C— 3 “ — 7 Ühr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von d Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. t 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für abchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5353„=„ 3„„—„ 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene“, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. g——————O ₰ — — — Deutſch von Wilhelm Ludwig Weſché. * 151. Theil. Leipzig, 1850. Verlag von Chr. E. Kollmann. Wien, bei Wittenbecher, Siegel und Kollmann. Wallnerſtraße Nr. 2653. Ludwig der Fünfzehnte. Von Alexander Bumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von M. S. SWeſche. Dritter Band. Leipzig, 1850. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Wien, bei Wittenbecher, Siegel und Kollmann. Wallnerſtraße Nr. 263. Ludwig der Fünfzehnte. Dritter Band. England und Frankreich einander gegenüber.— Bruch.— Herr von Jumonville.— Washington.— Herr von Villiers und Herr von Contrecoeur.— Angriff der franzöͤſiſchen Schiffe durch das engliſche Geſchwader.— Kriegserklärung. — Pläne Englands.— Herr von Dieskau.— Herr von Montcalm.— Einnahme von Minorca durch Richelieu.— Seine triumphmäßige Rückkehr nach Paris.— Plan Hein⸗ richs IV., eine chriſtliche Republik zu gründen.— Maria Thereſta und Frau von Pompadour.— Der Abbé von Bernis.— Improviſation.— Er erſetzt Herrn von Rouillé. — Vertrag zwiſchen England und Preußen.— Bündniß Frankreichs mit Oeſterreich. Zu der Zeit, wo wir dieſe Zeilen ſchreiben, iſt es heute gerade Hundert Jahre her, daß England und Frank⸗ reich, dieſe alten Feindinnen von Créci, von Poitiers und von Agincourt, ſich anſchickten, auf dem Ocean den Land⸗ kampf fortzuſetzen, den ſie ſeit fünf Jahrhunderten führten, und den wir im Jahre 1745 durch die Schlacht von Fon⸗ tenoy haben ſchließen ſehen. Werfen wir die Augen auf die Weltkarte von 1750, und ſagen wir, welches ihre gegenſeitige Macht war. England beſaß vor Hundert Jahren nur fünf Facto⸗ reien in Indien: Bombay, Bejapour, Madras, Caleuta und Chandernagor. Es beſaß in Nordamerika nur Newfoundland und den Streif Uferland, der ſich wie ein Saum von Acadia nach Florida erſtreckt. Seine einzige Beſitzung an der Bank von Bahama waren die Lucayiſchen Inſeln, in den kleinen barboudiſchen Antillen.. In dem amerikaniſchen Meerbuſen Jamaika. Endlich hatte England als ganze Nation unter dem Aequator nur Sanct Helena mörderiſchen Andenkens. Frankreich hatte dagegen die doppelte continentale und coloniale Obergewalt. Es beſaß die ganze Linie von durch Vauban gebauten Feſtungen, welche die Schlüſſel der Niederlande ſind, und die ſich von Philippsburg bis nach Dünkirchen erſtrecken. Seine Armeen beſetzten Corſika, und durch den Frieden von 1748 hatte es einen beſchützenden Einfluß auf Genua, Modena, Parma, Piacenza und Guaſtalla erlangt. Als coloniale Macht hatte es faſt alle Antillen. Seine Colonien von Acadia, von Canada und von Louiſianna nahmen mit jedem Tage mehr Ausdehnung an. Es hatte Qusbeec, Montréal, Mobile und Neuorleans; die Forts von Fontenai, Saint⸗Charles, von Pierre und von Mau⸗ repas erhoben ſich um die Wette an den Seen von Ca⸗ nada. Das Fort der Königin beherrſchte den Fluß der Aneniboins. Es hatte an den Seen von Onipeg die Forts Dauphin und Bourbon. In Afrika gehörte ihm der Se⸗ negal und Gorea. Es gründete eine Colonie in Mada⸗ gascar und hatte Indien zum Stapelplatze, wo ſeine Macht Ile⸗de⸗France, Bourbon, Saint⸗Marie und Ro⸗ drigue beherrſchte. Wenn wir an dem Jahre 1848 ſein werden, ſo wer⸗ den wir ein vergleichendes Bild von dem entwerfen, was England gewonnen und was wir verloren haben. Kommen wir auf die Urſachen unſeres neuen Bruches mit England zurück. England hatte durch den Frieden von Utrecht einen Theil von Acadia erhalten. Die Gränzen der an England abgetretenen und der von uns zurückbehaltenen Länder wa⸗ ren nicht genau beſtimmt und ließen daher eine gewiſſe Strecke unbeſtimmt und geeignet, Streit zu erregen. Auf dieſes Gebiet, deſſen Eigenthum mehr als be⸗ ſtreitbar war, hatten die Engländer ein Fort erbaut, eine ziemlich ſtarke Beſatzung hineingelegt, und das Commando derſelben dem Major Washington anvertraut. Der Com⸗ mandant der franzöſiſchen Truppen an dem Ohio, Herr von Contrecoeur, befahl nun Herrn von Jumonville, einem ſeiner Offiziere, ſich nach dem Fort als Ueberbringer eines Briefes zu begeben, in welchem der franzöſiſche Comman⸗ dant den Major Washington bat, nicht durch einen un⸗ — 10— rechtmäßigen Beſitz den Frieden zu ſtören, der zwiſchen den beiden Mächten herrſchte, und ſich auf den Theil des engliſchen Gebietes zurückzuziehen, der keinem Streite un⸗ terlag. 7 Herr von Jumonville nahm dreißig Mann mit und begab ſich auf den Weg; aber in einer kleinen Entfernung von dem Fort brach plötzlich ein Gewehrfeuer aus, und Herr von Jumonville bemerkte, daß er gänzlich umringt ſei. Nun ſchritt er allein unter die vor, welche ihn und ſeine kleine Schaar angriffen, der er befahl, ſtehen zu bleiben, machte ein Zeichen mit der Hand, und als Par⸗ lamentär anerkannt, begann er das Vorleſen ſeines Brie⸗ fes; aber bei den erſten Worten begann wieder ein zweites Gewehrfeuer, ſtreckte ihn mit acht ſeiner Soldaten todt zu Boden, und die andern wurden zu Gefangenen gemacht; ein einziger Canadier entkam und überbrachte dem Com⸗ mandanten die Nachricht von dieſer Verletzung des Völker⸗ rechtes. Während der Canadier dem Commandanten Contre⸗ coeur dieſe Nachricht überbrachte, ertheilte der Major Washington dieſelben Befehle, welche er in Zeiten erklärten Krieges gegeben hätte, und indem er ſich an die Spitze von vier Hundert Mann ſtellte, marſchirte er gegen die franzöſiſchen Vorpoſten; aber kaum hatte er einige Meilen zuruͤckgelegt, als er von den Wilden benachrichtigt wurde, daß eine zahlreiche Schaar in der Abſicht ihm entgegenrücke, den Mord Jumonoilles zu rächen. In der That, es war Herr von Villiers, der Bruder des Opfers, der von dem Commandanten den Auftrag erhalten hatte, die Mörder ſeines Bruders zu beſtrafen und die Herausgabe der Gefangenen zu fordern. Der Major Washington zog ſich in das Fort zurück und erwartete darin die Franzoſen. Herr von Villiers belagerte es; nach einer kräftigen Vertheidigung, aber noch weit kräftiger gedrängt, war Washington genöthigt, ſich zu ergeben. Die den Englän⸗ dern weit günſtigere Capitulation, als ſie es erwarten durf⸗ ten, enthielt, daß ſich die Beſatzung, ohne beunruhigt zu werden, und mit Waffen und Gepäck auf ihr Gebiet zu⸗ rückziehen ſolle. Aber der Tod Jumonvilles ward als Mord bezeichnet; der Major Washington machte ſich ſeinerſeits anheiſchig, die gefangenen Franzoſen zurückzuſchicken, die nach Boſton gebracht worden waren. Aber, wie ſonderbar, dieſe zwei und zwanzig Mann waren auf ſieben zuſammengeſchmolzen, und man konnte nicht erfahren, was aus den fünfzehn andern geworden war. Der Major Washington war derſelbe, dem das immer vergeßliche Frankreich ſpäterhin in dem Unabhängigkeits⸗ kriege ſeinen Beiſtand anbot. Der Mord fand am 24. Mai 1754 ſtatt, und die Einnahme des Forts am 3. Juli deſſelben Jahres. Frankreich machte ſeine Reclamationen bei dem Londo⸗ ner Kabinette; aber das Londoner Kabinet gab, wie immer, eine ausweichende Antwort; dann plötzlich erfuhr man in Paris, daß Handelsſchiffe und ſelbſt Kriegsſchiffe ohne ir⸗ gend eine Warnung, ohne irgend eine Kriegserklärung, von den britanniſchen Geſchwadern genommen worden wären, — 12— indem England die Entwiickelung einer zweifelhaften Lage beſchleunigte und auf der See das that, was der König von Preußen auf dem feſten Lande zu thun im Begriffe ſtand. Die Feindſeligkeiten begannen an der Bank von New⸗ foundland, das heißt in denſelben Regionen, in denen ſich das von uns erzählte Ereigniß zugetragen hatte. Am 3. Juni 1755, ein Jahr nach dem Abenteuer Jumonvilles, begegnete der Admiral Boscawen an der Spitze eines engliſchen Geſchwaders den Schiffen des Kö⸗ nigs, dem Alcides und dem Lys, näherte ſich ihnen dem Anſcheine nach als Freunde, umzingelte ſie plötzlich und griff ſie an. Auf dem Alcides führte Herr Moc⸗ quart, auf dem Lys Herr von Lorgeril das Commando. Dieſe beiden Schiffe gehörten zu dem Geſchwader des Herrn Dubois de la Motte. Der Vorwand des Angriffes war die von dem Admi⸗ ral Boscawen aufgeſtellte Anmaßung, die Franzoſen die Flagge Englands grüßen zu laſſen, was die beiden Kapi⸗ täne verweigerten. Nach einer heldenmüthigen Vertheidigung wurden die beiden Schiffe genommen.. Einige Tage nachher wurde das unter weißer Flagge fahrende Schiff l'Esperance gleichfalls überrumpelt. Herr von Douville, der es commandirte, ſchlug ſich wie ein Löwe, und nach London geführt, erklärte er, daß er ſich nicht als Gefangener einer cioiliſirten Nation, ſondern als Sclav einer Horde von Seeräubern betrachte. Dieſe drei Ereigniſſe konnten ein Zufall wie das ſein, — 13— welches die Engländer die Ueberrumpelung Jumon⸗ villes genannt hatten, das aber die Capitulation des Forts als einen Mord anerkannte. Indeſſen hoffte man noch auf dem Wege der Unter⸗ handlungen Gerechtigkeit für dieſe doppelte Verletzung des Völkerrechts zu erlangen, als man in Verſailles erfuhr, daß während des verfloſſenen Monats vierundſiebenzig von unſeren Inſeln kommende Schiffe, fünf mit zwei Tauſend Negern beladene Negerſchiffe, ſechsundzwanzig Schiffe, welche Waaren und Lebensmittel nach unſern Inſeln brachten, ein Schiff, das nach der Krimm fuhr, zwei Schiffe der indi⸗ ſchen Compagnie, eines, indem es nach dem Senegal ſe⸗ gelte, und das andere, indem es von dort zurückkehrte, ſechsundſechzig Newfoundlandfahrer, zwei Schiffe, welche von dem Wallfiſchfange zurückkehrten, zweiundzwanzig Schiffe, welche Lebensmittel nach Canada brachten oder von dort zurückkehrten, ſiebenundzwanzig Schiffe, welche die große Küſtenfahrt ſowohl an den Küſten von Frankreich, als in den Colonien betrieben, im Ganzen drei Hundert Schiffe genommen worden wären. Wir hatten daher in Folge dieſes hinterliſtigen Strei⸗ ches zur See nahe an zehn Tauſend Gefangene in Eng⸗ land. Der Staatsſecretär der auswärtigen Angelegenheiten in London war damals Henry Fox, der ſpäͤterhin zum Lord Holland gemacht wurde, ein perſönlicher Feind Frank⸗ reichs, der uns in ſeinem Sohne, Charles Fox, einen noch weit erbitterteren, und beſonders noch weit ſchreckli⸗ cheren Feind hinterlaſſen ſollte. — 14— Von dem Kabinette von Verſailles auf das Aeußerſte getrieben, welches fragte, wie mitten im Frieden Hand⸗ lungen gleich denen, welche wir angeführt haben, ausgeführt werden könnten, antwortete Henry Fox: — Daß der Kriegszuſtand zwiſchen Nationen nicht im⸗ mer aus wirklichen Schlachten hervorginge, ſondern aus gewiſſen Maßregeln, welche Feindſeligkeiten anzeigten; daß die Rüſtungen Frankreichs offenkundig wären; daß es große Geſchwader ausrüſte, und beſtändig Truppen nach Canada brächte; daß unter dieſen Umſtänden die britanniſche Re⸗ gierung nur Rath von ihren eigenen Intereſſen haͤtte an⸗ nehmen und auf eine kräftige Weiſe hätte handeln können, um die Würde der Nation zu erhalten. Dieſe übermüthige Antwort war von einer noch weit übermüthigeren Note begleitet, in welcher Herr Fox ver⸗ langte, daß man auf der Stelle die franzöſiſche Flotte entwaffnete, daß die Feſtungswerke von Dünkirchen ge⸗ ſchleift würden, wonach man Erklärungen über die Ange⸗ legenheiten von Canada und im Allgemeinen über die von Nordamerika geben würde. Herr Rouills antwortete im Namen des Königs: — Daß das, was ſich zugetragen hätte, nur ein Sh⸗ ſtem großer, eines civiliſirten Volkes unwürdiger Seeräu⸗ berei wäre; daß England nicht allein die Schiffe des Kö⸗ nigs von Frankreich, ſondern außerdem Handelsſchiffe im Belauf von mehr als dreißig Millionen genommen hätte, und daß das Kabinet von Verſailles unmittelbar Genug⸗ thuung für dieſen feindlichen Act verlange. Auf die Weigerung der engliſchen Regierung verlangte Herr von Mirepoix, unſer Geſandter, ſeine Paſß und der Krieg war erklaͤrt. Uebrigens kamen die Abſichten Englands bald an den Tag. Einen Monat nach der Seeſchlacht, in welcher der Alcides und der Lys unter der Uebermacht erlagen, fand ein zufälliges Gefecht an dem Ohio, in der Naͤhe des Fort Duquesne, zwiſchen den Franzoſen und den von dem General Brodock commandirten Engländern ſtatt. Als die Engländer gänzlich geſchlagen, ihre Offiziere ge⸗ tödtet, ihre Magazine und ihre Vorräthe genommen wa⸗ ren, fand man die dem General von dem Londoner Kabi⸗ nette gegebenen Verhaltungsbefehle; dieſe Verhaltungsbefehle bewieſen durch ihren Datum, daß die engliſche Regierung mitten im tiefſten Frieden alle Vorbereitungen traf, um die Gränzen von Acadia zu überſchreiten und den größten Theil unſerer Niederlaſſungen in Amerika zu überfallen. Der allgemeine Plan war, ſtarke engliſche Geſchwader ab⸗ zuſenden, welche den Franzoſen die Einfahrt des Sanct Lorenzfluſſes verſchließen ſollten, während vier Armeen un⸗ ſere Colonien im Rücken angreifen würden. Der beſondere Auftrag des Generals Bradock in Mitte dieſes Planes war, das Fort Duquesne zu nehmen, den Ohio hinaufzu⸗ gehen, um ſich durch den See Eris mit Herrn Shirlex zu vereinigen, der ihn bei Choagen mit fünf Tauſend Mann, Barken und Geſchütz erwartete. Sobald ſie ſich vereinigt hätten, ſollten ſie gemeinſchaftlich handeln, und Niagara und Frontenac nehmen. Während dieſer Zeit würde ſich der Obriſt Johnſon des Forts Frederic, des Sees Champlain und des Fluſſes Richelieu bemächtigen — 16— und ſich in Stand ſetzen, im Frühjahre die Stadt Mont⸗ réal zu nehmen, während eine andere engliſche Armee auf dem Sanct Johannisfluſſe bis nach Quebec dringen würde. Glücklicherweiſe ſcheiterte der unermeßliche Plan, indem er in unſere Hände fiel. Das Geſchwader des Herrn Du⸗ bois de la Motte, dem man den Lys und den Alcides genommen hatte, zählte noch ſieben Schiffe. Es hatte Herrn von Dieskau mit Landungstruppen ans Land ge⸗ ſetzt. Man war im Stande, ſich zu vertheidigen, und die Wilden, welche die Engländer haßten, verſprachen uns, mächtige Bundesgenoſſen für uns zu ſein. Unglücklicherweiſe wurde der kaum angekommene Dies⸗ kau, nachdem er ein Corps von fünfzehn Hundert Eng⸗ ländern an dem See Georges geſchlagen, nachdem er ſie bis unter die Verſchanzungen des Generals Jackſon ver⸗ folgt hatte, verwundet und gefangen genommen. Aber im Zaume gehalten und beaufſichtigt, waren die Engländer nicht allein genöthigt, auf den umfaſſenden Plan zu verzichten, den wir auseinandergeſetzt haben, ſondern ſich auch noch zu vertheidigen. Außerdem erwartete man einen neuen Anführer, um das Commando unſerer Trup⸗ pen zu übernehmen. Dieſer neue Anführer war Ludwig Joſeph von Saint⸗ Verom, Marquis von Montealm, das heißt einer der tapferſten Generale der franzöſiſchen Armee. Das Blut der Gozons war in ſeinen Adern nicht entartet. Die gro⸗ ßen Wälder der Dragonnière, in denen ſein Großvater ſeine Hunde zum Angriffe der Schlange übte, gehörten — 17— noch ſein. Seine Laufbahn wird kurz, aber ſtrahlend, glorreich und flüchtig, wie die der Bombe ſein, welche ihm ſein Grab graben ſollte. Außerdem wird man während dieſer Zeit den Englän⸗ dern in Europa den Handſtreich erwidern, den ſie in Ame⸗ rika verſuchen wollten. Die Engländer hatten in dem mit⸗ telländiſchen Meere eine Station, die ihnen ebenſo ſehr, als Gibraltar, am Herzen lag, die ſie ihm vielleicht vor⸗ zogen. Philipp V. hatte zu den Zeiten ſeines Unglücks dieſe Perle aus ſeinen Händen rollen laſſen. Die Eng⸗ länder hatten ſie aufgerafft und eines der Kleinodien ihrer Krone daraus gemacht. Dieſe Station war die Inſel Minorca. Indem wir Minorca nahmen, ſchnitten wir die Ver⸗ bindungen der Engländer mit dem Könige von Sardinien, ihrem Verbündeten, ab; wir ſtörten ihre Schifffahrt nach der Levante und nach Italien. Der Hafen von Mahon, einer der ſchönſten Europas, verlieh ihren, in dem mittel⸗ ländiſchen Meere, dieſem großen See, deſſen Eingang ſie bewachten, deſſen wirkliche Herren wir aber ſind, verirrten Flotten eine ſichere Zufluchtsſtätte. Im Falle eines unglücklichen Krieges würde die Ueber⸗ gabe von Mahon gar viele Schwierigkeiten für Wiederher⸗ ſtellung des Friedens heben; in dem entgegengeſetzten Falle würde man mit Spanien, wenn Mahon unſer Eigenthum geworden, unterhandeln, das uns dagegen alles das geben würde, was wir in dem Meerbuſen von Mexico wollten. Wahr iſt es, daß die Feſtung Saint⸗Philipp für un⸗ einnehmbar galt, nun denn! man wird Richelieu hinſenden, Ludwig der Fünfzehnte. 3. Band. 2 — 18— er iſt der General ploͤtzlicher Angriffe und tollkühner Hand⸗ ſtreiche. War die Colonne von Fontenoy nicht auch un⸗ erſchütterlich? Richelieu hatte ſie durchbrochen. Richelieu erhielt ein unumſchränktes Commando zur See und zu Lande; man füllte ihm ſeine Kaſſen mit fünf⸗ zig Tauſend Louisd'or, man gab ihm die Flotte von Hyeres unter den Befehlen des Herrn de la Galiſſontere, zwölf Linienſchiffe; man fügte dem achtzehn Transportſchiffe hin⸗ zu. Dieſes prachtvolle Geſchwader ging unter Segel. Wohin ging es? 1 Man wird es erfahren, wenn das Fort Saint⸗Philipp genommen ſein wird.— Das Meer iſt der Verbündete der Engländer. Am Tage nach der Abfahrt erhob ſich ein Sturm, der die Ordnung des Ganges der Flotte unterbrach; drei Tage irrten die Schiffe zerſtreut herum; am 19. April vereinigten ſie ſich im Angeſichte von Minorca. Am 23. April recognos⸗ cirte der Marſchall den Platz ſeines Lagers, und er warf zu gleicher Zeit einen Blick auf das Fort Philipp. Es iſt überall ein glatter Felſen mit dreißig Fuß tie⸗ fen, in den Granit gehauenen Gräben. Unmöglich, Lauf⸗ graͤben zu eröffnen; der Felſen iſt ſelbſt für das Geſchütz uneinnehmbar. Es iſt eine durch Erſteigen zu nehmende Citadelle; das Ganze beſteht darin, Leitern zu finden, die hoch genug ſind. — Einſtweilen machte Richelieu den Damen von Minorca ſeine Aufwartung, ließ ihnen Fruͤchte überbringen, ſandte ihnen Bonhons, und erkundigte ſich, ob es unter den Er⸗ ˙+ 8 N — 10— zeugniſſen Frankreichs irgend einen Gegenſtand gäbe, der ihnen Vergnügen machte. Dann, da er für ſeine Soldaten den guten ſpaniſchen Wein fürchtete, der die Keller der Stadt überfüllte, ſagte der Marſchall zu ſeinen Soldaten: — Kinder, der unter Euch, der ſich betrinkt, wird nicht die Ehre haben, in dem Laufgraben zu erſcheinen. Man ſignaliſirte eine Flotte; es war die des Admi⸗ rals Byeg, der Minorca zu Hülfe kam; der Marſchall trat La Galiſſonière ohngefähr Tauſend Mann ab, um ſeine Marineſoldaten zu verſtärken. Man wird Sturm laufen und ſich zugleich auf der See ſchlagen. Die Be⸗ wohner von Minorca werden ein doppeltes Schauſpiel haben. Der engliſche Admiral wurde auf das Haupt geſchla⸗ gen und Richelieu bemächtigte ſich am ſelben Tage der Au⸗ ßenwerke der Feſtung. Endlich, in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni wurden drei Forts unter fünf genommen, und am 28. Mittags überbrachten drei Abgeordnete einen Capitula⸗ tionsentwurf, der, während dem übrigen Theile des Ta⸗ ges verhandelt, am ſelben Abende unterzeichnet wurde. Am 29. waren alle Forts übergeben, und Herr von Fronſac, der Sohn des Herzogs von Richelieu, über⸗ brachte die Nachricht davon nach Compisgne. Herr von Richelieu hatte nichts mehr in Minorca zu thun, aber er bedurfte der Genehmigung des Königs, um ſeine Eroberung zu verlaſſen. Unglücklicherweiſe hatte er am Hofe weniger Freunde als Feinde, und Frau von Pompadour gehörte zu der Zahl dieſer letzteren. — 29— Frau von Pompadour hatte den glücklichen Einfall gehabt, ihre Tochter Alexandrine mit dem Herzoge von Fronſac zu verheirathen; ſie hatte Herrn von Richelieu einige Worte darüber geſagt, welcher geantwortet hatte, daß er durch die Verbindung auf das Höchſte geehrt ſein würde, aber da Herr von Fronſac durch ſeine Mutter die Ehre hätte, dem kaiſerlichen Hauſe von Lothringen anzu⸗ gehören, ſo könnte er nur mit Einwilligung der Kaiſerin ein Verſprechen übernehmen. Frau von Pompadour hatte die Antwort verſtanden und war dabei ſtehen geblieben; aber über dieſe Antwort und über den geringen Eindruck, den ſie auf den Herzog bei der erſten Zuſammenkunft hervorgebracht, hatte ſie ge⸗ gen den Sieger von Mahon einen Groll bewahrt. Während dieſer Zeit ſuchte man Herrn von Richelien bei dem Könige zu ſchaden. Endlich war der Herzog genöthigt eine Krankheit zu heucheln, um einen Urlaub zu erlangen, den man ihm Dank der Zeugniſſe ſeiner Aerzte und der Drohung, daß er ſich ihn nehmen würde, wenn man ihm denſelben nicht gäbe, nicht mehr zu verweigern wagte. Die Rückkehr des Marſchalls nach Paris war ein wahrer Triumph; aber Ludwig XV. empfing ihn froſtig. — Ah! Da ſind Sie, Herr Herzog, ſagte er. Nun denn! wie haben Sie die Feigen von Minorca gefunden? man ſagt, daß ſie ſehr gut ſind. — Vortrefflich, Sire, antwortete Richelieu, nur be⸗ darf man langer Leitern, um ſie zu holen. Und er wandte dem Könige den Rücken. — ð— — 21— In dem Augenblicke der Abreiſe des Herrn von Ri⸗ chelien war man noch unſchlüſſig, ob man mit Friedrich oder Maria Thereſia ein Bündniß auf dem feſten Lande abſchließen ſolle. Bei Richelieus Rückkehr war man ſo ziemlich für Oeſterreich entſchieden. Obgleich ſein Sohn, wie er es ſagte, die Ehre hatte dem kaiſerlichen Hauſe von Lothringen anzugehören, ſo war Herr von Richelieu dennoch nicht für das kaiſerliche Bündniß. Alle Ueberlieferungen der großen Männer des vori⸗ gen Jahrhunderts waren für die Herabſetzung der kaiſer⸗ lichen Macht geweſen. Heinrich IV., Richelieu und Ludwig XIV. hatten dieſe Herabſetzung verfolgt. In dem Augenblicke, wo das Meſſer Ravaillacs den Feldzug Iuliers fehlſchlagen ließ, hatte Heinrich IV. mit Sully einen unermeßlichen Plan beſchloſſen, zu dem der Feldzug Juliers nur die Einleitung war. Dieſer Plan ſollte Europa umgeſtalten, das unter dem Namen einer chriſtlichen Republik eine allgemeine Ver⸗ bündung geworden wäre. Ihr Herren Jakobiner von 1793 und Ihr Herren von dem Berge von 1848 hört Folgendes, Es iſt ein Plan Heinrichs IV. Dann werdet Ihr uns ſagen, ob Ihr, ſeitdem Ihr Theorien gemacht, etwas Liberaleres, wie man unter Karl X. ſagte, Radicaleres, wie man unter Ludwig Phi⸗ — 22— lipp ſagte, Democratiſcheres, wie man heut zu Tage ſagt, gefunden habt. Er wollte ſich Oeſterreichs bemächtigen, das ihm ſo viel Leid zugefügt hatte, und das ſeit Hundert Jahren, wäre es auch nur durch ſeinen Wahlſpruch a, e, i, o, u, Austria est imperanda orbi universo, nach der Allgemein⸗ herrſchaft ſtrebt. Sobald er in Wien wäre, würde er einen Kreuzzug predigen und die Türken aus Europa verjagen. Dann würde er einen, von fünfzehn Staaten gebil⸗ deten chriſtlichen Bund bilden: Sechs erbliche Monarchien, Fünf Wahlmonarchien, Vier Republiken. Die ſechs erblichen Monarchien waren Dänemark, Schweden, England, Frankreich, Spanien und die Lom⸗ bardei. Dieſe letztere zu Gunſten des Herzogs von Savohen zu einem Königreiche erhoben, ſollte beſtehen aus Savoyen, Montferrat, Mailand und dem Gebiete von Mantua. Die fünf Wahlmonarchien waren: Rom, durch Neapel und Calabrien vermehrt; Das deutſche Reich; Böhmen, dem man die Lauſitz, Schleſien und Mäͤh⸗ ren hinzufügte; Polen, durch die von den Ruſſen zu machenden Er⸗ oberungen vergrößert; Ungarn, durch einen Theil von Oeſterreich, von △— ⸗ Tyrol, von Kaͤrnthen und den an den Türken zu machen⸗ den Eroberungen vergrößert. Die vier Republiken waren: Die italieniſche Republik, welche aus dem ganzen Nor⸗ den von Italien zwiſchen dem Königreiche der Lombardei, dem Kirchenſtaate und Venedig beſtand; Die Republik von Venedig, durch Sicilien vergrößert; Die Schweizer Republik, durch Hochburgund ver⸗ größert; Endlich die Belgiſche Republik. Alle dieſe Staaten ſollten einen höchſten Rath haben, der damit beauftragt wäre, den allgemeinen Frieden zu er⸗ halten, Streitigkeiten zuvorzukommen, die Zwiſtigkeiten zu richten, die Gränzen zu vertheidigen, die Angriffe gegen den zu leiten, der als gemeinſamer Feind erklärt wurde; kurz über die Sicherheit des Wohlſeins und des Gedeihens dieſer allgemeinen Harmonie zu wachen. Wußte Ravaillac, was an inniger Liebe für die Menſchheit in dieſem Herzen lag, das er am 14. Mai 1610 an der Ecke der Straße de la Ferronnerie durch⸗ bohrte? Nun denn! dieſer von Heinrich IV. gemachte und zum Plane, zuweilen ſogar in den Händen Richelieus und Ludwig XIV. zur Wirklichkeit gewordene Traum der Er⸗ niedrigung Oeſterreichs ſtand durch den verhängnißvollen Einfluß der Frau von Pompadour im Begriffe, von Lud⸗ wig XV. aufgegeben zu werden. Hatte ſich dieſes, von drei und einem halben Jahr⸗ hunderte geringe und faſt unbekannte Haus Oeſterreich nicht — — ——— — — 24— in der That zu der Monarchie Karls V. nur dadurch er⸗ hoben, daß es beſtändig gegen jedes Prinzip der Freiheit kämpfte. In dieſem Kampfe hat es die Schweiz, Hol⸗ land, Spanien und Neapel verloren; aber es blieben ihm noch die Ungarn, die Böhmen, die Brabanter, die Tos⸗ kaner und die Oeſterreicher. Seine Herrſchaft erſtreckte ſich noch von der Türkei bis nach Philippsburg, und von dem Oceane bis nach dem mittelländiſchen Meere. Das war zwar bei weitem nicht mehr das, was es vor zwei Hundert Jahren war, aber es war noch mehr, als es ſein ſollte. Im Jahre 1738 war dieſes Reich einen Augenblick lang auf das einzige Ungarn beſchränkt geweſen, und Deutſchland hatte wieder Athem geſchöpft. Maria Thereſia hatte den Abgrund geſehen, ſie hatte ihn ermeſſen, und, wieder mächtig geworden, eingeſehen, daß ſie dieſe Macht nur mit Hülfe Frankreichs erhalten könnte. Aber welche Wahrſcheinlichkeit, dieſen inſtinctmaͤßigen Widerwillen zu beſiegen und der Politik dreier Männer von der Größe Heinrichs IV., Richelieus und Ludwig XIV. Unrecht zu geben! Hatte ſie nicht außerdem dem König, den Dauphin, die Miniſter, die ganze Nation gegen ſich? Wer würde in einem ſolchen Kampfe ihre Verbündete ſein? Frau von Pompadour. Frau von Pompadour, die Tochter des Herrn Poiſ⸗ ſon, dieſes halb gehangenen Commis, dieſe Griſette, die „ N” zu glücklich war in erſter Ehe einen Gelderpreſſer zu hei⸗ rathen, die Verbündete Maria Thereſias, der Tochter, der Erbin der Caͤſaren! Was die Politik für eine bewunderungswürdige Sache iſt, und wie ihre Selbſtſucht die Stellungen ausgleicht! Obgleich Frau von Pompadour faſt bis zu Ludwig XV. hinaufgeſtiegen war, wie viele Stufen mußte Maria Thereſia noch herabſchreiten, um bis zu Frau von Pom⸗ padour zu gelangen? Maria Thereſia ſchrieb indeſſen an dieſe Frau, und nannte ſie: meine Couſine! Dieſes Bündniß Frankreichs mit Oeſterreich war ſo ſeltſam, ſo unerhört, ſo wenig wahrſcheinlich, daß, als Herr von Kaunitz, der öſterreichiſche Miniſter in Aachen, zum erſten Male darüber mit Herrn von Saint⸗Severin ſprach, den Frau von Pompadour im Jahre 1747 nach dieſer Stadt geſandt hatte, um den Frieden, um welchen Preis es auch ſein möchte, zu ſchließen, Herr von Saint⸗ Severin es ausſchlug ſich mit dieſem Plane zu beſchäf⸗ tigen. Aber bei der erſten Eröffnung, welche Maria There⸗ ſia ihrer Couſine von dieſem Bündnißplane gemacht hatte, war Frau von Pompadour, minder ſtark in der Politik, als Heinrich IV., Richelieu und Ludwig XIV., dadurch verführt worden, daß ſie von Maria Thereſia Couſine genannt wurde, ſie, die von Friedrich nur Co⸗ tillon die II. genannt ward. Was war nun aber nöthig, um zu dieſem Bündniſſe Frankreichs und Englands zu gelangen? — 26— Eine Kleinigkeit für die Favoritin; die alten mi⸗ niſteriellen Köpfe fortzuſchicken, welche gegen Oeſterreich noch die Vorurtheile Ludwigs XIV., Richelieus und Hein⸗ richs IV. hatten, an die Spitze der auswärtigen An⸗ gelegenheiten unbedeutende oder ihr ergebene Miniſter zu ſtellen. Unter den Paulmys, den Rouillés, den Moras oder den Berryers, war Herr von Maurepas der am meiſten furchtbare; er hatte feſte Anſichten, und in ſeinen Anſich⸗ ten war Oeſterreich der geborne Feind Frankreichs. Er war unterhaltend, der König hatte ihn gern; da er ihn zu jeder Stunde des Tages ſah, ſo hatte er einen großen Einfluß auf den König; außerdem liebte ihn der Dau⸗ phin ſehr, und es war etwas Bekanntes, daß der Dau⸗ phin, der vielleicht an dieſer Feindſchaft ſtarb, der Feind Oeſterreichs war. Herr von Maurepas hatte die Unvorſichtigkeit, ein Epigramm zu machen, und Herr von Maurepas wurde verbannt. Wir haben ferner geſagt, wie Herr von Argenſon verbannt worden war. Herr von Machaut war aufgefor⸗ dert worden, ſeine Entlaſſung einzureichen. Abgerechnet die Oppoſition, welche d'Argenſon gegen die Politik der Favoritin ausüben konnte, woher rührte der Haß dieſer? Wir wollen es ſagen. Eines Tages trat ein Freund der Frau von Pompa⸗ dour zu dem Miniſter ein, warf die Augen auf einen Brief, den er ſchrieb, und bemerkte, daß die Rede von + R&&K&+⏑H ð 828 38 68S8 8* & R R§ — 27— einer Carricatar war, welche in dieſem Augenblicke er⸗ ſchien. Dieſe Carricatur ſtellte Herrn von Argenſon in einer Kutſche vor, Machaut auf dem Bocke als Kutſcher, und den König hinten auf als Bedienter. Der Brief begann mit folgenden Worten: „Mein Bedienter hat endlich meinen Kutſcher fortge⸗ ſchickt.“ Der König hatte in der That am ſelben Morgen an Herrn Machaut den Brief geſchrieben, von dem wir Ab⸗ ſchrift gegeben haben, indem er ſein Portefeuille von ihm zurück verlangte. Der Freund des Herrn von Argenſon hinterbrachte die Sache der Frau von Pompadour, die ſie dem Könige hinterbrachte, der in ſeinem Unwillen an Herrn von Ar⸗ genſon gleichfalls den Brief ſchrieb, den wir geſehen ha⸗ ben, und deſſen Härte, ſtrenggenommen, dieſe Anekdote ent⸗ ſchuldigen kann. Wir haben geſagt, wie die Herren von Paulmy und von Moras, die Herren von Argenſon und Machaut er⸗ ſetzt hatten, und wie endlich der Abbs von Bernis in den Staatsrath berufen worden war. Dieſer Abbé von Bernis war übrigens ein liebens⸗ würdiger und außerdem ein rechtſchaffener Mann. Er be⸗ ſaß den franzöſiſchen Witz in ſeiner ganzen Fülle und machte reizende Verſe, welche unendlich mehr nach dem Boudoir, als nach der Sakriſtei rochen. Boyer, der Lehrer des Dauphin, verabſcheute ihn daher auch. Durch — 28— dieſen Haß von jeder geiſtlichen Gunſt entfernt, beſchloß Bernis Altar gegen Altar aufzurichten, und ſich an die Favoritin anzuſchließen. Eines Tages, als er mit dem Könige und ihr zu Nacht aß, und als ſie ſo eben eine Flaſche Champagner entpfropft hatte, deſſen Inhalt halb in die Gläſer, halb auf den Tiſch davon ſprudelte, improviſirte er folgendes Lied: Le plaisir couronné de fleurs Vient voler sur la table, Il n'attend pour charmer nos coeurs, Qu'un moment favorable, Belle Zéphise, où tu n'es pas pourrait-il nous séduire? Il a besoin de tes appas Pour fonder son empire. Viens réveiller sous ce berceau L'esprit et la saillie, IIs t'attendent sous un tonnean Qu'a percé la folie. Le champagne est près de partir, Dans sa prison il fume, Impatient de te courrir De sa bouillante écume. Sais-tu pourquoi ce vin brillant, Dès que ta main Pagite, Comme un éclair étineelant, NVole et se précipite? — 29— En vain Bacchus dans le flacon Retient l'amour rebelle, L'amour sort tonjours de prison Sous la main d'une belle. (Mit Blumen bekraͤnzt iſt die Freude auf den Tiſch geflo⸗ gen, ſie erwartet nur einen günſtigen Augenblick, um unſere Herzen zu entzücken, ſchöne Zéphiſe, könnte ſie uns verführen, wo Du nicht biſt? Sie bedarf Deiner Reize, um ihr Reich zu gründen.— Komm unter dieſe Laube, den Witz und die Ein⸗ fälle zu erwecken, ſie erwarten Dich unter einem Faſſe, das die Thorheit angebohrt hat. Der Champagner iſt bereit zu ſpru⸗ deln, er dampft in ſeinem Kerker, ungeduldig, Dich mit ſeinem brauſenden Schaume zu bedecken.— Weißt Du, warum dieſer glänzende Wein, ſobald Deine Hand ihn ſchüttelt, wie ein funkelnder Blitz aufſteigt und herabſtürzt? Vergebens hält Bac⸗ chus in der Flaſche den rebelliſchen Amor zurück, unter der Hand einer Schönen kömmt Amor immer aus dem Gefängniſſe.) Jemand, der ſo reizende Verſe machte, mußte ein großer Staatsmann ſein; er erſetzte daher auch im Juli 1757 Herrn von Rouillé bei den auswaͤrtigen Angelegen⸗ heiten. Dieſes ganze Bündniß mit Maria Thereſia knüpfte ſich daher auch allmählig im Verborgenen. Die drei Theil⸗ nehmer daran waren Herr von Staremberg, Miniſter der Königin von Ungarn, der Abbé von Bernis und Frau von Pompadour. Hier iſt das, was Maria Thereſia anbot. Die Kaiſerin wollte die Riederlande dem — 39— Herzoge von Parma geben, und trennt auf dieſe Weiſe durch einen Prinzen aus dem Hauſe Bourbon die Engländer von Hollandz Luxem⸗ burg und Gibraltar ſolle von den Oeſterreichern geſchleift werden. Wir nehmen Mons, Polen ward frei und die Kroneerblich erklärt; Schwe⸗ den erhielt Pommern, und Dänemark ward zu dem Bündniſſe eingeladen. Rußland war contrahirende Partei, und da Frankreich mit England im Kriege war, obgleich dieſer Krieg der That nach noch nicht erklärt war, ſo ſetzte dieſes Bündniß der großen Mächte des feſten Landes die Seemacht Englands herab, auf deſſen Bündniß Oeſterreich für immer zu ver⸗ zichten erklärte. Dieſer Plan war dem Geiſte Maria Thereſias ge⸗ mäß umfaſſend und kühn. Ludwig XV. ſah weder ſo weit noch ſo hoch; er wies ihn daher zurück. Maria The⸗ reſia bat Ludwig XV. den ſeinigen vorzulegen. Ludwig XV. nahm ſeine Zuflucht zu Herrn von Bernis, welcher einen Plan in zwei Zeilen vorſchlug. Gegenſeitige Bürgſchaft der Staaten der beiden Häuſer, Preußen inbegriffen, Eng⸗ land ausgeſchloffen. Nun erfuhr man, daß im Anfange des Jahres 1750 ein Vertrag zwiſchen England und Preußen ſtattgefunden haͤtte. Preußen wurde von dem Plane ausgeſchloſſen, der — 31— dadurch noch einfacher wurde, und ſich von nun an auf folgende einzige Zeile beſchränkte: Gegenſeitige Bürgſchaft der Staaten der beiden Häuſer. Der Vertrag wurde am 9. Mai 1756 zwiſchen Frank⸗ reich und Oeſterreich unterzeichnet. II. Nochmals das Parlament.— Die Verweigerung der Sacra⸗ mente.— Der Rath.— Gemiſchte Commiſſion.— Ver⸗ urtheilung des Biſchofs von Orleans.— Caſſation.— Oef⸗ fentliche Urkunden des Königs.— Das Parlament weigert ſich zu richten.— Verbannung und Gefängniß.— Herr von Fougeres in Rouen.— Der König macht ſich zum Richter.— Eröffnung der Verſammlung der Geiſtlichkeit. — Geburt des Grafen von Provenge.— Der Biſchof von Troyes.— Herr von Bourbon.— Entlaſſung von Räthen. — Befürchtungen von Unruhen.— Beleidigende Briefe für Frau von Pompadour.— Drohungen gegen die könig⸗ liche Familie.— Damiens.— Der König getroffen.— Verhaftung von Damiens.— Die Wachen des Königs.— Brief Damiens an Ludwig XV.— Der Richter des Schloſ⸗ ſes.— Damiens in Paris.— Die Hinrichtung.— Un⸗ gnade der Herrn von Argenſon und von Machaut.— Herr von Rouillé erſetzt durch Herr von Bernis.