließ, und bevor man noch Zeit gehabt hatte nach⸗ zuſehen, wer kaͤme und Befehl zu geben, nicht zu em⸗ pfangen, machte ein Bedienter die Thuͤre auf und mel⸗ dete Frau von Neuilly. Dieſer Name, welcher auf die Befuͤrchtungen des Herrn von Montgiroux in dem Augenblicke ſelbſt zu ant⸗ worten ſchien, wo er ſie ausſprach, ließ Frau von Bar⸗ thoͤle erbleichen. Der Graf ſelbſt ſchien auf das Hoͤchſte unzufrieden; aber Frau von Neuilly war eine Ver⸗ wandte, und es war jetzt zu ſpaͤt, um ſie nicht zu em⸗ pfangen. XIII. Frau von Neuilly war eine Frau von vier und zwanzig bis fuͤnf und zwanzig Jahren, die dreißig alt zu ſein ſchien: groß, mager, blond, kupferig, noch wi⸗ derwaͤrtiger in moraliſcher, als in phyſiſcher Hinſicht; ſie war eines jener Geſchoͤpfe, gegen die man einen in⸗ ſtinctmaͤßigen Widerwillen fuͤhlt, die man indeſſen uͤber⸗ all antrifft, und die man nicht wieder los werden kann, wenn man ihnen ein Mal begegnet iſt. Aller Reize der Jugend und aller weiblichen Anmuth entbehrend, war Neid die beſtaͤndige Triebfeder ihrer Handlungen, der hervortretende Zug ihrer Geſpraͤche; ſie liebte den Luxus und den Aufwand, aber, obgleich mit den vornehmſten Familien verwandt, erlaubte ihr mehr als mittelmaͤßiges Vermoͤgen ihr nicht, ihre Neigungen in dieſer Beziehung zu befriedigen. Uebrigens, immer feindſelig, wußte ſie ſich ſelbſt immer außer dem Bereiche der Angriffe zu * halten und fluͤchtete ſich durch die ſtrengſte Beobachtung der Gebraͤuche der Welt in die Ungeſtraftheit. Da ſie niemals dem ausgeſetzt geweſen, einer Verfuͤhrung zu unterliegen, war ſie ohne Erbarmen fuͤr Jeden, der den Vorurtheilen zu trotzen oder die im Intereſſe der geſell⸗ ſchaftlichen Daͤmme errichteten Schranken zu uͤberſchreiten wagte. Die groͤßte Verachtung gegen Reichthum und Schoͤnheit an den Tag legend, die beiden Dinge, die ſie am Meiſten auf der Welt beneidete, mußte man vor Allem jenem von d'Hozier oder von Chérin anerkannten Adel angehoͤren, damit ſie Jemanden ihres ſo verhaͤng⸗ nißvollen vertrauten Umganges wuͤrdig hielt. Uebrigens leitete der Inſtinct Frau von Neuilly herrlich und ließ ſie mit einem ſeltenen Gluͤcke den Finger auf alle Wun⸗ den legen. Kurz, ſie war eines jener Geſchoͤpfe, deren Beruͤhrung man immer durch einen Schmerz fuͤhlt. Ihre Ankunft in Fontenay unter den Umſtaͤnden, in welchen ſich die Familie der Frau von Barthele befand, wurde eine Art von Plage. Nichtsdeſtoweniger durfte man die Faſſung nicht verlieren und Nichts von der Ver⸗ legenheit der Lage an den Tag kommen laſſen. Aber, wie groß auch die Erfahrung der Wittwe in der ein we⸗ nig luͤgneriſchen Kunſt ihre Leute zu empfangen war und obgleich ſie mit ihrer lachendſten Miene der Beſucherin entgegen kam, ſo bemerkte dieſe doch auf den erſten Blick in ihren Zuͤgen einen ſchlecht verhehlten Zwang; denn, immer auf ihrer Hut gegen Jedermann, um nie⸗ mals aus Mangel an Beobachtung uͤberraſcht zu werden, errieth ſie mit einem ſeltenen Scharfblicke die geheimſten 3 A₰ — — — 257— Gedanken, und unter