Deutſch von Wilhelm Ludwig Weſché. 150. Theil. Teipzig, 1850. Verlag von Chr. E. Kollmann. Wien, bei Wittenbecher, Siegel und Kollmann. Wallnerſtraße Nr. 263. Ludwig der Fünfzehnte. Von Alexander Bumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von W. ST. Weſche. Zweiter Band. * Leipzig, 1850. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Wien, bei Wittenbecher, Siegel und Kollmann. Wallnerſtraße Nr. 263. Ludwig der Fünfzehnte. Zweiter Band. I. Der Kaiſer nimmt Beſitz von dem Herzogthume Parma und Piacenza.— Tod des Letzten der Medicis, des Herzogs von Berwick, des Herrn von Villars, des Herzogs von Maine, des Grafen von Toulouſe.— Vertraute Geſellſchaft des Königs.— Lemoine, Pipalle, Boucher, verſchönern das von dem Könige gekaufte Schloß Choiſy.— Ungnade des Herrn von Chauvelin.— Herr von Maurepas.— Die Schweſtern der Frau von Mailly.— Die Damen von Vin⸗ timille, von Laurapuais.— Die Kammerherrenſtelle des Herrn von Trémouille.— ⸗Tod der Frau von Vintimille. Die Jahre, welche der Unterzeichnung des Friedens folgen, ſind von den verſchiedenen Mächten, die dabei be⸗ theiligt ſind, zur Ausführung der Artikel dieſes Friedens verwandt. — 8— So nahm am 16. April der Graf von Trawe im Namen des Kaiſers Beſitz von Parma und Piacenza. So nahm am 18. Januar und am 31. März Herr de la Galaizière, Requetenmeiſter, Beſitz von dem Herzog⸗ thume Bar und dem Herzogthume Lothringen. Am 9. Juli ſtarb der Großherzog von Toscana, Ga⸗ ſton, der Eile zu haben ſchien, dem Römiſchen Reiche ſein Herzogthum zurückzugeben, in ſeinem 66. Jahre; er iſt der letzte der Medicis, deren Geſchlecht zwei Hundert ſieben und dreißig Jahre regiert hat. Sobald dieſer Tod angezeigt war, ließ der Prinz von Craon die Senatoren dem Her⸗ zoge von Lothringen ſchwören. Am 3. Februar 1739 traten der König von Sardi⸗ nien, und am 21. April deſſelben Jahres die Könige von Spanien und beider Sicilien dem Vertrage von Wien bei. Endlich wurde am 1. Juni der Frieden in Paris proclamirt; während dieſer Zeit verſchwand der Reſt der Geſellſchaft Ludwigs XIV., und die Geſellſchaft Ludwigs XV. bildete ſich. 8 Der Herzog von Berwick ſtarb im Alter von 68 Jah⸗ ren, der Marſchall von Villars ſtarb im Alter von 81 Jah⸗ rren. Der Herzog von Maine ſtarb im Alter von 66 Jah⸗ ren, der Kardinal von Bing ſtarb im Alter von 81 Jah⸗ ren, der Graf von Toulouſe im Alter von 64 Jahren, der Herr Marſchall von Eſtrées ſtarb im Alter von 76 Jahren, der Herzog von Mazarin ſtarb im Alter von 79 Jahren, der Marſchall von Roquelaure ſtarb im Alter von 82 Jahren, die Prinzeſſin von Conti ſtarb im Alter von 72 n Jahren, endlich ſtarb Samuel Bernard im Alter von 86 Jahren. Es blieb aus der vorigen Zeit nur noch der Kardinal von Fleury übrig, der gleichfalls bald ſterben wird. Um den 27 bis 28 Jahre alten jungen König herum beeiferte ſich die junge Generation. Der Herzog von Ri⸗ chelieu war davon der älteſte; aber der Herzog von Ri⸗ chelieu hat niemals ein Alter gehabt; Richelieu war immer um den König herum, Diplomat, Geſandter, Tiſchgenoſſe, Jagdgefährte, Lehrer in der Liebe, Lehrer im Kriege; er war es, welcher dieſer ganzen ausgelaſſenen Jugend den Ton angab, die Marivaux zum Dichter, Watteau zum Maler und Crebillon Sohn zum Romantiker hatte. Nach dem Herzoge von Richelieu kam der ſchöne La Trémouille, deſſen Vertraulichkeit mit dem Könige ſo innig war, daß man Duchauffour deshalb verbrannt hat. La Trémouille, der während des letzten Krieges an der Spitze ſeiner Schwadron vom Pferde gefallen war, und der ſich nur mit einer Sache beſchäftigte, nämlich ſein Geſicht in ſeinen Händen zu verbergen, um nicht entſtellt zu werden; der Graf von Ahen, der zu jener ehrgeizigen Familie der Noailles gehörte, die durch Frau Maintenon faſt mit Ludwig XIV. verwandt war, wie die Mortemarts durch Frau von Montespan; der mit dem Könige im vertrauten Umgange erzogene Marquis von Souvré, welcher zur Zeit ſeiner Krankheit ihn als vortreffliches Herz, als treuer Freund gepflegt hatte; der Marquis von Gesvres, der Marquis von Coigny, der Herzog von Nivernois, der Marquis von Antin. Endlich alle dieſe jungen Herren, — 10— welche die Belagerung von Philippsburg mitgemacht, die Schlachten von Parma und von Guaſtalla-gegen die Kai⸗ ſerlichen gewonnen hatten, und die ſich, mit dem Hute in der Hand, mit gefältelter Manſchette, die Schleife auf der Achſel, vorbereiteten, ohne etwas von alle dem zu verder⸗ ben, die Schlacht von Fontenoy gegen die Engländer zu gewinnen. Für alle dieſe geiſtreichen, ſpöttiſchen, ausſchweifenden Leute war Verſailles mit ſeinen großen Gemächern, ſeinen langen Gallerien, ſeinem Parke mit geraden Alleen nicht mehr das, was es für die kleinen Nachteſſen bedurfte; ſie bedurften der kleinen Gemächer, der Salons ohne Etikette, in denen man ſich auf Atlas wälzen, ſich in den Spiegeln ſehen, ſich hören konnte, ohne daß man nöthig hatte zu ſchreien. Ludwig XV. kaufte von Herrn de la Vallière Choiſy; Choiſy wird das Marly Ludwig XV. werden. Nun machten ſich Lemoine, Croyſeveaux, Pizalle und Boucher an das Werk, die Einen, um den Marmor zu behauen, die Andern, um die Leinwand zu bedecken. Eine ganze Welt von Satyrn, von Nymphen, von Najaden, von bekränzten, bebänderten, gepuderten Hirten und Hirtinnen entſtand, belebte und verbreitete ſich in den Gärten, lehnten ſich an die Mauern; es blieben noch die Diener, dieſe langweiligen Zeugen, dieſe plauderhaften Frondeurs. Loriot ſchaffte ſie ab, Loriot, der geſchickte Mechaniker, welcher jene Tiſche erfand, die man Mägde und Dienſtwillige nannte, die durch den Fußboden verſchwanden, indem ſie die Karte der Weine, der Gerichte und der Früchte mitnahmen, welche die Gäſte wünſchten, und die ganz be⸗ laden wieder erſchienen, um nochmals zu verſchwinden und um immer wieder zu erſcheinen. Dieſer ganze junge, vergnügungsſüchtige, kriegsbegie⸗ rige, mehr noch nach Liebe, als nach Ehre ſtrebende Hof war, wie man wohl begreifen wird, der Feind des alten Kardinals. Man wollte einen Verſuch von der Art deſſen erneuern, der zu Zeiten der Frau von Prie unter dem Herrn Herzoge von Bourbon geſcheitert war; die Ver⸗ ſchwörer waren Frau von Mailly, die immer noch regie⸗ gende Sultanin, La Trémouille und Gesvres; es handelte ſich darum, Herrn von Chauvelin an die Stelle des Kar⸗ dinals zu ſetzen. Der Kardinal erfuhr Alles durch die Geſellſchaft des Grafen von Toulouſe, der ihm ganz ergeben war. Unglücklicherweiſe für die Verſchwörer hatte ſich Herr von Chauvelin in eine ſchlimme Stellung verſetzt. Während des letzten Krieges war Herr von Chauvelin Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten, und, mit Recht oder mit Unrecht war das Gerücht im Umlaufe geweſen, daß er von Wien beträchtliche Summen erhalten hätte, da⸗ mit Savoyen mißhandelt würde; wie man ſich erinnern wird, hatte Karl Emanuel in der That für ſein thätiges Bündniß nur zwei kleine Provinzen erhalten. Der Kardinal ſammelte alle dieſe unbeſtimmten Ge⸗ rüchte, ſtellte ſie zuſammen, um einen Anklageact daraus zu machen, legte dieſen Anklageact dem Rathe des Königs vor, und ließ die Ungnade des Herrn von Chauvelin de⸗ cretiren. ———* — 12— Am 20. Februar trat Herr von Maurepas bei Herrn von Chauvelin ein, und übergab ihm folgenden Brief des Kardinal von Fleurh: „Die Freundſchaft, welche ich immer für Sie gehabt „habe, mein Herr, hat mich bis jetzt zurückgehalten, Ih⸗ „nen den Stoß zuzufügen, den die Ehre, das Gewiſſen, „die Rechtkichkeit und das Wohl des Staates mich heute „nöthigen Ihnen zuzufügen. „Unterz. Der Kardinal von Fleury.“ Zu gleicher Zeit wartete Herr von Jumilhac an der Thür mit dem Befehle, Herrn von Chauvelin nach Gros⸗ Bois zu führen. Nachdem Herr von Chauvelin geſtürzt, wandte ſich der Kardinal gegen La Trémouille und von Gesvres; der König wollte ſeine beiden Freunde unterſtützen, aber er mußte nachgeben. Der Kardinal verlangte die Verbannung, und die Verbannung wurde bewilligt. Der alte Kanzler d'Agueſſeau nahm das Juſtizminiſte⸗ rium wieder an, Herr Amelot, Intendant der Finanzen, wurde zum Staatsſekretär der auswärtigen Angelegenhei⸗ ten, und Herr von Maurepas zum Staatsminiſter er⸗ nannt. Ein Spottgedicht weihte dieſes wichtige Ereigniß ein. Hier iſt es: Ce fat de février le vingt, Que dès sept heures du matin On vit galopper Maurepas, Alleluia. La joie éclatait dans ses yeux; Avec un ris malicieux, Chez le Chauvelin il entra, Alleluia. L'autre lui dit en quatre mots: Le roi redemande les sceaux. Ce coup de foudre l'accabla, Alleluia. Lorsque Maurepas fut dehors, Jumilhac apparut alors, Ce fut le diable celui-lã, Alleluia. Lorsque celui-ci P'apercut, Tout perplexe et tremblant il fut, De son malheur il se douta, Alleluia. Saus répondre ni oui ni non, Devenu doux comme un mouton, II les prit et les lui donna, Alleluia. Il faut tout à l'heure avec moi Venir, lui dit-il, à Gros-bois, Mon escorte vous conduira, Alleluia. Cet évènement, dans Paris A réjoui grands et petits, A l'envi chacun y chanta: Alleluia. — 14— (Es war am zwanzigſten Februar, daß man von ſieben Uhr Morgens an Herrn Maurepas galoppiren ſah, Alleluja.— Die Freude glänzte aus ſeinen Augen; mit einem boshaften Lächeln trat er bei Chauvelin ein.— Der Andere ſagte ihm mit wenig Worten: der König verlangt die Siegel zurück. Dieſer Don⸗ nerſchlag beugte ihn nieder.— Als Maurepas ſich entfernt, er⸗ ſchien Jumilhac nun, dieſer war der Teufel.— Als dieſer ihn erblickte, war er ganz verwirrt und zitternd, er dachte ſich ſein Unglück.— Ohne weder ja noch nein zu antworten, ſanft wie ein Lamm geworden, nahm er die Siegel und gab ſie ihm.— Sie müſſen auf der Stelle mit mir nach Grosbois gehen, meine Bedeckung wird ſie führen.— Dieſes Ereigniß hat Groß und Klein in Paris erfreut, Jedermann ſang um die Wette: Alle⸗ luja!) In der That, Paris ſingt immer, wenn es einen Sturz gibt, ſei es nun, daß Etwas oder daß Jemand fällt. Frau von Mailly war die einzige, an der ſich der Kardinal nicht gerächt hatte; das kam daher, weil der Kardinal, die Augen auf den König geheftet, einſah, daß Ludwig XV. bald das Uebrige rächen würde. In der That, kaum dreißig Jahre alt, war Ludwig XV. bereits einen Theil der Lebensfreuden überdrüßig. Ludwig XV. war gegen die Jagd abgeſtumpft, Ludwig XV. war gegen die Tafel abgeſtumpft, Ludwig XV. war gegen das Spiel abgeſtumpft, Ludwig XV. langweilte ſich in Mitte ſeines geiſtreichen, eleganten, ſinnlichen und dufti⸗ gen Hofes, Ludwig XV. war traurig, er ſcherzte über den Tod, den er fürchtete; eine einzige Sache konnte Ludwig XV. wieder beleben, der alle Veränderungen, ausgenommen eine einzige, abgenutzt hatte, den Wechſel in der Liebe. Auch dieſen werden wir ihn, wie die andern, erſchöpfen ſehen. Unter den vier Schweſtern der Frau von Mailly be⸗ fand ſich eine, welche nach einem ſonderbaren Rufe ſtrebte; er beſtand darin, die Gunſtbezeugungen des Königs mit ihrer Schweſter zu theilen, ſich des Herzens Ludwigs XV., dann ſeines Geiſtes zu bemächtigen und dazu zu gelangen, den erſten Miniſter zu ſtürzen und Frankreich zu regieren. Dieſe Schweſter, welche noch nicht verheirathet war, war Mademoiſelle von Nesle, ſie hatte ihr dreiundzwan⸗ zigſtes Jahr begonnen und bewohnte die Abtei Port⸗Royal. Sie war indeſſen nicht hübſch; ſie täuſchte ſich nicht über ihr Geſicht und wußte, daß der König die häßlichen Frauen nicht leiden könnte; aber ſie hatte Erfindungsgabe, einen abenteuerlichen und kühnen Charakter, und dadurch, daß ſie beſtändig wünſchte, war ſie dazu gelangt, zu glauben. Sie ſchrieb daher auch an eine ihr befreundete Stifts⸗ dame, Namens Frau von Dray: „Ich werde meiner Schweſter von Mailly Brief auf Brief ſenden, ſie iſt gutmüthig, ſie wird mich zu ſich be⸗ rufen. Ich werde mich von dem Könige lieben laſſen, ich werde Fleurhy fortſchicken und Frankreich regieren.“ Alles gelang anfangs den Wünſchen der Mademoiſelle von Nesle gemäß. Frau von Mallly ließ ſich durch ihre Briefe ruͤhren, die ihr alle die Langeweile des Kloſters — 16— ſchilderten; ſie ließ die arme Klausnerin zu ſich kommen. Mademoiſelle von Nesle richtete alle ihre Batterien. Lud⸗ wig XV., der ſich mit dreißig Jahren langweilte, wie ſich Ludwig XIV. mit ſiebenzig Jahren gelangweilt hatte, fand eine Zerſtreuung in dem Verſtande der Neugekommenen, und als Frau von Mallly die Pläne ihrer Schweſter gewahr wurde, war es bereits zu ſpät, um ſich ihnen widerſetzen zu können. Nun faßte Frau von Mailly den Entſchluß, der Liebe des Königs beizuſtehen, ſtatt ſie zu bekämpfen; außerdem liebte ſie den König ſo ſehr, daß ſie es vorzog, ihn zur Hälfte zu beſitzen, als ihn gänzlich zu verlieren. Außerdem hoffte Frau von Mailly, daß dieſe Gefälligkeit unbekannt bleiben würde, aber das war nicht der Zweck der Made⸗ moiſelle von Nesle; ſie ſpielte ihre Rolle ſo gut, daß der König einigen Hofleuten ſein Glück mittheilte, ſo daß nach Verlauf von drei Monaten das Geheimniß der armen Frau von Mailly das des ganzen Hofes war. Nur handelte es ſich, da die Sache bekannt war, darum, Mademoiſelle von Nesle zu verheirathen; der Kö⸗ nig war ſehr fruchtbar, und es konnte ſich ein Zufall er⸗ eignen, der alle Welt in Verlegenheit geſetzt hätte; man ſuchte daher für die neue Favoritin einen Gatten. Man warf die Augen auf Herrn von Vintimille, dem Sohne eines Neffen des Erzbiſchofes von Paris, denſelben, der eine wichtige Rolle in der Angelegenheit der Verzückten des Friedhofs des heiligen Medardus geſpielt hatte; der Onkel wollte Kardinal werden. Herr von Tencin war ſo eben ernannt worden, und hatte eben keine andern Rechte auf den Hut, als die, welche Herr von Vintimille im Be⸗ griffe ſtand, zu erlangen. Man verſprach zwei Mal Hun⸗ derttauſend Livres Mitgift und die Stelle als Palaſtdame für die Zukünftige, ſechs Tauſend Livres Jahrgehalt und eine Wohnung in Verſailles für den Gatten. Man ſagte weder ja, noch nein in Bezug auf den Kardinalshut, und der Erzbiſchof ließ es nicht allein geſchehen, ſondern ſegnete ſelbſt die Ehe ſeines Neffen ein. Aber es war nicht Alles, Mademoiſelle von Nesle einen untergeſchobenen Gatten zu geben, man mußte am Abend der Hochzeit ſelbſt ſich das Vergnügen gewähren, ihn zu erſetzen. Die Sachen wurden auf folgende Weiſe eingerichtet: Mademoiſelle, eine gefällige Prinzeſſin, lieh ihren Pallaſt von Madrid den jungen Eheleuten; der König ging ſeiner Seits mit Mademoiſelle von Clermont und den Damen von Chalais und von Talleyrand nach La Muette, um dort zu Nacht zu eſſen. Dann, als man vermuthete, daß das Hochzeitsmahl beendigt wäre, ſchlug der König einen Beſuch im Hotel Madrid vor; man ſtieg zu Wagen und kam in Madrid an; Alles war dort in der beſten Ordnung, und ſchien ſich dort in den vollſtän⸗ digſten ehelichen Bedingungen zutragen zu ſollen. Der König ſetzte ſich an's Spiel, und ſpielte bis um Mitternacht Cavagnole; um Mitternacht ſprach man davon, die Verhei⸗ ratheten zu Bett gehen zu laſſen, aber der König erklärte, bis an's Ende liebreich ſein zu wollen; er begleitete dem zu Folge die Gatten in das Schlafzimmer und reichte Vintimille das Hemd, was eine der größten Ehrenbezeu⸗ gungen war, welche der König erweiſen konnte; von dieſem Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 2 — 18— Augenblicke an iſt nichts mehr recht klar. Ein Mann kehrte nach dem Schloſſe La Muette zurück, um dort zu ſchlafen, aber die Frau Marſchallin von Eſtrées, welche am ſelben Abende von Madrid entfloh und auf dem Schloſſe Bagatelle ſchlief, Frau von Ruffée, die es ebenſo machte und nach Paris entfloh, behaupten, daß nicht der König ſich entfernte, und Vintimille blieb, ſondern daß im Gegentheile der König blieb, und Vintimille ſich entfernte. Wie dem auch ſein möge, der König wohnte am fol⸗ genden Morgen der Toilette der Frau von Vintimille bei, und Nachmittags ſtelltt Mademoiſelle dem Könige die ganze Familie Vintimille vor.. Von dieſem Augenblicke an genoß die ganze Familie die größte Gunſt; die drei andern Schweſtern der Frau von Mailly und der Mademoiſelle von Nesle, Frau von Lauraguais, Frau de la Tournelle und Frau von Flava⸗ court wurden vorgeſtellt. Der alte Marquis du Luc be⸗ nutzte die Gunſt ſeiner Schwiegertochter, um in den Kutſchen des Königs zu fahren, eine Ehre, auf welche er übrigens großes Recht hatte. Vintimille war endlich bei allen Par⸗ thieen, bei allen Nachteſſen und bei allen Choiſys, wie man ehedem unter Ludwig XIV. bei allen Marlys war. Nun verfolgte Frau von Vintimille ihr Ziel durch ihre Schweſter, Frau von Maillh, welche ihr diente und ſie ergänzte, ſie bemächtigte ſich des Königs durch den Geiſt und durch die Sinne, ließ ihn ihren langen Hals, ihre dicke Geſtalt und ihren unbeholfenen Gang vergeſſen; der König gehörte ihr, ganz ihr, und wie ſie es ihrer Freundin, der Stiftsdame geſchrieben hatte, war die Nonne — 19— von Port⸗Rohal bereits im Stande, gegen den Kardinal zu kämpfen und begann Frankreich zu regieren. Inzwiſchen trug ſich ein Ereigniß zu, das jedem den Maßſtab ihrer Gewalt gab. Der ſchöne Herzog de la Trémouille ſtarb an den Blattern. Der ſchöne Herzog war ſehr von ſeinen Jugend⸗ irrthümern zurückgekommen, wenn jedenfalls ſeine Jugend die Irrthümer gehabt hatte, welche man ihr zuſchreibt, er hatte ſich in ſeiner Ungnade auf das Vortrefflichſte benom men, und von Ludwig XV. dem alten Kardinal geopfert, hatte er Abſchied von dem Könige genommen, indem er ihm in's Geſicht ſagte: Sire, Sie ſind nicht mehr würdig, mein Freund zu ſein. Seine Stelle als Kammerherr war die einzige, welche er behalten hatte. Er war verheirathet und betete ſeine Frau an; ſie hatten ſich gegenſeitig verſprochen, ſich für den Augenblick zu trennen, wenn der Eine oder die Andere von den Blattern befallen würde, welche weder der Eine noch die Andere gehabt hatte. Frau de la Trémouille wurde davon befallen, da ſie aber ſelbſt die Krankheit nicht kannte, an welcher ſie litt, ſo benachrichtigte ſie ihren Gatten nicht davon, welcher, obgleich von dem Arzte vor der Gefahr gewarnt, die er liefe, bei ihr bleiben und fortfahren wollte, ſie zu pflegen. Die Herzogin genaß, aber der Herzog wurde nun auch krank und ſtarb. Das war eine Trauer unter allen Frauen von Paris; der Herzog wurde wie das Muſter eines Gatten beweint, — 20— und faſt wie ein Märtyrer ehelicher Treue heilig geſprochen. Es war die Rede davon, ihm durch Unterſchrift einen Tempel zu errichten. La Treémouille hinterließ bei ſeinem Tode eine Tochter und einen Sohn von vier Jahren. Die Herzöge von Aumont, von Gesvres und von Mortemart, deren College La Trémouille als Kammerherr war, verlangten für dieſes Kind die Anwartſchaft auf die Stelle ſeines Vaters. Frau von Maillh und von Vintimille bewarben ſich darum für den Herzog von Luxemburg. Der Kardinal von Fleury wünſchte ſeinen Neffen er⸗ nennen zu laſſen, Der alte Miniſter hatte dem zu Folge einen jener Winkelzüge angewandt, welche ihm eigenthümlich waren. Er war zu dem Könige gegangen und hatte ihm ge⸗ ſagt: — Sire, alle meine Freunde dringen in mich, Eure Majeſtät um die Stelle für meinen Neffen zu bitten, aber er iſt bereits ſo mit Wohlthaten überhäuft, daß ich, ſtatt Ihnen Jemand meiner Familie zu empfehlen, wie man mich auffordert, Sie um die Anwartſchaft der Stelle des Herzogs von La Trémouille für ſeinen Sohn zu bitten komme. — Und Sie haben Recht, Herr Kardinal, hatte der König geantwortet, ich ſelbſt hatte an Ihren Neffen ge⸗ dacht, aber ich habe überlegt, daß eine ſolche Gunſt, indem ſie ihm zu viele Feinde machte, ihm weit eher nachtheilig, als nützlich ſein würde. — 21— Der Kardinal blieb ſtumm vor Erſtaunen, er war auf dieſe Antwort nicht gefaßt. Nun ſah er den Kampf ein, der ſich anſpinnen würde, er hatte die beiden Maitreſſen des Königs gegen ſich; nicht zwei Frauen, die er durch die Eiferſucht entzweien konnte, ſondern im Gegentheile zwei Schweſtern, welche von dem Augenblicke an, wo ſie über die Eiferſucht hinausgegangen waren, nur noch ein gleiches Intereſſe hatten, nämlich den königlichen Geliebten für ſich beide zu behalten, nach⸗ dem jede von ihnen, ſeit der Annahme der andern, daran verzweifeln mußte, ihn für ſich allein zu behalten. Indem er daher für ſeinen Neffen nicht mehr zu bit⸗ ten wagte, capricirte ſich der Kardinal auf den kleinen La Trémouille, wobei er dem Könige erklärte, daß er der Mutter ſein Wort verpfändet hätte, und daß, wenn Seine Majeſtät ihn zwänge, ſein Wort zu brechen, er nur noch den König um ſeinen Abſchied zu bitten haͤtte, da er wohl ſähe, daß er nutzlos würde. Uebrigens, fügte er hinzu, verlangte ſein hohes Alter Schonung und ſeine Geſundheit Ruhe. Hierauf zog ſich der Kardinal, ſeiner Gewohnheit ge⸗ mäß, nach Iſſy zurück. Der Kardinal wußte, daß ſeine Hauptgewalt ſeine Abweſenheit war. Als er ſich zurückgezogen, handelten die dabei Inter⸗ eſſirten nach ihrem Gefallen. Frau von Maillh und Frau von Vintimille fuhren fort, Herrn von Luxemburg vorzuſtellen. Von den drei Kammerherren unterſtützt, ſtieß Frau — 22— von La Trémoullle lautes Geſchrei zu Gunſten ihres Soh⸗ nes aus. Der Neffe des Kardinals hatte Niemand für ſich, als ſeinen abweſenden Onkel. Die erſte Regung Ludwig XV. war eine Regung des Widerſtandes gegen den Kardinal. In dieſer erſten Regung ergriff er die Feder und ſchrieb ihm, daß er untröſtlich ſein würde, von ihm eine Arbeit zu verlangen, welche ſeiner Ruhe nachtheilig ſein könnte, indem er hinzufügte, daß, wenn ſeine Geſundheit durchaus erheiſchte, daß er ſich zurückzöge, er ihm die Erlaubniß dazu gäbe. Dann, als der Brief geſchrieben, ſteckte ihn der Kö⸗ nig in ſeine Taſche, indem er ſich vornahm, ihn zu ſeiner Stunde abzuſenden. Inzwiſchen hatte der Kardinal der Frau von Vinti⸗ mille eine Eröffnung machen laſſen. Wie der römiſche Ge⸗ ſandte, hatte der Abgeſandte des Herrn von Fleury den Frieden oder den Krieg überbracht; Frau von Vintimille hatte einen Augenblick lang überlegt, indem ſie dann die Schwäche des Königs berechnete, ſich erinnerte, daß ſie vierundzwanzig und der Kardinal neunzig Jahre alt wäre, hatte ſie ſich überzeugt, daß es beſſer ſei, Zeit zu gewin⸗ nen und den Tod zum Verbündeten zu nehmen, der nicht lange ausbleiben konnte. Da nun aber der König ſeit einiger Zeit abwechſelte, da die nächſte Nacht Frau von Mailly vorbehalten war, ſo ging ſie zu ihrer Schweſter. — Liebe Schweſter, ſagte ſie zu ihr, wir haben keinen ti⸗ e⸗ lle die ſie in⸗ cht lte, ar, nen —-— 23— Augenblick zu verlieren, um uns wieder mit Herrn von Fleury auszuſöhnen; vielleicht würden wir dieſes Mal den Sieg über den Kardinal davon tragen, aber früh oder ſpät wird er wieder an die Gewalt kommen und uns fort⸗ jagen laſſen. Du bringſt die nächſte Nacht mit dem Kö⸗ nige zu, richte es daher ein, daß der Neffe des Kardinals morgen ernannt wird. Unglücklicherweiſe war Frau von Mailly nicht die Frau, deren es für Ränke ſolcher Art bedurfte; da ſie den König um ſeiner ſelbſt willen liebte, wie La Valliére Ludwig XIV. geliebt hatte, ſo verlangte ſie nur Eines, nämlich daß, da ſie ſich nicht in die Politik miſchte, die Politik gleich⸗ falls ſich nicht um ſie bekümmere. Nachdem ſie ihrer Schweſter Alles verſprochen, erfüllte ſie daher auch, als der Abend herbeigekommen war, keine ihrer Verſprechungen. Sie hatte ſich noch ſchöner, als gewöhnlich gemacht, ſie hatte Blumen und Diamanten in ihre Haare geflochten, aber Ludwig XV. hatte in dieſen Blumen und in dieſen Diamanten ein Beſtreben der Ge⸗ fallſucht zu Gunſten der Liebe, und nicht zu Gunſten der Politik geſehen. Frau von Mailly ſchlief ein, ohne gegen den König weder über den jungen La Trémouille, noch über Herrn von Luxemburg, noch über den Neffen des Kardinals den Mund aufgethan zu haben. Aber der gequälte König ſchlief nicht; er fühlte ſein Leben durch das Schmollen ſeines ehemaligen Lehrers be⸗ unruhigt, er ſah dieſe Arbeit der europäiſchen Correſpon⸗ denz, um die er ſich niemals recht bekümmert hatte, auf — 24— ſich zurückfallen; er errieth die fürſtlichen Anmaßungen, gegen welche er würde kämpfen muͤſſen, ſobald der alte Miniſter nicht mehr da wäre, um der Intrigue, wie Gott dem Meere, zu ſagen: Bis hierher und nicht weiter. Er war daher einfach und allein, halb liegend auf das Bett geſtützt, und indem er dieſen Kopf betrachtete, an welchem die Roſen ſich in harmoniſchen Farben mit dem Puder, und in Mitte des Puders und der Blumen die zitternden Diamanten wie Thautropfen miteinander verſchmolzen. Das Athemholen entſchlüpfte dem Munde der ſchönen Schläferin in regelmäßigen und abwechſelnden Hauchen. Der König weckte ſie wieder. Das erſte, was Frau von Mallly überraſchte, als ſie die Augen aufſchlug, war das ſchwermüthige Ausſehen Ludwigs XV. — O! mein Gott! rief ſie aus, was hat denn Eure Majeſtät? Der König ſtieß einen Seufzer aus. — Ich bin ſehr gequaͤlt, meine Liebe, ſagte er. — und in welcher Beziehung, Sire? — In Bezug auf alles das, was vorgeht. Frau von Mailly erinnerte ſich des am Morgen ihrer Schweſter gegebenen Verſprechens; die Eröffnung, welche ihr der König machte, war gut, ſie wagte es, darauf ein⸗ zugehen. — Was geht denn ſo Wichtiges vor, Sire? fragte Frau von Mallly, indem ſie ihr liebenswürdigſtes Lächeln zeigte. 3 8 ⏑ — Ei, Sie wiſſen es wohl, Böſe, ſagte der König, da Sie eine der Perſonen ſind, welche mich quälen. — Ich, Sire! rief Frau von Mallly aus. — Ja, Sie; jedenfalls; fuhr der König ſeufzend fort, ſind wir jetzt unſeres Sittenrichters entledigt. — Welches Sittenrichters? — Des Kardinals. — Des Kardinals entledigt, Sie, Sire? o mein Gott! Und Frau von Malllh richtete ſich wie erſchreckt auf dem Bette auf. — O! mein Gott, ja, der Brief iſt geſchrieben. her Brief, Sire? — Der Brief, in welchen ich ihm ſeinen Abſchied gebe. — Ja, aber er iſt nicht abgegangen, nicht wahr, Sire? fragte Frau von Mailly. — Meiner Treue, das iſt ganz daſſelbe, da. — Da? — Da er dort auf Ihrem Kamine liegt. Und indem er dieſe Worte ſagte, blickte der König Frau von Mailly mit faſt bittender Miene an. — Sire, ſagte dieſe, Jedermann weiß, daß Eure Majeſtät der Herr iſt; Jedermann weiß, daß ſie das Recht hat, das zu wollen, was ſie will; dem zu Folge hat Eure Majeſtät Niemand Rechenſchaft abzulegen. Frau von Mailly ſetzte einen ihrer kleinen Füße auf den Fußboden. — Wo gehen Sie denn hin? fragte der König. — Herr von Fleury iſt ein guter und vortrefflicher Miniſter, dem Gott ein langes Leben bewilligt hat, weil — 26— Gott glaubt, daß ſeine Tage dem Könige und Frankreich nützlich ſein können. — Das iſt Ihre Meinung, nicht wahr, meine Liebe? ſagte der König. — Das iſt ſo ſehr meine Meinung, ſagte Frau von Maillh, daß... — Ach! mein Gott! rief der König aus, Sie ver⸗ brennen meinen Brief an den Kardinal. — Ja, Sire, aber hier iſt eine Feder, Dinte und Papier, und Sie werden ihm ſchreiben. — Wie! was ſoll ich ihm ſchreiben? — Daß Sie ſeinen Neffen zu der Stelle ls erſten Kammerherrn annehmen. Das Geſicht des Königs ſtrahlte vor Vergnügen. — Aber was wird Frau von La Trémoullle ſagen? was werden die andern Kammerherrn ſagen? — Ich weiß nicht, was ſie ſagen werden, aber auf das, was ſie ſagen, werden Sie antworten, daß meine Schweſter und ich für Herrn von Luxemburg waren, und daß der Beweis, daß Sie der Herr ſind, daß der Beweis, daß Sie der König ſind, iſt, daß Sie uns, meine Schwe⸗ ſter und mich, wie die andern abgewieſen haben, und um Ihren Worten alles Gewicht zu geben, werden wir... — Nun denn! — Werden wir Ihnen ſchmollen. — Sie werden mir ſchmollen? — O! am Tage, wohlverſtanden. Hier ſind Federn, Dinte und Papier, ſchreiben Sie, Sire. — O! rief der König aus, indem er ſich Frau von — 2— Mailly zu Füßen warf, Sie ſind eine anbetungswurdige Frau. A Und er ſchrieb einen Brief, nicht an den Kardinal, ſondern an ſeinen Neffen, einen Brief, in welchem er ihm meldete, daß er zum Kammerherrn mit einer Beſtallung von vier Mal Hunderttauſend Livres ernannt wäre, Als Herr von Fleury, der nichts weniger als das erwartete, am Morgen dieſen Brief empfing, eilte er zu ſeinem Onkel nach Iſſy, indem er ihm den Brief des Königs zeigte und ihn inſtändigſt bat, Seiner Majeſtät zu danken; aber der Kardinal, welcher immer, wenn eine Gunſt auf ſeine Familie fiel, das Anſehen haben wollte, gebundene Hand zu haben, begnügte ſich, ſeinem Neffen zu antworten: Ich verbiete Ihnen, etwas Anderes zu ſagen, als daß ich den König nicht geſehen und die Anſtellung habe zurücknehmen laſſen. — Aber, antwortete der Herzog von Fleury, ich habe dem Könige bereits perſönlich geantwortet, um ihm zu danken. — Und um es anzunehmen, rief der Kardinal mit einem Ausdrucke der Verzweiflung aus, durch den ſelbſt ſein Neffe getäuſcht wurde. — Ohne Zweifel, um es anzunehmen, äußerte der Herzog, ich wäre ſehr undankbar geweſen, eine Gunſt aus⸗ zuſchlagen, nach der ſo viele ſtreben. — Nun denn! ſagte der Kardinal mit einem tiefen Seufzer, da bin ich jetzt mit dem Herrn Prinzen com⸗ promittirt. Und er erhob die Augen und die Hände gen Himmel, — 28— indem er dabei ſeine Kutſche verlangte, um nach Paris zurückzukehren. Als er Herrn von Fleury wieder ſah, erzählte ihm Ludwig XV. Alles, und da er, ſchwach wie er war, nicht das Anſehen haben wollte, der Verbannung nachzugeben, mit der ihn der Kardinal bedroht hatte, ſo ſagte er ihm, daß er den dringenden Bitten der Frau von Mailly und der Frau von Vintimille die Ernennung ſeines Neffen verdanke. Der Kardinal ſchien dafür den beiden Schweſtern un⸗ endlich dankbar, aber er war im Grunde nicht weniger durch den Gedanken verletzt, daß ſein perſönliches An⸗ ſehen in dem Grade abnähme, daß er der Mitwirkung der beiden Maitreſſen des Königs bedürfte, um ſeinem Neffen eine Stelle erlangen zu laſſen. Erzählen wir jetzt die Thatſachen ohne Bemerkungen: Dieſe Ernennung hatte im Laufe des Juni 1741 ſtattgefunden.. Am folgenden 8. Auguſt wurde Frau von Vintemille von dem Fieber befallen. Sie war ſeit acht Monaten ſchwanger. Gezwungen nach Paris zurückzukehren, ließ der Kö⸗ nig Frau von Vintimille mit ihrer Schweſter, Frau von Maillh, und den Damen ihrer gewöhnlichen Geſellſchaft in Choiſſy. Es fand ein Gebrauch, oder vielmehr ein Geſetz ſtatt, welches den Gatten verbot, ihre Frauen zu begleiten, wenn ſie der König nach Choiſſy führte. Das iſt ſonderbar, aber dem war ſo. — 29— Freilich war in Ermangelung des Herrn von Vinti⸗ mille, Herr von Grammont, Herr von Choigny, von Agen und die beiden Brüder Meuſe da, welche zu dem kleinen vertrauten Umgange des Königs gehörten, um die⸗ ſen Damen Geſellſchaft zu leiſten. Man ließ Frau von Vintimille zwei Male zur Ader. Dieſe Krankheit ſchien den König weit verliebter in Frau von Vintimille zu machen, als er es je geweſen war; am Abend vor der Entbindung richtete er ſich in ih⸗ rem Zimmer ein, und blieb darin bis um zwei Uhr Morgens. Um neun Uhr Morgens wurde Frau von Vintimille von einem ſchönen und ſtarken Knaben entbunden, den er in ſeine Arme nahm und nachher auf ein Kiſſen von kar⸗ moiſinrothen Sammet legte. Dann, nachdem er ihn ge⸗ küßt und bewundert hatte, ließ er ihn unter dem Namen Ludwig die Nothtaufe geben, den ſpäterhin ſeine Kamera⸗ den in den des halben Ludwig verwandelten. Der König war ſo glücklich, daß er mit Frau von Vintimille zu Mittag eſſen wollte; die Herzöge von Agen, von Villeroy und der der beiden Meuſes, welcher ſein in⸗ nigſter Vertrauter war, wurden zu dem Mittageſſen ein⸗ geladen. Am Abend empfing er bei Frau von Vintimille nicht allein den Erzbiſchof von Paris, ſondern auch Herrn von Vintimille und ſeinen Vater. Es galt dafür, daß Herr von Vintimille ſeine Gat⸗ tin und ſeinen Sohn beſuchte. Frau von Vintimiſle war ſo glücklich entbunden wor⸗ — 30— den, daß ſie eine Stunde nach ihrer Entbindung geheilt ſchien, aber am folgenden 9. September wurde ſie, ohne daß irgend etwas dieſes ſchreckliche Ereigniß hätte voraus⸗ ſehen laſſen können, plötzlich von ſo heftigen Leibſchmerzen befallen, daß ſie unter lautem Geſchrei, nicht nach einem Arzte, ſondern nach einem Beichtvater rief. Der König ließ ſeiner Seits ſeine beiden Aerzte Silva und Senac von Paris holen. Aber weder der Eine, noch der Andere kamen zeitig genug an, ſie ſtarb in den Armen des Beichtvaters ohne Sakramente; kaum hatte der Prieſter Zeit gehabt, ihr die Abſolution zu geben. Waͤhrend dieſer Unterhaltung von einer halben Stunde, welche ſie mit ihm gehabt hatte, hatte Frau von Vinti⸗ mille den frommen Mann beauftragt, Frau von Mailly ihren letzten Willen zu überbringen, er beeilte ſich daher, dieſe letzte Anempfehlung ſeines Beichtkindes zu erfüllen, als er ſelbſt bei ſeinem Eintritte zu Frau von Mailly todt zu Boden ſank, ohne Zeit zu haben, ein einziges Wort auszuſprechen. Dieſe Nachricht traf Ludwig XV. mit einem ſo ſchreck⸗ lichen Schlage, daß er ſich zu Bett legte, indem er Jeder Mann ſeine Thüre verbieten ließ. Die Königin verlangte einzutreten, aber das ſelbſt für ſie beibehaltene Verbot wurde nur zu Gunſten des Grafen von Noailles aufge⸗ hoben. Was Frau von Mailly anbelangt, ſo verließ ſie ganz in Thränen zerfließend und halbnackend ihr Zimmer, und warf ſich auf das Bett der Frau von Eſtroͤes. 4 „—2 — 31— Der König hatte nur einen einzigen Befehl gegeben, indem er ſich in ſeine Wohnung einſchloß, nämlich, daß man das Portraͤt der geſtorbenen Frau von Vintimille anfertigte. Vergiftungs⸗Gerüchte hatten ſich auf der Stelle ver⸗ breitet und einen ſolchen Beſtand angenommen, daß der König wollte, daß die Leiche geöffnet würde. Aber es wurde Nichts von dem Protokolle der Lei⸗ chenöffnung ruchbar; nur, da die Leiche, obgleich kaum ſeit vier Stunden todt, einen großen Geſtank verbreitete, ſo brachte man ſie in einen Schoppen, wo ſie während länger als drei Stunden der Neugierde der Vorüberkom⸗ menden ausgeſetzt blieb. Welches ſeltſame Schickſal der Tod, die Oeffnung und die Ausſtellung der Leiche dieſer Frau war, die am Tage zuvor mit Blumen, Spitzen und Diamanten be⸗ deckt, den Neid des ganzen Hofes erregte. Der König war vernichtet, Frau von Mailly, die gut war und die ihre Schweſter von ganzer Seele liebte, verlangte ſie mit lautem Geſchrei von Gott zurück; eine ihrer Schweſtern eilte herbei, um ſie zu tröſten, das war die jüngſte von allen, Frau von Lauraguais. Frau von Malilly, welche glaubte, nur noch durch Frau von Vintimille mit dem Könige in Verbindung zu ſtehen, hatte gefürchtet, daß dieſer Tod den König von ihr entfernen möchte; aber dem war nicht ſo; der König übertrug im Gegentheile alle ſeine Zuneigungen auf ſie, gab Meuſe eine Wohnung über der ſeinigen, aber unter der Bedingung, daß Meuſe nur über das Vorzimmer und — 32— den Speiſeſaal verfügen würde, während Frau von Mailly in der Wirklichkeit über das übrige verfügte. Nach Verlauf von acht Tagen bezog Frau von Mailly dieſe Wohnung mit ihrer Schweſter, Frau von Lau⸗ raguais, und es hing nur von dem Könige ab, nicht zu bemerken, daß die arme Frau von Vintimille geſtorben war. Aber, für einen Augenblick lang zerſtreut, gelang es dem Könige nicht, die Erinnerung an dieſe entſetzliche Kataſtrophe aus ſeinem Geiſte zu verbannen. II. Tod der Frau von Mazarin.— Die Damen de la Tournelle und von Flavacourt.— Ihre Ausweiſung aus dem Hotel Mazarin.— Entſchluß der Frau von Flavacourt.— Die Sänfte.— Herr von Gesvres.— Der König gibt der Frau von Flavacourt eine Wohnung.— Man ſucht Frau de la Tournelle.— Frau von Flavacourt weiſt die Huldigungen des Königs zurück— Liebſchaft des Herrn von Agenois und der Frau de la Tournelle.— Der Herzog von Richelieu begün⸗ ſtigt die Neigung des Königs für die Marquiſe.— Intrigue gegen Herrn von Agenois.— Frau de la Tournelle capitulirt. — Ungnade der Frau von Mailly.— Die Predigt des Va⸗ ters Renaud.— Demuth der Frau von Mailly.— Letzte Augenblicke des Herrn von Fleury. Am 12. September 1742 ſtarb Frau von Mazarin. Sie war die Großmutter von Mademoiſelle von Nesle. Von den fünf Schweſtern war eine, Frau von Maillh, ſeit 1732 die Maitreſſe des Königs. Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 3 — 34— Die andere, Frau von Vintimille, war geſtorben, wie wir geſehen haben. Die dritte, Frau von Lauraguais, hatte, wie man ſagte, Frau von Vintimille erſetzt. Es blieben noch die Frau de La Tournelle und Frau von Flavacourt, die nicht einmal vorgeſtellt waren. Dieſe beiden Damen befanden ſich bei ihrer Großmut⸗ ter, der Frau von Mazarin. Aber als Frau von Mazarin ſtarb, ließ Herr von Maurepas, in ſeiner Eigenſchaft als Erbe der Frau von Mazarin, von ſeiner Frau dazu aufgehetzt, den beiden Schweſtern andeuten, daß ſie das Hotel auf der Stelle zu verlaſſen hätten. Frau de la Tournelle war Wittwe; der Gatte der Frau von Flavacourt ſtand bei der Armee. Die beiden Damen befanden ſich daher ohne Stütze. Als ſie dieſe Eröffnung des Herrn von Maurepas erhielt, ſtieß Frau de la Tournelle lautes Jammern aus. Frau von Flavacourt antwortete im Gegentheile: — Ich bin jung, ich bin ohne Vater und ohne Mut⸗ ter; mein Gatte iſt abweſend, meine Verwandten verlaſ⸗ ſen mich, der Himmel wird mich ohne Zweifel nicht ver⸗ laſſen. Nach dieſem Urtheile, das ganz zur Ehre der Vor⸗ ſehung war, beſtellte Frau von Flavacourt eine Sänfte, ſetzte ſich hinein, ließ ſich nach Verſailles tragen, und in dem Hofe der Miniſter angelangt, ließ ſie ſich auf den Boden ſetzen, befahl die Tragſtangen herauszuziehen, und ſchickte die Traͤger fort. △ Viele gingen voruüber, ohne ſich um dieſe Sänfte zu bekümmern. Einige verwunderten ſich darüber, aber ohne daß ſie die, welche darin ſaß, zu fragen wagten, was ſie dort mache; endlich kam der Herzog von Gesvres vor⸗ über, machte den Schlag auf und rief ganz verwundert aus: — Ei! Frau von Flavacourt, durch welches Aben⸗ teuer befinden Sie ſich da? aber wiſſen Sie wohl, daß Ihre Frau Großmutter geſtorben iſt? — Und Sie, Herr Herzog, antwortete Frau von Flavacourt, wiſſen Sie wohl, daß Herr von Maurepas und ſeine Frau meine Schweſter und mich wie Abenteurerin⸗ nen fortgejagt haben; ſie fürchten ohne Zweifel, daß wir ihnen zur Laſt fallen möchten. Meine Schweſter de la Tournelle iſt, ich weiß nicht wohin gegangen; was mich anbetrifft, ſo bin ich hier in den Händen der Vorſehung. Der Herzog von Gesvres erſtaunt über das Aben⸗ teuer, grüßte Frau von Flavacourt, indem er ſie bat, einige Augenblicke in Geduld zu warten, und zu dem Kö⸗ nige eilend, führte er ihn an das Fenſter und zeigte ihm in dem Hofe der Miniſter dieſe einſame Sänfte. — Nun denn, fragte der König, was zeigen Sie mir da? t — Der König ſieht dieſe Sänfte. — Ohne Zweifel, ich ſehe ſie. — Nun denn, ſie enthält Frau von Flavacourt. — Frau von Flavacourt ganz allein in dieſer Sänfte! rief der König aus. — Ganz allein, Sire. 3.* — Aber wer hat ſie denn dorthin geſetzt? — Ihr erfinderiſcher Kopf. — Erklaͤren Sie ſich, Herzog. — Nun denn, Sire, ſie iſt von Herrn von Maure⸗ pas aus dem Hauſe ihrer Großmutter fortgejagt worden, und ſie hat geglaubt, ſich unter den Schutz Gottes und... — Und... — und des Königs ſtellen zu müſſen, Sire. Ludwig XV. begann zu lachen. — Eilen Sie, ſie zu holen, ſagte er, man möge ihr eine Wohnung geben und auf der Stelle ihre Schweſter de la Tournelle aufſuchen. Der Herzog von Gesvres ließ ſich dies nicht zwei Male ſagen, er ging eilig hinab, ergriff Frau von Fla⸗ vacourt bei der Hand, und ging mit ihr wieder zu dem Könige hinauf. Der König gab ihr die ehemalige Wohnung der Frau von Mailly in dem neuen Flügel, und verſprach ihr die Stelle als Palaſtdame. Was Frau de la Tournelle anbe⸗ langt, ſo führte man ſie in die Wohnung des Herrn von Vauréal, Biſchof von Rennes. Frau de la Tournelle und Frau von Flavacourt wa⸗ ren die ſchönſten der fünf Schweſtern. Dem Könige entging dieſe Schönheit nicht. Er hatte eine Neigung für die Fräulein von Nesle, und er begann den beiden neuen Hausgenoſſen den Hof zu machen, wel⸗ che die Härte des Herrn und der Frau von Maurepas ihm zugeführt hatten. Herr und Frau von Maurepas beſchloſſen. gleichfalls, —2&&— ———— als ſie die Aufmerkſamkeit ſahen, welche der König den beiden Schweſtern widmete, ſich ihnen wieder zu nähern; aber es gelang ihnen nur bei Frau von Flavacourt, ei⸗ ner guten Frau von liebenswürdigem Gemüthe, ein Herz ohne Groll, welche erklärte, daß von ihrer Seite Herrn und Frau von Maurepas Alles verziehen wäre, wenn ſie den geringſten Schritt bei ihr thäten. Aber dem war ganz anders bei Frau de la Tour⸗ nelle, welche ihnen einen tüchtigen Haß ſchwor und gegen ſie bewahrte. Sehen wir übrigens, wie es mit dieſen beiden Da⸗ men in dem Augenblicke ſtand, wo der König zu gleicher Zeit die Augen auf Frau von Flavacourt und auf Frau de la Tournelle richtete. Wie wir geſagt haben, befand ſich der Gatte der Frau von Flavacourt bei der Armee; aber obgleich ab⸗ weſend, war er von ſeiner Frau ſehr geliebt, welche gleich Anfangs dem Könige zu verſtehen gab, daß ſie ih⸗ ren Gatten ſelbſt nicht für einen König verrathen würde. Frau de la Tournelle war Wittwe, aber in dieſem Augenblicke beſchäͤftigt. Sie hatte den Grafen von Agenois, den Sohn des Herzogs von Aiguillon und Reffen des Herrn von Richelieu zum Geliebten. Demnach war es auch Herr von Richelieu, an den Ludwig XV. ſich wandte, da er in ſeiner Eigenſchaft als Großonkel allen Einfluß auf den jungen Grafen haben mußte. Aber der Herzog meinte, daß es beſſer ſei Liſt, ſtatt Ueberredung anzuwenden. Er ſandte eine Dame des Ho⸗ -— 38— fes an den Grafen von Agenois mit dem Auftrage ab, den Grafen zu verführen. Während dieſer Zeit ſah die nach Verſailles zurück⸗ gezogene Frau de la Tournelle nur die Perſonen, welche ihr der König zu ſehen erlaubte, und der Graf von Age⸗ nois gehörte nicht zu der Zahl dieſer Perſonen. Aber Frau de la Tournelle leiſtete darum nichts deſto⸗ weniger Ludwig XV. Widerſtand, dem ſie ihre Liebe für den Grafen geſtanden hatte, von deſſen Treue ſie über⸗ zeugt war. Zu dieſer Zeit begann Herr von Richelieu ſein Werk. Die Syrene, welche er an ſeinen Neffen abgeſandt hatte, machte täglich Fortſchritte in dem Herzen des Grafen, deſſen Abſonderung ihn ohne Waffen überlieferte. Aber nun heuchelte die Dame eine Abweſenheit, man verſprach ſich zu ſchreiben und man ſchrieb ſich. Die Briefe des Grafen von Agenois wurden von der Dame an Richelieu, von Richelieu dem Könige, und von dem Könige an Frau de la Tournelle übergeben. Trotz dieſer ſchriftlichen Beweiſe war Frau de la Tour⸗ nelle anfangs ſtandhaft geblieben, indem ſie behauptete, daß man die Hand des Grafen nachmachte; aber die Briefe wurden ſo zrtlich, die Beweiſe der Untreue des Grafen wurden ſo klar, daß Frau de la Tournelle beſchloß, ſich an ihrem ungetreuen Geliebten zu rächen. In einem ſolchen Falle gibt es nur eine mögliche Rache: nämlich die Strafe der Wiedervergeltung. Frau de la Tournelle blieb bei dieſer Rache ſtehen, und ver⸗ ſprach dem Könige, ihn zu ihrem Mitſchuldigen zu nehmen. — 39— Aber das geſchah unter einer Bedingung. Frau de la Tournelle haßte ihre Schweſter von Mailly; außerdem war ſie zu ſtolz, um die von den Frauen von Vintimille und von Lauraguais geduldete Theilung anzunehmen. Sie verlangte die Ungnade der Frau von Mailly. Der König, welcher Frau von Mailly nicht mehr liebte, verſprach Frau de la Tournelle Alles, was ſie wollte. Vielleicht war Ludwig XV. ziemlich in Verlegenheit, Frau von Mailly dieſe Ungnade anzuzeigen, als dieſe einer Erklärung entgegenkam, indem ſie dem Könige ſeine Kälte für ſie vorwarf. Ludwig XV. war grauſam gegen die Frauen, welche er nicht mehr liebte. Er ergriff die Gelegenheit, ſagte zu Frau von Mailly, daß dieſe Kälte wahr wäre, daß er ſich nicht zu verſtellen wüßte, und daß er, da er ſie nicht mehr liebte, nicht eine Leidenſchaft heucheln könnte, die aufgehört hätte zu beſtehen. Bei dieſer Antwort ſtieß Frau von Mailly lautes Jammern aus, zerſchmolz in Thränen und ſank vor dem Könige auf die Knie. Aber das Eis war gebrochen, und Frau von Mailly erfuhr auf der Stelle aus dem Munde ihres königlichen Geliebten, daß er ſie nicht allein nicht mehr liebe, ſon⸗ dern daß ſie auch noch ihrer Nebenbuhlerin Platz machen müßte, indem ſie ſich zuruͤckzöge. Nun bat und flehte Frau von Mailly; ſie bot ſich an bei Frau de la Tournelle dieſelbe Rolle zu ſpielen, welche ſie bei ihren Schweſtern Vintimille und Lauraguais geſpielt hatte; aber unerbittlich gegen ſie, bewilligte ihr der König zwei Tage, um ſich zurückzuziehen, das war Alles. Die Verweiſung war um ſo grauſamer, als Frau von Mailly, die weder Vater noch Mutter hatte und von ihrem Gatten getrennt war, buchſtäblich nicht wußte, wohin ſie ſich wenden ſollte, wenn ſie Verſailles ver⸗ ließ. Sie ſagte Alles das dem Könige, aber die Kutſche war nichts deſtoweniger zur gemeldeten Stunde vor der Thüre. Glücklicher Weiſe nahm ſie die Frau Gräfin von Toulouſe, welche immer ihre Freundin geweſen war, zu ſich, während Frau de la Tournelle, eingeladen nach Choiſy zu gehen, dort öffentlich den Platz einnehmen ſollte, den ihre Schweſter inne gehabt hatte. Es war am 12. November, wo die Reiſe ſtattfand. Indem er Frau de la Tournelle die Hand gab, ſtieg der König mit Fräulein de La Roche⸗ſur⸗Yon, Frau von Flavacourt, Frau von Chevreuſe, Herrn von Villeroy und dem Prinzen von Soubiſe in die Gondel. In Choiſy angekommen, ſchämte ſich indeß Frau de la Tournelle, welche ihre Schweſter erſetzte, ſie ſo leicht und ſo öffentlicher Weiſe zu erſetzen. Als das Abendeſſen beendigt und der König ſie mit den Augen verſchlang, näherte ſie ſich der Frau von Chevreuſe und ſagte zu ihr: — Man hat mir ein zu großes Zimmer gegeben, meine Liebe, und ich fürchte mich; Sie, die Sie wegen ————— — 41—. Ihres Muthes bekannt ſind, geben Sie mir das Ihrige, und nehmen Sie das meinige, ich bitte Sie. Aber Frau von Chevreuſe hütete ſich es anzuneh⸗ men; ſie fürchtete irgend einen königlichen Mißgriff, bei welchem, erkannt, ſie leicht eine alberne Rolle ſpielen könnte. — Liebe Freundin, antwortete ſie der Frau de la Tournelle, ich bin in Choiſy nicht zu Haus, ſondern bei ſeiner Majeſtät; ich kann daher Nichts ohne Befehl und ohne Genehmigung des Königs thun. Es ging daraus hervor, daß Frau de la Tournelle gezwungen war, ihr Zimmer zu behalten; da ſie ſich aber ſchämte, eine ſo ſchnelle Nachfolge anzunehmen, verram⸗ melte ſie ſich darin, und trotz der nächtlichen Wanderun⸗ gen des Königs, trotz ſeinem verliebten Klopfen an die Thüre, hielt ſie ſich darin eingeſchloſſen. Berechnet oder wirklich, die Vertheidigung dauerte beinahe einen Monat, denn erſt am folgenden 10. De⸗ zember wurde erkannt, daß in dieſer Nacht ſich die barm⸗ herzigere Thüre geöffnet hätte. Indem man das„Bett der Frau de la Tournelle machte, fand man die Tabaksdoſe des Königs, welche Seine Majeſtät unter ſeinem Kopfkiſſen vergeſſen hatte. Dieſe Reuigkeit, die Vorſtellung des Mahomet und ein Wagen, den Herr von Richelieu erfunden hatte, bil⸗ deten den Stoff der Unterhaltungen des letzten Monats des Jahres 1742. Sehr gelangweilt, den Hof zu verlaſſen, um die Ständeverſammlung von Languedoe zu eröffnen, hatte Herr von Richelieu erklärt, daß er zum Mindeſten ſchlafend bis — 412— nach Lhon gehen würde, wo er genöthigt war, anzu⸗ halten. Dem zu Folge, und um ſein Verſprechen zu halten, erfand er einen ſechs Fuß langen, recht ſanften, auf dop⸗ pelten Federn hängenden Wagen, der ein vollſtändiges Bett enthielt. Am 13. September Abends wurde der Wagen in den Hof von Verſailles geführt, in den Jedermann hinabging, um ihn zu ſehen. Um neun Uhr ließ der Herzog von Richelieu ſein Bett waͤrmen, entkleidete ſich höchſt züchtig in Gegenwart der Damen, nahm Abſchied von den Zuſchauern, rief ſeinem Kutſcher zu:— Nach Lyon, ſagte zu ſeinem Kammer⸗ diener:— Sie werden mich bei der Ankunft wecken, zog ſeine Schlafmütze über die Ohren und ſchlief ein. Was Frau von Mallly anbelangt, ſo brachte ſie, wie es der La Valliére begegnet war, dem Herrn das heiligſte Opfer, das eine Frau Gott zu bringen vermag, nämlich das eines durch Liebe gebrochenen Herzens. Es gab da⸗ mals einen ſehr berühmten Prediger, der ſich vorbereitete, den neuen Katholiken die Faſtenpredigten von 1743 zu halten, das war der Vater Renaud des Predigerordens. Frau von Mailly ging zu ihm, bat ihn, ihr Beichtvater zu werden, aber er ſträubte ſich dagegen unter dem Vor⸗ wande ſeiner wichtigen Arbeiten. Nun ging ſie zu dem Erzbiſchofe, Herrn von Vintimille, dem ſie ihre Abſicht mittheilte, auf die Welt zu verzichten und eine ſtrenge Buße zu thun. Aber der gute Prälat, der, wie man zu der Zeit ſeines Todes ſehen wird, keine ſehr feſten Grund⸗ — 43— ſätze der Religion hatte, ſtellte ihr vor, indem er dabei im⸗ merhin ihren Eifer lobte, daß die wahre Frömmigkeit jede Uebertreibung ausſchlöſſe, und daß das Schweigen und die Beſcheidenheit das Beſte wären, was es für eine Frau gäbe, deren Buße ſelbſt ein Aergerniß ſein würde. Frau von Mailly ſah die Heiligkeit dieſes Rathes ein, ſie zog ſich ohne Aufſehen und ganz ſtill von der Welt zurück; nun ſah man dieſe Frau des Luxus, der Vergnü⸗ gungen und der Wolluſt, beſcheiden in ihrer Kleidung und ſtreng in ihren Sitten geworden, mit frommer Ergebung nicht allein ihr Unglück, ſondern auch noch die Schmähun⸗ gen ertragen, welche daſſelbe ihr zuzog. Eines Tages kam ſie zu der Predigt des Vater Renaud in dem Augenblicke, wo der berühmte Prediger bereits auf der Kanzel war, und da ſie einiges Geräuſch gemacht hatte, um ihren Platz zu erreichen, ſo rief ein Mann in übler Laune aus: — Das iſt ſehr viel Lärm für ein liederliches Weibs⸗ bild. — Mein Herr, antwortete Frau von Mailly demüthig, da Sie dieſelbe kennen, ſo beten Sie zu Gott für ſie. Endlich, durch die Ergebung der Frau von Mailly gerührt, gab ihr der König, nachdem er zuerſt verboten hatte, daß man mit ihm von ihr ſpräche, dreißig Tauſend Livres Einkünfte, ein Hotel in der Straße Saint⸗Thomas⸗ du⸗Louvre, und befahl, daß man ihre Schulden bezahlte. Die Schulden der Frau von Mailly erhoben ſich auf mehr als ſieben Mal Hunderttauſend Livres. Während Frau von Mailly ſo demüthig Buße für — 44— die reizenden Fehltritte that, welche ſie begangen hatte, ſchickte ſich ihr Beſchützer, Herr von Fleurh, der, welcher ſie ſo richtig als eine Frau ohne Ränke, als eine Maitreſſe ohne Ehrgeiz beurtheilt hatte, an, Ludwig XV. von ſeiner Vormundſchaft zu befreien. Bereits ſeit einiger Zeit war dieſe anfangs von Jeder⸗ mann mit Freude begrüßte Vormundſchaft dem Könige be⸗ ſchwerlich und laſtete auf Frankreich. Der Kardinal, der anfangs, zum Mindeſten, wie er ſagte, die Regierung zö⸗ gernd übernommen hatte, hatte ſich am Ende an dieſelbe geklammert und lebte in beſtändiger Furcht, ſie zu verlie⸗ ren. Die Ungnade der Herren von Chauvelin und de La Trémouille waren vorhanden, um ſeine Schrecken zu be⸗ zeugen. Uebrigens hatte ſich der Kardinal von Fleury allmä⸗ lig dadurch, daß er ſich die königliche Gewalt anmaßte, daran gewöhnt, ſich die Vorrechte derſelben anzumaßen. Er hatte ſich eine kleine Ceremonie für ſein Zubettgehen geſchaffen, was das Lächerlichſte von der Welt war. Je⸗ den Abend erwartete der ganze Hof, Edelleute, Bürger⸗ liche und Müßiggaͤnger, an ſeiner Thüre die Stunde dieſes Zubettgehens. Der Kardinal trat in ſein Kabinet, dann wurden die Thüren aufgemacht, damit die Zuſchauer ſeiner ganzen Nachttoilette beiwohnen könnten. Man ſah ihn ſo ſein Schlafhemd anziehen, dann einen ziemlich geringen Schlafrock, ſich ſeine weißen, durch das Alter ſehr gelich⸗ teten Haare kämmen. Nun hörte man in Mitte des ehr⸗ furchtsvollſten Schweigens die durch gute oder ſchlechte Scherze, die faſt immer einem beſchränkten Kopfe angehör⸗ ten, denen aber die Hofmacherei der Anweſenden niemals Beifall zu zollen ermangelte, Neuigkeiten des Tages er⸗ zählen. Ludwig XV. ſah alles das mit Verdruß, aber voll Geduld. Er hatte die Einſicht jener gewiſſenhaften Erben, die einem Greiſe, der nicht ermangeln kann, bald zu ſter⸗ ben, eine ſchwere lebenslängliche Rente bezahlen. Er war⸗ tete es ab. Wie man ſich erinnern wird, ſtand die Königin nicht auf gutem Fuße mit dem Kardinal, der es ihr an allem fehlen ließe, und keine Rückſichten auf ihre Wünſche nahm. Eines Tages überwand ſie den Widerwillen, den ſie gegen das Fordern hatte, und da ſie für einen Offizier, den ſie beſchützte, ſehnlichſt eine Compagnie zu erlangen wünſchte, ſo wandte ſie ſich zuvörderſt an den Kriegsminiſter, Herrn von Angervilliers, der ſie an Herrn von Fleurh zurück⸗ ſandte. Aber Herr von Fleury wies die Königin, ſeiner Gewohnheit gemäß, mit ſo ſchlechten Gründen ab, daß, ſo chriſtlich die gute Fürſtin auch war, ſie nicht die Kraft hatte, die Demuth bis an's Ende zu treiben, und ſich bei dem Könige beklagte. — Ei! Madame, warum machen Sie es nicht wie ich, antwortete Ludwig XV., ich verlange von dieſen Leuten niomals etwas. In der That, der König betrachtete ſich wie einen in Ungnade gefallenen Prinzen von Geblüt, der kein Anſehen am Hofe hatte, und ſich zuweilen ſo unbeſchäftigt befand, daß er eines Morgens das Verlangen ausdrückte, Sticke⸗ reien zu machen. Herr von Gesvres, der anweſend war, 1 — 46— benutzte es. Er ſandte auf der Stelle einen Eilboten nach Paris, der, nach Verlauf von zwei Stunden zurückgekehrt, einen Stickrahmen, Wolle und Nadeln brachte. Der König machte ſich auf der Stelle an das Werk, und begann, ſo groß war ſein Eifer, vier Seſſel(Sièges, auch Belagerungen) auf ein Mal, was Herrn von Gesvres ſagen ließ: — Sire, Ihr Großvater, Ludwig XIV., unternahm niemals zwei Belagerungen zu gleicher Zeit, und Sie fan⸗ gen jetzt deren vier an. Nehmen Sie ſich in Acht. Die Gunſt des Herrn von Gesvres ſtieg in Bezug auf die Stickerei und in Bezug auf den Witz auf ihren höchſten Gipfel. Obgleich Europa und Frankreich im vollen Frieden waren, obgleich kein Grund zu Unglück ſich zeigte, ſtarb Frankreich während dieſer Zeit an der Auszehrung; man hätte ſagen können, daß es gleichfalls in der Rechnung der Jahrhunderte achtzig Jahre alt waͤre, wie ſein Miniſter es nach der Rechnung der Jahre war. Die Provinzen Maine, Angournois, Haut⸗Poitou, Périgord, Orleans und Berry, das heißt die reichſten von Frankreich, waren von einer Art von ſchleichendem Fieber befallen, das ſie aus⸗ zehrte. Dieſes ſchleichende Fieber war die Steuer, die Steuer, welche aus ihren Adern das reinſte Gold, dieſes Blut der Nationen, abzapfte, welches die Regierung, als gräßlicher Vampyr, verſchlang. Selbſt die Normandie, dieſes herrliche Land, unterlag den Plackereien der Steuerpächter. Alle Pächter waren zu — 47— Grunde gerichtet, und man fand deren keine mehr. Die großen Grundbeſitzer waren genöthigt, ihre Güter durch ihre Diener bewirthſchaften zu laſſen. Der Stadtſchuldheiß Turgot erregte den erſten Schre⸗ cken, indem er die Stimme erhob, um ſich zu beklagen. Herr von Harlay, Intendant von Paris, ließ die Aus⸗ beſſerung der Straßen durch Frohndienſte einſtellen. Der Biſchof von Mans kam aus ſeiner Diöceſe nach Verſailles, um ſich ſogleich wieder zu entfernen, blos um zu ſagen, daß in ſeiner Diöceſe Alles zu Grunde ginge. Endlich brachte der Herr Herzog von Orleans ein Stück Kräuter⸗ brod in den Rath, das ihm der Graf von Argenſon ver⸗ ſchafft hatte, und indem er es auf den Tiſch des Königs legte, ſagte er zu ihm: — Sire, ſehen Sie, womit Ihre Unterthanen ſich er⸗ nähren. 3 Der Biſchof von Chartres kam gleichfalls nach Ver⸗ ſailles, wo er bei dem Lever des Königs eine äußerſt kühne Sprache führte, und als ihn der König bei dem Mittag⸗ eſſen der Königin über den Zuſtand ſeiner Diöceſe befragt hatte, antwortete er, daß Hungersnoth und Sterblichkeit darin herrſchte, daß die Menſchen wie die Schafe Gras äßen, und daß nach dem Elende, welches jetzt nur das Volk beträfe, die Peſt kommen würde, welche Jedermann ergreifen würde. Die Königin bot ihm nun Hundert Louisd'or für ſeine Armen an; aber er ſchlug ſie aus. — Behalten Sie Ihr Geld, ſagie er, wenn die Fi⸗ nanzen des Königs und die meinigen erſchöpft ſein werden, —-— 48— dann wird Eure Majeſtät meine armen Pfarrkinder unter⸗ ſtützen, wenn ihr etwas übrig bleibt. Ein Mal, als ſich der Kardinal nach Iſſy zuruͤckge⸗ zogen hatte, ſtattete ihm der König einen Beſuch ab, und fuhr durch die Foubourg Saint⸗Victor; das Vorüberkom⸗ men des Königs war im Voraus bekannt geworden, und nun rottete ſich das Volk zuſammen und rief nicht mehr: Es lebe der König, ſondern: Elend! Hungersnoth!! Brod!!! Der König wurde durch dieſe Bezeugung ſo betrübt, daß er, ſtatt nach Iſſy zu gehen, nach Choiſy ging, und dort bei ſeiner Ankunft alle Arbeiter verabſchiedete, welche an Dingen des Luxus arbeiteten, und am ſelben Abende dem Kardinal das ſchrieb, was er gethan hätte. Unter alle dieſen Aufklärungen, die bis nach Verſailles gelangten, und welche die Angelegenheiten in ihrem wahren Lichte zeigten, kam Herr de la Rochefoucault an, welcher dem Könige ſagte, daß er ohne Zweifel den Zuſtand ſeiner Provinzen nicht kenne, und daß ſeine Miniſter ihm die Wahrheit entſtellten, aber der König ſchüttelte den Kopf. — Herr Herzog, antwortete er, ich kenne das ebenſo gut, als irgend Jemand, und ich weiß, daß mein König⸗ reich ſeit einem Jahre um ein Sechstel ſich verringert hat. Inzwiſchen verbreiteten ſich Gerüchte eines europäiſchen Krieges auf Veranlaſſung des Todes Kaiſer Karls VI, und da man ſich darüber beunruhigte, antwortete der Kar⸗ dinal treuherzig: — Beruhigen Sie ſich, der Krieg iſt unmöglich, da es uns in Frankreich an Menſchen fehlt. — 49— In der That, man berechnete, daß während der Jahre 1739, 1740 und 1741 in Frankreich mehr Menſchen vor Elend ſtarben, als während aller Kriege Ludwigs XIV. Inzwiſchen wurde die Geſundheit des Kardinals in dem Grade ſchwach, daß man ſeinen Tod für nahe hielt, er ſelbſt täuſchte ſich darüber nicht mehr, und trotz der falſchen Liſten von Hundertjährigen, welche die Zeitungen bekannt machten, fühlte er, daß er ſich ſeinem Ende nähere. Indeſſen klammerte er ſich trotz dieſer Entkräftung noch an die Gewalt. Jeden Tag kamen die Miniſter, mit denen er nicht mehr arbeiten konnte, ihm Bericht zu erſtatten und ſeine Befehle in Empfang zu nehmen. Aber man war ſo ſehr beſorgt, Alles von ihm zu entfernen, was ihn an den Tod denken laſſen könnte, daß, als ſich eines Morgens der Marquis von Breteuil, Staats⸗ ſecretair im Departement des Krieges, nachdem er mit ihm gearbeitet, unwohl befunden hatte, ihm die Leute des Kardinals durchaus keinen Beiſtand leiſteten, aus Furcht, daß dieſes Ereigniß zu großen Eindruck auf ihren Herrn machen möchte, und ſich des Sterbenden entledigten, indem ſie ihn in ſeine Kutſche warfen, in welcher er bei ſeiner Ankunft in Paris ſtarb. Endlich nahmen am 27., 28. und 29. Januar die Kräfte des Kardinals dermaßen ab, daß er einſah, daß ſeine Stunde gekommen wäre. Während dieſer drei Tage ſtattete ihm der König zwei Beſuche ab, bei dem zweiten hatte er den Dauphin mit ſich genommen, und da man den jungen Prinzen entfernt von dem Bette des Sterbenden hielt, ſo ſagte der Kardinal: Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 4 — Laſſen Sie ihn näher kommen, es iſt gut, daß er ſich an ein ſolches Schauſpiel gewöhnt. Das waren die letzten Worte, welche der Sterbende ausſprach, der am 29. Januar 1745 im Alter von 89 Jahren verſchied. Ein Epigramm war ſeine Leichenrede. „Frankreich iſt ſeit Hundert Jahren krank, ſagte man, drei roth gekleidete Aerzte haben es nach einander gepflegt. Richelieu hat ihm zur Ader gelaſſen, Mazarin gab ihm Abführungsmittel, Fleury hat es auf Dät geſetzt.“ Mehrere wichtige Todesfälle hatten dem Tode des Kar⸗ dinals ein Geleit zu geben geſchienen. Der König von Preußen war geſtorben, und ſein Sohn, Friedrich II., derſelbe, dem ſein Vater den Kopf hatte abſchlagen laſſen wollen, war ihm nachgefolgt. Ludwig Heinrich von Bourbon war in Chantillh ge⸗ ſtorben; wie man ſich erinnern wird, war er der Nachfol⸗ ger des Herrn Herzogs von Orleans als Premierminiſter, und der Geliebte der Frau von Prie. Die Königin Anna von Neuburg, Wittwe Karls II. von Spanien, war in Guadalaxara geſtorben. Johann Baptiſt Rouſſeau war in Brüſſel geſtorben, wohin er ſich ſeit dreißig Jahren zurückgezogen hatte. Der Kardinal von Polignac war auf ſeinen Gütern geſtorben; er iſt derſelbe, der in der Angelegenheit des Fürſten von Cellamare eine Rolle geſpielt hatte. Die Königin Wittwe von Spanien, Louiſe Eliſabeth von Orleans, war im Luxemburg geſtorben. Rollin, der Verfaſſer der Alten Geſchichte, war als Profeſſor der Beredtſamkeit am königlichen Collegium geſtorben. Endlich war Kaiſer Karl VI. in Wien geſtorben, und dieſer Todesfall war es, der den Frieden von Europa vielleicht wieder in Frage ſtellen ſollte. 4* III. Ludwig XV. erklärt, daß er durch ſich ſelbſt regieren will.— Fleury's Leichenbegängniß.— Porträt des Königs.— Der kleine Hof.— Die Herren und die Damen.— Frau von Maurepas, die Pique⸗Dame.— Die Bedingungen der Frau de la Tournelle.— Vers des Herrn von Maure⸗ pas.— Zuſtand Europas.— Herr von Belle⸗Isle.— Der Krieg bricht aus.— Maria Thereſia.— Friedrich II.— Der Churfürſt von Baiern.— Moritz von Sachſen.— Herr von Broglie.— Chevert in Prag.— Herr von Malllebois. — Der Rückzug des Herrn von Belle⸗Isle.— Krieg in Italien.— Die Spanier.— Die Englaͤnder.— Vers des Herrn Turpot. Kaum war Herr von Fleurh geſtorben, als Ludwig XV., wie es ſein Großvater Ludwig XIV. gemacht hatte, erklärte, daß er ſelbſt regieren wolle. In der That, die Regierung Ludwig Xv. begann in der Wirklichkeit erſt mit dem Tode des Kardinals von Fleury. Er begann damit, dem verſtorbenen Miniſter faſt kö⸗ nigliche Ehre zu bezeigen, ließ in Notre⸗Dame einen feier⸗ lichen Gottesdienſt halten und befahl, daß ihm in der Kirche Saint⸗Louis⸗du⸗Louvre ein Mauſoleum errichtet wuͤrde. 4 Der König von Frankreich war damals 33 Jahre alt, ſein Gang war edel, ſein Geſicht regelmäßig ſchön, ſeine Leutſeligkeit außerordentlich, ſelten war ein hartes Wort aus ſeinem Munde gekommen, ſein Urtheil war richtig, ſein Tact ſicher, er kannte die Menſchen und die Dinge hinlänglich gut und wiederholte zuweilen die Aeußerung Karls V.: „Die Schriftſteller unterrichten mich, die Kaufleute be⸗ reichern mich, die Großen plündern mich.“ Bei alle dem war ſein Charakter gleichgültig, er wollte das Böſe nicht thun, aber es thun laſſen; nicht etwa, daß er nicht die Einſicht hatte, es zu verſtehen, aber er hatte nicht die Kraft, es zu unterdrücken. Nach dem Tode des Kardinals fand keine Veränderung in dem Perſonale ſtatt. Herr Amelot blieb bei den Finanzen, die Herrn von Maurepas und Saint⸗Florentin erhielten Herrn von Argen⸗ ſon zum Collegen, der den Marquis von Breteuil, der, wie wir geſagt haben, geſtorben war, in dem Kriegsminiſterium erſetzte; Orry behielt die Controlle der Finanzen, d'Agueſſeau blieb Kanzler. Daraus ging hervor, daß der König, indem er ſich, wie er ſagte, an die Spitze der Angelegenheiten ſtellte, keine ſchwere Verbindlichkeit übernahm, die Geſchäfte folgten dem gegebenen Eindrucke, und die Regierungsmaſchine ging ſo ziemlich von ſelbſt. Außerdem war Ludwig XV. in dieſem Augenblicke bei weitem mehr mit der Liebe, als mit der Politik beſchäftigt. Von Meuſe, dem Grafen von Noailles, dem Herzoge von Agen, von Villeroy, von Guerchy, von Coigny, von Fitz⸗James, von Aumont, von Gontaut und von Rich elieu umgeben, fuhr der König fort zu ſticken, und Jedermann, Männer, wie Frauen, ahmten es ihm nach. Der neue Hof der Frau de la Tournelle beſtand aus den Prinzeſſinnen von Conti, von Charolais, de la Roche⸗ ſur⸗Yon, der Frau von Antin, von Soubiſe, von Egmont, von Bouffleurs und von Chevreuſe; Frau von Maurepas allein widerſtand Frau de la Tournelle, oder vielleicht auch. Frau de la Tournelle der Frau von Maurepas, welche ſie und ihre Freundinnen die Pique⸗Dame nannten. Als Frau de la Tournelle ſich dem Könige ergab, geſchah es, wie man ſich erinnern wird, nach einem ziemlich langen Widerſtande. Wie die Gouverneure von Feſtungen, welche ſich ver⸗ kaufen, hatte ſie dieſe Zeit dazu angewandt, ihre Bedingun⸗ gen zu verhandeln und annehmen zu laſſen; Heinrich IV. hatte Paris von Herrn von Briſſac, ſeinem vierten Nach⸗ folger, gekauft, Ludwig Xv. mußte die Bedingungen der vierten Tochter des Marquis von Nesle beſtätigen. Hier ſind die von Frau de la Tournelle aufgeſtellten — 55— und von dem Köͤnige beſtätigten Artikel der Kapitulation vom 10. Dezember 1742. Erſter Artikel. Meine Schweſter, Frau von Mailly, wird von Ver⸗ ſailles entfernt und in ein Kloſter eingeſchloſſen werden. Zweiter Artikel. Mein Titel als Marquiſe wird in den einer Herzogin und mit den dieſer Würde gebührenden Ehren und Aus⸗ zeichnungen verwandelt. Dritter Artikel. Der König wird mir ein ſolches Loos bilden, daß kein Ereigniß mich deſſelben berauben könnte, und mein Ver⸗ mögen wird unabhängig von allen Veränderungen ſein, die in den Neigungen Seiner Majeſtäͤt entſtehen möchten. Vierter Artikel. Für den Fall eines Krieges wird ſich der Koͤnig an die Spitze ſeiner Armee ſtellen, da Frau de la Tournelle nicht beſchuldigt ſein will, den König von ſeinen Pflichten als Herrſcher abwendig gemacht zu haben. Wir haben erzählt, wie die erſte der Bedingungen von Ludwig XV. ausgeführt worden war, der indeſſen das Kloſter in ein Hotel der Straße Saint⸗Thomas⸗du⸗Louvre verwandelte. — 56— „Ludwig, von Gottes Gnaden, ꝛc. ꝛc. Da das Recht, Titel, Ehren und Würden zu verleihen, eines der erha⸗ benſten Attribute der höchſten Gewalt iſt, ſo haben uns die Könige, unſere Vorgänger, mehrere Monumente des Gebrauches zurückgelaſſen, den ſie zu Gunſten von Perſo⸗ nen davon gemacht haben, deren Tugenden und Verdienſt ſie verherrlichen wollten. „Indem wir dem zu Folge beruͤckſichtigen, daß unſere ſehr liebe und ſehr theure Couſine, Mariane von Mailly, Wittwe des Marquis de la Tournelle, aus einer der größ⸗ ten Familien unſeres Reiches entſprungen, mit der Unfrigen und den älteſten von Europa verwandt iſt; daß ihre Vor⸗ fahren ſeit mehreren Jahrhunderten unſerer Krone große und wichtige Dienſte geleiſtet haben, ſo haben wir es für angemeſſen gehalten, ihr durch unſere Verordnung vom 20. Oktober 1743 das Herzogthum und die Pairie von Cha⸗ teauroux, in der Provinz Berry, mit Allem, was dazu ge⸗ hört, zu geben, welches wir von unſerem ſehr lieben und ſehr theuren Vetter Ludwig von Bourbon, Grafen von Clermont, Prinzen unſeres Geblütes, haben. „Und wir haben durch genannte Beſtallung anempfoh⸗ len, daß unſerer genannten Couſine alle dazu nöthigen Ur⸗ kunden ausgeſtellt werden, denen zu Folge ſie den Titel Herzogin von Chateauroux angenommen hat, und an un⸗ ſerem Hofe die dieſen Titel zugehörenden Ehrenbezeugungen genießt.“ Dieſe Urkunde wurde Frau de la Tournelle in einem Käſtchen überſandt, das zu gleicher Zeit eine Verſchreibung von achtzig Tauſend Livres Renten enthielt. —õ ——— — 572— Herr von Maurepas war beſiegt, Frau de la Tour⸗ nelle war Herzogin und wirkliche Favoritin, ſie hatte ein geſichertes Loos, und, was eine noch bei weitem größere Gunſt, als alle dieſe, war: ein Tabouret am Hofe. Herr von Maurepas raͤchte ſich darüber, indem er folgende Verſe in Umlauf brachte. Incestueuse La Tournelle Qui des trois êtes la plus belle, Ce tabouret tant souhaité A de quoi vous rendre bien fière; Votre dexant, en vérité, Sert bien votre gentil derriere. — Die letzte Bedingung der Frau de la Tournelle, welche die Gegenwart des Königs an der Spitze ſeiner Armeen verlangte, war nicht ohne Urſache. Der Tod Karls VI. hatte, wie wir geſagt haben, die Frage des Friedens von Europa wieder in Rede geſtellt. Kraft der pragmatiſchen Sanction war ſeine älteſte Tochter, Maria Thereſia, Großherzogin von Toscana, von allen Großen, von der Armee, von den Beamten als Erbin und Herrſcherin der Staaten anerkannt, welche das Erbtheil ihres Vaters bildeten. Sagen wir ein Wort über die Lage Europas im Au⸗ genblicke dieſes Todesfalles. Das ganze Miniſterium des Kardinals von Fleury war ein langer Kampf zu Gunſten des Friedens geweſen. Der Krieg von Italien und von Deutſchland hatte den Miniſter eine Zeit lang gezwungen, aber ſobald ihm die Möglichkeit dazu geboten war, hatte der Kardinal dieſen endlich im Jahre 1738 durch den Frieden von Wien ge⸗ ſchloſſenen Krieg aufhören laſſen. Das Haus Oeſterreich war durch die Türken verheert, der Kardinal beſchäftigte ſich mit dieſer Lage des Kaiſers, und ſein Geſandter, der Marquis von Villeneuve, zwang die Pforte, den Frieden von 1739 mit dem deutſchen Reiche abzuſchließen. Genua war durch Partheien aufgeregt, der Kardinal ſandte Truppen nach Corſika, um dort einen Aufſtand zu unterdrücken, der die genueſiſchen Angelegenheiten verwickelt hätte. Alle Nationen, Spanien und Großbritannien mit inbegriffen, betrachteten daher Frankreich wie eine gemein⸗ ſame Mutter, deren Aufgabe es war, unter ihren Kindern, den Königen von Europa, den Frieden zu erhalten. Unglücklicherweiſe gab es unter dieſen gekrönten Häup⸗ tern einen König, der immer ein ſehr ungehorſamer Sohn geweſen war, nämlich Friedrich II., welcher den Thron ſei⸗ nes Vaters geerbt hatte, und mit dieſem Throne zwanzig Millionen Thaler und vierundzwanzig Tauſend herrlich disciplinirte Soldaten. Mit dieſem Heere, das vielleicht nicht das zahlreichſte, aber das ſchönſte und das regelmäßigſte von ganz Europa war, war ein vollſtändiges Material verbunden. Ein Befehl des Königs genügte, daß Armee und Ma⸗ terial auf der Stelle in's Feld zogen. Herr Beauveau, der franzöſiſche Geſandte bei dem Könige Friedrich, ſchrieb daher auch, daß der König von — 59— Preußen in ſeinem Reiche erſticke, und daß er ein größeres Bett haben müßte, um ſich ſchlafen zu legen. Auf weſſen Koſten konnte ſich der König von Preußen ein beſſeres Bett machen? Das war augenſcheinlich auf Koſten Oeſterreichs. In dieſer Hinſicht hatte König Friedrich II. zwei na⸗ tuͤrliche Verbündere, Spanien und Frankreich. Spanien hatte bereits in dem Kriege von 1733 Oeſter⸗ reich das Königreich Neapel genommen, und bei jeder Gelegenheit, welche ſich bot, ermangelte es nicht, zur Rechten und zur Linken einige Brocken von Provinzen oder irgend ein Ehrenvorrecht in Anſpruch zu nehmen. So befand ſich Maria Thereſia kaum auf dem Throne, als es von ihr verlangt hatte, ihm den Orden des Golde⸗ nen Vließes abzutreten. Die Königin, welche Alles in Spanien leitete, hatte außerdem entdeckt, daß, wenn nach dem öſterreichiſchen Staatsrechte die Frauen die Landes⸗ hoheiten ihrer Väter erben, alles das, was Karl VI. Ma⸗ ria Thereſta hinterlaſſen hatte, von Rechts wegen Philipp V. angehörte, der durch die Frauen der Erbe eines Erben Karls V. war. Was Frankreich anbelangt, ſo war Oeſterreich ſein alter Feind, die Politik Heinrichs IV., Richelieus und Lud⸗ wigs XIV. war beſtändig dahin gerichtet geweſen, es zu ver⸗ kleinern, allmählig hatte ſie es ihm alle Mittel genommen, jemals eine Seemacht zu werden, hatte es auf das feſte Land begränzt und es in den Hintergrund von Deutſch⸗ land zurückgewieſen, und ebenſo, wie Spanien ihm in dem — 60— letzten Kriege Neapel genommen hatte, hatte Frankreich ihm Lothringen genommen. Das, was das Intereſſe Frankreichs und Spaniens war, mußte natürlicher Weiſe nicht das Englands ſein, un⸗ ſer Bündniß mit Großbritannien war immer kurz und auf⸗ geregt. Geſchaffen, um zugleich See⸗ und Landmacht zu ſein, iſt England beſtändig eiferſüchtig auf Frankreich ge⸗ weſen, Familienintereſſen v mögen allein ihre Regenten zu nähern, aber niemals die Intereſſen des Volkes. Was Spanien anbelangt, ſo war England bereits ſeit einiger Zeit in einen Krieg mit ihm verwickelt. Sehen wir, bei welcher Veranlaſſung dieſer Krieg erklärt worden war. Durch die Frieden von Utrecht und von Sevilla konn⸗ ten die Engländer jedes Jahr ein Schiff von höchſtens fünf Hundert Tonnen mit Waaren beladen nach den Beſitzun⸗ gen Spaniens in Amerika ſenden, aber ſobald dieſes Schiff einmal in einem Hafen vor Anker lag, ſo war es kein Transportſchiff mehr, ſondern eine Niederlage, welcher, in dem Maße, als ſie ſich in der Colonie entleerte, kleine Schiffe neue Waaren zuſchmuggelten, ſo daß die Spanier niemals das Ende der endloſen Ladung ſahen, und daß der Handel der ſpaniſchen Colonien ganz in die, Hände der Engländer überzugehen drohte. Nun hatte ſich die ſpaniſche Marine entſchloſſen, einen erbitterten Krieg gegen die Schmuggler zu führen. Ein kleines engliſches Schiff wurde auf der That er⸗ tappt, es ward von einem Engländer, Namens Jenkins, commandirt; der ſpaniſche Kapitän ließ die Mannſchaft in — 61— Ketten legen, und ſchnitt dem Kapitaͤn die Naſe und die Ohren ab. 3 Nach England zurückgekehrt, erſchien Jenkins ſo ver⸗ ſtümmelt im Parlamente, ein Ausruf des Erſtaunens em⸗ pfing ihn, während man außerhalb des Parlamentes das Geſchrei des engliſchen Volkes hörte, welches Rache ver⸗ langte. 3 h dadurch, daß er ſchiffes und die Um⸗ ſtaͤnde ſeiner Marter erzählte, dann fügte er hinzu: — Als man mir die Naſe und die Ohren abgeſchnit⸗ ten hatte, drohte man mir mit dem Tode, und ich er⸗ wartete ihn voll Ergebung, indem ich meine Seele Gott und meine Rache Ihrer Gerechtigkeit anempfahl. Dieſes Mal brauchte das Parlament nur auf die Auf⸗ forderung des Volkes zu antworten, und der Krieg wurde Spanien erklärt. Das war alſo die Lage aller Mächte, als Maria Thereſia zur Kaiſerin von Oeſterreich proclamirt wurde. Maria Thereſia war damals 23 Jahre alt, ſie war ſchön von Geſicht, majeſtätiſch von Geſtalt, ſie bewahrte alle Ruhe ihres Charakters, obgleich ſie Europa drohend und ganz bereit ſie zu berauben fühlte. In der That, Spanien bereitete ſich vor, den Krieg in ſeinen italieniſchen Beſitzungen anzufachen. Der König von Sardinien verſchlang Mailand mit den Augen. Friedrich blieb in Schleſien gelagert und befeſtigte ſich darin. 5 — 62— Frankreich ſchickte Truppen nach Flandern und an den Rhein. Dieſes Mal war Herr von Fleury, der Anfangs be⸗ hauptet hatte, daß er nicht mehr genug Menſchen hätte, um Krieg zu führen, nochmals gezwungen worden. Deer, welcher ihn gezwungen hatte, war Herr von Belle⸗Isle. 8 Der Graf von Belle⸗Isle, in allen ſeinen Plänen beſtändig durch den Herrn Chevalier von Belle⸗Isle, ei⸗ nem faſt eben ſo ausgezeichneten Manne, als er, unter⸗ ſtützt, erfand in einigen Nächten einen diplomatiſchen und militäriſchen Plan von dem höchſten Belange; der Rath widmete ihm zehn Sitzungen, um ihn zu prüfen, und trotz der ſchweigenden Oppoſition des Herrn von Fleury trug er den Sieg davon; nun, da er die allgemeine Neigung ſah, ſchloß ſich der Kardinal nicht allein der Bewegung an, ſondern wollte ſie auch noch leiten. Der Graf von Belle⸗Isle verlangte Hundert Tau⸗ ſend Mann. Fleury machte Schwierigkeiten über die Zahl, Hundert Tauſend Mann im Felde würden ihm in einem Jahre ſeine Erſparniſſe von zehn Jahren verzehren. Nun überreichte Herr von Belle⸗Isle dem Könige eine Eingabe, in welcher funfzehn Hundert Edelleute von ſiebzehn bis dreißig Jahren Dienſte zu nehmen und ihr väterliches Erbe dem Ruhme Frankreichs zu opfern ver⸗ langten. Man konnte daher faſt ohne andere Hülfe, als die des Adels, Hundert und funfzig Tauſend Mann an 4 die Ufer des Rheines ſenden. — 63— Der König unterſtützte die Ideen des Grafen von Belle⸗Isle, ſeine Theilnahme an dieſem Kriege war für Frankreich die Gränzen des Rheins. Fleury zögerte noch, aber der König erklärte, daß er Verpflichtungen gegen den König von Preußen und den Churfürſten von Baiern ein⸗ gegangen ſei. Herr von Belle⸗Isle empfing dem zu Folge Verhaltungsvorſchriften, um ſich nach Berlin und nach München zu begeben. Er wurde von dem Könige Friedrich und von dem Churfürſten Karl Albrecht auf das Beſte empfangen. Der König von Preußen hatte funfzig Tauſend Mann in Schleſien, der Churfürſt von Baiern hatte dreißig Tau⸗ ſend am Inn und an der Donau. Er verlangte vierzig Tauſend Franzoſen, verſprach ſich der kaiſerlichen Krone zu bemächtigen, und ſobald er Kai⸗ ſer wäre, Frankreich das linke Rheinufer zu überlaſſen. Was Naria Thereſia anbelangt, ſo ſollte ſie Königin von Ungarn bleiben. d Der Churfürſt Karl Albrecht erhielt die vierzig Tau⸗ ſend Mann und wurde zum Generaliſſimus der franzoͤ⸗ ſiſchen, bairiſchen und ſächſiſchen Armeen ernannt. Eine zweite Armee von vierzig Tauſend Mann unter den Befehlen des Marſchalls von Mailllebois zog ſich in Weſtphalen zuſammen, um die Hannoveraner und das Braun⸗ ſchweigiſche Gebiet im Zaume zu halten und die Staaten von Holland und die öſterreichiſchen Niederlande zu be⸗ aufſichtigen. Am 18. Mai 1741 ſchrieb daher Maria Thereſia an die Herzogin von Lothringen, ihre Schwiegermutter: —õ—ÿ— — 61— „Ich weiß heute nicht, ob mir eine Stadt uͤbrig blei⸗ ben wird, um in ihr mein Wochenbett zu halten.“ Von ſolchen Gefahren umringt, erließ Maria There⸗ ſia einen Aufruf an ihre getreuen Ungarn. Ihren Sohn in ihren Armen erſchien ſie auf dem Reichstage, auf wel⸗ chem die Magnaten einſtimmig ausriefen: „Moriamur pro nostro rege Maria Theresa!“ (Wir werden für unſere Königin Maria Thereſa ſterben.) Gegen dieſen Ausruf der Begeiſterung leiſtete Maria Thereſia nun auch den alten Schwur König Andreas II., der ſich von dem Jahre 1222 herſchrieb. Hier iſt der Inhalt dieſes Schwures: „Wenn ich oder irgend Jemand meiner Nachkommen, zu welcher Zeit es auch ſein möge, Eure Privilegien über⸗ treten will, ſo ſei es Euch wegen des Verſprechens, das Ihr mir ſo eben gegeben habt, Euch und Euren Nach⸗ kommen erlaubt, Euch zu vertheidigen, ohne als Rebellen behandelt zu werden.“ Dieſe Kaiſerin, welche, ihren Sohn auf ihren Armen, Beiſtand von ihren Völkern verlangte, war etwas Schö⸗ nes. Dieſer Auftritt des ungariſchen Reichstages hatte ſeinen Wiederhall in Europa. Die Kaiſerin von Rußland, jung und ſchön, erklärte ſich für eine wie ſie junge und ſchöne Kaiſerin. Walpole, der Verbündete des Kardinal von Fleury, war in England gefallen; Carteret, unſer Feind, folgte ihm; die Herzogin von Marlborough er⸗ klärte ſich als Bewunderin Maria Thereſia's, und ſtellte ſich an die Spitze einer Unterzeichnung, welche acht Tau⸗ —-— 65— ſend Pfund Sterling eintrug. Die Generalſtaaten von Holland boten ihr ein Anlehen von drei Millionen Du⸗ caten an. Der Feldzug eröffnete ſich daher mit allen Ele⸗ menten eines allgemeinen Krieges. Der ganze Adel von Frankreich ſtand unter den Fah⸗ nen. Der Marſchall von Broglie, welcher die Armee von Böhmen commandirte, hatte Moritz von Sachſen, d⸗Au⸗ bigné, von Boufflers, von Teſſé, von Clermont, den Her⸗ zog von Biron und endlich Chevert unter ſeinen Befehlen, der damals erſt Major des Regiments von Beaune war, und der ſich in dieſem Feldzuge den Rang als General⸗ major und das rothe Ordensband erwerben ſollte. Am 25. November 1741 wurde Prag mit Sturm genommen. An der Spize der Grenadiere hatte ſich Che⸗ vert auf die Mauern geſchwungen; einen Augenblick zu⸗ vor, ehe er vorrückte, hatte er einen Unterofficier gerufen: — Höre mich wohl an, ſagte er zu ihm, indem er ihm die Ecke einer Baſtion zeigte, Du wirſt dort hinauf⸗ ſteigen? — Ja, mein Obriſt. — Indem Du Dich dem Walle näherſt, wird man Dir ein erſtes Mal zurufen: Wer da! — Ja, mein Obriſt. — Du wirſt nicht antworten, und man wird Dir ein zweites Mal zurufen: Wer da! — Ja, mein Obriſt. — Du wirſt wieder nicht antworten, man wird Dir ein drittes Mal zurufen: Wer da! — Ja, mein Obriſt. Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 5 — 66— — Du wirſt dieſes Mal eben ſo wenig als die andern antworten; man wird auf Dich ſchießen. — Ja, mein Obriſt. — Man wird Dich fehlen. — Ja, mein Obriſt. — Du wirſt die Schildwache tödten. — Ja, mein Obriſt. — Dann komme ich, um Dir Hülfe zu leiſten. — Ja, mein Obriſt. Der Unterofficier brach auf. Alles trug ſich zu, wie es Chevert geſagt hatte, der ſeinem Verſprechen gemäß zur rechten Zeit angekommen war. Sobald Prag genommen, wurde es der Mittelpunkt der Operationen. Friedrich ſtand in Mähren; Karl Albrecht, von dem Reichstage von Frankfurt zum Kaiſer erwählt, war in Böhmen proclamirt worden. Man war Wien nahe, die Vorpoſten unſerer Armee ſtanden über Linz hin⸗ aus und richteten ſich nach der Abtei Melk. Plötzlich griff Maria Thereſia wieder an; man erfuhr, daß der Frieden von Breslau durch die Vermittelung Englands zwiſchen der Kaiſerin und dem Könige von Preußen unterzeichnet wäre. Hinter dieſer Unterzeichnung, durch welche Friedrich II. gegen die Abtretung Schleſiens Maria Thereſia als Kai⸗ ſerin von Oeſterreich anerkannte, ſah man das Bündniß der Völker des Nordens gegen Frankreich auftauchen. England, Dänemark, Preußen, Rußland, Oeſterreich! So fehlten uns die Preußen und die Sachſen zu gleicher Zeit; ſechzig Tauſend Mann verließen die Opera⸗ = 6— tionslinie mit einem Male, und von einem Tage zum an⸗ dern waren die Baiern von den Oeſterreichern umzingelt, die nicht mehr nöthig hatten, einem Feinde die Spitze zu bieten, der ihr Verbündeter geworden war. Paſſau und München, die in den Händen der Kaiſerlichen waren, ſchnit⸗ ten den Rückzug ab. 1 Aber der von dem Könige zum Marſchall erhobene Graf von Belle⸗Isle war in Prag angekommen. Er war ein Mann von Rath; er beſaß das Genie des Krieges, wie ſein Großvoter das Genie der Finanzen beſaß. Von den Sachſen und von den Preußen verlaſſen, ſollte der Marſchall von Broglie gegen Prag rücken, wo man alle Truppen, die man vereinigen könnte, zuſammen⸗ ziehen würde. Dann würde man ſich einen Weg bahnen und ſich auf die Armee des Marſchalls von Malllebois zurückziehen, welche in Weſtphalen ſtand. Die Zuſammenziehung wurde ohne großen Verluſt be⸗ werkſtelligt, die franzöſiſche Armee manövrirte mit einer wundervollen Pünktlichkeit; dreißig Tauſend Mann waren verſammelt. Sechzig Tauſend Oeſterreicher, unter den Befehlen des Prinzen Karl von Lothringen, rückten gegen Prag. Kaum waren ſie vor der Stadt angekommen, als in der Nacht ihrer Ankunft ſelbſt, ohne ihnen die Zeit zu laſſen ſich auszuruhen, zwölf Tauſend Franzoſen einen Ausfall machten, die Oeſterreicher zerſtreuten und zwei Tauſend Gefangene machten. 5 5* — 68— Freilich war Herr von Teſſé gefallen und Herr von Biron verwundet. Aber es waren Eilboten nach Paris gekommen, wel⸗ che den Abfall Friedrichs meldeten; die Armeen des Rhei⸗ nes und Weſtphalens ſollten den dreißig Tauſend, in Prag eingeſchloſſenen Franzoſen zu Hilfe marſchieren. Inzwiſchen ſchlug der Rath vor, Verhandlungen an⸗ zuknüpfen, man wollte Maria Thereſia als Kaiſerin aner⸗ kennen, und die in Prag eingeſchloſſenen Franzoſen wür⸗ den frei ſein. Aber der König machte bemerklich, welchen verderb⸗ lichen Eindruck die Kapitulation von Prag machen würde. Der General⸗Controleur Orry erklärte, daß er acht⸗ zig Millionen für den Dienſt des Staates und das Wohl des Vaterlandes zur Verfügung des Königs hätte. Man würde nicht unterhandeln. Maillebois würde den Befehl erhalten, ſich in einem raſchen Marſche nach der Donau zu begeben, und der Beſatzung von Prag die Hand zu reichen. Franzoſen und Oeſterreicher, Belagerte und Bela⸗ gernde, erfuhren zu gleicher Zeit den Marſch des Herrn von Malllebois. Sechs und fünfzig Tage nach Eröffnung der Lauf⸗ graͤben, hob Prinz Karl die Belagerung auf, und ent⸗ fernte ſich nächtlicher Weiſe, um gegen Herrn von Mallle⸗ bois zu rücken. Sogleich verließ der Marſchall von Broglie mit ſei⸗ nem Heere das verſchanzte Lager; Moritz von Sachſen, welcher Böhmen Dorf vor Dorf kannte, war ſein Füh⸗ — 69— rer; man begann damit, die Beſatzung von Eger zu be⸗ freien, und durch ſie befand man ſich mit dem Marſchalle von Maillebois in Verbindung. Sogleich befahl der Marſchall von Belle⸗Isle die Räͤumung Prags, in welchem Chevert mit vier Tauſend Mann blieb. 2 Nach zwölf Tagen wundervoller Märſche hatten die Herrn von Belle⸗Isle und von Broglie ſich mit dem Mar⸗ ſchall von Matllebois vereinigt. Es blieb noch Chevert mit ſeinen vier Tauſend Mann in Prag, für welche er eine Kapitulation mit allen Kriegs⸗ ehren erlangen würde. Spanien war ſeiner Seits in Italien eingefallen, in⸗ dem es Parma und Mailand in Anſpruch nahm; aber bei dieſer Forderung konnte Spanien dieſes Mal Piemont nicht mehr zum Verbündeten haben; Parma und Malland, das war der Gegenſtand ewigen Strebens des Hauſes von Savohen; das Haus von Sovohen hörte daher auch auf die Worte Oeſterreichs, ſeines alten Feindes. Die von den Neapolitanern unterſtützten Spanier operirten daher allein in Italien, als Neapel plötzlich in ſeinem Meerbu⸗ ſen ein Geſchwader von ſechs Linienſchiffen von ſechszig Kanonen und ſechs Fregatten erſcheinen ſah, das Ganze unter engliſcher Flagge. Der Commodore Martyn commandirte dieſe Flotte. Was er in dieſen Meeren zu thun hatte, wußte er nicht; ſeine Depeſchen waren verſiegelt, und er hatte den Befehl, ſie erſt in dem Meerbuſen von Neapel zu erbrechen. An die Beſtimmung gelangt, erbrach er ſeine De⸗ peſchen. Die Depeſchen enthielten den Befehl, Neapel zu bom⸗ bardiren, wenn ſich der König nicht in Zeit von einer Stunde anheiſchig gemacht hätte, ſeine Truppen aus Unter⸗ Italien zurückzuziehen und die ſeangſt Neutralität zu be⸗ obachten. Die Truppen Philipps V. würden ſich daher allein und abgeſondert den Oeſtreichiſchen Truppen gegenüber be⸗ finden, die bereit waren, in Italien einzufallen. So hatte ſich alſo in weniger als drei Monaten das halbgeſtürzte Haus Oeſterreich nicht allein wieder erhoben, ſondern auch noch Alles das mit ſich vereinigt, was es in Europa an feindſeligen Nationen gegen Frankreich gab), und die Kanonen ſtanden im Begriffe von Neapel bis Straßburg, von dem Ocean bis nach dem mittellaͤndiſchen Meere zu donnern. Unter dieſen Umſtänden ſtarb der Kardinal von Fleury, und Frau von Chäteauroux machte, wie Agnes Sorel, zur Bedingung ihrer Liebe, daß der König das Commando ſeiner Truppen perſönlich übernähme. Was Friedrich den II. anbelangt, der uns verlaſſen hatte, ſo rächte uns Turgot ſpäterhin an ihm durch fol⸗ gende Verſe, die als Verſe eines Miniſters und Philiſo⸗ phen nicht zu ſchlecht ſind: *) Der flüchtige Kaiſer Karl VII. war genoͤthigt, Oeſterreich für ſeine bairiſchen Staaten den Eid zu leiſten. — 71— Ce prince profana mille talents divers. Il charma les mortels dont il fit ses victimes; Barbare en actions et philosophe en vers, Il chante les vertus et commet tous les crimes. Hai du dieu d'amour, cher au dieu des combats, Il inonda de sang T'Europe et sa patrie, 4 Cent mille hommes par lui regcurent le trépas, Et pas un ne lui dt la vie. (Dieſer Fürſt entheiligte Tauſend Talente, er entzuüͤckte die Sterblichen, aus denen er ſeine Opfer machte; barbariſch in Handlungen und philoſophiſch in Verſen, beſang er die Tu⸗ genden und beging alle Verbrechen. Von dem Gotte der Liebe gehaßt, theuer dem Gotte der Schlachten, überſchwemmte er Europa und ſein Vaterland mit Blut, Hundert Tauſend Men⸗ ſchen wurden durch ihn getödtet, und nicht einer verdankte ihm das Leben.) IV. Der König will zu den Armeen gehen.— Maurepas, Riche⸗ lieu und Frau von Chateauroux fordern ihn dazu auf.— Abreiſe des Königs.— Seine Begleitung.— Frau von Cha⸗ teauroux bleibt in Paris.— Frau von Etioles.— Stationen des Königs.— Abreiſe der Frau von Chateauroux und der Frau von Lauraguais.— Schlechter Eindruck ihrer Gegen⸗ wart bei der Belagerung von Ypern.— Sie gehen nach Dün⸗ kirchen.— Der Prinz Karl geht über den Rhein.— Der König in Metz.— Herr de La Suze, Großfourier.— Krank⸗ heit des Königs.— Herr von Richelieu.— Die drei Par⸗ teien.— Schmerz des Volkes.— Der Vater Poruſſeau, Beichtvater des Königs.— Berichte über die Krankheit Lud⸗ wig XV.— Der Graf von Clermont.— Herr von Richelieu und Ludwig XV.— Herr von Soiſſons.— La Peyronnie. — Herr von Champlenetz.— Herr von Bouillon.— Sieg der Feinde der Herzogin.— Sie wie ihre Schweſter werden entfernt.— Die Königin.— Herr von Chatillon.— Der Dauphin.— Ungnade des Herrn von Chatillon. Eine doppelte Intrigue trieb den König an, ſich an die Spitze ſeiner Armee zu ſtellen. — 73— Herr von Maurepas, welcher den König von ſeiner Geliebten trennen wollte. Und Herr von Richelieu, der unter den Augen des Königs kämpfen wollte. Was Frau von Chateauroux anbelangt, ſo trug ſie gleichfalls dazu bei, daß der König das Commando des Krieges übernähme, da ſie von dem Herzoge von Riche⸗ lieu das Wort hatte, das er auf eine oder die andere Weiſe erlangen würde, daß ſie dem Könige zu dem Heere folgte. Vier Armeen wurden errichtet, eine in der Provenge, zwei in Flandern, die vierte am Rhein. Die erſte ward von dem Prinzen von Conti com⸗ mandirt. Die zweite von dem Marſchall von Noallles. Die dritte von dem Marſchall von Sachſen. Die vierte von dem Marſchall von Coigny. Unſere von dem Admiral Court commandirte Flotte hatte am 22. Februar 1744 die engliſche Flotte im Ange⸗ ſichte von Toulon geſchlagen. Das war ein ſchöner An⸗ fang für den Feldzug, ein um ſo ſchönerer, als wir nur ſieben und zwanzig Schiffe, und die Engländer vierzig hatten. 7 Am 2. Mai aß der König feierlich mit der Königin zu Nacht. Das Abendeſſen endigte ſich, ohne daß im al⸗ ler Entfernteſten die Rede von einer Reiſe geweſen wäre. Nach dem Abendeſſen trat Ludwig zu der Königin ein, und unterhielt ſich mit ihr über gleichgültige Dinge. = 74— Endlich, als er ſie verließ, ertheilte er alle Befehle fuͤr ſein zu Bett gehen. Er kehrte in der That in ſein Zimmer zurück, wie um ſich zu Bett legen, aber er wechſelte nur die Kleider, umarmte den Dauphin zärtlich, ſchrieb an die Dauphine, ließ einige Zeilen fuͤr die Königin zurück, in denen er ihr ſagte, daß die großen Unkoſten, welche ſeine Reiſe veran⸗ laſſen würde, ihn nöthigten, ſie in Paris zu laſſen; hierauf ſandte er Frau von Chateauroux und Frau von Laura⸗ guais nach Plaiſance, ein Landhaus von Paris⸗Duvernoy, nahm den Vater Péruſſeau, ſeinen Beichtvater, mit ſich, ging auf die Tribüne der Kapelle, um ſein Gebet zu ver⸗ richten, und ſtieg mit dem erſten Stallmeiſter, mit dem Herzoge von Agen und mit Meuſe in ſeinen Wagen. Der Biſchof von Soiſſons, ſein Almoſenier, und der Mar⸗ quis von Verneuil, der die Feder führte, folgten ihm in einem andern Wagen. Herr von Maurepas ſeiner Seits ging nach der Provenge ab, wo er unſere Haͤfen unter⸗ ſuchen ſollte; der Kardinal von Tencin ging nach Lyon, endlich blieben Orry, Saint⸗Florentin und der Kanzler für die Staatsangelegenheiten in Paris. Die Abreiſe des Königs fand am 3. Mai 1744 ſtatt. Obgleich gewiß, daß ſie dem Könige bald folgen würde, ſah ihn Frau von Chateauroux dennoch nicht ohne Beſorgniß abreiſen. Es gab einen Namen, der ſeit eini⸗ ger Zeit zwei bis drei Male in ihrer Gegenwart ausge⸗ ſprochen worden war, und der gleich einer Ahnung be⸗ reits ihre junge Liebe verfinſterte. Dieſer Name war der der Frau von Etioles, welche — 75— ſpäͤterhin eine ſo wichtige Rolle unter dem Namen der Mar⸗ quiſe von Pompadour ſpielen ſollte. Es ging das Gerücht, daß Frau von Etioles ver⸗ liebt in den König wäre. Zwei bis drei Male war ſie in dem Walde von Sonart bei den Jagden erſchienen, und das in einem ſo glänzenden, ſo leichtfertigen Aufzuge, in ſo gefallſüchtigen Koſtümen, daß an dieſen Tagen bei den kleinen Nachteſſen nur von ihr die Rede geweſen war. Eines Tages hatte die Herzogin von Chevreuſe die Unvorſichtigkeit begangen, den Namen der kleinen Etioles in Gegenwart des Königs auszuſprechen, und Frau von Chateauroux hatte ihr dermaßen den Fuß zertreten, daß ſie in Ohnmacht gefallen war. Am folgenden Tage hatte Frau von Chateauroux Frau von Chevreuſe beſucht, welche durch dieſe Zerquetſchung krank zu Bett lag, und zu ihr geſagt: — Sie wiſſen alſo nicht, daß man in dieſem Augen⸗ blicke trachtet, Frau von Etioles dem Könige zu geben, und daß den Freunden der Frau von Etioles und meinen Feinden nur die Mittel dazu fehlen. Dieſe Befürchtung der Frau von Chateauroux war der Beharrlichkeit nicht fremd, welche ſie darauf ver⸗ wandt hatte, dem Könige das Commando ſeiner Armee übernehmen zu laſſen. Am 12, kam der König in Lille an. Am 15. ließ er das Lager von Giromy die Muſterung paſſiren. Am 17. begann er die Belagerung von Menin. Am 7. Juni zog der König als Sieger in Menin ein. Am 8. reiſten Frau von Chateauroux und Frau von Lauraguais während der Nacht von dem Schloſſe Plaiſance ab, und ſchlugen die Straße von Lille ein. Am 17. brach der König auf, Apern zu belagern. In der Zwiſchenzeit waren Frau von Chateauroux und Frau von Lauraguais bei der Armee angekommen, wo ihre Anweſenheit den ſchlimmſten Eindruck hervorge⸗ bracht hatte. Nach der Einnahme von Apern war der König daher auch genöthigt, ſich zu entſchließen, die bei⸗ den Damen nach Dünkirchen zu ſenden. Die Soldaten nannten ſie nur die Landſtreicherinnen, und die ſchimpflichſten Lieder ließen ſich unter ihren Fenſtern, auf ihrem Wege, und ſelbſt in Gegenwart des Königs hören. In Dünkirchen, wohin er zu den beiden Schweſtern gegangen war, erfuhr der König, daß der Prinz Karl am 13. Juli über den Rhein gegangen wäre, und er be⸗ ſchloß in Perſon dem Elſaß zu Hilfe zu eilen. Frau von Chateauroux und von Lauraguais folgten ihm dahin, und während der ganzen Reiſe ſorgte der Herr Graf von Suze, Oberhoffourier, in den Wohnungen für eine Verbindung zwiſchen dem Zimmer des Königs, und dem der Her⸗ zogin. Der König ſollte ſich in Metz aufhalten. In Metz, wie in den andern Städten, beſchäftigte man ſich daher mit ſeiner Wohnung und den den beiden Liebenden nothwen⸗ digen Verbindungsthüren. Die Wohnung der Favoritin wurde in der Abtei Sanct Arnolph eingerichtet, die der Biſchof von Marſeille, welcher der Abt derſelben war, dem erſten Präſidenten vermiethet hatte, der die Wohnung 34 64 — 77— der Frau von Chateauroux abtrat. Da ſie ſich aber dar⸗ in zu entfernt von dem Könige befand, ſo errichtete man Gallerien, welche von der Abtei nach der Wohnung des Königs führten. Der Vorwand war, daß der König un⸗ geſehen aus ſeiner Wohnung in die Kirche zu gehen wünſch⸗ tez aber das Volk nahm den Vorwand nicht an, und vier, für die Errichtung dieſer Gallerie verſperrte und der Circulation genommene Straßen ſchienen den Bewohnern der Stadt ein ſehr ſcandalöſes, von dem Könige ſeinen lie⸗ ben und getreuen Unterthanen der Provinz gegebenes Bei⸗ ſpiel. Seit ſeiner Abreiſe von Paris hatte der König in⸗ deſſen große Beſchwerden ertragen. Gleich bei ſeiner An⸗ kunft in Metz hatte er ſich unwohl gefühlt. Eines Abends befiel ihn Kopfweh: es war am 8. Man ließ ihm am ſelben Tage zur Ader, am 9. gab man ihm ein Abfüh⸗ rungsmittel; aber vom 9. an erklaͤrte Caſſera, ein Arzt von Metz, der die Krankheit für höchſt gefährlich hielt, daß er nicht für den König bürge, es ſei denn, daß die Krankheit gut behandelt würde, und daß der König be⸗ ſonders einer großen Ruhe genöſſe. Von nun an wurden auf Befehl des Herzogs von Richelieu alle Thüren verſchloſſen, und der König wurde nur noch von ſeinen vertrauteſten Dienern, von dem Her⸗ zoge von Richelieu, von Frau von Chateauroux und Frau von Lauraguais bedient. Inzwiſchen hatten ſich augenblicklich drei Parteien um den König herum gebildet. Die Partei der Miniſter. —— — 28— Die Partei der Prinzen. Die Partei des Günſtlings und der Favoritin. Die Partei der Miniſter, welche daſſelbe Intereſſe, als die der Prinzen hatte, hatte Herrn von Maurepas zum Haupte. Die Partei der Prinzen beſtand aus Herrn von Char⸗ tres, Herrn von Bouillon, Herrn de la Rochefoucault und von Villeroy, den Herrn von Fitz⸗James, Biſchof von Soiſſons, erſtem Almoſenier, und dem Vater Péruſ⸗ ſeau, einem Jeſuiten und Beichtvater des Königs. Die beiden Maitreſſen, der Herzog von Richelieu, Meuſe, die Adjutanten und die Kammerdiener bildeten die dritte Partei. Die mit Herrn von Maurepas vereinigte Partei der Prinzen war entſchloſſen, um jeden Preis bis zu dem Könige zu dringen, und die Krankheit und die Schwäche zu benutzen, welche ſie natürlicher Weiſe in dem Geiſte Lud⸗ wigs XV. hervorbringen mußte, um Frau von Chateauroux und Frau von Lauraguais fortjagen zu laſſen. Frau von Lauraguais, Frau von Chateauroux und der Herzog von Richelieu waren entſchloſſen, ſich ſtand⸗ haft in dem Zimmer des Königs zu vertheidigen, wie ſich eine belagerte Beſatzung bis zum letzten Außenbſicke in einer Feſtung vertheidigt. In der That, Frau von Chateauroux wußte, daß eine zwiſchen den Prinzen, dem Biſchoffe von Metz und dem erſten Almoſenier, Herrn von Fitz⸗James abgeſchloſ⸗ ſener Vertrag beſtand, und daß die Abſolution dem Kö⸗ -— 79— nige nur unter der Bedingung gegeben werden ſollte, daß ſie fortgejagt würde. Wie man ſieht, war unter allen dieſen Großen, Prin⸗ zen, Miniſtern, Hofleuten, Günſtlingen und Maitreſſen, die Frage über Leben und Tod des Königs nur unterge⸗ ordnet; die einzige und alleinige Frage war die: würde die Maitreſſe bleiben oder nicht bleiben? Das Volk allein, dieſes immer ſo gute, ſo biedere, ſo erhabene Volk beunruhigte ſich über die Krankheit, we⸗ gen der Krankheit, und betete zu Gott, ihm ſeinen König zu erhalten. Ein Mittel blieb den Favoritinnen, nämlich direct mit dem Vater Peruſſeau, dem Beichtbater des Königs, zu unterhandeln, ob man, ſtatt den erlauchten Kranken von dem Biſchofe von Soiſſons zur Beichte hören und abſolviren zu laſſen, ihn durch ſeinen gewöhnlichen Beicht⸗ vater zur Beichte hören und abſolviren laſſen könnte, denn dann war Alles abgemacht. Dem zu Folge wurde eine Ausnahme für den Vater Peruſſeau gemacht, der in die Wohnung des Königs ein⸗ gelaſſen und in ein kleines Kabinet geführt wurde, in wel⸗ chem ihn Frau von Chateauroux erwartete. 3 Frau von Chateauroux, welche fühlte, daß keine Zeit zu verlieren wäre, ſtellte die Frage unverholen auf. — Mein Vater, ſagte ſie, antworten Sie mir offen⸗ herzig: Wäͤre ich für den Fall, wo der König die Beichte und die andern Sakramente verlangen ſollte, genöthigt, mich zu entfernen? Der Jeſuit ſuchte der Frage auszuweichen. „— 80— — Aber, Madame, ſagte er, der König wird vielleicht gar nicht beichten. 8 — Er wird es, antwortete die Herzogin, denn der König hat Religion und ich auch; ich werde daher die erſte ſein, ihn zu ermahnen, des guten Beiſpiels wegen zu beich⸗ ten. Ich möchte mich dem nicht ausſetzen, es auf mich zu nehmen, daß er es nicht thäte; aber es handelt ſich darum, einen Scandal zu vermeiden; werde ich fortgeſchickt werden, ſagen Sie es mir. 3 Bei dieſer Frage blieb der Jeſuit ſtumm, indem er ſich begnügte, Bewegungen der Augenbrauen, der Schul⸗ tern und der Haͤnde zu machen. — Nun denn, überlegen Sie und beſtimmen Sie ſich, fuhr die Herzogin fort, ich wünſche nichts lieber, als im Geheimen abzureiſen; was ich zu vermeiden wünſche, iſt, wie Sie begreifen werden, ein öffentlicher Scandal, ein Scandal, der für den König noch weit ſchrecklicher iſt, als für mich. 4 Endlich, auf das Aeußerſte getrieben, entſchloß ſich der Vater Peruſſeau, zu antworten. — Madame, ſagte er, ich kann die Beichte des Kran⸗ ken nicht im Voraus beſtimmen; ich kenne das Leben des Königs nicht; von ſeinen Geſtändniſſen wird mein Verfah⸗ ren abhängen, ich habe für mein Theil keine ſchlimme Mei⸗ nung von Ihren Verbindungen mit dem Könige. — Wenn Sie damit ſagen wollen, daß Sie glauben, daß meine Verbindungen mit dem Könige rein ſind, ſo zögere ich nicht, Ihnen zu ſagen, daß Sie ſich irren, mein Vater, antwortete die Herzogin, und wenn Sie nur Ge⸗ — — 81— ſtaͤndniſſe nöthig haben, ſo geſtehe ich Ihnen, daß wir ge⸗ ſündigt haben, und zwar ſo loft, als wir es vermocht, ſelbſt mit Gewohnheit, mit Vorbedacht, mit Vergnügen. Nun denn! ſprechen Sie, ſagen Sie, iſt die Sache wich⸗ tig genug, um mich von dem ſterbenden Ludwig XV. fort⸗ jagen zu laſſen, und gibt es nicht irgend eine Ausnahme für einen König? Der Vater Peruſſeau befand ſich in einer höchſt ſchwie⸗ rigen Lage. e Es war von der Parthei der Miniſter und der Par⸗ thei der Prinzen feſt beſchloſſen worden, daß Frau von Chateauroux fortgeſchickt werden ſollte, wenn der König beichtete; aber wenn der König nicht beichtete, wenn der König ohne Beichte genas, ſo blieb Frau von Chateauroux wirkliche Favoritin, und es war dann der Vater Peruſſeau, der fortgejagt würde. Seine Majeſtaͤt nahm einen andern Beichtvater, einen Barfüßer, einen Theatiner, einen Augu⸗ ſtiner vielleicht, was ein großer Schmerz für die Geſellſchaft Jeſu war, welche die Gewiſſensleitung des Königs verlor. Der Vater Peruſſeau antwortete daher nicht und ſuchte Zeit zu gewinnen. Nun miſchte ſich der Herzog von Richelieu in die Unterhaltung. — Ah! Vater Peruſſeau, ſagte er, ſein Sie doch ein wenig artig gegen die Frauen. Bewilligen Sie Frau von Chateuroux augenblicklich die Gunſt, ſie ohne Scandal von dem Hofe fortzuſchicken, Sie ſehen wohl, daß Ihre den n, Ihre vielleicht und Ihre wenn uns betrüben. Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 6 — 82— Je mehr man in ihn drang, deſto ſtummer wurde der Vater Peruſſeau.. — Nun denn, ſagte der Herzog mit ſeinen Manieren, die nur ihm eigenthümlich waren, nun denn, mein ehr⸗ würdiger Vater, ich ſehe wohl, daß Sie wenig empfänglich für die Schönheit der Frauen ſind. Wohlan! fügte er hin⸗ zu, indem er ihm um den Hals fiel, thun Sie denn für mich, der ich die Jeſuiten immer geliebt habe, was die galanteſten Kirchenväter oft den Beichtvätern der Könige unter ähnlichen Umſtänden zu thun erlaubt haben. Der Vater Peruſſeau blieb unbeugſam. Nun näherte ſich Frau von Chateauroux wieder, und indem ſie ihm mit ihren reizenden Händen die Wangen ſtreichelte, ſagte ſie mit ihrer ſanfteſten und ſchmeichelndſten Stimme: 4 — Vater Peruſſeau, ich ſchwöre Ihnen, daß, wenn Sie ein Aufſehen vermeiden wollen, ich mich aus dem Zimmer des Königs während ſeiner Krankheit zurückziehen, und nur noch als ſeine Freundin, niemals als ſeine Mai⸗ treſſe an den Hof zurückkehren werde; noch mehr, ich werde mich bekehren, und Sie werden mein Beichtvater ſein. Das Anerbieten war höchſt verführeriſch, aber dennoch genügte es nicht, um den Vater Peruſſeau zu verführen, der darin beharrte, den Günſtling und die Favoritin in der Ungewißheit zu laſſen. Die Prinzen und die Miniſter erwarteten mit nicht geringerer Angſt, als Frau von Chateauroux und Herr von Richelieu, irgend eine Löſung. In der That, wenn der König ſtarb, ſo erlangte der öö — 83— fromme Hof des Dauphin und der Königin einen vollſtän⸗ digen Sieg, die Favoritin wurde fortgejagt, und der Günſtling fiel in Ungnade, und in zehn Jahren war an dem Hofe keine Rede mehr weder von einem Günſtlinge, noch von einer Maitreſſe. Wenn aber auch der König ohne Beichte wieder genäße, ſo waren Herr von Richelieu und Frau von Chateauroux weit mächtiger, als jemals. Es wurde daher in dem Rathe der Prinzen beſchloſſen, einen Gewaltſtreich auszuführen. Der Graf von Clermont übernahm es, bis zu dem Könige zu dringen, welchen Widerſtand man ihm auch entgegenſetzen möge. Damit man die Gewalt der Stellung des Herrn von Richelieu richtig begreift, muß man wiſſen, daß er erſter Kammerherr war, und daß das Vorrecht des erſten Kam⸗ merherrn darin beſtand, unumſchränkter Herr von dem Zimmer des Königs zu ſein, und es ihm frei ſtand, den Eintritt in daſſelbe nach ſeinem Willen zu verweigern. Das war ein Vorrecht, das er ſeit dem Anfange der Krankheit benutzt hatte. Der Graf von Clermont erſchien daher am 12. Au⸗ guſt an dieſer Thür. Hier ſind die Fortſchritte, welche die Krankheit nach dem täglichen Berichte gemacht hatte. Am 8. befand ſich der König unwohl an einer Schwere in den Gliedern. Man ließ ihm am ſelben Tage zur Ader. Am 9. gab man ihm ein Abführungsmittel. Am 10. um 3 Uhr Morgens, Aderlaß am Fuße, ebenſo am Abend. Am 11. Abführungsmittel, am Abend Aderlaß am Fuße. — 834— Am 12. Beſſerung, die Ruhe erhielt ſich, ſehr wenig Kopfweh; aber am Abend ſehr aufgeregt.“*) Es war alſo in einem Augenblicke der Beſſerung, der anhaltenden Ruhe, als der Graf von Clermont an der Thür des Königs erſchien. Der Herr von Richelieu wollte ſie ihm wie gewöhnlich verbieten, aber mit einem Fauſtſchlage öffnete er die beiden Flügel. *) Hier iſt die Fortſetzung des Berichtes bis zu dem Augen⸗ blicke, wo der König außer Gefahr war: Am 13. Aderlaß am Fuße.— Die Nacht ſehr beklommen; am Morgen um halb zwolf Uhr hatte er gebeichtet.— Um fünf Uhr ließ man ihm nochmals am Fuße zur Ader; die Nacht vom 13. auf den 14. war ziemlich gut.— Am 14., um acht Uhr Abends, Aderlaß am Fuße.— Die Nacht vom 14. auf den 15, wurde von 9 Uhr Abends an der Fieberanfall ſchrecklich.— Am 15. um vier Uhr verfiel der König in eine Art von Todeskampf.— Um Mittag kehrte die Ruhe zurück. In der Nacht vom 15. auf den 16. fand um ein Uhr nach Mitternacht ein leichter Fieberanfall ſtatt.— Am Morgen befand er ſich bei weitem beſſer.— Die Nacht von dem 16. auf den 17. war gänzlich aufgeregt.— Die vom 17. auf den 18. war gut.— Am 18. viel Aufregung und Blähungen, aber der Kopf frei und erleichtert, der Puls gut, die Sprache leicht.— Die Nacht vom 18. auf den 19. ſchlief der König ſehr gut, und am 19. war die Geneſung als angefangen betrachtet. Herr von Richelieu beſtand darauf und wollte ein Hinderniß bilden. Aber indem er ihn mit der Hand zur Seite ſchob, ſagte Herr von Clermont: — Seit wann glaubt ein Bedienter das Recht zu ha⸗ ben, die Prinzen von Geblüt zu verhindern, den König von Frankreich zu ſehen? Indem er hierauf auf das Bett des Königs zuſchritt, ſagte er: — Sire, ich kann nicht glauben, daß Eure Majeſtät die Abſicht hat, die Prinzen Ihres Geblüts des Vergnü⸗ gens zu berauben, ſich perſönlich nach dem Befinden Ihrer Geſundheit zu erkundigen; wir wollen nicht, daß unſere Anweſenheit Ihnen läſtig iſt, aber wir wünſchen wegen unſerer Liebe für Sie die Freiheit zu haben, einige Augen⸗ blicke einzutreten, und um Ihnen zu beweiſen, daß wir keine anderen Abſichten haben, Sire, ſo ziehe ich mich zurück. Er ſchickte ſich in der That an, ſich zurückzuziehen, als der König die Hand nach ihm ausſtreckte und zu ihm ſagte: — Nein, Clermont, bleib. Das war ein erſter Erfolg. Man ſprach dem Könige davon, die Meſſe in ſeinem Zimmer zu hören. Der König ſagte, daß ihm das Vergnügen machen würde, und man führte den Biſchof von Soiſſons ein. Frau von Chateauroux und Richelieu ſahen von dem Kabinette aus, in welches ſie ſich zurückgezogen hatten, den Feind ſich Fuß vor Fuß in dem Platze befeſtigen. — 86— Herr von Soiſſon näherte ſich nun dem Bette des Königs, um wagte das ſchreckliche Wort: Beichte. — O! ſagte der König, es iſt noch nicht Zeit. Herr von Soiſſons beſtand darauf. — Nein, ſagte der König, ich habe zu heftiges Kopf⸗ weh und mich auf zu viele Dinge zu beſinnen und zu ſa⸗ gen, um jetzt zu beichten. — Aber, ſagte der Biſchof, indem er immer darauf beharrte, Eure Majeſtaͤt könnte heute anfangen und mor⸗ gen endigen. Der König ſchüttelte den Kopf. Herr von Soiſſons ſah, daß er an dieſem Tage alles von dem Kranken er⸗ langt hätte, was er von ihm erlangen konnte, und zog ſich zurück. Hinter ihm und dem Grafen von Clermont trat Frau von Chateauroux wieder ein, und um den Einfluß zu be⸗ kämpfen, den die Prinzen erlangt hatten, begann ſie bei dem Könige ihre gewöhnlichen Liebkoſungen. Aber dieſer wies ſie ſanft zurück. — Nein, nein, Prinzeſſin), ſagte er, ich glaube, daß wir Unrecht thun; genug daher, genug. Dann, als Frau von Chateauroux ihn umarmen wollte, ſagte er:* — Wir werden uns vielleicht trennen müſſen. — Sehr wohl, ſagte Frau von Chateauroux em⸗ pfindlich. *) Prinzeſſin, war ein von dem Könige der Frau von Cha⸗ teauroux gegebenes Freundſchaftswort. — 87— Und ſie zog ſich zurück. Am folgenden Tag ging La Peyronie, den man von Paris hatte kommen laſſen, zu dem Herzoge von Boulllon, und ſagte zu ihm, daß der König nur noch zwei Tage zu leben hätte, daß es dem zu Folge nöthig wäre, daß er beichtete, und daß es ſeine Pflicht als Oberkammerherr ſei, dem Könige zu melden, daß die Stunde dieſer Beichte herbeigekommen wäre. Der Herzog von Bouillon, der die ganze unange⸗ nehme Seite des ihm gegebenen Auftrages einſah, beſchied Herrn von Champcenetz und befahl ihm, dem Könige die Worte des Wundarztes mitzutheilen. Champeenetz gehorchte, näherte ſich dem Bette Ludwigs XV., und theilte ihm das Dringende der Lage mit. — Ich wünſche nichts lieber, ſagte der König, aber La Peyronie irrt ſich, es iſt noch nicht Zeit. Wie aber, als ob ihm eine Warnung vom Himmel geſandt wäre, hatte er kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als er ſchwach wurde und mit ſterbender Stimme ausrief: — Den Vater Peruſſeau, geſchwind, den Vater Pe⸗ ruſſeau, und er ſank in Ohnmacht. Der Vater Peruſſeau hielt ſich bereit, er eilte herbei. Einen Augenblick, nachdem der König die Augen wie⸗ der aufgeſchlagen hatte, rief der Vater Peruſſeau den Her⸗ zog von Boutlllon. — Bouillon, ſagte der König zu ihm, tritt Deinen Dienſt wieder an, Du wirſt von Niemand mehr Hinder⸗ niſſe empfinden, ich habe Günſtlinge und Maitreſſen der Religion und dem geopfert, was die Kirche will. 8 Hierauf verſchloß ſich die Thür wieder, um den Kö⸗ nig mit ſeinem Beichtvater allein zu laſſen. Der Triumph des Herrn von Soiſſons war voll⸗ ſtändig. Der Biſchof verlor daher auch keine Zeit, er eilte geraden Weges nach dem Kabinette, in welchem ſich Frau von Chateauroux und ihre Schweſtern aufhielten, und ſagte mit funkelnden Augen und zornigem Geſicht: — Der König, meine Damen, beſiehlt Ihnen, ſich auf der Stelle von ihm zu entfernen. Indem er ſich hierauf nach den Leuten umwandte, welche ihm folgten, befahl er: — Man breche auf der Stelle die Gallerie ab, welche von der Wohnung des Königs nach der Abtei Sanct Ar⸗ nolph führt, damit das Volk weiß, daß ein großer Scan⸗ dal gebüßt iſt. Die beiden Frauen waren beſtärzt und beugten den Kopf unter dem Banne. Nun trat Herr von Richelieu vor, und ſagte im An⸗ geſichte des Biſchofes: — Meine Damen, wenn Sie den Muth haben, zu bleiben, und Befehlen zu trotzen, die in einem Augen⸗ blicke der Schwäche erdreßt ſind, ſo nehme ich Alles auf mich. Dieſes Anerbieten des Herrn von Richelieu ſteigerte die Erbitterung des Prälaten auf das höchſte. — Es iſt gut, rief er aus, da dem ſo iſt, ſo ſchließe man die heiligen Tabernakel, damit die Ungnade deſto 4* auffallender und die Genugthuung des Herrn deſto voll⸗ ſtändiger iſt. Nun falteten die beiden Frauen die Haͤnde, beugten ſich und entfernten ſich mit der Scham auf der Stirn, mit geſenkten Augen und ohne daß ſie Jemand anzublicken wagten. 3 Aber das genügte dem wüthenden Prälaten nicht. Er kehrte wieder zu dem Könige zurück. — Sire, ſagte er, die Geſetze der Kirche und unſere heiligen Kanons verbieten uns das Viaticum zu überbrin⸗ gen, wenn die Concubine noch in der Stadt iſt. Ich bitte Eure Majeſtät, neue Befehle für ihre Abreiſe zu ertheilen, denn es iſt keine Zeit zu verlieren, Eure Majeſtät wird ſterben. Der König zitterte bei dem bloßen Gedanken an den Tod und eine Verdammniß; bei dem Geſchrei und bei den Drohungen des Herrn von Soiſſons bewilligte er alles, was man von ihm wollte. Die beiden Frauen wurden nicht aus dem Hauſe geführt, ſondern unter Hohngeſchrei des Volkes fortgejagt; ſie eilten nach den Ställen des Kö⸗ nigs, und fanden nicht einmal einen Offizier, der ihnen einen Wagen geben wollte, um ihnen zu helfen durch die Stadt zu kommen. Jeder verleugnete ſie um die Wette, Herr von Belle⸗Isle allein bot ihnen ſeinen Arm, und ließ ihnen eine Kutſche geben; er wußte, was die Ungnade war, und wie ſehr willkommen in der Ungnade eine Freun⸗ deshand iſt. Frau von Bellefonds, Frau du Roure und von Ru⸗ bembré waren die einzigen, welche die Flüchtlinge begleiteten, die unter Schmähungen und Verwünſchungen des Volkes durch die Stadt zogen und in ein Landhaus einige Stun⸗ den weit von Metz geführt wurden, und da hatte man noch große Mühe eins zu finden, da jeder Eigenthümer ſie wie Verpeſtete zurückwies. Als die beiden Flüchtigen aus der Stadt, die Ga⸗ lerien niedergeriſſen waren, als der Scandal der Genug⸗ thuung den Scandal des Fehltrittes noch geſteigert hatte, erlaubte der Biſchof von Soiſſons, daß der König die letzte Oelung erhielte. Der königliche Sterbende empfing den Leib unſeres Herrn, indem er ſagte: — Mein Herr, ich habe meine erſte Communion vor zwei und zwanzig Jahren gemacht, ich wünſche noch eine gute zu machen, und möge es die letzte ſein. Als er das Viaticum erhalten, murmelte der König: — Wie viel Rechenſchaft ein König abzulegen hat, der vor Gott zu erſcheinen im Begriffe ſteht! O, ich bin des Königthumes ſehr unwürdig geweſen. Aber der Triumph des Herrn von Soiſſons war noch nicht vollſtändig; Frau von Chateauroux hatte die Ober⸗ aufſicht der Dauphine, er ließ ſie ihr nehmen; die beiden Geächteten befanden ſich nur drei Meilen weit von dem Hofe, der Prälat verlangte, daß ſie ſich fünfzig von ihm entfernten; endlich war die Beichte des Königs ge⸗ heim geweſen, der Biſchof verlangte eine öffentliche Beichte. — Man bringt unſern Herrn um, murrten die Die⸗ ner. Warum verlangt Herr von Fitz⸗James denn nicht auf der Stelle ſein Königreich von ihm, ſagte Lebellaut. Aber alles dieſes Murren machte den Präͤlaten nur noch — 91— kühner. In dem Augenblicke, wo er die heilige Oelung ertheilte, und wo jeder ein frommes Schweigen bewahrte, ſagte er: — Meine Herren Prinzen von Gebluͤt, und Ihr, Große des Reiches, der König beauftragt uns, den Herrn Biſchof von Metz und mich, Ihnen mit lauter Stimme zu ſagen, daß er eine aufrichtige Reue über das Aerger⸗ niß empfindet, das er in dem Reiche dadurch verurſacht hat, daß er, wie er es gethan, mit Frau von Chateau⸗ roux lebte; er bittet Gott deshalb um Verzeihung, und da er erfahren, daß ſie ſich nur drei Meilen weit von hier befindet, ſo befiehlt er ihr, ſich dem Hofe nicht auf fünfzig Meilen weit zu nahen, und Seine Majeſtät nimmt ihr ihre Stelle in dem Hofhalte der Dauphine. — Und ihrer Schweſter auch, fügte der Kö⸗ nig hinzu, indem er mit einer letzten Anſtrengung ſeinen Kopf auf ſeinem Kopfkiſſen erhob. Alles war für die Partei des Herrn von Richelieu und der Favoritinnen beendigt, die Partei der Prinzen triumphirte, die Prälaten hatten den Sieg davon getragen, und ſie benutzten ihn mit Allem, was die Grauſamkeit nur zu erfinden vermag, und jener den geiſtlichen Ver⸗ folgungen ganz eigenthümlichen Beharrlichkeit. Die Krankheit des Königs verſchlimmerte ſich inzwi⸗ ſchen immer mehr. Die Entfernung der Miniſter und der Hofleute, ein bei weitem bedeutungsvolleres moraliſches Symptom, als die phyſiſchen Symptome, verkündeten ſein bevorſtehendes Ende. Am 15. um 6 Uhr Morgens rief man die Prinzen, damit ſie den Sterbegebeten beiwohn⸗ ten, von ſechs Uhr bis Mittag verfiel der König in eine Art von Todeskampf; d'Argenſon ließ die Papiere ein⸗ packen, der Herzog von Chartres ließ ſeine Poſtkutſche anſpannen, um ſich nach der Rheinarmee zu begeben; die Aerzte zogen ſich zuruͤck, und der Koͤnig wurde zwiſchen Leben und Tod den Empirikern überlaſſen. Der eine von ihnen, deſſen Namen man nicht einmal weiß, ließ ihm eine ſehr ſtarke Gabe eines Brechmittels verſchlucken. Dieſes Brechmittel führte eine entſetzliche Ausleerung herbei, und mit dieſer Ausleerung eine merkliche Beſſerung. Wäͤhrend dieſer Zeit beeilten ſich die Flüchtigen Paris wieder zu erreichen; die Frau eines Rathes, die man für eine von ihnen hielt, wurde öffentlich beſchimpft; ſie ſelbſt wären in La Ferté⸗ſous⸗Jouarre, wo ſie erkannt wur⸗ den, beinahe in Stücken zerriſſen worden, und verdank⸗ ten nur einer angeſehenen Perſon der Gegend das Leben, die ſie unter ſeinen Schutz nahm und ſie erſt dann ver⸗ ließ, als ſie außerhalb der Stadt waren. Der König hatte beſtaͤndig den Doctor Dumoulin verlangt; man hatte Eilboten auf Eilboten abgeſandt; der Doctor kam, als ſich eine merkliche Beſſerung zeigte, er beſtätigte dieſe Beſſerung, und meldete dem Kranken, der nicht daran zu glauben vermochte, einen Anfang von Geneſung. Am 17. bürgte der Doctor Dumoulin für den König. Die Königin, welche am 9. Abends die Nachricht von der Krankheit erfahren hatte, erhielt täglich einen Bericht von La Peyronie; indem ſie nicht nach Metz ab⸗ 4 — 93— zureiſen wagte, in Verſailles zu bleiben wie eine Marter betrachtete, gab ſie ſich einer wahren Verzweiflung hin, wobei ſie ſich auf den Boden warf, ſich auf den Teppi⸗ chen waͤlzte, Gott bat, ſie ſelbſt zu treffen und dem Kö⸗ nige das Leben zu erhalten. Als ſie die Verabſchiedung der Favoritin erfuhr, entſetzte ſie ſich darüber, ſtatt ſich daruͤber zu freuen. Die arme Königin verſtand alle Schmerzen der Frau; ſie eilte mit ihrem Hofhalte und dem Dauphin vor dem heiligen Sakramente niederzuknieen. Bei jeder Thüre, welche aufging, erbleichte ſie und war von Krämpfen befallen. Ein Eilbote kam an, der ihr erlaubte, bis nach Luneville zu kommen, und dem Dau⸗ phin und Ma dame bis nach Chaͤlons; ſie wollte auf der Stelle abreiſen, ließ Poſtpferde kommen und reiſte ab, indem ſie in ihrem erſten Wagen Frau von Luhnes, Frau von Villars und Frau von Boufflers bei ſich hatte; in dem zweiten Frau von Fleury, Frau von Antin, Frau von Montaut, Frau von Saint Florentin und Frau von Flavacourt; Frau von Flavacourt, die in Paris war, und die, immer ſittſam und dem Könige widerſtrebend, die Königin gebeten hatte, ſie mitzunehmen, was die ge⸗ rechte und gütige Königin ihr bewilligte, indem ſie nicht wollte, daß die Ungnade der Schuldigen auf der Unſchul⸗ digen laſte. In Soiſſons fand die Königin Depeſchen des Herrn von Argenſon, welche ihr meldeten, daß der König ſie voll Ungeduld erwartete. Der Weg wurde daher in größ⸗ ter Eile zurückgelegt, und bei ihrer Ankunft in Metz ſtürzte die Königin aus ihrem Wagen, und eilte im Laufen, an — 94— dem Bette des Königs auf die Knie zu ſinken, welcher ſchlief, und der bei ſeinem Erwachen zu ihr ſagte: — Ah! Sie ſind es, Madame, ich bitte Sie um Verzeihung über den Scandal, den ich verurſacht habe, über die Leiden und den Kummer, die ich Ihnen zugefügt; verzeihen Sie mir? Die Königin brach in Thränen aus und vermochte ihm nicht zu antworten, ſo daß der König wiederholte: — Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir? Und die arme Frau hatte nicht die Kraft etwas Anderes, als ein Zeichen mit dem Kopfe zu machen, welches ſagen wollte:— Ja, ja. Während länger als einer Stunde blieb ſie an ſeinem Halſe hängen. Der König ließ nun den Vater Peruſſeau kommen, damit er Zeuge dieſer ehelichen Ausſöhnung wäre. Während dieſer Zeit überſchritten der Dauphin und Madame, welche nur die Erlaubniß erhalten hatten, bis nach Chalons zu kommen, dieſe Stadt, und empfin⸗ gen in Verdun den Befehl zu halten. Trotz dieſes Ver⸗ botes ſetzte der Herzog von Chatillon, der Gouverneur des jungen Prinzen, ſeine Reiſe fort, während Frau von Tallard ihrer Seits die Prinzeſſinnen weiter gehen ließ, die untröſtlich waren ſich entfernt von ihrem Vater zu ſehen, und unter ihnen beſonders Madame Adelaide, welche das Fieber davon erhielt.— Trotz aller Welt kam Herr von Chatillon in Metz an, trat zu dem Könige ein und ſtellte den Dauphin ſeinem Vater vor. Aber Ludwig XV. empfing ſeinen älteſten Sohn 4 — 55— mit einer Kälte, welche ſeinen Erzieher beſtürzte, der den König um Verzeihung über die Freiheit bat, die er ſich genommen hätte; aber überzeugt, wie er war, daß das, was den Dauphin nach Metz geführt hätte, nicht das Verlangen waͤre, welches ein Sohn empfindet einen Va⸗ ter wiederzuſehen, ſondern die Neugierde eines Erben, der zu wiſſen wünſcht, wie es mit ſeiner Erbſchaft ſteht, ant⸗ wortete der König nicht. Im Monat September war der König gänzlich von ſeiner Krankheit geneſen; aber auf die Krankheit war eine unendliche Traurigkeit, eine beſtändige Schwermuth ge⸗ folgt. Alle die Auftritte, welche ſich während ſeiner Krankheit um ihn herum zugetragen hatten, ſtellten ſich ſeinen Augen wieder vor, und das, was daraus an Schmach für den Mann hervorging, ließ das Geſicht des Königs erröthen. Mit jedem Augenblicke blickte er um ſich, wie, als ob er Jemand geſucht häͤtte, und dieſer Jemand, den er nicht entbehren konnte, war beſonders Richelieu. Richelieu erforſchte gleichfalls den Boden. Indem er ſich für die Erkundigungen an den Kardinal von Tencin und an Herrn von Noailles wandte, welche ihm beide ant⸗ worteten, daß ſie überzeugt waͤren, daß er niemals in dem Herzen Seiner Majeſtaͤt mehr gegolten hätte; nun begann Richelieu damit, dem Könige direct die Erzählung alles deſſen übergeben zu laſſen, was ſich waͤhrend ſeiner Krankheit zugetragen hatte, indem jeder Schauſpieler die Rolle erhielt, welche er in dieſem Trauerluſtſpiele geſpielt hatte. Indem er Niemand ſchonte, weder Prinzen von Geblüt, noch Praͤlaten, noch Hofleute, wurde die Sen⸗ dung gut aufgenommen. Richelieu ſah ein, daß ihm die Thüre wieder geöffnet wäre, und ſchlich ſich durch dieſe Thuüre ein. Der König empfing ſeinen ehemaligen Günſt⸗ ling noch ſchüchtern, aber es war ſichtlſich, daß er ihn mit Vergnügen empfing. Von nun an ging die Rück⸗ wirkung vor ſich; die Königin ſah allmählig die ehemalige Kälte des Königs gegen ſie wieder entſtehen, und als am Vorabende der Abreiſe nach Straßburg die arme Frau den König gefragt hatte, welches in Zukunft ihr Schick⸗ ſal ſein würde und hinzugefügt hatte:— Sire, ich würde ſehr glücklich ſein Sie zu begleiten. Begnügte der König ſich zu antworten: — Es iſt nicht der Mühe werth.— Und ſie ver⸗ mochte nichts Anderes aus ihm herauszubringen. Ganz in Thränen zerfließend, reiſte die Königin nach Luneville ab. Durch die Blattern zurückgehalten, blieb der Herzog von Penthièvre in Metz. Die Frau Herzogin von Chartres und die Prinzeſſin von Conti erklärten, daß ſie in den Krieg gehen würden, und erſchienen in den Laufgräben vor Freiburg. Endlich gingen Mademoiſelle und Frau von Mo⸗ dena nach Straßburg. Was den König anbelangt, ſo ſtellte er ſeine Gebete ein, indem er eine grimmige Laune, zuweilen einen un⸗ terdrückten Zorn zeigte. In Luneville verweilte er bei dem König von Polen, aber nichts vermochte ihn zu unterhalten, und was auch 8½ — 92— die Damen thun mochten, es zeigte ſich nicht ein Lächeln auf ſeinen Lippen. 1 Seine Zerſtreuung war ſo groß, daß er von Lune⸗ ville abreiſte ohne daran zu denken, von der Königin von Polen Abſchied zu nehmen, und daß er von zehn Meilen weit einen Eilboten zurückſchickte, um ſie wegen dieſes Vergeſſens um Verzeihung zu bitten. Er hatte es ebenſo mit ſeiner Gattin gemacht, und es war ein zweiter Eilbote, der dieſe Unaufmerkſamkeit wieder gutmachte. In Saverne angelangt, wo er durchkam, indem er ſich zur Armee begab, erhielt er von Frau von Chateau⸗ roux einen Liebesbrief und eine Kokarde, und von dieſem Augenblicke an nahm ſeine Leidenſchaft wieder dermaßen die Ueberhand an, daß man offen am Hofe ſagte, daß die ehemalige Favoritin bald wieder ihre Stellung erobern würde. In Freiburg, das er belagerte, erfuhr der König, daß der Herzog von Chatillon, als er Frau von Cha⸗ teauroux in Ungnade gefallen ſah, nach Spanien Briefe geſchrieben hätte, die ſehr wenig ehrenvoll für den Ruf ſeiner Maitreſſe waren. Auf der Stelle unterzeichnete er einen Verhaftsbefehl gegen den Herzog und die Herzogin von Chatillon. Und er unterzeichnete dieſen Verhaftsbefehl gegen den Herzog nicht allein, ſondern er verzieh ihm auch nie⸗ mals. Ein Jahr nachher erlangte Herr von Chatillon, der krank geworden war, durch vieles Bitten die Erlaub⸗ niß ſich auf dem Schloſſe Lieuvieille heilen zu laſſen, aber Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 7 4 es wurde ihm verboten, Paris zu betreten. Als der Her⸗ zog im Monat Auguſt nöthig hatte, in die Bäder von Forges zu gehen, ließ er den König um die Erlaubnis bitten durch Paris zu gehen.— Ja, aber ohne darin zu übernachten, antwortete der König. Endlich ließ im Jahre 1754 der ſterbende Herzog von Chatillon durch Frau von Pompadour, der damaligen Favoritin, den tiefen Schmerz vorſtellen, den er empfände, in der Ungnade des Königs zu ſterben; aber der König erlaubte Frau von Pompa⸗ dour nur zu antworten, daß der König wohl das Ver⸗ gangene vergeſſen wollte, aber nur in Bezug auf die Fa⸗ milie des Herzogs, welche auf die Güte des Königs rech⸗ nen könnte. So war Ludwig XV. V. V Kapitulation von Freiburg.— Nückkehr des Königs nach . Paris.— Begeiſterung der Pariſer.— Frau von Cha⸗ teaurour ſchreibt an Richelieu.— Das Schlafengehen der Königin.— Nächtliche Ausgänge Ludwigs XV.— Zuſam⸗ menkunft des Königs mit Frau von Chateaurour.— Un⸗ gnade der Feinde der Herzogin.— Krankheit dieſer. An 1. November kapitulirte Freiburg, der König 1 unterzeichnete die Kapitulation, und indem er ſeinen Ge⸗ nerälen die Sorge überließ, die Schlöſſer zu nehmen, ging er am 8. deſſelben Monats nach Paris, um dort ſeinen Triumpheinzug zu halten. Der Feldzug 1742, 43 und 44 war nicht glücklich ge⸗ weſen. Der Rückzug Belle⸗Isles, ſo geſchickt er auch ſein mochte, hatte die Gemüther entmuthigt. Maillebois. den —— — 100— man den General der Mathuriner nannte, hatte ſeinem Collegen Alles zu thun überlaſſen. Segur, Herr von Oberöſterreich, hatte es geräumt; Broglie war ſo ziemlich ohne einen Streich zu führen aus Baiern geflohen; der Kaiſer, den wir erwählt hatten, hatte nicht allein die Staaten verloren, welche wir ihm verſprochen hatten, ſon⸗ dern auch noch einen Theil derer, die er beſaß, und war der Gegenſtand des Spottes von ganz Europa geworden. Die Beſatzung von Eger, der letzte feſte Platz, der uns in Böhmen blieb, war kriegsgefangen. Noailles hatte, durch die Schuld ſeines Neffen Grammont, König Georg Il. bei der Schlacht von Eltingen entkommen laſſen; ſeit zwei Jahren zogen wir uns von allen Seiten zurück, und der Parteigänger Mentzel hatte mehr als einen Zug über un⸗ ſere Gränzen gemacht, indem er drohte, den Pariſern die Ohren abzuſchneiden. Das Volk erfuhr nur Nachrichten von Niederlagen, es ſah nur beſiegte Truppen, es war der Miniſter und der Generäle müde, aller, ausgenommen des Königs, auf den es noch hoffte, weil er Nichts gethan hatte. Seine Krankheit rührte, wie man ſagte, von den Beſchwerden her, die er bei der Armee erduldet hatte; man hatte geglaubt, daß er ſterben würde, ein Wunder hatte ihm das Leben erhalten; ſo wenig Triumphe er auch vollbracht, trug daher dennoch Alles dazu bei, ihm einen triumphmäßigen Einzug vorzubereiten. Es iſt daher auch ſchwer, ſich einen Begriff von der Begeiſterung zu machen, welche den Einzug des Königs begleitete; die Bäume der Boulevards bogen ſich unter den Zuſchauern, die Fenſter ſchienen mit Köpfen vermauert, — 401— die Dächer waren damit bedeckt; man beſpannte die Staatskutſchen der Krönung mit prachtvollen, und die Köpfe mit Federbüſchen geſchmückten Pferden, welche die⸗ ſen ſchönen und jungen Monarchen zogen, der, wenn er wollte, auf eine ſo huldreiche Weiſe lächelte. Alles das begeiſterte das gerührte Volk, welches weinte, lief, indem es das Geld aufzuraffen vergaß, das man ihm zuwarf, um an die Schläge der Kutſche zu ſtürzen, um den König zu ſehen, ihn nochmals zu ſehen und zu rufen: Es lebe Ludwig der Vielgeliebte! Frau von Chateauroux verließ gleichfalls ihr Hotel, aber vor aller Augen verborgen und verſchleiert, denn der König hatte noch nicht weder auf ihre Briefe, noch auf die Ueberſendung ihrer Kokarde geantwortet, ſo daß ſie 4 trotz den Verſicherungen Richelieus noch nicht wußte, woran ſie mit ihrem königlichen Geliebten war. Sie ſchrieb daher auch an Richelieu, der ſich damals in Montpellier befand: „Er iſt nach Paris gekommen, und ich vermag Ih⸗ nen nicht das Entzücken der guten Pariſer zu ſchildern; ſo ungerecht ſie auch gegen mich ſind, ſo kann ich mich den⸗ noch nicht enthalten, ſie wegen ihrer Liebe für den König zu lieben; ſie haben ihm den Namen des Vielgeliebten gegeben, und dieſer Name löſcht all ihr Unrecht gegen 4 mich aus. „....... Aber glauben Sie, daß er mich noch liebt; er glaubt vielleicht, daß er zu viel Unrecht wieder gut zu machen hätte, und das iſt es, was ihn abhält, zu⸗ rückzukehren. Ach! er weiß nicht, daß Alles vergeſſen iſt. —— .... Ich habe dem Verlangen nicht widerſtehen können, ihn zu ſehen; ich habe mich ſo gekleidet, um nicht erkannt zu werden, und bin mit Mademoiſelle Hebert auf ſeinem Wege geweſen. „ Ich habe ihn geſehen, er ſchien vergnügt und ge⸗ rührt, er iſt alſo eines zärtlichen Gefühles fähig, ich habe lange die Augen auf ihn geheftet, und, ſehen Sie, was die Einbildung iſt, ich habe geglaubt, daß er die Augen auf mich geworfen hätte und daß er mich zu erkennen ſuchte. „Sein Wagen fuhr ſo langſam, daß ich Zeit hatte, ihn lange zu betrachten; ich vermag Ihnen nicht auszu⸗ drücken, was in meinem Innern vorging. Ich befand mich in der ſehr gedrängten Menge, und ich warf mir zu⸗ weilen dieſen Schritt für einen Mann vor, von dem ich ſo unmenſchlich behandelt worden war, aber durch die Lo⸗ beserhebungen, welche man von ihm machte, durch die Ausrufe fortgeriſſen, welche die Trunkenheit der Freude allen Zuſchauern entlockte, hatte ich nicht mehr die Kraft, mich mit mir zu beſchäftigen. „Eine einzige Stimme neben mir erinnerte mich an mein Unglück, indem ſie mich auf eine beleidigende Weiſe nannte.“ In der That, ein Mann, welcher Frau von Chateau⸗ roux erkannte, rief: Es lebe der König, und indem er ſich nach ihr umwandte, ſpie er ihr ins Geſicht. Dieſer Einzug fand am 13. November ſtatt. Am ſelben Abend, da der König und die Königin in den Tuillerien ſchliefen, hörte man drei Mal an die Ver⸗ — 103— bindungsthür klopfen, welche von dem Könige zu der Kö⸗ nigin führte. Nun weckten die dienſthabenden Frauen Ihre Majeſtaͤt und ſagten ihr, daß ſie glaubten, daß es der König wäre, der einzutreten verlangte, aber voll Traurig⸗ 1 keit lächelnd, ſagte ſie zu ihnen: — Ah! Sie irren ſich, legen Sie ſich wieder zu Bett und ſchlafen Sie. Aber die Frauen hatten ſich kaum wieder zu Bett ge⸗ legt, als das Geräuſch von Neuem begann. Dieſes Mal machten ſie auf, aber fanden Niemand an der Thür, was veranlaßte, daß ſie ſich an der Thür des Königs erkundigten; aber man antwortete ihnen, daß der König in ſeinem Bette läge, und daß er kein Verlan⸗ gen gezeigt hätte, zu der Königin zu gehen. . Es iſt wahr, daß der König kein Verlangen gezeigt hatte, zu der Königin zu gehen, aber es war nicht wahr, daß ſich der König in ſeinem Bette befand. Der König war im Gegentheile aufgeſtanden, hatte die Tuillerien verlaſſen, war über den Pont⸗Royal gegan⸗ gen und hatte ſich incognito zu Frau von Chateauroux führen laſſen, welche Straße du Bae, neben den Jacobi⸗ nern wohnte. Er wollte ſie ſehen, ihre Bedingungen, um an den Hof zurückzukehren, erfahren und ſich bei ihr über das ent⸗ ſchuldigen, was ſich in Metz zugetragen hatte. 4 Zehn Minuten vorher, ehe man ihr den König mel⸗ dete, als ſie an ſeiner Rückkehr zweifelte, wäre Frau von Chateauroux zu glücklich geweſen, ohne Bedingungen nach Verſailles zurückzukehren; aber jetzt, wo der König in ge⸗ — 104— wiſſer Art kam, ſich zu ihrer Verfügung zu ſtellen, nahm ſie ihren Stolz wieder an, und ſprach nicht mehr als Ver⸗ bannte, ſondern als Gebieterin. Bei ſeiner erſten Frage erlangte der König daher auch keine andere Antwort, als folgende: — Sire, ich bin zufrieden, nicht auf Befehl Eurer Majeſtät in einem Gefängniſſe zu vermodern, ich bin zu⸗ frieden, die Vortheile der Freiheit zu genießen, und mit ihr die Freuden des Privatlebens; es iſt mir ebenſo lieb, zu bleiben, wie ich bin und nicht an den Hof zurückzukeh⸗ ren, denn ich würde nur unter Bedingungen an ihn zurück⸗ kehren, welche Sie mir ohne Zweifel nicht bewilligen wollten. — Hören Sie, Prinzeſſin, antwortete der König, fol⸗ gen Sie mir, vergeſſen Sie Alles, was ſich in Metz zu⸗ getragen hat, kehren Sie an den Hof zurück, wie, als ob nichts vorgefallen wäre; nehmen Sie noch heute Abend in Verſailles Ihre Wohnung, und mit Ihrer Wohnung Ihre Stelle bei der Dauphine wieder ein. Unglücklicherweiſe hatte der König eine Blöße gegeben, er kam nicht ſo wohlfeil davon. Frau von Chateauroux verlangte, daß die Prinzen entfernt würden. Aber der König antwortete, daß man das erſte Un⸗ recht gegen ſie gehabt hätte, indem man ihnen ſeine Thür verſchloß, daß ſie daher auf jede Rache in Bezug auf die Prinzen verzichten müßte. Frau von Chateauroux verlangte, daß Herr und Frau von Maurepas verbannt würden. Aber der König antwortete, daß Herr von Maurepas, — 105— mit dem er in zehn Minuten das machte, was er mit einem andern nicht in einem Tage machen würde, ihm zu nützlich bei ſeiner Arbeit wäre, als daß er ſich entſchließen könne, ihn zu verbannen. Zum Mindeſten würde er um Verzeihung bitten? Es wurde verabredet, daß Herr von Maurepas um Verzeihung bitten ſollte, und daß Frau von Chateauroux felbſt andeutete, auf welche Weiſe dies zu geſchehen habe. Frau von Chateauroux verlangte, daß der Herzog von Chatillon, daß Herr von Bouillon, daß der Biſchof von Soiſſons, daß der Vater Peruſſeau, daß La Rochefoucault und Baleroy verbannt würden. — Ah! was dieſe anbetrifft, ſagte der König, ſo überlie⸗ fere ich ſie Ihnen, und die Sache Chatillons iſt bereits gemacht. Er zeigte ihr in der That den Verhaftsbefehl, den er bereits vor einigen Tagen unterzeichnet hatte, und den er behalten hatte, um ihn ihr zu zeigen. Nun war Alles vergeſſen, und ſo ganz vergeſſen, daß es nun Frau von Chateauroux war, welche der König mit einem heftigen Kopfweh und einem heftigen Fieber zurück⸗ ließ, als er am folgenden Morgen die Straße du Bac ver⸗ ließ, um nach den Tulllerien zurückzukehren. Am 20. November empfing Chatillon die Anzeige des Verhaftsbefehles und den Befehl, Paris zu verlaſſen, ohne Jemand zu ſehen. Was La Rochefoucault anbelangt, ſo befahl ihm ein Brief des Königs, bis auf neue Ordre auf ſeinen Gütern zu bleiben; dieſer Brief war von dem Könige an Herrn von Maurepas adreſſirt. — 106— Herr von Bouillon erhielt den Befehl, ſich in das Herzogthum Albret zurückzuziehen, wo man ihm zur Woh⸗ nung ein verfallenes Gebäude bezeichnete, das ſeit zwei Hundert Jahren nicht bewohnt geweſen war. Was Peruſſeau anbelangt, ſo wollte ihn der König auf dieſelbe Weiſe beſtrafen, auf welche er die arme Her⸗ zogin beſtraft hatte: in ſeiner Gegenwart, und wie, als ob er nicht gewußt hätte, daß er anweſend wäre, ließ er den Superior des Noviciats der Jeſuiten rufen, und un⸗ terhielt ſich lange mit ihm. Dann, indem er von Zeit zu Zeit denſelben Superior rufen ließ, ſprach er einen Monat lang nicht mit dem Beichtvater, der ſich in voller Ungnade glaubte, und da Jedermann ihn für gefallen hielt, ſo ver⸗ ließ ihn ein Theil der Beichtkinder in der Zwiſchenzeit. Endlich hatte der König nach einem Monate Mitleid mit ſeiner Strafe und ließ ihm ſagen, daß er nichts von ſeiner Gunſt verloren hätte. Herr von Soiſſons wurde, nicht durch einen ſchriftli⸗ chen Befehl, ſondern mündlich in ſeine Diöceſe verbannt. Balleroy erhielt den Befehl, nach der Normandie zu⸗ rückzukehren. Herr von Maurepas, welcher, nachdem er der Voll⸗ ſtrecker aller dieſer kleinen Rachen geweſen war, die Reihe an ſich kommen fühlte, erhielt den Befehl, zu Frau von Chateauroux zu gehen, um ihr Genugthuung zu geben und ſie einzuladen, nach Verſailles zu kommen. — Welche Rede muß ich der Frau von Chateauroux halten, Sire? fragte der Miniſter. — 107— — Hier iſt ſie ganz aufgeſetzt, mein Herr, antwortete der König. Herr von Maurepas nahm die Rede und ging zu Frau von Chateauroux, aber der benachrichtigte Huiſſier antwor⸗ tete, daß die Herzogin nicht zu Haus wäre. Herr von Maurepas fragte nach Frau von Laura⸗ guais, man gab ihm dieſelbe Antwort, und nun ſagte er, daß er im Namen des Königs käme, und man ließ ihn eintreten. Frau von Chateauroux befand ſich zu Bett; wie wir geſagt haben, hatte ſie der König krank verlaſſen, und ſie hatte ſich nicht wieder erholt. — Madame, ſagte Herr von Maurepas, als er in das Zimmer trat, der König ſendet mich, Ihnen zu ſagen, daß er keine Kenntniß von dem hat, was ſich in Bezug auf Sie während ſeiner vorigen Krankheit zugetragen hat, er hat immer für Sie dieſelben Rückſichten, dieſelbe Ach⸗ tung gehabt, er bittet Sie dem zu Folge, an den Hof zu⸗ rückzukehren, um Ihre Stelle, und Frau von Lauraguais die ihrige wieder einzunehmen. — Mein Herr, antwortete die Herzogin, ich bin immer überzeugt geweſen, daß der König keinen Antheil an dem hatte, was ſich in Bezug auf mich zugetragen hat, ich habe daher auch niemals aufgehört, für Seine Majeſtät dieſelbe Ehrfurcht und dieſelbe Anhänglichkeit zu haben; es thut mir leid, nicht im Stande zu ſein, ſchon morgen dem Kö⸗ nige zu danken, aber ich werde es naͤchſten Sonnabend thun, denn ich werde geheilt ſein. — 108— Nun näherte ſich Maurepas mit einer Geberde, welche den Wunſch andeutete, die Hand der Herzogin zu küſſen. Die Herzogin ſtreckte die Hand aus, indem ſie ſagte: — Das koſtet nicht viel und iſt ohne Bedeutung. Herr von Maurepas entfernte ſich, indem er ſagte: — Auf Sonnabend? Und die Herzogin wiederholte: — Auf Sonnabend. Aber die arme Frau hatte verſprochen, ohne den um Erlaubniß zu bitten, der das Leben der Menſchen in ſeiner Hand hält; an dieſem Sonnabend, an welchem ſie wieder⸗ hergeſtellt ſein ſollte, befand ſie ſich weit kraͤnker. Von nun an verſchlimmerte ſich die Krankheit immer mehr; eilf Tage verfloſſen in Geiſtesabweſenheiten und in Rückkehr zur Beſinnung, welche ihrer Lage einen faſt ver⸗ hängnißvollen Charakter verliehen; in ihrem Phantaſiren rief ſie aus, daß ſie vergiftet wäre, und daß das Gift, welches ſie genommen hätte, von Herrn von Maurepas käme. In ihren lichtvollen Augenblicken beichtete ſie dem Vater Legaud, welcher zu ſagen affectirte, daß er niemals eine mehr zum Sterben ergebene Büßende geſehen hätte. Es war dies derſelbe Languet, Pfarrer von Saint⸗ Sulpice, der ſo ſtreng gegen die arme Herzogin von Berry geweſen war, der dieſer andern Magdalena das Viaticum überbrachte, aber weder der eine, noch der andere ver⸗ langte von der Herzogin von Chateauroux, daß ſie ihre Leidenſchaft opfere; ohne Zweifel ward ihr das angerechnet, was ſie in Metz erduldet hatte. Theils an den Armen, theils an den Füßen, ließ man — 109— die Herzogin während ihrer Krankheit neun Mal zur Ader, nichts wirkte, mit jedem Tage war der Kopf mehr einge⸗ nommen, mit jedem Tage war das Phantaſiren heftiger; . bei jeder Rückkehr des Phantaſirens wiederholte ſie, daß ſie vergiftet ſtürbe, daß das Gift ihr von Herrn von Maurepas käme, und daß es ihr in Rheims in einer Me⸗ dizin beigebracht worden wäre. Am 8. Dezember ſtarb ſie unter graͤßlichen Krämpfen. Die Leichenöffnung zeigte keine Spur von Vergiftung. Zwei Tage nachher, am 10. Dezember 1744, wurde ſie in der Sanct Michaelskapelle in Saint⸗Sulpice be⸗ graben. Es war zwei Jahre, Tag vor Tag her, daß man die goldene Tabaksdoſe des Königs unter dem Kopfkiſſen der armen Herzogin gefunden hatte. Der König war ſehr betrübt über dieſen Todesfall, und ging auf die Jagd, um ſich zu zerſtreuen. Am 8. hatte er in der Rathsſitzung nicht bis an das Ende bleiben kön⸗ nen; und da er Niemand ſehen wollte, ſo ſchloß er ſich mit Frau von Boufflers, Frau von Modena und Frau von Bellefonds in Trianon ein, um dort ganz nach ſeinem Gefallen zu weinen. b Die Königin hatte den Muth, ihrem Gatten zu ſchrei⸗ ben, um ihn zu bitten, ſeinen Schmerz mit ihm theilen zu ddirfen, aber der König ließ ihr durch Lebel antworten, daß er ſie nur in Verſailles ſehen würde. V— VI. Heirath des Dauphins.— Er heirathet die Tochter Philipp V. und Eliſabeths Farneſe.— Befürchtungen des Herrn von Richelieu nach dem Tode der Frau von Chateaurouxr.— Schweigen des Königs.— Der Herzog erhält die Gunſt Ludwig XV.— Frau von Flavacourt.— Frau von Ro⸗ chechouart.— Von der Stadt Paris gegebene Feſte.— Bürger und Bürgerinnen.— Der Ball der Stadt.— Die Jägerin.— Die Verkleidungen.— Der Fuß der Frau von Chateaurour.— Die Talente der Frau von Etioles.— Das Abendeſſen vom 22. April.— Herr Le Normand d'Etioles.— Der Briefwechſel des Gatten.— Der Brief⸗ wechſel des Königs.— Wiederanfang der Feindſeligkeiten. — Engländer und Holländer.— Die Verhaftung des Herrn von Belle⸗Isle.— Moritz von Sachſen.— Die Schlacht von Fontenoy. Das Jahr 1745 eröffnete ſich mit der Verheirathung des Dauphin mit der Infantin Maria Thereſia Antoinette Raphaele, Tochter Philipps V. und Eliſabeths Farneſe⸗ — 111— Paris war ganz im Feſte, aber vie eicht hätte der König, tiefbetrübt über den Tod der Frau von Chateau⸗ roux, indem er einen heftigeren Anfall von jener Langen⸗ weile empfand, die der Krebs ſeines Lebens war, und welche die von der ſchönen Herzogin zurückgelaſſene Leere noch weit größer machte, an keinen Theil genommen, wenn Herr von Richelieu nicht von der Ständeverſamm⸗ lung von Languedoc zurückgekehrt wäre, um ihn wieder ein wenig zu erheitern. Bei dem Tode der Frau von Chateauroux hatte Herr von Richelieu nicht allein ein großes Bedauern, ſondern auch eine große Furcht gehabt. Frau von Chateauroux, eine vertraute Freundin des Herzogs, eine Frau von Ehre, auf die ein Freund rechnen konnte, hatte in einem beſon⸗ deren Portefeuille den ganzen Briefwechſel des Herzogs, und Richelieu vernachläſſigte in dieſem Briefwechſel nicht, Rathſchläge in Bezug auf den König zu geben; nun aber waren dieſe Rathſchläge faſt alle auf die königlichen Blößen berechnet; Richelieu rechnete bei weitem mehr auf die La⸗ ſter des Königs, als auf ſeine Tugenden, um der ſchö⸗ nen Favoritin Gewalt zu verſchaffen. Der König war daher in dem Briefwechſel nicht geſchont, und wenn Seine Majeſtät zufällig das Portefeuille fand, ſo lief Herr von Richelieu große Gefahr für ſeine Gunſt. Herr von Richelieu muß große Furcht gehabt haben, da er geſteht, daß er bei der Meldung von dem Tode der Frau von Chateauroux auf die Kniee ſank, indem er mit ſide Regung voll Religion und beſonders Loll Selbſtſucht agte: — 112— — O, mein Gott! gib, daß der König nicht ein gewiſſes Portefeuille findet!... Der König fand Nichts, oder that, als ob er Nichts gefunden hätte. Es ging daraus hervor, daß Herr von Nichelieu, da er nicht von dem Portefeuille ſprechen hoͤrte und keinen Verhaftsbefehl kommen ſah, ſich wieder be⸗ ruhigte und nach Paris zurückkehrte, wo ihn der König, den ſein Geplauder außerordentlich beluſtigte, noch weit liebreicher als gewöhnlich empfing. Wie man wohl begreifen wird, war die erſte Sorge Richelieus, als er den König ſo traurig und ſo verlaſſen ſah, ihm eine Geſellſchafterin zu ſuchen; zuerſt verſuchte er ſein Glück bei Frau von Flavacourt, das kam nicht aus der Familie des Königs heraus, er hatte bereits die vier Schweſtern gehabt, es war ganz natürlich, daß er die fünfte hätte; er ging daher zu der ſchönen Marquiſe, und führte ſie auf alle Weiſe in Verſuchung; wollte ſie Reichthümer, der König war der reichſte Fürſt von der Welt; war ſie ehrgeizig, ſie würde die Potentaten ihre Miniſter zu ihr ſenden ſehen, um den Frieden oder den Krieg vorzubereiten; wollte ſie ihre Familie befördern, ſie würde die Quelle der Gnaden und der Aemter werden. Die Marquiſe blickte den Verſucher lächelnd an. — Das iſt Alles ſeyr ſchön, ſagte ſie, ich weiß es, aber... — Aber?... wiederholte der Herzog. — Aber ich ziehe alle dem die Achtung meiner Zeit⸗ genoſſen vor. ₰△ — 113— Und das war Alles, was der Herzog aus ihr her⸗ ausbringen konnte.. Nun warf er ſich auf die Marquiſe von Rochechouart zurück; ſie war von dem Blute der Mortemarts, das heißt ſchön und geiſtreich, aber trotz ihres Verſtandes und ihrer Schönheit ſcheiterte die Marquiſe von Rochechouart. Der König wurde immer trauriger, immer langwei⸗ liger. Der Herzog kam auf die Feſte zurück. Es waren ganz bürgerliche, von der Stadt Paris gegebene Feſte, die aber darum nur um ſo origineller für einen an fürſtliche Feſte gewöhnten König waren. Die Zunftmeiſter vereinigten ſich, und erbauten bald an einem, bald an einem andern Orte Ballſäle, heute auf dem Platze Vendome, morgen auf dem Platze des Victoires, jeder brachte ſeinen Beitrag, die Zimmerleute erbauten den Saal, die Tapezirer möblirten ihn, die Porcelanhändler brachten ihre ſchönſten Vaſen hinein, die Blumenhändler machten daraus einen Garten von Ispahan oder von Bagdad; auf dieſe Weiſe gelangte man durch die Vereini⸗ gung der Gewerbe zu einem Luxus, den das größte kö⸗ nigliche Vermögen nicht zu erreichen vermocht hätte; die Weinhändler ließen unter dieſen Blumen Brunnen von Champagner und von Bordeaux fließen; die Kaffewirthe zündeten Baſſins von Punſch an, die Eishändler errich⸗ teten Alpen mit ſchneeiger Grundlage, und auf den Gi⸗ pfeln mit jener roſigen Farbe gekrönt, welche die unter⸗ gehende Sonne auf den Spitzen der Gehirge verbreitet; dieſe Feſte waren etwas Wundervolles. Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 8 — 114— Aber, was den König vor Allem zerſtreute, war die ungezwungene Heiterkeit der anfangs eingeſchüchterten, aber bald durch ein Kompliment, durch ein Wort, durch ein Lächeln beruhigten Bürgerinnen, welche Allemanden und Anglaiſen mit einer Luſtigkeit und einem Eifer tanz⸗ ten, wie er es niemals weder in Verſailles noch in Tria⸗ non, noch in Choiſy geſehen hatte. Aber aus alle dem ſollte das hervorgehen, was ſein verwaiſtes Herz erwartete, eine neue Liebe. Dieſes Mal fand ein Maskenball auf dem Grèveplatz ſtatt. Seit einiger Zeit war Alles orientaliſch, und orien⸗ taliſch, wie man es zu den Zeiten Ludwig XV. verſtand; Galland hatte ſeine Tauſend und Eine Nacht über⸗ ſetzt, Montesquieu ſeine Perſiſchen Briefe, Voltaire hatte Zaira aufführen laſſen, es befanden ſich daher auf dieſem Balle eine Menge von Houris, eine Menge von Sultaninnen, eine Menge von Bayaderen, als in Mitte aller dieſer Stoffe von Gold und Silberbrocat der König eine einfache Diana als Jägerin auf ſich zukommen ſah, welche den Bogen in der Hand und den Köcher auf der Schulter trug, einen runden und weißen Arm, ein feines Bein, die Hand einer Göttin zeigte; die ſchöne Diana war maskirt, und dennoch errieth der König an den ſympathetiſchen Ausdünſtungen, welche ſie um ſich her⸗ um verbreitete, daß ſie keine Fremde wäre; ſie ſprach, und zeigte im Sprechen Perlenzaͤhne, dann ließ ſie durch dieſe Zähne eine ganze Welt von feinen Neckereien ausge⸗ zeichneter Koketterien, ſinnreicher Schmeicheleien fallen; ſie hatte die Maske noch nicht abgelegt, als der König bereits in ſie verliebt war, und als ſie die Maske abge⸗ legt, war es noch weit ärger, denn er erkannte in der ſchönen Diana die Nymphe des Waldes von Senart, die, welche ihn bald von einem Pferde fortgetragen, bald halb liegend in einer jener Muſcheln von Perlmutter erſchienen war, die Boucher ſeiner Venus und ſeinen Amphytrites zum Wagen gab, kurz dieſe ſchöne Frau von Etioles, um deretwillen die arme Herzogin von Chateauroux eines Abends der Frau von Chevreuſe den Fuß zertreten hatte. Die Frauen haben ſolche Ahnungen. Dieſe war weder eine vornehme Dame, wie die Vin⸗ timilles und die Maillys, von denen wir bereits geſprochen haben; ſie war eben ſo wenig ein Mädchen aus dem Volke, wie Johanna Vaubernier, von der wir ſpäter ſprechen werden; ſie war Antoinette Poiſſon; die Einen ſagten, daß ſie die Tochter eines reichen Pächters von la Ferté⸗ ſous⸗Jouarre wäre, die Andern behaupteten, daß ein Fleiſcher der Invaliden ihr Vater ſei; wie dem auch ſein möge, ſie hatte Herrn Le Normand von Etioles, den reichſten Generalpächter geheirathet, ſie war 22 Jahre alt, ſie war vollkommen muſikaliſch, ſie warf reizende Landſchaften auf die Leinwand, herrliche Paſtelgemälde auf das Papier, ſie liebte die Jagd, die Luſtbarkeiten, den Aufwand, die Künſte; ſie hatte etwas von der Venus und von der Magdalena; kurz, ſie war die Frau, welche Herr von Richelieu vergebens geſucht hatte, und die ſich von ſelbſt anzubieten kam. Ein Abendeſſen wurde zwiſchen dem König und der Frau von Etioles angeordnet; Binet, iin Perwandter der — 116— ſchönen Diana und Kammerdiener des Dauphins, wurde der Vermittler dieſer neuen Liebſchaft, dieſes Abendeſſen fand am 22. April 1745 ſtatt, Herr von Luxemburg und Herr von Richelieu wohnten demſelben bei. Jener vollkommene Tact des Hofmannes, welcher Ri⸗ chelieu niemals verrathen hatte, fehlte ihm dieſes Mal, er ſah in Frau von Etioles weder das, was in ihr lag, noch das, was in ihr liegen würde, er war kalt für ſie, geringſchätzend für ihren Verſtand, gefühllos gegen ihre Schönheit; ſie verzieh es ihm niemals. Das Abendeſſen war ſehr luſtig und die Nacht ſehr lang, der König verließ Frau von Etioles erſt am fol⸗ genden Morgen um 11 Uhr, ſie bewohnte die ehemalige Wohnung der Frau von Mallly.— Welch ſchwermüthige Memoiren würden die Wände gewiſſer Zimmer ſchreiben, wenn die Wände ſchreiben könnten! Von dieſem Augenblicke an bildeten ſich zwei ſehr ver⸗ ſchiedene Parteien an dem Hofe, die Partei des Dauphins, welche man die Partei der Frommen nannte, und die der neuen Favoritin. Alles das trug ſich zu, während ſich Herr Le Nor⸗ mand, der ſeine Frau anbetete, auf dem Gute des Herrn von Lavallette, eines ſeiner Freunde befand, wohin er gegangen war, um das Oſterfeſt zuzubringen; dort er⸗ fuhr er durch Herrn von Tourneham, daß ſeine Frau ſein Haus verlaſſen hätte, Verſailles bewohnte und er⸗ klärte Maitreſſe wäre. Man mußte alle Waffen von ihm entfernen, er war in Verzweiflung und wollte ſich das ——/ A&—*—⸗ Leben nehmen; in ſeinem Schmerze ſchrieb er einen Brief an ſeine Frau, und beauftragte Herrn von Tourneham damit, ihn zu überbringen.. Das erſte, was Frau von Etioles that, war dieſen Brief dem Könige zu zeigen, der ihn mit vieler Aufmerk⸗ ſamkeit las und ihr ihn mit den Worten zurückgab: — Was Sie da für einen rechtſchaffenen Gatten ha⸗ ben, Madame! Die Stellung der Frau von Etioles war von dem erſten Augenblicke an feſtgeſtellt, am 9. Juli 1745, das heißt kaum drei Monate nach jenem kleinen Abendeſſen, dem Herr von Luxemburg und Herr von Richelieu bei⸗ wohnten, hatte ihr der König bereits achtzig Briefe ge⸗ ſchrieben. Dieſe Briefe waren mit einem Petſchafte verſiegelt, welches folgende Worte führte: Verſchwiegen und treu. Am 15. September deſſelben Jahres wurde Frau von Etioles um 6 Uhr Abends durch die Frau Prinzeſſin von Conti vorgeſtellt, welche dieſe Ehre in Anſpruch ge⸗ nommen hatte. Frau von Etioles fing wie Frau von Chateauroux damit an, ihren Geliebten aufzufordern, bei der Eröff⸗ nung des Feldzuges das Commando der Armee ſelbſt zu üͤbernehmen, aber gewandter, als die Herzogin, verlangte ſie nicht, ihn dahin zu begleiten. Trotz dem Tode Karl Alberts, der am 20. Januar eingetreten war, welcher Tod uns erlaubte, Maria The⸗ reſia anzuerkennen, hatte der Krieg wieder begonnen, und — 118— ſtand beſonders im Begriffe, mit mehr Erbitterung als jemals wieder zu beginnen. Die nordiſchen Kabinette woll⸗ ten unſern diplomatiſchen Einfluß ſinken laſſen, ſie wollten unſere Nationalität herabſetzen. Die Coalition war vollſtändig, die Holländer hatten ſich den Engländern und den Oeſterreichern angeſchloſſen, es war nochmals daſſelbe Bündniß, gegen welches Lud⸗ wig XIV. gekämpft hatte, gegen welches Ludwig XV. kämpfte, gegen welches die Republik und das Kaiſerreich kämpfen ſollten, gegen welches wir binnen kurzem von Neuen kämpfen werden. Die Engländer hatten große Zurüſtungen gemacht, ſie hatten auf dem Gebiete von Holland zwanzig engliſche und ſchottiſche Bataillone, ſechs und zwanzig Schwadro⸗ nen, fünf hannöveriſche Regimenter gelandet, die fünfzehn Tauſend Mann bildeten, und ſechszehn ſtarke Schwadro⸗ nen hatten ſich mit den Engländern vereinigt; die General⸗ ſtaaten hatten ſechs und zwanzig Bataillone und vierzig Schwadronen geliefert, endlich hatte Oeſterreich acht Schwadronen leichter Cavalerie und ungariſcher Huſaren geſandt. Der Prinz Karl hatte außerdem am Rheine eine Ar⸗ mee von achtzig Tauſend Mann, die nächſtens auf Hun⸗ dert Tauſend erhoben werden ſollte. Der Herzog von Cumberland commandirte die Eng⸗ länder, die Holländer und die Hannoveraner. Die franzöſiſche Regierung that gleichfalls Wunder, um ein ſtattliches Heer aufzuſtellen. Unſere beiden großen Organiſirer waren unglücklicher Weiſe nicht mehr da⸗ Zu en Zu — 119— einer Unterhandlung nach Berlin geſandt, waren der Graf und der Chevalier von Belle⸗Isle verhaftet und nach Eng⸗ land gefuͤhrt worden, man verſammelte nichts deſto weni⸗ ger Hundert und ſechs Bataillone, zwei und ſiebenzig vollſtändige Schwadronen und ſiebzehn Freicompagnien. Dieſe Armee, welche den Namen der Armee von Flandern annahm, wurde unter das Commando des Mar⸗ ſchalls von Sachſen geſtellt. Unglücklicher Weiſe war der Marſchall von Sachſen von einer Waſſerſucht befallen. Als man ihn in Paris ſich kaum fortſchleppen ſah, machte man ihm ſeine Schwä⸗ che bemerklich; aber er begnügte ſich zu antworten, daß es ſich nicht darum handelte zu leben, ſondern aufzu⸗ brechen. Er war in der That ſterbend bei dem Heere ange⸗ kommen. Der König befand ſich am 7. Mai in Pont⸗Achain. Am folgenden Tage beſuchte er das Schlachtfeld, welches der Marſchall gewählt hatte; denn durch die Stellung der beiden Armeen ſah ſich der Feind gezwungen, den Kampf ſo anzunehmen, als der Marſchall ihm denſelben bot, oder Tournai nehmen zu laſſen. Das Schlachtfeld bezeugte den großen Krieger; Alles war für den Sieg vorbereitet, Alles war für die Nieder⸗ lage vorausgeſehen; es war eine mit Hohlwegen durchzo⸗ gene Ebene, die zwiſchen Fontenoy und dem Walde von Barri eingeſchloſſen war, und die, indem ſie ſich nachher ausdehnte, unſerer Linie eine Entwickelung von ungefähr drei Viertel Meilen erlaubte. So aufgeſtellt, ſtützte die — 120— Armee ihre Rechte auf Antoin, ihre Linke an den Wald von Barri; ihre ganze Fronte, von der Fontenoh das Centrum bildete, war mit Schanzen bedeckt. Beſonders Antoin war befeſtigt und mit Verhauen von Bäumen um⸗ geben worden; außerdem nahm eine jenſeits der Schelde aufgeſtellte Batterie von ſechs Stücken Sechszehnpfündern jedes Heer von der Seite, das verſucht hätte, in die Ebene vorzurücken, welche Antoin von Psronne trennt; was die äußerſte Rechte des Waldes von Barri betrifft, ſo war ſie von zwei Schanzen beſchützt, die Fontenoy nahe genug waren, daß ſich ihre Feuer mit denen von Chaville kreuzten. Da nun aber Antoin nur von der Ebene von Péronne angegriffen werden konnte, da man die franzöſiſche Armee nur erreichen konnte, wenn man durch den Engpaß von Fontenoy zog, ſo mußte der Feind, von welcher Seite er ſich auch zeigte, ſich für einen zwei⸗ felhaften Sieg einer Niederlage ausſetzen. Außerdem hatte der Marſchall von Sachſen für den Fall eines Unglücks vor der Brücke von Calonne, der einzigen, auf welcher man über die Schelde gehen konnte, einen Brückenkopf mit doppeltem Hornwerk errichtet, in welchem er ſechs Tauſend Mann ſriſcher Truppen gelaſſen hatte. Sobald die Gefahr zu drohend würde, ſollten der König und der Dauphin ſich daher uͤber die Brücke zu⸗ rückziehen, unter deren Verſchanzungen die Armee, ſo nahe ſie auch verfolgt werden möchte, ſich vollkommen wieder ſammeln konnte. Die Verbündeten waren ihrer Seits in zwei Abthei⸗ lungen getheilt, um zugleich den beiden im Voraus be⸗ — 121— ſchloſſenen Angriffspunkten die Spitze zu bieten. Der junge Prinz von Waldeck bedrohte mit den Holländern Antoin; die Engländer und die Hannoveraner, unter den Befehlen des Herzogs von Cumberland, bereiteten ſich vor, den Engpaß von Fontenoy zu nehmen, und bildeten einen un⸗ geheuren Halbkreis um unſere Armee herum, indem ſie ihre Linke auf Péronne, und ihre Rechte auf Barri ſtütz⸗ ten. Die beiden Armeen verwandten den Tag des 10. und die Nacht des 11. darauf, ihre Zurüſtungen zu treffen. Der König brachte den 10 bei dem Marſchall von Sachſen zu, der auf ſeinem ausdrücklichen Befehl liegen geblieben war. Der Marſchall war von einer zu dem dritten Grade gelangten Waſſerſucht befallen, und hatte ſich gegen das Abzapfen geweigert, aus Furcht, daß die Operation, wenn ſie ſchlecht ausfiele, ihn verhindern möge, der Schlacht beizuwohnen. Dennoch war er ſehr heiter, da er große Hoffnung für den Erfolg des folgen⸗ den Tages hatte. Der König war gleichfalls voll Ver⸗ trauen und Heiterkeit. Das Geſpräch fiel auf die Schlach⸗ ten, bei denen ſich die Könige von Frankreich in Perſon befunden hatten. Der König erinnerte nun die Anweſen⸗ den daran, daß ſeit der Schlacht von Poitiers kein König von Frankreich mit ſeinem Sohne gekämpft hätte, und daß ſeit der, von dem heiligen Ludwig gewonnenen Schlacht von Tailleboury keiner ſeiner Nachkommen wich⸗ tige Siege gegen die Engländer davongetragen hätte; das hieß zwei Genugthuungen für eine nehmen. Ludwig XV. verließ den Marſchall von Sachſen ge⸗ gen eilf Uhr, und kehrte mit dem Dauphin in ſeine Woh⸗ — 122— nung zurück. Beide brachten die Nacht in demſelben Zim⸗ mer zu. Um 4 Uhr ſtand der König auf, und weckte ſelbſt den Kriegsminiſter, Grafen von Argenſon, den er ſogleich an den Marſchall abſandte, um ſeine letzten Be⸗ fehle in Empfang zu nehmen. Er fand den Grafen von Sachſen in einem Wagen von Weidenruthen liegen, in wel⸗ chem er ſich wie in ſeinem Bette ausſtrecken konnte, um ſich nicht im Voraus und vergebens zu ermüden; er ge⸗ dachte, erſt im Augenblicke der Schlacht ſelbſt zu Pferde zu ſteigen. Der Marſchall ließ dem Könige ſagen, daß er für Alles geſorgt hätte, und daß er kommen könnte. Der König, welcher in Calonne geſchlafen hatte, ſtieg mit dem Dauphin zu Pferde, ging über die vor la Juſtice⸗de⸗Notre⸗ Dame⸗aux⸗Bois, ohngefähr drei Viertelmeile weit von der Brücke von Calonne, und fünfzig Schritte weit hinter un⸗ ſerer dritten Schlachtlinie, befindliche Brücke. Um fünf Uhr meldete man dem Marſchall, daß ſich der Feind in Bewegung ſetze, nun ließ er ſich nach der er⸗ ſten Linie fahren, die folgendermaßen aufgeſtellt war: neun Bataillone bewachten Antoin, zur Linken bis nach dem Hohlwege von Fontenoh, fünfzehn Bataillone bildeten die Linke und erſtreckten ſich hinter dem Walde von Barri bis nach Gauvin; die ganze Cavallerie nahm dahinter eine der der Infanterie gleiche Fronte ein, auf zwei Linien, hin⸗ ter dem Centrum und der Linken, und auf einer Linie hinter der Rechten, ein Bataillon Parteigänger, welche die Graſſins genannt worden waren, waren als Scharfſchützen in dem Walde von Barri verbreitet. Der Marſchall von Sachſen näherte ſich dem Feinde — — 123— bis auf Kanonenſchußweite, um ſeine Stellung zu erfor⸗ ſchen. Der Marſchall von Noailles kam nun zu ihm, um ihm Bericht über ein Werk abzuſtatten, das er während der Nacht zu dem Zwecke hatte ausführen laſſen, die erſte Schanze zur Rechten mit dem Dorfe von Fontenoy zu verbinden. Der Herzog von Grammont, der Reffe des Marſchalls von Noailles, hielt hinter ihm zu Pferde. Der Marſchall von Sachſen hörte den Bericht an, billigte Alles, und da er ſah, daß die Schlacht im Begriffe ſtand, zu beginnen, forderte er Herrn von Noailles auf, ſich auf ſeinen Poſten zu begeben; indem ſich dieſer nun nach ſeinem Neffen umwandte, ſagte er zu ihm: Herr von Grammont, Ihr Platz iſt bei dem Könige, gehen Sie, ihm zu ſagen, daß ich glücklich ſein würde, heute für ſeinen Dienſt zu ſiegen oder zu ſterben. Der Onkel und der Neffe umarmten ſich, als ſich plötzlich der Donner der Kanonen hören ließ, und der Herzog von Grammont, der ſich zwiſchen dem Marſchall von Noailles und dem Marſchall von Sachſen befand, fiel von der erſten Kugel in zwei Stücken zerriſſen. Herr von Noailles machte eine Bewegung, um ihm zu Hülfe zu kommen; aber Alles war vergebens, der Tod hatte bereits ſeine traurige Ernte begonnen. Der Mar⸗ ſchall ſchüttelte traurig den Kopf und ſetzte ſein Pferd in Galopp. Im ſelben Augenblicke entflammte ſich die ganze franzöſiſche Linie und antwortete durch ein allgemeines Feuer. Bald blieb man nicht mehr bei dem Kanonenfeuer ſtehen, man wurde handgemein. Die Holländer richteten zwei Angriffe auf Antoin, und ſie wurden beide Mal zu⸗ rückgeſchlagen. Bei dem zweiten Angriffe wurde eine Schwadron durch ein Kreuzfeuer der hinter der Schelde aufgeſtellten Batterie, und einer andern vor Antoin aufge⸗ ſtellten Batterie faſt gaͤnzlich aufgerieben, es blieben nur noch zwölf Mann davon übrig. Was die drei Male von Fontenoy zurückgeſchlagenen Engländer anbetrifft, ſo waren ſie drei Maie zum Angriffe zurückgekehrt, und bildeten ſich wieder, um einen neuen Angriff zu verſuchen. Der Herzog von Cumberland hatte bemerkt, daß die Franzoſen ihren Vortheil dem Kreuzfeuer ihrer Artillerie verdankten. Dem zu Folge befahl er einem Generalmajor, Namens Ingolsby, ſich des Waldes von Barri zu bemäch⸗ tigen und die beiden Schanzen zu nehmen. Der General ſtieß auf das Bataillon der Graſſins; er glaubte mit einer ganzen Brigade zu thun zu haben, zog ſich zurück und verlangte von dem Herzoge Verſtärkung, der ihn verhaften ließ.. Die aus dem Walde gethanen Schüſſe hatten den Marſchall von Sachſen beſtimmt, zwei Bataillone dorthin zu ſenden. Entſchloſſen, den Hohlweg zu nehmen, bildete Herr von Cumberland eine Colonne Infanterie von zwan⸗ zig Tauſend Engländern und Hannoveranern, und ſtellte ſechs Kanonen an die Spitze und in das Centrum ſeiner Colonne. Die franzöſiſchen und die Schweizergarden, durch einen Hohlweg beſchützt, glaubten, nur mit einer von einem Ba⸗ 2 — 125— taillon unterſtützten Batterie zu thun zu haben; ſie be⸗ ſchloſſen, ſie zu nehmen; aber auf der Höhe angelangt, fanden ſie eine Armee, ſechzig Grenadiere und ſechs Offi⸗ ziere wurden zu Boden geſtreckt. Sie nahmen ihre Stel⸗ lung wieder ein, und die feindliche Colonne erſchien auf der Höhe des Hohlweges. Sie näherte ſich langſam, das Gewehr im Arm und mit brennender Lunte, ohne daß die franzöſiſchen Garden und die Schweizergarden, die nicht einer gegen zehn waren, einen Schritt thaten, um zurückzuweichen. Auf fünfzig Schritt weit gekommen, grüßten die eng⸗ liſchen Offiziere, an deren Spitze ſich die Herren Campbell, von Abermale, von Churchill befanden, mit dem Hute. Der Graf von Chabannes und der Herzog von Biron, die aus den Reihen hervorgetreten waren, um ihnen entgegen⸗ zugehen, und alle Offiziere erwiderten den Gruß. Nun trat Mylord Charles Hoy, Kapitän der engli⸗ ſchen Garden, vier Schritte vor und rief: — Ihr Herren franzöſiſchen Garden, ſchießt! Bei dieſen Worten that der Graf von Hauteroche, Lieutenant der Grenadiere, gleichfalls vier Schritte vor, und antwortete mit lauter Stimme: — Meine Herren, wir ſchießen niemals zuerſt.— Schießt Ihr ſelbſt, wenn es Euch beliebt. Und er ſetzte ſeinen Hut wieder auf, den er bis dahin in der Hand gehalten hatte. Sogleich donnerten die ſechs Kanonen, und das Ge⸗ wehrfeuer begann diviſionsweiſe. Neunzehn Offiziere der Garden und drei Hundert achtzig Soldaten, der Okerſt — 126— der Schweizer, Herr von Courten, ſein Obriſtlieutenant, vierzehn Offiziere und zwei Hundert fünfundſiebenzig Sol⸗ daten fielen bei dieſem erſten Feuer getödtet oder verwun⸗ det. Die Herren von Cliſſon, von Langey und von Peyrie waren todt. Die engliſche Colonne rückte nun im Sturmſchritie vor. Das königliche Regiment beſchützte den Rückzug der Garden, die ſich hinter ihm wieder bildeten, und vereinig⸗ ten ſich ſelbſt unter einer von dem Regimente des Königs vertheidigten Schanze. Die Colonne rückte immer in demſelben Schritte her⸗ an, indem ſie im Marſche ſchoß, und das mit einer ſolchen Ordnung, daß man die Majors ihre Stöcke auf die Gewehre der Soldaten legen ſah, damit ſie richtig in der Menſchenhöhe ſchöſſen. Die Schanzen des Waldes von Barri und von Fon⸗ tenoy beſchoſſen die marſchirende Colonne beſtändig; aber ſie warf Alles nieder, was ſich ihrer Fronte entgegenſtellte. Verwirrung war in der franzöſiſchen Armee entſtanden. Der Marſchall vergaß ſeine Schmerzen, er ließ ſich ein Pferd vorführen, und beſtieg es. Da er nicht die Kraft hatte, einen Panzer zu tragen, ſo nahm er einen kleinen Schild von wattirtem Taffet an ſeinen Arm, den er ſo⸗ gleich wieder wegwarf, da dieſe Laſt, ſo leicht ſie auch ſein mochte, noch zu ſchwer für ihn war. Der Feind war an den Batterien von Fontenoy vor⸗ übergekommen, denen es an Kugeln mangelte, und die mit —— x——ͤn — 127— Pulver ſchoſſen, um den Verbündeten nicht ſehen zu laſſen, daß es ihnen daran fehlte. Der Marſchall ſandte den Marquis von Meuſe an den König ab, um ihm zu ſagen, über die Brücke zurück⸗ zugehen. Herr von Meuſe fand den König regungslos mitten unter den Flüchtlingen. — Ich bin überzeugt, daß der Marſchall thun wird, was nöthig iſt, antwortete Ludwig XV. dem Marquis; aber ich werde bleiben, wo ich bin. Die Colonne rückte immerfort heran. Die Flüchtlinge trennten einen Augenblick lang den König von dem Dauphin. Der Graf von Aché kam, den König inſtaͤndigſt zu bitten, ſich zu entfernen. Der eine Fuß des Herrn von Aché war von einer Kugel zerſchmettert, und er wurde in Gegenwart des Königs vor Schmerz ohnmächtig. — Wie iſt es möglich, daß ſolche Truppen nicht ſieg⸗ reich ſind? ſagte Moritz von Sachſen, als er Herrn von Guerrchy und das Regiment der Schiffe die engliſche Co⸗ lonne mit dem Bayonnette angreifen ſah. Die Colonne war nur noch ſechs Hundert Schritte weit von dem Könige entfernt, welcher dem Herzoge von Harcourt erklaͤrte, daß er entſchloſſen wäre, da zu ſterben, wo er wäre. 2 In dieſem Augenblicke eilte der Herzog von Richelieu, der Adjutant Ludwigs XV. herbei. — Was giebt es? rief der Herzog von Noailles aus, als er ihn erblickte, und welche Nachricht überbringen Sie? — Ich überbringe die Nachricht, daß die Schlacht ge⸗ — 128— wonnen iſt, wenn man es will, ſagte der Herzog; der Feind ſelbſt iſt erſtaunt über ſeinen Sieg; er weiß nicht mehr, ob er weiter gehen ſoll, denn er i*ſt nicht von ſeiner Cavallerie unterſtützt. Man laſſe eine Batterie gegen ihn vorrücken, die Schanzen von Barri und von Fontenoy, die jetzt Kugeln haben, mögen ihr Feuer verdoppeln, und fallen wir Alle miteinander über ihn her. — Sehr wohl, ſagte der König. Stellen Sie ſich an die Spitze meiner Leibwache, Herr von Richelieu, und geben Sie das Beiſpiel. Herr von Richelieu brach im Galopp auf, Herr von Péquigny begegnete vier Kanonen, die man zurückführte; der Herzog von Chaulnes ſammelte ſeine Chevaulegers, Herr von Soubiſe ſeine Gensd'armen, Herr von Grille ſeine Grenadiere zu Pferde, Herr von Biron behielt Antoin mit dem Regiment von Piemont beſetzt. Die Colonne war nur noch Hundert Schritte weit von der Batterie, welche man auf den Rath des Herrn von Richelieu errichtet hatte. Plötzlich demaskirte ſie ſich und gab Feuer. Fontenoy und Barri donnerten zu gleicher Zeit, die franzöſiſche Infanterie griff die Colonne von der Seite an, welche die Leibwache des Königs, die Gensd'ar⸗ merie und die Karabiniers von vorn angriffen. Noch einen Augenblick lang war der Erfolg zweifel⸗ haft. Die rieſenhafte Colonne bot nach allen Seiten die Spitze. Endlich begann das Regiment Normandie einzubrechen, dann die Irländer, dann das Regiment Royal. Bald ſah man die Schlange ſich winden, in drei Stücken zerſchnitten, — 14129— ſich abkämpfen, und die Colonne that ihren erſten Schrit zurück. Nun verdoppelte jeder den Muth, die ganze Armee hatte acht Stunden der Niederlage zu raͤchen. Die beſtän⸗ dig beunruhigte Colonne verwandelte am Ende ihren Rück⸗ zug in eine unordentliche Flucht. Alles wurde vernichtet oder gefangen genommen; nicht einer von dieſen fünfzehn bis achtzehn Tauſend Mann waͤre davon gekommen, wenn die Cavalerie nicht gekommen wäre, ſie zu unterſtützen. Ludwig XV. hatte ſein Pferd in Galopp geſetzt, und ſprengte von Regiment zu Regiment. Ueberall hörte man dort Siegesgeſchrei, wo man eine Viertelſtunde zuvor nur Geheul der Wuth und Röcheln des Todeskampfes hörte die Soldaten warfen ihre Hüte in die Luft; die von Ku⸗ geln durchlöcherten Fahnen verneigten ſich, die Verwundeten richteten ſich auf, um noch eine Geberde mit der Hand zu machen; es war ein allgemeiner Jubel. Der Marſchall von Sachſen ließ ſich von ſeinem Pferde gleiten, und fiel vor dem Könige auf die Knie. — Sire, ſagte er, jetzt kann ich ſterben; ich wünſchte nur zu leben, um Eure Majeſtaͤt ſiegreich zu ſehen. Jetzt wiſſen Sie, wovon die Schlachten abhängen. Der König hob den Marſchall auf und umarmte ihn im Angeſichte der ganzen Armee. Die Schlacht von Fontenoy eröffnete eine Reihe von Siegen, welche am Ende den Frieden von Aachen herbei⸗ führten. 4 Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 9 — 130— Am 23. Mai nahm der König Tournay, und zehn Tage nachher die Citadelle. Am 18. Juli nahm der Graf von Lowendahl Gent mit Sturm. Am 22. öffnete Brügge dem Marquis von Souvré ſeine Thore. Am 1. Auguſt bemächtigte ſich der König Oudenar⸗ des; Dendermonde ergab ſich dem Herzoge von Harcourt, Oſtende und Nieuport dem Grafen von Lowendahl, und Alts dem Marquis von Elermont Galleraude. Mit der Einnahme dieſer letzten Stadt war der Feld⸗ zug von 1745 geſchloſſen, der von 1746 eröffnete ſich am 20. Februar durch die Einnahme von Brüſſel, in welches der König am 4. Mai ſeinen Einzug hielt. Der König ſtellte ſich an die Spitze ſeiner Armee, und rückte gegen Löwen, Liers, Arſchot, Herentals und die Feſte Sanct Margareuite, die ohne Schwertſtreich übergeben wurden. Am 20. Mai wurde die Stadt Antwerpen genommen, am 30. die Citadelle. . Am 20. Juli ergab ſich Mons, am 2. Auguſt Char⸗ leroy, am 19. Dezember Namur. Endlich, um den Feldzug von 1746 durch einen glän⸗ zenden Streich zu beendigen, gewann der Marſchall von Sachſen am 11. October die Schlacht von Raucoux, tödtete dem Feinde 12,000 Mann, nahm ihm 3000 Gefangene ab, und verlor keine 1100 Mann. Der Feldzug von 1747 eröffnete ſich durch den Ein⸗ zug der Truppen in Seeland und durch die Einnahme — 131— der Feſte Sluis und Dislendick durch den Grafen von Lowendahl. Am 24. April wurden la Perle und von Liefkenskonch von Herrn von Contades genommen. Am 1. Mai bemächtigte ſich Herr von Montmorin der Feſte Philippine, und am 15. September nahm der Graf Lowendahl das uneinnehmbare Bergen⸗op⸗Zoom. Das für das Jahr 1747. Endlich wurde am 13. April 1748 Maſtricht belagert und ergab ſich am 4. Mai. Der König hatte zu dem Marſchall von Sachſen ge⸗ ſagt: — Warum machen die Verbündeten, trotz ihrer Nie⸗ derlagen, keinen Frieden, Marſchall? Der Marſchall hatte auf die lakoniſche Weiſe, die ihn charakteriſirte, geantwortet: — Sire, in Maſtricht. In der That, ſobald ſich Maſtricht den Franzoſen er⸗ geben hatte, hörten in Italien die Feindſeligken zwiſchen dem Herzoge von Richelieu und dem Grafen von Browe auf. Die Königin von Ungarn, der König von Spanien und die Republik Genua traten den nach der Uebergabe von Maſtricht zwiſchen dem Könige von Frankreich, von England und Holland abgeſchloſſenen Friedenspräleminarien bei, welche den am 18. October 1748 unterzeichneten Frie⸗ den von Aachen herbeiführten. Hier ſind die Veränderungen, welche der Frieden von Aachen in dem europäiſchen Gleichgewichte veranlaßte. — 132— Don Carlos erhielt die Beſtätigung des Königreiches der beiden Sicilien; der Herzog von Modena, der Made⸗ moiſelle von Valois, die Tochter des Regenten, geheirathet hatte, wurde wieder in den Beſitz ſeiner Staaten geſetzt; endlich erlangte der Infant Don Philipp die Herzogthümer Parma, Piacenza und Guaſtalla. Der König von Preußen, der den Krieg angefangen hatte, war der, welcher den meiſten Nutzen daraus zog. Er behielt Schleſien, das er erobert hatte, und befand ſich plötzlich durch dieſe Vermehrung von Gebiet, und auch durch die ſtrenge Sparſamkeit Friedrichs I., ſeines Vaters, an der Spitze einer mächtigen Nation. Endlich erlangte der Herzog von Savohen, als Be⸗ lohnung ſeines Bündniſſes mit der Kaiſerin, einen Theil von Malland. Wie man ſieht, hatte der Marquis von Saint⸗Séve⸗ rin, der Geſandte Frankreichs bei dem Congreſſe von Aachen, die Anempfehlungen ſeines Herrn genau befolgt. Ludwig XV. hatte als König, und nicht als Kauf⸗ mann unterhandeln wollen.. Während dieſer Zeit hatte das Unternehmen des Prin⸗ zen Karl Eduard in Schottland ſtattgefunden. Der Tod König Philipp V. von Spanien in Buen⸗ Retiro. Der Tod des Grafen von Bonneval in Conſtan⸗ tinopel. Der Tod des Chevalier von Belle⸗Isle, der bei dem Angriffe des Walles von Exiles fiel. Endlich der des Herrn von Vintimille, Erzbiſcho fes — — 133— von Paris, mit dem uns zu beſchäftigen wir mehrere Male Gelegenheit gehabt haben, und mit dem wir uns ein letztes Mal beſchäftigen. Da das Unternehmen des Prinzen Karl Eduard ſich an unſere Stellung mit England knüpfte, ſo war ſie von Frankreich ermuthigt. Es war eine mächtige Diverſion, welche die Regierung König Ludwig XV. verſuchte. Der von Nantes auf dem Schiffe la Doutelle aufge⸗ brochene, gegen Ende Auguſt auf der Inſel Barra, einer der Hebriden, angekommene Prätendent begab ſich von dort aus, ohne andere Unterſtützung, als ſeinen Namen, ohne andere Fahne, als einen Fetzen von Frankreich mitgebrach⸗ ten Taffets, ohne andere Armee, als ſieben Offiziere, ohne anderes Material, als neun Hundert Gewehre, nach Schott⸗ land, und landete am 25. Juli 1745 in Moidart. Die Männer, welche ihn begleiteten, verdienen, daß ihre Namen durch die Geſchichte aufbewahrt werden. Das Andenken, welches die Nachwelt großen Aufopferungen be⸗ willigt, iſt oft ihre einzige Belohnung; ſo beſchränkt wir auch durch den Raum ſein mögen, ſo werden wir doch die Aufopferung nicht des Preiſes berauben, der ihnen gebührt. Gewiſſe Herzen würden zu unglücklich ſein, wenn ſie, der Undankbarkeit der Könige ſo ziemlich gewiß, auch noch das Vergeſſen des Geſchichtsſchreibers zu fürchten hätten. Dieſe ſieben Männer waren der Marquis von Tulli⸗ bardine, wegen des Antheils geächtet, den er bereits an dem Aufſtande von 1715 genommen hatte; Sir Thomas Shzridan, ehemaliger Erzieher des Prinzen; Sir John Mac⸗Donald, Offizier in ſpaniſchen Dienſten, Sir Francis — —õõ——— 1— 134— Strickland, engliſcher Edelmann, dieſer ſelbe Kellh, der in die Angelegenheit verwickelt war, welche das Complott des Biſchofs von Rocheſter genannt wurde; Oeneas Mac⸗Do⸗ nald, Bankier von Paris; endlich Buchanan, der von dem Kardinal von Tincin beauftragt geweſen war, dem Prin⸗ zen Karl in Rom die Einladung zu überbringen, ſich nach Frankreich zu begeben. Ein achter Diener ſchloß ſich ihm faſt ſogleich nach ſeiner Landung an. Dieſer hieß gleichfalls Mac⸗Donald, nur hat er beſonders für uns Franzoſen einen beſonderen Anſpruch auf Verherrlichung. Er war der Vater unſeres berühmten Marſchalls Mac⸗Donald. Einer der ſieben Edelleute, welche ſich, als die erſten, dem Prinzen Karl anſchloſſen, und die man die ſieben Männer von Moidart nannte, hat eine ſo reizende und ſo ungekünſtelte Beſchreibung von dieſer Landung hinterlaſſen, daß wir uns damit begnügen, ſie zu überſetzen. „Unſere Neugierde, ſagte er, war durch den Anblick der Doutelle erregt worden, die in den Hafen eingelaufen war. Wir eilten daher an das Ufer, um Neuigkeiten zu erfahren. Als die Schaluppe des Schiffes ſah, daß wir Zeichen machten, kam ſie zu uns. Wir wurden auf der Stelle an Bord geführt, und unſere Herzen ſchwammen in Wonne, als wir uns dieſem Prinzen ſo nahe ſahen, deſſen Gegenwart in Schottland ſo ſehr erſehnt war. An Bord angekommen, fanden wir auf dem Verdecke ein gro⸗ ßes, von Stangen getragenes Zelt, unter welchem ſich Weine und Liköre befanden. Dort wurden wir voll Freu⸗ den von dem Marquis von Tullibardine empfangen, den einige unter uns während des erſten Unternehmens vom Jahre 1715 gekannt hatten. „Waͤhrend der Marquis mit uns ſprach, verſchwand Clanranald, welcher, wie wir verſtanden, in die Kajüte des Prinzen gerufen worden war, wo er ohngefähr drei Stunden blieb. Wir erwarteten nicht, Seine Hoheit an dieſem Abende zu ſehen, als eine halbe Stunde nach der Rückkehr Clanranalds zu uns wir einen jungen Mann von dem angenehmſten Aeußern, in einem ganz einfachen ſchwarzen Anzuge, mit einem Hemde ohne Manſchetten und ohne Buſenſtreifen, welches Hemd nicht einmal ſehr ſauber war, einem mit einem ſilbernen Knopfe befeſtigten Hemdenkragen, einer blonden Perrücke, einem Hute ohne Borte mit einem leinenen Bande, von dem ein Ende an dem Knopfe ſeines Rockes befeſtigt war, ſchwarzen Strüm⸗ pfen und kupfernen Schnallen an ſeinen Schuhen, unter das Zelt eintreten ſahen. Sobald ich ihn erblickte, ſchwellte eine Ahnung mein Herz; als er das ſah, ſagte ein Geiſt⸗ licher, Namens Obrian, uns auf der Stelle, daß der junge Mann ein anderer engliſcher Geiſtlicher wäre, der ſeit langer Zeit die Bergbewohner zu ſehen und ſich mit ihnen zu unterhalten wünſchte. „Als dieſer junge Mann eintrat, verbot Obrian, ohne Zweifel, um ſeinen Worten noch mehr Glauben zu ver⸗ leihen, daß irgend Jemand von uns aufſtände. Der junge Geiſtliche grüßte im Eintreten Niemand, und wir ſelbſt grüßten ihn nur aus der Ferne. Der Zufall wollte, daß ich in dem Augenblicke ſtand, als er eintrat. Sei es nun — 136— Zufall, oder ſei es Shmpathie, er kam gerade auf mich zu, ſetzte ſich neben mich, und indem er auf der Stelle wieder aufſtand, ließ er mich an ſeiner Seite auf eine Kiſte ſetzen; indem ich ihn nun nur für einen Fremden oder für einen einfachen Geiſtlichen hielt, obgleich auf dem Grunde des Herzens mir irgend Etwas fortwährend zuflü⸗ ſterte, daß es irgend Jemand von größerer Wichtigkeit wäre, als man es ſagte, ſprach ich mit ihm mit mehr Vertraulichkeit, als ich es hätte thun ſollen. Seine erſte Frage an mich war, ob ich in meinem Koſtüme als Berg⸗ bewohner nicht fröre; ich antwortete ihm, daß ich derma⸗ ßen daran gewöhnt waͤre, daß ich zuverläſſig weit mehr frieren würde, wenn ich es gegen ein ſelbſt weit wärmeres Koſtüm vertauſchte; er lachte von Herzen, als er dieſe Antwort hörte, und erkundigte ſich, wie ich es machte, um mich mit dieſem Anzuge ſchlafen zu legen. Ich erklärte es ihm, aber er machte mir bemerklich, daß ich, indem ich mich ſo gänzlich in meinen Plaid hüllte, im Falle einer Ueberrumpelung, nicht bereit ſein würde, mich ſofort zu vertheidigen. Ich antwortete ihm nun, daß wir im Falle perſönlicher Gefahr oder im Falle des Krieges, eine an⸗ dere Art und Weiſe hätten, unſeren Plaid umzuthun, ſo daß ein Bergbewohner mit einem einzigen Sprunge mit dem bloßen Degen in der einen, und einer geſpannten Pi⸗ ſtole in der andern Hand ſich auf den Füßen befinden könnte, ohne im Mindeſten durch ſeine Decken gehindert zu ſein. Er ſtellte nachher verſchiedene andere ähnliche Fra⸗ gen an mich, dann ſtand er voll Feuer auf, verlangte ein Glas Wein, und Obrian ſagte mir ins Ohr, dem Fremden — 137— Beſcheid zu thun, aber nicht auf ſeine Geſundheit zu trin⸗ ken, was mich in meinen Vermuthungen beſtätigte; als er nun ein Glas Wein genommen, trank er auf unſere Ge⸗ ſundheit in der Runde, und zog ſich einen Augenblick nach⸗ her zurück.“ Man kennt die verſchiedenen Wechſelfälle dieſes thö⸗ richten Unternehmens des Prinzen Karl Eduard, das we⸗ gen ſeiner Thorheit ſelbſt beinabe gelungen wäre. Von dieſen wenigen Männern umgeben, von Lord Lovat unter⸗ ſtützt, durch ohngefähr Hundert Claymores des Clans des Grants von Glenmoriſton verſtärkt, erſtieg er, nachdem er Alles, was ſeinen Marſch hinderte, hatte verbrennen oder zerſtören laſſen, die Teufelstreppe, nahm das Fort William, überrumpelte Perth, zog in Edinburg ein, eilte nach Preſton⸗Pans, wo Sir John Cowe ein Heer zuſam⸗ menzog, jagte dieſes Heer in die Flucht, und fiel mit ſechs Tauſend Fußſoldaten und zwei Hundert und ſechzig Pferden in England ein; bemächtigte ſich Carlisles, drang in das Herz des Reiches, zog durch Mancheſter, und er⸗ reichte Derby; dort angelangt, befand er ſich dreißig Mei⸗ len weit von London; aber man hatte ihm große Auf⸗ ſtände zu ſeinem Gunſten verſprochen, und dieſe Aufſtände fanden nicht ſtatt; aber er hatte auf Menſchen und auf Geld rechnen müſſen, und Geld und Menſchen blieben aus; nun entſtanden Spaltungen in ſeinem Rathe, ſeine Solda⸗ ten fingen an zu murren; er allein bewahrte in Erman⸗ gelung der Hoffnung einen unerſchütterlichen Willen; er wollte gegen London rücken, und kämpfte gegen den ein⸗ ſtimmigen Willen ſeines Heeres, und als er endlich die — 138— Unmöglichkeiteit einſah, weiter zu gehen, kehrte er plöͤtzlich nach Schottland zurück, erreichte es, ohne angegriffen zu werden, zog durch Dumphryes und Glasgow, und ver⸗ vereinigte ſich mit einigen franzöſiſchen und ſchottiſchen Ver⸗ ſtärkungen; hierauf belagerte er Stirling, deſſen Vertheidi⸗ gung dem General Lawlay Zeit verlieh, ein Heer zuſam⸗ menzuziehen. Karl verließ die Belagerung, rückte gegen den Feind, ſtieß bei Falkirk auf ihn, und entriß dem Glücke ein letztes Lächeln; als er hierauf das Herannahen des Herzogs von Cumberland und ſeines Heeres erfuhr, zog er ſich nach Inverneß zurück, und immermehr von den könig⸗ lichen Truppen eingeſchloſſen, war er gezwungen, die merk⸗ würdige Schlacht von Culloden anzunehmen. Man weiß, was das Reſultat derſelben warz von fünf Tauſend Mann, welche das Heer des Prätendenten bildeten, wurden ohngefähr fünfzehn Hundert getödtet. Karl verließ mit einer ziemlich guten Anzahl von Rei⸗ tern das Schlachtfeld; da er aber eingeſehen hatte, daß Alles fuͤr ihn beendigt wäͤre, ſo entledigte er ſich allmälig dieſes ganzen Gefolges. Es war ein Preis von dreißig Tauſend Pfund Sterling auf ſeinen Kopf geſetzt worden, und vielleicht glaubte er, nicht auf eine Treue gleich der rechnen zu können, welche ihm bewahrt wurde. Das Andenken des von den Schotten an Cromwell verkauften Karls 1. fiel ihm ein. Nun begann jene wunderbare Flucht, auf welcher John Hume, in ſeiner Geſchichte der Empörung, und James Roswell, in ſeiner Geſchichte und in ſeiner Reiſe⸗ beſchreibung der Inſeln des Weſtens von Schottland, dem — 139— Prinzen Schritt vor Schritt gefolgt ſind; dieſe Flucht kann ein Gegenſtück zu der des Königs Stanislaus bilden. Von dem Schlachtfelde, und faſt ohne anzuhalten, erreichte der Prinz Gortuley, welches dem Lord Lovat ge⸗ hörte. Sei es nun, daß er ſich dem engliſchen Heere noch zu nahe fand, oder ſei es, daß ihm die Treue ſeines Wirthes zweifelhaft ſchien, er beeilte ſich, das Schloß Inverrary zu erreichen, wo er vor Hunger ſterbend an⸗ kam, und wo zwei Salme, die ein Fiſcher ſo eben ge⸗ fangen hatte, ſein Mahl ausmachten. Das Schloß wurde für dieſe, dem flüchtigen Prinzen gewaͤhrte eintägige Gaſtfreundſchaft ſtreng beſtraft, es wurde von den engliſchen Soldaten geplündert, man ſprengte mit Pulver die beiden Kaſtanienbäume in die Luft, welche ſeinen Eingang beſchatteten. Der eine wurde gänzlich ent⸗ wurzelt, der andere überlebte die Exploſion, eine Hälfte fuhr fort Laub zu geben und vegetirte ſo lange, als das unglückliche Geſchlecht der Stuarts lebte oder vielmehr ſelbſt vegetirte. Was das Silbergeſchirr des Schloſſes an⸗ belangt, ſo wurde ein Theil davon den Händen der Sol⸗ daten überlaſſen, aus dem andern fertigte man eine Schale an, welche lange Zeit das Eigenthum Sir Adolphs Oug⸗ thoa, Generalcommandanten von Schottland, war: ſie trug folgende Inſchrift: Ex praeda Praedatoris. Von Inverrary ging Karl nach Long⸗Island, wo er ein franzöſiſches Schiff zu finden hoffte; aber Alles, ſelbſt die Elemente, ergriffen Partei gegen den Prinzen. Es gibt Augenblicke des Lebens, in denen die todten und regungsloſen Dinge Verſtand und Bewegung zu empfan⸗ — 140— gen ſcheinen, um ein großes Unglück zu ſteigern. Der Sturm verjagte den Flüchtling von Inſel zu Inſel, end⸗ lich gelangte er nach South⸗MUiſt, wo er von Clanranald, einer der ſieben Männer von Moidart, den erſten, den er aufgenommen hatte, aufgenommen wurde. Dort wur⸗ de er mitten in den Bergen bei einem Holzhauer Namens Corrodale untergebracht. Aber ſelbſt dort, faſt an den Gränzen der bewohn⸗ baren Welt, wurde er gewahr, daß er nicht mehr in Sicherheit wäre; der General Campbell landete auf South⸗ Uiſt, verſammelte die Mac⸗Donalds von Skyn und die Mac⸗Leolds von Mac⸗Leold, Feinde des Prinzen und begann an der Spitze von zwei Tauſend Mann die ſorg⸗ fältigſten Nachforſchungen. Nun unternahm und führte eine Frau einen Plan aus, an deſſen Gelingen die tapferſten und die unternehmendſten Männer zu zweifeln begannen. Dieſe Frau war die berühmte Flora Mac⸗Donald, eine Verwandte der Familie Clanranald, welche zu der Zeit, von der wir ſprechen, zum Beſuche in South⸗Uiſt war; ihr Schwiegervater war, wie ihr Name es andeu⸗ tet, Mitglied des Clans des Sir Alexander Mac⸗Donald, dem zu Folge ein Feind des Prinzen; außerdem com⸗ mandirte er die Miliz des Namens Mac⸗Donald, die ſich damals in South⸗Uiſt befand. Trotz den feindſeligen Zurüſtungen ihres Schwieger⸗ vaters zögerte Flora nicht; ſie verſchaffte ſich bei ihm ſelbſt einen Paß für ſie, einen Bedienten und eine junge — 141— Magd, welche ſie, wie ſie ſagte, ihrem Hauſe hinzu⸗ fügte. Dieſe junge Magd war auf dem Paſſe unter dem Na⸗ men Betty Burke bezeichnet. 3 Dieſe Betty Burke ſollte Niemand anders ſein, als der Prinz Karl Eduard. Unter dieſem Namen und unter dieſer Verkleidung ge⸗ langte Karl nach Kilbride auf der Inſel Skye; aber dort befand er ſich noch in dem Sir Alexander Mac⸗Donald gehörigen Bezirke. Flora verdoppelte ihren Muth und ihre Liſt; da ſie ſich indeſſen zu ſchwach fand, ihren Plan allein auszuführen, beſchloß ſie eine Gehülfin anzunehmen, dieſe Gehülfin war die Gattin Sir Alexanders ſelbſt, Ladi Margaretha Mac⸗Donald. Als ſie das Unternehmen erfuhr, in welches ſich ihre Schwiegertochter eingelaſſen hatte, war die erſte Regung der Lady Margaretha ein Gefuͤhl unendlichen Schreckens, aber jene den Frauen ſo natürliche Großmuth des Herzens trug den Sieg über die Befürchtungen ihres Verſtandes davon; ihr Gatte war abweſend, aber das Haus voller engliſcher Soldaten, ſie vertraute dem zu Folge den Prin⸗ zen dem Intendanten des Sire Alexander, Mac⸗Donald von Kingsbourg an; nun mußte man den Prinzen zu dem Intendanten führen, und es war wieder Flora, welche es übernahm, dieſe Schwierigkeit zu heben, ſie reiſte nach Kingsbourg ab, wo ſie den Prinzen abſetzte. Nun begann für den armen Karl Eduard eine andere Reihe von Abenteuern; von Kingsbourg ging er nach Ra⸗ ſa, indem er ſich für den Bedienten ſeines Führers aus⸗ gab; von Raſa erreichte er den Bezirk des Lairds von Mac Kinnon. Aber trotz der Bemühungen dieſes Häupt⸗ lings war er genöthigt, noch ein Mal nach Schottland zurückzukehren; man ſetzte ihn an dem Ufer des Sees von Nevis an das Land. Dort verdoppelten ſich die Gefahren des Prinzen wie⸗ der, eine große Anzahl von Soldaten war damit beſchäf⸗ tigt, dieſen Bezirk zu durchwandern; der Prinz und ſeine Führer befanden ſich daher in ein Netz von Schildwachen eingeſchloſſen, die, ſich einander in ihren Wachen kreuzend, ihm jedes Mittel raubten, in das Innere des Landes zu gelangen; endlich, nach zwei ſo zugebrachten Tagen, ohne daß man es ein einziges Mal gewagt hätte Feuer anzu⸗ zünden, um ihre Nahrungsmittel zu kochen, entſchloß er ſich, den Durchgang zwiſchen zwei feindlichen Poſten zu verſuchen. Während einer Stunde waren der Prinz und ſeine Begleiter genöthigt, wie Schlangen in einem ſchmalen und dunklen Engpaſſe zu kriechen; dann, nach einer Stunde der Angſt hatte man die erſte Linie überſchritten. Indem ſie von dem lebten, was ſie der Zufall an⸗ treffen ließ, und zuweilen vier und zwanzig Stunden ohne zu eſſen, ohne Feuer, ohne Obdach, kaum mit den in Fetzen zerfallenden Kleidern bedeckt blieben, erreichte der unglückliche Prinz endlich die Berge von Strath⸗Glaß mit dem letzten Begleiter, der ihm übrig blieb; indem er nun nicht wußte, was er anfangen, wohin er gehen ſollte, ging er in eine Höhle, von der er wußte, daß es die Zufluchtsſtätte einer Räuberbande wäͤre. — 143— Dieſe Räuber waren in der Zahl von ſieben; ſie wa⸗ ren faſt Alle ehemalige Anhänger des Prinzen, er gab ſich ihnen zu erkennen, und ſie fielen vor ihm auf die Kniee. 1 Dort entſtand für Karl Eduard eine augenblickliche Raſt der Leiden. Niemals wurde ein König, niemals der Häuptling eines Clans, niemals der Eigenthümer eines Schloſſes mit einem Eifer und einer Achtung gleich der bedient, welche der Flüchtling unter ſeinen neuen Gefähr⸗ ten fand. Nur bedienten ſie ihn nach ihrer Weiſe und begriffen die Vorwürfe des Prinzen nicht, wenn ihr Eifer für ihn zu weit ging. Es fehlte dem Prinzen an zwei Dingen, für welche er faſt gleiches Bedürfniß empfand. An Kleidern und an Nachrichten. Die Räuber ſorgten für die Kleider, indem ſie ſich an der Straße in den Hinterhalt legten, auf welcher der Be⸗ diente eines Officiers vorüberkommen mußte, der ſich mit dem Gepäck ſeines Herrn nach dem Fort Auguſt begab, und indem ſie dieſen Diener umbrachten. Und als der Prinz Karl ſein Bedauern ausdrückte, ſeine Kleider einer ſolchen That verdanken zu müſſen, antworteten ſie: — Mein Prinz, es iſt ſehr viel Ehre für einen Elenden, wie dieſen da, für eine ſolche Sache zu ſterben. Was die Nachrichten anbetrifft, ſo verkleidete ſich ei⸗ ner von ihnen und drang in das Innere des Fort Auguſt; dort erlangte er beſtimmte Auskünfte über die Bewegun⸗ gen der Truppen, und um dem Prinzen etwas Gutes — 144— zu thun, brachte er ihm bei ſeiner Zurückkunft ein Stück Honigkuchen für einen Sou mit. Karl Eduard blieb drei Wochen bei ihnen, der ein⸗ zige Wunſch dieſer wackeren Leute war, daß er immer bei ihnen bliebe, und ohne allen Zweifel wäre ihre Ergeben⸗ heit immer die geblieben, was ſie während dieſer drei Wochen war. Aber es trug ſich ein außerordentliches Beiſpiel von Aufopferung zu, welches der Flucht des Prinzen einen minder gefährlicheren Weg eröffnete. Der Sohn eines Goldſchmidts von Edinburg, Na⸗ mens Roderic Mackenzie, der Officier in dem Heere Karl Eduards geweſen war, und der alle die Gefahren kannte, welche den flüchtigen Prinzen umgaben, war in den Braes von Glenmoriſton verſteckt; er war ein junger Mann von dem Alter des Prinzen, von der Größe des Prinzen, und durch einen ſeltſamen Zufall dem Prinzen täuſchend ähnlich. Eine Abtheilung Soldaten entdeckte ei⸗ nes Tages Roderic Mackenzie und griff ihn an; nun hatte der junge Mann einen erhabenen Einfall der Aufopferung, nämlich ſeinen Tod der Partei nützlich zu machen, der er ſein Leben gewidmet hatte; nachdem er ſich auf das äußer⸗ ſte vertheidigt, bot er den Soldaten ſeine Bruſt, indem er ausrief: — Elende, Ihr werdet Euren Fürſten umbringen! Bei dieſen Worten war keine Gnade mehr möglich, die Soldaten glaubten mit Karl Eduard zu thun zu ha⸗ ben, und der Kopf Karl Eduards war dreißig Tauſend Pfund Sterling werth; der falſche Prinz wurde getödtet, — 145— und der von den Schultern getrennte Kopf nach London geſandt. Ein Monat verfloß, bevor der Irrthum entdeckt wurde, einen Monat lang hielt man den Prinzen für todt, und hörte dem zu Folge auf, ihn zu ſuchen. Karl Eduand benutzte dieſe Friſt, um Abſchied von ſeinen ge⸗ treuen Räubern zu nehmen, und um in Badenoch zwei ſeiner treuen Anhänger: Cluny und Lochiel zu erreichen. Endlich, gegen den 18, September des Jahres 1746, erfuhr Karl die Nachricht, daß zwei franzöſiſche Fregat⸗ ten in Lochlannagh in der Abſicht angekommen wären, ihn und die Flüchtlinge ſeiner Partei aufzunehmen. Am 20. ſchifften ſich Karl Eduard und Lochiel auf den beiden Fregatten ein; ihnen waren ohngefähr Hun⸗ dert Parteigänger vorausgegangen, welche eine Zuflucht an ihrem Bord geſucht hatten. Endlich landete der Prinz am 29. September bei Morlaix in der Bretagne; dreizehn Monate waren ſeit ſeiner Abreiſe von Frankreich verfloſſen, und unter dieſen dreizehn Monaten hatte er fünf zwiſchen Leben und Tod zugebracht. Einer der beiden Räuber, welche dem Prinzen aus der Höhle, in welcher er eine Zuflucht gefunden hatte⸗ bis nach Badenoch begleitet hatte, wo er zu Cluny und Lochiel gegangen war, wurde ſpäterhin in Inverneß da⸗ für gehangen, daß er eine Kuh geſtohlen hatte. Dieſer Mann, der eine Kuh für fünfzehn Franken ſtahl, hatte es verſchmäht, als Preis eines Verrathes Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 10 — 146— die dreißig Tauſend Pfund zu erkaufen, welche der Kopf ſeines Gaſtes werth war. Nach Frankreich zurückgekehrt, wurde Karl Eduard, durch den Frieden von Aachen aus ihm vertrieben. In dem Augenblicke verhaftet, wo er ſich in die Oper begab, nach Vincennes vielleicht in daſſelbe Zimmer geführt, in welches fünfzig Jahre ſpäter der Herzog von Enghien ge⸗ führt werden ſollte, zog er ſich anfangs nach Bouillon, nachher nach Rom zurück, wo er ſich an die Gräfin von Albany anſchloß, die noch berühmter durch ihre Liebſchaft mit dem Dichter Alfieri, als durch ihre Verbindung mit dem vorletzten Nachkommen der Stuarts, war. Karl Eduard hatte viel gelitten und hatte dem zu Folge nöthig, viel zu vergeſſen. War es deshalb, oder um den letzten königlichen Geſchlechtern eine Warnung zu geben, daß Gott wollte, daß er ſich während der letzten Jahre ſeines Lebens einer beſtaͤndigen Trunkenheit hingab? Er ſtarb in Florenz am 31. Januar 1788. Der Monat Januar iſt für die Bourbons und für die Stuarts verhängnißvoll. Der letzte der Stuarts, der Kardinal von Jorck, ſtarb in der Hauptſtadt der Chriſtenheit im Jahre 1808. Ein und daſſelbe Monument bedeckt die Aſche der beiden Brüder, die in dieſem unermeßlichen Muſeum be⸗ rühmten Staubes vereinigt waren, das man Rom nennt. Der Tod Philipps V., den wir in dem Laufe des Kapitels gemeldet haben, brachte keine Veränderung in Europa hervor; ſein Sohn, der Prinz von Aſturien, — 147— folgte ihm unter dem Namen Ferdinand VI.; das war Alles. Was den Tod des Grafen von Bonneval anbelangt, ſo war er die Vervollſtändigung des vielleicht abenteuerlich⸗ ſten Lebens, das die Geſchichte jemals den Launen des Romans entliehen hat. Am 14. Juli 1675 geboren, in einem Collegium der Jeſuiten erzogen, im Alter von zwölf Jahren in die Ma⸗ rine eingetreten, wäre Claudius Alexander, Graf von Bonneval, beinahe durch den Kriegsminiſter, Marquis von Seignelai, welcher, als er die Marinegarde die Muſterung paſſiren ließ, in ihm nur ein Kind ſah, ab⸗ gedankt worden. — Man dankt Leute meines Namens nicht ab, Herr Miniſter, ſagte der junge Mann ſtolzer Weiſe. Der Miniſter ſah ein, mit wem er es zu thun hätte. — Doch, mein Herr, man dankt ſie ab, wenn ſie gemeine Marinegardiſten ſind, antwortete er, aber um aus ihnen Schiffsfähndriche zu machen. Die Schlachten von Dieppe, von La Hogue und von Cadix bewieſen, daß ſich weder der Graf von Bonneval noch Herr von Seignelai geirrt hatten. Ein Ehrenhandel ließ den Grafen von Bonneval aus der Marine austreten; er kaufte im Jahre 1698 eine Stelle in dem Garderegiment. Im Jahre 1701 erlangte er das Infanterie Regiment La Tour; aber im Jahre 1704 entzweite er ſich mit Herrn von Chamillard, ver⸗ langte von dem Herzoge von Vendéme einen Urlaub, ver⸗ wandte den Winter 1705 auf 1706 dazu iin Italien zu — 148— reiſen, befreundete ſich mit dem Marquis von Langallerie, der aus dem franzöſiſchen Dienſte in den des Kaiſers übergegangen war. Lange zögerte er, dieſem Beiſpiele zu folgen. Als endlich der Prinz Eugen, der ihn in den franzöſiſchen Reihen bei der Schlacht von Luzzara bemerkt hatte, einen Schritt gethan, gab er nach, und nahm den Rang als Generalmajor unter den öſterreichiſchen Trup⸗ pen an; von dieſem Augenblicke an wurde dieſer wunder⸗ volle Muth dem Dienſte des Auslandes gewidmet. In Turin zeichnete er ſich bei dem Angriffe der Linien aus, wo er das ſeltſame Glück hatte, ſeinem Bruder, den Mar⸗ quis von Bonneval, das Leben zu retten, den er plötzlich in Mitte der ungariſchen Bajonnette erkannte, ohne daß er nur wußte, daß er gegen ihn kämpfte; von dieſem Au⸗ genblicke an fand man Herrn von Bonneval überall. Der Erſte bei der Einnahme von Alexandrien, einer der Er⸗ ſten bei dem Sturme des Schloſſes von Tortona. In dem Kirchenſtaate, wo ihm ein Arm zerſchmettert wurde; in Savohen, in der Dauphine, in Flandern; im Jahre 1714 wohnte er der Zuſammenkunft des Prinzen Eugen und des Marſchalls von Villars in Raſtatt bei, im Jahre 1715 wandte er ſich gegen die Türkei, trug zu dem Ge⸗ winne der Schlacht von Peterwardein bei, wo er einen Lanzenſtich in den Unterleib erhielt, der ihn zwang, wäh⸗ rend ſeines ganzen übrigen Lebens eine Bandage von Ei⸗ ſen zu tragen. Im Jahre 1720 entzweite er ſich mit dem Prinzen Eugen, wie er ſich mit Chamillard entzweit hatte, ging nach der Türkei, wo er den Turban nahm, errich⸗ tete die türkiſche Artillerie, wurde Paſcha, zeichnete ſich im Jahre 1739 in dem Kriege gegen die Kaiſerlichen aus; endlich ſtarb er in Conſtantinopel am 22. März 1747 im Alter von 72 Jahren, und wurde auf dem Friedhofe von Péra begraben, wo man noch heut zu Tage ſein Grab an folgender türkiſcher Inſchrift erkennen kann: „Gott iſt ewig, möge der bei den wahren Gläubigen glorreiche und große Gott dem verſtorbenen Aemeth, Pa⸗ ſcha, Commandant der Bombardire, Frieden verleihen, im Jahre der Hegira, 1160.“ Das Jahr der Hegira 1160 iſt dem Jahre 1747 der chriſtlichen Zeitrechnung gleich. Es bleiben uns noch einige Worte über den Tod des Chevalier von Belle⸗Isle und über den des Herrn von Vintimille, Erzbiſchof von Paris, zu ſagen übrig. Der im Jahre 1739 geborene Chevalier von Belles Isle, der beſtändig zu der Verherrlichung ſeines Bruders, des Marſchalls von Belle⸗Isle, alles das verwandt hatte, was er an Talenten und an Kenntniſſen beſaß, übertraf ihn nach der Ausſage vieler Leute durch das Umfaſſende ſeiner Anſichten und die Gründlichkeit der Pläne; er war es, der an den Memoiren des Grafen arbeitete, der die Pläne vorbereitete, und der über die Führung der häus⸗ lichen Angelegenheiten wachte. Er wurde auf eine tapfere Weiſe bei dem Angriffe der Verſchanzungen von Exiles, und in guter Geſellſchaft getödtet. Die Herrn Darnant, von Goas, von Grille von Brienne und von Donges fielen um ihn herum. Was Herrn von Vintimille anbetrifft, den wir in dem Streite der Janſeniſten und der Moliniſten eine polis — 150— tiſch⸗religiöſe Rolle, und eine Privatrolle in der Liebſchaft ſeiner Nichte mit Ludwig XV. haben ſpielen ſehen, ſo ſtarb er, nicht ohne Religion, aber in dem Zweifel, was für ſeine Beichtkinder ein ziemlich trauriges Beiſpiel war; als daher der Abbé von Harcourt, der ihm bei dem Tode ermahnte, ihm die Wahrheiten der Religion bewei⸗ ſen wollte, hörte ihn Herr von Vintimille anfangs mit vieler Geduld an; als er aber ſah, daß ſich die Rede in die Länge zöge, ſagte er, indem er ihn unterbrach: — Herr Abbé, ich glaube, daß es jetzt genug iſt; aber was es bei alle dem am Gewiſſeſten iſt, iſt, daß ich als Ihr Diener und Ihr Freund ſterbe. VII. Die koͤnigliche Familie.— Die Beinamen der Töchter des Kö⸗ nigs.— Choiſy und Trianon.— Etikette.— Das Ko⸗ ſten der Gerichte.— Der Eintritt.— Die Aemter.— Die Gemüſehändlerin des Schloſſes und der Gouverneur.— Die Geſellſchaft der Königin.— Das Spiel des Königs.— Das Abendeſſen.— Der Koch des Königs.— Der Herr Dauphin.— Seine Kindheit.— Schmeicheleien, mit denen man ihn überhäuft.— Stolz des jungen Prinzen.— Witz des Dauphins an die Königin.— Veränderung ſeines Charakters.— Muth.— Herr von Fleury.— Heirath des Dauphin.— Frau von Pompadour.— Herr Poiſſon.— Die Verabſchiedung Orrys.— Glück der Marquiſe.— Die Pariſer.— Die Feſte der Frau von Pompadour. Zu der Zeit, zu welcher wir gelangt ſind, das heißt ohngefähr gegen die Mitte der Regierung Ludwig XV., hatte er acht Kinder von der Königinz von ſeinen Mai⸗ — 152— treſſen, ausgenommen dem halben Ludwig, hatte er niemals welche gehabt, und wollte beſonders keine haben, da die Baſtarde Ludwigs XIV. eine große Lehre für ſeine Jugend geweſen waren. Dieſe Kinder waren: der Daupin, am 4. September 1729 geboren. Der Herzog von Anjou, am 30. Auguſt 1730 in Verſailles geboren, und 1733 geſtorben. Louiſe Eliſabetha von Frankreich, mit Don Philipp verheirathet, geboren am 14. Auguſt 1727. Anna Henriette, Zwillingsſchweſter von Louiſe Eli⸗ ſabetha. Maria Adelaide, bekannt unter dem Namen Madame Adelaide, geboren am 23. März 1732. Victoire Louiſe Maria Thereſia, am 11. Mai 1733 geboren. Sophie Philippine Eliſabeth, am 27. Juli 1734 ge⸗ boren. 2 Louiſe Maria, am 15. Juli 1735 geboren. Angenommen, daß wir zu dem Anfange des Jahres 1750 gekommen ſind, ſo iſt der König alſo 40 Jahre alt; die Königin iſt 47 alt, der Dauphin 21, die Zwillingsſchwe⸗ ſtern 23, Madame Adelaide 18, die Prinzeſſin Victoire 17, die Prinzeſſin Sophie 16, endlich die Prinzeſſin Louiſe 13 Jahre alt. Die Prinzeſſinnen, mit Ausnahme von Madame „Adelaide, Louiſe Eliſabeth, die mit Don Philipp verheira⸗ thet war, lebten unter Vormundſchaft ihrer Mutter. — 153— Die Charatere aller dieſer Prinzeſſinnen waren ſehr verſchieden; einige waren ziemlich ſonderbar. Madame war gütig, ohne Leidenſchaft, bedachtſam, ſchüchtern und ſittſam; ſie gefiel ſich ſehr in der Geſell⸗ ſchaft der faſt hundertjährigen Frau von Vantadour, wel⸗ cher ſie alle Anekdoten von dem Hofe Ludwigs XIV. er⸗ zählen ließ. Madame Adelaide war im Gegentheile ſehr entſchloſ⸗ ſen; ſie hatte das ganze Benehmen eines Mannes, ſpielte Violine, ritt und liebte die Jagd. Ihr Wunſch war im⸗ mer geweſen, ein Mann zu ſein und Krieg zu führen. Als ganz kleines Kind ſagte ſie: „Ich weiß nicht, warum man ſo ſehr einen Herzog von Anjou wünſcht; man braucht mich nur zum Herzog von Anjou zu machen, und man wird ſehen, weſſen ich fähig bin.“ Im Alter von dreizehn Jahren war es ihr, indem ſie mit der Königin Cavagnole ſpielte, gelungen, ihr vierzehn Louisd'or zu entwenden. Am folgenden Tage begegnete man ihr, wie ſie die Thüren öffnete und Verſailles zu ver⸗ laſſen ſuchte, um ihre Kriegsrüſtung zu kaufen. — Wo gehen Sie hin, Prinzeſſin? fragte ſie eine ih⸗ rer Frauen, indem ſie ſie zurückhielt. — Wo ich hingehe? antwortete Madame Adelaide; ich gehe, mich an die Spitze der Armee von Papa König zu ſtellen, ich werde die Feinde ſchlagen und den König von England als Gefangenen nach Verſailles führen. — Und wie werden Sie einen ſolchen Plan allein ausfuͤhren, Prinzeſſin? — 154— — Ich bin nicht allein; ich habe einen Mann zum Verbündeten, dem ich eine Stelle am Hofe habe erlangen laſſen, und der mir verſprochen hat, mit mir zu gehen. Dieſer Mann, welcher der Verbündete von Madame Adelaide war, war ein Knabe von 15 Jahren, den ſie oft in dem Walde von Lagny ſah.. Die Stelle, welche ſie für ihn am Hofe erlangt hatte, war die eines Eſelhirten der Prinzeſſinnen. Mit Gewalt in ihrer Wohnung zurückgehalten, hatte Madame AOdelaide ein anderes Mittel gefunden, um Eng⸗ land zu vernichten. Am ſelben Abend legte ſie dieſes Mit⸗ tel der Geſellſchaft des Hofes vor. — Ich werde, ſagte ſie, die angeſehenſten Engländer, einen nach dem andern kommen laſſen, um bei mir zu ſchlafenz ſie werden ſich dadurch ſehr geehrt halten, und wenn ſie eingeſchlafen ſind, werde ich ſie alle nacheinander umbringen. Das von der jungen Prinzeſſin vorgeſchlagene Mittel machte, wie man wohl begreifen wird, ein großes Glück; nur machte Frau von Tallard Madame Adelaide bemerk⸗ lich, daß eine Feigheit darin läge, alle dieſe Herren auf dieſe Weiſe ſterben zu laſſen. — Ah! antwortete Madame Adelaide, wie ſollte ich es ſonſt anfangen, da Papa die Duelle verbietet? Was Madame Victoire anbelangt, welche, wo nicht weniger verliebte, doch zum Mindeſten mehr friedliche Nei⸗ gungen hatte, ſo war ſie eine ſchöne Perſon mit liebens⸗ würdigem Geſichte, dunkler Haut, ſchönen und großen Augen, und ſie glich zugleich dem Könige, dem Dauphin — 155— und der Infantin; der König liebte ſie mehr, als ihre an⸗ deren Schweſtern, der König liebte ſie, wie man ſagte, mehr, als ein Vater ſeine Tochter lieben darf, und aus dieſem übertriebenen Gefühle läßt die ſcandalöſe Chronik Herrn von Narbonne entſtehen. Madame Sophie, welche nach Madame Victoire kam, war ſehr weiß, und der obere Theil ihres Geſichtes war dem Könige vollkommen ähnlich. Madame Louſſe, die letzte, war ſehr klein; aber ſie hatte viel Phyſiognomie, war lebhaft und luſtig, und ließ in kei⸗ ner Weiſe vermuthen, daß ſie eines Tages den Schleier nehmen ſollte. Die Infantin ſollte im Jahre 1759 ſterben. Madame Anna im Jahre 1752. Endlich ſollten Madame Adelaide, Victoire und Sophie unverheirathet bleiben. Dieſe drei Prinzeſſinnen ſind es, welche der König ihr Vater, im vertraulichen Umgange mit drei wenig poeti⸗ ſchen Namen getauft hatte: Locque, Chiffe und Graille, Dieſer ganze Hof des Königs, des Dauphins und der Königin war, wenn man ſich in Verſailles befand, einer ungeheuren Etikette unterworfen. Deshalb liebte der König Choiſy, und die Königin Trianon ſo ſehr. Eines der ernſteſten Dinge dieſer Etikette war das Koſten der Gerichte. Im Jahre 1750 gab es bei jeder großen Tafel fünf dienſthabende Cavaliere, von de⸗ nen der eine ſich an die Tafel ſtellte, und in ſeiner Gegen⸗ wart das Koſten durch einen Mundkoch anbefahl. Dieſes Koſten erſtreckte ſich über Alles, Waſſer, Weine, Braten, Ragouts, Brod und Früchte. Es fand, wie man ſieht, ein großer Unterſchied zwi⸗ ſchen dieſen Feſteſſen und den kleinen Mahlzeiten von Choiſy, mit ganz gedeckten aus dem Fußboden hervorkom⸗ menden Tiſchen und dem von den Pagen der kleinen Ställe verſehenem Dienſte ſtatt.— Eine andere, nicht minder ſtreng, als die des Ko⸗ ſtens beobachtete Etikette, war die des Eintrittes. Die große Thür war den Edelleuten vorbehalten. Das, was man einen Gemeinen nannte, wäre es auch Chevert oder Voltaire geweſen, war genöthigt, durch die kleinen Thüren einzutreten. Wir werden ſehen, wie Voltaire durch die großen Thüren eintrat. Die Vertheilung der Aemter, welche machte, daß Nie⸗ mand etwas anderes, als das thun wollte, was ihm ge⸗ nau durch die Statuten ſeiner Stelle auferlegt war, war zuweilen eine außerordentliche Verlegenheit. So erblickte eines Tages die Königin, indem ſie in dem Prunkzimmer auf und abging, ein wenig Staub auf ihrem Bette, und zeigte ihn der Frau von Luynes. Frau von Luhnes ließ den Kammerdiener, Tapezirer der Königin holen, damit er dieſen Staub dem Kammer⸗ diener, Tapezirer des Königs, zeigte. Der Kammerdiener, Tapezirer des Königs, behauptete, daß dieſer Staub ihn nichts anginge, weil die Tapezirer des Königs in der That das gewöhnliche Bett der Königin machen, aber daß ſie das Paradebett nicht berühren können, — 157— welches als ein Möbel angeſehen wird, wenn die Königin nicht darin ſchläft. Da nun aber die Königin nicht in ih⸗ rem Parabette ſchlief, ſo ging der Staub die Herren Be⸗ amten des Gardemöbel an. Man brauchte zwei Monate, ohne denjenigen zu fin⸗ den, der das Amt hatte, den Staub abzukehren; endlich ſtäubte ihn die Königin nach Verlauf von zwei Monaten ſelbſt mit einem Fächer von Federn ab. Dieſe Verdrießlichkeiten verfolgten die arme Königin bis nach Trianon, wo ſie oft Mittageſſen mit ihren Da⸗ men hatte, und die Abende in kleiner Geſellſchaft zubrachte. Eines Tages erhob ſich ein ernſter Streit zwiſchen den Ge⸗ müſehändlern und dem Gouverneur des Schloſſes, unter⸗ brach ihre Feſte und verhinderte die Königin, zwei Jahre lang dort zu Nacht zu eſſen. Die Gemüſehändlerin be⸗ hauptete gegen die Anſicht des Gouverneurs, daß es ihr zuſtände, die Kerzen zu liefern, der Gouverneur wollte ſei⸗ nerſeits dieſes Recht genießen, und um Niemand zu belei⸗ digen, ging die Königin einſtweilen nicht mehr nach Tria⸗ non, oder ging nur noch am Tage hin und aß dort nicht mehr zu Nacht. Nichts war übrigens trauriger, als dieſe Häuslichkeit der armen Königin. Ihre gewöhnliche Geſellſchaft war der Kardinal und die Herzogin von Luynes, dann der Präſi⸗ dent Hénault und der Vater Griffet. Da fand keine Eti⸗ kette mehr ſtatt; Jedermann ſetzte ſich, und da die Unter⸗ haltung im Allgemeinen wenig belebt war, ſo ſchlief oft die Hälfte der Geſellſchaft, während die andere ihr zuſah, wie ſie ſchlief. — 158— Der Herzog von Luynes war der größte Schläͤfer und der ſtummſte der Geſellſchaft; die Königin nannte ihn da⸗ her ſpottweiſe Herr Tintamarre(Lärmmacher). Der König ſeinerſeits führte ein ganz anderes Leben. Seine ausſchweifenden Neigungen entwickelten ſich in dem Maße, als er in das Leben eintrat; zuvörderſt verfloſſen wenige Tage, ohne daß man nicht ſehr hohes Spiel ſpielte, indem der König ſo ſpielte, um an einem Abende drei bis vier Tauſend Louisd'or zu verlieren oder ſeine Gegner ver⸗ lieren zu laſſen. Wenn der König ſie gewann, ſo legte er ſie in ſeine geheime Kaſſe; wenn der König ſie verlor, ſo nahm man ſie aus der Staatskaſſe. Dieſe Neigung zum Spiel er⸗ ſtreckte ſich ſpäterhin von dem grünen Teppich auf Handels⸗ unternehmungen. Sobald das Spiel beendigt, aß man zu Nacht; der König trank viel, und beſonders Champagner; dann, ſobald er einmal berauſcht war, blieb er in den Händen der Frau von Pompadour, welche bis zum folgenden Morgen das aus ihm machte, was ſie vermochte. Der König hatte einen vortrefflichen Koch, der alle Vorſchriften ſeiner Kunſt nicht allein aus den beſten gaſtro⸗ nomiſchen Büchern und bei den beſten Meiſtern in der Gaſtronomie, ſondern auch bei den erfahrenſten Aerzten die nicht minder wichtige Kunſt gelernt hatte, ſtärkende Ge⸗ richte zu bereiten, mit deren Hülfe es dem Könige gelang, jene ausſchweifenden Nächte zu verewigen, von denen der Herzog von Orleans das Beiſpiel gegeben hatte. Außerdem beſuchten der König, die Prinzen und ihre — 159— Günſtlinge während des Carnevals nicht allein die Maskenbälle, ſondern auch die Straßen von Paris und von Verſallles. Was den, wie wir geſagt haben, einundzwanzigjähri⸗ gen Dauphin anbelangt, ſo war er unter den ſeltſamſten, und zuweilen lächerlichſten Schmeicheleien erzogen worden. Wie die heilige Maria Alocoque, welche nach der Ausſage ihres Geſchichtsſchreibers im Alter von vierzehn Monaten den größten Abſcheu gegen die Sünde zeigte, ſo gewährte der Herr Dauphin im Alter von ſechs Jahren die größten Hoffnungen.— Gnädiger Herr,— ſagte im Jahre 1731 der Herr Erzbiſchof von Crillon zu ihm— die Geiſtlichkeit achtet in Ihnen das erlauchteſte Blut, das es jemals gab, und in dem Sie die hohen Tugenden geſchöpft haben, welche Sie eines Tages an das Licht treten laſſen werden.— So antwortete der junge Prinz, als man ihm ſagte, daß der Herzog von Chatillon, ſein Hofmeiſter, bei den großen Feierlichkeiten genöthigt wäre, ihn knieend zu bedienen: — Und warum nicht immer? Selbſt die Strafen waren ſo eingerichtet, um dieſen ſtolzen Charakter noch zu ſteigern. So ward dieſer könig⸗ liche Knabe, den die Etikette würde ermüdet haben, für ſeine Vergehen durch Unterlaſſung der Etikette beſtraft. Hatte er irgend einen großen Fehler begangen, ſo ſandte man ihn mit einem einzigen Diener in die Meſſe; war es ein ungeheurer Fehler, ſo verbot man der Wache auf ſei⸗ nem Wege, die Waffen zu ergreifen. Bis zum Alter von zwölf Jahren war daher der Herr Dauphin eines der unangenehmſten kleinen Weſen, die man ſehen konnte.— Böſes Kind, ſagte ſeine Mutter — 160— zu ihm, Sie werden mir eines Tages vielleicht viel Kum⸗ mer machen. Der Knabe wandte ſich nach ihr um. — und dennoch, Madame, geben Sie zu⸗ daß es Ih⸗ nen ſehr leid ſein würde, mich nicht zu haben, beſonders ſeit dem Tode des Herrn Herzogs von Anjou. Die Antwort zeigte von keinem guten Gemüthe, aber ſie zeigte zum Mindeſten einen ſcharfblickenden Verſtand. Mit zwölf Jahren begann ſein Charakter weit be⸗ dachtſamer zu werden, und man konnte bei dem jungen Prinzen eine gewiſſe Kraft erkennen, an welcher der Wille den größten Antheil hatte. Von einer Geſchwulſt an dem untern Theile der rechten Wange gequält, hielt man es für nothwendig, ſie zu öffnen, und La Peyronnie machte einen Einſchnitt von der Mitte der Wange bis zum Kinn. Der König ward unwohl, und man war genöthigt, ihm Salze riechen zu laſſen; aber der Dauphin blieb unerſchüt⸗ terlich, und hielt die Operation ohne alle Klage und ohne einen Seufzer aus. Einige Tage nachher benachrichtigte ſein Zahnarzt Herrn von Chatillon, daß er dem Prinzen einen Backenzahn an der Seite der Wunde ausreißen müßte. Der Prinz verlangte einige Zeit, um ſich zu entſchließen, und ſobald er einmal entſchloſſen war, rief er ſelbſt den Zahnarzt und hielt die Operation aus, ohne eine Miene zu verziehen. Einige Tage nachher riß man ihm einen zweiten, dann einen dritten aus, und er ertrug den Schmerz mit derſel⸗ ben Gleichgültigkeit. Eines Tages ſpielte der Kardinal von Fleury mit ihm, *£ — 161— ihm, wie er mit Ludwig XV. als Kind geſpielt hatte, und ſagte zu ihm: — Kann man, gnädiger Herr, wohl auf dieſe Freund⸗ ſchaft rechnen, welche Sie mir jetzt bezeigen? Wie man verſichert, ſind die Freundſchaften der Fürſten von nicht langer Dauer. — Sie haben indeſſen, antwortete der Dauphin, indem er ſich nach dem Kardinal umwandte, ein ziemlich gutes Fenſter in dem Herzen des Königs erhalten, ſo daß Sie ſich nicht zu beklagen haben. Als der Dauphin im Alter von 13 Jahren ſich in Verſailles, und der Herzog von Chatillon in Paris be⸗ fand, beluſtigte ſich der Dauphin damit, den Tod der Czarin durch Vergiftung zu erfinden. Er hatte die Urſa⸗ chen dieſer Vergiftung, das Intereſſe, welches die ruſſiſchen Großen, die er derſelben beſchuldigte, gehabt hätten, ſie zu begehen, und die Veränderungen auseinandergeſetzt, welche dieſer Todesfall in Europa herbeiführen könnte; ſo daß dieſe falſche Nachricht für wahr gehalten wurde, da ſo viele hiſtoriſche Umſtände ihr Wahrſcheinlichkeit verliehen. Herr von Chatillon ſandte den Brief des Dauphins als officielle Nachricht an Caveau. Am folgenden Tage wurde man von dem Scherze unterrichtet.. Als er mit fünfzehn Jahren wußte, daß eine Hof⸗ dame zu Oſtern nicht zum Abendmahle gegangen wäre, näherte er ſich ihr und fragte ſie: — Sie haben gebeichtet, Madame? — Ja, gnädiger Herr.. Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 11 — 162— — Sie ſind eine laue Katholikin, Madame, wer iſt Ihr Beichtvater? — Es iſt ein Franziskaner, ſagte die Dame ganz ver⸗ wirrt. — Sie würden beſſer thun, einen Miſſionaͤr der Ka⸗ pelle zu haben, erwiderte der Prinz; er würde ſtrenger ſein. — Und er entfernte ſich mit derſelben Miene, wie es Lud⸗ wig XIV. unter ähnlichen Umſtänden gethan hätte. Als die Rede davon war, ihn die Infantin Maria Thereſia von Spanien heirathen zu laſſen, war der Dau⸗ phin vierzehn Jahre alt, und hatte noch keine Frau ge⸗ kannt; er ſprach daher auch beſtändig von ſeinen Plänen für Spaziergänge und Reiſen mit der Frau Dauphine. — Gut, ſagte Madame Adelaide zu ihm, ſprechen Sie von Ihrer Frau, rühmen Sie ihre ſchöne Geſichts⸗ farbe, ihre edle Miene, ihre weiße Haut. Sie hat rothe Haare. — Man hat mir verſichert, daß ſie einen guten Cha⸗ rakter hätte, antwortete der Dauphin, und das genügt mir. Eines Tages ſagte er zu einem ſeiner Freunde: — Wenn ich jemals König bin, ſo werde ich Saint⸗ Germain bewohnen und dort bauen laſſen, indem ich dabei die Gebäude zu benutzen trachte, welche bereits dort ſind. — Gnädiger Herr, antwortete ihm der, an den er ſich richtete, dieſer Plan vereinigt ſich nicht recht mit einem andern Plane, den Eure Hoheit am Herzen hat, nämlich den Ihre Völker zu erleichtern. — 163— — Es iſt gut, ſagte der Dauphin, ich werde das über⸗ legen, was Sie mir ſo eben geſagt haben. Am folgenden Tage kehrte er zu ſeinem Freunde zurück. 3 — Sie haben Recht, ſagte er zu ihm, man baut im⸗ mer mehr, als man will, und weit theurer, als man kann. Ich habe über das nachgedacht, was Sie mir geſtern ge⸗ ſagt haben, und ich gebe Ihnen mein Wort, niemals zu bauen. Der Dauphin war ein großer Freund von der Jagd; aber er hatte das Unglück gehabt, Herrn von Chambon zu tödten, und tröſtete ſich niemals darüber. Die Frau des Herrn von Chambon war ſchwanger zurückgeblieben. Er ſtand bei dem Kinde Gevatter, und durch die Regung ſeines Herzens fortgeriſſen, verletzte er gegen das Kind ich weiß nicht welche Förmlichkeit, welche man wieder herſtellen wollte, indem man zu ihm ſagte: — Gnädiger Herr, das iſt nicht Gebrauch. — Aber wie mir ſcheint, antwortete der Dauphin bitter, iſt es gleichfalls nicht Gebrauch, den Vater eines Kindes und den Gatten einer Frau zu tödten. Seit fünf Jahren verheirathet, hatte der Dauphin beſtändig als guter und rechtſchaffener Gatte gelebt. Wie wir geſagt haben, fürchtete daher auch Frau von Pom⸗ padour den Dauphin unendlich mehr, als die Königin. Frau von Pompadour war, wie wir geſagt haben, im Jahre 1745 vorgeſtellt worden, und da ſie nicht unter ihrem Namen Madame Lenormand von Etioles hatte vor⸗ geſtellt werden können, da ſie außerdem rnige Gründe — 164— hatte, mit dieſem Namen zu brechen, den ſie ziemlich ſchlecht getragen hatte, ſo bat ſie den König, das für ſie zu thun, was er für Frau von Chateauroux gethan hatte. Der König willigte darein, und ſchenkte ihr das Marquiſat von Pompadour. Das Haus Pompadour, welches bis in das zwoͤlfte Jahrhundert zurückgeht, war im Jahre 1722 mit der Per⸗ ſon des Marquis von Pompadour ausgeſtorben, der eine Rolle in der Verſchwörung Cellamares geſpielt hatte. Frau von Pompadour hatte nicht, wie Frau von Chateauroux, ihre Bedingungen im Voraus gemacht; aber ſie verlor nichts dabei, ſie nachher zu machen. Zuerſt begann ſie damit, den Generalcontroleur Orry zu verabſchieden, der ſich geweigert hatte, ſich zu ihrem gehorſamen Diener zu machen um ſeine Stelle einer ihrer Creaturen zu geben. Ft. Außer den beiden Erzaͤhlungen, welche über Herrn Poiſſon Vater im Uglaufe waren, von denen die eine ihn zu einem Viehhändler von de ld Ferté⸗ſous⸗Jouarre, die andere zu einem Lieferanten der Invaliden machte, gab es es eine dritte, das war die, welche aus ihm einen ehedem zum Galgen verurtheilten Gelderpreſſer machte. Herr Poiſſon war, wie man ſagte, einer der erſten Commis der Brüder Paris geweſen. Man wird ſich jener von Frau von Prie beſchützten Beſchützer erinnern; von Fagon verfolgt, der wegen des Schutzes des Herrn Her⸗ zogs ſich nicht an ihnen zu vergreifen wagte, wurde Poiſſon verurtheilt, gehangen zu werden; da man aber, wie man ſagte, niemals gehangen würde, wenn man reich — 165— genug ſei, um den Strick mit Hunderttauſend Livres zu erkaufen, ſo entging Poiſſon dem Galgen, und flüchtete ſich nach Hamburg. Wir haben erzählt, wie der Comthur von Thianges im Jahre 1733 die Rolle Stanislaus ſpielte. Poiſſon be⸗ gegnete ihm in Hamburg, erzählte ihm ſein Abenteuer und bat ihn, ſich für ihn bei dem Controleur zu intereſſiren, damit er gegen das Urtheil appelliren könnte. Man hatte mit dem Kardinal von Fleury ſehr oft über dieſe Angele⸗ genheit geſprochen, ohne daß man etwas von ihm hatte erlangen können; aber am Ende verfolgte eine Frau von Saiſſac, ſeine Freundin, den Kardinal dermaßen, daß er erlaubte, daß dieſer Prozeß durchginge. Im Jahre 1741 wurde das Urtheil von 1726 auf⸗ gehoben. Die Brüder Paris unterſtützten Herrn Poiſſon ſehr. Der Generalcontroleur war ein Feind der Brüder Paris. Das erſte Beſtreben der zur Gewalt gelangten Frau von Pompadour war daher der Sturz Orrys. Als Orry geſtürzt war, zog er ſich nach Bercy zu⸗ rück, wo alles, was es an rechtſchaffenen Leuten in Frank⸗ reich gab, ſich bei ihm einſchreiben ließ. Er wurde durch Herrn von Machault, Intendanten von Valenciennes, erſetzt. Uebrigens begann Herr Machault, ein rechtſchaffener Mann und ein Mann von Einſicht, damit, Frankreich im Jahre 1749 von einer großen Hungersnoth zu retten, in⸗ dem er Korn aus der Barbarei kommen ließ. Frau von Pompadour war zur Hälfte in ihrer Er⸗ — 166— wartung getäuſcht worden; ſie hatte wohl die Gewalt ge⸗ habt, einen Feind zu ſtuͤrzen; aber ſie hatte nicht die Ge⸗ walt gehabt, einen Freund anzuſtellen.. Um ſie zu entſchädigen, ſchlug ihr der König eine Stelle als Generaldirector der Gebäude vor; zu dieſer Stelle ſollte ſie ernennen können. Sie ernanpte dazu ihren Bruder, den man zum Mar⸗ quis von Vandières machte, und den der Hof ſich beeilte, den Marquis d'avant-hier(von vorgeſtern) zu nennen. Was ihr perſönliches Vermögen anbelangt, ſo ſind hier die Vorſchritte:. Sechs Monate nach der Liebeserklärung des Königs hatte ſie bereits Hundert und zehn Tauſend Livres Ein⸗ künfte, eine Wohnung am Hofe, eine andere in den könig⸗ lichen Häuſern und das Marquiſat von Pompadour. Im Jahre 1746 kaufte ſie von dem Generalpaͤchter Rouſſel das Gut de la Selle für die Summe von Hun⸗ dert fünfundfünfzig Tauſend Liores, und verwendete darauf blos für das Schloß ſechzig Tauſend Livres. In demſelben Jahre ſchenkte ihr der König ſieben Mal Hundert und fünfzig Tauſend Livres, um das Gut und das Schloß Créch zu kaufen. Daſſelbe Jahr ſchenkte ihr der König fünf Mal Hun⸗ derttauſend Livres von der Stelle als Schatzmeiſter der Stäͤlle. Endlich ſchuf er in demſelben Jahre eine zweite Stelle von fünf Mal Hunderttauſend Livres zu ihren Gunſten. Das waren offenbar nahe an zwei der Favoritin in weniger als einem Jahre geſchenkte Millionen. — 467— Am 1. Januar 1747 ſchenkte ihr Ludwig zum Neu⸗ jahrsgeſchenke eine mit Diamanten beſetzte Schreibtafel, mit dem Wappen von Frankreich in Diamanten in der Mitte, und an den vier Ecken die Thürme in Diaman⸗ ten, welche Frau von Pompadour zu ihrem Wappen ge⸗ nommen hatte. Sie enthielt eine Anweiſung von Hundert fünfzig Tauſend Livres, an den Inhaber zahlbar. Am folgenden 3. Maͤrz erlangte der Marquis von Vendières die Schloßhauptmannſchaft von Grenelle, und die Hundert Tauſend Livres Beſtallungskoſten, welche auf dieſer Stelle laſteten. Im Jahre 1749 verlangte Frau von Pompadour ein Hotel in Fontainebleauz der König gab ihr dazu drei Mal Hundert Tauſend Livres. In demſelben Jahre verlangte ſie von dem Könige das Schloß Aulnay, um die Annehmlichkeiten von Crech zu erhöhen; der König ſchenkte es ihr, indem er vier Mal Hundert Tauſend Livres hinzufügte. Im Jahre 1750 wollte ſie Brinborion über Belle⸗ Vue ankaufen; der König kaufte es, und bezahlte es mit ſechs Mal Hundert Tauſend Livres. Im Jahre 1751 dachte Frau von Pompadour, daß es Zeit wäre, irgend etwas für ihren Vater zu thun; der König kaufte die Herrſchaft Marigny, und beeilte ſich, ſie Herrn Poiſſon anzubieten. Im Jahre 1752 wünſchte Frau von Pompadour die Herrſchaft Saint Remy, welche an Crecy gränzte; das war etwas Geringes, zwölf Tauſend Livres Einkünfte; „ — 168— der Koͤnig, welcher ſich ſchämte, ihr ein ſo geringes Ge⸗ ſchenk zu machen, fügte daher auch drei Mal Hundert Tauſend Livres für ein Hotel in Compiegne hinzu. Im Jahre 1753 gefiel das prachtvolle Hotel des Grafen von Evreux der Frau Marquiſe; ſie ſprach Lud⸗ wig XV. davon, der ihr auf der Stelle fünf Mal Hun⸗ dert Tauſend Livres ſchenkte, um es zu kaufen. Einmal eingezogen, fand es Frau von Pompadour ihrer nicht würdig, und gab fünf Mal Hundert Tauſend andere Li⸗ vres aus, um es bewohnbar zu machen. Dieſes Mal vermochten es die Pariſer nicht auszu⸗ halten, ſie brachen gegen die Buhlerin los, bedeckten die Mauern des Hotels mit Schmähſchriften, und da ſie ſich zur Vergrößerung des Gartens ohne alle Umſtände eines Theiles jenes Raumes bemächtigt hatte, den man damals den Spaziergang nannte, und den man heut zu Tage die Champs⸗Elyſées nennt, rottete ſich das Volk zuſam⸗ men, fiel über die Arbeiter her, und verjagte ſie mit Steinwürfen. Gegen dieſe Zeit fanden Unterhandlungen zwiſchen der Frau von Pompadour und dem Könige von Preußen über den Ankauf des Fürſtenthums Neufchäͤtel ſtatt; für den Fall eines Bruches mit ihrem königlichen Geliebten oder für den Fall ſeines Todes wollte ſie ſich gegen die Feinde, die ſie ſich in Frankreich machte, eine Zufluchtsſtätte im Auslande vorbehalten, wo ſie nicht allein ruhig von ihrem wirklichen Vermögen, ſondern auch noch von dem unſicht⸗ baren Vermögen leben könnte, das Niemand kannte, und das ſie in den Banken von Genua, von Venedig, von — 169— London und von Amſterdam angelegt hatte; die Unter⸗ handlung hatte keinen Erfolg. Aus alle dieſen Ankäufen, aus dieſem königlichen Vermögen, mit dem ſie nicht wußte, was ſie machen ſollte, ging eine gute Sache für die Künſtler hervor; man mußte alle dieſe Palaͤſte ausſchmücken, man mußte unter allen Geſtalten, entweder das Bild oder die Launen der Favo⸗ ritin wieder vorſtellen; die Künſte ſind der einzige Adel, für die es keinen Bürgerſtand gibt, die Vernets, die La⸗ tours und die Pigales wurden die gewöhnlichen Hausge⸗ noſſen der Frau von Pompadour; ſie hatten ihren reich⸗ lichen Antheil an dieſem Vermögen, das die Favoritin be⸗ müht war, ſich verzeihen zu laſſen. Die Kunſt ging nun in das materielle Leben ein, ſie geſtaltete ſich um, um nicht allein angenehm, ſondern auch noch nützlich zu ſein; ſie ließ ſich zu den geringſten Kleinigkeiten des Ammöble⸗ ments herab, dieſe Tauſend Nichtigkeiten, mit denen eine Frau ſich umgibt, dieſe Tauſend Phantaſien, mit denen ſie ihre Augen erfreut, dieſe Tauſend Launen, mit denen ſie ihre Einbildungskraft beluſtigt, wurden Gegenſtände der Kunſt, und noch heut zu Tage haben unſere Frauen nach der Mode dieſe eitle und koſtſpielige Art, welcher die Marquiſe von Pompadour ihren Namen gegeben hat, un⸗ ter den Schutz ihres Geſchmackes geſtellt. Uebrigens müſſen wir ſagen, daß die Koketterie der geringſten Kleinigkeiten niemals ſo weit getrieben worden war, als zu der Zeit, welche wir zu ſchildern verſuchen; beſtändig ließ man die Kunſt an die Stelle der Natur treten; dieſe glänzende Phantaſie Gottes, welche man die y— — 170— Blumen nennt, ward auf Hundert verſchiedene Arten mit der Nadel, mit dem Pinſel, mit dem Porcellän nachge⸗ ahmt und wieder hervorgebracht. Eines Tages empfing Frau von Pompadour Ludwig XV. in dem wundervollen Schloſſe von Belle⸗Vue, in welches ſie Millionen ver⸗ ſchwendet hatte; es war mitten im Winter, und ſelbſt ei⸗ nes ſtrengen Winters, die Marquiſe führte ihren königli⸗ chen Geliebten in ein Zimmer, das auf ein unermeßliches Treibhaus führte, in welchem die friſcheſten, die am mei⸗ ſten von der Jahreszeit, in welcher man ſich befand, ent⸗ fernten Blumen blühten. Roſen, Lilien und Nelken wa⸗ ren in einem ganz frühlingsartigen Ueberfluſſe verbreitet, es war, wie man zu jener Zeit ſagte, das Gebiet der Flora, und alle dieſe Blumen von wundervoller Friſche waren zu gleicher Zeit von ſo wundervollem Wohlgeruche, daß der König verlangte, daß man ihm einen Strauß pflücke, um ihn nach Verſailles mitzunehmen. — Kommen Sie, ihn ſelbſt zu pflüͤcken, Sire, ſagte die Favoritin mit einem liebenswürdigen Lächeln und in⸗ dem ſie ſich an den Arm Ludwigs XV. hing, kommen Sie. Der König ging hin, und bei der erſten Blume, die er abbrechen wollte, wurde er den Irrthum gewahr, den er begangen hatte. Dieſer ganze reizende Garten war von feinem ſächſiſchen Porcellan. Dieſe Wohlgeruche, uͤber welche er erſtaunt geweſen war, und die die Ausdünſtun⸗ gen aller dieſer Blumen erſetzten und faſt übertrafen, wa⸗ ren die lieblichſten, durch die Kunſt verflüchtigten und — 171— mit der Atmosphäre, die ſie erfüllten, vermiſchten Eſ⸗ ſenzen. 1 Der König konnte ſich nicht genug über dieſe Zauberei wundern, und ſprach davon, wie Aladin bei der Rück⸗ kehr von ſeinen unterirdiſchen Wanderungen von den be⸗ zauberten Gärten ſprechen mußte, die er durchwandert hatte. Bei alle dem hatte Ludwig XV. dennoch Anfälle von Traurigkeit, Stunden der Schwermuth, Momente des Widerwillens behalten, die nichts zu überwinden ver⸗ mochte; nun denn! dieſen Widerwillen, an dieſer Schwer⸗ muth, an dieſer Traurigkeit, fand die Kunſt nochmals ihre Rechnung. Um ihren königlichen Geliebten zu beluſti⸗ gen, erließ Frau von Pompadour nicht, wie es Frau von Maintenon für den am wenigſten zu beluſtigenden Mann von Frankreich gemacht hatte, einen Aufruf an religiöſe Feierlichkeiten und an die Prieſter, ſondern an die theatraliſchen Vorſtellungen und an die Dichter: Du⸗ fremy, Marivaux und Collet waren die Könige dieſes Theaters, welches gleich dem Amöblement der Zeit das Theater Pompadour genannt werden kann. Unter dem großen Könige war Molière Kammerdiener geweſen, unter Ludwig XV. wurde Voltaire Kammerherr. Dieſen Vorſtellungen, der Gegenſtand aller Intriguen, nach denen man mehr ſtrebte, als nach den ehemaligen von Marly, wohnten eine ſehr kleine Anzahl von Zu⸗ ſchauern bei. Die Zuſchauer waren der König, die Kö⸗ nigin, der Herr Dauphin, Madame Adelaide, Madame Victoire, Madame Sophie, Madame Louiſe, der Her⸗ ——— — 172— zog von Chartres, der Prinz von Turenne, der Herzog von Agen, Herr von Richelieu, Herr von Malllebois, der Marquis von Villeroy, Herr von Tavane, der Graf von Lorges, Herr von Argenſon, Herr von Coigny, Herr von Croiſſy, Herr von Querchy, Herr von Chan⸗ cenets, der Herr Marſchall von Sachſen, der Abbs von Bernis, Vandisre, Tourneham, von Brionne, von Spon⸗ heim, von Soubiſe, von Belle⸗Isle, von Saint⸗Flo⸗ rentin, von Puiſieux, von Chevreuſe, von Luxembourg, von Duras, von Chaulnes, von Eſtiſſac, von Caſtres, von Gontaut, von Segur, von Laugeron, von Pons, von Daſchy und von Friſe. Die Schauſpieler waren der Graf von Malllebois, Meuſe, von Agen, Croiſſy, von Voyer, von Duras, Clermont von Amboiſe, Courtauvaux, Villeroh. Die Schauſpielerinnen waren Frau von Pompadour, von Brancas, von Pons, und von Saſſenage. So ſpielte man im Jahre 1747 Tartuffe, aber faſt im Geheimen, fern von dem Dauphin, fern von den Prinzeſſinnen, fern von der Königin. Der Graf von Noailles, der Prinz von Conti und der Herzog von Ges⸗ vres hatten inſtändigſt um Einladungen gebeten und keine erlangen können. Tartuffe wurde von dem Herzoge von Nivernois, Meuſe, von Agen, la Vallière, Croiſſy, Frau von Saſſenage, Herrn von Pons und Frau von Brancas ge⸗ ſpielt. Im Jahre 1749 ſpielte man die geſchloſſene —- 173— und die gebrochene Ehe von Dufremy; der Graf von Malllebois hatte einen ungeheuren Erfolg in dem Prä⸗ ſidenten, der Marquis von Voyer, Croiſſy, Cler⸗ mont, von Amboiſe und Duras wurden mit Beifallsbe⸗ zeugungen überhäuft. Im Jahre 1752 ſpielteman Venus und Adonis, ein heroiſches Ballet. Die Worte waren von Collet, und die Muſik von Mondonville. Der Chevalier von Cler⸗ mont ſpielte die Rolle des Mars, Frau von Pompadour die der Venus, der Herr Vicomte von Chabodie des Ado⸗ nis, Frau von Brancas die der Diana. Mehre dieſer Herrn und dieſer Damen bildeten ſich einen wahren Künſtlerruf. La Valliere ſpielte ausgezeich⸗ net die Baillis, der Herzog von Duras die Blaiſes, Frau von Brancas die Müllerinnen, und Frau von Pompa⸗ dour die Colettes. Clermont von Amboiſe, Courtonvaux, Luxemburg, von Agen und Villeroy ſangen ausgezeichnet. Endlich tanzten von Heſſe, von Courtanvaux, von Beu⸗ vron und Melfort mit einem wahren Erfolge. Der Herzog de la Vallisre war der Director der vor⸗ nehmen Truppe. Im Jahre 1748 hatte man fuͤr die Privatvergnügun⸗ gen Ludwig XV., oder vielmehr der Frau von Pompa⸗ dour, einen Saal bauen laſſen. Während dieſer Zeit murrte das Volk, das man, aus⸗ genommen in Bezug auf die Steuern, vergaß, nachdem es Ludwig XV. ſeinen Titel des Vielgeliebten nach und nach wiedergenommen hatte. Bei dieſem Murren wollen wir — —-— 174— verweilen, denn es war das erſte Grollen des Sturmes, der im Jahre 1789 ausbrach. Wir treten in die Periode des monarchiſchen Ver⸗ falles ein; dieſen Abhang des achtzehnten Jahrhunderts werden wir raſch zurülegen, denn er iſt ſteil. 3 VIII. Finanz⸗Verlegenheiten.— Traltriger Zuſtand der Marine.— Herr Rouillé wird der Nachfolger des Herrn von Maure⸗ pas.— Herr von Machaut.— Angelegenheit der geiſtli⸗ chen Güter.— Das Edict des Zwanzigſtels.— Das Par⸗ lament.— Antwort Ludwig XV. auf die Vorſtellungen.— Klagen des Adels, der Geiſtlichkeit und der Stände der Provinzen.— Bretagne.— Artois.— Languedoc.— Ver⸗ bannung der Edelleute.— Chriſtoph von Beaumont er⸗ ſetzt Herrn von Bellefonds im Erzbisthume von Paris.— Sein Porträt.— Philoſophiſche Schule.— Die Verwei⸗ gerung der Sakramente.— Murren des Volkes.— Herr von Berryer Policeiminiſter.— Verordnungen gegen die Bettler und Landſtreicher.— Die Entführungen.— Auf⸗ ſtände.— Madame Berryer.— Wiedereinrichtung der Scharwache.— Plan der Befeſtigungen und Kaſernen um Paris herum.— Straße der Empörung.— Der ruſ⸗ ſiſche Knos.— Die Blutbäder.— Herr von Charolois.— Heirath der Frau von Boufflers mit Herrn von Luxemburg. — Militaͤriſcher Adel.— Tod Moritz von Sachſen.— Er⸗ — 176— richtung der Militärſchule.— Geburt des Herzogs von Burgund.— Frau von Pompadour.— Der Marquis von Marigny, ihr Bruder.— Der Hirſchpark. Entzweiungen zwiſchen den beſten Freunden, zwi⸗ ſchen Gatten und Frauen, zwiſchen Geliebten und Maitreſ⸗ ſen, kommen oft vor, wenn das Geld fehlt; leider hat der Bruch zwiſchen den Völkern und den Königen ſelten andere Urſachen. Bei Veranlaſſung des Zuſtandes der Finanzen unter dem Regenten haben wir bereits die Geldnoth angeführt, in welcher ſich Frankreich befand; nach alle den Aus⸗ ſchweifungen, welche wir ekzaͤhlt haben, war es damit noch weit ſchlimmer, und wie die an das Ende einer er⸗ ſchöpften Mine gelangten Bergknappen, fuhlten die Mini⸗ ſter, daß die Goldadern ausgehen wuͤrden. Dieſe Art von Unbehaglichkeit thut ſich gewöhnlich durch Miniſterwechſel kund. Die Reſultate des letzten Krieges zur See hatten deut⸗ lich bewieſen, in welchem traurigen Zuſtande unſere unter Colbert ſo blühende, von Fleurh ſo ſehr vernachläſſigte Marine verfallen war. Für dieſe Noth verantwortlich ge⸗ macht, oder vielmehr in einem Verſe gegen die Favoritin 5) ——— *) Hier iſt der Vers, den Frau von Pompadour eines Tages in Choiſy unter ihrer Serviette gefunden hatte: La Marquise a bien des appas, ges traits sont vifs, ses graces franches, Et les fleurs naissent sous ses pas, Mais, hélas! ce sont des fleurs blanches. — 177— für ſchuldig erkannt, hatte Herr von Maurepas das Ma⸗ rineminiſterium verlaſſen, um Herrn Rouillé Platz zu machen, während, wie wir erzählt haben, der wackere Orry, der Thaler vor Thaler dem Kardinal von Fleury die zwölf Tauſend Livres entlockte, welche er der Königin gab, um ihre Wohlthätigkeitsſchulden zu bezahlen, der bei dem Anfange des Krieges in Flandern achtzig Millionen anbot, um die Ehre Frankreichs zu behaupten, am Ende der Mittel, und außerdem durch die Favoritin erſchüttert, ſich zurückzog, um Herrn Machaut von Arnouville Platz zu machen. Zu dem Miniſterium gelangt, befand ſich Herr Ma⸗ chaut in derſelben Verlegenheit, als Herr Orry, die Ver⸗ legenheiten waren ſogar größer, denn mit jedem Tage wurden die Hulfsmittel geringer und die Bedürfniſſe über⸗ mäßiger. Man mußte die Schuld des Staates aufhäufen, ein Deficit tilgen, nur war das Volk dermaßen zu Grunde gerichtet, daß keines der bekannten Mittel im Stande war, wieder Ordnung in den Finanzen herzuſtellen. Herr von Machaut faßte daher den Entſchluß, ſeine Zuflucht zu der Geiſtlichkeit, zu dem Adel und zu den Ständen der Pro⸗ vinzen zu nehmen, deren wahre Reichthümer unbekannt waren. Dieſe Corporationen hatten das alte Recht bewahrt ſich ſelbſt zu beſteuren, und dem Könige unter dem Titel einer freiwilligen Gabe nur eine Summe zu bezahlen, de⸗ ren Eintheilung nach ihrem Gutdünken zu machen, ſie noch das Vorrecht hatten. Es war übrigens ſeit dem Anfange unſerer nationa⸗ Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 12 — 178— len Monarchie angenommen, daß die Könige nicht unum⸗ ſchränkte Herrn ſind, und daß beſonders in Bezug auf das Geld die Nation ihnen nur das zu bezahlen ver⸗ pflichtet iſt, was ſie ihnen freiwillig gibt; nur war zu jener Zeit die Nation nur durch den Adel, die Geiſtlich⸗ keit und die Stände der Provinzen repräſentirt, der übrige Theil des Volkes war für nichts gerechnet, und dennoch laſteten auf ihm alle Auflagen. Dieſes große Prinzip bildete ſeitdem die Grundlage der Revolution. Unter dieſen beſchwerlichen Umſtänden ſandte Herr von Machaut das denkwürdige Ediet des Zwanzigſtels zur Ein⸗ zeichnung. Unter ähnlichem Umſtande war der Herr Herzog mit ſeinem Edicte des Funfzigſtels unterlegen, das ihm die Verbannung zuzog. Calonne ſollte ſeitdem unterliegen, in⸗ dem er dieſelbe Steuer unter dem Titel einer Bodenſteuer vorſchlug. Das Parlament hatte kaum das Editct erhalten, als es drei Präſidenten abſandte, um dem Könige Vorſtellun⸗ gen zu machen. Statt aller Antwort gab der König dem Parlamente den Befehl, das Ediet am folgenden Tage einzuzeichnen. In die Verſammlung zurückgekehrt, theil⸗ ten die drei Präͤſidenten ihr die Entſcheidung des Königs mit, der erklärt hatte, vor Ablauf von zwei Stunden eine beſtimmte Antwort haben zu wollen; das Parlament war des Kampfes müde. Von Ludwig XIV. verbannt, von dem Regenten verbannt, wollte es nicht mehr von Ludwig XV. verbannt werden; es beſchloß, daß der erſte — 179— Präſident zu dem Könige mit der Bitte zurückkehrte, Mit⸗ leid mit ſeinem Volke zu haben; wenn dann der König darauf beharrte, würde es, nachdem es ſich wie Pilatus die Hände gewaſchen hätte, zu der Einzeichnung ſchreiten. Der König weigerte ſich, und das Parlament zeich⸗ nete das Edict ein. Als dieſes Edict eingezeichnet worden war, verlangte der König ein Anlehen von fünfzig Millionen. Das war eine Veranlaſſung für das Parlament, neue Vorſtellungen zu machen, obgleich der König, wie man geſehen hat, nicht ſehr darauf achtete. 3 Als es vor dem Könige erſchien, begnügte ſich der König daher auch zu ſagen:— Meine Herren, ich finde, daß Sie bereits ſehr gezögert haben, mir zu gehorchen, und ich ſage Ihnen im voraus, daß eine längere Friſt mir nur mißfallen könnte. Indeſſen, dieſes Mal muthiger, machte das Parla⸗ ment bemerklich, daß es nicht wüßte, wie es dieſe neue Vermehrung der Staatsſchuld mit dem Edicte des Zwan⸗ zigſtels vereinigen ſollte, das beſtimmt wäre ſie zu tilgen; aber von ſeinem Staatsrathe umgeben, antwortete der König im Tone des Herrn und zwar des unzufriedenen Herrn: — Meine Herren, ich finde, daß ich genug Güte gehabt habe, und will, daß man mir im Laufe des Ta⸗ ges gehorſam iſt. Durch dieſe Antwort außer Faſſung gebracht, ver⸗ langte das Parlament, daß der König zum Mindeſten die Dauer des Zwanzigſtels beſtimmen ölle.. 1 —— — 180— Aber indem er immer ungehaltener wurde, ſagte der König: — Meine Herren, ich bin ſehr erſtaunt, daß man mir noch nicht gehorcht hat; Sie werden mein Edict morgen früh einzeichnen; gehen Sie!. Und das Parlament zeichnete das Edict ein. Die beiden Edicte machten dieſes Mal Jedermann un⸗ zufrieden. Das Edict des Zwanzigſtels machte den Adel, die Geiſtlichkeit und die Stände der Provinzen unzufrieden. Das Edict des Anlehens von fünfzig Millionen machte das Volk unzufrieden. Der Adel, die Geiſtlichkeit, die Stände von Artois, von Burgund, der Bretagne und von Languedoc beklag⸗ ten ſich ſehr laut darüber, daß der Hof durch die For⸗ derung des Zwanzigſtels von allem Vermögen darnach ſtrebte, das Recht abzuſchaffen, freiwillige Gaben zu be⸗ willigen, die ſie dem Fürſten bewilligten; indem ſie ſich dieſer Steuer unterwürfen, befänden ſie ſich nicht allein mit einer neuen Auflage belaſtet, ſondern auch noch, da dieſe nicht mehr das Anſehen eines Geſchenks hätte, ſo wären die Formen der Freiheit abgeſchafft, es wäͤre ein militäriſcher Tribut, den der König durch ſeine Officiere zum Nachtheile der Rechte der Körperſchaft des Adels, der Geiſtlichkeit und der Stände der Provinzen erheben ließe, welche das Vorrecht hätten, dieſelben ſelbſt einzuziehen; auf dieſe Weiſe verſchwänden die Reſte der alten Freiheit der Franzoſen gänzlich. — 181— Daher ruͤhrte die Empörung aller Staatskörper gegen das Miniſterium. Die Stände der Bretagne verſammelten ſich außer⸗ ordentlicher Weiſe, indem der Biſchof von Rennes der Geiſt⸗ lichkeit, Herr von Rohan dem Adel prüäſidirte. Die Commiſſäre des Königs übergaben den Willen des Königs der Verſammlung, welche berieth und erklärte, daß in der Bretagne kein Zwanzigſtel erhoben werden würde. Man wird ſich erinnern, daß ſich unter der Verwal⸗ tung des Herrn Regenten bereits etwas Aehnliches in der Bretagne zugetragen hatte. Drei getrennte Berathungen fanden in Folge dieſer ſtatt: Berathung des Adels, Berathung der Geiſtlichkeit, Berathung der Stände, alle drei, trotz dem von dem Könige den Abgeordneten gemachten Verbote, und das unter Strafe des Ungehorſams, Rennes zu verlaſſen, be⸗ ſchloſſen, daß Niemand ſein Vermögen angeben würde. Die Commiſſäre ihrer Seits erhielten den Befehl, jede freiwillige Durchſchnittsſumme auszuſchlagen. So die Stände der Bretagne. Als die Erhebung des Zwanzigſtels von dem Vermö⸗ gen den Ständen von Artois angezeigt worden war, ant⸗ worteten ſie Anfangs, daß ſie ſich alle Dem unterwürfen, was die Unterſtützung anbeträfe, die der König nöthig hätte, aber ſie verlangten ihre Steuern nach dem alten Gebrauche des Landes einzurichten, was ihnen verweigert wurde. Nun boten ſie an, ihre früheren Auflagen unter der —ʒxm — 182— Bedingung zu verdoppeln, daß die Erhebung der Steuer dieſelbe Form behielte. 3 Aber der Hof antwortete ihnen, daß es keine Ver⸗ mehrung wäre, welche man von ihnen verlangte, ſondern die Kenntniß des Vermögens jedes Einzelnen durch Erklä⸗ rungen, um dadurch eine gleichmäßige Vertheilung zu ma⸗ chen, damit dabei die Gerechtigkeit obwalte. Der Hof befahl daher dem Intendanten, dieſe Erklä⸗ rungen zu verlangen. Einige wurden nun ſo, wie es ging, gegeben, und durch die Empörung der Bretagne aufgeklärt und in der Furcht, daß die Empörung ſich über ganz Frankreich verbreiten möchte, erklärte der Hof, daß er mit dieſen Erklärungen zufrieden ſei, ſo ungenü⸗ gend ſie in der Wirklichkeit auch wären. Die Nachrichten von den Ständen von Languedor waren noch weit mißlicher, da der Gebrauch dieſer Ver⸗ ſammlung verlangte, daß die Commiſſäre zuvörderſt die Verhaltungsvorſchriften mittheilten, mit denen ſie beauf⸗ tragt waren; da nun aber der König durch die Verhal⸗ tungsvorſchriften nicht mehr die freiwillige Gabe verlangte, ſondern die Kopfſteuer und das Zwanzigſtel, in Languedoc vertheilt, wie es die gewöhnliche Steuer in den von den Intendanten verwalteten Provinzen war, da es außerdem noch Gebrauch war, daß die Commiſſäre des Hofes jedem Mitgliede der Stände einen Beſuch abſtatteten, um die freiwillige Gabe nachzuſuchen, kurz da die neuen Verhal⸗ tungsvorſchriften des Königs dieſe Vorrechte, dieſes Her⸗ kommen und dieſe Rechte der Provinz abſchafften, ſo ver⸗ weigerten die Stände die Entrichtung des Zwanzigſtels, und Larochefaucault, der Präſident der Verſammlung, er⸗ klärte, daß die Stände nicht allein das Zwanzigſtel ver⸗ weigerten, ſondern daß ſie auch die freiwilligen Gaben nicht bewilligen könnten, bis daß der König auf Anſprüche verzichtet hätte, die im Widerſpruche mit den alten Vor⸗ rechten der Staͤnde wären. Dieſes Mal war es keine Weigerung mehr, es war eine Herausforderung; Herr von Richelieu wurde beauf⸗ tragt, den Ständen von Languedoc zu ſagen, daß ſie zu⸗ vörderſt zu gehorchen hätten, und daß er nachher ihre Vorſtellungen hören würde; im Falle der Weigerung be⸗ fahl der König dem Marſchall die Stände aufzulöſen. Die Stände weigerten ſich und wurden aufgelöſt. Dieſer Staatsſtreich, welcher dem Anſcheine nach ge⸗ fährlich ſchien, war es in der Wirklichkeit nicht. Die Stände von Languedoc waren bei Weitem nicht ſo gefährlich, als die Stände der Bretagne, die ſo ein⸗ gerichtet waren, daß jeder Edelmann das Recht hatte zu ſtimmenz was nun aber die Majoritaͤt dieſer Stände bil⸗ dete, waren mehre Hunderte, an dem Hofe unbekannte Edelleute, auf welche man in Zeiten der Ruhe und für gewöhnliche Berathungen noch Einfluß ausüben konnte; während, als es ſich um die Gefahr der bretagniſchen Conſtitution handelte, welche die Bürgſchaft Aller war, jeder ſich gegen den königlichen Despotismus verband, und indem ſie ſich einander anſchloſſen, eine feſte Maſſe bilde⸗ ten, die Niemand zu zertrennen vermochte, das keine Beſtechung uneinig zu machen vermochte. Dem war nicht ſo in Languedoc. ¹ — 184— In Languedoc waren ganz im Gegentheile die Stände durch eine kleine Anzahl von Biſchöfen und durch ohngefähr zwanzig erbliche Barone vertreten, die zu unterwerfen oder zu beſtechen dem Miniſterium leicht war; das geſchah demnach auch, der Hof machte ſie uneins, unterhandelte mit ihnen einzeln, und erlaubte ihnen nur unter der Be⸗ dingung, daß ſie den König wegen ihres Ungehorſams um Verzeihung bäten, ſich in Zukunft wieder zu verſammeln; man ſah daher am 3. September 1757 die Majorität der Stände von Languedoc nach Verſailles kommen und dem Könige erklären: daß ſie es bereuten, das Un⸗ glück gehabt zu haben, ihm zu mißfallen. Mittelſt dieſer Unterwerfung wurde ihnen die Erlaub⸗ niß, ſich zu verſammeln, wieder ertheilt, aber die Biſchöfe und die Barone verloren das Vorrecht, auf das ſie ſo viel hielten, den gewöhnlichen Beſuch der Commiſſäre des Ho⸗ fes zu erhalten, wenn die Rede von der freiwilligen Gabe war. Dagegen erlangten ſie, indem ſie dabei immerhin das Zwanzigſtel bezahlten, es durch ihre Beamten erheben zu laſſen. Was die Staͤnde der Bretagne anbelangt, ſo blieben ſie ſtandhaft, indem ſie ſich ſogar weigerten, das Zwanzig⸗ ſtel durch eine gemiſchte Commiſſion erheben zu laſſen, die aus Abgeordneten des Königs und aus ihren eigenen Ab⸗ geordneten beſtaͤnde. Durch dieſen Widerſtand auf das Aeußerſte getrieben, verurtheilte dem zu Folge der Hof die zur Verbannung, welche den größten Widerſtand gegen ſeinen Willen gezeigt hatten. Hier ſind die Namen der verbannten Edelleute und der Ort ihrer Verbannung. Der Biſchof von Rennes, ihr Präſident, wurde nach Rennes verbannt, was eine wahre Verbannung für einen Mann war, der ſein Leben in Paris zubrachte. Herr de la Beneraye nach Angouléme. Herr von Keratry nach Eſſignh. Herr von Kerſauſon nach Iſſoire. Herr von Pore mit ſeiner Frau nach Xaintes. Herr von Saint⸗Pern de Lulé nach Nevers. Herr von Balazon nach Viteaux in der Burgund. Sein Neffe nach Gusret. Herr von Kergniéſec nach Ganat in der Auvergne. Herr von Langoulas nach dem Schloſſe Belle⸗Isle. Herr Lementier nach dem Schloſſe du Taureau. Herr von Vaniscourt nach Mont⸗Saint⸗Michel. Herr von Trouſier nach Saumur. Endlich wurden die Herren Desceaux, von Quentin, der Seneſchal und von Béchard als eines nachdrück⸗ licheren Widerſtandes ſchuldig ins Gefängniß geſetzt. Was dabei Beſonderes ſtattfand, iſt, daß der von dem Könige verbannte Biſchof von Rennes zu gleicher Zeit in der Ungnade der Stände war, was, wie man ſagte, ihn in den Fall des Herrn von Langeais ſetzte, der zwei Prozeſſe zu gleicher Zeit verloren hatte. Einen gegen ſeine Frau, als unfähig, Kinder zu er⸗ — 486— zeugen; einen gegen ſeine Geliebte darüber, daß er ihr eines gemacht hatte. Aber die größte Verlegenheit ſollte dem Könige durch die Geiſtlichkeit angeſtiftet werden; kaum war das Edict bekannt gemacht, als die Biſchöfe, welche ſich in Paris be⸗ fanden, ſich lärmend bei dem Erzbiſchofe verſammelt hat⸗ ten, die bei weitem gefährlicher in ihren Beſchuldigungen waren, als die Gerichtsbeamten oder die Stände, weil ſie die Intereſſen Gottes über ihre Intereſſen ſtellten, und weil man, indem man ihre Prioilegien angriff, die der Kirche angriff; dort wurde ein geheimes Bündniß mit dem Dauphin, dem gottesfürchtigen Verbündeten beſchloſſen, auf den man ſelbſt für ein Bündniß gegen den König, ſeinem Vater, rechnen zu können glaubte. Seit dem Tode des Regenten hatten die Jeſuiten, be⸗ reits mehr ermuthigt, als man es unter dieſem Prinzen geglaubt hätte, unter dem Namen Moliniſten wieder alle geiſtliche Gewalt angenommen. Port⸗Rohal beſtand nicht mehr, die geiſtlichen Wiſſenſchaften waren verlaſſen; den großen Predigern und den berühmten Prieſtern der Zeit Ludwigs XIV. waren Männer von einem weit untergeord⸗ neterem Werthe gefolgt; Maſſillon, der letzte der großen Genies der Kanzel, war im Jahre 1742 geſtorben. Inzwiſchen ſtarb der Erzbiſchof von Paris, und die geiſtliche Partei ließ an der Stelle des Herrn von Belle⸗ fonds, Erzbiſchof von Arles, Herrn Chriſtoph von Beau⸗ mont, Erzbiſchof von Vienne ernennen. In Paris angekommen, warf ſich dieſer, der trotz ſei⸗ nes großen Ehrgeizes das Anſehen haben wollte, gezwun⸗ —“ A₰ — 187— gen zu ſein, dem Könige zu Füßen, und ſtatt ihm für die Gunſt zu danken, die er von ihm empfing, bat er ihn, ihn einer Laſt gleich der zu entbinden, welche das Erzbisthum von Paris wäre, und wo er genöthigt ſein würde, gegen eine ebenſo gefährliche Ketzerei zu kämpfen, als es die der Janſeniſten wäre. Der König hob ihn auf, und verſprach ihm den Beiſtand ſeines Schutzes; das war es, was die Jeſuiten wollten, die das Bedürfniß fühlten, durch das königliche Anſehen gegen den Haß des Volkes unterſtützt zu werden. Beaumont verleugnete ſich nicht, er war, oder wollte zum Mindeſten ſtreng in Mitte dieſes Hofes ſcheinen, dem man ſeine zu große Leichtfertigkeit vorwerfen konnte, ſo daß, weit davon entfernt, das Vorrecht zu benutzen, das ihm ſein Titel als Herzog von Saint⸗Cloud und Pair von Frankreich verlieh, und das darin beſtand, die Töchter des Königs auf die Wange zu küſſen, wenn er ihnen vorgeſtellt würde, er, als er die jungen, von dem Ceremoniel benach⸗ richtigten Prinzeſſinnen ihre ſchönen friſchen Wangen ſeinen biſchöflichen Lippen entgegenſtrecken ſah, zwei Male zurück⸗ wich, indem er ſo auf eine auffallende Weiſe die Ehre ausſchlug, auf welche er ein Recht hatte, und die ihm mit ſo vieler Bereitwilligkeit angeboten ward. Galant und liſtig während ſeiner erſten Studien, Hof⸗ mann, ſanft und friedlich während ſeines Aufenthalts in Bayonne und in Vienne, wurde er in Paris plötzlich hart und unbeugſam, indem er ſich Frankreich zu bereden be⸗ mühte, daß ſeine Beſorgniß eine thätige chriſtliche Liebe, und ſein übermäßiger Ehrgeiz ein glühender Eifer für die 8 8 4 — —— — 188— Einheit des Glaubens wäre; kaum war er in das Erzbis⸗ thum eingeſetzt, als er ſich zum Großinquiſitor von Frank⸗ reich machte, indem er ſeine geiſtliche Polizei bis auf die Orte der Unzucht erſtreckte, alle Angelegenheiten zu ſeiner Kennt⸗ niß zog, ſich in alle Intriguen miſchte, alle Mittel ſeiner Einbildungskraft dazu verwandte, um ſeine Proſelyten zu beſchützen und ſeine Feinde zu ärgern; ohne wirkliches Ver⸗ dienſt, hatte er ſich einen Weg zu den erſten Würden der Kirche gebahnt; ohne Fähigkeit, genoß er einen ungeheuren Einfluß; ohne Talent, hatte er das Mittel gefunden, ſich nothwendig und furchtbar zu machen. Indeſſen vereinigte Herr von Beaumont mit den Feh⸗ lern, die wir angedeutet haben, vortreffliche Eigenſchaften. Während die hohe Geiſtlichkeit von Frankreich großen Aufwand machte, indem ſie an Prunk mit den reichſten Adeligen wetteiferte, wie dieſe Schulden machte, welche ſie ebenſo wenig als dieſe bezahlte, gab Herr von Beaumont im Gegentheile das Beiſpiel des Anſtandes, der Ordnung und der Regelmäßigkeit, kaum gab er ein Dritttheil ſeiner Einkünfte aus, und das Uebrige ward an die Armen ver⸗ theilt, von denen er indeſſen nicht geliebt war; ſeine Al⸗ moſen wurden durch die Grenzen von Frankreich nicht be⸗ ſchränkt, und ſuchten jenſeits des Meeres die armen Irlän⸗ der bis in jenem, heut zu Tage ſo verwaiſten und ſo zu Grunde gerichteten grünen Erien der Dichter auf; außer⸗ dem feſt in Aufrechterhaltung der Vorrechte der privile⸗ girten Kaſten, ſtolz bis zum Uebermuthe auf das Alter ſeines Adels, gab er Hunderttauſend Thaler aus, um durch eine Genealogie in zwei Bänden in Folio zu beweiſen, daß — 189— er von ausgezeichneter Geburt und von altem Adel wäre; ſobald das Edict des Zwanzigſtels erſchien, berief er, der die geiſtlichen Güter und den Zehnten als ein Mittel an⸗ ſah, die Religion in ihrer Kraft zu erhalten, die fünfzehn oder ſechszehn Biſchöfe zu ſich, welche ſich in Paris befan⸗ den, um ſich über den Entſchluß zu berathen, der dabei zu faſſen wäre; das Intereſſe des Einen war das Inter⸗ eſſe Aller, ſie beſchloſſen daher einſtimmig, daß die Geiſt⸗ lichkeit von Frankreich alle angemeſſenen Mittel verſuchen ſollte, ſich das Vorrecht zu erhalten, dem Könige Geſchenke anzubieten, aber ſich niemals eine Steuer, welche ſie auch ſein möchte, durch Gewalt auferlegen zu laſſen. Dieſer in dem erzbiſchöflichen Palaſte von Paris unter dem Vorſitze des Herrn Chriſtoph von Beaumont gefaßte Entſchluß wurde an alle Biſchöfe des Königreiches geſandt, die alle, ohne daß es einen einzigen anders denkenden gab, Herrn Macheaud durch die Weigerung antworteten, von der ihnen Herr von Beaumont das Muſter geſandt hatte. Der König fühlte ſich ſchwach; um ihn herum löſte ſich Alles auf, ſtatt jener großen Männer, deren Beredt⸗ ſamkeit und Glauben oft mit dem der Kirchenväter ver⸗ glichen war, und die man Fenelon, Boſſuet, Flochier, Maſſillon, Polignac, Huet, Fleury, Godeau, Mabillon, Calmet und Noailles nannte, gab es eine Geiſtlichkeit, die nur in den untergeordneten Klaſſen Werth hatte. Dieſe Geiſtlichkeit war Beauvilliers, welcher gelehrte Werke über die heilige Schrift geſchrieben hatte, der aber, von den Je⸗ ſuiten verfolgt, genöthigt geweſen war, ſein Bisthum zu verlaſſen; es war der Abbé Pucelle, ein beredtſamer Mann, — — der vielleicht der Kirche Ehre gemacht hätte, wenn er nicht durch ſeine Oppoſition auf die Parlamentsbänke verwieſen worden wäre; es war Nollet, den das Anſehen Boyers von jeder Belohnung ausſchloß; es war der Abbé von Bernis, den ſeine ein wenig leichtfertigen Dichtungen von den geiſtlichen Gnaden ausſchloſſen; der Abbé Vely, der kein Brod hatte; der Abbé Vertot, der im Dienſte ſeines Buchhändlers nicht die Zeit hatte, wieder eine Bewerbung zu beginnen; der Abbs von Saint⸗Pierre, trotz ſeiner hohen Geburt ſeit langer Zeit von der Akademie und dem Bis⸗ thume ausgeſchloſſen; endlich der Abbé von Mably, ein Verwandter des Herrn von Tenein, anfangs von ihm be⸗ fördert, aber indem er ſich bald ſelbſt von ſeinem Gönner durch die Verachtung trennte, welche er gegen ihn hegte. Auf einer andern Seite waren die gelehrten Männer, die Schriftſteller von Genie, weit davon entfernt, die des großen Jahrhunderts nachzuahmen, welche Ludwig XIV. und der Monarchie, deren Repräſentant er war, ihre Un⸗ terſtützung liehen, im Allgemeinen den Intereſſen und den Maximen des Hofes wenig günſtig. Voltaire überlieferte den Thron der Verachtung, die Religion dem Geſpött; Montesquieu träumte in dem Umſturze der alten Anſichten einen neuen Geſetz gebenden Grundſatz; Rouſſeau führte den republikaniſchen Geiſt von Genf in Frankreich ein; Buffon verſuchte die Naturwiſſenſchaft über alle anderen Wiſſenſchaften zu erheben. Kurz nicht ein ausgezeichneter Kopf der Zeit fehlte bei dieſem philoſophiſchen Aufrufe, der verhängnißvoll an ſie durch den Genius der Volksfreiheiten erlaſſen war, der, gleich dem Rieſen von Tauſend und Eine — 191— Nacht in dem Gefäße eingeſchloſſen, nur den unvorſichtigen Fiſcher erwartete, der ihm die Freiheit wiedergeben ſollte, indem er das Siegel Salomos zerbrach. Es ging daraus hervor, daß der König in dem Kampfe, den er beſtand, um das Zwanzigſtel bezahlen zu laſſen, den Adel, die Geiſtlichkeit und die Wiſſenſchaften gegen ſich hatte. Jetzt hatte er in dem Anleihen der fünfzig Millionen das Volk gegen ſich. Zeigen wir, bis zu welchem Grade die Oppoſition des Volkes geſteigert wurde. Dieſe Oppoſition hatte drei Urſachen. Die Verweigerung der Sacramente. Das Edict des Königs über die Bettelei und die Land⸗ ſtreicherei. Und das Gerücht, welches ſich verbreitete, daß der König, um ſich von ſeinen Ausſchweifungen in der Liebe wieder herzuſtellen, Blutbäder nähme. Um die Lage des Hofes zu verwickeln, hatte Herr von Beaumont den Einfall gehabt, eine religiöſe Frage unter alle dieſe Geld und bürgerlichen Fragen zu werfen. Er hatte entdeckt, daß das ehemalige Haupt der Jan⸗ feniſten, der berühmte Kardinal von Roailles, ehedem Zeugniſſe der Beichte verlangt hatte, bevor die Prieſter den Sterbenden das Viaticum und die letzte Oelung geben konnten; Beaumont hatte ein vorhergehendes Beiſpiel, um ſein Verfahren zu unterſtützen, er, der moliniſtiſche Erzbi⸗ ſchof, beeilte ſich daher, dieſelben Zeugniſſe zu verlangen, — 192— welche ein janſeniſtiſcher Kardinal verlangt hatte; Niemand konnte ihn darüber tadeln. Mehr noch, der Hof, gegen den er in der Politik kämpfte, konnte ihn in dieſem religiöſen Kampfe nicht ver⸗ laſſen, ſonſt verließ der Hof die Partei der Kirche. Wenn auch der König ſonſt in dieſem neuen Streite hätte neutral bleiben wollen, ſo war Herr von Beaumont doch feſt von der Unterſtützung des Dauphins überzeugt. Herr von Beaumont griff, wie man ſagt, den Stier bei den Hörnern an. Seine erſte Weigerung der Sacramente in Ermange⸗ lung eines Zeugniſſes der Beichte, war für einen Rath am Chatelet. Der, welcher die Sacramente verweigerte und ſich bei dieſer Veranlaſſung zu dem Manne des Erzbiſchofes machte, war ein Ordenskanonicus von, Sanct Genovefa, Namens Bonetin. 1 Weder die geſetzlichen Aufforderungen, noch die Bitten der Verwandten vermochten etwas von ihm zu erlangen; das Parlament lud ihn vor ſich, aber Bonetin, vor jeder Verfolgung geſchützt, weigerte ſich, der weltlichen Behörde Rechenſchaft über ſeine Weigerung abzulegen, indem er er⸗ klärte, daß er nur dem Erzbiſchofe Erklärung ſchuldig wäre; das Parlament verordnete Verhaftung gegen den Kanonicus und forderte Herrn von Beaumont auf, nicht allein den Rath am Chatelet, der immer kränker wurde und bedroht war, ohne Sacramente zu ſterben, ſondern auch noch den andern Janſeniſten, die ſich in ähnlicher Lage befänden, die letzte Oelung ertheilen zu laſſen. — 193— Der Prälat antwortete, daß er bereit wäre, allen Räthen der Erde und allen Janſeniſten der Welt die letzte Oelung zu ertheilen, vorausgeſetzt, daß ſie ihm ihre Beicht⸗ zettel vorlegten. Inzwiſchen ſtarben die Kranken, und nachdem ſie die Sacramente verweigert hatte, verweigerte die Kirche das Begräbniß. Das Parlament erneuerte das Urtheil der Verhaftung gegen Bonetin und ließ von neuem den Erzbiſchof auffor⸗ dern, den Sterbenden die letzte Oelung zu ertheilen. Der Krieg war erklärt. 4. Der König verſuchte, auf beide Parteien geſtützt zu bleiben. 1. Er billigte die Forderung des Parlaments an den Erz⸗ biſchof, und tadelte das gegen den Pfarrer erlaſſene Ver⸗ haftungsurtheil. Während dieſer Zeit entſchloß ſich der Rath am Cha⸗ telet, der den Tod herannahen ſah, dem Pfarrer von Sanct Paul zu beichten, der ihm einen Beichtzettel gab; nun entſchloß ſich der Vicarius, ihm die Sacramente zu geben, aber ſo unſaubrer Weiſe, wie die Denkſchriften ſa⸗ gen, denen wir dieſe Umſtaͤnde entlehnen, daß der Ster⸗ bende nicht einmal eine Ermahnung aus ihm herauszubrin⸗ gen vermochte. Aber für jeden, der das Beiſpiel des unglücklichen Rathes am Chatelet nicht befolgte, gab es weder Sacra⸗ mente, noch Begräbniſſe in geweihter Erde. Die Verweigerung der Sacramente erſtreckte ſich bis in die Provinzen und auf das Land; die Eszbiſchöfe von Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 13 — 194— Sens und von Tours, die Biſchöfe von Amiens, von Orleans, von Langres und von Trohes zeichneten ſich in dem Bezirke des Parlamentes von Paris aus. Das Volk beklagte ſich laut über eine Regierung, un⸗ ter welcher es ſein Brod nicht verdienen, keine Gerechtigkeit erlangen, noch ein Grab haben könnte. Die Philoſophen ihrerſeits ſpotteten darüber und be⸗ ſangen Herrn von Beaumont in gottloſen Verſen: Hier ſind einige davon: Pauvre sot que vous étes? Croyez-moi, monsieur de Beaumont, Laissez paitre vos bôtes Antant qu'elles voudront. Ces bonnes gens Sont peu friands,— Avec de petits croquets blanes Vous les renverrez tous contents. De tels repas Ne codtent pas, G'est pourtant ce qui rend si gras Moinillons, prétres et prélats. On est touché Du bon marché, Mais on en sera rebuté Si vous y mettez la cherté. Pauvre sot que vous êtez. Croyez-moi, monsieur de Beaumont, Laissez paitre vos bètes Autant qu'elles voudront. (Armer Dummkopf, der Sie ſind? Glauben Sie mir, Herr von Beaumont, laſſen Sie Ihre Thiere weiden, ſo lang, als ſie wollen.— Dieſe guten Leute ſind wenig lecker, mit klei⸗ nen weißen Kuchen werden Sie ſie ganz zufrieden fortſchicken. — Solche Mahlzeiten koſten nicht viel, ſie ſind es indeſſen, die Pfaffen, Prieſter und Prälaten ſo fett machen.— Man iſt ge⸗ rührt über die Wohlfeilheit, aber man würde davon abgeſchreckt ſein, wenn Sie den Preis theuer machten.) Es ging daraus hervor, daß das Volk die Weigerung der Sacramente ernſt nahm, oder darüber lachte. Wenn es dieſelbe ernſt nahm, ſo war es die Monar⸗ chie, welche die Erſchütterung davon empfand. Wenn es darüber lachte, ſo war es die Religion, welche erſchüttert ward. Mittlerweile erließ Herr Berryer, der neue Polizeipraͤ⸗ feet, ſeine Verordnungen, welche in Paris noch ernſtere Unruhen erregten. Herr Berrher war in allen Punkten der Mann der Frau von Pompadour. Von ihr bei der Polizei angeſtellt, war er ihr ganz ergeben; er war es, der ſeine ſcandalöſen Berichte über die Klöſter, über die Salons und über die Häͤuſer der Freu⸗ denmädchen leitete, die Ludwig XV. bei ſeinem kleinen Lever ſo ſehr beluſtigten. 4 13* — 196— Herr Berrher hatte einige gute Verordnungen erlaſſen, aber ſein unbeugſamer Charakter, ſeine rohen Manieren hatten den Haß des Volkes gegen ihn erregt. Dieſe Verordnungen, von denen die erſte vom 8. Juni 1747 war, erneuerten die Verbote der Einführung, des Druckes und des Verkaufes von Büchern gegen die Reli⸗ gion und gegen die guten Sitten. Eine andere vom 9. Mai 1749 war in Bezug auf die Ammen auf dem Lande, welche nach Paris kommen, um Säuglinge zu nehmen. Eine andere über die Sauberkeit der Straßen vom 8. November 1750. Eine andere vom 16. Januar 1751 über die Markt⸗ ſchreier. Endlich eine vom 6. Januar 1753 über das Fuͤhren der Pferde in Paris. Unter allen dieſen Verordnungen befand ſich eine außer⸗ ordentlich ſtrenge gegen die Landſtreicher und die Bettler. Wir haben geſagt, welche Gährung die Verweigerung der Sacramente erregt hatte, und doch erreichte die Ver⸗ weigerung nicht gerade das Volk. Das Volk ging eben nicht in alle dieſe Fragen von Janſeniſten und von Moli⸗ niſten ein, Fragen, die faſt immer auf Worten beruhen, nur fühlte es, daß auf dem Grunde aller dieſer Streitig⸗ keiten eine Entweihung heiliger Dinge vorhanden wäre, und ſah ein, daß, ſobald ein Sterbender die Sacramente ver⸗ langte, es eine Ruchloſigkeit wäre, ſie ihm zu verweigern. Run aber fand jedes Mal, wo das Viatikum ausgetragen ———-;· — 197— wurde, eine Zuſammenrottung um daſſelbe herum ſtatt, und wie wir geſagt, ereignete ſich irgend ein Scandal. Aber das Volk ſollte ſelbſt directer Weiſe erreicht werden. Die Verordnung gegen die Bettler und gegen die Land⸗ ſtreicher war höchſt ſtrengz man hob ſie überall auf, wo man ſie ergreifen konnte, und machte aus ihnen, wie in England, Matroſen oder Coloniſten. 4 Die Regentſchaft war es, welche das Beiſpiel zu die⸗ ſen Aufhebungen gegeben hatte, als es ſich zu der Zeit von Laws Syſtem darum handelte, Canada oder Louiſianna zu bevölkern. Wie man wohl begreifen wird, herrſchte bei dieſen Aufhebungen nicht immer die genaueſte Gerechtigkeit; eine Madame Coniau zum Beiſpiel, hatte ihren Gatten aufhe⸗ ben laſſen, um mehr Freiheit in Bezug auf ihren Ge⸗ liebten zu haben; dieſes Abenteuer hatte großes Aufſehen gemacht, aber von der lächerlichen Seite aufgefaßt, hatte es Ludwig XV. und den ganzen Hof ſehr ergötzt, als ein noch ernſteres Abenteuer ſich zutrug, das der Hof gezwun⸗ gen war, noch ernſter zu nehmen. Im Monat Mai 1750 hob ein Polizeiagent, zu dem Zwecke, der Mutter Geld abzupreſſen, ein Kind aufz in Verzweiflung und indem ſie es für verloren hielt, ließ dieſe durch das ganze Quartier Saint⸗Antoine Jammern hören. Bei dieſem Jammern rottete ſich das Volk zuſammen; die Mütter nahmen Antheil für die untröſtliche Mutter, das Gerücht verbreitete ſich, daß in anderen Quartieren andere — 198— Kinder aufgehoben worden und nicht wieder erſchienen wä⸗ ren. Plötzlich ließ ſich in Mitte des Getöſes, der Verwir⸗ rung und des Geſchreies eine Stimme hören, welche ſagte, daß die Aerzte dem Könige zur Wiederherſtellung ſeiner durch die Ausſchweifungen geſchwächten Geſundheit Blut⸗ bäder verordnet hätten. Solche Beſchuldigungen haben nicht nöthig, gründlich erforſcht zu werden, um ihren Zweck zu erreichen; im ſel⸗ ben Augenblicke, und Hundert Schritte weit von dem Orte, wo die Aeußerung gefallen war, wollte ein Polizeidiener ein Kind aufheben, welches bettelte; das Kind ſchrie, die Mutter rief um Hülfe; es war nicht mehr, um es in ein Hoſpital zu bringen, daß man ihr Kind entführen wollte, ſondern um es zu ſchlachten, um etwas Abſcheuliches, wie die Feſte des Pelopidas, aus ihm zu machen. Das Volk nahm Partei für die Mutter, der Polizeidiener wurde er⸗ mordet, und die erregte, raſende, drohende Menge zog in Maſſen aus den Faubourgs nach dem Hotel des Herrn Berryer, indem ſie Gerechtigkeit vor dem Parlamente ge⸗ gen die Polizeiagenten verlangte, welche Kinder entführt hätten, um das Blut deſſelben den Kammerdienern des Königs zu verkaufen. Bei Zeiten gewarnt, war Herr Berryer durch die Gärten entflohen. Das Volk wollte die Mauern erſteigen und drohte, Alles in dem Hotel zu zerſchmettern, als die Thore von ſelbſt aufgingen; die einen ſagen, auf Befehl eines Polizei⸗ beamten, die andern durch die Hand der Madame Berrher ſelbſt. Von dem Augenblicke an, wo ihm Alles leicht war, — 199— zögerte das Volk irgend etwas zu unternehmen. Die einen ſagten, daß, wenn man ſo die Thore aufmachte, es ge⸗ ſchähe, um die in eine Falle gerathen zu laſſen, welche eintreten würden; die Anderen ſagten als gewiß, daß das Hotel der Polizei unterminirt wäre; dieſe Gerüchte hatten eine Art von Grund, jeder wich zurück. Bald kamen mehrere Abtheilungen der Leibwachen des Königs, der franzöſiſchen und der Schweizergarden, das Gewehr im Arm, die ſchwarzen Mousquetaire den Säbel in der Fauſt an. Das Volk nahm die Flucht und kehrte in ſeine Faubourgs zurück; aber die Rache folgte ihm dahin. Mehrere Männer, welche man unter den Erbittertſten bemerkt hatte, wurden gefangen genommen und gehangen, eine noch weit größere Anzahl wurde in's Gefängniß ge⸗ worfen; da aber in der Wirklichkeit Aufhebungen von Kin⸗ dern ſtattgefunden hatten, ſo wollte das Parlament, wel⸗ ches ſchlecht mit dem Könige ſtand, wiſſen, was ſich zu⸗ getragen hätte, und befahl durch einen Beſchluß vom 25. Mai 1750: „Daß eine Unterſuchung gegen die Urheber der beun⸗ ruhigenden Gerüchte, welche Veranlaſſungen zu den Volks⸗ aufſtänden gegeben hätten, und auch gegen die eingeleitet werden ſollte, welche Kinder entführt hätten, wenn es der Fall ſei.“ Inzwiſchen hatte dieſer Aufſtand, welcher drei Tage dauerte, den König ſehr erſchreckt; dieſe königliche Furcht that ſich zuvörderſt durch die gänzliche Umgeſtaltung der Scharwache kund, welche bis dahin nur eine Compagnie — 200— Bürger oder Handwerker ohne Uniform geweſen war, die kraft eines alten Geſetzes aus dem Mittelalter handelte, nach welchem die Bürgerſchaft die Wache und die Schar⸗ wache ſchuldig war. Eine Verordnung des Rathes errich⸗ tete daher zehn von der Stadt beſoldete und gekleidete Com⸗ pagnien und zwei Compagnien zu Pferde. Die zwölf von einem unter den Brigadiers oder Generallieutenants genommenen Kapitäns der Scharwache commandirten Com⸗ pagnien waren beauftragt, über die Ruhe der Stadt zu wachen und den Gehorſam gegen den König aufrecht zu erhalten. Außerdem ließ Herr von Argenſon durch den Herrn von Lowendahl einen Befeſtigungs⸗ und Kaſernirungsplan um Paris herum anfertigen. Die Baſtille ſollte wieder bewaffnet, ihre Beſatzung auf acht Hundert Mann erhoben werden, und ihre in zwei entgegengeſetzten Richtungen auf⸗ geſtellten Kanonen ſollten ſich mit den Kanonen von Vin⸗ cennes über die Faubourg Saint⸗Antoine kreuzen, und die Faubourg Saint⸗Marcel beherrſchen. Da aber von der entgegengeſetzten Seite von Paris, das heißt von der Seite des Thores Saint⸗ Honoré, es nichts gab, das einen Aufſtand unterdrücken konnte, ſo nahm man ein Kaſernirungsſyſtem an, das zugleich zur Feſtung und zum Obdache dienen ſollte. Drei Kaſernen wurden gezeichnet und aufgeführt. Die erſte hinter der Militärſchule, an der Straße von Severs und von Vaugirard, war für die franzöſiſchen Garden beſtimmt. Die zweite in Rueil, zwiſchen der Straße von Ver⸗ „ —ÿ—— — 201— ſailles und Saint⸗Germain erbaute, war für die Schwei⸗ zergarden beſtimmt. 4 Endlich hatte die dritte, in Courbevoie erbaute und für das zweite Regiment der Garde beſtimmte, zum Zwecke, die Seine und den unteren Theil von Neuilly zu beherr⸗ ſchen und jede Bewegung aufzuhalten, die ſich gegen Ver⸗ ſailles wenden ſollte. Das Jahr 1750 ließ bereits 1792 vorausſehen. Außerdem verzichtete der König von dieſem Tage an auf jede Verbindung zwiſchen ihm und der Hauptſtadt, die er ſo ſehr geliebt hatte, und in welcher er ſo ſehr geliebt geweſen war; er brach mit Paris, das ihn fünf Jahre vorher als Triumphator empfangen hatte, indem es ſeinen Weg mit Blumen und mit Grün beſtreute, mit Paris, ehedem die Stadt der Freuden, der Vergnügungen und der Feſte, die jetzt die Stadt der Beleidigungen und der Drohungen geworden war. Und damit die Hauptſtadt ganz begriffe, daß nichts Gemeinſames mehr zwiſchen ihr und ihm beſtände, und daß er ſelbſt, um nach ſeinen Schlöſſern von Compieègne und von Fontainebleau zu gehen, nicht mehr durch ſie kommen würde, ließ er die unermeßliche Allee anlegen, welche den Wald von Boulogne mit Saint⸗Denis vereinigt, und die man noch heut zu Tage die Straße der Empörung nennt. Wie ſonderbar, auf dieſer Straße fand am 13. Juli 1842 der Herzog von Orleans ſeinen Tod, das einzige wirkliche Hinderniß zwiſchen den letzten Reſten der Monar⸗ chie, deren Geſchichte wir ſchreiben, und dem Entſtehen — 202— der Republik, die bei uns mehr durch die Hand Gottes, als durch die der Menſchen vorbereitet iſt. Was gab es denn Wirkliches an jener ganzen abſcheu⸗ lichen Geſchichte von aufgehobenen Kindern, und an der ſchrecklichen Beſchuldigung der Blutbäder? nichts Beſtimm⸗ tes, nur eine von Peuchet angeführte Note der Policei, welche wir nach ihm als eine mögliche, aber wenig wahr⸗ ſcheinliche Erklärung anführen, und von der wir ihm alle Verantwortlichkeit überlaſſen. Gegen das Jahr 1749 war ein tartariſcher Knes nach Paris gekommen; ich habe nicht nöthig, meinen Leſern zu ſagen, daß die Knes wahrhafte ruſſiſche Fürſten, die Fürſten des Bodens ſind, wenn man ſich ſo ausdrücken darf; dieſer war ein Mann von 30 bis 35 Jahren, ein wahrer Coloß, ein Enkel jener Titanen, welche zur Zeit der Empörung Jupiters den Himmel erſtiegen hatten; er war unermeßlich reich, und führte in ſeinem Gefolge eines jener aſiatiſchen Häuſer mit ſich, von denen wir in Frank⸗ reich keinen Begriff haben, etwa Hundert Diener. Schön von Geſicht, prachtvoll in ſeinen Kleidern, roh in ſeinen Manieren, machte ſich der Fürſt bald einen Ruf in Pa⸗ ris. Wir ſagen in Paris, denn da er in der Ungnade ſeines Kaiſers Iwan VI. ſtand, ſo hatte er erklärt, ſich nicht in Verſailles vorſtellen zu wollen; aber er nahm ſich feſt vor, ſich über ſeine Verbannung von Verſailles zu entſchädigen, indem er in Paris die gute, und vor Allem die ſchlechte Geſellſchaft ſah. Der Tartar hatte das Glück, in einem Augenblicke nach Paris zu kommen, wo Nichts in der Mode war. — 203— Er benutzte die Gelegenheit, und, wie unerhört, während ſechs Monaten ſprach man in den Salons und anderswo nur von dem ſchönen und reichen Tartaren. Nach einem Aufenthalte von acht bis zehn Monaten in der Hauptſtadt und den ausſchweifendſten Vergnügun⸗ gen verbreitete ſich plötzlich das Gerücht, daß der tarta⸗ riſche Fürſt die Ehre gehabt hätte, eine verloren gegan⸗ gene Krankheit wieder aufzufinden, irgend etwas wie den Ausſatz oder die Elephantiaſis; die von ihm berathenen Aerzte erklärten, daß der Fall ſehr glücklich für die Arz⸗ neikunde wäre, welche zweifelte, daß dieſe auf einen ſol⸗ chen Grad der Stärke geſteigerte Krankheit jemals beſtan⸗ den hätte, aber ſehr bedauernswerth für den Fürſten ſei, der für immer verloren wäre; ſeine Freunde waren un⸗ tröſtlich oder thaten, als ob ſie untröſtlich wären; aber er, als ſie ſich für immer von ihm zu trennen glaubten, nahm lachend von ihnen Abſchied, indem er ihnen er⸗ klärte, daß dieſe Krankheit nur eine Kleinigkeit wäre, eine unſchädliche Flechte, von der er das Heilmittel kenne, und daß er ihnen ein Rendezvous nach ſechs Monaten gaͤbe, wo er vollkommen geheilt ſein würde. Nach dieſem Verſprechen reiſte er ab. Die Aerzte hatten ihm in Bezug auf ſeine Rückkehr nicht widerſprechen wollen; aber kaum war er abgereiſt, als ſie erklärten, daß Paris den ruſſiſchen Fürſten nie⸗ mals wiederſehen würde. Ein Jahr verfloß, das war mehr Zeit, als nöthig iſt, um zehn ruſſiſche Fürſten zu vergeſſen, man hatte daher auch ſelbſt das geringſte Andenken an ihn verloren, — 204— als ſich plötzlich in Paris und in Verſailles das Gerücht verbreitete, daß der tartariſche Fürſt vollkommen geheilt zurückgekehrt wäre, und daß von der Krankheit, von der er befallen war, und welche die Fakultät für tödtlich er⸗ klärt hatte, nicht mehr die Rede wäre, als ob ſie nie⸗ mals beſtanden hätte. Die Arzneikunde ſtieß lautes Geſchrei aus und war faſt verſucht zu leugnen, daß es derſelbe Fürſt wäre, aber die, welche ihn gekannt hatten, erkannten ihn wieder, die Männer, und beſonders die Frauen verſicherten die Identität. Man mußte ſich wohl der Augenſcheinlichkeit ergeben, nur kam man überein, daß eine geheime und in Europa unbekannte Behandlung allein ein ſolches Wunder hätte bewirken können. Aber welches war dieſe Behandlung, die nicht allein das Leben, ſondern auch Jugend und Schönheit wieder⸗ gab, denn der Fürſt kehrte nicht allein mit dem Leben, G das er zu verlieren im Begriffe ſtand, ſondern auch voll Jugend und Schönheit, die er verloren hatte, zurück. Man wird die dringenden Bitten errathen, welche an den Fürſten geſtellt wurden, aber von Niemand waren ſie dringender, als von dem Grafen von Charolois, der ſelbſt von einer lebendigen Flechte befallen, von etwas dem Aehnlichen bedroht war, was er bei dem Fürſten geſehen hatte, bevor dieſer Paris verließ, um die geheimnißvolle Kur zu gebrauchen, welche ihm die Geſundheit wiederge⸗ geben hatte. Der Graf von Charolois drang daher dermaßen in —— ihn, daß der Fürſt, der eine ziemlich vertraute Freund⸗ ſchaft mit ihm geſchloſſen hatte, ihm, ohne daß er ihm ſagen wollte, welche Kur er befolgt hätte, vorſchlug, nach Moskau zu ſchreiben, um von dort den mongoliſchen Arzt kommen zu laſſen, der ihm die Geſundheit wiedergegeben hatte; der Graf nahm es an, indem er dem Fürſten freie Hand für die mit dem gelehrten Aben⸗Hakib zu treffende Uebereinkunft in Rückſicht auf die Bezahlung ließ. Zwei Monate verfloſſen voll Erwartung, nach Ver⸗ lauf dieſer zwei Monate trat der Fuͤrſt zu dem Grafen von Charolois mit einem Manne mit weißem Barte ein, der aͤlter als Hundert Jahre zu ſein ſchien; trotz dieſes Alters, trotz einer großen Schwierigkeit im Gange, hatte er feurige Augen voll Blitze und einen gewiſſen über ſeine ganze Perſon verbreiteten ſataniſchen Ausdruck behalten. Es war leicht zu ſehen, daß der gelehrte Mongole der Secte der Aufſucher des Steines der Weiſen ange⸗ hörte, die vor keinem Opfer zurückweichen, um ihn zu finden, und die Alles, ſelbſt das Leben ihrer Mitmen⸗ ſchen, dieſem nicht zu verwirklichenden Traume der Alchy⸗ mie geopfert haben. Hier iſt die Kur, welche der mongoliſche Arzt ver⸗ ordnete. Herr von Charolois ſollte während zwei Monaten jeden Umgang mit ſeinen Maitreſſen unterbrechen, ſich von Fiſch, Gemüſen und leichtem Backwerk ernähren, nur Mandelmilch und Limonade trinken und ſo wohnen, daß keine andere Perſon des Hotels weder auf einem höheren Stockwerke, noch auf demſelben mit ihm wohnte. . ————— — —— — —— ——ͦ — 206— Ohne drei Thuͤren zu rechnen, ſollte das Zimmer außerdem drei Fenſter haben, das eine nach Norden, das andere nach Oſten, das dritte nach Weſten; er dürfte in dieſes Zimmer nur kommen, um darin zu ſchlafen, daſſelbe nur mit dem linken Fuße betreten, es nur mit dem rechten Fuße verlaſſen, nicht in ihm trinken, nicht in ihm eſſen, und keines der Bedürfniſſe des Lebens darin verrichten. Jeden Tag, wenn er aufſtand und bevor er ſich zu Bett legte, war es ihm anempfohlen, im Geiſte, und ohne daß irgend eine Bewegung der Lippen es begleitete, ein in einer indiſchen Sprache aufgeſetztes, aber mit fran⸗ zöſiſchen Buchſtaben geſchriebenes Gebet herzuſagen; end⸗ lich ſollte er täglich vor ſeinem zweiten Mahle ein Bad nehmen, das aus aromatiſchen, zu gewiſſen Augenblicken, an gewiſſen Orten und unter gewiſſen Bedingungen, die ihm niemals gänzlich bekannt wurden, gepflückten Kräu⸗ tern beſtand. Das war die kabaliſtiſche Seite der Kur. Hier iſt die materielle Seite: Jeden Freitag zapfte der Arzt dem Kranken acht Un⸗ zen Blut ab, dann ſpritzte er ihm mittelſt einer Maſchine an der Stelle dieſer acht Unzen verdorbenen Blutes in die offene Ader eine gleiche Maſſe menſchlichen Blutes ein; dieſes Blut mußte aus dem Körper eines Kindes gezogen ſein, das noch nicht das mannbare Alter erreicht hatte, und deſſen Körper geheimnißvollen Uebungen unterworfen geweſen war, welche dem Grafen unbekannt blieben; end⸗ lich verordnete der Doctor für den letzten Freitag des Mo⸗ — 3 — 207— nats ein Bad, das zu drei Viertel aus Stierblut, und für ſein letztes Viertel aus Menſchenblut beſtand. Alles das ſollte vier Male ſo wiederholt werden, daß dabei in Allem das ganze Aequivalent eines Bades von Menſchenblut ſtattfände. Nach Verlauf dieſer Behandlung, welche vier Mo⸗ nate dauern würde, ſollte der Graf von Charolois geheilt ſein. Es iſt unnöthig, zu ſagen, daß, während dieſer vier Monate das Verſchwinden von Kindern ſtattgefunden hatte, von dem wir geſprochen haben, und das den Aufſtand verurſacht hatte, den wir erzählt haben. Nach der Ausſage des Chronikenſchreibers, dem wir dieſe Umſtände entleihen, hätte Ludwig XV., dieſes Ver⸗ brechens beſchuldigt, deſſen bereits Ludwig XI. beſchuldigt geweſen war, die Policei gezwungen, an die Quelle aller dieſer Gerüchte zurückzugehen, und die Policei wäre ge⸗ zwungen geweſen, Ludwig XV. den wahren Schuldigen anzuzeigen, der kein Anderer geweſen wäre, als ein Prinz ſeines Hauſes. Obgleich der Graf von Charolois einer jener Män⸗ ner war, die es ſchwer iſt zu verläumden, verſteht es ſich von ſelbſt, daß wir, die wir niemals ohne Beweis angeklagt haben, dieſe Anklage als ernſtlich hiſtoriſch be⸗ trachten, und wir geſtehen, daß die Abſchrift des Briefes, welchen er anführt und in welchem der Graf das Ereig⸗ niß erzaͤhlt und um Verzeihung über das Verbrechen bit⸗ tet, deſſen man ihn beſchuldigte und das er eingeſteht, uns von einem ſo wenig fürſtlichen Style geſchienen hat, daß, weit davon entfernt bei uns davon eine Ueberzeu⸗ gung herbeizuführen, er uns dieſe Ueberzeugung genom⸗ men haben würde, wenn ſie beſtanden hätte. Aber falſch oder wirklich, die Abſchrift dieſes in den Archiven der Policei wieder aufgefundenen Briefes iſt nichts deſto weniger etwas Merkwürdiges; wirklich, be⸗ ſtätigt er, zu welchem Grade der Verderbniß die menſch⸗ liche Natur bei denen gelangen kann, denen Ungeſtraftheit zugeſichert iſt; falſch, deutet er an, zu welcher Höhe der Volkshaß, eine theilweiſe Ueberſchwemmung, welche im Jahre 1793 eine allgemeine Ueberſchwemmung wurde, be⸗ reits im Jahre 1750 gegen die Prinzen und gegen die Könige geſtiegen war. Da die wichtigen Ereigniſſe, welche wir erzählt ha⸗ ben, die Jahre 1750 bis 1756 umfaſſen, ſo wollen wir die wenigen beſonderen Umſtände hinzufügen, welche die Geſchichte dieſer ſieben Jahre vervollſtändigen werden, wäh⸗ rend welcher außerdem der Krieg in Canada entſtand, dem wir ein beſonderes Kapitel widmen werden. Einer dieſer beſonderen Umſtände, der durch ſeine Originalität den Hof am Meiſten ergötzte, war die uner⸗ wartete Verheirathung der Frau Herzogin von Boufflers mit dem Herrn Herzoge von Luxemburg. Am 28. Juni befand ſich Ludwig XV. in Bellevue bei Frau von Pompadour, als der Herzog von Luxem⸗ burg mit der Bitte zu ihm kam, den Ehevertrag mit ſei⸗ ner Unterſchrift zu beehren, den er hatte aufſetzen laſſen, und der die Bedingungen ſeiner Verheirathung mit der Frau Herzogin von Boufflers enthielt. Seit drei Jahren Wittwe, war Frau von Boufflers — 209— im Jahre 1734 am Hofe aufgetreten, ſie war Palaſtdame gerade zu der Zeit, zu welcher Ludwig XV. die Königin vernachlaͤſſigte; liebenswürdig, reizend, voll Anmuth, nahm ſie bald einen ausgezeichneten Rang in der ausſchweifenden Geſellſchaft von Choiſy ein. Herr von Treſſan hatte durch ein Lied dieſer bereits ſehr ausgezeichneten Beruͤhmtheit eine neue Berühmtheit hinzugefügt. Das Lied des Herrn von Treſſan fäͤngt mit folgen⸗ dem Verſe an: 1 Quand Boufflers parut à la cour, On crut voir la mère d'amour, Chacun s'empressait de lui plaire, Et chacun l'avait à son tour. (Als die Boufflers am Hofe erſchien, glaubte man die Mutter Amors zu ſehen, Jedermann beeiferte ſich, ihr zu ge⸗ fallen, und Jedermann hatte ſie nach ſeiner Reihe.) Frau von Bouffklers ſang dieſes Lied wie die Andern, nur ſagte ſie, als ſie an den letzten Vers gelangt war: — Meiner Treue! ich habe das Uebrige vergeſſen. Sehen wir jetzt wie dieſe Verheirathung, die am fol⸗ genden Tage ſtattfinden ſollte, beſchloſſen worden war: Einige Tage vorher hatte Frau von Boufflers, des Wittwenlebens müde, das ſie indeſſen weniger als irgend Jemand bemerken mußte, Herrn von Luxemburg beſucht, der ſeit langer Zeit ihr Geliebter war. — Herr Marſchall, ſagte ſie beim Eintreten, es iſt heute Nacht ein Gedanke in mir aufgeſtiegen. Ludwig der Fünfzehnte. 2. Band. 14 — — 210— — Welcher, Frau Herzogin? — Der, daß Sie mich heirathen müßten. — Wozu, in der Stellung, in welcher wir uns be⸗ finden, meine ich, daß wir ſo ziemlich verheirathet wären. — Das iſt wahr, es iſt deshalb auch nicht deswegen, ſondern um mich Frau Marſchallin zu nennen, der Titel hat einen guten Klang und gefällt mir; außerdem, wenn Sie mir einen Titel mitbringen, ſo bringe ich Ihnen einen andern mit, wenn Sie mich zur Frau Marſchallin ma⸗ chen, ſo mache ich Sie zum Kapitän der Garden. — Ei, bei Gott! warum ſagten Sie das nicht auf der Stelle, liebe Herzogin; auf wann der Ehevertrag? — Ich werde heute Abend mit meinem Notar zu Ih⸗ nen kommen. — Alſo auf heute Abend? — Auf heute Abend. Dieſer Ehevertrag war es, den Ludwig XV. von Herrn von Luxemburg eingeladen ward zu unterzeichnen, und den er unterzeichnete. Acht Tage nachher erhielt Herr von Luxemburg in der That die Stelle als Kapitän der Garden, welche durch den Tod des Marſchalls von Harcourt erledigt war. Am folgenden 1. November gründete der König einen militäriſchen Adel, der von Rechtswegen nicht allein für die erlangt war, welche in ſeinen Heeren zu dem Range von Generalofficieren gelangt wären, ſondern auch von denen, welche ihm zum Mindeſten in der Eigenſchaft als Kapitän dienen wüͤrden, und von denen der Vater und M³. — 211— der Großvater in derſelben Eigenſchaft gedient hätten: Patre et avo militibus. Das war ein glorreicher für dieſes ſchimpfliche Recht bewilligter Erſatz, das der erſte beſte Republikaner hatte, den Adel für Geld zu erkaufen. Am 10. December ſtarb der Marſchall von Sachſen in Chambord, das der König ihm geſchenkt hatte; er hatte in die Armee eine neue Theorie eingeführt, welche auf dem kriegeriſchen Character der Nation beruhte; ſie beſtand darin, das Gelingen der Schlachten faſt immer den Händen der Infanterie zu übergeben.„In den Händen der Franzoſen, ſagte der Marſchall von Sachſen, iſt das Gewehr nur der Stiel des Bajonnettes.“ Da der König wegen der Religion, zu welcher ſich der Herr Marſchall von Sachſen bekannte, ihm nicht daſſelbe Leichenbegängniß bewilligen konnte, das Herrn von Turenne bewilligt geweſen war, ſo befahl er, daß er in Straßburg begraben würde, und daß die Koſten des Transportes, des Begräbniſſes und des Mauſoleums von dem königlichen Schatze beſtritten würden. Pigale wurde mit der Ausführung des Monumentes für den Sieger von Fontenoy und von Raucoux beauf⸗ tragt und führte es aus. Der Marſchall von Sachſen war im Alter von 54 Jahren geſtorben. 4 Am 22. Januar 1751 gründete der König die Mili⸗ tärſchule, in welcher fünf Hundert franzöſiſche Edelleute unentgeltliche Wohnung, Nahrung und Erziehung finden ſollten, indem der Vorzug denen bewfllat. war, deren — 212= Väter im Dienſte des Königs geſtorben wären oder noch in ſeinen Heeren dienten; das war die Vervollſtändigung der Idee der Invaliden, nur hatte Ludwig XIV. mit dem Ende angefangen. Am 12. September wurde die Frau Dauphine von dem Herzoge von Burgund entbunden. Bei Veranlaſſung dieſer Geburt erließ der Köͤnig vier Millionen von den Steuern, und die Stadt Paris ver⸗ heirathete ſechs Hundert Mädchen. Dieſes gegebene Beiſpiel wurde von Frau von Pom⸗ padour befolgt, welche mit einem Male alle mannbaren Mädchen ihrer Güter verheirathete, was ein Ganzes von mehr als ſieben Hundert Verheirathungen gab, und als Herr von Montmartel, der Bewahrer des königlichen Schatzes, das ſah, verheirathete er noch drei Hundert Andere. Eben ſo machten es ihrerſeits die Corporationen und die Gemeinden der Provinz, wie auch die Perſonen, wel⸗ che dem Könige und der Frau von Pompadour den Hof machen wollten, ſo daß zwei Tauſend Ehen die Frucht dieſer glücklichen Entbindung der Frau Dauphine wurden. Der Herr Präſident von Lovh, der Verfaſſer von dem hiſtoriſchen Tagebuche Ludwigs XVI., berechnete, daß dieſe zwei Tauſend Ehen dem Staate in vierzehn Jahren fünfzehn Tauſend Menſchen eintrugen. Man wird begreifen, daß auf Veranlaſſung der ſechs Hundert Heirathen, welche von der Stadt Paris verheirathet und jede mit ſechs Hundert Livres ausgeſtat⸗ tet wurde, die Lieder nicht fehlten. —— — 213— Wie gewöhnlich wollen wir davon eine Probe geben, man wird daraus ſehen, daß es nicht Beranger iſt, der den Refrain:„Es leben die Lumpen!“ erfunden hat. Deux cents écus sont les dotes De ces tendrons T compris habits et cotes, Et violons; Sans pâtés de Périgueux: Vivent les gueux! Qu'il serait beau, ce me semble, Voir en un jour, Tant d'amants unis ensemble Faire à l'amour Un sacrifice joyeux; Vivent les gueux! Pour compléter cette fète De l'Opéra, Notre prévôt, bonne tète, Regalera Ce bataillon d'amoureux; Vivent les gueux! (Zwei Hundert Thaler ſind die Mitgift dieſer Sprößlinge, darin begriffen Kleider, Putz und Tanzmuſik; ohne Paſteten von Perigueur: es leben die Lumpen!— Wie mir ſcheint wäre es ſchön, eines Tages ſo viele mit einander vereinte Liebende der Liebe ein fröhliches Opfer bringen zu ſehen; es leben die — 214— Lumpen!— Um dieſes Opernfeſt vollſtändig zu machen wird unſer Schultheiß, ein gutmüthiger Menſch, dieſes Bataillon Verliebter regaliren; es leben die Lumpen!) Am 4. Februar 1752 ſtarb der Herzog von Orleans in Sanct Genovefa, wohin er ſich ſeit einigen Jahren zu⸗ rückgezogen hatte, nachdem er die ſchönſten Gemälde ſeiner Gallerie verbrannt, weil ſie Nacktheiten vorſtellten. Am 29. Juni ſtarb der berühmte Kardinal Alberoni in Rom. Er iſt derſelbe, den wir zur Zeit der Ver⸗ ſchwörung Cellamares gekannt haben, und der Europa in Flammen ſetzte, um aus Spanien die Macht zu machen, welche es ſeit dem wurde; in der That, im Augenblicke dieſes Todes beſaß Spanien das Königreich der beiden Si⸗ cilien, das es überfallen hatte, und die Herzogthümer Parma und Piacenca, die es zurück forderte. Am 28. Februar 1753 ſtarb nun auch Frau von Maine. Am 23. Auguſt 1754 wurde die Dauphine von einem Prinzen entbunden, der den Namen Herzog von Berry erhielt, und der ſpäterhin König Ludwig XVI. ſein wird. Der Tod Montesquious, des Herrn von Lowendahl und des Prinzen von Dombes ſind die wichtigen Ereig⸗ niſſe in dem übrigen Theile des Jahres 1755. Das Jahr 1756, während deſſen unter dem Schutze des Herrn Herzogs von Orleans ſich in Frankreich die Impfung verbreitete, iſt beſonders durch die Ereigniſſe des Krieges in Canada ausgefüllt. Waͤhrend dieſer ſieben Jahre hat übrigens die Macht — 215— der Frau von Pompadour, ſtatt abzunehmen, nur zuge⸗ nommen. Das kam daher, weil mit dieſer Begierde nach Geld und nach Guͤtern, welche man der Favoritin vor⸗ werfen kann, ſich erhabene Eigenſchaften vereinigten. Sie beſaß jene großmüthigen und künſtleriſchen Gefühle, welche dem Könige gänzlich fehlten. Als der Koͤnig England fei⸗ ger Weiſe nachgab, indem er ihm die Verbannung des Prätendenten verſprach; als er, dem Befehle des Kabinets von London gehorchend, den Prinzen Karl Eduard auf offener Straße verhaften und nach der Gränze von Frank⸗ reich führen ließ, wo er ankam, indem er an ſeinen Hän⸗ den die Spuren von Stricken zeigte, mit denen man ihn gebunden hatte, widerſetzte ſie ſich mit aller ihrer Gewalt dieſer Verbannung und dieſer Verhaftung. Sie ſetzte ihr Anſehen und ihr Vermögen in einem Kampfe auf das Spiel, in welchem ſie ihren königlichen Geliebten nicht mit Wahrheiten verſchonte. Dann endlich, als das Werk vollbracht war, wurde von ihr allein an dem ganzen Ho⸗ fe das Wort laut ausgeſprochen, welches Europa leiſe ausſprach: 886 — Sire, es iſt eine Feigheit. Ebenſo wie das Unglück, hatte die Kunſt eine mäch⸗ tige Stütze an ihr. Durch ſie kam Voltaire an den Hof, erlangte eine Stelle als Kammerherr, die er für ſechs Mal Hundert Tauſend Livres verkaufte. Durch ſie erhielt er ſich an ihm trotz ſeiner unbeſonnenen Streiche und ſei⸗ nen Vertraulichkeiten. Von Zeit zu Zeit war er genö⸗ thigt zu fliehen, ſich bald bei Frau Du Chätelet, bald bei Frau von Maine zu verbergen, aber bei der erſten — 216— Rückkehr des ſchönen Wetters, bei dem erſten königlichen Lächeln, das ſich wie ein Sonnenſtrahl zeigte, rief ſie den Flüchtling zurück, der ſchüchtern zurückkehrte, einige Verſe zu Gunſten des Königs machte, den er verabſcheute und der Favoritin, die er verachtete, Semiramis gab, welches fiel, ſich vor Catilina, welches glückte, ſich nach Preußen flüchtete, und, immer begierig nach Ruhm oder vielmehr nach Aufſehen, d'Alembert ſagen ließ, indem er auf ihn deutete: — Seht dieſen Mann, er hat für eine Million Ruhm, und er will noch für einen Sous. Die Kunſt war ein großes Hülfsmittel für ſie, um ihre Gewalt über Ludwig XV. zu erhalten, der ſich immer mehr langweilte. Ludwig XV. war von der einzigen Krankheit befallen, gegen die es kein Heilmittel gibt, von der Entzauberung. Man ſehe das von Vanloo gemalte Porträt Ludwigs XV. in Lebensgröße, es iſt gerade aus der Zeit, zu welcher wir gelangt ſind; der König gibt auf ihm einem Reſte der entfliehenden Jugend noch die Hand, aber zu zwei Dritteln des reifen Alters gelangt, begann er das Alter zu erblicken, das ihn erwartete. Es iſt noch jene, wo nicht breite, doch zum Mindeſten edle und hohe Stirn; es ſind noch jene blauen, unter ihren ſchwarzen Wimpern ſo klaren, unter ihren tadelloſen Brauen ſo ſchön geſpal⸗ tenen Augen; es iſt jene Naſe, an der man die Bourbo⸗ nen erkennt; jener feine und geiſtreiche Mund, der aus dem Hauſe Savoyen abſtammt; nun denn! man befrage dieſe Stirn, dieſe Augen, dieſen Mund, man ſuche unter den Bemühungen des Malers den Ausdruck, den er hat verſchleiern wollen, und man wird den Ueberdruß an Allem finden. Es mangelt zu den Füßen dieſes Porträts nur ein leerer Becher, um das Sinnbild der Entzauberung aus ihm zu machen. Nun denn, man mußte dieſen König um jeden Preis beluſtigen. Bellevue erhob ſich bei weitem mehr für ihn, als für Frau von Pompadour, nach dem Programm eines Traumes. Schaffen Sie mir die Gärten der Alcine Arioſts, hatte Frau von Pompadour zu Boucher geſagt, und Boucher hatte ſich an's Werk gemacht. Frau von Pompadour hat das Gold, den Marmor und den Por⸗ phyr geliefert; Lemoine hat Alles das zugehauen, und Le⸗ moine und Boucher haben mit einander die Wohnung einer Fee geſchaffen. Als Ludwig Xv. alle die Bemühungen ſah, lächelte er daher, gab Frau von Pompadour das Tabouret, ließ ſie ſich neben die Königin ſetzen, ließ ſie ſich von den Prin⸗ zeſſinnen auf die Stirn küſſen, ſie, die Tochter der Ge⸗ liebten des Pächters Tournehem, dieſer Frau, der man folgende Grabſchrift gemacht hat, als ſie geſtorben iſt: Ci-git qui sortit du fumier, Et pour faire fortune entière, Vendit son honneur au fermier Et sa fille au propriétaire. (Hier liegt die, welche aus dem Miſte hervorging, und die, um gänzlich ihr Glück zu machen, ihre Ehre dem Pächter und ihre Tochter dem Grundherrn verkaufte.) —— — — 218— Sie, die Tochter des Poiſſon, der verurtheilt geweſen war, gehangen zu werden, und der eines Abends bei einem Abendeſſen von Finanzmännern, den Kopf vom Weine erhitzt, den Geiſt von Wahrheit überſtrömend, ſich auf ſeinem Seſſel zurückwarf, indem er ſagte: Wiſſen Sie, was mich lachen läßt? Es iſt, uns mit dieſem Aufwande und dieſer Pracht zu ſehen, welche uns umgibt; ein Frem⸗ der, der hier einträte, würde uns für eine Verſammlung von Prinzen halten, und Sie, Herr von Montmartel, Sie ſind der Sohn eines Schenkwirthes; Sie, Herr von La Valette, der Sohn eines Eſſigbrauers; Du, Bouret, der Sohn eines Bedienten, und ich, meiner Treue, Jeder⸗ mann weiß, weſſen Sohn ich bin. Ludwig XV. vergaß nicht für ſie allein die Geſetze der Etikette, man mußte ihrem Bruder, den er zum Marquis von Vandière ernannt hatte, und den Herr von Maurepas den Marquis von Avant-hier(vorgeſtern) genannt, dieſen Namen ändern, der zur Lächerlichkeit Veranlaſſung gab, und ihn zum Marquis von Marigny ernennen. Damit nun der liebenswürdige kleine Schwager gänzlich das An⸗ ſehen eines Marquis hätte, machte man ihn zum Sekretär des Ordens. Er erhielt ausnahmsweiſe ein blaues Band, das von den Proben entband. Zum Nindeſten hatte ſich auf ihn die Gunſt nicht gänzlich verirrt. Er hatte ſich mit Zeichnen, Geometrie und Architectur beſchäftigt. Mit neunzehn Jahren hatte er die Oberaufſicht der Gebaͤude gehabt; nun denn! in dem Alter, in welchem ein anderer nur daran gedacht hätte, ſeine Gunſt zu genießen, ſah er ein, daß er ſie verdienen müßte. Er ging mit Soufflot, = 219— Cochin und Leblanc nach Italien, blieb daſelbſt zwei Jahre, und wenn er bei ſeiner Rückkunft kein Künſtler erſten Ranges war, ſo war er zum Mindeſten ein Kenner erſten Ranges. Man machte ihn im Augenblicke der Ab⸗ reiſe zum Marquis von Marigny. — Gut, ſagte er, die Franzoſen haben mich Marquis von Vorgeſtern genannt, die Italiener werden mich Mar⸗ quis des Mariniers(der Seeleute) nennen, das iſt na⸗ türlich, ich bin ein geborener Poiſſon(Fiſch). — Sire, ſagte er zu dem Könige, ich vermag nicht zu begreifen, was mir begegnet, ich kann mein Taſchentuch nicht fallen laſſen, ohne daß ſich zwanzig Ritter des heili⸗ gen Geiſtordens bücken, um es aufzuraffen. Bei ſeiner Rückkehr aus Italien war er ganz Kunſt; er ließ die Akademie der Baukunſt beſtätigen; er iſt es, der die Schule der Bankunſt von Rom gründete. Er wollte das Louvre beendigen, die Bibliothek, die Samm⸗ lung der Medaillen, das Muſeum, die Antiquen darin unterbringen; er wollte beſonders die Künſtler darin woh⸗ nen laſſen, damit die Künſtler einen Palaſt hätten. Möge ſeine Schweſter leben, und er wird alles das ausführen. Einſtweilen war er es, der die öffentliche Gemälde⸗ ausſtellung in der großen Gallerie des Louvre gründete; er war es, der die große Sammlung der Rubens vereinigte; er war es, der mittels eines Jahrgehaltes von zehn Tau⸗ ſend Livres Picot das Geheimniß abkaufte, welches darin beſteht, die Malerei, ohne ſie zu verletzen, von einer Lein⸗ wand auf eine andere zu uͤbertragen. Auf dieſe Weiſe — — 220— rettete er das Meiſterſtück Andrea del Sartos und den heiligen Michael von Raphael. 1789 hat den Bann über die Günſtlinge und die Fa⸗ voritinnen ausgeſprochen, Gnade für den Marquis von Marigny. Freilich machte ſeine Schweſter wäͤhrend dieſer Zeit minder ehrenvolle Stiftungen. Die arme Frau hatte eingeſehen, daß die von Frau von Maintenon als unmöglich betrachtete Sendung, das heißt einen nicht zu beluſtigenden Mann zu beluſtigen, wohl einige päpſtliche Nachſicht verdiente. Sie hatte dem zu Folge den Hirſchpark erfunden. Es war das erſte Mal, daß eine Favoritin den Ein⸗ fall gehabt hatte, ihrem Geliebten ein Serail zu geben. Aber die kluge Herzogin hatte eingeſehen, daß ihr königlicher Geliebter vor Allem ein Gewohnheitsmenſch wäre, und daß die Abwechſelung eine Zerſtreuung ſei, ohne eine Gefahr zu ſein. Was war nun aber der Hirſchpark? Ein Harem von Bagdad oder von Samarcand, aus dem jede Sclaoin verbannt war, nachdem ſie die Ehre gehabt, das Lager des Herrn zu theilen. Die, welche nur ihre Ehre darin zurückgelaſſen hatten, empfingen den Preis dafür, man ſtattete ſie aus, und mit Hülfe dieſer Ausſteuer verheira⸗ thete man ſie in dem Bürgerſtande oder unter den Päch⸗ tern; die, welche darin die Mutterſchaft erlangt hatten, ſahen ihre Kinder in dem geiſtlichen Stande oder in der Armee befördert. — 221— Alle dieſe Sclavinnen eines Augenblickes kümmerten daher auch Frau von Pompadour wenig, wenn ſie nur die Favoritſultanin oder zum Mindeſten die Sheherazade war, welche durch ihren Verſtand, durch ihre Kunſt und durch ihre Erzaͤhlungen den Sultan während Tauſend und Einer Nacht beluſtigen ſollte. Ende des zweiten Bandes. Druck von C. Schumann in Schneeberg. — 2 6 1 V — In gleichem Verlage ſind nachſtehende Schriften erſchienen: Wichtige hiſtoriſche Euthüllungen über die wirkliche Todesart Jeſu.— Nach einem alten zu Alerandrien gefundenen Mannſeripte von einem Zeitgenoſſen Jeſu aus dem heiligen Orden der Eſſäer. Aus einer lateiniſchen Abſchrift des Originals über⸗ ſetzt.— Fünfte unveränderte Auflage, mit einen Nachworte, enthaltend: Kurze Beantwortung einiger öffentlichen Urtheile und Angriffe. ⅓ Thlr. Jeſus der Eſſäer, oder die Religion der Zukunft. Eine Beleuchtung der„Enthüllungen über die wirkliche To⸗ desart Jeſu“ und ihrer Conſequenzen für die Geſellſchaft, ver⸗ bunden mit einer Kritik der Einwendungen der orthodoren Theologie, wie ſie die Schrift des F. S. Kirchenraths Doctor Wohlfarth ausſpricht.— Zweite unveränderte Aufl. ½1 Thlr. Der wahre chriſtliche Staat, oder die Religion der Zukunft und das Ziel der Nevolution. Die letzten Conſequenzen der Lehre Jeſus des Eſſaers, ge⸗ ſchöpft aus den„Enthüllungen über die wirkliche Todesart Jeſu.“% Thlr. — In demſelben Verlage iſt erſchienen: Glaubensworte von einem weltlichen Diener des heiligen Geiſtes. In chriſtlichen Betſtunden für— freie Gemeinden des 19. Jahrhunderts und für ſtille Erbauung denkender Chriſten. Erſtes Halbjahr vom 13. Mai bis 28. October. Geh. 1 Thlr. Außer für alle gebildete vorurtheilsfreie Chriſten ha⸗ ben dieſe Glaubensworte noch hohes Intereſſe auch für Freimaurer, zu denen ſie in einer doppelten Bezie⸗ hung ſtehen, indem ſie aus einem maureriſchen Bewußt⸗ ſein entſprungen und den Maurer im Chriſten⸗ thum darſtellen, weshalb ſie allen Logenarchiven zu empfehlen ſind. Die Fortſetzung des Werks kann auch in einzelnen, alle vierzehn Tage erſcheinenden Num⸗ mern bezogen werden. fffffffffffffffnnnfſſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 fffffffffffffffnnnfſſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18