IrATA Earananar Aunnanhnanhnhnhnhnhahnananhnhnhnanhranhnananhranhehnar. arararar uhraTAnAnhuhnhnauhGAhanhhnh Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —— 6 auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 4 Kr. „„:„„ 2, 12„„„ „ 1„= ⸗, 36„— 27„— 2 Irararaan anananananan IrarA arhrATArhEAnAEATAArTTTATHTREAEREAEATATAEALATATATATArT (Mlerander Dumas 4 hriften. Deutſch “ von Wilhelm Ludwig Weſché. Sunfzehnter Fheil. Teipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 18+ 6. Dame von Monſoreau. Hiſtoriſcher Roman von Alexander DBumas.. 4 Aus dem Franzöſiſchen überſetzt 1 von SWilhelm Wudwig SWeſche. b B Erſter Band. Leipzig, 4 Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1 ₰ 4 6. Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. —ÿ—ℳx; ä 1. St. Luc's Hochzeitsfeſt. Am Faſtnachts⸗Sonntage des Jahres Ein Tauſend ſuͤnf Hundert acht und ſiebenzig begann nach dem Volks⸗ feſte und waͤhrend in den Straßen das Getoͤſe des luſti⸗ gen Tages erſtarb, ein glaͤnzendes Feſt in dem pracht⸗ vollen Hotel, das ſich auf der anderen Seite des Waſ⸗ ſers, und faſt dem Louvre gegenuber, die erlauchte Familie Montmorency vor Kurzem hatte erbauen laſſen, welche, mit der koͤniglichen Familie verwandt, mit den zum Zwecke, die Hochzeit Franz d' Epinay von Saint⸗ Luc, eines großen Freundes Koͤnig Heinrichs des dritten, und eines ſeiner vertrauteſten Guͤnſtlinge, mit Jeanne von Coſſé⸗Briſſac, der Tochter des Marſchalls von Frankreich dieſes Namens, zu feiern. 8 5 Das Mahl hatte im Louvre ſtattgefunden„ Koͤnig, welcher mit großer Muhe i dieſe He und der prinzlichen Familien gleichen Rang behauptete. Dieſes Privatfeſt, welches auf das oͤffentliche Feſt folgte, hatte rath ein⸗ — 8— gewilligt, war mit einem ſtrengen Geſichte bei dem Feſte erſchienen, das durchaus nichts fuͤr das Feſt Geeignetes hatte. Sein Koſtuͤm ſchien außerdem mit ſeinem Geſich⸗ te in Einklang; es war jenes dunkelbraune Koſtuͤm, un⸗ ter welchem uns ihn Clouet der Hochzeit Joyeuſes bei⸗ wohnend gezeigt hat, und dieſes gleichſam bis zur Majeſtaͤt ernſte koͤnigliche Geſpenſt hatte Jedermann bis zum Entſetzen erſtarrt, und vor Allen die junge Braut, welche er jedes Mal, wenn ſie ihn anblickte, ſehr un⸗ gnaͤdig anſah. Indeſſen ſchien dieſe finſtere Haltung des Koͤnigs in Mitte der Freude des Feſtes Niemandem ſeltſam, denn die Urſache davon war eines jener Hofgeheimniſſe, an denen Jedermann, wie an jenen vom Waſſer kaum be⸗ deckten Felſenriffen, an denen man gewiß iſt zu ſcheitern, wenn man ſie beruͤhrt, vorſichtig voruͤber ſteuert. Kaum war das Mahl beendigt, als der Koͤnig ploͤtz⸗ lich aufgeſtanden, und Jedermann, ſelbſt diejenigen, wel⸗ che leiſe ihren Wunſch an der Tafel zu bleiben eingeſtan⸗ den, genoͤthigt war, dem Beiſpiele des Koͤnigs zu fol⸗ gen.— Nun hatte Saint⸗Luc einen langen Blick auf ſeine Gattin geworfen, wie um Muth aus ihren Augen zu ſchoͤpfen, und indem er ſich dem Koͤnige naͤherte, ſag⸗ te er zu ihm:. — Sire, wird Eure Majeſtaͤt mir die Ehre erweiſen das Tanzfeſt anzunehmen, das ich Ihr heute Abend im Hotel Montmorency geben will? Heinrich III. hatte ſich nun mit einer Miſchung von Zorn und von Kummer umgewandt, und da Saint⸗ —— — —— 1 Saint⸗Luc, um weiter in ihn zu dringen; ſie vergrub demnach ihre Neugierde in der Tiefe ihres Herzens, in⸗ — Luc, vor ihm gebeugt, ihn mit der bittendſten Stimme und der einladendſten Miene anflehete, ſo hatte er ge⸗ antwortet: — Ja, Herr, wir werden kommen, obgleich Ihr gewißlich dieſen Beweis von Freundſchaft von unſerer Seite nicht verdient. Nun hatte das Frau von Saint⸗Luc gewordene Fraͤulein von Briſſac dem Koͤnige unterthaͤnigſt gedankt. Aber Heinrich hatte den Ruͤcken gewandt, ohne auf ihre Dankſagungen zu antworten. j — Was hat denn der Koͤnig gegen Euch, Herr von Saint⸗Luc? hatte nun die junge Frau ihren Gatten ge⸗ fragt. 1 — Meine ſchoͤne Freundin, antwortete Saint⸗Luc, ich werde Euch das ſpaͤterhin erzaͤhlen, wenn dieſer große Zorn voruͤbergegangen iſt. — und wird er voruͤber gehen? fragte Jeanne. — Er muß es wohl, antwortete der junge Mann. Fraͤulein von Briſſac war noch nicht genug Frau von dem ſie ſich feſt vornahm einen Moment zu finden, an welchem Saint⸗Luc wohl genoͤthigt ſein wuͤrde, i Bedingungen anzunehmen. 1 8 Man erwartete alſo Heinrich III. im Hotel Mont⸗ morency in dem Augenblicke, wo ſich die Geſchichte er⸗ oͤffnet, welche wir unſeren Leſern erzaͤhlen wollen. Nun aber war es bereits eilf Uhr Abends, und der Koͤnig war noch nicht angekommen.„ — 10— Saint⸗Luc hatte zu dieſem Balle Alles das, was der Koͤnig, und Alles das, was er ſelbſt an Freunden hatte, eingeladen; er hatte in den Einladungen die Prin⸗ zen und die Freunde der Prinzen, beſonders diejenigen unſerer alten Bekanntſchaft begriffen, den, ſeit der Thron⸗ beſteigung Heinrichs des Dritten, Herzog von Anjou ge⸗ wordenen Herzog von Alengon; aber der Herzog von Anjou, welcher ſich nicht bei dem Feſte im Louvre ein⸗ gefunden hatte, ſchien ſich gleicher Weiſe nicht bei dem Feſte im Hotel Montmorency einfinden zu wollen. Was den Koͤnig und die Koͤnigin von Bearn anbe⸗ trifft, ſo hatten ſie ſich nach Bearn gefluͤchtet und leiſte⸗ ten offenen Widerſtand, indem ſie an der Spitze der Hugenotten Krieg fuͤhrten. Seiner Gewohnheit nach bildete der Herzog von Anjou gleichfalls eine Oppoſition, aber eine geheime und im Dunkeln ſchleichende Oppoſitiott) bei welcher er ſtets Sorge trug, im Hinterhalte zu bleiben, indem er immer⸗ hin diejenigen ſeiner Freunde vorſchob, welche das Bei⸗ ſpiet la Mole's und Coconnas nicht geheilt hatte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſeine Hofleute und die des Koͤnigs in ſchlechtem Einverſtaͤndniſſe lebten, das zum Mindeſten monatlich zwei bis drei Male Duelle her⸗ bei fuͤhrte, bei denen es etwas Seltenes war, wenn nicht irgend einer der Kämpfenden todt, oder zum Min⸗ deſten gefaͤhrlich verwundet auf dem Platze blieb. Was Katharina anbelangt, ſo hatte ſie den Gipfel ihrer Wuͤnſche erreicht. Ihr geliebter Sohn war auf dieſen Thron gelangt, nach dem ſie ſo ſehr fuͤr ihn, oder 11 vielmehr fuͤr ſich geſtrebt, und ſie regierte unter ſeinem Namen, wobei ſie immerhin das Anſehn hatte, ſich von den irdiſchen Dingen los zu ſagen, und nur noch fuͤ das Heil ihrer Seele beſorgt zu ſein. d Ganz beunruhigt, keine koͤnigliche Perſon anlangen zu ſehen, ſuchte Saint⸗Luc ſeinen uͤber dieſe drohende Abweſenheit ſehr erſchuͤtterten Schwiegervater zu beruhigen. Wie Jedermann, von der Freundſchaft uͤberzeugt, welche Koͤnig Heinrich fuͤr Saint⸗Luc hegte, hat er ſich mit einer Gunſt zu verbinden geglaubt, und jetzt heirathete ſeine Tochter im Gegentheile Etwas, das wie eine Un⸗ gnade ausſah. Saint⸗Luc gab ſich alle erdenkliche Muͤhe, ihm eine Zuverſicht einzufloͤßen, die er ſelbſt nicht hatte, und ſeine Freunde Maugiron, Schomberg und Quelus, in ihren praͤchtigſten Koſtuͤmen, ganz ſteif in ihren glaͤn⸗ zenden Waͤmmſern, deren ungeheure Krauſen, wie bei dem Feſte des Herodes, Schuͤſſeln glichen, welche ihre Koͤpfe trugen, erhoͤheten dieſe Bangigkeit noch durch ihr ſpoͤttiſches Bedauern. 3 — Ei, mein Gott, mein armer Freund, ſagte Que⸗ lus, ich glaube wahrlich, daß Du dieſes Mal verloren biſt! Der Koͤnig iſt Dir boͤs, weil Du Dich uͤber ſei⸗ nen Rath luſtig gemacht haſt, und Herr von Anjou iſt hen boͤs, weil Du Dich uͤber ſeine Naſe luſtig gemacht haſt. — Aber nein, antwortete Saint Luc, der Koͤnig kommt nicht, weil er eine Wallfahrt zu den Franzis⸗ kanern des Waldes von Vincennes gemacht hat, und der Herzog von Anjou iſt abweſend, weil er in irgend eine Frau verliebt iſt, die ich einzuladen vergeſſen haben werde. — Ja doch, ſagte Maugiron, haſt Du die Miene geſehn, welche der Koͤnig bei dem Mittageſſen machte? Iſt das das vaͤterliche Geſicht eines Mannes, welcher den Pilgerſtab nehmen will, um eine Wallfahrt zu ma⸗ chen? Und was den Herzog von Anjou anbelangt, wuͤr⸗ de ſeine perſoͤnliche, durch den Grund, welchen Du an⸗ giebſtz, erklaͤrte Abweſenheit ſeine Angevins*) abhalten zu kommen? Siehſt Du einen Einzigen von ihnen hier? Blick um Dich, gaͤnzliche Sonnenfinſterniß, nicht einmal dieſer Prahler von Buſſy. — Ach, Ihr Herrn, ſagte der Herzog von Briſſac, indem er auf eine verzweifelte Weiſe den Kopf ſchuͤttelte, das macht mir ganz den Eindruck einer vollſtaͤndigen Un⸗ gnade. In was, mein Gott, hat denn unſer der Mon⸗ archie immer ſo ergebenes Haus Seiner Majeſtaͤt miß⸗ fallen koͤnnen? Und der alte Hofmann erhob voller Schmerz ſeine beiden Arme gen Himmel. Die jungen Leute blickten Saint⸗ Luc mit lautem Gelaͤchter an, welches, weit entfernt den Marſchall zu beruhigen, ihn in Verzweifelung brachte. *) Da die Worte Angevin und Mignon ſo oft vorkommen, und es keine eigentliche Ueberſetzung dafuͤr giebt, ſo be⸗ halten wir ſie. Angevins hießen die vertrauten Hof⸗ leute des Herzogs von Anjou, wie die des Konigs Mignons genannt wurden. D. Ueberſ. . — — 13— Gedankenvoll und ſinnend fragte ſich die Neuver⸗ ehelichte wie ihr Vater, in was Saint⸗Luc dem Koͤnige haͤtte mißfallen koͤnnen. Saint⸗Luc wußte es, und dadurch, daß er es wußte, war er der am Mindeſten Ruhige von Allen. P1ͤtzlich meldete man an einer der beiden Thuͤren, durch welche man in den Saal trat, den Koͤnig. Ah, rief der Marſchall vor Freude ſtrahlend aus, jetzt fuͤrchte ich Nichts mehr, und wenn ich den Herzog von Anjou melden hoͤrte, ſo wuͤrde meine Zufriedenheit vollſtaͤndig ſein. — und ich, murmelte Saint⸗Luc, ich fuͤrchte mich noch bei Weitem mehr vor dem anweſenden, als vor dem abweſenden Koͤnige, denn er kommt nur, um mir irgend einen ſchlimmen Poſſen zu ſpielen, wie gleichfalls der Herzog von Anjou deshalb nicht kommt, um mir auch irgend einen ſchlimmen Poſſen zu ſpielen. Aber trotz dieſen betruͤbten Betrachtungen eilte er nichts deſto weniger dem Koͤnige entgegen, der endlich ſein finſteres kaſtanienbraunes Koſtuͤm abgelegt hatte, und der ganz ſtrahlend von Atlas, Federn und Edelſteinen heranſchritt. Aber in dem Augenblicke, wo der Koͤnig Heinrich III. an der einen der Thuͤren erſchien, erſchien ein anderer Koͤnig Heinrich III., genau dem erſteren gleich gekleidet, beſchuhet, friſirt, eben ſo geſchniegelt und gebuͤgelt, durch die gegenuͤber ſtehende Thuͤre, ſo daß die einen Augen⸗ blick lang nach dem Erſteren fortgeriſſenen Hofleute gleich der Welle an dem Bruͤckenpfeiler aufgehalten wurden, — 14— und wirbelnd von dem erſten Koͤnige nach dem zweiten Koͤnige zuruͤck ſtroͤmten. Heinrich III. bemerkte die Bewegung, und da er nur aufgeſperrte Maͤuler, verwirrte Augen und ſich auf einem Beine drehende Koͤrper vor ſich ſah, ſo fragte er: — He, Ihr Herrn, was giebt es denn? Ein langes Gelaͤchter antwortete ihm. Von Natur wenig geduldig, und beſonders in die⸗ ſem Augenblicke wenig zur Geduld geſtimmt, begann der Koͤnig die Stirn zu runzeln, als Saint-Luc zu ihm tretend ſagte: — Sire, Chicot, Euer Hofnarr, hat ſich gerade ſo wie Eure Majeſtaͤt gekleidet, und reicht den Damen ſei⸗ ne Hand zum Kuͤſſen. 3 Heinrich III. begann zu lachen. Chicot genoß an dem Hofe des letzten Valois eine Freiheit, welche dreißig Jahre zuvor Triboulet an dem Hofe Koͤnig Franz I. ge⸗ noß, und welche vierzig Jahre ſpaͤter Cangely an dem Hofe Koͤnig Ludwigs XIII. genießen ſollte. Das kam daher, weil Chicot kein gewoͤhnlicher Narr war. Bevor er ſich Chicot nannte, hatte er ſich von Chicot genannt. Er war ein Bretagniſcher Edelmann, welcher, von Herrn von Mayenne mißhandelt, ſich zu Heinrich III. gefluͤchtet hatte, und der in zuweilen grau⸗ ſamen Wahrheiten den Schutz vergalt, welchen ihm der Nachfolger Karl's IX. hatte angedeihen laſſen. — He! Meiſter Chicot, ſagte Heinrich, zwei Könige hier, das iſt viel. — In dieſem Falle laß mich ferner meine Rolle als — 15— Koͤnig nach meiner Weiſe ſpielen, und ſpiele Du die Rolle des Herzogs von Anjou nach der Deinigen; vielleicht wird man Dich fuͤr ihn halten, und man wird Dir Dinge ſagen, welche Dich lehren werden, nicht was er denkt, ſondern was er thut. — In der That, ſagte der Koͤnig, indem er miß⸗ muthig um ſich blickte, mein Bruder von Anjou iſt nicht gekommen.* — Ein Grund mehr, daß Du ſeine Stelle vertrittſt. das iſt abgemacht: ich bin Heinrich und Du biſt Franz; ich werde fuͤr Dich alle die Affereien der Krone ausfuͤh⸗ ren, und Du wirſt Dich waͤhrend dieſer Zeit ein wenig beluſtigen. Armer Koͤnig! Der Blick des Koͤnigs verweilte auf Saint⸗Luc. — Du haſt Recht, Chicot, ich will tanzen. — Zuverlaͤſſig, dachte Briſſac, ich hatte mich geirrt, als ich den Koͤnig für erzuͤrnt gegen uns hielt. Der Koͤnig iſt ganz im Gegentheile liebenswuͤrdiger Laune. Und er eilte zur Rechten und zur Linken, indem er Jedermann und beſonders ſich ſelbſt Gluͤck wuͤnſchte, ſei⸗ ne Tochter einem Manne gegeben zu haben, der einer ſo großen Gunſt bei dem Koͤnige genoͤße.. Waͤhrend deſſen hatte ſich Saint⸗Luc ſeiner Frau genaͤhert, Fraͤulein Briſſac war keine Schoͤnheit, aber ſie hatte reizende ſchwarze Augen, weiße Zaͤhne und ei⸗ ne blendende Haut; Alles dies verlieh ihr dasjenige, was man ein geiſtreiches Geſicht nennen kann. — Mein Herr, ſagte ſie, immer mit einem einzigen Gedanken beſchaͤftigt, zu ihrem Gatten,— warum ſagte 4 — — 16— man mir, daß der Koͤnig ungehalten auf mich ſei? Seit⸗ dem er gekommen, hoͤrte er nicht auf, mir zuzulaͤcheln. — Das ſagtet Ihr mir nicht bei der Ruͤckkehr von dem Mittagseſſen, theure Jeanne, denn da erregte ſein Blick Euch Furcht. — Seine Majeſtaͤt war damals ohne Zweifel uͤbel gelaunt, ſagte die junge Frau; jetzt— — Jetzt iſt es weit ſchlimmer, ſagte Saint⸗Luc, der Koͤnig laͤchelt gezwungen. Es waͤre mir weit lieber, wenn er mir die Zaͤhne wieſe. Jeanne, meine arme Freundin, der Koͤnig bereitet uns irgend eine verraͤtheri⸗ ſche Ueberraſchung.— O, blickt mich nicht ſo zaͤrtlich an, ich bitte Euch,— und kehrt mir ſelbſt den Ruͤcken zu. Da kommt gerade Maugiron auf uns zu;— haltet ihn zuruͤck, bemaͤchtigt Euch ſeiner, ſeid liebenswuͤrdig gegen ihn. — Wißt Ihr, mein Herr, ſagte Jeanne laͤchelnd, daß das eine ſeltſame Anempfehlung iſt, und daß wenn ich ſie buchſtaͤblich befolgte man glauben koͤnnte.. — Ah, ſagte Saint⸗ Luc mit einem Seufzer, es waͤre ſehr erfreulich, wenn man es glaubte. Und indem er ſeiner Frau den Ruͤcken wandte, de⸗ ren Erſtaunen auf das Hoͤchſte geſtiegen war, ging er Chicot den Hof zu machen, der ſeine Rolle als Koͤnig mit einer Waͤrme, mit einer Majeſtaͤt ſpielte, die nicht laͤcherlicher ſein konnte. Den Urlaub benutzend, der Seiner Hoheit gegeben war, tanzte Heinrich waͤhrend dieſer Zeit. Aber im Tan⸗ zen verlor er Saint⸗Luc nicht aus dem Geſichte. Bald rief er ihn, um ihm irgend einen merkwuͤrdi⸗ gen Scherz zu erzaͤhlen, welcher, ſpaßhaft oder nicht, das Vorrecht hatte, Saint⸗Luc in ſchallendes Gelaͤch⸗ ter ausbrechen zu laſſen. Bald bot er ihm aus ſeiner Confectbuchſe gebrannte Mandeln oder uͤberzuckerte Fruͤch⸗ te an, welche Saint⸗ Luc koͤſtlich fand. Endlich, wenn Saint⸗Luc einen Augenblick lang aus dem Saale ver⸗ ſchwand, in welchem ſich der Koͤnig befand, um in den anderen Saͤlen die Honneurs des Hauſes zu machen, ſo ließ ihn der Koͤnig auf der Stelle durch einen ſeiner Pa⸗ gen oder ſeiner Officiere rufen, und Saint⸗Luc kehrte zuruͤck, ſeinem Herrn zuzulaͤcheln, der nur zufrieden ſchien, wenn er ihn wieder ſah. Ploͤtzlich hoͤrte Heinrich ein Getoͤſe, das laut genug war, um in Mitte dieſes Getuͤmmels bemerkt zu wer⸗ den. — Ha, ha! Es ſcheint mir, daß ich die Stimme Chicots hoͤre. Hoͤrſt Du, Saint⸗ Luc, der Koͤnig wird boͤs. — Ja, Sire, ſagte Saint⸗Luc, ohne daß er die Anſpielung Seiner Majeſtaͤt zu bemerken ſchien, er ſtrei⸗ tet ſich mit Jemandem, wie mir ſcheint. — Sieh, was es giebt, ſagte der Koͤnig, und keh⸗ re auf der Stelle zuruͤck es mir zu ſagen. Saint⸗Luc entfernte ſich. In der That, man hoͤrte Chicot, welcher naͤſelnd ſchrie, wie es der Koͤnig bei gewiſſen Veranlaſſungen that. — Ich habe indeſſen Aufwandsgeſetze erlaſſen. Aber Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. 2 eelzebub, meit von Buſſy 8 Sei ſ ſpielte Koͤnig aufs Taͤuſchendſte. — Was ſagt indem er die ſpreizend Chicot den er denn von Buſſy? fragte der Koͤnig, Stirn runzelte. gekehrt war, ſich oͤffnende Me tgegen, wel⸗ „ und ſtellte ſich zur Sei⸗ zu laſſen. mberg und s hatten ſich n zu gen, ſo 5 ſo viel ht gut Beim Herr eizend tden önig, im chs ckte anz ter der d d n ſenheit des Herzogs von Alencon anſpielte, dem„Buſſy angehoͤrte, ei, da iſt der Diener, und man ſieht den Herrn nicht! — Geduld, antwortete Quelus; vor dem Diener be. fanden ſich die Diener des Dieners. Der Herr des Die⸗ ners kommt vielleicht hinter dem Herrn der erſten Die⸗ ner. — Sag doch, Saint⸗Luc, ſagte Schomberg, der juͤngſte der Mignons des Koͤnigs Heinrich, und dabei ei⸗ ner der tapferſten, weißt Du, daß Herr von Buſſy Dir eben keine Ehre erzeigt? Betrachte doch dieſes ſchwar⸗ ze Wamms. Gottes Tod! Iſt denn das ein Hochzeits⸗ kleid? — Nein, ſagte Quelus, ſondern es iſt ein Leichenbe⸗ gaͤngniß⸗Kleid. — Ha, murmelte Heinrich, warum iſt es nicht das ſeinige! Und warum traͤgt er nicht im Voraus ſeine ei⸗ gene Trauer! — Mit Alle dem, Saint⸗ Luc, ſagte Maugiron, folgt Herr von Anjou Buſſy nicht. Biſt du etwa auch auf dieſer Seite in Ungnade? Das auch traf Saint⸗Luc im Herzen. — Warum ſollte er denn Buſſy folgen? erwiderte Quelus. Erinnert Ihr Euch nicht mehr, daß, als Seine Majeſtaͤt Herrn Buſſy die Ehre erwies zu fragen, db er Ihr angehoͤren wolle, Herr von Buſſy Ihr antworten ließ, daß er, da er aus dem fuͤrſtlichen Hauſe von Cler⸗ mont waͤre, nicht noͤthig haͤtte, Jemandem anzugehoͤren, und ſich einzig und allein damit begnuͤge, ſich ſelbſt an⸗ 2* zugehoͤren, uͤberzeugt, daß er ſich ſo beſſer als Fuͤrſt be⸗ finden wuͤrde, als irgend einer auf der Welt. Der Koͤnig runzelte die Stirn und kauete an ſei⸗ nem Schnurrbart. — Indeſſen, was du auch ſagen magſt, Quelus, er⸗ widerte Maugiron, gehoͤrt er, wie mir ſcheint, doch Herrn von Anjou an. — Dann, antwortete Quelus kaltbluͤtiger Weiſe, kommt das daher, weil Herr von Anjou ein weit groͤ⸗ ßerer Herr, als unſer Koͤnig iſt. Dieſe Bemerkung war die beißendſte, welche man in Gegenwart Heinrichs aͤußern konnte, der den Herzog von Anjou immer bruͤderlicher Weiſe verabſcheuet hatte. Obgleich er nicht das geringſte Wort erwiderte, ſah man ihn demnach auch erbleichen. — Geht doch, geht doch, meine Herren, wagte Saint⸗ Luc mit Bangigkeit zu aͤußern, ein wenig Barmherzigkeit fuͤr meine Gaͤſte; verderbt mir meinen Hochzeitstag nicht. Dieſe Worte Saint⸗Lucs errinnerten Heinrich wahr⸗ ſcheinlicher Weiſe an Gedanken anderer Art. — Ja, ſagte er, laßt uns den Hochzeitstag Saint⸗ Lucs nicht verderben, meine Herren. Und er ſprach dieſe Worte aus, indem er ſeinen Schnurrbart mit einer ſchlauen Miene kraͤuſelte, welche dem armen Neuvermaͤhlten nicht entging. — Ei, rief Schomberg aus, Buſſy iſt alſo jetzt ein Verbuͤndeter der Briſſacs? — Warum das? ſagte Maugiron. — Weil ihn Saint⸗Luc jetzt vertheidigt. Was der * — 21— Teufel! Auf dieſer armen Welt, auf welcher man genug zu thun hat, ſich ſelbſt zu vertheidigen, vertheidigt man nach meiner Meinung nur ſeine Verwandten, ſeine Ver⸗ buͤndeten und ſeine Freunde. — Herr von Buſſy iſt weder mein Verbuͤndeter, noch mein Freund, noch mein Verwandter, meine Herren, ſagte Saint⸗ Luc, er iſt mein Gaſt. Der Koͤnig ſchleuderte Saint⸗Luc einen wuͤthenden Blick zu. — Und außerdem,— bheeilte ſich dieſer von dem Blicke des Koͤnigs vernichtet zu ſagen,— vertheidige ich ihn nicht im Mindeſten. Buſſy war gravitätiſch hinter den Pagen herange⸗ ſchritten, und ſtand im Begriffe den Koͤnig zu begruͤ⸗ ßen, als Chicot, verletzt, daß man Anderen, als ihm, die erſten Ehrerbietigkeits⸗Bezeigungen erwieſe, ausrief: — Ei hierher, hierher... Buſſy, Buſſy von Am⸗ boiſe, Ludwig von Clermont, Graf von Buſſy, da ich Dir durchaus alle Deine Namen geben muß, damit Du er⸗ kennſt, daß Du es biſt, den man anredet, ſiehſt Du nicht den wahren Heinrich; unterſcheideſt Du den Koͤnig nicht von den Narren? Der, zu welchem Du gehſt, iſt Chi⸗ cot, iſt mein Narr, mein Spaßmacher. Der, welcher ſo viel Albernheiten begeht, daß ich zuweilen vor Lachen daruͤber vergehe. Buſſy ſetzte ſeinen Weg fort, und befand ſich Hein⸗ rich gegenuͤber, vor dem er ſich verneigen wollte, als Heinrich zu ihm ſagte: — Hoͤrt Ihr nicht, Herr von Buſſy? Man ruft Euch. Und unter dem ſchallenden Gelaͤchter ſeiner Mignons wandte er dem jungen Großſprecher den Ruͤcken. 3 Buſſy wurde roth vor Zorn; aber ſeine erſte Re⸗ gung unterdruͤckend, that er, als ob er die Bemerkung des Koͤnigs als Ernſt naͤhme, und ohne ſich merken zu laſſen, daß er das Gelaͤchter von Quelus, Schomberg und Maugiron gehoͤrt haͤtte, ohne ſich merken zu laſſen, daß er ihr unverſchaͤm tes Laͤcheln geſehn, wandte er ſich nach Chicot um und ſagte: Ah! Vergebung, Sire, es giebt Koͤnige, welche dermaßen Luſtigmachern gleichen, daß Ihr mir hoffent⸗ lich verzeihen werdet, Euren Hofnarren fuͤr einen Koͤnig gehalten zu haben.. — Hm! murmelte Heinrich, indem er ſich umwandte. Was ſagt er doch? 4 Nichts, Sire, aͤußerte Saint⸗Lue, welcher waͤhrend dieſes ganzen Abends von dem Himmel die Sen⸗ dung als Friedensſtifter erhalten zu haben ſchien, Nichts, durchaus Nichts! 4 — Gleichviel, Meiſter Buſſy, ſagte Chicot, indem er ſich auf den Fußzehen aufrichtete, wie es der Koͤ⸗ nig that, wenn er ein majeſtaͤtiſches Anſehen annehmen wollte, das iſt unverzeihlich. — Sire, erwiderte Buſſy, verzeiht mir, ich war mit andern Dingen beſchaͤftigt. — Mit Euren Pagen, Herr, ſagte Chicot unwillig. Ihr richtet Euch in Pagen zu Grunde, und, Gottes Tod, greift dadurch in unſere Vorrechte ein. — Wie das? ſagte Buſſy, welcher einſah, daß, 4 23— wenn er mit dem Luſtigmacher anbaͤnde, die ſchlimme Rolle fuͤr den Koͤnig ſein wuͤrde. Ich bitte Eure Ma⸗ jeſtaͤt ſich zu erklaͤren, und wenn ich wirklich Unrecht gehabt habe, ſo werde ich es in aller Unterthaͤnigkeit ein⸗ geſtehn. — Goldtuch für dieſe Schlucker, ſagte Chicot, in⸗ dem er mit dem Finger auf die Pagen deutete, waͤhrend Ihr, ein Edelmann, ein Obriſt, ein Clermont, kurz faſt ein Prinz, einfach in ſchwarzen Sammet gekleidet ſeid! — Sire, ſagte Buſſy, indem er ſich nach den Mig⸗ nons des Koͤnigs umwandte, wenn man in einer Zeit lebt, in welcher Schlucker wie Prinzen gekleidet ſind, ſo glaube ich, daß es dem guten Geſchmacke der Prin⸗ zen angemeſſen iſt, ſich wie Schlucker zu kleiden, damit ſie ſich von ihnen unterſcheiden laſſen. Und er gab den jungen von Schmuck funkeln⸗ den Mignons das unverſchaͤmte Laͤcheln zuruͤck, mit dem ſie ihn einen Augenblick zuvor beſchenkt hatten. Heinrich blickte ſeine vor Wuth erbleichenden Mig⸗ nons an, die nur ein Wort von ihrem Herrn zu erwar⸗ ten ſchienen, um uͤber Buſſy herzufallen. Quelus, der feindſeligſte von allen gegen dieſen Edelmann, mit dem er ohne das ausdruͤcklichſte Verbot des Koͤnigs bereits ein Duell gehabt haͤtte, hatte die Hand an dem Griffe ſeines Schwertes. 3 — Sagt Ihr das fuͤr mich und die Meinigen? rief Chicot aus, elcher, da er die Stelle des Koͤnigs ein⸗ genommen, das antwortete, was Heinrich haͤtte antwor⸗ ten muͤſſen. —— — 24— Indeſſen hatten ſich die drei Freunde Buſſys, in der Vorausſetzung, daß es vielleicht zu einem Streite kommen wuͤrde, neben ihn geſtellt. Das waren Char⸗ les Balzac von Entragues, den man gewoͤhnlich Antra⸗ guet nannte, Livarot und Reiberac. Als er dieſe vorlaͤufigen Feindſeligkeiten ſah, errieth uc, daß Buſſy im Auftrage von dem Bruder ekommen waͤre, um irgend ein Aergerniß nehr als jemals, denn er fuͤhlte ſich en Zorne zweier feindlichen Maͤchte us zum Kampfplatz waͤhlten. er die Hand auf den een Mannes legte, ſagte Freund, maͤßi t lus aus. Der Fauſtſchl ch eben ſo gut, als mich; wer G inen von uns ſagt, ſagt Etwas gegen Alle, und wer Erwas Begen uns Alle ſagt, trifft den Koͤnig. — Qeulus, Quelus, ſagte Saint⸗Luc, dedenke, daß der Herzog von Anjou, welcher hinter Buſſy iſt⸗ um ſo mehr auf der Lauer ſteht, als er abweſend iſt, um ſo mehr zu fuͤrchten iſt, als er unſichtbar iſt. Ich ſetze voraus, daß Du mir nicht den Schimpf anthun wirſt zu glauben, daß ich mich etwa vor dem Diener fuͤrchte, ſondern vor dem Herrn!... — Ei, Gottes Tod! rief Quelus aus. Was hat man zu fuͤrchten, wenn man dem Koͤnig von Frankreich angehoͤrt? Wenn wir uns fuͤr ihn in Gefahr ſetzen, wird uns der Koͤnig von Frankreich beſchuͤtzen. — Dich, ja, aber mich! ſagte Saint⸗Luc auf eine klaͤgliche Weiſe. 1 — Ach den Henker! ſagte Quelus. Warum zum Teufel haſt Du Dich auch verheirathet, da du weißt, wie eiferſuͤchtig der Koͤnig in ſeinen Freundſchaften iſt? — Gut, ſagte Saint⸗Luc in ſeinem Inneren, Je⸗ der denkt an ſich. Vergeſſen wir uns demnach nicht ⸗ Und da ich zum Mindeſten waͤhrend der erſten vierzehn Tage meiner Ehe ruhig leben will, ſo wollen wir trach⸗ ten, uns Herrn von Alengon zum Freunde zu machen. Und nach dieſer Betrachtung verließ er Quelus und ſchritt auf Buſſy zu. — 26— II. Saint⸗ Luc's Hochzeitsfeſt. (Fortſetzung,) Nach ſeinem unverſchämten Ausfalle hatte Buſſy den Kopf wieder erhoben und ſeine Blicke in dem gan⸗ zen Saale herum ſchweifen laſſen, indem er die Ohren ſpitzte, um irgend eine Unverſchaͤmtheit gegen diejenige aufzufangen, die er hingeworfen hatte. Aber Aller Koͤ⸗ pfe hatten ſich abgewandt, Aller Lippen waren ſtumm geblieben. Die Einen fuͤrchteten ſich in Gegenwart des Koͤnigs zu billigen, die Anderen in Gegenwart Buſſy's zu mißbilligen. Als dieſer Letztere Saint⸗Luc ſich näͤhern ſah, glaubte er endlich dasjenige gefunden zu haben, was er ſuchte. ſagt habe, mein Herr, ſagte Buſſy, die Ehre der Un⸗ terhaltung, die Ihr zu wuͤnſchen ſcheint? „ 4 — Verdanke ich demjenigen, was ich ſo eben ge⸗ — — 27 — Dem, was Ihr ſo eben geſagt habt? fragte Saint⸗Luc mit ſeiner artigſten Miene. Was habt Ihr denn eben geſagt? Ich habe Nichts gehoͤrt; nein, ich hatte Euch geſehen und ich wuͤnſchte das Vergnuͤgen zu haben, Euch zu begruͤßen, und, indem ich Euch be⸗ gruͤßte, Euch fuͤr die Ehre zu danken, die Eure Gegen⸗ wart meinem Hauſe erzeigt. Buſſy war ein in allen Dingen ausgezeichneter Mann; tapfer bis zur Thorheit, aber wiſſenſchaftlich gebildet, geiſtreich und von feiner Erziehung. Er kannte den Muth Saint⸗Luc's und ſah ein, daß die Pflicht des Herrn vom Hauſe ihn in dieſem Augenblicke die Em⸗ pfindlichkeit des Guͤnſtlings uͤberwinden ließ. Jedem an— deren haͤtte er ſeine Worte, das heißt, ſeine Heraus⸗ forderung, wiederholt; aber er begnuͤgte ſich, Saint⸗ Luc hoͤflich zu begruͤßen und einige artige Worte auf ſein Kompliment zu erwiedern. — O, ol ſagte Heinrich, als er Saint⸗Luc bei Buſſy ſah, es ſcheint, daß mein junger Hahn den Groß⸗ ſprecher ausgeſcholten hat. Er hat wohl gethan, aber ich will nicht, daß man mir ihn toͤdtet. Seht doch nach, Quelus. Nein, nicht Ihr, Quelus, Ihr habt einen zu hitzigen Kopf. Seht doch nach, Maugiron. Maugiron ging wie ein Pfeil davon; aber Saint⸗ Luc, auf der Lauer, ließ ihn nicht bis zu Buſſy gelan⸗ gen, und zu dem Koͤnige zuruͤckkehrend, fuͤhrte er Mau⸗ giron mit zuruͤck.— 3 — Was haſt Du dieſem Gecken von Buſſy geſagt? fragte der Koͤnig. 4 — 28— — Ich, Sire? — Ja, Du. — Ich habe ihm guten Abend gewuͤnſcht, ſagte 1 Saint⸗Luc. — Ah, ah! Weiter Nichts? brummte der Koͤnig unwillig. Saint⸗ Lu c wurde gewahr, begangen haͤtte 4 — Ich habe ihm gewuͤnſcht, begann er wieder, indem ich hi ch morgen fruͤh i zu wuͤnſchen. ch dachte es mir, Hitz⸗ daß er eine Albernheit — Aber geruhe Eure huldreiche Ma Geheimniß zu bewahren, ſagte Saint⸗Luc. O, bei Gott, ich ſage Dir das nicht, um Dir Schwierigkeiten zu machen! Es iſt gewiß, daß, wenn unteſt, ohne daß fuͤr Dich hervorginge. 3 jeſtaͤt mir das .* unter ſich einen fluͤchtigen Blick aus, von dem Heinrich III. that, als ob er ihn nicht bemerke. — Denn am Ende, fuhr der Koͤn Schelm von einer Unverſchaͤmtheit — Ja, ja, ſagte Saint⸗Luc. Indeſſen, ſeid un⸗ beſorgt, Sire, ig fort, iſt der heute oder morgen wird er ſeinen Meiſter finden. — Hel aͤußerte der Koͤni und ſenkte. Er fuͤhrt das S g, indem er den Kopf hob chwerdt auf eine derbe Weiſe. — 29— Warum laͤßt er ſich nicht von irgend einem tollen Hunde beißen, wir waͤren dadurch ſeiner weit be Und er warf einen ſcheelen Blick auf Buſſy, — von ſeinen drei Freunden begleitet, hin und herging, in⸗ dem er alle diejenigen anſtieß und verſpottete, von denen er wußte, daß ſie am Feindſeligſten gegen den Herzog von Anjou, und dem zu Folge die groͤßten Freunde des Koͤnigs waͤren. toͤnig bin, ſo fuͤhre ich den⸗ noch das Schwerdt ni 3 i ob ich ein Hofnarr waͤre. — Ha, der Schalk! Wort, er ſieht richtig! — Wenn er mit ſolchen Scherzen fortfaͤhrt, Sire, * ſo werde ich Chicot zuͤchtigen, ſagte Maugiron. Reib Dich nicht an ihm, Maugiron; Chicot iſt Edel⸗ mann, und ſehr empfindlich im Punkte der Ehre. Außer⸗ dem iſt er es nicht, der am Meiſten gezüchtigt zu werden verdient, denn er iſt nicht der Unverſchaͤmteſte. Dieſes Mal war es nicht mehr moͤglich, ſich dar— uͤber zu taͤuſchen, Quelus gab d⸗O und d' Epernon ei⸗ nen Wink. — Meine Herren, ſagte Quelus, indem er ſie bei Seite fuͤhrte, kommt zu Rathe. Du, Saint⸗Luc dere mit dem Koͤnig, und ſchließe Deinen Frieden voll⸗ ſtaͤndig, der mir auf eine gluͤckliche Saint⸗Luc zog dieſe letztere murmelte Heinrich. Auf mein ſich dem Koͤnige und Chicot, waren. Waͤhrend dieſer Zeit fuͤhrte Que de in eine Fenſterbruͤſtung. — Nun! fragte d'Epernon, laß hoͤren Du ſagen? Ich war gerade im Begriffe, „ meine Herren, daß ich un⸗ uf die Jagd gehe. — Gut, ſagte d'O, auf welches Wild? — Auf die Wildeſchweinsjagd. 3 — Welche Laune faͤhrt Dir durch den Kopf, Dir bei der jetzigen Kaͤlte in irgend einem Gebuͤſch den Bauch aufreißen zu laſſen? — Gleichviel, ich gehe hin. — Allein?“ — Nicht doch, mit Maugiron und Schomberg. Wir jagen fuͤr den Koͤnig. — Ahl ja, ich verſtehe, Schomberg mit einander. — Der Koͤnig will, daß man ihm morgen einen Wildenſchweinskopf auftraͤgt. nem auf Italieniſche Weiſe zuruͤckgeſchla⸗ ſagten Maugiron und — Mit ei⸗ genen Kragen, fachen zuruͤckgeſchlagenen Kragen anſpiel im Gegenſatze zu den Krauſen der Mi — Ah, ah, die im Wortwechſel lus ſeine vier Freun⸗ „ was willſt Joyeuſes Frau —- 31— — Warum handelt es ſich denn? fragte d'O, ich weiß durchaus nicht, woran ich bin. — Wohlan! Blicke um Dich, mein Lieber. — Gut, ich ſehe. — Iſt Jemand da, der Dir unter die Naſe gelacht hat? — Ich meine Buſſy. — Nun, ſcheint es Dir nicht, daß das ein wildes Schwein iſt, deſſen Kopf dem Koͤnige angenehm waͤre? — Ou glaubſt, daß der Koͤnig... ſagte d'O. — Er iſt es, der ihn verlangt, antwortete Quelus. — Wohlan, es ſei! Auf die Jagd! Aber wie wer⸗ den wir jagen? — Auf dem Anſtand, das iſt weit ſicherer. Buſſy bemerkte die Berathung, und da er nicht zweifelte, daß von ihm die Rede waͤre, ſo kam er mit ſeinen Freunden ſpoͤttiſch lachend naͤher.- — Sieh doch, Antraguet, ſieh doch Ribeirac, ſagte er, wie ſie da zuſammen ſtehen, das iſt ruͤhrend; man koͤnnte glauben, es waͤre Euryalus und Niſus, Damon und Pythias, Caſtor und... Aber wo iſt denn Pollux? — Pollux verheirathet ſich, ſagte Antraguet, ſo daß Caſtor jetzt vereinzelt iſt. — Was moͤgen ſie da thun? fragte Buſſy, indem er ſie unverſchaͤmt anblickte. — Wetten wir, ſagte Ribeirac, daß ſie irgend ein neues Complott ſchmieden. — Nein, meine Herren, ſagte Quelus laͤchelnd, wir ſprechen von der Jagd. — Wahrhaftig, H ſehr kalt um zu jagen. ſpringen laſſen. — Wir haben ſehr warme Handſchuhe und gefuͤt⸗ terte Waͤmmſer, mein Herr, antwortete Maugiron mit derſelben Hoͤflichkeit. — Ah, das beruhigt mich, ſagte Buſſy. Geht Ihr etwa bald auf die Jagd? — Ei, vielleicht heute Nacht, ſagte Schomberg. — Es iſt kein Vielleicht vorhanden. Heute Nacht ſicher, fuͤgte Maugiron hinzu. — Ich will den Koͤnig davon benachrichtigen. Was wuͤrde Seine Majeſtaͤt ſagen, wenn Sie morgen fruͤh bei Ihrem Erwachen Ihre Freunde heiſer faͤnde. — Gebt Euch nicht die Muͤhe, den Koͤnig davon zu benachrichtigen, mein Herr, ſagte Quelus; Seine Ma⸗ jeſtaͤt weiß, daß wir jagen. — Die Lerche? aͤußerte Buſſy mit einer fragenden Miene, die nicht unverſchaͤmter ſein konnte. — Nein, mein Herr, ſagte Quelus, wir jagen den Eber. Wir muͤſſen durchaus einen Wildenſchweinskopf haben — Und das Thier?... fragte Antraguet. — Iſt umgangen, ſagte Schomberg. — Aber man muß auch noch wiſſen, wo es durch⸗ kommen wird, ſagte Livarot. — Wir werden uns daruͤber trachten, ſagte d'O. Jagt Ihr Buſſy? err Cupido, ſagte Buſſy, es iſt Das wird Euch die Haut auf⸗ Auskunft zu verſchaffen mit uns, Herr von —- 33— — Nein, antwortete dieſer, indem er das Geſpraͤch auf dieſelbe Weiſe fortſetzte. Nein, in Wahrheit, ich bin verhindert. Ich muß morgen bei Herrn von Alengon — Aber heute Nacht? fragte Quelus. — Ah! Heute Nacht kann ich wieder nicht, ich habe eine Zuſammenkunft in einem geheimnißvollen Hauſe der Faubourg Saint⸗Antoine. 1 — Ah, ahl aͤußerte d'Epernon. Waͤre etwa die Koͤ⸗ nigin Margot incognito in Paris, Herr von Buſſy? Denn wir haben erfahren, daß Ihr von de la Mole geerbt haͤttet. — Ja, aber ſeit einiger Zeit habe ich auf die Erb⸗ ſchaft verzichtet, und es andelt ſich, um eine andere Perſon. — und dieſe Perſon erwartet Euch Straße Faubourg Saint⸗Antoine? fragte d'O. — Ja, ganz recht; ich moͤchte Euch ſogar um einen Rath fragen, Herr von Quelus. — Sprecht. Obgleich ich kein Advokat bin, ſo ſchmeichele ich mir doch, keinen ſchlechten zu ertheilen, beſonders meinen Freunden. — Man ſagt, daß die Straßen in Paris wenig ſi⸗ cher ſeien; die Faubourg Saint⸗Antoine iſt ein ſehr ab⸗ gelegenes Ouartier. Welchen Weg rathet Ihr mir ein⸗ zuſchlagen? — Hm!l ſagte Quelus. Da der Faͤhrmann des Louvre Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. 3 — 34— uns ohne Zweifel die ganze Nacht uͤber erwarten wird, mein Herr, ſo wuͤrde ich an Eurer Stelle die kleine Faͤhre des Pré⸗aux⸗Cleres nehmen, mich an dem Eck⸗ thurme ans Land ſetzen laſſen, den Kai bis an das gro⸗ ße Chatelet entlang gehen, und durch die Straße de la Tixeranderie die Faubourg Saint⸗Antoine erreichen. Wenn Ihr, an dem Eingange der Straße Saint⸗An⸗ toine angelangt, an dem Hotel des Tournelles ohne Unfall voruͤber kommt, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß Ihr wohlbehalten an das geheimnißvolle Haus gelangen werdet, von dem Ihr uns ſo eben ſagtet. Ich danke Euch fuͤr die Angabe des Weges, Herr von Quelus, ſagte Buſſy.— Ihr ſagtet alſo, die Faͤhre des Pré⸗ aux⸗Clercs, den Eckthurm, den Kai bis an das große Chatelet, die Straße de la Tixeranderie und die Sraße Saint⸗Antoine.