— Tod Fon⸗ tenelles. Während dieſer ganzen Zeit gingen die durch die Steuer des Zwanzigſtels erhobenen religiöſen und politi⸗ ſchen Streitigkeiten ihren Gang. liti⸗ — 38— Wie wir geſagt haben, hatte das Parlament den Pfarrer von Saint⸗Etienne⸗ du⸗Mont in Anklageſtand erklärt; aber der König hatte das Urtheil durch einen Rathsbeſchluß aufgehoben. Das Parlament hatte ſich nicht für geſchlagen gehal⸗ ten; am 18. April 1752 hatte es einen Beſchluß in Form einer Verordnung erlaſſen, welcher verbot, irgend eine öf⸗ fentliche Verweigerung der Sacramente unter dem Vor⸗ wande einer Nichtvorlegung des Beichtzettels oder der Nicht⸗ annahme der Bulle Unigenitus zu thun. Der König verordnete nun eine halb aus der Kirche, halb aus den Gerichtsbeamten genommene Commiſſion; aus der Kirche ernannte er die Kardinäle de la Rochefou⸗ cauld und von Soubiſe, den Erzbiſchof von Rouen und den Biſchof von Lyon. Aus den Gerichtsbeamten die Herrn Trudaine de la Granville und von Auriac, Staatsräthe, und Herrn Joly von Fleury, ehemaligen Generalprocurator des Par⸗ laments. Im Jahre 1753 hatte die Commiſſion ihren Dienſt als Commiſſion gemacht, das heißt, daß ſie nichts gethan hatte, der Streit wurde daher auch immer erbitterter. Man zeigte am 18. Januar dem Parlamente von Paris verſchiedene in Orleans, von den Ordensgeiſtlichen von Saint⸗Loup, des Hotel⸗Dieu und Anderen gemachte Sacraments⸗Verweigerungen an. Das Parlament verordnete, daß eine Unterſuchung angeſtellt werden ſollte; am 23. verurtheilte das Parla⸗ Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 3 ment den Biſchof von Orleans zu ſechs Tauſend ohne Verzug zahlbare Livres Strafe. Am 24. nahm ein Rathsbeſchluß den Proceß vor, und hob das Urtheil des Parlamentes auf. Das Parlament beſchloß, daß dem Könige Vorſtel⸗ lungen über den Rathsbeſchluß gemacht werden ſollten. Worauf am folgenden 22. Februar, da der parla⸗ mentariſche Widerſpruch die Zahl der Sacramentsverwei⸗ gerungen vermehrte, ſtatt ſie zu vermindern, und die Competenz der Gerichtsbehörden von der Geiſtlichkeit be⸗ ſtritten war, der König durch eine offene in das Parla⸗ ment geſandte Urkunde ihm bei Strafe des Ungehorſams anbefahl, mit jeder Verfolgung und Verfahren, welche Verweigerung der Sacramente beträfe, einzuhalten, bis er anderweitig darüber verfügt hätte. Am 23. Februar beſchloß das Parlament, daß Vor⸗ ſtellungen über dieſe Urkunde gemacht werden ſollten. Am 4. Mai wurden dieſe Vorſtellungen dem Könige überbracht, der ſich weigerte ſie zu empfangen und die Einſchreibung ſeiner offenen Urkunde vom 22. Februar an⸗ befahl. Am 7. Mai beſchloß das Parlament, daß es dem Willen des Königs nicht Folge leiſten könnte, ohne gegen ſeine Pflicht und gegen ſeinen Schwur zu fehlen. Das Parlament hörte auf, ſeine Sitzungen zu halten. Die Präſidenten und die Requetenmeiſter wurden ver⸗ bannt, vier unter ihnen wurden verhaftet und in's Ge⸗ fängniß geführt. Die große Kammer wurde nach Pontoiſe verlegt. Die Parlamente von Aix, von Toulouſe und von Rouen hatten das Beiſpiel des Parlaments von Paris be⸗ folgt; beſonders das von Rouen hatte den Biſchof von Evreux angeklagt, das Verfahren ſchien dem Hofe zu hef⸗ tig, der es am 1. Auguſt durch die Stimme des Rathes aufhob, dann, damit keine Spur davon übrig bliebe, begab ſich der Marquis von Fougore auf Befehl des Kö⸗ nigs nach Rouen, ließ ſich die Bücher des Parlamentes vorlegen, und darin in ſeiner Gegenwart die Urtheile und Beſchlüſſe dieſes Gerichtshofes ausſtreichen. Worauf das Parlament von Rouen beſchloß, daß dem Könige Vorſtellungen gemacht werden ſollten. Ohne ſich um die königlichen Vollſtreckungen zu be⸗ kümmern, betrat das Parlament von Rennes nun auch den Kampfplatz; am 19. Auguſt 1754 erließ es ein Ur⸗ theil, welches den Biſchof von Vannes zu ſechs Tauſend ohne Aufſchub zu bezahlende Livres Strafe für ſeine Wei⸗ gerung verurtheilte, einen Gottesdienſt für die Ruhe der Seele des Pfarrers von Karnac zu halten, ihm anbefahl dieſen Gottesdienſt binnen acht Tagen zu halten, bei Strafe als Uebertreter der Geſetze des Königreichs und Beſchützer des Schismas behandelt zu werden. Am 4. September hob der König die königliche Kam⸗ mer auf, die er errichtet hatte, um in Abweſenheit des Parlamentes zu richten, und ſetzte das Parlament von Paris in ſeine Amtsgeſchäfte wieder ein, das ſich ent⸗ ſchloß, den Beſchluß vom 2. September einzuzeichnen, der ein gänzliches Schweigen über die Religionsſtreitigkeiten auferlegte und das Parlament beauftragte, darüber zu wachen. — 36— In Ermangelung des Parlamentes hatte ſich der König zum Richter gemacht. Am 2. Januar 1755 verbannte es wegen Bevollmäch⸗ tigung der Verweigerung der Saeramente den Biſchof von Trohes nach Méry an der Seine. Am 15. Januar wurde gegen den Pfarrer von Saint Marguerite von Paris durch Parlamentsbeſchluß Verhaf⸗ tung verordnet wegen gemachter Verweigerung der Sacra⸗ mente an Frau von Perth. Am folgenden 8. Mai wurde er zu ewiger Verban⸗ nung verurtheilt. Am 18. März erklärte ein Parlamentsbeſchluß, daß Mißbrauch in den Berathungen des Kapitels von Orleans wegen dem Herrn Cogniou, Mitgliede dieſes Kapitels, gemachter Verweigerung der Sacramente obwalteten, und den der Generalprocurator empfing, indem er wegen Miß⸗ brauch der Ausführung der Bulle Unigenitus appellirte. Am 4. April hob ein Rathsbeſchluß das Urtheil des Parlamentes auf, da durch mehrere Entſcheidungen des Kö⸗ nigs die Bulle Unigenitus als Richtſchnur der Kirche und des Staates erklärt ſei, Am 23. Mai wurde die Verſammlung der Geiſtlich⸗ keit in den Auguſtinern eröffnet und gab dem Könige ſechszehn Millionen; ſie ſchloß ihre Sitzungen durch ein Rundſchreiben, das ſie an die Erzbiſchöfe und Biſchöfe des Königreiches erließ, in welchem ſie die Geſinnungen der Prälaten der Verſammlung über den der Bulle Uni⸗ genitus ſchuldigen Grad der Achtung auseinander ſetzte. Das Parlament bemächtigte ſich dieſer Uebertretung gegen die Erklärung vom 2. September, welches Schweigen in Bezug auf die Bulle verordnete; dem zu Folge machte das Parlament Seiner Majeſtät neue Vorſtellungen, und die Parlamente von Rouen, von Aix und von Bordeaux verordneten die Unterdrückung dieſes Rundſchreibens, als den Geſetzen und den Gebräuchen des Königreiches zu⸗ wider. Am 17. November 1755 fand die Geburt des Grafen von Provence ſtatt, der ſpäterhin Ludwig XVIII. wurde. Am 12. April ließ das Parlament eine Hirtenunter⸗ weiſung des Biſchofs von Troyes, über das Schisma, durch die Hand des Scharfrichters zerreißen und ver⸗ brennen. Am 6. Juni machte dieſer Prälat gleichfalls eine Ver⸗ ordnung bekannt, durch welche er den Parlamentsbeſchluß verdammte und aufhob, indem er ihn bei Strafe des Bannes zu leſen und ihn zu behalten verbot. Aber der König verbannte ihn gleichfalls nach dem Elſaß, in die Abtei von Meurbach. Am 13. wurde der Herr Herzog von Bourbon, der Vater des Herzogs von Enghien, geboren, den wir an dem Riegel eines Fenſters ſeines Schloſſes Chantilly auf⸗ gehängt werden ſterben ſehen, und deſſen Sohn, der Her⸗ zog von Enghien in den Gräben von Vincennes erſchoſſen wurde.. Am 21. Auguſt hielt der König ſeinen feierlichen Ge⸗ richtshof in Verſailles, und ließ dabei drei Erklärungen einzeichnen. — 38— Die erſte in Betreff der Errichtung eines neuen Zwan⸗ zigſtels gleich dem, welches ſeit 1749 beſtand. Die zweite, für die fernere Erhebung während zehn Jahren der zwei Sous für das Zehntel. Die dritte, für die Verlängerung einiger Eingangs⸗ ſteuern in die Stadt Paris. Am 17. September erſchien ein Parlamentsbeſchluß, der die Aufhebung von dem Brevet des Papſtes vom 16. Oktober erklärte. Endlich fand am 23. Dezember ein feierlicher Gerichts⸗ hof in dem Parlamente ſtatt, in welchem der König in ſeiner Gegenwart bekannt machen und einzeichnen ließ: 1) Eine Erklärung, durch welche er den Befehl er⸗ neuerte, über den Inhalt der Bulle zu ſchweigen. Befahl, daß die Klagen in Betreff auf die Reichung oder die Ver⸗ weigerung der Sacramente für die bevorrechtigten Fälle vor die königlichen Richter gebracht würden, und außerdem eine allgemeine Amneſtie für die Vergangenheit verordnete. 2) Ein Edict, das die Aufhebung der beiden Unter⸗ ſuchungskammern und aller Präſidenten der fünf Unterſu⸗ chungskammern erklärte. 3) Eine Erklärung, die eine Vorſchrift für die Dis⸗ ciplin des Parlamentes enthielt. Am ſelben Tage gaben die Präſidenten und die Räthe der Unterſuchungen und der Bittſchriften, und einige Räthe der großen Kammer, in der Meinung, daß ihre Stellung durch dieſe dreifache Erklärung geändert ſei, dem Kanzler die Entlaſſung von ihren Stellen ein. Dieſe Erklärung beendigte den Streit, aber erſtickte den Haß nicht. Alle dieſe Verweigerungen der Sacramente und der Begräbniſſe, alle dieſe Beſchlüſſe des Parlaments, alle dieſe Gegenbeſchlüſſe des Rathes, die Verbannung der Räthe und der Präſidenten, die ausgeſetzte Gerechtigkeits⸗ pflege, die ſo harten, ſo ſchweren Steuern ließen gewiſſer Maßen einen Schauder des Sturmes durch die Wogen die⸗ ſes Volkes laufen, das ſeit ſechs Jahren aufgehört hatte, ſeinen König zu ſehen und das, da es nur noch durch die Steuererheber, die Gerichtsboten und die Polizeidiener von ihm ſprechen hörte, anfangs verlernt hatte, ihn zu lieben, und allmälig ihn haſſen lernte. Seit zwei bis drei Jahren waren daher auch die Berichte des Polizeiminiſters finſter und drohend; er verhehlte dem Könige die Drohungen nicht, die er täglich gegen ihn ausſprechen hörte; er for⸗ derte Frau von Pompadour auf, vor irgend einem Ver⸗ brechen auf ihrer Huth zu ſein; die Marquiſe empfing ih⸗ rerſeits Briefe auf Briefe, faſt alle waren beleidigend, ei⸗ nige deuteten Complotte an, eines Tages gegen den König, an einem andern gegen ſie, endlich an einem andern gegen den Herzog von Burgund, ein armes Kind, dem man den Tod jenes andern Prinzen verhieß, deſſen Namen er trug, und der balo wirklich ſtarb. Der Dolch Macbeths ſchwebte in der Luft. Am 5. Januar 1757 ſchickte ſich Ludwig Xv., der am Nachmittage von Trianon zurückgelehrt war, um ſeine Töchter zu beſuchen, gegen fünf Uhr Abends an, dorthin zurückzukehren; als er ihre Wohnung mit dem Herrn Dau⸗ phin und einem Theile des Hofes verlaſſen, ging er nach der Treppe, an deren Fuße ihn ein Wagen erwartete; es war Nacht, es war kalt, jeder war in ſeinen Ueberrock eingehüllt, der König trug deren zwei, von denen der eine mit Pelz gefüttert war. Plötzlich, in dem Augenblicke, wo er den Fuß auf den Sammettritt ſetzte, ſtürzte ein Mann aus einer Vertiefung heraus, und der König rief aus: — O! man hat mir einen raſenden Fauſtſchlag ver⸗ ſetzt. Indem er hierauf die Hand unter ſeine Weſte ſteckte und ſie ganz blutig zurückzog, ſagte er: — Ich bin verwundet! Indem er ſich nun umwandte und einen Mann neben ſich erblickte, der ſeinen Hut auf dem Kopfe hatte, ſagte er: — Dieſer Mann iſt es, der mich getroffen hat, man verhafte ihn, aber man füge ihm kein Leids zu. Einer der Bedienten war über den Mörder hergefal⸗ len und hatte ihn verhaftet. Den Händen der Leibwache übergeben, wurde dieſer Mann in ihren Saal geführt, wo man ihn durchſuchte. Er hatte noch die Waffe bei ſich, mit welcher er den König getroffen hatte. Es war ein Meſſer mit zwei Klingen, von denen die eine die Geſtalt gewöhnlicher Meſſerklingen hatte, breit und ſpitzig, die andere die Form der Federmeſſerklingen; nur war dieſe Federmeſſerklinge fünf Zoll lang. Dieſe letztere war es, deren er ſich bedient hatte, um zu treffen; nur hatte er die Zeit und die Geiſtesgegenwart gehabt, ſie abzuwiſchen. Außerdem hatte er ſiebenunddrei⸗ ßig Louisd'or, ein wenig Silbergeld und ein Buch bei ſich, — 41— das den Titel führte: Chriſtliche Unterweiſungen und Gebete. Er verſuchte weder zu entfliehen, noch ſeinen Namen zu verhehlen, und gab an, er heiße Franz Damiens. Das war derſelbe Vorname als Ravaillac. Dann, wie durch einen Gewiſſensbiß angetrieben, rief er aus: — Man gebe auf den Herrn Dauphin acht! Man laſſe den Herrn Dauphin heute nicht ausgehen! Dieſer Ausruf ließ glauben, daß Damiens Mitſchul⸗ dige hätte, dieſer Glaube ſteigerte ſich durch die Erklärung eines Thorwächters, welcher ausſagte, daß er eine Viertel⸗ ſtunde vor dem Morde eine Perſon gehört hätte, welche zu Damiens ſagte: — Biſt Du bereit? Und Damiens ihm antworten: — Ich erwarte. Nun, und um dieſes außergerichtliche Verhör fortzuſe⸗ tzen, begannen die Garden, um von dem Mörder eine vollſtändigere Offenbarung zu erlangen, die Folter an ihm anzuwenden. Man näherte Damiens dem Feuer und zwickte ihn mit glühenden Zangen die Fußknöchel; aber wie groß der Schmerz auch ſein mochte, den er empfand, er ſtieß kaum einige Schreie aus, außerdem war er in die Hände von Edelleuten gefallen, welche dieſes Werk des Scharfrichters bald müde wurden. Der Richter des Schloſſes, der competent war, die Prozeſſe in Betreff auf Hochverrath einzuleiten, kam in⸗ zwiſchen herbei, bemäͤchtigte ſich Damiens und ließ ihn nach dem Kerker führen. Dort wurde er von Herrn Leclerc du Brillet, einen der Lieutenants des Schloßrichters, verhört. Folgendes ging aus dem erſten Verhöre hervor: Damiens war in der Diöceſe von Arras geboren. Anfangs Handwerker, ließ er ſich in ein Regiment der Provinz anwerben, deſertirte bald darauf, wurde Küchen⸗ gehülfe, Bedienter in zwanzig verſchiedenen Häuſern, welche er immer wegen Fehler gegen den Dienſt verließ, die durch ſeine Gewohnheit, den Gerichtsſitzungen beizuwohnen, ver⸗ urſacht wurden, in denen er ſich als einen warmen Freund des Parlamentes bemerklich machte. Zur Zeit der Verbannungen des Parlaments hatte man ihn verſchiedene Male ſeine Beſchuldigungen voll Hef⸗ tigkeit ausdrücken hören; er ereiferte ſich beſonders, wenn er von der Marquiſe ſprach. Am 3. Januar hatte er den Wagen von Verſailles genommen, und war in einem Wirthshauſe in der Nähe des Schloſſes eingekehrt. Am 4. hatte man ihn allein und an den einſamſten Orten ſpa⸗ zieren gehen ſehen. Am 5. näherte er ſich den Wohnungen. Um ſechs Uhr hatte er Gelegenheit gefunden, ſeinen Stoß zu führen und ſie ergriffen. Nach dem erſten Verhöre bat er um die Erlaubniß, einen Brief an den König zu ſchreiben, dieſe Erlaubniß wurde ihm bewilligt; man gab ihm Dinte, Feder und Pa⸗ pier, und er ſchrieb: 7 7 en „Sire, „Es iſt mir leid, daß ich das Ungluüͤck gehabt habe, „mich Ihnen zu nähern, aber wenn Sie nicht die Partei „Ihres Volkes vor Ablauf einiger Jahre ergreifen, ſo „werden Sie, der Herr Dauphin und einige andere um⸗ „kommen. Es wäre betrübt, daß ein ſo gütiger Fürſt „durch die zu große Güte, die er für die Geiſtlichkeit ge⸗ „habt hat, der er ſein ganzes Vertrauen bewilligt, ſeines „Lebens nicht ſicher wäre, und wenn Sie nicht die Güte „haben, dem abzuhelfen, ſo werden ſich binnen kurzem an⸗ „dere große Unglücksfälle zutragen, da Ihr Königthum „nicht mehr in Sicherheit iſt. Unglücklicherweiſe für Sie „haben Ihre Unterthanen ihre Entlaſſung eingereicht, indem „die Sache nur von ihrer Seite herrührt, und wenn Sie „nicht die Güte haben, für Ihr Volk zu verordnen, zu „verordnen, daß man ihm im Falle des Todes die Sacra⸗ „mente reicht, indem man dieſe ſeit Ihrem feierlichen Ge⸗ „richtshofe verweigert hat, von dem das Chatelet die Mö⸗ „beln des Prieſters verkaufen läßt, der entflohen iſt, ſo „wiederhole ich Ihnen, daß Ihr Leben nicht in Sicherheit „iſt. Von dieſer Meinung, die ſehr wahr iſt, nehme ich „mir die Freiheit Sie durch den Offizier, den Ueberbrin⸗ „ger des Gegenwärtigen, zu dem ich alles Vertrauen habe, „zu unterrichten. Der Erzbiſchof von Paris iſt durch die „Sacramente, die er hat verweigern laſſen, die Urſache „von allen den Unruhen. Nach dem grauſamen Verbre⸗ „chen, das ich gegen Ihre geheiligte Perſon begangen habe, „läßt mich das aufrichtige Geſtändniß, das ich mir die * — 44— „Freiheit nehme, Ihnen abzulegen, auf die Gnade der „Güte Eurer Majeſtät rechnen. Damiens.“ Damiens war verheirathet, er hatte eine Frau und eine Tochter, beide wurden, wie ſein Vater und ſein Bru⸗ der, verhaftet. Nach den dem Mörder entſchlüpften Worten:„Man gebe auf den Herrn Dauphin acht und laſſe ihn im Laufe des Tages nicht ausgehen,“ waren mit der größten Sorg⸗ falt Vorſichtsmaßregeln getroffen worden, ſeine Mutter und ſeine Schweſtern waren zu ihm herbeigeeilt, und man hatte eine Wache in ſeinem Vorzimmer aufgeſtellt. Was den König anbelangt, der anfangs eine ſo große Kaltblütigkeit gezeigk hatte, und deſſen erſte Worte eine Anempfehlung geweſen waren, dem Mörder kein Leid zu⸗ zufügen, ſo kehrte er in ſeine Wohnung zurück, und man legte ihn zu Bett. Plötzlich bemächtigte ſich ſeiner eine Furcht, nämlich daß das Meſſer vergiftet geweſen ſein möchte. Dieſe Furcht war ſo groß, daß der König ſeine Ge⸗ walt dem Dauphin übertrug und zu beichten verlangte. Ein allgemeiner Schrei eilte von Verſailles nach Pa⸗ ris:„Der König iſt ermordet!“ Sogleich läuteten, wie von ſelbſt, die Glocken aller Kirchen, und der Erzbiſchof von Paris ordnete vierzigſtündige Gebete an. erklaͤrte, daß die Wunde ohne Gefahr wäre, ſo war man 2* Obgleich der Wundarzt des Königs, Lamartinisre, laut — 102 der ind ru⸗ tan ufe rg⸗ ter — 15— dennoch erſt dann wirklich beruhigt, als er den Verband abnahm, und man die Wunde nicht allein leicht, ſondern auch geſund ſah. Nun beruhigten ſich die Befürchtungen, und das Feld der Schlüſſe eröffnete ſich. Welches waren die Urſachen des Mordes? Hatte der Mörder Mitſchuldige? Welches Gericht endlich würde über ihn zu erkennen haben? Am 15. Januar entſchied Ludwig XV., der von ſeiner Wunde bereits wieder hergeſtellt war, dieſe letzte Frage, indem er der großen Kammer des Parlamentes von Paris den Auftrag gab, den Prozeß einzuleiten. Am 17. Januar verließ der Mörder Verſailles; nie⸗ mals hatte man für den wichtigſten Gefangenen ähnliche Vorſichtsmaßregeln getroffen; um drei Viertel eilf Uhr verließ er den Kerker, in den er geführt worden war. Es befanden ſich drei Kutſchen mit vier Pferden dort. Um drei Uhr Morgens fuhren die drei Kutſchen in den Maihof des Gerichtspalaſtes. Man ließ den Gefan⸗ genen vor der Thür der Concisrgerie ausſteigen; man legte ihn in eine mit einer groben wollenen Decke ver⸗ ſchloſſene Hängematte, und trug ihn ſo in den alten Thurm Montgommery, wo man ihn auf ein wenig Stroh warf. Vier Polizeidiener wachten Tag und Nacht an ſeiner Thür, acht andere nahmen das Zimmer über dem ſeinigen einz darunter befanden ſich zehn franzöſiſche Garden, und auf dem Platze des Maihofes errichtete man eine Hauptwache für die franzöſiſchen Garden von ſiebzig Mann, die von einem Lieutenant, einem Unterlieutenant und zwei Fäͤhn⸗ — — 46— drichen commandirt war, die man alle vierundzwanzig Stunden ablöſte. Außerdem waren die ſtrengſten Befehle ertheilt worden, daß ſich Niemand waͤhrend der ganzen Fahrt auf der Heerſtraße befände; es war ein Verbot erlaſſen worden, unter die Thüren oder an die Fenſter zu treten, um ihn zu ſehen, und es fand ein Befehl ſtatt, auf die zu ſchießen, welche dagegen fehlen würden. Der Prozeß Damiens war, wie der Ravaillacs, dunkel und geheimnißvoll. Es waren zwei Männer von demſelben Schlage. Hart von Körper, hart von Seele, machte Damiens ebenſo wenig, als Ravaillac, Offenbarungen, oder wenn er deren machte, ſo compromittirten ſie ſo hohe Perſonen, daß ſie wie die Ravaillacs geheim blieben. Wie Ravaillac wurde Damiens zur Strafe der Kö⸗ nigsmörder verurtheilt. Am 28. März 1757 um drei Uhr Nachmittags holte man Damiens in ſeinem Gefängniſſe ab, und führte ihn nach dem Gréveplatze. Alle Vorſichtsmaßregeln waren ge⸗ troffen, um einen Auflauf zu verhindern und um der Hin⸗ richtung die ganze ſchreckliche Entwickelung zu laſſen, welche ſie haben ſollte. Gegen fünf Uhr Abends wurde Damiens auf das Schaffot gebracht, wo der Scharfrichter ihn entkleidete; während eines Augenblickes konnte er ſeine Glieder betrach⸗ ten, welche die Folter wund gemacht hatte, und die das Viertheilen zerreißen ſollte; man verwunderte ſich über die Ruhe, mit welcher er dieſe Prüfung anſtellte, und über die ☛ ε — 427— Feſtigkeit ſeines Blickes, als er ihn von ſich ſelbſt wieder auf die Menge richtete, die ihn umgab. Das Schaffot war fünf Fuß hoch über den Boden erhaben, es war acht bis neun Fuß breit. Der Verurtheilte wurde zuerſt durch Stricke, dann mit eiſernen Ketten darauf befeſtigt, die ihn unter den Ar⸗ men und unter den Schenkeln zurückhielten. Die Hand, welche getroffen hatte, ſollte zuerſt beſtraft werden, man verbrannte ſie ihm mit einem Feuer von Schwefel; in dem Augenblicke, wo dieſes Feuer ſich entzündete, ſtieß er einen ſchrecklichen Schrei aus, aber das war Alles; als dieſer erſte Schmerz vorüber, erhob er den Kopf wieder, und ſah ſeine Hand ohne Zorn, ohne Ver⸗ wünſchungen, und ſelbſt ohne Klagen verbrennen. Als die Hand verbrannt war, begann das Zwicken mit glühenden Zangen; mit ihren eiſernen Kiefern entriß ihm das gräßliche Inſtrument das Fleiſch von den Armen, den Brüſten, den Schenkeln, dann goß man überall, wo eine blutige Wunde klaffte, geſchmolzenes Blei, kochendes Oel und Pech hinein. Bei jeder neuen Wunde, bei jedem neuen Brande hoͤrte man einen Schrei, und dann war Alles vorbei. Das waren nur die Vorbereitungen der Hinrichtung. Als dieſe Vorbereitungen vollbracht, wurde Damiens auf ein kleines Gerüſt von der Höhe der Stränge de Pferde gelegt, und das eng genug war, daß die außerſten Enden der Füße und der Hände darüber hinausgingen. Nun konnte die Menge ein abſcheuliches und unerwar⸗ tetes Schauſpiel genießen. So ſtark dieſe Pferde auch ſein —— — 48— mochten, käͤmpften die Muskeln und die Sehnen der menſchlichen Maſchine dennoch eine Stunde lang gegen ſie, drei Male unter der Peitſche fortgeriſſen, führte ſie Da⸗ miens drei Male zurück. Endlich durchſchnitt der Scharf⸗ richter mit Beilhieben die Hauptmuskeln, ein Bein wurde abgeriſſen, dann das andere, dann ein Arm, und der arme Sünder lebte immer noch; erſt bei dem Ausreißen des letzten Armes ſtarb auch endlich dieſer geſtaltloſe Rumpf. Und erſterbend nahm er ſein Geheimniß mit ſich in das Grab, wie es Ravaillac mit ſich genommen hatte, wie es Louvel mit ſich nehmen ſollte. Jedermann wurde daher auch der Mitſchuld an dem Morde beſchuldigt, die Janſeniſten, die Jeſuiten, die Parlamente, der Erzbiſchof von Paris, ſelbſt der Dauphin. Nach dieſer Hinrichtung ſandte der König einen gehei⸗ men Befehl an den Kriegsminiſter, Herrn von Argenſon, und einen andern an den Marineminiſter, Herrn von Machaut. Der Brief an Herrn von Argenſon war in folgenden Ausdrücken abgefaßt: „Ihr Dienſt iſt mir nicht mehr nöthig, ich befehle „Ihnen, mir Ihre Entlaſſung als Staatsſekretär des „Kriegsminiſteriums und alles deſſen einzuſenden, was die „damit verbundenen Stellen anbetrifft. „Hierauf werden Sie ſich auf Ihr Gut des Ormes „zurückziehen.“ Hier iſt der des Herrn von Machaut: „Die gegenwärtigen Umſtände nöthigen mich, die Sie⸗ „gel von Ihnen zurückzuverlangen und das Geſuch um Ent⸗ „laſſung von Ihrer Stelle als Staatsſekretär der Marine „zu fordern. Seien Sie immer meines Schutzes und mei⸗ „ner Achtung überzeugt; wenn Sie Gnaden für Ihre Kin⸗ „der zu verlangen haben, ſo können Sie es zu jeder Zeit „thun. Es wird angemeſſen ſein, daß Sie einige Zeit in „Arnouville bleiben. Ich erhalte Ihnen Ihren Jahrgehalt „von dreißig Tauſend Livres und die Ehrenbezeugungen „als Siegelbewahrer.“ Was war die Urſache dieſer Ungnade? Niemand wußte es, nur waren die Herren von Argenſon und von Machaut von parlamentäriſcher Abkunft, und, wie wir ge⸗ ſagt haben, hatte Damiens einen großen Fanatismus für die Parlamente an den Tag gelegt. Vielleicht hielten ſie auch, wie ehedem Herr von Mau⸗ repas zur Zeit der Verweiſung von Frau von Chateauroux, die Wunde des Königs für gefährlicher, als ſie es in der That war, und indem ſie ſich nach dem Befinden Seiner Majeſtäͤt erkundigten, vergaßen ſie ſich nach dem der Fa⸗ voritin zu erkundigen. Eine dritte Entſagung wurde gegen dieſelbe Zeit von dem Könige von Herrn von Rouillé verlangt; aber dieſer Sturz des Miniſters der auswaͤrtigen Angelegenheiten hatte einen andern Grund. Der Marquis von Paulmy, der Neffe des Herrn von Argenſon, erhielt die Stelle ſeines Onkels. Herr von Moras erhielt die des Herrn von Ma⸗ chaut. Ludwig der Fünfzehnte. 3. Band. 4 — 80— Und der Abbé von Bernis die des Herrn von Rouille. Vergeſſen wir bei alle dem nicht den Tod Fontenelle's anzuzeigen, des Aelteſten der Schriftſteller der Zeit und das Vorbild der Egoiſten aller Zeiten. Er war Hundert Jahre weniger einen Monat alt. 7 ˙8 III. Politik Englands.— Vertrag mit Rußland.— Herr von P'Hopital.— Herr von Valory.— Die vier großen Mächte. — Krieg gegen den König von Preußen.— Marſch Frie⸗ drichs.— Die Sachſen geſchlagen.— Lieder.— Erhebung von Truppen.— Die Herrn von Rohan, de Broglie, von Malllebois.— Die Verbündeten Frankreichs.— Schweden in dem Bunde.— Brief Voltaires.— Der Herzog von Cumberland.— Neapel und Spanien.— Canada.— Herr von Richelieu.— Uebereinkunft des Kloſters Seven.— Brief Friedrichs an den König von England und den Herzog von Richelien.— Antwort deſſelben.— Voltaire an Friedrich.— Kurzer Ueberblick des allgemeinen Krieges.— Friede von Paris.— Ein Blick auf die engliſche Macht.. Kaum ſah England den Krieg in Canada und in Indien angefangen, als es daran dachte, uns einen euro⸗ päiſchen Krieg zu erregen. 4. — 52— Zwiſchen England und Rußland beſtand ein Vertrag für den Fall, daß Frankreich Hannover überfallen ſollte, dieſe Lieblingsbeſitzung Georgs II. Ein Corps von fünf⸗ zig Tauſend Moscowiten ſollte bereit ſein, für den Dienſt Englands zu handeln; gegen dieſen Aufwand an Menſchen machte England, wie immer, einen Aufwand an Geld, und bezahlte der Kaiſerin von Rußland Hundert Tauſend Pfund Sterling im Voraus. Die Gewandtheit des Herrn Marquis von l' Hopital, unſers außerordentlichen Geſandten am ruſſiſchen Hofe, hob dieſen Vertrag auf. In ſeinen Hoffnungen auf dieſer Seite getäuſcht, wandte ſich England an Preußen. Es wurde am 16. Januar 1756 ein Vertrag zwiſchen den beiden Mächten unterzeichnet, und der Herr Marquis von Valorh, Geſandter in Berlin, meldete dem Könige bald, daß Friedrich, als Bundesgenoſſe des Londoner Ka⸗ binets, gegen Sachſen zu marſchiren im Begriffe ſtände. Gerade war eine Verſammlung in Wien beſchloſſen worden, in welcher vier große Mächte ihren Repräſentanten haben ſollten. Dieſe Repräſentanten waren: der Marſchall von Eſtrées für Frankreich, der Graf von Apraxin für Rußland, der Graf Daun für Oeſterreich und der Graf von Roſen für Schweden. Der Zweck dieſer Verſammlung war ein gemeinſchaft⸗ licher Feldzugsplan gegen den König von Preußen, wenn ſein unerſättlicher Ehrgeiz und ſein ewiger Durſt nach Er⸗ oberungen, trotz des weſtphäliſchen Friedens, nochmals den Frieden von Deutſchland ſtören ſollte; die vier Mächte rag lte, inf⸗ enſt hen eld, end tal, hob nte hen ſuis nige Ka⸗ e. ſſen nten hall für Braf aft⸗ denn Er⸗ den ichte ——. = 33— vereinigten ſich gegen ihn, vernichteten ihn unter einer ge⸗ meinſamen Anſtrengung und beſchränkten Preußen auf die alten Verhältniſſe des Churfürſtenthums Brandenburg. Aber während man berieth, faßte Friedrich ſeinen Ent⸗ ſchluß; er hatte achtzig Tauſend Mann unter den Waffen, während der Bund kein einziges Heer bereit hatte; ſechzig Tauſend Mann unter der Anfuͤhrung des Herzogs Ferdi⸗ nand von Braunſchweig rückten gegen Leipzig. Der Churfürſt von Sachſen, Friedrich Auguſt II., ſtieß zugleich einen Schrei der Ueberraſchung und der Noth aus. Er beſchwerte ſich bei dem Reichstage und bei dem Kaiſer. Er fragte, was dieſe entſetzliche Verletzung des deutſchen Rechtes bedeute, und in welcher Abſicht Preußen ſich Sach⸗ ſens ohne Kriegserklärung bemächtigte. Aber Friedrich antwortete mit jener Gutmuͤthigkeit, die man an ihm kennt, daß, wenn er Sachſen überfiele, es aus Furcht ſei, daß der Kaiſer ihm zuvor kommen möchte. Er kenne die Pläne der vier Mächte, ihre Bevollmächtigten wären gegen ihn in Wien verſammelt. Die Staaten, de⸗ ren er ſich bemächtigt hätte, ſeien ein Pfand, das ihm für die Unverletzbarkeit Preußens bürge. Einſtweilen umzingelte er das ſächſiſche Heer, nahm es gefangen, beraubte es ſeiner Montirung, ſeiner Maga⸗ zine und ſeiner Waffen, damit ſie nicht in die Hände des Feindes fielen, der ſich ihrer gegen ihn bedienen könnte. Er würde ſie am Ende des Feldzuges zurückgeben, wenn die Verbündeten, wie er es hoffte, liebenswürdig gegen ihn wären. — 54— Einſtweilen beſetzte er Dresden und Leipzig. Vielleicht wuͤrden ſich die Sachen ſo zutragen, daß er ſie behalten könnte. Preußen, dieſe große Schlange, deren Schwanz Thionville und deren Kopf Memel berührt, hat immer große Luſt gehabt, Sachſen zu verſchlingen. Lieder ziehen bei uns immer zuerſt ins Feld, und dies Mal ergriff es Partei für den Churfürſten von Sachſen. Bei uns iſt das Lied immer bereit, es ſchläft auf ſeinem Bogen und auf ſeinen Pfeilen, und wenn es erwacht, ſo trifft es. Man hatte Mandrin in Valence hingerichtet. Gegen das Völkerrecht hatten als Bauern verkleidete Freiwillige von Flandern ihn in Saint⸗Genis⸗Doſt, das heißt in einem Flecken von Savoyen gefangen genommen. Das hatte Ludwig XV. gethan, ohne zu ahnen, daß auch Napoleon eines Tages ein Gebiet verletzen würde, um ſich eines Prinzen ſeines Geſchlechts zu bemaͤchtigen, wie er eines verletzen ließ, um ſich eines Räubers zu bemächtigen. Das Lied nimmt ſeine Waffe, wo es dieſelbe findet. Was Friedrich gethan, war nicht die Folge einer Schlacht, es war das Werk eines Raͤubers; er möge es daher nicht übel nehmen, wenn man ihn mit einem Raͤuber vergleicht. Jedem nach ſeinen Werken. Faire pour ses sujets Un admirable code, Mais suivre en ses projets, Tout une autre méthode; — 35— Voilà d'un mandarin L'allure, Voilà d'un mandarin Le train. Lever force soldats, Les mener au pillage, Les payer en ducats Qu'on prend sur sou passage; Voilà d'un mandarin L'allure, Voilà d'un mandarin Le train. D'un ton doux et flatteur Dire aux gens que l'on pille, Qu'on est leur protecteur, La tournure est gentille! Voilà d'un mandarin L'allure, Voilh d'un mandarin Le train. Sans droit et sans raison Tenir en esclavage, D'une auguste maison Le plus précieux gage; Voilà d'un mandarin L'allure, Voilà d'nn mandarin Le train. — 56— A tout le genre humain Devenu méprisable, Au seul Anglais, enfin, Se rendre comparable; Voilà d'un mandarin L'allure, Voilà d'un mandarin Le train. (Für ſeine Unterthanen ein herrliches Geſetzbuch machen, aber in ſeinen Plänen eine ganz andere Methode zu befolgen; das iſt das Betragen eines Mandarins, das iſt das Verfahren eines Mandarins.— Viel Soldaten werben, ſie zur Plün⸗ derung führen, ſie mit Ducaten bezahlen, die man auf ſeinem Wege nimmt; das iſt ꝛc.— In einem freundlichen und ſchmei⸗ chelnden Tone den Leuten, welche man plündert, ſagen, daß man ihr Beſchützer iſt, die Wendung iſt artig! das iſt ꝛc.— Ohne Recht und ohne Grund von einem erlauchten Hauſe das koſtbar⸗ ſte Pfand in der Sleaverei halten; das iſt ꝛc.— Dem ganzen Menſchengeſchlechte verächtlich geworden, kurz ſich dem einzigen Engländer vergleichbar machen; das iſt ꝛc.) Frankreich konnte nicht mehr zurückweichen, die Ver⸗ pflichtungen gegen Sachſen und das deutſche Reich waren beſtimmt. Man brachte eine Armee von Hunderttauſend Mann auf die Beine, man benachrichtigte die vereinigten Niederlande, um ſich ihre Neutralität zu ſichern, daß die Gränzen Hollands gewiſſenhaft geachtet werden würden; man theilte ſie in drei Corps, man gab das Commando des einen Karl von Rohan, Prinzen von Soubiſe, das Commando des andern Victor Franz, Grafen von Brog⸗ lie, dem Sohne des alten Marſchalls; endlich das des dritten Ives Franz Desmarets, Grafen von Malllebois. Das war es nicht, was nöthig geweſen wäre, um mit einem Manne von der Größe Friedrichs zu kämpfen, aber der Marſchall von Sachſen, ſowie der Marſchall von Lowendahl waren geſtorben, Herr von Belle Isle war alt und ein Freund des großen Friedrich, Herr von Richelieu, der Mahon genommen hatte, hatte Mahon, wie er Alles nahm, mit einem Handſtreiche genommen; er hatte den Muth, der einen glänzenden Angriff ausführt, und nicht das kaltblütige Genie, das einen Feldzugsplan entwirft. Er war ein Obriſt der Mousquetaire und kein Feldherr. Man war genöthigt, ſich mit dem zu begnügen, was man hatte. Die öſterreichiſche Armee ihrerſeit, mit der wir unſere Bewegungen vereinigen ſollten, und die ruſſiſche Armee, welche ins Feld zog, um ſich mit uns zu verbinden, boten keine hohen Fähigkeiten, denen man die Leitung des Feld⸗ zugs blindlings überlaſſen konnte. Der Prinz Eugen war verſchwunden, und der Feldmarſchall Braun, ein Soldat, der ſich durch Verdienſt emporgeſchwungen hatte, hatte Piccolomini erſetzt. Die deutſche Schule folgte daher der von Savoyen und der italieniſchen Schule. 3 1 Außerdem war es eine geringe Armee, obgleich ſie in dem Kriege gegen die Türken einen großen Ruf erlangt hatte, und die als Truppen erſten Ranges nur die ungari⸗ ſchen Grenadiere, die böhmiſche Infanterie, die Kroaten, die Huſaren und die Panduren zählte, das heißt Alles, was nicht öſterreichiſch war. — 3538— Die Ruſſen ruͤckten mit achtzig Tauſend Mann unter der Anführung des Feldmarſchalls Grafen Apraxin heran, der unter dem Marſchall Münch, demſelben, den wir die Belagerung von Danzig haben leiten ſehen, ſeine erſten Feldzüge gegen die Türken gemacht hatte. Die ruſſiſche, von Peter I. gebildete Armee war zu jener Zeit das, was ſie noch heut zu Tage iſt, eine un⸗ ermeßliche gleichgültige Maſchine, auf welche ein geſchick⸗ ter Maſchiniſt immer rechnen kann, die nur auf Befehl ih⸗ res Anführers vorrückt und zurückweicht, die man zerſtoͤ⸗ ren kann, aber die zu beſiegen unmöglich iſt. Es iſt nicht genug, einen Ruſſen zu tödten, ſagte Napoleon, man muß ihn auch noch anſtoßen, damit er fällt. Sachſen hatte ſeiner Seits, wie wir geſagt ha⸗ ben, fuͤnf und dreißig Tauſend Mann, aber dieſe fünf und dreißig Tauſend Mann waren, wie wir gleichfalls ge⸗ ſagt haben, von dem Anfange des Feldzuges an umzin⸗ gelt, zerſtückelt und entwaffnet. Die Vorhuth der Coali⸗ tion war daher verſchwunden, indem ſie Friedrich den Lauf der Elbe überließ, an der er nach ſeinem Gefallen operiren konnte, und die wundervollen ſtrategiſchen Stel⸗ lungen von Pirna, von Dresden und von Leipzig. Schweden hatte ſeinerſeits ein Manifeſt erlaſſen, in welchem es meldete, daß es in ſeiner Eigenſchaft als Bürge des weſtphäliſchen Friedens ſich nicht enthalten könnte, ſeine Truppen auf das Gebiet des Königs von Preußen und auf das Gebiet des Herzogthumes Pom⸗ mern einrücken zu laſſen, um die verletzte Verfaſſung des — 59— deutſchen Reiches zu rächen, und um dieſen Fürſten zu zwingen, die geforderten Genugthuungen zu geben. Dem zu Folge hatte der König von Schweden, ver⸗ moͤge zweier ihm überſandter Millionen Subſidiengelder, dreißig Tauſend Mann aufgeſtellt, die beſtimmt waren, in Pommern zu operiren; alte und vortreffliche Truppen, bei denen die Ueberlieferungen Guſtaph Adolphs und Karls XII. noch lebendig waren. Friedrich ſah alſo gegen ſich und ſeine achtzig Tau⸗ ſend Mann Hundert und achtzig Tauſend, in drei Ar⸗ meen abgetheilte Franzoſen heranrücken; die Armee von Hannover, die geraden Weges gegen die engliſchen Be⸗ ſitzungen auf dem feſten Lande heranrückte; die Armee von Weſtphalen, welche Preußen auf ſeiner Seite be⸗ drohte, und die Armee von Schleſien, welche in Ueber⸗ einſtimmung mit den Oeſterreichern gegen Schleſien und Sachſen wirken ſollte. Achtzig Tauſend auserleſene Ruſſen, welche im Nor⸗ den und von der Seite angreifen ſollten. Hundert und vierzig Tauſend Oeſterreicher, Und dreißig Tauſend Schweden. Das heißt vier Mal Hundert und dreißig Tauſend Mann. Aber die Ueberzeugung von Jedermann, daß Frie⸗ drich mit ſeinem Genie und ſeinem an die erbliche Taktik ſo gewöhntem Heere nicht allein ſeinen Feinden Widerſtand leiſten, ſondern ſie ſelbſt beſiegen könnte, war ſo groß, daß Voltaire ihm im Oktober 1757 folgenden Brief ſchrieb, — — 60— welcher freilich der eines ziemlich ſchlechten Franzoſen, aber auch der eines guten Propheten iſt. „Sire, ich bin von Eurer Majeſtät mit unendlicher Güte „aufgenommen worden, ich habe Ihnen angehört, und „mein Herz wird Ihnen immer angehören. Mein Alter „hat mir meinen ganzen Eifer fuͤr alles das gelaſſen, was „Sie angeht, indem es ihn für alle Uebrige verringerte. „Ich bin wenig von den Angelegenheiten unterrichtet, aber nich ſehe nur, daß Sie mit der Tapferkeit Karls XII. „und mit einem dem ſeinigen weit überlegeneren Verſtande „bei weitem mehr Feinde zu bekämpfen haben, als er bei „ſeiner Rückkehr nach Stralſund hatte. Aber es gibt eine „ſichere Sache, nämlich, daß Sie weit mehr Ruf in der „Nachwelt haben werden, als er, weil Sie eben ſo viele „Siege über mehr Krieg gewohnten Feinde, als die ſeini⸗ „gen, davon getragen haben werden, und weil Sie Ihren „Unterthanen alle das Gute erwieſen haben, was er nicht „gethan hat, indem Sie die Künſte wieder belebt, Colonien „gegründet und die Städte verſchönert haben. Ich rechne „davon andere, ebenſo erhabene als ſeltene Talente, ab, „welche genügt hätten, Sie unſterblich zu machen. Ihre „größten Feinde können Ihnen keines dieſer Verdienſte rau⸗ „ben; Ihr Ruhm iſt daher unverletzbar.