Jeih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen... 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines ages iſt zu 24 Stun⸗ 3 den angenommen.—— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet— wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Fochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher:* auf 1 Monat: 1 Wtt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „ 3„.. 3„ö=„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Ken beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ‚c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 65 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Die Dame von Monſoreanu. Hiſtoriſcher Roman von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von 4 SWilhelm Dudwig SWeſche. Sechſter Band. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 14 8 4 6. — — I. Ein Beſuch in dem Hauſe des Tournelles. U berreizung vertritt bei einigen Menſchen die Stelle wirklicher Leidenſchaft, wie der Hunger dem Wolfe und der Hyaͤne einen Anſchein von Muth ver⸗ leiht. Unter dem Eindrucke eines aͤhnlichen Gefuͤhles war der Herzog von Anjou, deſſen Aerger wir nicht zu ſchil⸗ dern vermoͤgten, als er Diana in Meridor nicht wieder⸗ fand, nach Paris zuruͤckgekehrt; bei ſeiner Rückkehr war er faſt verliebt in dieſe Frau, und das gerade, weil man ſie ihm entfuͤhrte. Es ging daraus hervor, daß ſein Haß gegen Mon⸗ ſoreau, ein Haß, der ſich von dem Tage herſchrieb, wo er erfahren hatte, daß der Graf ihn verriethe, es ging⸗ daraus hervor, ſagen wir, daß ſein Haß ſich in eine Art von ſo gefaͤhrlicherer Wuth verwandelte, als, da er den energiſchen Charakter des Grafen bereits aus Erfah⸗ rung kannte, er ſich bereit halten wollte ihn zu treffen, ohne ſich ſelbſt eine Bloͤße gegen ihn zu geben. Nach einer anderen Seite hin hatte er auf ſeine politiſchen Hoffnungen nicht verzichtet; ganz im Gegen⸗ theile, und die Zuverſicht, die er zu ſeiner eigenen Wich⸗ tigkeit gefaßt, hatte ihn in ſeinen eigenen Augen erhoͤht. Kaum nach Paris zuruͤckgekehrt, hatte er demnach ſeine heimlichen Schliche und Umtriebe wieder begonnen. Der Moment war guͤnſtig; beruhigt durch die Art von Triumph, welchen die Schwaͤche des Koͤnigs und die Argliſt Katharinens den Anjouern bereitet hatte, be⸗ eiferten ſich eine große Anzahl jener ſchwankenden Ver⸗ ſchwoͤrer, welche dem Erfolge treu ſind, um den Herzog von Anjou herum, indem ſie auf dieſe Weiſe durch un⸗ merkliche, aber maͤchtige Faͤden die Sache des Prinzen wieder mit der der Guiſen verknuͤpften, welche vorſich⸗ tiger Weiſe im Hintergrunde blieben und ein Schweigen beobachteten, uͤber das Chicot ſehr beunruhigt war. Uebrigens fanden keine politiſchen Mittheilungen von Seiten des Herzogs gegen Buſſy mehr ſtatt; eine ge⸗ heuchelte Freundſchaft, weiter Nichts. Der Prinz war, ohne ſich Rechenſchaft daruͤber abzulegen, daruͤber be⸗ unruhigt, den jungen Mann bei Monſoreau geſehen zu haben, und er grollte ihm fortwaͤhrend wegen dieſes Vertrauens, das der ſo mißtrauiſche Monſoreau Nichts deſto weniger zu ihm hatte. b Er entſetzte ſich auch uͤber die Freude, welche das Geſicht Dianas erheiterte, uͤber die friſche Farbe, welche die Liebenswuͤrdigkeit, die ſie beſaß, noch anlockender b —— —— — Q—-———— — „ —:——— — —— — — —-—— — machte. Der Prinz wußte, daß ſich die Blumen nur in der Sonne faͤrben und duften, und die Frauen durch die Liebe. Diana war augenſcheinlich gluͤcklich, und fuͤr den immer boͤswilligen und argwoͤhniſchen Prinzen ſchien das Gluͤck Anderer eine Feindſeligkeit. Als Prinz geboren, auf dunklen Schleichwegen maͤchtig geworden, entſchloſſen ſich der Gewalt, entweder zum Nutzen ſeiner Liebe, oder fuͤr ſeine Rache zu bedie⸗ nen, ſeitdem die Gewalt gelungen war; außerdem wohl⸗ berathen von Aurilly, meinte der Herzog, daß es ſchimpf⸗ lich fuͤr ihn ſei, ſo in ſeinen Wuͤnſchen durch ſo laͤcher⸗ liche Hinderniſſe aufgehalten zu werden, als es die Ei⸗ ferſucht eines Gatten und das Widerſtreben einer Frau ſind. Eines Tages, als er ſchlecht geſchlafen und die Nacht mit der Verfolgung dieſer boͤſen Traͤume zuge⸗ bracht, die man in einem fieberhaften Halbſchlummer hat, fuͤhlte er ſich zu dem Ton ſeiner Wuͤnſche erhoben, und beſtellte ſeine Pferde und ſeine Begleitung, um Monſoreau zu beſuchen. Monſoreau war, wie man weiß, nach ſeinem Hauſe des Tournelles ausgezogen. Der Prinz laͤchelte bei dieſer Meldung. Das war das kleine Nebenſtuͤck des Schauſpieles von Méridor. Er erkundigte ſich, aber nur der Form wegen, nach dem Orte, wo dieſes Haus laͤge, man antwortete ihm, daß es auf dem Platze Saint-Antoine ſtaͤnde, und ſich nun nach Buſſy umwendend, der ihn begleitet hatte, ſag⸗ te er: — Da er in des Tournelles iſt, ſo laßt uns dorthin gehen. Der Zug begab ſich wieder auf den Weg, und bald war das ganze Viertel durch die Anweſenheit dieſer vier⸗ undzwanzig ſchoͤnen Edelleute in Bewegung, welche ge⸗ woͤhnlich das Gefolge des Prinzen bildeten, und von denen Jeder zwei Diener und drei Pferde hatte. Der Prinz kannte das Haus und die Thuͤre recht gut; Buſſy kannte es nicht minder gut, als er. Sie hielten alle Beide vor der Thuͤre an, traten in die Haus⸗ flur und gingen alle Beide hinauf; nur trat der Prinz in die Zimmer und Buſſy blieb auf dem Vorplatze. Die Folge dieſer Anordnung war, daß der Prinz, welcher der Bevorrechtigte ſchien, nur Monſoreau ſah, der ihn auf einem langen Seſſel liegend empfing, waͤh-⸗ rend Buſſy in Dianas Armen empfangen wurde, die ihn ſehr zaͤrtlich an ihr Herz druͤckte, waͤhrend Gertrude auf der Lauer ſtand. Von Natur bleich, wurde Monſoreau todtenblaß, als er den Prinzen erblickte. Das war ſeine ſchreckliche Erſcheinung. — Gunaͤdiger Herr, ſagte er, vor Aerger bebend; gnaͤdiger Herr, in dieſem armſeligen Hauſe; in Wahr⸗ heit, das iſt zu viel Ehre fuͤr das Wenige, was ich bin. Der Spott war ſichtlich, denn der Graf gab ſich kaum die Muͤhe ihn zu verbergen. Dennoch ſchien ihn der Prinz durchaus nicht zu be⸗ merken, und ſich dem Geneſenden mit einem Laͤcheln naͤ⸗ hernd, ſagte er: — 11— — Ueberall, wo ein leidender Freund ſich hinbegiebt, werde ich mich hinbegeben, um mich nach ſeinem Be⸗ finden zu erkundigen. — In Wahrheit, Prinz, Eure Hoheit hat, glaube ich, das Wort Freund ausgeſprochen. — Ich habe es ausgeſprochen, mein lieber Graf! Wie befindet Ihr Euch? — Viel beſſer, gnaͤdiger Herr; ich ſtehe auf, ich gehe hin und her, und in acht Tagen wird Alles vor⸗ uͤber ſein. Hat Euch etwa Euer Arzt die Luft der Baſtille vorgeſchrieben? fragte der Prinz mit dem unſchuldigſten Ausdrucke von der Welt. — Ja, gnaͤdiger Herr. — Befandet Ihr Euch nicht gut in der Straße des Petits⸗Peres? — Nein, gnaͤdiger Herr, ich empfing dort zu viel Beſuch, und dieſer Beſuch machte zu großen Laͤrm. Der Graf ſprach dieſe Worte mit einem Tone von Feſtigkeit aus, welcher dem Prinzen nicht entging, und dennoch ſchien der Prinz nicht darauf zu achten. — Aber, wie mir ſcheint, ſagte er, habt Ihr keinen Garten hier? — Der Garten war mir nachtheilig, gnaͤdiger Herr, antwortete Monſoreau. — Aber wo ginget Ihr ſpazieren, mein Lieber? — Gerade deshalb, gnaͤdiger Herr, ich ging nicht ſpazieren. Der Prinz biß ſich auf die Lippen, und warf ſich auf ſeinen Stuhl zuruͤck. — Ihr wißt, Graf, ſagte er nach einem Augen⸗ blicke des Schweigens, daß man ſehr Eure Stelle als Oberjaͤgermeiſter von dem Koͤnige verlangt? — Bah! Und unter welchem Vorwande, gnaͤdiger Herr? — Viele behaupten, daß Ihr todt ſeid. — O, gaaͤdiger Herr, ich bin uͤberzeugt, Ihr ant⸗ wortet, daß ich es nicht bin. 3 — Ich, ich antworte gar Nichts. Ihr begrabt Euch, mein Lieber, Ihr ſeid alſo todt. Monſoreau bis ſich nun auch auf die Lippen. — Was wollt Ihr, gnaͤdiger Herr? ſagte er. Ich werde meine Stelle verlieren. — Wahrhaftig? — Ja, es giebt zwei Sachen, die ich ihr vorziehe. — Ah, aͤußerte der Prinz, das iſt ſehr uneigennuͤtzig von Eurer Seite. — Ich bin einmal ſo, gnaͤdiger Herr. 8 — In dieſem Falle, wenn Ihr nun einmal ſo ſeid, ſo werdet Ihr es nicht unangemeſſen finden, daß der Koͤnig es erfaͤhrt. — Wer ſollte es ihm ſagen? — Hm, wenn er mich befragt, ſo muß ich ihm wohl unſere Unterredung wiederholen. — Meiner Treue, gnaͤdiger Herr, wenn man dem Koͤnige alles Dasjenige wiederholte, was in Paris ge⸗ ◻ — 13— ſprochen wird, ſo wuͤrde Seine Majeſtaͤt nicht genug an ihren beiden Ohren haben. — Was ſpricht man in Paris, mein Herr? ſagte der Prinz, indem er ſich eben ſo haſtig nach dem Grafen umwandte, als ob ihn eine Schlange geſtochen haͤtte. Monſoreau ſah, daß die Unterredung allmaͤlich eine ein wenig zu ernſte Wendung fuͤr einen Geneſen⸗ den genommen hatte, der noch nicht alle Freiheit zum handeln beſaß; er beruhigte den Zorn, der auf dem Grunde ſeiner Seele kochte, und indem er ein gleichguͤl⸗ tiges Geſicht annahm, ſagte er: — Was weiß ich, ich armer Gelaͤhmter, die Ereig⸗ niſſe ziehen voruͤber, und ich bemerke kaum den Schatten davon. Wenn der Koͤnig unwillig iſt, mich ſeinen Dienſt ſo ſchlecht beſorgen zu ſehen, ſo hat er Unrecht. — Wie das? — Ohne Zweifel, mein Unfall... — Nun! — Iſt ein wenig ſeine Schuld. — Erklaͤrt Euch. — Dann! Iſt Herr von Saint⸗Luc, der mir die⸗ ſen Degenſtich verſetzt hat, nicht einer der theuerſten Freunde des Koͤnigs? Der Koͤnig iſt es, der ihm die geheime Finte gezeigt, mit deren Huͤlfe er mir die Bruſt durchbohrt hat, und Nichts ſagt mir ſogar, ob es nicht der Koͤnig iſt, der ihn im Stillen an mich abgeſandt hat. Der Herzog von Anjou machte faſt ein beiſtimmen⸗ des Zeichen. ——— —yö — 14— — Ihr habt Recht, ſagte er, aber am Ende iſt der Koͤnig der Koͤnig. — Bis daß er es nicht mehr iſt, nicht wahr? ſagte Monſoreau. Der Herzog erbebte. — Apropos, ſagte er, Frau von Monſoreau wohnt alſo nicht hier? — Sie iſt in dieſem Augenblicke krank, gnaͤdiger Herr, ohne das wuͤrde ſie bereits gekommen ſein, Euch Eure unterthaͤnigſte Aufwartung zu machen. — Krank? Die arme Frau! — Ja, gnaͤdiger Herr. — Der Kummer, daß ſie Euch hat leiden ſehen? — Zuvoͤrderſt, und dann die Ermuͤdung dieſes Um⸗ zuges. — Hoffen wir, daß das Unwohlſein von kurzer Dauer ſein wird, mein lieber Graf. Ihr habt einen ſo ge⸗ ſchickten Arzt. Und er hob die Belagerung auf. — Es iſt die Wahrheit, ſagte Monſoreau, dieſer liebe Remy hat mich wundervoll behandelt. — Aber das iſt ja der Arzt Buſſys, den Ihr mir da nennt. — Der Graf hat ihn mir in der That gegeben, gnaͤdiger Herr. — Ihr ſeid alſo ſehr befreundet mit Buſſy? — Er iſt mein beſter, ich darf ſogar ſagen, er iſt mein einziger Freund, antwortete Monſoreau kalt. — 15— — Gott befohlen, Graf, ſagte der Prinz, indem er den damaſtenen Thuͤrvorhang aufhob. Im ſelben Augenblicke, und als er den Kopf unter die Tapete ſtreckte, glaubte er Etwas, wie den Saum eines Kleides, in das anſtoßende Zimmer verſchwinden zu ſehen, und Buſſy erſchien ploͤtzlich auf ſeinem Poſten in der Mitte des Corridors. Der Argwohn wuchs bei dem Herzoge. — Wir gehen, ſagte er zu Buſſy. Ohne zu antworten, ging Buſſy ſogleich hinab, um der Bedeckung den Befehl zu geben, ſich bereit zu hal⸗ ten, aber vielleicht auch wohl, um ſein Erroͤthen dem Prinzen zu verbergen. Auf dem Vorplatze allein geblieben, verſuchte der Herzog in dem Corridor zu dringen, wo er das ſeidene Kleid hatte verſchwinden ſehen. Aber, indem er ſich umwandte, bemerkte er, daß Monſoreau ihm gefolgt war, und bleich, an die Ein⸗ faſſung der Thuͤre gelehnt, auf der Schwelle derſelben ſtand. — Eure Hoheit irrt ſich im Wege, ſagte der Graf kalt. — Das iſt wahr, ſtammelte der Herzog, ich danke Euch. Und die Wuth im Herzen ging er die Treppe hinab. Waͤhrend des ganzen Weges, der inzwiſchen lang war, wechſelten er und Buſſy kein einziges Wort aus. Buſſy verließ den Herzog an der Thuͤre ſeines Hotes. — — 16— Als der Herzog zuruͤckgekehrt und allein in ſeinem Kabinette war, ſchlich ſich Aurilly geheimnißvoll hinein. — Nun, ſagte der Herzog, als er ihn erblickte, ich werde von dem Gatten ſchimpflich behandelt. — Und vielleicht auch von dem Geliebten, gnaͤdiger Herr, ſagte der Muſiker. — Was ſagſt Du? — Die Wahrheit, Hoheit. — Dann ſagt Alles. — Hoͤrt, gnaͤdiger Herr, ich hoffe, daß Ihr mir verzeihen werdet, denn es geſchah fuͤr den Dienſt Eurer Hoheit. — Weiter, das iſt einverſtanden, ich verzeihe Dir im Voraus. — Nun denn, ich habe unter dem Schoppen des Hofes aufgelauert, nachdem Ihr hinaufgegangen waret. — Ah, ah! Und was haſt Du geſehen? — Ich habe ein Frauenzimmerkleid erſcheinen ſehen, ich habe dieſe Frau ſich neigen ſehen, ich habe zwei Arme ſich um ihren Hals ſchlingen ſehen, und da mein Ohr geuͤbt iſt, ſo habe ich ſehr deutlich den Klang eines lan⸗ gen und zaͤrtlichen Kuſſes gehoͤrt. — Aber wer war der Mann? fragte der Herzog. Haſt Du ihn erkannt? — Ich kann die Arme nicht erkennen, ſagte Aurilly; die Handſchuhe haben kein Geſicht, gnaͤdiger Herr. — Ja, aber man kann Handſchuhe erkennen. — In der That, es hat mir geſchienen... ſagte Aurilly. — 17— — Daß Du ſie erkennteſt, nicht wahr? Alſo weiter! — Aber es iſt nur eine Vermuthung. — Gleichviel, ſag immer! — Nun denn, gnaͤdiger Herr, es hat mir geſchie⸗ nen, daß es die Handſchuh des Herrn von Buſſy waͤren. — Buͤffellederne Handſchuh mit Gold geſtickt, nicht wahr? rief der Herzog aus, vor deſſen Augen ploͤtzlich die Wolke verſchwand, welche die Wahrheit verhuͤllte. — Von Buͤffelleder, mit Gold geſtickt; ja, gnaͤdi⸗ ger Herr, ſo iſt es, wiederholte Aurilly. — Ah, Buſſy, ja, Buſſy! Es iſt Buſſy! rief der Herzog von Neuem aus. Wie blind ich war, oder viel⸗ mehr, nein, ich war nicht blind. Nur vermogte ich nicht an ſo viel Vermeſſenheit zu glauben. — Nehmt Euch in Acht, ſagte Aurilly, ich meine, daß Eure Hoheit ſehr laut ſpricht. — Buſſy, wiederholte der Herzog noch ein Mal, indem er ſich an Tauſend Umſtaͤnde erinnerte, die unbe⸗ merkt voruͤber gegangen waren, und die jetzt ſich ver⸗ groͤßernd wieder vor ſeine Augen traten. — Indeſſen, gnaͤdiger Herr, ſagte Aurilly, Ihr muͤßt nicht zu leicht glauben; koͤnnte nicht ein Mann in dem Zimmer der Frau von Monſoreau geweſen ſein? — Ja, gewiß, aber Buſſy, Buſſy, der in dem Corridor war, haͤtte dieſen Mann geſehen! — Das iſt wahr, gnaͤdiger Herr! — Und dann die Handſchuh, die Handſchuh! — Das iſt wieder wahr, und dann habe ich außer dem Geraͤuſche des Kuſſes noch gehoͤrt... Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band⸗ — Was? — Drei Worte. — Welche? — Folgende: Auf morgen Abend. — O, mein Gott! — So daß wenn wir dieſe Spaziergaͤnge, gnaͤdiger Herr, die wir ehedem machten, wieder ein Wenig be⸗ ginnen wollten, wir ſicher ſein wuͤrden. — Aurilly, morgen Abend wollen wir ſie wieder be⸗ ginnen. — Eure Hoheit weiß, daß ich zu ihren Befehlen ſtehe. — Schoͤn. Ha, Buſſy! wiederholte der Herzog zwiſchen ſeinen Zaͤhnen. Buſſy, Verraͤther an ſeinem Herrn! Buſſy, dieſes Schreckbild Aller! Buſſy, der rechtſchaffene Mann... Buſſy, der nicht will, daß ich Koͤnig von Frankreich bin!.. Und mit einer hoͤlliſchen Freude laͤchelnd, entließ der Herzog Aurilly, um nach ſeiner Bequemlichkeit zu uͤber⸗ legen. II. Die Aufpaſſer. Murilly und der Herzog von Anjou hielten ſich gegenſeitig Wort; der Herzog hielt waͤhrend des Tages Buſſy, ſo viel als er vermogte, bei ſich zuruͤck, um keinen ſeiner Schritte zu verlieren. Buſſy machte mit Vergnuͤgen waͤhrend des Tages dem Prinzen den Hof; auf dieſe Weiſe hatte er den Abend frei. Das war ſeine Methode, und er fuͤhrte ſie ſelbſt ohne geheimen Vorbehalt aus. Um zehn Uhr Abends hullte er ſich in ſeinen Man⸗ tel, und ſeine Strickleiter unter dem Arme, wanderte er nach der Baſtille. Der Herzog, welcher nicht wußte, daß Buſſy eine Strickleiter in ſeinem Vorzimmer haͤtte, der nicht glau⸗ ben konnte, daß man ſo allein durch die Straßen von Paris ginge, der Herzog, welcher dachte, daß Buſſy nach 9 — 20— einem Hotel gehen wuͤrde, um ein Pferd und einen Diener mitzunehmen, verlor zehn Minuten mit Vorbe— reitungen; waͤhrend dieſer zehn Minuten hatte Buſſy, flink und verliebt, bereits drei Viertel des Weges zuruͤck⸗ gelegt. Buſſy war gluͤcklich, wie es gewoͤhnlich die kuͤhnen Leute ſind; es ſtieß ihm nichts Unangenehmes unter Weges zu, und als er naͤher kam, ſah er Licht hinter den Fenſterſcheiben. Das war das zwiſchen ihm und Diana verabredete Signal. Er warf ſeine Strickleiter auf den Balkon; dieſe mit ſechs, in entgegengeſetzter Richtung angebrachten Wi⸗ derhaken verſehene Strickleiter hing ſich immer an Et⸗ was an. Bei dem Geraͤuſche loͤſchte Diana ihre Lampe aus und oͤffnete das Fenſter, um die Strickleiter zu be⸗ feſtigen. Die Sache war in einem Augenblicke geſchehen. Diana warf die Augen auf den Platz, ſie durch⸗ ſuchte mit den Augen alle Ecken und Winkel; der Platz ſchien oͤde. Nun gab ſie Buſſy ein Zeichen, daß er heraufſteigen koͤnne. Auf dieſes Zeichen erklomm Buſſy die Sproſſen zu zwei; es gab deren zehn, es war alſo die Sache von fuͤnf Schritten, das heißt von fuͤnf Secunden. Dieſer Moment war gluͤcklich gewaͤhlt geweſen, denn Fadeswaͤhrend Buſſy durch nſter einſtieg, ging Herr — N —-— 21— von Monſoreau, nachdem er laͤnger als zehn Minuten geduldig an der Thuͤre ſeiner Frau gehorcht hatte, auf den Arm eines vertrauten Dieners geſtuͤtzt, welcher jedes Mal, wo es ſich weder um Verband noch um oͤrtliche Mittel handelte, ihm Beiſtand leiſtete, muͤhevoll die Treppe herab. Dieſes doppelte Manoͤvre, von dem man haͤtte glau⸗ ben koͤnnen, daß es von einem gewandten Feldherrn be⸗ rechnet geweſen waͤre, fuͤhrte ſich auf dieſe Weiſe aus, daß Monſoreau die Thuͤre der Straße gerade in dem Augenblicke oͤffnete, in welchem Buſſy ſeine Strickleiter zuruͤckzog, und in welchem Diana ihr Fenſter ſchloß. Monſoreau befand ſich auf der Straße; aber, wie wir bemerkt, die Straße war oͤde und der Graf ſah Nichts. — Sollteſt Du falſch unterrichtet worden ſein? fragte Monſoreau ſeinen Diener. — Nein, gnaͤdiger Herr, antwortete dieſer; ich komme ſo eben aus dem Hotel d'Anjou, und der Ober⸗ ſtallknecht, der mein Freund iſt, hat mir beſtimmt ge⸗ ſagt, daß Seine Gnaden zwei Pferde fuͤr heute Abend beſtellt haͤtte; jetzt, gnaͤdiger Herr, war es vielleicht, um irgend wo anders hinzugehen, als hierher. — Wo willt Du, daß er hingeht? ſagte Monſoreau, mit finſterer Miene. 1 Der Graf war, wie alle Eiferſuͤchtige, welche glau⸗ ben, daß die ganze uͤbrige Menſchheit mit nichts Ande⸗ rem beſchaͤftigt ſein koͤnne, als ſie zu quaͤlen. Er blickte ein zweites Mal um ſich. — Vielleicht haͤtte ich beſſer gethan, in Dianas Zimmer zu bleiben, murmelte er. Aber vielleicht haben ſie Signale um ſich zu verſtaͤndigen; ſie haͤtte ihn von meiner Anweſenheit benachrichtigt, und ich haäͤtte Nichts erfahren. Es iſt am Ende noch beſſer, außerhalb auf⸗ zupaſſen, wie wir es verabredet haben. Komm, fuͤhre mich nach dieſem Verſtecke, von dem aus, wie Du be⸗ haupteſt, man Alles ſehen kann. — Kommt, gnaͤdiger Herr, ſagte der Diener. Halb ſich auf den Arm ſeines Dieners ſtuͤtzend, halb ſich an der Mauer haltend, ging Morſoreau weiter. — In der That, zwanzig bis fuͤnfundzwanzig Schritte weit von der Thuͤre, nach der Seite der Ba⸗ ſtille zu, befand ſich ein ungeheurer Haufen von Stei⸗ nen, die von niedergeriſſenen Haͤuſern herruͤhrten und den Kindern des Viertels zu Feſtungswerken dienten, wenn ſie die volksthuͤmlich gebliebenen Kaͤmpfe der Ar⸗ magnaken un der Burgunder vorſtellten. In Mitte dieſes Steinhaufens hatte der Diener eine Art von Schilderhaus angebracht, das leicht zwei Per⸗ ſonen faſſen und verbergen konnte. Er breitete einen Mantel uͤber dieſe Steine aus, und Monſoreau kauerte ſich darauf. Der Diener ſetzte ſich zu den Fuͤßen des Grafen. Fuͤr ein moͤgliches Ereigniß war eine vollſtaͤndig ge⸗ ladene Buͤchſe an ihre Seite geſtellt. Der Diener wollte die Lunte der Waffe in Stand ſetzen, aber Monſoreau hielt ihn zuruͤck. —- 23— — Einen Augenblick, ſagte er, es wird immer noch Zeit ſein. Es iſt koͤnigliches Wild, dem wir nachſpuͤ⸗ ren, und es ſteht die Strafe des Stranges fuͤr Jehen darauf, der Hand an daſſelbe legt. Und ſeine, gleich denen eines in der Naͤhe eines Schafſtalles im Hinterhalte liegenden Wolfes, gluͤhenden Augen richteten ſich von den Fenſtern Dianas in die Tiefe der Feaubourg, und von der Tiefe der Feauburg in die anſtoßenden Straßen, denn er wuͤnſchte zu ertap⸗ pen und fuͤrchtete ertappt zu werden. Diana hatte vorſichtiger Weiſe ihre dicken Tapeten⸗ vorhaͤnge geſchloſſen, ſo daß nur an ihrem Rande ein Lichtſttahl durchdrang, welcher anzeigte, daß Leben in dieſem gaͤnzlich finſteren Hauſe vorhanden waͤre. Monſoreau lag noch nicht ſeit zehn Minuten im Hinterhalte, als zwei Pferde an der Muͤndung der Straße Saint⸗Antoine erſchienen.. Der Diener ſprach nicht⸗ aber er ſttäckte die Hand in der Richtung der beiden Pferde aus. — Ja, ſagte Monſoreau, ich ſehe. Die beiden Reiter ſtiegen an der Ecke des Hotels des Tournelles ab, und banden ihre Pferde an die eiſer⸗ nen in der Mauer zu dieſem Zwecke angebrachten Ringe. — Gpaͤdiger Herr, ſagte Aurilly, ich glauhe, daß wir zu paͤt ankommen; er wird direct aus Eurem Hotel aufgebrochen ſein; er hatte zehn Minuten voraus, und er iſt eingetreten. — Es ſei, ſagte der Prinz, aber wenn wir ihn nicht — 24— haben eintreten ſehen, ſo werden wir ihn herauskommen ſehen. — Ja, aber wann? ſagte Aurilly. — Wann wir wollen, ſagte der Prinz. — Waͤre es zu viel Neugierde von mir, Euch zu fragen, gnaͤdiger Herr, wie Ihr das zu bewerkſtelligen gedenkt? — Nichts iſt leichter. Wir haben nur an die Thuͤre zu klopfen, Einer von uns, das heißt Du, zum Bei⸗ ſpiele, unter dem Vorwande, daß Du Dich nach dem Befinden des Herrn von Monſoreau zu erkundigen kommſt. Jeder Verliebte erſchrickt bei Laͤrm. Dann trittſt Du in das Haus, er vetlaͤßt es durch das Fenſter, und ich, der ich draußen geblieben waͤre, ich wuͤrde ihn das Neſt raͤumen ſehen. — Und der Monſoreau? — Was der Teufel willſt Du, das er ſagt? Er iſt mein Freund, ich vin beſorgt, ich laſſe mich nach ſeinem Befinden erkundigen, weil ich ihn am Tage uͤbel aus⸗ ſehend gefunden habe; es giebt nichts Natuͤrlicheres. — Das iſt hoͤchſt ſinnreich, gnaͤdiger Herr, ſagte Aurilly. — Hoͤrſt Du, was ſie ſagen? fragte Monſoreau ſei⸗ nen Diener. — Nein, gnaͤdiger Herr, aber wenn ſie zu ſprechen fortfahren, ſo kann es uns nicht fehlen ſie zu hoͤren, da ſie nach dieſer Seite kommen. — Gnaͤdiger Herr, ſagte Aurilly, da iſt ein Haufen — 25— Steine, der ausdruͤcklich herbeigeſchafft zu ſein ſcheint, um Eure Hoheit zu verbergen. — Ja, aber warte, vielleicht iſt es moͤglich, durck die Spalten der Vorhaͤnge zu ſehen. In der That, Diana hatte, wie wir bemerkt, di. Lampe wieder angezuͤndet oder genaͤhert, und ein leich ter Schimmer drang von Innen nach Außen. Der Herzog und Aurilly ſtreiften waͤhrend laͤnger als zehn Minuten hin und her, um einen Punkt zu ſu⸗ chen, von wo aus ihre Blicke in das Innere des Zim⸗ mers dringen koͤnnten. Waͤhrend dieſer verſchiedenen Bewegungen kochte Monſoreau vor Ungeduld, und ließ oft ſeine Hand auf dem Laufe der Buͤchſe ruhen, die minder kalt war, als dieſe Hand. — O, ſoll ich das dulden? murmelte er. Soll ich auch dieſen Schimpf noch verſchlucken? Nein, nein; um ſo ſchlimmer, meine Geduld iſt zu Ende. Gottes Tod, weder ſchlafen, noch wachen, nicht einmal ruhig leiden zu koͤnnen, weil eine ſchimpfliche Laune ſich in den muͤßigen Kopf dieſes elenden Prinzen eingeniſtet hat. Nein, ich bin kein gefaͤlliger Diener; ich bin der Graf von Monſoreau, und er ſoll nur nach dieſer Seite kom⸗ men, und ich jage ihm bei meiner Ehre eine Kugel durch den Kopf. Zuͤnde die Lunte an, René, zuͤnde ſte an... Gerade in dieſem Augenblicke war der Prinz, wel⸗ cher ſah, daß es ſeinen Blicken unmoͤglich waͤre, durch das Hinderniß zudringen, auf ſeinen Plan zuruͤckgekom⸗ men, und er ſtand im Begriffe, ſich in dem Schutthau⸗ fen zu verbergen, waͤhrend Aurilly an die Thuͤre klopfen ſollte, als Aurilly ploͤtzlich, den Standesunterſchied ver⸗ geſſend, der zwiſchen ihm und dem Prinzen beſtand, hoftig ſeine Hand auf den Arm des Herzogs von Anjou legte. — Nun, Herr, ſagte der Prinz erſtaunt, was giebt es? — Kommt, gnaͤdiger Herr, kommt, ſagte Aurilly. — Aber warum das? — Seht Ihr Nichts zur Linken funkeln? Kommt, gnaͤdiger Herr, kommt! — In der That, ich ſehe Etwas wie einen Funken in Mitte dieſer Steine. — Das iſt die Lunte einer Flinte oder einer Buͤchſe, gnaͤdiger Herr. — Ah, ah, aͤußerte der Herzog, und wer der Teufel kann da im Hinterhalte liegen? — Irgend ein Freund oder irgend ein Diener Buſſys; laßt uns uns entfernen, laßt uns einen Umweg machen und ven einer anderen Seite zuruͤckkehren; der Diener wird Laͤrm machen, und wir werden Buſſy aus dem Fenſter ſteigen ſehen. — In der That, Du haſt Recht, ſagte der Herzog, komm. Alle Beide gingen uͤber die Straße, um den Platz wieder zu erreichen, wo ſie ihre Pferde angebunden hatten. 3 — Sie machen ſich davon, ſagte der Diener. — 27— — Ja, ſagte Monſoreau. Haſt Du ſie erkannt? — Ei, es ſcheint mir, daß es der Prinz und Au⸗ rilly iſt. — Ganz Recht, aber ſogleich werde ich daruͤber noch ſicherer ſein. — Was will der gnaͤdige Herr thun? — Komm! Waͤhrend dieſer Zeit wandte ſich der Herzog und Aurilly durch die Straße Saint-Katharine mit der Ab⸗ ſicht, laͤngs der Gaͤrten hinzugehen und uͤber den Wall der Baſtille zuruͤckzukehren. Monſoreau kehrte in ſein Haus zuruͤck, und befahl, ſeine Kutſche anzuſpannen. Was der Herzog vorausgeſehn hatte, geſchah; bei dem Laͤrm, welchen Monſoreau machte, erſchrak Buſſy: das Licht erloſch von Neuem, das Fenſter oͤffnete ſich wieder, die Strickleiter wurde befeſtigt, und Buſſy war zu ſeinem großen Bedauern genoͤthigt, wie Romeo zu fliehen, aber ohne daß er wie Romeo, die erſten Strah⸗ len des Tages haͤtte aufgehen ſehen und die Lerchen haͤtte ſingen hoͤren. In dem Augenblicke, wo er den Fuß auf den Bo⸗ den ſetzte und wo Diana ihm die Strickleiter zuwarf, kamen der Herzog und Aurilly an der Ecke der Baſtille hervor, ſie ſahen, gerade unter dem Fenſter der ſchoͤnen Diana, einen zwiſchen Himmel und Erde ſchwebenden Schatten; aber dieſer Schatten verſchwand faſt ſogleich an der Ecke der Straße Saint⸗Paul. — 28— — Gäaͤdiger Herr,— ſagte der Diener,— wir werden das ganze Haus erwecken. — Was liegt daran?— antwortete Monſoreau ra⸗ ſend.— Ich meine, daß ich hier Herr im Hauſe bin, und daß ich wohl das Recht habe, in meinem Hauſe das zu thun, was der Herzog von Anjou in ihm thun wollte. Die Kutſche war bereit; Monſoreau ließ zwei ſeiner Leute holen, welche in der Straße des Tournelles wohn⸗ ten, und als dieſe Leute, welche gewohnt waren, ihn ſeit ſeiner Wunde zu begleiten, angelangt und an den beiden Schlaͤgen Platz genommen hatten, brach die Ma⸗ ſchine im Trabe zweier kraͤftiger Pferde auf, und war in weniger als einer Viertelſtunde vor dem Thore des Hotels d'Anjou. Der Herzog und Aurilly waren ſeit ſo kurzer Zeit zuruͤckgekehrt, daß ihre Pferde noch nicht abgezaͤumt waren. Monſoreau, der freien Zutritt bei dem Prinzen hatte, erſchien gerade in dem Augenblicke auf der Schwelle, wo dieſer, nachdem er ſeinen Hut auf einen Seſſel ge⸗ worfen, ſeine Stiefel einem Kammerdiener hinſtreckte. Dennoch meldete ein Diener, der ihm um einige Schritte vorausgegangen war, den Herrn Oberjaͤger⸗ meiſter. Der die Fenſterſcheiben von dem Zimmer des Prin⸗ zen zerſchmetternde Blitz haͤtte dieſen nicht mehr in Er⸗ ſtaunen verſetzt, als die Meldung, welche ſich hoͤren ließ. — 29— — Herr von Monſoreau! rief er mit einer Beſorg⸗ niß aus, welche zu gleicher Zeit ſowohl in ſeiner Blaͤſſe als in der Aufregung ſeiner Stimme ſich bemerklich machte. — Ja, gnaͤdiger Herr, ich ſelbſt, ſagte der Graf, indem er das in ſeinen Adern kochende Blut unter⸗ druͤckte oder vielmehr zu unterdruͤcken verſuchte. Die Gewalt, welche er anwandte, ſich zu beherr⸗ ſchen, war ſo heftig, daß Herr von Monſoreau fuͤhlte, wie ſeine Beine ihm den Dienſt verſagten, und auf ei⸗ nen an dem Eingange ſtehenden Seſſel ſank. — Aber Ihr werdet Euch toͤdten, mein lieber Freund, ſagte der Herzog, und gerade in dieſem Au— genblicke ſeid Ihr ſo bleich, daß Ihr einer Ohnmacht nahe zu ſein ſcheint. — O, nicht doch, gnaͤdiger Herr. Ich habe fuͤr den Augenblick Eurer Hoheit zu wichtige Sachen anzu⸗ vertrauen. Vielleicht werde ich nachher ohnmaͤchtig wer⸗ den, das iſt moͤglich. — Sagt an, ſprecht, mein lieber Graf, ſagte Frans ganz beſtuͤrzt. — Aber nicht in Gegenwart Eurer Leute, wie ich meine, ſagte Monſoreau. Der Herzog verabſchiedete Alle, ſelbſt Aurilly. Die beiden Maͤnner befanden ſich allein — Eure Hoheit kommt eben nach Haus? ſagts Mon⸗ ſoreau. — Wie Ihr ſeht, Graf. — 30— — Es iſt ſehr unvorſichtig von Eurer Hoheit, ſo Nachts durch die Straßen zu gehen. — Wer ſagt Euch, daß ich in den Straßen gewe⸗ ſen bin? — Dann! Dieſer Staub, der Eure Kleider bedeckt, gnaͤdiger Herr... — Herr von Monſoreau, ſagte der Prinz in einem Tone, uͤber den man ſich nicht taͤuſchen konnte, treibt Ihr denn noch ein anderes Gewerbe, als das des Ober⸗ jaͤgermeiſters? — Das Gewerbe des Spions? Ja, gnaͤdiger Herr. Jedermann beſchaͤftigt ſich heut zu Tage damit etwas mehr, oder etwas weniger, und ich, wie die Anderen. — Und was traͤgt Euch dieſes Gewerbe ein, mein Herr? — Zu wiſſen, was vorgeht. — Das iſt merkwuͤrdig, ſagte der Prinz, indem er ſich ſeiner Schelle naͤherte, um im Stande zu ſein, zu rufen. — Sehr merkwuͤrdig, ſagte Monſoreau. — Dann erzaͤhlt mir, was Ihr mir zu ſagen habt. — Ich bin desha b gekommen. — Ihr erlaubt, daß ich mich ſetze? — Keinen Spott, gnädiger Herr, gegen einen ge⸗ horſamen und getreuen Diener, wie ich bin, der zu die⸗ ſer Stunde, und in dem Zuſtande, in welchem er ſich befindet, nur kommt, um Euch einen ausgezeichneten Dienſt zu erweiſen. Wenn ich mich geſetzt habe, gnaͤdi⸗ .. — 31— ger Herr, ſo geſchah es bei meiner Ehre, weil ich nicht ſtehen bleiben konnte. — Ein Dienſt, erwiderte der Herzog, ein Dienſt? — Ja. — So ſprecht denn! — Gunaͤdiger Herr, ich komme im Namen eines maͤchtigen Fuͤrſten zu Eurer Hoheit. — Im Namen des Koͤnigs? — Nein, im Namen Seiner Gnaden, des Her⸗ zogs von Guiſe. 8* — Ah, ſagte der Prinz, im Namen des Herzogs von Guiſe, das iſt etwas Anderes! Kommt naͤher und ſprecht leiſe. 0 III. Gie der Herzog von Anjou unterzeichnete, und wie er ſprach, nachdem er unterzeichnet hatte. Es entſtand ein Augenblick des Schweigens zwi⸗ ſchen dem Herzoge von Anjou und Monſoreau. Dann, zuerſt dieſes Schweigen brechend, fragte der Herzog: — Nun, Herr Graf, was habt Ihr mir im Na⸗ men der Herrn von Guiſe zu ſagen? — Gar Vieles, gnaͤdiger Herr. — Sie haben Euch alſo geſchrieben? — O, nicht doch; ſeit dem ſeltſamen Verſchwinden Meiſter Nicolas Davids ſchreiben die Herren von Guiſe nicht mehr. — Dann ſeid Ihr alſo bei dem Heere geweſen? — Nein, gnaͤdiger Herr, ſie ſind nach Paris ge⸗ kommen. — Die Herren von Guiſe ſind in Paris! rief der Herzog aus. — 33— — Ja, gnaͤdiger Herr. — Und ich habe ſie nicht geſehen! — Sie ſind zu vorſichtig, um ſich auszuſetzen, und um zu gleicher Zeit Eure Hoheit zu gefaͤhrden. — Und ich bin nicht benachrichtigt? — Doch, gnaͤdiger Herr, da ich Euch benachrichtige. — Aber weshalb kommen ſie? — Ei, ſie kommen zu der Zuſammenkunft, gnaͤdi⸗ ger Herr, welche Ihr ihnen beſtimmt habt. — Ich! Ich haͤtte ihnen eine Zuſammenkunft be⸗ ſtimmt? — Ohne Zweifel, an demſelben Tage, wo Eure Hoheit verhaftet worden iſt, hattet Ihr ein Schreiben der Herren von Guiſe erhalten, und ihnen muͤndlich, durch mich ſelbſt, antworten laſſen, daß ſie ſich nur vom 31. Mai bis zum 2. Juni in Paris einzufinden haͤtten. Wir haben den 31. Maiz wenn Ihr die Herren von Guiſe vergeſſen habt, ſo haben die Herren von Guiſe, wie Ihr ſeht, Euch nicht vergeſſen, gnaͤdiger Herr. Franz erbleichte. Es hatten ſich ſeit jenem Tage ſo viele Ereigniſſe zugetragen, daß er dieſe Zuſammenkunft, ſo wichtig ſie auch ſein mogte, vergeſſen hatte. — Es iſt wahr, ſagte er; aber die Verhaͤltniſſe, welche zu jener Zeit zwiſchen mir und den Herrn von Guiſe beſtanden, beſtehen nicht mehr. — Wenn dem ſo iſt, gnaͤdiger Herr, ſagte der Graf, ſo werdet Ihr wohl thun, ſie davon zu benach⸗ Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band. 3 — 34— richtigen, denn ich glaube, daß ſie die Sachen ganz an⸗ ders beurtheilen. — Wie das? — Ja, vielleicht haltet Ihr Euch gegen ſie fuͤr ent⸗ bunden, gnaͤdiger Herr; aber ſie halten ſich fortwaͤh⸗ rend gegen Euch fuͤr verbunden. — Eine Falle, mein lieber Graf, eine Lockſpeiſe, durch welche ſich ein Mann, wie ich, nicht zwei Male fangen laͤßt. — Und wo iſt Eure Gnaden ein Mal gefangen worden? — Wie! Wo ich gefangen worden bin? Im Louvre, bei Gott! — Iſt das die Schuld der Herren von Guiſe? — Ich ſage das nicht, murmelte der Herzog, ich ſage das nicht; nur ſage ich, daß ſie in Nichts zu mei⸗ ner Flucht beigetragen haben. — Das waͤre ſchwierig geweſen, da ſie ſelbſt auf der Flucht waren. — Das iſt wahr, murmelte der Herzog. — Aber bin ich nicht, ſobald Ihr in Anjou waret, von ihnen beauftragt geweſen Euch zu ſagen, daß Ihr immer noch auf ſie rechnen koͤnntet, wie ſie auf Euch rechnen wuͤrden, und daß an dem Tage, wo Ihr ge⸗ gen Paris ruͤcktet, ſie auch ihrer Seits aufbrechen wuͤrden? 1 — Das iſt wieder wahr, ſagte der Herzog; aber ich bin nicht gegen Paris geruͤckt. — Doch, gnaͤdiger Herr, da Ihr hier ſeid. — Ja; aber ich bin als der Verbuͤndete meines Bruders in Paris. — Wollen der gnaͤdige Herr mir erlauben, ihm be⸗ merklich zu machen, daß er mehr als der Verbuͤndete der Guiſen iſt. — Was bin ich denn? — Der gnaͤdige Herr iſt ihr Mitſchuldiger. Der Herzog von Anjou biß ſich auf die Lippen. — Und Ihr ſagt, daß ſie Euch beauftragt haben, mir ihre Ankunft zu melden? — Ja, Eure Hoheit, ſie haben mir dieſe Ehre er⸗ wieſen. — Aber ſie haben Euch die Beweggruͤnde ihrer Ruͤckkehr nicht mitgetheilt? — Sie haben mir Alles mitgetheilt, gnaͤdiger Herr, da ſie mich als den Vertrauten Eurer Hoheit kannten, Beweggruͤnde und Plaͤne. — Sie haben alſo Plaͤne? Welche? — Immer noch dieſelben. — Und ſie halten ſie fuͤr ausfuͤhrbar? — Sie halten ſie fuͤr zuverlaͤſſig. — Und dieſe Plaͤne haben immer zum Zwecke... Der Herzog unterbrach ſich, indem er die Worte nicht auszuſprechen wagte, die natuͤrlicher Weiſe denen folgen mußten, die er ſo eben geſagt. Monſoreau vollendete den Gedanken des Herzogs. — Zum Zwecke, Euch zum Koͤnig von Frankreich zu machen, ja, gnaͤdiger Herr. Der Herzog fuͤhlte ſich vor Freude erroͤthen. 3* — 36— — Aber, fragte er, iſt der Moment gunſtig? — Eure Weisheit wird daruͤber entſcheiden. — Meine Weisheit? — Ja, hier ſind die Thatſachen, ſichtliche, unbe⸗ ſtreitbare Thatſachen. — Laßt hoͤren. — Die Ernennung des Koͤnigs als Oberhaupt der Ligue iſt nur ein ſchnell gewuͤrdigtes, und eben ſo bald geaͤchtetes, als gewuͤrdigtes Poſſenſpiel geweſen. Nun aber tritt jetzt die Ruͤckwirkung ein, und der ganze Staat erhebt ſich gegen die Tyrannei des Koͤnigs und ſeiner Geſchoͤpfe. Die Predigten ſind Aufrufe zu den Waffen, die Kirchen die Orte, wo man den Koͤnig verwuͤnſcht, anſtatt fuͤr ihn zu beten. Das Heer bebt vor Ungeduld, die Buͤrger ſchließen ſich an, unſere Ab⸗ geordneten uͤberbringen nur neue Unterſchriften und Bei⸗ tritte zur Ligue; kurz, die Regierung Valois nahet ih⸗ rem Ziele. Bei ſo bewandten Umſtaͤnden muͤſſen die Herren von Guiſe einen ernſtlichen Bewerber um den Thron waͤhlen, und ihre Wahl iſt natuͤrlicher Weiſe auf Euch gefallen. Jetzt, verzichtet Ihr auf Eure ehe⸗ maligen Anſichten? Der Herzog antwortete nicht. — Nun, fragte Monſoreau, was meint Eure Gnaden? — Hm, antwortete der Prinz, ich meine... — Eure Gnaden weiß, daß Sie Sich unvethohlen ge⸗ gen mich erklaͤren kann. — Ich meine. ſagte der Herzog, daß mein Bruder ρ⏑̈—2 x8$ 8 83 ☛ 2 u— — 37— keine Kinder hat; daß nach ihm der Thron mir zufaͤllt; daß er eine ſchwankende Geſundheit hat. Warum ſollte ich demnach mit allen dieſen Leuten