5 4 1 —————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3— 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d —y 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Nr. Jf. 1 Mr. 50 Ff. 2 Nk. Pf. L ¹3. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es gelang Buſſy, den Herzog von Anjou ſo gut mit ſeinen Kriegsvorbereitungen zu beſchaͤftigen, daß er waͤhrend zweier Tage weder Zeit fand, nach Méridor zu gehen, noch den Baron nach Angers kommen zu laſſen. Zuweilen kam der Herzog indeſſen auf ſeine Beſuchs⸗ ideen zuruͤck. Aber Buſſy ſpielte ſogleich den Zuvorkom⸗ menden, unterſuchte die Gewehre der ganzen Garde, ließ die Pferde kriegsmaͤßig anſchirren, die Kanonen auf die Lafetten legen, als ob es ſich darum handelte, einen fuͤnf ten Welttheil zu erobern. Als Remy das ſah, machte er ſich daran, Scharpie zu zupfen, ſeine Inſtrumente zu ſchleifen, ſeine Balſame zu verfertigen, als ob es ſich darum handele, die Halfte des Menſchengeſchlechts zu heilen. Dann wich der Herzog vor dem Ungeheuren ſolcher Vorbereitungen zuruͤck. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Buſſy von Zeit zu Zeit unter dem Vorwande die Runde um die außeren Feſtungswerke zu machen, Roland beſtieg⸗ und in vierzig Minuten an eine gewiſſe Mauer gelangte, die er um ſo leichter uͤberkletterte, als er bei jedem Ueberklettern einige Steine herabrollen ließ, und die unter ſeiner Laſt einſtuͤr⸗ zende Firſte allmaͤlig eine Breſche wurde. Was Roland anbetrifft, ſo war es nicht mehr noͤ⸗ thig, ihm zu ſagen, wohin man ginge. Buſſy brauchte nur den Zuͤgel ſchießen zu laſſen und die Augen zu ſchließen. — Da ſind jetzt ſchon zwei Tage gewonnen, ſagte Buſſy, ich muͤßte viel Ungluͤck haben, wenn mir nicht von hier bis in zwei anderen Tagen ein kleines Gluͤck begegnen ſollte. Buſſy hatte nicht Unrecht, auf ſein Gluͤck zu rechnen. Als man gegen Abend des dritten Tages eine unge⸗ heure Zufuhr von Lebensmitteln, das Ergebniß einer von dem Herzoge ſeinen guten und getreuen Anjouern aufer⸗ legten Steuer, in die Stadt brachte, als der Herzog, um den guten Fuͤrſten zu ſpielen, das Schwarzbrod des Soldaten koſtete, und herzhaft in die geſalzenen Heringe und die Stockfiſche biß, hoͤrte man einen großen Laͤrm nach einem der Stadtthore zu. Herr von Anjou erkundigte ſich, woher dieſer Laͤrm ruͤhre, aber Niemand vermogte es ihm zu ſagen. Es fand dort mit Partiſanenſchaften und Gewehr⸗ kolben eine Austheilung von Hieben an eine gute Anzahl 2— ——ÿy— —— — 9— von Buͤrgern ſtatt, welche die Neuheit eines ſehenswer⸗ then Schauſpiels herbeigelockt hatte. Ein Mann, auf einem von Schweiß triefenden Pferde reitend, war an den Schlagbaum des Pariſer Thores angekommen. Nun aber hatte Buſſy ſich in Folge ſeines Einſchuͤch⸗ terungsſyſtems zum Generalkapitaͤn der Provinz Anjou, wie zum Großmeiſter aller feſten Plaͤtze ernennen laſſen, und die ſtrengſte Disciplin, namentlich in Angers, einge⸗ fuͤhrt; Niemand konnte die Stadt ohne ein Loſungswort verlaſſen, Niemand konnte ſie ohne dieſes ſelbe Loſungs⸗ wort, ein Berufungsſchreiben, oder irgend ein Erkennungs⸗ zeichen betreten. Dieſe ganze Disciplin hatte keinen andern Zweck, als den Herzog zu verhindern, Jemanden an Diana ab⸗ zuſenden, ohne daß er es wußte, und Diana zu verhin⸗ dern, nach Angers zu kommen, ohne daß er davon be⸗ nachrichtigt wuͤrde.. Das wird vielleicht ein Wenig uͤbertrieben erſcheinen; aber funfzig Jahre ſpaͤter begann Buckingham noch ganz andere Thorheiten fuͤr Anna von Oeſterreich. Der Mann und der Schimmel waren demnach, wie wir bemerkt, in raſendem Galopp angelangt, und gera⸗ den Weges in den Poſten gedrungen. Aber der Poſten hatte ſeine Vorſchrift, die Vor⸗ ſchrift war der Schildwache uͤbergeben worden, und die Schildwache hatte die Partiſane gekreuzt; der Reiter hatte ſich Wenig darum zu bekuͤmmern geſchienen; aber die Schildwache hatte gerufen: In's Gewehr! der Poſten war heraus gekommen, und er war genoͤthigt geweſen, in Erklaͤrungen einzugehen. — Ich bin Antraquet, hatte der Reiter geſagt, und ich will den Herzog von Anjou ſprechen. — Wir kennen keinen Antraquet, hatte der Kom⸗ mandant des Poſtens geantwortet; was Euer Verlangen, den Herzog von Anjou zu ſprechen, anbelangt, ſo ſoll es erfuͤllt werden, denn wir werden Euch verhaften, und Euch vor Seine Hoheit fuͤhren. — Mich verhaften! antwortete der Reiter. Das iſt doch ein ſpaßhafter Luͤmmel, um Karl von Bulzac d'En⸗ tragues, Baron von Cuneo und Grafen von Graville zu verhaften!* — Dem wird indeſſen ſo ſein, ſagte, indem er ſeinen Ringkragen feſtmachte, der Buͤrger, welcher zwanzig Mann hinter ſich hatte, und der nur einen einzigen vor ſich ſah. — Wartet ein Wenig, meine lieben Freunde, ſagte Antraquet. Ihr kennt die Pariſer noch nicht, nicht wahr? Nun denn! Ich will Euch eine Probe von dem zeigen, was ſie zu machen verſtehen, — Laßt uns ihn verhaften! Laßt uns ihn vor Seine Gnaden fuͤhren! riefen die Buͤrgerſoldaten wuͤthend aus. — Nicht ſo hitzig, meine kleinen Laͤmmer von Anjou, ſagte Antraquet, ich bin es, der dieſes Vergnuͤgen haben wird. 3 — Was ſagt er doch das fragten ſich die Buͤrger. — Er ſagt, daß ſein Pferd erſt zehn Stunden zu⸗ ruͤckgelegt hat, antwortete Antraquet, was macht, daß es Euch Alle uͤber den Haufen werfen wird, wenn Ihr 45 4& — 11— nicht Raum gebt. Gebt demnach Raum, oder, Tauſend Sapperment... Und da die Buͤrger von Angers das Anſehn hatten, als ob ſie den Pariſer Fluch nicht verſtaͤnden, ſo hatte Antraquet das Schwerdt zur Hand genommen, und mit einem blendenden Rade hie und da die ihm am Naͤchſten befindlichen Schafte der Hellebarden abgehauen, deren Spitze man ihm vorhielt. In weniger als zehn Minuten waren funfzehn bis zwanzig Hellebarden in Beſenſtiele verwandelt. Raſend geworden, fielen die Buͤrger mit Stockſchlaͤ⸗ gen uͤber den Neuangekommenen her, der vor ſich, hinter ſich, zur Rechten und zur Linken, mit einer wundervollen Gewandtheit parirte, und dabei von ganzem Herzen lachte. — Ach, welch' ſchoͤner Einzug, ſagte er, indem er ſich auf ſeinem Pferde geberdete, oh, was die Buͤrger von Angers fuͤr rechtſchaffene Buͤrger ſind! Sapperment, was man ſich hier beluſtigt! Was der Prinz ſehr Recht hat, Paris zu verlaſſen, und was ich wohl gethan habe, zu ihm zu kommen! Und Antraquet parirte nicht allein auf das Beſte, ſondern er zerhieb auch noch von Zeit zu Zeit, wenn er ſich zu eng eingeſchloſſen fuͤhlte, mit ſeiner ſpaniſchen Klinge das buͤffellederne Wamms von dieſem da, die Sturmhaube von jenem, und zuweilen, ſeinen Mann auswaͤhlend, betaͤubte er durch einen Hieb mit der flachen Klinge irgend einen unbeſonnenen Krieger, der ſich, das Haupt nur mit der Anjouer wollenen Mitze beſchuͤtzt, in das Handgemenge ſtuͤrzte. Die aufgebrachten Buͤrger ſchlugen um die Wette, indem ſie ſich einander verſtuͤmmelten, und dann wieder zum Angriff zuruͤckkehrten; gleich den Soldaten des Cad⸗ mus, haͤtte man ſagen koͤnnen, daß ſie aus der Erde her⸗ vorwuͤchſen. Antraguet fuͤhlte, daß er müde zu werden begoͤnne⸗ — Nun denn, ſagte er, als er die Reihen immer dichter werden ſah, es iſt gut; Ihr ſeid tapfer wie die Loͤwen, das iſt einverſtaͤnden, und ich werde Zeugniß da⸗ von ablegen. Aber Ihr ſeht, daß Euch nur noch Eure Hellebardenſchafte uͤbrig ſind, und daß Ihr Eure Gewehre nicht zu gebrauchen verſteht. Ich hatte beſchloſſen in die Stadt zu dringen, aber ich wußte nicht, daß ſie durch ein Heer von Caͤſaren bewacht waͤre. Ich verzichte dar⸗ auf, Euch zu beſiegen. Gott befohlen, guten Abend, ich gehe, ſagt nur dem Prinzen, daß ich ausdruüͤcklich von Paris gekommen waͤre, um ihn zu ſprechen. Waͤhrend deſſen war es dem Kapitaͤn gelungen, die Lunte ſeiner Flinte anzuzuͤnden; aber in dem Augenblicke, wo er den Kolben an ſeine Achſel ſtuͤtzte, verſetzte ihm Antraguet mit ſeinem ſchmiegſamen Rohre ſo raſende Hiebe auf die Finger, daß er ſein Gewehr fallen ließ, und Eines um das Andere auf dem rechten und auf dem linken Fuße zu huͤpfen begann. — Schlagt ihn todt, ſchlagt ihn todt! riefen die wundgeſchlagenen und raſenden Buͤrgerſoldaten aus. Laſſen wir ihn nicht entfliehen, daß er nicht entwiſchen kann. — Ach, ſagte Antraguet, ſoeben wolltet Ihr mich nicht einlaſſen, und jetzt wollt Ihr mich nicht heraus — 13— laſſen. Nehmt Euch in Acht! Das wird mein Verfahren aͤndern! Statt der flachen Klinge werde ich die ſchneidende anwenden, ſtatt die Hellebarden abzuhauen, werde ich die Faͤuſte abhauen! He da! Laßt ſehen, meine Laͤmmer von Anjou! Laͤßt man mich gehen? — Nein! Nieder mit ihm, nieder mit ihm, er wird muͤde! Laßt uns ihn todtſchlagen! — Sehr ſchoͤn! Dann gilt es alſo Ernſt! — Ja, ja! 4 — Wohlan, nehmt die Finger in Acht, ich haue die Haͤnde ab! Er hatte kaum ausgeſprochen und ſchickte ſich an, ſeine Drohung in Ausfuͤhrung zu bringen, als ein zweiter Reiter an dem Horizonte erſchien, der, mit der⸗ ſelben Raſerei herbeieilend, im dreifachen Galopp durch das Thor ſprengte, und wie der Blitz in Mitte des Hand⸗ gemenges hielt, das ſich allmaͤlig in eine wahre Schlacht verwandelte. — Antraguet, rief der Neuangekommene aus, An⸗ traguet, ei was der Teufel machſt Du in Mitte aller dieſer Buͤrger?. — Livarot! rief Antraguet aus, indem er ſich um⸗ wandte. O Gottes Tod, Du biſt willkommen, Mont⸗ joie und Saint⸗Denis, drauf und dran! — Ich wußte wohl, daß ich Dich einholen wuͤrde; vor vier Stunden habe ich Nachricht von Dir gehabt, und ſeit dieſem Augenblicke folge ich Dir. Aber worin haſt Du Dich denn eingelaſſen? Gott verzeihe mir, man bringt Dich um! — 14— — Ja, es ſind unſere Freunde von Anjou, die mich weder herein, noch heraus laſſen wollen. — Meine Herren, ſagte Livarot, indem er den Hut in die Hand nahm, waͤre es Euch gefaͤllig, zur Rechten oder zur Linken Platz zu machen, damit wir durch koͤnnen? — Sie beſchimpfen uns, riefen die Buͤrger aus, ſchlagt ſie todt, ſchlagt ſie todt! — Ha! So ſind ſie in Angers? ſagte Livarot, indem er mit der einen Hand ſeinen Hut wieder aufſetzte, und mit der andern ſein Schwert zog. — Ja, Du ſiehſt, ſagte Antraguet, ungluͤcklicher Weiſe ſind es ihrer Viele. — Bah! Wir drei werden wohl mit ihnen fertig werden! — Ja, wir zu drei, wenn wir zu drei waͤren; aber wir ſind nur zu zwei. — Da kommt Riberac. — Er auch? — Hoͤrſt Du ihn? — Ich ſehe ihn. He, Ribérac! He, hierher, hierher! In der That hielt Ribérac, wie es ſchien, nicht min⸗ der beeilt, als ſeine Kameraden, denſelben Einzug in die Stadt Angers, wie ſie. — Ei, man ſchlaͤgt ſich, ſagte Riberae, das nenne ich ein Gluͤck. Guten Tag, Antraguet, guten Tag, Li⸗ varot.— — Laßt uns angreifen, antwortete Antraguet. „— — 15— Die Buͤrgerſoldaten blickten ziemlich beſtuͤrzt die neue Verſtaͤrkung an, die den beiden Freunden zugekommen war, welche ſich anſchickten, von dem Zuſtande der An⸗ gegriffenen zu dem der Angreifenden uͤberzugehen. — Ah ſo! Aber ſie ſind alſo ein Regiment, ſagte der Kapitaͤn der Buͤrgerſoldaten zu ſeiner Mannſchaft. Meine Herren, unſere Schlachtordnung ſcheint mir mangelhaft, und ich ſchlage vor, daß wir links um kehrt machen. Die Buͤrger begannen ſogleich mit dieſer Gewandt⸗ heit, welche ſie in militaͤriſchen Bewegungen charakteriſirt, ein rechts um kehrt zu machen. Das kam daher, weil ſie außer der Aufforderung ih⸗ res Kapitaͤns, die ſie natuͤrlicher Weiſe zur Vorſicht zu⸗ ruͤckfuͤhrte, die drei Reiter ſich neben einander mit mi⸗ litaͤriſcher Haltung aufſtellen ſahen, welche die am Meiſten Unerſchrockenen ſchaudern ließ. — Das iſt ihre Vorhut, riefen die Buͤrger aus, welche ſich ſelbſt einen Vorwand zur Flucht geben woll⸗ ten. Schlagt Alarm, ſchlagt Alarm! — Feuer, riefen die Andern aus, Feuer! — Der Feind, der Feind! ſagten die meiſten. — Wir ſind Familienvaͤter. Wir muͤſſen uns fuͤr unſere Frauen und fuͤr unſere Kinder erhalten. Rette ſich, wer kann! heulte der Kapitaͤn. In Folge der verſchiedenen Rufe, welche indeſſen, wie man ſieht, alle denſelben Zweck hatten, entſtand ein entſetzliches Getuͤmmel in der Straße, und die Stock⸗ ſchlaͤge begannen wie Hagel auf die Neugierigen zu fallen, deren enggeſchloſſener Kreis die Furchtſamen zu entfliehen hinderte. Jetzt war es, wo der Laͤm der Schlaͤgerei bis auf den Schloßplatz gelangte, wo der Prinz, wie wir be⸗ merkt, das Schwarzbrod, die geſalzenen Heringe und die Stockfiſche ſeiner Parteigaͤnger koſtete. Buſſy und der Prinz erkundigten ſich, man ſagte ihnen, daß es drei Maͤnner, oder vielmehr drei leibhaf⸗ tige von Paris kommende Teufel waͤren, welche dieſen ganzen Laͤrm verurſachten. — Drei Maͤnner, ſagte der Prinz; ſieh doch nach, was es giebt, Buſſy! 4 3 — Drei Maͤnner, ſagte Buſſy; kommt, gnaͤdiger Herr. 3 Und alle Beide brachen auf! Buſſy voraus, der Prinz, indem er vorſichtiger Weiſe von ein zwanzig Rei⸗ tern begleitet, folgte. Sie langten an, als die Buͤrger das von uns ge⸗ nannte Manoͤvre zum großen Nachtheil der Schultern und der Schaͤdel der Neugierigen auszufuͤhren begannen. Buſſy erhob ſich auf ſeinen Steigbuͤgeln, und ſein Adlerauge in das Gedraͤnge ſenkend, erkannte er Livarot an ſeiner langen Geſtalt. — Ich will des Todes ſein, rief er dem Prinzen mit toͤnender Stimme zu, eilt do herbei, gnaͤdiger Herr, es ſind unſere Freunde von Paris, die uns be⸗ lagern. — Ei nein, antwortete Livarot mit einer Stimme, welche das Getoͤſe der Schlacht uͤberragte, es ſind im — 17— Gegentheile Deine Freunde von Anjou, welche uns um⸗ bringen. — Streckt die Waffen! rief der Herzog aus. Streckt die Waffen, Schelme, es ſind Freunde! — Freunde! riefen die gequetſchten, geſchundenen, abgematteten Buͤrger aus. Freunde! Dann haͤtte man ihnen alſo das Loſungswort geben muͤſſen; ſeit einer Stunde behandeln wir ſie wie Heiden, und ſie behandeln uns wie Tuͤrken. Und der Ruͤckzug ging vollends vor ſich. Livarot, Antraguet und Riberac zogen als Sieger in den durch den Ruͤckzug der Buͤrger freigelaſſenen Raum, und Alle beeilten ſich, die Hand Seiner Hoheit zu kuͤſſen, wonach Jeder ſich der Reihe nach Buſſy in die Arme warf. Es ſcheint, daß das ein Schwarm Anjouer iſt, ſagte der Kapitain philoſophiſcher Weiſe, den wir fuͤr einen Schwarm Geier hielten. — Guaͤdiger Herr, fluͤſterte Buſſy dem Herzoge ins Ohr, ich bitte Euch, zaͤhlt Eure Buͤrgerſoldaten. 3 Wozu? — Zaͤhlt immerhin ſo ungefaͤhr im Großen; ich ſage Euch nicht im Einzelnen. zum Mindeſten Hundert und funfzig. Nindeſten, ja. a denn, was willſt Du damit ſagen? — Ich will damit ſagen, daß Ihr da keine ſonder⸗ lichen Soldaten habt, da drei Mann ſie geſchlagen haben. — Das iſt wahr, ſagte der Herzog. Und dann? Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band⸗ 2 — 18— — und dann? Verlaßt doch eine Stadt voll Mem⸗ men, wie die da! — Ja, erwiderte der Herzog, aber ich werde ſie mit den drei Maͤnnern verlaſſen, welche die anderen geſchlagen haben. — Potz Tauſend, ſagte Buſſy leiſe, daran hatte ich nicht gedacht. Es leben die Memmen, um logiſch zu ſein! II. Roland. Darch die Verſtaͤrkung, welche ihm zugekommen war, konnte ſich der Herzog von Anjou Recognoscirun⸗ gen ohne Ende in der Umgegend des Platzes erlauben. Begleitet von ſeinen zu ſo gelegener Zeit angelang⸗ ten Freunden, zog er in einem kriegeriſchen Aufzuge ein⸗ her, auf welchen die Buͤrger von Angers mit hoͤchſtem Stolz blickten, obſchon der Vergleich dieſer wohlberitte⸗ nen, wohl ausſtaffirten Edelleute mit dem geflickten Ge⸗ ſchirr und den verroſteten Ruͤſtungen der Stadt⸗Miliz gerade nicht zum Vortheile dieſer Letzteren ausfiel. Man durchſuchte zuvoͤrderſt die Waͤlle, dann die an die Waͤlle anſtoßenden Gaͤrten, dann die an die Gaͤr⸗ ten graͤnzenden Felder, dann endlich die auf dieſen Fel⸗ dern zerſtreut liegenden Schloͤſſer, und nicht ohne ein Gefuͤhl ſehr bemerkbaren Hochmuths, bot der Herzog, 2* entweder wenn er an ihnen voruͤber kam, oder wenn er durch ſie zog, den Waͤldern Trotz, die ihm eine ſo große Furcht verurſacht hatten, oder vor denen Buſſy vielmehr ihm ſo bange gemacht hatte. Die Anjouer Edelleute kamen mit Geld an, ſie fanden an dem Hofe des Herzogs von Anjou eine Frei⸗ heit, wie ſie dieſelbe nie an den Hofe Heinrichs des III. angetroffen, ſie konnten demnach nicht ermangeln, ein luſtiges Leben in einer Stadt zu fuͤhren, welche, wie es jede Hauptſtadt zu ſein pflegt, geeignet war, den Geldbeutel ſeiner Gaͤſte zu pluͤndern. Es waren noch keine drei Tage verfloſſen, als An⸗ traguet, Riberac und Livarot ſchon froundſchaftliche Ver⸗ bindungen mit den am Meiſten auf die Moden und die Pariſer Gebraͤuche verſeſſenen Anjouer Adeligen geſchloſ⸗ ſen hatten. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſe wuͤr⸗ digen Edelleute verheirathet waren, und junge und huͤb⸗ ſche Frauen hatten. Es geſchah demnach auch nicht zu ſeiner perſoͤn⸗ lichen Beluſtigung, wie es diejenigen glauben koͤnnten, welche die Selbſtſucht des Herzogs von Anjou kennen, daß er ſo ſchoͤne Cavalcaden in der Stadt machte. Nein. Dieſe Spazierritte waren dem Vergnuͤgen der Pariſer Edelleute, die zu ihm gekommen waren, den Anjouer Adeligen, und vor Allem den Anjouer Damen gewidmet.. Gott zuvoͤrderſt mußte ſich daruͤber freuen, da die Sache der Ligue die Sache Gottes war. ——— n e — 21—. Dann mußte der Koͤnig unbeſtreitbar raſend daruͤber ſein.B Endlich waren die Damen gluͤcklich daruͤber. Auf dieſe Weiſe war die große Dreieinigkeit der Zeit vertreten; Gott, der Koͤnig und die Damen. Die Freude war an dem Tage auf ihrem Gipfel, wo man in praͤchtiger Ausſtattung zweiundzwanzig Reit⸗ pferde, dreißig Wagenpferde, endlich vierzig Maulthiere ankommen ſah, welche mit den Kutſchen, den Fracht⸗ und Bagagewagen, das Reiſegeraͤth des Herzogs von Anjou bildeten. Alles das kam wie durch einen Zauber von Tours, fuͤr die maͤßige Summe von funfzig Tauſend Thaler, welche der Herzog von Anjou zu dieſem Zwecke beſtimmt hatte. Wir muͤſſen ſagen, daß die Pferde geſattelt waren, daß man aber die Sattel den Sattlern ſchuldig warz wir müͤſſen ſagen, daß die Geldkiſten prachtvolle Schloͤſ⸗ ſer hatten, aber daß ſie leer waren. Wir muͤſſen ſagen, daß dieſer letzte Artikel ganz zu dem Lobe des Prinzen war, da der Prinz ſie durch Erpreſſungen haͤtte fuͤllen koͤnnen. Aber es lag nicht in dem Charakter des Prinzen zu nehmen, er zog es vor zu entwenden. Nichts deſto weniger brachte die Ankunft aller die⸗ ſer Dinge einen herrlichen Eindruck in Angers hervor. Die Pferde wurden in die Staͤlle gefuͤhrt, die Wa⸗ gen unter den Schoppen aufgeſtellt. Die Geldkiſten wurden von den Vertrauteſten des Prinzen getragen. — 22— Es bedurfte ſehr ſicherer Haͤnde, um ihnen die Sum⸗ men anzuvertrauen, welche ſie nicht enthielten. Endlich verſchloß man die Thore des Palaſtes vor der Naſe einer ſich draͤngenden Menge, welche durch dieſe Vorſichtsmaßregel uͤberzeugt war, daß der Prinz zwei Millionen in die Stadt gebracht haͤtte, waͤhrend es ſich im Gegentheile nur darum handelte, eine unge⸗ faͤhr gleiche Summe, auf welche die leeren Geldkiſten rechneten, aus der Stadt zu ſchaffen. Der Ruf von dem Reichthum des Herzogs von Anjou war von dieſem Augenblicke an feſt begrundet, und die ganze Provinz war nach dem Schauſpiele, das ſie vor Augen gehabt hatte, uͤberzeugt, daß er reich ge⸗ nug waͤre, um, wenn es ſein muͤßte, gegen ganz Europa Krieg zu fuͤhren. Dieſes Vertrauen mußte den Buͤrgern helfen, in Geduld die neuen Auflagen zu ertragen, welche der Her⸗ zog, von dem Rathe ſeiner Freunde unterſtuͤtzt, die Ab⸗ ſicht hatte, von den Anjouern zu erhalten. Uebrigens kamen die Anjouer den Wuͤnſchen des Herzogs faſt entgegen. Man bedauert niemals das Geld, welches man den Reichen borgt oder ſchenkt. Der Koͤnig von Navarra haͤtte mit ſeinem Rufe der Armuth nicht den vierten Theil des Erfolges er⸗ langt, welchen der Herzog von Anjou mit ſeinem Rufe von Reichthum etrlangte. Aber kommen wir auf den Herzog zuruͤck. Der wuͤrdige Prinz fuͤhrte ein patriarchaliſches Le⸗ — 23— ben, indem er Ueberfluß von allen Guͤtern der Erde hatte, und Anjou iſt, wie Jedermann weiß, ein ergie⸗ biges Land.. Die Heerſtraßen waren mit Reitern bedeckt, welche nach Angers herbeieilten, um dem Prinzen ihre Unter⸗ werfung oder ihre Dienſtanerbietungen darzubringen. Herr von Anjou ſeiner Seits machte Recognosci⸗ rungen, deren Zweck immer die Auffindung irgend eines Schatzes war. Es war Buſſy gelungen, daß keine dieſer Recognos⸗ cirungen bis nach dem Schloſſe ging, welches Diana bewohnte. Das kam daher, weil Buſſy ſich dieſen Schatz al⸗ lein vorbehielt, indem er nach ſeiner Weiſe dieſen kleinen Winkel der Provinz pluͤnderte, der, nachdem er ſich auf anſtaͤndige Weiſe vertheidigt, ſich endlich auf Gnade oder Ungnade ergeben hatte. Waͤhrend nun aber Herr von Anjou recognoscirte und Buſſy pluͤnderte, langte Herr von Monſoreau, auf ſeinem Jagdpferde reitend, vor den Thoren von An⸗ gers an. Es konnte vier Uhr Abends ſeinz um um vier Uhr Abends anzulangen, hatte Herr von Monſoreau acht⸗ zehn Stunden an dem Tage zuruͤckgelegt. Seine Spo⸗ ren waren demnach auch roth, und ſein vor Schaum weißes Pferd war halb todt. Die Zeit war voruͤber, um an den Thoren der Stadt den Ankommenden Schwierigkeiten zu machen; „ ſtreckte. — 2— man war ſo ſtolz, ſo geringſchaͤtzend jetzt in Angers, daß man ohne Einſpruch ein Bataillon Schweizer wuͤrde haben einruͤcken laſſen, waͤren dieſe Schweizer auch von dem tapferen Crillon ſelbſt angefuͤhrt geweſen. Herr von Monſoreau, der nicht Crillon war, ritt geraden Weges ein, indem er ſagte: — Nach dem Palaſte Seiner Gnaden, des Herzogs von Anjou. Er hoͤrte die Antwort der Wachen nicht, welche eine Antwort hinter ihm her bruͤllten; ſein Pferd ſchien ſich nur noch durch ein Wunder des Gleichgewichts, welches von der Schnelligkeit ſelbſt, mit der es lief, herruͤhrte, auf ſeinen Beinen zu erhalten; das arme Thier lief, ohne noch irgend ein Bewußtſein von ſeinem Leben zu haben, und es ſtand zu wetten, daß es um⸗ fallen wuͤrde, ſobald es ſtehen bliebe. Es hielt an dem Palaſte an, aber Herr von Mon⸗ ſoreau war ein vortrefflicher Reiter, das Pferd war von guter Rage; Reiter und Pferd blieben aufrecht. — Der Herr Herzog! rief der Oberjaͤgermeiſter aus. — Seine Gnaden macht eine Recognoscirung, ant⸗ wortete die Schildwache. — Wo das? fragte Herr von Monſoreau. — Dort hinaus, ſagte die Schildwache, indem ſie die Hand nach einer der vier Himmelsgegenden aus⸗ — Den Teufel, ſagte Monſoreau, das, was ich „ — — 25— dem Herzoge zu ſagen hatte, war indeſſen ſehr dringend! Wie es anfangen? — Zuvoͤrderſt Euer Pferd in den Stall fuͤhren, er⸗ widerte die Schildwache, welche ein Elſaͤſſer Reiter war, denn wenn Ihr es nicht gegen eine Mauer lehnt, ſo wird es fallen. — Der Rath iſt gut, obgleich in ſchlechtem Fran⸗ zoͤſiſch gegeben, ſagte Monſoreau. Wo ſind die Staͤlle, mein wackerer Mann? — Dort! In dieſem Augenblicke naͤherte ſich dem Oberjaͤger⸗ meiſter ein Mann und gab ſeinen Stand an. Es war der Oberhaushofmeiſter. Herr von Monſoreau antwortete ſeiner Seits durch Herzaͤhlung ſeiner Namen, Vornamen und Titel. Der Oberhaushofmeiſter verneigte ſich ehrerbietig; der Name des Oberjaͤgermeiſters war ſeit langen Zeiten in der Provinz bekannt. — Wollt gefaͤlligſt eintreten und einige Ruhe ge⸗ nießen, ſagte er. Es iſt kaum zehn Minuten her, daß Seine Gnaden ausgeritten ſind; Seine Hoheit wird nicht vor acht Uhr Abends zuruͤckkommen. — Acht Uhr Abends, erwiderte Monſoreau, indem er an ſeinem Schnurrbarte kauete, das hieße zu Viel Zeit verlieren. Ich bin der Ueberbringer einer wichtigen Nachricht, welche Seine Hoheit nicht zu fruͤh wiſſen kann. Habt Ihr mir nicht ein Pferd und einen Fuͤhrer zu geben? * 26 — Ein Pferd? Es ſind deren zehn da, mein Herr, ſagte der Oberhaushofmeiſter. Was einen Fuͤhrer an⸗ langt, ſo iſt es etwas Anderes, denn der gnaͤdige Herr hat nicht geſagt, wohin er ginge, und wenn Ihr Euch unterweges erkundigt, werdet Ihr in dieſer Beziehung eben ſo Viel erfahren, als wer es auch waͤre, den ich Euch mitgaͤbe, außerdem moͤgte ich das Schloß nicht entbloͤßen. Das iſt eine der hauptſaͤchlichſten Anempfeh⸗ lungen Seiner Hoheit. — Ah, ah, aͤußerte der Oberjaͤgermeiſter, man iſt alſo hier nicht in Sicherheit? — O, mein Herr, man befindet ſich in der Mitte von Maͤnnern, wie die Herren von Buſſy, Livarot, Ri⸗ berac und Antraguet, ohne unſeren unuͤberwindlichen Prinzen, Seine Gnaden, den Herzog von Anjou zu rechnen, immer in Sicherheit; aber Ihr begreift. — Ja, ich begreife, daß, wenn ſie nicht da ſind, weniger Sicherheit vorhanden iſt.. — Ganz recht, mein Herr. — Dann werde ich ein friſches Pferd aus dem Stalle nehmen und Seine Hoheit einzuholen ſuchen, indem ich mich erkundige. — Es ſteht Alles zu wetten, daß Ihr auf dieſe Weiſe Seine Gnaden einholen werdet. — Man iſt nicht im Galopp aufgebrochen? — Im Schritt, mein Herr, im Schritt. — Sehr ſchoͤn, das iſt eine abgemachte Sache, zeigt mir das Pferd, das ich nehmen darf. — — 27— — Tretet in den Stall, mein Herr, und waͤhlt Euch ſelbſt, ſie gehoͤren Alle Seiner Gnaden. — Sehr ſchoͤn. Monſoreau trat ein. Zehn bis zwoͤlf der ſchoͤnſten und der friſcheſten Pferde verzehrten ein reichliches Futter in den mit dem ſchmackhafteſten Hafer und Heu von Anjou gefuͤllten Krippen. — Da, ſagte der Oberhaushofmeiſter, waͤhlt! Monſoreau warf auf die Reihe der Thiere einen Kennerblick. — Ich nehme dieſen Braunen da, ſagte er, laßt mir ihn ſatteln. — Roland. — Er heißt Roland? — Ja, es iſt das Lieblingspferd Seiner Hoheit. Er reitet es alle Tage, es iſt ihm von Herrn von Buſſy geſchenkt worden, und Ihr wuͤrdet es gewiß nicht im Stalle finden, wenn Seine Hoheit nicht neue Pferde verſuchte, die er von Tours erhalten hat. — Schoͤn, es ſcheint, daß ich kein ſchlechtes Auge habe. Ein Stallknecht kam herbei. — Sattelt Roland, ſagte der Oberhaushofmeiſter. Was das Pferd des Grafen anbelangt, ſo war es von ſelbſt in den Stall gekommen und hatte ſich auf die Streu ausgeſtreckt, ohne nur abzuwarten, daß man ihm das Geſchirr abnaͤhme. Roland war in einigen Secunden geſattelt. Herr von Monſoreau ſchwang ſich leicht auf den Sattel, und — erkundigte ſich ein zweites Mal, nach welcher Seite hin die Reiter ihren Weg eingeſchlagen haͤtten. — Sie ſind zu dieſem Thore hinaus, und ſind durch dieſe Straße geritten, ſagte der Oberhaushofmeiſter, in⸗ dem er dem Oberjaͤgermeiſter denſelben Punkt andeutete, welchen ihm die Schildwache bereits angedeutet hatte. — Meiner Treue, ſagte Monſoreau, indem er den Zuͤgel luͤftete und ſah, daß das Pferd dieſen Weg von ſelbſt einſchlug, auf mein Wort, man koͤnnte glauben, daß Roland der Spur folgt. — O, ſeid deshalb unbeſorgt, ſagte der Oberhaus⸗ hofmeiſter, ich habe Herrn von Buſſy und ſeinen Arzt, Herrn Remy ſagen hoͤren, daß es das verſtaͤndigſte Thier ſei, das es gaͤbe; ſobald es ſeine Gefaͤhrten wit⸗ tert, wird es ſie einholen; ſeht dieſe ſchoͤnen Beine, ſie wuͤrden einen Hirſch neidiſch machen. Monſoreau neigte ſich zur Seite. — Prachtvoll, ſagte er. In der That, das Pferd brach auf ohne abzuwar⸗ ten, daß man es antriebe, und verließ ſehr entſchloſſen die Stadt; es machte ſogar eine Wendung, bevor es an das Thor gelangte, um den Weg abzukuͤrzen, der ſich theilte, indem es zur Linken einen Kreis beſchrieb und zur Rechten gerade an das Thor fuͤhrte. Waͤhrend es dieſen Beweis von Verſtand ablegte, ſchuͤttelte das Pferd den Kopf, wie um dem Zuͤgel zu entgehen, den es auf ſeinen Lippen laſten fuͤhlte; es ſchien dem Reiter zu ſagen, daß jeder beherrſchende Einfluß ihm unnoͤthig waͤre, in dem Maße, als es 4 ———* 80—* — 29— ſich dem Stadtthore naͤherte, beſchleunigte es ſeinen Gang. — In Wahrheit, murmelte Monſoreau, ich ſehe, daß man mir nicht zu Viel von ihm geſagt hat; demnach alſo, da Du Deinen Weg ſo gut kennſt, ja, Roland, ja. Und er ließ die Zuͤgel auf den Hals Rolands fallen. Auf dem aͤußeren Boulevard angelangt, zoͤgerte das Pferd einen Augenblick lang, um zu wiſſen, ob es ſich zur Rechten oder zur Linken wenden ſollte. Es wandte ſich zur Linken. In dieſem Augenblicke kam ein Bauer voruͤber. — Habt Ihr einen Haufen Reiter geſehen, Freund? fragte Monſoreau. — Ja, mein Herr, antwortete der Landmann, ich bin ihm begegnet, dort vorwaͤrts. Das war gerade die Richtung, welche Roland ein⸗ geſchlagen, in welcher der Bauer dieſem Haufen begegnet war. — Geh, Roland, geh, ſagte der Oberjaͤgermeiſter, indem er ſeinem Pferde die Zuͤgel ſchießen ließ, das ei⸗ nen geſtreckten Trab annahm, mit welchem man natuͤr⸗ licher Weiſe drei bis vier Stunden in einer zuruͤcklegen mußte. Das Pferd eilte noch einige Zeit lang den Boule⸗ vard entlang, dann wandte es ſich ploͤtzlich zur Rechten, indem es einen bluͤhenden Fußpfad einſchlug, der durch das Feld fuͤhrte. Monſoreau ſchwankte einen Augenblick lang, um zu — 30— wiſſen, ob er Roland nicht anhalten ſollte, aber Roland ſchien ſeiner Sache ſo gewiß, daß er ihn gehen ließ. In dem Maße, als das Pferd weiter kam, wurde es feuriger. Es ging aus dem Trab in Galopp uͤber, und in weniger als einer Viertelſtunde war die Stadt aus den Blicken des Reiters entſchwunden. Auch der Reiter ſchien ſeiner Seits in dem Maße, als er weiter kam, die Oertlichkeit zu erkennen. — Ei, aber, fagte er, als er in den Wald gelangte, man ſollte meinen, daß wir nach Méridor gehen! Sollte Seine Hoheit etwa nach der Seite des Schloſſes gerit⸗ ten ſein? Und die Stirn des Oberjaͤgermeiſters verfinſterte ſich bei dieſem Gedanken, der nicht zum erſten Male in ſei⸗ nem Geiſte aufgeſtiegen war. — O, o, murmelte er, der ich kam, um zuerſt den Prinzen zu ſehen, indem ich es auf morgen verſchob, meine Frau zu ſehen. Sollte ich denn das Gluͤck ha⸗ ben, ſie alle Beide zu gleicher Zeit zu ſehen? Ein ſchreckliches Laͤcheln zog uͤber die Lippen des Oberjaͤgermeiſters. Das Pferd eilte immer weiter, indem es ſich fort⸗ waͤhrend mit einer Beharrlichkeit zur Rechten wandte, welche den entſchloſſenſten und ſicherſten Gang andeutete. — Aber, bei meiner Seele, dachte Monſoreau, ich muß jetzt nicht mehr ſehr weit von dem Parke von Mo⸗ ridor entfernt ſein. In dieſem Augenblicke begann das Pferd zu wiehern. — 31— Im ſelben Augenblicke antwortete ihm ein anderes Wiehern aus der Tiefe des Gebuͤſches. — Ah, ah, ſagte der Oberjaͤgermeiſter, da hat Ro⸗ land ſeine Gefährten aufgefunden, wie es ſcheint. Das Pferd verdoppelte ſeine Schnelligkeit, indem es wie ein Blitz durch den Hochwald ſprengte. Ploͤtzlich erblickte Monſoreau eine Mauer und ein an dieſe Mauer angebundenes Pferd. Das Pferd wie⸗ herte ein zweites Mal, und Monſoreau erkannte, daß dieſes es war, welches zuerſt hatte wiehern muͤſſen. —-Es iſt Jemand hier! ſagte Monſoreau erbleichend. III. Was den Herrn Grafen von Monſoreau anmeldete. Heer von Monſoreau fiel von einer Ueberraſchung in die andere; die wie durch einen Zauber angetroffene Mauer, das Pferd, welches das Pferd liebkoſete, das ihn hergetragen, als ob es zu ſeiner vertrauteſten Be⸗ kanntſchaft gehoͤrt haͤtte; darin lag gewiß Stoff, um dem am Wenigſten argwoͤhniſchen Etwas zu denken zu geben. Indem er ſich naͤherte, und man wird errathen, ob Herr von Monſoreau raſch naͤher trat, indem er ſich naͤ⸗ herte, bemerkte er den Verfall der Mauer an dieſem Orte; das war eine wahre Leiter, die eine Breſche zu werden drohete; die Fuͤße ſchienen ſich Sproßen in dem Steine ausgehoͤhlt zu haben, und die friſch ausgeriſſe⸗ nen Brombeerſtauden hingen an ihren zerknickten Zweigen. Der Graf uͤberſah das Ganze mit einem Blicke, dann ging er von dem Ganzen auf die einzelnen Um⸗ ſtaͤnde uͤber. Das Pferd verdiente darunter den erſten Rang, es erlangte ihn. Das plauderhafte Pferd trug einen mit einer ſil⸗ bergeſtickten Decke verſehenen Sattel. In einer der Ecken befand ſich ein doppeltes F mit einem doppelten A ver⸗ ſchlungen. Es war ohne allen Zweifel ein Pferd aus den Staͤl⸗ len des Prinzen, da der Namenszug Franz von Anjou bildete. Der Verdacht des Grafen wurde bei dieſem Anblicke zur wahren Unruhe. Der Herzog war alſo hierher ge⸗ kommen, er kam oft her, da außer dem angebundenen Pferde es noch ein zweites gab, das den Weg kannte. Da der Zufall ihn auf dieſe Spur gefuͤhrt hatte, ſo ſchloß Monſoreau daraus, daß er der Spur bis ans Ende folgen muͤſſe. Das lag zuvoͤrderſt in ſeinen Gewohnheiten als Oberjaͤgermeiſter und als eiferſuͤchtiger Gatte. Aber ſo lange er auf dieſer Seite der Mauer blieb, war es augenſcheinlich, daß er Nichts ſehen wuͤrde. Dem zu Folge band er ſein Pferd neben das Nach⸗ barpferd, und begann herzhaft hinaufzuklettern. Das war etwas Leichtes, ein Fuß rief den ande⸗ ren; die Hand hatte ihre ganz bereiten Plaͤtze, um ſich darauf zu ſtuͤtzen, die Biegung des Armes war auf der Oberflaͤche der Steine der Mauerfirſte bezeichnet, und man hatte mit einem Jagdmeſſer ſorgfaͤltig eine Eiche Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band. 3 , 3— ausgehauen, deren