Wilhelm Ludwig Weſché. ⁸ 153. Theil. Teipzig, 1850. Verlag von Chr. EG. Kollmann. Wien, bei Wittenbecher, Siegel und Kollmann. Wallnerſtraße Nr. 263. — 2 Ludwig der Fünfzehnte. Von Alexander Bumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von W. G. Weſche. Vierter Band. Leipzig, 1850. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Wien, bei Wittenbecher, Siegel und Kollmann. Wallnerſtraße Nr. 263. Ludwig der Fünfzehnte. ͤ 8 — Vierter Band. ——QO——, Politik des Herzogs von Aiguillon.— Die Denkſchrift 1 Dauphins, Sohn Ludwigs XV., dient ihm zum Führer. 8 — Schwierigkeiten, dieſen Plan, Oeſterreich gegenüber, zu befolgen.— Verfahren des Herzogs von Aiguillon gegen die Maͤchte zweiten Ranges.— Herr von Vergennes i Stockholm.— Theilung Polens.— Denkſchrift des Herzog V von Aiguillon an den König. Wir haben bereits geſagt, daß die Politik des Her⸗ zogs von Aiguillon das Gegentheil von der des Herrn von Choiſeul wurde. Auf eine Denkſchrift des Dauphins, dem Vater Ludwigs XVI. geſtützt, fuhr er kühn fort. Hier iſt der Theil dieſer Denkſchrift, auf welche ſich die Politik des Herzogs von Aiguillon ſtützte. „Ich muß mich beſtändig erinnern, ſagte der Dauphin, daß Tauſend Regierungen vernichtet worden ſind; daß meh⸗ — 8— rere königliche Familien in Europa erloſchen ſind, und daß die angeſehenſten Staaten, welche mich umgeben, die Nebenbuhler des Hauſes Bourbon ſind. „Die Geſchichte kennt davon die zwei hauptſächlichſten: England und Oeſterreich. „England iſt von den beiden Nebenbuhlern der am igſten furchtbare. „Frankreich muß ſich erinnern, daß es ohne oder mit efner Marine beſtehen kann; denn die Mächte, welche keine aaben, beſtehen wohl durch ihren Ack bau, ihren Handel und ihren natürlichen Gewerbsfleiß. Wir ſind während des Miniſteriums des Kardinals von Fleurh, dem mein ſ die Sorge der Regierung im Ganzen übertragen hatte, angeſehen und furchtbar geweſen, ſelbſt ohne Ma⸗ rine. „Möge daher England ein größeres oder geringeres Uebergewicht auf der See haben, das vermehrt oder ver⸗ ringert wohl das Wohlſein Frankreichs, ohne ihm einen weſentlichen Nachtheil zuzufügen. England allein muß ſei⸗ en Handel, als weſentlich für die Erhaltung ſeiner gegen⸗ wärtigen Stellung, betrachten, England iſt daher kein ſehr zu fürchtender Nebenbuhler. „Aber Oeſterreich hat in Bezug auf uns bei weitem andere Kräfte und feindliche und gefährliche Mittel; es liegt in unſerem Intereſſe, es zu beaufſichtigen, es zu um⸗ geben und zu verhindern, uns zu ſchaden; denn ſeine Po⸗ litik geht weiter, als ſeine Religion es will; es iſt eine moderne Macht in Europa, die wir aus dem Nichts haben hervorgehen ſehen, und die ſich unter Karl V. bis zur — Univerſalmonarchie auf Koſten ſeiner Nachbarn und zu un⸗ ſerer großen Gefahr erhob. „Ich muß mich daher bemühen, in der Geſchichte meiner Vorfahren zu finden, durch welches Mittel ſie die⸗ ſem Hauſe, Spanien, Neapel, Lothringen, einen Theil der Niederlande, Elſaß, Hochburgund und Rouſſillon wie⸗ der abgenommen haben, und nicht vergeſſen, daß ich dieſe beobachtende Politik nicht beibehalte. Oeſterreich wird mir für das verantwortlich ſein, was es meinen Vorfahren ſeit dem Anfange ſeines Beſtehens, was nicht ſehr lange her iſt, abgenommen hat, und man erinnert ſich deſſen, was Frankreich unter Karl dem Großen war. „Meine Ahnen, zum Mindeſten die meiner Linie, wa⸗ ren beſtändig den hier oben ausgeſprochenen Grundſätzen zugethan, als ein Mann, ein Lothringer von Herz und Geburt, nach Frankreich gekommen iſt, der in dieſem Au⸗ genblick das Unglück dieſes Landes ausmacht. „Der Herr Herzog von Choiſeul, ein Penſionär des Hauſes Oeſterreich, hat den Einfall gehabt, die erſten Ideen des Abbé von Bernis zu verſtärken, der ein In⸗ tereſſe dabei hatte, Oeſterreich zu gefallen; der eine wie der andere haben die erſten Grundlagen zu den größten Unglücksfällen gelegt, die mein Haus bedrohen, wenn je⸗ mals die öſterreichiſchen Grundſätze in ihm die Oberhand erhalten. Der Herr Herzog von Saint⸗Simon hat mir vor zehn Jahren eine ſehr gut abgefaßte Denkſchrift in dieſer Beziehung überreichen laſſen, in welcher er beweiſt, daß Frankreich ſich nicht behaupten kann, ohne beſtändig gegen das Haus Oeſterreich zu kämpfen, man wird ſie in — 10— meinen Papieren finden; er beweiſt, daß man nicht ein⸗— halten darf, bis man es auf die Stellung eines gegenwär⸗ tigen Churfürſtenthumes herabgebracht hat. „Mein Vater hat indeß aus Grundſätzen, die ich mir nicht erlauben darf, zu tadeln, ein Bündniß mit dem Hauſe Oeſterreich zum Nachtheile der kleinen Mächte ge⸗ ſchloſſen, aus deren Erhaltung und Beſchützung ſich meine Vorfahren einen Ruhm gemacht haben; er hat niemals die ſtrafbare Vermeſſenheit des Herrn von Choiſeul ergründen wollen, der ein durch Jahrhunderte und durch die beſon⸗ nenſten und am meiſten unſerem Hauſe zugethanen Staats⸗ männer befeſtigtes Gebaͤude geſtürzt hat. „Man muß ohne Zweifel die Verträge ſehr gewiſſen⸗ haft halten; aber das Zarigefühl hat ſeine Grenzen, und 1 wenn der Staat durch Erfahrung erkannt hat, wie läſtig den Unterthanen ein Vertrag iſt, der Frankreich die Hände bindet, das nur Leben durch das Vermögen der Aus⸗ übung ſeiner militäriſchen Macht hat, ſo werden ohne Zweifel ohne Kriegserklärung an den Kaiſer, einem Ver⸗ trage Schranken gegeben werden, der uns von allen Seiten beſchränkt, und der uns verhindert, Franzoſen zu ſein.“ Unglücklicherweiſe war der Plan gegen Oeſterreich ſchwer zu befolgen. Das Bündniß von 1756 beſtand i mer noch, und es war kein plauſibler Grund vorhanden, um es zu brechen. Außerdem hatte Marie Antoinette be⸗ reits einen entſchiedenen Einfluß auf den Dauphin, und wenn er einen ſo großen Haß gegen Herrn von Choiſeul gezeigt hatte, ſo war es nicht, weil Herr von Choiſeul V der Agent Oeſterreichs war, ſondern weil der Dauphin —— oQ,q·¶Qſ2ſ——W — 11— glaubte, daß Herr von Choiſeul Urſache an dem Tode ſeines Vaters geweſen war. Außerdem konnte der König ſterben, der König, der ſich trotz ſeines hohen Alters kein Vergnügen entzog, dann befand ſich Alles wieder in dem⸗ ſelben Zuſtande, und Herr von Aigulllon konnte, wie der Abrichter des römiſchen Raben, ſagen: opera et impensa periit. 8 Er begann daher im Stillen, Europa vorzubereiten, irgend eines Tages dieſen unglückſeligen Vertrag von 1756 aufgehoben zu ſehen. Beſonders die geringeren Mächte waren, wie wir ge⸗ ſagt haben, über das große öſterreichiſch⸗franzöſiſche Bündniß erſchreckt. Der Herzog von Aigulllon beſchäftigte ſich damit, ſie zu beruhigen, ſie anzuhören, ſie zu em⸗ pfangen. Man begann damit, Schweden und Dänemark auszu⸗ ſöhnen, unſere beiden natürlichen Verbündeten im Norden, ſeitdem Polen noch als Königreich, aber nicht mehr als Macht beſtand. Der Herzog von Choiſeul hatte beſtändig die Schwei⸗ zer, unſere alten Bundesgenoſſen beläſtigt. Er ſagte ge⸗ wöhnlich: gemein, wie ein Schweizer! Indem er ſie dann in ihren Intereſſen verletzte, eröffnete er den Hafen von Verſoix an dem Genfer See. Der Herzog von Aiguillon unterbrach dieſe Arbeiten. Der Herzog von Choiſeul hatte dem Papſte die Graf⸗ ſchaft Venaiſſin und die Stadt Avignon genommen; das geſchah, wie er ſagte, um den Verluſt der Colonien aus⸗ 4 A . ————— — 2— zugleichen, aber in der Wirklichkeit, um die Philoſophen zu erfreuen, welche die Religion angriffen. Der Herzog von Aiguillon bat Ganganelli um Ver⸗ zeihung, und gab ihm die Stadt und Grafſchaft zurück. Als wir uns an das Haus Oeſterreich angeſchloſſen, hatte England Partei für Friedrich 11. ergriffen. Dieſes Bündniß Englands mit Friedrich II. war der Krieg gegen uns. Der Herzog von Aiguillon entwarf die Grundlagen eines Friedens⸗ und Handelsvertrages, welche alle die freundſchaftlichen Verbindungen wieder anknüpfen ſollten, die während der dreißig Jahre beſtanden hatten, welche dem Utrechter Frieden gefolgt waren. Seit den berühmten Feldzügen Karls XII., welche das Land an Menſchen und an Geld erſchöpft hatten, hatte Schweden, erſchreckt über dieſe königliche Allmacht, welche ein Volk in ſeinem Gefolge in den Abgrund hinabreißt, Alles gethan, um die Gewalt ſeiner Könige zu unterdrü⸗ cken; es war in Parteien getheilt, welche auf Oeſterreich, auf Dänemark und auf den König von Preußen höoͤrten. Das ſo wirkliche Anſehen Frankreichs in Schweden unter Guſtav Adolph war dem öſterreichiſchen Anſehen gewichen; es war eine ganze verlorene Stellung wieder zu erobern. Guſtav III. hatte das Verlangen, der Vormundſchaft zu entgehen, welche ihm von dem Volke und von dem Adel auferlegt waren; als er nur erſt Erbprinz war, hatte er uͤber dieſen Wunſch an Herrn von Choiſeul geſchrieben, aber Herr von Choiſeul hatte ſich wohl gehütet, den Forderun⸗ gen des jungen Prinzen zu entſprechen; dadurch hätte er Oeſterreich zu directer Weiſe vor den Kopf geſtoßen. Der — — 13— Herzog von Aiguillon behielt dagegen dieſe Schonung nicht bei; er berief aus der Verbannung, in welche ihn Herr von Choiſeul geſchickt hatte, Herrn von Vergennes, unſeren ehemaligen Geſandten in Conſtantinopel, zurück, gab ihm ſeine Verhaltungsvorſchriften und ſandte ihn nach Schweden. Auf dieſe Weiſe kehrte er zu den Plänen der alten franzöſiſchen Diplomatie zurück: Die Schwachen aufrichten, die Starken demüthigen. Die Anweſenheit des Herrn von Vergennes in Stock⸗ holm trug ihre Früchte; eine Revolution brach in Schwe⸗ den aus, welche König Guſtav die Macht wieder gab, die der Adel mit ihm theilte, und ihn von dem ruſſiſchen, oͤſterreichiſchen und preußiſchen Einfluſſe befreite; dieſe Re⸗ volution trug ſich in vierundfünfzig Stunden und ohne Blutvergießen am 10. Auguſt 1772 zu. Freilich nahmen zwanzig Jahre nachher der Graf von Horn, der Graf von Ribing und Ankarſtroem an Guſtav III. eine blutige Genugthuung. Wir haben den Zuſtand der Schwäche auseinander⸗ geſetzt, in welchen unter allen dieſen europäiſchen Conflicten Polen von dem Augenblicke an verſunken war, wo ſich die mächtige Hand Frankreichs von ihm zurückgezogen hatte. Katharina II., welche Abſichten auf dieſe unglückliche Na⸗ tion hatte, hatte ihr einen König gegeben, und feſt über⸗ zeugt von der Nichrigkeit dieſes Königs, bereitete ſie ſich zu dem Ueberfalle ſeines Reiches vor. Der Herzog von Choiſeul hatte in dem Buͤndniſſe der Höfe von Berlin und von Sanct Petersburg nur einen einfachen Abfall von dem Bündniſſe von Wien und von — 1— Verſailles geſehen; aber der Wiener Hof ſah weiter; er ſah, wie der franzöſiſche Hof an Menſchen und an Geld zu Grunde gerichtet war, und betrachtete ihn dem zu Folge als einen geringen Bundesgenoſſen von dem Augenblicke an, wo Rußland ſich von ihm entfernte; nun hatte Herr von Choiſeul Herrn von Vergennes den Befehl gegeben, die Türkei gegen Rußland aufzuwiegeln; für den Fall des Sieges der türkiſchen Armee nahm die Macht, und beſon⸗ ders das Blendwerk des ruſſiſchen Reiches abz für den Fall der Niederlage näherte Rußland ſeine Beſitzungen den öſter⸗ reichiſchen Beſitzungen, und beunruhigte das deutſche Reich, das dann unſerer noch bei weitem mehr bedurfte; Herr von Vergennes ſtellte daher vergebens Herrn von Choiſeul die Nutzloſigkeit dieſes Krieges vor und prophezeiete ihm ſein verderbliches Reſultat; er hatte unſerem Geſandten be⸗ fohlen, weiter zu gehen, und auf neue Vorſtellungen des Herrn von Vergennes hatte er ihm ſeine Entlaſſung und den Befehl überſandt, nach Burgund zu kommen, wo er ſeit dieſer Zeit ohne Einfluß und ohne Stelle geblieben war. Was Herr von Vergennes prophezeiet hatte, ereignete ſich, die Türken wurden geſchlagen, wie wir es bei Ver⸗ anlaſſung der von Potemkin Katharina II. gegebenen Feſte geſagt haben, die ruſſiſchen Armeen überfielen die Moldau, und die Pferde der doniſchen Koſaken ſtillten ihren Durſt in der Donau. Nun, erſchreckt über die Berührung, welche zwiſchen den ruſſiſchen Eroberungen und ſeinem Landbeſitze vor ſich ging, näherte ſich Oeſterreich dem Könige von Preußen, indem es um ſeine Neutralitaͤt im Falle eines — 15— Krieges nachſuchte. So wurde der alte Friedrich, der bei ſeiner Gelangung zum Throne faſt als Eindringling in die große Familie der europäiſchen Könige betrachtet ward, dieſer kleine Churfürſt von Brandenburg, wie man ihn noch im Anfange ſeiner Regierung nannte, im Alter von den beiden großen Mächten des Nordens geſchmeichelt und zum Schiedsrichter der europäiſchen Schickſale, während Herr von Choiſeul, der ihn hatte entthronen wollen, nach Chanteloup verbannt war. Aus dieſer Annäherung Oeſterreichs und Preußens entſtand die Idee der Theilung Polens. Jeder fand ſeine Rechnung dabei. Die Sache wurde daher ſchnell unter den Mächten des Nordens beſchloſſen, welche dafür Frankreich nicht nö⸗ thig zu haben glaubten. Oeſterreich ließ ſeine Truppen nach Zips marſchiren, und Preußen die ſeinen in das Herzogthum Poſen. Katharina hielt Warſchau beſetzt. Die Erſchütterung war groß in Verſailles, als man die große politiſche Zerſtückelung erfuhr. Herr von Aiguillon legte dem Könige folgende Denk⸗ ſchrift vor. „Sehen Sie, ſagte er, welches Vertrauen Frankreich zu der Freundſchaft des Hauſes Oeſterreich haben kann, und was wir von einem Hauſe erwarten müſſen, das durch die doppelten Bande eines Vertrages und einer Ver⸗ heirathung mit dem Könige verbündet iſt. Eines Tages will der Wiener Hof ſeine Beſitzungen auf Koſten des Kö⸗ nigs von Preußen vergrößern, und dann erhebt er gegen H ———— — 16— dieſen Fürſten, gemeinſchaftlich mit ihm Frankreich, Ruß⸗ land und Schweden. Eines andern Tages will er ſeine Beſitzungen auf Koſten Polens, unſeres beſten Freundes, vergrößern, dann nähert er ſich wieder dem Könige von Preußen, dem Feinde des Königs, und verbündet ſich mit ihm und mit der Czarin, welche mehr, als jemals, erbit⸗ tert gegen uns iſt. Auf einer andern Seite gleicht nichts dem Ehrgeize des jungen Kaiſers Joſeph. Er erwartet nur noch den Augenblick, allein zu regieren, um das Syſtem zu ent⸗ wickeln, über dem er in ſeinem Geiſte brütet; er hat ferne Abſichten auf Baiern, er iſt lüſtern nach dem venetiani⸗ ſchen Friaul, er will die durch ſo viele Verträge geſchloſſene Schelde öffnen, er wünſcht den Beſitz von Bosnien, und wer ſagt uns, daß er den Verluſt von Lothringen, das Elſaß und Schleſien vergeſſen hat! Iſt der, welcher wagt, uns den beſten unſerer Freunde zu rauben; der, welcher ihn ſeiner Gebiete beraubt, nicht fähig, ſich, wenn er es vermag, der Beſitzungen wieder zu bemächtigen, welche wir ihm genommen haben; der, welcher ein ſo wichtiges Bünd⸗ niß verachtet, als das des Hofes von Verſailles, um un⸗ erhörte Eroberungen zu unſerem Nachtheile vorzunehmen, i*ſt der nicht fähig, Bündniſſe gegen uns zu bilden? Das Reſultat unſeres Bündniſſes mit dem Wiener Hofe, dieſes Bündniſſes, das uns ſo ſehr an Menſchen und an Geld erſchöpft hat, iſt, daß wir ohne Freunde ſind und daß ein ſehr furchtbares Bündniß im Norden von Europa ge⸗ gen uns beſteht, das von Wien, von Berlin und von Sanct⸗Petersburg. In einem Nu können dieſe drei Mäͤchte — 17— drei Mal Hunderttauſend Mann aufſtellen; in einem Nu können ſie dieſelben auf dem Gebiete der ſchwachen Mächte aufſtellen, die zu überfallen ihnen übrig bleiben; in einem Nu können ſie die gänzliche Zerſtörung Polens vollenden. Frankreich ohne Verbündete, Frankreich mit wenig bereit⸗ ſtehenden Mitteln zum Widerſtande, Frankreich durch den letzten, für die Erhaltung des Hauſes Oeſterreich und zur Begünſtzgung der Wiedererlangung ſeiner Gebiete unter⸗ nommenen Krieg erſchöpft, befindet ſich daher in einer höchſt betrübten Kriſis, es iſt auf das erniedrigendſte Schweigen beſchränkt, es iſt genöthigt, ſeinen eigenen Cha⸗ rakter zu unterdrücken und nur den einer beobachtenden, wohlgeneigten Nation zu entwickeln, die alles das billigt,* was ſich heut zu Tage zuträgt, ohne daß man es zu be⸗ rathen geruht. Was iſt aus jenen Zeiten geworden, in denen es nicht erlaubt war, einen Kanonenſchuß ohne die Einwilligung des Königs zu thun! „Wie kritiſch die politiſche Lage Frankreichs heut zu Tage auch ſein möge, ſo bleiben ihm dennoch gleiche, und vielleicht dem nordiſchen Bunde überlegene Hülfs⸗ mittel. „Aber welche Vorurtheile, ſowohl wirkliche, als über⸗ triebene, haben wir nicht zu zerſtören, um das Bündniß mit einer Macht vorzubereiten, deren Freundſchaft in die⸗ ſem Augenblicke dem Könige nothwendig iſt, um die Pläne der nordiſchen Mächte zu unterdrücken. Wenn wir uns dem Hofe von London anſchließen wollten, welche Quellen 4 der Feindſchaft müßten da erſt verſiegen, welche Vorurtheile überwunden werden. Man hat Beweiſe, daß das Kabinet Ludwig der Fünfzehnte. 4. Band. 2 * * * NK& ð ⏑——— * ——yʒᷓʒᷓʒᷓ——— von Saint⸗James uns den Unruhen in Amerika we⸗ nig fremd hält. Der Charakter des Herrn von Choiſeul und der Krieg, den er noch gegen England unter Umſtän⸗ den hatte anregen wollen, wo der Zuſtand der europäiſchen Angelegenheiten eine dringende und nothwendige Annaͤhe⸗ rung erleichtern konnte, würden genügen, um den Hof von London in der Furcht zu erhalten, daß wir immer noch ſeine Feinde ſind. 8 „Trotz dieſer Stellung mit dem Hofe von London, nöthigt mich der Anblick des verbündeten, vereinigten und bewaffneten Nordens, der die Gebiete unſerer Freunde überfällt, dem Könige ein Gegenbündniß des Südens vor⸗ zuſchlagen, das aus Frankreich, Spanien, England und Sardinien beſteht. Die neuen Bande, welche uns mit dem Könige von Sardinien vereinigen, ſichern uns ſeine Freund⸗ ſchaft; Spanien wird ſich mit mehr Schwierigkeit überre⸗ den laſſen, weil Herr von Choiſeul es außerordentlich ſo⸗ wohl gegen den Hof von London, als gegen ſein Miniſte⸗ rium aufgeregt hat. Was den König von England an⸗ betrifft, welche Mittel haben wir da nicht, dieſen ewigen Kampf und dieſe feindſelige Nebenbuhlerſchaft niederzu⸗ ſchlagen, welche unſere Handelsverbindungen hindert? Ich werde ſeine Intereſſen in Bezug auf die Theilung Polens auseinanderſetzen: „Ganz Europa iſt überzeugt, daß dieſe Theilung die Preußiſche Monarchie in eine wahre Seemacht verwandelt; aus dem Zuſtande einer militäriſchen und Ackerbau trei⸗ benden Monarchie, geht ſie in den Zuſtand einer Handels⸗ und Seemacht über, und da wir den König von Preußen RX—2 8— N — „ » — 19.— in einigen Jahren weit ſtärkeren Nachbaren, als er, Pro⸗ vinzen haben abnehmen, da wir ihn ſie ſeitdem gegen ganz Europa haben vertheidigen ſehen, das ſie ihm wie⸗ der abnehmen wollte, ſo können wir ihn auch in einigen Jahren wegen ſeiner Sparſamkeit und ſeiner Thätigkeit zum König des Baltiſchen Meeres werden ſehen. Beſitzer von Danzig, wird die Weichſel für ihn eine neue Themſe werden, ſo daß dieſe vor einigen Jahren ſo wenig ge⸗ zählte und ſo wenig bekannte Macht unter dem Könige Friedrich ein furchtbarer Staat für die Maͤchte des feſten Landes, wie für die Seemächte werden kann; England weiß es, und dieſe Nation iſt ſo aufgeklärt über ſeinen Handel und ſeine Intereſſen zur See, daß ſich in dieſem Augenblicke in London ein außerordentliches und auffallen⸗ des Geſchrei gegen die Verwandlung des Preußiſchen Staates in eine Handels⸗ und Seemacht erhebt. „Rußland, das auf einer andern Seite Conſtantino⸗ pel bedroht und ernſtliche Pläne auf die Schifffahrt des ſchwarzen und vielleicht auf die des mittelländiſchen Mee⸗ res an den Tag legt, kann in dieſen Himmelsſtrichen den ganzen Seehandel Englands überfallen. Wie viele Urſachen zu einem Bündniſſe gegen den nordiſchen Bund, welche Mittel, um uns der Engländer gegen die Gefahren zu bedienen, welche ſie bedrohen, und die uns mit ihnen bedrohen! Ich lege dieſe Anſichten der Weisheit des Kö⸗ nigs vor, und da der Norden gegen unſere Freunde ver⸗ bunden und bewaffnet iſt, da Oeſterreich uns unſeren eigenen Hülfsmitteln überläßt, ſo finde ich dieſem drohen⸗ den Bunde nur das Bündniß der vier WMüihte entgegen⸗ — 20— zuſtellen, die im Stande ſind, ihm das Gleichgewicht zu erhalten: Frankreich, England, Spanien und Sar⸗ dinien. „Ich werde die Entwickelung dieſer Grundlagen in ſpäteren Denkſchriften liefern.“ II. Alter Ludwig XV.— Seine Traurigkeit.— Der Tod ſtreift und erntet um ihn herum.— Der Marſchall von Armen⸗ tières.— Herr von Chauvelin.— Die Prophezeiung des Feſtes des Loges.— Herr von Chauvelin beim Abendeſſen im vertrauten Kreiſe.— Die Whiſtparthie des Königs.— Tod des Herrn von Chauvelin.— Traurigkeit Ludwig XV. — Die Reiſen.— Madame Du Barry.— Beaumarchais. — Goezmann.— Der Barbier von Sevilla.— Herr von Fronſac.— Entführung, Brandſtiftung und Noth⸗ züchtigung.— Der Dichter Gilbert.— Der Marquis von Sade.— Der Biſchof von Tarbes und die Gourdan.— Gluck und Piccini.— Die beiden Partheien.— Die neuen Beluſtigungen.— Die Wettrennen.— Die Jockeys.— Die Buhlerinnen.— Ludwig XV.— Erinnerung des Herrn von Chauvelin.— Der Abbés von Beauvais.— Be⸗ fürchtungen des Königs.— Die Prophezeiungen des Mo⸗ nats April.— Plötzliche Todesfälle.— Lebel und die — 22— Tochter des Müllers.— Die vorgängliche Unterſuchung vernachläſſigt.— Die Blattern.— Der Erzbiſchof.— Die Choiſeuls.— Die Du Barry.— Der Herzog von Richelteu.— Lorry und Bordeu.— Lamartinisre.— Schrecken des Königs.— Madame Du Barry entfernt ſich.— Die Biſchöfe.— Der Herzog von Aiguillon.— Zurückkunft der Madame Du Barry.— Die letzte Zuſam⸗ menkunft.— Herr de la Vrillére.— Der Herzog von Fronſac.— Der Pfarrer von Verſailles.— Die Erklärung des Königs.— Seine letzten Augenblicke.— Sein Phan⸗ taſiren.— Die Prinzeſſinnen von Frankreich.— Tod des Königs.— Sophie Arnould und Madame Du Barry. Es iſt wahr, daß Eines alle dieſem die Wichtigkeit nahm. Erſt 63 Jahre alt, ſchien Ludwig XV. zehn Jahre älter, als der Herzog von Richelieu, der 76 Jahre alt war. Ludwig XV., der ſchöne Cavalier mit blauem Auge, mit feinem Gehör, mit kräftigem Beine, Ludwig XV. ver⸗ lor das Geſicht; Ludwig XV. wurde taub; Ludwig XV. ſtieg nur noch mit Hilfe eines Fußtrittes zu Pferde. Die Langeweile, welche von ſeiner Jugend an über ſeiner Stirn ſchwebte, war über den Greis hergefallen, peinigte und verzehrte ihn. Um ihn herum trug ſich außerdem das ver⸗ hängnißvolle Schauſpiel zu, welches die Menſchen begleitet, die im Begriffe ſtehen, ihre letzten Schritte in dem Leben zu thun. Um ihn herum war Alles das, was er wirklich geliebt hatte, gefallen. Frau von Vintimille, Frau von Chateauroux, Frau von Pompadour: Alles, was er durch Familienbande geliebt hatte, Söhne, Enkel, Schwiegertoch⸗ ———— — 23— ter, Gattin, Freunde, Alles fiel. Der Marſchall von Ar⸗ mentisres, mit dem er auferzogen, und der in demſelben Jahre, als er geboren worden war, war geſtorben; es blieben noch Herr von Chauvelin und Herr von Richelieu. Beſonders Herr von Chauvelin war von Seiten des Königs der Gegenſtand einer beſonderen Aufmerkſamkeit. Der König intereſſirte ſich außerordentlich für ſeine Ge⸗ ſundheit. Ludwig XV. erkundigte ſich jeden Augenblick bei ihm und bei Andern, wie ſich Herr von Chauvelin befände; dieſe große Freundſchaft bei einem Herzen, deſſen Selbſt⸗ ſucht bekannt war, ſetzte Jedermann in Erſtaunen; man erfuhr eines Tages die Urſache davon. Bei einem Feſte der Logen(in Saint⸗Germain), hatte ſich Herr von Chauvelin von einem herumziehenden He⸗ renmeiſter prophezeien laſſen, und dieſer hatte prophezeit, daß Herr von Chauvelin ſechs Monate vor dem Könige ſterben wurde. Dieſe Prophezeiung war Ludwig XV. zu Ohren ge⸗ kommen; daher rührte ſeine Sorge für die Geſundheit des Herrn von Chauvelin. Nun aber ſollte dieſer letzte Schrecken oder dieſe letzte Warnung ihm nach ſeiner Reiſe zukommen. Am 23. November 1770 hatte der König bei der Frau Gräfin Du Barry im vertrauten Kreiſe zu Nacht gegeſſen, und hatte im Namen der Gräfin Herrn von Chauvelin eingeladen an dem Nachteſſen Theil zu nehmen; Herr von Chauvelin hatte es angenommen, aber indem er dabei den König bat, nicht zu verlangen, daß er äße, da er ſich ein wenig unwohl fühlte. In der That, bei dem — 8— — 24— Nachteſſen aß Herr von Chauvelin, der eine Parthie Whiſt mit Seiner Majeſtät angefangen hatte, nur zwei gebratene Aepfel; dann nahm er nach dem Nachteſſen ſein Spiel wieder vor. Als die Parthie beendigt, ſtand Herr von Chauvelin auf und lehnte ſich an den Stuhl der Frau von Mirepoix, welche an einem anderen Tiſche ſpielte. In dem Augenblicke, wo er mit dieſer Dame ſcherzte, bemerkte der Koͤnig, welcher ſich dem Marquis gegenüber befand, die Entſtellung ſeines Geſichts. — Was haben Sie denn, Chauvelin? fragte der König. Und als der König dieſe Worte geſagt hatte, öffnete Herr von Chauvelin den Mund, um ohne Zweifel zu ant⸗ worten, aber er vermochte keinen Ton hervorzubringen und ſank rücklings zu Boden. Man rief die Aerzte, aber als ſie ankamen, war der Marquis geſtorben. Seit dieſem Tode ſah man den König ſelten lächeln. Bei allen Schritten, welche er that, hätte man glauben können, daß das Geſpenſt des Marquis an ſeiner Seite ginge.— Das Fahren allein zerſtreute ihn ein wenig.— Man vervielfältigte die Reiſen. Der König ging von Rambouillet nach Compisgne, von Compiègne nach Fon⸗ tainebleau, von Fontainebleau nach Verſailles, nach Paris niemals. Seit ſeiner Empörung in Bezug auf die Blut⸗ bäder war Paris dem Könige ein Gräuel. Aber ſtatt ihn zu zerſtreuen, führten alle dieſe ſchönen Reſidenzen ihn auf die Vergangenheit zurück, die Vergan⸗ genheit zu Erinnerungen, die Erinnerungen zu Betrach⸗ tungen. Aus dieſen traurigen, bittern, tiefen Betrachtun⸗ gen vermochte Madame Du Barry ihn allein zu reißen, und es war wahrhaft zum Erſtaunen, die Mühe zu ſehen, welche ſich dieſes junge und huͤbſche Weſen gab, um, nicht den Körper, ſondern das Herz des Greiſes wieder zu er⸗ waͤrmen. Wäͤhrend dieſer Zeit löſte ſich die Geſellſchaft auf, wie die Monarchie; den Einflößungen der Philoſophen Voltai⸗ res, d'Alemberts und Diderots folgten die ſcandalöſen Schriften Beaumarchais.— Beaumarchais gab ſeine merk⸗ würdige Denkſchrift gegen den Rath Goezmann heraus, und dieſer Richter, Mitglied des Gerichts Meaupou, wagte nicht mehr auf ſeinem Sitze zu erſcheinen. Beaumarchais ließ ſeinen Barbier von Sevilla einſtudiren, und man ſprach bereits von den Vermeſſenhei⸗ ten, welche der Philoſoph Figaro auf der Bühne vortra⸗ gen würde. Ein Abenteuer des Herzogs von Fronſac hatte Scan⸗ dal gemacht. 4 Zwei Abenteuer des Herrn Marquis von Sade hat⸗ ten Abſcheu erregt. 1 Herr von Fronſac hatte weder die Verführungsgabe, welche lieben läßt, noch den Verſtand, welcher die Liebe feſſelt; Herr von Fronſac, ein roher und ungeſtümer Wuͤſt⸗ ling, war mit Vortheil der Nachfolger des Grafen von Charlois geworden, deſſen Mörder Ludwig XV. in ſeiner Jugend im Voraus ſeine Begnadigung verſprochen hatte. Bedienten warben für ihn, entführten die hübſchen Mäd⸗ chen, warfen ſie in das Bett ihres Herrn, und Herr von — 26— Fronſac ließ ſie von dieſem Bette aus in die Oper über⸗ gehen. Das geſchah, weil die Oper mündig machte, und weil die Eltern nicht mehr das Recht hatten, ihre Töchter zurückzuverlangen, ſobald ſie eine Anſtellung bei der Aka⸗ demie der Muſik vorlegten. Eine leiſtete Widerſtand, ſie war von niedriger Ge⸗ burt, vielleicht liebte ſie, und daher rührte ihre Kraft. Durch dieſen Widerſtand raſend geworden, beging der Her⸗ zog von Fronſac in derſelben Nacht drei Verbrechen, um ſie zu beſitzen; drei Verbrechen, von denen jedes zu jener Zeit mit dem Tode beſtraft war: Brandſtiftung, Entfuͤh⸗ rung und Nothzüchtigung. In einer Nacht ließ er das Haus des jungen Mäd⸗ chens in Brand ſtecken. Die Gourdan war benachrichtigt; wir haben bereits in Bezug auf Madame Du Barry von dieſer berühmten Kupplerin geſprochen; eine von ihr abge⸗ ſandte Frau empfing das in Ohnmacht geſunkene Opfer, trug ſie unter dem Vorwande, ihr Hülfe zu leiſten, fort, und führte ſie in das abſcheuliche Haus. Dort angekom⸗ men erſchien Fronſac, das junge Mädchen rief, ſchrie, ver⸗ theidigte und ſträubte ſich; Fronſac ſtieß ſie in einen Seſ⸗ ſel mit Federn, in welchem alle ihre Glieder gefeſſelt wur⸗ den, in welchem jede Vertheidigung unmöglich und das Ver⸗ brechen vollzogen wurde. Eine Unterſuchung ward begonnen, aber niedergeſchla⸗ gen. Alles ſchwieg, ausgenommen der Dichter, der ſeinen Schrei der Empörung ausſtieß, wie er es bereits auf Ver⸗ anlaſſung Lallh⸗Tollendals gethan hate. — — — 272— Man höre Gilbert, er iſt es, welcher ſowohl dem Schuldigen, als der Juſtiz, die dieſes Verbrechen unge⸗ ſtraft läßt, Gerechtigkeit widerfahren laſſen wird. La pine d'un bourgeois a frappé sa Grandeur, Je jette le mouchoir à sa jeune pudeur. Volez, et que cet or, de mes feux interpréte, Coure avee ces bijoux marchander sa défaite; Qu'on la séduise. II dit: les eunuques discrets Philosophes abbés, philosophes valets, Intriguent, sèment l'or, trompent les yeux d'un père, Elle cède.— On benlève. En vain gémit sa mère, Echue à l'Opera par un rapt solennel, La honte la dérobe au pouvoir paternel. Cependant une vierge aussi sage que belle Un jour à ce sultan se montra plus rebelle; Tout l'art des corrupteurs auprès d'elle assidus Avait pour le servir fait des erimes perdus; Pour ses plaisirs d'un soir que tout Paris périsse! Voilà que dans la nuit, de ses fureurs complice, Tandis que la beauté victime de son choix Goüte un chaste sommeil sous la garde des lois, Il arme d'un flambeau ses mains incendiaires, Il court, il livre au feu les toits héréditaires Qui la voyaient braver son amour oppresseur, Et l'emporte mourante en son char ravisseur. Obscur on l'eüt flétri d'une mort legitime; Il es puissant, les lois ont oublié son crime. (Die Tochter eines Bürgers iſt Seiner Gnaden aufgefallen, er wirft ihrer jungen Züchtigkeit das Taſchentuch zu. Eilt, und —=———— — 28— daß dieſes Gold, der Dolmetſcher meiner Liebe, mit dieſen Kleinodien ihre Niederlage erhandelt; man verführe ſie. Er ſagt es: die verſchwiegenen Eunuchen, philoſophiſche Abbés, philoſophiſche Diener, treiben ihre Ränke, ſtreuen Gold aus, täuſchen die Augen eines Vaters, und ſie gibt nach.— Man entführt ſie. Vergebens ſtöhnt ihre Mutter, durch eine feier⸗ liche Verführung der Oper verfallen, entzieht ſie die Schande der väterlichen Gewalt. Indeſſen eines Tages zeigte ſich eine eben ſo ſittſame als ſchöne Jungfrau dieſem Sultan weit wider⸗ ſpenſtiger; alle Kunſt der um ihm zu dienen bei ihr eifrigen Verführer hatten vergebliche Verbrechen begangen. Möge ganz Paris untergehen für ſeine Lüſte eines Abends! Da bewaffnet er des Nachts mit ſeiner ſtrafbaren Raſerei, während die Schön⸗ heit, das Opfer ſeiner Wahl, eines züchtigen Schlummers un⸗ ter dem Schutze der Geſetze genießt, ſeine mordbrenneriſchen Hände mit einer Fackel, überliefert das väterliche Dach, das ſie ſeiner ſchändenden Liebe trotzen ſah, den Flammen, und trägt ſie ſterbend in ſeinem Wagen fort. Von niedriger Geburt, hätte man ihn mit einem rechtmäßigen Tode beſtraft; er iſt mächtig, die Geſetze haben ſein Verbrechen vergeſſen.) So war Herr von Richelieu von ſeinem Sohne über⸗ troffen, und weit darüber hinaus. Wenn es dem Herzoge an Geld fehlte, ſo begnügte er ſich damit, ſeinen Stern des heiligen Geiſtordens zu verpfänden, und er kam mit ſolgendem Verſe davon:; Judas vendit Jesus-Christ Et s'en pendit de rage, Richelieu, plut fin que lui, N'a mis que Saint-Esprit En gage, en gage, en gage. —- ,— —-— 29— (Judas verkaufte Jeſus Chriſtus, und erhing ſich daruͤber vor Raſerei, ſchlauer als er, hat Richelieu nur den heiligen Geiſt verpfändet.) Es gab wohl gewiſſe aufregende Paſtillen, welche den Namen Paſtillen à la Richelieu hatten, aber dieſe Paſtillen waren weit von denen des Marquis von Sade mit ſpani⸗ ſchen Fliegen entfernt. Sagen wir einige Worte über den Marquis von Sade, eine der merkwürdigſten Perſönlichkeiten von dem Ende des Jahrhunderts Ludwigs XV. Er war ein ſchö⸗ ner Adeliger, zu jener Zeit bereits 35 Jahre alt, der in dem Hotel der Frau Prinzeſſin von Condé geboden war, deren Ehrendame ſeine Mutter war. Wie er ſagte, ſtammte er von der ſchönen Laura ab, nichts iſt leichter möglich; trotz ihrer platoniſchen Liebe für Petrarec, hatte die ſchöne Laura zwölf Kinder gehabt. In dem Collegium Ludwigs des Großen erzogen, war er im Alter von 13 Jahren in die Chevaulegers eingetreten. Er hatte den ſiebenjäͤhri⸗ gen Krieg mitgemacht, dann hatte er wider ſeinen Willen Fräulein von Montreuil geheirathet. Der Marquis von Sade war reich, er war jung, er war ſchön, er hatte einen ehrenvollen Namen; woher die⸗ ſer verblendete Geiſt, woher dieſes verderbte Herz, woher dieſe unreinen Lüſte, woher dieſe Blutgierde? Eines Abends, an einem Charſamſtage, ging er über den Platz des Victoires, er wurde von einer Frau ange⸗ redet, welche Almoſen von ihm verlangte; er blieb ſtehen, e, ſie war jung und hübſch, er erkundigte — 30— ſich bei ihr, um zu erfahren, ob ſie nicht ein anderes, an⸗ genehmeres und einträglicheres Gewerbe triebe. Sie war rechtſchaffen, dieſe Rechtſchaffenheit ſchien ihn zu rühren; er bedauerte ihre Armuth, er machte ihr den Vorſchlag, ſie als Haushälterin zu nehmen und ſie an die Spitze ſei⸗ nes Haushaltes zu ſtellen; ſie willigte ein, er drückte ihr eine Börſe in die Hand und gab ihr Rendezvous für den folgenden Tag in ſeinem Hauſe von Arcueil. Die Un⸗ glückliche hatte kein Mißtrauen, ſie kam zur beſtimmten Stunde dorthin, der Marquis erwartete ſie, verſchloß die Thüren hinter ihr, erneuerte ſeine Anträge, und da ſie fortfuhr, ſich zu weigern, bemächtigte er ſich ihrer mit dem Degen in der Hand, zwang ſie, ſich zu entkleiden, dann, als ſie nackt war, band er ſie an die Säule eines Bettes, geißelte ſie, machte ihr mit einem Federmeſſer Einſchnitte in den Körper, und ließ in dieſe Einſchnitte ſiedendes Wachs fließen; hierauf entfernte er ſich, indem er ſie blutig und halb verbrannt zurückließ; nun zerriß ſie nach vielen Anſtrengungen ihre Banden, eilte an das Fenſter, rief um Hulfe, und als ſie hierauf Geräuſch auf der Treppe hörte und den Tod den Erneuerungen ihrer Leiden vorzog, ſtürzte ſie ſich aus dem Fenſter. Der Marquis war ruhig nach Paris zurückgekehrt, Alles war gut verſchloſſen, er glaubte, daß ſie gehörig gebunden ſei, und er hoffte vhne Zweifel, daß ſie vor Hunger ſterben würde. Dieſes Mal wurde die Sache vor Gericht gezogen und befolgte ihren Lauf, und der Marquj — 31— hielt ſechs Wochen Gefängniß auf dem Schloſſe Pierre⸗ Enciſe. Nach Verlauf von ſechs Wochen verließ er es, vergaß das unglückliche Mädchen Keller, welche außer den Wun⸗ den, die er ihr beigebracht hatte, bei ihrem Sprunge aus dem Fenſter den Schenkel und den Arm gebrochen hatte. Er zog ſich in ſein Schloß Lacoſte bei Marſeille zurück, kam im Monate Juni 1772 in die Stadt, gab daſelbſt einen Ball, auf welchem er die liebenswürdigſten Frauen der Stadt verſammelte; dann ließ er ſie während des Balles Cantharidenpaſtillen eſſen. Nach Verlauf einer Stunde war der Ball in ein rö⸗ miſches Gelage verwandelt. Drei Frauen ſtarben daran, fünf bis ſechs wurden wahnſinnig darüber. Herr von Sade entfloh, indem er ſeine Schwägerin entführte, und das Parlament von Aix verurtheilte ihn zum Tode. Aber das Urtheil des Parlamentes von Aix wurde umgeſtoßen, und der Marquis löſte ſeinen Kopf für fünf⸗ zig Franken us. Er kehrte zu ück, und gab Juſtine heraus. Die Geſellſchaft ging nicht mehr an dem Abgrunde, ſie ging an der Kloake. Um ein Gegenſtuͤck zu dieſer Zote zu machen, gab der Chevalier von Nerciat im Jahre 1770 Felicia, oder meine Jugendſtreiche heraus. Ein junger Prieſter ſchrieb einen Brief über die Ent⸗ haltſamkeit. Man leſe dieſen Brief in den hiſtoriſchen Be⸗ weisſtücken. — 32— Alle dieſe Anekdoten waren ſehr ſchimpflich, ſehr ſchmuzig, aber es waren die einzigen, welche den König beluſtigten. Herr von Sartines hatte ihm daraus ein Journal gemacht,— das war wieder ein ſinnreicher Ein⸗ fall der Madame Du Barry— ein Journal, das Seine Majeſtät Morgens in ſeinem Bette las. Dieſes Journal wurde in allen ſchlechten Häuſern von Paris, und beſon⸗ ders bei der berüchtigten Gourdan abgefaßt. Eines Tages erfuhr der König durch dieſes Journal, daß Herr von Lorry, Biſchof von Tarves, am Tage zu⸗ vor die Schamloſigkeit gehabt hatte, nach Paris zurückzu⸗ kehren, indem er in ſeinem offenen Wagen Frau Gourdan und zwei ihrer Koſtgängerinnen zurückführte. Dieſes Mal war es zu ſtark; der König ließ den Großalmoſenier be⸗ nachrichtigen, der den Biſchof zu ſich berief. Glücklicherweiſe erklärte ſich dieſes Mal zufällig Alles zum großen Ruhme der Züchtigkeit und der chriſtlichen Liebe des Prälaten. Als er von Verſailles zurückkehrte, hatte der Biſchof von Tarves zu Fuße auf der Heerſtraße drei Frauen neben einer zerbrochen n Kutſche geſehen; von Mitleid über ihre Verlegenheit ergr ken, hatte er ihnen einen Platz in ſeinem Wagen angeboten. Die Gourdan hatte den Vorſchlag ſpaßhaft gefunden und hatte ihn an⸗ genommen. Und Niemand wollte dieſe Treuherzigkeit des Prälaten glauben, Jedermann ſagte zu ihm: Wie? Sie kennen die Gourdan nicht? Wahrlich, das iſt unglaublich! Unter alle dem wurde der merkwürdige muſikaliſche Krieg zwiſchen den Anhängern Gluck —— — 33— hängern Piceinis erklärt, der Hof trennte ſich in zwei Parteien. Jung, poetiſch, mit angeborenem muſikaliſchen Ta⸗ lente, eine Schülerin Glucks, fand die Dauphine in unſe⸗ ren Opern nur eine Sammlung mehr oder minder ange⸗ nehmer kleiner Arien. Als ſie die Trauerſpiele Racines aufführen ſah, hatte ſie den Einfall, ihrem Lehrer Iphi⸗ genia in Aulis zu überſenden und ihn aufzufordern, die Ströme ſeiner Muſik üͤber die harmoniſchen Verſe Ra⸗ eines auszugießen. Nach Verlauf von ſechs Monaten war die Muſik gemacht, und Gluck brachte ſeine Partitur ſelbſt nach Paris. Sobald er angekommen war, wurde Gluck der Gunſt⸗ ling der Dauphine, und hatte zu jeder Stunde freien Zu⸗ tritt in die kleinen Appartements. Man muß ſich an Alles, und beſonders an das Gran⸗ dioſe gewöhnen. Die Muſik Glucks hatte bei ihrem Er⸗ ſcheinen nicht alle d Für die leeren, zirkung, welche ſie machen ſollte. müdeten Herzen iſt der Gedanke nichts; das Geräu der Gedanke iſt eine Be⸗ ſchwerde, das Geräuſch eine Zerſtreuung. Die alte Geſellſchaft zog die italieniſche Muſik, die hellklingende Schelle der melodiſchen Orgel vor. Aus Widerſpruch und weil die Frau Dauphine der deutſchen Muſik den Vorzug gegeben hatte, ergriff Ma⸗ dame Du Barry Partei für die italieniſche Muſik, und ſandte Piccini Texte, Piccini ſandte Partituren zurück, und die junge und die alte Geſellſchaft trennten ſich in zwei Parteien. 