“ Freilich hatte Friedrich jenen ſchrecklichen Herzog von Cumberland zum Verbündeten, welcher, nachdem er die Schlacht von Fontenoy verloren hatte, wie Antäus hin⸗ gegangen war wieder Kräfte zu ſammeln, indem er den vaterländiſchen Boden berührte; dort haben wir ihn das Glück der Stuarts wie Glas zerbrechen ſehen, dann, als — 61— ſich der Prätendent entfernt, hatte er Schottland vernich⸗ tet, und zwar auf eine ſo harte Weiſe, daß er mit dem Beinamen des Bluthundes wieder auf das feſte Land zurückging. Seine Armee beſtand aus Hannoveranern und Heſſen, höͤchſtens fünfzehn bis zwanzig Tauſend Mann. Wie man ſieht, waren weder Neapel, noch Spa⸗ nien in die Frage gemiſcht; Neapel und Spanien hatten bei dieſem Streite zwiſchen Frankreich und England, der ganz die Seemacht betraf, nichts zu thun, aber mit Ausnahme dieſer beiden Maͤchte war die Hälfte der Welt im Feuer, da man ſich bereits an dem Sanct⸗Lorenz⸗ fluſſe, in dem Meerbuſen von Mexiko, in Madagascar, in Indien und in Senegal ſchlug, und man ſich an der Elbe, am Rheine und an der Moſel zu ſchlagen im Be⸗ griffe ſtand. Am 6. April 1757 begannen die Feindſeligkeiten, der Prinz von Soubiſe ſandte eine Abtheilung öſterreichiſcher Truppen ab, um ſich Cleves zu bemächtigen. Am 8. bemächtigte ſich eine andere Weſels; in acht Tagen war die ganze Provinz von Cleve und von Gel⸗ dern, mit Ausnahme der Stadt Geldern beſetzt. Blokirt, ergab ſich Geldern einige Tage ſpaͤter ohne Schwertſtreich, und am 23. Auguſt waren die preußiſchen Truppen, wel⸗ che das Herzogthum vertheidigten, gezwungen ſich anfangs nach Lipſtadt zurückzuziehen, genöthigt, es nochmals zu verlaſſen, und vereinigten ſich in Bielefeld mit den hannö⸗ veriſchen und heſſiſchen Truppen unter der Anführung des Herzogs von Cumberland. —— — 62— Mittler Weile kam der Marſchall von Eſtrées nach Weſel und übernahm das Commando der Armee. Die erſten Operationen des Marſchalls richteten ſich gegen den bei Bielefeld lagernden Herzog von Cumber⸗ landz durch ſeine Märſche und Gegenmärſche beunruhigte er ihn dermaßen, daß er fürchtete eingeſchloſſen zu wer⸗ den, wieder über die Weſer ging, um das Churfürſten⸗ thum Hannover zu vertheidigen, und gezwungen wurde die Schlacht von Haſtenbeck anzunehmen, die ihn nöthigte den Franzoſen die Stadt, das Churfürſtenthum Hannover und die Braunſchweigiſchen Staaten Preis zugeben. Am 28. Juli nahm der Marſchall von Eſtrées die Stadt Hameln, wo er drei und ſechszig Stück Kanonen fand, und wo er von der weſtphäliſchen Armee eingeholt wurde, die von dem Herzoge von Richelieu geführt ward, der als der älteſte Marſchall das Commando der beiden Corps übernahm. Der Marſchall hatte die Armee des Herzogs von Cumberland im vollen Rückzuge gefunden, er ließ ſeine Truppen ſich einen Augenblick lang ausruhen, dann machte er ſich auf die Verfolgung des engliſchen Generals, trieb ihn in das Fürſtenthum Verden, zog am 28. Auguſt in Verden ein, trieb die immer fliehenden Hannoveraner und Heſſen vor ſich her, bemächtigte ſich Bremens, nöthigte den Feind, ſich nach Stade zurückzuziehen und trieb ihn an das Meer. Dort, als der Herzog von Richelieu Alles, den eng⸗ liſchen Prinzen, die hannsveriſchen Truppen, die heſſi⸗ ſchen Soldaten erſäufen konnte, als fünf und zwanzig — 65— Tauſend Mann in dem Ocean verſchwinden konnten, un⸗ terzeichnete er am 10. September den Vertrag von Kloſter Seven, durch welchen der engliſche Prinz ſich unter der Bürgſchaft ſeiner Däniſchen Majeſtät verpflichtete, ſeine Hülfstruppen zu verabſchieden, mit dem Theile ſeiner Ar⸗ mee über die Elbe zu gehen, die er nicht in der Stadt Stade und in der Umgegend unterbringen könnte, der Be⸗ ſatzung der Stadt nicht zu erlauben, irgend eine feindſelige Handlung zu begehen, und endlich die franzöſiſchen Trup⸗ pen bis zu dem Frieden im Beſitze von Bremen und von Verden zu laſſen. Ueber ſolche Handlungen zögert die Geſchichte ein Urtheil zu fällen, aber das Volk, das nicht zögert, nannte den Pavillon, den Herr von Richelieu an der Ecke des Boulevards und der Straße Choiſeul bauen ließ, und in welchem er zwei Millionen verſchwendete, den Pavillon von Hannover. Aber ſo wie er am Ende war, und ſeine Ausfüh⸗ rung angenommen, machte uns dieſer Vertrag zum unum⸗ ſchränkten Herrn aller Staaten des Königs von England in Deutſchland, ſo wie auch derer ſeiner Verbündeten, und machte es uns möglich, mit Leichtigkeit der Kaiſerin und dem Kurfürſten von Sachſen neue Unterſtützungen zu⸗ zuführen, indem er uns zu gleicher Zeit einen Weg eröff⸗ nete, den Krieg in das Herzogthum Magdeburg zu ver⸗ legen. Trotz der Schlacht von Prag, welche der König von Preußen am 6. Mai gegen die von dem Prinzen Karl von Lathringen und den Marſchall von Brown comman⸗ — 64— dirten Oeſterreicher gewann, ſah der König von Preußen daher auch die mißliche Lage ein, in welcher er ſich be⸗ fand, und ſchrieb an den König von England: „Sire, ich habe ſo eben erfahren, daß von einem Neutralitäts⸗Vertrage für das Churfürſtenthum Hanno⸗ ver die Rede iſt; ſollte Eure Majeſtät ſo wenig Feſtigkeit und Beharrlichkeit haben, um ſich von einigen Unfällen niederſchlagen zu laſſen? Sind die Angelegenheiten ſo zer⸗ rüttet, daß man ſie nicht wieder herſtellen könnte? „Eure Majeſtät wolle auf den Schritt achten, den ſie die Abſicht hat zu thun und auf den, den ſie mich hat thun laſſen. Er iſt die Urſache der Unglücksfälle, die im Begriff ſtehen über mich hereinzubrechen. Ohne die ſchönen Verſprechungen, welche Eure Majeſtaͤt mir gemacht hat, hätte ich niemals auf das Buündniß mit Frankreich verzichtet. Ich bereue den Vertrag nicht, den ich mit Eurer Majeſtät geſchloſſen habe; aber ſie möge mich nicht feiger Weiſe der Gewalt meiner Feinde Preis geben, nach⸗ dem ſie alle Mächte Europas mir auf den Hals gezogen hat. Ich rechne darauf, daß Eure Majeſtät ſich der noch am 26. vorigen Monats wiederholten Verpflichtungen er⸗ innern wird, und daß ſie keinen Vergleich eingeht, ohne daß ich damit einverſtanden bin.“ In der That, die Lage Friedrichs war ſchwierig nachdem er am 6. Mai die Schlacht von Prag gewon⸗ nen, hatte er am 18. Juni die von Collin verloren, die ihn gezwungen hatte, am 20. die Belagerung von Prag aufzuheben. Sogleich hatte der Prinz Karl von Lothrin⸗ gen, indem er die Gelegenheit ergriff, einen Ausfall auf — die preußiſche Nachhut gemacht und ihr zwei Tauſend Mann getödtet. Außerdem war Friedrich auf ſeinem gan⸗ zen Wege durch die öſterreichiſchen Huſaren beunruhigt worden, eine Meute, die immer bereit iſt über den Feind herzufallen, der zurückweicht. Endlich hatte der mit dem Marſchall Daun vereinigte Prinz Karl ihn nach Verlauf von zwei Monaten gezwungen Böhmen zu räumen, wäh⸗ rend die ruſſiſche Armee, nachdem ſie am 5. Juli die Stadt Memel genommen, in das Herzogthum Preußen einzog, die Armee des Prinzen von Soubiſe gegen Sach⸗ ſen marſchirte und die Schweden ſich vorbereiteten Pom⸗ mern anzugreifen. Die Niederlage des Herzogs von Cumberland war daher der erſte, den Hoffnungen Friedrichs verſetzte Schlag; er ſchrieb daher auch zu derſelben Zeit, wo er an den König von England ſchrieb, an den Herzog von Richelieu: „Ich fühle, Herr Herzog, daß man Sie nicht auf „den Poſten, auf dem Sie ſich befinden, geſtellt hat, um „zu unterhandeln. Ich bin indeſſen feſt überzeugt, daß „der Neffe des großen Kardinals von Richelieu eben ſo ge⸗ neignet iſt um Verträge zu unterzeichnen, wie um Schlach⸗ „ten zu gewinnen. Durch eine Wirkung der Achtung, die „Sie ſelbſt denen einflößen, welche Sie nicht perſönlich „kennen, wende ich mich an Sie. Es handelt ſich um neine Kleinigkeit, mein Herr, Frieden zu ſchließen, wenn „man dazu geneigt iſt. Ich weiß nicht, welches Ihre „Verhaltungsvorſchriften ſind; aber in der Vorausſetzung, „daß durch die Schnelligkeit Ihrer Fortſchritte beruhigt, „der König, Ihr Herr, Sie in den Stand geſetzt hälte, Ludwig der Fünfzehnte. 3. Band. 5 * — 66— „daran zu arbeiten den Frieden in Deutſchland zu ſtiften, „ſende ich Ihnen Herrn Delchelet, zu dem Sie gänzliches „Vertrauen faſſen können. Der, welcher Statuen in Ge⸗ „nua verdient hat, der, welcher die Inſel Minorea trotz „unermeßlicher Schwierigkeiten erobert hat, der, welcher „auf dem Punkte ſteht Niederſachſen zu unterjochen, kann „nichts Glorreicheres thun, als daran zu arbeiten, Europa „den Frieden wiederzugeben. Das würde ohne Wider⸗ „ſpruch der ſchönſte Ihrer Lorbeeren ſein. Arbeiten Sie „daran, mein Herr, mit der Thätigkeit, welche Sie ſo „raſche Fortſchritte machen läßt, und ſein Sie überzeugt, „daß Ihnen Niemand ſo viel Dank dafür wiſſen wird, „Herr Herzog, als Ihr treuer Freund „Friedrich.“ Der Herr Herzog von Richelieu antwortete umgehend darauf: „Sire, welche Ueberlegenheit Eure Majeſtät auch in jjeder Art haben mag, ſo wäre vielleicht viel dabei für „mich zu gewinnen, eher zu unterhandeln, als gegen ei⸗ „nen Helden, wie Sie ſind, zu kämpfen. Ich glaube „außerdem, daß ich dem Könige, meinem Herrn, auf „eine Weiſe dienen würde, die er Siegen vorzöge, wenn „ich zu der Wohlthat eines allgemeinen Friedens beitragen „könnte; aber ich verſichere Eure Majeſtät, daß ich we⸗ „der Verhaltungsvorſchriften noch einen Begriff über die „Mittel habe, dazu zu gelangen. „Ich will einen Eilboten abſenden um Bericht über die Eröffnungen abzuſtatten, die Eure Majeſtät geruht 2 6 —— 2——— — 67— „hat mir zu machen, und ich werde die Ehre haben, Ihr „Antwort über die Angelegenheit zu ertheilen, über die ich „mit Herrn Delchelet übereingekommen bin. „Ich fühle, wie es ſich gebührt, den Werth der „ſchmeichelhaften Worte, welche ich von einem Fürſten er⸗ „halte, der die Bewunderung Europas ausmacht, und „der, ich wage es zu ſagen, noch mehr meine perſönliche verregt hat; ich möchte zum Mindeſten ſeine Güte ver⸗ „dienen koͤnnen, indem ich ihm bei dem großen Werke „diente, das er zu wünſchen ſcheint, und zu dem er „nglaubt, daß ich beitragen kann. „Ich möchte ihm vor allem Beweiſe der tiefen Ehr⸗ „furcht geben, mit der ich bin, u. ſ. w. „Richelieu.“ Alles das war indeſſen weit davon entfernt, Friedrich zu beruhigen. Der König von England antwortete ihm nicht, und die Antwort Richelieus war ausweichend. Be⸗ vor die Verhaltungsvorſchriften, welche Herr von Richelien erwartete, ihm von Verſailles zukamen, hatte ſich der Kreis, der Friedrich einſchloß, in dem Grade zugezogen, um ihn vielleicht zu erſticken. Wie Hannibal bei Zama, wie Cato bei Utica, wie Brutus bei Philippi, ſtieg daher auch der Gedanke des Selbſtmordes in ihm auf. Wie Hamlet verhandelte er über den Tod und das Leben, und in dieſem traurigen Geſpräche nahm er Voltaire zu ſei⸗ nem Horatio. Voltaire antwortete ihm: „Sire, Sie wollen ſterben! Ich ſage Ihnen nicht, 5* — 68— „welchen ſchmerzlichen Schauder dieſes Vorhaben mir ein⸗ „flößt. Ich beſchwöre Sie, zum Mindeſten zu ahnen, „daß Sie von der hohen Rangſtufe, auf welcher Sie „ſtehen, eben nicht recht ſehen können, welches die Mei⸗ „nung der Menſchen und welches der Geiſt der Zeit iſt. „Als König ſagt man es Ihnen nicht; als Philoſoph „und als großer Mann ſehen Sie nur die Beiſpiele der „großen Männer des Alterthumes. Sie lieben den Ruhm, „und Sie ſetzen ihn jetzt darin, auf eine Weiſe zu ſterben, „welche die anderen Menſchen ſelten wählen, und an die „ſeit dem Sturze des römiſchen Reiches keiner der Fürſten „Europas jemals gedacht hat. Ich füge hinzu, denn die „Zeit iſt gekommen, Ihnen Alles zu ſagen, daß Sie „Niemand für den Märthrer der Freiheit anſehen wird. „Man muß ſich Gerechtigkeit widerfahren laſſen, Sire, „Sie wiſſen, an wie vielen Höfen man Ihren Einzug in „Sachſen als eine Uebertretung des Völkerrechtes anſieht. „Was würde man an dieſen Höfen ſagen? Daß Sie an „ſich ſelbſt dieſen Einfall gerächt haben. Das, was ic „Eurer Majeſtät vorſtelle, iſt die Wahrheit ſelbſt. Der, „den ich den Salomo des Nordens genannt habe, ſagl „darüber auf dem Grunde ſeines Herzens noch mehr. Ein „Mann, der nur König iſt, kann ſich für ſehr unglücklik „halten, wenn er Staaten verliert; aber ein Philoſopt „kann Staaten entbehren. Dabei noch, ohne daß ich mit „in irgend einer Weiſe in eine Politik miſche, vermag it „nicht zu glauben, daß Ihnen nicht genug übrigbleibn „wird, um immer ein angeſehener Fürſt zu ſein. Waͤn „es der Mühe werth Philoſoph zu ſein, wenn Sie nic &☛ Eͤ—,—— e — 69— ein⸗ nals Privatmann zu leben wüßten, oder wenn, indem nen,„Sie Fürſt blieben, Sie nicht das Mißgeſchick zu ertragen Sie„verſtänden? Nei⸗„Glauben Sie mir, Sire, u. ſ. w. fii 1„Voltaire.“ der Das ſind die guten Gründe, welche Voltaire abgab; ähm, aber was Friedrich vor Allem zu leben beſtimmte, ſind ben, die ſchlechten Manöver, welche Herr von Soubiſe die machte. rſten Wie wir geſagt haben, bildete Friedrich durch die die Manöver der vereinigten Armeen den Mittelpunkt eines Sie großen Kreiſes, der ſich immer enger zuſammen zog, wie wird bei jenen Treibjagden in Indien, wo der König der Thiere Sir, ſich immer enger eingeſchloſſen befindet, und in einem be⸗ 13 1 ſtimmten Augenblicke kein anderes Mittel mehr hat, als ſieht einen Durchgang an dem am wenigſten mit Elephanten t an und mit Jägern beſetzten Orte zu ſuchen. Friedrich blickte 4 ii um ſich, berechnete, daß der von dem Prinzen von Sou⸗ Dm biſe und den unter ſeinen Befehlen ſtehenden franzöſiſchen ſag Hülfstruppen geſchloſſene Punkt der ſchwächſte ſei, daß es Ei dort Soldaten aller Provinzen Deutſchlands gäbe, Wür⸗ KcEli temberger, Baiern, Badenfer, daß die franzöſiſchen Sol⸗ ſoſt daten ihren Verbündeten nicht trauten, daß ⸗die Verbünde⸗ unt ten die Franzoſen verabſcheuten, daß der Prinz von Sou⸗ ag it biſe und der Fürſt von Sachſen⸗Hildburgl iferſü gi b id b ghauſen eiferſüch⸗ leiba tig auf einander wärenz daß ſich dort ſechszig Tauſend Win Mann befänden, aber uneinige, daß er fünf und dreißig nit Tauſend Mann hätte, aber einige und feſte; durch die — — 70— Franzoſen, die Würtemberger, die Badenſer und die Baiern wollte Friedrich durchbrechen, uͤber das Corps des Prinzen von Soubiſe und des Fürſten von Sachſen⸗Hild⸗ burghauſen wollte er gehen; die Schlacht, welche er lie⸗ fern würde, ſollte ſich die Schlacht von Roßbach nennen, und wie Malplaquet, Ramillies und Hochſtädt unter die Zahl unſerer großen Niederlagen gehören. Der Hof hatte ein großes Feſt, als man die Nach⸗ richt von der Niederlage bei Roßbach erhielt: die Dau⸗ phine hatte den Herrn Grafen von Artois geboren. Die beiden letzten Prinzen waren unter traurigen Vor⸗ bedeutungen geboren, der Herzog von Berry, welcher Ludwig XVI. werden ſollte, war während der Streitigkei⸗ ten des Parlaments und der Volksaufſtände auf die Welt gekommen, welche vierzig Jahre ſpäter ſich in eine Revo⸗ lution verwandeln ſollten. Der Graf von Artois, welcher Karl X. werden ſollte, war am Vorabende einer Niederlage geboren. Der Prinz von Soubiſe hatte ſich perſönlich als ta⸗ pferer Soldat benommen, wenn er auch die Fehler eines ſchlechten Feldherrn begangen hatte; der Letzte auf dem Schlachtfelde, hatte er drei Male mit dem Degen in der Fauſt angegriffen, endlich, als er nur noch zwei im Carrs aufgeſtellte Schweizerregimenter um ſich hatte, hatte er, aber vergebens, verſucht einen Rückzug zu unterſtützen, den die Flucht der Deutſchen bald in eine gänzliche Nie⸗ derlage verwandelte. Sein Muth verhinderte ihn nicht auf das Spöttiſchſte ̈ᷣ&—ͤ— — 71— beſungen zu werden; hier ſind zwei Epigramme unter Tauſenden: Soubise dit, la lanterne à la main, Pai beau chercher, où diable est mon arméer Elle était là pourtant hier matin, S'est-elle donc en allée en fumée? Je b'ai perdue et suis un étourdi, Mais attendons au grand jour, à midi. Que vois-je? ö ciel! ah! mon äme est ravie, Prodige keureux, la voilà, la voilà! Oh! ventrebler! qu'est-ce donc que cela? Je me trompais, o'est l'armée ennemie. (Soubiſe ſagt, die Laterne in der Hand, ich ſuche ver⸗ gebens, wo der Teufel iſt meine Armee? Sie war indeſſen ge⸗ ſtern Morgen hier, iſt ſie denn in Rauch aufgegangen? Ich habe ſie verloren und bin ein Unbeſonnener, aber warten wir bis zum hellen Tage, bis Mittag. Was ſehe ich? o Himmel! ah! meine Seele iſt entzückt, welch glückliches Wunder, da iſt ſie, da iſt ſie! O! Sapperment! was iſt denn das? Ich irrte mich, es iſt die feindliche Armee.) Das andere. En vain vous vous flattez, obligeante marquise, De mettre en beaux draps blancs le général Soubise, Vous ne pourrez laver à force de eredit La tache qu'à son front imprima la disgrace; Et quoique votre faveur fasse, En tout temps on dira ce qu'à présent on dit: Que si Pompadour le blanchit, Le roi de Prusse le repasse. — — 72— .(Vergebens, gefäͤllige Marquiſe, ſchmeicheln Sie ſich, den General Soubiſe in ſchöne weiße Tücher zu legen, durch all Ihr Anſehen vermögen Sie nicht den Makel abzuwaſchen, den das Mißgeſchick ſeiner Stirn aufgeprägt hat; und was Ihre Gunſt auch thun mag, man wird zu allen Zeiten das ſagen, was man jetzt ſagt: daß, wenn Pompadour ihn wäſcht, der König von Preußen ihn bügelt.) Von dieſem Augenblicke an ſprach der König von Preußen gegen Richelieu nicht mehr von Frieden, noch Voltaire von Selbſtmord. Außerdem war ihm eine unerwartete Hülfe gekom⸗ men. Der König Georg hatte ihm nicht geantwortet, aber er hatte ſich geweigert die zwiſchen dem Herzoge von Ri⸗ chelien und dem Herzoge von Cumberland unterzeichnete Uebereinkunft von Kloſter Seven zu ratificiren, und trotz dem Artikel der Uebereinkunft, der ſie bis zum Frieden unthätig machte, hatten die Hannoveraner die Waffen wieder ergriffen und waren in das Feld zurückgekehrt, wo⸗ durch dem Herzoge von Braunſchweig wieder ein pracht⸗ volles Heer erwuchs. Nun ſah Richelieu den Fehler ein, den er begangen hatte, und ſchrieb an den deutſchen Fürſten: 8 „Hoheit, „Obgleich ich ſeit einigen Tagen Bewegungen der han⸗ „növeriſchen Truppen bemerke, und daß ſie ſich in Corps „bilden, ſo habe ich mir doch niemals denken können, „daß der Gegenſtand dieſer Bewegungen wäre, die am „8. und 10. September zwiſchen Seiner Königlichen „Hoheit, dem Herzoge von Cumberland und mir, unter⸗ den all den Ihre gen, der von noch om⸗ aber Ri⸗ nete rotz den ffen wo⸗ icht⸗ gen han⸗ rps nen, am hen ter⸗ — 23— „zeichnete Uebereinkunft der Neutralität zu brechen. Die „wiederholten Nachrichten, welche mir von jedem Quartiere nüber die böſen Abſichten der Hannoveraner zugekommen „ſind, haben mir endlich die Augen geöffnet, daß ein ge⸗ „faßter Plan vorliegt, die Uebereinkunft zu brechen, die „geheiligt und unverletzlich ſein muß. Wenn aber Eure „Königliche Hoheit irgend eine feindliche Handlung begcht, „ſo werde ich die Sachen auf das Aeußerſte treiben; indem wich mich als berechtigt betrachte, ſo nach den Kriegsgeſetzen nzu handeln, werde ich alle Palaͤſte, königlichen Häuſer „und Gärten in Aſche verwandeln, ich werde die Städte „und die Dörfer plündern, ohne die kleinſte Hütte zu ver⸗ „ſchonen, mit einem Worte, dieſes Land wird alle Gräuel „des Krieges empfindenz ich rathe Eurer königlichen Hoheit, „das zu bedenken und mich nicht zu zwingen, eine der „Menſchlichkeit der franzöſiſchen Nation und meinem per⸗ „ſönlichen Charakter ſo widerſtrebende Rache zu nehmen.“ Da es uns unmöglich iſt, allen dieſen Umſtänden, ſo⸗ wohl des Krieges auf dem feſten Lande, als wie dem Kriege auf der See, zu folgen, ſo wollen wir die Daten und die Reſultate der hauptſächlichſten auf dem Lande und zur See gelieferten Schlachten angeben, welche die Epiſoden dieſes Kampfes bildeten, den der in Paris zwiſchen dem Könige von Frankreich, dem Könige von Spanien und dem Könige von England am 10. Februar 1763 unterzeichnete Frieden endigte, und dem der zwiſchen der Kaiſerin und dem Könige von Preußen in Hubertsburg in Sachſen am 15. Februar deſſelben Jahres unterzeichnete Frieden folgte. — 714—. Krieg auf dem feſten Lande und der ſiebenjährige Krieg. 8 1757. Schlacht von Liſſa oder von Lenshen, bei welcher Friedrich die Conföderirten ſchlug, die noch einmal ſo ſtark waren, als er, ihnen dreißig Tauſend Mann tödtete oder verwundete, in Folge welcher er Breslau und die aus zehn Tauſend Mann beſtehende Beſatzung der Stadt nahm. 1758. Schlacht bei Zorndorf, in welcher Friedrich zehn Tauſend Mann verlor, aber den Ruſſen zweiundzwan⸗ zig Tauſend verwundete und tödtete. 1758. Die Schlacht bei Hochkirch, bei welcher Daun gleichfalls Friedrich ſchlug, ihm zehn Tauſend Mann toͤdtete und ihm Hundert Kanonen nahm. 1759. Die Schlacht bei Kunnersdorf, bei welcher die Preußen anfangs Hundert Kanonen nahmen und am Ende ihre ganze Artillerie verloren. Jeder der Gegner verlor dabei zwanzig Tauſend Mann und kühmte ſich, ſie gewon⸗ nen zu haben.— 1759. Die Schlacht bei Maxen, bei welcher Daun achtzehn Tauſend Mann Preußen zwang, die Waffen zu ſtrecken. 1760. Die Schlacht bei Liegnitz, ein Meiſterſtück mi⸗ litäriſcher Taktik und Strategie, in welcher Friedrich von vier Armeen umringt, die ihn zugleich anzugreifen im Be⸗ griffe ſtanden, über eine von ihnen herfiel, ſie vernichtete und ſich frei machte. “ bei nal dt in⸗ ete ie — 25— 1760. Die Schlacht bei Torgau, die letzte, in wel⸗ cher Friedrich in Perſon commandirte. 1762. Die Schlacht bei Freiberg, von dem Prinzen Heinrich von Preußen gewonnen, und die den Feldzug von 4762 endigte. Der Seekrieg. Am 11. März 1756 bemächtigte ſich Herr Duchaffau mit der Atalante von 34 Kanonen des Warwick, ein engliſches Schiff von 64 Kanonen. Der Commandant von Aubigny blieb mit einem Schiffe von 56 Kanonen Zu⸗ ſchauer des Kampfes, indem er dem Ruhme des Herrn Duchaffau nichts nehmen wollte. Am 27. März 1756 nahmen die Franzoſen das Fort von Bull, in welchem die Engländer beträchtliche Vorräthe geſammelt hatten. Am 13. April 1756 ſegelte ein franzöſiſches Geſchwa⸗ der unter dem Commando des Herrn von Beauſſier nach Canada ab, es brachte Herrn von Montcalm dorthin, der das Commando der Truppen übernehmen ſollte. Am 17. April 1756 machten der Aquilon von vier⸗ zig Kanonen und die Fidéle von 24 Kanonen auf der Höhe von Rochefort ein engliſches Schiff von 56 Kanonen und eine Fregatte von 30 kampfesunfähig. Am 20. Juni 1756 erhoben ſich die Eingebornen ge⸗ gen die Engländer und verjagten ſie aus dem Fort Wil⸗ helm in Calcutta, und aus allen Niederlaſſungen, welche Am 16. Januar 1759 griffen die Engländer Marti⸗ nique an und wurden zurückgeſchlagen; vierzehn engliſche Schiffe gegen ſieben franzöſiſche Schiffe; der Centaur, der Temeraire und die Modeſte wurden genommen; der Ocean und der Redoutable wurden verbrannt. Am 10. September ſchlug Herr von Aché das engli⸗ ſche Geſchwader des Admirals Pocok und verproviantirte Pondichery, eilf Hundert Mann des Regiments Lally ſchlu⸗ gen ſiebzehn Hundert Engländer und vier Tauſend Einge⸗ borene, nahmen vier Stück Kanonen und zwei Munitions⸗ wägen. Am 17. Februar 1760 landete der Kapitaͤn Thurot, ein franzöſiſcher Korſar, in Irland, nahm Carrick, das er brandſchatzte; bei der Rückkehr von dem Zuge wurde er geſchlagen und getödtet. Am 17. September 1760, ein Jahr und zwei Tage nach dem Tode Montcalms, ergaben ſich die Stadt Mont⸗ réal und ganz Canada den Engländern. Am 10. Februar 1761 nahmen uns die Engländer Mahé an der Küſte von Malabar, dann am 7. Juni Belle⸗Isle⸗en⸗Mer. Am 3. November 1762 hörten die Feindſeligkeiten auf, und die Friedenspräliminarien wurden in Fontainebleau zwiſchen Frankreich, England, Spanien und Portugal unterzeichnet. Ein ſchimpflicher Frieden für Frankreich, in welchem es Acadien, Canada, die Inſeln des Cap Breton und alle anderen Inſeln und Küſten in dem Meerbuſen und dem N N NK — 759— Sanct Lorenzfluſſe, fünfzehn Hundert Meilen mit einem einzigen Federſtriche an England abtrat und verbürgte. Dagegen trat England an Frankreich die Inſeln Saint⸗ Pisrre und Miquelon ab, der Miſſiſſippi ſollte den beiden Nationen in Amerika zur Gränze dienen, mit Ausnahme der Stadt Neuorleans. Außerdem gab der König von England dem Könige von Frankreich Belle⸗Isle, Martinique, Guadeloupe, Ma⸗ rie Galante und la Déſirade in dem Zuſtande zurück, in welchem dieſe Inſeln vor der Eroberung waren. Frankreich trat ſeiner Seits England die Inſel Gre⸗ nada und die Grenadinen ab. Die neutralen Inſeln Sanct Vincent, Domingo und Tabago ſollten den Engländern bleiben. Die Inſel Saint⸗Lucie und die Inſel Goréa wurden Frankreich zurückgegeben, welches an Großbritannien das Ufer des Senegals mit den Forts und Factoreien von Louis, Podor und Galam abtrat und verbürgte. In Oſtindien gab England alle Forts und Factoreien an Frankreich zurück, welche es im Jahre 1759 dafelbſt beſaß; dagegen gab Frankreich alle ſeit dieſer Zeit gemach⸗ ten Erwerbungen zurück. Die Inſel Minorca und das Fort Saint Philipp wurden England zurückgegeben. Frankreich gab alle die Länder zurück, welche dem Churfürſten von Hannover und anderen Fürſten des deut⸗ ſchen Reiches gehörten. England gab Spanien die Inſel Cuba mit dem Platze Havanna zurück. ſie an der Küſte von Bengalen beſaßen. Der Verluſt der Englaͤnder wurde auf fünfzig Millionen geſchätzt. Am 12. Juli 1756, die Wegnahme des franzöſiſchen Schiffes, der Arc⸗en⸗Ciel, auf der Höhe von Louis⸗ burg durch ein engliſches Geſchwader. Am 14. Auguſt 1756 bemächtigte ſich Herr von Montcalm der Forts Oswego, Ontario und Georges; der Verluſt der Engländer war ſechszehn Hundert Mann Ge⸗ fangene, ſieben Kriegsſchiffe, zwei Transportſchiffe, 150 Stück Kanonen, ein unermeßlicher Park von Kriegsmuni⸗ tion und Lebensmitteln; dieſer glückliche Erfolg gebührte beſonders dem Muthe des Herrn Rigaut von Vaudreuil, welcher, indem er mit ſeinen Canadiern durch den Choua⸗ gan ſchwamm, die Verbindung der Forts Georges und Oswego abſchnitt. Herr von Montcalm verlor bei dieſem ganzen Unternehmen nur ſechs Mann. Zwei Tage nachher tödtete Herr von Villers, der Bruder des Herrn von Jumonville, deſſen Mord dieſem blutigen Kriege das Thor geöffnet hatte, den Engländern vier Hundert Mann, und nahm ihnen achtzig Gefan⸗ gene ab. Am 19. Januar 1757 wurde der Admiral Bing, der abgeſandt worden war, Minorca zu Hülfe zu kommen, und der, wie wir geſehen haben, in ſeinem Auftrage ſchei⸗ terte, vor Gericht geſtellt, zum Tode verurtheilt und hin⸗ gerichtet. Am 11. Februar 1757 zerſtörte Herr von Kerſaint mehrere engliſche Niederlaſſungen an der Küſte von Afrika. 7— Am 21. Mai 1757 verbrannte Herr von Vaudreuil die engliſchen Magazine an dem See du Saint⸗Sacrement, und zerſtörte vier Brigantinen von 10 Kanonen, zwei Ga⸗ leeren und drei Hundert und fünfzig Transportſchiffe. Am 10. Mai 1757 mit fünf Hundert Mann Truppen in Canada angekommen, verproviantirte Herr Dubois de la Motte Quebeck und Louisburg wieder. Am 9. Auguſt 1757 nahm Herr von Montcalm das Fort William⸗Henrh, das zwei Tauſend fünf Hundert Mann Beſatzung hatte. Am 21. October 1757 ſchlug Herr von Kerſaint vor Sanct Domingo fünf Schiffe und vierzig engliſche Kor⸗ ſaren in die Flucht und begleitete eine Handelsflotte nach Frankreich, welche dieſe nehmen wollten. Am 11. Februar 1758 fiel Herr Duquesne, der An⸗ führer des Geſchwaders, mitten unter die engliſche Flotte, die aus ſechszehn Schiffen und fünf Fregatten beſtand; er wurde zum Gefangenen gemacht. Vom 1. Mai bis zum 4. Juni 1758 bemäͤchtigte ſich Herr von Lally, Generallieutenant in Indien, der Forts Gondelour, Sanct⸗David und Divicotay. Am 5 Juli 1758 ſchlug Herr von Montcalm, mit ſechs Tauſend Franzoſen bei Ticodéronga verſchanzt, acht und zwanzig Tauſend Engländer, tödtete ihnen vier Tau⸗ ſend Mann und den General Howe. Am 1. September 1758 landeten die Englaͤnder an der Küſte der Bretagne, Herr von Aiquillon zwang ſie, ſich wieder einzuſchiffen, und nahm ſieben Hundert Mann von ihnen gefangen. = 86— Endlich traten die Spanier den Engländern Florida, das Fort Saint⸗Auguſtin und die Bai von Penſacola ab. Von dem Frieden ſchreibt ſich der coloniale Verfall Frankreichs und die Vergrößerung Englands her; von dem Frieden in Paris an ſollte dieſes nicht mehr in ſeinen An⸗ maßungen ſtehen bleiben, die es unter den europäiſchen Wirren verfolgte; jeder Krieg, den das Kabinet von Saint⸗ James anſtiftete, würde ihm eine Milliarde koſten; aber es würde ihm einen Hafen, eine Inſel, ein feſtes Land eintragen; nicht allein gehörte ihm die bekannte Welt an, ſondern es ſollte auch noch die unbekannte Welt ihm ge⸗ hören, und in Hundert Jahren wird es, eine ungeheure Seeſpinne, ſein Netz an den fünf Welttheilen angehängt haben. Ju Europa würde es beſitzen: Helgoland.* 8 In Aſien die Stadt Aden, welche das rothe Meer beherrſcht, wie Gibraltar das mittelländiſche Meer. In den indiſchen Meeren Ceylon, die große Halb⸗ inſel Hindoſtan, Nepaul, Lahore, Lind, Beloutchistan und Caboul. In dem Golf von Bengalen, die Inſeln Singapore, Sinaap und Sumatra. Hundert und fünfzig Tauſend Meilen Land, das Hundert und fünfzig Millionen Menſchen ernährte. In Auſtralien, die Hälfte von Auſtralien, Van Die⸗ mensland, Neuſeeland, Norfolk, Hawai und das Gene⸗ ralproteckorat von Polnhneſien. In Afrika, Bathurſt, die Inſeln Léon, Sierra⸗Leona, — 81— einen Theil von der Küſte von Guinea, Fernando⸗Rio, die Inſeln de l'Ascenſion und Sanct Helena, die Colonie des Cap, den Hafen Natal, Moritz, Rodrigo, die Echellen und Socotora. In Amerika, Canada, das nördliche feſte Land von der Bank von Newfoundland bis an die Mündung des Fluſſes Mackenzie, faſt alle Antillen, Trinidad, einen Theil von Guhana, die Malouinen, Baliſe und die Bermuden. Heut zu Tage hat es für Alles geſorgt und iſt zu Allem bereit. Vielleicht wird es eines Tages den Iſthmus von Panama durchſtechen. Es hat Baliſe, eine Schildwache, welche erwartet. Vielleicht wird es den Iſthmus von Suez eröffnen. Es hat Aden, einer auf dem Poſten ſtehende Schild⸗ wache. Die Durchfahrt von dem mittelländiſchen Meere nach dem indiſchen Meere wird ihm gehören. Die Durchfahrt von Mexiko nach dem nördlichen gro⸗ ßen Ocean wird ihm gehören. Dann wird es in einem Schranke der Admiralität den Schlüſſel von Indien und den Schlüſſel von Auſtra⸗ lien haben, wie es bereits den des mittelländiſchen Meeres hat. Das iſt nicht Alles; durch ſeinen Titel als Protector der joniſchen Inſeln wirft es an dem Ausgange des adria⸗ tiſchen Meeres und an dem Eingange des ägeiſchen Mee⸗ res die Anker; es ſetzte einen Fuß auf das Land der ehe⸗ maligen Epiroten und der modernen Albaneſen. Wenn Ludwig der Fünfzehnte. 3. Band. 6 — 32— Irland ihm ſeine Bauern, Schottland ſeine Bergbewohner verweigern wird, wenn die Menſchenmärkte, welche die deutſchen Fürſten halten, ſich für daſſelbe ſchließen werden, ſo wird es unter den Völkerſchaften des alten Epirus und des alten Peloponnes werben; es wird ein Geſchwader bei Corfu haben, das in einigen Tagen nach den Dardanellen kommen kann; es wird eine Armee in Cephalonien haben, die in einer Woche auf dem Gipfel des Hämus ſein wird, von dort aus wird es in Griechenland dem ruſſiſchen Ein⸗ fluſſe die Wage halten, und einige bewaffnete Schiffe wer⸗ den ihm genügen, um den Handel des ganzen öſterreichi⸗ ſchen Uferlandes zu zerſtören. So hatte das Bündniß mit Maria Thereſia, indem es uns den Krieg von Canada zuzog, nicht allein die Ge⸗ genwart gefährdet, ſondern auch noch die Zukunft mit hin⸗ eingezogen. Man hatte dabei an Geld ausgegeben: Deſterreich drei Hundert Millionen.⸗ Frankreich ſieben Hundert. England ſechs Hundert. Preußen vier Hundert. Rußland drei Hundert fünfzig. Sachſen achtzehn. Im Ganzen zwei Millarden ſechs Hundert Millionen. Man hatte an Soldaten verloren: Frankreich zwei Mal Hundert fünfzig Tauſend Mann. Preußen zwei Mal Hunderttauſend. Oeſterreich Hundert fünfzig Tauſend. Rußland Hundert zwanzig Tauſend. ————— — 83.— England ſechzig Tauſend. Das deutſche Reich dreißig Tauſend. Der Krieg von 1741, der neun Jahre gedauert hatte, und der ſich erhoben hatte, weil Friedrich Maria Thereſia Schleſien hatte nehmen wollen, hatte bereits das Doppelte an Geld gekoſtet, ſowie das Doppelte an Menſchenleben. So hatte Italien, Deutſchland, die Niederlande, das mittelländiſche Meer, Canada, Indien, Europa„ Amerika, Aſten ſich während ſechszehn Jahren unter einander er⸗ mordet, weil es in Deutſchland einen Mann, Namens Friedrich, gab, der Soleſien haben wollte, und eine Frau, Namens Maria Thereſia, welche nicht wollte, daß er es hätte, weil es in Frankreich einen ſchwachen König gab, der ſich in ihre. Streitigkeiten hineinziehen ließ; weil es endlich bei dieſem Könige eine Frau von Pompadour gab, welche, im Einverſtändniſſe mit einer Kaiſerin, die ſie ihre Couſine nannte, einem Abbé, Namens Bernis, einen ro⸗ then Hut, und einem Manne, Namens Graf von Stain⸗ ville, ein Herzogthum und eine Pairswürde verſprochen hatte. Sehen wir jetzt, was ſich während dieſes Krieges, der unſere Blicke in drei Welttheilen herumirren ließ, in Frankreich zugetragen hat. IV. Herr von Bernis.— Sein Vermögen.— Er will das öſter⸗ reichiſche Bündniß verlaſſen.— Frau von Pompadour un⸗ zufrieden.— Herr von Stainville Choiſeul.— Sein Be⸗ nehmen dem Kardinal von Bernis gegenüber.— Zurücktritt des Kardinals.— Gunſt des Herrn von Choiſeul.— Er iſt zum Herzog ernannt.— Witz Friedrichs.— Herr von Bernis verbannt.— Benehmen des Herrn von Choiſeul.— Frau von Pompadour und die Königin.— Die Marquiſe hält ihre Oſtern.— Spaltung zwiſchen den Jeſuiten.— Der Dauphin.— Seine Verbannung nach Meudon.— Das Parlament.— Religiöſe Uebungen des Dauphin.— Die Familie Choiſeul.— Thronbeſteigung Peter III.— Katha⸗ rina II.— Ruſſiſche Macht⸗ Der Abbé von Bernis, der von dem Bonudoir der Frau von Pompadour aus mit dem öſterreichiſchen Mini⸗ +‿ N A N R— ₰— ſterium den Vertrag vom 1. Mai 1756 unterhandelt und abgeſchloſſen hatte, war am folgenden 11. Januar zum Geſandten in Wien ernannt worden, um ihn zu befeſtigen; dann, als Alles vollbracht, war er nach Paris zurückge⸗ kehrt, am 2. Januar 1757 in den Rath zugelaſſen, und im Monat Juni zum Miniſter der auswärtigen Angelegen⸗ heiten erklärt worden. Der Vertrag von 1756 war die Quelle dieſer Gunſt geweſen, ein Kardinalshut ſollte die Belohnung deſſelben ſein, und für zwei katholiſche Mächte, wie Frankreich und Oeſterreich, war eine einfache Ernen⸗ nung zum Kardinal nicht ſchwer zu erlangen. Außerdem war der Abbs von Bernis, obgleich ein Feind der Jeſuiten und ziemlich wenig Philoſoph, nicht fremd an der Erhebung des Venetianers Bezzonico gewe⸗ ſen, der zu dem päpſtlichen Stuhle gelangt, den Namen Clemens XIII. annahm. Nachdem er im Juni 1757 zum Miniſter der auswär⸗ tigen Angelegenheiten ernannt worden, war er am 2. Fe⸗ bruar 1758 zum Commandeur des heiligen Geiſtordens ernannt worden, und gegen das Ende deſſelben Jahres hatte er endlich den Kardinalshut erhalten. Um den Aufwand aller dieſer neuen Würden und des Grafentitels zu beſtreiten, den der König hinzugefügt hatte, war es nöthig geweſen, dem neuen Kardinal ein Vermögen auszuſetzen. Dem zu Folge hatte der König ihm einen Jahrgehalt auf ſeine Schatulle, eine Wohnung im Louvre und einen Platz in dem Adelskapitel von Lyon gegeben; im Jahre 1755 fügte er die Abtei von Sanct Arnolph, im Jahre 1756 die Abtei Sanct Medardus von Soiſſons, 2 im Jahre 1757 das Priorat der Charits, und endlich im Jahre 1758 die Abtei des Trois⸗Fontaines hinzu. Aber ſobald er Graf, ſobald er Miniſter, ſobald er Kardinal, ſobald er reich war, begann der Abbs auch zu bemerken, daß das Bündniß mit Oeſterreich eine verhäng⸗ nißvolle Sache, und daß der ſiebenjährige Krieg, der die Folge davon geweſen war, nicht allein verderblich für Frankreich, ſondern auch noch für ſeine Volksthümlichkeit ſei; er verſuchte daher den Frieden zu unterhandeln, müßte man auch, um dazu zu gelangen, das öſterreichiſche Bünd⸗ niß aufgeben. Das war nicht das, was Frau von Pompadur wollte; von dem Augenblicke an, wo ſie in dem Kardinal nicht mehr ihren erſten Commis ſah, ſah ſie daher auch in ihm einen Mann, den man ſtürzen müſſe. Nun aber war unſer Geſandter in Wien Herr von Stainoille⸗Choiſeul, der Sohn des Herrn von Stainville, des Geſandten des Großherzogs von Toscana. Er hatte in der Armee des Herrn von Noailles gedient, in welcher er die Stelle eines Generalmajors der Infanterie bekleidete. Er war ein Mann von nicht ſehr angenehmem Geſicht, aber geiſtreich, beſaß einen übermäßigen Ehrgeiz und einen hinlänglich kühnen Charakter, um ſeinen Ehrgeiz zu be⸗ haupten. Er affectirte wenig Strenge für jene Grundſätze, welche die Politik und die Diplomatie unter die alltäglichen Tugenden reihen, und ſchien begieriger Furcht, als Ach⸗ tung einzuflößen. Der Abbé von Bernis wandte ſich an ihn, um zu — 32— dem friedlichen Zwecke zu gelangen, den er an die Stelle ſeiner erſten Politik hatte treten laſſen. Herr von Choiſeul ſchwankte nicht zwiſchen dem Kar⸗ dinal von Bernis und der Frau von Pompadour, mit der er in directem Briefwechſel ſtand; er theilte die De⸗ peſchen des Kardinals von Bernis Maria Thereſia mit, indem er ihr den Miniſter der auswärtigen Angelegenhei⸗ ten als einen gefährlichen und entmuthigren Mann vorſtellte, dem zu Folge als einen Mann, den man von ſeiner Stelle fortjagen müßte; Maria Thereſta, welche in Herrn von Choiſeul einen ſo guten Oeſterreicher fand, zögerte nicht, ihm das Miniſterium des Kardinals von Bernis zu verſprechen, deſſen Verabſchiedung in Wien beſchloſſen war, bevor Ludwig Xv. nur ahnete, daß das Anſehen ſeines Miniſters erſchüttert wäre. Der Kardinal von Bernis ſah bald, was gegen ihn angeſponnen wurde. Er war ein Mann von viel Ver⸗ ſtand, welcher einſah, daß er Frau von Pompadour, Ma⸗ ria Thereſia und Herrn von Stainville⸗Choiſeul nicht die Spitze bieten könnte; er bot dem zu Folge ſeine Ent⸗ laſſung zu Gunſten dieſes letzteren an; die Entlaſſung wurde angenommen, Herr von Choiſeul von Wien zurück⸗ berufen und zum Herzoge erhoben, wie der Abbé von Bernis zum Kardinal gemacht worden war. Das ließ Friedrich ſagen: „Man hat den Abbé von Bernis dafür, daß er einen Fehler begangen, zum Kardinal gemacht, und man hat ihm ſein Miniſterium genommen, weil er ihn wieder gut machen wollte.“ — 88— Aber das war nicht genug, denn der Kardinal war in dem Rathe geblieben, und fuhr fort, in ihm den Frie⸗ den, als das einzige Mittel, zu unterſtützen, das fähig wäre, Frankreich aus der Lage zu ziehen, in welcher es ſich befände; Maria Thereſia fuhr daher auch fort, gegen ihn zu proteſtiren. Der Herzog von Choiſeul und Frau von Pompadour bereiteten einen Verbannungsbrief vor, den ſie dem Könige vorlegten und den der König unter⸗ zeichnete.