Aufruhr ſtiften, warum ſollte ich meinen Namen, meine Wuͤrde, meine Liebe in einem nutzloſen Wetteifer auf das Spiel ſetzen, warum endlich ſollte ich verſuchen, Dasjenige mit Ge⸗ fahr zu nehmen, was mir ohne Gefahr zufallen wird? — Darin liegt gerade der Irrthum Eurer Hoheit, ſagte Monſoreau: der Thron Eures Bruders wird Euch nur dann zufallen, wenn Ihr ihn nehmt. Die Herren von Guiſe koͤnnen nicht ſelbſt Koͤnige werden, aber ſie werden nur einen Koͤnig nach ihrer Weiſe herrſchen laſ⸗ ſen; ſie hatten darauf gerechnet, daß Eure Hoheit die⸗ ſer Koͤnig werden wuͤrde, den ſie an die Stelle des regierenden Koͤnigs ſetzen muͤſſen; aber ich ſage Euch im Voraus, daß ſie auf die Weigerung Eurer Hoheit einen Anderen ſuchen werden. — Und wen denn, rief der Herzog von Anjou aus, indem er die Stirn runzelte, wer wuͤrde es denn wa⸗ gen, ſich auf den Thron Karls des Großen zu ſetzen? — Ein Bourbon, ſtatt eines Valois, das iſt Alles, gnaͤdiger Herr, ein Sohn des heiligen Ludwig ſtatt ei⸗ nes Sohnes des heiligen Ludwig. — Der Koͤnig von Navarra? rief Franz aus. — Warum nicht? Er iſt jung, er iſt tapfer, er hat freilich keine Kinder; aber man iſt ſicher, daß er welche erhalten kann. — Er iſt Hugenot. — 38— — Er! Hat er ſich nicht in der Sanct⸗Bartholo⸗ maͤusnacht bekehrt? — Ja, aber er hat ſeitdem wieder abgeſchworen. — Ei, gnaͤdiger Herr, was er zur Erhaltung des Lebens gethan hat, wird er fuͤr den Thron thun. — Sie glauben alſo, daß ich meine Rechte abtre⸗ ten wuͤrde, ohne ſie zu vertheidigen? — Ich glaube, daß der Fall vorausgeſehen iſt. — Ich werde ſie auf das Aeußerſte bekaͤmpfen. — Puh! Es ſind kriegsgeuͤbte Maͤnner. — Ich werde mich an die Spitze der Ligue ſtellen. — Sie ſind die Seele derſelben. — Ich werde mich meinem Bruder anſchließen. — Euer Bruder wird todt ſein. — Ich werde die Koͤnige Europas zu Huͤlfe rufen. — Die Koͤnige Europas fuͤhren gern Krieg gegen die Koͤnige, aber ſie werden ſich reiflich beſinnen, bevor ſie Krieg gegen ein Volk fuͤhren.. — Wie, gegen ein Volk? 2 — Gewiß, die Herren von Guiſe ſind zu Allem entſchloſſen, ſelbſt Staͤnde einzuſetzen, ſelbſt eine Repu⸗ blik zu bilden. Franz faltete in einer unausſprechlichen Angſt die Haͤnde. Monſoreau war entſetzlich mit ſeinen Antwor⸗ ten, die ſo gut trafen. — Eine Republik? murmelte er. — O, mein Gott! Ja, wie in der Schweiz, wie in Genua, wie in Venedig. — 39— — Aber meine Partei wird nicht dulden, daß man ſo aus Frankreich eine Republik macht. — Eure Partei? ſagte Monſoreau. Ei, gnaͤdiger Herr, Ihr ſeid ſo uneigennuͤtzig, ſo großmuͤthig ge⸗ weſen, daß, auf mein Wort, Eure Partei eben nur noch aus Herrn von Buſſy und mir beſteht. Der Herzog konnte ein finſteres Laͤcheln nichtz unter⸗ druͤcken. — Dann bin ich alſo gebunden, ſagte er. — Ei ſo ungefaͤhr, gnaͤdiger Herr. — Was hat man dann noͤthig, ſich an mich zu wen⸗ den, wenn ich, wie Ihr ſagt, ohne alle Gewalt bin? — Das heißt, gnaͤdiger Herr, daß Ihr Nichts ohne die Herren von Guiſe vermoͤgt, aber daß Ihr Alles mit ihnen vermoͤgt. — Ich vermag Alles mit ihnen? — Ja, ſogt ein Wort, und Ihr ſeid Koͤnig. Der Herzog ſtand ſehr aufgeregt auf, ging in dem Zimmer herum, indem er Alles zerknitterte, was ihm in die Haͤnde fiel, Vorhaͤnge, Tapeten, Tiſchteppiche; dann endlich blieb er vor Monſoreau ſtehen. — Du haſt die Wahrheit geſagt, Graf, wenn Du ſagteſt, daß ich nur noch zwei Freunde haͤtte, Dich und Buſſy. uUnnd er ſprach dieſe Worte mit einem wohlwollen⸗ den Laͤcheln aus, das er Zeit gehabt hatte, an die Stelle ſeiner bleichen Wuth treten zu laſſen. — Demnach alſo, ſagte Monſoreau mit vor Freude leuchtendem Auge. 1 —-— 40— — Demnach alſo, treuer Diener, begann der Her⸗ zog wieder, ſprich, ich hoͤre Dich an. — Ihr befehlt, gnaͤdiger Herr? — Ja! — Wohlan! Gnaͤdiger Herr, der Plan iſt mit we⸗ nigen Worten folgender: Der Herzog erbleichte, aber er beherrſchte ſich um zu hoͤren. Der Graf begann wieder: — In acht Tagen iſt das Fronleichnamsfeſt, nicht wahr, gnaͤdiger Herr? — Ja. — Der Koͤnig hat fuͤr dieſen heiligen Tag ſeit lan⸗ ger Zeit eine große Proceſſion nach den Hauptkloͤſtern von Paris vor. — Es iſt ſeine Gewohnheit, alle Jahre eine ſolche Proceſſion zu derſelben Zeit vorzunehmen. — Dann, wie Eure Hoheit ſich erinnern wird, iſt der Koͤnig ohne Wachen, oder zum Mindeſten bleiben die Wachen vor der Thuͤre. Der Koͤnig verweilt vor jedem Ruhealtar, knieet vor ihm nieder und betet fuͤnf Vaterunſer und fuͤnf Ave's; das Ganze von ſieben Bußpſalmen begleitet. — Ich weiß das Alles. — Er wird nach der Abtei Sanct⸗Genofeva wie nach den anderen gehen. — Ohne Widerrede. — Nu, da ſich ein Unfall vor dem Kloſter zuge⸗ tragen haben wird.. — 11— — Ein Unfall? — Ja, ein Abzugskanal wird waͤhrend der Nacht eingefallen ſein. — Nun? — So wird der Ruhealtar nicht unter der Vorhalle ſein koͤnnen, ſondern er wird in dem Hofe ſelbſt ſein. — Ich hoͤre. — Wartet doch: der Koͤnig wird eintreten, vier bis fuͤnf Perſonen werden mit ihm eintreten; aber hinter dem Koͤnige und dieſen vier bis fuͤnf Perſonen wird man die Thuͤren verſchließen. — Und dann? — Dann, begann Monſoreau wieder, kennt Eure Hoheit die Moͤnche, welche Seiner Majeſtaͤt die Ehre der Abtei erzeigen werden. — Es werden dieſelben ſein... — Welche anweſend waren, als man Eure Hoheit geſalbt hat, ganz recht. — Sie werden wagen, die Haͤnde an den Geſalb⸗ ten des Herrn zu legen! — O, um ihm eine Platte zu ſcheeren, das iſt Al⸗ les; Ihr kennt den Vers: De trois couronnes, la première Tu perdis, ingrat et fuyard; La seconde court grand hasard, Des ciseaux feront la dernière. (Von drei Kronen verlorſt Du die erſte, undankbar und fluͤchtig; die zweite laͤuft große Gefahr, die Scheere wird die letzte machen.) — Man wird das zu thun wagen, rief der Herzog mit vor Begierde funkelnden Augen aus, man wird einen Koͤnig an dem Kopfe antaſten? — O! Er wird dann nicht mehr Koͤnig ſein. — Wie das? — Habt Ihr nicht von einem Genovefabruder ſpre⸗ chen hoͤren, einem heiligen Manne, der Reden haͤlt, bis daß er Wunder thut? — Von dem Bruder Gorenflot? — Ganz recht. — Derſelbe, welcher die Ligue mit der Buͤchſe auf der Schulter predigen wollte? — Derſelbe. — Nun denn? — Man wird den Koͤnig in ſeine Zelle fuͤhren; ſo⸗ bald er ein Mal dort iſt, uͤbernimmt es der Moͤnch, ihn ſeine Abdankung unterzeichnen zu laſſen; dann, wenn er abgedankt hat, wird Frau von Montpenſier mit der Scheere in der Hand eintreten. Die Scheere iſt gekauft, Frau von Montpenſter traͤgt ſie an ihrem Guͤrtel haͤngend. Es iſt eine allerliebſte Scheere, von maſſivem Golde und wundervoll ciſelirt. Ehre, dem Ehre gebuͤhrt. Franz blieb ſtumm; ſein falſches Auge hatte ſich er⸗ weitert wie das der Katze, welche im Dunkeln auf ihre Beute lauert. — Ihr begreift das Uebrige, gnaͤdiger Herr, fuhr der Graf fort. Man meldet dem Volke, daß der Koͤ⸗ nig voll frommer Reue uͤber ſeine Fehltritte den Wunſch —jy— ausgeſprochen hat, das Kloſter nicht mehr zu verlaſſen; wenn Einige daran zweifeln, daß der Beruf wahr ſei, ſo hat der Herzog von Guiſe das Heer, der Herr Kar⸗ dinal die Kirche und Herr von Mayenne die Buͤrger⸗ ſchaft fuͤr ſich, und mit dieſen drei Gewalten da kann man dem Volke ſo ziemlich Alles glauben machen, was man will. — Aber man wird mich der Gewaltthaͤtigkeit be⸗ ſchuldigen, ſagte der Herzog nach einem Augenblicke. — Ihr ſeid nicht gehalten, Euch dort zu befinden. — Man wird mich als einen Uſurpator anſehen. — Eure Gnaden vergißt die Abdankung. — Der Koͤnig wird ſie verweigern. — Es ſcheint, daß Bruder Gorenflot nicht allein ein ſehr faͤhiger, ſondern auch noch ein ſehr ſtarker Mann iſt. — Der Plan iſt alſo beſchloſſen? — Gaͤnzlich. — Und man fuͤrchtet nicht, daß ich ihn angebe? — Nein, gnaͤdiger Herr, denn es liegt noch ein an⸗ derer, nicht minder ſicher beſchloſſener gegen Euch fuͤr den Fall vor, daß Ihr verrathen wuͤrdet. — Ah, ah! ſagte Franz. — Ja, gnaͤdiger Herr, und dieſen da kenne ich nicht; man weiß, daß ich zu ſehr Euer Freund bin, um ihn mir anvertraut zu haben. Ich weiß, daß er beſteht, weiter Nichts. — Dann fuͤge ich mich, Graf, was muß ich thun? — Eure Zuſtimmung geben. —-— 2— — Nun denn, ich gebe meine Zuſtimmung. — Ja, aber Eure muͤndliche Zuſtimmung genuͤgt nicht. — Auf welche Weiſe muß ich denn noch meine Zu⸗ ſtimmung geben? — Schriftlich⸗— — Es iſt eine Thorheit anzunehmen, daß ich darein willigen wuͤrde. — Und warum? — Wenn die Verſchwoͤrung ſcheitert.. — Gerade fuͤr den Fall, daß ſie ſcheitern ſollte, verlangt man die Unterſchrift Eurer Gnaden. — Man will ſich alſo einen Wall aus meinem Na⸗ men machen? — Nichts Anderes. — Dann ſchlage ich es aus, und Tauſend Male. — Ihr koͤnnt es nicht mehr. — Ich kann nicht mehr ausſchlagen? — Nein. — Seid Ihr naͤrriſch? — Ausſchlagen iſt eben ſo Viel, als verrathen. — In was? 3 — Darin, daß mir Nichts lieber waͤre, als zu ſchweigen, und Eure Hoheit mir befohlen hat zu ſprechen. — Wohlan, es ſei; moͤgen dieſe Herren es neh— men, wie ſie wollen, ich werde zum Mindeſten meine Gefahr gewaͤhlt haben! — Nehmt Euch in Acht falſch zu waͤhlen, gaaͤdiger Herr. — 45— — Ich werde Gefahr laufen... ſagte Franz ein wenig erſchuͤttert, aber indem er Nichts deſto weniger ſeine Feſtigkeit zu bewahren verſuchte. — In Eurem Intereſſe, gnaͤdiger Herr, rathe ich es Euch nicht, ſagte der Graf. — Aber ich compromittire mich, indem ich unter⸗ zeichne. — Indem Ihr Euch weigert zu unterzeichnen, thut Ihr noch weit Schlimmeres, Ihr ermordet Euch! Franz ſchauderte. — Man wuͤrde wagen? ſagte er. — Man wird Alles wagen, gnaͤdiger Herr! Die Verſchwoͤrer ſind zu weit gegangen; ſie muͤſſen ihren Zweck erreichen, um welchen Preis es auch ſei. Der Herzog verfiel in eine leicht zu begreifende Un⸗ entſchloſſenheit. — Ich werde unterzeichnen, ſagte er. — Wann das? — Morgen. — Nein, gnaͤdiger Herr, wenn Ihr unterzeichnet, ſo muͤßt Ihr auf der Stelle unterzeichnen. — Aber da muͤſſen die Herren von Guiſe erſt die Verpflichtung aufſetzen, welche ich gegen ſie uͤbernehme. — Sie iſt ganz entworfen, gnaͤdiger Herr, und ich uͤberbringe ſie. Monſoreau zog ein Papier aus ſeiner Taſche: es war eine vollſtaͤndige Beitrittsurkunde zu dem Plane, welchen wir kennen. Der Herzog las ihn von Anfang bis zu Ende, — 46— und in dem Maaße, als er las, konnte der Graf ihn erbleichen ſehen; als er geendigt hatte, verſagten ihm die Kniee den Dienſt, und er ſetzte ſich, oder ſank viel⸗ mehr auf einen Seſſel vor dem Tiſche. — Nehmt, gnaͤdiger Herr, ſagte Monſoreau, indem er ihm eine Feder uͤberreichte. — Ich muß alſo unterzeichnen? fragte Franz, indem er ſeine Hand auf ſeine Stirn legte, denn der Kopf ſchwindelte ihm. — Es muß ſein, wenn Ihr es wollt, Niemand zwingt Euch dazu. — Aber doch, man zwingt mich, da Ihr mit einem Morde drohet. — Ich drohe Euch nicht, gnaͤdiger Herr, Gott be⸗ wahre mich davor; ich warne Euch, das iſt ſehr ver⸗ ſchieden. 1 — Gebt, ſagte der Herzog. Und, als ob er ſich Gewalt anthaͤte, nahm er die Feder, oder entriß ſie vielmehr den Haͤnden des Grafen, und unterzeichnete. Monſoreau folgte ihm mit vor Haß und Hoffnung gluͤhenden Augen; als er ihn die Feder auf das Papier ſetzen ſah, war er genoͤthigt, ſich auf den Tiſch zu ſtuͤz⸗ zen; ſeine Augenſterne ſchienen ſich in dem Maße zu er⸗ weitern, als die Hand des Herzoges die Buchſtaben ſchrieb, welche ſeinen Namen bildeten. — Ah, ſagte er, als der Herzog geendigt hatte. Und das Papier mit einer nicht minder heftigen Bewegung ergreifend, als der Herzog die Feder ergriffen A — 47— hatte, ſchlug er es zuſammen, ſteckte es zwiſchen ſein Hemd und den Stoff von gewirkter Seide, der zu jener Zeit die Stelle der Weſte verſah, knoͤpfte ſein Wamms zu, und ſchlug ſeinen Mantel daruͤber. Der Herzog ſah ſeinem Thun mit Erſtaunen zu, in⸗ dem er Nichts von dem Ausdrucke dieſes bleichen Ge⸗ ſichts verſtand, uͤber welches eine grimmige Freude gleich einem Blitze zog. — Und jetzt, gnaͤdiger Herr, ſagte Monſoreau, ſeid vorſichtig. — Wie das? fragte der Herzog. — Ja, haltet Euch nicht mit Aurilly Abends auf den Straßen auf, wie Ihr es noch vor einem Augen⸗ blicke gethan habt. — Was will das ſagen? — Das will ſagen, gnaͤdiger Herr, daß Ihr heute Abend eine Frau mit Eurer Liebe verfolgt habt, die ihr Gatte anbetet, und auf die er in dem Grade eiferſuͤchtig iſt, um... meiner Treue, ja, um jeden, wer es auch ſein moͤgte, umzubringen, der ſich ihr ohne ſeine Erlaub⸗ niß naͤhern wuͤrde. — Wollt Ihr etwa zufaͤllig von Euch und von Eu⸗ rer Frau ſprechen? — Ja, gnädiger Herr, und da Ihr auf den erſten Blick ſo richtig gerathen habt, ſo will ich nicht einmal zu leugnen verſuchen. Ich habe Diana von Meridor geheirathet, und zum Mindeſten ſo lange, als ich lebe, wird ſie Niemand beſitzen, nicht einmal ein Prinz. Und ſeht, — 428— gnaͤdiger Herr, damit Ihr deſſen ganz gewiß ſeid, ſo ſchwoͤre ich es bei meinem Namen und auf dieſen Dolch. Und er ſetzte die Klinge des Dolches faſt auf die Bruſt des Prinzen, welcher zuruͤckwich. — Mein Herr, Ihr drohet mir, ſagte Franz bleich vor Zorn und vor Wuth. — Nein, mein Prinz, wie vorhin, benachrichtige ich Euch bloß. — Und wovon benachrichtigt Ihr mich? — Daß Niemand meine Frau haben wird. — und ich, Meiſter Dummkopf, rief Anjou außer ſich aus, ich antworte Euch, daß Ihr mich zu ſpaͤt be⸗ nachrichtigt, und daß ſie bereits Jemand hat. — Monſoreau ſtieß einen ſchrecklichen Schrei aus, indem er mit ſeinen Haͤnden in ſeine Haare fuhr. — Ihr ſeid es nicht, ſtammelte er, Ihr ſeid es nicht, gnaͤdiger Herr? Und ſein immer noch bewaffneter Arm hatte ſich nur auszuſtrecken, um die Bruſt des Prinzen zu durch⸗ bohren. Franz wich zuruͤck. — Ihr ſeid wahnſinnig, Graf, ſagte er, indem er ſich zu ſchellen anſchickte. — Nein, ich ſehe hell, ich ſpreche vernuͤnftig und ich hoͤre richtig; Ihr habt ſo eben geſagt, daß Jemand meine Frau beſitzt; Ihr habt es geſagt. — Ich wiederhole es. — Nennt dieſe Perſon und beweiſet die Thatſache. * — 49— — Wer lag heute Abend zwanzig Schritte weit von Eurer Thuͤre mit einer Buͤchſe im Hinterhalte? — Jch. — Nun denn, Graf, waͤhrend dieſer Zeit... — Waͤhrend dieſer Zeit... — War ein Mann in Eurem Hauſe, oder vielmehr bei Eurer Frau. — Ihr habt ihn eintreten ſehen? — Ich habe ihn herauskommen ſehen. — Durch die Thuͤre? — Durch das Fenſter. — Ihr habt dieſen Mann erkannt? — Ja, ſagte der Herzog. — Nennt ihn! rief Monſoreau aus. Nennt ihn, gnaͤdiger Herr, oder ich ſtehe fuͤr Nichts! Der Herzog fuhr mit ſeiner Hand uͤber die Stirn, und Etwas, wie ein Laͤcheln, zog uͤber ſeine Lippen. — Herr Graf, ſagte er, auf mein Wort als Prinz von Gebluͤt, bei meinem Gott und bei meiner Seele, vor Ablauf von acht Tagen werde ich Euch den Mann nennen, der Eure Frau beſitzt. — Ihr ſchwoͤrt es mir? rief Monſoreau aus. — Ich ſchwoͤre es. — Wohlan, gnaͤdiger Herr, in acht Tagen, ſagte der Graf, indem er an demſelben Orte auf ſeine Bruſt ſchlug, wo ſich das von dem Peinzen unterzeichnete Pa⸗ pier defand... in acht Tagen... oder Ihr be⸗ 1 greift... Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band. 4 * — 50— — Kommt in acht Tagen wieder, das iſt Alles, was ich Euch zu ſagen habe. — Das iſt am Ende auch beſſer, ſagte Monſoreau; in acht Tagen werde ich alle meine Kraͤfte wieder haben, und Derjenige, der ſich raͤchen will, bedarf aller ſeiner Kraͤfte. Und er entfernte ſich, indem er dem Prinzen ein Zeichen des Abſchiedes zuwarf, welches man leicht fuͤr eine Geberde der Drohung haͤtte halten koͤnnen. — 51— IV. Ein Spaziergang nach des Tournelles. Waͤhrend dieſer Zeit waren die Anjouer Edelleute allmaͤlig nach Paris zuruͤckgekehrt. Wenn wir ſagen wollten, daß ſie vertrauungsvoll dahin zuruͤckkehrten, ſo wuͤrde man es nicht glauben. Sie kannten den Koͤnig, ſeinen Bruder und ſeine Mut⸗ ter zu gut, um zu hoffen, daß die Sachen mit Familien⸗ umarmungen enden wuͤrden. Sie erinnerten ſich immer der Jagd, welche die Freunde des Koͤnigs gegen ſie angeſtellt hatten, und ſie konnten ſich nicht entſchließen zu glauben, daß man ihnen als Gegenſtuͤck zu dieſer ziemlich unangenehmen Ceremo⸗ nie einen Triumphzug bereiten wuͤrde. Sie kehrten demnach ſchuͤchtern zuruͤck, und ſchlichen ſich vollſtaͤndig geruͤſtet und bereit, bei der geringſten 4 verdaͤchtigen Geberde Feuer zu geben, in die Stadt, wobei ſie, bevor ſie in das Hotel Anjou gelangten, funfzig Male das Schwerdt gegen Buͤrger zogen, die kein anderes Verbrechen begangen hatten, als ihrem Voruͤberkommen zuzuſehen. Beſonders Antraguet bezeigte ſich grimmig, und uͤbertrug alles dieſes Mißgeſchick auf die Herren Mignons des Koͤnigs, indem er ſich vornahm, ihnen hei Gelgenheit einige ſehr deutliche Worte daruder zu ſagen. Er theilte Ribsrac, einem Manne von gutem Rath, dieſen Plan mit, und dieſer antwortete ihm: — Bevor man ſich ein ſolches Vergnuͤgen gewaͤhre, muͤſſe man eine Graͤnze oder zwei in ſeinem Bereiche haben. — Man wird ſich dazu einrichten, ſagte Antraguet. Der Herzog empfing ſie gut. Es waren ſeine Leute, wie die Herren von Maugiron, Quélus, Schomberg und d'Epernon die des Koͤnigs waren. Er fing damit an ihnen zu ſagen: — Meine Freunde, man gedenkt Euch ein Wenig zu toͤdten, wie es ſcheint. Die Stimmung herrſcht fuͤr ſolche Arten von Empfang, nehmt Euch wohl in Acht. — Das iſt geſchehen, gnaͤdiger Herr, erwiderte An⸗ traguet, aber iſt es nicht ſchicklich, daß wir Seiner Ma⸗ jeſtaͤt unſere unterthaͤnigſte Ehrfurcht bezeigen, denn wenn wir uns verbergen, ſo wuͤrde das am Ende An⸗ jou keine Ehre machen; was meint Ihr dazu? — Ihr habt Recht, ſagte der Herzog, geht, und wenn Ihr wollt, ſo will ich Euch begleiten. Die drei jungen Leute beriethen ſich mit dem Blicke. — 53— In dieſem Augenblicke trat Buſſy in den Saal und kam ſeine Freunde zu umarmen. — Ei, ſagte er, Ihr habt Euch ſehr verſpaͤtet! Aber was hoͤre ich? Seine Hoheit macht Euch den Antrag in das Louvre zu gehen, um ſich wie Caͤſar in dem Senate toͤdten zu laſſen? Bedenkt doch, daß jeder der Herren Mignons gern ein kleines Stuͤck des gnaͤdi⸗ gen Herrn in ſeinem Mantel forttragen moͤgte. — Aber, lieber Freund, wir wollen uns ein Wenig an dieſen Herren reiben. Buſſy begann zu lachen. — Ei, ei, ſagte er, man wird ſehen, man wird ſehen. Der Herzog blickte ihn ſehr aufmerkſam an. — Laßt uns nach dem Louvre gehen, ſagte Buſſy, aber wir allein. Seine Gnaden wird in ſeinem Garten bleiben, um Mohnkoͤpfe abzuſchlagen. Franz that, als ob er ſehr vergnuͤgt lache. Die Wahrheit iſt, daß er ſehr froh war, den Frohndienſt nicht mehr zu thun zu haben. Die Anjouer putzten ſich vortrefflich. Es waren ſehr vornehme Herren, die ſehr gern in Seide, Sam⸗ met, Borten die Einkuͤnfte der vaͤterlichen Guͤter ver⸗ zehrten. Wenn ſie vereint waren, entſtand eine Miſchung von Gold, Edelſteinen und Brocat, welche auf ihrem Wege das Volk jauchzen ließ, deſſen unfehlbarer Inſtinkt un⸗ ter dieſen ſchoͤnen Gewaͤndern von Haß gegen die Mig⸗ nons des Koͤnigs gluͤhende Herzen witterte. — 54— Heinrich der III. wollte dieſe Herren von Anjou nicht empfangen, und ſie warteten vergebens in der Gallerie; die Herren von Quélus, Maugiron, Schom⸗ berg und d'Epernon waren es, welche mit Hoͤflichkeit gruͤßend und alles Bedauern von der Welt bezeigend den Anjouern dieſe Nachricht zu melden kamen. Ah, meine Herren, ſagte Antraguet, denn Buſſy trat ſo viel als moͤglich bei Seite, die Nachricht iſt de⸗ truͤbt, aber aus Eurem Munde kommend verliert ſie Viel von ihrem Unangenehmen. — Meine Herren, ſagte Schomberg, Ihr ſeid die Bluͤthe der Artigkeit und der Ritterlichkeit. Iſt es Euch gefaͤllig, daß wir dieſen Empfang, der fehlgeſchlagen iſt, in einen kleinen Spaziergang verwandeln? — O, meine Herren, wir wollten Euch darum bit⸗ ten, ſagte Antraguet haſtig, den Buſſy leicht am Arme beruͤhrte, um ihm zu ſagen: — So ſchweig doch und laß ſie machen. — Wo ſollten wir wohl hingehen? ſagte Qulus, indem er ſich beſann. — Ich kenne einen reizenden Ort nach der Seite der Baſtille zu, aͤußerte Schomberg. — Meine Herren, wir folgen Euch, ſagte Ribérac, geht voraus. In der That, die vier Freunde des Koͤnigs verlie⸗ ßen, von den vier Anjouern gefolgt, das Louvre, und gingen uͤber die Kais nach dem ehemaligen Parke des Tournelles, der damals zum Pferdemarkte diente; es war eine Art von ebener, mit einigen duͤrren Baͤumen N t bepflanzter, hier und da mit Schranken verſehener Platz, welche dazu dienten, um die Pferde aufzuhalten oder ſie daran zu binden. Unter Weges hatten ſich die acht Edelleute unter die Arme gefaßt, und unterhielten ſich unter Tauſend Artigkeiten uͤber heitere und kurzweilige Gegenſtaͤnde zum großen Erſtaunen der Buͤrger, welche ihre Vivats von vorhin bedauerten und ſagten, daß ſich die Anjouer mit den Freſſern des Herodes verſoͤhnt haͤtten. Man langte an. Quélus nahm das Wort. — Seht den ſchoͤnen Platz, ſagte er, ſeht den ein⸗ ſamen Ort, und wie der Fuß ſo feſt auf dieſem Sal⸗ peter ſteht. — Meiner Treue, ja, erwiderte Antraguet, indem er mehrete herausfordernde Bewegungen machte. — Nun denn, fuhr Quélus fort, wir, dieſe Herren und ich, hatten gedacht, daß Ihr wohl ſo gefaͤllig ſein wuͤr⸗ det, uns eines Tages bis hierher zu begleiten, um Herrn von Buſſy, Euren Freund, zur Seite zu ſtehen, der uns die Ehre erzeigt hat, uns alle Vier herauszufor⸗ dern. — Das iſt wahr, ſagte Buſſy zzu ſeinen erſtaunten Freunden. — Er hatte Nichts davon geſagt! rief Antraguet aus. — O, Herr von Buſſy iſt ein Mann, der den Werth —. 56— der Dinge kennt, erwiderte Maugiron. Nehmt Ihr es an, meine Herren von Anjou? — Gewiß, ja, antworteten die drei Anjouer einſtim⸗ mig, die Ehre iſt ſo groß, daß wir uns daruͤber freuen. — Vortrefflich, ſagte Schomberg, indem er ſich die Haͤnde rieb. Iſt es Euch jetzt gefaͤllig, daß wir einander waͤhlen? — Dieſe Methode iſt mir ſehr angenehm, ſagte Ri⸗ borac mit gluͤhenden Augen... und dann... — Nicht doch, unterbrach ihn Buſſy, das iſt nicht gerecht, wir haben alle dieſelben Geſinnungen, ſie ſind uns alſo von Gott eingegeben. Gott iſt es, der die menſchlichen Gedanken hervorruft, meine Herren, ich verſichere es Euch. Nun denn, uͤberlaſſen wir Gott die Sorge uns zu paaren. Ihr wißt außerdem, daß das hoͤchſt gleichguͤltig in dem Falle iſt, wenn wir uͤberein⸗ kommen, daß der erſte Freie die Anderen angreift. — Und es muß ſo ſein, und es muß ſo ſein, rie⸗ fen die Mignons aus. — Dann um ſo mehr, laßt es uns machen, wie es die Horatier machten! Laßt uns looſen! — Looſeten ſie? ſagte Quélus uͤberlegend. — Ich habe allen Grund es zu glauben, antwortete Buſſy. — Dann laßt uns ſie nachahmen. — Einen Augenblick, ſagte Buſſy wieder, bevor wir unſere Gegner kennen, laßt uns uͤber die Anordnung des — 57— Kampfes uͤbereinkommen; es waͤre nicht ſchicklich, daß die Bedingungen des Kampfes der Wahl der Gegner folgten. — Das iſt einfach, ſagte Schomberg, wir werden uns ſchlagen, bis daß der Tod darauf erfolgt, wie Herr von Saint⸗Luc geſagt hat. — Ohne Zweifel! Aber wie werden wir uns ſchla⸗ gen? — Mit dem Schwerdte und mit dem Dolche, ſagte Buſſy; wir ſind Alle geuͤbt. — Zu Fuß? ſagte Quélus. — Ei, was wollt Ihr mit einem Pferde machen? Man hat keine freie Bewegung. — Zu Fuße, es ſei. — Ei, ſo bald als moͤglich. — Nein, ſagte d'Epernon, ich habe Tauſend Dinge zu ordnen, ein Teſtament zu machen; verzeiht, aber ich ziehe vor zu warten... drei bis ſechs Tage werden uns den Appetit reizen. — Das heißt als Tapferer ſprechen, ſagte Buſſy ziemlich ſpoͤttiſch. — Sind wir einig? — Ja. Wir werden uns immer vortrefflich verſtaͤn⸗ digen. — Dann laßt uns looſen, ſagte Buſſy. — Einen Augenblick, ſagte Antraguet, ich ſchlage vor, daß wir den Boden als unparteiiſche Leute theilen. Da der Zufall die Namen zwei zu zwei bringen wird, — 58— ſo laßt uns den Raum in vier Felder fuͤr jedes der vier Paare eintheilen. — Wohl geſprochen. — Ich ſchlage fuͤr Numero 1 das lange Viereck zwi⸗ ſchen zwei Linden vor... es iſt dort guter Raum. — Angenommen. — Aber die Sonne? — Um ſo ſchlimmer fuͤr den zweiten des Paares, er wird nach Oſten gewendet ſein. — Nicht doch, meine Herren; das waͤre ungerecht, ſagte Buſſy. Toͤdten wir uns, aber ermorden wir uns nicht. Laßt uns einen Halbkreis beſchreiben, und ſetzen wir uns Alle dem Lichte aus, damit uns die Sonne von der Seite trifft. Buſſy zeigte die Stellung, welche angenommen wur⸗ de, hierauf zog man die Namen. Schomberg kam zuerſt heraus, Ribérac als der Zweite; ſie waren als das erſte Paar bezeichnet. Quélus und Antraguet bildeten das Zweite. Livarot und Maugiron das Dritte; bei dem Namen Quélus runzelte Buſſy die Stirn, der ihn zum Kaͤmpfer zu haben glaubte. D'Epernon, der ſich gezwungener Weiſe mit Buſſy gepaart ſah, erbleichte, und war genoͤthigt, ſich den Schnurrbart zu ziehen, um wieder einige Farbe auf ſeine Wangen zu bringen. — Jetzt, meine Herren, ſagte Buſſy, gehoͤren wir bis zu dem Tage des Kampfes einander an.— Auf Leben und Tod ſind wir Freunde, wollt Ihr ſo güͤtig ſein, ein Mittageſſen im Hotel Buſſy anzunehmen? Alle verneigten ſich zum Zeichen der Zuſtimmung, und kehrten in Buſſys Wohnung zuruͤck, wo ein prunk volles Gelage ſie bis zum Morgen vereinigte. V. Chicot ſchlaͤft ein. Aue dieſe Anſtalten der Anjouer waren bemerkt worden, zuerſt von dem Koͤnige, und dann durch Chicot. Heinrich ging in dem Inneren des Louvre herum, indem er mit Ungeduld erwartete, daß ſeine Freunde von ihrem Spaziergange mit den Herrn von Anjou zuruͤckkehrten. Chicot war dem Spaziergange von Weitem gefelgt, hatte als Kenner das unterſucht, was Niemand ſo gut, als er verſtehen konnte, und nachdem er ſich von den Abſichten Buſſys und Queélus uͤberzeugt, war er wieder nach Monſoreaus Wohnung zuruͤckgekehrt. Monſoreau war ein ſchlauer Mann, aber Chicot hinter das Licht zu fuͤhren,... darauf konnte er kei⸗ nen Anſpruch machen; der Gaskonier uͤberbrachte ihm Beileidsbezeugungen uͤber Beileidsbezeugungen von Seiten des Koͤnigs. Wie war es moͤglich, ihm nicht auf das Beſte zu empfangen? — 61— Chicot fand Monſoreau zu Bett. Der Beſuch vom Abende zuvor hatte alle Spannkraft dieſes kaum wieder hergeſtellten Weſens gebrochen, und Remy, eine Hand an ſein Kinn gelegt, belauerte mit Verdruß die erſten Anfalle des Fiebers, welches ſich ſeines Opfers wieder zu bemaͤchtigen drohete. Nichts deſto weniger vermogte Monſoreau das Ge⸗ ſpraͤch zu unterhalten, und ziemlich geſchickt ſeinen Zorn gegen den Herzog von Anjou zu verbergen, ſo daß ihn jeder Andere als Chicot nicht geahnet haͤtte. Aber je verſchwiegener und je zuruͤckhaltender er war, deſto mehr entdeckte der Gaskonier ſeinen Gedanken. — In der That, ſagte er ſich, kein Menſch kann ſo ſehr fuͤr Herrn von Anjou eingenommen ſein, ohne daß dabei irgend Etwas im Spiele iſt. Chicot, welcher ſich auf Kranke verſtand, wollte gleichfalls wiſſen, ob das Fieber des Grafen nicht gleich dem erheuchelt waͤre, welches Nicolas David vor Kur⸗ zem geſpielt hatte. Aber Remy betrog nicht, und bei den erſten Schlaͤ⸗ gen von Monſoreaus Pulſe dachte Chicot: — Der da iſt wirklich krank, und kann Nichts un⸗ ternehmen. Es bleibt Herr von Buſſy uͤbrig, ſehen wir ein Wenig, weſſen er faͤhig iſt. Und er eilte nach dem Hotel Buſſy, das er ganz blendend vor Licht, ganz duftend von Daͤmpfen fand, welche Gorenflot Ausrufe der Freude entlockt haͤtten. — Verheirathet ſich Herr von Buſſy etwa? fragte er einen Bedienten. — Nein, mein Herr, erwiderte dieſer, Herr von Buſſy verſoͤhnt ſich mit mehreren Herren des Hofes, und man feiert dieſe Verſoͤhnung durch ein Mahl, ein merkwuͤrdiges Mahl. — Es ſei denn, daß er ſie vergiftet, deſſen er, wie ich weiß, nicht faͤhig iſt, dachte Chicot, ſo iſt Seine Ma⸗ jeſtaͤt auch von dieſer Seite in Sicherheit. Er kehrte nach dem Louvre zuruͤck, und erblickte Heinrich, der fluchend in einem Fechtſaale auf und ab⸗ ging. Er hatte drei Boten an Quélus abgeſandt, und da dieſe Leute nicht begriffen, weshalb Seine Majeſtaͤt in Beſorgniß waͤre, ſo waren ſie ganz natuͤrlich bei Herrn von Birague, dem Sohne, eingekehrt, bei dem Jeder⸗ mann in der Livrée des Koͤnigs immer ein volles Glas, ei⸗ nen angeſchnittenen Schinken und eingemachte Fruͤchte fand. Das war die Methode der Biragues, um in Gunſt zu bleiben. Als Chicot an der Thuͤre des Kabinettes erſchien, ſtieß Heinrich einen lauten Ausruf aus. — O, lieber Freund! ſagte er. Weißt Du, was aus ihnen geworden iſt? — Aus wem? Aus Deinen Mignons? — Ach, ja, meine armen Freunde. — Sie muͤſſen in dieſem Augenblicke ſehr weit unten ſein, erwiderte Chicot. — Sollte man mir ſie getoͤdtet haben! rief Heinrich ſich aufrichtend und die Drohung in den Augen aus. Sie waͤren todt! — Todt, ich befuͤrchte es... — 63— — Du weißt es und Du lachſt, Gottloſer! — Warte doch, mein Sohn, todt, ja, aber auf den Tod betrunken. — Ha, Narr... was Du mir weh gethan haſt! Aber warum verlaͤumdeſt Du dieſe Edelleute? — Ich lobe ſie im Gegentheile. — Du ſpotteſt immer noch... Sag an, ſei ernſt, ich bitte Dich; weißt Du, daß ſie mit den Anjouern ausgegangen ſind? — Bei Gott, ob ich es weiß! — Nun denn, was iſt daraus hervorgegangen? — Ei nun, es iſt das daraus hervorgegangen, was ich Dir geſagt habe; ſie ſind auf den Tod betrunken, oder es fehlt Wenig daran. — Aber Buſſy, Buſſy! — Buſſy berauſcht ſie, er iſt ein ſehr gefaͤhrlicher Menſch. — Chicot, ich bitte! — Ei, ja doch! Buſſy giebt Deinen Freunden ein Mittageſſen; findeſt Du das etwa in Ordnung? — Buſſy giebt ihnen ein Mittageſſen! O, das iſt unmoͤglich, geſchworenen Feinden! — Gerade, wenn ſie Freunde waͤren, ſo empfaͤnden ſie nicht das Beduͤrfniß, ſich mit einander zu berauſchen. „Hoͤre, haſt Du gute Beine? — Was willſt Du damit ſagen? — Wuͤrdeſt Du wohl bis an den Fluß gehen? — Ich wuͤrde bis an das Ende der Welt gehen, um Zeuge einer ſolchen Sache zu ſein. — Nun denn, geh nur bis nach dem Hotel Buſſy, und Du wirſt dieſes Wunder ſehen. — Du begleiteſt mich? — Ich danke, ich komme eben her. — Aber am Ende, Chicot... — O, nein, nein, Du wirſt begreifen, daß ich nicht noͤthig habe, mich zu uͤberzeugen, da ich geſehen habe; meine Beine ſind dadurch, daß ſie mir in den Bauch zuruͤckgetreten, um drei Zoll kuͤrzer geworden. Wenn ich ſo weit ginge, ſo wuͤrden ſie am Knie anfangen. Geh, mein Sohn, gehe. Der Koͤnig ſchleuderte ihm einen zornigen Blick zu. — Du biſt ſehr einfaͤltig, ſagte Chicot, Dir fuͤr dieſe Leute da Galle zu machen. Sie lachen, ſchmau⸗ ſen und machen Deiner Regierung Oppoſition. Ant⸗ worte auf alle dieſe Dinge als Philoſoph; ſie lachen, laß uns lachen; ſie eſſen, laß uns irgend etwas Gutes und Warmes auftragen. Sie machen Oppoſition, laß uns nach dem Abendeſſen zu Bett gehen. Der Koͤnig konnte ſich nicht enthalten zu laͤcheln. — Du kannſt Dir ſchmeicheln, ein wahrer Weiſer zu ſein, ſagte Chicot. Es hat in Frankreich langhaarige Koͤnige, einen kuͤhnen Koͤnig, einen großen Koͤnig, faule Koͤnige gegeben; ich bin uͤberzeugt, daß man Dich Hein⸗ rich den Geduldigen nennen wird... Ah, mein Sohn, das iſt eine ſo ſchoͤne Tugend... wenn man keine anderen hat! — 65— — Verrathen, ſagte ſich der Koͤnig, verrathen... dieſe Menſchen haben nicht einmal die Sitten von Edel⸗ leuten. — Ah, ja doch, Du bekuͤmmerſt Dich um Deine Freunde, rief Chicot aus, indem er den Koͤnig nach dem Zimmer draͤngte, in welchem man das Abendeſſen aufgetragen hatte, Du bedauerſt ſie, als ob ſie geſtor⸗ ben waͤren, und wenn man Dir ſagt, daß ſie nicht ge⸗ ſtorben ſind, ſo weinſt Du und bekuͤmmerſt Dich wie⸗ der... Heinrich, Du ſtoͤhnſt immer... — Ihr macht mich unwillig, Herr Chicot. — Sag an, wuͤrdeſt Du es vorziehen, daß Jeder von ihnen ſieben bis acht tuchtige Schwerdtſtoͤße im Magen haͤtte?... Sei doch conſequent. — Ich wuͤrde es vorziehen, auf Freunde rechnen zu koͤnnen, ſagte Heinrich mit dumpfer Stimme. — O, Sapperment! antwortete Chicot. Rechne auf mich,— ich bin da, mein Sohn, nur ernaͤhre mich.— Ich will Faſanen... und Truͤffeln, fuͤgte er hinzu, indem er ſeinen Teller hinhielt. Heinrich und ſein einziger Freund legten ſich fruͤh⸗ zeitig zu Bette, der Koͤnig, indem er ſeufzte, das Herz ſo leer zu haben, Chicot, indem er ſtoͤhnte, weil er den Magen ſo voll hatte. 4 Am folgenden Morgen, bei dem Aufſtehen des Koͤ⸗ nigs, erſchienen die Herren von Quélus, Schomberg, Maugiron und d'Epernon; der Anmelder war gewohnt zu oͤffnen, er oͤffnete daher den Edelleuten den Thuͤr⸗ vorhang. Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band. 5 — 66— Chicot ſchlief noch; der Koͤnig hatte nicht ſchlafen koͤnnen. Er ſprang wuͤthend aus ſeinem Bette, und die wohlriechenden Binden, welche ſeine Wangen und ſeine Haͤnde bedeckten, abreißend, rief er aus: — Hinaus! Hinaus! Auf das Hoͤchſte erſtaunt, erklaͤrte der Anmelder den jungen Leuten, daß der Koͤnig ſie verabſchiede. Sie blickten einander mit einem gleichen Erſtaunen an. — Aber, Sire, ſtammelte Quslus, wir wollten Eu⸗ rer Majeſtaͤt ſagen.. — Daß Ihr nicht mehr betrunken ſeid, ſchrie Hein⸗ rich, nicht wahr? Chicot ſchlug ein Auge auf. — Verzeiht, Sire, erwiderte Quélus mit Ernſt, Eure Majeſtaͤt irrt ſich.. — Ich habe indeſſen keinen Wein von Anjou ge⸗ trunken! — Ah, ſehr ſchoͤn, ſehr ſchoͤn!... ſagte Quélus laͤchelnd. Ich begreife.. ja. Nun denn!.. — Nun denn! Was? — Daß Eure Majeſtaͤt mit uns allein bleibt, und wir werden uns erklaͤren, wenn es Ihr beliebt. — Ich haſſe die Trunkenbolde und die Verraͤther. — Sire, riefen die drei Edelleute einſtimmig aus. — Geduld, meine Herren, ſagte Quélus, indem er ſie unterbrach. Seine Majeſtaͤt hat ſchlecht geſchlafen und wird boͤſe Traͤume gehabt haben. Ein Wort wird — 67— unſerem ſehr verehrten Fuͤrſten ein beſſeres Erwachen verleihen. Dieſe unverſchaͤmte, von einem Unterthanen ſeinem Koͤnige untergeſchobene Entſchuldigung machte Eindruck auf Heinrich. Er errieth, daß Leute, die vermeſſen ge⸗ nug waren, um ſolche Dinge zu ſagen, nur Ehrenvolles gethan haben koͤnnten. — Sprecht, ſagte er, und ſeid kurz. — Das iſt moͤglich, Sire, aber es iſt ſchwer. — Ja... man drehet ſich lange um gewiſſe Be⸗ ſchuldigungen herum. — Nein, Sire, man geht gerade auf ſie ein, ſagte Quélus, indem er Chicot und den Anmelder anblickte, wie um Heinrich ſeine Bitte um eine Privataudienz zu wiederholen. Der Koͤnig gab einen Wink; der Anmelder verließ das Zimmer. Chicot ſchlug das andere Auge auf und ſagte: — Achtet nicht auf mich, ich ſchlafe wie ein Ochs. Und ſeine beiden Augen wieder ſchließend, begann er aus allen Kraͤften ſeiner Lungen zu ſchnarchen. 