4. Band. 3 — 34— Das kam daher, weil gaͤnzlich neue Ideen in Mitte dieſer alterthümlichen franzöſiſchen Geſellſchaft gleich unbe⸗ kannten Blumen auftauchten, welche zwiſchen dem geſpalte⸗ nen Pflaſter von dunkler Farbe, zwiſchen den geſprungenen Steinen eines alten Schloſſes wachſen. Dieſe Ideen waren die engliſchen Ideen; die Gärten mit Tauſend zurückweichenden Alleen, mit Gebüſchen, Gras⸗ plätzen, Blumenkörben, Raſenmatten; es waren Landhäu⸗ ſer, Morgenſpaziergänge ohne Puder und ohne Schminke, mit einem einfachen Strohhute mit breitem Rande, eine Kornblume oder Tauſendſchönchen darauf; es waren Spaziergänger, ein feuriges Pferd führten, gefolgt von Jockeis mit ſchwarzen Mützen, runden Jacken und ledernen Hoſen; es waren Phaötons mit vier Rädern, welche Furore machten; Prinzeſſinnen, wie Hirtinnen ge⸗ kleidet, Schauſpielerinnen, wie Königinnen gekleidet. Es waren die Duthé, die Guimard, di Sophie Arnould, die Prairie, die Clsophile, die ſich Diamanten bedeckten, während die Dauphine, die P n von Lamballe, die Frauen von Polignac, von und von Adhémar ſich nur mit Blumen zu ſchmücken verlangten. Und bei dem undn dieſer ganzen neuen, dem Unbe⸗ kannten zuſchreitenden Geſellſchaft, neigte Ludwig XV. im⸗ mer mehr ſein Haupt. Vergebens ſchwärmte die ausge⸗ laſſene Gräfin, wie eine Biene ſummend, leicht, wie ein Schmetterling, glaͤnzend, wie ein Colibri um ihn herum; kaum erhob der König von Zeit zu Zeit ſeine ſchwere Stirn, auf welcher, wie man hätte ſa ſich mit —— KNR NRN Ax — 35— jedem Augenblicke der Stempel des Todes immer ſichtbarer verbreitete. Das kam daher, weil die Zeit verfloß, das kam da⸗ her, weil man in den zweiten Monat ſeit dem Tode des Marquis von Chauvelin eingetreten war, das kam daher, weil der 5. Mai herbeigekommen war, und weil es am 23. des Monats gerade zwei Monate her war, daß der Marquis geſtorben war. Dann, wie als ob Alles ſich verſchwöre, um ſich der traurigen Prophezeiung anzuſchließen, hatte der Abbé von Beauvais an dem Hofe gepredigt, und in ſeiner Predigt über die Nothwendigkeit ſich zum Tode vorzubereiten, über die Gefahr der Unbußfertigkeit bis zum Tode, hatte er ausgerufen: „Noch vierzig Tage, Sire, und Ninive wird zerſtört ſein.“. So daß, wenn er an Herrn von Chauvelin gedacht hatte, der König an den Abbé von Beauvais dachte; ſo daß, wenn er zu dem Herzoge von Ahen geſagt hatte: — Am 23. wird es zwei Monate her ſein, daß Chau⸗ velin geſtorben iſt, Er ſich nach dem Herzoge von Richelieu umwandte, und murmelte: — Vierzig Tage hat dieſer verteufelte Abbé von Beau⸗ vais geſagt, nicht wahr? Und Ludwig XV. fügte hinzu: — Ich wollte, daß dieſe vierzig Tage vorüber wären. Das war nicht Alles; der Kalender von Lüttich hatte in Bezug auf den Monat April geſagt: 22 — In dem Monate Abril wird eine der am meiſten begünſtigten Frauen ihre letzte Rolle ſpielen. So daß Madame Du Barry in das Jammern des Königs einſtimmte und von dem Monate April das ſagte, was er von den vierzig Tagen ſagte, nämlich: — Ich wünſchte wohl, daß der verfluchte Monat April vorüber waͤre. In dieſem verfluchten Monat April, der Madame Du Barry ſo ſehr erſchreckte, und während der vierzig Tage, welche die Leidenszeit des Königs waren, verviel⸗ faͤltigten ſich die Vorbedeutungen. Der Geſandte von Genua, den der König häufig ſah, ſtarb eines plötzlichen Todes. Der Abbé de la Ville, welcher zu ſeinem Lever kam, um ihm für die Stelle als Director der auswärtigen Angelegenheiten zu danken, die er ihm gegeben hatte, rollte, von einem Schlagfluſſe in ſeiner Gegenwart getroffen, zu ſeinen Füßen. Endlich ſchlug der Blitz, als der König auf der Jagd war, neben ihm ein. Alles das machte ihn immer trauriger. Man hatte etwas von der Rückkehr des Frühlings ge⸗ hofft; dieſe Natur, welche im Monat Mai ihr Leichentuch abſchüttelt, dieſe Erde, welche wieder grün wird, dieſe Bäume, welche ihre Frühlingsgewänder anlegen, dieſe Luft, welche ſich mit lebendigen Atomen bevölkert, dieſe Flam⸗ menhauche, welche mit den Lüften vorüberziehen, die Kör⸗ per ſuchende Seelen zu ſein ſcheinen: alles das konnte die⸗ ſem trägen Stoffe einiges Leben, dieſer abgenutzten Ma⸗ ſchine einige Bewegung wieder geben. Gegen die Mitte des April ſah Lebel bei ihrem Vater —— — 327— die Tochter eines Müllers, deren außerordentliche Schön⸗ heit ihn überraſchte; er meinte, daß das ein Leckerbiſſen wäre, der den Appetit des Königs wieder wecken könnte, und er ſprach ihm voll Begeiſterung davon. Ludwig XV. willigte nachläſſig in dieſen neuen Zerſtreuungsverſuch ein. Im Allgemeinen gingen die jungen Mädchen, welche Ludwig XV. mit ſeiner königlichen Güte beehren oder entehren ſollte, bevor ſie zu dem Könige gelangten, durch die Unterſuchung der Aerzte, dann durch die Hände Le⸗ bels, und gelangten dann endlich zu dem Könige. Dieſes Mal war das junge Mädchen ſo friſch und ſo hübſch, daß alle dieſe Vorſichtsmaßregeln vernachläſſigt wurden, und wären ſie auch getroffen worden, ſo würde es doch dem geſchickteſten Arzte ſchwer geweſen ſein zu er⸗ kennen, daß ſie ſeit einigen Stunden die Blattern hatte. Der König hatte dieſe Krankheit bereits in ſeiner Kindheit gehabt, aber zwei Tage nach ſeinem Verkehre mit dieſem jungen Mädchen zeigte ſie ſich ein zweites Mal. Eine andere, ſchlecht geheilte Krankheit erſchien zu gleicher Zeit wieder, was die Pariſer ſagen ließ, als man ihnen kund that, daß Ludwig XV. an den Blattern(la petite verole) geſtorben wäre: Bei den Großen gibt es nichts Kleines. Man machte auch folgende Grabſchrift: La vérole par un bienfait A mis enfin Louis quionze en terre: En dix jours la petite a fait Ce que pendant vingt ans la grosse n'a pu faire. (Die Luſtſeuche hat durch eine Wohlthat Ludwig XV. end⸗ lich unter die Erde gebracht: in zehn Tagen hat die Kleine das gethan, was die große in zwanzig Jahren nicht hat thun können.)*) Endlich kam ein bösartiges Fieber zu dem allen hin⸗ zu und verwickelte die Lage. Am 29. April zeigte ſich der erſte Ausbruch, und der Erzbiſchof von Paris, Chriſtoph von Beaumont, eilte nach Verſailles herbei. Dieſes Mal war die Lage ſonderbar. Die Reichung der Sacramente, wenn die Nothwendigkeit ſich dazu fühlen ließ, konnte erſt nach der Ausweiſung der Concubine ſtattfinden, und dieſe Concubine, welche der Partei der Jeſuiten angehörte, deren Haupt Chriſtoph von Beaumont war, dieſe Concubine hatte, nach der Ausſage des Erzbi⸗ ſchofes ſelbſt, durch den Sturz des Miniſters Choiſeul und durch den Sturz des Parlamentes der Religion ſo wichtige Dienſte erwieſen, daß es unmöglich war, ſie den Kirchengeſetzen gemäß zu entehren. Die Häupter dieſer Partei waren mit Herrn von Beaumont und Madame Du Barry, der Herzog von Aiguillon, der Herzog von Richelieu, der Herzog von Fronſac, Maupeou und Terray. Alle wurden mit demſelben Stoße geſtürzt, der Ma⸗ dame Du Barrh ſtürzte. Sie hatten daher keinen Grund, ſich gegen ſie zu erklären. 3 *) La petite verole: verole iſt die Luſtſeuche, und les pe- tites veroles ſind die Blattern. — ᷣ 8 11 2 4 — — 39— Die Partei des Herrn von Choiſeul dagegen, welche überall, bis in das Schlafzimmer des Königs vertheilt war, verlangte die Ausweiſung der Favoritin und eine ſchnelle Beichte; was um ſo merkwürdiger ſich ausnahm, da es die Partei der Philoſophen, der Janſeniſten und der Atheiſten war, welche den König zur Beichte antrieben, während der Erzbiſchof von Paris, die Religiöſen und die Frommen eher wünſchten, daß der König ſich weigern möchte, zu beichten. So war die ſeltſame Meinung der Gemüther, als am 1. Mai, um halb zwölf Uhr Vormittags, der Erzbiſchof erſchien, um den kranken König zu beſuchen. Als ſie erfuhr, daß der Erzbiſchof angekommen wäre, entfloh die arme Madame Du Barry auf jeden Zufall hin. Der Herzog von Richelieu kam dem Prälaten entge⸗ gen, deſſen Abſichten er noch nicht kannte. — Gnädiger Herr, ſagte der Herzog, ich beſchwöre Sie, den König nicht durch dieſen theologiſchen An⸗ trag zu erſchrecken, der ſo vielen Kranken den Tod ge⸗ bracht hat. Wenn Sie aber neugierig ſind, hübſche und artige Sünden zu hören, ſo ſetzen Sie ſich dort hin, ich werde an der Stelle des Königs beichten und Ihnen ſo ſtarke Sünden bekennen, daß Sie noch keine ähnlichen ge⸗ hört haben werden, ſeitdem Sie Erzbiſchof von Paris ſind. Wenn Sie jetzt meinen Vorſchlag nicht genehmigen, wenn Sie durchaus den König zur Beichte hören und in Verſailles die Auftritte des Biſchofs von Soiſſons in Metz erneuern wollen, wenn Sie Madame Du Barrh mit Auf⸗ — = 40— ſehen fortſchicken wollen, ſo bedenken Sie die Folgen und ihre eigenen Intereſſen; Sie ſich ern den Triumph des Her⸗ zogs von Choiſeul, Ihres grimmigſten Feindes, von dem Sie zu befreien, Madame Du Barrh ſo viel beigetragen hat, und Sie verfolgen Ihre Freundin zu Gunſten Ihres Feindes; ja, gnädiger Herr, Ihre Freundin, und ſo ſehr Ihre Freudin, daß ſie noch geſtern zu mir ſagte: der Herr Erzbiſchof möge uns in Ruhe laſſen, und er wird ſeinen Kardinalshut erhalten; ich bin es, die es übernimmt, und die Ihnen dafür bürgt. Der Erzbiſchof von Paris hatte Herrn von Richelieu ſprechen laſſen, obgleich im Grunde derſelben Anſicht, als er, war es nöthig, daß er ſich das Anſehen gab, überre⸗ det worden zu ſein. Glücklicherweiſe ſchloſſen der Herzog von Aumont, Madame Adelaide und der Biſchof von Senlis ſich dem Marſchalle an, und lieferten dem Präla⸗ ten Waffen gegen ſich ſelbſt. Es hatte das Anſehen, als wolle er nachgeben, er verſprach, nichts zu ſagen und trat zu dem Könige ein, dem er durchaus nicht von der Beichte ſprach, was den erlauchten Kranken ſo ſehr zufrieden ſtellte, daß er auf der Stelle Madame Du Barrh zurückrufen ließ, deren ſchöne Hände er, vor Freude weinend, küßte. Am folgenden Morgen, am 2. Mai, befand ſich der König ein wenig beſſer; ſtatt Lamartinièrs, ſeines Leib⸗ arztes, hatte ihm Madame Du Barry ihre beiden Aerzte, Lorry und Bordeu gegeben. Den beiden Doctoren war vor allen Dingen anempfohlen worden, dem Könige die Natur ſeiner Krankheit zu verhehlen, ihm die Lage zu ver⸗ ſchweigen, in welcher er ſich befände und beſonders den = 41— Gedanken von ihm zu entfernen, daß err krank genug wäre, um nöthig zu haben, ſeine Zuflucht zu den Prieſtern zu nehmen. Dieſe Beſſerung der Geſundheit des Königs erlaubte der Gräfin wieder, einen Augenblick lang ihre freien Mie⸗ nen, ihre gewöhnlichen Aeußerungen, ihre gewohnten Ar⸗ tigkeiten anzunehmen. Aber in dem Augendlicke ſelbſt, wo es ihr gelang, den Kranken durch Einfälle und durch Witz lächeln zu laſſen, erſchien Lamartinière, dem man ſeinen freien Eintritt nicht genommen hatte, auf der Schwelle der Thür, und beleidigt durch den Vorzug, den man Lorry und Bordeu vor ihm gab, ging er gerade auf den König zu, fühlte ihm den Puls und ſchüttelte den Kopf. Der König hatte ihn gewaͤhren laſſen, indem er ihn voll Schrecken anblickte. Dieſer Schrecken vermehrte ſich noch, als er das entmuthigende Zeichen ſah, welches Lamar⸗ tinisre machte. — Nun denn! Lamartinière? — Nun denn! Sire, wenn meine Collegen Ihnen nicht geſagt haben, daß die Sache gefährlich iſt, ſo ſind es Eſel oder Lügner. — Was habe ich nach Deiner Meinung, Lamartinisre? fragte der König. — Bei Gott! Sire, das iſt nicht ſchwer zu ſehen; Eure Majeſtaͤt hat die Blattern. — Und Du ſagſt, daß Du keine Hoffnung haſt, mein Freund? 3 — Das ſage ich nicht, Sire, ein Arzt verzweifelt niemals. Ich ſage nur, daß, wenn Eure Najeſtät nicht — QböVöbIb 1 — 42— nur dem Namen nach der Allerchriſtlichſte König iſt, ſie darüber nachdenken muß. — Es iſt gut, ſagte der König. Fiierauf rief er Madame Du Barry und ſagte zu ihr: — Sie hören, meine Liebe, ich habe die Blattern, und meine Krankheit iſt höchſt gefährlich, zuvörderſt wegen meines Alters, und dann wegen meiner andern Krankhei⸗ ten. Lamartinière hat mich daran erinnert, daß ich der Allerchriſtlichſte König und der älteſte Sohn der Kirche bin, meine Liebe. Vielleicht werden wir uns trennen müſſen. Ich will einen Auftritt gleich dem in Metz vermeiden. Benachrichtigen Sie den Herzog von Ai⸗ guillon von dem, was ich Ihnen ſage, damit er mit Ihnen Anſtalten trifft, um uns ohne Aufſehen zu trennen, wenn meine Krankheit ſich verſchlimmern ſollte. In dem Augenblicke, wo der König das ſagte, begann die ganze Partei des Herzogs von Choiſeul ganz laut zu murren, indem ſie den Erzbiſchof der Gefälligkeit beſchul⸗ digte, und ſagte, daß er, um Madame Du Barry nicht zu ſtören, den König ohne Sacramente ſterben laſſen würde. Dieſe Beſchuldigungen gelangten zu den Ohren des Herrn von Beaumont, der, um ſie aufhören zu laſſen, den Entſchluß faßte, nach Verſailles in das Kloſter der Lazariſten zu gehen, um dadurch das Publikum zu täu⸗ ſchen, und den günſtigen Moment zu benutzen, wo er ſeine religiöſen Ceremonien anbringen könnte, um Madame Du Barry erſt dann zu opfern, wenn der König ſich in einem gänzlich rettungsloſen Zuſtande befinden würde. 8 3N t n** — 43— Es war am 3. Mai, wo der Erzböiſchof nach Ver⸗ ſailles zurückkehrte; dort angekommen, erwartete er. Während dieſer Zeit trugen ſich um den König her⸗ um ſcandalöſe Auftritte zu. Der Kardinal de la Roche⸗ Aymon war der Meinung des Erzbiſchofes von Paris, und wünſchte, daß ſich Alles ohne Aufſehen zutrüge; dem war aber nicht ſo mit dem Biſchofe von Carcaſſonne, wel⸗ cher den Glaubenseiferer ſpielte, die Auftritte von Metz erneuerte und laut ſagte: daß es nöthig ſei, daß der König die letzte Oelung erhielte, daß die Concubine ausgewieſen würde, daß die Ge⸗ ſetze der Kirche vollzogen würden und daß der König dem chriſtlichen Europa und Frank⸗ reich, das er ſcandaliſirt hätte, ein Beiſpiel der Reue gäbe. — Und mit welchem Rechte ertheilen Sie mir Rath? rief Herr de la Roche⸗Aymon unwillig geworden aus. Der Biſchof nahm ſein Hirtenkreuz von ſeinem Halſe ab, und hielt es dem Prälaten faſt unter die Naſe. — Mit dem Rechte, welches mir dieſes Kreuz verleiht, ſagte er. Lernen Sie dieſes Recht achten„ gnädiger Herr, und laſſen Sie Ihren König nicht ohne die Sacramente der Kirche ſterben, deren älteſter Sohn er iſt. Alles das trug ſich in Gegenwart des Herrn von Aiguillon zu. Er ſah den ganzen Scandal ein, welcher aus einem ſolchen Streite hervorgehen würde, wenn er ſich veröffentlichte. Er trat zu dem Könige ein. — 44— — Nun denn! Herzog, ſagte der König zu ihm, ha⸗ ben Sie meine Befehle ausgeführt? — In Bezug auf Madame Du Barry, Sire? — Ja. — Ich habe warten wollen, bis ſie mir von Eurer Majeſtät erneuert würden. Ich werde niemals Eile dar⸗ auf verwenden, den König von den Perſonen zu rrennen, welche ihn lieben. — Ich danke, Herzog, aber es muß ſein; nehmen Sie die arme Gräfin und führen Sie dieſelbe ohne Aufſehen auf Ihr Landgut von Rueil; ich werde der Frau von Aiguillon Dank für die Aufmerkſamkeiten wiſſen, welche ſie für ſie haben wird. Trotz dieſer ſehr förmlichen Aufforderung wollte Herr von Aiguillon die Abreiſe der Favoritin noch nicht be⸗ ſchleunigen, und verbarg ſie in dem Schloſſe, indem er ihre Abreiſe für den folgenden Tag meldete. Dieſe Mel⸗ dung beſaͤnftigte die geiſtlichen Forderungen ein wenig. Der Herzog von Aiguillon hatte übrigens gut gethan, daß er Madame Du Barry in Verſailles behalten hatte, denn im Laufe des Tages vom 4. verlangte ſie der König mit ſo vieler Beharrlichkeit zurück, daß der Herzog ihm geſtand, daß ſie noch da wäre. — Dann laſſen Sie ſie kommen, laſſen Sie ſie kom⸗ men, rief der König aus. Madame Du Barrh trat daher ein letztes Mal wie⸗ der ein, ein letztes Mal drückten ſich die verfaulten Lippen des Sterbenden auf ihre roſigen Lippen, und ſeine mit Blattern bedeckte Hand glitt in ihren Buſen. 8 N* ——8*= — 45— — Ach! Gräfin, Graͤfin! ſagte der König, was be⸗ daure ich dieſe rührenden Schönheiten zu verlieren; aber wir müſſen uns trennen; gehen Sie, Gräfin, gehen Sie. Die Gräfin entfernte ſich, ganz in Thränen zerflie⸗ ßend; die arme Frau, welche gutmüthig, unüberlegt, lie⸗ benswürdig, nachgiebig war, liebte Ludwig XV., wie man einen Vater liebt. Frau von Aiguillon ließ Madame Du Barry mit Mademoiſelle Du Barrh die ältere in die Kutſche ſteigen, und führte ſie nach Rueil, um die Ereigniſſe abzuwarten. Kaum war ſie außerhalb der Höfe, als der König ſie nochmals zurückverlangte. — Sie iſt abgereiſt, antwortete man ihm. — Abgereiſt? wiederholte der König, dann iſt an mir die Reihe, gleichfalls abzureiſen.— Befehlt, daß man zu der heiligen Genoveva betet. Herr de la Vrillisre ſchrieb ſogleich an das Parlament, welches in äußerſten Fällen das Recht hatte, die alte Re⸗ liquie zu öffnen oder zu ſchließen. Die Tage des 5. und des 6. verfloſſen, ohne daß man von der Beichte, dem Abendmahle oder der letzten Oelung ſprach. Der Pfarrer von Verſailles erſchien in der Abſicht, den König zu dieſer frommen Feier vorzube⸗ reiten; aber er begegnete dem Herzoge von Fronſac, der ihm ſein adeliges Wort gab, daß er ihn bei dem er⸗ ſten Worte, das er darüber ſagte, aus dem Fenſter wer⸗ fen würde. — Wenn ich mich im Fallen nicht tödte, antwortete —— —————— 2 - 46— der Pfarrer, ſo werde ich durch die Thür zurückkehren, denn das iſt mein Recht. Aber am 7. um drei Uhr Morgens war es der Kö⸗ nig, der dringend den Abbé Mandoux verlangte, einen armen Prieſter ohne Ränke, einen gutmüthigen Geiſtlichen, den man ihm zum Beichtvater gegeben hatte, und der blind war. Seine Beichte dauerte ſiebenzehn Minuten. Als die Beichte beendigt, wollten die Herzöge de la Vrillisre und d'Aiguillon das Abendmahl verzögern; aber Lamartinière, ein perſönlicher Feind der Madame Du Barry, welche Lorrh und Bordeu bei dem Könige einge⸗ führt hatte, ſagte, indem er ſich dem Könige näherte: — Sire, ich habe Eure Majeſtät unter ſehr ſchwieri⸗ gen Umſtaͤnden geſehen, aber niemals habe ich ſie, wie heute, bewundert;z wenn ſie mir folgen will, ſo wird ſie auf der Stelle das beendigen, was ſie ſo gut begonnen hat. Der König ließ nun Mandoux zurückberufen, und Mandouy ertheilte ihm die Abſolution. Was dieſe glänzende Genugthuung anbetrifft, welche Madame Du Barrh feier⸗ lich vernichten ſollte, ſo war keine Rede mehr davon. Der Großalmoſenier und der Erzbiſchof hatten gemeinſchaftlich folgende Formel aufgeſetzt, welche in Gegenwart des Sa⸗ cramentes proclamirt wurde: Obgleich der König nur Gott allein Re⸗ chenſchaft von ſeinen Handlungen ſchuldig iſt, ſo erklärt er doch, daß er es bereut, ſeinen Unterthanen Aergerniß verurſacht zu haben, und daß er nur für die Aufrechterhaltung — 47— der Religion und das Glück ſeiner Völker zu leben wünſchte. Die durch Madame Louiſe, welche ihr Kloſter ver⸗ laſſen hatte, um ihren Vater zu verpflegen, vermehrte kö⸗ nigliche Familie empfing das heilige Sacrament am Fuße der Treppe. Der König empfing das Viaticum. Indem er ſich nun an den Biſchof von Senlis wandte, ſagte er: — Sehen Sie nach, ob die Hoſtie nicht unglücklicher Weiſe an dem Eiter meiner Blattern hängen bleibt. Er machte den Mund auf, und der Biſchof beruhigte ihn, indem er ihm ſagte, daß er Alles verſchluckt habe. Während der König die Sacramente empfing, ſchrieb der Dauphin, den man von dem Könige entfernt hielt, da er die Blattern nicht gehabt hatte, an den Abbe Terray: „Herr Generalcontroleur, „Ich bitte Sie, an die Armen der Gemeinde von Paris zwei Mal Hunderttauſend Livres vertheilen zu laſ⸗ ſen, um für den König zu beten. Wenn Sie finden, daß das zu theuer iſt, ſo behalten Sie dieſelben von dem Jahr⸗ gehalte der Frau Dauphine und dem meinigen zurück. „Unterz. Ludwig Auguſt.“ Im Laufe der Tage des 7. und 8. verſchlimmerte ſich die Krankheit. Der König fühlte ſeinen Körper buchſtäblich, geſagt, fetzenweiſe vergehen. Von ſeinen Hofleuten ver⸗ laſſen, welche nicht mehr wagten, bei dieſer lebendigen — — 48— Leiche zu bleiben, hatte er keine anderen Wärter mehr, als ſeine drei Töchter, die ihn keinen Augenblick ver⸗ ließen. Der König war entſetzt. Er ſah in dieſem ſchrecklichen Brande, welcher ſich des ganzen Körpers bemächtigte, eine unmittelbare Strafe des Himmels. Für ihn war die un⸗ ſichtbare Hand, welche ihn mit ſchwarzen Flecken bezeich⸗ nete, die Hand Gottes. In einem Phantaſiren, das um ſo ſchrecklicher war, als es nicht das des Fiebers, ſondern das der Gedanken war, ſah er Flammen, ſah er den glühenden Abgrund, und er rief ſeinen Beichtvater, den armen blinden Prieſter, ſeine einzige Zuflucht, damit er zwiſchen ihm und dem Feuerpfuhle das Crucifix ausſtreckte. Nun nahm er ſelbſt Weihwaſſer, er ſelbſt hob die Bett⸗ tücher und die Decken auf, er ließ unter Geſtöhn des Schreckens das heilige Waſſer auf ſeinen ganzen Körper rieſeln, dann verlangte er das Crucifix, ergriff es mit vollen Händen, küßte es inbrünſtig, wobei er ausrief: Herr! Herr! bitte für mich, für mich, den größten Sün⸗ der, der jemas gelebt hat. In dieſen ſchrecklichen und verzweifelten Aengſten ver⸗ floß der Tag des 9. Während dieſes Tages, der nur eine lange Beichte war, verließen ihn weder der Prieſter, noch ſeine Töchter. Sein Körper war von dem abſcheulich⸗ ſten Brande befallen, und, lebendig, dünſtete die Leiche des Königs einen ſolchen Geruch aus, daß zwei Bedienten er⸗ ſtickt zu Boden ſanken, und daß der eine von ihnen ſtarb. Am 10. Morgens ſah man durch das geborſtene Fleiſch die Knochen ſeiner Schenkel; drei andere Bedienten wurden ohnmächtig. Der Schrecken verbreitete ſich in Ver⸗ ſailles. Die ganze Dienerſchaft entfloh. Es gab keine anderen lebendigen Weſen mehr in dem Palaſte, als die drei edlen Töchter und den würdigen Prieſter. Der ganze Tag des 10. war nur ein Todeskampf; der bereits todte König entſchloß ſich nicht zu ſterben; man hätte ſagen können, daß er ſich aus dem Bette, dem vorzeitigen Grabe, ſtürzen wollte. Endlich, um drei Uhr weniger fünf Minuten, richtete er ſich auf, ſtreckte die Hände aus, heftete die Augen auf einen Punkt des Zim⸗ mers, und rief aus: — Chauvelin! Chauvelin! es ſind indeſſen noch keine zwei Monate verfloſſen... hierauf ſank er wieder zurück und ſtarb. Welche Tugend Gott auch in das Herz der drei Prin⸗ zeſſinnen und des Prieſters gelegt hatte, als der König ge⸗ ſtorben, hielten ſie, wie er, ihr Werk für beendigt; außer⸗ dem waren alle drei bereits von der Krankheit befallen, welche den König getödtet hatte. Die Sorge für das Leichenbegaͤngniß wurde dem Oberceremonienmeiſter überlaſſen, der alle ſeine Verfügun⸗ gen traf, ohne den Palaſt zu betreten. Man fand nur die Abtrittsfeger von Verſailles, die es wagten, den König in den bleiernen Sarg zu legen, der ihm vorbereitet war; er wurde ohne Balſam, ohne Gewürze, in die Betttücher gewickelt, auf denen er geſtorben war, und in dieſe letzte Wohnarg gelegt; dann vunde dieſer Ludwig der Fünfzehnte. 4. Band. 4 8 — 50— bleierne Sarg in einen hölzernen Sarg geſtellt, und das Ganze in die Kapelle getragen. Am 12. wurde der, welcher Ludwig XV. geweſen war, nach Saint⸗Denis gebracht; der Sarg befand ſich auf einem großen Jagdwagen. Eine zweite Kutſche war von dem Herzoge von Ahen und dem Herzoge von Beaumont beſetzt; dann kamen in der dritten der Großalmoſenier und der Pfarrer von Verſailles. Ohngefähr zwanzig Pagen und fuͤnfzig Stallknechte zu Pferde und mit Fackeln bilde⸗ ten das Gefolge. Der um acht Uhr Abends von Verſailles abgegan⸗ gene Leichenzug kam um eilf Uhr in Saint⸗Denis an. Die Leiche wurde in die königliche Gruft hinabgebracht, aus welcher ſie erſt am Tage der Entweihung von Saint⸗ Denis hervorgehen ſollte, und der Eingang des unterirdi⸗ ſchen Gewölbes wurde nicht allein verſchloſſen, ſondern hermetiſch verwahrt, damit keine Ausdünſtung dieſes menſchlichen Miſtes aus der Wohnung der Todten in den Aufenthalt der Lebenden dränge. Wir haben den Jubel der Pariſer bei dem Tode Lud⸗ wigs XIV. erzählt. Dieſer Jubel war nicht minder groß, als ſie ſich deſſen entledigt ſahen, dem ſie dreißig Jahre zuvor den Beinamen des Vielgeliebten gegeben hatten. Man neckte den Pfarrer von Genoveva über die Wirk⸗ ſamkeit der Reliquien. — Ueber was beklagt Ihr Euch denn, ſagte er, iſt er nicht geſtorben? Am folgenden Tage erhielt Madame Du Barry in Rueil einen Verbannungsbefehl. tr, — 51— Sophie Arnould erfuhr zu gleicher Zeit den Tod des Königs und die Verbannung der Madame Du Barry. — Ach! ſagte ſie, da ſind wir jetzt Waiſe von Vater und Mutter. Das war die einzige, auf dem Grabe von dem En⸗ kel Ludwigs XIV. ausgeſprochenen Leichenrede. — Ein ſchöner Anfang der Regierung, ſagte Madame Du Barry, als ſie den Verweiſungsbefehl erhielt, welchen ihr der Herzog de la Vrillisre übergab. Das war die Eröffnungsrede der Regierung Lud⸗ wig XVI. 4* III. Ein Blick auf das Geſchehene.— Stand der europäiſchen Angelegenheiten bei dem Tode Ludwigs XV.— Ganganelli gelangt auf den päpſtlichen Stuhl.— Das Aufhebungs⸗ breve.— Die Familie Maria Thereſias.— Georg III.— Sein Wahnſinn.— Katharina II.— Sie läßt ihren Mann durch Gregor Orloff erdroſſeln.— Belohnungen.— Waſſi⸗ littſchikoff, zweiter Kaiſer.— Die Semiramis des Nor⸗ dens.— Ihre Eroberungen.— Ihre Reiſen.— Potemkin. — Seine feeiſchen Improviſationen.— Der Triumphbogen. — Schmeicheleien der franzöſiſchen Philoſophen.— Frie⸗ drich II.— Seine Politik.— Sein Tod.— Guſtav III. — Seine Pläne.— Hinrichtung Struenſees.— Muſtapha III. gelangt auf den Thron durch eine Revolution des Se⸗ rails.— Verfall des Ottomaniſchen Reiches.— Die Enkel Ludwigs XV. An das Ende einer der längſten Regierungen der Monarchie gelangt, und bereit, in eine Regierung einzu⸗ treten, in welcher die Monarchie untergehen ſollte, iſt es unerläßlich, daß wir einen Blick zurückwerfen und auf eini⸗ gen Seiten, um ſie dem Leſer vorzulegen, die Ereigniſſe nochmals durchgehen, welche wir in vier Bänden erzählt haben. Bei dem Tode Ludwigs XIV. war die franzöſiſche Monarchie, wo nicht noch glänzend mit ihrem ganzen Ruhme, doch zum Mindeſten mit ihrem ganzen Blendwerke noch ſtark. Indem er immerhin ſchwach wurde, hatte Ludwig XIV., wie ſonderbar, das Vorrecht gehabt, groß zu bleiben. Aber von Ludwig XIV. an ſcheint das Ge⸗ ſchlecht der großen Männer anzufangen auszuſterben. Kein Turenne, kein Berwick, kein Condé, kein Vauban, kein Fouquet, kein Racine, kein Corneille, kein Molière, kein Boſſuet, keine Fénélon mehr; Talent ſtatt Genie, Praxis ſtatt Wiſſenſchaft, Manier ſtatt des Styls. Ludwig XIV. ſtarb, und wie als ob man nur den Tag ſeines Todes abgewartet hätte, um das mit ſo vieler Mühe von Richelieu vorbereitete, mit ſo vieler Gewandt⸗ heit von Mazarin erhaltene, mit ſo vieler Mühe von ihm beendigte Gebäude der monarchiſchen Einheit umzuſtürzen. Der Regent zerſplitterte die Gewalt, indem er Räthe ſchuf; Ludwig XIV. that Alles durch ſich ſelbſt, ſelbſt das, was ihn Frau von Maintenon thun ließ. Der Re⸗ gent ließ Alles durch Dubois thun. Ludwig XIV. predigte Strenge der Sitten, trieb die Frömmigkeit bis zur Fröm⸗ melei. Der Regent trieb die Ausſchweifung bis zum Cy⸗ nismus, die religiöſe Gleichgültigkeit bis zur Gottloſigkeit. Zu Grunde gerichtet, zögerte Ludwig XIV., die geringſte — — — 54— Finanzoperation zu verſuchen; ſchmeichelte er den Päch⸗ tern; ließ Samuel Bernard Verſailles ſehen; der Regent erlaubte Law alle bekannten Finanztheorien umzuſtürzen, das Papier an die Stelle des Geldes treten zu laſſen, ſchnürte den Finanzmännern den Hals zu, bis daß ſie drei Hundert Millionen von ſich gaben, und ſandte Bourvallet auf den Grsveplatz. Dann, wie Richelieu ſtarb, indem er Ludwig XIII. nach ſich zog, ſtarb Dubois, indem er den Regenten in ein dem ſeinigen benachbartes Grab nach ſich zog. Wir haben das Miniſterium des Herrn Herzogs, den Einfluß der Brüder Paris, den Einfluß der Frau von Prie geſehen; unter ſeinem Miniſterium, wie unter dem des Abbé Dubois dauerten die Verſchleuderungen fort, die Ausſchweifung nahm zu; die Wüſtlinge waren die Fürſten der Generation. Endlich ſchlug der Herr Herzog unter dem Titel des Fünfzigſtels eine Steuer vor, welche vor⸗ zugsweiſe den Adel und die Geiſtlichkeit betraf, und eine Empörung des Adels und der Geiſtlichkeit war Urſache ſeiner Verbannung nach Chantillh. Nun kam der friedliche Kardinal von Fleury, ein ſchüchterner Mann, aber fanatiſcher Prieſter, ſchwach in der Politik, ſtreng in der Religion, der ſich Fuß vor Fuß der Gewalt bemächtigte und gleichſam wider ſeinen Willen die Finanzen wiederherſtellte, nicht dadurch, daß er neue Hülfsquellen ſchuf, ſondern indem er Nachleſe hielt; der zitterte, ſobald man ihm von Krieg ſprach, und der dennoch, indem er die antiöſterreichiſche Politik Heinrichs IV., Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV. fortſetzte, einen Bourbon auf den Thron von Neapel ſetzte, Preußen Schleſien erobern half, ſich der Niederlande bemächtigte, das Herzogthum Bar mit Frankreich vereinigte, und die Wiedervereinigung Lothringens vorbereitete. Nun begann wieder eine Generation, nicht von Män⸗ nern von Genie, aber von Männern von Talent zu er⸗ ſcheinen: Belle⸗Isle, Lowendhal, der Marſchall von Sach⸗ ſen und Chevert bei den Armeen; Rouſſeau, Voltaire, d'Alembert, Diderot, Boulanger, Raynal, Philoſophen ſtatt der Dichter. Endlich, nach fünfzehnjähriger Regierung, ſtarb Fleurh, und überließ Herrn von Choiſeul den Platz. Nun änderte ſich noch einmal Alles, Sitten und Po⸗ litik. Das Miniſterium des Herrn von Choiſeul war die Regierung der von Fleury verfolgten Philoſophen, und wir verbündeten uns mit Oeſterreich, das Ludwig XIV. zerſtückelte, der ihm Spanien, die beiden Indien und Hoch⸗ burgund genommen hatte. Das Reſultat dieſes Bündniſſes war der verderbliche ſiebenjährige Krieg, der Verluſt unſe⸗ rer Colonien in Canada, die Wegnahme unſerer Colonien in Indien. Wie der Herr Herzog das Fünfzigſtel von dem Adel und von der Geiſtlichkeit erheben wollte, ſo wollte Machault das Zwanzigſtel erheben, und der Geiſt⸗ lichkeit, deren Vergrößerung ihn erſchreckte, verbieten, neue Güter zu erwerben. Nun erklärte die Geiſtlichkeit jenen denkwürdigen Diverſionskrieg, den wir erzählt haben, und in welchem ihre Waffen die Verweigerung der Sacramente waren. Der Krieg endigte durch den Mordverſuch Da⸗ miens, den das Parlament den Jeſuiten zur Laſt legte, —————— ———-ę—— — — — — 56— über den die Jeſuiten die Janſeniſten beſchuldigten, wegen deſſen die Janſeniſten den Dauphin beſchuldigten. Die Jeſuiten trugen die Strafe des Verbrechens, das ſie nicht begangen hatten und wurden fortgejagt. Gegen dieſe Zeit dachte Ludwig XV. an das Mißge⸗ ſchick, das uns verfolgte, ſeitdem wir Oeſterreich die Hand boten, und verſuchte, dem Einfluſſe Maria Thereſias und des Herzogs von Choiſeul zu entgehen. Aber die Sterb⸗ lichkeit entſtand in Verſailles. Frau von Pompadour ſtarb, der Dauphin ſtarb, die Dauphine ſtarb, der Herzog von Berry ſtarb, die Königin ſtarb. Eine neue Favoritin wurde vorgeſtellt, welche am Ende Herrn von Choiſeul ſtürzte und Herrn von Aiguillon einſetzte. Nun anderte ſich der Stand Europas ein drittes Mal. Wir ſchloſſen uns den kleinen Staaten Europas wieder an, die wir gänzlich vernachläſſigt hatten, und trotz der Verheirathung des Dauphins mit der Tochter Maria Thereſias wurde das Bündniß mit dem Hauſe Oeſterreich mit jedem Tage lockerer. Im Inneren waren die Parlamente vernichtet, und man befand ſich im vollen Widerſtreite mit der Politik Choiſeuls, als König Ludwig XV. ſtarb, indem er Ludwig XVI. und Maria Antoinetten den Thron hinterließ. Seit fünfundſechzig Jahren hatte es übrigens keinen wahren König von Frankreich gegeben. Von 1710 bis 1715 war es Frau von Maintenon, der Beichtvater und die Baſtarde, welche den König regiert hatten. Von 1715 bis 1725 waren es die Dubois, Law, en dArgenſon, die Wüſtlinge, welche den Regenten regiert hatten. as Von 1725 bis 1727 waren es Frau von Prie und der Herr Herzog, welche den Staat regierten. dee Von 1727 bis 1742 war es Herr von Fleury, wel⸗ nd cher den König regierte. nd Von 1742 bis 1771 waren es Herr von Choiſeul und b⸗ Frau von Grammont. eb. Endlich von 1771 bis 1774 waren es Maupeou, von on Aiguillon und Terray. tin Sehen wir jetzt über allen dieſen männlichen Mächten eul ſich den Einfluß der Frauen erheben. Seit Hundert Jahren rte gehörte Europa den Frauen an; ſechs Frauen hatten ſeit ſen Hundert Jahren wirklich über die Welt regiert. vir Man hat in unſerem Jahrhunderte Ludwig XIV.) ge⸗ ng ſehen, wie groß der Einfluß der Frau von Maintenon de auf die letzten dreißig Jahre des Königs geweſen war. ge Man hat geſehen, wie groß der Einfluß der Prin⸗ zeſſin Urſini auf Philipp V. war. nd Man hat geſehen, daß Philipp V. dem Einfluſſe der ttik Prinzeſſin Urſini nur entgangen war, um in die Hände ig der Prinzeſſin von Parma, ſeiner zweiten Frau, zu fallen. en Sie war es, welche in Madrid die Gewalt Ludwigs XIV. erbte. Beinahe dreißig Jahre lang ſetzte ſie den gan⸗ on, zen Süden Europas in Bewegung, um den Zweck zu ert *) Ludwig XIV. und ſein Jahrhundert. Aus dem Franzoͤſi⸗ w, ſchen von Dr. E. Suſemihl. 