— Man wird um keine Li⸗ nie davon abweichen, ſeid unbeſorgt. Und indem er die fuͤnf Freunde gruͤßte, entfernte er ſich, wobei er ganz laut zu Balzac von Entragues ſagte: — Beſtimmt, Antraguet, es iſt Nichts mit dieſen Leuten da anzufangen; gehen wir fort! Livarot und Ribeirac begannen zu lachen, indem. ſie Buſſy und d' Entragues folgten, die ſich entfernten, die aber im Weitergehn ſich mehrere Male umwandten. Die Mignons blieben ruhig; ſie, ſchienen entſchloſſen, Nichts zu verſtehn. 39 Als Buſſy im Begriffe ſtand, durch den letzten Saal zu gehen, in welchem ſich Frau von Saint⸗Luc befand, die ihren Gatten nicht aus den Augen verlor, gab ihr — 35— Saint⸗Luc einen Wink, indem er mit dem Auge auf den Guͤnſtling des Herzogs von Anjou deutete, der ſich entfernte. Mit einem Scharfblick, welcher das Vorrecht der Frauen iſt, verſtand ihm Jeanne, und auf den Edelmann zueilend verſperrte ſie ihm den Weg. — O, Herr von Buſſy, ſagte ſie, man ſpricht von Nichts, als von einem Sonnet, das, wie man ver⸗ ſichert, Ihr gemacht habt. — Gegen den Koͤnig, gnaͤdige Frau? fragte Buſſy. — Nein, ſondern zu Ehren der Koͤnigin. Oh, ſagt es mir! — Sehr gern, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, indem er der Frau von Saint-Luc ſeinen Arm anbot; er ent⸗ fernte ſich, indem er ihr das Sonnet herſagte. 4 Waͤhrend dieſer Zeit kehrte Saint-Luc vorſichtig nach der Seite der Mignons zuruͤck, und er hoͤrte Que⸗ lus, welcher ſagte: — Mit ſolchen Faͤhrten wird es nicht ſchwierig ſein, dem Thiere zu folgen; demnach alſo: an der Ecke des Hotels des Tournelles, neben der Porte Saint⸗Antoi⸗ ne, dem Hotel Saint⸗Pol gegenuͤber. — Jeder mit einem Diener? fragte d' Epernon. — Nicht doch, Nogaret, nicht doch, ſagte Quelus, laßt uns allein ſein, laßt uns allein unſer Geheimniß wiſſen; laßt uns allein unſer Werk vollbringen. Ich haſ⸗ ſe ihn, aber ich wuͤrde mich ſchaͤmen, wenn der Stock eines Bedienten ihn beruͤhrte; er iſt zu guter Edelmann. — Werden wir alle ſechs mit einander ausgehen? fragte Maugiron 3* 8 — 1 — 36— — Alle fuͤnf, und nicht alle ſechs, ſagte Saint⸗ Luc. — Ah, es iſt wahr, wir hatten vergeſſen, daß Du eine Frau genommen haſt. Wir behandelten Dich noch als Junggeſellen, ſagte Schomberg. — In der That, begann d'O wieder, es iſt wohl das Allerwenigſte, daß der arme Saint⸗Luc die erſte Nacht ſeiner Hochzeit bei ſeiner Frau bleibt. — Ihr habt es nicht errathen, meine Herren, ſagte Saint⸗Luc, es iſt nicht meine Frau die mich zuruͤckhaͤlt, ½ obgleich Ihr zugeben werdet, daß ſie wohl der Muͤhe werth iſt, ſondern der Koͤnig. .— Wie, der Koͤnig? 6. L— Ja. Seine Majeſtaͤt will, baß ich Sie nach dem Louvre zuruͤck begleite. Die jungen Leute ſahen einander mit einem Laͤcheln an, welches Saint⸗Luc vergebens auszulegen verſuchte. — Was willſt Du? ſagte Quelus, der Koͤnig hegt eine ſo wunderbare Freundſchaft fuͤr Dich, daß er nicht ohne Dich ſein kann; außerdem haben wir Saint⸗Luc nicht noͤthig, ſagte Schomberg. Laſſen wir ihn dem⸗ nach ſeinem Koͤnige und ſeiner Dame. — He, das Thier iſt gefaͤhrlich,, aͤußerte d'Eper⸗ non, — Bah! ſagte Quelus. Man ſtelle mich ihm ge⸗ genuͤber, man gebe mir einen Saufaͤnger, und ich ma⸗ che meine Sache daraus. 3 4 Man hoͤrte die Stimme Heinrichs, welcher Saint⸗ Luc rief. — — Ihr hoͤrt, meine Herren, ſagte er, der Koͤnig ruft mich. Gute Jagd, auf Wiederſehn! Und er verließ ſie ſogleich. Aber anſtatt zu dem Koͤ⸗ nige zu gehen, ſchlich er ſich laͤngs der noch mit Zuſchau⸗ ern und Taͤnzern beſetzten Waͤnde hin, und erreichte die Thuͤr, welche der von der ſchoͤnen Neuverehlichten, welche ihr Moͤglichſtes that, um ihn nicht fortgehen zu laſſen, zuruͤckgehaltene Buſſy bereits beruͤhrte. — Ah, guten Abend, Herr von Saint⸗Luc, ſagte der junge Mann. Aber, wie ihr beſtuͤrzt ausſeht! Waͤ⸗ ret Ihr etwa zufaͤllig bei der großen Jagd, die ſich vor⸗ bereitet? Das waͤre ein Beweis Eures Muthes, aber es waͤre keiner Eurer Artigkeit. — Nein, mein Herr, antwortete Saint⸗Luc, ich ſah beſtuͤrzt aus, weil ich Euch ſuchte. — Ah! Wahrhaftig? ——. Und weil ich beſorgt war, daß Ihr fortgegangen ſein moͤchtet. Theure Jeanne, fuͤgte er hinzu, ſagt Eurem Vater, daß er den Koͤnig aufzuhal⸗ ten ſucht; ich muß Herrn von Buſſy zwei Worte unter vier Augen ſagen. Jeanne entfernte ſich raſch; ſie verſtand Nichts von allen dieſen Nothwendigkeiten, aber ſie unterwarf ſich ih⸗ nen, weil ſie fuͤhlte, daß ſie wichtig waͤren. — Was wollt Ihr mir ſagen, Herr von Saint⸗Luc? fragte Buſſy. — Ich wollte Euch ſagen, Herr von Buſſy, antwor⸗ tete Saint⸗Luc, daß, wenn Ihr irgend eine Verabre⸗ dung fuͤr heute Abend haͤttet, Ihr wohl thun wuͤrdet, ſte auf morgen zu verlegen, weil die Straßen von Pa⸗ ris ſchlimm ſind, und daß, wenn dieſe Verabredung Euch zufaͤllig in die Gegend der Baſtille fuͤhren ſollte, Ihr wohl thun wuͤrdet, das Hotel des Tournelles zu vermeiden, wo es einen Winkel giebt, in welchem ſich mehrere Menſchen verſtecken koͤnnen. Das iſt es, was ich Euch zu ſagen hatte, Herr von Buſſy. Gott bewah⸗ re mich zu glauben, daß ein Mann, wie Ihr, Furcht haben koͤnnte. Indeſſen uͤberlegt. In dieſem Angenblicke hoͤrte man Chicots Stimme, welcher rief: — Saint⸗Luc, mein kleiner Saint⸗Luc. Geſchwind, verſteck Dich nicht, wie Du es thuſt. Du ſieheſt wohl, 3* ich Dich erwarte, um nach dem Loupvre zuruͤckzukeh⸗ ren. — Hier bin ich, Sire, antwortete Saint⸗Luc, in⸗ dem er nach der Richtung der Stimme Chicots zueilte. Neben dem Hofnarren befand ſich Heinrich der III., welchem ein Page bereits den ſchweren mit Hermelin gefuͤtterten Mantel hinhielt, waͤhrend ein anderer ihm die dicken, bis an die Ellenbogen reichenden Handſchuh, uͤberreichte. — Sire, ſagte Saint⸗Luc, indem er ſich zu glei⸗ cher Zeit an die beiden Heinriche wandte, ich werde die Ehre haben, die Fackel bis an Eure Saͤnften zu tra⸗ gen. — Durchaus nicht, ſagte Heinrich, Chicot geht ſei⸗ und ein dritter die mit Atlas zefünte⸗ Sammet⸗Maske ner Seits, ich nach der meinigen. Meine Freunde ſind alle Taugenichtſe, die mich allein nach dem Louvre zu⸗ ruͤckkehren laſſen, waͤhrend ſie den Faſching mitmachen. Ich hatte auf ſie gerechnet, und jetzt fehlen ſie mir; nun aber wirſt Du begreifen, daß Du mich nicht ſo allein gehen laſſen kannſt. Du biſt ein geſetzter und verheira⸗ theter Mann, Du mußt mich zur Koͤnigin zuruͤckfuͤhren. Komm, mein Freund, komm. Heda! ein Pferd fuͤr Herrn von Saint⸗Luc. Nicht doch, es iſt nicht noͤthig, fuͤgte er hinzu, indem er ſich eines Anderen beſann, mei⸗ ne Saͤnfte iſt breit, es iſt Platz fuͤr zwei darin. Jeanne von Briſſac hatte kein Wort von dieſer Unterredung verloren; ſie wollte ſprechen, ihrem Gatten ein Wort ſagen, ihren Vater benachrichtigen, daß der Koͤnig Saint⸗Luc entfuͤhre; aber einen Finger auf ſei⸗ nen Mund legend, forderte ſie Saint-⸗Luc zum Schwei⸗ gen und zur Vorſicht auf. 1 — Den Henker, ſagte er leiſe,— entzweien wir uns jetzt, wo ich mir Franz von Anjou zum Freunde ge⸗ macht, nicht mit Heinrich von Valois. Sire, fuͤgte er laut hinzu, hier bin ich.— Ich bin Eurer Maje⸗ ſtaͤt ſo ergeben, daß, wenn Sie es geboͤte, ich Ihr bis an das Ende der Welt folgen wuͤrde. Es entſtand ein großes Getuͤmmel, dann gewaltige Kniebeugungen, dann eine tiefe Stille, um die Ab⸗ ſchiedsworte des Koͤnigs an Fraͤulein von Briſſac und an ihren Vater zu hoͤren. Sie waren huldreich. Dann ſtampften die Pferde auf dem Hofe, und die Fackeln warfen ihren rothen Schein auf die Fenſter⸗ ſcheiben. Endlich entſchwanden, halb lachend und halb ſchlotternd alle die Hofleute des Koͤnigthumes und alle die zur Hochzeit Geladenen in der Finſterniß zund in dem Nebel. Allein mit ihren Frauen geblieben, trat Jeanne in ihr Zimmer, und kniete vor dem Bilde einer Heiligen nieder, in welche ſie großes Vertrauen ſetzte. Dann befahl ſie, daß man ſie allein laſſen moͤchte, und daß eine Erfriſchung fuͤr die Ruͤckkehr ihres Gatten bereit ge⸗ halten wuͤrde. Herr von Briſſac that mehr, er ſandte ſechs Gar⸗ den ab, den Neuverehlichten an dem Thore des Louvre zu erwarten, um ihm zur Bedeckung zu dienen, wenn er zurückkehrte. Aber nach Verlauf von zwei Stunden des Harrens ſandten die Garden einen ihrer Kameraden ab, um den Marſchall zu benachrichtigen, daß alle Aus⸗ gaͤnge des Louvre geſchloſſen waͤren, und daß bevor man den letzten geſchloſſen, der wachthabende Kapitain geantwortet haͤtte: — Wartet nicht laͤnger, es iſt unnoͤthig; Niemand wird heute Nacht mehr das Louvre verlaſſen. Seine Majeſtaͤt iſt zu Bett, und Jedermann ſchlaͤft. Der Marſchall hatte dieſe Nachricht ſeiner Tochter uͤberbracht, welche erklaͤrte, daß ſie zu beſorgt waͤre, um ſich zu Bett zu legen, und ihren Gatten erwartend wachen wuͤrde. III Wie nicht immer derjenige, welcher die Thuͤre offnet, in das Haus eintritt. Das Thor Saint⸗Antoine war eine Art ſteinernen Gewoͤlbes, ungefaͤhr demjenigen unſers heutigen Thors Saint⸗Denis und des Thors Saint⸗Martin aͤhnlich, nur ſtieß es mit ſeiner linken Seite an die an die Baſtille graͤnzenden Gebaͤude, und ſchloß ſich ſo an die alte Feſtel an. Der zwiſchen ihr und dem Hotel Bretagne zur Rech⸗ ten befindliche freie Raum war groß, finſter und kothig; aber dieſer freie Raum war am Tage wenig betreten, und gaͤnzlich oͤde wenn der Abend herbei kam, denn die naͤcht⸗ lichen Wanderer ſchienen ſich einen der Feſte naͤher ge⸗ legenen Weg gebahnt zu haben, um ſich in dieſen Zeiten, wo die Straßen Moͤrdergruben waren, in denen man faſt Nichts von einer Schaarwache wußte, gewiſſer Maßen unter den Schutz der Schildwachen des Schloßthurmes zu ſtellen, die ihnen nicht zu Huͤlfe kommen, aber doch zum Mindeſten durch ihr Geſchrei Huͤlfe herbeirufen und die Miſſethaͤter erſchrecken konnten. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Winternaͤchte die Voruͤberkommenden noch vorſichtiger machten, als die Sommernaͤchte. Diejenige, waͤhrend welcher ſich die Ereigniſſe zu⸗ trugen, welche wir bereits erzaͤhlt haben und noch folgen werden, war ſo kalt, ſo dunkel und ſo mit ſchwarzen und tief gehenden Wolken beladen, daß Niemand hin⸗ ter den Schießſcharten der koͤniglichen Feſte dieſe erſehnte Schildwache bemerkt haͤtte, welche ihrer Seits ſehr ver⸗ hindert geweſen waͤre, die auf dem Platze voruͤber kom⸗ menden Leute zu erkennen. Nach der inneren Seite der Stadt zu erhob ſich vor dem Thore Saint⸗Antoine kein Haus, ſondern nur hohe Mauern. Dieſe Mauern waren zur Rechten die der Kirche Saint-Paul, und zur Linken die des Hotels des Tournelles. An dem aͤußerſten Ende dieſes Hotels, nach der Seite der Straße Sainte⸗Catharine hin, bil⸗ dete die Mauer dieſen zuruͤcktretenden Winkel, von dem Saint⸗Lue Buſſy geſagt hatte. Dann kamen die einzeln ſtehenden, zwiſchen der Straße Jouy und der großen Straße Saint⸗Antoine gelegenen Haͤuſermaſſen, denen zu jener Zeit die Straße des Billettes und die Sanct Katharinen⸗Kirche gegen⸗ uͤber lag. Außerdem erleuchtete keine Laterne den ganzen Theil des alten Paris, den wir ſo eben beſchrieben haben. In den Naͤchten, wo der Mond es uͤbernahm, die Erde zu erleuchten, ſah man die rieſenhafte Baſtille ſich finſter, majeſtaͤtiſch und regungslos erheben, die kraͤftig auf dem — 43— geſtirnten Blau des Himmels hervortrat. In den dun⸗ kelen Naͤchten ſah man dagegen da, wo ſie lag, nur ei⸗ ne doppelte Finſterniß, welche hier und da das bleiche Licht einiger Fenſter unterbrach. Waͤhrend dieſer Nacht, welche mit einem ziemlich heftigen Froſte begonnen hatte, und die mit einem ziem⸗ lich reichlichen Schnee endigen ſollte, ließ kein Voruͤber⸗ kommender unter ſeinen Schritten den geborſtenen Boden dieſer Art von Chauſſée knirſchen, welche von der Straße nach der Faubourg fuͤhrte, und von der wir geſagt ha⸗ ben, daß ſie durch den vorſichtigen Umweg verſpaͤteter Spaziergaͤnger angelegt worden ſei. Dagegen aber haͤtte ein geüͤbtes Auge in dieſer Ecke der Mauer des Tournel⸗ les mehrere ſchwarze Schatten unterſcheiden koͤnnen, die ſich genug bewegten, um zu beweiſen, daß ſie armen menſchlichen Teufeln angehoͤrten, die ſehr in Verlegenheit waren, ihre natuͤrliche Waͤrme zu behalten, welche die Regungsloſigkeit, zu der ſie ſich in Erwartung irgend ei⸗ nes Ereigniſſes freiwillig verdammt zu haben ſchienen, ih⸗ nen von Minute zu Minute mehr entzog.. Die Schildwache des Thurmes, welche wegen der Dunkelheit nicht auf den Platz ſehen kennte, haͤtte eben ſo wenig Etwas hoͤren koͤnnen, ſo leiſe wurde die Unter⸗ haltung dieſer ſchwarzen Schatten gefuͤhrt. Indeſſen fehlte es dieſer Unterhaltung nicht an einem gewiſſen Intereſſe. — Dieſer Tollkopf von Buſſy hatte ſehr Recht, ſag⸗ te einer dieſer Schatten; heut iſt eine wahre Nacht, wie wir deren in Warſchau hatten, als der Koͤnig Heinrich Koͤnig von Polen war, und wenn das ſo fort dauert, — 44 ſo wird unſere Haut aufſpringen, wie er es uns prophe⸗ zeihet hat. — Geh doch, Maugiron, Du beklagſt Dich wie ein Weib, antwortete ein anderer Schatten. Es iſt freilich nicht warm, aber zieh Deinen Mantel uͤber Deine Au⸗ gen und ſteck Deine Hände in Deine Taſchen, und Du wirſt die Kaͤlte nicht mehr gewahr werden. — Wahrlich, Schomberg, ſagte ein dritter Schatten, Du haſt gut daruͤber ſprechen, und man ſieht wohl, daß Du ein Deutſcher biſt. Was mich anbetrifft, ſo bluten mir die Lippen und mein Schnurrbart ſtrotzt von Eis. — Aber die Haͤnde ſind es, ſagte eine vierte Stim⸗ me. Auf mein Wort, ich moͤchte wetten, daß ich keine mehr haͤtte. — Warum haſt Du Dich nicht mit dem Muff Dei⸗ ner Mutter verſehen, armer Quelus? antwortete Schom⸗ berg. Dieſe liebe Frau haͤtte ihn Dir geliehen; beſonders wenn Du ihr erzaͤhlt haͤtteſt, daß Du ſeiner beduͤrfteſt, um ſie von ihrem lieben Buſſy zu befreien, den ſie un⸗ gefaͤhr wie die Peſt liebt.— — Ei, mein Gott! Habt doch Geduld! ſagte eine fünfte Stimme. Ich din uͤberzeugt, Ihr werdet Euch gleich beklagen, daß es Euch heiß ſei.. — Gott wolle Dich erhoͤren, d'Epernon, aͤußerte Maugiron, indem er herum trippelte. — Ich habe nicht geſprochen, ſagte d'Epernon, d'O war es. Aber ich ſchweige aus Furcht, daß meine Wor⸗ te gefrieren moͤchten. 8 — Was ſagteſt Du? fragte Quelus Maugiron. — D'O ſagte, erwiderte Maugiron, daß es uns gleich zu heiß ſein wuͤrde, und ich antwortete ihm, daß Gott ihn erhoͤren moͤchte. — Nun denn, ich glaube, daß er Dich erhoͤrt hat, denn ich ſehe dort Etwas, das aus der Straße Saint⸗ Paul koͤmmt. 1 — Ihr irrt Euch. Das kann er nicht ſein. — Und warum das? — Weil er einen anderen Weg angedeutet hat. — Als ob es zu verwundern waͤre, nicht wahr, daß er Etwas geahnt und ſeinen Weg danach geaͤndert haͤtte! — Ihr kennt Buſſy nicht; den Weg, den er als den feinigen bezeichnet hat, wird er einſchlagen, ſelbſt wenn er wuͤßte, daß ihn der Teufel auf dem Wege erwartete, um ihm den Durchgang zu verſperren. — Inzwiſchen, antwortete Quelus, kommen da zwei Maͤnner her. — Meiner Treue, ja, wiederholten zwei bis drei Stimmen, indem ſie die Wahrheit des Geſagten erkannten. — In dieſem Falle laßt uns angreifen, ſagte Schom⸗ berg. — Einen Augenblick, ſagte d'Epernon; laßt uns kei⸗ ne guten Buͤrger oder ehrbare Hebammen toͤdten. Seht! Sie bleiben ſtehen. In der That, an dem Ende der Straße Saint⸗ Paul, welche in die Straße Saint⸗Antoine fuͤhrt, waren die beiden Perſonen, welche die Aufmerkſamkeit unſerer fuͤnf Kameraden auf ſich zogen, wie unentſchloſſen ſtehen geblieben. ——— — 46— — O, ohl ſagte Quelus. Sollten ſie uns etwa ge⸗ ſehen haben? — Geht doch! Wir ſehen uns kaum ſelbſt! — Du haſt Recht, erwiderte Quelus. Seht, da wenden ſie ſich zur Linken! Sie bleiben vor einem Hauſe ſtehen; ſie ſuchen. — Meiner Treue, ja. — Man ſollte meinen, daß ſie eintreten wollten, ſag⸗ te Schomberg. He, einen Augenblick! Sollte er uns entgehen? — Aber das iſt er nicht, da er nach der Faubourg Saint⸗Antoine gehen ſoll, und dieſe da, nach dem ſie aus der Straße Saint⸗ Paul herausgekommen, die Straße hinunter gegangen ſind, antwortete Maugiron. — Ei, ſagte Schomberg, wer ſteht Euch dafuͤr, daß nicht der ſchlaue Fuchs entweder aus Zufall und ohne Abſicht, oder aus Bosheit und mit Ueberlegung, Euch eine falſche Andeutung gegeben hat? — In der That, das waͤre moͤglich, ſagte Quelus. Dieſe Vermuthung ließ den ganzen Haufen von Edelleuten gleich einer hungrigen Meute aufſpringen. Sie verließen ihren Schlupfwinkel, und ſtuͤrzten mit er⸗ hobenem Schwerdte auf die beiden vor der Thuͤre ſtehen gebliebenen Maͤnner zu. Gerade hatte einer dieſer beiden Maͤnner einen Schluͤſ⸗ ſel in das Loch geſteckt, die Thuͤre hatte nachgegeben und begann ſich zu oͤffnen, als auf den Laͤrm der An⸗ greifenden die beiden geheimnißvollen Wanderer den Kopf erhoben. — 47— — Was iſt das? fragte, indem er ſich umwandte, der Kleinſte von Beiden ſeinen Begleiter. Sollte man zufaͤllig etwa an uns wollen, d'Aurilly? — Ah, gnaͤdiger Herr, erwiderte derjenige, welcher ſo eben die Thuͤre geoͤffnet hatte, das ſieht mir ganz ſo aus. Werdet Ihr Euch nennen, oder werdet Ihr das Incognito beibehalten? — Bewaffnete Maͤnner! Ein Hinterhalt! — Einige Eiferſuͤchtige, welche uns belauern, ſo wahr ein Gott lebt! Ich hatte es wohl geſagt, daß die Dame zu ſchoͤn waͤre, als daß man ſich nicht um ſie be⸗ werbe. — Laß uns raſch eintreten, d'Aurilly. Man haͤlt beſſer eine Belagerung innerhalb als außerhalb der Thür aus. — Ja, gnaͤdiger Herr, wenn kein Feind in dem Platze iſt. Aber wer ſagt Euch?.. Er hatte nicht Zeit die Rede zu vollenden.— Die jungen Edelleute waren mit der Schnelligkeit des Blitzes uͤber den Raum von ungefaͤhr ein Hundert Schritte ge⸗ eilt. Quelus und Maugiron, welche laͤngs der Mauer hingegangen waren, warfen ſich zwiſchen die Thuͤre und diejenigen, welche eintreten wollten, um ihnen den Ruͤckzug abzuſchneiden, waͤhrend Schomberg, d'O und d'Epernon ſich anſchickten, ſie von vorn anzugreifen. — Toͤdtet ſie, toͤdtet ſie! rief Quelus, immer der Feurigſte der Fuͤnf, aus. Ploͤtzlich wandte ſich derjenige, den man gnaͤdiger Herr genannt hatte und den ſein Begleiter gefragt hatte, — 48— ob er das Incognito beibehalten wolle, nach Quelus um, that einen Schritt, und uͤbermuͤthig die Arme uͤber⸗ einanderſchlagend, ſagte er mit finſterer Stimme und einem Ungluͤck verheißenden Blicke: — Ich glaube, Ihr habt geſagt, toͤdtet ihn! indem Ihr von einem Sohne von Frankreich ſprecht, Herr von Quelus. Mit beſtuͤrzten Augen, wankenden Knieen, kraft⸗ loſen Haͤnden, wich Quelus zuruͤck. — Seine Gnaden, der Herzog von Anjou! rief er aus. — Seine Gnaden, der Herzog von Anjou! wieder⸗ holten die Anderen. — Nun, erwiderte Franz mit einer ſchrecklichen Miene, ſchreien wir noch immer: Toͤdtet ihn! Toͤdtet ihn! meine Edelleute? 5 — Gaaͤdiger Herr, ſtammelte d'Epernon, es war ein Scherz; vergebt uns. — Gnaͤdiger Herr, ſagte d'O ſeiner Seits, wir vermutheten nicht, daß wir Eurer Hoheit an dem En⸗ de von Paris und in dieſem abgelegenen Quartiere be⸗ gegnen koͤnnten. 3 — Ein Scherz, erwiderte Franz, ohne d'O nur einer Antwort zu wuͤrdigen. Ihr habt eine ſeltſame Weiſe zu ſcherzen, Herr von Epernon. Laßt hoͤren, wer iſt derjenige, den Euer Scherz bedrohete, da ich es nicht bin, an den Ihr wolltet? — Gnaͤdiger Herr, ſagte Schomberg ehrerbietig, wir haben Saint⸗Luc das Hotel Montmorency verlaſſen und — 49— nach dieſer Seite gehen ſehn. Das hat uns ſeltſam ge⸗ ſchienen, ſo daß wir haben wiſſen wollen, in welcher Abſicht ein Gatte ſeine Frau in der erſten Nacht ſeiner Verheirathung verließe. Die Entſchuldigung war annehmbar, denn aller Wahrſcheinlichkeit nach wuͤrde der Herzog von Anjou am folgenden Tage erfahren haben, daß Saint⸗Luc nicht im Hotel Montmorency geſchlafen haͤtte, und dieſe Nach⸗ richt zufaͤllig mit dem uͤbereinſtimmen, was ihm Schom⸗ berg ſo eben geſagt hatte. — Fuͤr Herrn von Saint⸗ Luc? Ihr habt mich fuͤr Herrn von Saint⸗Luc gehalten, meine Herren? — Ja gnaͤdiger Herr, erwiderten die fuͤnf Gefaͤhr⸗ ten im Chor. — Und ſeit wann kann man ſich ſo uͤber uns Beide irren? ſagte der Herzog von Anjou. Herr von Sajint⸗Luc iſt um einen Kopf groͤßer, als ich. — Das iſt wahr, gnaͤdiger Herr, ſagte Quelus; aber er iſt gerade von der Geſtalt des Herrn von Aurilly, welcher die Ehre hat, Euch zu begleiten. — Dann iſt die Nacht ſehr dunkel, gnaͤdiger Herr, erwiderte Maugiron. — Dann, da wir einen Mann einen Schluͤſſel in ein Schloß ſtecken ſahen, ſo haben wir ihn fuͤr den An⸗ geſehenſten unter Euch gehalten, murmelte d'O. — Endlich, ſagte Quelus, koͤnnen Eure Gnaden nicht vorausſetzen, daß wir auch nur einen Schatten von boͤſem Gedanken in Bezug auf Euch gehabt haͤtten, nicht einmal den, Eure Vergnuͤgungen zu ſtoͤren. Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. 4 1 Waͤhrend er ſo ſprach und die mehr oder minder lo⸗ giſchen Antworten anhoͤrte, welche Erſtaunen und Furcht ihm zu geben erlaubten, hatte Franz durch ein geſchicktes ſtrategiſches Manoͤvre die Schwelle der Thuͤre verlaſſen, und von d'Aurilly, ſeinem Lautenſpieler, dem gewoͤhn⸗ lichen Begleiter ſeiner naͤchtlichen Ausfluͤge gefolgt, be— fand er ſich bereits in einer ziemlich großen Entfernung von jener Thuͤre, daß ſie, mit den andern verwechſelt, nicht erkannt werden konnte. — Meine Vergnuͤgungen, ſagte er empfindlich, und was kann Euch glauben laſſen, daß ich wegen meiner Vergnuͤgungen hierher komme? — Ah, gnaͤdiger Herr, in jedem Falle und zu wel⸗ chem Zweck Ihr auch hierher gekommen ſein moͤgt, er⸗ widerte Quelus, vergebt uns, wir entfernen uns. — Es iſt gut! Gott befohlen, meine Herren! — Gnaͤdiger Herr, fuͤgte d'Epernon hinzu, moͤge unſere wohlbekannte Verſchwiegenheit Eure Hoheit... Der Herzog von Anjou, welcher bereits einen Schritt gethan hatte, um ſich zu entfernen, blieb ſtehen, und die Stirn runzelnd, ſagte er: — Verſchwiegenheit, Herr von Nogaret? Und wer verlangt ſie denn von Euch, ich bitte? — Wir hatten geglaubt, gnaͤdiger Herr, daß Eure Hoheit, allein um dieſe Stunde und von Ihrem Vertrau⸗ ten begleitet.. — Ihr irrtet Euch. Hoͤrt, was Ihr glauben muͤßt, und was ich will, das man glaubt. ☛◻ — ed N R Die fuͤnf Edelleute hoͤrten im tiefſten und ehrer⸗ bietigſten Schweigen zu. — Ich ging, begann mit langſamer Stimme und wie um jedes ſeiner Worte in das Gedaͤchtniß ſeiner Zu⸗ hoͤrer einzupraͤgen, der Herzog von Anjou wieder, ich ging den Juden Manaſſes zu berathen, der in dem Gla⸗ ſe und in dem Kaffeeſatze zu leſen verſteht. Er wohnt, wie Ihr wißt, in der Straße de la Tournelle Im Vor⸗ uͤberkommen hat Aurilly Euch erblickt, und Euch fuͤr Polizeidiener gehalten, welche ihre Runde machten. Demnach auch, fuͤgte er mit einer Art von, fuͤr diejeni⸗ gen, welche den Charakter des Prinzen kannten, ent⸗ ſetzlichen Luſtigkeit hinzu, ſtreiften wir als wahre Hexen⸗ meiſter-Berather, die wir ſind, laͤngs der Mauern hin, und verſteckten uns unter den Thuͤren, um uns, wenn es moͤglich waͤre, Euren ſchrecklichen Blicken zu entziehen. Waͤhrend er ſo ſprach, hatte der Prinz unmerklich die Straße Saint⸗Paul wieder erreicht, und befand ſich in dem Bereiche, von den Schildwachen der Baſtille fuͤr den Fall eines Angriffes gehoͤrt zu werden, gegen den ihn, da er den geheimen und eingefleiſchten Haß kannte, den ſein Bruder gegen ihn hegte, die Entſchuldigungen und die Ehrerbietigkeits⸗Bezeigungen der Mignons Hein⸗ richs III. nur mittelmaͤßig beruhigten. — Und jetzt, wo Ihr dasjenige wißt, was Ihr glau⸗ ben, und beſonders dasjenige, was Ihr ſagen muͤßt, be⸗ gann der Prinz wieder, Gott befohlen, meine Herren, Gott befohlen! Alle verneigten ſich und beurlaubten ſich von dem 4* Prinzen, der ſich mehrere Male umwandte, um ihnen mit den Augen zu folgen, indem er ſelbſt einige Schritte nach der entgegengeſetzten Seite that. — Ich verſichere Euch, gnaͤdiger Herr, ſagte d'Au⸗ rilly, daß die Leute, mit denen wir eben zu thun gehabt, ſchlimme Abſichten hatten. Es iſt bald Mitternacht; wir ſind, wie ſie ſagten, in einem abgelegenen Quartiere; laßt uns ſchnell nach dem Hotel zuruͤckkehren, gnaͤdiger Herr, laßt uns zuruͤckkehren! — Nicht doch, ſagte der Prinz, indem er ſtehen blieb; laß uns im Gegentheile ihr Fortgehn benutzen. — Das iſt es, woruͤber Eure Hoheit ſich täͤuſcht, ſagte d'Aurilly. Sie ſind durchaus nicht fortgegangen, ſie haben, wie der gnaͤdige Herr ſich ſelbſt uͤberzeugen kann, den Schlupfwinkel wieder erreicht, in welchem ſie verſteckt waren. Seht Ihr ſie, gnaͤdiger Herr, dort, in jenem Winkel, an der Ecke des Hotels des Tournelles? Franz ſah hin. D'Aurilly hatte nur die genaue Wahrheit geſagt. Die fuͤnf Edelleute hatten in der That ihre Stellung wieder eingenommen, und es war augen⸗ ſcheinlich, daß ſie uͤber irgend einem durch die Ankunft des Prinzen unterbrochenen Plane bruͤteten; vielleicht be⸗ gaben ſie ſich ſogar nur nach dieſem Orte, um den Prin⸗ zen und ſeinen Begleiter zu belauern und ſich zu verſichern, ob ſie wirklich zu dem Juden Manaſſes gingen. — Nun, gnaͤdiger Herr, fragte d'Aurilly, was be⸗ ſchließt Ihr? Ich werde thun, was Eure Hoheit gebie⸗ tet, aber ich glaube nicht, daß es vorſichtig ſei zu bleiben. — 53— — Den Teufel! ſagte der Prinz. Es iſt aber doch unangenehm, die Partie aufzugeben! — Ja, ich weiß es wohl, gnaͤdiger Herr; aber die Partie laͤßt ſich verſchieben. Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Hoheit zu ſagen, daß ich mich erkundigt haͤtte. Das Haus iſt fuͤr ein Jahr gemiethet. Wir wiſſen, daß die Dame im erſten Stockwerke wohnt, wir haben Einverſtaͤndniſſe mit ihrer Kammerfrau, einen Schluͤſſel, welcher ihre Thuͤre oͤffnet. Mit allen dieſen Vortheilen koͤnnen wir warten. — Ou biſt ſicher, daß die Thuͤre nachgegeben hatte? — Ich bin davon uͤberzeugt: bei dem dritten Schluͤſſel, den ich verſucht habe. — Apropos, haſt Du ſie wieder zugeſchloſſen? — Die Thuͤre? — Ja. — Ohne Zweifel, gnaͤdiger Herr. Mit welchem Ausdrucke von Wahrheit d'Aurilly die⸗ ſe Verſicherung auch ausgeſprochen hatte, ſo muͤſſen wir doch ſagen, daß er weniger ſicher war, die Thuͤre ver⸗ ſchloſſen, als ſie geoͤffnet zu haben. Seine Zuverſicht ließ indeſſen dem Prinzen nicht mehr Zweifel uͤber die zweite Gewißheit, als uͤber die erſte. — Aber, ſagte der Prinz, es waͤre mir eben nicht unlieb geweſen, ſelbſt zu wiſſen... — Was ſie dort machen, gnaͤdiger Herr? Ich kann es Euch ohne Furcht mich zu irren ſagen; ſie ſind wegen irgend eines hinterliſtigen Ueberfalls vereinigt. Brechen — 54— wir auf. Eure Hoheit hat Feinde. Wer weiß, was man gegen Sie zu verſuchen wagen wuͤrde? — Wohlan, gehen wir, ich willige ein, aber um zuruͤckzukehren. — Zum Mindeſten aber nicht dieſe Nacht, gnaͤdiger Herr. Moͤge Eure Hoheit meine Befuͤrchtungen wuͤrdi⸗ gen: ich ſehe uͤberall Hinterhalte, und gewiß iſt es mir wohl erlaubt, ſolchen Schrecken zu haben, wenn ich den erſten Prinzen von Geblut begleite,... den Erben der Krone, den ſo viele Leute ein Intereſſe haben, nicht er⸗ ben zu ſehen. Dieſe letzten Worte machten einen ſolchen Eindruck auf Franz, daß er ſich auf der Stelle zum Ruͤckzuge ent⸗ ſchloß; indeſſen geſchah es nicht, ohne gegen das Miß⸗ geſchick dieſes Zuſammentreffens zu fluchen und ſich im Inneren vorzunehmen, den fuͤnf Edelleuten zu gelegener Zeit die Unannehmlichkeit zu erwidern, die ſie ihm ver⸗ anlaßt haͤtten. — Es ſei, ſagte er, kehren wir nach dem Hotel zuruͤck; wir werden dort Buſſy wiederfinden, der von dieſer verwuͤnſchten Hochzeit zuruͤckgekehrt ſein muß, er wird irgend einen tuͤchtigen Streit angezettelt, und irgend einen dieſer Mignons getoͤdtet haben oder morgen fruͤh toͤdten, und das wird mich troͤſten. — Es ſei, gnaͤdiger Herr, ſagte d'Aurilly, hoffen wir auf Buſſy. Mir iſt Nichts lieber, und ich habe in dieſer Beziehung, wie Eure Hoheit, das groͤßte Ver⸗ trauen zu ihm. Und ſie brachen auf. NNR—₰ ☛ u — 8 5— ₰ Sie hatten ſich noch nicht um die Ecke der Straße Jouy gewandt, als unſere fuͤnf Kameraden auf der Hoͤ⸗ he der Straße Tiſon einen in einen weiten Mantel ge⸗ huͤllten Reiter erſcheinen ſahen. Der trockene und harte Hufſchlag des Pferdes ertoͤnte auf dem faſt verſteinerten Boden, und gegen die ſchwarze Nacht kaͤmpfend, ver⸗ ſilberte ein ſchwacher Schein des Mondes, welcher eine letzte Anſtrengung verſuchte, um den wolkigen Himmel und dieſe mit Schnee beladene Atmoſphaͤre zu durchdrin⸗ gen, die weiße Feder ſeines Barrets. Er hielt vorſich⸗ tig das Roß im Zuͤgel, das er ritt, und das der Zwang, im Schritt zu gehen, den er ihm auferlegte, trotz der Kaͤlte ſchaͤumen ließ. — Dieſes Mal iſt er es, ſagte Quelus. — Unmoͤglich! ſagte Maugiron. — Warum das? — Weil er allein iſt, und wir ihn mit Livarot, d'En⸗ tragues und Ribeirac verlaſſen haben, und dieſe ihn nicht ſich ſo allein der Gefahr werden haben ausſetzen laſſen. — Er iſt es indeſſen, er iſt es, ſagte d'Epernon. Da! Erkennſt Du ſein toͤnendes Hm! und ſeine unver⸗ ſchaͤmte Weiſe, den Kopf zu tragen? Er iſt wirklich allein! — Dann iſt es eine Falle, ſagte d'O. — Jeden Falles, Falle oder nicht, ſagte Schomberg, iſt er es, und da er es iſt: Zu den Schwerdtern, zu den Schwerdtern!. Es war in der That Buſſy, der ſorglos die Straße Saint⸗Antoine kam, und der pünktlich dem Wege folg⸗ te, den ihm Quelus vorgezeichnet hatte; wie wir geſehen, — 56— 5 3 war er von Sälnt⸗Luc gewarnt worden, und trotz des ſehr natuͤrlichen Erbebens, welches ihn deſſen Worte hat⸗ ten empfinden laſſen, hatte er trotz ihres Inihndringens ſeine drei Freunde an dem Thore des Hotels Montmo⸗ rency verabſchiedet. Das war eine jener Prahlereien, wie ſie der tapfere Obriſt liebte, der von ſich ſelbſt ſagte: Ich bin nur ein einfacher Edelmann, aber ich trage in meiner Bruſt ein Kaiſer⸗Herz, und wenn ich in Plutarchs Lebensbeſchrei⸗ bungen die Heldenthaten der alten Roͤmer leſe, giebt es nach meinem Beduͤnken keinen einzigen Helden des Alter⸗ thumes, den ich nicht in Allem, was er gethan hat, nach⸗ ahmen koͤnnte. Und dann hatte Buſſy gedacht, daß vielleicht Saint⸗ Lue, den er gewoͤhnlich nicht unter die Zahl ſeiner Freun⸗ de rechnete, und deſſen unerwartete Theilnahme er in der That nur der verlegenen Lage verdankte, in welcher Saint-Luc ſich befand, ihn auf dieſe Weiſe nur gewarnt haͤtte, um ihn zu Vorſichtsmaßregeln zu veranlaſſen, die ihn in den Augen ſeiner Feinde haͤtten laͤcherlich machen koͤnnen, wenn er annaͤhme, daß er Feinde haͤtte, die ihm aufzulauern bereit waͤren. Nun aber fuͤrchtete Buſſy das Laͤcherliche mehr, als die Gefahr. Er hatte, ſelbſt in den Augen ſeiner Feinde, einen Ruf von Muth, der ihn, um ihn auf der Hoͤhe zu erhalten, zu der er ſich erhoben hatte, die thoͤrigten Abenteuer unternehmen ließ. Als Mann Plutarchs, hatte er demnach die drei Gefaͤhr⸗ ten fortgeſchickt, eine kraͤftige Bedeckung, die ihm ſelbſt vor einer Schwadron Achtung verſchafft haͤtte. Und al⸗ — 57— lein, die Arme unter ſeinem Mantel gekkeuzt, ohne an⸗ dere Waffen, als ſein Schwert und ſeinen Dolch, ritt er nach Hauſe zu, wo ihn, keine Geliebte, wie man haͤtte glauben koͤnnen, ſondern ein Brief erwartete, den ihm jeden Monat, an demſelben Tage, die Koͤnigin von Navarra zum Andenken ihrer guten Freundſchaft uͤber⸗ ſandte, und den der wackere Edelmann dem Verſprechen gemaͤß, welches er ſeiner ſchoͤnen Koͤnigin Margot gegeben hatte, ein Verſprechen, gegen das er kein einziges Mal gefehlt, Nachts und ſelbſt abholte, um Niemanden in der Wohnung des Boten zu compromittiren. Er hatte ungeſtraft den Weg von der Straße des Grands⸗Auguſtins nach der Straße Saint⸗Antoine zu⸗ ruͤckgelegt, als, auf der Hoͤhe der Straße Sainte⸗Ca⸗ tharine angelangt, ſein wachſames, ſcharfes und geuͤbtes Auge in der Finſterniß, laͤngs der Mauer, dieſe menſch⸗ lichen Geſtalten entdeckte, welche der minder gut gewarnte Herzog von Anjou anfangs nicht wahrgenommen hatte. Es giebt außerdem fuͤr das wahrhaft tapfere Herz bei der Annaͤherung der Gefahr, die es erraͤth, eine Ueber⸗ ſpannung, welche die Schaͤrfe der Sinne und des Ver⸗ ſtandes zu ihrem hoͤchſten Grade von Vollkommenheit bringt. Buſſy zaͤhlte die ſchwarzen Schatten auf der grauen Mauer. — Drei, vier, fuͤnf, ſagte er, ohne die Diener zu rechnen, die ſich ohne Zweifel in einer anderen Ecke auf⸗ halten, und bei dem erſten Rufe ihrer Herrn herbei eilen werden. Man haͤlt Etwas auf mich, wie es ſcheint. Den — 58— Teufel! Da giebt's indeſſen viel zu ſchaffen fuͤr einen einzigen Mann. Ja, ja! Dieſer wackere Saint⸗Luc hat mich nicht betrogen, und ſollte in in dem Getuͤmmel zuerſt den Magen durchbohken, d wuͤrde ich doch zu ihm ſagen: Ich danke fuͤr die Warnung, Ka⸗ merad. Und indem er dieſes ſagte, ritt er immer naͤher heran; nur ſpielte ſein rechter Arm nach Gefallen unter ſeinem Mantel, deſſen Haken ſein linker Arm ohne ſicht⸗ liche Bewegung losgemacht hatte. Jetzt war es, wo Schomberg ausrief: Zu den Schwertern! und wo die Edelleute unter dieſem von ſeinen vier Gefaͤhrten wiederholten Rufe Buſſy entgegen ſtuͤrzten. — Heda, meine Herren, ſagte Buſſy mit ſeiner ſchmetternden aber ruhigen Stimme, man will alſo die⸗ ſen armen Buſſy umbringen! Er iſt alſo ein wildes Thier, er iſt alſo dieſer merkwuͤrdige Eber, den wir zu jagen gedachten. Wohlan, meine Herren, der Eber wird Eini⸗ gen den Bauch aufſchlitzen, ich ſchwoͤre es Euch, und Ihr wißt, daß ich niemals mein Wort breche. — Es ſeil ſagte Schomberg. Aber das verhindert nicht, daß Du ein Menſch ohne alle Lebensart biſt, Herr Buſſy von Amboiſe, uns ſo zu Pferde anzureden, wenn wir Dich zu Fuße anhoͤren. Und indem er dieſe Worte ſagte, kam der in weißen Atlas gekleidete Arm des jungen Mannes aus dem Man⸗ tel hervor, und funkelte wie ein Silberblitz im Monden⸗ ſcheine, ohne daß Buſſy zu errathen vermochte, mit welcher Abſicht, wenn es nicht die Abſicht einer Drohung waͤre, die Bewegung zuſammenhing, welche er machte. Er ſtand demnach auch im Begriffe zu antworten, wie Buſſy gewoͤhnlich antwortete, als er in dem Augen⸗ blicke, wo er ſeinem Pferde die Sporen in den Leib druͤck⸗ te, das Thier unter ſich zuſammen ſinken fuͤhlte. Schom⸗ berg hatte mit einer Gewandtheit, die ihm eigenthuͤmlich war, und von der er bereits in den zahlreichen von ihm, ſo jung er auch noch war, beſtandenen Kaͤmpfen, Proben abgelegt hatte, eine Art von Hieber, deſſen breite Klin⸗ ge weit ſchwerer als der Griff war, geſchleudert, und die Kniekehle des Pferdes anſchneidend, war die Waffe, wie ein Hackmeſſer in einem Eichenzweige, in der Wunde ſtecken geblieben. Das Thier ſtieß ein dumpfes Bruͤllen aus, und ſank ſchaudernd auf ſeine Kniee. Immer auf Alles vorbereitet, befand ſich Buſſy mit beiden Fuͤßen auf dem Boden und das Schwert in der Hand. — Ha, Ungluͤckſeliger, ſagte er, das war mein Lieb⸗ lingspferd, Ihr ſollt mir es bezahlen! Und da Schomberg, von ſeinem Muthe fortgeriſſen, heran kam, indem er den Bereich des Schwertes falſch berechnete, welches Buſſy an den Leib gedruͤckt hielt, wie man den Bereich des Zahnes der zuſammen geroll⸗ ten Schlange falſch berechnet, ſo ſtreckten dieſes Schwert und dieſer Arm ſich aus und ſpalteten ihm den Schenkel. Schomberg ſtieß einen Schrei aus. Nun, ſagte Buſſy, halte ich Wort? Einer iſt ſchon — 60— aufgeſchlitzzt. Buſſys Fauſt, und nicht die Kniekehle ſei⸗ nes Pferdes, haͤtteſt du abſchneiden muͤſſen, Toͤlpel. Und in einem Nu, waͤhrend Schomberg ſeinen Schenkel mit ſeinem Taſchentuche zuſammenband, hatte Buſſy die Spitze ſeines langen Schwerdtes dem Geſichte und der Bruſt der vier andern Angreifenden gezeigt, in⸗ dem er es verſchmaͤhete zu ſchreien, denn um Huͤlfe ru⸗ fen, heißt anerkennen, daß er der Huͤlfe beduͤrfe, war Buſſys unwuͤrdig; nur ſeinen Mantel um ſeinen linken Arm wickelnd und ſich aus ihm einen Schild machend, wich er zuruͤck, nicht um zu fliehen, ſondern um eine Mauer zu erreichen, gegen die er ſich anlehnen koͤnnte, um nicht von hinten angegriffen zu werden, wobei er zehn Stoͤße in der Minute fuͤhrte und zuweilen jenen weichen Widerſtand des Fleiſches fuͤhlte, welcher andeu⸗ tet, daß die Stoͤße getroffen haben. Ein Mal glitt er aus, und betrachtete unwillkuͤrlich den Boden. Dieſer Augenblick genuͤgte Quelus, der ihm einen Stich in die Seite verſetzte. — Getroffen! rief Quelus aus. — Ja in das Wamms, antwortete Buſſy, der nicht einmal ſeine Wunde eingeſtehen wollte, wie Leute treffen, die ſich fürchten. Und auf Quelus zuſpringend, kreuzte er deſſen Schwerdt ſo kraͤftig, daß die Waffe zehn Schritt weit von dem jungen Manne wegflog. Aber er vermochte ſei⸗ nen Sieg nicht zu verfolgen, denn im ſelben Augenblicke griffen ihn d'O, d'Epernon und Maugiron mit neuer Wuth an. Schomberg hatte ſeine Wunde verbunden — 61— und Quelus ſein Schwerdt wieder aufgerafft; er ſah ein, daß er umzingelt werden wuͤrde, daß er nur noch eine Minute haͤtte, um die Mauer zu erreichen, und daß, wenn er dieſe Minute nicht benutzte, er verloren ſein wuͤrde. Buſſy that einen Sprung ruͤckwaͤrts, welcher drei Schritte zwiſchen ihn und die Angreifenden legte; aber vier Schwerdter holten ihn bald wieder ein, und indeſ⸗ ſen war es nochmals zu ſpaͤt, denn Buſſy hatte ſich mit einem zweiten Sprunge an die Mauer gelehnt. Dort blieb er ſtark wie Achilles oder wie Roland ſtehen, in⸗ dem er dieſem Hagel von Hieben zulaͤchelte, welche auf ſeinen Kopf herabfielen und um ihn herum klirrten. Ploͤtzlich fuͤhlte er Schweiß auf ſeiner Stirn und eine Wolke legte ſich vor ſeine Augen. Er hatte ſeine Wunde vergeſſen, und die Vorboten der Ohnmacht, die er ſo eben empfunden hatte, eriner⸗ ten ihn daran. — Ah! Du wirſt ſchwach, rief Quelus aus, indem er ſeine Hiebe verdoppelte. — Da, ſagte Buſſy, urtheile danach! Und mit dem Knopfe ſeines Schwerdtes traf er ihn an die Schlaͤfe. Quelus rollte unter dem Schlage ſei⸗ ner Eiſenfauſt zu Boden. Dann, außer ſich, wuͤthend wie der Eher, der, nach⸗ dem er von den Hunden gefangen, uͤber ſie herfaͤllt, ſtieß er einen ſchrecklichen Schrei aus und ſtuͤrzte vorwaͤrts. O'O und d'Epernon wichen zuruͤck. Maugiron hatte Quelus wieder aufgehoben und hielt ihn umarmt. Buſſy zerbrach mit dem Fuße das Schwerdt des Letzteren, und ſchlitzte mit einem Stoße den Vorderarm Epernons. Einen Augenblick lang war Buſſy Sieger; aber Quelus kam wieder zu ſich. Aber Schomberg, ſo verwundet er auch war, kehrte zum Kampfe zuruͤck. Aber vier Schwerd⸗ ter blitzten von Neuem. Buſſy fuͤhlte ſich ein zweites Mal verloren. Er ſammelte alle ſeine Kraͤfte, um ſei⸗ nen Ruͤckzug zu bewerkſtelligen, und wich Schritt vor Schritt zuruͤck, um ſeine Mauer wieder zu erreichen. Schon verkuͤndigte ihm der eiſige Schweiß ſeiner Stirn, ein dumpfes Sauſen in ſeinen Ohren, eine ſchmerzliche und blutige, uͤber ſeine Augen ausgebreitete Decke, die Erſchoͤpfung ſeiner Kraͤfte. Das Schwerdt befolgte nicht mehr den Weg, welchen ihm der geſchwaͤchte Gedanke vorſchrieb. Buſſy ſuchte mit ſeiner linken Hand die Mauer, beruͤhrte ſie, und die Kaͤlte der Mauer that ihm gut; aber zu ſeinem großen Erſtaunen gab die Mauer nach. Es war eine geklaͤffte Thuͤre. Nun faßte Buſſy wieder Hoffnung und erlangte wieder alle ſeine Kraͤfte fuͤr dieſen entſcheidenden Moment. Waͤhrend einer Se⸗ cunde waren ſeine Streiche ſo raſch und ſo gewaltig, daß alle Schwerdter von ihm abließen oder ſich vor ihm ſenkten. Nun ließ er ſich auf die andere Seite dieſer Thuͤre gleiten, und indem er ſich umwandte, druͤckte er die Thuͤre mit einem gewaltigen Drucke der Schulter zu. Der Riegel klappte in den Schließhaken. Es war be⸗ endigt, Buſſy war außer Gefahr. Buſſy war Sieger, da er gerettet war.— Nun ſah er mit vor Freude großem Auge durch das — 2ͤ—6+₰ d8 — 63— kleine Schiebfenſter mit engem Gitter die bleichen Geſich⸗ ter ſeiner Feinde. Er hoͤrte ihre raſenden Schwerdthiebe vergebens das Holz der Thuͤre angreifen, dann Geſchrei der Wuth, ſinnloſe Ausbruͤche. Endlich ſchien es ihm ploͤtzlich, als ob der Boden unter ſeinen Fuͤßen wanke, als ob die Mauer ſchwanke. Er that drei Schritte vor⸗ waͤrts und befand ſich in einem Hofe, drehete ſich um ſich ſelbſt und rollte auf die Stufen einer Treppe. Dann fuͤhlte er Nichts mehr, und es ſchien ihm, als ob er in die Stille und in die Dunkelheit des Gra⸗ bes hinabſtiege. IV. Wie es zuweilen ſehr ſchwierig iſt, den Traum von der Wirklichkeit zu unterſcheiden. Bevor er fiel, hatte Buſſy Zeit gehabt, ſein Ta⸗ ſchentuch unter ſein Hemd zu ſtecken, und die Koppel ſeines Schwerdtes daruͤber zu ſchnallen, was eine Art von Verband auf die klaffende und brennende Wunde gebildet hatte, aus welcher das Blut wie ein Flammen⸗ ſtrahl hervorſprudelte; aber als er dazu gelangte, war der Blutverluſt bereits groß genug geweſen, um die Ohnmacht herbeizufuͤhren, der wir ihn haben unterliegen ſehn..— Aber ſei es nun, daß in dieſem durch den Zorn und das Leiden uͤberreizten Gehirne das Leben unter dem Anſcheine von Ohnmacht fortbeſtand, oder ſei es, daß dieſe Ohnmacht aufhoͤrte, um einem Fieber zu weichen, welches ſelbſt wieder einer zweiten Ohnmacht wich, Buſſy ſah oder glaubte waͤhrend dieſer Stunde des Traumes oder der Wirklichkeit, waͤhrend dieſes Augenblickes der zwiſchen der Finſterniß zweier Naͤchte herrſchenden Daͤm⸗ merung Folgendes zu ſehen: Er befand ſich in einem Zimmer mit Moͤbeln von geſchnitztem Holze, einer Tapete mit menſchlichen Figu⸗ ren und einer gemalten Decke. Dieſe Perſonen in allen moͤglichen Stellungen, welche Blumen hielten, Piken trugen, ſchienen von den Waͤnden, an denen ſie ſich bewegten, auf geheimnißvollen Wegen nach der Decke aufzuſteigen. Zwiſchen den beiden Fenſtern war, von Licht ſtrahlend, ein weibliches Portrait angebracht, nur ſchien es Buſſy, als ob der Rahmen dieſes Portraits nichts Anderes, als die Einfaſſung einer Thuͤre waͤre. Regungslos, wie durch eine hoͤhere Macht auf ſein Bett gebannt, aller ſeiner Bewegungen beraubt, betrachtete Buſſy, der alle ſeine Kraͤfte mit Ausnahme der des Ge⸗ ſichts verloren hatte, alle dieſe Perſonen mit truͤbem Auge, indem er das alberne Laͤcheln derer, welche Blu⸗ men hielten, und den wunderlichen Zorn derer bewun⸗ derte, welche Schwerdter trugen. Hatte er dieſe Perſo⸗ nen bereits geſehen, oder ſah er ſie zum erſten Male? Das vermochte er nicht genau zu beſtimmen, ſo ſehr war ſein Kopf betaͤubt. Ploͤtzlich trat die Frau des Portraits aus dem Rah⸗ men hervor, und ein anbetungswuͤrdiges Weſen, ge⸗ kleidet in ein langes Gewand von weißer Wolle, gleich denen, welche die Engel tragen, mit auf ihre Schultern herabwallenden Haaren, mit kohlſchwarzen Augen, mit langen ſammetnen Wimpern, mit einer Haut, unter Die Dame von Monſoreau⸗ Erſter Band. 5 — 66— welcher er das ſie roſigfaͤrbende Blut kreiſen zu ſehen meinte, ſchritt auf ihn zu. Dieſe Frau war ſo wun⸗ derbar ſchoͤn, ihre ausgeſtreckten Arme waren ſo anzie⸗ hend, daß Buſſy eine gewaltige Anſtrengung machte, um ſich ihr zu Fuͤßen zu werfen. Aber er ſchien auf ſei⸗ nem Bette durch Bande gleich denjenigen zuruͤckgehal⸗ ten, welche den Leichnam im Grabe zuruͤckhalten, waͤh⸗ rend, die Erde verſchmaͤhend, die unkoͤrperliche Seele gen Himmel ſteigt.— Das noͤthigte ihn, das Bett anzublicken, auf dem er ausgeſtreckt lag, und es ſchien ihm, daß es eines jener prachtvollen, unter Franz I. geſchnitzten Betten waͤre, uͤber welches Vorhaͤnge von weißem, mit Gold geſticktem Damaſt herabhingen. Bei dem Anblicke dieſer Frau hoͤrten die Perſonen der Wand und der Decke auf, Buſſy zu beſchaͤftigen. Die Frau des Portraits war Alles fuͤr ihn, und er ſuchte zu ſehen, welche Leere ſie in dem Rahmen ließe. Aber eine Wolke, die ſeine Augen nicht zu durchdrin⸗ gen vermochten, wogte vor dieſem Rahmen und ent⸗ zog ihm ſeinen Anblick; nun richtete er ſeine Augen wie⸗ der auf die geheimnißvolle Perſon, und auf die wun⸗ dervolle Erſcheinung alle ſeine Blicke heftend, begann er an ſie ein Kompliment in Verſen zu richten, wie er ſie gelaͤufig machte.. Aber ploͤtzlich verſchwand die Frau: ein undurchſich⸗ tiger Koͤrper ſtellte ſich zwiſchen ſie und Buſſy; dieſer Koͤrper ging ſchwerfaͤllig und ſtreckte die Haͤnde vor ſich/ wie es der Suchende im Blindenkuh⸗Spiele macht. — 67— Buſſy fuͤhlte, wie ihm der Zorn zu Kopfe ſtieg, und er gerieth in eine ſolche Wuth gegen den laͤſtigen Beſucher, daß, wenn er die Freiheit ſeiner Bewegun⸗ gen gehabt haͤtte, er beſtimmt uͤber ihn hergefallen waͤre; wir muͤſſen ſogar ſagen, daß er es verſuchte, aber es war ihm unmoͤglich. Als er ſich vergebens bemuͤhete, ſich von dem Bette loszumachen, an das er gefeſſelt ſchien, ſprach der Neu⸗ angekommene. — Nun, fragte er, bin ich endlich angelangt? — Ja, Meiſter, ſagte eine ſo liebliche Stimme, daß alle Herzensfibern Buſſys davon erbebten, und Ihr koͤnnt jetzt Eure Binde ablegen. Buſſy bemuͤhte ſich zu ſehen, ob die Frau mit der lieblichen Stimme wohl ein und dieſelbe, als die des Portraits waͤre; aber der Verſuch war vergebens. Er erblickte nur das junge und freundliche Geſicht eines Mannzs vor ſich, welcher zu Folge der an ihn gerichte⸗ ten Einladung ſeine Binde abgenommen hatte und er⸗ ſtaunte Blicke in dem Zimmer umherwarf. — Zum Teufel mit dem Manne! dachte Buſſy. Und er verſuchte ſeinen Gedanken durch Worte oder durch die Geberde auszuſprechen, aber das Eine war ihm eben ſo unmoͤglich, als das Andere. — Ah, jetzt begreife ich, ſagte der junge Mann, indem er an das Bett trat. Ihr ſeid verwundet, nicht wahr, mein lieber Herr? Laßt ſehen, wir wollen ver⸗ ſuchen, Euch wieder zurecht zu flicken. Buſſy wollte antworten, aber er ſah e. daß das — 68— unmoͤglich waͤre. Seine Augen ſchwammen in einem eiſigen Dunſte, und die aͤußerſten Spitzen ſeiner Finger ten ihm, als ob ſie von Hundert Tauſend Nadeln durchbohrt geweſen waͤren.. — Iſt der Stich etwa toͤdtlich? fragte mit einer Beklommenheit des Herzens und einem Ausdrucke ſchmerz⸗ licher Theilnahme, welche Buſſy die Thraͤnen in die Au⸗ gen ſteigen ließ, die liebliche Stimme, welche bereits geſprochen hatte, und die der Verwundete fuͤr diejenige der Dame des Portraits erkannte. — Hm! Ich weiß es noch nicht; aber ich will es Euch gleich ſagen, erwiderte der junge Mann. Einſt⸗ weilen aber iſt er ohnmaͤchtig geworden. Das war Alles, was Buſſy verſtehen konnte; es ſchien ihm, als ob er Etwas, wie das Rauſchen eines Kleides hoͤrte, das ſich entfernte. Dann glaubte er Et⸗ was, wie ein gluͤhendes Eiſen zu fuͤhlen, das ihm durch die Seite drang, und das, was noch wach in ihm ge⸗ blieben, erſtarb vollends. Spaͤterhin war es Buſſy unmoglich, die Dauer dieſer Ohnmacht zu beſtimmen. Nur ſtreifte, als er aus dieſem Schlummer er⸗ wachte, ein kalter Wind uͤber ſein Geſicht, und heiſere und mißtoͤnende Stimmen zerriſſen ſein Ohr; er ſchlug die Augen auf, um zu ſehen, ob das die Perſonen der Tapete waͤren, welche ſich mit denen der Decke ſtritten, und in der Hoffnung, daß das Portrait immer noch da ſein wuͤrde. Aber keine Tapete, eben ſo wenig eine Decke. Was das Portrait anbelangt, ſo war es gaͤnz⸗ ———4⁴— — 69— lich verſchwunden. Es befand ſich nur zu ſeiner Rech⸗ ten ein graugekleideter Mann mit einer weißen, an ſei⸗ nem Guͤrtel aufgeſchuͤrzten und mit Blut befleckten Schuͤrze, zu ſeiner Linken ein Auguſtiner-Moͤnch der Straße du Temple, welcher ihm den Kopf unterſtützte, und vor ihm ein altes Weib, welches Gebete mur⸗ melte. Das unſtaͤte Auge Buſſys heftete ſich bald auf eine Steinmaſſe, die ſich vor ihm aufrichtete, und erhob ſich bis zu der groͤßten Hoͤhe dieſer Steine, um ſie zu meſ⸗ ſen; er erkannte nun den Tempel, dieſen mit Mauern und Thuͤrmen beſetzten Zwinger, und uͤber dem Tem⸗ pel den weißen und kalten leicht durch die aufgehende Sonne geroͤtheten Himmel. Buſſy befand ſich einfach und allein auf der Straße, oder vielmehr auf dem Rande eines Grabens, und die⸗ ſer Graben war der des Tempels. — Ah! Ich danke, meine wackeren Leute, ſagte er, fuͤr die Muͤhe, die Ihr Euch gegeben habt, mich hier⸗ her zu bringen. Ich bedurfte der Luft. Aber man haͤtte ſie mir gewaͤhren koͤnnen, indem man die Fenſter oͤff⸗ nete, und ich haͤtte beſſer auf meinem Bette von weißem Damaſt und Gold gelegen, als auf dieſer bloßen Erde. Gleichviel; es befinden ſich in meiner Taſche, wenn Ihr Euch nicht etwa bereits ſelbſt bezahlt gemacht, was wahrſcheinlich iſt und was vorſichtig waͤre, einige zwan⸗ zig Goldthaler; nehmt ſie, meine Freunde, nehmt ſie. — Aber, mein Edelmann, ſagte der Fleiſcher, wir haben nicht die Muͤhe gehabt, Euch hierher zu bringen. „ — 716— Und Ihr ſeid hier, gewiß und wahrhaftig hier. Wir haben Euch hier gefunden, als wir mit Tages Anbruche voruͤber kamen. 5— Ah, den Teufel! ſagte Buſſy. Und war der junge Arzt hier? Die Anweſenden ſahen einander an. — Das iſt ein Reſt von Irrereden, ſagte der Au⸗ guſtiner-Moͤnch, indem er den Kopf ſchuͤttelte. Dann zu Buſſy zuruͤckkehrend, ſagte er zu ihm: — Ich glaube, daß Ihr wohl thun wuͤrdet zu beichten, mein Sohn. Buſſy blickte den Moͤnch mit erſtaunter Miene an. — Es war kein Arzt da, armer lieber junger Mann, ſagte die Alte. Ihr waret hier allein, verlaſſen, kalt wie ein Todter. Seht, es liegt hier ein wenig Schnee, und Euer Platz iſt ſchwarz auf dem Schnee bezeichnet. Buſſy warf einen Blick auf ſeine ſchmerzende Seite, erinnerte ſich, einen Degenſtich empfangen zu haben, fuhr mit der Hand unter ſein Wamms, und fuͤhlte ſein Taſchentuch auf derſelben Stelle mit ſeinem Degenkup⸗ pel auf der Wunde befeſtigt. — Das iſt ſonderbar, ſagte er. Die Erlaubniß benutzend, welche hatte, theilten ſich die Anweſenden be tigen Ausrufungen des Bedauerns in ſeine Boͤrſe. — Das da, ſagte er, nachdem die Theilung been⸗ digt war, iſt ſehr ſchoͤn, meine Freunde. Jetzt fuͤhrt mich nach meinem Hotel zuruͤck... er ihnen gegeben reits unter gewal⸗ Bezug auf ihn in he 8Q— 2 — Ah, gewiß, gewiß; armer lieber junger Mann, ſagte die Alte. Der Fleiſcher iſt ſtare, und dann hat er ſein Pferd, das Ihr reiten koͤnnt. — Iſt das wahr? ſagte Buſſy. — Das iſt ſo wahr, als ein Gott im Himmel iſt! ſagte der Fleiſcher, und ich und mein Pferd ſtehen zu Euren Dienſten, mein Edelmann. — Das iſt gleich, mein Sohn, ſagte der Moͤnch, waͤhrend der Fleiſcher ſein Pferd holt, werdet Ihr gut thun zu beichten. — Gottes Tod! ſagte Buſſy, indem er es ſich auf ſeinem Sitze bequem machte. Ich hoffe, daß der Augen⸗ blick noch nicht gekommen iſt. Demnach auch, mein Va⸗ ter, an das Dringendſte. Mich friert, und ich moͤchte in meinem Hotel ſein, um mich wieder zu waͤrmen. — Und wie heißt Euer Hotel? — Hotel de Buſſy. — Wie, riefen die Anweſenden aus, Hotel de Buſſy? — Ja, was giebt es dabei ſich zu verwundern? — Ihr gehoͤrt alſo zu den Leuten des Herrn von Buſſy? — Ich bin Herr von Buſſy ſelbſt. — Buſſy, rief die Menge aus, der Herr von Buſ⸗ ſy, der tapfere Buſſy, die Geißel der Mignons. Es lebe Buſſy! Und auf die Schultern ſeiner Zuhoͤrer gehoben, wurde der junge Mann im Triumphe nach ſeinem Hotel zuruͤckgebracht, waͤhrend der Moͤnch, ſeinen Antheil an den zwanzig Goldthalern zaͤhlend, davon ging, indem er den Kopf ſchuͤttelte und murmelte: — Wenn das dieſer Großprahler von Buſſy iſt, ſo verwundert es mich nicht mehr, daß er nicht hat beich⸗ ten wollen. Sobald er in ſein Hotel zuruͤckgekehrt war, ließ Buſſy ſeinen gewoͤhnlichen Wundarzt rufen, der die Wunde ohne Folgen fand. — Sagt mir, ſagte Buſſy zu ihm, iſt dieſe Wunde nicht ſchon verbunden geweſen? — Meiner Treue, ſagte der Arzt, ich moͤchte es nicht verſichern, obgleich ſie nach Allem ſehr friſch ſcheint. — Und, fragte Buſſy, iſt ſie gefaͤhrlich genug, um mir Fieber⸗Phantaſien veranlaßt zu haben? 9— Gewiß! — Den Teufel! aͤußerte Buſſy. Indeſſen dieſe Ta⸗ pete mit ihren Blumen und Piken tragenden Perſonen, dieſe Frescodecke, dieſes geſchnitzte, mit weißem, gold⸗ geſticktem Damaſt behangene Bett, dieſes Portrait zwi⸗ ſchen zwei Fenſtern, dieſe anbetungswuͤrdige blonde Frau mit ſchwarzen Augen, dieſer Arzt, der Blindekuh ſpielte, und dem ich beinahe nimm Dich in Acht, zugerufen haͤtte,— Alles das waͤre alſo nur eine Fieber⸗Phan⸗ taſie? Und es waͤre nichts Wahres daran, als mein Kampf mit den Mignons? Wo habe ich mich denn geſchlagen! Ach, ja, ſo iſt es. Es war in der Naͤhe des Baſtille⸗Platzes, nach der Straße Saint⸗Paul zu. Ich habe mich an eine Mauer gelehnt; dieſe Mauer war eine Thuͤre, und dieſe Thuͤre iſt gluͤcklicher Weiſe auf⸗ — 73— gegangen. Ich habe ſie mit großer Muͤhe wieder ver⸗ ſchloſſen und mich auf einer Hausflur befunden. Von dort an erinnere ich mich Nichts mehr bis zu dem Au⸗ genblicke, wo ich wieder zu mir gekommen bin. Bin ich denn wieder zur Beſinnung gekommen? Oder habe ich jetzt getraͤumt? Das iſt die Frage. Ah, apropos, und mein Pferd? Man muß mein Pferd todt auf dem Platze wiedergefunden haben. Ich bitte Euch, Doktor, ruft Jemanden. Der Doktor rief einen Diener. Buſſy erkundigte ſich und erfuhr, daß ſich das Thier, blutend, verſtuͤmmelt, bis an das Thor des Hotels ge⸗ ſchleppt, und daß man es dort mit Anbruch des Tages wiehernd gefunden haͤtte. Sogleich hatte ſich der Schre⸗ cken in dem Hotel verbreitet; alle Leute Buſſys, die ihren Herrn anbeteten, hatten ſich auf der Stelle zu ſeiner Aufſuchung aufgemacht, und die Meiſten von ih⸗ nen waren noch nicht zuruͤckgekehrt. — Alſo nur noch das Portrait bleibt fuͤr mich ein Traum, ſagte Buſſy, und es war in der That einer. Welche Wahrſcheinlichkeit iſt vorhanden, daß ein Por⸗ trait aus ſeinem Rahmen heraustritt, um ſich mit ei⸗ nem Arzte zu beſprechen, deſſen Augen verbunden ſind? Ich bin ein Thor. — Und dennoch, wenn ich mich darauf beſinne, die⸗ ſes Portrait war ſehr reizend. Es hatte... Buſſy begann das Portrait zu zergliedern, und in dem Maße, als er alle die Einzelnheiten deſſelben in ſeinem Gedaͤchtniſſe durchging, fuhr ein woluͤſtiger Schauder, jener Schauder der Liebe, welcher das Herz erwaͤrmt und ihm wohlthut, wie ein Sammet uͤber ſeine brennende Bruſt. — Und ich ſollte Alles das getraͤumt haben, rief Buſſy aus, waͤhrend der Arzt den Verband auf ſeine Wunde legte. Gottes Tod! Das iſt unmoͤglich, man hat keine ſolchen Traͤume. — Gehen wir ihn nochmals durch. Und Buſſy begann zum hundertſten Male zu wie⸗ derholen: — Ich war auf dem Balle; Saint⸗Luc hatte mich gewarnt, daß man in der Naͤhe der Baſtille auf mich lauern wuͤrde. Ich war mit Antraguet, Ribeirac und Livarot. Ich hatte ſie fortgeſchickt. Ich hatte meinen Weg uͤber den Kai, das große Chatelet, u. ſ. w., u. ſ. w., eingeſchlagen. An dem Hotel des Tournelles hatte ich zuerſt die Leute bemerkt, die auf mich lauer⸗ ten. Sie ſind uͤber mich hergefallen, und haben mein Pferd verſtuͤmmelt. Wir hatten uns derb geſchlagen. Ich war in eine Hausflur eingetreten, ich hatte mich unwohl gefuͤhlt, und dann: Ah, das iſt es! Dieſes jetzt und nachher bringt mich um; es gab ein Fieber, ein Phantaſiren, einen Traum nach dieſem jetzt und nachher. 5 — Und dann, fuͤgte er mit einem Seufzer hinzu, habe ich mich auf dem Abhange der Graͤben des Tem⸗ pels befunden, wo ein Auguſtiner⸗-Moͤnch mich hat beichten laſſen wollen. — Gleichviel, ich werde daruͤber ins Reine kom⸗ — 735— men, begann Buſſy nach einem Augenblicke des Schwei⸗ gens wieder, den er nochmals dazu anwandte, ſeine Er⸗ innerungen zu ſammeln. Werde ich denn wieder vier⸗ zehn Tage lang das Zimmer wegen dieſer Schramme huͤten muͤſſen, Doktor, wie ich es wegen der letzten thun mußte? — Das kommt darauf an. Laßt ſehen, koͤnnt Ihr etwa nicht gehen? fragte der Wundarzt. — Ich, im Gegentheile, ſagte Buſſy. Es ſcheint mir, als ob ich Queckſilber in den Beinen haͤtte. — Geht im Zimmer herum. Buſſy ſprang von ſeinem Bette auf, und lieferte den Beweis deſſen, was er geſagt hatte, indem er ziem⸗ lich friſch im Zimmer herum ging. — Es wird gehen, ſagte der Arzt, vorausgeſetzt, daß Ihr nicht reitet, und daß Ihr keine zehn Stun⸗ den am erſten Tage macht. — So laſſe ich mir es gefallen! rief Buſſy aus. Das iſt ein Arzt. Indeſſen habe ich heute Nacht einen anderen geſehen. Ah, ja, gewiß geſehen, ich habe mir Geſicht eingepraͤgt, und wenn ich ihm jemals be⸗ ſo ſtehe ich dafuͤr, daß ich ihn erkennen werde. Mein lieber Herr, ſagte der Arzt, ich rathe Euch 1 zu ſuchen; man hat immer ein wenig Fie⸗ Degenſtichen; Ihr ſolltet indeſſen das wiſſen, Ihr, der Ihr Euren zwoͤlften empfangen. — O, mein Gott, rief Buſſy ploͤtzlich von einer neuen Idee getroffen aus, denn er dachte nur an das Geheimniß ſeiner Nacht, ſollte etwa mein Traum — 76— außerhalb der Thuͤre, ſtatt innerhalb derſelben begonnen haben? Haͤtte es etwa eben ſowohl keine Hausflur und keine Treppe gegeben, als es kein Bett von weißem Damaſt mit Gold und kein Portrait gab! Sollten dieſe Banditen etwa, indem ſie mich getoͤdtet glaubten, ganz einfach bis nach den Graͤben des Tempels getra⸗ gen haben, um irgend einen Zuſchauer des Auftrittes von der Spur abzulenken? Dann haͤtte ich ganz zu⸗ verlaͤſſig das Uebrige getraͤumt. Heiliger Gott, wenn das wahr iſt, wenn ſie mir den Traum, der mich be⸗ wegt, der mich verzehrt, der mich toͤdtet, verſchafft haben, ſo ſchwoͤre ich, ihnen Allen, bis auf den Letz⸗ ten, den Leib aufzuſchlitzen. — Mein lieber Herr, ſagte der Arzt, wenn Ihr ſchnell geneſen wollt, ſo duͤrft Ihr Euch nicht ſo auf⸗ regen. — Ausgenommen indeſſen dieſen guten Saint⸗Luc, fuhr Buſſy fort, ohne auf das zu hoͤren, was nhin der Doktor ſagte. Mit dieſem da iſt es etwas Anbe⸗ res, er hat ſich als Freund gegen mich enenmm.— Demnach will ich auch ihm meinen erſten Beſuch u men. 4 — Aber nicht vor heute Abend um fuͤnf uhr, der Arzt. — Es ſei, ſagte Buſſy, aber ich verſichere Euch, es iſt nicht das Ausgehn und Leute zu ſehen, was mich krank machen kann, ſondern wenn ich mich ruhig ver⸗ halten und allein bleiben muß. — In der That, das iſt moͤglich, ſagte der Arzt, ue d — 77— Ihr ſeid in allen Dingen ein ſeltſamer Kranker; han⸗ delt nach Eurem Gutduͤnken, gnaͤdiger Herr; ich em⸗ pfehle Euch nur noch Eines: naͤmlich Euch keinen neuen Degenſtich verſetzen zu laſſen, bevor dieſer da geheilt iſt. Buſſy verſprach dem Arzte, dafuͤr zu thun, was er vermoͤchte, und nachdem er ſich hatte ankleiden laſ⸗ ſen, rief er nach ſeiner Saͤnfte und ließ ſich nach dem Hotel Montmorency tragen. V. Wie Fraͤulein von Briſſac, anders Frau von Saint⸗Luc genannt, ihre Hochzeitsnacht zugebracht hatte. 7 QLouis von Clermont, bekannter unter dem Na⸗ men Buſſy von Amboiſe, den Brantome, ſein Vetter, in die Reihe der großen Feldherrn des XVI. Jahrhun⸗ derts geſtellt hat, obgleich er kaum dreißig Jahr alt ſtarb, war ein ſchoͤner Cavalier und ein vollkommener Hofmann. Kein Mann hatte ſeit langer Zeit ruhmwuͤr⸗ digere Eroberungen gemacht. Die Koͤnige und die Prin⸗ zen hatten ſich um ſeine Freundſchaft beworben. Die Koͤniginnen und die Prinzeſſinnen hatten ihm auf das Freundlichſte zugelaͤchelt. Buſſy war la Mole in der Liebe Margarethens von Navarra gefolgt, und die gute Koͤnigin mit zaͤrtlichem Herzen, welche nach dem Tode des Guͤnſtlinges, deſſen Geſchichte wir geſchrieben ha⸗ ben, ohne Zweifel des Troſtes bedurfte, hatte fuͤr den e ſchoͤnen und tapferen Buſſy von Amboiſe ſo viele Thor⸗ heiten begangen, daß Heinrich, ihr Gatte, daruͤber auf⸗ gebracht wurde, er, der ſich ſonſt eben nicht um der⸗ artige Dinge bekuͤmmerte, und daß der Herzog Franz ihm niemals die Liebe ſeiner Schweſter verziehen haben wuͤrde, wenn dieſe Liebe nicht Buſſy fuͤr ſeine Inter⸗ eſſen gewonnen haͤtte. Dieſes Mal wieder opferte der Herzog ſeine Liebe jenem heimlichen und unentſchloſſe⸗ nen Ehrgeize, der ihm waͤhrend ſeines ganzen Lebens ſo viele Schmerzen verurſachen und ſo wenig Fruͤchte einbringen ſollte. Aber unter allen dieſen Erfolgen des Krieges, des Ehrgeizes und der Galanterie, hatte Buſſy ein allen menſchlichen Schwaͤchen unzugaͤngliches Herz bewahrt, und dieſes Herz, welches niemals die Furcht gekannt, war auch niemals, wenigſtens bis zu dem hier in Rede ſtehenden Zeitpunkte, von der Liebe beruͤhrt worden. Dieſes Kaiſerherz, das in ſeiner Edelmanns⸗Bruſt ſchlug, wie er ſelbſt ſagte, war jungfraͤulich und rein, gleich dem Diamant, welchen die Hand des Steinſchnei⸗ ders noch nicht beruͤhrt hat, und der aus der Mine kommt, wo er unter dem Blicke der Sonne gereift iſt. Es war demnach in dieſem Herzen kein Raum fuͤr kluge Berechnungen, welche aus Buſſy einen wahren Kaiſer gemacht haͤtten. Er hielt ſich einer Krone wuͤrdig und war mehr werth als die Krone, welche ihm zum Ver⸗ gleichungs⸗Punkte diente. Heinrich III. hatte ihm ſeine Freundſchaft anbieten laſſen, und Buſſy hatte ſie ausgeſchlagen, indem er — 80— Fagte, daß die Freunde der Koͤnige ihre Diener, und zuweilen noch Schlimmeres waͤren, und daß dem zu Folge ihm eine ſolche Stellung nicht behage. Heinrich IIl. hatte in der Stille dieſe Beleidigung verſchluckt, welche dadurch noch erſchwert wurde, daß Buſſy den Herzog Franz zu ſeinem Herrn gewaͤhlt hatte. Freilich war der Herzog Franz der Herr Buſſys, wie der Me⸗ nagerie⸗Beſitzer Herr des Loͤwen iſt; er bedient und naͤhrt ihn, aus Furcht, daß der Loͤwe ihn freſſen moͤchte. So war dieſer Buſſy, den Franz antrieb, ſeine Privat⸗ Streitigkeiten zu unterſtuͤtzen. Buſſy ſah es wohl, aber die Rolle ſagte ihm zu. Er hatte ſich eine Theorie nach der Weiſe des Wahl⸗ ſpruches der Rohans gebildet, welche ſagten:„Koͤnig kann ich nicht ſein, Prinz mag ich nicht ſein, Rohan bin ich.“ Buſſy ſagte ſich: Koͤnig von Frankreich kann ich nicht werden, aber der Herzog von Anjou kann und will es werden, ich werde der Koͤnig des Herzogs von Anjou ſein. Und in der That, er war es. Als die Leute Saint⸗Lucs dieſen furchtbaren Buſſy in die Wohnung eintreten ſahen, eilten ſie, Herrn von Briſſac davon zu benachrichtigen. — Iſt Herr von Saint⸗Luc zu Haus? fragte Buſ⸗ ſy, indem er den Kopf durch die Vorhaͤnge des Schla⸗ ges ſtreckte. — Nein, gnaͤdiger Herr, ſagte der Pfoͤrtner. — Wo kann ich ihn finden? — Ich weiß es nicht, gnaͤdiger Herr, antwortete — ‿—-— 2 ☛ der wuͤrdige Diener. Man iſt ſogar ſehr beſorgt im Hotel; Herr von Saint⸗Luc iſt ſeit geſtern nicht zu⸗ rückgekehrt. 4 — Bah! aͤußerte Buſſy ganz verwundert. — Es iſt, wie ich die Ehre habe Euch zu ſagen. — Aber, Frau von Saint⸗Luc! — O, Frau von Saint⸗Luc, das iſt etwas An⸗ deres. — Sie iſt zu Haus? 4 — Ja. — So meldet denn Frau von Saint⸗Luc, daß ich mich ſehr freuen wuͤrde, wenn ich die Erlaubniß er⸗ langte, ihr meine Aufwartung zu machen. Fuͤnf Minuten nachher kehrte der Bote mit der Antwort zuruͤck, daß Frau von Saint⸗Luc Herrn von Buſſy mit dem groͤßten Vergnuͤgen empfangen wuͤrde. Buſſy ſtieg von ſeinen Sammetkiſſen herab und ging die große Treppe hinauf; Jeanne von Coſſé war dem jungen Manne bis in die Mitte des Ehrenſaales entgegen gegangen. Sie war ſehr bleich, und ihre wie Rabenfluͤgel ſchwarzen Haare verliehen dieſer Blaͤſſe den Schein von gelbgewordenem Elfenbein; ihre Augen waren roth von einer ſchmerzlichen Schlafloſigkeit, und man haͤtte auf ihrer Wange der Silberfurche einer fri⸗ ſchen Thraͤne folgen koͤnnen. Buſſy, den dieſe Blaͤſſe anfangs hatte laͤcheln laſſen, und der ein Gelegenheits⸗ Kompliment auf ihre matten Augen vorbereitete, unter⸗ brach ſich in ſeiner Rede bei dieſen Symptomen wah⸗ ren Schmerzes. Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. 6 — 82— — Seid willkommen, Herr von Buſſy, ſagte die junge Frau, trotz der Furcht, di Eure Gegenwart mich empfinden laͤßt. — Was wollt Ihr damit ſagen, gnaͤdige Frau, fragte Buſſy, und wie kann meine Perſon Euch ein Ungluͤck verkuͤnden? — Ach, es hat heute Nacht ein Zuſammentreffen zwiſchen Euch und Herrn von Saint⸗Luc ſtattgefunden, nicht wahr? Geſteht es. — Zwiſchen mir und Herrn von Saint⸗Luc? wie⸗ derholte Buſſy erſtaunt. — Ja. Er hat mich entfernt, um mit Euch zu reden. Ihr ſeid auf der Seite des Herzogs von An⸗ jou, er iſt auf der des Koͤnigs. Ihr habt Streit ge⸗ habt. Ich bitte Euch inſtaͤndigſt, Herr von Buſſy, verhehlt mir Nichts. Ihr muͤßt meine Unruhe begrei⸗ fen. Er iſt mit dem Koͤnige fortgegangen, das iſt wahr; aber man findet ſich wieder, man ſucht ſich. Beichtet mir die Wahrheit. Was iſt Herrn von Saint⸗ Luc zugeſtoßen? — Gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, das iſt in Wahr⸗ heit wunderbar. Ich erwartete, daß Ihr Euch nach meiner Wunde erkundigtet, und ich bin es, den man befragt. — Herr von Saint⸗Luc hat Euch verwundet, er hat ſich geſchlagen! rief Jeanne aus. Ah! Ihr ſeht wohl... 1 — Aber nein, gnaͤdige Frau, dieſer liebe Saint⸗ Luc hat ſich nicht im Mindeſten geſchlagen, zum Wenigſten nicht mit mir, und, Gott ſei Dank, ich bin nicht von ſeiner Hand verwundet. Er hat ſogar alles Moͤgliche gethan, damit ich nicht verwundet wuͤrde. Aber außer⸗ dem muß er Euch ſelbſt geſagt haben, daß wir jetzt Freunde wie Damon und Pythias ſind! 4 — Er? Wie ſollte er es mir geſagt haben, da ich ihn nicht wiedergeſehn? — Ihr habt ihn nicht wiedergeſehn? Was mir Euer Pfoͤrtner ſagte, war alſo wahr? — Was ſagte er Euch? — Daß Herr von Saint⸗Luc ſeit geſtern um eilf Uhr nicht nach Haus gekommen waͤre. Seit geſtern um eilf Uhr habt Ihr Euren Gatten nicht wiederge⸗ ſehn? — Leider! Nein! — Aber wo kann er ſein? — Ich frage Euch darum. — O! Aber erzaͤhlt mir doch das, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, welcher ahnete, was ſich zugetragen hatte, das iſt ſehr drollig. Die arme Frau blickte Buſſy mit dem groͤßten Er⸗ ſtaunen an. — Nein. Das iſt ſehr betruͤbt, wollte ich ſagen begann Buſſy wieder. Ich habe viel Blut verloren, ſo daß ich nicht aller meiner Geiſteskraͤfte genieße. Er⸗ zaͤhlt mir dieſe bedauernswerthe Geſchichte, gnaͤdige Frau, erzaͤhlt. Und Jeanne erzaͤhlte Alles, was ſie wußte; das heißt, den von Heinrich III. Sahit⸗ue gegebenen Be⸗ —* b fehl, ihn zu begleiten, die Schließung der Thore des Louvre und die Antwort der Garden, auf welche in der That keine Ruͤckkehr erfolgt war. Ah, ſehr ſchoͤn, ſagte Buſſy, ich begreife. Wie? Ihr begreift? fragte Jeanne. Ja, Seine Majeſtaͤt hat Saint⸗Luc mit nach dem Louvre genommen, und einmal eingetreten, hat Saint⸗Luc es nicht mehr verlaſſen koͤnnen. Und warum hat Saint-Luc es nicht verlaſſen koͤnnen? — Ah! Hm! ſagte Buſſy verlegen. Ihr verlangt von mir, Staatsgeheimniſſe zu entſchleiern. — Aber am Ende, ſagte die junge Frau, ich bin nach dem Louvre gegangen, und mein Vater auch. — Nun? 4 — Nun denn! Die Garden haben uns geantwor⸗ tet, daß ſie nicht wuͤßten, was wir ſagen wollten, und daß Herr von Saint⸗Luc nach Haus zuruͤckgekehrt ſein müßte. — Ein Grund mehr, daß Herr von Saint⸗Luc im Louvre iſt, ſagte Buſſy. — Ihr glaubt? 4 8 — Ich bin uͤberzeugt davon, und wenn Ihr Euch auch davon uͤberzeugen wollt„.. — Wie? 3 — Durch Euch ſelbſt. — Kann ich es denn? — Gewiß 4 — Aber ich wuͤrde mich vergebens in dem Palaſte melden, man wuͤrde mich mit denſelben Worten, die * man mir bereits geſagt hat, fortſchicken, wie man es „ ſchon gethan hat. Denn, wenn er dort waͤre, was wuͤrde dann verhindern, daß ich ihn ſaͤhe? — Wollt Ihr in das Louvre kommen, frage ich Euch? — Wozu? — Um Saint⸗Lue zu ſehen. — Aber am Ende, wenn er nicht dort iſt? — Und, Gottes Tod! ich ſage Euch, daß er dort iſt. — Das iſt ſonderbar. — Nein, das iſt koͤniglich. — Aber, Ihr habt alſo Zutritt im Louvre? .*— Gewiß. Ich bin nicht die Gattin Saint⸗Luc's. *.— Ihr ſetzt mich in Verlegenheit. .— Kommt immerhin. 1 — Wie verſteht Ihr das? Ihr behauptet, daß die Gattin Saint⸗Lucs das Louvre nicht betreten koͤnnte, und Ihr wollt mich in Eurer Begleitung dorthin fuͤhren! — Durchaus nicht, gnaͤdige Frau, es iſt nicht die Gattin Saint⸗Luc's, die ich dorthin fuͤhren will... Eine Frau! Pfui doch! — Dann ſpottet Ihr meiner,... und da Ihr meine Betruͤbniß ſeht, iſt das ſehr grauſam von Euch. — Ei nein doch! Hoͤrt mich an, theure Dame: Ihr ſeid zwanzig Jahr alt, Ihr ſeid groß, Ihr habt . ſchwarze Augen, Ihr habt einen vollen Wuchs, Ihr gleicht meinem juͤngſten Pagen,... verſteht Ihr... — 86— dieſem huͤbſchen jungen Manne, dem das Goldtuch ge⸗ ſtern Abend ſo gut ſtand?,* — Ah! Welche Thorheit, Herr von Buſſy! rief Jeanne erroͤthend aus. — Hoͤrt. Ich habe kein anderes Mittel, als das⸗ jenige, welches ich Euch vorſchlage. Es haͤngt von Euch ab, es anzunehmen, oder es zu laſſen. Wollt Ihr Saint⸗Lue ſehen? Sagt! — O, ich gaͤbe Alles auf der Welt darum, ihn zu ſehen. 8 4— Wohlan! Ich verſpreche Euch, ihn Euch ſehen zu laſſen, ohne daß Ihr irgend Etwas dafuͤr zu geben habt. — Ja.. aber... 4 — O, ich habe Euch geſagt, auf welche Weiſe. — Wohlan, Herr von Buſſy, ich will khun, was Ihr verlangt; nur benachrichtigt dieſen jungen Mann, daß ich eines ſeiner Anzuͤge beduͤrfe, und daß ich eine meiner Kammerfrauen zu ihm ſchicken wuͤrde. — Nicht doch, Ich werde von Haus einen der ganz neuen Anzuͤge holen laſſen, welchen ich fuͤr dieſe Schelme fuͤr den erſten Ball der Koͤnigin Mutter beſtimme. Denjenigen, welchen ich am Meiſten fuͤr Euren Wuchs paſſend halte, werde ich Euch ſenden; dann werdet Ihr heute Abend mit mir an einem verabredeten Orte zu⸗ ſammenkommen, in der Straße Saint⸗Honoré, in der Naͤhe der Straße des Prouvelles, zum Beiſpiele, und von dort aus... — Von dort aus? F — Ei nun! nach dem Louvre. Jeanne begann zu lachen und reichte Buſſy ihre Hand: — Verzeiht mir meinen Argwohn, ſagte ſie. — Von Herzen gern. Ihr liefert mir ein Aben⸗ teuer, das ganz Europa lachen laſſen wird, und da bin ich noch Euer Schuldner. Und indem er Abſchied von der jungen Frau nahm, kehrte er nach Haus zuruͤck, um alle Vorbereitungen zu der Maskerade zu treffen. 