— Indem er ſich Bernis entledigte, wurde Herr von Choiſeul, der bereits ſo ziemlich Miniſter war, Pair; er bezahlte ſeine Schulden, bereicherte ſich, beförderte ſeine Familie, und ſicherte der Frau von Pompadour jenes Fürſtenthum Neufſchatel, nach welchem ſie nicht aufgehört hatte, ihre Augen zu richten, und in welchem ſie für den Fall, daß der König ſterben ſollte, allein eine ſichere Zu⸗ fluchtsſtätte gegen die Feindſchaft des Dauphins ſah. Die arme, 38 bis 39 Jahre alte Frau ahnete nicht, daß ſie ihm in das Grab vorausgehen würde. Im acht⸗ zehnten Jahrhunderte ſtarben die Maitreſſen der Könige jung. Als der Herr Kardinal von Bernis verabſchiedet war, blieb Herr von Choiſeul, ein Lothringer von Geburt und beſonders von Charakter, der Sohn eines Vaters, der Ge⸗ ſandter des Kaiſers geweſen war, und der in dieſer Eigen⸗ ſchaft von Oeſterreich penſionirt war, gänzlich Oeſterreicher an dem Hofe von Frankreich. Zu der Gewalt gelangt, ſah Herr von Choiſeul ein, daß er, wie er zwiſchen Frau von Pompadour und dem — 89— Dauphin gewaͤhlt hatte, zwiſchen den Jeſuiten und dem Parlamente wählen müßte. Zwiſchen der Favoritin und dem Dauphin hatte Herr von Choiſeul ſich für die Favoritin entſchieden. Um conſequent zu ſein, mußte er ſich für das Parla⸗ ment gegen die Jeſuiten entſcheiden. Zu erklären, wie er ſich in dieſer Nothwendigkeit be⸗ fand, und wie Frau von Pompadour dazu gebracht war, dieſen Orden als ihren Feind zu betrachten, und dem zu Folge gegen ihn zu kämpfen, wäre wieder ein Beiſpiel der kleinen Urſachen, welche große Wirkungen herbeiführen. Im Jahre 1745 war Frau von Pompadour vorge⸗ ſtellt worden; Marquiſe geworden, wollte ſie im Jahre 1746 Palaſtdame der Königin werden. Wie man begreifen wird, ſchien es ſchwer, daß die Königin dieſe Vorſtellung annehmen würde; ſie war in⸗ deſſen ſo gütig, den Launen ihres königlichen Gatten ſo vollkommen gehorſam, daß die Herzogin von Luynes es übernehmen wollte, die Bitte der Frau von Pompadour der Königin zu Füßen zu legen. Die Königin antwortete, daß die Stellen als Palaſt⸗ dame alle beſetzt oder verſprochen wären. — Nun denn, beharrte Frau von Pompadour, laſſen Sie Ihrer Majeſtät wiſſen, daß ich mich für ſehr geehrt halten würde, als Ueberzählige einzutreten. Frau von Luynes legte dieſes neue Geſuch der Köni⸗ gin vor, und kehrte dann zu der Favoritin zurück. — Nun denn? fragte dieſe nochmals. — Nun denn, antwortete Frau von Luynes, Ihre = 90— Majeſtaͤt wuͤnſcht in ihrem Hofſtaate die beſtehende Vor⸗ ſchrift zu erhalten. — Welches iſt dieſe Vorſchrift? fragte Frau von Pompadour. — Sie beſteht darin, daß die Damen oft zur Beichte und zum Abendmahle gehen, und daß ſie zum Mindeſten ihre Oſtern halten, eine gleichfalls in dem Hofhalte der Frau Dauphine beobachtete Vorſchrift. — Ei, ſagte Frau von Pompadour, ich halte meine Oſtern. — Die Königin glaubt es, antwortete Frau von Luy⸗ nes, obſchon das Publikum nicht davon überzeugt iſt. Wäre es möglich, daß es das Publikum glaubt, wie die Königin glaubt, dann würde die Königin mit Vergnügen ihre Einwilligung geben. Heinrich IV. hatte geſagt:„Paris iſt wohl eine Meſſe werth,“ Frau von Pompadour:„Die Stelle als Palaſtdame iſt wohl die Beichte und das Abendmahl werth.“ 1 Nur beging Frau von Pompadour einen großen Feh⸗ ler. So bekannt ihr auch die Angelegenheit des Vaters Peruſſeau und der Frau Chateauroux hätte ſein ſollen, wandte ſie ſich dennoch an die Jeſuiten, um von ihnen die Beichte und das Abendmahl zu erlangen. Das war eine wichtige Angelegenheit für den Orden, Frau von Pompadour zur Beichte zu hören; es fand da⸗ her auch eine Spaltung bei den guten Vätern ſtatt, die ſich in zwei Parteien theilten. Eine nachſichtige Partei, welche wollte, daß man Frau — 91— von Pompadour einfach und ohne Bedingung zur Beichte hoͤre und ihr das Abendmahl ertheile. Aber die andere Partei der wahren Jeſuiten, welche Frau von Pompadour nicht liebte, welche ihre Grundſätze nicht liebte, welche ihre Philoſophen nicht liebte, welche den Abbé von Bernis nicht liebte, beſchloß, ihr jede Abſolution zu verweigern, ſo lange, als ſie an dem Hofe und bei dem Könige bleiben würde. Indem ſie die zweite Partei annahmen, verweigerten die Jeſuiten dem zu Folge der Frau von Pompadour die Abſolution und das Abendmahl. Daher rührte der Haß der Favoritin gegen den Or⸗ den, welche, als ſie im Jahre 1755 ihre Macht vollkom⸗ men befeſtigt ſah, mit dem Abbé von Bernis die Auswei⸗ ſung des Ordens beſchloß. Als dieſer Beſchluß gefaßt, waren die Jeſuiten, die überall Spione hatten, faſt ſogleich davon unterrichtet; ein Abſchreiber, gegen den man kein Mißtrauen hatte, ſtattete dem Rector des Hauſes Saint⸗Antoine von Paris Berichte über alles das ab, was er in dieſer Beziehung erfuhr. Inzwiſchen, mit oder ohne Beichte, war die Königin genöthigt geweſen, nachzugeben, und auf den Befehl Lud⸗ wigs XV. war ſie am 8. Februar 1757 als überzählige Palaſtdame vorgeſtellt worden.. Einer der Achtungsbeweiſe dieſer Vorſtellung war, von dem Dauphin umarmt zu werden. Von ſeinem Vater ge⸗ zwungen, umarmte der Dauphin die Favoritin; aber indem er ſich wieder umwandte, nachdem er ſie umarmt hatte, ſtreckte er die Zunge heraus. — 92— Eine gute Seele, welche in einem Spiegel die Hand⸗ lung des Dauphin überraſcht hatte, hinterbrachte ſie der Frau von Pompadour, die ſich auf der Stelle über dieſe Beleidigung bei dem Könige beklagte, indem ſie ihn über⸗ redete, daß der Dauphin, indem er in der Achtung gegen ſeine Geliebte gefehlt, auch gegen ihn ſelbſt darin gefehlt hätte. Auf der Stelle befahl der König dem Dauphin ſich nach Meudon zu begeben und dort zu bleiben. Die Kö⸗ nigin und die Miniſter verſuchten nun den König zu be⸗ ſänftigen, aber der König war unerbittlich. Die Nachricht von dieſer Verbannung und der Grund, der ſie verurfacht hatte, gelangten vor das Parlament; das erzürnte Parlament verlangte nur eine Gelegenheit, um jenes dumpfe Murren hören zu laſſen, welches im⸗ mer das Volk erweckt, ſo feſt es auch eingeſchlafen ſein mag. 1 Herr von Maupeou ging zu dem Könige und machte ihm Vorſtellungen über die Verbannung eines Prinzen, der weniger dem Könige, als dem Staate angehöre, deſ⸗ ſen Fürſt er eines Tages werden ſollte. Der König wil⸗ ligte in die Rückkehr ſeines Sohnes, aber unter der Be⸗ dingung, daß er es in Abrede ſtelle, gegen Frau von Pompadour die Zunge ausgeſtreckt zu haben. Der Dau⸗ —— phin ſtellte es in Abrede, die Zunge ausgeſtreckt zu ha⸗ ben, kehrte an den Hof zurück, aber war darum doch der erbittertſte Feind der Favoritin. Das iſt es, warum Herr von Choiſeul, indem er ſich für die Favoritin erklärte, ſich gegen den Dauphin — 2½£☛*☛—— 2☚ — 93— erklärte, und indem er die Partei des Parlamentes er⸗ griff, den Jeſuiten den Krieg erklärte. Was die Shmpathie des Dauphins für den Orden anbetrifft, ſo konnte man darüber nicht in Zweifel ſein. Der König war benachrichtigt worden, daß der Dau⸗ phin nicht allein ſeine Pflichten als Chriſt mit großer Pünktlichkeit erfüllte, und da Ludwig XV. im Grunde des Herzens religiös geſinnt war, ſo fand er es gut, daß dieſer Prinz ſo handelte, aber es war ihm auch noch ge⸗ ſagt worden, daß ſein Sohn täglich Matines und Laudes wie ein Dorfpfarrer herſagte, und er hatte ihm Vor⸗ würfe über dieſes Uebermaß von Frömmigkeit gemacht. Der Dauphin hatte die Vorwürfe ſeines Vaters ehrer⸗ bietiger Weiſe angenommen, aber er hatte fortgefahren wie zuvor Laudes und Matines zu beten. Eines Tages hinterbrachte man dem Könige, daß der Dauphin noch bei weitem mehr thäte, als die Meſſe zu leſen, und daß er einen Theil der Nacht vor einem Cruzi⸗ fire knieend im Jeſuitengewande zubrächte. Dieſes Mal verwarf der König dieſe Aneldote als un⸗ zuverläſſig; als er aber eines Nachts gegen drei Uhr Morgens nach Haus zurückkehrte, bot ihm einer der Ver⸗ trauten der Frau von Pompadour an, ihn, wenn er es wolle, von der Art der nächtlichen Beſchäftigung des Dauphin zu überzeugen. Der König nahm es an, denn er zweifelte noch, und man führte ihn bis nach der Wohnung des Dauphin, de⸗ ren Thüre man aufgemacht hatte, um den König hinein zu laſſen, welcher, bis in den Salon gelangt, in dem — 94— Zimmer ſeines Sohnes einen Mann auf den Knieen vor. einem Crucifixe regungslos und im Jeſuitengewande er⸗ blickte. 4 Dieſer Mann wandte den Rücken, und der König konnte ſein Geſicht nicht ſehen; aber wer anders, als der Dauphin, konnte um drei Uhr Morgens in dem Zimmer des Dauphins ſein? Der König zögerte daher nicht, dem Prinzen dieſes Uebermaßes von Frömmigkeit für ſchuldig zu halten. Und in der That, das mußte ein Verbrechen in den Augen eines Königs ſein, der, indem er um drei Uhr Morgens mit vom Weine ſtammelnder Zunge und mit durch die Ausſchweifung zitternden Beinen, von irgend einem Gelage zurückkehrte, ſeinen Sohn, einen jungen Prinzen von fünf und zwanzig Jahren, nicht für ſeine eigenen Fehler, da man ihm nur vorwerfen konnte, zu fromm zu leben, ſondern für die Fehler ſeines Vaters betend und Buße thuend antraf. Außerdem hatte ſich der Dauphin, wie wir geſagt haben, gegen das öſterreichiſche Bündniß ausgeſprochen, was ein neuer Grund für Herrn von Choiſeul war, ſich gegen ihn zu erklären. Herr von Choiſeul ſah indeſſen ein, daß es in die⸗ ſem Kampfe, den er gegen den erſten Prinzen des könig⸗ lichen Hauſes, gegen den Erben der Krone zu beſtehen hätte, nicht genug wäre den König, Maria Thereſia, Frau von Pompadour und das Parlament für ſich zu haben, daß er auch noch ſeine ganze Familie angeſtellt, alle ſeine Verwandten an der Regierung haben müßte, da⸗ —— pererann mit der geringſte Angriff gegen ſeine Gewalt ihm ange⸗ zeigt würde, wie der Spinne der geringſte Hauch ange⸗ zeigt iſt, der ihr Gewebe zittern läßt. Er fing damit an, ſeine Schweſter, eine Frau von Geiſt, von Charakter und von Intrigue, in ſeine Anſich⸗ ten eingehen zu laſſen, und ſie mit ſeinen geheimſten Plä⸗ nen bekannt zu machen. Beatrix, Gräfin von Choiſeul⸗Stainville, war Stifts⸗ dame wie Frau von Tencin, und man verſicherte, daß ſie mit Frau von Tencin auch noch die Aehnlichkeit haͤtte, ihren Bruder mit einer zu feurigen Liebe, um nur geſchwi⸗ ſterlich zu ſein, zu lieben; übrigens ſind ſolche Beſchul⸗ digungen häufig zu der Zeit, welche wir zu ſchildern ver⸗ ſuchen, und man darf ihnen nur den Grad von Glauben bewilligen, den man den ſchlechten Aeußerungen des Hofes bewilligt. Die Gräfin von Choiſeul⸗ Stainville wurde nach Paris berufen, wo man Anfangs verſuchte, aber ohne daß es gelang, ſie mit dem Prinzen von Beaufremont zu ver⸗ heirathen, der das Bündniß zurückwies; kurz nach dieſer verfehlten Verheirathung heirathete ſie den Herzog von Grammont, welcher in dieſe Verbindung auf das Ver⸗ ſprechen hin einwilligte, das ihm Herr von Choiſeul gab, die Beſchlagnahme auf ſeine Güter aufzuheben. Von nun an hatte die Frau Herzogin von Gram⸗ mont einen Hof, der anſehnlich genug war, daß Frau von Pompadour darüber die Stirn runzelte. Als der Herzog von Choiſeul Miniſter, die Gräfin von Choiſeul Herzogin von Grammont war, ſah man —. alle Choiſeuls der Erde an den Hof kommen. Es genügte, ſich Choiſeul zu nennen und einer männlichen Linie anzu⸗ gehören, um Stellen zu erhalten. Zuvörderſt ließ ſich der Herzog von Choiſeul, am 10. Dezember 1758 zum Pair erhoben, in ſeinem Ge⸗ ſandtſchaftspoſten in Wien durch den Graf von Choiſeul erſetzen. Im Jahre 1759 wurde Leopold Karl von Choiſeul⸗ Stainville einſtweilen zum Erzbiſchofe von Alby gemacht, bis er das Erzbisthum von Cambray bekäme, das ihm verſprochen war. Im Jabhre 1760 wurde der Graf von Choiſeul, Ge⸗ ſandter in Wien, zum Ritter der Orden des Königs er⸗ nannt, und eine Dame von Choiſeul zur Stiftsdame von Remiremont und Aebtiſſin von Saint⸗Pierre in Metz. Sobald der Ritter der Orden des Königs war, ver⸗ ließ der Graf von Choiſeul, Geſandter in Wien und Ge⸗ nerallieutenant von Oeſterreich, ſeinen Geſandtſchaftspoſten, und trat als Generallieutenant in die franzöſiſche Ar⸗ mee ein. Einige Zeit nachher gab ſich der Herzog von Choiſeul ſelbſt die Regierung der Tourraine, die Stelle als Gene⸗ ralintendant der Poſten, und vereinigte das Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten mit dem des Krieges. Er benutzte den Umſtand, um Herrn von Choiſeul⸗ Beaupré zum Generalmajor zu machen. Herr von Choiſeul de la Beaume, Unterlieutenant in den ſchottiſchen Gendarmen, wurde Obriſt des Dra⸗ gonerregimentes Aubigné. ð8 N — 97— Und der Graf von Stainville Generalinſpector der Infanterie. Nachdem er in der Kirche, in der Diplomatie und in der Armee operirt hatte, operirte Herr von Choiſeul in den Miniſterien. Der Graf von Choiſeul, Geſandter in Wien, Rit⸗ ter der Orden des Königs, Generallieutenant in der Ar⸗ mee, wurde im Monat Mai 1761 zum bevollmächtigten Miniſter bei dem Congreſſe von Augsburg ernannt; am folgenden 13. Oktober wurde er zum Miniſter der aus⸗ waͤrtigen Angelegenheiten ernannt, bemächtigte ſich am 14. der Marine, wurde Pair von Frankreich, nahm den Titel Herzog von Praslin an, erhielt die Stelle als Ge⸗ nerallieutenant der Bretagne, während ſeine Frau das Ta⸗ bouret bei der Königin erlangte. Frau von Choiſeul⸗Beaupré wurde Aebtiſſin von Gloſſinde. Herr Cléſiaduc von Choiſeul wurde zum Kardinal ge⸗ macht. Herr von Choiſeul⸗Beaupré zum Generallieutenant. Der Vicomte von Choiſeul zum Brigadier der In⸗ fanterie. Herr von Choiſeul de la Beaume zum Generalmajor. Endlich der Baron von Choiſeul zum Geſandten bei dem Könige von Sardinien. Alle die Choiſeuls, Männer und Frauen, welche wir genannt haben, Officiere, Geſandte, Miniſter, Kardi⸗ näle, Gouverneurs von Provinzen, Brigadiers, General⸗ lieutenants, Generalmajors, bildeten das, was man die Ludwig der Fünfzehnte. 3. Band.. 7 — 98— Dhnaſtie der Choiſeuls nannte; eine dem Herzoge von Choiſeul, ihrem Haupte, auf eine Geberde, auf einen Wink, auf ein Wort gehorchende Dhnaſtie. Ein einziger Choiſeul war in der Oppoſition, es war ein Choiſeul, den man Choiſeul⸗Romanet nannte, weil er die Tochter Romanets, des Präſidenten am gro⸗ ßen Rathe, geheirathet hatte; er war Geſellſchafter des Dauphin geweſen, und ſeine Frau galt dafür, einen Au⸗ genblick lang Maitreſſe des Königs geweſen zu ſein. Er wurde in die Baſtille geſetzt. 4 Herr von Choiſeul, der keine recht klaren vier Tau⸗ fend Livres Einkünfte gehabt hatte, als er Miniſter ge⸗ weſen war, hatte am 14. Dezember 1750 Mademoiſelle Crozat geheirathet, die Enkelin des berühmten Millionärs dieſes Namens, der im Jahre 1716 auf der vierten Liſte unter der Nummer 221, auf ſechs Mal Hundert Tauſend Livres geſchätzt worden war, und deren Vater den Titel Marquis Duchatel und von Caraman gekauft hatte; ſie war ein Engel während des Lebens ihres Gatten, ſie war eine Heilige nach ſeinem Tode. Herr von Choiſeul unterſtützte daher Maria Thereſia aus allen ſeinen Kräften, als ein unerwartetes Ereigniß dieſe zwang, Frieden zu ſchließen. Die Kaiſerin Eliſabeth ſtarb, und hinterließ Peter dem III. den Thron. Peter III. war der perſönliche Freund Friedrichs. Kaum war er auf dem Throne Rußlands, als Pe⸗ ter II. ſich von dem Bündniſſe zurückzog und ſeinen Trup⸗ pen befahl, ſich denen Friedrichs anzuſchließen; es war — ie eees 2 ☚ keine Möglichkeit, gegen dieſe Wendung der Dinge Stand zu halten. Daher rührte der für uns ſo verderbliche Frieden von Paris, in welchem Friedrich keinen Zoll breit Land verlor. Freilich blieb Peter III. nicht lange auf dem Throne. In demſelben Jahre, in welchem er ſie zur Kaiſerin ge⸗ macht hatte, machte ihn Katharina II. zum Gefangenen. Sieben Tage nachher ſtarb Peter III. in ſeinem Ge⸗ fängniſſe, und Voltaire, der Friedrich II. den Salomon des Nordens genannt hatte, hatte eine Freundin mehr un⸗ ter den gekrönten Häuptern. Katharina gewann dabei den Namen der Semiramis des Nordens, den die Nachtwelt in den von Meſſalina verwandelte. Von der Regierung Katharinens II. ſchreibt ſich in der Wirklichkeit die Vergrößerung Rußlands her. Da wir daran ſind, ſo können wir nicht widerſtehen, unſeren Le⸗ ſern das Bild der Vergrößerung dieſer Macht auf dem feſten Lande vorzulegen, wie wir ihnen das Bild von der Vergrößerung Englands in den Colonien vorgelegt haben. Rußland erſtreckte ſich vor Hundert Jahren von Kiew bis nach der Sanct⸗Lorenz⸗Inſel, und von den großen Altai⸗Gebirgen bis nach dem Meerbuſen von Teniſſm, und vielleicht hatte man das Recht zu glauben, daß Be⸗ ring die Meerenge entdeckt hatte, welcher er ſterbend ſei⸗ nen Namen hinterließ, um ihm eine Gränze zu bezeichnen. Rußland iſt dabei nicht ſtehen geblieben: Es hat die alte Gränze von Kiew deb vohem. — 100— Die ſcandinaviſche Schlange, welche den ſiebenten Theil des Erdballes in ihre Ringe einhüllt, hat die Ringe des einen ihrer Kinnbacken entfaltet; mit ihrem, um Preu⸗ ßen zu verſchlingen, geöffneten Rachen berührt ſie jetzt im Weſten die Weichſel und mit der andern den bothniſchen Meerbuſen; in Oſten hat ſie, indem ſie ſich ausſtreckte, die Beringsſtraße überſchritten, und hat erſt angehalten, als es England an dem Fuße des Sanct Eliasberges und den Gebirgen Bukland begegnet; wie eine Floßfeder hin⸗ ter ſeinem Rücken, trägt ſie jetzt einen ausgezackten Him⸗ melsſtrich, der, als letzte Gränze der Welt, ſich von dem Fluſſe Pianina bis nach den Bäͤreninſeln, und von dem See Praniskoé bis nach dem Vorgebirge Saſſé an dem Eismeere erſtreckt. So hat Rußland ſeit Hundert Jahren gewonnen: Von Schweden: Finnland, Abo, Eſthland, Liefland, Riga, Reval und einen Theil von Lappland. Von Deutſchland: Curland und Samogitien. Von Polen: Lithauen, Volhynien, einen Theil von Galizien, Mohilew, Witepsk, Polock, Minsk, Bialyſtock, Karne⸗ nieſt, Tarnopol, Wilna, Grodminsk, Warſchau. Von der Türkei: Einen Theil von der kleinen Tartarei, die Krimm, Beſſarabien, das Uferland des ſchwarzen Meeres, das Protectorat von Serbien, der Moldau und der Wal⸗ lachei. N AN— —— Von Perſien: Georgien, Tiflis, Erivan und einen Theil von Cir⸗ caſſien. Von Amerika: Die Aleutiſchen Inſeln und den nordweſtlichen Theil des nördlichen feſten Landes des Archipels Sanct Lazarus. Seine größte Länge iſt 3,800 Meilen. Seine größte Breite iſt 1,400. Es zählt ſiebenzig Millionen Einwohner. Von der andern Seite des ſchwarzen Meeres blickt es die Türkei an, die es ſich anſchickt zu überfallen. Wenn es dann ſich eines Tages Schweden hinz zufügt, ſchließt es den Sund im Weſten, die Meerenge der Dar⸗ danellen im Oſten, und Niemand wird mehr, als mit ſei⸗ ner Einwilligung, in das ſchwarze Meer und in das bal⸗ tiſche Meer eindringen, die beiden Spiegel, von denen be⸗ reits der eine Sanct Petersburg und der andere Odeſſa zurückwirft. Man vergleiche dieſen beiden rieſenhaften Mächten ge⸗ genüber, was die Menſchen bei weitem mehr noch, als die Ereigniſſe gegenüber aus Frankreich gemacht haben. V. Angelegenheit der Verweiſung der Jeſuiten.— Befürchtungen der Frau von Pompadour und des Herrn von Choiſeul.— Die Philoſophen.— Das Parlament.— Das Volk gegen die Geſellſchaft Jeſu.— Befürchtungen Ludwig XV.— Ar⸗ beiten der Philoſophen und der Büchermacher.— Die Her⸗ ren Boucher, Pinot und Lepage fangen den Angriff an.— Wiederaufnahme des Handelsprozeſſes in Indien.— Prü⸗ fung der Verfaſſung des Ordens.— Durch die Hand des Henkers verbrannte Bücher.— Zögerung Ludwigs XV.— Er ſchreibt an den General.— Antwort deſſelben.— Be⸗ ſchlüſe der Parlamente der Provinz.— Verbannung der Jeſuiten.— Auflöſung.— Witz Voltaires.— Sein Urtheil uͤber den Geſellſchafts⸗Vertrag.— Literariſche Er⸗ ſcheinungen.— Todesfälle.— Die Prinzen.— Frau von Pompadour. Sobald die Choiſeuls angeſtellt, der Frieden von Paris unterzeichnet, Maria Thereſia ſo ziemlich zufrieden N S8I* — 103— geſtellt war, hatte man Zeit, ſich mit dieſer wichtigen Angelegenheit zu beſchäftigen, welche Frau von Pompadour, Herrn von Choiſeul und den Philoſophen ſeit ſo langer Zeit am Herzen lag. Wir wollen von der Vertreibung der Jeſuiten ſprechen. Indem ſie den Dauphin leben ließen, indem ſie die Jeſuiten herrſchen ließen, ſahen ſich Frau von Pompadour und der Herzog von Choiſeul bei dem Tode des damals dreiundfünfzig Jahr alten Königs verloren. Indem ſie im Gegentheile ihre Geſellſchaft vernichte⸗ ten, machten ſie ſich nicht allein bei dem Volke beliebt, ſondern ſie nahmen auch noch dem zukünftigen Könige, dem Sohne oder dem Enkel Ludwigs XV. eines der Mittel, ihnen zu ſchaden. Die Philoſophen waren die erklärten Feinde der Je⸗ ſuiten. Voltaire, obgleich von einem Jeſuiten erzogen, d'Alembert, Diderot und jener andere gekrönte Philoſoph, der ſie aus den Staaten der anderen Könige verjagen half, der ſie aber nicht aus ſeinen Staaten verjagte, Friedrich, verfolgte ſie ſeit langer Zeit. Die Parlamente waren ihnen nicht minder entgegen, als die Philoſophen. Vermöge ihres Einfluſſes war es der Geſellſchaft Jeſu immer gelungen, ſich dem Einfluſſe der Parlamente zu entziehen, indem ſie von den Königen, welche ſie leiteten, erlangten, daß ihre Angelegenheiten vor den großen Rath gebracht würden, ein Gerichtshof, ein miniſterielles Werkzeug, aber keine wahre Gerichtsbehörde⸗ Daher rührte der Haß. Das Volk ſeiner Seits, das den Mord Heinrichs IV., — 404— den Mord Ludwigs XV. und die Verweigerung des Be⸗ gräbniſſes der Geiſtlichkeit vorwarf, die in Paris ſeit zehn Jahren ein Aergerniß erregte, war nicht im Entfernteſten geneigt, die Jeſuiten zu unterſtützen. Die beiden großen Oppoſitionen gegen dieſen Zerſtö⸗ rungsplan konnten der eine von dem Könige Ludwig XV., der andere von dem römiſchen Hofe ausgehen, der unter Clemens XIII. gänzlich von den Jeſuiten geleitet ward. Was Ludwig XV. anbelangt, ſo hatte er keinen feſten Beſchluß, weder für noch gegen die Geſellſchaft Jeſu ge⸗ faßt; er hatte inſtinktmäßig Furcht vor ihr, das war Alles. Man begann damit, ihn daran zu erinnern, wie die Jeſuiten ſich zur Zeit ſeiner Krankheit in Metz gegen ihn benommen hätten. Ludwig XV. war zu jener Zeit bis zur Feigheit ſchwach geweſen, und hatte ihnen dieſe Feigheit niemals verziehen. Seitdem hatte ihr Einfluß auf den Dauphin, ein Ein⸗ fluß, der den jungen Prinzen von ihm entfernte und ihn zur beſtändigen Verachtung der Favoritin reizte, dieſes Gefühl des Widerwillens noch vermehrt, welches er im Grunde des Herzens gegen ſie empfand. Die Frevelthat von 1757, der das Parlament die Je⸗ ſuiten vielleicht ohne mehr Grund beſchuldigten, als das Parlament die Jeſuiten zu beſchuldigen hatte, erfüllte vollends in Bezug auf die Geſellſchaft Jeſu den Geiſt des Königs mit Unruhe. Man fuhlte daher, daß nur ein letzter Streich zu führen ſei, nicht um ſich einen Verbündeten aus dem Könige zu machen, ſondern damit der König zum Minde⸗ ſten neutral bliebe. Man ermuthigte nun die Philoſophen, die Jeſuiten anzugreifen, während die Bücherſchreiber alles das ſam⸗ melten, was die Schriftſteller und die Prediger des Or⸗ dens an thrannenmörderiſchen Theorien mochten zu Tage geſördert haben. Das Gemälde aller dieſer, Ludwig XV. vorgelegten Theorien entſetzte ihn, und da er an dieſem großen Kampfe keinen Theil nehmen wollte oder vielleicht nicht Theil zu nehmen wagte, ſo ließ er Frau von Pompadour und Herrn von Choiſeul handeln. Boucher, der berühmte Janſeniſt der Zeit, Pinot, Advokat, und Le Page, Baillé des Tempels, ein Vertrau⸗ ter des Herrn Prinzen von Conti und erklärter Feind der Geſellſchaft, gaben, die einen Schmähſchriften, die andern ernſte Thatſachen zu dem Zwecke heraus, Frankreich auf dieſe große Kataſtrophe vorzubereiten. Endlich waren Bertin und Berrier die Agenten des Herrn de L'homme und der Frau von Pompadour, bei dem Parlamente von Paris und den Parlamenten der Provinz. Als die Sachen ſo vorbereitet, ſtand man auf der Lauer, entſchloſſen, die erſte Gelegenheit, welche ſich bieten würde, zu ergreifen, um den Orden offen anzugreifen. Seit langer Zeit wußte man, daß die Jeſuiten in Indien einen ſcandalöſen Handel trieben; aber das Anſehen der Geſellſchaft war ſo groß, daß es Einreden und Kla⸗ gen erſtickte. Der Vater Lavallette und der Vater Sacy, Jeſuiten, waren am 19. November 1759 als Bankerottirer — 1906— von drei Millionen gerichtet worden, aber der Prozeß war dabei ſtehen geblieben. Der Herr Herzog von Choiſeul nahm dieſen Prozeß wieder vor, und durch Beſchluß vom 8. Mai 1761 machte er die in Frankreich errichteten Häuſer und den General der Jeſuiten ſolidariſch für die Väter Lavallette und Sach verantwortlich. Die Gläubiger ſtießen lautes Geſchrei aus, und man konnte nun ſehen, wie viele Feinde die Geſellſchaft Jeſu in Frankreich hatte. Nachdem er die Jeſuiten in ihrem Handel angegriffen, griff das Miniſterium ſie in ihrer Verfaſſung an. Der Orden war von Ignaz von Loyola, einem im Jahre 1491 geborenen ſpaniſchen Adeligen geſtiftet worden, der, von einer ſchweren Krankheit befallen, im Jahre 1534 das Gelübde gethan hatte, wenn ihm Gott die Geſundheit wiedergäbe, auf alle irdiſchen Güter zu verzichten und an der Bekehrung der Ungläubigen zu arbeiten. Gott erhörte ihn. Er kehrte zum Leben zurück, legte in Paris das Fundament ſeines Ordens, begab ſich nach Rom, ließ ihn im Jahre 1540 durch den Papſt Paul III. anerkennen, und wurde im Jahre 1541 zum General deſſel⸗ ben erwählt. Die Geſellſchaft verbreitete ſich raſch, nicht allein in Italien, nicht allein in Frankreich, ſondern auch durch ganz Europa, nach Indien, nach Aſien, in der ganzen Welt. Im Jahre 1551 unter dem Könige Heinrich II. in Frank⸗ reich errichtet, war ihnen die Erziehung der Jugend an⸗ vertraut worden. Im Jahre 1596 aus Frankreich ver⸗ Q☛ —— ⏑ 8 ————8 AH-* — 107— bannt, waren ſie im Jahre 1603 durch König Heinrich IV. dahin zurückberufen worden; ſeit dieſer Zeit hatten ſie da⸗ ſelbſt den Einfluß erlangt, den wir ſie unter Ludwig XIV., der Regentſchaft und Ludwig XV. haben genießen ſehen. Dieſer von dem Miniſterium erlaſſene Befehl, die Verfaſſung des Ordens zu prüfen, entſetzte die Jeſuiten ſehr. Von Häuptern entworfen, welche der Päpſte und der Könige für die Errichtung und für die Ausſtattung ihrer Geſellſchaft bedurft hatten, war es augenſcheinlich, daß die Willkühr viel in dieſer Verfaſſung gethan hatte. Wenn dieſe Verfaſſung in dem Augenblicke der größten Blüthe philoſophiſcher Ideen beſtritten und bekannt gemacht wurde, ſo konnte es dem Orden daher nur nachtheilig ſein; der Dauphin, der Erzbiſchof von Paris, Herr von La⸗ vauguhon, Alles, was die Jeſuiten in Frankreich beſchützte und unterſtützte, bat daher auch den König, dieſe Prüfung nicht öffentlich zu machen und ſich die Kenntniſſe derſelben vorzubehalten. Erſchüttert, ertheilte Ludwig XV. ſeinem Rathe das Recht, die Ordensregeln der Jeſuiten einzu⸗ ſehen. Aber das Parlament, welches ſich die Unterſuchung entgehen ſah, das von Herrn von Choiſeul unterſtützte Parlament erklärte die päpſtlichen Bullen, Breves und Verfaſſungen für widerrechtlich, und da es die Verfaſſung der Jeſuiten nicht prüfen konnte, ſo prüfte es ihre Werke. Das war eine neue Zuſammenſtellung ſolcher königs⸗ moͤrderiſcher Grundſätze, daß das Parlament durch die Hand des Scharfrichters eine Sammlung von aus dem Herzen des Ordens ſelbſt hervorgegangener Bücher ver⸗ brennen laſſen konnte. — 4108— Von nun an ſah Ludwig XV. in den Jeſuiten nur noch Mordanſtifter und ſelbſt Mörder. Was den Grund des Prozeſſes anbelangte, ſo erkannte das Parlament, daß die Jeſuiten in Frankreich nur ge⸗ duldet wären, und daß nicht ein einziger geſetzmäßiger Act ihre Niederlaſſung daſelbſt anerkenne, indem die Oberge⸗ richte ihre Anſprüche niemals hätten einregiſtriren wollen, und die Könige faſt immer genöthigt geweſen waren, beſon⸗ dere Gerichtshöfe für ſie zu bilden. Endlich hatte Ludwig XV. kürzlich ihre Angelegenheit vor ſeinen Rath gezogen, aber als das Parlament ſah, daß der Prozeß ihm entging, ſprach es nach einer Sitzung von fünfzehn Stunden eine Appellation wegen Mißbrauch aus. Der Abbé Terray war der Meinung, dieſe Verwei⸗ ſung der Verfaſſung an den Rath anzunehmen. Der Abbé von Chauvelin, gehäſſig und boshaft, wie ein Bucklicher, war im Gegentheile der Meinung, dieſe Verweiſung zu vernichten. Lavardy unterſtützte den Abbé von Chauvelin, der die beiden Berichte über die Verfaſſung gemacht hatte. Nur dreizehn Richter hatten den Muth, ſich zu Gun⸗ ſten der Geſellſchaft auszuſprechen. Das waren Terray, Maynon, Tuder, Laguillaumin, Lezonet, Sahuget, Farjon, Barillon und die Präſidenten Maupeou, d'Ormeſſon, d'Aligre, Sarron und Mols. Inzwiſchen fühlte der König inſtinktmäßig, daß den von den Parlamenten, den Philoſophen und den Hofleuten verfolgten, und dagegen von dem Dauphin unterſtützten Je⸗ ſuitenorden zerſtören, der Religion, und dem zu Folge der Monarchie, einen ſchrecklichen Stoß verſetzen hieße. Es A N8N 8 — 109— wäre ihm unmöglich geweſen, ſich Rechenſchaft über dieſes Gefühl abzulegen, das auf dem Grunde ſeines Herzens Wi⸗ derſtand, wie eine Ahnung ſeiner eigenen Gefahr, erregte, aber am Ende empfand er dieſes Gefühl. Wie alle ſchwachen Köpfe, blieb er bei einem Mittel⸗ wege ſtehen und ließ nach Rom ſchreiben, um den General zu fragen, ob er in einige Beſchränkungen des Ordens willigen würde; aber dieſer antwortete mit der Ergebung und der Feſtigkeit der alten Märtyrer: Sint ut sunt, aut non sint, (Sie mögen ſo ſein, wie ſie ſind, oder nicht ſein.) Der General zog es vor, daß lieber das ganze Ge⸗ bäude einſtürze, als einen einzigen Stein davon ablöſen zu ſehen. 4 Das Gebäude ſtürzte daher ein. Am 6. Auguſt 1762 erließ das Parlament einen Be⸗ ſchluß. Dieſer Beſchluß löſete die Geſellſchaft auf, verbot den Jeſuiten, das Gewand des Ordens zu tragen, unter dem Gehorſame des Generals oder anderer Oberen der Geſell⸗ ſchaft zu leben, irgend einen Briefwechſel mit ihnen unmit⸗ telbar oder mittelbar zu unterhalten, befahl ihnen, die Häuſer zu räumen, die dem Orden unterworfen waren, und verbot ihnen, in Gemeinſchaft zu leben, indem es ſich vorbehielt, jedem von ihnen auf ihr Geſuch die nothwen⸗ digen Koſtgelder auszuſetzen und ihnen die Befugniß unter⸗ ſagte, irgend ein Canonicat, Pfrunde, Lehrſtuhl oder Stelle zu beſitzen. — 119=— Dieſer Beſchluß wurde ein Vorbild fuͤr alle Parla⸗ mente der Provinz, welche nach der Reihe die Jeſuiten aus ihrem Bezirke auswieſen. Dann verbannte ein Beſchluß vom 9. März 1764 die Jeſuiten aus Frankreich, welche ſich geweigert hatten, den in dem Urtheile vorgeſchriebenen Schwur zu leiſten. Endlich ſprach ein Edict des Königs vom November 1764 die Auflöſung der Geſellſchaft aus. Wie man wohl begreifen wird, war dieſe Verweiſung ein reichlicher Stoff zu Epigrammen und Spottliedern. Que fragile est ton sort, Société perverse, Un boiteux te fonda— un bossu te renverse. (Wie gebrechlich dein Schickſal iſt, gottloſe Geſellſchaft, ein Hinkender gründete dich— ein Bucklicher ſtürzt dich.) Von einer Büchſenkugel bei der Belagerung von Pam⸗ peluna getroffen, hinkte Ignaz von Loyola, der Gründer der Geſellſchaft. Herr von Chauvelin, der Verfaſſer der beiden Be⸗ richte, nach welchen die Geſellſchaft aufgelöſt wurde, war bucklicht. Dann gab man den armen Kapitänen der Armee, welche ſich beklagten, abgedankt zu ſein, folgende Ant⸗ wort: Capitaines qu'on réforme, Et qui partout publiez Que c'est injustice énorme Qu'on vous ait ainsi rayés, — 111— A tort chacun de vous erie, Un coup plus inattendu Nous pétrifie, Jésus lui même a perdu Sa Compagnie. (Kapitäne, die man abdankt, und die Ihr überall bekannt macht, daß es eine ungeheure Ungerechtigkeit ſei, daß man Euch ſo ausgeſtrichen hätte, mit Unrecht ſchreit jeder von Euch; ein noch unerwarteterer Schlag erſtarrt uns: Jeſus ſelbſt hat ſeine Compagnie verloren.) Ein Vers deutete zu gleicher Zeit die Achtung an, welche der Verfaſſer genannten Verſes für die Jeſuiten und das Parlament hatte. Ci-git le corps le plus savant, Le plus soumis, le plus fidèle, Detruit par le plus ignorant, Le plus fougueux, le plus rebelle. (Hier liegt die gelehrteſte, die gehorſamſte, die treueſte Körperſchaft, zerſtört von dem unwiſſendſten, dem heftigſten, dem widerſpänſtigſten Körper.) Aber nun ahmten nicht blos die Parlamente der Pro⸗ vinz allein das von Paris nach, auch Spanien, Neapel, und Parma folgten Frankreichs Beiſpiele. — Gut, gut, ſagte Voltaire mit ſeinem Unheil brin⸗ genden Lächeln, als er dieſe allgemeine Treibjagd gegen — 112— die Jeſuiten ſah. Jetzt, nachdem man die Füchſe verjagt hat, muß man die Wölfe verjagen. Es war das Jahr 1789, welches dieſe letzte Jagd übernahm. In unſeren Tagen, obgleich achtundachtzig Jahre ſeit dieſer Epoche verfloſſen ſind, iſt dieſer wichtige Act parlamentariſcher Souveränetaͤt und königlichen Despotis⸗ mus noch nicht kaltblütiger Weiſe gerichtet wordenz in un⸗ ſeren Tagen iſt das falſch verſtandene, falſch angewandte, falſch ausgelegte Wort Jeſuit noch eine Beleidigung. Warum? weil, faſt als die Letzte in der Chronologie der religiöſen Orden, die Geſellſchaft Jeſu ſich an die Spitze aller geiſtlichen Orden geſtellt hatte, und nach der unum⸗ ſchränkten Oberherrſchaft ſtrebte. Ohne irgend ein Zwangs⸗ mittel, ohne irgend ein Univerſitätsvorrecht, hatten ſich die Jeſuiten allmälig der öffentlichen Erziehung bemächtigt, ihre Collegien ſtrotzten von Schülern, und die zu Män⸗ nern gewordenen Schüler unterhielten, wenn ſie das Colle⸗ gium verlaſſen, mit ihren ehemaligen Lehrern eine ſympa⸗ thetiſche Verbindung bei, welche die Biene an den Bienen⸗ korb, aus dem ſie hervorgegangen war, ohne andere Macht, als den Unterricht, ohne andere Herrſchaft, als das Wort, bis an das Grab feſſete; ſie waren dazu gelangt, die beiden Enden der Geſellſchaft in ihren Händen zu vereini⸗ gen, indem ſie den Verſtand des Volkes entwickelten und das Gewiſſen der Könige leiteten. Ihre Wurzeln waren ſo tief in den Boden gedrungen, daß trrotz dem Urtheile von 1767, das ſie auflöſte, daß trotz dem Edicte von 1767, das ſie verbannte, daß trotz dem Breve von 1773, das ſie „A— —23 8e — — 113— aufhob, ſie, kaum durch das Breve von 1801 wieder her⸗ geſtellt, drei Jahre nachher bereits wieder in Frankreich unter dem Namen Väter des Glaubens eingerichtet waren, und im Jahre 1816 hatten ſie unter dem Namen der Ge⸗ ſellſchaft Jeſu wieder alle die Macht angenommen, welche die Revolution von 1830 ſie allein verlieren laſſen konnte. Wir werden auf Veranlaſſung Ludwigs XVI. und der Revolution von 1789 auf die Ausweiſung der Jeſuiten und auf den Einfluß zurückkommen, den dieſe Ausweiſung auf die Zerſtörung der Religion und auf die Abſchaffung des Königthumes gehabt hat. Während der Zeit, welche wir ſo eben geſchildert ha⸗ ben, gab Jean Jacques Rouſſeau allmälig: Die neue Heloiſe, Emil und den Geſellſchaftsvertrag heraus, Werke, welche bei ihrem Erſcheinen bei weitem nicht den Eindruck hervorbrachten, den ſie ſpäter hervor⸗ riefen. Die neue Heloiſe erſchien im Jahre 1759, der Emil und der Geſellſchaftsvertrag im Jahre 1762. In dem Augenblicke der Herausgabe dieſes letzteren ſchrieb Voltaire darüber Folgendes: „Der Geſellſchafts⸗ oder Ungeſellſchaftsvertrag iſt nur durch einige, dem Könige auf eine grobe Weiſe von dem Bürger des Fleckens Genf geſagten Beleidigungen, und durch vier abgeſchmackte Seiten gegen die chriſtliche Religion merkwürdig; dieſe vier Seiten ſind von Bayle; es war nicht der Mühe werth, Abſchreiber zu ſein. Der ſtolze Ludwig der Fünfzehnte. 3. Band. 8 — — 114— Jean Jacques befindet ſich in Amſterdam, wo man mehr auf eine Ladung Pfeffer, als auf ſeine⸗Paradoxen hält.