Deutſch von Wilhelm Ludwig Weſché. ZBechzehnter Fheil. ——-— Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 18+4 6. ——— Die Dame von Monſoreau. Hiſtoriſcher Roman von Alexander Bumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Wilhelm Wudwig SWeſche. Zweiter Band. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1 8 4 6. Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. I. Wer Diana von Méridor war. Buſſy erhob ſich ganz berauſcht uͤber ſein Gluͤck, und trat mit Diana in den Salon, den Herr von Mon⸗ ſoreau ſo eben verlaſſen hatte. Er blickte Diana mit dem Erſtaunen der Bewun⸗ derung an; er hatte nicht geglaubt, daß die Frau, wel⸗ che er ſuchte, den Vergleich mit der Frau ſeines Trau⸗ mes aushalten koͤnnte, und jetzt uͤbertraf die Wirklichkeit das bei Weitem, was er fuͤr eine Laune ſeiner Einbil⸗ dungskraft gehalten hatte. Diana war achtzehn bis neunzehn Jahr alt, das und der Schoͤnheit, welche den Blumen ihren reinſten Schmelz, den Fruͤchten ihren reizendſten Sammet ver⸗ leihet; man konnte ſich uͤber den Ausdruck von Buſſys Blick nicht taͤuſchen. Diana fuͤhlte ſich bewundert, und * heißt, ſie war in dieſer erſten Entwickelung der Jugend es fehlte ihr die Kraft, Buſſy aus ſeinem Entzuͤcken zu * zeihen. —x Endlich ſah ſie ein, daß ſie dieſes zu viel ſagende Schweigen brechen muͤßte. — Ihr habt auf eine meiner Fragen geantwortet, mein Herr, aber nicht auf die andere: ich habe Euch gefragt, wer Ihr ſeid, und Ihr habt es mir geſagt, aber ich habe Euch auch gefragt, aus welcher Urſache Ihr Euch hier befaͤndet, und auf dieſe Frage habt Ihr Nichts geantwortet. — Aus den wenigen Worten, gnaͤdige Frau, welche ich von Eurer Unterredung mit Herrn von Monſoreau aufgefangen, habe ich erſehen, daß meine Gegenwart ſich auf eine ganz natuͤrliche Weiſe durch die Erzaͤhlung erklaͤren wuͤrde, welche Ihr die Guͤte gehabt habt, mir zu verſprechen. Habt Ihr mir nicht ſelbſt ſo eben geſagt, daß ich erfahren ſollte, wer Ihr waͤret? — O ja, Graf, ich will Euch Alles erzaͤhlen, ant⸗ wortete Diana, Euer Name hat mir genuͤgt, um mir gaͤnzliches Vertrauen einzufloͤßen, denn ich habe Euren Namen oft als den Namen eines muthigen Mannes aus⸗ ſprechen hoͤren, deſſen Biederkeit und deſſen Ehre man Alles anvertrauen koͤnnte. Buſſy verneigte ſich. — Aus dem Wenigen, was Ihr gehoͤrt habt, ſagte Diana, werdet Ihr verſtanden haben, daß ich die Toch⸗ ter des Barons von Méridor bin, und ich muß hinzu⸗ fuͤgen, daß ich die einzige Erbin eines der edelſten und aͤlteſten Namen von Anjou bin. 3 — Es gab dort einen Baron von Meridor, ſagte Buſſy, welcher, wiewohl er bei Pavia recht gut ſeine . 4 — 9— Freiheit retten konnte, ſein Schwerdt den Spaniern uͤber⸗ gab, als er den Koͤnig gefangen wußte, und der als ein⸗ zige Gunſt nur begehrt hatte, Franz l. nach Madrid zu begleiten, ſeine Gefangenſchaft theilte und ihn nur ver⸗ ließ, um in Frankreich ſeine Ausloͤſung zu unterhandeln. — Das iſt mein Vater, Herr, und wenn Ihr je⸗ mals den großen Saal des Schloſſes von Méridor betre⸗ tet, ſo werdet Ihr das Portrait Koͤnig Franz I. von der Hand Leonardo da Vinci's gemalt erblicken, welches als Erinnerung an dieſe treue Aufopferung ihm verehrt ward. — Ach, ſagte Buſſy, zu jener Zeit verſtanden die Fuͤrſten noch, ihre Diener zu belohnen. — Bei ſeiner Ruͤckkehr aus Spanien verheirathete ſich mein Vater. Zwei erſtgeborne Kinder, zwei Soͤhne ſtarben. Das war ein großer Schmerz fuͤr den Baron von Meridor, welcher die Hoffnung verlor, ſich in einem Erben wieder aufleben zu ſehen. Bald darauf ſtarb auch der Koͤnig, und der Schmerz des Barons verwandelte ſich in Verzweiflung, er verließ einige Jahre nachher den Hof, und vergrub ſich mit ſeiner Gattin in ſein Schloß Méridor. Dort wurde ich, zehn Jahre nach dem Tode meiner Bruͤder, wie durch ein Wunder geboren. Nun uͤbertrug ſich die ganze Liebe des Barons auf das Kind ſeines Alters; ſeine Zuneigung fuͤr mich war keine Zaͤrtlichkeit, ſie war Abgoͤtterei. Drei Jahre nach meiner Geburt verlor ich meine Mutter, gewiß war das eine neue Marter fuͤr den Baron. Aber, zu jung, um dasjenige zu begreifen, was ich verloren hatte, hoͤrte ———n 8 — 10— ich nicht auf zu laͤcheln, und mein Laͤcheln troͤſtete ihn uͤber den Tod meiner Mutter. Ich wuchs heran, ich entwickelte mich unter ſeinen Augen. Da ich Alles fuͤr ihn war, ſo war auch er, der arme Vater, Alles fuͤr mich. Ich erreichte mein ſechzehn⸗ tes Jahr, ohne zu ahnen, daß es eine andere Welt gaͤbe, als die meiner Schafe, meiner Pfauen, meiner Schwaͤne und meiner Turteltauben, ohne zu bedenken, daß dieſes Leben jemals endigen koͤnnte, und ohne zu wuͤnſchen, daß es endige. Das Schloß Meridor war mit an hen Her⸗ zoge von Anjou angehoͤrigen Waldungen un geben; ſie waren mit Damhirſchen, Rehen und Hirſchen bevoͤlkert, die zu quaͤlen Niemandem einfiel, und welche die Ruhe, in der man ſie ließ, vertraut machte; alle waren mehr oder minder mit mir bekannt; einige waren ſo an meine Stimme gewoͤhnt, daß ſie her bieilten, wenn ich ſie rief, eine Hirſchkuh unter anderen, meine Beguͤnſtigte, mein Liebling, Daphne, die aenhe Daphne, kam aus meiner Hand zu freſſen. Eines Fruͤhjahrs ſah ich ſie Kinen Monat lang nicht, ich hielt ſie fuͤr verloren und hatte ſie wie eine Freundin beweint, als ich ſie ploͤtzlich mit zwei kleinen Hirſchkaͤl⸗ bern wieder erſcheinen ſah, anfangs fuͤrchteten ſich die Kleinen vor mir, da ſie aber ihre Mutter mich liebkoſen ſahen, ſo verſtanden ſie, daß ſie Nichts zu fuͤrchten hat⸗ ten, und kamen auch mich zu liebkoſen. Gegen dieſe Zeit hin verbreitete ſich das Geruͤcht, daß der Herzog von Anjou einen Unterſtatthalter in die Haupt⸗ 8 Leute anzutreffen, und ſie zu bitten, dieſe Verfolgung —*11— ſtadt der Provinz geſchickt haͤtte. Einige Tage nachher wußte man, daß dieſer Unterſtatthalter angekommen waͤre, und daß er ſich Graf von Monſoreau nenne. Warum traf mich dieſer Name im Herzen, als ich ihn ausſprechen hoͤrte? Ich vermag mir dieſe ſchmerzliche Empfindung nur durch eine Ahnung zu erklaͤren. Acht Tage verfloſſen. Man ſprach in der ganzen Gegend viel und ſehr verſchiedentlich uͤber den Herrn von Monſoreau. Eines Morgens erſchallten die Waͤlder von Hoͤrnerklang und Hundegebell, ich eilte bis an das Gitter des Parkes, und langte gerade zur rechten Zeit an, um Daphne, von einer Meute verfolgt, wie der Blitz voruͤber kommen zu ſehen; ihre beiden Kaͤlber folg⸗ ten ihr. Einen Augenblick nachher ſprengte ein Mann auf ei⸗ nem ſchwarzen Pferde, das Fluͤgel zu haben ſchien, gleich einer Erſcheinung voruͤber, das war Herr von Mon⸗ ſoreau. Ich wollte einen Schrei ausſtoßen, ich wollte um Gnade fuͤr meinen armen Schuͤtzling bitten, aber er hoͤrte meine Stimme nicht, oder gab nicht Acht darauf, ſo ſehr war er durch das Feuer ſeiner Jagd fortgeriſſen. Nun, ohne mich mit der Beſorgniß zu beſchaͤftigen, welche ich meinem Vater verurſachen wuͤrde, wenn er 3 meine Abweſenheit bemerkte, eilte ich in der Richtung fort, in welcher ich die Jagd ſich hatte entfernen ſehen; ich hoffte entweder den Grafen ſelbſt oder einige ſeiner unterbrechen, welche mir das Herz zerriß.. ———ͤͤEEêgêgégégE So eilend, ohne zu wiſſen, wohin ich ginge, legte ich eine halbe Stunde zuruͤck; ſeit langer Zeit hatte ich die Hirſchkuh, Meute und Jaͤger aus dem Geſichte ver⸗ loren. Bald hoͤrte ich das Gebell nicht mehr, ich ſank an dem Fuße eines Baumes zu Boden und begann zu weinen. Ich befand mich ungefaͤhr ſeit einer Viertel⸗ ſtunde dort, als ich in der Ferne das Getoͤſe der Jagd zu erkennen glaubte; ich irrte mich nicht, dieſes Getoͤſe naͤherte ſich von Moment zu Moment; in einem Augen⸗ blicke war es in ſo geringer Entfernung, daß ich nicht zweifelte, die Jagd muͤſſe ſo nahe voruͤber kommen, daß ich ſie ſehen koͤnnte. Ich ſtand auf der Stelle auf und eilte in der Richtung fort, von wo ſie ſich mel⸗ dete. In der That, ich ſah in einer Lichtung die arme keuchende Daphne voruͤberkommen, ſie hatte nur noch ein einziges Kalb; das andere hatte der Ermuͤdung un⸗ terlegen und war ohne Zweifel von den Hunden zerriſſen worden. Sie ſelbſt wurde ſichtlich muͤde; der Raum zwiſchen ihr und der Meute war minder groß, als das erſte Mal; ihr Lauf war zu ſtoßweiſen Spruͤngen geworden, und als ſie vor mir voruͤber kam, ſchrie ſie traurig. — Wie das erſte Mal bemuͤhete ich mich vergebens, gehoͤrt zu werden. Herr von Monſoreau ſah Nichts, als das Wild, das er verfolgte; das Horn am Munde und raſend blaſend, ſprengte er noch ſchneller voruͤber, als da ich ihn zuerſt geſehen hatte. Hinter ihm feuerten drei his vier Jaͤger mit Horn — 13— und Stimme die Hunde an. Dieſer Wirbel von Gebell, Hoͤrnerklang und Geſchrei zog wie ein Sturmwind vor⸗ uͤber, verſchwand in dem Dickigt des Waldes und erſtarb in der Ferne. Ich war verzweifelt; ich ſagte mir, daß wenn ich mich nur funfzig Schritte weiter hin an dem Saume befunden haͤtte, er mich geſehen, und dann auf meine Bitte ohne Zweifel das arme Thier begnadigt haben wuͤrde. Dieſer Gedankesbelebte meinen Muth wieder; die Jagd konnte ein drittes Mal in meiner Naͤhe voruͤber kommen. Ich folgte einen ganz mit ſchoͤnen Baͤumen beſetzten Wege, den ich als den Weg nach dem Schloſſe Beaugs erkannte. Dieſes Schloß, welches dem Herzoge von Anjou gehoͤrte, lag ungefaͤhr drei Stunden weit von dem Schloſſe meines Vaters. Nach Verlauf einer Minute erblickte ich es, und jetzt erſt dachte ich daran, daß ich drei Stunden Weges zu Fuß zuruͤckgelegt hatte, und daß ich allein und weit von dem Schloſſe Méridor entfernt waͤre. Ich geſtehe, daß ſich ein unbeſtimmter Schrecken meiner bemaͤchtigte, und daß ich erſt in dieſem Augen⸗ blicke an die Unvorſichtigkeit und ſelbſt Unſchicklichkeit meines Benehmens dachte. Ich ging an dem Ufer des Teiches entlang, denn ich gedachte den Gaͤrtner, einen wackeren Mann, der mir, wenn ich bis dahin mit mei⸗ nem Vater gekommen war, praͤchtige Straͤuße geſchenkt hatte, zu bitten mich zuruͤck zu fuͤhren, als ſich ploͤtzlich die Jagd von Neuem hoͤren ließ. Ich blieb regungslos —õõm — 14— und forſchend. Das Getoͤſe nahm zu. Ich vergaß Alles. Faſt in demſelben Augenblicke ſprang auf der anderen Seite des Teiches die Hirſchkuh aus dem Walde, aber ſo nahe verfolgt, daß ſie im Begriffe ſtand erreicht zu werden. Sie war allein, ihr zweites Kalb war auch ge⸗ fallenz der Anblick des Waſſers ſchien ihr wieder Kraͤfte zu geben, ſie ſog die Friſche durch ihre Naſenloͤcher ein, und ſprang in den Teich, als ob ſie haͤtte zu mir kom⸗ men wollen. Anfangs ſchwamm ſie raſch, und ſchien ihre ganze Energie wieder bekommen zu haben. Ich ſah ihr mit Thraͤnen in den Augen, mit ausgeſtreckten Armen und faſt eben ſo athemlos als ſie, zuz aber unmerklich er⸗ ſchoͤpften ſich ihre Kraͤfte, waͤhrend im Gegentheile die der Hunde, durch das bevorſtehende Jaͤgerrecht angefeuert, ſich zu verdoppeln ſchienen. Bald erreichten ſie die beute⸗ gierigſten Hunde, und durch ihren Biß aufgehalten, hoͤr⸗ te ſie auf weiter zu kommen. In dieſem Augenblicke er⸗ ſchien Herr von Monſoreau an dem Saume des Wal⸗ des, ſprengte bis an den Teich und ſprang von ſeinem Pferde Nun ſammelte ich alle meine Kraͤfte, um mit gefalteten Haͤnden: Gnade! zu rufen. Es ſchien mir, als ob er mich hemerkt haͤtte, und ich rief von Neuem und noch ſtaͤrker, als das erſte Mal. Er hoͤrte mich, denn er erhob den Kopf, und ich ſah ihn nach einem Nachen eilen, deſſen Kette er losmachte, und mit dem er ſich raſch dem Thiere naͤherte, das ſich in Mitte der ganzen Meute, die es erreicht hatte, abkaͤmpfte. Ich zweifelte nicht, daß geruͤhrt durch meine Stimme, durch — — meine Geberden und durch meine Bitten, ſich Herr von Monſoreau ſo eilte, um ihm Huͤlfe zu leiſten, als ich ihn ploͤtzlich, in der Naͤhe Daphnes angelangt, ſeinen Hirſchfaͤnger ziehen ſah; ein Sonnenſtrahl, der ſich auf ihm ſpiegelte, ließ einen Blitz aus ihm ſpruͤhen, dann verſchwand der Blitz: ich ſtieß einen Schrei aus, die ganze Klinge hatte ſich in die Gurgel des armen Thieres geſenkt. Eine blutige Welle ſprudelte hervor, und faͤrb⸗ te das Waſſer des Teiches roth. Die Hirſchkuh ſchrie in ihrem Todeskampf auf klaͤgliche Weiſe, ſchlug das Waſſer mit ihren Fuͤßen, richtete ſich faſt gerade auf, und ſank todt zuruͤck. Ich ſtieß einen faſt eben ſo ſchmerzlichen Schrei aus, als den ihrigen, und ſank ohnmaͤchtig auf das Ufer des Teiches. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Zim⸗ mer des Schloſſes Beaugé, und mein Vater, den man hatte holen laſſen, weinte an meinem Bette. Da es nichts Anderes, als eine, ohne Zweifel durch die Ueberreizung des Laufens hervorgebrachte nervoͤſe Kriſis war, ſo konnte ich ſchon am folgenden Tage nach Meridor zuruͤckkehren. Indeſſen huͤtete ich waͤhrend drei bis vier Tagen das Zimmer. Am vierten ſagte mir mein Vater, daß Herr von Monſoreau, welcher mich in dem Augenblicke geſehen, wo man mich ohnmaͤchtig forttrug, waͤhrend der ganzen Zeit, daß ich leidend geweſen, gekommen ſei, um ſich nach meinem Befinden zu erkundigen; er war untroͤſtlich geweſen, als er erfahren, daß er die unfreiwillige Urſache — 16,— des Unfalles waͤre, und hatte verlangt, ſich bei mir zu entſchuldigen, indem er ſagte, daß er nicht eher gluͤcklich ſein wuͤrde, als bis er die Vergebung aus meinem Mun⸗ de hoͤre. Es waͤre laͤcherlich geweſen, ſeinen Beſuch abzuwei⸗ ſen; trotz meines Widerwillens willigte ich darein. Am folgenden Tage erſchien er, ich hatte das Laͤcher⸗ liche meiner Lage eingeſehn: die Jagd iſt ein Vergnügen, welches die Frauen oft ſelbſt theilen; ich war es dem⸗ nach, die ſich in gewiſſer Art uͤber dieſe laͤcherliche Ge⸗ mmüͤthserſchuͤtterung vertheidigte, welche ich auf die Zaͤrt⸗ lichkeit ſchob, die ich fuͤr die arme Daphne hegte. Nun ſpielte der Graf den Untroͤſtlichen und zwanzig Male verſicherte er mir auf ſeine Ehre, daß, wenn er haͤtte errathen koͤnnen, daß ich irgend eine Theilnahme fuͤr ſein Opfer hegte, er ein großes Gluͤck darin gefun⸗ den haben wuͤrde, es zu verſchonen. Doch ſeine Betheu⸗ rungen uͤberzeugten mich nicht, und der Graf entfernte ſich, ohne daß er den ſchmerzlichen Eindruck aus meinem Herzen haͤtte verwiſchen koͤnnen, den er in ihm hervor⸗ gebracht. Als er uns verließ, bat der Graf meinen Vater um die Erlaubniß wiederkommen zu duͤrfen. Er war in Spanien geboren und in Madrid erzogen worden; fuͤr den Baron war es ein Reiz, von einem Lande zu ſpre⸗ chen, in dem er ſich ſo lange aufgehalten hatte. Außer⸗ dem war der Graf von guter Geburt, Unterſtatthalter der Provinz, und, wie man ſagte, der Guͤnſtling des Herzogs von Anjou; mein Vater hatte alſo keinen Grund, — 17— das Verlangen auszuſchlagen, welches ihm demnach be⸗ willigt wurde. Ach, von dieſem Augenblicke an hoͤrte, wo nicht mein Gluͤck, doch zum Mindeſten meine Ruhe auf! Bald wurde ich den Eindruck gewahr, den ich auf den Grafen gemacht hatte. Anfangs war er nur ein Mal woͤchentlich gekommen, dann zwei Mal, dann endlich alle Tage. Voller Aufmerkſamkeiten fuͤr meinen Vater, hatte der Graf ihm gefallen. Ich ſah das Vergnuͤgen, welches der Baron an ſeiner Unterhaltung empfand, welche im⸗ mer die eines ausgezeichneten Mannes war. Ich wag⸗ 4 te nicht, mich zu beklagen; denn woruͤber haͤtte ich mich beklagen ſollen? Der Graf war artig gegen mich, wie gegen eine Geliebte, ehrerbietig, wie gegen eine Schweſter Eines Morgens trat mein Vater mit einer weit ernſteren Miene als gewoͤhnlich in mein Zimmer, ſein Ernſt ſchien indeſſen mit Freude gemiſcht. 3 — Du haſt mir immer verſichert, mein Kind, ſag⸗ te er zu mir, daß Du gluͤcklich ſein wuͤrdeſt, mich nicht zu verlaſſen. — O, mein Vater, rief ich aus, Ihr wißt, daß das mein theuerſter Wunſch iſt. — Wohlan, meine Diana, fuhr er fort, indem er ſich buͤckte, um mich auf die Stirn zu kuͤſſen, es haͤngt nur von Dir ab, Deinen Wunſch ſich verwirklichen zu ſehen. Ich ahnete, was er mir zu ſagen im Begriffe ſtand, und ich erbleichte ſo fuͤrchterlich, daß er ſtehen blieb, bevor er meine Stirn mit ſeinen Lippen beruͤhrt hatte.. Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 2 — 18— — Diana, mein Kind! rief er aus. O, mein Gott, was haſt Du denn? — Herr von Monſoreau, nicht wahr? ſtammelte ich. — Nun denn? fragte er erſtaunt. — O! niemals, mein Vater, wenn Ihr ein wenig Mitleiden mit Eurer Tochter habt, niemals! — Diana, mein Engel, ſagte er, nicht Mitleiden iſt es, das ich fuͤr Dich hege, es iſt Abgoͤtterei, Du weißt es; nimm acht Tage Bedenkzeit, und wenn nach acht Tagen... — O, nein, nein! rief ich aus, das iſt unnoͤthig, keine acht Tage, keine vier und zwanzig Stunden, keine Minute. Nein, nein, o nein! Und ich brach in Thraͤnen aus. Mein Vater betete mich an; niemals hatte er mich weinen ſehn; er ſchloß mich in ſeine Arme und beruhigte mich mit zwei Worten, er hatte mir ſein Wort als Edelmann gegeben, daß er mir nicht mehr von dieſer Heirath ſprechen wolle. In der That, es verfloß ein Monat, ohne daß ich Herrn von Monſoreau ſah und ohne daß ich von ihm ſprechen hoͤrte. Eines Morgens empfingen wir, mein Vater und ich, eine Einladung, uns zu einem großen Feſte einzufinden, welches Herr von Monſoreau dem Bruder des Koͤnigs geben wollte, welcher die Provinz beſuchte, deren Namen er fuͤhrte. Dieſes Feſt fand in dem Stadt⸗ hauſe von Angers ſtatt. 2 Dieſem Briefe war eine perſoͤnliche Einladung des Prinzen beigefügt, welcher meinem Vater ſchrieb, daß — 9— er ſich erinnere, ihn ehedem an dem Hofe Koͤnig Hein⸗ richs geſehen zu haben, und daß er ihn mit Vergnügen wiederſehen wuͤrde. Mein erſter Gedanke war, meinen Vater zu bitten, die Einladung auszuſchlagen, und gewiß haͤtte ich dar⸗ auf beſtanden, wenn die Einladung blos im Namen des Herrn von Monſoreau gemacht worden waͤre, aber der Prinz hatte Antheil an der Einladung, und mein Vater fuͤrchtete, Seine Hoheit durch eine abſchlaͤgliche Antwort zu verletzen. Wir begaben uns alſo zu dieſem Feſte: Herr von Monſoreau empfing uns, als ob Nichts unter uns vor⸗ gefallen waͤre, ſein Benehmen gegen mich war weder gleichguͤltig noch gezwungen; er behandelte mich wie alle anderen Damen, und ich war gluͤcklich, weder im Guten noch im Boͤſen der Gegenſtand irgend einer Auszeichnung von ſeiner Seite geweſen zu ſein. Dem war nicht ſo mit dem Herzoge von Anjou. Sobald er mich gewahr wurde, heftete ſich ſein Blick auf mich, um mich nicht mehr zu verlaſſen. Ich fuͤhlte mich unter der Laſt dieſes Blickes unbehaglich, und ohne meinem Vater zu ſagen, was mich wuͤnſchen ließe den Ball zu verlaſſen, beſtand ich ſo dringend darauf, daß wir uns als die erſten entfernten. Drei Tage nachher erſchien Herr von Monſoreau in, Méridor; ich wurde ihn von Ferne in der Allee des Schloſſes gewahr und zog mich in mein Zimmer zurück. Ich hatte Furcht, daß mein Vater mich rufen laſſen moͤgte; dem geſchah aber nicht ſo. Nach Verlauf einer 2* 8 halben Stunde ſah ich Herrn von Monſoreau ſich ent⸗ fernen, ohne daß mich Jemand von ſeinem Beſuche be⸗ nachrichtigt haͤtte, und was noch mehr war, mein Va⸗ ter ſagte mir Nichts davon; nur glaubte ich zu bemerken, daß er nach dieſem Beſuche des Unterſtatthalters weit finſterer als gewoͤhnlich war.— Noch einige Tage verfloſſen. Ich kehrte von einem Spaziergange in der Umgegend zuruͤck, als man mir beim Eintreten ſagte, daß Herr von Monſoreau bei mei⸗ nem Vater waͤre. Der Baron hatte ſich zwei bis drei Male nach mir erkundigen laſſen, und hatte ſich auch noch zwei Male mit Beſorgniß nach dem Orte erkundigt, wohin ich moͤgte gegangen ſein. Er hatte Auftrag ge⸗ geben, daß man ihn von meiner Ruͤckkehr benachrichtige. In der That, kaum war ich wieder in mein Zim⸗ mer getreten, als mein Vater herbeieilte. — Ein Grund, mein Kind, ſagte er zu mir, von dem es unnoͤthig iſt, Dir die Urſache zu ſagen, noͤthigt mich, mich waͤhrend einiger Tage von Dir zu trennen; befrage mich nicht, bedenke nur, daß dieſer Grund ſehr dringend ſein muß, da er mich beſtimmt eine Woche, vierzehn Tage, einen Monat vielleicht zuzubringen, ohne Dich zu ſehen.— Ich ſchauderte, obgleich ich nicht errathen konnte, welcher Gefahr ich ausgeſetzt waͤre. Aber dieſer doppelte Beſuch des Herrn von Monſoreau weiſſagte mir nichts Gutes. — Und wo werde ich indeſſen bleiben, mein Vater? fragte ich. — — 21— — Auf dem Schloſſe Lude, bei meiner Schweſter, wo Du vor jedem Auge verborgen bleiben wirſt. Was Dein Eintreffen daſelbſt anlangt, ſo wird man daruͤber wachen, daß es waͤhrend der Nacht ſtatt findet. — Begleitet Ihr mich nicht? — Nein, ich muß hier bleiben, um die Vermuth⸗ ungen abzulenken; ſelbſt die Leute des Hauſes lwerden nicht wiſſen, wohin Du gehſt. — Aber wer wird mich denn begleiten? — Zwei Maͤnner, auf die ich mich verlaſſen kann. — O, mein Gott, mein Vater! Der Baron umarmte mich. — Es muß ſein, mein Kind, ſagte er. Ich war ſo ſehr von der Liebe meines Vaters zu mir uͤberzeugt, daß ich nicht weiter in ihn drang, und keine andere Erklaͤrung von ihm verlangte; nur wurde verabredet, daß Gertrude, die Tochter meiner Amme, mich begleiten ſollte. Mein Vater verließ mich, indem er mir anempfahl, mich bereit zu halten. Am Abend um acht Uhr kam mein Vater mich zu holen; es war ſehr finſter und ſehr kalt, denn man war in den tiefſten Wintertagen. Ich war bereit, wie er es mir anempfohlen hatte; wir ſchritten geraͤuſchlos hinunter und gingen durch den Garten; er ſchloß ſelbſt eine klei⸗ ne Thuͤre auf, welche auf den Wald ging, und dort fan⸗ den wir eine ganz beſpannte Saͤnfte und zwei Maͤnner; mein Vater ſprach lange Zeit mit ihnen, indem er mit ihnen, wie es ſchien, anempfahl; hierauf nahm ich — 22— nen Platz in der Saͤnfte ein; Gertrude ſetzte ſich neben mich. Der Baron umarmte mich ein letztes Mal, und wir machten uns auf den Weg. Ich wußte nicht, welche Art von Gefahr mich be⸗ drohe und mich das Schloß Moridor zu verlaſſen zwaͤnge. Ich befragte Gertruden, aber ſie war eben ſo unwiſſend, als ich. Unſere Fuͤhrer wagte ich nicht anzureden, denn ich kannte ſie nicht. Wir zogen alſo ſchweigend und auf Umwegen weiter, als nach ungefaͤhr zwei Stunden des Marſches, in dem Augenblicke, wo trotz meiner Beſorg⸗ niſſe die gleichmaͤßige und einfoͤrmige Bewegung der Saͤnfte mich einzuſchlaͤfern begann, ich mich durch Ger⸗ truden erweckt fuͤhlte, die mich am Arme ergriff, und mehr noch durch die Bewegung der Saͤnfte, welche an⸗ hielt.& — O, Fraͤulein, ſagte das arme Maͤdchen, was ſtoͤßt uns denn zu? 4 Ich ſtreckte meinen Kopf durch die Vorhaͤnge: wir waren von ſechs maskirten Reitern umringt; unſere Maͤnner, die ſich hatten vertheidigen wollen, waren ent⸗ waffnet und feſtgehalten.* Ich war zu entſetzt, um nach Huͤlfe zu rufen. Wer wuͤrde außerdem auf unſer Geſchrei gekommen ſein? Derjenige, welcher der Anfuͤhrer der maskirten Maͤn⸗ ner ſchien, trat an den Schlag.— Beruhigt Euch, Fraͤu⸗ lein, ſagte er, es wird Euch kein Leid zugefuͤgt werden. ber Ihr muͤßt uns folgen. — Wohin das fragte ich. — An einen Ort, wo Ihr, weit entfernt, Etwas zu fuͤrchten zu haben, wie eine Koͤnigin behandelt werden werdet. Dieſes Verſprechen entſetzte mich mehr, als es eine Drohung gethan haͤtte. — O, mein Vater, mein Vater! murmelte ich. — Hoͤrt, Fraͤulein, ſagte Gertrude leiſe zu mir, ich kenne die Umgegend; ich bin Euch treu ergeben, ich bin ſtark, und wir muͤßten viel Ungluͤck haben, wenn es uns nicht zu entfliehen gelaͤnge. Dieſe Verſicherung, welche mir eine arme Zofe gab, war weit davon entfernt, mich zu beruhigen. Indeſſen iſt es ſo wohlthuend, ſich unterſtuͤtzt zu fuͤhlen, daß ich wieder ein wenig Kraft erlangte. — Macht mit uns, was Ihr wollt, meine Herrn, antwortete ich; wir ſind zwei arme Frauen, und wir koͤnnen uns nicht vertheidigen. Einer der Maͤnner ſtieg ab, nahm den Platz unſers Kutſchers ein, und ließ unſere Saͤnfte einen anderen Weg einſchlagen. Wie man wohl begreifen wird, hoͤrte Buſſy der Erzaͤhlung Dianens mit der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit zu: es liegt in den erſten Regungen einer innigen, entſtehenden Liebe ein faſt religioͤſes Gefuͤhl fuͤr die Per⸗ ſon, welche man zu lieben beginnt; die Frau, welche das Herz gewaͤhlt hat, iſt durch dieſe Wahl uͤber andere Frauen erhaben; ſie erhebt, reinigt, vergoͤttlicht ſich 3 jede ihrer Geberden iſt eine Gunſt, die ſie uns bewilligt, jedes ihrer Worte iſt eine Huld, die ſie uns erzeigt; wenn ſie uns anblickt, ſo erfuͤllt ſie uns mit Freude, wenn ſie uns zulaͤchelt, ſo entzuͤckt ſie uns. Der junge Mann hatte demnach die ſchoͤne Erzaͤh⸗ lerin den Bericht ihres ganzen Lebens entwickeln laſſen, ohne daß er gewagt ſie aufzuhalten, ohne daß es ihm eingefallen waͤre, ſie zu unterbrechen; er fuͤhlte, daß er berufen werden wuͤrde, uͤber dieſes Leben zu wachen, und jeder der naͤhern Umſtaͤnde deſſelben hatte ein maͤch⸗ tiges Intereſſe fuͤr ihn, und er hoͤrte Diana ſtumm und athemlos an, wie als ob ſein Daſein von jedem ihrer Worte abgehangen haͤtte. Als demnach die junge Frau, ohne Zweifel zu ſchwach fuͤr die doppelte Erſchuͤtterung, welche ſie empfand, eine Erſchuͤtterung, in welcher ſich die Gegenwart mit allen Erinnerungen der Vergangenheit vereinigte, einen Augen⸗ blick geſchwiegen, hatte Buſſy nicht die Kraft, die Laſt ſeiner Beſorgniſſe zu ertragen, und, indem er die Haͤn⸗ de faltete, ſagte er: — O, fahrt fort, gnaͤdige Frau, fahrt fort! Es war unmoͤglich, daß Diana ſich uͤber die Theil⸗ nahme irren konnte, welche ſie einfloͤßte; Alles in der Stimme, in der Geberde, in dem Ausdrucke der Zuͤge des jungen Mannes war im Einklange mit der Bitte, welche ſeine Worte enthielten. Diana laͤchelte traurig und begann wieder: — Wir zogen ungefaͤhr drei Stunden lang weiter, dann hielt die Saͤnfte. Ich hoͤrte ein Thor knarren, und man wechſelte einige Worte aus; hierauf ſetzte ſich die Saͤnfte wieder in Bewegung, und ich fuͤhlte, daß ſie — 25— uͤber einen toͤnenden Boden, gleich dem einer Zugbruͤcke kam. Ich irrte mich nicht: ich warf einen Blick aus der Saͤnfte, wir befanden uns in dem Hofe eines Schloſſes. Was war das fuͤr ein Schloß? Weder Gertrude noch ich wußten es. Oft hatten wir uns unter Weges zu orientiren verſucht, aber wir hatten Nichts als einen endloſen Wald geſehen. Freilich hatte ſich Jeder von uns der Gedanke aufgedraͤngt, daß man uns abſichtlich unnoͤthige und berechnete Umwege in dieſem Walde ma⸗ chen ließe, um uns jede Idee des Ortes, wo wir uns befaͤnden, zu benehmen. Die Thuͤre unſerer Saͤnfte oͤffnete ſich, und derſelbe Mann, der uns bereits angeredet hatte, lud uns ein, auszuſteigen. Ich gehorchte ſchweigend. Zwei Maͤnner, welche ohne Zweifel ins Schloß gehoͤrten, mit Fackeln in den Haͤnden ſtanden bereit, uns zu empfangen. Wie man mir das ſchreckliche Verſprechen gegeben, ſo zeigte ſich, daß man unſerer Gefangenſchaft die groͤßten Ruͤckſichten erwies. Wir folgten den Maͤnnern, welche die Wachs⸗ fackeln trugen; ſie fuͤhrten uns in ein reich geſchmuͤcktes Schlafzimmer, welches in Hinſicht auf Geſchmack und Styl zu der glaͤnzendſten Zeit Franz I. eingerichtet zu ſein ſchien. Auf einem prunkvoll gedeckten Tiſche erwartete uns ein Abendeſſen. — Ihr ſeid hier zu Haus, gnaͤdige Frau, ſagte der Mann, der uns bereits zwei Male angeredet hatte, und — 26— da Ihr zu Eurer Bedienung eine Kammerjungfer be⸗ duͤrft, ſo wird die Eurige Euch nicht verlaſſen; ihr Zim⸗ mer befindet ſich gleich neben an. Gertrude und ich wechſelten einen freudigen Blick aus. — So oft Ihr zu rufen wuͤnſcht, fuhr der maskirte Mann fort, habt Ihr nur den Klopfer dieſer Thuͤre zu ruͤhren, und Jemand, der beſtaͤndig in dem Vorzimmer wacht, wird ſogleich zu Euren Dienſten ſtehen. Dieſe ſcheinbare Aufmerkſamkeit zeigte an, daß wir ſcharf bewacht waͤren. 8 Der maskirte Mann verneigte ſich und verließ das Zimmer; wir hoͤrten die Thuͤre ſich doppelt verſchließen. Wir, Gertrude und ich, befanden uns allein. Wir blieben einen Augenblick lang regungslos, in⸗ dem wir einander bei dem Scheine zweier Armleuchter anblickten, welche den Tiſch erleuchteten, auf welchem daßs Abendeſſen angerichtet war. Gertrude wollte den Mund oͤffnen, ich gab ihr mit dem Finger ein Zeichen zu ſchweigen; es konnte uns Jemand behorchen. Die Thuͤre des Zimmers, welches man uns als die Wohnung Gertrudens angedeutet hatte, ſtand offen; der Gedanke es zu beſuchen ſtieg zu gleicher Zeit in uns Beiden auf; Gertrude nahm einen Armleuchter, und wir betraten daſſelbe auf den Fußzehen. 8 Es war ein großes Kabinet, beſtimmt als Toiletten⸗ 4 zimmer das Schlafzimmer zu vervollſtaͤndigen. Es hatte 4 eine zweite Thuͤre parallel mit der, durch welche wir in das erſte Zimmer eingetreten waren. Dieſe zweite Thuͤre war — ihn haben, mein Kind. — 27— wie die erſte mit einem kleinen Kloͤpfel von ciſelirtem Meſſing geſchmuͤckt, der auf einen Nagel von demſelben Metalle zuruͤckfiel. Von Nagel und Kloͤpfel haͤtte man ſagen koͤn⸗ nen, daß ſie das Werk Benvenuto Celinis ſeien. Es war augenſcheinlich, daß die beiden Thuͤren in daſſelbe Vorzimmer fuͤhrten. Gertrude hielt das Licht an das Schloß, es war doppelt geſchloſſen. Wir waren Gefangene. Es iſt unglaublich, wie ſehr die Gedanken uͤberein⸗ immen, wenn zwei Perſonen, ſelbſt von verſchiedenem Pudn⸗ ſich in gleicher Lage befinden und ein und die⸗ ſelbe Gefahr theilen, und wie leicht ſie uͤber vermittelnde Egerungen und nutzloſe Worte hinweggehen. ertrude naͤherte ſich mir. — Hat Fräͤulein bemerkt, ſagte ſie mit leiſer Stim⸗ me, daß wir nur fuͤnf Stufen hinaufgeſtiegen ſind, als wir den Hof verließen? — Ja, antwortete ich. — Wir befinden uns alſo in dem Erdgeſchoſſe. — Ohne allen Zweifel. — So daß, fuͤgte ſie noch leiſer hinzu, indem ſie die Augen auf die aͤußeren Laͤden heftete, ſo daß,... — Menn dieſe Fenſter nicht vergittert waͤren, unter⸗ brach ich ſie. — Und wenn Fraͤulein Muth haͤtte? — Muth? rief ich aus. O, ſei unbeſorgt, ich werde — 28— — Jetzt war es Gertrude, welche ihren Finger auf den Mund legte. — Ja, ja, ich verſtehe, ſagte ich zu ihr. Gertrude gab mir einen Wink zu bleiben, wo ich waͤre, und trug den Armleuchter wieder auf den Tiſch des Schlafzimmers. Ich hatte bereits ihre Abſicht ver⸗ ſtanden und mich dem Fenſter genaͤhert, und ſuchte das Mittel es zu oͤffnen. Ich fand es, oder vielmehr Gertrude, die wieder zu mir gekommen war. Der Laden oͤffnete ſich. Ich ſtieß einen Freudenſchrei aus; das Fenſter war nicht vergittert. Aber Gertrude hatte bereits die Urſache dieſer Ver. meintlichen Nachlaͤſſigkeit unſerer Waͤchter bemerkt: ein breiter Teich benetzte den Fuß der Mauer; wir waren durch zehn Fuß Waſſer weit beſſer bewacht, als wir es gewiß durch die Gitter unſerer Fenſter geweſen waͤren. er indem ſich meine Augen von dem Waſſer auf ſeine Ufer richteten, erkannten ſie eine ihnen genau be⸗ kannte Landſchaft; wir waren auf dem Schloſſe Beaugé Gefangene, wohin ich, wie ich bereits bemerkt habe, mehrere Male mit meinem Vater gekommen war, und wo man mich einen Monat zuvor an dem Todestage mei⸗ ner armen Daphne aufgenommen hatte. Das Schloß Beaugé gehoͤrte dem Herzoge von Anjou. Jetzt ward mir, wie durch einen Blitzſtrahl erleuch⸗ tet, Alles klar. Ich betrachtete mit duͤſterer Zufriedenheit den Teich; — 4 4 er war eine letzte Huͤlfe gegen we6 u letzte Zuflucht gegen die Entehrung.— Wir verſchloſſen die Laͤden wieder. Ich warf mich ganz angekleidet guf mein Bett. Gertitemugi ſich in einen Seſſel und ſchlief zu meinen Fuͤßen. Zwanzig Male erwachte ich waͤhrend die Nacht ploͤtztich von unerhoͤrten Schrecken befallen; aber Nichts rechtfertigte dieſe Schrecken, als die Lage, in welcher ich mich befand; Nichts deutete ſchlimme Abſichten gegen mich an; Alles ſchlief im Gegentheile im Schloſſe, oder ſchien zu ſchlafen, und kein anderes Getoͤſe, als das Ge⸗ ſchrei der Sumpfvoͤgel unterbrach die Stille der Nacht. Der Tag brach an: obgleich er der Landſchaft den erſchreckenden Charakter nahm, welche ihm die Dunkel⸗ heit verleiht, ſo beſtaͤtigte mich doch der Tag in meinen Befuͤrchtungen der Nacht; jede Flucht war ohne aͤußere Huͤlfe unmoͤglich, und woher konnte uns dieſe Huͤlfe kommen? 8 Gegen neun Uhr klopfte man an unſere Thuͤre: ich ging in Gertrudens Zimmer, indem ich ſagte, daß ſie zu oͤffnen erlauben koͤnnte. Diejenigen, welche klopften, und die ich durch un⸗ ſere Verbindungsthuͤre ſehen konnte, waren unſere Die⸗ ner von geſtern; ſie kamen, das Abendeſſen fortzutra⸗ gen, das wir nicht beruͤhrt hatten, und das Fruͤhſtuͤck zu bringen. Gertrude richtete einige Fragen an ſie, aber ohne geantwortet zu haben, verließen ſie wieder das Zimmer. Ich kehrte nun zuruͤck, Alles war mir durch unſeren — 30 ½ Aufen e dem Schloſſe Beaugé und die vermeint⸗ ice Chne etung erklaͤrt, die uns umgab. Der Herzog von Anjou hatte mich auf dem von Herrn von Mon⸗ ſoreau gegebenen Feſte geſehen; der Herzog von Anjou hatte ſich in mich verliebt, zmein Vater war gewarnt worden, und hatte mich den Verfolgungen entziehen wollen, deren Gegenſtand ich⸗ ohne Zweifel werden wuͤr⸗ de; er hatte mich von Moridor entfernt; aber, entwe⸗ 4 der durch einen ungetreuen Diener, oder durch einen un⸗ gluͤcklichen Zufall verrathen, war ſeine Vorſicht nutzlos geweſen, und ich war in die Haͤnde des Mannes gefal⸗. len, dem er mich vergebens zu entziehen getrachtet 5 hatte. Ich blieb bei dieſem Gedanken ſtehen, dem einzigen, der wahrſcheinlich, und in Wirklichkeit dem einzigen, der wahr war. Auf die Bitten Gertrudens trank ich eine Schale 1 Milch und aß ein wenig Brod. Der Morgen verfloß damit, ſinnloſe Fluchtplaͤne zu 1 machen. Indeſſen konnten wir Hundert Schritte weit vor uns einen mit ſeinen Rudern vollſtaͤndig verſehenen Nachen in dem Schilfe befeſtigt ſehen. Gewiß, wenn ſich dieſe Barke in unſerem Bereiche befunden haͤtte, ſo wuͤrden meine durch den Schrecken erhoͤheten Kraͤfte ver⸗ bunden mit den natuͤrlichen Kraͤften Gertrudens genuͤgt haben, um uns aus der Gefangenſchaft zu ziehen. Waͤhrend dieſes Morgens ſtoͤrte uns Nichts. Man trug uns das Mittageſſen auf, wie man uns das Fruͤh⸗ ſtuͤck aufgetragen hatte; ich ſank vor Schwaͤche um. — — 31— 3 Ich ſetzte mich zu Tiſch, nur von Gertruden bedient, denn, ſobald unſere Waͤchter unſer Mahl hingeſtellt, ent⸗ 5 fernten ſie ſich. Aber ploͤtzlich, indem ich mein Brod u brach, brachte ich ein kleines Billet zu Tage. t f ¹ Ich oͤffnete es haſtig; es enthielt folgende einzelne n Zeilen: — Ein alter Freund wacht uͤber Euch. Morgen werdet Ihr Nachrichten von ihm und von Eurem Vater 3 erhalten. 4 3 Man wird begreifen, wie groß meine Freude war: . mein Herz klopfte, um mir die Bruſt zu ſprengen. Ich t h zeigte das Billet Gertruden. Der uͤbrige Theil des Ta⸗ ges verfloß mit Warten und Hoffen. ſ Die zweite Nacht verfloß eben ſo ruhig, als die - erſte; dann kam die mit ſo vieler Ungeduld erwartete Stunde des Fruͤhſtuͤcks, denn ich zweifelte nicht, daß ich in meinem Brode ein neues Billet finden wuͤrde. Ich irrte mich nicht, das Billet war in folgenden Aus⸗ 1 3 druͤcken abgefaßt. „Die Perſon, welche Euch entfuͤhrt hat, langt heute 4 Abend um zehn Uhr auf dem Schloſſe Beaugé an; aber der Freund, welcher uͤber Euch wacht, wird um neun Uhr mit einem Briefe von Eurem Vater unter Eurem Fenſter ſein; dieſer Brief wird Euch das Vertrauen anempfehlen, das Ihr ohne ihn ihm vielleicht nicht be⸗ willigen wuͤrdet. „Verbrennt dieſes Billet.“ 1 Ich las und uͤberlas dieſen Brief, dann warf ich ihn der Amempfehlung gemaͤß, welche er enthielt, ins — 32— Feuer. Die Handſchrift war mir gaͤnzlich unbekannt, und ich geſtehe, ich wußte nicht, woher er kommen koͤnnte. 6 Ich und Gertrude verloren uns in Schluͤſſen; Hun⸗ dert Male gingen wir waͤhrend des Morgens an das Fenſter um nachzuſehen, ob wir Niemanden an den Ufern des Teiches und in der Tiefe des Waldes bemerk⸗ ten; Alles war einſam. Eine Stunde nach dem Mittagseſſen klopfte man an unſere Thuͤre; das war das erſte Mal, daß man zu anderen Stunden, als denen unſerer Mahlzeiten zu uns einzutreten verſuchte; da wir indeſſen kein Mittel hat⸗ ten, uns von innen einzuſchließen, ſo waren wir wohl gezwungen, eintreten zu laſſen. Es war der Mann, der uns an dem Schlage der Saͤnfte und in dem Schloßhofe angeredet hatte. Ich konnte ihn nicht am Geſicht erkennen, da er maskirt war, als er mit uns ſprach. Aber bei den erſten Wor⸗ ten, welche er ausſprach, erkannte ich ihn an der Stimme. Er hielt mir einen Brief hin. — Von wem kommt Ihr, mein Herr? fragte ich ihn. — Wollt Euch die Muͤhe nehmen zu leſen, Fraͤu⸗ lein, antwortete er mir, und Ihr werdet es ſehen. — Aber ich will dieſen Brief nicht leſen, da ich nicht weiß, von wem er kommt. — Fraͤulein iſt Herrin zu thun, was ihr beliebt. Ich hatte den Auftrag, Euch dieſen Brief zu uͤbergeben; ich lege dieſen Brief zu Euren Fuͤßen; wenn Ihr es — 33— der Muͤhe werth haltet, ihn aufzunehmen, ſo werdet Ihr ihn aufnehmen. Und in der That, der Diener, welcher mir ein Edelknecht ſchien, legte den Brief auf den Schemel, auf welchem meine Fuͤße ruheten, und verließ das Zimmer. — Was thun? fragte ich Gertruden. — Wenn ich wagte, Fraͤulein einen Rath zu geben, ſo waͤre er, dieſen Brief zu leſen. Vielleicht enthaͤlt er die Meldung irgend einer Gefahr, welcher, durch ihn gewarnt, wir uns werden entziehen koͤnnen. Der Rath war ſo vernuͤnftig, daß ich von dem an⸗ fangs gefaßten Entſchluſſe zuruͤckkam und den Brief er⸗ brach. Diana unterbrach in dieſem Augenblicke ihre Erzaͤh⸗ lung, ſtand auf, oͤffnete ein kleines Kaͤſtchen, und nahm aus einer ſeidenen Brieftaſche einen Brief. Buſſy warf einen Blick auf die Adreſſe. „An die ſchoͤne Diana von Méridor,“ las er. Indem er hierauf die junge Frau anblickte, ſag⸗ te er: — Dieſe Aufſchrift iſt von der Hand des Herzogs von Anjou. — Ah, antwortete ſie mit einem Seufzer, er hatte mich alſo nicht betrogen. Hierauf, da Buſſy zoͤgerte, den Brief zu oͤffnen, ſagte ſie: — Leſet, der Zufall hat Euch mit einem Male in die geheimſten Verhaͤltniſſe meines Lebens eingewe ihet;z ich darf keine Geheimniſſe mehr fuͤr Euch haben. Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 3 ———— — 34— Buſſy gehorchte und las: —„Ein ungluͤcklicher Prinz, dem Eure goͤttliche „Schoͤnheit im Herzen getroffen, wird heute Abend „um zehn Uhr kommen, um ſich bei Euch in Bezug „auf ſein Verfahren gegen Euch zu entſchuldigen; „ein Verfahren, das, wie er ſelbſt wohl fuͤhlt, keine „andere Entſchuldigung hat, als die unuͤberwindliche „Liebe, welche er fuͤr Euch empfindet. Franz.“ — Dieſer Brief war alſo wirklich von dem Herzoge von Anjou? fragte Diana. — Leider, ja, antwortete Buſſy, es iſt ſeine Hand und ſeine Unterſchrift. ⅓ Diana ſeufzte. ½ — Sollte er weniger ſchuldig ſein, als ich ihn glaubte? murmelte ſie. — Wer, der Prinz? fragte Buſſy. — Nein, er, der Graf von Monſoreau. Jetzt war es Buſſy, der nun auch ſeufzte. — Fahrt fort, gnaͤdige Frau, ſagte er, und wir wer⸗ den den Prinzen und den Grafen beurtheilen. — Dieſer Brief, den ich damals keinen Grund hatte, fuͤr nicht echt zu halten, da er ſo ganz mit mei⸗ nen eigenen Befuͤrchtungen uͤbereinſtimmte, deutete mir, wie ſie Gertrude vorausgeſehen, die Gefahr an, der ich ausgeſetzt war, und machte mir die Dazwiſchenkunft jenes unbekannten Freundes, der mir ſeinen Beiſtand im Na⸗ men meines Vaters anbot, um ſo ſchaͤtzbarer. Ich hatte alſo keine andere Hoffnung mehr, als auf ihn. Unſere Nachforſchungen begannen von Neuem, meine Blicke und die Gertrudens verließen, durch die Fenſter⸗ ſcheiben forſchend, den Teich und dieſen Theil des Wal⸗ des nicht, welcher unſeren Fenſtern gegenüͤber lag. Auf der ganzen Strecke, die unſere Blicke uͤberſehen konnten, ſahen wir Nichts, was ſich auf unſere Hoffnungen be⸗ ziehen und ſie zu unterſtuͤtzen vermogte. Die Nacht kam herbeiz da wir aber im Monat Januar waren, ſo brach die Nacht fruͤh an; vier bis fuͤnf Stunden trennten uns noch von dem entſcheidenden Augenblicke; wir warteten mit Bangigkeit. Es war eine jener ſchoͤnen hellen Winternaͤchte, waͤh⸗ rend welcher, wenn es nicht ſo kalt waͤre, man glau⸗ ben koͤnnte, es ſei gegen Ende des Fruͤhlings, oder ge⸗ gen Anfang des Herbſtes: der Himmel glaͤnzte mit Tau⸗ ſend Sternen beſaͤet, und in einer Ecke des Himmels erleuchtete der Mond gleich einer Sichel die Landſchaft mit ſeinem Silberlichte; wir oͤffneten das Fenſter von Gertrudens Zimmer, welches jeden Falles minder ſtreng beobachtet ſein mußte, als das meinige. Gegen ſieben Uhr ſtieg ein leichter Nebel aus dem Teiche auf, aber gleich einem Schleier von durchſichtiger Gaze verhinderte dieſer Nebel nicht zu ſehen, oder viel⸗ mehr, ſich an die Dunkelheit gewoͤhnend, war es unſe— ren Augen gelungen, durch dieſen Nebel zu dringen. Da uns Nichts beiſtand, die Zeit zu meſſen, ſo haͤtten wir nicht ſagen koͤnnen, wie viel Uhr es waͤre, ..3* „. — 36.— als es uns ſchien, als ſaͤhen wir durch dieſe durchſich⸗ tige Finſterniß an dem Saume des Waldes ſich Schat⸗ ten bewegen. Dieſe Schatten ſchienen ſich vorſichtig zu naͤhern, indem ſie die Baͤume erreichten, welche ſie zu beſchuͤtzen ſchienen, indem ſie die Finſterniß ſchwaͤrzer machten. Vielleicht haͤtten wir am Ende geglaubt, daß dieſe Schatten nur eine Gaukelei unſerer ermuͤdeten Au⸗ gen waͤren, wenn nicht das Wiehern eines Pferdes durch den Raum bis zu uns gelangt waͤre. — Das ſind unſere Freunde, fluͤſterte Gertrude. „— Oder der Prinz, antwortete ich. — O, der Prinz, ſagte ſie, der Prinz wuͤrde ſich nicht verſtecken.— Dieſe ſo natuͤrliche Bemerkung verſcheuchte meinen Argwohn und beruhigte mich. Wir verdoppelten unſere Aufmerkſamkeit. V Ein Mann naͤherte ſich allein; es ſchien mir, daß er eine andere Gruppe von Maͤnnern verließe, welche unter einem Baumdickicht verborgen geblieben war. Dieſer Mann ging gerade auf den Nachen zu, machte ihn von dem Pfahle los, an welchem er ange⸗ bunden war, ſtieg hinein, und uͤber das Waſſer daher gleitend, kam der Nachen ſchweigend nach unſerer Seite heran. G Je naͤher er herankam, je gewaltigere Anſtrengun⸗ gen machten meine Augen, um die Dunkelheit zu durch⸗ dringen. Es ſchien mir gleich anfangs, als ob ich die hohe — 37— Geſtalt, dann die finſteren und ſtark hervortretenden Zuͤge des Grafen von Monſoreau erkannte; endlich, als er ſich uns bis auf zehn Schritte genaͤhert, blieb mir kein Zweifel mehr uͤbrig. Ich fuͤrchtete jetzt beinahe eben ſo ſehr die Huͤlfe, als die Gefahr. Ich blieb ſtumm und regungslos in die Ecke des Fenſters gedruͤckt, ſo daß er mich nicht ſehen konnte. An dem Fuße der Mauer angelangt, hielt er ſeinen Na⸗ chen an einem Ringe an, und ich ſah ſeinen Kopf in der Hoͤhe der Fenſterbruͤſtung erſcheinen. Ich konnte einen leiſen Schrei nicht unterdruͤcken. — O, Verzeihung, ſagte der Graf von Monſoreau, ich glaubte, daß Ihr mich erwartetet. — Ich erwartete allerdings Jemanden, mein Herr, antwortete ich, aber ich wußte nicht, daß Ihr dieſer Je⸗ mand waͤret. Ein bitteres Laͤcheln zog uͤber das Geſicht des Grafen. — Wer, mit Ausnahme meiner und Ihres Vaters, ſollte wohl üͤber die Ehre Dianas von Meridor wa⸗ chen? — In dem Briefe, welchen Ihr mir geſchrieben, mein Herr, habt Ihr mir geſagt, daß Ihr im Namen meines Vaters kaͤmet. — Ja, Fraͤulein, und da ich vorausgeſehen, daß Ihr den empfangenen Auftrag bezweifeln wuͤrdet, ſo iſt hier ein Brief von dem Baron. Und der Graf hielt mir ein Papier hin. — —. 38— Wir hatten weder Kerzen noch Armleuchter ange⸗ zuͤndet, um deſto ungehinderter alles Dasjenige in der Dunkelheit zu thun, was die Umſtaͤnde gebieten wuͤrden. Ich ging aus dem Zimmer Gertrudens in das meinige. Ich kniete vor dem Kamine nieder, und bei der Flamme des Feuers las ich: „Meine theure Diana, der Herr Graf von Mon⸗ ſoreau allein vermag Dich der Gefahr zu entreißen, welche Du laͤufſt, und dieſe Gefahr iſt unermeßlich. Vertraue ihm demnach gaͤnzlich wie dem beſten Freun⸗ de, welchen der Himmel uns ſenden kann.“ „Er wird Dir ſpaͤterhin ſagen, was ich von dem Grunde meines Herzens wuͤnſchte, daß Du thaͤteſt, um die Schuld abzutragen, welche wir gegen ihn eingehen werden.“ „Dein Vater, welcher Dich inſtaͤndigſt bittet, ihm zu glauben, und Mitleid mit Dir und mit ihm zu haben, „Baron von Moeridor.“ Es entſtand in meinem Geiſte nichts Beſtimmtes gegen Herrn von Monſoreau; der Widerwille, welchen er mir einfloͤßte, war bei Weitem eher inſtinktmaͤßig, als begruͤndet. Ich hatte ihm Nichts vorzuwerfen, als den Tod einer Hirſchkuh, und das war ein ſehr geringes Verbrechen fuͤr einen Jaͤger. 2 3 Ich ging demnach zu ihm. — Nun? fragte er. — Ich habe den Brief meines Vaters geleſen, mein Herr; er ſagt mir, daß Ihr bereit waͤret, mich von hier — — — 39— fortzufuͤhren, aber er ſagt mir nicht, wohin Ihr mich fuͤhrt. — Ich fuͤhre Euch dorthin, wo der Baron Euch er⸗ wartet, Fraͤulein. — und wo erwartete er mich? — Auf dem Schloſſe Méridor. — Ich werde alſo meinen Vater wiederſehn? — In zwei Stunden. — O, mein Herr, wenn Ihr die Wahrheit ſagt... Ich unterbrach michz der Graf erwartete ſicht⸗ lich das Ende meines Satzes. — Rechnet auf meine ganze Dankbarkeit, fuͤgte ich mit bebender und geſenkter Stimme hinzu, denn ich er⸗ rieth, was er von dieſer Dankbarkeit erwarten konn⸗ te, und was ich nicht die Kraft hatte ihm auszudruͤcken. — Dann ſeid Ihr alſo bereit mir zu folgen, Fraͤu⸗ lein? ſagte der Graf. Ich blickte Gertruden beſorgt an; es war leicht zu ſehen, daß das finſtere Geſicht des Grafen ſie nicht mehr beruhigte, als mich. — Bedenkt, daß jede Minute, die entflieht, bei Wei⸗ tem koſtbarer fuͤr Euch iſt, als Ihr Euch vorſtellen koͤnnt, ſagte er. Ich habe mich ungefaͤhr um eine halbe Stunde verſpaͤtet; es wird bald zehn Uhr ſein, und habt Ihr nicht die Nachricht erhalten, daß der Prinz um zehn Uhr auf dem Schloſſe Beaugé ſein wuͤrde? — Leider ja! antwortete ich. — Sobald der Prinz einmal hier iſt, vermag ich Nichts mehr fuͤr Euch, als ohne Hoffnung mein Leben — 40— zu wagen, das ich in dieſem Augenblicke mit der Ge⸗ wißheit Euch zu retten wage. — Warum iſt denn mein Vater nicht gekommen? — Meint Ihr, daß Euer Vater nicht umringt ſei? Meint Ihr, daß er einen Schritt thun koͤnnte, ohne daß man wuͤßte, wohin er ginge? — Aber Ihr? fragte ich. — Mit mir iſt es etwas Anderes, ich bin der Freund, der Vertraute des Prinzen. — Aber, mein Herr, rief ich aus, wenn Ihr der Freund, der Vertraute des Prinzen ſeid, dann... — Dann verrathe ich ihn um Euret willen; ja, dem iſt wirklich ſo! Ich ſagte Euch demnach auch ſo eben, daß ich mein Leben wagte, um, Eure Ehre zu retten. Der Ton dieſer Antwort des Grafen war ſo uͤber⸗ zeugend, und ſie ſtimmte ſo augenſcheinlich mit der Wahr⸗ heit uͤberein, daß, wiewohl ich noch immer einen Reſt von Widerwillen empfand, mich ihm anzuvertrauen, ich den⸗ noch keine Worte fand, um dieſen Widerwillen auszu⸗ druͤcken. — Ich warte, ſagte der Graf. Ich blickte Gertruden an, die eben ſo unentſchkoſſen war, als ich. — Seht, ſagte Herr von Monſoreau zu mir, wenn Ihr noch zweifelt, ſo blickt nach dieſer Seite! Und derjenigen Seite entgegengeſetzt, von woher er am Ufer entlang gehend gekommen war, zeigte er mir eine Gruppe Reiter, welche ſich dem Schloſſe naͤherten. — Wer ſind dieſe Maͤnner? fragte ich. — 41— — Es iſt der Herzog von Anjou und ſein Gefolge, antwortete der Graf. — Fraͤulein, Fraͤulein, ſagte Gertrude, es iſt keine Zeit zu verlieren. — Es iſt ſchon nur zu viel verloren, ſagte der Graf; im Namen des Himmels, entſchließt Euch doch! Ich ſank auf einen Stuhl, die Kraͤfte verſagten mir. — O, mein Gott! Mein Gott! Was thun? mur⸗ melte ich. — Hoͤtt, ſagte der Graf, hoͤrt, ſie klopfen an das Thor! In der That, man hoͤrte den Klopfer unter der Hand von zwei Maͤnnern erſchallen, welche wir ſich von der Gruppe hatten trennen ſehen, um voraus zu reiten. — In fuͤnf Minuten wird es nicht mehr Zeit ſein, ſagte der Graf.— Ich verſuchte aufzuſtehen, meine Beine verſagten mir den Dienſt. — Zu Huͤlfe, Gertrude, ſtammelte ich, zu Huͤlfe! — Hoͤrt Ihr, wie das Thor ſich oͤffnet, Fraͤulein? ſagte das arme Maͤdchen. Hoͤrt Ihr die Pferde in dem Hofe ſtampfen? 4 — Ja, ja, antwortete ich, indem ich eine Anſtren⸗ gung machte... Aber die Kraͤfte fehlen mir.: — O wenn es weiter Nichts iſt, ſagte ſie. Und ſie nahm mich in ihre Arme, hob mich auf, wie ſie es mit einem Kinde gemacht haͤtte, und legte mich dem Grafen in die Arme. Als ich die Beruͤhrung dieſes Mannes fuͤhlte, ſchau⸗ derte ich ſo heftig, daß ich ihm beinahe entſchluͤpft und in den Teich gefallen waͤre. Aber er druͤckte mich an ſeine Bruſt und legte mich in den Nachen. Gertrude war mir gefolgt, und ohne einer Huͤlfe zu beduͤrfen aus dem Fenſter geſtiegen. Nun bemerkte ich, daß mein Schleier ſich abgeloͤßt haͤtte, und auf dem Waſſer ſchwamm. Der Gedanke ſtieg in mir auf, daß er unſere Spur andeuten wuͤrde. — Mein Schleier, mein Schleier, ſagte ich zu dem Grafen, fiſcht doch meinen Schleier wieder auf! Der Graf warf einen Blick nach dem Geginſtande⸗ den ich ihm mit dem Finger zeigte. — Nein, ſagte er, es iſt beſſer, daß dem ſo iſt. Und die Ruder ergreifend, ſetzte er den Nachen ſo kraͤftig in Bewegung, daß wir in einigen Ruderſchlaͤgen nahe daran waren, das Ufer des Teiches zu erreichen. In dieſem Augenblicke ſahen wir die Fenſter meines Zimmers ſich erleuchten: Diener traten mit Lichtern ein. — Habe ich Euch betrogen? ſagte Herr von Mon⸗ ſoreau. Und war es Zeit? — O, ja, ja, mein Herr, ſagte ich zu ihm; Ihr ſeid gewiß und wahrhaftig mein Erretter. Inzwiſchen eilten die Lichter bald in meinem Zim⸗ mer, bald in dem Gertrudens hin und her. Wir hoͤrten Rufe; ein Mann trat ein, vor dem alle Anderen zuruͤck⸗ traten. Dieſer Mann trat an das offene Fenſter, neigte / ſich hinaus, erblickte den auf dem Waſſer ſchwimmenden Schleier, und ſtieß einen Schrei aus. — Seht Ihr, daß ich gut gethan habe, dieſen Schleier dort zu laſſen? ſagte der Graf. Der Prinz wird glauben, daß Ihr Euch, um ihm zu entgehen, in den Teich geſtuͤrzt habt, und waͤhrend er Euch ſuchen laͤßt, entfliehen wir. Jetzt zitterte ich wahrhaft vor der finſteren Tiefe dieſes Geiſtes, der im Voraus auf ein ſolches Mittel ge⸗ rechnet hatte. In dieſem Augenblicke landeten wir. — 44— II. Wer Diana von Méridor war. Der Vertrag. Es entſtand nochmals ein Augenblick des Schwei⸗ gens. Faſt eben ſo bewegt bei dieſer Erinnerung, als ſie es bei der Wirklichkeit geweſen war, fuͤhlte Diana, daß ihr die Stimme verſagen wollte. Buſſy hoͤrte ihr mit allen Kraͤften ſeiner Seele zu, und er widmete im Voraus ihren Feinden, wer ſie auch ſein moͤgten, einen ewigen Haß. Endlich, nachdem ſie an ein Riechflaͤſchchen gero⸗ chen, das ſie aus ihrer Taſche zog, begann Diana wieder: — Kaum hatten wir das Land betreten, als ſieben bis acht Maͤnner zu uns herbeieilten. Es waren die Leute des Grafen, unter denen ich die beiden Diener zu erkennen meinte, die unſere Saͤnfte begleiteten, als wir durch diejenigen angegriffen worden waren, die mich nach — 45— dem Schloſſe Beaugé fuͤhrten. Ein Reitknecht hielt zwei Pferde an der Hand; das eine von ihnen war das ſchwarze Pferd des Grafen, das andere ein fuͤr mich beſtimmter weißer Zelter. Der Graf half mir den Zel⸗ ter beſteigen, und als ich im Sattel ſaß, ſchwang er ſich auf ſein Pferd. Gertrude ſtieg binter einem der Diener des Gra⸗ fen auf. Kaum waren dieſe Verfuͤgungen getroffen, als wir uns im Galopp entfernten. Ich hatte bemerkt, daß der Graf meinen Zelter am Zuͤgel ergriffen hatte, und ich machte ihm bemerklich, daß ich gut genug ritte, ſo daß er ſich dieſer Vorſichts⸗ maßregel uͤberheben koͤnne; aber er antwortete mir, daß mein Pferd ſcheu waͤre, und daß es irgend einen Sei⸗ tenſprung machen koͤnnte, der mich von ihm trennen wuͤrde. Wir ritten ſeit zehn Minuten, als ich Gertrudens Stimme hoͤrte, welche mich rief. Ich wandte mich um und bemerkte, daß unſer Haufen ſich in zwei Haͤlften ge⸗ theilt hatte; vier Maͤnner hatten einen Seitenweg einge⸗ ſchlagen, und fuͤhrten ſie in den Wald fort, waͤhrend der Graf von Monſoreau und die vier Anderen mit mir denſelben Weg fortſetzten. — Gertrude! rief ich aus. Warum geht Gertrude nicht mit uns, mein Herr? — Das iſt eine unerlaͤßliche Vorſichtsmaßregel, ſagte der Graf zu mir; wenn wir verfolgt werden, ſo muͤſſen wir zwei Spuren zuruͤcklaſſen, man muß auf zwei Sei⸗ — 46— ten ſagen koͤnnen, daß man eine von Maͤnnern entfuͤhrte Frau geſehen habe. Dadurch wird es die Moͤglichkeit, daß der Herzog von Anjou einen falſchen Weg einſchlaͤgt, und Eure Zofe verfolgt, ſtatt uns zu verfolgen. Obgleich annehmbar, ſtellte mich doch die Antwort nicht zufrieden. Aber was ſagen, aber was thun? Ich ſeufzte und erwartete. Außerdem war der Weg, den der Graf befolgte, wirklich der, welcher mich nach dem Schloſſe Méridor zuruͤckfuͤhrte. So, wie wir ritten, mußten wir in einer Viertelſtunde auf dem Schloſſe angekommen ſein, als ploͤtmzlich, auf einem mir wohlbekannten Kreuzwege des Waldes angelangt, der Graf, ſtatt ferner den Weg zu befolgen, der mich zu meinem Vater zuruͤckfuͤhrte, ſich links ſchlug und einen Weg befolgte, der ſich ſichtlich von ihm entfernte. Ich ſchrie ſogleich, und trotz dem raſchen Galopp meines Zelters, ſtuͤtzte ich bereits meine Hand auf den Sattelknopf, um auf den Boden zu ſpringen, als der Graf, der ohne Zweifel alle meine Bewegungen belauerte, ſich nach meiner Seite neigte, mich mit ſeinem Arme umſchlang, und mich von mei⸗ nem Zelter hebend, mich auf den Sattelbogen ſeines Pferdes ſetzte. Sich frei fuͤhlend, entfloh der Zelter wie⸗ hernd durch den Wald. Dieſe Handlung war ſo raſch von Seiten des Gra⸗ fen ausgefuͤhrt worden, daß ich nicht die Zeit gehabt hatte, einen Schrei auszuſtoßen. Herr von Monſoreau legte mir ſchnell die Hand auf den Mund. —— ——— — 40— — Das heißt, Fraͤulein, antwortete der Graf, daß Ihr mir in La Chätre Eure Befehle ertheilen werdet. Dieſer vermeintliche Gehorſam beruhigte mich nicht; indeſſen, da ich nicht die Wahl der Mittel hatte, und dasjenige, welches ſich bot, das einzige war, um dem Herzoge von Anjou zu entgehen, ſo ſetzte ich ſchweigend meinen Weg fort. Mit Anbruch des Tages langten wir in La Chaͤtre an. Aber anſtatt in das Dorf zu gehen, ſchlugen wir hundert Schritte weit vor den erſten Gär⸗ ten einen Feldweg ein, und ritten nach einem abgelege⸗ nen Hauſe. Ich hielt mein Pferd an. — Wohin gehen wir? fragte ich. — Hoͤrt mich an, Fraͤulein, ſagte der Graf zu mir, ich habe bereits den außerordentlich richtigen Blick Eu⸗ res Verſtandes bemerkt, und auf Euren Verſtand ſelbſt berufe ich mich. Koͤnnen wir, da wir den Nachforſchun⸗ gen des nach dem Koͤnige am maͤchtigſten Prinzen ent⸗ fliehen, in einem gewoͤhnlichen Gaſthofe, und mitten in einem Dorfe einkehren, in welchem der erſte Bauer, der uns geſehen haͤtte, uns angeben wuͤrde? Man kann einen Einzelnen beſtechen, aber man kann nicht ein ganzes Dorf beſtechen. Es lag in allen Antworten des Grafen eine Logik oder zum Mindeſten eine Scheinbarkeit, die mich uͤber⸗ raſchte. 4 — Gut, ſagte ich zu ihm. Gehen wir hin. Und wir ſetzten uns wieder in Bewegung. Wir waren erwartet; ohne, daß ich es Zewahr ge⸗ Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. —-— 50— „ worden, war ein Mann von unſrer Bedeckung voraus⸗ geſprengt. Ein wohlthuendes Feuer brannte in dem Ka⸗ mine eines ziemlich ſauberen Zimmers, und ein Bett war friſch gedeckt. — Das iſt Euer Zimmer, Fraͤulein, ſagte der Graf, ich werde Eure Befehle erwarten. Er verneigte ſich, verließ das Zimmer und ließ mich allein. Meine erſte Sorge war, mich der Lampe zu naͤhern, und den Brief meines Vaters aus meinem Buſen zu nehmen;... da iſt er, Herr von Buſſy, ich mache Euch zu meinem Richter, leſet. Buſſy nahm den Brief und las: „Meine innig geliebte Diana, wenn, wie ich nicht zweifele, Du meiner Bitte nachgebend dem Grafen von Monſoreau gefolgt biſt, ſo wird er Dir geſagt haben, daß Du das Ungluͤck gehabt, dem Her⸗ zoge von Anjou zu gefallen, und daß dieſer Prinz es war, der Dich hatte entfuͤhren und nach dem Schloſſe Beauge bringen laſſen; urtheile nach dieſer Gewalt⸗ that, weſſen der Herzog faͤhig und welches die Schande iſt, die Dich bedrohet. Wohlan! Es giebt ein Mit⸗ tel, dieſer Schande zu entgehen, die ich nicht uͤberle⸗ ben wuͤrde: naͤmlich unſeren edlen Freund zu heira⸗ then; einmal Graͤfin von Monſoreau, iſt es ſeine Gattin, welche der Graf vertheidigen wird, und er hat mir geſchworen, Dich durch alle Mittel zu verthei⸗ digen. Mein Wunſch iſt demnach, meine geliebte Toch⸗ ter, daß dieſe Heirath ſo bald als moͤglich ſtattfindet, — 51— und wenn Du meinen Wuͤnſchen nachgiebſt, ſo ver⸗ binde ich mit meiner ſehr beſtimmten Einwilligung meinen vaͤterlichen Segen, und bitte Gott, daß er Dir alle die Schaͤtze von Gluͤck bewilligen wolle, wel⸗ che ſeine Liebe Herzen, wie das Deinige, vorbehaͤlt. „Dein Vater, der nicht befiehlt, aber der inſtaͤndig bittet. „Baron von Mäéridor.“ — Ach, ſagte Buſſy, wenn dieſer Brief wirklich von Eurem Vater iſt, ſo iſt er nur zu beſtimmt. — Er iſt von ihm, und ich habe nicht im Gering⸗ ſten daran zu zweifeln; Nichts deſto weniger habe ich ihn drei Male uͤberleſen, bevor ich irgend einen Entſchluß gefaßt. Endlich rief ich den Grafen. Er trat ſogleich ein, was mir bewies, daß er an der Thuͤre wartete. Ich hielt den Brief in der Hand. — Nun, ſagte er zu mir, habt Ihr geleſen? — Ja, antwortete ich. — Zweifelt Ihr immer noch an meiner treuen Er⸗ gebenheit und an meiner Ehrerbietigkeit? — Wenn ich daran gezweifelt haͤtte, mein Herr, ant⸗ wortete ich, ſo haͤtte dieſer Brief mir den Glauben auf⸗ erlegt, der mir fehlte. Jetzt, ſagt an, mein Herr! Ange⸗ nommen, daß ich geneigt ſei, dem Rathe meines Vaters zu folgen, was gedenkt Ihr zu thun? — Ich gedenke Euch nach Paris zu fuͤhren, Fraͤu⸗ lein, weil es dort noch am Leichteſten iſt, Euch zu ver⸗ bergen. 4* ——.—.— — Und mein Vater? — Ueberall, wo Ihr ſein werdet, Ihr wißt es wohl, und ſobald keine Gefahr mehr vorhanden iſt, Euch zu compromittiren, wird der Baron zu mir kommen. — Wohlan, mein Herr, ich bin bereit Euren Schutz unter den Bedingungen anzunehmen, die Ihr auferlegt. — Ich lege Euch keine Bedingungen auf, Fraͤulein, antwortete der Graf, ich biete ein Mittel an, Euch zu retten, weiter Nichts. — Nun denn! Ich nehme mein Wort zuruͤck, und ſage mit Euch: ich bin bereit unter drei Bedingungen das Mittel zur Rettung anzunehmen, das Ihr mir an⸗ bietet. — Redet, Fraͤulein. — Die erſte iſt, daß Gertrude mir zuruͤckgegeben wird. — Sie iſt da, ſagte der Graf. .— Die zweite iſt, daß wir bis nach Paris getrennt reiſen. — Ich ſtand im Begriffe, Euch dieſe Trennung vor⸗ zuſchlagen, um Eure Empfindlichkeit zu beruhigen. — Und die dritte iſt, daß unſere Heirath, es ſei denn, es walte von meinet Seite anerkannte dringende Noth vor, nur in Gegenwart meines Vaters ſtattfinden wird. — Das iſt mein lebhafteſter Wunſch, und ich rechne auf ſeinen Segen, um den des Himmels auf uns herab⸗ zurufen. Ich war auf das Hoͤchſte erſtaunt. Ich hatte ge⸗ C 7 6 1 den unt — 53— glaubt, bei dem Grafen einigen Widerſtand gegen dieſen dreifachen Ausdruck meines Willens zu finden, und ganz im Gegentheile pflichtete er meiner Meinung durch⸗ aus bei. — Werdet Ihr mir jetzt erlauben, Fraͤulein, ſagte Herr von Monſoreau, Euch auch einigen Rath zu er⸗ theilen? — Sprecht, mein Herr. — Naͤmlich nur Nachts zu reiſen. — Ich bin dazu entſchloſſen. — Mir die Sorge fuͤr die Herbergen, in welchen Ihr einkehrt, und die Wahl des Weges zu uͤberlaſſen; alle meine Vorſichtsmaßregeln werden zu einem einzigen Zwecke getroffen ſein, naͤmlich, um Euch dem Herzoge von Anjou entgehen zu machen. — Wenn Ihr mich liebt, wie Ihr mir ſagt, mein Herr, ſo ſind unſere Intereſſen dieſelben; ich habe alſo gegen das, was Ihr von mir verlangt, keine Einrede zu machen. — Endlich in Paris die Wohnung anzunehmen, welche ich fuͤr Euch vorbereitet haben werde, ſo einfach und ſo abgelegen ſie auch ſein moͤge. — Ich wuͤnſche nichts Anderes, als verborgen zu le⸗ ben, mein Herr, und je einfacher und abgelegener die Wohnung iſt, deſto beſſer wird ſie fuͤr einen Fluͤchtling paſſen. — Dann ſind wir in allen Punkten einig, Fraͤulein, und bleibt mir, um mich nach dem von Euch vorge⸗ ſchriebenen Plane zu richten, nur noch uͤbrig, mich ehr⸗ 4 — 54— erbietig bei Euch zu empfehlen, Euch Eure Kammerjung⸗ fer zu ſchicken, und mich mit dem Wege zu beſchaͤftigen, den Ihr Eurer Seits einſchlagen ſollt. — Ich meiner Seits, mein Herr, antwortete ich, ich bin Edelfraͤulein, wie Ihr Edelmann ſeid; haltet alle Eure Verſprechungen, und ich werde alle die meini⸗ gen halten. 4 — Das iſt Alles, was ich wuͤnſche, ſagte der Graf, und dieſes Verſprechen verſichert mich, daß ich bald der Gluͤcklichſte der Maͤnner ſein werde. Bei dieſen Worten verneigte er ſich und verließ das Zimmer. Fuͤnf Minuten nachher trat Gertrude ein. Die Freude dieſes guten Maͤdchens war groß; ſie hatte geglaubt, daß man ſie fuͤr immer von mir tren⸗ nen wollte. Ich erzaͤhlte ihr, was ſo eben vorgefallen war; ich bedurfte Jemandes, der in alle meine Anſich⸗ ten eingehen, alle meine Wuͤnſche unterſtuͤtzen, bei Ver⸗ anlaſſung auf ein halbes Wort verſtehen, auf einen Wink und auf eine Geberde gehorchen konnte. Die Nach⸗ giebigkeit des Herrn von Monſoreau verwunderte mich, und ich fuͤrchtete irgend einen Einhruch in den Vertrag, der zwiſchen uns abgeſchloſſen war. 3 Als ich meine Erzaͤhlung endigte, hoͤrten wir den Hufſchlag eines ſich entfernenden Pferdes. Ich eilte an das Fenſter, es war der Graf, welcher im Galopp den Weg wieder einſchlug, auf dem wir gekommen waren. Warum ſchlug er dieſen Weg wieder ein, anſtatt voran⸗ zugehen? Das konnte ich nicht begreifen. Aber er hatte ——,—— 7 — 55— den erſten Artikel des Vertrages erfullt, indem er mir Gertruden zuruͤckgab, er erfuͤllte den zweiten, indem er ſich entfernte; es war Nichts dagegen einzuwenden. Au⸗ ßerdem, wohin er auch gehen mogte, dieſe Abreiſe des Grafen beruhigte mich. Von unſerer Wirthin bedient, brachten wir den gan⸗ zen Tag in dem kleinen Hauſe zu; erſt am Abend trat derjenige, welcher mir der Anfuͤhrer unſerer Bedeckung geſchienen hatte, in mein Zimmer, und verlangte meine Auftraͤge von mir. Da mir die Gefahr um ſo groͤßer ſchien, je naͤher ich dem Schloſſe Beaugé war, ſo ant⸗ wortete ich ihm, daß ich bereit waͤre; fuͤnf Minuten nachher trat er wieder ein und meldete mir, indem er ſich verneigte, daß man nur noch auf mich warte. Vor der Thuͤre fand ich meinen weißen Zelter; er war, wie es der Graf von Monſoreau vorausgeſehen, auf den er⸗ ſten Ruf zuruͤckgekehrt. Wir ritten die ganze Nacht hindurch, und kehrten, wie am vorigen Tage, mit Tagesanbruch ein. Ich be⸗ rechnete, daß wir ungefaͤhr funfzehn Stunden zuruͤckge⸗ legt haben muͤßten; uͤbrigens waren alle Vorſichtsmaß⸗ regeln von Herrn von Monſoreau getroffen worden, da⸗ mit ich weder an Enmuͤdung noch durch die Kaͤlte litte. Der Zelter, welchen er fuͤr mich ausgewaͤhlt, hatte ei⸗ nen außerordentlich ſanften Trab, und als ich aus dem Hauſe trat, hatte man mir einen Pelzmantel uͤber die Achſeln geworfen. Dieſer Halt glich dem erſten, und alle unſere naͤcht⸗ lichen Ritte dem, welchen wir zuruͤckgelegt; immer die⸗ — 56— ſelben Ruͤckſichten und dieſelbe Ehrerbietigkeit; uͤberall dieſelbe Aufmerkſamkeit; es war augenſcheinlich, daß uns Jemand vorausging, der es uͤbernahm, die Einkehrplaͤtze vorzubereiten. War das der Graf? Ich wußte es nicht; denn dieſen Punkt unſerer Uebereinkunft mit derſelben Genauigkeit als die anderen erfuͤllend, habe ich ihn waͤh⸗ rend der Reiſe kein einziges Mal erblickt. Gegen den Abend des ſiebenten Tages erblickte ich von der Hoͤhe eines Huͤgels eine große Haͤuſermaſſe, das war Paris. Wir machten Halt, um die Nacht abzuwarten, dann, als die Dunkelheit hereingebrochen, begaben wir uns wieder auf den Weg; bald darauf ritten wir durch ein Thor, jenſeits deſſelben war der erſte Gegenſtand, wel⸗ cher mich uͤberraſchte, ein ungeheures Gebaͤude, das ich an ſeinen hohen Mauern fuͤr irgend ein Kloſter erkannte, hierauf kamen wir zwei bis drei Male uͤber den Fluß. Wir wandten uns Rechts, und nach einem Ritte von zehn Minuten befanden wir uns auf dem Baſtille⸗Platz. Nun trat ein Mann, der uns zu erwarten ſchien, aus einer Thuͤre, und auf den Anfuͤhrer der Bedeckung zu⸗ ſchreitend, ſagte er: — Hier iſt es. Der Anfuͤhrer der Bedeckung wandte ſich nach mir um und ſagte: — Ihr hoͤrt, gnaͤdige Frau, wir ſind angelangt. Und von ſeinem Pferde ſpringend, bot er mir die Hand, um mir von meinem Zelter zu helfen, wie er es gewoͤhnlich an jedem Ruheorte gemacht hatte. — 57— Die Thuͤre ſtand offen; eine auf die Stufen geſtellte Lampe erleuchtete die Treppe. 1 — Gunaͤdige Frau, ſagte der Anfuͤhrer der Bedeckung, Ihr ſeid hier zu Hauſe; an dieſer Thuͤre endigt ſich der Auftrag, den wir empfangen haben, Euch zu begleiten; darf ich mir ſchmeicheln, daß dieſer Auftrag Euren Wün⸗ ſchen gemaͤß und mit der Ehrerbietung ausgefuͤhrt wor⸗ den iſt, die uns anempfohlen worden war? .— Ja, mein Herr, ſagte ich zu ihm, und ich habe Euch nur meinen Dank auszudruͤcken. Stattet ihn in meinem Namen den wackeren Leuten ab, die mich be⸗ gleitet haben. Ich moͤchte ſie auf eine wirkſamere Weiſe belohnen. Aber ich beſitze Nichts.. 3 — Beunruhigt Euch daruͤber nicht, gnaͤdige Frau, antwortete mir derjenige, bei welchem ich mich entſchul⸗ digte; ſie ſind reichlich belohnt. Und indem er wieder zu Pferde ſtieg, nachdem er ſich bei mir empfohlen, ſagte er: — Kommt Ihr Anderen, und daß ſich morgen fruͤh Keiner von Euch hinlaͤnglich dieſer Thuͤre erinnert, um ſie wieder zu erkennen. Bei dieſen Worten entfernte ſich der kleine Haufen im Galopp und verlor ſich in der Straße Saint⸗ Antoine⸗ Die erſte Sorge Gertrudens war, die Thuͤre wieder zu verſchließen, und durch das Gitter derſelben ſahen wir ſie ſich entfernen. Hierauf ſchritten wir nach der durch die Lampe er⸗ leuchteten Treppe; Gertrude nahm die Lampe und ging voraus. — 58— Wir ſtiegen die Stufen hinauf, und befanden uns auf dem Gange; die drei Thuͤren deſſelben ſtanden offen. Wir ſchlugen die mittlere ein und befanden uns in dem Salon, in welchem wir ſind. Er war ganz wie in dieſem Augenblicke erleuchtet. Ich machte dieſe Thuͤre auf, und erkannte ein gro ßes Toiletten-Kabinet; dann dieſe andere, welche die meines Schlafzimmers war, und zu meinem großen Er⸗ ſtaunen befand ich mich meinem Portrait gegenuͤber. Ich erkannte dasjenige, welches in dem Zimmer meines Vaters in Méridor war; der Graf hatte ohne Zweifel den Baron darum gebeten und es von ihm er⸗ langt.... 1 Ich ſchauderte bei dieſem neuen Beweiſe, daß mich mein Vater bereits als die Gattin des Herrn von Mon⸗ ſoreau betrachtete. Wir durchwanderten die Wohnung: ſie war einſam, aber Nichts fehlte in ihr; in allen Kaminen war Feuer, und in dem Speiſezimmer erwartete mich ein ganz ge⸗ deckter Tiſch. n Ich warf raſch die Augen auf dieſen Tiſch; es befand ſich nur ein einziges Gedeck auf ihm, und ich be⸗ ruhigte mich wieder. — Nun, Fraͤulein, ſagte Gertrude zu mir, Ihr ſeht, der Graf haͤlt ſein Verſprechen bis ans Ende. — Leider, ja, antwortete ich mit einem Seufzer, denn es waͤre mir lieber geweſen, er haͤtte mich der mei⸗ nigen dadurch entbunden, daß er gegen irgend eine ſei⸗ ner Verſprechungen gefehlt haͤtte. — — 59— Ich aß zu Nacht; dann unterſuchten wir ein zwei⸗ tes Mal das ganze Haus, aber ohne mehr, als das erſte Mal, eine lebende Seele in ihm anzutreffen: es war ganz unſer und fuͤr uns allein. Gertrude ſchlief in meinem Zimmer. Am folgenden Morgen ging ſie aus und orientirte ſich. Jetzt erſt erfuhr ich von ihr, daß wir uns an dem Ende der Straße Saint Antoine, dem Hotel des Tour⸗ nelles gegenuͤber befaͤnden, und daß die Feſte, welche ſich zu meiner Rechten erhob, die Baſtille waͤre. Uebrigens ſagten mir dieſe Auskuͤnfte nicht viel. Ich kannte Paris nicht, da ich niemals dort geweſen war. Der Tag verfloß, ohne irgend etwas Neues herbei⸗ zufuͤhren; am Abend, als ich mich eben an den Tiſch geſetzt hatte, um zu Nacht zu eſſen, klopfte man an die Thuͤre.; Wirr, Gertrude und ich, blickten einander an. Man klopfte ein zweites Mal. — Sieh nach, wer klopft, ſagte ich zu ihr. — Wenn es der Graf iſt? fragte ſie, als ſie mich erbleichen ſah. — Wenn es der Graf iſt, antwortete ich, indem ich mich uͤberwand, ſo mach ihm auf, Gertrude; er hat ſeine Verſprechungen gehalten; er wird ſehen, daß ich, wie er, nur ein Wort habe. Einen Augenblick nachher erſchien Gertrude wieder. — Es iſt der Herr Graf, Fraͤulein, ſagte ſie. — Laß ihn eintreten, antwortete ich. — 60— Gertrude trat zur Seite und machte dem Grafen Platz, welcher auf der Schwelle erſchien. — Nun, Fraͤulein, fragte er mich, habe ich getreu⸗ lich den Vertrag erfuͤllt? — Ja, mein Herr, antwortete ich, und ich danke Euch. — Ihr wollt alſo ſo gütig ſein, mich bei Euch zu empfangen, fuͤgte er mit einem Laͤcheln hinzu, aus dem alle ſeine Bemuͤhungen den Spott nicht verſchwinden zu laſſen vermochtrn. — Tretet ein, mein Herr. Der Graf trat naͤher und blieb ſtehen. Ich gab ihm ein Zeichen, ſich zu ſetzen. 3 — Habt Ihr Nachrichten, mein Herr? fragte ich ihm. — Von wo und von wem, Fraͤulein? — Von meinem Vater und von Méridor vor Allem. — Ich bin nicht nach dem Schloſſe Moridor zu⸗ ruͤckgekehrt, und habe den Bäͤron nicht wiedergeſehn. — Dann von Beaugé und von dem Herzoge von Anjou. — Daß iſt etwas Anderes: ich bin nach Beaugé ge⸗ gangen und habe den Herzog geſprochen. — Wie habt Ihr ihn gefunden? — Indem er zu zweifeln verſuchte. — An was? — An Eurem Tode. — Aber Ihr habt ihn beſtaͤtigt? — Ich habe dazu gethan, was ich vermogt. ——OQ⏑—B—ꝛ—ꝛ—·:—:·:3j˖·—— — — 61— — und wo iſt der Herzog?. — Seit geſtern Abend nach Paris zuruͤckgekehrt. — Warum iſt er ſo ſchnell zuruckgekehrt? — Weil man nicht gern an einem Orte bleibt, wo man ſich den Tod einer Frau vorzuwerfen zu haben glaubt. 1 — Habt Ihr ihn ſeit ſeiner Ruͤckkehr nach Paris geſehen? — Ich komme von ihm. — Hat er mit Euch von mir geſprochen? — Ich habe ihm keine Zeit dazu gelaſſen. — Wovon habt Ihr dann mit ihm geſprochen? — Von einem Verſprechen, das er mir gemacht hat, und das ich ihn zur Ausfuͤhrung zu bringen getrie⸗ ben habe. — Welches? — Er hat ſich verpflichtet, fuͤr ihm von mir erwie⸗ ſene Dienſte mich zum Oberjaͤgermeiſter ernennen zu laſſen. 8 — Ah, ja, ſagte ich mit einem traurigen Laͤcheln zu ihm, denn ich erinnerte mich des Todes der armen Daphne, Ihr ſeid ein ſchrecklicher Jaͤger; ich erinnere mich deſſen, und Ihr habt als ſolcher Rechte auf dieſe Stelle. 4 3 — Ich erlange ſie keinesweges als Jaͤger, Fraͤulein, ſondern als Diener des Prinzen; man wird ſie mir keinesweges geben, weil ich Rechte darauf habe, ſondern weil der Herzog von Anjou nicht wagen wird, undank⸗ bar gegen mich zu ſein. — Es lag in allen dieſen Antworten, trotz dem ehrer⸗ bietigem Tone, in welchem ſie gegeben waren, Etwas, das mich entſetzte, es war der Ausdruck eines finſtern, unbeugſamen Willens. Ich blieb einen Augenblick lang ſtumm. — Wird es mir erlaubt ſein, an meinen Vater zu ſchreiben? fragte ich. — Gewiß; aber bedenkt, daß Eure Briefe aufge⸗ fangen werden koͤnnen. — Iſt es mir verboten auszugehen? — Nichts iſt Euch verboten, Fraͤuleinz nur aber mache ich Euch darauf aufmerkſam, daß man Euch fol⸗ gen koͤnnte. — Aber darf ich zum Mindeſten Sonntags die Meſſe hoͤren? — Ich glaube, daß es fuͤr Eure Sicherheit beſſer waͤre, daß Ihr ſie nicht hoͤrtetz wenn Ihr aber darauf haltet, ſie zu hoͤren, ſo hoͤrt ſie zum Mindeſten, es iſt das ein einfacher Rath, den ich Euch gebe, bemerkt es wohl, in der Kirche Sanct⸗Katharine. — und wo iſt dieſe Kirche? — Eurem Hauſe gegenuͤber, auf der anderen Seite der Straße. — Ich danke, mein Herr. Es entſtand ein neues Schweigen. — Wann werde ich Euch wiederſehen, mein Herr? — Ich erwarte Eure Erlaubniß, um wiederzukommen. — Beduͤrft Ihr derſelben? — Ohne Zweifel. Bis jetzt bin ich ein Fremder fuͤr Euch. —V—ÿʒÿ——.ꝛ— ————ꝛ—ꝛ—˖—˖—:⅓ʃ—:„—J——— — 63— — Ihr habt keinen Schluͤſſel zu dieſem Hauſe? — Euer Gatte hat allein das Recht, einen dazu zu haben. 1 — Mein Herr, antwortete ich, bei Weitem mehr uͤber dieſe ſo ſeltſam unterwuͤrfigen Antworten entſetzt, als ich es uͤber herriſche Antworten geweſen waͤre, Ihr werdet wieder kommen, wann Ihr wollt, mein Herr, oder wenn Ihr glaubt, daß Ihr mir Etwas von Wich⸗ tigkeit mitzutheilen habt. — Ich danke Euch, Fraͤulein, ich werde Gebrauch von der Erlaubniß machen, aber nicht ſie mißbrauchen, .. und der erſte Beweis, den ich Euch davon gebe, iſt, daß ich mich Euch gehorſamſt empfehle. Und bei dieſen Worten ſtand der Graf auf. — Ihr verlaßt mich? fragte ich, immer mehr uͤber dieſe Art und Weiſe zu handeln erſtaunt, auf die ich nicht im Entfernteſten gefaßt war. — Ich weiß, Fraͤulein, daß Ihr mich nicht liebt, antwortete der Graf, und ich will die Lage nicht miß⸗ brauchen, in welcher Ihr Euch befindet, und die Euch noͤthigt, meine Aufmerkſamkeiten anzunehmen. Indem ich nur beſcheidener Weiſe bei Euch bleibe, hoffe ich, daß Ihr Euch allmaͤlig an mich gewoͤhnt; auf dieſe Weiſe wird Euch das Opfer minder druͤckend ſein, wenn der Moment gekommen ſein wird, meine Gattin zu werden. — Ich erkenne das ganze Zartgefuͤhl Eures Verfah⸗ rens, mein Herr, ſagte ich zu ihm, indem ich auch auf⸗ ſtand, und trotz der Art von Barſchheit, welche jedes —— — ——— — — 64— Eurer Worte begleitet, wuͤrdige ich ſie. Ihr habt Recht, und ich will mit derſelben Offenherzigkeit mit Euch ſpre⸗ chen, mit der Ihr mit mir geſprochen habt. Ich hatte gegen Euch einige Vorurtheile, welche die Zeit, wie ich hoffe, heben wird. —— Erlaubt mir, Fraͤulein, ſagte der Graf zu mir, dieſe Hoffnung zu theilen, und in der Erwartung dieſes gluͤcklichen Momentes zu leben. Hierauf mich mit aller der Ehrerbietung begruͤßend, welche ich von dem geringſten meiner Diener haͤtte er⸗ warten koͤnnen, gab er Gertruden, in deren Gegenwart dieſe ganze Unterredung ſtattgefunden hatte, einen Wink, ihm zu leuchten, und erntfernte ſich. III. Wer Diana von Méridor war. Die Heirath. — Bei meiner Seele, das iſt ein ſeltſamer Mann, ſagte Buſſy. —O ja, ſehr ſeltſam, mein Herr, nicht wahr? Denn ſeine Liebe gegen mich druͤckte ſich immer mit all der Bitterkeit des Haſſes aus. Als Gertrude zuruͤck⸗ kam, fand ſie mich demnach auch weit trauriger und weit entſetzter, als jemals. Sie verſuchte mich zu beruhigen, aber es war ſicht⸗ lich, daß ſie eben ſo beſorgt war, als ich ſelbſt. Dieſe kalte Ehrerbietigkeit, dieſer ſpoͤttiſche Gehorſam, dieſe unterdruͤckte Leidenſchaft, welche in ſchneidenden Toͤnen in jedem ſeiner Worte erbebte, war entſetzlicher, als es ein klar ausgeſprochener Wille geweſen waͤre, den ich haͤtte bekaͤmpfen koͤnnen. Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 5 5 —-— 66— Der folgende Tag war ein Sonntag: ſo weit meine Gedanken reichen, hatte ich niemals einen Gottesdienſt verfehlt. Ich hoͤrte die Glocke der Kirche Saint Ca⸗ tharine, die mich zu rufen ſchien. Ich ſah alle Welt nach dem Gotteshauſe gehen; ich huͤllte mich in einen dichten Schleier, und von Gertruden begleitet miſchte ich mich unter die Menge der Frommen, welche auf den Ruf der Glocke herbeieilten. Ich ſuchte den dunkelſten Winkel, und knieete neben der Wand nieder, Gertrude ſtellte ſich wie eine Schild⸗ wache zwiſchen die Leute und mich. Fuͤr dieſes Mal war es unnoͤthig; Niemand achtete auf uns, oder ſchien Achtung auf uns zu geben. Zwei Tage nachher kam der⸗ Graf wieder und mel⸗ dete mir, daß er zum Oberjaͤgermeiſter ernannt waͤre. Der Einfluß des Herzogs von Anjou hatte ihm dieſe einem Guͤnſtlinge des Koͤnigs, Namens Saint-⸗Luc, faſt verſprochene Stelle zugewendet. Das war ein Triumph, den er kaum ſelbſt erwartete. — In der That, ſagte Buſſy, und der uns Alle in Erſtaunen ſetzte. — Er kam, mir dieſe Neuigkeit zu melden, in der Hoffnung, daß dieſe Wuͤrde meine Einwilligung be⸗ ſchleunigen muͤſſe; nur drang er nicht in mich, beſtuͤrmte mich nicht, er erwaͤrtete Alles von meinem Verſprechen und von den Ereigniſſen. Was mich anbetrifft, ſo begann ich zu hoffen, daß, da der Herzog von Anjou mich fuͤr todt hielte und die — 67— Gefahr nicht mehr beſtand, ich aufhoͤren wuͤrde, dem Grafen verſprochen zu ſein. Sieben andere Tage verfloſſen, ohne etwas Neues herbeizufuͤhren, als zwei Beſuche des Grafen. Dieſe Beſuche waren, wie die vorhergehenden, kalt und ehrer⸗ bietig; aber ich habe Euch erklaͤrt, was dieſe Kaͤlte und dieſe Ehrerbietigkeit Sonderbares, und ich moͤgte faſt ſa⸗ gen, Drohendes hatte. Am folgenden Sonntage ging ich in die Kirche, wie ich es bereits gethan hatte, und nahm denſelben Plat wieder ein, den ich acht Tage zuvor eingenommen hatte. Die Sicherheit macht unvorſichtig: in Mitte meiner Ge⸗ bete ſchlug ſich mein Schleier zuruͤck;z... in dem Got⸗ teshauſe dachte ich außerdem nur an Gott... Ich betete mit Inbrunſt fuͤr meinen Vater, als ich ploͤtzlich fuͤhlte, daß Gertrude meinen Arm beruͤhrte; ich bedurfte eines zweiten Rufes, um mich aus dieſer Art von from⸗ men Entzuͤckens zu ziehen, in das ich verſenkt war. Ich erhob den Kopf, blickte unwillkuͤrlich um mich, und ſah mit Entſetzen an eine Saͤule gelehnt den Herzog von Anjou, der mich mit den Augen verſchlang. Ein Mann, der eher ſein Vertrauter, als ſein Die⸗ ner ſchien, ſtand neben ihm. — Das war Aurilly, ſagte Buſſy, ſein Lautenſpieler. — In der That, antwortete Diana, ich glaube, daß es dieſer Name iſt, den Gertrude mir ſpaͤterhin nannte. — Fahrt fort, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, ich bitte Euch, fahrt fort, ich fange an, Alles zu begreifen. — Ich zog raſch meinen Schleier wieder vor das 5* — 63— Geſicht, es war zu ſpaͤt; er hatte mich geſehen, und, wenn er mich nicht erkannt, ſo hatte ihm zum Minde⸗ ſten meine Aehnlichkeit mit jener Frau, welche er ge⸗ liebt und die er verloren zu haben glaubte, tief uͤber⸗ raſcht. Unbehaglich unter ſeinem Blicke, den ich auf mir laſten fuͤhlte, ſtand ich auf und ging nach der Thuͤre; aber an der Thuͤre fand ich ihn wieder, et hatte ſeine Finger in den Weihkeſſel getaucht, und bot mir Weihwaſſer an. Ich that, als ob ich ihn nicht ſaͤhe, und ging vor⸗ uͤber, ohne das anzunehmen, was er mir anbot. Aber ohne daß ich mich umwandte, ſah ich ein, daß man uns folgte; wenn ich Paris gekannt haͤtte, ſo wuͤrde ich verſucht haben, den Herzog uͤber meine wahre Wohnung zu taͤuſchen, aber ich hatte niemals ei⸗ nen anderen Weg gemacht, als den, welcher von dem Hauſe, das ich bewohnte, nach der Kirche fuͤhrte; ich kannte Niemanden, den ich um eine Viertelſtunde Auf⸗ nahme haͤtte bitten koͤnnen; keinen Freund, einen einzi⸗ gen Beſchuͤtzer, den ich mehr fuͤrchtete, als einen Feind, das war Alles. — O, mein Gott! murmelte Buſſy. Warum haben mich der Himmel, die Vorſehung oder der Zufall nicht fruͤher auf Euren Weg gefuͤhrt? Diana dankte dem jungen Manne mit einem Blicke. — Aber verzeiht, begann Buſſy wieder; ich unter⸗ breche Euch immer, und dennoch ſterbe ich vor Neu⸗ gierde. Fahrt fort, ich bitte Euch. Am ſelben Abende kam Herr von Monſoreau. Ich * A —=— — 69— wußte nicht, ob ich ihm mein Abenteuer erzaͤhlen ſollte, als er ſelbſt mein Schwanken aufhoͤren ließ. — Ihr habt mich gefragt, ſagte er, ob es Euch verboten waͤre, in die Meſſe zu gehen, und ich habe Euch geſagt, daß Ihr die unumſchraͤnkte Gebieterin Eu⸗ rer Handlungen waͤret, und daß Ihr beſſer thun wuͤrdet, nicht auszugehen. Ihr ſeid heute Morgen ausgegangen, um dem Gottesdienſte in der Sanct Catharinen⸗Kirche beizuwohnen. Zufaͤllig, oder vielmehr aus Verhaͤngniß, befand ſich der Prinz in ihr, und hat Euch dort geſehen. — Das iſt wahr, mein Herr, und ich zoͤgerte, Euch dieſen Umſtand mitzutheilen, denn ich wußte nicht, ob der Prinz mich fuͤr diejenige erkannt haͤtte, welche ich bin, oder ob mein Anblick ihn nur uͤberraſcht haͤtte. — Euer Anblick hat ihn uͤberraſcht, Eure Aehnlich⸗ keit mit der Frau, welche er betrauert, fand er außer⸗ ordentlich groß: er iſt Euch gefolgt und er hat Erkun⸗ digungen eingezogen; aber Niemand hat ihm Etwas ſa⸗ gen koͤnnen, denn Niemand weiß Etwas. — Mein Gott, mein Herr, rief ich aus, was glaubt Ihr, daß er thun wird?— — Der Herzog iſt ein verſchloſſenes und beharrliches Herz, ſagte Herr von Monſoreau. — O, er wird mich hoffentlich vergeſſen. — Ich glaube es nicht; man vergißt Euch nicht, wenn man Euch geſehen hat. Ich habe Alles gethan, was ich vermogt, um Euch zu vergeſſen, aber ich habe es nicht gekonnt. Und der erſte Strahl von Leidenſchaft, den ich bei Herrn von Monſoreau bemerkt, trat in ditſem Augen⸗ blicke in die Augen des Grafen. Ich war bei Weitem entſetzter uͤber die Flamme, welche aus dieſem Heerde aufſpruͤhete, den man fuͤr er⸗ loſchen gehalten haͤtte, als ich es am Morgen bei dem Anblicke des Prinzeu geweſen war. Ich blieb ſtumm. — Was gedenkt Ihr zu thun? fragte mich der Graf. — Koͤnnte ich nicht das Haus, das Quartier, die Straße wechſeln, mein Hetr; an dem anderen Ende von Paris wohnen, oder beſſer noch, nach Anjou zuruͤck⸗ kehren? — Alles das wuͤrde vergebens ſein, ſagte Herr von Monſoreau den Kopf ſchuͤttelnd; der Herzog von Anjou iſt ein ſchrecklicher Spuͤrhund; er iſt auf Eurer Spur, und jetzt moͤgt Ihr hingehen, wohin Ihr wollt, er wird Euch folgen, bis daß er Euch erreicht hat. — O, mein Gott! Ihr erſchreckt mich. — Das iſt meine Abſicht nicht; ich ſage Euch das, was iſt, und nichts Anderes. — Dann ſtelle ich an Euch die Frage, welche Ihr ſo eben an mich richtet. Was gedenkt Ihr zu thun, mein Herr? — Leider, erwiderte der Graf von Monſoreau mit bitterem Spotte, bin ich ein Mann von geringer Erfin⸗ dungsgabe. Ich hatte ein Mittel gefunden, dieſes Mit⸗ tel ſagt Euch nicht zu; ich verzichte darauif⸗ aber ſagt mir nicht, ein anderes zu ſuchen. 8 8— 71— — Aber, mein Gott, erwiderte ich, die Gefahr iſt vielleicht minder dringend, als Ihr glaubt. — Das wird Euch die Zukunft lehren, Fraͤulein, ſagte der Graf, indem er aufſtand. Jeden Falles, ich wiederhole es Euch, wuͤrde Frau von Monſoreau um ſo weniger von dem Peinzen zu fuͤrchten haben, als ich in der neuen Stelle, welche ich begleite, direkt von dem Koͤnige abhaͤngig bin, und ich und meine Gattin natuͤr⸗ licher Weiſe Schutz bei dem Koͤnige finden werden. Ich antwortete nur durch einen Seufzer. Das, was der Graf ſagte, war voller Verſtand und Wahr⸗ ſcheinlichkeit. Herr von Monſoreau wartete einen Augenblick, wie um mir alle Zeit zu laſſen, ihm zu antworten; aber ich hatte nicht die Kraft dazu. Er ſtand ganz bereit ſich zu entfernen. Ein bitteres Laͤcheln zog uͤber ſeine Lip⸗ pen; er verneigte ſich, und verließ das Zimmer. Ich glaubte auf der Treppe ſeinem Munde einige Flüche entſchluͤpfen zu hoͤren. Ich rief Gertruden. Gertrude hatte die Gewohnheit, ſich entweder in dem Kabinette, oder in dem Schlafzimmer aufzuhalten, wenn der Graf kam; ſie eilte herbei. In die Vorhaͤnge gehuͤllt, ſo daß ich ohne bemerkt zu werden, ſehen konnte, was auf der Straße vorging, ſtand ich am Fenſter. 2 Der Graf verließ das Haus und entfernte ſich. Wir brachten ungefaͤhr eine Stunde mit aufmerk⸗ ſamem Forſchen zu; aber Niemand kam. 4 Die Nacht verfloß, ohne etwas Neues herbeizu⸗ fuͤhren. Am folgenden Morgen wurde Gertrude beim Aus⸗ gehen von einem jungen Manne angeredet, welchen ſie fuͤr Denjenigen erkannte, der am Tage zuvor den Prin⸗ zen begleitete; aber auf alle ſeine Bitten weigerte ſie ſich zu antworten; auf alle ſeine Fragen blieb ſie ſtumm. Die Geduld verlierend, entfernte ſich der junge Mann. Dieſes Begegnen floͤßte mir einen unendlichen Schrek⸗ ken ein; das war der Anfang einer Nachforſchung, die gewiß nicht dabei ſtehen bleiben wuͤrde. Ich war be⸗ ſorgt, daß Herr von Monſoreau nicht am Abend kaͤme, und daß in der Nacht irgend ein Verſuch gegen mich gemacht werden moͤgte; ich ließ ihn holen, er kam ſo⸗ gleich. Ich erzaͤhlte ihm Alles und ſchilderte ihm den jun⸗ gen Mann, nachdem, was mir Gertrude von ihm berich⸗ tet hatte. 8 — Das iſt Aurilly, ſagte er; was hat Gertrude ge⸗ antwortet?„ — Gertrude hat Nichts geantwortet. Herr von Monſoreau uͤberlegte einen Augenblick. — Sie hat Unrecht gethan, ſagte er. — Wie das? — Ja, es handelt ſich darum, Zeit zu gewinnen. — Zeit? — Heute haͤnge ich noch von dem Herzoge von An⸗ jou ab; aber in vierzehn Tagen, in zwoͤlf Tagen, in — 13—. * acht Tagen vielleicht, wird der Herzog vn laiaae mir abhaͤngen. Es handelt ſich alſo darum ihn taͤu⸗ ſchen, damit er wartet. — Mein Gott! — Ohne Zweifel wird ihn die Hoffnung geduldig machen. Eine gaͤnzliche abſchlaͤgliche Antwort wuͤrde ihn zu irgend einem verzweifelten Entſchluſſe fuͤhren. — Schreibt an meinen Vater, Herr Graf, rief ich aus; mein Vater wird herbei eilen und ſich dem Koͤnige zu Fuͤßen werfen. Der Koͤnig wird Mitleid mit einem Greiſe haben. — Das kommt auf die Geiſtesſtimmung an, in welcher ſich der Koͤnig befinden, und je nachdem es in ſeiner Politik liegen wird, fuͤr den Augenblick der Freund oder der Feind des Herzogs von Anjou zu ſein. Außer⸗ dem bedarf ein Bote ſechs Tage, um zu Euren Vater zu gehen. Euer Vater bedarf ſechs Tage, um zu kom⸗ men. Der Herzog von Anjou aber wird, wenn wir ihn nicht aufhalten, in zwoͤlf Tagen Alles gethan haben, was er zu thun vermag. — und wie ihn aufhalten? Herr von Monſoreau antwortete nicht. Ich ver⸗ ſtand ſeinen Gedanken, und ſchlug die Augen nieder — Gebt Gertruden Eure Befehle, Herr. Graf, ſagte ich nach einem Augenblicke des Schweigens, und ſie wird Eure Vorſchriften befolgen.. Bei dieſer erſten Berufung von meiner Seite auf ſeinen Schutz, zog ein unmerkliches Laͤcheln uͤber die Lippen des Herrn von Monſoreau. — 71— 4 74 4 ſprach einige Augenblicke lang mit Gertruden. — Ich koͤnnte geſehen werden, daß ich von Euch fortginge, Fraͤulein, ſagte er zu mir; es fehlen uns nur noch zwei bis drei Stunden, um die Nacht abzuwarten. Erlaubt Ihr mir, dieſe zwei bis drei Stunden in Eurer Wohnung zuzubringen? Herr von Monſoreau hatte faſt das Recht zu ver⸗ langen, er begnugte ſich zu bitten; ich gab ihm einen Wink, ſich zu ſetzen. Jetzt erſt bemerkte ich die außerordentliche Gewalt, welche der Graf uͤber ſich ſelbſt beſaß; im Augenblicke ſelbſt uͤberwand er den Zwang, welcher aus unſerer ge⸗ genſeitigen Lage hervorging, und ſeine Unterhaltung, wel⸗ cher jene Art Bitterkeit, die ich bereits angedeutet habe, einen maͤchtigen Charakter verlieh, begann mannigfaltig und anziehend. Der Graf war viel gereiſt, hatte viel geſehen, viel gedacht, und nach Verlauf von zwei Stun⸗ den hatte ich den ganzen Einfluß begriffen, den dieſer ſeltſame Mann uͤber meinen Vater gewonnen hatte. Buſſy ſtieß einen Seufzer aus. Als die Nacht hereingebrochen, ſtand er, ohne weiter in mich zu dringen, ohne mehr zu verlangen, und wie zufrieden uͤber das, was er verlangt hatte, auf und entfernte ſich. Waͤhrend des Abends begaben wir, Gertrude und ich, uns wieder auf unſeren Beohachtungsplatz. Dieſes Mal ſahen wir deutlich zwei Maͤnner, welche das Haus unterſuchten. Mehrere Male naͤherten ſie ſich der Thuͤre; —— jedes Licht im Inneren war ausgeloͤſcht, ſie konnten uns nicht ſehen.. Gegen eilf Uhr entfernten ſie ſich. Als Gertrude am folgenden Tage ausging, fand ſie denſelben jungen Mann an derſelben Stelle wieder; er kam von Neuem zu ihr, und fragte ſie, wie er es am Tage zuvor gethan hatte. Gertrude war an dieſem Tage minder ſtreng, und wechſelte einige Worte mit ihm aus. 4 Am folgenden Tage war Gertrude noch mittheilen⸗ der; ſie ſagte ihm, daß ich die Wittwe eines Rathes ſei, die ohne Vermoͤgen geblieben, ſehr zuruͤckgezogen lebte; er wollte weiter in ſie dringen, um mehr zu erfahren, aber er mußte ſich fuͤr den Augenblick mit dieſen Aus⸗ kuͤnften begnuͤgen. Am Tage nachher ſchien Aurilly einige Zweifel uͤber die Wahrhaftigkeit der Erzaͤhlung vom vorigen Tage gefaßt zu haben; er ſprach von Anjou, von Beaugsé, und ſprach den Namen Méridor aus. Gertrude antwortete, daß ihr alle dieſe Namen gaͤnz⸗ unbekannt waͤren. Nun geſtand er, daß er dem Herzoge von Anjou angehoͤre, daß der Herzog von Anjou mich geſehen haͤt⸗ te, und verliebt in mich ſeiz dann in Folge dieſes Ge⸗ ſtaͤndniſſes kamen glaͤnzende Antraͤge fuͤr ſie und fuͤr mich; fuͤr ſie, wenn ſie den Prinzen zu mir einfuͤhren wollte, fuͤr mich, wenn ich ihn empfangen wollte. Jeden Abend kam Herr von Monſoreau, und jeden Abend ſagte ich ihm, woran wir waͤren. Er blieb nun — 76— von acht Uhr bis Mitternacht; aber es war augenſchein⸗ lich, daß ſeine Beſorgniß groß war. Am Sonnabend Abend ſah ich ihn bleicher und aufgeregter, als gewoͤhnlich, kommen. — Hoͤrt, ſagte er zu mir, Ihr muͤßt fuͤr Dienſtag oder Mittwoch Alles verſprechen. — Alles verſprechen, und weshalb? rief ich aus. — Weil der Herzog von Anjou zu Allem entſchloſſen iſt, weil er in dieſem Augenblicke gut mit dem Koͤnige ſteht, und dem zu Folge Nichts von dem Koͤnige zu erwarten iſt. — Aber wird denn von hier bis Mittwoch irgend ein Ereigniß ſtattfinden, das uns zu Huͤlfe kommt? — Vielleicht. Ich erwarte von Tage zu Tage die⸗ ſen Umſtand, welcher den Prinzen von mir abhaͤngig ma⸗ chen muß. Ich beeile, ich beſchleunige ihn, nicht bloß mit meinen Wuͤnſchen, ſondern auch durch meine Hand⸗ lungen. Morgen muß ich Euch verlaſſen, muß ich nach Montereau gehen. — Es muß ſein? antwortete ich mit einer Art von mit einer gewiſſen Freude gemiſchtem Schrecken. — Ja; ich habe dort eine Zuſammenkunft, welche unerlaͤßlich fuͤr die Beſchleunigung dieſes Umſtandes iſt, von dem ich Euch ſagte. — Und wenn wir uns am Dienſtage in derſelben Lage befinden, was muß ich denn dann thun? Mein Gott!. — Was wollt Ihr, daß ich gegen einen Prinzen —— —— — 7,— thue, wenn ich kein Recht habe, Euch zu beſchuͤtzen? Ich wie mußte dem boͤſen Geſchicke nachgeben. — O, mein Vater! Mein Vater! rief ich aus. Der Graf blickte mich feſt an. — Ihr verabſcheuet mich alſo ſehr? ſagte er. — O, mein Herr. — Was habt Ihr mir denn vorzuwerfen? — O, Nichts; im Gegentheile. — Aber bin ich nicht wie ein Freund treu ergeben⸗ ein Bruder ehrerbietig geweſen? — Ihr habt Euch in allen Punkten als Ehrenmann benommen. — Hatte ich nicht Euer Verſprechen? — Ja. — Habe ich Euch ein einziges Mal daran erinnert? — Nein. 4 — und dennoch, wenn die Umſtaͤnde ſo ſind, daß Ihr die Wahl zwiſchen einer ehrenvollen Stellung und einer ſchimpflichen Stellung habt, zieht Ihr es vor, die Geliebte des Herzogs von Anjou zu ſein, ſtatt die Gat⸗ tin des Grafen von Monſoreau zu werden. — Das ſage ich nicht, mein Herr. — Aber dann, ſo entſchließt Euch doch! — Ich bin entſchloſſen. 4 — Die Graͤfin von Monſoreau zu werden? — Eher, als die Geliebte des Herzogs von Anjou. — Eher, als die Geliebte des Herzogs von Anjou! — Die Wahl iſt ſchmeichelhaft. Ich ſchwieg. —-——-—̃ — EGleichviel, ſagte der Graf, Ihr verſteht? Laßt Gertruden bis Dienſtag Zeit gewinnen, und Dienſtag werden wir ſehen. Am folgenden Tage ging Gertrude wie gewoͤhnlich aus, aber ſie ſah Aurilly nicht. Bei ihrer Ruͤckkehr wa⸗ ren wir bei Weitem beſorgter uͤber ſeine Abweſenheit, als wir es uͤber ſeine Anweſenheit geweſen waren. Ger⸗ trude ging von Neuem aus, ohne daß ſie noͤthig ge⸗ habt haͤtte auszugehen, ſondern nur, um ihm zu begeg⸗ nen; aber ſie begegnete ihm nicht. Ein dritter Ausgang war eben ſo vergebens, als die beiden erſten. Ich ſandte Gertruden zu Herrn von Monſoreau, er war abgereiſt, und man wußte nicht, wo er waͤre. Wir waren allein und verlaſſen; wir fuͤhlten uns ſchwach; zum erſten Male ſah ich meine ganze Unge⸗ rechtigkeit gegen den Grafen ein.. — O, gnaͤdige Frau! rief Buſſy aus. Beeilt Euch doch nicht, ſo auf dieſen Mann zuruͤck zu kommen; in ſeinem ganzen Verfahren liegt Etwas, das wir nicht kennen, aber das wir kennen lernen werden. — Begleitet von unendlichem Schrecken kam der Abend herbei; ich war eher zu Allem entſchloſſen, als lebendig in die Haͤnde des Herzogs von Anjou zu fal⸗ len. Ich hatte mich mit dieſem Dolche verſehen, und beſchloſſen, mich vor den Augen des Prinzen in dem Augenblicke zu erſtechen, wo er oder ſeine Leute verſu⸗ chen wuͤrden, Hand an mich zu legen. Wir verram⸗ melten uns in unſeren Zimmern. Dutch eine unglaub⸗ —„ liche Nachlaͤſſigkeit hatte die Straßenthuͤre keinen Riegel V im Inneren. Wir verſteckten die Lampe und ſtellten uns an unſeren Beobachtungsplatz. Alles war ruhig bis um eilf Uhr Abends; um eilf Uhr kamen fuͤnf Maͤnner aus der Straße Saint⸗An⸗ r toine, ſchienen Rath zu halten, und legten ſich in der Ecke der Mauer des Hotels des Tournelles in den Hin⸗ terhalt. Wir begannen zu zittern; dieſe Maͤnner befanden ſich wahrſcheinlich unſertwegen dort. Indeſſen hielten ſie ſich regungslos; ungefaͤhr eine Viertelſtunde verfloß. Nach Verlauf einer Viertelſtunde ſahen wir zwei andere Maͤnner an der Ecke der Straße Saint-Paul erſcheinen. Der Mond, welcher zwiſchen den Wolken durchglitt, erlauhte Gertruden Aurilly in dem einen die⸗ ſer beiden Maͤnner zu erkennen. — Ach, Fraͤulein, das ſind ſie, fluͤſterte das arme junge Maͤdchen. — Ja, antwortete ich ganz ſchaudernd vor Schrek⸗ ken, und die fuͤnf Anderen ſind dort, um ihnen Beiſtand zu leiſten.. — Aber ſie muͤßten die Thuͤre einſchlagen, ſagte Gertrude, und bei dem Laͤrm werden die Nachbarn her⸗ beieilen. — Wozu willſt Du, daß die Nachbarn herbeieilen? Kennen ſie uns, und haben ſie irgend einen Beweg⸗ — 80— grund, ſich einen boͤſen Handel zuzuziehen, um uns zu vertheidigen? Ach, in Wahrheit, Gertrude, wir haben keinen wahren Vertheidiger, als den Grafen. — Nun denn! Warum ſtraͤubt Ihr Euch denn im⸗ mer, Graͤfin zu werden? Ich ſtieß einen Seufzer aus. IV. Wer Diana von Méridor war. Die Heirath. Waͤhrend dieſer Zeit hatten ſich die beiden Maͤn⸗ ner, welche an der Ecke der Straße Saint⸗Paul erſchia⸗ nen waren, laͤngs der Haͤuſer hingeſchlichen, und ſtanden unter unſeren Fenſtern. Wir oͤffneten leiſe die Fenſterfluͤgel. — Biſt du gewiß, daß es hier iſt? fragte eine Stimme. — Ja, gnaͤdiger Herr, vollkommen gewiß. Es iſt das fuͤnfte Haus, von der Ecke der Straße Saint⸗Paul an gerechnet. — und der Schluͤſſel? Meinſt Du, daß er paſſen wird? — Ich habe den Abdruck des Schloſſes genom⸗ men. Die Dame von Monſorean. Zweiter Band. 6 Ich ergriff den Arm Gertrudens und druͤckte ihn heftig. — und einmal eingetreten? — Einmal eingetreten iſt es meine Sache. Die Zofe wird uns aufmachen. Eure Hoheit beſitzt in Ihrer Taſche einen goldenen Schluͤſſel, der wohl ſo viel werth iſt, als dieſer hier. — So ſchließ denn auf. Wir hoͤrten das Knarren des Schluͤſſels in dem Schloſſe. Aber poͤtzlich traten die in der Ecke des Ho⸗ tels im Hinterhalte liegenden Maͤnner aus der Mauer hervor und ſtuͤrzten auf den Prinzen und auf Aurilly mit dem Ausrufe zu:„Laßt ſie uns toͤdten! Laßt ſie uns toͤdten!“ Ich begriff Nichts mehr davon; ich errieth nur ſo viel, daß uns eine unerwartete, unverhoffte, unerhoͤrte Huͤlfe wuͤrde. Ich ſank auf die Kniee, und dankte dem Himmel. Aber der Prinz brauchte ſich nur zu zeigen, der Prinz brauchte nur ſeinen Namen auszuſprechen, und alle Stimmen ſchwiegen, alle Schwerdter kehrten in die Scheide zuruͤck, und jeder der Angreifenden that einen Schritt zuruͤck. — Ja, ja, ſagte Buſſy, ſie wollten nicht an den Prinzen, an mich wollten ſie. — Jeden Falles, begann Diana wieder, entfernte dieſer Angriff den Prinzen. Wir ſahen ihn ſich durch die Straße Jouy zurückziehen, waͤhrend die fuͤnf Edel⸗ —.,— — — 83— leute des Hinterhaltes ihren Poſten an der Ecke des Ho⸗ tels des Tournelles wieder einnahmen. Es war augenſcheinlich, daß zum Mindeſten fuͤr dieſe Nacht die Gefahr von uns abgewendet warz denn die fünf Edelleute wollten nicht an uns. Aber wir wa⸗ ree zu beſorgt und zu aufgeregt, nicht aufzubleiben. Wir blieben an das Fenſter gelehnt ſtehen, und erwar⸗ teten irgend ein unbekanntes Ereigniß, das wir inſtinkt⸗ maͤßig ſich uns nahen fuͤhlten. Die Erwartung war kurz. Ein Mann zu Pferde erſchien, indem er ſich in Mitte der Straße Saint⸗An⸗ toine hielt. Das war ohne Zweifel Derjenige, welchen die im Hinterhalte liegenden fuͤnf Edelleute erwarteten; denn, als ſie ihn erblickten, riefen ſie aus: Zu den Schwerdtern! Zu den Schwerdtern! Und ſtuͤrz⸗ ten auf ihn zu. — Ihr wißt Alles, was auf dieſen Edelmann Be⸗ zug hat, ſagte Diana, da Ihr dieſer Edelmann waret. — Im Gegentheile, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, wel⸗ cher aus der Erzaͤhlung der jungen Frau irgend ein Ge⸗ heimniß ihres Herzens zu ziehen hoffte; im Gegentheile, ich weiß Nichts, als den Kampf, da ich nach dem Kampfe in Ohnmacht ſank. 4 — Es iſt unnoͤthig, Euch die Theilnahme zu ſagen, begann Diana mit einem leichten Erroͤthen wieder, wel⸗ che wir an dieſem ſo ungleichen, und dennoch ſo tapfer beſtandenen Kampfe nahmen. Jeder Zufall des Kam⸗ pfes entriß uns einen Schauder, einen Schrei, ein Ge⸗ bet. Wir ſahen Euer Pferd ermatten und zuſammen⸗ 6* — 84— ſinken. Wir hielten Euch fuͤr verloren; aber dem war nicht ſo, der tapfere Buſſy verdiente ſeinen Ruf. Ihr fielet ſtehend und hattet nicht einmal noͤthig, Euch wie⸗ der aufzurichten, um Eure Feinde zu treffen; endlich um⸗ ringt, von allen Seiten bedrohet, zoget Ihr Euch wie der Löwe, das Angeſicht Euren Feinden zugewendet, zuruͤck, und kamt, Euch gegen die Thuͤre zu lehnen; nun ſtieg in Gertruden und in mir derſelbe Gedanke auf, naͤmlich hinunter zu gehen, um zu oͤffnen, ſie ſah mich an: ja, ſagte ich zu ihr, und wir ſtuͤrzten alle Beide nach der Treppe zu. Da wir uns aber, wie ich Euch geſagt, im Innern verrammelt hatten, ſo bedurf⸗ ten wir einige Sekunden, um die Moͤbeln wegzuraͤu⸗ men, welche den Ausgang verſperrten, und in dem Au⸗ genblicke, wo wir auf dem Vorplatze anlangten, hoͤrten wir, wie die Thuͤre der Straße ſich wieder ſchloß. — Wir blieben alle Beide wieder regungslos. Wer war denn die Perſon, welche eingetreten, und wie war ſie ins Haus gekommen? —= Ich ſtuͤtzte mich auf Gertruden, und wir blieben ſtumm und in Erwartung des Kommenden. Bald darauf ließen ſich Schritte auf der Hausflur hoͤren; ſie naͤherten ſich der Treppe, ein Mann erſchien wankend, ſtreckte die Arme aus, und ſank mit einem dumpfen Stoͤhnen auf die erſten Stufen. Es war augenſcheinlich, daß dieſer Mann nicht ver⸗ folgt wurde, daß er die ſo gluͤcklicher Weiſe von dem Herzoge von Anjou offen gelaſſene Thuͤre zwiſchen ſich und ſeinen Gegnern verſchloſſen hatte, und daß er ge⸗ — — 85— faͤhrlich, vielleicht toͤdtlich verwundet, am Fuße der Treppe hingeſunken war. In jedem Fall hatten wir Nichts zu fuͤrchten, im Gegentheile bedurfte dieſer Mann unſeres Beiſtandes. — Die Lampe! ſagte ich zu Gertruden. Sie eilte fort und kehrte mit dem Lichte zuruck. Wir hatten uns nicht geirrt: Ihr waret in Ohn⸗ macht geſunken. Wir erkannten Euch fuͤr den wackeren Edelmann, der ſich ſo tapfer vertheidigt hatte, und ohne zu zoͤgern, entſchloſſen wir uns, Euch Huͤlfe zu leiſten. In einem Augenblicke waret Ihr in mein Zimmer gebracht und auf mein Bett gelegt. Ihr waret immer noch ohnmaͤchtig; die Pflege ei⸗ nes Wundarztes ſchien dringend noͤthig. Gertrude erin⸗ nerte ſich, daß ſie von einer, einige Tage zuvor von einem jungen Arzte der Straße..... der Straße Beautreillis gemachten wundervollen Kur hatte reden hoͤ⸗ ren. Sie wußte ſeine Wohnung, ſie bot mir an, ihn zu holen.. — Aber, ſagte ich zu ihr, dieſer junge Mann kann uns verrathen. — Seid unbeſorgt, ſagte ſie, ich werde meine Vor⸗ ſichtsmaßregeln treffen. 7. Sie iſt ein eben ſo muthiges als vorſichtiges Mäd⸗ chen, fuhr Diana fort, ich verließ mich demnach gaͤnz⸗ lich auf ſie. Sie nahm Geld, einen Schluͤſſel und mei⸗ nen Dolch, und ich blieb allein bei Euch... indem ich fuͤr Euch betete. — ——— — 86— — Ach, ſagte Buſſy, ich kannte nicht all mein Gluͤck, gnaͤdige Frau. — Eine Viertelſtunde nachher kehrte Gertrude zuruͤck; ſie brachte den jungen Arzt mit; er hatte in Alles gewil⸗ ligt, und begleitete ſie mit verbundenen Augen. Ich blieb in dem Salon, waͤhrend man ihn in das Zimmer fuͤhrte. Dort erlaubte man ihm die Binde ab⸗ zunehmen, welche ihm die Augen bedeckte. — Ja, ſagte Buſſy, in dieſem Augenblicke kam ich wieder zur Beſinnung, meine Augen richteten ſich auf Euer Portrait, und es ſchien mir, als ob ich Euch ein⸗ treten ſaͤhe. — Ich trat in der That ein, meine Beſorgniß ſiegte uͤber die Vorſicht; ich richtete einige Fragen an den jungen Arzt; er unterſuchte Eure Wunde, machte ſich bei mir fuͤr Euch verantwortlich, und ich war er⸗ leichtert. — Alles das war in meinem Geiſte geblieben, ſagte Buſſy, aber wie ein Traum in dem Gedaͤchtniſſe bleibt, und dennoch ſaßte mir ein Etwas hier, fuͤgte der junge Mann hinzu, indem er die Hand auf ſein Herz legte, daß ich nicht getraͤumt haͤtte. — Als der Wundarzt Eure Wunde verbunden hatte, zog er ein kleines, einen rothen Liquor enthaltendes Flaͤſchchen aus ſeiner Taſche, und goß von demſelben einige Tropfen auf Eure Lippen. Das waͤre, ſagte er zu mir, ein Elixir, beſtimmt um Euch den Schlaf wie⸗ derzugeben und das Fieber zu bekaͤmpfen. In der That, einen Augenblick, nachdem Ihr dieſes — — — 87— Getraͤnk verſchluckt, ſchloſſet Ihr von Neuem die Augen, und verſanket wieder in die Art von Ohnmacht, aus der Ihr einen Augenblick lang erwacht waret. Ich erſchrak, aber der Arzt beruhigte mich. Alles ſtaͤnde auf das Beſte, ſagte er zu mir, und man haͤtte Euch nur noch ſchlafen zu laſſen. Gertrude verband ihm von Neuem die Augen mit einem Taſchentuche, und fuͤhrte ihn bis an den Anfang der Straße Beautreillis zuruͤck. Nur glaubte ſie zu bemerken, daß er die Schritte * zaͤhlte. — In der That, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, er 1 hatte ſie gezaͤhlt. — Dieſe Vermuthung erſchreckte uns. Dieſer junge Mann konnte uns verrathen. Wir beſchloſſen, jede Spur von der Aufnahme, welche wir Euch gewaͤhrt hatten, verſchwinden zu laſſen, aber zuvoͤrderſt war es wichtig, Euch verſchwinden zu laſſen. Ich nahm meinen ganzen Muth zuſammen; es war zwei Uhr Morgens, die Straßen waren oͤde. Ger⸗ trude ſtand dafuͤr, Euch heben zu koͤnnen, es gelang ihr, 1 ich half ihr, und wir trugen Euch bis auf den Abhang der Graͤben des Tempels. Hierauf kehrten wir ganz entſetzt uͤber dieſe Kuͤhnheit zuruͤck, die uns, zwei Frauen, allein um eine Stunde hatte ausgehen laſſen, zu wel⸗ cher ſelbſt Maͤnner nur in Begleitung ausgehen. Gott wachte uͤber uns: wir begegneten Niemandem, und kehrten zuruͤck, ohne geſehen worden zu ſein. — 88— Als ich nach Haus zuruͤckkam, unterlag ich der Laſt meiner Gemuͤthserſchuͤtterung und wurde ohnmaͤchtig. — O, gnaͤdige Frau, gnaͤdige Frau! ſagte Buſſy die Haͤnde faltend. Wie vermag ich jemals das zu ver⸗ gelten, was Ihr fuͤr mich gethan habt? Es entſtand ein Augenblick des Schweigens, waͤh⸗ rend deſſen Buſſy Diana gluͤhend anblickte. Den Ell⸗ bogen auf einen Tiſch gelehnt, hatte die junge Frau ihren Kopf in ihre Hand zuruͤckſinken laſſen. In Mitte dieſes Schweigens hoͤrte man die Uhr der Sanct⸗Catharinenkirche ſchlagen. — Zwei Uhr! ſagte Diana erbebend. Zwei Uhr! Und Ihr hier! — O, gnaͤdige Frau, flehete Buſſy, ſchickt mich nicht fort, ohne mir Alles geſagt zu haben. Schickt mich nicht fort, ohne mir angedeutet zu haben, durch welche Mittel ich Euch nützlich ſein kann. Nehmt an, daß Gott Euch einen Bruder gegeben haͤtte, und ſagt zu dieſem Bruder, was er fuͤr ſeine Schweſter zu thun vermag. — Leider, Nichts mehr jetzt, ſagte die junge Frau, es iſt zu ſpaͤt.. 3— Was ereignete ſich am folgenden Tage? fragte Buſſy. Was thatet Ihr waͤhrend dieſes Tages, wo ich nur an Euch dachte, ohne indeſſen ſicher zu ſein, daß Ihr nicht ein Traum meiner Phantaſieen, eine Erſchei⸗ nung meines Fiebers waͤret? — Waͤhrend dieſes Tages, erwiderte Diana, ging Gertrude aus und begegnete Aurilly. Aurilly war drin⸗ — 89— gender, als jemals; er ſagte kein Wort von dem, was am vorigen Abende vorgefallen war, aber er verlangte im Namen ſeines Herrn eine Zuſammenkunft. Gertrude ſchien einzuwilligen, aber ſie verlangte bis naͤchſte Mittwoch, das heißt bis heute, Friſt, um mich zu beſtimmen. Aurilly verſprach, daß ſein Herr ſich bis dahin Ge⸗ walt anthun wuͤrde. Wir hatten alſo drei Tage vor uns. Am Abend kam Herr von Monſoreau wieder. Wir erzaͤhlten ihm Alles, mit Ausnahme deſſen, was Bezug auf Euch hatte. Wir ſagten ihm, daß der Herzog am Abende zuvor die Thuͤre mit einem Nach⸗ ſchluͤſſel geoͤffnet haͤtte, daß er aber in dem Augenblicke ſelbſt, wo er eintreten wollte, von fuͤnf Edelleuten an⸗ gegriffen worden waͤre, unter denen ſich die Herren von Epernon und von Quelus befanden. Ich hatte dieſe Namen ausſprechen hoͤren, und ich wiederholte ſie ihm. — Ja, ja, ſagte der Graf, ich habe bereits davon ſprechen hoͤren. Er hat alſo einen Nachſchluͤſſel? Ich ah⸗ nete es. — Koͤnnte man denn das Schloß nicht aͤndern? fragte ich. 4 — Er wuͤrde einen anderen anfertigen laſſen, ſagte der Graf. — Riegel an der Thuͤre anbringen laſſen? — Er wuͤrde mit zehn Mann kommen, und Thuͤre und Riegel ſprengen. — 90— — Aber dieſes Ereigniß, das Euch, wie Ihr mir geſagt, alle Gewalt uͤber den Herzog geben mußte? — Iſt vielleicht fuͤr unbeſtimmbare Zeit aufgeſchoben. Ich blieb ſtumm, und den Schweiß auf der Stirn, verhehlte ich mir nicht laͤnger, daß es kein anderes Mit⸗ tel gaͤbe, dem Herzoge von Anjou zu entgehen, als die Gattin des Grafen zu werden. — Mein Herr, ſagte ich zu ihm, der Herzog hat ſich durch ſeinen Vertrauten verpflichtet, bis Mittwoch Abend zu warten, ich bitte Euch bis Dienſtag Abend zu warten. — Dienſtag Abend, zu derſelben Stunde, Fraͤulein, ſagte der Graf, werde ich hier ſein. Und ohne ein Wort hinzuzufuͤgen, ſtand er auf und verließ das Haus. Ich folgte ihm mit den Augen; aber anſtatt ſich zu entfernen, ſtellte er ſich nun in die dunkele Ecke der Mauer des Tournelles, und ſchien entſchloſſen, mich die ganze Nacht hindurch zu bewachen. Jeder Beweis von Aufopferung, welchen mir dieſer Mann gab, war ein neuer Dolchſtich fuͤr mein Herz. Die beiden Tage verfloſſen mit der Schnelligkeit eines Augenblickes; Nichts ſtoͤrte unſere Einſamkeit. Das, was ich waͤhrend dieſer zwei Tage litt, als ich den ra⸗ ſchen Flug der Stunden ſich einander folgen hoͤrte, iſt unmoͤglich zu beſchreiben. Als die Nacht des zweiten Tages herbeikam, war ich niedergeſchlagen; jedes Gefuͤhl ſchien ſich allmaͤlig von mir zu entfernen. Ich war kalt, ſtumm, dem An⸗ — — 91— ſcheine nach gefuͤhllos, wie eine Statue; mein Herz al⸗ lein ſchlug, der uͤbrige Theil meines Koͤrpers ſchien auf⸗ gehoͤrt zu haben zu leben. Gertrude ſtand am Fenſter. Ich ſaß, wo ich bin, nur fuhr ich von Zeit zu Zeit mit meinem Taſchentuche uͤber meine von Schweiß feuchte Stirn. Ploͤtzlich ſtreckte Gertrude die Hand nach mei⸗ ner Seite aus; aber dieſe Bewegung, welche mich ſonſt haͤtte aufſpringen laſſen, fand mich gleichguͤltig. — Fraͤulein! ſagte ſie. — Nun? fragte ich.. Vier Maͤnner;... ich ſehe vier Maͤnner.. Sie kommen nach dieſer Seite heran... Sie oͤffnen die Thuͤre... ſie treten ein. — Moͤgen ſie eintreten, antwortete ich, ohne eine Bewegung zu machen. — Aber dieſe vier Maͤnner ſind ohne Zweifel der Herzog von Anjou, Aurilly und zwei Maͤnner ihres Ge⸗ folges. Statt aller Antwort zog ich meinen Dolch, und legte ihn neben mich auf den Tiſch. 3 — O, laßt mich zum Mindeſten nachſehen, rief Gertrude aus, indem ſie nach der Thuͤre zuſtuͤrzte. — Sieh nach, antwortete ich. Einen Augenblick nachher trat Gertrude ein. — Fraͤulein, ſagte ſie, es iſt der Herr Graf. Ich ſteckte meinen Dolch wieder in den Buſen, ohne ein einziges Wort auszuſprechen. Nur wandte ich den Kopf nach der Seite des Grafen. — 92— Ohne Zweifel war er erſchreckt uͤber meine Blaͤſſe. — Was ſagt mir Gertrude? rief er aus. Daß Ihr mich fuͤr den Herzog gehalten habt, und daß, wenn es der Herzog geweſen waͤre, Ihr Euch getoͤdtet haͤttet! Das war das erſte Mal, daß ich ihn geruͤhrt ſah. War dieſe Ruͤhrung wirklich oder erkuͤnſtelt? — Gertrude hat Unrecht gehabt, Euch das zu ſa⸗ gen, mein Herr, antwortete ich, von dem Augenblicke an, wo es nicht der Herzog iſt, iſt Alles gut. Es entſtand ein Augenblick des Schweigens. — Ihr wißt, daß ich nicht allein gekommen bin, ſagte der Graf. — Gertrude hat vier Maͤnner geſehen. — Ahnet Ihr, wer ſie ſind? — Ich vermuthe, daß der eine ein Prieſter iſt, und daß die beiden Anderen unſere Zeugen ſind. — Dann ſeid Ihr alſo bereit, meine Gattin zu werden? — Iſt das nicht etwas Verabredetes? Nur erinnere ich mich des Vertrages, in dem verabredet war, daß ich mich nur in Gegenwart meines Vaters verheirathen ſollte, es ſei denn, daß von meiner Seite anerkannte, dringende Noth obwalte. — Ich erinnere mich dieſer Bedingungung vollkom⸗ men, Fraͤulein. Aber glaubt Ihr, daß dringende Noth vorhanden iſt? 4 — Ja, ich glaube es. — Nun denn? — 93— — Ich bin bereit, Euch zu heirathen, mein Herr. Aber merket wohl, daß ich nicht eher wirklich Eure Frau ſein werde, als bis ich meinen Vater wiedergeſe⸗ hen habe. Der Graf runzelte die Stirn und biß ſich auf die Lippen.— 3 — Es iſt nicht meine Abſicht, Eurem Willen Zwang anzulegen, Fraͤulein, ſagte er; wenn Ihr Euer Wort rne habt, ſo gebe ich Euch Euer Wort zuruͤck: Ihr ſeid freiz nur.. Er trat an das Fenſter und warf einen Blick in die Straße. — Nur, ſagte er, ſeht. Durch jene maͤchtige Anziehungskraft, welche uns antreibt, uns von unſerem Ungluͤck zu uͤberzeugen, in Bewegung geſetzt, ſtand ich auf, und erblickte unter dem Fenſter einen in einen Mantel gehuͤllten Mann, der ein Mittel zu ſuchen ſchien, in das Haus zu dringen. — O, mein Gott, ſagte Buſſy, und Ihr ſagt, daß das geſtern war? — Ja, Graf, geſtern, gegen neun Uhr Abends. — Fahrt fort, ſagte Buſſy. Nach Verlauf eines Augenblickes kam ein anderer Mann zu dem erſten; dieſer hielt eine Laterne in der Hand. — Was haltet Ihr von dieſen beiden Maͤnnern? fragte mich Herr von Monſoreau. — Ich meine, daß es der Herzog und ſein Ver⸗ trauter iſt, antwortete ich. — 94— Buſſy ſtieß ein Stoͤhnen aus. — Jetzt fuhr der Graf fort, befehlt: ſoll ich blei⸗ ben, ſoll ich mich entfernen? Ich ſchwankte einen Augenblick lang; ja, trotz des Briefes meines Vaters, trotz des beſchworenen Verſpre⸗ chens, trotz der gegenwaͤrtigen ſichtbaren, drohenden Gefahr, ja, ich ſchwankte, und wenn dieſe beiden Maͤn⸗ ner nicht da geweſen waͤren... — O, ich Ungluͤckſeliger! rief Buſſy aus. Der Ma im Mantel war ich, und der, welcher die Laterne trug, war Remy le Haudouin, der junge Arzt, den Ihr habt holen laſſen. — Ihr waret es! rief Diana, auf das Hoͤchſte er⸗ ſtaunt. — Ja, ich; ich, der ich, immer mehr uͤberzeugt von der Wirklichkeit meiner Erinnerungen, das Haus wiederzufinden ſuchte, in welchem man mich aufgenom⸗ men, das Zimmer, in welches ich gebracht worden, die Frau, oder vielmehr den Engel, der mir erſchienen war. O! Ich hatte alſo ſehr recht auszurufen, daß ich ein Ungluͤckſeliger waͤre! Und Buſſy ſchien gleichſam unter der Laſt dieſes Verhaͤngniſſes vernichtet, das ſich ſeiner bedient hatte, um Dianen zu beſtimmen, dem Grafen ihre Hand zu geben. 1 — Demnach alſo, begann er nach Verlauf eines Augenblickes wieder, ſeid Ihr ſeine Gattin? — Seit geſtern, antwortete Diana. ———Vʃꝛÿ/—— — 95— Und es entſtand eine neue Stille, die nur durch das beklommene Athemholen der beiden jungen Leute un⸗ terbrochen wurde. — Aber Ihr, fragte ploͤtziich Diana, wie ſeid Ihr in dieſes Haus gekommen, wie befindet Ihr Euch hier? Buſſy zeigte ihr ſchweigend den Schlüͤſſel. — Ein Schluͤſſel! rief Diana aus. Woher kommt dieſer Schluͤſſel, und wer hat ihn Euch gegeben? — Hatte nicht Gertrude dem Prinzen verſprochen, ihn heute Abend bei Euch einzufuͤhren? Der Prinz hatte Herrn von Monſoreau geſehen und hatte mich ſelbſt ge⸗ ſehen; da Herr von Monſoreau und ich ihn geſehen hat⸗ ten, ſo hat er irgend eine Falle gefuͤrchtet, und mich an ſeiner Stelle hergeſchickt. — und Ihr habt dieſen Auftrag angenommen? ſagte Diana im Tone des Vorwurfs. — Es war das einzige Mittel, um zu Euch zu ge⸗ langen. Waͤret Ihr ungerecht genug mir daruͤber boͤs zu ſein, daß ich gekommen bin, eine der groͤßten Freu⸗ den und den groͤßten Schmerz meines Lebens zu ſuchen? — Ja, ich bin Euch boͤs daruͤber, ſagte Diana, denn es waͤre beſſer geweſen, daß Ihr mich nicht wie⸗ dergeſehen, und daß, indem Ihr mich nicht wiedergeſe⸗ hen, Ihr mich vergeſſen haͤttet. — Nein, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, Ihr irrt Euch. Im Gegentheile, Gott iſt es, der mich zu Euch gefuͤhrt hat, um die geheimſte Tiefe dieſes Complottes —— —— — 96— zu erforſchen, deſſen Opfer Ihr ſeid. Hoͤrt: von dem Augenblicke an, wo ich Euch geſehen, habe ich Euch mein Leben gewidmet. Die Verpflichtung, welche ich mir auferlegt habe, wird beginnen. Ihr habt Nachrich⸗ ten von Eurem Vater verlangt? — O, za, rief Diana aus, denn, in Wahrheit, ich weiß nicht, was aus ihm geworden iſt. — Wohlan, ſagte Buſſy, ich übernehme es, ſie Euch zu liefern, nur bewahrt ein gutes Andenken dem⸗ jenigen, der von dieſem Augenblicke an durch Euch und fuͤr Euch leben wird. — Aber dieſer Schluͤſſel? ſagte Diana beſorgt. — Dieſen Schluͤſſel gebe ich Euch zuruͤck, ſagte Buſſy, denn ich will ihn nur aus Eurer Hand haben; nur verpfaͤnde ich Euch mein Wort als Edelmann, daß niemals eine Schweſter einem mehr ergebenen und ehrer⸗ bietigeren Bruder den Schluͤſſel zu ihrer Wohnung an⸗ vertraut haben wird. — Ich vertraue dem Worte des wackeren Buſſy, ſagte Diana; nehmt, mein Herr. Und ſie gab dem jungen Manne den Schluͤſſel zuruͤck. — In vierzehn Tagen, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, werden wir wiſſen, was Herr von Monſoreau wirklich iſt. Und ſich mit einer, gleichzeitig mit gluhender Liebe. und mit unendlicher Trauer gemiſchten Ehrerbietung nun vor Dianen verneigend, verſchwand Buſſy auf der Treppe. V V — 97— Diana neigte den Kopf nach der Thuͤre, um das Geraͤuſch der Schritte des ſich entfernenden jungen Man⸗ nes zu hoͤren, und dieſes Geraͤuſch hatte bereits ſeit lan⸗ ger Zeit aufgehoͤrt, als ſie mit klopfendem Herzen und mit in Thraͤnen gebadeten Augen noch horchte. Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 7 V. Wie Kdnig Heinrich III. reiſete, und wie viel Zeit er bedurfte, um von Paris nach Fontainebleau zu gehen. Der Tag, welcher vier bis fuͤnf Stunden nach den ſo eben von uns erzaͤhlten Ereigniſſen anbrach, ſah bei dem Scheine einer bleichen Sonne, welche kaum den Saum einer roͤthlichen Wolke verſilberte, den Aufbruch Koͤnig Heinrichs III. nach Fontainebleau, wo, wie wir bemerkt haben, die Anſtalten zu einer großen Jagd fuͤr den zweiten Tag getroffen wurden. 4 Dieſer Aufbruch, der bei einem Anderen unbemerkt geblieben waͤre, bildete im Gegentheile, wie alle Hand⸗ 4 lungen in dem Leben dieſes ſeltſamen Fuͤrſten, deſſen 9 Regierung wir zu ſchildern unternommen haben, durch den Laͤrm und das Treiben, welches er nach ſich zog, ein Ereigniß. 4 —õ— — 199— In der That, gegen acht Uhr Morgens begannen ſich auf dem Kai des Louvre eine Menge von dienſtha⸗ benden Edelleuten auszubreiten, welche auf guten Pfer⸗ den reitend und in Pelzmaͤntel gehuͤllt aus dem großen, zwiſchen dem Eckthurme und der Straße Aſtruce gele⸗ genen Thore herauskamen; dann kam eine unendliche Anzahl von Pagen, dann eine Welt von Dienern, und endlich eine Kompagnie Schweizer, welche unmittelbar der koͤniglichen Karoſſe vorauszogen. Dieſe von acht reich aufgeſchirrten Maulthieren ge⸗ zogene Karoſſe verdient einer ganz beſonderen Erwaͤhnung. Sie war eine ein laͤngliches Viereck bildende und von vier Rädern getragene Maſchine, die im Inneren ganz mit Kiſſen ausgeſchlagen, im Aeußeren ganz mit Brocatvorhaͤngen hehangen war; ſie konnte funfzehn Fuß Laͤnge bei acht Fuß Breite haben. Auf ſchwierigen Wegen, oder in zu ſteilen Gebirgen ſpannte man an die Stelle der Maulthiere eine unendliche Anzahl von Och⸗ ſen vor, deren langſame, aber kraͤftige Beharrlichkeit ohne Zweifel Nichts zur Schnelle beitrug, aber doch zum Mindeſten die Gewißheit gewaͤhrte, wenn nicht in einer Stunde, doch zum Wenigſten zwei bis drei Stun⸗ den ſpaͤter an das Ziel zu gelangen. Dieſe Maſchine enthielt Koͤnig Heinrich 1Il. und ſeinen ganzen Hof, mit Ausnahme der Koͤnigin, Louiſe von Vaudemont, welche, wie wir ſagen muͤſſen, ſo we⸗ nig zu dem Hofe ihres Gatten gehoͤrte, daß es, es ſei denn bei den Wallfahrten und bei den Prverſſionan, nicht der Muͤhe werth iſt, von ihr zu reden. 7*† * — 100— Laſſen wir demnach die arme Koͤnigin bei Seite, und ſagen wir, woraus der Reiſehofſtaat Koͤnig Hein⸗ richs beſtand. Er beſtand aus dem Koͤnige Heinrich III. zuvoͤrderſt, aus ſeinem Arzte Marc Miron, aus ſeinem Kapellan, deſſen Name nicht bis zu uns gelangt iſt, aus ſeinem Narren Chicot, unſerem alten Bekannten, aus fuͤnf bis ſechs in Gunſt ſtehenden Mignons, welche fuͤr den Augenblick Quelus, Schomberg, von Epernon, d'O und Maugiron waren, aus einem Paar großen Wind⸗ hunden, die in Mitte aller dieſer ſitzenden, liegenden, ſtehenden, knieenden, angelehnten Leute oft von Minute zu Minute ihre langen Schlangenkoͤpfe hervorſtreckten, um aus vollem Halſe zu gaͤhnen, und aus einem Korbe kleiner engliſcher Hunde, welchen der Koͤnig bald auf ſeinem Schooße, bald an einer Kette, oder an Baͤndern an ſeinem Halſe haͤngend trug. Von Zeit zu Zeit zog man aus einer Art von zu dieſem Zwecke angebrachten Niſche eine Huͤndin mit von Milch geſchwollenen Zitzen hervor, welche dieſen ganzen Korb voll kleiner Hunde ſaͤugen ließ, den die beiden gro⸗ ßen Windhunde mitleidig anblickten, indem ſie ihre lange Schnauze an den Roſenkranz von Todtenkoͤpfen druͤck⸗ ten, der an der linken Seite des Koͤnigs klapperte, und die, der ganz beſonderen Gunſt gemaͤß, deren ſie genoſ⸗ ſen, ſich nicht einmal die Muͤhe gaben, eiferſuͤchtig zu ſein. An der Decke der Karoſſe ſchaukelte ſich ein Kaͤfig von vergoldetem Meſſingdraht, welcher die ſchoͤnſten — —— — A ———— ò— 8——— 3 n—— 2 — 101— Turteltauben von der Welt enthielt, das heißt mit ei⸗ nem ſchneeweißen Gefieder und einem doppelten ſchwar⸗ zen Halsbande. Wenn zufaͤllig irgend eine weibliche Perſon in der koͤniglichen Karoſſe fuhr, ſo vermehrte ſich die Menagerie mit zwei bis drei Affen von der Gattung der Ouistitis oder der Sapajous, da der Affe fuͤr den Augenblick das bei den Eleganten an dem Hofe des letzten Valois in Gunſt ſtehende Thier war. Eine von Jean Goujon fuͤr Koͤnig Heinrich III. in Marmor ausgehauene Mutter Gottes von Chartres war in dem Hintergrunde der Karoſſe in einer vergoldeten Niſche aufgeſtellt, und ſenkte auf ihren goͤttlichen Sohn Blicke, die ganz erſtaunt uͤber das ſchienen, was ſie ſahen. Alle Schmaͤhſchriften der Zeit, und es fehlte an ih⸗ nen nicht, alle ſatyriſchen Verſe der Zeit, und es wur⸗ den ihrer eine gute Anzahl geſchmiedet, erwieſen dem— nach auch dieſer Karoſſe haͤufig die Ehre, ſich mit ihr zu beſchaͤftigen, und bezeichneten ſie unter dem Namen der Arche Noah. Der Koͤnig ſaß in dem Hintergrunde der Karoſſe, gerade unter der Niſche des Mutter Gottes Bildes. Zu ſeinen Fuͤßen flochten Quelus und Maugiron Baͤnder, was noch eine der ernſteſten Beſchaͤftigungen der jungen Leute jener Zeit war, indem es einigen von ihnen, kraft einer zuvor unbekannten und ſpaͤter verloren gegangenen Berechnung, gelungen war, Flechten von zwoͤlf Straͤn⸗ gen zu machen; Maugiron ſtickte in einer Ecke ſein — 102— Wappen mit einem neuen Wahlſpruche, den er erfunden zu haben glaubte, den er aber nur wiedergefunden hatte; in einer anderen Ecke plauderten der Kapellan und der Doktor mit einander; d'O und d'Epernon blickten durch die Oeffnungen, und gaͤhnten, zu fruͤh geweckt, wie die Windhunde; endlich Chicot, der auf einem der Schlaͤge ſaß, und die Beine aus der Maſchine heraushaͤngen ließ, um immer bereit zu ſein, je nach ſeiner Laune aus oder wieder einzuſteigen, ſang Lieder, ſagte Pasquille her, oder machte nach der Wuth der Zeit Anagramme, und fand in jedem Hofmanns⸗Namen, entweder auf Fran⸗ zoͤſiſch oder auf Lateiniſch, unendlich unangenehme Per⸗ ſoͤnlichkeiten fuͤr Denjenigen, deſſen Individualitaͤt er ſo verſtuͤmmelte. Als man auf dem Platze du Chatelet anlangte, be⸗ gann Chicot ein geiſtliches Lied anzuſtimmen. Der Kapellan, welcher ſich, wie wir bemerkt, mit Miron unterhielt, wandte ſich um und runzelte die Stirn. — Chicot, mein Freund, ſagte Seine Majeſtaͤt, nimm Dich in Acht; geihele meine Mignons, laß kein Stuͤck an meiner Majeſtaͤt, ſag was Du willſt von Gott, Gott iſt gut, aber verdirb es nicht mit der Kirche. — Ich danke fuͤr die Warnung, mein Sohn, ſagte Chicot; ich ſah unſeren würdigen Kapellan nicht, wel⸗ cher ſich dort mit dem Doktor uͤber den letzten Todten unterhaͤlt, den er ihm geſandt hat, um ihn zu begraben, und der ſich beſchwert, daß es der dritte in einem Tage waͤre, und immer zu den Stunden der Mahlzeiten, was „ — f — 103— ihn ſtoͤrt. Keine geiſtlichen Geſaͤnge, Du giebſt guten Rath; das iſt zu alt. Ich will Dir ein ganz neues Lied ſingen. — Auf welche Melodie? fragte der Koͤnig. — Immer dieſelbe, ſagte Chicot, und er begann aus vollem Halſe zu ſingen: Notre roi doit cent millions. (Unſer Koͤnig ſchuldet Hundert Millionen.) — Ich bin mehr als das ſchuldig, ſagte Heinrich; Dein Dichter iſt ſchlecht unterrichtet, Chicot. Chicot begann wieder, ohne ſich irre machen zu laſſen. Heuri doit deux cents millions, Et faut, pour acquitter les dettes, Que Messieurs les mignons ont faites, De nouyvelles inventions, Nouveaux impoͤts, nouvelles tailles, Qu'il faut, du profond des entrailles Des pauvres sujets, arracher. Malbeureux qui tratnent leurs vies Sous la griffe de ces harpies Qui avalent tout sans maächer. (Heinrich hat zwei Hundert Millionen Schulden, und bedarf, um die Schulden zu bezahlen, welche die Herren Mignons gemacht, neuer Erfindungen, neuer Auflagen, neuer Steuern, welche er den armen Unterthanen aus dem Leibe reißen muß. Ungluͤckliche, die ihr Leben unter den Krallen dieſer Harpien hinſchleppen, die Alles ohne zu kauen ver⸗ ſchlingen. -— 104— — Gut, ſagte Quélus, indem er dabei immer fort ſeine Seide flocht, Du haſt eine ſchoͤne Stimme, Chicot; den zweiten Vers, mein Freund. — Hoͤre doch, Valois, ſagte Chicot, ohne Quélus zu antworten, verbiete doch Deinen Freunden mich ihren Freund zu nennen; das erniedrigt mich. — Sprich in Verſen, Chicot, antwortete der Koͤnig, Deine Proſa taugt Nichts. — Es ſei, ſagte Chicot, und er begann wieder: Leur parler et leur vétement Se voit tel qu'une honnète femme Aurait peur d'en recevoir bläme, Vètne aussi lascivement. Leur cou ne se tourne à son aise, Dedans les replis de leur fraise; Déjaà le froment n'est plus bon Pour P'empois blano de leur chemise, Et faut pour façon plus exquise, Paire de riz leur amidon. (Ihre Sprache und ihre Kleidung ſieht ſo aus, daß eine anſtaͤndige, ſo gekleidete Frau, ſich fuͤrchten wuͤrde, Vor⸗ wuͤrfe daruͤber zu erhalten. Ihr Hals dreht ſich nicht be⸗ quem genug in den Falten ihrer Krauſe; ſchon iſt der Wai⸗ zen nicht mehr gut genug zu der weißen Staͤrke ihrer Hem⸗ den, und man muß, als etwas Auserleſeneres, Staͤrke aus Reis machen.) — Bravo, ſagte der Koͤnig, biſt Du es nicht, d'O, der die Reisſtaͤrke erfunden hat. — — 105— — Nicht doch, Sire, ſagte Chicot, Herr von Saint⸗ Megrin war es, der voriges Jahr unter den Stoͤßen des Herrn von Mayenne geſtorben iſt; beim Teufel, nehmt dieſem armen Todten nicht das, er zaͤhlt nur auf dieſe Staͤrke und auf das, was er Herrn von Guiſe ge⸗ than hat, um auf die Nachwelt uͤberzugehen; wenn man ihm die Staͤrke naͤhme, wuͤrde er auf halbem Wege bleiben. Und ohne auf das Geſicht des Koͤnigs zu achten, das ſich bei dieſer Erinnerung verfinſterte, fuhr Chicot fort: Leur poil est tondu au compas. — Wohl verſtanden, es iſt immer die Rede von den Mignons, unterbrach ſich Chicot. — Ja, ja, fahr fort, ſagte Schomberg. Chicot begann wieder: Leur poil est tondu au compas, Mais non d'une façon pareille, Car en avant, depuis l'oreille, Il est long et derrière bas. (Ihr Haar iſt nach dem Zirkel geſchnitten, aber nicht nach gleicher Weiſe, denn vorn, von dem Ohre an, iſt es lang, hinten aber kurz.) — Dein Lied iſt bereits alt, ſagte d'Epernon. — Alt? Es iſt von geſtern. — Wohlan, die Mode hat ſich heute Morgen ge⸗ aͤndert; ſieh. — 106— Und d'Epernon nahm ſein Barret ab, um Chicot 3 ſeine Haare zu zeigen, die vorn faſt eben ſo kurz waren, als hinten. — O, welch garſtiger Kopf! ſagte Chicot. Und er fuhr fort: Leurs cheveux droits par artifice, Par la gomme qui les hérisse, Retordent leurs plis refrisés Et dessus leur tète légère. Un petit bonnet par derrière Les rend encor plus déguisés. (Ihre kuͤnſtlich ſtraffen Haare, die der Gummi ſich ſtraͤu⸗ ben laͤßt, drehen ſich wieder zuſammen in gekraͤuſelten Lok⸗ ken, und eine kleine, hinten auf ihren leichten Kopf geſetzte Muͤtze entſtellte ſie noch mehr.) — Ich uͤbergehe den vierten Vers, ſagte Chicot, er iſt zu unmoraliſch. Und er begann wieder: Pensez-vous que nos vieux François,*) Qui par leurs armes valeureuses En tant de guerres dangereuses 1 9 Ont fait retentir leur exploits, Epandant le fruit de leur gloire, Avec le nom de leur victoire, *) Nach der fruͤhern Orthographie bedeutete Frangois ſo⸗ wohl Franz als Franzoſen; jetzt wird zur Unterſchei⸗ eh dung: François Franz, Franais Franzoſen geſchrieben. — 197— En tant de périlleux hasards, Eussent la chemise empesée, Eussent la perruque frisée, Eussent le teint blanchi de fards? (Meint Ihr, daß unſere alten Franzoſen, deren tapfere Waffen in ſo vielen gefaͤhrlichen Kriegen Heldenthaten derſelben haben ertoͤnen laſſen, die die Frucht ihres Ruhmes mit dem Namen ihres Sieges in ſo vielen gefährlichen Kriegeszufaͤllen verbreitet, ein geſtaͤrktes Hemd, eine friſirte Perruͤcke, die Haut mit Schminke gebleicht gehabt haͤtten?) Bravo, ſagte Heinrich, und wenn mein Bruder da waͤre, ſo wuͤrde er Dir ſehr dankbar ſein, Chicot. — Wen nennſt Du Deinen Bruder, mein Sohn? ſagte Chicot. Iſt es etwa Joſeph Foulon, Abt von Sanct⸗Genoveva, bei dem Du, wie man ſage, Deine Geluͤbde ablegſt? — Nicht doch, ſagte Heinrich, der auf alle Spaͤße Chicots einging. Ich ſpreche von meinem Bruder Franz. — Ah, Du haſt Recht; dieſer da iſt nicht Dein Bruder in Gott, ſondern Dein Bruder im Teufel. Gut, gut, Du ſprichſt von Franz, von Gottes Gnaden Sohn von Frankreich, Herzog von Brabant, von Lauthier, von Luxemburg, von Geldern, von Alencon, von Anjou, von Touraine, von Berry, von Evreux und Chaͤteau⸗ Thierty, Graf von Flandern, von Holland, von See⸗ land, von Zuͤtphen, von Maine, von Perche, von Man⸗ tes, Meulan und Beaufort, Markgraf des heiligen roͤ⸗ “ — 108— miſchen Reiches, Herr von Friesland und von Mecheln, Beſchuͤtzer der belgiſchen Freiheit, dem die Natur eine Naſe geſchaffen hat, und dem die Blattern daraus zwei gemacht haben, und auf den ich folgenden Vers gemacht habe: 24. Messieurs, ne soyez étonnés Si voyez à Francois deux nés, Car par droit comme par usage, Faut deux nez à douple visage. (Berwundert Euch nicht, meine Herren, wenn Ihr Franz mit zwei Naſen ſeht. Denn nach Recht und Ge⸗ brauch bedarf ein doppeltes Geſicht zweier Naſen.) Die Mignons brachen in Gelaͤchter aus, denn der Herzog von Anjou war ihr perſoͤnlicher Feind, und das Epigramm gegen den Prinzen ließ ſie fuͤr den Augenblick das Pasquill vergeſſen, welches Chicot gegen ſie geſun⸗ gen hatte. Was den Koͤnig anbelangt, da er bis jetzt nur Funken von dieſem Rottenfeuer erhalten hatte, ſo lachte er lauter, als alle Anderen, indem er Niemanden ver⸗ ſchonte, ſeinen Hunden Zucker und Backwerk gab und mit der Zunge uͤber ſeinen Bruder und uͤber ſeine Freun⸗ de herfiel. Ploͤtzlich rief Chicot aus: — O, das iſt nicht politiſch, Heinrich, Heinrich, das iſt verwegen und unvorſichtig. — Was denn? ſagte der Koͤnig. — 109— — Nein, ſo wahr ich Chicot heiße, Du ſollteſt dieſe Dinge da nicht eingeſtehen, pfui doch! — Was denn? fragte Heinrich erſtaunt. — Was Du von Dir ſelbſt ſagſt, wenn Du Dei⸗ nen Namen unterzeichneſt, ach, Haineken, ach, mein Sohn.. — Nehmt Euch in Acht, Sire, ſagte Quélus, der irgend eine Bosheit unter der ſuͤßlichen Miene Chicots argwoͤhnte. 3 — Was der Teufel willſt Du damit ſagen, Narr? fragte der Koͤnig. — Wie unterzeichneſt Du Dich? Laß hoͤren. — Bei Gott,... ich unterzeichne,... ich un⸗ terzeichne... Henri de Valois. — Gut, bemerkt, meine Herren, ſagte Chicot, daß ich es ihn nicht ſagen laſſe; laßt ſehen, giebt es nicht ein Mittel, ein V unter dieſen dreizehn Buchſtaben zu finden? — Gewiß, Valois faͤngt mit einem V an. — Nehmt Eure Schreibtafel, Meſſire Kapellan, denn hier iſt der Name, unter dem Ihr von nun an den Koͤnig einſchreiben muͤßt; Heinrich von Valois iſt nur ein Anagramm.. — Wie? — Ja, nur ein Anagramm, ich will Euch den wah⸗ ren Namen Seiner gegenwaͤrtig regierenden Majeſtaͤt ſa⸗ gen. Wir ſagen: in Henri de Valois giebt es ein V, ſetzt V. auf Eure Schreibtafel. — Es iſt geſchehen, ſagte d'Epernon. — 110— — Iſt nicht auch ein i vorhanden? — Gewiß, es iſt der letzte Buchſtabe des Wortes Henri. — Was die Bosheit der Menſchen groß iſt, ſo Buchſtaben getrennt zu haben, die gemacht waren, ne⸗ ben einander zu ſtehen! Setzt mir das i zur Seite des V. Gut, iſt das geſchehen? — Ja, ſagte d'Epernon. — Suchen wir jetzt recht, ob wir nicht ein l finden; das iſt darin, nicht wahr? Ein a, das iſt wieder darin; ein anderes i, wir haben es, endlich ein n. Gut, kannſt Du leſen, Nogaret? — Ich geſtehe es zu meiner Schande, ſagte d'Eper⸗ non. — Geh doch, Schelm. Glaubſt Du etwa, daß Dein Adel hoch genug iſt, um unwiſſend zu ſein? — Schuft, ſagte d'Epernon, indem er ſein Blaſe⸗ rohr gegen Chicot erhob. — Schlag, aber buchſtabire, ſagte Chicot. D'Epernon begann zu lachen und buchſtabirte. — Vi⸗lain, vilain, ſagte er. S1ut! rief Chicot aus. Du ſiehſt, Heinrich, wie das anfaͤngt, da iſt bereits Dein wahrer Taufname wieder aufgefunden. Ich hoffe, Du wirſt mir einen Jahrgehalt gleich demjenigen ausſetzen, welchen unſer Bruder Karl IX. Herrn Anigot ausſetzte, ſobald ich Dei⸗ nen Familiennamen wieder aufgefunden haben werde. — Du wirſt Dich pruͤgeln laſſen, Chicot, lagte der Köng — 111— — Wo aͤrndtet man die Stoͤcke, mit denen man die 4 Edelleute pruͤgelt, mein Gohn⸗ etwa in Polen? Sag 1 mir das. — Ich meine indeſſen, ſagte Quélus, daß Herr von Mayenne es ſich eben nicht an dem Tage mit Dir ver⸗ ſagt hat, mein armer Chicot, wo er Dich bei ſeiner Ge⸗ liebten gefunden hat. — Das iſt demnach auch eine Rechnung, die wir noch mit einander abzuſchließen haben. Seid unbeſorgt, . Herr Cupido, die Sache iſt dort aufnotirt. Und Chicot legte die Hand an ſeine Stirn, was beweiſet, daß man von dieſer Zeit an den Kopf als den Sitz des Gedaͤchtniſſes anerkannte. — Geh doch, Quélus, ſagte d'Epernon, Du wirſt ſehen, daß Du uns den Familiennamen entgehen laſſen wirſt. — Fuͤrchte Nichts, ſagte Chicot, ich habe ihn, zu Herrn von Guiſe wuͤrde ich ſagen: bei den Hoͤrnern, aber Dir, Heinrich, begnuͤge ich mich zu ſagen: bei den Ohren.. — Laßt den Namen hoͤren, laßt den Namen hoͤren, ſagten alle jungen Leute. — Wir haben zudoͤrderſt in dem, was uns an Buchſtaben uͤbrig bleibt, ein großes H; nimm das H, Nogaret. D'Epernon gehorchte. — Dann ein e, dann ein r, dann dort, in Valois, ein o; dann, da Du den Vornamen von dem Namen 1 durch das trennſt, was die Grammatiker eine Partikel 1 nennen, ſo lege ich die Hand auf ein d und auf ein e, was uns mit dem s, welches den Geſchlechtsnamen ſchließt, machen wird; buchſtabire Epernon, H, e, r, o, d, e, s. — Herodes, ſagte d'Epernon. — Vilain Herodes, rief der Koͤnig aus. — Ganz recht, ſagte Chicot, und das unterzeichneſt Du alle Tage, mein Sohn. O! Und Chicot warf ſich zuruͤck, indem er alle Zei⸗ chen eines verſchaͤmten Schauders gab. — Herr Chicot, Ihr uͤberſchreitet die Graͤnzen, ſagte Heinrich. — Ich, ſagte Chicot, ich ſage was iſt, nichts An⸗ deres; aber ſo ſind die Koͤnige; ſagt ihnen die Wahr⸗ heit, und ſie werden boͤs. — Das iſt eine ſchoͤne Genealogie! ſagte Heinrich. — Verleugne ſie nicht, mein Sohn, ſagte Chicot; Potztauſend, das iſt eine gute fuͤr einen Koͤnig, der alle Monate zwei bis drei Male der Juden bedarf. — Es iſt ausgemacht, rief der Koͤnig aus, daß die⸗ ſer Schlingel immer das letzte Wort haben will. Schweigt, meine Herren, ſo daß zum Mindeſten Niemand ihm Stoff zur Erwiderung gewaͤhrt. Es entſtand auf der Stelle die tiefſte Stille. Und dieſe Stille, welche Chicot, ſehr aufmerkſam auf den Weg, den man fuhr, durchaus nicht zu brechen geneigt ſchien, dauerte ſeit einigen Minuten, als man jenſeits des Platzes Maubert, an der Ecke der Straße des No⸗ yeurs, Chicot ploͤtzlich aus der Karoſſe ſpringen, die Garden zur Seite ſchieben, und an der Ecke eines Hau⸗ ſes von ziemlich gutem Ausſehen niederknieen ſah, das —— auf einem Geſimms gemalter Balken einen hoͤlzernen Balcon von Bildhauerarbeit auf die Straße heraus⸗ ſtreckte. — He da, Heide! rief der Koͤnig aus. Wenn Du zu knieen haſt, ſo kniee zum Mindeſten vor dem Kreuze nieder, das auf der Mitte der Straße Saint-Genevisve ſteht, und nicht vor dieſem Hauſe! Enthaͤlt es denn ir⸗ gend eine Kirche, oder verbirgt es irgend einen Ruhe⸗ altar? 3 Aber Chicot antwortete nicht, er hatte ſich auf dem Pflaſter auf beide Kniee geworfen, und ſprach ganz laut folgendes Gebet aus, von welchem der Koͤnig, welcher horchte, kein Wort verlor: „Guͤtiger Gott! Gerechter Gott! Hier iſt, ich er⸗ kenne es genau, und werde es mein ganzes Leben lang wieder erkennen, hier iſt das Haus, in welchem Chicot, wenn nicht fuͤr Dich, mein Gott, doch zum Mindeſten fuͤr eines Deiner Geſchoͤpfe gelitten hat; Chicot hat niemals von Dir verlangt, daß weder dem Herrn von Mayenne, dem Urheber ſeines Maͤrtyrerthumes, noch Nicolas David, dem Werkzeuge ſeiner Marter, ein Un⸗ gluͤck zuſtoßen moͤgte. Nein, Herr Chicot hat zu war⸗ ten gewußt, denn Chicot iſt geduldig, obgleich er es nicht ewig iſt, und jetzt ſind es ſechs volle Jahre, von denen eines ein Schaltjahr iſt, daß Chicot die Zinſen von der kleinen, zwiſchen ihm und den Herrn von Ma⸗ yenne und Nicolas David eroͤffneten Rechnung zum Ka⸗ pitale ſchlaͤgt; nun aber, zu zehn vom Hundert gerech⸗ net, welches die geſetzmaͤßige Taxe iſt, da es die Taxe Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 8 — 114— iſt, zu welcher der Koͤnig entleihet, verdoppeln in ſieben Jahren die aufgehaͤuften Zinſen das Kapital. Gieb dem⸗ nach, großer Gott, gerechter Gott, daß die Geduld Chicots noch ein Jahr dauert, damit die funfzig Steig⸗ riemen⸗Hiebe, welche Chicot auf den Befehl dieſes Moͤrders, als Prinzen von Lothringen, von dieſem Rauf⸗ bolde von Normanniſchem Advokaten erhalten hat, und die dem Leibe Chicots eine Kanne Blut abgezapft haben, ſich auf zwei Kannen und auf Hundert Steigriemen⸗ Hiebe fuͤr jeden von ihnen erhebe; ſo daß Herr von Mayenne, ſo dick er auch ſein moͤge, und Nicolas Da⸗ vid, ſo lang er auch iſt, weder Blut noch Haut genug haben, um Chicot zu bezahlen, und daß ſie ſo weit ge⸗ bracht ſind, um mit funfzehn oder zwanzig Procent Ban⸗ kerott zu machen, indem ſie unter dem achtzigſten oder fuͤnfundachtzigſten Ruthenhiebe verſcheiden.“ „Im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des heiligen Geiſtes, Amen!“ — Amen! ſagte der Koͤnig. Chicot ſenkte den Kopf, und kehrte zum hoͤchſten Er⸗ ſtaunen aller Zuſchauer, die Nichts von dieſem Auftritte verſtanden, zuruͤck, um ſeinen Platz in der Karoſſe wie⸗ der einzunehmen. Ah ſo, ſagte der Koͤnig, dem ſein ſeit drei Jahren ſo vieler Vorrechte, welche er die Anderen hatte nehmen laſſen, entbloͤßter Rang zum Mindeſten das Recht gab, zuerſt unterrichtet zu ſein, ah ſo, Meiſter Chicot! Wozu dieſe lange und ſeltſame Litanei, wozu alle dieſe Schlaͤge auf die Bruſt, wozu endlich alle dieſe Gaukelei vor ei⸗ nem dem Anſcheine nach ſo profanen Hauſe? — Sire, erwiderte Chicot, das kommt daher, weil Chicot wie der Fuchs iſt, Chicot beriecht und kuͤßt lange Zeit die Steine, auf denen er von ſeinem Blute gelaſ⸗ ſen, bis er an dieſen Steinen den Kopf derjenigen zer⸗ ſchmettert, die es vergoſſen haben. — Sire, rief Quélus aus, ich moͤgte wetten, Chicot hat, wie Eure Majeſtaͤt hat hoͤren koͤnnen, in ſeinem Gebete den Namen des Herzogs von Mayenne ausgeſprochen; ich moͤgte demnach wetten, Sire, daß dieſes Gebet Bezug auf die Baſtonnade hat, von der wir ſo eben ſprachen. — Wettet, Herr Jacques von Lévis, Graf von Quelus, ſagte Chicot, wettet, und Ihr werdet gewinnen. — Demnach alſo... ſagte der Koͤnig. — Ganz recht, Sire, erwiderte Chicot, in dieſem Hauſe hatte Chicot eine Geliebte, ein gutes und liebens⸗ wuͤrdiges Weſen, ein Fraͤulein, meiner Treue. Als er ſie eines Nachts beſuchte, ließ ein gewiſſer eiferſuͤchtiger Prinz das Haus umringen, ließ Chicot fangen und ihn ſo derb pruͤgeln, daß Chicot aus dem Fenſter, oder, da ihm die Zeit es zu oͤffnen fehlte, von der Hoͤhe dieſes kleinen Balcons herab auf die Straße ſprang. Da es nun ein Wunder iſt, daß Chicot nicht ums Leben ge⸗ kommen, ſo knie jedes Mal, wenn er vor die⸗ umt, nieder, betet, und dankt dem 8* 3 “ — 116— Herrn dafuͤr, ihn aus einem ſo ſchlimmen Handel erret⸗ tet zu haben. — Ach, armer Chicot, und Ihr verdammtet ihn, Sire. Wie mir ſcheint, heißt es indeſſen als guter Chriſt zu handeln, indem er das thut, was er thut. — Du biſt alſo derb durchgeblaͤuet worden, mein armer Chicot? O, wundervoll, Sire; aber noch nicht ſo viel, als ich gewuͤnſcht haͤtte. — Wie das? — Nein, in Wahrheit, es waͤre mir nicht unlieb geweſen, einige Schwerdtſtoͤße empfangen zu haben. — Fuͤr Deine Suͤnden. — Nein, fuͤr die des Herrn von Mayenne. — Ah, ich verſtehe; Deine Abſicht iſt, Caͤſar wie⸗ der zu geben.. — Caͤſar, nicht doch, verwechſeln wir nicht, Sire, Caͤſar, das iſt der große Feldherr, das iſt der tapfere Krieger, das iſt der aͤltere Bruder, derjenige, welcher Koͤ⸗ nig von Frankreich werden will, nein, der da ſteht mit Heinrich von Valois in Rechnung, und dieſe Rechnung geht Dich an, mein Sohn, bezahle Deine Schulden, ich werde die meinigen bezahlen. Heinrich hatte es nicht gern, daß man ihm von ſeinem Vetter von Guiſe ſprach; die Anrede Chicots machte ihn demnach auch ernſt, ſo daß man nach Bi⸗ cétre gelangte, ohne daß die rbrochene Unterhaltung wieder in Gang gekommen war. ———- ——— wuͤrde. — 117— Man hatte drei Stunden gebraucht, um von dem Louvre nach Bicétre zu gelangen, ſo daß die Optimiſten am folgenden Tage Abends nach Fontainebleau zu kom⸗ men gedachten, waͤhrend die Peſſimiſten Wetten anbo⸗ ten, daß man erſt an zweiten Tage gegen Mittag an⸗ langen wuͤrde. Chicot behauptete, daß man gar nicht anlangen Einmal außerhalb Paris, ſchien der Zug ſich un⸗ gehinderter zu bewegen; der Vormittag war ziemlich ſchoͤn, der Wind blies mit weniger Heftigkeit; der Sonne war es endlich gelungen, ihren Wolkenſchleier zu durchdringen, und man haͤtte meinen koͤnnen, es ſei ei⸗ ner jener ſchoͤnen Octobertage, waͤhrend welcher die Spaziergaͤnger bei dem Rauſchen der letzten fallenden Blätter die Augen mit einem wehmuͤthigen Bedauern in die geheimnißvolle Blaͤue der murmelnden Waͤlder ſenken. Es war drei Uhr Nachmittages, als der Zug an die erſten Mauern von Juviſy gelangte. Von dieſem Punkte aus erblickte man bereits die uͤber die Orge ge⸗ baute Bruͤcke und das große Gaſthaus zum Hofe von Frankreich, welches der ſcharfen Abendluft den Duft ſei⸗ ner Bratenwender und das luſtige Getoͤſe ſeines Heerdes anvertraute. Chicots Naſe fing im Fluge die Ausduͤnſtungen der Kuͤche auf. Er neigte ſich aus der Karoſſe, und ſah aus der Ferne mehrere in ihre Maͤntel gehuͤllte Maͤnner. In Mitte dieſer Maͤnner befand ſich eine dicke und kurze Perſon, deren Hut mit breiten Raͤndern ihr Ge⸗ ſicht gaͤnzlich bedeckte. Dieſe Maͤnner kehrten eilig in das Haus zuruͤck, als ſie den Zug erſcheinen ſahen. Aber der dicke und kurze Mann war nicht ſo raſch wieder eingetreten, daß ſein Anblick Chicot nicht uͤber⸗ raſcht haͤtte. In dem Augenblicke ſelbſt, wo dieſer dicke Mann wieder in das Haus trat, ſprang demnach unſer Gaskonier aus der koͤniglichen Karoſſe, und ſein Pferd von einem Pagen verlangend, der es am Zuͤgel fuͤhrte, ließ er, in einer Ecke der Mauer verborgen und in den erſten Schatten der Nacht verloren, den Zug ſich entfer⸗ nen, der ſeinen Weg nach Eſſonnes fortſetzte, wo der Koͤnig zu uͤbernachten gedachte; dann, als die letzten Reiter verſchwunden waren, als das ferne Rollen der Raͤder der Karoſſe auf dem Pflaſter der Straße in dem Raume erſtorben, verließ er das Verſteck, ritt hinter dem Schloſſe herum, und zeigte ſich an dem Thore des Gaſthauſes, als ob er von Fontainebleau kaͤme. Als er vor dem Fenſter anlangte, warf Chicot einen fluͤch⸗ tigen Blick durch die Scheiben und ſah mit Vergnuͤgen, daß die Maͤnner, welche er bemerkt hatte, noch immer darin waren, und unter ihnen die dicke und unterſetzte Perſon, welcher er dem Anſcheine nach die Ehre einer ganz beſonderen Aufmerkſamkeit erwieſen hatte. Nur, da Chicot Gruͤnde zu haben ſchien, um zu wuͤnſchen, von genann⸗ ter Perſon nicht erkannt zu werden, ſo ließ er ſich, ſtatt in das Zimmer zu treten, in welchem ſie ſich befand, eine Flaſche Wein in das gegenuͤber liegende Zimmer bringen, —— —— der Abtei zugelaſſen zu werden. Zuverlaͤſſig ereignet ſich etwas Außerordentliches. Als er dieſe Betrachtung beendigt, blickte Chicot, ziemlich verlegen uͤber das, was er thun ſollte, um die Perſonen nicht zu verlieren, denen er folgte, um ſich und ſah mit Erſtaunen aus allen Straßen, die nach der Abtei zuſammen liefen, Kapuzen hervorkommen, die ei⸗ nen einzeln, die andern zwei zu zwei gehend, aber alle nach der Abtei zuwandernd. — Ah ſo, ſagte Chicot, es wird alſo heute Abend r Abtei gehalten, daß alle Geno⸗ veva⸗Moͤnche Frankreichs zuſammenberufen ſind? Das iſt, ſo wahr ich ein Edelmann bin, das erſte Mal, daß mich die Luſt ergreift, einem Kapitel beizuwohnen; aber ich geſtehe es, die Luſt ergreift mich gewaltig. Und die Moͤnche traten unter die Halle, zeigten ihre Haͤnde, oder irgend ein Zeichen, das ſie in ihren Haͤn⸗ den hielten, und gingen weiter. — Ich koͤnnte wohl mit ihnen eintreten, ſagte ſich Chicot; aber um mit ihnen einzutreten, fehlen mir zwei ziemlich weſentliche Dinge: zuvoͤrderſt das ehrwuͤrdige Gewand, das ſie einhuͤllt, da ich keinen Laien unter dieſen heiligen Perſonen bemerke, und zweitens die Sa⸗ che, welche ſie dem Bruder Pfoͤttner zeigenz denn be⸗ ſtimmt zeigen ſie Etwas. Ah, Bruder Gorenflot, Bru⸗ der Gorenflot, wenn ich Dich hier bei der Hand haͤtte, mein wuͤrdiger Freund! 6 Dieſer Ausruf war Chicot durch die Erinnerung an einen der ehrwuͤrdigſten Moͤnche des Ordens der Geno⸗ ein Generalkapitel in de veva entriſſen, dem gewoͤhnlichen Tiſchgenoſſen Chicots, wenn Chicot etwa zufaͤllig nicht im Louvre aß; gerade derjenige, mit welchem unſer Gaskonier am Tage der Bußproceſſion in die Weinſtube am Thore Montmartre eingekehrt war, und eine wilde Ente verzehrt und ge⸗ wuͤrzten Wein getrunken hatte. Und die Moͤnche ſtroͤmten fortwaͤhrend herbei, ſo daß man haͤtte glauben köͤnnen, die Haͤlfte der Pariſer Bevoͤlkerung habe die Kutte angelegt, und der Bruder Pfoͤrtner muſterte, ohne zu ermuͤden, mit gleicher Auf⸗ merkſamkeit die letzten Kommenden wie die erſten. — Wir werden ſehen, wir werden ſehen, ſagte Chi⸗ cot leiſe, es geht heute Abend zuverlaͤſſig irgend etwas Außergewoͤhnliches vor. Seien wir bis ans Ende neu⸗ gierig. Es iſt halb acht Uhr, die Collecte iſt beendigt. Ich muß Bruder Gorenflot im Fuͤllhorne finden, es iſt die Stunde ſeines Abendeſſens. Chicot ließ die Legion der Moͤnche ihre Schwen⸗ kungen in der Umgebung der Abtei machen und unter das Portal einſtroͤmen, und, ſein Pferd in Galopp ſetzend, erreichte er die große Straße Saint⸗Jacques, in welcher, dem Benedictiner⸗Kloſter gegenuͤber, im Flor ſtehend und ſehr beſucht von Studenten und rechtha⸗ beriſchen Moͤnchen, ſich das Gaſthaus zum Fuͤllhorn erhoh. Chicot war in dem Hauſe nicht als ein taͤglicher Beſucher, ſondern als einer jener heimlichen Gaͤſte be⸗ kannt, die von Zeit zu Zeit kamen, um einen Gold⸗ thaler und einen Theil ihres Verſtandes in der Wirth⸗ ſchaft Meiſter Claude Bonhomets zu laſſen. So nannte ſich der Spender der Ceres⸗ und Bachus⸗Gaben, welche das beruͤhmte mythologiſche Horn beſtaͤndig ausſchuͤttete, das ſeinem Hauſe zum Schilde diente. VI. In dieſem Kapitel wird der Leſer das Vergnuͤgen haben Be⸗ kanntſchaft mit dem Bruder Gorenflot zu machen, von dem im Laufe dieſer Geſchichte bereits zwei Male die Rede geweſen iſt. Dem ſchoͤnen Tage war ein ſchoͤner Abend gefolgt; nur war, da der Tag kalt geweſen, der Abend noch kaͤlter. Man ſah unter dem Hute der verſpaͤteten Buͤr⸗ ger den Dunſt ihres durch den Schein der Laterne ge⸗ roͤtheten Athems ſich verdicken. Man hoͤrte deutlich die Schritte der Voruͤberkommenden auf dem gefrorenen Bo⸗ den und das ſonore, durch die kalte Witterung und das Raͤuspern entriſſene Hum. Mit einem Worte, es war einer jener tuͤchtigen Fruͤhlingsfroͤſte, welche an der ſchoͤnen roſigen Farbe der Fenſterſcheiben eines Gaſthau⸗ ſes einen doppelten Reiz finden laſſen. Chicot trat zuerſt in die Gaſtſtube, blickte in alle —— — Abendeſſen begonnen? 127— Ecken und Winkel, und da er unter den Gaͤſten Meiſter Claude's denjenigen nicht fand, den er ſuchte, ſo ging er als bekannter Hausfreund in die Kuͤche. Der Herr der Wirthſchaft hielt in ihr gerade eine fromme Vorleſung, waͤhrend eine Maſſe von Schmalz in einer ungeheuren Pfanne ſo eben den Grad von Hitze erreichte, die noͤthig war, um mehrere ganz mit Mehl uͤberzogene Schelfiſche in dieſe Pfanne zu thun. Bei dem Geraͤuſch, welches Chicot beim Eintreten machte, erhob Meiſter Bonhomet den Kopf. — Ah, Ihr ſeid es, mein Edelmann, ſagte er, in⸗ dem er ſein Buch zuſchlug. Guten Abend und guten Appetit! — Ich danke fuͤr den doppelten Wunſch, obgleich die Haͤlfte davon eben ſo ſehr zu Eurem Nutzen, als zu dem meinigen gemacht iſt. Aber das wird darauf ankommen. — Wie! Das wird darauf ankommen? — Ja, Ihrzwißt, daß ich es nicht leiden kann, al⸗ lein zu eſſen. — Wenn es ſein muß, gnaͤdiger Herr, ſagte Bon⸗ homet, indem er ſeine weiße Muͤtze abnahm, ſo werde ich mit Euch eſſen. — Ich danke, mein lieber Wirth, obgleich ich Euch als einen vortrefflichen Tiſchgenoſſen kenne; aber ich ſuche Jemanden.. — Bruder Gorenflot vielleicht? fragte Bonhomet. — Ganz Recht, antwortete Chicot. Hat er ſein 7 ——— 1 — 128— — Nein, noch nicht, aber eilt Euch indeſſen. — Ich ſoll mich eilen? — Ja, denn in fuͤnf Minuten wird er fertig ſein. — Bruder Gorenflot hat noch nicht angefangen zu Abend zu eſſen, und in fuͤnf Minuten waͤre er fertig, ſagt Ihr? Und Chicot ſchuͤttelte den Kopf, was in allen Laͤn⸗ dern der Welt fuͤr ein Zeichen von Unglaͤubigkeit gilt. — Es iſt heute Mittwoch, gnaͤdiger Herr, ſagte Meiſter Claude, und wir treten in die Faſtenzeit. — Nun, ſagte Chicot mit einer Miene, die wenig zu Gunſten der religioͤſen Neigungen Gorenflots ſprach, weiter?— — Ah, hm, erwiderte Claude mit einer Geberde, welche augenſcheinlich bedeutete: Ich begreife nicht mehr davon, als Ihr, aber dem iſt ſo. 4 — Beſtimmt, erwiderte Chicot, iſt irgend Etwas unter dem Monde in Stocken gerathenz fuͤnf Minuten fuͤr Gorenflots Abendeſſen. Ich bin beſtimumt heute wun⸗ derbare Dinge zu ſehen. Und mit der Miene eines Wanderers, der den Fuß in ein unbekanntes Land ſetzt, that Chicot einige Schritte nach einer Art von Privat⸗Kabinet zu, deſſen mit ei⸗ nem blau und roth gewuͤrfelten wollenen Vorhange ver⸗ ſchloſſene Glasthuͤre er oͤffnete, und in deſſen Hinter⸗ grunde er bei dem Scheine eines Talglichts mit raͤuche⸗ rigem Dochte den wuͤrdigen Moͤnch erblickte, der nach⸗ laͤſſig auf ſeinem Teller ein mageres Gericht in Waſſer abgekochten Spinates umruͤhrte, welches er dadurch — 129— ſchmackhafter zu machen verſuchte, daß er unter dieſe Kraͤuterſubſtanz einen Reſt von Kaͤſe von Surennes miſchte. Waͤhrend der wuͤrdige Bruder dieſe Miſchung mit einer Verzertung des Geſichts vornahm, welche andeutete, daß er nicht viel auf dieſe traurige Berechnung zaͤhle, wollen wir ihn unſeren Leſern in einem Lichte darzuſtel⸗ len ſuchen, welches ſie dafuͤr entſchaͤdigen wird, daß es ſo lange gewaͤhrt, bevor ſie ſeine Bekanntſchaft machten. Bruder Gorenflot konnte achtunddreißig Jahr alt und fuͤnf Fuß Koͤnigsmaß groß ſein. Dieſe ahraich ein wenig geringe Groͤße glich ſich, wie der Bruder ſagte, durch die wundervolle Uebereinſtimmung der Ver⸗ haͤltniſſe aus; denn das, was er an Hoͤhe verlor, ge⸗ wann er in der Breite wieder, da der Durchmeſſer von einer Schulter zur anderen drei Fuß betrug, was, wie Jedermann weiß, neun Fuß Umfang gleichkommt. Aus dem Mittelpunkte dieſer herkuliſchen Schulter⸗ blaͤtter erhob ſich ein breiter, mit daumendicken und wie Stricke hervorſtehenden Muskeln durchfurchter Hals. Un⸗ gluͤcklicher 1n chen, ſich auch der Hals im Verhaͤlt⸗ niß mit dem uͤbrigen, das heißt, daß er dick und kurz war, was bei der erſten ein wenig heftigen Gemuͤths⸗ erſchuͤtterung, welche Bruder Gorenflot empfinden wuͤrde, einen Schlagfluß befuͤrchten ließ. Da er ſich aber dieſes Gebrechens und der Gefahr bewußt war, der es ihn aus⸗ ſetzte, ſo entruͤſtete ſich Bruder Gorenflot niemals; wir muͤſſen ſogar ſagen, daß es ſehr ſelten geſchah 7 Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 9 ihn ſo — 130— ſichtlich ergriffen zu ſehen, als er es in dem Augenblicke war, wo Chicot in das Kabinet trat. — Heda, Freund, was macht Ihr denn da? rief unſer Gaskonier aus, indem er abwechſelnd die Kraͤuter, Gorenflot, das nicht geputzte Talglicht und einen gewiſ⸗ ſen Humpen anblickte, der mit einem kaum durch einige Tropfen Wein gefaͤrbten Waſſer bis an den Rand ge⸗ fuͤllt war. — Ihr ſeht es, mein Bruder, ich eſſe zu Abend, antwortete Gorenflot, indem er eine der Glocke ſeiner Abtei gleiche maͤchtige Stimme ertoͤnen ließ. — Ihr nennt das zu Abend eſſen, Ihr, Goren⸗ flot, Kraͤuter, Kaͤſe? Geht doch! rief Chicot aus. — Es iſt heute die erſte Mittwoch in der Faſten, ſorgen wir fuͤr unſere Seligkeit, mein Bruder, ſorgen wir fuͤr unſere Seligkeit, antwortete Gorenflot naͤſelnd, indem er ſcheinheiliger Weiſe die Augen gen Himmel erhob. Chicot war hoͤchlich erſtaunt. Sein Blick deutete an, daß er Gorenflot bereits mehr als ein Mal auf eine andere Weiſe dieſe heilige Faſtenzeit hatte preiſen hoͤren, in die man ſo eben eingetreten war. — Unſere Seligkeit! nedethate a Und was der Teufel haben das Waſſer und die Kraͤuter mit unſerer Seligkeit zu ſchaffen?— Am Freitag iß kein Fleiſch, Am Mittwoch gleichermaßen! ſagte Gorenflot. 5 —Aber um wie viel Uhr habt Ihr gefruͤhſtuͤckt? — Ich habe nicht gefruͤhſtuͤckt, mein Bruder, ſagte der Moͤnch, indem er immer mehr naͤſelte. — Ah, wenn es ſich nur darum handelt, zu naͤſeln, ſagte Chicot, ſo bin ich bereit, es mit allen Genoveva⸗ Moͤnchen der Welt aufzunehmen. Wenn Ihr denn nicht gefruͤhſtuͤckt habt, ſagte Chicot, indem er in der That uͤbertrieben naͤſelte, was habt Ihr dann gethan, mein Bruder? — Ich habe eine Rede aufgeſetzt, erwiderte Goren⸗ flot, indem er ſtolz den Kopf erhob. — Ah, bah! Eine Rede, und wozu? — uUm ſie heute Abend in der Abtei zu halten. — Ei, dachte Chicot, eine Rede heute Abend; das iſt ſonderbar. 