zwei wahrſcheinlichen Vorausſetzun⸗ gen hatte ſie immer das ganz beſondere Gluͤck, bei der einzig wahren ſtehen zu bleiben, — Ah, liebe Couſine, ſagte ſie, nachdem ſie Frau von Barthéle umarmt hatte, wie ich ſehe, komme ich zu ungelegener Zeit. Ich bin uͤberzeugt, meine Anwe⸗ ſenheit legt Ihnen Zwang an. Ich kam, um Sie um ein Fruͤhſtuͤck zu bitten, aber wenn ich im Wege ſtehe, ſo bitte ich Sie inſtaͤndigſt, mich wieder fortzuſchicken. — Sie ſtehen niemals im Wege, und beſonders hier, Sie wiſſen es wohl, liebe Schoͤne, antwortete die Ba⸗ ronin. Aendern Sie demnach Nichts in Ihren Plaͤnen, und bleiben Sie bei uns, ich bitte Sie. Beim Eintreten in den Salon hatte Frau von Neuilly auf den erſten Blick alle Diejenigen uͤberſehen, welche ſich darin befanden, und der Grund, welcher ſie am Meiſten zum Bleiben reizte, war derjenige, den ſie geltend machte, um zu thun, als ob ſie gehen wollte. — Doch, ſagte ſie, doch, ich gehe wieder. Sie haben die Herren von Rieule und von Vaux. Nach Alle dem, was man in Paris uͤber Sie erzaͤhlt, glaubte ich Sie allein. — O, mein Gott, liebe Freundin, ſagte Frau von Barthaͤle haſtig, und was erzaͤhlt man? Sagen Sie mir das geſchwind. 4 Die Art, mit welcher Frau von Barthele dieſe Frage that, haͤtte genuͤgt, um Frau von Neuilly begrei⸗ fen zu laſſen, daß ſich wirklich etwas Anßergewoͤhnliches in Fontenay zutrug. Demnach auch, entſchloſſen, eine Fernande. Erſter Band. 17 — 258— Lage zu ergruͤnden, die ſich ihr mit allem Reize des Ge⸗ heimniſſes bot, ſagte ſie: — und Herr von Montgiroux, der mich nicht ſieht, ſo in Gedanken vertieft iſt er; beſtimmt, Baronin, ich komme zu ungelegener Zeit. Und indem ſie dieſe Worte ausſprach, begruͤßte ſie mit einer Verbeugung des Kopfes die drei Maͤnner, welche eine Gruppe bildeten, und ließ ſich, wie von Er⸗ muͤdung erſchoͤpft, in einen Seſſel ſinken. Der Graf entſchuldigte ſich in einem ernſten Tone, die beiden jun⸗ gen Leute machten eine ſteife und gezwungene Verbeu⸗ gung; aber Nichts ſchuͤchterte Frau von Neuilly ein; ſie beſaß jene unerſchuͤtterliche Sicherheit, die gewoͤhnlich von einer großen Ueberlegenheit oder von einer großen Dummheit herruͤhrt und die bei ihr ausnahmsweiſe eine natuͤrliche Wirkung war, deren Urſache zu erklaͤren ſchwie⸗ rig waͤre. — Nun, liebe Freundin, werden Sie mir das nicht erzaͤhlen, was man von uns in Paris ſpricht? fragte Frau von Barthole zum zweiten Male. — Ei, man ſagt, daß Moritz ſehr krank und ſelbſt in Gefahr ſei. Geſtern verſicherte man, daß er den Tag nicht uͤberleben wuͤrde; ich bin demnach auch her⸗ beigeeilt, liebe Couſine, um Ihnen die Troͤſtungen einer aufrichtigen Freundſchaft zu bieten. Gluͤcklicher Weiſe beruhigt mich Ihre Ruhe wieder. Und was iſt denn das fuͤr eine Krankheit, großer Gott? Die Art von empfindſamer Grimaſſe, mit welcher b b Frau von Neuilly dieſen Ausruf begleitete, paßte ſo we⸗ nig zu der Miene ihres Geſichtes, daß ein unwillkuͤrli⸗ ches Laͤcheln auf die Lippen der jungen Leute trat und daß der Pair von Frankreich trotz ſeines Ernſtes eine Geberde der Ungeduld nicht zu unterdruͤcken vermogte. Außerdem verlieh eine Erinnerung dieſer Pantomime ei⸗ nen noch weit komiſcheren Charakter: es war weder den beiden jungen Leuten, noch dem Grafen unbekannt, daß die anmuthige Perſon, welche ſie vor Augen hatten, ſich ehedem von einer heftigen Leidenſchaft fuͤr Moritz hatte hinreißen laſſen, und daß ſie Alles aufgeboten hatte, um ſeine Frau zu werden. Als Folge der Niederlage, die ſie bei dieſer Veranlaſſung erlitten, hatte Fraͤulein von Morcerf, das war der Familienname der Frau von Neuilly, ſich entſchloſſen, einen ſechzigjaͤhrigen Greis zu heirathen, den Jedermann fuͤr ſehr reich hielt und deſſen Leben durch Pflege und Aufmerkſamkeiten abzukuͤrzen ihr gelungen war. Ungluͤcklicher Weiſe, als ob die Arme alle Taͤuſchungen erdulden ſollte, fand ſie, daß dieſe Erbſchaft, von der ſie ein großes Vermoͤgen erwartete, aus einem Gute beſtand, in das ein Neffe eingeſetzt war, und aus Leibrenten. — Iſt es wirklich eine Gehirnentzuͤndung, die dieſer arme Moritz hat? In dieſem Falle iſt Ihr Arzt ein Eſel, wenn er ſie nicht auf der Stelle unterdruͤckt hat. Wer iſt Ihr Arzt? Wie heißt er? Zuvoͤrderſt wiſſen Sie, daß ich mich ſo gut auf die Arzeneikunde verſtehe; ich bin es, die Herrn von Neuilly waͤhrend zwei Jahren behandelt hat, der alle Krankheiten zu haben glaubte, 4 weil er, wie Sie wiſſen, einen Theil ſeines Vermoͤgens auf Leibrenten angelegt hatte; es war nicht das Intereſſe, welches mich dieſe Ehe hatte ſchließen laſſen, nein: der Wunſch, einen ſchoͤnen Namen zu tragen. Sie wiſſen, meine Herren, daß er von den alten Neuillys abſtammte, von den Sires de Neuilly, welche die Kreuzzuͤge mitge⸗ macht haben. Und dann war ich von dieſem Beduͤrfniß der Hingebung beherrſcht, das in dem Herzen der Frau liegt und macht, daß wir uns immer Jemandem oder irgend Etwas, einem Manne oder einer Idee opfern, — Kommen Sie, liebe Couſine, fuhr Frau von Neuilly fort, fuͤhren Sie mich zu Moritz, und ich will Ihnen auf der Stelle ſagen, was ihm fehlt. — Sie ſind zu guüͤtig, liebe Cornelie, antwortete Frau von Barthèle, und ich dank, Ihnen fuͤr die große Theilnahme, die Sie an Moritz nehmen, das heißt an dem, was mich am Meiſten auf der Welt angeht; aber unſer armer Kranker ſchlummert in dieſem Augenblicke, und der Doctor hat uns Alle fortgeſchickt, — Wenn er ſchlaͤft, ſo iſt das ein gutes Zeichen, ſagte Frau von Neuilly, und in Entzuͤndungskrankheiten iſt der Schlaf ein Symptom der Geneſung. O, ich bin wahrhaft entzuͤckt daruͤber, ich werde dieſe gute Neuigkeit heute Abend bei der Marquiſe von Montfort mitzutheilen haben. Wie Sie wiſſen oder wie Sie nicht wiſſen, unterzeichnet man den Ehevertrag ihres Enkels Triſtan mit Mademoiſelle Henriette Figsres, Sie wiſſen dieſes ſo reiche Maͤdchen, von der man glaubt, daß ſie, aus den Kolonien zu uns kaͤme, und die aus England kommt, wo ihre Mutter, man weiß nicht wie, oder man weiß vielmehr nur zu gut wie, ein ungeheures Ver⸗ moͤgen erworhen hat. Es iſt ein wahrer Scandal, ein Montfort die Tochter einer Taͤnzerin zu heirathen, oder Etwas der Art! Welche Schmach fuͤr die ganze Fau⸗ bourg! Aber was wollen Sie? Der Adel hat ſo lange Zeit verpflichtet, daß er nicht mehr verpflichtet; man wird ſehen, man wird ſehen, wohin uns alle dieſe Geld⸗ maͤkeleien noch fuͤhren werden. Armes Frankreich! Zu irgend einer neuen Revolution. Das war uͤbrigens ganz die Meinung des Herrn von Neuilly, und deshalb hatte er ſein ganzes Vermoͤgen auf Leibrenten angelegt. Und in der Bitterkeit der Erinnerung, die ſich dem Geiſte der Frau von Neuilly vorſtellte, ſchloß ſie ihre Rede mit einem erſtickten Seufzer. Man konnte dieſem ausforſchenden Beſuche nicht mehr ausweichen, man mußte ihn alſo ertragen. Frau von Barthole und der Graf von Montgiroux wechſelten demzufolge einen Blick aus und ergaben ſich in alle die Unannehmlichkeiten, welche aus der Anweſenheit der fal⸗ ſchen Madame Ducoudray in der Verpflichtung hervor⸗ gehen wuͤrde, in der man ſich befinden wuͤrde, dieſe bei⸗ den Frauen von ſo entgegengeſetztem Charakter und Stel⸗ lung an ein und denſelben Tiſch zu ſetzen; aber der Graf, den ſeine Eiferſucht immer beſchaͤftigte, aͤrgerte ſich innerlich, ein neues Hinderniß fuͤr die Erklaͤrung zu finden, die er mit Fernanden haben wollte; was Frau von Barthoͤle anbelangt, ſo ſuchte ſie in ihrem Geiſte — 262— nach einem Mittel, ſich aus der Verlegenheit zu ziehen und die Wirkung zu vermeiden, welche von einem Au⸗ genblicke zum andern das Erſcheinen der Buhlerin her⸗ vorbringen mußte, ſo daß Frau von Neuilly keine Muͤhe hatte, unter ihrem Bewillkommnungslaͤcheln einen ge⸗ wiſſen Zwang herauszufinden. Sie verharrte deshalb nur um ſo feſter bei ihrer Abſicht zu bleiben. In der That, beſonders fuͤr Frau von Barthole war die Lage hoͤchſt ſchwierig. Sollte ſie Frau von Neuilly in das Geheimniß ziehen? Sollte ſie dieſelbe im Irrthume laſſen und thun, als ob ſie wirklich nicht wuͤßte, wer die Frau waͤre, welche Moritzens Freunde nach Fontenay gefuͤhrt hatten, indem ſie ſo auf den bei⸗ den jungen Leuten die ganze Laſt des falſchen Schrittes ließ? Wenn ſie ſpraͤche, ſo wuͤrde die ſproͤde Beſucherin Ach und Weh ſchreien! Wenn ſie ſchwiege, konnte da Frau von Neuilly das ungluͤckſelige Geheimniß nicht ent⸗ decken? Sie, die ſo uͤberall herumkam, die ſo thaͤtig, ſo neugierig, ſo mit allen Intriguen, mit Allem, was man wiſſen kann, mit Allem, was man nicht wiſſen ſollte, bekannt war, konnte ſie nicht Fernanden im Schauſpiele, im Boulogner Walde, bei den Wettrennen, kurz, irgendwo angetroffen und gefragt haben, wer Fer⸗ nande waͤre, ſie demzufolge von Anſehen kennen?— Und ſie bei Frau von Barthsèle wieder erkennen,— das waͤre noch am ſelben Tage ein Scandal fuͤr ganz Paris. Aber bevor Frau von Barthsle ein Mittel gefunden hatte, die Bedenklichkeiten der Frau von Welt damit — 263— auszugleichen, daß man die gefallene Frau beduͤrfe, trat Clotilde ein. — Madame, ſagte ſie, indem ſie ſich an die Baro⸗ nin wandte, das Fruͤhſtuͤck iſt angerichtet und ich habe es der Madame Oucoudray melden laſſen. In dieſem Augenblicke erblickte Clotilde Frau von Neuilly und unterbrach ſich ploͤtzlich... Sie hatte Al⸗ les verſtanden; es entſtand ein Augenblick des Schweigens. Man wird errathen, in welchem Grade die Neu⸗ gierde der Frau von Neuilly durch die von dieſer Un⸗ terbrechung gefolgten Meldung gereizt wurde. Sie ließ zuvoͤrderſt uͤber alle die ſtummen Theilnehmer an dieſem ſchmerzlichen Auftritte einen mit jener Gewalt der Aus⸗ forſchung begabten Blick ſchweifen, der ihr angeboren war; dann, ohne nur an ihre Couſine jene heuchleriſchen Freundſchaftsverſicherungen zu richten, mit denen ſich die Frauen gewoͤhnlich anreden, rief ſie aus: — Madame Ducoudray, wer iſt das, Baronin? Madame Ducoudray? Ich hatte bei meiner Ankunft wohl eine ſehr elegante Kutſche mit zwei ſchoͤnen Apfel⸗ ſchimmeln bemerkt. Gehoͤrt dieſe Equipage etwa der Madame Ducoudray? Ich hatte anfangs geglaubt, daß ſie dem Einen oder dem Andern von dieſen beiden Herren gehoͤre, obgleich ich mir geſagt hatte, daß in dieſem Falle dieſer Wagen einen Namenszug oder Wappen ge⸗ habt haben wuͤrde. Madame Ducoudray! Das iſt ſon⸗ derbar, ich kenne dieſen Namen nicht. Wenn das ihr Wagen iſt, der in dem Hofe ſteht, ſo macht die Dame indeſſen Aufwand. — 264— Dann bedenkend, daß dieſe Fragen, bevor ſie Clo⸗ tilden gegruͤßt hatte, ein Wenig unpaſſend waͤren, ſagte ſie, indem ſie ſich nach der Seite der jungen Frau — Gaten Tag, Clotilde, ich komme, um unſeren armen Moritz zu beſuchen. Iſt etwa Madame Ducou⸗ dray zufaͤllig bei ihm? Dieſe Worte waren mit einer ſolchen Gelaͤufigkeit ausgeſprochen worden, daß weder der Graf, noch Frau von Barthéle, noch Clotilde, noch die beiden jungen Leute ein einziges Wort anzubringen vermogten. Es war demnach Clotilde, welche als zuletzt befragt zuerſt antwortete: — Nein, Madame, ſagte ſie, Madame Ducoudray iſt nicht bei Moritz, ſondern in dem Zimmer, das ſie bewohnen ſoll. — Das ſie bewohnen ſoll! rief Frau von Neuilly von Neuem aus. Dieſe Madame Ducoudray iſt alſo eine Tiſchgenoſſin? Oder hat ſie etwa einen Theil Ihrer Villa gemiethet? In jedem Falle werden Sie mir die⸗ ſelbe hoffentlich vorſtellen; ſobald Sie dieſelbe als Freun⸗ din behandeln, ſo will ich ihre Bekanntſchaft machen, wenn ſie, in jedem Falle, von Geburt iſt Aber ich denke mir wohl, liebe Couſine, daß Sie Nie⸗ mand empfangen wuͤrden, den Sie nicht empfangen duͤrfen. — Madame, beeilte ſich Fabian zu ſagen, welcher die Verlegenheit der Frau von Barthole und die Qua⸗ wandte: — 265— len Clotildens einſah, Madame Ducoudray iſt von Herrn von Vaux und von mir im Intereſſe von Moritzens Geſundheit hierher geführt worden. — In dem Intereſſe von Moritzens Geſundheit? ſagte Frau von Neuilly, waͤhrend Fabian Frau von Barthele und Clotilde, welche beſorgt uͤber die Wendung waren, die das Geſpraͤch nahm, durch einen Blick beruhigte. Iſt Madame Ducoudray etwa die Frau irgend eines Ho⸗ moͤopathen? Man verſichert, daß die Frauen dieſer Herren die Arzeneikunde auf gemeinſchaftliche Rechnung mit ihren Gatten ausuͤben. — Nein, gnaͤdige Frau, ſagte Fabian; Madame Ducoudray iſt ganz einfach eine Somnambuͤle. — Wahrhaftig? rief Frau von Neuilly entzuͤckt aus. O, was das gluͤcklich iſt; es iſt immer mein groͤßter Wunſch geweſen, mit einer Somnambuͤle in Rapport geſetzt zu werden. Herr von Neuilly, der den beruͤhm⸗ ten Herrn von Puyſsgur genau gekannt hatte, trieb ein Wenig Magnetismus und behauptete immer, daß ich viel magnetiſches Fluidum haͤtte. Aber ſagen Sie mir doch, es muß eine ſehr in der Mode ſtehende Somnam⸗ buͤle ſein, um Pferde und einen Wagen wie der zu ha⸗ ben, den ich geſehen; ſollte es etwa die beruͤhmte Ma⸗ demoiſelle Pigeaire ſein, die geheirathet haͤtte... Neh⸗ men Sie Sich in Acht, Baronin, in den Entzuͤndungs⸗ krankheiten ſpielen die Nerven eine wichtige Rolle, und der Magnetismus regt die Nerven entſetzlich auf. Ich bitte Sie demnach, noch bei Weitem mehr wegen Ihrer — 266— eigenen Sicherheit, meine liebe Baronin, als wegen meiner Neugierde, mich gegenwaͤrtig ſein zu laſſen, wenn man auf Moritz wirkt. Beſtuͤrzt uͤber die ploͤtzliche Weiſe, mit welcher eine neue Luͤge, indem ſie ſich mit dem Anſcheine von Wahr⸗ heit aufſtellte, die Lage noch mehr verwickelte, blieben alle Perſonen dieſes Auftrittes ſtumm, indem ſie einan⸗ der anblickten, als Fabian, der aus Allem Nutzen zog, ſich an Clotilden wandte und ſagte: — Wollen Sie wohl ſo gefaͤllig ſein, mich zu der Somnambuͤle zu fuͤhren, Madame? Sie iſt ſehr reiz⸗ bar, wie alle nervoͤſen Perſonen, und ich moͤgte fuͤrch⸗ ten, daß, wenn ſie nicht im Voraus von der Ehre he⸗ nachrichtigt waͤre, die ihr Frau von Neuilly vorbehaͤlt, ſie dieſelbe nicht empfangen moͤgte, wie ſie dieſelbe em⸗ pfangen muß. Frau von Barthèle ſchoͤpfte wieder Athem, denn ſie verſtand den Plan des jungen Mannes. 1 — Ja, ja, Clotilde, ſagte ſie, nehmen Sie den Arm des Herrn von Rieule und fuͤhren Sie ihn zu un⸗ ſerem liebenswuͤrdigen Gaſte; ich hoffe, daß er ſie durch ſeinen Einfluß beſtimmen wird, mit uns zu fruͤhſtuͤcken, obgleich ein Gaſt mehr da iſt. Gehen Sie, Clotilde, gehen Sie! Clotilde nahm zitternd Fabians Arm, aber als ſie nach der Thuͤre des Salons zuſchritt, oͤffnete ſich dieſe Thuͤre und Fernande erſchien. 8 — Als Frau von Neutllly dieſelbe erblickte, ſtieß ſie einen Ausruf des Erſtaunens aus, und dieſer Ausruf — 267— hallte in dem Herzen aller Anweſenden wieder, um darin jene unbeſtimmte Furcht zu veranlaſſen, welche den er⸗ ſten Abſchnitt eines neuen und unerwarteten Ereigniſſes 4 begleitet. Ende des erſten Bandes. Gedruckt bei C. Schumann in Schneeberg. In gleichem Verlage iſt erſchienen:; Athos, Porthos und Aramis, oder: Die drei Mousguetaire von Sllexander Dumas. dem Franzöſiſchen von W. L. Weſche. 13 Bändchen. 2àX Thlr. A u 3 Artagnan, oder: Zwanzig Jahre ſpäter. Fortſehung von Athos, Porthos und Aramis ꝛc. von Alexander Dumas. dem Franzoſiſchen von 2. G. MſG 16 Bändchen. à ½ Thlr. A u s Königin Margot. Hiſtoriſcher Roman von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von F. Heine. 14 Bändchen. à ½ Thlr. Die Dame von Monſorean. Ein Roman. — 48 Aus dem Franzöſiſchen von W. L. Weſché. 16 Bändchen. 2 Thlr. 20 Ngr. Der Baſtard von Manléon. Ein Roman. Aus dem Franzöſiſchen von W. L. Weſché. 1— A. Bändchen. Der Grak von Monte⸗Chrilto. Ein Roman. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. E. Suſemihl. 1. und 2. Bändchen. -——— Weiße Selaven oder die Leiden des Volks. Ein Roman von Ernſt Willkomm. 5 Baͤnde. Das Publikum erhält mit dieſem Buche ein Werk, das zwar den Namen„Roman“ an der Spitze trägt, in Wahr⸗ heit aber die ſozialen Verhältniſſe unſerer Zeit, gleich einem Zauberſpiegel, mit ſolcher Treue darſtellt, daß man ſich wirklich hineinverſetzt fühlt in Mitten all des Elendes, der bitterſten Noth und Entbehrung bei unerträglicher Arbeit. Mögen die Schilderungen öffentlicher Blätter mit den be⸗ redteſten Worten für die bedauernswerthen Sklaven der Ar⸗ beit in die Schranken treten; ſie bleiben weit zurück hinter dem ſchauerlichen Rundgemälde, das uns Willkomm's wun⸗ dervoller Griffel in dieſem Roman bereitet hat. Dabei aber weiß der Verfaſſer auch mit meiſterhafter Hand neben die grellen Bilder reicher Brutalität, vornehmer Verachtung, lächerlichen Stolzes die lieblichen Geſtalten biederer Treu⸗ herzigkeit, raſtloſen Strebens gegen die Anmaßungen des Laſters, engelreiner Unſchuld zu ſtellen; und wenn man Thränen vergoſſen hat bei dem Gedanken an das namenloſe Flend, welches der Menſch dem Menſchen bereitet, ſo fühlt des Leſers Herz am Ende dieſes trefflichen Erzeugniſſes der Deutſchen, der vaterländiſchen Romantik, den himmliſchen Troſt: es walte eine ewige Macht, die das Boͤſe trotz allem Glanze doch zu boͤſem Ende führt, und den Redlichen trium⸗ phiren läßt. Möge namentlich kein Leſeinſtitut auch nur einen Augenblick anſtehen, den Genuß der Lektüre dieſes Buches ſeinen Intereſſenten zu verſchaffen. —— In gleichem Verlage ſind auch ſaͤmmtliche Romane Ainsworths in guten Ueberſetzungen herausgekommen, und werden der eingetretenen Concurrenz wegen noch billiger ver⸗ 7 kauft, als die Stuttgarter Ausgabe, naͤmlich: Ainsworth, W. H., St. James⸗Palaſt, oder der Hof der Königin Anna. Aus dem Engl. von Dr. E. Suſemihl, 3 Bdchn. 1 Thlr. —— Das Windſorſchloß. Aus dem Engliſchen von Dr. E. Suſemihl. 3 Bde. ¾ Thlr. 4 —— Die Tochter des Geizigen. Aus dem Eng⸗ liſchen von Dr. E. Suſemihl. 3 Bde. 2 Thlr. —— Die alte St. Paulskirche. Erzaͤhlung von der Peſt und Feuersbrunſt(1665). 3 Bde. mit 6 Bildern. 1842. ſonſt 3 Thlr. fuͤr 1 T). —— Guy Fawkes.(Die Pulververſchwoͤrung.) 3 4 Baͤnde, 1841, mit 22 Bildern; ſonſt 3 Thlr. fuͤr 1 Thlr. —— Der Tower zu London. 3 Bde., 1840, mit 29 Bildern; ſtatt 3 ⅝ Thlr. fuͤr 1 Thlr. —— Jack Sheppard. 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Guͤnther. 4 Bandchen mit 27 Bi und 40;3 ſtatt 2 ½ Thlr. fuͤr 1 Thlr. —— Crichton. Aus dem Engliſchen r Lindau. Zweite verbeſſerte Auflage. 1 Thlr. —— Schloß Chiverton. Aus dem En W. A. Lindau. Ein Band. ¾½ Thlr. —