“ Es war auch etwa um dieſe Zeit, daß Diderot ſeinen natürlichen Sohn aufführen ließ, und die plauder⸗ haften Kleinodien, Jacob der Fataliſt und die Nonne herausgab. Der Baron von Holbach gab die Briefe an Eugen oder das Verwahrungsmittel gegen die Vorurtheile und das NRaturſyſtem heraus. Helvetius ſein Buch über den Geiſt, dann Männer ohne Namen ſchändliche Bücher heraus, wie der Gevatter Mathieu, der geſunde Verſtand des Pfarrer Meſtier, Thereſe, die Philoſo⸗ phin, anfangs eine Boudoir⸗Literatur, welche ſich bis zu Lupanar herabläßt, die mit Erebillon Sohn anfängt und bei Herrn von Sade ſtehen bleibt. Uebrigens zeigte ſich in demſelben Augenblicke, wo die Verderbniß in der Geſellſchaft entſtand, der Tod am Hofe. Die ſchöne Prinzeſſin, welche den Infanten, Herzog von Parma, geheirather hatte, hatte Italien verlaſſen, um ih⸗ ren Bruder in Verſailles zu beſuchen. Ludwig XV. hatte nicht gewagt, an ſeinen Kindern die Erfahrung anzuſtellen, welche der Herzog von Orleans an den ſeinigen angeſtellt hatte. Die Blattern waren immer noch da, wie der Löwe der heiligen Schrift: Quaerens quem devoret. Die junge Prinzeſſin zeigte ſich unter ihren raſenden Händen, und in weniger als acht Tagen war die Prinzeſſin mit von ihren feurigen Nägeln zerfleiſchtem Geſicht geſtorben. Am 5. März 1760 ſtarb gleichfalls Frau von Condé, die alte Freundin des Königs, die er vierzig Jahre vorher N 12 2 8ℛÆ NR§ ᷣ— 2 hatte malen laſſen, wie ſie mit ihm, als Diana friſirt und einen Rothfuchs reitend, auf der Jagd war. Am folgenden 23. Juli war es der Graf von Cha⸗ rolois, der ſeinen Tribut bezahlte; ihn betrauerte der Kö⸗ nig nicht, er war jener grauſame Menſchenjäger, der, ein Erbe der Büchſe Karls IX., die Dachdecker von den Dä⸗ chern ſchoß, und in anima vili die Erfahrung des Todes⸗ kampfes anſtellte. Er hatte damit geendigt in den Wäldern zu leben, und erſchien nicht mehr am Hofe. Am 22. März 1761 war es der Herzog von Bur⸗ gund. Dieſer Name wurde den Dauphins verhängnißvoll, welche ihn trugen; es war der Herzog von Burgund, ein armes Kind zehn von Jahren, welcher ſtarb, indem er ſeinen Bruder, den Herzog von Berry, als Erben des Schaffottes zurückließ; es war ein liebenswürdiges, liebendes und ge⸗ liebtes Kind. Indem er mit einem ſeiner Kameraden ſpielte, fiel er, von ihm geſtoßen, und verwundete ſich; da er aus Furcht den, welcher den Unfall veranlaßt hatte, ſchelten zu laſſen, nichts ſagen wollte, ſtarb er an einem Abſceß. Der Verluſt war ſchmerzlich für Ludwig XV., der König liebte ihn, wie der Großvater ſeinen Enkel liebt. Der König glaubte, mit dem Tode fertig zu ſein, als man ihm plötzlich zu ſagen kam, wie ſonderbar beſonders für ihn der ſie täglich ſah, daß Frau von Pompadour ſtürbe. Das kam daher, weil Frau von Pompadour, für welche die erſte Schuldigkeit, und ich möchte faſt ſagen, die höchſte Pflicht war, dem König zu gefallen, ſich nur — 116— mit einer Sache beſchäftigte, nämlich dem Könige ihr Lei⸗ den zu verbergen. Woran litt jetzt Frau von Pompadour? War es eine jener ſchmerzlichen, unerbittlichen Frauen⸗ krankheiten? War es, wie Frau von Vintimille, wie Frau von Chateauroux und wie ſie es ſelbſt glaubte, ein nicht minder ſicheres und raſcheres Gift? Hier iſt das, was man erzählte, oder vielmehr das, was ſie ſelbſt erzählte: Bertin, eine Kreatur der Frau von Pompadour, war Finanzminiſter, und Herr von Choiſeul, ehrgeizig nach allen Gewalten, wollte die Finanzen mit den Miniſterien vereinigen, die er bereits für ſich und für die ſeinigen an ſich gezogen hatte. Uebrigens befanden ſich die Finanzen in der höchſten Zerrüttung, und das Parlament hatte am 1. Dezember eine Commiſſion ernannt, um die Reform derſelben zu prüfen. Frau von Pompadour erinnerte ſich nun deſſen, was ihr in dieſer Beziehung der Kardinal von Bernis ge⸗ ſagt hatte; ſie glaubte ſich zu erinnern, daß ihr ihr ehemaliger Günſtling zu einer gewiſſen Epoche vortreffliche Pläne ausein⸗ andergeſetzt hatte, ſie glaubte beſonders zu bemerken, daß Frau von Grammont ſehr oft an den Hof käme, daß ihr Bruder ſie ſo viel, als er vermochte, in die Nähe der Hand und des Blickes des Königs ſtellte. Sie erkannte eine doppelte Gefahr für Frankreich und für ſich darin, Herrn von Choiſeul an der Spitze der Regierung zu laſſen; ſie empfing den Kardinal von Bernis, der gleichfalls den König drei Male wiederſah, und bei dieſer dritten Zu⸗ — 117— ſammenkunft wurde die Abſetzung des Herrn von Choiſeul beſchloſſen. Herrn von Choiſeul war dieſe ganze, gegen ihn an⸗ gezettelte kleine Verſchwörung bekannt, und am folgenden Tage wurde Frau von Pompadour krank. Wir unterſtützen die Beſchuldigung der Frau von Pompadour gegen Herrn von Choiſeul nicht mehr, als wir die der Frau von Chateauroux gegen Herrn von Mau⸗ repas unterſtützt haben; jedes Mal, wo an dem Hofe ir⸗ gend eine wichtige Perſon auf eine unerwartete und ſchnelle Weiſe ſtirbt, kann man darauf rechnen, daß ſich auf der Stelle eine Vergiftungsbeſchuldigung erhebt. Wie dem auch ſein möge, Frau von Pompadour be⸗ fand ſich plötzlich in Choiſy, in Mitte einer Vergnügungs⸗ parthie von einer Krankheit befallen, die man anfangs nur für ſchmerzlich hielt, die aber bald einen tödtlichen Cha⸗ rakter annahm. Man brachte ſie von Choiſy nach Verſailles. Ludwig XV. ſah die Fortſchritte der Krankheit der Marquiſe ohne die mindeſte Gemüthsbewegung, das Ge⸗ fühl, welches er für ſie empfunden hatte, und das von dem Verlangen zu der Gewohnheit übergegangen war, dieſes Gefühl ſchien eine neue Umgeſtaltung erlitten zu haben, und ſich auf ein Gefühl reiner Schicklichkeit zu be⸗ ſchränken. Der König war aufmerkſam und beeifert für die Kranke, wie er es für eine Freundin geweſen wäre. Täglich brachte der Herzog von Fleury einen Geſundheits⸗ bericht. Am 15. April 1764 trat er wie gewöhnlich ein, aber ohne Bericht. — 118— Frau von Pompadour war geſtorben. Sie hatte ſich ſterben ſehen, und war dem Tode ge⸗ genüber weit muthiger geweſen, als man hätte glauben ſollen. An dem Anfange ihres letzten Tages hatte der Pfarrer der Madeleine ſie beſucht; gegen eilf Uhr nahm er Abſchied von ihr. — Warten Sie noch einen Augenblick, Herr Pfarrer, ſagte ſie zu ihm, und wir werden miteinander gehen. Mit dem Leben der Marquiſe hörte die Aufmerkſamkeit des Königs auf. Die Leiche der Favoritin wurde auf eine Tragbahre gelegt und von zwei Laſtträgern fortgetragen. Der König befand ſich an ſeinem Fenſter, als der unedle Zug vor⸗ überkam. Es fielen einige Tropfen Waſſer von einem mit Wolken bedeckten Himmel. Der König ſtreckte die Hand aus und ſagte:— Arme Marquiſe! ich glaube, daß ſie ſchlechtes Wetter haben wird, um ihre letzte Reiſe zu machen. Frau von Pompadour wurde in dem Kapuzinerkloſter von Paris in der Kapelle des Hauſes von Créqui begraben, welche ſie ein Jahr zuvor zu dieſem Zwecke gekauft hatte. Man machte ihr drei Grabſchriften. Hier ſind ſie: Ci-git d'Etioles-Pompadour Qui charmait la ville et la cour; Femme infidèle et maitresse accomplie; L'hymen et lP'amour n'ont pas tort, Le premier de pleurer sa vie Le second de pleurer sa mort. — 119— (Hier liegt d'Etioles Pompadour, welche die Stadt und den Hof entzückte; ungetreue Gattin und vollendete Maitreſſe; Hymen und Amor haben nicht Unrecht, der erſte ihr Leben, der zweite ihren Tod zu beweinen.) Die zweite iſt bündiger und beſonders weit kräftiger: Ci-git qui fut quinze ans pucelle, Vingt ans catin et sept ans maquerelle. (Hier liegt die, welche funfzehn Jahre Jungfer, zwanzig Jahres liederlich und ſteben Jahre Kupplerin war.) Die dritte iſt in lateiniſcher Sprache, und hat die ganze Derbheit eines Epigrammes von Martial: Hic piscis regina jacet quae lilia succit Per nimis. An mirum si floribus occubat albis? Es bedürfte eines Mannes, wie Herr von Maurepas, um dieſes letzte Diſtichon auf eine artige Weiſe zu überſe⸗ tzen; da aber Herr von Maurepas vergeſſen hat, uns eine Ueberſetzung davon zu geben, ſo wollen wir Jedem über⸗ laſſen, die ſeinige davon zu machen. VI. Der Herr Dauphin.— Seine letzten Augenblicke.— Maria Joſephine von Sachſen, Dauphine.— Ihre Bitten an Ludwig XV.— Herr von Choiſeul.— Seine Befürchtun⸗ gen.— Sein Haß gegen die Prinzeſſin.— Die Verſpre⸗ chungen Ludwigs XV.— Armand und Pelletier.— Herr Lechevin, erſter Commis.— Boiscaillau und der Abbé Terray.— Die Frau Dauphine begünſtigt Herrn von Aiguillon.— Die Taſſe Chocolade des 1. Februar.— Die Dauphine ſagt dem Könige, daß ſie vergiftet ſei.— Das Gegengift.— Tod der Dauphine.— Gerüchte in Ver⸗ ſailles.— Die Leichenöffnung.— Erklärung der vierzehn Aerzte.— Unruhe Ludwigs XV.— Er nähert ſich der Königin.— Schmerz dieſer Fürſtin.— Stanislaus ſtirbt verbrannt.— Lothringen mit Frankreich vereinigt.— Tod der Königin.— Todesfälle.— Die beiden Partheien.— Die Herren von Choiſeul und von Aiguillon. Wir haben geſagt, daß der Tod der Frau von Pompadour Ludwig XV. nicht ſehr tief ergriffen hätte. — 121— So ſehr man ſich auch an ein Joch gewöhnt haben mag, ſo gibt es doch Augenblicke, in denen dieſes Joch uns drückt. Ludwig XV. betrachtete ſich daher als der Freiheit zurückgegeben. Außerdem hatte Frau von Pompadour ſeit einiger Zeit in der Politik und in der Religion mehr Einfluß angenommen, als es Ludwig XV. behagte, ſie annehmen zu laſſen. In der Politik hatte ſie ihn mit Oeſterreich verbunden, ein Gegenſtand ſeines erſten Wider⸗ willens, und in der Religion hatte ſie ihn die Jeſuiten fortſchicken laſſen, Gegenſtaͤnde ſeiner erſten Sympathie. Außerdem war Frau von Pompadour, in offener Oppoſi⸗ tion mit dem Dauphin und mit den Prinzeſſinnen, eine ewige Urſache der Familienzwiſtigkeit. Ihr Tod raubte zwar Ludwig XV. angenommene Gewohnheiten, die ihm angenehm waren; aber ihr Leben ſtörte auch eine Ruhe, die ihm nöthig war. Nach allem, und von Grund des Herzens aus war es Ludwig XV. aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht unange⸗ nehm, der Frau von Pompadour entledigt zu ſein. Unglucklicherweiſe war der Tod an dem Hofe von Frankreich erſchienen, und er gedachte nicht, ihn ſo zu verlaſſen; er bedurfte zahlreichere und beſonders erlauchtere Opfer. Seit dem Ende des Jahres 1760 ſah der Herr Dau⸗ phin ſeine Geſundheit ſich verſchlimmern, oft hatte er ſeinen Vertrauten, Herr von Richelieu, Herr von Muy und Herr de la Vauguyon ſeine Todesahnungen mitgetheilt. Den Fremden oder den Alltäglichen der Hofleute gab er als Ur⸗ ſache ſeiner Schwäche und ſeiner Bläſſe eine Erkältung an, — 122— die er ſich bei einer Reiſe nach Compieègne zugezogen, welche eine Bruſtkrankheit herbeigeführt, an der er immer mehr litt; aber ſeinen Freunden, den treuen Herzen, deren Leben mit dem ſeinigen vereinigt war, geſtand er offen ein, daß er vergiftet zu ſein glaube. Gegen den Anfang des Dezembers befand er ſich krän⸗ ker, und ließ nach einer ſchlechten Nacht ſeinen Arzt holen. Einige zuvorkommende Freunde umgaben den Seſſel des Prinzen. Der gerufene Arzt trat ein und fühlte ihm den Puls. Die Shmptome waren gefährlich, denn der Arzt erbebte. Der Prinz wurde ſeine Beſorgniß gewahr, und indem er ihn bei dem Arme ergriff, ſagte er leiſe zu ihm: — Mein lieber La Breuille, erſchrecken wir Niemand. Und er führte in der That den Arzt in das anſtoßende Zimmer, um ſo viel als in ſeiner Gewalt ſtand, de⸗ nen, welche ihn umgaben, die Gefährlichkeit der Krankheit zu verbergen, von welcher er befallen war. Von dieſem Augenblicke an hatte der Dauphin keine Hoffnung mehr, und die, welche ihn umgaben, mußten ſich auf ſeinen Tod vorbereiten. Der Dauphin hatte als erſte Frau eine junge Prin⸗ zeſſin von ſpaniſchem Geſchlechte, eine wahre Roſe von Sevilla, deren Bild trotz einer zweiten Verheirathung lange in ſeinem Herzen geblieben war. Dieſe zweite Ehe hatte, ſtatt der braunen Maria Thereſia, eine blonde Tochter Sachſens in die Arme des Prinzen geführt, und es hatte der ganzen Liebe, der gan⸗ zen Sanftmuth, der ganzen Aufopferung dieſer letzteren — 123— bedurft, damit ſie in dem Leben des Prinzen den Platz der erſteren einnahm. Erſt zu dieſer Stunde, wo der Tod ihn bedrohte, konnte der Prinz dem Engel Gerechtigkeit widerfahren laſſen, den Gott an ſein Bett geführt hatte, und der ihn weder bei Tage, noch bei Nacht verließ; beſtändig über ſein Lager geneigt, vermiſchte ſich ihr friſcher Athem mit dem fieberhaften Athem des Kranken; eiferſüchtig gegen jede fremde Hand, wurde ſie die treue Waͤrterin ihres Gatten, der ſie vergebens bat, ſich den böſen Ausdünſtun⸗ gen dieſer langen und ſeltſamen Krankheit zu entziehen. Ihretwegen und wegen einiger Perſonen ſeiner Fa⸗ milie, bedauerte der Dauphin allein das Leben. Religiös von Kindheit an, waren die Tage, welche er bis dahin gelebt hatte, ein langes Sehnen nach dem Himmel ge⸗ weſen. Am Tage vor ſeinem Tode ſagte er zu ſeinem Beichtvater: — Ich ſchwöre Ihnen, mein Vater, daß, wenn es mir frei ſtände, zwiſchen dem Leben und dem Tode zu wählen, ich Tauſend Leben dem Verlangen opfern würde, das mich antreibt, Gott zu ſehen und ihn zu beſitzen. Was König Ludwig XV. anbelangt, ſo war er immer derſelbe; man konnte faſt nicht glauben, daß es ein Sohn war, man konnte faſt nicht glauben, daß es der Erbe der edlen und ſchönen Krone von Frankreich war, der dahin⸗ ſtarb, ſondern ein Fremder, ein Verbündeter, kaum ein Verwandter. Alle Arten von Pflege, alle Arten von Aufmerkſamkeiten wurden an den erlauchten Sterbenden — 124— verſchwendet; aber alles das mit trockenen Augen, einem kalten Geſicht, einer leeren Bruſt. Durch die halb offen ſtehende Thür folgte Ludwig Xv. den Fortſchritten des Todeskampfes auf dem Geſichte des Dauphins. Er ordnete die Vorbereitungen des Leichenbe⸗ gängniſſes an, und da man ſich in Fontainebleau befand, da der Tod des Prinzen auch der Moment der Rückkehr des Hofes ſein mußte, ſo benachrichtigte der König die Hofleute, daß ſie ſich bereit zu halten hätten, am folgenden oder am zweiten Tage nach Verſailles zurückzukehren. Der unglückliche Prinz ſah alles das von ſeinem Bette aus. Aus dem Fenſter geworfene Packete, vor die Thü⸗ ren der Zimmer getragene Koffer, Kutſchen, welche man bepackte, Pferde, welche man holen ließ. — Ah!l mein lieber La Breullle, ſagte der Prinz traurig zu ſeinem Arzte, ich muß mich beeilen zu ſterben, denn wahrlich, ich ſehe es wohl, wenn ich zögere, mache ich zu viele Leute ungeduldig. Sei es nun Ermüdung, oder ſei es, daß ſie bereits die Anfälle der Krankheit empfand, an der ſie bald ſter⸗ ben ſollte, die Prinzeſſin war, vom Fieber verzehrt, ge⸗ nöthigt geweſen, ſich in ihre Wohnung zurückzuziehen, und das in der Nacht, welche dem Tode ihres Gatten voraus⸗ ging; aber in ſeinem Todeskampfe dachte er an ſie, und ließ ſich zwei Male nach ihrem Befinden erkundigen. Zwei Male empfing er das Viaticum, das war ein Troſt, faſt eine Erleichterung für dieſes ſo religiöſe Herz. — Sobald meine Familie mein Zimmer verlaſſen hat, — 125— ſagte er zu ſeinem Beichtvater, werden Sie mir die Sterbegebete herſagen, nicht wahr? — Aber es iſt noch nicht Zeit, mein Prinz, antwortete ihm dieſer, und Eure königliche Hoheit iſt nicht ſo krank, als ſie es glaubt. — Gleichviel, beten Sie ſie immerhin, drang er in ihn, dieſe Gebete ſind ſo ſchön, daß ſie mich ſelbſt zu der Zeit innig rührten, wo ich ihrer nicht, wie heute, be⸗ durfte. Nur zwei Stunden vor ſeinem Tode verlor der Dau⸗ phin das Bewußtſein. Bis dahin hatte er die getröſtet, welche ihn umgaben, indem er zu ihnen ſagte: — Ich leide nicht viel; es iſt unglaublich, wie leicht es iſt, zu ſterben. Er log nicht, er ſtarb am 20. Dezember 1765 leicht, wie ein Gerechter ſterben muß. Der König war indeſſen weit mehr über dieſen Tod ergriffen, als man geglaubt hätte. Fünf Minuten, nach⸗ dem ſein Sohn verſchieden war, ließ man ſeinen Enkel in ſein Zimmer treten, indem man meldete: — Der Herr Dauphin. — Armes Frankreich, rief Ludwig XV. aus, ein Kö⸗ nig von funfundfünfzig Jahren und ein Dauphin von eilf. Faſt zu gleicher Zeit trat auch die Wittwe, ganz in Thränen zerfließend, in das Zimmer des Königs und warf ſich ihm zu Füßen, indem ſie ihn bat, ihr, der armen Fremden, zum Vater und zum Beſchützer zu dienen. Sie wünſchte ihre Kinder ſelbſt zu erziehen, die Eigenſchaft als Oberaufſeherin zu erlangen, ihren Rang an dem Hofe — 126— zu behalten, und ſich ſo viel, als möglich, der Perſon des Königs zu nähern. Arme Frau, die ſich über die Zukunft beunruhigte, wo ihre Zukunft eine baldige Stelle in dem Grabe ihres Gatten war. Der König zog ſich unmittelbar nach Choiſy zurück, wo er acht Tage lang fern von allem Ceremoniel zubrachte. Während dieſer Zeit war das Volk untröſtlich über den Tod des Dauphins, wie über ein Unglück. Die Vor⸗ überkommenden verweilten auf dem Pont⸗Neuf, knieten vor der Statüe Heinrichs IV. nieder, und verrichteten dort ihr Gebet. Nan fühlte, daß ſich der Trauerflor der Wittwe und der Waiſen über ganz Frankreich aus⸗ breitete. Die Leiche des Dauphins wurde nach Sens gebracht, wo er in dem Gewölbe der Kathedrale ruht. Das Herz allein wurde nach Saint⸗Denis gebracht. Der König hatte der Frau Dauphine alles verſpro⸗ chen, was ſie verlangt hatte; aber es behagte dem Mini⸗ ſterium Choiſeul nicht, daß ſich die Wittwe ſo dem König nähere und ſich vielleicht ſeines Geiſtes bemaͤchtige. Die Wittwe war eine ſächſiſche Prinzeſſin, und ſie hatte, wie die deutſchen Prinzeſſinnen, eine ausgezeichnete Erziehung genoſſen. Sie ſprach alle Sprachen und ſelbſt lateiniſch. Für den Fall des Todes Ludwigs XV. war ſie natürlicher Weiſe zur Regentſchaft berufen; nun aber kannte das Haus Sachſen die Intereſſen des deutſchen Reiches, von dem es einer der Hauptbeſtandtheile iſt, von Grund aus. Das Haus Sachſen wußte beſſer, als irgend ein anderes — 127— Haus, was Frankreich bei dem Oeſterreichiſchen Bündniſſe verloren hatte. Es war daher wichtig, die Prinzeſſin, welche, wie wir geſagt haben, aus dem Hauſe Sachſen war, zu verhindern, zu ſehr vertraut mit dem Könige zu werden. Und zuvörderſt, um dieſer Vertraulichkeit ein Hinder⸗ niß zu bilden, wurde die Wohnung, welche die Frau Dau⸗ phine verlangte, und die ſich neben der des Königs befand, von Gabriel, dem Baumeiſter des Herrn von Choiſeul, für unbewohnbar erklärt. Der König wollte ſich mit eige⸗ nen Augen davon überzeugen, und man ließ ihn in der That Balken ſehen, die er ſo wenig feſt fand, daß er der Prinzeſſin ſtatt der Wohnung, welche ſie verlangte, alle die kleinen Gemächer gab. Einige Zeit nachher bewarb ſich die Dauphine um eine Stelle für einen Günſtling ihres Gatten, aber der Herzog von Choiſeul, welcher wollte, daß alle Gunſtbezeugungen von ihm ausgingen, und der beſonders darauf hielt, die Anhänger der Dauphine von den Stellen auszuſchließen, ließ von dem Könige erklären und unterzeichnen, daß alle neuerrichteten Stellen verkauft werden würden. Laverdy, eine Creatur des Herrn von Choiſeul, war damals an den Finanzen. Er ſchlug die Stelle auf fünf Mal Hunderttauſend Livres an, damit der Beſchützte der Frau Dauphine, der arm war, nicht dazu gelangen könnte. Aber die Frau Dauphine erlangte von dem Könige das Verſprechen, ſie umſonſt zu erhalten, was den Haß des Herrn von Choiſeul gegen ſie noch ſteigerte. Der Mini⸗ ſter that daher auch alles, was er vermochte, damit der — 128— König das gegebene Wort zurücknähme, aber gegen ſeine Gewohnheit hielt er es. Wir ſagen, gegen ſeine Gewohnheit, da Ludwig XV. ſelten die Verſprechungen hielt, welche er gab, ſobald ſich gegen dieſe Verſprechungen einige Schwierigkeiten von Sei⸗ ten des Miniſters oder ſelbſt der Commis erhoben. Führen wir davon einige Beiſpiele an. Es befand ſich an der Comedie Francaiſe ein Schau⸗ ſpieler von großem Verdienſte, Namens Armand, der den König ſo oft beluſtigt hatte, daß eines Abends, als der König das Schauſpiel verließ und ihm auf ſeinem Wege nach Choiſy begegnete, zu ihm ſagte: — Armand, ich ſetze Ihnen Hundert Piſtolen Jahr⸗ gehalt aus. Der Schauſpieler verneigte ſich und kehrte entzückt nach Haus zurück. Aber mehr damit bekannt, Theaterſtücke aufzuführen, als wie es in den Bureaus zugeht, glaubte Armand, daß das Wort des Königs hinreiche, um bei dem königlichen Schatze Geld in Empfang zu nehmen; als das Jahr ver⸗ floſſen, erſchien er daher auch mit ſeiner Quittung in der Hand; von allen Commis gekannt, wurde er von ihnen auf das Beſte empfangen; nur ſagte man ihm, daß man ihn nicht bezahlen könne, da er nicht auf der Liſte ſtände. Erſtaunt über dieſe Schwierigkeit, ging Armand zu dem Herzoge von Aumont, der gegenwärtig war, als der Kö⸗ nig ihm dieſe Gnade bewilligt hatte, und erzählte ihm das, was ihm begegnet war. ☛— 2 129— Der erſte Kammerherr hörte ihn ernſt an, dann, als er geendigt hatte, ſagte er zu ihm: — Sie ſind ein Schurke. — Wie, ein Schurke, gnädiger Herr, rief Armand aus. — Ja, mein Herr, wiſſen Sie, daß ich allein in mei⸗ ner Eigenſchaft als erſter Kammerherr Ihnen einen Jahr⸗ gehalt erlangen laſſen kann, und daß das, was der König Ihnen geſagt hat, oder Nichts, daſſelbe iſt. Armand verneigte ſich und eilte zu ſeinen Kameraden um ſie um ihren Rath zu bitten; ihre Meinung war, daß Armand den König von dem unterrichten laſſen müßte, was ihm begegnet wäre; Armand befolgte es, und Lud⸗ wig XV. erfuhr, was ſich zugetragen hatte. — Ei! mein Gott, ja, armer Menſch, ſagte der Kö⸗ nig, alles das iſt wahr, wie das(pangelium, ich habe ihm einen Jahrgehalt gegeben, aber das geht mich jetzt nichts mehr an, er mag ſich mit Herrn von Aumont ver⸗ ſtändigen. Nach dieſer Antwort ſah Armand wohl, daß er auf ſeinen Jahrgehalt von Hundert Piſtolen verzichten müſſe; in der That, während mehrerer Jahre trat Alles in den vorigen Stand zurück, und erſt durch die Vermittelung der Mademoiſelle Clairon, welche, indem ſie dem Kam⸗ merherrn ihre Gunſtbegeugungen bewilligte, die Beſtätigung von dem Worte des Königs verlangte, ſah der arme Ar⸗ mand ſeinen Namen in die glückliche Liſte der königlichen Gunſtbezeugungen eingeſchrieben, oder vielmehr, wie man ſieht, in die des erſten Kammerherrn. Der König hatte mehrere Kammerdieneruhrmacher, und Ludwig der Fünfzehnte. 3. Band. 9 — 130— es war der Gebrauch, daß der älteſte dieſer Diener einen Jahrgehalt von ſechs Hundert Livres hätte; dieſer Aelteſte ſtarb, und Ludwig XV. ſagte zu einem gewiſſen Pelletier, welcher der Aelteſte wurde: — Mein lieber Pelletier, Sie haben den Jahrgehalt. Dieſer, von den Gebräuchen unterrichtet und durch das Beiſpiel Armands aufgeklärt, deſſen Abenteuer Auf⸗ ſehen gemacht hatte, ließ es ſich nicht für geſagt ſein, und ging zu ſeinem Vorgeſetzten, dem erſten Kammerherrn, um ihn um ſeine Genehmigung für dieſen Jahrgehalt zu bitten, der ihm bereits gegeben war. Dieſer Vorgeſetzte ließ an den Miniſter, Herrn Amelot, ſchreiben, welcher antwortete, daß er dieſe Bitte dem Koͤnige vorlegen und die Beſtallung ausfertigen laſſen würde. Pelletier hatte den Miniſter, den König und den er⸗ ſten Kammerherrn für ſich; mit dieſer dreifachen Unter⸗ ſtützung glaubte er, daß er nur die Hand auszuſtrecken hätte, um ſeinen Jahrgehalt zu beziehen. Pelletier irrte ſich, er hatte vergeſſen, ſich bei einer Macht zu bewerben; dieſe Macht war Herr Lechevin, erſter Commis von dem Hofhalte des Königs, und die Beſtal⸗ lung wurde nicht ausgefertigt. Ein Jahr verfloß, ohne daß der arme Pelletier den erſten Thaler von den ſechs Hundert Livres ankommen ſah. Er ging von Neuem zu dem erſten Kammerherrn, der von Neuem an den Miniſter ſchrieb, der nicht wagte, ſeinem erſten Commis zuwider zu ſein, den zu ſchonen er ohne Zweifel Gründe hattez kurz, die Sache dauerte noch ein Jahr, als Pelletier ſich darein ergab und damit endigte, wo er hätte anfangen müſſen, — 131— das heißt dem erſten Commis ſeinen Beſuch abzuſtatten. Durch dieſen Schritt geruͤhrt, hielt Lechevin Pelletier eine Moralpredigt über die Hierarchie der Regierung, und ſtellte am Ende die Beſtallung ſiebenundzwanzig Monate nach dem von dem Könige gegebenen Verſprechen aus. Boiscaillau, Wundarzt der Armee des Königs, richtete an Seine Majeſtät eine Denkſchrift, in welcher er die Be⸗ zahlung einiger Summen in Anſpruch nahm, welche ihm ſeit lange und rechtmäßigerweiſe gebührten; überraſcht, daß dieſe Summen nicht bezahlt worden wären, ſchrieb der König unter die Denkſchrift und zwar eigenhändig: „Mein Controleur wird binnen einem Monat den Be⸗ trag der hier oben bemerkten Rechnung an Boiscaillau aus⸗ zahlen laſſen, dem er gebührend zukommt und der ſeiner bedarf.“ „Unterz. Ludwig.“ Mit dieſer Anweiſung verſehen eilte der Wundarzt nach der Generalcontrole, und gelangte mit großer Mühe bis zu dem Abbé Terray, überreichte ihm ſeine von der Hand des Königs anempfohlene Rechnung, und erwartete voll Vertrauen das Reſultat der Anempfehlung. — Was iſt das? fragte der Abbs. — Wie Sie ſehen, mein Herr, antwortete der Wund⸗ arzt, iſt es der Befehl, mir eine Summe auszuzahlen, die mir zukömmt. — Ah! welcher Scherz, ſagte der Abbs. Und er warf die Rechnung Boiscaillaus weg, der ſie beſtürzt aufraffte. 9* — 132— — Aber, mein Herr, es iſt die Anweiſung des Kö⸗ nigs! — Ja, aber es iſt nicht die meinige. — Indeſſen, Seine Majeſtät! — Möge ſie bezahlen, da Sie ſich an dieſelbe richten. — Aber..... — Packen Sie ſich, mein Herr, ich habe keine Zeit länger, betaͤubt zu werden, und der Abbé Terrah warf Boiscaillau vor die Thür, der, außer Faſſung gebracht, beſtürzt, indem er nicht wußte, an welchen Heiligen er ſich wenden ſollte, ſich an den Kapitän der Garden wandte, der ſich beeilte, ihn abzuweiſen; nun nahm er ſeine Zuflucht zu dem Herzoge von Richelieu, zu dem er nicht gelangen konnte, aber er fand einen neuen Secretär, den der Marſchall kürzlich genommen hatte, und zeigte dieſem Se⸗ cretär den Befehl des Königs. Dieſer, noch ein Neuling in den Geſchäften, und der glaubte, daß der König etwas in dem Staate ſei, nahm die Rechnung, trat zu dem Mar⸗ ſchall ein, und ganz außer ſich über die Vermeſſenheit des Generalcontroleurs, ſagte er zu dem Herzoge, daß der Abbs Terray etwas Ungeheures begangen hätte, was, wenn es dem Könige bekannt wäre, dieſen Miniſter den größten Unannehmlichkeiten ausſetzen würde. Hierauf erzählte er Punkt vor Punkt die Sache, wie ſie ſich zugetragen hatte. — Mein lieber Freund, ſagte der Herzog von Richelieu zu ſeinem Secretär, Sie ſind ein Einfaltspinſel, nicht zu wiſſen, daß der ſchlechteſte Schutz von allen des Königrei⸗ ches der Schutz des Königs iſt; da der Abbé geſagt hat, daß Boiscaillau nichts erhalten würde, ſo ſagen Sie Boiscaillau, daß er nichts erhielte. Was Sie anbetrifft, mein Lieber, ſo trachten Sie, dieſe Dinge kennen zu ler⸗ nen, welche das A B C unſerer Sprache ſind, ſonſt würde ich Sie, ſo gut ich es auch mit Ihnen meine, nicht in meinem Dienſte behalten könnenz gehen Sie. Und der Prophezeihung des Herrn von Richelieu ge⸗ mäß, erhielt Boiscaillau niemals etwas. 8 Kommen wir auf die arme Dauphine zurück, welche während der Krankheit ihres Gatten durch einige Ohnmach⸗ ten benachrichtigt worden war, daß auch ihre Geſundheit auf das höchſte angegriffen wäre; bald wurde ihre Schwäche ſo groß und ihr Zuſtand ſchien den Aerzten ſo gefährlich, daß ſie ſie als ganze Nahrung auf Milchſpeiſen beſchränk⸗ ten. Dieſe Däät ſchien einige Beſſerung in ihrem Zuſtande hervorzubringen, dieſe Beſſerung dauerte fort, und im Ja⸗ nuar 1766 erklärten die Aerzte, daß ſie die Prinzeſſin als gerettet betrachteten. Unglücklicherweiſe, ſagt die finſtere Chronik, welche das Verſcheiden der Königinnen einſchreibt, die jung ſterben, unglücklicherweiſe wollte ſich die Prin⸗ zeſſin in die Politik miſchen. Sie begünſtigte den Herzog von Aiguillon, von dem ſie dem Könige verſchiedene Male dringend ſprach. Es war ein ganz neues Miniſterium, das ſie vorſchlug, und das zuvörderſt aus dem Herzoge von Aiguillon, Herrn von Muy, dem Biſchofe von Ver⸗ dun und dem Präſidenten von Nicolai beſtand. Wenn man immer dieſer ſelben Chronik glauben darf, ſo zerſtörte eine einfache Taſſe Chocolade dieſen ganzen ſchönen Plan. Dieſe Taſſe Chocolade trank die Prinzeſſin — 134— am 1. Februar 1767. Am ſelben Tage erkläͤrte die Dau⸗ phine dem Könige, daß ſie vergiftet ſei. Vergebens gab ihr Madame Adelaide drei Gaben jenes berühmten Gegen⸗ giftes, von dem wir bereits geſprochen haben, und das Frau von Verue von dem Hofe von Savoyen mitgebracht hatte; die Prinzeſſin ſtarb am Freitage den 13. im Alter ter von 35 Jahren. Was die Frau Dauphine vor ihrem Tode geſagt hatte, hatte ein ſchreckliches Echo in Verſailles; kaum hatte ſie die Augen geſchloſſen, als der Biſchof von Verdun, Herr von Muy, die Herzogin von Caumont, der Marſchall von Ri⸗ chelien und Herr de la Vauguyon an die Vergiftung glaubten. Die Anklage war ſo offenbar, daß die Oeff⸗ nung der Leiche der erlauchten Geſtorbenen in Gegenwart von vierzehn Aerzten gemacht wurde, welche erklärten, daß ſie keine Spur von Gift entdeckten. Alle dieſe aufeinander folgenden Todesfaͤlle, alle die Beſchuldigungen, welche dieſe Todesfälle begleiteten, ſtei⸗ gerten die Traurigkeit des Königs, und ſchienen einen Au⸗ genblick lang auf ihn den Einfluß zu haben, daß er ſein Leben ändern würde. Man bemerkte voll Beſorgniß, daß er ſich ſeiner Gattin wieder näherte, einer ſittſamen und frommen Prinzeſſin, welche unter den Hofleuten, den Ge⸗ ſchändeten und den Giftmiſchern als eine Heilige lebte. Die Königin war ſelbſt in eine große Traurigkeit ver⸗ ſenkt; ſie hatte durch einen Unglücksfall den König Stanis⸗ laus, ihren Vater, verloren. Gegen Mitte des Februar war der Greis in ſeinem Seſſel an dem Kamine eingeſchla⸗ fen, die Flamme erreichte ſeine Kleider und verbrannte ihn fürchterlich. Am 23. Februar 1766 ſtarb er im Alter von 88 Jahren, und durch dieſen Todesfall fiel Lothringen wieder an Frankreich zurück. Seine Tochter überlebte ihn nur um zwei Jahre. Nach einer langen und ſchmerzlichen Krankheit ſtarb ſie gleichfalls am 24. Juni 1768. Arme Fürſtin, die ſeit fünfundzwanzig Jahren nur noch der Schatten einer Königin war, welche die Maitreſſen ihres Gatten in dem Bette und auf dem Throne ihren Platz hatte einnehmen ſehen, und die nun auch wie ein Schatten verſchwand. Der Schrecken, der ſich in Verſailles zur Zeit vor dem Tode des Großdauphin, des Herzogs von Burgund, der Frau Herzogin von Burgund, des Herzogs von Berry und des Herzogs von Bretagne verbreitet hatte, dieſer Schrecken erſchien wieder ein halbes Jahrhundert nachher an denſelben Orten in derſelben Familie. In der That, der Tod hatte den Hof auf eine grau⸗ ſame und raſche Weiſe getroffen. Wiederholen wir die Opfer. Die Frau Infantin, Herzogin von Parma, die Frau Herzogin von Orleans, die Frau Prinzeſſin von Condé, der Herr Dauphin von Frankreich, ſein älteſter Sohn, der Herr Herzog von Burgund, die Dauphine, die Gräfin von Toulouſe, der König Stanislaus, die Königin. Unter allen dieſen Leichen ergriff Madame Louiſe der Schrecken, ſie entfloh von Verſailles, flüchtete ſich zu den ————. 2 Karmeliterinnen, nahm dort den Schleier und beſchäftigte ſich nur noch mit Gott. Die Vergiftungsbeſchuldigungen wurden nicht geſpart; ganz Frankreich murrte einſtimmig, der Kardinal von Luy⸗ nes, die Nicolais, der Graf von Muh, der Herzog von Aiguillon, der Marſchall von Richelieu, der Erzbiſchof von Paris, alle die Großen, alle die Prälaten, welche die Partei des Dauphins bildeten, und ihre Zahl war groß; alle die, welche eine rechtſchaffene und väterliche Regierung nach dieſer despotiſchen und ausſchweifenden Regierung er⸗ warteten, unter welcher man ſeit länger als fünfzig Jahre lebte, kurz alle die bei dem Leben derer, welche geſtorben waren, intereſſirten Stimmen riefen laut ans, daß alle dieſe Todesfälle nicht natürlich wären, und klagten Herrn von Choiſeul derſelben an. Man that mehr, nachdem man den unheilbringenden Kopf bezeichnet, der den Plan gereift hatte, deutete man die königsmörderiſche Hand an, die ihn ausgeführt hätte. Lieutaud, der Arzt der Kinder von Frankreich, wurde beſchuldigt, vergiftete Arzneimittel bereitet zu haben; ſtatt aller Antwort begnügte er ſich, dem Titel ſeines Werkes: Die practiſche Arzneikunde, einen Kupferſtich bei⸗ zugeben, der die Krankheit Alexanders vorſtellte. Auf die⸗ ſem Kupferſtiche befindet ſich der Sieger von Epirus zwi⸗ ſchen ſeinem Arzte und deſſen Angebern, und ſtatt der Ver⸗ giftungsbeſchuldigung Glauben zu ſchenken, leerte er den Becher, von dem man ihm ſagte, daß er vergiftet ſei., Uebrigens, wahr oder nicht, dieſe Beſchuldigung machte ein ſchreckliches Aufſehen. Von dieſer Beſchuldigung rührte der Haß der Prinzeſſinnen, von dieſer Beſchuldigung rührte der Haß des Herzogs von Berry gegen Herrn von Choiſeul her. Ludwig XVI., ein ſchwaches Herz und ohne Groll, war immer beharrlich über einen einzigen Punkt, und das Schaudern, das er unwillkürlich bei dem Anblicke des Herrn von Choiſeul empfand, deutete an, ohne daß ſie ſich die Mühe gab, es zu verbergen, daß er in ihm den Vergifter ſeines Vaters ſähe. Der alte König, ausſchweifender und bigotter in dem Maße, als er älter wurde, ſchien einen Augenblick lang zu Gott allein zurückzukehren. Sein Teſtament ſchreibt ſich von dem Tode ſeines Sohnes her.*) Als er ſeinen Sohn zu Gott gehen ſah, dachte er, daß keine Zeit zu verlieren wäre, und daß er von einem Tage zum andern berufen werden könnte, dieſelbe Reiſe zu machen. Von dieſem Augenblicke an ſpaltete ſich der Hof noch mehr in zwei Parteien. An der Spitze der einen befand ſich der Herr Herzog von Aiguillon, welcher Herrn von Choiſeul offen des Verrathes und der Vergiftung beſchul⸗ digte. Herr von Aiguillon hatte den Dauphin, die Großen, welche wir ſoeben genannt haben, den Erzbiſchof von Pa⸗ ris, die Geiſtlichkeit von Frankeich und die Jeſuiten für ſich. Herr von Choiſeul hatte die Kaiſerin Maria Thereſia, *) Man ſehe das Teſtament Ludwigs XV. unter den Beleg⸗ ſtücken. — 138— die Parlamente, die Janſeniſten, die Dichter, die Staats⸗ wirthſchaftsverbeſſerer und die Philoſophen für ſich. Wir werden ſpäterhin ſehen, welches in die Waag⸗ ſchaale geworfene Sandkorn ſich zu Gunſten des Herrn von Aiguillon neigen ließ. 8 VII. Das Schaffot.— Eine Aeußerung der Frau von Pompadour. — Der Graf von Lally⸗Tollendal.— Seine Herkunft. — Seine erſten Waffenthaten.— Er wird zum Obriſt er⸗ nannt.— Er zeichnet ſich bei Fontenoy aus.— Er wird zum Gouverneur unſerer Beſitzungen in Indien ernannt.— Sein erſtes Auftreten.— Seine Erfolge.— Er bemäch⸗ tigt ſich Gondelours und Saint⸗Davids.— Sein Vor⸗ rücken.— Nimmt Madras.— Plünderung.— Die Söld⸗ ner verrathen.— Rückzug Lallys.— Pondichery.— Nie⸗ derlage.— Die franzöſiſche Flotte geſchlagen.— Empö⸗ rung der Truppen.— Einnahme Pondicherys.— Lally, Gefangener in London.— Die Feinde Lallys in Verſailles. — Lally kehrt nach Frankreich auf ſein Wort zuruck.— Man ſetzt ihn auf ſein Verlangen in die Baſtille.— Ge⸗ ſuch des Gouverneurs und der Coloniſten.— Lally ſeinen natürlichen Richtern entzogen.— Die Kammer des Par⸗ laments nimmt den Prozeß vor.— Der Secretär des Herrn — 140— von Lally.— Anfang des Prozeſſes.— Haltung des An⸗ geklagten.— Sein Vertrauen auf die Güte des Königs.— Das Raſiermeſſer.— Ein Wort des Majors.— Lally werden ſeine Orden genommen.— Lally verurtheilt.— Seine letzten Augenblicke in der Baſtille.— Der Rath Pasquier.— Knebel.— Pasquier.— Der Greveplatz.— Samſon, der Scharfrichter.— Eine Erinnerung aus der Jugend Lallys.— Die Hinrichtung.— Der Sohn des Grafen von Lally.— Frau von Heuze und Fräulein von Dillon.