6 Bde. 2 ¾ Thlr. erreichen, daß die Kinder ihrer Ehe über Parma und Neapel herrſchten. Während ihrer thätigen Regierung, während ihrer ehrgeizigen Intriguen, blieb das übrige Eu⸗ ropa unthätig. Frankreich war ihr Werkzeug; Italien war ihr Schauplatz. Zu ihren Gunſten floſſen Ströme von Blut in Italien, in Deutſchland und in den Niederlan⸗ den. Friedrich II. hatte Schleſien, aber die Königin von Spanien hatte Neapel. Im Jahre 1740 erſchien Maria Thereſia. Drei und zwanzig Jahre lang war ſie durch den Ruf Königin des mittleren Europas. Wͤhrend ſie in Wien herrſchte, herrſchte Frau von Pompadour in Frankreich. Frau von Pompadour, und nicht der König war es, der an Maria Thereſia hielt; Frau von Pompadour war es, welche das Reich verkaufte, und die den Preis davon einzog. Im Jahre 1763 war es Katharina II., welche nun auch glänzend, wie der Nordſtern erſchien, der über ihrem Haupte aufging. Sie erbte den Einfluß der Frau von Pompadour; ſie verband ſich mit Maria Thereſia, und zwei Frauen beherrſchten Europa durch ihren Willen. Italien und die kleineren Mächte Deutſchlands waren vernichtet. England ſtellte ſeine Verluſte wieder her. Frankreich ſank in Verfall. Schweden war mit ſeinen inneren Unruhen beſchaͤftigt. Dänemark verſuchte, ſich von ſeiner Revolution Struen⸗ ſees wieder zu erholen. Spanien wandte den Kopf ab, damit, da es das An⸗ M⸗ N — 50— ſehen hatte, nicht an die Andern zu denken, man nicht an es dächte. Europa iſt alſo ſeit Hundert Jahren durch die Launen von fünf bis ſechs Frauen beunruhigt geweſen, und man bemerke, daß dieſe Hundert Jahre das aufgeklaͤrteſte Jahr⸗ hundert der Monarchie ausmachen. Frau von Maintenon hatte Europa beunruhigt, um die Gattin König Ludwig XIV. zu werden. Frau von Urſini hatte Europa beunruhigt, um die Geliebte Philipps V. zu bleiben. Die Königin von Spanien hatte Europa beunruhigt, um ihren Kindern Kronen zu geben. Maria Thereſia hatte Europa beunruhigt, um die preußiſche Monarchie zu zerſtören. Frau von Pompadour hatte Europa beunruhigt, um ſich an dem preußiſchen Monarchen zu rächen. Endlich hatte Katharina II. Europa beunruhigt, um die Türkei zu ſchwächen und Polen zu zerſtückeln. Auf dieſe Weiſe haben die Völker ein Jahrhundert lang ihr Blut vergoſſen, ihre Kaſſen erſchöpft, haben ſich Gebiete und Menſchen genommen, warum, zu welchem Zwecke? Um einen Bourbon auf den Thron von Neapel und von Parma zu ſetzen. Um Lothringen dem Könige von Frankreich zu geben. Um Schleſien dem Könige von Preußen zu geben. Um den Geliebten Katharinens II. zu krönen. Um die Macht der Türkei zu ſtürzen. Endlich um Polen zu zerſtückeln. — 60— Wenn aber die Völker das Spiel bemerken werden, das ſie ſpielen, wie werden ſie Genugthuung nehmen! Sagen wir jetzt, in welchem Zuſtande der König Ludwig XV. bei ſeinem Tode Europa Frankreich, und Frankreich ſeinem Nachfolger hinterließ. Europa. Europa hatte die Augen auf das Todtenbett Ludwig XV. geheftet, denn es kannte den gänzlichen Unterſchied der Geſinnungen, welche zwiſchen Ludwig XVI. und ſeinem Großvater beſtanden. Es war alſo eine derjenigen entgegengeſetzten Politik, welche ſrit dreißig Jahren befolgt worden war, die zwiſchen dem Grabe des geſtorbenen Königs und dem Throne ſei⸗ nes Nachfolgers auftauchen würde. Es waren Verbannte, die zurückkehren, oder neue Maͤnner, die erſcheinen wür⸗ den, und in dem einen, wie in dem andern Falle würden die Veränderungen, welche in Frankreich, das heißt im Gehirne Europas ſtattfänden, ihre nervöſen Verzweigungen bis an die fernſten Punkte des Erdballes haben. Fangen wir mit Rom an; wenn Frankreich der Kopf der politiſchen Welt iſt, ſo iſt Rom die Seele der chriſtli⸗ chen Welt. Rom. Clemens XIV. ſaß auf dem päpſtlichen Stuhle, er war am 31. October 1705 geboren, er war am 19. Mai i — 61— 1769 erwählt worden, er nannte ſich, wie die einen ſagen, Vincenz Anton, die andern Lorenz Ganganelli. Frankreich hatte ſeine Ernennung begünſtigt, und die päpſt⸗ liche Tiare hatte in einem Kloſter des heiligen Franziskus den geſchorenen Kopf des armen Mönches aufgeſucht, wel⸗ cher dieſes Mal über die erſte ariſtokratiſche Nachkommen⸗ ſchaft der Orichis, der Colonnas und der Pamphilis den Sieg davontrug. Indeſſen war Ganganelli, ein guter und vortrefflicher Menſch, getreu ſeinen Verſprechungen und ſeinen Freund⸗ ſchaften, den Ereigniſſen nicht gewachſen, welche gleich einer ſteigenden Fluth mit ihren europäiſchen Wellen den Vati⸗ can, dieſen Leuchtthurm der Welt, zu peitſchen kamen; er war ein italieniſcher Charakter, der Alles durch Mittelwege löſen wollte, die größte Handlung ſeiner Regierung war die Zerſtörung des Jeſuitenordens; ſei es nun Unſchlüſſig⸗ keit, oder ſei es, daß er, wie er ſelbſt ſagt, dieſen wichti⸗ gen Entſchluß genau prüfen wollte, er brachte fünf Jahre damit zu, ſich zu entſcheiden; aber weder Drohungen, noch anonyme Schreiben, noch die Prophezeiungen Bernardina Renzis haben ihn abhalten können, am 21. Juli 1773 das Aufhebungsbreve zu erlaſſen. Freilich wurde Ganganelli, als er dieſes Breve erlaſſen, von einer Furcht befallen, die einem Gewiſſensbiſſe glich. Das Lob der Philoſophen, das ſich von allen Seiten erhob, und das ihm eine Hymne weltlichen Ruhmes ſang, vermochte die Stimme nicht zum Schweigen zu bringen, welche beſtändig auf dem Grunde ſeines Herzens murmelte. Questa suppressionne mi dara la morte, wiederholte er beſtändig mit einem tiefen Seufzer, — 62— und es war in der That augenſcheinlich, daß der Papſt mit eiligen Schritten dem Grabe zuging, und er erhob ſich von ſeinem Todtenbette, um dem Allerchriſtlichſten Könige, welcher verſchieden war, den päpſtlichen Segen zu überſenden. Der Tod Ganganellis wird ein Verbrechen mehr ſein, welches die Leidenſchaft, dieſe Sinnloſe, welche zuweilen die Feder der Geſchichte ergreift, in das Verzeichniß der Je⸗ ſuiten einſchreiben wird. Oeſterreich. Maria Thereſia regierte in Wien, wir kennen ſie, ſie iſt die Couſine der Frau von Pompadour, ſie iſt jene alte Freundin, die uns mehr Böſes zugefügt hat, als alle unſere Feinde miteinander. Ihr Bündniß während des ſiebenjährigen Krieges hatte uns unſere Beſitzungen in In⸗ dien und fünfzehn Hundert Meilen Land in Canada ver⸗ loren gemacht. Trotz unſerem Bündniſſe war ſie ihrer Seits gezwungen geweſen, Schleſien Friedrich IMI. abzutre⸗ ten; ſie hat ſich freilich dadurch entſchädigt, daß ſie mit dem Könige von Preußen und der Kaiſerin von Rußland ihren Antheil an der Zerſtückelung Polens nahm. Im Jahre 1765 iſt ihr Sohn Joſeph II. zum Kaiſer gekrönt worden, beide regierten miteinander, der Sohn über das deutſche Reich, die Mutter über die Erbſtaaten; außer Jo⸗ ſeph II. hatte ſie noch einen Sohn, Leopold II., der nach ſeinem Bruder regierte, Maximilian, der Churfürſt von — — 63— Köln wird, Maria Chriſtine, welche Regentin der Nieder⸗ lande iſt, Maria Eliſabeth, welche als Aebtiſſin von Ins⸗ bruck ſtarb, Maria Amalia, welche Herzogin von Parma werden, Maria Carolina, welche Königin von Neapel wer⸗ den und die Blutbäder von 98 durch die Verbannung von 1815 büßen ſollte; endlich Maria Antoinette, welche von dem Throne von Frankreich in das Gefängniß der Con⸗ ciergerie und aus dem Gefängniſſe der Conciergerie auf das Schaffot gehen mußte. Sie hatte die letzte ihrer Töchter in der Vorausſicht erzogen, daß ſie eines Tages Königin von Frankreich werden würde, welche, nachdem ſie beinahe den Großvater gehei⸗ rathet hätte, den Enkel geheirathet hat, und die an den Hof von Verſailles jenen öſterreichiſchen Geiſt bringen ſollte, der mit dem Nationalgeiſte Ludwigs XVI. kämpfte, bis daß er ihn beſiegt hatte. Maria Thereſia war im Jahre 1717 geboren, und hatte dem zu Folge ihr vierundfünfzigſtes Jahr erreicht. Wenn ſie nicht mehr in der vollen Kraft ihres Alters war, ſo war ſie doch in der vollen Kraft ihres Willens. England. Georg Ul. regierte ſeit vierzehn Jahren in London. Im Jahre 1738 geboren, hatte er ſein dreißigſtes Jahr erreicht. Die Vorſehung behielt ihm in den Geheimniſſen der Zukunft ein langes Leben, das heißt einen langen Schmerz vor; er ſollte Irland definitiv mit ſeiner Krone vereinigen, er ſollte ganz Indien unterwerfen; aber Ame⸗ rika ſollte ihm entgehen; im Jahre 1787 von Wahnſinn befallen, ſollte er im Jahre 1811 für regierungsunfähig erklärt werden und bis zum Jahre 1820 ein unglückliches Leben führen. Zu der Zeit, zu welcher wir gelangt ſind, begann er ſich über die Oppoſition des Herzogs von Cumberland, des Herzogs von New⸗Caſtle und des Herrn Pitt zu be⸗ unruhigen, den er zum Lord Chatam erhoben hat, wäh⸗ rend er, das Ohr nach der Seite Amerikas gerichtet, von Zeit zu Zeit bei dem dumpfen Grollen erbebt, das über den Ocean zieht. Rußland. Im Norden iſt es Katharina Il., welche als Nordſtern der Welt aufgeht; im Jahre 1729 geboren, im Jahre 1745 mit Karl Peter Ulrich, Herzog von Holſtein⸗Gottorp verheirathet, dem Neffen der Kaiſerin Eliſabeth, den die Kaiſerin zu ihrem Nachfolger erklärt hatte, Ihr Gatte iſt 1762 Kaiſer geworden, und ſie iſt im ſelben Jahre Wittwe geworden. Ihr Gatte iſt nach ſieben Tagen der Gefan⸗ genſchaft im Gefängniſſe erdroſſelt geſtorben, ſo begierig war die zukünftige Czarin nach dem Throne. Durch wen iſt er erdroſſelt worden? Wie man ſagt, durch Gregor Orloff. Uebrigens war das das Recht des Günſtlings. War er nicht der Enkel eines der rebelliſchen Strelitzen, welche Peter I. mit eigener Hand hinrichtete? = 26 e e—,———- — 65— Er hatte den Gatten Katharinens II. das vergolten, was der Gatte Katharinens I. ſeinem Großvater gethan hatte. Nur, da der Dienſt unermeßlich iſt, ſo wird die Beloh⸗ nung unendlich ſein. Orloff wird Großmeiſter der Artillerie werden, die Kaiſerin wird ihm einen Marmorpalaſt bauen, dem ſie, um das Sprichwort: Undankbar, wie ein Königl lügen zu laſſen, die Inſchrift geben wird: Von der dankbaren Freundſchaft gegeben. Das iſt nicht Alles; ſie wird ihm eine geheime Ehe anbieten, welche er, der Ehrgeizige, ausſchlagen wird, ohne zu bedenken, daß dieſe Weigerung ſein Verderben iſt. Waͤhrend ſie ihn nach Moskau ſendet, um die Empörung zu unterdrücken und die Fortſchritte der Peſt aufzuhalten, während ſie ihm eine Medaille ſchlagen und ihm einen Triumphbogen mit der Inſchrift errichten läßt: Moskau durch Orloff von der Seuche befreit, gab ſie daher auch in ihrem Herzen und in ihrem Bette einem neuen Geliebten, Waſ⸗ ſiltſchikoff, Platz; er iſt es, der Nachfolger Poniatowskis und Gregor Orloffs, welcher dieſe Reihe von Kaiſern fortpflanzen wird, wie man ſie nennt, die in der Zahl von zwölf, ohne die unbekannten Uſurpatoren zu rechnen, über Rußland und über Katharina regieren ſollen, was den König von Preußen nicht verhindert, ſie in ſeinen Briefen zwiſchen Lycurgus und Solon zu ſtellen, und Vol⸗ taire ſie die Semiramis des Nordens zu nennen. Ohne Zweifel weil Semiramis auch ihren Gatten Ninus ein we⸗ nig erdroſſelt hatte. Uebrigens befand ſich ein mächtiger Kopf auf den Schultern dieſer Frau, eine ehrgeizige Seele zur Seite eines verderbten Herzens. In der Zeit, in Lndwig der Fünfzehnte. 4. Band. 5 — 66— welcher wir ſind, iſt ſie damit beſchäftigt, Rußland auf den Rang der erſten Mächte zu erheben, nachdem ſie Polen unterworfen und auf den Thron der Jagellonen einen Kö⸗ nig hatte fallen laſſen, den ſie aus ihrem Bette verſtoßen; ſie iſt gegen die Türken gezogen, denen ſie Azof, Tanganrog und Kinburn genommen hat. Durch die unabhängige Krimm werden ihre neuen Flotten auf dem ſchwarzen Meere herr⸗ ſchen und ſich mit jenen alten Flotten vereinigen, welche durch die Meerenge von Gibraltar das mittellaͤndiſche Meer erfüllen und zum erſten Male den Archipel Griechenlands beſuchen. In dieſem Augenblicke dehnt ſie die Grenzen ihres unermeßlichen Reiches bis jenſeits des Kaukaſus aus, den ſie erobert haben wird, ohne ihn ſich zu unterwerfen. In dieſem Augenblicke reiſt ſie mit einer Welt von Hofleu⸗ ten auf der Wolga und dem Borhſtenes, deſſen Stürme ſie verſpottet, wie Caͤſar die des Anius verſpottete; ver⸗ theilt unter die am meiſten gebildeten Herren ihres Hofes die verſchiedenen Kapitel des Beliſar von Marmontel, in⸗ dem ſie dieſelben auffordert, ſie ins Ruſſiſche zu überſetzen, wobei ſie ſich eines vorbehält, das ſie ſelbſt überſetzt. Als ſie hierauf erfährt, daß der Erzbiſchof von Paris eine Verordnung gegen das Originalwerk erlaſſen hat, dedicirt ſie die Ueberſetzung dem Erzbiſchofe von Sanct⸗Petersburg. In dieſem Augenblicke improviſirt ihr auf einer Reiſe von Tauſend Meilen Potemkin, der Günſtling des Tages, der kleine Lieutenant in den Garden, der am 9. Juli 1762 dadurch Bekanntſchaft mit ſeiner Fürſtin gemacht hat, daß er ihr auf dem Platze von Sanct⸗Petersburg die Quaſte ſeines Saͤbels gab, Potemkin, der Stellvertreter Ponia⸗ — 67— towskis, Orlofs und Waſſilitſchikofs und ſo vieler Ande⸗ rer, nach deren Namen er nicht einmal frägt, ſo unbe⸗ kümmert iſt er über die Launen dieſer Meſſaline, Potemkin improviſirt ihr auf einer Reiſe von Tauſend Meilen eine ganze Welt, die nicht beſteht. Decorationen, Blendwerke, Illuminationen, Städte, die einen Tag leben werden, Pa⸗ läſte, die eine Nacht tanzen werden, in vierundzwanzig Stunden in Steppen gewachſene Dörfer, auf denen am Tage zuvor die Tartaren ihre Heerden hüteten, Bauern, welche, während die Kaiſerin ſchläft, mit Poſtpferden auf⸗ brechen, um ihr morgen eine eben ſo künſtliche Bevölkerung zu bilden, wie ſie heute geſehen hat, und die ſie an dem Ziele dieſer wunderbaren, unerhört zauberiſchen Reiſe an einen Triumphbogen führen werden, der folgende Inſchrift traͤgt: — Das iſt der Weg von Bheanz. Denn dieſen ſüßen Traum von Conſtantinopel hegte Katharina II., wie ihn Peter I., ihr Vorgänger gehegt hat, wie ihn ihre Nachfolger Alexander und Nikolaus he⸗ gen werden. Und während dieſer Zeit ſchmeichelte ihr Diderot, ſchmeichelte ihr d'Alembert, und ſchmeichelte ihr Voltaire. Was kümmerte dieſen gehaͤſſigen Philoſophen die alte Po⸗ litik Frankreichs, welche die Türkei, ihre Verbündete, be⸗ auftragt hat, die ruſſiſche Bewegung im Oriente aufzu⸗ halten, was kümmerte ſie der verlorene Handel des mit⸗ telländiſchen Meeres. Katharina rächte ſie über die Ge⸗ ringſchätzung Ludwigs XV., das iſt Alles, was die ſtolze * 6* — 68— Selbſtſucht der Arbeiter dieſes andern Babylons verlang⸗ ten, welches man die Encyeclopädie nennt. Preußen. Dort iſt es immer noch Friedrich Il., Friedrich Il. ge⸗ altert, dem Grabe zugeneigt, mit wankendem Gange und gekrümmtem Rücken; auch er hat die franzöſiſchen Philo⸗ ſophen an ſich gezogen; Voltaire, der ihm ſchmeichelt, er⸗ ſtattete er die Schmeicheleien mit Zinſen, nur ſind die Zinſen, welche er ihm bezahlt, die Verachtung; in ſeiner königlichen Berechnung bedient er ſich aller dieſer Männer, aber im Grunde des Herzens ſieht er wohl ein, daß alle dieſe Männer ihre Feder erniedrigen, die Ehre Frankreichs zum größten Ruhme Genfs, Hollands und Preußens opfern. Er hat, was er will, Schleſien, das einzige Kopfkiſſen, auf dem er jemals ruhig geſchlafen hat; aber nachdem er Schleſien erobert, dedarf er der öffentlichen Meinung. Dazu dienen ihm dieſe Philoſophen, welche die Schmeichelei, nicht für Geld, ſondern für Lobeserhebungen erkaufen; es iſt ein Austauſch von Complimenten zwiſchen dem Meiſter und den Schülern, es iſt die Gegenſeitigkeit einer ſanften Reibung zwiſchen der koniglichen Haut und der philoſopiſchen Hand, zwiſchen der philoſophiſchen Haut und der königlichen Hand. Von Potsdam und von Sans⸗ ſouci blickt Friedrich nach Verſailles und lächelt. Verſailles vermag nichts mehr gegen ihn, nicht ſeitdem er Schlachten gewinnt, ſondern ſeitdem er Verſe macht. Die Gegner, i⸗ — 69— welche er von nun an dem Koͤnige von Frankreich entge⸗ genſtellen wird, ſind nicht mehr die alten Sieger von Lo⸗ woſitz und von Roßbach, es ſind ſeine Verbündeten, die Philoſophen; er iſt ruhig; welchen Schaden der ſiebenjäh⸗ jährige Krieg Frankreich auch zugefügt hat, das Natur⸗ ſyſtem, der Geſellſchaftsvertrag und das phi⸗ loſophiſche Dictionaͤr werden ihm noch mehr Scha⸗ den zufügen. Welche Betruͤbniß für ihn, im Jahre 1786 zu ſterben, und nicht mit ſeinen blinzelnden Augen den 10. Auguſt, den 21. Januar und den 16. Oktober zu ſehen. Schweden. In Schweden regiert Guſtav III.; er iſt 28 Jahre alt, ſeit drei Jahren hat er den Thron beſtiegen, und kämpft gegen die den ruſſiſchen und den engliſchen Parteien verkaufte politiſche Oppoſition; er iſt ein treuer Bundes⸗ genoſſe Frankreichs, der mit Dänemark das Gegengewicht der ruſſiſchen Macht erſetzt, und der für uns das in die Hände Katharinens übergegangene Polen erſetzt; er hat die Unruhen von 1772 erſtickt, und bereitet gegen Daͤne⸗ mark einen Krieg vor, der nicht ſtattfinden wird. . Dänemark. In Kopenhagen hat Chriſtian VII. ſich der unum⸗ ſchränkten Gewalt bemächtigt, die ihm der Wahnſinn bald = 20— wieder nehmen wird. Iſt es ein erſter Anfall der Krank⸗ heit, an der er, wie Georg III. ſterben wird, der ihn gegen Struenſee das ſchreckliche Urtheil hat fällen laſſen, deſſen Opfer der unglückliche Miniſter geweſen iſt? Wie dem auch ſein möge, am 28. April 1772 iſt der, welcher drei Monate zuvor eine unumſchränkte Gewalt auf den König, auf die Königin und auf den Adel ausübte, ſeiner Wuͤrden und ſeiner Titel entſetzt worden, wornach ihm die Hand und der Kopf abgehauen, der Körper geviertheilt und gerädert wurde. Wie man ſieht, war Chriſtian VII. ein ſtrenger Gerechtigkeitspfleger. Die Türkei. In Conſtantinopel, auf deſſen Wege Potemkin Katha⸗ rina ſpazieren führt, und das er ihr aus der Ferne unter den Gewölben ſeiner Triumphbögen zeigt, war eine Se⸗ railsrevolution in der Moſchee von Ahoub vor ſich gegan⸗ gen. Aus dem Gefängniſſe hervorgezogen, war Abd⸗El⸗ Hamid zum Nachfolger Muſtaphas III., ſeines Bruders, in der Moſchee von Ayoub erklärt worden. Fünfzig Jahre alt, hatte er vierzig Jahre davon in dem alten Serail damit zugebracht, Bogen und Pfeile zu machen. Schwach und alt, gelangte er in dem Augenblicke zu dem Throne, wo die Türkei, um ſich wieder aufzurichten, nicht zu viel an der Hand und an dem Genie Mahomeds II. gehabt hätte. Leider wird er dem Verfalle des orientaliſchen Rei⸗ ches beiwohnen, ohne ihn aufhalten zu können. Als Ge⸗ — 21— fangener hat er die Türken durch Soltikoff, Kaminski und Suwarow ſchlagen, den Veſir Muſſeim⸗Oglou in ſein Lager von Schumla eingeſchloſſen geſehen, ohne daß er ſich weder zurückziehen, noch kämpfen, noch Unterſtützung empfangen konnte, und gezwungen war, einen ſchimpflichen Frieden zu verlangen. Als Kaiſer wird er alle die türki⸗ ſchen Provinzen jenſeits der Donau von Katharina, die darnach lüſtern iſt, und von dieſem Potemkin, der ſie ſeiner Fürſtin verſpricht, erobert ſehen; er wird Choczim, den Schlüſſel des Dnieſters, in die Hände der ewigen Län⸗ derräuber übergehen ſehen, die Schritt vor Schritt nach dem Bosporus vorrücken, denen der Sturz Ungarns ih⸗ nen jetzt überliefert hat. Endlich wird er in Mitte der Vorbereitungen zu einem neuen Kriege ſterben, indem er den Thron ſeinem Neffen Selim hinterläßt, der zwanzig Jahre nachher erdroſſelt werden wird. Der übrige Theil der europäiſchen Welt iſt jetzt das Haus Bourbon. Das Familienbündniß hat jedem der Enkel Ludwigs XIV. einen Thron gegeben; Katl III., Kö⸗ nig von Spanien, iſt ein Enkel Ludwigs XIv.; Ferdinand IV., der in Neapel regiert, und der mit Ludwig XVI., ſei⸗ nem Schwager, der jüngſte der regierenden Fürſten iſt, iſt ein Enkel Ludwigs XIV.; endlich iſt dieſer Infant von Spanien, Herzog von Parma, in demſelben Jahre, als Ferdinand, geboren, und, wie er, ein Schwager Ludwigs XVII, gleichfalls ein Enkel Ludwig XIV. So regierte am 11. Mai 1774 ein Bourbon in Frank⸗ reich, ein Bourbon in Spanien, ein Bourbon in Neapel, ein Bourbon in Parma. — 2— Man laſſe ſechsunddreißig Jahre verfließen, und dieſe reiche Nachkommenſchaft Ludwigs XIV., welche die Hälfte von Europa in Beſitz hat, wird bettelnd von Stadt zu Stadt ziehen, indem ſie vor einem Kinde von zehn Jahren flieht, das in dieſem Augenblicke in dem Hafen von Ajaccio mit Kieſeln ſpielt. ———(&8 IV. Politik Frankreichs von 1610 bis 1754.— Verluſte des Hau⸗ ſes Oeſterreich.— Pläne Philipps II.— Sie ſcheitern in England und in Frankreich.— Heinrich III.— Hein⸗ rich IV.— Benehmen der Maria von Medicis.— Ihre Verbannung.— Ihr Tod.— Ludwig XIV.— Lud⸗ wig XV.— Die Kaiſerin Maria Thereſia.— Oeſtereichi⸗ ſches Bündniß.— Herr von Bernis.— Der König.— Der Groß⸗Dauphin.— Herr von Choiſeul.— Maria Antoinette.— Napoleon.— Moraliſcher Zuſtand Frank⸗ reichs.— Das Königthum.— Der Adel.— Die Hof⸗ leute.— Der Hirſchpark.— Brief eines Ritters vom Or⸗ den des heiligen Ludwig.— Der Witz des Herrn von Eſtrées.— Frau von Grammont.— Frau von Tencin.— Madame Adelaide.— Die Herren von Richelieu, von Briſ⸗ ſac, von Noailles.— Die Titel.— Madame Beaujon.— Frau von Gaulnes.— Die Heirathen der Adeligen.— Der ſchlepptragende Edelmann.— Die Geiſtlichkeit.— —. 74— Sitten der Buhlerinnen.— Mademoiſelle Sophie Arnould und Herr Terray.— Mademoiſelle Raucourt.— Made⸗ moiſelle Duth.— Die Guerre.— Granville.— Die Literatur. Seit Heinrich IV. bis zu Frau von Pompadour, das heißt von 1610 bis 1754 hat Frankreich mit derſelben Sorgfalt, wie Rom das Feuer der Veſtalinnen erhielt, das von dem Bearner geſchaffene, von Richelieu, Mazarin und Ludwig XIV. fortgeſetzte diplomatiſche Syſtem erhal⸗ ten, nämlich die Erniedrigung des Hauſes Oeſterreich. In der That, das Haus Oeſterreich, das zu den Zei⸗ ten Karls V. auf ſeinen unermeßlichen Beſitzungen die Sonne nicht untergehen ſah, hatte ſeit zwei Hundert Jahren Rouſſillon, Burgund, Elſaß, Hochburgund, Artois, Henne⸗ gau, Cambrais, Spanien, Neapel, Lothringen, Barrois, Schleſien und Indien verloren. Wer hatte ihm Alles das genommen? Für ſich, für ſeine Prinzen oder für ſeine Verbündeten: Frankreich. Der Haß zwiſchen den beiden Reichen muß dauernd ſein, beſonders wenn wir erwägen, auf welche Weiſe Oeſter⸗ reich ſich gerächt hat, ſich rächt und ſich rächen wird. Philipp II. hatte den Plan gefaßt, aus Spanien, Frankreich, England und Oeſterreich das zu machen, was er die chriſtliche Monarchie nannte, deshalb hatte er die blutige Maria, die Tochter Heinrichs VIII. geheirathet, und beſoldete er die Ligue in Frankreich. In England ſcheiterte er und konnte nicht dazu gelangen, ſich zum Kö⸗ nige von Großbritannien krönen zu laſſen. In Frankreich ſcheiterte er wieder, denn Heinrich III. ſchloß einen Ver⸗ trag mit dem Béarner. Ein junger Ligueur, Namens Jacques Clement, er⸗ mordete Heinrich III. Es blieb Heinrich IV.; aber Heinrich IV. war Pro⸗ teſtant, Heinrich IV. hatte Paris nicht in ſeinem Beſitze. Heinrich IV. bekehrte ſich, Paris ergab ſich, Heinrich IV. wurde König von Frankreich. Drei Mal verſuchten die Ligueurs, ohne daß es ihnen gelang, den Sieger von Arques und von Jory zu ermor⸗ den. Endlich in dem Augenblicke, wo Heinrich IV. den Plan zu einer Gegenligue gefaßt hatte, in dem Augenblicke, wo er über den Feldzug von Jülich brütete, welcher der Untergang Oeſterreichs war, legte ihn das Meſſer Ra⸗ vaillacs blutig in die Arme des Herrn von Epernon, den man mit Maria von Medicis, der Tochter einer Oeſterei⸗ cherin, beſchuldigte, an ſeinem Tode nicht fremd zu ſein. Wie viel hatte dieſe zwanzig Jahre lang in Frankreich unterhaltene Ligue Philipp II. gekoſtet? Die Papiere, welche man nach ſeinem Tode in ſeinem Privatportefeuille finden wird, werden uns antworten: Fünf Hundert vier⸗ zehn Millionen Gold. Als Heinrich IV. geſtorben, was machte ſeine Wittwe? Sie verabſchiedete Sully, vergeu⸗ dete die vierundzwanzig Millionen, welche ihr Gatte in der Baſtille und in dem Arſenal verwahrt hatte, ſie verheiras thete ihre Tochter mit dem Könige von Spanien, ſie ver⸗ heirathete ihren Sohn mit Anna von Oeſterreich, o! nun empört ſich der ganze alte Hof Heinrichs IV., Ludwig XIII. als der Erſte. Man beſchloß in dem Rathe des Louvre, —— — 76— daß man das Shſtem Heinrichs IV. fortſetzen würde, und Maria von Medicis, von dem unverſöhnlichen Richelieu und dem ſorgloſen Ludwig XIII. verbannt, ſtarb in Köln in dem Hauſe ihres Malers Rubens. Das war ein Beiſpiel für die Gattin Ludwigs XIV. Statt ſich in Ränken, wie Maria von Medicis, oder in Klagen von Anna von Oeſterreich zu ergießen, war Maria Thereſia traurig, ergeben, ſchweigſam, und während der ganzen Regierung des großen Königs war das öſterreichi⸗ ſche Spanien faſt eine franzöſiſche Provinz. Bis zum Jahre 1756 hatte Ludwig XV. die Politik ſeines Großvaters geerbt. Er iſt es, der von Spanien un⸗ terſtützt, Oeſterreich das Königreich Neapel nahm, und der Friedrich unterſtützte ihm Schleſien zu nehmen, das er ſpäͤ⸗ terhin vergebens ihm wieder zu nehmen verſuchte. Nun erniedrigte ſich Maria Thereſia, welche, wie ſie der Herzogin von Lothringen ſchrieb, nicht wußte, ob ihr 1 eine einzige Stadt übrig bleiben würde, um darin ihr Wo⸗ chenbett zu halten, der Frau von Pompadour zu ſchmei⸗ cheln; nun nannte ſie die ihre Couſine, welche Friedrich Cotillon II. nannte; nun machte ſie Herrn von Choi⸗ ſeul zum Herzog und den Abbé von Bernis zum Kar⸗ dinal. Wir verbündeten uns mit Oeſterreich, dieſes Buͤndniß trug uns den ſiebenjährigen Krieg ein und koſtete uns zwei Mal Hundert Tauſend Mann, acht Hundert Millionen, unſere Beſitzungen in Indien, fünfzehn Hundert Meilen in Canada. Nun erkannte der Kardinal von Bernis ſeinen Irr⸗ 5“ NX thum; Ludwig XV. zögerte, der Dauphin erklaͤrte ſich of⸗ fen gegen das öſterreichiſche Bündniß. Kardinal von Bernis wurde verbannt; Ludwig urch ein Wunder dem Dolchſtoße Damiens; arb vergiftet. Politik des Herrn von Choiſeul trug den nd das Bündniß mit Oeſterreich ſchloß ſich enger durch die Verheirathung Maria Antoniettens mit dem Dauphin. Zu dieſer Zeit wußte Gott allein, was dieſes Bünd⸗ niß Frankreich und ſeinem Könige koſten ſollte. Es war ein Schwindel, den Napoleon vierzig Jahre ſpäter hatte, als er gleichfe ine Tochter des Kaiſers zur Frau nahm, und der 810 mit ſeiner Volks⸗ mit ſeinem Throne das nnen: Mein armer XV dwig XVI. alſo Frankreich in politiſcher Beziehung, ver⸗ kleinert durch die Abnahme ſeiner Beſitzungen in Indien und in Amerika. Sagen wir jetzt, was es in moraliſcher Beziehung war. In moraliſcher Beziehung hatten der König, der Adel und die Geiſtlichkeit die Sitten, die Philoſophen die Reli⸗ gion zerſtört. Ludwig XV. hatte das Beiſpiel gemeiner Liebſchaften gegeben; bis zu ihm hatten ſich die Könige von Frankreich in ihren Maitreſſen nicht weggeworfen. Heinrich IV. hatte Gabriele von Eſtrées, die Herzogin von Verneuil, Charlotte von Montmorench genommen. ——————— — 78— Ludwig XIV. Fräulein de la Vallière, Frau von Mon⸗ tespan, Frau von Maintenon. Ludwig XV. fing wie ſie an; aber von von Chateauroux ging er zu Frau von Et Frau von Etioles zu Jeanne Vaubernier ü⸗ Armes Frankreich! den Poiſſons und überliefert. Man höre daher auch die Grabſchrift, welche das Bolt ſeinem Könige machte: Ci-git le bien-aimé Bourbon, Monarque e bonne mine, (Hier liegt der vielge ziemlich gutem Ausſehen, der was er an dem Mehle gewann.) bon, ein Monarch von Geſchwüre lte, Sehen wir jetzt, woran der Adel ſeiner Seits iſt. Er zählte freilich im Parlamente von Paris noch drei und vierzig Sitze von Herzogen und von Pairs. Die Richelieus hatten allein davon drei: Richelieu, Fronſac, Aiguillon; die Rohans drei: Montbazon, Chabot und Soubiſe; die Chevreuſes zwei: Luynes und Chaulnes. Aber wie be⸗ haupteten dieſe letzten Erben der großen Namen Frankreichs ihren Rang? Indem ſie Töchter reicher Leute heiratheten. Das nannte man ſeine Güter düngen. Oder man unternahm auch Handelsſpeculationen. Man wird ſich des Prozeſſes des Herzogs de la Forte unter der Regentſchaft — 29— erinnern, welcher drei Gewürzkrämerläden hatte. Der Graf von Lauraguais war Porzellanfabricant; ein Praslin handelte mit Wehrgehängen und mit Helmen; Herr von hatte ein Holzlager; Herr von Gusmenée that machte bankerott. unterhielt Buhlerinnen zu Tauſend Louisd'or monatlich; aber man bedeckte die im Rufe ſtehenden Schau⸗ ſpielerinnen mit Diamanten, und man hatte, wenn man vorüberging, das Vergnügen, ſingen zu hören: Bouillon est pieux et vaillant, Il aime la Guerrell ¹*) A tout autre amusement Son coeur la p Ma foi! vive Qui sen va toujours disant: Moi j'aime la guerre. 0 gué, Taime la Guerre! Au sortir de 1Opéra, Voler à la Guerre, Des Bouillon, qui le croira? C'est le caractère. Elle a pour lui des appas Que d'autres n'y trouvent pas. *) Eine Sängerin der Oper, welche einen großen Erfolg in der belagerten Cythere gehabt hatte. Enfin e'est la Guerre, 0 gu! Enfin c'est la Guerre. A Darfort il faut Duthé, G'est sa fantaisie. Soubise moins dégoũté Aime la Prairie, Mais Bouillon qui pour son roi Mettrait tout en désarroi Aime mieux la Guerre, 0 gué! Aime mieux la Guerre. (Bouillon iſt fromm und (den Krieg), zuverläſſig zie ſtreuung vor. Meiner Treue ee ein Kammerherr, der im⸗ mer ſagt: ich liebe die Guerre, i der Jurt, ich liebe die Guerre!— Nach der Oper zu la Guerre zu eilen, wer würde es glauben? Das iſt der Charakter der Bouillons. Sie hat für ihn Reize, die andere nicht an ihr finden. Kurz, es iſt la Guerre, mit der Furt! kurz es iſt la Guerre.— Durfort bedarf der Duthé, das iſt ſeine Phantaſte. Soubiſe, weniger ekel, liebt die Pralrie, aber Bouillon, der für ſeinen König Alles zerrütten würde, zieht la Guerre, mit der Furt, vor, zieht la Guerre vor!) pfer, er liebt la Guerre!!! Herz ſie jeder anderen Zer⸗ Noch mehr, der größte Vorwurf, den der Adel Lud⸗ wig XV. machte, war nicht, ſeine Maitreſſen unter den Frauen der Bürgerſchaft, unter den Töchtern des Volkes und ſelbſt unter den öffentlichen Mädchen gewählt zu haben, —* ᷣ& AR — 81— und ihn auf dieſe Weiſe eines Vorrechtes beraubte, das er erlangt zu haben glaubte. Als man die Gründung des Hirſchparkes erfuhr, reg⸗ r auch Forderungen von allen Seiten von den Vätern und den Bruͤdern; ſie empfahlen weſtern, ſie empfahlen ihre Töchter. Man zwei⸗ felt, nicht wahr? 4 Man leſe folgenden Brief eines Ritters des heiligen Ludwigsordens, er iſt uns durch die Archive der Polizei ſelbſt aufbewahrt. Er iſt ein merkwürdiges Actenſtück, das beſſer als alles, was wir ſagen könnten, den Maßſtab der Demoraliſation der Zeit liefert. Er iſt an Herrn Berrher ſelbſt gerichtet, man wird ſich des Exminiſters Berryer erinnern? „Gnädiger Herr, ein Familienvater, ſeit zwei Hun⸗ „dert Jahren durch die Pariſer Schöppenwürde geadelt, „deſſen Vorfahren ſich niemals herabgelaſſen haben, kömmt, „von einer glühenden Liebe für die geheiligte Perſon des „Königs beſeelt, zu Ihnen, um Ihnen zu melden, daß er „das Glück hat, Vater einer Tochter zu ſein, einem wah⸗ „ren Wunder der Schönheit, der Friſche, der Jugend und „der Geſundheit; die hier beifolgenden Zeugniſſe der Aerzte „und Wundärzte werden Ihnen dieſen Punkt beweiſen; an⸗ „dere Zeugniſſe zweier Hebammen beſtätigen die Jungfräu⸗ „lichkeit dieſes lieben Kindes. „Hoffte ich zu viel, gnädiger Herr, wenn ich mich „darum bewerbe, für meine dritte Tochter, Anna Maria „von Mar.. 15 Jahre alt, den Eintritt in das glück⸗ „liche Haus zu erlangen, in welchem man die ihres Ge⸗ Ludwig der Fünfzehnte. 