Zweige an dieſem Orte die Ausſicht verſperrten und die Zeichen verhinderten. Soviel Anſtrengungen wurden mit einem gaͤnzlichen Erfolge gekroͤnt; Herr von Monſoreau befand ſich kaum auf ſeinem Beobachtungsplatze, als er an dem Fuße eines Baumes eine Mantille von blauer Farbe und ei⸗ nen Mantel von ſchwarzem Sammet erblickte. Die Mantille gehoͤrte ohne Widerrede einer Frau, und der ſchwarze Mantel einem Manne; außerdem brauchte man nicht weit zu ſuchen, der Mann und die Frau gingen funfzig Schritte weit von da Arm in Arm ſpazieren, indem ſie der Mauer den Ruͤcken zuwandten und außer⸗ dem durch das Laub der Gebuͤſche verborgen waren⸗ Ungluͤcklicher Weiſe fuͤr Herrn von Monſoreau, wel⸗ cher die Mauer nicht an ſeine Heftigkeit gewoͤhnt hatte, loͤſte ſich ein Bruchſtein von der Firſte ab, und fiel, die Zweige zerbrechend, bis auf das Gras; dort verur⸗ ſachte er ein dumpfes Echo. 8 Bei dieſem Getoͤſe ſcheint es, daß die Perſonen deren Zuͤge das Gebuͤſch Herrn von Monſoreau verbarg, ſich umwandten und ihn erblickten, denn ein ſcharfer und bedeutſamer weiblicher Schrei ließ ſich hoͤren; dann ver⸗ kuͤndete ein Rauſchen in den Zweigen dem Grafen, daß ſie ſich gleich zwei erſchreckten Rehen fluͤchteten. Bei dem Schrei der Frau hatte Monſoreau ſich ſeine Stirn mit Angſtſchweiß bedecken gefuͤhlt. Er hatte Dianas Stimme erkannt. Von nun an unfaͤhig der Regung von Wuth zu widerſtehen, die ihn fortriß, ſprang er von der Hoͤhe — 35— der Mauer herab, und ſein Schwerdt in der Hand, be⸗ gann er Gebuͤſche und Zweige zu durchhauen, um den Fluchtigen zu folgen. Aber Alles war verſchwunden, Nichts ſtoͤrte mehr die Stille des Parkes; kein Schatten in dem Hinter⸗ grunde der Alleen, keine Spur auf den Wegen, kein Geraͤuſch in dem Dickicht, als den Geſang der Nachti⸗ gallen und der Grasmuͤcken, welche, daran gewoͤhnt, die beiden Liebenden zu ſehen, durch ſie nicht hatten er⸗ ſchreckt ſein koͤnnen. Was thun bei dieſer Einſamkeit? Was beſchließen? Wohin eilen? Der Park war groß; man konnte bei dem Verfolgen derjenigen, welche man ſuchte, diejenigen an⸗ treffen, welche man nicht ſuchte. Herr von Monſoreau dachte, daß die Entdeckung, welche er gemacht hatte, fuͤr den Augenblick genuͤge; außerdem fuͤhlte er ſich von einem zu heftigen Gefuͤhle beherrſcht, um mit der Vorſicht handeln zu koͤnnen, die er einem ſo furchtbaren Nebenbuhler gegenuͤber, wie Franz war, enthalten mußte; denn er zweifelte nicht, daß dieſer Nebenbuhler der Prinz waͤre. Dann, wenn er es zufaͤlliger Weiſe nicht war, ſo hatte er bei dem Herzoge von Anjou eine dringende Sendung auszufuͤh⸗ ren; außerdem wuͤrde er wohl ſehen, wenn er ſich wie⸗ der bei dem Prinzen befaͤnde, was er von ſeiner Straf⸗ barkeit oder von ſeiner Unſchuld halten muͤßte. Dann ſtieg ein koͤſtlicher Gedanke in ihm auf: naͤmlich an demſelben Orte, wo er ſie bereits erſtiegen hatte, wieder uͤber die Mauer zu klettern, und das 3* Pferd des von ihm in dem Parke uͤberraſchten Einge⸗ drungenen mit ſich zu nehmen. Dieſer Racheplan verlieh ihm Kraͤfte; er begann ſeinen Lauf wieder, und gelangte keuchend und mit Schweiß bedeckt an dem Fuße der Mauer an. Nun ſich an jedem Zweige helfend, gelangte er auf die Firſte, und ſank wieder auf der anderen Seite herab; aber auf der anderen Seite befand ſich kein Pferd mehr, oder richtiger geſagt, keine Pferde mehr. Der Ge⸗ danke, den er gehabt hatte, war ſo gut, daß vor ihm ſein Feind ihn gehabt, und ſein Feind ihn benutzt hatte. Auf das Hoͤchſte niedergebeugt, ließ Herr von Monſoreau ein Bruͤllen der Wuth entſchluͤpfen, indem er die Fauſt dieſem boshaften Daͤmon zeigte, der zu⸗ verlaͤſſig in der bereits tiefen Dunkelheit des Waldes uͤber ihn lachte; aber da bei ihm der Wille nicht leicht beſiegt war, ſo wirkte er gegen das auf einander fol⸗ gende Mißgeſchick, das es darauf abgeſehn zu haben ſchien, ihn niederzubeugen, und ſich auf der Stelle trotz der raſch hereinbrechenden Nacht orientirend, ſammelte er alle ſeine Kraͤfte, und erreichte Angers auf einem Richtwege, den er ſeit ſeiner Jugend kannte. Zwei und eine halbe Stunde nachher langte er vor Durſt, Hitze und Ermuͤdung ſterbend an dem Stadtthore an; aber die Ueberſpannung der Gedanken hatte dem Koͤrper Kraͤfte verliehen, und er war immer noch der eigenwillige und zugleich heftige Mann. Außerdem hielt ihn ein Gedanke aufrecht: er wollte die Schildwache, oder vielmehr die Schildwachen be⸗ — — 37— fragen; er wollte von Thor zu Thor gehen; er wuͤrde erfahren, durch welches Thor ein Mann mit zwei Pfer⸗ den eingeritten waͤre; er wollte ſeinen Geldbeutel lee⸗ ren, goldene Verſprechungen machen und wuͤrde das Signalement dieſes Mannes erfahren. Dann ſollte ihm dieſer Mann, wer er auch ſein moͤgte, fruͤh oder ſpaͤt ſeine Schuld bezahlen. Er befrug die Schildwache; aber die Schildwache war eben erſt aufgeſtellt und wußte Nichts; er trat in die Wachtſtube, und erkundigte ſich. Der Buͤrgerſol⸗ dat, welcher abgeloͤſt war, hatte vor ungefaͤhr zwei Stunden ein Pferd ohne Reiter zuruͤckkehren ſehen, das ganz allein wieder den Weg nach dem Palaſte einge⸗ ſchlagen haͤtte. Nun ſtand zu denken, daß dem Reiter irgend ein Unfall zugeſtoßen waͤre, und daß das verſtaͤndige Pferd allein nach ſeinem Stalle zuruͤckgekehrt waͤre. Monſoreau ſchlug ſich vor die Stirn; es war be⸗ ſtimmt, daß er Nichts erfahren ſollte. Nun ging er nach dem herzoglichen Schloſſe. Dort war Alles voller Leben, voller Getoͤſe, voller Luſtbarkeit; die Fenſter leuchteten wie Sonnen und die Kuͤchen glaͤnzten wie feurige Oefen, indem ſie durch ihre Luftloͤcher Duͤfte von Wildpret und Gewuͤrz verbreiteten, die faͤhig waren, den Magen vergeſſen zu laſſen, daß er ein Nachbar des Herzens iſt. Aber die Gitterthore waren verſchloſſen, und dort zeigte ſich eine Schwierigkeit; er mußte ſie ſich oͤffnen laſſen. — 38— Monſoreau rief den Pfoͤrtner und nannte ſich; aber der Pfoͤrtner wollte ihn nicht erkennen. — Ihr waret gerade, und Ihr ſeid gekrümmt, ſagte er zu ihm. — Das macht die Muͤdigkeit. — Ihr waret bleich, und Ihr ſeid roth. — Das macht die Hitze. — Ihr waret zu Pferde, und Ihr kehrt ohne Pferd zurück. — Weil mein Pferd ſcheu geworden iſt, einen Sei⸗ tenſprung gemacht und mich abgeworfen hat, und ohne Reiter zuruͤckgekehrt iſt. Habt Ihr mein Pferd nicht geſehen? — Ah, doch! ſagte der Pfoͤrtner. — In jedem Falle benachrichtigt den Oberhaushof⸗ meiſter. E Erfreut uͤber dieſe Eroͤffnung, die ihn jeder Ver⸗ antwortlichkeit entledigte, ließ der Pfoͤrtner Herrn Remy benachrichtigen. 3 Herr Remy kam, und erkannte Monſoreau voll⸗ kommen. — Und woher kommt Ihr, mein Gott! in einem ſolchen Zuſtande? fragte er ihn. Monſoreau wiederholte dieſelbe Fabel, welche er dem Pfoͤrtner bereits aufgetiſcht hatte.. 3 — In der That, ſagte der Oberhaushofmeiſter, wir ſind ſehr beſorgt geweſen, als wir das Pferd ohne Rei⸗ ter haben ankommen ſehen, beſonders Seine Gnaden, * .— 39— den ich die Ehre gehabt hatte von Eurer Ankunft zu benachrichtigen. — Ah! Seine Gnaden hat beſorgt geſchienen? aͤu⸗ ßerte Monſoreau. — Sehr beſorgt. — und was hat er geſagt? — Daß man Euch gleich nach Eurer Ankunft zu ihm fuͤhre. — Gut! Nur die Zeit um nach dem Stalle zu ge⸗ hen und zu ſehen, ob dem Pferde Seiner Hoheit Nichts zugeſtoßen iſt. Und Monſoreau ging nach dem Stalle, und er⸗ kannte an derſelben Stelle, wo er es genommen, das verſtaͤndige Thier, das wie ein Pferd fraß, welches das Beduͤrfniß fuͤhlt, ſeine Kraͤfte wieder zu erſetzen. Dann, ohne ſich nur die Muͤhe zu nehmen ſeinen Anzug zu wechſeln, indem er meinte, daß die Wichtig⸗ keit der Nachricht, welche er uͤberbraͤchte, ihn uͤber die Etikette hinausſetze, ging der Oberjaͤgermeiſter nach dem Speiſeſaale.— Alle Hofleute des Prinzen, und Seine Hoheit ſelbſt, um eine prachtvoll beſetzte und glaͤnzend erleuchtete Ta⸗ fel verſammelt, griffen die Faſanenpaſteten, das ſaftige, auf dem Roſt gebratene Schwarzwildpret und die ge⸗ wuͤrzten Zwiſcheneſſen an, die ſie mit dem dunkelen, ſo feurigem und ſo milden Weine von Cahors, oder dem argliſtigen, lieblichen und ſprudelnden Weine von Anjou benetzten, deſſen Duͤnſte zu Kopfe ſteigen, bevor — 49— die Topaſe, die er in dem Glaſe bildet, gaͤnzlich zer⸗ floſſen ſind. — Der Hof iſt ganz vollſtaͤndig, ſagte Antraguet, roſig, wie ein junges Maͤdchen, und bereits trunken, wie ein alter Reiter; vollſtaͤndig, wie der Keller Eurer Hoheit. — Nicht doch, nicht doch, ſagte Ribérac, es fehlt uns ein Oberjaͤgermeiſter. Es iſt in Wahrheit ſchimpf⸗ lich, daß wir das Mittageſſen Seiner Hoheit verzehren, und daß wir es nicht ſelbſt herbeiſchaffen. — Ich ſtimme fuͤr einen Oberjaͤgermeiſter, ſagte Li⸗ varot, gleichviel welchen, waͤre es auch Herr von Mon⸗ ſoreau. Der Herzog laͤchelte, er wußte allein um die An⸗ kunft des Grafen.. Livarot hatte kaum ſeine Worte und der Prinz ſein Laͤcheln beendigt, als die Thuͤre aufging und Herr von Monſoreau eintrat. Als er ihn erblickte, that der Herzog einen um ſo ſchallenderen Ausruf, als er in Mitte des allgemeinen Schweigens ertoͤnte. 4 — Nun! Da iſt er, ſagte er, Ihr ſeht, daß wir vom Himmel beguͤnſtigt ſind, meine Herren, da uns der Himmel augenblicklich das ſendet, was wir wuͤnſchen. Ziemlich verwirrt uͤber dieſe Ungezwungenheit des Prinzen, welche in ſolchen Faͤllen Seiner Hoheit nicht eigenthuͤmlich war, verneigte ſich Monſoreau mit ziem⸗ lich verlegener Miene, und wandte, verblendet wie eine — 41— ploͤtzlich aus der Dunkelheit in das helle Licht verſetzte Nachteule den Kopf ab. — Setzt Euch dorthin und eßt, ſagte der Herzog, indem er Monſoreau einen Platz ſich gegenuͤber andeutete. — Gnaͤdiger Herr, antwortete Monſoreau, ich habe großen Durſt, ich habe großen Hunger, ich bin ſehr ermuͤdet; aber ich werde nicht eher trinken, ich werde nicht eher eſſen, ich werde mich nicht eher ſetzen, als bis ich mich bei Eurer Hoheit eines Auftrages von der hoͤchſten Wichtigkeit erledigt habe. — Ihr kommt von Paris, nicht wahr? — In groͤßter Eile. — Nun denn! Ich hoͤre, ſagte der Herzog. Monſoreau naͤherte ſich Franz, und, das Laͤcheln auf den Lippen, den Haß im Herzen, ſagte er leiſe zu ihm: — Gnaͤdiger Herr, Ihre Majeſtaͤt, die Koͤnigin Mutter, naͤhert ſich in ſtarken Tagereiſen; ſie kommt Eure Hoheit zu beſuchen. Der Herzog, auf den Aller Augen geheftet waren, ließ eine ploͤtzliche Freude durchblicken. — 3s iſt gut, ſagte er, ich danke Euch, Herr von Monſoreau, heute wie immer finde ich Euch als einen treuen Diener; laßt uns zu eſſen fortfahren, meine Herren. Und er naͤherte der Tafel ſeinen Seſſel wieder, den er einen Augenblick lang zuruͤckgeſchoben hatte, um Herrn von Monſoreau anzuhoͤren. Das Bankett begann wieder; der zwiſchen Livarot und Ribérac ſitzende Oberjaͤgermeiſter hatte kaum die Annehmlichkeiten eines guten Seſſels geſchmeckt und ſich kaum einem reichlichen Mahle gegenuͤber befunden, als er ploͤtzlich den Appetit verlor. Der Geiſt bekam wieder die Herrſchaft uͤber das Irdiſche. Der in traurige Gedanken fortgeriſſene Geiſt kehrte wieder nach dem Parke von Méridor zuruͤck, und indem er von Neuem die Reiſe machte, welche der erſchoͤpfte Koͤrper zuruͤckgelegt hatte, betrat er nochmals wie ein aufmerkſamer Wanderer dieſen blumigen Pfad, der ihn an die Mauer gefuͤhrt hatte.. Er ſah das wiehernde Pferd wieder, er ſah die verfallene Mauer wieder, er ſah die beiden verliebten und fliehenden Schatten wieder, er hoͤrte den Schrei Dianas, dieſen Schrei, der auf dem Grunde ſeines Herzens wieder ertoͤnt war. Nun, gleichguͤltig gegen das Getoͤſe, das Licht, ſelbſt das Mahl, vergeſſend, wem zur Seite und wem gegenuͤber er ſich befaͤnde, begrub er ſich in ſeine eige⸗ nen Gedanken, indem ſeine Stirn allmaͤlig ſich mit Wolken bedeckte und ſeiner Bruſt ein dumpfes Stoͤhnen entſchluͤpfte, welches die Aufmerkſamkeit der erſtaunten Gaͤſte auf ſich zog. — Ihr fallt um vor Ermuͤdung, Herr Oberjaͤger⸗ meiſter, ſagte der Prinzz wahrlich, Ihr wuͤrdet wohl thun zu Bett zu gehen. — Meiner Treue, ja, ſagte Livarot, der Rath iſt — 8B— 8 — 43— gut, und wenn Ihr ihn nicht befolgt, ſo lauft Ihr große Gefahr, auf Eurem Teller einzuſchlafen. — Verzeihung, gnaͤdiger Herr, ſagte Monſoreau, indem er den Kopf erhob; in der That, ich bin vor Ermuͤdung erſchoͤpft. — Berauſcht Euch, Graf, ſagte Antraguet, Nichts erquickt mehr als das. — und dann, murmelte Monſoreau, indem man ſich berauſcht, vergißt man. — Bah, ſagte Livarot, es iſt keine Moͤglichkeit; ſeht, meine Herrn, ſein Glas iſt noch voll. — Auf Eure Geſundheit, Graf, ſagte Ribérac, in⸗ dem er ſein Glas erhob. Monſoreau war genoͤthigt, dem Edelmanne Be⸗ ſcheid zu thun, und leerte das ſeinige mit einem einzi⸗ gen Zuge. — Er trinkt inzwiſchen ſehr gut, ſeht, gnaͤdiger Herr, ſagte Antraguet. — Ja, antwortete der Prinz, der in dem Herzen des Grafen zu leſen verſuchte, ja, vortrefflich. — Ihr muͤßtet uns indeſſen eine ſchoͤne Jagd hal⸗ ten laſſen, ſagte Ribérac, Ihr kennt die Gegend. — Ihr habt hier Jagdgeraͤth, Waͤlder, ſagte Li⸗ varot. — und ſogar eine Frau, fuͤgte Antraguet hinzu. — Ja, wiederholte der Graf maſchinenmaͤßig, ja, Jagdgeraͤth, Waͤlder und Frau von Monſoreau, ja, meine Herrn, ja. — Laßt uns einen Eber jagen, Graf, ſagte der Prinz. — 4½.— — Ich werde mir Muͤhe geben, gnaͤdiger Herr. — Ei! Bei Gott, ſagte ein Anjouer Edelmann, Ihr werdet Euch Muͤhe geben, das iſt eine ſchoͤne Antwort, der Wald wimmelt von Ebern. Wenn ich in dem alten Schlage jagte, ſo wollte ich nach Ver⸗ lauf von zehn Minuten deren zehn aufgetrieben haben. Monſoreau erbleichte unwillkuͤrlich; der alte Schlag war gerade der Theil des Waldes, in welchen Roland ihn gefuͤhrt hatte. — Ah, ja, ja, morgen, morgen! riefen die Edel⸗ leute im Chor aus. — Wollt Ihr morgen, Monſoreau? fragte der Herzog. — Ich ſtehe immer zu den Befehlen Eurer Hoheit, antwortete Monſoreau; indeſſen, wie Eure Gnaden vor einem Augenblicke zu bemerken geruheten, ich bin zu ſehr ermuͤdet, um morgen eine Jagd zu fuͤhren. Dann habe ich noͤthig, die Umgegend zu beſuchen und zu wiſ⸗ ſen, wie es um unſere Waͤlder ſteht. — und dann endlich, was der Teufel! Laßt ihn ſeine Frau beſuchen, ſagte der Herzog mit einer Gut⸗ muͤthigkeit, welche den armen Gatten uͤberzeugte, daß der Herzog ſein Nebenbuhler waͤre. — Zugeſtanden! Zugeſtanden! riefen die jungen Leute luſtig aus. Wir geben Herrn von Monſoreau vierund⸗ zwanzig Stunden, um in ſeinen Waͤldern alles Dasje⸗ nige zu thun, was er darin zu thun hat. — Ja, meine Herrn, gebt ſie mir, ſagte der Graf, und ich verſpreche Euch, ſie wohl anzuwenden. — 45— — Jetzt, mein Oberjaͤgermeiſter, ſagte der Herzog, erlaube ich Euch, Euer Bett anfzuſuchen. Man fuͤhre Herrn von Monſoreau in ſeine Wohnung. Herr von Monſoreau verneigte ſich, und verließ von einer großen Laſt, dem Zwange erleichtert, den Saal. Die Betruͤbten lieben noch mehr die Einſamkeit, als die gluͤcklich Liebenden. — 46— IV. Wie Koͤnig Heinrich der III. die Flucht ſeines geliebten Bruders, des Herzogs von Anjou, erfuhr, und was daraus hervorging. Machdem der Oberjaͤgermeiſter den Speiſeſaal ver⸗ laſſen, dauerte das Mahl weit luſtiger, weit froͤhlicher, weit ungezwungener, als jemals fort. Das finſtere Geſicht Monſoreaus hatte nicht Wenig dazu beigetragen, die jungen Edelleute in Schranken zu halten, denn, unter dem Vorwande und ſelbſt unter der Wirklichkeit der Ermuͤdung hatten ſie das beſtaͤndige Bruͤten uͤber traurigen Gegenſtaͤnden erkannt, welches der Stirn des Grafen dieſen Ausdruck unendlicher Be⸗ truͤbniß verlieh, die den eigenthuͤmlichen Charakter ſei⸗ nes Geſichts ausmachte. Als er ſich entfernt und als der Prinz, der ſich in ſeiner Gegenwart immer gezwungen fuͤhlte, ſeine ruhige Miene wieder angenommen hatte, ſagte der Herzog: — 47— — Laß hoͤren, Livarot, als unſer Qberjaͤgermeiſter eingetreten iſt, hatteſt Du uns Eure Flucht von Paris zu erzaͤhlen begonnen. Fahre fort! Und Livarot fuhr fort. Da aber unſer Amt als Geſchichtſchreiber uns das Vorrecht verleihet, beſſer als Livarot ſelbſt Dasjenige zu kennen, was vorgefallen war, ſo wollen wir unſere Erzaͤhlung an die Stelle der des jungen Mannes treten laſſen; vielleicht wird ſie dadurch an Colorit verlieren, aber ſie wird dabei an Ausdehnung gewinnen, da wir Dasjenige wiſſen, was Livarot nicht wiſſen konnte, naͤmlich, was in dem Louvre vorgefallen war. Gegen die Mitte der Nacht wurde Heinrich der III. durch einen ungewoͤhnlichen Laͤrm erweckt, welcher in dem Palaſte erſchallte, in welchem indeſſen, ſobald der Koͤnig einmal zu Bett gegangen, die tiefſte Stille vor⸗ geſchrieben war. Es waren Fluͤche, Heellebardenſtoͤße gegen die Mauern, eiliges Laufen in den Gallerieen, Verwuͤn⸗ ſchungen, um die Erde ſich aufthun zu laſſen, und mit⸗ ten unter all dieſem Laͤrmen, allen dieſen Stoͤßen, allen dieſen Gotteslaͤſterungen, folgende von Tauſend Echos wiederholten Worte: 6 — Was wird der Koͤnig ſagen? Was wird der Koͤ⸗ nig ſagen? Heinrich richtete ſich in ſeinem Bette auf und blickte Chicot an, der ſich, nachdem er mit Seiner Majeſtaͤt zu Nacht gegeſſen, in einem großen Seſſel, die Beine — 418— um ſein Schwerdt geſchlungen, dem Schlafe uͤberlaſſen hatte. 