5* — 68— VI. Chicot erwacht. As man ſah, daß Chicot ſo gewiſſenhaft ſchlief, bekuͤmmerte ſich Niemand um ihn. Außerdem hatte man ſich ziemlich daran gewoͤhnt, Chicot als ein Moͤbel von dem Schlafzimmer des Königs zu betrachten. — Eure Majeſtaͤt weiß nur die Haͤlfte der Dinge, ſagte Quélus, indem er ſich verneigte, und ich wage zu ſagen, die am Wenigſten intereſſante Haͤlfte. Zuverlaͤſſig, und Niemand von uns hat die Abſicht, es zu leugnen, zuverlaͤſig haben wir bei Herrn von Buſſy gegeſſen, und ich muß ſogar zur Ehre ſeines Koches ſagen, daß wir ſehr gut bei ihm gegeſſen haben. — Es gab beſonders einen gewiſſen Oeſterreicher⸗ oder Ungarwein, ſagte Schomberg, der mir in Wahr⸗ heit herrlich geſchienen hat. — O, der garſtige Deutſche, unterbrach ihn der Koͤ⸗ nig, er liebt den Wein, ich hape mir es immer gedacht. — 69— — Ich war davon uͤberzeugt, ſagte Chicot, ich habe ihn zwanzig Male berauſcht geſehen. Schomberg wandte ſich nach ſeiner Seite um. — Achte nicht darauf, mein Sohn, ſagte der Gas⸗ konier, der Koͤnig wird Dir ſagen, daß ich laut traͤume. Schomberg kehrte zu Heinrich zuruͤck. — Meiner Treue, Sire, ſagte er, ich mache kein Geheimniß weder aus dem, was ich liebe, noch auz dem, was ich haſſe; guter Wein iſt etwas Gutes. — Nennen wir Etwas nicht gut, das uns unſeren Herrn vergeſſen laͤßt, ſagte der Koͤnig in einem zuruͤck⸗ haltenden Tone. Schomberg ſtand im Begriffe zu antworten, indem er ohne Zweifel nicht ſo raſch eine ſo ſchoͤne Rechtsfrage aufgeben wollte, als Quélus ihm einen Wink gab. — Das iſt richtig, ſagte Schomberg, fahre fort! — Ich ſagte alſo, Sire, begann Quélus wieder, daß wir waͤhrend des Mahles, und beſonders vorher, hoͤchſt ernſte und hoͤchſt intereſſante Unterredungen gehabt ha⸗ ben, welche insbeſondere die Intereſſen Eurer Majeſtaͤt angehen. — Wir machen eine ſehr lange Einleitung, ſagte Heinrich, das iſt ein ſchlimmes Zeichen. — Sapperment, was dieſer Valois fuͤr ein Schwaͤz⸗ zer iſt! rief Chicot aus. — O, o, Meiſter Gaskonier, ſagte Heinrich ſtolz, wenn Du nicht ſchlaͤfſt, ſo mach, daß Du fortkommſt. — Bei Gott, ſagte Chicot, wenn ich nicht ſchlafe, ſo rührt das daher, daß Du mich am Schlafen verhin⸗ — 70— derſt; Deine Zunge ſchnalzt, wie eine Charfreitags⸗ raſſel. Qu lus, welcher ſah, daß man in dieſer koͤniglichen Wohnung keinen Gegenſtand, ſo ernſt er auch ſein mog⸗ te, auf eine ernſte Weiſe auffaſſen koͤnne, ſo frivol hatte die Gewohnheit Jedermann gem acht, ſeufzte, zuckte die Achſeln, und ſtand verdruͤßlich auf. — Sire, ſagte d'Epernon ſich wiegend, es handelt ſich indeſſen um ernſte Gegenſtaͤnde. — Um ernſte Gegenſtaͤnde? wiederholte Heinrich. — Ohne Zweifel, wenn jeden Falles das Leben von acht tapferen Edelleuten Eurer Majeſtaͤt der Muͤhe werth zu ſein ſcheint, daß man ſich darum bekuͤmmert. — Was will das ſagen? rief der Koͤnig aus. — Das will ſagen, daß ich warte, bis der Koͤnig geruhen will, mich anzuhoͤren. — Ich hoͤre, mein Sohn, ich hoͤre, ſagte Heinrich, indem er ſeine Hand auf Quslus Achſel legte. — Wohlan, ich ſagte Euch, Sire, daß wir ernſthaft geſprochen haͤtten, und hoͤrt jetzt das Reſultat unſerer Unterhaltungen: das Koͤnigthum iſt bedroht, geſchwaͤcht. — Das heißt, daß ſich Jedermann gegen daſſelbe zu verſchwoͤren ſcheint, rief Heinrich aus. — Es gleicht, fuhr Quslus fort, jenen ſeltſamen Goͤttern, die, gleich den Goͤttern Tibers und Calligulas Greiſe wurden, ohne ſterben zu koͤnnen, und die in ihrer Unſterblichkeit fortfuhren, auf dem Pfade ſterblicher Ge⸗ brechen zu wandeln. Zu dieſem Punkte gelangt, bleiben dieſe Goͤtter in ihrer immer zunehmenden Hinfaͤlligkeit — 71— nicht eher ſtehen, als bis die erhabene Aufopferung ir⸗ gend eines Schwaͤrmers ſie wieder verjuͤngt und ſie wie⸗ der auferſtehen laͤßt. Nun, wieder neu geboren durch die Uebergießung eines jungen, feurigen und heilbringen⸗ den Blutes, beginnen ſie wieder zu leben und werden wieder ſtark und maͤchtig. Nun denn, Sire, Euer Koͤ⸗ nigthum gleicht jenen Goͤttern; es kann nur noch durch Opfer leben. — Er ſpricht Gold, ſagte Chicot; Quslus, mein Sohn, geh und predige in den Straßen von Paris, und ich wette einen Ochſen gegen ein Ei, daß Du Linceſter, Cahier, Cotton, und ſelbſt dieſen Blitz von Beredtſam⸗ keit uͤbertriffſt, den man Gorenflot nennt. Heinrich erwiderte Nichts; es war augenſcheinlich, daß eine große Veränderung in ſeinem Geiſte vorging; er hatte zuerſt die Mignons durch ſtolze Blicke ange⸗ griffen, dann, als ſich allmaͤlich das Gefuͤhl der Wahr⸗ heit ſeiner bemaͤchtigt hatte, wurde er wieder tiefſinnig, finſter und beſorgt. — Fahrt fort, ſagte er, Ihr ſeht, daß ich Euch an⸗ hoͤre, Quélus. — Sire, begann dieſer wieder, Ihr ſeid ein ſehr großer Koͤnig, aber Ihr habt keinen Horizont mehr vor Euch; der Adel ſtellt Euch Schranken, uͤber die hinaus Eure Augen Nichts mehr ſehen, als etwa die bereits wachſenden Schranken, welche nun auch das Volk Euch ſtelt. Nun denn, Sire, Ihr, der Ihr ein Tapferer ſeid, was thut man im Kriege, wenn ſich ein Bataillon als drohende Mauren auf dreißig Schritte weit vor ei⸗ — nem anderen Bataillone aufſtellt? Die Feigen blicken hinter ſich, und wenn ſie den Raum frei ſehen, fliehen ſie; die Tapferen ſenken den Kopf und ſtuͤrzen vor⸗ waͤrts. — Wohlan, es ſei; vorwaͤrts! rief der Koͤnig aus. Bei Gottes Tod! Bin ich nicht der erſte Edelmann meines Reiches? Ich frage Euch, hat man ſchoͤnere Schlachten gefuͤhrt, als die meiner Jugend? Und hat das Jahrhundert, deſſen Ende wir nahen, viel klang⸗ vollere Namen, als die von Jarnac und von Moncon⸗ tour? Vorwaͤrts denn, meine Herren, und ich werde voraus gehen, das iſt, wie ich meine, meine Gewohn⸗ heit in dem Handgemenge. Wohlan, ja, Sire! riefen die jungen Leute durch dieſe kriegeriſche Bezeigung des Koͤnigs begeiſtert aus. Vorwaͤrts. 3 Chicot ſetzte ſich in ſeinem Bette aufrecht. — Ruhe da, Ihr Anderen, ſagte er, laßt meinen Redner fortfahren. Weiter, Quslus, weiter, mein Sohn, Du haſt bereits ſo Schoͤnes und Gutes geſagt, und es bleibt Dir davon noch zu ſagen uͤbrig; fahre fort, mein Freund, fahre fort. — Ja, Chicot, und auch Du haſt Recht, wie Dir das oft begegnet. Uebrigens, ja, ich werde fortfahren, um Seiner Majeſtaͤt zu ſagen, daß fuͤr das Koͤnigthum der Moment gekommen iſt, um eines jener Opfer anzu⸗ nehmen, von denen wir vorhin ſprachen. Gegen alle dieſe Waͤlle, welche Eure Majeſtaͤt unmerklich einſchlie⸗ ßen, werden vier Maͤnner in der Ueberzeugung ruͤcken, — 73— von Euch, Sire, ermuthigt, und von der Nachwelt ge⸗ prieſen zu ſein. — Was ſagſt Du, Quélus? fragte der Koͤnig mit Augen, die von einer durch die Sorge gemaͤßigten Freude leuchteten, wer ſind dieſe vier Maͤnner? — Ich und dieſe Herren, ſagte der junge Mann mit dem Gefuͤhle von Stolz, das jeden Mann vergroͤ⸗ ßert, der ſein Leben fuͤr einen Grundſatz oder fuͤr eine Leidenſchaft aufs Spiel ſetzt; ich und dieſe Herren, wir opfern uns auf, Sire. — Fuͤr was? — Fuͤr Euer Heil. — Gegen wen? — Gegen Eure Feinde. — Haß junger Leute! rief Heinrich aus. — O, das iſt der Ausdruck alltaͤglichen Vorurtheiles, Sire, und die Liebe Eurer Majeſtaͤt zu uns iſt ſö groß⸗ muͤthig, daß ſie einwilligt, ſich unter dieſem geringen Mantel zu verbergen; aber wir erkennen ſie; ſprecht als Koͤnig, Sire, und nicht als Buͤrger der Straße Saint⸗ Denis. Thut nicht, als ob Ihr glaubt, daß Maugiron Antraguet verabſcheuet, als ob Schomberg von Livarot gehindert ſei, als ob d'Epernon auf Buſſy eiferſuͤchtig, und daß Quélus aufgebracht gegen Ribérac waͤre. Ei, nicht doch, ſie ſind Alle jung, ſchoͤn und gut; Freunde und Feinde, Alle koͤnnten ſich wie Bruͤder lieben. Aber es iſt keine Eiferſucht unter Maͤnnern, die uns das Schwerdt in die Hand giebt, es iſt der Streit Frank⸗ reichs gegen Anjou, der Streit des Volksrechts gegen — 74— das goͤttliche Recht; wir erſcheinen als Streiter fuͤr das Koͤnigthum auf dieſem Kampfplatze, auf welchen die Streiter fuͤr die Ligue herabkommen, und wir kommen Euch zu ſagen: Segnet uns, Herr, laͤchelt denen zu, die fuͤr Euch in den Tod gehen. Euer Segen wird ſie vielleicht ſiegen laſſen, Euer Laͤcheln wird ihnen beiſtehen zu ſterben. Von Thraͤnen erſtickt, oͤffnete Heinrich Quélus und den Anderen ſeine Arme. Er ſchloß ſie Alle an ſein Herz, und dieſer Auftritt, in welchem ſich der maͤnnliche Muth mit den Regungen einer innigen, in dieſem Au⸗ genblicke durch die Aufopferung geheiligten Zaͤrtlichkeit verband, war kein Schauſpiel ohne Intereſſe, kein Ge⸗ maͤlde ohne Ausdruck. Ernſt und finſter, die Hand an ſeine Stirn gelegt, ſah Chicot aus dem Hintergrunde des Alkovens zu, und dieſes gewoͤhnlich durch Gleichguͤltigkeit erſtarrte, oder durch das Lachen des Spottes zuſammengezogene Ge⸗ ſicht war nicht das am Wenigſten edle und das am We⸗ nigſten beredte der ſechs. — Ah, meine Tapferen, ſagte endlich der Koͤnig, das iſt ein ſchoͤnes Opfer, das iſt ein edles Vorhaben, und ich bin jetzt ſtolz, nicht uͤber Frankreich zu herr⸗ ſchen, ſondern Euer Freund zu ſein. Da ich meine In⸗ tereſſen beſſer, als irgend Jemand kenne, ſo werde ich jeden Falles ein Opfer nicht annehmen, deſſen Erfolg, glorreich in Hoffnung, mich, wenn Ihr ſcheitern ſolltet, den Haͤnden meiner Feinde uͤberlieferte. Glaubt mir, um gegen Anjou Krieg zu fuͤhren, genuͤgt Frankreich. — 55— Ich kenne meinen Bruder, die Guiſen und die Ligue; ich habe in meinem Leben oft weit wildere und weit un⸗ gehorſamere Pferde gebaͤndigt. — Aber, Sire, rief Maugiron aus, Soldaten ur⸗ theilen nicht ſo; ſie koͤnnen die ſchlimme Moͤglichkeit nicht bei der Pruͤfung einer Frage dieſer Art beruͤckſich⸗ tigen; eine Frage der Ehre, eine Frage des Gewiſſens, welche der Menſch in ſeiner Ueberzeugung verfolgt, ohne ſich darum zu bekuͤmmern, wie er ſie in ſeiner Gerechtig⸗ keit beurtheilen wuͤrde. — Verzeiht mir, Maugiron, antwortete der Koͤnig, ein Soldat kann blindlings handeln, aber der Feldherr uͤberlegt. — So uͤberlegt denn, Sire, und laßt uns handeln, uns, die wir nur Soldaten ſind, ſagte Schomberg; außerdem kenne ich das Ungluͤck nicht, ich habe immer Gluͤck. — Freund, Freund, unterbrach ihn der Koͤn igtrau⸗ rig, ich kann das nicht ſagen; freilich biſt Du erſt zwan⸗ zig Jahr alt. — Sire, fiel Quélus ein, die verbindlichen Worte Eurer Majeſtaͤt verdoppeln unſeren Eifer nur. Welchen Tag duͤrfen wir mit den Herrn von Buſſy, Livarot, Antraguet und Ribérac das Schwerdt kreuzen? — Niemals; ich verbiete es Euch durchaus, nie⸗ mals, hoͤrt Ihr wohl? — Gnade, Sire, entſchuldigt uns, erwiderte Quslus, das Zuſammentreffen iſt geſtern vor dem Mittageſſen — 76.— verabredet worden, unſer Wort iſt gegeben, und wir koͤn⸗ nen es nicht mehr zuruͤcknehmen. — Entſchuldigt mich, mein Herr, antwortete Hein⸗ rich, der Koͤnig entbindet von Schwuͤren und von Wor⸗ ten, indem er ſagt: ich will, oder ich will nicht; denn der Koͤnig iſt die Allmacht. Laßt dieſen Herrn ſagen, daß ich Euch mit meinem ganzen Zorne bedrohet habe, wenn Ihr handgemein wuͤrdet, und damit Ihr ſelbſt nicht daran zweifelt, ſo ſchwoͤre ich, Euch zu verbannen, wenn.. — Haltet ein, Sire, ſagte Quélus, denn wenn Ihr uns unſeres Wortes entbinden koͤnnt, ſo kann Gott al⸗ lein Euch des Eurigen entbinden. Schwoͤrt demnach nicht, denn wenn wir wegen einer ſolchen Sache Euren Zorn verdient haben, und dieſer Zorn ſich durch Ver⸗ bannung an den Tag legt, ſo werden wir mit Freuden in die Verbannung gehen, weil wir, ſobald wir uns nicht mehr auf dem Gebiete Eurer Majeſtaͤt befinden, unſer Wort werden halten und mit unſeren Gegnern auf fremdem Boden zuſammentreffen koͤnnen. — Wenn dieſe Herren Euch nur auf Buͤchſenſchuſſes⸗ weite zu nahe kommen, rief Heinrich aus, ſo laſſe ich ſie alle Vier in die Baſtille werfen. — Sire, ſagte Quélus, an dem Tage, wo Eure Majeſtaͤt ſo verfuͤhre, wuͤrden wir barfuß und mit dem Stricke um den Hals zu Meiſter Laurent Teſtu, dem Gouverneur, gehen, damit er uns mit dieſen Edelleuten einkerkere. — 77— — Ich werde ſie koͤpfen laſſen, Gottes Tod! Ich bin hoffentlich der Koͤnig. — Wenn unſeren Feinden Etwas derartiges begeg⸗ nete, Sire, ſo wuͤrden wir uns an dem Fuße ihres Schaffotes den Hals abſchneiden. Heinrich ſchwieg lange ſtill, und ſeine ſchwarzen Au⸗ gen wieder erhebend, ſagte er: — So iſt es recht, das iſt guter und tapferer Adel. Es iſt gut... Wenn Gott eine von ſolchen Leuten vertheidigte Sache nicht ſegnete!... — Sei nicht gottlos... laͤſtere nicht! ſagte Chi⸗ cot feierlich, indem er von ſeinem Bette ſtieg und auf den Koͤnig zuſchritt. Ja, es ſind edle Herzen. Mein Gott, thue, was ſie wollen, hoͤrſt Du, mein Meiſter? Geſchwind, beſtimme dieſen jungen Leuten einen Tag. Das iſt Deine Angelegenheit, und nicht dem Allmaͤchti⸗ gen ſeine Pflicht vorzuſchreiben. — O, mein Gott! Mein Gott! murmelte Heinrich. — Sire, wir bitten Euch flehentlich darum, ſagten die vier jungen Edelleute, indem ſie den Kopf verneigten und das Knie bogen. — Wohlan, es ſei. In der That, Gott iſt gerecht, er iſt uns den Sieg ſchuldig; aber außerdem werden wir ihn auf chriſtlichen und vernuͤnftigen Wegen vorzuberei⸗ ten wiſſen. Erinnert Euch, theure Freunde, daß Jarnac ſeinen Gottesdienſt puͤnktlich verrichtete, bevor er ſich gegen la Chäataigneraie ſchlug; dieſer Letztere war ein gewaltiger Kaͤmpfer, aber er vergaß ſich in Feſten, in Schmauſereien und beſuchte die Frauen, eine abſcheuliche — 78— Suͤnde. Kurz, er verſuchte Gott, der vielleicht ſeiner Jugend, ſeiner Schoͤnheit, ſeiner Kraft laͤchelte, und der ihm das Leben erhalten wollte.— Jarnac zerhieb ihm indeſſen die Kniekehle.— Hoͤrt mich an, wir wollen An⸗ dachtsuͤbungen anſtellen, wenn ich die Zeit dazu haͤtte, ſo wuͤrde ich Eure Schwerdter nach Rom bringen laſ⸗ ſen, damit ſie der heilige Vater alle ſegnete... Aber wir haben das Reliquienkaͤſtchen der heiligen Ge⸗ novefa, welches ſo wunderthaͤtig iſt, als die beſten Re⸗ liquien.— Laßt uns mit einander faſten, kaſteien wir uns und heiligen wir den hohen Tag des Fronleich⸗ namsfeſtes; dann, am folgenden Tage... — Ah, Sire, habt Dank, habt Dank, riefen die vier jungen Leute aus... das iſt in acht Tagen. Und ſie ſtuͤrzten ſich auf die Haͤnde des Koͤnigs, der ſie Alle noch ein Mal umarmte und in Thraͤnen ausbrechend in ſein Betzimmer zuruͤckkehrte. — Unſere Herausforderung iſt vollſtaͤndig entwor⸗ fen, ſagte Quolus, wir haben nur noch Tag und Stunde hinzuzufuͤgen. Schreib, Maugiron, auf dieſem Tiſche ... mit der Feder des Koͤnigs; ſchreib am Tage des Fronleichnamsfeſtes! — Das iſt geſchehen, antwortete Maugiron; wer iſt der Herold, der dieſen Brief uͤberbringen wird? — Das werde ich ſein, wenns Euch beliebt, ſagte Chicot, indem er herzutrat; nur will ich Euch einen Rath geben, meine Lieben; Seine Majeſtaͤt ſpricht von Faſten, von Kaſteiungen und Reliquieenkaͤſten...Das iſt vortrefflich, als nach einem Siege gethanes Geluͤbde; X — 779— aber dem Kampfe ziehe ich die Wirkſamkeit einer guten Nahrung, einen feurigen Wein, einen einſamen Schlaf von acht Stunden fuͤr den Tag oder fuͤr die Nacht vor. Nichts verleiht der Fauſt die Geſchmeidigkeit und die Kraft, als ein Aufenthalt von drei Stunden bei Tiſche, — wenigſtens ohne ohne Trunkenheit.— Ich bin voll— kommen einverſtanden mit dem Koͤnige in Bezug auf das Kapitel der Liebe, das iſt zu verweichlichend, Ihr werdet wohl thun, Euch ihrer zu enthalten. — Bravo, Chicot! riefen die jungen Leute mit ein⸗ ander aus. — Gott befohlen, meine kleinen Loͤwen, antwortete der Gaskonier, ich gehe nach dem Hotel Buſſy. Er that drei Schritte und kehrte zuruͤck. — Apropos, ſagte er, verlaßt waͤhrend dieſes ſchoͤ⸗ nen Tages des Fronleichnamsfeſtes den Koͤnig nicht; geht nicht, weder der Eine, noch der Andere auf das Land; bleibt im Louvre wie ein Haͤufchen Paladine. Das iſt einverſtanden, he? Ja, dann will ich Euren Auftrag ausrichten. Und ſeinen Brief in der Hand, oͤffnete Chicot den Zirkel ſeiner langen Beine, und verſchwand. VII. Das Fronleichnamsfeſt. Waͤhrend dieſer acht Tage bereiteten ſich die Er⸗ eigniſſe vor, wie an ruhigen und ſchwuͤlen Sommerta⸗ gen ein Gewitter in der Tiefe des Himmels heranzieht. Monſoreau, nach acht und vierzigſtuͤndigem Fieber wieder hergeſtellt, beſchaͤftigte ſich damit, ſelbſt ſeinem Ehrenraͤuber aufzupaſſen; da er aber Niemanden ent⸗ deckte, ſo blieb er mehr als jemals von der Heuchelei des Herzogs von Anjou und von ſeinen ſchlimmen Ab⸗ ſichten in Bezug auf Diana uͤberzeugt. Buſſy ſetzte ſeine taͤglichen Beſuche in dem Hauſe des Oberjaͤgermeiſters nicht aus. Nur war er durch Remy uͤber das haͤufige Auflauern des Geneſenden un⸗ terrichtet, und er enthielt ſich, Nachts durch das Fen⸗ ſter zu kommen. Chicot theilte ſeine Zeit in zwei Theile. — 3à1— Der eine war ſeinem geliebten Herrn, Heinrich von Valois, gewidmet, den er ſo wenig als moͤglich verließ, indem er uͤber ihn wachte, wie es eine Mutter mit ihrem Kinde thut. Der andere war fuͤr ſeinen theuren Freund Goren⸗ flot, den er mit großer Muͤhe ſeit acht Tagen beſtimmt hatte, in ſeine Zelle zuruͤckzukehren, in die er ihn zu⸗ ruͤckgefuͤhrt und in welcher er von dem Abte, Meſſire Joſeph Foulon, auf das Artigſte empfangen worden war. Bei dieſem erſten Beſuche hatte man Viel von der Froͤmmigkeit des Koͤnigs geſprochen, und der Prior ſchien Seiner Majeſtaͤt auf das Hoͤchſte dankbar fuͤr die Ehre, welche er der Abtei durch ſeinen Beſuch erweiſen wollte. Dieſe Ehre war ſogar bei Weitem groͤßer, als man es Anfangs erwartet hatte. Heinrich hatte auf die Bitte des ehrwuͤrdigen Abtes eingewilligt, den Tag und die Nacht in Zuruͤckgezogenheit in dem Kloſter zuzubringen. Chicot beſtaͤtigte den Abt in dieſer Hoffnung, auf die er nicht feſt zu rechnen wagte, und da man wußte, daß Chicot das Vertrauen des Koͤnigs beſaͤße, ſo lud man ihn dringend ein, wiederzukommen, was Chicot zu thun verſprach. Was Gorenflot anbelangt, ſo wuchs er in den Augen der Moͤnche um ein Betraͤchtliches. Es war in der That ein Hauptſtreich von ihm, ſo das ganze Vertrauen Chicors erſchlichen zu haben. Machia⸗ vel, politiſchen Andenkens, haͤtte nicht beſſer gehandelt. Eingeladen wiederzukommen, kam Chicot wieder, und da er in ſeinen Taſchen, unter ſeinem Mantel, in Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band. 8 8⏑—— 2— —e— 2——2— ☚ —2 jeden Abend verdaͤchtige Verſammlungen in dem großen Saale des Hotels gehalten wurden, nachdem man zu⸗ vor Sorge getragen hatte, die Laͤden hermetiſch zu ver⸗ ſchließen, und daß dieſen Verſammlungen Mittageſſen vorausgingen, zu denen man nur Maͤnner einlud, bei denen indeſſen Frau von Montpenſier den Vorſitz fuͤhrte. Wir ſind genoͤthigt, dieſe und aͤhnliche naͤheren Um⸗ ſtaͤnde, die wir in den Denkſchriften der Zeit finden, un⸗ ſeren Leſern zu geben, weil ſie dieſelben nicht in den Polizei⸗Archiven finden wuͤrden. In der That, die Po⸗ lizei dieſer milden Regierung ahnete niemals das, was an⸗ gezettelt wurde, obgleich das Komplott, wie man wird ſehen koͤnnen, von Wichtigkeit war, und die wuͤrdigen Buͤrger, welche die Pickelhaube auf dem Kopfe und die Hellebarde in der Fauſt ihre naͤchtliche Runde machten, ahneten es nicht mehr, als ſie, da ſie nicht die Leute waren, andere Gefahren zu errathen, als die, welche durch Feuer, Diebe, tolle Hunde oder haͤndelſuͤchtige Trunkenbolde entſtehen. Von Zeit zu Zeit hielt wohl irgend eine Runde vor dem Gaſthauſe zum blauen Himmel, in der Straße de U'Arbre⸗Sec an; aber Meiſter La Hurisère war als ein ſo eifriger Katholik bekannt, daß man nicht daran zwei⸗ felte, daß der große Laͤrm, der bei ihm verfuͤhrt wurde, nicht zur groͤßten Verherrlichung Gottes verfuͤhrt wuͤrde. Unter dieſen Umſtaͤnden naͤherte ſich die Stadt Pa⸗ ris, Tag vor Tag, dem Morgen dieſer großen durch die conſtitutionelle Regierung abgeſchafften Feierlichkeit, welche man das Fronleichnamsfeſt nennt. 6„ Am Morgen dieſes feierlichen Tages war es ein koͤſtliches Wetter und die Blumen, welche die Straßen bedeckten, verbreiteten ihre balſamiſchen Duͤfte in die Ferne. Chicot, welcher ſeit vierzehn Tagen beſtaͤndig in dem Zimmer des Koͤnigs ſchlief, weckte Heinrich fruͤh⸗ zeitig. Es hatte noch Niemand das koͤnigliche Zimmer betreten. — Ah, mein armer Chicot, rief Heinrich aus, daß Dich der Tauſend! Ich habe niemals einen Menſchen ſeine Zeit ſchlechter waͤhlen ſehen. Du weckſt mich aus dem ſuͤßeſten Traume, den ich in meinem Leben gehabt habe. — und was traͤumteſt Du denn, mein Sohn? fragte Chicot. — Ich traͤumte, daß Quslus mit einer Sekunde Antraguet durchbohrt haͤtte, und daß er, dieſer liebe Freund, in dem Blute ſeines Gegners ſchwaͤmme. Aber da iſt der Tag. Laß uns den Herrn bitten, daß mein Traum ſich verwirklicht. Rufe, Chicot, rufe! — Was willſt Du denn? — Mein Bußhemd und meine Ruthen. — Du wuͤrdeſt nicht ein gutes Fruͤhſtuͤck vorziehen? fragte Chicot. — Gottloſer, ſagte Heinrich, der die Meſſe des Frohnleichnamsfeſtes mit vollem Magen hoͤren will. — Das iſt richtig. — Rufe, Chicot, rufe! — Geduld, ſagte Chicot, es iſt kaum acht Uhr — 82— ſeinen weiten Stiefeln Flaſchen Wein von den ſeltenſten und auserleſenſten Gewaͤchſen mitbrachte, ſo empfing ihn Bruder Gorenflot noch beſſer, als Meſſire Joſeph Foulon. Dann ſchloß er ſich ganze Stunden lang in die Zelle des Moͤnches ein, indem er, nach der allgemeinen Sage, ſeine Studien und ſeine Entzuͤckungen theilte. Zwei Tage vor dem Fronleichnamsfeſte brachte er ſogar die ganze Nacht in dem Kloſter zu; am folgenden Tage ging in der Abtei das Geruͤcht, daß Gorenflot Chicot beſtimmt haͤtte, in den Orden zu treten. Was den Koͤnig anbelangt, ſo ertheilte er waͤhrend dieſer Zeit ſeinen Freunden gute Lehren in der Fecht⸗ kunſt, indem er mit ihnen neue Finten ſuchte, und ſich beſonders bemuͤhte, d'Epernon zu uͤben, dem das Loos einen ſo gefaͤhrlichen Gegner gegeben hatte und den die Erwartung des entſcheidenden Tages ſehr ſichtlich be⸗ ſchaͤftigte. Jemand, der zu gewiſſen Stunden der Nacht die Stadt durchwandert haͤtte, wuͤrde in dem Quartier Sanct⸗Genovefa ſeltſamen Moͤnchen begegnet ſein, von denen unſere erſten Kapitel einige Beſchreibungen geliefert haben, und die bei Weitem eher Reitern, als Pfaffen glichen. Endlich koͤnnten wir zur Vervolſtaͤndigung des Bildes, das wir zu entwerfen begonnen haben, noch hinzufuͤgen, daß das Hotel Guiſe zu gleicher Zeit die geheimnißvollſte und die unruhigſte, die im Innern am Meiſten bevoͤlkerte, und von Außen die am Meiſten oͤde Hoͤhle geworden war, die man ſehen konnte; daß — 85— und Du haſt Zeit, Dich bis heute Abend zu geißeln. Laß uns zuerſt plaudern: willſt Du mit Deinem Freunde plaudern? Du wirſt es nicht bereuen, Valois, ſo wahr ich Chicot heiße. — Wohlan! Laß uns plaudern, ſagte Heinrich, aber eile Dich. — Wie theilen wir unſere Tag ein, mein Sohn? — In drei Theile. — Der heiligen Dreieinigkeit zu Ehren, ſehr ſchoͤn. Laß dieſe drei Theile hoͤren. — Zuvoͤrderſt die Meſſe in der Kirche Saint-Ger⸗ main⸗l'Auxerrois. — Schoͤn! — Nach dem Louvre zuruͤckgekehrt das Mahl. — Sehr ſchoͤn. — Dann, Buß⸗Proceſſion durch die Straßen, in⸗ dem wir anhalten, um Stationen in den angeſehenſten Kloͤſtern von Paris zu machen, indem wir mit den Ja⸗ kobinern anfangen und mit Sanct⸗Genovefa endigen, in welchem ich dem Prior verſprochen habe, in der Zu⸗ ruͤckgezogenheit bis zum andern Morgen in der Zelle ei⸗ ner Art von Heiligen zu bleiben, der die Nacht in Ge⸗ beten zubringen wird, um den Erfolg unſrer Waffen zu ſichern. — Ich kenne ihn. — Den Heiligen? — Vollkommen. — uUm ſo beſſer, Du wirſt mich begleiten, Chicot, wir werden mit einander beten. — 86— — Ja, ſei unbeſorgt. — Dann, kleide Dich an und komm! — So warte doch! — Auf was? — Ich habe Dich noch um einige Umſtaͤnde zu fragen. — Kannſt Du mich nicht uͤber ſie fragen, waͤhrend dem man mich ankleidet? — Ich ziehe es vor, Dich daruͤber zu fragen, waͤh⸗ rend wir allein ſind. — So mach denn geſchwind, die Zeit verfließt. — Dein Hof, was macht er? — Er folgt mir. — Dein Bruder? — Er begleitet mich. — Deine Leibwache? — Die Franzoͤſiſche Leibwache erwartet mich mit Crillon am Louvre; die Schweizer erwarten mich an der Thuͤre der Abtei. — Vortrefflich, ſagte Chicot, jetzt bin ich unter⸗ richtet. — Ich kann alſo rufen? — Rufe. Heinrich ſchellte. — Die Ceremonie wird prachtvoll ſein, fuhr Chicot fort. — Gott wird es uns hoffentlich Dank wiſſen. — Wir werden das morgen ſehen. Aber, ſag mir, — 87— Heinrich, bevor Jemand eintritt, haſt Du mir nichts Anderes zu ſagen? — Nein. Habe ich etwa irgend einen Umſtand des Ceremoniels vergeſſen? — Davon ſpreche ich nicht. — Von was ſprichſt Du denn? — Von Nichts. — Aber Du fragſt mich.. — Ob es feſt beſchloſſen iſt, daß Du nach der Abtei Sanct⸗Genovefa gehſt. — Ohne Zweifel. — uUnd ob Du die Nacht in ihr zubringſt? — Ich habe es verſprochen. — Nun denn! Wenn Du mir Nichts zu ſagen haſt, mein Sohn, ſo will ich Dir ſagen, daß mir dieſes Ce⸗ remoniel nicht behagt. — Wie? — Nein, und wenn wir zu Mittag gegeſſen haben... — Wenn wir zu Mittag gegeſſen haben? — Will ich Dir eine andere Verfuͤgung mittheilen, die ich ausgedacht habe. 4 — Es ſei, ich gebe meine Zuſtimmung dazu. — Wenn Du Deine Zuſtimmung nicht dazu gaͤbeſt, ſo wuͤrde es doch daſſelbe ſein. — Was willſt Du damit ſagen? — Still! Da tritt Deine Bedienung in's Vor⸗ zimmer. In der That, die Anmelder oͤffneten die Thuͤrfluͤ⸗ gel, und man ſah den Barbier, den Parfuͤmeur und t — 88— den Kammerdiener Seiner Majeſtaͤt erſcheinen, welche ſich des Koͤnigs bemaͤchtigend, gemeinſchaftlich an ſein er erhabenen Perſon eine jener Toiletten auszufuͤhren be⸗ gannen, die wir im Anfange dieſes Werkes geſchildert haben. Als die Toilette Seiner Maijeſtaͤt zu zwei Dritteln beendigt war, meldete man Seine Hoheit, den Herzog von Anjou. Heinrich wandte ſich nach ſeiner Seite um, indem er ſein beſtes Laͤcheln vorbereitete, um ihn zu em⸗ pfangen. Der Herzog war von Herrn von Monſoreau, von d'Epernon und von Aurilly begleitet. D'Epernon und Aurilly blieben zuruͤck. Bei dem Anblicke des noch bleichen Grafen, deſſen Ausſehn entſetzlicher als jemals war, vermogte Heinrich eine Bewegung der Ueberraſchung nicht zu unterdruͤcken. Der Herzog bemerkte dieſe Bewegung, welche auch dem Grafen nicht entging. — Sire, ſagte der Herzog, es iſt der Herr von Monſoreau, der Eurer Majeſtaͤt ſeine Ehrfurcht zu be⸗ zeigen kommt. — Ich danke Euch, mein Herr, ſagte Heinrich, und ich bin um ſo erkenntlicher fuͤr Euren Beſuch, als Ihr ſehr verwundet geweſen ſeid, nicht wahr? — Ja, Sire. — Auf der Jagd, hat man mir geſagt. — Auf der Jagd, Sire. — Aber Ihr befindet Euch jetzt beſſer, nicht wahr? — 89— — Ich bin wieder hergeſtellt. — Sire, ſagte der Herzog von Anjou, waͤre es Euch nicht gefaͤllig, daß uns der Herr Graf von Mon⸗ ſoreau, nachdem wir unſere Andachtsuͤbungen verrichtet, eine ſchoͤne Jagd in dem Walde von Compiegne veran⸗ ſtalte? — Aber, ſagte Heinrich, wißt Ihr nicht, daß morgen... Er ſtand im Begriffe zu ſagen: daß vier meiner Freunde mit vier der Eurigen ein Duell haben,... aber er erinnerte ſich, daß das Geheimniß haͤtte bewahrt werden ſollen, und er unterbrach ſich. — Ich weiß Nichts, Sire, erwiederte der Herzog von Anjou, und wenn Eure Majeſtaͤt mich unterrichten will.. — Ich wollte ſagen, begann Heinrich wieder, daß ich fuͤr morgen vielleicht nicht bereit ſein wuͤrde, da ich die naͤchſte Nacht in der Abtei Sanct⸗Genovefa in An⸗ dachtsuͤbungen zubringe, aber moͤge der Herr Graf im⸗ merhin aufbrechen, wenn es nicht morgen iſt, ſo wird die Jagd uͤbermorgen ſtattfinden. — Ihr hoͤrt? ſagte der Herzog zu Monſoreau, wel⸗ chet ſich verneigte. — Ja, gnaͤdiger Herr, antwortete der Graf. In dieſem Augenblicke traten Schomberg und Qus⸗ lus ein; der Koͤnig empfing ſie mit offenen Armen. — 90— — Noch ein Tag, ſagte Quslus, indem er ſich vor dem Koͤnige verneigte. — Aber gluͤcklicher Weiſe nur noch ein Tag, ſagte Schomberg.. Waͤhrend dieſer Zeit ſagte Monſoreau zu dem Her⸗ zoge: — Ihr laßt mich verbannen, wie es ſcheint, gnaͤdi⸗ ger Herr. — Beſteht die Pflicht eines Oberjaͤgermeiſters nicht darin, Jagden fuͤr den Koͤnig anzuſtellen? ſagte der Her⸗ zog lachend. — Ich begreife, antwortete Monſoreau, und ich ſehe, was das zu bedeuten hat. Heute Abend naͤmlich laͤuft der achte Tag der Friſt ab, die Eure Hoheit von mir verlangt hat, und Eure Hoheit zieht es vor, mich nach Compiegne zu ſenden, als mir Ihr Verſprechen zu halten. Aber nehme ſich Eure Hoheit in Acht! Von jetzt bis heute Abend kann ich mit einem einzigen Worte... Franz faßte den Grafen bei der Fauſt. — Schweigt, ſagte er zu ihm, denn im Gegen⸗ theile, ich halte dieſes Verſprechen, das Ihr in An⸗ ſpruch nehmt. — Erklaͤrt Euch. — Eure Abreiſe fuͤr die Jagd wird Jedermann be⸗ kannt werden, da der Befehl amtlich iſt. — Nun denn? — Nun denn! Ihr reiſet nicht ab, ſondern Ihr verſteckt Euch in der Umgebung Eures Hauſes; dann, — 91— in der Meinung, daß Ihr abweſend waͤret, wird der Mann kommen, den Ihr kennen lernen wollt; das Uebrige geht Euch an, denn, wie ich meine, habe ich mich zu nichts Anderem verpflichtet. — Ah, ah! Wenn ſich das ſo zutraͤgt, ſagte Mon⸗ ſoreau. — Ihr habt mein Wort, ſagte der Herzog. — Ich habe Beſſeres, als das, gnaͤdiger Herr, ich habe Eure Unterſchrift. — Ei ja, Gottes Tod, ich weiß es wohl. Und der Herzog entfernte ſich von Monſoreau, um ſich ſeinem Bruder zu naͤhern. Aurilly beruͤhrte den Arm d'Epernons. — Es iſt geſchehen, ſagte er. — Was? Was iſt geſchehen? — Herr von Buſſy wird ſich morgen nicht ſchlagen. — Herr von Buſſy wird ſich morgen nicht ſchlagen? — Ich ſtehe dafuͤr. — und was wird ihn daran verhindern? — Was kuͤmmert es Euch, vorausgeſetzt, daß er ſich nicht ſchlaͤgt. .— Wenn das geſchieht, mein lieber Hexenmeiſter, ſo ſind Tauſend Thaler fuͤr Euch bereit. — Meine Herren, ſagte Heinrich, welcher ſo eben ſeine Toilette beendigt hatte, nach der Kirche Saint⸗ Germain⸗!'Auxerrois. — und von da nach der Abtei Sant⸗Genovefa? fragte der Herzog. — Gewiß, antwortete der Koͤnig. — Rechnet darauf, ſagte Chicot, indem er den Guͤr⸗ tel ſeines Schwerdtes zuſchnallte. Und Heinrich ging in die Gallerie, wo fein ganzer Hof ihn erwartete. VIII. Dieſes Kapitel verleihet dem vorhergehenden noch mehr Deutlichkeit. Am Abende vorher, als Alles zwiſchen den Guiſen und den Anjouern beſchloſſen und verabredet worden, war Herr von Monſoreau nach Haus zuruͤckgekehrt und hatte Buſſy daſelbſt angetroffen. Nun bedenkend, daß dieſer wackere Edelmann, fuͤr den er immer noch eine große Freundſchaft hegte, ſich am folgenden Tage auf eine ſchreckliche Weiſe compro⸗ mittiren koͤnnte, da er von Nichts unterrichtet waͤre, ſo hatte er ihn bei Seite genommen. — Mein lieber Graf, hatte er zu ihm geſagt, woll⸗ tet Ihr mir wohl erlauben, Euch einen Rath zu geben? — Wie denn, hatte Buſſy geantwortet, ich bitte Enuch darum, thut es. — 94— — An Eurer Stelle wuͤrde ich mich morgen von Paris entfernen. — Ich? Und warum das? — Alles, was ich Euch ſagen kann, iſt, daß Eure Abweſenheit Euch von einer großen Verlegenheit befreien wuͤrde. — Von einer großen Verlegenheit, erwiderte Buſſy, indem er den Grafen bis in die Tiefe der Augen blickte, und von welcher? — Wißt Ihr denn nicht, was morgen vorgehen ſoll?. — Durchaus nicht. — Auf Ehre? — So wahr ich Edelmann bin. — Herr von Anjou hat Euch Nichts anvertraut? .— Nichts! Herr von Anjou vertraut mir nur die Sachen an, die er unverhohlen ſagen kann, und ich moͤgte faſt hinzufuͤgen, die er Jedermann ſagen kann. — Nun denn. Ich, der ich nicht der Herzog von Anjou bin, ich, der ich meine Freunde ihretwegen und nicht wegen meiner liebe, ich will Euch ſagen, mein lieber Graf, daß ſich fuͤr morgen gefaͤhrliche Ereigniſſe vorbereiten und daß die Partei Anjou und Guiſe uͤber einen Streich bruͤtet, deſſen Reſultat wohl die Thron⸗ entſetzung des Koͤnigs ſein koͤnnte. Buſſy blickte Herrn von Monſoreau mit einem ge⸗ wiſſen Mißtrauen an, aber ſein Geſicht druͤckte die vol⸗ leſte Offenherzigkeit aus, und man konnte ſich uͤber die⸗ ſen Ausdruck nicht taͤuſchen. — Graf, antwortete er, wie Ihr wißt, gehoͤre ich dem Herzoge von Anjou an, das heißt, daß mein Le⸗ ben und mein Schwerdt ihm angehoͤren. Der Koͤnig, gegen den ich niemals Etwas offenbar unternommen habe, grollt mir fortwährend, und hat niemals eine Gelegen⸗ heit verfehlt, um mir etwas Verletzendes zu ſagen, oder mir ſagen zu laſſen. Und gerade uͤbermorgen,— Buſſy ſenkte die Stimme,— ich ſage Euch das, aber ich ſage es Euch allein, verſteht Ihr wohl? Uebermorgen werde ich mein Leben auf's Spiel ſetzen, um Heinrich von Valois in der Perſon ſeiner Guͤnſtlinge zu demuͤthigen. — Demnach alſo, fragte Monſoreau, ſeid Ihr ent⸗ ſchloſſen, alle Folgen Eurer Stellung bei dem Herzoge von Anjou zu erleiden? — Ja. — Ihr wißt vielleicht, wozu das fuͤhrt? — Ich weiß, wobei ich ſtehen zu bleiben gedenke; welchen Grund ich auch habe, um mich uͤber den Koͤnig zu beklagen, ſo werde ich doch niemals die Hand gegen den Geſalbten des Herrn erheben; ich werde die Andern handeln laſſen, und, ohne zu ſchlagen und ohne Jeman⸗ den herauszufordern, dem Herzoge von Anjou folgen, um ihn fuͤr den Fall von Gefahr zu vertheidigen. Herr von Monſoreau uͤberlegte einen Augenblick lang, und ſeine Hand auf Buſſy's Achſel legend ſagte er zu ihm: — Lieber Graf, der Herzog von Anjou iſt ein Arg⸗ liſtiger, ein, Feiger, ein Verraͤther, der faͤhig iſt, we⸗ gen einer Eiferſucht, oder wegen einer Furcht ſeinen treue⸗ — 96— ſten Diener, ſeinen ergebenſten Freund zu opfern; ver⸗ laßt ihn, lieber Graf, befolgt den Rath eines Freun⸗ des, bringt den morgenden Tag in Eurem kleinen Hauſe von Vincennes zu, geht, wohin Ihr wollt, aber geht nicht zu der Fronleichnams⸗Proceſſion. Buſſy blickte ihn feſt an. 4 — Aber warum folgt Ihr ſelbſt dem Herzoge von Anjou? erwiderte er. — Weil ich wegen Dingen, die meine Ehre intereſ⸗ ſiren, antwortete der Graf, ſeiner noch einige Zeit lang bedarf. — Nun denn! Es geht Euch wie mir, ſagte Buſſy: wegen Dingen, die auch meine Ehre intereſſiren, werde ich dem Herzoge folgen. Der Graf von Monſoreau druͤckte Buſſy die Hand, und alle Beide trennten ſich. Wir haben in dem vorhergehenden Kapitel geſagt, was ſich am folgenden Morgen bei dem Lever des Koͤ⸗ nigs zutrug. Monſoreau kehrte nach Hauſe zuruͤck, und meldete ſeiner Frau ſeine Abreiſe nach Compiègne; zu gleicher Zeit gab er Befehl, alle Vorbereitungen zu dieſer Ab⸗ reiſe zu treffen. Diana hoͤrte die Nachricht voller Freude. Sie wußte von ihrem Gatten das bevorſtehende Duell zwi⸗ ſchen Buſſy und d'Epernon, aber d'Epernon war Der⸗ jenige unter den Mignons des Koͤnigs, welcher den ge⸗ ringſten Ruf von Muth und Geſchicklichkeit hatte, ſie n ☛ — 97— hatte demnach nur eine mit Stolz gemiſchte Furcht bei dem Gedanken an den bevorſtehenden Kampf. Buſſy war am fruͤhen Morgen zu dem Herzoge ge⸗ gangen und hatte den Herzog nach dem Louvre begleitet, indem er dabei in der Gallerie zuruͤckblieb. Als er von ſeinem Bruder zuruͤckkehrte, holte ihn der Herzog ab, und das ganze koͤnigliche Gefolge ſetzte ſich nach der Kirche Saint⸗Germain⸗l'Auxerrois in Bewegung. Als er Buſſy ſo offen, ſo bieder, ſo ergeben ſah, hatte der Prinz einige Gewiſſensbiſſe gefuͤhlt, aber zwei Sachen bekaͤmpften in ſeinem Innern die guten Stimmungen; die große Herrſchaft, welche Buſſy, wie jede maͤchtige Natur uͤber eine ſchwache Natur, uͤber ihn erlangt hatte, floͤßte ihm die Furcht ein, daß Buſſy, indem er immerhin neben ſeinem Throne ſtaͤnde, doch der wahre Koͤnig waͤre; dann erweckte die Liebe Buſſys zu Frau von Monſoreau alle Martern des Stolzes und der Eiferſucht auf dem Grunde ſeines Herzens. Indeſſen hatte er ſich geſagt, denn Monſoreau floͤßte ihm ſeiner Seits faſt eben ſo große Beſorgniß ein, als Buſſy, indeſſen hatte er ſich geſagt: — Entweder wird mich Buſſy begleiten, und, in⸗ dem er mir durch ſeinen Muth beiſteht, meine Sache triumphiren laſſen, und dann, wenn ich triumphirt habe, ſo kümmert es mich Wenig, was der Monſoreau ſagen und thun wird. Oder Buſſy wird mich verlaſſen, und dann din ich ihm Nichts mehr ſchuldig und ich gebe ihn meiner Seits auch auf. Die Dame von Monſoreau. Sechster Band. 7 5 — 98— Das Reſultat dieſer doppelten Ueberlegung, deren Gegenſtand Buſſy war, machte, daß der Peinz den jun⸗ gen Mann keinen Augenblick lang aus den Augen ließ: er ſah ihn mit ſeinem ruhigen und laͤchelnden Geſichte in die Kirche treten, nachdem er artiger Weiſe Herrn von Epernon, ſeinem Gegner, den Vortritt gelaſſen, und ein wenig weiter zuruͤck niederknieete. Der Prinz gab nun Buſſy einen Wink ſich ihm zu naͤhern: in der Stellung, in welcher er ſich befand, war er genoͤthigt, den Kopf gaͤnzlich umzuwenden, waͤhrend er, wenn er ihn zu ſeiner Linken niederknieen ließ, er nur die Augen zu wenden brauchte. Die Meſſe haötte ſeit ungefaͤhr einer Viertelſtunde begonnen, als Remy in die Kirche trat, und neben ſei⸗ nem Herrn niederknieete. Der Herzog erbebte bei der Erſcheinung des jungen Arztes, von dem er wußte, daß er der Vertraute der geheimſten Gedanken Buſſys waͤre. In der That, nach Verlauf eines Augenblickes, nach einigen mit leiſer Stimme ausgewechſelten Wor⸗ ten, ſteckte Remy dem Grafen ein Billet zu. Der Prinz fuͤhlte einen Schauder durch ſeine Adern rollen; eine kleine, feine und niedliche Handſchrift bil⸗ dete die Aufſchrift dieſes Billettes. — Das iſt von ihr, ſagte er; ſie meldet ihm, daß ihr Gatte Paris verlaͤßt. Buſſy legte verſtohlen das Billet auf den Boden ſeines Hutes, oͤffnete es und las. Der Peinz ſah das Billet nicht mehr, aber er ſah 8 — 99— Buſſys Geſicht, das ein Strahl von Freude und Liebe vergoldete. — Ha, wehe Dir, wenn Du mich nicht begleiteſt! murmelte er. 4 Buſſy druͤckte das Billet an ſeine Lippen und ſchob es auf ſein Herz. Der Herzog blickte um ſich. Wenn Monſoreau da geweſen waͤre, ſo haͤtte er vielleicht nicht die Geduld ge⸗ habt, bis zum Abend zu warten, um ihm Buſſy zu nennen. Als die Meſſe beendigt, ſchlug man den Weg nach dem Louvre wieder ein, wo den Koͤnig in ſeinen Zim⸗ mern, und die Edelleute in der Gallerie Erfriſchungen erwarteten. Die Schweizer waren von dem Thore des Louvre aus in zwei Reihen aufgeſtellt. Crillon und die Franzoͤſiſchen Leibwachen ſtanden auf dem Hofe. Chicot verlor den Koͤnig eben ſo wenig aus den Augen, als der Herzog von Anjou Buſſy nicht aus den Augen verlor. Bei dem Eintritte ins Louvre naͤherte ſich Buſſy dem Herzoge. — Verzeiht, gnaͤdiger Herr, ſagte er, indem er ſich verneigte, ich wuͤnſchte Eurer Hoheit einige Worte zu ſagen. — Eitige? fragte der Herzog. — Sehr eilige, gnaͤdiger Herr. — Koͤnnteſt Du ſie mir nicht waͤhrend der Proceſ⸗ ſion ſagen? Wir werden einander zur Seite gehen. — Eure Gnaden wird mich entſchuldigen, aber ich 7* — 100— hielt Euch gerade auf, um Euch um die Erlaubniß zu bitten, Euch nicht zu begleiten. — Wie das? fragte der Herzog mit einem Ausdruck der Stimme, deren Beſtuͤrzung er nicht gaͤnzlich zu verbergen vermogte. — Gnaͤdiger Herr, morgen iſt ein wichtiger Tag, wie Eure Hoheit weiß, da er den Streit zwiſchen Anjou und Frankreich ſchlichten ſoll; ich wuͤnſchte demnach, mich in mein kleines Haus in Vincennes zuruͤckzuziehen, und dort den ganzen Tag uͤber in der Einſamkeit zu bleiben. — Demnach kommſt Du alſo nicht zu der Proceſ⸗ ſion, zu welcher der Hof, zu welcher der Koͤnig kommt? — Nein, gnaͤdiger Herr, jeden Falles mit Erlaub⸗ niß Eurer Hoheit. — Du wirſt nicht einmal in der Abtei Sanct⸗Geno⸗ vefa zu mir kommen? — Ich wuͤnſche den ganzen Tag fuͤr mich zu ha⸗ ben, gnaͤdiger Herr. — Indeſſen, ſagte der Herzog, wenn im Laufe des Tages ſich irgend eine Veranlaſſung boͤte, bei welcher ich meiner Freunde bedarf?... — Da Eure Gnaden ihrer nur beduͤrfte, wie Ihr ſagt, um das Schwerdt gegen ihren Koͤnig zu ziehen, ſo bitte ich Euch doppelt um Urlaub, antwortete Buſſy; mein Schwerdt iſt Herrn von Epernon verpfaͤndet. Monſoreau hatte am Tage zuvor dem Prinzen ge⸗ ſagt, daß er auf Buſſy rechnen koͤnne; Alles hatte ſich alſo ſeit geſtern veraͤndert, und dieſe Veraͤnderung ruͤhrte — 101— von dem durch le Haudoin in die Kirche gebrachten Billette her. — Demnach alſo, ſagte der Herzog mit geknirrſch⸗ ten Zaͤhnen, verlaͤßt Du Deinen Herrn und Meiſter, Buſſy. — Gaaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, der Mann, der fuͤr den folgenden Tag ſein Leben in einem erbitterten, blutigen Kampfe auf Leben und Tod, wie der unſrige ſein wird, ich ſtehe Euch dafuͤr, aufs Spiel ſetzt, die⸗ ſer Mann hat nur noch einen einzigen Herrn, und die⸗ ſer Herr iſt es, der meine letzten Gebete haben ſoll. — Du weißt, daß es ſich fuͤr mich um den Thron handelt, Und Du verlaͤßt mich? — Guaͤdiger Herr, ich habe genug fuͤr Euch gear⸗ beitet, ich werde morgen wieder genug fuͤr Euch arbei⸗ ten. Verlangt nicht mehr, als mein Leben von mir. — Es iſt gut, erwiderte der Herzog mit dumpfer Stimme, Ihr ſeid frei, geht, Herr von Buſſy. Ohne ſich uͤber dieſe ploͤtzliche Kaͤlte zu beunruhigen, verneigte ſich Buſſy vor dem Prinzen, ſchritt die Treppe des Louvre hinab, und ſobald er einmal außerhalb des Palaſtes war, ging er raſch nach ſeiner Wohnung. — Der Herzog rief Aurilly. Aurilly erſchien. — Nun, Gnaͤdiger Herr? fragte der Lautenſpieler. — Nun denn! Er hat ſich ſelbſt verdammt. — Er folgt Euch nicht?. — Nein. — Er geht zu dem Rendezvous des Billets? — Ja. — Dann iſt es fuͤr heute Abend? — Fuͤr heute Abend. — Iſt Herr von Monſoreau benachrichtigt? — Von dem Rendezvous? Ja, von dem Manne, den er bei dem Rendevouz finden wird, noch nicht. —— Demnach alſo ſeid Ihr entſchloſſen, den Grafen zu opfern? — Ich bin entſchloſſen mich zu raͤchen, ſagte der Prinz, und ich fuͤrchte jetzt nur noch Eines. — Was? — Daß der Monſoreau ſich auf ſeine Kraft und auf ſeine Gewandtheit verlaſſen moͤgte, und daß Buſſy ihm entgeht. — Wolle Eure Gnaden ſich beruhigen! — Wie? — Iſt Herr von Buſſy ganz beſtimmt verdammt? — Ja, Gottes Tod! Ein Mann, der mich in Vormundſchaft haͤlt, der mir meinen Willen nimmt, und aus ihm ſeinen Willen macht, der mir meine Ge⸗ liebte nimmt, und aus ihr die ſeinige macht, eine Art von Loͤwe, von dem ich weniger der Herr, als der Waͤrter bin. Ja, ja, Aurilly, er iſt verurtheilt ohne Berufung, ohne Erbarmen! — Nun denn! Wie ich Euch ſagte, Eure Gnaden moͤge ſich beruhigen; wenn er dem Monſoreau entgeht, ſo wird er einem Anderen nicht entgehen. — und wer iſt dieſer Andere? — Eure Gnaden befiehlt mir ihn zu nennen? — 103— — Ja, ich befehle es Dir. — Dieſer Andere iſt Herr von Epernon. — D'Epernon, d'Epernon, der ſich morgen mit ihm ſchlagen ſoll? — Ja, gnaͤdiger Herr. — Erzaͤhle mir doch das. Aurilly ſtand im Begriffe, die verlangte Erzaͤhlung zu beginnen, als man den Herzog rief. Der Koͤnig ſaß zu Tiſche, und verwunderte ſich, den Herzog von An⸗ jou nicht an ihm zu ſehen, oder vielmehr Chicot hatte ihn auf dieſe Abweſenheit aufmerkſam gemacht, und der Koͤnig frug nach ſeinem Bruder. — Du wirſt mir Alles das bei der Proceſſion er⸗ zaͤhlen, ſagte der Herzog, und er folgte dem Anmelder, der ihn rief. Jetzt, wo wir mit einer bei Weitem wichtigeren Perſon beſchaͤftigt ſein werden, und nicht mehr die Muße haben, dem Herzoge und Aurilly durch die Stra⸗ ßen von Paris zu folgen, wollen wir unſeren Leſern ſa⸗ gen, was ſich zwiſchen d'Epernon und dem Lautenſpie⸗ ler zugetragen hatte. Am Morgen, gegen Anbruch des Tages, war d'Eper⸗ non in das Hotel d'Anjou gekommen, und hatte mit Aurilly zu ſprechen verlangt. Seit langer Zeit kannte der Edelmann den Muſi⸗ ker; dieſer Letztere war berufen geweſen, ihm die Laute zu lehren, und verſchiedene Male waren der Schuͤler und der Meiſter zuſammen gekommen, um den Baß zu kratzen oder auf der Violine zu klimpern, wie das in — 102— jener Zeit, nicht allein in Spanien, ſondern auch noch in Frankreich Mode war. Die Folge davon war, daß eine ziemlich vertraute, durch die Etikette gemaͤßigte Freundſchaft die beiden Mu⸗ ſiker verband. Außerdem trieb Herr von Epernon, ein ſchlauer Gaskonier, die Methode des Einſchleichens, welche dar⸗ in beſteht, durch die Diener zu dem Herrn zu gelangen, und zes gab wenig Geheimniſſe bei dem Herzoge von Anjeu, von denen er nicht durch ſeinen Freund Aurilly unterrichtet war. Fuͤgen wir hinzu, daß er es in Folge ſeiner diplo⸗ matiſchen Gewandtheit mit dem Koͤnige und dem Her⸗ zoge hielt, indem er in der Furcht den zukuͤnftigen Koͤ⸗ nig zum Feinde zu haben, und um ſich den regierenden Koͤnig zu erhalten, von dem Einen zu dem Anderen flat⸗ terte. 3 Dieſer Beſuch bei Aurilly hatte zum Zwecke, mit ihm uͤber ſein bevorſtehendes Duell mit Buſſy zu plau⸗ dern. Es konnte nicht fehlen, daß dieſes Duell ihn auf das Hoͤchſte beunruhigte; waͤhrend ſeines langen Le⸗ bens war Tapferkeit niemals die hervortretende Seite von d'Epernons Charakter; nun aber haͤtte er mehr als tapfer, er haͤtte verwegen ſein muͤſſen, um mit kaltem Blute dem Kampfe mit Buſſy die Stirn zu bieten; ſich mit ihm zu ſchlagen, hieß einem gewiſſen Tode entgegen gehen. Die Wenigen, welche es gewagt, hatten den Boden in dem Kampfe gemeſſen, und waren nicht wie⸗ der von ihm aufgeſtanden⸗ — 105— Bei dem erſten Worte, welches d'Epernon dem Muſtker uͤber den ihn bekuͤmmernden Gegenſtand ſagte, ging dieſer, welcher den geheimen Haß kannte, den ſein Herr gegen Buſſy naͤhrte, in ſeinen Sinn ein, indem er ſeinen Schuͤler ſebhr herzlich bedauerte und ihm mel⸗ dete, daß Herr von Buſſy ſeit acht Tagen jeden Mor⸗ gen zwei Stunden lang Fechtuͤbungen mit einem Fecht⸗ meiſter der Leibwachen anſtellte, der argliſtigſten Klinge, die man noch in Paris angetroffen haͤtte, eine Art von Kuͤnſtler in Schwerdtſtoͤßen, der, Wanderer und Philo⸗ ſoph, von den Italienern ihr vorſichtiges und nicht wa⸗ gendes Spiel, von den Spaniern ihre feinen und glaͤn⸗ zenden Finten, von den Deutſchen die Unbeugſamkeit der Fauſt und die Logik des Ruͤckſtoßes, endlich von den wilden Polen, welche man damals Sarmaten nannte, ihre Wendungen, ihre Spruͤnge, ihre ploͤtzlichen Fuß⸗ faͤlle und die Umſchlingungen Leib an Leib entlehnt haͤtte. Waͤhrend dieſer langen Herzaͤhlung unguͤnſtiger Aus⸗ ſichten ſog d'Epernon vor Schrecken all den Karmin ab, von dem ſeine Naͤgel glaͤnzten. — Ah ſo! Demnach bin ich alſo todt, ſagte er halb lachend und halb erbleichend. — Hm! antwortete Autilly. — Aber das iſt albern, rief d'Epernon aus, mit ei⸗ nem Manne auf den Kampfplatz zu gehen, der uns ohne allen Zweifel toͤdten muß. Das iſt, als ob man mit einem Manne wuͤrfelte, der ſicher wäre, auf jeden Wurf die doppelte Sechs zu werfen. — 105— — Ihr haͤttet daran denken muͤſſen, bevor Ihr Euch eingelaſſen, Herr d'Epernon. — Den Henker, ſagte d'Epernon, ich werde mich von ihm befreien. Man iſt nicht umſonſt Gaskonier. Der iſt ein großer Narr, der freiwillig aus dem Leben ſcheidet, beſonders mit füunfundzwanzig Jahren. Aber da faͤllt mir ein, Gottes Tod! Ja, das iſt logiſch. Warte! — Sagt. — Herr von Buſſy iſt ſicher mich zu toͤdten, ſagſt Du? — Ich zweifle keinen einzigen Augenblick daran. — Dann iſt es kein Duell mehr, wenn er ſicher iſt, es iſt ein Mord. — In der That! — Und wenn es ein Mord iſt, was der Teufel.. — Nun? — So iſt es mir erlaubt einem Morde zuvorzukom⸗ men durch.. — Durch?.. — Durch... einen Mord. — Ohne Zweifel. — Was verhindert mich, da er mich umbringen will, ihn vorher umzubringen? — O, mein Gott, durchaus Nichts, und ich dachte ſelbſt daran. — Iſt mein Schluß nicht klar? — Klar wie der Tag. — Natuͤrlich? — Sehr natuͤrlich. = 107 — Nur, anſtatt ihn grauſamer Weiſe mit meinen Haͤnden zu toͤdten, wie er es in Bezug auf mich thun will, werde ich, der ich ein Graͤuel vor Blut habe, dieſe Sorge Jemand Anders uͤberlaſſen. — Das heißt, daß Ihr Sae n bezahlen wollt? — Meiner Treue, ja! Wie Herr von Guiſe und Herr von Mayenne fuͤr Saint-Megrin. — Das wird Euch theuer zu ſtehen kommen. — Ich wuͤrde drei Tauſend Thaler darauf ver⸗ wenden. — Wenn Eure Sbirren erfahren, mit wem ſie zu thun haben, ſo werdet Ihr dafuͤr kaum ſechs Mann be⸗ kommen. — Iſt denn das nicht genug? — Sechs Mann! Herr von Buſſy wird vier davon getoͤdtet haben, bevor er nur noch geſtreift iſt. Erin⸗ nert Euch des fehlgeſchlagenen Angriffes der Straße Saint⸗Antoine, in welchem er Schombderg am Schen⸗ kel, Euch am Arme verwundet und Quélus beinahe todtgeſchlagen hat. — Ich werde ſechs Tauſend Thaler darauf verwen⸗ den, wenn es ſein muß, ſagte d'Epernon. Gottes Tod! Wenn ich die Sache thue, ſo will ich ſie gut ausfuͤhren, damit er nicht davon kommt. — Ihr habt Eure Leute? ſagte Aurilly. — Hm, erwiderte d'Epernon, ich habe hier und da Leute ohne Beſchaͤftigung, verabſchiedete Soldaten, kurz Bravos, welche wohl denen von Venedig und von Florenz gleichkommen. — Sehr ſchoͤn! in Acht! — Vor was? — Wenn es ihnen mißlingt, werden ſie Euch an⸗ geben. — Ich habe den Koͤnig fuͤr mich. — Das iſt Etwas, aber der Koͤnig kann Euch nicht davor ſchuͤtzen, von Herrn von Buſſy getoͤdtet zu werden. — Das iſt richtig und vollkommen richtig, ſagte d'Epernon tiefſinnig. — Ich moͤgte Euch wohl einen Vergleich vorſchla⸗ gen, ſagte Aurilly. — Sprich, mein Freund, ſprich! — Aber Ihr moͤgtet vielleicht nicht gern gemein⸗ ſchaftliche Sache machen?*— — Mir iſt Nichts zuwider, was meine Ausſichten mich von dieſem tollen Hunde zu befreien verdoppeln wuͤrde. — Nun denn! Ein gewiſſer Feind Eures Feindes iſt eiferſuͤchtig.. — Ah, ah!. — So, daß er gerade in dieſem Augenblicke... — Nun! Gerade in dieſem Augenblicke... ſo ſprecht doch aus! — Er ihm eine Falle ſtellt. — Weiter? — Aber es fehlt ihm an Geld; mit den ſechs Tau⸗ ſend Thalern wuͤrde er zu gleicher Zeit Eure Sache als Sehr ſchoͤn! Aber nehmt Euch — 109— die ſeinige ausfuͤhren. Ihr haltet nicht darauf, daß die Ehre des Streiches Euch zukommt, nicht wahr? — Mein Gott, nein! Ich wuͤnſche Nichts mehr, als verborgen zu bleiben. — So ſchickt denn Eure Leute auf den Sammel⸗ platz, ohne Euch zu erkennen zu gehen, und er wird ſie benutzen. — Aber dazu waͤre noch noͤthig, daß, wenn meine Leute mich nicht kennen, ich dieſen Mann kenne. — Ich werde ihn Euch heute Morgen ſehen laſſen. — Wo das? — Im Louvre. — Er iſt alſo ein Edelmann? — Ja. — Aurilly, die ſechs Tauſend Thaler werden auf der Stelle zu Deiner Verfuͤaung ſein. — Es iſt alſo auf dieſe Weiſe beſchloſſen? — Unwiderruflich. — In dem Louvre alſo! — In dem Louvre. Wir haben in dem vorhergehenden Kapitel geſehen, wie Aurilly zu d'Epernon ſagte: — Seid unbeſorgt, Herr von Buſſy wird ſich mor⸗ gen nicht mit Euch ſchlagen! IX. Die Proceſſion. Sobald das Mahl beendigt, war der Koͤnig mit Chicot in ſein Zimmer zuruͤckgekehrt, um dort ſeine Bußgewaͤnder anzulegen, und einen Augenblick nachher war er wieder barfuß, die Huͤften mit einem Stricke umguͤrtet, und die Kapuze uͤber das Geſicht herabge⸗ ſchlagen, herausgekommen. Waͤhrend dieſer Zeit hatten die Hofleute dieſelbe Toilette gemacht. Das Wetter war prachtvoll, das Pflaſter mit Blu⸗ men beſtreut; man ſprach von Ruhealtaren, von denen die einen glaͤnzender, als die anderen waͤren, und be⸗ ſonders von demjenigen, welchen die Genovefa⸗Moͤnche in dem Gewoͤlbe der Kapelle aufgerichtet haͤtten. Eine unermeßliche Volksmenge ſtand auf beiden Sei⸗ ten des Weges, welcher nach den vier Stationen fuͤhr⸗ — 111— te, die der Koͤnig machen ſollte, und welche das Klo— ſter der Jakobiner, der Karmeliter, der Kapuziner und Sanct⸗Genovefa waren. Die Geiſtlichkeit von Saint⸗Germain⸗l'Auxerrois eroͤffnete den Zug. Der Erzbiſchof von Paris trug das heilige Sacrament. Zwiſchen der Geiſtlichkeit und dem Erzbiſchofe gingen ruͤckwaͤrts ſchreitend junge Knaben, welche die Weihrauchbuͤchſen ſchwenkten, und junge Maͤd⸗ chen, welche Roſen entblaͤtterten. Dann kam der Koͤnig, barfuß, wie wir bemerkt haben, und gefolgt von ſeinen vier Freunden, welche wie er barfuß und wie er in eine Kutte gehuͤllt waren. Der Herzog von Anjou folgte, aber in ſeinem ge⸗ woͤhnlichen Koſtum; ſein ganzer Anjouer Hof begleitete ihn, untermiſcht mit den Großwuͤrdentraͤgern der Krone, welche hinter dem Prinzen aingen, indem jeder den Rang einnahm, den die Etikette ihm anwies. Dann endlich kamen die Buͤrger und das Volk. Es war bereits ſpaͤter, als ein Uhr Nachmittags, als man das Louvre verließ. Crillon und die Franzoͤſi⸗ ſchen Leibwachen wollten dem Koͤnige folgen, aber die⸗ ſer gab ihnen einen Wink, daß es unnoͤthig waͤre, und Crillon und die Garden blieben zur Bewachung des Pa⸗ laſtes zuruͤck. Es war beinahe ſechs Uhr Abends, als die Vor⸗ deren des Zuges, nachdem er an den verſchiedenen Ruhe⸗ altaͤren ſeine Stationen gehalten, die mit Bildhauerarbeit verzierte Vorhalle der Arerthümlichen Abtei zu erblicken —— 12 begannen, unter der die Genovefa⸗Moͤnche, den Prior an der Spitze, auf den drei Stufen ſtanden, welche die Schwelle bildeten, um Seine Majeſtaͤt zu empfangen. Waͤhrend des Weges, welcher die Abtei von der letzten Station trennte, welche die war, die man in dem Kloſter der Kapuziner gemacht, hatte der Herzog von Anjou, der ſeit dem Morgen auf den Beinen ge⸗ weſen war, ſich vor Ermuͤdung unwohl befunden; er hatte nun den Koͤnig um die Erlaubniß gebeten, ſich in ſein Hotel zuruͤckzuziehen, eine Erlaubniß, welche der Koͤnig ihm ertheilte. Seine Edelleute waren nun aus dem Zuge heraus⸗ getreten und hatten ſich mit ihm entfernt, wie um of⸗ fenkundig anzudeuten, daß ſie dem Herzoge folgten, und nicht dem Koͤnige. Aber die Wahrheit war, daß, da drei unter ihnen ſich am folgenden Morgen ſchlagen mußten, ſie ſich nicht uͤber die Maßen zu ermuͤden wuͤnſchten. An der Thuͤre der Abtei entließ der Koͤnig unter dem Vorwande, daß Quélus, Maugiron, Schomberg und d'Epernon nicht minder der Ruhe beduͤrften, als Livaret, Ribsrac und Antraguet, auch dieſe. Der Erzbiſchof, welcher ſeit dem Morgen ſein Amt verſah, und der gleich den uͤbrigen Prieſtern noch Nichts zu ſich genommen hatte, ſank vor Ermuͤdung um; der Koͤnig faßte Mitleiden mit dieſen heiligen Maͤrtyrern, und, wie wir bemerkt, an der Thuͤre der Abtei ange⸗ langt, ſchickte er ſie Alle for — 113— Sich hierauf nach dem Prior Joſeph Foulon um⸗ wendend, ſagte er naͤſelnd: — Hier bin ich, mein Vater, ich kamme dls ein Suͤnder, der ich bin, um in Eurer Einſamkeit die Ruhe zu ſuchen. Der Prior verneigte ſich. Nun ſich an diejenigen wendend, welche dieſen muͤh⸗ ſeligen Tag ertragen hatten, und die ihm bis hierher gefolgt waren, ſagte er: — Ich danke Euch, meine Herrn, geht in Frieden, Jedermann verneigte ſich ehrerbietig, und der koͤ⸗ nigliche Buͤßer ſchritt die Stufen der Abtei eine nach der anderen hinauf, indem er ſich die Bruſt ſchlug. Kaum hatte Heinrich die Schwelle der Abtei uͤber⸗ treten, als die Thuͤren derſelben hinter ihm verſchloſſen wurden. Der Koͤnig war ſo tief in ſeine Betrachtungen ver⸗ ſunken, daß er dieſen Umſtand nicht zu bemerken ſchien, welcher außerdem, nachdem der Koͤnig ſein Gefolge entlaſſen, nichts Außergewoͤhnliches hatte. — Wir wollen zuerſt Eure Majeſtaͤt in die Krypte fuͤhren, ſagte der Prior zu dem Koͤnige, welche wir nach unſeren beſten Kraͤften zur Ehre des Koͤnigs des Himmels und der Erde geſchmuͤckt haben. Der Koͤnig begnuͤgte ſich, mit einer einwilligenden Geberde zu antworten, und ging hinter dem Prior her. Aber ſobald er unter die finſtere Halle getreten war, unter welcher regungslos zwei Reihen von Mäͤnchen ſtan⸗ Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band⸗ — 114— den, ſobald man ihn ſich um die Ecke des Hofes hatte wenden ſehen, welche nach der Kapelle fuͤhrte, flogen zwanzig Kapuzen in die Luft, und man ſah in dem Halbdunkel Augen leuchten, welche von der Freude und dem Stolze des Triumphes funkelten. Gewiß waren das nicht die Zuͤge traͤger und feiger Moͤnchez der dicke Schnurrbart und die gebraͤunte Haut zeugten bei ihnen von Kraft und Thaͤtigkeit. Eine gute Anzahl enthuͤllten mit Narben durchfurchte Geſichter, und zur Seite des ſtolzeſten von Allen, desjenigen, wel⸗ cher die beruͤhmteſte und die am Meiſten gefeierte Narbe trug, erſchien das triumphirende und entzuͤckte Geſicht einer mit einer Kutte angethanen Frau. Dieſe Frau bewegte eine goldene Scheere, die mit einer Kette an ihrem Guͤrtel hing, und rief aus: — Ha, meine Bruͤder, endlich haben wir den Va⸗ lois! — Meiner Treue, liebe Schweſter, ich glaube es wie Ihr, antwortete der Benarbte. — Noch nicht, noch nicht, murmelte der Kardinal. — Wie das? 1 — Ja, werden wir genug Buͤrger⸗Truppen haben, um Crillon und ſeine Garden abzuhalten? — Wir haben Beſſeres, als Buͤrgertruppen, erwi⸗ derte der Herzog von Mayenne, und, glaubt mir, es wird kein einziger Schuß gewechſelt werden. — Laßt hoͤren, ſagte die Herzogin von Montpen⸗ ſier, wie verſteht Ihr das? Ich haͤtte indeſſen gern ein wenig Laͤrm gewuͤnſcht. — 115— — Nun denn, liebe Schweſter, ich ſage Euch mit Bedauern, daß Ihr deſſen beraubt ſein werdet. So⸗ bald der Koͤnig gefangen iſt, wird er ſchreien; aber Nie⸗ mand wird auf ſein Geſchrei antworten. Dann werden wir ihn, durch Ueberredung oder durch Gewalt, eine Abdankung unterzeichnen laſſen. Die Abdankung wird auf der Stelle in der Stadt verbreitet werden, und die Buͤrgerſchaft und die Soldaten zu unſeren Gunſten ſtimmen. 8 — Der Plan iſt gut und kann jetzt nicht ſcheitern, ſagte die Herzogin. — Er iſt ein Wenig grob, aͤußerte der Kardinal von Guiſe. — Der Koͤnig wird ſich weigern, die Abdankung zu unterzeichnen, fuͤgte der Benarbte hinzu; er iſt ta⸗ pfer, er wird lieber ſterben. — Dann moͤge er ſterben, riefen Mayenne und die Herzogin aus. — Nicht doch, erwiderte der Herzog von Guiſe feſt, nicht doch! Ich will wohl einem Fuͤrſten nachfol⸗ ggen, der abdankt und den man verachtet; aber ich will keinen ermordeten Mann, den man bedauern wird, er⸗ ſetzen. Außerdem vergeßt Ihr in Euren Plaͤnen den Herzog von Anjou, der, wenn der Koͤnig getoͤdtet iſt, die Krone in Anſpruch nehmen wird. — Moͤge er ſie in Anſpruch nehmen, Gottes Tod, moͤge er ſie in Anſpruch nehmen, ſagte Mayenne; hier iſt unſer Bruder, der Kardinal, welcher dieſen Fall vor⸗ ausgeſehen hat. Der Herzog von Anjou dird in der — 116— Abdankungs⸗Akte ſeines Bruders mit inbegriffen ſein. Der Herzog von Anjou hat Verbindungen mit den Hu⸗ genotten, er iſt unwuͤrdig zu regieren. — Mit den Hugenotten, ſeid Ihr deſſen gewiß? — Bei Gott! Da er mit Huͤlfe des Koͤnigs von Navarra entflohen iſt. — Gut. — Dann folgt der Klauſel der Abdankung eine an⸗ dere Klauſel zu Gunſten unſeres Hauſes; dieſe Klauſel wird Euch zum Lieutenant des Koͤnigreiches machen, mein Bruder, und von der Lieutenantſchaft zum Koͤnig⸗ thume wird nur ein Schritt ſein. — Ja, ja, ſagte der Kardinal, ich habe fuͤr Alles das geſorgt; aber es waͤre moͤglich, daß die Franzoͤſi⸗ ſchen Garden, um ſich zu verſichern, daß die Abdan⸗ kung wirklich und beſonders ganz freiwillig waͤre, die Abtei erſtuͤrmten. Crillon verſteht keinen Spaß, und er waͤre der Mann dem Koͤnige zu ſagen:— Sire, es iſt Lebensgefahr vorhanden, es ſeiz aber retten wir vor Allem die Ehre. — Das ging den General an, ſagte Mayenne, und der General hat ſeine Vorſichtsmaßregeln getroffen. Wir haben hier, um die Belagerung auszuhalten, achtzig Edelleute, und ich habe an Hundert Moͤnche Waffen austheilen laſſen. Wir werden einen Monat lang ge⸗ gen ein Heer Stand halten. Ohne zu berechnen, daß wir im unterliegenden Falle den unterirdiſchen Gang ha⸗ ben, um mit unſerer Beute zu entfliehen. — 117— — Und was macht der Herzog von Anjou in die⸗ ſem Augenblicke? — Zur Stunde der Gefahr iſt er wie immer ſchwach geworden. Der Herzog von Anjou iſt nach Haus zu⸗ ruͤckgekehrt, wo er ohne Zweifel zwiſchen Buſſy und Monſoreau Nachrichten von uns erwartet. — Ei, mein Gott! Hier haͤtte er ſie erwarten muͤſſen, und nicht zu Haus. — Ich glaube, daß Ihr Euch irrt, mein Bruder, ſagte der Kardinal, das Volk und der Adel haͤtten in dieſer Vereinigung der beiden Bruͤder eine Falle gegen die Familie geſehn. Wie wir ſo eben ſagten, muͤſſen wir vor allen Dingen vermeiden, die Rolle des Uſur⸗ pators zu ſpielen. Wir erben, weiter Nichts. Indem wir den Herzog von Anjou frei, die Koͤnigin Mutter unabhaͤngig laſſen, laſſen wir uns von Allen ſegnen und von unſeren Anhaͤngern bewundern, und Niemand wird uns das geringſte Wort zu ſagen haben. Wo nicht, ſo werden wir Buſſy und Hundert andere ſehr gefaͤhrliche Schwerdter gegen uns haben. — Bah! Buſſy ſchlaͤgt ſich morgen gegen die Mig⸗ nons. — Bei Gott, er wird ſie toͤdten; ein ſchoͤner Han⸗ del! Und dann wird er der Unſrige ſein, ſagte der Her⸗ zog von Guiſe. Was mich anbetrifft, ſo mache ich ihn zum General eines Heeres in Italien, wo der Krieg ohne allen Zweifel ausbrechen wird. Herr von Buſſy iſt ein ausgezeichneter Mann und ich achte ihn ſehr. — Und zum Beweiſe, daß ich ihn nicht weniger achte, als Ihr, mein Bruder, ſagte die Herzogin von Montpenſier, ſo werde ich ihn heirathen, ſobald ich Wittwe werde. — Ihn heirathen, meine Schweſter! rief Mayenne aus. — Ei, ſagte die Herzogin, es giebt hoͤher ſtehende Damen als ich, die mehr fuͤr ihn gethan haben, und er war zu jener Zeit noch nicht Feldherr. — Laßt, laßt, ſagte Mayenne, wir werden Alles das ſpaͤterhin ſehen; jetzt ans Werk! — Wer iſt bei dem Koͤnige? fragte der Herzog von Guiſe. — Der Prior und Bruder Gorenflot, wie ich glau⸗ be, ſagte der Kardinal. Er darf nur bekannte Geſich⸗ ter ſehen, ohne das wuͤrde es ihn gleich anfangs auf⸗ ſchuͤchtern. — Ja, ſagte Mayenne, laßt uns die Fruͤchte der Verſchwoͤrung genießen, aber ſie nicht pfluͤcken. — Iſt er etwa ſchon in der Zelle? ſagte Frau von Montpenſier, ungeduldig, dem Koͤnige die dritte Krone zu geben, die ſie ihm ſeit ſo langer Zeit verſprach. — O, nicht doch; er wird zuvor den großen Ruhe⸗ altar der Krypte ſehen, und die heiligen Reliquien an⸗ beten. — Und dann? — Dann wird der Prior einige wohlklingende Worte uͤber die Eitelkeit der irdiſchen Guͤter an ihn richten, worauf der Bruder Gorenflot, Ihr wißt, Derjenige, — 119— welcher dieſe prachtvolle Predigt waͤhrend des Abends der Ligue gehalten hat... — Jaz nun? — Der Bruder Gorenflot wird verſuchen, von ſei⸗ ner Ueberzeugung dasjenige zu erlangen, was wir uns ſtraͤuben, ſeiner Schwaͤche zu entreißen. — In der That, auf dieſe Weiſe waͤre es unendlich beſſer, ſagte der Herzog tiefſinnig. — Bah! Heinrich iſt aberglaͤubiſch und geſchwaͤcht, ſagte Mayenne, ich ſtehe dafuͤr, daß er der Furcht vor der Hoͤlle nachgeben wird. — und ich bin weniger uͤberzeugt, als Ihr, ſagte der Herzog, aber wir haben keinen Ausweg mehr, es iſt keine Moͤglichkeit mehr vorhanden, zuruͤckzutreten. Wenn jetzt nach dem Verſuche des Priors, nach der Rede Gorenflots, der Eine wie der Andere ſcheitern, ſo werden wir das letzte Mittel verſuchen, naͤmlich die Einſchuͤchterung. — und dann werde ich meinen Valois ſcheeren, rief die Herzogin aus, die immer wieder auf ihren Lieb⸗ lingsgedanken zuruͤckkam. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein Gloͤckchen unter den durch die erſten Schatten der Nacht verfinſterten Gewoͤlben hoͤren. — Der Koͤnig geht in die Krypte hinab, ſagte der Herzog von Guiſe; geſchwind, Mayenne, ruft Eure Freunde und laßt uns wieder Moͤnche werden. — 120— Sogleich bedeckten die Kapuzen wieder die kuͤhnen Stirnen, die gluͤhenden Augen und die ſprechenden Narben; dann ſchritten dreißig bis vierzig Moͤnche, von den drei Bruͤdern gefuͤhrt, nach der Oeffnung der Krypte. X. Chicot der Erſte. Der Koͤnig war in eine Andacht verſunken, wel⸗ che den Plaͤnen der Herren von Guiſe ein leichtes Ge⸗ lingen verſprach. 1 Er beſuchte die Krypte mit der ganzen Gemeinde, kuͤßte das Reliquienkaͤſtchen und beendigte alle Ceremo⸗ nien, indem er ſich zu wiederholten Malen die Bruſt ſchlug und die klaͤglichſten Pſalmen murmelte. Nun begann der Prior ſeine geiſtlichen Ermahnun⸗ gen, welche der Koͤnig anhoͤrte, indem er dieſelben Zei⸗ chen von inbruͤnſtiger Zerknirſchung von ſich gab. Endlich, auf einen Wink des Herzogs von Guiſe, verneigte ſich Joſeph Foulon vor Heinrich und ſagte zu ihm: — Sire, waͤre es Euch jetzt gefaͤllig, Eure irdi⸗ ſche Krone zu den Fuͤßen des ewigen Herrn niederzu⸗ legen? — Laßt uns gehen... erwiderte der Koͤnig ein⸗ fach. Und ſogleich ſchritt die ganze Gemeinde, auf ihrem Wege eine Hecke bildend, den Zellen zu, deren Haupt⸗ Corridor man zur Linken erblickte. Heinrich ſchien ſehr erweicht, ſeine Haͤnde hoͤrten nicht auf ſeine Bruſt zu ſchlagen; der dicke Roſenkranz, welcher ſich raſch bewegte, erklang auf den an ſeinem Guͤrtel haͤngenden Todtenkoͤpfen von Elfenbein. Man gelangte endlich an die Zelle; auf der Schwelle ſpreizte ſich Gorenflot mit hochrothem Geſicht und wie Karfunkeln glaͤnzenden Augen. — Hier? aͤußerte der Koͤnig. — Hier ſelbſt, erwiderte der dicke Moͤnch. Der Koͤnig konnte in der That zoͤgern, weil man am Ende dieſes Corridors eine Thuͤre, oder vielmehr ein ziemlich geheimnißvolles Gitter ſah, das nach einem ſteilen Abhange fuͤhrte und dem Auge nur ſchwarze Fin⸗ ſterniß bot. Heinrich trat in die Zelle. Hic portus salutis? murmelte er mit ſeiner bewegten Stimme. — Ja, antwortete Foulon, hier iſt der Hafen. — Laßt uns allein, ſagte Golanflot mit majeſtä te ſcher Geberde. Und ſogleich verſchloß ſich die Thuͤre wieder; die Schritte der Anweſenden entfernten ſich. —— — 123— Der Koͤnig, welcher einen Schemel in dem Hin⸗ tergrunde der Zelle erblickte, ſetzte ſich, die beiden Haͤnde auf die Knie gelegt, darauf — Ah, da biſt Du, Herodes, da biſt Du, Gott⸗ loſer, da biſt Du, Nebukadnezar, ſagte Gorenflot ohne irgend eine Einleitung und indem er ſeine dicken Faͤuſte auf ſeine Huͤften ſtemmte. Der Koͤnig ſchien uͤberraſcht. — Sprecht Ihr mit mir, mein Bruder? ſagte er. — Ja, mit Dir ſpreche ich, und mit wem denn? Kann man eine Beleidigung ſagen, die nicht auf Dich paßt? — Mein Bruder! murmelte der Koͤnig. — Bah! Du haſt keinen Bruder hier. Es iſt jetzt lange genug her, daß ich eine Predigt uͤberdenke... Du ſollſt ſie haben. Wie jeder gute Prediger theile ich ſie in drei Theile. Zuvoͤrderſt biſt Du ein Tyrann, dann biſt Du ein Satyr, endlich biſt Du entthront; das iſt es, woruͤber ich zu Dir ſprechen will. — Entthront, mein Bruder... ſagte der im Schatten verlorene Koͤnig auffahrend. — Nichts mehr und Nichts weniger. Es iſt hier nicht, wie in Polen, und Du wirſt nicht entflie⸗ hen.. — Ein hinterliſtiger Ueberfall!... — O, Valois, lerne, daß ein Koͤnig nur ein Menſch iſt, wenn er noch ein Menſch iſt. — Gewaltthaͤtigkeiten, mein Bruder! — Bei Gott! Glaubſt Du, daß wir Dich einker⸗ kerten, um Dich zu ſchonen? — Ihr mißbraucht die Religion, mein Bruder. — Giebt es etwa eine Religion? rief Gorenflot aus. — O, ſagte der Koͤnig, ein Heiliger und ſolche Worte ſagen! — Um ſo ſchlimmer, ich habe ſie geſagt. — Ihr werdet Euch in Verdammniß ſtuͤrzen. — Stuͤrzt man ſich etwa in Verdammniß! — Ihr ſprecht als Unglaͤubiger, mein Bruder. — Ei was, keine Kapuzinaden; biſt Du bereit, Valois? — Wozu. — Deine Krone niederzulegen; man hat mich beauf⸗ tragt, Dich dazu aufzufordern. Ich fordere Dich dazu auf. — Aber Ihr begeht eine Todſuͤnde. — O, o, aͤußerte Gorenflot mit einem unverſchaͤm⸗ ten Gelaͤchter, ich habe das Recht der Abſolution, und ich abſolvire mich im voraus. Nun denn! Verzichte, Bruder Valois! — Auf was? — Auf den Thron von Frankreich. — Lieber ſterbe ich! — Ei! Aber dann wirſt Du ſterben... Sieh, da kommt der Prior zuruͤck;... entſchließe Dich. — Ich habe meine Leibwachen, meine Ferunde, und ich werde mich vertheidigen. — Das iſt moͤglich, aber man wird Dich zuvor toͤdten. — Laßt mir zum Mindeſten einen Augenblick Be⸗ denkzeit. — Keinen Augenblick, keine Sekunde. — Euer Eifer reißt Euch fort, mein Bruder, ſagte der Prior. Und er machte mit der Hand ein Zeichen, welches dem Koͤnige ſagen wollte: — Sire, Euer Verlangen iſt Euch bewilligt. Und der Prior verſchloß die Thuͤre wieder. Heinrich verſank in tiefes Nachſinnen. — Es ſei, ſagte er, nehmen wir das Opfer an! Zehn Minuten waren verfloſſen, waͤhrend welcher Heinrich uͤberlegte; man klopfte an das Gitterfenſter der Zelle. — Es iſt geſchehen, ſagte Gorenflot, er nimmt es an. Der Koͤnig hoͤrte ein Gemurmel der Freude und der Ueberraſchung um ſich herum in dem Corridor. — Leſet ihm den Akt vor, ſagte eine Stimme, welche den Koͤnig in dem Grade erbeben ließ, daß er durch die Gitter der Thuͤre blickte. Und ein zuſammengerolltes Pergament ging aus der Hand eines Moͤnches in die Gorenflots uͤber. Gorenflot las dieſen Akt dem Koͤnige muͤhſam vor, deſſen Schmerz groß war, und der ſeine Stirn in ſeine beiden Haͤnde verbarg. — Und wenn ich mich weigere zu unterzeichnen? rief er weinerlich aus. — Das heißt Euch doppelt ins Verderben ſtuͤrzen, antwortete die durch die Kapuze gedaͤmpfte Stimme des Herzogs von Guiſe. Betrachtet Euch als todt fuͤr die Welt, und zwingt Unterthanen nicht, das Blut eines Mannes zu vergießen, der ihr Koͤnig geweſen iſt. — Man wird mich nicht dazu zwingen, ſagte Heinrich. — Ich hatte es voraus geſehen, fluͤſterte der Her⸗ zog ſeiner Schweſter zu, deſſen Stirn ſich runzelte und deſſen Augen von einer verderblichen Abſicht leuchteten. — Geht, mein Bruder, fuͤgte er ſich an Mayenne wendend hinzu, laßt Jedermann ſich ruͤſten und daß man ſich vorbereite. — Auf was? ſagte der Koͤnig in einem jammern⸗ den Tone. — Auf Alles, antwortete Joſeph Foulon. Die Verzweifelung des Koͤnigs verdoppelte ſich. — Sapperment, rief Gorenflot aus, ich haßte Dich, Valois; aber jetzt verachte ich Dich. Geſchwind, un⸗ terzeichne, oder Du wirſt durch meine Hand umkom⸗ men. — Habt Geduld, habt Geduld, ſagte der Koͤnig, daß ich mich dem hoͤchſten Gebieter anempfehle, daß ich von ihm die Ergebung erlange... — Er will nochmals uͤberlegen, rief Gorenflot aus. — Man laſſe ihm bis Mitternacht Zeit, ſagte der Kardinal. — 127— — Ich danke Euch, barmherziger Chriſt, ſagte der Koͤnig in einem Paroxismus der Troſtloſigkeit. Gott vergelte es Dir! — Es war wirklich ein geſchwaͤchter Kopf, ſagte der Herzog von Guiſe, wir dienen Frankreich, indem wir ihn entthronen. — Gleichviel, ſagte die Herzogin, ſo ſchwach er auch iſt, ich werde ein Vergnuͤgen haben, ihn zu ſcheeren. Waͤhrend dieſes Geſpraͤches uͤberhaͤufte Gorenflot mit gekreuzten Armen Heinrich mit den heftigſten Schimpfreden, und hielt ihm alle ſeine Ansſchazeiſune gen vor. Ploͤtzlich ertoͤnte ein dumpfer Laͤrm ißerhaſß des Kloſters. — Still! rief die Stimme des Herzogs von Guiſe aus. Das tiefſte Schweigen entſtand. Man unterſchied bald gewaltige und in gleichen Zwiſchenraͤumen an das hallende Thor der Abtei gethane Schlaͤge. Mayenne eilte ſo ſchnell, als es ihm ſeine Wohl⸗ beleibtheit erlaubte, herbei. — Meine Bruͤder, ſagte er, ein Haufen bewaffne⸗ ter Leute ruͤckt vor das Hauptthor. — Man kommt, ihn zu ſuchen, ſagte die Her⸗ zogin. — Ein Grund mehr, daß er ſchnell unterzeichnet, ſagte der Kardinal. — unterzeichne, Valois, unterzeichne, rief Goren⸗ flot mit einer Donnerſtimme aus. — Ihr habt mir bis Mitternacht Zeit gegeben, ſagte der Koͤnig jammernd. — O, Du beſinnſt Dich eines Anderen, weil Du glaubſt, daß man Dir zu Huͤlfe kommt... — Ohne Zweifel, ich habe eine Ausſicht... — Um zu ſterben, wenn er nicht augenblicklich un⸗ terzeichnet, erwiderte die ſchneidende und gebieteriſche Stimme der Herzogin. Gorenflot packte die Hand des Koͤnigs und bot ihm eine Feder. Der Laͤrm von Außen verdoppelte ſich. — Ein neuer Haufen! Kam ein Moͤnch zu ſagen; er umzingelt den Vorhof und ſchließt ihn zur Linken ein. — Geſchwind! riefen Mayenne und die Herzogin ungeduldig aus. Der Koͤnig tauchte die Feder in die Tinte. — Die Schweizer! ſagte Foulon; ſie erfuͤllen den Kirchhof zur Rechten, die ganze Abtei iſt gegenwaͤrtig umzingelt. — Nun denn, wir werden uns vertheidigen, erwi⸗ derte Mayenne entſchloſſen; mit einer Geiſel, wie dieſe da, iſt ein Platz niemals auf Gnade oder Ungnade ge⸗ nommen. — Er hat unterzeichnet! bruͤllte Gorenflot, er hat unterzeichnet, indem er das Pergament Heinrichs Haͤn⸗ den entriß, der niedergeſchlagen ſeinen Kopf in ſeine — 129— Kapuze, und ſeinen Kopf in ſeinen beiden Armen ver⸗ grub. — Dann ſind wir Koͤnig, ſagte der Kardinal zu dem Herzoge; trag raſch dieſes koſtbare Pergament fort. In einem Anfalle von Schmerz warf der Koͤnig die kleine Lampe um, welche allein dieſen Auftritt er⸗ leuchtete; aber der Herzog von Guiſe hatte bereits das Pergament. — Was machen, was machen? kam ein Moͤnch zu fragen, unter deſſen Kutte ſich ein vollſtaͤndiger, wohl bewaffneter Edelmann zeigte, Crillon iſt mit den Fran⸗ zoͤſiſchen Garden angelangt, und drohet die Thore ein⸗ zuſchlagen. Hoͤrt!... — Im Namen des Koͤnigs! rief die gewaltige Stim⸗ me Crillons aus. — Gut, es giebt keinen Koͤnig mehr, erwiderte Gorenflot durch ein Fenſter. — Wer ſagt das, Schurke? antwortete Crillon. — Ich, ich, ich! rief Gorenflot in der Finſterniß mit einem auf das Hoͤchſte herausfordernden Stolze. — Man trachte mir dieſen Schelm aufs Korn zu faſſen, und ihm einige Kugeln in den Bauch zu jagen, ſagte Crillon. Und Gorenflot, welcher die Garden ihre Gewehre ſpannen ſah, machte den Taucher, und fiel mitten in die Zelle auf ſeinen Hintern. — Schlagt das Thor ein, mein Crillon, ſagte in Mitte des allgemeinen Schweigens eine Stimme, die Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band.. — 130— allen falſchen oder wahren Moͤnchen, welche auf dem Corridor warteten, die Haare zu Berge ſtehen ließ. Dieſe Stimme war die eines Mannes, der aus den Reihen hervorgetreten, bis auf die Stufen der Abtei geſchritten war. — Da, Sire, erwiderte Crillon, indem er mit der Art einen gewaltigen Hieb gegen das Hauptthor fuͤhrte, ſo daß die Mauern davon ſtoͤhnten. — Was will man?... ſagte der Prior, indem er ganz zitternd an dem Fenſter erſchien. — Ah! Ihr ſeid es, Meſſire Foulon? ſagte die⸗ ſelbe ſtolze und ruhige Stimme. Gebt mir doch meinen Narren heraus, der die Nacht in einer Eurer Zellen hat zubringen wollen. Ich habe Chicot noͤthig; ich langweile mich im Louvre. — und ich beluſtige mich ſehr, geh, mein Sohn, erwiderte Chicot, indem er ſich ſeiner Kapuze entledigte und die Menge der Moͤnche ſpaltete, die mit einem Geheul des Entſetzens zuruͤckwich. In dieſem Augenblicke las der Herzog von Guiſe, der ſich eine Lampe hatte bringen laſſen, unter dem Akte die noch friſche, mit ſo vieler Muͤhe erlangte Un⸗ terſchrift: Chicot der Erſte. — Ich, Chicot der Erſte! rief er aus, Tauſend Donnerwetter! — 131— — Laßt uns gehen, ſagte der Kardinal, wir ſind verloren, fliehen wir! — Ah, bah, ſagte Chicot, indem er dem faſt ohn⸗ maͤchtigen Gorenflot Hiebe mit dem Stricke austheilte, den er an ſeinem Guͤrtel trug, ah, bah! 9* XI. Kapital und Intereſſen. In dem Maße, als der Koͤnig geſprochen, in dem Maße, als die Verſchworenen ihn erkannt hatten, waren ſie von Beſtuͤrzung zum Entſetzen uͤbergegangen. Die Chicot der Erſte unterzeichnete Abdankung hatte das Entſetzen in Raſerei verwandelt. Es war ein ſchrecklicher Moment auszuſtehen. Die raſenden Edelleute ruͤckten feſt entſchloſſen ſich wegen der grauſamen Myſtification zu raͤchen, deren Opfer ſie wa⸗ ren, gegen den Gaskonier heran. Aber dieſer Mann ohne Waffen, die Bruſt nur mit ſeinen beiden Armen bedeckt, dieſes ſpoͤttiſch verzo⸗ gene Geſicht, welches ſo viel Kraft herauszufordern ſchien, ſich an ſo viel Schwaͤche zu vergreifen, hielt ſie vielleicht noch mehr auf, als die Ermahnungen des Kar⸗ dinals, welcher ihnen bemerklich machte, daß Chicots — 133— Tod zu Nichts dienen wuͤrde, ſondern im Gegentheile von dem bei dieſer ſchrecklichen Poſſe ſeines Narren betheiligten Koͤnige auf eine fuͤrchterliche Weiſe geraͤcht werden wuͤrde. Die Folge davon war, daß die Dolche und die Schwerdter ſich vor Chicot ſenkten, der, entweder aus Aufopferung,— und er war deren faͤhig,— oder weil er ihre Gedanken durchſchauete, fortfuhr ihnen ins Ge⸗ ſicht zu lachen. Waͤhrend deſſen wurden die Drohungen des Koͤnigs weit dringender und Crillons Axthiebe folgten ſich ſchnel⸗— ler. Es war augenſcheinlich, daß die Thuͤre nicht lange einem ſolchen Angriffe widerſtehen koͤnnte, den man nicht einmal zuruͤckzuweiſen verſuchte. Nach einem Augenblicke der Berathung gab dem⸗ nach auch der Herzog von Guiſe Befehl zum Ruͤckzuge. Dieſer Befehl ließ Chicot laͤcheln. Waͤhrend der Naͤchte der Zuruͤckgezogenheit mit Go⸗ renflot hatte er den unterirdiſchen Gang unterſucht, die Ausgangspforte erkannt, und dieſe Pforte dem Koͤnige angegeben, welcher Tocquenot, Lieutenant der Schwei⸗ zer Garden, dieſelbe hatte beſetzen laſſen. Es war alſo augenſcheinlich, daß die Ligueurs ſich Einer nach dem Anderen dem Wolfe in den Rachen wer⸗ fen wuͤrden. Von ein zwanzig Edelleuten gefolgt, machte ſich der Kardinal zuerſt davon; dann ſah Chicot den Her⸗ zog mit einer ungefaͤhr gleichen Anzahl von Moͤnchen voruͤber kommen; dann Mayenne, welchem die Unbe⸗ — 134— holfenheit, wegen ſeines ungeheuren Bauches und ſei⸗ ner dicken Geſtalt zu laufen, natuͤrlicher Weiſe die Sorge des Nachtrabs anvertrauet hatte. Als Herr von Mayenne als der letzte vor Goren⸗ flots Zelle voruͤber kam, und Chicot ihn wegen ſeiner Wohlbeleibtheit ſchwerfaͤllig voruͤber gehen ſah, laͤchelte er nicht mehr, ſondern er hielt ſich die Seiten vor Lachen. Zehn Minuten verfloſſen, waͤhrend welcher Chicot horchte, indem er immer glaubte, den Laͤrm der in den unterirdiſchen Gang zuruͤckgetriebenen Ligueurs zu hoͤren; aber anſtatt zu ihm zuruͤckzukehren, entfernte ſich der Laͤrm zu ſeinem großen Erſtaunen fortwaͤhrend. Ploͤtzlich ſtieg ein Gedanke in dem Gaskonier auf, welcher ſein ſchallendes Gelaͤchter in Zaͤhneknirſchen ver⸗ wandelte. Die Zeit verfloß, die Ligueurs kehrten nicht zuruͤck:— Sollten die Ligueurs etwa bemerkt haben, daß die Pforte bewacht waͤre, und haͤtten ſie einen anderen Ausgang entdeckt? Chirot wollte aus der Zelle ſtuͤrzen, als ploͤtzlich die Thuͤre derſelben durch eine unfoͤrmliche Maſſe ver⸗ ſperrt wurde, die ſich zu ſeinen Fuͤßen waͤlzte, indem ſie ſich die Haare Haͤndevoll um den Kopf herum aus⸗ riß. — Ach! Elender, der ich bin! rief der Moͤnch aus. O, mein guter Herr Chicot, verzeiht mir, verzeiht mir! — Wie, Gorenflot, der ſich zuerſt aus dem Staube gemacht, kehrte allein zuruͤck, wo er ſchon weit entfernt haͤtte ſein muͤſſen?. Das iſt die Frage, welche in Chicots Geiſte ganz natuͤrlicher Weiſe aufſtieg. — O, guter Herr Chicot, lieber Herr, zu Huͤlfe, fuhr Gorenflot zu heulen fort, vergebt Eurem unwuͤr⸗ digen Freunde, der bereuet und zu Euren Fuͤßen knieend Abbitte thut. — Aber, fragte Chicot, wie biſt Du nicht mit den anderen Schelmen entflohen? — Weil ich da nicht hinaus gekonnt habe, wo die Anderen hinausgehen, mein guter Herr; weil der Herr mich in ſeinem Zorne mit Dickleibigkeit geſtraft hat. O, ungluͤckſeliger Bauch, o, elender Wanſt, rief der Moͤnch aus, indem er mit beiden Faͤuſten den Theil ſchlug, den er anredete. Ach, warum bin ich nicht mager wie Ihr, Herr Chicot! Was das ſchoͤn, und beſonders was das gluͤcklich iſt, mager zu ſein! Chicot verſtand durchaus Nichts von dem Jam⸗ mern des Moͤnches. — Aber die Anderen gehen alſo irgend wo hinaus, rief Chicot mit einer Donnerſtimme aus, die Anderen entfliehen alſo? — Bei Gott! ſagte der Moͤnch. Was ſollen ſie ſonſt thun? Sollen ſie den Strick abwarten! O, un⸗ gluͤckſeliger Bauch! — Schweig, rief Chicot aus, und antworte mir. Gorenflot richtete ſich auf ſeine beiden Knie auf. — Fragt, Her Chicot, antwortete er, Ihr habt zuverlaͤſſig das Recht dazu. — Wie entfliehen die Andern? — 136— — Im vollen Laufe. — Ich begreife das... aber wo hinaus? — Durch das Kellerloch. — Gottes Tod, durch welches Kellerloch? — Durch das Kellerloch, welches in das Gewoͤlbe des Kirchhofes fuͤhrt. — Iſt das der Weg, den Du den unterirdiſchen Gang nennſt? Antworte ſchnell! — Nein, lieber Herr Chicot. Die Pforte des un⸗ terirdiſchen Ganges war außerhalb bewacht. Der große Kardinal von Guiſe hat in dem Augenblicke, wo man aufmachen wollte, einen Schweizer gehoͤrt, welcher ſagte: Mich durſtet, was, wie es ſcheint, auf Franzoͤſiſch ſo viel ſagen will, als: Pai soik. — Sapperment, rief Chicot aus, ich weiß was das ſagen will; ſo daß die Fluͤchtlinge einen anderen Weg eingeſchlagen haben. — Ja, Herr Chicot, ſie fluͤchten ſich durch das Ge⸗ woͤlbe des Kirchhofes. — Welches fuͤhrt? — Von der einen Seite in die Krypte, von der an⸗ deren unter das Thor Saint⸗Jacques. — Du luͤgſt! — Ich, lieber Herr? — Wenn ſie ſich durch das in die Krypte fuͤhrende Gewoͤlbe gerettet haͤtten, ſo haͤtte ich ſie wieder vor Deiner Zelle voruͤber kommen ſehn. 8 — Das iſt es gerade, lieber Herr Chicot; ſie ha⸗ ben gemeint, daß ſie nicht die Zeit haben wuͤrden, die⸗ — 137— ſen großen Umweg zu machen, und ſie ſind durch das Kellerloch gegangen. — Welches Kellerloch? — Durch ein Kellerloch, das in den Garten fuͤhrt und das dazu dient, den Gang zu erleuchten. — So daß Due.. — So daß ich, der ich zu dick bin... — Nun! — Ich nicht durch konnte; ſo daß man mich bei den Beinen zuruͤckgezogen hat, weil ich den Anderen den Weg verſperrte. — Aber, rief Chicot aus, deſſen Geſicht ſich ploͤtz⸗ lich von einem ſeltſamen Jubel erheiterte, wenn Du nicht hindurch gekonnt haſt... — Nein, und dennoch habe ich mir gewaltige Muͤhe gegeben, ſeht meine Schultern, ſeht meine Bruſt. — Dann Er, der noch weit dicker iſt, als Du... — Wer, Er? — O, mein Gott, ſagte Chicot, wenn Du in die⸗ ſer Angelegenheit da fuͤr mich biſt, ſo verſpreche ich Dir eine ſtattliche Kerze, ſo daß er gleichfalls nicht wuͤrde hindurch koͤnnen. — Herr Chicot? — Steh auf, Pfaff! Der Moͤnch ſtand ſo raſch auf, als er konnte. — Gut, jetzt fuͤhre mich nach dem Kellerloche. — Wohin Ihr wollt, mein lieber Herr. — Geh voraus, Ungluͤckſeliger, geh! Gorenflot begann ſo raſch zu traben, als er konnte, — — 138— indem er von Zeit zu Zeit die Arme gen Himmel erhob, und in dem Gange, den er angenommen hatte, durch die Hiebe mit dem Stricke erhalten wurde, welche ihm Chi— cot verſetzte. Alle Beide gingen uͤber den Corridor in den Garten hinab. — Hier herum, ſagte Gorenflot, hier herum. — Schweig und geh, Schelm. Gorenflot machte eine letzte Anſtrengung, und ge⸗ langte bis in die Naͤhe eines Baumdickichts, aus welchem Klagen zu dringen ſchienen. — Da, ſagte er, da. Und gaͤnzlich außer Athem, fiel er ruͤcklings auf das Gras. Chicot trat drei Schritte vorwaͤrts, und erblickte Etwas, das ſich zu gleicher Erde bewegte. Zur Seite dieſes Etwas, das nach dem Aufzuge dem Hintern des Thieres glich, welches Diogenes einen Hahn mit zwei Fuͤßen und ohne Federn nannte, lag ein Schwerdt und eine Kutte. Es war augenſcheinlich, daß die Perſon, welche ſich ſo ungluͤcklicher Weiſe gefangen befand, ſich allmaͤlig aller der Gegenſtaͤnde entledigt hatte, die ſie dicker mach⸗ ten, ſo daß ſie ſich fuͤr den Augenblick ihres Schwerdtes entledigt, ihrer Kutte entkleidet, auf ihren natuͤrlichſten Ausdruck beſchraͤnkt befand. Und indeſſen machte ſie, wie Gorenflot, vergebliche Anſtrengungen, um gaͤnzlich zu verſchwinden. — Sapperment, Schwerenoth, Gottes Blut! rief — 139— die erſtickte Stimme des Fluͤchtlings aus. Ich wollte lieber durch die ganze Garde gehen.— Au! Zieht nicht ſo heftig, meine Freunde, ich werde hindurch gleiten, ſachte; ich fuͤhle, daß ich weiter komme, nicht raſch, aber ich komme weiter. — Sapperment, Herr von Mayenne! murmelte Chi⸗ cot außer ſich vor Entzuͤcken. Mein guͤtiger Herr Gott, Du haſt Deine Kerze gewonnen. — Ich habe nicht umſonſt den Beinamen Herkules erhalten, begann die erſtickte Stimme wieder; ich werde dieſen Stein aufheben. Ah! Und er machte eine ſo gewaltige Anſtrengung, daß der Stein in der That wankte. — Warte, ſagte Chicot leiſe, warte. Und er ſtampfte mit den Fuͤßen, wie Jemand, der mit großem Laͤrm herbeieilt. — Sie kommen, ſagten mehrere Stimmen in dem unterirdiſchen Gange. — Hal ſagte Chicot, als ob er ganz außer Athem anlangte. Ah, Du biſt es alſo, elender Moͤnch? — Sagt Nichts, gnaͤdiger Herr, murmelten die Stim⸗ men, er haͤlt Euch fuͤr Gorenflot. — Ah! Du biſt es alſo, ſchwerfaͤllige Maſſe, pondus immobile, da, ah! Du biſt es alſo, indigesta moles, da! und, endlich an das ſo ſehr erſehnte Ziel ſeiner Rache gelangt, ließ Chicot bei jeder Anrede auf die ſich ihm dar⸗ bietenden fleiſchigen Theile mit der ganzen Schwungkraft ſeines Armes den Strick herabfallen, mit welchem er Gorenflot bereits gegeißelt hatte. — 140— — Still, ſagten immer die Stimmen, er haͤlt Euch fuͤr den Moͤnch. In der That, Mayenne ſtieß nur erſtickte Klagen aus, indem er dabei ſeine Bemuͤhungen verdoppelte, den Stein zu luͤften. — Ha, Verſchwoͤrer, begann Chicot wieder, ha, un⸗ wuͤrdiger Moͤnch! Da, das fuͤr die Trunkenheit; da, das fuͤr die Traͤgheit; da, das fuͤr den Zorn; da, das fuͤr die Unkeuſchheit; da, das fuͤr die Gefraͤßigkeit. Ich be⸗ daure, daß es nur ſieben Todſuͤnden giebt; da, da, da, das fuͤr die Laſter, die Du haſt. — Herr Chicot, ſagte Gorenflot mit Schweiß bedeckt, Herr Chicot, habt Erbarmen mit mir. — Ha, Verraͤther, fuhr Chicot immer zuſchlagend fort, da, das fuͤr den Verrath! — Gnade, murmelte Gorenflot, welcher meinte, alle die Hiebe zu fuͤhlen, die auf Mayenne niederfielen, Gna⸗ de, lieber Herr Chicot. Aber anſtatt aufzuhoͤren, berauſchte ſich Chicot an ſeiner Rache, und derdoppelte die Hiebe. So viel Gewalt er auch uͤber ſich ſelbſt hatte, ſo vermogte Mayenne doch ſein Stoͤhnen nicht zu unter⸗ druͤcken. — Ah, fuhr Chicot fort, warum gefaͤllt es Gott nicht, an die Stelle Deines gemeinen Koͤrpers, Deines buͤrgerlichen Rumpfes die ſehr hohen, und die ſehr maͤch⸗ tigen Schultern des Herzogs von Mayenne treten zu laſſen, dem ich eine Tracht Stockſchlaͤge ſchuldig bin, de⸗ — 141— ren Intereſſen ſeit ſieben Jahren laufen!.. Da, da, da! Gorenflot ſtieß einen Seufzer aus, und fiel zu Boden. — Chicot! ſchrie der Herzog. — Ja, ich ſelbſt, ja, Chicot, der unwuͤrdige Diener des Koͤnigs, Chicot, der ſchwache Arm, der bei dieſer Veranlaſſung die Hundert Arme des Briareus haben moͤgte. Und immer hitziger wiederholte Chicot die Hiebe mit dem Stricke mit einer ſolchen Wuth, daß der Geſchla⸗ gene, alle ſeine Kraft zuſammennehmend, in einem Par⸗ oxysmus des Schmerzes den Stein erhob, und mit zer⸗ fleiſchten Seiten, mit blutigen Huͤften in die Arme ſeiner Freunde fiel. Chicots letzter Hieb ging in die Luft. Nun wandte ſich Chicot um: der wahre Gorenflot war, wenn nicht vor Schmerzen, zum Mindeſten vor Entſetzen in Ohnmacht geſunken. — 142— XII. Was ſich in der Gegend der Baſtille zutrug, waͤhrend Chicot in der Sanct⸗Genovefa⸗Abtei ſeine Schulden bezahlte. 8 Es war eilf Uhr Abends; der Herzog von Anjou erwartete ungeduldig in dem Kabinette, in das er ſich in Folge der Schwaͤche, von der er in der Straße Saint⸗Jacques befallen worden war, zuruͤckgezogen hatte, daß ein Bote des Herzogs von Guiſe ihm die Abdankung des Koͤnigs, ſeines Bruders, zu melden kaͤme. Er ging von dem Fenſter nach der Thuͤre des Ka⸗ binettes, und von der Thuͤre des Kabinettes nach den Fenſtern des Vorzimmers hin und her, indem er nach der großen Uhr ſah, deren Sekunden in ihrem Gehaͤuſe von vergoldetem Holze traurig anſchlugen. Ploͤtzlich hoͤrte er ein Pferd, welches auf dem Hofe ſtampfte; er glaubte, daß dieſes Pferd das ſeines Boten ſein koͤnnte, und eilte, ſich auf den Balkon zu lehnen; — 143— aber dieſes von einem Stallknechte am Zuͤgel gehaltene Pferd erwartete ſeinen Herrn. Der Herr trat aus den inneren Zimmern; es war Buſſy, Buſſy, Buſſy, der in ſeiner Eigenſchaft als Ka⸗ pitaͤn der Leibwachen kam, um, bevor er ſich zu ſeiner Zuſammenkunft begäbe, das Loſungswort fuͤr die Nacht zu geben. Als er dieſen ſchoͤnen und tapferen jungen Mann erblickte, uͤber den er ſich niemals zu beklagen gehabt hatte, empfand der Herzog einen Augenblick lang Ge⸗ wiſſensbiſſe; aber in dem Maße, als er ihn ſich der Fackel naͤhern ſah, welche der Diener hielt, erleuchtete ſich ſein Geſicht, und der Herzog las auf dieſem Geſicht ſo viel Wonne, Hoffnung und Gluͤck, daß ſeine ganze Eiferſucht wieder erwachte. Waͤhrend deſſen rollte Buſſy, welcher nicht wußte, daß der Herzog ihm zuſah und die verſchiedenen Ge⸗ fuͤhle ſeines Geſichts belauſchte, nachdem er das Lo⸗ ſungswort gegeben, ſeinen Mantel uͤber ſeine Schultern, ſchwang ſich auf den Sattel, und indem er ſeinem Pferde beide Sporen gab, ſprengte er mit lautem Getoͤſe durch das hallende Thorgewoͤlbe. Beſorgt, Niemand kommen zu ſehen, ſtand der Her⸗ zog einen Augenblick lang noch im Begriffe ihm nach⸗ eilen zu laſſen, denn er dachte ſich wohl, daß Buſſy, bevor er ſich nach der Baſtille begaͤbe, in ſeinem Hotel einkehren wuͤrde; aber er ſtellte ſich den jungen Mann mit Diana uͤber ſeine verachtete Liebe ſpottend vor, in⸗ dem er ihn, den Prinzen, mit dem verſchmaͤhten Gat⸗ — — 144— ten in eine Reihe ſtellte, und dieſes Mal trug ſein boͤ⸗ ſer Inſtinct nochmals den Sieg über den guten davon. Buſſy hatte beim Aufbruche vor Gluͤck gelaͤchelt; dieſes Laͤcheln war fuͤr den Prinzen eine Beleidigung; er ließ ihn gehen; wenn ſein Blick betruͤbt und ſeine Stirn traurig geweſen waͤre, ſo haͤtte er ihn vielleicht zuruͤckgehalten. Indeſſen, kaum außerhalb des Hotels d'Anjou, ritt Buſſy wieder langſam, als ob er den Laͤrm ſeines eige⸗ nen Pferdes gefuͤrchtet haͤtte, und in ſeinem Hotel ein⸗ kehrend, wie es der Herzog vorausgeſehen hatte, uͤber⸗ gab er ſein Pferd den Haͤnden eines Stallknechts, der ehrerbietig eine Vorleſung uͤber Roßarzneikunde anhoͤrte, die ihm Remy hielt. — Ah, ah, ſagte Buſſy, als er den jungen Arzt er⸗ kannte, Du biſt es, Remy? — Ja, gnaͤdiger Herr, in Perſon. — und noch nicht zu Bett? — Ich kehrte vor kaum zehn Minuten nach Haus zuruck, gnaͤdiger Herr, oder vielmehr in Euer Haus; wahrlich, ſeitdem ich meinen Verwundeten nicht mehr habe, meine ich, daß die Tage achtundvierzig Stunden lang ſind. — Langweilſt Du Dich etwa? fragte Buſſy. — Ich fuͤrchte es! — Und die Liebe? — Ah, ich habe es Euch geſagt, ich huͤte mich vor der Liebe, und ich mache im Allgemeinen nur nüͤtz⸗ liche Studien uͤber ſie. — 145— — Dann iſt Gertrude aufgegeben? — Vollkommen! die res fuͤr eine lich fuͤr — Du biſt es alſo müde geworden? — Geſchlagen zu werden, auf dieſe Weiſe that ſich Liebe meiner Amazone kund, die uͤbrigens ein wacke⸗ Maͤdchen iſt. — Und Dein Herz ſagt Dir heute Abend Nichts ſie? — Warum heute Abend, gnaͤdiger Herr? — Weil ich Dich mitgenommen haͤtte. — Nach der Baſtille? — Ja. — Ihr geht hin? — Gewiß. — Und Monſoreau? — In Compiegne, mein Lieber, wo er dem Koͤnige Jagd anſtellt. — Seid Ihr deſſen gewiß, gnaͤdiger Herr? — Der Befehl dazu iſt ihm heute Morgen oͤffent⸗ ertheilt worden. — Ah! Remy blieb einen Augenblick lang nachdenkend. — Dann? ſagte er nach einem Augenblicke. — Dann habe ich den Tag damit zugebracht, Gott das Gluͤck zu danken, das er mir fuͤr dieſe Nacht geſandt, und ich werde die Nacht damit zubringen, die⸗ ſes Gluͤck zu genießen. Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band. 10 — 146— — Gut! Jordan, mein Schwerdt, ſagte Remy. Der Stallknecht verſchwand in dem Inneren des Hauſes. — Du biſt alſo anderes Sinnes geworden? fragte Buſſy.. — In was? — Darin, daß Du Dein Schwerdt nimmſt. — Ja, ich begleite Euch bis an die Thuͤre, aus zwei Gruͤnden. — Welche? — Erſtens aus Furcht, daß Euch in den Straßen irgend etwas Unangenehmes begegnen moͤgte. — Buſſy laͤchelte. — Ei, mein Gott, ja, lacht, gnaͤdiger Herr. Ich weiß wohl, daß Ihr die unangenehmen Begegnungen nicht fuͤrchtet, und daß der Doctor Remy ein armſeliger Begleiter iſt; aber man greift minder leicht zwei Maͤn⸗ ner an, als einen Einzigen. Zweitens, weil ich Euch eine Menge guter Rathſchlaͤge zu geben habe. — Komm, mein lieber Remy, komm. Wir werden uns von ihr unterhalten, und nach dem Vergnüͤgen, die Frau zu ſehen, welche man liebt, kenne ich kein groͤße⸗ res, als von ihr zu ſprechen. — Es giebt ſogar Leute, erwiderte Remy, die das Vergnuͤgen, von ihr zu ſprechen, dem, ſie zu ſehen, vorziehen. — Aber, ſagte Buſſy, ich meine, daß das Wetter ſehr ungewiß iſt. — 147— — Ein Grund mehr, der Himmel iſt bald finſter, bald heiter. Ich liebe die Abwechſelung.— Ich danke, Jordan, fuͤgte er hinzu, indem er ſich an den Stall⸗ knecht wandte, der ihm ſein Schwerdt uͤberbrachte;— dann ſich nach dem Grafen umwendend: — Ich ſtehe jetzt zu Euren Dienſten, gnaͤdiger Herr, laßt uns gehen. Buſſy nahm den Arm des jungen Arztes, und alle Beide wanderten nach der Baſtille zu. Remy hatte dem Grafen geſagt, daß er ihm eine Menge guter Rathſchlaͤge zu geben haͤtte, und, in der That, kaum waren ſie unter Weges, als der Doktor Tauſend inhaltſchwere Stellen aus dem Lateiniſchen her⸗ zuzaͤhlen begann, um Buſſy zu beweiſen, daß er Un⸗ recht haͤtte, heute Abend Diana einen Beſuch abzuſtat⸗ ten, ſtatt ſich ruhig in ſeinem Bette zu verhalten, weil ein Mann ſich gewoͤhnlich ſchlecht ſchlaͤgt, wenn er ſchlecht geſchlafen hat; dann ging er von den Lehrſpruͤ⸗ chen der Facultaͤt zu den Mythen der Fabel uͤber, und erzaͤhlte launig, daß es gewoͤhnlich Venus war, welche Marß entwaffnete. Buſſy laͤchelte, Remy beſtand darauf. — Siehſt Du, Remy, ſagte der Graf, wenn mein Arm ein Schwerdt haͤlt, ſo feſſelt er ſich ſo daran, daß die Fibern des Fleiſches die Haͤrte und die Schmieg⸗ ſamkeit des Stahles annehmen, waͤhrend der Stahl ſei⸗ ner Seits ſich gleich einem lebendigen Fleiſche zu beleben und zu erwaͤrmen ſcheint. Von dieſem Augenblicke an iſt mein Schwerdt ein Arm, und mein Arm ein Schwerdt; 10* — 148— von nun an begreifſt Du, handelt es ſich weder mehr um Kraft noch um Stimmung. Eine Klinge ermuͤdet nicht. — Nein, aber ſie wird ſtumpf. — Fuͤrchte Nichts. — Ah, mein lieber Herr, fuhr Remy fort, ſeht, es handelt ſich morgen darum, einen Kampf zu beſtehen, wie der des Herkules gegen Antaͤus, wie der des The⸗ ſeus gegen den Minotaur, wie der der Dreißig, wie der Bayards; um etwas Homeriſches, Rieſenhaftes, Un⸗ moͤgliches; es handelt ſich darum, daß man in der Zu⸗ kunft ſagt: der Kampf Buſſys, als der bewunderungs⸗ wuͤrdigſte Kampf, und in dieſem Kampfe, ſeht Ihr, will ich nicht, daß man Euch nur die Haut ritzt. — Sei unbeſorgt, mein guter Remy, Du wirſt Wunder ſehen; ich habe heute Morgen mit vier Fech⸗ tern auf ein Mal gefochten, die waͤhrend acht Minuten mich nicht ein einziges Mal getroffen, waͤhrend ich ihnen ihre Waͤmmſer in Fetzen zerriſſen habe. Ich ſprang wie ein Tiger. — Ich ſage nicht das Gegentheil, Herr, aber wer⸗ den Eure Kniekehlen von morgen Eure Kniekehlen von heute ſein? Und Buſſy und ſein Arzt fingen ein haͤufig durch ihr Gelaͤchter unterbrochenes lateiniſches Geſpraͤch an. So gelangten ſie an das Ende der großen Straße Saint⸗Antoine. — Gott befohlen, ſagte Buſſy, wir ſind angelangt. — Wenn ich Euch erwartete? ſagte Remy. — 149— — Wozu? — um ſicher zu ſein, daß Ihr vor zwei Stunden zuruͤckkehrt, und daß Ihr zum Mindeſten fuͤnf bis ſechs Stunden guten Schlafes vor Eurem Duell habt. — Wenn ich Dir mein Wort gebe? — O, dann, das wird mir genuͤgen, das Wort Buſ⸗ ſys, den Henker, es wuͤrde mir ſchoͤn anſtehen, wenn ich daran zweifelte.— — Nun denn, Du haſt es. In zwei Stunden, Remy, werde ich im Hotel ſein. — Es ſei. Gott befohlen, gnaͤdiger Herr. — Gott befohlen, Remy. Die beiden jungen Leute trennten ſich; aber Remy blieb auf dem Platze; er ſah den Grafen nach dem Platze zu ſchreiten, und, da die Abweſenheit des Grafen ihm alle Sicherheit verlieh, durch die Thüre eintreten, welche Gertrude ihm aufmachte, und nicht durch das Fenſter einſteigen.— Hierauf ſchlug er wieder philoſophiſch durch die oͤden Straßen ſeinen Weg nach dem Hotel Buſſy ein. Als er auf den Platz Beaudoyer heraus kam, ſah er fuͤnf in Maͤntel gehuͤllte Maͤnner auf ſich zukommen, welche unter dieſen Maͤnteln vollkommen bewaffnet ſchie⸗ nen. Fuͤnf Maͤnner um dieſe Stunde, das war auffal⸗ lend; er verſteckte ſich in die Ecke eines zuruͤckſtehenden Hauſes. Zehn Schritte weit von ihm angelangt, blieben dieſe fuͤnf Maͤnner ſtehen, und nach einem herzlichen guten — 150— Abend ſchlugen vier von ihnen verſchiedene Wege ein, waͤhrend der fuͤnfte regungslos und uͤberlegend auf ſei⸗ nem Platze blieb. In dieſem Augenblicke trat der Mond hinter einer Wolke hervor und erleuchtete mit ſeinem Scheine das Geſicht des naͤchtlichen Wanderers. — Herr von Saint⸗Lue! rief Remy aus. Saint-Luc erhob den Kopf, als er ſeinen Namen ausſprechen hoͤrte, und ſah einen Mann auf ſich zukom⸗ men. — Remy! rief dieſer nun aus. — Remy in Perſon, und ich bin erfreut nicht zu ſagen: Euch zu dienen, weil Ihr mir Euch auf das Beſte zu befinden ſcheint. Iſt es eine Unbeſcheiden⸗ heit Euch zu fragen, was Eure Herrlichkeit um dieſe Stunde ſo fern von dem Louvre macht? — Meiner Treue, mein Lieber, ich unterſuche auf Befehl des Koͤnigs das Ausſehen der Stadt. Er hat zu mir geſagt: Saint⸗Luc wandele durch die Straßen von Paris, und wenn Du etwa zufaͤllig ſagen hoͤrſt, ich habe abgedankt, ſo antworte dreiſt, es ſei nicht wahr. — Und habt Ihr davon ſprechen hoͤren? — Niemand hat mir ein Wort davon geſagt. Da es nun bald Mitternacht iſt, da Alles ruhig iſt, und ich nur Herrn von Monſoreau begegnet bin, ſo habe ich meine Freunde verabſchiedet und ſtand im Begriffe nach Haus zuruͤckzukehren, als Du mich uͤberlegend geſehen haſt. — Wie? Herrn von Monſoreau? — Ja. — Ihr ſeid Herrn von Monſoreau begegnet? — Mit einem Haufen von zum Mindeſten zehn bis zwoͤlf bewaffneten Maͤnnern. — Herrn von Monſoreau, unmoͤglich! — Warum das, unmoͤglich? — Weil er in Compisgne ſein ſoll. — Er ſollte dort ſein, aber er iſt nicht dort. — Aber der Befehl des Koͤnigs? — Bah, wer gehorcht dem Koͤnige? — Ihr ſeid Herrn von Monſoreau mit zehn bis zwoͤlf Maͤnnern begegnet? — Gewiß. — Hat er Euch erkannt? — Ich glaube es. — Ihr waret nur fuͤnf? — Meine vier Freunde und ich, nicht mehr. — und er iſt nicht uͤber Euch hergefallen? — Er iſt mir im Gegentheile ausgewichen, was mich verwundert hatz als ich ihn erkannte, bin ich auf einen ſchrecklichen Kampf gefaßt geweſen. — Nach welcher Seite ging er? — Nach der Seite der Straße de la Tixeranderie. — Ach, mein Gott! rief Remy.. — Wass fragte Saint⸗Luc, uͤber den Ausdruck des jungen Mannes entſetzt. — Herr von Saint⸗Luc, es wird ſich ohne Zweifel ein großes Ungluͤck zutragen. — Ein großes Ungluͤck! Wem? — Herrn von Buſſy. — Buſſy! Gottes Tod! Sprecht, Remy; Ihr wißt, ich bin einer ſeiner Freunde. — Welches Ungluͤck! Herr von Buſſy glaubte ihn in Compiègne. — Nun? — Nun denn, er hat geglaubt, ſeine Abweſenheit benutzen zu koͤnnen... — So daß er?... — Bei Frau Diana iſt. — Ahl rief Saint⸗Luc aus. Das verwickelt ſich. — Ja, begreift Ihr, ſagte Remy, er wird Verdacht gehabt haben, oder man hat ihm denſelben eingefloͤßt, und er wird nur gethan haben, als ob er abreiſe, um unverſehens zuruͤckzukommen. — Wartet doch, ſagte Saint⸗Luc, indem er ſich vor die Stirn ſchlug. — Habt Ihr eine Idee? antwortete Remy. — Da ſteckt der Herzog von Anjou dahinter. — Aber der Herzog von Anjou iſt es, der heute Morgen die Adreiſe des Herrn von Monſoreau veran⸗ laßt hat. — Ein Grund mehr. Habt Ihr Lungen, mein wak⸗ kerer Remy? — Bei Gott, wie Schmiedeblaſebaͤlge. — Dann laßt uns laufen, laßt uns laufen, ohne ei⸗ nen Augenblick zu verlieren; Ihr kennt das Haus. — Ja.. —-— 153— — Dann geht voraus. Und die beiden jungen Leute ſchlugen durch die Straßen ein Wettrennen ein, das verfolgten Hirſchen Ehre gemacht haͤtte. — Hat er viel vor uns voraus? fragte Remy im Laufen. — Wer? Der Monſoreau? — Ja. — Ungefaͤhr eine Viertelſtunde, ſagte Saint⸗Lue, indem er uͤber einen fuͤnf Fuß hohen Steinhaufen ſprang. — Wenn wir nur noch zeitig genug anlangen, ſagte Remy, indem er ſein Schwerdt zog, um auf jedes Er⸗ eigniß gefaßt zu ſein. XIII. Der Mord. Baſſy, ohne Beſorgniß und ohne Zoͤgern, war von Dianen ohne Furcht empfangen worden, welche der Ab⸗ weſenheit ihres Gatten ſicher zu ſein glaubte. Niemals war die junge Frau ſo vergnuͤgt geweſen; niemals war Buſſy ſo gluͤcklich geweſen; in gewiſſen Momenten, deren Wichtigkeit die Seele, oder vielmehr der Inſtinkt der Erhaltung fuͤhlt, vereinigt der Menſch ſeine moraliſchen Kraͤfte mit Alle dem, was ſeine Sinne ihm an phyſiſchen Huͤlfsmitteln bieten koͤnnen, er ſam⸗ melt und vervielfaͤltigt ſich. Er athmet mit allen ſeinen Kraͤften das Leben ein, das ihm von einem Augenblicke zum anderen ausgehen kann, ohne daß er erraͤth, durch welche Kataſtrophe es ihm ausgehen koͤnnte. Bewegt, und um ſo bewegter, als ſie ihre Unruhe zu verbergen ſuchte, ſchien Diana, von Befuͤrchtungen — 155— aͤber dieſen drohenden folgenden Tag erregt, weit zaͤrt⸗ licher, weil die Traurigkeit, wenn ſie ſich der Liebe be⸗ maͤchtigt, dieſer Liebe den zarten Duft der Poeſie ver⸗ leiht, welcher ihr fehlte; die wahre Leidenſchaft iſt nicht ſchaͤlernd, und das Auge einer aufrichtig liebenden Frau iſt bei Weitem oͤfter feucht, als ſtrahlend. Sie fing demnach auch damit an, den verliebten jungen Mann zuruͤckzuhalten. Was ſie ihm an dieſem Abende zu ſagen hatte, war, daß ſein Leben ihr Leben waͤre; was ſie mit ihm zu verhandeln hatte, waren die ſicherſten Mittel zur Flucht, er mußte, nachdem er ge⸗ ſiegt, den Zorn des Koͤnigs fliehen; denn wahrſchein⸗ licher Weiſe wuͤrde Heinrich niemals dem Sieger die Niederlage oder den Tod ſeiner Guͤnſtlinge verzeihen. — und dann, fagte Diana den Arm um Buſſys Hals geſchlungen, und indem ſie das Geſicht ihres Ge⸗ liebten mit den Augen verſchlang, biſt Du nicht der ta⸗ pferſte Edelmann von Frankreich? Warum ſollteſt Du eine Ehre darin ſuchen, Deinen Ruhm zu vermehren? Du biſt anderen Maͤnnern bereits ſo uͤberlegen, daß es nicht großmuͤthig von Dir waͤre, Dich noch mehr erhe⸗ ben zu wollen. Du willſt anderen Frauen nicht gefallen, denn Du liebſt mich, und Du wuͤrdeſt fuͤrchten, mich fuͤr immer zu verlieren, nicht wahr, Louis? Vertheidige Dein Leben, Louis. Ich ſage Dir nicht, denke an den Tod; denn ich meine, daß es auf der Welt keinen Menſchen giebt, der groß, ſtark, maͤchtig genug iſt, um meinen Louis anders, als durch Verrath zu toͤdten. Aber denke an die Wundenz man kann verwundet wer⸗ X — 156— den, Du weißt es wohl, da es eine Wunde iſt, welche Du empfangen, als Du gegen dieſe ſelben Maͤnner käͤmpfteſt, der ich es verdanke Dich kennen gelernt zu haben. 4 — Sei unbeſorgt, ſagte Buſſy lachend, ich werde das Geſicht decken, ich will nicht entſtellt ſein. — O, bewahre Deine ganze Perſon. Laß ſie Dir geheiligt ſein, mein Buſſy, als ob Du— ich waͤreſt. Denke an den Schmerz, den Du empfinden wuͤrdeſt, wenn Du mich verwundet und blutig zuruͤckkehren ſäheſt; nun denn, denſelben Schmerz, den Du empfinden wuͤr⸗ deſt, wuͤrde ich empfinden, wenn ich Dein Blut ſaͤhe. Sei vorſichtig, mein zu muthiger Loͤwe, das iſt Alles, was ich Dir anempfehle. Mach es wie jener Roͤmer, deſſen Geſchichte Du mir neulich vorlaſeſt, um mich zu beruhigen. O, ahme ihn genau nach; laß Deine drei Freunde ihren Kampf ausfechten;z komm dem am Meiſten Bedroheten zu Huͤlfe. Aber, wenn zwei Maͤnner, wenn drei Maͤnner Dich zu gleicher Zeit angreifen, ſo fliehe, Du wirſt wie Satz zurückkehren, und ſie Einen nach dem Andern, und in Zwiſchenraͤumen toͤdten. — Ja, meine liebe Diana, ſagte Buſſy. — O, Du antworteſt mir, ohne mich zu verſtehen, Louis, Du ſiehſt mich an, und Du hoͤrſt mich nicht. — Ja, aber ich ſehe Dich, und Du biſt ſehr ſchoͤn! — Es handelt ſich in dieſem Augenblicke nicht um meine Schoͤnheit, mein Gott, es handelt ſich um Dich, um Dein Leben, um unſer Leben, ſieh, es iſt ſehr graͤß⸗ lich, was ich Dir ſagen will; aber ich will, daß Du N — 157— es weißt, das wird Dich nicht ſtaͤrker, aber vorſichtiger machen. Nun denn, ich haͤtte den Muth, dieſes Duell mit anzuſehen. — Du? — Ich werde ihm beiwohnen. — Wie das? Unmoͤglich, Diana! — Nein, hoͤre: es befindet ſich, wie Du weißt, in dem Zimmer zur Seite dieſes ein Fenſter, das in einen kleinen Hof fuͤhrt und eine ſchraͤge Ausſicht in die Um⸗ zaͤunung des Tournelles hat. — Ja, ich erinnere mich dieſes ungefaͤhr zwanzig Fuß hohen Fenſters, das ein eiſernes Gitter uͤberragt, auf deſſen Spitzen ich neulich Brod fallen ließ, das ſich die Voͤgel holten. — Von dort aus, begreifſt Du? Buſſy, werde ich Dich ſehen. Vor Allem ſtelle Dich ſo, daß ich Dich ſehe; Du wirſt wiſſen, daß ich da bin, Du wirſt mich ſogar ſehen koͤnnen. Aber nein, Unſinnige, die ich bin, ſieh mich nicht an, denn Dein Feind koͤnnte Deine Zer⸗ ſtreuung benutzen. — Und mich toͤdten! Nicht wahr? Waͤhrend ich meine Augen auf Dich geheftet haͤtte. Wenn ich ver⸗ urtheilt waͤre, und man mir die Wahl des Todes ließe, Diana, ſo waͤre es dieſe, welche ich waͤhlen wuͤrde. — Ja, aber DOu biſt nicht verurtheilt, aber es han⸗ delt ſich nicht darum zu ſterben, es handelt ſich im Ge⸗ gentheile darum zu leben. — und ich werde leben, ſei unbeſorgt; außerdem habe ich guten Beiſtand, glaube mir; Du kennſt meine — 158— Freunde nicht, aber ich kenne ſie; Antraqguet fuͤhrt das Schwerdt, wie ich. Ribérac iſt kalt auf dem Kampf⸗ platze, er ſcheint nur Leben in den Augen zu haben, mit denen er ſeinen Gegner verzehrt, und in dem Arme, mit dem er trifft; Livarot gläͤnzt mit der Behendigkeit eines Tigers. Die Partie iſt ſchoͤn, Diana, glaube mir, zu ſchoͤn. Ich moͤgte mehr Gefahr laufen, um mehr Verdienſt zu haben. — Nun denn, ich glaube Dir, lieber Freund,— und ich laͤchle; denn ich hoffe; aber hoͤre mich, und verſprich, mir zu gehorchen. — Ja, vorausgeſetzt, daß Du mir nicht befiehlſt, Dich zu verlaſſen.— — Nun denn, gerade das iſt es, ich berufe mich auf Deine Vernunft. — Dann muͤßteſt Du mich nicht wahnſinnig machen. — Keinen falſchen Witz, mein ſchoͤner Edelmann, Gehorſam; durch Gehorchen liefert man den Beweis ſei⸗ ner Liebe. — So befiehl denn. — Lieber Freund, Deine Augen ſind ermuͤdet; Du bedarfſt einer guten Nacht; verlaß mich. — O, ſchon! — Ich will mein Gebet verrichten, und Du wirſt mich umarmen. Aber Du biſt es, die man anbeten muͤßte, wie man die Engel anbetet. — Und glaubſt Du denn, daß die Engel zu Gott beten? ſagte Diana, indem ſie niederkniete. — 159— Und von Grund des Herzens, mit Blicken, welche durch die Decke des Zimmers Gott unter dem blauen Gewoͤlbe des Himmels zu ſuchen ſchienen, ſagte ſie: — Herr, wenn Du willſt, daß Deine Magd gluͤcklich lebt und nicht verzweifelt ſtirbt, ſo beſchuͤtze Denjenigen, den Du auf meinen Weg gefuͤhrt haſt, damit ich ihn liebe und nur ihn liebe. Sie beendigte dieſe Worte. Vuſſy neigte ſich, um ſie in ſeine Arme zu ſchließen und ihr Geſicht zu der Hoͤhe ſeiner Lippen zuruͤckzufuͤhren, als ploͤtzlich eine Fenſterſcheibe klirrend in Stuͤcken zerflog; dann das Fen⸗ ſter ſelbſt, und drei bewaffnete Maͤnner auf dem Balkon erſchienen, waͤhrend der Vierte uͤber das Gelaͤnder klet⸗ terte. Dieſer hatte das Geſicht mit einer Maske bedeckt, und hielt in der linken Hand eine Piſtole, und in der rechten ein bloßes Schwerdt. Buſſy blieb einen Augenblick lang regungslos und erſtarrt durch den entſetzlichen Schrei, den Diana aus⸗ ſtieß, indem ſie ſich an ſeinen Hals warf. Der Mann mit der Maske gab einen Wink, und ſeine drei Begleiter traten nun einen Schritt vor; einer dieſer drei Maͤnner war mit einer Buͤchſe bewaffnet. Mit ein und derſelben Bewegung ſchob Buſſy mit der linken Hand Diana bei Seite, waͤhrend er mit der rechten ſein Schwerdt zog. Dann ſich in ſich ſelbſt zuſammenziehend, ſenkte er es langſam und ohne ſeine Gegner aus dem Geſicht zu verlieren. — 160— — Vorwaͤrts, vorwaͤrts, meine Tapferen, ſagte eine Grabesſtimme, welche unter der Sammetmaske hervor⸗ drang, er iſt halb todt, die Furcht hat ihn getoͤdtet. — Du irrſt Dich, ſagte Buſſy, ich habe niemals Furcht. Diana machte eine Bewegung, um ſich ihm wieder zu naͤhern. — Tretet zur Seite, Diana, ſagte er mit Feſtig⸗ keit. Aber anſtatt zu gehorchen, warf ſich Diana ein zweites Mal an ſeinen Hals. G — Ihr werdet mich toͤdten laſſen, gnaͤdige Frau, ſagte er. Diana entfernte ſich, indem ſie ihn gaͤnzlich frei ſtellte. Sie ſah ein, daß ſie ihrem Geliebten nur auf eine einzige Weiſe zu Huͤlfe kommen koͤnnte: naͤmlich, indem ſie ihm leidend gehorchte. — Ah, ah, ſagte die dumpfe Stimme— es iſt wirklich Herr von Buſſy;— ich wollte es nicht glau⸗ ben, Dummkopf der ich bin. Wahrhaftig, welcher Freund, welch guter und vortrefflicher Freund! Buſſg ſchwieg, indem er ſich dabei auf die Lippen biß und um ſich herum forſchte, welches ſeine Verthei⸗ digungsmittel ſein wuͤrden, wenn er handgemein werden muͤßte. — Er erfaͤhrt, fuhr die Stimme mit einer ſpoͤtti⸗ ſchen Betonung fort, welche ſein tiefes und ſtummes Be⸗ ben noch ſchrecklicher machte, er erfaͤhrt, daß der Ober⸗ — 161— jaͤgermeiſter abweſend iſt, daß er ſeine Frau allein gelaſſen hat, daß dieſe Frau Furcht haben kann, und er kommt, um ihr Geſellſchaft zu leiſten. Und wenn das? Am Vorabende eines Duells. Ich ſage es noch ein Mal, was fuͤr ein guter und vortrefflicher Freund der Herr von Buſſy iſt! 1 — Ah, Ihr ſeid es, Herr von Monſoreau, ſagte Buſſy. Gut, legt Eure Maske ab. Jetzt weiß ich, mit wem ich zu thun habe. — So werde ich es thun, erwiderte der Oberjaͤger⸗ meiſter, und er warf ſeine ſchwarze Sammetmaske weit von ſich. Diana ſtieß einen ſchwachen Schrei aus. Die Blaͤſſe des Grafen war die eines Leichnams, waͤhrend ſein Laͤ⸗ cheln das eines Verdammten war. — Ha, machen wir ein Ende, mein Herr, ſagte Buſſy, ich bin kein Freund der laͤrmenden Manieren, und es paßte ſich fuͤr die Helden Homers, die Halbgoͤt⸗ ter waren, zu ſprechen, bevor ſie ſich ſchlugen; ich aber bin ein Menſch; nur bin ich ein Menſch, der ſich nicht fuͤrchtet, greift mich an, oder laßt mich gehen. Monſoreau antwortete durch ein dumpfes und ſchnei⸗ dendes Lachen, welches Diana erbeben ließ, das aber bei Buſſy den heftigſten Zorn hervorrief. — Gebt Raum, wiederholte der junge Mann, wel⸗ cher fuͤhlte, wie ihm das Blut zu Kopf ſtieg, das einen Augenblick lang ſeinem Herzen zuruͤckgeſtroͤmt war. — O, o, aͤußerte Monſoreau, Naum? Wie ſagt Ihr das, Herr von Buſſy? Die Dame von Monſoreau. Sechster Band. 11 — 162— — Dann kreuzt das Schwerdt und laßt uns endi⸗ gen, ſagte der junge Mann; ich muß nach Haus zu⸗ ruͤckkehren, und ich wohne weit. — Ihr waret gekommen, um hier zu ſchlafen, mein Herr, ſagte der Oberjaͤgermeiſter, und Ihr werdet hier ſchlafen. Waͤhrend dieſer Zeit erſchienen die Koͤpfe von zwei anderen Maͤnnern durch die eiſernen Stangen des Bal⸗ kons, und uͤber das Gelaͤnder kletternd, ſtellten ſich dieſe beiden Maͤnner neben ihre Kameraden. — Vier und zwei macht ſechs, ſagte Buſſp; wo ſind die Anderen? — Sie ſind vor der Thuͤre und warten, ſagte der Oberjaͤgermeiſter. Diana ſank auf ihre Knie, und, wie ſehr ſie ſich auch zu beherrſchen ſuchte, Buſſy hoͤrte ihr Schluchzen. Er warf einen fluͤchtigen Blick auf ſie; hierauf ſei⸗ nen Blick wieder auf den Grafen richtend, ſagte er, nach⸗ dem er einen Augenblick lang uͤberlegt hat: — Ihr wißt, daß ich ein Mann von Ehre bin, mein lieber Herr. — Ja, ſagte Monſoreau, Ihr ſeid ein Mann von Ehre, wie Madame eine zuͤchtige Frau iſt. — Gut, mein Herr, antwortete Buſſy, indem er leicht mit dem Kopfe nickte; das iſt beißend, aber es iſt verdient, und Alles das wird ſich mit einander bezahlen. Nur, da ich fuͤr morgen eine verabredete Partie mit vier Edelleuten habe, die Ihr kennt, und ſie das Vor⸗ — 163— recht vor Euch haben, ſo nehme ich die Verguͤnſtgiung in Anſpruch, mich heute Abend zu entfernen, indem ich Euch mein Wort verpfaͤnde, mich wo und wann Ihr wollt wieder einzufinden. Monſoreau zuckte die Achſeln. — Hoͤrt, ſagte Buſſy, ich ſchwoͤre bei Gott, mein Herr, daß, ſobald ich die Herren von Schomberg, d'Epernon, Quéslus und Maugiron zufriedengeſtellt, ich der Eure, ganz der Eure, Nichts als der Eure ſein werde. Wenn ſie mich toͤdten, ei nun, ſo werdet Ihr von ihren Haͤnden bezahlt ſein, das iſt Alles; wenn da⸗ gegen ich ſie toͤdte, ſo befinde ich mich in dem Beſitze der Mittel, um Euch ſelbſt zu bezahlen. Monſoreau wandte ſich nach ſeinen Leuten um. — Vorwaͤrts, ſagte er zu ihnen, drauf, meine Wak⸗ keren. 1 — Ah, ſagte Buſſy, ich irrte mich, es iſt kein Duell mehr, es iſt ein Mord. — Bei Gott! ſagte Monſoreau. — Ja, ich ſehe, wir hatten uns alle Beide uͤber einander geirrt; aber nehmt Euch in Acht, mein Herr, nehmt Euch in Acht, der Herzog von Anjon wird die Sache uͤbel aufnehmen. — Er iſt es, der mich ſendet, ſagte Monſoreau. Buſſy ſchauderte. Diana erhob ſtoͤhnend die Haͤnde gen Himmel. — In dieſem Falle, ſagte der junge Mann, berufe ich mich auf Buſſy ganz allein. Haltet Euh gut, meine Tapferen! 11: 1 — 164— Und mit einer Wendung der Hand warf er den Betſtuhl um, zog einen Tiſch herbei, und warf auf das Ganze einen Stuhl, ſo daß er in einer Sekunde Etwas wie einen Wall zwiſchen ſich und ſeinen Feinden errichtet hatte. Alles dieſes war ſo ſchnell vor ſich gegangen, daß die der Buͤchſe entfahrene Kugel nur den Betſtuhl traf, in deſſen Dicke ſie matt geworden ſtecken blieb; waͤhrend dieſer Zeit warf Buſſy einen prachtvollen Schenktiſch aus den Zeiten Franz I. um, und fuͤgte ihn ſeiner Ver⸗ ſchanzung hinzu. Diana befand ſich durch dieſes letzte Moͤbel ver⸗ ſteckt; ſie ſah ein, daß ſie Buſſy nur mit ihren Gebeten beiſtehen koͤnne, und ſie betete. Buſſy warf einen Blick auf ſie, dann auf die An⸗ greifenden, dann auf ſeinen ſich geſchaffenen Wall. — Jetzt kommt heran, ſagte er, aber nehmt Euch in Acht, mein Schwerdt ſticht. Die von Monſoreau angetriebenen Bravos machten eine Bewegung gegen den Eber, der ſie in ſich ſelbſt zu⸗ ruͤckgezogen und mit gluͤhenden Augen erwartete; einer von ihnen ſtreckte ſogar die Hand nach dem Betſtuhle aus, um ihn an ſich zu ziehen, aber bevor ſeine Hand das ſchuͤtzende Moͤbel noch beruͤhrt, hatte Buſſys Schwerdt durch eine Oeffnung den Arm in ſeiner ganzen Laͤnge erfaßt, und ihn von dem lhogen bis an die Schulter durchbohrt. Der Mann ſtieß einen Schrei aus, und wich bis an das Fenſter zuruͤck. . — — — 165— Nun hoͤrte Buſſy raſche Schritte in dem Corridor, und er glaubte ſich zwiſchen zwei Feuern gefangen. Er ſtuͤrzte nach der Thuͤre zu, um die Riecgel vorzuſchie⸗ ben; aber bevor er ſie noch erreicht hatte, ging ſie auf. Zwei Maͤnner ſtuͤrzten durch dieſe Thuͤre herein. — Ah, lieber Herr, rief eine wohlbekannte Stimme, kommen wir zeitig genug? — Remy! ſagte der Graf. — Und ich! rief eine zweite Stimme aus. Es ſcheint, daß man hier ermordet? Buſſy. erkannte dieſe Stimme, und ſtieß ein Bruͤl⸗ len der Freude aus. — Saint⸗Luc! ſagte er. — Ich ſelbſt. — Ah, ah, ſagte Buſſy, ich glaube, lieber Herr von Monſoreau, daß Ihr jetzt gut thun werdet uns hindurch zu laſſen, denn, wenn Ihr jetzt nicht Raum gebt, ſo werden wir uͤber Euch hinausgehen. — Drei Mann zu mir! rief Monſoreau. Und man ſah drei neue Angreifende uͤber dem Ge⸗ laͤnder erſcheinen. — Ah, ſo, aber ſie ſind alſo ein Heer? ſagte Saint⸗Luc. — Mein Herr und Gott, beſchuͤtze ihn, betete Diana. — Schaͤndliche! rief Monſoreau aus; und er trat vor, um Diana zu treffen. Buſſy ſah die Bewegung. Behend wie ein Tiger, ſprang er mit einem Satze uͤber die Verſchanzung; ſein Schwerdt begegnete dem Monſoreaus, dann fiel er aus, 4 — 166— und traf ihn an der Gurgel; aber die Entfernung war zu groß; er kam mit einer Schramme davon. Fuͤnf bis ſechs Mann fielen zu gleicher Zeit uͤber Buſſy her. Einer dieſer Maͤnner ſiel unter Saint⸗Lucs Schwerdte. — Vorwaͤrts! rief Remy aus. — Nicht vorwaͤrts, ſagte Buſſy; im Gegentheile, Remy, nimm Diana und trag ſie fort. Monſoreau ſtieß ein Bruͤllen aus, und entriß den Haͤnden eines der Neugekommenen eine Piſtole. — Remy zoͤgerte.. — Aber Ihr? ſagte er. — Fuͤhre ſie fort! Fuͤhre ſie fort! rief Buſſy aus. Ich vertraue ſie Dir an. — Mein Gott! murmelte Diana, mein Gott, ſtehe ihm bei. — Kommt, gnaͤdige Frau, ſagte Remy. — Niemals, nein, niemals, ich werde ihn nicht verlaſſen. Remy hob ſie in ſeinen Armen auf. — Buſſy, rief Diana aus, Buſſy, zu Huͤlfe, zu Huͤlfe! 1 Die arme Frau war von Sinnen; ſie unterſchied nicht mehr ihre Freunde von ihren Feinden; Alles, was ſie von Buſſy trennte, war ihr widerwaͤrtig und toͤdtlich. — Geh, geh, ſagte Buſſy; ich komme zu Dir. — Ja, heulte Monſoreau, ja, Du wirſt zu ihr kommen, ich hoffe es. 9 uund man hoͤrte einen Schuß knallen. — 167— Buſſy ſſah le Haudoin ſchwanken, dann in ſich zu⸗ ſammenſinken und faſt ſogleich fallen, indem er Diana nachzog. Buſſy ſtieß einen Schrei aus, und als er ſich um⸗ wandte, ſagte Remy: — Es iſt Nichts, Herr; mich hat die Kugel getrof⸗ fen, ſie iſt unverſehrt. Drei Mann fielen uͤber Buſſy in dem Augenblicke her, wo er ſich umwandte, Saint⸗Luc trat zwiſchen Buſſy und die drei Mann; einer der drei fiel. Die beiden Anderen wichen zuruͤck. — Saint⸗Luc, ſagte Buſſy, Saint⸗Luc, bei der, welche Du liebſt, rette Diana. — Aber Du? — Sch bin ein Mann. — Saint⸗Luc eilte auf Diana zu, die ſich bereits wieder auf ihre Kniee erhoben hatte, nahm ſie in ſeine Arme, und verſchwand mit ihr durch die Thuͤre. — Zu mir! rief Monſoreau aus, zu mir die der Treppe! 4 — Ha! Boͤſewicht! rief Buſſy aus. Ha! Memme! Monſoreau zog ſich hinter ſeine Leute zuruͤck. Buſſy fuͤhrte einen Hieb und verſetzte einen Stoß; mit dem erſten ſpaltete er einen Kopf an der Schlaͤfe; mit dem zweiten durchbohrte er eine Bruſt. — Das raͤumt auf, ſagte er; dann kehrte er in ſeine Verſchanzung zuruͤck. 1 — Fliehet, Herr, fliehet! fluͤſterte Rem. — Ich fliehen... vor Moͤrdern fliehen! — 168— Sich hierauf zu dem jungen Manne neigend, ſagte er zu ihm: — Diana muß entfliehen; aber Du, was haſt Du? — Nehmt Euch in Acht, ſagte Remy, nehmt Euch in Acht! In der That, vier Maͤnner waren durch die Thuͤre der Treppe herbeigeſtuͤrzt. Buſſy befand ſich zwiſchen zwei Haufen gefangen. Aber er hatte nur einen Gedanken. — Und Diana, rief er aus, Diana? , ohne eine Secunde zu verlieren, ſtuͤrzte er uufin vier Mann zu; unverſehens angegriffen, fie⸗ len zwei, einer verwundet, einer todt. Dann, da Monſoreau herankam, that er einen Schritt zuruͤck, und befand ſich wieder hinter ſeinem Walle. — Schiebt die Riegel vor, rief Monſoreau, dreht den Schluͤſſel um, wir haben ihn, wir haben ihn! Waͤhrend dieſer Zeit hatte ſich Remy mit einer letz⸗ ten Anſtrengung bis vor Buſſy geſchleppt; er hatte ſei⸗ nen Leib der Maſſe der Verſchanzung hinzugefuͤgt. Es entſtand eine augenblickliche Pauſe. Die Kniee gebeugt, den Ruͤcken gegen die Wand gedruͤckt, den Arm gebogen, das Schwerdt ausgelegt, warf Buſſy einen fluͤchtigen Blick um ſich. Sieben Maͤnner waren zu Boden geſtreckt, neun ſtanden noch aufrecht. Buſſy zaͤhlte ſie mit den Augen. Als er aber die neun Schwerdter wieder leuchten — 169— ſah, als er Monſoreau ſeinen Leuten Muth zuſprechen hoͤrte, als er ſeine Fuͤße in Blut plaͤtſchern fuͤhlte, ſah dieſer Tapfere, der niemals die Furcht gekannt hatte, als oh das Bild des Todes ſich im Hintergrunde des Zimmers aufrichte und ihn mit ſeinem traurigen Laͤ⸗ cheln riefe. — Von den Neun, ſagte er, werde ich wohl noch fuͤnf toͤdten, aber die vier Anderen werden mich toͤdten. Ich habe noch fuͤr zehn Minuten des Kampfes Kraͤfte, wohlan, thun wir waͤhrend dieſer zehn Minuten das, was niemals ein Menſch gethan hat, noch thun ird! Nun, ſeinen Mantel abnehmend, mit r ſei⸗ nen linken Arm wie mit einem Schilde umſchlang, that er einen Sprung bis in die Mitte des Zimmers, als ob es ſeines Rufes unwuͤrdig geweſen waͤre, laͤnger ge⸗ deckt zu kaͤmpfen. Dort begegnete er einem Gewimmel, in welches ſein Schwerdt wie eine Viper in ihr Neſt. ſchluͤpfte; drei Male ſah er eine Bloͤße und ſtreckte den Arm in dieſe Bloͤße aus; drei Male hoͤrte er das Buͤffelleder der Wehrgehaͤnge oder der Waͤmmſer knarren, und drei Male floß ein Strahl lauen Blutes uͤber die Falze ſei⸗ ner Klinge bis auf ſeine rechte Hand. Waͤhrend dieſer Zeit hatte er zwanzig Hiebe und Stiche mit ſeinem linken Arme parirt. Der Mantel war zerhackt. Die Taktik der Moͤrder veraͤnderte ſich, als ſie zwei Mann fallen, und den dritten ſich zuruͤckziehen ſa⸗ hen; ſie verzichteten darauf, Gebrauch von dem Schwerdte . — 170— zu machen, die einen fielen mit Gewehrkolbenſchlaͤgen uͤber ihn her, die Anderen feuerten ihre Piſtolen auf ihn ab, deren ſie ſich noch nicht bedient hatten, und deren Kugeln er entweder dadurch, daß er ſich zur Seite warf, oder daß er ſich buͤckte, geſchickter Weiſe aus⸗ wich. In dieſem entſcheidenden Augenblicke vervielfaͤltigte ſich ſein ganzes Weſen, denn er ſah, hoͤrte und han⸗ delte nicht allein, ſondern er errieth auch faſt noch den ploͤtzlichſten und geheimſten Gedanken ſeiner Feinde; kurz Buſſy befand ſich in einem jener Momente, wo das Geſchoͤgf den Gipfel der Vollkommenheit erreicht; er war u eer als ein Gott, weil er ſterblich war, aber er war gewiß mehr als ein Menſch. Nun dachte er, daß Monſoreau zu toͤdten dem Kampfe ein Ende machen muͤſſe; er ſuchte ihn dem⸗ nach mit den Augen unter ſeinen Moͤrdern; aber dieſer, eben ſo ruhig, als Buſſy aufgeregt war, lud die Piſto⸗ len ſeiner Leute, oder, ſie geladen aus ihren Haͤnden nehmend, feuerte er ſie ab, indem er ſich dabei hinter ſeine Raufer verſteckt hielt. Aber fuͤr Buſſy war es Etwas Leichtes, ſich eine Bahn zu brechen; er warf ſich mitten unter die Sbir⸗ ren, welche zur Seite traten, und befand ſich Monſo⸗ reau gegenuͤber. In dieſem Augenblicke zielte dieſer, der eine ge⸗ ſpannte Piſtole in der Hand hielt, auf Buſſy, und gab Feuer. Die Kugel traf die Klinge des Schwerdtes und zer⸗ ſchmetterte ſie ſechs Zoll hoch uͤber dem Griffe. —-— 171— — Entwaffnet, rief Monſoreau aus, entwaffnet! Buſſy trat einen Schritt zuruͤck, und indem er zu⸗ rüͤckwich, raffte er ſeine abgebrochene Klinge auf. In einem Nu war ſie mit ſeinem Taſchentuche wie an ſeine Fauſt geloͤthet. Und die Schlacht begann von Neuem, indem ſie das wunderbare Schauſpiel eines Mannes faſt ohne Waffe, aber auch faſt ohne Wunden bot, der ſechs wohlbewaffnete Maͤnner entſetzte und ſich einen Wall aus zehn Leichen machte. Der Kampf begann von Neuem, und. weit ſchrecklicher, als jemals; waͤhrend die Leute Monſoreaus uͤber Buſſy herfielen, zog Monſoreau, welcher errathen hatte, daß der junge Mann eine Waffe auf dem Boden ſuche, alle diejenigen an ſich, welche in ſeinem Bereiche ſein konnten. Buſſy war umringt: der Stumpf ſeiner ſchartigen, gebogenen, ſtumpf gewordenen Klinge, wankte in ſeiner Hand; die Ermuͤdung begann ſeinen Arm zu erſchlaffen; er blickte um ſich, als eine der wieder belebten Leichen ſich auf die Kniee erhob, und ihm ein langes und ſtar⸗ kes Schwerdt in die Hand legte. Dieſe Leiche war Remy, deſſen letzte Anſtrengung eine Aufopferung war. Buſſy ſtieß einen Freudenſchrei aus und ſprang zu⸗ ruͤck, um ſeine Hand von ſeinem Taſchentuche frei zu machen und ſich des nutzlos gewordenen Stumpfes zu entledigen. — 172— Waͤhrend dieſer Zeit naͤherte Monſoreau ſich Remy, und feuerte ſeine Piſtole dicht vor ſeinem Kopfe ab. Dieſes Mal ſank Remy mit zerſchmetterter Stirn zu Boden, um ſich nicht wieder zu erheben. Buſſy ſtieß einen Schrei, oder vielmehr ein Bruͤl⸗ len aus. Die Kraͤfte waren ihm mit den Mitteln zur Ver⸗ theidigung zuruͤckgekehrt, er ließ ſein Schwerdt im Kreiſe pfeifen, hieb eine Fauſt zur Rechten ab, und oͤffnete eine Wange zur Linken. Jee r befand ſich durch dieſen doppelten Hieb frei. 3 Behend und kraͤftig, ſprang er gegen ſie, und ver⸗ ſuchte, ſie mit einem Stoße zu erbrechen, welcher die Wand erſchuͤtterte. Aber die Riegel widerſtanden ihm. Durch die Anſtrengung erſchoͤpft, ließ Buſſy ſeinen rechten Arm herabſinken, waͤhrend er mit der linken verſuchte, hinter ſich die Riegel zuruͤckzuziehen, und da⸗ bei ſeinen Gegnern das Antlitz bot. Waͤhrend dieſer Sekunde erhielt er einen Schuß, der ihm den Schenkel durchbohrte, und zwei Schwerdt⸗ ſtreiche, welche ihm leicht die Seiten verwundeten. Aber er hatte die Riegel zuruͤckgezogen und den Schluͤſſel umgedreht. Heeulend und erhaben vor Wuth, vernichtete er mit einem Hiebe den am Meiſten erbitterten der Banditen, und auf Monſoreau ausfallend, traf er ihn in der Bruſt. Der Oberjaͤgermeiſter ſtieß einen Fluch aus. — Ah! ſagte Buſſy, indem er die Thuͤre an ſich — 173— zog, ich fange an zu glauben, daß ich davon kommen werde. G Die vier Maͤnner warfen ihre Waffen weg und klammerten ſich an Buſſy; ſie konnten ihn nicht mit dem Schwerdte treffen, ſo ſehr machte ihn ſeine wun⸗ dervolle Gewandtheit unverwundlich, ſie verſuchten ihn zu erſticken. Aber durch Stoͤße mit dem Knopfe ſeines Schwerd⸗ tes, aber durch Hiebe betaͤubte und zerhackte ſie Buſſy ohne Raſt. Monſoreau naͤherte ſich dem jungen Manne zwei Male, und wurde wieder zwei Male veieſen Aber drei Maͤnner klammerten ſich an den Griff ſei⸗ nes Schwerdtes und entriſſen es ſeinen Haͤnden. 3 Buſſy raffte einen Dreifuß von geſchnitztem Holz auf, der zum Tabouret diente, fuͤhrte drei Hiebe und ſchlug zwei Mann nieder; aber der Dreifuß zerbrach auf der Schulter des Letzteren, der aufrecht blieb. Dieſer ſtieß ihm ſeinen Dolch in die Bruſt. Buſſy packte ihn bei der Fauſt, riß den Dolch her⸗ aus, und ihn gegen ſeinen Gegner umwendend„ zwang er ihn, ſich ſelbſt zu erdolchen. 8 Der Letzte ſprang aus dem Fenſter. Buſſy that zwei Schritte um ihn zu verfolgen, aber Monſoreau, unter den Leichen ausgeſtreckt, erhob ſich nun auch, und oͤffnete ihm mit einem Meſſerſchnitte die Kniekehle.— Der junge Mann ſtieß einen Schrei aus, ſuchte mit den Augen ein Schwerdt, und ſtieß es ſo kraͤftig in — 174— die Bruſt des Oberjaͤgermeiſters, daß er ihn auf dem Fußboden feſtnagelte. 5 — Ha, rief Buſſy aus, ich weiß nicht, ob ich ſter⸗ hen werde, aber zum Mindeſten werde ich Dich haben ſterben ſehen.. Monſoreau wollte antworten; aber es war ſein letz⸗ ter Seufzer, der aus ſeinem halb offenen Munde drang. Buſſy ſchleppte ſich nun nach dem Corridor, er verlor all ſein Blut aus ſeiner Wunde am Schenkel und beſonders aus der an der Kniekehle. Er warf einen letzten Blick hinter ſich. Da Mond war ſo eben glaͤnzend hinter einer Wolke hervorgetreten; ſein Licht drang in dieſes mit Blut uͤberſchwemmte Zimmer, es ſpiegelte ſich in den Fenſterſcheiben, und erleuchtete die durch Schwerdthiebe zerhackten und mit Kugeln durchloͤcherten Waͤnde, in⸗ dem es auf ſeinem Wege die bleichen Geſichter der Todten ſtreifte, die meiſtens im Verſcheiden den grim⸗ migen und drohenden Blick des Moͤrders behalten hatten. Bei dem Anblicke dieſes von ihm bevoͤlkerten Schlachtfeldes fuͤhlte ſich Buſſy, ſo verwundet, ſo ſter⸗ bend er auch war, von einem erhabenen Stolze er⸗ griffen. Wie er geſagt, er hatte das gethan, was kein an⸗ derer Mann haͤtte thun koͤnnen. Es blieb ihm jetzt nur noch uͤbrig zu fliehen, ſich zu retten; aber er konnte fliehen, denn er floh vor Todten. — 175— Aber es war noch nicht Alles fuͤr den ungluͤcklichen jungen Mann beendigt. Als er auf die Treppe gelangte, ſah er Waffen in dem Hofe blitzen; ein Schuß fiel, die Kugel drang ihm durch die Achſel. Der Hof war bewacht. Nun dachte er an dieſes kleine Fenſter, durch wel⸗ ches Diana ihm verſprach, dem Kampfe des folgenden Tages zuzuſehen, und er ſchleppte ſich ſo raſch, als er vermogte, nach dieſer Seite. Es war offen, indem es in ſeinem Rahmen einen ſchoͤnen, mit Sternen beſaͤeten Himmel zeigte. Buſſy verſchloß und verriegelte die Thuͤre hinter ſich;z dann ſtieg er mit großer Muͤhe auf das Gelaͤnder, und maß mit den Augen das eiſerne Gitter, um auf die andere Seite zu ſpringen. — O! Ich werde niemals die Kraft dazu haben, murmelte er. Aber in dieſem Augenblicke hoͤrte er Schritte auf der Treppe; das war der zweite Haufen, welcher her⸗ aufkam. Buſſy war außer Vertheidigung; er ſammelte alle ſeine Kraͤfte. Indem er ſich mit der einzigen Hand und mit dem einzigen Fuße half, deren er ſich noch bedie⸗ nen konnte, ſprang er. Aber im Springen glitt die Sohle ſeines Stiefels auf dem Steine aus. Er hatte ſo viel Blut an den Fuͤßen. Er fiel auf die eiſernen Spitzen: die einen drangen — 176— in ſeinen Leib, die anderen hielten ſeine Kleider feſt, und er blieb haͤngen. In dieſem Augenblicke dachte er an den einzigen Freund, der ihm auf der Welt uͤbrig blieb. — Saint⸗Luc, rief er aus, zu Huͤlfe! Saint⸗Luc, zu Huͤlfe! — Ah! Ihr ſeid es, Herr von Buſſy, ſagte ploͤtz⸗ lich eine Stimme, die aus einem Baumdickicht her⸗ vorkam. Buſſy erbebte. Dieſe Stimme war nicht die Saint⸗ Lucs. — Saint⸗Luc, rief er von Neuem aus, zu Huͤlfe! zu Huͤlfe! Fuͤrchte Nichts fuͤr Diana. Ich habe den Monſoreau getoͤdtet. Er hoffte, daß Saint-Luc in der Umgegend ver⸗ ſteckt waͤre, und daß er bei dieſer Nachricht kommen wuͤrde. — Ah! Der Monſoreau iſt getoͤdtet? ſagte eine andere Stimme. — Ja. — Schoͤn. Und Buſſy ſah zwei Maͤnner aus dem Dickicht tre⸗ ten; ſie waren alle Beide maskirt. — Meine Herren, ſagte Buſſy, meine Herren, im Namen des Himmels, kommt einem armen Edelmanne zu Huͤlfe, der noch davon kommen kann, wenn Ihr ihm Huͤlfe leiſtet! — Was meint Ihr dazu, gnaͤdiger Herr? fragte mit leiſer Stimme einer der beiden Unbekannten. — 177— — Unbeſonnener! ſagte der Andere. — Gnaͤdiger Herr! rief Buſſy aus, der gehoͤrt hatte, ſo ſehr hatte ſich die Schaͤrfe ſeiner Sinne durch das Verzweifelte ſeiner Lage geſteigert, gnaͤdiger Herr, be⸗ freiet mich, befreiet mich, und ich werde Euch verzeihen, mich verrathen zu haben. — Hoͤrſt Du? ſagte der maskirte Mann. — Was befehlt Ihr? — Ei nun, daß Du ihn befreiſt.. Dann fuͤgte er mit einem Lachen hinzu, das ſeine Maske verbarg: — Von ſeinen Leiden... Buſſy wandte den Kopf nach der Seite, von wo⸗ her die Stimme kam, welche in einem ſolchen Augen⸗ blicke in einem ſpoͤttiſchen Tone zu ſprechen wagte. — O! Ich bin verloren! murmelte er. In der That, im ſelben Augenblicke ſetzte ſich der Lauf einer Buͤchſe auf ſeine Bruſt, und der Schuß ging los. Buſſys Kopf ſank auf ſeine Schulter zuruͤck, ſeine Haͤnde ſtreckten ſich. — Noͤrder, ſagte er, ſei verflucht! Und er verſchied mit dem Namen Dianas auf den Lippen. Die Tropfen ſeines Blutes traͤufelten von dem ei⸗ ſernen Gitter auf denjenigen, den man gnaͤdiger Herr genannt hatte. — Iſt er todt? riefen mehrere Maͤnner aus, welche, Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band⸗ 12 — 178— nachdem ſie die Thuͤre eingeſchlagen hatten, an dem Fenſter erſchienen. — Ja, rief Aurilly ihnen zu; aber fliehet; bedenkt, daß Seine Gnaden, der Herzog von Anjou, der Goͤn⸗ ner und Freund des Herrn von Buſſy war. Die Maͤnner verlangten nicht mehr, ſie verſchwan⸗ den. Der Herzog hoͤrte das Geraͤuſch ihrer Schritte ſich entfernen, abnehmen und ſich verlieren. — Jetzt, Aurilly, ſagte der andere maskirte Mann, geht mir in dieſes Zimmer hinauf, und werft mir die Leiche des Monſoreau aus dem Fenſter. Aurilly ging hinauf, erkannte unter dieſer unerhoͤr⸗ ten Anzahl von Leichen die des Oberjaͤgermeiſters, lud ſie auf ſeine Schultern, und warf den lebloſen Koͤrper, wie ihm ſein Begleiter befohlen hatte, aus dem Fen⸗ ſter, der nun auch im Fallen die Kleider des Herzogs von Anjou mit ſeinem Blute beſpritzte. Franz ſuchte unter dem Wammſe des Oberjaͤger⸗ meiſters, und zog die von ſeiner koͤniglichen Hand un⸗ terzeichnete Buͤndnißakte unter ihr hervor. — Da iſt das, was ich ſuchte, ſagte er; wir ha⸗ ben hier Nichts mehr zu thun. — Und Diana? fragte Aurilly von dem Fenſter aus. — Meiner Treue! Ich bin nicht mehr verliebt, und da ſie uns nicht erkannt hat, ſo bindet ſie los; bindet auch Saint⸗Luc los, und laßt alle Beide hingehen, wohin ſie wollen. — 179— Aurilly verſchwand. Fuͤr dieſes Mal werde ich noch nicht König von Frankreich ſein, ſagte der Herzog, indem er den Akt in kleine Stuͤcken zerriß; aber ich werde auch fuͤr dieſes Mal noch nicht wegen Hochverrath enthauptet werden. 12* XIV. Wie Bruder Gorenflot ſich mehr als jemals zwiſchen dem Galgen und der Abtei befand. Das Abenteuer der Verſchwoͤrung war bis ans Ende ein Poſſenſpiel; die an der Muͤndung dieſes Stro⸗ mes der Intriguen aufgeſtellten Schweizer fingen eben ſo wenig, als die an ſeinem Zuſammenfluſſe in den Hinter⸗ halt gelegten Franzoͤſiſchen Garden, welche ihre Netze ausgeſtellt hatten, um in ihnen die Hauptverſchwoͤrer zu fangen, nicht eine Katze. Alle waren durch den unterirdiſchen Gang entflohen. Sie ſahen alſo Niemand aus der Abtei kommen, was machte, daß, ſobald die Thuͤre eingeſchlagen war, ſich Crillon an die Spitze von ein dreißig Mann ſtellte, und mit dem Koͤnige in das Sanct⸗Genovefa Kloſter einfiel. Eine Todesſtille herrſchte in dem weiten und geraͤu⸗ migen Gebaͤude. Als erfahrener Krieger haͤtte Crillon — 181— lautes Getuͤmmel vorgezogen; er fuͤrchtete irgend einen Hinterhalt. Aber vergebens deckte man ſich durch vorausgeſandte Spaͤher, vergebens oͤffnete man die Thuͤren und die Fen⸗ ſter, vergebens durchſuchte man die Krypte, Alles war oͤde. Das Schwerdt in der Hand, ging der Koͤnig vor⸗ aus, indem er aus vollem Halſe rief: — Chicot, Chicot! Niemand antwortete. — Sollten ſie ihn umgebracht haben? ſagte der Koͤ⸗ nig. Sie werden mir fuͤr meinen Narren den Preis ei⸗ nes Edelmannes bezahlen. — Ihr habt Recht, Sire, antwortete Crillon, denn er iſt einer, und einer der Tapferſten. Chicot antwortete nicht, weil er damit beſchaͤftigt war, Herrn von Mayenne zu peitſchen, und er an dieſer Beſchaͤftigung ein ſo großes Vergnuͤgen fand, daß er von dem, was um ihn herum vorging, weder Etwas ſah noch hoͤrte. Als indeſſen der Herzog verſchwunden und Gorenflot ohnmaͤchtig geworden war, als Chicot Nichts mehr be⸗ ſchaͤftigte, hoͤrte er rufen, und erkannte die koͤnigliche Stimme. — Hierher, mein Sohn, hierher! rief er aus allen ſeinen Kraͤften aus, indem er verſuchte, Gorenflot zum Mindeſten wieder auf ſeinen Hinteren zu ſetzen. Es gelang ihm, und er kehrte ihn gegen einen Baum. Die Kraft, welche er genoͤthigt war, bei dieſem barm⸗ herzigen Werke anzuwenden, nahm ſeiner Stimme einen Theil ihrer Klarheit, ſo daß Heinrich einen Augenblick lang zu bemerken glaubte, daß dieſe Stimme auf eine klagende Weiſe zu ihm gelange. Dem war indeſſen nicht ſo, Chicot befand ſich im Gegentheile in der ganzen Begeiſterung des Triumphes; nur, als er den jaͤmmerlichen Zuſtand des Moͤnchs ſah, frug er ſich, ob er dieſen verraͤtheriſchen Wanſt durch⸗ bohren, oder dieſem dickbaͤuchigen Faſſe Gnade widerfah⸗ ren laſſen ſolle. Er blickte demnach Gorenflot an, wie Auguſtus waͤh⸗ rend eines Augenblickes Cinna wird angeblickt haben. Gorenflot kam allmaͤlig wieder zu ſich, und ſo ein⸗ faͤltig er auch war, ſo war er es indeſſen nicht in dem Grade, um ſich uͤber dasjenige zu taͤuſchen, was ihn er⸗ wartete: außerdem glich er nicht uͤbel jenen Arten von beſtaͤndig durch die Menſchen bedroheten Thieren, welche inſtinctmaͤßig wiſſen, daß die Hand ſie niemals beruͤhrt, als um ſie zu ſchlagen, und daß der Mund ſie niemals ſtreift, als um ſie zu eſſen. In dieſer inneren Geiſtesſtimmung war er, als er die Augen wieder aufſchlug. — Herr Chicot! rief er aus. — O, ol ſagte der Gaskonier. Du biſt alſo nicht todt? — Mein guter Herr Chicot, fuhr der Moͤnch fort, indem er ſich bemuͤhte, ſeine beiden Haͤnde vor ſeinem ungeheuren Bauche zu falten, iſt es denn moͤglich daß — 183— Ihr mich meinen Verfolgern uͤberlieferen koͤnntet, mich, Euren Gorenflot? — Schurke! ſagte Chicot mit einem Tone ſchlecht verſtellter Zaͤrtlichkeit. Gorenflot begann zu heulen. Nachdem es ihm ge⸗ lungen war, die Haͤnde zu falten, verſuchte er, ſie zu winden. — Mich, der ich ſo gute Mittageſſen mit Euch ge⸗ halten habe, rief er erſtickend aus; mich, der ich nach Eurer Ausſage mit ſolchem Anſtande trank, daß Ihr mich immer den Koͤnig der Schwaͤmme nanntet; mich, der ich ſo ſehr die Poularden liebte, welche Ihr in dem Gaſt⸗ hofe zum Fuͤllhorne beſtelltet, ſo daß ich immer nur die Knochen davon uͤbrig ließ. Dieſer letzte Zug ſchien Chicot in ſeiner Art zrhaben⸗ und ſtimmte ihn gaͤnzlich fuͤr die Gnade. — Da ſind ſie, gerechter Gott! rief Gorenflot, in⸗ dem er aufzuſtehen verſuchte, aber ohne daß es ihm ge⸗ lang. Da ſind ſie! Sie kommen, ich bin des Todes O, guͤtiger Herr Chicot, ſteht mir bei! Und der Moͤnch, dem es nicht gelingen wollte, auf⸗ zuſtehen, warf ſich mit dem Antlitz auf den Boden, was weit leichter war. — Steh auf! ſagte Chicot. — Verzeihet Ihr mir? — Wir werden ſehen. — Ihr habt mich ſo viel geſchlagen, daß 46 damit abgehn kann. Chicot brach in Gelaͤchter aus. Der Kopf des ar⸗ — 184— men Moͤnches war ſo verwirrt, daß er die Mayenne zu⸗ ruͤckerſtatteten Hiebe zu empfangen geglaubt hatte. — Ihr lacht, guter Herr Chicot? ſagte er. — Ei gewiß lache ich, Eſel. — Ich werde alſo leben? — Vielleicht. — Denn am Ende wuͤrdet Ihr nicht lachen, wenn Euer Gorenflot ſterben muͤßte — Das haͤngt nicht von mir ab, ſagte Chicot, das haͤngt von dem Koͤnige ab; der Koͤnig allein hat das Recht uͤber Leben und Tod. 1. Gorenflot machte eine Anſtrengung, und es gelang ihm, ſich auf ſeine beiden Kniee zu erheben. In dieſem Augenblicke wurde die Dunkelheit mit ei⸗ nem glaͤnzenden Lichte erfuͤllt: eine Menge geſtickter Klei⸗ der, und bei dem Scheine der Fackeln flammender Schwerdter umgaben die beiden Freunde. — Ah, Chicot, mein lieber Chicot! rief der Koͤnig aus, was bin ich froh, Dich wieder zu ſehen! — Ihr hoͤrt, mein guter Herr Chicot, ſagte der Moͤnch leiſe, dieſer erhabene Fuͤrſt freuet ſich, Euch wie⸗ der zu ſehen. — Nun? — Nun denn, in ſeiner Freude wird er Euch das nicht ausſchlagen, warum Ihr ihn bittet; bittet ihn um meine Begnadigung. — Den garſtigen Herodes? — O, ol! Stille, lieber Herr Chicot. 4 — 185— — Nun, Sire, fragte Chicot, indem er ſich nach dem Koͤnige umwandte, wie viel habt Ihr gefangen? — Confiteor! ſagte Gorenflot. — Nicht Einen, erwiderte Crillon. Die Verraͤther, ſie muͤſſen irgend eine uns unbekannte Oeffnung gefun⸗ den haben. — Das iſt wahrſcheinlich, ſagte Chicot. — Aber Du haſt ſie geſehen? ſagte der Koͤnig. — Gewiß habe ich ſie geſehen. — Alle? — Von dem Erſten bis zum Letzten. — Confteor! wiederholte Gorenflot, der nicht weiter zu kommen vermogte.. — Du haſt ſie ohne Zweifel erkannt? — Nein, Sire. — Wie, Du haſt ſie nicht erkannt? — Das heißt, ich habe nur einen Einzigen von ihnen erkannt, und das noch... — und das noch? — Nicht an ſeinem Geſicht, Sire. — Und welchen haſt Du erkannt? — Herrn von Mayenne. — Herrn von Mayenne? Den, welchem Du ſchuldig wareſt... — Nun denn, unſere Rechnung iſt ausgeglichen, Sire.— — Ah, erzaͤhlen mir doch das, Chicot! — Spaͤter, mein Sohn, ſpaͤter, beſchaͤftigen wir uns mit der Gegenwart. — 186— — Confiteor! wiederholte Gorenflot. — Ah! Ihr habt einen Gefangenen gemacht, ſagte ploͤtzlich Crillon, indem er ſeine breite Hand auf Goren⸗ flot fallen ließ, der, trotz des Widerſtandes, welchen ſeine Maſſe bot, ſich unter dem Schlage bog. Der Moͤnch verlor die Sprache. Chicot zoͤgerte, zu antworten, indem er erlaubte, daß alle Aengſte, welche aus dem hoͤchſten Schrecken entſte⸗ hen, fuͤr einen Augenblick lang das Herz des ungluͤcklichen Moͤnches erfullten. Gorenflot waͤre beinahe ein zweites Mal in Ohn⸗ macht geſunken, als er um ſich herum ſo viele Schwerd⸗ ter aus der Scheide, und ſo vielen ungeſtillten Zorn ſah. Endlich, nach einem Augenblicke des Schweigens, waͤhrend deſſen Gorenflot die Poſaune des juͤngſten Ge⸗ richts vor ſeinen Ohren erſchallen zu hoͤren glaubte, ſagte Chicot: — Sire, betrachtet dieſen Moͤnch genau. Einer der Anweſenden hielt eine Fackel an Goren⸗ flots Geſicht; dieſer ſchloß die Augen, um weniger bei dem Uebergange aus dieſer Welt in jene zu thun zu haben. 2 — Der Prediger Gorenflot! rief Heinrich aus. — Confiteor, conſiteor, confiteor, wiederholte der Moͤnch haſtig.. — Er ſelbſt, antwortete Chicot. — Derjenige, welcher... — Ganz Recht, antwortete der Gaskonier. — 187— — Ah, ah! aͤußerte der Koͤnig mit einer Miene der Zufriedenheit. Man haäͤtte den Schweiß loͤffelweiſe von Gorenflots Wangen ſchoͤpfen koͤnnen. Und es war Urſache dazu vorhanden, denn man hoͤrte die Schwerdter klirren, als ob das Eiſen ſelbſt mit Leben begabt und von Ungeduld bewegt geweſen waͤre. Einige traten drohend heran. Gorenflot fuͤhlte ſie viel eher kommen, als er ſie ſah, und ſtieß einen leiſen Schrei aus. — Wartet, ſagte Chicot, der Koͤnig muß Alles wiſſen. Und indem er Heinrich bei Seite nahm, ſagte er leiſe zu ihm: — Mein Sohn, danke dem Herrn, daß er dieſem heiligen Manne erlaubt hat, vor ungefäͤhr fuͤnf und drei⸗ ßig Jahren auf die Welt zu kommen; denn er iſt es, der uns alle gerettet hat. — Wie das? — Vor ungefaͤhr acht Tagen; ſo daß, wenn jemals die Feinde Eurer Majeſtaͤt ihn faͤnden, es ein Mann des Todes waͤre. Gorenflot hoͤrte nur die letzten Worte: ein Mann des Todes! B Und er fiel auf ſeine beiden Haͤnde. — Wuͤrdiger Mann, ſagte der Koͤnig, indem er einen wohlwollenden Blick auf dieſe Fleiſchmaſſe warf, weiche in den Augen jedes vernuͤnftigen Mannes nur eine Koͤr⸗ permaſſe vorſtellte, weiche faͤhig war, die gluͤhendſten — 188— Geiſteskraͤfte zu verſchlingen und zu erloͤſchen; wuͤrdiger Mann, wir werden ihn mit unſerer Gunſt uͤberhaͤufen. Gorenflot fing im Fluge dieſen barmherzigen Blick auf, und blieb, wie die Maske des alterthuͤmlichen Para⸗ ſit, auf der einen Seite bis zu den Zaͤhnen lachend, und auf der anderen bis zu den Ohren weinend. — Und Du wirſt wohl thun, mein Koͤnig, antwor⸗ tete Chicot, denn es iſt ein hoͤchſt erſtaunungswuͤtdiger Diener. — Was meinſt Du denn, was man aus ihm machen muͤßte? fragte der Koͤnig. — Ich meine, daß er große Gefahr laͤuft, ſo lange er in Paris ſein wird. — Wenn ich ihm Wachen gaͤbe? ſagte der Koͤnig. Gorenflot hoͤrte dieſen Vorſchlag Heinrichs. — Gut, ſagte er, es ſcheint, daß ich mit Gefaͤngniß davon komme. Ich ziehe dies noch dem Galgen vor, vorausgeſetzt, daß man mich gut naͤhrt. — Nicht doch, ſagte Chicot, das iſt nicht noͤthig; es genuͤgt, daß Du mir erlaubſt, ihn mitzunehmen. — Wohin das? — Zu mir. — Wohlan, nimm ihn mit, und komm nach dem Louvre zuruͤck, wo ich unſere Freunde wiederfinden werde, um ſie fuͤr den morgenden Tag vorzubereiten. — Steht auf, mein ehrwuͤrdiger Vater, ſagte Chicot zu dem Moͤnche. — Er ſpottet, murmelte Gorenflot; ſchlechtes Herz! — Aber ſo ſteh doch auf, Eſel! begann der Gasko⸗ * — 189— nier wieder, indem er ihm mit dem Kniee einen Stoß auf den Hintern verſetzte. — Ah, ich habe das wohl verdient! rief Goren⸗ flot aus. — Was ſagte er denn? fragte der Koͤnig. — Sire, erwiderte Chicot, er erinnert ſich aller ſeiner Beſchwerden; er zaͤhlt alle ſeine Martern auf, und da ich ihm den Schutz Eurer Majeſtaͤt verſprochen, ſo ſagt er in dem Bewußtſein deſſen, was er werth iſt: Ich habe das wohl verdient! — Armer Teufel! ſagte der Koͤnig. Verpflege ihn zum Mindeſten gut, mein Freund. — Ah, ſeid unbeſorgt, Sire, wenn er bei mir iſt, ſo fehlt es ihm an Nichts. — Ah, Herr Chicot, rief Gorenflot aus, mein lie⸗ ber Herr Chicot, wohin fuͤhrt man mich denn? — Du wirſt es ſogleich erfahren. Einſtweilen be⸗ danke Dich bei Seiner Majeſtaͤt, abſcheulicher Suͤnder, bedanke Dich! — Fuͤr was? — Bedanke Dich, ſage ich Dir! — Sire, ſtammelte Gorenflot, da Eure huldreiche Majeſtaͤt... A — Ja, ſagte Heinrich, ich weiß Alles, was Ihr auf Eurer Reiſe nach Lyon, waͤhrend des Abends der Ligue, und endlich heute gethan habt. Seid unbeſorgt, Ihr werdet nach Euren Verdienſten belohnt werden. Gorenflot ſtieß einen Seufzer aus. — Wo iſt Panurg? fragte Chicot. — 190— — In dem Stalle, das arme Thier. — Nun denn, hole ihn, ſetze Dich darauf, und ſuche mich hier wieder auf. — Ja, Herr Chicot. Und der Moͤnch entfernte ſich ſo raſch, als er ver⸗ mogte, erſtaunt, nicht von Wachen begleitet zu werden. — Jetzt, mein Sohn, ſagte Chicot, behalte zwanzig Mann zu Deiner Bedeckung, und ſende zehn davon mit Herrn von Crillen fort. — Wohin ſoll ich ſie ſenden? — Nach dem Hotel d'Anjou, und laß Deinen Bru⸗ der vorfuͤhren. — Wozu das? — Damit er nicht ein zweites Mal entflieht. — Iſt etwa mein Bruder?... — Haſt Du Dich ſchlecht dabei befunden, heute mei⸗ nen Rath befolgt zu haben? — Nein, bei Gottes Tod! — Wohlan, ſo thue, was ich Dir ſage. Heinrich ertheilte dem Obriſt der Franzoͤſiſchen Gar⸗ den den Befehl, ihm den Herzog von Anjou in's Louvre zu fuͤhren. Crillon, der keine große Zuneigung zu dem Prin⸗ zen hatte, brach auf der Stelle auf. — Und Dus ſagte Heinrich. — Ich erwarte meinen Heiligen. — Und Du koͤmmſt zu mir in's Louvre? — In einer Stunde. — Dann verlaſſe ich Dich. — 191— — Geh, mein Sohn. Heinrich brach mit dem Reſte der Bedeckung auf. Was Chicot anbelangt, ſo ging er nach den Staͤl⸗ len, und als er in den Hof trat, ſah er Gorenflot auf Panurg reitend erſcheinen. Dem armen Teufel war es nicht einmal eingefallen, den Verſuch zu machen, ſich dem ihn erwartenden Schick⸗ ſal zu entziehen. — Geſchwind, geſchwind, ſagte Chicot, indem er Panurg am Zuͤgel nahm, laßt uns eilen, man erwar⸗ tet uns. Gorenflot leiſtete nicht den geringſten Widerſtand, nur vergoß er ſo viele Thraͤnen, daß man ihn ſichtlich haͤtte magerer werden ſehen koͤnnen. — Wenn ich es ſagte, murmelte er, wenn ich es ſagte! Chicot zog Panurg nach ſich, indem er dabei die Achſeln zuckte. XV. Chicot erraͤth, warum d'Epernon Blut an den Fuͤßen und keines auf den Wangen hatte. As der Koͤnig in das Louvre zuruͤckkehrte, fand er ſeine Freunde zu Bett und in einen ruhigen Schlum⸗ mer verſunken. Die hiſtoriſchen Ereigniſſe haben einen ſonderbaren Einfluß, naͤmlich ihre Groͤße auf die Umſtaͤnde zuruͤckzu⸗ werfen, die ihnen vorhergegangen ſind. Diejenigen alſo, welche die Ereigniſſe, die ſich am ſelben Morgen zutragen ſollten, denn der Koͤnig kehrte gegen zwei Uhr fruͤh in das Louvre zuruͤck, mit der Taͤu⸗ ſchung betrachten, welche das Vorherſehen verleihet, wer⸗ den vielleicht einiges Intereſſe daran finden, den Koͤnig, der ſo eben beinahe die Krone verloren haͤtte, ſich zu ſeinen drei Freunden fluͤchten zu ſehen, die in einigen Stunden fuͤr ihn einer Gefahr die Stirn bieten ſollten, in welcher ſie leicht das Leben verlieren konnten. — 193— Wir ſind uͤberzeugt, daß der Dichter, dieſes bevor⸗ rechtigte Weſen, das nicht vorausſieht, ſondern erraͤth, dieſe jugendlichen Geſichter, welche der Schlaf erfriſcht, welche das Vertrauen laͤcheln laͤßt, melancholiſch und rei⸗ zend finden wird, und die gleich Bruͤdern in dem aͤlter⸗ lichen Schlafzimmer liegend, auf ihren neben einander geſtellten Betten ruhen. Von Chicot gefolgt, der, nachdem er ſeinen Dul⸗ der an einen ſichern Ort gebracht, den König wieder ein⸗ geholt hatte, trat Heinrich leiſen Schrittes unter ſie. Ein Bett war leer, das d'Epernons. — Noch nicht nach Haus gekommen, der Unbeſon⸗ nene! murmelte der Koͤnig. Ha, der Ungluͤckſelige! Ha, Der Thor! Sich gegen Buſſy, den tapferſten Mann Frankreichs, den gefaͤhrlichſten der Welt, zu ſchlagen und nicht mehr daran zu denken! — Ei, in der That, ſagte Chicot. — Man ſuche ihn! Man fuͤhre ihn her! rief der Koͤnig aus. Dann laſſe man Miron zu mir kommen, ich will, daß er dieſen Unbeſonnenen einſchlaͤfert, waͤre es auch wider ſeinen Willen. Ich will, daß der Schlaf ihn kraͤftig und behend macht und ihn in den Stand ſetzt, ſich zu vertheidigen. — Sire, ſagte ein Anmelder, hier iſt Herr von Epernon, der im Augenblicke ſelbſt nach Haus koͤmmt. D'Epernon war in der That eben nach Haus ge⸗ kommen. Da er die Ruͤckkehr des Koͤnigs erfuhr und ſich den Beſuch wohl dachte, den er im Schlafzimmer abſtatten wuͤrde, ſo ſchlich er ſich nach dem Kemielnſchaft⸗ Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band. 13 — 194— lichen Schlafzimmer, indem er unbemerkt in daſſelbe zu gelangen hoffte. Aber man paßte ihm auf, und, wie wir geſehen haben, meldete man ſeine Ruͤckkehr dem Koͤnige. Da er ſah, daß es nicht moͤglich war, dem Verweiſe zu entgehen, ſo trat er ganz verlegen uͤber die Schwelle. — Ah! Da biſt Du endlich, ſagte Heinrich, komm hierher, Ungluͤckſeliger, und ſieh Deine Freunde. D'Epernon warf einen Blick in dem ganzen Zim⸗ mer herum, und machte ein Zeichen, daß er wirklich ge⸗ ſehen haͤtte. — Sieh Deine Freunde, fuhr Heinrich fort, ſie ſind vernuͤnftig, ſie haben eingeſehen, von welcher Wich⸗ tigkeit der morgende Tag iſt; und Du, Ungluͤckſeliger, anſtatt zu beten, wie ſie es gethan haben, und zu ſchla⸗ fen, wie ſie es thun, gehſt Du paſchen und laͤufſt den Weibsleuten nach. Sapperment, was Du bleich biſt, und was fuͤr ein ſchoͤnes Geſicht Du morgen machen wirſt, wenn Du ſchon heute Abend nicht mehr kannſt! D'Epernon war in der That ſehr bleich, ſo bleich, daß die Bemerkung des Koͤnigs ihn erroͤthen ließ. — Geſchwind, fuhr Heinrich fort, leg Dich zu Bett, ich will es, und ſchlaf! Aber wirſt Du nun ſchla⸗ fen koͤnnen?