4. Band. 6 — 1 —ͤ — 32— „ſchlechtes bildet, welche für die glühende Liebe ihres Kö⸗ „nigs vorbehalten ſind? „Ah! gnädiger Herr, welche angenehme Belohnung „würde eine ſolche Gunſt für meine vierunddreißi Dienſt⸗ „jahre in meiner Eigenſchaft als Kapitän i gimente „des Herrn.. für die der beiden älte „ner geliebten Tochter, wovon der eine Marineoffizier, der „andere Richter in einem höheren Rathe, ſein. Meine äl⸗ „tere Tochter iſt in Saint⸗Chr erzogen worden, ſie hat „Herrn R..., Kammerherrn des Königs geheirathet. „Meine jüngere iſt Nonne im Kloſter der... in P... „Vielleicht wird man das vorgerückte Alter der jun⸗ „gen Perſon einwerfen. Nun denn! trotz ihrer fünfzehn „Jahre iſt ſie noch ſo unſchuldig, wie bei ihrer Taufe, in⸗ „dem ſie den Unterſchied der Geſchlechter noch gar nicht „kennt. Sie iſt von einer Mutter, einer würdigen Gattin, „einem Muſter der Tugend züchtig erzogen worden, die „immer darnach geſtrebt hat, ihre Tochter zu befähigen, „unſerem geliebten Könige zu gefallen, der an ihr unſchätz⸗ „bare Schätze finden wird, die ihm ſo ſehr gebühren. „Ich werde, gnädiger Herr, voll lebhafter Ungeduld „Ihre Antwort erwarten; wenn ſie günſtig iſt, ſo wird „ſie die Segnungen Gottes über eine Familie verbreiten, „die Ihnen immer blindlings und leidenſchaftlich ergeben „ſein wird. „Ich habe die Ehre zu ſein mit Hochachtung „Gnädiger Herr, „Ihr ergebenſter und gehorſamſter Diener „Ch. von Mar...“ Warum ſollte der wackere Mann ſeine Tochter nicht angeboten haben, ſagte nicht ein d'Eſtrées zu Ludwig XV.: „Sire, man behauptet, daß der König meine Schwie⸗ gertochter will, wenn dem ſo wäre, ſo hoffe ich, daß er mir nicht die Schmach anthun wird, einen andern zum Vermittler zu nehmen, als mich.“ Woher glaubt man, daß der große Haß der Madame Du Barry gegen Herrn von Choiſeul rührte? Daher, daß Herr von Choiſeul, nachdem er der Ge⸗ liebte ſeiner Schweſter, der Frau von Grammont geweſen war, aus Frau von Grammont die Maitreſſe des Königs machen wollte. War d'Alembert, der Held der Enchelopädie, auf den Stufen der Kirche Saint⸗ Jean⸗le⸗Rond gefunden, nicht der Sohn der Frau von Tenein, Stiftsdame, und wahr⸗ ſcheinlich ihres Bruders, des Kardinals von Tenein? Freilich war zu der Zeit, wo d'Alembert geboren wurde, am 16. November 1717, Herr von Tenein nur erſt Abbé, und ſeine Schweſter war bereits nicht mehr Stiftsdame. Gab es endlich nicht in der vornehmen Welt, in dem Hauſe der Madame Adelaide, einen Grafen Ludwig von Narbonne, der, wie man verſichert, Ludwig XV. ſeinen Vater und ſeinen Großvater nennen konnte? Wir haben von der Gründung des Hirſchparkes ge⸗ ſprochen; nach angeſtellter Berechnung hat man erkannt, daß ohngefähr Tauſend junge Mädchen aller Klaſſen und aller Stände in dem Zeitraume von zehn Jahren darin eingeſperrt geweſen ſind. 64 — 84— Was ſie dem Staate gekoſtet haben, werden wir in dem Kapitel der Staatswirthſchaftslehre ſehen. Welche Männer blieben unter alle dleſemn Adel, die einigen Werth hatten? 4 Sie ſind leicht zu zählen. Der Herzog von Richelieu, tapfer, deſſen Galanterie aber für ſeine Rechnung ſehr zu dem Sittenverderbniſſe des Jahrhunderts beigetragen hatte. Der Marſchall von Briſſac, ein Vorbild des alterthümlich ritterlichen Geiſtes, der den Abgrund ſah, auf den man zuſchritt, und der behauptete, daß der Kanzler Maupeou unſere Monarchie ſtürzte. 3 Der Herzog von Noailles, der das Vorrecht hatte, dem ſeligen Könige die derbſten Wahrheiten zu ſagen. Endlich der Herzog von Duras und der Herzog von Beauveau, welche den Verluſt ihrer Regierung dem Syſteme des Kanzlers vorzogen und die gegen den feierlichen Ge⸗ richtshof proteſtirten. Hören wir übrigens, was Voltaire von den Hofleu⸗ ten ſagt, welche Vont en poste à Versailles essuyer les mépris Qu'ils reviennent soudain rendre en poste à Paris. (Welche mit Poſtpferden nach Verſailles gehen, um ſich verachten zu laſſen, und dann plötzlich mit Poſtpferden nach Pa⸗ ris zurückkehren, um andern die Verachtung zurückzugeben.) Wohl verſtanden, verſtehen wir unter Adel immer den hohen Adel, das heißt durch militäriſche Ehrenſtellen oder durch hohe Stellen am Hofe berühmte Edelleute; 1 d ·8 — 85— Alles was zu den Gerichtsbeamten gehoͤrt, was bis zu der Schöpfung der Welt hinaufſtieg, kann in dieſer Klaſſe nicht inbegriffen ſein; die Gerichtsadeligen konnten in kei⸗ nem Falle mit den Prinzen von Geblüt eſſen und ihre Frauen konnten nicht vorgeſtellt werden. Der geringſte Infanterielieutenant hatte, wenn er von Adel war, den Vortritt vor dem Kanzler von Frank⸗ reich. Was die Titel Marquis, Vicomte, Baron anbetrifft, ſo bedeuteten ſie durchaus nichts mehr, denn Jedermann nahm den Titel unverſchämter Weiſe an. Ein Beiſpiel: „Sie werden gebeten dem Leichenbegängniſſe und der Beerdigung der ſehr hohen und ſehr mächtigen Dame Eliſabeth Bontems, Frau des ſehr ho⸗ hen und ſehrmächtigen Herrn Nicolas Beau⸗ jean, Staatsrath, Secretär des Königs, der Krone von Frankreich und ſeiner Finanzen von La Rochelle beizu⸗ wohnen.“. Wer iſt dieſer Meiſter Nikolaus Beaujean, ein reicher Emporkömmling. Der Abbé Terray, der Alles be⸗ nutzte, fand daher auch ein Mittel dieſe Eitelkeit zu be⸗ nutzen. Immer damit beſchäftigt, die Steuern zu erhöhen und die Kopfſteuer von Paris zu ſteigern, befahl er den Ein⸗ nehmern, die Leute nicht mehr nach ihrem Vermögen, ſon⸗ dern nach den Titeln zu taxiren. Alle eingeſchmuggelten Marquis, Grafen, Bicomtes und Barone, wurden wie wahre Barone, Vicomtes, Grafen und Marquis taxirt. Drei Tage nachher waren die Büreaus der Einnehmer nur — 86— mit Leuten angefüllt, welche ihre Titel abzulegen und um Gnade zu bitten kamen, aber vergebens; ſie wurden in die Steuerrollen eingeſchrieben und konnten von nun an hr Steuerzettel unter ihre Ahnenproben legen. Wir haben den Witz der Marquiſe von Chaulnes an ihren Sohn erzählt, der ſich weigerte die Tochter des Herrn Bonnier, eines Mannes von geringer Herkunft, aber ge⸗ waltig reich, zu heirathen. „Sie haben Unrecht, mein Sohn, die aus⸗ geſogenen Ländereien düngt man mit NRiſt.“ In der Zeit, zu welcher wir gelangt ſind, das heißt im Jahre 1774, konnte daher auch vielleicht nicht ein Haus ohne Dispens Maltheſerritter machen. Der Herzog von Nevers hatte Mademoiſelle Lolotte geheirathet, die Maitreſſe des Engliſchen Geſandten, des Grafen Albermale. Der Marquis von Moutiers hatte Mademoiſelle von Varennes geheirathet, eine Schülerin der Madame Paris, einer der erſten Kupplerinnen von Frankreich. Ein Edelmann, ein wahrer, ein Repräſentant des be⸗ ſten und des älteſten Adels, der Herr Marquis von Lan⸗ geac, hatte Madame Sabbatin, die Maitreſſe des Herzogs de La Vrillière, unter der ausdrücklichen Bedingung ge⸗ heirathet, daß er ſie nicht berühren dürfte. Endlich haben wir Wilhelm Du Barry Mademoiſelle Lange heirathen ſehen, um Ludwig XV. eine Maitreſſe mit einem Titel zu geben. Die militäriſche Ehre war in denſelben Mißcredit ge⸗ fallen. Der Herr Graf de La Luſerne, Herr de La Mau⸗ —— — 87— gerie beſchuldigten ſich, daß ſie ſich gegenſeitig hätten er⸗ morden wollen, aber ſie hüteten ſich wohl ſich zu ſchlagen. Der Graf von Malllebois wurde zum Generaldirec⸗ tor des Krieges als Belohnung dafür ernannt, daß ein ſcandalöſer Proceß, von dem man die näheren Umſtände in allen Zeitungen der Zeit leſen kann, badeiſt, daß er den Staat verrathen hatte. Der Graf von Langeac wurde zum Ritter des heili⸗ gen Ludwigsordens ernannt, obgleich er kaum die für dieſe Belohnung nothwendigen Dienſtjahre hatte, weil Herr Gusrin, Wundarzt des Prinzen von Conti, ihn bei dem Ausgange aus der Oper beleidigt, und er die Beleidigung hatte auf ſich ſitzen laſſen. Ein anderer Ritter des heiligen Ludwigs trug die Schleppe des Kardinals von Luynes. Die Geſchichte bewahrt uns ſeinen Namen nicht, aber ſie bewahrt uns den Witz des Marquis von Conflans. Eines Tages ereiferte ſich der Marquis gegen den Gebrauch, daß ein Kardinal ſich die Schleppe ſeines Gewandes von einem Edelmanne tragen laſſen könnte. — Sie muͤſſen indeſſen wiſſen, daß dieſer Gebrauch beſteht, Marquis, antwortete die Eminenz, da ich ehedem einen Conflans zum adeligen Schleppträger hatte. — Das iſt möglich, antwortete der Marquis, es hat in unſerer Familie immer arme Tröpfe gegeben, welche um zu leben gezwungen geweſen ſind, den Teufel bei dem Schwanze zu ziehen. Was die Geiſtlichkeit anbetrifft, ſo lehrte ſie Atheis⸗ mus und Ausſchweifung. Da die hohen Prälatenwürden — 88— dem Adel vorbehalten waren, ſo folgte die Geiſtlichkeit den Ausſchweifungen des Adels. Der Biſchof von Beau⸗ vais, der ſeitdem Biſchof von Sens wurde, und der auf eine ſo ausgezeichnete und ſo muthige Weiſe die Faſtenpre⸗ digten vor dem Könige gehalten hatte, der Biſchof von Beauvais befand ſich von dem Bisthume ausgeſchloſſen, weil er der Sohn eines Hutmachers war, während Herr de la Roche⸗Ahmon ohne Schwierigkeit zum Kardinal er⸗ hoben worden war, obgleich er mit einer Frau lebte, die ihn zum Vater von ſieben Kindern gemacht hatte. Der Kardinal von Bernis hatte damit angefangen, ein ſehr weltlicher Abbé und ein ſehr leichtfertiger Dichter zu ſein. Man weiß, wie er ſich gehoben hatte: indem er ein Schmeichler der Frau von Pompadour wurde. Herr von Monbazet, Erzbiſchof von Lyon, der in ſeiner Eigenſchaft als Primas von Gallien den Erzbiſchof von Paris geta⸗ delt hatte, hatte öffentlich mit der Frau Herzogin von Mazarin gelebt. Der Herr Erzbiſchof von Toulouſe, Brienne, den wir ſpaͤterhin wiederfinden werden, war ſo —— ziemlich ein Gottesleugner. Der Herr Biſchof von Sen⸗ lis, Akademiker, obgleich er niemals, nicht einmal ſeine Verordnungen, weder geſchrieben noch geleſen hatte, war durch Madame Dubarry zu ſeiner Stelle gelangt, wie Herr von Bernis durch Frau von Pompadour. Der Herr Prinz Ludwig, Coadjutor von Straßburg, die zu⸗ künftige Hauptperſon in dem Drama des Halsbandes, war von Paris entfernt worden, weil er den lobenswerthen Plan, ohne Zweifel in der Abſicht ihrer Bekehrung, ge⸗ faßt hatte, bei allen Freudenmädchen von Paris zu ſchla⸗ 1 — — 89— fen, ein bereits zur Hälfte ausgeführter Plan, als er, die Einen ſagen auf dem dritten Theile, die Andern ſagen auf der Hälfte des Weges unterbrochen wurde. Herr von Denſos, Biſchof von Verdun, früher Biſchof von Rennes, rühmte ſich allein während der Verſammlung der Stände von Nantes Hundert und fünfzig junge Mädchen gehabt zu haben, welche den ſeltenen Talisman beſaßen, mit deſ⸗ ſen Hilfe Jeanne d'Arc die Engländer verjagt hatte. Au⸗ ßerdem rühmte er ſich alle Mitglieder des Parlaments von Rennes, deren Frauen hübſch waren, zu Hahnrei's gemacht zu haben, die einzige Weiſe, wie er ſagte, mit der ein Mann ſeines Standes ſich an Gerichtsperſonen rä⸗ chen könnte. Der Herr Biſchof von Orleans war, wie man ſich erinnern wird, beruͤhmt durch dieſes merkwür⸗ dige Pfründenblatt, das zur Verfügung der Mademoiſelle Guimard ſtand, was Mademoiſelle Sophie Arnould ſa⸗ gen ließ:— Wie kömmt es, daß dieſer Seidenwurm von Guimard ſo mager iſt, da ſie doch auf einem ſo gu⸗ ten Blatte lebt?— Außerdem hatte er ſeine eigene Nichte zur Maitreſſe. Man ſang daher auch Weihnachten 1764 aus vollem Halſe: Il vint une grisette Avec ce prestolet, Portant une galette, Et des oeufs du lait, Disant; de vous, seigneur, le présent n'est pas digne, Mais nous vivons comme au vieux temps; Nous couchons avec nos parents A Paris comme à Digue — 90— (Es kam eine Griſette zu dieſem armſeligen Pfaffen, die einen Kuchen trug, und Eier und Milch, indem ſie ſagte: das Geſchenk iſt Ihrer nicht würdig, Herr, aber wir leben wie in den alten Zeiten; wir ſchlafen bei unſeren Verwandten, in Pa⸗ ris wie in Digne.) Endlich hatte der Biſchof von Vannes, Herr Ame⸗ lot, alle möglichen Lüſte. Die vornehmen Damen ihrerſeits blieben nicht zurück. Die Einen, wie die Frau von Richelieu, nahmen, indem ſie fanden, daß es den vornehmen Herren an Energie fehlte, einen Stallmeiſter oder irgend einen andern Diener ihres Gatten zum Geliebten. Andere warben auf dem Theater, und ließen ſich Schauſpieler zuführen, ohne ih⸗ nen Zeit zu laſſen ihr Koſtüm abzulegen und ihre Schminke abzuwaſchen. — Was würden meine Ahnen ſagen, wenn ſie mich in den Armen eines Poſſenreißers ſähen? rief eine Dame von Stande aus, als ſie in den Armen des Schauſpielers Baron wieder zur Beſinnung kam. — O! Das iſt ganz leicht zu errathen, antwortete dieſer, ſie würden denken, daß Sie eine liederliche Vettel ſind. Man ſagte ſprüchwörtlich: diebiſch, wie eine Herzogin. Die Buhlerinnen, welche dieſe ganze abſcheuliche Ge— ſellſchaft mit Vergnügungen freihielten, waren zuvörderſt der Wichtigkeit und der alphabetiſchen Ordnung nach, Ma⸗ demoiſelle Arnould, um deretwillen der Graf von Laura⸗ guais ſo viele Thorheiten begangen hatte. Langes und — 94— mageres Geſicht, garſtiger Mund, breite und ſchadhafte Zähne, ſchwarze und fettige Haut, aber zwei ſchöne Au⸗ gen, wenig Stimme als Schauſpielerin, aber viel Seele, ein reizendes Spiel, Witz wie ein Dämon, ſo daß ſie von ihren drei Freundinnen, den Demoiſelles von Chateauvieux, von Chateauneuf und von Chateaufort ſagte:— Alle dieſe Schlöſſer ſind wankende Schlöſſer; ſo daß ſie zu ihrer Freundin, Mademoiſelle Veſtris, einer Italienerin und zu Allem gut, die niemals ſchwanger war und ihr vorwarf es immer zu ſein, ſagte:— das iſt nicht zu än⸗ dern, meine Liebe, eine Maus, die nur ein Loch hat, iſt bald gefangen; ſo daß ſie zu ihrer Freundin, Mademoi⸗ ſelle Duplant, die von einem Fleiſcher unterhalten ward, in dem Augenblicke, wo man einen großen, man wußte nicht wie in das Foyer der Oper eingetretenen Hund fort⸗ jagte, ſagte:— Aber ſo nimm Dich doch in Acht, Du⸗ plant, es ſcheint mir, daß man den Läufer Deines Ge⸗ liebten mißhandelt. Da ſie zu der Zeit, in welcher wir ſchreiben, zum Geliebten des Herzens einen jungen Bau⸗ meiſter hatte, antwortete ſie denen ihrer Freundinnen, wel⸗ che ihr einen ſo beſcheidenen Geſchmack vorwarfen:— Was wollen Sie? ſo viele Leute ſuchen meinen Ruf nie⸗ derzureißen, daß ich wohl Jemand nehmen muß, um ihn wieder aufzubauen. Zum Geliebten der Laune nahm ſie Mademoiſelle Virginie, eine junge Sängerin, welche da⸗ mals anfing in der Oper aufzutreten.— Man zweifelt.— Gut.— Man leſe.— Wir haben Beweiſe für Alles.— Die Sache iſt aus den Memoiren Bachaumonts, ſiebenter Band, Seite 188 entnommen. — 9e— „11. Juli 1774. Das Laſter der Tribaden kömmt unter unſeren Operprinzeſſinnen ſehr in die Mode. Sie machen durchaus kein Geheimniß daraus und behandeln dieſe kleinen Sünden als Artigkeiten; Demoiſelle Arnould, obgleich ſie Proben in einer andern Art abgelegt hat, da ſie mehrere Kinder hat, gewährt ſich dieſes Vergnuͤgen; ſie hatte ein anderes Mädchens, Namens Virginie, deren ſie ſich zu dieſem Gebrauche bediente. Dieſe hat die Stelle gewechſelt und iſt zu Mademoiſelle Raucourt von der Ko⸗ mödie Francaiſe übergegangen, die närriſch in ihr Ge⸗ ſchlecht verliebt iſt, und auf den Marquis von Bisvre ver⸗ zichtet hat, um ſich ihr ganz nach ihrem Gefallen hinzu⸗ geben. Als letzthin im Palais⸗Royal während der Nacht der Herr Ventes die Demoiſelle Virginie über ihren Bruch mit Mademoiſelle Arnould, die man in ihren Parthien der Ausſchweifung Sophie nennt, geneckt hatte, hat dieſe, wel⸗ che Zeuge der Aeußerungen war, dem Casvalier eine ſehr tüchtige Ohrfeige gegeben, uͤber welche er genöthigt gewe⸗ ſen iſt zu lachen, indem er die liebenswürdige Tribade um Verzeihung bat.“ Mademoiſelle Arnould vergriff ſich zuweilen an weit Höheren als ihren Kameraden. Am 4. Januar 1774 hatte ſie folgenden Brief an den Abbé Terrah geſchrieben. Brief der Mademoiſelle Arnould, von der Oper, an den Herrn Abbé Terray, Generalcontroleur der Finanzen, auf Veranlaſſung des Gerüchtes, wel⸗ ches im Umlaufe war, daß ſie durch den neuen, am 1. Januar unterzeichneten Vertrag über den Generalſteuerpacht einen geheimen Antheil hätte. —— — 93— „Gnaͤdiger Herr, „Ich hatte immer ſagen hören, daß Sie wenig auf „die angenehmen Künſte und Talente hielten. Man ſchrieb „dieſe Gleichgültigkeit der Härte Ihres Charakters zu. Ich „habe Sie oft hinſichtlich des erſten Vorwurfs vertheidigt; „was den zweiten anbetrifft, ſo wäre es mir ſchwer gewe⸗ „ſen, mich gegen den allgemeinen Schrei von ganz Frank⸗ „reich zu erheben. Ich konnte mich indeſſen nicht überre⸗ „den, daß ein für die Reize unſeres Geſchlechts ſo em⸗ „pfänglicher Mann ein Herz von Erz haben könnte. Sie „haben wirklich das Gegentheil bewieſen. Sie haben ſich „unter den wichtigſten Geſchäften Ihres Miniſteriums mit „uns beſchäftigt. Gezwungen die Nation mit einer Steuer „von Hundert und zweiundſechzig Millionen zu belaſten, „haben Sie geglaubt, einen kleinen Theil davon für das alhriſche Theater und für die anderen Schauſpieler vorbe⸗ „halten zu müſſen. Sie wiſſen, daß eine Doſis Allard*), „Caillaud“**) und Raucourt,“***) ein einſchläferndes Mittel niſt, um die ſchmerzlichen Operationen zu beruhigen, wel⸗ „che Sie mit Bedauern an ihnen anſtellen. Als wahrer „Staatsmann nehmen Sie die Glieder davon je nach dem „Nutzen, den ſie nach ihrer Anſicht haben. Die Regie⸗ „rung hält ohne Zweifel in Kriegszeiten viel auf einen „Krieger, der ſein Blut für das Vaterland vergießt; aber nin Friedenszeiten dient der Anblick eines verſtümmelten *) Operntänzerin. **) Von der italieniſchen Komodie zuruͤckgezogener Sänger. ***) Neue Schauſpielerin an der Komodie, Francaiſe. — 94— „Soldaten nur dazu, zu betrüben und die Klagen und das „Murren des Franzoſen zu erregen, der ſchon zu geneigt „iſt zu ſtöhnen. Es ſind im Gegentheile Leute nöthig, „welche ihn zerſtreuen und ihn beluſtigen. Ein Saͤnger, „eine Tänzerin ſind dann weſentliche Perſonen, und der „Unterſchied, den man in den Belohnungen der beiden Ar⸗ „ien von Bürgern aufſtellt, ſteht im Verhältniſſe zu der „Anſicht, welche man von ihnen hat. Der verkrüppelte „Officier erpreßt mit Mühe und nach vielen Bewerbungen „und Bücklingen eine mäßige Penſion; ſie iſt auf den kö⸗ „niglichen Schatz angewieſen, eine Art von Sieb, unter „welchem man lange die Hand ausſtrecken muß, bevor „man irgend einen Tropfen Waſſer erhält. Der Schau⸗ „ſpieler iſt reichlicher behandelt; er iſt neben einem Staats⸗ „blutigel geſtellt, ein nothwendiges Thier, das man auf „dieſe Weiſe zu unſeren Gunſten die reinſte Subſtanz von „ſich geben laͤßt, von der es ſich ernährt. Dem und der „Gründlichkeit Ihrer Politik, gnädiger Herr, muß ich ohne „Zweifel den ſchmeichelhaften Preis zuſchreiben, mit dem „Sie mein ſchwaches Talent beehren. Wie man ſagt, be⸗ „willigen Sie mir ein geheimes Intereſſe; bei jedem An⸗ „deren würde dieſes Wort mich erſchrecken, aber es iſt ein „goldenes Pferd. Sie laſſen mich hinter Plutus aufſitzen. „Ich zweifle nicht, daß es, von Ihnen abgerichtet, einen „ſanften und einladenden Gang hat. Unter Ihrem Schutze „vertraue ich mich ihm an, und wage mit ihm die großen „Abenteuer. Möchten Sie dagegen, gnädiger Herr, nie⸗ „mals einen widerſpenſtigen Rücken finden! Möchten alle „die, welche Sie liebkoſen wollten, ſich unter Ihrer ſchmei⸗ „chelnden Hand neigen! Möchte die ſtolzeſte ſich von Ih⸗ „nen bändigen laſſen und Eure Gnaden mit jenem köſtli⸗ nchen Erbeben empfangen, der Vorbedeutung der glück⸗ „lichſten Reiſe, jedes Mal wo Sie in den glückſeligen Ge⸗ „filden der Idalia galoppiren werden! „Ich bin mit tiefer Ehrerbietung gnädiger Herr, U. ſ. w., u. ſ. w., u. ſ. w.“ Der Abbé Terray antwortete ihr: Verſailles, den 8. Januar 1774. „Man hat Sie falſch unterrichtet, Mademoiſelle, Sie „haben keinen geheimen Antheil an den neuen Pacht, Sie „werden daher hinter keinem Generalpächter reiten; aber „es iſt Ihnen ſehr erlaubt, irgend Jemand vor oder hin⸗ „ter ſich reiten zu laſſen. Dieſe Paarung wird Ihnen „nicht weniger von Nutzen ſein; ſie iſt ſogar bequemer, „dadurch, daß ſie für den Einſatz nur einen ſehr kleinen „Fond voraus erheiſcht. „Ich bin, Mademoiſelle, ganz der Ihrige. U. ſ. w., u. ſ. w. Mademoiſelle Raucourt trieb die ſapphiſche Ausſchwei⸗ fung noch weit öffentlicher, als Mademoiſelle Sophie Ar⸗ nould. Sie hatte einen Orden der Veſt geſtiftet, von dem ſie Großprieſterin war. Dieſer aus; Frauen beſtehende Orden ſchwor in einer Feierlichkeit, deren Statuten diejeni⸗ gen, deren Schamhaftigkeit ſchwer einzuſchüchtern iſt, in unſeren Belegſtücken leſen können, den Männern einen — 96— ewigen Haß; freilich wurde der Schwur nicht immer treu gehalten, ſelbſt nicht von der Großprieſterin, ein Beweis davon iſt folgende neue Stelle der Memoiren Bachaumonts: „Am 15. Oktober 1774, der zwiſchen Mademoiſelle Arnould und Mademoiſelle Raucourt entſtandene Streit iſt in einen offenen Krieg ausgeartet. Der Herr Bellenger, Zeichner von Zoten und Geliebter der Erſteren, hat für die Partei gegen den Marquis von Villette, dem Ritter der zweiten, ergriffen, und die Aeußerungen ſind von Sei⸗ ten des erſteren ſo heftig geweſen, daß dieſer zu Thätlichkeiten hat kommen und den Zotenreißer niederſchlagen wollen, der es wagte, ihm die Spitze zu bieten. Da dieſer Auf⸗ tritt ſich in Gegenwart vieler Zeugen zugetragen hatte, ſo hat Bellenger, welcher den Groll des Marquis fürchtete, Klage gegen ihn bei dem Kriminalamte eingelegt. Indeſ⸗ ſen haben Vermittelungen zwiſchen ihnen ſtattgefunden, und durch einen ſehr lächerlichen Vergleich iſt man überein gekommen, daß die beiden Nebenbuhler mit dem Degen in der Hand auf einander losgehen ſollten, und daß man ſie trennen würde, was geſchehen iſt.“ Auf Veranlaſſung dieſer Ausſöhnung hat man den Scherz geſchrieben, den man in den Belegſtücken finden wird. 4 Mademoiſelle lebte öffentlich mit Madame P... Ma⸗ dame P... h us einer erſten Ehe einen Sohn, wel⸗ cher Mademoiſelle Raucourt Papa nannte. Mademoiſelle la Guerre, von der die Rede in dem Liede iſt, das wir angeführt haben, war offenherziger; ſie war ein rundes und wie eine Roſe hochrothes Geſicht, V V —————— — 97— mit welcher oder für welche, man kann das Eine wie das Andere ſagen, wie der ſterbende Malherbe aufgeſtellt hat, der Herr Herzog von Buillon acht Mal Hundert Tauſend Franken in drei Monaten ausgegeben hatte. Mademoiſelle Duthé hatte gleichfalls im Jahre der Gnade 1774 einen großen Ruf, kein Signalement über ſie würde wahrſcheinlich genauer ſein, als das, was wir in den Sehenswürdigkeiten des Jahrmarktes von Saint⸗ Germain finden. „Nr. 6. Maſchine.— ein ſehr ſchöner ſehenswürdi⸗ ger Automat bei Demoiſelle Duthé. Er ſtellt ein ſehr ſchönes Geſchöpf vor, das alle phyſiſchen Verrichtungen ausführt, ißt, trinkt, tanzt, ſingt, und wie eine natür⸗ liche Perſon, wie ein mit Verſtand begabter lebendiger Körper handelt. Er plündert einen Fremden auf eine geſchickte Weiſe aus; es wäre angenehm, ihn ſprechen zu laſſen, die Kenner haben darauf verzichtet, die Liebhaber ziehen es vor, ihn ſich bewegen zu laſſen.“ Herr von Durfort war, wie man durch das Lied geſehen hat, der Liebhaber, welcher proviſoriſch das Recht hatte, die Maſchine Nr. 6 in Bewegung zu ſetzen. Mademoiſelle Duthé war einfache Statiſtin der Oper unter dem Namen Roſalie geweſen; ſie hatte ihre Beför⸗ derung dem Glücke verdankt, das ſie gehabt hatte, von dem Herrn Herzoge von Orleans gewählt worden zu ſein, um ſeinem Sohne, dem Herzoge von Chartres, dem Phi⸗ lipp Egalits der Revolution, Heirathsunterricht zu geben. Zufrieden mit der Art und Weiſe, mit der ſie ihr Amt als Unterweiſerin in der Ehe ausgeführt hatte, ſchenkte ihr Ludwig der Fünfzehnte. 4. Band. 7 — 98— der Herr Herzog von Orleans ungefähr Hundert Tauſend Liores, und brachte ſie durch einige verdiente Lobeserhe⸗ bungen in die Mode. Nun hatte der Herr Graf von Artois Geſchmack für ſie gefaßt, was ſagen ließ, daß er, da er ſich eine Unverdaulichkeit an Biscuit von Sa⸗ vohen**) zugezogen hätte, er nach Paris gekommen wäre, um Thee zu trinken(prendre Duthé). Da ſie ſich in Folge der beiden morganatiſchen Ehen, die ſie eingegangen war⸗ ohne Zweifel für eine Prinzeſſin von Geblüt hielt, ſo hatte ſich die Duthé bei dem letzten Longchamp in einer Kutſche mit ſechs Pferden gezeigt; aber das Publikum war dermaßen über dieſe Unverſchämtheit empört geweſen, daß es nicht allein die Buhlerin ausgeziſcht, ſondern auch noch die Kutſche verhindert hatte, ſich der Reihe anzuſchließen. Was La Prairie anbelangt, ſo war ſie, wie die ſcandalöſe Chronik der Zeit ſagt, eine eben ſo friſche und eben ſo moraſtige Perſon, als es ihr Name andeuten konnte. Sie gehörte dem Herrn Prinzen von Soubiſe, welcher, da er ſie ſehr wenig beſchäftigte, ihr Zeit ließ, einige Geſchäfte mit dem Abbé Terray und Andern zu machen. 1 Die eine, am meiſten bekannte unter dieſen Damen ſollte für den Augenblick von der Geſellſchaft abgeſchloſſen werden und dem Könige Ludwig XV. Gelegenheit geben, ein Salomos würdiges Urtheil zu fällen. Das war Mademoiſelle Granville. *) Der Graf von Artois hatte die im Jahre 1805 geſtorbene Prinzeſſin Marie Thereſta von Savoyen geheirathet. 999— nd Mademoiſelle Granville war von Herrn Chaillon de he⸗ Joinville unterhalten, und unterhielt ihrerſeits einen Mi⸗ on litär, den zu opfern der Staatsrath mehr als ein Mal er, von ihr verlangt hatte. Mademoiſelle Granville hatte es a⸗ immer verſprochen, aber ſie empfing den vorgezogenen Ge⸗ re, liebten im Geheimen. Von ſeinen Agenten benachrichtigt, ge kam Herr Chaillon von Joinville eines Tages zu einer ar, ungewöhnlichen Stunde, und überraſchte die Nymphe mit ſo ihrem Geliebten. Statt über dieſe Ueberraſchung zu er⸗ ner ſchrecken, vereinigten dieſe nun ihre Anſtrengungen, be⸗ ar mächtigten ſich des Aktendreſchers, ſchoben ihn in ein Ka⸗ aß binet und ließen ihn durch die Fenſterſcheiben dieſes Kabi⸗ och nettes die Freiheit, ſie das Werk wieder vornehmen zu ſe⸗ en. hen, bei welchem ſie unterbrochen geweſen waren. Dann, die wie Molière ſagt:— Als die Sache ſo weit als möglich nd getrieben war,— ließ man den armen Staatsrath frei, ten und warf ihn vor die Thür, indem man ihn aufforderte, iſe, ein anderes Mal weniger neugierig zu ſein. eß, Indeſſen, nach Verlauf von einigen Tagen, als ſie zu das Waſſeer dieſes ſchönen Fluſſes verſiechen ſah, an dem ſie gewohnt war zu trinken, und den man den Pactolus nen nennt, ſtellte die Buhlerin vernünftige Betrachtungen an, ſen ging zu dem berechtigten Geliebten, geſtand ein, Unrecht en, zu haben, warf ſich ihm zu Füßen und bat ihn um Ver⸗ zeihung. Es war nicht aus eigenem Antriebe, daß ſie einem ſo achtbaren Manne eine Beleidigung zugefügt hat⸗ tez ſie fürchtete, daß ein ungeſtümer Soldat, wie ſie den ene kannte, der ſich bei ihr befand, ſich nicht zu irgend einer boshaften Handlung gegen einen Nebenbuhler ohne Waf⸗ — 100— fen und ohne Vertheldigung hinreißen ließ. Das wuͤrde ſich nicht mehr zutragen. Sie wäre über die Verdienſte des Rathes und über die Strafbarkeit des Soldaten auf⸗ geklärt. Ihre Arme ſind dem Rathe geöffnet, ihre Thür iſt dem Soldaten verſchloſſen. Die Sache traf ſich vortrefflichz der Staatsrath hatte ſeit langer Zeit über eine Rache gebrütet, und überzeugt, daß die ſchöne Granoille ihn trotz ihrer Betheuerungen nochmals betröge, beſchloß er, ſeine Rache in Ausführung zu bringen. Meiſter Chaillot von Joinoille war ein ſehr beleſener Mann, und er hatte irgendwo geleſen, daß ein Aktendreſcher, wie er, Meiſter Fsron vor ungefähr drei Hundert und zwanzig Jahren Franz I. auf eine grauſame Weiſe für eine der ſeinigen gleiche Beleidigung beſtraft hätte. Er ging an dieſelbe Quelle, als der Advokat Fe⸗ ron, und ſchickte ſich an, das Ganze oder einen Theil da⸗ von der Mademoiſelle Granville abzutreten. Unglücklicherweiſe für den armen Staatsrath wurde die ſchöne Unreine bei Zeiten gewarnt, und als er bei ihr erſchien, um ſeine Rache in Ausführung zu bringen, empfing ſie ihn, indem ſie ihm ſeinen Plan in allen ſeinen Umſtänden erzählte und ihn benachrichtigte, daß ganz Pa⸗ ris bereits wüßte, was für ein abſcheulicher Mann er wäre. Aber Mademoiſelle Granvoille kannte die Leute der Gerechtigkeit noch nicht, obgleich ſie mit ihnen umgegan⸗ gen war. Der Rath begab ſich wüthend zu dem Polizei⸗ director, gab die Demoiſelle an, wie als ob ſie ihm das gegeben hätte, was er ihr ſelbſt anzubieten gedachte, und rde iſte uf⸗ hür atte it, gen ung ehr ein drei me raft 6⸗ da⸗ irde bei gen, nen Pa⸗ er der an⸗ zei⸗ das und — 101— forderte zwanzig Tauſend Livres in Wechſel zurück, die er einen Monat vorher der Buhlerin unterſchrieben hatte. Der Richter wagte nicht, es auf ſich zu nehmen, ein ſolches Vergehen zu richten. Er wandte ſich deshalb an den Miniſter, der ſich ſelbſt an den König wandte, welcher erklärte, daß die Wechſel gebührend erlangt wären, aber die Demoiſelle Granville in Saint⸗Pelagie einſperren ließ. Die anderen in Rufe ſtehenden Buhlerinnen waren: Mademoiſelle Dubois von der Komödie Francaiſe, welche am 12. September 1775, ſo regelmaͤßig führte ſie ihre Bücher, 16,527 Liebhaber zählte.*) Fanny, Hocquard, Urbain, Felme, Fanfan, Renard, Julie, Lolotte, von Quinch, Lilia und Miré, eine liebenswürdige Sängerin, welche ihren letzten Geliebten ſo viel hatte ſingen laſſen, daß er daran geſtorben war, und daß man auf ſein Grab geſchrieben hatte: Mi-ré- la-mi-la,**) Alles zerſtörte die Geſellſchaft um die Wette, wie die Würmer den Kiel eines Schiffes zerſtören, indem ſie bei⸗ ßen, nagen, durchbohren, bis daß ſie ein jeder ſein Loch ge⸗ macht haben, und das Schiff Waſſer zieht und untergeht. Uebrigens hatte ſich die Ausſchweifung des Königthu⸗ mes, der Prinzen, des Adels, der Geiſtlichkeit und der *) Der engliſche Spion, Ausgabe von Leopold Collin, 1809, erſter Band, Seite 164. **) Wüͤrde, wenn man die deutſche Benennung der Noten an⸗ nähme, heißen: E. D. A. E. A., was hier zu überſetzen: Die Miré hat ihn hieher gebracht! ——— — 102— Gerichtsbeamten bis auf die geringeren Klaſſen herab er⸗ ſtreckt; auch ſie hatten in dem Palais Rohal ihre kleinen Gemächer, ſie laſen den Zotenreißer, eine Samm⸗ lung ſchmutziger Lieder des achtzehnten Jahrhunderts; ſie kauften die Broſchüren der auffordernden Schreiber, deren Gewerbe darin beſtand, die Großen, bei Strafe ihren Le⸗ benswandel auszuplaudern, zu brandſchatzen; endlich durch⸗ blätterten ſie die ſchlüpfrigen, bei den Büchertrödlern aus⸗ gelegten Bücher, und ihre Zahl war groß. In der That allein von 1760 bis 1774 waren er⸗ ſchienen: Saturnin oder der Pförtner der Kar⸗ thäuſer, ohne Namen des Verfaſſers, im Jahre 1760 herausgegeben. Der moderne Arétin, von dem Abbé Dulau⸗ rens, der, indem er immerhin den modernen Arétin herausgab, im Jahre 1763 bereits unter der Ueberſchrift Rom, an dem Gevatter Mathieu arbeitete. Feliciaoder meine Jugendſtreiche, gegen das Jahr 1770 von dem Chevalier von Nerciat unter der Ueberſchrift von Amſterdam herausgegeben. Venus in der Brunſt oder das Leben einer berühmten Unzüchtigen, im Jahre 1771 herausge⸗ geben. Die Akademie der Damen, Nachahmung der Aloiſia, von Meurſius, drei Auflagen. Das Sofa, von Crebillon Sohn. Die plauderhaften Kleinodien und die Nonne von Diderot. Sagen wir zu unſerem Ruhme, daß ſeit dem An⸗ —ꝛ,,—, — 103— fange des Jahrhunderts nicht ein dieſen ähnliches Buch herausgegeben worden iſt. Aber damals gab man ſie heraus, aber damals las das Volk ſie, und das Volk, der Nachahmer der Großen, bis daß es ihr Feind wurde, prunkte mit der Ausſchwei⸗ fung, mit dem Atheismus und dem Unglauben, lachte über Alles, über die heiligen Dinge, über den Schutz des Adels, tiſchte plumpe Späße über die Klöſter auf, ver⸗ folgte mit ſeinem Geſpött einen Geiſtlichen, der in der Straße vorüberkam, beſuchte wenig die Kirchen, aber häufig die Spielhäuſer, die Schenken und die Billards; endlich fing man an ſeine Kinder umzutaufen, um ihnen Namen der Helden Griechenlands und Roms zu geben. Außerdem hatte man für daſſelbe die Lotterie und das Pfandhaus geſtiftet, dieſe beiden Abgründe oder viel⸗ mehr dieſe beiden Kloaken, in denen ſich zugleich das Geld und die Moralität eines Volkes verlieren kann. Wir haben geſehen, was der König, die Prinzen, der Adel, die Geiſtlichkeit und die Gerichtsbehörden aus den Sitten gemacht hatten. Wir werden ſehen, was die Philoſophen aus der Religion gemacht hatten. V. Die Philoſophen. Gegen die Mitte des Jahrhunderts waren drei Män⸗ ner aufgetreten, drei von einem tiefen Haſſe gegen das Chriſtenthum erfüllte Männer. Dieſe drei Männer waren Voltaire, d'Alembert und Diderot. Voltaire haßte die Religion, weil er alles haßte, was rein war, auf alles eiferſüchtig, was erhaben war. War⸗ um hätte er den Chriſtus der Juden geachtet, er hatte wohl Jeanne d'Arc, den Chriſtus von Frankreich beſudelt. D'Alembert haßte die Religion, weil er als der Sohn einer Stiftsdame und eines Abbés, als armes verlaſſenes Kind, ſein erſtes Geſchrei auf den Stufen der Kirche aus⸗ 2—y— geſtoßen hatte, und weil die Kirche ungaſtfreundſchaftlich für ihn geweſen, weil die Stiftsdame und der Abbé ſtraf⸗ bar geweſen waren, hatte er die Religion verantwortlich für das Verbrechen ſeiner Geburt und ſeiner Ausſetzung gemacht. Diderot haßte die Religion, weil er vernarrt in ſeine Natur war, und weil er in ſeiner Begeiſterung für das Chaos ſeiner eigenen Ideen es vorzog, ſich ſelbſt Myſterien zu bilden, ſtatt die des Evangeliums anzunehmen. Uebrigens waren die Tage der Zerſtörung gekommen. Wenn das Schickſal den Tempel der Diana verbrennen will, ſo laßt es den Aeroſtrates geboren werden. Diderot iſt abwechſelnd Atheiſt, Materialiſt, Deiſt, Skeptiker, aber immer gottlos. Wir machen indeſſen eine Ausnahme mit ſeinen erſten Werken. Er trat in der philoſophiſchen Welt mit der Ab⸗ handlung auf: Verſuch über das Verdienſt der Tugend. In dieſem Buche iſt er nicht allein Deiſt, ſondern auch noch religiös; verzeihen wir ihm, er iſt erſt dreißig Jahre alt. Es gibt keine Tugend ohne Religion, ſagt er, der Atheismus läßt die Rechtſchaffenheit ohne Stütze, und führt geraden Weges zur Verkehrtheit. Ein Jahr nachher erſchienen die philoſophiſchen Gedanken. Es findet bereits ein Fortſchritt ſtatt, ob⸗ gleich der alte Menſch noch erſcheint. Der Chriſt hat noch keine Philoſophenhaut angelegt. Es gibt drei Arten von Atheiſten, ſagt er. Die wahren, die Zweifler und die, welche wollten, daß es kei⸗ — 106— nen Gott gäbe, die thun, als ob ſie davon überzeugt wä⸗ ren, und die leben, als ob ſie es waͤren. Die letztern ſind nur die Großprahler der Partei. Ich verabſcheue ſie, weil ſie falſch ſind. Was die wahren Atheiſten anbelangt, ſo bedaure ich ſie, jeder Troſt iſt für ſie todt.