— Aeußerung Ludwigs XV. gegen Herrn von Choiſeul. Wir haben ein Ereigniß nachzubringen, das großes Aufſehen in Paris machte, ein Todesfall, der in Frank⸗ reich nicht geringeres Aufſehen erregte, als der erlauchteſte der Todesfälle, die wir ſoeben erzählt haben. Seit langer Zeit war das Schaffot unthätig, eine verlaſſene Bühne geblieben, auf welcher der Adel nicht mehr ſeine letzte Rolle ſpielte. Die letzten politiſchen Verurtheilten waren jene un⸗ glücklichen jungen Breragner geweſen, deren Hinrichtung wir erzählt haben, die Herrn von Mont⸗Louis, von Pont⸗ calec, Ducouédic und von Talhouet. Das Miniſterium des Kardinals von Fleurh war ganz friedlich geweſen. Außerdem war Ludwig XV. nicht grauſam. Er war nur aufbrauſend; mehr als ein Mal hatte er in den Streitigkeiten mit dem Parlamente blutige Anwandlungen. Frau von Pompadour ſagte: ich bemühe uU—, D — 141— mich, den Zorn des Königs zu mäßigen; denn, wenn er einmal anfängt, Blut zu vergießen, ſo kenne ich ihn, der Hof wird davon überſchwemmt werden. Der, welcher dieſes ſeit ſiebenunddreißig Jahren un⸗ thätige Schaffot des Adels wieder aufrichten ſollte, war der Graf Thomas Arthur von Lally⸗Tollendal, ein ſchö⸗ ner Name, ein wohlklingender Name, der an dem Hofe der Stuarts mit gleicher Ergebenheit erklungen war, ſo⸗ wohl wenn die Stuarts Könige, als wenn ſie Gefangene waren, ſowohl wenn ſie Windſor, als wenn ſie Saint⸗ Germain bewohnten. Seitdem die Stuarts in Frankreich waren, war der Graf von Lally Franzoſe geworden. Mit acht Jahren trat er in den Dienſt, und wurde von ſeinem Vater, dem zweiten Obriſt des irländiſchen Regiments Dillon, nach dem Lager von Girone geführt, wo er die Feuertaufe er⸗ hielt. Vier Jahre nachher, das heißt im Alter von zwölf und einem halben Jahre, ſtand er Wache in dem Lauf⸗ graben vor Barcelona. Bald darauf wurde Lally Obriſt des Regiments, das ſeinen Namen führte. Dann, im Jahre 1740, wurde er im Alter von achtunddreißig Jahren zum Generallieutenant ernannt, im Jahre 1745 zeichnete er ſich bei Fontenoy aus, endlich ernannte ihn der König im Jahre 1756 zum Gou⸗ verneur unſerer Beſitzungen in Indien. Lallh war tapfer und unterrichtet; er kam in dieſe alte Welt mit dem Haſſe gegen die Engländer und dem Streben nach einem Rufe. Sein erſtes Auftreten war ein Sieg. Achtunddreißig Tage nach ſeiner Ankunft blieb — 142— nicht eine rothe Uniform mehr auf der ganzen Küſte von Coromandel. Die Einnahme von Gondolour und von Saint⸗David berauſchten ihn, er wollte trotz der Jahres⸗ zeit, trotz dem Mangel an Mitteln, trotz der Meinung ſeiner Generäle weitergehen. Die Vermeſſenheit war ſeine Kraft. Er vertraute auf ſie und rückte gegen Tanjaour. Die Engländer ließen ihn herankommen, kehrten wieder um, gewannen gegen einen ſeiner Lieutenants die Schlacht von Orixa, und bemächtigten ſich der Stadt Maſſuli⸗ patnam. Wäͤhrend dieſer Zeit belagerte Lallh Madras und nahm es mit Sturm. Seit langer Zeit waren die Truppen nicht bezahlt und es fehlte ihnen an Allem. Der General war daher gezwungen, ſeine Soldaten über die indiſchen Pagoden und Rupien herfallen zu laſſen. Die Privathäuſer, die öffent⸗ lichen Gebäude und die Tempel wurden geplündert. Ab⸗ ſcheuliche Frevel wurden begangen; aber da der Soldat mit Ausſchweifungen und mit Beute geſättigt wurde, aber da der Offizier arm aufgebrochen und reich geworden war, ſo ſchwiegen ſie zum Mindeſten für den Augenblick. Unglücklicherweiſe war nur die Stadt Madras in die Gewalt der Franzoſen gefallen. Die Forts gehörten im⸗ mer noch den Engländern an. Lally ließ die Laufgräben eröffnen, und betrieb den Angriff des Forts Saint⸗Geor⸗ ges auf eine kräftige Weiſe. Die Angriffsmittel fehlten. Lallh, welcher glaubte, daß Alles dem eiſernen Keile eines kräftigen Willens nachgeben müßte, wandte jeden Augen⸗ blick Gewaltthäͤtigkeit, ſtatt Ueberredung an. — 143— Allmälig wurden es die Franzoſen müde, von dieſem hochmüthigen Irländer commandirt zu werden. Die Söld⸗ ner, und ihre Zahl betrug die Hälfte in dem Heere, hör⸗ ten auf die Anträge der Engländer, und gingen in den Dienſt des Feindes über. Es ging daraus hervor, daß einen Monat nach der Beſetzung der Stadt Madras Lally, der wüthend war, einſah, daß es unmöglich ſei, ſie zu behalten, die Belagerung des Forts Saint⸗Georges auf⸗ hob und ſich nach Pondichery zurückzog, das er von allen Hülfsmitteln entblößt fand, welche in dieſem Augenblicke die größte Wichtigkeit für ihn hatten, das heißt von Le⸗ bensmitteln, Mannſchaft und Geld. Selbſt unſer Geſchwader, das ſeit dem Anfange des Krieges den Platz geſchützt hatte, war von der in der Zahl bei weitem überlegenen engliſchen Flotte angegriffen worden, und nach einem glorreichen, aber vergeblichen Kampfe nach Bourbon unter Segel gegangen, ſo daß ſich der Gouverneur bei ſeinem Einzuge in Pondicherh auf ſeine eigenen Hülfsmittel beſchränkt fand. Dieſe eigenen Hülfsmittel wurden auch noch bald auf Nichts durch die Empörung der Soldaten herabgeſetzt, die, da ſie als ganzen Sold nur die Plünderung von Madras gehabt hatten, ihren Rückſtand forderten. Man war ih⸗ nen ſechs Monate ſchuldig. Lallh war der Empörung gegenüber das, was er im⸗ mer war, gewaltthätig und hochmüthig. Ueberall, wo er gegen ſie rückte und ſie von vorn angriff, unterdrückte er ſie; aber hinter ihm flammte die erloſchene Flamme von Neuem weit glühender, als jemals, auf. — 144— Unter dieſen inneren Spaltungen belagerten die Eng⸗ länder Pondichery, verweigerten einem irländiſchen General eine Capitulation, die ſie einem franzöſiſchen General viel⸗ leicht bewilligt hätten, zogen mit Gewalt in Pondichery ein, und ſobald ſie Herren der Stadt waren, rächten ſie durch ſchreckliche Repreſſalien die Plünderung von Madras. Mit ſeinem Generalſtabe gefangen genommen, wurde Lally nach London geſandt. Man wird das Aufſehen begreifen, das eine ſo gänz⸗ liche Niederlage in Paris machte. Die Hauptſtadt der franzöſiſchen Beſitzungen genommen, der Gouverneur und ſein Generalſtab Gefangener; es war unmöglich nach der Reihe von Siegen, von denen man ſich noch unterhielt, zugleich und mit einem Male eine gänzlichere und verderb⸗ lichere Niederlage zu erfahren. Lally hatte eine gute Anzahl von Feinden au dem Hofe von Verſailles, das Unglück des irländiſchen Generals gab ihnen Recht. Sie griffen nicht allein die Fähigkeit des Gouverneurs, nicht allein ſeinen Muth, ſondern auch noch ſeine Rechtlichkeit an. Nach ihrer Ausſage rührte das Unglück des Feldzuges von der Verſchleuderung der Staatsgelder her, welche ver⸗ hindert hatte, die Truppen zu bezahlen. 6 In London, wo er war, hörte Lally⸗Tollendal dieſe Beſchuldigungen. Sein Stolz vermochte ſie nicht zu er⸗ tragen, er verlangte auf Wort nach Frankreich zu gehen, ſeine Forderung wurde ihm bewilligt. Er kam an in der Meinung, daß Haß und Verläumdungen vor ſeinem Lö⸗ wengeſichte verſchwinden würden; aber als Feldherr bemerkte [— 8½⏑—* — 145— er ſehr bald, daß er den Feind eine zu gute Stellung hatte einnehmen laſſen, als daß er ihn daraus verjagen könnte. Nun wollte Lally von der Gerechtigkeit der Hofleute an die Gerechtigkeit des Königs appelliren. Er bat Lud⸗ wig XV. um die Gunſt, ſich in die Baſtille zu begeben, und als dieſe Gunſt auf der Stelle bewilligt wurde, ſo wurde er am 1. November 1762 eingeſperrt. Seit dem 3. Auguſt deſſelben Jahres war dem Kö⸗ nige ein Geſuch von dem Gouverneur und dem höͤheren Rathe von Pondichery eingereicht worden, welche ſagten: „Da ſie bis zum Uebermaße durch Herrn von Lally in ihrer Ehre und in ihrem Rufe beleidigt worden wären, ſo verlangten ſie Gerechtigkeit von Seiner Majeſtät und einen Gerichtshof, um ſie ihnen zu ertheilen.“ Dieſes Geſuch war von einer Denkſchrift unterſtützt, die zu beweiſen trachtete, daß der Rath und die unglückliche Colonie von Indien von Anfang bis zu Ende unter der Herrſchaft eines despotiſchen Herrn, der niemals die Vor⸗ ſchriften der Ehre, der Klugheit und ſelbſt der Menſchlich⸗ keit gekannt hätte, vernichtet geweſen ſei. Daß der Graf von Lally allein für die ganze Leitung und Verwaltung ſo⸗ wohl im Innern, als im Aeußern der Compagnie, ſowie aller Einkünfte der Ländereien, welche ſie beſaß, verant⸗ wortlich wäre; daß er an dem Verluſte von Pondichery Schuld ſei, da die Stadt nur aus Mangel an Lebens⸗ mitteln übergeben worden wäre, und er allein die Mittel in Händen gehabt, welche ſie verſchaffen konnten; nämlich: das Geld, um ſie zu kaufen, die Früchte des Bodens, das Ludwig der Fünfzehnte. 3 Band. 10 — 146— Erzeugniß der Erndten, und die Truppen, um ſie zu be⸗ ſchützen. Wenn die Einleitung des Prozeſſes vor ein Kriegsge⸗ richt gebracht worden waͤre, ſo wäre Lallh zuverläſſig frei⸗ geſprochen worden; aber man wollte den Tod Lallhs, und die Einleitung des Prozeſſes wurde den in einen Gerichts⸗ hof vereinigten Kammern des Parlamentes übergeben. Wir haben geſagt, daß man den Tod des Herrn von Lallh wollte, Sehen wir, warum man ihn wollte; wir werden drei Gründe für einen angeben. Man wollte ihn: 1) Um dem Auslande glauben zu laſſen, daß der Ir⸗ länder uns verrathen hätte.— Ein Verrath rettete die Ehre der Fahne. 2) Um einen alten Haß zu räͤchen, der zwiſchen Herrn von Choiſeul und Herrn von Lally⸗Tollendal beſtand, der trotz dem Miniſter zum Gouverneur von Indien ernannt worden war. 3) Um zu gleicher Zeit, als Herrn von Lallh, Herrn von Saint⸗Prieſt zu ſtürzen, ſeinen Verwandten, Inten⸗ danten von Languedoc, und von der Partei des Dauphins bezeichnet, in das Miniſterium einzutreten, das eines Ta⸗ ges das Miniſterium Choiſeul erſetzen ſollte. Außerdem war ein früheres Beiſpiel vorhanden. Die Engländer hatten den Weg gezeigt, indem ſie dem Admiral Bing den Kopf abſchlugen. Der Bericht dieſes wichtigen Prozeſſes war Herrn — 147— Pasquier, Rath an der großen Kammer, anvertraut, der mit dem Prozeſſe Damiens beauftragt geweſen war. Anfangs war es für Lally leicht, ſich über das Schick⸗ ſal zu irren, das ihm vorbehalten war. Die Baſtille milderte für ihn ihre Strenge und beſchränkte ſie auf ein⸗ fache Einſperrung. Herr von Lally genoß den Spazier⸗ gang; Herr von Lally konnte ſeine Freunde empfangen; Herr von Lally erlangte ſogar die Erlaubniß, einen Se⸗ eretär bei ſich zu haben. Unglücklicherweiſe hatte die Gefangenſchaft den heftigen und reizbaren Charakter des Gefangenen nicht gemildert. Alle ſeine Geiſteskräfte hatten im Gegentheile eine neue Reizbarkeit angenommen. Der unglückliche Secretär, den ſeine Ergebenheit für ſeinen Herrn zu der guten That ver⸗ anlaßt hatte, ſich mit ihm einzuſperren, wurde für dieſe Aufopferung ſchlecht belohnt. Das Aufbrauſen des Ge⸗ fangenen begann ihm den Kopf zu verwirren. Er wurde traurig, ſchweigſam und unruhig, und als eines Abends ein Kammerdiener in dem Hofe der Brunnen ein Becken mit geronnenem Blut ausgeleert hatte, das von einem von dem Wundarzte des Gefängniſſes vorgenommenen Aderlaſſe herrührte, entſetzte ſich der unglückliche, bereits von Ent⸗ kräftung befallene junge Mann bei dem Anblicke dieſes Blutes, das er für das Reſultat einer heimlichen Hinrich⸗ tung hielt; dieſe Entkräftung wurde ſogleich Wahnſinn, er verfiel in einen Nervenanfall, indem er ausrief: — Aber ich habe nichts gethan! Ich bin nicht ſchul⸗ dig! Man kann mir den Kopf nicht für. Verbrechen ab⸗ ſchlagen, die ich nicht begangen habe. Meine Freiheit! ich will meine Freiheit! Unglücklicherweiſe für den Secretär verließ jeder in die Baſtille eingetretene Diener dieſelbe erſt dann, wenn ſein Herr in Freiheit geſetzt oder geſtorben war. Die Freiheit, welche er verlangte, wurde ihm daher nicht zu⸗ rückgegeben. Der Wahnſinn verſchlimmerte ſich, er hatte beſtändig das Schaffot vor Augen; man beſchloß, daß er nach Charenton gebracht würde; der Beſchluß wurde aus⸗ geführt, der Secretär Lallys wurde verſetzt und Lally blieb allein. Inzwiſchen wurde der Prozeß des Gouverneurs einge⸗ leitet, aber langſam eingeleitet, da die nothwendigſten Zeu⸗ gen in Madras und in Pondicherh waren, das heißt vier Tauſend Meilen von Frankreich; die Einleitung konnte erſt am 6. Juli 1763 eröffnet werden. Während einem Jahre der Gefangenſchaft hatte Lally nichts von ſeiner Ruhe verloren. Er kannte den Haß der Choiſeuls; er zweifelte nicht an der Strenge des Parla⸗ ments; aber auf die ausgedrückten Beſorgniſſe ſeiner Freunde antwortete er unerſchütterlich: — Der König wird begnadigen. Die Debatten begannen, und von Anfang an mit einer empörenden Parteilichkeit. Außerdem verſchlimmerte der Angeklagte ſelbſt allen Haß, verdoppelte alle Feind⸗ ſchaften durch die Kraft ſeiner Antworten und die Macht ſeiner Anklage; denn über viele Punkte machte ſich Lally vom Angeklagten zum Ankläger. Die Sitzungen waren ſchrecklich, und mit jedem Tage — 149— konnte Lallh bei der Rückkehr in ſein Gefängniß merken, daß die Aufſicht weit thätiger um ihn herum wurde. Von Zeit zu Zeit ſtiegen traurige Ahnungen in ſeinem Geiſte auf. Als eines Tages der Barbier ihn raſirte, und das, wie gewöhnlich, in Gegenwart des Kerkermeiſters, beluſtigte ſich Lally damit, dem Barbier eines ſeiner Raſirmeſſer zu entwenden. Als das Werk beendigt, verlangte der Barbier das zweite Meſſer zurück, das in ſeinem Beſteck fehlte. Lallh geſtand nun, es in der Abſicht genommen zu haben, ſich das nächſte Mal ſelbſt zu raſiren. Nun wurde der Kerkermeiſter bös und verlangte das Raſirmeſſer, das Lally ſich weigerte, zurückzugeben. Die Befehle waren ohne Zweifel ſtreng, denn ohne darüber an den Gouverneur zu berichten, rief der Kerkermeiſter um Hülfe, läutete die Sturmglocke, rief die Wache, und in einem Augenblicke war der Corridor voll von Soldaten und das Gefängniß Lallys voll Drohungen. Nun gab der General lachend das Raſirmeſſer zurück, das die Urſache dieſer ganzen Revolution geweſen war. Aber ſein Vertrauen auf die Gnade des Königs war ſo groß, daß dieſer ganze, wegen eines Raſirmeſſers ver⸗ urſachte Aufruhr ihm nicht die Augen zu öffnen ver⸗ mochte. Eines Tages ließ indeſſen ein Wort des Majors ein grauſames Licht in dieſen ſo ſchlecht erleuchteten Kopf dringen. Der Wagen, welcher Lally zu den Sitzungen des Par⸗ laments führte, fuhr niemals ohne eine zahreiche Bede⸗ ckung; außerdem ſaß der Major neben ihm im Innern. — 459— Eines Morgens rottete ſich das Volk um dieſen Wagen herum zuſammen. Lally wollte ſich aus dem Wagen nei⸗ gen, um zu ſehen, was dieſen Aufruhr verurſachte, aber der Major, deſſen Wohlwollen Lally immer hatte bemerken können, ſagte zu ihm: — Nehmen Sie ſich in Acht, mein General, ich habe den Befehl, Sie bei dem geringſten Zeichen zu tödten, das Sie dem Volke machen würden, oder bei dem geringſten Beweiſe von Theilnahme, das es Ihnen geben würde. Lally warf ſich tiefſinnig in den Wagen zurück. Das war nicht Alles. In dem Augenblicke, wo man vermuthen konnte, daß das Urtheil binnen wenigen Tagen gefällt werden würde, befahl der erſte Präſident, welcher bemerkte, daß der General große Sorgfalt darauf ver⸗ wandte, in Uniform mit den Auszeichnungen ſeines Ran⸗ ges und den Orden des Königs zu erſcheinen, mit denen er geſchmückt war, dem Major der Baſtille, ihm ſeine Epauletten, ſein blaues Band und ſeine Sterne zu nehmen. Von dem Major, der ihn bereits von den feindſeli⸗ gen Befehlen benachrichtigt, die er gegen ihn empfangen hätte, gebeten, ſie abzulegen, antwortete Lally, daß man ſie ihm abreißen könnte, daß er ſie aber nicht ablegen würde.. Der Befehl war gegeben, der Major mußte gehor⸗ chen, er rief bewaffnete Hülfe, der Kampf begann, und erſt, als man den Gefangenen zu Boden warf, vermochte man, ihm ſeine Epauletten und ſeine Ordensbänder in Fetzen abzureißen. Alle dieſe ſtrengen Maßregeln waren nutzloſe Verfol⸗ —— X K——— ¶ 28 gungen, welche Lallh die Augen öffnen mußten, dennoch vermochte er nicht, an eine Verurtheilung zum Tode zu glauben. Am 6. Mai 1766 wurde Lally auf eine grauſame Weiſe enttäuſcht. Das Urtheil des Parlaments wurde erlaſſen und der Graf, beſchuldigt und überführt, die Intereſſen des Kö⸗ nigs, des Staates und der indiſchen Compagnie verrathen zu haben, ſowie des Mißbrauches der Gewalt und der Erpreſſungen gegen die Unterthanen des Königs und Frem⸗ der, zum Tode verurtheilt. Die Hinrichtung war die der Enthauptung und ſollte auf dem Groveplatze ſtattfinden. Bei dieſem Urtheile, das um ſo ſchrecklicher war, als es Lally durchaus nicht hatte vorausſehen wollen, redete Lally ſeine Richter an, indem er ſie als Henkersknechte und Mörder behandelte. Nun näherte ſich der Pfarrer der Saint⸗Chapelle ihm, indem er ihn ermahnte, ſich zu beruhigen. Aber Lally ſtieß ihn voll Ungeduld zurück. — Ei! mein Herr, ſagte er, laſſen Sie mich einen Augenblick lang allein. Hierauf ſetzte er ſich in eine Ecke. Ohngefähr zehn Minuten lang überließ man ihn ſei⸗ nem ſchmerzlichen Nachdenken, dann kam der Major ſehr erſchüttert, um ihn wieder nach der Baſtille zu führen. Lally erinnerte ſich nun, wie oft er ungeduldig und barſch gegen dieſen Mann geweſen, der immer gütig und ehrerbietig gegen ihn war. — Mein Herr, ſagte er zu ihm, verzeihen Sie mir alle meine Grobheiten; ich bin ein alter Soldat, der nicht recht daran gewöhnt iſt, jedem andern, als dem Könige, zu gehorchen, und faſt immer reißt mich mein unglückſeliger Charakter weiter fort, als ich gehen will. 4 — Einem Unglücke, gleich dem Ihrigen gegenüber, mein Herr, ſagte der Major, erinnere ich mich und werde ich mich immer nur der Achtung erinnern, welche ich Ih⸗ nen ſchuldig bin. — Dann, umarmen Sie mich, ſagte Lally; ich be⸗ daure die Zeit, die ich damit zugebracht habe, Sie zu haſſen; ich ſehe jetzt wohl, daß Sie Ihren Dienſt ver⸗ ſahen. Sie kehrten miteinander in die Baſtille zurück. Kaum war der Verurtheilte in das Gefängniß zurück⸗ gekehrt, als man ihn fragte, ob er ſeinen Beichtvater em⸗ pfangen wollte. — Olol ſagte er, ſchon, man hat alſo große Eile, mir das Leben zu nehmen. — Mein Herr, antworte der Bote, ich glaube, Ihnen verſichern zu können, daß der Beſuch des Prieſters ganz freiwillig iſt. — Nun denn! antwortete Lally, haben Sie die Güte, ihm zu ſagen, daß ich ihn ſpäter empfangen würde; in dieſem Augenblicke bin ich ermüdet und ich wünſchte, ein wenig Ruhe zu genießen. Man ließ Herrn von Lally allein und er ſchlief in der That ein. Von dieſem Augenblicke an gelangte keiner der Freunde, keiner der Bokannten des Verurtheilten mehr bis zu ihm. Nun kamen ſeine Verwandten, welche wußten, daß er nicht begnadigt werden würde, und die ihn von der Schande des Schaffottes retten wollten, in der Hoff⸗ nung auf den Baſtillenplatz, daß er ſich auf der Terraſſe zeigen oder an das Fenſter treten würde, und daß man ihm dann ein Zeichen geben könnte, ſich den Hals abzu⸗ ſchneiden. Aber Lally ſchlief. Man weckte ihn, um ihm zu ſagen, daß der Praͤſi⸗ dent Pasquier, der den Prozeß gegen ihn inſtruirt hatte, ihn zu ſprechen verlange. — Lally ſprang aus ſeinem Bette. — O! jal! ſagte er, laſſen Sie ihn eintreten, er möge kommen, er möge kommen. Es lag eine ſolche Gewalt in dem Blicke dieſes Man⸗ nes, daß der Präſident, indem er ſeinem Blicke begegnete, auf der Schwelle der Thür ſtehen blieb. — Mein Herr, ſagte er zu ihm, indem er zuerſt das Schweigen brach, der König iſt ſo gütig, daß, wenn Sie die geringſte Unterwürfigkeit zeigen, er eentſchloſſen iſt, Ihnen zu verzeihen; geſtehen Sie daher Ihre Verbrechen und nennen Sie Ihre Mitſchuldigen. — Meine Verbrechen! rief Lally aus, Sie haben ſie alſo nicht entdeckt, da Sie das Geſtändniß derſelben von mir zu erlangen wünſchen. Was meine Mitſchuldigen an⸗ betrifft, ſo habe ich keine, da ich nicht ſchuldig bin. Jetzt hören Sie Folgendes: Ihr Schritt beleidigt mich, und Sie ſind der letzte von denen, welchen ich erlaube, mir — von Gnade zu ſprechen, entfernen Sie ſich daher, Elender, und daß ich Sie nicht mehr wiederſehe. — Aber, mein Herr, ſagte Pasquier, überlegen Sie, die Leidenſchaft reißt ſie fort. — O! Du weißt es wohl, daß die Leidenſchaft mich fortreißt, Du, der Du auf dieſe Leidenſchaft ſpeculirt haſt, um mich verurtheilen zu laſſen;z aber das Blut befleckt den, der es vergießt, und mein vergoſſenes Blut wird Dir einen ewigen Flecken machen. Und da Lally einen Schritt auf ihn zu that, rief Pasquier aus:. 7 — Zu Hülfe! Die Kerkermeiſter traten ein. — Man kneble ihn, ſagte Pasquier, er hat den Kö⸗ nig beleidigt. Bei den Worten, man kneble ihn, bemächtigte ſich die Wuth des Gefangenen; er ſtürzte auf den Präſidenten zu, aber die Kerkermeiſter hielten ihn zurück, und nachdem ſie zwei Soldaten zu ihrem Beiſtande gerufen, warfen ſie den Greis zu Boden und legten ihm, dem Befehle Pas⸗ quiers gehorchend, den Knebel an. Das Volk erfuhr dieſe Schändlichkeit, und das Volk nannte Pasquier nur noch Knebel⸗Pasquier. Hinter dem Berichterſtatter wurde der Beichtvater ein⸗ geführt. Bei den frommen Ermahnungen des Prieſters ſchien Lally ſich zu beruhigen, aber dieſe Ruhe war erkün⸗ ſtelt; der Gefangene hatte ſich die Spitze eines Zirkels verſchafft, und der Beichtvater ſah ihn mitten in ſeiner Rede erbleichen. 4 Lallh hatte ſich dieſe Zirkelſpitze einige Linien weit von dem Herzen eingeſtoßen. Der Beichtvater rief um Hülfe, man bemächtigte ſich des Verurtheilten, den man mit Stricken band. — Ich habe meinen Stoß verfehlt, ſagte Lallh, jetzt iſt die Reihe an dem Scharfrichter. Der Verurtheilte brauchte nicht lange zu warten. Durch Pasquier von dem Widerſtande des Generals, und durch die Kerkermeiſter von ſeinem Selbſtmordverſuche un⸗ terrichtet, befahl der erſte Präſident, daß die Hinrichtung beſchleunigt würde. Man meldete Lally dieſe Nachricht. — Um ſo beſſer, ſagte er; ah! ſie haben mich im Ge⸗ fängniſſe geknebelt, aber vielleicht werden ſie nicht wagen, es zu thun, wenn ſie mich auf das Schaffot führen, und dann, o! dann werde ich ſprechen. Dieſe Worte wurden den Richtern gleichfalls hinter⸗ bracht. Das Volk hatte ſeine Theilnahme für Lallh kund gethan, indem er ſprach, konnte Lally das Volk aufwie⸗ geln, da das Parlament bei dem Volke nicht beliebt war; nun, unter dem Vorwande, daß der Verurtheilte, den orientaliſchen Gebräuchen gemäß, ſeine Zunge ver⸗ ſchlucken könnte, um ſich der Hinrichtung zu entziehen,* fiel man über den General her, knebelte ihn von Neuem, und gebunden und geknebelt trug man ihn, vor Wuth ſchäumend, aber ſtumm, in einen von Polizeiſoldaten um⸗ gebenen Karren, welcher dem Karren Samſons folgte. Bei dem Anblicke dieſes geknebelten armen Sünders, dieſes Greiſes, deſſen Geſicht die Spuren der Gewallthä⸗ — 156— tigkeit feiner Peiniger trug, murrte das Volk lanut, aber alle Vorſichtsmaßregeln waren getroffen; gewaltige Streit⸗ kräfte waren auf der ganzen Strecke des Weges aufge⸗ ſtellt, den der Verurtheilte zurückzulegen hatte, es gab daher für die Zuſchauer kein anderes Mittel, ihre Theil⸗ nahme kund zu thun, als durch Murren. Die Zuſchauer waren zahlreich, und ſeit der Hinrich⸗ tung des Grafen von Horn hatte der Greveplatz keine ſo glänzende Geſellſchaft mehr geſehen. Faſt der ganze Adel war in Wagen anweſend, nicht durch eine grauſame Neu⸗ gierde herbeigeführt, ſondern um dem Verurtheilten Ehre zu erweiſen. Bei dieſem Anblicke nahm der alte General die Ruhe und die Heiterkeit des Schlachtfeldes wieder an. Es war ein letzter Kampf zu liefern; nur war er gewiß, daß er dieſen nicht überlebe, da der Kampf mit dem Tode ſelbſt ſtattfand. Er ging ihm ſtolz entgegen. Auf der Höhe des Schaffottes angekangt, deſſen Stu⸗ fen er muthig hinaufgegangen war, warf er einen langen und ruhigen Blick auf die Menge, ſein Mund war ſtumm, aber es lag in dieſer letzten Aufforderung der Augen mehr Beredtſamkeit, als er in die beredtſamſte Rede hätte legen können. Es war Samſon der Vater, welcher Herrn von Lally hinrichten ſollte, aber er hatte trotz einem ſeltſamen, fünf⸗ unddreißig Jahre vorher dem armen Sünder ſelbſt gegebe⸗ nen Verſprechen dieſe Ehre ſeinem Sohne überlaſſen. Ei⸗ nes Abends kehrte Herr von Lally mit einigen jungen —-— 457— Ausgelaſſenen aus einem kleinen Hauſe zurück, das er in der Faubourg Saint⸗Antoine hatte; die jungen Leute wa⸗ ren luſtig und ſogar halb betrunken, wie es vornehmen Herren geziemte, welche ihre Erziehung unter der Regent⸗ ſchaft gemacht hatten; ſie erblickten in einem reizenden Garten ein einſames und hellerleuchtetes Haus. Das Haus war in der That im Jubel, und hinter den Fen⸗ ſterſcheiben ſah man, wie thörichte Schatten, Tänzer und Tänzerinnen vorüberkommen; ein Gedanke entſtand in dem Kopfe der Unbeſonnenen, nämlich Theil an dem Feſte zu nehmen; Lallh klopfte an das Gitter, aber man war ſo ſehr und auf eine ſo angenehme Weiſe in dem Hauſe be⸗ ſchäftigt, daß erſt, nachdem unſere Freudenſtörer raſenden Lärm gemacht hatten, ein Diener ihnen aufmachte und ſie frug, was ſie wollten. — Was wir wollen, ſagten die jungen Leute, iſt, daß Du Deinem Herrn meldeſt, daß vier junge Adelige, die vorüberkommen und die nicht wiſſen, was ſie mit dem Reſte ihrer Nacht anfangen ſollen, ihn fragen laſſen, ob er erlauben will, daß ſie an ſeinem Balle Theil nehmen. Der Diener zögerte, man drückte ihm einen Louisd'or in die Hand, man ſchob ihn fort, er kehrte in das Haus zurück, und unſere vier jungen Leute, anſtändig ſelbſt in ihrer Unſchicklichkeit, erwarteten auf der Schwelle, daß ihnen die Erlaubniß einzutreten gegeben würde. Fünf Minuten nachher kehrte der Diener in Begleitung ſeines Herrn zurück. Es war ein Mann von dreißig Jahren, mit trauri⸗ gem Blicke, mit ſtrengem Geſicht. — 158— — Meine Herren, ſagte er, mein Diener hat mir in Ihrem Namen einen Wunſch ausgedrückt, der mich nur ehren kann, nämlich den, Theil an unſerem Balle zu neh⸗ men, welcher der meiner Verheirathung iſt. — Ah! ſagten die jungen Leute, Sie verheirathen ſich, gut! nichts iſt luſtiger, als Hochzeitsbälle; es iſt alſo ab⸗ gemacht, wir ſind unter die Zahl Ihrer Tänzer zuge⸗ laſſen. — Ich habe Ihnen bereits geſagt, meine Herren, daß es mit dem größten Vergnügen geſchähe, aber es iſt auch noch nöthig, daß Sie wiſſen, wer der Mann iſt, der die Ehre haben wird, Ihr Wirth zu ſein. — Es iſt ein Mann, der ſich verheirathet, das iſt Alles, was wir zu wiſſen nöthig haben. — Nicht doch, meine Herren, Sie haben noch etwas anderes zu wiſſen nöthig, denn dieſer Mann, der ſich ver⸗ heirathet, iſt.. Und der Mann zögerte einen Augenblick lang. — Iſt, wiederholten die jungen Leute im Chor. — Iſt der Scharfrichter! Die Antwort erkaltete die jungen Leute ein wenig, indeſſen Herr von Lally, der am meiſten Erhitzte der vier, wollte das letzte Wort haben. — Ah! ah! ſagte er, indem er den Bräutigam voll Neugierde anblickte, ah! Sie ſind es alſo, mein lieber Freund, der enthauptet, der hängt, der verbrennt, der rädert, der viertheilt; erfreut, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. Der Scharfrichter verneigte ſich. 2 — 159— — Mein Herr, ſagte er, für die gemeinen Mörder, für die Spitzbuben, für die Gottesläſterer, für die Hexen⸗ meiſter, für die Giftmiſcher überlaſſe ich das Werk meinen Gehülfen; Knechte ſind gut genug für ſolche Schelme; aber wenn ich zufällig mit jungen Leuten von Stande zu thun habe, wie der Herr Graf von Horn war, mit jun⸗ gen Adeligen, wie Sie ſind, ſo überlaſſe ich die Ehre, ih⸗ nen den Kopf abzuſchlagen oder ihnen die Knochen zu zer⸗ ſchmettern, Niemand, und übernehme das Werk ſelbſt; wenn daher jemals die Tage der Herren von Montmorenci, von Cing⸗Mars oder von Rohan zurückkehren ſollten, meine Herren, ſo können Sie auf mich rechnen. — Das iſt ein gegebenes Wort, Herr von Paris, ſagte Lally⸗Tollendal. — Das iſt ein gegebenes Wort, meine Herren, werden Sie jetzt noch eintreten? — Warum nicht? — Dann kommen Sie. Die vier jungen Leute traten ein, man ſtellte ſie der Braut vor, ſie tanzten die ganze Nacht und erzählten am folgenden Tage ihr Abenteuer in Verſailles, wo es das größte Glück machte. Nach Verlauf von fünfunddreißig Jahren befand ſich der General von Lally mit gebleichten Haaren, geknebelt und zum Tode verurtheilt wieder dem finſteren Bräutigam gegenüber, deſſen Gaſt er bei ſeiner erſten Hochzeitsnacht geweſen war.“) *) Diejenigen Leſer, welche ſich über die höchſt intereſſante 3 — 160— Nur war es der Sohn des Scharfrichters, der Erſt⸗ geborne dieſer Ehe, der den Greis hinrichten ſollte. Lally kniete nieder, Samſons Sohn, derſelbe, welcher fünfundzwanzig Jahre ſpäter ein bei weitem erlauchteres Haupt fallen laſſen ſollte, erhob das Schwerdt der Ge⸗ rechtigkeit, aber da die Hand ihm zitterte, führte er nur einen unſichern Streich, welcher den Schädel des Opfers öffnete. Lally fiel mit dem Geſichte auf den Boden, aber faſt ſogleich erhob er ſich wieder. Sogleich erhob ſich aus der Menge ein entſetzlicher Schrei, eine von Hunderttauſenden ausgeſtoßene Verwün⸗ ſchung. Samſons Vater that nur einen Sprung, entriß das blutige Schwerdt den Händen des jungen Mannes, der ſelbſt im Begriffe ſtand, zu fallen, und trennte mit der Schnelligkeit des Blitzes den Kopf Lallys von ſeinen Schultern. Unter alle dieſem Geſchrei des Entſetzens hatte man einen Schrei des Schmerzes unterſcheiden können. Dieſer Schrei war von einem Knaben von 14 bis 15 Jahren ausgeſtoßen. Sehen wir, wer dieſer Knabe war. Am Tage zuvor, nach der abgelegten Beichte und vor Lebensgeſchichte des Grafen Lally⸗Tollendal näher unter⸗ richten wollen, verweiſe ich auf den hiſtoriſchen Roman: „Der Graf von Lally⸗Tollendal, von Auguſt Schrader“. 2 Boe. Leipzig, Kollmann 1848. Der Ueberſetzer. —-—— — 161— der empfangenen Abſolution, hatte Herr von Lallh dem Prieſter geſtanden, daß das Einzige, was ihm den Verluſt des Lebens bedauern ließe, der Umſtand ſei, einen Sohn, der ſeine Geburt nicht kenne, und den er heimlich in dem Collegium von Harcourt unter dem Namen Tropheine er⸗ ziehen ließe, allein und verlaſſen auf dieſer Welt zurück⸗ laſſen zu müſſen. Er wünſchte, bevor er ſtürbe, dieſen Knaben zu ſehen, ihn an ſein Herz zu drücken, ihn— ſeinen Sohn zu nennen. Der Beichtvater erfüllte den Wunſch des Generals; aber es war ein Feſttag; der Knabe, den einer der Pro⸗ feſſoren ſehr liebte, war mit ihm ausgegangen und kehrte erſt am folgenden Morgen zurück.. Der Beichtvater erwartete den Knaben, und bei ſei⸗ ner Rückkehr theilte er ihm zugleich ſeine Geburt und ſein Unglück mit; der Wunſch des Generals konnte noch erfüllt werden, auf dem Wege nach dem Grsveplatze konnte der Knabe den General ein letztes Mal ſehen. 3 Der Beichtvater und der junge Mann eilten herbei, die Menge war zahlreich und gedrängt; dieſer große Zu⸗ lauf verzögerte die Schritte des Beichtvaters, der Knabe verließ ihn und wagte ſich allein. Aber wie ſehr er ſich auch beeilen mochte, er kam erſt auf dem Grsveplatze an, um ſeinen Vater fallen, ſich wieder aufrichten und wieder fallen zu ſehen. Erſt in der Hand des Scharfrichters fand er dieſen Kopf, deſſen letzten Blicke ihn vielleicht in der Menge ge⸗ ſucht und vergebens geſucht hatten. Ludwig der Fünfzghnie. 3. Band. 11 Dieſer Knabe wurde der Graf Lally⸗Tollendal, den einige Männer unſerer Generation noch gekannt haben können, und den ich gekannt habe. Das, was ich ſoeben erzählt habe, hat er mir ſelbſt erzählt. Er war ein frommer Sohn, und wie man weiß, war ſeine erſte und einzige Sorge, die Ehrenerklärung ſeines Vaters zu verfolgen, die er endlich im Jahre 1778 erlangte. Im Jahre 1789 wurde er Abgeordneter der General⸗ ſtaaten und zeichnete ſich dabei unter den Rednern der Rechten aus. Mit dem Jahre 1790 wanderte er aus, kehrte im Jahre 1792 zurück, wurde verhaftet, vermochte zu ent⸗ fliehen, kehrte im Jahre 1801 nach Frankreich zurück, trat im Jahre 1815 in die Kammer der Pairs und im Jahre 1816 in die Akademie. Die Freunde des unglücklichen Lallh hatten bei Lud⸗ wig XV. Alles von der Welt gethan, um eine Milderung der Strafe zu erlangen. Frau von Heuze warf ſich dem Könige zu Füßen, Fräulein von Dillon, ſeine Verwandte, konnte nicht bis zu Ludwig XV. gelangen, aber ſie ſchrieb ihm, indem ſie ihn anflehte, die Ausſagen der Herren von Montmorench und von Erillon anzuhören, gute Richter in Bezug auf Muth und Ehre, welche das Parlament ſich geweigert hatte zu hören. mb Alles war vergebens. Der König, oder, vielmehr der Miniſter, war unbeugſam. Späterhin bereute Ludwig XV. dieſe Strenge, welche an Grauſamkeit grenzte. — 163— Der Knabe wurde dem Fräulein von Dillon mit Ur⸗ kunden übergeben, welche ſeine Herkunft beſtätigten. Dann endlich kamen nach dem Zweifel die Gewiſſens⸗ biſſe, und eines Tages hörte man Ludwig XV. zu Herrn von Choiſeul ſagen: — Glücklicherweiſe bin ich es nicht, der für das ver⸗ goſſene Blut verantwortlich ſein wird, denn Sie haben mich betrogen. Der Graf von Lally⸗Tollendal, der letzte des Namens, ſtarb im Jahre 1830. 11* VIII. Genua und Corſika.— Vertrag von Compisgne.— Herr von Marboeuf.— Die Paolis.— Kampf gegen Frank⸗ reich.— Herr von Chauvelin in Corſika.— Er wird ge⸗ ſchlagen.— Der Graf von Vaux.— Flucht der Paolis.— Geburt Napoleon Bonapartes in Ajaceio.— Madame Du Barry.— Ihr Anfang.— Herr von Lauzun.— Der Graf Jean Du Barry.— Das Spielhaus.— Die Augen des Grafen Jean.— Herr von Fitz⸗James.— Entfernung und Rückkehr Lauzuns.— Das Bündniß zwiſchen Lauzun und Mademoiſelle Lange.— Lebel, Kammerdiener des Kö⸗ nigs.— Herr von Choiſeul und Mademoiſelle Lange.— Herr von Richelieu und Herr von Aiguillon.— Geſchichte Jeannens.— Prophezeihung des Herzogs von Richelieu. — Lange gefällt dem König.— Sie heirathet den Grafen Du Barry.— Sie wird am Hofe vorgeſtellt.— Der König von Dänemark in Paris, und die Demoiſelles der Oper.— Unterhandlungen für die Verheirathung des — 165— Dauphin.— Das Haus Oeſterreich.— Marie Antoinette. — Der Abbé von Vermont.— Erziehung der Erzherzo⸗ gin.— Verhaltungsvorſchriften der Kaiſerin.— Die des Dauphins.— Ankunft der Dauphine in Frankreich.— Die Vorbedeutungen. Waährend die Ereigniſſe, welche wir ſoeben erzählt haben, ſich in Paris und in Verſailles zutrugen, ereignete ſich auf einer Inſel des mittelländiſchen Meeres ein Wech⸗ ſel der Herrſchaft, der in der Zukunft einen außerordent⸗ lichen Einfluß auf Frankreich und Europa haben ſollte. Am 7. Auguſt 1764 wandte ſich die Republik Genua, müde des Kampfes, den ſie zwei Hundert Jahre gegen Corſika führte, an Frankreich, um es um ſeinen Beiſtand zu bitten und unterzeichnete mit uns den Vertrag von Compiègne, durch welchen der König ſich verpflichtete, vier Jahre lang eine Beſatzung in den Plätzen Ajaccio, Calvi, Algajola und Saint⸗Florent zu halten. Das Commando dieſes Unternehmens wurde dem Grafen von Marboeuf anvertraut, und die franzöſiſchen Truppen landeten im Monat Dezember 1764 in Corſika. Pascal Paoli war der Held Corſikas; ſeit zehn Jah⸗ ren kämpfte er für die Freiheit ſeines Vaterlandes gegen Genua. Als nun die Franzoſen ankamen, ſah er ein, daß ihm von Frankreich die wahren Mörder der Unabhängigkeit Corſikas zukämen; er ſchrieb daher auch ſogleich an Herrn von Choiſeul, und während ein Briefwechſel, der dem — 166— General Paoli einige Hoffnung ließ, zwiſchen ihm und dem erſten Miniſter entſtand, unterzeichnete Ludwig XV. mit Genua den Vertrag vom 15. Januar 1768, der den Grundſatz der Vereinigung Corſikas mit Frankreich feſt⸗ ſtellte. Kaum war der Vertrag in Corſika bekannt, als Paoli gegen ein Bündniß proteſtirte, welches, ohne ſie zu bera⸗ then, eine Ration einer andern gibt; als er hierauf ſah, daß ſeine Einſprüche eitel waͤren, bereitete er ſich vor, gegen Frankreich den Kampf fortzuſetzen, den er und ſein Vater ſo glorreich gegen Genua geführt hatten. Und anfangs ſchien das Glück dem beharrlichen Be⸗ freier ſeines Landes zu lächeln. Ludwig XV. ſandte ſeinen alten Freund Chauvelin, einen gewandten Hofmann, aber unerfahrenen Feldherrn, nach Corſika, der, indem er ſei⸗ nem Feinde eine zu ausgedehnte Linie entgegenſtellte, ſich vereinzelt durch um ein Drittel weniger zahlreiche Streit⸗ kräfte, als die ſeinigen, ſchlagen ließ. Das franzöſiſche Lager von San⸗Nicolao wurde genommen. Borgo wurde unter den Augen des commandirenden Generals ſelbſt ge⸗ nommen; endlich hatte ſich der Schrecken der Franzoſen dermaßen bemächtigt, daß fünfzig Corſikaner acht Compag⸗ nien Grenadiere ſchlugen. Es war keine Zeit zu verlieren, Ludwig XV. rief Herrn von Chauvelin zurück und erſetzte ihn durch den Grafen von Vaux, der an der Spitze von zweiundzwanzig Tauſend Mann die Corſikaner zwiſchen zwei Feuer nahm und ſie am 9. Mai 1769 in der Schlacht von Pont⸗Nuovo vernichtete.— 898u2——— && 1 ⁸ᷣ 3hn — 167— Dieſe Schlacht ließ alle Hoffnungen Paolis verſchwin⸗ den; er ſchiffte ſich übereilt nach Livorno ein, und ging von dort aus mit ſeinem Bruder und ſeinem Neffen nach England. Von dieſem Augenblicke an war die Inſel wirklich die unſrige. Drei Monate nach der Flucht Paolis, das heißt am 15. Auguſt 1769, wurde in Ajaccio ein Kind, Namens Napoleon Bonaparte, geboren, welches dem Vertrage vom 15. Januar 1768 die Eigenſchaft als Franzoſe ver⸗ dankte. Es iſt ziemlich ſeltſam, daß dieſer Feldzug von Cor⸗ ſika uns dazu bringt, unſeren Leſern eine in dem Anfange des Januar 1769 noch ſehr unbekannte Frau vor Augen zu führen, die indeſſen in den fünf folgenden Jahren eine ſo große Rolle an dem Hofe von Frankreich ſpielen ſollte. Wir wollen von der Gräfin Du Barrh ſprechen, wel⸗ che zu jener Zeit ſich noch nicht Gräfin Du Barry nannte, die ſich aber bereits nicht mehr Jeanne Vaubernier nannte; ſie nannte ſich Mademoiſelle Lange. Wie knüpft ſich die Erinnerung an Mademoiſelle Lange an den Feldzug von Corſika. Herr von Lauzun wird es uns ſagen. Lauzun war damals einundzwanzig Jahre alt, er war Adjudant des Herrn von Chauvelin und Geliebter jener berühmten Prinzeſſin Czartoriska, welche mit ihm in Mannskleidern den Feldzug von Corſika mitmachte. Er hatte auf dem Opernballe Bekanntſchaft mit einem liebenswürdigen Domino gemacht, der ihm ſeinen Namen und ſeine Adreſſe gegeben hatte, das heißt den Namen und die Adreſſe ihres Geliebten, des Grafen Jean Du Barry. Dieſe jungen und ſchönen Adeligen von ſeiner Mai⸗ treſſe gegebene Adreſſe war eine der Speculationen des Herrn Grafen Jean Du Barry. Der Graf Jean Du Barry verſammelte ausgelaſſene Geſellſchaften junger Leute und junger Frauen, in denen auch geſpielt wurde. Nicht gewiſſenhaft genug, um ſich darum zu beküm⸗ mern, was die andern Frauen thaten, zu wenig eiferſüch⸗ tig, um ſich darum zu bekümmern, was ſeine Maitreſſe that, richtete er ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf das Spiel, und ohne Zweifel war er es, der Veranlaſſung zu dem Sprichworte gab: Unglück in der Liebe, Gluͤck im Spiele. Kaum befand ſich Lauzun bei dem Grafen Jean, als er bemerkte, daß er in einem abſcheulichen Spielhauſe wäre; aber die ſchlechte Geſellſchaft erſchreckte die jungen Großen von dem Hofe Ludwigs XV. nicht, und während ſein Freund, Fitz⸗James, auf die Buhlereien der Mademoiſelle Lange antwortete, bot er, die Karten in der Hand, dem Grafen Du Barrh die Spitze, welcher, wie Lauzun erzählt, die Parthie im Schlafrocke und mit dem Hut auf dem Kopfe machte, weil dieſer, Leuten von der Geburt Lauzuns und Fitz⸗James gegenüber, ein wenig unſchickliche Hut, zum Zwecke hatte, zwei als Geſundheitsmaßregel auf die Augen des Grafen gelegte gehratene Aepfel feſt zu halten. War es der Anblick dieſer beiden gebratenen Aepfel, war es das Andenken an ſeine polniſche Prinzeſſin, das Lauzun dazu brachte, ſeinem Freunde den Beſitz der ſchönen Lange nicht ſtreitig zu machen, das ſagt uns Lauzun nicht, — 169— aber was er uns ſagt, iſt, daß er einige Tage vor ſeiner Abreiſe erfuhr, daß die, welche er verſchmäht hatte, dem Könige vorgeſtellt worden war, und einen tiefen Eindruck auf Seine Majeſtät hervorgebracht haben ſollte. Ohne Zweifel durch ein unmittelbares Bewußtſein der Zukunft wollte Lauzun Paris nicht verlaſſen, ohne von der Geliebten des Grafen Abſchied zu nehmen, die ihn ſo artig empfangen hatte, daß es augenſcheinlich war, daß ſie ſich Fitz⸗James nur aus Verzweiflung hingegeben hatte. Er fand ſie artiger und lächelnder, als jemals, und da ſie ihm ſagte, daß ſie ihn trotz ſeiner Abweſenheit nicht vergeſſen würde, ſo ſagte Lauzun zu ihr: — Nun denn! ſo erinnern Sie ſich denn, daß, wenn Sie Maitreſſe des Königs ſind, ich eine Armee comman⸗ diren will. — Und ich! ſagte ſie, ich finde Sie nicht ehrgeizig ge⸗ nug; wenn ich Maitreſſe des Königs bin, ſo mache ich Sie zum Miniſter. — Bah! und Herr von Choiſeul? ſagte Lauzun. — Herr von Choiſeul, ich verabſcheue ihn, antwortete Lange. — Ahl laſſen Sie hören, in welcher Beziehung, ſagen Sie mir das? ſagte Lauzun. Lange war ein gutmüthiges Mädchen, und ließ ſich nicht bitten; es waren wieder die unglückſeligen gebratenen Aepfel Jean Du Barrys, welche ihre Wirkung hervorge⸗ bracht hatten. Um zu dem Könige zu gelangen, hatte man Lange — 170— den Weg des Herrn von Choiſeul angedeutet. Herr von Choiſeul hatte die junge Frau liebenswürdig gefunden, aber er hatte die verhaͤngnißvollen gebratenen Aepfel geſehen, und die Beſorgniſſe, welche ſie ihn hatten empfinden laſſen, waren für Lange die Veranlaſſung einer Demüthigung ge⸗ weſen, welche ſie Lauzun verzteh, die ſie aber Herrn von Choiſeul nicht verzieh. Lauzun reiſte daher ab, indem er das doppelte Ver⸗ ſprechen der Mademoiſelle Lange mitnahm, daß, wenn ſie jemals die Maitreſſe des Königs würde, ſie ſeine Freundin und die Feindin des Herrn von Choiſeul ſein würde. Wie hatte jetzt Mademoiſelle Lange trotz der ſelbſtſüch⸗ tigen Bedenklichkeiten des Herrn von Choiſeul den König geſehen? Wir wollen es ſagen. 1 Das kam daher, weil man den wahren Weg einge⸗ ſchlagen, von dem man ſich anfangs entfernt hatte. Man hatte ſich an Lebel gewendet.. Lebel, den wir bereits Gelegenheit gehabt haben, un⸗ ter ähnlichen Umſtänden zu nennen, war der Kammerdie⸗ ner des Königs und der Erfinder der merkwürdigen, durch Frau von Pompadour ſo philoſophiſch geduldeten Stiftung des Hirſchparkes. Die Eiikette wollte, daß kein König von irgend einer Schüſſel etwas aß, als bis dieſelbe ge⸗ koſtet war; in Bezug auf die Liebſchaften des Königs hatte Herr von Richelieu lange dieſe Stelle als Vorkoſter ver⸗ ſehen; dann endlich zu einem Alter gelangt, wo ihm eine Shnecure von einer ſo ſelbſtthätigen Stelle den Vorzug zu haben ſchien, hatte er Lebel beauftragt, die Verrichtungen zu vollziehen, auf die er zu verzichten genöthigt war. — 171— Lebel ſah Mademoiſelle Lange, war von ihrer Schön⸗ heit entzückt, erſchrak durchaus nicht vor den beiden Aepfeln des Grafen Jean und ſtattete Richelieu einen ſo ausführ⸗ lichen Bericht über den Schatz ab, den er angetroffen hätte, daß der Herzog ſich zum Mindeſten durch ſeine Augen über⸗ zeugen wollte, ob in der Erzählung Lebels nichts übertrie⸗ ben ſei. Der Herzog urtheilte und wurde befriedigt. Nun zog man den Herzog von Aiguillon hinzu, und entwarf, für den Fall des Gelingens, die Bedingungen eines Vertrages mit der neuen Favoritin. Nur verlangte man von ihr ein vollſtändiges Geſtaͤndniß der Vergangen⸗ heit, um bereit zu ſein, den üblen Nachreden, wie den Verläumdungen die Spitze zu bieten. Die ſchöne Magdalena verfehlte keine ihrer Sünden, und hier iſt das, was ſie erzählte. Sie war in Vaucouleurs, dem Vaterlande der Jeanne d'Arc, im Jahre 1744 geboren, ſie war alſo vierundzwan⸗ zig Jahre alt; ſie war die Tochter einer Köchin und eines Mönches; ſie hatte ſich anfangs Jeanne Vaubernier ge⸗ nannt, und unter dieſem Namen hatte ſie ihre Erziehung bei einer Modehändlerin begonnen; von der Modehändlerin war ſie in ein anderes, noch weniger ehrbares, aber bei weitem mehr bekanntes Haus, zu Madame Gourdan über⸗ gegangen. Dort hatte ſie ihren Namen abgelegt, um den Lançon anzunehmen; eines Abends traf ſie der Graf Jean Du Barry, der halb betrunken war, an der Ecke einer Straße an, ging zu ihr hinauf, und nahm ſie am folgen⸗ den Tage mit ſich in ſeine Wohnung; dann, in einem ——— —————— —q— — 172— Augenblicke der Verlegenheit, verkaufte er ſie an Radix von Sainte⸗Foh, Büreauschef bei den auswärtigen Ange⸗ legenheiten, der ſie ſpäterhin dem Grafen Du Barry zu⸗ rückgab, der ſie dieſes Mal unter dem Namen Lange an die Spitze des Spielhauſes ſtellte, in welchem ſie Lauzun geſehen und Lebel gekannt hatte. Eine ſolche Beichte gab zu überlegen, Lebel und der Herzog von Aiguillon erſchracken anfangs über einen ſol⸗ chen früheren Lebenswandel, Richelieu allein hielt feſt und erklärte, daß die Talente, welche Jeanne Vaubernier in einem abenteuerlichen und aufgeregten Leben mußte erwor⸗ ben haben, dem Könige willkommen ſein würden, deſſen Entkräftung immermehr zunähme. Richelieu rieth daher Jeanne, ganz im Gegentheile von den andern Frauen zu verfahren, welche bis dahin die königlichen Gunſtbezeugun⸗ gen genoſſen hatten; das heißt ſtatt, wie jene, den Neuling zu ſpielen, ihm nichts von dem Talente zu verhehlen, das ſie beſäße. Richelieu war ein großer Prophet, die Sachen nahmen eine Wendung, wie er es vorausgeſehen hatte und beſſer noch. In den Armen der Mademoiſelle Lange träumte Ludwig die ſchönſten Tage ſeiner Jugend, und man konnte bald die ganze Herrſchaft ſehen, welche ſeine neue Maitreſſe über ihn annehmen würde. Nur bedurfte ſie einer Art von Namen, zu viele Per⸗ ſonen hatten ſie unter dem Jeanne Vaubernier, unter dem Mademoiſelle Lancon oder unter dem Mademoiſelle Lange gekannt, als daß ſie ihn behalten konnte. Jean hatte einen Bruder, Namens Wilhelm Du Barrhy, man ließ ihn ——89—— &G 8 G 773—— +—8— ◻œ 0 α — 173— kommen, man verheirathete ihn mit Jeanne Vaubernier, man gab ihm Hunderttauſend Livres gegen ſeinen Namen, man ſandte ihn in die Provinz zurück und die Gräfin Du Barrh wurde am Hofe vorgeſtellt, wie es mit Frau von Etioles, Marquiſe von Pompadour der Fall geweſen war. Nun ſah Herr von Choiſeul den Fehler ein, den er begangen hatte, indem er zu viel Wichtigkeit auf die ge⸗ bratenen Aepfel des Grafen Jean legte. Damals war es auch, daß das berüchtigte Lied von der ſchönen Bourbonnaife erſchien, das, ſo beleidi⸗ gend es auch war, kein anderes Reſultat hatte, als Lud⸗ wig XV. und Madame Du Barrh zu ergötzen, die es ſelbſt vor den Ohren des Herrn von Choiſeul ſummten, damit es dem Miniſter nicht unbekannt wäre, daß ſie es kennten. Inzwiſchen meldete man die Ankunft des Königs von Dänemark, Chriſtian VII., in Paris. Er war ein junger und ſchöner Fürſt, dieſe Meldung ſetzte daher auch den Hof, die Stadt und beſonders die Theater in Bewegung. Als man wußte, in welchem Hotel er wohnen ſollte, waren die umliegenden Häuſer mit den ſchönſten Frauen von Paris überfüllt, einige verſtändigten ſich mit dem Ta⸗ pezirer, der ihre Porträts in ſeinem Schlafzimmer und in ſeinem Toilettenkabinet aufhing. Mademoiſelle Grandi, von der Oper, ging am weiteſten und ſandte ihm das ihrige im Koſtüme der Venus, die ſich um den Apfel des ſchönen Paris bewirbt. Der König von Dänemark kam nach Paris, wo er — 174— eben Niemand, als die Enchelopädiſten ſah, und wo man behauptet, daß alle weiblichen Zuvorkommenheiten verloren waren. Inzwiſchen verhandelte Herr von Choiſeul eine Ange⸗ legenheit, welche den Einfluß der Madame Du Barry neutraliſiren ſollte, das war die Verheirathung des Dau⸗ phins mit einer Erzherzogin von Oeſterreich. Die kaiſerliche Nachkommenſchaft war reich an Prin⸗ zeſſinnen, ſeit langer Zeit war der Plan gefaßt worden, die Bourbonen durch Bande des Blutes mit den Cäſaren zu verbinden; man hatte davon geſprochen, den König wieder zu verheirathen, aber der König fühlte ſich zu alt für eine Verheirathung; man beſchloß, den Dauphin an der Stelle des Königs zu verheirathen, und Herr von Breteuil wurde beauftragt, die unter den jungen Erzher⸗ zoginnen auszuwählen, welche ihm am beſten für die Krone von Frankreich zu paſſen ſchien. Man kann noch heut zu Tage im Palaſte von Ver⸗ ſailles das Gemälde ſehen, welches bei dieſer Veranlaſſung angefertigt wurde; es ſtellt Maria Thereſia in Schönbrunn vor; die erlauchte Kaiſerin und Königin iſt noch blühend und friſch in Mitte einer Gruppe junger aufblühender Mädchen; unter dieſen jungen Mädchen erkennt man an ihren dunkelblonden Haaren, an ihren blauen und ſanften Augen, an ihrer ſo matten und zugleich ſo glänzenden Haut, endlich an dieſer öſterreichiſchen Lippe die Miſchung des Blutes von Lothringen mit dem des Blutes von Ca⸗ ſtilien, Maria Antoinette im Alter von dreizehn Jahren. Maria Antoinette Joſephine Johanna von Oeſterreich war am 2. November 1755 in Wien geboren. Zwei Jahre, bevor ſie Schönbrunn verließ, wußte Maria Antoinette bereits, daß ſie für den Thron von Frankreich beſtimmt wäre. Herr von Choiſeul hatte ihr einen Lehrer nach ſeiner Wahl ausgeſucht, den Abbé von Vermond, ſo daß ſie unſere Sprache vollkommen ſprach, und mit derſelben Leichtigkeit das Engliſche, das Italieni⸗ ſche und das Lateiniſche. Maria Thereſia hatte aus Dankbarkeit gegen Ungarn ihre Tochter das Lateiniſche lernen laſſen; ſie hatte ja in dieſer Sprache ihre getreuen Ungarn angeredet, und dieſe hatten ihr in dieſer Sprache den Schwur geleiſtet, für ſie zu ſterben. Die Erziehung der jungen Erzherzogin war in Bezug auf die ſchönen Künſte nicht minder gepflegt worden, als in dem der Philologie; Gardel war ihr Tanzlehrer ge⸗ weſen, Gluck hatte ihr Unterricht in der Muſik gegeben und ſie für dieſe Kunſt begeiſtert, endlich zeichnete ſie auf eine reizende Weiſe. Was die politiſche Seite der Erziehung anbetrifft, ſo hatte Maria Thereſia dieſe Niemand anvertraut, und ſie hatte Sorge getragen, daß, indem Maria Antoinette in Bildung und Manieren Franzöſin wurde, ſie dem Herzen nach Oeſterreicherin blieb. Die Verheirathung war, wie wir geſagt haben, von der Politik der beiden Reiche bereits ſeit zwei Jahren be⸗ ſchloſſen worden, als der Prinz von Lothringen bezeichnet wurde, nach Wien zu gehen, um officiell um die Hand — 176— Maria Antoinettens anzuhalten. Die Hand wurde be⸗ willigt. Ganz Europa erbebte bei dieſer Nachricht, welche das öſterreichiſch⸗franzöſiſche Bundniß auf lange Zeit zu befeſti⸗ gen ſchien, und das dem zu Folge die ganze Politik des Nordens veränderte; was Frankreich anbetrifft, ſo bereitete es ſich auf jene glänzenden Feſte vor, welche gewöhnlich die Verheirathungen ſeiner Könige begleiteten. Damals erſchien eine der erſten ſtaatswirthſchaftlichen Schmähſchriften; ſie führte den Titel: Seltſame Idee eines guten Bürgers in Betreff der oͤffentlichen Feſte, welche man in Paris und an dem Hofe ſich vornimmt, bei Veranlaſſung der Verheirathung des Herrn Dauphin zu geben. Dieſe Feſte, welche der Verfaſſer der Schmähſchrift aufzählt, würden, wie er ſagte, Frankreich zwanzig Millio⸗ nen koſten. Dieſer Herzählung fügte er hinzu: „Ich ſtelle den Antrag, nichts von alle dem zu thun, ſondern dieſe zwanzig Millionen auf die Steuern des Jah⸗ res, und beſonders auf die Kopfſteuer zu erlaſſen; auf dieſe Weiſe würde man, ſtatt die Müſſiggänger des Hofes und der Stadt durch eitle und vorübergehende Beluſtigun⸗ gen zu unterhalten, Freude in der traurigen Seele des Landmannes verbreiten, man würde die ganze Nation an dieſem Ereigniſſe Theil nehmen laſſen, und man würde bis an die fernſten Grenzen des Reiches ausrufen: Es lebe Ludwig der Vielgeliebte! Eine ſo neue Art von Feſt würde — 122— den König mit einem weit wahreren und weit dauerhafte⸗ ren Ruhme bedecken, als alles Gepränge und aller Prunk aſiatiſcher Feſte, und die Geſchichte würde dieſen Zug der Nachwelt mit mehr Gefälligkeit übertragen, als die unnützen Details einer für das Volk drückenden Pracht, die weit entfernt von der wahren Größe eines Monarchen iſt, der Vater ſeines Volkes ſein will.“ Die Schmähſchrift wurde Jean Jacques Rouſſeau zu⸗ geſchrieben. Wie man wohl begreifen wird, befolgte der König den Rath nicht, man war noch nicht in den Zeiten, wo die Königin von Frankreich ſich die Mühe gab, ſelbſt auf eine Broſchüre von Olhmpes von Gouges zu antworten. Mit den Verhaltungsvorſchriften ihrer Mutter verſehen, reiſte Maria Antoinette von Wien ab; unter der Zahl dieſer Verhaltungsvorſchriften hat man folgende, von der Hand der Kaiſerin und Königin geſchriebene wiederge⸗ funden. Liſte der Maria Antoinette von Oeſter⸗ reich von ihrer Mutter Maria Thereſia, Kai⸗ ſerin, in dem Augenblicke ihrer Abreiſe von Wien, um den Dauphin von Frankreich zu heirathen, anempfohlenen Herren des Hofes. Liſte von Leuten meiner Bekanntſchaft: „Der Herzog und die Herzogin von Choiſeul. „Der Herzog und die Herzogin von Praslin. „Hautefort. „Die Duchatelets. „Von Eſtrées. Ludwig der Fünfzehnte. 3. Band. 12² — 178— „Von Aubeterre. „Der Graf von Broglie. „Die Brüder von Montazet. „Herr von Aumont. „Herr Gérard. „Herr Blondel. „Die Beauvais, Nonne. Ihre Freundin. „Die Dourforts, dieſer Familie werden Sie bei jeder Veranlaſſung Ihre Dankbarkeit und Ihre Aufmerkſamkeit bezeugen. „Daſſelbe gilt für den Abbé von Vermont; das Loos dieſer Perſonen liegt mir am Herzen. Mein Geſandter iſt beauftragt, für ſie zu ſorgen. Es wäre mir leid, die Erſte zu ſein, meine Grundſätze zu übertreten, welche ſind, Nie⸗ mand zu empfehlen; aber Sie und ich verdanken dieſen Perſonen zu viel, als daß wir nicht ſuchen ſollten, ihnen bei jeder Veranlaſſung nützlich zu ſein, wenn wir es ohne zu viel impegno können. „Berathen Sie ſich mit Mercy.*) „Ich empfehle Ihnen im Allgemeinen alle Lothringer an, wenn Sie ihnen nützlich ſein können.“ Vielleicht iſt es merkwürdig, hier die Liſte der Perſo⸗ nen anzuführen, welche der Herr Dauphin ſeiner Seits ſterbend anempfohlen hatte, man wird den Conflict be⸗ merken, welchen dieſe doppelte Anempfehlung in Verſailles herbeiführen mußte⸗ *) Der Graf von Mercy, Geſandter von Oeſterreich in Paris. 44 — b +△& 888ͤdu Liſte verſchiedener, von dem Herrn Dau⸗ phin demjenigen ſeiner Söhne, welcher Lud⸗ wig XV. nachfolgen wird, anempfohlenen Perſonen.*) „Herr von Maurepas iſt ein alter in Ungnade gefallener Miniſter, welcher, nach dem, was ich erfahren, ſeine Anhänglichkeit an die wahren Grundſätze der Politik erhalten hat, welche Frau von Pompadour verkannt hat. „Der Herr Herzog von Aigutillon iſt von einem Hauſe, das ſich in dem politiſchen Syſteme, das Frankreich früh oder ſpät für ſeine Sicherheit genöthigt ſein wird wieder anzunehmen, berühmt gemacht hat. Er wird ſich mit den Jahren bilden, und er kann in vielen Beziehungen nützlich ſein. Seine Grundſätze über die kö⸗ nigliche Gewalt ſind rein, wie die ſeiner Familie, welche ſeit dem Kardinal von Richelieu es ohne Lücke ſind. „Mein Vater hat einen Mann von unbeugſamen Cha⸗ rakter mit einigen Irrthümern im Geiſte verabſchiedet, der aber ein rechtſchaffener Mann iſt. „Herr von Machault, die Geiſtlichkeit verabſcheut ihn wegen ſeiner Strenge gegen ſie; das Alter hat ihn ſehr gemäßigt. „Herr von Trudaine genießt einen großen Ruf der Rechtſchaffenheit und der Anhaͤnglichkeit mit vielen Kenntniſſen. „Der Herr Kardinal von Bernis ſſt endlich *) Dieſe Liſte war mit einigen andern nicht minder wichtigen Papieren Herrn von Nicolai anvertraut. 12* — 180— für die Dienſte belohnt worden, welche er dem Hauſe Oeſterreich erwieſen hat. Aber ſein politiſches Shſtem war mit mehr Mäßigung aufgefaßt, als das des Herrn von Choiſeul. Er iſt verabſchiedet worden, weil er nicht genug für die Kaiſerin gethan und ſich erinnert hatte, daß er Franzoſe wäre. Wenn er ſeinen zu bekannten Groll gegen eine mächtige und am meiſten an unſer Haus anhängliche Partei in der Geiſtlichkeit mäßigt, ſo kann er fehr nützlich werden. „Herr von Nivernois hat Verſtand, Anſtand; er kann zu Geſandtſchaften verwandt werden, wo man ihn durchaus haben muß, dort muß man ihn anſtellen. „Herr von Caſtries iſt gut für das Militär, er hat Ehre und Kenntniſſe. „Herr von Muh iſt die perſonificirte Tugend; er hat alle die Eigenſchaften geerbt, welche ich von Hören⸗ ſagen weiß, daß ſie Herr von Montanſier hatte, er wird feſt in der Tugend und in der Ehre ſein. „Die Herren von Saint⸗Prieſt ſind zwar durch Frau von Pompadour befördert worden, aber ſie haben Faͤhigkeit und das Verlangen, ſich zu befördern. Der Vater muß genau von dem Sohne und dem Cheva⸗ lier unterſchieden werden; dieſer kann eines Tages ſehr nützlich werden. „Der Herr Graf von Perigord iſt vorſichtig und ein rechtſchaffener Mann. „Der Herr Graf von Bro glie hat Thätigkeit und Verſtand, wie auch politiſche Berechnungsgabe. — 181— „Der Herr Marſchall von Broglie hat im Falle des Krieges Talent für das Commando. „Der Herr Graf von Eſtaing“) hat die Ta⸗ lente ſeines Standes. „Herr von Bourcet hat zuverläſſige Kenntniſſe, ebenſo wie der Baron von Espagnac. „Herr von Vergennes iſt in den Geſandſchaften. Er hat einen Geiſt weiſer Ordnung und iſt fähig, eine langwierige Angelegenheit in gutem Sinne zu leiten. „Es befinden ſich in dem Parlamente, in den Fami⸗ lien der Präſidenten, ihren Pflichten ſehr zugethane Män⸗ ner von Talent; es giebt deren gleichfalls einige unter den Räthen. „Der Herr Präſident Ogier beſitzt einen Cha⸗ rakter, der für ſchwierige und ſtürmiſche Unterhandlungen geeignet iſt; aber es giebt in der Magiſtratur gährende Köpfe und Männer, die nach anderen Stellen ſtreben, die aber wegen der Thätigkeit ihrer Köpfe unfähig ſind, an⸗ derswo, als in dem Parlamente angeſtellt zu werden. „Was die Geiſtlichkeit anbetrifft, ſo hat Herr von Jarente in dieſer Körperſchaft zu viele Subjecte erzogen, welche würdig ſind, unbekannt zu ſein. Er hat das Ge⸗ gentheil von ſeinem Vorgaͤnger gethan, der eine exemplari⸗ ſche und der Religion zugethane Geiſtlichkeit wollte. Herr von Jarente hat zu viele ihm aͤhnliche Perſonen gewählt. „Der Herr Biſchof von Verdun iſt zu be⸗ *) Es iſt der Herr Graf von Eſtaing, Generalofſtzier der Marine. — 182— kannt, als daß er einer Empfehlung bedurfte, wie auch ſeine Familie, deren Anhänglichkeit hinlänglich bekannt iſt. „Der Herr Herzog de la Vauguyon iſt gleichfalls zu bekannt, als daß er nöthig hätte, empfohlen zu werden. Es lag ihm zu ſehr am Herzen, ſeinen Schü⸗ lern rechtſchaffene, aufgeklärte und thatfähige Grundſätze zu geben, als daß er jemals vergeſſen werden dürfte; ich ſage daſſelbe von den andern Perſonen, welche mit der Erziehung der Kinder von Frankreich beauftragt ſind. „Was den ehemaligen Herrn Biſchof von Li⸗ moges anbetrifft, ſo ſprechen ſeine Tugend, ſeine Rein⸗ heit und ſein Zartgefühl hinlänglich zu ſeinen Gunſten. „Es gibt noch andere ſehr empfehlungswerthe Perſo⸗ nen, aber außer daß ſie Stellen haben, ſind ſie durch Freundſchaft oder Verwandtſchaft mit den hier oben ange⸗ führten Perſonen verbunden; man wird nicht davon ſprechen. „Der Herr Erzbiſchof von Paris(Beau⸗ mont) muß als eine der Säulen der Religion betrachtet werden, welche die Familie genöthigt iſt, gewiſſenhaft und aus Intereſſe zu erhalten, ſo viel es auch koſten möge! Die zärtliche Mutter meiner Kinder wird noch bei weitem mehr darüber ſagen; ſie wird wohl das, was gut iſt, von dem zu unterſcheiden wiſſen, was ſchlecht iſt, und es iſt nicht nöthig, hier darzuthun, wie würdig ſie der zärtlichſten Ergebenheit iſt.“ Ganz vergnügt, nach Frankreich zu kommen, voll von Hoffnungen auf die Zukunft, voll Vertrauen auf die Gegen⸗ ——— ———— —& — 183— wart, reiſte die junge Prinzeſſin mit ihren Verhaltungs⸗ vorſchriften ab. Indeſſen erſchreckte ſie eine Vorbedeutung. In dem erſten Hauſe, in welchem ſie auf dem Boden von Frankreich einkehrte, war das Zimmer, welches man ihr gab, mit einer Tapete bedeckt, die den Kindermord von Bethlehem vorſtellte; es befand ſich ſo viel vergoſſenes Blut, ſo viel zerſtreute Leichen, ſo viel Wahrheit und Ausdruck in den Zuͤgen, daß die junge Prinzeſſin ein an⸗ deres Zimmer verlangte, da ſie in dieſem nicht zu ſchlafen wagte. In Compisgne fand die Zuſammenkunft ſtatt, ein ſpäͤterhin für Marie Louiſe erneuertes Ceremoniel, das in dem einen, wie in dem anderen Falle kein Glück gebracht hat. Den Vorſchriften der Etikette gemäß warf ſich Ma⸗ ria Antoinette Ludwig XV. zu Füßen, der ſie wieder auf⸗ hob, ſie auf die beiden Wangen küßte und ſie dann bis zu der ehelichen Einſegnung nach La Muette fuͤhrte, wo die Gräfin Du Barrh ihr vorgeſtellt wurde. Auch Madame Du Barrh befand ſich auf dem Pro⸗ gramme Maria Thereſias, indem die Kaiſerin ſich der von Frau von Pompadour Oeſterreich erwieſenen Dienſte er⸗ innerte, und wie man geſehen hat, war Maria Thereſia dankbar in ihren Erinnerungen. Zur großen Verzweiflung Choiſeuls war Maria An⸗ toinette daher vollkommen artig gegen Madame Du Barry. Verſailles hatte ſeine Brocat⸗ und Goldkleider, und — 484— dennoch verfolgte eine neue Vorbedeutung die junge Dau⸗ phine bis in den Marmorhof. In dem Augenblicke, wo ſie den Fuß auf die Schwelle des Palaſtes ſetzte, brach ein heftiges Gewitter über das Schloß aus, und ein lang anhaltender Donner ſchien den ganzen Horizont in einen drohenden Kreis zu hüllen. Sie blickte voll Beſorgniß den Marſchall von Richelieu an, der ſich neben ihr befand. — Eine traurige Vorbedeutung! ſagte dieſer, den Kopf ſchüttelnd. In der That, der Marſchall war nicht für das öſter⸗ reichiſche Bündniß. Am folgenden Tage kam die Dauphine nach Paris, und das Schauſpiel, welches ſie dort erwartete, beruhigte ſie über die Ahnungen des vorigen Tages. Ganz Paris war auf den Beinen, um ſie zu empfangen, ſie fuhr unter den Rufen: Es lebe der Dauphin und es lebe die Dauphinel durch die Hauptſtadt. Dieſer Jubel war ſo groß, daß Maria Antoinette darüber eine Art von Be⸗ geiſterung empfand. — Sie ſehen um ſich herum, Madame, ſagte Herr von Briſſac, zwei Mal Hunderttauſend, die in Ihre Per⸗ ſon verliebt ſind. Aber in jede Freude miſchte das Schickſal ſeine War⸗ nung, von jedem Feſte nahm der Tod ſeinen Zehnten. Man weiß, wie zahlreich der war, den er auf dem Platze Ludwigs XV. erhob, wo ein Feuerwerk, deſſen Bouquet allein ſechszig Tauſend Livres koſtete, angezündet werden ſollte. Man baute damals die Straße Royal Saint⸗ — 185— Honoré und das Faubourg. Spitzbuben organiſirten ein Gedränge, man erſchrak über dieſes unbekannte Wogen, das plötzlich dieſen Ocean von Menſchen bewegte, Jeder wollte fliehen, man ſtürzte ſich in die Gräben, man er⸗ ſtickte ſich in dem Gedränge, man erdrückte ſich gegen die Mauern. Die Policei geſtand zwei Hundert Leichen ein. Die Pariſer ſagten leiſe, daß man zwölf Hundert in die Seine geworfen haͤtte. Das war in weniger als einem Monate die dritte Vorbedeutung, und wie man ſieht, war ſie nicht die am wenigſten ſchreckliche. Das Ereigniß machte einen großen Eindruck auf den Dauphin. Er hatte ſoeben zwei Tauſend Thaler erhalten, welche ihm der König alle Monate gab; er ſandte ſie Herrn von Sartines mit folgendem Briefe: „Ich habe das Unglück erfahren, das ſich in Bezug „auf mich zugetragen hat, ich bin davon ergriffen; man nhat mir das gebracht, was mir der König alle Monate zu „meinen kleinen Ausgaben ſendet; ich kann nur über das „verfügen, ich ſende ſie Ihnen, unterſtützen Sie die am „meiſten Unglücklichen. „Ich habe viel Achtung für Sie, mein Herr. „Ludwig Auguſt. „Verſailles, den 1. Juni 1770. Bei alle dem hatte die Dauphine einen großen Ein⸗ druck hervorgebracht. Hier iſt das Porträt, welches die — 186— damals erſcheinende Zeitſchrift les Nouvelles à la main von ihr gab. „Die Frau Dauphine, von hohem Wuchſe für ihr Alter und mager, ohne dürr zu ſein, iſt ſo, wie eine junge, noch nicht ausgebildete Perſon. Sie iſt gut gewachſen, ſehr verhältnißmäßig in allen ihren Gliedern. Ihre Haare ſind von einem ſchönen Blond, man glaubt, daß ſie in der Folge kaſtanienbraun werden; die Form ihres Geſichts iſt von einem ſchönen Oval, aber ein wenig lang; ihre Augen⸗ brauen ſind ſo dicht, als ſie eine Blondine haben kann; ihre Augen ſind blau, ohne matt zu ſein, und ſpielen mit einer Lebhaftigkeit voll Geiſt. Sie hat eine am Ende ein wenig ſchmale Adlernaſe. Die Frau Dauphine hat einen klei⸗ nen Mund, obgleich ſie dicke Lippen hat, beſonders die untere, von der man weiß, daß ſie die öſterreichiſche Lippe iſt; der Glanz ihrer Haut iſt blendend, und ſie hat Farben, welche ſie entbinden könnten, ihre Zuflucht zur Schminke zu neh⸗ men; ihre Haltung iſt die einer Erzherzogin, aber ihre Würde iſt durch die Freundlichkeit gemäßigt, und wenn man dieſe Prinzeſſin betrachtet, ſo iſt es ſchwer, ſich einer mit Zartlichkeit gemiſchen Achtung zu entziehen.“ Es bedurfte nichts Geringeren, als dieſer Schönheit, um Ludwig XV. zu beruhigen. Er war nichts weniger, als von der Mannbarkeit ſei⸗ nes Enkels, des Herzogs von Berry, überzeugt, der nie⸗ mals das geringſte Verlangen gezeigt hatte, ſich einer Frau zu nähern; am Tage vor der Hochzeit ließ er daher auch Herrn de la Vauguyon, den Erzieher des Dauphins, kom⸗ men und erkundigte ſich bei ihm, ob die Erziehung Ludwig — 187— Auguſts ſo vollſtändig ware, als es die eines Mannes ſein müßte, der ſich am folgenden Tag verheirathete. Herr de la Vauguyon, der nicht geglaubt hatte, daß die Pflichten ſeiner Stelle ſo weit gingen, blickte den König voll Erſtau⸗ nen an, ſtammelte und geſtand am Ende, daß er dem Dauphin kein Wort von dem geſagt hätte, was der König wünſchte, daß er es wiſſen möchte. Nun erfand Ludwig XV., da er ſah, daß Herr de la Vauguyon in jedem Falle ein ſchlechter Lehrer in ehelichen Lehren ſein würde, ein ſinnreiches Mittel, zu den Augen des Einzuweihenden zu ſprechen; er ließ längs der Wände des Corridors, welcher von ſeinem Zimmer zu der Dauphine führte, die Kupfer⸗ ſtiche des modernen Arêtin kleben, welche der Abbé Du⸗ laures im Jahre 1763 herausgegeben hatte, und die nichts über die dunkelſten Punkte der Wiſſenſchaft zu wünſchen übrig ließen, für welche der Graf de la Vauguhon ſelbſt eingeſtand, ein ſo armſeliger Lehrer zu ſein, und er beauf⸗ tragte den Kammerdiener des Dauphins, ſeinem Herrn in dem Augenblicke, wo er ihm den Leuchter übergeben würde, anzuempfehlen, bei dem Scheine dieſes Leuchters die an die Wand geklebten Kupferſtiche aufmerkſam zu betrachten. Die Sache wurde ausgeführt, wie ſie anempfohlen worden war, aber trotz dieſer Vorſichtsmaßregel verbreitete ſich am folgenden Tage ein ſeltſames Gerücht, welches Ludwig XV. ſagen ließ: — Wahrlich, wenn meine Schwiegertochter keine ſo rechtſchaffene Frau geweſen wäre, ſo möchte ich ſagen, daß der arme Menſch nicht mein Enkel iſt. Vergeſſen wir nicht hier anzuführen, daß ſich auf dem ——— — 188— Hofballe ein wichtiger Streit erhob. Am Abende dieſer Hochzeit, welche ein ſo ſeltſames Reſultat haben ſollte, hat⸗ ten die Prinzeſſinnen des Hauſes von Lothringen und ſelbſt die einfachen Seitenverwandten, wie zum Beiſpiel der Prinz von Lambese, die Anmaßung, den Schritt nach den Prin⸗ zen von Geblüt und vor den Pairs zu haben; um einen Beweis der Artigkeit gegen Maria Thereſia abzulegen, welche dieſe Ehre für die Prinzen und Prinzeſſinnen, ihre Verwandten, verlangt hatte, willigte der König in dieſen Einbruch in die Rechte der Pairſchaft; es fanden daher Proteſtationen von Seiten der Herzöge und der Pairs un⸗ ter dem Vorſitze des Herrn von Broglie, Biſchof und Grafen von Noyon ſtatt. Hier iſt der Brief. „Der Geſandte des Kaiſers und der Kaiſerin Königin „hat in einer Audienz, die er von mir gehabt hat, im Na⸗ „men ſeines Herrn,— und ich bin genöthigt, alle dem Glau⸗ „ben zu ſchenken, was er ſagt,— verlangt, zu geruhen, „Mademoiſelle von Lothringen bei der gegenwärtigen Veran⸗ „laſſung der Verheirathung meines Enkels mit der Erzher⸗ „zogin Antoinette einige Auszeichnung zu zeigen. „Da der Tanz auf dem Balle die einzige Sache iſt, „die keine Folgen haben kann, da die Wahl der Tänzer „ohne Unterſchied der Stellen, des Ranges oder der Wür⸗ „den nur von mir abhängt, ausgenommen die Prinzen und „die Prinzeſſinnen meines Geblütes, welche mit keinem an⸗ „dern Franzoſen verglichen, noch auf denſelben Rang ge⸗ „ſtellt werden können, und da ich außerdem keine Neuerun⸗ „gen in dem einführen will, was an meinem Hofe ge⸗ (i ½ X8 A d — 189— „bräuchlich iſt, ſo rechne ich darauf, daß die Großen und „der Adel meines Reiches, in Folge der Treue, des Ge⸗ „horſams, der Anhänglichkeit und ſelbſt der Freundſchaft, „welche ſie mir und meinen Vorgängern bezeugt haben, nie⸗ „mals etwas veranlaſſen werden, das mir mißfallen könnte, „beſonders bei dieſer Veranlaſſung, bei welcher ich wünſche, „der Kaiſerin meine Dankbarkeit für das Geſchenk zu be⸗ „zeigen, das ſie mir gemacht hat, welches, wie ich hoffe, „das Glück von dem Reſte meiner Tage ausmachen wird. „Ludwig. Trotz dieſer Aufforderung, welche ſehr einer Bitte glich, blieb die Mehrzahl der Herzöge und Pairs zurück und erſchienen nicht auf dem Ball. IX. Maria Antoinette Nebenbuhlerin der Madame Du Barry.— Wettrennen auf Eſeln.— Anzugliche Erwiederung der Dauphine.— Der Friſeur Leonard.— Fantaſtiſche Friſu⸗ ren.— Heirath des Herzogs von Orleans mit Frau von Monteſſon.— Der Herzog von Aiguillon.— Er ſchlägt die Engländer bei Saint⸗ Caſt.— Antwort des Herrn de la Chalotais.— Seine Einkerkerung.— Intriguen.— Einfluß der Madame Du Barry.— Der feierliche Ge⸗ richsthof.— Herr von Maupeon Sohn, Spottname, den ihm der Marſchall von Briſſae gibt.— Bündniß gegen Herrn von Choiſeul.— Das Porträt Karls 1.— Die 8 —— 4 1 Küche der Madame Du Barry.— Der König Choi⸗ feul.— Die Günſtlinge und die Orangen.— Der Brief der Frau von Grammont.— Verbannung der Herren von 4 Choiſeul und von Praslin.— Beweiſe von Sympathie, welche der erſte erhält.—. Der Abbé Terray.— Seine 2 — 191— Antwort an den König.— Portrait Choiſeuls von Lud⸗ wig XVI. Während einiger Zeit waren in Frankreich aller Augen auf die Frau Dauphine gerichtet, und man beküm⸗ merte ſich nur um das, was ſie ſagte oder was ſie that. Maria Antoinette war leicht zu beurtheilen, und man wußte bald, woran man ſich in Bezug auf ſie zu halten hatte. Da Ludwig XVI. von den erſten Tagen, oder viel⸗ mehr von den erſten Nächten an, ſie ſchweres Unrecht ver⸗ geſſen zu laſſen hatte, ſo ließ er ihr alle Freiheit für ihre Launen. Maria Antoinette war in Schönbrunn mit alle der deutſchen Freiheit erzogen worden, ſo daß es die ſchwerſte Aufgabe für ſie war, ſich in das franzöſiſche Ceremoniel zu fügen. Frau von Noallees, welche beauftragt war, die junge Prinzeſſin zur Ordnung zu verweiſen, wenn ſie ſich davon entfernte, erhielt von der Dauphine den Beinamen: Frau Erikette, ein Beiname, der ihr blieb. Uebrigens hatte Maria Antoinette eingeſehen, daß ſie, um nach ihrem Gefallen zu handeln und ſich nach ihrer Weiſe zu benehmen, ſich zuvörderſt den alten König zum Freunde machen müßte. Das zu erlangen, war ihr etwas Leichtes; die Prinzeſſin nahm Ludwig XV. bei ſei⸗ ner ſchwachen Seite, ſie war artig gegen ſeine Maitreſſe. — Welche Stelle nimmt Madame Du Barrh am Hofe ein? hatte Maria Antoinette eines Tages Frau von Noailles gefragt. —— —— — 192— — Ei, antwortete dieſe ziemlich verlegen, ſie hat den Auftrag, dem Könige zu gefallen und ihn zu unterhalten. — In dieſem Falle, antwortete die Dauphine, benach⸗ richtigen Sie Madame Du Barry, daß ſie eine Nebenbuh⸗ lerin an mir hat. In der That, Maria Antoinette gefiel dem König und beluſtigte ihn. Schön, lebhaft, edel, munter, geiſtreich, herzhaft, war ſie kaum an dem Hofe, als ſie an ihm einen Duft von Jugend und von Freiheit verbreitete, der den alten König erheiterte. Sie war für Ludwig XV. das, was die Frau Herzogin von Burgund für Ludwig XIV. geweſen war; der Großvater vergötterte daher auch ſeine Enkelin, welche Morgens und Abends, ohne irgend eine Achtung für die Etikette, in Negligé kam, um ihm ihre Stirn zum Küſſen zu reichen; er ließ ihr daher auch Vie⸗ les hingehen, und darunter auch gar viele Thorheiten. Es war beſonders der Garten von Trianon, welcher der Schauplatz dieſer ausgelaſſenen Parthien war. Die jungen Prinzen und die jungen Prinzeſſinnen machten darin Wettrennen auf Eſeln nach der Weiſe der Wettrennen zu Pferde, welche der für alles Engliſche eingenommene Her⸗ zog von Chartres von London nach Paris übergeführt hatte. Bei einem dieſer Wettrennen fiel Maria Antoinette, man wollte ihr helfen wieder aufzuſtehen. — Nicht doch, ſagte ſie, eilen Sie, Frau Etikette zu holen, ſie wird Ihnen das gebräuchliche Ceremoniel ange⸗ ben, um eine Dauphine wieder aufzuheben, die von ihrem Eſel faͤllt. — 193— Der Witz war um ſo artiger, als die Frau Dauphine auf die verrätheriſchſte Weiſe von der Welt gefallen war; aber ſie war hübſch genug und beſonders gut genug ge⸗ baut, ſo daß ſie ſich wenig über den Unfall betrübte. Als ihr der Graf von Artois in Abweſenheit ſeines Bruders Complimente machte, welche ihr der Dauphin zuverläſſig nicht gemacht hätte, ſo ſagte Maria Antoinette daher auch: — Ah! wenn man den Eſel beſteigt, ſo muß man im Stande ſein von ihm zu fallen. Maria Antoinette war gefallſüchtig, und die Toilette nahm bei ihr einen großen Theil des Tages ein, Maria Antoinette hatte prachtvolle Haare und ſie trieb die Kunſt des Friſirens auf das Aeußerſte. Der erſte Künſtler, dem ſie ihren Kopf anvertraute, war ein gewiſſer Leonard; lange hatten ſich die Frauen von Frauen friſiren laſſen, Maria Antonette trug dazu bei, die Friſeurs in die Mode zu bringen. Leonard hatte eine gewiſſe Berühmtheit erlangt, das kam daher, weil Leonard eine wahre Macht war; es iſt wahr, daß es der Erfindungsgabe bedurfte, um Maria Antoinette beizuſtehen. Ihm verdankte man die phantaſti⸗ ſchen Friſuren, welche fünf bis ſechs Jahre lang in Er⸗ ſtaunen verſetzten, die kühnſten und die abenteuerlichſten Friſuren: geſträubte Friſuren, Gartenfriſuren, engliſche Friſuren, Bergfriſuren, Waldfriſuren, Blumenfriſuren, von denen jede den Gegenſtand natürlich vorſtellte, deſſen Na⸗ men ſie trug. Zur Zeit der Schlacht des Herrn de la Clochetterte Ludwig der Fünfzehnte. 