1 — und ich muß ſogar, fuͤgte Gorenflot hinzu, in⸗ dem er eine erſte Gabel voll Spinat und Kaͤſe an ſeine Lippen fuͤhrte, daran denken, nach Haus zuruͤckzukehren; mein Auditorium wuͤrde vielleicht ungeduldig werden. Chicot dachte an die unendliche Anzahl von Moͤn⸗ chen, die er nach der Abtei zu hatte wandern ſehen, und indem er ſich erinnerte, daß Herr von Mayenne al⸗ ler Wahrſcheinlichkeit nach unter der Anzahl dieſer Moͤn⸗ che waͤre, ſo fragte er ſich, wie Gorenflot, der bis jetzt wegen Eigenſchaften geſchaͤtzt war, die durchaus keinen Bezug auf Beredtſamkeit hatten, von ſeinem Superior, Joſeph Foulon, damaligem Abt von Sanct Genoveva, gewaͤhlt worden waͤre, um vor dem Prinzen von Lo⸗ thringen und einer ſo zahlreichen Verſammlung zu predigen. 1 9* — Bah, ſagte er, und um wie viel Uhr predigt Ihr? — Von neun Uhr bis halb zehn Uhr, mein Bruder. — Gut. Es iſt jetzt drei Viertel auf neun Uhr. Ihr werdet mir wohl fuͤnf Minuten ſchenken. Potztau⸗ ſend, es iſt laͤnger als acht Tage her, daß wir keine Gelegenheit gefunden haben, mit einander zu Mittag zu eſſen. 3 — Das iſt nicht unſere Schuld, ſagte Gorenflot, und ich bitte Euch, zu glauben, ſehr lieber Bruder, daß das unſerer Freundſchaft keinen Schaden bringt; die Pflich⸗ ten Eurer Stelle feſſeln Euch in die Naͤhe unſeres gro⸗ ßen Koͤnigs Heinrichs III., den Gott erhalten wolle! Die Pflichten meines Standes legen mir das Termini⸗ ren auf, und nach dem Terminiren die Gebeie; es iſt alſo nicht zu verwundern, daß wir uns getrennt be⸗ finden. — Jaz aber, den Henker, ſagte Chicot, ich meine, das ſei ein neuer Grund vergnuͤgt zu ſein, wenn wir uns wiederfinden. — Ich bin demnach auch unendlich vergnuͤgt, ſagte Gorenflot mit der jammervollſten Miene von der Welt; aber ich muß Euch darum nichts deſto weniger verlaſſen. Und der Moͤnch machte eine Bewegung, um auf⸗ zuſtehen. — Eßt doch zum Mindeſten Eure Kraͤuter vollends, ſagte Chicot, indem er ihm die Hand auf die Achſel legte und ſich wieder ſetzen ließ. Gorenflot blickte den Spinat an, und ſtieß einen — 133— Seufzer aus; hierauf richteten ſich ſeine Augen nach dem geroͤtheten Waſſer, und er wandte den Kopf weg. Chicot ſah, daß der Moment gekommen waͤre, den Angriff zu beginnen. 1 — Erinnert Ihr Euch dieſes kleinen Mittageſſens, von dem ich Euch ſo eben ſagte, he! An dem Thore Montmartre, Ihr wißt, wo wir, waͤhrend unſer gro⸗ ßer Koͤnig Heinrich III. ſich geißelte, und die Anderen geißelte, eine wilde Ente mit einer Kraftbruͤhe von Kreb⸗ ſen aßen und von dem lieblichen Burgunderwein tran⸗ ken. Wie nennt Ihr doch dieſen Wein da? Iſt es nicht ein Wein, den Ihr entdeckt habt? — Es iſt ein Wein aus meiner Heimat, ſagte Go⸗ renflot, aus der Romanie. — Ja, ja, ich erinnere mich, es iſt die Milch, welche Ihr geſogen habt, als Ihr auf die Welt kamet, wuͤrdiger Sohn Noahs. Gorenflot fuhr mit einem ſchwermüthigen Laͤcheln mit ſeiner Zunge uͤber ſeine Lippen. — Was ſagt Ihr zu dieſem Weine? ſagte Chicot. — Er war gut, ſagte der Moͤnch, aber es giebt indeſſen beſſeren. — Das ſagte neulich Abends Claude Bonhomet, unſer Wirth, welcher behauptet, daß er funfzig Fla⸗ ſchen in ſeinem Keller habe, neben welchem der ſeines Collegen am Thore Montmartre nur Landwein waͤre. — Das iſt die Wahrheit, ſagte Gorenflot. — Wie, das iſt die Wahrheit? rief Chicot aus, und Ihr trinkt von dieſem abſcheulichen gefaͤrbten Waſ⸗ —— ſer, wenn Ihr nur den Arm auszuſtrecken braucht, um ſolchen Wein zu trinken? Puh! Und den Humpen ergreifend, goß Chicot deſſen Inhalt aus dem Zimmer. — Alles hat ſeine Zeit, mein Bruder, ſagte Go⸗ renflot. Der Wein iſt gut, wenn man Nichts mehr zu thun hat, nachdem man ihn getrunken, als Gott zu preiſen, der ihn geſchaffen hat. Wenn man aber eine Rede zu halten hat, ſo iſt das Waſſer vorzuziehen, nicht fuͤr den Geſchmack, ſondern fuͤr den Gebrauch: facunda est aqua. — Bah! ſagte Chicot. Magis vaeundum est vinum, und zum Beweiſe will ich, der ich auch eine Rede zu halten und der ich Vertrauen zu meinem Recept habe, eine Flaſche von dieſem Weine aus der Romanie beſtel⸗ len. Und, meiner Treue, was rathet Ihr mir dazu zu eſſen, Gorenflot? — Eßt nicht von dieſen Kraͤutern, ſagte der Moͤnch, ſie koͤnnen nicht ſchlechter ſein... — Berr, machte Chicot, indem er Gorenflots Tel⸗ ler nahm und ihn unter ſeine Naſe hielt, Brrr! Und dieſes Mal ein kleines Fenſter oͤffnend, warf er Kraͤuter und Teller auf die Straße. Hierauf ſich umwendend, rief er: — Meiſter Claude! Der Wirth, welcher wahrſcheinlich auf der Lauer ſtand, erſchien auf der Schwelle. — Meiſter Claude, ſagte Chicot, bringt mir zwei Flaſchen von dieſem Wein von la Romanie, von dem — Ihr behauptet, daß Ihr ihn beſſer, als irgend Jemand haͤttet... — Zwei Flaſchen! ſagte Gorenflot.— Wozu, da ich keinen trinke? — Wenn Ihr traͤnket, ſo wuͤrde ich vier Flaſchen, ſo wuͤrde ich ſechs Flaſchen, ſo wuͤrde ich Alles, was es davon im Hauſe giebt, kommen laſſen, ſagte Chicot. — Aber wenn ich allein trinke, ſo trinke ich nicht recht, und zwei Flaſchen genugen mir. — In der That, ſagte Gorenflot, zwei Flaſchen, das iſt billig, und wenn Ihr damit nur Faſtenſpeiſen eßt, ſo wird Euer Beichtvater Euch Nichts zu ſagen haben. — Gewiß, ſagte Chicot, Fleiſch an einer Faſten⸗ Mittwoch, pfui doch! Und nach dem Speiſeſchranke gehend, waͤhrend Meiſter Bonhomet aus dem Keller die beiden verlangten Flaſchen holte, nahm er aus ihm ein feines gemaͤſtetes Huhn von Mans. — Was macht Ihr da, mein Bruder? ſagte Go⸗ renflot, welcher mit unwillkuͤrlichem Intereſſe den Be⸗ wegungen des Gaskoniers folgte, was macht Ihr da? — Ihr ſeht, ich bemaͤchtige mich dieſes Karpfens, aus Furcht, daß ihn ein Anderer in Beſchlag nehmen moͤgte. An den Faſten⸗Mittwochen giebt es haͤufige Nachfrage nach derartigen Speiſen. — Ein Karpfen! ſagte Gorenflot erſtaunt. — Gewiß, ein Karpfen, ſagte Chicot, indem er ihm das appetitliche Gefluͤgel vor die Augen ſtellte. — 136— — Und ſeit wann hat ein Karpfen einen Schnabel? fragte der Moͤnch. — Einen Schnabel! ſagte der Gaskonier. Wo ſeht Ihr einen Schnabel? Ich ſehe nur ein Maul. — Fluͤgel? fuhr der Genoveva⸗Bruder fort. — Floßfedern. — Federn? — Schuppen, mein lieber Gorenflot, Ihr ſeid be⸗ trunken. — Betrunken! rief Gorenflot aus, betrunken! O, wahrhaftig, ich, der ich nur Spinat gegeſſen und der ich nur Waſſer getrunken habe! — Nun denn, ſo liegt Euch Euer Spinat ſchwer im Magen, und Euer Waſſer ſteigt Euch zu Kopfe. — Bei Gott, ſagte Gorenflot, da iſt unſer Wirth, er ſoll entſcheiden! — Was? — Ob das ein Karpfen, oder ein gemaͤſtetes Huhn iſt. — Es ſei! Aber zuvor ſoll er die Flaſche oͤffnen! Ich halte darauf zu wiſſen, ob es wirklich von demſel⸗ ben iſt. Macht auf, Meiſter Claude. Meiſter Claube entpfropfte eine Flaſche und ſchenkte Chicot ein halbes Glas Wein ein. Chicot trank das halbe Glas aus, und ſchnalzte mit der Zunge. — Ah, ſagte er, ich bin ein armſeliger Koſter, und meine Zunge hat nicht das mindeſte Gedaͤchtniß; es iſt mir unmoͤglich zu ſagen, ob er ſchlechter oder ob er beſ⸗ 8½ — 13³3—— ſer, als der von dem Thore Montmartre iſt. Ich bin nicht einmal ſicher, ob es derſelbe iſt. Gorenflots Augen funkelten, indem er auf dem Boden von Chicots Glaſe die wenigen Tropfen rubin⸗ farbiger Fluſſigkeit betrachtete, die darin geblieben waren. — Da, mein Bruder, ſagte Chicot, indem er in das Glas des Moͤnches einen Fingerhut voll Wein goß, Ihr ſeid auf dieſer Welt fuͤr Euren Naͤchſten; leitet mich! Gorenflot nahm das Glas, ſetzte es an ſeine Lip⸗ pen, und koſtete langſam die wenige Fluͤſſigkeit, welche es enthielt. — Es iſt zuverlaͤſſig von demſelben Gewaͤchs, ſagte er; aber... — Aber... erwiderte Chicot. — Aber es war zu wenig, begann der Moͤnch wie⸗ der, als daß ich ſagen koͤnnte, ob er ſchlechter oder beſ⸗ ſer waͤre. — Ich moͤgte es indeſſen gern wiſſen, ſagte Chicot. Den Henker! Ich will nicht betrogen ſein; und wenn Ihr keine Rede zu halten haͤttet, mein Bruder, ſo wuͤrde ich Euch bitten, dieſen Wein ein zweites Mal zu koſten. — Wenn ich Euch damit einen Gefallen erzeige, ſagte der Moͤnch. 4 — Bei Gott! äußerte Chicot. Und er fuͤllte das Glas des Genoveva⸗Br Haͤlfte. Gorenflot ſetzte das Glas mit nicht geringerer Ehrer⸗ uders zur — 138— bietung, als das erſte Mal, an ſeine Lippen, und koſtete es mit eben ſolcher Gewiſſenhaftigkeit. — Beſſer, ſagte er, beſſer, ich ſtehe dafuͤr. — Bah! Ihr verſteht Euch mit unſerem Wirth. — Ein guter Trinker, ſagte Gorenflot, muß auf den erſten Zug das Gewaͤchs, auf den zweiten die Ei⸗ genſchaft, auf den dritten den Jahrgang erkennen. — O! Den Jahrgang, ſagte Chicot, wie gern ich dann den Jahrgang dieſes Weines wiſſen moͤgte! — Das iſt ſehr leicht, erwiderte Gorenflot, indem er ſein Glas hinhielt, ſchenkt mir nur zwei Tropfen ein, und ich will ihn Euch ſagen. Chicot fuͤllte das Glas des Moͤnches zu drei Vier⸗ theilen; der Moͤnch leerte das Glas langſam, aber ohne abzuſetzen. — 1561, ſagte er, indem er das Glas wieder hin⸗ ſtellte. — Heiland! rief Claude Bonhomet aus, 1561, das iſt es gerade. — Bruder Gorenflot, ſagte der Gaskonier, indem er ſeinen Kopf entbloͤßte, man hat in Rom Leute heilig geſprochen, die es nicht ſo ſehr verdienten, als Ihr. — Ein wenig Gewohnheit, mein Bruder, ſagte Gorenflot beſcheidentlich. — Und Anlage, ſagte Chicot. Den Henker! Die Gewohnheit allein macht Nichts dabei aus, ein Beweis davon bin ich, der ich behaupte, die Gewohnheit zu ha⸗ ben. Nun, was thut Ihr denn? — Ihr ſeht es, ich ſtehe auf. —————— —— — 1309— — Wozu?* um in meine Verſammlung zu gehen. — Ohne ein Stück von meinem Karpfen zu eſſen? — Ah! Das iſt wahr, ſagte Gorenflot, es ſcheint, mein wuͤrdiger Bruder, daß Ihr Euch noch weniger auf Speiſen, als auf Getraͤnke verſteht. Meiſter Bon⸗ homet, was iſt das fuͤr ein Thier? Und Bruder Gorenflot deutete auf den ſtreitigen Gegenſtand. Der Gaſtwirth blickte mit Verwunderung denjeni⸗ gen an, der dieſe Frage an ihn richtete. — Ja, begann Chicot, man fragt Euch, was das fuͤr ein Thier iſt. Bei Gott, ſagte der Wirth, es iſt ein gemaͤſte⸗ tes Huhn. — Ein gemaͤſtetes Huhn! erwiderte Chicot mit be⸗ ſturzter Miene. — Und von Mans ſelbſt, fuhr Meiſter Claude fort. — Nunl ſagte Gorenflot triumphirend. — Nun denn, ſagte Chicot, wie es ſcheint, habe ich Unrecht. Aber da ich ſehr darauf halte, dieſes gemaͤſtete Huhn zu eſſen, ohne indeſſen zu ſuͤndigen, ſo erzeigt mir im Namen unſerer gegenſeitigen Geſinnungen den Gefallen, mein Bruder, einige Tropfen Wäͤſſer auf das⸗ ſelbe zu werfen und es Karpfen zu taufen. 3 — Ah, ah! aͤußerte Gorenflot. — Ja, ich bitte Euch, ſagte der Gaskonier, ohne das haͤtte ich vielleicht irgend ein Thier im Stande der Todſuͤnde gegeſſen. — 140— — Es ſei! ſagte Gorenflot, der, von Natur aus ein vortrefflicher Geſellſchafter, durch das dreimalige Koſten, das er gethan hatte, in Gang zu kommen begann, aber es iſt kein Waſſer mehr da. — Es ſteht geſchrieben, ich weiß nicht mehr wo, er⸗ widerte Chicot: Du ſollſt Dich im dringenden Falle deſſen bedienen, was Du zur Hand haſt. Die Abſicht macht Alles aus; tauft mit Wein, mein Bruder, tauft mit Wein; das Thier wird dadurch vielleicht ein wenig minder katholiſch ſein, aber es wird dadurch nicht ſchlech⸗ teer ſein. Und Chicot fuͤllte das Glas des Moͤnches bis an den Rand; die erſte Flaſche ging dabei darauf. — Im Namen Bachus, Momus und Komus, die DDdrreieinigkeit des großen Sanct Pantagruel, ſagte Go⸗ renflot, taufe ich Dich Karpfen. Und ſeine Fingerſpitzen in den Wein tauchend, ließ er davon zwei bis drei Tropfen auf das Thier fallen. Glaſe an das des Moͤnches anſtieß, auf die Geſundheit des Neugetauften; moͤge er recht ſaftig gebraten werden, und moͤge die Kunſt, welche Meiſter Claude Bonhomet zu ſeiner Vervollkommnung entfalten wird, die Vorzuͤge noch erhoͤhen, welche er von der Natur erhalten hat! — Auf ſeine Geſundheit, ſagte Gorenflot, indem ein ſchallendes Gelaͤchter unterbrach, um das Glas Burgunder zu verſchlucken, das ihm Chicot eingeſchenkt hatte. Auf ſeine Geſundheit, bei Gott! Das iſt ein koͤſtlicher Wein. — Jetzt, ſagte der Gaskonier, indem er mit ſeinem — 143— — Tauſend Saperment! ſagte Chicot. Wenn man eine Rede zu halten hat, ſo handelt es ſich nicht darum, ſich minder ſchwach zu fühlen, es handelt ſich darum, ſich vollkommen wohl zu fuͤhlen, und an Eurer Stelle, fuhr der Gaskonier fort, wuürde ich, um zu dieſem Zwecke zu gelangen, die beiden Floßfedern dieſes Karpfens eſſen; denn, wenn Ihr nicht mehr eßt, ſo ſetzt Ihr Euch dem aus, den Wein zu ſpuͤren. Merum sobris male olet. — Ah, der Teufel, ſagte Gorenflot, Ihr habt Recht, ich dachte nicht daran. Und da man in dieſem Augenblicke das Huhn von dem Spieße nahm, ſo ſchnitt er einen ſeiner Pfoten ab, die er mit dem Namen Floßfedern getauft hatte, eine Pfote, welche der Moͤnch mit dem Beine und mit dem Schenkel aß. — Bei Chriſti Leib, ſagte Gorenflot, das iſt ein ſchmackhafter Fiſch. Chicot ſchnitt ihm die andere Floßfeder ab, wel⸗ che er auf den Teller des Moͤnches legte, waͤhrend er zarter Weiſe an dem Fluͤgel kauete. — und köͤſtlicher Wein, ſagte er, indem er die dritte Flaſche aufmachte.. Einmal im Zuge, einmal warm geworden, einmal in den Tiefen ſeines unermeßlichen Magens erweckt, hatte Gorenflot nicht mehr die Kraft, ſich ſelbſt aufzu⸗ halten; er verſchlang den Fluͤgel, machte ein Geripp aus dem Rumpfe, und Bonhomet rufend, ſagte er: — 144— — Meiſter Claude, ich habe großen Hunger, hattet Ihr mir nicht einen gewiſſen Eierkuchen mit Speck an⸗ geboten? — Gewiß, ſagte Chicot, und er iſt ſogar beſtellt. Nicht wahr, Bonhomet? — Ohne Zweifel, antwortete der Gaſtwirth, der nie⸗ mals ſeinen Kunden widerſprach, wenn ihre Worte einen Zuwachs der Conſumtion und dem zu Folge vermehrte Ausgabe zum Zwecke hatten. — Wohlan, bringt, bringt, Meiſter, ſagte der Moͤnch. — In fuͤnf Minuten, antwortete der Wirth, der auf einen Wink Chicots eilig hinausging, um dasjenige zuzubereiten, was man von ihm verlangte. 4 — Ah, machte Gorenflot, indem er ſeine ungeheure mit einer Gabel bewaffnete Fauſt auf den Tiſch zuruͤck⸗ fallen ließ, das geht beſſer! Nicht wahr? ſagte Chicot. — Und wenn der Eierkuchen da waͤre, ſo wuͤrde ich nur einen Biſſen daraus machen, wie ich aus dieſem Glaſe nur einen Schluck mache. Und mit vor Gefraͤßigkeit funkelndem Auge ver⸗ ſchlang der Moͤnch den vierten Theil der dritten Flaſche. — Ah ſo, ſagte Chicot, Ihr waret alſo krank? — Ich war albern, Freund, ſagte Gorenflot, dieſe verwuͤnſchte Rede hatte mir zu ſchaffen gemacht, ſeit drei Tagen denke ich daran. — Sie mußte praͤchtig ſein, ſagte Chicot. „ G 4 4 2 — 145— — Glaͤnzend, ſagte der Moͤnch. — Sagt nur Etwas davon, bis daß der Eierkuchen kommt. — Nicht doch, ſagte Gorenflot, eine Predigt bei Tiſch, wo haſt Du das geſehen, Meiſter Narr, an dem Hofe des Koͤnigs, Deines Herrn? — Man haͤlt ſehr ſchoͤne Reden an dem Hofe Koͤ⸗ nig Heinrichs, den Gott erhalten wolle, ſagte Chicot, indem er ſeinen Hut abnahm.— — und von was handeln dieſe Reden? fragte Go⸗ renflot. — Von der Tugend, ſagte Chicot. 8 — Ah, ja, rief der Moͤnch aus, indem er ſich auf ſeinem Stuhle zuruͤckwarf, damit iſt alſo Dein Koͤnig Heinrich III. noch ein ſehr tugendhafter Menſch! — Ich weiß nicht, ob er tugendhaft iſt, oder nicht, ſagte Chicot, aber ſo viel weiß ich, daß ich niemas Et⸗ was geſehen, woruͤber ich zu erroͤthen gehabt habe. — Ich glaube es bei Gott wohl, ſagte der Moͤnch; es iſt lange her, daß Du nicht mehr erroͤtheſt, Meiſter Unzucht. O, aͤußerte Chicot, Unzucht, ich! Die Maͤßigkeit in Perſon! Die Enthaltſamkeit in Fleiſch und Bein! Ich, der ich bei allen Proceſſionen, bei allen Faſten bin! — Ja, Deines Sardanapals, Deines Nebucadnezars, Deines Herodes! Intereſſirte Proceſſionen, berechnete Faſten. Gluͤcklicher Weiſe beginnt man Deinen Koͤnig Heinrich III., den der Teufel holen moͤge, auswendig zu kennen! Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 10 — 26— und ſtatt der verweigerten Rede ſtimmte Gorenflot aus vollem Halſe folgendes Lied an: f Le roi, pour avoir de l'argent, A fait le pauvre et l'indigent Et l'bypoerite; Le grand pardon il a gagné Au pain, à l'eau et à jeüne Comme un eremite; Mais Paris, qui le connatt bien, Ne lui voudra plus prôter rien A sa requéte; Car il a déjà tant prèté Qu'il a de lui dire arrèté: — Allez en quête. (um Geld zu haben hat der Kdnig den Armen und den Nothleidenden und den Heuchler gemacht; den großen Ablaß hat er ſich bei Waſſer und Brod und Faſten wie ein Eremit erworben; aber Paris, das ihn genau kennt, wird ihm Nichts mehr auf ſein Anſuchen borgen wollen; denn er hat bereits ſo viel geborgt, daß ein Grund dazu vorhanden iſt, ihm zu ſagen, halt ein: geh betteln.) — Bravo! rief Chicot aus. Bravo! Dann fuͤgte er leiſe hinzu: — Gut, da er ſingt, ſo wird er ſprechen. In dieſem Augenblicke trat Meiſter Bonhomet ein, indem er in der einen Hand den merkwuͤrdigen Eierku⸗ chen, und in der anderen zwei neue Flaſchen trug. — Bring, bring, rief det Moͤnch aus, deſſen Augen funkelten und deſſen zweiunddreißig Zaͤhne durch ein brei⸗ tes Laͤcheln ſichtbar wurden. — Aber, Freund, ſagte Chicot, ich meine, daß Ihr eine Rede zu halten habt. 3 — Die Rede iſt da, ſagte der Moͤnch, indem er an ſeine Stirn ſchlug, welche die gluͤhende Roͤthe ſeiner Wangen zu uͤberziehen begann. — Um halh zehn Uhr, ſagte Chicot. 5 — Ich log, ſagte der Moͤnch; omnis homo mendax, confiteor. — und um wie viel Uhr war es denn wirklich? — Um zehn Uhr. — um zehn Uhr? Ich glaubte, daß die Abtei um neun Uhr geſchloſſen wuͤrde. 3 — Moͤge ſie geſchloſſen werden, ſagte Gorenflot, in⸗ dem er das Talglicht durch den in ſeinem Glaſe enthal⸗ tenen Rubin betrachtete; moͤge ſie geſchloſſen werden, ich habe den Schluͤſſel dazu. — Den Schluſſel der Abtei, rief Chicot aus, Ihr habt den Schluͤſſel der Abtei? — Da, in meiner Taſche, ſagte Gorenflot, indem er auf ſeine Kutte ſchlug, da. — Unmoͤglich, ſagte Chicot, ich kenne die Kloſter⸗ regeln, ich bin in drei Kloͤſtern in Bußuͤbungen geweſen. Man vertraut den Schluͤſſel der Abtei keinem einfachen Bruder an. 10* — 148— — Da iſt er, ſagte Gorenflot, indem er ſich auf ſeinem Stuhle zuruͤckwarf, und triumphirend Chicot ein Geldſtuck zeigte. Ei, Geld! ſagte Chicot. Ach, ich verſtehe. Ihr beſtecht den Bruder Pfoͤrtner, um zu den Stunden nach Haus zu kommen, die Euch belieben, ungluͤckſeliger Suͤnder! Gorenflot ſperrte ſeinen Mund mit dem ſeligen und anmuthigen Laͤcheln eines betrunkenen Menſchen bis zu beiden Ohren auf. — Suflfcit, ſtammelte er. Und er wollte das Geldſtuͤck wieder in ſeine Taſche ſtecken. — Wartet doch, wartet doch, ſagte Chicot. Ei, welch naͤrriſche Muͤnze. — Mit dem Bilde des Ketzers, ſagte Gorenflot. Demnach an der Stelle des Herzens durchlochert. — In der That, ſagte Chicot, es iſt ein von dem Koͤnige von Bearn geſchlagenes Kopfſtuͤck, und da iſt wirklich ein Loch. — Ein Dolchſtoß, ſagte Gorenflot; Tod dem Ketzer. Derjenige, welcher den Ketzer umbringen wird, iſt im voraus ſelig geſprochen, und ich gebe ihm meinen Antheil an dem Paradieſe. — Ah, ah, dachte Chicot, da fangen die Dinge an eine Geſtalt anzunehmen; aber der Ungluͤckſelige iſt noch nicht berauſcht genug. ————˖˖—’—— — 149— Und er fuͤllte das Glas des Moͤnches von Neuem. — Ja, ſagte der Gaskonier, Tod dem Ketzer, und und es lebe die Meſſe! —Es lebe die Meſſe! ſagte Gorenflot, indem er das Glas mit einem einzigen Zuge in ſeine Gurgel lau⸗ fen ließ. Es lebe die Meſſe! — Demnach alſo, ſagte Chicot, welcher, als er das Kopfſtuͤck in der breiten Hand ſeines Tiſchgenoſſen ſah, ſich an den Bruder Pfoͤrtner erinnerte, der die Haͤnde aller der Moͤnche unterſuchte, die er unter die Halle der Abtei hatte herbeiſtroͤmen ſehen, demnach alſo zeigt Ihr dieſes Geldſtuͤck beim Eintreten dem Bruder Pfoͤrtner ... und.. — Ich trete ein, ſagte Gorenflot. — Ohne Schwierigkeit? — Wie dieſes Glas in meinen Magen. Und der Moͤnch verſchluckte eine neue Doſis des feurigen Saftes. — Den Henker, ſagte Chicot, wenn der Vergleich richtig iſt, ſo muͤßt Ihr ohne Schwierigkeit eintreten. — Das heißt, ſtammelte Gorenflot gaͤnzlich betrun⸗ ken, das heißt, daß man fuͤr den Bruder beide Fluͤgel aufmacht. — und Ihr haltet Eure Rede? — und ich halte meine Rede, Seht wie ſich das zutraͤgt: Ich komme, Du Chicot, ich komme.. ſagte der Moͤnch. hoͤrſt doch, — 150— — Ich glaube wohl, daß ich hoͤre, ich bin ganz Ohr. — Ich komme alſo, wie ich ſagte. Die Verſamm⸗ lung iſt zahlreich und auserleſen; es ſind Barone da, es ſind Grafen da, es ſind Herzoͤge da. — Und ſelbſt Prinzen? — und ſelbſt Prinzen, wiederholte der Moͤnch; Du haſt es geſagt, Prinzen, Nichts als das. Ich trete de⸗ muͤthig unter die Getreuen der Union. 1— Die Getreuen der Union, wiederholte nun Chi⸗ cot. Was ſind das für Getreue? 4— Ich trete unter die Getreuen der Union; man ruft Bruder Gorenflot, und ich ſchreite vor. Bei dieſen Worten ſtand der Moͤnch auf. — Ganz Recht, ſagte Chicot, ſchreitet vor. — und ich ſchreite vor, begann Gorenflot wieder, indem er die Handlung mit dem Worte zu verbinden ſuchte; aber kaum hatte er einen Schritt gethan, als er an der Ecke des Tiſches ſtrauchelte und auf den Boden rollte. Bravo, ſagte Chicot, indem er ihn wieder aufhob, und ihn wieder auf einen Stuhl ſetzte, Ihr ſchreitet vor, Ihr habt begruͤßt das Auditorium und Ihr ſagt.. — Nein, ich ſage nicht, es ſind die Freunde, welche ſagen. — Und was ſagen die Freunde? — Die Freunde ſagen: Bruder Gorenflot, die Rede des Bruder Gorenflot, he! Ein ſchoͤner Name eines Li⸗ gueurs, Bruder Gorenflot! Und der Moͤnch wiederholte ſeinen Namen mit lieb⸗ koſender Betonung. — Ein ſchoͤner Name eines Ligueurs, wiederholte Chicot; welche Wahrheit wird denn aus dem Weine dieſes Trunkenboldes hervorgehen. — Dann beginne ich. Und der Moͤnch ſtand wieder auf, indem er die Augen ſchloß, weil er geblendet war, und ſich an die Wand lehnte, weil er gaͤnzlich betrunken war. — Ihr beginnt, ſagte Chicot, wobei er ihn an der Wand feſthielt, wie es Paillaſſe mit Harlekin macht. — Ich beginne:„Meine Bruͤder, es i*ſt ein ſchoͤä ner Tag fuͤr den Glauben. Meine Bruͤder, es iſt ein 77 ſchoͤner Tag fuͤr den Glauben. Nach dieſem Superlativ ſah Chicot, daß Nichts mehr aus dem Moͤnche herauszubringen waͤre; er ließ ihn demnach auch los. 1 Bruder Gorenflot, welcher das Gleichgewicht nur durch die ihm von Chicot geleiſtete Unterſtuͤtzung behielt, glitt, ſobald dieſe Stuͤtze ihm fehlte, laͤngs der Wand wie ein ſchlechtgeſtelltes Bret zu Boden, und ſtieß mit ſeinen Fuͤßen an den Tiſch, von welchem der Stoß ei⸗ nige leere Flaſchen herabfallen ließ.— — Amen! ſagte Chicot. Faſt ſogleich ließ ein donneraͤhnliches Schnarchen die Fenſterſcheiben des engen Kabinettes erbeben. — Gut, ſagte Chicot, da thun die Pfoten des ge⸗ maͤſteten Huhnes ihre Wirkung. Unſer Freund hat fuͤr zwoͤlf Stunden Schlaf, und ich kann ihn ohne Hinder⸗ niß entkleiden. Da er ohne Zweifel dachte, daß er keine Zeit zu verlieren haͤtte, ſo knuͤpfte Chicot ſogleich die Stricke von dem Gewande des Moͤnches auf, zog jeden Arm heraus, und indem er Gorenflot umwandte, wie er es mit einem Sack Nuͤſſe gethan haͤtte, wickelte er ihn in das Tiſchtuch, wand ihm eine Serviette um den Kopf, und die Kutte des Moͤnches unter ſeinem Mantel zu⸗ ſammenrollend, ging er in die Kuͤche. — Meiſter Bonhomet, ſagte er, indem er dem Gaſtwirthe einen Roſenoble gab, das fuͤr unſer Abend⸗ eſſen; das fuͤr dasjenige meines Pferdes, das ich Euch anempfehle, und hier das, damit man vor Allem den wuürdigen Bruder Gorenflot nicht weckt, der wie ein Se⸗ liger ſchlaͤft. — Gut, ſagte der Gaſtwirth, welcher ſeine Rech⸗ nung bei dieſen drei Dingen fand, gut, ſeid unbeſorgt, Herr Chicot. Auf dieſe Verſicherung verließ Chicot das Haus, und flink wie ein Hirſch, hellſehend, wie ein Fuchs, erreichte er die Ecke der Straße Saint⸗Etienne, wo er, nachdem er auf das Sorgfaͤltigſte das Kopfſtuͤck mit dem Bilde des Bearners in ſeine rechte Hand gedruͤckt hatte, das Gewand des Bruders anlegte, und drei Viertel auf zehn Uhr meldete er ſich, nicht ohne ein gewiſſes Herz⸗ klopfen, an der Pforte der Abtei der heiligen Genoveva. VII. 4 Wie Chicot gewahr wurde, Sanct⸗Genoveva zu betreten, a 6 Als Chicot die Moͤnchskutte anlegte, hatte er eine wichtige Vorſichtsmaßregel getroffen, naͤmlich die Staͤrke ſeiner Schultern durch geſchickte Anordnung ſeines Mantels und anderer Kleidungsſtucke, welche das Moͤnchs⸗ gewand unnoͤthig machte, zu verdoppeln; er hatte die⸗ ſelbe Farbe des Bartes, als Gorenflot, und obgleich. der Eine an den Ufern der Saone, und der Andere an den Ufern der Garonne geboren war, ſo hatte er doch nachgeäͤfft, daß es ihm gelungen war, ſie taͤuſchend nach⸗ zuahmen. Nun aber weiß Jedermann, daß der Bart und die Stimme die beiden aus der Tiefe einer Moͤnchskapuze hervorkommen. daß es leichter ſei, die Abtei ls aus ihr herauszukommen. ſo viele Male zum Spaß die Stimme ſeines Freundes 3 einzigen Dinge ſind, welche * 2— 154— Die Pforte ſollte eben geſchloſſen werden, als Chi⸗ cot kam, und der Bruder Pfoͤrtner wartete nur noch auf einige Saͤumige. Der Gaskonier zeigte ſeinen am Her⸗ zen durchbohrten Bearner vor, und er wurde ohne Ein⸗ rede zugelaſſen. Zwei Moͤnche gingen ihm voraus, er folgte ihnen und trat mit ihnen in die Kapelle des Klo⸗ ſters, welche er kannte, weil er den Koͤnig oft zu der⸗ ſelben begleitet hatte; der Koͤnig hatte der Abtei Sanct⸗ Genoveva immer einen beſonderen Schutz bewilligt. Die Kapelle war von provenzaliſcher Bauart, das heißt, ſie ruͤhrte aus dem eilften oder zwoͤlften Jahrhun⸗ dert her, und das Chor bedeckte, wie alle Kapellen jener Zeit, eine Krypte oder unterirdiſche Kirche. Es ging daraus hervor, daß das Chor um acht bis zehn Fuß hoͤher, als das Schiff war; man ging durch zwei Sei⸗ tentreppen auf das Chor hinauf, waͤhrend eine eiſerne, zwiſchen den beiden Treppen angebrachte Thuͤre aus dem Schiffe in die Krypte fuͤhrte, in welche, wenn die Thure geoͤffnet ward, man eben ſo viele Stufen hinab⸗ zuſteigen hatte, als die Treppen des Chors in die Hoͤhe fuͤhrten. In dieſem Chore, welches die ganze Kirche uͤber⸗ ragte, ſtanden an den beiden Seiten des Altares, wel⸗ chen ein Meiſter Roſſo zugeſchriebenes Bild der heili⸗ gen Genoveva uͤberragte, die Statuen von Clodwig und Clotilde. Nur drei Lampen erleuchteten die Kapelle, die eine hing in der Mitte des Chores, die beiden anderen in gleicher Entfernung mitten im Schiff derſelben. — — — 155— 6 68 Dieſes kaum genuͤgende Licht verlieh dieſer Kirche eine groͤßere Feierlichkeit, deren Verhaͤltniſſe es verdop⸗ pelte, da die Einbildungskraft die in der Dunkelheit ver⸗ lorenen Theile ins Unendliche ausdehnen konnte. Chicot mußte erſt ſeine Augen an die Dunkelheit ge⸗ woͤhnen; um ſie zu uͤben, unterhielt er ſich damit, die Moͤnche zu zaͤhlen. Es befanden ſich deren Hundert und zwanzig in dem Schiffe und zwoͤlf in dem Chore, in Allem Hundert zwei und dreißig. Die zwoͤlf Moͤnche des Chores ſtanden in einer einzigen Linie vor dem Al⸗ tare, und ſchienen gleich einer Reihe von Schildwachen den Tabernakel zu vertheidigen. Chicot ſah mit Vergnuͤgen, daß er nicht der letzte*— waͤre, welcher zu denjenigen kam, die Bruder Goren⸗ flot die Bruͤder der Union nannte. Hinter ihm traten noch drei in weite graue Gewaͤnder gekleidete Moͤnche ein, welche ſich vor dieſe Linie ſtellten, die wir mit einer Reihe von Schildwachen verglichen haben. Ein kleiner Moͤnch, den Chicot bis jetzt noch nicht bemerkt hatte, und der ohne Zweifel irgend ein Chor⸗ knabe des Kloſters war, ging in der Kapelle herum um zu ſehen, ob Jedermann richtig auf ſeinem Poſten waͤre; hierauf, als die Muſterung beendiat, ſagte er zu einem der drei zuletzt angekommenen Moͤnche, der in der Mitte ſtand, mit ſtarker Stimme: — Wir ſind Hundert ſechs und dreißig; das iſt die Zahl Gottes. Sogleich ſtanden die Hundert und zwanzig in dem Schiffe knieenden Moͤnche auf, und ſetzten ſich auf die Stuͤhle oder in die Chorſitze. Bald darauf verkuͤndete ein lautes Knarren von Angeln und Riegeln, daß die maſſiven Thuͤren ſich ſchloͤſſen. So tapfer er auch war, ſo hoͤrte Chicot doch nicht ohne ein gewiſſes Herzklopfen das Kreiſchen der Schloͤſ⸗ ſer. Um Zeit zu gewinnen ſich wieder zu faſſen, ſetzte er ſich in den Schatten der Kanzel, von wo aus ſeine Augen ſich von ſelbſt auf die drei Moͤnche richteten, welche die Hauptperſonen dieſer Verſammlung zu ſein ſchienen. Man hatte ihnen Seſſel gebracht, und ſie hatten ſich gleich drei Richtern geſetzt. Die zwoͤlf Moͤnche des Chores blieben hinter ihnen ſtehen. Als das durch die Schließung der Thuͤren und durch die Veraͤnderung der Stellungen der Anweſenden verur⸗ ſachte Geraͤuſch aufgehoͤrt, erklang eine kleine Glocke drei Male. Das war ohne Zweifel das Signal zum Schwei⸗ gen, denn anhaltende Pſts ließen ſich waͤhrend der bei⸗ den erſten Schlaͤge hoͤren, und bei dem dritten hoͤrte je⸗ des Geraͤuſch auf. — Bruder Monſoreau, ſagte derſelbe Moͤnch, wel⸗ cher bereits geſprochen hatte, welche Nachrichten uͤber⸗ bringt Ihr der Union aus der Provinz Anjou? Zwei Dinge ließen Chicot die Ohren ſpitzen. Erſtens dieſe Stimme mit ſo ſcharfem Klange, daß ſie weit eher geeignet ſchien, um auf einem Schlacht⸗ felde aus dem Gitter eines Helmes zu ertoͤnen, als in einer Kirche aus der Kapuze eines Moͤnches. — e — —— — — 157— 5 Zweitens der Name Bruder Monſoreau, der erſt ſeit einigen Tagen an dem Hofe bekannt war, wo er, wie wir bemerkt, ein gewiſſes Aufſehen erregt hatte. Ein Moͤnch von hohem Wuchſe, deſſen Gewand eckige Falten bildete, ſchritt durch einen Theil der Ver⸗ ſammlung, und beſtieg feſten und kuͤhnen Schrittes die Kanzel. Chicot verſuchte ſein Geſicht zu ſehen. Das war unmoͤglich. — Gut, ſagte er, wenn man das Geſicht der Ande⸗ ren nicht ſieht, ſo werden die Anderen zum Mindeſten das meinige nicht ſehen. — Meine Bruͤder, ſagte nun eine Stimme, welche Chicot bei ihren erſten Worten fuͤr die des Oberjaͤger⸗ meiſters erkannte, die Nachrichten aus der Provinz An⸗ jou ſind durchaus nicht befriedigend, nicht etwa, weil es uns dort an Sympathien fehlte, ſondern weil es uns in ihr an Vertretern fehlt. Die Verbreitung der Union in dieſer Provinz war dem Baron Moridor anvertraut worden, aber, untroͤſtlich uͤber den kuͤrzlich ſtattgehabten Tod ſeiner Tochter, hat dieſer Greis in ſeinem Schmerze die Angelegenheiten der heiligen Ligue vernachlaͤſſigt, und bis er uͤber den erlittenen Verluſt getroͤſtet ſein wird, koͤnnen wir nicht auf ihn rechnen. Was mich anbe⸗ langt, ſo bringe ich drei neue Beitrittserklaͤrungen zur Verbindung, und ich habe ſie, der Vorſchrift gemaͤß, in den Stock des Kloſters gelegt. Der Rath wird ent⸗ ſcheiden, ob dieſe drei neuen Bruͤder, fuͤr die ich mich außerdem wie fuͤr mich ſelbſt verbuͤrge, als Mitglieder der heiligen Union aufgenommen werden duͤrfen. —— 8 Ein Beifallsmurmeln kreiste in den Reihen der Moͤnche, und Bruder Monſoreau hatte ſeinen Platz ſchon wieder erreicht, als dieſes Geraͤuſch noch nicht auf⸗ gehoͤrt hatte. — Beuder La Huriere, begann derſelbe Moͤnch wie⸗ der, der beſtimmt ſchien, die Getreuen nach ſeiner Laune aufzurufen, ſagt uns das, was Ihr in der Stadt Pa⸗ ris gethan habt. Ein Mann mit zuruͤckgeſchlagener Kapuze erſchien nun auf der Kanzel, welche Herr von Montſoreau ver⸗ laſſen hatte. — Meine Bruͤder, ſagte er, Ihr wißt Alle, ob ich dem katholiſchen Glauben getreu bin, und ob ich Be⸗ weiſe von dieſer Treue an dem großen Tage abgelegt habe, an welchem er triumphirt hat. Ja, meine Bruͤ⸗ der, von dieſer Zeit an, und ich bin ſtolz darauf, war ich einer der Getreuen unſeres großen Heinrichs von Guiſe, und durch den Mund des Herrn von Besme ſelbſt, dem Gott all ſeinen Segen bewilligen wolle, habe ich die Befehle erhalten, die er mir zu ertheilen geruhet hat, und die ich in dem Grade befolgt, daß ich meine eigenen Gaͤſte habe toͤdten wollen. Nun aber hat die treue Ergebenheit für dieſe heilige Sache meine Ernen⸗ nung zum Viertelsmeiſter zur Folge gehabt, und ich wage zu ſagen, daß das ein gluͤcklicher Umſtand fuͤr die Religion iſt. Ich habe auf dieſe Weiſe alle Ketzer des Quartiers Saint⸗Germain⸗!l'Auxerois aufnotiren koͤn nen, in welchem ich immer Straße!'Arbre⸗Sec das Gaſthaus zum Blauen Himmel zu Euren Dienſten be⸗ . 1 —— — 159— reit halte, meine Bruͤder, und, nachdem ich ſie notirt, ſie unſeren Freunden zu bezeichnen vermogt. Gewiß habe ich nicht mehr Durſt nach Hugenotten⸗Blut, als ehedem, aber ich vermag mir nicht den wahren Zweck der heiligen Union zu verhehlen, die wir zu gruͤnden im Begriffe ſind. 8 3 — Hoͤren wir, ſagte ſich Chicot, dieſer La Hurieère war, wenn ich mich recht erinnere, ein raſender Ketzer⸗ ſchlaͤchter, und er muß viel uͤber die Ligue wiſſen, wenn man bei den Herrn Liguers das Vertrauen nach dem Verdienſte abwaͤgt. — Sprecht, ſprecht, ſagten mehrere Stimmen. Da La Hurière Gelegenheit fand, die Rednergaben zu entfalten, die er ſelten zu entwickeln Gelegenheit hat⸗ te, obgleich er ſie ſich angeboren glaubte, ſammelte er ſich einen Augenblick lang, huſtete und begann wieder: — Wenn ich mich nicht irre, meine Bruͤder, ſo be⸗ ſchaͤftigt uns nicht allein die Ausrottung der einzelnen Ketzereien. Die guten Franzoſen muͤſſen verſichert ſein, niemals Ketzer unter den ſie zu regieren berufenen Fuͤr⸗ ſten anzutreffen. Woran ſind wir aber nun, meine Bruͤ⸗ der? Franz II., der ein Eifriger zu werden verſprach, iſt ohne Kinder geſtorben. Karl IX., der ein Eifriger war, iſt ohne Kinder geſtorben. Der Koͤnig Heinrich III., deſſen Glauben zu erforſchen und deſſen Handlungen zu wuͤrdigen mir nicht zukommt, wird wahrſcheinlich ohne Kinder ſterben; es wird alſo der Herzog von Anjou bleiben, der nicht allein auch keine Kinder hat, ſondern — 160— der auch noch lau gegen die heilige Ligue zu ſein ſcheint. Hier unterbrachen mehrere Stimmen den Redner, unter denen die des Oberjaͤgermeiſters. — Warum laus? ſagte die Stimme, und was veran⸗ laßt Euch, dieſe Anklage gegen den Prinzen vorzu⸗ bringen? Ich ſage lau, weil er ſeinen Beitritt zur Ligue noch nicht erklaͤrt, obgleich der vortreffliche Bruder, der mich ſo eben aufgerufen, ſie auf beſtimmte Weiſe in ſei⸗ nem Namen verſprochen hat. — Wer ſagt Euch, daß er ſie noch nicht erklaͤrt hat, erwiderte die Stimme, da neue Beitrittserklaͤrungen vorhanden ſind? Ich glaube, Ihr habt kein Recht, ir⸗ gend Jemand zu beargwoͤhnen, ſo lange die Abſtimmung noch nicht vorgenommen iſt. — Das iſt wahr, ſagte La Huridre, ich werde alſo noch warten; aber, nach dem Herzoge von Anjou, der ſterblich iſt und der keine Kinder hat, wohl zu merken, daß man jung in der Familie ſtirbt, wem wird die Krone anheim fallen? Dem grimmigſten Hugenotten, den man ſich denken kann, einem Renegaten, einem Ruͤckfaͤlligen, einem Nebucadnezar. Statt Gemurre, waren es hier unſinnige Beifalls⸗ bezeigungen, welche La Hurière unterbrachen. — Kurz, Heinrich von Bearn, gegen den dieſe Ver⸗ bindung vor Allem gebildet iſt, Heinrich von Bearn, den man oft in Pau oder in Tarbes mit ſeinen Lieb⸗ — 161— ſchaften beſchaͤftigt glaubt, und dem man in Paris be⸗ gegnet. — In Paris, riefen mehrere Stimmen aus, in Paris! Das iſt unmoͤglich! — Er iſt nach Paris gekommen, rief la Hurière aus. Er befand ſich in der Nacht hier, in welcher Frau von Sauves ermordet worden iſt; er iſt vielleicht noch in dieſem Augenblicke in Paris. — Nieder mit dem Bearner! riefen mehrere Stim⸗ men aus. — Ja gewiß, nieder mit ihm! rief la Hurisre aus. Und wenn er zufaͤllig in dem blauen Himmel einkehren ſollte, ſo ſtehe ich ſicher fuͤr ihn; aber er wird nicht kommen. Man faͤngt einen Fuchs nicht zwei Mal in der⸗ ſelben Falle. Er wird anderswo einkehren, bei irgend einem Freunde; denn er hat Freunde, der Ketzer. Nun denn! Die Zahl dieſer Freunde iſt es, welche man ver⸗ ringern oder bekannt machen muß. Unſere Union iſt hei⸗ lig, unſere Ligue iſt geſetzmaͤßig, von unſerem heiligen Vater, dem Papſt Gregor III., eingeſetzt, geſegnet und ermuthigt. Ich verlange demnach, daß man nicht mehr laͤnger ein Geheimniß daraus macht, daß den Viertels⸗ meiſtern und den Zehnern Liſten üͤbergeben werden, daß ſie mit dieſen Liſten in die Haͤuſer gehen, um die guten Buͤrger zur Unterſchrift einzuladen. Diejenigen, welche unterzeichnen, werden unſere Freunde, diejenigen, welche ſich zu unterzeichnen weigern, unſere Feinde ſein, und wenn ſich die Gelegenheit zu einer zweiten Sankt Bar⸗ tholvmaͤusnacht bietet, welche den wahren Frommen im⸗ Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 11 ——· — — 162— mer dringender zu werden ſcheint, wohlan, ſo werden wir das thun, was wir bereits in der erſten gethan ha⸗ ben, wir werden Gott die Muͤhe erſparen, die Guten von den Boͤſen zu ſcheiden. Bei dieſem Schluſſe brachen donnernde Beifallsbe⸗ zeigungen aus, die ſich nur langſam und mit dem Ge⸗ tuͤmmel beruhigten, welches beweiſt, daß laute Ausruͤfe nur unterbrochen ſind. Hierauf ließ ſich die ernſte Stimme des Moͤnches hoͤren, der bereits mehrere Male geſprochen hatte, und ſagte: — Der Antrag des Bruders la Hurisre, dem die heilige Union fuͤr ſeinen Eifer dankt, iſt in Betracht ge⸗ nommen; er wird in dem hohen Rathe gepruͤft werden. Die Beifallsbezeigungen verdoppelten ſich. La Hu⸗ riere verneigte ſich mehrere Male, um der Verſammlung zu danken, und die Stufen der Kanzel hinabſteigend, er⸗ reichte er, unter der Unermeßlichkeit ſeines Triumphes gebeugt, ſeinen Platz wieder. — Ah, ah, ſagte ſich Chicot, ich fange an, hell in Alle dem zu ſehen. Man hat in Bezug auf den katho⸗ liſchen Glauben weniger Vertrauen zu meinem Sohne Heinrich, als zu ſeinem Bruder Karl IX. und dem Herrn von Guiſe. Das iſt wahrſcheinlich, da der Mayenne in Alle dem ſteckt. Die Herrn von Guiſe wollen in dem Staate eine kleine beſondere Geſellſchaft ſtiften, deren Herten ſie ſein werden; ſo wuͤrde der große Heinrich, der Feldherr iſt, die Heere in ſeiner Gewalt haben; ſo wuͤrde der dicke Mayenne die Buͤrgerſchaft, ſo der beruͤhmte Kardinal die Kirche in ſeiner Hand haben, und eines —— 3 Morgens wuͤrde mein Sohn Heinrich gewahr werden, daß er Nichts mehr hielte, als ſeinen Roſenkranz, mit dem man ihn höͤflich einladen wird, ſich in irgend ein Kloſter zuruͤckzuziehen. Vortrefflich ausgedacht! Ah ſchoͤn! Ja... aber der Herzog von Anjou bleibt noch. Den Teufel! Der Herzog von Anjou, was wird man aus ihm machen?. — Bruder Gorenflot, ſagte die Stimme des Moͤn⸗ ches, der bereits den Oberjaͤgermeiſter und la Hurieère gerufen hatte. Sei es nun, daß er in die Betrachtungen vertieft war, welche wir unſeren Leſern ſo eben mitgetheilt ha⸗ den, oder war er noch nicht daran gewoͤhnt, auf den Namen zu antworten, den er indeſſen mit der Kutte des Bettelmoͤnches angenommen hatte, Chicot antwor⸗ tete nicht. 