— Es blei⸗ ben noch die Zweifler, ich bitte Gott für ſie, denn es fehlt ihnen an Licht. Aber bald darauf gab er ſeinen Brief über die Blinden, zum Gebrauche derer, welche ſehen, heraus. Darin iſt ſein Held ein blind Geborener, welcher auf ſeinem Todtenbette, von dem Diener Gottes, der ihm Beiſtand leiſtet, aufgefordert, einen ſchaffenden Gott an⸗ zuerkennen, ſich dagegen weigert, indem er als Grund an⸗ gibt, daß er niemals etwas von dem geſehen habe, was man ihn in der Natur bewundern laſſen will. Für dieſes Buch wurde Diderot nach Vincennes ge⸗ ſandt, wo er drei Monate blieb. 1 Wäͤhrend dieſer drei Monate der Gefangenſchaft träumte er von der Enchelopädie, von der er bei ſeiner Freilaſſung mit d'Alembert ſprach. D'Alembert nahm es an. Man entwarf den Plan des großen Werkes, und faſt gleich, nachdem der Plan be⸗ ſchloſſen war, gab Diderot den Proſpectus und das Syſtem der menſchlichen Kenntniſſe heraus. Im Jahre 1760 war Diderot gänzlich bekehrt. Er ſchrieb an ſeinen Bruder und forderte ihn auf, ein ab⸗ ſcheuliches Syſtem aufzugeben. Dieſes abſcheuliche Syſtem iſt das Chriſtenthum. Man warte, er iſt jetzt im Zuge. In dem Leben — 102— Senecas wird er bekannt machen, daß zwiſchen ihm und ſeinem Hunde nur der Unterſchied des Anzuges beſteht. Da glaubt er nicht mehr an die Seele. Jetzt kommen nun die philoſophiſchen Grund⸗ ſätze über den Stoff und die Bewegung. Die Bewegung, ſagt Diderot, indem er anfängt, iſt unzertrennlich von dem Stoffe. Man hat nicht nöthig weiter zu gehen, Diderot glaubt nicht mehr an Gott. Jetzt, wo er das Chriſtenthum verfolgt, jetzt, wo er nicht mehr an die Seele glaubt, jetzt, wo er nicht mehr an Gott glaubt, wird er die Geſellſchaft angreifen, die noch an alles das glaubt. Man leſe das Supplement der Reiſe Bougainoilles oder das Geſpräch zwiſchen A und B über das Unſtatt⸗ hafte, moraliſchen Ideen Handlungen zuzuſchreiben, welche dieſelben nicht zulaſſen. Der Verfaſſer folgt Bougainville nach Otaheiti, und er iſt auf dem Gipfel der Freude; er hat endlich ein Land gefunden, in welchem die Gebrechen in der Natur ſind. In der That, die Sittſamkeit und die Züchtigkeit, Chi⸗ märe, die eheliche Treue, Eigenſinn und Marter; in einer gut eingerichteten, das heißt natürlichen Geſellſchaft, ſind die Frauen, wie in der Republik Platos, frei, und alle Geſetzgebungen, welche die Monogamie verordnet haben, haben der Natur Gewalt angethan und ſie beleidigt. Es ſei, das iſt eine Abſchweifung des Träumers, aber hier iſt etwas weit Ernſteres. —— — 108— Man höre die Unterhaltungen eines Va⸗ ters mit ſeinen Kindern, oder die Gefahr, ſich über die Geſetze zu ſtellen. Zuverläſſig iſt dieſer Titel genommen worden, um das Buch durchſchlüpfen zu laſſen, um irgend einem einge⸗ ſchlafenen Cenſor das Privilegium des Königs mit Liſt zu entwenden. 8 Man leſe: Es gibt keine Geſetze für den Weiſen. Da Alles Ausnahmen unterworfen iſt, ſo ſteht es ihm zu, die Fälle zu beurthei⸗ len, wo er ſich ihnen unterwerfen oder ſich von ihnen frei machen muß. Unter dieſen Bedingungen gibt es fünf Hundert Weiſe in Frankreich, die man jährlich auf die Galeere ſchickt. Dann gab er die plauderhaften Kleinodien, Jaques der Fataliſt und die Nonne heraus. Man nehme die Ausgabe von Naigeon, und man wird darin Stellen leſen, die wir hier nicht wiederzugeben wagen; eine Stelle, bei welcher Diderot abwechſelnd latei⸗ niſch, engliſch und italieniſch ſpricht, weil er, der große Chniker, nicht franzöſiſch zu ſprechen wagt. Endlich kömmt die merkwürdige Dithyrambe unter dem Titel: Die Eleutheromanen, oder die Ra⸗ ſenden der Freiheit, in welcher ſich folgende zwei berüchtigte Verſe befinden: Et ses mains ourdissaient les entrailles d'un prètre, A défaut d'un cordon pour étrangler les rois. — 109— (Und ſeine Hände drehten die Gedärme eines Prieſters in Ermangelung eines Strickes, um die Könige zu erdroſſeln.) Man ſpreche jetzt von dem Drucke des Gedankens unter der Regierung Ludwigs XV.! D'Alembert hat nicht dieſes Feuer; d'Alembert hat nicht dieſes Ungeſtüm, er verfährt mit der Ruhe der wah⸗ ren Philoſophie; er iſt faſt immer der beharrliche, ſtille und geheime Minirer, von dem jeder Schlag dumpf er⸗ ſchallt, indem er das Gebäude erſchüttert, das er ſtürzen will. D'Alembert iſt kaltblütig, vorſichtig, argliſtig, ver⸗ birgt ſich faſt immer, und wenn er ſich zeigt, ſo zeigt er ſich gerade nur ſo viel, als nöthig iſt, um bemerkt zu werden. Er verſtellt aus Inſtinct; der Krieg, den er führt, iſt nicht der eines Parteihauptes, er überläßt Vol⸗ taire das Commando. Nein, es iſt der Krieg eines Scharfſchützenhauptmanns, der hinter einem Gebüſche lebt, der ſich unter dem Schutze eines Felſen freut, den Feind fallen zu ſehen, auf den er gedeckt ſchießt. Immer auf ſeiner Huth, kömmt er der Erwiderung zuvor, die ihn treffen könnte. Er ſchreitet gewöhnlich in Wolken gehüllt, wie jene Streiter Homers, die irgend ein befreundeter Gott der Gefahr entziehen wollte. Die Huldigung eines Kreiſes genügt ihm. Vierzig Hände, welche einer von ihm gehaltenen Rede Beifall klatſchen, bilden ihm einen Tag des Triumphes. Er iſt der Werber der Gottloſigkeit; 8 er wirbt, er bildet, er weihet die Schüler zweiten Ranges ein, leitet die Sendungen, unterhält die kleinen Briefwech⸗ ſel. Demnach alſo, ein armſeliger, magerer, gezierter, ——Q—ÿD——— — 110— geſchraubter, gemeiner, unedler Schriftſteller iſt er ein Proſaiker dritten Ranges, aber ein Mathematiker erſten Nanges. So ſehe man, wie dieſe philoſophiſche Vorſicht ſich ſelbſt mit ſeinen beſten Freunden, ich möchte faſt ſagen ſeinen Mitſchuldigen zeigt, man ſehe, wie wenig er nöthig hat, überzeugt zu ſein, und wie ſehr der algebraiſche Cirkel ihm wenig nothwendig für das genaue Maß des Gedankens ſcheint. Voltaire, welcher, indem er die Gottloſigkeit predigte, ſich ewig in dem Zweifel abkämpfte, Voltaire ſchrieb ihm und an Friedrich: „Alles, was uns umgibt, iſt das Reich des Zweifels, und der Zweifel iſt ein unangenehmer Zuſtand. Gibt es einen Gott, ſo wie man ihn ſchildert, eine Seele, ſo wie man ſie ſich vorſtellt, Verbindungen, ſo wie man ſie aufſtellt? Gibt es nach dem Momente des Lebens et⸗ was zu hoffen? Hatte Gelimer, ſeiner Staaten beraubt, Recht zu lachen, als man ihn Juſtinian vorſtellte? Und Cato Recht, ſich das Leben zu nehmen aus Furcht, Cäſar zu ſehen? Iſt der Ruhm nur eine Täuſchung? Muß Mu⸗ ſtapha, indem er alle möglichen Albernheiten begeht, un⸗ wiſſend, ſtolz und geſchlagen iſt, wenn er verdaut, glück⸗ licher als ein Philoſoph ſein, der nicht verdaut? Sind alle Weſen gleich vor dem großen Weſen, das die Natur beſeelt? Wäre in dieſem Falle die Seele Ravaillacs gleich der Heinrichs IV., oder hätte weder der eine, noch der andere eine Seele? Möge der Philoſoph alles das ausein⸗ anderſetzen; ich für meinen Theil begreife nichts davon.“ — 111— „Ich geſtehe Ihnen, antwortete d'Alembert, daß über das Daſein Gottes der Verfaſſer des Naturſyſtemes mir zu feſt und zu dogmatiſch ſcheint, und daß ich darin nur albernen Skepticismus ſehe. Was wiſſen wir davon? iſt für mich die Antwort auf alle metaphyſiſche Fragen, und die Betrachtung, welche man hinzufügen muß, iſt, daß, da wir nichts wiſſen, es uns nicht nöthig iſt, mehr davon zu wiſſen.“ Dann weiterhin: „Das nein iſt methaphhſiſch, fügt d'Alembert hinzu, ſcheint mir nicht viel vernünftiger, als das ja und das nein, oder: das iſt nicht klar, iſt die einzige vernünf⸗ tige Antwort faſt auf Alles.“ Den Apoſteln der Zerſtörung würde man vielleicht verzeihen, wenn ſie überzeugt wären; aber wie man ſieht, ſind ſie es nicht. D'Alembert wirft daher auch dem ungeduldigen Vol⸗ taire, der damals 68 Jahre alt war, dreiundzwanzig Jahre älter, als er, immer vor, ungeduldig zu ſein, zu raſch zu verfahren, kurz ſich zu compromittiren. Wenn das Menſchengeſchlecht ſich aufklärt, ſchreibt er ihm, ſo geſchieht es, weil man es allmälig aufklärt. Dieſer Grundſatz iſt es, welcher d'Alembert den Plan der Encyelopaͤdie annehmen ließ. In der That, die erſten Bände der unermeßlichen Sammlung mußten mit Vorſicht abgefaßt werden, um die Geiſtlichkeit nicht zu erſchrecken, und dennoch wurden durch einen am 7. Februar 1752 erlaſſenen Beſchluß des königli⸗ chen Rathes die beiden erſten Bände weggenommen, und — 112— der Druck der anderen achtzehn Monate lang eingeſtellt. Aber d'Alembert, Diderot und Voltaire erlangten es, fort⸗ zufahren und fuhren fort. Fünf neue Bände erſchienen. Die religiöſen Leute ſchlugen Lärm und ſchrien über Gott⸗ loſigkeit, und ein Beſchluß des königlichen Rathes vom 3. März 1759 nahm das Privilegium zurück. D'Alembert fürchtete ſich, zu compromittiren, und zog ſich, ſeinem Charakter getreu, zurück. Diderot beharrte, bewarb ſich, intereſſirte den Director des Buchhandels für ſeine Anſich⸗ ten, indem er die Vortheile geltend machte, welche der Handel aus einem ſolchen Unternehmen ziehen würde, und der Herr Herzog von Choiſeul, der uns mit Oeſterreich verbündet, der die Jeſuiten unterdrückt, kurz der ſein Werk zu vervollſtändigen hat, Herr von Choiſeul beſchloß nicht allein, daß die Herausgabe der Enchelopädie fortführe, ſondern auch noch, daß ſie keiner Cenſur unter⸗ worfen ſein ſollte. Mit dieſer Bevollmächtigung gingen die faſt alle aus der Feder d'Alemberts hervorgegangenen Grundſätze durch. „Es gibt kein Weſen in der Natur, das man das erſte oder das letzte nennen könnte. Es gibt eine in jeder Bedeutung endloſe Maſchine.“(Art. der Encyelo⸗ päd ie.) „Auch das Atom iſt Gott; es iſt die erſte Urſache von Allem, weil Alles, und Alles iſt thätig, weſentlich durch ſich ſelbſt allein unveränderlich, allein ewig, allein unwandelbar iſt.“(Art. Loke) „Was liegt daran, ob der Stoff denkt oder nicht? Was kümmert dies die Gerechtigkeit oder die Ungerechtig⸗ A— ——— 8 5 8 — 113— keit, die Unmoralitaͤt und alle die Wahrheiten des ent⸗ weder politiſchen oder religiöſen Syſtems?“(Art. Loke.) „Das Lebendige und das Beſeelte iſt nur eine phyſi⸗ ſche Eigenſchaft des Stoffes. Der einzige Unterſchied, wel⸗ cher zwiſchen gewiſſen Vegetabilien und Thieren, ſo wie wir, ſtattfindet, iſt, daß ſie ſchlafen und daß wir wachen, daß wir Thiere ſind, welche fühlen, und daß ſie Thiere ſind, welche nicht fühlen.“(Art. Thier.) Voltaire ſchrieb daher auch an dAlembert: „Während des Streites der Parlamente und der Bi⸗ ſchöfe werden die Philoſophen gutes Spiel haben. Sie werden die Freiheit haben, Wahrheiten zu ſagen, welche man vor zwanzig Jahren nicht zu ſagen gewagt hätte.“ (Brief an d'Alembert, den 13. November 1756.) Und der Aufforderung des Meiſters treu, haͤufte d'Alembert in der Enchelopädie W ahrheiten auf Wahr⸗ heiten, ſo daß Alles guten Fortgang hatte, und daß d'Alembert am 4. Mai 1762 an Voltaire ſchreiben konnte: „Was mich anbetrifft, ſo ſehe ich in dieſem Augen⸗ blicke Alles roſenfarbig, ich ſehe die Duldung die Prote⸗ ſtanten zurückrufen, die verheiratheten Prieſter wieder ein⸗ ſetzen, die Beichte abgeſchafft und den Fanatismus zertre⸗ ten, ohne daß man es gewahr wird.“ Kommen wir daher auf dieſen Meiſter, der zu gleicher Zeit lehrt und handelt, der Alles miteinander, der Kopf, welcher ſich verſchwört und der Arm iſt, welcher trifft; verhängnißvolles Geſtirn, um das herum Alles Trabant iſt, Ludwig der Fünfzehnte. 4 Band. 8 — 114— und das eine ganze Welt in einen Strudel von Atheismus und von Gottloſigkeit fortreißt! Voltaire iſt bei weitem beharrlicher, als Diderot, bei weitem kühner, als d'Alembert. Kühn bis zur Frechheit, trotzt, behauptet, erfindet er, verunſtaltet die heiligen Schriften, verfälſcht die Kr henväer nennt gleicher Weiſe das ja und das nein, das nein und das ja, trifft überall, vor ſich, hinter ſich, zur Rechten und zur Linken. Was liegt daran, wen er verletzt, wenn er nur verletzt? Einer dieſer verlorenen Pfeile wird immer wohl das Kö⸗ nigthum oder die Religion treffen. Hitzig, zornig, unge⸗ ſtuͤm, verſtellt er ſich nur wider Willen und wie ein Häupt⸗ ling, der gezwungen iſt, ſeine Batterien zu maskiren. Gewiß würde er gern, wie er es ſelbſt ſagt, gegen die Religion einen offenen Krieg führen, und auf einem Haufen von zu ſeinen Füßen geopferter Chri⸗ ſten ſterben.(Brief an d'Alembert vom 20. April 1761.) Aber er ſieht ein, daß er treffen und die Hand verbergen muß,(Brief an d'Alembert, Mai 1761) kurz handelt als Verſchworener und nicht als Eiferer. Aber wie ſchwer dieſem Agamemnon ſkeptiſcher Ar⸗ meen dieſe Verſtellung fällt! das kömmt daher, weil er ganz im Gegenſatze zu d'Alembert, dem vierzig Hände ge⸗ nügen, welche Beifall klatſchen, aller Poſaunen der Fama von Paris bis Berlin, von Ferney bis Stockholm, von Genf bis Sanct⸗Petersburg bedarf. Dieſer Mann hat für eine Million Ruhm, ſagte d'Alembert unwillig, und er verlangt noch für einen Sou. Voltaire wurde im Jahre 1698 geboren und ſtarb im — —, B——·,— — 115— 8 Jahre 1778. Er wird ein ganzes Jahrhundert beherr⸗ ſchen; Satan verleihet ihm ein langes Leben, denn ſein ei Werk iſt unermeßlich. t, Er macht ſich daher auch von ſeiner Jugend an an en ſein Werk. ſe Unglücklicher! Du wirſt der Bannerträger fft der Gottloſigkeit ſein! ſagte der Jeſuit Leray zu en. Voltaire, als er noch einfacher Student am Collegium t?2 Louis le Grand war. bö⸗ In der That, Voltaire wuchs in Mitte der heidniſchen ge⸗ Geſellſchaft von dem Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts, pt⸗ und der atheiſtiſchen Geſellſchaft des achtzehnten Jahrhun⸗ en. derts heran. Er iſt der Schüler Chaulieus, des Hausge⸗ die noſſen des Hotels von Vendome. Sein Streit mit Herrn 2m von Rohan zwang ihn, eine Zuflucht in England zu ſu⸗ ri⸗ chen, und dort war es, wo Voltaire, wie uns Condorcet vril ſagt, ſchwur, ſein Leben dem Umſturze der Re⸗ and ligion zu widmen. Er hat Wort gehalten. 61) Das Geſtändniß iſt treuherzig, und ſetzt ſelbſt in un⸗ ſerer Zeit in Erſtaunen. Man leſe das Leben Voltai⸗ Ar⸗ res(Ausgabe von Kehl). er— Sie werden ſich vergebens bemühen, ge⸗ ſagte eines Tages der Polizeiminiſter Hérault zu ihm, der ma ihm ſeine Gottloſigkeit vorwarf, es wird Ihnen nicht von gelingen, die ehriſtliche Religion zu zer⸗ ſtören. agte— Das werden wir ſehen, antwortete Voltaire. Sou. Wahrlich, ſagte der Verfaſſer der Jungfrau von im Drleans, ich bin es müde, ſie beſtändig wieder: 8* — 116— holen zu hören, daß zwölf Männer genügt ha⸗ ben, um das Chriſtenthum zu gründen. Ich habe Luſt, Ihnen zu beweiſen, daß es nur Eines bedarf, um es zu zerſtören. Wie, ſchrieb er am 24. Juli 1760 an d'Alembert, wie wäre es möglich, daß es fünf bis ſechs Männern von Verdienſt, die ſich miteinander verſtändigten, nach dem Beiſpiele von zwölf Schurken, nicht gelänge, denen es gelungen iſt? Die zwölf Schurken ſind die zwölf Apoſtel. Voltaire machte ſich daher an das Werk, und da der Boden gut vorbereitet war, ſo fiel die Saat in gutes Land. Zwei Jahre nachdem er angefangen hatte, dieſe zwölf Schurken anzugreifen, ſchrieb er daher auch an Diderot, indem er immer in dem Zweifel ſchwankte, wie der Pendel einer Standuhr in dem Raume:. . Welche Partei Sie auch ergreifen mögen, ich empfehle Ihnen die Schanddirne anz man muß ſie bei den rechtſchaffenen Leuten zerſtö⸗ ren und ſie dem Lumpenpack überlaſſen, für welche ſie geſchaffen iſt. Die Schanddirne iſt ganz einfach die Religion. Sobald er das Wort einmal gefunden, wandte Vol⸗ taire keine anderen mehr an. Am 2. September 1768 ſchrieb er: Damilaville muß ſehr zufrieden über die Verachtung ſein, in welche die Schanddirne — ͤ=—— —— „ rF—, 20 r b o — — 117— bei allen rechtſchaffenen Leuten Europas ge⸗ fallen iſt. Das war Alles, was man wollte und Alles, was nothwendig war. Man hat niemals Anſprüche darauf gemacht, die Schuhmacher und die Mägde aufzuklärenz ſie ſind das Erbtheil der Apoſtel. Das kam daher, weil der Angriff einſtimmig geweſen iſt, weil die Streiche gehörigermaßen gefallen ſind. Mit Verhaltungsvorſchriften, wie die vom Jahre 1761, war die Spaltung in der That ſchwer: 1 „O meine Philoſophen! wir müſſen, wie der mace⸗ doniſche Phalanx, in geſchloſſenen Gliedern marſchiren. Er wurde nur beſiegt, weil er zerſtreut worden war. Mö⸗ gen die wahren Philoſophen eine Brüderſchaft, wie die Freimaurer, bilden; mögen ſie ſich verſammeln, ſich unter⸗ ſtützen, mögen ſie treu ſein. Dieſe Akademie wird einen bei weitem größeren Werth haben, als die von Athen und als alle die von Paris.“ Man ſehe daher auch die Freude des Philoſophen von Ferney, als er ſah, daß der Same keimte und der Kreuz⸗ zug ſeine Früchte trug. „Der Sieg erklärt ſich für uns, ſchrieb er an Da⸗ milaville, der ſich ganz offen für den Atheismus erklärte. Ich verſichere Ihnen, daß es binnen Kurzem nur noch das Lumpenpack unter der Fahne unſerer Feinde geben wird, und wir wollen dieſes Lumpenpack ebenſo wenig mehr als Anhänger, noch als Gegner. Wir ſind ein Corps tapferer Ritter für die Vertheidigung der Wahrheit, die wir unter uns nur wohlerzogene Leute aufnehmen. Vorwärts, tapferer — 118— Diderot, vorwärts, kühner d'Alembert, ſchließt Euch mei⸗ nem lieben Damilaville an. Fallt über die Schwärmer und über die Betrüger her. Beklagt Blaiſe Pascal und verachtet Houteville und Abadin ebenſo ſehr, als wenn ſie Kirchenväter wären.“ Dieſer Jubel war noch bei weitem größer, als er Friedrich begegnete. Welche Wonne, unter ſeinen Schülern den Sieger von Roßbach zu zählen! ſeinem Worte das Gewicht der Beifallsbezeugungen eines gekrönten Audito⸗ riums zu geben! ein Schüler, der mit ſolchen Worten auf die Worte des Meiſters antwortet: „Um mit meiner gewöhnlichen Offenherzigkeit zu ſpre⸗ chen, muß ich Ihnen natürlich geſtehen, daß Alles, was den Gottmenſchen anbetrifft, mir in dem Munde eines Philoſophen nicht gefällt, der über die Volksirrthümer er⸗ haben ſein muß. Ueberlaſſen wir dem großen Corneille, dem alten kindiſch gewordenen Schwätzer, die abgeſchmackte Arbeit, die Nachfolge Jeſu Chriſti in Reime zu ſetzen, und nehmen Sie nur aus ihren eigenen Mitteln das, was Sie uns zu ſagen haben. Man kann von der Fabel ſprechen, aber nur als Fabel, und ich glaube, daß es beſſer iſt, ein gänzliches Schweigen uͤber die chriſtlichen Fabeln zu beobachten, welche durch ihr Alterthum und durch die Leichtgläubigkeit alter und abgeſchmackter Leute für heilig erklärt ſind.“ Das iſt es, was Friedrich von der Religion dachte. Will man jetzt wiſſen, was er von der Unſterblichkeit der Seele dachte? „Ein Philoſoph meiner Bekanntſchaft, ein in ſeinen — 119— Geſinnungen entſchloſſener Mann, glaubt, daß wir genug Stufen der Wahrſcheinlichkeit haben, um zu der Gewißheit zu gelagen, daß post mortem nihil est(oder auch, daß der Tod ein ewiger Schlaf iſt). Er behauptet, daß der Menſch nicht doppelt iſt, und daß wir nur der durch die Bewegung beſeelte Stoff ſind. Dieſer ſeltſame Mann ſagt außerdem, daß keine Verbindung zwiſchen den Thieren und dem höch⸗ ſten Verſtande beſtände.“ Fünf Jahre nachher wurde Friedrich dreiſter, und ge⸗ ſtand, daß dieſer ſeltſame Mann er waͤre. „Ich bin feſt überzeugt, ſagt er, daß ich nicht doppelt bin; daher betrachte ich mich nur als ein einziges Weſen; — um offen zu ſprechen, ſagen Sie einfaches. Ich weiß, daß ich ein organiſirtes Thier bin, welches denkt, woraus ich ſchließe, daß der Stoff denken kann,— wie er die Ei⸗ genſchaft hat, electriſch zu ſein.“ Nichts iſt anſteckender, als das Beiſpiel, nichts iſt füßer, als das Lob. Man ſehe daher auch alle Fürſten, welche, da ſie ihren Collegen, den König von Preußen, von den Philoſophen gelobt ſehen, nun auch gelobt ſein wollen. Zuvörderſt iſt es Joſeph II., der ſich gleichfalls zum Philoſophen macht. Er iſt von Friedrich zugelaſſen und in die Geheimniſſe der antichriſtlichen Verſchwörung eingeweiht worden. Dieſe beiden alten Antagoniſten haben zwölf Jahre des Krieges vergeſſen, und ſich gegen den gemeinſamen Feind verbunden, den Chriſtus. Voltaire beeilte ſich daher auch, d'Alembert die kaiſer⸗ — 120— liche Eroberung zu melden, welche die Ponioſophit ge⸗ macht hatte. „Sie haben mir ein wahres Vergnügen gemacht, ſchrieb er ihm am 28. October 1769, indem Sie das Unendli⸗ che auf ſeinen richtigen Werth herabgeſetzt haben. Aber hier iſt etwas weit intereſſanteres: Grimm verſichert, daß der Kaiſer der unſrige iſtz das iſt ein Glück, denn die Herzogin von Parma, ſeine Schweſter, iſt gegen uns.“ Jetzt handelte es ſich darum Friedrich zu danken; es iſt das Haupt der Secte, welches es wieder übernimmt. „Ein Böhme, der viel Verſtand und viel Philoſophie hat, Namens Grimm, hat mir gemeldet, daß Sie den Kaiſer in unſere heiligen Geheimniſſe eingeweiht hätten;— das iſt eine ſchöne Erndte für die Philoſophie.“ Die Erndte war wahr, und kurz nachher begann der Krieg. Joſeph II. hob drei Viertel der Klöſter auf, be⸗ mächtigte ſich der geiſtlichen Güter, verjagte aus ihren Zellen ſelbſt jene Karmeliter, welche die Armuth ihres Ordens und die Reinheit ihrer Ordensregeln gegen den Geiz des Fürſten oder die Reform des Philoſophen be⸗ ſchützen zu müſſen ſchienen. Der Fortſchritt fuhr fort, die Erndte vermehrte ſich. Am 23. November 1770 ſchrieb d'Alembert: „Wir haben die Kaiſerin Katharina, den König von Preußen, den König von Dänemark, die Königin von Schweden, ihren Sohn, viele Fürſten des deutſchen Rei⸗ ches und ganz Deutſchland für uns.“ —————, — 121— Voltaire ſchrieb daher auch ſeinerſeits in demſelben Monate und faſt an demſelben Tage an Friedrich: „Ich weiß nicht, was Muſtapha über die Unſterb⸗ lichkeit der menſchlichen Seele denkt. Ich denke, daß er nicht denkt. Was die Kaiſerin von Rußland, die Königin ihre Schweſter, der König von Polen, den Prinzen Gu⸗ ſtav, Sohn der Königin von Schweden, anbetrifft, ſo bilde ich mir ein, daß ich weiß, was ſie denken.“ Die Rechnung aufgeſtellt, helfen alſo jetzt ein Kai⸗ ſer, eine Kaiſerin, eine Königin und vier Könige Voltaire, die Schanddirne zu vernichten. Im XII. und im XIII. Jahrhunderte nahm man das Kreuz für den Chriſtus, im XVIII. bekreuzigte man ſich gegen ihn. Die Bewunderung, welche die Philoſophen für Ka⸗ tharina haben, übertrifft daher auch noch die, welche ſie für Friedrich haben. „Wir ſind drei, ſchrieb ihr Voltaire: Diderot, d'A⸗ lembert und ich, welche Ihnen Altäre errichten.“ Worauf Katharina antwortete: „Laſſen Sie mich auf der Erde, ich werde auf ihr beſſer im Stande ſein Ihre Briefe und die Ihrer Freunde zu erhalten.“ Bald darauf ſchloß ſich der König von Dänemark, der nicht zurückbleiben wollte, dem Bunde an; in ſeiner erſten Jugend hat der Henker ſeines Arztes und ſeines Günſtlings Struenſee philoſophiſche Neigungen gehabt; im Alter von 17 Jahren war er nach Frankreich gekommen und hatte in Fontainebleau geſagt: —— —ʒÿ——— — 122— „Herr von Voltaire iſt es, der mich zum Manne gemacht und mich denken gelehrt hat.“ Jetzt, wo die Philoſophen ſich der Fürſten verſichert haben, jetzt, wie Voltaire ſagt, wo der Triumph voll⸗ ſtändig iſt, und wo er die Schanddirne vernichtet hat, geht er allmählig, unmerklich, von der Religion zu dem Königthume, von dem Altare zu dem Throne über. Und was ſonderbar dabei iſt, was beweiſt, daß es ein Verhängniß iſt, das ihn antreibt, was beweiſt, daß es eine Sendung iſt, welche er vollbringt, iſt, daß Vol⸗ taire die Monarchie liebt, iſt, daß er beſonders dieſe ari⸗ ſtokratiſchen Gunſtbezeugungen liebt, die von dem Throne ausgehen. Iſt, daß ein Titel als Edelmann ihn in Frank⸗ reich glücklich macht, iſt, daß ein Kammerherrnſchlüſſel ihn in Preußen mit Freude erfüllt. Iſt, daß er den er⸗ ſten Theil ſeines Lebens damit zubringt, Ludwig XIV., Heinrich IV., Karl XII., Peter I., Katharina II. und Friedrich zu feiern. Iſt, daß er an Marmontel Briefe wie folgenden ſchreibt: 4 „In Betracht des Schutzes des Herrn von Choiſeul und der Frau von Pompadour können Sie mir Alles ohne Gefahr ſenden. Man weiß, daß wir den König und den Staat lieben; bei uns haben die Damiens keine auf⸗ rühreriſchen Reden gehört. Ich trockne Moräſte aus, ich baue eine Kirche, ich thue Gelübde für den König. Wir fordern alle Janſeniſten und alle Molliniſten heraus, an⸗ hänglicher an den König zu ſein, als wir es ſind. Der König muß daher wiſſen, mein lieber Freund, daß die Philoſophen weit anhänglicher an ihn ſind, als die Fana⸗ tiker und Heuchler ſeines Reiches.“(13. Auguſt 1760.) Es iſt Marmontel nicht allein, an den Voltaire ſeine royaliſtiſchen Glaubensbekenntniſſe richtet. Man ſehe fol⸗ gendes Bruchſtück eines Briefes an Helvetius, er iſt vom 27. October 1760. „Es iſt das Intereſſe des Königs, daß die Zahl der Philoſophen ſich vermehrt, und daß die der Fanatiker ab⸗ nimmt. Wir ſind ruhig, und alle dieſe Leute ſind Unru⸗ heſtifter. Wir ſind Bürger und ſie ſind Aufwiegler. Die guten Diener des Königs werden in Paris, in Vorreyet und ſelbſt in Délices triumphiren. Thiriot, Philiſoph und Staatswirthſchaftslehrer, ibere ſandte ihm die Theorie der Steuer. „Ich habe die Theorie der Steuer erhalten,“ ant⸗ wortete Voltaire.„Eine dunkle Theorie, eine abgeſchmackte Theorie, und alle dieſe Theorien kommen zu ungelegener Zeit, um die Ausländer glauben zu laſſen, daß wir ohne Hilfsmittel ſind, und daß man uns ungeſtraft beleidigen und angreifen kann. Das ſind ſonderbare Bürger und ſonderbare Menſchenfreunde. Sie mögen wie ich an die Grenze kommen, und ſie werden ihre Meinung ſehr än⸗ dern. Sie werden ſehen, wie nothwendig es iſt, den Kö⸗ nig und den Staat achten zu laſſen. Bei meiner Treue, man ſieht in Paris Alles verkehrt.“ Demnach alſo ſind hier drei Beſtätigungen ſtatt einer. Wir würden deren fünfzig anführen, aber wie uns ſcheint, genügen dieſe drei. Man warte. Der Tag, das Königthum anzugreifen, — 124— iſt gekommen. Trotz allen den Betheuerungen, die er gemacht hat, wird Voltaire bei dem Verleſen nicht fehlen; er wird als einer der erſten auf den Kampfplatz kommen; außerdem hat er bereits ſeit langer Zeit das Königthum ſowohl auf dem Theater, als in ſeinen Epiſteln in Verſen angegriffen;— aber die Poeſie hat ihre Freiheiten, der Reim ſeine Bedürfniſſe. Ein Akademiker von Marſeille ſchrieb ihm, um ihn einzuladen, die Tochter der alten Phocäa zu beſuchen. „Ich würde Ihre Einladung annehmen, wenn Mar⸗ ſeille noch eine griechiſche Republik wäre, denn ich liede die Akademien ſehr, aber ich liebe die Republiken noch mehr. Glücklich die Länder, in denen unſere Her⸗ ren zu uns kommen, und nicht bös werden, wenn wir nicht zu ihnen gehen.“ Wie man ſieht, befolgt Voltaire den Rath. d'Alem⸗ berts; er ſchreitet langſam vorwärts, er rückt Schritt vor Schritt vor. Er verabſcheut die Monarchien noch nicht, aber er liebt bereits die Republiken. Wir wollen ihm in ſeinen republikaniſchen Fortſchritten folgen. Jetzt einen Brief d'Alemberts, welcher beweiſt, daß er mit dem Meiſter gleichen Schritt hält; er iſt vom 19. Januar 1769 und an Voltaire gerichtet. „Sie lieben die Freiheit und die Vernunft, mein lie⸗ ber und berühmter College, und man kann eben die eine nicht ohne die andere lieben. Nun denn, da iſt ein wür⸗ diger republikaniſcher Philoſoph, den ich Ihnen vorſtelle, und der Ihnen von Philoſophie und von Freiheit ſprechen wird; es iſt Herr Jennings, Kammerherr des Königs ——————— — 125— von Schweden, ein Mann von dem größten Verdienſte und von dem größten Anſehen in ſeinem Vaterlande. Er iſt würdig Ihre Bekanntſchaft zu machen, ſowohl durch ſich ſelbſt, als durch den Werth, den er auf ihre Werke legt, die ſo viel dazu beigetragen haben dieſe beiden Ge⸗ fühle unter denen zu verbreiten, welche würdig ſind ſie zu empfinden.“ 4 Was ſagt man zu dieſem republikaniſchen Phi⸗ loſophen, der zu gleicher Zeit Kammerherr des Königs von Schweden iſt? Und man glaube nicht, daß Voltaire ſich über das Schickſal täuſcht, welches die philoſophiſche Arbeit der Zu⸗ kunft vorbehält. Man leſe folgende Stelle eines Briefes an den Herrn Marquis von Chauvelin, und man ſage mir, ob ſich der Unglücksprophet getäuſcht hat. „Alles was ich ſehe ſtreut den Samen zu einer Revolution aus, die unfehlbar kommen wird, und von der ich nicht das Vergnügen haben werde, Zeuge zu ſein. Die Franzoſen kommen ſpät zu Allem, aber ſie gelangen da⸗ zu. Das Licht iſt dermaßen nach und nach verbreitet, daß man bei der erſten Veranlaſ⸗ ſung ausbrechen wird, und dann wird es ein ſchöner Laͤrm werden. „Die jungen Leute ſind ſehr glüecllich, ſie werden ſchöne Dinge ſehen.“ Der Brief iſt vom 2. März 1764. Voltaire prophezeit alſo ſechsundzwanzig Jahre vor⸗ — 126— her, daß dieſer ſchöne Lärm ausbricht, den er vorausſieht, ſechsundzwanzig Jahre vorher prophezeit er alle dieſe ſchö⸗ nen Dinge, welche ſich zutragen. Man ſehe daher auch, was ſechsundzwanzig Jahre nachher, das heißt in ſeiner Nummer vom Sonnabend den 7. Auguſt 1790, der Merkur von Frankreich ſagt, indem er Bericht über das Leben Voltaires von Condorcet's abſtattet: „Es ſcheint, daß es möglich war, die ewigen Ver⸗ pflichtungen mehr zu entwickeln, welche das Menſchenge⸗ ſchlecht Voltaire verdankt. Die gegenwärtigen Umſtände lieferten eine ſchöne Gelegenheit. Er hat nicht Alles das geſehen, was er gethan hat, aber er hat Alles das gethan, was wir ſehen. Die aufgeklärten Beobachter, die, welche die Geſchichte zu ſchreiben verſtehen, werden denen, welche zu überlegen verſtehen, beweiſen, daß der erſte Urheber dieſer großen Revolution, welche Europa in Erſtaunen verſetzt, und die nach allen Seiten hin die Hoffnung bei den Völkern und Beſorgniß an den Höfen verbreitet, ohne Widerſpruch Voltaire iſt. Er iſt es, der zuerſt die furcht⸗ barſte Schranke des Despotismus hat fallen laſſen: Die religiöſe und geiſtliche Gewalt. Wenn er nicht das Joch der Prieſter gebrochen hätte, ſo hätte man niemals das der Tyrannen gebrochen. Da das Eine, wie das Andere mit einander auf unſeren Köpfen laſtete, ſo mußte das Zweite, ſobald das Erſte einmal abgeſchüttelt war, es bald nachher ſein.“ Man füge jetzt dieſer Arbeit der mächtigen enchelo⸗ pädiſchen Dreieinigkeit, dieſer täglichen, unaufhörlichen, in ——,,———,-——— „ — 127— ihren Fortſchritten gleich der des Ingenieurs, der ſagen kann, an welchem Tage die Stadt, die er belagert, ge⸗ zwungen ſein wird ſich zu ergeben, berechneten Arbeit, die theilweiſe Arbeit Rouſſeaus, Bayles, Raynals, Helvetius, Grimms, des Barons von Hohlbach hinzu, und man wird einen genauen Begriff von dem Antheile haben, den die Philoſophen an der Revolution gehabt, deren Ge⸗ ſchichte wir zu ſchreiben im Begriffe ſtehen. Man glaube daher auch nicht, daß dieſe halb gehei⸗ me, halb offenbare Arbeit vor ſich ging, ohne Entſetzen unter den Klaſſen des Staates zu verbreiten, die ſeit Jahr⸗ hunderten damit beauftragt waren, die monarchiſche Form als Erhalterin der Geſellſchaft zu vertheidigen. Beſonders fehlte es der Geiſtlichkeit, indem es ihr immerhin an Re⸗ ligion und an Sitten fehlte, nicht an Vorausſicht. Ihre Vorſtellungen, ihre Bemerkungen, ihre Prophezeiungen folgten einander. Man ſehe zuvörderſt folgende Klagen. Sie ſind freilich an Herrn von Loménie, Erzbiſchof von Toulouſe gerichtet, dem nichts fehlt, um einen vortrefflichen Erzbi⸗ ſchof abzugeben, als eine einzige Sache: Nämlich der Glaube an Gott. „Wir beharren nicht auf dem dringenden Intereſſe,“ ſagten die Biſchöfe in der Verſammlung von 1765 Lud⸗ wig XV., das Eure Majeſtät hat, die Fortſchritte der neuen Philoſophie aufzuhalten, von der die Werke, die wir ge⸗ brandmarkt haben, die unglückſeligen Früchte ſind, und welche die Philoſophie noch übertreffen, die das Evange⸗ lium begraben hatte, und die aus ihrer Aſche wieder ent⸗ —-— 128— ſteht, nicht um den Gottesdienſt und die Opfer wieder herzuſtellen, noch ſelbſt um ſich an die falſche Weisheit des heidniſchen Roms und Athens zu halten, ſondern um alles das zu zerſtören und herabzuwürdigen, was es Ge⸗ heiligtes unter den Menſchen gibt. „Eure Majeſtät iſt zu ſehr von den Vortheilen un⸗ terrichtet, welche die Religion den Nationen bringt, und beſonders von der allmächtigen Stütze, welche ſie dem An⸗ ſehen der Könige verleihet, um nicht die Gottloſigkeit, wel⸗ che ſie zu zerſtören ſucht, als die größte Geißel zu betrach⸗ ten, mit der Ihre Regierung betrübt werden könnte. „Dieſe Geißel, über welche wir uns beklagen, wird erſt dann aufhören Ihre Staaten zu betrüben, wenn der Buchhandel ſtreng ausgeführten Vorſchriften unterwor⸗ fen iſt.. „So dachten und handelten ihre erlauchten Vorfah⸗ ren, als das Lutherthum, nachdem es Deutſchland zerrüt⸗ tet, ſich in Frankreich einzuſchleichen ſuchte, Die Fröm⸗ migkeit dieſer großen Könige und der mit ihrer Gewalt beauftragten Beamten traf ſtrenge Maßregeln, um die ver⸗ derblichen Bücher zurückzuweiſen. Dieſe Maßregeln finden ſich in den Geſetzen von 1542, 1547 und 1551. „Wir bitten Sie inſtändigſt, Sire, ſich dieſe Geſetze und dieſe Vorſchriften vorlegen zu laſſen. Eure Majeſtät wird darin nachahmungswürdige Beiſpiele der Weisheit und Strenge ſehen. Sie wird darin die Verfaſſer, die Buchhändler und die, welche dieſe Bücher kaufen, zu ſtren⸗ gen Strafen verurtheilt ſehen, den gegen die angewandten 8 — 129— Weg der Ermahnung, welche ſie verhehlen und darauf beharren ſie zu behalten. „Wir ſind weit davon entfernt, Sire, dem Genie Feſſeln anlegen und den Fortſchritt des menſchlichen Wiſ⸗ ſens aufhalten zu wollen, aber wir müſſen Eurer Maje⸗ ſtät vorſtellen, daß die Seuche, von der Ihre Staaten bedroht iſt, mit der des Lutherthumes zu vergleichen iſt, gegen welches Ihre erlauchten Vorfahren ſo viele Maßre⸗ geln trafen. „Wir ſind dem verhängnißvollen Momen⸗ te nahe, wo der Buchhandel die Kirche und den Staat in's Verderben ſtürzen wird. „Die Geiſtlichkeit iſt von allen Ständen des Staates der erſte und der, dem am Meiſten daran liegt, die Sit⸗ ten, die Religion, und ſelbſt die Grundgeſetze der Monarchie aufrecht zu erhalten. Es wäre gerecht und weiſe, daß der Buchhandel unſerer Aufſicht unterworfen und daß wir zu einer Verwaltung berufen würden, bei welcher wir ſo vieles Intereſſe haben, den Mißbräuchen vorzubeugen. „Wir ſuchen nicht um ein neues Geſetz nach, wir be⸗ ſchränken uns darauf, Eure Majeſtät zu bitten, die alten Geſetze wieder in Kraft zu ſetzen. „Das Unglück, von dem wir bedroht ſind, macht ihre Ausführung noch weit nothwendiger. „Es iſt Ihrer Geiſtlichkeit, Sire, nicht unbekannt, daß Eure Majeſtät oft Befehle erlaſſen hat, um dieſe Zü⸗ gelloſigkeit zu unterdrücken, welche unter Ihren Völkern ſo viele ſchlechte Buͤcher verbreitet. Aber wenn alle die Ludwig der Fünfzehnte. 