3. Band. 13³ — 194— gab es Friſuren à la Belle⸗Poule. Die Frauen tru⸗ gen eine Fregatte in ihren Haaren. Man wird zugeben, daß das wohl den Titel werth war, den Leonard annahm: Akademiker der Friſuren. Wahr iſt es, daß Mademoiſelle Bertin ſich Miniſter der Moden nannte. Im Jahre 1817 oder 1818 hat man mir Leonard gezeigt, der noch lebte; er war Generalinſpector der Lei⸗ chenbegängniſſo, eine Stelle, die ihm in dem Augenblicke bewilligt worden war, wo er ſich um ein Privilegium für die komiſche Oper bewarb. Der Hof wurde von ſeiner der Dauphine gewidmeten Aufmerkſamkeit ein wenig durch die Verheirathung des Herrn Herzogs von Orleans mit Frau von Monteſſon ab⸗ gezogen, eine liebenswürdige Frau, mit welcher er ſeit lan⸗ ger Zeit lebte, die Einen ſagen ehelicher Weiſe, die Andern verſichern im Gegentheile, ohne daß er etwas von ihr er langt hätte; der Wunſch, ſich eine Stütze bei dem Könige zu verſchaffen, hatte den Herzog von Orleans der Madame Du Barry genähert, denn ſie war es, auf welche er rech⸗ nete, um von Ludwig XV. die Erlaubniß zu erhalten, dieſe Mißheirath zu ſchließen; er hatte daher dieſes Vor⸗ haben der Favoritin eröffnet, welche ihm in dieſem Tone, der ihr eigenthümlich war, geſagt hatte: — Nun denn, dicker Papa, heirathen Sie ſie immer⸗ hin, und wir werden ſehen. Auf dieſes Verſprechen hin, das ihm den Beiſtand — 8 nd — 195— der Madame Du Barry verſicherte, war der dicke Papa weiter gegangen und hatte geheirathet. Die Verheirathung geſchah oder wurde vielmehr heim⸗ licherweiſe in Villers⸗Coterets vollzogen, wo der Herzog von Orleans ſeinen ganzen Hof verſammelt hatte, welcher den Zweck dieſer Verſammlung nicht kannte oder nicht zu kennen ſchien. Am Morgen des, von ihm ſo lange erwar⸗ teten, für die Ceremonie beſtimmten Tages, ordnete der Herzog von Orleans ſelbſt die Beluſtigungen des Tages für alle ſeine Gäſte an, Jagden, Spazierfahrten, u. ſ. w., u. ſ. w., und ſtieg in den Wagen, um in Paris die ehe⸗ liche Einſegnung zu holen. Indem er den Fuß auf den Kutſchentritt ſetzte, ſagte er zu verſchiedenen ſeiner Ver⸗ trauten: — Auf Wiederſehen, meine Herren, ich bin dem Mo⸗ mente eines Glückes nahe, deſſen einzige Unannehmlichkeit die ſein wird, unbekannt zu ſein; ich verlaſſe die Geſell⸗ ſchaft, ich werde ſpät und nicht allein zurückkehren, ſondern mit Jemand, der die Anhänglichkeit theilen wird, welche Sie für meine Intereſſen und meine Perſon hegen. In der That, am Abend um ſechs Uhr hielt eine Kutſche unter der großen Vorhalle, ſie führte den Herrn Herzog von Orleans zurück, welcher in den Salon trat, indem er Frau von Monteſſon an der Hand hielt. So⸗ gleich ſchritt der Marquis von Valancay, einer der Ver⸗ trauteſten des Prinzen, auf Frau von Monteſſon zu und nannte ſie Hoheit, ein Beiſpiel, das von der ganzen Ge⸗ ſellſchaft befolgt wurde. Als der Moment zu Bett zu gehen gekonmmen, über⸗ —— 196— reichte Herr von Valancay dem Herzoge das Hemd, und bemerkte, daß ſich der Prinz den Vorſchriften der ge⸗ naueſten ehelichen Höflichkeit gänzlich hatte enthaaren laſſen. Ludwig XV. erkannte die Ehe an, aber verweigerte der Frau von Monteſſon immer den Titel Hoheit. Während dieſer Zeit dauerte der Kampf zwiſchen Herrn von Choiſeul und dem Herrn Herzoge von Aiguillon fort. Sagen wir einige Worte über Armand Vignerod⸗ Dupleſſis, Herzog von Aiguillon, welcher während der letz⸗ ten Jahre Ludwigs XV. eine ſo wichtige Rolle ſpielte, und deſſen Sohn eine ſo traurige Rolle während der erſten Jahre der Revolution ſpielte. Der Herzog von Aiguillon war im Jahre 1720 ge⸗ boren. Er war jung an den Hof gekommen, an welchem er unter dem Namen Herzog von Agénois vorgeſtellt worden war. Es iſt dies derſelbe Herzog von Agénois, in den Frau von Chateauroux verliebt war, welche trotz der Gegenwart Ludwigs XV. in Ohnmacht ſank, als ſie ſeine Verwundung bei dem Angriffe des Schloſſes Dau⸗ phin erfuhr, wohin ihn der König geſandt hatte, um ihn von ſeiner Favoritin zu entfernen. Wie man ſich erinnern wird, war Frau von Cha⸗ teauroux, ganz im Gegentheile zu Frau von Pompadour, gegen Oeſterreich. Der Herzog von Aiguillon theilte ihre Grundſätze, die auch die ſeines Onkels, des Herzogs von Richelieu waren, ſo daß er natürlicher Weiſe zu der Par⸗ thei des Herrn Dauphin gehörte, und ein Antagoniſt des Herrn von Choiſeul und der Parlamente war. Als das Parlament der Bretagne ſich gegen den Kö⸗ — 197— nig zu empoͤren begann, indem es Widerſtand gegen ei⸗ nige Edicte leiſtete, entfaltete der Herzog von Aiguillon als Militärcommandant der Provinz daſelbſt eine Stand⸗ haftigkeit und eine Strenge, welcher ihm den von Natur unabhängigen Geiſt der Bretagner entfremdete, die un⸗ gerecht gegen ihn wurden; als die Engländer im Jahre 1758 eine Landung an den Küſten der Bretagne machten, ſchlug ſie der Herzog von Aiguillon bei Saint⸗Caſt, und zwang ſie, ſich wieder einzuſchiffen; aber die Bretagner be⸗ haupteten, daß der Herzog von Aiguillon an dem Siege nicht alle den Antheil genommen hätte, den er perſönlich an ihm nehmen konnte, und beſchuldigten ihn, während des Kampfes in einer Mühle geblieben zu ſein. Herr von Aiguillon hat ſich bei der Schlacht von Saint⸗Caſt mit Ruhm bedeckt, ſagte man in Gegenwart des Herrn von Chalotais. — Sie wollen ſagen mit Mehl, antwortete der Gene⸗ ralprocurator des Parlamentes der Bretagne. Das Wort war hart, es blieb dem Herzoge von Ai⸗ guillon im Halſe ſtecken, der ſeine Strenge verdoppelte. Nun erbitterten ſich die Bretagner gegen ihn, und beſchuldigten ihn ihrerſeits der Erpreſſung und der Un⸗ treue, indem ſie um ſeine Ungnade nachſuchten und auf dieſe Weiſe Herrn von Choiſeul zu Hülfe kamen, der in⸗ ſtinctmäßig das Bedürfniß fühlte, den Herzog von Aiguil⸗ lon zu vernichten und ſein möglichſtes that, um dieſen Zweck zu erreichen. Gezwungen, zugleich gegen den erſten Miniſter und gegen das Parlament zu kämpfen, wandte der Herzog von Aiguillon alle ſeine Mittel an, und be⸗ — 198— ſchuldigte nun auch La Chalotais einer Verſchwörung, die nach dem Umſturze der Monarchie ſtrebte; La Chalotais wurde eingekerkert, und wurde dadurch der Abgott des Parlaments. Der Aufruhr verdoppelte ſich in der Bre⸗ tagne, der Herzog von Aigulllon errichtete ein ſcheinbares Parlament, das beleidigt wurde, endlich, des Streites über⸗ drüſſig, erſetzte die Regierung den Herzog von Aiguillon in der Bretagne durch den Herzog von Duras, die Erſe⸗ tzung, welche eine Niederlage für den Herzog war, verlieh den Parlamenten neue Kraͤfte, welche ihre Klagen gegen Herrn von Aiguillon erneuerten. Der Erpreſſungsprozeß wurde vor das Parlament von Paris gezogen, das ſich gegen den Angeklagten erklärte und in Form Rechtens zu treffen drohte. Jetzt erkannten der Herzog von Aiguillon und ſein Onkel, der Herzog von Richelieu, die dringende Nothwendigkeit, welche für ſie vorhanden war, ſich eine Stütze bei Ludwig XV. zu ſchaffen, und ſtellten Madame Du Barry vor. Man ſieht, daß die Intrigue vollkommen gelungen war. Durch Madame Du Barrh erlangte Herr von Ai⸗ guillon von dem König einen Befehl, welcher das Verfah⸗ ren niederſchlug; das Parlament ſeiner Seits, indem es dem Urtheile vorgriff, das es hätte erlaſſen ſollen, erließ einen Beſchluß, welches den Herzog von Aiguillon einer Sache angeklagt erklärte, welche ſeine Ehre befleckte und ihn von ſeiner Stelle als Pair entſetzte, bis daß er ſich vor Gericht gerechtfertigt hätte.— Statt aller Antwort auf dieſes Edict hielt der Kö⸗ nig in Verſailles einen feierlichen Gerichtshof, bei welchem ● ☛ ne —- 8—8 au—9 A½—=—— — 199— Herr von Aiguillon ſeinen Sitz unter den Pairs ein⸗ nahm. So ſtanden die Dinge zu der Zeit, zu welcher wir gekommen ſind. Es war jetzt Maupeon Sohn, welcher das Parlament von Paris leitete, deſſen erſter Präſident er war; aber Maupeon ſtrebte nach Höherem. Er wollte Kanzler von Frankreich werden. Damit die Siegel ihm nicht entgingen, verſprach er Herrn von Choiſeul ſeine Unterſtützung gegen Herrn von Aiguillon, dem Herzoge von Aiguillon ſeine Unterſtützung gegen Herrn von Choiſeul, und auf die beiden entgegen⸗ geſetzten Parteien geſtützt, erlangte er die Siegel nach der Entlaſſung ſeines Vaters, der ſie hatte. Er war ein Mann von ſechsundfünfzig Jahren, von mittlerer Größe, den ſeine Feinde, trotz ſchöner lebhafter Augen voll Feuer und Verſtand, abſcheulich fanden. Er hatte etwas Strenges in den Zügen, war von gallſüchtigem Temperamente, das ihm eine gelbe und grüne Geſichtsfarbe gab, weshalb ihn der Marſchall von Briſſac den Präſident Bigarrade(ſaure Pomeranze) nannte. Dieſer Beiname, welcher großen Erfolg hatte, beſtimmte den Präſidenten das zu thun, was die Schauſpieler des Abends auf der Bühne thun, das heißt ſich das Geſicht mit weißer und rother Schminke zu bedecken. Auf dieſe Weiſe war ſein Aeußeres minder finſter, und ſeine vergoldete Zunge über⸗. nahm es, die zu ſich zurückzuführen, welche ihm dieſes ver⸗ beſſerte Aeußere nicht hatte erobern können. Er war ein⸗ ſchmeichelnd, geſchmeidig, eiferſüchtig auf Stimmen, von — 200— welcher Seite ſie auch kommen mochten. Zum erſten Prä⸗ ſidenten ernannt, hatte er einen vertrauten Mann gefragt, was man von ihm in dem Palaſte dächte; dieſer hatte ſich anfangs entſchuldigt, ihm zu antworten; aber gezwun⸗ gen, ſich zu erklaͤren, hatte er ihm geſtanden, daß Jeder⸗ mann ſeinen unzugänglichen Hochmuth kannte. — Iſt es nur das? hatte der erſte Präſident geant⸗ wortet, nun denn! ſie werden ihre Meinung über mich bald ändern. Und in der That, von dieſem Augenblicke an wurde er ſanft, leutſelig, zuvorkommend; der geringſte Schreiber, dem er begegnete, fand ſein Auge liebreich und ſeine Züge lachend; ein Mann von Scharfblick, hatte er die Augen auf die Zukunft geworfen und berechnet, daß ein alter Miniſter nicht den Sieg über eine junge Maitreſſe davon tragen könnte. Sobald er die Siegel hatte, wandte er ſich daher ſichtbar zu Madame Du Barrh. Um die Favoritin nicht einzuſchüchtern, hatte er die lange Simarre und die Ebenholzkutſche der Kanzler abgelegt. Endlich ſpielte er, wie ein einfacher Sterblicher, mit dem Neger und dem Affen der Gräfin, mit Zamora und Miſtigri; mit Zamora, der ihm ſeine Bonbons aß, und mit Niſtigri, der ihm ſeine dicke Perücke abnahm. Endlich nannte er Madame Du Barrh meine Couſine, eine zum Mindeſten weniger unverhältnißmäßige Verwandt⸗ ſchaft, als es die von Maria Thereſia mit Frau von Pom⸗ padour war. Während dieſer Zeit that man alles von der Welt, um Ludwig XV. abgeneigt lgegen Herrn von Choiſeul zu machen. — — 201— Der Abbé von Broglie, mit der von geheimen Agen⸗ ten, welche zugleich die verbündeten Höfe und die an ihnen accredirten Geſandten belauerten, unterhaltenen Correſpon⸗ denz der auswaͤrtigen Angelegenheiten beauftragt, bewies dem Könige, daß Herr von Choiſeul Oeſterreich weit er⸗ gebener, als Frankreich wäre. Madame Du Barry hatte ſich das ſchöne, Karl I. vorſtellende Porträt Van Dyks verſchafft, welches heut zu Tage eine der Hauptzierden unſeres Muſeums iſt, und hatte es dem Kanapee gegen⸗ über angebracht, auf welches der König ſich gewöhnlich ſetzte.— Was iſt das für ein Porträt? hatte Ludwig XV. gefragt.— Das Karls I., Sire.— Warum iſt es da? — Um Sie an das Schickſal dieſes unglücklichen Königs zu erinnern!— Und welches iſt die Veranlaſſung, daß Sie mich an dieſes Schickſal erinnern wollen?— Weil dieſes Schickſal das Ihrige ſein wird, Sire, wenn Sie Ihr Parlament nicht vernichten. Eines Tages fand der König beſſere Küche bei Ma⸗ dame Du Barrh. — Woher dieſe glückliche Veränderung? fragte Lud⸗ wig XV. — Weil ich meinen Choiſeul fortgeſchickt habe; wann werden Sie den Ihrigen fortſchicken? Es wurde dem König eine Note übergeben, welche ſo viel, als ſolche Dinge bewieſen werden können, bewies, daß Herr von Choiſeul von Maria Thereſia das Verſpre⸗ chen einer kleinen Souverainetät hätte, mit aller Bürgſchaft der Erblichkeit, wenn es ihm gelänge, das Haus Oeſter⸗ reich über den Verluſt von Schleſien zu entſchädigen. — 202— Der Herzog von Richelieu, der Herzog von Aiguillon und die Favoritin nannten Herrn von Choiſeul nur noch den König Choiſeul oder den kleinen König. Endlich ließ die Herzogin von Grammont, welche die Provinz durchzog, und die Parlamente aufwiegelte, einen Brief erwiſchen, der Madame Du Barry übergeben wurde. Der König fand die Favoritin eines Morgens mit zwei Orangen ſpielend. — Spring, Choiſeul. Spring, Praslin, ſagte ſie. Der König fragte ſie, was das für ein neues Spiel wäre. — Fangball, ſagte ſie, und ſie übergab ihm den Brief der Frau von Grammont, es war am 24. December 1770. Seit langer Zeit aller dieſer Klagen müde, welche ſich um ihn herum erhoben, verlangte der König nur eine Verlaſſung, und benutzte dieſe, welche ihm geboten war. Er nahm eine Feder und ſchrieb: „Mein Vetter, „Die Unzufriedenheit, welche mir Ihre Dienſte ver⸗ „urſachen, zwingen mich, Sie nach Chanteloup zu ver⸗ „bannen, wohin Sie ſich binnen vierundzwanzig Stunden „begeben werden; ich würde Sie in eine größere Ferne, „ohne die beſondere Achtung, welche ich für Frau von „Choiſeul hege, an deren Geſundheit ich großen Antheil „nehme, verwieſen haben. Nehmen Sie ſich in Acht, daß „mich Ihr Betragen keinen andern Entſchluß faſſen läßt; ——.— —s —+— 8——— — 203— „nach dieſem bitte ich Gott, mein Vetter, daß er Sie in „ſeinen heiligen Schutz nimmt. „Ludwig.“ Hierauf ſchrieb er auf ein anderes Papier für Herrn von Praslin nur folgende zwei Zeilen: „Ich bedarf Ihrer Dienſte nicht mehr, ich ſende Sie „nach Praslin, wohin Sie ſich binnen vierundzwanzig „Stunden begeben werden.“ Herr von Choiſeul hatte Dichter, Enchclopädiſten, Philoſophen und Zeitungsſchreiber für ſich. Alle dieſe ſtießen auf das gegebene Loſungswort lautes Geſchrei aus, ſo daß man Frankreich wegen der Ungnade eines der am meiſten antifranzöſiſchen Männer, die es gab, hätte fuͤr verloren halten können. Es ging daraus hervor, daß Ovids donec eris felix für den Augenblick das falſcheſte Sprichwort von der Welt wurde, und daß Herr von Choiſeul ganz im Gegentheile von Andern in den ſtürmi⸗ ſchen Zeiten die größte Anzahl von Freunden zählte. Noch mehr, die Treue im Unglücke wurde für Herrn von Choiſeul eine Mode, die nichts anderes, als Oppoſi⸗ tion gegen Madame Du Barry war. Am Tage vor ſei⸗ nem Sturze war Herr von Choiſeul nur ein Miniſter, am Tage nach ſeinem Sturze war er Haupt einer Partei, und erlangte die Macht eines Mannes, der eine Idee vorſtellt. Die Parlamente fühlten die Erſchütterung ſeiner Ungnade, und ſahen ein, daß für ſie die Verfolgung ernſtlich werden würde; außerdem war der Sturz des Herrn von Choiſeul ——— — 204— die Erhebung des Herrn von Aiguillon, und die Erhebung des Herrn von Aiguillon war der Sturz der Parla⸗ mente. Die Memoiren der Zeit ſagen daher auch: „Niemals verließ ein Miniſter mit mehr Aufſehen ſeine Stelle, ſeine Ungnade wurde ein Triumph; oögleich ihm anbefohlen war, während ſeines Aufenthaltes in Paris Niemand zu empfangen, ließen ſich doch eine unermeßliche Menge von Leuten aller Art an ſeiner Thür einſchreiben, und der Herzog von Chartres, ſein perſönlicher Freund, überwand alle Schranken und warf ſich in ſeine Arme, indem er ihn mit Thraͤnen benetzte. Am folgenden Tage, dem Tage ſeiner Abreiſe, begaben ſich die, welche den Herzog von Choiſeul am Tage zuvor nicht in ſeiner Woh⸗ nung hatten ſehen können, auf die Heerſtraße, und der Weg befand ſich mit einer Menge von Kutſchen eingefaßt, welche eine doppelte Hecke bildeten. Alle dieſe Bezeugungen erſchreckten den Herzog von Aiguillon nicht; er nahm muthig und ohne zu zögern die Laſt auf, welche von den Schultern des Atlas geglitten war, und indem er für ſich das Miniſterium der auswär⸗ tigen Angelegenheiten nahm, beſchloß er, mit dem Kanzler Maupeou ein Triumvirat zu bilden, von dem der Abbé Terray das dritte Mitglied ſein ſollte. Wir haben geſagt, was der Herzog von Aiguillon war, wir haben geſagt, was der Kanzler Maupeou war; ſagen wir jetzt, was der Abbé Terray war. Derr Abbsé Terrah war ein großer, watſcheliger Mann ohne Haltung, häßlich von Geſicht, mit unter dem Berge — ℳA-— hervorſehenden Augen, ohne Anmuth in der Sprache, un⸗ beholfen in ſeinen Ausdruͤcken, aber von der Natur mit einer ſtarken Geſundheit, einem kräftigen Temperamente, einer raſchen Auffaſſungsgabe, einem feinen Verſtande, einer vortrefflichen Beurtheilungskraft, beſonders in Ge⸗ ſchäften, begabt. Seit langer Zeit in dem Gerichtspalaſte mit den kitzlichſten Fragen, mit den ſchwierigſten Berichten beauftragt, bewunderten ſelbſt ſeine Feinde die Klarheit, die Beſtimmtheit, die genaue und logiſche Entwickelung ſei⸗ nes Styles; wenn die Gegenparteien zu ihm kamen, um ihn uͤber ihre Rechtsmittel zu unterrichten, faßte er das Für und das Wider ihres Prozeſſes mit einer ſolchen Klarheit zuſammen, daß ſelbſt der die Ueberzeugung von dem Rechte erlangte, dem dieſe Ueberzeugung nachtheilig war; er war außerdem ein Mann von Geiſt und von ra⸗ ſcher und treffender Antwort. — Wie finden Sie die Feſte von Verſailles? fragte Ludwig den Abbé Terray. — Unbezahlbar, Sire, antwortete dieſer. Sie hatten fünfundzwanzig Millionen gekoſtet. — Aber in Wahrheit, Abbé, ſagte der Erzbiſchof von Narbonne zu ihm, Sie nehmen das Geld aus der Taſche. — Wo der Teufel ſoll ich es ſonſt hernehmen? ant⸗ wortete der Abbé naiv. Man ſchrie daher auch gegen ihn, aber er hatte die Gewohnheit, zu ſagen: — Man muß die ſchreien laſſen, welche man ſchindet. Die Pariſer gebrauchten und mißbrauchten die Er⸗ laubniß. 5 — 206— — Der Abbé Terrah iſt ohne Treue und Glau⸗ ben, ſagten ſie, er nimmt uns die Hoffnung, und be⸗ ſchränkt uns auf die Barmherzigkeit. Eines Morgens fand es ſich, daß die Straße Vide⸗ Gouſſet(Taſchenleerer) den Namen geändert hatte; ein Spaßvogel hatte während der Nacht die Inſchrift ausge⸗ löſcht und ſtatt ihrer geſchrieben: Straße Terray. Uebrigens ein großer Finanzmann, der mit der Ver⸗ achtung eines Mannes, der ſein ganzes Leben lang nichts anderes gethan hat, mit dem Gelde umging, aufhob, wie⸗ der ſchuf, herabſetzte, ein Drittel, ein Viertel, eine Hälfte nahm, eine neue Steuer auferlegte, eine alte Steuer aus⸗ dehnte; indem er auf das Genaueſte wußte, was dieſer arme Packeſel, den man das Volk nennt, tragen und bis wie weit man ſein Kreuz biegen kann, ohne es zu brechen, indem er alles das mit einem Worte, mit einem Federzuge, mit einer Unterſchrift that, wie ein anderer eine einfache Rechnung macht, welches den Wochenblättern jede Woche Veranlaſſung zum Schreien gab, eine Menge von Leute aus der Baſtille entließ, welche nur deshalb darin waren, daß ſie die Steuer verleumdet hatten, das verzogene Kind genannt, weil er Alles berührte, und der große Staubbeſen, weil er Alles berührte, ohne genöthigt zu ſein, auf etwas zu ſteigen, indem er über die Witze lachte, welche man über ihn machte, und überall den jenes wacke⸗ ren Mannes wiederholte, der, im Begriffe in dem Gedränge der Oper zu erſticken, ausrief:„O! Herr Aobé Terray, warum ſind Sie nicht hier, um uns auf die Hälfte herab⸗ — 207— zuſetzen;“ indem er ein Herz von Erz hatte, nicht aus Un⸗ menſchlichkeit, ſondern aus Gefühlloſigkeit des Charaters; indem er, wie die geringſte Fremde, die Frau Baronin de la Garde, ſeine Geliebte, opferte, die überführt war, eine untergeordnete Erpreſſung auszuüben, und ſie öffentlich opferte, um nicht des Einverſtändniſſes mit ihr beargwöhnt zu werden. Kurz ein Mann nach den Zeitumſtänden, der Freunde, Eltern, Brüder und ſich ſelbſt auf dem Altare der Nothwendigkeit geopfert hätte. Beendigen wir übrigens dieſes Kapitel durch das von der Hand Ludwigs XVI. ſelbſt gezeichnete Porträt des in Ungnade gefallenen Miniſters. Dieſes Porträt iſt freilich vom Jahre 1777; aber ob⸗ gleich ſieben Jahre nach der Zeit geſchrieben, in welcher wir ſind, iſt ſein Platz natürlich hier. „Der Herzog von Choiſeul hatte von der Natur das, was die Hofleute ſelten von ihr erhalten, oder vielmehr, was der Leichtſinn ihrer Erziehung, die Verderbniß der Sitten, die Schlaffbeit des Geiſtes ſelten zu haben erlau⸗ ben und faſt im Allgemeinen erſticken, ich meine einen Charakter. „Kühn, unternehmend, entſchloſſen, hatte er einen Grund von Energie in der Seele, der ihn des Stolzes fähig machte; er beſaß Mittel genug, um noch mehr bei ihm vorausſetzen zu laſſen. „Er hatte Kraft in der Seele, Liebe, Ruhmſucht und eine ſolche Feſtigkeit, wenn er ſich entſchied, daß er den Schwierigkeiten Trotz bot und die Klippen überwand, in ,. — 208— dem er die Sachen für möglich hielt, weil er ſie aufge⸗ faßt hatte. „Der Herzog von Choiſeul hatte einen grauſamen Cha⸗ rakter, nichts war ihm ein Hinderniß, wenn es galt, um das Gelingen eines Planes zu foͤrdern, den er ſich gebildet hatte, er hatte auch den Charakter der ſchwachen Leute, wenn er eine fremde Hand anwandte, um ſich zu verber⸗ gen und um zu handeln. „Er hatte einen ganz eigenthümlichen Charakter, den ich noch nicht in der Welt gefunden habe, wenn er die Gunſtbezeugungen des Staates zum alleinigen Nutzen einer ausländiſchen Regierung verſchwendete, und wenn er be⸗ dingte Belohnungen den ſicheren Belohnungen vorzog, die er in ſeinen eigenen Händen hatte. „In einem Lande, in welchem man die Wiederkehren⸗ den fürchtet, hatte ſich der Herzog von Choiſeul ſchwär⸗ meriſche Freunde, eifrige Creaturen gemacht, die ihn ge⸗ fahrlich machten, er unterdrückte die königliche Majeſtät. „Bevor er ſich erhob, vernachläſſigte der Herzog von Choiſeul kein Mittel, der Favoritin des ſeligen Königs zu gefallen, auf den Punkt gelangt, auf den er gelangen wollte, that er bei einer andern Favoritin keinen Schritt, um ſich zu behaupten. Es liegt etwas Unlenkbares und Unbeugſames in dem Charakter dieſes Mannes, was ihn nur für gewiſſe Angelegenheiten geeignet machen kann. „Von ſeiner gefährlichen Verwaltung bleiben daher auch keine Monumente, als jener, während zweier mörde⸗ riſcher Feldzüge mit Blut bedeckte und endlich mit großen Koſten, ohne etwas einzutragen und um beſtändig Ausgaben “ —— 8 495 — 209— 689 ſich zu ziehen, eroberte Felſen in dem mittelländiſchen eere. „Seine Zerſtörung der Jeſuiten hat nur eine Leere hervorgebracht, die eine andere Körperſchaft zum großen Nachtheile der Erziehung der Jugend und der ſchönen Wiſſenſchaften noch nicht hat ausfüllen können. „Sein Bündniß mit den Parlamenten hat viele Bande zerſtört, welche die Unterthanen mit ihrem Fürſten verei⸗ nigten. Man hat dieſe Gerichtshöfe auflöſen, man hat ſie wieder herſtellen müſſen. Dieſe Wunde wird nur mit viel Vorſicht und Zeit unterſucht werden. „Sein Bündniß mit dem Hauſe Oeſterreich iſt gut inſofern, als es die Geißel des Krieges mit dieſer Macht hat aufhören laſſen, was uns jetzt erlaubt, die Engländer ohne Gefahr einer Diverſion zu verfolgen; aber dieſes Bündniß iſt durch ſeine große Neuheit und dadurch gegen unſere Intereſſen, daß es den Kaiſern erlaubt, in Europa ungeſtraft alles das Böſe zu thun, was ſie ein Intereſſe haben, unſeren ehemaligen Freunden des Nordens zuzufügen. „Meine Verheirathung mit der Königin iſt gänzlich ſein Werk, er unterhandelte und ſchloß ſie in der Abſicht, dieſes Bündniß zu befeſtigen; aber es iſt weſentlich, daß man beobachtet, ob der Einfluß dieſer Verbindung nicht die beſonderen Nachtheile vermehren wird, welche wir in dieſem Vertrage gefunden haben. „Der ſiebenjährige Krieg, den der Herzog von Choi⸗ ſeul geleitet hat, iſt, zur Schande von Frankreich, eine an⸗ dere Geißel zu Lande und zur See. „Ein zweiter Krieg iſt nothwendig geworden, um den Schaden und die Schande wieder gut zu machen, welche für Frankreich daraus hervorgegangen ſind. „Die Philoſophie iſt von dem Herrn Herzoge von Choiſeul beſchützt und unterſtützt worden. Die Beweg⸗ gründe dieſes Verfahrens ſind nicht zu durchſchauen, wie die der andern großen Umwälzungen ſeines Miniſteriums, das Reſultat iſt das Entſtehen einer Partei in Frankreich, Ludwig der Fünfzehnte. 3. Band. 14 — 210— mit welcher es nöthig geworden iſt, zuweilen zu unterhan⸗ deln oder Schonung anzuwenden. Er hat die Philoſophie einigen Mitgliedern der Geiſtlichkeit von Frankreich einge⸗ impft, was in der Politik eine neue Erſcheinung iſt. „Man wirft dem Herzoge von Choiſeul Unternehmun⸗ gen einer andern Art vor, man wirft ſie ihm ſogar ziem⸗ lich öffentlich vor. Wenn ein oder verſchiedene ungeheure Verbrechen zweifelhaft für die Menge ſind, ſo verbietet die Art dieſer Frevel von ſelbſt darüber zu ſprechen, man muß ſich begnügen, im Stillen über die Verderbtheit der Zeit und der Menſchen zu jammern. „Frankreich hat einem Staatsſtreiche des Herrn von Choiſeul widerſtanden, und den verderblichen Umwälzungen, die ihm zuweilen in der Politik von Mächten oder von einer ausländiſchen Macht vorgeſchrieben worden ſind, mit der wir gut leben, aber die wir beſtändig beobachten müſſen. „Wenn Herr von Choiſeul jetzt Miniſter waͤre, und wenn ihm Umwälzungen von der Art einfielen, welche man geſehen hat, wuͤrde Frankreich noch widerſtehen können? Um in Frieden unſere Reichthümer der Erzeugniſſe des Bo⸗ dens, unſeres Gewerbfleißes, unſerer relativen Macht zu genießen, bedürfen wir nur der Ruhe und des Friedens und einer weiſen Leitung in der Regierung. Ein unruhiger, eitler und ehrgeiziger Miniſter, der ſich mit der ſpeculativen Politik abgibt, wird immer das Unglück von Frankreich machen, und Herr von Choiſeul hat ſich vom Anfange ſeines Miniſteriums, bis zu ſeiner Verbannung, beſtändig damit beſchäftigt, ſowohl das zu zerſtören, was die Weis⸗ heit, die Erfahrung und die Grundſätze der vergangenen Zeiten errichtet hatten, und das zu errichten, was die Grundſätze, die Erfahrung und die Weisheit beſeitigt oder beſchränkt hatten. „Die Regierung hatte beſtändig daran gearbeitet, die Parlamente in dem Gehorſame zu erhalten;z Herr von Choiſeul hat nicht aufgehört, die Parlamente gegen die Verwaltung aufzuwiegeln. “ — 211— „Seit Jahrhunderten war die Regierung in Europa die Beſchützerin der kleineren Mächte, und Herr von Choi⸗ ſeul hat ein Bündniß mit Oeſterreich geſchloſſen, das dieſe Mächte überfiel, deren Freundſchaft und Unterſtützung uns ſo nothwendig waren. „Die Regierung hatte zu allen Zeiten ihren beſonderen Schutz dieſer berühmten Geſellſchaft bewilligt, welche die Jugend in dem Gehorſame und der Kenntniß der Künſte, der Wiſſenſchaften und einer glänzenden Literatur erzogz Herr von Choiſeul hat dieſe beruͤhmte Geſellſchaft der Ver⸗ folgung der Parlamente, ihrer Feinde, überliefert und die Jugend dem Syſteme der Philoſophie oder dem Einfluſſe gefährlicher Meinungen der Parlamente überlaſſen. „Die Regierung hatte Alles gethan, um im Norden die Preußiſche Monarchie zu unterſtützen, wie um durch dieſen neuen Staat das Uebergewicht der natürlichen Feinde Frankreichs dort auszugleichen, und Herr von Choiſeul hat unſere Schätze und unſere militäriſchen Kräfte ver⸗ ſchwendet, um dieſe Monarchie zu Gunſten unſeres natür⸗ lichen Feindes zu zerſtören. „Die Regierung hat den Schriftſtellern niemals erlaubt, dem Volke Ideen gegen die glückliche und friedliche Form der Monarchie zu geben, ſowie ſie in Frankreich beſtand, und Herr von Choiſeul hat augenſcheinlich die modernen Philo⸗ ſophen, die Janſeniſten, die Parlamente gegen die gegen⸗ wärtige Verfaſſung des Staates, gegen die Kirche und ge⸗ gen das königliche Anſehen aufgewiegelt. „Herr von Choiſeul hat alſo in alle den Verwaltungs⸗ fächern, welche ihm anvertraut geweſen ſind, beſtändig daran gearbeitet, das zu zerſtören, was er am Weislichſten eingerichtet gefunden hat, und es iſt Herrn von Choiſeul niemals gelungen, irgend etwas zu errichten, als etwa: „Die Empörung der Philoſophen und der Parlamentez man muß alſo dieſe gefährliche Aufre⸗ gung mäßigen.„ 4 „Die Empörung unſerer natfrlichen Fein — ———— —— — ——— ——— ———— — 212— din gegen unſeren alten Freund, den König von Preußen, und anderer Staaten zweiten Ranges; man muß alſo die Ausſoͤhnung mit dem Könige von Preußen ſuchen. „Das Uebergewicht zur See der Engländer iſt das Reſultat des verderblichen Krieges, den Herr von Choi⸗ ſeul gegen ſie geführt hat. Wir müſſen uns alſo mit der Würde, deren wir fähig ſind, wieder in dieſen Zuſtand des Wohlergehens und des Seehandels herſtellen, den wir unter der Regierung König Ludwig XIV. genoſſen haben, und deſſen Verfall mit der Zeit jenes unglückſeligen ſieben⸗ jährigen Krieges beginnt. „Herr von Choiſeul iſt demnach alſo in Frankreich nur ein Fremder geweſen, deſſen Herz beſtändig außerhalb des Verwaltungsfaches war, deſſen Leitung er hatte, wo⸗ von man die Frage ableitet: ob Herr von Choiſeul mit Sicherheit für Frankreich in das Miniſterium zurückkehren kann. Die Verſchwendungen haben Zerrüttung in den Finanzen hervorgebracht, unſere Marine iſt unter ſeiner Verwaltung zerſtört worden. „Unſere Truppen ſind auf dem Continente beſtändig beſiegt geweſen; unſere Angelegenheiten haben dem Ein⸗ fluſſe einer ehemaligen Nebenbuhlerin unterlegen. Herr von Choiſeul iſt alſo eine Geißel für Frankreich und ſeine ver⸗ ſchiedenen Verwaltungszweige geweſen.“ Uebrigens vergalt Herr von Choiſeul in ſeiner Ver⸗ bannung nach Chanteloup Ludwig XV. durch Verachtung die Verbannung, und dem Dauphin durch Beleidigung den Haß. Hier iſt das, was er über Ludwig XV. ſagte: „Der König war ſehr kühn, um das Böſe zu thun, er hatte nur in dieſem Falle Muth; das Böſe, was er thun konnte, verſchaffte ihm das Gefühl des Daſeins und einer Art von Aufbrauſen, welches dem Zorne glich. Dann fühlte der König, daß er eine Seele hätte; aber er hatte keine, um das Gute zu thun.“ Was den Dauphin anbelangt, ſo ſchonte ihn der in Ungnade gefallene Miniſter eben nicht mehr; nach ſeiner — 213— Ausſage hat ihm Herr de la Vauguhyon nur von ſeiner Ge⸗ burt und der königlichen Allmacht geſprochen, der nichts widerſtehen darf. Der königliche Zögling des Herzogs hat einen ſchlechten Anſtand, er iſt grob, hat keine Neigung zu den Frauen und wiederholt bei jeder Veranlaſſung nutz⸗ los und aus Gewohnheit folgende drei Worte: Ba.— Baca.— Bacala. Indem er die Zukunft nach der falſchen Erziehung beurtheilte, welche der Dauphin erhalten hatte, und nach dem von dem Könige gegebenen böſen Beiſpiel, ſagte der Herzog von Choiſeul daher auch: „Wenn dieſer Prinz ſo bleibt, wie er iſt, ſo ſteht zu fürchten, daß ſeine Einfalt, die Verachtung und das Laͤ⸗ cherliche, welche die Folgen davon ſind, in dieſem Reiche natürlicher Weiſe einen Verfall hervorbringen, welcher Kö⸗ nig Ludwig XVI. den Thron rauben wird.“ Herr von Choiſeul konnte ein ſchlechter Miniſter ſein, aber wie man ſieht, war er ein ziemlich guter Prophet. Aber es war nicht Alles, Herrn von Choiſeul geſtürzt zu haben, es blieben die Parlamente. Der Herzog von Choiſeul hatte die Gerichtsbehörden gegen die unumſchraͤnkte Gewalt des Königs aufgewiegelt; die Abſchaffung dieſer Gerichtsbehörden wurde beſchloſſen. Das Gegengewicht der von Herrn von Choiſeul in Bezug auf Europa befolgten Politik wurde auf der Stelle angenommen. Der König von Spanien ward von Herrn von Choiſeul veranlaßt, mit England zu brechen; aber ſo bald die Un⸗ gnade des Herrn von Choiſeul in Madrid bekannt ward, gab der König von Spanien den Engländern gänzliche Ge⸗ nugthuung über die Falklandsinſeln und den Hafen von Egmont, welche die Vorwände des Streites waren, und wollte nicht einmal mehr die Natur ſeiner Rechte unterſuchen. Herr von Choiſeul behandelte, dem öſterreichiſchen Sy⸗ ſteme gemäß, die Mächte zweiten Ranges mit einer Verach⸗ tung, welche auf eine ſonderbare Weiſe gegen den Schutz — 214— abſtach, den Frankreich dieſen Maͤchten beſtändig bewilligt hatte, aber ſobald Herr von Choiſeul gefallen, wurde Ibrahim⸗Effendi, der Geſandte des Bey von Tunis, zur Audienz des Königs vorgelaſſen. Guſtav, Erbprinz von Schweden, empfing eine des alten Bündniſſes würdige Auf⸗ nahme, welches Schweden immer mit Frankreich vereinigt hat. Endlich wurde ein ganz beſonderes Bündniß mit dem Könige von Sardinien durch die Verheirathung von Mon⸗ ſieur, des jüngeren Bruder des Dauphins, mit einer Prinzeſſin aus dem Hauſe von Savohen geſchloſſen. Wir haben geſagt, daß die Abſchaffung der Magiſtra⸗ tur beſchloſſen worden war; das war weit leichter zu be⸗ ſchließen, als auszuführen. Die Magiſtratur war allmächtig, und der König, den man ſpottweiſe Ludwig den Gutmüthigen nannte, war ſchwach. Die Parlamente hatten die Majorität der Pairs für ſich, welche der Herzog von Choiſeul mit ihnen befreundet hatte; ſie hatten die Unterſtützung des Hauſes Oeſterreich, welches heimlich einige Hunderttauſend Livres unter die Räthe vertheilte. Sie hatten endlich die Janſeniſten für ſich, welche ſie zu allen Zeiten und bei jeder Veranlaſſung gegen den franzöſiſchen Hof und gegen den römiſchen Hof unterſtützt hatten. Der Herzog von Aiguillon, der Antiparlamentariſche Parteihäuptling, war unterſtützt: Durch Madame Du Barry, deren Gunſtbezeugungen er mit dem Könige theilte. Durch den Kanzler Maupeou, der Ludwig XV. be⸗ ſtändig die Parlamente vorſtellte, als ob ſie fähig wären, das Trauerſpiel Karls I. zu erneuern. Durch den Abbé Terray, der ermüdet über das Ge⸗ ſchrei und die Klagen war, welche die Parlamente beſtän⸗ dig gegen ihn ausſtießen. Durch den Erzbiſchof von Paris, Herrn von Beau⸗ mont, der ſeit zehn Jahren gegen ihre Beſchlüſſe appellirte. Endlich durch die Jeſuiten, welche den Verfall ihrer zerſtörten Niederlaſſungen beweinten. Die Parteien ſtanden einander gegenüber, da die Ver⸗ fügungen für den Angriff und für die Vertheidigung ge⸗ troffen, ſo mußte die Schlacht bald geliefert werden. Sechszehn Tage vor der Verbannung des Herrn von Choiſeul hatte das Parlament von Paris ſeine Amtsver⸗ richtungen eingeſtellt, und alle Parlamente der gegen den König empörten Provinzen hatten die Vorſtellungen ver⸗ vielfältigt, und Madame ſagte bei jeder derſelben: — Noch ein Schritt mehr, um Sie zu entthronen, Sire. Der Kanzler Maupeou gab dem Parlamente den Be⸗ fehl, ſeine Amtsverrichtungen wieder vorzunehmen, wenn es ſich nicht den Zorn des Königs zuziehen wollte. Das Parlament antwortete, daß es mit Unterwürfig⸗ keit, aber ohne zu arbeiten, die Ereigniſſe abwartete, mit denen es bedroht wäre. Der Handſchuh war der königlichen Gewalt hingewor⸗ fen, der Herr Herzog von Aiguillon raffte ihn auf. Die Nacht von dem 19. auf den 20. Januar wurde zur Ausführung des beſchloſſenen Planes feſtgeſetzt. Um Mitterrnacht wurden alle Gerichtsbeamten im Na⸗ men des Königs geweckt. Mousquetaire drangen in ihre Zimmer, indem ſie ihnen den Befehl vorzeigten, ihre Amts⸗ verrichtungen wieder vorzunehmen, und nur die einzige Anwort ohne irgend eine Umſchreibung forderten: Ja oder Nein. Einige gehorchten, aber am folgenden Tage verſammelt, beruhigten und befeſtigten ſie ſich wieder und weigerten ſich einſtimmig. Dieſer Weigerung folgte unmittelbar die Bekannt⸗ machung des Rathsbeſchluſſes, welcher ihre Stellen als ein⸗ gegangen erklärte, die Mousquetaire, welche bereits bei ih⸗ nen erſchienen waren, erſchienen von Neuem mit Verban⸗ nungsbefehlen, denen man ohne Verzug gehorchen mußte. An die Stelle des Parlamentes ſetzte man den großen Rath ein, der es erſetzen ſollte.. Der Erzbiſchof von Paris feierte in der ganzen Be⸗ — 216— geiſterung des Triumphes das, was man die rothe Meſſe nannte, und das neue Parlament wurde auf der Stelle mit dem Namen Maupeou getauft. Aber nun entſtand eine große Spaltung ſelbſt unter den Prinzen der königlichen Familie, der Graf de la Marche, Sohn des Prinzen von Conti, und der Graf von Artois, dem Herr von Maupeou die Hand von Mademoiſelle ver⸗ ſprochen hatte, erkannten das neue Parlament an. Von Frau von Monteſſon angetrieben, gab der Herr Herzog von Orleans für den Augenblick nach; aber Herr von Conti wollte von keinem Vergleiche mit der neuen Magiſtratur ſprechen hören. Das Beiſpiel des Herrn von Conti befol⸗ gend, proteſtirte Herr von Clermont gegen das, was ſich zugetragen hatte, und von einer tödtlichen Krankheit be⸗ fallen, ſtarb er, ohne daß der König, welcher ihm wegen ſeiner Oppoſition grollte, nur ein einziges Mal ſich nach ſeinem Befinden erkundigen ließ. Was die Pairs anbelangt, ſo proteſtirten ſie gleichfalls gegen den Sturz der alten Magiſtratur, aber nur der Form wegen. Was die Parlamente der Provinz anbelangt, ſo wurden ſie ohne irgend einen Widerſtand aufgehoben. So trug ſich dieſes wichtige Ereigniß zu, deſſen Haupt⸗ hebel Madame Du Barry war, und von dem der Herzog von Aiguillon alle Früchte erndtete. Frankreich, ſagte Madame Du Barry zu Lud⸗ wig XV., dein Kaffee macht ſich davon. Wie man ſieht, gab es gar vieles, das ſich mit dem Kaffee von Frankreich davon machte. Ende des dritten Bandes. Druck von C. Schumann in Schneeberg. — Endlich durch die Jeſuiten, welche den Verfall ihrer zerſtörten Niederlaſſungen beweinten. Die Parteien ſtanden einander gegenüber, da die Ver⸗ fügungen für den Angriff und für die Vertheidigung ge⸗ troffen, ſo mußte die Schlacht bald geliefert werden. Sechszehn Tage vor der Verbannung des Herrn von Choiſeul hatte das Parlament von Paris ſeine Amtsver⸗ richtungen eingeſtellt, und alle Parlamente der gegen den König empörten Provinzen hatten die Vorſtellungen ver⸗ vielfältigt, und Madame ſagte bei jeder derſelben: — Noch ein Schritt mehr, um Sie zu entthronen, Sire. Der Kanzler Maupeou gab dem Parlamente den Be⸗ fehl, ſeine Amtsverrichtungen wieder vorzunehmen, wenn es ſich nicht den Zorn des Königs zuziehen wollte. Das Parlament antwortete, daß es mit Unterwürfig⸗ keit, aber ohne zu arbeiten, die Ereigniſſe abwartete, mit denen es bedroht wäre. Der Handſchuh war der königlichen Gewalt hingewor⸗ fen, der Herr Herzog von Aiguillon raffte ihn auf. Die Nacht von dem 19. auf den 20. Januar wurde zur Ausführung des beſchloſſenen Planes feſtgeſetzt. Um Mitterrnacht wurden alle Gerichtsbeamten im Na⸗ men des Königs geweckt. Mousquetaire drangen in ihre Zimmer, indem ſie ihnen den Befehl vorzeigten, ihre Amts⸗ verrichtungen wieder vorzunehmen, und nur die einzige Anwort ohne irgend eine Umſchreibung forderten: Ja oder Nein. Einige gehorchten, aber am folgenden Tage verſammelt, beruhigten und befeſtigten ſie ſich wieder und weigerten ſich einſtimmig. Dieſer Weigerung folgte unmittelbar die Bekannt⸗ machung des Rathsbeſchluſſes, welcher ihre Stellen als ein⸗ gegangen erklärte, die Mousquetaire, welche bereits bei ih⸗ nen erſchienen waren, erſchienen von Neuem mit Verban⸗ nungsbefehlen, denen man ohne Verzug gehorchen mußte. An die Stelle des Parlamentes ſetzte man den großen Rath ein, der es erſetzen ſollte.. Der Erzbiſchof von Paris feierte in der ganzen Be⸗ — 216— geiſterung des Triumphes das, was man die rothe Meſſe nannte, und das neue Parlament wurde auf der Stelle mit dem Namen Maupeou getauft. Aber nun entſtand eine große Spaltung ſelbſt unter den Prinzen der königlichen Familie, der Graf de la Marche, Sohn des Prinzen von Conti, und der Graf von Artois, dem Herr von Maupeou die Hand von Mademoiſelle ver⸗ ſprochen hatte, erkannten das neue Parlament an. Von Frau von Monteſſon angetrieben, gab der Herr Herzog von Orleans für den Augenblick nach; aber Herr von Conti wollte von keinem Vergleiche mit der neuen Magiſtratur ſprechen hören. Das Beiſpiel des Herrn von Conti befol⸗ gend, proteſtirte Herr von Clermont gegen das, was ſich zugetragen hatte, und von einer tödtlichen Krankheit be⸗ fallen, ſtarb er, ohne daß der König, welcher ihm wegen ſeiner Oppoſition grollte, nur ein einziges Mal ſich nach ſeinem Befinden erkundigen ließ. Was die Pairs anbelangt, ſo proteſtirten ſie gleichfalls gegen den Sturz der alten Magiſtratur, aber nur der Form wegen. Was die Parlamente der Provinz anbelangt, ſo wurden ſie ohne irgend einen Widerſtand aufgehoben. So trug ſich dieſes wichtige Ereigniß zu, deſſen Haupt⸗ hebel Madame Du Barry war, und von dem der Herzog von Aiguillon alle Früchte erndtete. Frankreich, ſagte Madame Du Barry zu Lud⸗ wig XV., dein Kaffee macht ſich davon. Wie man ſieht, gab es gar vieles, das ſich mit dem Kaffee von Frankreich davon machte. Ende des dritten Bandes. Druck von C. Schumann in Schneeberg. —