4 Am Abend zur beſtimmten Stunde trafen Buſſy und Frau von Saint⸗Luc an der Barrière des Sergens zuſammen. Wenn die junge Frau nicht das Koſtuͤm ſeines Pagen getragen haͤtte, ſo haͤtte ſie Buſſy nicht erkannt. Sie war liebenswuͤrdig in ihrer Verkleidung. Nachdem ſie einige Worte ausgewechſelt, ſchlugen alle Beide den Weg nach dem Louvre ein. 4 An dem Ende der Straße des Foſſas⸗Saint⸗Ger⸗ main⸗!'Auxerrois ſtießen ſie auf einen großen Reiterhau⸗ fen. Dieſer Reiterhaufen nahm die ganze Straße ein, und verſperrte ihnen den Weg. Jeanne fuͤrchtete ſich. Buſſy erkannte an den Fak⸗ keln und an den Buͤchſen den Herzog von Anjou, au⸗ ßerdem erkenntlich an ſeinem Schecken und an dem wei⸗ ßen Sammetmantel, den er gewoͤhnlich trug. — Ah, ſagte Buſſy, indem er ſich nach Jeannen umwandte, Ihr waret in Verlegenheit, zu wiſſen, mein ſchoͤnr Page, wie Ihr in das Loupre dringen koͤnntet; Von dort aus gehen wir mit einander — 88— wohlan, ſeid jetzt unbeſorgt, Ihr werdet im Triumphe in daſſelbe einziehen! — Ha, gnaͤdiger Herr! rief Buſſy aus vollem Halſe dem Herzoge von Anjou zu. Die Stimme drang durch den Raum, und gelangte trotz dem Stampfen der Pferde und dem Murmeln der Stimmen bis zu dem Prinzen. Der Prinz wandte ſich um. — Du, Buſſy! rief er ganz entzuͤckt aus. Ich hielt Dich fuͤr toͤdtlich verwundet, und ſtand im Begriffe, nach Deiner Wohnung zum Hirſchgeweih, Straße de Grenelle zu gehen. — Meiner Treue, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, V ohne nur dem Prinzen fuͤr dieſen Beweis von Aufmerk⸗ ſalmkeit zu danken, wenn ich nicht todt bin, ſo iſt es Niemandes Schuld, ausgenommen die meinige. Wahr⸗ lich, gnaͤdiger Herr, Ihr verwickelt mich in ſchoͤne hinter⸗ liſtige Ueberfaͤlle, und Ihr verlaßt mich in luſtigen Lagen. Der geſtrige Ball Saint⸗Lucs war eine wahre Moͤr⸗ 2 dergrube. Es war kein anderer Angevin als ich da, und ſie haben mir, auf meine Ehre, faſt alles Blut abgezapft, das ich im Koͤrper hatte. 3 — Bei dem Tode, Buſſy, ſie ſollen Dein Blut theuer bezahlen, und ich werde ſie die Tropfen davon * Zaͤhlen laſſen. — Ja, Ihr ſagt das, erwiderte Buſſy mit ſeiner gewoͤhnlichen Ungezwungenheit, und Ihr werdet dem Er⸗ e ſten zulaͤcheln, der Euch begegnet. Wenn Ihr im Laͤ⸗ — 89— cheln zum Mindeſten die Zaͤhne zeigtet; aber Eure Lip⸗ pen ſind dazu zu ſehr geſchloſſen. — Wohlan, erwiderte der Prinz, begleite mich nach dem Louvre und Du winſſt ſehen. — Was werde ich ſehen, gnaͤdiger Herr? — Du wirſt ſehen, wie ich mit meinem Bruder ſprechen werde. — Hoͤrt, gnaͤdiger Herr, ich gehe nicht nach dem Louvre, wenn es ſich darum handelt, einige Grobhei⸗ ten zu empfangen. Das iſt gut fuͤr die Prinzen von Gebluͤt und fuͤr die Mignons. — Sei undeſorgt, ich habe die Sache zu Herzen genommen. — Verſprecht Ihr mir, daß die Genugthuung glaͤn⸗ zend ſein wird? — Ich verſpreche Dir, daß Du zufrieden ſein wirſt. Ich glaube, Du zoͤgerſt noch? — Gäaͤdiger Herr, ich kenne Euch ſo gut. — Komm, ſage ich Dir, man wird davon reden. — Da haben wir, was Euch noͤthig iſt, fluͤſterte Buſſy der Graͤfin ins Ohr. Es wird zwiſchen dieſen beiden Bruͤdern, die ſich ſo innig lieben, ein entſetzli⸗ cher Scandal ſtattfinden, und Ihr werdet waͤhrend die⸗ ſer Zeit Euren Saint⸗Luc wiederfinden. — Nun, fragte der Prinz, entſchließt Du Dich, und muß ich Dir mein fuͤrſtliches Wort verpfaͤnden? — O, nein, ſagte Buſſy, das wuͤrde mir Ungluͤck bringen. Wohlan, geſchehe was da wolle, ich folge ten will, den ſie mir gegeben haben. — 90— Euch, und wenn man mich beleidigt, werde ich mich wohl zu raͤchen wiſſen. Und Buſſy nahm ſeine Stelle neben dem Prinzen ein, waͤhrend der neue Page, ſeinem Herrn ſo nahe als moͤglich folgend, ſich unmittelbar hinter ihm hielt. — Nein, nein, ſagte der Prinz, indem er auf Buſſys Drohung antwortete, dieſe Sorge geht Dich Nichts an, mein wackerer Edelmann! Ich nehme die Rache auf mich. Hoͤre, fuͤgte er mit leiſer Stimme hinzu, ich kenne Deine Moͤrder. — Bah! aͤußerte Buſſy. Eure Hoheit hat ſich ſo viel Muͤhe gegeben, ſich danach zu erkundigen? — Ich habe ſie geſehen. — Wo das? ſagte Buſſy erſtaunt. — Wo ich ſelbſt zu thun hatte, ſie ſind mir am Thor Saint⸗Antoine begegnet, und haͤtten mich beinahe an Deiner Stelle umgebracht. Ah, ich ahnete nicht, daß Du es waͤreſt, dem die Banditen auflauerten! ſonſt... 1 — Nun ſonſt... 1— — Hatteſt Du etwa dieſen neuen Pagen bei Dir? fragte der Prinz, indem er die Drohung unausgeſpro⸗ chen ließ. — Nein, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, lein, und Ihr, gnaͤdiger Herr? 3 — Ich war in Begleitung Aurillys. Und warum warſt Du allein? — Weil ich den Namen des tapferen * ich war al⸗ — 91— — Und ſie haben Dich verwundet? fragte der Prinz mit ſeiner Schnelligkeit, durch eine Finte auf die Stoͤße zu antworten, die man nach ihm fuͤhrte. — Hoͤrt, ſagte Buſſy, ich will ihnen keine Freude daraus machen; aber ich habe einen tuͤchtigen Degen⸗ ſtich durch die ganze Seite. — Ha, die Boͤſewichter! rief der Prinz aus. Au⸗ rilly ſagte mir ganz richtig, daß ſie ſchlimme Abſichten haͤtten. — Wie, ſagte Buſſy, Ihr habt den Hinterhalt geſehn? Wie, Ihr waret in Begleitung Aurillys, der faſt eben ſo gut das Schwerdt fuͤhrt, als er die Laute ſpielt? Wie, er hat Eurer Hoheit geſagt, daß dieſe Leute da boͤſe Abſichten haͤtten, Ihr waret zu zwei, und ſie waren nur zu fuͤnf, und Ihr habt ſie nicht be⸗ lauert, um Beiſtand zu leiſten? — Hm! was willſt Du? Ich wußte nicht, wem dieſe Falle geſtellt war. — Des Teufels Tod! wie Koͤnig Karl IX. ſagte. Als Ihr die Freunde Koͤnig Heinrichs III. erkanntet, habt Ihr indeſſen wohl denken koͤnnen, daß ſie an irgend ei⸗ nen Eurer Freunde wollten. Da es nun aber eben Niemanden als mich giebt, der den Muth hat, Euer Freund zu ſein, ſo war es nicht ſchwierig, zu errathen, daß ich es ſei, an den ſie wollten. — Ja, vielleicht haſt Du Recht, mein lieber Buſſy, ſagte Franz; aber ich habe an Alles das nicht gedacht. — Endlich! ſeufzte Buſſy, als ob er nur dieſes — 92— Wort gefunden haͤtte, um Alles das auszudruͤcken, was er von ſeinem Herrn dachte. Man gelangte nach dem Louvre. Der Herzog wurde an dem Thore von dem Kapitain und von den Pfoͤrtnern empfangen. Es war ein ſtrenger Befehl vor⸗ handen. Aber, wie man ſich wohl denken wird, war dieſer Befehl nicht fuͤr den Erſten des Koͤnigreichs nach dem Koͤnige. Der Prinz zog demnach mit ſeinem gan⸗ zen Gefolge unter die Halle der Zugbruͤcke ein. — Gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, als er ſich auf dem Ehrenhofe ſah, geht Euren Ausfall zu machen, und erinnert Euch, daß Ihr es mir feierlich verſprochen habt. Ich habe Jemandem ein Paar Worte zu ſagen. — Du verlaͤßt mich, Buſſy, ſagte der Prinz be⸗ ſorgt, der ein Wenig auf die Gegenwart ſeines Hoͤflings gerechnet hatte. — Es muß ſein; aber ſeid unbeſorgt, das verhin⸗ dert mich nicht, bei dem groͤßten Laͤrme da zu ſein. Schreit, gnaͤdiger Herr, ſchreit, Gottes Tod! damit ich Euch hoͤre. Oder, wenn ich Euch nicht ſchreien hoͤre, ſo werdet Ihr einſehn, daß ich nicht kommen werde. Hierauf, den Eintritt des Herzogs in den großen Saal benutzend, ſchlich er ſich, von Jeannen gefolgt, in die Zimmer. Buſſy kannte das Louvre wie ſein eigenes Hotel. Er ſchlug eine geheime Treppe ein, ging uͤber zwei bis drei einſame Vorplaͤtze, und gelangte in eine Art von Vorzimmer. 93=— — Erwartet mich hier, ſagte er zu Jeanne. — O, mein Gott! Ihr laßt mich allein? ſagte die junge Frau erſchreckt. — Es muß ſein; ich muß Euch den Weg ſaͤubern und Euch den Eintritt verſchaffen. Buſſy ging geraden Weges nach dem Waffenkabi⸗ nette, das Koͤnig Karl X. ſo ſehr liebte, und das durch eine neue Eintheilung das Schlafzimmer Koͤnig Heinrichs III. geworden war, der es zu ſeinem Gebrauche einge⸗ richtet hatte. Karl IX., Jaͤger⸗Koͤnig, Schmidt⸗Koͤnig, Dichter-Koͤnig, hatte in dieſem Zimmer Waldhoͤrner, Buͤchſen, Manuſcripte, Buͤcher und Schraubſtoͤcke. Heinrich III. hatte darin zwei Betten von Sammet und Atlas, ſehr zuͤgelloſe Bilder, Reliquien, vom Papſt geweihete Scapuliere, wohlriechende, aus dem Orient kommende Riechſäckchen und eine Sammlung der ſchoͤn⸗ ſten Schwerdter zum Fechten, die man ſehen konnte. Buſſy wußte wohl, daß Heinrich nicht in dieſem Zimmer ſein wuͤrde, da ſein Bruder von ihm eine Au⸗ dienz in dem großen Kabinette begehrte, aber er wußte auch, daß ſich neben dem Zimmer des Koͤnigs die Woh⸗ nung der Amme Karls IX. befand, welche die des Lieb⸗ lings Heinrichs III. geworden war. Da nun aber Hein⸗ rich III. in ſeinen Freundſchaften ein ſehr veraͤnderlicher Fuͤrſt war, ſo waren dieſe Zimmer nach einander von Maugiron, d'O, d'Epernon, Quelus und Schomberg bewohnt worden, und in dieſem Augenblicke mußte ſie nach Buſſys Meinung von Saint⸗Luc bewohnt ſein, fuͤr welchen der Koͤnig, wie man geſehn hat, eine ſo — 94— große erneuerte Freundſchaft empfand, daß er den jun⸗ gen Mann ſeiner Gattin entfuͤhrt hatte. Das kam daher, weil Heinrich III., ein ſeltſamer Charakter, ein oberflaͤchlicher und ſcharfſinniger, ein furchtſamer und tapferer, immer gelangweilter, immer beſorgter, immer tiefſinniger Fuͤrſt, einer ewigen Zer⸗ ſtreuung bedurfte. Am Tage: Geraͤuſch, Spiele, Lei⸗ besuͤbungen, Gaukeleien, Maskeraden und Naͤnke. Nachts: Licht, Klaͤtſchereien, Gebet oder Schwelgereien. Heinrich III. iſt daher auch beinahe die einzige Perſon dieſes Charakters, welche wir in unſerer modernen Welt wiederfanden. Heinrich III., der Hermaphrodit des Al⸗ terthumes, war beſtimmt das Licht in irgend einer Stadt des Orients zu erblicken, und in Mitte einer Welt von Stummen, Sclaven, Eunuchen, P Philoſo⸗ phen und Sophiſten mußte ſeine Regierung einen beſon⸗ deren Zeitabſchnitt uͤppiger Ausſchweifungen und unbe⸗ kannter Thorheiten zwiſchen Nero und Heliogabal be⸗ zeichnen. Ahnend, daß Saint⸗Luc die Zimmer der Amme bewohnte, klopfte Buſſy an das beiden Wohnungen ge⸗ meinſchaftliche Vorzimmer. Der Kapitain der Garden kam zu oͤffnen. — Herr von Buſſy! rief der Officier erſtaunt aus. — Ja, ich ſelbſt, mein lieber Herr von Nancey, ſagte Buſſy. Der Koͤnig wuͤnſcht Herrn von Saint⸗Luc zu ſprechen. 3 — Sehr ſchoͤn, antwortete der Kapitain, man melde Herrn von Saint⸗Luc, daß der Koͤnig ihn ſprechen will. — 95— Durch die halb offen gebliebene Thuͤre warf Buſſy dem Pagen einen Blick zu. Indem er ſich hierauf nach Herrn von Nancey um⸗ wandte, fragte Buſſy: — Aber was macht denn dieſer arme Saint⸗Luc? — Er ſpielt mit Chicot, indem er den Koͤnig er⸗ wartet, welcher ſich ſo eben zu der Audienz begeben, die der Herr Herzog von Anjou von ihm begehrt hat. — Wollt Ihr erlauben, daß mein Page mich hier erwartet? fragte Buſſy den Kapitain der Garden. — Sehr gern, antwortete dieſer. — Tritt ein, Jean, ſagte Buſſy zu der jungen Frau, und mit der Hand deutete er ihr die Bruͤſtung eines Fenſters an, in welche ſie ſich zuruͤckzog. Sie hatte ſich kaum in dieſelbe geſtellt, als Saint⸗ Luc eintrat. Aus Beſcheidenheit zog ſich Herr von Nan⸗ cey aus dem Bereiche der Stimme zuruͤck. — Was will denn der Koͤnig wieder von mir? ſagte Saint⸗Luc mit verdrießlicher Stimme und muͤrriſcher Miene. Ah! Ihr ſeid es, Herr von Buſſy. — Ich ſelbſt, lieber Saint⸗Luc, und vor Allem... Er ſenkte die Stimme. — Vor Allem, Dank fuͤr den Dienſt, den Ihr mir erwieſen habt. — Ah, ſagte Saint⸗Luc, das war ganz natuͤrlich, es widerſtand mir, einen wackeren Edelmann, wie Ihr, ermordet zu ſehen. Ich hielt Euch fuͤr getoͤdtet. — Es hat Wenig daran gefehlt; aber in dieſem Falle iſt Wenig ungeheuer viel. — 96— — Wie das? — Ja, ich bin mit einem tuͤchtigen Degenſtiche da⸗ von gekommen, den ich, wie ich glaube, Schomberg und d'Epernon mit Wucher zuruͤckgegeben habe. Was Quelus anbelangt, ſo muß er den Knochen ſeines Schaͤ⸗ dels danken. Er iſt einer der haͤrteſten, die ich noch angetroffen habe. — Ah, erzaͤhlt mir doch Eure Abenteuer, es wird mich zerſtreuen, ſagte Saint⸗Luc, indem er gaͤhnte, als ſollten die Kinnbacken geſprengt werden. — Ich habe in dieſem Augenblicke keine Zeit dazu, mein lieber Saint⸗Luc. Außerdem bin ich zu einem andern Zweck gekommen. Ihr langweilt Euch ſehr, wie es ſcheint. — Koͤniglich, das heißt Alles geſagt. — Wohlan, ich komme, um Euch zu ſteuen Was der Teufel! Ein Dienſt iſt des andern werth. — Ihr habt Recht, und derjenige, welchen Ihr mir erweiſet, iſt nicht minder groß, als derjenige, den ich Euch erwieſen habe. Man ſtirbt eben ſo gut vor langer Weile, als an einem Degenſtiche; das dauert laͤnger, aber iſt weit ſicherer. — Armer Graf, ſagte Buſſy, Ihr ſeid 11e G⸗ fangener, wie ich es mir dachte. — Alles, was am Meiſten Gefangener heißt. Der Koͤnig behauptet, daß es nur meine Laune gaͤbe, die ihn zu zerſtreuen vermoͤchte. Der Koͤnig iſt ſehr guͤtig, denn ſeit geſtern habe ich ihm mehr Grimaſſen geſchnitten, 8 8 1 — 97— als ſein Affe, und ihm mehr Grobheiten geſagt, als ſein Hofnarr. — Nun denn, laßt hoͤren! Vermag ich nicht auch Euch einen Dienſt zu erweiſen, wie ich es Euch anhot? — Gewiß, ſagte Saint⸗Luc; Ihr koͤnnt nach mei⸗ ner Wohnung, oder vielmehr zu dem Marſchall von Briſſac gehen, um meine liebe Frau zu beruhigen, die ſehr beſorgt ſein muß, und zuverlaͤſſig mein Betragen hoͤchſt ſonderbar findet. — Was ſoll ich ihr ſagen? — Ei, bei Gott, ſagt ihr, was Ihr geſehen habt, das heißt, daß ich Gefangener bin, daß Befehl ertheilt iſt, mich an der Pforte zuruͤckzuweiſen, daß der Koͤnig mir ſeit geſtern von der Freundſchaft wie Cicero ſpricht, der daruͤber geſchrieben, und von der Tugend wie So⸗ krates, der ſie ausgeuͤbt hat. — Und was antwortet Ihr ihm? fragte Buſſy la⸗ chend. — Den Henker! Ich antworte ihm, daß ich in Be⸗ zug auf Freundſchaft ein Undankbarer, und in Bezug auf Tugend ein Gottloſer ſei, was nicht verhindert, daß er darauf beharrt und daß er ſeufzend wiederholt: Ah, Saint⸗Luc, die Freundſchaft iſt alſo nur eine Chimaͤre! Ah, Saint⸗Luc, die Tugend iſt alſo nur ein Name! Nur, nachdem er es auf Franzoͤſiſch geſagt, ſagt er es auf Lateiniſch und wiederholt es auf Griechiſch. Bei dieſem witzigen Einfalle ſtieß der Page, auf den Saint⸗Luc noch nicht im Mindeſten geachtet hatte, ein Gelaͤchter aus. Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. 7 — 98— — Was wollt Ihr, lieber Freund? Er glaubt Euch zu ruͤhren. Bis repetita placent, und wie viel mehr ter. Aber iſt das Alles, was ich fuͤr Euch zu thun vermag? — Ach, mein Gott, ja; zum Mindeſten fuͤrchte ich es ſehr. — Dann iſt es geſchehn. — Wie das? — Ich habe mir Alles das gedacht, was ſich zuge⸗ tragen hat, und ich habe im voraus Eurer Frau Alles geſagt. — Und was hat ſie geantwortet? — Sie hat es anfangs nicht glauben wollen. Aber, fuͤgte Buſſy hinzu, indem er einen Blick nach der Seite der Fenſterbruͤſtung warf, ich hoffe, daß ſie ſich endlich durch den Augenſchein uͤberzeugt hat. Verlangt demnach etwas Anderes von mir; irgend etwas Schwieriges, ſelbſt Unmoͤgliches; dann wird es ein Vergnuͤgen ſein, es unternehmen. 6 d* — Dann, mein lieber Buſſy, entleihet fuͤr einige Augenblicke von dem artigen Chevalier Aſtolph den Hip⸗ pogryph, und fuͤhrt ihn mir vor eines meiner Fenſterz ich werde ihn hinter Euch beſteigen, und Ihr bringt mich „ zu meiner Frau. Nachher ſoll es Euch freiſtehen, Eure Reiſe nach dem Monde fortzuſetzen, wenn es Euch gut duͤnkt. 4 — Es giebt etwas weit Einfacheres, mein Lieber, ſagte Buſſy, naͤmlich den Hippogryph zu Eurer Frau zu fuͤhren, damit Eure Frau Euch zu beſuchen kommt. — Hier? — 99— — Ja, hier! — Im Louvre? — Im Louvre ſelbſt. Waͤre das nicht noch weit drolliger? Sagt! — O, Gottes Tod! Ich glaube wohl! — Ihr wuͤrdet Euch nicht mehr langweilen? — Meiner Treue, nein! — Denn ihr langweilt Euch, habt Ihr mir geſagt? — Fragt Chicot. Seit heute Morgen habe ich ei⸗ nen Abſcheu gegen ihn gefaßt und ihm drei Schwerthiebe angeboten. Der Schelm iſt boͤs geworden, woruͤber man vor Lachen haͤtte platzen koͤnnen. Nun denn! Ich habe keine Miene verzogen. Aber wenn das ſo fortdau⸗ ert, ſo glaube ich, daß ich ihn umbringen werde, bloß um mich zu zerſtreuen, oder daß ich mich von ihm toͤd⸗ ten laſſe. — Den Henker! Laßt Euch darauf nicht ein; Ihr wißt, das Chicot ein gewaltiger Kaͤmpe iſt. Ihr wuͤr⸗ det Euch noch weit mehr in einem Sarge langweilen, als Ihr Euch in Eurem Gefaͤngniſſe langweilt. — Meiner Treue, ich weiß nicht. — Laßt hoͤren! ſagte Buſſy lachend. Wollt Ihr, daß ich Euch meinen Pagen gebe? — Mir? — Ja, einen wundervollen Burſchen. — Ich danke, ſagte Saint⸗Luc, ich verabſcheue die Pagen. Der Koͤnig hat mir angeboten, denjenigen der meinigen kommen zu laſſen, der mir am Meiſten zu⸗ ſage, und ich habe es ausgeſchlagen. Bietet ihn dem 7* — 100— Koͤnige an, der ſeinen Hofſtaat einrichtet. Wenn ich von hier fortkomme, werde ich es machen, wie man es in Chenonceaux zur Zeit des gruͤnen Feſtes machte, naͤmlich ich werde mich nur noch von Frauen bedienen laſſen. — Bah, ſagte Buſſy in ihn dringend, verſucht es immer! — Buſſy, ſagte Saint⸗Luc aͤrgerlich, es iſt nicht ſchoͤn von Euch, mich zu verſpotten. — Laßt mich gewaͤhren. — Aber nein. — Wenn ich Euch ſage, daß ich es weiß, was Euch Noth thut. — Aber nein, nein, nein, hundert Mal nein! — Heda! Page, kommt hierher! — Gottes Tod! rief Saint⸗Luc aus. roͤthend. — O, ol murmelte Saint⸗Luc, auf das Hoͤchſte — Der Page verließ ſein Fenſter und kam ganz er. .* 1 erſtaunt, Jeannen unter der Livrée Buſſy's zu erkennen, — Nun, fragte Buſſy, ſoll ich ihn fortſchicken? — Nein, ſo wahr ein Gott lebt, nein! rief Saint⸗ Luc aus. Ach, Buſſy, Buſſy, ich bin es, der Euch ewige Freundſchaft ſchuldig iſt!. 4 — Ihr wißt, daß man Euch nicht hoͤrt, Saint⸗ Lue, aber daß man auf Euch ſieht. — Das iſt wahr, ſagte dieſer, und nachdem er zwei Schritte auf ſeine Frau zugethan hatte, that er drei zuruͤck. —— — 101— In der That, erſtaunt uͤber die zu ausdrucks⸗ volle Pantomime Saint⸗Lucs, begann Herr von Nancey zu horchen, als ein lauter aus dem Rathsſaale kom⸗ mender Laͤrm ſeine Aufmerkſamkeit ablenkte.— — Ach, mein Gott! rief Herr von Nancey aus, ich meine, da zankt der Koͤnig Jemanden aus. — Ich glaube es in der That, erwiderte Buſſy, indem er Beſorgniß heuchelte. Sollte das am Ende der Herr Herzog von Anjou ſein, mit dem ich gekommen bin? Der Kapitain der Garden verſicherte ſich, daß er ſein Schwerdt an ſeiner Seite haͤtte, und ging in der Richtung der Gallerie fort, wo in der That der Laͤr eines heftigen Streites durch Gewoͤlbe und Waͤnde drang. — Sagt, habe ich nicht Alles gut veranſtaltet? ſagte Buſſy, indem er ſich nach Saint⸗Luc umwandte. — Was giebt es denn? fragte dieſer. — Was es giebt? Der Herr Herzog von Anjou und der Koͤnig verlaͤſtern ſich in dieſem Augenblicke, und da das ein koͤſtliches Schauſpiel ſein muß, ſo eile ich hin, um Nichts davon verloren gehen zu laſſen. Benutzt Ihr dieſen Streit, nicht um zu fliehen, denn der Koͤnig wuͤr⸗ de Euch immer wieder treffen, ſondern um dieſen ſchoͤnen Pagen in Sicherheit zu bringen, den ich Euch gebe. Iſt das moͤglich? — Ja, bei Gott! Und außerdem, wenn dem nicht ſo waͤre, ſo muͤßte es wohl moͤglich werden! Aber gluͤck⸗ licher Weiſe habe ich den Kranken geſpielt, ich huͤte das Zimmer. — In dieſem Falle, Gott befohlen, Saint⸗Luc! Vergeßt mich nicht in Euren Gebeten, gnaͤdige Frau! Und, ganz vergnuͤgt, Heinrich III. dieſen ſchlimmen Streich geſpielt zu haben, verließ Buſſy das Vorzimmer und erreichte die Galerie, wo der Koͤnig, roth vor Zorn, gegen den vor Wuth bleichen Herzog von Anjou behaup⸗ tete, daß bei dem Auftritte der vergangenen Nacht Buſſy der herausfordernde Theil geweſen waͤre. — Ich verſichere Euch, Sire, rief der Herzog von Anjou aus, daß d'Epernon, Schomberg, d'O, Mau⸗ giron und Quelus an dem Hotel des Tournelles auf ihn lauerten. — Wer hat Euch das geſagt? — Ich habe ſie geſehen, ich ſelbſt, Sire, mit meinen beiden Augen ſie geſehen. 4 — In der Dunkelheit, nicht wahr? Es war dieſe Nacht ſo finſter, wie in einem Backofen. — Ich habe ſie demnach auch nicht an ihrem Geſicht erkannt. — Woran denn? An den Schultern? — Nein, Sire, an der Stimme. — Sie haben Euch angeredet? — Sie haben mehr als das gethan, ſie haben mich fuͤr Buſſy gehalten und mich angegriffen. — Euch? — Ja, mich! — und was hattet Ihr an dem Thor Saint⸗An⸗ toine zu thun? — Was kuͤmmert es Euch? ———2 — 103— — Ich will es wiſſen. Ich bin heute neugierig. — Ich ging zu Manaſſes. — Zu Manaſſes, einem Juden! — Ihr geht wohl zu Ruggieri, einem Schwarzkuͤnſtler. — Ich gehe, wohin ich will, ich bin der Koͤnig. — Das heißt nicht antworten, das heißt nieder⸗ ſchmettern. — Außerdem iſt Baſſo, t wie ich geſagt habe, der Herausforderer geweſen. — Buſſy? 4 — Ja. 8 — Wo das? — Auf dem Balle Saint⸗Lucs. — Buſſy hat fuͤnf Maͤnner herausgefordert? Geht doch! Buſſy iſt tapfer, aber Buſſy iſt kein Narr. — Bei Gottes Tod, ich ſage Euch, daß ich die Herausforderung gehöͤrt habe. Außerdem war er deſſen wohl faͤhig, da er, trotz Alle dem, was Ihr ſagt, Schom⸗ berg am Schenkel, d'Epernon am Arme verwundet, und Quelus faſt todt geſchlagen hat. — Ah, wahrhaftig? ſagte der Herzog. Er hatte mir davon Nichts geſagt. Ich werde ihm mein Kompliment daruͤber machen. — Und ich, ſagte der Koͤnig, ich werde Niemanden bekomplimentiren, ſondern an dieſem Raufer ein Exempel ſtatuiren. — Ich, ſagte der Herzog, ich, den Eure Freunde nicht allein in der Perſon Buſſys, ſondern auch noch in der meinigen angreifen, ich werde wiſſen, ob ich Euer Bruder bin, und ob es in Frankreich, mit Ausnahme Eurer Majeſtaͤt, einen einzigen Menſchen giebt, der das Recht hat, mir ins Geſicht zu blicken, ohne daß in Er⸗ mangelung von Ehrerbietung die Furcht ihn die Augen niederſchlagen laͤßt. Durch das laute Geſchrei der beiden Bruͤder herbei⸗ gezogen, erſchien in dieſem Augenblicke Buſſy, elegant in hellgruͤnen Atlas mit Roſa⸗Schleifen gekleidet. — Sire, ſagte er, indem er ſich vor Heinrich III- verneigte, geruhet, meine allerunterthaͤnigſte Ehrerbie⸗ tung zu genehmigen. — Bei Gott, da iſt er! ſagte Heinrich.— — Wie es ſcheint, erzeigte mir Eure Majeſtaͤt die Ehre, ſich mit mir zu beſchaͤftigen? fragte Buſſy. — Ja, antwortete der Koͤnig, und es iſt mir ſehr lieb, Euch zu ſehen; was man mir auch daruͤber geſagt hat, Euer Geſicht zeugt von Geſundheit. — un 9n Aderlaß erfriſcht das Geſicht, ſagte Buſſy, und ich muß heute Abend ein ſehr friſches Ge⸗ ſicht haben. — Wohlan, da man Euch gepruͤgelt, da man Euch wund geſchlagen hat, Herr von Buſſy, ſo beklagt Euch, und ich werde Euch Gerechtigkeit widerfahren laſſen. SErlaubt, Sire, man hat mich weder gepruͤgelt, noch wund geſchlagen, ſagte Buſſy, und ich beklage mich nicht. 191. Heinrich blieb auf das Hoͤchſte erſtaunt, und blickte den Herzog von Anjou an. — Nun, was ſagtet Ihr doch? fragte er. — 105— — Ich ſagte, daß Buſſy einen Degenſtich erhalten hat, der ihm die Seite durchbohrte. 3 — Iſt das wahr, Buſſy? fragte der Koͤnig. — Da der Bruder Eurer Majeſtaͤt es verſichert, ſag⸗ te Buſſy, ſo muß es wahr ſein; ein erſter Prinz von Gebluͤt vermag nicht zu lügen. — Und mit einem Degenſtiche in der Seite, ſagte Heinrich, beklagt Ihr Euch nicht? — Ich wuͤrde mich nur dann beklagen, Sire, wenn man mir, um mich zu verhindern, mich ſelbſt zu raͤchen, die rechte Hand abhiebe; und dann noch, fuhr der ſtoͤr⸗ rige Duelliſt fort, werde ich mich, wie ich wohl hoffe, mit der linken Hand raͤchen. — Unverſchaͤmter! murmelte Heinrich. — Sire, ſagte der Herzog von Anjou, Ihr habt von Gerechtigkeit geſprochen, wohlan, laßt der Gerechtig⸗ keit ihren Lauf, wir verlangen nicht mehr. Verordnet eine Unterſuchung, ernennt Richter, und man wird wohl erfahren, von welcher Seite der Hinterhalt herruͤhrt und wer den Mord vorbereitet hat. Heinrich erroͤthete. — Nein, ſagte er, ich ziehe es dieſes Mal noch vor, nicht zu wiſſen, auf welcher Seite das Unrecht iſt, und Allen eine allgemeine Verzeihung angedeihen zu laſſen. Ich ziehe es vor, daß dieſe grimmigen Feinde Frieden ſchließen, und es thut mir leid, daß Schomberg und d'Epernon durch ihre Wunden zu Haus zuruͤckgehalten ſind. Sagt an, Herr von Anjou, welcher war nach Eu⸗ rer Meinung der wuͤthendſte von allen meinen Freunden? 2 — 106— Sagt, das muß Euch ein Leichtes ſein, da Ihr behaup⸗ tet, ſie geſehen zu haben. — Sire, ſagte der Herzog von Anjou, das war Quelus. — Meiner Treue ja, ſagte Quelus, ich verſtecke mich deshalb nicht, und Seine Hoheit hat richtig geſehn. — Dann, ſagte Heinrich, moͤgen Herr von Buſſy und Herr von Quelus im Namen Aller Frieden mit ein⸗ ander ſchließen. 3 — O, ol ſagte Quelus. Was bedeutet das, Sire? — Das bedeutet, daß ich will, daß man ſich hier in meiner Gegenwart augenblicklich umarmt. Quelus runzelte die Stirn. — Ei wie, Signor, ſagte Buſſy, indem er ſich nach Quelus Seite umwandte und die italieniſche Geberde des Pantalons nachahmte, werdet Ihr mir nicht dieſe Fa⸗ vour erzeigen?*) Der Witz war ſo unerwartet, und Buſſy hatte ihn mit ſo vieler Laune gemacht, daß ſelbſt der Koͤnig zu lachen begann. Nun auf Quelus zuſchreitend, ſagte er: — Allons, Monſou, der Koͤnig will es. Und er warf ihm die beiden Arme um den Hals. — Ich hoffe, daß Euch das zu Nichts verpflichtet, ſagte Quelus leiſe zu Buſſy. 1 *) Dieſes und mehreres Folgende iſt in Italiaͤniſcher Mund⸗ art ausgeſprochen, von der ſich das fuͤr den Franzoſen Laͤcherliche nicht wiedergeben laͤßt.— Anm. des Ueberſ. 2 — 407— — Seid unbeſorgt, ſagte Buſſy in demſelben Tone. Wir werden uns ſchon eines Tages wiederfinden. Ganz roth und mit ganz in Unordnung gebrachten Haaren wich Quelus wuͤthend zuruͤck. Heinrich runzelte die Stirn, und Buſſy, indem er immer den Pantalon ſpielte, machte eine Pirouette, und verließ den Rathsfaal. Er hatte ſich durch dieſe groteske Umarmung einen Todfeind gemacht. VI. Wie Konig Heinrich III. zu Bett ging. Mach dieſem als Trauerſpiel begonnenen und als Luſtſpiel beendigten Auftritte, von dem ſich das Ge⸗ ruͤcht, gleich einem nach Außen gedrungenen Echo des Louvre, durch die Stadt verbreitete, ſchlug der Koͤnig ganz erzuͤrnt, von Chicot gefolgt, der zu eſſen verlangte, wieder den Weg nach ſeinem Zimmer ein. — Ich habe keinen Hunger, ſagte der Koͤnig, indem er uͤber die Schwelle ſeiner Thuͤre ſchritt. — Das iſt moͤglich, ſagte Chicot; aber ich bin ra⸗ ſend hungrig, ich moͤchte beißen. Der Koͤnig that, als ob er Nichts gehoͤrt haͤtte. Er loͤſete den Haken an ſeinem Mantel, den er auf ſein Bett legte, nahm ſein Baret ab, das durch lange ſchwarze Nadeln auf ſeinem Kopfe befeſtigt war, und 9 ur un — 111— — Sire, ich wuͤrde es nicht zugeben... — Ich will ein Bett fuͤr mich in Deinem Zimmer aufſchlagen laſſen, Saint⸗Luc Wir wollen die ganze Nacht plaudern. Ich habe Dir Tauſend Dinge zu ſagen. — Ach, rief Saint⸗Luc verzweifelt aus, Ihr nennt Euch einen Arzt, Ihr nennt Euch meinen Freund, und Ihr wollt mich abhalten zu ſchlafen. Gottes Tod! Doktor, Ihr habt eine ſeltſame Weiſe, Eure Kranken zu behandeln! Gottes Tod! Sire, Ihr habt eine ei⸗ gene Weiſe, Eure Freunde zu lieben. — Ei was! Krank, wie Du biſt, willſt Du allein bleiben? — Ich habe meinen Pagen Jean, Sire. — Aber er ſchlaͤft. — So habe ich die Leute gern, die mich bewachen; b zum Mindeſten verhindern ſie mich nicht, ſelbſt zu ſchlafen. Laß mich zum Mindeſten mit ihm bei Dir wachen. Ich will nur mit Dir ſprechen, wenn Du erwachſt. — Sire, ich pflege ſehr muͤrriſch zu erwachen, und man muß ſehr an mich gewoͤhnt ſein, um mir alle die Albernheiten zu verzeihen, welche ich ſage, bevor ich recht erwacht bin. — Nun denn, es ſei, aber zum Mindeſten komm, 8 und ſei anweſend, waͤhrend ich zu Bett gehe.* — Und es wird mir nachher freiſtehen zuruͤckzukehren und mich zu Bett zu legen? — Vollkommen frei. — Wohlan, es ſei! Aber ich werde einen traurigen — 112— Hofmann machen, ich ſtehe Euch dafuͤr. Ich falle vor Schlaf um. — Du kannſt nach Deinem Gefallen gaͤhnen. — Welche Tyrannei, ſagte Saint⸗Luc, wo Ihr alle Eure anderen Freunde habt! — Ah, jaz ſie ſind in einem ſchoͤnen Zuſtande, und Buſſy hat ſie mir gut zugerichtet. Schomberg hat einen geſpaltenen Schenkel, d'Epernons Arm iſt aufgeſchlitzt, wie ein ſpaniſcher Aermel; Quelus iſt noch ganz betaͤubt voon ſeinem Fauſtſchlage von geſtern und von ſeiner Umarmung von heute. Es bleibt alſo nur d'O, der mich zum Sterben langweilt, und Maugiron, der mir ſchmollt. Geſchwind, wecke dieſen großen Toͤlpel von Pagen, und laß Dir einen Schlafrock anziehen. — Sire, wenn Eure Majeſtaͤt mich allein laſſen will. 4 — Wozu? — Der Reſpect... — Geh doch! — Sire, in füͤnf Minuten werde ich bei Eurer Majeſtaͤr ſein. — In fuͤnf Minuten, es ſei! Aber nicht mehr als fuͤnf Minuten, hoͤrſt Du, und waͤhrend dieſer fuͤnf Mi⸗ nuten finde mir huͤbſche Poſſen, Saint⸗Luc, damit wir ein Wenig zu lachen trachten. 3 Und hierauf verließ der Koͤnig, welcher die Häͤffte von dem erlangt hatte, was er wollte, halb zufrieden das Zimmer. Die Thuͤre hatte ſich kaum wieder hinter ihm ge⸗ dor — 113— ſchloſſen, als der Page ploͤtzlich erwachte, und mit einem Sprunge an dem Thuͤrvorhange war. — Ah, Saint⸗Luc, ſagte er, als das Geraͤuſch der Tritte ſich verloren hatte, Ihr wollt mich nochmals ver⸗ laſſen. Mein Gott, welche Qual! Ich ſterbe vor Ent⸗ ſetzen hier. Wenn man entdeckte.. — Meine theure Jeanne, ſagte Saint⸗Luc, Gaspard, der Hieranweſende, und er zeigte ihr den alten Diener, wird Euch gegen jede Unbeſcheidenheit vertheidigen. — Dann iſt es eben ſo gut, daß ich gehe, ſagte die junge Frau erroͤthend. — Wenn Ihr es durchaus verlangt, Jeanne, ſagte Saint⸗Luc in betruͤbtem Tone, ſo will ich Euch nach dem Hotel Montmorency zuruͤckfuͤhren laſſen, denn nur ich bin hier gefeſſelt. Wenn Ihr aber eben ſo guͤtig als ſchoͤn waͤret, wenn Ihr einiges Gefuͤhl fuͤr den ar⸗ men Saint⸗Luc im Herzen haͤttet, ſo wuͤrdet Ihr einige Augenblicke warten. Ich werde ſo viel am Kopfe, an den. Nerven und an den Eingeweiden leiden, daß der Koͤnig Nichts mit einem ſo traurigen Geſellſchafter wird zu thun haben wollen, und mich zu Bette ſchicken wird. Jeanne ſchlug die Augen nieder. — So geht denn, ſagte ſie, ich werde warten; aber ich ſage Euch, wie der Koͤnig: bleibt nicht lange aus. — Jeanne, meine theure Jeanne, Ihr ſeid zu lie⸗ benswuͤrdig, ſagte Saint⸗Luc, verlaßt Euch auf mich, daß ich ſo bald als moͤglich zu Euch zuruͤckkehre. Au⸗ ßerdem ſteigt mir da ein Gedanke auf, ich werde ihn Die Dame von Monſoreau Erſter Band. 8 — 114— ein Wenig reifen laſſen, und ihn Euch bei meiner Ruͤck⸗ kehr mittheilen. — Ein Gedanke, der. Euch die Viaihen wie⸗ dergeben wird. — Ich hoffe es. — Dann geht. — Gaspard, ſagte Saint⸗Luc, ſorgt dafuͤr, daß Niemand hier eintritt. Dann verſchließt in einer Vier⸗ telſtunde die Thuͤre, und bringt mir den Schluͤſſel zu dem Koͤnige. Geht nach dem Hotel und ſagt, daß man ſich nicht uͤber die Graͤfin beunruhigen moͤchte, und kehrt erſt morgen zuruͤck. 1 Gaspard verſprach laͤchelnd, die Befehle auszufuͤh⸗ ren, welche die junge Frau erroͤthend anhoͤrte. Saint-Luc ergriff die Hand ſeiner Gattin, kuͤßte ſie zaͤrtlich, und eilte nach Heinrichs Zimmer, der be⸗ reits ungeduldig war. Ganz allein und ganz bebend, kauerte ſich Jeanne in den weiten Vorhang, welcher von den Stangen des Bettes herabfiel, und dort, ſinnend, beſorgt, erzuͤrnt, ſuchte auch ſie ihrer Seits nach einem Mittel, um ſieg⸗ reich aus der ſeltſamen Lage hervorzugehen, in welcher ſie ſich befand. Als Saint⸗Luc in das Zimmer des Koͤnigs trat, uͤberraſchte ihn ein ſtarker und wolluͤſtiger Wohlgeruch, welchen das koͤnigliche Zimmer aushauchte. Die Fuͤße Heinrichs ſtanden in der That auf einer Lage von Blu⸗ men, von denen man aus Furcht, ſie moͤchten der zar⸗ ten Haut Seiner Majeſtaͤt weh thun, die Stengel abge⸗ —-8—§— ſchnitten hatte; Roſen, Jasmin, Veilchen und Levkoyen bildeten trotz der ſtrengen Jahreszeit Heinrich III. einen weichen und wohlriechenden Teppich. Das Zimmer, deſſen Decke niedriger gemacht und mit ſchoͤnen Malereien auf Leinwand verziert worden, war, wie wir erzaͤhlten, mit zwei Betten moͤblirt; das eine derſelben war ſo breit, daß es, obgleich ſein Kopf⸗ ende an der Wand ſtand, beinahe zwei Drittel des Zim⸗ mers einnahm. Dieſes Bett beſtand aus einer Stickerei in Gold und Seide mit mythologiſchen Figuren, welche die Geſchichte der Cenée oder des Cenis, bald Mann und bald Frau, vorſtellte, welche Verwandelung, wie man ſich wohl denken kann, nicht ohne die phantaſtiſch⸗ ſten Anſtrengungnn der Einbildungskraft des Fuͤrſten vor ſich ging. Der Himmel dieſes Bettes war von gold⸗ durchwirktem Silbertuche mit Figuren in Seide, und die reich geſtickten koͤniglichen Wappen waren an dem Theile des Baldachins angebracht, welcher, an der Wand be⸗ feſtigt, das Kopfende des Bettes bildete. An den Fenſtern befanden ſich eben ſolche Vorhaͤnge, als an den Betten, und die Kanapees und die Seſſel waren aus demſelben Stoffe verfertigt, als der der Bet⸗ ten und der Fenſter. Von der Mitte der Decke herab hing an einer goldenen Kette eine Lampe von vergolde⸗ tem Silber, in weicher ein Oel brannte, das, indem es ſich verzehrte, einen feinen Wohlgeruch verbreitete. Zur Rechten des Bettes hielt ein Satyr von Gold einen Armleuchter in der Hand, auf welchem vier roſenrothe gleichfalls wohlriechende Kerzen brannten. Dieſe Kerzen 1 8* ₰‿ — 116— von der Dicke der Kirchenkerzen verbreiteten ein Licht, welches in Verbindung mit dem der Lampe das Zimmer hinlaͤnglich erleuchtete. Die bloßen Fuͤße auf die Blumen geſtellt, welche den Fußboden bedeckten, ſaß der Koͤnig auf ſeinem mit Gold eingelegten Stuhle von Ebenholz; er hatte ſieben bis acht kleine, ganz junge Wachtelhunde auf dem Schooße, deren friſche Schnauzen ſeine Haͤnde ſanft ſtrei⸗ chelten. Zwei Diener kaͤmmten und kraͤuſelten ſeine gleich denen einer Frau zuruͤckgeſchlagenen Haare, ſeinen aufgedreheten Schnurrbart, und ſeinen duͤnnen und flo⸗ ckigen Bart. Ein Dritter uͤberzog das Geſicht des Fuͤrſten mit ei⸗ ner oͤligen, roſenfarbenen Salbe von ganz eigenthuͤmli⸗ chem Geſchmack und von hoͤchſt appetitlichem Geruche. Heinrich ſchloß die Augen und ließ mit der Majeſtaͤt und dem Ernſte eines indiſchen Gottes Alles mit ſich machen. — Saint⸗Luc, ſagte er, wo iſt Saint⸗Luc? Saint⸗Luc trat ein. Chicot nahm ihn bei der Hand und fuͤhrte ihn vor den Koͤnig. — Da, ſagte er zu Heinrich, da iſt er, Dein Freund Saint⸗Luc; befiehl ihm ſich zu waſchen, oder vielmehr ſich auch mit Salbe einzureiben; denn wenn Du dieſe un⸗ erlaͤßliche Vorſichtsmaßregel nicht anwendeſt, ſo wird ſich etwas Unangenehmes ereignen: entweder wird er fuͤr Dich zu ſchlecht riechen, der Du ſo gut riechſt, oder du wirſt zu gut fuͤr ihn riechen, der nach nichts riecht. 4 202 — 117— 9 So, die Salben und die Kaͤmme, ſagte er, indem er ſich auf einem großen Seſſel dem Koͤnige gegenuͤber aus⸗ ſche ſtreckte, ich will auch davon verſuchen. mit— Chicot, Chicot, rief Heinrich aus, Eure Haut ben i*ſt zu trocken und wuͤrde eine zu große Maſſe von Salbe em verſchlucken; es iſt kaum genug fuͤr mich vorhanden, rei⸗ und Euer Bart iſt ſo barſch, daß er meine Kaͤmme zer⸗ eine brechen wuͤrde. nen— Meine Haut iſt ausgetrocknet, weil ich fuͤr Dich flo⸗ im Felde geſtanden, undankbarer Fuͤrſt! Und wenn mein Haar zu barſch, ſo ruͤhrt das daher, weil der Verdruß, ei⸗ den Du mir verurſachſt, es ſtets geſtraͤubt haͤlt. Aber nli⸗ wenn Du mir Salbe fuͤr meine Wangen verweigerſt, das heißt, fuͤr mein Aeußeres, ſo iſt es gut, mein Sohn, taͤt ich ſage Dir weiter Nichts. ſich Heinrich zuckte die Achſeln wie ein Mann, der we⸗ nig geneigt iſt, ſich an den Poſſen ſeines Hofnarren zu beluſtigen. — Laßt mich in Ruhe, ſagte er, Ihr faſelt. vor Sich hierauf nach Saint⸗Luc umwendend, ſagte er: ind— Nun, mein Sohn, dieſes Kopfweh? ehr Saint⸗Luc legte die Hand an ſeine Stirn, und un⸗ ſtieß ein Stoͤhnen aus. ird— Stell Dir vor, fuhr Heinrich fort, daß ich er Buſſy von Amboiſe geſehen habe. Au... Herr, ſagte er er zu dem Friſeur, Ihr brennt mich, Der Friſeur fiel auf die Kniee. ——. — 118— — Ihr habt Buſſy von Amboiſe geſehen, Sire, ſagte Saint⸗Luc ganz bebend. — Ja, antwortete der Koͤnig; begreifſt Du dieſe Einfaltspinſel, die ihn zu fuͤnf angegriffen und die ihn verfehlt haben? Ich moͤchte ſie raͤdern laſſen. Wenn Du da geweſen waͤreſt? ſag doch, Saint⸗Luc? — Sire, antwortete der junge Mann, es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß ich nicht gluͤcklicher geweſen waͤre, als meine Kameraden. — Geh doch! Was ſageſt Du da? Ich wette zehn Tauſend Thaler, daß du Buſſy zehn Mal triffſt, ehe Dich Buſſy ſechs Mal trifft. Bei Gott wir muͤſſen das morgen ſehen. Fechteſt Du noch immer, mein Sohn? — Ei ja, Sire. — Ich frage, ob Du Dich oft uͤbſt. — Faſt taͤglich, wenn ich mich wohl befinde. Aber wenn ich krank bin, Sire, ſo bin ich durchaus zu nichts gut. — Wie viele Male trafeſt Du mich? — Ei, wir waren ſo ziemlich von gleicher Staͤrke, Siire. — Ja, acber ich fechte beſſer, als Buſſy. Bei Gottes Tod, Herr, ſagte Heinrich zu ſeinem Barbier, Ihr reißt mir den Schnurrbart aus! 4 Der Barbier fiel auf die Kniee. — Sire, ſagte Saint⸗Luc, gebt mir ein Mittel fuͤr Herzweh) an. *) le mal de coeur bedeutet eben ſowohl Herzweh als Ue⸗ belkeit, das Wortſpiel iſt nicht wieder zu geben. Anm. des Ueberſ. △ — Du mußt eſſen, ſagte der Koͤnig. — O, Sire, ich glaube, daß Ihr Euch irrt. — Nein, ich verſichere es Dir. — Du haſt Recht, Valois, ſagte Chicot, und da ich großes Herzweh oder Magenweh habe, ich weiß nicht recht, welches, ſo befolge ich die Verordnung. Und man hoͤrte ein ſeltſames Geraͤuſch gleich dem⸗ jenigen, welches aus der oft wiederholten Bewegung der Kinnbacken eines Affen hervorgeht. Der Koͤnig wandte ſich um, und ſah Chicot, der, nachdem er fuͤr ſich allein das doppelte Abendeſſen ver⸗ ſchlungen, das er im Namen des Koͤnigs hatte herauf⸗ bringen laſſen, laut ſchnalzte, indem er den Inhalt einer Taſſe von Japaniſchem Porzellan ausſchluͤrfte. — Nun, ſagte Heinrich, was der Teufel macht Ihr da, Herr Chicot? — Ich nehme meine Salbe innerlich, ſagte Chicot, da ſie mir aͤußerlich verboten iſt. — Ha, Verraͤther, rief der Koͤnig aus, indem er den Kopf ſo ungeſchickter Weiſe halb umwandte, daß der fettige Finger des Kammerdieners den Mund des Koͤnigs mit Salbe fuͤllte. — Iß, mein Sohn, ſagte Chicot gravitaͤtiſch, ich bin nicht ſo tyranniſch, als Duz innerlich oder aͤußerlich, ich erlaube Dir alles Beides. — Ich erſticke, Herr, ſagte Heinrich zu dem Kam⸗ merdiener. Der Kammerdiener fiel auf die Kniee, wie es der Friſeur und der Barbier gemacht hatten. — 120— — Man hole mir meinen Kapitain der Garden, rief Heinrich aus, man hole mir ihn auf der Stelle. — Und wozu Deinen Kapitain der Garden? fragte Chicot, indem er mit ſeinem Finger in dem Inneren ſei⸗ ner Porzellantaſſe herumfuhr, und ihm nachher zwi⸗ ſchen ſeine Lippen gleiten ließ. — Damit er Chicot ſein Schwert durch den Leib ſtoͤßt und, ſo mager er auch ſein moͤge, einen Braten fuͤr meine Hunde aus ihm macht. Chicot richtete ſich auf, und ſeine Muͤtze die Quere aufſetzend, ſagte er: — Bei Gottes Tod! Chicot*) fuͤr Deine Hunde, einen Edelmann fuͤr Deine Thiere! Wohlan, laß Deinen Kapitain der Garden kommen, mein Sohn, und wir werden ſehen! Und Chicot zog ſein langes Schwert, mit dem er ſo luſtig gegen den Friſeur, gegen den Barbier und ge⸗ gen den Kammerdiener focht, daß der Koͤnig ſich des Lachens nicht enthalten konnte. — Aber ich habe Hunger, ſagte der Koͤnig mit klaͤg⸗ licher Stimme, und der Schelm hat fuͤr ſich allein das ganze Abendeſſen verzehrt. — Du biſt ein launiger Menſch, Heinrich, ſagte Chicot. Ich habe Dir angeboten, Dich an den Tiſch zu ſetzen, und Du haſt es ausgeſchlagen. Jeden Falles *) Ein Wortſpiel: Gigot, was eben ſo ausgeſprochen wird, iſt eine Schopſenkeule. 8 Anm. des Ueberſ. n8 121— bleibt Deine Fleiſchbruͤhe. Ich habe keinen Hunger mehr und gehe zu Bette. Waͤhrend dieſer Zeit war der alte Gaspard gekom⸗ men, um ſeinen Herrn den Schluͤſſel zu bringen. — Ich auch, ſagte Saint-Luc; denn wenn ich laͤnger ſtehen bliebe, ſo wuͤrde ich in der Ehrerbietung gegen meinen Koͤnig fehlen, indem ich in Nervenan⸗ faͤllen vor ihm zu Boden fiele. Ich habe Fieberſchau⸗ der. — Da, Saint⸗Luc, ſagte der Koͤnig, indem er dem jungen Manne eine Hand voll junger Hund hin⸗ reichte, nimm ſie mit, nimm ſie mit. — Wozu? fragte Saint⸗Luc. — Um ſie bei Dir ſchlafen zu laſſen; ſie werden Dir Dein Uebel abnehmen, und Du wirſt es nicht mehr haben. — Ich danke Euch, Sire, ſagte Saint⸗Luc, indem er die Hunde wieder in ihren Korb legte, ich habe kein Vertrauen zu Eurem Recept. — Ich werde Dich heute Nacht beſuchen, Saint⸗ Luc, ſagte der Koͤnig. — O, kommt nicht, Sire, ich bitte Euch inſtaͤn⸗ digſt, ſagte Saint⸗Luc, Ihr wuͤrdet mich ploͤtzlich er⸗ wecken, und man ſagt, daß das epileptiſch macht. Und, nachdem er ſich vor dem Koͤnige verneigt, ver⸗ ließ er hierauf, von Freundſchaftsbezeugungen verfolgt, mit denen ihr Heinrich uͤberhaͤufte, ſo lange als er ihn ſehn konnte, das Zimmer. 7 Chicot* bereits verſchwunden. Die zwei bis drei Perſonen, welche dem zu Bette gehen beigewohnt hatten, entfernten ſich auch. Nur noch die Diener blieben bei dem Koͤnige, wel⸗ che ihm das Geſicht mit einer mit wohlriechender Salbe beſtrichenen Maske von feiner Leinewand bedeckten. In dieſer Maske waren Loͤcher fuͤr die Naſe, fuͤr die Augen und fuͤr den Mund angebracht. Eine Muͤtze von einem Seiden⸗Stoffe mit Silber befeſtigte ſie auf der Stirn und an den Ohren. Dann ſteckte man die Arme des Koͤnigs in ein recht zart mit feiner Seite gefuͤttertes und wattirtes Aermel⸗ waͤmmschen von Roſa⸗Atlaß, und uͤberreichte ihm hierauf Handſchuhe von ſo ſchmiegſamen Leder, daß man geglaubt haͤtte, ſie waͤren von Tricot. Dieſe Handſchuhe gingen bis an die Ellbogen, und waren im Inneren mit einem wohl⸗ riechenden Oehle geſalbt, welches ihnen die Elaſticitaͤt verlieh, von der man außerhalb vergebens die Ueſache ſuchte. Als dieſe koͤniglichen Toiletten⸗ Geheimnſſe beendigt, ließ man Heinrich ſeine Fleiſchbruͤhe aus einer goldenen Taſſe trinken; aber bevor er ſie an ſeine Lippen ſetzte, goß er die Haͤlfte davon in eine andere der ſeinigen ganz gieiche Taſſe, indem er befahl, daß man dieſe Haͤlfte mit dem Wunſche einer guten Nacht Saint⸗Luc ſende. Nun war die Reihe an Gott, welcher an dieſem Abende, ohne Zweifel wegen der wichtigen Geſchaͤfte des Koͤnigs, ziemlich leicht behandelt worden war. Heinrich verrichtete bloß ein einziges Gebet, ohne nur ſeinen ge⸗ weihten Roſenkranz zu beruͤhren; dann liſß er ſein mit — 123— Coriander, Benzoe und Zimmet gewaͤrmtes Bett auf⸗ decken. Sobald er ſich hierauf auf ſeinen zahlreichen Kiſſen zurecht gelegt, befahl Heinrich, daß man die Blumen⸗ ſtreu wegnaͤhme, welche die Luft des Zimmes zu verdicken begann. Waͤhrend einiger Secunden oͤffnete man die Fenſter, um dieſe zu dicke Luft zu erneuern, worauf ein großes Feuer von Weinreben in dem Marmor⸗Kamine brannte, und raſch wie ein Meteor dennoch erſt erloſch, nachdem es ſeine milde Waͤrme in dem ganzen Zimmer verbreitet hatte. Nun ſchloß der Diener Alles, Fenſter und Thuͤrvor⸗ haͤnge, und ließ den großen Lieblingshund des Koͤnigs herein, welcher Narciſſus hieß. Mit einem Satze ſprang er auf das Bett des Koͤnigs, ſtrampelte, drehete ſich ei⸗ nen Augenblick lang, und legte ſich dann, indem er ſich zwiſchen den Fuͤßen ſeines Herrn ausſtreckte. Endlich blies man die Roſa⸗Kerzen aus, welche in den Haͤnden des goldenen Satyrs brannten, daͤmpfte das Licht der Nachtlampe, indem man einen minder ſtarken Docht hinein that, und der mit dieſen letzten Verrich⸗ tungen beauftragte Diener verließ nun auch auf den Fuß⸗ zehen das Zimmer. Schon weit ruhiger, weit unbekuͤmmerter, weit ver⸗ geßlicher als dieſe muͤßigen, in die fetten Abteyen ſeines Reiches vergrabenen Moͤnche, gab ſich der Koͤnig von Frankreich nicht mehr die Muͤhe, daran zu denken, daß es ein Frankreich gaͤbe. 3 Er ſchlief. 5 — 124— Eine halbe Stunde nachher ſahen die Leute, welche in den Gallerien die Wache hatten, und die von ihren verſchiedenen Poſten aus die Fenſter von Heinrichs Schlaf⸗ zimmer ſehen konnten, durch die Vorhaͤnge die koͤnigliche Lampe gaͤnzlich erloͤſchen, und den Silberſchein des Mon⸗ des auf den Scheiben an die Stelle des milden roſigen Lichtes treten, der ſie faͤrbte. Sie dachten dem zu Folge, daß Seine Majeſtaͤt immer beſſer ſchliefe. In dieſem Augenblicke war jedes Geraͤuſch im In⸗ neren wie von Außen erſtorben, und man haͤtte die ſchweig⸗ ſamſte Fledermaus in den dunkelen Gaͤngen des Louvre koͤnnen flattern hoͤren. VII. Wie, ohne daß Jemand die Urſache dieſer Bekehrung kannte, der Koͤnig Heinrich vom Abend bis zum naͤchſten Morgen — ploͤtzlich bekehrt war. Gwei Stunden verfloſſen auf dieſe Weiſe. Paͤtzlich ertoͤnte ein ſchrecklicher Schrei. Dieſer Schrei war aus dem Schlafzimmer des Koͤnigs gekom⸗ men. Indeſſen war die Nachtlampe immer noch erloſchen, es herrſchte immer noch eine tiefe Stille, und kein Ge⸗ raͤuſch ließ ſich hoͤren, ausgenommen dieſen ſeltſamen Ruf des Koͤnigs. Denn es war der Koͤnig der geſchrieen hatte. Bald darauf hoͤrte man den Laͤrm eines fallenden Moͤbels, eines Porzellans, das in Stuͤcken zerbrach, un⸗ ſtaͤte Schritte, die im Zimmer herumeilten; dann erſchall⸗ ten neue, mit dem Gebell der Hunde untermiſchte Rufe. Sogleich leuchteten die Lichter, die Schwerdter blitzten in den Gallerien, und die durch den Schlaf noch ſchwer⸗ faͤlliger gemachten Schritte der Garden erſchuͤtterten die maſſiven Pfeiler. — Zu den Waffen, rief man von allen Seiten, zu den Waffen! Der Koͤnig ruft, laßt uns zu dem Koͤnige eilen. Und in demſelben Augenblicke ſtuͤrzten, wetteifernden Schrittes herbeieilend, der Kapitain der Garden, der Obriſt der Schweizer, die Vertrauten des Schloſſes und dienſthabenden Buͤchſenſchuͤtzen in das koͤnigliche Zim⸗ mer, das ein Flammenſtrahl ſogleich uͤberſchwemmte: zwanzig Fackeln erleuchteten den Schauplatz. Neben dem umgeworfenen Seſſel, den zerbrochenen Taſſen, dem in Unordnung gebrachten Bette, deſſen Tuͤcher und Decken in dem Zimmer zerſtreut waren, ſtand Heinrich, wunderlich und entſetzlich in ſeinem Nachtan⸗ zuge, bleich, mit geſtraͤubten Haaren und ſtarren Augen. Seine rechte Hand war bebend, wie ein Laub im Winde ausgeſtreckt. Seine linke Hand klammerte ſich krampfhaft an den Griff ſeines Schwerdtes, das er maſchinenmaͤßig er⸗ griffen hatte. Der Hund, eden ſo aufgeregt als ſein Herr, blickte ihn mit geſpreizten Pfoten an und heulte. 8 Der Koͤnig ſchien vor Schrecken ſtumm, und alle dieſe Menſchen, welche das Schweigen nicht zu brechen wagten, befragten ſich mit den Augen, erwarteten mit einer ſchrecklichen Bangigkeit. Nun erſchien, halb angekleidet, aber in einem wei⸗ ten Mantel gehuͤllt, die junge Koͤnigin, Louiſe von Loth⸗ ringen, ein blondes und ſanftes Weſen, welche das Le⸗ u G *. 8=—— ben einer Heiligen auf dieſer Erde fuͤhrte, und die das Geſchrei ihres Gatten erweckt hatte. — Sire, ſagte ſie mehr zitternd, als Alle anderen, was giebt es denn? Mein Gott!... Euer Schreien iſt bis zu mir gedrungen und ich bin gekommen. F. Es.. es... es iſt Nichts, ſagte der Koͤnig ohne die Augen zu bewegen, welche in der Luft eine un⸗ beſtimmte und fuͤr jeden Anderen, als für ihn, unſichtbare Geſtalt anzublicken ſchienen. — Aber Eure Majeſtaͤt hat geſchrieen, begann die Koͤnigin wieder... Eure Majeſtaͤt iſt alſo leidend? Der Schrecken war ſo ſichtbar auf Heinrichs Zuͤgen ausgedruͤckt, daß er allmaͤhlich alle Anweſenden uͤberfiel. Man wich zuruͤck, man ſchritt vor, man verſchlang die Perſon des Koͤnigs mit den Augen, um ſich zu verſichern, daß er nicht verwundet, daß er nicht vom Blitze getroffen oder von irgend einem Gewürm gebiſſen worden waͤre. — O, Sire, rief die Koͤnigin aus, Sire, in des Himmels Namen, laßt uns nicht in einer ſolchen Angſt! Wollt Ihr einen Arzt? — Einen Arzt? ſagte Heinrich in demſelben Ungluͤck verheißenden Tone. Nein, der Leib iſt nicht krank, ſon⸗ dern die Seele, der Geiſt; nein, nein, keinen Arzt,.. einen Beichtvater! 1 Jeder blickte ſich an!, man erforſchte die Thuͤren, die Vorhaͤnge, den Fußboden, die Decke. An keinem Orte war die Spur des unſichtbaren Gegenſtandes geblie⸗ ben, welcher den Koͤnig ſo ſehr entſetzt hatte. Dieſe Muſterung war mit zunehmender Neugierde — 128— angeſtellt worden; das Geheimniß verwickelte ſich; der Koͤnig verlangte einen Beichtvater. Sobald das Verlangen ausgeſprochen, war ein Bo⸗ te zu Pferde geſprungen, und Tauſende von Funken wa⸗ ren dem Pflaſter im Hofe des Louvre entſpruͤhet. Fuͤnf Minuten nachher war der Superior des Jeſuiten Klo⸗ ſters geweckt, ſo zu ſagen aus ſeinem Bette geriſſen, und er langte bei dem Koͤnige an. Mit dem Beichtvater hatte die Verwirrung aufge⸗ hoͤrt, die Stille ſtellte ſich wieder her, man befrug ſich, man bildete Schluͤſſe, man glaubte zu errathen, aber vor Allem hatte man Furcht... Der Koͤnig beichtete! Am folgenden Tage, am fruͤhen Morgen, befahl der eher als alle Anderen aufgeſtandene Koͤnig das Thor des Louvre zu verſchließen, das ſich nur oͤffnete, um den Beichtvater einzulaſſen. Dann ließ er den Schatzmeiſter, den Kerzenzieher und den Ceremonienmeiſter kommen. Er nahm ſeine ſchwarz gebundenen Andachtsbuͤcher und las Gebete, un⸗ terbrach ſich, um Heiligenbilder auszuſchneiden, und ploͤtzlich befahl er, daß man alle ſeine Freunde kommen ließe. Auf dieſen Befehl ging man zuerſt zu Saint⸗Lue; aber Saint⸗Luc war leidender als jemals. Er ſchmach⸗ tete, er war vor Ermuͤdung erſchoͤpft. Seine Krank⸗ heit war in Entkraͤftung ausgeartet; ſein Schlummer, oder vielmehr ſeine Schlafſucht war ſo groß geweſen, daß er allein von allen Hofleuten des Palaſtes Nichts von dem Auftritt der Nacht gehoͤrt hatte, obgleich ihn — 129— nur eine duͤnne Wand von dem Fuͤrſten trennte. Er verlangte demnach auch im Bett zu bleiben; er wuͤrde in demſelben alle Gebete verrichten, welche der Koͤnig ihm befehlen wolle. Bei dieſer trauri Zeichen des Kreuzes Apotheker ſende. Hierauf empfahl er, daß man alle dem Auguſtiner Kloſter nach dem Louvre ging ſchwarz gekleidet vor hinkte, vor d'Epernon, gen Erzaͤhlung machte Heinrich das und befahl, daß man ihm ſeinen Geißeln aus braͤchte; er Schomberg voruͤber, welcher welcher ſeinen Arm in der Bin⸗ de trug, vor Quelus, der noch ganz betaͤubt war, vor d'O und Maugiron, welche zitterten. Er theilte ihnen im Voruͤbergehen Geißeln aus, und befahl ihnen, ſich ſo derb zu geißeln, als ihre Arme zu ſchlagen vermoͤg⸗ ten. D'Epernon machte demerklich, ten Arm in der Binde truͤge, er ausgenommen ſein moͤgte, weil erwidern koͤnnte, die man ihm g zu ſagen eine Verſtimmung in der lung verurſachen wuͤrde. Heinrich UII antwortete ihm, daß ſeine Buße da⸗ durch Gott um ſo angenehmer ſein wuͤrde. Er ſelbſt gab das Beiſpiel. Er zog ſein Wamms, ſeine Jacke ſein Hemd aus und geißelte ſich wie ein Maͤrtyrer. Chicot hatte ſeiner Gewohnheit nach lachen und ſich luſtig machen wollen, aber ein ſchrecklicher Blick des Koͤnigs hatte ihn belehrt, daß es nicht die Zeit dazu Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. 9 daß, da er den rech⸗ von der Ceremonie er die Streiche nicht eben wuͤrde, was ſo Tonleiter der Geiße⸗ — 130— waͤre; nun nahm er eine Geißel wie die Anderen, nur ſchlug er, ſtatt ſich zu ſchlagen, ſeine Nachbaren, und als er keinen Rumpf mehr in ſeinem Bereiche fand, zer⸗ broͤckelte er die Malerei der Saͤulen und des Getaͤfels. Dieſer Laͤrm erheiterte allmaͤhlich das Geſicht des Koͤnigs, obgleich es ſichtbar war, daß ſein Geiſt immer noch tief getroffen blieb. Ploͤtzlich verließ er ſein Zimmer, indem er befahl, daß man ihn erwarte. Hinter ihm hoͤrten die Bußuͤbun⸗ gen wie durch einen Zauber auf. Chicot allein fuhr fort auf d'O loszuſchlagen, den er verabſcheute. D'O gab es ihn zuruͤck, ſo gut als er es vermochte. Es war ein Duell auf Geißelhiebe. Heinrich war zu der Koͤnigin gegangen. Er ſchenkte ihr ein Perlenhalsband fuͤr fuͤnf und zwanzig Tauſend Thaler, kuͤßte ſie auf beide Wangen, was ihr ſeit laͤn⸗ ger als einem Jahre nicht begegnet war, und bat ſie, ihren koͤnigligen Schmuck abzulegen und ſich in einen Sack zu huͤllen. Immer gut und ſanft, willigte Louiſe von Lothrin⸗ gen ſogleich ein. Sie fragte, warum ihr Gatte, indem er ihr ein Perlen⸗Halsband ſchenkte, wuͤnſche, daß ſie einen Sack anlege. — Fuͤr meine Suͤnden, antwortete Heinrich. Dieſe Antwort befriedigte die Koͤnigin, denn ſie wußte beſſer als irgend Jemand, fuͤr welche ungeheure Summe von Suͤnden ihr Gatte Buße thun muͤßte. Sie kleidete ſich nach Heinrichs Wuͤnſchen, der in ſein Zimmer zu⸗ ͤ————— +— S a— — 131— ruͤckkehrte, in welchem er kunft beſtimmte. Bei dem Anblicke des Koͤnigs begann die Geißelung von Neuem. DO und Chicot, welche nicht aufgehoͤrt hatten, waren blutig. Der Koͤnig becomplimentirte ſie, und nannte ſie ſeine wahren und einzigen Freunde. Nach Verlauf von zehn Minuten langte die Koͤni⸗ gin in ihren Sack gekleidet an. Sogleich vertheilte man Kerzen an den ganzen Hof, und barfuß, bei dieſem ab⸗ ſcheulichen Rauhreif und Schneewetter wanderten die ſchoͤ⸗ nen Hofherrn, die ſchoͤnen Damen und die guten, ihren Koͤnige und Unſerer Frau ergebenen Pariſer nach dem Montmartre, anfangs ſchlotternd, aber bald durch die raſenden Hiebe erwaͤrmt, welche Chicot allen denjenigen austheilte, die das Ungluͤck hatten, ſich in dem Bereiche ſeiner Geißel zu beſinden. O'O hatte ſich fuͤr beſiegt erklaͤrt, und war funfzig Schritte weit von Chicot in die Reihe eingetreten. Um vier Uhr Abends war die traurige Wanderung beendigt; die Kloͤſter hatten reiche Almoſen erhalten, die Fuͤße des ganzen Hofes waren geſchwollen, die Ruͤcken aller Hofleute waren geſchunden, die Koͤnigin war oͤffent⸗ lich in einem weiten Hemde von grober Leinwand erſchie⸗ nen; der Koͤnig hatte einen Roſenkranz von Todtenkoͤ⸗ pfen. Es hatte Thraͤnen, Wehklagen, Gebete, Weih⸗ rauch und geiſtliche Lieder gegeben. Der Tag war, wie man ſieht“, gut geweſen. In der That, jeder hatte Froſt und Hiebe erlitten, um dem Koͤnige ein Vergnuͤgen zu machen, ohne daß 9 R der Koͤnigin eine Zuſammen⸗ irgend Jemand haͤtte errathen koͤnnen, warum dieſer Fuͤrſt, der zwei Tage vorher ſo gut getanzt hatte, ſich zwei Tage nachher ſo kaſteiete. Die Hugenotten, die Ligueurs und die Freigeiſter hatten lachelnd die Prozeſſion der Geißeler voruͤber zie⸗ hen ſehen, indem ſie als wahre Verkleinerer,(was die⸗ ſe Art von Leute ſind) ſagten: daß die letzte Prozeſſion weit ſchoͤner und weit inbruͤnſtiger geweſen waͤre, was durchaus nicht wahr war. Heinrich war nuͤchtern, mit langen blauen und ro⸗ then Streifen auf den Schultern zuruͤckgekehrt; er hatte die Koͤnigin den ganzen Tag uͤber nicht verlaſſen, und alle Augenblicke der Ruhe, alle Stationen an den Ka⸗ pellen benutzt, um ihr neue Einkunfte zu verſprechen und Plaͤne zu Wallfahrten mit ihr zu machen. Was Chicot anbelangt, ſo hatte er ſich, muͤde zu ſchlagen und ausgehungert durch die ungebraͤuchliche Lei⸗ besuͤbung, zu welcher ihn der Koͤnig verdammt hatte, ein wenig oberhalb des Thores Montmartre davon geſchli⸗ chen, und war mit einigen Atheiſten des Hofes in den Garten einer ſehr im Rufe ſtehenden Schenke getreten, wo er gewuͤrzten Wein getrunken und eine in dem Bru⸗ che de la Grange⸗Bateliere geſchoſſene wilde Ente ge⸗ geſſen hatte. Dann war er bei der Ruͤckkehr der Prozeſ⸗ ſion wieder in die Reihe getreten und bis nach dem Louvre zuruͤck gekehrt, indem er nach Kraͤften die Bü⸗ ßer und die Buͤßerinnen geißelte, und wie er es ſelbſt nannte, ſeinen vollen Ablaß ertheilte. Als der Abend herbeigekommen, fuͤhlte ſich der —· AK. — 133— Koͤnig von ſeinem Faſten, von ſeinem Gange mit blo⸗ ßen Fuͤßen, und von den Hieben ermuͤdet, die er ſich gegeben hatte. Er ließ ſich eine Faſtenſpeiſe auftragen, feuchte Aufſchlaͤge auf ſeine Schultern machen, ein gro⸗ ßes Feuer anzuͤnden, und ging zu Saint⸗Luc, den er munter und gutgelaunt fand. Seit dem Tage zuvor war der Koͤnig ſehr veraͤn⸗ dert; alle ſeine Gedanken hatten ſich auf die Nichtigkeit der menſchlichen Dinge, auf die Buße und auf den Tod gerichtet.. — Ah, ſagte er zu ihm mit dem uͤberzeugten Ausdrucke eines des Lebens uͤberdruͤſſigen Menſchen, Gott hat in Wahrheit wohlgethan, das Daſein ſo bit⸗ ter zu machen. — Warum das, Sire? fragte Saint⸗Luc. — Weil der dieſer Welt uͤberdruͤſſige Menſch, ſtatt den Tod zu fuͤrchten, ſich nach ihm ſehnt. — Verzeiht, Sire, ſagte Saint⸗Luc, ſprecht fuͤr Euch, aber ich ſehne mich durchaus nicht nach dem Tode. — Hoͤre, Saint⸗Luc, ſagte der Koͤnig, indem er den Kopf ſchuͤttelte;— wenn Du Necht thaͤteſt, ſo wuͤrdeſt Du meinen Nath, ich ſage mehr, mein Beiſpiel befolgen. — Sehr gern, Sire, wenn dieſes Beiſpiel mir zu⸗ ſagt. 1 — Willſt Du, daß wir, Deine Frau, aufgeben, und hen? Ich habe Dispenſe ich meine Krone und Du daß wir in ein Kloſter ge⸗ von unſerem heiligen Vater, — 134— dem Papſt, ſchon morgen koͤnnen wir unſer Geluͤbde ablegen. Ich werde mich Bruder Heinrich nennen... — Verzeihung, Sire, Verzeihung, Ihr haltet we⸗ nig auf Eure Krone, die Ihr zu gut kennt; aber ich halte viel auf meine Frau, die ich noch nicht genug kenne.— Ich ſchlage Euer Anerbieten demnach aus. — O, ol ſagte Heinrich, wie es ſcheint, befin⸗ deſt Du Dich beſſer. — Unendlich beſſer, Sire; ich fuͤhle meinen Geiſt ruhig, das Herz voller Wonne. Meine Seele iſt auf unglaubliche Weiſe fuͤr das Gluͤck und fuͤr das Vergnuͤ⸗ gen geſtimmt. — Armer Saint⸗Luc, ſagte der Koͤnig, indem er die Haͤnde faltete. — Geſtern, Sire, haͤttet Ihr mir dieſen Antrag machen muſſen. O, geſtern war ich launig, muͤrriſch, leidend. Fuͤr Nichts haͤtte ich mich in einen Brunnen ge⸗ ſtuͤrzt oder waͤre in ein Kloſter gegangen. Aber heute Abend iſt es etwas Anderes, ich habe eine gute Nacht, einen koͤſtlichen Tag zugebracht. Und Gottes Tod, es lebe die Freude! — Du fluchſt, Saint⸗Luc, ſagte der Koͤnig. — Habe ich geflucht, Sire? Das iſt moͤglich, aber ich meine, Ihr flucht auch zuweilen. — Ich habe geflucht, Saint⸗Luc, aber ich werde nicht mehr fluchen. — Ich wage nicht das zu ſagen. Ich werde ſo wenig als moͤglich fluchen, das iſt das Einzige, wozu ich mich verbindlich machen will. Außerdem iſt Gott — 135— guͤtig und barmherzig fuͤr unſere Suͤnden, wenn unſere Suͤnden von der menſchlichen Schwaͤche herruͤhren. — Du glaubſt alſo, daß Gott mir vergeben wird? — O, ich ſpreche nicht fuͤr Euch, Sire; ich ſpre⸗ che fuͤr Euren Diener. Den Henker! Ihr habt... als Koͤnig geſuͤndigt,... waͤhrend ich als einfacher Privatmann geſuͤndigt habe, ich hoffe zuverlaͤſſig, daß der Herr am Tage des Gerichts zwei Gewichte und zwei Waagen haben wird. Der Koͤnig ſtieß einen Seufzer aus, murmelte ei⸗ Confiteor, und ſchlug ſich bei dem mea culpa die Bruſt. — Saint⸗Luc, ſagte er am Ende, willſt Du die Nacht in meinem Zimmer zubringen? — Das kommt darauf an, ſagte Saint⸗Luc. Was ſollen wir in dem Zimmer Eurer Majeſtaͤt thun? — Wir werden alle Lichter anzuͤnden, ich lege mich zu Bett, und Du wirſt mir die heiligen Litaneien vor⸗ leſen. — Ich danke, Sire. — Du willſt alſo nicht? — Ich werde mich wohl davor huͤten. — Ou verlaͤßt mich, Saint⸗Luc, Du verlaͤßt mich? — Nein, ich verlaſſe Euch nicht, im Gegentheil. — Ah! Wahrhaftig? — Wenn Ihr wollt? — Gewiß, will ich es! — Aber eine Bedingung, sine qua non. — Welche? — 136— — Naͤmlich, daß Eure Majeſtaͤt Tiſche decken, Geiger und Hofleute holen laͤßt, und daß wir, meiner Treue, tanzen. — Saint⸗Luc! Saint⸗Lue! rief der Koͤnig auf das Hoͤchſte entſetzt aus. — Seht, ſagte Saint⸗Luc, ich fuͤhle mich heute Abend ausgelaſſen. Wollt Ihr, Sire? 3 Aber Heinrich antwortete nicht. Sein zuweilen ſo feuriger und ſo luſtiger Geiſt verfinſterte ſich immer mehr und ſchien gegen einen geheimen Gedanken zu kaͤmpfen, der ihn ſchwerfaͤllig machte, wie das an die Fuͤße eines Vogels befeſtigte Blei, der vergebens ſeine Fluͤgel aus⸗ breiten wuͤrde, um davon zu fliegen. 3 — Saint⸗Luc, ſagte endlich der Koͤnig mit einer Grabesſtimme, traͤumeſt Du zuweilen?. — Oft, Sire. — Glaubſt Du an Traͤume? — Aus Gruünden. — Wie das? — Ei ja doch! Die Traͤume troͤſten uͤber die Wirk⸗ lichkeit. So habe ich heute Nacht einen reizenden Traum gehabt. — Welchen? — Ich habe von meiner Frau getraͤumt... — Du denkſt noch an Deine Frau, Saint⸗Luc? — Mehr als jemals. 6 — Ah! aͤußerte der Koͤnig mit einem Seufzer, in⸗ dem er den Himmel anblickte. 7 — 137— 5— Ich habe getraͤumt, fuhr Saint⸗Luc fort, daß 3 meine Frau, indem ſie dabei ihr reizendes Geſicht be⸗ hielt, denn meine Frau iſt huͤbſch, Sire... — Leider, ja, ſagte der Koͤnig. Eva war ungluͤck⸗ licher Weiſe auch huͤbſch, und Eva hat uns Alle ins Verderben geſtuͤrzt. — Ah! daher ruͤhrt alſo Euer Groll? Aber, kom⸗ men wir auf meinen Traum zuruͤck, Sire. — Ich habe auch getraͤumt, ſagte der Koͤnig... — Meine Frau hatte alſo, indem ſie dabei immer⸗ hin ihr liebenswuͤrdiges Geſicht behielt, Fluͤgel und die Geſtalt eines Vogels angenommen, und ſogleich war 3 ſie, Thuͤren und Gittern trotzend, uͤber die Mauern des ’ Louvre geflogen, und hatte mit der Stirn an meine Fenſterſcheiben geſtoßen, wobei ſie einen bezaubernden leiſen Schrei ausſtieß, den ich verſtand und der ſagte: Mach mir auf, Saint⸗Luc, mach mir auf, mein Gatte! — Und Du haſt aufgemacht? ſagte der Koͤnig faſt verzweifelt. — Ich glaube wohl, rief Saint⸗Luc aus, und das noch mit Ungeduld! — Weltkind! — Weltkind, ſo viel als Ihr wollt, Sire. — Und da biſt Du wach geworden? — Nicht doch, Sire, ich habe mich wohl davor gehuͤtet; der Traum war zu reizend. — und Du haſt Deinen Traum fortgeſetzt? — So lange, als ich es vermogt, Sire. — 138— — Und Du hoffſt, heute Nacht... — Nochmals zu traͤumen. Ja, nehme es Eure Majeſtaͤt nicht ungnaͤdig auf, deshalb ſchlage ich das verbindliche Anerbieten aus, das Ihr mir macht, Euch Gebete vorzuleſen. Wenn ich wache, Sire, ſo will ich zum Mindeſten einen Erſatz für meinen Traum finden. Wenn demnach alſo Eure Majeſtaͤt die Tiſche decken, die Geiger holen laſſen will... — Genug, Saint⸗Luc, genug, ſagte der Koͤnig, indem er aufſtand. Du ſtuͤrzſt Dich in's Verderben, und Du wuͤrdeſt mich mit Dir ins Verderben ſtuͤrzen, wenn ich laͤnger hier bliebe. Gott befohlen, Saint-Luc, ich hoffe, daß der Himmel Dir ſtatt dieſes verſuchenden Traumes irgend einen heilſamen Traum ſenden wird, der Dich dazu bringt, morgen meine Bußuͤbungen zu theilen und uns gemeinſchaftlich zu erloͤſen. — Ich zweifele daran, Sire, und ich bin deſſen ſo⸗ gar ſo gewiß, daß, wenn ich Eurer Majeſtaͤt einen Rath geben darf, er darin beſteht, den Freigeiſt Saint⸗ Luc, der gaͤnzlich entſchloſſen iſt, unbußfertig zu ſterben, noch heute Abend aus dem Louvre zu jagen. — Nein, ſagte Heinrich, nein, ich hoffe, daß zwi⸗ ſchen heute und morgen die Gnade des Herrn Dich tref⸗ fen wird, wie ſie mich getroffen hat. Gute Nacht, Saint-Luc, ich will fuͤr Dich beten. — Gute Nacht, Sire, ich will fuͤr Euch traͤumen. Und Saint-Luc begann den erſten Vers eines der leichtfertigſten Lieder, welches der Koͤnig in ſeinen Mo⸗ menten guter Laune zu ſingen gewohnt geweſen war, — 139— was den Ruͤckzug des Koͤnigs noch mehr beſchleunigte, der die Thuͤre verſchloß und in ſein Zimmer zuruͤckkehrte, indem er murmelte: — Herr, mein Gott! Dein Zorn iſt billig und ge⸗ recht, denn die Welt wird immer ſchlimmer. 8½ * VIII. Wie der Kdnig ſich fuͤrchtete, Furcht gehabt zu haben, und wie Chicot Furcht hatte, Furcht zu bekommen. Ais er Saint⸗Luc verließ, fand der Koͤnig, ſei⸗ nen Befehlen gemaͤß, den ganzen Hof in der großen Gallerie verſammelt. Nun ertheilte er ſeinen Freunden einige Gunſtbe⸗ zeugungen, ſandte d'O, d'Epernon und Schomberg in die Provinz, drohete Maugiron und Quelus, ihnen den Proceß machen zu laſſen, wenn ſie neue Streitigkeiten mit Buſſy haͤtten;, reichte dieſem ſeine Hand zu kuͤſſen, und hielt ſeinen Bruder Franz lange an ſein Herz ge⸗ druͤckt. Was die Koͤnigin anbelangt, ſo bezeigte er ſich ge⸗ gen ſie in dem Grade verſchwenderiſch an Freundſchafts⸗ bezeugungen und Lobeserhebungen, daß alle Anweſenden darin die guͤnſtigſte Vorbedeutung fuͤr die Nachfolge der Krone Frankreichs ſahen. — 141— Inzwiſchen kam die gewoͤhnliche Stunde des Schla⸗ fengehens heran, und man konnte leicht ſehen, daß der Koͤnig dieſe Stunde ſo lange als moͤglich verzoͤgerte; endlich ſchlug die Uhr des Louvre zehn Mal. Heinrich warf einen langen Blick um ſich, er ſchien unter allen ſeinen Freunden denjenigen zu waͤhlen, dem er das Vor⸗ leſeramt uͤbertragen wollte, welches Saint⸗Luc ausge⸗ ſchlagen hatte. Chicot ſah ſein Treiben. — Ei, ſagte er mit ſeiner gewoͤhnlichen Vermeſſen⸗ heit, Du ſiehſt aus, als ob Du heute Abend mit mir liebaͤugelteſt, Heinrich. Sollteſt Du etwa eine gute Ab⸗ tei mit zehn Tauſend Livres Einkuͤnften zu vergeben ſu⸗ chen? Den Teufel! Welchen Prior ich abgeben wuͤrde! Gieb, mein Sohn, gieb. — Komm mit mir Chicot, ſagte der Koͤnig. Gute Nacht, meine Herrn, ich gehe zu Bette. Die Hoͤflinge biſſen ſich auf die Lippen; der Koͤnig erroͤthete, — He, mein Barbier, ſagte Chicot, mein Friſeur, mein Kammerdiener, und vor Allem meine Salbe. — Nein, ſagte der Koͤnig, von alle dem iſt heute Abend Nichts noͤthig, wir treten bald in die Faſtenzeit, und ich thue Buße. = Ich bedaure die Salbe, ſagte Chicot. Der Koͤnig und der Hofnarr kehrten in das Zim⸗ mer zuruͤck, welches wir kennen. — Ah ſo, ſagte Chicot, ich bin alſo der Günſt⸗ ling? Ich bin alſo der Unentbehrlichſte? Ich bin alſo — 142— ſehr ſchoͤn, weit ſchoͤner, als dieſer Cupido von Quelus? — Schweig, Narr, ſagte der Koͤnig, und Ihr, meine Herren von der Toilette, geht hinaus. Die Diener gehorchten, die Thuͤr ſchloß ſich wieder. Heinrich und Chicot blieben allein. Chicot blickte Hein⸗ rich mit einer Art von Verwunderung an. — Warum ſchickſt Du ſie fort? fragte der Hofnarr. Sie haben uns noch nicht eingeſchmiert. Gedenkſt Du etwa, mich mit Deiner koͤniglichen Hand einzuſchmieren? Hm, das iſt eine Bußuͤbung wie eine andere. Heinrich antwortete nicht. Jedermann hatte das Zimmer verlaſſen, und die beiden Koͤnige, der Narr und der Weiſe, blickten einander an. — Laß uns beten, ſagte Heinrich. — Ich danke, rief Chicot aus; das iſt nicht unter⸗ haltend genug. Wenn Du mich deshalb haſt kommen laſſen, ſo kehre ich noch bei Weitem lieber in die ſchlechte Geſellſchaft zuruͤck, in welcher ich mich befand. Gott befohlen, mein Sohn. Gute Nacht. — Bleib, ſagte der Koͤnig. — O, ol aͤußerte Chicot, indem er ſich wieder aufrichtete. Das artet in Tyrannei aus. Du biſt ein Despot, ein Phalaris, ein Dionyſius. Ich langweile mich hier; den ganzen Tag uͤber haſt Du mich die Schul⸗ tern meiner Freunde mit Ochſenziemer⸗Hieben zerfleiſchen laſſen, und jetzt nehmen wir die Miene an, heute Abend von Neuem zu beginnen. Den Henker! Laß uns nicht die Thuͤre erbreche, ich das Fenſter einſchlage. Ah, ah! — 143— von Neuem beginnen, Heinrich. Wir ſind nur noch wir zwei hier, und zu zwei,... trifft jeder Hieb. — Wilſt Du ſchweigen, erbaͤrmlicher Schwaͤtzer, ſagte der Koͤnig, und daran denken, Buße zu thun! — Gut, da haben wirs. Ich, Buße thun! Und was willſt Du, daß ich bereuen ſoll? Mich zum Hoff⸗ narrn eines Moͤnches gemacht zu haben? Confiteor ... Ich bereue es; mea culpa. Das iſt meine Schuld, das iſt meine Schuld, das iſt meine ſehe große Schuld! — Keine Gotteslaͤſterung, Ungluͤckſeliger! Keine Got⸗ teslaͤſterung! ſagte der Koͤnig. — Ah ſo, ſagte Chicot; ich wuͤrde eben ſo gern in den Loͤwen⸗Zwinger oder in den Uffenkaͤſig eingeſchloſſen ſein, als in das Zimmer eines wahnwitzigen Koͤnigs. Gott befohlen, ich gehe! Der Koͤnig zog den Schluͤſſel aus der Thuͤre. — Heinrich, ſagte Chicot, ich ſage Dir, daß Du eine Ungluͤck verkuͤndende Miene haſt, und daß, wenn Du mich nicht hinaus laͤßt, ich rufe, ich ſchreie, ich — Chicot, ſagte der Koͤnig in dem ſchwermuͤthig⸗ ſten Tone, Chicot, mein Freund, Ou mißbrauchſt mei⸗ ne Traurigkeit.* — Ah, ich verſtehe, ſagte Chicot, Du fuͤrchteſt Dich, ganz allein zu bleiben. Die Tyrannen ſind ſo. Laß Dir zwoͤlf Zimmer einrichten, wie Dionyſius, oder zwoͤlf Palaͤſte, wie Tiberius. Einſtweilen nimm mein langes Schwert, und laß mich die Scheide nach Haus tragen. He? — 144— Bei dem Worte Furcht leuchtete ein Blitz in Hein⸗ richs Augen; dann war er mit einem außerordentlichen Schauder aufgeſtanden, und ging im Zimmer herum. Es fand eine ſolche Aufregung in dem ganzen Koͤr⸗ per Heinrichs, eine ſolche Blaͤſſe auf ſeinem Geſichte ſtatt, daß Chieot den Koͤnig fuͤr wirklich krank zu halten be⸗ gann, und daß er, nachdem er ihn drei bis vier Male in ſeinem Zimmer hatte herumgehen ſehen, zu ihm ſagte: — Laß hoͤren, mein Sohn, was haſt Du? Er⸗ zaͤhle Deinem Freunde Chicot Deine Leiden. Der Koͤnig blieb vor dem Hofnarren ſtehen, und indem er ihn anblickte, ſagte er: — Ja, Du biſt mein Freund, mein einziger Freund. — Es giebt die Abtei Bal⸗neey⸗ ſagte Chicot, wel⸗ che zu vergeben iſt. — Hoͤre, Chicot, ſagte Heinrich, Du biſt ver⸗ ſchwiegen. — Die von Pithiviers iſt auch zu vergeben, wo man ſo gute Lerchen⸗Paſteten ißt. — Trotz Deinen Poſſen, fuhr der Koͤnig fort, biſt Du ein Mann von Muth. — Dann gieb mir keine Abtei, gieb mir ein Re⸗ giment.