8 Das Getoͤſe nahm zu. Heinrich ſprang ganz glaͤnzend von Pommaden aus ſeinem Bette, indem er ausrief: — Chicot! Chicot! Chicot ſchlug ein Auge auf; er war ein vorſichtiger Menſch, der ſehr den Schlummer ſchaͤtzte, und der nie⸗ mals auf den erſten Ruf gaͤnzlich erwachte. — Ah! Du haſt Unrecht gehabt mich zu rufen, Heinrich, ſagte er. Ich traͤumte, daß Du einen Sohn haͤtteſt. — Hoͤre, ſagte Heinrich, hoͤre! — Was willſt Du, daß ich hoͤre? Ich meine indeſ⸗ ſen, daß Du mir am Tage wohl genug dergleichen Al⸗ bernheiten ſagſt, daß Du mir nicht auch noch von mei⸗ nen Naͤchten zu nehmen brauchſt.— — Aber Du hoͤrſt alſo nicht? ſagte der Koͤnig, in⸗ dem er die Hand nach der Richtung des Laͤrmes aus⸗ ſtreckte. — O, ol rief Chicot aus; in der That, ich hoͤre Rufe. 1 — Was wird der Koͤnig ſagen? Was wird der Kö⸗ nig ſagen? wiederholte Heinrich. Hoͤrſt Du? — Es ſteht Zweierlei zu vermuthen: entweder iſt Dein Windhund Narciß krank, oder die Hugenotten neh⸗ men ihre Revanche, und machen den Katholiken eine Sanct Bartholomaͤusnacht. — Hilf mir mich anzukleiden, Chicot. us —&— — Recht gern, aber hilf mir aufzuſtehen, Heinrich. — Welches Ungluͤck! Welches Ungluͤck! wiederholte man in den Vorzimmern. — Den Teufel! Das wird ernſtlich, ſagte Chicot. — Wir werden wohl thun, uns zu bewaffnen, ſagte der Koͤnig. — Wir werden noch beſſer thun, ſagte Chicot, ei⸗ ligſt durch die kleine Thuͤre hinauszugehen, um mit ei⸗ genen Augen das Ungluͤck zu ſehen und zu beurtheilen, ſtatt es uns erzaͤhlen zu laſſen. Den Rath Chicots befolgend, ging Heinrich faſt ſogleich durch die geheime Thuͤre hinaus, und befand ſich in dem Corridor, der nach den Zimmern des Her⸗ zogs von Anjou fuͤhrte. Dort ſah er gen Himmel er⸗ hobene Arme und hoͤrte die verzweifeltſten Ausrufungen. — O, o, ſagte Chicot, ich errathe; Dein ungluͤck⸗ licher Gefangener wird ſich erdroſſelt haben. Sapper⸗ ment, Heinrich, ich mache Dir mein Kompliment, Du biſt ein groͤßerer Politiker, als ich glaubte. — Ei nein, Ungluͤckſeliger, rief Heinrich aus, das kann es nicht ſein! — Um ſo ſchlimmer, ſagte Chicot. — Komm, komm! Und Heinrich zog den Gaskonier mit ſich in das Zimmer des Herzogs. Das Fenſter ſtand offen und war mit einer Menge Neugieriger beſetzt, die uͤber einander hockten, um die an den eiſernen Kreuzen befeſtigte Strickleiter zu be⸗ trachten. Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band⸗ 4 — 50— Heinrich wurde bleich wie der Tod. — Ei, ei, mein Sohn, ſagte Chicot, Du biſt noch nicht ſo ſehr abgeſtumpft, als ich glaubte. — Entflohen! Entwichen! rief Heinrich mit einer ſo toͤnenden Stimme aus, daß alle Edelleute ſich um⸗ wandten.. Die Augen des Koͤnigs ſpruͤheten Blitze; ſeine Hand druͤckte krampfhaft den Griff ſeines Dolches. Schomberg riß ſich die Haare aus; Quèlus zer⸗ ſchlug ſich das Geſicht mit Fauſtſchlaͤgen und Maugiron ſtieß wie ein Widder mit dem Kopfe gegen die Wand. Was d'Epernon anbelangt, ſo war er unter dem ſcheinbaren Vorwande verſchwunden, dem Herzoge von Anjou nachzueilen. 42 Der Anblick der Martern, welche ſich ſeine Günſt⸗ linge in ihrer Verzweifelung auferlegten, beſaͤnftigte den „Koͤnig ploͤtzlich. — Heda, ſachte, mein Sohn, ſagte er, indem er Maugiron mitten um den Leib gepackt zuruͤckhielt. — Nein, Gottes Tod! Ich will daruͤber umkom⸗ men, oder der Teufel ſoll mich holen! ſagte der junge Mann, indem er einen Anlauf nahm, um ſich den Kopf, nicht mehr gegen den Verſchlag, ſondern gegen die Mauer zu zerſchmettern. — Heda! Helft mir doch ihn zuruͤckzuhalten, rief Heinrich aus. e S. — He! Gevatter, ſagte Chicot, es giebt einen weit ſanfteren Tod, ſtoßt Euch ganz einfach Euer Schwerdt durch den Leib. it dt — 51— — Willſt Du ſchweigen, Wuͤtherich! ſagte Heinrich die Thraͤnen in den Augen. Waͤhrend dieſer Zeit zerſchlug ſich Quélus die Wangen. — O, Quelus, mein Sohn, ſagte Heinrich, Du wirſt Schomberg gleichen, als er in das Preußiſch Blau getaucht war; Du wirſt abſcheulich ſein, mein Freund. — Quaälus hoͤrte auf. Schomberg allein fuhr fort ſich die Haare auszu⸗ raufen, er weinte daruͤber vor Wuth. — Schomberg, Schomberg, mein Mignon, rief Heinrich aus, ein wenig Vernunft, ich bitte Dich. — Ich werde wahnſinnig daruͤber. — Bahl! ſagte Chicot. — Wahr iſt es, ſagte Heinrich, daß es ein ab⸗ ſcheuliches Ungluͤck iſt, und gerade deshalb mußt Du Deine Vernunft behalten, Schomberg. Ja, es iſt ein abſcheuliches Ungluͤck, ich bin verloren! Da haben wir jetzt den Buͤrgerktieg in meinem Reiche... Ha! Wer hat dieſen Streich da ausgefuͤhrt? Wer hat die Strick⸗ leiter geliefert? Bei Gottes Tod, ich werde die ganze Stadt haͤngen laſſen! Ein unendlicher Schrecken bemaͤchtigte ſich der An⸗ weſenden. — Wer iſt der Schuldige? fuhr Heinrich fort. Wo iſt der Schuldige? Zehn Tauſend Thaler dem, der mir ſeinen Namen nennt, Hundert Tauſend Thaler dem, der ihn mir todt oder lebendig uͤberliefert. — Wer wollt Ihr, daß es ſein ſoll, rief Maugiron aus, als irgend ein Anjouer?. 4 4 — Bei Gott! Du haſt Recht, rief Heinrich aus. Ha, die Anjouer, Gottes Tod! Die Anjouer ſollen es mir entgelten! Und als ob dieſe Worte ein Funke geweſen waͤren, der ein Lauffeuer von Pulver entzuͤndet haͤtte, ſo er⸗ ſchallte ein ſchrecklicher Ausbruch von Geſchrei und von Drohungen gegen die Anjouer. — O ja, die Anjouer! rief Quslus aus. — Wo ſind ſie? bruͤllte Schomberg.— — Man ſchlitze ihnen den Bauch auf! ſchrie Mau⸗ giron. — Hundert Galgen fuͤr Hundert Anjouer! begann der Koͤnig wieder. Chicot konnte bei dieſer allgemeinen Raſerei nicht ſtumm bleiben; er zog ſein Schwerdt mit einer Eiſen⸗ freſſermiene, und mit der flachen Klinge zur Linken und zur Rechten fechtend, pruͤgelte er die Mignons durch und ſchlug die Waͤnde, wobei er mit grimmigen Augen wiederholte: 1 216 198 — O Sapperment! O Schwerenoth! Ha, ver⸗ flucht! Die Anjouer, Gottes Tod! Tod den Anjouern! Dieſer Ruf: Tod den Anjouern! wurde von der ganzen Stadt gehoͤrt, wie der Schrei der Israelitiſchen Muͤtter durch ganz Rama gehoͤrt wurde. Waͤhrend deſſen war Heinrich verſchwunden. Er hatte an ſeine Mutter gedacht, und ohne ein Wort zu ſagen, hatte er ſich aus dem Zimmer geſchli⸗ chen und die ſeit einiger Zeit ein wenig vernachlaͤſſigte Katharine aufgeſucht, die mit ihrem Scheine, als ob ſie — 53— ſich um Nichts bekuͤmmere, und in ihrer geheuchelten Froͤmmigkeit, mit ihrem florentiniſchen Scharfblicke eine gute Gelegenheit abwartete, ihre Politik wieder auftau⸗ chen zu ſehen. Als Heinrich eintrat, befand ſie ſich halb liegend, tiefſinnig in einem großen Seſſel, und ſie glich mit ih⸗ ren feiſten, aber ein wenig gelblichen Wangen, mit ih⸗ ren funkelnden, aber ſtarren Augen, mit ihren fleiſchi⸗ gen, aber bleichen Haͤnden, eher einer Wachsſtatue, welche die Betrachtung darſtellt, als einem beſeelten Weſen, das denkt. Aber bei der Nachricht von der Flucht ihres Soh⸗ nes Franz, eine Nachricht, die ihr Heinrich uͤbrigens ganz entflammt vor Zorn und vor Haß ohne alle Scho⸗ nung mittheilte, ſchien die Statue ploͤtzlich zu erwachen, obgleich die Geberde, welche dieſes Erwachen verkuͤndete, ſich fuͤr ſie darauf beſchraͤnkte, ſich noch mehr in ihrem Seſſel zu vergraben und den Kopf zu ſchuͤtteln, ohne Etwas zu ſagen. — Ei, Mutter, ſagte Heinrich, Ihr ſeid nicht auf⸗ gebracht! — Weshalb, mein Sohn? fragte Katharine. — Wie! Dieſe Flucht Eures Sohnes ſcheint Euch nicht verbrecheriſch, drohend, der ſchaͤrfſten Zuͤchtigung wuͤrdig? — Mein lieber Sohn, die Freiheit iſt wohl eine Krone werth, und erinnert Euch, daß ich Euch ſelbſt gerathen hatte zu entfliehen, als Ihr dieſe Krone errei⸗ chen konntet. — 34— — Meine Mutter, man beſchimpft mich. Katharine zuckte die Achſeln. — Meine Mutter, man trootzt mir. — Ei, nein doch, ſagte Katharine, man fluͤchtet ſich, das iſt Alles. — Ah, ſagte Heinrich, auf dieſe Weiſe nehmt Ihr meine Partei? 1 — Was wollt Ihr damit ſagen, mein Sohn? — Ich ſage, daß mit dem Alter die Gefuͤhle ſi ſich abſtumpfen, ich ſage... Er unterbrach ſich. — Was ſagt Ihr? erwiderte Katharine mit ihrer gewoͤhnlichen Ruhe. — Ich ſage, daß Ihr mich nicht mehr wie ſonſt liebt. — Ihr irrt Euch, ſagte Katharine mit zunehmender Kaͤlte. Ihr ſeid mein geliebter Sohn Heinrich. Aber Derjenige, uͤber den Ihr Euch beklagt, iſt auch mein Sohn. — Ach! Laſſen wir die muͤtterliche Moral bei Seite, gnaͤdige Frau, ſagte Heinrich wuͤthend, wir kennen ih⸗ ren Werth. — Ei! Ihr muͤßt ihn beſſer kennen, als irgend Je⸗ mand, denn gegen Euch iſt meine Moral immer Schwaͤ⸗ che geweſen. — Und da Ihr an dem Bereuen ſeid, ſo bereuet Ihr ſie. — Ich fuͤhlte wohl, daß wir darauf kommen wuͤr⸗ et ſr den, mein Sohn, ſagte Katharine. Das iſt es, wes⸗ halb ich ſchwieg. 4 — Gott befohlen, gnaͤdige Frau, Gott befohlen, ſagte Heinrich, ich weiß, was mir zu thun uͤbrig bleibt, da ſelbſt bei meiner Mutter keine Theilnahme mehr fuͤr mich vorhanden iſt; ich werde Rathgeber finden, die faͤhig ſind, meinem Grolle beizuſtehen und mich in die⸗ ſem Falle aufzuklaͤren. — Geht, mein Sohn, ſagte die Florentinerin ru⸗ hig, und moͤge der Geiſt Gottes mit Euren Rathge⸗ bern ſein, denn ſie werden ſeiner ſehr beduͤrfen, um Euch aus der Verlegenheit zu ziehen. uUnd ſie ließ ihn ſich entfernen, ohne eine Geberde zu machen, ohne ein Wort zu ſagen, um ihn zuruͤckzu⸗ halten. — Gott befohlen, gnaͤdige Frau, wiederholte Heinrich. Aber an der Thuͤre blieb er ſtehen. — Gott befohlen, Heinrich, ſagte die Koͤnigin; nur noch ein Wort, ich will Euch keinen Rath geben, mein Sohn: Ihr beduͤrft meiner nicht, ich weiß es; aber bittet Eure Raͤthe wohl zu uͤberlegen, bevor ſie ih⸗ ren Rath ausſprechen, und noch mehr zu uͤberlegen, be⸗ vor ſie dieſen Rath zur Ausfuͤhrung bringen. — O ja, ſagte Heinrich, indem er ſich an dieſes Wort ſeiner Mutter feſſelte und es benutzte, um nicht weiter zu gehen, denn der Umſtand iſt bedenklich, nicht wahr, gnaͤdige Frau? — Sehr bedenklich, ſagte Katharine feierlich, indem — 656— ſie die Augen und die Haͤnde gen Himmel erhob, aͤu⸗( ßerſt bedenklich, Heinrich.. Durch dieſen Ausdruck von Schrecken uͤberraſcht, den er in den Augen ſeiner Mutter zu teſen laubte, kehrte der Koͤnig zu ihr zuruͤck. — Wer ſind die, welche ihn entfuͤhrt haben, habt Ihr irgend eine Vermuthung daruͤber, meine Mutter? Katharine antwortete nicht. — Ich, ſagte Heinrich, ich vermuthe, daß es die Anjouer ſind. 1— Katharine laͤchelte mit dieſer Feinheit, welche bei ihr immer einen uͤberlegenen Verſtand zeigte, welcher darauf lauerte, den Verſtand Anderer zu demuͤthigen und zu verwirren. — Die Anjouer? wiederholte ſie. 8 — Ihr glaubt es nicht, ſagte Heinrich; indeſſen alle Welt glaubt es. Katharine machte noch eine Bemeguin mit den Achſeln. — Daß die Anderen das glauben, gut, ſagte ſi ſie; aber Ihr, mein Sohn! — Was denn? Gnaͤdige Frau... Was wollt Ihr damit ſagen? Erklaͤrt Euch, ich bitte Euch! — Wozu nuͤtzt es, mich zu erklaͤrenen — Eure Erklaͤrung wird mich aufklaͤren. — Euch aufklaͤren! Geht doch, Heinrich, ich bin nur eine alte und alberne Schwaͤtzerin; mein einziger Einfluß beſteht in meiner Reue und in meinen Gebeten. =— Nein, ſprecht, ſprecht, meine Mutter, ich hoͤre e er — 57— Euch. O, Ihr ſeid noch und Ihr werdet immer unſer Aller Seele ſein, ſprecht! — unnoͤthig, ich habe nur Anſichten aus dem vori⸗ gen Jahrhundert, und Mißtrauen macht den ganzen Verſtand der Greiſe aus. Die alte Katharine in ihrem Alter einen Rath geben, der noch Etwas werth waͤre! Geht doch, mein Sohn, unmoͤglich. — Nun denn, es ſei, meine Mutter, ſagte Hein⸗ rich, verſagt mir Eure Huͤlfe, beraubt mich Eures Bei⸗ ſtandes! Aber ſeht, in einer Stunde, moͤge das nun Euer Rath ſein oder nicht, ich werde es dann erfahren, in einer Stunde werde ich alle Anjouer, die in Paris ſind, haben haͤngen laſſen. — Alle Anjouer haͤngen laſſen! rief Katharine mit dieſem Erſtaunen aus, welches alle uͤberlegenen Geiſter empfinden, wenn man in ihrer Gegenwart irgend eine Abgeſchmacktheit ſagt. — Ja, ja, haͤngen, umbringen, ermorden, ver⸗ brennen, in dieſem Augenblicke durcheilen meine Freunde bereits die Stadt, um dieſen Verfluchten, dieſen Raͤu⸗ bern, dieſen Empoͤrern die Knochen zu zerſchmettern!... — Sie ſollen ſich davor in Acht nehmen, Ungluͤckſe⸗ liger! rief Katharine durch das Gefaͤhrliche der Lage fort⸗ geriſſen aus. Sie werden ſich ſelbſt ins Verderben ſtuͤr zen, was Nichts zu bedeuten haͤtte; aber ſie werden Euch mit ſich ins Verderben ſtuͤrzen. — Wie das? — Verblendeter! murmelte Katharine. Die Koͤnige werden alſo ewig Augen haben, um nicht zu ſehen? — 58— Und ſie faltete die Haͤnde. — Die Koͤnige ſind nur unter der Bedingung Koͤ⸗ nige, daß ſie die Beleidigungen raͤchen, die man ihnen zufuͤgt, denn dann iſt ihre Rache eine Gerechtigkeit, und beſonders in dieſem Falle wird mein ganzes Reich aufſtehen, um mich zu vertheidigen. — Narr, Sinnloſer⸗ Kind, murmelte die Floren⸗ tinerin. — Aber warum das, wie das? — Meint Ihr, daß man Maͤnner wie Buſſy, wie Antraguet, wie Livarot, wie Ribérac umbringen, ver⸗ brennen, haͤngen wuͤrde, ohne Stroͤme von Blut fließen zu laſſen? — Was liegt daran? Wenn man ſie nur umbringt! — Ja, gewiß, wenn man ſie umbringt! Zeigt ſie mir todt, und, bei der Mutter Gottes, ich werde Euch ſagen, daß Ihr wohlgethan habt! Aber man wird ſie nicht umbringen; aber man wird fuͤr ſie die Fahne der Empoͤrung erhoben haben; aber man wird ihnen das bloße Schwerdt in die Hand gegeben haben, das ſie niemals fuͤr einen Herrn, wie Franz, aus der Scheide zu ziehen gewagt hätten, waͤhrend ſie dagegen in die⸗ ſem Falle durch Eure Unvorſichtigkeit es ziehen werden, um ihr Leben zu vertheidigen, und Euer Reich wird ſich, nicht fuͤr Euch, ſondern gegen Euch erheben. — Aber wenn ich mich nicht raͤche, ſo habe ich Furcht, ſo weiche ich zuruͤck, rief Heinrich aus. — Hat man jemals geſagt, daß ich Furcht haͤtte? ſagte Katharine, indem ſie die Stirn runzelte und ihre — 59— Zaͤhne mit ihren ſchmalen und mit Karmin geroͤtheten Lippen druͤckte. — Indeſſen, wenn es die Anjouer waͤren, ſo ver⸗ dienten ſie eine Zuͤchtigung, meine Mutter. — Ja, wenn ſie es waͤren, aber ſie ſind es nicht. — Wer iſt es denn? Wenn es nicht die Freunde meines Bruders ſind? — Es ſind nicht die Freunde Eures Bruders, denn Euer Bruder hat keine Freunde. — Aber wer iſt es denn? — Es ſind Eure eigenen Feinde, oder vielmehr Euer Feind. — Welcher Feind? — Ei, mein Sohn, Ihr wißt wohl, daß Ihr im⸗ mer nur einen gehabt habt, wie Euer Bruder Karl im⸗ mer nur einen gehabt hat, wie ich ſelbſt immer nur ei⸗ nen gehabt habe, immer, beſtaͤndig derſelbe. — Heinrich von Navarra, wollt Ihr ſagen. — Ei, ja doch, Heinrich von Navarra. — Er iſt nicht in Paris! — Eil Wißt Ihr, wer in Paris iſt, oder wer nicht in Paris iſt? Wißt Ihr Etwas? Habt Ihr Au⸗ gen und Ohren? Habt Ihr Leute um Euch herum, die ſehen und die hoͤren? Nein, Ihr ſeid alle taub, Ihr ſeid alle blind. — Heinrich von Navarra! wiederholte der Koͤnig. — Mein Sohn, bei jedem Querſtriche, der Euch begegnet, bei jedem Ungluͤcke, das Euch zuſtoͤßt, bei je⸗ der Kataſtrophe, die Euch zuſtoͤßt, und deren Urheb er — 60— Euch unbekannt bleibt, ſucht nicht, ſchwankt nicht, forſcht nicht, es iſt unnoͤthig. Ruft aus: Heinrich! Das iſt Heinrich von Navarra! und Ihr werdet ſicher ſein, die Wahrheit geſagt zu haben... Trefft nach der Seite, wo er ſein wird, und Ihr werdet ſicher ſein, richtig ge⸗ troffen zu haben... O! Dieſer Mann!... Dieſer Mann! Seht, er iſt das Schwerdt, welches Gott uͤber dem Hauſe Valois aufgehaͤngt hat. — Ihr ſeid alſo der Meinung, daß ich Gegese fehl in Bezug auf die Anjouer ertheile? — Auf der Stelle, rief Katharine aus, ohne eine Minute, ohne eine Secunde zu verlieren. Eilt Euch, vielleicht iſt es bereits zu ſpaͤt; eilt, nehmt dieſe Befehle zuruͤck; geht, oder Ihr ſeid verloren! Und indem ſie ihren Sohn bei dem Arme ergriff, draͤngte ſie ihn mit unglaublicher Kraft und Energie nach der Thuͤre zu. 8 Heinrich ſtuͤrzte aus dem Louvre, indem er ſeine Freunde wieder zu verſammeln ſuchte. Aber er fand nur Chicot, der auf einem Steine ſaß und 8 geogtephiſche Figuren in den Sand zeichnete. ne ne — 61— V 6 Wie, da Chicot und die Koͤnigin Mutter einerlei Meinung waren, ſich der Konig der Meinung der Koͤnigin Mutter und Chicots anſchloß. Heinrich verſicherte ſich, ob es wirklich der Gasko⸗ nier waͤre, der, nicht minder aufmerkſam, als Archimedes, entſchloſſen ſchien, ſich nicht umzuwenden, wuͤrde auch Paris mit Sturm genommen. — Ha, Boͤſewicht, rief er mit donnernder Stimme aus, auf dieſe Weiſe vertheidigſt Du alſo Deinen Koͤnig? — Ich vertheidige ihn nach meiner Art, und ich glaube, daß ſie die gute iſt. — Die gute, rief der Koͤnig aus, die gute, Faul⸗ lenzer! — Ich behaupte es, und ich beweiſe es. — Ach bin neugierig, dieſen Beweis zu ſehen. — Das iſt leicht: zuvoͤrderſt haben wir eine große — 62— Albernheit begangen, mein Koͤnig, wir haben eine unge⸗ heure Albernheit begangen. — In was? — In dem, was wir gethan haben. — Ah, ah! aͤußerte Heinrich, uͤberraſcht durch die Uebereinſtimmung dieſer beiden unendlich ſcharfſinnigen Koͤpfe, die ſich nicht hatten verabreden koͤnnen, um zu demſelben Reſultate zu gelangen. — Ja, antwortete Chicot, dadurch, daß Deine Freunde durch die Stadt rufen: Tod den Anjouern! Und jetzt, wo ich daruͤber nachdenke, iſt es mir nicht recht bewieſen, daß es die Anjouer ſind, welche den Streich ausgefuͤhrt haben. Dadurch, ſage ich, daß ſie durch die Stadt rufen: Tod den Anjouern! erwecken Deine Freunde ganz einfach dieſen kleinen Buͤrgerkrieg, den die Herrn von Guiſe nicht haben anſtiften koͤnnen, und der ihnen ſo ſehr Noth thut. Und ſiehſt Du, Heinrich? In dieſem Augenblicke ſind Deine Freunde entweder gaͤnzlich todt, was, ich geſtehe es, mir nicht mißfallen, was aber Dich betruͤben wuͤrde, oder ſie haben die Anjouer aus der Stadt gejagt, was Dir ſehr mißfallen, was aber dagegen dieſen lieben Peunn von. Anjou ungeheuer freuen wuͤrde. — Gottes Tod! rief der Koͤnig aus. Glaubſt Du denn, daß die Sachen bereits ſo weit ſind, als Du da ſagſt? — Wenn ſie nicht noch weiter ſidnd. — Aber Alles das erklaͤrt mir nicht, was Du auf dieſem Steine ſitzend machſt. S 1 bSͤ—- — 1 — Ich mache eine außerordentlich dringende Arbeit, mein Sohn. — Welche? — Ich zeichne die Zuſammenſtellung der Provinzen, welche Dein Bruder ſich gegen uns empoͤren laſſen wird, und ich uͤberſchlage die Anzahl von Mannſchaft, welche jede von ihnen zu der Empoͤrung wird ſtellen koͤnnen. — Chicot, Chicot! rief der Koͤnig aus. Ich habe alſo nur Ungluͤcksvoͤgel um mich herum? — Die Eule ſingt gut waͤhrend der Nacht, mein Sohn, antwortete Chicot, denn ſie ſingt zu ihrer Stunde. Nun aber iſt das Wetter ſo truͤb, Heineken, in Wahr⸗ heit ſo truͤbp, daß man den Tag fuͤr die Nacht halten kann, und ich ſage Dir das, was Du hoͤren mußt. Sieh? — Was? — Betrachte meine Landcharte und urtheile. Hier iſt zuvoͤrderſt Anjou, das ziemlich einer kleinen Torte gleicht. Siehſt Du? Dorthin hat ſich Dein Bruder ge⸗ fluͤchtet; ich habe ihm demnach auch den erſten Platz ge⸗ geben. Hm? Anjou, gut geleitet und gut geführt, wie es Dein Oberjaͤgermeiſter Monſoreau und Dein Freund Buſſy leiten und fuͤhren werden, kann Anjou fuͤr ſich allein uns, wenn ich ſage uns, ſo iſt das Deinem Bru⸗ der, kann Anjou Deinem Bruder zehn Tauſend Streiter liefern. — Du glaubſt? — Das iſt das Geringſte; gehen wir auf die Guyenne uͤber. Die Guyenne, Du ſiehſt ſie, nicht wahr? Hier — 64— iſt ſie! Es iſt dieſe Figur, welche einem auf einem Beine gehenden Kalbe gleicht. Ah, der Henker! Die Guyenne, Du mußt Dich nicht verwundern, dort einige Unzufriedene zu finden, das iſt ein alter Heerd der Em⸗ poͤrung, und die Englaͤnder haben es kaum verlaſſen. Die Guyenne wird demnach entzuͤckt ſein, ſich zu empoͤ⸗ ren, nicht gegen Dich, ſondern gegen Frankreich. Auf Guyenne muß man acht Tauſend Soldaten rechnen. Das iſt wenig! Aber ſie werden ſehr krieggeuͤbt, ſehr er⸗ probt ſein, ſei unbeſorgt! Dann haben wir zur Linken der Guyenne Bearn und Navarra. Du ſiehſt? Dieſe bei⸗ den Felder, welche einem Affen auf dem Ruͤcken eines Elephanten gleichen. Gewiß hat man Navarra ſehr be⸗ ſchnitten, aber mit Bearn bleibt ihm noch eine Bevoͤlke⸗ rung von drei bis vier Mal hundert Tauſend Seelen. Nimm an, daß Bearn und Navarra, von Heinrich ſehr gedruͤckt, ſehr gedraͤngt, ſehr ausgeſogen, der Ligue fuͤnf Procent ihrer Bevoͤlkerung liefern, das macht ſechszehn Tauſend Mann; uͤberſchlagen wir demnach: zehn Tauſend für Anjou. 3 AUnd Chicot fuhr fort mit ſeinem Seabe Figuren in den Sand zu zeichnen. Hier. 3 Lan t 10,000 1 Acht Tauſend für Guyenne, hier.. 8,000 Sechszehn Tauſend fuͤr Bearn und Navarra 16, 000 Summa 34,000 — Du glaubſt alſo, ſagte Heinrich, daß der Koͤnig von Navarra ein Buͤndniß mit meinem Bruder ſießen wird? bin Ls 10 dd F ve al C — 65— em— Bei Gott! Die— Du glaubſt alſo, daß er in Etwas bei ſeiner ige Flucht betheiligt iſt? m⸗ Chicot blickte Heinrich feſt an. ten.— Heineken, ſagte er, das iſt eine Idee, die nicht poͤ von Dir herruͤhrt. Auf— Warum das? en.— Weil ſie zu ſtark iſt, mein Sohn. er⸗— Gleichviel, von wem ſie herruͤhrt; ich frage Dich, der antworte: Glaubſt Du, daß Heinrich von Navarra in bei⸗ Etwas bei der Flucht meines Bruders betheiligt iſt? nes— Ei, aͤußerte Chicot, ich habe in der Gegend der be⸗ Straße de la Ferronnerie ein Ventre ſaint⸗gris! gehoͤrt, ake⸗ das mir heute, wo ich daran denke, ziemlich beweiſend mm ſcheint. ickt,— Du haſt ein Ventre ſaint⸗gris! gehoͤrt, rief der cent Koͤnig aus. ſend— Meiner Treue, ja, antwortete Chicot, ich erinnere fuür mich erſt heute daran. — Er war alſo in Paris? min— Ich glaube es.—. — und was kann Dich es glauben laſſen?* 0—— Meine Augen. 0— Du haſt Heinrich von Navarra geſehn? 97— Ja. önig— und du haſt mir nicht geſagt, daß mein Feind eßen gekommen waͤre, mir ſelbſt in meiner Hauptſtadt zu trotzen. Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band⸗ 5 —- 66— — Man iſt Edelmann, oder man iſt es nicht, ſagte Chicot. — Weiter? — Nun denn, wenn man Edelmann iſt, ſo iſt man kein Spion, weiter Nichts. Heinrich blieb tiefſinnig. — Demnach alſo, ſagte er, Anjou und Bearn, mein Bruder Franz und mein Vetter Heinrich. — Ohne die drei Guiſen zu rechnen, wohl ver⸗ ſtanden. — Wie, Du glaubſt, daß ſie ein Buͤndniß mit ein⸗ ander ſchließen werden? — Vier und dreißig Tauſend Mann von der einen Seite, ſagte Chicot, indem er an ſeinen Fingern zaͤhlte; zehn Tauſend fuͤr Anjou, acht Tauſend fuͤr Guyenne, ſechszehn Tauſend fuͤr Bearn, außerdem zwanz 8 bis fuͤnf und zwanzig Tauſend Mann unter den Befehlen des Herrn von Guiſe, als Generallieutenant Deiner Heere; in Sum⸗ ma neun und funfzig Tauſend Mann; nehmen wir nur funfzig Tauſend Mann an, wegen Gicht, Rheumatis⸗ mus, Lendenweh und anderer Krankheiten. Das iſt, wie 1 Du ſiehſt, mein Sohn, ein noch ziemlich huͤbſches Ganze. — Aber Heinrich von Navarra und der Herzog von Guiſe ſind Feinde⸗ — Wasſſie nicht abhalten wird, ſich gegen Dich zu verbinden, um ſich nachher unter ſich umzubringen, wenn ſie Dich ſelbſt werden umgebracht haben. — Du haſt Recht, Chicot, meine Mutter hat Recht; gte dan — 67— man muß einen Scandal verhindern; hilf mir, die Schweizer zu verſammeln. — Ah ſchoͤn! Ja, die Schweizer! Quelus hat ſie mitgenommen. — Meine Garden. — Schomberg hat ſie genommen. — Die Leute meines Dienſtes zum Mindeſten. — Sie ſind mit Maugiron aufgebrochen. — Wie, rief Heinrich aus, ohne meinen Befehl? — und ſeit wann ertheilſt Du denn Befehle, Hein⸗ rich? Ah, wenn es ſich um Proceſſionen oder Geiße⸗ lungen handelte, ſo wollte ich Nichts ſagen, man laͤßt Dir uͤber Deine Haut und ſelbſt uͤber die Haut Anderer vollſtaͤndige Gewalt. Aber wenn es ſich um Krieg han⸗ delt, wenn es ſich um die Regierung handelt, o weh, das gehteerrn Schomberg, Herrn Quélus und Herrn von Maugiron anz was d'Epernon anbelangt, ſo ſage ich Nichts uͤber ihn, da er ſich verſteckt. 5 — Gottes Tod! rief Heinrich aus. Geht es denn ſo zu? — Erlaube mir, Dir zu ſagen, mein Sohn, erwi⸗ derte Chicot, daß Du ſehr ſpaͤt gewahr wirſt, daß Du nur der ſiebente oder achte Koͤnig Deines Reiches biſt. Heinrich biß ſich auf die Lippen, indem er mit dem Fuße ſtampfte. — Eil ſagte Chicot, indem er in der Dunkelheit zu unterſcheiden ſuchte. — Was giebt es? fragte der Koͤnig. 5*† ₰ 68— — Sapperment, das ſind ſie; da, Heinrich, da ſind Deine Maͤnner. Und er zeigte dem Koͤnige drei bis vier Reiter, wel⸗ che, in gewiſſer Entfernung von einigen anderen Maͤn⸗ nern zu Pferde und von vieler Mannſchaft zu Fuße ge⸗ folgt, herbeieilten. Die Reiter, welche dieſe beiden neben den Graͤben ſtehenden und halb in der Dunkelheit verlorenen Maͤn⸗ ner nicht bemerkten, wollten in das Louvre zuruͤckkehren. — Schomberg, rief der Koͤnig aus, Schomberg, hierher. — Heda, ſagte Schomberg, wer ruft mich? — Komm immer hin, mein Sohn, komm! Schomberg glaubte die Stimme zu erkennen und kam naͤher. — Ei, ſagte er, Gott verdamme mich, es iſt der Koͤnig! — Ich ſelbſt, der Euch nacheilte, und da ich nicht wußte, wo ich Euch antreffen ſollte, Euch mit Ungeduld erwartete. Was habt Ihr gethan? 1 — Was wir gethan haben? ſagte ein zweiter Reiter, indem er heran ritt. — Ah, komm, Quélus, komm auch, ſagte der Koͤ⸗ nig, und beſonders entferne Dich nicht mehr ſo ohne meine Erlaubniß. — Es iſt nicht mehr noͤthig, ſagte ein Dritter, den der Koͤnig fuͤr Maugiron erkannte, da Alles beendigt. — Was iſt beendigt? wiederholte der Koͤnig. — 69— - Gott ſei gelobt, ſagte d'Epernon, der ploͤtzlich er⸗ ſchien, ohne daß man wußte, woher er kaͤme. — Hoſianna! rief Chicot aus, indem er die Haͤnde gen Himmel erhob. — Dann habt Ihr ſie getoͤdtet, ſagte der Koͤnig. Aber er fuͤgte leiſe hinzu: — Alles gerechnet, kehren die Todten nicht wieder. — Ihr habt ſie getoͤdtet, ſagte Chicot, ah, wenn Ihr ſie getoͤdtet habt, ſo iſt Nichts dagegen zu ſagen. — Wir haben dieſe Muͤhe nicht gehabt, antwortete Schomberg, die Memmen ſind wie ein Schwarm Tau⸗ ben entflohen; kaum haben wir das Schwerdt mit ihnen kreuzen koͤnnen. Heinrich erbleichte. — Und mit wem habt ihr das Schwerdt gekreuzt? fragte er. — Mit Antraguet. — Dieſer da iſt zum Mindeſten auf dem Platze ge⸗ blieben? — Ganz im Gegentheile, er hat einen Diener von Quälus getoͤdtet. — Sie waren alſo auf ihrer Hut? fragte der Koͤnig. — Bei Gott, ich glaube wohl, daß ſie auf ihrer Hut waren! Ihr bruͤllt: Tod den Anjouern! Ihr ſetzt die Kanonen in Bewegung, Ihr laͤutet die Glocken, Ihr laßt alles Eiſenwerk von Paris zittern, und Ihr wollt, daß dieſe rechtſchaffenen Leute tauber ſein ſollen, als Ihr dumm ſeid? 1 — Kurz, kurz, murmelte der Köͤntg dumpf, da iſt ein Buͤrgerkrieg angefacht. Dieſe Worte ließen Quélus erbeben. — Den Teufel, aͤußerte er, das iſt wahr! — Ah, Ihr fangt an, es gewahr zu werden, ſagte Chicot; das iſt ein Gluͤck. Die Herren von Schomberg und von Maugiron hier ahnen es noch nicht.“ — Wir behalten uns vor, antwortete Schomberg, die Perſon und die Krone Seiner Majeſtaͤt zu verthei⸗ digen. — Ei, bei Gott, ſagte Chicot, dazu haben wir Herrn von Cliſſon, der minder laut ſchreiet, als Ihr, und der wohl eben ſo Viel werth iſt. — Aber am Ende, ſagte Quslus, der Ihr uns in den Tag hinein ausſcheltet, Herr Chicot, Ihr dachtet vor zwei Stunden wie wir, oder, wenn Ihr nicht wie wir dachtet, ſo ſchrieet Ihr zum Allermindeſten wie wir. — Ich? ſagte Chicot. — Gewiß, und Ihr fochtet ſogar gegen die Waͤnde, ind em Ihr ausriefet: Tod den Anjouern! — Aber mit mir, ſagte Chicot, iſt es etwas ganz Anderes; ich bin Narr, Jedermann weiß es; aber Ihr, die Ihr alle verſtaͤndige Leute ſeid. — Heda, Ihr Herren, ſagte Heinrich, Frieden! Wir werden bald wohl genug Krieg haben. — Was befiehlt Eure Majeſtaͤt? ſagte Quslus. — Daß Ihr denſelben Eifer darauf verwendet, das Volk zu beruhigen, den Ihr darauf verwandt habt, es zum Aufſtande zu bringen; daß Ihr die Schweizer, die — 71— Garden, die Leute meines Hauſes in das Louvre zuruͤck⸗ fuͤhrt, und daß man die Thore verſchließt, damit die Buͤrger morgen das Vorgefallene fuͤr einen tollen Streich trunkener Leute halten. Die jungen Leute entfernten ſich gedemuͤthigt, indem ſie die Befehle des Koͤnigs den Officieren uͤberbrachten, die ſie bei ihrer Unbeſonnenheit begleitet hatten. Was Heinrich anbelangt, ſo kehrte er zu ſeiner Mut⸗ ter zuruͤck, die thaͤtig, aber bange und mißmuthig, ihren Leuten Befehle ertheilte. — Nun, ſagte ſie, was iſt vorgefallen? — Leider, meine Mutter, iſt das vorgefallen, was Ihr vorausgeſehen habt. — Sie ſind auf der Flucht? — Ja. — Ah, ſagte ſie, und weiter? — Das iſt Alles, und ich meine, daß das wohl ge⸗ nug iſt. — Die Stadt? — Die Stadt iſt in Aufruhr, aber die Stadt beun⸗ ruhigt mich nicht, ich halte ſie in meiner Hand. — Ja, ſagte Katharine, aber die Provinzen. — Die ſich empoͤren, aufſtehen werden, fuhr Hein⸗ rich fort. — Was gedenkt Ihr zu thun? — Ich ſehe nur ein Mittel. — Welches? — Die Lage offen anzunehmen. — Auf welche Weiſe? — 72— — Ich gebe meinen Obriſten, meinen Garden das Loſungswort, laſſe meine Milizen bewaffnen, ziehe das Heer von la Charits zuruͤck und marſchire auf Anjou. — Und Herr von Guiſe? — Ei, Herr von Guiſe, Herr von Guiſe! Ich laſſe ihn verhaften, wenn es noͤthig iſt. — Ah, ja, wenn Euch dabei die ſtrengen Maßregeln gelingen. — Was dann thun? Katharine neigte ihren Kopf auf ihre Bruſt und uͤberlegte einen Augenblick lang. 14 — Alles, was Ihr da vorhabt, iſt unmoͤglich, mein Sohn, ſagte ſie. — Ah, rief Heinrich mit unendlichem Verdruſſe aus, ich habe alſo heute ſehr falſche Anſichten? — Nein, aber Ihr ſeid beunruhigt, faßt Euch zuvoͤr⸗ derſt wieder, und nachher wollen wir ſehen. — Dann, meine Mutter, habt Ihr Ideen fuͤr mich; laßt uns Etwas thun, laßt uns thaͤtig ſein. — Ihr ſeht, mein Sohn, ich ertheilte Befehle. — Wozu? — Fuͤr die Abreiſe eines Geſandten. — Und an wen ſenden wir ihn ab? — An Euren Bruder. Einen Geſandten an dieſen Verraͤther? Ihr demü⸗ 8 thigt mich, meine Mutter. 8 — Es iſt nicht der Moment, ſtolz zu ſein, aͤußerte Katharine auf ſtrenge Weiſe. — Einen Geſandten, der um Frieden bitten ſoll! — 3— — Der ihn ſogar erkaufen wird, wenn es ſein muß. — Zu welchem Zwecke? Mein Gott! — Ei, mein Sohn, ſagte die Florentinerin, wenn es auch nur dazu waͤre, um in aller Sicherheit nach geſchloſ⸗ ſenem Frieden diejenigen fangen zu laſſen, die ſich ge⸗ fluͤchtet haben, um Euch den Krieg zu machen. Sagtet Ihr nicht vorhin, daß Ihr ſie in Eurer Gewalt haben moͤgtet? O, ich wuͤrde vier Provinzen meines Reiches dafuͤr hingeben; fuͤr den Mann eine. Nun denn, wer den Zweck will, will die Mittel, er⸗ widerte Katharine mit einer durchdringenden Stimme, welche den Haß und die Rache auf dem Grunde von Heinrichs Herzen aufruͤhrte. — Ich glaube, daß Ihr Recht habt, meine Mutter, ſagte er. Aber wen ſollen wir an ihn abſenden? — Sucht unter Euren Freunden. — Ich mag noch ſo ſehr ſuchen, meine Mutter, ich ſehe nicht einen Mann, dem ich einen ſolchen Auftrag anvertrauen koͤnnte. — Dann vertrauet ihn einer Frau an. — Einer Frau, meine Mutter? Sollet Ihr etwa ein⸗ willigen?. — Ich bin ſehr alt, mein Sohn, ſehr lebensmuͤde, der Tod erwartet mich vielleicht bei meiner Ruͤckkehr, aber ich will die Reiſe ſo ſchnell machen, daß ich in An— gers anlange, bevor die Freunde Eures Bruders und Euer Bruder ſelbſt Zeit gehabt haben werden, alle ihre Macht zu begreifen. — 274— — O, meine Mutter, meine gute Mutter! rief Heinrich mit Ruͤhrung aus, indem er die Haͤnde Katha⸗ rinens kuͤßte. Ihr ſeid immer meine Stuͤtze, meine Wohl⸗ thaͤterin, meine Vorſehung! — Das heißt, daß ich immer noch Koͤnigin von Frankreich bin, murmelte Katharine, indem ſie auf ihren Sohn einen Blick heftete, in welchem zum Mindeſten eben ſo viel Mitleiden als Zaͤrtlichkeit lag.“ 12 V. In dieſem Kapitel wird bewieſen, daß Dankbarkeit eine der Tugenden des Herrn von Saint⸗Luc war. Am Morgen nach dem Tage, an welchem Herr von Monſoreau an der Tafel des Herzogs von Anjou jene klaͤgliche Miene gemacht hatte, welche ihm die Er⸗ laubniß, vor Beendigung des Mahles zu Bett zu gehen, eingetragen hatte, ſtand der Edelmann fruͤhzeitig auf und ging in den Hof des Palaſtes hinab. Es handelte ſich darum, den Stallknecht wieder zu⸗ finden, mit dem er bereits zu thun gehabt hatte, und, wenn es moͤglich waͤre, ihm einige Nachrichten uͤber Ro— lands Gewohnheiten zu entlocken. Es gluͤckte dem Grafen nach ſeinem Wunſche; er trat unter einen geraͤumigen Schuppen, in welchem vier⸗ zig prachtvolle Pferde das Stroh und den Hafer der Anjouer verzehrten, daß es ein Vergnuͤgen war, ihnen zuzuſehen. — 26— Der erſte Blick des Grafen war, Roland zu ſuchen; Roland befand ſich an ſeinem Platze und that Wunder unter den beſten Freſſern. Der zweite ſuchte den Stallknecht. Er erkannte ihn, wie er ſtehend, mit uͤbereinander⸗ geſchlagenen Armen nach Gewohnheit jedes guten Stall⸗ knechtes zuſah, mit welcher mehr oder minder begierigen Weiſe die Pferde ſeines Herrn ihr gewoͤhnliches Futter verzehrten. — Heda, Freund! ſagte der Graf. Sind denn die Pferde des gnaͤdigen Herrn daran gewoͤhnt, ganz allein in den Stall zuruͤck zu kehren, und richtet man ſie dar⸗ auf ab? — Nein, Herr Graf, antwortete der Stallknecht. Aus welcher Veranlaſſung fragt Eure Gnaden mich das? — In Bezug auf Roland. — Ah, ja, der geſtern allein zuruͤckgekehrt iſt. O, das verwundert mich nicht von Seiten Rolands, das iſt ein ſehr geſcheidtes Pferd. — Ja, ſagte Monſor eau, ich bin es gewahr worden. Die Sache war ihm alſo ſchon begegnet? — Nein, gnaͤdiger Herr; gewoͤhnlich reitet ihn Seine Hoheit, der Herzog von Anjou, der ein vortrefflicher Reiter iſt, und den man nicht leicht abwirft. — Roland hat mich nicht abgeworfen, mein Freund, ſagte der Graf, gereizt, daß ein Mann, waͤre dieſer Mann auch nur ein Stallknecht, glauben koͤnnte, daß er, der Oberjaͤgermeiſter von Frankreich, aus dem Sattel ge⸗ worfen wäre,— denn ohne ſo ſtark, als der Herr Herzog 4 0 ———————.— en; der der⸗ all⸗ gen tter die tein dar⸗ den. „von Anjou zu ſein, bin ich doch ein ziemlich guter Rei⸗ ter. Nein, ich hatte ihn an einem Baum gebunden, um in ein Haus zu treten. Bei meiner Ruͤckkehr war er verſchwunden; ich habe geglaubt, daß man ihn ent⸗ weder geſtohlen haͤtte, oder daß irgend ein Herr, wel⸗ cher denſelbden Weg voruͤbergekommen, mir den ſchlechten Scherz geſpielt haͤtte, ihn zuruͤckzufuͤhren; deshalb fragte ich Euch, wer ihn in den Stall haͤtte zuruͤckkehren laſſen. — Er iſt allein zuruͤckgekehrt, wie der Herr Ober⸗ haushofmeiſter geſtern die Ehre gehabt hat, es dem Herrn Grafen zu ſagen. —-Das iſt ſonderbar, ſagte Monſoreau. Er blieb einen Augenblick lang tiefſinnig, dann die die Unterhaltung wechſelnd, ſagte er: — Seine Gnaden reitet dieſes Pferd oft, ſagſt Du? — Er ritt es faſt taͤglich, bevor ſein Marſtall an⸗ gekommen war. — Seine Hoheit iſt geſtern ſpaͤt zuruͤckgekehrt? — ungefaͤhr eine Stunde vor Euch, Herr Graf. — Und welches Pferd ritt der Herzog? War es nicht ein Brauner, mit vier weißen Fuͤßen und einem Stern auf der Stirn? — Nein, gnaͤdiger Herr, Seine Hoheit ritt geſtern Iſolin, der hier ſteht. — Und befand ſich in dem Gefolge des Prinzen nicht ein Edelmann, der ein Pferd gleich demjenigen ritt, deſ⸗ ſen Signalement ich Dir angegeben habe? — Ich kenne Niemand, der ein ſolches Pferd hat. — — Es iſt gut, ſagte Monſoreau mit einer gewiſſen Ungeduld, ſo langſam in ſeinen Nachforſchungen weiter zu kommen. Es iſt gut, ich danke! Sattle mir Ro⸗ land. 3 — Der Herr Graf wuͤnſchen Roland? — Ja. Hat Dir der Prinz etwa Befehl gegeben, ihn mir zu verweigern? — Nein, gnaͤdiger Herr, der Stallmeiſter Seiner Hoheit hat mir im Gegentheile geſagt, den ganzen Stall zu Eurer Verfuͤgung zu ſtellen. Es war keine Moͤglichkeit, gegen einen Prinzen boͤs zu werden, der ſo zuvorkommend war. Herr von Monſoreau gab dem Stallknechte mit dem Kopfe einen Wink, und dieſer begann das Pferd zu ſat⸗ teln. Als dieſe erſte Verrichtung beendigt, band der Stall⸗ knecht Roland von der Krippe los, legte ihm den Zuͤgel an und fuͤhrte ihn dem Grafen zu. — Hoͤre, ſagte dieſer zu ihm, indem er den Zuͤgel aus ſeinen Haͤnden nahm, und antworte mir. — Mit Vergnuͤgen, ſagte der Stallknecht. — Wie Viel verdienſt Du jaͤhrlich? — Zwanzig Thaler, gnaͤdiger Herr. — Willſt Du zehn Jahre Deines Lohnes mit einem Male verdienen?. — Bei Gott! ſagte der Mann. Aber wie ſoll ich ſie verdienen? — Erkundige Dich, wer geſtern ein braunes Pferd 4 mit vier weißen Fuͤßen und einem Stern mitten auf der Stirn ritt. — Ah, gnaͤdiger Herr, ſagte der Stallknecht, was Ihr da von mir verlangt iſt ſehr ſchwierig; es giebt ſo viele Adelige, die Seiner Hoheit einen Beſuch abzuſtat⸗ ten kommen. — Ja, aber zwei Hundert Thaler iſt eine ſo huͤb⸗ ſche Summe, daß man wohl einige Muͤhe daran wagen kann, ſie zu verdienen. — Ohne Zweifel, Herr Graf, ich weigere mich dem⸗ nach auch nicht, mich, ſo Viel in meinen Kraͤften ſteht, danach zu erkundigen. — Thue das, ſagte der Graf, Dein guter Wille ge⸗ faͤllt mir. Hier ſind zehn Thaler auf Abſchlag, um Dich aufzumuntern; Du ſiehſt, daß Du nicht Alles verloren haben wirſt, ſollte es Dir nicht gelingen. — Ich danke Euch, gnaͤdiger Herr. — Es iſt gut, Du wirſt dem Prinzen ſagen, daß ich ausgeritten bin, um den Wald fuͤr die Jagd auszu⸗ kundſchaften, die er bei mir beſtellt hat. Der Graf hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als das Stroh hinter ihm unter den Schritten eines neu Ankommenden rauſchte. Er wandte ſich um. — Herr von Buſſy! rief der Graf aus. — Ei, guten Tag, Herr von Monſoreau, ſagte Buſſy; Ihr in Angers, welches Wunder! — und Ihr, mein Herr, von dem man ſagte, daß Ihr krank waͤret! — 80— — Ich bin es in der That, ſagte Buſſy; mein Arzt verordnet mir demnach auch gaͤnzliche Ruhe; ich bin ſeit acht Tagen nicht aus der Stadt gekommen. Ah, ah, Ihr wollt Roland reiten, wie es ſcheint? Es iſt ein Thier, das ich dem Herzoge von Anjou verkauft habe und mit dem er ſo zufrieden iſt, daß er es faſt alle Tage reitet. Monſoreau erbleichte. — Ja, ſagte er, ich begreife das, es iſt ein vortreff⸗ liches Thier. — Ihr habt keine ungluͤckliche Hand gehabt, ihn 1 auf den erſten Blick zu waͤhlen, ſagte Buſſy. — O, wir machen nicht erſt heute Bekanntſchaft mit einander, erwiderte der Graf, ich habe ihn geſtern 5 ritten. — Was Euch Luſt gemacht hat, ihn heute wieder zu reiten. 3 — Ja, ſagte der Graf. — Verzeiht, begann Buſſy wieder, Ihr ſpracht da⸗ von, uns eine Jagd vorzubereiten. — Der Prinz wuͤnſcht einen Hirſch zu jagen. — Es giebt deren viele in der Umgegend, wie ich mir habe ſagen laſſen. — Viel. — und nach welcher Seite werdet Ihr das Wild umſtellen? Nach der Seite von Meridor. Ah, ſehr ſchoͤn, ſagte Buſſy, indem er nun u6 d unwillkuͤrlich erbleichte. ſe — 81— — Wollt Ihr mich begleiten? fragte Monſoreau. — Nein, Tauſend Dank, antwortete Buſſy. Ich will mich zu Bette legen, ich fuͤhle, wie das Fieber mich wieder befaͤllt. — Ah, ſchoͤn, rief von der Schwelle des Stalles aus eine toͤnende Stimme, da iſt Herr von Buſſy wie⸗ der ohne meine Erlaubniß aufgeſtanden. — Le Haudoin, ſagte Buſſy; gut, jetzt bin ich ſicher ausgezankt zu werden. Gott befohlen, Graf, ich em⸗ pfehle Euch Roland. — Seid unbeſorgt. Buſſy entfernte ſich und Herr von Monſoreau ſchwang ſich auf den Sattel. — Was habt Ihr denn? fragte le Haudoin. Ihr ſeid ſo bleich, daß ich faſt ſelbſt glaube, daß Ihr krank ſeid. — Weißt Du, wohin er geht? fragte Buſſy. — Nein. — Er geht nach Moridor. — Nun denn, hattet Ihr gehofft, daß er es zur Seite laſſen wuͤrde? — Was wird geſchehen, mein Gott, nach dem, was geſtern vorgefallen iſt? — Frau von Monſoreau wird leugnen. — Aber er hat geſehen. — Sie wird behaupten, daß er den Staar habe. — Diana wird dieſe Kraft nicht haben. — O, Herr von Buſſy, iſt es moͤglich, daß Ihr die Frauen nicht beſſer kennt! Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band. 6 — Remy, ich fuͤhle mich ſehr unwohl. 4 — Ich glaube es wohl. Kehrt nach Haus zuruͤck. z Ich verordne Euch fuͤr heute Morgen... d — Was? 3 — Ein gedaͤmpftes Huhn, ein Stuͤck Schinken und 9 eine Krebsſuppe. d — Ei, ich habe keinen Hunger. — Ein Grund mehr, daß ich Euch zu eſſen ver⸗ 8 ordne. — Remy, ich habe die Ahnung, daß dieſer Wätherich t irgend einen tragiſchen Auftritt in Meridor anſtellen wird. 2 Wahrlich, ich haͤtte es annehmen ſollen ihn zu begleiten, als er mir es angeboten hat. 8 n — Wozu? e — Um Diana zu unterſtuͤtzen. ſ — Frau Diana wird ſich wohl ganz allein unter⸗ 3 ſtuͤtzen, ich habe es Euch bereits geſagt, und ich wieder⸗ 2 hole es Euch, und da wir es eben ſo machen müſſen, ſo kommt, ich bitte Euch. Außerdem darf man Euch nicht außer dem Bette ſehen. Warum ſeid Ihr trotz — meiner Verordnung ausgegangen? ſ — Ich war zu ſehr beſorgt, ich habe es nicht aus⸗ 1 halten koͤnnen. b Remy zuckte die Achſeln, nahm Buſſy mit ſich, und ſetzte ihn bei verſchloſſenen Thuͤren an eine gute beſetzte 1 Tafel, waͤhrend Herr von Monſoreau Angers durch daſ⸗ ſelbe Thor als geſtern verließ. und — 83— Der Graf hatte ſeine Gründe gehabt, um Roland zu verlangen; er hatte ſich verſichern wollen, ob ihn dieſes Thier, deſſen Verſtand Jedermann ruͤhmte, aus Zufall oder aus Gewohnheit an die Mauer des Parkes gefuͤhrt haͤtte. Als er den Palaſt verließ, hatte er ihm dem zu Folge den Zuͤgel auf den Hals gelegt. Roland hatte nicht ermangelt das zu thun, was ſein Reiter von ihm erwartete. Kaum außerhalb des Thores hatte er ſich links gewandt. Herr von Mon⸗ foreau hatte ihm ſeinen Willen gelaſſen, dann zur Rech⸗ ten, und Herr von Monſoreau hatte ihm wieder ſeinen Willen gelaſſen. Alle Beide waren demnach auf den reizenden blu⸗ migen Fußpfad gelangt, dann in den Niederwald, dann endlich in den Hochwald. In dem Maße, als Roland ſich Méridor naͤherte, ſtreckte ſich, wie geſtern, ſein Trab; endlich verwandelte ſich ſein Trab in Galopp, und nach Verlauf von vierzig bis funfzig Minuten befand ſich Herr von Monſoreau der Mauer gerade an derſelben Stelle, als geſtern, gegenuͤber. Nur war der Ort oͤde und ſtill; kein Wiehern hatte ſich hoͤren laſſen, kein Pferd erſchien, weder angebunden noch herumirrend. Herr von Monſoreau ſtieg ab; aber, um nicht wie⸗ der die Gefahr zu laufen, zu Fuß zuruͤckzukehren, hing er dieſes Mal Rolands Zuͤgel uͤber ſeinen Arm, und be⸗ gann die Mauer zu erklettern. Aber Alles war im Inneren wie außerhalb des Par⸗ kes einſam. So weit als das Auge reichte, erſtreckten * 6* — 84— ſich lange Alleen, und einige huͤpfende Rehe belebten allein den verlaſſenen Raſen der großen Grasplaͤtze. Der Graf hielt es fuͤr unnoͤthig ſeine Zeit mit Be⸗ lauern von gewarnten Leuten zu verlieren, die, durch ſeine geſtrige Erſcheinung erſchreckt, ohne Zweifel ihre Zuſammenkuͤnfte unterbrochen oder einen anderen Ort gewaͤhlt hatten; er ſtieg wieder zu Pferde, ritt einen kleinen Fußpfad entlang, und nach Verlauf einer Vier⸗ telſtunde, waͤhrend der er genoͤthigt geweſen war, Roland zuruͤckzuhalten, war er an das Thor gelangt. Der Baron war damit beſchaͤftigt, ſeine Hunde peit⸗ ſchen zu laſſen, um ſie in Athem zu halten, als der Graf uͤber die Zugbruͤcke ritt. Er erblickte ſeinen Schwie⸗ gerſohn und kam ihm ceremonioͤs entgegen. Unter einem prachtvollen Maulbeerfeigenbaume ſiz⸗ zend, las Diana die Gedichte Marots. Gertrude, ihre getreue Zofe, ſtickte an ihrer Seite. Nachdem er den Baron begruͤßt, erblickte der Graf die beiden Frauen. Er ſtieg ab, und ging auf ſie zu. Diana ſtand auf, ging dem Grafen drei Schritte entgegen, und machte ihm eine gravitaͤtiſche Verbeugung. — Welche Ruhe, oder vielmehr welche Falſchheit! murmelte der Graf. Welchen Sturm ich dem Schooße dieſer ſtillen Waſſer ſich erheben laſſen werde! Ein Diener trat heran: der Oberjaͤgermeiſter warf — ihm den Zuͤgel ſeines Pferdes zu; dann ſich nach Diana umwendend, ſagte er: — Ich bitte Euch, gnaͤdige Frau, mir einen Augen⸗ blick der Unterhaltung bewilligen zu wollen. — Sehr gern, mein Herr, antwortete Diana. — Erzeigt Ihr uns die Ehre auf dem Schloſſe zu wohnen, Herr Graf? fragte der Baron. — Ja, mein Herr, zum Mindeſten bis morgen. Der Baron entfernte ſich, um ſelbſt daruͤber zu wa⸗ chen, daß das Zimmer ſeines Schwiegerſohnes nach al⸗ len Vorſchriften der Gaſtfreundſchaft eingerichtet wuͤrde. Monſoreau deutete Dianen den Stuhl an, den ſie ſo eben verlaſſen, und ſetzte ſich auf den Gertrudens, in⸗ dem er einen Blick auf Dianen heftete, welcher den herzhafteſten Mann eingeſchuͤchtert haͤtte. — Madame, ſagte er, wer war denn geſtern Abend mit Euch in dem Parke? Diana erhob einen leuchtenden und klaren Blick zu ihrem Gatten. — Um welche Stunde, mein Herr? antwortete ſie mit einer Stimme, aus welcher es ihr durch Willens⸗ kraft uͤber ſich ſelbſt gelungen war jede Aufregung zu verſcheuchen. — Um ſechs Uhr. — In welcher Gegend? — In der Gegend des alten Schlages. — Das muß irgend eine meiner Freundinnen gewe⸗ ſen ſein, und nicht ich, welche in dieſer Gegend ſpazie⸗ ren ging. — Ihr waret es, Madame, behauptete Monſoreau. — 86— 4 — Was wißt Ihr davon? ſagte Diana. 8 Auf das Hoͤchſte erſtaunt, fand Monſoreau kein Wor zu antworten; aber der Zorn trat bald an die Stelle dieſes Erſtaunens. — Den Namen jenes Mannes, nennt ihn mir! — Welches Mannes?— — Desjenigen, der mit Euch ſpazieren ging. — Ich kann ihn Euch nicht nennen, wenn ich es nicht war, die ſpazieren ging. — Ihr waret es, ſage ich Euch, rief Monſoreau aus, indem er den Boden mit dem Fuße ſtampfte. — Ihr irrt Euch, mein Herr, antwortete Diana kalt. — Wie wagt Ihr das zu leugnen, was ich geſehen habe. — Ah! Ihr ſelbſt, mein Herr? — Ja, Madame, ich ſelbſt. Wie wagt Ihr dem⸗ nach zu leugnen, daß Ihr es waret, da ſich keine andere Frau, als Ihr, in Meridor befindet? — Das iſt wieder ein Irrthum, mein Herr, denn Johanna von Briſſac iſt hier. — Frau von Saint⸗Luc? — Ja, Frau von Saint⸗-Luc, meine Freundin. — Und Herr von Saint⸗Luc? — Verlaͤßt ſeine Frau nicht, wie ihr wißt, denn ſeine Heirath iſt eine Heirath aus Liebe; Herr und Frau von Saint-Luc ſind es, die Ihr geſehen habt. 5 — Es war nicht Herr von Saint⸗Luc, es war ni Freau von Saint⸗Luc. Ihr waret es, die ich vollkom⸗ 8 men erkannt habe, mit einem Manne, den ich nicht Vort telle es eau alt. hen em⸗ dere enn — 87— kenne, den ich aber kennen lernen werde, ich ſchwoͤre es Euch. — Ihr beharrt alſo darauf zu ſagen, daß ich es war, mein Herr? — Aber ich ſage Euch, daß ich Euch erkannt habe; ich ſage Euch, daß ich den Schrei gehoͤrt habe, den Ihr ausgeſtoßen habt. — Wenn Ihr wieder bei geſundem Verſtande ſeid, mein Herr, ſagte Diana, ſo werde ich einwilligen, Euch anzuhoͤren; aber in dieſem Augenblicke halte ich es fuͤr beſſer mich zu entfernen. — Nein, Madame, ſagte Monſoreau, indem er Diana bei dem Arme zuruͤckhielt, Ihr werdet bleiben. — Da kommen Herr und Frau von Saint⸗Luc, mein Herr, ſagte Diana. Ich hoffe, daß Ihr Euch in ihrer Gegenwart beherrſchen werdet. In der That, durch die Mittagsglocke herbeigerufen, die ſo eben gelaͤutet worden war, als ob man nur Herrn von Monſoreau erwartet haͤtte, um ſich zu Tiſche zu ſez⸗ zen, waren Sainct⸗Luc und ſeine Frau ſo eben an dem Ende einer Allee erſchienen. Alle Beide erkannten den Grafen, und indem ſie erriethen, daß ſie durch ihre Gegenwart ohne Zweifel Diana aus einer großen Verlegenheit ziehen wuͤrden, ka⸗ men ſie raſch herbei. Frau von Saint⸗Luc machte Herrrn von Monſo⸗ reau eine große Verbeugung. Saint⸗Luc reichte ihm herzlich die Hand. Alle Drei wechſelten einige Artigkei⸗ — 8s— ten aus; dann, ſeine Frau an den Arm des Grafen draͤngend, nahm Saint-Luc den Arm Dianens. 4 Man ging nach dem Hauſe zu. Man aß um neun Uhr auf dem Schloſſe von Me⸗ ridor zu Mittag; das war ein alter Gebrauch aus den Zeiten des guten Koͤnigs Ludwig des XII., welchen der Baron in ſeiner ganzen Unverletztheit beibehalten hatte. Herr von Monſoreau befand ſich zwiſchen Herrn und Frau von Saint⸗Luec geſetzt. Diana, durch ein ge⸗ ſchicktes Manoͤvre ihrer Freundin von ihrem Gatten ent⸗ fernt, ſaß zwiſchen Saint⸗Luc und dem Baron. Die Unterhaltung war allgemein, ſie drehete ſich ganz natuͤrlich um die Ankunft vom Bruder des Koͤnigs in Angers, und um ⸗den Aufſtand, den dieſe Bewegung in der Provinz zu bewirken im Begriffe ſtaͤnde. Monſoreau haͤtte ſie wohl gern auf andere Gegen⸗ ſtaͤnde lenken moͤgen, aber er hatte es mit unlenkſame 1 Tiſchgenoſſen zu thun; alle ſeine Muͤhe war umſonſt. 4 Nicht etwa, daß Saint⸗Luc ſich im Mindeſten wei⸗ gerte ihm zu antworten, ganz im Gegentheile, er ſchmei⸗ chelte dem wuͤthenden Eheherrn mit einem liebenswuͤrdi⸗ gen Witze, und Diana, welche in Folge des Geplauders Sainct-Lucs ſchweigen konnte, dankte ihrem Freunde durch beredte Blicke. — Dieſer Sainet-Luc iſt ein Dummkopf, der wie ein Staarmatz plaudert, ſagte ſich der Graf; das iſt der Mann, aus dem ich das Geheimniß, das ich zu wiſſen wuͤnſche, herauslocken will, und zwar durch das eine oder das andere Mittel. — 80— Herr von Monſoreau kannte Saint-Luc nicht, da er gerade an den Hof gekommen war, als dieſer ihn verlaſſen. Und auf dieſe Ueberzeugung hin begann er dem jun⸗ gen Manne auf eine Weiſe zu antworten, welche die Freude Dianas verdoppelte und die Ruhe uͤber alle Punkte wieder herbeifuͤhrte. Außerdem gab Saint⸗Luc der Frau von Monſoreau Winke mit den Augen, und dieſe Winke ſagten ſichtlich: SSeid unbeſorgt, gnaͤdige Frau, ich reife einen Plan. Wir werden in dem folgenden Kapitel ſehen, worin der Plan des Herrn von Saint Luc beſtand. VII. Der Plan des Herrn von Saint⸗Luc. Ms das Mahl beendigt, nahm Monſoreau ſeinen neuen Freund beim Arme, und indem er ihn aus dem Schloſſe fuͤhrte, ſagte er zu ihm: — Wißt Ihr, daß ich hoͤchſt gluͤcklich bin, hier gefunden zu haben, ich, den die Einſamkeit von Méridor im Voraus erſchreckte? — Schoͤn, ſagte Saint⸗Luc, habt Ihr denn nihe Eure Frau? Was mich anbetrifft, ſo meine ich, daß ich mit einer ſolchen Gefaͤhrtin eine Wuͤſte zu bevoͤlkert“ finden wuͤrde. — Ich ſage nicht nein, antwortete Monſoreau, in⸗ dem er ſich auf die Lippen biß. Dennoch... — Dennoch, was? — Dennoch bin ich ſehr froh, Euch hier angetroffen zu haben. 1 m * — 91— — Mein Herr, ſagte Saint⸗Luc, indem er ſich mit einem kleinen goldenen Degen die Zaͤhne reinigte, Ihr ſeid in Wahrheit ſehr hoͤflich; denn ich werde niemals glauben, daß Ihr mit einer ſolchen Frau und einer ſo reichen Natur gegenuͤber nur einen einzigen Augenblick lang Langeweile habt fuͤrchten koͤnnen. — Bah, ſagte Monſoreau, ich habe die Haͤlfte mei⸗ nes Lebens in den Waͤldern zugebracht. — Ein Grund mehr, um Euch in ihnen nicht zu langweilen, ſagte Saint⸗Luc; ich meine, je laͤnger man die Waͤlder bewohnt, deſto mehr liebt man ſie; ſeht doch, welchen wundervollen Park. Ich weiß wohl, daß ich untroͤſtlich ſein werde, wenn ich ihn werde ver⸗ laſſen muͤſſen. Ungluͤcklicher Weiſe fuͤrchte ich, daß das bald geſchehen wird. — Warum ſolltet Ihr ihn verlaſſen? — Ei, mein Herr, iſt der Menſch Herr ſeines 5 8 Schickſales? Er iſt das Blatt des Baumes, das der Wind abreißt und uͤber die Ebene und durch die Thaͤler fuͤhrt, ohne daß er ſelbſt weiß, wohin er geht. Ihr ſeid ſehr gluͤcklich. — Gluͤcklich, uͤber was? — Unter dieſem prachtvollen Schatten zu wohnen. — O, ſagte Monſoreau, wahrſcheinlicher Weiſe werde auch ich nicht lange unter ihm wohnen. — Bah, wer kann das ſagen? Ich glaube, daß Ihr Euch irrt. — Nein, ſagte Monſoreau, nein, o, ich bin nicht ſo ſchwaͤrmeriſch fuͤr die ſchoͤne Natur, als Ihr, und ich traue dieſem Parke nicht, den Ihr ſo ſchoͤn findet. — Was beliebt? aͤußerte Saint⸗Luc. — Ja, wiederholte Monſoreau. — Ihr trauet dieſem Parke nicht, habt Ihr ge⸗ ſagt, und in welcher Beziehung? — Weil er mir nicht ſicher ſcheint. 8 — Nicht ſicher, in Wahrheit? ſagte Saint-Luc er⸗ ſtaunt. Ach, ich begreife; wegen der abgeſonderten Lage, wollt Ihr ſagen? — Nein, das iſt gerade nicht die Urſache, denn ich ſetze voraus, daß Ihr Geſellſchaft in Méridor em⸗ pfangt. — Meiner Treue nein, ſagte Saint⸗Luc mit voll⸗ kommener Natuͤrlichkeit; nicht eine Seele. — Ah, wahrhaftig? — Wie ich die Ehre habe Euch zu ſagen. — Wie, Ihr empfangt nicht von Zeit zu Zeit ir⸗ gend einen Beſuch? — Zum Mindeſten nicht, ſeitdem ich hier bin. — Von dieſem ſchoͤnen Hofe, der ſich in Angers 3 aufhaͤlt, kommt nicht von Zeit zu Zeit ein Edelmann? — Nicht Einer. — Das iſt unmoͤglich. — Dem iſt indeſſen ſo. — Ah, pfui doch, Ihr verleumdet die Anjouer Edel⸗ leute. — Ich weiß nicht, ob ich ſie verleumde, aber der d 2⸗ -— 93— Teufel ſoll mich holen, wenn ich die Feder eines Ein⸗ zigen erblickt habe. — Dann habe ich Unrecht uͤber dieſen Punkt. — Ja, vollkommen Unrecht. Kommen wir demnach auf das zuruͤck, was Ihr Anfangs ſagtet, naͤmlich, daß der Park nicht ſicher waͤre. Giebt es etwa Baͤren in ihm? — O, nicht doch. — Woͤlfe? — Auch nicht. — Diebe? — Vielleicht. Sagt mir, mein lieber Herr, Frau von Saint⸗Luc iſt ſehr huͤbſch, wie es mir geſchienen hat. — Ei, ja. — Geht ſie etwa oft in dem Parke ſpazieren? — Oft, ſie iſt wie ich, ſie vergoͤttert das Land; aber warum richtet Ihr dieſe Frage an mich? — Um Nichts! Und wenn ſie ſpazieren geht, beglei⸗ tet Ihr ſie? — Immer. — Faſt immer? — Aber worauf der Teufel wollt Ihr hinaus? — Ei mein Gott! Auf Nichts, lieber Herr von Saint⸗Luc, oder zum Mindeſten faſt auf Nichts. — Ich hoͤre. — Weil man mir ſagte.. — Was ſagte man Euch? Sprecht! — Ihr werdet nicht boͤs werden? — Ich werde niemals boͤs. — Außerdem unter Ehemaͤnnern kann man ſich ſo Etwas ſagen; weil man mir ſagte, daß man einen Mann in dem Parke haͤtte herumſtreifen ſehen. — Einen Mann? — Ja. — Der wegen meiner Frau kaͤme? — O, das ſage ich nicht. — Ihr haͤttet vollkommen Unrecht es nicht zu ſagen, lieber Herr von Monſoreau! Das iſt hoͤchſt intereſſant. Und wer hat denn das geſehen? Ich bitte Euch. — Wozu nuͤtzt has? — Sprecht immerhin. Wir plaudern, nicht wahr: Nun denn, es iſt eben ſo gut, davon zu plaudern, als von andern Dingen. Ihr ſagtet alſo, daß dieſer Mann wegen Frau von Saint⸗Luc kaͤme? Ei, ei, eil 4 — Hoͤrt, wenn ich Euch Alles geſtehen muß. Wohl. an, nein, ich glaube nicht, daß es wegen Frau von Saint⸗Luc iſt. — Und weswegen denn? — Ich fuͤrchte im Gegentheile, daß es wegen Diana geſchieht. — Ah, bah, aͤußerte Saint⸗Luc, das waͤre mir lieber. — Wie! Euch waͤre das lieber? 8 — Ohne Zweifel. Ihr wißt, es giebt kein ſelbſt. — 95— ſuͤchtigeres Geſchlecht, als die Ehemaͤnner. Jeder fuͤr ſich! Gott fuͤr Alle! — Der Teufel vielmehr! — Demnach glaubt Ihr alſo, daß ein Mann ſich eingeſchlichen hat? — Ich glaube es nicht allein, ſondern mehr als das, ich habe es geſehen. — Ihr habt einen Mann in dem Parke geſehen? — Ja. — Allein? — Mit Frau von Monſoreau. — Wann das? — Geſtern. — Wo denn? — Da, hier zur Linken, ſeht! Und da Monſoreau ſeinen Spaziergang und den Saint⸗Lucs nach der Seite des alten Schlages geleitet hatte, ſo konnte er ſeinem Begleiter von da aus, wo er war, die Stelle zeigen. — Ah, ſagte Saint⸗Luc, das iſt in der That eine Mauer in ſehr ſchlechtem Zuſtande; ich werde den Ba⸗ ron warnen muͤſſen, daß man ihm ſeine Mauern be⸗ ſchaͤdigt. — Und auf wen habt Ihr Verdacht? — Ich? — Ja. — Ueber was? — 96— — Daß er uͤber die Mauer klettert, um in dem Parke mit meiner Frau zu plaudern. Saint⸗Lue ſchien ſich in eine tiefe Betrachtung zu verſenken, deren Reſultat Herr von Monſoreau mit Bangigkeit erwartete. — Nun? ſagte er. — Den Henker, aͤußerte Sainct⸗Luc, ich ſehe eben Nichts, als... — Als... wen?... — Als... Euch, ſagte Saint⸗Luc, indem er die vor das Geſicht gehaltenen Haͤnde zuruͤckzog. — Scherzt Ihr, mein lieber Herr von Saint⸗Luc? ſagte der Graf beſtuͤrzt. Ehe machte ich auch ſolche Poſſen. Warum ſolltet Ihr — Meiner Treue, nein. In der erſten Zeit meiner ſie nicht machen? — Nicht doch, Ihr wollt mir nicht antworten; ge⸗ ſteht das, lieber Freund, aber fuͤrchtet Nichts... ich habe Muth. Sagt an, helft mir, beſinnt Euch, das iſt ein unermeßlicher Dienſt, den ich von Euch erwarte. Saint⸗Luc kratzte ſich hinter dem Ohre. — Ich ſehe immer nur Euch, ſagte er. — Scherz bei Seite, nehmt die Sache ernſthaft, mein Herr, denn ich ſage Euch, ſie iſt von Wichtigkeit. — Ihr glaubt? — Aber ich ſage Euch, daß ich deſſen gewiß bin⸗ — Dann iſt es etwas Anderes; und wie kommt dieſer Mann, wißt Ihr es? — Er kommt verſtohlener Weiſe, bei Gott! — 97— — Oft? — Ich glaube es wohl; ſeine Fuͤße ſind in den wei⸗ chen Stein der Mauer eingedruͤckt; ſeht doch ſelbſt. — In der That. — Seid Ihr denn niemals das gewahr geworden, was ich Euch ſo eben geſagt? — O, aͤußerte Saint⸗Luc, ich ahnete es wohl ein Wenig. — Ah, ſeht Ihr! aͤußerte der Graf beklommen. Und dann? — Nachher habe ich mich nicht darum bekuͤmmert; ich habe geglaubt, daß Ihr es waͤret. — Aber wenn ich Euch ſage, daß ich es nicht war! — Ich glaube Euch, mein lieber Herr! — Ihr glaubt mir? — Ja. — Nun denn, dann? — Dann iſt es irgend ein Anderer. Der Oberjaͤgermeiſter ſah Saint-Luc, der ſeine koketteſte und gefaͤlligſte Gleichguͤltigkeit an den Tag legte, mit faſt drohenden Augen an. — Ah, aͤußerte er mit einer ſo grimmigen Stirne, daß der junge Mann den Kopf erhob. — Ich habe noch eine Idee, ſagte Saint⸗Luc. — So ſagt doch! — Wenn es waͤre.. — Wenn es waͤre? — Nein. — Nein? Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band⸗ 7 — 98— — Aber wenn.. — Sprecht. — Wenn es der Herzog von Anjou waͤre. — Ich hatte wohl daran gedacht, erwiderte Mon⸗ ſoreau; aber ich habe Erkundigungen eingezogen; er konnte es nicht ſein. — Ei, ei, der Herzog iſt ſehr ſchlau. — Ja, aber er iſt es nicht. — Ihr ſagt mir immer, daß das nicht iſt, ſagte Saint⸗Luc, und Ihr wollt, daß ich Euch ſage, daß das ſo iſt. — Ohne Zweifel; Ihr, der Ihr das Schloß be⸗ wohnt, Ihr muͤßt wiſſen... — Wartet, rief Saint⸗Luc aus. — Habt Ihr es? — Ich habe noch eine Idee. Wenn es weder Ihr noch der Herzog war, ſo war ich es ohne Zweifel. — Ihr? — Warum nicht?. — Ihr ſolltet zu Pferde außerhalb des Parkes kom⸗ men, wo Ihr von innen kommen koͤnnt? — Ei, mein Gott, ich bin ein ſo launiges Weſen, ſagte Saint⸗Luc. — Ihr haͤttet die Flucht ergriffen, indem Ihr mich auf der Hoͤhe der Mauer erſcheinen ſahet? — Den Henker, man würde ſie zum Mindeſten er⸗ greifen. — Dann thatet Ihr alſo Boͤſes? ſagte der Graf, der nicht mehr Herr ſeiner Aufregung zu ſein begann. 11 verſchlimmert hat! Pfui!... — 90— — Ich ſage nicht nein. — Aber Ihr macht Euch am Ende uͤber mich luſtig, rief der Graf erbleichend aus, und das ſeit einer Vier⸗ telſtunde! — Ihr irrt Euch, mein Herr, ſagte Saint⸗Lue, indem er ſeine Uhr zog und Monſoreau mit einer Fe⸗ ſtigkeit anblickte, welche dieſen trotz ſeines grimmigen Muthes ſchaudern ließ, ſeit zwanzig Minuten. — Aber Ihr beleidigt mich, Herr, ſagte der Graf. — Glaubt Ihr etwa, daß Ihr mich mit allen Eu⸗ ren Haͤſcherfragen nicht beleidigt, mein Herr? — Ha, jetzt ſehe ich klar. — Welch ſchoͤnes Wunder um zehn Uhr Morgens. Und was ſeht Ihr? Sagt! — Ich ſehe, daß Ihr mit dem Verraͤther, mit dem Niedertraͤchtigen im Einverſtaͤndniſſe ſeid, den ich geſtern beinahe getoͤdtet haͤtte⸗ — Bei Gott, ſagte Saint⸗Luc, er iſt mein Freund. — Dann, wenn dem ſo iſt, dann werde ich Euch an ſeiner Stelle toͤdten. — Bah! In Eurem Hauſe! So ploͤtzlich! Ohne zu ſagen, nehmt Euch in Acht! — Glaubt Ihr denn, daß ich mir Zwang anthun würde, um einen Elenden zu beſtrafen? rief der Graf erbittert aus. — Ah, Herr von Monſoreau, erwiderte Saint⸗Luc, welche ſchlechte Erziehung Ihr demnach erhalten habt, und wie der Umgang mit wilden Thieren Eure Sitten 7* — 100— — Aber Ihr, ſeht Ihr denn nicht, daß ich raſend bin! bruͤllte der Graf, indem er ſich mit gekreuzten Ar⸗ men und mit durch den entſetzlichen Ausdruck der Ver⸗ zweiflung, die ihm am Herzen nagte, entſtellten Zuͤgen vor Saint⸗Lue ſtellte. — Doch, Gottes Tod, ich ſehe es, und wahrhaftig, die Wuth ſteht Euch nicht im Mindeſten gut; Ihr ſeid abſcheulich ſo anzuſehen, mein lieber Herr von Mon⸗ ſoreau. Außer ſich, legte der Graf die Hand an ſein Schwerdt. — Ah, gebt Acht, ſagte Saint⸗Luc, Ihr ſeid es, der mich herausfordert. Ich nehme Euch ſelbſt zum Zeugen, daß ich vollkommen ruhig bin. — Ja, Stutzer, ſagte Monſoreau, ja, Mignon, ich fordere Dich heraus! — So gebt Euch denn die Muͤhe, auf die andere Seite der Mauer zu gehen, Herr von Monſoreau; auf der anderen Seite der Mauer werden wir auf neutralem Boden ſein. — Was liegt mir daran! rief der Graf aus. 5 — Aber mir liegt daran, ſagte Saint-Luc, ich will Euch nicht in Eurem Hauſe toͤdten. — Wohlan! ſagte Monſoreau, indem er ſich beeilte, uͤber die Breſche zu klettern.- — Nehmt Euch in Acht! Seid vorſichtig, Graf! Es giebt einen Stein, der nicht feſthaͤlt; er muß ſehr erſchuͤttert worden ſein. Verwundet Euch zum Minde⸗ ſten nicht, wahrlich, ich wuͤrde untroͤſtlich daruͤber ſein. E RN D— , re uf — 101— Und Saint⸗Luc begann nun auch uͤber die Mauer zu klettern. — Vorwaͤrts, vorwaͤrts! Eile Dich, ſagte der Graf, indem er das Schwerdt zog⸗ — und ich, der ich zu meinem Vergnuͤgen auf das Land kam, ſagte Saint⸗Luc, indem er mit ſich ſelbſt ſprach; meiner Treue, ich werde mich gut beluſtigt haben. Und er ſprang auf der anderen Seite der Mauer hinab. — — 102— VIII. Wie Herr von Saint⸗Lue Herrn von Monſoreau den Stoß zeigte, welchen der Koͤnig ihm gezeigt hatte. Herr von Monſoreau erwartete Saint-Luc das Schwerdt in der Hand und indem er raſend mit dem Fuße ſtampfte. — Biſt Du fertig? ſagte der Graf. — Ei, ſagte Saint⸗Luc, Ihr habt nicht den ſchlech⸗ teſten Platz gewaͤhlt, den Ruͤcken der Sonne zugekehrt; genirt Euch nicht. 3 Monſoreau machte eine Viertelswendung. — So laſſe ich es mir gefallen, ſagte Saint⸗Luc, auf dieſe Weiſe werde ich deutlich ſehen, was ich thue. — Schont mich nicht, ſagte Monſoreau, denn ich werde ohne Schonung verfahren. — Ah ſo, ſagte Saint⸗Luc, Ihr wollt mich alſo durchaus toͤdten? — 103— — Ob ich es will!... O ja... ich will es! — Der Menſch denkt und Gott lenkt, ſagte Saint⸗ Luc, indem er nun auch ſein Schwerdt dog⸗ — Du ſagſt.. — Ich ſage... Betrachtet dieſe mit Klatſchroſen und Loͤwenzahn bewachſene Stelle genau. — Nun? — Nun denn! Ich ſage, daß ich Euch darauf bet⸗ ten werde. Und er legte ſich, immer lachend, aus. — Monſoreau kreuzte raſend das Schwerdt, und fuͤhrte mit einer unglaublichen Behendigkeit zwei bis drei Stoͤße gegen Saint-Luc, welche dieſer mit einer gleichen Behendigkeit parirte. — Bei Gott! Herr von Monſoreau, ſagte er, in⸗ dem er dabei mit dem Schwerdte ſeines Feindes ſpielte, Ihr fuͤhrt das Schwerdt gar nicht uͤbel, und jeder An⸗ dere als ich oder Buſſy waͤre durch Euer letztes Abwei⸗ chen getoͤdtet worden. Monſoreau erbleichte, indem er ſah, mit wel⸗ chem Manne er zu thun hatte. — Ihr ſeid vielleicht erſtaunt, mich ſo ziemlich mit dem Schwerdte in der Hand zu findenz das kommt da⸗ her, weil der Koͤnig, der mich, wie Ihr wißt, ſehr gern hat, ſich die Muͤhe genommen, mir Unterricht zu ertheilen, und mir unter anderen einen Stoß gezeigt hat, den ich Euch ſogleich zeigen werde. Ich ſage Euch das, weil, wenn es ſich ereignen ſollte, daß ich Euch mit dieſem Stoße toͤdtete, Ihr das Vergnuͤgen haben 104— werdet zu wiſſen, daß Ihr durch einen von dem Koͤnige gelehrten Stoß getoͤdtet worden ſeid, was außerordent⸗ lich ſchmeichelhaft fuͤr Euch ſein wird. — Ihr habt unendlich viel Witz, mein Herr, ſagte Monſoreau erbittert, indem er ſich ganz auslegte, um einen geraden Stoß zu fuͤhren, der eine Mauer durch— bohrt haͤtte. — Den Henker! Man thut, was man kann, er⸗ widerte Saint⸗Luc beſcheidentlich, indem er ſich zur Seite warf und durch dieſe Bewegung ſeinen Gegner zwang, eine halbe Wendung zu machen, wodurch ihm die Sonne voll in die Augen fiel. — Ah, ahl! ſagte er. Da ſeid Ihr jetzt, wo ich Euch ſehen wollte, bis ich Euch da ſehe, wohin ich Euch legen will. Nicht wahr, ich habe dieſen Stoß da ziemlich gut geleitet, he? Ich bin demnach auch zu⸗ frieden, wahrhaftig, ſehr zufrieden! Ihr hattet vorhin nur funfzig Ausſichten auf Hundert, getoͤdtet zu wer⸗ den, jetzt habt Ihr deren neun und neunzig. Und mit einer Geſchmeidigkeit, einer Kraft und ei⸗ ner Wuth, welche Monſoreau nicht an ihm kannte, und die Niemand in dieſem verweichlichten jungen Manne vermuthet haͤtte, fuͤhrte Saint-Luc hinter einander und ſter, der ganz betaͤubt uͤber dieſen mit Ziſchen und Blitzen untermiſchten Orkan dieſelben parirte; der ſechſte Stoß war eine Prime, zuſammengeſetzt aus einer dop⸗ pelten Finte, einer Parade und einem Gegenſtoße, deſ⸗ ſen erſte Haͤlfte zu ſehen ihn die Sonne verhinderte, und ohne Unterbrechung fuͤnf Stoͤße nach dem Oberjaͤgermei⸗ — 105— von dem er die zweite nicht ſehen konnte, da Saint⸗ Lucs Schwerdt gaͤnzlich in ſeiner Bruſt verſchwand. Monſoreau blieb noch einen Augenblick lang ſtehen, aber wie eine entwurzelte Eiche, die nur einen Hauch erwartet, um zu wiſſen, nachen lcher Seite ſie fallen ſoll. — Da, ſagte S dn da habt Ihr jetzt die Hundert Ausſichten vollſtaͤndig, und bemerkt, mein Herr, daß Ihr gerade auf die Blumen fallen werdet, die ich Euch angedeutet habe. Die Kraͤfte verſagten dem Grafen; ſeine Haͤnde oͤffneten ſich, ſein Auge verſchleierte ſich; er bog die Knie und ſank auf die Klatſchroſen, mit deren Purpur er ſein Blut vermiſchte.. Saint⸗Luc wiſchte ruhig ſein Schwerdt ab und ſah dieſer Abnahme der Schattirungen zu, welche das Ge⸗ ſicht eines mit dem Tode ringenden Menſchen allmaͤlig in eine Leichenmaske verwandelt. — Ha! Ihr habt mich getoͤdtet, mein Herr, ſagte Monſoreau. — Ich trachtete darnach, ſagte Saint⸗Luc; aber jetzt, wo ich Euch da bereit zu ſterben liegen ſehe, ſoll mich der Teufel holen, wenn mir das nicht leid iſt, was ich gethan habe; Ihr ſeid mir jetzt geheiligt, mein Herr; Ihr ſeid graͤßlich eiferſuͤcheig, mein Herr, das iſt wahr, aber Ihr waret tapfer. Und ganz zufrieden mit dieſer Leichenrede, ſetzte Saint⸗Luc ein Knie neben Monſoreau auf den Boden und ſagte zu ihm: — Habt Ihr irgend einen letzten Willen zu erklaͤ⸗ — 106— ren? Sagt an, mein Herr, und, ſo wahr ich ein Edel⸗ mann bin, er ſoll ausgefuͤhrt werden; wenn man ver— wundet iſt, ſo hat man gewoͤhnlich Durſt, ich kenne das. Habt Ihr Durſt, ſo will ich Euch zu trinken holen. Monſoreau antwoete nicht. Er hatte ſich mit dem Geſicht gegen den Boden umgewendet, indem er in den Raſen biß und ſich in ſeinem Blute waͤlzte. — Armer Teufel! ſagte Saint-Luc, indem er wie— der aufſtand. O Freundſchaft, Freundſchaft, Du biſt eine ſehr viel fordernde Gottheit! Monſoreau ſchlug mit Muͤhe ein Auge auf, ver⸗ ſuchte den Kopf zu erheben und ſank mit einem trauri⸗ gen Stoͤhnen wieder zuruͤck. — Gehen wir! Er iſt todt, ſagte Saint⸗Luc; den⸗ ken wir nicht mehr an ihn... Das iſt leicht zu ſa— gen, denken wir nicht mehr an ihn.. Bei Alle dem habe ich einen Menſchen getoͤdtet. Man wird nicht ſa⸗ gen, daß ich meine Zeit auf dem Lande verloren habe. Und ſogleich uͤber die Mauer kletternd, nahm er ſeinen Lauf durch den Park und gelangte auf das Schloß. Die erſte Perſon, welche er erblickte, war Diana; ſie plauderte mit ihrer Freundin. — Was das Schwarz ihr gut ſtehen wird! ſagte Saint⸗Luc. Dann ſich der reizenden von den beiden Frauen gebildeten Gruppe naͤhernd, ſagte er zu Diana: — Verzeiht, theure Dame, aber ich habe es wahr⸗ — 107— haftig ſehr noͤthig, der Frau von Saint⸗Luc ein Paar Worte zu ſagen. — Thut es, lieber Gaſt, thut es, erwiderte Frau von Monſoreau; ich will meinen Vater in der Biblio⸗ thek aufſuchen, wenn Du errn von Saint⸗Luc fertig biſt, wirſt Du mich r abholen, ich werde dort ſein. — Ja, beſtimmt, ſagte Johanna. Und ſie mit der Hand und mit dem Laͤcheln be⸗ gruͤßend, entfernte ſich Diana. Die beiden Gatten blieben allein. — Was giebt es denn? fragte Johanna mit der lachendſten Miene. Ihr ſeht Unheil verkuͤndend aus, lieber Gatte! — Ei ja, ei ja, antwortete Saint⸗Luc. — Was iſt denn geſchehen? — Ei, mein Gott! Ein Unfall! — Euch? fragte Johanna erſchreckt. — Nicht gerade mir, aber einer Perſon, die bei mir war. — Welcher Perſon denn? — Derjenigen, mit welcher ich ſpazieren ging. — Herrn von Monſoreau? — Leider! Ja! Armer lieber Mann! — Was iſt ihm denn begegnet? — Ich glaube, daß er todt iſt. — Todt! rief Johanna mit einer ſehr natuͤrlich zu begreifenden Aufregung aus, todt! — Dem iſt ſo. — 108— — Er, der ſo eben noch hier war, ſprechend, ſe⸗ hend!.. — Ei! Gerade das iſt die Urſache ſeines Todes, er hat zu Viel geſehen und beſonders zu Viel geſprochen. 9 — Saint⸗Luc, indem ſie die beiden — Was? — Ihr verbergt mir Etwas. — Ich? Durchaus Nichts, ich verſichere es Euch; nicht einmal den Ort, wo er geſtorben iſt. — Und wo iſt er geſtorben? — Dort, hinter der Mauer, an dem Orte ſelbſt, wo unſer Freund Buſſy die Gewohnheit hatte, ſein Pferd anzubinden. — Ihr habt ihn getoͤdtet? Saint⸗ Luc. — Bei Gott! Wer ſollte es ſonſt ſein? Wir waren nur zu zwei, ich kehre lebendig zuruͤck und ſage Euch, daß er todt iſt; es iſt nicht ſchwer zu errathen, welcher von Beiden den Anderen getoͤdtet hat. — Ungluͤckſeliger, der Ihr ſeid! — Ah, liebe Freundin, ſagte Saint-Luc, er hat mich herausgefordert, beleidigt; er hat das Schwerdt aus der Scheide gezogen. — Das iſt graͤßlich! Das iſt gräßlich! Dieſer arme Mann! reund, ſagte die junge Frau, ihres Gatten ergriff. — Gut, ſagte Saint-Luc, ich war davon uͤber⸗ zeugt; Ihr werdet ſehen, daß man vor Verlauf von acht Tagen der heilige Monſoreau ſagen wird. — Aber Ihr koͤnnt nicht hier bleiben! rief Johanna ——— — — 109— aus; Ihr koͤnnt nicht laͤnger unter dem Dache des Man⸗ nes wohnen, den Ihr getoͤdtet habt. — Das habe ich mir auf der Stelle geſagt, und deshalb bin ich herbeigeeilt um Euch zu bitten, liebe Freundin, Eure Vorbereitungengzur Abreiſe zu machen. — Zum Mindeſten ee nicht verwundet? — O! So iſt es Recht! as iſt eine Frage, die mich wieder mit Euch ausſoͤhnt, obgleich ſie ein wenig ſpaͤt koͤmmt; nein, ich bin vollkommen unverletzt. — Dann werden wir abreiſen. — So ſchnell als moͤglich, denn Ihr werdet begrei⸗ fen, daß man von einem Augenblicke zum anderen den Unfall entdecken kann. — Welchen Unfall! rief Frau von Saint⸗Luc aus, indem ſie auf ihren Gedanken zuruͤckkam, wie man zu⸗ weilen auf ſeinem Wege wieder umkehrt. — Ahl aͤußerte Saint⸗Luc. — Aber, da faͤllt mir ein, ſagte Johanna, jetzt iſt Frau von Monſoreau Wittwe. — Das iſt gerade, was ich mir vorhin ſagte. — Nachdem Ihr ihn getoͤdtet hattet? — Nein, zuvor. — Nun denn, waͤhrend ich ſie zu benachrichtigen gehe... — Wendet ja alle Schonung an, liebe Freundin! — Boͤſer Menſch! Waͤhrend ich ſie zu benachrichti⸗ gen gehe, ſattelt ſelbſt die Pferde, wie zu einem Spa⸗ zierritte. — Vortrefflicher Einfall! Ihr werdet gut thun, — — 110— ſolcher mehrere zu haben; denn ich fuͤr mein Theil muß geſtehen, daß ſich mein Kopf ein Wenig zu verwirren beginnt. — Aber wo gehen wir hin? — Nach Paris. — Nach Paris! S. Koͤnig? — Der Koͤnig wird Alles vergeſſen haben; es ha⸗ ben ſich ſo mancherlei Dinge zugetragen, ſeitdem wir uns nicht geſehen; und dann, wenn es Krieg giebt, was wahrſcheinlich iſt, ſo iſt mein Platz an ſeiner Seite. — Es iſt gut; dann reiſen wir nach Paris ab. — Ja; nur moͤgte ich eine Feder und Tinte haben. — Um zu ſchreiben, an wen? — An Buſſy; Ihr begreift, daß ich Anjou nicht ſo verlaſſen kann, ohne ihm zu ſagen, warum ich es verlaſſe. — Das iſt richtig, Ihr werdet Alles, was Ihr zum Schreiben beduͤrft, in meinem Zimmer finden. Saint-Luc ging ſogleich hinauf, und mit einer Hand, welche bei Alle dem doch ein Wenig zitterte, ſchrieb er in der Eile folgende Zeilen: „Lieber Freund! „Ihr werdet durch die Stimme der Fama den Herrn von Monſoreau zugeſtoßenen Unfall erfahren; wir haben in der Gegend des alten Schlages einen Wortwechſel uͤber die Wirkungen und die Urſachen der Beſchaͤdigung der Mauern und uͤber die Unannehm⸗ lichkeit von Pferden, die ganz allein gehen, mit ein⸗ — 111— ander gehabt. In der Hitze dieſes Wortwechſels iſt Herr von Monſoreau auf eine mit Klatſchroſen und Loͤwenzahn bedeckte Stelle gefallen und das auf eine ſo ungluͤckliche Weiſe, daß er ſich auf der Stelle ge⸗ toͤdtet hat.“ „Euer Freund fuͤr das Leben, Saint⸗Luc. Nachſchrift.„Da Euch das im erſten Augen⸗ blicke ein Wenig unwahrſcheinlich vorkommen koͤnnte, ſo fuͤge ich hinzu, daß, als ihm dieſer Unfall zugeſto⸗ ßen iſt, wir alle Beide das Schwerdt in der Hand hatten.“ „Ich reiſe im Augenblicke ſelbſt nach Paris in der Abſicht ab, dem Koͤnige meine Aufwartung zu ma⸗ chen, da mir Anjou nach dem, was vorgefallen iſt, nicht ſehr ſicher ſcheint.“ Zehn Minuten nachher eilte ein Diener des Ba⸗ rons nach Angers, um dieſen Brief zu uͤberbringen, waͤhrend durch eine auf einen Querweg fuͤhrende Hinter⸗ thuͤre Herr und Frau von Saint⸗Luc allein nach Paris aufbrachen, indem ſie Diana ſehr in Thraͤnen zerflie⸗ ßend und beſonders in großer Verlegenheit daruͤber zu⸗ ruͤckließen, wie ſie dem Baron die traurige Geſchichte dieſes Zuſammentreffens erzaͤhlen ſollte. Sie hatte die Augen abgewandt, als Saint-Luc voruͤbergekommen war. — Dient doch Euren Freunden, hatte dieſer zu ſei⸗ ner Gattin geſagt; beſtimmt, alle Menſchen ſind un⸗ dankbar; nur ich allein bin erkenntlich. — 112— IX. Wie di⸗ Koͤnigin Mutter nicht ſehr triumphartig in die gute Stadt Angers einzieht. In derſelben Stunde, in welcher Herr von Mon⸗ ſereau unter Saint⸗Lucs Schwerdte fiel, ſchmetterte eine laute Fanfare von vier Trompetern vor den, wie man weiß, mit der groͤßten Sorgfalt verſchloſſenen Tho⸗ ren von Angers. Die im Voraus benachrichtigten Garden Peben eine Standarte und antworteten durch aͤhnliche Sym⸗ phonieen. Es war Katharine von Medicis, welche mit einem ziemlich anſehnlichen Gefolge ihren Einzug in Angers zu halten ſich anſchickte. Man meldete es ſogleich Buſſy, der von ſeinem Bette aufſtand, und Buſſy ſuchte den Prinzen auf, der ſich in das ſeinige legte. — 113— Gewiß, die von den Anjouer Trompetern geblaſe⸗ nen Melodieen waren ſehr ſchoͤn, aber ſie hatten nicht die Eigenſchaft derer, welche die Mauern von Jericho einfallen machten; die Thore von Angers oͤffneten ſich nicht. Katharine neigte ſich aus ihrer Saͤnfte, um ſich den vorgetretenen Wachen zu zeigen, indem ſie hoffte, daß die Majeſtaͤt eines koͤniglichen Geſichts mehr Wir⸗ kung hervorbringen wuͤrde, als der Klang von Trompe⸗ ten. Die Buͤrgerſoldaten von Angers ſahen die Koͤni⸗ gin, begruͤßten dieſelbe ſogar mit Hoͤflichkeit; aber die ore blieben verſchloſſen. Katharine ſandte einen Edelmann an das Fallgatter. Man empfieng dieſen Edelmann mit gewaltigen Hoͤflich⸗ keitsbezeigungen. Als er aber den Einzug fuͤr die Koͤ⸗ nigin Mutter verlangte, indem er darauf beſtand, daß Ihre Majeſtaͤt mit Ehrenbezeigungen empfangen wuͤrde, antwortete man ihm, daß ſich Angers, als eine Fe⸗ ſtung, nicht ohne einige unerlaͤßliche Foͤrmlichkeiten oͤffne. Der Edelmann kehrte ſehr gekraͤnkt zu ſeiner Gebie⸗ terin zuruͤck, und Katharine ließ nun mit der ganzen Bitterkeit ſeiner Wirklichkeit wie in der ganzen Unum⸗ ſchraͤnktheit ſeiner Bedeutung jenes Wort entſchluͤpfen, welches Ludwig der XIV. ſpaͤterhin den Verhaͤltniſſen ge⸗ maͤß, welche das koͤnigliche Anſehn angenommen hatte, modiſicirte. — Ich warte! murmelte ſie, und ihre Edelleute bebten an ihrer Seite. Endlich, nachdem er beinahe eine halbe Suunde da⸗ Die Dame von Monſoregu. Fünfter Band. A. — 114— mit zugebracht, dem Herzoge vorzupredigen und ihm Hundert Staatsgruͤnde zu erſinnen, von denen immer einer noch entſcheidender war, als die anderen, entſchloß ſich Buſſy. Er ließ ein Pferd mit koſtbaren Decken ſatteln, waͤhlte unter den Edelleuten fuͤnf aus, welche der Koͤnigin Mutter am Allerwiderwaͤrtigſten waren, ſtellte ſich an ihre Spitze, und ritt gravitaͤtiſch Ihrer Majeſtaͤt entgegen. Katharine begann müͤde zu werden, nicht des War⸗ tens, ſondern Racheplaͤne gegen diejenigen zu ſchmieden, welche ihr dieſen Streich ſpielten. Sie erinnerte ſich des Arabiſchen Maͤrchens, in wel⸗ chem geſagt iſt, daß ein widerſpaͤnſtiger, in ein kupfer⸗ nes Gefaͤß eingeſperrter Daͤmon jeden, wer es auch ſein moͤgte, zu bereichern verſpricht, der ihn in den er⸗ ſten zehn Jahrhunderten aus ſeiner Gefangenſchaft be⸗ freien wuͤrde; dann, wuͤthend ſo lange warten zu muͤſ⸗ ſen, dem Unbeſonnenen den Tod ſchwor, der den Deckel des Gefaͤßes zerbrechen wuͤrde. Katharine war ſo weit. Sie hatte ſich anfangs vorgenommen, den Edelleuten liebreich zu begegnen, welche ſich beeilen wuͤrden, ihr entgegen zu kommen. Nachher that ſie ein Geluͤbde, denjenigen mit ihrem Zorne zu uͤberhaͤufen, der ſich zuerſt vorſtellen wuͤrde. —— Buſſy erſchien ganz mit Federn geſchmuͤckt an dem Fallgatter, und ſah unbeſtimmt hindurch, wie eine naͤcht⸗ liche Schildwache, die eher hoͤrt, als ſieht. — Wer dar rief er aus. Katharine erwartete zum Mindeſten Kniebeugun⸗ 1 2 N N u— — u R —2—— —— — 115— gen; ihr Edelmann blickte ſie an, um ihren Willen zu erfahren. — Geht, ſagte ſie, geht nochmals an das Fallgat⸗ ter; man ruft: Wer da? Antwortet, mein Herr, das iſt eine Foͤrmlichkeit.... Der Edelmann kam bis dicht an das Fallgatter. ——=Es iſt Ihre Majeſtaͤt, die Koͤnigin Mutter, ſagte er, welche die gute Stadt Angers zu beſuchen kommt. — Sehr ſchoͤn, mein Herr, erwiderte Buſſy; wen⸗ det Euch gefaͤlligſt links, ungefaͤhr achtzig Schritte weit von hier werdet Ihr die Ausfallspforte antreffen. — Die Ausfallspforte! rief der Edelmann aus, die Ausfallspforte! Ein Nebenthor fuͤr Ihro Majeſtaͤt! Buſſy war nicht mehr da, um zu hoͤren. Er war mit ſeinen Freunden, die ins Faͤuſtchen lachten, nach dem Orte gegangen, wo nach ſeiner Anweiſung Ihre Majeſtaͤt, die Koͤnigin Mutter abſteigen ſollte. — Hat Eure Majeſtaͤt gehoͤrt? fragte der Edelmann. .. Die Ausfallspforte! — Ei, ja doch, mein Herr, ich habe gehoͤrt; tre⸗ ten wir dort ein, da man dort eintritt. Und der Blitz ihres Blickes ließ den Unbeſonnenen erbleichen, der die ſeiner Gebieterin auferlegte Demuͤthi⸗ gung ſo betont hatte. Das Gefolge wandte ſich zur Linken, und das Aus⸗ fallsthor oͤffnete ſich. Buſſy, zu Fuße, das bloße Schwerdt in der Hand, trat aus der kleinen Pforte heraus, und verneigte ſich 2 8* — 116— ehrerbietig vor Katharinen; um ihn herum kehrten die Federn der Huͤte den Boden. — Seien Eure Majeſtaͤt willkommen in Anjou, ſagte er. Er hatte Tambours zur Seite, die nicht ſchlugen, und Hellebardiere, welche ihre Waffe nicht von der Schulter brachten. Die Koͤnigin ſtieg aus der Saͤnfte, und ſich auf den Arm eines der Edelleute aus ihrem Gefolge ſtuͤz⸗ zend, ſchritt ſie auf die kleine Pforte zu, indem ſie blos geantwortet hatte: — Ich danke, Herr von Buſſy. Das war das ganze Ergebniß der Betrachtungen, die anzuſtellen man ihr Zeit gelaſſen hatte. Sie ſchritt mit hochgehobenem Kopfe heran. Buſſy warnte ſie ploͤtzlich und hielt ſie ſogar beim Arme zuruͤck. — Ah! Nehmt Euch in Acht, gnaͤdige Frau, die Pforte iſt ſehr niedrig; Eure Majeſtaͤt koͤnnte ſich ſtoßen. — Ich muß mich alſo buͤcken? ſagte die Koͤnigin. Wie das anfangen?... Das iſt das erſte Mal, daß ich auf dieſe Weiſe in eine Stadt ziehe. Dieſe, mit vollkommener Ungezwungenheit ausge⸗ ſprochenen Worte hatten fuͤr die gewandten Hofleute einen Sinn, eine Tiefe und einen Umfang, welche mehr als Einen der Anweſenden nachdenklich machten, und Buſſy ſelbſt drehete ſich den Schnurrbart, indem er zur Seite blickte. Du biſt zu weit gegangen, ſagte Livarot ihm ins Ohr. — Bah! Laß doch, erwiderte Buſſy, ſie muß wahl noch Aergeres ſehen! — 117— Man zog die Saͤnfte Ihrer Majeſtaͤt mittelſt einer Winde uͤber die Mauer, und ſie konnte dieſelbe von Neuem beſteigen, um nach dem Palaſte zu fahren. Buſſy und ſeine Freunde ſtiegen wieder zu Pferde und begleiteten die Saͤnfte zu beiden Seiten. — Mein Sohn, ſagte ploͤtzlich Katharine, ich ſehe meinen Sohn von Anjou nicht? 7 Dieſe Worte, welche ſie hatte unterdruͤcken wollen, waren ihr durch einen unwiderſtehlichen Zorn entriſſen. Franzens Abweſenheit in einem ſolchen Momente ſetzte der Beleidigung die Krone auf. — Seine Gnaden iſt krank und liegt zu Bett, gnaͤ⸗ dige Frau; ohne das kann Eure Majeſtaͤt nicht zweifeln, daß Seine Hoheit ſich beeilt haben wuͤrde, Euch ſelbſt die Ehre ſeiner Stadt zu erweiſen. Hier war Katharine erhaben an Heuchelei. — Krank! Mein armes Kind, krank! rief ſie aus. Ah! Meine Herren, laßt uns eilen... Iſt er zum Mindeſten gut verpflegt? — Wir thun unſer Moͤglichſtes, ſagte Buſſy, indem er ſie erſtaunt anblickte, um zu erfahren, ob dieſe Frau wirklich ein Muttergefuͤhl beſaͤße. — Weiß er, daß ich hier bin? begann Katharine nach einer Pauſe wieder, welche ſie nuͤtzlich dazu ver⸗ wandte, alle Edelleute zu muſtern. — Ja, gewiß, gnaͤdige Frau, ja. Katharinens Lippen kniffen ſich zuſammen. — Dann muß er ſehr leiden, fuͤgte ſie im Tone des Mitleidens hinzu. — 118— 7 Graͤßlich, ſagte Buſſy. Seine Hoheit iſt dieſem ploͤtzlichen Unwohlſein unterworfen. — Es iſt ein ploͤtzliches Unwohlſein, Herr von Buſſy? — Mein Gott, ja, gnaͤdige Frau. So gelangte man nach dem Palaſte. Eine große Menſchenmenge bildete auf dem Wege der Saͤnfte zu beiden Seiten eine Hecke. Buſſy eilte auf den Stiegen voraus, und indem er ganz athemlos in das Zimmer des Herzogs trat, ſagte er: — Da iſt ſie... Nehmt Euch in Acht! — