5—— Leihbibliothek 1 danticher engliſcher und n Lin35 öſiſcher Literatur 4 Epuard Oftmann in Giehe 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und Jeſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von po jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Ad hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für öochenelich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 N. Ff anf Nönate. 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— 5. Auswärtige Abonnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eig enen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. G Schadenersatz. 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Wallnerſtraße Nr. 263. —— 4— Ludwig der Fünfzehnte. „ Erſter Band. — 8— ——————— ——ÿÿ—— ů———— ————— 8— „ 4 — weit früheren Stunde, als gewöhnlich, geweckt worden, pfand. I. Ein Wort der Rückerinnerung über den jungen König.— Was ſich bei dem Tode des Herrn Herzogs von Orleans zutrug. — Wie Herr von Bourbon zum Premierminiſter ernannt wurde.— Sein Urſprung.— Sein phyſiſches und mora⸗ liſches Porträt.— Die Frau Herzogin, Mutter des Herrn Herzogs.— Ihre Lieder.— Die Prinzen.— Herr von Charolois.— Der König.— Etikette Ludwig XV.— Beleidigende Gerüchte für den König.— Die falſche Münze der Frau von Condé.— Die Seele Duchauffours. Am Sonnabend, am 15. Februar 1710, war Lud⸗ wig XIV. um ſieben Uhr Morgens, das heißt zu einer weil die Frau Herzogin von Burgund Geburtswehen em⸗ Der Koöͤnig kleidete ſich eiligſt an und begab ſich zu ihr. Dieſes Mal wieder wartete Ludwig XIV. nicht, oder wartete zum Mindeſten nicht lange. Um acht Uhr drei Minuten und drei Sekunden gebar die Herzogin von Burgund einen Prinzen, der den Namen Herzog von Anjou erhielt. Der Kardinal von Janſon gab dem Neugebornen die Nothtaufe. Er wurde auf dem Schooße der Frau von Vantadour in einer Sänfte getragen. Herr von Boufflers und acht Leibgardiſten begleiteten die Sänfte. Um Mittag überbrachte ihm Herr de La Vrilliere das blaue Band des heiligen Geiſtordens, und an demſelben Tage kam der ganze Hof, ihn zu ſehen. Dieſes Kind, das geboren worden war, hatte bereits einen älteren Bruder, der den Titel Dauphin führte; wie wir geſagt haben, erhielt es den Titel Herzog von Anjou. Am 6. März 1711 wurden die beiden Kinder von den Maſern befallen. Ludwig XIV. wurde ſogleich davon un⸗ terrichtet. Die beiden kleinen Prinzen hatten nur die Noth⸗ taufe erhalten; der König befahl, daß ſie auf der Stelle getauft würden. Frau von Vantadour hatte die Erlaub⸗ niß, zu Pathen und Pathinnen die erſten beſten Perſonen zu nehmen, welche ihr unter die Hand fielen. Beide ſoll⸗ ten den Namen Ludwig erhalten. Frau von Vantadour hielt mit dem Grafen de La Motte den kleinen Dauphin zur Taufe. Der Herzog von Anjou hatte den Herrn Marquis von Prie zum Pathen, und Frau de La Ferté zur Pathin. Am 8. März, ſtarb das ältere der beiden Kinder; nun V — folgte der Herzog von Anjou ſeinem Bruder, und nahm nun auch den Titel Dauphin an. Wir haben Ludwig XV. nach dem Tode König Lud⸗ wig XIV. nach Vincennes führen ſehen; wir haben ihn nach Paris zurückkehren ſehen, um den feierlichen Gerichts⸗ hof zu halten, der das Teſtament ſeines Großvaters um⸗ ſtieß und den Herzog von Orleans zum Regenten ernannte. Wir haben die Grundſätze erzählt, welche ihm Herr von Villeroh, ſein Gouverneur, einflößte, ſeine Freundſchaft für ſeinen Lehrer, Herrn von Fleury; ſeinen Widerwillen gegen Dubois; wir haben die Befürchtungen Frankreichs und die Angſt des Herrn Herzogs von Orleans erzählt, als ihn eine neue Krankheit an die Pforten des Todes brachte. Endlich haben wir erzählt, wie Helvetius Feſtig⸗ keit ihm das Leben rettete. Wir haben nachher der Erklärung ſeiner Volljährigkeit, dann ſeiner Krönung, dann der Ernennung des Herrn Herzogs von Orleans als Premierminiſter nach dem Tode Dubois beigewohnt. Endlich dem Tode des Herzogs von Orleans, der am 2. Dezember 1723 in den Armen der Frau von Phalaris von einem Schlagfluſſe getroffen ward. La Vrilliere, der Sohn Chateauneufs, Staatsſekretär unter Ludwig XIV., derſelbe, welcher Fräulein von Mailly, ſeine Gattin, ſo ſehr ſcandaliſirt hatte, als ſie erfuhr, daß ſie nur einen geringen Bürgerlichen heirathete, La Vrillisre, welcher Sekretair des Regentſchaftsrathes ge⸗ worden war, als die Regentſchaft einen Rath hatte, La Vrilliére wurde zuerſt von dem Tode des Herrn Herzogs von Orleans benachrichtigt. — 10— Er eilte zuerſt zu dem Könige, dann zu Herrn von Fréjus, dann endlich zu dem Herzoge von Bourbon, und in der Meinung, daß dieſer Prinz wohl den Titel als Premierminiſter erben könnte, beeilte er ſich, für jeden Fall das Patent dazu nach dem Muſter deſſen des Herrn Herzogs von Orleans aufzuſetzen. Der Biſchof von Fréjus hätte ſich von nun an des Miniſteriums bemächtigen können, ſeine Freunde riethen es ihm, und vielleicht dachte er einen Augeublick lang daran. Aber Herr von Fréjus war ein Mann der Geduld und des Ehrgeizes, MP*eine ſeltene Vereinigung, welche es ſo ſchwer macht, die Staatsmänner, die ſie beſitzen, zu ſtür⸗ zen. Außerdem wußte er ſich mit der Wirklichkeit der Ge⸗ walt zu begnügen, indem er den andern den Schein davon überließ; wieder etwas ſehr Seltenes. Er glaubte, nicht ſobald das Verlangen an den Tag legen zu dürfen, das er ſpäterhin verwirklichte, und war der Erſte, der ſich für den Herzog von Bourbon erklärte, deſſen gänzliche Un⸗ fähigkeit er kannte. 4 Als der Tod des Herzogs bekannt ward, begaben ſich alle Hofleute zu dem Könige. Der Herr Herzog ging ihnen voraus. Ludwig XV. war ſehr traurig; an ſeinen rothen und feuchten Augen ſah man, daß er Thränen vergoſſen hatte. Kaum war die Thür hinter dem Herrn Herzoge und hinter den Hofleuten wieder verſchloſſen, als der Biſchof von Fréjus laut zu dem Könige ſagte, daß er bei dem großen Verluſte, den er an dem Herzoge von Orleans erlitten, zu deſſen Lobe es nur weniger Worte bedürfe, 4 4 4 8* 5 * 4 — 11— Seine Majeſtät nicht beſſer thun könnte, als den anweſen⸗ den Herrn Herzog zu bitten, die Laſt aller Angelegenheiten zu übernehmen und die Stelle als Premierminiſter anzu⸗ nehmen, welche durch den Tod des Herrn Herzogs von Orleans erledigt worden ſei. Der König blickte den Herrn Biſchof von Fréjus an, wie um in ſeinen Augen zu leſen; als er hierauf bemerkte, daß ſeine Augen übereinſtimmend mit ſeinen Worten wä⸗ ren, willigte er mit einem Nicken des Kopfes in den An⸗ trag. Sogleich ſtattete der Herr Herzog ſeinen Dank ab. Was La Vrillisre anbelangt, ſo zog er, außer ſich vor Vergnügen über das ſchnelle Gelingen dieſer wichtigen An⸗ gelegenheit, den nach dem des Herrn Herzogs von Orleans abgeſchriebenen Eid des Premierminiſters aus ſeiner Taſche, und ſtellte Herrn von Fréjus laut den Antrag, ihn denſel⸗ ben auf der Stelle leiſten zu laſſen. Herr von Fréjus wandte ſich um, ſagte zu dem Kö⸗ nige, daß das ſchicklich wäre, und der Herzog leiſtete auf der Stelle den Eid. Faſt ſogleich nach dem geleiſteten Eide verließ der Herr Herzog das Kabinet. Die Menge folgte ihm, ſo daß eine Stunde nach dem Tode des Herrn Herzogs von Orleans und bevor ſein Sohn, der ſich bei ſeiner Maitreſſe in Paris befand, nur von dieſem Tode unterrichtet war, Alles abgemacht war. Widmen wir dem Prinzen, dem La Vrilliére und Fleury auf eine ſo leichtfertige Weiſe das Erbe des Herrn Herzogs von Orleans gegeben hatten, einige Zeilen. Er war der Sohn Ludwigs von Bourbon⸗Condé, deſſen Vater Ludwig XIV. im Jahre 1660 das Herzog⸗ thum von Bourbon gegen das Herzogthum Albret gegeben hatte. Seine Mutter war jenes geiſtreiche Fräulein von Nan⸗ tes, Tochter Ludwig XIV. und der Frau von Montespan. Auch ſie hatte den Geiſt der Mortemarts geerbt. Wir ha⸗ ben bereits ein Wort über die zügelloſen Lieder geſagt, wir werden auf ſie und ihre Lieder zurückkommen. Der Herr Herzog war alſo zu der Zeit, zu welcher wir gelangt ſind, volle einunddreißig Jahre alt. Er war groß und mager, wie eine Hopfenſtange, ſein Körper war gekrümmt wie ein Buckeliger, er hatte lange und dürre Beine wie ein Storch, hohle Wangen, dicke Lippen und ein ſo außerordentlich ſpitzes Kinn, daß man hätte glauben können, wie die Herzogin, ſeine Mutter, ſagte, daß die Na⸗ tur ihm dieſes Kinn gegeben hätte, damit man ihn daran packe. Da es nun aber ein Sprichwort gibt, welches ſagt: „es genügt, daß man irgendwo ein Uebel hat, damit ein neues hinzukömmt,“ ſo hatte der Herr Herzog von Bour⸗ bon, der, wie erwähnt, bereits ein großes Uebel im Ge⸗ ſicht hatte, einen neuen Unfall daran erwiſcht. An einem Wintertage war er von dem Herrn Dau⸗ phin und Herrn von Berry eingeladen worden, ein Treib⸗ jagen mit ihnen anzuſtellen. Es war am Montage, den 30. Januar, es fror ſtark; der Zufall wollte, daß Herr von Berry ſich an dem einen Ende einer ziemlich langen und ganz zugefrornen Waſſerpfütze befand, während der Herr Herzog an dem andern Ende ſtand; ein Wild ſprang ——— —— * auf, Herr von Berry ſchoß, ein Schrot prallte von dem Eiſe zurück und durchbohrte dem Herrn Herzoge ein Auge. Der Herr Herzog nahm die Sache mit ziemlicher Ge⸗ duld auf, aber Herr von Berry verzieh ſich dieſes unfrei⸗ willige Unglück niemals, und blieb beſtändig betrübt darüber. Als der Prinz zum Premierminiſter ernannt war, be⸗ nutzten die Reimſchmiede den Unfall, der ihn getroffen hatte.— Man ſang: Le duc à deux beaux yeux brillants, L'un borgne, l'autre clairvoyant; Celui d'email ou bien de verre: Cet oeil où Linjustice loit, GCet oeil est pour le ministère; Le clairvoyant pour son profit. (Der Herzog hat zwei ſchöne glänzende Augen, das eine blind, das andere hellſehend, das von Schmelz oder vielmehr von Glas: dieſes Auge, in welchem die Ungerechtigkeit leuchtet, dieſes Auge iſt für das Miniſterium; das hellſehende für ſeinen, Nutzen.) Das für die phyſiſche Seite des Herrn Herzogs; was die moraliſche anbetrifft, ſo war er ein höflicher Mann voll Lebensart, der Großartigkeit, wenig Verſtand, wenig wiſſenſchaftliche Kenntniſſe, aber viel Politik und Geiz be⸗ ſaß. Er hatte auf gemeinſchaftliche Rechnung mit ſeiner Mutter, die öffentlich mit Laſſé lebte, mehr als zwei Hun⸗ dert und fünfzig Millionen gewonnen. — 14— Als er eines Tages einen Stoß Miſſiſſipi⸗Actien Bran⸗ cas zeigte, deſſen Habgier er auf dieſe Weiſe zu reizen glaubte, ſagte Brancas zu ihm: — Gnädiger Herr, eine der Actionen(Handlungen, Schlachten) Eures Großvaters iſt mehr werth, als alle dieſe. Der Großvater war der große Condé. Der Herr Herzog war ſehr leidenſchaftlich; er war raſend verliebt in Frau von Nesle geweſen, die ihn durch den Prinzen von Soybiſe erſetzt hatte, der Herr Herzog war in Verzweiflung; das Aufſehen, das dieſe Ver⸗ zweiflung machte, gelangte bis zu den Ohren des neuen Geliebten. — Ueber was der Teufel beklagt ſich denn Herr don Bourbon, ſagte der Prinz von Soubiſe, da ich Frau von Nesle erlaubt habe, bei ihm zu ſchlafen, wenn er es wollte; Ehre dem Ehre gebuͤhrt. Dieſe Erlaubniß tröſtete den Herrn Herzog nicht, und es bedurfte der ganzen Liebe, welche ihm Frau von Prie einflößte, um ihm die vergeſſen zu laſſen, welche ihm Frau von Nesle eingeflößt hatte. Der Herzog von Bourbon war durch den Willen Lud⸗ wigs XIV. verheirathet. Eines Tages hatte der König die Verheirathung des Herzogs von Bourbon mit Made⸗ moiſelle von Conti und des Herrn von Conti mit der älteſten Tochter der Frau Herzogin befohlen, der Widerſtand von Seiten der beiden Mütter war heftig; aber wenn Ludwig XIV. wollte, ſo wollte er ernſtlich, wie man weiß. Er gebot als Herr. Die Frau Prinzeſſin von Conti und die Frau — 4 5 —— Herzogin beugten das Haupt unter den königlichen Willen. Es koſtete indeſſen dem Könige 500,000 Livres, von denen jeder Prinz 150,000 Livres, und jede Prinzeſſin 100,000 Livres erhielten. Vor der Verbindung ihrer Kinder haßten ſich die bei⸗ den Prinzeſſinnen bereits; nach dieſer Verbindung verab⸗ ſcheuten ſie ſich. Einige Lieder der Frau Herzogin, in Antwort auf einige Beleidigungen der Frau Prinzeſſin von Conti, be⸗ glaubigen dieſen Haß. Die Frau Herzogin betrank ſich, das war eine von den Prinzeſſinnen an dem Hofe Ludwig XIV. angenom⸗ mene Gewohnheit. Frau von Conti nannte ſie den Wein⸗ ſchlauch. Die Frau Herzogin antwortete durch ihre gewöhnliche Erwiderung, das heißt durch ein Lied. Hier iſt es: Pourquoi Vous en prendre à moi, Princesse, Pourquoi Vous en prendre à moi? Vous ai-je öté la tendresse De quelque garde du roi? Pourquoi Vous en prendre à moi, Princesse? Pourquoi 8 Vous en prendre à moi? De votre goũt la bassesse, e Vaut-il le vin que je boi, Pourquoi Vous en prendre à moi, Princesse? Pourquoi 8 Vous en prendre à moi.. 5 (Warum mich angreifen, Prinzeſſin, warum mich angreifen? Habe ich Euch die Zärtlichkeit irgend eines Gardiſten des Königs geraubt? Warum ꝛc. Wiegt die Niedrigkeit Ihres Geſchmacks der Wein auf, den ich trinke? Warum ꝛc.) Außerdem hatte ſie, um ihrer Couſine die Höflichkeit 6 vollſtändig zu erwidern, ſie den Lumpenſack genannt. 5 Endlich fügte ſie, um das Maaß voll zu machen, folgenden Vers denen hinzu, welche wir angeführt haben: Princesse en perdant vos appas, Votre esprit devient aigre; Vous voyez qu'on fait peu de cas D'une gorge trop maigre. Prenez l'air un peu plus soumis, CGar de Clermont le reste, Et de Comminge le mépris, Doivent rendre modeste. (Indem Sie Ihre Reize verlieren, wird Ihr Gemüth bit⸗ ter, Prinzeſſin; Sie ſehen, daß man ſich wenig aus einem zu mageren Buſen macht. Nehmen Sie eine ein wenig beſcheidenere Miene an, denn der Ueberreſt von Clermont, und die Ver⸗ ſchmähung von Comminge, müſſen beſcheiden machen.) 4 — 17— Es iſt unnöthig zu ſagen, daß Comminge Frau von Conti verlaſſen hatte, die ihn durch Clermont erſetzt hatte. Die Frau Herzogin war übrigens durch ihre L der⸗ wuth bekannt, und dieſe Wuth, welche die Freude Lud, wigs XlVv. ausmachte, war der Schrecken aller derer, wel⸗ che die Frau Herzogin umgaben. An dem Hofe hatte jeder ſein Lied; Dangeau hatte das ſeinige, Herr von Beauveau hatte das ſeinige, ſelbſt Frau von Montespan hatte das ihrige, das ſich durch folgenden ſeltſamen Refrain von Sei⸗ ten einer Tochter endigte: Maman ci, Maman a, Maman la carogne. (Mama hier, Mama dort, Mama das Schindluder.) Das Dangeaus hatte den würdigen Edelmann beinahe vor Kummer, und ſeine Tochter vor Wuth ſterben laſſen. Es war Urſache dazu vorhanden, man wird darüber ur⸗ theilen. La fille à Dangeau Ressemble à Dangeau, Et Monsieur Dangeau Ressemble à mon.. De là, je conclu Que Mademoiselle Dangeau Ressemble à mon.. Comme deux gouttes d'eau. (Die Tochter Dangeaus gleicht Dangeau, und Herr Dan⸗ geau gleicht meinem.... Daraus ſchließe ich, daß Made⸗ Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 2 — 18— moiſelle Dangeau gleicht meinem.. wie zwei Tropfen Waſſer.) Das des Herrn von Beauveau war nicht minder lo⸗ giſch, denn man muß bemerken, daß die Lieder der Frau Herzogin durch Logik glänzten, und daß ſie die Herleitun⸗ gen bis auf die letzten Gränzen trieb. Hier iſt das des Herrn von Beauveau: Si Monsieur Deveau Etait un peu plus beau, Que Monsieur de Beauveau Fut un peu moins beau; Alors Monsieur Deveau 3 Serait un beau veau, Et Monsieur de Beauveau Ne serait qu'un veau. (Wenn Herr Deveau ein wenig ſchöner wäre, wenn Herr von Beauveau ein wenig weniger ſchön wäre; dann wäre Herr Deveau ein ſchönes Kalb, und Herr von Beauveau wäͤre nur ein Kalb.) Uebrigens behauptete die Prinzeſſin von der Pfalz im⸗ mer, daß die Frau Herzogin nicht die Tochter Ludwigs XIV., ſondern des Herrn Marſchalls von Noailles wäre, und ſie verſicherte, von einem Wachtmeiſter der Leibgarden, Namens Bettendorf, zu wiſſen, daß er, als er in Ver⸗ ſailles die Wache hatte, Herrn von Noailles zu Frau von Montespan hätte eintreten ſehen. Am Abend eingetreten, wäre Herr von Noailles erſt am Morgen wieder herausgekommen, und neun Monate -8J. — 19— nachher, Tag vor Tag, ſagte immer die Prinzeſſin von der Pfalz, wäre Frau von Montespan von der Frau Her⸗ zogin entbunden worden. Sehen wir übrigens, wie es zu der Zeit, zu welcher wir gekommen ſind, um die Liebſchaften der Prinzeſſinnen ſtand. Von ihrem Gatten verſchmäht, der öffentlich mit Frau von Prie lebte, tröſtete ſich die Herzogin von Bourbon ihrer Seits mit Duchayla. Die Prinzeſſin von Conti, die Tochter des Königs, lebte, obgleich halb fromm, mit ihrem Neffen La Vallisre. Die junge Prinzeſſin von Conti theilte ſich, trotz der Eiferſucht und der Drohungen ihres Gatten, zwiſchen La Fare und Clermont. Mademoiſelle von Charolois verfolgte den Herrn Her⸗ zog von Richelieu bis in die Baſtille. Mademoiſelle von Clermont war die Geliebte des Her⸗ zogs von Melun, Mademoiſelle La Roche⸗ſur⸗Yon war eine Art von Leidenſchaft für Herrn von Marton. Endlich beehrte Frau von Maine ſeit der Verſchwö⸗ rung Cellamares den ſchönen Kardinal von Polignac mit ihrer Gunſt.. Jetzt, bevor wir uns dem Laufe der Ereigniſſe hin⸗ geben, ein letztes Wort über die Prinzen, damit unſere Leſer ſo gut als möglich über die ſcandalöſe Chronik des IJahres der Gnade 1724 unterrichtet ſind, in das wir ein⸗ treten. Wir haben über den Herrn Herzog. ohngefähr alles — 26— das geſagt, was es über ihn zu ſagen gab, zum minde⸗ ſten, was die Vergangenheit anbetrifft. Im Anfange unſeres Buches, über die Regentſchaft, haben wir dem Herrn Prinzen von Conti ein ganzes Ka⸗ pitel gewidmet. Wir haben uns eben nur noch mit dem berüchtigten Grafen Charolois zu beſchäftigen, der einen ſeiner Bedien⸗ ten erdolchen ließ, weil ſeine Frau ihm denſelben nicht ab⸗ treten wollte, und den Dachdecker mit Büchſenſchüſſen tödtete, um ſich das Vergnügen zu gewähren, einen Menſchen von der Höhe eines Daches herabpurzeln zu ſehen. ¹ Man kennt den Vitz Ludwigs XV. in Bezug auf einen Scherz dieſer Art. — Ich begnadige Euch dieſes Mal noch, mein Herr, ſagte er zu dem Grafen von Charolois; aber ich gebe Euch mein königliches Wort, daß derjenige, der Euch tödten wird, die ſeinige erhalten wird. Die letzte Miſſethat des Herrn von Charolois hatte übrigens dieſen ſelben Herrn Herzog zum Mitſchuldigen, der zum Premierminiſter ernannt worden war. Eine lie⸗ benswürdige Frau, Namens Frau von Saint⸗Sulpice, war das Opfer davon geweſen. Eines Abends bei einem Gelage, das ſie eingewilligt hatte zu theilen, hatten ſie dieſelbe berauſcht, und damit nichts an dem Feſte fehle, hatten ſie ein Feuerwerk angezündet, durch welches die arme Frau ſehr gelitten hatte. Ein Lied der Zeit, das in Paris im Umlauf war, wird das ſagen, was wir nicht ſagen wollen. Hier iſt es: rigkeit erreicht hatte, — 21— Le grand portail de Saint-Sulpice Où Pon a tant fait de service, Est brülé jusqu'aux fondements. Chacun s'étonne avec justice, Que le Condé pour passe-temps. Ait brülé ce bel édifice. Au grand Condé, terrible en guerre Plus craint cent fois que le tonnere. Bourbon que tu ressembles peu, A trente ans tu n'es qu'un novice. Car tu n'as jamais vu le feu Qu'à la brèche de Saint-Sulpice. Un soir l'aimable Saint-Sulpice, Qui ne songcait point à malice, Se chauffait en mettant son fard; Le feu prit à sa cheminée, Moi je m'en étonne fort, car Elle était de frais ramonée. Le lieu qui faisait le délice De la charmante Saint-Sulpice, Est brülé d'un étrange feu. L'amour est fou dans ges caprices, D'avoir laissé detruire un lieu Destiné pour ses sacrifices. ahnen, daß er König von Frankreich wäre. (Wir wagen nicht, dieſes Gedicht zu überſetzen.) Was den jungen König anbetrifft, der ſeine Volljaͤh⸗ ſo hatte er kaum das Anſehen zu Er war in * — 22— dem Grade ſchüchtern, daß er linkiſch erſchien, in dem Grade zurückhaltend, um unhöflich zu ſein; das einzige Vergnügen, das er leidenſchaftlich zu lieben ſchien, war die Jagd, und am Abend der Jagden fand ein Nachteſſen ſtatt, denen nicht alle Jäger, ſondern nur auf Liſten Ein⸗ geladene beiwohnten. Dieſe Liſten wurden bei der Rückkehr des Königs in Gegenwart aller Hofleute vorgeleſen; die, welche eingeladen waren, blieben, die, welche es nicht wa⸗ ren, entfernten ſich. Es war übrigens eine der Launen Ludwig XV., die Leute ſo lange als möglich im Zweifel zu laſſen, um ihre Unruhe und ihre Beſtürzung zu ge⸗ nießen. Zu der Etikette ſeines Großvaters, welche er geerbt, hatte der König noch den Unterſchied der verſchiedenen Zu⸗ tritte in ſeine Gemächer hinzugefügt. Es waren die ver⸗ trauten Zutritte, die großen Zutritte, die er⸗ ſten Zutritte und der Zutritt in das Zimmer. Der, welcher die vertrauten Zutritte hatte, ging bis an das Bette des wachenden und ſchlafenden Königs. Alle Prinzen von Geblüt, ausgenommen Herr von Conti, hatten dieſes Vorrecht, welches der Biſchof von Fréjus, der Herzog von Charoſt, Frau von Vantadour und die Amme des Königs theilten. Die erſten Kammerherren hatten den Zutritt des Zimmers, wenn der König aufſtehen wollte. Bei den erſten Zutritten war man einfach zuge⸗ laſſen, dem aufgeſtandenen und mit ſeinem Schlafrocke be⸗ kleideten Könige die Aufwartung zu machen. Endlich hatten die vorgeſtellten Hofleute den Zutritt 2 X—— N& 1 d8 NBN N A⏑ des Zimmers, wenn der König vor ſeiner Toilette in ſei⸗ nem Seſſel ſaß. Am Abend waren dieſe verſchiedenen Zutritte bei dem Zubettgehen des Königs gleich an Vorrechten; nur verlie⸗ ßen die, welche den Zutritt des Zimmers hatten, daſſelbe, ſobald man mit lauter Stimme ſagte: Gehen Sie, meine Herren. Sobald nun dieſe das Zimmer verlaſſen hatten, gab der König den Handleuchter. Das war eine große Gunſt, und der, welcher ſie er⸗ langt hatte, ermangelte nicht, am folgenden Tage überall auszupoſaunen: — Wiſſen Sie, daß der König mir den Handleuchter gegeben hat? Dieſe Gunſt, welche weit häufiger als ein anderer, der ſchöne La Trumouille erhielt, gab Veranlaſſung zu Gerüch⸗ ten, denen ſeine Schüchternheit gegen die Frauen einen ge⸗ wiſſen Beſtand verlieh. „Es iſt am Hofe, ſagt Herr von Villars in ſeinen Denkſchriften, nur von der Jagd, dem Spiele oder den guten Mahlzeiten die Rede;— wenig oder gar nicht von Galanterie, da der König ſeine ſchönen und jungen Blicke noch auf keinen Gegenſtand heftet.— Die Damen ſind ganz bereit— aber man kann ſagen: Der König iſt es nicht.“ Dieſe Gerüchte gelangten bis zu dem Herrn von Fleury, welcher, um den Ruf ſeines Zöglings in dieſer Beziehung zu ſchützen, die thätigſten Verfolgungen gegen die anſtellen ließ, welche beargwöhnt waren, dem Laſter hingegeben zu ſein, zu welchem eine Neigung zu haben man den König beſchuldigte. Ein öffentlicher Prozeß fand ſtatt, und der Schuldige, Namens Duchauffour, wurde verurtheilt auf dem Grébeplatze verbrannt zu werden. Man machte großen Lärm über das Urtheil und über die Hinrichtung. Die Polizei ließ es mit lauter Stimme in den Straßen von Paris ausrufen. Um ein Scandal zu beſtrafen, veranlaßte man ein anderes. Die Ausrufer traten ſelbſt in die Höfe der Hotels.— Man trat auch in das Hotel der Frau von Condé. — Liebe Mutter, fragte ſie ihre Tochter, welches Verbrechen hat denn dieſer Mann begangen, den man auf dem Grsveplatze verbrennt? — Mademoiſelle, antwortete die Prinzeſſin, er hat falſche Munze geſchlagen. Am Abend der Hinrichtung beklagte ſich der König über ein hartnäckiges Jucken an einem Orte, wo es nicht Sitte iſt, ſich in Gegenwart Anderer zu kratzen, indem er ſich vornahm, ſeinen Arzt zu fragen, was das zu bedeu⸗ ten hätte. — Sire, antwortete ihm der Prinz von Conti, das iſt die Seele des armen Duchauffour, welche Gebete von Euch verlangt. II. · Der ſpaniſche Hof.— Philipv V. dankt zu Gunſten ſei⸗ nes Sohnes ab.— Innocenz VIII. ſtirbt.— Krankheit des Königs.— Entſchluß, den der Herr Herzog faßt, ihn zu verheirathen.— Zurückſendung der Infantin.— Man ſucht 4 eine Frau für den Köͤnig.— Frau von Prie.— Ihr Ein⸗ fluß.— Die Brüder Päris.— Mademoiſelle von Vermon⸗ dois.— Marie Leczinska.— Der Graf von Eſtrées.— Verheirathung des Königs.— Drohung von Hungersnoth. — Kleine Intrigue des Herrn von Bourgon und Frau von Prie gegen Herrn von Frejus.— Fall des Herrn von Bourbon und der Frau von Prie.— Frau von Prie in der Verbannung.— Sie wird krank.— Sie ſtirbt.— Der Marquis von Prie. 3 Während ſich jeder um die Wette an dem Hofe von Frankreich beluſtigte, langweilte man ſich ſehr an dem ſpaniſchen Hofe. Philipp V., dieſer König, der nach der Ausſage Albe⸗ ronis nur eines Betſtuhles und einer Frau bedurfte, war — 26— am Ende desjenigen der beiden von uns angeführten Ge⸗ genſtände müde geworden, der ihn an die Welt feſſelte; finſter, ſchweigſam, indem er zu aller Zerſtreuung einige Beſuche in den Graͤbern des Escurial machte, ſehnte er, der Frankreich fünfundzwanzig Kriegsjahre gekoſtet hatte, um ihn auf dem Throne zu behaupten, ſich nach der Ruhe und dem Gebete des Kloſters; endlich, indem er am 15. Januar 1724 der Anziehungskraft nach dem Kloſterleben nachgab, die ihn ſeit langer Zeit quälte, trat er ſeine * Krone Don Ludwig, Prinzen von Aſturien, ab, und zog ſich in ſeinen Palaſt Saint⸗Ildefonſe zurück, ein trauriges Monument, das Nichts dem ſtrengſten Kloſter zu beneiden hatte. Während Philipp v. ſich für den Augenblick von der Welt zurückzog, verließ ſie der Papſt Innocenz XIII. nach drei Jahren der Regierung gänzlich; er war ein wackerer und vortrefflicher Mann, der beſtändig von der Simonie gequält geweſen war, deren er ſich bei ſeiner Gelangung auf den Thron des heiligen Petrus ſchuldig gemacht hatte; freilich hatte er, um den Dubois gegebenen Kardinalshut zu büßen, ihn beſtändig deſſen würdigem Schüler Tencin verweigert; aber dieſe der religiöſen Moral erwieſene Ge⸗ nugthuung hatte die Ruhe ſeines Gewiſſens nicht wieder herſtellen können, und er war ſehr beunruhigt durch den Gedanken, daß er, der den Andern den Himmei eröffnete, wohl trauriger Weiſe vor der Pforte des Paradieſes blei⸗ ben könnte. Am 28. Mai war Vincent Maria Orſini zum Papſt gewählt worden, und nahm den Namen Benedict XIII. an. — 27— Zehn Tage zuvor war die berühmte Katharina, dieſe Waiſe, die ein lutheriſcher Prediger aus Barmherzigkeit erzogen hatte, dieſe Gefangene, welche Scheremetjew ge⸗ macht hatte, als er Marienburg einnahm, dieſe Frau eines ſchwediſchen Soldaten, der verſchwunden war, ohne daß man jemals erfahren, was aus ihm geworden, dieſe Sclavin des Günſtlings Menzikoffs, dieſe Geliebte Peter I., den wir gegen die letzte Zeit der Regentſchaft Paris haben beſuchen ſehen, zur Kaiſerin von Rußland gekrönt worden. Das waren die hauptſächlichſten Ereigniſſe Europas, als König Ludwig XV., der eine ſchwache Geſundheit hat⸗ te, nochmals krank wurde. Wie das erſte Mal, zeigte ſich die Krankheit mit ge⸗ fährlichen Symptomen, machte raſche Fortſchritte, wich aber zwei Aderläſſen. Drei Tage lang hatte man für ſein Le⸗ ben gefürchtet. Aber der Mann, welcher die heftigſte Angſt während dieſer Krankheit empfunden hatte, war der Herr Herzog, nicht etwa, daß er gefürchtet hätte, wie der Regent der Vergiftung beſchuldigt zu werden, und dem zu Folge ſeine Ehre mit dem Könige untergehen zu ſehen; ſondern weil mit dem Könige ſeine Macht unterging, und der Herr Herzog ſehr darauf hielt, Premierminiſter zu ſein. In einer Nacht,— der Herr Herzog ſchlief unter dem Zimmer des Königs,— in einer Nacht, als der Herr Herzog mehr Geräuſch und Bewegung als gewöhnlich bei Seiner Majeſtät zu hören glaubte, ſtand er daher auch eilig auf, und ging im Schlafrocke nach der Wohnung des Königs hinauf. — 28— Bei dieſer Erſcheinung war das Erſtaunen Maréchals, des erſten Wundarztes, der in dem Vorzimmer ſchlief, groß, er ſtand auf und eilte dem Prinzen entgegen, indem er ihn fragte, was ihn ſo erſchreckte; aber er vermogte nur abgebrochene Worte gleich denen ihm zu entlocken, welche aus dem Munde eines Wahnſinnigen kommen. Ich habe Geräuſch gehört, der König iſt krank! was wird aus mir werden? rief der Herzog ganz außer ſich aus. Endlich gelang es Maréchal, ihn zu be⸗ ruhigen; aber der Eindruck war ſo groß, daß Marechal, indem er den Herrn Herzog zurückbegleitete, dem Prinzen ſich ſelbſt ſagen hörte: Ich werde nicht wieder ge⸗ nommen werden, und wenn er davon kömmt, ſo werde ich ihn verheirathen. In der That, wie man ſich erinnern wird, war die zukünftige Gattin Ludwig XV. acht Jahre alt, was die Verheirathung des Königs zum Mindeſten noch um ſechs Jahre verſchob. Erſt in ſieben bis acht Jahren würde daher der König ein Kind haben. Für den Fall, daß der König ſterben ſollte, bedurfte es nun aber eines Dauphins, damit die Krone nicht an den Herzog von Orleans uͤber⸗ ginge, und der Herr Herzog an der Regierung bliebe. Von nun an war die Zurückſendung der Infantin in dem Geiſte des Herrn Herzogs beſchloſſen, und am 5. April 1725 wurde dieſer wichtige Entſchluß ausgeführt. Die Infantin fand Philipp V. wieder auf dem Thro⸗ ne, den er für einen Augenblick verlaſſen hatte, den ihm aber der Tod ſeines Sohnes, der nach acht Monaten der Regierung ſich zugetragen, gezwungen hatte, wieder zu be⸗ — 29— ſteigen. Da nun aber die Verheirathung der Infantin mit dem Könige Ludwig XV. einer der Traͤume geweſen war, deren Verwirklichung er mit der größten Freude ge⸗ nährt hatte, ſo nahm Philipp v. dieſe Zurückſendung als eine große Beleidigung auf, und ſandte gleichfalls die Kö⸗ nigin, die Wittwe Ludwigs I., und Mademoiſelle von Beaujolois, ihrer für den Infanten Don Carlos beſtimm⸗ ten Schweſter, nach Frankreich zurück. Aber es genügte nicht, den König durch die Zurück⸗ ſendung der Infantin frei gemacht zu haben, man mußte das Kind durch eine Jungfrau erſetzen. Der Herr Herzog warf daher die Augen auf Frankreich und auf Europa, um eine Prinzeſſin zu ſuchen, welche auf das Schnellſte die Gattin des Königs werden könnte. Seine Augen richteten ſich zuerſt auf Mademoiſelle von Vermandois, ſeine Schweſter. Auf dieſe Weiſe wurde er Schwager des Königs, und im Falle einer Regentſchaft fand ſein Ehrgeiz an der Wittwe des Königs eine neue Stütze. Der Herr Herzog berieth Frau von Prie, ohne deren Rath er nichts Wichtiges unternahm, und Frau von Prie war für Mademoiſelle von Vermandois. Wir haben ſo eben geſagt, wie groß der Einfluß der Frau von Prie war, ſagen wir jetzt, wie ſie ihn erlangt hatte. Es gab im Anfange des Jahrhunderts, deſſen Ge⸗ ſchichte wir ſchreiben, ein Wirthshaus an dem Fuße der Alpen. Dieſes Wirthshaus war von einem Gaſtwirthe, Namens Paris, und von vier großen und wohlgebauten jungen Leuten bewohnt, welche die dort änkahrenden Rei⸗ ſenden bedienen halfen. Im Jahre 1710 kehrte ein Prooiantmeiſter, der in dem Gebirge irgend einen fahrbaren Weg ſuchte, und ſchnell dem Heere des Herzogs von Vendöme, das deren höchſt nothwendig bedurfte, Lebensmittel zukommen zu laſſen, in Paris Wirthshauſe ein, und theilte ſeinem Wirthe die Verlegenheit mit, in welcher er ſich befände. Dieſer bot ihm an, ihn mit Hülfe ſeiner vier Söhne, welche alle Paäͤſſe der Alpen kannten, aus derſelben zu ziehen. Durch ſie hielt er wirklich das Verſprechen, das er gegeben hatte. Die vier Gebirgsbewohner langten ohne Unfall bei dem Heere von Italien mit der Zufuhr an, die ſie geleitet hatten, und wurden Herrn von Vendome vor⸗ geſtellt, der ſie alle vier bei dem Proviantweſen anſtellte. Von dieſem Augenblicke an ſchritten ſie dem Glücke zu, das ihnen ihr Verſtand übrigens immer in der Ferne ge⸗ zeigt hatte. Der Zufall wollte, daß ſie außer dem Schutze des Herzogs von Vendôme noch den der Frau Herzogin von Burgund erlangten. Eine der Frauen der Prinzeſſin war krank in dem Wirthshauſe des Gebirges eingekehrt; ſie wurde dort auf das Beſte verpflegt, und als ſie wieder zu ihrer Gebieterin nach Paris gekommen war, erzählte ſie ihr die Pflege, deren Gegenſtand ſie geweſen war. Von nun an wurde die Frau Herzogin von Burgund gleichfalls die Beſchützerin der Brüder Paris. Im Jahre 1722 war ihr Glück bereits hinlänglich ●&● αε—08———— r begründet, ſo daß der ältere einer der Bewahrer des kö⸗ niglichen Schatzes war. Uebrigens hatte Frau von Prie ſeit einiger Zeit in der Vorausſicht, daß der Herr Herzog zu den Geſchäften gelangen würde, die Augen auf die Brüder Paris gewor⸗ fen, die ſie als gewandt, ehrgeizig und begierig, gleich viel durch welches Mittel, weiter zu kommen erkannt hat. Sobald der Herr Herzog daher die Erbſchaft des Herzogs von Orleans erlangt hatte, bildete ſie ſich aus den vier Brüdern einen Rath, und führte ſie bei dem Herrn Herzoge ein. Der Herr Herzog hatte bereits einen hohen Begriff von dem Werthe ſeiner Geliebten, die, wie wir außerdem geſagt haben, eine Frau von hohem Verſtande war. Der Ausſchuß der Paris verwandelte die Achtung des Herrn Herzogs für Frau von Prie in eine wahre Bewunderung. Jeder Plan ward, bevor er dem Prinzen vorgelegt wurde, mit ihr berathen; man war beſorgt, abſichtlich an dieſem Plane irgend eine anzuſtellende Berichtigung zu laſ⸗ ſen, welche die Fähigkeit des Prinzen weit genug übertraf, damit ſie ihm entginge. Nun hob Frau von Prie, ihre Beſchützerin, dieſe von den vier Brüdern im voraus an⸗ gedeutete Berichtigung hervor. Die Paris erſchöpften ſich in Bewunderungen über das angeborne Genie, das aus Frau von Prie eine mit dem Staatshaushalte vertraute Frau machte, über das Glück, welches der Herr Herzog hätte, von einer ſolchen Egeria berathen zu ſein, und der Herr Herzog wünſchte ſich ſeiner Seits Glück, an ſeiner — 32— Geliebten eine Ueberlegenheit zu finden, welche er an einer andern Frau nicht einmal vermuthet hätte. Auf dieſe Weiſe war Frau von Prie dazu gelangt, den ungeheuren Einfluß anzunehmen, den ſie auf den Herrn Herzog hatte. Die Reimſchmiede, welche ſich mit ſatyriſchen Liedern und Spottgedichten beſchäftigten, hatten daher auch die Gelegenheit nicht vorübergehen laſſen, den Herrn Herzog, Frau von Prie und den Ausſchuß der Paris zu beſingen. Man verbreitete in Paris folgende Verſe: Ainsi qusun autre Phaéton 8 Plein de faiblesse et d'ignorance. Nous voyons le duc de Bourbon Gouverner le peuple de France. Monté sur un grand char de prix, Trainé par le quatre de Päris. Er son cocher très mal habile, Son Postiflon, petit débile, De cet attelage maudit, Vous est venu le discrédit Qui nous jette dans l'indigence Quel ténébreux gouvernement: On dit partout publiquement! C'est trop peu d'un oeil pour la France. (Wie ein zweiter Phaöton, voll Schwäche und Unwiſſen⸗ heit, ſehen wir den Herrn Herzog von Bourbon das Volk von Frankreich regieren. Auf einen großen und theuren Triumph⸗ wagen geſtiegen, von den vier Paris gezogen, und von ſeinem ſehr ungeſchickten Kutſcher, ſeinem kleinen und blödſinnigen Po⸗ — — 33— ſtillon gefahren, iſt uns von dieſem verfluchten Geſpann der Mißcredit gekommen, der uns in die Duͤrftigkeit ſtürzt. Welch traurige Regierung! Man ſagt überall öffentlich: Ein Auge iſt zu wenig für Frankreich.) Wie wir geſagt haben, war alſo die Marquiſe in Be⸗ zug auf die Verheirathung des Königs mit der Schweſter des Herrn Herzogs berathen worden, und ſie hatte ſich dafür ausgeſprochen, daß Mademoiſelle von Vermandois Königin von Frankreich werden ſolle. Indem ſie ſich für Mademoiſelle von Vermandois er⸗ klärte, hoffte Frau von Prie, daß eine von ihr gemachte Königin ihr Nichts auszuſchlagen haben würde. Aber bei der erſten Unterredung, welche die Marquiſe mit der Prinzeſſin hatte, ſah ſie, daß ſie nicht darauf rech⸗ nen dürfte, den zehnten Theil des Einfluſſes auf die Schwe⸗ ſter zu erlangen, den ſie auf den Bruder hatte. Als ſie dieſelbe verließ, ſchwor ſie ſich daher auch ſelbſt, daß Ma⸗ demoiſelle von Vermandois nicht Königin von Frankreich werden würde. 3 Das war Frau von Prie nicht ſchwer. Sie machte dem Herrn Herzog bemerklich, was ſie, wie ſie ſagte, anfangs ſelbſt nicht bemerkt hätte, naͤmlich, daß er ſich, indem er ſeine Schweſter mit dem König verheirathete, gänzlich unter die Abhängigkeit ſeiner Schweſter und ſeiner Mutter ſtellte. Der herriſche Charakter der beiden Frauen war übrigens dem Prinzen hinlänglich bekannt, ſie hatte daher keine Mühe, den Herrn Herzog auf dieſe erlauchte Verbindung verzichten zu laſſen, welche Ehre ihm auch da⸗ durch zufallen ſollte. Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 3 — 34— Einen Augenblick lang wandten ſich die Augen des Premierminiſters nach Rußland. Bei dem erſten Gerüchte von der Zurückſendung der Infantin hatte der Fürſt Ku⸗ rakin dieſe Neuigkeit der Czarin geſchrieben, welche ihrem Gatten nachgefolgt war, der geſtorben war wie die Cza⸗ ren ſterben. Am 8. Februar 1725 bot die Czarin ihre Tochter Eliſabeth an, um die Infantin zu erſetzen; aber der Herr Herzog wollte aus ſeiner Ernennung auf den Thron von Polen nach dem Tode König Auguſts eine Verpflichtung machen, und die Unterhandlung ſcheiterte. Nun warf Frau von Prie die Augen auf Maria Leczinska, die Tochter Stanislaus Leczinski, der von dem Throne von Polen geſtürzt war und ſich nach Weißenburg im Elſaß zurückgezogen hatte. Wie hatte die Marquiſe den Einfall gehabt, Ludwig XV. mit der Tochter eines verbannten Königs zu verhei⸗ rathen? wir wollen es ſagen.. Ohngefähr ein Jahr vor der Epoche, zu welcher wir gelangt ſind, hatte der Herr Herzog Ludwig von Orleans die Prinzeſſin von Baden geheirathet; ſein Vertreter bei alle den Unterhandlungen, welche dieſer Verbindung vor⸗ ausgegangen waren, und die ziemlich lange gedauert hat⸗ ten, war der Graf von Argenſon, der zweite Sohn des Herrn von Argenſon, welcher Polizeiminiſter und Siegel⸗ bewahrer geweſen war. Der Graf von Argenſon hatte den König Stanislaus und ſeine Tochter in Straßburg geſehen, und bei ſeiner Rückkehr nach Verſailles hatte er die größten Lobeserhebun⸗ gen von der jungen Prinzeſſin gemacht, deren Name auf —-— 35— dieſe Weiſe in Mittez der ernſten Ereigniſſe, welche den Hof von Frankreich beſchäftigten, bekannt geworden war. Während deſſen kam der Graf von Eſtrées nach Ver⸗ ſailles. Dieſer junge Mann war Offizier in einem Regi⸗ mente, das man nach Weißenburg geſandt hatte, um dem Könige Stanislaus Ehre zu erweiſen. Von gutem Adel, von ſtolzer Miene, von großem Muthe, hatte er der jun⸗ gen Prinzeſſin gefallen, welche mit ihrem Vater geſprochen und hatte blicken laſſen, daß ſie geneigt waͤre, ſeine Huldi⸗ gungen auf eine günſtige Weiſe aufzunehmen; nun hatte König Stanislaus bei der erſten Veranlaſſung den Grafen von Eſtrées bei Seite genommen und ihm geſagt, daß er wegen des großen Vermögens, das ihm eines Tages von Polen zukommen müßte, er die Hoffnung erhalten könnte, ſeine Tochter mit irgend einem regierenden Fürſten zu verheira⸗ then; da er aber vor allen Dingen das Glück dieſer Toch⸗ ter wollte, er in dieſe Verheirathung einwilligen würde, wenn er ſeiner bereits hohen Geburt irgend eine ausge⸗ zeichnete Würde, wie 3. B. die eines Herzogs und Pairs hinzufügen könnte. Dieſe Eröffnung des Vaters derer, welche er liebte, ohne daß er es faſt wagte, ſich ſeine Liebe zu geſtehen, erfüllte den Grafen von Eſtrées mit Wonne. Er ging noch am ſelben Tage nach Paris ab, erſchien bei dem Regenten, ſetzte ihm ſeine Lage auseinander, ſagte ihm, welche Würde man als Bedingung für eine Verhei⸗ rathung ſtellte, die ſein Glück machen würde, und bat den Regenten inſtändigſt, ihm dieſe Würde zu bewilligen; aber dder Regent war kein Freund der Eſtrées, und er wies die . Forderung ab, indem er ſagte, daß der Graf nicht hoch 3* genug beſtellt wäre, um die Tochter eines regierenden Für⸗ ſten zu heirathen, obgleich dieſer Fürſt die Krone nur der Erwählung verdankte und er in dieſem Augenblicke vom Throne geſtürzt wäre. Der junge Obriſt hatte ſo eben den Regenten voll Verzweiflung verlaſſen, als der Herzog von Bourbon zu ihm eintrat; der Regent, der nichts auszuſchlagen verſtand, war noch ganz aufgeregt über die abſchlägliche Antwort, welche er gegeben hatte. Er ſprach dem Herrn Herzoge von dieſer Verheirathung für ihn ſelbſt, da die Gattin des Herrn Herzogs, Mademoiſelle von Conti, am 21. März 1720 geſtorben war. Der Herzog machte dem Regenten bemerklich, daß es gut wäre zu warten, bevor man irgend etwas unternähme, um zu wiſſen, welche Wendung die Angelegenheiten König Stanislaus nehmen würden; aber die wahre Urſache ſeiner Weigerung war die Liebe des Prinzen zu Frau von Prie. Wir haben geſehen, wie Frau von Prie Mademoiſelle von Vermandois vorſchlug, und dann wieder verwarf, feſt entſchloſſen, ſo weit es in ihrer Gewalt ſtände, den König eine Prinzeſſin heirathen zu laſſen, welche, da ſie ihr Glück von ihr hätte, ihr gänzlich dankbar wäre. Die Tochter König Stanislaus befand ſich in dieſer Lage, ſie ſchlug daher Maria Leczinska dem Herzoge vor, welcher ſie dem Rathe vorſchlug, und ſie von dem Könige annehmen ließ. In der That, es war ſchwer, einen Köͤnig in einer niedrigeren Lage, als die anzutreffen, in welcher ſich Sta⸗ nislaus befand. Mit ſeiner Gattin und ſeiner Tochter den — 37— Verfolgungen König Auguſts entflohen, war er geächtet worden, ein Decret des polniſchen Reichstages hatte einen Preis auf ſeinen Kopf geſetzt, er hatte ſich nach Schweden, nach der Türkei, und dann nach Zweibrücken geflüchtet. Als endlich Karl XlI., ſeine letzte Stütze, geſtorben war, hatte er, immer bedroht, ohne Geld, ohne Sicherheit, ohne Hoffnung, dem Herzoge von Orleans, dem Regenten, ſeine unglückliche Lage vorgeſtellt, der, von Mitleid gerührt, ihm erlaubt hatte, ſich in ein Dorf bei Landau zurückzuziehen. Als er endlich erfahren hatte, daß er ſelbſt unter dem Schutze von Frankreich nicht in Sicherheit wäre, hatte er ſich nach Weißenburg in eine alte Comthurei zurückgezogen, von der die Hälfte der Mauern verfallen waren. Stanislaus begann einige Ruhe in dieſer Zurückgezo⸗ genheit zu genießen, als Herr Sum im Namen König Auguſts Klage über die von Frankreich dem vom Throne geſtoßenen Fürſten bewilligte Gaſtfreundſchaft führte. — Mein Herr, ſagte der Regent, melden Sie Ihrem Herrn, daß Frankreich immer die Zufluchtsſtätte der un⸗ glücklichen Könige geweſen iſt. Dort war es, wo dieſer eines Morgens durch einen Privatbrief des Herrn Herzogs das unerhörte Glück er⸗ fuhr, welches ihm begegnete; er ſtürzte ſogleich in das Zimmer ſeiner Gattin und ſeiner Tochter, indem er ſagte: — Werfen wir uns auf die Knie und danken wir Gott. — O! mein Vater, rief die Prinzeſſin Maria aus, gibt Ihnen Gott Ihren Thron von Polen zurück? — Nein, meine Tochter, er thut mehr als das, — * ſagte der König, er macht Sie zur Königin von Frank⸗ reich. Man war von beiden Theilen beeilt, die Ehe zu ſchließen; acht Tage nach dem empfangenen Briefe befanden ſich der König von Polen, ſeine Gattin und ſeine Tochter in Straßburg, wo die förmliche Bewerbung durch die Ge⸗ ſandten des Königs, den Herzog von Antin und den Mar⸗ quis von Beauveau, ſtattfinden ſollte. Der Herzog von Antin war ein Mann von Geiſt, und dennoch entſchlüpfte ihm ein ſeltſamer Fehler in ſeiner Anrede. — Sire, ſagte er, der Herr Herzog hatte anfangs an eine ſeiner Schweſtern gedacht; da er aber nur die Tugend geſucht, ſo hat er ſeine Augen auf die Prinzeſſin, Ihre Tochter, geworfen. Unglücklicherweiſe für den armen Geſandten war Na⸗ demoiſelle von Clermont, eine der Schweſtern des Herrn Herzogs, die zur Oberhofmeiſterin des Hofſtaates der Kö⸗ nigin ernannt worden war, bei der Anrede gegenwärtig. — Ah ſo! ſagte ſie laut genug, um gehört zu werden, von Antin hält meine Schweſtern und mich alſo für lü⸗ derliche Weibsbilder. Vierzehn Tage nachher kam Maria Leczinska in Fon⸗ tainebleau an, und am 4. November machte ſie der Kar⸗ dinal von Rohan, indem er ihr die eheliche Einſegnung gab, zur Königin von Frankreich. Der Herr Herzog von Richelieu konnte der Verheire⸗ thung nicht beiwohnen, ſeit dem 8. Juli war er zum Ge⸗ ſandten in Wien ernannt worden. — 39— Wir haben ſeiner Zeit von dem Prozeſſe Leblancs, des Chevaliers und des Grafen von Belle⸗Isle geſprochen; die Unterſuchung fand nichts gegen ſie, und vollſtändig über jede Beſchuldigung gerechtfertigt, verließen ſie die Schlöſſer der Baſtille und von Saint⸗Vincennes, in welchen ſie eingeſperrt geweſen waren. Das war der erſte, der Gewalt des Herrn Herzogs und dem Einfluſſe der Marquiſe von Prie verſetzte Stoß. Bald darauf begann eine ſchwere Anklage über ihnen zu ſchweben.. Das Jahr 1725 war ſchlecht geweſen, kaum daß wäh⸗ rend der ſchönſten Frühlings⸗ und Sommertage die Sonne geſchienen hatte; dagegen war die Erde durch unaufhörli⸗ chen Regen durchweicht, und es ging daraus hervor, daß die erſäufte Ernte nicht hatte reifen können. Der Zuſtand der ſo bedrohten Ernten ließ daher eine Hungersnoth fürchten, dieſe Furcht führte daher ein Stei⸗ gen des Preiſes von Korn und von Mehl herbei, und das Brod ſtieg, etwas bis dahin Unerhörtes, bis auf neun Sous das Pfund. Nun beſchuldigte man offen Frau von Prie und ih⸗ ren Rath, Alleinhandel mit Korn getrieben zu haben. Glücklicherweiſe hatte man ſich über das Reſultat der Ernten geirrt, das ſchöne Wetter kehrte zurück, die Sonne ſchien wieder und trocknete die Felder, die Ernte war reichlich, und da das zu ſehr durch das Waſſer feuchte Korn nicht zum Aufbewahren geeignet war, ſo fiel der Waizen gar bald auf den niedrigſten Preis. Mit der Hungersnoth hatte ſich das Gewitter zuſam⸗ — 40— mengezogen, mit den ſchönen Tagen verſchwand das Ge⸗ witter, der Herr Herzog entging daher dieſer erſten Ge⸗ fahr, welche ſein Glück bedroht hatte. Um Frankreich ein beſſeres Beiſpiel zu geben, ſollte der Herzog durch ſich ſelbſt fallen, und dieſer Sturz ſollte durch die unerſättliche Habgierde der Frau von Prie her⸗ beigeführt werden. Dieſe hatte ſich nicht getäuſcht; indem ſie der armen Maria Leczinska die Krone geben ließ, hatte ſie an der jungen Königin ein rechtſchaffenes und dankbares Herz ge⸗ funden, ſo dankbar, daß die Königin, indem ſie ſich über die Etikette wegſetzte, die Marquiſe vertraulich empfing, obgleich ſie die Tochter des Herrn von Pléneuf und die Geliebte des Herrn Herzogs war. Freilich hatte man ihr, um die Unſchicklichkeit zu ver⸗ ringern, oder um die Unſchicklichkeit weit größer zu machen, eine Stelle am Hofe gegeben. B Indem ſie auf dieſen Schutz rechnete, hatte Frau von Prie geglaubt, einen kleinen Staatsſtreich wagen zu können. Ihr Haß gegen Herrn von Fréjus ſchrieb ſich von dem Anfange der Verwaltung des Herrn Herzogs her. In Erwartung der Brandſchatzungen, welche Frau von Prie unter den verſchiedenen Vorwaͤnden, die ihre thätige Erfindungsgabe ihr liefern ſollte, aus Frankreich zu ziehen gedachte, hatte ſie ſich zuvörderſt des Jahrgehalts von vierzig Tauſend Pfund Sterling bemaͤchtigt, den Eng⸗ land Dubois ausſetzte, damit er ihm günſtig wäre; da dieſe Beiſteuer im Namen des Herrn Herzogs in Anſpruch — 41— genommen war, da am Ende Herr von Fréjus weit be⸗ gieriger nach der Gewalt, als nach dem Gelde war, ſo ließ der Biſchof ſie gewähren; aber dem war nicht ſo, als Frau von Prie die Hand auf das Kapitel der Pfründen legen wollte. Der Biſchof nahm den Herzog bei Seite, und ſehr frommer, ſehr ehrerbietiger Weiſe, aber auch mit viel Fe⸗ ſtigkeit, gab er ihm zu verſtehen, daß er, indem er ſich ſeinen Einſichten in Bezug auf die weltlichen Angelegen⸗ heiten unterwürfe, ſein Gewiſſen ihm nicht erlaube, die geiſtlichen aufzugeben; er fügte ſogar hinzu, daß dieſer Vorbehalt, den er machte, eine Erleichterung für den Prin⸗ zen wäre, der bereits mit ſo vielen Geſchäften überhäuft ſei, daß er unter ihrer Laſt erläge; da nun aber die An⸗ gelegenheiten der Kirche ſehr zahlreich und ſehr verwickelt wären, ſo wäre eine Perſon nicht zu viel, die ſich einzig und allein damit beſchäftigte. Der Herr Herzog kannte wohl die Wichtigkeit der Ab⸗ tretung, welche man von ihm verlangte; aber er wagte nicht, Herrn von Fréjus unzufrieden zu machen, und ließ dem zu Folge den Lehrer des Königs ſich gänzlich dieſes Zweiges der Verwaltung bemächtigen. Von dieſem Augenblicke an beurtheilten die Miniſter die Lage, Herr von Fleurh war der unſichtbare, aber wirkliche College des Herrn Herzogs von Bourbon. Bevor ſie zu dem Könige gingen, ermangelten ſie da⸗ her auch nicht, ihm heimlich ihre Portefeuilles zu überbrin⸗ gen, und er nahm eben ſo heimlich, als das Portefeuille ihm überbracht war, Kenntniß davon, und leitete ſie in — 242— dem Gange, den ſie befolgen müßten, und übernahm es, denſelben von dem Könige billigen zu laſſen, Wie man ſieht, war Herr von Fleury alſo mehr, als der Premierminiſter, indem der Herr Herzog, in der Mei⸗ nung, Alles zu leiten, nur gehorchte. Frau von Prie war wüthend geweſen, das Kapitel der Pfründen ihren Händen entſchlüpfen zu ſehen, indeſſen hatte ſie gleich anfangs begriffen, daß ſie, allein und ab⸗ geſondert, wie ſie war, ſich in Geduld faſſen und der Gewalt des Herrn Herzogs eine andere, wenn es mög⸗ lich wäre, eben ſo mächtige Gewalt hinzufügen müßte. In dieſer Abſicht hatte ſie verfahren, indem ſie Ma⸗ ria Leczinska zur Königin von Frankreich machte. Es lag gar viel Dunkelheit in dem Herzen dieſer Frau von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren. An das Ziel gelangt, das ſie erreichen wollte, mäch⸗ tig zugleich durch die Freundſchaft der Königin für ſie und durch die Gleichgültigkeit des Königs für die Geſchäfte, meinte ſie, daß, wenn ſie Herrn von Fréjus von der Arbeit entfernen könnte, ſie alle Gewalt erlangen würde. In der That, nach dem Beiſpiele des Regenten kam der Herr Herzog täglich, um mit dem Könige zu arbeiten, oder vielmehr in ſeiner Gegenwart zu arbeiten. Nun aber ermangelte der Biſchof von Fréjus niemals, dieſer Arbeit beizuwohnen, was nicht etwa den Herrn Herzog, der allein ſich ſo ziemlich in Alles gefügt hätte, ſondern Frau von Prie hinderte. Dem zu Folge erfand Frau von Prie ein Mittel, ſich dieſes unbequemen Zeugen zu entledigen, näm⸗ lich den König zu überreden, die Arbeit bei ſeiner Gattin es, vornehmen zu laſſen, wie Ludwig XIV. ſie bei Frau von Maintenon vornehmen ließ; da der Lehrer dem Gat⸗ als ten keine Stunden zu geben hatte, ſondern nur dem jungen kei⸗ Fürſten, ſo würde er wahrſcheinlich ihm nicht zu der Kö⸗ nigin folgen, und dort würde ſie, Frau von Prie, Herrn itel von Frejus erſetzen. ſen So bald der Plan einmal beſchloſſen war, ließ die ab⸗ Ausführung nicht auf ſich warten, bei der erſten Veran⸗ der laſſung, welche der Herr Herzog hatte, den König zu be⸗ ög⸗ ſuchen, forderte er ihn auf, bei der Königin zu arbeiten, dder König nahm es an, und Herr von Bourbon benach⸗ da⸗ richtigte Seine Majeſtät, daß er ſich unmittelbar nach dem neuen, für die Arbeit beſtimmten Orte begeben 2 ſer würde. Herr von Fräjus, der alle dieſe kleinen Ränke nicht ch⸗ wußte, begab ſich zur gewöhnlichen Stunde nach dem Ar⸗ nd beitszimmer des Königs, der König befand ſich noch darin, fte, aber nach Verlauf von zehn Minuten verließ er es und der ging zu der Königin. Ohne ſich im Voraus über dieſen 2. Ausgang zu beunruhigen, wartete der Biſchof einige Zeit am lang; als er hierauf den Herrn Herzog nicht zur gewöhn⸗ en, lichen Stunde kommen ſah, ahnete er das, was vorginge, der erkundigte ſich und erfuhr, daß der König mit dem Her⸗ eit zoge bei ſeiner Gattin arbeitete. Sogleich kehrte er nach⸗ ein Haus zurück, ſchrieb ſeinem Schüler einen Brief voll on Schmerz, der indeſſen zärtlich und liebevoll war, in wel⸗ ein chhem er ihm meldete, daß er ſich von dem Hofe zurück⸗ m⸗ zöge, und ſein Leben in der Zurückgezogenheit beſchließen tin wollte. — 44— Niert, der erſte Kammerdiener, wurde beauftragt, dem Könige dieſen Brief zu übergeben. Zehn Minuten nachher reiſte Herr von Fréjus nach Iſſy ab, indem er ſich in das Kloſter der Sulpitianer begab, wohin er zuweilen ging, um ſich zu erholen. Als er die Arbeit verließ, kehrte der König, ziemlich beſorgt uͤber die Art und Weiſe, mit welcher die Sache mit Herrn von Fréjus ablaufen würde, in ſeine Wohnung zurück. Aber ſtatt des Biſchofes fand er ſeinen Brief. Das Zurückziehen des Herrn von Frejus hatte bereits ein erſtes Mal zum Ziele geführt, und der Erfolg hatte ihm angedeutet, daß das Mittel gut wäre. Ludwig XV. war dieſes Mal nicht minder betrübt, als das erſte Mal, er weinte, und um ſeine Thränen und ſeinen Kummer aller Augen zu entziehen, entfloh er in ſeine Garderobe. Aber Niert, der ohne Zweifel ſeine Verhaltungsvorſchriften hatte, eilte, den Herrn Herzog von Mortemar, erſtem Kammerherrn, von dem zu unterrichten, was ſich zutrüge. Zehn Minuten nachher befand ſich Herr von Mortemar bei dem Könige. Der König befand ſich noch in ſeiner Garderobe und fuhr fort zu weinen. — Wahrlich, Sire, ſagte Mortemar, ich bitte Eure Majeſtät um Verzeihung, aber ich begreife nicht, daß ein König weint; eine Intrigue entfernt Herrn von Fréjus von Ihnen, ſagen Sie ganz einfach, ich will Herrn von Fröjus wiederſehen und laſſen Sie ihn holen. — Aber durch wen, wer wird es wagen, dieſen Be⸗ — — 45— fehl zu übernehmen, ſich mit dem Herrn Herzoge zu ent⸗ zweien? — Wer eszwagen wird? ich, Sire, ſchreiben Sie eine Zeile und Sie werden ſehen. — Wohlan! geh, Mortemar, ſagte der König, Alles, was Du thun wirſt, wird gut ſein, vorausgeſetzt, daß Herr von Fréjus zurückkehrt. Mortemar ließ ſich dies nicht zwei Male ſagen. Stark durch die Vollmachten des Fürſten, ging er geraden Weges zu dem Herrn Herzoge, und erklärte ihm den Willen des Königs, nicht als einen Wunſch, ſondern als einen Befehl. Der Herr Herzog verſuchte anfangs Widerſtand zu leiſten, aber Mortemar fühlte, daß, wenn er dieſen Widerſtand ſich nicht beugen ließe, er verloren wäre; er verlangte da⸗ her im Namen des Königs, daß der Expreſſe, der Herrn von Fréjus von Iſſy holen ſollte, in ſeiner Gegenwart abginge, und daß er den Herzog nicht eher verlaſſen würde, als bis er den Eilboten ſich im Galopp hätte ent⸗ fernen ſehen. Sobald Mortemar ihn verlaſſen hatte, rief der Herr Herzog Frau von Prie, und verſammelte ſeinen Rath der Vier. Die Lage war dringend. Einer der Brüder Päris eröffnete den Rath, den Biſchof auf dem Wege von Iſſy nach Verſailles zu entführen, und ihn in irgend eine ent⸗ fernte Provinz zu führen, wo ein geheimer Verhaftsbefehl ihn in der Verbannung halten würde. Wenn der König nach ihm früge, ſo würde man ihm antworten, daß der Biſchof ſich geweigert hätte, zurückzukehren. Dann würde man alle Verführungen der Königin anwenden, man würde — 416— große Jagden anſtellen, man würde, wenn es möglich wäre, neue Vergnügungen erfinden, um den König zu zer⸗ ſtreuen. Der junge Mann würde ſeinen alten Lehrer ver⸗ geſſen, der Abweſende würde Unrecht haben. Der Plan war vermeſſen, aber gerade wegen ſeiner Vermeſſenheit ſelbſt konnte er gelingen. Aber der Expreſſe eilte ſich bei weitem mehr, als man es erwartet hatte, der Biſchof ſeiner Seits brach auf der Stelle auf, ſtatt ſich bitten zu laſſen, ſo daß Herr von Fréjus ſich bereits bei dem Könige befand, als man noch über das beſte Mittel verhandelte, ihn von der Rückkehr abzuhalten. Während ſeines Rückzuges von einem halben Tage nach Iſſy war Horaz Walpole, der ſeit dem 25. Mai 1724 als Geſandter von Großbritannien in Paris reſidirte, der Einzige, der zu Herrn von Fréjus gekommen war; kaum hatte er die Abreiſe des Biſchofs erfahren, als er abgereiſt war, und da er faſt zu gleicher Zeit mit ihm ankam, hatte er ihm ſeine Freundſchaftsbetheuerungen gemacht. Herr von Fréjus vergaß dieſen Beſuch niemals. Nach Verſailles zurückgekehrt, fand, wie man begrei⸗ fen wird, der Kampf zwiſchen dem Herrn Herzoge und Herrn von Frsjus ſtatt, der Herr Herzog bezeugte dem⸗ nach auch dem Prälaten vergebens alle Arten von Auf⸗ merkſamkeiten, und Frau von Prie richtete ſich nach ihm, die Abſetzung des Premierminiſters wurde beſchloſſen. Indeſſen glaubten der Herr Herzog und Frau von Prie, obgleich ſie ſich bedroht fühlten, ihren Sturz nicht ſo nahe, Herr von Fréjus fuhr fort, dem Herrn Herzoge alle ſeinem Range gebührende Ehrenbezeugungen zu erweiſen. . lich er⸗ er⸗ ner eſſe bei tel ge 24 — 47— Was Frau von Prie anbelangt, ſo ſah er ſie weder mehr, noch weniger, als zuvor, indem er ſich durchaus nicht um ſie zu bekümmern, noch den geringſten Groll über das bewahrt zu haben ſchien, was ſich zugetragen hatte. Am 11. Juni ſollte der König nach Rambouillet ab⸗ reiſen, und der Herr Herzog war ernannt, um ihn zu begleiten; der König reiſte zuerſt ab, indem er den Prin⸗ zen anempfahl, nicht auf ſich warten zu laſſen. Wie man ſieht, ſpielte Ludwig XV. ſeine kleine NRolle gleichfalls nicht übel. Der Herr Herzog bereitete ſich vor, abzureiſen, als ein Kapitän der Garden zu ihm eintrat und ihm im Na⸗ men des Königs andeutete, ſich nach Chantilly zurückzuzie⸗ hen und dort zu bleiben, bis es dem Könige gefiele, ihm entgegengeſetzte Befehle zu geben. Was Frau von Prie anbelangt, ſo verbannte ſie ein königlicher Befehl auf ihr Gut Courbe⸗Epine. Die Arme, in Ungnade gefallene, glaubte anfangs an ein augenblickliches Unglück, an eine Wolke, die vorüber ziehen müßte, und die im Vorüberziehen für den Augen⸗ blick die Strahlen der Sonne verſchleierte; ſie ließ einen ihrer Geliebten kommen, deſſen Namen die Geſchichte nicht nennt, um ohne Zweifel von ihm den Abſchied zu nehmen, den ſie von Herrn von Bourbon nicht nehmen konnte, dieſer Abſchied war höchſt zärtlich, wie die durch das Ver⸗ geſſen der Frau von Prie, welche ohne Zweifel in ihrer Befangenheit vergeſſen hatte, die Vorhänge der Fenſter ih⸗ res Schlafzimmers zuzuziehen, in dieſes vertraute Geheim⸗ niß eingeweiht worden waren, erzäͤhlten. — 48— Sie reiſte lächelnd ab und indem ſie ihren Freunden eine baldige Rückkehr verſprach, denn ſie glaubte in der That nicht an die Länge dieſer Verbannung. Aber ihre Hoffnung verſchwand bei der Nachricht, welche ſie, kaum auf ihren Gütern angekommen, erfuhr, daß ihre Stelle als Palaſtdame ihr genommen und der Frau von Halaincourt gegeben wäre; nun ſah ſie deutlich, daß ſie von Verſailles fortgeſchickt wäre, um niemals wie⸗ der dort zu erſcheinen, und alle die Philoſophie, welche ſie affectirt hatte, verſchwand mit der Hoffnung. Indeſſen verſuchte ſie mit Hülfe der Zerſtreuung ge⸗ gen den Kummer zu kämpfen, der ſie untergrub; ſie machte Einladungen in Courbe⸗Epine, gab Feſte, ließ Luſtſpiele aufführen, ſpielte ſie ſelbſt mit und ſagte, wie der Marquis von Argenſon erzählt, drei Hundert Verſe mit eben ſo viel Gefühl und Gedächtniß auswendig her, als ob ſie vollkom⸗ men zufrieden geweſen wäre. Aber trotz alle dem bemächtigte ſich der Kummer ihrer ſo hartnäckig, ſo gewaltig, daß ſie ſichtlich mager zu wer⸗ den begann, ohne daß die Aerzte ihre Krankheit andern Urſachen zuſchreiben konnten, als die Nerven und die übeln Launen. Nun ſah ſie wohl, daß alles für ſie aus wäre, da die Schönheit ſie nach der Gunſt verließe; ſie beſchloß demnach, ſich zu vergiften, und beſtimmte im Voraus den Tag und die Stunde, feſt entſchloſſen, nichts an dieſem Entſchluſſe zu ändern. Nun meldete ſie ihren Tod als eine Prophezeihung, indem ſie ſagte, daß ſie an dem und dem Tage, zu der und der Stunde aufgehört haben wuͤrde zu leben, aber, 4 —u ing, der ber, — 49,— wie man wohl begreifen wird, wollte Niemand an die Worte derer glauben, welche man die neue Caſſandra nannte. Sie hatte damals einen Geliebten, einen Mann von Geiſt und von Herz, der ein liebenswürdiges Geſicht be⸗ ſaß und ſich von Amfréville nannte; ihm, wie den andern hatte Frau von Prie ihren Tod gemeldet, indem ſie, wie wir geſagt haben, den Datum und die Stunde prophe⸗ zeihte. Zwei Tage vor dem angedeuteten Momente machte ſie ihm ein Geſchenk mit einem Diamant, der ohngefähr Hundert Louisd'or werth war, aber zu gleicher Zeit beauf⸗ tragte ſie ihn, nach Rouen an die Adreſſe einer Perſon, deren Namen zu verſchweigen ſie ihn verſprechen ließ, für mehr als fünfzig Tauſend Thaler Diamanten zu über⸗ bringen. Als er von dieſer Sendung zurückkehrte, lebte Frau von Prie nicht mehr, ſie war zu der beſtimmten Stunde und an dem beſtimmten Tage geſtorben. Die Unterſuchung der Leiche ließ keinen Zweifel über die Todesart zurück, ſie hatte ſich vergiftet, und die Schmerzen ihres Todeskampfes waren ſo heftig geweſen, daß ihre Fußzehen ſich nach den Ferſen zuſammengezogen hatten. Es iſt ein vortreffliches, von Valor gemaltes und von Chereaud dem Jüngeren in Kupfer geſtochenes Portrait von ihr übrig, der Maler hat ſie vorgeſtellt wie ſie einen Ka⸗ narienvogel auf ihrem Finger hält, den ſie ſprechen lehrt. Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 4 — 30— Was Herrn von Prie anbelangt, ſo gab er ſich im⸗ mer das Anſehen, als ob er die Verhältniſſe ſeiner Frau mit dem Herrn Herzoge nicht kenne, Verhältniſſe, bei de⸗ nen er außerdem nichts gewann. Als ſie zu gleicher Zeit mit dem Prinzen verbannt wurde, hielt er alle ſeine Freunde an, um ihnen zu ſagen:— — Frau von Prie iſt in die Ungnade des Herrn Herzogs verwickelt, begreifen Sie das? Was der Teufel, ich bitte Sie, was gibt es denn Gemeinſchaftliches zwiſchen meiner Frau und dem Herrn Herzoge. Indeſſen, ſo ungeheuer dieſe Unwiſſenheit auch ſein mochte, oder ſo unverſchämt dieſe Zuverſicht auch war, der arme Marquis wurde eines Tages genöthigt, wider ſeinen Willen zu verſtehen, daß ihm irgend etwas Außer⸗ gewöhnliches in Bezug auf ſeine eheliche Ehre begegnet wäre; als er ſich in dem Zimmer des Königs gegen einen Tiſch gelehnt hatte, dem er den Rücken zuwandte, näherte er ſeine Perücke ſo nahe einer Kerze, daß die Perücke Feuer fing. Glücklicher Weiſe befand er ſich vor einem Spiegel, und wurde faſt ſogleich den Unfall gewahr, riß raſch ſeine Perücke ab, und nachdem er die Feuersbrunſt mit ſeinen Füßen ausgelöſcht, ſetzte er ſie wieder auf. So kurz die Flamme auch gedauert, ſo hatte ſich nichts deſto weniger ein ſehr ſtarker Geruch in dem Zimmer verbreitet; gerade in dieſem Augenblicke trat der König ein. — Olol ſagte er, es riecht hier ſehr ſchlecht, welch abſcheulicher Geruch, meine Herren, man ſollte meinen, es ſei verbranntes Horn. — 2,—— Wie groß der Ernſt der Zuhörer auch ſein mochte, es war keine Möglichkeit, bei einer ſolchen Anrede ſich zu beherrſchen, jeder brach in Gelächter aus, und der arme Marquis vermochte ſich dieſer Heiterkeit zum Verzweifeln nur dadurch zu entziehen, daß er ſich in aller Eile aus dem Staube machte. * 7 4* Rubhe, als der Schlaffheit gleicht; von da an beginnen di * III. Fleury Staatsminiſter.— Allgemeine Ruhe in Europa.— Todesfälle.— Der Großprior von Vendoôme.— Voltaire und Herr von Rohan⸗Chabot.— Der Doctor Iſez. Der Kardinal Mazarin hatte Ludwig XIV. ſterbend den Rath gegeben, niemals einen Premierminiſter zu haben; Herr von Fleury war ohne Zweifel der Meinung Maza⸗ rins, denn, obgleich es ihm nach der kleinen Revolution, die wir erzählt haben, ein Leichtes war, ſich an der Stelle des Herrn Herzogs ernennen zu laſſen, ſo begnügte er ſich doch mit dem Eintritte in den Rath und dem Titel Staats⸗ miniſter. Mit dem öffentlichen Eintritte des Herrn von Fleury in die Regierung begann für Frankreich und ſelbſt für Europa eine Periode des Friedens, welche weniger 9 Geſchichtsſchreiber eine Reihe von Begebenheiten ohne Wich⸗ 4* mi ſtit gent — 53— tigkeit aufzuzeichnen, welche das Leben der Nation zu un⸗ terbrechen ſcheinen. 4 Es iſt ein Erdbeben in Palermo, eine Feuersbrunſt in dem Walde von Fontainebleau, ein Nordlicht in Paris, eine Peſt in Conſtantinopel. Dann Todesfälle. Die Herzogin von Orleans, Prinzeſſin von Baden⸗ Baden ſtirbt im Alter von einundzwanzig Jahren im Kind⸗ bett. Sophie Dopothea, Söter Georg Wilhelms, Herzogs von⸗Behünſchweig« Celle* önigin von Großbri⸗ tannien, ſtirbt dufodem Seſe von Ahlen. Der Herzog von Parma, Franz Farneſe, ſtirbt im — Alter von neunundvierzig Jahren ahne Kinder, ſein Bru⸗ kaire der folgte ihm. X* Ludwig Armand von Bourbon, Prinz von Conti, mit dem wir uns mehr als ein Mal beſchäftigt haben, dend ſtirbt im Alter von einunddreißig Jahren. den; Endlich ſtirbt Herr von Vendome, Großprior von aza⸗ Frankreich, im Alter von einundſiebenzig Jahren. ion, Sagen wir einige Worte über dieſen Letzteren, mit telle dem das Geſchlecht Cäſars von Vendome, natürlichen Soh⸗ ſich nes Heinrich IV. und der Gabriele von Eſtrées, Herzogin ats⸗ von Beaufort, ausſtarb. Der Großprior war der Bruder jenes merkwürdigen eurh Herzogs von Vendome, der ſo leicht ſein Geſicht ſeinen für Feinden und ſeinen Hintern ſeinen Freunden zeigte. Er der hatte ſeine erſten Waffenthaten gegen die Türken bei Can⸗ die dia unter ſeinem Onkel ausgefuͤhrt; dieſer Held der Re⸗ Gich⸗ gentſchaft Anna's von Oeſterreich, dieſer König der Hallen der Fronde, der von Vincennes entfloh, um ſeinen nutz⸗ o loſen Feldzug nach Gigelli zu machen, und der auf eine ſo geheimnißvolle Weiſe in Candia ſtarb. Der Großprior war erſt ſiebenzig Jahre alt, als er von dieſem Kreuzzuge zurückkehrte, dann hatte er ſich bei der Eroberung Hollands ausgezeichnet, war bei der Schlacht von Marſeille verwundet und im Jahre 1693 zum Gene⸗ rallieutenant gemacht wokden za er hatte mit ſeinem Bru⸗ der, zuweilen unter ihm, abe nur bis zum Jahre 1705, gedient; er war eben ſs tapfer, als er, minder träg, als er, und vielleicht ausſchweifender. 8. In der That, eine Frau hielt ihn ab, der Schlacht von Caſſano beizuwohnen, ein Vergehen, das ihm die Un⸗ gnade des Königs zuzog; nun zog er ſich nach⸗Rom zu⸗ rück und brachte einige Jahre mit Reiſen zu. Wüthend über ſeine Gleichgültigkeit, drohte ihm der König, ſeine Pfründen zu nehmen, ſogleich ſandte ſie der Großprior von ſelbſt zurück, indem er nur einen Jahresgehalt be⸗ hielt; von den Kaiſerlichen zum Gefangenen gemacht, als er durch Graubünden ging, kehrte er erſt im Jahr 1712 nach Frankreich zurück, das heißt, in demſelben Jahre, in welchem ſein Bruder in Vignaros in Spanien an einer Unverdau⸗ lichkeit ſtarb. 4 Nach dieſem Todesfalle war der Großprior der letzte des Hauſes Vendome, um deſſen Fortpflanzung ſich ſein Bruder, der berühmte Herzog, niemals bekümmert hattei was ihn anbetrifft, ſo hatte er von ſeiner Jugend an in 4 dem Maltheſerorden die Gelübde abgelegt, und konnte dem zu Folge keine Kinder haben. — 55.— Im Jahre 1715 wurde er zum Generaliſſimus der Streitkräfte ſeines Ordens mit der Beſtimmung ernannt, das mit einer Belagerung der Türken bedrohte Malta zu vertheidigen; aber der Großprior machte eine vergebliche Reiſe, Malta wurde nicht belagert, er kehrte zurück, um ruhig dieſes herrliche Leben zu endigen, ldas er in ſeiner köſtlichen Zurückgezogenheit des Tempels geführt hatte. Dort lebte er unter wiſſenſchaftlich gebildeten Leuten, aus denen er ſeine gewöhnliche Geſellſchaft gemacht hatte, Chaulieu und Lafare waren die täglichen Tiſchgenoſſen. Voltaire nannte ihn Liederdichteriſche Hoheit und in einer ſeiner Abendgeſellſchaften entſchlühfte ihm jener hübſche Witz: — Sind wir Alle Prinzen oder Alle Dichter? Der Großprior ſtarb in Mitte ſeiner Templer, wie er ſeine Freunde nannte, am 24. Januar 1727. Da wir den Namen Voltaire ausgeſprochen haben, ſo wollen wir ſagen, welches die Veranlaſſung war, daß er Frankreich verließ, und nach England reiſte. Wir haben ſeinen vertrauten Umgang mit dem Groß⸗ prior von Vendome angeführt, eben ſo war es mit Herrn von Conti, eben ſo war es mit dem Herrn Herzoge von Sully, eben ſo war es überall. Bei einem Mittageſſen bei dieſem Letzteren war es, wo Voltaire mit Herrn von Rohan⸗Chabot jenen Streit hatte, der ihn nöthigte, Frankreich zu verlaſſen. Herr von Rohan ſtellte eine Meinung auf, welche oltaire mit ſeiner gewöhnlichen Freimüthigkeit beſtritt; erſtaunt ſo von Jemand widerſprochen zu werden, den er nicht kannte und der ihm nicht zu ſeinem Stande zu ge⸗ hören ſchien, fragte Herr von Rohan in einem übermüthi⸗ gen Tone, wer dieſer junge Mann wäre, der ſo laut ſpräche. — Ein junger Mann, antwortete der Dichter, welcher der erſte ſeines Namens iſt, während ſie der letzte des Ihrigen ſind. Für den Augenblick blieb die Sache dabei ſtehen. Aber acht Tage nachher, als Voltaire wieder bei dem Herzoge zu Mittag aß, kam man ihm zu ſagen, daß Jemand an der Thüre wegen einer wichtigen Angelegen⸗ heit nach ihm früge, Voltaire ging hinab. Vor der Thüre fand er in der That einen Wagen, deſſen Schlag offen und deſſen Kutſchentritt herabgeſchlagen war; er ſchickte ſich an in die Kutſche zu ſteigen, als ein Mann, der ſich in derſelben befand, ihn beim Kragen packte und feſthielt, ſo daß er ſich nicht vertheidigen konnte, wäh⸗ rend ein anderer Mann ihn mit einem Stocke ſchlug. Während dieſer Zeit befand ſich Herr von Rohan⸗ Chabot vier Schritte weit entfernt, indem er ſeinen Leuten zurief: — Vergeßt nicht, daß es Voltaire iſt, ſchlagt nicht auf den Kopf, es kann noch etwas Gutes aus ihm hervor⸗ gehen. Dieſe Beſchimpfung dauerte, bis Herr von Rohan ſag⸗ te:— Es iſt genug. Voltaire ging wüthend wieder zu Herrn von Sully hinauf, indem er ihn bat, ihm beizuſtehen, ſich für eine Schmach zu rächen, die auf ihn ſelbſt zurückfiele, da Vol⸗ 5 taire ſein Gaſt war, als man ihn hatte herabkommen laſſen. Herr von Sully weigerte ſich deſſen. Voltaire rächte ſich dadurch, daß er den Namen ſei⸗ nes Großvaters aus der Henriade auslöſchte. Als er dieſes Abenteuer erfuhr, das ſich im Jahre 1725 zutrug, ſagte Herr von Conti: — Das ſind gut empfangene, aber ſchlecht gegebene Stockprügel. Voltaire hatte indeſſen beſchloſſen ſich zu rächen, er ſchloß ſich drei Monate lang ein, und während dieſer drei Monate lernte er zugleich fechten und Engliſch; das Fech⸗ ten, um ſich mit Herrn von Rohan zu ſchlagen, das Eng⸗ liſche, um in England zu leben, wenn er ſich geſchlagen haben würde.. Nach Verlauf von drei Monaten ließ er den Cheva⸗ lier von Rohan⸗Chabot in Ausdrücken herausfordern, welche dieſem nicht erlaubten es auszuſchlagen. Der Zweikampf wurde angenommen, und die Zeugen verabredeten den Tag für denſelben; aber in der Zwiſchen⸗ zeit that die Familie Rohan Schritte bei dem Herrn Herzoge; ſie verlangte die Einkerkerung Voltaires, der Herr Herzog hatte es Anfangs ausgeſchlagen, aber die Bittſteller ließen nicht nach, indem ſie dem Prinzen einen Vers von der Handſchrift Voltaires überbrachten, in wel⸗ chem dieſer den Herzog angriff und der Frau von Prie eine Liebeserklärung machte. Verhaftet wurde Voltaire zum zweiten Mal, in die Baſtille geführt, in welcher er ſechs Monate blieb. — 58— Am Tage ſeiner in Freiheitſetzung erhielt er den Be⸗ fehl, Frankreich zu verlaſſen. Voltaire befand ſich daher zu dieſer Zeit in England, ſo daß das Theater eben ſo eingeſchlafen, als die Politik, eben ſo leer, als die Ereigniſſe ſchien. Die Pariſer Welt beſchäftigte ſich daher auch mit den beiden hinglänglich ſeltſamen Begebenheiten, welche ſich, die eine in Paris, die andere in Villers⸗Cotterets zugetragen hatten. Fangen wir mit Paris an, Ehre dem Ehre gebuͤhrt: der Doctor Iſez, Rector der mediciniſchen Facultät, hatte ein Billet empfangen, durch welches man ihn einlud, um ſechs Uhr Abends ſich in die Straße Pot⸗de⸗Fer in der Nähe des Luxemburg zu begeben. In Mitte der Straße fand er einen Mann, der ihm durch einen Wink bemerklich machte, daß er es ſei, der ihn erwartete. Der Doctor ſtieg ſogleich aus ſeinem Wagen und folgte dem Unbekannten, der ihn zehn Schritte weit von dem Orte führte, wo er ihn angehalten hatte, und an eine Thüre klopfte. Die Thuͤre ging auf, der Unbekannte gab dem Doctor einen Wink vorauszugehen, der Doctor gehorchte, aber kaum hatte er die Schwelle der Thüre überſchritten, als dieſe Thüre ſich wieder hinter ihm verſchloß. Der Doctor ſuchte ſeinen Führer, ſein Führer war außerhalb geblieben. Dieſe Seltſamkeit des Verfahrens verurſachte dem Doctor einiges Erſtaunen, aber nun erſchien der Pförtner und ſagte zu ihm: — 50— — Gehen Sie hinauf, mein Herr, man erwartet Sie auf dem erſten Stockwerke. Iſez ging hinauf. Auf den erſten Stock gelangt, hatte ſich ihm eine erſte Thüre gezeigt; der Doctor öffnete ſie, und befand ſich in einem ganz weiß behangenen Vorzimmer. Er hatte ſich noch nicht wieder von dem Erſtaunen erholt, welches ihm dieſer von dem feinſten Wollenzeug gemachter Behang ver⸗ urſacht hatte, als ein weiß gekleideter, weiß friſirter und gepu⸗ derter Bediente mit einem weißen Beutel und zwei Servietten in der Hand zu ihm ſagte, daß er ſich die Schuhe abputzen laſſen müßte. Iſez antwortete ihm, daß das eine gänzlich unnöthige Vorſichtsmaßregel wäre, da er ſo eben aus ſei⸗ ner Kutſche ſtiege, und nicht die Zeit dazu gehabt hätte, ſich zu beſchmutzen; aber der Bediente achtete auf die Be⸗ merkung nicht, und indem er antwortete, daß man zu ſau⸗ ber in dem Hotel wäre, um dieſe Vorſichtsmaßregel nicht anzuwenden, ſetzte er ein Knie vor dem Doctor auf den Boden und wiſchte ſeine Schuhe ab. Als die Schuhe ge⸗ putzt waren, machte der Bediente eine Thüre auf, und ließ den Doctor in ein zweites, wie das erſte weiß be⸗ hangenes Zimmer treten. Ein anderer, wie der erſte ge⸗ kleideter, friſirter und gepuderter Bediente erwartete den Doctor, er nahm ihn aus den Händen ſeines Kameraden und führte ihn in ein drittes, wie die anderen weißes Zim⸗ mer, und in welchem, wie in den andern, Alles Tapeten, Betten, Seſſel, Stuͤhle, Kanapees, Tiſche und Fußboden weiß waren; neben dem Kamine, auf einem Stuhle liegend, befand ſich eine große weiße Geſtalt mit weißer Nacht⸗ mütze, im weißen Schlafrocke, und das Geſicht mit einer weißen Maske bedeckt. Als ſie Iſez erblickte, gab die große Geſtalt den Be⸗ dienten einen Wink, ſich zu entfernen. Die Bedienten gehorchten. — Doctor, ſagte die große Geſtalt zu Iſez, ich ſage Ihnen im Voraus, daß ich den Teufel im Leibe habe. Und ſie ſchwieg. Iſez befragte ſie nun, um zu wiſſen, wie der Teufel in ſeinen Beſitz gekommen wäre; aber bei allen Fragen des Doctors blieb die große Geſtalt ſtumm, und, wie als ob ſie taub geweſen wäre, beſchaͤftigte ſie ſich damit, ohne weiter auf den Doctor zu achten, ſechs Paar weiße Hand⸗ ſchuhe, welche auf einem Tiſche an ihrer Seite lagen, ei⸗ nes nach dem andern an und auszuziehen.— Die Sonderbarkeit der Gegenſtände begann auf das nervöſe Syſtem des Doctors zu wirken; das Geringſte, was ihm begegnet ſein konnte, war, mit einem Wahnſinni⸗ gen eingeſperrt zu ſein. Die Furcht begann daher auch ſich ſeiner zu bemächtigen, und dieſe Furcht ſteigerte ſich noch, als er, nachdem er die Augen um ſich geworfen, das Zimmer an verſchiedenen Stellen mit Gewehren und Pi⸗ ſtolen verſehen ſah, welche deshalb, daß ſie mit derſelben Farbe, wie das Uebrige angeſtrichen waren, nichts deſto weniger wirkliche Schießgewehre waren. Der durch dieſe Bemerkung auf den Doctor hervor⸗ gebrachte Eindruck war ſo heftig, daß er genöthigt war⸗ ſich zu ſetzen, um nicht zu Boden zu ſinken. 8 — 2 2’—9ͤ——⏑— d«*- Indem er ſich endlich faßte, und ſich an die weiße Geſtalt wandte, ſagte er: — Ich erwarte Ihre Befehle, und ich bitte Sie, mir dieſelben ſo ſchnell als möglich zu geben, da meine Zeit dem Publikum angehört. — Was liegt an Ihrer Zeit, antwortete die weiße Ge⸗ ſtalt, vorausgeſetzt, daß man Sie Ihnen gut bezahlt. Darauf war eben Nichts zu antworten, der Doctor antwortete daher auch Nichts, und wartete das Belieben der weißen Geſtalt ab. Eine neue Viertelſtunde verfloß unter fortwaͤhrendem Schweigen. Hierauf zog das Phantom einen neuen Schellenzug, eine Schelle ertönte und zwei weiße Diener erſchienen wieder. — Binden, ſagte die weiße Geſtalt zu den Bedienten. — Es handelt ſich alſo um einen Aderlaß? fragte der Doctor. — Ja, Sie werden mir fünf Pfund Blut abzapfen. Iſez Erſtaunen verdoppelte ſich. — Wer hat Ihnen einen ſolchen Aderlaß verordnet? fragte er das Phantom. — Ich. Nun denn, gehorchen Sie. Die beiden Bedienten waren da, es war kein Wider⸗ ſtand zu leiſten. Iſez nahm ſein Beſteck aus der Taſche und ſchickte ſich an die ſeltſame Laune des Kranken zu be⸗ friedigen. Da ihm indeſſen die Hand ſehr zitterte, ſo zog er den Aderlaß am Fuße dem Aderlaſſe am Arme vor, da der Aderlaß am Fuße leichter iſt. — 62— Man brachte alles das, was für die Operation noth⸗ wendig war, das Phantom zog ein Paar weiße leinene Strümpfe von großer Feinheit aus, dann ein anderes, dann noch eins, kurz bis zu ſechs Paaren. 3 Das letzte bedeckte den hübſcheſten Fuß von der Welt, und als er dieſen Fuß ſah, fing der Doctor an zu glauben, daß er mit einem Frauenzimmer zu thun hätte. Er wollte eine letzte Bemerkung machen, aber die weiße Geſtalt ſtreckte das Bein hin, indem ſie ſagte: — Laſſen Sie zur Ader! Dieſes Bein war eben ſo fein, eben ſo zart, eben ſo ariſtokratiſch, als der Fuß. Der Doctor nahm den Aderlaß vor, nur befand ſich der oder die zur Ader Gelaſſene bei dem zweiten Becken Blut unwohl. Iſez wollte die Veranlaſſung benutzen, um dem Phan⸗ tom, unter dem Vorwande, ihm Luft zu gewähren, ſeine Maske abzunehmen, aber die Bedienten widerſetzten ſich dem. Man ſtreckte den Kranken auf den Boden aus, und der Doctor verband ihm den Fuß während der Ohnmacht. Nach Verlauf einiger Sekunden kam die weiße Geſtalt wieder zu ſich und befahl, daß man ihr Bett wärme, was man ſogleich that. Nun legte ſie ſich hinein. Dann entfernten ſich die Diener. Iſez ging an das Kamin, um ſeine Lanzette zu rei⸗ nigen, und er war ganz mit dieſer Verrichtung beſchäftigt, als er plötzlich in dem Spiegel die große weiße Geſtalt — 63— aufſtehen, und, auf einem Beine hüpfend, in zwei bis drei Sprüngen ſich ihm nähern ſah. Dieſes Mal glaubte der Doctor wirklich mit dem Teufel zu thun zu haben, und er verſuchte zu fliehen; aber das Phantom kam nicht, um ihn zu verfolgen, es kam, um fünf Thaler zu nehmen, die es ihm anbot, in⸗ dem es ihn fragte, ob er zufrieden wärc. Iſez, voll Sehnſucht, ſich zu entfernen, antwortete, daß er vollkommen zufrieden wäre. — Nun denn! ſagte die weiße Geſtalt, dann machen Sie ſich fort. Der Doctor wünſchte nichts lieber und machte ſich raſch aus dem Staube. In dem an das Schlafzimmer anſtoßenden Zimmer fand er die Bedienten, welche ihm leuchteten, und, indem ſie ihm leuchteten, ſich lachend umwandten. Iſez war mit ſeiner Geduld am Ende, und da er ſich weniger vor Bedienten, als wie vor Phantomen fürchtete, ſo fragte er ſie, was dieſer Spaß bedeutete. — Mein Herr, antworteten die Bedienten, haben Sie ſich zu beklagen? — Ei... ſagte der Doctor. — Hat man Sie gut bezahlt? — Ja. — Hat man Ihnen irgend ein Leid zugefügt? — Nein. — Nun denn! dann folgen Sie uns und ſagen Sie Nichts, wenn es Nichts zu ſagen gibt. Und die beiden Bedienten führten den Doctor bis — 64— an ſeinen Wagen zurück, damit man ſagen könnte, daß man nicht einmal in der Höflichkeit gegen ihn gefehlt hätte. Iſez hatte für dieſen Abend genug. Er ließ ſich nach Haus zurückfahren, entſchloſſen, Niemandem das zu er⸗ zählen, was ihm begegnet war. Aber am folgenden Tage kam man, um ſich zu erkundigen, wie er ſich nach dem Aderlaſſe befände, den er am Abende zuvor gemacht hätte. Nun erzählte er das Abenteuer, welches, wie wir geſagt haben, ſich in den höheren Kreiſen verbreitete und in ihnen eine Menge von Schlüſſen erweckte und großes Aufſehen machte. Das zweite Abenteuer hatte ein weit tragſicheres Ende gehabt, und, wie der Deus ex machina des Alterthumes, war der König genöthigt geweſen, ſich zu der Entwickelung ins Mittel zu legen. Ein Edelmann reiſte mit ſeinem Bedienten durch den Wald von Villers⸗Cotterets, als er plötzlich an einer Wen⸗ dung des Weges von einem jungen Manne angehalten wurde, der, ein Paar Piſtolen in der Hand, ihm drohte, ihm den Kopf zu zerſchmettern, wenn er ihm nicht auf der Stelle alles das gäbe, was er an Gold und Kleinodien bei ſich hätte. Der Edelmann gab ihm ſeinen Geldbeutel, in welchem ſich fünfzig Louisd'or befanden, ſeine goldene Uhr nebſt der daran befindlichen goldenen Kette und golde⸗ nem Pettſchaft. Er glaubte, damit davon zu kommen; aber der Dieb nahm ihm auch noch ſeine beiden Pferde, und ſtellte es ihm frei, ſeine Reiſe zu Fuß fortzuſetzen, oder wieder nach ur daß ehlt ach er⸗ age dem icht wir und ßes nde ies, ung den zen⸗ lten hte, der dien itel, dene lde⸗ dieb es nach — 65— der Stadt zurückzukehren, welche er vor ohngefähr andert⸗ halb Stunden verlaſſen hatte. Der Edelmann und ſein Diener beriethen ſich, und nun erinnerte ſich der Edelmann, daß er in der Umgegend einen Freund haben müßte, der ein kleines Schloß be⸗ wohnte. Dieſer Freund war ein tapferer Offizier, mit welchem er in den letzten Jahren der Regierung Ludwigs XIV. gedient hatte. Er orientirte ſich, und nach Verlauf einer Viertelmeile fand er wirklich das Haus, welches er ſuchte. Der Empfang war offen und herzlich. Der Edelmann erzählte ihm nun ſein Abenteuer, und wie er es erwartete, bot ihm ſein ehemaliger Waffenbruder Geld und Pferde an, aber vor allen Dingen ein Abendeſſen. In dem Augenblicke, wo die beiden Freunde ſich an den Tiſch ſetzen wollten, trat ein junger Mann ein. Der Edelmann unterdrückte einen Ausruf der Ueber⸗ raſchung. Der junge Mann, welcher eingetreten war, war ſein Räuber. Aber der Reiſende wurde noch weit mehr überraſcht, als ſein Freund ihm dieſen jungen Mann als ſeinen Sohn vorſtellte. Der junge Mann ſchien ſeinen Gaſt nicht wieder zu erkennen, begrüßte ihn voll Artigkeit, und aß ohne irgend eine Verlegenheit zu Nacht. Als das Abendeſſen beendigt war, verlangte der Edel⸗ mann, ſogleich ſich in ſein Zimmer zurückzuziehen. Sein Freund ließ ihn in daſſelbe führen, und ſein Diener blieb, unter dem Vorwande, ihn auszukleiden, bei ihm. Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 5 — 66— Aber kaum waren ſie allein, als der Diener zu ſeinem Herrn ſagte: 3 — O! mein Herr, wir befinden uns in einer Mörder⸗ grube; der Sohn vom Hauſe iſt unſer Räuber, und ich habe unſere Pferde in dem Stalle erkannt. Aber es lag in dem Empfange des Landedelmannes eine Herzlichkeit, die man nicht nachahmt, in ſeinem Aus⸗ drucke eine Rechtſchaffenheit, die zu heucheln unmöglich iſt. Der Reiſende hatte alles das erkannt. Er zögerte daher nicht, und indem er nach dem Zimmer ſeines Freundes ging, den er bereits zu Bett und eingeſchlafen fand, ſagte er ihm, daß der Mann, der ihn vier Stunden zuvor ge⸗ plündert hätte, Niemand anders, als ſein Sohn wäre, daß er lange gezögert hätte, ihm etwas ſo Schreckliches zu ſa⸗ gen, daß er aber am Ende in ſeiner Ueberzeugung geglaubt haͤtte, daß es ſeine Pflicht wäre, ihm ein Geheimniß mit⸗ zutheilen, das ihm irgend eines Tages grauſamerweiſe von der Gerechtigkeit offenbart werden wuͤrde. Wie man wohl begreifen wird, war die Verzweiflung des Vaters ſo groß, daß er auf der Stelle ohnmächtig wurde; aber indem er bald darauf wieder zugleich zum Leben und zum Zorne zurückkehrte, ſprang er aus ſeinem Bette und ging nun auch in das Zimmer ſeines Sohnes hinauf, den er ſchlafend fand, oder welcher that, als ob er ſchliefe. Auf dem Tiſche des jungen Mannes lagen der Geld⸗ beutel, die Uhr und das Pettſchaft ſeines Freundes, und zur Seite des Geldbeutels, der Uhr und des Pettſchafts die Piſtolen, die Mitſchuldigen des Verbrechens. — 67— Als er ſeinen Vater die Hand an die verſchiedenen Gegenſtände legen ſah, die wir bezeichnet haben, ſah der Sohn ein, daß er Alles wüßte und wollte entfliehen; aber in dem Augenblicke, wo er aus dem Bette ſprang, ergriff der Vater eine Piſtole, und als der junge Mann vor ihm vorüberging, feuerte er ſie ab. Tödtlich getroffen, ſank der Sohn zu Boden, ſtieß einen Schrei aus und verſchied. Am folgenden Tage ging der Landedelmann nach Ver⸗ ſailles, und geſtand ſelbſt dem Könige Alles. Der König zögerte keinen Augenblick, und begnadigte ihn. Aber das Ereigniß, mit dem ſich die Hauptſtadz bald darauf beſchäftigte, um ſich nur noch mit ihm zu beſchäfti⸗ gen, war der Tod des Diaconus Paris und die Wunder, die auf ſeinem Grabe geſchahen. Franz Paris war ein armer Diaconus, der Sohn eines Rathes am Parlamente von Paris, wo er am 30. Juni 1690 geboren war. Wie der heilige Auguſtin, hatte er ziemlich ſchlecht angefangen. Von ſeiner Mutter, einer frommen Frau, den Händen der Ordensgeiſtlichen der hei⸗ ligen Genoveva anvertraut, begann er damit, das Leſen zu verlernen; dann beſchloß er eines Abends, auf Anſtiften ſeiner Kameraden, mit Hülfe eines Haufens brennbarer Stoffe, die er in dieſer Abſicht geſammelt hatte, das Colle⸗ gium in Brand zu ſtecken. Obgleich dieſes Verbrechen nicht zur Ausführung gekommen war, ſo warf es ſich der Dia⸗ conus Paris doch ſein ganzes Leben lang vor, und es war vielleicht eine der Urſachen der Kaſteiungen. in denen ſein 5* — 68— Leben verfloß. Endlich in das väterliche Haus zurückge⸗ rufen, einem Erzieher anvertraut, der mit ihm ſympathi⸗ ſirte, faßte er Geſchmack für die Arbeit, und machte die verlorne Zeit wieder gut. Als er ſeine Humaniora und ſeine Philoſophie beendigt, kehrte er zu den Benedictinern von Saint⸗Germain⸗des⸗Prés zurück, deren einſiedleriſchen und frommen Uebungen er mit Vergnügen folgte. Von dort aus trat er in das Seminar Saint⸗Magloire, wo er ſich dem Studium des Hebräiſchen und des Griechiſchen hingab, weil er die heiligen Schriften in den Orginalen leſen wollte. In ſeinen freien Augenblicken widmete er ſich dem Unterrichte des Katechismus, indem er aus ſeinen eigenen Mitteln die für den chriſtlichen Unterricht der Kin⸗ der nöthigen Bücher kaufte. Sein Vater, der im Jahre 1714 ſtarb, hinterließ ihm daher auch, da er ihn für gei⸗ ſteskrank hielt, nur den vierten Theil ſeines Vermögens. Aber dieſer Verluſt war nicht der einzige, den der arme Apoſtel empfinden ſollte. Law zwang ihn, in Papieren eine beträchtliche Zurückzahlung anzunehmen, auf welche er mehr als die Hälfte verlor. Alle dieſe finanziellen Un⸗ glücksfälle verhinderten Paris nicht, ſich mit der Theologie zu beſchäftigen. Man befand ſich in der Zeit des heftigſten Streites über die famoſe Bulle Unigenitus. Mit dem Feuer, welches ſeine religiöſen Ueberzeugungen charakteri⸗ ſirte, appellirte Paris nicht allein gegen die Bulle, ſondern appellirte noch ein zweites Mal dagegen. Damals ſchlug man ihn für die Pfarre von Saint⸗Coͤme vor; aber er hätte ſich mit ſeinem Gewiſſen vergleichen und die verlangn Formel unterzeichnen müſſen. Er ſchlug es daher aus, in S— 8 8 kge⸗ thi⸗ die und nern chen Von d er chen alen ſich inen Kin⸗ ahre gei⸗ ens. rme eren elche Un⸗ ogie ſten dem teri⸗ dern hlug r er ngu in⸗ — 69— dem er ſich mit der Würde als Diaconus begnügte, welche ihm zwei Jahre vorher verliehen worden war. Nun be⸗ ſchloß er, ſich der Zurückgezogenheit zu widmen und ein neues Port⸗Royal zu ſtiften, wenn ihm die Sache möglich wäre. Dem zu Folge machte er ſich auf, um eine Ein⸗ ſiedelei zu ſuchen, etwas, das in der Umgebung von Paris ziemlich ſchwer zu finden iſt. Er beſuchte Mont Valérien, La Trappe, eine Einſiedelei bei Melun, und zog ſich am Ende in ein kleines Haus zurück, das man noch heut zu Tage an dem Eingange der Faubourg Saint⸗Marceau zeigt. Dort gründete er ſein Port⸗Rohal, indem er ſich mit mehreren noch ärmeren Geiſtlichen, als er, vereinigte, die er mit dem Ueberreſte ſeines väterlichen Erbes ernährte, während er nur von ſeiner Arbeit lebte. Seine Geſund⸗ heit war immer ſchwach geweſen und die beſtändige, von Faſten und von Kaſteiungen begleitete Arbeit richtete die⸗ ſelbe vollends zu Grunde. Seine Ueberzeugung war, daß er für den Leib unſeres Herrn Jeſu Chriſti litte, den er als durch die Bulle Unigenitus für beleidigt hielt. Aus Ueber⸗ maß der Demuth, und indem er ſich unwürdig fand, den heiligen Leib unſeres Herrn zu empfangen, blieb er einmal zwei Jahre ohne das Abendmahl zu nehmen. Endlich war er, durch Kaſteiungen erſchöpft, krank geworden, hatte das Viaticum aus den Häͤnden des Pfarrers von Sanct⸗Me⸗ dardus erhalten, und war am 1. Mai 1727 im Alter von ſiebenunddreißig Jahren geſtorben. Nun aber war der Ruf der Heiligkeit des Diaconus Paris groß. Seit langer Zeit waren keine Wunder ge⸗ ſchehen, und man meinte, daß nach den Tagen der Sitten⸗ — 70— verderbniß, durch welche man gekommen war, einige Wun⸗ der nicht unwillkommen ſein wuͤrden. Vier Tage nach dem Begräbniſſe des Diaconus Paris begannen die Wunder auf ſeinem Grabe. Es war zuvörderſt ein gewiſſer Lero, der ſiech auf den Friedhof von Sanct Medardus kam, wo der ſelige Paris begraben war, und der ihn friſch und munter ver⸗ ließ, indem er ſeine Krücken auf dem Grabe des Heiligen zurückließ. Dieſes Grab, das aus einem großen, einen Fuß hohen Steine gebildet war, war der gewöhnliche Schauplatz des frommen Treibens ſeiner Verehrer. Vom Morgen bis zum Abend befand ſich dieſer Stein ohne Un⸗ terlaß von einer ſich immer wieder erneuernden Menge be⸗ lagert, welche von zwanzig Meilen im Umkreiſe herkam, um es zu ſehen, es zu berühren, es zu küſſen. Die Kran⸗ ken legten ſich darauf, und ſie wurden ſogleich von einer nervöſen Aufregung ergriffen oder befallen, die oft in Krämpfe ausartete. Daher rührt der von dem Volke den Sectirern des Diaconus Paris gegebene Name der Ver⸗ zückten. Die einen wanden ſich, wälzten ſich in allen Richtungen wie Epileptiſche; die andern bewegten, regten ſich und ſprangen wie die, welche man ehedem von dem böſen Weſen oder dem Veitstanze befallen ſagte. Die Frauen hatten natürlich die erſten Schauſpieler zu dieſem ſeltſamen Schauſpiele geliefert, das fünf und ein halbes Jahr lang ohne Unterbrechung in den Mauern des kleinen Friedhofes von Sanct Medardus geſpielt wurde. Anfangs waren es ſechs bis acht hhſteriſche Mädchen, die ein Prie⸗ ſter von Trohes, Namens Vaillant, durch ſeine myſtiſchen — 271— Predigten aufregte; es waren noch keine vier Monate ver⸗ floſſen, als die Kaſte der Verzückten bereits ſechs Hundert Perſonen, ſowohl Männer, als Frauen, zählte. Als ein Wunder geſchehen, zeigten ſich zehn, zwanzig andere auf demſelben Schauplatze den Augen eines Publi⸗ kums, das darauf vorbereitet war, Alles zu glauben und Nichts dem Urtheile der Vernunft zu unterwerfen. Jedes Wunder erhob einen Schrei der Ueberraſchung und der Begeiſterung, welche alle Herzen mit Glauben erfüllten. Die Hinkenden gingen, die Blinden ſahen, die Tauben hörten, die Sterbenden lebten wieder auf, und es befanden ſich da zwanzig Zeugen, Advocaten und Aerzte, die bei jeder Wunderſitzung ein Protokoll aufſetzten. Unter dieſen wohlwollenden und überzeugten Zeugen befand ſich ein Parlamentsrath von Paris, Ludwig Baple Carré von Montgeron, deſſen ganzes Leben von nun an der Verherrlichung der Wunder des glückſeligen Diaconus gewidmet ſein ſollte; unter den thätigen Koryphäen der Secte der Verzückten befand ſich ein berühmter Taktiker, ein bewährter Krieger, der Chevalier von Folard, der ge⸗ lehrte Ausleger des Polhbius. Dieſe übernatürlichen, durch die Gnade des Heiligen verurſachten Bewegungen mußten eine ſeltſame Vorſtellung ſein, die Pariſer Neugierde war daher auch auf das höchſte gereizt, und man ging als Spaziergang nach dem Friedhofe Sanct Medardus, der zu eng war, um die Handelnden und die Zuſchauer zu faſſen. Der Glaube machte außerdem erſtaunenswerthe Fortſchritte; man verkaufte eine Menge von Kreuzen, von Medaillen, Scapulieren, die auf dem — 72— Grabe des Heiligen geſegnet waren; man verkaufte ſorg⸗ faͤltig um dieſes Grab herum geſammelte Erde; man ver⸗ kaufte auch Tauſende von Kupferſtichen und kleiner janſe⸗ niſtiſcher Bücher, welche bis in die fernſten Provinzen die Verehrung des Diaconus Paris zugleich mit den Lehren des Janſenismus verbreiteten. Bald darauf organiſirte ſich die Geſellſchaft der Ver⸗ zuͤckten, und nahm für die Religion und für den Staat beunruhigende Verhältniſſe an. Der Prieſter Vaillant, deſ⸗ ſen Schüler ſich ſelbſt Vaillantiſten nannten, behaup⸗ tete, daß er der ausdrücklich vom Himmel, wohin er zu ſeinen Lebzeiten entführt worden waͤre, gekommene Prophet Elias in Perſon ſei; ſein Lieutenant, Johann Auguſtin Houſſet, gab ſich nun natürlich für den Propheten Eliſäus aus, und hatte nun auch Schüler, welche man die Eli⸗ ſäer oder die Auguſtinianer nannte. Ein dritter Sectenhäuptling, Alexander Darnaud, machte ſich gleichfalls zum Propheten, und erklärte laut, daß er Henoch wäre. Die drei Propheten wurden nach einander in die Baſtille geſperrt, in welcher der erſte zweiundzwanzig Jahre blieb, bevor er, immer noch Gefangener, in dem Schloſſe von Vincennes ſtarb. Aber ihre Lehren hatten Früchte getragen und ihre Proſelyten übertrafen einander an Ungereimtheiten. Beſonders die Auguſtinianer überſchritten alle Gränzen des religiöſen Wahnſinnes; ſie hielten mit dem Stricke um den Hals, die Fackel in der Hand, nächtliche Prozeſſionen; ſie bereiteten ſich durch die erxcentriſcheſte Ausſchweifung vor, das Märtyrerthum hienieden zu erdulden und das Paradies im Himmel zu genießen. — 73— Die Verzückten nannten ſich Brüder und Schwe⸗ ſtern;z ſie ſtanden in Folge einer Art von Einweihung, welche ihre Zeichen, ihre Sprache und ihre geheimen Ge⸗ bräuche hatte, mit einander in Verbindung. Die von un⸗ bekannten Händen gefüllte Geſellſchaftskaſſe ſtand allen Gläubigen offen. Dieſe vertheilten unter ſich in dem Ce⸗ remoniell der Verzuckungen die Rollen: die Wiſſenden waren die Propheten, die Sehenden; ihre Sendung war, die Be⸗ ſchlüſſe der Vorſehung im apokalhptiſchen Style zu verkün⸗ den; die Figuriſten ſtellten in Pantomimen die Scenen der Leidensgeſchichte Jeſu Chriſti und des Märthrerthumes der Heiligen vor; die H ülfeleiſtenden erwieſen den eigent⸗ lichen Verzückten die großen und die kleinen Hülfen, die großen oder die mörderiſchen Hülfen beſtanden darin, den Leidenden gewaltig zu ſchlagen, ihn mit Füßen zu tre⸗ ten, ihn auf jede Weiſe zu martern; die kleinen darin, ihn in ſeinem Sturze aufzufangen, ihn gegen die zu derben Stöße zu beſchützen, über die Züchtigkeit ſeiner Kleider zu wachen. Was die Verzückten anbelangt, ſo waren es die Anſtifter und die Anſtifterinnen, die Schreier und die Miauer, die Entzückten und die Illumi⸗ naten. Die hyſteriſchen Anfälle, der Magnetismus, die fallende Sucht, die Nachahmung, die Betrügerei, das wa⸗ ren die Urſachen und der Urſprung der Verzückten. Sie verbreiteten ſich wie eine Seuche; ſie dauerten, in gewiſſer Art von der Polizei geduldet, welche ihnen er⸗ laubte, ſich am hellen Tage auf dem Friedhofe Sanct Medardus zu zeigen, vier Jahre lang; ſie hörten nicht auf, ſondern ſie wechſelten den Charakter, als der Erz⸗ — 24— biſchof Vintimille die Verehrung des Diaconus Paris un⸗ terſagt hatte, als der Friedhof auf Befehl am 7. Januar 1691 geſchloſſen wurde, als die Verzückten von Gewerbe eingekerkert wurden. Nun flüchtete ſich das, was man die Verehrung des glückſeligen Paris nannte, in die Keller und die Speicher des Quartieres Sanct Medardus; nun wurden die Prüfungtn der Adepten ſchrecklich, grauſam, blutgierig, abſcheulich. Man machte Punkt vor Punkt die letzten Epi⸗ ſoden der Leidensgeſchichte nach; um die Wette erſchienen Ueberſpannte,, um dieſe Kunſtſtücke der Kraft auszuführen und um Chriſtus Leiden zu erproben; man nagelte ſie an Kreuze, man ſtieß ihnen Lanzenſpitzen in die Seite, man krönte ſie mit Dornen, man geißelte ſie bis auf das Blut. Für ſie war das nur Genuß und Wolluſt, welche ſich durch Krämpfe, Seufzer und Ohnmachten kund thaten. Beſonders die Frauen gaben ſich dieſen Martern mit Ent⸗ zücken hin. Bald verſetzte man ihnen Hundert Streiche mit einem Stück Holz auf den Schädel, auf den Bauch und auf die Hüften; ſie verlangten eine Vermehrung der Prü⸗ gel, indem ſie nach Zuckerbrod ſchrieen; bald ließen ſie ſich bei den Beinen aufhängen, bald drehte man ihnen die Brüſte mit Zangen, man zerquetſchte ſie zwiſchen zwei Brettern. Alle dieſe Gräuel fanden in Gegenwart einer in Betrachtungen und in Gebeten verſunkenen Geſellſchaft ſtatt. Der Herr Carré von Montgeron, der ſehr durch die Verzückungen und durch die Wunder, welche man von ihnen berichtete, erbaut worden war, ſchrieb einen dicken, mit Kupferſtichen verzierten Quartanten unter dem Titel: Die Wahrheit der durch die Vermittelung des glück⸗ ſeligen Paris bewirkten Wunder. Er erzählt in dieſem Buche die am wenigſten unanſtändigen Thatſachen, deren Theilnehmer und Zeuge er geweſen war; er fügte ſeiner Erzählung die Zeugniſſe der Aerzte und andere recht⸗ fertigende Stücke hinzu. Ganz ſtolz darüber, der Welt ſo ſchöne Dinge offenbart zu haben, widmete er den Band dem Könige, dem Herzoge von Orleans, dem erſten Praͤ⸗ ſidenten und vielen Andern. Die folgende Nacht verhaftete man ihn, ſetzte ihn in die Baſtille, verbannte ihn nachher nach Avignon und anderswohin. Nichtsdeſtoweniger fuhr er fort, die Handlungen und die Geberden der Verzückten zu ſammeln und niederzuſchreiben. Er gab im Jahre 1741 einen zweiten, dann im Jahre 1748 einen dritten Band heraus. Der Tod ließ ihm nicht Zeit, den vierten heraus⸗ zugeben, aber ſo lange, als er lebte, hörte er in ſeinem fanatiſchen Eifer nicht auf, die Frauen zu ermuthigen, die er mit eigenen Händen geißelte und pruͤgelte. Sollte Carrs von Montgeron nicht ſpäter unter den Zügen des Marquis von Sade wieder auferſtehen? Der Friedhof von Sanct Medardus war inzwiſchen geſchloſſen, und das Grab des Diaconus verrichtete keine Wunder mehr, um die denkwürdige, an dem Tage ſeiner Schließung an das Thor geſchlagene Inſchrift zu rechtfer⸗ tigen:— De par le roi, defense à Dieu De faire miracle en ce lieu. (Im Namen des Königs iſt es Gott verboten, Wunder an dieſem Orte zu thun.) — 276— Die geheimnißvollen Verſammlungen der Verzückten dauerten, trotz der Verordnungen des Königs und des Parlamentes, trotz den beharrlichen Nachforſchungen der von Hérault, dem unbeugſamen und furchtbaren Agenten der Jeſuiten, geleiteten Polizei fort. Die Verfolgung nährte dieſes bedeckte Feuer, ſtatt es auszulöſchen. Ver⸗ gebens ſtellte man Hausſuchungen an, vergebens verbreitete man überall Spione und Aufſeher, bezahlte man Angeber, bueuruhigte die Familien, mißhandelte und kerkerte die Ver⸗ dächtigen ein, man erfuhr täglich, daß eine Fromme mit vieler Zufriedenheit gekreuzigt worden ſei, daß die großen und die kleinen Hülfen Wunder an einem verhärteten Herzen gethan hätten, daß der Diaconus Paris einen Unheilbaren geheilt, einen Gelähmten wieder aufgerichtet, einem Tauben das Gehör, einem Blinden das Geſicht wie⸗ der gegeben haͤtte. Groß war die Erbauung der Janſeni⸗ ſten, groß auch die Empörung der Jeſuiten. Janſeniſten und Verzückte hatten eine öffentliche Zei⸗ tung unter dem Titel: Geiſtliche Neuigkeiten, die jede Woche erſchien. Sie diente den gegen die Bulle Uni⸗ genitus Appellirenden zum Bundesgenoſſen und zur Po⸗ ſaune; ſie nahm die Klagen und die Hoffnungen der Ver⸗ folgten auf. Gott weiß, was man Alles verſuchte, um dieſe anonhme Zeitung, welche die Häupter des Janſenis⸗ mus und der Verzückten herausgaben, zu unterdruͤcken und zu lähmen. Sehr häufig belegte man die Preſſen, die Buchſtaben, die ganze Ausgabe der Nummer mit Beſchlag, aber ſogleich, noch am ſelben Tage, wurde dieſe Nummer anderswo, in einer Sakriſtei, in einem Kloſter, auf einem — 77— Schiffe des Fluſſes, in einer Dachkammer des Palaſtes oder des Loupre, oder des Tempels, und ſelbſt in dem Hauſe des Polizeicommiſſärs, der es mit Beſchlag belegt hatte, wieder gedruckt. Dann ward die Zeitung, wie ge⸗ gewöhnlich, an ihre Abonnenten und an ihre Verbündeten überſandt. Der Polizeiminiſter verdoppelte die Wachſamkeit und die Strenge; man belauerte die neue Herberge, in welcher ſich der unergreifbare Proteus geflüchtet hatte, man wußte bald aus gewiſſer Quelle, daß das Blatt in der und der Straße, in dem und dem Hauſe gedruckt würde. Das Haus, die Straße waren umzingelt, Spione und verkleidete Polizeidiener bewachten alle Ausgänge, der Po⸗ lizeicommiſſär drang in das Haus, durchſuchte es von dem Keller bis zu dem Speicher, und fand Nichts darin, was den Geiſtlichen Neuigkeiten glich. Er zog ſich ver⸗ wirrt und in ſeiner Erwartung getäuſcht zurück; aber in dem Augenblicke, wo er über die Schwelle ſchritt, warf man ihm ein noch von der Preſſe feuchtes Paquet auf den Kopf, und er vermochte nicht zu entdecken, von woher dieſer Regen janſeniſtiſcher Zeitungen käme, welche der Teufel aus der Hölle fliegen zu laſſen ſchien. Waͤhrend dieſer Zeit hatte der König, wie der Diaco⸗ nus Paris, gleichfalls Wunder gethan, die Königin war ſchwanger, und Frankreich erwartete voll Bangigkeit ihre Entbindung. Dieſes Mal wurden die Wünſche Frankreichs getaͤuſcht, die Königin wurde von zwei Prinzeſſinnen entbunden. Eine ſolche Fruchtbarkeit gewährte Hoffnungen für die Zukunft, nichts deſtoweniger beſchloß Ludwig Xv., Gott —-— 78— in ſeine Intereſſen zu ziehen. Am 8. Dezember 1728 nah⸗ men beide öffentlich zu dieſem Zwecke das Abendmahl, und neun Monate nachher ſetzte die Königin den erſten Dauphin auf die Welt. Nun war es nicht allein für ganz Frankreich, ſondern auch noch für ganz Europa, deſſen Frieden dieſe Entbindung ſicherte, ein Entzücken; man ſtattete Gott, der auf eine ſo unbeſtreitbare Weiſe ſeine Vermittelung in die menſchlichen Dinge gezeigt hatte, öffentliche Dankgebete ab, der König wohnte dem Te Deum bei, das in Notre⸗Dame geſungen wurde, und aß nachher mit den Prinzen von Geblüt und den Angeſehenſten des Hofes in dem Stadthauſe zu Nacht, man ſchlug eine Medaille, auf welcher der König und die Königin, und auf der Rückſeite die Erde vorgeſtellt war, welche auf einer Weltkugel ſitzend den Dauphin in ihren Armen hielt und folgende Umſchrift zeigte: Vota orbis, der Wunſch des Weltalls. Gegen den Anfang der erſten Schwangerſchaft der Kö⸗ nigin ſtarb Katharina, die Kaiſerin von Rußland, in Sanct Petersburg, und Newton ward in Weſtminſter begraben. Sechs Pairs des Reiches trugen die Zipfel des Lei⸗ chentuches. IV. Nuͤckkehr des Herzogs von Richelleu.— Tod der Frau von Nesle, des Marſchalls von Urelles, des Herzogs von Ville⸗ roy und Adriennes Lecouvreur.— Nähere Umſtände über dieſen letzten Todesfall.— Emporung Corſitkas— Geburt des Herzogs von Anjou.— Die Geiſtlichen Neuig⸗ keiten.— Verhaftung und Ausſtellung der drei Redacteure. — Victor Amadeus dankt zu Gunſten ſeines Sohnes ab.— Geſchichte der Frau von Verun.— Victor Amadeus verſchwört ſich, um den Thron wieder zu beſteigen.— Er wird ver⸗ haftet und nach dem Schloſſe Rivoli geführt.— Der Kö⸗ von Preußen läßt ſeinen Sohn verhaften.— Der Herr Herzog von Orleans zieht ſich von den Geſchäften zurück.— Der König macht ſich zum Gaͤrtner. Der Anfang des Jahres 1729 wurde durch ein wich⸗ tiges Ereigniß bezeichnet, deſſen Paris bedurfte, um aus der Erſtarrung hervorzugehen, in welcher es ſich befand. Der Herr Herzog von Richelieu kehrte von ſeiner Ge⸗ ſandtſchaft in Wien zurück. — 80— Bereits ſeit drei Monaten hatte der König, zur Be⸗ lohnung wichtiger Dienſte, welche der Herzog dem Könige bei dem Kaiſer erwieſen hatte, ihn bevollmächtigt, das Band des heiligen Geiſtordens zu tragen. Am 1. Januar wurde er im Kapitel aufgenommen, und der König gab ihm den Stern. Ausgenommen dieſes waren fortwährend Sterbefäaͤlle und Geburten die einzigen wichtigen Ereigniſſe. Die Frau Marquiſe von Nesle ſtarb, und ihre Toch⸗ ter, die Frau Gräfin von Mailly, welche wir bald eine wichtige Rolle werden ſpielen ſehen, wurde an ihrer Stelle zur Palaſtdame ernannt. Der Marſchall von Uxelles ſtarb, der Marſchall von Villeroy ſtarb, Mademoiſelle Adrienne Lecouvreur ſtarb. Die drei erſten Todesfälle machten keinen großen Ein⸗ druck, Frau von Nesle war ſeit langer Zeit krank, Herr von Uxelles war neunundſiebenzig Jahre alt, und Herr von Villeroy ſechs oder ſiebenſiebzig. Aber Mademoiſelle Lecouvreur war in dem ganzen Glanz ihrer Jugend, ihrer Schönheit und ihres Talen⸗ tes, und dann umgaben ſeltſame Umſtände dieſes Er⸗ eigniß. Hier iſt das, was man zu jener Zeit erzäͤhlte. Aber zuvörderſt einige Worte üͤber ihr Leben, bevor wir an ihren Tod kommen. Adrienne Lecouvreur war die Tochter eines armen Hutmachers von Fisme in der Champagne, der ſich in Pa⸗ ris niedergelaſſen hatte; er hatte den Ort ſeiner Nieder⸗ laſſung in der Nachbarſchaft des Theater Frangais ge⸗ —„ — /ñ/ — 81— 1 wählt, und dieſe Nachbarſchaft hatte der kleinen Adrienne Schauſpielgedanken in den Kopf geſetzt, welche ſie ver⸗ wirklichte, indem ſie am 14. März 1717 in der Rolle Mo⸗ nime, dann in denen der Electen und in der Berenice auf⸗ trat. Einen Monat nach dieſen Probeauftritten wurde ſie als Hofſchauſpielerin des Königs für die tragiſchen und ko⸗ miſchen Rollen angenommen. Ihre dramatiſche Laufbahn hatte dreizehn Jahre ge⸗ dauert, und dieſe dreizehn Jahre hatte ſie unter zunehmen⸗ den Erfolgen und beſtändig durch die Gunſt des Publikums ermuthigt, verfließen ſehen. Sie gehörte zu jener ſeltenen Schule dramatiſcher Künſtlerinnen, welche das Trauerſpiel ſpricht, und die, in⸗ dem ſie immerhin das Versmaß bricht, der Periode ſeine poetiſche Harmonie zu erhalten verſteht. Ohne von großer Geſtalt zu ſein, wußte ſie ſich ſo gut größer zu machen, daß ſie immer die andern Frauen um einen ganzen Kopf zu überragen ſchien, man ſagte daher auch von ihr, daß ſie eine unter Schauſpielerinnen verirrte Königin wäre. Die Rollen, welche ihr am vertrauteſten waren, und die ſie mit ausgezeichneter Ueberlegenheit ſpielte, waren die Rollen Jocaſte, Pauline, Athalia, Zenobia, Roxane, Her⸗ mione, Eriphile, Emilie, Mariana, Cornelia und Phädra. Eines der Abenteuer Adriennens hatte in der vorneh⸗ men Welt großes Aufſehen gemacht. Als am 28. Juni 1726 der Graf von Sachſen, ihr Geliebter, einſtimmig zum Herzoge von Kurland ernannt worden war, hatte ſie, um ihm zu helfen ſein Herzogthum zu erobern, das ihm Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 6 — 82— Polen und Rußland ſtreitig machte, ihr Silbergeſchirr für eine Summe von vierzig Tauſend Livres verſetzt. Und der Graf von Sachſen, der in dieſem Augenblicke alle ſeine perſönlichen Mittel und alle die ſeiner Freunde ſammelte, hatte es nicht allein angenommen, ſondern auch noch dieſe Aufopferung ſeiner Geliebten in den beſten Häu⸗ ſern erzäͤhlt. Unglücklich für Adriennen, war das Unternehmen nicht gelungen. Gezwungen, im Jahre 1727 Kurland zu verlaſſen, war der Graf von Sachſen nach Paris zurückgekehrt, und der verfehlte Herzog hatte ſeine Verbindungen mit einer Prinzeſſin wieder angeknüpft, deren Königthum, obgleich noch weit ephemärer, doch dauerhafter als das ſeinige war. Bis hierher gehen die Thatſachen; ſehen wir nun die Schlüſſe. Ein bis zwei Monate vor dem Tode Adrienne Le⸗ couvreurs hatte ſich Louiſe Henriette Franziska von Lothrin⸗ gen, vierte Gattin Emanuel Theodors de la Tour d' Au⸗ vergne, Herzog von Bouillon, in den Grafen von Sachſen verliebt. Die damals 23 Jahre alte Herzogin von Bouillon war eine heftige, aufbrauſende, launige und vor allem au⸗ ßerordentlich galante Frau, die ſcandalöſe Chronik behaup⸗ tete, daß ihre Neigungen keine Schranken hätten, und ſich von den Prinzen bis zu den Schauſpielern erſtreckten. Wie wir geſagt haben, hatte ſich alſo die Herzogin in den Grafen von Sachſen verliebt, aber dieſer, man — 83— weiß nicht warum, ſpielte den Hippolyt und wollte dieſe Laune nicht erwidern, nicht etwa, daß er Adriennen nicht untreu ſein wollte, ſondern wegen einer Laune gleich der, welche Frau von Bouillon zu ihm anzog. Eine verſchmähte Frau ſucht immer für die Verſchmä⸗ hung, deren Gegenſtand ſie iſt, den Grund, der ſo wenig demüthigend als möglich iſt; der, welchen die Herzogin von Bouillon annahm, war, daß die Verpflichtungen, welche der Graf von Sachſen gegen Adriennen angenommen hätte, ihm nicht geſtatteten, eine andere Geliebte zu haben. Sie ſah daher in Adriennen das Hinderniß, welches den Grafen von Sachſen abhielt, zu ihr zu kommen, und ſie beſchloß, ſich dadurch zu rächen, daß ſie ſich ihrer Ne⸗ benbuhlerin entledigte. Wir gehören nicht zu denen, welche an die Straffällig⸗ keit der Prinzen aus dem einzigen Grunde glauben, daß ſie, weil ſie Prinzen ſind, ſchuldig ſein müſſen. Rein, wir gehören zu denen, welche alle auffallende Gerüchte ſammeln, und dem zu Folge wiederholen wir das, was zu jener Zeit geſagt wurde, nicht in der Form eines öffentlichen Anklä⸗ gers, ſondern in der eines einfachen Erzählers. Die entſchleierte Baſtille führt unter der Zahl der im Jahre 1730 eingekerkerten Perſonen den Herrn Abbe Bouvet wegen Angelegenheiten der couvreur an. Hier iſt die Sache, wegen welcher der Abbs Bouvet eingekerkert ward. Wir nehmen die näheren Umſtände, welche man leſen wird, aus einem Briefe der Mademoiſelle . 6* Aiſſe an Frau von Calandrine. Dieſer Brief iſt vom März 1730 datirt. Die Nachrichten, welche er enthält, hatten daher die ganze Friſche der Neuheit, da Mademoi⸗ ſelle Lecouvreur am 20. jenes Monats geſtorben war. Entſchloſſen, das Hinderniß zu unterdrücken, welches ihr im Wege ſtand, ließ die Herzogin von Bouillon ver⸗ giftete Paſtillen machen; dann, da man ein Mittel finden mußte, um die Paſtillen der Mademoiſelle Lecouvreur zu⸗ kommen zu laſſen, ſo wählte ſie einen jungen Abbé, der in dem Rufe ſtand, ſehr gut zu malen, um das Werkzeug ihrer Rache zu ſein. Der Abbsé war arm, und eines Tages, als er in den Tuillerien ſpazieren ging, ohne zu wiſſen, wie er zu Mittag eſſen würde, wurde er von zwei Männern angere⸗ det, die nach einer ziemlich langen Unterredung ihm ein Mittel anboten, ſich aus der Armuth zu ziehen; dieſes Mittel beſtand darin, ſich unter der Begünſtigung ſeines Talentes als Maler bei der Lecouvreur einzuführen, und ſie Paſtillen eſſen zu laſſen, die man ihm geben würde; der arme Abbé ſchlug es aus, ſtraͤubte ſich gegen die weit dringender gewordenen Anträge und wandte die Größe des Verbrechens ein; aber die beiden Männer antworteten ihm, daß, da er die Mittheilung empfangen hätte, es nicht mehr möglich wäre, zurückzuweichen, und daß, wenn er das nicht ausführte, was man von ihm erwartete, er ein ver⸗ fehmter Menſch wäre.* Der erſchreckte Abbs verſprach Alles. Nun führte man ihn zur Frau von Bouillon, wel ihm die Verſprechungen und die Drohungen wiederho ....ͤ treiben müſſe, i und ihm die Paſtillen übergab; der Abbé verpflichtete ſich, binnen acht Tagen ihren Plan in Ausführung gebracht zu haben. In der Zwiſchenzeit empfing Mademoiſelle Lecouvreur einen anonymen Brief; dieſer Brief bat ſie inſtändigſt, allein oder mit einer Perſon, deren ſie, wie ihrer ſelbſt, ſicher wäre, in den Garten des Luxembourg zu kommen. An dem fünften Baume einer Allee, welche man ihr be⸗ zeichnete, würde ſie einen Mann finden, der ihr Dinge von der höchſten Wichtigkeit mitzutheilen hatte. Da der Brief zu der Stunde der Zuſammenkunft ankam oder viel⸗ mehr empfangen wurde, denn Mademoiſelle Lecouvreur, ſeit dem Morgen ausgegangen, kam mit einem Freunde und Mademoiſelle Lamothe, ihrer Collegin, nach Haus, ſo ſtieg ſie mit den beiden Perſonen, welche ſie begleiteten, in einen Wagen, und befahl dem Kutſcher, nach dem Lu⸗ rembourg zu fahren. Sobald ſie in dem Luxembourg war, fand ſie die an⸗ gedeutete Allee, und an dem Fuße des fünften Baumes den Abbé Bouvet, der auf ſie zuſchritt, ihr den verhäng⸗ nißvollen Auftrag erzählte, den er erhalten hätte, indem er erklärte, daß er eines ſolchen Verbrechens unfähig wäre, aber hinzufügte, daß, wenn er es nicht ſelbſt beginge, er gewiß ſei, ermordet zu werden. Adrienne dankte dem jungen Manne, und ſagte zu ihm, daß, da er die ehrenvolle Seite der Sache gewählt habe, er nach ihrer Meinung die Sache bis ans Ende be⸗ ndem er auf der Stelle das Verbrechen dem Polizeiminiſter anzeige. Der Abbé antwortete, daß er —— — —— — 86— dieſe Abſicht zuerſt gehabt hätte, nur ſei er durch die Macht der Feinde, welche er ſich machte, davon zurückge⸗ halten worden; da ſie ihm aber ſelbſt einen mit ſeinen erſten Eingebungen übereinſtimmenden Rath gäbe, ſo ſei er be⸗ reit, darauf zurückzukommen und den Rath zu befolgen. Adrienne benutzte dieſe gute Stimmung, gab dem Abbé einen Platz in ihrem Wagen, und führte ihn zu Herrn Hérault, der damals Polizeiminiſter war. Der Grund des Beſuches wurde ihm vorgelegt. Herr Hérault frug den Abbé, ob er die Paſtillen hätte, die man ihm übergeben habez ſtatt aller Antwort zog der Abbé ſie aus ſeiner Taſche und übergab ſie dem Polizeiminiſter. Man rief einen Hund, gab ihm eine dieſer Paſtillen und der Hund verreckte nach Verlauf einer Viertelſtunde. — Welche der beiden Bouillons hat Ihnen dieſe Pa⸗ ſtillen übergeben laſſen? fragte nun der Polizeiminiſter. — Es iſt die Herzogin, antwortete der Abbé.*) — Das verwundert mich nicht. Wann iſt Ihnen der Antrag geſtellt worden? fuhr er fort. — Vorgeſtern. — Wo das? — In den Tulllerien. — Durch wen? — Durch zwei Männer, die ich nicht kenne. *) Die zweite war Maria Charlotte Sobieski, im Jahre 1724 mit Karl Gottfried von La Tour d'Auvergne, Prinzen von Bouillon, verheirathet. X 8n 5 — 87— — Und ſie haben Ihnen geſagt, daß ſie im Namen der Frau von Bouillon mit Ihnen ſprächen? — Sie haben mehr als das gethan, ſie haben mich zu ihr geführt. — Und die Herzogin hat Ihnen das beſtätigt, was dieſe beiden Männer Ihnen geſagt hatten? — Punkt vor Punkt. — Würden Sie es w — Laſſen Sie mich in das Gefän frontiren Sie mich mit Frau von Bouillon Der Polizeiminiſter überlegte einen Augenblick lang und ſagte: — Nein, es wird immer noch Zeit ſein, ſchreiten. Nachdem er ihn um ſeine Adreſſe gefragt, ſchickte er ihn hierauf nach Haus, indem er Mademoiſelle Lecouvreur folgende allen ehemaligen, gegenwärtigen und zukünftigen Polizeiminiſtern eigenthümlichen Worte ſagte: — Sein Sie unbeſorgt, ich wache über Sie. Kaum hatten Mademoiſelle Lecouvreur und der Abbe Bouvet ſich entfernt, als der Polizeiminiſter den Kardinal von Bouillon von dieſem Abenteuer unterrichten ließ. Der Kardinal eilte wüthend herbei, und beſtand anfangs auf der Oeffentlichkeit; aber die Freunde und die Verwandten des Hauſes von Bouillon waren der Meinung, dieſe ſcan⸗ dalöſe Geſchichte nicht öffentlich zu machen. Verlauf einiger Zeit, man weiß nicht durch wen wurde die Geſchichte öffentlich u Aufſehen. 1 dazu zu — 88— Der Schwager von Frau von Bouillon ſprach darüber mit ſeinem Bruder und ſagte ihm, daß ſeine Frau ſich durchaus von einem ſolchen Verdachte reinigen müßte, daß er einen Verhaftsbefehl verlangen müßte, um den Abbé einkerkern zu laſſen. Der Verhaftsbefehl war leicht zu er⸗ langen. Man verhaftete den Unglücklichen und führte ihn in die Baſtille. Dort verhörte man ihn, aber er wieder⸗ holte nur das, was er bereits geſagt hatte. Man drohte ihm, aber er beharrte auf ſeiner Erklaͤrung. Man machte ihm glänzende Verſprechungen, aber er wollte ſich nicht beſtechen laſſen. Man behielt ihn daher im Gefängniſſe, ohne daß der Prozeß einen Schritt mehr vor oder zurück that. Nun ſchrieb Adrienne an den Vater, der in der Pro⸗ vinz wohnte, und der das ſeinem Sohne zugeſtoßene Un⸗ glück nicht kannte. Der arme Mann eilte nach Paris, be⸗ warb ſich um die Einleitung des Prozeſſes, und verlangte als eine Gnade, daß man ſeinem Sohne den Prozeß machte. Als er ſah, daß alle ſeine Forderungen nutzlos waren, ging er geraden Weges zu dem Kardinal, welcher Frau von Bouillon frug, ob ſie wollte, daß man dieſen Prozeß einleite, da ſein Gewiſſen ihm verböte, einen Un⸗ ſchuldigen im Gefängniſſe zu laſſen. Frau von Bouillon zog die Freilaſſung dem Prozeſſe vor; der Abbé verließ die Baſtille. Noch zwei Monate lang blieb der Vater in Paris und wachte über ſeinen Sohn; als er aber nach Verlauf von zwei Monaten abgereiſt war, und der Abbé die Unvorſich⸗ ſichtigkeit hatte, in ſeiner Wohnung zu bleiben, ver⸗ — 89— ſchwand er plötzlich, und man hörte nicht mehr von ihm ſprechen. Als Adrienne dieſes Verſchwinden erfuhr, ſah ſie ein, daß die Rache der Herzogin von Bouillon nur geſchlafen hätte, und daß ſie erwache. Es verfloſſen indeſſen vierzehn Tage, ohne daß Adrienne von Etwas ſprechen hörte. Endlich eines Abends, nach dem großen Stücke, Adrienne hatte Phädra geſpielt, ließ Frau von Bouillon ſie einladen, zu ihr in ihre Loge zu kommen. Ueberraſcht über eine ſolche Einladung, antwor⸗ tete die Schauſpielerin, daß ſie ſich in einem Anzuge be⸗ fände, der ihr nicht erlaubte, vor ihr zu erſcheinen. Aber die Herzogin hielt ſich nicht fur geſchlagen, ſie ließ ihr ſagen, daß, welches ihre Toilette auch ſein möchte, ſie ihr dieſelbe im Voraus verzeihe. — Die Frau Herzogin iſt zu nachſichtig, ſagte Adrienne, und wenn ſie mir verziehe, ſo in dem Saale zu erſcheinen, ſo würde es mir das Publikum nicht verzeihen. Sagen Sie ihr indeſſen, daß, um ihr ſo weit zu gehorchen, als es in meinen Kräͤften ſteht, ich mich bei dem Ausgange auf ihrem Wege befinden würde. Die Herzogin von Bouillon war genöthigt, ſich mit dieſer Antwort zu begnügen, und bei dem Ausgange fand ſie in der That Mademoiſelle Lecouvreur, welche ſie er⸗ wartete. Die Herzogin machte ihr alle Arten von Com⸗ plimenten über ihr Spiel, und Lobeserhebungen über ihre Anmuth und über ihre Schönheit; ohne Zweifel wollte ſie durch dieſes öffentliche Zeichen von Theilnahme, wie es nicht ſelten war, daß die vorneh men Herren ſie den Künſt⸗ — 90— lern gaben, die Gerüchte niederſchlagen, welche im Umlauf geweſen waren. Zwei Tage nachher befand ſich Adrienne mitten in dem Stücke, welches ſie ſpielte, unwohl und vermochte es nicht zu beendigen. Man war genöthigt eine Anzeige zu machen, und das Publikum, das nicht gänzlich durch die Artigkeiten beruhigt worden war, welche die Herzogin von Bouillon der Künſtlerin erwieſen hatte, erkundigte ſich an dem Ende des Schauſpieles mit der größten Angſt nach ihrem Befinden. Die Auskünfte, welche ihm gegeben wur⸗ den, waren betrübt, man war genöthigt geweſen, Adrien⸗ nen bis in ihren Wagen zu tragen, ſo ſehr ſchwach war ſie. Von dieſem Abende an nahm Mademoiſelle Lecouvreur ſichtlich ab, und dennoch verſuchte ſie, gegen das Uebel zu kämpfen, und am 15. März erſchien ſie wieder in Jo⸗ caſte. Nun konnte das Publikum die Veränderung beurthei⸗ len, die an ihr vorgegangen war; kaum vermochte ſie zu ſprechen und ſich aufrecht zu erhalten; man glaubte, daß ſie das Trauerſpiel nicht endigen könnte. Nach Oedipus kam Florentin. Man hielt es für un⸗ möglich, daß Adrienne ihre Rolle in dieſem Luſtſpiele aus⸗ führe, als ſie zum großen Erſtaunen Aller wieder erſchien. Dort ſah man ſie kämpfen und das Uebel überwinden, ſie war liebenswürdig. Das war ihr Abſchied an das Publikum. Vier Tage nachher ſtarb ſie unter gräßlichen Kräm⸗ pfen. Man öffnete ſie, ihre Eingeweide waren verbrannt⸗ —— A— 12 —, — 91— Das Gerücht verbreitete ſich, daß ſie mit einem Klh⸗ ſtire vergiftet worden wäre. Aber das war nicht Alles; die Verfolgung der Geiſt⸗ lichkeit ſollte dieſem Tode eine Auszeichnung hinzufügen, deſſen er nach den Vergiftungsgerüchten, die im Umlaufe geweſen waren, nicht bedurfte. Das geiſtliche Begräbniß wurde der Künſtlerin ver⸗ weigert, und Laſtträger begruben ſie um ein Uhr Morgens heimlich an dem Ufer der Seine, an der Ecke der Straße von Burgund. Es beſteht ein ſehr ſchönes Porträt von ihr als Cor⸗ nelia, das Porträt iſt von Doypel und von Drevet Sohn in Kupfer geſtochen. Der Herr Herzog von Bouillon, der Gatte der Her⸗ zogin, welche man offen anklagte, Mademoiſelle Lecouvreur vergiftet zu haben, überlebte die Künſtlerin nur um zwei Monate. Das war gegen dieſelbe Zeit, zu welcher die Korſika⸗ ner ihre erſte Empörung gegen die Genueſen verſuchten, eine Empörung, welche mit der Vereinigung Korſikas mit Frankreich zwei Jahre vor der Geburt Napoleons endigen ſollte. Wir haben den allgemeinen Jubel erzählt, welche die Nachricht der Geburt des Herrn Dauphin aufgenommen hatte, der Jubel war nicht minder groß, als man die Ge⸗ burt eines zweiten Prinzen meldete, der Herzog von Anjou genannt wurde. Von nun an lief die ältere Linie, es ſei denn, daß ein gleiches Verhangniß einträte, wie das, wel⸗⸗ —yö— — 92— ches die Nachkommenſchaft Ludwigs XIV. verfolgt hatte, nicht mehr Gefahr, auszuſterben. Inzwiſchen dauerte der Krieg gegen die Janſeniſten und gegen die Moliniſten fort, die Bulle Unigenitus, von dem die Verzückten von Sanct Medardus nur eine Epiſode waren, beſchäftigten die Gemüther in Ermangelung wich⸗ tigerer Ereigniſſe. Die Appellanten waren wüthend gegen ſie, und gaben, wie wir geſagt haben, gegen die Anneh⸗ menden eine Wochenſchrift voll Witz, voll Scharfſinn und Bitterkeit, unter dem Titel: Geiſtliche Neuigkeiten heraus. Wir haben erzählt, was ſich in Bezug auf dieſe Wo⸗ chenſchrift zutrug, und wie die Polizeiagenten täglich von den Verfaſſern und den Buchdruckern myſtificirt wurden. Man wurde es müde, mit den Agenten zu thun zu haben, und die Myſtification erhob ſich bis zu dem Polizeiminiſter in Perſon. Eines Tages bot ein Unbekannter Herrn Hérault ſchriftlich eine ziemlich ſeltſame Wette an; ſie beſtand darin, zu einer beſtimmten Stunde und durch eine angedeutete Barriere, trotz der Aufſicht der Beamten, wäre dieſe Auf⸗ ſicht auch verdoppelt, fuͤnfzig Exemplare verbotener Schrif⸗ ten einſchmuggeln zu laſſen. Herr Hörault antwortete ſchriftlich, daß er die Wette annähme. Sogleich wurde der Befehl ertheilt, alle die bis auf die Haut zu entkleiden, welche zu der angedeuteten Stunde, die drei Uhr Nachmittags war, durch die Barriere eintre⸗ ten würden. Bei dem dritten Schlage der Uhr erſchien ein Mann, wurde angehalten und auf die Douane geführt.. Von Kopf bis zu den Füßen durchſucht, wurde er⸗ kannt, daß der Mann keinen Viertelbogen Fließpapier ver⸗ bergen konnte; dem zu Folge ließ man ihn frei, um einen andern zu durchſuchen. Aber der durchſuchte Mann ſchützte 2 beſtimmten Stunde gegebenes Rendezvous vor, behauptete, daß wenn er nicht bewieſe, daß er durch höhere Gewalt verſpätet worden wäre, er eine beträchtliche Summe verlieren würde, und beſtand ſo lange darauf, daß der Director des Bü⸗ reaus der Douane ihm eine Beſcheinigung ausſtellte, welche bezeugte, daß er Schlag drei Uhr an der Barriere erſchie⸗ nen, aber durch die Unterſuchungen, deren Gegenſtand er geweſen ſei, bis um vier Uhr zurückgehalten worden wäre. Mit dieſem Zeugniſſe verſehen, ſetzte er ſeinen Weg, von einem Pudel gefolgt, fort, auf den Niemand geachtet hatte, und begab ſich nach der derzeheffe Dort angelangt, befeſtigte er ſein 3, gniß an das Ende einer Schnur, welche zwiſchen den Beinen ſeines Pudels hing, und bat einen Büreaudiener, das Thier in das Kabinet des Herrn Miniſters zu führen. Das Thier wurde eingeführt. Der Miniſter las das Zeugniß, welches zwiſchen den Beinen deſſelben ſpielte, er⸗ kundigte ſich, und indem er unter dem Bauche des Hundes nachſah, von woher die Schnur kaͤme, an die das Zeugniß befeſtigt war, bemerkte er, daß das Fell des Pudels ein falſches Fell war, das ein um ein Drittel weniger dickes Thier bedeckte, als es zu ſein ſchien, und fand zwiſchen dem angelegten und dem wirklichen Felle die fünfzig Brochuren. Herr Hsrault geſtand offen, daß er verloren hätte, und ſandte den Betrag der Wette an die angedeutete Adreſſe. Endlich, um nicht die Schande zu haben, verhaftete er drei arme Teufel, von denen er behauptete, daß ſie die Drucker, Verfaſſer und Herausgeber der Geiſtlichen Neuigkeiten wären, ließ ſie an den Pranger ſtellen und verbannte ſie. Die Geiſtlichen Neuigkeiten erſchienen deshalb nichts deſtoweniger an ihrem Tage und zu ihrer angekün⸗ digten Stunde. An demſelben Tage, an welchem man die drei Janſe⸗ niſten, die Herausgeber der Geiſtlichen Neuigkeiten, an den Pranger ſtellte, verhaftete man Herrn von Mont⸗ geron, welcher dem Könige einen erſten Band über die Wunder des Diaconus Paris überreicht hatte, und warf ihn in die Baſtille. Von dieſem Augenblicke an wurde Herr von Mont⸗ geron als ein Märtyrer betrachtet. Man verkaufte ein Bild, das ihn vor dem heiligen Bilde des Diaconus in dem Augenblicke knieend vorſtellte, wo die Gefreiten der Gar⸗ den, welche ihn zu verhaften kamen, zu ihm eintraten. Uebrigens beſteht dieſe ſonderbare Secte der Verzück⸗ ten, deren Erlöſchen alle Geſchichtsſchreiber gegen das Jahr 1756 angeben, noch in unſeren Tagen. Der Verfaſſer dieſes Buches hat eine Familie Verzückter gekannt, in wel⸗ cher ſich die Kriſen fortgepflanzt haben, und er hätte das, — 95— was man die großen Hülfen nennt, das heißt die Stock⸗ prügel einer armen Frau von ſiebenzig Jahren verſetzen ſehen, welche regelmäßig alle drei Monate Verzückungen hatte, wenn er ſich nicht bei dem erſten Streiche, zugleich über die Heftigkeit entſetzt, mit welcher die Peiniger ſchlu⸗ gen, und über die Wolluſt, mit welcher die Duldende dieſe ſonderbare Vorbereitung zur Entzückung empfing, davon gemacht hätte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die mediciniſche Fa⸗ cultät in keiner Weiſe bei der Behandlung betheiligt war, und daß die Anwendung des ſchrecklichen Heilmittels in der Familie geſchah. 4 Während dieſer Zeit befolgte ein König das Beiſpiel Karl v., Chriſtinens und Philipps v., und wurde des Thrones überdrüſſig, nach dem er ſich ſpäterhin ſehnen ſollte. Dieſer König war Victor Amadeus II. der Turin mit Chambery vertauſchte, wo er als einfacher Privat⸗ mann unter dem Namen eines Grafen von Tende zu leben gedachte, und er ſeinem Sohne, Karl Emanuel, die Krone überließ. Aber mehr noch als die verſchiedenen Wechſelfälle ſei⸗ nes ſtürmiſchen Lebens, hatte ſeine Liebe für die ſchöne Gräfin von Sanct⸗Sebaſtian ſeine Zurückziehung beſtimmt. Kaum in Chambery angekommen, that er daher auch für ſie, aber öffentlich, das, was Ludwig XIV. im Gehei⸗ men für Frau von Maintenon gethan hatte: er heira⸗ thete ſie. In Mitte der Unruhen, welche ihm ein Herzogthum raubten und ihm ein Königreich zurückgaben, hatte ſich das — 96— Leben Victor Amadeus zwiſchen eine doppelte Liebe getheilt. Die der Frau von Verrue, von der wir bereits geſprochen haben, und die das Gegengift nach Frankreich gebracht hatte, welches ſie Ludwig XV. anbot, und der der Gräfin von Sanct⸗Sebaſtian, welche ihn von ſeinem Glücke in ſeine Zurückgezogenheit, und aus ſeiner Zurückgezogenheit in ſein Gefängniß begleiten ſollte. Da wir den Namen der Frau von Verrue ausgeſpro⸗ chen haben, die einige Jahre ſpaͤter die Welt verlaſſen ſollte, noch ein Wort über dieſes merkwürdige Leben, das eines der vollſtändigſten der Epoche war, welche am Ende mit dem Namen der wollüſtigen Frau ſtarb, nachdem ſie den der tugendhaften Frau verdient hatte. Frau von Verrue war die Tochter des Herzogs von Luynes und ſeiner zweiten Frau, die zu gleicher Zeit die Gattin und die Tante ihres Gatten war, ſowie ſie die Tochter und die Schweſter des Vaters ihrer Mutter, der berüchtigten Herzogin von Chevreuſe war, der wir ſo viele Seiten in unſerer Geſchichte Ludwigs XIV. gewidmet ha⸗ ben. Aus dieſer zweiten Ehe hatte der Herzog von Luh⸗ nes viele Kinder, und da er nicht reich war, ſo hatte er ſich ſeiner Töchter entledigt, wie er es vermocht. Johanna d'Albert von Luynes, am 18. September 1670 geboren, die, welche uns beſchäftigt, hatte Herrn von Verrue geheirathet, deſſen verwittwete und ſehr angeſehene Mutter Ehrendame der Herzogin von Savoyen war. Der Graf von Verrue erſchien mit ſeiner jungen Frau an dem Hofe von Piemont. Er war jung, ſchön, gut gebaut, reich und außerdem ein rechtſchaffener Mann⸗ — 97— Alle dieſe Eigenſchaften uͤberraſchten die Gattin und flößten ihr eine innige und wahre Liebe für ihren Gatten ein. Die erſten Jahre ihrer Verbindung verfloſſen daher in einem Glucke, das Nichts truͤbte. Der Herzog von Savohen ſah Frau von Verrue bei ſeiner Mutter nnd verliebte ſich in ſie. Die Liebe eines Fürſten verbirgt ſich nicht lange, beſonders nicht vor der, welche der Gegenſtand davon iſt. Frau von Verrue be⸗ merkte die Artigkeiten des Herzogs von Savohen, und be⸗ nachrichtigte ihre Schwiegermutter und ihren Gatten davon, die ſich begnügten, ihre Sittſamkeit zu loben, aber durchaus nicht auf die Warnung achteten. Als er dieſe Gefälligkeit ſah, verdoppelte der Herzog von Savohen ſeine Bewerbun⸗ gen und ordnete, gegen ſeine Gewohnheit und ſeinen Ge⸗ ſchmack, Feſte an, indem er Frau von Verrue zur Königin dieſer Feſte machte. Dieſe hatte nicht nöthig, lange zu ſu⸗ chen, wem dieſe Feſte gegeben würden. Sie erfand Vor⸗ wände und enthielt ſich zwei Mal hintereinander, bei ihnen zu erſcheinen. Wie man begreifen wird, wurde ihre Ab⸗ weſenheit bemerkt, und weit davon entfernt, ihr Dank für dieſes Opfer zu wiſſen, machten ihr Gatte und ihre Schwie⸗ b germutter ihr ein Verbrechen aus ihrer Abweſenheit. Nun geſtand ſie ihrem Gatten, daß der Herzog von Savohen 1¹ verliebt in ſie wäre, daß die Artigkeiten, die Aufmerkſam⸗ e keiten, ſelbſt die Worte des Herzogs ihr keinen Zweifel in dieſer Beziehung übrig ließen, aber Herr von Verrue ant⸗ A———y—2— ⸗ —— 8 8 88EFE 8 —— —2 u wortete ihr, daß, wenn der Herr Herzog von Savoyen t auch verliebt in ſie ſei, es weder ihrer Ehre noch ihrem 3 Vermögen gezieme, daß ſie etwas davon bemerke. Als er Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 7 — — 98— nun ſah, daß ſich ſeiner Liebe nichts widerſetze, wurde der Herzog von Savoyen kühner und eröffnete ſich direct der jungen Frau, die von neuem ihre Zuflucht zu ihrem Gat⸗ ten und zu ihrer Schwiegermutter nahm, indem ſie dieſel⸗ ben bat, daß ſie der eine oder die andere auf das Land führen oder ihr zum Mindeſten die Erlaubniß geben möch⸗ ten, ſich dahin zurückzuziehen. Aber bei dieſer Forderung brachen der Gatte und die Schwiegermutter aus, indem ſie ſagten, daß ſie ihren Sturz wollte. Nun blieb ihr nur noch ein Mittel übrig; ſie heuchelte eine Krankheit, ließ ſich die Bäder von Bourbon verordnen, und meldete ihrem Vater, daß ſie ihn inſtändigſt bäte, ſich zu gleicher Zeit als ſie in Bourbon zu befinden, indem ſie ihm andeutete, daß ſie ihm ein Geheimniß von der höchſten Wichtigkeit anzuvertrauen habe. Der Verordnung eines Arztes mußte man nachgeben. Frau von Verrue die Mutter und ihr Sohn willigten daher ein, daß die Kranke das Herzogthum Savohen verließe, aber unter der Begleitung ihres Oheims, des Abbé von Scaglia. Nichts war beſſer als eine ſolche Vormundſchaft, da der Abbé nahe an ſiebenzig Jahre alt war und für einen frommen Mann galt. Aber Frau von Verrue war ſchön, um einen Heiligen in die Verdammniß zu führen. Der garſtige Greis, wie Saint⸗Simon ſagt, wurde verliebt in ſeine Nichte, ſo daß, als dieſe ihren Vater geſehen und ſich ihm über die Gefahr eröffnet hatte, welche ſie liefe, nach Piemont zurückzukehren, der Abbs Scaglia verſprach, über ſeine Nichte zu wachen, und jeder Verſuchung ein Hinderniß zu bilden, welche gegen ihre Ehre unternommen werden ſollte. — — 99— Das Verſprechen beruhigte Herrn von Luynes und ſelbſt Frau von Verrue. Herr von Luynes kehrte nach Paris zurück, und nach dreimonatlicher Abweſenheit kam Frau von Verrue wieder nach Piemont. Aber während der Reiſe geſtand der Abbé gleichfalls ſeiner Nichte, daß alles das, was er gethan hätte, um ſie bei ſich zu behalten, von der Liebe herrühre, die er für ſie hätte, ſo daß Frau von Verrue, nachdem ſie dieſe Liebe faſt mit Schauder zurückgewieſen hatte, bemerkte, daß ſie, weit davon entfernt, einen Beſchützer an ihrem Oheim zu haben, ſich ihren grauſamſten Feind aus ihm gemacht hätte. Bei ihrer Ankunft in Turin fand ſie den Herzog von Savoyen verliebter, und Herrn von Verrue und ſeine Mutter gefälliger, als jemals. Nun hatte die arme, von ihrer Schwiegermutter zu⸗ rückgewieſene, von ihrem Gatten verlaſſene, von ihrem Oheim verfolgte Frau nur noch eine einzige Zuflucht, nämlich ſich in die Arme des Herzogs zu werfen. Als die Sache geſchehen, waren der Gatte, die Mut⸗ ter und der Oheim in Verzweiflung und ſtießen lautes Geſchrei aus, aber es war zu ſpät; außerdem legte ihnen der Herzog Schweigen auf. Er war raſend in Frau von Verrue verliebt. In einem Augenblicke genoß ſie bei dem Herzoge von Savohen eine Gunſt gleich der, welche Frau von Maintenon bei Ludwig XIV. genoſſen hatte. Der Her⸗ zog von Savoyen hielt den Miniſterrath bei ihr, überhaͤufte ſie auf jede Weiſe, errieth ihre Wünſche und kam ihnen entgegen, gab ihr Jahrgehalte, Edelſtaine, Möbeln, — 100— Häuſer*), aber dagegen war er wie ein Tiger eiferſüchtig auf ſie und hielt ſie ſehr eingeſchloſſen, wie er übrigens ſelbſt lebte. In Mitte von alle dem wurde Frau von Verrue krank, ſie war vergiftet. Glücklicherweiſe hatte der Herzog von Savoyen ein Gegengift, er gab es ihr auf jeden Zufall hin. Das Gegengift war gerade das Ge⸗ genmittel gegen das Gift, und Frau von Verrue genaß. Einige Zeit nachher wurde ſie von den Blattern befallen. Der Herzog wollte nicht, daß ſie einen andern Kranken⸗ wärter hätte, als ihn, indem er jede Nacht bei ihr wachte, bis ſie außer Gefahr war. Aber der Beweis von Liebe, den Frau von Verrue vor Allen dieſen gewünſcht hätte, wäre ein wenig Freiheit geweſen. Nun aber wurde ihr erlauchter Geliebter mit jedem Tage eiferſüchtiger auf ſie, obgleich ſie ihm keinen Grund zur Eiferſucht gab, und ſchloß ſie noch mehr ein. Dieſes Daſein wurde am Ende der armen Favoritin unerträglich. Sie hatte einen Bruder, den ſie ſehr liebte, den Chevalier von Luynes. Sie ſchrieb ihm, ſie in Turin zu beſuchen, indem ſie ihm Rendezvous für eine beſtimmte Zeit gab, in welcher der Herzog eine Reiſe nach Chambery machen mußte. Der Chevalier von Luhnes war eben ſo pünktlich, nach *) Frau von Verrue, ſagt die Prinzeſſin von der Pfalz, iſt, wie ich glaube, 48 Jahre alt(1718).— Ich habe ihren Diebſtahl benutzt. Sie hat mir Hundert und ſechzig gol⸗ dene Medaillen verkauft,— das war die Hälfte von alle dem, was ſie ihrem Geliebten geſtohlen hatte.— Sie hatte auch Kiſten voll ſilberner Medaillen,— dieſe ſind alle in England verkauft worden. Turin zu kommen, als es ſein Vater geweſen war, nach Bourbon zu gehen. Wie ſie es mit ihrem Vater gemacht hatte, geſtand ſeine Schweſter ihm Alles. Nun wurde zwiſchen ihnen verabredet, daß man verſuchen ſollte zu flie⸗ hen und Frankreich zu erreichen. Frau von Verrue begann damit, ihr Gold und ihre Kleinodien aus dem Herzog⸗ thume zu ſchaffen, dann zog ſie durch den Verkauf verſchie⸗ dener Grundſtücke beträchtliche Summen ein, welche denſel⸗ ben Weg einſchlugen, als die erſten Sendungen, die ſie gemacht hatte. Endlich verließ ſie ſelbſt eines Nachts, un⸗ ter der Führung ihres Bruders, Turin zu Pferde, erreichte Genua, ſchiffte ſich nach Marſeille ein und kam dort ohne Unfall an. Der Herzog war wüthend, aber ſeine Gewalt reichte nicht über die Gränze ſeines Herzogthumes hinaus, und während er gegen die Flüchtige wüthete, erreichte dieſe Pa⸗ ris und ſchloß ſich in ein Kloſter ein. Aber, wie man wohl begreifen wird, hatte Frau von Verrue ein gezwungenes Gefängniß nicht verlaſſen, um ſich ein freiwilliges aufzuerlegen. Sie verließ ihr Kloſter, kaufte ſich ein Haus, gab Mittageſſen, bei denen es hoch herging, und da ſie eine liebenswürdige Frau voll Verſtand, noch von Jugend und von Schönheit ſtrahlend, war, hatte ſie bald einen Hof, in deſſen Mitte ſie bei weitem mehr Kö⸗ nigin war, als ſie es in Piemont geweſen. Der Dienſt, welchen ſie dem Könige erwies, indem ſie ihm ein Gegen⸗ gift, gleich dem brachte, das ſie ſelbſt gerettet hatte, ver⸗ lieh ihr vollends eine Stellung in der Welt. Hundert Tauſend Livres, die ſie jährlich für Gemälde, für Merk⸗ — — 102— wuͤrdigkeiten, für Geſchenke ausgab, die ſie den armen Künſtlern oder armen Schrifſtellern gab, trugen ihr die Lobeserhebungen Lafayes und Voltaires ein. Dieſes rei⸗ zende Leben dauerte bis zum Jahre 1736, der Zeit, zu welcher ſie ſtarb, indem ſie für eine halbe Million Legate ihren Freunden hinterließ und ſelbſt die Grabſchrift aufge⸗ ſetzt hatte, welche ſie auf ihr Grab geſetzt haben wollte. Hier iſt ſie, ſie hat das doppelte Verdienſt, kurz und wahr zu ſein: Ci-git dans une paix profonde Cette Dame de Volubté Qui pour plus grande süreté Fit son paradis en ce monde. (Hier liegt in tiefem Frieden jene Dame des Vergnügens, die zu mehrerer Sicherheit ſich ihr Paradies auf dieſer Welt ſchuf.) Sie hinterließ einen Sohn und eine Tochter, beide von dem Herzoge von Savohen anerkannt. Der Sohn ſtarb jung und ohne verheirathet zu ſein; die Tochter hei⸗ rathete den Prinzen von Carignan, deſſen Nachkommenſchaft heut zu Tage über Sardinien regiert. Wir haben in Bezug auf die Gräfin von Sanct So⸗ baſtian geſagt, daß ihre Liebe den König Victor Amadeus in ſeine Zurückgezogenheit, und aus ſeiner Zurückgezogenheit in ſein Gefängniß begleiten ſollte. Sagen wir, wie Victor Amadeus, der am 1. September 1730 noch regierte, am 8. October 1731, das heißt ein Jahr nachdem er vom 4 » Throne geſtiegen und freiwillig zu Gunſten ſeines Sohnes;, Karl Emanuel, abgedankt hatte, Gefangener ward. v= — 103— Das kam daher, weil Victor Amadeus, wie Karl V. und Chriſtine, kaum vom Throne geſtiegen war, ſich nach dieſem verſchmähten Throne ſehnte und ihn dem wie⸗ der abzunehmen verſuchte, dem er ihn gegeben hatte; aber ein Thron gibt ſich nicht ſo, ſelbſt einem Vater, zuruͤck. In einer Nacht, es war die vom 28. auf den 29. Septem⸗ ber, wurde Victor Amadeus auf Befehl ſeines Sohnes auf dem Schloſſe Moncalier verhaftet, und nach dem Schloſſe Rivoli gebracht. Was ſeine Gattin, die Gräfin von Sanct Sebaſtian anbelangt, ſo wurde ſie nach den Graͤnzen von Piemont verwieſen. Während ein Sohn ſeinen Vater in Sardinien ver⸗ haften ließ, ließ in Preußen ein Vater ſeinen Sohn ver⸗ haften. Am 13. September 1730 gab Friedrich Wilhelm II., der Sohn jenes Churfürſten von Brandenburg, der Preu⸗ ßen zu einem Königreiche erhoben hatte und am 18. Ja⸗ nuar 1700 als König deſſelben anerkannt wurde, den Be⸗ fehl, ſeinen Sohn zu verhaften, der unter Mitwirkung des Grafen von Katt die Staaten ſeines Vaters wider deſſen Willen hatte verlaſſen wollen. Der Befehl wurde gegen den Prinzen und ſeinen Mit⸗ ſchuldigen ausgeführt. Um dieſe Zeit war es, wo der Herr Herzog von Or⸗ leans, müde des nutzloſen Kampfes, den er gegen Herrn Pon Fleurh unterhielt, ſich von den Geſchäften zurückzu⸗ zlehen beſchloß, um ſich gaͤnzlich der Frömmigkeit zu widmen. Dem zu Folge gab er ſeine Entlaſſung von der Stelle — 1904— als Obriſtgeneral der Infanterie ein. Der König nahm die Entlaſſung an und hob die Stelle auf. Dieſe ſelbe, bereits im Jahre 1693 nach dem Tode des Herzogs von Epernon aufgehobene Stelle war im Jahre 1721 für den Herzog von Orleans, damals Herzog von Chartres, wieder errichtet worden. Was Ludwig XV. anbelangt, ſo war während aller der Ereigniſſe die wir ſo eben erzählt haben, nach der Jagd, dem Hofceremoniel, dem Gottesdienſte und der Eti⸗ kette, ſein größtes Vergnügen, Lattigſalat in einem kleinen Garten zu pflanzen, den ihn Herr von Fleurh geſchenkt hatte, um ſeinem Wachſen zuzuſehen. In Bezug auf Herrn von Fleury haben wir vergeſſen, zu ſeiner Zeit ſeine Ernennung als Kardinal anzuführen. Dieſe Ernennung ſchreibt ſich vom 11. September 1726 her. V. Zuſtand des Hofes.— Ludwig XV. und die Königin.— Mademoiſelles von Charolais.— Von Clermont.— Von Sens.— Die Gräfin von Toulouſe.— Die Jagden von Rambouillet und von Satory.— Herr von Melun.— Freie Sprache.— Lapeyronie und Mademoiſelle von Cha⸗ rolais.— Betragen Fleurys.— Man verſchwört ſich ge⸗ gen die Königin.— Der Toaſt Ludwig XV.— Angſt Fleurys.— Herr von Richelieu.— Madame Portail.— Lugeac.— Die Auszahlung des Jahrgehaltes vor der Ka⸗ bale des Herrn von Fleury.— Die Kammerdiener des Königs.— Frau von Mailly.— Das Haus von Nesle. — Der Koönig verliebt.— Seine Schüchternheit.— Fehler der Königin.— Herr von Richelieu.— Die erſte Unter⸗ redung.— Herr von Fleury ſorgt für eine zweite.— Frau von Mailly ſiegreich.— Ihr Porträt.— Janſeniſten und Jeſuiten.— Der heilige Ludwig von Gonzaga.— Ma⸗ rie Alacoque.— Der Vater Girard.— Katharine Laca⸗ — 106— disre.— Das Concil und das Parlament.— Herr Hérault, Polizeiminiſter. Mickts war in der That unſchuldiger, als der Hof König Ludwigs XV. zu der Zeit, zu welcher wir gelangt ſind, das heißt, zu dem 1. Januar 1732. Dieſe Keuſchheit der Jugend Ludwigs XV. verdankte man wieder dem Regenten. Ausſchweifend, Atheiſt, Got⸗ tesläſterer für ſich, hatte er das königliche Kind, deſſen Schutz ihm Gott übergeben hatte, vor jeder Berührung mit der allgemeinen Orgie bewahrt, deren Haupt er war. Ludwig XV. war aus den Händen des modernen Sarda⸗ napals mit dem weißen Gewande des Eliacin hervorge⸗ gangen. Welches glückliche Leben waͤre daher auch das dieſer armen Prinzeſſin geweſen, die man aus einer alten Kom⸗ thurei Deutſchlands geholt hatte, um aus ihr die Königin von Frankreich zu machen, wenn ſie verſtanden hätte, gleichzeitig die Gattin und die Geliebte ihres königlichen Gemahls zu ſein. In den Augen Ludwigs XV. war Ma⸗ ria Lescinska die ſchönſte aller Frauen, und die Fruchtbar⸗ keit der Königin bezeugte, daß der König nicht bloß bei dem Lobe ſtehen blieb. Zuvörderſt zehn Monate nach der Verheirathung hatte ſie eine erſte Prinzeſſin geboren; dann zwei Zwillingsſchweſtern, dann einen Sohn, dieſen Dau⸗ phin, deſſen Geburt zu ſo vielen Feſten Veranlaſſung ge⸗ geben hatte; dann den Herzog von Anjou, der den Zep⸗ ter in der Hand der älteren Linie befeſtigt hatte. Fünf — 407— Kinder in fünf Jahren! und der Vater dieſer zahlreichen Familie war ſelbſt kaum einundzwanzig Jahre alt! Und dennoch fanden um den König herum nur Uep⸗ pigkeiten ſtatt. Wir haben die Liebſchaften aller der vor⸗ nehmen Damen der Zeit erzählt. Alle Liebſchaften kreuz⸗ ten ſich wie ein Netz, in welchem ſich jedes Herz hing, ausgenommen das des Königs. Maria Lescinska war ſeine einzige Liebe, die Jagd ſein einziges Vergnügen. Die Jagden der Jugend Ludwigs XV. mit alle die⸗ ſen galanten Amazonen, welche ihnen folgten, die ſchöne Gräfin von Toulouſe, Mademoiſelle von Charolais„Ma⸗ demoiſelle von Clermont, Mademoiſelle von Sens, alle dieſe Heldinnen der Gemälde Vanloos, die er uns nach einem Jahrhunderte dieſes mythologiſchen Lebens, von dem die ganze Zeit erfüllt iſt, lebendig zurückgelaſſen hat, wa⸗ ren etwas wundervolles. Dieſe Jägerinnen, nicht züchtig, wie Diana, ſondern verliebt wie Calypſo, welche durch die Wälder von Rambouillet und von Vincennes, von Bou⸗ logne, von Verſailles und von Satory, nicht in der Kut⸗ ſche, wie Frau Henriette von Montespan und Fräulein de la Vallisre, ſondern im vollen Galopp der Pferde, mit ge⸗ puderten, mit Ketten von Perlen und Rubinen befeſtigten Haaren zogen, den kleinen dreieckigen Hut koketter Weiſe auf das Ohr geſetzt, im Amazonenanzuge mit Aufſchlägen, am Mieder zuſammengezogen und bis auf den Boden ſchleifend, ohne indeſſen den kleinen Fuß zu verbergen, der das Pferd mit einem goldenem Sporn anſpornte. Uebrigens waren alle dieſe Jagden nicht ohne Gefahr, Hirſche und Eber verkauften den erlauchten Jägern, welche — 108— ſie mit dem Spieße in der Hand verfolgten, ihr Leben theuer. Auf einer dieſer Jagden wurde Herr von Melun getödtet; er war der Geliebte der Mademoiſelle von Cler⸗ mont; aber die junge Prinzeſſin war ſo gleichgültig, daß die Frau Herzogin am folgenden Tage fragte: — Glauben Sie, daß Mademoiſelle von Clermont be⸗ merkt hat, daß ihr Geliebter geſtorben iſt? Dann fanden bei der Ruckkehr jene fröhlichen Nacht⸗ eſſen ſtatt, wie ſie Gemüther und Mägen von fünfund⸗ zwanzig Jahren halten, beim Spiele zugebrachte Nächte noch weit aufgeregtere und weit glühendere Nächte als die Tage, in denen das Gold in funkelnden Cascaden auf den Tiſchen rollte. Der König ſpielte wie ſein Großvater, Heinrich IV., nur gewann Heinrich 1V. immer, und der König verlor zuweilen. Dann mußte er ſeine Zuflucht zu Herrn von Fleurh nehmen, Herr von Fleurh brummte und bezahlte, denn er dachte, daß es für ſeinen Ehrgeiz beſſer wäre, ſeine Tage auf der Jagd und ſeine Nächte bei dem Spiele zuzubringen, ſollte es auch dem Schatze einige Tauſend Livres koſten, als ſich in die Staatsange⸗ legenheiten zu miſchen. Es herrſchte eine große Freiheit der Handlungen und der Sprache in allen dieſen Verſammlungen; außerdem war es die Mode jener Zeit, und die Prinzeſſin von der Pfalz und die Frau Herzogin haben uns gelehrt, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Wäͤhrend beinahe einem Jahrhundert hatte die lateiniſche Sprache in dieſer Be⸗ ziehung Nichts vor der franzöſiſchen Sprache voraus. Will man ein Beiſpiel dieſer Sprache, es bietet ſich — 109— unſeren Augen und dem zu Folge unſerer Feder; hier iſt es: Eines Abends nach einer jener Jagden, bei welcher man den ganzen Tag über durch die Wälder gezogen war, empfand eine der Damen, welche ſchwanger war, jene er⸗ ſten Schmerzen, die eine bevorſtehende Entbindung andeu⸗ ten; man war erſchreckt, die Sache trug ſich in la Muette zu, es war unmöglich, die Dame nach Paris zu bringen, und vielleicht hätte man nicht einmal die Zeit gehabt, ei⸗ nen Arzt kommen zu laſſen. Der König war in der größ⸗ ten Angſt. — O! mein Gott, rief er aus, aber wenn die Ope⸗ ration Eile hat, wie man ſagt, wer wird ſie denn über⸗ nehmen? — Ich, Sire, antwortete der erſte Wundarzt La Pey⸗ ronie, der ſich anweſend befand. Ich habe ehedem ent⸗ bunden. — Ja, ſagte Mademoiſelle von Charolais; dieſes Werk verlangt Uebung, und vielleicht ſind Sie nicht mehr damit vertraut. — O! ſein Sie unbeſorgt, Mademoiſelle, ſagte La Peyronie, verletzt, daß man ſeine Wiſſenſchaft in Zweifel gezogen hatte, man vergißt eben ſo wenig ſie herauszuneh⸗ men, als ſie zu machen. Mademoiſelle von Charolais, der man jährlich eines machte und eines herausnahm, bezog die Sache auf ſich und ſtand wüthend auf. La Peyronie folgte ihr ziemlich beſorgt mit den Augen, als, nachdem die Thuͤre hinter der Prinzeſſin wieder verſchloſſen war, ihn ein ſchallendes Ge⸗ lächter beruhigte. Sobald der König gelacht hatte, wurde der Zorn der Mademoiſelle von Charolais machtlos. Herr von Fleury nahm an keiner dieſer Parteien Theil, er hatte ſein Alter zur Entſchuldigung, und Lud⸗ wig XV. wünſchte ſich Glück, auf dieſe Weiſe der doppel⸗ ten Aufſicht des Lehrers und des Miniſters zu entgehen; aber Herrn von Fleury war Nichts von dem unbekannt, was ſich in allen dieſen vertrauten Kreiſen zutrug. Jeder beeiferte ſich, den Spion zu machen, um ein Lächeln des alten Mentors zu erlangen, und Madame von Toulouſe als die Erſte. Herr von Fleury vermochte ihr daher auch Nichts auszuſchlagen. In dieſen kleinen NRathsſitzungen von La Muette und von Ramboulllet leitete man für den Herzog von Pen⸗ thisvre, den Sohn des Herzogs von Toulouſe und noch Kind, die Anwartſchaft auf die Stelle als Großadmiral und die andern Statthalterſchaften ſeines Vaters ein. In dieſen kleinen Rathsſitzungen ſicherte man das Vermögen des Herzogs und des Marquis von Antin, Sohn erſter Ehe der Gräfin. Dort berieth man ferner die Ungnade des Herrn von Chauvelin, des Siegelbewahrers und Mi⸗ niſters der auswärtigen Angelegenheiten. Dort erkannte und entwickelte man endlich die erſten Symptome jener Neigung zu dem Vergnügen, welche die ehelichen Weige⸗ rungen der Königin am Ende in dem Herzen des Königs entſtehen ließen. — 111— Die, welche dieſen Fortſchritten mit der größten Un⸗ geduld gefolgt war, war Mademoiſelle von Charolais; be⸗ reits ſeit zwei bis drei Jahren ließ ſie den jungen Fürſten nicht aus den Augen, dem man nach einander, aber ohne irgend eine Gewißheit und nur auf Wahrſcheinlichkeiten hin, die Gräfin von Toulouſe, Mademoiſelle von Cler⸗ mont, Frau von Nesle, Frau von Rohan, und ſelbſt die Frau Herzogin gegeben hatte. Trotz dieſer Liebeshändel, von denen man das Gerücht umlaufen ließ, beſaß der König eine Schuͤchternheit, welche die unternehmende Prinzeſſin zu überwinden beſchloß. Ei⸗ nes Tages machte ſie folgende Verſe, ſchrieb ſie mit ihrer Hand, ohne daß ſie ihre Handſchrift zu verſtellen ſuchte, und ſteckte ſie Ludwig XV. heimlich in die Taſche. Vous avez l'humeur sauvage, Et le regard séduisant: Se peut-il donc qu'à votre äge Vous soyez indifférent? Si l'amour veut vous instruire, Cédez ne dispatez rien, On a fondé votre empire Bien longtemps aprés le sien. (Sie haben eine ſchüchterne Laune und einen verführeri⸗ ſchen Blick; iſt es in Ihrem Alter denn möglich, daß Sie gleichgültig ſind? Wenn Amor Sie unterrichten will, ſo geben ſie nach, machen Sie Nichts ſtreitig, man hat Ihr Reich nach dem ſeinigen gegründet) Die Verſe waren nicht gut, aber ſie hatten den Vor⸗ zug, deutlich das zu ſagen, was ſie ſagen wollten, und die Chronik, aus der wir ſie ſchöpfen, behauptet, daß die Zeit, welche Mademoiſelle von Charolais darauf verwandt hat⸗ te, ſie zu verfaſſen, keine verlorene Zeit war. Aber Mademoiſelle von Charolais war ſelbſt eine zu leichtfertige Geliebte, um Ludwig XV. lange zu behalten, und man bemerkte bald, daß, wenn ſie den König von ſei⸗ ner ehelichen Liebe abgewandt, es nur für einen Augenblick war. Maria Lescinska beſaß in der That immer noch das Herz ihres Gatten, und hatte eine unumſchränkte Gewalt in alle dem, was Herrn von Fleurhy nicht anging. Herrn von Fleury gegenüber ſcheiterte jeder Einfluß, ſelbſt der königliche Einfluß. Beſonders in Bezug auf das Geld gab der geizige Miniſter nicht nach. Gütig und wohlthä⸗ tig, gab die Königin das wenige Geld, welches ſie hatte, zu milden Gaben aus. Ein Mal ließ ſie in Compiègne Alles, was ſie an Geld und Kleinodien beſaß, den Han⸗ delsleuten und der Artillerieſchule; nach Paris zurückge⸗ kehrt, war ſie genöthigt, Geld zu leihen, um an dem Spiele Theil zu nehmen. Frau von Luynes, welche Zeuge dieſer Verlegenheit war, verſuchte vergebens Maria Lescinska zu beſtimmen, einen Zuſchuß zu ihrem Jahrgehalte zu verlangen. Sie weigerte ſich hartnäckig, indem ſie antwortete, daß ſie ſicher wäre, von dem erſten Miniſter nur eine demüthi⸗ gende abſchlägliche Antwort zu erlangen. Nun entſchloß ſich Frau von Luynes die Sache ſelbſt zu verſuchen, und — 113— ging aus eigenem Antriebe zu dem Kardinal, um ihm dei Lage der Königin auseinanderzuſetzen. Der Kardinal be⸗ gnügte ſich, zu antworten, daß er die Sache mit dem Ge⸗ neralcontroleur Orri ordnen würde. Der Kardinal unterhielt ſich in der That bei der erſten Arbeit mit dem Generalcontroleur über den Finanzzuſtand der Königin, und gab ihm den Auftrag, Ihrer Majeſtät Hundert Louisd'or, ein Mal bezahlt, zu übergeben. Von Frau von Luynes im voraus benachrichtigt, äußerte ſich der Generalcontroleur gegen die Geringfügigkeit dieſer Summe, indem er dem erſten Miniſter ehrerbietig vor⸗ ſtellte, daß Hundert Louisd'or das waͤren, was er, als einfacher Privatmann, ſeinem Sohne geben würde, wenn er, wie die Königin, durch ſeine Almoſen in Verlegenheit wäre. Nun denn! fügen Sie fünfzig Louis'dor hinzu, ſagte Herr von Fréjus. Orri drang noch weiter in ihn, indem er ſagte, daß Hundert und fünzig Louisd'or nicht genügten, und daß er es niemals wagen würde, der Königin eine ſo armſelige Summe anzubieten. Um ſich den beſtändigen Plagen zu entledigen, erhöhte Herr von Fleury die Bewilligung nochmals um fünfund⸗ zwanzig Louisd'or; endlich, von fünfundzwanzig Louisd'or zu fünfundzwanzig Louisd'or, ſteigerte der Generalcontro⸗ leur Herrn von Freéjus bis zu zwölf Tauſend Livres. Als er dieſe Zahlungsanweiſung erlangt, ging Orri zu der Königin und übergab ihr dieſelbe, indem er ſie fragte, ob ſie ihr genügen würde. Maria antwortete, daß ſie ſehr zufrieden wäre, und Alles war damit beendigt, als etwa, daß der Kardinal Mittel fand, die Auszahlung Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 8 ———— der zwölf Tauſend Livres länger als drei Monate zu ver⸗ ſchieben, und die Königin erſt bei der Wiederkehr ihrer ge⸗ wöhnlichen Einkünfte ihre Schulden bezahlen und ſich wie⸗ der an das Spiel ſetzen konnte. Unglücklicherweiſe verlor die Königin, die noch eine Stütze an ihrem Gatten hatte, durch ihre Schuld und um⸗ ſonſt ihre Stütze. Sei es nun Ermüdung über ihre auf einander folgen⸗ den Kindbetten, oder ſei es Widerwillen gegen ihren Gat⸗ ten, Maria Leczinska affectirte eine Kälte, welche Ludwig XV. verletzte und ihn von ſeiner Frau entfernte, welche im Gegentheile, wenn ſie gewollt hätte, alles das mit ihm hätte machen können, was die Königin von Spanien mit Philipp V. machte. Demnach wurde alſo noch nichts über die geheimen Liebſchaften Ludwig XV. ruchbar, als am 24. Februar 1732 der König bei einem ſeiner kleinen Nachteſſen, bei welchem er mehr als gewöhnlich getrunken hatte, plötzlich ſein Glas erhob, und nachdem er einen Toaſt auf die unbekannte Maitreſſe ausgebracht, ſeinen Becher zerbrach, die Tiſchgenoſſen aufforderte, es eben ſo als er zu machen, um den Namen dieſer Unbekannten zu errathen. Nun nannte jeder die Dame, deren Namen ihm ein⸗ fiel. Die Tiſchgenoſſen waren in der Zahl von vierund⸗ zwanzig, den König mit inbegriffen; ſieben ſprachen ſich für die Frau Herzogin, ſieben für Mademoiſelle von Beau⸗ jolois, und neun für Madame von Lauraguais, Enkelin von Laſſah und Schwiegertochter des Herzogs von Villars⸗ Brancas, aus, die ſeit einem Monate am Hofe war⸗ Von dieſem Tage an waren alle Zweifel gehoben, man wußte, daß der König eine Maitreſſe hatte, nur wußte man nicht, wer ſie war. 4 Dieſe Unwiſſenheit quälte die Hofleute und beſonders den Kardinal; eine Maitreſſe, das war vielleicht ein Herr; jeder wollte in Etwas bei der zukünftigen Liebe des Königs betheiligt ſein. Der Herzog von Richelieu, der mehr als jemals in Gunſt von Wien zurückgekehrt war, und der an dem Hofe wieder im erſten Range Platz genommen hatte, ſtellte die Frau des Präſidenten Portail vor; ſie war eine ſchöne Perſon von dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren, ſchelmiſch, gefallſuͤchtig und leichtfertig bis zur Ausgelaſſen⸗ heit. Die Kammerdiener wurden mit den näheren Umſtänden der erſten Zuſammenkunft beauftragt. Der König brachte eine Nacht mit ihr zu, aber als dieſe Nacht verfloſſen, erſchrak er über den Charakter dieſer neuen Maitreſſe, und da er ſie nicht wiederſehen wollte, obgleich er ihr Rendez⸗ vous für die folgende Nacht gegeben hatte, ſo beauftragte er einen ſeiner Tiſchgenoſſen, Namens Lugeac, ſeine Stelle einzunehmen; Lugeac ließ es ſich nicht zwei Mal ſagen, er nahm die Stelle des Königs ein, täuſchte zugleich Richelieu und Madame Portail, und zog ſich vor Tages Anbruche ſehr zufrieden über den angenehmen Auftrag zurück, den der König ihm gegeben hatte, indem er ihn beauftragte, ihn zu vertreten. Am folgenden Tage empfing Madamne Portail die Beſtallung einer Penſion von zwei Tauſend Thalern. Die Beſtallung war von dem Premierminiſter unterzeichnet. Als ſie dieſe Beſtallung erhalten, ſah die Praͤſidentin ein, daß ſie Nichts mehr von dem Könige zu erwarten hätte, und da ſie von ſehr leichtfertigem Charakter war, ſo beſchloß ſie, die Mode zu benutzen, in welche ſie die vor⸗ übergehende königliche Liebſchaft gebracht hatte. Sie fing daher damit an, Liebeshändel mit allen vornehmen Herren der Zeit zu knüpfen. Sie wohnte auf dem Place Royal; wie man weiß, war das das Quartier der ſchönen Welt, jedes Haus hatte zum Mindeſten einen jungen, ſchönen und eleganten großen Herrn, der an den Hof ging; ſei es nun eine Wette, oder ſei es Wirklichkeit, Frau von Portail begann ihre Wanderungen zur Rechten, ging immer weiter und endigte ſie zur Linken. Sie hatte die Runde des Place Royal gemacht, ohne ein einziges Hotel zu vergeſſen. Da Frau von Portail von Herrn von Richelien vor⸗ geſtellt geweſen war, ſo war jeder über den vereinigten Einfluß einer Favoritin und eines Günſtlings erſchrocken; um der ſchönen Praſidentin den Hof zu verſchließen, beeilte ſich daher jeder, ſein Abenteuer mit ihr öffentlich zu ma⸗ chen. Alle dieſe vereinigren Abenteuer machten ein ſo gro⸗ ßes Aufſehen, daß Herr von Maurepas, ein perſönlicher Feind des Herrn von Richelieu, der alle die Frauen ver⸗ abſcheute, welche er dem Herzoge zugethan glauben konnte, einen Befehl, Frau von Portail einzuſperren, erſchlich, nur deutete der König ein Kloſter, ſtatt eines Gefängniſſes an. F 2—= S V—— 9. — 117— Der Befehl wurde von Herrn Maurepas ſelbſt ausge⸗ führt. Aber das war eine zweite Warnung für den Premier⸗ miniſter, ſeine Vorſichtsmaßregeln zu treffen. Es wurde ein Rath zwiſchen dem ehemaligen Lehrer, der Frau Her⸗ zogin und den drei Kammerdienern Bontemps, Lebel und Bachelier gehalten, einſtimmig fiel die Wahl auf Frau von Mailly. Ein Wort über das Haus Nesle, deſſen Blut ſich mit dem der Maillys vermiſcht hatte. Es war ein edles und altes, ſeit dem 11. Jahrhunderte durch die Perſon Anſelms von Mailly, Vormund des Grafen von Flandern, Gouver⸗ neur ſeiner Staaten und bei der Belagerung von Lille ge⸗ töͤdtet, in Europa bekanntes Haus; ihr Wappenſchild war unter den berühmteſten in den Zeiten der Kreuzzüge erſchie⸗ nen, und die zahlreichen Zweige der Familie, welche den erſten Rang in dem Staate einnahmen, trugen ihre Wap⸗ pen mit drei Streitäxten und ihrem ſtolzen Wahlſpruche: Hoßne qui voudra, hoch und ſtolz. Der Marquis Ludwig III. von Nesle, der älteſte des Stammes, hatte im Jahre 1709 Fräulein von Laporte⸗ Mazarin geheirathet, deren Liebeshändel ſprüchwörtlich ge⸗ worden waren; Maria Leczinska, deren Ehrendame ſie war, kannte alle dieſe Liebeshändel, machte ihra ber niemals irgend einen Vorwurf darüber, nur wenn ſie wußte oder zu wiſſen glaubte, daß Frau von Nesle irgend ein Rendezvous hätte, hielt ſie dieſelbe davon zurück, indem ſie ſie entwe⸗ der die Nachfolge Jeſu Chriſti oder die heilige Schrift leſen ließ. Das war die Buße der Sünde, welche ſie zu begehen Luſt gehabt hatte. Das war dieſe Frau von Nesle, von der man drei oder vier Jahre vor der Zeit, zu welcher wir gelangt ſind, geſagt hatte, daß ſie für kurze Zeit die Geliebte des Kö⸗ nigs geweſen wäre. Sie war im Jahre 1729 geſtorben, indem ſie fünf Töchter hinterließ, welche alle fuͤnf die Blicke des Königs auf ſich zogen. Die erſte, Louiſe Julie, heirathete Ludwig Alexander von Mailly, ihren Better. Dieſe iſt es, von der hier die Rede iſt. Die zweite, Pauline Felicitas, heirathete Felix von Vintimille. Die dritte, Diana Adelaide, heirathete Ludwig von Brancas, Herzog von Lauragais.. Die vierte, Hortenſe Felicitas, heirathete den Marquis von Flavacourt. Endlich heirathete die fünfte, Maria Anna, den Mar⸗ quis de la Tournelle. Dieſe wurde die berüchtigte Frau von Chateauroux. Es war alſo die älteſte der Töchter der Frau von Nesle, welche Herr von Fleurh für gut fand, daß der König ſie liebe; aber wie wir geſagt, war Ludwig XV. noch ſehr züchtig, noch ſehr religiös, noch ſehr den Vor⸗ urtheilen der Ehe unterworfen, nicht der Mann, um ſeinem Lehrer bei dieſem wichtigen Unternehmen beizuſtehen. — Man ließ Frau von Mallly ſich verſchiedene Male mit dem Könige zuſammen befinden, da aber der König nur — 119— mit den Augen ſprach, ſo wurde beſchloſſen, daß Bachelier und Lebel, die beiden Kammerdiener, den Liebeshandel in Gang bringen ſollten. Dieſer Bachelier, welcher zu jener Zeit, wo die Ge⸗ ſchichte nichts anderes, als eine Liebeschronik iſt, eine Rolle geſpielt hat, war der Sohn eines Hufſchmieds, der ſeine Heimath und ſeine Schmiede verlaſſen hatte, um Herrn von Rochefoucault zu folgen, der ihn zuerſt zum Kam⸗ merdiener machte, und ſpäter den Titel eines Garderobedie⸗ ners für ihn erlangte. Nun ließ er ſich von dem Könige adeln, und ſtarb, in⸗ dem er einen Sohn hinterließ, welcher, nachdem er die Stelle Blouins gekauft, einer der vier Kammerdiener Ludwigs XV. wurde, und am Ende auch als Gouverneur des Louvre ſtarb, nachdem er ſeine Tochter mit dem Marquis von Colbert verheirathet hatte. Was Lebel anbetrifft, deſſen Sohn ſeitdem dem per⸗ ſönlichen Dienſte des Königs zugegeben wurde, ſo war er der Enkel eines Hausverwalters der großen Dienſtwoh⸗ nungen, Namens Dominicus, ſein Vater war Hausverwal⸗ ter des Schloſſes von Verſailles geweſen, er war einer der vier Kammerdiener. Was Frau von Mailly anbelangt, ſo war die Perſon, welche den Auftrag hatte, dieſe Angelegenheit zu unter⸗ handeln, Frau von Tencin, unſere alte Bekannte, Frau von Tenein, welche trotz ihres faſt öffentlichen Liebesverhält⸗ niſſes mit ihrem Bruder, trotz ihrer Aufſehen erregenden Liebeshändel, directe Verbindungen mit Herrn von Frejus behalten hatte, bei dem ſie die beiden Dienſte ausfüllte, die — 120— ſie ehedem bei dem Kardinal Dubois verſehen hatte, deſſen Pelizei ſie beſorgte. Waͤhrend Frau von Tencin Frau von Mailly vorbe⸗ reitete, ſondirten die beiden Kammerdiener den König. Der König fand Frau von Mallly liebenswürdig, aber es war immer die Königin, zu der er zurückkehrte; das Reſultat der Unterhaltung war daher, daß er Bachelier abſandte, die Königin zu benachrichtigen, daß er die Nacht bei ihr zubringen würde. Die Königin antwortete, daß ſie untröſtlich wäre, aber daß ſie Seine Majeſtät nicht empfangen könnte. Das war das, was die beiden Verſucher wünſchten. Aber Ludwig XV. hielt ſich nicht für geſchlagen. Er ſandte den Kammerdiener ein zweites Mal ab, dann ein drittes Mal, und jedes Mal kehrte der Kammerdiener zu⸗ rück, um dieſelbe Antwort zu überbringen. Nun ſchwor Ludwig XV. erzürnt, daß künftighin zwi⸗ ſchen der Königin und ihm Nichts mehr beſtehen würde, und daß er niemals mehr die Schuldigkeit von ihr verlangen würde. Dieſer Ausdruck ſchildert vollkommen das Anſehen, unter welchem Maria Leczinska auf das verliebte Entge⸗ genkommen ihres Gatten antwortete. In dieſem Augenblicke trat Herr von Richelieu ein; er war von den Freunden der Frau von Mailly abgeſandt, und ohne Zweifel durch irgend einen geheimen Boten des einen der Kammerdiener von der günſtigen Gelegenheit be⸗ nachrichtigt worden. Er brachte den König auf das Kapitel der Königin; — 121— Ludwig XV. war noch ganz erzürnt, und erzählte dem Herzoge, was ſich ſo eben zugetragen hätte; nun fragte der Herzog den König, ob er glaubte, daß er mit einer ſolchen Leere im Herzen leben könnte, und ob er nicht in Wahrheit Alles, was Menſchen möglich wäre, gethan hätte, um ſeiner Gattin treu zu bleiben; der König ſeufzte, der Herzog ſprach den Namen der Frau von Mailly aus. Dieſer Name erweckte in dem Geiſte und in dem Her⸗ zen des Königs eine angenehme Erinnerung. Ludwig XV. geſtand, daß ſie eine liebenswürdige Frau wäre, und daß ſie eine liebenswürdige Maitreſſe ſein würde; eine Zuſam⸗ menkunft wurde beſchloſſen. Aber durch die unendliche Schüchternheit des Königs wurde dieſe erſte Zuſammenkunft fruchtlos, und einige aus⸗ gewechſelte Worte, welche kaum der Artigkeit glichen, waren das einzige Reſultat derſelben. Frau von Mailly entfernte ſich wüthend, ſie hielt dch für das Spielwerk und das Opfer irgend einer Falle, es ſchien ihr unmöglich, daß ein junger und ſchöner Mann, dem man entgegen kam, um ſich anzubieten, der dem zu Folge nur die Hand auszuſtrecken und zu nehmen hatte, in dem Grade ſchüchtern wäre; ſo viel Schüchternheit glich der Verſchmähung. Der König ſeiner Seits war beſchämt und mit ſich ſelbſt unzufrieden. Es war wirklich eine falſche Scham, die ihn zurückgehalten hatte, und er nahm ſich vor, daß, wenn ſich eine ſolche Gelegenheit nochmals bieten ſollte, nicht wieder in einen ähnlichen Fehler zurückzufallen. — 122— Das, was der König ſich vorgenommen hatte, wurde Frau von Mallly hinterbracht, und beſtimmte ſie, das Glück einer zweiten Zuſammenkunft zu verſuchen. Nur war es dieſes Mal der Biſchof von Fréjus, der, da er den Charakter ſeines Zöglings genauer kannte, ſie ſowohl durch ſeinen Rath, als durch ſeine Aufmunterungen zu dem Kampfe vorbereitete. Entſchloſſen, Alles zu wagen, verließ Frau von Mailly Herrn von Fréjus, um zu dem Könige einzu⸗ treten. Aber bei dem Anblicke der ſchönen Verſucherin bemäch⸗ tigte ſich dieſelbe Schüchternheit, welche Ludwig XV. bereits zurückgehalten hatte, ſeiner von Neuemz glücklicherweiſe hatte ſich Frau von Mailly, wie der König, geſchworen, daß ſie ſich nicht entfernen würde, ohne zu ihrem Ziele ge⸗ langt zu ſein, müßte ſie auch die Rolle des Königs über⸗ nehmen, da der König die ihrige vertrat. Frau von Mallly hielt ſich Wort, angegriffen, leiſtete Ludwig XV. nur einen ſchwachen Widerſtand, oder ging vielmehr bald von dem Widerſtande zu dem Angriffe über. Der Sieg war etwas leichtes, Frau von Mailly verlangte nichts mehr, als beſiegt zu werden. Nach Verlauf einer Stunde allmähliger Niederlagen entfernte ſie ſich ganz in Unordnung, und indem ſie zu Herrn von Fleury zurück⸗ kehrte, wo ſie Herrn von Richelieu und Frau von Tencin fand, ſagte ſie nichts anderes, als folgende Worte, die in der That keiner Erklärungen bedurften: — Sehen Sie, wie dieſer verliebte Schelm mich zuge⸗ richtet hat. — 123— Einige, und Herr von Richelieu gehört zu der Zahl, behaupten, daß es nichts geringeres als der Vermittelung des Kammerdieners Bachelier bedurft hätte, daß Frau von Mailly dieſes zweite Mal das königliche Zimmer nicht wie⸗ der ſo verließ, als ſie es betreten hatte. Kurz, ob Bachelier zu der Entwickelung des Unter⸗ nehmens geholfen, oder ob die Ehren davon der Frau von Mailly allein zukommen, Frau von Mailly war die Maitreſſe des Königs, das war das, was man wollte. In der That, Frau von Mailly war wohl die Frau, welche zugleich der Liebe des Königs und den Plänen des Herrn von Fleurhy behagte. Sie war im Jahre 1710 geboren, und dem zu Folge in dem Alter des Königs. Sie hatte einen gewiſſen An⸗ ſtand, aus dem die Wichtigkeit der Lage ſie allein hatte heraustreten laſſen können. Ihre Stimme war ein wenig barſch, aber wenn ſie von Liebe ſprach, milderte ſich dieſe Stimme; ſie hatte ſehr ſchöne und ſehr große Augen, voll Feuer und Glanz, ſie war braun mit einem langen Ge⸗ ſichte, einer ſchönen Stirn und ein wenig ſchmalen Wangen. Das iſt, was der König bedurfte. Sanft, zurückhaltend, ſchüchtern, ohne Ehrgeiz, ohne Kenntniß der Staatsangelegenheiten, von einem gleichmãßi⸗ gen Charakter, eine zuverläſſige Freundin, unfähig einer Falſchheit, mitleidig, voll Rechtſchaffenheit, eine Feindin der Ränke, das war es, weſſen Herr von Fréjus be⸗ 8 durfte. Uebrigens rechtfertigte die Zukunft die Meinung, welche —— ½—— — 124— man von ihr gehabt hatte; als Maitreſſe des Königs, liebte ſie den König nur wegen ſeiner ſelbſt, nur weil er der Liebenswürdigſte und der Schönſte ſeines Hofes und ſeines Reiches war; zufrieden, ihn im Geheimen zu lieben, verſuchte ſie nicht einmal ihre Gunſt zu benutzen; während der ganzen Zeit, welche dieſe Gunſt dauerte, verlangte ſie niemals eine einzige Gnade weder für ſich, noch für ihre Verwandten, indem ſie von dem Könige nur einige kleine Geſchenke empfing, die ein Bürgerlicher ſich geſchämt hätte, ſeiner Geliebten anzubieten. Indem ſie Schulden für ihre Toilette machte, die immer ſehr gewählt war, ſelbſt die geheimen Ausgaben der Vergnuͤgungen beſtritt, an denen der König Theil nahm, kurz ſo wenig anſpruchsvoll in ihrem Amöblement, daß ſie im Jahre 1741, das heißt neun Jahre nach ihrer Verbindung mit dem Könige, ſie weder ſilberne Leuchter, noch Zahlpfennige hatte, um ihren königlichen Geliebten zu empfangen, wenn er mit ihr zu ſpielen kam, und ſie unter dieſen Umſtänden genöthigt war, dieſelben von ihren Nachbarn zu leihen. Zwei Perſonen machten großen Lärm über dieſen Lie⸗ beshandel. Herr von Mailly und Herr von Nesle, der Vater und der Gatte. Der Gatte erhielt den Befehl, jedes Verhältniß mit ſeiner Frau einzuſtellen. Der Vater, deſſen Angelegenheiten ſehr zerrüttet waren, ſchwieg gegen fünf Mal Hundert Tauſend Livres. Das hieß die Ehre des Hauſes von Nesle ſehr wohl⸗ feil ſchätzen. —— Einige Zeit vor den Ereigniſſen, welche wir ſo eben erzaͤhlt haben, das heißt am 21. Januar 1732, unterzeich⸗ nete man in Verſailles den Ehevertrag der Mademoiſelle von Chartres mit dem Herrn Prinzen von Conti, welche am folgenden Tage durch den Herrn Kardinal von Rohan verheirathet wurden. Dieſer Prinz von Conti war der Sohn des berühmten Prinzen von Conti, von dem wir geſprochen haben, und der, im Jahre 1727 geſtorben, zum Nachfolger ſeiner Titel, ſeiner Güter und ſeines Namens, den Grafen de la Marche hinterlaſſen hatte. Einige Tage nachher ſtarb die Mutter des Prinzen von Conti, Maria Thereſia von Bourbon⸗Condè, die ſich zu Zeiten mit ihrem Sohne ſtritt, und während dem Laufe ihrer Streitigkeiten fortfuhr, ihr Hotel zu bauen, gleichfalls im Alter von ſiebenzig Jahren. Von dem Namen von Conti blieben nur noch die bei⸗ den Wittwen, der Prinz von Conti, der ſich verheirathet hatte, und ein Oheim deſſelben, der Großprior, übrig, ein Mann von Geiſt, von dem wir einen ziemlich leichtfertigen Witz in Bezug auf den Tod Duchauffours angeführt haben. Er war außerdem ein tapferer, liebenswürdiger, bis zum Uebermaße lebhafter, auf ſeinen Rang eiferſüchtiger und mit Thorheit verſchwenderiſcher Prinz. Eines Tages ſtattete ihm ſein Stallmeiſter einen Bericht ab, daß es in ſeinem Stalle keine Fourage mehr gäbe. Wüthend über eine ſolche Nachläſſigkeit, rief der Prinz ſeinen Intendan⸗ ten, der ſich mit dem Schatzmeiſter entſchuldigte, der ihm — — 126— kein Geld hätte geben wollen. Der Prinz ließ nun den Schatzmeiſter kommen, der ſich damit entſchuldigte, daß kein Geld mehr in den Kaſſen vorhanden wäre, und daß die Lieferanten ſich weigerten, Fourage ohne Geld zu liefern. Der Fall war ernſt. Der Prinz begann daher auch zum erſten Male in ſeinem Leben zu überlegen. Dann, nachdem er überlegt hatte, fragte er: — Wer giebt uns noch Credit? — Niemand, ausgenommen der Garkoch. — Nun denn, ſagte der Prinz, laßt meinen Pferden Hühner geben. Am 2. Juni wurde der junge Herzog von Chartres getauft, und nach ſeinen Pathen, dem Könige und der Königin, Ludwig Philipp genannt. Dieſer Prinz war es, der Vater Philipps Egalité und der Großvater König Ludwig Philipps, der Madame von Monteſſon heirathete. Man wird ſich erinnern, daß wir, indem wir der Zeit⸗ rechnung vorgriffen, in einem vorhergehenden Kapitel die Schließung des Friedhofes Sanct Medardus und die Un⸗ ruhen erzählt haben, welche die Wunder des Diaconus Pa⸗ ris veranlaßt hatten. Das Jahr 1732 war in der That durch die religiöſen Streitigkeiten ſehr aufgeregt. Dem Diaconus Paris, oder vielmehr dem heiligen Paris, der Janſeniſt war, hatten die Jeſuiten zwei andere Heilige, einen Heiligen und eine Heilige, entgegengeſtellt, die faſt eben ſo viel Aufſehen als er gemacht hatten, der heilige Ludwig von Gonzaga und die heilige Maria Alacoque. — 127— Der heilige Ludwig von Gonzaga war einer jener Heiligen, welche in der Welt Glück machen müſſen. Ein wahrer Heiliger der Frauen und der Jeſuiten, jung, lie⸗ benswürdig, Page an dem Hofe König Philipps kl., hatte er den Hof der Großherzöge von Toscana beſucht; er hatte alle Freuden dieſer Welt geſchmeckt, und bald hatte ſich der Ueberdruß ſeines Herzens bemächtigt. Nun machte er ſich zum Freunde des heiligen Franz von Sales, brachte die Zeit, welche andere junge Leute ſeines Alters damit zubrachten, Liebeshändel anzuknüpfen, Staͤndchen zu bringen und Abenteuer zu ſuchen, damit zu, über die Wahrheit nachzuforſchen und Gott anzubeten. Der heilige Ignaz war für ihn ein heilges Vorbild. Hatte er nicht, wie er, von hoher Familie, wie er, ein junger und ſchöner Cavalier, damit angefangen, Lanzen für die ſchwarzen Augen zu brechen, welche unter den Mantillen von Valladolid und von Madrid funkelten? Wie der heilige Ignaz zerriß er eines Tages ſeine Gewänder von Gold und von Seide, verzichtete auf die Stiergefechte von Sevilla und von Burgos, und ging nach Rom, um dort ſein No⸗ viciat zu machen. Dort ſegnete ihn ein Papſt, ein großer Mann, und Gott heiligte ihn, indem er ihm das ſchönſte Märtyrerthum, das der Menſchheit verlieh. Der Papſt war Sixtus v. Das Märtyrerthum war die Seuche, welche Rom decimirte. Gonzaga ging in die Hoſpitäler, widmete ſich dem Dienſte der kranken Armen, und ſtarb im Jahre 1591 im Alter von dreiundzwanzig Jahren. —— Von Gregor ſelig geſprochen, war er von Benedict XIII. heilig geſprochen worden. In allen Jeſuitenkirchen hatte nun der heilige Lud⸗ wig von Gonzaga ſeine Kapelle, in der man ſein von Tauſend Kerzen erleuchtetes Erzengelgeſicht anbeten konnte. Die heilige Maria Alacoque bot, wie wir geſtehen müſſen, weniger Poeſie, als der heilige Ludwig von Gon⸗ zaga. Daher fielen auch beſonders über ſie die ſatyriſchen Pfeile her. Zuvörderſt nannte ſich die würdige, unter dem Na⸗ men Maria heilig geſprochene Frau der Wahrheit nach Margarethe. Sie war am 22. Juli 1647 in Lautecourt, im Kirch⸗ ſpiele von Autun geboren, und ſie war am 16. October 1690 geſtorben. Im Alter von drei Jahren, ſagt ihr Geſchichtsſchrei⸗ ber, zeigte ſie bereits einen großen Widerwillen gegen die Sünde. Ihr Leben war nur eine lange Unterhaltung mit Gott, eine ewige Verbindung der Liebe mit Jeſus Chriſtus ge⸗ weſen. Sie hatte ein myſtiſches Werk unter dem Titel: Die Andacht des Herzens Jeſu, herausgegeben, das Veranlaſſung zu dem Feſte des geheiligten Herzens gegeben hatte. Es war Herr Languet, Biſchof von Soiſſons, der ſie heilig geſprochen hatte. Er war es daher auch, über den die erſten Stichelreden herfielen. Hier ſind einige der Epigramme, welche zu jener Zeit in den Straßen verbreitet wurden: — 129— Pour ressembler à Fénélon, Languet à pris une Guyon Qu'il canonise sans scrupule. Languet, tu te tourments en vain, Tu ne seras que ridicule Et point précepteur du Dauphin. (Um Fenelon zu gleichen, men, die er ohne Bedenklichkeit quälſt Dich vergebens, Du wirſt zieher des Dauphin ſein.) hat Languet ein Guyon genom⸗ heilig ſpricht. Languet, Du nur lächerlich, und nicht Er⸗ Ein Anderes. Monseigneur de Soissons se moque Assurément, Avec sa Marie Alacoque, Il nous en vend: Les propos de son angélique Et du bon Dieu, Sout ceux d'une fille publique En mauvais lieu. (dDer gnädige Herr von Soi luſtig, mit ſeiner Maria Alacoque. Die Aeußerungen ſeines Engels und d eines Freudenmädchens.) ſſons macht ſich zuverläſſig Er führt uns damit an: ees lieben Gottes, ſind die Trotz dieſer Epigramme und gar vieler anderer noch, hatte die heilige Maria Alacoque einen großen Zulauf. Der heilige Ludwig von Gonzaga war der Ausdruck der Liebe der Menſchheit geweſen. Die heilige Maria Alacoque war der Ausdruck der Liebe Gottes. Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 9 — 130— In dieſem Augenblicke gab der Zufall den Janſeniſten eine ſchreckliche Waffe gegen die Jeſuiten. Man wird ſich jenes ſeltſamen Prozeſſes des Vaters Girard und von Lacadidre erinnern, eines Prozeſſes, gleich jenen dunkeln Anklagen, welche die Hexenmeiſter und die Gottesläſterer des Mittelalters verfolgten. Der Vater Girard war ein Mann von zweiundfünfzig Jahren, noch ſchön für ſein Alter, voll Beredtſamkeit, Sal⸗ bung und jener ſinnlichen Predigergabe, welche der jeſuiti⸗ ſchen Schule angehört. Seine Familie war in der Franche⸗Comté angeſehen; nachdem er die Provence durchwandert, war er im Jahre 1718 nach Aix geſandt worden, und zehn Jahre ſpäter nach Toulon. Dort machte er die Bekanntſchaft der Katharina La⸗ cadiere. Katharina Lacadière war achtzehn Jahre alt; ſie war ſchön wie ein Engel, feurig und überſpannt wie eine Pro⸗ vencalin. Die heilige Thereſia war ihr Vorbild geweſen; als die Maria Alacoque erwieſenen Ehren ihren Verſtand verwirrten, bedurfte auch ſie Entzückungen, Geſpräche mit Gott, Verbindungen mit Jeſus. Von dem Augenblicke an, wo ſie durchaus Erſchei⸗ nungen haben wollte, hatte ſie deren, und theilte ſie dem Vater Girard, ihrem Beichtvater mit. Das war die Zeit, zu welcher jeder Prediger ſeine Heilige haben wollte; der Vater Girard glaubte, die ſeinige gefunden zu haben. Er glaubte, oder that, als ob er an ihre Erſcheinungen glaubte, und ermuthigte ſie auf dieſe Weiſe zu neuen NoN— — —j—————— — 131— Thorheiten. Sie brachte die ganze Faſtenzeit des Jahres 1730, zum Mindeſten dem Anſcheine nach, ohne zu eſſen zu; an dem Ende der Faſtenzeit war ſie ſo ſchwach, daß ſie ihr Bett nicht verlaſſen konnte. In dieſem Zuſtande der Schwäche waren die Erſcheinungen weit häufiger, die Entzückungen weit heftiger. Endlich fand ſie der Vater Girard eines Morgens in ihrem Bette, das Geſicht mit Blut bedeckt. Bei dieſem Anblicke erſchreckt, befragte der Beichtvaterz ſein Beichtkind, welches ihm ſagte, daß dieſes Blut von einer Wunde herrührte, welche ihr ein Engel während ihres Schlafes an der Seite gemacht hätte. Der Vater Girard zweifelte. Das junge Mädchen forderte ihn mit einem Ausdrucke unendlicher Unſchuld auf, die Thür zu verſchließen, und, wie der heilige Thomas, mit ſeinen Augen zu ſehen und mit ſeinen Händen zu fühlen. Der arme Jeſuit glaubte ſich ſtark gegen die Verſu⸗ chung. Er verſchloß die Thür und betrachtete. Was trug ſich während dieſes Alleinſeins zu, und welche Entzückungen waren die Folgen davon geweſen? Das iſt es, was das Parlament von Aix berufen war zu richten. Der Vater Girard war der Verführung, der geiſtigen Blutſchande und der Zauberei angeklagt. Am 10. October 1731 hatte ein Urtheil des Gerichts⸗ hofes den Vater Girard freigeſprochen, aber nur mit der Mehrzahl einer einzigen Stimme; unter fünfundzwanzig Richtern hatten ihn zwölf verurtheilt, lebendig verbrannt zu werden. Eine ſolche Freiſprechung war eben ſo viel, wie eine 9* — halbe Verurtheilung; die Epigramme ſetzten ſich daher auch in Bewegung. Unſerer Gewohnheit gemäß geben wir eine Probe davon. Nicht etwa, daß ſie einigen Werth hätten, ſondern weil man nach unſerer Meinung in dieſen in der Stadt im Umlaufe befindlichen Verſen den wahren Geiſt der Zeit findet. Le père Girard par sa flamme D'une fille fait une femme; Le parlement bien plus habile, Dsune femme fait une flle. (Durch ſein Feuer macht der Vater Girard aus einem Mädchen eine Frau; das weit geſchicktere Parlament macht aus einer Frau ein Mädchen.) Ein Anderes. Ua jésuite admirant de la jeune Cadière, La beauté, pour contenter ses feux prit la route ordinaire G'est rareté, En faveur de son choix pardonnez au bon père, La curiosité. (Ein Jeſuit, welcher die Schöͤnheit der jungen Lacadisre bewunderte, ſchlug, um ſein Feuer zu befriedigen, den gewöhn⸗ lichen Weg ein. Das iſt eine Seltenheit, verzeihen wir dem guten Vater zu Gunſten ſeiner Wahl die Neugierde.) Alle dieſe Streitigkeiten der Janſeniſten und der Mo⸗ liniſten, bei denen die Unverletzbarkeit der Seele unter dem Schleier religiöſen Widerſtandes vorgeſchützt war, organi⸗ S 5—— — && em lere dem No⸗ — 133— ſirten einen wahren politiſchen Widerſtand. Herr von Fleury beſchloß, dieſem Schisma ein Ende zu machen, das einen Premierminiſter, Prinzen von Geblüt, nicht ſehr be⸗ ſchäftigt hatte, das aber natürlicherweiſe einen Premiermi⸗ niſter⸗Kardinal ungeheuer beſchaͤftigen mußte. Aber Herr von Fleury war nicht der Mann, einen jener Entſchlüſſe nach der Weiſe Luwigs XIV. oder Richelieus zu faſſen. Er war Sulpitianer, dem zu Folge ein Feind der Janſe⸗ niſten, aber von gemäßigtem Charakter und einer großen Verfolgung unfähig. Er befahl daher, eine Verſammlung der Geiſtlichkeit, ein ganz franzöſiſches Concilium, was mindeſtens dem Scheine nach den Abſichten der Janſeni⸗ ſten, den eifrigen Vertheidigern der Vorrechte der gallica⸗ niſchen Kirche, dienen hieß. Dieſe gänzlich von dem römiſchen Pontificate freie Verſammlung hatte zum Zwecke, die ausgezeichnetſten Män⸗ ner unter den Biſchöfen zu verſammeln, damit ſie den Zuſtand der Kirche unterſuchten und einen Beſchluß über ein Buch faßten, das Johann von Soanen, Biſchof von Sens, ein erbitterter Feind der Bulle Unigenitus, heraus⸗ gegeben hatte. Dieſes Concilium wurde unter die Leitung des Biſchofs von Embrun geſtellt, der Niemand anders als unſer alter Bekannter, Herr von Tencin war. Das Buch wurde mit der größten Aufmerkſamkeit ge⸗ prüft, und die Biſchöfe erklärten faſt einſtimmig, daß es Lehren gegen die Religion und den Gehorſam enthielte, den die Biſchöfe dem Papſte ſchuldig wären; die Janſeniſten beſchuldigten daher auch das Concilium von Embrun der — 134— Beſtechung, wie ſie das Parlament von Aix beſchuldigt hatten. Dem Urtheile des Conciliums ſtellte man folgende Antwort des Echos entgegen:*) „Quel a té le motif du concil tenu dans cetle métropoli- taine? Haine. „Es-tu bien informé de ce qui s'y est passé? Assez. „I a-t-on bien observé les canons? Non. „Sur le dogme, la discipline et les moeurs s'agissait-il de quelque point? Ppoint. „Comment appelle-t-on partout celui qu'on a jugé dans le concil où présidait Tencin? Saint. „OQu'a-t-il soutenu qw'ait obligé les évéques à lui faire son procès et à le traiter avec la plus grande sévérité? Vérité. „Que seront unjour les évéques qui lont condamné? Damnés. „Qui a conduit ce prélat à la chaise-Dieu? Dieu. „Quel traitement lui a fait l'évèéque de Grenoble? Noble-. „Qw'obtiendra Tencin pour prix de son indignité? Dignité. „Parviendra-t-il au chapeau pour ce procédé inoui? Oui. „La confidence et Pagiotage ne lui nuiront-ils point? Point. „w'est à ce prélat cette religieuse dévoiles dont tout Paris est le censeur? Soeur. „Welches iſt der Beweggrund des in dieſer Hauptſtadt ge⸗ haltenen Conciliums?— Haß.—„Biſt Du genau von dem —— *) Da dieſe aus den Endſylben hervorgehenden Echos ſich im Deutſchen unmöglich wiedergeben laſſen, ſo ſind wir genô⸗ thigt, das Original mit der Ueberſetzung'zu geben, wie wir es zeither mit den kleinen Verſen gemacht haben. unterrichtet, was ſich zugetragen hat?— Genng.—„Hat man die Kirchengeſetze gehörig beobachtet?— Nein.—„Han⸗ delte es ſich über das Dogma, über die Disciplin und die Sit⸗ ten in Etwas?— In Nichts.—„Wie nennt man überall den, den man in dem Concilium gerichtet hat, in welchem Ten⸗ ein den Vorſitz führte?— Den Heiligen.—„Was hat er behauptet, das die Biſchöfe genöthigt hat, ihm den Prozeß zu machen, und ihn mit der großten Strenge zu behandeln?— Die Wahrheit.—„Was werden eines Tages die Biſchöfe ſein, die ihn verdammt haben?— Verdammte.—„Wer hat dieſen Prälaten zu dem Stuhle Gottes geführt?— Gott.— „Wie hat ihn der Biſchof von Grenoble behandelt?— Edel. —„Was wird Tencin als Belohnung für ſeine Schändlichkeit erlangen?— Würden.—„Wird er durch dieſes unerhörte Verfahren zu dem Kardinalshute gelangen?— Ja.—„Werden ihm der Beſitz der Pfründe im Namen eines Andern und der Wucher damit ihm nicht ſchaden?— Durchaus nicht.— „Was iſt dieſem Prälaten dieſe entſchleierte Nonne, welche ganz Paris richtet?— Schweſter. „Leb wohl, Echo, höre niemals auf, das zu wiederholen, was Du uns gelehrt haſt, während die Fama überall den Ruhm dieſes heiligen Pralaten und die Schande ſeiner Richter verbrei⸗ ten wird.“ Was das ſchlimmſte für die Regierung des Staates war, iſt, daß dieſer janſeniſtiſche Geiſt, den wir überall einen hartnäckigen Widerſtand organiſiren ſehen, da er ſeine Stärke fuͤhlte, von der Vertheidigung zum Angriffe überzugehen begann. Das ganze Parlament war janſeni⸗ ſtiſch; der König beſchied es daher auch nach Rambouillet — 136— zu einem feierlichen Gerichtshof(lit de justice), und dort erklärte der König in der ganzen Majeſtät ſeiner Krone, daß er nichts mehr von all' dieſem Widerſtande wiſſen wollte, und daß er erwartete, daß ſein Wille ausgeführt würde.. Der erſte Präſident verſuchte zu ſprechen, aber der König legte ihm Schweigen auf, indem er mit lauter Stimme ausrief: 3 — Schweigen Sie! Vor dem Ende der Sitzung kreiſ'ten auf den Bänken des Parlaments folgende vier Verſe: Timide, imbécille et farouche, Jamais Louis n'avait dit un mot, Pour tonner il ouvre la bouche, Est-ce un tyrann?— Non, c'est un sot. (Schüchtern, einfältig und ſcheu, hatte Ludwig niemals ein Wort geſagt; um zu donnern thut er den Mund auf, iſt er ein Tyrann?— Nein, er iſt ein Dummkopf) Der Präſident ſchwieg, und das Parlament ahmte ſeinem Beiſpiel nach. Kaum war er aber in Paris, als die ganze Corporation nicht allein gegen die Bulle, ſon⸗ dern auch noch gegen den feierlichen Gerichtshof von Ram⸗ boulllet proteſtirte. Am folgenden Tag las man folgende Verſe an allen Mauern: Ami, sais-tu ce que l'on dit, La Justice en est désolés, Le roi la vint voir dans son iit, On prétend qu'il b'a violée. — — 137— (Freund, weißt Du, was man ſagt, die Gerechtigkeit iſt untröſtlich darüber, der König hat ſie in ihrem Bette beſucht, man behauptet, daß er ſie geſchändet hat.) Aber zu gleicher Zeit ward die Liſte der Empörer dem Polizeiminiſter Herrn Hérault überſandt, und die Wider⸗ ſpänſtigſten unter den Parlamentsmitgliedern wurden nach Bourges, nach Rheims, nach Rambouillet, nach Poitiers und ſelbſt nach der Inſel Oleron verbannt. Ein Spottgedicht gegen Herrn Hérault weihete dieſes letztere Ereigniß ein; ein Spottgedicht weihete zu jener Zeit jedes Ereigniß ein. Es wurde nach der Melodie des Stadtrichters geſungen. Certes c'est jouer bien gros jeu, Petit lieutenant de police, Mal prend qui s'en prend au bon Dieu, Certes c'est jouer bien gros jeu. La honte ici, là-bas le feu, Sont de tes pareils de supplice, Certes, c'est jouer bien gros jeu, Petit lieutenant de police. Crottes, lanternes et catins, Furent jadis tout seul office, Tu quittes pour vexer les saiats, Crottes, lanternes et catins. Certes, c'est jouer bien gros jeu, Petit lieutenant de police, Mal prend qui s'en prend au bon Dien, Certes c'est jouer bien gros jeu. 88 ———— — 138— (Gewiß, das heißt viel gewagt, kleiner Polizeiminiſter, der vergreift ſich, der den lieben Gott angreift. Gewiß, das heißt viel gewagt.— Die Schande hier, das Feuer dort, ſind die Strafen Deines Gleichen, gewiß, das heißt viel gewagt, klei⸗ ner Policeiminiſter.— Koth, Laternen und liederliche Weibsbil⸗ der waren ehedem Dein einziges Amt, Du verläßt, um die Hei⸗ ligen zu plagen, Koth, Laternen und liederliche Weibsbilder. 2c.) Der Reſt des Jahres verfloß ohne ein anderes Ereig⸗ niß, als die Vorſtellung von Zatre, welche im Monat Dezember mit unermeßlichem Beifalle geſpielt wurde. VI. Tod Friedrich Auguſt II.— Erkläaͤrungen des Reichstags, über die Bedingungen der Wahl.— Der König Ludwig XV. unterſtutzt Stanislaus.— Die Czarin und das deutſche Reich ſtellen den Prinzen Auguſt, Sohn des ſeligen Königs, vor.— Abreiſe Stanislaus.— Seine Verkleidung, ſeine Reiſe.— Stanislaus iſt erwählt.— Eine ruſſiſche Armee marſchirt nach Warſchau.— Stanislaus zieht ſich nach Danzig zurück.— Belagerung von Danzig.— Intereſſe Frankreichs, im Norden ein Gegengewicht gegen die Herr⸗ ſchaft Rußlands zu haben.— Feldzug des Herrn von Plelo. — Flucht des Königs Stanislaus.— Krieg gegen das deutſche Reich.— Feldzugsplan der franzoͤſiſchen Armee.— Berwick und Villars.— Der Graf von Belle⸗Isle.— Der Herzog von Noailles.— Der Chevalier von Asfeld.— Der 4 Graf von Sachſen.— Der König Karl Emanuel.— Der Herzog von Broglie.— Der Herzog von Coigny.— Der Prinz Eugen.— Der Graf von Mercy.— Tod des Her⸗ — 140— zogs von Berwick.— Einnahme von Philippsburg.— Schlacht von Parma.— Erhebung.— Die Hoſe des Herrn von Broglie.— Schlacht von Guaſtalla.— Ein⸗ nahme von Neapel und Eroberung Siceiliens durch Don Carlos.— Lage der franzöſiſchen Armee gegen das Ende des Jahres 1735.— Das Spiel Europas.— Der Frieden von Wien.— Europäiſche Umgeſtaltung.— Heirath des Herzogs von Richelieu.— Geburt des Herzogs von Fron⸗ ſac.— Alzire.— Oer verlorene Sohn.— Das Vermächt⸗ niß.— Die falſchen Mittheilungen. Mach dieſer langen Periode des Friedens oder Kriege ohne Wichtigkeit, trug ſich ein Ereigniß zu, welches das Gleichgewicht von Europa in Rede ſtellen ſollte, Am 1. Februar ſtarb der König von Polen, Friedrich Auguſt, im Alter von 62 Jahren. Sein Sohn, der Kron⸗ prinz und Erbfolger des Churfürſtenthumes Sachſen, folgte ihm in ſeinem Churfürſtenthume von Rechtswegen, aber er konnte ihm nicht auf dem Throne von Polen folgen, da der Thron von Polen der Wahl unterworfen war. Dieſer Fürſt, Friedrich Auguſt II., war derſelbe, wel⸗ cher Stanislaus, den Schwiegervater Ludwigs XV., vom Throne geſtürzt hatte. Am 3. Mai verſammelte ſich der Reichstag. Das Reſultat ſeiner Berathung war: Daß allein die polniſchen Edelleute das Recht der Wählbarkeit hätten. Daß man nicht allein, um dieſes Recht zu genießen, polniſcher Edelmann, ſondern auch noch von einem katholi⸗ — 141— ſchen Vater und einer katholiſchen Mutter geboren ſein müßte. Daß Niemand anders, als der Primas den König proclamiren könnte, bei Strafe als Feind des Vaterlandes erklärt zu werden. Endlich war die Wahl auf den 25. des Monats Au⸗ guſt feſtgeſetzt. Von dem 17. März an hatte König Ludwig XV. allen auswärtigen, an dem Hofe von Frankreich accreditirten Ge⸗ ſandten erklaͤrt, daß er nicht dulden würde, daß irgend eine Macht ſich der Freiheit der Wahl widerſetzte. Was dieſe Erklärung veranlaßt, war die von dem Primas und von einer gewiſſen Anzahl von Edelleuten an den König Stanislaus geſtellte Frage. Dieſer Schritt hatte zum Zweck, dem Vater der Koͤnigin von Frankreich die Krone von Polen anzubieten. Aber indem er den Antrag anhörte, hatte Stanislaus den Kopf geſchüttelt und geſagt: — Ich kenne die Polen, ſie werden mich ernennen, aber ſie werden mich nicht unterſtützen. — Sein Sie ernannt, ließ ihm Ludwig XV. ſagen, und ich werde Sie unterſtützen. Auf dieſes Verſprechen ſeines Schwiegerſohnes hin, nahm Stanislaus das Anerbieten, das ihm gemacht war, an und erklärte, daß er ſich um den Thron bewürbe. Sein natürlicher Mitbewerber war der Churfürſt von Sachſen, der Sohn des verſtorbenen Königs. Rußland und Oeſtreich, welche ſahen, daß Frankreich ſich zu Gunſten Stanislaus erklärt hatte, erklärten ſich — 142— gleichfalls natürlicherweiſe zu Gunſten des Churfuͤrſten Auguſt. Rußland ließ eine Flotte in dem baltiſchen Meere kreuzen. Oeſtreich erließ ſeine Befehle um Stanislaus zu ver⸗ hindern, durch ſeine Staaten zu gehen. Am 20. Auguſt, das heißt fünf Tage vor dem für die Wahl beſtimmten Tage, fügte der Chevalier von Thiange, der Aehnlichkeit mit dem Könige Stanislaus hatte, dieſer Aehnlichkeit noch hinzu, daß er ſich wie er friſirte und die Kleider anlegte, welche der König gewöhn⸗ lich trug. Der Wechſel des Namens und des Koſtümes fand in Berny bei Paris ſtatt, wohin ſich Stanislaus begeben hatte, als er Verſailles verließ. In Berny trennten ſich der wahre und der falſche Kö⸗ nig, um ſich den Rücken zu wenden. Thiange, als Majeſtät behandelt, ſchlug die Straße der Bretagne ein, kam in Breſt an, wo er ſich am 26. um zehn Uhr Abends unter dem Donner aller Kanonen des Hafens öffentlich einſchiffte. Was den König Stanislaus anbetrifft, ſo ſollte er, von dem einzigen Chevalier von Andelot begleitet, Warſchau zu Land erreichen. Dem zu Folge bedeckte ſich der König mit einer klei⸗ nen ſchwarzen Perrücke und zog einen grauen Rock von dem einfachſten Anſehen an; was den Chevalier von An⸗ delot anbelangt, ſo kleidete er ſich ein wenig prachtvoller, denn er ſollte für den Herrn gelten, waͤhrend der König — 143— einfach und allein die Rolle eines vertrauten Dieners ſpielte. Beide ſtiegen in eine ſchlechte und ſehr mit Koth be⸗ ſpritzte Kutſche, und erreichten mit Poſtpferden die Straße von Metz. Aber ſo armſelig und ſo zerfetzt die Kutſche auch ſein mochte, war ſie nichts deſtoweniger ein franzö⸗ ſiſcher Wagen, der in Deutſchland in der erſten Stadt des Reiches Argwohn erregen konnte. Dem zu Folge erkannte der Chevalier von Andelot, daß der Wagen, mit dem er gekommen wäre, ſchwerlich weiter gehen würde. Er for⸗ derte daher ſeinen Wirth auf, ſich zu erkundigen, ob es nicht in der Stadt irgend eine deutſche Kutſche zu verkau⸗ fen gäbe. Der Wirth ſuchte, entdeckte eine und kam, den Fund dem Chevalier zu melden, der, wie er vorgab, zu ermüdet, um ſelbſt auszugehen, ſeinen Begleiter abſandte, um die Kutſche zu unterſuchen, indem er ihm den Auftrag gab, den Handel abzuſchließen, wenn er das Fuhrwerk angemeſſen fände. Der König kaufte die Kutſche und bezahlte ſie. Dann begab man ſich wieder auf die Reiſe. Bis an die Thore von Berlin ging alles gut, aber an den Thoren der Hauptſtadt von Preußen begann ein langes Verhör, aus welchem der Handelsmann und ſein vertrauter Diener mit Ehren hervorgingen. In Frankfurt an der Oder fanden ſie den Neffen des Marquis von Monti, Geſandten von Frankreich, ſie ſtiegen in ſeinen Wagen, in welchem der König, um die Spione zu täuſchen, nur den vierten Platz einnahm. — 144— Endlich zog der König am 8. September in War⸗ ſchau ein. Die Wahl, welche am 25. Auguſt hatte ſtattfinden ſollen, war auf den 11. September verſchoben worden. Stanislaus kam daher zur rechten Zeit an, um ſich dem Volke zu zeigen und perſönlich zu kämpfen. Am 10. ſtieg er zu Pferde, und durchritt Warſchau unter dem allgemeinen Jubel in allen Richtungen. Am 11. ſammelte man die Stimmen, Alle waren für Stanislaus. Der Fürſt Wieznowiski, Kanzler von Lithauen, pro⸗ teſtirte allein gegen dieſe Einſtimmigkeit, indem er die Verſammlung verließ und einige Mißvergnügte nach ſich zog. Am ſelben Tage hätte der Primas Stanislaus als König proclamiren können, aber er hatte gehofft, den Kanzler von Lithauen zu beſänftigen, der auf ſeinem Rück⸗ zuge beharrte, was die Urſache war, daß Stanislaus erſt zwei Tage nachher proclamirt wurde. Aber das, was Stanislaus vorhergeſehen hatte, er⸗ eignete ſich.. Ein ruſſiſches Heer marſchirte gegen Warſchau, um die Wahl aufzuheben. Die Hunderttauſend Polen, welche ſich verſammelt hatten, um Stanislaus zum Könige zu machen, hatten ſich in ihre verſchiedenen Provinzen zurück⸗ gezogen. Das polniſche Heer war ſchwach und ohne Mannszucht. Die von Ludwig XV. verſprochene Hülfe kam nicht. Stanislaus Anhänger forderten ihn nichts de⸗ ſtoweniger auf, Stand zu halten, indem ſie ihm ſagten, — 145— daß nur eines nothwendig ſei, um zum Ziele zu gelangen, nämlich Zeit zu gewinnen. Man warf die Augen auf die verſchiedenen Feſtungen, welche dem Könige eine Zuflucht bieten könnten, und die Wahl blieb bei der Stadt Danzig ſtehen, einer freien Stadt, die ſich unter dem Schutze des Königs von Polen ſelbſt regierte. Am 2. October hielt dem zu Folge König Stanislaus, begleitet von dem Primas, dem Geſandten von Frankreich und dem Grafen Poniatowski, dem einige polniſche Gro⸗ ßen folgten, ſeinen Einzug in Danzig. Während dieſer Zeit zogen die Ruſſen in Polen ein, und in der Vorſtadt von. Praga ſelbſt wurde, in Folge der Erklärung des Generals von Lach, dem Commandan⸗ ten der ruſſiſchen Truppen, der im Namen der Czarin die Erwählung des Churfürſten Auguſt verlangte, der Churfürſt Auguſt erwählt. Die Nachricht von dieſer Wahl verwunderte Stanis⸗ laus nicht. — Ich hatte es wohl geſagt, murmelte er, die Achſeln zuckend, auch er wird bald die Treue Derer empfinden, welche ihn ernannt haben. Und er bot den Bewohnern von Danzig an, ihre Stadt zu verlaſſen und ihnen ihr Wort zurückzugeben. Aber dieſe widerſetzten ſich der Abreiſe des Königs. Das ruſſiſche Heer ruͤckte daher gegen Danzig heran, und am 20. Februar 1734 begann die Belagerung. Eine wichtige europäiſche Frage wurde außer der be⸗ ſonderen Frage verhandelt. König Stanislaus ſtellte die polniſche Nationalität vor. Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 10 — 146— Der Churfürſt Auguſt ſtellte den ruſſiſchen und deut⸗ ſchen Einfluß vor. 4 Die Ernennung des Churfürſten Auguſt war die zu⸗ künftige Zerſtückelung Polens. Frankreich hatte nicht auf gutes Glück hin und ohne Ueberlegung die Parthei König Stanislaus ergriffen. In ſeinen gemeinſamen Intereſſen mit Spanien mußte es die Macht Oeſtreichs in Italien vernichten. Es mußte der ruſſiſchen Herrſchaft, die von dieſer Zeit an drohte, über Europa auszutreten, einen Damm entge⸗ genſetzen. Dieſer Damm war Schweden, Polen und Preußen. Schweden und Preußen verſprachen Neutralität. Stanislaus, König von Polen, war die Fortſetzung der Politik Karls 1X. und Ludwig XIV. Karls IX., welcher die Wahl Heinrichs III. unterſtützte; Ludwigs XIV., welcher die Wahl des Prinzen von Conti unterſtützte. Stanislaus beaufſichtigten in Warſchau zugleich Pe⸗ tersburg und Wien. Das ſind die Rückſichten, welche Frankreich zu dieſem gut unternommenen, aber ſchlecht unterhaltenen Kriege fort⸗ geriſſen hatten. Schlecht unterhalten beſonders durch den, der das Hauptintereſſe dabei hatte, ihn zu unterhalten, das heißt durch Stanislaus. Wenn er ſich an die Spitze des Heeres ſtellte, ſo ſehr aufgelöſt es auch war, wenn er die Polen im Namen der polniſchen Nationalität zu den Waffen rief, konnte — 147— König Stanislaus fünfzig Tauſend Mann zuſammen⸗ bringen. Mit ſeinen fünfzig Tauſend Mann konnte er den Ruſſen die Spitze bieten, ſeine Hauptſtadt bewachen, die Hülfe Frankreichs abwarten, und wenn er fiel, zum Min⸗ deſten kämpfend fallen. Aber Stanislaus war älter als fünfzig Jahre; Sta⸗ nislaus war niemals ein energiſcher Mann geweſen. Er bedeckte ſeine Schwäche mit dem Mantel der Menſchenliebe und erklaͤrte: daß er ſich weder auf Koſten des Lebens ſei⸗ ner Unterthanen eine Krone ſichern, noch ſich in den Fall verſetzen wollte, ſeine Gelangung zum Throne durch das Vergießen ihres Blutes bezeichnet zu haben. Das hieß als Prieſter und nicht als Krieger antworten. Stanislaus hatte ſich alſo, wie wir geſagt haben, nach Danzig zurückgezogen, um dort den Beiſtand Frankreichs abzuwarten. Der Graf von Münch war mit einer Verſtärkung von zehn Tauſend Mann zu Herrn von Lach geſtoßen; er über⸗ nahm das Commando der Belagerung. Danzig wurde gänzlich eingeſchloſſen, und das Bom⸗ bardement begann. Die Hungersnoth machte ſich bald fühlbar. Aber Frankreich hatte eine Hülfe verſprochen; Frank⸗ reich hatte noch nicht die Gewohnheit angenommen, ſein Wort zu brechen. Die Belagerten erwarteten vertrauens⸗ voll dieſe Hülfe. Endlich erſchien die weiße Flagge an dem Horizonte, aber alle Batterien der Kuͤſte waren in der Gewalt der 10* — 148— Ruſſen. Herr de la Motte, welcher die Flotte comman⸗ dirte, wagte es nicht, ſich einer ziemlich ſichern Zerſtörung auszuſetzen. Der Fall, welcher ſich zeigte, war außerdem vorausgeſehen; die Flotte ſollte in dieſem Falle in Kopen⸗ hagen anhalten, und ſich über das, was zu thun wäre, mit Herrn von Plelo, dem franzöſiſchen Geſandten in Daͤ⸗ nemark, verſtändigen. Ludwig Robert Hippolyt von Bréhan, Graf von Ple⸗ lo, gehörte zu jenem edlen und ſchönen bretagniſchen Ge⸗ ſchlechte, das ſich der Ehre gegenüber niemals beſinnt. Er war ein junger Mann von vierunddreißig Jahren, zugleich Dichter, Gelehrter und Diplomat, der aſtronomiſche Un⸗ terſuchungen in der Sammlung der königlichen Akademie der Viſſenſchaften, und leichte Poeſien in dem Portefeuille eines Mannes von Ge⸗ ſchmack hatte abdrucken laſſen. Er ließ ſich von Herrn de la Motte, dem Comman⸗ danten des Geſchwaders, die Verhaltungsbefehle mittheilen, welche er von den Herren von Fleurh und von Maurepas erhalten hatte. Er ſah darin, daß, wenn es eine Mög⸗ lichkeit gäbe, Danzig zu erhalten, man Alles thun müßte, um demſelben eine erſte Unterſtützung zuzuführen, der bald eine zweite folgen würdez daß, wenn Danzig genommen wäre, man ſich nur mit einer Sache beſchäftigen müßte, nämlich König Stanislaus zu retten. Danzig war nicht genommen, man mußte alſo die geſandte Unterſtützung hineinwerfen. Dieſe Unterſtützung beſtand aus funfzehn Hundert Mann. — — 149— Es handelte ſich darum, mit dieſen funfzehn Hundert Mann vierzig Tauſend Mann anzugreifen und durchzu⸗ kommen. Wenn man die Geſchichte unſerer Kriege aufmerkſam lieſt, ſo wird man ſehen, daß das Unmögliche am Leichte⸗ ſten in einem franzöſiſchen Kopfe keimt. Indem er die Lage ins Auge faßte, wich Herr de la Motte zurück. Aber Herr von Plelo nahm Alles auf ſich, indem er erklaͤrte, daß er es perſönlich übernähme, die franzö⸗ ſiſchen Truppen zu führen und die Landung zu leiten. Herr de la Motte warf alle Verantwortlichkeit auf den Geſandten, und ließ die Flotte nach Danzig ſteuern. Die Flotte ſegelte durch ein Kreuzfeuer und langte an der Rhede von Danzig an. Herr von Plelo landete, griff das ruſſiſche Heer an und fiel von Kugeln durchbohrt. Er hatte dieſe Entwickelung vorausgeſehen, aber im Namen der franzöſiſchen Ehre hatte er geglaubt, das ver⸗ ſuchen zu müſſen, was nicht ausgeführt werden konnte. Als Herr von Plelo gefallen, wurde der Rückzug in guter Ordnung bewerkſtelligt, und die Flotte kehrte nach Kopenhagen zurück. Wie bei allen ſeinen militäriſchen Niederlagen, hatte Frrankreich bei dieſer die glänzende Seite behauptet, welche eine Niederlage gleich einem Siege unſterblich macht. In dem Augenblicke ſelbſt, wo die Flotte in den Ha⸗ fen von Kopenhagen zurückkehrte, kam der zweite Trans⸗ port Hülfstruppen an; durch dieſen zweiten Transport — 150— konnte man zwei Tauſend Mann der Regimenter von Flandern und Artois vereinigen. Die Lage von Danzig wurde den im Kriegsrathe ver⸗ ſammelten Officieren nicht verhehlt, damit ſie durch ſich ſelbſt zu entſcheiden haͤtten. Alle erklärten, daß überall, wo die Franzoſen zwei Tauſend wären, ſie nicht vor dem Feinde zurückweichen könnten, ſo zahlreich er auch ſein möchte; wenn die Flotte nicht vorüber könnte, ſo würde man ſich der Forts mit Flintenſchüſſen bemächtigen. Außerdem hatte man einen geheiligten Auftrag aus⸗ zuführen, man mußte den Kopf des Königs Stanislaus retten. Die franzöſiſche Flotte erſchien daher wieder an der Mündung der Weichſel; aber dieſes Mal fuhr ſie, etwas Unglaubliches, durch das Kreuzfeuer der Batterien und un⸗ ter dem Jubel der Stadt mit vollen Segeln in den Ha⸗ fen von Danzig ein. Nur handelte es ſich nicht mehr darum gegen die Ruſſen Stand zu halten, ſondern den König Stanislaus zu retten, auf deſſen Kopf ein Preis geſetzt war. Der König war entſchloſſen in Danzig zu bleiben, als man ihm plötzlich mittheilte, daß das Fort Weichſelmund- capitulirt haͤtte. Dieſe Capitulation nöthigte die Stadt an die ihrige zu denken, und der König war der Erſte, den Danzigern das ihm gegebene Wort zurückzugeben, ſich unter ihren Mauern begraben zu wollen. Es handelte ſich für den König nur noch darum, zu wiſſen, wie er die von allen Seiten durch das moscowiti⸗ — 151— ſche Heer umzingelte und bis auf drei Meilen weit der Umgegend gänzlich überſchwemmte Stadt verlaſſen ſollte. Jeder bildete nun für den König einen Nuͤckzugsplan; die Frau Gräfin Czapka, Woiwodin von Pommern, wel⸗ che Deutſch wie ihre Mutterſprache ſprach, bot ihm an, indem ſie ſich einem Manne anvertraute, den ſie erprobt hatte und der die Gegend vollkommen kannte, die Gefah⸗ ren ſeiner Reiſe zu theilen, ſich als Bäuerin zu verkleiden, und ihn für ihren Gatten gelten zu laſſen. Noch ein anderes Auskunftsmittel war vorgeſchlagen worden, nämlich ſich an die Spitze von Hundert entſchloſ⸗ ſenen Leuten zu ſtellen und ſich durch den Feind durchzu⸗ ſchlagen. Die Schwierigkeit lag nicht darin, die Hundert Mann zu finden, es hätten ſich deren Tauſend angeboten; aber wo war die Möglichkeit eine ſolche That in einer überſchwemmten Gegend und mit Verſchanzungslinien aus⸗ zuführen, welche alle Durchgänge verſperrten. Dieſer Plan wurde daher, wie der andere, aufgegeben. Ein dritter war von dem Marquis von Monti, Ge⸗ ſandten von Frankreich vorgeſchlagen, und dieſer dritte ſchien am ausführbarſten zu ſein; er beſtand darin, Dan⸗ zig mit zwei bis drei zuverläſſigen, und als Bauern ver⸗ kleideten Männern zu verlaſſen. In der Abſicht, dieſes Mittel anzunehmen, begab ſich Stanislaus am Sonntage, den 27. Juni, unter dem Vor⸗ wande zu dem Geſandten, dort eine ruhige Nacht zuzu⸗ bringen, indem er ſich von den Bomben entfernte, die das Quartier zu erreichen begannen, welches er bewohnte; aber dort angelangt, zeigte ſich einer jener unbedeutenden Um⸗ ſtände, welche faſt immer über großen Plänen ſchweben und ſie mit dem Fehlſchlagen bedrohen; dieſer hätte bei⸗ nahe den des Königs von Polen ſcheitern laſſen. Der Marquis von Monti hatte ſich ein Bauerkoſtüm, ſo wie es ſich für die Lage paßte, verſchafft; ein abgenutz⸗ ter Anzug, ein Hemd von grober Leinwand, eine höchſt einfache Mütze, einen derben und polirten Dornenſtock mit einer ledernen Schnur, aber es blieben noch die Stiefel übrig. Dem Könige neue Stiefel zu geben, hieß ihn dem erſten beobachtenden Blicke anzeigen, der ſich auf ihn heften würde. Der Geſandte hatte aufmerkſam alle Füße gemu⸗ ſtert, welche ſeit zwei Tagen vor ihm vorüberkamen, um eine verſtändige Wahl zwiſchen neuen Stiefeln, welche den König verrathen konnten, und abgenutzten Stiefeln, die ihn in der Verlegenheit laſſen konnten, zu treffen, und er hatte geglaubt, daß einer der Offiziere der Garniſon ein Paar gänzlich für die Lage paſſende Stiefeln beſäße. Nur wie und unter welchem Vorwande konnte der Geſandte den Offizier bitten, ihm dieſes Paar Stiefel abzutreten? Das war eine Unterhandlung, vor welcher die Diplo⸗ matie des Marquis von Monti zurückwich, ſo gewandt ſie auch ſein mochte; er zog es vor, den Bedienten des Offi⸗ ziers zu beſtechen, welcher die Stiefel ſeines Herrn ſtahl und ſie dem Geſandten überbrachte. So ſeltſam die Laune eines Geſandten für ein Paar alte Stiefeln auch ſein mochte, der Diebſtahl bürgte zum Mindeſten für die Verſchwiegenheit. — — 153— Aber wenn Herr von Monti den Grad der Abge⸗ nutztheit der Stiefel richtig beurtheilt hatte, ſo hatte er den Fuß des Offiziers ſchlecht gemeſſen, der Offizier hatte einen kleinen Fuß, der König hatte einen großen Fuß, ſo daß, als Stanislaus die Stiefeln des Offiziers anziehen wollte, es ihm unmöglich war, in dieſelben hineinzukommen. Herr von Monti ließ nun alle alten Stiefeln ſeines Hauſes herbeibringen, ein ſeinem Kammerdiener gehöriges Paar paßte. Er hatte alſo ſehr weit das geſucht, was er nahe bei der Hand hatte; er war daher genöthigt geweſen, einen Dieb⸗ ſtahl zu unterhandeln, als er nur ſein Eigenthum zurückzu⸗ verlangen hatte. Vollſtändig verkleidet, mit zwei Hundert Ducaten in Gold in der Taſche, verließ der König das Haus des Ge⸗ ſandten, und fand an der Ecke der Straße den General Steinflicht, der ihn, wie er verkleidet, erwartete; beide gingen nun den Platzmajor abzuholen. Dieſer Major, der ein geborner Schwede war, hatte ſich anheiſchig gemacht, die Flucht des Königs zu begünſtigen, und ſollte ſich an einem beſtimmten Orte des Walles befinden. Der Major befand ſich an dem bezeichneten Orte und wartete. Am Fuße des Walles waren zwei Nachen angebunden, und in dieſen Nachen befanden ſich drei Mann, welche, da ſie nach ihrer Behauptung die Umgegend kannten, ſich anheiſchig gemacht hatten, die Flüchtlinge bis nach Marien⸗ werder zu führen, das dem Könige von Preußen gehörte. Statt drei Mann befanden ſich vier darin, aber es war nicht der Moment Fragen zu ſtellen, der König nahm den Zuwachs von Bedeckung an. Zehn Schritte weit von dem Graben befand ſich ein von einem Unteroffizier und einigen Mann beſetzter Poſten. Dieſer Unteroffizier hatte ohne Zweifel einen ſtrengen Be⸗ fehl, denn Stanislaus ſah ihn zwei bis drei Mal auf den Major anſchlagen, der vorübergehen und die Flüchtlinge vorübergehen laſſen wollte, ohne Erklärung zu geben. Zwei bis drei Mal legte ſogar der auf das Aeußerſte ge⸗ brachte Major die Hand auf den Druͤcker einer Piſtole, die er in ſeiner Weſtentaſche verborgen hielt, aber er dachte an den Knall, den die Waffe verurſachen, an den Auflauf, der dem Tode des Unteroffiziers folgen würde, und zog es vor, ihm Alles zu geſtehen. Nun verlangte dieſer, daß der König mit ihm ſelbſt ſpräche und ſich zu erkennen gäbe. Der König willigte darein, der Unteroffizier verneigte ſich und befahl ſeinen Leuten, Stanislaus und ſein Gefolge voruͤber zu laſſen. Der Major hatte nicht nöthig, weiter zu gehen, Sta⸗ nislaus ſandte ihn daher zurück, und ſtieg mit dem Ge⸗ neral Steinflicht in den Nachen, er begann zu ſchwimmen oder vielmehr über das überſchwemmte Land zu rudern, in der Hoffnung, die Weichſel zu erreichen und ſich mit An⸗ bruch des Tages auf der andern Seite des Fluſſes, und dem zu Folge faſt außer dem Bereiche des Feindes zu be⸗ finden.. Aber kaum nach einer Viertelmeile erklärten die Führer des Königs, welche eine in Mitte der Moräſte gelegene Hütte erreicht hatten, daß für dieſen Tag genug Weg zu — 153— rückgelegt wäre, daß es zu ſpät ſei, um die Ueberfahrt des Fluſſes zu verſuchen, und daß man ſich entſchließen müßte, den Reſt der Nacht und den folgenden Tag hier zu bleiben. Vergebens machte der König Vorſtellungen, es war ein gefaßter Entſchluß, er mußte nachgeben. Er ſtieg aus ſeinem Nachen und trat in das Haus. Nun warf Stanislaus in Folge dieſes erſten Streites, den er mit ſeiner Bedeckung gehabt hatte, einen forſchenden Blick auf die Männer, welche ſie bildeten. Der Anführer war ein Mann von dreißig bis fünf⸗ unddreißig Jahren, der über ſeine Kameraden ein Anſehen der Gewalt affectirte, das er bei jeder Veranlaſſung an⸗ nahm, um die albernſten Pläne vorzuſchlagen, er war zu⸗ gleich das Sinnbild der Unwiſſenheit, der Albernheit und der Halsſtarrigkeit. Die beiden andern gehörten zu jener Landſtreicherklaſſe, halb Soldat, halb Zigeuner, die man Schnapphähne nennt; ſie kannten das Land gut genug, aber mit Ausnahme jenes Inſtinctes der Thiere, der darin beſteht, durch das Geſicht, das Gehör und den Geruch ſeinen Weg wieder zu finden, boten ſie das Bild der gänzlichſten Rohheit. Der vierte, der, den der König nicht zu finden erwar⸗ tete, gehörte in der That nicht zu der ehrbaren Geſellſchaft. Er war ein Bankerottirer, welcher, die Gerichtsdiener fliehend, ſich eingerichtet hatte, um mit Hülfe der zu Gun⸗ ſten des Königs getroffenen Verfügungen Preußen zu er⸗ reichen. Alles das beruhigte den Flüchtling nicht, er trat daher — 156— auch mit ſehr beklommenem Herzen in die Hütte, und auf einer Bank liegend, den Kopf an den Bankerottirer ge⸗ lehnt, der wegen der Gleichheit in dem Unglücke dieſe Bank mit ihm theilte, wartete er den Tag ab. Der Tag brach an, der König trat aus der Hütte, er befand ſich eine Stunde weit von Danzig, das man zu beſchießen fortfuhr, und er verlor keinen Umſtand von der Beſchießung. Der König brachte den ganzen Tag in der Ungeduld zu, ihn endigen zu ſehen. Glücklicherweiſe war die Hütte, in welcher er ſich be⸗ fand, ſo armſelig und ſo abgeſondert, daß Niemand dort⸗ hin kam. Mit Anbruch der Nacht begab man ſich wieder auf den Weg, nur wurde derſelbe in dem Maße, als man wei⸗ ter kam, weit beſchwerlicher; man war in einen Wald von Schilf gelangt, durch den man ſich einen Weg bahnen mußte, nicht allein indem man es beſeitigte, ſondern auch, indem man es unter dem Boden der Barke zermalmte; die Folge davon war nicht allein, daß das in dem Schweigen der Nacht einen Lärm machte, der gehört werden konnte, ſondern man ließ auch noch eine Spur zurück, welche alle Leichtigkeit gewährte, die Flüchtlinge zu verfolgen. Außerdem mußte man von Zeit zu Zeit aus dem in den Schlamm verſunkenen Schiffe ſteigen, um es mit gro⸗ ßer Anſtrengung an Orte zu ziehen, wo ſich mehr Waſſer befand.. Gegen Mitternacht gelangte man an den Damm eines Fluſſes, den man für die Weichſel hielt, ſogleich begannen — 152— die Fuͤhrer unter ſich einen Rath zu halten, zu welchem weder der König noch der General Steinflicht zugelaſſen wurden; der König benutzte dieſen Augenblick, um den Ge⸗ neral Steinflicht zu bitten, das Gold zu ſich zu nehmen, das er bei ſich trüge, und deſſen Hin⸗ und Herſchwanken ihm weh thäte; aber der General machte ihm bemerklich, daß ſie durch irgend einen Unfall getrennt werden könnten, und daß dann der Verluſt dieſes Goldes höchſt nachtheilig würde. Der König beharrte darauf, aber der General willigte nur darein, die Summe zu theilen. Er nahm daher Hundert Ducaten, und ließ die Hun⸗ dert andern dem Könige. Das Reſultat des von der Bedeckung des Königs ge⸗ haltenen Rathes war geweſen, daß in dem Zweifel, in welchem man ſich über die Oertlichkeit befände, der An⸗ führer, Steinflicht und der Bankerottirer zu Fuße den Damm hinauf gehen ſollten, während der König und die beiden Schnapphähne zu Waſſer dieſem Damm entlang fahren würden. Was⸗Steinflicht vorausgeſehen hatte, verwirklichte ſich daher bald, der König und der General ſollten ſich, freilich nur für den Augenblick, trennen. Es fand ein Irrthum in den Berechnungen ſtatt, man befand ſich nicht an dem Ufer der Weichſel, ſondern an dem Ufer des Nering. Inzwiſchen hatten ſich nach Verlauf von Hundert Schrit⸗ ten die beiden kleinen Abtheilungen aus dem Geſicht ver⸗ loren; mit jedem Augenblicke erkundigte ſich der König nach — 158— Steinflicht, und bei jeder Erkundigung antworteten ihm ſeine Begleiter: — Sein Sie unbeſorgt, er iſt da. Der Tag brach an, man hatte ſich ſo ziemlich verirrt, und man mußte, ohne Zeit zu verſplittern, einen Ort ſuchen, wo man den Tag zubringen und die Nacht abwarten könnte. Indem ſie ſich orientirten, erkannten die beiden Mäaͤn⸗ ner nun, daß ſich in der Umgegend eine Hütte befinden müßte, die einem Bauern ihrer Bekanntſchaft gehörte; man landete bei ihm, indem man ihn fragte: — Habt Ihr Moskowiten bei Euch? — In dieſem Augenblicke habe ich keine, ſagte der Bauer, aber wenn Ihr mit ihnen zu thun habt, es kom⸗ men den ganzen Tag über welche zu mir. Der Entſchluß des Königs war gefaßt, es war noch beſſer, in dieſer Hütte verſteckt, als in dem Bruche zu blei⸗ ben, die beiden Schnapphähne führten den König in einen kleinen, über dem Wirthszimmer gelegenen Speicher, boten ihm zu ſeiner Verfügung ein Bund Stroh an, das ſich zufällig dort befand, und forderten ihn auf, ſich auszu⸗ ruhen, während der Eine unten Wache halten und der An⸗ dere ſich aufmachen wollte, den General aufzuſuchen, nach dem zu fragen der König nicht aufhörte. Seit zwei Nächten hatte der König kein Auge geſchloſſen, er verſuchte zu ſchlafen, aber ſeine Stiefeln voll Waſſer und Schlamm, dieſe Trennung, dieſe von ſeinen Führern angedeutete Abſicht, ſich von der Straße zu entfernen, die einzuſchlagen man übereingekommen war, die Gefahren⸗ — 159— welche er in dieſer Hütte lief, wohin nach der Ausſage der Bauern die Moskowiten täglich zwanzig Male kamen, kurz alle die traurigen Gedanken, welche in dem Geiſte eines Mannes in einer ſolchen Lage aufſteigen, entfernten von ihm den Schlaf. Da er nicht ſchlafen konnte, ſtand der König daher auch auf, und indem er den Kopf aus der Luke ſeiner Dachkammer ſtreckte, ſah er einen ruſſiſchen Offizier, der Hundert Schritte weit von der Hütte auf der Wieſe ſpazie⸗ ren ging und zwei ruſſiſche Soldaten, die ihre Pferde weiden ließen. Dieſe drei von dem Lager entfernten Leute ſchienen dem Könige drei dort aufgeſtellte Schildwachen, um ihn zu belauern, bis daß man ohne Zweifel Verſtärkung geholt hätte, und dieſer Gedanke wurde in dem Geiſte des armen Fürſten beſtätigt, als er ein Dutzend Koſacken mit ver⸗ hängtem Zügel querfeld ein ſprengen und geraden Weges auf die Hütte zukommen ſah; dieſe Veränderung in der bis dahin ziemlich ruhigen Landſchaft machte, daß der König ſich von dem Fenſter zurückzog und ſich wieder auf ſein Bund Stroh warf, indem er die Ereigniſſe abwartete. Nach Verlauf von fünf Minuten war das untere Zim⸗ mer von den Koſacken angefüllt. Einen Augenblick nachher hörte der König die Treppe krachen, welche nach ſeinem Speicher führte; er war darauf gefaßt, einige bärtige und drohende Geſichter erſcheinen zu ſehen, als er im Gegentheile in der Perſon, die ihn zu beſuchen kam, ſeine Wirthin erkannte, welche von den beiden ————= — 160— Schnapphäͤhnen an ihn abgeſandt war, um ihm zu ſagen, daß er ſich hüten möge hinabzugehen. Der König hatte nicht die mindeſte Luſt dazu. Die Koſacken verfolgten ihn keineswegs, ſie kamen um zu frühſtücken, das war Alles. Ihr Aufenthalt in der Hütte dauerte eine Stunde, aber von den Koſacken entledigt, war es der König nicht von ſeiner Wirthin; die Neugierde dieſer Frau war durch die Sorgfalt erweckt worden, mit welcher der Reiſende ſich verbarg und durch den Auftrag, den ſie bei ihm ausgeführt hatte; ſie wollte daher wiſſen, wer die vornehme Perſon wäre, welche die Koſacken ſo ſehr fürchtete und die ſie die Ehre hätte, in ihrem Hauſe aufzunehmen. Stanislaus hatte große Mühe, ſich aus dieſer Prü⸗ fung herauszuziehen, er erfand einen Roman, den ſeine Wirthin glaubte, oder that, als ob ſie ihn glaube. Gegen Ende des Tages ging der König, durch die Einſperrung gelangweilt, welche er erduldete, hinab, um ſich mit ſeinen Führern zu beſprechen, dieſe antworteten ihm, daß der General Steinflicht nur eine Viertelſtunde weit entfernt wäre, und daß er ſich vornähme, den König wäh⸗ rend der Nacht an einem Orte der Weichſel wieder zu er⸗ reichen, den ſie verabredet hätten und wo ſich ein Schiff bereit finden würde, ſie überzufahren, aber ſie zweifelten, ſo ſehr wehte der Wind, daß man in einem ſo kleinen Schiffe über einen ſo großen Fluß fahren könnte. Der König konnte der Ehre dieſer Männer nicht mehr mißtrauen, welche, da ſie den Tag unter den Ruſſen zuge⸗ bracht, ihn hätten überliefern köͤnnen, wenn das ihre Ab⸗ — 161— ſicht geweſen wäre, aber er fürchtete ihre Unwiſſenheit. Als der Abend herbeigekommen, begab er ſich daher, uͤber dieſen Punkt beruhigt, aber ſehr beſorgt über den zweiten, wieder auf den Weg. Eine Viertelſtunde weit von der Huͤtte, wo man den Tag zugebracht hatte, mußte man das Boot zurücklaſſen, da die Ueberſchwemmung dort aufhörte. Man begann da⸗ her zu Fuß auf einem ſchlammigen Boden zu gehen, in welchen mit jedem Augenblicke einer der drei Wanderer bis an den Schenkel verſank, und des Beiſtandes ſeiner Begleiter bedurfte, um nicht bis an den Hals zu verſinken. Endlich erkannte man, nach Verlauf von vier bis fünf Stunden, daß man den Damm der Weichſel erreicht hätte. Einer der Schnapphühne bat nun den König, mit ſeinem Kameraden zurückzubleiben, während er nachſehen würde, ob das Boot an ſeinem Platze wäre. Eine Viertelſtunde nachher kehrte er zurück, indem er ſagte, daß das Boot nicht mehr da wäre und ohne Zweifel don den Moskowiten genommen worden ſei. Man mußte in den Bruch zurückkehren und ein Obdach ſuchen, wo man den Tag zubringen koͤnnte; man erblickte ein Haus und ging nach demſelben. Aber kaum hatte die kleine Schaar den Fuß auf die Schwelle geſetzt, als der Herr des Hauſes, welcher ſich umwandte, ausrief, indem er auf den König deutete: — O! mein Gott! wer iſt dieſer Mann? — Bei Gott! ſagte einer der Schnapphähne, dieſer Mann iſt unſer Kamerad. 1 — Dieſer Mann, ſagte der Bauer, indem er die Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 11 — 162— Mitze abnahm und ſich verneigte, iſt der König Stanis⸗ laus. Es war nicht mehr zu zögern. — Ja, mein Freund, ſagte der König, indem er ihm die Hand reichte, ja, der König Stanislaus flüchtig, der Euch um ein Obdach in Eurem Hauſe und das Mittel zu bitten kömmt, das andere Ufer der Weichſel zu er⸗ reichen. Dieſes Geſtaͤndniß erlangte den glücklichſten Erfolg; ſtolz auf dieſes Vertrauen, hatte der Bauer nur noch einen Wunſch, nämlich den, es zu verdienen; er verſprach dem Könige, ihn über die Weichſel zu ſchaffen, und traf auf der Stelle ſeine Anſtalten, um ſein Verſprechen zu halten. Während der wackere Mann beſchaͤftigt war, ein Schiff und eine Ueberfahrt zu ſuchen, erblickte der König den erſten ſeiner Führer, von dem er ſeit ſechsunddreißig Stunden getrennt war, und der im vollen Laufe nach dem Hauſe zurückkehrte. Er empfing ihn auf der Schwelle, und ſein erſtes Wort war, ſich bei ihm nach den General Steinflicht zu erkundigen. Der Mann erzaͤhlte nun, daß ſie am vorigen Tage, während er mit dem General und dem Bankerottirer den König an dem verabredeten Orte erwartete, einen Haufen Koſacken hätten auf ſich zuſprengen ſehen; nun wäre jeder nach ſeiner Seite entflohen, und als er den Kopf umge⸗ wandt, hätte er weder den General, noch den Bankerotti⸗ rer mehr geſehen, und er wüßte nicht, was aus ihnen geworden wäre. 2... — 163— Alle Vorwürfe halfen zu nichts, der König faßte Geduld und wartete. Gegen fünf Uhr Abends ſah er ſeinen Wirth zurück⸗ kehren, welcher ihm meldete, daß er ein Schiff bei einem Schiffer gefunden hätte, bei dem zwei Moskowiten im Quartier lägen, aber daß ſein Rath ſei, mehrere Tage zu warten, bevor man die Ueberfahrt verſuchte, und das wegen der großen Anzahl von Koſacken, welche in der Umgegend, die Einen, um ihre Pferde weiden zu laſſen, die Andern, um der Spur des Köuigs zu folgen, deſſen Flucht bekannt zu werden begann, verbreitet wären. Der König hielt mit ſeinen Leuten und dem Bauer Rath, und es wurde beſchloſſen, daß er in dem Hauſe, in welchem er ſich befände, die Nacht und den folgenden Tag zubringen würde. Das war eine lange Nacht und ein langer Tag. Am folgenden Tage gegen fünf Uhr begann das Zö⸗ gern. Der König ſah nun ein, daß er einen mächtigen Bundesgenoſſen zu Hülfe rufen müßte; er ließ eine Flaſche Branntwein heraufholen, und lud die Schnapphähne und den Bauer ein, auf ſeine Geſundheit zu trinken. An dem Ende der Flaſche war die Wirkung hervor⸗ gebracht, und dieſe Männer waren bereit, für ihn durch Feuer und durch Waſſer zu gehen. Der König benutzte dieſe Stimmung, welche noch durch die angenehme Nachricht geſteigert wurde, daß die beiden ruſſiſchen Soldaten nicht mehr bei dem Fiſcher wä⸗ ren, und daß eine Barke die Reiſenden an dem Ufer des Fluſſes erwartete. 11* — 164— Der König und ſein Wirth ſtiegen zu Pferde; der Bauer ritt fünfzig Schritte weit voraus, die drei andern Männer folgten zu Fuß hinterdrein; bei jedem Schritte kam man durch tiefe Pfützen, in welche das Pferd des Königs bis an die Bruſt ſtürzte oder verſank. Von allen Seiten leuchteten die Feuer verſchiedener, in der Ebene verbreiteter Feldlager, aber der Schein dieſer in einen ge⸗ wiſſen Kreis beſchränkter Feuer hatte den doppelten Vortheil, dem Könige die Feinde zu zeigen und ihm die Linie der Finſterniß anzudeuten, die er einſchlagen müßte, um nicht geſehen zu werden. Plötzlich hielt der Wirth des Königs, der als Späher vorausritt, und kehrte zurück, um dem Könige zu ſagen, daß er fürchtete, daß die Ueberfahrt, welche er für frei hielt, beſetzt wäre, daß er daher dort bleiben und warten müßte, wo er wäre. Der König hielt an; der Bauer ging weiter, und nach Verlauf einer Viertelſtunde kehrte er zurück, um zu ſagen, daß die Ueberfahrt in der That beſetzt wäre, daß er die Pferde auf der Weide verloren hätte, und daß er ſie ſuche, ohne ſie finden zu können. Beſtürzung bemächtigte ſich der kleinen Schaar, welche auf der Stelle beſchloß, daß man wieder umkehren müßte; aber der König widerſetzte ſich dieſem Rückzuge aus allen Kräften, und der Bauer, welcher ſah, wie ſehr es ſeinem erlauchten Begleiter zuwider war wieder umzukehren, erbot ſich, einen neuen Verſuch zu machen und zu ver⸗ ſuchen, ob er eine andere Ueberfahrt finden würde; der Anführer und die beiden Schnapphähne, bei denen die — 165— Dünſte des Branntweins verraucht waren, wollten ſich zu nichts verſtehen. Der König war genöthigt, ihnen die Freiheit zu laſſen, ſich allein zurückzuziehen, wenn ihnen das behagte. Nun legten ſie ſich, wie Weiber, ſtöhnend auf den Boden, indem ſie ſagten, daß man ſie einem ge⸗ wiſſen Tod entgegengehen ließe. Inzwiſchen kehrte der Bauer zurück, er hatte eine Ueberfahrt gefunden. Der König begab ſich wieder auf den Weg, und er⸗ reichte in der That nach Verlauf einer halben Stunde den Damm, ohne eine ſchlimme Begegnung gehabt zu haben. Auf dieſem Damme ſah oder hörte man vielmehr einen moskowitiſchen Karren herankommen. Der König ſtellte ſich mit ſeinen Leuten zur Seite, und der Führer des Kar⸗ rens fuhr vorüber, ohne Jemand zu ſehen. Hundert Schritte weit von dort ließ man die Pferde zurück, um eine Viertelmeile weit zu Fuß zurückzulegen; als dieſe Viertelmeile zurückgelegt war, verbarg man ſich in dem Geſtrüpp, während der Bauer von neuem auf Kundſchaft ausging. Nach Verlauf eines Augenblickes hörte man das Plätſchern von Rudern. Der Schiffer kam, den König am Ufer des Fluſſes abzuholen, und die Flüchtlinge ſchifften ſich ein. Im Begriffe, an dem andern Ufer zu landen, nahm der König ſeinen Wirth bei Seite, und indem er eine Hand voll jener Ducaten aus ſeiner Taſche zog, die ihm ſo ſehr läſtig waren, und mit denen ſich Steinflicht glücklicherweiſe nicht ganz hatte belaſten wollen, drückte er ſie dem wackeren — 166— Manne in die Hand, welcher, den Kopf ſchüttelnd, anfangs jede Belohnung zurückwies, und am Ende auf die drin⸗ genden Bitten des Königs ehrfurchtsvoll zwei Ducaten aus der erlauchten Hand nahm, die ſich nach ihm aus⸗ ſtreckte. Das war Alles, was er anzunehmen einwilligte. Sobald er ſich auf dem andern Ufer der Weichſel befand, bedurfte der König ſeiner nicht mehr. Nachdem er den König auf das Ufer geſetzt, nachdem er ehrfurchts⸗ voll den Schooß ſeines groben Rockes geküßt, fuhr er daher auch wieder mit dem Fiſcher über den Fluß zurück. Hundert Schritte weit von der Weichſel erblickte man ein großes Dorf. Der König langte dort mit Tagesanbruch an. In der Meinung, nichts mehr zu fürchten zu haben, warfen ſich der Anführer und die beiden Schnapphähne dort auf ein Bett, in welchem ſie in den Federn ver⸗ ſchwanden, aus denen ſie kein Bitten herauszulocken ver⸗ mochte. Der König ſah nun, daß er ſich auf ſich ſelbſt ver⸗ laſſen müßte, um ein neues Transportmittel zu finden. Er weckte einen Bauer und überredete dieſen Mann ſo lange, daß er einwilligte, einen Wagen, wie und zu welchem Preiſe er auch ſein möchte, zu ſuchen. Nur beging der König den Fehler, ſeinen Boten vor⸗ auszubezahlen, ſo daß ſein Bote toll und voll betrunken zurückkehrte. Inzwiſchen hatte er, ſo betrunken er auch war, den Verſtand gehabt, ſeinen Auftrag ſo ziemlich auszuführen. Er führte einen Mann zurück, der einen Karren voller — 167— Waaren leihen wollte, aber unter ders Bedingung, daß man den Preis derſelben hinterlege. Der König bot ſich an, ſie zu kaufen. Der Handel wurde mittelſt fünfundzwanzig Ducaten abgeſchloſſen, und der König befand ſich im Beſitze eines Lagers ſächſiſcher Leinwand. Indeſſen hatte der in der Eile auf der Straße, in Gegenwart der Vorüberkommenden gemachte Handel einige Perſonen zuſammengezogen. Es handelte ſich daher darum, ohne Zeitverluſt aufzubrechen, als einer der Schnapphähne, indem er ohne Zweifel die Willfährigkeit ſah, mit welcher der König ſein Geld hergab, aus dem Hauſe kam, in dem er ein bis zwei Stunden geruht hatte, und ganz laut die Dienſte zu rühmen, welche er und ſeine Begleiter dem Könige erwieſen hätten, und die Belohnung dafür zu ver⸗ langen begann, und nach ſeiner Meinung mußte dieſe Be⸗ lohnung um ſo höher und um ſo weniger von dem Könige gehandelt ſein, als er ſeine Freiheit und ſein Leben gewagt hätte; dem zu Folge verlangte er daher und zwar auf der Stelle die Belohnung für alles das zu erhalten. Die Lage wurde ſchwierig; die Menge ſchien wie im⸗ mer bereit, Parthei für den Fordernden zu nehmen, als zum großen Erſtaunen des Königs der Anführer aus dem Hauſe kam, dem Manne ſeine Trunkenheit vorwarf, und indem er ſich an das Volk wandte, hinzufügte: — Glaubt kein Wort von dem, was dieſer Schelm da ſagt; wenn er betrunken iſt, ſo iſt es ſeine Gewohnheit, ſeine Kameraden für große Herren zu halten, und von gsea ——õ—— —— 2 — 168— ihnen die Belohnung für Dienſte zu verlangen, die er ihnen nicht erwieſen hat. Indem er ihn hierauf bei dem Arme packte, ließ er ihn unter dem Geſpött der Anweſenden in das Haus zu⸗ rückkehren. Es war keine Zeit zu verlieren, der König ſandte den ſeiner beiden Schnapphähne, welcher nicht betrunken war, an den Geſandten zurück, ließ den auf den Wagen ſteigen, welcher es war, ſetzte ſich neben ihn und vertraute dem Anführer die Leitung des Pferdes und des Wagens an. Man verließ das Dorf ohne nach irgend einem Wege zu fragen, denn für den Fall von Verfolgung wollte man keine Spur der Vorüberkunft des Königs zurücklaſſen. Der König orientirte ſich auf Vermuthungen hin, und da es ſich jetzt darum handelte, über den Nogat zu gehen, ſo verſuchte der König den Punkt zu erreichen, wo er ſich von der Weichſel trennt, indem er Marienburg zur Linken läßt, worin ſich eine feindliche Beſatzung befand. Die kleine Caravane zog durch verſchiedene von Sach⸗ ſen oder Moskowiten bewohnte Dörfer, ohne daß weder die Einen noch die Andern ſich ihrem Durchzuge wider⸗ ſetzten; und gegen acht Uhr Abends langte man an dem Ufer eines Fluſſes an. Eine Schenke befand ſich an dieſem Fluſſe, und einige Schritte weit von der Schenke ein alter offener Nachen; die Leute des Königs riefen nun aus, daß ſie ſich an dem Ufer des Nogat befänden, und daß ihnen die Vorſehung ſelbſt dieſen Nachen ſende, um über denſelben zu fahren. Schon beſchäftigten ſie ſich damit, das kleine Fahrzeug — 169— in das Waſſer zu ſchieben, als der König ſich bei einem Bauer erkundigte, wie dieſer Fluß hieße, an dem er an⸗ gehalten wäre. Dieſer Fluß war die Weichſel, der Nogat befand ſich anderthalb Stunden weiterhin. Wenn der König ſich nicht erkundigt hätte, ſo wuͤrde er ſich wieder auf dem andern Ufer des Fluſſes befunden haben, das zu verlaſſen er ſo viel Mühe gehabt hatte. Es war ſchwierig, die Gegend mit dem Wagen zu er⸗ reichen, das Pferd war kreuzlahm durch den übertriebenen Marſch, den es zurückgelegt hatte. Der König trat in die Schenke, gab ſich für einen Fleiſcher von Marienburg aus, der über die Nogat zu gehen wünſchte, um Vieh anzukau⸗ fen, und fragte, ob es möglich wäre, ſich ein Schiff zu verſchaffen. Der Wirth ſchüttelte den Kopf; nach ſeiner Ausſage waren alle Schiffe, ſelbſt die kleinſten, von den Ruſſen genommen und nach Marienburg wegen der polniſchen Partheigaͤnger geführt worden, welche auf der anderen Seite herumzogen. Noch ein Hinderniß, das ſich in dem Augenblicke zeigte, wo man der Rettung nahe war. Der König brachte die Nacht in einer Scheune zu, eine ſchlafloſe Nacht, wie alle die, welche verfloſſen waren, ſeitdem er Danzig verlaſſen hatte; eine einzige Nacht hatte er geruht, nämlich die Nacht, welche er bei dem Bauer zugebracht, der ihn erkannt hatte. Mit Tagesanbruch beſtieg der König ſeinen Karren wieder, indem er auf abſcheulichen Wegen dem Damme — — 170— entlang fuhr. Nach Verlauf von zwei Stunden der Fahrt traf man ein Dorf an. Der König ſtieg von ſeinem Kar⸗ ren, trat in ein Haus und gab ſich, wie am Tage zuvor, für einen Fleiſcher von Marienburg aus, der auf der an⸗ dern Seite des Nogat Vieh kaufen wollte. — Das trifft ſich vortrefflich, ſagte die Wirthin zu ihm, und Sie haben nicht nöthig, über den Fluß zu gehen. Ich habe Vieh zu verkaufen, und da ich billig bin, ſo bin ich überzeugt, daß wir einig werden. — Das iſt unmöglich, antwortete der König, da ich meine Ankäufe mit Geld machen muß, das man mir auf der andern Seite des Fluſſes ſchuldig iſt; ſobald ich das Geld eingenommen, ſage ich nicht, daß wir nicht ein Ge⸗ ſchäft miteinander machen werden, aber, wie Sie ſehen, iſt in dieſem Augenblicke das Wichtige für mich, mein Geld einzuziehen. — Aber wie werden Sie es anfangen, da kein einzi⸗ ges Schiff vorhanden iſt? — Bah! äußerte der König, irgend etwas ſagt mir, daß Sie mir eines finden werden. — Nun denn, ſagte ſie, ich ſehe wohl, daß Sie ein wackerer Mann ſind und daß Sie nöthig haben, über den Fluß zu gehen.— Wohlan, ich will Ihnen meinen Sohn geben. Es befindet ſich an dem andern Ufer ein ihm be⸗ freundeter Fiſcher, der ein Schiff an ſeinem Hauſe ange⸗ bunden hat. Auf ein Signal wird er Sie abholen. Gehen Sie, und möge Gott Sie aus der Verlegenheit führen, in welcher ich Sie ſehe. Der König dankte dieſer Frau. Hatte auch ſie ihn — 171— erkannt? Er hat es niemals erfahren, aber indem er mit ihrem Sohne auf den Karren ſtieg, begab ſich der König an das Ufer des Nogat. Dort gab der junge Mann das Signal. Augenblicklich kam der Fiſcher aus dem Hauſe und fuhr über den Fluß. Der König trat mit einem ſeiner Leute in das Schiff, indem er den andern bei dem Karren ließ und ihm ver⸗ ſprach, ihm ſeinen Kameraden zurückzuſenden. Auf das andere Ufer gelangt, erhob der König die Hände und die Augen gen Himmel; er war gerettet. Nun verabſchiedete der König ſeinen Schnapphahn, gab ihm einen Brief an den Geſandten, welcher Herrn von Monti aufforderte, den drei Männern die verſprochene Be⸗ lohnung zu geben, da der König wohlbehalten auf dem anderen Ufer des Nogat angekommen wäre. Indem er hierauf nach einem Dorfe, Namens Biala⸗ gora ging, kaufte der König daſelbſt einen andern Wagen mit zwei Pferden. 1 Am ſelben Abende hielt Stanislaus, der von nun an außer aller Gefahr war, in dieſem Wagen ſeinen Einzug in Marienwerder. Was die Franzoſen anbetrifft, ſo wurde ihnen an dem Tage, wo die Stadt ſich ergab, ihr Muth angerech⸗ net. Befehle kamen von den Höfen von Wien und von Nußland an, daß ſie nicht als Kriegsgefangene behandelt würden, ſondern als freie und verbündete Fremde. Sei es nun wahre Bewunderung dieſer glänzenden Thorheit, oder ſei es, daß die Czarin und der Kaiſer es nicht mit — — 172— dem Kabinette von Verſailles verderben wollten, dieſe beiden Fürſten erzeigten den Offizieren eine Menge von Artigkei⸗ ten; beſonders die Czarin überſandte jedem von ihnen einen vollſtändigen Anzug von ruſſiſchem, in Rußland angefer⸗ tigten, geſtickten und zugeſchnittenem Tuche. So endigte ſich der dem Könige Stanislaus Leczinski ſo verhängnißvolle Feldzug. Er ließ das reinſte dieſes edlen polniſchen Blutes fließen, das ſeit einem Jahrhun⸗ derte nur zu verlangen ſcheint, auf allen Schlachtfeldern Europas vergoſſen zu werden. Stanislaus Poniatowski verſetzte ihm den letzten Streich, indem er ſich zum Mitſchuldigen Katharinens machte, und dreißig Jahre nachher gleichfalls den Thron beſtieg. Die Kanonen von Danzig hatten Europa in Flammen geſetzt. Eine Schmach war den franzöſiſchen Waffen von den Ruſſen und den Kaiſerlichen zugefügt worden. Man konnte die hinter der Wolga und dem Niemen verſchanzten Ruſſen nicht erreichen, aber man konnte Oeſtreich in Deutſchland und in Italien erreichen. Spanien, unſere Schweſter, bot uns die Hand. Jede Spur von Uneinigkeit war zwiſchen Philipp V. und Ludwig XV. verſchwunden. Die Geburt von zwei Prinzen hatte das Haus Orleans beſeitigt, und dem Enkel Ludwigs XIV. jede Möglichkeit genommen, von der Ver⸗ einigung der beiden Reiche zu träumen. Außerdem war Spanien, wie Frankreich, bei der Erniedrigung des Hauſes Oeſtreich intereſſirt. Hatte ⏑ 82— — 173— es nicht in Italien Neapel und Parma zurückzuver⸗ langen? Hier iſt der beſchloſſene Feldzugsplan. Eine Armee ſollte durch Lothringen und die drei Bis⸗ thümer ziehen, und Philippsburg, dieſen Schlüſſel von Deutſchland, belagern. Sobald Philippsburg genommen, würde man in das Herz von Schwaben dringen, und durch Deutſchland Po⸗ len die Hand reichen. Ein anderes Heer würde mit Huͤlfe der Piemonteſen, unſerer Verbündeten, über die Alpen gehen und gegen Mailand rücken, während ein Corps ſpaniſcher Truppen, indem es die Halbinſel von der andern Seite angriff, in Neapel landen und von Oſten nach Weſten marſchiren würde, während wir von Weſten nach Oſten marſchirten. Die beiden commandirenden Generäle dieſer beiden Armeen waren für die Armee von Deutſchland der Herzog von Berwick. Für die Armee von Italien der Marſchall von Vil⸗ lars. Der Herzog von Berwick, Jakob Fitz⸗James, war der natürliche Sohn Jakobs II. und Arabella Churchills, Schweſter des Herzogs von Malborough. Er war am 21. Auguſt 1670 geboren. Er war im Alter von ſieben Jahren nach Frankreich geſandt, und in Fuilly au Pleſſis und in La Floͤche erzogen worden; er hatte ſeine erſten Waffenthaten in Ungarn gethan. Im Jahre 1703 hatte er ſich in Frankreich naturaliſiren laſſen. Im Jahre 1704 hatte er in Spanien commandirt; im Jahre 1706 war — 174— er zum Marſchall von Frankreich gemacht worden; er hatte ſich daher nach einander in Spanien, in Flandern und am Rheine geſchlagen. Der Frieden hatte ihn im Jahre 1719 verlaſſen, der Krieg hatte ihn im Jahre 1734 wieder aufgenommen. Er war älter als 64 Jahre. Er war ein unermüdlicher, kühner und kaltblütiger Mann. Wir kennen den, zu der Zeit, zu welcher wir gelangt ſind, mehr als achtzigjährigen Marſchall von Villars, er war trotz ſeines hohen Alters immer noch derſelbe Mann, und die Laſt ſeiner einundachtzig Jahre hatte von der Ueberſpannung ſeines Stolzes und von dem Leichtſinne ſeines Charakters nichts genommen. Die Generäle, welche unter dem Herzoge von Berwick dienen ſollten, waren: Karl Ludwig Auguſt Fouquet, Graf von Belle⸗Isle, Enkel des berühmten Finanzminiſters, deſſes hohes Glück und tiefe Ungnade wir in der Geſchichte Ludwigs XIV. er⸗ zählt haben. Auch er hatte jene Launen des Schickſals erduldet, das ſeinem Geſchlechte eigenthümlich war. Unter der Re⸗ gentſchaft zum Generalmajor ernannt, hatte er in Spa⸗ nien den Familienkrieg mitgemacht. In die Ungnade Le⸗ blancs verwickelt, war er mit ihm unter dem Miniſterium des Herrn Herzogs in die Baſtille geſetzt worden, und hatte ſie nur verlaſſen, um auf ſeine Güter in die Ver⸗ bannung zu gehen. Endlich war er im Jahre 1732 zum Generallieutenant gemacht, und zum Commando eines — 175— der vier Luſtlager ernannt worden, die daſſelbe Jahr ge⸗ bildet wurden. Adrian Moriz von Noailles, im Jahre 1678 geboren. Wir ſind ihm bereits mehr als ein Mal unter dem Na⸗ men des Herzogs von Agen begegnet, den er in ſeiner Jugend führte. Er war Cornet in dem Cavallerieregi⸗ mente des Marſchalls von Noailles geweſen, hatte im Jahre 1693 eine Compagnie erlangt, zweiter Commandant einer Cavalleriebrigade im Jahre 1695, war er im Jahre 1702 zum Brigadier der Heere des Königs, endlich im Jahre 1704 zum Generalmajor, und bald nachher zum Generallieutenant erhoben worden. Claudius Franz Bidal, Chevalier von Asfeld. Zuerſt commandirender Oberſt eines Dragonerregiments, dann im Jahre 1694 Brigadier der Heere des Königs, dann im Jahre 1702 Generalmajor, dann endlich im Jahre 1704 Generallieutenant. Endlich Moriz, Graf von Sachſen, ein junger Mann von achtunddreißig Jahren, von dem wir bereits auf Ver⸗ anlaſſung der Mademoiſelle Adrienne Lecouvreur geſprochen haben; ein Held von Baſtardgeſchlecht wie Dunois und Berwickz Sohn Auguſts II., Churfürſten von Sachſen und Königs von Polen, der ſo eben geſtorben war, und der Gräfin Aurora von Königsmark. Moriz von Sach⸗ ſen, dem im Alter von zwölf Jahren bei Tournay ein Pferd unter dem Leibe getödtet und ſein Hut mit einer Kugel durchbohrt wurde, der in der Schlacht von Malpla⸗ quet, das heißt im Alter von dreizehn Jahren, die Kalt⸗ blütigkeit eines Mannes mitten in dem graͤßlichſten Blut⸗ — ———— — 175— bade behauptet hatte, von dem die Jahrbuͤcher des Jahr⸗ hunderts Erwähnung thun; der endlich mit ſechzehn Jah⸗ ren unverſehens in dem Dorfe Traknilz überrumpelt, da⸗ ſelbſt an der Spitze einer Hand voll von Soldaten eine ſo kräftige Vertheidigung ausgeführt hatte, daß die Ge⸗ 1 4 ſchichts ſchreiber ſie mit der Karls XII. bei Bender verglichen. Seit dieſer Zeit hatte ſich der Graf von Sachſen überall befunden, wo die Gelegenheit ihm geboten worden war, den Degen zu ziehen; bei Stralſund, bei Belgrad, bei Mitau. Endlich war der Krieg gegen Oeſterreich aus⸗ 4 gebrochen, und der Graf von Sachſen war als General⸗ major nach der Rheinarmee geſandt worden. — Fünf Prinzen von Geblüt trugen dort die Waffen G mit ihm. Der Graf von Charolois, der Prinz von Conti, der Prinz von Dombes, der Graf von Eu und der Graf von Clermont. Die Generäle, welche unter Herrn von Villars dienen ſollten, waren: Der König Karl Emanuel, geboren in Turin am 27. April 1701, nach der Abdankung ſeines Vaters Vic⸗ tor Amadeus II. als König von Sardinien und Herzog von Savoyen anerkannt. Franz Herzog von Broglie, am 11. Januar 1671 geboren, im Jahre 1687 Cornet im Küraſſierregiment, im Jahre 1690 Kapitän, im Jahre 1695 commandirender Obriſt, im Jahre 1702 Brigadier, im Jahre 1704 Gene⸗ ralmajor, im Jahre 1707 Generalinſpector der Cavallerie, endlich im Jahre 1710 Generallieutenant. BNͤ n — 477— Endlich Franz von Franquetot, Herzog von Coignh, der, am 16. März 1670 geboren, ſeine Grade einen nach dem andern, von dem des Corner bis zu dem des Gene⸗ rallieutenants erobert hatte. Die beiden kaiſerlichen Generale waren: Der Prinz Eugen, commandirender General der Ar⸗ mee von Deutſchland. Und der General von Merch, commandirender Gene⸗ ral der Armee von Italien. Wir kennen den berühmten Prinz Eugen, er iſt immer der Sieger von Zeuda, von Hoſchtedt, von Audenarde, von Malplaquet, von Peterwardein, der Sohn des Grafen von Soiſſons und Olimpia Mancini. Was den im Jahre 1666 geborenen Ferdinand Karl von Mercy anbelangt, ſo war er Freiwilliger bei der Ver⸗ theidigung des von den Türken belagerten Wien, Lieute⸗ nant in einem Küraſſierregimente, dann Major, dann Ge⸗ neralmajor, und endlich im Jahre 1719 zum Generalcom⸗ mandanten von Sizilien ernannt, war er trotz ſeiner 68 Jahre ein General der Ueberrumpelungen, plötzlicher Er⸗ ſcheinungen, der Märſche und Gegenmäarſche. Wir werden dieſem doppelten Einfalle nicht in ſeinen einzelnen Umſtänden folgen, wir werden nur die Haupt⸗ thatſachen und die Reſultate davon anführen. 3 „Im Norden war Lothringen ohne Schwertſtreich über⸗ fallen; das Herzogthum Bar erhielt eine Beſatzung; Phi⸗ lippsburg wurde belagert; der Marſchall von Berwick wurde durch eine Kugel getödtet, welche ihm die Bruſt durchbohrtez die Belagerung wurde von Asfeld, von Noail⸗ les und beſonders von Herrn von Belle⸗Isle fortgeſetzt; zweiunddreißig Tage nach Eröffnung der Laufgräben wurde die Stadt im Angeſichte des Prinzen Eugen genommen. Im Süden zog die franzöſiſch⸗piemonteſiſche Armee über den Po, manövrirte kühn ohne auf andere Hinder⸗ niſſe zu ſtoßen, als auf den Stolz und die üble Laune des Herrn von Villars, der beſtändig im Widerſpruche mit Ludwig der Fünfzehnte. 1. Band. 12² der Kühnheit der Bewegung und der Feſtigkeit des Ent⸗ ſchluſſes König Karl Emanuels war; glüͤcklicher Weiſe befiel das Fieber den Marſchall, er legte ſich zu Bett und ſtarb. So verloren die beiden franzöſiſchen Armeen im An⸗ fange des Feldzuges und faſt zu gleicher Zeit ihre beiden commandirenden Generäle, Generäle, welche zwanzig Jahre des Friedens mehr gealtert hatten, als vierzig Jahre des Krieges, die nicht mehr in Uebereinſtimmung mit den krie⸗ geriſchen Elementen waren, die in Bewegung zu ſetzen ſie berufen waren, und die verſchwanden, um den neuen Tac⸗ tiken Platz zu machen, welche den alten Theorien folgten. Der Tod von Berwicks und von Villars war die Erhebung des Chevalier von Follard und des Grafen von Sachſen. Das Commando der Armee von Italien fiel daher in die Hände von Broglies und von Coignys, wie das der Armee des Nordens in die Hände von Asfelds und von Noailles gefallen war. Kurz, die Kaiſerlichen hatten ſich in aller Eile bis nach Parma zurückgezogen, dort erſt fanden ſie die Stellung, welche ihrem commandirenden General behagte, um den Feind zu erwarten. Die Kaiſerlichen erwarteten uns nicht allein bei Par⸗ ma, ſondern ſie gingen auch noch von dem Rückzuge zum Angriffe über, entfalteten ſich mit wundervoller Ordnung, griffen uns in geſchloſſenen Colonnen und in großen Maſ⸗ ſen an, trieben die Regimenter von Berry und von Au⸗ vergne zurück, welche von dem Rückzuge zu der Flucht übergingen, als plötzlich der Graf von Mercy von einer Kugel getroffen todt zu Boden fiel. Bei dem unermeß⸗ lichen Jammer, den dieſe Nachricht in ihren Gliedern ver⸗ breitete, hielten die Kaiſerlichen an. Herr von Coignh be⸗ nutzte mit wunderbarem Scharfblicke dieſe Bewegung des Zögerns, befahl nach der Methode des Chevalier von Fol⸗ lard einen Angriff mit in Colonnen geſchloſſenen Regimen⸗ tern. Die Kaiſerlichen, welche angriffen, wurden nun ihrer Seits angegriffen. Die franzöſiſchen Regimenter machten — 179— in ihrem Centrum eine unermeßliche Lücke. Sie trennten ſich, zerſtreuten ſich und flohen, indem ſie acht Tauſend Mann auf dem Schlachtfelde zurückließen. In einem Zwiſchenraume von neunzehn Tagen erfuhr Ludwig XV. die Einnahme von Philippsburg und die Schlacht bei Parma; von Asfeld, von Noailles, von Bro⸗ glie und von Coigny wurden zu Marſchällen von Frank⸗ reich ernannt. Wir haben das geſehen, was ſich in Philippsburg und das, was ſich in Parma zutrug, ſehen wir jetzt das, was ſich in Neapel zutrug. Der Infant Don Carlos war am 29. Mär gelan⸗ det; Neapel hatte ihm ſeine Thore ohne Widerſtand ge⸗ öffnet, am 10. Mai hielt er ſeinen Einzug in die Haupt⸗ ſtadt, und als Vertreter aller Rechte des Königs, ſeines Vaters, auf das Königreich beider Sizilien, empfing er in ſeinem eigenen Namen die Huldigung aller Staͤnde des Staates. Am 25. deſſelben Monats waren die von dem Gene⸗ ral Wisconti commandirten Kaiſerlichen in ihren Verſchan⸗ zungen von Bitonto gefangen genommen. Am 15. Juni führte ein halb franzöſiſches, halb ſpaniſches Geſchwader von ſechzehn Galeeren dem neuen Könige eine Verſtärkung von achtzehn Bataillonen und zwei Tauſend fünf Hundert Pferden zu, mit denen Don Carlos Gaeta belagerte, das ſich am 6. Auguſt ergab. Achtzehn Tauſend Mann gingen nun über die Meer⸗ enge, um Sicilien Don Carlos zu unterwerfen. Die Kai⸗ ſerlichen gaben alle Pläbe auf. Auf dem feſten Lande hielten allein Capua, auf Sicilien, Meſſina und Shracus für das Römiſche Reich. In fünf Monaten war das ganze Gebiet der beiden Sicilien in den Händen der Spanier, und der Kaiſer ver⸗ lor das Königreich Neapel dafür, daß er einen König von Polen hatte machen wollen. In derſelben Zeit erlangten die Kaiſerlichen wieder ei⸗ nen kleinen Vortheil bei einer naͤchtlichen Ueberrumpelung, — 180— bei welcher der träge und ſchläͤfrige Marſchall von Broglie genöthigt war, mit der Hoſe in der Hand zu entfliehen. Aber am 19. September nahm der Marſchall von Broglie wieder ſeine Genugthuung bei Guaſtalla; das war eine zweite Schlacht bei Parma. Gegen Ende Juni 1735 hatten die Spanier ihre Ver⸗ bindung mit den Franzoſen und den Piemonteſen bewerk⸗ ſtelligt. Die Kaiſerlichen waren faſt gänzlich aus der Lom⸗ bardei verjagt, und wir hatten das ganze niedere und obere Mantua in Beſitz. Mantua blieb dem Kaiſer. In Deutſchland ſtanden wir vor den Thoren von Mainz, und obgleich der Prinz Eugen zwiſchen Heidelberg und Bruchſal lagerte, ſo fouragirten wir doch in der gan⸗ zen Pfalz. Die Vortheile der beiden Feldzüge von 1734 und 1735 ſind gänzlich für uns. Es war daher auch in Paris eine Schmähſchrift im Umlaufe, welche die gegenſeitige Lage der Mächte ſchilderte. Sie führte den Titel: Das Spiel von Europa, und war von Porträts der hauptſächlichſten Spieler begleitet. Frankreich. Verzeihung, es iſt an mir, zu ſpielen, ich habe die Vorhand. Spanien. Ich habe zwei Damen bei Seite gelegt, meine drei Könige ſind gut. Savoyen. Ich habe eine Quinte und Vierzehn, aber es fehlt mir noch der Stich. Preußen. Ich ſehe dem Spiele zu. Lorhringen. Ich habe die Karten gut gemiſcht, aber ich kaufe nichts. Der Kaiſer. Schlechtes Spiel! Ich fürchte den Neunziger. Der Türke. Ich werde die Karten zerreißen, wenn das ſo fort geht. England. Es iſt nicht an mir die Reihe, zu ſpielen. — 181— Portugal. Ich ſpiele nicht, aber ich leihe meinen Freunden Geld. Sachſen. Ich ſpiele mit zu viel Karten, ein einziger König würde mich gewinnen laſſen. Die dreizehn Kantone. Wir ſpielen alle Spiele, vorausgeſetzt, daß man die Karten bezahlt. Der Papſt. Ich ſpiele niemals, ich werde mich mit einem Jubiläum begnügen. Die Czarin. Ich habe weder König noch As, aber meine Löhnung iſt gut. Die Holländer. Wir haben Karte blanche, wir ſind daher vor dem Neunziger geſchützt, aber wir fürchten den Capot. Nur England, an dem nicht die Reihe war, zu ſpielen, wie die Carricatur ſagte, ſah unſere Spiele mit ſeiner gewöhnlichen Eiferſucht. Der Graf von Walpole wurde in dem Parlamente befragt. Das Haus Spanien, welches Neapel und Sicilien beſetzt hielt, die franzöſiſchen Armeen am Po und am Rheine beunruhigten die Whigs. Holland, das den Capot fürchtete, machte im Stillen den engliſchen Miniſtern ihre Bemerkungen. Herren von Philippsburg, beherrſchten die Franzoſen Belgien, und hatten nur die Hand auszuſtrecken, um Holland zu be⸗ rühren, nun aber hatten die Holländer die Kriege Ludwigs XIV. nicht vergeſſen. Preußen ſeinerſeits, das dem Spiele zuſah, drohte, als Beſchützerin der germaniſchen Freiheiten, ſich in das Spiel zu miſchen, wenn der Krieg einen zu deutſchen Charakter annähme. Von drei Seiten angegriffen, zog Walpole einen gehei⸗ men Vertrag mit dem Kardinal von Fleury aus ſeiner Taſche, in welchem der Kardinal von Fleurh einwilllggte, ſeine Marine in dem Verfalle zu halten, und den Engländern die Herrſchaft des Meeres und den Welthandel zu überlaſſen; das war ein Frankreich angelegter Zügel, den man es ihm fühlen laſſen würde, ſobald es daran dächte, ſich zu vergrößern. — 182— Die drei bei dem Frieden intereſſirten Maͤchte boten nun ihre Vermittelung an. Nichts war leichter, als zu einem Reſultate zu gelangen. Der Kardinal von Fleury war von keiner kriegeriſchen Natur, und der Kaiſer fühlte, daß der Prinz Eugen, indem er den Krieg, trotz der von ihm in dem Kabinette von Wien aufgeſtellten Meinung, führte, die Hälfte von jener Kraft verloren hätte, die er ehedem entfaltet. Die Unterhandlungen wurden daher angeknüpft, und am 3. October waren die Präliminarbedingungen feſtgeſetzt. Hier ſind ſie: 1) König Stanislaus ſollte die Krone von Polen nie⸗ derlegen, als deſſen König er indeſſen anerkannt würde, und von dem er alle Ehren und alle Titel behalten ſollte. Er ſollte auf der Stelle in den Beſitz des Herzogthums Bar geſetzt werden, und ſobald das Großherzogthum Tos⸗ cana dem Hauſe Lothringen zugefallen wäre, in das Herzogthum Lothringen, das ihm von dieſem Hauſe abgetreten würde. Die beiden Herzogthümer, Lothringen und Bar, ſollten nach dem Tode König Stanislaus mit der Krone von Frankreich vereinigt werden. Unter dieſen Bedingungen wurde König Auguſt als König von Polen und Großherzog von Lithauen anerkannt. 2) Das Großherzogthum Toscana ſollte nach dem Tode des gegenwärtigen Beſitzers dem Hauſe Lothringen angehören. Alle Mächte würden ihm die mögliche Erbfolge verbürgen, und bis zu dem Eintreten dieſes Ereigniſſes würde ihm Frankreich Rechenſchaft von den Einkünften Lothringens ablegen. 3) Die Königreiche Neapel und Sicilien ſollten Don Carlos angehören, der als deren König anerkannt werden ſollte. 4) Der König von Sardinien ſollte nach ſeiner Wahl die Gebiete von Novarra und von Tortona, oder die Ge⸗ biete von Tortona und von Vigevano erhalten. 5) Alle anderen abgenommenen Staaten, welche der Kaiſer veſaß, ſollten ihm zuruͤckgegeben werden. V — 183— Die Herzogthümer von Parma und von Piazenza ſollten ihm abgetreten werden. Die in Deutſchland von den Waffen Frankreichs ge⸗ machten Eroberungen ſollten ihm zurückgegeben werden. 6) Der König ſollte dem Kaiſer die pragmatiſche Sanction von 1713 verbürgen. 7) Endlich ſollten von einer wie von der andern Seite Commiſſäre ernannt werden, um die Gränzen des Elſaß und der Niederlande zu beſtimmen. Am 5. November 1735 wurde das Aufhören der Feindſeligkeiten in Deutſchland bekannt gemacht, und am 15. deſſelben Monats in Italien. Dieſer Frieden erhielt den Namen des Wiener Friedens. Das Merkn ürdige dabei für uns iſt, daß die europäi⸗ ſche Umgeſtaltung, welche er herbeigeführt hat, trotz den Erſchütterungen, die Europa ſeit Hundert Jahren empfun⸗ den, noch in unſeren Tagen in Kraft iſt. So iſt Frankreich noch heut zu Tage mit dem von Ludwig XIV. eroberten Elſaß und dem von Ludwig XV. hinzugefügten Lothringen das Frankreich des Hauſes Bour⸗ bon, und nicht das der Republik und Napoleons. So vergrößerte ſich das piemonteſiſche Königreich, das ſich ſpäterhin mit Genua vergrößern ſollte, um zwei Pro⸗ vinzen. 1 So iſt das von der jüngeren Linie der Bourbons von Spanien eroberte Königreich Neapel und Sicilien noch in den Händen KönigFerdinands, dem Erben dieſer jüngeren Linie. So iſt trotz der democratiſchen Revolution von Flo⸗ renz der Großherzog von Toscana, der Repraſenrant des Hauſes Lothringen, in ſeine Staaten zurückgekehrt. Endlich ſind die Herzogthümer Parma und Piazenza nur durch den Tod der Großherzogin Maria Louiſe von dem Hauſe des Kaiſers getrennt worden. Freilich werden wir vor Ablauf von zehn Jahren das Ende aller dieſer Mächte der Halbinſel ſehen, deren Anfang wir nicht geſehen haben. — 184— Die ganze Ehre dieſer beiden Feldzüge war für Frank⸗ reich; während der Jahre 1734, 1735 und 1736 waren daher auch alle Blicke auf unſere Armeen gerichtet, welche alles das ausführten, was ſich Wichtiges zutrug. Im Innern heirathete Herr von Richelieu die Prin⸗ zeſſin Sophie Eliſabeth von Lothringen, Tochter des Prin⸗ zen von Guiſe, welche ihm neun Monate nach der Verhei⸗ rathung einen Erben ſchenkte, der den Namen Herzog von Fronſac annahm. Der Graf von Belle⸗Isle wurde zum Ritter des hei⸗ ligen Geiſtordens ernannt. Der König machte den Herrn Herzog von Rivas, den Herrn Marquis von Puyſégur und den Fürſten von Tingry zu Marſchällen von Frankreich. Unſere alte Bekanntſchaft, die Prinzeſſin Charlotte Aglas von Valois, Erbprinzeſſin von Modena, kehrie nach Paris zurück. Der Dauphin ging im Alter von ſechs und einem halben Jahr in die Hände der Männer über. Der Herr Herzog von Maine ſtarb im Alter von 66 Jahren auf ſeinem Schloſſe Sceaux. Endlich wurde die Königin von einer neuen Prin⸗ zeſſin entbunden. Während dieſer drei Jahre war das Theater gänzlich von Voltaire und von Marivaux eingenommen. Voltaire ließ Alzire und den verlorenen Sohn aufführen. Und Marivaux das Vermächtniß und die fal⸗ ſchen Mittheilungen. Ende des erſten Bandes. Druck von C. Schumann in Schneeberg. fffffffffffffffnnnfſſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 V — 183— Die Herzogthümer von Parma und von Piazenza ſollten ihm abgetreten werden. Die in Deutſchland von den Waffen Frankreichs ge⸗ machten Eroberungen ſollten ihm zurückgegeben werden. 6) Der König ſollte dem Kaiſer die pragmatiſche Sanction von 1713 verbürgen. 7) Endlich ſollten von einer wie von der andern Seite Commiſſäre ernannt werden, um die Gränzen des Elſaß und der Niederlande zu beſtimmen. Am 5. November 1735 wurde das Aufhören der Feindſeligkeiten in Deutſchland bekannt gemacht, und am 15. deſſelben Monats in Italien. Dieſer Frieden erhielt den Namen des Wiener Friedens. Das Merkn ürdige dabei für uns iſt, daß die europäi⸗ ſche Umgeſtaltung, welche er herbeigeführt hat, trotz den Erſchütterungen, die Europa ſeit Hundert Jahren empfun⸗ den, noch in unſeren Tagen in Kraft iſt. So iſt Frankreich noch heut zu Tage mit dem von Ludwig XIV. eroberten Elſaß und dem von Ludwig XV. hinzugefügten Lothringen das Frankreich des Hauſes Bour⸗ bon, und nicht das der Republik und Napoleons. So vergrößerte ſich das piemonteſiſche Königreich, das ſich ſpäterhin mit Genua vergrößern ſollte, um zwei Pro⸗ vinzen. 1 So iſt das von der jüngeren Linie der Bourbons von Spanien eroberte Königreich Neapel und Sicilien noch in den Händen KönigFerdinands, dem Erben dieſer jüngeren Linie. So iſt trotz der democratiſchen Revolution von Flo⸗ renz der Großherzog von Toscana, der Repraſenrant des Hauſes Lothringen, in ſeine Staaten zurückgekehrt. Endlich ſind die Herzogthümer Parma und Piazenza nur durch den Tod der Großherzogin Maria Louiſe von dem Hauſe des Kaiſers getrennt worden. Freilich werden wir vor Ablauf von zehn Jahren das Ende aller dieſer Mächte der Halbinſel ſehen, deren Anfang wir nicht geſehen haben. — 184— Die ganze Ehre dieſer beiden Feldzüge war für Frank⸗ reich; während der Jahre 1734, 1735 und 1736 waren daher auch alle Blicke auf unſere Armeen gerichtet, welche alles das ausführten, was ſich Wichtiges zutrug. Im Innern heirathete Herr von Richelieu die Prin⸗ zeſſin Sophie Eliſabeth von Lothringen, Tochter des Prin⸗ zen von Guiſe, welche ihm neun Monate nach der Verhei⸗ rathung einen Erben ſchenkte, der den Namen Herzog von Fronſac annahm. Der Graf von Belle⸗Isle wurde zum Ritter des hei⸗ ligen Geiſtordens ernannt. Der König machte den Herrn Herzog von Rivas, den Herrn Marquis von Puyſégur und den Fürſten von Tingry zu Marſchällen von Frankreich. Unſere alte Bekanntſchaft, die Prinzeſſin Charlotte Aglas von Valois, Erbprinzeſſin von Modena, kehrie nach Paris zurück. Der Dauphin ging im Alter von ſechs und einem halben Jahr in die Hände der Männer über. Der Herr Herzog von Maine ſtarb im Alter von 66 Jahren auf ſeinem Schloſſe Sceaux. Endlich wurde die Königin von einer neuen Prin⸗ zeſſin entbunden. Während dieſer drei Jahre war das Theater gänzlich von Voltaire und von Marivaux eingenommen. Voltaire ließ Alzire und den verlorenen Sohn aufführen. Und Marivaux das Vermächtniß und die fal⸗ ſchen Mittheilungen. Ende des erſten Bandes. Druck von C. Schumann in Schneeberg. fffffffffffffffnnnfſſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18