— — Und Du biſt ſelbſt ein Mann von gutem Rath. — In dieſem Falle gieb mir kein Regiment, mach mich zum Rath. Aber nein, ich uͤberlege; ich ziehe ein Regiment oder eine Abtei vor. Ich mag Lein Rath — W uüu d³ — 145— werden, ich waͤre gezwungen, immer der Meinung des Koͤnigs zu ſein.. — Schweig, ſchweig, Chicot, die Stunde nahet heran, die ſchreckliche Stunde. — Ah, da uͤberfaͤllt Dich das wieder, ſagte Chicot. — Du wirſt ſehen, Du wirſt hoͤren. — Sehen, was? Hoͤren, wen? 3 — Warte, und das Ereigniß ſelbſt wird Dir die Dinge lehren, welche Du wiſſen willſt, warte! — Aber nein, aber nein, ich warte nicht; aber wel⸗ cher tolle Hund hatte denn Deinen Vater und Deine Mutter in der Nacht gebiſſen, wo ſie den ungluͤckſeligen Einfall gehabt haben, Dich zu erzeugen. — Chicot, Du biſt tapfer? — Ich ruͤhme mich deſſen; aber den Teufel, ich ſtelle meine Tapferkeit nicht ſo auf die Probe. Wenn der Koͤnig von Frankreich und von Polen Nachts auf eine Weiſe ſchreit, um Scandal in dem Louvre zu er⸗ regen, ſo waͤre ich Schwaͤchling in dem Falle, Dein Zim⸗ mer zu entehren. Gott befohlen, Heinrich, rufe Deine Kapitaine der Garden, Deine Schweizer, Deine Thuͤr⸗ ſteher, und laß mich davon; zum Henker mit unſichtba⸗ rer Gefahr, zum Henker mit der Gefahr, die ich nicht kenne! — Ich befehle Dir zu bleiben, ſagte der Koͤnig ge⸗ bieteriſch. — Das iſt, auf mein Wort, ein wunderlicher Herr, welcher der Furcht gebieten will; ich fuͤrchte mich. Ich fürchte mich, ſage ich Dir, zu Huͤlfe! Feuer! Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. 10 * — 146— Und Chicot, ohne Zweifel um die Gefahr zu uͤber⸗ ragen, ſtieg auf einen Tiſch. 1 — Nun denn, Schelm, ſagte der Koͤnig, da es deſſen bedarf, damit Du ſchweigſt, ſo will ich Dir Alles erzaͤhlen. — Ah, ah! ſagte Chicot, indem er ſich die Haͤnde rieb, vorſichtig von ſeinem Tiſche herabſtieg und ſein un⸗ geheures Schwerdt zog: von der Sache in Kenntniß ge⸗ ſetzt, iſt es gut; wir wollen es darauf ankommen laſſen; erzaͤhle, erzaͤhle, mein Sohn. Es ſcheint, daß das irgend ein Krokodil iſt, he! Den Teufel! Die Klinge iſt gut, denn ich bediene mich ihrer jede Woche, um meine Huͤhneraugen zu beſchneiden, und meine Huͤhneraugen ſind hart. Du ſagteſt alſo, Heinrich, daß es ein Krokodil ſei. Und Chicot machte es ſich in einem großen Seſſel bequem, indem er ſein bloßes Schwerdt zwiſchen ſeine Schenkel ſtellte, und die Klinge mit ſeinen Beinen um⸗ ſchlang, wie die Schlangen, als Gynthol des Friedens, den Merkurſtab umſchlingen. — Die letzte Nacht, ſagte Heinrich ſchlief ich... — Und ich auch, ſagte Chicot. — Plötzlich fuhr ein Hauch uͤber mein Geſicht. — Das war das Thier, welches Hunger hatte, ſagte Chicot, und das Deine Salbe leckte — Ich erwachte halb, und ich fi lte meinen Bart ſich vor Schrecken unter meiner Mas e ſtraͤuben. — Ah! Du laͤßt mich koͤſtlich ſchaudern, ſagte Chicot, indem er ſich in ſeinem Seſſel zuſammenrollte und ſein Linn auf den Knopf ſeines Schwerdtes ſtützte. 55 — 147— — Nun, ſagte der Koͤnig mit ſo ſchwachem und ſo zitterndem Tone, daß der Klang ſeiner Worte kaum zu Chicots Ohren gelangte, nun ertoͤnte in dem Zimmer eine Stimme mit einem ſo ſchmerzlichen Beben, daß ſie mein ganzes Gehirn erſchuͤtterte. — Die Stimme des Krokodils, ja. Ich habe in der Reiſebeſchreibung Marco Polos geleſen, daß das Kroko⸗ dil eine ſchreckliche Stimme haͤtte, welche das Geſchrei der Kinder nachahmte; aber beruhige Dich, mein Sohn, wenn es kommt, ſo werden wir es toͤdten. — Hoͤre mich wohl an. — Bei Gott, ob ich zuhoͤre! ſagte Chicot, indem er ſich wie eine Feder ausſtreckte. Ich bin vom Zuhoͤren regungslos wie ein Klotz und ſtumm wie ein Karpfen. Heinrich fuhr mit einem noch weit traurigern und noch weit grabesaͤhnlicheren Ausdrucke fort: — Armſeliger Suͤnder, ſagte die Stimme... — Bah, unterbrach ihn Chicot, die Stimme ſprach; es war alſo kein Krokodil? — Armſeliger Suͤnder, ſagte die Stimme, ich win die Stimme Deines Herrn und Gottes. Chicot that einen Satz und befand ſich wieder ge⸗ rade in ſeinen Seſſel gekauert. — Die Stimme Gottes, erwiderte er. — Ah, Chicot, antwortete Heinrich, es iſt eine ent⸗ ſetzliche Stimme. — Iſt es eine ſchoͤne Stimme, fragte Chicot, und gleicht ſie, wie die Schrift ſagt, dem Trompeten Klange? — Biſt Du da? Hoͤrſt Du? fuhr die Stimme fort; 10* — 148— hoͤrſt Du, verhaͤrteter Suͤnder, biſt Du wirklich ent⸗ ſchloſſen, in Deinen Laſtern zu beharren? — Ah, wahrhaftig, wahrhaftig, wahrhaftig? ſagte Chicot. Aber, wie mir ſcheint, gleicht die Stimme Got⸗ tes ziemlich der Deines Volkes. — Dann, begann der Koͤnig wieder, folgten Tau⸗ ſend andere Vorwuͤrfe, die, ich verſichere es Dir, Chicot, ſehr ſchmerzlich fuͤr mich geweſen ſind. — Aber weiter, ſagte Chicot, fahre ein wenig fort, mein Sohn, erzaͤhle mir ein wenig das, was die Stim⸗ me ſagte, damit ich weiß, ob Gott gut unterrichtet war. — Gottloſer, rief der Koͤnig aus, wenn Du zwei— felſt, ſo werde ich Dich zuchtigen laſſen! ſ — Ich, ſagte Chicot, ich zweifele nicht; es verwundert mich nur, daß Gott bis heute gewartet hat, um Dir alle dieſe Vorwuͤrfe zu machen. Er iſt ſeit der Suͤnd⸗ fluth ſehr langmuͤthig geworden. Du haſt alſo, mein Sohn, fuhr Chicot fort, eine entſetzliche Furcht ge⸗ habt? — O, ja, ſagte Heinrich. — Es war Grund dazu vorhanden. — Der Schweiß rann mir von den Schlaͤfen herab, und das Mark war mir in dem Inneren meiner Knochen geronnen. — Wie bei Jeremias, das iſt ganz natuͤrlich. Auf mein Wort als Edelmann, ich weiß nicht, was ich an Deiner Stelle gethan haͤtte; und da haſt Du gerufen? — Ja!. — Und man iſt gekommen? — 149— — Ja! d — Und man hat genau nachgeſucht? — Ueberall! — Kein lieber Gott? — Alles war verſchwunden. — Das iſt entſetzlich! — So entſetzlich, daß ich meinen Beichtvater habe rufen laſſen. — Ah, gut, und er iſt herbeigeeilt? — Auf der Stelle. — Sag ein Wenig. Sei offenherzig, mein Sohn, ſag gegen Deine Gewohnheit die Wahrheit. Was haͤlt Dein Beichtvater von dieſer Offenbarung? — Er hat geſchaudert. — Ich glaube es wohl. — Er hat ſich bekreuzigt; er hat mir verordnet Buße zu thun, wie Gott es mir vorſchreibe. — Sehr ſchoͤn! Es kann niemals Etwas ſchaden, Buße zu thun. Aber was hat er von der Erſcheinung an ſich ſelbſt geſagt, oder vielmehr von dem Gehoͤrten? — Daß ſie von der Vorſehung geſandt waͤre; daß das ein Wunder ſei, daß ich an das Heil des Staates denken muͤßte. Ich habe demnach auch heute Mor⸗ gen... — Was haſt Du heute Morgen gethan, mein Sohn?* — Ich habe den Jeſuiten hundert Tauſend Livres geſchenkt. 1 — Sehr ſchoͤn! 150— — Und mit Geißelhieben meine Haut und die mei⸗ ner jungen Hofherrn zerhauen. — Vortrefflich! Aber nachher? 1 — Nun denn, nachher! Was meinſt Du, Chicot? Ich ſage das nicht zu dem Spoͤtter, ſondern zu dem kaltbluͤtigen Manne, zu dem Freunde. — Ah, Sire! ſagte Chicot ernſthaft, ich meine, daß Eure Majeſtaͤt das Alpdruͤcken gehabt hat. — Du glaubſt?. — Daß es ein Traum war, den Eure Majeſtaͤt gehabt hat, und der ſich nicht erneuern wird, wenn Eure Majeſtaͤt ihn keinen zu großen Eindruck auf Ihren Geiſt machen laͤßt. — Ein Traum? ſagte Heinrich den Kopf ſchuͤttelnd. Nein, nein, ich war gaͤnzlich wach, Chicot, ich ſtehe Dir dafuͤr. — Du ſchliefſt, Heinrich. — Ich ſchlief ſo wenig, daß ich die Augen weit offen hatte. — Ich ſchlafe ſo. — Ja, aber ich ſah mit meinen Augen, was nicht geſchieht, wenn man wirklich ſchlaͤft. — Und was ſahſt Du?a. — Ich ſah den Mond an den Fenſterſcheiben mei⸗ nes Zimmers, und ich ſah den Amethyſt auf dem Knopfe meines Schwerdtes dort, wo Du biſt, Chicot, mit einem dunkelen Lichte glaͤnzen. — Und was war aus der Lampe geworden? — Ihr Licht war erloſchen. 151 — Traum, lieber Sohn, reiner Traum. — Warum glaubſt Du nicht daran, Chicot? Steht nicht geſchrieben, daß der Herr zu den Koͤnigen ſpricht, wenn er irgend eine große Veraͤnderung auf der Erde bewirken will? — Ja, er ſpricht zu ihnen, das iſt wahr, ſagte Chicot, aber ſo leiſe, daß ſie es niemals hoͤren. — Aber, was macht Dich denn ſo unglaͤubig? — Daß Du es ſo gut gehoͤrt haſt. — Nun denn, begreifſt Du, warum ich Dich habe bleiben laſſen? ſagte der Koͤnig. — Bei Gott! antwortete Chicot. — Damit Du ſeldſt das hoͤrſt, was die Stimme ſagen wird. — Damit man glaubt, daß ich irgend eine Poſſe ſage, wenn ich das wiederhole, was ich gehoͤrt habe. Chicot iſt eine ſolche Null, ſo gering, ſo naͤrriſch, daß, wenn er es Jedermann ſagte, es doch Niemand glauben wuͤrde. Nicht uͤbel ausgedacht, mein Sohn. — Warum nicht lieber glauben, mein Freund, ſagte der Koͤnig, daß ich Deiner wohlbekannten Treue dieſes Geheimniß anvertraut habe? — Ah, luͤg nicht, Heinrich; denn wenn die Stimme kommt, ſo wird ſie Dir auch dieſe Luͤge noch vorwerfen, und Du haſt wohl genug an Deinen anderen Suͤnden. Aber, gleich viel! Ich nehme den Auftrag an. Es iſt mir nicht unangenehm, die Stimme des Herrn zu hoͤ⸗ ren, vielleicht wird ſie auch Etwas fuͤr mich ſagen. — Wohlan, was muß ich thun? — 152— — Du mußt Dich zu Bett legen, mein Sohn. — Wenn aber im Gegentheil — Keine Aber. — Indeſſen... 3 — Glaubſt Du etwa, daß Du die Stimme Gottes zu ſprechen abhalten wirſt, wenn Du aufbliebeſt? Ein Koͤnig uͤberragt die anderen Menſchen nur um die Hoͤhe der Krone, und, glaube mir, Heinrich, wenn er im bloßen Kopfe iſt, ſo iſt er von derſelben Groͤße und zu⸗ weilen noch weit kleiner, als ſie. — Es iſt gut, ſagte der Koͤnig, Du bleibſt? — Daruͤber ſind wir einverſtanden. — Wohlan, ich will mich zu Bette legen. — Gut! 3 — Aber Du wirſt Dich nicht ſchlafen legen? — Ich werde es wohl bleiben laſſen. — Nur ziehe ich bloß mein Wamms aus. — Thue nach Deinem Gefallen. — Ich behalte meine Hoſen an. — Die Vorſicht iſt gut. e... — Und Du? — Ei, ich bleibe, wo ich bin. — Und Du wirſt nicht ſchlafen? 8 — Ah, was das anbetrifft, ſo kann ich es Dir nicht verſprechen; der Schlaf iſt wie die Furcht, mein Sohn, eine von dem Willen unabhaͤngige Sache. — Du wirſt zum Mindeſten thun, was Du ver⸗ magſt? .— 153— — Ich werde mich kneipen, ſei unbeſorgt; außerdem wird mich die Stimme erwecken. — Scherze nicht mit der Stimme, ſagte Heinrich, der bereits ein Bein in dem Bette hatte, und der es wieder zuruͤckzog. — Geſchwind doch! ſagte Chicot. Muß ich Dich etwa zu Bette legen? Der Koͤnig ſtieß einen Seufzer aus, und nachdem er voller Beſorgniß alle Ecken und Winkel des Zimmers erforſcht, ſchluͤpfte er ganz ſchaudernd in ſein Bett. — Da, ſagte Chicot, jetzt iſt an mir die Reihe. — Und er ſtreckte ſich in ſeinem Seſſel aus, indem er um ſich herum und hinter ſich alle Kiſſen und Kopf⸗ kiſſen zurecht legte. — Wie befindet Ihr Euch, Sire? — Nicht uͤbel, ſagte der Koͤnig, und Du? — Sehr gut; gute Nacht, Heinrich! — Gute Nacht, Chicot; aber ſchlaf nicht ein. — Den Henker! Ich werde mich wohl davor huͤten⸗ ſagte Chicot, indem er gaͤhnte, um die Kinnbacken aus⸗ zurenken. Und alle Beide ſchloſſen die Augen, der Koͤnig, um zu thun, als ob er ſchliefe; Chicot, um wirklich zu ſchlafen. — — IX. Wie die Stimme des Herrn ſich irrte, und Chicot anredete, waͤhrend ſie glaubte den Koͤnig anzureden. Der Koͤnig und Chicot blieben ungefaͤhr zehn Mi⸗ nuten lang regungslos und ſchweigend. Ploͤtzlich erhob ſich der Koͤnig wie aus dem Schlafe aufgeſchreckt, und richtete ſich in ſeinem Bette in die Hoͤhe. Bei der Bewegung und dem Geraͤuſche, welche ihn aus dem ſuͤßen Schlummer erweckten, der dem Schlafe vorauszugehen pflegt, machte es Chicot ebenſo. Alle Beide blickten einander mit funkelnden Au⸗ gen an. 1 — Was giebts? fragte Chicot mit leiſer Stimme. — Der Hauch, ſagte der Koͤnig mit noch leiſerer Stimme, der Hauch! In demſelben Augenblick erloſch eine der Kerzen, welche der goldene Satyr in ſeiner Hand hielt, dann eine zweite, dann eine dritte, dann endlich die letzte. — O, o, ſagte Chicot, welcher Hauch! 155— Chicot hatte die letzte Sylbe dieſer Worte noch nicht ausgeſprochen, als die Lampe auch erloſch, und das Zimmer nur noch von dem letzten Scheine des Kamines erleuchtet blieb. — Aufgepaßt! ſagte Chicot, indem er ganz auf⸗ ſtand. — Er wird ſprechen, ſagte der Koͤnig, indem er ſich in ſeinem Bette beugte, er wird ſprechen: — Dann hoͤre, ſagte Chicot. In der That, im naͤmlichen Augenblicke hoͤrte man eine hohle, manchmal ziſchende Stimme, welche hinter dem Bette ſagte: — Biſt Du da, verſtockter Suͤnder? — Ja, ja, Herr, ſagte Heinrich, deſſen Zaͤhne klapperten. — O, o, ſagte Chicot, die Stimme klingt ſehr hei⸗ ſer, um vom Himmel zu kommen; gleichviel, es iſt zum Entſetzen! — Hoͤrſt Du mich? fragte die Stimme. — Ja, Herr, ſtammelte Heinrich, und ich hoͤre unter Deinem Zorne gebeugt. — Glaubſt Du denn, fuhr die Stimme fort, mir gehorſam geweſen zu ſein durch alle die aͤußeren Gau⸗ keleien, die Du heute begangen haſt, ohne daß der Grund Deines Herzens ernſtlich ergriffen geweſen waͤre? — Gut geſagt! rief Chicot aus. O, richtig ge⸗ troffen! Die Haͤnde des Koͤnigs ſtießen an einander an, in⸗ dem ſie ſich falteten; Chicot trat zu ihm. — 156— — Nun, fluͤſterte Heinrich, nun, glaubſt Du jetzt? — Wartet, ſagte Chicot. — Was willſt Du? — Still doch! Hoͤre: ſchluͤpfe ganz leiſe von Dei⸗ nem Bette, und laß mich Deine Stelle einnehmen. — Wozu das? — Damit der Zorn des Herrn zuerſt uͤber mich her⸗ faͤllt. — Glaubſt Du, daß er mich deshalb verſchonen wird? — Laß es uns immer verſuchen. Und mit einer ruͤhrenden Beharrlichkeit draͤngte er den Koͤnig ganz behutſam aus dem Bette, und nahm ſeine Stelle ein. — Jetzt, Heinrich, ſagte er, ſetz Dich auf mein en Seſſel und laß mich machen. Heinrich gehorchte; er begann zu errathen. — Du antworteſt nicht, begann die Stimme wie⸗ der, ein Beweis, daß Du ein verſtockter Suͤnder biſt. — O, Vergebung, Vergebung, Herr! ſagte Chicot, die naͤſelnde Stimme des Koͤnigs nachahmend. Indem er ſich hierauf zu Heinrich hinneigte, ſagte er: — Das iſt naͤrriſch, begreifſt Du das? mein Sohn, Der liebe Gott erkennt Chicot nicht. — He, aͤußerte Heinrich, was ſoll das heißen? — Warte, warte, Du wirſt noch ganz Anderes ſehen! — Ungluͤckſeliger! ſagte die Stimme. — 157— — Ja, Herr, ja, antwortete Chicot, ja, ich bin ein verſtockter Suͤnder, ein abſcheulicher Suͤnder. — Dann erkenne Deine Verbrechen und thue Buße. — Ich erkenne, ſagte Chicot, ein großer Verraͤther gegen meinen Vetter Condé geweſen zu ſein, deſſen Frau ich verfuͤhrt habe, und ich bereue es. — Aber was ſagſt Du denn da? fluͤſterte der Koͤnig. Willſt Du wohl ſchweigen! Davon iſt ſeit langer Zeit nicht mehr die Rede. — Ah, wahrhaftig? ſagte Chicot. Gehen wir auf Anderes uͤber. — Sprich, ſagte die Stimme. — Ich erkenne, fuhr der falſche Heinrich fort, ein großer Dieb gegen die Polen geweſen zu ſein, die mich zum Koͤnig erwaͤhlt hatten, und die ich ploͤtzlich eines Nachts verlaſſen, indem ich alle Kron⸗Diamanten mit⸗ nahm, und ich bereue es. — Ei, Schuft, ſagte Heinrich, woran erinnerſt Du da? Das iſt vergeſſen. — Ich muß wohl fortfahren, ihn zu taͤuſchen, er⸗ widerte Chicot. Laß mich machen! S— Sprich weiter, ſagte die Stimme. — Ich erkenne, ſagte Chicot, den Thron von Frank⸗ reich meinem Couſin von Alencçon entzogen zu haben, dem er von Rechts wegen zukam, da ich foͤrmlich dar⸗ auf verzichtet hatte, als ich den Thron von Polen an⸗ nahm, und ich bereue es. — Schurke! ſagte der Koͤnig. — Das iſt es noch nicht, begann die Stimme wieder. -— 158— — Ich geſtehe ein, mich mit meiner guten Mutter, Katharina von Medicis verſtaͤndigt zu haben, um mei⸗ nen Schwager, den Koͤnig von Navarra, aus Frank⸗ reich zu verjagen, nachdem ich alle ſeine Freunde ver⸗ nichtet, und meine Schweſter, die Koͤnigin Margaretha, nachdem ich alle ihre Liebhaber vernichtet; was ich ſehr aufrichtig bereue.. — Ha, Spitzbube, der Du biſt, murmelte der Koͤ⸗ nig vor Zorn mit den Zaͤhnen knirſchenndd. — Sire, laßt uns Gott nicht beleidigen, indem wir verſuchen, ihm dasjenige zu verheimlichen, was er eben ſo gut weiß, als wir. — Es handelt ſich nicht um Politik, fuhr die Stimme fort. te — Ah, jetzt kommen wir darauf, fuhr Chicot in einem jammervollen Tone fort. Es handelt ſich um meine Sitten, nicht wahr? — Endlich! ſagte die Stimme. — Es iſt wahr, mein Gott, fuhr Chicot fort, in⸗ dem er immer im Namen des Koͤnigs ſprach, daß ich ſehr weibiſch, ſehr traͤg, ſehr wolluͤſtig, ſehr einfaͤltig und ſehr heuchleriſch bin. — Das iſt wahr, ſagte die Stimme mit einem hohlen Tone. — Ich habe die Frauen mißhandelt, beſonders die meinige, eine ſo wuͤrdige Frau. 1 — Man muß ſeine Frau wie ſich ſelbſt lieben und ſie Allem vorziehen, ſagte die Stimme wuͤthend. — Ah, rief Chicot in einem verzweifelten Tone, dann habe ich ſehr geſuͤndigt. — Und Du haſt Andere verleitet zu ſuͤndigen, indem Du das Beiſpiel gabſt. — Das iſt wahr, das iſt wieder wahr! — Du haſt dieſen armen Saint⸗Luc beinahe in die Verdammniß geſtuͤrzt. — Bah! aͤußerte Chicot. Biſt Du gewiß, mein Gott, daß ich ihn nicht gaͤnzlich in die Verdammniß geſtuͤrzt habe? — Nein, aber das koͤnnte ihm wohl begegnen und Dir auch, wenn Du ihn nicht ſpaͤteſtens morgen fruͤh zu ſeiner Familie zuruͤckſchickſt. — Ah, ah, ſagte Chicot zu dem Koͤnige, die Stimme ſcheint mir mit der Familie von Coſſé be⸗ freundet. — Und wenn Du ihn nicht zum Herzog und ſeine Frau zur Herzogin machſt, fuhr die Stimme fort, als Entſchaͤdigung fuͤr ihre Tage vorzeitiger Wittwenſchaft. — Und wenn ich nicht gehorche? ſagte Chicot, in⸗ dem er in ſeiner Stimme eine Vermuthung von Wider⸗ ſtand durchblicken ließ. — Wenn Du nicht gehorchſt, erwiderte die Stimme, indem ſie ſich auf eine ſchreckliche Weiſe verſtaͤrkte, ſo wirſt Du waͤhrend der Ewigkeit in der großen Pfanne braten, in welcher Dich erwartend Sardanapal, Nebu⸗ kadnezar und der Marſchall von Retz braten. Heinrich III. ſtieß ein Stoͤhnen aus. Die Furcht uͤberfiel ihn bei dieſer Drohung ſtechender, als jemals. — 460— — Den Henker! ſagte Chicot. Bemerkſt Du, Hein⸗ rich, wie der Himmel ſich fuͤr Herrn von Saint⸗Luc in⸗ tereſſirt? Der Teufel ſoll mich holen, man koͤnnte glau⸗ ben, daß er den lieben Gott in ſeiner Gewalt haͤtte. Aber Heinrich hoͤrte die Poſſen Chicots nicht, oder wenn er ſie hoͤrte, ſo vermochten ſie ihn nicht zu beru⸗ higen. — Ich bin verloren, ſagte er außer ſich, ich bin ver⸗ loren, und dieſe Stimme von oben wird mich toͤdten. 4— Stimme von oben! erwiderte Chicot. Ah, die⸗ ſes Mal irrſt du dich. Stimme von der Seite hoͤch⸗ ſtens. — Wie? Stimme von der Seite? fragte Heinrich. Ei ja! Hoͤrſt Du denn nicht, mein Sohn, daß die Stimme aus dieſer Wand da kommt? Der liebe Gott logirt im Louvre, Heinrich. Wahrſcheinlicher Weiſe kommt er, wie Kaiſer Karl der V. durch Frankreich, um in die Hoͤlle hinab zu fahren. — Gotteslaͤugner! Gotteslaͤſterer! 885 — Das iſt ehrenvoll fuͤr Dich, Heinrich. Ich mache Dir demnach auch mein Kompliment daruͤber. Aber ich findet ſich im Louvre und iſt von Dir nur durch eine 4 duͤnne Wand getrenut, und Du gehſt nicht, ihm einen Beſuch abzuſtatten? Ei was, Valois, ich erkenne Dich darin nicht, und du biſt nicht hoͤflich! In dieſem Augenblicke entzuͤndete ſich ein in einer Ecke des Kamins verlorener Zweig, und erleuchtete, in⸗ dem er ſeinen S Geſicht. Dieſes Geſicht hatte einen ſolchen Ausdruck von Lu⸗ ſtigkeit und Spott, daß der Koͤnig ſich daruͤber verwun⸗ derte. — Was, ſagte er, Du haſt den Muth zu ſpotten? Du wagſt... Ei ja doch, ich wage es, ſagte Chicot, und Du wirſt es ſogleich ſelbſt wagen, oder der Henker ſoll mich holen! Aber ſo ſei doch vernuͤnftig, mein Sohn, und thue was ich Dir ſage. — Daß ich nachſehn ſoll.. — Ob der liebe Gott wirklich in dem Nebenzimmer iſt. — Aber wenn die Stimme nochmals ſpricht? — Bin ich denn etwa nicht da, um zu antworten? Es iſt ſogar ſehr gut, daß ich fortfahre, in Deinem Namen zu ſprechen, das wird die Stimme, die mich fuͤr Dich haͤlt, glauben laſſen, daß du immer noch da biſt, denn die goͤttliche Stimme i*ſt gewaltig leichtglaͤu⸗ big, und kennt ihre Leute eben nicht recht. Wie, ſeit einer Viertelſtunde, in der ich ſchreie, hat ſie mich nicht erkannt? Das iſt demuͤthigend fuͤr ein geiſtiges Weſen. Heinrich runzelte die Stirn. Chicot hatte ſo viel daruͤber geſagt, daß ſeine unglaubliche Leichtglaͤubigkeit zu zweifeln begann. — Ich glaube, daß du Recht haſt, Chicot, ſagte er, und ich habe große Luſt... — Aber ſo geh doch! ſagte Chicot, indem er ihn antrieb. Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. chein in das Zimmer warf, Chicots 11 — 162— Heinrich machte leiſe die Thuͤr des Ganges auf, wel⸗ cher in das anſtoßende Zimmer fuͤhrte, welches, wie man ſich erinnern wird, das ehemalige, fuͤr den Augenblick von Saint⸗Luc bewohnte Zimmer der Amme Karls IX. war. Aber er hatte noch keine vier Schritte in dem Gange gethan, als er die Stimme ihre Vorwuͤrfe ver⸗ doppeln hoͤrte. Chicot antwortete durch das klaͤglichſte Jammern darauf.— — Ja, ſagte die Stimme, Du biſt unbeſtaͤndig, wie ein Weib, wolluͤſtig, wie ein Sibarit, laſterhaft, wie ein Heide. — Hel winſelte Chicot, he, he! iſt es meine Schuld, großer Gott, daß Du meine Haut ſo zart und meine Haͤnde ſo weiß, meine Naſe ſo fein und meinen Geiſt ſo veraͤnderlich gemacht haſt? Aber damit iſt es vorbei, mein Gott! Von Heute an will ich nur noch Hemden von grober Leinwand tragen. Ich will mich in den Miſt eingraben, wie Hiob, und Kuhfladen eſſen, wie Eze⸗ chiel. Waͤhrend deſſen ſchritt Heinrich in dem Gange vor⸗ an, indem er mit Bewunderung bemerkte, daß in dem Maße, als die Stimme Chicots ſchwaͤcher klang, die des mit ihm Sprechenden ſtaͤrker wurde, und daß dieſe Stimme in der That aus Saint⸗Lucs Zimmer zu kom⸗ men ſchien. 1 3 Heinrich ſtand im Begriffe an die Thuͤr zu klopfen, als er einen Lichtſtrahl bemerkte, der durch das weite Schluͤſſelloch des Schloſſes von durchbrochener Arbeit fiel. — ꝗu —— — 463— Er bückte ſich zu der Hoͤhe dieſes Schloſſes, und ſah durch das Schluͤſſelloch. Heinrich, der ſehr bleich war, erroͤthete ploͤtzlich vor Zorn, richtete ſich wieder auf und rieb ſich die Augen, wie um beſſer dasjenige zu ſehen, was er nicht zu glau⸗ ben vermochte, obgleich er es ſah. — Bei Gottes Tod! murmelte er, iſt es moͤglich, daß man gewagt hat, ſich in dem Grade uͤber mich lu⸗ ſtig zu machen? 7 In der That, er ſah folgendes durch das Schluſ⸗ ſelloch: In einer Ecke dieſes Zimmers hauchte Saint⸗Luc in ſeidenen Unterhoſen und im Schlafrocke die drohen⸗ den Worte(welche der Koͤnig fuͤr goͤttliche Worte hielt), in ein Sprachrohr, und neben ihm, auf ſeine Schul⸗ ter geſtuͤtzt, ſtand eine junge Frau in weißem und durch⸗ ſichtigen Anzuge, die von Zeit zu Zeit das Sprachrohr aus ſeinen Haͤnden riß, und ihre Stimme erhebend, alle Einfaͤlle hinein blies, die zuerſt in ihren ſchelmiſchen Au⸗ gen und auf ihren ſcherzhaften Lippen entſtanden. Dann entſtanden bei jedem Wiederergreifen des Sprachrohres Ausbruͤche ausgelaſſener Freude, und indem Chicot jam⸗ merte und weinte, war die Nachahmung ſo vollkommen und das Naͤſeln ſo natuͤrlich, daß der Koͤnig glauben mußte, ſich ſelbſt von dem Gange aus weinen und jam⸗ mern zu hoͤren. — Jeanne de Coſſé in dem Zimmer Saint⸗Lucs, ein Loch in der Wand, mir eine Aufzieherei! murmelte Heinrich empoͤrt. O, ſie ſollen mir es theuer bezahlen! 41* — 164— Und auf eine, noch bei weitem beleidigendere Aeu⸗ ßerung, als die anderen, welche Frau von Saint⸗Luc in das Sprachrohr gerufen hatte, wich Heinrich um ei⸗ nen Schritt zuruͤck, und trat mit einem, fuͤr einem Weichling ſehr maͤnnlichen Fußtritt die Thuͤr ein, deren Angeln halb aus der Mauer riſſen, und deren Schloß ſprang. Jeanne, halb nackend, verbarg ſich mit einem ſchrecklichen Schrei hinter die Vorhaͤnge, in welche ſie ſich einhuͤllte, indem ſie ihren Kopf verſteckte. Das Sprachrohr in der Hand und bleich vor Schre⸗ cken, ſank Saint⸗Luc vor dem vor Zorn bleichen Koͤnige auf beide Kniee. S — Ah, rief Chicot aus der Tiefe des koͤniglichen Zimmers, ah, Erbarmen! Ich appellire an die Jung⸗ frau Maria, an alle Heiligen... Ich falle in Ohn⸗ macht, ich ſterbe. Aber in dem Zimmer zur Seite hatte noch keiner der Theilnehmenden an dieſem wunderlichen Auftritte, den wir ſo eben erzaͤhlt haben, die Kraft gehabt zu ſprechen, ſo raſch hatte ſich die Lage zum Trauerſpiele gewendet. 3 Heinrich brach dieſes Schweigen durch ein Wort und dieſe Regungsloſigkeit durch eine Geberde. 1 — Hinaus! ſagte er, indem er den Arm aus⸗ ſtreckte. Und indem er der Regung einer eines Koͤnigs un⸗ wuͤrdiger Wuth nachgab, entriß er das Sprachrohr — 165— Saint⸗Lucs Haͤnden und erhob es, wie um ihn da⸗ mit zu ſchlagen.— Aber nun war es Saint⸗Luc, der ſich aufrichtete, wie als ob ihn eine Stahlfeder auf ſeine Fuͤße geſchnellt haͤtte. — Sire, ſagte er, Ihr habt nur das Recht meinen Kopf zu treffen, ich bin Edelmann. Heinrich warf das Sprachrohr mit Gewalt auf den Fußboden. Jemand raffte es auf, das war Chicot, der, als er das Krachen der erbrochenen Thuͤre gehoͤrt hatte, in der Meinung, daß die Gegenwart eines Ver⸗ mittlers nicht nutzlos ſein wuͤrde, augenblicklich herbeige⸗ eilt war. Er ließ Heinrich und Saint⸗Luc mit einander fer⸗ tig werden, wie es ihnen gut duͤnkte, und geraden Weges nach dem Vorhange zu eilend, hinter welchem er Jemand errieth, zog er die ganz bebende Frau aus ihm hervor. — Ei, ei, ſagte er, Adam und Eva⸗ nach dem Falle! Und Du jagſt ſie fort, Heinrich? ſagte er, in⸗ dem er den Koͤnig mit dem Blicke befragte. — Ja, ſagte Heinrich. — Dann warte, ich will den Racheengel abgeben. Und indem er ſich zwiſchen den Koͤnig und Saint⸗ Luc warf, ſtreckte er ſein Sprachrohr wie das flam⸗ mende Schwerdt uͤber die Haͤupter der beiden Schuldi⸗ gen aus und ſagte: — Dieſes iſt mein Paradies, das Ihr durch Euren T — 166— Ungehorſam verloren habt. Ich verbiete Euch, daſſelbe wieder zu betreten. Dann ſich an Saint⸗Lucs Ohr neigend, der, um ſie, wenn es noͤthig waͤre, gegen den Zorn des Koͤnigs zu beſchuͤtzen, den Leib ſeiner Gattin mit ſeinem Arme um⸗ ſchlang, ſagte er: — Wenn ihr ein gutes Pferd habt, ſo reitet es zu Schanden, aber legt von jetzt bis morgen zwanzig Stun⸗ den zuruͤck. 2 ,———— X. Wie Buſſy ſich auf die Aufſuchung ſeines Traumes machte, immer mehr uͤberzeugt, daß er eine Moͤglichkeit geweſen. Inzwiſchen war Buſſy mit dem Herzoge von An⸗ jou nach Haus zuruͤckgekehrt; alle Beide waren tiefſinnig, der Herzog, weil er die Folgen dieſes kraͤftigen Ausfalles fuͤrchtete, zu welchen er gewiſſer Maßen von Buſſy ge⸗ zwungen worden war; Buſſy, weil die Ereigniſſe der vorhergehenden Nacht ihn vor allem beſchaͤftigten. — Kurz, ſagte er ſich, als er nach vielen dem Her⸗ zoge von Anjou uͤber die Energie, welche er entfaltet haͤtte, gemachten Komplimenten in ſeine Wohnung zu⸗ ruͤckkehrte, kurz, ſo viel iſt gewiß, daß ich angegriffen worden bin, daß ich mich geſchlagen habe, daß ich verwundet worden bin, da ich hier, in der rechten Seite, meine Wunde fuͤhle, die ſelbſt ſehr ſchmerzhaft iſt. Nun aber ſah ich, als ich mich ſchlug, das Kreuz des Petits⸗Champs, wie ich es hier ſehe; ich ſah die — 168— Mauer des Hotels des Tournelles und die mit Zinnen verſehenen Thuͤrme der Baſtille. Auf dem Platze der. Baſtille, ein wenig vor dem Hotel des Tournelles, zwi⸗ ſchen der Straße Sainte⸗Catharina und der Straße Saint⸗Paul, war es, wo ich angegriffen worden bin, da ich nach der Faubourg Saint⸗Antoine ging, um den Brief der Koͤnigin von Navarra zu holen. Dort alſo bin ich angegriffen worden, neben einer Thuͤre, welche eine Schießſcharte hatte, durch welche ich, als ich dieſe Thuͤre wieder hinter mir verſchloſſen, Quelus angeblickt habe, welcher ſo bleiche Wangen und ſo flammende Augen hatte. Ich befand mich in einer Hausflur, dem Ende der Hausflur befand ſich eine Treppe. Ich habe die erſte Stufe dieſer Treppe gefuͤhlt, da ich gegen ſie geſtrauchelt bin. Nun bin ich in Ohnmacht geſun⸗ ken, dann hat mein Traum begonnen. Dann habe ich 5 miche bei einem ſehr friſchen Winde auf dem Abhange der Graͤben des Tempels, zwiſchen einem Auguſtiner⸗ Moͤnch, einem Fleiſcher und einer alten Frau wiederge⸗ funden. .— Woher koͤmmt es jetzt, daß meine anderen Traͤu⸗ me ſo ſchnell und ſo gaͤnzlich aus meinem Gedaͤchtniſſe verſchwinden, waͤhrend ſich dieſer um ſo tiefer in daſſel⸗ be eingraͤbt, je weiter ich mich von dem Momente, wo ich ihn gehabt habe, entferne? — Hal ſagte Buſſy, darin liegt das Geheimniß. Und er blieb an dem Thore ſeines Hotels ſtehen, an welchem er gerade in dieſem Augenblicke angelangt 4 war, und ſich an die Mauer lehnend, ſchloß er die Augen. an — 169— — Gottes Tod! ſagte er, es iſt unmoͤglich, daß ein Traum einen ſolchen Eindruck in dem Geiſte zuruͤck⸗ laͤßt. Ich ſehe das Zimmer mit ſeiner Figuren⸗Tapete, ich ſehe die gemalte Decke, ich ſehe mein Bett von geſchnitztem Eichenholz mit ſeinen Vorhaͤngen von wei⸗ ßem Damaſt mit Gold. Ich ſehe das Portrait, ich ſehe die blonde Frau; ich bin minder ſicher, ob die Frau und das Portrait nicht daſſelbe iſt. Endlich ſehe ich das gute und froͤhliche Geſicht des jungen Arztes, den man mit verbundenen Augen an mein Bett gefuͤhrt hat. Das ſind indeſſen wohl genug Merkmale. Wiederholen wir noch einmal: eine Tapete, eine Decke, ein Bett von Bildhauerarbeit, Vorhaͤnge von weißem Damaſt mit Gold, ein Portrait, eine Frau und ein Arzt. Ja, ja! ich muß mich auf die Aufſuchungen von alle dem machen, und wenn ich nicht der dummſte Menſch bin, ſo muß ich es wiederfinden.. — Und zufoͤrderſt, ſagte Buſſy, wollen wir, um das Werk richtig anzugreifen, ein fuͤr einen Nacht⸗ ſchwaͤrmer paſſenderes Koſtuͤm anlegen; dann nach der Baſtille.. In Folge dieſes nicht eben ſehr vernuͤnftigen Ent⸗ ſchluſſes von Seiten eines Mannes, der, nachdem er Tags zuvor dort beinahe ermordet worden waͤre, am folgenden Tage ohngefaͤhr zu derſelben Stunde denſel⸗ ben Ort zu unterſuchen Luſt hatte, ging Buſſy wie⸗ der in ſein Zimmer, ließ den Verband, weilcher ſeine Wunde verſchloß, von einem Kammerdiener befeſtigen, der ein wenig Wundarzt war, und den er wegen aͤhnli⸗ — 170— cher Zufaͤlle angenommen hatte, zog lange Stiefeln an, die bis auf die Mitte der Schenkel hinaufgingen, nahm ſein zuverlaͤßigſtes Schwerdt, huͤllte ſich in ſeinen Man⸗ tel, ſtieg in ſeine Saͤnfte, hielt an der Ecke der Stra⸗ ße Noi de Sicile, ſtieg aus, befahl ſeinen Leuten ihn zu erwarten, und die große Straße Saint⸗An⸗ toine erreichend, wanderte er nach dem Platze der Ba⸗ ſtille zu. Es war ohngefaͤhr neun Uhr Abends. Die Feier⸗ abendglocke hatte gelaͤutet. Paris wurde oͤde. Durch „ welches ein wenig Sonne und eine lauere Luft am Tage herbeigefuͤhrt hatten, machten die Pfuͤtzen eiſigen Waſſers und die ſchlammige „an welche der gebahnte Pfad, von dem wir bereits geſprochen haben, gleich einer Chauſſée ſich hinzog. Buſſy orientirte ſich; er ſuchte den Ort, wo ſein Pferd gefallen war, er glaubte ihn gefunden zu haben; er machte dieſelben Bewegungen des Ruͤckzuges und des Angriffes, die er ſich erinnerte gemacht zu haben; er wich bis an die Mauer zuruͤck und unterſuchte jede Thuͤr, um die Vertiefung wieder zu finden, gegen die er ſich gelehnt, und das Gitterfenſter, durch welches er Quelus erblickt hatte. Aber alle Thuͤren hatten eine Vertiefung, und faſt alle ein Gitterfenſter; es hefand ſich eine Haus⸗ flur hinter der Thuͤre. Durch ein Verhaͤngniß, das minder außerordentlich erſcheinen wird, wenn man be⸗ denkt, daß Pfoͤrtner zu jener Zeit in den buͤrgerlichen — 171— Haͤuſern eine unbekannte Sache waren, verſchloſſen drei Viertel der Thuͤren Hausfluren. — Bei Gott! ſagte Buſſy ſehr aͤrgerlich zu ſich ſelbſt, wenn ich an jede dieſer Thuͤren klopfen, alle Be⸗ wohner befragen, wenn ich Tauſend Thaler ausgeben muͤßte, um die Diener und die alten Weiber zum Spre⸗ chen zu bringen, ich werde erfahren, was ich wiſſen will. Es giebt hier funfzig Haͤuſer, zu zehn Haͤuſer fuͤr den Abend, werde ich fuͤnf Abende verlieren; nur werde ich abwarten, bis es ein wenig trockener iſt. Buſſy beendigte dieſes Selbſtgeſpraͤch, als er ein kleines, zitterndes und bleiches Licht gewahr wurde, wel⸗ ches, ſich wie ein Leuchtthurm auf dem Meere in den Waſſerpfuͤtzen ſich ſpiegelnd, naͤher kam. Dieſes Licht ruͤckte langſam und unregelmaͤßig nach ſeiner Seite zu heran, indem es von Zeit zu Zeit ſtehen blieb, zuweilen zur Linken, zuweilen zur Rechten abwich, dann andere Male ploͤtzlich ſchwankte und wie ein Irr⸗ licht zu huͤpfen begann; dann ſeinen ruhigen Gang wie⸗ der annahm, dann endlich ſich neuen Abſchweifungen hingab. — Beſtimmt, ſagte Buſſy, der Baſtille⸗Platz iſt ein ſeltſamer Ort; aber, gleichviel, warten wir. Und um mit mehr Behaglichkeit warten zu koͤnnen, huͤllte ſich Buſſy in ſeinen Mantel, und ſtellte ſich in die Ecke einer Thuͤr. Die Nacht war eine der dunkelſten, und man konnte auf vier Schritte weit niemand ſehen. Die Laterne kam immer naͤher, indem ſie die wun⸗ derlichſten Schwenkungen machte Aber da Buſſy nicht — 12— aberglaͤubig war, ſo blieb er uͤberzeugt, daß er kein Irr⸗ licht der Art ſaͤhe, welche im Mittelalter die Wanderer ſo ſehr entſetzten, ſondern einfach und allein eine, an ei⸗ ner Hand haͤngende Laterne, die ſich ſelbſt wieder an irgend einen Koͤrper anſchloß. In der That, nach einigen Sekunden des Wartens ergab ſich der Schluß als richtig. Buſſy erblickte ohnge⸗ faͤhr dreißig Schritte weit vor ſich eine ſchwarze, lange, und wie ein Pfahl magere Geſtalt, dieſe Geſtalt nahm allmaͤhlich die Umriſſe eines lebenden Weſens an, wel⸗ ches die Laterne an ſeiner linken, bald vor ſich, bald zur Seite ausgeſtreckeen, und bald auf ſeiner Huͤfte ru⸗ henden Arme hielt. Dieſes lebende Weſen ſchien fuͤr den Augenblick der ehrbaren Bruͤderſchaft der Trunkenbolde anzugehoͤren, denn nur der Trunkenheit allein konnte man dieſe ſonderbaren Umkreiſe zuſchreiben, die es mach⸗ te, und die Art von Philoſophie, mit der es in die ko⸗ thigen Loͤcher ſtrauchelte und in Waſſerpfützen plaͤtſcherte. Ein Mal begegnete es ihm ſogar, auf einer Lage nicht recht aufgethaueten Eiſes auszugleiten, und ein dumpfes Geraͤuſch, begleitet von einer unwillkuͤrlichen Bewegung der Laterne, welche von oden nach unten zu ſtuͤrzen ſchien, deutete Buſſy an, daß der naͤchtliche Wanderer, nicht recht feſt auf ſeinen Fuͤßen, einen feſte⸗ ren Schwerpunkt geſucht haͤtte. 3 Buſſy begann nun die Art von Reſpect zu fuͤhlen, welche alle edlen Herzen fuͤr die verſpaͤteten Betrunkenen um dieſen Bacchus⸗ Beiſtand zu leiſten, empfinden, und er wollte vortreten, Prieſter, wie Meiſter Ronſard ſagte, als er die Laterne ſich wieder mit einer Schnelligkeit auf⸗ richten ſah, welche in denjenigen, der ſich ihrer ſo ſchlecht bediente, eine bei weitem groͤßere Feſtigkeit andeutete, als man haͤtte glauben koͤnnen, wenn man ſich auf den Schein verließ. — Ei, murmelte Buſſy, noch ein Abenteuer, wie es ſcheint. Und da die Laterne ſich wieder in Bewegung ſetzte, und geraden Weges nach ſeiner Seite zu kommen ſchien, ſo druͤckte er ſich noch mehr als vorher in die Ecke der Thuͤre. Die Laterne machte noch zehn Schritte, und nun bemerkte Buſſy bei dem Scheine, den ſie warf, etwas Seltſames, naͤmlich, daß der Mann, welcher ſie trug, eine Binde vor den Augen haͤtte. — Bei Gott, ſagte er, das iſt ein ſonderbarer Ein⸗ fall, mit einer Laterne, beſonders bei einem Wetter und auf einem Felde, wie dieſes da, blinde Kuh zu ſpielen. Sollte ich etwa wieder zu traͤumen beginnen? Buſſy wartete noch, und der Mann mit der Binde that fuͤnf bis ſechs Schritte. — Gott verzeihe mir, ſagte Buſſy, ich glaube, daß er mit ſich ganz allein ſpricht. Nein, das iſt weder ein Betrunkener noch ein Narr: das iſt ein Mathematiker, der die Aufloͤſung eines Problemes ſucht. Dieſe letzten Worte waren dem Beobachter durch die letzten Reden eingegeben, welche der Mann mit der Laterne ausgeſprochen, und die Buſſy gehoͤrt hatte. Vier Hundert acht und achtzig, vier Hundert neun — 174— und achtzig, vier Hundert und neunzig, murmelte der Mann mit der Laterne; das muß ſehr nahe von hier ſein. Und nun erhob die geheimnißvolle Perſon mit der rechten Hand ihre Binde, und ſich einem Hauſe gegen⸗ uͤber befindend, naͤherte er ſich der Thuͤre. An der Thuͤre angelangt, pruͤft er ſie aufmerkſam. — Nein, ſagte er, dieſe iſt es nicht. Hierauf zog er ſeine Binde herab, und machte ſich wieder auf den Weg, indem er ſeine Rechnung von neuem begann. Vier Hundert ein und neunzig, vier Hundert zwei und neunzig, vier Hundert drei und neunzig, vier Hun⸗ dert vier und neunzig, ich muß brennen, ſagte er. Und er erhod von neuem ſeine Binde, und indem er ſich der Nachbar⸗Thuͤre vor derjenigen naͤherte, in wel⸗ cher ſich Buſſy verſteckt hielt, unterſuchte er ſie mit nicht geringerer Aufmerkſamkeit, als das erſte Mal. — Hm, Hm!l ſagte er, das koͤnnte ſie wohl ſein; nein, doch, doch, nein; dieſe Teufels⸗Thuͤren gleichen ſich alle. — Das iſt eine Bemerkung, die ich bereits gemacht habe, ſagte ſich Buſſy in ſeinem Inneren; das erregt meine Achtung fuͤr den Mathematiker. Der Mathematiker ſchob ſeine Binde wieder zurecht, und ſetzte ſeinen Weg fort. — Vier Hundert fuͤnf und neunzig, vier Hundert ſechs und neunzig, vier Hundert ſieben und neunzig, — — 177— — Sehr gern. — Gut; vor Allem, zwei Worte. — Sagt. — Wie heißt Ihr?, — Ich will dagegen keine Schwierigkeiten machen, mein Herr, ſagte der junge Arzt. Ich weiß wohl, daß ich nach guter Manier und nach der Mode auf eine ſol⸗ che Frage mich ſtolz auf ein Bein ſtuͤzen und die Hand auf der Huͤfte, Euch ſagen muͤßte: Und Ihr, Herr, wenns beliebt! Aber Ihr habt ein langes Schwerdt, und ich habe nur meine Lanzette. Ihr habt das Anſehn eines wuͤrdigen Edelmannes, und ich muß Euch ein Schelm ſcheinen, denn ich bin bis auf die Haut durch⸗ naͤßt, und bis auf den Ruͤcken mit Koth beſpritzt. Ich entſchließe mich alſo, ganz offenherzig auf Eure Frage zu antworten: Ich heiße Remy⸗le⸗Haudouin. — Sehr ſchoͤn, mein Herr, Tauſend Dank. Ich bin der Graf Ludwig von Clermont, Herr von Buſſy. — Buſſy von Amboiſe, der Held Buſſy, rief der junge Mann mit offenbarer Freude aus! Wie! Herr, Ihr waͤret dieſer beruͤhmte Buſſy, dieſer Obriſt, der. welcher... o!. — Ich bin es ſelbſt, mein Herr, erwiderte beſchei⸗ dentlich der Edelmann. Und jetzt, wo wir vollſtaͤndig uͤbereinander aufgeklaͤrt ſind, bitte ich Euch, ſo durch⸗ naͤßt und ſo mit Koth beſpritzt Ihr auch ſein moͤgt, meine Neugierde zu befriedigen. — Die Wahrheit iſt, ſagte der junge Mann, indem er ſeine ganz mit Koth beſpritzten Hoſen betrachtete, die Die Dame von Monſoreau Erſter Band. 12 .. Wahrheit iſt, daß ich, wie Epaminondas der Thebaner, genoͤthigt ſein werde, drei Tage lang zu Haus zu blei⸗ ben, da ich nur ein einziges Paar Hoſen habe, und nur ein einziges Wamms beſitze. Aber Verzeihung, ich glau⸗ be, Ihr erzeigtet mir die Ehre mich zu befragen? — Ja, mein Herr, ich wollte Euch fragen, wie Ihr in dieſes Haus gekommen waͤret. — Das iſt zu gleicher Zeit ſehr einfach und ſehr verwickelt, Ihr werdet es ſehen, ſagte der junge Mann. — Laßt hoͤren. — Herr Graf, Verzeihung, bis jetzt war ich ſo verwirrt, daß ich vergeſſen habe, Euch Euren Titel zu geben. — Das thut Nichts, fahrt immer fort. — So hoͤrt denn, Herr Graf, was mir begegnet iſt: Ich wohne in der Straße Beautreillis, fuͤnf Hun⸗ dert und zwei Schritte weit von hier. Ich bin ein ar⸗ mer Schuͤler der Wundarzenei⸗Kunde, nicht ungeſchickt, ich verſichere es Euch. — Ich weiß Etwas davon, ſagte Buſſy. — Und der viel ſtudirt hat, fuhr der junge Mann fort, aber ohne Kunden zu haben. Man nennt mich, wie ich Euch geſagt habe, Remy⸗le⸗Haudouin, Remy nach meinem Taufnamen, und le Haudouin, weil ich in La Nanteuil⸗le⸗Haudouin geboren bin. Nun hatte vor ſieben oder acht Tagen ein Mann hinter dem Zeughauſe einen gewaltigen Meſſerſtich erhalten; ich habe ihm die Haut des Bauches wieder zugenaͤht, und ſehr ſauber die Eingeweide, welche ſich verirrten, wieder in das Innere —. dieſer Haut eingeſchloſſen. Das hat mir in der Nachbar⸗ ſchaft einen gewiſſen Ruf gemacht, dem ich das Gluͤck zuſchreibe, geſtern Nacht von einer feinen ſuͤßen Stimme geweckt worden zu ſein. — Eine Frauen⸗Stimme, rief Buſſy aus. — Ja, achtet wohl darauf, mein Edelmann, ſo ungebildet ich auch ſein mag, ſo bin ich doch uͤberzeugt, daß es eine Zofen⸗Stimme war. Ich verſtehe mich dar⸗ auf, weil ich dieſe Stimmen mehr gehoͤrt habe, als die Stimmen von Gebieterinnen. — Und was habt Ihr nun gethan? — Ich bin aufgeſtanden und habe meine Thuͤre ge⸗ oͤffnet; aber kaum war ich auf dem Vorplatze, als zwei kleine, nicht zu ſanfte, aber auch nicht zu derbe Haͤnde mir eine Binde vor das Geſicht gelegt haben. — Ohne Etwas zu ſagen? fragte Buſſy. — Doch, indem man mir ſagte: Kommt; verſucht nicht zu ſehen, wohin Ihr geht; ſeid verſchwiegen: hier iſt Eure Belohnung. — Und dieſe Belohnung war? — Ein Beutel mit Piſtolen, den ſie mir in die Hand druͤckte. — Ah, ah! Und was war Eure Antwort? — Daß ich bereit waͤre, meiner liebenswuͤrdigen Fuͤhrerin zu folgen. Ich wußte nicht, ob ſie liebens⸗ wuͤrdig war, oder nicht, aber ich dachte, daß die Be⸗ nennung, wenn ſie auch ein Wenig uͤbertrieben waͤre, Nichts ſchaden koͤnnte. 4 12* 2 — 180— — Und Ihr folgtet ohne Einreden zu machen, ohne Buͤrgſchaften zu verlangen? — Ich habe oft derartige Geſchichten in den Buͤchern geleſen und bemerkt, daß immer irgend etwas Angeneh⸗ mes fuͤr den Arzt daraus hervorginge. Ich folgte alſo, wie ich die Ehre hatte Euch zu ſagen; man fuͤhrte mich auf einem harten Boden, es fror; und ich zaͤhlte vier Hundert, vier Hundert und funfzig, fuͤnf Hundert und endlich fuͤnf Hundert und zwei Schritte. — Schoͤn, ſagte Buſſy, das war geſcheut; dann muͤßt Ihr an dieſer Thuͤre ſein? — Zum Mindeſten kann ich nicht weit von ihr ſein, da ich dieſes Mal bis zu vier Hundert neun und neunzig gezaͤhlt habe; es ſei denn daß die verſchmitzte Zofe, und ich halte ſie dieſer Argliſt faͤhig, mich hat Umwege ma⸗ chen laſſen. — Ja; aber angenommen, daß ſie an dieſe Vor⸗ ſichtsmaßregel gedacht, ſagte Buſſy, ſo wird ſie doch, deutung gegeben, irgend ein Wort ausgeſprochen haben? — Keines. — Aber Ihr ſelbſt habt irgend eine Bemerkung ma⸗ chen muͤſſen? — Ich habe Alles bemerkt, was man mit Fingern bemerken kann, die daran gewoͤhnt ſind, zuweilen die Augen zu erſetzen, das heißt, eine mit Naͤgeln beſchla⸗ gene Thuͤre, hinter der Thuͤre eine Hausflur, am Ende der Hausflur eine Treppe. — Zur Linken? und wenn ſie vom Teufel beſeſſen waͤre, irgend eine An⸗ 20) A à — 181— — Ganz recht. Ich habe ſogar die Stufen gezaͤhlt. — Wie viel? — Zwoͤlf. — Und der Eingang gleich darauf? — Ich glaube, es iſt ein Vorplatz vorhanden, denn ich habe drei Thuͤren gezaͤhlt. — Schoͤn. — Dann habe ich eine Stimme gehoͤrt. O, das war zuverlaͤſſig die Stimme einer Gebieterin, ſanft und lieblich. — Ja, ja, das war die ihrige. — Gut, es war die ihrige. 1 — Ich bin uͤberzeugt davon. — Das iſt ſchon Etwas, wenn Ihr uͤberzeugt ſeid. Dann hat man mich in das Zimmer geſchoben, in wel⸗ chem Ihr laget, und hat mir geſagt, meine Binde ab⸗ zunehmen. — Ganz recht. — Nun habe ich Euch erblickt. — Wo war ich? — Ihr lagt auf einem Bette. — Auf einem Bette von weißem Damaſt mit Gold⸗ blumen. — Ja. — In einem mit Tapeten behangenen Zimmer. — Vortrefflich. — Mit einer mit menſchlichen Geſtalten bemalten Decke. — Ganz recht, außerdem, zwiſchen zwei Fenſtern.. — Ein Portrait. — Wundervoll. — Das eine weibliche Perſon von achtzehn bis zwan⸗ zig Jahren vorſtellte. G 1 — Ja. — Blond. 1 — Sehr wohl. — Schoͤn wie alle Engel. — Schoͤner noch. — Bravo! Was habt Ihr nun gethan? — Ich habe Euch verbunden. — Und ſehr gut, meiner Treue! — So gut, als ich es vermogt. — Wundervoll, mein lieber Herr, wundervoll; denn heute Morgen war die Wunde faſt geſchloſſen und ganz roſig. 1 — Das ruͤhrt von einem Balſam her, den ich zu⸗ ſammengeſetzt, und der mir außerordentlich ſcheint; denn, da ich nicht wußte, an wem ich Erfahrungen anſtellen ſollte, ſo habe ich mir gar manches Mal die Haut durch⸗ löchert, und, meiner Treue, die Loͤcher ſchloſſen ſich bin⸗ nen zwei bis drei Tagen wieder. — Mein lieber Herr Remy, rief Buſſy aus, Ihr ſeid ein vortrefflicher Mann, und ich fuͤhle mich ganz zu Euch hingezogen. Aber nachher, laßt hoͤren, ſagt! — Nachher fielet Ihr von Neuem in Ohnmacht. 4 Die Stimme erkundigte ſich bei mir nach Euch. — Von wo aus erkundigte ſie ſich bei Euch. — Von einem Nebenzimmer aus. 4 1 — 183— — So daß Ihr die Dame nicht geſehen habt? — Ich habe ſie nicht erblickt. — Und was habt Ihr geantwortet? — Daß die Wunde nicht gefaͤhrlich waͤre, und daß in vier und zwanzig Stunden Nichts mehr davon zu ſe⸗ hen ſein wuͤrde. — Hat ſie zufrieden geſchienen? — Entzuͤckt, denn ſie rief aus:— Welches Gluͤck, mein Gott! — Sie hat geſagt, welches Gluͤck!.. Mein lie⸗ ber Herr Remy, ich werde Euer Gluͤck machen. Weiter, weiter! — Nachher war Alles beendigt, denn, da Ihr ver⸗ bunden waret, ſo hatte ich Nichts mehr dort zu thun; nun ſagte mir die Stimme: Herr Remy.. — Die Stimme wußte Euren Namen? — Ohne Zweifel, immer in Folge des Abenteuers mit dem Meſſerſtiche, das ich Euch erzaͤhlt habe. — Richtig, die Stimme ſagte zu Euch: Herr Re⸗ my... — Seid bis ans Ende ein Mann von Ehrez; ge⸗ faͤhrdet nicht eine durch ein Uebermaaß von Menſchlich⸗ keit fortgeriſſene Frau; legt Eure Binde wieder vor, und laßt Euch ohne Liſt nach Haus zuruͤckfuͤhren. — Ihr verſprachet? — Ich gab mein Wort. — Und Ihr habt es gehalten? — Ihr ſeht es wohl, antwortete treuherzig der jun⸗ ge Mann, da ich die Thuͤre ſuche. — 184— — Schoͤn, ſagte Buſſy, das iſt ein herrlicher Zug, der Zug eines Biedermannes; und ob ich gleich im Grun⸗ de raſend daruͤber bin, ſo kann ich mich doch nicht ent⸗ halten Euch zu ſagen: Schlagt ein, Herr Remy! Und begeiſtert ſtreckte Buſſy dem jungen Arzte die Hand hin. — Mein Herr, ſagte Remy verlegen. — Schlagt ein, ſchlagt ein, Ihr ſeid wuͤrdig Edel⸗ mann zu ſein. — Das wird ein ewiger Stolz fuͤr mich ſein, mein Herr, ſagte Remy, die Hand des wackeren Buſſy von Amboiſe beruͤhrt zu haben, indeſſen, ich habe eine Be⸗ denklichkeit. — und welche? — Es befanden ſich zehn Piſtolen in dem Beutel. — Nun! 3 — Das iſt viel zu viel für einen Mann, der ſich ſei⸗ ne Beſuche mit fuͤnf Sous bezahlen laͤßt, wenn er ſeine Beſuche nicht umſonſt macht, und ich ſuchte das Haus.. — Um den Beutel zuruͤckzugeben?. — Ganz recht. — Mein lieber Herr Remy, ich verſichere Euch, das i*ſt zu viel Zartgefuͤhl; Ihr habt dieſes Geld ehrenvoller Weiſe verdient, und es gehoͤrt Euch mit Recht. — Ihr glaubt? ſagte Remy, innerlich ſehr zufrieden. — Ich ſtehe Euch dafuͤr; nur aber iſt es nicht die Dame, welche Euch bezahlen muͤßte, denn ich kenne ſie nicht, und ſie kennt mich nicht mehr.— — Das iſt noch ein Grund, Ihr ſeht wohl. 9 — Ich wollte nur ſagen, daß auch ich eine Schuld gegen Euch haͤtte.. — Ihr, eine Schuld gegen mich? — Ja, und ich werde ſie ahtragen. Was macht Ihr in Paris? Laßt hoͤren,... ſprecht... Theilt Euch mir mit, mein lieber Herr Remy. — Was ich in Paris mache? Durchaus Nichts, Herr Graf, aber ich wuͤrde Etwas machen, wenn ich Kunden haͤtte. — Wohlan! Ihr trefft es herrlich, ich will Euch zuvoͤrderſt einen geben: wollt Ihr mich? Ich bin ein be⸗ deutender Kunde! Es vergeht kein Tag, wo ich nicht an Anderen oder an mir das ſchoͤnſte Werk des Schoͤpfers zerſtoͤre. Sagt an, wollt Ihr es unternehmen, die Loͤ⸗ cher wieder auszubeſſern, die man in meiner Haut ma⸗ chen wird, und die ich in der Haut Anderer machen werde? — Ah, Herr Graf, ſagte Remy, ich bin von einem zu geringen Verdienſte. — Nein, im Gegentheile, Ihr ſeid der Mann, deſſen ich bedarf, oder der Teufel ſoll mich holen! Ihr habt eine Hand, ſo leicht wie eine Frauenhand, und da⸗ bei den Balſam des Ferragus — Gnaͤdiger Herr! — Ihr werdet bei mir wohnenz Ihr ſollt Eure Wohnung und Eure Dienerſchaft fuͤr Euch haben; nehmt es an, oder, auf mein Wort, Ihr zerreißt mir das Herz. Außerdem iſt Euer Werk noch nicht beendigt: 242 4 — 6— es handelt ſich darum, mich ganz allein nehme..... mf wohl verſtanden. Erinnert Ihr Euch Sache? — Keiner. — Wohlan, ſo helft mir denn zu finden, wenn es moͤglich iſt. — Wie? — Laßt hoͤren... Ihr, Beobachtung ſeid, Ihr, Ihr, der Ihr die Waͤnde befuͤhlt, — Ja... ich dieſer Fortſchaffung geholfen? — Nicht doch! Ich wuͤrde mich ſehr widerſetzt haben, wenn man mi gen haͤtte Die Kaͤlte konnte theil verurſachen. — Aber nein, da ich Euch ſage „ daß ich Euch fuͤr t meinen Freunden, jetzt keiner anderen , mich wieder zurecht der Ihr ein Mann voller der Ihr die Schritte zaͤhlt, Ihr, der Ihr die wie kommt es, daß dem ich ven Euch verbunden geweſen, au ich mich, nach⸗ .. Habt Ihr in irgend Etwas zu ihr im Gegentheile ch zu Rathe gezo⸗ Euch großen Nach⸗ — Dann iſt es mir unbegreiflich, ſagte Buſſy. Wollt Ihr nicht noch ein Wenig mit mir nachforſchen? — 187— — Ich will Alles, was Ihr wollt, gnaͤdiger Herr; aber ich fuͤrchte ſehr, daß es vergebens ſein moͤchte; alle dieſe Haͤuſer gleichen ſich. — Nun denn, ſagte Buſſy, wir werden das am Tage wiederſehen muͤſſen. — Ja; aber am Tage werden wir geſehen ſein. — Dann muͤſſen wir uns erkundigen! — Wir werden uns erkundigen, gnaͤdiger Herr. — Und wir werden zum Zwecke gelangen. Glaube mir, Remy; wir ſind jetzt zu zwei, und ſchon eine Wirklichkeit, was viel iſt. XI. Was der Herr Oberjaͤgermeiſter Bryan von ein Mann war. Monſoreau fuͤr Es war keine Freude, es war faſt Entzuͤcken, welches Buſſy bewegte, als er die Gewißheit erlangt hatte, daß die Frau ſeines Traumes eine Wirklichkeit waͤre, und daß dieſe Frau ihm wirklich die edelmuͤthige Gaſtfreundſchaft gewaͤhrt hatte, deren dunkele Erinnerung er in der Tiefe ſeines Herzens bewahrt hatte. Er wollte demnach den jungen Doktor nicht loslaſ⸗ ſen, den er zu der Wuͤrde ſeines Leibarztes erhoben hatte. Wie mit Koth beſpritzt er auch ihm in ſeine Saͤnfte ſteigen; er fuͤrchtete ſich, daß wenn er ihn einen einzigen Au i —— — 189— Die ganze Zeit der Ruͤckkehr wurde zu neuen Fra⸗ gen verwandt; aber die Antworten dreheten ſich um den beſchraͤnkten Kreis, den wir ſo eben vorgezeichnet haben. Remy⸗ le⸗Houdouin wußte eben nicht mehr als Buſſy, ausgenommen, daß er die Gewißheit hatte, nicht immer ohnmaͤchtig geweſen zu ſein, nicht getraͤumt zu haben. Aber fuͤr jeden Mann, der verliebt zu werden an⸗ faͤngt, und Buſſy wurde es zuſehend, war es ſchon viel, Jemanden zu haben, mit dem er von der Frau ſprechen konnte, welche er liebte; Remy hatte dieſe Frau freilich nicht geſehn, aber das war in Buſſys Augen noch ein Verdienſt mehr, da Buſſy verſuchen konnte, ihm ver⸗ ſtaͤndlich zu machen, wie ſehr ſie in allen Punkten ihr Portrait uͤbertraͤfe.. Buſſy hatte große Luſt, die ganze Nacht uͤber von der unbekannten Dame zu plaudern, aber Remy begann ſein Amt als Arzt mit dem Verlangen, daß der Ver⸗ wundete ſchliefe oder ſich zum Allermindeſten zu Bett legte; die Ermuͤdung und der Schmerz ertheilten dem ſchoͤnen Edelmanne denſelben Rath, und dieſe drei Maͤchte trugen vereinigt den Sieg davon. Aber das geſchah indeſſen nicht, ohne daß Buſſy ſeinen neuen Hausgenoſſen ſelbſt in die drei Zimmer ein⸗ gefuͤhrt hatte, welche ehedem ſeine Wohnung als junger „Mann geweſen waren, und die einen Theil von dem dritten Stockwerke des Hotels Buſſy bildeten; dann, feſt uͤberzeugt, daß der junge Arzt, zufrieden mit ſeiner neuen Wohnung und dem neuen Geſchicke, welches die Vorſehung ihm vorbereitete, das Hotel nicht verſtohle⸗ + 190— ner Weiſe verlaſſen wuͤrde, ging er wieder nach den prachtvollen Zimmern hinunter, die er ſelbſt im erſten Stockwerke bewohnte. Als er am folgenden Morgen erwachte, fand er Remy neben ſeinem Bette ſtehen. Der junge Mann hatte die Nacht zugebracht, ohne an das Gluͤck glauben zu koͤnnen, das ihm vom Himmel herabfiel, und er erwartete das Erwachen Buſſys, um ſich zu verſichern, daß er ſeiner Seits nicht getraͤumt haͤtte. — Nun, fragte Remy, wie befindet Ihr Euch? — Vortrefflich, mein lieber Aesculap, und Ihr, ſeid Ihr zufrieden? — So zufrieden, mein vortrefflicher Goͤnner, daß ich mein Schickſal zuverlaͤſſig nicht gegen das Koͤnig Heinrichs III. vertauſchen wuͤrde, obgleich er waͤhrend des geſtrigen Tages eine gewaltige Strecke auf dem Wege nach dem Himmel hat zuruͤcklegen muͤſſen; aber es handelt ſich nicht darum, ich muß nach der Wunde ſehen. — Seht nach. Und Buſſy wandte ſich auf die Seite, damit der junge Wundarzt den Verband abnehmen eoͤnnte. Alles ging aufs Beſte, die Wundraͤnder waren ro⸗ ſig und zuſammengezogen. Der gluͤckliche Buſſy hatte gut geſchlafen, und da der Schlaf und das Gluͤck dem Wundarzt zu Huͤlfe kamen, ſo hatte dieſer bereits faſt Nichts mehr zu thun. — Nun, fragte Buſſy, was ſagt Ihr dazu, Mei⸗ ſter Ambroſius Paré2 — 191— — Ich ſage, daß ich Euch nicht zu geſtehen wage, daß Ihr ſo ziemlich geheilt ſeid, aus Furcht, daß Ihr mich wieder nach meiner Straße Beautreillis, fuͤnf Hun⸗ dert und zwei Schritte weit von dem merkwuͤrdigen Hauſe, zuruͤckſchicken moͤchtet. — Das wir wieder finden werden, nicht wahr, Remy? — Ich glaube es wohl. — Jetzt rechneſt Du Dich alſo zu den Meinigen, ſagte Buſſy. — Verzeihung, rief Remy mit Thraͤnen in den Au⸗ gen aus, ich glaube, Ihr habt mich gedutzt, gnaͤdiger Herr. — Ich dutze die Leute, welche ich liebe, ſagte Buſſy. Iſt Dir das zuwider, daß ich Dich gedutzt habe? — Im Gegentheile, rief der junge Mann aus, in⸗ dem er Buſſys Hand zu ergreifen und zu kuͤſſen ver⸗ ſuchte; im Gegentheile, ich fuͤrchtete falſch verſtanden zu haben. O, Herr von Buſſy, Ihr wollt alſo, daß — Nun, mein Freund, ich will nur, daß Du mich auch ein wenig liebſt; daß Du Dich als zum Hauſe ge⸗ hoͤrend betrachteſt, und daß Du mir erlaubſt, heute, waͤh⸗ rend Du Deinen kleinen Auszug beſorgſt, der Beſitznah⸗ me des Hofoberjaͤgermeiſters ⸗Stabes*) beizuwohnen. — *) L'estortuaire nannte man den Stab, welchen der Ober⸗ jaͤgermeiſter dem Koͤnige uͤbergab, um damit, wenn er im Galopp jagte, die Baumzweige zu beſeitigen. — 192.— — Ah, ſagte Remy, wir wollen jetzt ſchon Unbeſon⸗ nenheiten begehen. — Ei, nein, im Gegentheile; ich verſpreche Dir, recht vernuͤnftig zu ſein. — Aber, Ihr wuͤrdet reiten muͤſſen. — Hm, das iſt unerlaͤßlich. — Habt Ihr ein Pferd von recht ſanftem Gange, das ein guter Renner iſt? — Ich habe unter vieren die Wahl. — Nun denn, nehmt heute fuͤr Euch dasjenige, wel⸗ ches Ihr die Dame des Portraits, Ihr wißt wohl, rei⸗ ten laſſen moͤgtet. — Ah, ich glaube wohl, daß ich es weiß. Sieh, Remy, Du haſt in Wahrheit fuͤr immer den Weg zu meinem Herzen gefunden; ich fuͤrchtete mit Entſetzen, daß Du mich abhalten wuͤrdeſt, mich zu dieſer Jagd, oder vielmehr zu dieſer ſcheinbaren Jagd, zu begeben, denn die Damen des Hofes und eine große Anzahl Neugieriger der Stadt haben Zutritt dabei. Nun aber, Remy, mein lieber Remy, wirſt Du einſehn, daß die Dame des Portraits natuͤrlicher Weiſe zu dem Hofe oder zu der Stadt gehoͤren muß. Sie iſt ganz zuverlaͤſſig keine ein⸗ fache Buͤrgersfrau; dieſe Tapeten, dieſe ſo feinen Email⸗ malereien, dieſe gemalte Decke, dieſes Bett von weißem Damaſt mit Gold, kurz, aller dieſer Luxus von ſo gu⸗ tem Geſchmack verraͤth eine Frau von Stande, oder zum Mindeſten eine reiche Frau; wenn ich ſie dort an⸗ traͤfe! — 193— — Alles iſt moͤglich, antwortete Houdouin mit phi⸗ loſophiſcher Ruhe. — Ausgenommen das Haus wieder zu finden, ſeufzte Buſſy. — Und in daſſelbe Eintritt zu erhalten, wenn wir es wiedergefunden haben, fuͤgte Remy hinzu. — O, daran denke ich niemals, als bis ich darin bin, ſagte Buſſy; außerdem, fuͤgte er hinzu, habe ich ein Mittel, wenn wir ſo weit ſind. 8 — Welches? — Mir einen neuen Degenſtich verſetzen zu laſſen. — Gut, ſagte Remy, das giebt mir Hoffnung, daß Ihr mich behalten werdet. 3 — Sei alſo unbeſorgt, ſagte Buſſy, ich meine, daß ich Dich ſchon ſeit zwanzig Jahren kenne, und, ſo wahr ich ein Edelmann bin, ich vermoͤgte mich nicht mehr von Dir zu trennen. Das liebenswuͤrdige Geſicht des jungen Arztes er⸗ heiterte ſich unter dem Ausdrucke einer unbeſchreiblichen Freude.— — Wohlan, ſagte er, das iſt entſchieden; Ihr geht auf die Jagd, um die Dame zu ſuchen, und ich kehre nach der Straße Beautreillis zuruͤck, um das Haus zu ſuchen. — Es waͤre merkwuͤrdig, ſagte Buſſy, wenn wir zuruͤckkehrten, indem Jeder ſeine Entdeckung gemacht haͤtte. Und hierauf ſchieden Buſſy und Houdouin von einander, eher wie zwei Freunde, als wie ein Herr von ſeinem Diener. Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. 13 Es war in der That eine große Jagd in dem Walde von Vincennes fuͤr den Amtsantritt des ſeit eini⸗ gen Wochen zum Oberjaͤgermeiſter ernannten Herrn Bryan von Monſoreau angeordnet worden. Die Pro⸗ ceſſion des vorangegangenen Tages und die ploͤtzlichen Bußuͤbungen des Koͤnigs, der ſeine Faſtenzeit mit dem Faſtnachtsdienſtage begann, hatte einen Augenblick daran zweifeln laſſen, daß er in Perſon dieſer Jagd beiwohnen wuͤrde; denn wenn der Koͤnig in ſeine Anfaͤlle von Froͤmmelei verfiel, ſo verließ er oft mehrere Wochen das Louvre nicht, wenn er die Kaſteiung nicht ſo weit trieb, um in ein Kloſter zu gehen; aber zum großen Erſtaunen des Hofes erfuhr man gegen neun Uhr Mor⸗ gens, daß der Koͤnig nach dem Schloſſe von Vincennes aufgebrochen waͤre, und mit ſeinem Bruder, dem Herzoge von Anjou, und dem ganzen Hofe auf der Hirſchjagd waͤre. Der Sammelplatz war das Rondel des heiligen Lud⸗ So nannte man zu jener Zeit einen Kreuzweg, wa man, wie man ſagt, noch die beruͤhmte Eiche ſah, unter welcher der Maͤrtyrer⸗Koͤnig Gericht gehalten hatte. Alle Welt war demnach um neun Uhr verſammelt, als der neue Beamte, welcher, faſt dem ganzen Hofe un⸗ bekannt, der Gegenſtand der allgemeinen Neugierde war, auf einem prachtvollen ſchwarzen Pferde reitend erſchien. Aller Augen richteten ſich auf ihn. Er war ein Mann von ungefaͤhr fuͤnf und dreißig Jahren, von hohem Wuchſe; ſein blatternnarbiges Ge⸗ ſicht und ſeine, je nach den Gemuͤthsbewegungen, die er empfand, mit voruͤbergehenden Flecken ſchattirte Haut, 3 ————————;— ͤ= u traf den Blick auf eine unangenehme Weiſe und noͤthigte ihn zu einer genaueren Betrachtung, was ſelten zu dem Vortheile derer ausfaͤllt, welche man muſtert. In der That, das Mitgefuͤhl wird durch den erſten Anblick er⸗ regt; ein offenes Auge und ein biederes Lächeln fuͤhren das Laͤcheln und die Liebkoſung des Blickes herbei. In ein Wamms von gruͤnem, ganz mit Silber galonnirten Tuche gekleidet, mit einem ſilbernen, mit dem als Schild geſtickten Wappen des Koͤnigs verſehenen Wehrgehaͤnge umguͤrtet, mit einem Barret mit langen Federn bedeckt, mit der linken Hand einen Saufaͤnger ſchwingend, und mit der Rechten den fuͤr den Koͤnig beſtimmten Stab, konnte Herr von Monſoreau einem ſchreckenerregenden Ritter gleichen, aber zuverlaͤſſig war er kein ſchoͤner Edelmann. 3 — Pfui, welch haͤßliches Geſicht Ihr aus Eurer Statthalterſchaft mitgebracht habt, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy zu dem Herzoge von Anjou; ſind das die Hof⸗ leute, welche Eure Gunſt in den Provinzen aufſucht? Ich will des Teufels ſein, wenn man einen gleichen in Paris auffindet, das indeſſen ſehr groß und ſehr mit garſtigen Herren bevoͤlkert iſt. Man ſagt, und ich ver⸗ ſichere Eure Hoheit, daß ich Nichts davon habe glau⸗ ben wollen, daß Ihr durchaus gewollt habt, daß der Koͤnig den Oberjaͤgermeiſter von Eurer Hand annaͤhme. — Der Herr von Monſoreau hat mir gut gedient, ſagte der Herzog von Anjou lakoniſch, und ich belohne ihn. 4 — Gut geſagt, gnaͤdiger Herr; es iſt um ſo ſchoͤner 13* — 196— von den Prinzen, dankbar zu ſein, je ſeltener es iſt; wenn es ſich aber bloß darum handelt, gnaͤdiger Herr, ſo meine ich, daß auch ich Euch gut gedient habe, und ich bitte Euch zu glauben, daß ich das Wamms als Oberjaͤgermeiſter ein Wenig beſſer tragen wuͤrde, als dieſes große Geſpenſt. Er hat einen rothen Bart. Ich hatte es anfangs nicht bemerkt; das iſt noch eine Schoͤn⸗ heit mehr. — Ich hatte nicht ſagen hoͤren, antwortete der Her⸗ zog von Anjou, daß man nach dem Modelle des Apollo oder des Antinous geformt ſein muͤßte, um Hofaͤmter zu bekleiden. — Ihr hattet das nicht ſagen hoͤren, gnaͤdiger Herr? erwiderte Buſſy mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit. Das iſt zum Verwundern! — Ich berathe das Herz und nicht das Geſicht, ant⸗ wortete der Prinz, die erwieſenen Dienſte und nicht die verſprochenen Dienſte. — Eure Hoheit wird ſagen, daß ich ſehr neugierig ſei, erwiderte Buſſy, aber ich geſtehe, ich ſuche verge⸗ bens, welchen Dienſt dieſer Monſoreau Euch hat erwei⸗ ſen koͤnnen. — Ah, Buſſy, ſagte der Herzog bitter, Ihr habt es geſagt, Ihr ſeid ſehr neugierig, ſelbſt zu neugierig. — So ſind die Prinzen! rief Buſſy mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Ungezwungenheit aus. Sie verfahren immer fragend, man muß ihnen auf Alles antworten, und wenn wir ſie uͤber eine einzige Sache befragen, ſo ant⸗ worten ſie uns nicht. 4 — 197— — Das iſt wahr, ſagte der Herzog von Anjou. Aber weißt Du, was Du thun mußt, wenn Du Dich erkundigen willſt? — Nein. — Frag Herrn von Monſoreau ſelbſt daruͤber. — Ei, ſagte Buſſy, Ihr habt meiner Treue Recht, gnaͤdiger Herr, und mit ihm, der nur ein einfacher Edelmann iſt, bleibt mir zum Mindeſten ein Mittel uͤbrig, wenn er mir nicht antwortet. — Welches? — Naͤmlich ihm zu ſagen, daß er ein Grobian ſei. Und indem er dem Prinzen nach dieſer Antwort dem Ruͤcken zuwandte, naͤherte er ſich, ohne weiter zu uͤber⸗ legen, vor den Augen ſeiner Freunde und den Hut in der Hand, Herrn von Monſoreau, der, im Mittel⸗ punkte des Kreiſes zu Pferde, der Zielpunkt aller Augen, die auf ihn zuſammenliefen, mit einer wundervollen Kaltbluͤtigkeit erwartete, daß der Koͤnig ihn von der Laſt aller der Blicke befreie, die gerade auf ſeine Perſon fie⸗ len. Als er Buſſy mit heiterem Geſicht, das Laͤcheln auf den Lippen, den Hut in der Hand kommen ſah, wurde er ein wenig freundlich. — Verzeihung, mein Herr, ſagte Buſſy, aber ich ſehe Euch da ſo allein. Hat Euch etwa die Gunſt, deren Ihr genießt, bereits eben ſo viele Feinde gemacht, als Ihr acht Tage, bevor Ihr zum Oberjaͤgermeiſter er⸗ nannt, Freunde haben konntet? — Bei meiner Treue, Herr Graf, antwortete der —— — 198— Herr von Monſoreau; ich moͤgte nicht darauf ſchwoͤren; nur wuͤrde ich darauf wetten. Aber, duͤrfte ich wiſſen, was mir die Ehre verſchafft, die Ihr mir erzeigt, indem Ihr meine Einſamkeit ſtoͤrt? — Meiner Treue, ſagte Buſſy herzhaft, die große Bewunderung, welche der Herzog von Anjou mir fuͤr Euch eingefloͤßt hat. — Wie das? — Indem er mir Eure Heldenthat erzaͤhlte, dieje⸗ nige, fuͤr welche Ihr zum Oberjaͤgermeiſter ernannt wor⸗ den ſeid. Herr von Monſoreau erbleichte auf eine ſo abſcheu⸗ liche Weiſe, daß die Blatternarben, welche ſein Geſicht buntſcheckig machten, eben ſo vielen ſchwarzen Punkten in ſeiner gelb gewordenen Haut glichen; zu gleicher Zeit blickte er Buſſy mit einer Miene an, welche einen gewal⸗ tigen Sturm weiſſagte. 1 Buſſy ſah, daß er einen falſchen Weg eingeſchla⸗ gen hatte; aber er war nicht der Mann, um zuruͤckzu⸗ weichen; er gehoͤrte im Gegentheile zu denen, welche gewoͤhnlich eine Unbeſcheidenheit durch eine Unverſchaͤmt⸗ heit wieder gut machen. — Ihr ſagt, mein Herr, antwortete der Oberjaͤger⸗ meiſter, daß der gnaͤdige Herr Euch meine letzte Helden⸗ that erzaͤhlt hat? — Ja, mein Herr, ſagte Buſſy, ganz ausfuͤhr⸗ lich, was mir, ich geſtehe es, ein gewaltiges Verlan⸗ gen erweckt hat, die Geſchichte aus Eurem eigenen Munde zu hoͤren. — 199— Herr von Monſoreau druͤckte das Fangeiſen in ſeiner krampfhaften Hand, als ob er ein heftiges Verlangen empfunden haͤtte, aus ihm ſich eine Waffe gegen Buſſo zu machen. A — Meiner Treue, Herr, ſagte er, ich waͤre ganz geneigt, Euch meine Erkenntlichkeit fur Eure Hoͤflichkeit dadurch zu beweiſen, daß ich in Euer Verlangen willigte; aber da kommt ungluͤcklicher Weiſe der Koͤnig, was mir die Zeit dazu raubt; wenn Ihr aber wollt, ſo ſoll es ſpaͤter geſchehen. In der That, auf ſeinem Lieblingspferde reitend, welches ein ſchoͤner iſabellfarbiger ſpaniſcher Hengſt war, ſprengte der Koͤnig raſch von dem Schloſſe nach dem Rondel heran. Indem er ſeinen Blick einen Halbkreis beſchreiben ließ, begegnete Buſſy den Augen des Herzogs von An⸗ jou; der Prinz lachte mit ſeinem haͤßlichſten Laͤcheln. — Herr und Diener, dachte Buſſy, ziehen alle Beide eine garſtige Grimaſſe, wenn ſie lachen. Was wird es denn dann ſein wenn, ſie weinen? Der Koͤnig liebte ſchoͤne und gutmuͤthige Geſichter, er war demnach wenig zufrieden mit dem des Heren von Monſoreau, den er bereits ein Mal geſehen hatte, und der ihm das zweite Mal nicht mehr zuſagte, als das erſte Mal. Indeſſen nahm er ziemlich huldvoll den Stab an, welchen ihm dieſer, dem Gebrauche gemaͤß, mit einem Kniee auf dem Boden uͤberreichte. Sobald der Koͤnig bewaffnet war, meldeten die Jagd⸗ 8 aufſeher, daß der Hirſch umſtellt waͤre, und die Jagd begann. Buſſy hatte ſich auf die Weiſe auf die S Schaar geſtellt, um Jedermann vor ſich voruͤber kom⸗ meiſter zum aber das liebenswuͤrdige Geſchoͤpf, das er ſuchte, war nicht anweſend. Er war dadurch auf die Unterhaltung und auf die Geſellſchaft ſeiner gewoͤhnlichen Freunde beſchraͤnkt. An⸗ traguet, immer ſpoͤttiſch und plauderhaft, gewaͤhrte ihm in ſeiner Langeweile eine große Zerſtreuung — Wir haben einen graͤßlichen Oberjaͤgermeiſter, ſagte er zu Buſſy. Was meinſt Du dazu? — Ich finde ihn abſcheulich. Welche Familie wird uns das geben, wenn die Perſonen, welche die Ehre haben ihm anzugehoͤren, ihm gleichen! Zeig mir doch ſeine Frau. — Der Oberjaͤgermeiſter iſt noch zu verheirathen, mein Lieber, erwiderte Antraguet. — Und woher weißt Du das? — Von Frau von Veudron, die ihn ſehr ſchoͤn fin⸗ det, und die gern ihren vierten Gatten aus ihm machen wuͤrde, wie es Lucrezia Borgia mit dem Grafen von Eſte machte. Sieh nur, wie ſie ihren Braunen ₰ :——=— 6(00⸗ — 201— dem ſchwarzen Pferde des Herrn von Monſoreau nach⸗ ſprengen laͤßt! — Und von welchem Lande iſt er der Grundherr? fragte Buſſy. — Von einer Menge von Orten. — Sie liegen? — In der Gegend von Anjou. — Er iſt alſo reich? — Man ſagt es; aber das iſt Alles; es ſcheint, daß er von niederem Adel iſt. — Und wer iſt die Geliebte dieſes Landjunkers? — Er hat keine Geliebte; der wuͤrdige Herr haͤlt darauf, einzig in ſeiner Art zu ſein. Aber da ruft Dich Seine Gnaden, der Herzog von Anjou, komm ge⸗ ſchwind! — Ah! meiner Treue, Seine Gnaden, der Herzog von Anjou, mag warten. Dieſer Mann reizt meine Neugierde. Ich finde ihn ſonderbar. Ich weiß nicht warum,— Du weißt, man hat ſolche Gedanken, wenn man Leuten das erſte Mal begegnet;— ich weiß nicht warum, aber ich meine, daß ich Haͤndel mit ihm ha⸗ ben werde. Und dann dieſer Name: Monſoreau! — Mont de la souris(Mauſeberg) erwiderte Antra⸗ guet, das iſt die Herleitung; mein alter Abbé hat mir das heute Morgen geſagt: Mons Soricis. — Mehr will ich nicht, erwiderte Buſſy. aus. — Auf was? — Ah! Aber, warte doch, rief ploͤblich Antraguet 84 2 — 202— — Ei, Livarot kennt das. — Was? — Den Mons Soricis.— Sie ſind Gutsnachbarn. — Sag uns doch das gleich. He! Livarot! Livarot kam herbei. — Hierher, geſchwind, Livarot, hierher!— Der Monſoreau? 3 — Nun? fragte der junge Mann. — Gieb uns Auskunft uͤber den Monſoreau. — Sehr gern. — Iſt das lang? — Nein, das wird kurz ſein. Mit vier Worten werde ich Euch ſagen, was ich davon weiß und was ich da⸗ von halte. Ich habe Furcht davor! — Gut! Und jetzt, wo Du uns geſagt haſt, was Du davon hältſt, ſo ſag uns, was Du davon weißt. — Hoͤrt! Jch kehrte eines Abends.. 4 — Das faͤngt auf eine ſchreckliche Weiſe an, ſagte Antraguet. 3 — Wollt Ihr mich endigen laſſen? Ja. 3— — Ich kehrte eines Abends von meinem Oheim d'Entragues durch den Wald von Möridor nach Haus zuruͤck, es ſind ſeit dem ungefaͤhr ſechs Monate verfloſſen, als ich ploͤtzlich einen entſetzlichen Schrei hoͤrte, und ei⸗ naen weißen Zelter mit leerem Sattel durch das Gebuͤſch von ſprengen ſah. Ich eilte, eilte, und an dem Ende einer langen, durch die erſten Schatten der Nacht ver⸗. finſterten Allee erblickte ich einen Mann auf einem ——= — 293— ſchwarzen Pferde; er ritt nicht, er flog. Derſelbe ge⸗ daͤmpfte Schrei ließ ſich nun von Neuem hoͤren, und ich unterſchied vorn auf dem Sattel ein Weib, auf deren Mund er die Hand druͤckte. Ich hatte meine Jagd⸗ flinte; Du weißt, daß ich gewoͤhnlich ſehr richtig mit ihr treffe. Ich zielte, und meiner Treue, ich haͤtte ihn erſchoſſen, wenn nicht in dem Augenblicke, wo ich ab⸗ druͤckte, die Lunte erloſchen waͤre. — Nun, fragte Buſſy, nachher? — Nachher frug ich einen Holzhauer, wer dieſer Herr mit dem ſchwarzen Pferde ſei, welcher die Frauen entfuͤhre; er antwortete mir, daß es Herr von Mon⸗ ſoreau waͤre. i — Ei nun, ſagte Antraguet, Frauen zu entfuͤhren, ich meine, daß das vorkommt, nicht wahr, Buſſy 2 — Ja, ſagte Buſſy, aber man laͤßt ſie zum Minde⸗ ſten ſchreien. 5 — Und wer war dieſe Frau? fragte Antraguet. — Ah, das hat man niemals erfahren. — Ja, ſagte Buſſy, er iſt zuverlaͤſſig ein merkwuͤr⸗ diger Mann, und er intereſſirt mich. — So viel iſt gewiß, ſagte Livarot, daß dieſer liebe Herr einen abſcheulichen Ruf hat. 1 — Fuͤhrt man andere Thatſachen an. — Nein, Nichts; er hat ſogar niemals offenbar großes Unheil angeſtiftet, außerdem iſt er noch, wie man ſagt, ziemlich gut gegen ſeine Bauern, was nicht verhindert, daß man ihn in der Gegend, die bis jetzt das Gluͤck gehabt hat, ihn zu beſitzen, wie das Feuer fuͤrch⸗ — 204— tet. Außerbem ein Jaͤger, wie Nimrod, vielleicht nicht vor Gott, aber vor dem Teufel, wird der Koͤnig nie⸗ mals einen gleichen Oberjaͤgermeiſter gehabt haben. Er wird uͤbrigens beſſer fuͤr dieſe Stelle paſſen, als Saint⸗ Luc, welchem ſie anfangs beſtimmt war, und dem ſie der Einfluß des Herzogs von Anjou vor der Naſe weg genommen hat. — Du weißt, daß Dich der Herzog von Anjou im⸗ mer noch ruft? ſagte Antraguet. — Gut, mag er rufen! Und Du, weißt Du, was man von Saint⸗Luc ſagt? — Nein, iſt er immer noch Gefangener des Koͤnigs? 4 fragte Livarot lachend. — Es muß wohl ſein, ſagte Antraguet, da er nicht hier iſt.. — Durchaus nicht, mein Lieber, heute Nacht um ein Uhr abgereiſt, um di Guͤter ſeiner Frau zu beſu⸗ chen. 4 — Verbannt? — Es ſieht mir gerade ſo aus. — Saint⸗Luc verbannt? Unmoͤglich! — Es iſt, wie das Evangelium, mein Lieber. — Nach Sanct⸗Lucas? 4 — Nein, nach dem Marſchall von Briſſac, der mir heute Morgen die Sache mit eigenem Munde erzaͤhlt hat. — Ah, das iſt etwas Neues und Merkwuͤrdiges; 6 wahrlich, das wird dem Monſoreau ſchaden— — Ich habe es, ſagte Buſſy. — Was haſt Du? — Ich habe ihn gefunden. — Was haſt Du gefunden? — Den Dienſt, welchen er Herrn von Anjou erwie⸗ ſen hat. — Saint⸗Luc? — Nein, der Monſoreau. — Ja, oder der Teufel ſoll mich holen; Ihr wer⸗ det ſehen, kommt mit mir! Und von Livarot und d'Antraguet gefolgt, ſetzte Buſſy ſein Pferd in Galopp, um den Herzog von An⸗ jou wieder einzuholen, der, muͤde ihm zu winken, einige Buͤchſenſchuͤſſe weit vor ihm ritt. — Ah, gnaͤdiger Herr, rief er aus, als er den Prinzen eingeholt hatte, was fuͤr ein koſtbarer Mann dieſer Herr von Monſoreau iſt! — Ah! Wahrhaftig?* — Es iſt unglaublich! — Du haſt ihn alſo geſprochen? aͤußerte der Prinz, immer noch ſpoͤttiſch.. — Gewiß, ohne zu rechnen, daß er einen ſehr ge⸗ bildeten Geiſt hat. — Und Ou haſt ihn gefragt, was er fuͤr mich ge⸗ than haͤtte? — Gewiß, ich habe ihn nur in dieſer Abſicht ange⸗ redet. — Und er hat Dir geantwortet? fragte der Herzog luſtiger, als jemals. — 206— — Auf der Stelle, und mit einer Hoͤflichkeit, fuͤr die ich ihm unendlich dankbar bin. — Und was hat er Dir geſagt? Laß hoͤren, mein tapferer Prahler! fragte der Prinz. — Er hat mir auf hoͤfliche Weiſe gebeichtet, gnaͤdi⸗ ger Herr, daß er der Lieferant Eurer Hoheit waͤre. — Lieferant von Wildpret? — Nein, von Frauen. — Was beliebt? ſagte der Herzog, deſſen Stirn ſich augenblicklich verfinſterte. Was bedeutet dieſer Scherz, Buſſy? — Das bedeutet, gnaͤdiger Herr, daß er fuͤr Euch die Frauen auf ſeinem großen ſchwarzen Pferde entfuͤhrt, und daß er, da ſie ohne Zweifel die Ehre nicht kennen, die er ihnen aufbewahrt, ihnen die Hand auf den Mund legt, um ſie am Schreien zu verhindern. Der Herzog runzelte die Stirn, ballte zornig ſeine Faͤuſte, erbleichte und ſetzte ſein Pferd in einen ſo raſen⸗ den Galopp, daß Buſſy und die Seinigen zuruͤckblieben. — Ah, ah, ſagte Antraguet, es ſcheint mir, daß der Scherz gut iſt. 3 — Um ſo beſſer, antwortete Livarot, da er, wie mir ſcheint, nicht auf Jedermann den Eindruck eines Scherzes macht. — Den Teufel! aͤußerte Buſſy. Es ſcheint beinahe, daß ich den armen Herzog derb getroffen habe. Einen Augenblick nachher hoͤrte man die Stimme des Herrn von Anjou, welcher rief: — He! Buſſy, wo biſt Du? Komm doch! in i⸗ 207 * — Hier bin ich, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, indem er ſich naͤherte. Er fand den Prinzen in Gelaͤchter ausbrechend. — Ei, gnaͤdiger Herr, ſagte er, es ſcheint, daß das, was ich Euch geſagt habe, ſpaßhaft geworden iſt. — Nein, Buſſy, ich lache nicht uͤber das, was Du mir geſagt haſt. — Um ſo ſchlimmer, ich zoͤge es vor, ich haͤtte das Verdienſt gehabt, einen Prinzen zum Lachen gehracht zu haben, der nicht oft lacht.. — Ich lache daruͤber, mein armer Buſſy, daß Du das Falſche vertheidigſt, um die Wahrheit zu erfahren. — Nein, der Teufel ſoll mich holen, gnaͤdiger Herr, ich habe Euch dinaheher geſagt. — Gut. Dann laß hoͤren, erzaͤhle mir Dein kleines Maͤhrchen, waͤhrend wir jetzt nur zu zwei ſind. Wo haſt Du denn das aufgefangen, was Du mir ſo eben erzaͤhlt aſt? 3— In dem Walde von Meridor, gnaͤdiger Herr! Dieſes Mal erbleichte der Herzog wieder, aber er ſagte Nichts. — Beſtimmt, murmelte Buſſy, der Herzog befin⸗ det ſich in irgend etwas bei der Geſchichte von dem Ent⸗ fuͤhrer mit dem ſchwarzen Pferde und der Frau mit dem weißen Zelter betheiligt. — Sagt an, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy laut, in⸗ dem er nun daruͤber lachte, daß der Herzog nicht mehr lachte, wenn es eine Weiſe giebt, Euch zu dienen, die Euch beſſer gefaͤllt, als die anderen, ſo belehrt uns, wir — 208— werden ſie benutzen, und muͤßten wir Herrn von Mon⸗ ſoreau ins Gehaͤge gehen. — Bei Gott, ja, Buſſy, ſagte der Herzog, es giebt eine, und ich will ſie Dir erklaͤren. Der Herzog zog Buſſy bei Seite. — Hoͤre, ſagte er zu ihm, ich habe zufaͤllig in der Kirche eine liebenswuͤrdige Frau angetroffen. Da einige Zuͤge ihres unter einem Schleier verborgenen Geſichts mich an die einer Frau erinnerten, die ich ſehr geliebt habe, ſo bin ich ihr gefolgt und habe mich des Ortes verſichert, wo ſie wohnt. Ihre Zofe iſt beſtochen, und ich habe einen Schluͤſſel zu dem Hauſe. — Nun, gnaͤdiger Herr, bis jetzt ſcheint es mir, als ob Alles gut geht. 1 — Warte. Man hat geſagt, daß ſie ſittſam, ob⸗ gleich frei, jung und ſchoͤn ſei. — Ah, gnaͤdiger Herr, da kommen wir ins Maͤr⸗ chenhafte. 3 — Hoͤre, Du biſt tapfer, Du liebſt mich, wie Du behaupteſt. — Ich habe meine Tage. — Um tapfer zu ſein? — Nein, um Euch zu lieben. — Gut. Haſt Du einen dieſer Tage? — Um Eurer Hoheit einen Dienſt zu erweiſen, will ich mir Muͤhe dazu geben. Laßt hoͤren. — Nun denn! Es wuͤrde ſich darum handeln, das⸗ jenige fuͤr mich zu thun, was man gewoͤhnlich nur fuͤr ſich ſelbſt thut. — 209— — Ah, ah! ſagte Buſſy, ſollte es ſich etwa darum handeln, gnaͤdiger Herr, Eurer Geliebten den Hof zu machen, damit Eure Hoheit ſich verſichere, daß ſie wirklich eben ſo ſittſam, als ſchoͤn iſt? Das ſagt mir zu. — Nein, ſondern es wuͤrde ſich darum handeln zu erfahren, ob nicht irgend, ein Anderer ihn ihr macht. — Ah, laßt hoͤren, das verwickelt ſich, gnaͤdiger Herr, erklaͤren wir uns.. — Es wuͤrde ſich darum handeln, Dich in den Hinterhalt zu legen und mir zu ſagen, wer der Mann iſt, der zu ihr kommt. — Es iſt alſo ein Mann vorhanden? — Ich befuͤrchte es. — Ein Geliebter, ein Gatte? — Zum Allermindeſten ein Eiferſuͤchtiger. — Um ſo beſſer, gnaͤdiger Herr. — Wie, um ſo beſſer? — Das verdoppelt Eure Ausſichten. — Ich danke. Inzwiſchen moͤchte ich wiſſen, wer dieſer Mann iſt. — Und Ihr gebt mir den Auftrag, mich davon zu unterrichten? — Ja, und wenn Du einwilligſt, mir dieſen Dienſt zu erweiſen.. — So werdet Ihr mich auch zum Oberjaͤgermeiſter machen, ſobald die Stelle frei iſt. — Meiner Treue, Buſſy, ich werde um ſo lieber Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. 14 — 210— die Verpflichtung dazu uͤbernehmen, als ich noch nie⸗ mals Etwas fuͤr Dich gethan habe. — Ei, Eure Gnaden bemerken das? — Ich ſage es mir ſchon ſeit langer Zeit. — Ganz leiſe, wie die Prinzen ſich dieſe Dinge ſagen.. — Nun? — Was, gnaͤdiger Herr? — Willigſt Du ein? — Die Dame zu belauern? — Ja. — Ich muß Euch geſtehen, gnaͤdiger Herr, der Auftrag ſagt mir ſehr wenig zu, und ich moͤchte lieber einen anderen. — Du boteſt Dich an, mir einen Dienſt zu erwei⸗ ſen, Buſſy, und jetzt ziehſt Du Dich ſchon zuruͤck? — Hm! Ihr bietet mir das Gewerbe eines Spions an, gnaͤdiger Herr. — Nein doch, einen Freundſchaftsdienſt! Außer⸗ dem glaube nicht, daß ich Dir da einen Auftrag ohne Muͤhe gebe; Du wirſt vielleicht das Schwerdt ziehen muͤſſen. Buſſy ſchuͤttelte den Kopf. — Es giebt Dinge, gnaͤdiger Herr, ſagte er, die man nur ſelbſt gut macht; demnach muß man ſie auch ſelbſt ausfuͤhren, ſelbſt wenn man Prinz iſt. — Du ſchlaͤgſt es mir alſo aus? — Meiner Treue, ja, gnaͤdiger Herr. — 211— „Derr Herzog runzelte die Stirn. — So will ich denn Deinen Rath befolgen, ſagte erz ich werde ſelbſt hingehen, und wenn ich bei dieſer Ver⸗ anlaſſung getoͤdtet oder verwundet werde, ſo werde ich ſagen, daß ich meinen Freund Buſſy gebeten hatte, die⸗ ſen zu gebenden oder zu empfangenden Schwerdtſtreich zu uͤbernehmen, und daß er zum erſten Male in ſeinem Leben vorſichtig geweſen iſt.— — Gnaͤdiger Herr, antwortete Buſſy, Ihr habt mir neulich Abend geſagt: Buſſy, ich habe einen Haß gegen alle dieſe Mignons der Kammer des Koͤnigs, die bei jeder Gelegenheit uns necken und uns beleidigen; Du duͤrfteſt wohl auf der Hochzeit Saint⸗Lucs eine Ver⸗ anlaſſung zu Streit herbeifuͤhren und uns ihrer entledi⸗ gen;z ich bin hingegangen, gnaͤdiger Herr; ſie waren zu fuͤnf, und ich war allein, ich habe ſie herausgefordert, ſie haben mir einen Hinterhalt geſtellt, mich alle zuſam⸗ men angegriffen, mir mein Pferd getoͤdtet, und dennoch habe ich zwei von ihnen verwundet und den dritten nie⸗ dergeſchlagen. Heute verlangt Ihr von mir, einer Frau zu ſchaden. Verzeihung, gnaͤdiger Herr, das geht uͤber die Dienſte, welche ein Prinz von einem Biedermanne verlangen kann, und ich ſchlage es aus. — Es ſei, ſagte der Herzog, ich werde ganz allein auf meinem Poſten ſtehen, oder mit Aurilly, wie ich es bereits gethan habe. — Verzeiht, ſagte Buſſy, der fuͤhlte, als ob ſich in ſeinem Geiſte ein Schleier hoͤbe 14* — Was? — Standet Ihr etwa im Begriffe, Eure Wache zu beziehen, gnaͤdiger Herr, als ihr letzthin die Mignons geſehen habt, die mir auflauerten? — Ganz recht. — Eure ſchoͤne Unbekannte wohnt alſo in der Ge⸗ gend der Baſtille? fragte Buſſy. — Sie wohnt der Straße Saint⸗ Catharine ge⸗ genuͤber. 3 — Wahrhaftig? — Es iſt alſo ein Quartier, in welchem man leicht ermordet wird, Du mußt Etwas davon wiſſen. — Hat Eure Hoheit etwa ſeit dieſem Abende noch⸗ mals aufgepaßt?. — Geſtern. — Und Eure Gnaden hat geſehen.. — Einen Mann, der in allen Winkeln des Platzes herumſtoͤberte, ohne Zweifel um zu ſehen, ob ihn Nie⸗ mand belaure, und der, aller Wahrſcheinlichkeit nach, weil er mich bemerkt hatte, beharrlich vor dieſer Thuͤre ſtehen geblieben iſt. 3 — Und dieſer Mann war allein, gnaͤdiger Herr? fragte Buſſy. 4 — Ja, ungefaͤhr waͤhrend einer halben Stunde. — Und nach dieſer halben Stunde? — Iſt ein anderer Mann zu ihm gekommen, der eine Laterne in der Hand hielt. — Ah, ahl aͤußerte Buſſy, blonde Haare bemerkt zu haben. — 213— — Nun haben der Mann im Mantel, fuhr der Prinz fort... — Der Erſte trug einen Mantel? unterbrach ihn Buſſy. — Ja! Nun haben der Mann im Mantel und der Mann mit der Laterne mit einander zu plaudern begon⸗ nen, und da ſie nicht geneigt ſchienen, ihren Poſten die Nacht uͤber zu verlaſſen, ſo habe ich ihnen das Feld ge⸗ raͤumt und bin zuruͤckgekehrt. — Da Ihr nach dieſer doppelten Probe die Luſt verloren? — Meiner Treue, ja, ich geſtehe es! So daß, be⸗ vor ich mich in dieſes Haus begaͤbe, das wohl irgend eine Moͤrdergrube ſein koͤnnte... — Es Euch nicht unlieb waͤre, daß man darin ei⸗ nen Eurer Freunde ermordete. — Oder vielmehr, daß dieſer Freund, welcher, da er kein Prinz iſt, nicht die Feinde hat, welche ich habe, und außerdem an derartige Abenteuer gewoͤhnt iſt, die Wirklichkeit der Gefahr unterſuchte, welche ich laufen koͤnnte, und mir davon Bericht abſtattete. — An Eurer Stelle, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, wuͤrde ich dieſe Frau aufgeben. — Nicht doch. — Warum? — Sie iſt zu ſchoͤn. — Ihr ſagt ſelbſt, daß Ihr ſie kaum geſehn habt. — Ich habe ſie genug geſehen, um wunderſchoͤne — 214— — Ah! e — Koͤſtliche Augen.. — Ah, ah! — Eine Haut, wie ich noch niemals habe, einen wundervollen Wuchs. — Ah, ah, ah! — Du wirſt einſehen, daß man auf eine ſolche Frau nicht leicht verzichtet. — Ja, gnaͤdiger Herr, ich begreife das; die Lage ruͤhrt mich demnach auch. Der Herzog ſah Buſſy von der Seite an. — Auf Ehre, ſagte Buſſy. — Du ſpotteſt? — Nein, und der Beweis iſt, daß, wenn Eure Gnaden mir Ihre Verhaltunasvorſchriften geben und mir die Wohnung andeuten will, ich von heute Abend 3 an wachen werde. — Du gehſt alſo von Deinem Entſchluſſe ab? — Ei, gnaͤdiger Herr, es giebt Niemanden, als unſern heiligen Vater, Gregor XIII., der nicht unfehl⸗ bar iſt; nur ſagt mir, was dabei zu thun iſt. — Du muͤßteſt Dich in einiger Entfernung von der Thuͤre verſtecken, die ich Dir andeuten werde, und wenn ein Mann eintritt, ihm folgen, um Dich zu verſichern, 3 wer er iſt.— — Ja! Wenn er abe der hinter ſich verſchließt? — Ich habe Dir geſagt, daß ich einen Schlüͤſſel haͤtte. eine geſehn r beim Eintreten die Thuͤre wie⸗ — 215— — Ah, das iſt wahr; es iſt alſo nur noch Eines zu fuͤrchten, naͤmlich, daß ich einem anderen Mann folge⸗ und daß der Schluͤſſel zu einer anderen Thuͤre paßt. — Man kann ſich nicht daruͤber irren; dieſe Thuͤre iſt eine Hausflur⸗Thuͤre; am Ende der Hausflur befindet ſich zur Linken eine Treppe; Du gehſt zwoͤlf Stufen hin⸗ auf und Du befindeſt Dich auf einem Gange. — Woher wißt Ihr das, gnaͤdiger Herr, da Ihr doch niemals in dem Hauſe geweſen ſeid? — Habe ich Dir nicht geſagt, daß ich die Zofe fuͤr mich haͤtte? Sie hat mir Alles erklaͤrt. — Bei Gott, was das bequem iſt, Prinz zu ſein! Man bereitet Euch Alles vor. Ich, gnaͤdiger Herr, ich haͤtte das Haus ſelbſt wieder erkennen, die Hausflur unterſuchen, die Stufen zaͤhlen, den Gang erforſchen muͤſſen. Das haͤtte mir eine ungeheure Zeit gekoſtet! Und wer weiß noch, ob es mir gelungen waͤre? — Du willigſt alſo ein? — Vermag ich etwa Eurer Hoheit Etwas abzuſchla⸗ gen? Nur werdet Ihr mit mir gehen, um mir die Thuͤre anzudeuten.. — Nicht noͤthigz wenn wir von der Jagd zuruͤck⸗ kehren, machen wir einen Umweg; wir reiten durch das Thor Saint⸗Antoine, und ich werde ſie Dir zeigen. — Vortrefflich, gnaͤdiger Herr! Und was muß ich dem Manne thun, wenn er kommt? — Nichts Anderes, als ihm folgen, bis daß Du erfahren haſt, wer er iſt. — 216— — Das iſt kitzlich! Wenn, zum Beiſpiele, dieſer Mann die Verſchwiegenheit ſo weit treibt, auf halbem Wege ſtehen zu bleiben, und auf dieſe Weiſe meine Nach⸗ forſchungen kurz abſchneidet? — Ich uͤberlaſſe Dir die Sorge, das Abenteuer ſo weit zu treiben, als es Dir gefaͤllt. — Dann bevollmächtigt mich Eure Hoheit zu han⸗ deln, wie fuͤr mich ſelbſt. — Gaͤnzlich. — So werde ich es alſo thun, gnaͤdiger Herr. — Kein Wort zu allen unſeren jungen Herren. — So wahr ich ein Edelmann bin! — Niemand begleitet Dich bei dieſem Auskund⸗ ſchaften! — Ich bleibe allein, ich ſchwoͤre es Euch. — Wohlan, das iſt abgemacht, wir kehren uͤber die Baſtille zuruͤck. Ich zeige Dir die Thuͤre... Du kommſt zu mir... ich gebe Dir den Schluͤſſel... und heute Abend.. — Vertrete ich Eure Gnaden; das iſt abgemacht. Buſſy und der Prinz kehrten nun zuruͤck um ſich an die Jagd anzuſchließen, welche Herr von Monſoreau als Mann von Genie leitete. Der Koͤnig war entzuͤckt uͤber die puͤnktliche Art und Weiſe, mit welcher der voll⸗ endete Jaͤger alle Haltpunkte beſtimmt, und jeden Wechſel der Hunde angeordnet hatte. Nachdem es zwei Stunden lang gejagt, nachdem es in einem Raume von — 217— vier bis fuͤf Stunden weit umgangen, nachdem es zwanzig Male geſehen worden war, kehrte das Thier zuruͤck, um ſich gerade an dem Platze fangen zu laſſen, wo es aufgejagt war. Herr von Monſoreau empfing die Lobeserhebungen des Koͤnigs und des Herzogs von Anjou. — Gaaͤdiger Herr, ſagte er, ich fuͤhle mich zu gluͤck⸗ lich, daß ich Eure Artigkeiten habe verdienen koͤnnen, da ich Euch die Stelle verdanke. — Aber Ihr wißt, mein Herr, ſagte der Herzog, daß Ihr, um ſie ferner zu verdienen, noch heute Abend nach Fontainebleau aufbrechen muͤßt; der Koͤnig will dort uͤbermorgen und die folgenden Tage jagen, und es iſt nicht zu viel mit einem Tage, um den Wald zu be⸗ gehen. 3 — Ich weiß es, gnaͤdiger Herr, antwortete Mon⸗ ſoreau, und mein Ruͤſtzeug iſt bereits vorbereitet. Ich werde heute Nacht aufbrechen. — Ah, ſeht Ihr, Herr von Monſoreau? ſagte Buſſy. Von jetzt an giebt es keine Ruhe mehr fuͤr Euch. Ihr habt Oberjaͤgermeiſter werden wollen. Ihr ſeid es, es giebt in der Stelle, welche Ihr bekleidet, funfzig gute Naͤchte weniger, als fuͤr andere Menſchen; es iſt noch ein Gluͤck, daß Ihr nicht verheirathet ſeid. Buſſy lachte, indem er das ſagte; der Herzog hef⸗ tete einen durchbohrenden Blick auf den Oberjaͤgermeiſter; indem er hierauf den Kopf nach einer anderen Seite wandte, ſtattete er dem Koͤnige ſeine Gluͤckwuͤnſche uͤber —* — — 218— die Beſſerung ab, welche ſich ſeit geſtern in ſeiner Ge⸗ ſundheit zugetragen zu haben ſchien. Was Monſoreau anbelangt, ſo war er bei dem Scherze Buſſys nochmals auf dieſe abſcheuliche Weiſe er⸗ bleicht, welche ihm ein ſo widriges Anſehn verlieh. — 219— XII. Wie Buſſy zu gleicher Zeit das Portrait und das Original wiederfand. Die Jagd war um vier Uhr beendigt, und, als ob der Koͤnig die Wuͤnſche des Herzogs von Anjou voraus⸗ geſehen haͤtte, um fuͤnf Uhr zog der ganze Hof wieder durch die Faubourg Saint⸗Antoine in Paris ein. Unter dem Vorwande augenblicklich aufzubrechen, hatte ſich Herr von Monſoreau bei dem Koͤnig und bei dem Herzoge beurlaubt, und ſchlug mit ſeinem Jagdruͤſt⸗ zeuge den Weg nach Fromenteau ein. Als er an der Baſtille voruͤber kam, machte der Koͤnig ſeine Freunde auf das ſtattliche und unheimliche Anſehn der Zwingburg aufmerkſam: das war ein Mittel ſie an das zu erinnern, was ſie erwartete, wenn ſie zu⸗ faͤllig ſeine Feinde wuͤrden, nachdem ſie ſeine Freunde ge⸗ geweſen waͤren. — — 220— Viele verſtanden es, und verdoppelten ihre Ehrer⸗ bietigkeit gegen Seine Majeſtaͤt. Waͤhrend dieſer Zeit ſagte der Herzog von Anjou leiſe zu Buſſy, der an ſeiner Seite ritt: — Sieh wohl hin, Buſſy, betrachte genau rechts dieſes hoͤlzerne Haus, das mit ſeinem Giebel eine kleine Statue der Jungfrau bedeckt, folge mit dem Auge der⸗ ſelben Linie, und zaͤhle, das Haus der Jungfrau mit gerechnet, vier andere Haͤuſer. — Gut, ſagte Buſſy. 1 — Das fuͤnfte iſt es, dasjenige, welches gerade der Straße Sainte Catharine gegenuͤberſteht. — Ich ſehe es, gnaͤdiger Herr; ſeht, wie ſich da bei dem Schmettern unſrer Trompeten, welche den Koͤ⸗ nig melden, die Fenſter aller Haͤuſer mit Neugierigen bedecken. — Indeſſen mit Ausnahme derjenigen des Hauſes, das ich Dir andeute, ſagte der Herzog, und die ge⸗ ſchloſſen bleiben. — Von denen aber eine Ecke des Vorhanges ſich oͤffnet, ſagte Buſſy mit einem entſetzlichen Herzklopfen. — Ohne daß man indeſſen irgend Etwas bemerken kann. O, die Dame iſt wohl gehuͤtet, oder huͤtet ſich wohl. Jeden Falles iſt hier das Haus; im Hotel werde ich Dir den Schluͤſſel geben. Buſſy ſenkte ſeinen Blick durch dieſe enge Oeffnung, aber obgleich ſeine Augen beſtaͤndig auf ſie geheftet blie⸗ ben, er ſah Nichts. Als er nach dem Hotel d'Anjou zuruͤckgekehrt war, gab der Herzog wirklich Buſſy den Schluͤſſel zu dem be⸗ zeichneten Hauſe, indem er ihm von Neuem anempfahl, gute Wache zu halten. Buſſy verſprach Alles, was der Herzog verlangte, und kehrte nach Hauſe zuruͤck. — Nun? ſagte er zu Remy. — Ich ſtelle Euch dieſelbe Frage, gnaͤdiger Herr. — Du haſt Nichts gefunden? — Das Haus iſt eben ſo wenig bei Tage, als bei Nacht aufzufinden, ich ſchwanke zwiſchen fuͤnf bis ſechs Haͤuſern, die neben einander ſtehen. Dann, ſagte Buſſy, glaube ich, daß ich gluͤckli⸗ cher geweſen bin, als Du, mein lieber le Haudouin. — Wie das, gnaͤdiger Herr Ihr habt alſo auch Nachforſchungen angeſtellt? — Nein, ich bin bloß durch die Straße gekommen. — Und Ihr habt die Thuͤre wieder erkannt? — Die Vorſehung, mein lieber Freund, hat ſeltſame Wege und geheimnißvolle Berechnungen. — Dann ſeid Ihr alſo ſicher? — Ich ſage nicht, daß ich ſicher bin; aber ich hoffe. — Und wenn werde ich erfahren, ob Ihr das Gluͤck gehabt habt, dasjenige wiederzufinden, was Ihr ſuch⸗ tet?— — Morgen fruͤh. — Beduͤrft Ihr bis dahin meiner? — Durchaus nicht, mein lieber Remy. — Ihr wollt nicht, daß ich Euch begleite? — Unmoͤglich. — Seid zum Mindeſten vorſichtig, gnaͤdiger Herr. —— ——— — 222— — Ah, ſagte Buſſy lachend, die Empfehlung iſt unnoͤthig; ich bin dafuͤr bekannt. Buſſy aß zu Mittag wie ein Mann, der nicht weiß wo, noch auf welche Weiſe er zu Abend eſſen wird; hierauf waͤhlte er Schlag acht Uhr das beſte ſeiner Schwerdter, ſteckte trotz der Verordnung, welche der Koͤnig vor Kurzem erlaſſen hatte, ein Paar Piſtolen in ſeinen Guͤrtel, und ließ ſich in ſeiner Saͤnfte nach dem Ende der Straße Saint⸗Paul tragen. Dort angelangt, erkannte er das Haus mit der Statue der Jungfrau, zaͤhlte die vier folgenden Haͤuſer, verſicherte ſich genau, daß das fuͤnfte das bezeichnete Haus waͤre, und ging, in ſeinen weiten Mantel von dunkeler Farbe gehuͤllt, ſich in die Ecke der Straße Sainte⸗Catharine zu druͤcken, feſt entſchloſſen, zwei Stunden lang zu warten, und, wenn Niemand kaͤme, nach Verlauf von zwei Stunden fuͤr ſeine eigene Rech⸗ nung zu handeln. Es ſchlug neun Uhr auf Saint⸗-Paul, als Buſſy ſich in den Hinterhalt legte. Kaum befand er ſich ſeit zehn Minuten dort, als er, durch die Dunkelheit, durch das Thor der Baſtille zwei Reiter ankommen ſah. In der Naͤhe des Hotels des Tournelles angelangt, hielten ſie. Der Eine der Bei⸗ den ſtieg ab, warf den Zuͤgel den Haͤnden des Zweiten zu, der aller Wahrſcheinlichkeit nach ein Diener war, und nachdem er ihn den Weg wieder hatte einſchlagen ſehen, auf welchem ſie gekommen waren, nachdem er ihn und ſeine beiden Pferde in der Dunkelheit hatte ver⸗ — 223— ſchwinden ſehen, ſchritt er auf das der Aufſicht Buſſys anvertraute Haus zu. Einige Schritte weit von dem Hauſe angelangt, be⸗ ſchrieb der Unbekannte einen großen Kreis, wie um die Umgebung mit dem Blicke zu erforſchen; hierauf, in der Meinung ſicher zu ſein, daß er nicht beobachtet waͤre, naͤherte er ſich der Thuͤre und verſchwand. Buſſy hoͤrte das Knarren dieſer Thuͤre, die ſich hin⸗ ter ihm wieder verſchloß. Er wartete einen Augenblick lang, aus Furcht, daß die geheimnißvolle Perſon hinter dem Gitterfenſter auf Beobachtung ſtehen geblieben ſein moͤgte. Hierauf, nach⸗ dem einige Minuten verfloſſen waren, ſchritt er auch heran, ging uͤber die Chauſſé, oͤffnete die Thuͤre, und ſchloß ſie, durch die Erfahrung unterrichtet, wieder ohne Geraͤuſch. Nun wandte er ſich um: das Gitterfenſter war ge⸗ nau in der Hoͤhe ſeines Auges, und aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach hatte er wirklich durch dieſes Gitterfenſter Quelus angeblickt. Das war nicht Alles, und Buſſy war nicht gekom⸗ men, um dabei ſtehen zu bleiben. Er ſchritt langſam voran, indem er an den beiden Seiten der Hausflur hintappte, an deren Ende er zur Linken die erſte Stufe einer Treppe fund. Dort blieb er aus zwei Gruͤnden ſtehen; zuvoͤr⸗ derſt fuͤhlte er ſeine Beine unter der Laſt der Aufre⸗ gung wanken, und dann hoͤrte er eine Stimme, welche ſagte: — 224— — Meldet Eurer Gebieterin, daß ich es bin, Ger⸗ trude, und daß ich eintreten will. Das Verlangen war in einem zu gebieteriſchen Tone ausgeſprochen, um eine Weigerung zuzulaſſen; nach Ver⸗ lauf eines Augenblickes hoͤrte Buſſy die Stimme einer Kammerjungfer, welche antwortete: — Tretet in den Salon, gnaͤdiger Herr; die gnaͤdige Frau wird dort zu Euch kommen. Dann hoͤrte er nochmals das Knarren einer Thuͤre, die ſich wieder ſchloß. Buſſy dachte nun an die zwoͤlf Stufen, welche Re⸗ my gezaͤhlt hatte; er zaͤhlte nun auch zwoͤlf Stufen und befand ſich auf dem Vorplatze. Er erinnerte ſich des Ganges und der drei Thuͤren, that einige Schritte, indem er ſeinen Athem anhielt und die Hand vor ſich ausſtreckte. Eine erſte Thuͤre befand ſich unter ſeiner Hand, es war diejenige, durch welche der Unbekannte eingetreten war; er verfolgte ſeinen Weg, fand eine zweite, ſuchte, fuͤhlte einen Schluͤſſel, und, ganz ſchaudernd vom Kopf bis zu den Fuͤßen, ließ er ſich dieſen Schluͤſſel in dem Schloſſe drehen und druͤckte die Thuͤre auf. Das Zimmer, in welchem ſich Buſſy befand, war gaͤnzlich dunkel, mit Ausnahme von dem Theile dieſes Zimmers, welcher durch eine Seitenthuͤre einen Schein der Lichter des Salons erhielt. Dieſer Schein fiel auf ein mit zwei Tapeten⸗Vor⸗ haͤngen behangenes Fenſter, welches ein neues Erbeben der Wonne in dem Herzen des jungen Mannes erregte. — — 225— Seine Augen richteten ſich auf den durch daſſelbe Licht erleuchteten Theil der Decke, und er erkannte die mythologiſche Decke, die er bereits bemerkt hatte; er ſtreckte die Hand aus, und fuͤhlte das Bett von Bild⸗ hauerarbeit. Es war für ihn kein Zweifel mehr vorhanden; er befand ſich wieder in demſelben Zimmer, in welchem er waͤhrend jener Nacht erwacht war, in der er die Wunde erhalten, welcher er die Gaſtfreundſchaft zu verdanken hatte. Ein noch bei weitem anderer Schauder rann durch Buſſys Adern, als er dieſes Bett beruͤhrte, und er ſich ganz eingehuͤllt in den koͤſtlichen Wohlgeruch fuͤhlte, welcher dem Lager einer jungen und ſchoͤnen Frau ent⸗ ſtroͤmte. Buſſy huͤllte ſich in die Vorhaͤnge des Bettes und horchte. Man hoͤrte in dem Zimmer zur Seite die ungedul⸗ digen Schritte des Unbekannten; von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen, indem er zwiſchen ſeinen Zaͤhnen murmelte: — Nun? Wird ſie kommen? Nach einer dieſer Fragen oͤffnete ſich eine Thuͤre in dem Salon, die Thuͤre ſchien derjenigen gegenüber, wel⸗ che bereits halb geoͤffnet war. Der Teppich bebte unter dem Drucke eines kleinen Fußes; das Rauſchen eines ſeidenen Kleides gelangte bis zu den Ohren Buſſys, und der junge Mann hoͤrte eine zugleich mit Furcht und Verachtung erfuͤllte weibliche Stimme, welche ſagte: — Hier bin ich, Herr, was wollt Ihr wieder von mir? Die Dame von Monſoreau. Erſter Band. 15 — 1 — O, ol dachte Buſſy, indem er ſich hinter ſei⸗ nem Vorhange verbarg, wenn dieſer Mann der Liebha⸗ ber iſt, ſo wuͤnſche ich dem Gatten viel Gluͤck. — Madame, ſagte der Mann, den man auf dieſe kalte Weiſe empfing, ich habe die Ehre, Euch zu benach⸗ richtigen, daß ich, genoͤthigt, morgen fruͤh nach Fontai⸗ nebleau aufzubrechen, komme, um die Nacht bei Euch zuzubringen. — Bringt Ihr mir Nachrichten von meinem Vater? fragte dieſelbe Frauenſtimme. — Hoͤrt mich an, Madame. — Ihr wißt, was geſtern unter uns ausgemacht iſt, mein Herr; als ich darein willigte, Eure Gattin zu werden, ſo geſchah es unter der Bedingung, daß vor Allem ent⸗ weder mein Vater nach Paris kaͤme, oder ich wieder zu meinem Vater zuruͤckkehrte. — Gleich nach meiner Ruͤckkehr von Fontainebleau werden wir abreiſen, Madame, ich gebe Euch mein Ehrenwort darauf; aber, bis dahin... — O! mein Herr, verſchließt dieſe Thuͤre nicht, es iſt unnoͤthig, ich werde keine Nacht, nicht eine einzige Nacht mit Euch unter demſelben Dache zubringen, be⸗ vor ich nicht uͤber das Schickſal meines Vaters beru⸗ higt bin. Und die Frau, welche auf eine ſo feſte Weiſe ſprach, hauchte in eine kleine ſilberne Pfeife, welche einen ſchnei⸗ denden und anhaltenden Ton von ſich gab. Auf dieſe Weiſe pflegte man zu jener Zeit, in wel⸗ — — 227— cher die Klingeln noch nicht erfunden waren, die Diener⸗ ſchaft zu rufen. Im ſelben Augenblicke oͤffnete ſich die Thuͤre, durch welche Buſſy eingetreten war, von neuem, und die Zofe der jungen Frau trat ein; es war ein großes und kraͤfti⸗ ges Maͤdchen von Anjou, welche dieſen Ruf ihrer Gebie⸗ terin zu erwarten ſchien, und die, ſobald ſie ihn gehoͤrt, eiligſt herbeikam. Sie trat in den Salon, und im Eintreten oͤffnete ſie die Thuͤre. Ein Strom von Licht drang nun in das Zimmer, in welchem Buſſy ſich befand, und er erkannte zwiſchen den beiden Fenſtern das Portrait. — Ihr werdet nicht zu Bett gehen, Gertrude, ſagte die Dame, und Euch immer in dem Bereiche meiner Stimme halten. Die Kammerjungfer entfernte ſich ohne zu antwor⸗ ten auf demſelben Wege, auf dem ſie gekommen war, indem ſie die Salonthuͤre ganz offen, und dem zu Folge das wundervolle Portrait erleuchtet ließ. Fuͤr Buſſy gab es keinen Zweifel mehr; dieſes Por⸗ trait war wirklich dasjenige, welches er geſehen hatte. Er naͤherte ſich leiſe, um ſein Auge an die Oeffnung zu heften, welche die Dicke der Angeln zwiſchen der Thuͤr und der Wand ließ; aber ſo leiſe er auch ging, ſo knarrte doch in dem Augenblicke, wo ſein Blick in das Zimmer drang, der Boden unter ſeinem Fuße, Bei dieſem Geraͤuſche wandte ſich die Frau um; es war das Original des Portraits, es war die Fee des Traumes. 15* — 228— Als er ſie ſich umdrehen ſah, drehete ſich der Mann, obgleich er nichts gehoͤrt hatte, auch um. Es war der Herr von Monſoreau. — Ahl ſagte Buſſy, der weiße Zelter... die ent⸗ fuͤhrte Frau.. Ich werde ohne Zweifel irgend eine ſchreckliche Geſchichte hoͤren. Und er trocknete ſein Geſicht ab, das ſich ploͤtzlich mit Schweiß bedeckt hatte. Buſſy ſah ſie alle Beide, wie wir bemerkt, ſie: bleich, ſtehend und mit veraͤchtlicher Miene.. Ihn, ſitzend, nicht blaß, ſondern todtenbleich, indem er ſeinen ungeduldigen Fuß bewegte und ſich in die Hand biß. — Hofft nicht, Madame, ſagte endlich der Herr von Monſoreau, mit mir lange die Rolle der verfolgten Frau und des Opfers fortzuſetzen; Ihr ſeid in Paris, Ihr ſeid in meinem Hauſe, und uͤberdem ſeid Ihr jetzt die Graͤfin von Monſoreau, das heißt meine Gattin. — Wenn ich Eure Gattin bin, warum weigert Ihr Euch, mich zu meinem Vater zu fuͤhren? Warum verbergt Ihr mich fortwaͤhrend vor den Augen der Welt? — Ihr habt den Herzog von Anjou vergeſſen, Ma⸗ dame. — Ihr habt mir verſichert, daß ich, einmal Eure Gattin, nichts mehr von ihm zu fuͤrchten haͤtte. — Das heißt.. — Ihr habt mir das verſichert. — Aber, Madame, ich muß noch einige Vorſichts⸗ maßregeln treffen.—. 4 — 229— — Wohlan, mein Herr, trefft dieſe Vorſichtsmaß⸗ regeln, und beſucht mich wieder, wenn ſie getroffen ſind. — Diana, ſagte der Graf, deſſen Herz ſichtlich von Zorn erfuͤllt wurde, Diana, ſpielt nicht mit dieſem ge⸗ heiligten Bande der Ehe. Das iſt ein Rath, den ich ſo gut ſein will, Euch zu geben. — Macht, mein Herr, daß ich kein Mißtrauen mehr in den Gatten ſetze, und ich werde die Ehe achten. — Ich meine indeſſen, durch die Art und Weiſe, mit der ich gegen Euch gehandelt, Euer ganzes Vertrauen verdient zu haben. — Ich meine, mein Herr, daß Euch in dieſer ganzen Angelegenheit mein Intereſſe nicht allein geleitet hat, oder daß, wenn dem ſo iſt, der Zufall Euch gut gedient hat. — O, das iſt zu viel! rief der Graf aus, ich bin in meinem Hauſe, Ihr ſeid meine Frau, und, ſollte Euch die Hoͤlle zu Huͤlfe kommen, noch heute Nacht werdet Ihr mein ſein. Buſſy legte die Hand an den Griff ſeines Schwer⸗ tes, und that einen Schritt vor, aber Diana ließ ihm nicht die Zeit, zu erſcheinen. — Seht, ſagte ſie, indem ſie einen Dolch aus ih⸗ rem Guͤrtel zog, ſeht wie ich Euch antworte. Und in das Zimmer ſpringend, in welchem ſich Buſſy befand, verſchloß ſie die Thuͤre wieder, ſchob den dop⸗ pelten Riegel vor, und waͤhrend Monſoreau ſich in K. — 230— Drohungen erſchoͤpfte, indem er mit den Faͤuſten gegen die Fuͤllungen ſchlug, ſagte Diana: — Ihr kennt mich, mein Herr; wenn Ihr nur einen Splitter von dem Holze dieſer Thuͤre ſpringen laßt, ſo werdet Ihr mich todt auf der Schwelle finden. — Seid unbeſorgt, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, indem er Dianen mit ſeinen beiden Armen umſchlang, Ihr haͤttet einen Raͤcher. Diana ſtand im Begriffe einen Schrei auszuſtoßen; aber ſie ſah ein, daß die einzige Gefahr, welche ſie be⸗ drohete, ihr von Seiten ihres Gatten kaͤme. Sie blieb demnach auf der Vertheidigung, aber ſtumm, zitternd und regungslos. Herr von Monſoreau ſtampfte heftig mit dem Fuße, dann, ohne Zweifel uͤberzeugt, daß Diana ihre Drohung ausfuͤhren wuͤrde, verließ er den Salon, indem er die Thuͤr gewaltſam hinter ſich zuſchlug. Hierauf hoͤrte man das Geraͤuſch ſeiner Schritte ſich auf dem Gange entfer⸗ nen und ſich auf der Treppe verlieren. — Aber Ihr, mein Herr, ſagte nun Diana, indem ſie ſich aus den Armen Buſſys los machte und einen Schritt zuruͤck that:— wer ſeid Ihr, und wie befindet Ihr Euch hier? — Gaaͤdige Frau, ſagte Buſſy, indem er die Thuͤre wieder oͤffnete und vor Diana niederkniete, ich bin der Mann, dem Ihr das Leben erhalten habt. Wie koͤnnt Ihr glauben, daß ich in einer boͤſen Abſicht zu Euch eingetreten ſei, oder daß ich Plaͤne gegen Eure Ehre ſchmiedete? 3 8 — 231— Bei dem Strome von Licht, der das edle Geſicht des jungen Mannes uͤberſtrahlte, erkannte ihn Diana. — O, Ihr hier, Herr! rief ſie die Haͤnde faltend aus, Ihr waret da, Ihr habt Alles gehoͤrt? — Leider, ja, gnaͤdige Frau. — Aber wer ſeid Ihr? Euer Name, mein Herr? — Ich bin Ludwig von Clermont, Graf von Buſſy, gnaͤdige Frau. — Buſſy, Ihr ſeid der tapfere Buſſy! rief Diana treuherzig gus, ohne die Wonne zu ahnen, welche die⸗ ſer Ausruf in dem Herzen des jungen Mannes verbrei⸗ tete. Ah, Gertrude, fuhr ſie fort, indem ſie ſich an ihre Zofe wandte, welche, da ſie ihre Gebieterin mit Jemandem hatte ſprechen hoͤren, ganz entſetzt eintrat, Gertrude, ich habe nichts mehr zu fuͤrchten, denn von dieſem Augenblicke an ſtelle ich meine Ehre unter den Schutz des edelſten und des biederſten Edelmannes von Frankreich! Dann Buſſy die Hand reichend, ſagte ſie: — Steht auf, Herr, ich weiß, wer Ihr ſeid; Ihr muͤßt jetzt wiſſen, wer ich bin. Ende des erſten Bandes. Druck von C. Sch umann in Schneeberg. In gleichem Verlage iſt erſchienen: LE JUIEF ERRAVYVT. Roman en dix volumes par Eugeène Sue. Edition originale pour tout'Allemagne. Dix volumes. 6 ½ Thlr. * Der ewige Jude. Deutſche Originalausgabe unter Mitwirkung von wilyelm Ludwig wetche von 6 Eugen Sue. Octavausgabe, 10 Bände, 5 ⅞ Thlr. Taſchenausgabe, 20 Bändche 3 ⅞ Thlr. — b 3 5 ͤ — 8 — 231— Bei dem Strome von Licht, der das edle Geſicht des jungen Mannes uͤberſtrahlte, erkannte ihn Diana. — O, Ihr hier, Herr! rief ſie die Haͤnde faltend aus, Ihr waret da, Ihr habt Alles gehoͤrt? — Leider, ja, gnaͤdige Frau. — Aber wer ſeid Ihr? Euer Name, mein Herr? — Ich bin Ludwig von Clermont, Graf von Buſſy, gnaͤdige Frau. — Buſſy, Ihr ſeid der tapfere Buſſy! rief Diana treuherzig gus, ohne die Wonne zu ahnen, welche die⸗ ſer Ausruf in dem Herzen des jungen Mannes verbrei⸗ tete. Ah, Gertrude, fuhr ſie fort, indem ſie ſich an ihre Zofe wandte, welche, da ſie ihre Gebieterin mit Jemandem hatte ſprechen hoͤren, ganz entſetzt eintrat, Gertrude, ich habe nichts mehr zu fuͤrchten, denn von dieſem Augenblicke an ſtelle ich meine Ehre unter den Schutz des edelſten und des biederſten Edelmannes von Frankreich! Dann Buſſy die Hand reichend, ſagte ſie: — Steht auf, Herr, ich weiß, wer Ihr ſeid; Ihr muͤßt jetzt wiſſen, wer ich bin. Ende des erſten Bandes. Druck von C. Sch umann in Schneeberg. In gleichem Verlage iſt erſchienen: LE JUIEF ERRAVYVT. Roman en dix volumes par Eugeène Sue. Edition originale pour tout'Allemagne. Dix volumes. 6 ½ Thlr. * Der ewige Jude. Deutſche Originalausgabe unter Mitwirkung von wilyelm Ludwig wetche von 6 Eugen Sue. Octavausgabe, 10 Bände, 5 ⅞ Thlr. Taſchenausgabe, 20 Bändche 3 ⅞ Thlr. — b 3 5 ͤ —