4. Band. 9 — 130— denen die Ausführung Ihrer Befehle anvertraut iſt, nicht geruhen die Augen über die Uebertretungen zu öffnen, oder wenn ſie, durch ſtillſchweigende Erlaubniß, zwiſchen der Gottloſigkeit und der Regierung ein Einverſtändniß errich⸗ ien zu wollen ſcheinen, ſo muß trotz der reinen Abſichten Eurer Majeſtät die Religion unter uns erſchwachen, und Frankreich ſich früh oder ſpät in die Nacht des Irrthums ſtürzen.“ Das in Betreff der ſchlechten Bücher, jener ſchänd⸗ lichen Bücher, von denen wir geſprochen haben. Jetzt Fol⸗ gendes in Bezug auf die philoſophiſchen Bücher; es iſt fünf Jahre nachher, daß die Geiſtlichkeit aufſteht und an den König ſchreibt: „Die Gottloſigkeit greift zugleich Gott und die Men⸗ ſchen an. Sie wird nicht eher zufrieden ſein, als bis ſie alle göttliche und menſchliche Macht ver⸗ nichtet hat. „Wenn Eure Majeſtät dieſe traurige Wahrheit in Zweifel zöge, ſo ſind wir im Stande ihr den Beweis in einem unreligiöſen, kürzlich unter Ihren Völkern unter dem ſcheinbaren Namen das Naturſyſtem verbreiteten Bu⸗ che zu zeigen. „Der Atheismus iſt darin offen gelehrt. Der Ver⸗ faſſer dieſes ſtrafbarſten Erzeugniſſes, das der menſchliche Geiſt noch zu erfinden gewagt hat, glaubt den Menſchen noch nichts Böſes genug zugefügt zu haben, indem er ih⸗ nen lehrt, daß es auf der Welt weder Freiheit, noch Vorſehung, noch geiſtiges Weſen, noch zukünf⸗ I g u L 9 — 131— tiges Leben gibt. Er richtet ſeine Blicke auf die Staaten und auf die Häupter, welche ſie regieren. Er findet dabei nur eine Verſammlung unwiſſender, verderb⸗ ter, den Prieſtern, welche ſie betrügen, und den Fürſten, welche ſie unterdrücken, unter⸗ thäniger Männer. Er ſieht in der glücklichen Einig⸗ keit zwiſchen der Regierung und der Geiſtlichkeit nur ein Bündniß gegen die Tugend und das Menſchengeſchlecht. Er lehrt den Nationen, daß die Könige keine andere Ge⸗ walt über ſie haben und haben können, als die, welche es ihnen gefallen hat ihnen anzuvertrauen. Daß ſie das Recht haben, ihnen das Gegengewicht zu halten, ſie zu mäßigen, zu beſchränken, Rechenſchaft von ihnen darüber zu verlangen und ſelbſt ihnen dieſelbe abzunehmen, wenn ſie es ihren In⸗ tereſſen für angemeſſen halten. „Er fordert ſie auf, dieſes Recht mit Muth anzuwen⸗ den; er verkündet ihnen, daß es nicht eher ein wahres Glück für ſie geben würde, als bis ſie die Fürſten gezwun⸗ gen hätten, nur die Vertreter des Volkes und die Voll⸗ ſtrecker ſeines Willens zu ſein.“ Der beunruhigte Ludwig XV. antwortete daher auch: „Ich billige das Anſuchen der Geiſtlichkeit. Ich betrachte die Gottloſigkeit als eine um ſo gefährlichere Geißel, als ſie die Sorgfalt zu umgehen weiß, die man anwendet, um ihren Lauf aufzuhalten. Meine Liebe für die Reli⸗ gion und ihre Verbindung mit dem Wohle — 132— meines Staates, müſſen der Verſammlung für meine Wachſamkeit bürgen. Die neuen Befehle, die ich erlaſſen werde, werden ein Beweis der beſonderen Aufmerkſamkeit ſein, welche ich immer für ihre Vorſtellungen ha⸗ ben werde.“ Auch das Parlament handelte ſeinerſeits. Am 18. Auguſt 1770 verdammte es das entſchleierte Chri⸗ ſtenthum,— Gott und die Menſchen,— Das Naturſyſtem,— die geheiligte Peſt,— die zerſtörte Hölle u. ſ. w., u. ſ. w., zum Feuer. Im Jahre 1772 erneuerten die Biſchöfe und die Prälaten ihre Vorſtellungen. „Die Gottloſigkeit,“ ſagten ſie,„mißbraucht dieſes Mal zu kühn die Kunſt zu ſchreiben, um die Bande des Chriſtenthums und der Abhängigkeit zu brechen. Die Bü⸗ cher ſind eine allgemeine Peſt geworden, welche die Na⸗ tion zerſtört. Daher rührt die Gährung der Gemüther und dieſe betrübende Umwälzung, welche ſich täglich vor unſeren Augen in den öffentlichen Sitten zuträgt. Wir können uns nicht entbinden, Sire, Eurer Majeſtät vor⸗ zuſtellen, daß in verſchiedenen Provinzen die Proteſtan⸗ ten Verſammlungen zur Ausübung ihrer Religion halten. Sie haben ſich nicht mehr in das Geheimniß und in die Dunkelheit gehüllt, mit der ſie ſich vorher zu umgeben ſuchten, um der Obrigkeit zu entgehen. Wir verweilen nicht, Sire, bei den Gefahren dieſer Geſellſchaft.“ Unter der Zahl der Geſellſchaften, von denen die Bi⸗ — 133— ſchöfe ſprechen, gibt es eine, über welche Voltaire einige Worte geſagt hat. Es iſt die der Freimaurer, welche die Templer im XII. Jahrhunderte und die Illuminaten im XVIII. her⸗ vorgebracht hat. ——— VI. Freimaurer.— Templer.— Illuminaten. Jede geheime, zu einem politiſchen oder religiöſen Zwecke geſtiftete Geſellſchaft hat, je nach dem Fortſchrei⸗ ten der Grade, welche ihre Mitglieder einnehmen, Se⸗ hende und Blinde. Die Blinden, welche ſich mit dem ſcheinbaren Zwecke begnügen. Die Sehenden, welche den verborgenen Zweck er⸗ gründen. Dem iſt eben ſo mit der Geſellſchaft der Freimaurer, welche für die Schotten in das XIII. Jahrhundert, für die Deutſchen in das XV., für die Franzoſen in das XVIII. Jahrhundert zurückgeht, und welche für die Maͤn⸗ ner aller Länder, die ihren Gang durch die Jahrhunderte — 135— erforſchen wollen, ſich in der dunkeln Nacht der erſten Zeiten verliert. Die Freimaurerlogen begannen gegen(die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Beſorgniß der Regierungen zu er⸗ wecken. Es waren die Generalſtaaten von Holland, welche ſich zuerſt um dieſe geheime Geſellſchaft bekümmerten, wel⸗ che, man weiß nicht aus welchem Lande, kömmt, noch welchem Ziele zuſchreitet, welche ein Geheimniß hat, das ſie nur den Starken offenbart, nachdem dieſe Starken ſchreckliche Prüfungen ausgehalten haben. Am 16. October 1735 verſammelten ſich aus Eng⸗ land gekommenen Freimaurer in Amſterdam in einem Hauſe in der Straße Still⸗Steeg, das ſie gemiethet hat⸗ ten, um darin ihre Loge zu halten, als eine von der Geiſtlichkeit aufgeregte fanatiſche Menge den Ort der Si⸗ tzungen überfiel, die Möbeln zerſchlug und ſich Handlun⸗ gen der roheſten Gewaltthätigkeit gegen die Mitglieder der Geſellſchaft hingab, welche die Loge nicht verlaſſen hatten. Die Freimaurer führten Klage, aber weit davon ent⸗ fernt, ihrer Forderung Recht widerfahren zu laſſen, er⸗ klärten die Generalſtaaten unterm 30. October deſſelben Jahres 1735, daß, obgleich die Aufführung der Mitglie⸗ der dieſer Geſellſchaft nichts Gefährliches für die öffentliche Ruhe zeigte, die Verſammlungen nichts deſto weniger we⸗ gen der ſchlimmen Folgen unterſagt ſeien, die daraus her⸗ vorgehen könnten.. Am 10 September 1737 befolgte Frankreich das Beiſpiel Hollands. Ein Polizeicommiſſär, Namens Jo⸗ — — 136— hann von l'Espinay, erſuhr, daß eine Verſammlung von Freimaurern in einem Hauſe mit dem Schilde Saint⸗ Bonnet in dem Quartier Rapée gehalten werden ſollte; er begab ſich dorthin, erklärte denen, welche er dort fand, daß ſolche Verſammlungen durch die allgemeinen Beſtim⸗ mungen der Verordnungen des Königreichs und durch die Parlamentsbeſchlüſſe verboten ſeien, und die Freimau⸗ rer zogen ſich trotz der Proteſtationen des Herzogs von Antin, welcher während der Anrede Johann von L'Espi⸗ nays hinzukam, und der ihn derb ausſchalt, zurück. Ein Jahr nachher war es der Polizeiminiſter Hs⸗ rault ſelbſt, welcher gegen die Uebertreter des Geſetzes ver⸗ fuhr. Er begab ſich am 27. December 1738 perſönlich nach dem Hotel von Soiſſons, Straße des Deux⸗Ecus, verhaftete mehrere Brüder und ließ ſie im Fort⸗Lovéque einſperren. Am 5. Juni 1747 verbot ein Urtheil des Chatelet den Freimaurern, ſich als Loge zu bilden, und den Haus⸗ eigenthümern und den Schenkwirthen bei Strafe von drei Tauſend Livres, ſie aufzunehmen. Clemens der XII. erließ ſeinerſeits im Jahre 1738 gegen die Freimaurer die merkwürdige, von Clemens XIV. erneuerte Bannbulle.. Es war Jean Gaſton, der letzte Großherzog aus dem Hauſe der Medicis, welcher im Jahre 1707 Arg⸗ wohn gegen die maureriſchen Verſammlungen ſchöpfte, die ſich in Toscana zu organiſiren begannen, und der ſie Clemens XII, anzeigte, wie als ob ſie ſtrafbare Lehren verbreiteten. — 137— Am 18. Februar 1739 wurde eine lin Dublin her⸗ ausgegebene Vertheidigungsſchrift der Freimaurerei in Rom durch die Hand des Scharfrichters verbrannt. Endlich hob ſie der Rath von Bern im Jahre 1748 für die ganze Schweiz auf. Welche wirklichen Urſachen hatten dieſe Aechtung in Frankreich, in Holland, in Ita⸗ lien und in der Schweiz veranlaßt? Das iſt es, was wir zu erzählen verſuchen wollen. Wir ſind kein Freimaurer, dem zu Folge wird uns Niemand Vorwürfe machen können, das Geheimniß der Geſellſchaft zu verrathen. Was wir davon wiſſen, iſt da⸗ her einfach und allein das, was uns unſere eigenen Stu⸗ dien gelehrt haben. Es iſt immer Egypten, wohin unſere moderne Ge⸗ ſellſchaft zurückkehren muß, um die Quelle alles Wiſſens zu ſuchen. Das geheimnißvolle Egypten, die Tochter In⸗ diens und die Mutter Griechenlands, iſt die Wiege der über die weſtliche Hemisphäre verbreiteten Civiliſation, und iſt mit Elephantine, Theben und Memphis den Nil hinab⸗ gegangen; indem ſie ſich dann mit den Tauſend Kanälen des Delta zerſtreute, hat ſie ſich befruchtend über die Welt des Sardanapal, des Nobanaſſar, des Alexander, des Hannibal und des Julius Cäſar verbreitet. Bei den Egyp⸗ tiern war jede Wiſſenſchaft einem Noviciat oder einer Prü⸗ fung unterworfen, damit der Einweihende oder Meiſter ſich über den Beruf des Eingeweihten oder des Schülers verſichern könne. Dem war ſo mit der Baukunſt, und beſonders mit der heiligen Baukunſt, wie mit den andern Zweigen der — — 138— Erziehung. Die jungen Leute, welche ſich in der Kunſt unterrichten ließen, wurden zugleich in die Geheimniſſe der Religion eingeweiht, und bildeten außerhalb des Prie⸗ ſterthums eine Kaſte oder eine Innung, welche nach den von den Prieſtern entworfenen Zeichnungen, Tempel und andere Monumente aufführten, die der Verehrung der Götter gewidmet waren. Dieſe Baumeiſter wurden bei den Egyptiern in großen Ehren gehalten, und in den Rui⸗ nen der Stadt Shene, in Mitte der Gräber der Pharao⸗ nen der achtzehnten Dynaſtie unterſcheidet man einige Sar⸗ kophage, welche Baumeiſtern oder Aufſehern der Stein⸗ brüche von Silſilis angehörten.*) Die Egyptier ſandten Colonien nach Griechenland. Dieſe Colonien brachten dort ihre Myſterien und ihre Stiftungen mit hin. Nur nahmen die urſprünglichen, in einer anderen Sprache genannten Götter andere Namen an: Oſiris nannte ſich Bacchus oder Dionyſius; Iſis nannte ſich Ceres; die eghptiſche Pamelia war nur noch die griechiſche Dyoniſia. Es iſt dem zu Folge nicht zu verwundern, daß ſich die Secte der heiligen Baumeiſter in Griechenland wie in Egypten wiederfindet. Die Prieſter des Dionyſius oder des Bacchus führten die erſten Theater auf, ſtifteten die erſten dramatiſchen Vorſtellungen. Thespis, der Schöpfer des Trauerſpieles, hatte in einem kleinen Flecken von Attika bei den Feſten des Bacchus einen auf einen Tiſch geſtiegenen Sänger eine Art von Geſpäch mit dem Chore führen ſehen. Nun *) Cavel, Geſchichte der Freimaurerei. — 139— aber waren dieſe urſprünglichen Vorſtellungen, welche Thes⸗ pis geſehen hatte und die er vervollkommnete, mit dem Gottesdienſte verbunden, und die mit der Aufführung die⸗ ſer Gebäude beauftragten Baumeiſter gehörten durch die Einweihung zu dem Prieſterthume. Man nannte ſie dionyſiſche Arbeiter oder Dionyſia⸗ ſten. Das war ohngefähr Tauſend Jahre vor unſerer Zeitrechnung. Dieſe Arbeiter hatten das ausſchließliche Vor⸗ recht, die Tempel, die Theater, die öffentlichen Gebaͤude in der ganzen Gegend zu bauen. Die Ruinen dieſer Ge⸗ baͤude bezeugen noch heut zu Tage die Erhabenheit ihrer Kunſt. Ihre Zahl vermehrte ſich und verbreitete ſich über die Griechenland benachbarten Landſchaften. Man findet ſie in Syrien, in Indien und in Perſien wieder. Drei Hundert Jahre vor Jeſus Chriſtus gaben ihnen die Könige von Pergamus Theos zur Wohnung. Nun orga⸗ niſirten ſie ſich, und ihre Organiſation bietet eine vollkom⸗ mene Aehnlichkeit mit der der Freimaurer des XVII. Jahr⸗ hunderts. 2 Sie haben eine beſondere Einweihung; ſie haben Worte und Zeichen der Erkennung; ſie ſind in Gemeinden, in Collegien, in Synoden, in Geſellſchaften, endlich in Logen getrennt. Dieſe Logen führen ſpecielle Titel: die eine nennt ſich die Gemeinde Allahs, die andere die Gemeinde der Geſellen des Aeſchines. Jeder dieſer Stämme ward von einem Meiſter geleitet, von jedes Jahr erwähl⸗ ten Vorſitzern beaufſichtigt. Sie nannten ſich Bruder, und in ihren geheimnißvollen Ceremonien bedienten ſich die — 140— Brüder der Werkzeuge ihres Gewerbes. Sie hatten zu gewiſſen Zeiten Bankette und allgemeine Verſammlungen. Bei dieſen Banketten brachten ſie ſymboliſche Toaſte aus; bei dieſen allgemeinen Verſammlungen erkannten ſie den ge⸗ ſchickteſten Arbeitern Preiſe zu. Unter ihnen gab es keine Arme, die Reichen waren ihnen Unterſtützung ſchuldig. Wenn ein Arbeiter krank war, ſo war jeder verbunden ihm zu Hilfe zu kommen. Wenn der Kranke ſtarb und er ſich um die Brüderſchaft verdient gemacht hatte, ſo er⸗ richtete man ihm ein Grabmahl auf dem Friedhofe von Severheſar und von Eſaki, wie den Baumeiſtern ihrer Vorfahren. Man hat deren zwei Tauſend Jahre vorher in der Stadt Syene errichtet. Aſſalius, König von Pergamus, war in dieſe Ge⸗ ſellſchaft aufgenommen. Dieſe Geſellſchaft war alſo, wie wir geſagt haben, in Egypten, in Griechenland und in Kleinaſien, in Syrien, in Perſien und in Indien verbreitet; Phönicien, das in Syrien eingeſchloſſen iſt, Phönicien, das aus einer Land⸗ zunge beſtand, die ſich längs den Küſten des mittelländi⸗ ſchen Meeres von Aratus bis nach Thrus erſtreckte, hatte ähnliche Niederlaſſungen. Auch die Juden, welche, wie die Phönicier, aus Egyp⸗ ten kamen, hatten in Egypten das Gewerbe als Maurer getrieben. Daher rührte, trotz dem Widerwillen der Juden, ſich mit irgend einer andern Nation zu vermiſchen, die Ver⸗ miſchung der jüdiſchen Maurer mit den phöniciſchen Mau⸗ rern für den Bau des Tempels Salomo her, welcher — „„ N — 141— wie Joſephus ſagt, nach demſelben Plane als der des Hercules und der Aſtarte in Tyrus gebaut war. Nun aber erkannten ſich dieſe Arbeiter, welche den Tempel bauten, und die nicht alle dieſelbe Sprache ſpra⸗ chen, da die einen Egyptier, die anderen Juden und die anderen Phönicier waren, unter ſich durch geheime Worte und Zeichen, welche dieſelben für die Maurer aller Ge⸗ genden waren. Daher rührte dieſe leichte, zwiſchen Judäag und Phö⸗ nicien entſtandene Verbindung. Darum erlaubte der Kö⸗ nig von Tyrus Salomo die ſchönſten Cedern des Berges Libanon abzuhauen; darum ſandte er ihm auf ſeine Bitte Hiram, ſeinen Baumeiſter, einen ſehr geſchickten Mann, der wie ſein Vater iſt; darum ließ er das abgehauene Holz auf Flöſſe legen, und es durch dieſe Flöſſe nach Joppe bringen, von wo aus es Salomo leicht nach Je⸗ ruſalem führen ließ. „Und Salomo machte die Aufzählung aller Proſe⸗ lyten, welche ſich in dem Lande Iſrael befanden, ſeit der Aufzaͤhlung, welche David, ſein Vater, davon ge⸗ macht hatte, und er fand deren Hundert drei und fünfzig Tauſend ſechs Hundert. „Er wählte darunter ſiebzig Tauſend, um die Laſten zu tragen, achtzig Tauſend, um die Steine in den Gebir⸗ gen zu behauen, und drei Tauſend ſechs Hundert, um die Arbeiten zu leiten.“*) Hiram leitet dieſes ganze Werk. *) Die Parallelipomenes, Kap. II. ⸗ —— — — 142— „Wir werden ſpäterhin ſehen, was die maureriſche Sage dieſen beiden Kapiteln der Bibel in Bezug auf den Bau und auf die Beſchreibung des Tempels entlehnt. „Nun, ſagt Scaliger, bildete ſich eine Geſellſchaft, die es übernahm, den Tempel zu unterhalten und die Säulenhallen deſſelben zu verzieren, deren Mitglieder den Namen Ritter des Tempels von Jeruſalem an⸗ nahmen.“ Aus dem Schooße dieſer Geſellſchaft der Ritter des Tempels von Jeruſalem ging die Secte der Eſſäer her⸗ vor, in welche, wie Euſebius ſagt, Jeſus eingeweiht wurde. 3 Drei Tauſend Jahre nachher iſt das noch bei geu iſ⸗ ſen feierlichen Veranlaſſungen die Haltung der modernen Freimgurer. Sieben Hundert und vierzehn Jahre vor unſerer Zeit⸗ rechnung erſchienen die Arbeiter des Tempels unter Numa in Rom. Es bildeten ſich in Rom Bauſchulen(collegia fabrorum); die Stifter waren Griechen, welche Numa aus Attika kommen ließ. Dieſe Geſellſchaften führten auch den Namen Praternitates(Brüderſchaften). Dieſe Geſellſchaften, dieſe Brüderſchaften, dieſe Bau⸗ ſchulen hatten beſondere Freiheiten, eine eigene Rechtspflege und beſondere Richter. Sie genoſſen die Befreiung von den Steuern, eine Befreiung, welche ihnen durch die Kai⸗ ſerzeit und in dem Mittelalter fortwährend erhalten wurde, und woher ſie ihre Namen freie Maurer und Freimaurer annahmen. Die berühmteſte Gemeinde der freien Maurer war die — 143— der Stadt Como, welche man Magistri Comacini, das heißt, Meiſter von Como nannte. Dieſe Gemeinden ſind es, welche Italien mit religiö⸗ ſen Baudenkmalen bedeckten, während einige unter ihnen eine große Geſellſchaft bildeten, über die Alpen auf der einen, über die Appeninen auf der andern Seite gingen und ſich in allen den Ländern verbreiteten, in denen es dem Katholicismus an Kirchen und an Klöſtern fehlte. Nun beſtanden dieſe Gemeinden freier Maurer nicht mehr allein aus Italienern, ſondern aus Griechen, aus Spa⸗ niern, aus Franzoſen, aus Portugieſen, aus Belgiern, aus Engländern und aus Deutſchen. Gegen das Ende des XV. Jahrhunderts fingen in dieſe gewerblichen und künſtleriſchen Geſellſchaften als Eh⸗ renmitglieder und Patrone aufgenommenen Perſonen an beſondere Geſellſchaften zu bilden, welche die materielle Seite aufgaben und die myſtiſche Secte zu gründen began⸗ nen. Im Jahre 1512 bietet uns Florenz das Beiſpiel einer dieſer Geſellſchaften von Gelehrten und von politi⸗ ſchen Perſonen. Ihre Symbole ſind die Maurerkelle, der Hammer und das Winkelmaß; ihr Schutzpatron war der der ſchottiſchen Maurer, der heilige Andreas. Inzwiſchen vollbrachten die rein artiſtiſchen Geſell⸗ ſchaften ihr großes Werk. Sie ſind es, welche über ganz Europa dieſes rieſenhafte Aufblühen von Granit verbrei⸗ teten, das noch heut zu Tage die Bewunderung der Dich⸗ ter und die Verzweiflung der Baumeiſter ausmacht. Im XIII. und im XIV. Jahrhunderte führten ſie die Dome von Köln und von Meißen auf; im Jahre 1440 den von — 144— Valenciennes; im Jahre 1385 das Kloſter Batalha in Portugal, das Kloſter des Berges Caſſia in Italien. So erheben ſich in dem Dome von Würzburg vor der Ma⸗ rienkapelle zwei Säulen, von denen die eine auf ihrem Kapital das Wort Jachin führt, und die andere auf ihrem Schaft das Wort Boaz, welche alle beide zu dem maureriſchen Repertorium gehören. So hat endlich die Geſtalt Chriſtus, welche den Giebel von dem Portale zur Rechten der Kirche Saint⸗Denis einnimmt, die rechte Hand in der Höhe des Kinns im Winkelmaße auf der Bruſt, eine unſeren heutigen Freimaurern noch eigenthümliche Hal⸗ tung. 1 Die genaueſten Nachweiſungen, welche wir über die maureriſchen Geſellſchaften jener Zeit beſitzen, ſind die, welche uns von dem Abbé Grandidier aufbewahrt ſind. Dieſe Nachweiſungen hatte er aus einem alten Rechnungs⸗ buche der Geſellſchaft der Maurer von Straßburg ge⸗ ſchöpft, welche den Dom gebaut haben. Das wundervolle Werk iſt im Jahre 1277 unter der Leitung Erwins von Steinbach angefangen, und erſt im Jahre 1439 beendigt worden. Die Maurer, welche das Monument aufführten, waren in drei Kategorien getheilt: Meiſter, Maurer und Lehrlinge. Sie verſammelten ſich in einer Hütte(mecerea); ſie nahmen als Sinnbilder die Werkzeuge ihres Gewerbes: das Winkelmaß, den Zirkel und die Bleiwage. Sie er⸗ kannten ſich an beſonderen Zeichen; ſie ließen als freie Verbundete Perſonen zu, welche nicht das Maurergewerbe betrieben Endlich diente dieſes wohlbekannte Zeichen, das Winkelmaß und der Zirkel mit einem G umgeben, Johann —&ᷣ—,— „Iͤ8G8ᷣ A⏑——. ᷑¶ e, — 145— Greeminger zum Stempel, der im Jahre 1525 Buchhänd⸗ ler in Straßburg war. „In Straßburg, wie überall, hatten dieſe Innungen einen Großmeiſter, der das Ganze regierte, und auf zehn Mann einen Meiſter, der die Anderen leitete. Aber beſonders in England erſchienen die von den Rö⸗ mern hinterlaſſenen, einen Augenblick lang nicht verlorenen, ſondern ſo zu ſagen durch die Kriege der Picten, der Sco⸗ ten und der Sachſen erſchreckten maureriſchen Geheimniſſe wie⸗ der, ſo bald dieſe letzteren die friedlichen Herrſcher der Inſel waren. Sogleich vereinigten ſie mit den nationalen Sa⸗ gen die äußeren Mächte. Sie beriefen die Baumeiſter von Frankreich, von Italien, von Spanien und von Conſtan⸗ tinopel nach England, die ſich freilich vor dem Einfalle der Dänen zurückzogen, deren Berührung aber genügt hatte, um alle die maureriſchen Inſtincte zu beleben, denen Altheſthan, der Enkel Alfred des Großen, ein neues Leben verlieh, indem er mehrere Kirchen und Paläſte bauen ließ. Außerdem wurde in einer allgemeinen Verſammlung der Brüderſchaft, die in Jork im Monate Juni 926 gehalten wurde, und bei welcher Corvin, der jüngſte der Söhne des Königs, den Vorſitz führte, ein Geſetzbuch zum Gebrauche der Maurer in England zuſammengeſetzt, ver⸗ handelt und beſchloſſen. Bald wurde die Aufnahme in die maureriſchen Ge⸗ ſellſchaften eine Mode; Fürſten und Könige ließen ſich auf⸗ nehmen und machten ſich eine Ehre aus dem Titel Groß⸗ meiſter. Nun erſchien der Orden des Tempels, und be⸗ griff mit ſeinem Geiſte des Ehrgeizes das, was man mit Ludwig der Fünfzehnte. 4. Band. 10. — 146— dieſem Netze von Verbindungen machen könnte, das die Welt bedeckte; er bemächtigte ſich der Maurerlogen in Deutſchland, in Frankreich und in Italien; verſchleierte ſeine politiſchen Pläne unter der Philantropie ſeiner Ar⸗ beiten; ſchlug Brücken, erbaute Hospitäler, zeichnete Heer⸗ ſtraßen, die noch ihren Namen führen, unterhielt die drei römiſchen Straßen von Spanien, führte mit der Schnel⸗ ligkeit der Zauberei jene Tauſend Kirchen mit Thuͤrmen von Stein auf, welche die Volksſage ihnen noch heut zu Tage zuſchreibt, und welche ihre Giebel von Granit in Frankreich, in Spanien und in Italien erheben; beſonders in Italien, wo ſie ſich noch Kirchen della Massone oder della Maccione, Kirchen der Maurerei nennen. Um ihr mehr Kraft zu verleihen, bedurfte die eng⸗ liſche Maurerei der Verfolgung; dieſe Verfolgung fehlte ihr nicht; auf Anſtiften des Biſchofs von Wincheſter, Vormund des damals minderjaͤhrigen Heinrich VI., wurde im Jahre 1425 ein Edict gegen ſie erlaſſen, und als am 27. Dezember 1561 die Brüderſchaft ihre jährliche Ver⸗ ſammlung in PYork hielt, ſandte die Königin Eliſabeth eine Abtheilung Soldaten ab, um ſie aufzulöſen. Aber ſtatt zu der Auflöſung der Verſammlung und zu der Räumung der Loge zu ſchreiten, wurden die Krieger in den Tem⸗ pel eingeführt, überzeugt, daß ſich nichts darin gegen die der Königin ſchuldige Achtung und den den Geſetzen des Reiches ſchuldigen Gehorſam zutruͤge, und ſelbſt als Mau⸗ rer aufgenommen, nachdem ſie den Prüfungen unterwor⸗ fen geweſen waren. Von nun an verzichtete Eliſabeth darauf, die Mau⸗ C 2 n e 1 — 147— rer zu verfolgen und erließ ein Edict, welches das Hein⸗ richs VI. aufhob. In Schottland nahm die Maurerei dieſelben Ver⸗ hältniſſe an; nur nahm im Jahre 1427 Jakob II. den Maurern die Erwählung des Großmeiſters, und verlieh dieſe Stelle William Saint-Clair, Baron von Roſſlyn, und ſeinen Erben in gerader Linie, eine im Jahre 1650 von den ſchottiſchen Maurern beſtätigte Erblichkeit. Endlich faßte im Jahre 1703 die Loge Sanct⸗Paul, heut zu Tage die Antiquität Nr. 2 in London, einen Beſchluß, die der Geſtaltung der Brüderſchaft gänzlich änderte. Dieſe Entſcheidung beſchließt: „daß die Privilegien der Maurerei von nun an nicht mehr das ausſchließliche Privilegium der bauenden Mau⸗ rer ſein ſollten, und daß Männer der verſchiedenen Ge⸗ werbe berufen ſein ſollten, es zu genießen, vorausgeſetzt, daß ſie vorſchriftlich geprüft und in den Orden eingweiht wären. Von dem Tage dieſer im Anfange des philoſophiſchen Jahrhunderts, welches die Voltaires, die Rouſſeaus, die Montesquieus, die Diderots, die d⸗Alemberts, die Ray⸗ nals, die Helvetius und die Holbachs hervorbringen ſollte, erlaſſenen Beſchluſſes an, ſchreibt ſich die neue Zeitrech⸗ nung der Maurerei her. Von dieſer Zeit her ſchreibt ſich aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach auch ihre Umgeſtaltung her; von einer künſtleri⸗ ſchen Verbindung wurde ſie eine polltiſche, und begann zu — 148— Gunſten der Freiheit das Werk zu vollbringen, was die Ritter des Tempels ihr zu Gunſten ihres Ehrgeizes hatten in die Hände geben wollen, und das, auf eine ſo kühne Weiſe begonnen, plötzlich durch den Proceß der Ritter des Tempels und durch die Hinrichtung des Großmeiſters un⸗ terbrochen worden war. Gehen wir jetzt von der Geſchichte der Mauerei des Herrn Clavel zu der Geſchichte des Jacobinismus des Pater Barruel und zu dem Prozeſſe Caglioſtros über. Es fehlt viel daran, daß der Abbé Barruel die Frei⸗ mauerei von dieſer unſchuldigen Seite auffaßt, welche ihnen der moderne Geſchichtsſchreiber bewilligÄt. Der Pater Bar⸗ ruel ſieht im Gegentheile in der Freimauerei eine beſtändige Verſchwörung gegen das Königthum, deſſen Geheimniß die Großmeiſter während des Alterthumes, die Templer waͤhrend des Mittelalters, und die Roſenkreuzer in den modernen Zeiten allein gekannt haben. Nach Herrn Clavel iſt Nachſtehendes das den Meiſtern offenbarte Geheimniß. Wir ſchreiben es wörtlich ab: „Hiram⸗Abi, ein berühmter Baumeiſter, war von Hiram, König von Tyrus, an Salomo abgeſandt worden, um die Arbeiten der Aufführung des Tempels von Jeru⸗ ſalem zu leiten. Die Zahl der Arbeiter war unermeßlich. Hiram⸗Abi theilte ſie in drei Klaſſen ein, von denen jede einen, dem Grade der Geſchicklichkeit, der ſie auszeichnete, angemeſſenen Lohn empfing. „Dieſe drei Klaſſen waren die der Lehrlinge, der Ge⸗ ellen und der Meiſter. Die Lehrlinge, die Geſellen und die Meiſter hatten ihre beſonderen Geheimniſſe, und er⸗ f S ZE8 & — — 149— kannten ſich unter ſich mittelſt Zeichen, Worten und Be⸗ rührungen, welche ihnen eigenthümlich waren. Die Lehr⸗ linge erhielten ihren Lohn an der Säule B, die Geſellen an der Säule J, die Meiſter in dem Zimmer der Mitte, und der Lohn wurde von den Zahlmeiſtern des Tempels dem Arbeiter, welcher erſchien, um ihn zu empfangen, nicht eher ausgezahlt, als bis er auf das Genaueſte in ſeinem Grade geprüft worden war. Drei Geſellen, welche ſahen, daß der Bau des Tempels ſich ſeinem Ende näherte, und die noch nicht die Worte des Meiſters hatten erlangen können, beſchloſſen, ſie dem ehrwürdigen Hiram mit Gewalt zu entreißen, um in anderen Ländern als Meiſter zu gel⸗ ten und ſich den Lohn als ſolche zuerkennen zu laſſen. Dieſe drei Elenden, Namens Jubelas, Jubelos und Jube⸗ lum wußten, daß Hiram täglich um Mittag ſein Gebet in dem Tempel verrichtete, während die Arbeiter ſich aus⸗ ruhten. Sie belauerten ihn, und ſobald ſie ihn in dem Tempel ſahen, legten ſie ſich an jedes der Thore in dem Hinterhalt: Jubelas an das des Südens, Jubelos an das des Weſtens, und Jubelum an das des Oſtens. Dort warteten ſie, bis er ſich anſchickte, den Tempel zu verlaſ⸗ ſen. Hiram ging zuerſt nach dem Thore des Südens; er fand dort Jubelas, der das Wort des Meiſters von ihm verlangte, und der auf ſeine Weigerung, es ihm zu geben, bevor ſeine Zeit beendigt wäre, ihm einen gewalti⸗ gen Stich mit einem Richtſcheit von fünfundzwanzig Zoll, mit dem er bewaffnet war, durch die Gurgel verſetzte. „Hiram⸗Abi entfloh nach dem weſtlichen Thore, er fand dort Jubelos, welcher, da er eben ſo wenig als Ju⸗ —— —— — 150— belas das Wort des Meiſters von ihm erlangen konnte, ihm mit einem eiſernen Winkelmaße einen raſenden Stoß in das Herz verſetzte. „Durch den Stoß erſchüttert, ſammelte Hiram⸗Abi Alles, was ihm an Kräften übrig blieb, und verſuchte durch das öſtliche Thor zu entfliehen. Er fand dort Jubelum, welcher, wie ſeine beiden Mitſchuldigen, das Wort des Meiſters von ihm verlangte, und der, da es ihm eben ſo wenig gelang, ihm einen ſo ſchrecklichen Hammerſchlag vor den Kopf verſetzte, daß er ihn todt zu ſeinen Füßen ſtreckte. „Als die drei Mörder ſich wieder vereinigt hatten, fragten ſie ſich gegenſeitig um das Wort des Meiſters. Da ſie ſahen, daß ſie es Hiram nicht hatten entreißen kön⸗ nen, und verzweifelt, keinen Nutzen aus ihrem Verbrechen gezogen zu haben, dachten ſie nur noch daran, die Spu⸗ ren deſſelben verſchwinden zu laſſen. Zu dieſem Ende tru⸗ gen ſie die Leiche fort und verſteckten ſie unter dem Schutte. Als die Nacht herbeigekommen, trugen ſie dieſelbe außer⸗ halb Jeruſalem und begruben ſie auf einem Berge. Da der ehrwürdige Meiſter Hiram⸗Abi nicht mehr wie ge⸗ wöhnlich bei den Arbeiten erſchien, ſo befahl Salomo neun Meiſtern, ihn aufzuſuchen. Dieſe Brüder ſchlugen nach ein⸗ ander verſchiedene Richtungen ein, und am zehnten Tage gelangten ſie auf dem Gipfel des Libanon. Dort ruhte ſich einer von ihnen, vor Ermüdung erſchöpft, auf einem Erdhügel aus, und bemerkte, daß die Erde, welche dieſen Hügel bildete, kürzlich umgegraben wäre. Sogleich rief er ſeine Gefährten und theilte ihnen ſeine Bemerkung mit. — 151— Alle machten ſich daran, die Erde an dieſem Orte zu durchſuchen, und entdeckten bald die Leiche des Hiram⸗ Abis. Sie ſahen voll Schmerz, daß dieſer ehrwürdige Meiſter ermordet worden war. Da ſie aus Achtung ihre Nachforſchungen nicht weiter zu treiben wagten, ſo warfen ſie das Grab wieder zu, und um die Stelle davon wieder⸗ zuerkennen, ſchnitten ſie einen Acacienzweig ab, den ſie darauf pflanzten. „Nun gingen ſie zu Salomo zurück, dem ſie ihren Be⸗ richt abſtatteten. „Bei dieſer traurigen Nachricht fühlte ſich Salomo von dem tiefſten Schmerze durchdrungen. Er muthmaßte, daß die ſterbliche, in dem Grabe enthaltene Hülle in der That nur die ſeines großeen Baumeiſters Hiram⸗Abi ſein könnte. Er befahl den neun Meiſtern, die Ausgrabung der Leiche zu bewerkſtelligen und ſie nach Jeruſalem zurückzu⸗ bringen. Er empfahl ihnen beſonders an, bei ihm das Wort des Meiſters zu ſuchen; indem er bemerkte, daß, wenn ſie es nicht wiederfänden, ſie daraus ſchließen müß⸗ ten, daß es verloren wäre. In dieſem Falle befahl er ihnen, ſich genau der Geberde zu erinnern, die ſie bei dem Anblicke der Leiche machen und des Wortes, das ſie aus⸗ ſtoßen würden, damit dieſes Zeichen und dieſes Wort von nun an an der Stelle des verlorenen Zeichens und des verlorenen Wortes angewandt würden. Die neun Meiſter bekleideten ſich wieder mit Schürzen und weißen Hand⸗ ſchuhen, und auf dem Berge Libanon angelangt, bewerk⸗ ſtelligten ſie die Ausgrabung der Leiche.“ Dabei bleibt das Geheimniß der Meiſter ſtehen; um —— —— „ — 152— dieſes Zeichen, um dieſes Wort wieder zu finden, iſt die Frei⸗ maurerei geſtiftet worden, und ſeit länger als drei Tauſend Jahren ſucht ſie vergebens dieſes Wort und dieſes Zeichen auf. Man wird die getäuſchte Hoffnung eines Mannes be⸗ greifen, der die ſchrecklichen Prüfungen der Freimaurerei beſtanden hat, der ein Jahr Lehrling, zwei Jahre Geſell geweſen iſt, und der endlich zu dem Meiſtergrade gelangt, wonach er ſich ſehnt, um das berühmte Geheimniß kennen zu lernen, erfaͤhrt, daß das Geheimniß noch aufzufinden und nichts Anderes iſt, als das von Hiram⸗Abi den Maurermeiſtern, welche den Tempel erbauten, gegebene Loſungswort! Nach Pater Barruel hat das maureriſche Geheimniß freilich eine bei weitem wichtigere Bedeutung, und wäh⸗ rend man für das Geheimniß des Ordens den unteren Graden dieſe Fabel des Hiram⸗Abi angibt, erzählt man den oberen Graden folgende Geſchichte des Manes. Zuvörderſt ein Wort über Manes. Manes oder Mani iſt der Stifter der Secte der Ma⸗ nichaäer; er wurde ohngefähr zwei Hundert und zwanzig Jahre nach Chriſtus in Perſien geboren. Im Alter von 17 Jahren wurde er von einer reichen Wittwe der Stadt Centphon gekauft, die ihn mit vieler Sorgfalt unterrichten ließ, ihn frei ließ und ihm alle ihr Vermögen vermachte. Nun nahm Manes die Lehre Terebiaths und ſeines Leh⸗ rers, des Egyptiers Septianus, an, und begann ſie oͤffent⸗ lich zu lehren. Nach Manes muß die Schöpfung zwei Prinzipien zugeſchriehen werden. Das Eine, weſentlich äh⸗ ren nan Na⸗ zig von adt bten hte. Leh⸗ ent⸗ wei lich — 153— gut, das Gott iſt, der Geiſt, das Licht; das Andere, we⸗ ſentlich bös, welches der Teufel iſt, der Stoff und die Fin⸗ ſterniß. Das iſt zugleich Budhismus und Chriſtenthum, in welchem aber Zoroaſter den Sieg über Manes davon⸗ trägt. Nach Manes iſt das alte Teſtament das Werk des Fürſten der Finſterniß; nach Manes iſt Jeſus Chriſtus, aus dem Lichte hervorgegangen, nicht in der Wirklichkeit, ſondern nur im Geiſte gekommen, um das Menſchenge⸗ ſchlecht zu erlöſen. Er ſelbſt war kein anderer, als der göttliche, von Jeſus ſeinen Jüngern verkündete Paraklet. Er nahm daher auch den Namen eines Apoſtels Chriſti an; er gab daher auch ſein Evangelium heraus, von dem das Dogma der Seelenwanderung, das Verbot irgend ein Thier zu tödten, und die Enthaltung jeder Art von Fleiſch die Hauptglaubensartikel bilden; er ſandte daher auch nach Indien, nach Egypten und nach China nach der Weiſe der zwölf Apoſtel zwölf Jünger, und die Secte machte ſo viele Fortſchritte, daß der König von Perſien, Sehaphono, ſelbſt Manichäer wurde. Aber ſein Eifer dauerte nicht lange. Ein Sohn des Königs wurde krank und ſtarb in Manes Händen, der ſeine Geneſung verſprochen hatte. Nun wurde der Koönig abtrünnig. Manes wurde in's Gefängniß ge⸗ worfen und mit dem Tode bedroht. Es gelang ihm zu entfliehen, und als Flüchtling durchzog er Hindoſtan, China und Turkeſtan, wo er durch Malerei und durch Bild⸗ hauerei lebte, wobei er zugleich ſeine Lehre verbreitete und ſich zahlreiche Anhänger erwarb. Indem er endlich die Gemüther ſeiner Zeitgenoſſen durch ein Wunder gleich dem der Auferſtehung feſſeln wollte, brachte Manes in eine von ress en — 154— ihm entdeckte und Allen unbekannte Höhle Lebensmittel für ein Jahr; dann meldete er ſeinen Schülern, daß er gen Himmel fahren würde, von wo er erſt nach Verlauf eines Jahres zurückkehren werde, um ihnen die Werke Gottes zu uͤberbringen. In der That, als er dieſes Jahr in der Höhle zugebracht, erſchien Manes ſeinen Schülern wieder, wie er ſagte, mit einem doppelten Geſichte begabt und in⸗ dem er das Buch ſeiner Lehre aus dem Himmel zurück⸗ brachte, das er während dieſes Jahres der Zurückgezogen⸗ heit Zeit gehabt hatte zu ſchreiben. Dieſes Wunder ver⸗ lieh Manes eine große Volksthümlichkeit, und da zu der⸗ ſelben Zeit Sehaphano, ſein Verfolger, geſtorben, und Hormuz 1., ſein Sohn, ihm nachgefolgt war, ſo erlaubte dieſer Manes, nach Perſien zurückzukehren, überhäufte ihn mit Wohlthaten und wies ihm als Wohnung das Schloß Deskerels an, das er ausdrücklich für ihn in dem Seiſtan hatte bauen laſſen. Das war die große Epoche für Ma⸗ nes. Von Hormuz beſchützt, machte ſeine Lehre zahlreiche Proſelyten. Nun durch den Erfolg verblendet, nahm er den Titel Paraklet an, von dem er bereits verkündet hatte, daß er ihm von Jeſus Chriſtus beſtimmt geweſen ware; dann ſchrieb er unter dieſem Titel an Mareel, einen durch ſein Vermögen und ſeine Frömmigkeit berühmten Mann. Marcel theilte ſogleich Manes Brief Archelaus, Biſchof von Cascar mit, der Manes aufforderte, zu ihm zu kommen und mit ihm in Berathung zu treten. Manes nahm die Herausforderung an und entwickelte ſein Syſtem mit großem Scharfſinne und hoher Beredtſamkeit. Aber —₰—— 6(ñ 76 8 2. „ O— 50 — — 155— Archelaus widerlegte ihn gänzlich, und die katholiſche Lehre ging ſiegreich aus dem Streite hervor. Das war eine große Niederlage für Manes, aber das war Nichts im Vergleiche mit der Ungnade, welche ihn erwartete. Hormuz, ſein Beſchützer, ſtarb, und Behram I., ſein Sohn und Nachfolger, der ſchwärmeriſch für den al⸗ ten Gottesdienſt war, beſchloß ſowohl die Manichäer, als ihren Stifter auszurotten. Dem zu Folge flößte er durch ein geheucheltes Wohlwollen Manes eine falſche Sicherheit ein, befahl, daß die Lehre des Propheten einer Art von Concilium unterworfen würde, lockte Manes in dieſes Concilium, ließ ihn ſeine Lehre vorlegen, befahl ihm, auf der Stelle irgend ein Wunder zu thun, dos ſeine göttliche Sendung bewieſe, und da kein Wunder gethan wurde, ſo befahl er, daß Manes verhaftet, lebendig geſchunden, und ſeine mit Stroh ausgeſtopfte Haut an einem der Thore von Djoudischaour aufgehängt würde. Das Urtheil wurde faſt eben ſobald vollzogen als er⸗ laſſen. 