— — Ich? antwortete d'Epernon, als ob eine ſolche Frage ihn bis auf den Grund des Herzens verletze. — Ich frage, ob Du Zeit zum Schlafen haben wirſt. Weißt Du, daß Ihr Euch mit Tages⸗Anbruch ſchlagt 4— 195— und daß in dieſer ungluckſeligen Jahreszeit der Tag um vier Uhr anbricht? Es iſt ſchon zwei Uhr, es bleiben Dir kaum noch zwei Stunden. — Zwei gut angewandte Stunden genuͤgen zu gar Vielem, ſagte d'Epernon. — Du wirſt ſchlafen? — Vollkommen, Sire. — und ich, ich glaube es nicht. — Warum das? — Weil Du aufgeregt biſt, Du denkſt an morgen. Leider haſt Du Recht, denn morgen iſt heute. Aber unwillkuͤrlich reißt mich das geheime Verlangen fort, zu ſagen, daß wir noch nicht zu dem verhaͤngnißvollen Tage gelangt ſind. — Sire, ſagte d'Epernon, ich werde ſchlafen, ich verſpreche es Euch; aber dazu bedarf es noch, daß Eure Majeſtaͤt mich ſchlafen laͤßt. — Das iſt richtig, ſagte Chicot. In der That, d'Epernon entkleidete ſich und legte ſich mit einer Ruhe und ſelbſt mit einer Zufriedenheit zu Bett, welche dem Fuͤrſten und Chicot von guter Vorbe⸗ deutung ſchienen. — Er iſt tapfer wie ein Caͤſar, ſagte der Koͤnig. — So tapfer, aͤußerte Chicot, indem er ſich hinter dem Ohre kratzte, daß ich bei meiner Ehre Nichts mehr davon begreife. — Sieh, er ſchlaͤft ſchon. Chicot trat an das Bett, denn er zweifelte, daß d'Epernons Sicherheit ſo weit ging. 13 ¼ — 196— — O, ol aͤußerte er ploͤtzlich. — Was denn? fragte der Koͤnig. — Sieh. Und Chicot zeigte dem Koͤnige mit dem Finger d'Epernons Stiefel. — Blut! fluͤſterte der Koͤnig. — Er hat in Blut gewadet, mein Sohn. Welch Tapferer! — Sollte er verwundet ſein? fragte der Koͤnig be⸗ ſorgt. — Bah! Er haͤtte es geſagt. Und dann, es ſei denn, daß er wie Achilles an der Ferſe verwundet waͤre. — Sieh, und ſein Wamms iſt auch befleckt; ſieh ſeinen Aermel. Was iſt ihm denn begegnet? — Vielleicht hat er Jemanden getoͤdtet, ſagte Chicot. — Wozu? 4 — Um ſich die Hand zu uͤben. — Das iſt ſonderbar, ſagte der Koͤnig. Chicot kratzte ſich noch bei Weitem ernſthafter hin⸗ ter den Ohren. — Hm, hml ſagte er. — Du antworteſt mir nicht? — Doch, ich mache hm, hm! Das bedeutet, wie ich meine, gar Vielerlei. — Mein Gott, ſagte Heinrich, was geht denn um mich herum vor und welche Zukunft erwartet mich? Gluͤcklicher Weiſe, daß morgen... — 197— — Heute, mein Sohnz Du verwechſelſt immer. — Ja, es iſt wahr. — Nun denn, heute? — Heute werde ich ruhig ſein. — Warum das? — Weil ſie mir die verwuͤnſchten Anjouer getoͤdtet haben werden. — Du glaubſt, Heinrich? — Ich bin davon uͤberzeugt, ſie ſind tapfer. — Ich habe nicht ſagen hoͤren, daß die Anjouer feig waͤren. — Nein, gewiß nicht, aber ſieh, was ſie ſtark ſind, ſieh Schombergs Arm, welch ſchoͤne Muskeln, welch ſchoͤner Arm. — Ah! Wenn Ou den dAntraguets ſaͤheſt. — Sieh dieſe gebieteriſche Lippe Quélus und dieſe Stirn Maugirons, ſtolz bis in ſeinen Schlummer. Mit ſolchen Geſichtern kann man nicht ermangeln zu ſiegen. Ha, wenn dieſe Augen Blitze ſchleudern, ſo iſt der Feind bereits halb beſiegt. — Lieber Freund, ſagte Chicot, indem er betruͤbt den Kopf ſchuͤttelte, es giebt unter eben ſo ſtolzen Stir⸗ nen, als dieſe Augen, die ich kenne und die nicht min⸗ der ſchreckliche Blitze ſchleudern, als die, auf welche Du rechneſt. Iſt das Alles, was Dich beruhigt? — Nein, komm, und ich will Dir Etwas zeigen. — Wo das? — 198— — In meinem Kabinet. — und dieſes Etwas, das Du mir zeigen willſt, giebt Dir Vertrauen auf den Sieg? — Ja. — So komm denn. — Warte. Und Heinrich that einen Schritt, um ſich den jun⸗ gen Leuten zu naͤhern. — Was? fragte Chicot. — Hoͤre, ich will morgen oder vielmehr heute, ſie weder traurig machen, noch ſie erweichen. Ich will auf der Stelle Abſchied von ihnen nehmen. Chicot ſchuͤttelte den Kopf. — Nimm Abſchied, mein Sohn, ſagte er. Die Betonung der Stimme, mit welcher er dieſe Worte ausſprach, war ſo ſchwermuͤthig, daß der Koͤnig Etwas wie einen Schauder durch ſeine Adern rollen füͤhlte, was eine Thraͤne in ſeine trockenen Augen fuͤhrte. — Lebt wohl, meine Freunde, fluͤſterte der Koͤnig, lebt wohl, meine lieben Freunde! Chicot wandte ſich um, ſein Herz war nicht mehr von Marmor, als das des Koͤnigs. Aber bald, wie gegen ſeinen Willen, richteten ſich ſeine Augen wieder auf die jungen Leute. Heinrich neigte ſich uͤber ſie und kuͤßte ſie Einen nach dem Andern auf die Stirn. — 199— Eine bleiche Roſakerze erleuchtete dieſen Auftritt und theilte ihre Trauerfarbe den Behaͤngen des Zimmers und den Geſichtern der Handelnden mit. Chicot war nicht aberglaͤubig; als er aber den Koͤ⸗ nig die Stirn Maugirons, Quslus und Schombergs mit ſeinen Lippen beruͤhren ſah, ſtellte ihm ſeine Einbil⸗ dungskraft einen troſtloſen Lebenden vor, welcher Abſchied von bereits in ihren Saͤrgen liegenden Todten nahm. — Wie ſonderbar, ſagte Chicot, das habe ich nie⸗ mals empfunden; arme Kinder! Kaum war der Koͤnig damit fertig, ſeine Freunde zu kuͤſſen, als d'Epernon die Augen wieder aufſchlug, um zu ſehen, ob er ſich entfernt haͤtte. Er hatte, auf Chicots Arm geſtuͤtzt, das Zimmer verlaſſen. D'Epernon ſprang aus ſeinem Bette und begann, ſo gut, als er es vermogte, die Blutflecken abzuwiſchen, mit denen ſeine Stiefel und ſeine Kleider bedeckt waren Dieſe Beſchaͤftigung brachte ſeine Gedanken wieder auf den Auftritt des Baſtille⸗Platzes. — Niemals haͤtte ich Blut genug fuͤr dieſen Mann gehabt, murmelte er, der heute Abend fuͤr ſich allein ſo viel vergoſſen hat. Und er legte ſich wieder zu Bett. Waͤhrend deſſen fuͤhrte Heinrich Chicot in ſein Ka⸗ binet und eine lange, mit weißem Atlas ausgeſchlagene Ebenholzkiſte oͤffnend, ſagte er:. — Da, ſieh! — Schwerdter, erwiderte Chicot. Ich ſehe es wohl. Weiter! — Ja, aber geweihete Schwerdter, lieher Freund. — Durch wen? — Von unſerem heiligen Vater, dem Papſt ſelbſt, der mir dieſe Gunſt bewilligt hat. Wie Du ſie da ſiehſt, koſtet mich dieſe Kiſte, um nach Rom zu gehen und zu⸗ ruͤckzukommen, zwanzig Pferde und vier Maͤnner; aber ich habe die Schwerdter. — Schneiden ſie gut? fragte Chicot. — Gewiß. Aber was ihren hoͤchſten Werth aus⸗ macht, Chicot, iſt, daß ſie geweiht ſind. — Ja, ich weiß es wohl, aber es macht mir immer Vergnuͤgen, zu wiſſen, daß ſie ſcharf ſind. — Gottloſer! — Nun denn, mein Sohn, laß uns jetzt von an⸗ deren Dingen ſprechen. 1 — Es ſei, aber beeilen wir uns. — Du willſt ſchlafen? — Nein, ich will beten. — In dieſem Falle laß uns von Geſchaͤften ſpre⸗ chen. Haſt Du Herrn von Anjou kommen laſſen? — Ja, er wartet unten. — Was gedenkſt Du mit ihm anzufangen? — Ich gedenke ihn in die Baſtille ſetzen zu laſſen. —— Das iſt ſehr vernuͤnftig. Nur waͤhle einen recht tiefen, recht ſichern, recht verſchloſſenen Kerker. Den — 201— zum Beiſpiel, in welchem der Connetable von Saint⸗ Pol oder Jacques von Armagnac geweſen iſt. — O, ſei unbeſorgt! — Ich weiß, wo man ſchoͤnen ſchwarzen Sammet verkauft, mein Sohn. — Chicot, er iſt mein Bruder. — Das iſt richtig, und am Hofe wird die Fami⸗ lientrauer in Violet getragen. Wirſt Du ihn ſprechen? — Ja, gewiß; waͤre es auch nur, um ihm jede Hoffnung zu rauben, indem ich ihm beweiſe, daß ſeine Complotte entdeckt ſind. 3 — Hm! aͤußerte Chicot. — Siehſt Du etwas Unpaſſendes darin, daß ich ihn unterhalte? — Nein; aber an Deiner Stelle wuͤrde ich die Rede weglaſſen und das Gefaͤngniß verdoppeln. — Man fuͤhre den Herzog von Anjou vor, ſagte Heinrich.—. — Das iſt einerlei, ſagte Chicot den Kopf ſchuͤt⸗ telnd, ich bleibe bei meiner Idee ſtehen. Einen Augenblick nachher trat der Herzog ein; er war ſehr bleich und entwaffnet. Crillon folgte ihm, in⸗ dem er ſein Schwerdt in der Hand hielt. — Wo habt Ihr ihn gefunden? fragte der Koͤnig Crillon, indem er ihn in demſelben Tone befragte, als ob der Herzog nicht anweſend geweſen waͤre. — Sire, Seine Hoheit war nicht zu Haus; aber einen Augenblick nachher, als ich im Namen Eurer Majeſtaͤt Beſitz von ſeinem Hotel genommen hatte, iſt Seine Hoheit zuruͤckgekehrt, und wir hatten ihn ohne Widerſtand verhaftet. — Das iſt ein großes Gluͤck, ſagte der Koͤnig ver⸗ aͤchtlich. Dann, ſich nach dem Prinzen umwendend, fragte er ihn: — Wo waret Ihr, Monſieur? — Wo ich auch ſein mogte, Sire, antwortete der Herzog, ſeid uͤberzeugt, daß ich mich mit Euch be⸗ ſchaͤftigte. — Ich dachte es mir, ſagte Heinrich, und Eure Antwort iſt mir ein Beweis, daß ich nicht Unrecht hatte, Euch Gleiches mit Gleichem zu erwidern. Franz verneigte ſich ruhig und ehrerbietig. — Laßt hoͤren, wo waret Ihr, ſagte der Koͤnig, in⸗ dem er auf ſeinen Bruder zuſchritt, was machtet Ihr, waͤhrend man Eure Mitſchuldigen verhaftete? — Meine Mitſchuldigen? ſagte Franz. — Ja, Eure Mitſchuldigen, wiederholte der Koͤnig. — Sire, Eure Majeſtaͤt iſt in Bezug auf mich zu⸗ verlaͤſſig falſch unterrichtet. — O, dieſes Mal, Monſieur, werdet Ihr mir nicht entwiſchen, und Eure verbrecheriſche Laufbahn iſt beendigt. Dieſes Mal werdet Ihr mich wieder nicht be⸗ erben, mein Bruder. — Sire, Sire, ich bitte Euch inſtaͤndigſt, maͤßigt — 2093— Euch! Ganz zuverlaͤſſig giebt es Jemanden, der Euch gegen mich erbittert. — Elender, rief Heinrich auf dem Gipfel des Zor⸗ nes aus, Du wirſt in einem Kerker der Baſtille Hun⸗ gers ſterben. — Ich erwarte Eure Befehle, Sire, und ich ſegne ſie, ſollten ſie mir auch den Tod bringen. — Aber kurz, wo waret Ihr, Heuchler? — Sire, ich rettete Eure Majeſtaͤt, und ich ar⸗ beitete fuͤr den Ruhm und fuͤr die Ruhe Eurer Re⸗ gierung. — O, aͤußerte der Koͤnig auf das Hoͤchſte erſtaunt, bei meiner Ehre, die Frechheit iſt groß! — Bah, ſagte Chicot, indem er ſich zuruͤckwarf, erzaͤhlt uns doch das, mein Prinz, das muß merkwuͤr⸗ dig ſein. — Sire, ich wuͤrde es Eurer Majeſtaͤt augenblick⸗ lich ſagen, wenn Eure Majeſtaͤt mich als Bruder behan⸗ delt haͤtte; da Sie mich aber als Schuldigen behandelt, ſo werde ich abwarten, daß das Ereigniß fuͤr mich ſpricht. Nach dieſen Worten verneigte er ſich von Neuem und noch weit tiefer, als das erſte Mal, vor dem Koͤ⸗ nige, ſeinem Bruder, und indem er ſich nach Crillon und den andern Officieren, welche anweſend waren, um⸗ wandte, ſagte er: — Heda! Welcher unter Euch wird den erſten Prin⸗ zen von Gebluͤt von Frankreich nach der Baſtille fuͤhren? Chicot uͤberlegte; ein Blitz erleuchtete ſeinen Ver⸗ ſtand. — Ah, ah, murmelte er, ich glaube, daß ich jetzt begreife, warum Herr von Epernon ſo viel Blut an den Fuͤßen und ſo wenig auf den Wangen hatte. XVI. Der Morgen des Kampfes. Ein ſchoͤner Tag ging uͤber Paris auf; kein Buͤr⸗ ger wußte die Neuigkeit, aber die Royaliſtiſchen Edel⸗ leute und die der Partei Guiſe, dieſe letzteren noch in der Beſtuͤrzung, waren auf des Ereigniß geſpannt und trafen Vorſichtsmaßregeln, um den Sieger zeitig zu be⸗ gluͤckwuͤnſchen. Wie man in dem vorhergehenden Kapitel geſehen hat, ſchlief der Koͤnig die ganze Nacht nicht; er betete und weinte, und da er am Ende ein tapferer und, beſon⸗ ders was den Zweikampf angeht, erfahrener Mann war, ſo ging er gegen drei Uhr Morgens mit Chicot aus, um ſeinen Freunden den einzigen Dienſt zu erweiſen, den ihnen zu erweiſen in ſeiner Gewalt lag. Er beſuchte den Platz, auf welchem der Kampf ſtatt finden ſollte. — 206— Das war ein ſehr merkwuͤrdiger, und ſagen wir es ohne Spott, ſehr wenig bemerkter Auftritt. Mit Kleidern von dunkler Farbe angethan, in einen weiten Mantel gehuͤllt, das Schwerdt an der Seite, die Haare und die Augen unter die Raͤnder ſeines Hu⸗ tes verſteckt, ging der Koͤnig die Straße Saint⸗Antoine bis auf drei Hundert Schritte weit von der Baſtille entlang; als er aber dort angelangt einen großen Zu⸗ ſammenlauf ein Wenig oberhalb der Straße Saint⸗Paul ſah, ſo wollte er ſich nicht in dieſe Menge wagen, ſchlug die Straße Saint⸗Catharine ein und gelangte von hin⸗ ten auf den Platz des Tournelles. Man wird errathen, was dieſe Menſchenmenge dort machte: ſie zaͤhlte die Todten der Nacht. Der Koͤnig wich ihr aus, und demzufolge erſuhr er Nichts von dem, was vorgefallen war. Chicot, welcher dem Streite oder vielmehr der Ue⸗ bereinkunft beigewohnt, welche acht Tage zuvor ſtattge⸗ funden hatte, erklaͤrte dem Koͤnige auf dem Platze ſelbſt, wo der Kampf ſtattfinden ſollte, die Stelle, welche die Kaͤmpfenden einnehmen wuͤrden und die Bedingungen des Kampfes. Kaum unterrichtet, begann Heinrich den Raum zu meſſen, blickte zwiſchen die Baͤume, berechnete den Son⸗ nenſchein, und ſagte: — Qualus wird ſich ſehr ausgeſetzt befinden; er wird die Sonne zur Rechten, gerade in das Auge haben, das — 207— ihm uͤbrig geblieben*), waͤhrend Maugiron den ganzen Schatten haben wird. Quélus haͤtte Maugirons Stelle einnehmen ſollen, und Maugiron, der zwei vortreffliche Augen hat, die von Quélus. Das iſt bis jetzt ſehr ſchlecht angeordnet. Was Schomberg anbelangt, der ein ſchwaches Bein hat, ſo hat er einen Baum, um ihm im Nothfalle zur Zuflucht zu dienen. Das beru⸗ higt mich uͤber ihn;z aber Quélus, mein armer Quélus! Und er ſchuͤttelte traurig den Kopf. — Du machſt mir Kummer, mein Koͤnig, ſagte Chicot; quaͤle Dich nicht ſo; was der Teufel, ſie wer⸗ den haben, was ſie haben ſollen. Der Koͤnig erhob die Augen gen Himmel und ſeufzte. — Sieh, mein Gott, wie er laͤſtert, murmelte er, aber gluͤcklicher Weiſe weißt Du, daß er ein Narr iſt. Chicot zuckte die Achſeln. — Und d'Epernon, begann der Koͤnig wieder; ich bin meiner Treue ungerecht. Ich dachte nicht an ihn: d'Epernon, der mit Buſſy zu thun haben wird; wie er ausgeſetzt ſein wird! Sieh die Einrichtung des Bodens, mein wackerer Chicot; zur Linken eine Schranke, zur Rechten ein Baum, hinter ſich ein Graben; d'Epernon, der jeden Augenblick wird weichen muͤſſen, denn Buſſy iſt ein Tiger, ein Loͤwe, eine Schlange; Buſſy iſt ein *) Qulus hatte in einem vorhergehenden Ouelle das linke Auge durch einen Stich verloren. — 208— lebendiges Schwerdt, das ſpringt, das ſich zuſammen⸗ zieht, das ſich entfaltet, das ſich windet. — Bah, ſagte Chicot, ich bin uͤber d'Epernon nicht beſorgt. 1 — Da haſt Unrecht, er wird ſich toͤdten laſſen. — Er, er iſt nicht ſo dumm; er wird ſeine Vor⸗ ſichtsmaßregeln getroffen haben, geh! — Wie verſtehſt Du das? — Ich meine, daß er ſich nicht ſchlagen wird, Got⸗ tes Tod! — Geh doch! Haſt Du ihn nicht ſo eben gehoͤrt? — Gerade deshalb. — Nun? — Nun denn! Deshalb ſage ich Dir noch ein Mal, daß er ſich nicht ſchlagen wird. — Unglaͤubiger und verachtender Menſch. — Ich kenne meinen Gaskonier, Heinrich; aber wenn Du mir folgen willſt, ſo laß uns gehen, lieber Sire; der helle Tag iſt angebrochen, kehren wir nach dem Louvre zuruͤck. — Kannſt Du glauben, daß ich waͤhrend des Kam⸗ pfes im Louvre bleiben wuͤrde? — Sapperment! Du mußt dort bleiben, denn, wenn man Dich hier ſaͤhe, ſo wuͤrde in dem Falle, daß Deine Freunde Sieger waͤren, Jedermann ſagen, daß Du den Sieg durch irgend eine Zauberei herbeigefuͤhrt haͤtteſt, und in dem Falle, wo ſie beſiegt waͤren, daß Du ihnen Ungluͤck gebracht haͤtteſt. — 209— — Und was kuͤmmern mich die Geruͤchte und die Auslegungen? Ich werde ſie bis an's Ende lieben. — Es iſt mir lieb, daß Du ein ſtarker Geiſt biſt, Heinrich; ich mache Dir ſogar mein Kompliment daruͤ⸗ ber, Deine Freunde zu lieben, es iſt das eine ſeltene Tugend bei den Fuͤrſten; aber ich will nicht, daß Du Herrn von Anjou allein im Louvre laͤßt. — Iſt Crillon nicht da? — Ei! Crillon iſt nur ein Buͤffelochs, ein Rhino⸗ zeros, ein Eber, Alles, was Du willſt von Tapferem und Unbezwinglichem, waͤhrend Dein Bruder die Blind⸗ ſchleiche, die Viper, die Klapperſchlange, jedes Thier iſt, deſſen Macht weniger in ſeiner Staͤrke, als in ſei⸗ nem Gifte liegt. — Du haſt Recht, ich haͤtte ihn in die Baſtille wer⸗ fen laſſen ſollen. — Ich hatte Dir wohl geſagt, daß Du Unrecht haͤtteſt, ihn zu ſprechen. — Ja, ich bin durch ſeine Zuverſicht, durch ſeine Ungezwungenheit, durch diefen Dienſt beſiegt worden, den er mir erwieſen zu haben behauptet. — Ein Grund mehr, daß Du Dich vor ihm in Acht nimmſt. Laß uns zuruͤckkehren, mein Sohn, folge mir! Heinrich befolgte den Rath Chicots und ſchlug mit ihm wieder den Weg nach dem Louvre ein, nachdem er einen letzten Blick auf das zukuͤnftige Schlachtfeld ge⸗ worfen hatte. Alles war bereits in dem Aoubie auf den Beinen, als der Koͤnig und Chicot dahin zurdckeehrien. Die Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band — 210— jungen Leute waren daſelbſt zuerſt erwacht und ließen ſich durch ihre Diener ankleiden. 1 Der Koͤnig fragte, womit ſie ſich beſchaͤftigten. Schomberg machte Kniebeugungen, Quélus badete ſich die Augen mit Rebenwaſſer, Maugiron trank ein Glas Spaniſchen Wein, d'Epernon ſchliff ſein Schwerdt auf einem Steine. Man konnte ihn außerdem ſehen, denn er hatte ſich fuͤr dieſe Verrichtungen einen Sandſtein vor die Thuͤre des gemeinſchaftlichen Zimmers bringen laſſen. — und Du ſagſt, daß dieſer Mann kein Bayard iſt? aͤußerte Heinrich, indem er ihn liebevoll anblickte. — Nein, ich ſage, daß er ein Schleifer iſt, weiter Nichts, erwiderte Chicot. D'Epernon ſah ihn und rief: der Koͤnig! Nun, trotz des Entſchluſſes, den er gefaßt hatte, und den er ſelbſt ohne dieſen Umſtand nicht die Kraft gehabt haͤtte zu halten, trat Heinrich in ihr Zimmer. Wir haben bereits geſagt, daß er ein Koͤnig voller Maceſtaͤt war, und daß er eine große Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt hatte. Sein ruhiges und faſt laͤchelndes Geſicht verrieth demnach keines der Gefuͤhle ſeines Herzens. — Guten Tag, meine Herrn, ſagte er, ich finde Euch in guter Stimmung, wie mir ſcheint. — Gott ſei Dank! Ja, Sire, erwiderte Quèlus. — Ihr habt eine finſtere Miene, Maugiron. — Sire, ich bin ſehr aberglaͤubiſch, wie Eure Maje⸗ ſtaͤt weiß, und da ich boͤſe Traͤume gehabt habe, ſo ſtaͤrke ich meinen Muth mit einem Glaͤschen Spaniſchen Wein. — Mein Freund, ſagte der Koͤnig, Ihr muͤßt Euch erinnern, und ich ſpreche nach dem, was Miron ſagt, der ein großer Arzt iſt, daß die Traͤume von den Ein⸗ drücken des vorigen Tages abhaͤngen, aber niemals Ein⸗ fluß auf die Handlungen des folgenden haben, jeden Falles den Willen Gottes ausgenommen. — Demnach auch, Sire, ſagte d'Epernon, ſeht Ihr mich kampfesmuthig. Auch ich habe heute Nacht einen boͤfen Traum gehabtz aber trotz dem Traume iſt der Arm gut und das Auge ſcharf. Und er fiel gegen die Wand aus, in welche er mit ſeinem friſch geſchliffenen Schwerdte einen Hieb fuͤhrte. — Ja, ſagte Chicot, Ihr habt getraͤumt, daß Ihr Blut an Euren Stiefeln haͤttet; dieſer Traum da iſt nicht boͤs, er bedeutet, daß man eines Tages Triumphator in der Art von Alexander und von Caͤſar ſein wird. — Meine Tapferen, ſagte Heinrich, Ihr wißt, daß die Ehre Eures Fuͤrſten im Spiele iſt, da es gewiſſer Maßen ſeine Sache iſt, die Ihr vertheidigt; aber nur die Ehre, verſteht Ihr wohl; bekuͤmmert Euch dem⸗ nach nicht um die Sicherheit meiner Perſon. Heute Nacht habe ich meinen Thron auf die Weiſe feſtgeſtellt, daß von hier bis zum Mindeſten in einiger Zeit kein Stoß ihn zu erſchuͤttern vermag. Schlagt Euch dem⸗ nach fuͤr die Ehre. 14* — Sire, ſeid unbeſorgt; wir werden vielleicht das Leben verlieren, ſagte Quélus; aber in jedem Falle wird die Ehre unverſehrt bleiben. — Meine Herrn, fuhr der Koͤnig fort, ich liebe Euch herzlich und ich achte Euch auch. Laßt mich dem⸗ nach Euch einen Rath geben: keine falſche Tapferkeit; nicht dadurch, daß Ihr ſterbt, werdet Ihr mir Recht geben, ſondern dadurch, daß Ihr Eure Feinde toͤdtet. — O, was mich anbetrifft, ſagte d'Epernon, ich gebe keinen Pardon. — Ich, ſagte Quelus, ich ſtehe fuͤr Nichts; ich werde thun, was ich zu thun vermag, weiter Nichts. — und ich, ſagte Maugiron, ich ſtehe Eurer Ma⸗ jeſtaͤt dafuͤr, daß ich, wenn ich ſterbe, meinen Mann Stoß fuͤr Stoß toͤdten werde. — Ihr ſchlagt Euch bloß auf das Schwerdt? — Auf das Schwerdt und auf den Dolch, ſagte Schomberg. Der Koͤnig hielt ſeine Hand auf ſeiner Bruſt. Vielleicht ſprachen dieſe Hand und dieſes Herz, die ſich beruͤhrten, durch ihr Beben und durch ihren Puls⸗ ſchlag von ihren Befuͤrchtungen; aber im Aeußeren ſtolz, mit trockenem Auge, hochmuͤthiger Miene, war er wirk⸗ lich der Koͤnig, das heißt, daß er Krieger in den Kampf, und nicht Freunde in den Tod ſchickte. — Wahrlich, mein Koͤnig, ſagte Chicot zu ihm, Du biſt wahrhaft ſchoͤn in dieſem Augenblicke. Die Edelleute waren bereit, ſie hatten ſich nur noch ihrem Herrn zu empfehlen. — 82 — 82 — 213— — Reitet Ihr? ſagte Heinrich. — Nicht doch, Sire, ſagte Quélus, wir werden gehen; das iſt eine heilſame Bewegung, ſie macht den Kopf frei, und Eure Majeſtaͤt hat Tauſend Male ge⸗ ſagt, daß der Kopf mehr, als der Arm, das Schwerdt leitet. 8 — Ihr habt Recht, mein Sohn. Eure Hand! Quslus verneigte ſich und kuͤßte die Hand des Koͤ⸗ nigs; die Anderen ahmten ihm nach. D'Epernon knieete nieder, indem er ſagte: — Sire, ſegnet mein Schwerdt. — Nicht doch, d'Epernon, ſagte der Koͤnig; gebt Euer Schwerdt Eurem Pagen zuruͤck. Ich habe beſſere Schwerdter fuͤr Euch, als die Eurigen. Bring die Schwerdter, Chicot! — Nicht doch, ſagte der Gaskonier; gieb dieſen Auftrag Deinem Kapitain der Garden; ich bin nur ein Narr, ſelbſt nur ein Heide, und die Segnungen des Himmels koͤnnten ſich in verderblichen Zauber verwan⸗ deln, wenn es meinem Freunde, dem Teufel einfiele, meine Haͤnde zu betrachten, und er gewahr wuͤrde, was ich truͤge. — Was ſind denn das fuͤr Schwerdter, Sire? fragte Schomberg, indem er einen Blick auf die Kiſte warf, die ein Officier gebracht hatte. — Schwerdter aus Italien, mein Sohn, in Mai⸗ land geſchmiedete Schwerdter; ihre Griffe ſind gut, wie Ihr ſeht, und da Ihr mit Ausnahme Schombergs Alle zarte Haͤnde habt, ſo wuͤrde der erſte Schlag Euch — 214— entwaffnen, wenn Eure Haͤnde nicht wohl verwahrt waͤren. — Dank, Dank, Mafjeſtaͤt, ſagten mit einander und einſtimmig die vier jungen Leute. — Geht, es iſt Zeit, ſagte der Koͤnig, der ſeine Ruͤhrung nicht laͤnger zu beherrſchen vermogte. — Sire, fragte Quslus, werden wir nicht zu un⸗ ſerer Ermuthigung die Blicke Eurer Majeſtaͤt haben? — Nein, das waͤre nicht ſchicklich; Ihr ſchlagt Euch, ohne daß man es weiß, Ihr ſchlagt Euch ohne meine Bevollmaͤchtigung, geben wir dem Kampfe keine Feierlichkeit; man ſoll ihn vor Allem fuͤr das Ergebniß eines Privatſtreites halten. Und er entließ ſie mit einer wahrhaft majeſtaͤtiſchen Geberde. Als ſie aus ſeinen Augen verſchwunden waren, als die letzten Diener die Schwelle des Louvre uͤberſchritten hatten, und man weder das Klirren der Sporen, noch das Anſchlagen der Panzer mehr hoͤrte, welche die kriegsmäͤßig geruͤſteten Stallmeiſter trugen, ſagte der Koͤ⸗ nig, indem er auf eine Bank ſank: — Ach, ich ſterbe! — und ich, ſagte Chicot, ich will dieſes Duell mit anſehen; ich meine, ich weiß nicht warum, aber ich meine, daß ſich dabei etwas Merkwuͤrdiges in Bezug auf d'Epernon zutragen wird. — Du verlaͤßt mich, Chicot? ſagte der Koͤnig mit klaͤglicher Stimme.. — Ja, ſagte Chicotz denn wenn irgend einer un⸗ — * ter ihnen ſeine Pflicht ſchlecht erfuͤllte, ſo waͤre ich da, um ſeine Stelle einzunehmen und die Ehre meines Koͤ⸗ nigs aufrecht zu erhalten. — So geh doch, ſagte Heinrich. Kaum hatte der Gaskonier Urlaub, als er raſch wie der Blitz aufbrach. Der Koͤnig kehrte nun in ſein Zimmer zuruͤck, ließ alle Laͤden deſſelben ſchließen, verbot Jedem, wer es auch ſein moͤgte, einen Ruf im Louvre auszuſtoßen, oder ein Wort auszuſprechen, und er ſagte nur zu Cril⸗ lon, der Alles wußte, was ſich zutragen ſollte: — Wenn wir Sieger ſind, Crillon, wirſt Du mir es ſagen; wenn wir im Gegentheile beſiegt ſind, wirſt Du drei Schlaͤge an meine Thuͤre thun. — Ja, Sire, antwortete Crillon den Kopf ſchuͤt⸗ telnd. XVII. Die Freunde Buſſy's. Wenn die Freunde des Koͤnigs die Nacht damit zugebracht hatten, ruhig zu ſchlafen, ſo hatten die des Herzogs von Anjou dieſelbe Vorſicht angewendet. Nach einem guten Abendeſſen, zu welchem ſie ſich von ſelbſt, ohne den Rath und ohne die Anweſenheit ihres Goͤnners, vereinigt, der ſich wegen ſeiner Guͤnſt⸗ linge nicht ſo beunruhigte, als der Koͤnig uͤber die ſei⸗ nigen, legten ſie ſich in gute Betten dei Antraguet, deſ⸗ ſen Haus als Verſammlungsort gewaͤhlt worden war, da es dem Kampfplatze am Naͤchſten lag. Ein Stallmeiſter, de Ribéracs, ein großer Jaͤger und geſchickter Waffenſchmiedt, hatte den ganzen Tag mit Reinigen, Putzen und Schleifen der Waffen zuge⸗ bracht. Er wurde außerdem beauftragt, die jungen Leute mit Tagesanbruche zu wecken; das war ſeine Ge⸗ * — 217— wohnheit an jedem Morgen eines Feſtes, einer Jagd, oder eines Duells. Antraguet war vor dem Abendeſſen nach der Straße Saint⸗Denis gegangen, um eine Kraͤmerin zu beſuchen, in die er naͤrriſch verliebt war, und die man in dem ganzen Quartier nur die ſchoͤne Bilderhaͤndlerin nannte. Ribérac hatte an ſeine Mutter geſchrieben, Livarot hatte ſein Teſtament gemacht. Schlag drei Uhr, als die Freunde des Koͤnigs kaum erwachten, waren ſie bereits Alle friſch, munter und wohl bewaffnet auf den Beinen. Sie hatten rothe Beinkleider und Struͤmpfe angelegt, damit ihre Feinde ihr Blut nicht ſaͤhen, und damit dieſes Blut ſie ſelbſt nicht erſchrecke; ſie hatten Waͤmmſer von grauer Seide angezogen, damit, wenn man ſich angekleidet ſchluͤge, keine Falte ihre Bewegungen hemme. Endlich trugen ſie Schuhe ohne Abſaͤtze, und ihre Pagen trugen ihre Schwerdter, damit ihre Arme und ihre Schultern keine Ermüdung empfaͤnden. Es war ein wundervolles Wetter fuͤr die Liebe, fuͤr den Kampf und zum Spazierengehn; die Sonne ver⸗ goldete die Giebel der Daͤcher, auf welchen der Nacht⸗ thau funkelnd ſchmolz. Ein herber, und zugleich koͤſt⸗ licher Duft ſtieg aus den Gaͤrten und verbreitete ſich in den Straßen. Das Pflaſter war trocken und die Luft friſch. Bevor ſie das Haus verließen, hatten die jungen Leute ſich bei dem Herzoge von Anjou nach Buſſy er⸗ kundigen laſſen. 3 — 218— Man hatte ihnen antworten laſſen, daß er am vo⸗ rigen Abend um zehn Uhr ausgegangen und ſeit der Zeit nicht wieder nach Haus gekommen waͤre. Der Bote erkundigte ſich, ob er allein und bewaff⸗ net ausgegangen waͤre. Er erfuhr, daß Remy ihn begleitet habe, und daß alle Beide ihre Schwerdter haͤtten. Uebrigens war man im Hauſe des Grafen nicht be⸗ ſorgt, er war oft auf aͤhnliche Weiſe abweſend; dann wußte man ihn ſo ſtark, ſo tapfer und ſo gewandt, daß eine ſelbſt verlaͤngerte Abweſenheit wenig Unruhe ver⸗ urſachte. Die drei Freunde ließen ſich alle dieſe Umſtaͤnde wiederholen. — Gut, ſagte Antraguet, habt Ihr nicht ſagen hoͤren, meine Herren, daß der Koͤnig eine große Hirſch⸗ jagd in dem Walde von Compiegne beſtellt haͤtte, und daß Herr von Monſoreau zu dieſem Zwecke geſtern haäͤtte abreiſen muͤſſen? — Ja, antworteten die jungen Leute. — Dann weiß ich, wo er iſt; waͤhrend der Ober⸗ jaͤgermeiſter den Hirſch umſtellt, jagt er die Hirſchkuh des Oberjaͤgermeiſters. Seid unbeſorgt, meine Herrn, er iſt dem Kampfplatze naͤher, als wir, und er wird vor uns dort ſein. — Ja, ſagte Livarot, aber ermuͤdet, erſchoͤpft, da er nicht geſchlafen hat. Antraguet zuckte die Achſeln. — Ermuͤdet Buſſy etwa? erwiderte er. Laßt uns — 2419— gehen! Auf den Weg, auf den Weg, meine Herren; wir werden ihn im Vorbeigehen abholen! Alle begaben ſich auf den Weg. Das war gerade der Moment, in welchem Hein⸗ rich ihren Feinden die Schwerdter austheilte; ſie hatten demnach ungefaͤhr zehn Minuten vor ihnen voraus. Da Antraguet in der Naͤhe von Saint⸗Euſtache wohnte, ſo ſchlugen ſie die Straße des Lombards, die Straße de la Verrerie und endlich die Straße Saint⸗ Antoine ein. Alle dieſe Straßen waren ode. Die Bauern, wel⸗ che von Montreuil, von Vincennes, oder von Saint⸗ Maur⸗les⸗Foſſes mit ihrer Milch und ihren Gemuͤßen kamen, und die auf ihren Karren oder auf ihren Maul⸗ eſeln ſchliefen, waren allein zugelaſſen, dieſe ſtolze Schaar von drei tapferen Maͤnnern von ihren drei Pa⸗ gen und ihren drei Stallmeiſtern begleitet zu ſehen. Keine Prahlereien, kein Geſchrei, keine Drohungen mehr; wenn man ſich ſchlaͤgt um zu toͤdten, oder um getoͤdtet zu werden, wenn man weiß, daß der Zwei⸗ kampf von der einen wie von der anderen Seite blu⸗ tig, toͤdtlich, ohne Barmherzigkeit ſein wird, ſo uͤber⸗ legt man, und die Ausgelaſſenſten von den Dreien wa⸗ ren an dieſem Morgen die tiefſinnigſten. Als ſie auf der Hoͤhe der Sanct⸗Katharinenſtraße anlangten, richteten alle drei mit einem Laͤcheln, wel⸗ ches andeutete, daß ein und derſelbe Gedanke ſie in die⸗ ſem Augenblicke beſeelte, ihre Augen nach dem kleinen Hauſe Monſoreaus. — Man wird von dort aus gut ſehen, ſagte An⸗ traguet, und ich bin uͤberzeugt, daß die arme Diana mehr als ein Mal an ihr Fenſter kommen wird. — Ei, ſagte Riberac, wie mir ſcheint, iſt ſie be⸗ reits an daſſelbe gekommen. — Warum das? — Es iſt offen. — Das iſt wahr. Aber warum ſteht dieſe Leiter vor dem Fenſter, wenn die Wohnung Thuͤren hat? — In der That, das iſt wunderlich, ſagte Antra⸗ guet. Alle Drei naͤherten ſich dem Hauſe mit der inneren Ahnung, daß ſie irgend einer wichtigen Entdeckung ent⸗ gegen gingen. — Und wir ſind nicht die einzigen, die ſich ver⸗ wundern, ſagte Livarot, ſeht dieſe Landleute, welche voruͤber kommen, und die ſich auf ihren Waͤgen auf⸗ richten, um zu ſehen. Die jungen Leute gelangten unter den Balkon. Ein Gemuͤſegaͤrtner war bereits da, und ſchien den Boden zu unterſuchen. — He, Herr von Monſoreau, rief d'Antraguet, kommt Ihr, uns zu ſehen? In dieſem Falle eilt Euch, denn wir wuͤnſchen als die Erſten anzulangen. Sie warteten, aber vergebens. — Niemand antwortet, ſagte Ribéracz aber, der Teufel, wozu dieſe Leiter? — He da, Bauer, ſagte Livarot zu dem Gemuͤſe⸗ gaͤrtner, was machſt Du da? Haſt Du etwa dieſe Lei⸗ ter aufgeſtellt? — Gott bewahre mich davor, meine Herrn, ant⸗ wortete er. — und warum das? fragte Antraguet. — Seht doch dort oben! Alle drei erhoben den Ropf. — Blut! rief Ribérac aus. — Meiner Treue, ja, Blut, ſagte der Landmann, und das ſogar ſehr ſchwarz iſt. — Die Thuͤre iſt erbrochen worden! ſagte zu glei⸗ cher Zeit Antraguets Page. Antraguet warf einen Blick von der Thuͤre nach dem Fenſter, und die Leiter ergreifend, war er in einer Sekunde auf dem Balkon. Er warf einen Blick in das Zimmer.. — Was giebt es denn? fragten die Anderen, die ihn wanken und erbleichen ſahen. Ein ſchrecklicher Schrei war ſeine einzige Antwort. Livarot war hinter ihm hinaufgeſtiegen. — Leichen, der Tod, der Tod uͤberall! rief der junge Mann aus. Und alle Beide traten in das Zimmer. Aus Furcht vor Ueherrumpelung blieb Ribérac unten. Waͤhrend dieſer Zeit hielt der Gemuͤſegaͤrtner alle Voruͤberkommenden durch ſeine Ausrufungen auf. Das Zimmer trug uͤberall die Spuren des graͤßli⸗ chen Kampfes der Racht. Flecke, oder vielmehr ein — 222— Strom von Blut war uͤber den Fußboden verbreitet; die Behaͤnge waren von Schwerdthieben und Piſtolen⸗ kugeln durchloͤchert. Die Moͤbeln lagen zerſchmettert und roth unter Fetzen von Fleiſch und Kleidungsſtuͤcken. — O Remy! Der arme Remy! ſagte ploͤtzlich An⸗ traguet. — Todt? fragte Livarot. — Bereits kalt. — Es muß alſo ein ganzes Regiment Reiter durch dieſes Zimmer gekommen ſein! rief Livarot aus. In dieſem Augenblicke ſah Livarot die Thuͤre des Corridors offen; die Blutflecke deuteten an, daß auch auf dieſer Seite Kampf ſtattgefunden haͤtte, er folgte den ſchrecklichen Spuren und kam bis an die Treppe. Der Hof war leer und verlaſſen. Statt ihm zu folgen, war Antraguet waͤhrend die⸗ ſer Zeit in das anſtoßende Zimmer getreten; es gab uͤberall Blut; das Blut fuͤhrte ihn an das Fenſter. Er neigte ſich uͤber das Gelaͤnder und ſenkte ſeinen entſetzten Blick in den kleinen Garten. Die Leiche des ungluͤcklichen Buſſy hing noch to⸗ desbleich und ſteif auf dem eiſernen Gitter. Bei dieſem Anblicke war es kein Schrei, ſondern ein Bruͤllen, welches der Bruſt d'Antraguets ent⸗ ſchluͤpfte. Livarot eilte herbei. — Sieh, ſagte Antraguet, Buſſy todt! — Buſſy, ermordet, aus dem Fenſter geworfen! Kommt herein, Ribérac, kommt herein! 1 — 223— Waͤhrend dieſer Zeit ſtuͤrzte Livarot in den Hof und begegnete unten an der Treppe Ribérac, den er mit ſich nahm. Sie traten durch eine kleine Thuͤre, welche aus dem Hofe in den Garten fuͤhrte. — Er iſt es wirklich, rief Livarot aus. — Seine Fauſt iſt durchhauen, ſagte Ribérac. — Er hat zwei Kugeln in der Bruſt. — Er iſt mit Dolchſtichen durchbohrt. — Ach, armer Buſſy, heulte Antraguet, Rache! Rache! Indem er ſich umwandte, ſtieß Livarot auf eine zweite Leiche. 3 — Monſoreau! rief er aus. — Wie, auch Monſoreau? — Ja, Monſoreau, wie eine Scheibe durchbohrt, deſſen Kopf auf dem Pflaſter zerſchmettert iſt. — Ah ſo, man hat alſo heute Nacht alle unſere Freunde ermordet. — und ſeine Frau, ſeine Frau, rief Antraguet aus, Diana, Frau Diana! Niemand antwortete, ausge⸗ nommen das Volk, das um das Haus herum zu wim⸗ meln begann. — Buſſy, armer Buſſy! rief Ribérac verzweifelt aus. — Ja, ſagte Antraguet, man hat ſich des ſchreck⸗ lichſten von uns Allen entledigen wollen. — Das iſt eine Niedertraͤchtigkeit, das iſt eine Schaͤnd⸗ lichkeit! riefen die beiden anderen jungen Leute aus. — 224— — Laßt uns bei dem Herzoge Klage anſtellen, ſagte Einer von ihnen. 1 — Nicht doch, ſagte Antraguet, beauftragen wir Niemand mit unſerer Rache; wir wuͤrden ſchlecht ge⸗ raͤcht ſein; erwartet mich. In einer Sekunde gingner hinab und kam zu Liva⸗ rot und Ribérac. — Meine Freunde, ſagte er, betrachtet dieſes edle Geſicht des tapferſten der Maͤnner; ſeht die noch hoch⸗ rothen Tropfen ſeines Blutes; dieſer da geht uns mit ſeinem Beiſpiele vor; dieſer da beauftragte Niemanden mit der Sorge ihn zu raͤchen... Buſſy, Buſſy, wir werden es machen wie Du, und, ſei unbeſorgt, wir werden uns raͤchen! Indem er dieſe Worte ausſprach, nahm er ſeinen Hut ab, druͤckte ſeine Lippen auf die Lippen Buſſy's, und ſein Schwerdt ziehend, tauchte er es in ſein Blut. — Buſſy, ſagte er, ich ſchwoͤre auf Deiner Leiche, daß dieſes Blut in dem Blute Deiner Feinde abgewa⸗ ſchen werden wird! — Buſſy, ſagten die Anderen, wir ſchwoͤren zu toͤdten oder zu ſterben! — Meine Herren, ſagte Antraguet, indem er ſein Schwerdt wieder in die Scheide ſteckte, keinen Pardon, kein Erbarmen, nicht wahr? Die beiden jungen Leute ſtreckten die Hand uͤber die Leiche aus: — Keinen Pardon, kein Erbarmen, wiederholten ſie. — 225— — Aber, ſagte Livarot, wir werden nur noch Drei gegen Vier ſein. — Ja, aber wir werden Niemand ermordet haben, ſagte Antraguet, und Gott wird diejenigen ſtark ma⸗ chen, die unſchuldig ſind. Gott befohlen, Buſſy! — Gott befohlen, Buſſy! wiederholten die beiden anderen Gefaͤhrten. s Und das Entſetzen im Herzen und die Blaͤſſe auf der Stirn verließen ſie dieſes verfluchte Haus. Mit dem Bilde des Todes hatten ſie in ihm dieſe unendliche Verzweiflung gefunden, welche die Kraͤfte verhundertfacht; ſie hatten in ihm dieſen edelmuͤthigen Unwillen geſammelt, welcher den Menſchen uͤber ſein ſterbliches, Weſen erhaben macht. Sie drangen mit Muͤhe durch die Menge, ſo be⸗ traͤchtlich war der Zuſammenlauf in einer Viertelſtunde geworden. Als ſie auf den Kampfplatz gelangten, fanden ſie ihre Feinde, welche, die einen auf Steinen ſitzend, die anderen maleriſch auf die hoͤlzernen Schranken gelagert, ſie erwarteten. Voller Schaam als die Letzten anzulangen, legten ſie die letzten Schritte im Laufen zuruͤck. Die vier Mignons hatten ihre vier Stallmeiſter bei ſich. Ihre vier auf den Boden gelegten Schwerdter ſchienen zu warten und ſich wie ſie auszuruhen. Meine Herren, ſagte Quslus, indem er aufſtand Die Dame von Monſoreau. Sechster Band 15 — 226— und mit einer Art von ſteifer Hochmüthigkeit gruͤßte, wir haben die Ehre gehabt, Euch zu erwarten. — Entſchuldigt uns, meine Herren, ſagte Antra⸗ guet; aber ohne die Verzoͤgerung eines unſerer Kamera⸗ den waͤren wir vor Euch gekommen. — Herr von Buſſy, außerte d'Epernonz in der That, ich ſehe ihn nicht. Es ſcheint, daß er heute Morgen nicht wach werden kann. — Haben wir bis jetzt gewartet, ſagte Schomberg, ſo koͤnnen wir wohl auch noch warten. — Herr von Buſſy wird nicht kommen, antwortete Antraguet. Ein unendliches Erſtaunen malte ſich auf allen Ge⸗ ſichtern, d'Epernons Züge allein druͤckten ein anderes Gefuͤhl aus. 8 — Er wird'nicht kommen! ſagte er. Ah, ah, der Tapfere der Tapfern hat alſo Furcht? — Deshalb kann es nicht ſein, erwiderte Quélus. — Ihr habt Recht, mein Herr, ſagte Livarot. — und warum wird er nicht kommen? fragte Mau⸗ giron. 6 — Weil er todt iſt, erwiderte Antraguet. — Todt! riefen die Mignons aus. D'Epernon ſagte Nichts, und erbleichte ſogar leicht. — und ermordet geſtorben! begann Antraguet wie⸗ der. Wißt Ihr es nicht, meine Herren? — Nein, ſagte Quélus. Und warum ſollten wir es wiſſen? — Außerdem, iſt es gewiß? fragte d'Epernon. — 227— Antraguet zog ſein Schwert. — So gewiß, ſagte er, daß hier von ſeinem Blute an meinem Schwerdte iſt. — Ermordet! riefen die drei Freunde des Koͤnigs aus. Herr von Buſſy ermordet! O'Epernon ſchuͤttelte fortwaͤhrend mit einer Miene des Zweifels den Kopf. — Dieſes Blut ſchreit um Rache, ſagte Ribéracz hoͤrt Ihr es nicht, meine Herren? — Ah ſo! Aber, erwiderte Schomberg, man ſollte meinen, daß Euer Schmerz einen Sinn hat. — Bei Gott! aͤußerte Antraguet. — Was ſoll das heißen? rief Quélus aus. — Suche, wem das Verbrechen Nutzen bringt, ſagt der Rechtskundige, murmelte Livarot. — Ah ſo, meine Herren, werder Ihr Euch laut und deutlich erklaͤren? ſagte Maugiron mit donnernder Stimme. — Dazu kommen wir gerade, meine Herren, ſagte Riberac, und wir haben mehr Urſache, als es bedarf, um uns Hundert Male zu toͤdten. — Dann raſch das Schwerdt in die Hand, ſagte d'Epernon, indem er ſeine Waffe aus dem Buͤndel zog, und machen wir geſchwind. — O, o, Ihr habt große Eile, Herr Gaskonier, ſagte Livarot, Ihr ſanget nicht ſo laut, als wir Vier gegen Vier waren. — Iſt das unſere Schuld, daß Ihr nur noch zu Drei ſeid? antwortete d'Epernon. 15* 4 — 228— — Ja, es iſt Eure Schuld, rief Antraguet aus; er iſt todt, weil man ihn lieber in dem Grabe liegen, als auf dem Kampfplatze ſtehen ſah; er iſt mit abge⸗ hauener Fauſt geſtorben, damit ſeine Fauſt ſein Schwerdt nicht mehr halten koͤnnte; er iſt todt, weil dieſe Au⸗ gen um jeden Preis erloͤſchen mußten, deren Blitz Euch alle Vier geblendet haͤtte. Verſteht Ihr? Bin ich deut⸗ lich? — Schomberg, Maugiron und d'Epernon heulten vor Wuth. — Genug, genug, meine Herren, ſagte Quslus. Zieht Euch zuruͤck, Herr von Epernon; wir werden uns Drei gegen Drei ſchlagen; dieſe Herren werden dann ſehen, ob wir trotz unſeres Rechtes die Leute ſind, um ein Ungluͤck zu benutzen, das wir wie ſie bedauern. Kommt, meine Herren, kommt, fuͤgte der junge Mann hinzu, indem er ſeinen Hut zuruͤckwarf und die linke Hand erhob, waͤhrend er mit der rechten ſein Schwerdt pfeifen ließ; und indem Ihr uns unter offenem Himmel und unter dem Blicke Gottes kämpfen ſeht, werdet Ihr urtheilen koͤnnen, ob wir Moͤrder ſind. Vorwaͤrts, Raum, Raum! — Ja, ich haßte Euch, ſagte Schomberg, jetzt ver⸗ abſcheue ich Euch.. — und ich, ſagte Antraguet, ich haͤtte Euch vor einer Stunde getoͤdtet, jetzt koͤnnte ich Euch erwuͤrgen. Ausgelegt, meine Herren, ausgelegt! — Mit unſeren Waͤmmſern oder ohne Waͤmmſer? fragte Schomberg. — 229— — Ohne Wamms, ohne Hemd, ſagte Antraguet, mit nackter Bruſt, das Herz entbloͤſ't. Die jungen Leute legten ihre Waͤmmſer ab und zo⸗ gen ihre Hemden aus. — Ei, ſagte Quélus, indem er ſich entkleidete, ich habe meinen Dolch verloren. Er ſaß ſchlecht in der Scheide und wird unter Weges herausgefallen ſein. — Oder Ihr werdet ihn bei Herrn von Monſoreau, auf dem Platze der Baſtille in irgend einer Scheide ge⸗ laſſen haben, aus welcher ihn herauszuziehen Ihr nicht gewagt habt, ſagte Antraguet. Quelus ſtieß ein Geheul der Wuth aus und fiel aus. — Aber er hat keinen Dolch, Herr von Antraguet, er hat keinen Dolch, rief Chicot, der in dieſem Augen⸗ blicke auf dem Kampfplatze anlangte. — um ſo ſchlimmer fuͤr ihn, ſagte Antraguet, es iſt nicht meine Schuld. 4 uUnd mit der linken Hand ſeinen Dolch ziehend, fiel er nun auch aus. XVIII. Der Kampf. Der Platz, auf welchem dieſer ſchreckliche Zwei⸗ kampf ſo eben ſtattfinden ſollte, war, wie wir geſehen haben, mit Baͤumen beſchattet und abgelegen. Er war gewoͤhnlich nur von Kindern beſucht, welche am Tage darauf ſpielten, oder von Trunkenbolden und von Dieben, welche Nachts auf ihm ſchliefen. Die von den Pferdehaͤndlern errichteten Schranken entfernte natuͤrlicher Weiſe die Menge, welche gleich den Wellen eines Fluſſes immer dem Strome folgt, und nur durch irgend einen Wirbel angezogen ſtehen bleibt oder zuruͤckweicht.— Die Voruͤberkommenden gingen dieſem Raume ent⸗ lang und blieben nicht ſtehen. Außerdem war es zu fruͤh, und das allgemeine Ge⸗ draͤnge richtete ſich nach dem blutigen Hauſe Monſoreaus. aͤrgert, indem er ihr — 231— Mit klopfendem Herzen, obgleich er nicht ſehr zar⸗ ter Natur war, ſetzte ſich Chicot vor den Dienern und vor den Pagen auf ein hoͤlzernes Gelaͤnder. Er war kein Freund der Anjouer, er verabſcheute die Mignons, aber die Einen, wie die Anderen waren tapfere junge Leute, und unter ihrem Fleiſche rollte ein feuriges Blut, das man bald zu Tage ſtroͤmen ſehen wuͤrde. O'Epernon wollte ein letztes Mal die Großſpreche⸗ rei wagen. — Wie, man fuͤrchtet ſich alſo ſehr vor mir! rief er aus. — Schweigt, Schwaͤtzer, ſagte Antraguet zu ihm. — Ich habe mein Recht, erwiderte dEpernon, die Partie wurde zu acht verabredet. — Geſchwind, fort, ſagte Ribérac ge⸗ rſperrte. Er kehrte mit Geberden zuruͤck, und ſteckte ſein Schwerdt wieder ein. — Kommt, ſagte Chicot, kommt, Bluͤthe der Tapfe⸗ ren, ſonſt werdet Ihr noch ein Paar Schuh verlieren, wie geſtern. — Was ſagt dieſer Meiſter Narr? — Ich ſage, daß es ſogleich Blut auf dem Boden geben wird, und daß Ihr darin gehen wuͤrdet, wie Ihr es heute Nacht gethan. O'Epernon wurde bleich. Seine ganze Prahlerei ſank unter dieſem ſchrecklichen Vorwurfe zuſammen. — 232— Er ſetzte ſich zehn Schritte weit von Chicot, den eer nicht mehr ohne Schrecken anblickte. Ribérac und Schomberg naͤherten ſich einander nach dem gebraͤuchlichen Gruße. Quslus und Antraguet, die ſich bereits ſeit einem Augenblicke ausgelegt hatten, ſchlugen die Schwerdter an einander, indem jeder einen Schritt vorthat. Maugiron und Livarot, jeder auf eine Schranke geſtuͤtzt, belauerten ſich, indem ſie Finten auf dem Platze machten, um das Schwerdt in ihrer Lieblings auslage den Kampf beginnen zu laſſen. Der Kampf begann, als die Uhr auf der Sanct⸗ Paulskirche fuͤnf ſchlug. Die Wuth ſtand auf den Zuͤgen der Kaͤmpfenden ge⸗ malt; aber ihre zuſammengepreßten Lippen, ihre drohende Blaͤſſe, das unwillkuͤrliche Beben der Fauſt deutete an, ch die Vorſicht unter⸗ einem wilden Pferde, ſich nicht ohne große Ver igen Luft machen würde. Es entſtand waͤhrend reren Minuten, was ein ungeheurer Zeitraum iſt, ein Reiben der Schwerdter, das noch kein Klirren war. Nicht ein Stoß wurde ge⸗ fuͤhrt. Ermuͤdet, oder vielmehr befriedigt, ſeinen Gegner gepruͤft zu haben, ſenkte Ribérac die Hand und wartete einen Augenblick. Schombeig that zwei raſche Schritte, und verſetzte ihm einen Stoß, welcher der erſte aus der Wolke her⸗ vorgedrungene Blitz war. 46 — 233— Ribésrac war getroffen. Seine Haut wurde todten⸗ bleich, und ein Blutſtrahl drang aus ſeiner Schulter; er wich zurüͤck, um ſich ſelbſt Rechenſchaft uͤber ſeine Wunde abzulegen. Schomberg wollte den Stoß erneuern; aber Ribérac erhob ſein Schwerdt wieder, indem er mit einer Prime parirte, und verſetzte ihm einen Stoß, der ihn in die Seite traf. Jeder hatte ſeine Wunde. — Jetzt laßt uns einige Sekunden ausruhen, wenn Ihr wollt, ſagte Ribérac. Waͤhrend deſſen erhitzten ſich Quélus und Antra⸗ guet ihrer Seits; aber Quélus, der keinen Dolch hatte, war in einem großen Nachtheile; er war genoͤthigt mit ſeinem linken Arme zu pariren, und da ſein Arm bloß war, ſo koſtete ihm i ade eine Wunde. Ohne gefaͤhrlich verwundet ir ſeine Hand nach Ver⸗ lauf einiger Sekunden nit Blut bedeckt. Antraguet dagegen, ſeinen ganzen Vortheil ein⸗ ſah, und der nicht minder gewandt, als Quélus war, parirte mit außerordentlicher Regelmaͤßigkeit. Drei Nach⸗ ſtoͤße trafen, und ohne gefaͤhrlich getroffen zu ſein, rann doch aus drei Wunden das Blut aus Quélus Bruſt. Aber bei jedem Steße wiederholte Quslus: Es iſt Nichts. Livarot und Maugiron waren immer noch an der Vorſicht. Was R anbelangt, der raſend vor Schme — 234— füͤhlte, daß er ſeine Kraͤfte mit ſeinem Blute zu verli⸗ ren begoͤnne, ſo fiel er auf Schomberg aus. Schomderg wich um keinen Schritt zuruͤck, und be⸗ gnuͤgte ſich, ſein Schwerdt auszuſtrecken. Die beiden jungen Leute fuͤhrten einen gegenſeitigen Stoß. Ribérac hatte die Bruſt durchbohrt, und Schomberg war am Halſe verwundet. Toͤdtlich verwundet, legte Ribérac die linke Hand auf ſeine Wunde, indem er ſich entbloͤßte. Schomberg benutzte es, um Ridérac einen zweiten Stoß zu verſetzen, der ihm durch das Fleiſch drang. Aber Ribérac packte mit ſei er rechten Hand die Hand ſeines Gegners, und ſtieß ihm mit der Linken ſei⸗ nen Dolch bis an das Heft in die Bruſt. Shamderg ſtieß ein Schrei aus und ſank den immer noch mit dem Schwetdte durchb ac nach ſich zog. Als Livarot ſeinen allen ſah, trat er raſch einen Schritt zuruͤck und eilte, von Maugiron verfolgt zu ihm. Er gewann im Laufe mehrere Schritte, und indem er Ribérac in ſeinen Anſtrengungen beiſtand, die er machte, um ſich Schombergs Schwerdte zu entledi⸗ gen, riß er ihm dieſes Schwerdt aus der Bruſt. Aber nun, von Maugiron eingeholt, war er genoͤ⸗ thigt, ſich mit dem Nachtheile eines ſchluͤpfrigen Bodens, einer ſchlechten Auslage und der Sonne in den Augen zu vertheidigen. 3 — 235— Nach Verlauf einer Sekunde ſpaltete ein Hieb Liva⸗ rots Kopf, der ſein Schwerdt fallen ließ und auf die Knie ſank. Quslus war heftig von Antraguet gedraͤngt. Mau⸗ giron beeilte ſich, Livarot mit einem zweiten Stoße zu durchbohren. Livarot ſank gaͤnzlich. DEpernon ſtieß einen lauten Schrei aus. Quslus und Maugiron blieben gegen den einzigen Antraguet. Quélus war ganz blutig, aber von leichten Wunden. Maugiron war faſt unverletzt. Antraguet ſah die Gefabr ein; er hatte nicht die geringſte Schramme erhalten, aber er beaann ſich ermuͤdet zu fuͤhlen; das war indeſſen nicht der Moment, Waffen⸗ ſtillſtand von einem verwundeten, raſenden, keuchenden Manne und einem Anderen zu verlangen, der noch ganz heiß von dem Blutbade war. Mit einem Schlage be⸗ ſeitigte er gewaltſam Quéelus Schwerdt, und die Be⸗ ſeitigung des Schwertes benutzend, ſprang er leicht uͤber eine Schranke. Quslus kehrte mit einem Hiebe zuruck, aber er traf nur in das Holz. Aber in dieſem Augenblicke griff Mau⸗ giron Antraguet von der Seite an. Antraguet wandte ſich um, Quélus benutzte die Bewegung, um unter der Schranke durchzukriechen. — Er iſt verloren, ſagte Chicot. —Es lebe der Koͤnig! rief Epernon aus. Drauf, meine Loͤwen, drauf! — Still, mein Herr, wenns beliebt, ſagte Antraguet, — 236— beleidigt einen Mann nicht, der ſich bis auf den letzten Hauch ſchlagen wird. — und der noch nicht todt iſt! rief Livarot aus. Und in dem Augenblicke, wo Niemand mehr an ihn dachte, erhob er ſich, abſcheulich vor blutigem Koth, der einen Koͤrper bedeckte, auf ſeine Knie und ſtieß ſeinen Dolch zwiſchen Maugirons Schultern, der wie eine Maſſe zu Boden fiel, indem er ſeufzte: — Jeſus, mein Gott, ich bin des Todes. Livarot ſank wieder ohnmaͤchtig zu Boden, die That und der Zorn hatten den Reſt ſeiner Kraͤfte erſchoͤpft — Herr von Qusèlus, ſagte Antraguet, indem er ſein Schwerdt ſenkte, Ihr ſeid ein tapferer Mann, er⸗ gebt Euch, ich biete Euch das Leben an. — und warum mich ergeben? ſagte Quélus. Liege ich auf dem Boden? — Nein; aber Ihr ſeid von Wunden durchbohrt, und ich bin friſch und unverſehrt. — Es lebe der Koͤnig! rief Quslus aus. Ich habe noch mein Schwert, mein Herr. Und er fiel gegen Antraguet aus, welcher den Stoß parirte, ſo raſch er auch geweſen ſein mogte. — Nein, mein Herr, Ihr habt es nicht mehr, ſagte Antraqguet, indem er die Klinge mit voller Hand nahe am Griffe packte. Und er drehte Quélus Arm, der das Schwerdt fah⸗ ren ließ. Antraguet ſchnitt ſich nur leicht in einen Finger der linken Hand. —- 237— — O, heulte Quélus, ein Schwert, ein Schwert! Und mit einem Tigerſprunge auf Antraguet zuſtuͤr⸗ zend, umſchlang er ihn mit ſeinen beiden Armen. Antraguet ließ ſich um den Leib packen, und indem er ſein Schwerdt in ſeine linke und ſeinen Dolch in ſeine rechte Hand nahm, begann er Quélus ohne Raſt und uͤberall hin zu treffen⸗ indem er bei jedem Stoße das Blut ſeines Feindes ſprudeln ließ, den Nichts ſeinen Gegner loszulaſſen vermogte, und der bei jeder Wunde ausrief: — Es lebe der Koͤnig! Es gelang ihm ſogar, die Hand, welche ihn traf zurüͤckzuhalten, und ſeinen unverſehrten Feind zwiſchen ſeinen Beinen und zwiſchen ſeinen Armen zu umſchlin⸗ gen, wie es eine Schlange gethan hätte. Antraguet fuͤhlte, daß ihm der Athem ausgehen wuͤrde. In der That, er wankte und fiel. Aber, als ob ihn an dieſem Tage Alles beguͤnſtigen ſollte, im Fallen erſtickte er ſo zu ſagen den ungluͤckli⸗ chen Quélus. — Es lebe der Koͤnig! murmelte dieſer Letztere dem Todeskampfe nahe. Es gelang Antraguet ſeine Bruſt von der Um⸗ ſchlingung frei zu machen; er ſtemmte ſich auf einen Arm, und indem er ihn mit einem letzten Stiche traf, der ihm die Bruſt durchbohrte, ſagte er zu ihm: — Da, biſt Du zufrieden? — 838— — Es lebe der K..., ſtammelte Quélus mit halbgeſchloſſenen Augen. Das war Alles; das Schweigen und das Ent⸗ ſetzen des Todes herrſchten auf dem Kampfplatze. Antraguet erhob ſich ganz blutig, aber von dem Blute ſeines Feindes; er hatte, wie wir bemerkt, nur eine Schramme am Finger. D'Epernon machte entſetzt ein Zeichen des Kreuzes und ergriff die Flucht, als ob er von einem Geſpenſte verfolgt geweſen waͤre. Antraguet warf auf ſeine todten und ſterbenden Ka⸗ meraden und Feinde denſelben Blick, wie der Horazier ihn auf das Schlachtfeld, welches das Schickſal Roms entſchied, wird geworfen haben. Chicot eilte herbei und richtete Quélus auf, der ſein Blut aus neunzehn Wunden vergoß. Die Bewegung belebte ihn wieder. Er ſchlug die Augen aut. — Antraguet, bei meiner Ehre, ſagte er, ich bin unſchuldig an Buſſys Tode. — O, ich glaube Euch, mein Herr, ſagte Antraguet geruͤhrt, ich glaube Euch! 2 — Fliehet, murmelte Quslus, fliehet; der Koͤnig wuͤrde Euch nicht vergeben. — Und ich, mein Herr, ich werde Euch nicht ver⸗ laſſen, ſollte auch das Schaffot meiner harren. — 239— — Rettet Euch, junger Mann, ſagte Chicot, und vorſucht Gott nicht; Ihr teitet Euch durch ein Wun⸗ der, verlangt deren keine Zwei am ſelben Tage. Antraguet trat zu Ribérac der noch athmete. — Nunè fragte dieſer. — Wir ſind Sieger, antwortete Antraguet mit lei⸗ ſer Stimme, um Quélus nicht zu beleidigen. — Ich danke, ſagte Ribérac. Geh! Und er ſank ohnmaͤchtig zuruͤck. Antraguet raffte ſein eigenes Schwerdt auf, das er in dem Ringen hatte fallen laſſen, dann das von Qus⸗ lus, von Schomberg und von Maugiron. — Toͤdtet mich vollends, mein Herr, ſagte Quéus, oder laßt mir mein Schwerdt. — Hier iſt es, Herr Graf, ſaate Antraauet, in⸗ dem er es ihm mit einer ehrerbietigen Verneigung bot. Ein Thraͤne glaͤnzte in den Augen des Verwun⸗ deten. — Wir haͤtten Freunde ſein koͤnnen, murmelte er. Antraguet reichte ihm die Hand.— — Schoͤn, ſagte Chicot, man kann nicht ritrerlicher ſein. Aber flieh, Antraguet, Du biſt wuͤrdig zu leben. — und meine Gefaͤhrten? fragte der junge Mann. — Ich werde Sorge fuͤr ſie tragen, wie fuͤr die Freunde des Koͤnigs. * ₰ — 240— Antraguet huͤllte ſich in den Mantel, den ihm ſein Stallmeiſter reichte, damit man das Blut nicht ſaͤhe, mit dem er bedeckt war, und indem er die Geſtorbenen 1 und die Verwundeten in Mitte der Pagen und der Die⸗ ner ließ, verſchwand er durch das Thor Saint⸗Antoine. —— — Schluß. Bleich vor Beſorgniß und bei dem geringſten Ge⸗ raͤuſche erbebend, ſchritt der Koͤnig in dem Waffenſaale auf und ab, indem er mit der Erfahrung eines kundigen Mannes alle die Zeit berechnete, welche ſeine Freunde darauf hatten verwenden muͤſſen, um mit ihren Gegnern zuſammen zu treffen und ſie zu bekaͤmpfen, eben ſo auch die guten oder ſchlimmen Ausſichten, welche ihnen ihr Charakter, ihre Staͤrke, oder ihre Gewandtheit verlieh. — In dieſem Augenblicke hatte er zuerſt geſagt, gehen ſie durch die Straße Saint⸗Antoine. Jetzt betreten ſie den Kampfplatz. Man zieht das Schwerdt. Nun ſind ſie handge⸗ mein. Und bei dieſen Worten hatte der arme Koͤnig ganz ſchaudernd zu beten begonnen. 1 Die Dame von Monſoreau. Sechſter Band. 16 — 242— Aber den Grund des Herzens erfuͤllten andere Ge⸗ fuͤhle, und dieſe Andacht der Lippen ſchwebte nur uͤber der Oberflaͤche. Nach Verlauf einiger Sekunden ſtand der Koͤnig wieder auf. — Wenn nur Quèlus, ſagte er, ſich dieſes Gegen⸗ ſtoßes erinnert, den ich ihm gezeigt habe, indem er mit dem Schwerdte parirt und mit dem Dolche trifft. Was Schomberg anbelangt, ein Mann von kaltem Blute, er muß dieſen Ribérac toͤdten. Maugiron, wenn er kein Ungluͤck hat, muß ſich ſchnell Livarots entledigen. Aber d'Epernon, o, dieſer da iſt des Todes! Gluͤcklicher Weiſe iſt er Derjenige der Vier, den ich am Wenigſten liebe. Aber, ungluͤck⸗ licher Weiſe iſt das nicht Alles, daß er todt iſt, ſondern wenn er todt iſt, faͤllt Buſſy, der ſchreckliche Buſſy, uͤder die Anderen her, indem er ſich vervielfaͤltigt. Ah, mein armer Quélus, mein armer Schomberg, mein ar⸗ mer Maugiron! — Sire, ſagte die Stimme Crillons an der Thuͤre. — Wie, ſchon? rief der Koͤnig aus. — Nein, Sirre, ich uͤberbringe keine Nachricht, als die, daß der Herzog von Anjou Eure Majeſtaͤt zu ſpre⸗ chen verlangt. — und wozu? fragte der Koͤnig, indem er dabei immer durch die Thuͤre ſprach. — Er ſagt, daß der Moment fuͤr ihn gekommen ſei, Eure Majeſtaͤt mitzutheilen, welche Art von Dienſt er Ihr erwieſen hat, und daß das, was er dem Koͤnige zu — — — 243— ſagen haͤtte, einen Theil der Befuͤrchtungen beruhigen wuͤrde, die ihn in dieſem Augenblicke erregten. — Wohlan, ſo geht denn, ſagte der Koͤnig. In dieſem Augenblicke, und als Crillon ſich um⸗ wandte, um zu gehorchen, erſchallte ein raſcher Schritt auf den Treppen, und man hoͤrte eine Stimme, welche zu Crillon ſagte: — Ich will den Koͤnig augenblicklich ſprechen. Der Koͤnig erkannte dieſe Stimme, und machte ſelbſt die Thuͤre auf. — Komm, Saint⸗Luc, komm, ſagte er. Was giebt es wieder? Aber, was haſt Du, mein Gott, was iſt geſchehen! Sind ſie todt?. In der That, bleich, ohne Hut, ohne Schwerdt, ganz mit Blutflecken bedeckt, ſtuͤrzte Saint⸗Luc in das Zimmer des Koͤnigg. — Sire, rief Saint⸗Luc aus, indem er ſich vor dem Koͤnige auf die Kniee warf, Sire, ich komme, um Rache von Euch zu verlangen.. — Mein armer Saint⸗Luc, ſagte der Koͤnig, was giebt es denn? Sprich, was kann Dir eine ſolche Ver⸗ zweiflung verurſachen? — Sire, einer Eurer Unterthanen, der Edelſte; ei⸗ ner Eurer Krieger, der Tapferſte... Die Sprache verſagte ihm. 3 — Hm, aͤußerte Crillon naͤher tretend, der beſonders auf dieſen letzten Titel Rechte zu haben glaubte. — Iſt heute Nacht umgebracht, verraͤtheriſcher Weiſe umgebracht, ermordet worden, endigte Saint⸗Luc. 16* —-— 244— Mit einem einzigen Gedanken beſchaͤftigt, beruhigte ſich der Koͤnig; das konnte keiner ſeiner vier Freunde ſein, da er ſie am Morgen geſehen hatte. — umgebracht! Heute Nacht ermordet? ſagte der Koͤnig. Von wem ſprichſt Du denn, Saint⸗Luc? — Sire, Ihr waret ſein Freund nicht, ich weiß es wohl, fuhr Saint⸗Luc fort; aber er war treu, und ich ſchwoͤre Euch, daß er all ſein Blut fuͤr Eure Ma⸗ jeſtaͤt dahin gegeben haͤtte, wenn ſich die Veranlaſſung dazu geboten; ohne das waͤre er mein Freund nicht ge⸗ weſen. — Ah, aͤußerte der Koͤnig, der zu verſtehen begann. Und Etwas wie ein Blitz, wo nicht der Freude, doch zum Mindeſten der Hoffnung, erleuchtete ſein Ge⸗ ſicht. — Nache fuͤr Herrn von Buſſy, Sire, rief Saint⸗ Luc aus, Rache! — Fuͤr Herrn von Buſſy? wiederholte der Koͤnig, indem er jedes Wort betonte. — Ja, fuͤr Herrn von Buſſy, den zwanzig Moͤrder heute Nacht erdolcht haben. Und ſie haben gut gethan, ihrer zwanzig zu ſein, denn vierzehn von ihnen hat er getoͤdtet. 3 — Herr von Buſſy todt! — Ja, Sire. — Dann ſchlaͤgt er ſich heute Morgen nicht, ſagte ploͤtzlich der Koͤnig, durch ein unwiderſtehliches Gefuͤhl fortgeriſſen.. Saint⸗Luc ſchleuderte dem Koͤnige einen Blick zu, — ———— den er nicht zu ertragen vermogte; indem er ſich um⸗ wandte, ſah er Crillon, der immer noch an der Thuͤre ſtehend neue Befehle erwartete. Er gab ihm einen Wink, den Herzog von Anjou vorzufuͤhren. — Nein, Sire, fuͤgte Saint⸗Luc mit ſtrenger Stim⸗ me hinzu, Herr von Buſſy hat ſich in der That nicht geſchlagen, und deshalb komme ich, um nicht Rache, wie ich mit Unrecht Eurer Majeſtaͤt geſagt habe, ſondern Ge⸗ rechtigkeit zu fordern, denn ich liebe meinen Koͤnig, und beſonders die Ehre meines Koͤnigs uͤber Alles, und ich finde, daß man dadurch, daß man Herr von Buſſy er⸗ dolcht, Eurer Majeſtaͤt eine bedauernswerthen Dienſt er⸗ wieſen hat. Der Herzog von Anjou war ſo eben an der Thuͤre angelangt; er blieb regungslos gleich einer ehernen Sta⸗ tue an ihr ſtehen. Saint-Lucs Worte hatten den Koͤnig aufgeklaͤrt; ſie erinnerten ihn an den Dienſt, welchen ſein Bruder ihm erwieſen zu haben behauptete. Sein Blick begegnete dem des Herzogs, und er hatte keinen Zweifel mehr, denn in derſelben Zeit, daß er ja mit dem Blicke antwortete, hatte der Herzog un⸗ merklich mit dem Kopfe genickt. — Wißt Ihr, was man jetzt ſagen wird? rief Saint⸗ Luc aus. Wenn Eure Freunde Sieger ſind, ſo wird man ſagen, daß ſie es nur deshalb ſind, weil Ihr Buſſy habt ermorden laſſen.. — 246— — und wer wird das ſagen, mein Herr? fragte der Koͤnig. — Bei Gott! Jedermann, ſagte Crillon, indem er ſich ohne Umſtaͤnde und wie gewoͤhnlich in das Geſpraͤch miſchte. — Nein, mein Herr, ſagte der Koͤnig unruhig und unter der Laſt dieſer Meinung desjenigen, der, ſeitdem Buſſy todt, der Tapferſte ſeines Reiches war, nein, mein Herr, man wird das nicht ſagen, denn Ihr wer⸗ det mir den Moͤrder nennen. Saint⸗Luc ſah einen Schatten erſcheinen. Das war der Herzog von Anjou, der zwei Schritte in das Zimmer gethan hatte. Er wandte ſich um, und erkannte ihn. — Ja, Sire, ich werde ihn nennen, ſagte er, in⸗ dem er ſich wieder erhob, denn ich will Eure Majeſtaͤt um jeden Preis wegen einer ſo abſcheulichen That recht⸗ fertigen. — Wohlan, ſprecht! Der Herzog blieb ſtehen und wartete ruhig. Crillon ſtand hinter ihm, indem er ihn ſchief an⸗ blickte und den Kopf ſchuͤttelte. — Sire, begann Saint⸗Luc wieder, heute Nacht hat man Buſſy in eine Falle gerathen laſſen: waͤhrend er einer Frau, von der er geliebt war, einen Beſuch abſtattete, iſt der von einem Verraͤther benachrichtigte Gatte mit Moͤrdern nach Haus zuruͤckgekehrt; es gab 1 deren uͤberall, auf der Straße, in dem Hofe und ſelbſt in dem Garten. — 247— Wenn nicht, wie wir bemerkt haben, in dem Zim⸗ mer des Koͤnigs alle Fenſter verſchloſſen geweſen waͤ⸗ ren, ſo haͤtte man den Prinzen trotz ſeiner Gewalt uͤber ſich ſelbſt bei dieſen letzten Worten erbleichen ſehen koͤnnen. — Buſſy hat ſich wie ein Loͤwe vertheidigt, Sire, aber die Zahl hat den Sieg davon getragen, und... — und er iſt todt, unterbrach ihn der Koͤnig, und gerechter Weiſe todt, denn ich werde gewiß keinen Ehe⸗ brecher raͤchen. — Sire, ich habe meine Erzaͤhlung noch nicht been⸗ digt, erwiderte Saint⸗Luc. Nachdem er ſich beinahe eine halbe Stunde lang vertheidigt, nachdem er uͤber ſeine Feinde geſiegt, fluͤchtete ſich der Ungluͤckliche ver⸗ wundet, blutend, verſtuͤmmelt; es handelte ſich nur dar⸗ um, ihm eine huͤlfreiche Hand zu reichen, die ich ihm gereicht haͤtte, wenn ich nicht mit der Frau, die er mir anvertraut hatte, von ſeinen Moͤrdern zuruͤckgehalten geweſen, wenn ich nicht gebunden, geknebelt geweſen waͤre. Ungluͤcklicher Weiſe hatte man vergeſſen mir das Geſicht zu rauben, wie man mir die Sprache geraubt hatte, und ich habe geſehen, Sire, ich habe zwei Maͤn⸗ ner ſich dem ungluͤcklichen Buſſy naͤhern ſehen, der an dem Schenkel auf den Spitzen eines eiſernen Gitters hing; ich habe den Verwundeten ſie um Huͤlfe bitten hoͤren, denn er hatte das Recht, in dieſen beiden Maͤn⸗ nern zwei Freunde zu ſehen. Nun denn, der Eine, Sire, es iſt graͤßlich zu erzaͤhlen, aber glaubt mir, es war noch bei Weitem graͤßlicher mit anzuſehen und mit an⸗ — 248— zuhoͤren, der Eine hat befohlen Feuer zu geben, und der Andere hat gehorcht. Crillon ballte die Fauſt und runzelte die Stirn. — und Ihr kennt den Moͤrder? fragte der Koͤnig uunwillkuͤrlich erſchuͤttert. — Ja, ſagte Saint⸗Luc. Und ſich nach dem Prinzen umwendend, indem er ſeine Worte und ſeine Geberden mit ſeinem ganzen, ſo lange Zeit unterdruͤckten Haſſe erfuͤllte, ſagte er: — Seine Gunaden iſt es; der Prinz iſt der Moͤr⸗ der, der Freund iſt der Moͤrder! Der Koͤnig war auf dieſen Schlag gefaßt. Der Herzog ertrug ihn, ohne eine Miene zu verziehen. — Ja, ſagte er auf eine ruhige Weiſe, ja, Herr von Saint⸗Luc hat richtig geſehen und richtig gehoͤrt; ich bin es, der Herrn von Buſſy hat toͤdten laſſen, und Eure Majeſtaͤt wird dieſes Verfahren wuͤrdigen; denn Herr von Buſſy war mein Diener, das iſt wahr, aber Herr von Buſſy ſollte heute Morgen, was ich ihm auch habe ſagen moͤgen, die Waffen gegen Eure Majeſtaͤt fuͤhren. — Du luͤgſt! Moͤrder! Du luͤgſt! rief Saint⸗Luc aus. Buſſy, mit Wunden bedeckt, Buſſy, mit von Schwerdthieben zerhackter Hand, mit von einer Kugel zerſchmetterter Schulter, Buſſy, der auf dem eiſernen Gitter an dem Schenkel aufgeſpießt hing, Buſſy war zu Nichts mehr gut, als ſeinen grauſamſten Feinden Mitleid einzufloͤßen, und ſeine grauſamſten Feinde haͤtten ihm Huͤlfe geleiſtet. Aber Du, Du, der Moͤrder La Mo⸗ les und Coconnas, Du haſt Buſſy getoͤdtet, wie alle Deine Freunde Einen nach dem Anderen; Du haſt Buſſy getoͤdtet, nicht, weil er der Feind Deines Bru⸗ ders war, ſondern weil er der Vertraute Deiner Ge⸗ heimniſſe war. Ha, Monſoreau wußte es wohl, warum Du dieſes Verbrechen begingeſt. — Gottes Tod, murmelte Crillon, warum bin ich nicht der Koͤnig! 4 — Man beleidigt mich bei Euch, mein Bruder, ſagte der Herzog leichenblaß vor Schrecken, denn zwi⸗ ſchen der krampfhaften Hand Crillons und dem blutigen Blicke Saint⸗Lues fuͤhlte er ſich nicht in Sicherheit. — Geht hinaus, Crillon, ſagte der Koͤnig. Crillon verließ das Zimmer. — Gerechtigkeit! Sire, Gerechtigkeit! rief Saint⸗ Luc fortwaͤhrend. 4 — Sire, ſagte der Herzog, beſtraft mich doch, daß ich heute Morgen die Freunde Eurer Majeſtaͤt gerettet, und Eurer Sache, welche die meinige iſt, eine glaͤnzende Gerechtigkeit habe widerfahren laſſen. — und ich, begann Saint⸗Luc wieder, der ſich nicht mehr zu beherrſchen vermogte, ich ſage Dir, daß die Sache, deren Du Dich annimmſt, eine verfluchte Sache iſt, und daß uͤberall, wo Du Deinen Fuß hinſetzeſt, ſich Gottes Zorn auf Deinem Wege herablaſſen muß! Sire, Sire! Euer Bruder hat unſere Freunde beguͤnſtigt, wehe ihnen! Der Koͤnig fuͤhlte einen Schauder des Entſetzens durch ſeine Adern rollen. — 250— In dieſem Momente ſelbſt hoͤrte man außerhalb ein unbeſtimmtes Getoͤſe, dann eilige Schritte, dann haſtige Fragen. Es entſtand eine große, große Stille. In Mitte dieſer Stille, und als ob eine Stimme vom Himmel Saint⸗Lue Recht zu geben kaͤme, erſchuͤt⸗ terten drei langſam und feierlich von der kraͤftigen Fauſt Crillons gethane Schlaͤge die Thuͤre. Ein kalter Schweiß benetzte Heinrichs Schlaͤfen und entſtellte die Zuͤge ſeines Geſichts. — Beſiegt! rief er aus. Meine armen Freunde, beſiegt! — Was ſagte ich Euch, Sire? rief Saint⸗Luc aus. Der Herzog faltete voller Schrecken die Haͤnde. — Siehſt Du, Memme! rief der junge Mann in einem majeſtaͤtiſchen Tone aus, ſo retten die Morde die Ehre der Prinzen! Komm doch mich auch zu ermorden, ich habe kein Schwert! Und er ſchleuderte ſeinen ſeidenen Handſchuh dem Herzoge ins Geſicht. Franz ſtieß einen Schrei der Wuth aus und wurde todtenbleich. Aber der Koͤnig ſah und hoͤrte Nichts; er hatte ſeine Stirn in ſeine beiden Haͤnde ſinken laſſen. — O, murmelte er, meine armen Freunde, ſie ſind beſiegt, verwundet! O, wer wird mir ſichere Nachrich⸗ ten uͤber ſie geben? — Ich, Sire, ſagte Chicot. — 251— Der Koͤnig erkannte dieſe Freundesſtimme, und ſtreckte ſeine Arme aus. — Nuns? ſagte er. — Zwei ſind bereits todt, und der Dritte wird ſeinen letzten Hauch von ſich geben. — Wer iſt dieſer Dritte, der noch nicht todt iſt? — Quslus, Sire! — Und wo iſt er? 4 — Im Hotel Boiſſy, wohin ich ihn habe bringen laſſen. 6 Der Koͤnig hoͤrte Nichts weiter, und ſtuͤrzte Jam⸗ mergeſchrei ausſtoßend aus dem Zimmer. Nachſchrift. X½ Saint⸗Luc hatte Diana zu ihrer Freundin, Jo⸗ hanna von Briſſac, gefuͤhrt; daher ruͤhrte ſeine verſpaͤ⸗ tete Ankunft im Louvre. Johanna brachte drei Tage und drei Naͤchte damit zu, bei der ungluͤcklichen Frau zu wachen, welche eine Beute der graͤßlichſten Fieberphantaſieen war. Vor Ermuͤdung erſchoͤpft, ging Johanna am vier⸗ ten Tage ein wenig Ruhe zu genießen; als ſie aber zwei Stunden nachher in das Zimmer ihrer Freundin zuruͤckkehrte, fand ſie dieſelbe nicht mehr.*) 39 Vielleicht wird uns der Verfaſſer das, was aus ihr ge⸗ worden war, in ſeinem naͤchſten Romane unter dem Ti⸗ tel: Die Fuͤnf und Vierzig, erzaͤhlen, in welchem wir einen Theil der Perſonen wieder finden werden, die an der Intrigue der Dame von Monſoreau Theil genommen haben. Anm. des Ueberſ. Man weiß, daß Ouélus, welcher als der Einzige von den drei fuͤr die Sache des Koͤnigs Kaͤmpfenden neunzehn Wunden uͤberlebt hatte, in eben dieſem Hotel Boiſſy, in welches ihn Chicot hatte bringen laſſen, nach einem dreißigtaͤgigen Todeskampfe in den Armen des Koͤnigs ſtarb. Heinrich war untroͤſtlich. Er ließ ſeinen drei Freun⸗ den prachtvolle Grabmaͤhler errichten, auf welchen ſie im Marmor und in ihrer natuͤrlichen Groͤße ausgehauen waren. Er ſtiftete Meſſen fuͤr ſie, empfahl ſie den Ge⸗ beten der Prieſter an. und fuͤgte ſeinen gewoͤhnlichen Ge⸗ beten folgendes Diſtichon hinzu, das er waͤhrend ſeines ganzen Lebens nach ſeinen Morgen⸗ und Abendgebeten wiederholte: Que Dieu recbive en son giron Quélus, Schomberg et Maugiron. (Moͤge Gott Quslus, Schomberg und Maugiron in ſei⸗ nen Schooß aufnehmen.) Waͤhrend beinahe drei Monaten hielt Crillon den Herzog von Anjou, gegen den der Koͤnig einen tiefen Haß gefaßt hatte, und dem er niemals verzieh, in ſtrenger Verwahrung. So erreichte man den Monat September, zu wel⸗ cher Zeit Chicot, der ſeinen Herrn nicht verließ, und der Heinrich getroͤſtet haͤtte, wenn Heinrich haͤtte getroͤſtet werden koͤnnen, folgenden, von der Abtei Beaume da⸗ — 254— tirten Brief erhielt. Er war von der Hand eines Schrei⸗ 4 bers geſchrieben: „Lieber Herr Chicot! „Die Luft iſt mild in unſerer Gegend, und die Weinleſe ſcheint dieſes Jahr ſchoͤn in Burgund zu werden. Man ſagt, daß der Koͤnig, unſer Herr, dem ich, wie es ſcheint, das Leben gerettet habe, immer noch viel Kummer hat; fuͤhrt ihn nach der Abtei, lieber Herr Chicot, wir werden ihn Wein vom Jahre 1550 trinken laſſen, den ich in meinem Keller entdeckt habe, und der faͤhig iſt, die allergroͤßten Schmerzen vergeſſen zu laſſen; das wird ihn erheitern, ich zweifle nicht daran, denn ich habe in den heiligen Schriften folgende wundervolle Stelle gefunden:„Der gute Wein erfreut des Menſchen Herz!“ Das iſt ſehr ſchoͤn im Lateiniſchen, ich werde es Euch leſen laſſen. Kommt demnach, lieber Herr Chicot, kommt mit dem Koͤnige, kommt mit Herrn von Epernon, kommt mit Herrn von Saint⸗Luec, und Ihr werdet ſehen, daß wir Alle maͤſten werden. „Der ehrwuͤrdige Prior, Dominus Gorenflot, der ſich Euren gehorſamen Diener und Freund nennt. „Nachſchrift. Ihr werdet dem Koͤnige ſagen, daß ich wegen der Stoͤrungen, welche mir meine Einſetzung verurſacht hat, noch nicht Zeit gehabt haͤtte, fuͤr ſeine Freunde zu beten, wie er es mir befohlen hatte; aber ſobald die Weinleſe beendigt iſt, wuͤrde ich mich zu⸗ verlaͤſſig mit ihnen beſchaͤftigen.“ — Amen, ſagte Chicot, das ſind Gott wohl anem⸗ pfohlene arme Teufel! Gedruckt bei C. Schumann in Schneeberg. — fffffff MuaxxunKarxxRuNKMEEEEEEEEEEEEEEEEEEGI 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 — fffffff MuaxxunKarxxRuNKMEEEEEEEEEEEEEEEEEEGI 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15