8 — Bruder Gorenflot! wiederholte die Stimme des Moͤnchleins, eine ſo helle und ſo ſcharfe Stimme, daß Chicot erbebte. O, o, murmelte er, man koͤnnte glauben, daß eine Frauenzimmerſtimme den Bruder Gorenflot riefe. Vermengt man etwa in dieſer ehrenwerthen Verſamm⸗ lung nicht allein die Staͤnde, ſondern auch noch die Geſchlechter? 1 — Bruder Gorenflot, wiederholte dieſelbe weibliche Stimme, ſeid Ihr denn nicht anweſend? — Ah! Aber, ſagte ſich Chicot in ſeinem Inneren, Bruder Gorenflot, das bin ich, geſchwind. 11* ee viei — 164— Dann ſagte er laut, indem er wie der Moͤnch naͤ⸗ ſelte: — Doch, doch, hier bin ich, hier bin ich! Ich war in die tiefen Betrachtungen verſunken, welche die Rede des Bruders la Hurière in mir hatten entſtehen laſſen, und ich hatte nicht gehoͤrt, daß man mich gerufen. Einiges Beifallsgemurmel zu Gunſten la Hurières, deſſen Worte noch in Aller Herzen bebten, ließen ſich hoͤren und gaben Chicot Zeit ſich vorzubereiten. Chicot brauchte, wird man ſagen, nicht auf den Namen Gorenflot zu antworten, da Niemand ſeine Ka⸗ puze zuruͤckſchlug. Aber, wie man ſich erinnern wird, hatten ſich die Anweſenden gezaͤhlt; ſie kannten ſich alſo und erwarteten ſich; nach vorgenommener Muſterung der Geſichter, und dieſe wuͤrde durch die Abweſenheit eines fuͤr anweſend gehaltenen Mannes vorgenommen worden ſein, waͤre alſo der Unterſchleif entdeckt geweſen, und dann wurde Chicots Lage bedenklich. Chicot zoͤgerte demnach keinen Augenblick. Er ſtand auf, machte ſich gewaltig breit, ſtieg die Stufen der Kanzel hinauf, und ſchlug im Hinaufſteigen ſeine Kapuze ſo viel als moͤglich herab. — Meine Bruͤder, ſagte er, indem er die Stimme des Moͤnches taͤuſchend nachahmte, ich bin der Bruder Terminirer des Kloſters, und Ihr wißt, daß dieſes Amt mir das Recht verleiht, alle Wohnungen zu betreten. Ich benutze alſo dieſes Recht fuͤr das Wohl des Herrn. Meine Bruͤder, fuhr er fort, indem er ſich an die Einleitung Gorenflots erinnerte, die ſo unverſehends durch ———————— — 165— den Schlaf unterbrochen worden war, welcher den wah⸗ ren Gorenflot in dieſem Augenblicke wegen des genoſſe⸗ nen Weines noch in ſeinen Banden halten mußte, meine Bruͤder, welch ein ſchoͤner Tag fuͤr den Glauben derje⸗ nige iſt, welcher uns vereinigt! Sprechen wir unverhoh⸗ len, meine Bruͤder, da wir hier in dem Hauſe des Herrn verſammelt ſind. — Was iſt das Koͤnigreich Frankreich? Ein Leib. Sanct Auguſtinus hat geſagt: Omnis civitas corpus est- „Jede Stadt iſt ein Leib.“ Welches iſt die Bedingung des Wohlſeins eines Leibes? Die gute Geſundheit. Wie bewahrt man die Geſundheit des Leibes? Indem man heilſame Aderlaͤſſe veranſtaltet, wenn Uebermaß der Kraͤfte obwaltet. Nun aber iſt es augenſcheinlich, daß die Feinde der katholiſchen Religion zu ſtark ſind, da wir ſie fuͤrchten; man muß alſo noch ein Mal dieſem gro⸗ ßen Leib zur Ader laſſen, den man den Staat nennt; das iſt es, was mir taͤglich die Glaͤubigen wiederholen, deren Eier, Schinken und Geld ich ins Kloſter bringe. Dieſer erſte Theil von Chicots Rede machte einen tiefen Eindruck auf die Zuhoͤrer. Chicot ließ einem Gemurmel des Beifalles, das er ſo eben erregt, die Zeit, laut zu werden, dann ſich be⸗ ſaͤnftigen, und begann wieder: 3 — Man wird mir vielleicht einwerfen, daß die Kir⸗ che das Blut verabſcheue; ecclesia abhorret a sanguine, fuhr er fort. Aber achtet wohl auf Folgendes, meine „theuren Bruͤder; der Theolog ſagt nicht, vor welchem Blute die Kirche einen Schauder hat, und ich moͤgte — 166— einen Ochſen gegen ein Ei wetten, daß er in keinem Falle von dem Blute der Ketzer hat reden wollen. In der That: Fons malus, corruptorum sanguis baereticorum autem pessimus! Und dann, ein anderes Argument, meine Bruͤder: ich habe geſagt die Kirche! Aber wir, wir ſind nicht allein die Kirche. Bruder Monſoreau, der ſo eben ſo beredtſamer Weiſe geſprochen, hat, ich bin feſt uͤber⸗ zeugt davon, ſeinen Hirſchfaͤnger als Oberjaͤgermeiſter an der Seite. Bruder la Huriere handhabt den Bratſpieß voller Geſchicklichkeit: Veru agreste, letifkerum tamen in- strumentum. Ich ſelbſt, der ich zu Euch rede, meine Bruͤder, ich, Jakob Nepomuk Gorenflot, ich habe im Felde die Muskete getragen, und ich habe die Hugenot⸗ ten in ihrem Bethauſe verbrannt. Das waͤre fuͤr mich eine hinlaͤngliche Ehre geweſen, und ich haͤtte mein Pa⸗ radies gaͤnzlich. Ich glaubte es zum Mindeſten, als man ploͤtzlich in meinem Gewiſſen einen Zweiſel erhoben hat: bevor ſie verbrannt wurden, waren die Hugenottin⸗ nen ein wenig geſchaͤndet worden. Es ſcheint, daß das der guten Handlung ein wenig ſchadete, zum Mindeſten nach dem, was mir mein Beichtvater geſagt hat... Ich habe mich demnach auch beeilt, Moͤnch zu werden, und um den Makel verſchwinden zu laſſen, welchen die Ketzerinnen an mir zuruͤckgelaſſen, habe ich von dieſem Augenblicke an das Geluͤbde gethan, den Reſt meiner Tage in der Enthaltſamkeit zuzubringen und nur noch mit guten Katholikinnen umzugehen. Dieſer zweite Theil der Rede des Redners hatte 8 keinen geringeren Erfolg, als der erſte, und Jedermann * * — 167— ſchien die Mittel zu bewundern, deren ſich der Herr be⸗ dient haͤtte, um die Bekehrung des Bruders Gorenflot zu bewirken. · Es miſchten ſich demnach auch einige Beifallsbezei⸗ gungen unter das Gemurmel der Zuſtimmung. Chicot verneigte ſich beſcheidener Weiſe vor der Verſammlung. — Es bleibt uns nur noch uͤbrig, begann Chicot wieder, von den Anfuͤhrern zu reden, die wir uns ge⸗ geben, und uͤber welche mir, dem armen unwuͤrdigen Moͤnche, ſcheint, daß Etwas zu ſagen ſt. Gewiß iſt es ſchön, und vor Aueem porſichtig, ſich naͤchtlicher Weiſe unter einer Kutte einzuſchleichen, um Bruder Gorenflot predigen zu hoͤren, aber ich meine, daß ſich die Pflicht ſolcher Bevollmaͤchtigter nicht darauf beſchraͤnken darf. Eine ſo große Vorſicht bietet dieſen verdammten Huge⸗ notten Stoff zum Lachen, die am Ende Raſende ſind, wenn es ſich um den Kampf handelt. Ich verlange dem⸗ nach, daß wir eine muthigen Leuten, die wir ſind, oder vielmehr, die wir ſcheinen wollen, wuͤrdigere Hal⸗ tung annehmen. Was wünſchen wir? Die Ausrottung der Ketzerei... Wohlan! Aber das kann man frei aus⸗ ſprechen, wie mir ſcheint. Warum ziehen wir nicht durch die Straßen von Paris, wie eine fromme Pro⸗ ceſſion, indem wir unſere ſchoͤne Haltung und unſere guten Hellebarden zur Schau ſtellen, und nicht wie naͤchtliche Diebe, die ſich an jedem Kreuzwege umſehen, ob die Scharwache kommt. Aber wer iſt der Mann, der mit dem Beiſpiele vorangeht? ſagt Ihr. Wohlan! Ich werde es thun, ich Jakob Nepomuk Gorenflot, ich, n — 168— der unwuͤrdige Bruder des Ordens der heiligen Genoveva, demuͤthiger und armer Almoſenſammler des Kloſters, ich werde es ſein, der, den Panzer auf dem Ruͤcken, die Pickelhaube auf dem Kopfe und die Muskete auf der Schulter, wenn es ſein muß, an der Spitze der guten Katholiken marſchiren wird, die mir folgen wollen, und das werde ich thun, und waͤre es auch nur, um die An⸗ füͤhrer erroͤthen zu laſſen, die ſich verbergen, als ob es ſich bei der Vertheidigung der Kirche darum handelte, irgend einer ſich zankenden Hure beizuſtehen. Der Schluß Chicots, der mit den Geſinnungen vieler Mitglieder der Ligue uͤbereinſtimmte, welche die Noothwendigkeit nicht einſahen, auf einem anderen Wege zum Ziele zu gehen, als auf dem, deſſen Schranke ſechs Jahre zuvor die Sanct Bartholomäusnacht eroͤffnet haͤtte, und welche dem zu Folge das Zaudern der Anfuͤhrer in Verzweiflung ſetzte, entzuͤndete das geheiligte Feuer in Aller Herzen, und mit Ausnahme dreier Kapuzen, die ſchweigend blieben, begann die Verſammlung wie mit einer Stimme auszurufen: Es lebe die Meſſe! Heil unſerem wackeren Bruder Gorenflot! Die Proceſſion! Die Proceſſion! Die Begeiſterung war um ſo lebhafter erregt, als es das erſte Mal war, daß ſich der Eifer des wuͤrdigen Bruders in einem ſolchen Lichte gezeigt. Bis dahin hat⸗ ten ſeine vertrauteſten Freunde ihn ohne Zweifel unter die Zahl der Eifrigen gerechnet, aber der Eifrigen, wel⸗ che das Gefuͤhl der Selbſterhaltung in den Schranken der Vorſicht zuruͤckhielt. Dem war aber nicht ſoz aus dieſem — 169— Halbdunkel, in welchem er geblieben, ſtuͤrzte Bruder Gorenflot ploͤtzlich zum Kriege geruͤſtet in das helle Licht des Kampfplatzes hervor; das war eine große Ueberra⸗ ſchung, welche eine große Ehrenerklaͤrung herbeifuͤhrte, und Einige ſtellten in ihrer Bewunderung, die um ſo groͤßer, je unerwarteter ſie war, den Bruder Gorenflot, der zuerſt die Proceſſion gepredigt, Peter dem Eremi⸗ ten gleich, der den erſten Kreuzzug gepredigt hatte. Ungluͤcklicher oder gluͤcklicher Weiſe fuͤr Denjenigen, welcher dieſe Begeiſterung hervorgebracht, lag es nicht im Plane der Anfuͤhrer, ſie in Ausfuͤhrung kommen zu laſſen. Einer der drei ſchweigenden Moͤnche neigte ſich an das Ohr des Moͤnchleins, und die feine Stimme des Kindes erſchallte ſogleich unter den Gewoͤlben, in⸗ dem ſie drei Male rief: — Meine Bruͤder, es iſt die Stunde ſich zuruͤckzu⸗ ziehen, die Sitzung iſt aufgehoben. Die Moͤnche ſtanden geraͤuſchvoll auf, und indem ſie ſich vornahmen, in der naͤchſten Sitzung einſtimmig die von dem wackeren Bruder Gorenflot in Antrag ge⸗ ſtellte Proceſſion zu verlangen, ſchlugen ſie langſam den Weg nach der Thuͤre ein. Viele hatten ſich der Kanzel genaͤhert, um den Bruder Terminirer beim Herabkom⸗ men von dieſer Tribune zu preiſen, von deren Hoͤhe er einen ſo großen Beifall geaͤrndtet hatte. Aber bedenkend, daß in der Naͤhe gehoͤrt ſeine Stimme, die Chicot niemals von einem leichten gaskoniſchen Accente frei zu machen vermogt hatte, erkannt werden koͤnnte; daß, in der Naͤhe geſehen, ſein Koͤrper, der ſechs bis acht gute Zoll Hoͤhe mehr bot, als Bruder Gorenflot, welcher in dem Geiſte ſeiner Zuhoͤrer ohne Zweifel, aber beſon⸗ ders moraliſch, gewachſen war, einiges Erſtaunen erre⸗ gen koͤnnte, ſo hatte ſich Chicot auf die Kniee geworfen, und ſchien wie Samuel in eine Unterredung unter vier Augen mit dem Herrn verſunken. Man reſpectirte demnach ſein Entzuͤcken, und jeder ſchritt nach dem Ausgange mit einer Aufregung zu, welche Chicot unter der Kapuze, in deren Falten er ſich Oeffnungen fuͤr die Augen gelaſſen, ſehr beluſtigte. Indeſſen war der Zweck Chicots ſo ziemlich ver⸗ fehlt. Das, was ihn den Koͤnig Heinrich III. hatte verlaſſen laſſen, ohne ihn um Urlaub zu bitten, war der Anblick des Herzogs von Mayenne. Das, was ihn nach Paris hatte zuruͤckkehren laſſen, war der Anblick Nicolas Davids. Chicot hatte, wie wir bemerkt, ein doppeltes Geluͤbde der Rache abgelegt; aber er war ein ſehr armer Wicht, um ſich an einem Prinzen des Hau⸗ ſes von Lothringen zu vergreifen, er mußte die Gelegen⸗ heit dazu lange und geduldig abwarten. Dem war nicht eben ſo mit Nicolas David, der nur ein einfacher nor⸗ maniſcher Advocat war, ein ſehr liſtiger Schlaukopf, es iſt wahr, der Soldat geweſen war, bevor er Advocat geworden, und Fechtmeiſter, waͤhrend er Soldat war. Aber ohne Fechtmeiſter zu ſein, behauptete Chicot, den Degen ziemlich tuͤchtig zu fuͤhren; die große Frage be⸗ ſtand alſo fuͤr ihn darin, ſeinen Feind zu erreichen, und ſobald er ihn einmal erreicht, ſtellte Chicot ſein Leben — 11— wie die alten Ritter unter den Schutz ſeines guten Rechts und ſeines Schwerdtes. Chicot ſah demnach zu, wie alle die Moͤnche einer nach dem anderen fortgingen, um, wenn es moͤglich waͤre, unter dieſen Kutten und dieſen Kapuzen die lange und ſchmale Geſtalt Meiſter Nicolas zu erkennen, als er ploͤtzlich gewahr wurde, daß jeder Moͤnch beim Hin⸗ ausgehen einer aͤhnlichen Pruͤfung unterworfen, die er beim Eintritte erduldet hatte, und, indem er irgend ein Zeichen aus ſeiner Taſche nahm, ſeine Austrittserlaub⸗ niß nur dann erlangte, wenn der Bruder Pfortner ſie ihm nach geſchehener Pruͤfung dieſes Zeichens ertheilt hatte. Chicot glaubte anfangs ſich geirrt zu haben, und blieb einen Augenblick lang im Zweifel, aber dieſer Zwei⸗ fel wurde bald in eine Gewißheit verwandelt, welche Chicots Stirn mit kaltem Schweiße bedeckte. Bruder Gorenflot hatte ihm wohl das Zeichen an⸗ gedeutet, mit deſſen Huͤlfe man eintreten koͤnnte, aber er hatte vergeſſen, ihm das Zeichen zu zeigen, mittelſt deſſen man wieder herauskommen koͤnnte. ¹ — 172— VIII. Wie Chicot, gezwungen in der Kirche der Abtei zu bleiben, Dinge ſah und hoͤrte, die zu ſehen und zu hoͤren ſehr ge⸗ faͤhrlich war. Chicot beeilte ſich, von ſeiner Kanzel herabzuſtei⸗ gen und ſich unter die Moͤnche zu miſchen, um, wenn es moͤglich waͤre, das Zeichen zu erkennen, mit Huͤlfe deſſen man die Straße wieder erreichen koͤnnte, und ſich dieſes Zeichen zu verſchaffen, wenn noch Zeit dazu waͤre. In der That, nachdem er ſich unter die Nachzuͤgler ge⸗ mengt, nachdem er den Kopf uͤber Aller Koͤpfe ausge⸗ ſtreckt, erkannte Chicot, daß das Ausgangszeichen in ei⸗ nem in einen Stern geſchnittenen Heller beſtaͤnde. Unſer Gaskonier hatte eine gute Anzahl von Hel⸗ lern in ſeiner Taſche, aber ungluͤcklicher Weiſe hatte nicht Einer dieſen beſondern um ſo ungewoͤhnlicheren Zu⸗ — — 173— ſchnitt, als er dieſes auf ſolche Weiſe verſtuͤmmelte Geldſtuͤck fuͤr immer außer Kurs brachte. Chicot uͤberſah die Lage mit einem Blicke. An der Thuͤre angelangt waͤre er, da er ſeinen geſternten Heller nicht vorbringen konnte, als ein falſcher Bruder erkannt worden; und da ſich wie ſehr natuͤrlich die Nachfor⸗ ſchungen wegen Meiſter Chicot, des Narrens Sr. Ma⸗ jeſtaͤt, eine Stelle, die ihm viele Vorrechte im Louvre und in den anderen Schloͤſſern verlieh, die aber in der Abtei Sanct⸗Genoveva, und beſonders unter ſolchen Umſtaͤnden, viel von ihrem Blendwerk verlor, ſich nicht darauf beſchraͤnken wuͤrden, ſo waͤre Chicot in einer Falle gefangen worden; er erreichte den Schatten eines Pfeilers und kauerte ſich in die Ecke eines an dieſem Pfeiler gelehnten Beichtſtuhles. Und dann ſagte ſich Chicot: indem ich mich ins Verderben ſtuͤrze, laſſe ich die Sache meines Einfalts⸗ pinſels von Gebieter verloren gehen, den ich ſo albern din zu lieben, obgleich ich ihm dabei Poſſen ſpiele und Beleidigungen ſage. Gewiß waͤre es beſſer geweſen, nach dem Gaſthofe zum Fuͤllhorne zu Bruder Goren⸗ flot zuruͤckzukehren; aber gegen die Unmoglichkeit vermag Niemand Etwas. 4 Und indem er ſo mit ſich ſelbſt ſprach, das heißt mit Demjenigen, der am Meiſten dabei intereſſirt war, kein Wort von dem zu ſagen, was er ſagte, verſteckte ſich Chicot, ſo gut er es vermogte, zwiſchen der Ecke ſeines Beichtſtuͤhles und der Ecke ſeines Pfeilers. l Nun hoͤrte er den Chorknaben von dem Vorplatze aus rufen: 4 — Iſt Niemand mehr da? Man wird die Thuͤren ſchließen.. Keine Stimme antworkete. Chicot ſtreckte den Hals aus, und ſah in der That die Kapelle leer, mit Aus⸗ nahme der drei mehr als jemals in ihre Kutten gehuͤll⸗ ten Moͤnche, welche ſich in Kirchenſtuͤhle geſetzt hatten, die man ihnen mitten in das Chor geſtellt. — Gut, ſagte Chicgt, wenn man nur die Fenſter nicht verſchließt, das iſt Alles, was ich verlange. — Sehen wir nach, ſagte der Chorknabe zu dem Bruder Pfoͤrtner. — Tauſend Sapperment! ſagte Chicot. Das iſt ein Moͤnchlein, das ich in meinem Herzen trage. Der Bruder Pfoͤrtner zuͤndete eine Kerze an, und begann, von dem Chorknaben⸗ begleitet, in der Kirche die Runde zu machen. 14 3 Es war kein Augenblick zu verlieren. Der Bruder Pfoͤrtner und ſeine Kerze mußten vier Schritte weit von Chicot voruͤber kommen, der unfehlbar entdeckt worden waͤre. Chicot drehete ſich gewandt um den Pfeiler her⸗ um, indem er in dem Maße in dem Schatten blieb, als der Schatten ſich drehete, und den nur mit einem Druͤk⸗ ker verſchloſſenen Beichtſtuhl oͤffnend, ſchluͤpfte er in den laͤnglichen Kaſten, deſſen Thuͤre er hinter ſich zuzog, nach⸗ dem er ſich in den Chorſtuhl geſetzt hatte. Der Bruder Pfoͤrtner und das Moͤnchlein kamen 4 vier Schritte weit von da voruͤber, und Chicot ſan durch das geſchnitzte Gitter den Schein der ihnen leuch⸗ tenden Kerze auf ſein Gewand fallen. — Was der Teufel, ſagte ſich Chicot, dieſer Bru⸗ der Pfoͤrtner und dieſe drei Moͤnche werden nicht ewig in der Kirche bleiben; wenn ſie hinausgegangen, werde ich die Stuͤhle auf die Baͤnke ſchichten, Pelion auf den Oſſa, wie Herr Ronſard ſagt, und ich werde durch das Fenſter hinauskommen. * — Ah, ja, durch das Fenſter, begann Chicot wieder, indem er ſi ſelbſt antwortete; aber wenn ich aus dem Fenſter hinaus bin, ſo werde ich mich in dem Hofe be⸗ finden, und der Hof iſt nicht die Straße. Ich glaube, daß es am Ende noch beſſer iſt, die Nacht in dem Beichtſtuhle zuzubringen. Die Kutte Gorenflots iſt warm; das wird eine minder heidniſche Nacht ſein, als die, welche ich wo anders zugebracht haͤtte, und ich rechne fuͤr meine Seligkeit darauf. — Loͤſcht die Lampen aus, ſagte der Chorknabe, da⸗ mit man Außen ſieht, daß die geheime Verſammlung wirklich geſchloſſen iſt. Mit Hüuͤlfe eines ungeheuren Loͤſchhornes erſtickte der Pfoͤrtner ſogleich die beiden Lampen des Schiffes, das ſich ſo in eine traurige Dunkelheit verſenkt befand. Dann die des Chores. Die Kirche war jetzt nur noch durch den bleichen Schein erleuchtet, welche der Mond mit großer Mühe durch die gemalten Fenſterſcheiben dringen ließ. Dann, nach dem Lichte, erloſch das Geraͤuſch. Die Glocke ſchlug die Mitternachtsſtunde. — Tauſend Sapperment! ſagte Chicot. Um Mit⸗ ternacht, in einer Kirche;z wenn er an meiner Stelle waͤre, wuͤrde mein Sohn Heineken eine ſchoͤne Furcht haben. Gluͤcklicher Weiſe ſind wir von einer minder furchtſamen Natur. Gut, Freund Chicot, guten Abend und gute Nacht! Und nachdem er dieſen Wunſch an ſich ſelbſt ge⸗ richtet, machte Chicot es ſich ſo gut, als er es vermogte, in ſeinem Beichtſtuhle bequem, ſchob den kleinen inne⸗ ren Riegel vor, um allein zu ſein, und ſchloß die Augen. Es war ungefaͤhr zehn Minuten her, daß ſich ſeine Augenlider geſchloſſen hatten, und daß ſein durch die erſten Deenſte des Schlummers getruͤbter Geiſt in dieſer geheimnißvollen Wuͤſte, welche die Daͤmmerung der Denkkraft bildet, eine Menge unbeſtimmter Geſtal⸗ ten ſchweben ſah, als ein ſchallender, auf eine kupferne Glocke gethaner Schlag in der Kirche ertoͤnte und ſich zitternd in ihren Tiefen verlor. — He, ſagte Chicot, indem er die Augen wieder aufſchlug und die Ohren ſpitzte: Was ſoll das heißen? Zu gleicher Zeit entzuͤndete ſich die Lampe des Cho⸗ res wieder blaͤulich, und ihr erſter Schein erleuchtete die drei naͤmlichen, immer noch neben einander, auf derſel⸗ ben Stelle und in derſelben Regungsloſigkeit ſitzenden Moͤnche. — Chicot war durchaus nicht frei von einer gewiſ⸗ ſen aberglaͤubiſchen Furcht; ſo tapfer er auch war, ſo gehoͤrte unſer Gaskonier doch ſeiner Zeit an, und ſeine Zeit war die der maͤhrchenhaften Sagen und ſchrecklicher Legenden. Er machte vorſichtiger Weiſe das Zeichen des Kreu⸗ zes und fluͤſterte leiſe: — Vade retro, Satanas! Da aber die Lichter bei dem Zeichen unſerer Erloͤ⸗ ſung nicht erloſchen, was ſie nicht ermangelt haben wuͤr⸗ den zu thun, wenn es hoͤlliſche Lichter geweſen waͤren; da die drei Moͤnche trotz des vade retro auf ihren Plaͤtzen blieben, ſo begann der Gaskonier zu glauben, daß er es mit natuͤrlichen Lichtern, und wo nicht mit wahren Moͤnchen, doch zum Mindeſten mit Perſonen mit Fleiſch und Bein zu thun haͤtte. Von jenem Schauder befallen, der den erwachen⸗ den Menſchen mit dem Menſchen gleichſtellt, welcher Furcht hat, ſchuͤttelte ſich Chicot darum Nichts deſto weniger. 5 4 In dieſem Augenblicke erhob ſich eine der Platten des Chores langſam und blieb auf ihrer ſchmalen Kante ſtehen. Eine graue Kapuze zeigte ſich am Rande der dunklen Oeffnung, dann erſchien ein Moͤnch ganz, der den Marmorboden betrat, waͤhrend die Marmorplatte ſich wieder langſam hinter ihm ſchloß. 8 Bei dieſem Anblicke vergaß Chicot die Probe, die er ſo eben verſuchte hatte, und hoͤrte auf, Vertrauen zu der Beſchwoͤrung zu haben, welche er fuͤr entſcheidend hielt. Seine Haare ſtraͤubten ſich auf ſeinem Kopfe, und er bildete ſich einen Augenblick lang ein, daß alle Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 12 Prioren, Aebte und Dechanten der heiligen Genoveva, von Optat, im Jahre 533 geſtorben, bis auf Peter Boudin, dem Vorgaͤnger des gegenwaͤrtigen Superiors in ihren, in der Krypte, in welcher ehedem die Reli⸗ quien der heiligen Genoveva ruheten, gelegenen Graͤbern erwachen, und dem ihnen gegebenen Beiſpiel gemaͤß, mit ihren knochigen Schaͤdeln die Platten des Chores erheben wuͤrden. Aber dieſer Zweifel dauerte nicht lange. — Bruder Monſoreau, ſagte einer der drei Moͤnche des Chores zu demjenigen, welcher ſo eben auf eine ſo ſeltſame Weiſe erſchienen war, iſt der, welchen wir er⸗ warten, gekommen? 3 — Ja, Eure Gnaden, antwortete der, an den die Frage gerichtet war, und er harrt. — Oeffnet ihm die Pforte, und laßt ihn zu uns kommen. — Gut, ſagte Chicot, es ſcheint, daß das Schau⸗ ſpiel zwei Akte hat, und daß ich nur erſt den erſten hatte ſpielen ſehen. Zwei Akte! Eine ſchlechte Eintheilung. Und indem er immerhin mit ſich ſelbſt ſcherzte, em⸗ pfand Chicot Nichts deſto weniger daruͤber einen letzten Schauder, der Tauſende von ſcharfen Spitzen aus dem hoͤtzernen Chorſtuhle herausſpringen zu laſſen ſchien, auf dem er ſaß. Waͤhrend deſſen ſchritt Bruder Monſoreau eine der Treypen hinab, die von dem Schiffe nach dem Chore fuͤhrten, und oͤffnete die eherne Thuͤre, welche ——— u 8&C—& in die, zwiſchen den beiden Treppen gelegene Krypte fuͤhrte. Zu gleicher Zeit ſchlug der Moͤnch der Mitte ſeine Kapuze herab, und zeigte die große Narbe’, das edle Zeichen, an welchem die Pariſer mit ſo vielem Entzuͤk⸗ ken denjenigen erkannten, welcher, bis daß er ihr Maͤr⸗ tyrer wuͤrde, bereits fuͤr den Helden der Katholiken galt. — Der große Heinrich von Guiſe in Perſon, der⸗ ſelbe, den Seine ſehr einfältige Majeſtaͤt mit der Be⸗ lagerung von La Charité beſchaͤftigt glaubte. Ah, jetzt begreife ich. Derjenige, welcher ſich zu ſeiner Rechten befindet, und der die Anweſenden geſegnet hat, iſt der Kardinal von Lothringen, waͤhrend derjenige, der zu ſeiner Linken ſitzt, und der mit dieſem Knirps von Chor⸗ knaben geſprochen hat, mein Freund, der Herr von Ma⸗ yenne iſt; aher wo i*ſt bei alle dem denn Meiſter Nicolas David? In der That, wie um die Vermuthungen Chicots auf der Stelle zu beſtaͤtigen, hatte ſich die Kapuze des Moͤnches zur Rechten und die Kapuze des Moͤnches zur Linken herabgeſchlagen, und den verſtaͤndigen Kopf, die breite Stirn und das durchdringende Auge des beruͤhm⸗ ten Kardinals, und die unendlich alltaͤglichere Larve des Herzogs von Mayenne entbloͤßt. — Ah, ich erkenne Dich, ſagte Chicot, wenig hei⸗ lige, aber ſichtbare Dreieinigkeit. Jetzt laß ſehen, was 12* Du machen wirſt, ich bin ganz Auge. Laß hoͤren, was Du ſagen wirſt, ich bin ganz Ohr. In dieſem ſelben Augenblicke war Herr von Mon⸗ ſoreau an die eherne Pforte der Krypte gelangt, welche ſich vor ihm oͤffnete. — Hattet Ihr geglaubt, daß er kommen wuͤrde? fragte der mit der Narbe ſeinen Bruder, den Kardinal. — Ich habe es nicht allein geglaubt, ſagte dieſer, ſondern ich war deſſen ſo gewiß, daß ich unter meinem Gewande Alles habe, um das heilige Oel zu erſetzen. Und Chicot, ziemlich nahe bei der Dreieinigkeit, wie er ſie nannte, um Alles zu ſehen und Alles zu hoͤ⸗ ren, ſah bei dem Scheine der Lampe des Chores eine Buͤchſe von vergoldetem Silber mit erhabener Arbeit glaͤnzen. — Ei, ſagte Chicot, es ſcheint, daß man Jemand ſalben wird. Ich, der ich immer das Verlangen gehabt habe, eine Salbung zu ſehen, wie ſich das trifft! Waͤhrend dieſer Zeit traten ein zwanzig Moͤnche, den Kopf unter ungeheuren Kapuzen verhuͤllt, aus der Pforte der Krypte und ſtellten ſich in dem Schiffe auf. Ein einziger, von Herrn von Monſoreau gefuͤhrt, ſchritt die Treppe des Chores hinauf, und nahm zur Rechten der Herrn von Guiſe in einem Chorſtuhle Platz, oder ſtellte ſich vielmehr auf die Stufe dieſes Stuhles. Der Chorknabe, welcher wieder erſchienen war, er⸗ holte ſich ehrerbietig die Befehle des Mönches zur Rech⸗ ten und verſchwand. 3 — —— .— 181— Der Herzog von Guiſe ließ ſeinen Blick uͤber dieſe Verſammlung ſchweifen, die um fuͤnf Sechstel minder zablreich, als die erſte, und dem zu Foige aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach eine Verſammlung Auserleſener war, und nachdem er ſich uͤberzeugt, daß alle dieſe Leute nicht allein auf ihn hoͤrten, ſondern auch noch mit Ungeduld auf ihn hoͤrten, ſagte er: — Die Zeit iſt koſtbar, meine Freunde, ich will demnach geradezu auf den Zweck uͤbergehen. Ihr habt vorhin gehoͤrt, ich ſetze voraus, daß Ihr an der erſten Verſammlung theilnahmet, Ihr habt vorhin, ſage ich, in dem Berichte einiger Mitglieder der katholiſchen Li⸗ gue die Klagen derjenigen der Verbindung gehoͤrt, wel⸗ che einen der angeſehenſten unter uns, den dem Throne am naͤchſten ſtehenden Prinzen der Kaͤlte, und ſelbſt des boͤfen Willens beſchuldigen. Der Moment iſt gekom⸗ men, dieſem Prinzen dasjenige zu erweiſen, was wir ihm an Ehrerbietung und Gerechtigkeit ſchuldig ſind. Ihr werdet ihn ſelbſt hoͤren und Ihr, denen die Erfuͤl⸗ lung des erſten Zweckes der heiligen Ligue am Herzen liegt, Ihr werdet richten, ob Eure Oberen dieſe ihnen vorhin von einem der Mitglieder der heiligen Ligue, den in unſer Geheimniß zuzulaſſen, wir nicht fuͤr angemeſſen gehalten haben, von dem Moͤnche Gorenflot gemachten Vorwuͤrfe von Kaͤlte und von Unthaͤtigkeit verdienen. Bei dieſem, von dem Herzoge von Guiſe mit einem Ausdrucke ausgeſprochenen Namen, welcher ſeine ſchlim⸗ men Abſichten gegen den kriegeriſchen Genoveva⸗Bruder verrieth, konnte ſich Chicot in ſeinem Beichtſtuhle nicht 8 — 182— 1 enthalten, ſich einer Luſtigkeit hinzugeben, welche, wenn ſie auch ſtumm, dennoch in Ruͤckſicht auf die hohen Perſonen, die deren Gegenſtand ausmachten, uͤbel angebracht war. — Meine Bruͤder, fuhr der Herzog fort, der Prinz, deſſen Mitwirkung man uns verſprochen hatte, der Prinz, deſſen Anweſenheit wir nicht allein, ſondern deſ⸗ ſen einfache Zuſtimmung wir kaum zu hoffen wagten, meine Bruͤder, der Prinz iſt hier. Aller Blicke wandten ſich neugierig nach dem Moͤn⸗ che, welcher zur Rechten der drei Lothringiſchen Prinzen auf der Stufe ſeines Chorſtuhles ſtand. — Gnaͤdiger Herr, ſagte der Herzog von Guiſe, in⸗ dem er ſich an denjenigen wandte, welcher fuͤr den Au⸗ genblick der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit war, der Wille Gottes ſcheint mir offenbar, denn da Ihr eingewilligt habt, Euch uns anzuſchließen, ſo haben wir wohlgethan das zu thun, was wir thaten. Jetzt, eine Bitte, Hoheit, ſchlagt Eure Kapuze herab, damit Eure Getreuen mit ihren eigenen Augen ſehen, daß Ihr das Verſprechen haltet, welches wir ihnen in Eurem Namen gegeben haben, ein ſo ſchmeichelhaftes Verſpre⸗ chen, daß ſie nicht daran zu glauben wagten. Die geheimnißvolle Perſon, welche Heinrich von Guiſe ſo angeredet hatte, legte die Hand an ſeine Ka⸗ puze, die er auf ſeine Schultern herabſchlug, und Chi⸗ cot, der gewaͤrtig geweſen war, irgend einen Lothringi⸗ ſchen Prinzen unter dieſer Kutte zu finden, von dem er noch nicht hatte ſprechen hoͤren, ſah mit Erſtaunen den ——— V — 483— Kopf des Herzogs von Anjou erſcheinen, ſo bleich, daß er bei dem Scheine dieſer Grabeslampe der einer Mar⸗ mor⸗Statue zu ſein ſchien. — O, o, ſagte Chicot, unſer Bruder von Anjou, er wird alſo nicht muͤde, mit den Koͤpfen Anderer um den Thron zu ſpielen? — Es lebe Seine Gnaden der Herzog von Anjou! riefen alle Anweſenden aus. Franz wurde noch bleicher, als er war. — Fuͤrchtet Nichts, gnaͤdiger Herr, ſagte Heinrich von Guiſe, dieſe Kapelle iſt verſchwiegen und ihre Thuͤ⸗ ren ſind wohlverſchloſſen. 1 — Eine gluͤckliche Vorſicht, ſagte ſich Chicot. — Meine Bruͤder, ſagte der Graf von Monſoreau, Seine Hoheit verlangt einige Worte an die Verſamm⸗ lung zu richten. 1 — Ja, ja, er moͤge ſprechen, riefen Aller Stimmen aus, wir ſind ganz Ohr. Die drei Lothringiſchen Prinzen wandten ſich nach dem Herzoge von Anjou um, und verneigten ſich vor ihm. Der Herzog von Anjou ſtuͤtzte ſich auf den Arm ſeines Chorſtuhles; man haͤtte glauben koͤnnen, er wolle zu Boden ſinken. — Meine Herren, ſagte er mit einer ſo zitternd dumpfen Stimme, daß man kaum die Worte verſtehen konnte, die er anfangs ausſprach, meine Herren, ich glaube, daß Gott, der oft gefuͤhllos und taub gegen die — 184— 4 Dinge dieſer Welt ſcheint, im Gegentheile ſeine erfor⸗ ſchenden Augen beſtaͤndig auf uns geheftet haͤlt, und nur ſo ſtumm und unbekuͤmmert dem Scheine nach bleibt, um eines Tages durch irgend eine Aufſehen erregende Handlung den Verwirrungen abzuhelfen, welche die thoͤrigten Anmaßungen der Menſchheit verurſachen. Der Anfang der Rede des Herzogs war, wie ſein Charakter, ziemlich dunkel; Jedermann erwartete dem⸗ nach auch, daß ſich ein wenig Licht uͤber die Gedanken Seiner Hoheit verbreite, um ſie zu tadeln, oder ihnen Beifall zu zollen. Der Herzog begann mit ein wenig mehr ſicherer Stimme wieder: — Auch ich habe die Augen auf dieſe Welt gewor⸗ fen, und da ich mit meinem ſchwachen Blicke nicht ihre ganze Oberflaͤche uͤberſehen konnte, ſo habe ich meine Augen auf Frankreich verweilen laſſen. Was habe ich nun in dieſem ganzen Reiche geſehen? Chriſtus heilige Religion in ihren erhabenen Grundfeſten erſchuͤttert, und die wah⸗ ren Diener Gottes zerſtreut und geaͤchtet. Nun habe ich die Tiefen des Abgrundes erforſcht, welcher ſeit zwanzig Jahren durch die Ketzereien eroͤffnet, die unter dem Vorwande ſicherer zu Gott zu gelangen, den Glau⸗ ben untergraben, und meine Seele iſt gleich der des Propheten mit Schmerz erfuͤllt worden. Ein Beifallsgemurmel verbreitete ſich in der Ver⸗ ſammlung. Der Herzog hatte ſeine Sympathie fuͤr die Leiden der Kirche kund gethan, was bereits faſt eine —,— — — 185— 4 4 Kriegserklaͤrung gegen diejenigen war, welche dieſe Kir⸗ che leiden ließen. — In Mitte dieſer unendlichen Betruͤbniß war es, fuhr der Prinz fort, als das Geruͤcht zu mir gelangte, daß mehrere edle Maͤnner, in ihrer frommen Liebe fuͤr die Sitten und Gebraͤuche unſerer Voreltern, den erſchuͤt⸗ terten Altar wieder zu befeſtigen verſuchten. Ich habe die Augen um mich geworfen, und es hat mir geſchie⸗ nen, daß ich bereits dem juͤngſten Gerichte beiwohnte, und daß Gott die Verworfenen und die Auserkorenen in zwei Theile geſondert haͤtte. Auf der einen Seite befanden ſich jene da, und ich bin mit Schauder zuruͤck⸗ gewichen; auf der anderen Seite waren die Auserkore⸗ nen, und ich bin gekommen, um mich in ihre Arme zu werfen. Hier bin ich, meine Bruͤder! — Amen! ſagte Chicot leiſe. Aber das war eine nutzloſe Vorſicht: Chicot haͤtte ganz laut antworten koͤnnen, und ſeine Stimme waͤre in Mitte der Beifallsbezeigungen und der Bravos nicht ge⸗ hoͤrt worden, welche ſich bis zu den Gewoͤlben der Ka⸗ pelle erhoben. 1 Nachdem ſie das Signal dazu gegeben, ließen die 3 drei Lothringiſchen Prinzen ſich dieſelben wieder beruhi⸗ gen, dann ſagte der Kardinal, welcher ſich dem Herzoge am naͤchſten befand, indem er noch einen Schritt nach der Seite zu that, zu ihm: — Ihr ſeid aus Eurem eigenen, freien Willen un⸗ ter uns getreten, Prinz. — 186— — Aus meinem freien Willen, mein Herr. — Wer hat Euch von dem Geheimniſſe unter⸗ richtet? — Mein Freund, ein Mann voller Eifer fuͤr die Religion, der Herr Graf von Monſoreau. — Jetzt, ſagte nun der Herzog von Guiſe, jetzt, wo Eure Hoheit einer der Unſrigen iſt, ſo wollt, gnaͤdiger Herr, die Guͤte haben, uns zu ſagen, was Ihr fuͤr das Wohl der heiligen Ligue zu thun gedenkt. — Ich gedenke der katholiſch⸗apoſtoliſch und roͤmi⸗ ſchen Religion in allen ihren Erforderniſſen zu dienen, antwortete der Neuaufgenommene. — Tauſend Sapperment! ſagte Chicot. Das ſind bei meiner Seele ſehr alberne Leute, ſich zu verbergen, um ſolche Dinge zu ſagen. Warum ſchlagen ſie das nicht ganz einfach Koͤnig Heinrich III., meinem erlauch⸗ ten Herrn vor? Alles das wuͤrde ihm unendlich gefal⸗ len. Prozeſſionen, Kaſteiungen, Ausrottung der Ketze⸗ reien, wie in Rom, Scheiterhaufen und Auto-da⸗Fe's, wie in Flandern und in Spanien. Aber das iſt ja das einzige Mittel, dieſem guten Fuͤrſten Kinder zu erwecken. Potz Tauſend! Ich habe große Luſt, meinen Beichtſtuhl zu verlaſſen und mich auch zu zeigen, ſo ſehr hat mich dieſer liebe Herzog von Anjou geruͤhrt! Fahre fort, wuͤrdiger Bruder Seiner Majeſtaͤt, edler Einfaltspinſel, fahre fort!... Und als ob er empfaͤnglich fuͤr dieſe Ermuthigung — 187— geweſen waͤre, fuhr der Herzog von Anjou in der That fort. — Aber, ſagte er, das Intereſſe der Religion iſt nicht der einzige Zweck, den Edelleute ſich vornehmen muͤſſen. Was mich anbetrifft, ſo habe ich noch einen anderen ins Auge gefaßt. — Ei was, dachte Chicot, ich bin auch ein Edel⸗ mann; das intereſſirt mich alſo, wie die anderen; ſprich, Anjou, ſprich! — Man hoͤrt mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit auf Eure Hoheit, gnaͤdiger Herr, ſagte der Kardinal von Guiſe. — und unſere Herzen ſchlagen von Hoffnung, in⸗ dem wir Euch hoͤren, ſagte Herr von Mayenne. — Ich will mich alſo erklaͤren, ſagte der Herzog von Anjou, indem er mit ſeinem beſorgten Blicke die finſteren Tiefen der Kapelle erforſchte, wie um ſich zu verſichern, daß ſeine Worte nur in Ohren fielen, die wuͤrdig waͤren, die Mittheilung zu empfangen. Herr von Monſoreau verſtand die Beſorgniß des Prinzen, und beruhigte ihn durch ein Laͤcheln und durch einen hoͤchſt bedeutungsvollen Blick. — Wenn nun aber ein Edelmann an das gedacht hat, was er Gott ſchuldig iſt, fuhr der Herzog von Anjou fort, indem er unwillkuͤrlich die Stimme ſenkte, dann denkt er an... —Bei Gott, an ſeinen Koͤnig, ſoufflirte Chicot, das iſt bekannt. —— ———VyV=—— „ — 188— — An ſein Vaterland, ſagte der Herzog von Anjou, und er fragt ſich, ob ſein Vaterland wirklich aller der Ehre und all des Wohlſeins genießt, das ihm als ſein Erbtheil zuerkannt iſt; denn ein guter Edelmann hat ſeine Vortheile zuvoͤrderſt von Gott, und dann von dem Lande, deſſen Sohn er iſt. Die Verſammlung hrach in feurige Beifallsbezeu⸗ gungen aus. — Ei nun, aber, ſagte Chicot, und der Koͤnig? Es iſt alſo keine Rede mehr von dieſem armen Monarchen? Und ich, der ich glaubte, wie an der Pyramide von Ju⸗ viſy geſchrieben ſteht, daß man immer ſagte: Gott, die Ehre und die Damen! — Ich frage mich alſo, fuhr der Herzog von An⸗ jou fort, deſſen hervorſtehende Backenknochen ſich all⸗ maͤhlig mit einer Fieberroͤthe faͤrbten, ich frage mich alſo, ob mein Vaterland des Friedens und des Gluͤckes genießt, welche dieſes ſo liebliche und ſo ſchoͤne Land, das man Frankreich nennt, verdient, und ich ſehe mit Schmerz, daß dem nicht ſo iſt. In der That, meine Bruͤder, der Staat befindet ſich durch verſchiedene Willen und Neigungen zerriſſen, von denen die einen eben ſo maͤchtig, als die anderen ſind. Durch die Schwaͤche eines hoͤheren Willens, der, vergeſſend, daß er zum Wobl ſeiner Unterthanen Alles beherrſchen muß, ſich dieſes koͤniglichen Grundſatzes aber nur in launigen Zwiſchenraͤumen und immer ſo wider⸗ ſinnig erinnert, daß ſeine energiſchen Handlungen nur 4 — 189— ſtattfinden, um das Unrechte zu thun, muß man ohne Zweifel dem verhaͤngnißvollen Schickſale Frankreichs oder der Verblendung ſeines Oberhauptes dieſes Un⸗ gluͤck zuſchreiben. Aber obgleich wir deſſen wahre Quelle nicht kennen, oder wir ſie nur vermuthen, ſo iſt das Ungluͤck dennoch Nichts deſto weniger vorhanden, und ich lege daſſelbe eher entweder den von Frankreich gegen die Religion begangenen Verbrechen, oder den von ge⸗ wiſſen falſchen Freunden des Koͤnigs begangenen Gott⸗ loſigkeiten zur Laſt, als dem Koͤnige ſelbſt. Daraus geht hervor, meine Herren, daß ich mich, als ein Diener des Altares und des Thrones, in dem einen, wie in dem anderen Falle denjenigen anſchließen muß, welche durch alle Mittel nach der Ausrottung der Ketzerei und dem Verderben treuloſer Raͤthe ſtreben. Das, meine Herren, iſt es, was ich fuͤr die Ligue thun will, indem ich mich mit Euch verbinde. — O, o, murmelte Chicot mit vor Erſtaunen weit geoͤffneten Augen; da kommt ein Ohrenzipfel zum Vor⸗ ſchein, und wie ich es gleich Anfangs gedacht, iſt es kein Eſelsohr, ſondern das eines Fuchſes. Dieſe Einleitung des Herzogs von Anjou, welche vielleicht unſeren, durch drei Jahrhunderte von der Po⸗ litik jener Zeit getrennten Leſern ein Wenig lang vorge⸗ kommen iſt, hatte die Theilnahme der Anweſenden in ſolchem Grade erregt, daß die Meiſten ſich dem Prin⸗ zen genaͤhert hatten, um keine Silbe von dieſer, in dem Maße, als der Sinn der Worte klarer wurde, mit im⸗ — 190— mer undeutlicher werdender Stimme ausgeſprochenen Rede zu verlieren. Der Auftritt war nun merkwuͤrdig. Die ungefaͤhr fuͤnfundzwanzig bis dreißig Anweſenden, deren zuruͤckge⸗ ſchlagene Kapuze edle, kuͤhne, feurige, vor Neugierde funkelnde Geſichter ſehen ließ, gruppirten ſich unter den Schein der einzigen Lampe, welche jetzt den Schauplatz erleuchtete. Große Schatten verbreiteten ſich in allen anderen Theilen des Gebaͤudes, welche ſo zu ſagen dem Drama fremd ſchienen, das ſich auf einem einzigen Punkte er⸗ eignete. In Mitte der Gruppe erkannte man das bleiche Geſicht des Herzogs von Anjou, deſſen Stirnknochen die tiefliegenden Augen verbargen, und deſſen Mund, wenn er ſich oͤffnete, der widrigen Kinnlade eines Tod⸗ tenkopfes glich. — Guaͤdiger Herr, ſagte der Herzog von Guiſe, in⸗ dem ich Eurer Hoheit fuͤr die Worte danke, die Sie ſo eben ausgeſprochen hat, glaube ich Ihr verſichern zu muͤſſen, daß Sie nur von, nicht allein den Grundſaͤtzen, zu der Sie ſich eben bekannt, ſondern auch noch der Per⸗ ſon Eurer Koͤniglichen Hoheit ſelbſt treu ergebenen Maͤn⸗ nern umgeben iſt, und das iſt es, wovon Sie ſich, wenn Sie daran zweifeln ſollte, durch die Folge der Sitzung auf eine bei Weitem energiſchere Weiſe uͤberzeugen kann, als Sie ſelbſt glaubt. Der Herzog von Anjou verneiglte ſich, und warf, ——— ——————— — 191— indem er ſich wieder erhob, einen beſorgten Blick auf die Verſammlung. — O! ol murmelte Chicot, entweder irre ich mich, oder Alles, was wir bis jetzt geſehen haben, war nur eine Vorrede, und es wird ſich hier Etwas Wichti⸗ geres ereignen, als alle dieſe Albernheiten, die man bis jetzt geſagt und gethan hat. — Gnaͤdiger Herr, ſagte der Kardinal, dem der Blick des Prinzen nicht entgangen war, wenn Eure Hoheit etwa irgend eine Furcht empfinden ſollte, ſo wuͤr⸗ de Sie hoffentlich allein die Namen derer beruhigen, welche Sie in dieſem Augenblicke umgeben. Hier iſt der Herr Gouverneur d'Aunis, Herr von Entragues der juͤn⸗ gere, Herr von Ribeirac und Herr von Civarot, junge Edelleute, die Eure Hoheit vielleicht kennt, und die eben ſo tapfer als bieder ſind. Hier iſt ferner der Herr Vi⸗ dam von Caſtillon, der Herr Baron von Luſignan, die Herrn Crucé und Leclerc, alle von der Weisheit Eurer Koͤniglichen Hoheit durchdrungen, und gluͤcklich, unter Ihren Auſpicien zur Emancipation der heiligen Religion und des Thrones zu ſchreiten. Wir werden alſo mit Dankbarkeit die Befehle empfangen, welche Sie uns zu ertheilen geruhen wollte. Der Herzog von Anjou konnte eine Regung von Stolz nicht unterdruͤcken. Dieſe Guiſen, ſo ſtolz, daß man ſie niemals hatte beugen koͤnnen, ſprachen von Ge⸗ horchen. Der Herzog von Mayenne begann wieder: — Ihr ſeid durch Eure Geburt, durch Eure Weis⸗ heit, gnaͤdiger Herr, das natuͤrliche Oberhaupt der hei⸗ ligen Union, und wir muͤſſen von Euch erfahren, wel⸗ ches Verfahren in Bezug auf dieſe falſchen Freunde des Koͤnigs zu beobachten iſt, von denen wir ſo eben ſprachen. — Nichts iſt einfacher, antwortete der Prinz mit jener Art von fieberhafter Ueberſpannung, welche bei ſchwachen Menſchen die Stelle des Muthes vertritt: wenn giftige und Schmarotzerpflanzen, ohne die man eine reiche Erndte erlangen wuͤrde, auf einem Felde wachſen, ſo muß man dieſe gefaͤhrlichen Kraͤuter mit der Wurzel ausreißen. Der Koͤnig iſt nicht von Freunden, ſondern von Hoͤflingen umgeben, die ihn ins Verderben ſtuͤrzen und die ein beſtaͤndiges Aergerniß in Frankreich und in der Chriſtenheit erregen. — Das iſt wahr, ſagte der Herzog von Guiſe mit finſterer Stirn. 4 — und außerdem, begann der Kardinal, verhindern dieſe Hoͤflinge uns, die wahren Freunde Seiner Maje⸗ ſtaͤt, bis zu Ihr zu gelangen, wie es das Recht unſerer Aemter und unſerer Geburt iſt. — Ueberlaſſen wir demnach, ſagte ungeſtuͤm der Herzog von Mayenne, den alltaͤglichen Ligueurs, denen der erſten Ligue, die Sorge Gott zu dienen. Indem ſte Gort dienen, werden ſie denen dienen, die ihnen von Gott reden. Wir, beſorgen wir unſere Angelegenheiten. Maͤnner ſind uns im Wege; ſie trotzen uns, ſie beleidi⸗ gen uns, ſie ermangeln beſtaͤndig der Ehrerbietung ge⸗ gen den Prinzen, den wir am Meiſten ehren und der unſer Haupt iſt. — 193— Die Stirn des Herzogs von Anjou uͤberzog ſich mit Roͤthe. — Zerſtoͤren wir, fuhr Mayenne fort, zerſtoͤren wir bis auf den Letzten dieſe verfluchte Brut, welche der Koͤ⸗ nig mit den Reſten unſeres Vermoͤgens bereichert, und mache ſich Jeder von uns anheiſchig, einem Einzigen von ihnen das Lebenslicht auszublaſen. Wir ſind hier unſe⸗ rer dreißig, laßt uns ſie zaͤhlen. — Das heißt weiſe gedacht, ſagte der Herzog von Anjou, und Ihr habt Euer Werk bereits gethan, Herr von Mayenne. — Das, was geſchehen iſt, zaͤhlt nicht, ſagte der Herzog. — Ihr muͤßt uns indeſſen Etwas uͤbrig laſſen, gnaͤ⸗ diger Herr, ſagte d'Entragues, ich uͤbernehme Quelus. — Ich Maugiron, ſagte Livarot. — und ich Schomberg, ſagte Ribeirac. — Schoͤn, ſchoͤn, wiederholte der Herzog, und wir haben noch Buſſy, meinen tapferen Buſſy, der wohl auch Einige uͤbernehmen wird. — und wir? Und wir? riefen alle Ligueurs aus. Herr von Monſoreau trat vor. — Ah, ah, ſagte Chicot, der, als er ſah, welche Wendung die Dinge nahmen, nicht mehr lachte. Da iſt der Oberjaͤgermeiſter, der ſeinen Antheil an dem Jaͤ⸗ gerrechte in Anſpruch zu nehmen kommt. Chicot irrte ſich. — Meine Herrn, ſagte er, indem er die Hand aus⸗ ſtreckte, ich nehme einen Augenblick Stille in Anſpruch. Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 13 —— 194— Wir ſind entſchloſſene Maͤnner, und wir fuͤrchten uns, offen mit einander zu reden. Wir ſind Maͤnner von Verſtand, und wir drehen uns um alberne Bedenklich⸗ keiten. Wohlan, meine Herrn, ein wenig Muth, ein we⸗ nig Kuͤhnheit, ein wenig Offenherzigkeit. Es ſind nicht die Mignons Koͤnig Heinrich's, um die es ſich handelt, es iſt nicht die Schwierigktit, die wir empfinden, uns ſeiner Perſon zu naͤhern. 3— Geſchwind doch! ſagte Chicot, indem er in ſei⸗ nem Beichtſtuhle die Augen aufſperrte und ſich einen akuſtiſchen Trichter aus ſeiner linken Hand machte, um kein Wort von dem zu verlieren, was man ſagte. Ge⸗ ſchwind doch! Eile Dich, ich warte. — Das, was uns Alle beſchaͤftigt, meine Herren, iſt die Unmoͤglichkeit, vor der wir ſtehen. Es iſt das Koͤ⸗ nigthum, das man uns giebt und das nicht annehmbar fuͤr einen Franzoͤſiſchen Adel iſt: Litaneien, Despotismus, Unvermoͤgen und Gelage, Verſchwendung fuͤr Feſte, wel⸗ che ganz Europa vor Erbarmen lachen laſſen, Knauſerei in Allem, was den Krieg und die Kuͤnſte angeht. Ein ſolches Verfahren iſt keine Unwiſſenheit, keine Schwaͤche, meine Herren, es iſt Wahnſinn. Eine Grabesſtille nahm die Worte des Oberjaͤger⸗ meiſters auf. Der Eindruck war um ſo tiefer, als Je⸗ der ſich das in ſeinem Inneren ſagte, was er laut aus⸗ geſprochen hatte, ſo daß Jeder wie vor dem Echo ſei⸗ ner eigenen Stimme erbebte und ſchauderte, daß er in allen Punkten der Meinung des Redners waͤre, — Herr von Monſoreau, der wohl fuͤhlte, daß dieſes Schweigen nur von einem Uebermaße von Billigung her⸗ ruͤhre, fuhr fort: — Duͤrfen wir unter einem wahnwihigen, traͤgen und müßigen Koͤnige in dem Augenblicke leben, wo Spanien die Scheiterhaufen anzuͤndet, wo Deutſchland die alten in dem Schatten der Kloͤſter eingeſchlaͤferten Ketzereiſtifter erweckt, wenn England mit ſeiner unbeug⸗ ſamen Politik die Ideen und die Koͤpfe abſchneidet? Alle Nationen arbeiten ruhmwuͤrdig an Etwas. Wir, wir ſchlafen, meine Herren, verzeiht mir es in Gegen⸗ wart eines erhabenen Prinzen zu ſagen, der meine Ver⸗ meſſenheit vielleicht tadeln wird, denn er hat das Fami⸗ lienvorurtheil; meine Herren, ſeit vier Jahren ſind wir nicht mehr durch einen Koͤnig regiert, ſondern durch ei⸗ nen Moͤnch. Bei dieſen Worten brach der geſchickt vorbereitete und durch die Umſicht der Oberen ſeit einer Stunde ge⸗ ſchickt unterdruͤckte Ausbruch ſo gewaltig aus, daß Nie⸗ mand in dieſen Beſeſſenen die kalten und vorſichtigen Berechner des vorhergehenden Auftrittes erkannt haͤtte. — Nieder mit Valois, rief man aus, nieder mit Heinrich! Geben wir uns einen Edelmann zum Fuͤrſten, einen ritterlichen Koͤnig, einen Tyrannen, wenn es ſein muß, aber keinen Kuttentraͤger. — Meine Herren, meine Herren, ſagte der Herzog von Anjou heuchleriſcher Weiſe, ich beſchwoͤre Euch, Ver⸗ zeihung fuͤr meinen Bruder, der ſich irrt, oder vielmehr betrogen iſt. Laßt mich hoffen, meine Herrn, daß un⸗ . 13* — 196— ſere weiſen Vorſtellungen, daß die wirkſame Dazwiſchen⸗ kunft der Gewalt der Ligue ihn auf den guten Weg zu⸗ ruckfuͤhren werden. — Ziſche Schlange, ſagte Chicot, ziſche. — Gnaͤdiger Herr, ſagte der Herzog von Guiſe, Eure Hoheit hat vielleicht ein wenig zu fruͤh, aber Sie hat am Ende den aufrichtigen Ausdruck der Geſinnung der Verbindung gehoͤrt. Nein, es handelt ſich hier nicht mehr um eine Ligue gegen den Bearner, das Schreck⸗ bild fuͤr Einfaͤltige; es handelt ſich nicht mehr um eine Ligue die Kirche zu unterſtuͤtzen, die ſich wohl ganz al⸗ lein unterſtuͤtzen wird; es handelt ſich darum, den Adel Frankreichs aus der unwuͤrdigen Stellung zu reißen, in welcher er ſich befindet. Zu lange ſind wir durch die Achtung zuruͤckgehalten worden, welche Eure Hoheit uns einfloͤßt, zu lange hat uns dieſe Liebe, welche wir an Ihr fuͤr Ihre Familie kennen, gewaltſam in den Schran⸗ ken der Verſtellung gehalten. Jetzt iſt Euch Alles of⸗ fenbart, gnaͤdiger Herr, und Eure Hoheit wird der wah⸗ ren Sitzung der Ligue beiwohnen, von der das, was ſich ereignet, nur die Einleitung iſt. 3 — Was wollt Ihr damit ſagen, Herr Herzog? fragte der Prinz, zu gleicher Zeit vor Beſorgniß und vor Ehrgeiz bebend. — Guaͤdiger Herr, fuhr der Herzog von Guiſe fort, wir haben uns verſammelt, nicht um, wie der Herr Oberjaͤgermeiſter ſehr richtig bemerkt hat, alte, in der Theorie abgenuͤtzte Fragen wieder vorzubringen, ſondern um auf eine wirkſame Weiſe zu handeln. Heute waͤh⸗ ——— ÿÿÿÿÿ,— — 197— len wir uns ein Oberhaupt, das faͤhig iſt, den Adel Frankreichs zu ehren und zu bereichern, und wie es der Gebrauch der alten Franken war, wenn ſie ſich ein 1 Oberhaupt gaben, ihm ein ſeiner wuͤrdiges Geſchenk zu geben, ſo bieten wir dem Oberhaupte, das wir uns ge⸗ waͤhlt haben, als Geſchenk... 4 Aller Herzen klopften, aber minder ſtark, als das des Herzogs. Indeſſen blieb er ſtumm und regungslos und nur ſeine Blaͤſſe verrieth ſeine Aufregung. — Meine Herren, fuhr der Herzog fort, indem er aus dem hinter ihm ſtehenden Chorſtuhle einen ziemlich ſchweren Gegenſtand nahm, den er zwiſchen ſeinen Haͤn⸗ den erhob, meine Herren, hier iſt das Geſchenk, das ich in Eurer Aller Namen dem Prinzen zu Fuͤßen lege. — Eine Krone, rief der Herzog aus, indem er ſich mit Muͤhe aufrecht erhielt, eine Krone, mir, meine Herrn? — Es lebe Franz III.! rief der gedraͤngte Haufen der Edelleute, welche ihre Schwerdter gezogen hatten, mit einer Stimme aus, welche das Gewalbe erbeben ließ. — Ich, ich, ſtammelte der Herzog, zu gleicher Zeit vor Freude und vor Schrecken zitternd, ich? Aber das iſt unmoͤglich! Mein Bruder lebt noch, mein Bruder iſt von dem Herrn geſalbt!* — Wir entſetzen ihn, ſagte der Herzog, bis daß Gott durch ſeinen Tod die Wahl heiligt, welche wir ge⸗ troffen haben, oder vielmehr, bis daß irgend einer ſeiner —— — Unterthanen, dieſer Regierung ſonder Ruhm muͤde, durch Gift oder Dolch der Gerechtigkeit Gottes zuvor⸗ kommt!.. — Meine Herren, ſagte der Herzog weit ſchwaͤcher, meine Herren!. — Guaͤdiger Herr, ſagte nun der Kardinal, auf die ſo edle Bedenklichkeit, die Eure Hoheit ſo eben ausgeſprochen hat, iſt unſere Antwort folgende: Hein⸗ rich 111. war von dem Herrn geſalbt; aber wir haben ihn abgeſetzt; er iſt nicht mehr der Erkorene Gottes, und Ihr werdet es ſein, gnaͤdiger Herr. Hier iſt ein eben ſo ehrwuͤrdiger Tempel, als der von Rheims, denn hier haben die Reliquien der heiligen Genoveva, der Schutzpatronin von Paris, geruhet, hier iſt der Leib Clodwigs, des erſten Koͤnigs der Chriſtenheit be⸗ graben worden. Wohlan, gnaͤdiger Herr, in dieſem heiligen Tempel, im Angeſichte der Statue des wah⸗ ren Stifters der franzoͤſiſchen Monarchie, ſage ich, ei⸗ ner der Fuͤrſten der Kirche, der ohne thoͤrigte Anma⸗ ßung hoffen kann, eines Tages ihr Oberhaupt zu wer⸗ den, ſage ich Euch, gnaͤdiger Herr, hier iſt, um die heilige Salbe zu erſetzen, ein von dem Papſte Gre⸗ gor XIII. uͤberſandtes heiliges Oel. Ernennt Euren zu⸗ kuͤnftigen Erzbiſchof von Rheims, gnaͤdiger Herr, er⸗ nennt Euren Connetable, und in einem Augenblicke werdet Ihr zum Koͤnige geſalbt ſein, und Euer Bruder Heinrich wird, wenn er Euch den Thron nicht uͤber⸗ — 199— . 1 giebt, als ein Uſurpator betrachtet werden. Knabe, zuͤnde die Kerzen des Altares an. 1 Im ſelben Augenblicke trat der Chorknabe, welcher augenſcheinlich nur dieſen Befehl erwartete, einen Anzuͤn⸗ der in der Hand, aus der Sacriſtei, und in einer Se⸗ kunde leuchteten funfzig Kerzen theils auf dem Altare, theils in dem Chore. Man ſah nun auf dem Altare eine von Edelſteinen glaͤnzende Mitra, und ein breites Schwerdt mit Lilien. Das war die erzbiſchoͤfliche Mitra; das war das Schwerdt des Connetables. Im ſelben Augenblicke, in Mitte der Finſterniß, welche die Erleuchtung des Chores nicht hatte verſcheu⸗ chen koͤnnen, erwachte die, Orgel und ließ das Veai 4* Creator hoͤren. Dieſe Art von unerwarteter, von den drei lothrin⸗ ſ giſchen Prinzen veranſtaltete Entwickelung, auf welche der Herzog von Anjou ſelbſt nicht gefaßt war, brachte einen tiefen Eindruck auf die Anweſenden hervor. Die Muthigen wurden begeiſtert, und ſelbſt die Schwachen V fuͤhlten ſich ſtark.— 4* V Der Herzog von Anjou erhob das Haupt, und mit einem weit ſicherern Schritte und einem weit feſteren Arme, als man haͤtte erwarten ſollen, ging er geradezu nach dem Altare, nahm mit der linken Hand die Mitra und mit der rechten Hand das Schwerdt, und zu dem Herzoge und zu dem Kardinale zuruͤckkehrend, b welche im Voraus dieſe doppelte Ehre erwarteten, ſetzte 4 2 ——————— er die Mitra auf das Haupt des Kardinals und um⸗ guͤrtete den Herzog mit dem Schwerdte. Einſtimmige Beifallsbezeigungen begruͤßten dieſe ent⸗ ſcheidende, um ſo weniger erwartete Handlung, als man den unentſchloſſenen Charakter des Prinzen kannte. — Meine Herren, ſagte der Herzog zu den Anwe⸗ ſenden, gebt Eure Namen dem Herrn Herzog von Ma⸗ yenne, Großmeiſter von Frankreich; an dem Tage, wo ich Koͤnig ſein werde, werdet Ihr alle Ritter des Or⸗ dens ſein. Die Beifallsbezeigungen verdoppelten ſich, und alle Anweſenden kamen Einer nach dem Anderen, um dem Herrn von Mayenne ihren Namen zu nennen. — Gottes Tod, ſagte Chicot, welche ſchoͤne Gele⸗ genheit, das blaue Band zu haben. Ich werde nie⸗ mals eine gleiche wieder finden, und zu ſagen, daß ich mich ihrer enthalten muß! — Jetzt an den Altar, Sire, ſagte der Kardinal von Guiſe. — Herr von Monſoreau, mein Kapitain⸗Obriſt, Herr von Ribeirac und Herr von Entragues, meine Ka⸗ pitaine, Herr von Livarot mein Lieutenant der Garden, nehmt in dem Chore die Plaͤtze ein, zu denen der Rang Euch ein Recht giebt, den ich Euch ertheile. Jeder von denen, welche ſo eben ernannt wor⸗ den waren, nahm den Poſten ein, welchen ihm das Ceremoniell; bei einer wahren Kroͤnungsfeier angewieſen haͤtte. ——— — Meine Herren, ſagte der Herzog, indem er ſich an den uͤbrigen Theil der Verſammlung wandte, Ihr werdet Alle eine Bitte an mich richten, und ich werde trachten, nicht einen einzigen Unzufriedenen zu machen. Waͤhrend dieſer Zeit war der Kardinal hinter das Tabernakel gegangen und hatte dort den biſchoͤflichen Schmuck angelegt. Bald darauf erſchien er wieder mit dem heiligen Salbungsoͤle, das er auf den Altar ſtellte. Nun gab er dem Chorknaben einen Wink, welcher das Evangelienbuch und das Kreuz brachte. Der Kardi⸗ nal nahm das eine wie das andere, legte das Kreuz auf das Evangelienbuch und hielt ſie dem Herzoge von Anjou hin, der die Hand darauf legte. 3 — Im Angeſichte Gottes, ſagte der Herzog, ver⸗ ſpreche ich meinem Volke, unſere heilige Religion zu er⸗ halten und zu ehren, wie es dem allerchriſtlichſten Koͤ⸗ nig und dem aͤlteſten Sohne der Kirche zukommt. So wahr mir Gott helfe und ſein heiliges Evangelium! — Amen! antworteten alle Anweſenden mit einer 6 einzigen Stimme.— 3 — Amen! erwiderte eine Art von Echo, welches aus den Tiefen der Kirche zu kommen ſchien.. Der Herzog von Guiſe, welcher, wie wir bemerkt, das Amt des Connetables verſah, erſtieg die drei Stufen 1 des Altares und legte ſein Schwerdt vor das Taber⸗ nakel, das der Kardinal ſegnete. Nun zog es der Kardinal aus der Scheide, und es bei der Klinge nehmend, uͤberreichte er es dem Koͤnige, der es bei dem Griffe nahm. 44 202— — Sire, ſagte er, nehmt dieſes Schwerdt, das Euch mit dem Segen des Herrn gegeben iſt, damit Ihr durch daſſelbe und durch die Kraft des heiligen Geiſtes allen Euren Feinden widerſtehen, die heilige Kirche und das Koͤnigreich, das Euch anvertraut iſt, beſchuͤtzen und ver⸗ theidigen koͤnnt. Nehmt dieſes Schwerdt, damit Ihr mit ſeiner Huͤlfe die Gerechtigkeit ausuͤbt, die Wittwen und Waaiſen beſchuͤtzt, den Frevel wieder gut macht; da⸗ mit Ihr, Euch durch alle Tugenden mit Ruhm bedek⸗ kend, verdient mit demjenigen zu herrſchen, deſſen Bild auf Erden Ihr ſeid, und der mit dem Vater und dem heiligen Geiſte in der Ewigkeit herrſcht. Der Herzog ſenkte das Schwert auf die Weiſe, daß die Spitze den Boden beruͤhrte, und nachdem er es Gott dargeboten, gab er es dem Herrn von Guiſe zu⸗ ruck. Der Chorknabe brachte ein Kiſſen, welches er vor den Herzog von Anjou legte, der niederkniete. Dann oͤffnete der Kardinal die kleine Buͤchſe von vergoldetem Silber, und nahm mit der Spitze einer goldenen Nadel ein Wenig von dem heiligen Oele aus ihr, das er auf der Kelchſchuͤſſel ausbreitete. Die Kelchſchuͤſſel in der linken Hand, ſprach er uͤber den Herzog zwei Gebete aus. Dann die heilige Salbe mit dem Daumen nehmend, zeichnete er auf dem Scheitel vom Kopfe des Herzogs ein Kreuz, indem er ſagte: — .— 203— — Uago te in regem de oleo sanctificato, in nomine 4 patris et Filii et Spiritus Sancti. Faſt auf der Stelle wiſchte der Chorknabe die Sal⸗. bung mit einem goldgeſtickten Taſchentuche ab. Nun nahm der Kardinal die Krone in beide Haͤnde und ſenkte ſie auf den Kopf des Prinzen herab, aber ohne ſie aufzuſetzen. Sogleich traten der Herzog von Guiſe und der Herzog von Mayenne herbei, und hiel⸗ ten die Krone an jeder Seite. Und der Kardinal, der ſie nur noch mit der linken Hand hielt, ſagte, indem er den Prinzen mit der rech⸗ ten Hand ſegnete: „Gott kroͤnt Dich mit der Krone des Ruhmes und der Gerechtigkeit.“ Dann ſie auf das Haupt des Prinzen ſetzend, ſag⸗ V te er: „Empfange dieſe Krone im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes.“ Bleich und ſchaudernd fühlte der Herzog von Anjou ſich die Krone auf ſeinen Kopf ſetzen, und inſtinktmaͤßig legte er die Hand daran. Die Glocke des Chorknaben ertoͤnte nun, und ließ die Stirn aller Anweſenden ſich beugen. Aber ſie erhoben ſich bald wieder, indem ſie die Schwerdter ſchwangen und ausriefen: Es lebe der Koͤ⸗ nig Franz III.!. — Sire, ſagte der Kardinal zu dem Herzoge von — — 204— Anjou, Ihr herrſcht von heute an uͤber Frankreich, denn Ihr ſeid von dem Papſt Gregor XIII. ſelbſt geſalbt, deſſen Stellvertreter ich bin. — Sapperment! ſagte Chicot. Welches Ungluͤck, daß ich nicht die Scrofeln habe! — Meine Herren, ſagte der Herzog von Anjou, in⸗ dem er ſich ſtolz und majeſtaͤtiſch wieder erhob, ich werde niemals die Namen der dreißig Edelleute ver⸗ geſſen, die mich zuerſt fuͤr wuͤrdig gehalten haben, uͤber ſie zu herrſchen, und jetzt, Gott befohlen, meine Her⸗ ren, moͤge Gott Euch in ſeinen heiligen und wuͤrdigen Schutz nehmen! Der Kardinal verneigte ſich, wie der Herzog von Guiſe; aber Chicot, der ſie von der Seite ſah, bemerk⸗ te, daß, waͤhrend der Herzog von Mayenne den neuen Koͤnig zuruͤckbegleitete, die beiden lothringiſchen Prinzen ein ſpoͤttiſches Laͤcheln auswechſelten. — Ei was, ſagte der Gaskonier; was bedeutet das wieder, und wozu dient dieſes Spiel, wenn alle Welt betruͤgt? Waͤhrend deſſen hatte der Herzog von Anjou die Treppe der Krypte wieder erreicht, und verſchwand dar⸗ auf in der Finſterniß der unterirdiſchen Kirche, wohin ihm, Einer nach dem Anderen, alle Anweſenden mit Ausnahme der drei Bruͤder folgten, welche in die Sa⸗ criſtei zuruͤckkehrten, waͤhrend der Bruder Pfoͤrtner die Kerzen des Altares ausloͤſchte. — 205— Der Chorknabe verſchloß die Krypte hinter ihnen, und die Kirche befand ſich nur von der Lampe erleuch⸗ tet, welche allein unausloͤſchbar ein dem großen Hau⸗ fen unbekanntes Symbol ſchien, indem ſie nur zu den Auserwaͤhlten irgend einer geheimnißvollen Weiſe ſprach. IX. Wie Chicot, in der Meinung eine Vorleſung uͤber Geſchichte zu hoͤren, eine Vorleſung uͤber Genealogie hoͤrte. Cdicot ſtand in ſeinem Beichtſtuhle auf, um ſeine ſteifgewordenen Beine auszuſtrecken. Er hatte alle Urſache zu glauben, daß die vorangegangene Sitzung die letzte waͤre, und da es beinahe zwei Uhr Morgens war, ſo ſehnte er ſich, ſeine Verfuͤgungen fuͤr den uͤbrigen Theil der Nacht zu treffen. Aber als ſie den Schluſſel der Krypte zwei Male in dem Schloſſe hatten knarren hoͤren, traten die drei lothringiſchen Prinzen zu ſeinem großen Erſtaunen wie⸗ der aus der Sacriſtei, nur hatten ſie dieſes Mal die Kutte abgelegt, und erſchienen wieder in ihren gewoͤhn⸗ lichen Koſtuͤms. Zu gleicher Zeit brach, als er ſie wieder eintreten ſah, der Chorknabe in ein ſo unverhohlenes und ſo froͤh⸗ 4 1 liches Gelaͤchter aus, daß es Chicot anſteckte, der ohne zu wiſſen warum, auch zu lachen begann. Der Herzog von Mayenne trat haſtig an die Treppe. — Lacht nicht ſo laut, liebe Schweſter, ſagte er, ſie ſind kaum hinaus und koͤnnten Euch hoͤren. — Seine Schweſter! ſagte Chicot, indem er von, Ueberraſchung zu Ueberraſchung uͤberging. Waͤre etwa dieſes Moͤnchlein ein Weib? In der That, der Novize warf ſeine Kapuze zu⸗ ruͤck, und entbloͤßte den geiſtreichſten und reizendſten weiblichen Kopf, den jemals Leonardo da Vinci auf die Leinwand uͤbertragen hat, er, der gleichwohl Joconde gemalt hat. Es waren ſchwarze, von Schelmerei funkelnde Au⸗ gen, die aber, wenn ihre Augenſterne ſich ausdehnten, die Ebenholzſcheibe derſelben erweiterten, und einen faſt ſchrecklichen Ausdruck annahmen, wenn ſie ernſt war. Es war ein kleiner, roſiger und feiner Mund, eine mit ſtrengſter Correctheit gezeichnete Naſe; endlich voll⸗ endete ein gerundetes Kinn das vollkommene Oval eines ein wenig bleichen Geſichtes, uͤber welchem, gleich zwei Ebenholzbogen, zwei vollkommen gezeichnete Augenbrauen hervortraten. 4. Es war die Schweſter der Herrn von Guiſe, Frau von Montpenſier, eine gefaͤhrliche Sirene, welche unter der ſchwerfaͤlligen kleinen Moͤnchskutte geſchickt die ihr ſo vielfach vorgeworfene Unvollkommenheit der einen et⸗ was hoͤhern Schulter zu verbergen wußte, wie auch die — 205— unzierliche Biegung ihres rechten Beines, welche machte, daß ſie leicht hinkte. Durch dieſe Unvollkommenheiten war die Seele eines Teufels in dieſen Koͤrper eingezogen, dem Gott den Kopf eines Engels gegeben hatte. Chicot erkannte ſie, weil er ſie ſehr haͤufig zu der Koͤnigin Louiſe von Vaudemont, ihrer Baſe, hatte kom⸗ men ſehen, und ein großes Geheimniß offenbarte ſich ihm durch dieſe Anweſenheit und durch die ihrer drei Bruͤder, die beharrlich zuruͤckblieben, nachdem Jeder⸗ mann ſich entfernt hatte. — Ha, mein Bruder Kardinal, ſagte die Herzogin in einem Krampfe von Froͤhlichkeit, wie ſchoͤn Ihr den heiligen Mann macht, und wie Ihr ſo ſchoͤn von Gott ſprecht! Einen Augenblick lang habt Ihr mich bange gemacht, ich glaubte, daß Ihr die Sache ernſtlich naͤh⸗ met; und er, der ſich hat einſchmieren und kroͤnen laſ⸗ ſen! O, welch haͤßliches Geſicht er unter dieſer Krone hatte! — Gleichviel, ſagte der Herzog, wir haben das, was wir wollten, und Franz kann ſich nicht mehr davon los⸗ ſagen; der Monſoreau, der dabei ohne Zweifel irgend ein geheimes Intereſſe hatte, hat die Sache ſo weit ge⸗ fuͤhrt, daß wir jetzt ſicher ſind, daß er uns nicht, wie er es mit La Mole und Coconnas gemacht hat, auf hal⸗ bem Wege zum Schaffot verlaſſen wird. — O, o, ſagte Mayenne, das iſt ein Weg, den man Prinzen unſeres Geſchlechts nicht leicht einſchlagen laͤßt, und es wird immer naͤher von dem Louvre nach ůCw—···- ʒỹ—ↄñᷓ /ᷓÿʒƷᷓᷓäääᷓ˖ᷓᷓ-—́˖ʒ der Abtei Sanct⸗Genoveva ſein, als von dem Stadt⸗ hauſe nach dem Gréveplatze. Chicot ſah ein, daß man den Herzog von Anjou zum Beſten gehabt haͤtte, und da er den Prinzen ver⸗ abſcheuete, ſo haͤtte er gern fuͤr dieſes Aufziehen die Guiſen umarmt, mit Ausnahme Mayenne's, an deſſen 5 2 3 Stelle er Frau von Montpenſier lieber zwei Male ge⸗ kuͤßt haͤtte. — Kommen wir auf die Angelegenheiten zuruͤck, meine Herren, ſagte der Kardinal. Es iſt Alles wohl verſchloſſen, nicht wahr? —O, ich ſtehe Euch dafuͤr, ſagte die Herzogin; außerdem kann ich nachſehen. — Nicht doch, ſagte der Herzog, Ihr muͤßt ermuͤdet ſein, mein lieber kleiner Chorknabe. — Meiner Treue, nein, es war zu ſpaßhaft. — Ihr ſagt, daß er hier iſt, Mayenne? fragte der Herzog. — Ja. — Ich habe ihn nicht bemerkt. — Ich glaube es wohl, er iſt verſteckt. — Und wo das?. — In einem Beichtſtuhle. Dieſe Worte ertoͤnten in den Ohren, Chicots wie die hundert Tauſend Trompeten der Apocalypſe. — Wer iſt denn in einem Beichtſtuhle verſteckt? fragte er, indem er ſich in ſeinem Kaſten bewegte, Sap perment, ich ſehe nur mich.. Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 14 — ——— — 210— — Dann hat er Alles geſehen und Alles gehoͤrt? fragte der Herzog.“ 8 5 — Was liegt daran, iſt er nicht in unſerer Ge⸗ walt? — Fuͤhrt ihn zu mir, Mayenne, ſagte der Herzog. Mayenne ſchritt eine der Treppen des Chores her⸗ ab, ſchien ſich zu orientiren, und ging graden Weges auf den Beichtſtuhl zu, in welchem ſich unſer Gaskonier befand. Chicot war tapfer, aber dieſes Mal klapperten ſeine Zaͤhne vor Entſetzen, und ein kalter Schweiß begann von ſeiner Stirn auf ſeine Haͤnde herabzutraͤufeln. — Ha, ſagte er in ſeinem Innern, indem er ſein Schwerdt in den Falten ſeiner Kutte frei zu machen ſuchte, ich will indeſſen nicht wie ein Schelm in dieſem Kaſten ſterben. Gehen wir dem Tode entgegen, und, Sapperment, da die Gelegenheit ſich dazu bietet, ſo toͤdten wir ihn zum Mindeſten, bevor wir ſterben. Und um dieſen muthigen Plan zur Ausfuͤhrung zu bringen, legte Chicot, der endlich den Griff ſeines Schwerdtes gefunden hatte, bereits die Hand auf den Druͤcker der Thuͤre, als die Stimme der Herzogin er⸗ toͤnte.. — Nicht in dieſem da, Mayenne, ſagte ſie; nicht in dieſem da, in dem anderen, links, ganz im Hinter⸗ grunde. — Ah, ſehr ſchoͤn, ſagte der Herzog, welcher be⸗ reits die Hand nach dem Beichtſtuhle Chicots aus⸗ — 211— ſtreckte, und der auf die Andeutung ſeiner Schweſter ſich raſch nach dem gegenuͤber befindlichen Beichtſtuhle umwandte. — O, ſagte der Gaskonier, indem er einen Seuf⸗ zer ausſtieß, um den ihn Gorenflot beneidet haͤtte, es war Zeit! Aber wer der Teufel iſt denn der Andere? — Kommt heraus, Meiſter Nicolas David, ſagte Mayenne, wir ſind allein. — Hier bin ich, gnaͤdiger Herr, ſagte ein Mann, indem er aus dem Beichtſtuhle trat. — Schoͤn, ſagte der Gaskonier, Du fehlteſt bei dem Feſte, Meiſter Nicolas; ich ſuchte Dich uͤberall, und da habe ich Dich endlich in dem Augenblicke gefun⸗ den, wo ich Dich nicht mehr ſuchte. — Ihr habt Alles geſehen und Alles gehoͤrt, nicht wahr? ſagte der Herzog von Guiſe. — Ich habe kein Wort von dem verloren, was vorgefallen iſt, und ich werde keinen Umſtand davon vergeſſen, gnaͤdiger Herr, ſeid unbeſorgt. — Ihr koͤnnt alſo Alles dem Abgeſandten Seiner Heiligkeit Gregor dem XlII. berichten? fragte der Her⸗ zog mit der Narbe. — Alles, ohne Etwas davon auszulaſſen. — Jetzt, mein Bruder von Mayenne, fagt mir, daß Ihr Wunder fuͤr uns gethan habt. Sagt an, was habt Ihr gethan? Der Kardinal und die Herzogin traten neugierig herbei. Die drei Bruͤder und ihre Schweſter bildeten nur eine einzige Gruppe. 14* — 2142— Gaͤnzlich von der Lampe beleuchtet, ſtand Nicolas David drei Schritte weit von ihnen. — Ich habe gethan, was ich verſprochen hatte, gnaͤdiger Herr, ſagte Nicolas David, das heißt, ich habe das Mittel gefunden, Euch ohne Widerſpruch auf den Thron von Frankreich ſetzen zu laſſen. — Die Andern auch! rief Chicot aus. Ah, aber alle Welt will alſo Koͤnig von Frankreich werden. Wer zuletzt lacht, lacht am Beſten. Man ſieht, daß die Heiterkeit in dem Geiſte des wackeren Chicot wieder auferſtanden war. Dieſe Hei⸗ terkeit entſprang aus drei Umſtaͤnden: Zuvoͤrderſt entging er auf unerwartete Weiſe einer drohenden Gefahr, dann entdeckte er eine gewaltige Verſchwoͤrung, endlich fand er in dieſer gewaltigen Ver⸗ ſchwoͤrung ein Mittel, ſeine beiden groͤßten Feinde, den Herzog von Mayenne und den Advocat Nicolas David ins Verderden zu ſtuͤrzen. — Theurer Gorenflot, murmelte er, als alle dieſe Gedanken ſich ein Wenig in ſeinem Kopfe geordnet hatten, welches Abendeſſen werde ich Dir morgen fuͤr die Mie⸗ the Deiner Kutte bezahlen, Du wirſt ſehen! — und wenn die Uſurpation zu klar iſt, ſo laßt uns dieſem Mittel entſagen, ſagte Heinrich von Guiſe. Ich will nicht alle Koͤnige der Chriſtenheit auf dem Ruͤcken haben, die von dem goͤttlichen Rechte ausgehen. — Ich habe an dieſe Bedenklichkeit des gnaͤdigen Herrn gedacht, ſagte der Advokat, indem er ſich vor — — 213— dem Herzoge verneigte und das Triumvirat zuverſicht⸗ lich anblickte. Ich bin nicht bloß in der Fechtkunſt ge⸗ ſchickt, gnaͤdiger Herr, wie meine Feinde haben aus⸗ ſprengen koͤnnen, um mir Euer Vertrauen zu rauben. Zu Folge meiner theologiſchen und juriſtiſchen Studien habe ich, wie ein guter Caſuiſt und gelehrter Juriſt es machen muß, die Jahrbuͤcher und die Verordnungen be⸗ rathen, welche in unſerem Herkommen der Thronfolge meiner Behauptung Gewicht verleihen. Die Legitimitaͤt erlangen, heißt Alles erlangen, und ich habe entdeckt, gnaͤdige Herren, daß Ihr die rechtmaͤßigen Erben ſeid, und daß die Valois nur eine Schmarozer und Uſurpa⸗ torlinie ſind. Die Zuverſicht, mit welcher Nicolas David dieſe kleine Einleitung ausſprach, veranlaßte bei der Frau von Montpenſier eine ſehr lebhafte Freude, bei dem Kar⸗ dinal und dem Herzoge von Mayenne eine ſehr große Neugierde, und erheiterte faſt die finſtere Stirn des Herzogs von Guiſe. — Es iſt indeſſen ſchwierig, ſagte er, daß das uͤbri⸗ gens ſehr erlauchte Haus Lothringen den Vorrang vor den Valois in Anſpruch nimmt. 1 —= Das iſt indeſſen bewieſen, gnaͤdiger Herr, ſagte Meiſter Nicolas, indem er ſeine Kutte erhob, um ein Pergament aus ſeinen weiten Hoſen zu ziehen, und in⸗ dem er durch dieſe Bewegung den Griff eines langen Raufdegens entbloͤßte. Der Herzog nahm das Pergament aus Nicolas Davids Haͤnden. ———᷑—ÿ—ÿO—/&=ß— — Was iſt das? fragte er. — Der Stammbaum des Hauſes Lothringen. † — Deſſen Ahnherr iſt? — Karl der Große, gnaͤdiger Herr. — Karl der Große, riefen die drei Bruͤder mit un⸗ glaͤubiger Miene aus, welche indeſſen nicht von einer gewiſſen Zufriedenheit frei war, das iſt unmoͤglich! Der erſte Herzog von Lothringen war Zeitgenoſſe Karls des Großen, aber er hieß Ranier, und war durchaus nicht verwandt mit dieſem großen Kaiſer. — Wartet doch, gnaͤdiger Herr, ſagte Nicolas. Ihr begreift wohl, daß ich keine jener Fragen aufgeſucht habe, die man mit einem einfachen Widerſpruche been⸗ digt und die der erſte beſte Wappenherold in Nichts verwandelt. Das, was Ihr beduͤrft, iſt ein guter Pro⸗ ceß, der lange dauert, der das Parlament und das Volk beſchaͤftigt, waͤhrend deſſen Ihr, nicht das Volk, denn es iſt Euch zugethan, ſondern das Parlament gewinnen koͤnnt. Seht alſo, gnaͤdiger Herr, es iſt ganz richtig: Nanier, erſter Herzog von Lothringen, Zeitgenoſſe Karls des Großen. Guilbert, ſein Sohn, Zeitgenoſſe Ludwigs des Frommen. Heinrich, Sohn Guilberts, Zeitgenoſſe Karls des Kahlen. — Aber, ſagte der Herzog von Guiſe. — Ein wenig Gech. gnaͤdiger Herr. Wir kom⸗ men jetzt darauf. Merkt wohl auf. Bone... 8* 68 1 215— — — Ja, ſagte der Herzog, Tochter Ricins, des zweiten Sohnes Ranier's. — Ganz recht, erwiderte der Advokat, an wen ver⸗ heirathet? — Bone? — Ja. — An Karl von Lothringen, den Sohn Ludwigs IV., Koͤnigs von Frankreich. An Karl von Lothringen, den Sohn Ludwigs IV., Koͤnigs von Frankreich, wiederholte David. Jetzt fuͤgt hinzu: Bruder Lothars, der Krone Frankreichs dem V. durch den Uſurpator Hugo Ca⸗ nach Ludwig pet beraubt. — O, ol aͤußerten mit einander der Herzog von Mayenne und der Kardinal. — Fahrt fort, ſagte der Herzog von Guiſe, es liegt darin ein Schimmer. — Nun aber war Karl von Lothringen der Erbe ſeines Bruders Lothar nach dem Ausſterben ſeines Stammes. Nun aber iſt der Stamm Lothars ausge⸗ ſtorben, und Ihr ſeid demnach, meine Herrn, die ein⸗ zigen und wahren Erben der Krone Frankreichs. Gottes Tod! dachte Chicot, das⸗Thier iſt noch bei Weitem giftiger, als ich glaubte. — Was ſagt Ihr dazu, mein Bruder? fragten zu gleicher Zeit der Kardinal und der Herzog von Mayenne. — Ich ſage, antwortete der Herzog von Guiſe, daß ungluͤcklicher Weiſe in Frankreich ein Geſetz beſteht, wel⸗ — 216— ches man das ſaliſche nennt, und daß dieſes alle unſere Anſpruͤche vernichtet. — Dieſe Aeußerung erwartete ich von Euch, gnaͤdi⸗ ger Herr, rief David mit dem Duͤnkel befriedigter Ei⸗ genliebe aus. Welches iſt das erſte Beiſpiel des ſaliſchen Geſetzes? — Die Thronbeſteigung Philipps von Valois zum Nachtheile Eduards von England. — Wann hat dieſe Thronbeſteigung ſtattgefunden? Der Herzog von Guiſe beſann ſich. — 1328, ſagte der Kardinal von Guiſe ohne zu zoͤgern. — Das heißt, drei Hundert einundvierzig Jahre nach der Uſurpation Hugo Capets, zwei Hundert und vierzig Jahre nach dem Ausſterben von Lothars Stamme. Seit zwei Hundert vierzig Jahren alſo hatten Eure Ahnen Rechte auf den Thron, als das ſaliſche Geſetz erfunden wurde, nun aber weiß jeder, daß das Geſetz keine ruͤckwirkende Kraft hat. — Ihr ſeid ein gewandter Mann, Meiſter Nicolas David, ſagte der Herzog von Guiſe, indem er den Ad⸗ vokaten mit einer Bewunderung anblickte, die nicht frei von einer gewiſſen Verachtung war. — Das iſt ſehr ſcharfſinnig, ſagte der Kardinal. — Das iſt ſehr ſchoͤn, ſagte Mayenne. — Das iſt wundervoll, ſagte die Herzogin, da bin ich jetzt koͤnigliche Prinzeſſin. Ich will keinen anderen Gatten mehr, als einen Deutſchen Kaiſer. — Mein Gott und Herr, ſagte Chicot, Du weißt, daß ich immer nur eine Bitte an Dich gerichtet habe: Nec nas inducas in tentationem et libera nos ab avocatibus. (Fuͤhre uns nicht in Verſuchung und erlöſe uns von den Advokaten). Der Herzog von Guiſe allein blieb tiefſinnig in Mitte der allgemeinen Begeiſterung. — Soll man ſagen, daß ſolche leere Ausfluͤchte fuͤr einen Mann von meinem Schlage noͤthig ſind! murmelte er. Denken, daß die Voͤlker, bevor ſie gehorchen, Per⸗ gamente, wie dieſes da, beruͤckſichtigen, ſtatt den Adel des Mannes in dem Blitzen ſeiner Augen oder ſeines Schwerdtes zu leſen! — Ihr habt Recht, Heinrich, zehnfach Recht, und wenn man ſich damit begnuͤgte, auf das Geſicht zu ſe⸗ hen, ſo waͤret Ihr Koͤnig unter den Koͤnigen, da die anderen Fuͤrſten Poͤbel neben Euch ſcheinen. Aber das Weſentliche, um den Thron zu beſteigen, iſt, wie Mei⸗ ſter Nicolas David geſagt hat, ein guter Proceß, und wenn wir dazu gelangt ſind, ſo iſt es, wie Ihr ſelbſt geſagt habt, noͤthig, daß das Wappen unſeres Hauſes nicht zu ſehr die uͤber den anderen Thronen Europas aufgehaͤngten Wappen verunziert. — Dann iſt alſo dieſe Genealogie gut, fuhr Hein⸗ rich von Guiſe ſeufzend fort, und hier ſind die zwei Hun⸗ dert Goldthaler, welche mein Bruder von Mayenne von mir fuͤr Euch verlangt hat, Meiſter Nicolas David! — und hier zwei Hundert andere, ſagte der Kardinal zu dem Advokaten, deſſen Augen vor Behagen funkel⸗ ————————— — 218— ten, indem er das Gold in ſeine weiten Hoſen ſteckte, für den neuen Auftrag, den wir Euch geben werden. — Sprecht, gnaͤdiger Herr, ich ſtehe ganz zu den Befehlen Eurer Eminenz. — Wir koͤnnen Euch nicht beauftragen, ſelbſt nach Rom zu gehen, um unſerem heiligen Vater, Gregor dem XIII., dieſe Genealogie zu uͤberbringen, der er ſeine Gutheißung geben muß. Ihr ſeid ein zu geringer Ka⸗ merad, um Euch die Thuͤre des Vaticans oͤffnen zu laſſen. — Leider! ſagte Nicolas David. Ich habe ein edles Herz, das iſt wahr, aber ich bin von niederer Geburt. Ach, wenn ich nur einfacher Edelmann geweſen waͤre. — Willſt Du ſchweigen, Landſtreicher! ſagte Chicot. — Aber Ihr ſeid es nicht, fuhr der Kardinal fort, und das iſt ein Ungluͤck. Wir ſind alſo genoͤthigt, Pe⸗ ter von Gondy mit dieſer Sendung zu beauftragen. — Erlaubt, mein Bruder, ſagte die wieder ernſthaft gewordene Herzogin: die Gondys ſind ohne Zweifel Leute von Verſtand, auf die wir aber keinen Einfluß, uͤber die wir keine Gewalt haben. Ihr Ehrgeiz allein buͤrgt uns fuͤr ſie, und ſie koͤnnen eben ſo gut bei dem Koͤnige Heinrich, als bei dem Hauſe Guiſe Gelegenheit zur Be⸗ friedigung ihres Ehrgeizes finden. — Meine Schweſter hat Recht, Ludwig, ſagte der Herzog von Mayenne mit ſeiner gewoͤhnlichen Rohheit, und wir koͤnnen uns Peter von Gondy nicht eben ſo an⸗ vertrauen, als wir uns Nicolas David anvertrauen, der — — 219— unſer Mann iſt, und den wir haͤngen laſſen koͤnnen, wenn es uns gefaͤllt. Dieſe von dem Herzoge dem Advokaten ins Geſicht geworfene Offenherzigkeit brachte bei dem ungluͤcklichen Rechtsverdreher die ſeltſamſte Wirkung hervor; er brach in ein krampfhaftes Gelaͤchter aus, welches von dem groͤßten Entſetzen zeugte. — Mein Bruder Karl ſcherzt, ſagte Heinrich von Guiſe zu dem erbleichenden Advokaten, und man weiß, daß Ihr unſer Getreuer ſeid; Ihr habt es bei gar man⸗ cher Angelegenheit bewieſen. — und namentlich in der meinigen, dachte Chicot, indem er ſeinem Feinde, oder vielmehr ſeinen beiden Feinden die Fauſt zeigte. — Beruhigt Euch, Karl, beruhigt Euch, Katharine, alle meine Maßregeln ſind im Voraus getroffen. Peter von Gondy wird dieſe Genealogie nach Rom bringen, aber unter andere Papiere vermengt, und ohne zu wiſ⸗ ſen, was er uͤberbringt. Der Papſt wird anerkennen oder verwerfen, ohne daß Gondy dieſe Anerkennung oder dieſe Verwerfung kennt. Kurz, Gondy wird, im⸗ mer unbekannt mit dem, was er uͤberbringt, mit dieſer anerkannten oder verworfenen Genealogie nach Frankreich zuruͤckkehren. Ihr, Nicolas David, Ihr werdet faſt zu gleicher Zeit, als er, abreiſen, und ihn in Chalons, in Lyon oder in Avignon erwarten, je nach der Nachricht, die Ihr von uns erhalten werdet, in der einen oder der anderen dieſer drei Staͤdte zu verweilen. So werdet Ihr alſo allein das wahre Geheimniß des Unternehmens ——nnnnnEE=— — 220— in Haͤnden haben. Ihr ſeht alſo wohl, daß Ihr im⸗ mer unſer einziger Vertrauter ſeid. David verneigte ſich. — Du weißt, unter welcher Bedingung, lieber Freund, murmelte Chicot, unter der Bedingung gehan⸗ gen zu werden, wenn Du einen Fehltritt thuſt; aber, ſei unbeſorgt, ich ſchwoͤre bei der hier in Gips, in Mar⸗ mor oder in Holz, vielleicht ſogar in Bein anweſenden heiligen Genoveva, daß Du Dich in dieſem Augenblicke zwiſchen zwei Galgen geſtellt befindeſt, aber daß der Dir am Naͤchſten ſtehende der iſt, lieber Freund, den ich fuͤr Dich aufrichten laſſe. Die drei Bruͤder druͤckten ſich die Hand, und um⸗ armten ihre Schweſter, die Herzogin, welche ihnen ihre drei in der Sacriſtei zuruͤckgelaſſenen Moͤnchsgewaͤnder gebracht hatte; dann, nachdem ſie ihnen geholfen, ihre ſchuͤtzenden Kutten wieder anzulegen, ſchlug ſie ihre Ka⸗ puze wieder uͤber ihre Augen, ſchritt ihnen bis unter die Vorhalle voraus, wo ſie der Bruder Pfoͤrtner erwartete, und durch welche ſie, von Nicolas David gefolgt, deſ⸗ ſen Goldthaler bei jedem Schritte erklangen, verſchwanden. Hinter ihnen ſchob der Bruder Pfoͤrtner die Riegel vor, und, in die Kirche zuruͤckkehrend, loͤſchte er die Lampe des Chores aus; ſogleich erfuͤllte eine dichte Fin⸗ ſterniß die Kapelle, und erneuerte den heimlichen Schau⸗ der, der bereits mehr als ein Mal Chicots Haare ſich hatte ſtraͤuben laſſen. Dann entfernte ſich in dieſer Finſterniß das Ge⸗ raͤuſch der Sandalen des Moͤnches auf den Steinplat⸗ ten, wurde ſchwaͤcher und verlor ſich gänzlich. 3 Fuͤnf Minuten, welche Chicot ſehr lang ſchienen, verfloſſen, ohne daß ferner irgend Etwas dieſe Stille und dieſe Dunkelheit ſtoͤrten. — Gut, ſagte der Gaskonier, es ſcheint, daß die⸗ ſes Mal wirklich Alles beendigt iſt, daß die drei Acte 4 geſpielt ſind, und daß die Schauſpieler ſich entfernt ha⸗ ben. Trachten wir, ihnen zu folgen; fuͤr eine einzige 3 Nacht habe ich genug an ſolchem Schauſpiele. Und Chicot, der von ſeiner erſten Idee, den Tag in der Kirche abzuwarten, abgekommen war, ſeitdem er die Graͤber beweglich und die Beichtſtuͤhle bewohnt ge⸗ ſehen, erhob leiſe den Druͤcker, oͤffnete vorſichtig die Thuͤre, und ſtreckte den Fuß aus ſeinem Kaſten. Waͤhrend der Umgaͤnge des Chorknaben hatte Chi⸗ cot in einer Ecke eine Leiter geſehen, die dazu beſtimmt war, die Rahmen der gemalten Fenſterſcheiben zu reini⸗ gen. Er verlor keine Zeit. Mit ausgebreiteten Haͤnden, die Fuͤße behutſam vorgeſetzt, gelangte er ohne Geraͤuſch bis in die Ecke; bemaͤchtigte ſich der Leiter, und indem er ſich nach Kraͤften orientirte, ſtellte er dieſe Leiter an ein Fenſter. 4. Bei dem Scheine des Mondes ſah Chicot, daß er ſich nicht in ſeinen Vorausſichten geirrt haͤtte: das Fen⸗ ſter ging auf den Kloſterkirchhof, der ſelbſt auf die Straße Bordelle ging. Chicot machte das Fenſter auf, ſetzte ſich rittlings darauf, und indem er die Leiter mit Kraft und Gewandt⸗ „ —ÿ—ꝭ—ꝭ—C—õÿ heit nach ſich zog, welche faſt immer die Freude oder die Furcht verleihen, ließ er ſie von Innen nach Außen gleiten. Sobald er herabgeſtiegen, verbarg er die Leiter in eine, an dem Fuße der Mauer gepflanzte Taxushecke, ſchlup te von Grabe zu Grabe bis an die letzte Mauer, die ihn von der Straße trennte, uͤber die er kletterte, nicht ohne einige Steine auszubrechen, welche mit ihm auf der anderen Seite der Straße herabfielen. Als er dort angelangt war, nahm ſich Chicot die Zeit, aus voller Bruſt zu athmen. Er war mit einigen Schrammen aus einem Wes⸗ penneſte gekommen, in welchem er mehr. als ein Mal gefuͤhlt hatte, daß er ſein Leben aufs Spiel ſetzte. Dann, als er fuͤhlte, daß ſeine Lungen die Luft weit freier einzogen, ſchlug er ſeinen Weg nach der Straße Saint Jacques ein, indem er erſt an dem Gaſt⸗ hofe zum Fuͤllhorne anhielt, an welches er ohne Schwan⸗ ken, wie ohne Zoͤgern anklopfte. Meiſter Claude Bonhomet kam ihm in Perſon zu oͤffnen. Er war ein Mann, der wußte, daß jede Stoͤ⸗ rung bezahlt wird, und der, um ſein Gluͤck zu machen, mehr auf das Außergewohnliche, als auf das Gewoͤhn⸗ liche rechnete. Er erkannte Chicot auf den erſten Blick, obgleich Chicot als Cavalier fortgegangen war und als Moͤnch zuruͤckkam. — Ah, Ihr ſeid es, mein Edelmann, ſagte er, ſeid willkommen! -— Chicot gab ihm einen Thaler. — Und Bruder Gorenflot? fragte er. Ein breites Laͤcheln erheiterte das Geſicht des Mei⸗ ſter Gaſtwirths; er ſchritt nach dem Kabinette, und die Thuͤre aufdruͤckend ſagte er: — Seht! Bruder Gorenflot ſchnarchte gerade an derſelben Stelle, wo ihn Chicot gelaſſen hatte. — Sapperment, mein achtungswerther Freund, ſagte der Gaskonier, Du haſt, ohne es zu ahnen, einen gewaltig ſchweren Traum gehabt! X. Wie Herr und Frau von Saint⸗Luc einander zur Seite rei⸗ ſeten, und wie ſie von einem Reiſegefaͤhrten eingeholt wurden. . Am folgenden Morgen, ungefaͤhr um dieſelbe Stunde, zu welcher Bruder Gorenflot warm in ſeine Kutte gehuͤllt erwachte, haͤtte unſer Leſer, wenn er auf der Straße von Paris nach Angers gereiſt waͤre, zwi⸗ ſchen Chartres und Nogent, zwei Reiter ſehen koͤnnen, einen Edelmann und ſeinen Pagen, deren friedliche Pferde neben einander herſchritten, indem ſie ſich mit den Nuͤſtern liebkoſeten, und durch Wiehern und Schnau⸗ ben wie zwei rechtſchaffene Thiere mit einander plauder⸗ ten, die, obgleich der Gabe der Sprache beraubt, nichts deſto weniger ein Mittel gefunden hatten, ſich ihre Ge⸗ danken mitzutheilen. Die Reiter waren am Tage zuvor ungefaͤhr um die⸗ — — 225— ſelbe Stunde auf dampfenden, mit Schaum bedeckten Rennern in Chartres angekommen; einer der beiden Ren⸗ ner war ſogar auf dem Platze der Kathedrale gefallen, und da es gerade in dem Augenblicke geſchah, wo ſich die Glaͤubigen zur Meſſe begaben, ſo war dieſer pracht⸗ volle, vor Ermuͤdung verſcheidende Renner, um den ſich die Eigenthuͤmer nicht mehr zu bekuͤmmern geſchienen hatten, als waͤre er eine elende Maͤhre geweſen, fuͤr die Buͤrger von Chartres ein nicht unintereſſantes Schauſpiel. Einige hatten bemerkt: die Buͤrger von Chartres ſind zu allen Zeiten ſehr große Beobachter geweſen, ei⸗ nige, ſagen wir, hatten ſogar bemerkt, daß der groͤßere der beiden Reiter in die Hand eines rechtſchaffenen Bur⸗ ſchen, der ihn und ſeinen Begleiter in ein benachbartes Wirthshaus gefuͤhrt, einen Thaler gedruͤckt haͤtte, und daß die beiden Reiſenden eine halbe Stunde nachher die⸗ ſes Wirthshaus durch die auf das Feld gehende Hin⸗ terthuͤre wieder verlaſſen haͤtten, indem ſie auf zwei fri⸗ ſchen Pferden ritten und ihre Wangen von jenem fri⸗ ſchen Roth gluͤheten, das zu Gunſten des Glaſes Gluͤh⸗ weines zeugt, das man ſo eben getrunken hat. Sobald ſie ſich auf dem noch kahlen, noch kalten, aber bereits mit blaͤulichen Toͤnen, den Vorlaͤufern des Fruͤhlings, geſchmuͤckten Felde befanden, hatte der groͤ⸗ ßere der beiden Reiter ſich dem kleineren genaͤhert, und, indem er ſeine Arme oͤffnete, zu ihm geſagt: — Theure, liebe Frau, umarme mich ruhig, denn jetzt haben wir Nichts mehr zu fuͤrchten. Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 15 — — 226— Nun, ihren dichten Mantel zuruͤckſchlagend, in den ſie gehuͤllt war, hatte ſich Frau von Saint-Luc, denn dieſe war es wirklich, anmuthig geneigt, und, indem ſie ihre beiden Arme auf die Schultern des jungen Man⸗ nes geſtuͤtzt hatte, und ohne daß ſie aufhoͤrte, ihre Au⸗ gen in ſeinen Blick zu ſenken, ihm den zaͤrtlichen und langen Kuß gegeben, den er verlangte. Aus dieſer Verſicherung, welche Saint⸗Luc ſeiner Frau gegeben hatte, und vielleicht auch aus dem von Frau von Saint⸗Luc ihrem Gatten gegebenen Kuſſe war hervorgegangen, daß man an dieſem Tage in ei⸗ nem kleinen Wirthshauſe des nur vier Stunden weit von Chartres gelegenen Dorfes Courville einkehrte, wel⸗ ches durch ſeine abgeſonderte Lage, ſeine doppelten Thore und noch eine Menge anderer Vorzuüge, den bei⸗ den liebenden Gatten alle Buͤrgſchaft von Sicherheit verlieh. Dort blieben ſie den ganzen Tag und die ganze Nacht ſehr heimlich in ihrem kleinen Zimmer verborgen, in welches ſie ſich, nachdem das beſtellte Fruͤhſtuͤck auf⸗ getragen war, einſchloſſen, wobei ſie dem Wirthe an⸗ empfahlen, ſie, wegen der langen Reiſe, welche ſie zu⸗ ruͤckgelegt haͤtten, und wegen der großen Ermuͤdung, die daraus erfolgt waͤre, nicht vor dem folgenden Morgen mit Tagesanbruche zu ſtoͤren, eine Anempfehlung, die puͤnktlich befolgt worden war. Es war alſo am Morgen dieſes Tages, daß wir Herrn und Frau von Saint⸗Luc auf der Straße von Chartres nach Noyent wiederfinden. „—— Da ſie nun an dieſem Tage noch bei Weitem ruht⸗ ger waren, als am Tage zuvor, ſo reiſeten ſie nicht mehr als Fluͤchtlinge, ſogar nicht mehr als Verliebte, ſondern wie Schuͤler, die ſich jeden Augenblick von dem Wege abwenden, um ſich Einer von dem Anderen auf irgend einem kleinen Huͤgel wie eine Reiterſtatue auf ihrem Pferde bewundern zu laſſen, indem ſie die erſten Knos⸗ pen verwuͤſteten, die erſten Mooſe ſuchten, die erſten Blumen pfluͤckten, dieſe Vorboten des Fruͤhlings, wel⸗ che aus dem allmaͤlig verſchwindenden Schnee hervor⸗ brechen, und ſich eine unendliche Freude aus dem Spie⸗ geln eines Sonnenſtrahles auf dem ſchillernden Gefieder der Enten oder aus dem Voruͤberkommen eines Haſen in der Ebene machten. — Gottes Tod, rief ploͤtzlich Saint⸗Luc aus, was es ſchoͤn iſt, frei zu ſein! Biſt Du jemals frei geweſen, Jeanne? — Ich? antwortete die junge Frau mit einem froͤh⸗ lichen Klange der Stimme. Niemals, und das iſt das erſte Mal, daß ich mich im Freien ergoͤtze, wie ich will. Mein Vater war argwoͤhniſch. Meine Mutter verließ das Zimmer nicht gern. Ich ging nicht ohne eine Er⸗ zieherin, zwei Kammerjungfern und einen großen Be⸗ dienten aus, ſo daß ich mich nicht erinnere, auf einem Raſen gelaufen zu ſein, ſeitdem ich als ausgelaſſenes und froͤhliches Kind mit meiner guten Diana in den gro⸗ ßen Waͤldern von Meridor berumhuͤpfte, indem ich ſie zum Wettlaufe herausforderte und wir, durch die Dik⸗ kichte laufend, liefen, bis wir uns einander ſelbſt nicht 15* 8 — 228— mehr wiederfanden. Dann hielten wir herzklopfend bei dem Geraͤuſche irgend einer Hirſchkuh, irgend eines Damhirſches, oder irgend eines Rehes an, welches, von uns erſchreckt, aus ſeinem Lager hervorſprang, in⸗ dem es uns uͤberließ, ſelbſt die Stille der unendlichen Forſte mit einem gewiſſen Schauder zu befragen. Aber Du, mein geliebter Saint⸗Luc, Du warſt zum Min⸗ deſten frei. — Ich, frei? — Gewiß, ein Mann... — Ah ſchoͤn, ja! Niemals. Mit dem Herzoge von Anjou erzogen, von ihm mit nach Polen genommen, von ihm nach Paris zuruͤckgefuͤhrt, durch dieſe ewige Vorſchrift der Etikette verdammt, ihn nicht zu verlaſſen, von dieſer jammernden Stimme verfolgt, ſobald ich mich entfernte, die mir beſtaͤndig zurief:„Saint-Luc, mein Freund, ich langweile mich; komme Dich mit mir zu langwei⸗ len.“ Frei! ah, ja wohl! Und dieſer Schnuͤrleib, der mir den Magen zuſammenzog, und die große geſtaͤrkte Krauſe, die mir den Hals zerkratzte, und die mit Gummi friſirten Haare, welche ſich mit der Feuchtigkeit vermengten und durch den Staub beſudelt wurden, und endlich dieſe mit Na⸗ deln an meinen Kopf genagelte Faltenmuͤtze. O, nein, nein, meine gute Johanna, ich glaube, ich war noch weniger frei, als Du. Du ſiehſt demnach auch, daß ich die Freiheit benutze. So wahr Gott lebt, welch' herrliche Sache! Und wie kann man ſich ihrer nur be⸗ rauben, wenn man es anders machen kann? — 229— — und wenn man uns einholte, Saint⸗Luc, ſagte die junge Frau, indem ſie einen beſorgten Blick hinter ſich warf, wenn man uns in die Baſtille ſperrte? — Wenn man uns mit einander in ſie einſperrt, meine liebe Johanna, ſo waͤre das nur halb ſchlimm; ich meine, daß wir waͤhrend des ganzen geſtrigen Ta⸗ ges nicht mehr und nicht weniger eingeſchloſſen geblie⸗ ben ſind, als ob wir Staatsgefangene waͤren, und daß wir uns dennoch nicht zu ſehr gelangweilt haben. — Verlaß Dich darauf nicht, Saint⸗Luc, ſagte Jo⸗ hanna mit einem Laͤcheln voller Schelmerei und Froͤh⸗ lichkeit; wenn man uns wieder erwiſcht, ſo glaube ich nicht, daß man uns mit einander einſperrt. Und die liebenswuͤrdige Frau erroͤthete, daß ſie ſo viel haͤtte ſagen wollen, indem ſie ſo wenig ſagte. — Dann verſtecken wir uns gut, ſagte Saint⸗Luc. — O, ſei unbeſorgt, antwortete Johanna, in die⸗ ſer Beziehung haben wir Nichts zu fuͤrchten und wir werden gut verſteckt ſein. Wenn Du Mkridor kennteſt, und ſeine großen Eichen, welche Saͤulen eines Tempels zu ſein ſcheinen, deſſen Gewoͤlbe der Himmel iſt, und ſeine Forſte ohne Ende, und ſeine traͤgen Fluͤſſe, wel⸗ che Sommers unter dunkelen gruͤnen Hallen, Winters unter Decken abgeſtorbener Blaͤtter dahinfließen; dann die großen Teiche, die Kornfelder, die Blumenbeete, die Raſenplaͤtze ohne Ende, und die kleinen Thuͤrmchen, aus denen beſtaͤndig, flatternd und ſummend, gleich Bienen um einen Bienenkorb herum, Tauſende von Tauben fliegen; und dann, und dann, das iſt nicht Al⸗ 5 — 230— les, Saint-Luc, in Mitte von Alle dem die Koͤnigin dieſes kleinen Reiches, die Zauberin dieſer Gaͤrten der Armida, die ſchoͤne, die gute, die unvergleichliche Diana, ein Herz von Diamant in einer goldenen Schale, Du wirſt ſie lieben, Saint-Luc. — Ich liebe ſie ſchon; ſie hat Dich geliebt. — O, ich bin feſt uͤberzeugt, daß ſie mich noch liebt, und daß ſie mich immer lieben wird. Diana wechſelt nicht launiger Weiſe in ihren Freundſchaften. Machſt Du Dir einen Begriff von dem gluͤcklichen Le⸗ ben, das wir in dieſem Neſte von Blumen und von Moos fuͤhren werden, welches der Fruͤhling wieder gruͤn werden laͤßt? Diana hat die Leitung von dem Hauſe ihres Vaters, des alten Barons uͤbernommen; wir brauchen uns alſo nicht um ihn zu bekuͤmmern. Er iſt ein Krieger aus den Zeiten Franz des I., der in Ruͤck⸗ ſicht auf das, was er ehedem ſtark und muthig gewe⸗ ſen iſt, ſchwach und unthaͤtig geworden iſt, der nur noch eine Erinnerung in der Vergangenheit hat, den Sieger von Marignan und den Beſiegten von Pavia, nur eine Liebe in der Gegenwart und nur eine Hoffnung fuͤr die Zukunft, ſeine geliebte Diana. Wir koͤnnen Méridor be⸗ wohnen, ohne daß er es weiß und ohne daß er es ſelber jemals gewahr wird. Und wenn er es weiß? O gut! So haben wir ihn nur ſagen zu laſſen, daß ſeine Diana das ſchoͤnſte Maͤdchen von der Welt, und daß der Koͤ⸗ nig Franz der I. der groͤßte Feldherr aller Zeiten iſt. „— Das waͤre allerliebſt, ſagte Saint-Luc, aber ich ſehe großen Streit voraus. — Wie das? — Zwiſchen dem Baron und mir. — In Bezug auf was? In Bezug auf Koͤnig Franz den I.? — Nein. Ich laſſe ihm ſeinen erſten Feldherrn hin⸗ gehen; aber was das ſchoͤnſte Maͤdchen von der Welt anbetrifft... — Ich zaͤhle nicht mehr, da ich Deine Frau bin? — Ah! Das iſt wahr, ſagte Saint⸗Luc. — Machſt Du Dir einen Begriff von dieſem Le⸗ ben, mein Geliebter? fuhr Johanna fort. Von dem Morgen an in den Wald durch die Hinterthuͤre des Pavillons, den ſie uns zur Wohnung geben wird. Ich kenne dieſen Pavillon; zwei durch eine unter Ludwig XII. gebaute Wohnung mit einander verbundene Thuͤrm⸗ chen, eine wundervolle Bauart, die Du liebgewinnen wirſt, Du, der Du die Blumen und die Spitzen liebſt. Und von den Fenſtern aus, von den Fenſtern aus eine ruhige und dunkele Ausſicht uͤber die großen Waͤlder, welche ſich ſo weit, als das Auge reicht, erſtrecken, und in deren Lichtungen man in der Ferne bald einen Dam⸗ hirſch, oder ein Reh weiden ſieht, die bei dem gering⸗ ſten Geraͤuſche den Kopf erheben; dann, an der entge⸗ gengeſetzten Seite, eine offene Ausſicht uͤber goldige Ebe⸗ nen, uͤber Doͤrfer mit rothen Daͤchern und weißen Mauern, uͤber die ſich in der Sonne ſpiegelnde und ganz mit kleinen Schiffen bedeckte Loire. Dann werden wir in der Entfernung von drei Stunden einen See mit einer Barke in dem Schilfe, unſere Pferde, un⸗ — 232— ſere Hunde haben, mit denen wir den Damhirſch in den großen Waͤldern jagen, waͤhrend der alte Baron, der Nichts von ſeinen Gaͤſten weiß, ſagen wird, indem er auf das ferne Bellen horcht: Diana, hoͤre doch, ob man nicht meinen ſollte, daß Aſtraͤg und Phlegeton jagen. — und wenn ſie jagen, lieber Vater, ſagt Diana, laß ſie jagen.— — Laß uns eilen, Johanna, ſagte Saint⸗ Luc, ich moͤgte ſchon in Méridor ſein. Und alle Beide gaben ihren Pferden die Sporen, welche nun waͤhrend zwei bis drei Meilen den Raum verſchlangen, und die dann ploͤtzlich anhielten, um ih⸗ ren Gebietern Zeit zu laſſen, eine unterbrochene Unter⸗ haltung wieder zu beginnen, oder einen ſchlecht gegebe⸗ nen Kuß zu verbeſſern. So machte ſich die Reiſe von Chartres bis Mans, wo die beiden faſt beruhigten Gatten einen Tag verweil⸗ ten, dann, am folgenden Tage, der nochmals eine gluͤckliche Station auf dieſer gluͤcklichen Reiſe war, nah⸗ men ſie ſich feſt vor, noch am ſelben Abende in Meri⸗ dor, in die ſandigen Waͤlder zu gelangen, welche ſich zu jener Zeit von Guécelard bis Ecomoy erſtreckten. Dort angelangt, betrachtete ſich Saint-Luc wie au⸗ ßer aller Gefahr; er kannte die Eines um das Andere aufbrauſende und traͤge Laune des Koͤnigs, der, je nach der Geiſtesſtimmung, in welcher er ſich im Augenblicke der Abreiſe Saint⸗Lucs befand, zwanzig Eilboten und Hundert Garden ihnen mit dem Befehle hatte nachſen⸗ — 233— den muͤſſen, ſie todt oder lebendig zuruͤckzubringen, oder der ſich begnuͤgt haͤtte, einen tiefen Seufzer auszuſtoßen, indem er ſeine Arme einen Zoll breit weiter als gewoͤhn⸗ lich aus dem Bette ſtreckte und murmelte: — O, Verraͤther Saint⸗Luc, warum habe ich Dich nicht fruͤher gekannt? Da nun aber die Fluͤchtlinge durch keinen Eilboten eingeholt worden waren, keinen Gardiſten erblickt hatten, ſo war es wahrſcheinlich, daß Koͤnig Heinrich III. ſich in ſeiner traͤgen Laune befunden hatte, ſtatt ſich in ſeiner aufbrauſenden Laune zu befinden. Das war es, was ſich Saint⸗Luc ſagte, indem er von Zeit zu Zeit einen Blick hinter ſich auf die einſame Straße warf, auf welcher nicht der geringſte Verfolger erſchien. — Gut, dachte er, das Ungewitter wird auf den armen Chicot zuruͤckgefallen ſein, der, obgleich er Narr iſt, und vielleicht gerade, weil er Narr iſt, mir einen ſo guten Rath gegeben hat... Ich werde mit irgend einem mehr oder minder geiſtreichen Anagramm davon kommen. Und Saint⸗Luc erinteerte ſich eines ſchrecklichen Ana⸗ grammes, das Chicot zur Zeit ſeiner Gunſt auf ihn ge⸗ macht hatte. 8 Ploͤtzlich fuͤhlte Saint⸗Luc die Hand ſeiner Frau, welche auf ſeinem Arme ruhete. 8 Er erbebte. Das war keine Liebkoſung. — Was giebt es denn? fragte er. — Sieh! ſagte Johanna. Saint⸗Luc wandte ſich um und ſah an dem Ho⸗ rizonte einen Reiter, welcher denſelben Weg, als ſie, befolgte, und der ſein Pferd ſehr anzutreiben ſchien. Dieſer Reiter war auf der Hoͤhe des Weges; er trat kraͤftig auf dem matten Himmel hervor, und ſchien in dieſer Stellung durch jene Wirkung der Perſpective, welche gewiß unſere Leſer zuweilen bemerkt haben wer⸗ den, von uͤbernatuͤrlicher Groͤße. Dieſes Zuſammentreffen ſchien Saint-Luc von ſchlimmer Vorbedeutung, ſei es nun wegen ſeiner Gei⸗ ſtesſtimmung, welche die Wirklichkeit gerade im Augen⸗ blicke Luͤgen ſtrafen zu wollen ſchien, oder ſei es, weil er wirklich, trotz der Ruhe, die er heuchelte, noch ir⸗ gend eine launige Sinnesaͤnderung Koͤnig Heinrichs des III. fuͤrchtete. — Ja, in der That, ſagte er unwillkuͤrlich erblei⸗ chend, dort iſt ein Reiter. — Laß uns fliehen, ſagte Johanna, indem ſie ih⸗ rem Pferde die Sporen gab. — Nicht doch, ſagte Saint⸗Luc, dem die Furcht, welche er empfand, ſeine Kaltbluͤtigkeit nicht zu entzie⸗ hen vermogte, nicht doch, dieſer Reiter iſt allein, ſo viel ich urtheilen kann, und wir duͤrfen nicht vor einem einzigen Manne fliehen. Stellen wir uns zur Seite und laſſen wir ihn voruͤberkommen; wenn er voruͤber iſt, ſetzen wir unſeren Weg fort. — Aber wenn er anhaͤlt? — Ei nun, wenn er haͤlt, ſo werden wir ſehen, mit wem wir zu thun haben, und dem zu Folge handeln. 9 — Du haſt Recht, ſagte Johanna, und ich hatte 6 Unrecht, Furcht zu haben, da mein Saint⸗Luc da iſt, um mich zu vertheidigen. — Gleichviel, laß uns immerhin fliehen, ſagte Saint⸗Luc, indem er einen letzten Blick auf den Unbe⸗ kannten warf, der, als er ſie erblickte, ſein Pferd in Galopp geſetzt hatte; denn ſieh, da iſt eine Feder auf dieſem Hute, und unter dieſem Hute eine Krauſe, die mir einige Beſorgniſſe einfloͤßt. — D mein Gott! Wie koͤnnen eine Feder und eine Krauſe Dich beunruhigen? fragte Johanna, indem ſie ihrem Gatten folgte, der ihr Pferd an dem Zuͤgel er⸗ griffen hatte, und ſie mit ſich in den Wald zog. — Weil die Feder von einer in dieſem Augenblicke am Hofe ſehr in der Mode ſtehenden Farbe iſt, und die Krauſe von einem ſehr neuen Schnitte; nun aber iſt das eine von jenen Federn, die zu theuer zu ſtehen kommen wuͤrden, um ſie faͤrben zu laſſen, und eine von je⸗ nen Krauſen, die den Edelleuten von Mans zu viel Muͤhe zu ſtaͤrken koſten wuͤrden, als daß wir mit einem Landsmanne der ſchoͤnen gemaͤſteten Huͤhner zu thun haͤtten, die Chicot ſo ſehr ſchätzt. Eilen wir uns, ei⸗ len wir, Johanna, dieſer Reiter ſieht mir gerade wie ein Abgeſandter des Koͤnigs, meines erlauchten Herrn, aus. ESEilen wir uns, ſagte die junge Frau, indem ſie bei dem Gedanken, daß ſie von ihrem Gatten getrennt 4 werden koͤnnte, wie Laub zitterte ₰ Aber das war leichter zu ſagen, als auszufuͤhren. Die Tannen waren ſehr eng gepflanzt und bildeten eine wahre Mauer von Zweigen. Außerdem ſanken die Pferde bis an die Bruſt in den ſandigen Boden. Waͤhrend dieſer Zeit kam der Reiter wie der Blitz heran, und man hoͤrte den donnernden Galopp ſeines Pferdes an dem Abhange des Berges. — Jeſus, mein Herr, er will wirklich an uns, rief die junge Frau aus. — Meiner Treue, ſagte Saint⸗Luc, indem er ſtill hielt, wenn er an uns will, ſo wollen wir ſehen, was er von uns will, denn ſelbſt wenn er abſteigt, ſo wird er uns dennoch einholen. — Er haͤlt; ſagte die junge Frau. — Er ſteigt ſogar ab, ſagte Saint⸗Luc, er tritt in den Wald. Ha! Meiner Treue! Und wenn es der Teufel in Perſon waͤre, ich gehe ihm entgegen. — Warte, ſagte Johanna, indem ſie ihren Gatten zurdckhielte Warte, ich meine, er ruft. In der That, nachdem er ſein Pferd an eine der Tannen an dem Saume des Waldes gebunden, trat er hinein, indem er rief: — He, mein Edelmann, mein Edelmann! So flie⸗ het doch nicht. Tauſend Teufel! Ich bringe Euch Et⸗ was, das Ihr verloren habt. — Was ſagt er doch? fragte die Graͤfin. 3— Meiner Treue, ſagte Saint⸗Luc, er ſagt, daß wir irgend Etwas verloren haben. — Ei, Herr, fuhr der Unbekannte fort, der kleine Herr, Ihr habt Euer Armband in dem Gaſthauſe von Courvige liegen laſſen. Was der Teufel! Das Por⸗ ti -— 237— das verliert man nicht ſo, beſonders baren Frau von Coſſé. Laßt mich alſo dieſer lieben Mama zu Liebe nicht ſo laufen. Aber ich kenne dieſe Stimme, rief Saint⸗Luc aus. — und dann ſpricht er mir von meiner Mutter. — Habt Ihr denn dieſes Armband verloren, meine Liebe? 8 — Ei, mein Gott, ja, ich bin es erſt heute Mor⸗ gen gewahr geworden. Ich konnte mich nicht mehr er⸗ innern, wo ich es gelaſſen haͤtte. Aber das iſt Buſſy, rief ploͤtziich Saint⸗ Luc aus. — Der Graf von Buſſy, erwiderte Johanne ganz bewegt, unſer Freund? —— uUnd gewiß, unſer dem er mit eben ſo vieler manne entgegeneilte, als er bemuͤht hatte. — Saint⸗Luc! Ich hatte mich alſo nicht geirrt, ſagte die froͤhliche und klangvolle Stimme Buſſys, der ſich mit einem einzigen Sprunge bei den beiden Gatten befand.— Guten Tag, gnaͤdige Frau, fuhr er aus vol⸗ lem Halſe lachend fort, indem er der Graͤfin das Por⸗ trait überreichte, das ſie wirklich in dem Gaſthauſe von Courville vergeſſen, wo, die Reiſenden uͤbernachtet hatten. — Kommt Ihr etwa, um uns im Namen des Koͤ⸗ nigs zu verhaften, Herr von Buſſy? ſagte Johanna laͤchelnd. — Ich? trait einer Frau, das Portrait dieſer acht Freund, ſagte Saint⸗Luc, in⸗ Zuvorkommenheit dem Edel⸗ ſich zuvor ihn zu vermeiden Meiner Treue, nein! Ich bin nicht befreun⸗ wie man ſich erinnern wird, det genug mit Seiner Majeſtaͤt, daß Sie mich mit ihren vertraulichen Sendungen beauftragt. Nein, ich habe Euer Armband in Courville gefunden; das hat mir an⸗ gedeutet, daß Ihr mir auf dem Wege voraus waͤret. Nun habe ich mein Pferd angetrieben, habe Euch er⸗ blickt, habe mir gedacht, daß Ihr es waͤret, und, ohne es zu wollen, habe ich Euch gejagt. Entſchuldigt mich. — Demnach alſo, ſagte Saint-Luc mit einer letz⸗ ten Wolke von Argwohn, iſt es der Zufall, der Euch denſelben Weg hat einſchlagen laſſen, als wir. — Der Zufall, antwortete Buſſy; und jetzt, wo ich Euch angetroffen, moͤgte ich ſagen die Vorſehung. Und Alles, was in Saint Luc's Geiſte noch an Zweifel uͤbrig geblieben, verſchwand vor dem ſo glaͤnzen⸗ den Auge und dem ſo aufrichtigen Laͤcheln des ſchoͤnen Edelmannes. — Ihr reiſet alſo? ſagte Johanna. — Ich reiſe, ſagte Buſſy, indem er wieder zu Pferde ſtieg. — Aber nicht wie wir? — Nein, ungluͤcklicher Weiſe nicht. — Nicht wegen Ungnade? wollte ich ſagen. — Meiner Treue, es fehlt wenig daran. — und wohin geht Ihr? — Ich gehe nach der Gegend von Angers. Und Ihr? — Wir auch. — Ja, ich begreife, Briſſac liegt ein zehn Stun⸗ den weit von hier zwiſchen Angers und Saumur; Ihr wollt gleich verfolgten Tauben eine 3uſiunt in dem vaͤ⸗ — 239— terlichen Schloſſe ſuchen; das iſt allerliebſt, und ich wuͤrde Euch um Euer Gluͤck beneiden, wenn der Neid nicht ein ſo garſtiges Laſter waͤre. — Ei, Herr von Buſſy, ſagte Johanna mit einem Blicke voller Dankbarkeit, verheirathet Euch, und Ihr werdet eben ſo gluͤcklich ſein, als wir es ſind; ich verſi⸗ chere Euch, das Gluͤck findet ſich ſo leicht, wenn man ſich liebt. 4 Und ſie blickte Saint⸗Luc laͤchelnd an, wie um ſich auf ſein Zeugniß zu berufen. — Gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, ich mißtraue die⸗ ſem Gluͤcke; nicht Jedermann hat das Gluͤck, ſich wie Ihr mit koͤniglichem Vorrecht zu verheirathen. — Geht doch, Ihr, der uͤberall geliebte Mann! — Wenn man uͤberall geliebt iſt, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy ſeufzend, ſo iſt es, als ob man nirgends geliebt waͤre. — Nun denn, ſagte Johanna, indem ſie einen Blick des Einverſtändniſſes auf ihren Gatten warf, laß mich Euch verheirathen; das wird zuvoͤrderſt einer gu⸗ ten Anzahl von Ehemaͤnnern, die ich kenne, Ruhe ver⸗ leihen, und dann verſpreche ich, Euch dieſes Gluͤck fin⸗ den zu laſſen, deſſen Daſein Ihr abſprecht. — Ich ſpreche nicht ab, daß das Gluͤck beſteht, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy mit einem Seufzer, ich ſpre⸗ che nur ab, daß dieſes Gluͤck fuͤr mich gemacht ſei. — Wollt Ihr, daß ich Euch verheirathe? wieder⸗ holte Frau von Saint⸗Luc.“ rmich nach Eurem Geſchmacke verhei⸗ — 240— rathet, nein; wenn Ihr mich nach meinem Geſchmacke b verheirathet, ja. e — Ihr ſagt das, wie ein Mann, der entſchloſſen ’ iſt, Hageſtolz zu bleiben. u — Vielleicht. 3 — Aber Ihr liebt alſo eine Frau, die Ihr nicht 2 5 heirathen koͤnnt? — Graf, ich bitte Euch, ſagte Buſſy, erſucht doch Frau von Saint⸗Luc, mir nicht Tauſend Dolche ins — Herz zu ſtoßen. ſ 8— Ah, ſo! Nehmt Euch in Acht, Buſſy, Ihr wer⸗ di 3 det mich glauben laſſen, daß es meine Frau iſt, in die 0 Ihr verliebt ſeid. er — In dieſem Falle wuͤrdet Ihr zum Mindeſten zu⸗ 1 4 geben, daß ich ein Liebhaber voller Zartgefuͤhl bin, und daß die Ehemaͤnner ſehr Unrecht haͤtten, eiferſuͤchtig auf mich zu ſein. — Ah! Das iſt wahr, ſagte Saint⸗Luc, indem er ge 4 ſich erinnerte, daß Buſſy ihm ſeine Frau in das Louvre zugefuͤhrt haͤtte. Aber gleichviel, geſteht, daß Euer es Herz irgend wo gefangen iſt. 3 — Ich geſtehe es, ſagte Buſſy. — Durch eine Liebe, oder durch eine Laune? fragte Johanna. de 1— Durch eine Leidenſchaft, gnaͤdige Frau. le — Ich werde Euch heilen. z6 4— Ich glaube es nicht. r .— Ich werde Euch derherathen. 8— Ich zweifle daran. . d — Und ich werde Euch ſo gluͤcklich machen, als Ihr es zu ſein verdient. — Ach, gnaͤdige Frau, mein einziges Glück iſt jetz, ungluͤcklich zu ſein. — Ich bin ſehr beharrlich, ich ſage es Euch im Voraus, erwiderte Johanna. — Und ich denn! ſagte Buſſy. — Graf, Ihr werdet nachgeben. — Hoͤrt, gnaͤdige Frau, ſagte der junge Mann, laßt uns als gute Freunde reiſen. Laßt uns zuvoͤrderſt dieſe Sandſteppe verlaſſen, wenns Euch beliebt, dann wollen wir zum Nachtlager dieſes reizende kleine Dorf erreichen, das dort in der Sonne glaͤnzt. — Dieſes da oder irgend ein anderes. — Mir gleich, ich habe keinen Vorzug. — Dann begleitet Ihr uns alſo? — Bis nach dem Orte, wohin ich gehe, voraus⸗ geſetzt, daß Ihr nichts Unpaſſendes darin ſehet. — Durchaus nicht, im Gegentheile. Aber macht es beſſer, kommt dort mit hin, wohin wir gehen. — Und wo geht Ihr hin? — Nach dem Schloſſe Meridor. Das Blut ſtieg Buſſy zu Kopfe und ſtroͤmte wie⸗ der nach ſeinem Herzen zuruͤck. Er wurde ſelbſt ſo leich, daß es um ſein Geheimniß geſchehen geweſen jaͤre, wenn Johanna nicht gerade in dieſem Augenblicke oren Gatten laͤchelnd angeſehen haͤtte. Buſſy hatte alſo Zeit, ſich wieder zu faſſen, waͤh⸗ id die beiden Gatten oder vielmehr die beiden Lieben⸗ Die Dame von Monſoreau. Zweiter Band. 16 oaoaoaͤaaͤſͤſͤſſ den ſich mit den Augen mit einander unterhielten, und der jungen Frau Schelmerei durch Schelmerei zu erwi⸗ dern; nur beſtand ſeine Schelmerei in einem gaͤnzlichen Schweigen uͤber ſeine Abſichten. — Nach dem Schloſſe Meridor, gnaͤdige Frau, ſagte er, als er wieder Kraft genug geſammelt hatte, um dieſen Namen auszuſprechen. Was iſt das? Ich bitte Euch.. — Das Gut einer meiner lieben Freundinnen, ant⸗ wortete Johanna. — Eine Eurer lieben Freundinnen,.. und... fuhr Buſſy fort, die ſich auf ihrem Gute befindet? — Ohne Zweifel, antwortete Frau von Saint⸗Luc, welche durchaus Nichts von den ſeit zwei Monaten in Méridor vorgefallenen Ereigniſſen wußte. Habt Ihr denn niemals von dem Baron von Meridor ſprechen hoͤren, einem der reichſten Barone von Poitou, und.. — und, wiederholte Buſſy, als er ſah, daß Jo⸗ hanna innehielt. — und von ſeiner Tochter, Diana von Meridor, der ſchoͤnſten Barons-Tochter, die man jemals geſe⸗ hen hat? 5 — Nein, gnaͤdige Frau, erwiderte Buſſy, faſt vor Aufregung erſtickt. Und waͤhrend Johanna nochmals ihren Gatten mit einem ſonderbaren Ausdrucke anblickte, fragte ſich der ſchoͤne Edelmann in ſeinem Inneren, durch welches ſelt⸗ ſame Gluͤck er auf dieſer Reiſe, ohne Veranlaſſung, ohnt daß es mit Etwas zuſammenhinge, Leute faͤnde, die ——— —„—,; 1 mit ihm von Diana von Meridor ſpraͤchen, um das Echo des einzigen Gedankens zu machen, den er im Herzen trug. War das eine Ueberraſchung? Das war nicht wahr⸗ ſcheinlich. War es eine Falle? Das war faſt unmoͤglich. Saint⸗Luc war bereits nicht mehr in Paris, als er zu Frau von Monſoreau eingetreten war, und als er er⸗ fahren hatte, daß Frau von Monſoreau ſich Diana von Méridor nenne. — Und iſt dieſes Schloß noch ſehr weit, gnaͤdige Frau? fragte Buſſy. — Noch ſieben Stunden, wie ich glaube, und ich moͤgte Euch eine Wette anbieten, daß wir dort, und nicht in Eurem kleinen, in der Sonne glaͤnzenden Dorfe, zu welchem ich uͤbrigens, wie Ihr ſo eben geſehen, durchaus kein Vertrauen hatte, uͤbernachten werden. Ihr kommt mit, nicht wahr? — Ja, gnaͤdige Frau. — Schoͤn, ſagte Johanna, das i*ſt bereits ein Schritt, dem Gluͤcke zugethan, das ich Euch anbot. Buſſy verneigte ſich und fuhr fort, neben den bei⸗ den jungen Eheleuten zu reiten„ welche, zu Folge der Verpflichtungen, die ſie gegen ihn hatten, eine liebens⸗ vuͤrdige Miene machten. Wäͤhrend einiger Zeit ſchwieg eder. Endlich wagte Buſſy, der noch gar Vieles zu er⸗ ahren hatte, zu fragen. Das war das Vorrecht ſeiner ztellung, und er ſchien uͤbrigens entſchloſſen, es zu be⸗ tzen. — und was fuͤr ein Mann iſt dieſer Baron von 16 Meridor, der reichſte von Poitou, von dem Ihr mir ſprachet? fragte er. — Ein vollkommener Edelmann, ein Tapferer der alten Zeit, ein Ritter, der, wenn er zur Zeit Koͤnig Arthurs gelebt, zuverlaͤſſig einen Platz an der Tafel⸗ runde erlangt haͤtte. — und, fragte Buſſy, indem er die Muskeln ſei⸗ nes Geſichts und die Aufregung ſeiner Stimme unter⸗ druͤckte, an wen hat er ſeine Tochter verheirathet? — Seine Tochter verheirathet? — Ich frage es. — Diana verheirathet? — Was laͤge Ungewoͤhnliches darin? — Nichts; aber Diana iſt nicht verheirathet; zuver⸗ aͤſſig waͤre ich zuerſt von dieſer Heirath benachrichtigt worden. Buſſys Herz wurde beklommen und ein ſchmerzli⸗ cher Seufzer machte ſich aus ſeiner zuſammengeſchnuͤr⸗ ten Kehle Luft. — Dann befindet ſich alſo Fraͤulein von Meridor mit ihrem Vater auf dem Schloſſe? fragte er. — Wir hoffen es wohl, antwortete Saint⸗Luc, in⸗ dem er dieſe Antwort betonte, wie um ſeiner Gattin zu zeigen, daß er ſie verſtanden haͤtte, und daß er ihre An ſichten theile und ſich ihren Plaͤnen anſchloͤſſe. Es entſtand ein Moment des Schweigens, waͤt rend deſſen jeder ſeinen Gedanken nachhing. — Ah, rief ploͤtzlich Johanna aus, indem ſie ſi auf ihren Steighuͤgeln erhob, da ſind die Thuͤrme is 3 4 8 Schloſſes. Da, da, ſeht Ihr, Herr von Buſſy, in Mitte dieſer großen Waͤlder ohne Laub, die aber in ei⸗ r nem Monate ſo ſchoͤn ſein werden; da, ſeht Ihr das Schieferdach? ⸗— O ja, gewiß, ſagte Buſſy mit einer Gemuͤths⸗ bewegung, welche dieſes tapfere, bis dahin ein wenig i⸗ ſcheu gebliebene Herz ſelbſt verwunderte, ja, ich ſehe. r⸗ Das iſt alſo das Schloß Méridor? Und durch eine natuͤrliche Ruͤckwirkung der Gedan⸗ ken erinnerte er ſich bei dem Anblicke dieſer ſelbſt zur Zeit der Trauer der Natur ſo ſchoͤnen und ſo reichen Gegend, bei dem Anblicke dieſer herrſchaftlichen Woh⸗ 4 nung, der armen, in dem Nebel von Paris und in dem er⸗ erſtickenden Winkel der Straße Saint⸗Antoine begrabe⸗ 4 igt nen Gefangenen. 1 Dieſes Mal ſeufzte er wieder, aber es war nicht 8 li⸗ mehr ganz vor Schmerz. Dadurch, daß ſie ihm Gluͤck ͤr⸗ verſprochen, hatte Frau von Saint⸗Luc ihm Hoffnung gegeben. dor in⸗ Ende des zweiten Bandes. zu 4 An at ſ 8 s 3 1 Gedruckt bei C. Schumann in Schneeberg. 4 . In gleichem Verlage iſt erſchienen: Schwaning oder die Jeſuiten und ihre Ränke in unſeren Tagen⸗ Eine Zeitgeſchichte von Georg Heſekiel, Verfaſſer von„Royaliſten und Republikaner ꝛc.“ Motto: „Wir haben uns eingeſchlichen wie Lämmer, „Wir werden regieren wie Wölfe, „Man wird uns verjagen wie Hunde, „Wir werden uns verjüngen wie Adler! (Prophezeihung des Jeſuitengenerals Lorenzo Ricci von ſeinem Orden.) In eine hochadelige, zur ehemaligen unmittelbaren Reichsritterſchaft gehörende, ſeit Jahrhunderten als wahre Väter ihrer Unterthanen in den ſehr ausgedehnten und reichen Beſitzthümern waltende Familie, wird, den Fami⸗ lienhäuptern unbewußt, ein Jeſuit als Lehrer und Erzie⸗ her des einzigen männlichen Erben eingeführt. Seit länger als einem Jahrhundert hatten die Reichs⸗ freien Herren von Schwaning, der katholiſchen Kirche zu⸗ gethan, ſich faſt als Regel nur mit proteſtantiſchen Fraͤu⸗ leins aus guter Familie vermählt, aber mit echt chriſtlicher Duldſamkeit ſtets darauf gehalten, und durch die Ehecon⸗ — tracte ausdrücklich feſtgeſetzt, daß die proteſtantiſchen Ge⸗ mahlinnen ſowohl ungeſtört und frei ihrem Glauben an⸗ hängen, als deren Toͤchter ſtets wieder im proteſtantiſchen Glauben erzogen werden müßten. Der Großvater des obenerwähnten Jeſuitenzöglings, ein ehrwürdiger, biederer Greis, hing noch mit inniger Verehrung an ſeiner längſtentſchlafenen Mutter, einer Proteſtantin. Auch die Mutter ſeines Enkels war von Geburt eine Gräfin aus proteſtantiſchem Geſchlecht, und nebſt ihrer einzigen Tochter dieſem Religionsbekenntniß in⸗ nig ergeben. Dies die Data, auf welchen die Geſchichte ruht, ich will von deren Ausführung weiter Nichts erwähnen, ſon⸗ dern deute nur auf das Motto hin, welchem man ſchon einigermaßen entnehmen kann, wie der in dieſe Familie ſich eindrängende Jeſuit ſeinen Einfluß zum Verderben der⸗ ſelben verwendete. Wohlfeile Ausgabe von Alexander Dumas Schrikten, (neueſten hiſtoriſchen Romanen) das Bändchen zu Thlr.(18 Kr. Rhein.) als: Athos, Porthos und Aramis, oder die drei Mousquetaire. Aus dem Franzöſiſchen von W. L. Weſché. 13 Bdchn. 2 ½ Thlr. Artagnan, oder zwanzig Jahre ſpäter. Fortſetzung der drei Mousquetaire 1—12. Bdchn. 2 Thlr., dem als Schluß dieſer: Trilogie, wie der Verfaſſer es nennt, nächſtens noch folgen wird: Der Graf von Bragelonne, oder zehn Jahre ſpäter. 8— 12 Bändchen. — 5 ͤ — — 5 ͤ —