4 Jetzt ſind es nach der Meinung Pater Barruels die Schüler Manes, es ſind die Unglücklichen, der Verfolgung Behrams entronnenen, nach Afrika, nach Aſien und nach Europa geflüchteten Manichäer, welche die Quelle aller dieſer im Abendlande und hauptſächlich in Frankreich un⸗ ter dem Namen von Abigenſern, von Cathars, von Pa⸗ tarins und von Bulgaren bekannten ketzeriſchen Secten geweſen ſind. Es wären endlich die Manichäer, denen die Templer ihre hauptſächlichſten Myſterien entlehnt hätten, und da die kriegeriſchen Mönche zu gleicher Zeit in die — 156— Maurerei aufgenommen und Meiſter aller Logen von Eu⸗ ropa waren, ſo wäre in ihre Aufnahme und beſonders in die, welche ihrer Zerſtörung gefolgt wären, das politiſche Geheimniß an die Stelle des künſtleriſchen Geheimniſſes getreten, und die für die unteren Grade beibehaltene Ge⸗ ſchichte hätte in den höheren Graden der des Manes Platz gemacht. So iſt nach dem Pater Barruel die alte Ceremonie der Manichäer, Bema genannt, dieſelbe, als die der Frei⸗ maurer bei der Aufnahme in die höheren Grade. Die Manichaͤer verſammelten ſich um einen auf dieſelbe An⸗ zahl von Stufen, als die der Freimaurer, erhobenen Ka⸗ tafalk herum, indem ſie große Ehrenbezeigungen dem be⸗ wieſen, welcher unter dieſem Katafalke lag, und der nicht mehr Hiram⸗Abi war, deſſen verlorenes Geheimniß man wiederzufinden ſuchte, ſondern Manes, deſſen Tod man zu rächen ſchwor. An wem konnte man nun aber den Tod Manes rä⸗ chen, der gegen das Ende des dritten Jahrhunderts hin⸗ gerichtet war, und den im Anfange des vierzehnten hinge⸗ richteten Jakob von Molay? An den Königen. Der Freimaurerbund war daher nach der Meinung Pater Barruels ein abſolut königsmörderiſcher Bund, in welchem ſich drei Secten verſchmolzen hätten: die der Maurer, die der Manichäer, die der Templer, um im achtzehnten Jahrhundert die Secte der Illuminaten aus ihm hervorgehen zu laſſen, deren Meiſter den Titel Ro⸗ ſenkreuzer trugen und der Großmeiſter den Kadock — 157— (Templer), und welche den Titel: gereinigte Mauerei der hohen und ſtricten Obſervanz annahm. Hier iſt der Schwur der Illuminaten: „Im Namen des gekreuzigten Sohnes, ſchwört, die fleiſchlichen Bande zu zerbrechen, die Euch noch an Vater, Mutter, Brüder, Schweſtern, Gatten, Verwandte, Freunde, Geliebte, Könige, Vorgeſetzte, Wohlthäter und jedes We⸗ ſen irgend einer Art feſſeln, dem Ihr Treue, Gehorſam, Dankbarkeit oder Dienſte gelobt habt. „Nennt Gott den, der Euch geboren werden ſah, um in einer anderen Sphäre zu leben, in welche Ihr erſt dann gelangen werdet, nachdem Ihr dieſen verpeſteten Erdball, den gemeinen Abſchaum des Himmels abgeſchwo⸗ ren habt. „Von dieſem Augenblicke an ſeid Ihr von dem ver⸗ meintlichen, dem Vaterlande und den Geſetzen gethanenen Schwure befreit.— Schwört dem neuen Vorgeſetzten, den Ihr anerkennt, das zu offenbaren, was Ihr geſehen oder gethan, genommen, geleſen oder gehört, erfahren oder errathen habt, und ſelbſt das zu erforſchen und zu belau⸗ ern, was ſich Euren Augen nicht bieten ſollte. „Ehrt und achtet die Aqua Tofana als ein ſiche⸗ res, ſchnelles und nothwendiges Mittel, den Erdball durch den Tod oder durch den Stumpfſinn von denen zu ſäu⸗ bern, welche die Wahrheit zu erniedrigen oder ſie unſeren Händen zu entreißen ſuchen. 3 „Fliehet Spanien, fliehet Neapel, fliehet die ganze verfluchte Erde, fliehet endlich die Verſuchung, das zu offenbaren, was Ihr hören werdet, denn der Blitz iſt nicht — 158— ſchneller, als das Meſſer, das Euch treffen wird, an wel⸗ chem Orte Ihr auch ſein möget. „Lebt im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes.“ Hier iſt das, was Caglioſtro ſelbſt von einer Illumi⸗ natengeſellſchaft erzählt, in welche er aufgenommen wurde. Wir ändern kein Wort an ſeiner Erzählung: „Ich ging nach Frankfurt am Main, wo ich die Herren N. N.. und N. N... fand, welche Häupter und Erz⸗ herzöge der Mauerei der ſtricten Obſervanz, Illuminaten genannt, ſind. Sie luden mich ein, den Kaffee mit ihnen zu trinken. Ich ſtieg in ihre Kutſche, ohne weder meine Frau, noch irgend Jemand meines Hauſes mitzunehmen, wie ſie mich darum gebeten hatten. Sie führten mich nach einem drei Meilen von der Stadt gelegenen Landhauſe. Wir traten in das Haus, und nachdem wir den Kaffee getrunken, begaben wir uns in den Garten, wo ich eine künſtliche Grotte ſab. Unter Begünſtigung eines Lichtes, mit dem ſie ſich verſahen, gingen wir vierzehn bis fünf⸗ zehn Stufen in ein unterirdiſches Gewölbe hinab, und tra⸗ ten in ein rundes Zimmer, in deſſen Mitte ich einen Tiſch ſab. Man öffnete ihn, und es befand ſich eine eiſerne Kiſte darunter, die man gleichfalls öffnete, und in welcher ich eine Menge von Papieren erblickte. Dieſe beiden Per⸗ ſonen nahmen ein geſchriebenes Buch, das in Form eines Meßbuches gemacht war, und an deſſen Anfange ſtand: „Wir, Großmeiſter der Templer. „Dieſen Worten folgte eine in den gräßlichſten Aus⸗ — 159— drücken abgefaßte Eidesformel, der ich mich nicht erinnern kann, welche aber die Verpflichtung enthielt, alle despoti⸗ ſchen Fürſten zu vernichten. Dieſe Formel war mit Blut geſchrieben und hatte außer meinem Namenszuge, welcher der erſte war, eilf Unterſchriften, das Ganze gleichfalls mit Blut geſchrieben. Ich kann mich nicht aller der Namen dieſer Unterſchriften erinnern, vorbehaltlich der genannten.... Dieſe Unterſchriften waren die von zwölf Großmeiſtern der Illuminaten; aber der Wahrheit gemäß war mein Namens⸗ zug nicht von mir gemacht worden, und ich weiß nicht, wie er ſich darauf befand. Was man mir über den Inhalt des Buches ſagte, und das wenige, was ich davon las, be⸗ ſtätigte mir noch, daß dieſe Secte beſchloſſen hatte, ihre erſten Streiche gegen Frankreich zu führen, und daß nach dem Sturze dieſer Monarchie, ſie Italien und beſonders Rom treffen wollte, daß Timenes, von dem man bereits geſprochen hat, einer der angeſehenſten Leiter der Intrigue war, und daß die Geſellſchaft eine große Summe von in den Banken von Amſterdam, von Rotterdam, von London, von Genua und von Venedig zerſtreuten Geldes hatte. Sie ſagten mir, daß dieſes Geld von den Beiſteuern her⸗ rührte, welche jedes Jahr Hundert und achtzig Tauſend Maurer zu fünf Louisd'or auf die Perſon bezahlten, welche zuvörderſt zur Unterhaltung der Meiſter, zweitens zu der der Abgeſandten, die ſie an allen Höfen haben, und end⸗ lich dazu: Schiffe zu unterhalten, alle die zu belohnen, welche irgend ein Unternehmen gegen die Fürſten machen und zu allen andern Bedürfniſſen der Secte dienten. Ich erfuhr ferner, daß die Logen, ſowohl in Amerika, als in — 160— Afrika, ſich auf die Zahl von zwanzig Tauſend beliefen, welche jedes Jahr am Johannisfeſte genöthigt ſind, jede fünfundzwanzig Louisd'or dem gemeinſamen Schatze einzu⸗ ſenden. Endlich boten ſie mir Geldunterſtützungen an, in⸗ dem ſie mir ſagten, daß ſie bereit wären, mir ſelbſt ihr Blut hinzugeben, und ich erhielt ſechs Hundert Louisd'or. „Wir kehrten nachher nach Frankfurt zurück, von wo aus ich am folgenden Tage mit meiner Frau abreiſte, um mich nach Straßburg zu begeben.“ Man wird die Ableugnungen Caglioſtros in Bezug auf ſeinen Namenszug begreifen. Es waren Richter, denen er antwortete, und das Bruchſtück, das man ſo eben ge⸗ leſen hat, iſt aus ſeinem Verhöre entnommen. Er ſelbſt war der Erfinder einer neuen Maurerei, wie es die Formel folgender, von ihm der Loge, welche er in Lyon gründete, gegebenen Urkunde beweiſt. Ruhm, Einigkeit, Weisheit, Wohlthätigkeit, Gedeihen. „Wir, Großkophte, Gründer und Großmeiſter der erhabenen egyptiſchen Mauerei in allen öſtlichen und weſt⸗ lichen Theilen des Weltalls, thun allen denen kund und zu wiſſen, welche Gegenwärtiges ſehen werden, daß, da bei unſerem Aufenthalte in Lhon viele Mitglieder dieſes Orients, der den gewöhnlichen Ritus befolgt, und der den Namen: zur Weisheit führt, uns den glühenden Wunſch, den ſie hätten, an den Tag gelegt, ſich unſerer Regierung zu unterwerfen, und von uns das Licht und das nothwendige Vermögen zu erhalten, um die Maurerei in ihrer wahren 8 8— — 161— Form und in ihrer urſprünglichen Reinheit kennen zu ler⸗ nen und zu verbreiten, wir uns ihren Wünſchen gefügt haben, überzeugt, daß, indem wir ihnen Zeichen unſeres Wohlwollens geben, wir die ſüße Freude haben werden, fuͤr den Ruhm des Ewigen und für das Wohl der Menſch⸗ heit gearbeitet zu haben. „Nach dieſen Gründen, und nachdem wir bei den Ehrwürdigen und vielen Mitgliedern genannter Loge die Vollmacht und die Gewalt dargethan und beurkundet haben, welche wir in dieſer Beziehung beſitzen, ſo ſchaffen und gründen wir mit der Hülfe dieſer ſelben Brüder auf ewige Zeiten im Oriente von Lyon die gegenwärtige egyptiſche Loge, und wir ſetzen ſie als Mutterloge für das ganze Morgen⸗ und Abendland ein, indem wir ihr fuͤr immer den unterſcheidenden Titel der triumphirenden Weisheit beilegen und als ihre beſtändigen und unab⸗ ſetzbaren Beamten ernennen, u. ſ. w., u. ſ. w., u. ſ. w.“ Dieſe Urkunde trug unter andern Sinnbildern ein Kreuz mit folgenden drei Buchſtaben: L. P. D. Dieſe drei Buchſtaben waren die Anfangsbuchſtaben folgender drei Worte: Lilia pedibus destrue. (Tretet die Lilien mit Füßen.) Jetzt möge man ſich erinnern, daß man unter ande⸗ ren, in den Maurerlogen des ſiebenzehnten Jahrhunderts aufgenommenen Berühmtheiten folgende zählt: Condorcet, Voltaire, Dupuis, Lalande, Bonneville, Volnay, Pauchet, Bailly, Guillotin, Lafayette, Menou, Chapellier, Mira⸗ beau, Sieyes, von Holbach, und den Herzog von Orleans, Ludwig der Fünfzehnte. 4. Band. 11 —— — 162— Philipp Egalits, und man wird verſucht ſein zu glauben, daß die Meinung des Pater Baruel über das Bündniß der Freimaurer und der Philoſophen nicht gaͤnzlich ohne Grund und Wahrheit iſt. Unter den politiſchen, philoſophiſchen und geſellſchaft⸗ lichen Umſtänden, welche wir auseinandergeſetzt haben, ſollte alſo Ludwig XVI., der ſchwächſte Mann ſeines Geſchlechtes, den Thron beſteigen. Woher rührte dieſe Art von Ausartung? Wir wollen es fagen. Um die thieriſchen und ſelbſt vegetabiliſchen Geſchlechter in einer langen Jugend und in beſtändiger Kraft zu er⸗ halten, hat die Natur das Kreuzen der Geſchlechter und die Miſchung der Familien angedeutet. So iſt das Impfen oder Pfropfen im Pflanzenreiche das erhaltende Prinzip der Güte und der Schönheit der Arten, ſo iſt bei den Men⸗ ſchen die Verheirathung unter zu nahen Verwandten eine Urfache des Verfalles der Perſonen. Die Natur leidet, ſchmachtet und artet aus, wenn mehrere Generationen ſich mit demſelben Blute wieder erzeugen. Die Natur iſt im Gegentheile erfriſcht, wieder hergeſtellt, wieder geſtärkt, wenn ein fruchtbares, fromdes und neues Prinziy in die Em⸗ pfängniß eingeführt wird. So gründen Helden alle die großen Geſchlechter, und ſchwache Menſchen ſchließen ſie. Man ſehe Heinrich III., den letzten der Valois; man ſehe Gaſton, den letzten der Medicis, man ſehe den Kardinal von Yorck, den letzten der Stuarts; man ſehe Karl M., den letzten der Habs⸗ durgs. — V Nun denn! dieſe erſte Urſache der Ausartung der Ge⸗ ſchlechter, das heißt die Verheirathung der Familie, welche ſich in allen den Häuſern fühlen läßt, von denen wir die Nachkommen genannt haben, iſt noch weit auffallender in dem Hauſe Bourbon, als in irgend einem anderen, weil nirgends mehr, als in dem Hauſe Bourbon, ein Mißbrauch mit dieſen Familienverheirathungen ſtattfand. Das Blut, welches über Frankreich herrſchte, ſtand in der That in dem Rufe, ſo koſtbar, ſo edel, ſo geheiligt zu ſein, daß es ſich mit keinem Blute von geringerem Adel vermiſchen durfte; ſo daß, um dieſem Vorurtheile der europäiſchen königlichen und katholiſchen Familien zu gehorchen, ſich nur mit ſeines Gleichen zu verbinden, das Haus Bourbon ſeine Heirathen auf die Häuſer von Florenz, von Savohen, von Oeſterreich und von Spanien beſchränken mußte. Wenn man, zum Beiſpiele, ſo von Ludwig XV. zu Heinrich IV. und zu Maria von Medicis hinaufgeht, ſo war Heinrich IV. fünf Male der Urgroßvater Ludwigs XV., und Maria von Medicis fünf Male ſeine Urgroß⸗ mutter. 3 Wenn man ſo zu Philipp III. und zu Margarethe von Oeſterreich hinaufgeht, ſo war Philipp III. drei Male ſein Urgroßvater und Margarethe von Oeſierreich drei Male ſeine Urgroßmutter. Demnach alſo findet man unter zweiunddreißig Ur⸗ großvätern und Urgroßmüttern Ludwigs XV. ſechs Per⸗ ſonen aus dem Hauſe Bourbon, fünf Perſonen aus dem Hauſe der Medicis, eilf aus dem Hauſe Oeſterreich⸗Habs⸗ burg, drei aus dem Hauſe Savohen, dri gu dem Hauſe — 164— Lothringen, zwei aus dem Hauſe Baiern, einen Prinzen aus dem Hauſe der Stuarts und eine däniſche Prin⸗ zeſſin. Demnach war alſo dem Schwächſten der Dhnaſtie die ſchwerſte Laſt vorbehalten, wo der König, der gegen dieſen entarteten Adel, gegen dieſe verderbte Geſellſchaft, gegen dieſe verführenden Philoſophen, gegen dieſe geheimen und öffentlichen Feinde zu kämpfen hatte, welche die Monarchie umringten, die wiederherſtellende Macht Heinrichs IV. und Ludwigs XIV., die beiden Rieſen des Geſchlechts, bedurft hätte, wandte Gott, deſſen Rathſchlüſſe im Voraus be⸗ ſchloſſen waren, den guten, aber ausgearteten und macht⸗ loſen Monarchen an, welcher, nachdem er ſich Herzog von Berry und Dauphin von Frankreich genannt hatte, ſich nacheinander König von Frankreich und Navarra, Ludwig der Wohlthätige, der Wiederherſtel⸗ ler der Freiheit, der Koͤnig der Franzoſen, Herr Veto und Louis Capet nennen ſollte. 2 0 d —„„ ff„„ Belegſtücke. Wir haben von jenem merkwürdigen Briefe der Mademoiſelle von Valois an Herrn von Richelieu geſpro⸗ chen, und da wir geſagt haben, daß wir ihn geben wur⸗ den, ſo müſſen wir unſer Verſprechen wohl halten. Hier iſt er. 24 A A 8 3-1-*--§-4- 2½2— 2— 1 e== 1= 4 2, 1— 11— 14— 1— 15+ 16— 12— 17— 14— 2— 1— 21— 14— 20— 17— 12— 9— 14— 9— 2— 8— 20— 5— 20— 2— 2— 17— 8— 1— 2— 20— 9— 21— 24— 1— 5— 12— 17— 15— 00— 14— 1— 15— 14— 12— 9— 21 — 5— 12— 9— 21— 5- 12— 9— 21— 16 — 20= 14— 8— 5. —, — 166— Ob jetzt unſere Leſer das Gebeimniß dieſer Ziffern ergründen, von dem wir ihnen den Schlüſſel geben wollen, das geht ſie an. Wir benachrichtigen ſie nur, daß der Styl der Prinzeſſinnen von dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts mehr als leichtfertig iſt. 1— 2— 3— 5— 7— 8— 9— 10— 11— R— I— d= F e— M 13— N- G= 12— 14— 15— 16— 17— 20— 21. 0—= R= 1— p— vU= A— 8. Dieſem Briefe war die folgende Erzählung zugefügt: —————— Bericht über die Geburt und die Erziehung des unglücklichen, von den Kardinälen Richelieu und Mazarin der Geſellſchaft un⸗ terſchlagenen, und auf Befehl Ludwig XIV. eingeſperrten Prinzen. Aufgeſetzt von dem Erzieher dieſes Prinzen auf ſeinem Tod⸗ tenbette.* „Der unglückliche Prinz, den ich erzogen und bis gegen das Ende meiner Tage behalten habe, wurde am 5. September 1638, um halb neun Uhr Abends, während des Nachteſſens des Königs geboren. Sein Bruder, wel⸗ cher jetzt regiert, war am Morgen um zwölf Uhr während des Mittageſſens ſeines Vaters geboren. Aber eben ſo glänzend und ſtrahlend, als die Geburt des Königs war, eben ſo traurig und ſorgfältig verborgen ward die ſeines — 168— Bruders, denn von der Hebamme benachrichtigt, daß die Königin ein zweites Kind gebähren ſollte, hatte der König den Kanzler von Frankreich, die Hebamme, den erſten Al⸗ moſenier, den Beichtvater der Königin und mich in ihrem Zimmer bleiben laſſen, um Zeuge deſſen zu ſein, was ſich zutragen würde, und deſſen, was er thun wollte, wenn ein zweites Kind geboren würde. „Seit langer Zeit war der König durch Prophezeiun⸗ gen benachrichtigt worden, daß ſeine Frau zwei Söhne ge⸗ bähren würde, denn es waren ſeit mehreren Tagen Hirten nach Paris gekommen, welche ſagten, daß ſie eine göttli⸗ che Eingebung davon gehabt hätten, ſo daß man in Pa⸗ ris ſagte, daß wenn die Königin von zwei Dauphins ent⸗ bunden würde, wie man es prophezeit hätte, daß dieß das größte Unglück des Staates ſein würde. Der Erzbiſchof von Paris, der dieſe Wahrſager kommen ließ, ließ ſie beide in Saint⸗Lazare einſperren, weil das Volk darüber aufgeregt war, was dem Könige wegen der Unruhe, die er Urſache hatte in ſeinem Staate zu fürchten, viel zu denken gab. „Es ereignete ſich das, was von den Wahrſagern prophezeiet worden war, ſei es nun, daß die Geſtirne die Hirten davon benachrichtigt hatten, oder ſei es, daß die Vorſehung Seine Majeſtät vor dem Unglücke warnen wollte, das Frankreich zuſtoßen könnte. Der Kardinal, welchem der König durch einen Boten dieſe Prophezeiung hatte wiſſen laſſen, hatte geantwortet, daß man Sorge dafür tragen müßte, daß die Geburt zweier Dauphins nichts Unmögliches wäre, und daß man in dieſem Falle —————— 8N8 AXA AN& àA——— ⏑ 8—., 8ũ +— ᷣ 8=— —2—£☛ ⏑— —&&⏑—* — 9169— den zweiten ſorgfältig verbergen müßte, weil es ſich ereig⸗ nen könnte, daß er in der Zukunft König ſein und ſeinen Bruder bekämpfen wollte, um eine zweite Ligue in dem Staate zu unterhalten und zu regieren. „Der König war in ſeiner Ungewißheit leidend, und die Königin ſtieß Geſchrei aus, das uns eine zweite Ent⸗ bindung fürchten ließ. „Wir ließen den König rufen, welcher zu Boden zu ſinken meinte, weil er ahnete, daß er Vater von zwei Dauphins werden würde. Er hatte zu dem Herrn Bi⸗ ſchof von Meauy geſagt, den er gebeten hatte der Köni⸗ gin beizuſtehen:— Verlaſſen Sie meine Gattin nicht, bis daß ſie entbunden iſt, ich habe eine tödtliche Beſorgniß daröüber. Gleich nachher verſammelte er uns, den Biſchof von Meaux, den Kanz⸗ ler, den Herrn Monorat, die Frau Peronnette, Hebam⸗ me, und mich, und ſagte uns in Gegenwart der Köni⸗ gin, damit ſie es hören könnte: Daß wir mit unſerem Kopfe dafür ſtänden, wenn wir die Geburt eines zwei⸗ ten Dauphins bekannt machten, und daß er wollte, daß ſeine Geburt ein Staatsgeheimniß bleibe, um dem Un⸗ glücke zuvorzukommen, das daraus entſtehen könnte, indem das Saliſche Geſetz nichts über die Erbſchaft im Falle der Geburt von zwei erſtgebornen Söhnen des Königs erklärte. „Das, was prophezeiet worden war, trug ſich zu, und die Königin wurde während des Nachteſſens des Köͤ⸗ nigs von einem zweiten Dauphin entbunden, der weit al⸗ lerliebſter und weit ſchöner als der erſte war, der nicht aufhörte ſich zu beklagen und zu ſchreien, wie als ob er 3 — 170— bereits Bedauern empfunden hätte, in das Leben eingetre⸗ ten zu ſein, in welchem er nachher ſo viele Leiden zu er⸗ dulden haben ſollte. Der Kanzler ſetzte das Protokoll über dieſe wunderbare, in unſerer Geſchichte einzigen Entbin⸗ dung auf. Nachher fand Seine Majeſtät das erſte Pro⸗ tokoll nicht gut abgefaßt, weshalb er es in unſerer Ge⸗ genwart verbrannte, und befahl, es mehrere Male von Neuem zu machen, bis Seine Majeſtät es nach ihrem Gefallen fand, was auch der Herr Almoſenier einwenden mochte, welcher behauptete, daß Seine Majeſtät die Ge⸗ burt eines Prinzen nicht verheimlichen könnte, auf was der König antwortete, daß dabei ein Staatsgrund obwalte. „Hierauf ſagte uns der König, unſeren Eid zu unter⸗ zeichnen; der Kanzler uuterzeichnete zuerſt, dann der Herr Almoſenier, dann der Beichtvater der Königin, und ich unterzeichnete nachher. Der Eid wurde gleichfalls von dem Wundarzte und von der Hebamme unterzeichnet, wel⸗ che die Königin entband, und der König heftete dieſes Ak⸗ tenſtück zu dem Protokolle, das er mit ſich nahm, und von dem ich niemals habe ſprechen hören. Ich erinnere mich, daß Seine Majeſtät ſich mit dem Kanzler über die Formel dieſes Eides unterhielt, und daß er lange leiſe mit Seiner Gnaden, dem Kardinal ſprach. Worauf die Hebamme mit dem zuletzt geborenen Kinde beauftragt wurde, und da man immer gefürchtet hat, daß ſie zu viel über ſeine Geburt ſprechen möchte, ſo hat ſie mir ge⸗ ſagt, daß man ſie bedroht hätte, ſie ſterben zu laſſen, wenn ſie ſprechen würde; man verbot uns ſogar, die wir Zeu⸗ —— G SS ——————A———, — - 171— gen ſeiner Geburt waren, jemals unter uns von dieſem Kinde zu ſprechen. „Nicht einer von uns hat bis jetzt ſeinen Schwur gebrochen; denn Seine Majeſtät fürchtete nichts ſo ſehr, als den Bürgerkrieg, den dieſe beiden mit einander gebo⸗ renen Kinder erregen könnten, und der Kardinal erhielt ihn immer in dieſer Befürchtung, als er ſich nachher der Oberaufſicht der Erziehung dieſes Kindes bemächtigte. Der König befahl uns auch, dieſen unglücklichen Prinzen genau zu unterſuchen, der eine Warze über dem linken Ellbogen, einen gelblichen Fleck an der rechten Seite ſeines Halſes, und eine weit kleinere Warze an dem dicken Theile ſeines rechten Schenkels hatte, weil Seine Majeſtät für den Fall des Abſterbens des Erſtgeborenen mit Recht gedachte, das königliche Kind, welches er unſerer Obhut übergab, an ſeine Stelle zu ſetzenz deshalb verlangte er unſere Unter⸗ ſchrift unter das Protokoll, das er mit einem kleinen kö⸗ niglichen Siegel unterſiegeln ließ, und das wir dem Be⸗ fehle Seiner Majeſtät gemäß nach ihr unterzeichneten. Und was die Hirten anbelangt, ſo habe ich niemals von ihnen ſprechen hören können, aber ich habe mich auch nicht darum erkundigt. Der Herr Kardinal, der für dieſes ge⸗ heimnißvolle Kind Sorge trug, wird ſie in die Fremde haben ſchicken können. „Was die Kindheit des zweiten Prinzen anbelangt, ſo behandelte ihn die Frau Peronnette Anfangs wie ein eigenes Kind, das aber für den Baſtardſohn eines großen Herrn der Zeit galt, weil man an der Sorgfalt, mit der ſie ihn pflegte und an den Ausgaben, welche ſie machte, —— — 172— erkannte, daß er, obgleich verleugnet, dennoch ein reicher und geliebter Sohn wäre. „Als der Prinz ein wenig groß war, ließ ihn mir der Herr Kardinal von Mazarin, der nach dem Kardinal von Richelieu mit ſeiner Erziehung beauftragt war, über⸗ geben, um ihn wie den Sohn eines Königs, aber im Ge⸗ heimen zu unterrichten und zu erziehen. Frau Peronnette pflegte ihn fortwährend bis zum Tode mit einer Anhäng⸗ lichkeit von ihrer, und mit einer noch größeren von ſeiner Seite. Der Prinz iſt in meinem Hauſe in Burgund mit aller der Sorgfalt unterrichtet worden, die dem Sohne und dem Bruder eines Königs gebührt. „Ich habe während der Unruhen in Frankreich häu⸗ fige Unterhaltungen mit der Königin⸗Mutter gehabt, und Ihre Majeſtät ſchien mir zu fürchten, daß wenn jemals die Geburt dieſes Sohnes bei Lebzeiten ſeines Bruders, des jungen Königs, bekannt würde, einige Mißvergnügte es zum Grunde nehmen möchten ſich zu empören, weil mehrere Aerzte der Meinung ſind, daß von zwei Zwil⸗ lingsbrüdern der zuletzt geborene der zuerſt empfangene, und dem zu Folge von rechtswegen der König ſei, wäh⸗ rend dieſe Anſicht nicht die Anderer dieſes Standes iſt. „Nichts deſtoweniger vermochte dieſe Befürchtung die Königin niemals zu veranlaſſen, die ſchriftlichen Beweiſe ſeiner Geburt zu zerſtören, weil ſie fuͤr den Fall eines Ereigniſſes oder Todes des jungen Königs ſeinen Bruder anerkennen zu laſſen gedachte, obgleich ſie noch einen ande⸗ ren Sohn hatte. Sie hat mir oft geſagt, daß ſie dieſe ſchrift⸗ lichen Beweiſe ſorgfältig in einem Kaͤſtchen aufbewahrte. — 173— „Ich habe dem unglücklichen Prinzen alle die Erzie⸗ hung gegeben, welche ich wünſchte, daß man ſie mir ſelbſt gäbe und die anerkannten Söhne von Fürſten haben keine beſſere erhalten. Alles, was ich mir vorzuwerfen habe, iſt, das Unglück dieſes Prinzen, obgleich ohne es zu wollen, gemacht zu haben, denn, als er mit neunzehn Jahren eine außerordentliche Begierde hatte zu wiſſen, wer er wäre, und als er-bei mir den Entſchluß ſah, es ihm zu verſchwei⸗ gen; indem ich mich deſto feſter zeigte, jemehr er mich mit Bitten uͤberhäufte, ſo beſchloß er mir ſeine Neugierde zu verbergen, und mich glauben zu laſſen, daß er meinte, mein aus einer unrechtmäßigen Liebe erzeugter Sohn zu ſein. „Wenn er mich ſeinen Vater nannte, ſo ſagte ich ihm oft daruͤber, wenn wir allein waren, daß er ſich irre; aber ich beſtritt ihm dieſes Gefühl nicht mehr, das er vielleicht affectirte, um mich ſprechen zu laſſen, indem ich ihn glau⸗ ben ließ, daß er mein Sohn wäre, ohne in ihm dieſes Gefuͤhl zu bekämpfen, und er beruhigte ſich damit, ſuchte aber Mittel, zu erfahren, wer er wäre. Zwei Jahre ver⸗ floſſen, als eine unglückſelige Unvorſichtigkeit von meiner Seite, über welche ich mir viele Vorwürfe zu machen habe, ihn erfahren ließ, wer er war. Er wußte, daß der König mir oft Briefe ſandte, und ich hatte das Unglück, das Käſtchen offen zu laſſen, welches die Briefe der Königin und der Kardinäle enthielt; er las einen Theil derſelben und errieth mit ſeinem gewöhnlichen Scharfſinne den an⸗ dern, und er hat mir in der Folge geſtanden, daß er den Brief entwendet habe, welcher ſeine Geburt am meiſten bewies. — H 0 — 174— „Ich erinnere mich, daß ein mürriſches und robes Benehmen ſeiner Freundſchaft und ſeiner Achtung fuͤr mich folgte, in welcher ich ihn erzogen hatte, aber ich vermochte Anfangs die Quelle der Veränderung nicht zu erkennen, denn ich habe mir niemals denken können, daß er in meinem Käſtchen nachgeſucht hätte, und niemals hat er mir die Mittel dazu eingeſtehen wollen, ſei es nun, daß ihm irgend ein Arbeiter dabei geholfen, den er nicht hat angeben wollen, oder daß er andere Mittel gehabt hat. „Er beging indeſſen eines Tages die Unvorſichtigkeit, die Porträts des ſeligen Königs Lndwig XIII. und des regierenden Königs von mir zu verlangen. Ich antwortete ihm, daß man davon ſo ſchlechte hätte, daß ich abwartete, bis ein Künſtler beſſere davon gemacht hätte, um ſie bei mir zu haben. „Dieſe Antwort genügte ihm nicht, und es folgte dar⸗ auf das Verlangen nach Dijon zu gehen.— Ich habe in der Folge erfahren, daß das geſchah, um ein Porträt des Königs zu ſehen und um an den Hof abzureiſen, welcher ſich während der Verheirathung der Infantin in Saint⸗ Jean⸗de Luz befand, und um ſich dort ſeinem Bruder gegenuͤberzuſtellen und zu ſehen, ob er Aehnlichkeit mit ihm hätte; ich hatte Kenntniß von einem Reiſeplane von ſeiner Seite, und ich verließ ihn nicht mehr. „Der junge Prinz war damals ſchön wie Amor, und Amor hatte ihm auch ſehr gut gedient, um ein Porträt ſeines Bruders zu erhalten; denn ſeit einigen Monaten war eine junge Haushälterin nach ſeinem Geſchmacke, und er ſchmeichelte ihr ſo ſehr und befriedigte ſie eben ſo, daß — — — 175— trotz des Verbotes an die ganze Dienerſchaft, ihm irgend etwas ohne meine Erlaubniß zu geben, ſie ihm ein Por⸗ trät des Königs gab. Der unglückliche Prinz erkannte ſich, und er konnte es wohl, da ein Porträt ſowohl dem einen wie dem andern dienen konnte, und dieſer Andlick verſetzte ihn in eine ſolche Wuth, daß er zu mir kam und zu mir ſagte:„Das iſt mein Bruder, und das bin ich,“ indem er mir einen Brief des Kardinal Mazarin zeigte, den er mir entwendet hatte.— Der Auftritt in dem Hauſe war der Art, daß mich die Furcht, den Prin⸗ zen entfliehen und zu der Verheirathung des Königs eilen zu ſehen, ein ähnliches Ereigniß fürchten ließ. Ich ſandte einen Boten an den König, um ihn von der Eröffnung meiner Schatulle und dem Beduürfniſſe neuer Verhaltungs⸗ vorſchriften zu unterrichten. Der König ließ ſeine Befehle durch den Kardinal überſenden, welche waren, uns alle beide bis auf neue Ordre einzuſperren und ihm begreiflich zu machen, daß ſeine Anmaßung unſer gemeinſames Un⸗ glück wäre. Ich habe mit ihm in unſerem Gefängniſſe bis zu dem Augenblicke gelitten, wo ich glaube, daß der Be⸗ ſchluß, dieſe Welt zu verlaſſen, von meinem höchſten Richter ausgeſprochen iſt, und ich kann der Ruhe meiner Seele und meinem Zöglinge eine Art von Erklärung nicht verſa⸗ gen, welche ihm die Mittel andeuten würde, dem ſchmähli⸗ chen Zuſtande zu entgehen, in welchem er ſich befindet. Kann, wenn der König ohne Kinder ſterben ſollte, ein gezwungener Eid zum Schweigen über unglaubliche Ge⸗ ſchichten verpflichten, welche der Wachweſ zu hinterlaſſen nöthig ſind?“ — 176— Das iſt die hiſtoriſche Denkſchrift, welche der Regent der Prinzeſſin auslieferte, und welche eine Menge von Fragen von Seiten der nach merkwürdigen Geſchichten Wißbegierigen veranlaſſen muß.— Man wird in der That fragen, wer dieſer Erzieher des Prinzen war.— War er ein Burgunder, oder nur der Eigenthümer eines Schloſ⸗ ſes oder Hauſes in Burgund?— In welcher Entfernung von Dijon lag ſeine Beſitzung?— Er war ohne Wider⸗ ſpruch ein angeſehener Mann, da er an dem Hofe Ludwig XIII. lebte, indem er durch Aemter oder in der Eigen⸗ ſchaft als Günſtling des Königs das hohe Vertrauen der Königin und des Kardinals von Richelieu genoß.— Ver⸗ möchte das Adelsbuch von Burgund uns zu ſagen, welche Perſon dieſer Provinz nach der Verheirathung Ludwigs XIV. mit einem jungen und unbekannten Zöglinge von ohngefähr zwanzig Jahren aus der Geſellſchaft verſchwand, deſſen Erziehung er auf ſeinem Schloſſe oder in ſeinem Hauſe leitete!— Warum iſt dieſe Denkſchrift, die beinahe ein Jahrhundert alt zu ſein ſcheint, anonym? Iſt ſie von dem Sterbenden dictirt worden, ohne unterzeichnet werden zu können? Wie iſt dieſe Denkſchrift aus dem Gefäͤngniſſe hervorgegangen?— Das ſind die Gedanken, welche dieſe Denkſchrift eingeben wird. Sie verſichert uns nicht, daß dieſer junge Prinz derſelbe Gefangene, als der unter dem Namen der Gefangene mit der Maske Bekannte iſt.— Aber alle dieſe Thatſachen paſſen ſo gut auf dieſe geheimnißvolle Perſon, von der wir einige Aneldoten wiſ⸗ ſen, daß ſie die große Lücke ſeiner Memoiren auszufüllen und uns mit dem Anfange derſelben bekannt zu machen + 8+ N R — u ſcheinen. Ich will ihnen hier die authentiſchen Anekdoten, welche wir haben, ſeitdem er Saint⸗Mars übergeben wurde, als die Ergänzung oder Fortſetzung ſeiner Ge⸗ ſchichte hinzufügen, ohne von den literariſchen Debatten zu ſprechen, welche er erregte. In der That, die Memoiren des perſiſchen Hofes waren kaum herausgegeben worden, als eine Men⸗ ge von Schriftſtellern ſich über den Grund des Geheim⸗ niſſes ſtritten.— Voltaire, welcher Thatſachen berichtete, und der ſie nicht entſchleierte, obgleich er weit beſſer un⸗ terrichtet war als irgend Jemand; Saint⸗Foix, der Va⸗ ter Griffet, Larivière, Linguet, Lagrange, Chanul, der Abbé Papon, Palteau, Herr Delaborde, mehrere Verfaſ⸗ ſer in verſchiedenen Journalen und insbeſondere in dem Journal von Paris, haben verſchiedene Anekdoten veröffentlicht. Ich will die berichten, welche authenriſch ſcheinen, indem ich mich begnüge, mit geſperrter Schrift die Ausdrücke zu ſchreiben, welche mir in dieſem Gefan⸗ genen eine ſehr hohe Perſon zu charakteriſiren und mehr das anzudeuten geſchienen haben, was er war. Der erſte, welcher von der Perſon geſprochen hat, iſt der anonyme Verfaſſer der geheimen Memoiren des perſiſchen Hofes. Er fuͤhrt einige gewiſſe That ſachen an, die man immer für ſolche gehalten hat, aber er irrt ſich über den Grund des Geheimniſſes, indem er glaubte, daß dieſer maskirte Gefangene der Graf von Vermandois wäre. „Dieſer Gefangene,“ ſagt er, wurde dem Comman⸗ danten der Sanct⸗Margaretheninſel übergeben, der von Ludwig der Fünfzehnte. 4. Band. 12 — 178— Ludwig XIV. im Voraus den Befehl erhalten hatte, ihn Niemand ſehen zu laſſen Der Commandant behandelte ſeinen Gefangenen mit der größten Ehrerbietung. Er be⸗ diente ihn ſelbſt, und nahm an der Thüre des Zimmers die Schüſſeln aus der Hand der Köche, von denen keiner jemals das Geſicht des Gefangenen geſehen hat.— Die⸗ ſem Prinzen fiel es eines Tages ein, ſeinen Namen auf die Rückſeite eines Tellers mit der Spitze eines Meſſers einzugraben; ein Sclave, in deſſen Hände er fiel, glaubte ſich beliebt zu machen, indem er ihn den Commandanten überbrächte, und ſchmeichelte ſich belohnt zu werden; aber dieſer Unglückliche wurde getäuſcht; man entledigte ſich ſeiner auf der Stelle, um mit dieſem Menſchen ein Ge⸗ heimniß von der größten Wichtigkeit zu begraben. Die eiſerne Maske blieb mehrere Jahre auf dem Schloſſe der Inſel Sanct Margaretha. Man entfernte ihn von dort nur, um ihn nach der Baſtille zu verſetzen, als Ludwig XIV. in Anerkennung der Treue dieſes Commandanten ihm das Gouvernement derſelben gab. Es war in der That vorſichtig, die Maske dem Schickſal deſſen folgen zu laſſen, dem man ſie vertraut hatte, und es wäre ge⸗ gen alle Regeln geweſen, ſich einen neuen Vertrauten zu geben, der minder treu und minder pünktlich hätte ſein können. Man traf auf der Sanct Margaretheninſel und in der Baſtille die Vorſicht, dem Prinzen eine Maske vorlegen zu laſſen, wenn man wegen Krankheit oder aus irgend einer anderen Urſache genöthigt war, ihn den Blik⸗ ken irgend Jemandes auszuſetzen. Mehrere glaubwürdige Perſonen haben verſichert, dieſen maskirten Gefangenen HOg —. „————·— 2 Cd 2 Oe — 179— geſehen zu haben, und haben berichtet, daß er den Gouverneur dutzte, während dieſer ihm im Gegentheile außerordentliche Ehrerbietung erwies.“ „Einige Monate nach dem Tode des Kardinals Maza⸗ rin, ſagt Voltaire in ſeinem Jahrhundert Ludwigs X1V.(welches das zweite Werk iſt, in welchem die Rede von dem Gefangenen iſt), trug ſich ein beiſpielloſes Ereig⸗ niß zu; und was nicht minder ſonderbar iſt, iſt, daß es allen Geſchichtsſchreibern unbekannt war.— Man ſandte mit dem größten Geheimniſſe nach dem Schloſſe der Sanct Margaretheninſel, in dem Meere der Provence, einen unbekannten Gefangenen von mehr als mittlerer Größe, der jung war und das ſchönſte und edelſte Geſicht hatte. Dieſer Gefangene trug auf der Reiſe eine Maske, deſſen Kinnſtück Stahlfedern hatte, welche ihm erlaubten, mit der Maske vor dem Geſichte zu eſſen. Man hatte den Befehl ihn zu tödten, wenn er die Maske ablegte. Er blieb auf der Inſel, bis daß ein vertrauter Officier, Namens Saint⸗ Mars, Gouverneur von Pignerol, als er im Jahre 1690 zum Gouverneur der Baſtille ernannt worden war, ihn auf der Sanct Margaretheninſel abholte, und ihn immer noch maskirt nach der Baſtille führte. Der Marquis von Louvois beſuchte ihn auf dieſer Inſel vor ſeiner Verſetzung, und ſprach ſtehend und mit einer Hochachtung mit ihm, welche an Ehrer⸗ bietung grenzte. Dieſer Unbekannte wurde nach der Baſtille geführt und ſo gut logirt, als man es auf dieſem Schloſſe ſein kann. Man verweigerte lüm vichts von alle — 180— dem, was er verlangte. Sein größter Geſchmack war für Wäſche von außerordentlicher Feinheit und für Spitzen. „Er ſpielt Guitarre, man lieferte ihm die beſte Ta⸗ fel, und der Gouverneur ſetzte ſich ſelten in ſeiner Gegenwart. Ein alter Arzt der Baſtille, der dieſen ſonderbaren Mann oft in ſeinen Krankheiten behan⸗ delt hatte, hat geſagt, daß er niemals ſein Geſicht geſehen, obgleich er oft ſeine Zunge und die übrigen Theile ſeines Körpers unterſucht hätte. Er war wunder⸗ voll gut gebaut, ſagte dieſer Arzt, ſeine Haut war ein wenig braun, er intereſſirte durch den bloßen Ton ſeiner Stimme, und beklagte ſich niemals über ſeinen Zuſtand, indem er nicht vermuthen ließ, wer er ſein könnte. Ein berühmter Wundarzt, Schwiegerſohn des Arztes, von dem ich ſpreche, und der dem Marſchall von Richelieu an⸗ gehört hat, iſt Zeuge deſſen, was ich behaupte, und Herr von Bernaville, der Nachfolger von Saint⸗Mars, hat es mir oft beſtätigt. Dieſer Unbekannte ſtarb im Jahre 1704, und wurde in der Nacht in dem Kirchſpiele von Sanct⸗Paul begraben. Was das Erſtaunen verdoppelt, iſt, daß, als man ihn nach der Sanet Margaretheninſel ſandte, kein angeſehener Mann in Europa verſchwand. Herr von Chamillard war der letzte Miniſter, der dieſes ſeltſame Geheimniß wußte. „Der zweite Marſchall de la Feuillarde, ſein Schwie⸗ gerſohn, hat mir geſagt, daß er bei dem Tode ſeines Schwiegervaters ihn auf den Knieen beſchworen hätte, ihm zu ſagen, wer dieſer Unbekannte wäre, den man im⸗ mer nur unter dem Namen des Mannes mit der eiſernen —“ — NR 6 K 3 — — 181— Maske kannte. Chamillard antwortete ihm, daß das ein Staatsgeheimniß waͤre und daß er einen Schwur abgelegt hätte, es niemals zu offenbaren. „Der Gouverneur ſetzte ſelbſt die Schüſſeln auf die Tafel der Maske, als ſie auf der Inſel war, und ent⸗ fernte ſich erſt, nachdem er ihn eingeſchloſſen hatte. Ei⸗ nes Tages ſchrieb der Gefangene mit einem Meſſer ſeinen Namen auf einen ſilbernen Teller und warf den Teller aus dem Fenſter nach einem Schiffe, das ſich an dem Fuße des Thurmes befand. Ein Fiſcher, dem das Boot gehörte, raffte den Teller auf und uͤberbrachte ihn dem Gouverneur; dieſer, auf das höchſte erſtaunt, fragte den Fiſcher: Habt Ihr das geleſen, was auf dieſem Teller geſchrieben ſteht, und hat ihn irgend Jemand in Euren Händen geſehen?— Ich kann nicht leſen, antwortete der Fiſcher, ich habe ihn gefunden, Niemand hat ihn geſehen. „Dieſer Fiſcher wurde zurückbehalten, bis daß der Gouverneur genau unterrichtet war, daß er niemals hätte leſen können, und daß der Teller von Niemandem geſehen worden ſei. Geht, ſagte er zu ihm, Ihr ſeid ſehr glücklich, nicht leſen zu können. Unter den Zeu⸗ gen dieſer Thatſache befindet ſich ein Glaubwürdiger, der noch lebt.“ Der Verfaſſer des Jahrhunderts Ludwig XIV. iſt der erſte, welcher in einer erwieſenen Geſchichte von dem Manne mit der eiſernen Maske geſprochen hat; das kömmt daher, weil er genau von dieſer Aneldote unterrichtet war, welche das gegenwärtige Jahrhun⸗ — 182— dert in Verwunderung ſetzt, welche die Nachkommenſchaft in Verwunderung ſetzen wird, und die nur zu wahr iſt. Man hatte ihn über das Datum des Todes dieſes ſo außer⸗ ordentlich Unglücklichen getäuſcht. Er wurde am 3. März 1703, und nicht im Jahre 1704 in Sanct⸗Paul beerdigt. „Er war in Pignerol eingeſperrt, bevor er es auf der Sanct⸗Margaretheninſel geweſen, und nachher in der Baſtille, immer unter der Bewachung deſſelben Mannes, dieſes Saint⸗Mars, der ihn ſterben ſah. Der Vater Greffet, Jeſuit, der dem Publikum das Tagebuch der Baſtille mitgetheilt hat, beglaubigt die Daten. Er hat dieſes Tagebuch leicht erhalten, da er die ſchwierige Stelle gehabt hat, die Gefangenen der Baſtille Beichte zu hören. „Der Mann mit der eiſernen Maske iſt ein Räthſel, deſſen Löſung Jeder errathen kann. Die Einen ſagen, daß es der Herzog von Beaufort war; aber der Herzog von Beaufort iſt im Jahre 1669 bei der Vertheidigung von Candia von den Türken getödtet worden, und der Mann mit der eiſernen Maske war im Jahre 1662 in Pignerol. Wie hätte man außerdem den Herzog von Beaufort in Mitte ſeiner Armee angegriffen? Wie hätte man ihn nach Frank⸗ reich verſetzt, ohne daß irgend Jemand etwas davon ge⸗ wußt hätte? und warum hätte man ihn in das Gefängniß geſetzt? und wozu dieſe Maske? „Andere haben von dem Grafen von Vermandois, dem natürlichen Sohne Ludwigs XIV., geſprochen, der be⸗ kannter Weiſe im Jahre 1680 bei der Armee an den Blattern geſtorben, und in der kleinen Stadt Aire, nicht in Arras, begraben iſt, worin ſich der Vater Greffet ge⸗ irrt hat, und woran eben nicht viel liegt. „Man hat nachher erdacht, daß es der Herzog von Montmouth wäre, den König Jacob II. im Jahre 1685 öffentlich enthaupten ließ. Man ſagte, daß er der Mann mit der eiſernen Maske wäre. Er hätte wieder auferſte⸗ hen und dann hätte er die Ordnung der Zeit ändern, und das Jahr 1662 an die Stelle des Jahres 1685 ſtellen müſſen; König Jacob, der niemals Jemandem verzieh, und der dadurch all ſein Unglück verdiente, hätte dem Her⸗ zoge von Montmouth verzeihen und an ſeiner Stelle einen Mann ſterben laſſen müſſen, der ihm vollkommen glich. Er hätte dieſen Doppelgänger finden müſſen, der die Güte gehabt hätte, ſich öffentlich den Kopf abſchlagen zu laſſen, um den Herzog von Montmouth zu retten. Ganz England hätte ſich darüber irren, und König Jacob nachher Lud⸗ wig XIV. inſtändigſt bitten müſſen, ihm als Polizei⸗ diener und Kerkermeiſter zu dienen. Dann würde Lud⸗ wig XIV., nachdem er König Jacob dieſen kleinen Ge⸗ fallen gethan hätte, nicht ermangelt haben, dieſelben Rück⸗ ſichten für den König Wilhelm und die Königin Anna zu haben, mit denen er im Kriege war, und er hätte bei dieſen beiden Monarchen ſorgfältig ſeine Würde als Ker⸗ kermeiſter bewahrt, mit der König Jacob ihn beehrt hatte. „Nachdem alle dieſe Täuſchungen beſeitigt, bleibt noch zu wiſſen übrig, wer dieſer immer maskirte Gefangene war, in welchem Alter er geſtorben und unter welchem Namen er begraben worden. „Es iſt klar, daß wenn man ihn nicht in ————— ℳ den Hof der Baſtille gehen ließ, als immermit einer Maske bedeckt, wenn er in Gegenwart des Arztes dieſe ſelbe Larve beibehielt, ſo ge⸗ ſchah das aus Furcht, daß man in ſeinen Zü⸗ gen irgend eine zu überraſchende Aehnlich⸗ keit erkennen möchte. Er konnte ſeine Zunge und niemals ſein Geſicht zeigen. Was ſein Alter anbetrifft, ſo ſagte er wenige Tage vor ſeinem Tode ſelbſt zu ſeinem Apotheker, daß er ſechzig Jahre alt zu ſein glaubte, und Herr Marſoban, Wundarzt des Marſchalls von Richelieu und nachher des Herzogs von Orleans, dem Regenten, Schwiegerſohn dieſes Apothekers, hat es mir mehrere Male geſagt. Warum gab man ihm endlich einen italieniſchen Namen? Man nannte ihn immer Marchiali. Der, welcher dieſen Artikel ſchreibt, weiß vielleicht mehr darüber, als der Vater Greffet; er wird nicht mehr dar⸗ über ſagen.“ Lagrange⸗Chancel iſt der dritte Geſchichtsſchreiber, der von dem auf der Sanct⸗Margaretheninſel eingeſperr⸗ ten Gefangenen einige Zeit nach der Verſetzung der Maske in die Baſtille geſprochen hat, und er hat ſich über einige Thatſachen unterrichten können. „Die Zeit, ſagte Lagrange⸗Chancel, welche ich mich auf der Sanct⸗Margaretheninſel aufgehalten habe, wo die Gefangenſchaft der eiſernen Maske zu der Epoche, wo ich dorthin kam, kein Staatsgeheimniß mehr war, hat mich mit beſonderen Umſtänden bekannt gemacht, die ein ſorgfaͤltigerer Geſchichtsſchreiber, als Herr von Vol⸗ taire, in ſeinen Nachforſchungen wie ich hätte wiſ⸗ — ſen können. Dieſes außerordentliche Ereigniß, das er in das Jahr 1661, einige Zeit nach dem Tode des Kardinals Mazarin verlegt, hat ſich erſt im Jahre 1669, acht Jahre nach dem Tode dieſer Eminenz zugetragen. Herr de la Mothe⸗Gusrin, der auf dieſer Inſel zu der Zeit com⸗ mandirte, als ich auf ihr gefangen war, verſicherte mich, daß dieſer Gefangene der Herzog von Beaufort wäre, von dem man ſagte, daß er bei der Belagerung von Candia geblieben ſei, deſſen Leiche man aber nach allen Berichten jener Zeit nicht finden konnte. Er ſagte mir auch, daß Herr von Saint⸗Mars, welcher das Commando dieſer Inſel nach dem von Pignerol erlangte, große Rückſichten für dieſen Gefangenen hatte, daß er ihn immer ſelbſt auf Silbergeſchirr bediente und ihm oft ſo theure Kleider lie⸗ ferte, als er ſie zu wünſchen ſchien; daß bei den Krank⸗ heiten, in welchen er eines Arztes oder Wundarztes be⸗ durfte, er bei Todesſtrafe genöthigt war in ihrer Gegen⸗ wart mit ſeiner eiſernen Maske zu erſcheinen, und daß, wenn er allein war, er ſich damit beluſtigen konnte, ſich die Barthaare mit ſehr glänzenden und ſehr hüͤbſchen klei⸗ nen Zangen von Stahl auszureißen. Ich ſah eine derſel⸗ ben, welche ihm zu dieſem Gebrauche dienten, in den Häͤn⸗ den des Herrn von Beaumanoir, eines Neffen von Saint⸗ Mars und Lieutenant einer Freicompagnie, dem die Auf⸗ ſicht über die Gefangenen übertragen war. „Verſchiedene Perſonen haben mir erzählt, daß, als Saint⸗Mars Beſitz von der Baſtille nahm, wohin er ſeinen Gefangenen führte, man dieſen letzteren, der ſeine eiſerne Maske trug, zu ſeinem Führer — 186— ſagen hörte: Will der König etwa an mein Leben?— Nein, mein Prinz, antwortete Saint⸗ Mars, Ihr Leben iſt in Sicherheit, Sie haben ſich nur führen zu laſſen.“ „Ich habe außerdem erfahren, daß ein Mann Na⸗ mens Aubuiſſon, Kaſſirer des berüchtigten Samuel Ber⸗ nard, welcher, nachdem er einige Jahre in der Baſtille ge⸗ weſen war, nach den Margaretheninſeln geführt wurde, daß er ſich mit anderen Gefangenen in einem Zimmer ge⸗ rade über dem befand, welches dieſer Unbekannte bewohnte. Daß ſie ſich durch den Rauchfang mit einander unterhal⸗ ten und ſich ihre Gedanken mittheilen konnten. Aber daß, als dieſe ihn gefragt hatten, warum er darauf beharrte ihnen ſeinen Namen und ſeine Abenteuer zu verſchweigen, er ihnen geantwortet hätte: daß dieſes Geſtändniß ihm ebenſowohl das Leben koſten würde, als denen, welchen er dieſes Geheimniß offen⸗ barte.“ „Wie dem auch ſein möge, da heut zu Tage, wo der Name und der Rang dieſes politiſchen Opfers keine Geheimniſſe mehr ſind, bei denen der Staat intereſſirt iſt, ſo habe ich geglaubt, daß, indem ich das Publikum von dem unterrichte, was zu meiner Kenntniß gekommen iſt, ich den Ideengang, den jeder ſich nach ſeiner Laune ge⸗ ſchmiedet hat, auf das Zeugniß eines Schriftſtellers auf⸗ halten müßte, der ſich einen großen Ruf durch das Wun⸗ derbare, verbunden mit dem Anſcheine der Wahrheit ge⸗ macht hat, welche man in ſeinen Schriften, ſelbſt in dem Leben Karls XII. bewundert.“ x„— dh 22—h.—,—, ᷣ.,]— E Der Abbé Papon ſpricht bei ſeiner Reiſe durch die Provence gleichfalls von der eiſernen Maske, deren Ge⸗ fängniß er beſuchte. „Gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts wurde der berühmte Gefangene mit der eiſernen Maske, deſſen Namen man vielleicht niemals erfahren wird, nach der Sanct⸗Margaretheninſel verſetzt. Es gab nur ſehr wenige, für ſeine Bedienung beſtimmte Perſonen, welche die Frei⸗ heit hatten mit ihm zu ſprechen. Eines Tages, als Herr von Saint⸗Mars ſich mit ihm unterhielt, indem er au⸗ ßerhalb des Zimmers in einer Art von Corridor ſtand, um von Weitem die zu ſehen, welche kommen würden, kam der Sohn eines ſeiner Freunde und näherte ſich dem Orte, wo er Geräuſch hörte. Der Gouverneur, welcher ihn erblickte, verſchloß ſogleich die Thüre des Zimmers, eilte haſtig dem jungen Manne entgegen und fragte ihn mit beunruhigter Miene, ob er irgend Etwas gehört hätte. Sobald er von dem Gegentheile verſichert war, ließ er ihn noch an demſelben Tage wieder abreiſen und ſchrieb ſei⸗ nem Freunde, daß wenig gefehlt hätte, daß dieſes Aben⸗ teuer ſeinem Sohne theuer zu ſtehen gekommen wäre, und daß er ihm denſelben aus Furcht vor irgend einer ande⸗ ren Unvorſichtigkeit zurückſende. „Ich hatte die Neugierde, am 2. Februar 1778 das Zimmer dieſes unglücklichen Gefangenen zu betreten; es iſt nur durch ein Fenſter erleuchtet, das gegen Norden in eine ſehr dicke Mauer gebrochen und durch drei in gleicher Ent⸗ fernung von einander angebrachte Eiſenſtäbe verſchloſſen war; dieſes Fenſter geht auf das Meer. Ich fand in der — 4188— Citadelle einen neunundſiebenzig Jahre alten Offizier der Freicompagnie. Er ſagte mir, daß ſein Vater, welcher in derſelben Compagnie diente, ihm mehrere Male erzählt haͤtte, daß ein Barbiergeſelle eines Tages unter dem Fenſter des Gefangenen etwas Weißes erblickt hätte, das auf dem Waſſer ſchwamm; er holte es und brachte es Herrn von Saint⸗Mars. Es war ein ſehr feines, ziemlich nachläſſig zuſammengeſchlagenes Hemd, auf welches der Gefangene von einem Ende bis zum andern geſchrieben hatte. „Nachdem er es entfaltet und einige Zeilen geleſen hatte, fragte Herr von Saint⸗Mars den Barbiergeſellen mit ſehr verlegener Miene, ob er nicht die Neugierde ge⸗ habt hätte, den Inhalt zu leſen; dieſer betheuerte zu ver⸗ ſchiedenen Malen, daß er nichts geleſen hätte; aber zwei Tage nachher wurde er todt in ſeinem Bette gefunden. „Das iſt eine Thatſache, welche der Offizier ſo viele Male von ſeinem Vater und von dem Beichtvater der Fe⸗ ſtung zu jener Zeit hat erzählen hören, daß er ſie als un⸗ umſtößlich betrachtet. Die folgende ſcheint mir nach alle den Zeugniſſen, welche ich an dem Orte ſelbſt und in dem Kloſter von Lerins geſammelt habe, in welchem die Sage davon ſich erhalten hat, eben ſo ſicher. 8 „Man ſuchte eine weibliche Perſon, um den Gefange⸗ nen zu bedienen. Eine Frau aus dem Dorfe Mongin kam, ſich in der Ueberzeugung anzubieten, daß das ein Mittel waͤre, das Glück ihrer Kinder zu machen; als man ihr aber ſagte, daß ſie darauf verzichten müßte, ſie zu ſehen und ſelbſt irgend eine Verbindung mit den übrigen Menſchen zu behalten, ſchlug ſie es aus, ſich mit einem Gefangenen — SS— —ÿy———— — 189— einzuſperren, deſſen Bekanntſchaft ſo theuer zu ſtehen käme. 1 Ich muß noch ſagen, daß man an die beiden äußerſten Enden der Feſtung nach der Seite des Meeres zwei Schild⸗ wachen aufgeſtellt hatte, welche den Befehl hatten, auf die Schiffe zu ſchießen, die ſich auf eine gewiſſe Strecke nähern wuͤrden. „Die Perſon, welche den Gefangenen bediente, ſtarb auf der Sanct Margaretheninſel. Der Vater des Offiziers, von dem ich ſoeben geſprochen habe, welcher für gewiſſe Dinge der Vertraute des Herrn von Saint⸗Mars war, hat ſeinem Sohne oft geſagt, daß er den Todten um Mitter⸗ nacht aus dem Gefängniſſe geholt, und ihn auf ſeinen Schultern nach dem Orte ſeines Begräbniſſes getragen hätte; er glaubte, daß es der Gefangene ſelbſt ſei, der ge⸗ ſtorben wäre; aber, wie ich geſagt habe, war es die Per⸗ ſon, welche ihn bediente, und man ſuchte nun ein Frauen⸗ zimmer, um ſie zu erſetzen. 4 Man wußte, daß Saint⸗Mars, als er im Jahre 1698 den Gefangenen nach der Baſtille führte, mit ihm auf ſeinem Gute Palteau verweilte. Um Voltaire zu wi⸗ derſprechen, der über den Gefangenen geſchrieben hatte, bat Fréron dem zu Folge den Eigenthümer von Palteau um nähere Auskünfte, welcher in folgendem Briefe antwortete, der in das Literariſche Jahrbuch des Monats Juni 1 1768 eingerückt wurde. „Da es durch den Brief des Herrn von Saint⸗Foix, von dem Sie einen Auszug gegeben haben, ſcheint, daß der Mann mit der eiſernen Maske immer noch die Gedanken unſerer Schriftſteller beſchäftigt, ſo will ich Ihnen das mit⸗ — 8N K 8˙— — — 190— theilen, was ich über dieſen Gefangenen weiß. Er war auf der Sanct⸗Margaretheninſel und in der Baſtille nur unter dem Namen de la Tour bekannt. Der Gouverneur und die anderen Offiziere hatten Rückſichten für ihn; er erlangte alles, was ſie einem Gefangenen bewilligen konn⸗ ten. Er ging oft ſpazteren, wobei er aber immer eine Maske vor dem Geſichte hatte. Erſt ſeit dem Jahrhun⸗ derte Ludwigs XIV., welches Herr von Voltaire hat er⸗ ſcheinen laſſen, habe ich ſagen hören, daß dieſe Maske von Eiſen und mit Federn war; vielleicht hat man vergeſſen, mir von dieſem Umſtande zu ſprechen; aber er trug dieſe Maske nur wenn er ausging, um friſche Luft zu ſchöpfen, oder wenn er genöthigt war, in Gegenwart irgend eines Fremden zu erſcheinen. „Der Herr von Blainvilliers, Infanterieoffizier, wel⸗ cher Zutritt zu Herrn von Saint⸗Mars, Gouverneur der Sanct Margaretheninſel und ſpäter der Baſtille, hatte, hat mir mehrere Male geſagt, daß er, da das Schickſal des Gefangenen de la Tour ſeine Neugierde ſehr erregt hätte, um dieſelbe zu befriedigen, die Uniform und die Waffen eines Soldaten genommen hätte, welcher Schildwache in einer Gallerie, unter den Fenſtern des Zimmers ſtehen ſollte, welches dieſer Gefangene auf der Sanct Margare⸗ theninſel bewohnte. Daß er ihn von dort aus ſehr gut geſehen hätte, daß er ſeine Maske nicht vor hatte, daß er weiß von Geſicht, groß und wohlgebaut von Körper wäre, indem ſeine Beine unten ein wenig zu dick und ſeine Haare weiß waren, obgleich er erſt in den beſten Jahren war. Er hatte dieſe Nacht faſt ganz damit zugebracht, in ſeinem ——— —-——— —,7 1 7., — —,—-— i-——,——.—,=S&—, N AK e AR — Zimmer auf und abzugehen. Blainvilliers fügte hinzu, daß er immer braun gekleidet wäre, daß man ihm ſchöne Wäſche und Bücher gäbe, daß der Gouperneur und die Offiziere mit entblößtem Kopfe vor ihm ſtehen blieben, bis daß er ſie ſich bedecken und ſetzen ließ; daß ſie ihm oft Geſellſchaft leiſteten und mit ihm aßen.“ Im Jahre 1698 ging Herr von Saint⸗Mars von dem Gouvernement der Sanct Margaretheninſel zu dem der Baſtille über. Als er Beſitz davon nahm, verweilte er mit ſeinem Gefangenen auf ſeinem Gute Palteau. Der Mann mit der Maske kam in einer Sänfte an, welche der des Herrn von Saint⸗Mars vorausging. Er war von mehreren Leuten zu Pferde begleitet. Die Landleute gingen ihrem Gutsherrn entgegen. Herr von Saint⸗Mars aß mit ſeinem Gefangenen, welcher den Rücken gegen die Fenſter des Speiſeſaales gewandt hatte, die auf den Hof gingen. Die Landleute, welche ich befragt habe, konnten nicht ſehen, ob er mit ſeiner Maske äße; aber ſie bemerkten ſehr wohl, daß Herr von Saint⸗Mars, der ihm bei Tiſche ge⸗ genüber ſaß, zu jeder Seite ſeines Tellers eine Piſtole hatte. Sie hatten zu ihrer Bedienung nur einen einzigen Kammerdiener, welcher die Schüſſeln holte, die man ihm in das Vorzimmer brachte, indem er ſorgfältig die Thür des Speiſeſaales hinter ſich verſchloß. Wenn der Gefangene über den Hof ging, hatte er immer ſeine ſchwarze Maske vor dem Geſicht. Die Landleute bemerkten, daß man ſeine Zähne und ſeine Lippen ſähe, daß er groß war und weiße Haare hatte. Herr von Saint⸗Mars ſchlief in einem — 192— Bette, das man ihm neben dem des Mannes mit der Maske aufgeſchlagen hatte. „Herr von Blainvilliers hat mi geſagt, daß man ihn bei ſeinem Tode im Jahre 1704 heimlich in Sanct Paul begrub, und daß man Stoffe in ſeinen Sarg legte, um den Körper zu verzehren. Ich habe nicht ſagen hören, daß er irgend einen fremden Accent hatte. „In der Baſtille angelangt, ſchrieb Du Jonca, Lieute⸗ nant des Königs, die Ankunft des Gefangenen in folgen⸗ den Ausdrücken in das Buch der Baſtille ein, und es iſt der Vater Griffet, ein Jeſuit, der zuerſt dieſe beiden merk⸗ würdigen Bruchſtücke aus den Archiven eines Schloſſes, aus dem niemals ein Papier hervorging, bekannt gemacht hat; aber er war Beichtvater der Baſtille, und die Jeſui⸗ ten und der Gouverneur dieſes Schloſſes hatten zu jener Zeit ohne Zweifel ihre Gründe, um dieſe Anekdoten be⸗ kannt zu machen.“ „Donnerſtag, den 8. September 1698, ſagt Du Jonca, um 3 Uhr Nachmittags iſt Herr von Saint⸗ Mars, Gouverneur der Baſtille, angekommen, um ſeinen erſten Einzug zu halten. Er kam von den Inſeln Sanct Margareth und Sanet Honorat, indem er in ſeiner Sänfte einen ehemaligen Gefangenen mit ſich führte, den er in Pignerol hatte, deſſen Namen man nicht ſagt, den man immer maskirt gehalten hat, und der anfangs bis zum Einbruche der Nacht in den Thurm de la Baſimisre geſetzt wurde, und den ich gegen neun Uhr Abends ſelbſt in das dritte Zimmer des Thurmes de la Bertaudière führte, welches Zimmer ich Sorge getragen hatte, vor ſeiner An⸗ — 193— kunft mit allen Dingen zu möbliren, wie ich den Befehl des Herrn von Saint⸗Mars dazu erhalten hatte... Indem ich ihn in genanntes Zimmer führte, fügt Herr Du Jonca hinzu, war ich von Herrn Roſarges begleitet, den Herr von Saint⸗Mars mitgebracht, und der beauf⸗ tragt war, genannten Gefangenen, der von dem Gouver⸗ neur beköſtigt wurde, zu bedienen und zu verpflegen.“ Die letzten Aneldoten, welche man über die eiſerne Maske geſchöpft hat, ſind uns von Herrn Linguet gegeben, welcher, lange Zeit in der Baſtille in Gefangenſchaft, einige Auskünfte von den älteſten Offizieren oder Dienern des Schloſſes erlangte; er gab ſeine Noten Herrn de la Borde, welcher ſie in folgenden Ausdrücken in einem kleinen Werke über dieſe Maske herausgab. „Der Gefangene trug eine Maske von Sammet und nicht von Eiſen, zum Mindeſten während der Zeit, die er in der Baſtille zubrachte. Der Gouverneur bediente ihn ſelbſt und holte ſeine Wäſche. „Wenn er in die Meſſe ging, war es ihm auf das ſtrengſte verboten, zu ſprechen und ſein Geſicht zu zeigen; den Invaliden war der Befehl gegeben, auf ihn zu ſchie⸗ ßen, und ihre Gewehre waren mit Kugeln geladen; er war daher auch ſehr beſorgt, ſich zu verbergen und zu ſchweigen. Als er geſtorben war, verbrannte man alle Möbeln, deren er ſich bedient hatte, riß das Pflaſter ſeines Zim⸗ mers auf, ſchlug die Decke davon ab, unterſuchte alle Ecken und Winkel, alle Orte, die ein Papier, ein Stück Wäſche verbergen konnten; mit einem Worte, man wollte Ludwig der Fünfzehnte. 4. Band. 13 —— entdecken, ob er nicht irgend ein Zeichen von dem zurück⸗ gelaſſen haͤtte, was er war. Herr Linguet hat mir ver⸗ ſichert, daß es in der Baſtille noch Männer gab, welche dieſe Thatſachen von ihren Vätern, alten Dienern des Hau⸗ ſes, hatten, die den Mann mit der eiſernen Maske darin geſehen hatten. „Dieſer unglückliche Gefangene ſtarb endlich nach einer langen Marter im Jahre 1703 in der Baſtille, nachdem er fünf Jahre und zwei Monate darin geblieben war, und derſelbe, welcher ſeine Ankunft in das Buch der Gefange⸗ nen eingeſchrieben hatte, ſchrieb ſeinen Tod in folgenden Ausdrücken in daſſelbe ein: „Montag, den 19. November 1703, der Unbekannte, immer mit einer Maske von ſchwarzem Sammet bedeckte Gefangene, den Herr von Saint⸗Mars, als er von der Sanct Margaretheninſel kam, mitgebracht, und den er ſeit langer Zeit bewachte, iſt, nachdem er ſich geſtern bei dem Ausgange aus der Meſſe ein wenig unwohler befand, gegen 10 Uhr Abends geſtorben, ohne eine ſchwere Krank⸗ heit gehabt zu haben. Herr Guiraut, unſer Beichtvater, hatte ihn geſtern zur Beichte gehört. Von dem Tode über⸗ raſcht, hatte er die Sacramente nicht empfangen können, und unſer Beichtvater hatte ihn einen Augenblick lang vor ſeinem Tode ermahnt. Er wurde Dienſtag, den 20. No⸗ vember, um vier Uhr Nachmittags auf dem Kirchhofe Sanct Paul, unſerer Pfarrkirche, begraben. Sein Be⸗ gräbniß koſtete vierzig Livres. Man verheimlichte indeſſen den Prieſtern der Pfarrkirche ſowohl ſeinen Namen, als ſein Alter, und die Regiſter dieſes Tages melden ſein Be⸗ — 195— gräbniß in folgenden Ausdrücken, welche ich aus den Re⸗ giſtern entnommen habe: „Im Jahre Tauſend ſieben Hundert und drei, und am neunzehnten November, iſt Marchiali, im Alter von ohngefähr fünfundvierzig Jahren in der Baſtille geſtorben, deſſen Leiche auf dem Kirchhofe von Sanct Paul, ſeiner Pfarrkirche, am zwanzigſten dieſes Monats in Gegenwart des Herrn Roſarges, Major, und des Herrn Reilh, Ober⸗ wundarzt der Baſtille, die Roſarges und Reilh unterzeich⸗ net haben, begraben worden.“ „Es iſt ferner ſehr gewiß, daß man nach ſeinem Tode den Befehl hatte, im Allgemeinen alles das zu verbrennen, was zu ſeinem Gebrauche gedient hatte, wie Wäͤſche, Klei⸗ der, Matrazen, Decken und ſelbſt die Thüren ſeines Ge⸗ fängniſſes, die Bettſtatt und ſeine Stühle. Sein ſilbernes Beſteck wurde eingeſchmolzen, und man ließ die Wände des Zimmers, in welchem er gewohnt hatte, abkratzen und weißen; man trieb die Vorſicht ſo weit, die Steinplatten deſſelben aufzureißen, ohne Zweifel aus Furcht, daß er irgend ein Billet verſteckt oder irgend ein Zeichen gemacht haben möchte, welches hätte verrathen können, wer er ar. „Ich überlaſſe alle dieſe hiſtoriſchen Stücke und dieſe Roten über den maskirten Gefangenen der Prüfung der Wißbegierigen und der Kritiker; aber es wird immer dar⸗ aus hervorgehen, daß dieſe Maske eine wichtige Perſon war; daß die beſtändige Sorge, ihm zu befehlen, ſein Ge⸗ ſicht bei Todesſtrafe zu verbergen, eine große Gefahr an⸗ deutete, wenn er es eies daß man bei den bloßen An⸗ — 196— blicke ſeines Geſichtes dem zu Folge erkennen konnte, wer er war; daß er in ſeinem Innern eher das Verlangen nährte, ſich zu erkennen zu geben, als das Verlangen, zu entfliehen; daß, da kein Prinz bei dem Tode Mazarins aus Frankreich verſchwunden war, die Maske nur eine wichtige und zu jener Zeit unbekannte Perſon ſein konnte, und daß das Miniſterium ein großes Intereſſe haben mußte, ſeinen Namen, ſeine Abenteuer und ſeine Stellung zu ver⸗ heimlichen, da man den Befehl gegeben hatte, ihn zu tödten, wenn er ſich zu erkennen gäbe. „Es geht ferner daraus hervor, und dieſe Bemerkun⸗ gen ſind höchſt treffend, daß überall, wo ſich dieſer Un⸗ glückliche befand, ſei es nun auf einer Inſel der Provence, oder auf der Reiſe, oder in Paris, ihm beſtändig befohlen wurde, ſein Geſicht zu verbergen; der Anblick ſeines Ge⸗ ſichtes konnte alſo an allen Orten Frankreichs das Geheim⸗ niß des Hofes entſchleiern. „Kurz man muß in Betracht ziehen, daß ſein Geſicht ſeit dem Tode Mazarins bis zu dem des Gefangenen, der ſich im Anfange dieſes Jahrhunderts zutrug, verborgen wurde, und daß die Regierung die Vorſichtsmaßregeln ſo weit trieb, den Befehl zu geben, ihm das Geſicht zu ent⸗ ſtellen oder ihn ohne Kopf begraben zu laſſen, wie andere geſagt haben. „Sein Geſicht konnte ihn alſo ein halbes Jahrhundert lang, und von einem Ende Frankreichs bis zum andern, erkennen laſſen. „Es gab alſo ein halbes Jahrhundert lang in Frank⸗ reich einen ausgezeichneten und in allen Gegenden Frank⸗ — 197— reichs bekannten Kopf in einem ſelbſt auf einer Inſel ein⸗ gerichteten Gefängniſſe, der mit dem des Gefangenen und ſeinen Zeitgenoſſen zu vergleichen war. „Welches war nun aber dieſes ſo allgemein erkennbare Geſicht, als das Geſicht Ludwigs XIV., ſeines Zwillings⸗ bruders, deſſen Aehnlichkeit ſo furchtbar war? Das Staats⸗ geheimniß, oder vielmehr das Verbrechen Ludwigs XIV. ſcheint daher genau erwieſen, und wenn von nun an irgend ein Zweifel über dieſen Gegenſtand übrig bleibt, ſo wird er durch die Unwahrſcheinlichkeit der grauſamen, von den Gouverneuren der Staatsgefängniſſe ſelbſt gegebenen Be⸗ fehlen verurſacht, einen ſo hohen Prinzen mit kaltem Blute zu ermorden, wenn er ſein Geheimniß entſchleiern ſollte. Dieſe Unmenſchlichkeit ſcheint mir nicht verträglich mit dem, was wir von dem Charakter Ludwigs XIV. kennen, der ein rechtſchaffener Mann war; alle die, welche von dem Gefangenen geſprochen haben, verſichern indeſſen, daß der Befehl gegeben wäre.“ „Ludwig XV. zeigte ſich weit menſchlicher, als Ludwig XIV., und er hätte ihn bei ſeiner Volljährigkeit ſogar frei gegeben, wenn er zu dieſer Zeit gelebt hätte; er hatte den Regenten oft gequält, um von ſeinen Abenteuern unter⸗ richtet zu werden, und der Herzog von Orleans hat ihm immer geantwortet, daß Seine Majeſtät erſt bei ihrer Volljährigkeit davon unterrichtet werden könnte. „Als am Vorabende des Tages, wo ſie im Parla⸗ mente erklärt werden ſollte, der König nochmals fragte, ob es mit dem Geheimniſſe wie mit dem Königreiche Frank⸗ reich wäre, antwortete der Regent in Gegenwart einer gro⸗ — 198— ßen Anzahl hoher Adeliger:„Ja, Sire, wenn ich heute das Geheimniß entſchleierte, ſo würde ich gegen meine Pflichten fehlen; aber morgen werde ich genöthigt ſein, auf die Fragen zu antworten, die es Eurer Majeſtät gefallen wird, an mich zu ſtellen.“ „Am folgenden Tage nahm daher der König in Ge⸗ genwart der Großen des Hofes den Prinzen bei Seite, um von dem Geheimniſſe unterrichtet zu werden; Aller Augen begleiteten den König, und man ſah den Herzog von Or⸗ leans das Gefühl des jungen Monarchen erregen. Die Hofleute vermochten nichts zu verſtehen; als er aber den Herzog von Orleans verließ, ſagte der König ganz laut: „Nun denn! wenn er noch lebte, ſo würde ich ihm die Freiheit geben.“ „Ludwig XV. bewahrte das Geheimniß treuer, als der Herzog von Orleans. Als indeſſen der Vater Griffet, der Jeſuit, und Saint⸗Foix in ihren ſo bekannten Schriften die Frage des Geheimniſſes in Anregung brachten, indem ſie ihre gegenſeitigen Syſteme widerlegten, entſchlüpfte es Ludwig XV., in Gegenwart mehrerer Hofleute zu ſagen: „Laßt ſie ſich ſtreiten; Niemand hat noch die Wahrheit üͤber die Eiſerne Maske geſagt.“ Der König hatte in die⸗ ſem Augenblicke das Buch des Vater Griffet in ſeinen Händen. „Man hat gewußt, daß der Dauphin, der Vater Lud⸗ wig XVI., den ſeligen König oft bat, ihm mitzutheilen, 1 wer dieſer merkwürdige Gefangene waͤre. „Es iſt gut, daß Sie es nicht wiſſen, antwortete ihm der König, ſein Vater, Sie würden zu viel Schmerz dar⸗ über haben.“ „Man hat ferner erfahren, daß Herr de la Borde, erſter Kammerdiener Ludwigs XV., mit dem dieſer Fürſt 4 ſich zuweilen über verſchiedene Gegenſtände der Geſchichte, der Literatur und der ſchönen Künſte unterhielt, dem Könige eines Tages von irgend einer neuen Anekdote über die ei⸗. ſerne Maske ſprach... „— Sie möchten gern, ſagte ihm der Fürſt, daß ich — 199— Ihnen etwas über dieſen Gegenſtand ſagte. Sie werden nicht mehr darüber erfahren, als die anderen; aber Sie können verſichert ſein, daß das Gefängniß dieſes Unglückli⸗ chen Niemand am Hofe, wer es auch ſein möge, Schaden gebracht hat, und daß er niemals weder Frau noch Kinder gehabt hat.“ „Ludwig XV. hat dieſelbe Zurückhaltung gegen Frau von Pompadour und ſeine anderen Maitreſſen beobachtet, die alle neugierig waren, wer dieſe geheimnißvolle Perſon geweſen; aber ſie quälten den König vergebens, der nicht einmal wollte, daß man ihn darnach früge. „Endlich möchte ich bemerken, daß der Geſchmack des Gefangenen für ſehr feine Leinwand, welche die Frau des Gouverneurs der Feſtung der Sanct Margaretheninſel über⸗ nommen hatte ihn zu verſchaffen, nothwendigerweiſe von ſeiner ewig ſitzenden Lebensweiſe herrührte; die Verände⸗ rungen der freien Luft, die gewöhnlichen Bewegungen des Körpers in den Gewohnheiten der Geſellſchaft, die Uebung aller Sinne, hatten ſeinen Organen nicht dieſe außerordent⸗ liche Reizbarkeit genommen, welche den Nonnen, den weich⸗ lich erzogenen jungen Leuten und zu zarten Frauen ange⸗ hört; während der Unthaͤtigkeit wird das Blut nach allen Extremitäten des Körpers getrieben; die Haut, welche es bedeckt, iſt belebt; das Gefühl darin iſt vollkommen, die Reizbarkeir außerordentlich, und die Wirkung der äußeren Gegenſtände läßt ſich weit ſtärker durch einen ſo zarten Sinn fühlen; die Perſonen, welche im Gegentheile daran gewöhnt ſind, zu reiſen oder ſich viel Bewegung zu machen, die Landleute und die, welche ſich mit mühſeligen Arbeiten be⸗ ſchäftigen, ſind weniger empfänglich für den Eindruck der äuße⸗ ren Gegenſtände. Man darf ſich daher nicht verwundern, daß dieſer ſeit ſeiner Jugend eingeſperrte Prinz, welcher weder den Gebrauch der Füße, noch die Wirkung der freien Luft auf ſeine Sinne, noch die Bewegungen eines freien Mannes kannte, eine außerordentlich zarte Haut haben mußte; er — 200— hatte nicht den Geſchmack, ſondern ein wahres Bedürfniß nach ſehr feiner Wäſche. 9„ 4 „Das ſind alle die Thatſachen, welche ich über dieſe wunderbare Perſon habe ſammeln können. Ich wünſche, daß man alle möglichen Nachforſchungen anſtellt, um den Namen ſeines Erziehers zu entdecken; daß man in den Archiven nachforſcht, welche die Protokolle über die Geburt Ludwigs XIV. aufbewahren können. Es iſt gut, daß man in dem Rechnungshofe und in der Bibliothek des Königs nachſucht, denn dieſe neuen Anekdoten verdienen die Auf⸗ merkſamkeit der Forſcher und der Gelehrten. Wenn ihre Entdeckungen beſtätigen, daß dieſer Gefangene wirklich ein Zwillingsbruder Ludwigs XIV. war, ſo werden ſie das Andenken an dieſen intereſſanten Gefangenen, der ſo lange Zeit der Gegenſtand einer allgemeinen Neugierde war, allen 4 Franzoſen noch weit theurer machen, und die willkürlichen Befehle von Miniſtern und von Tyrannen noch mehr ſchänden.“ Ende. ———— 4 Druck von C. Schumann in Schneeberg.— drn⸗ — drn⸗ —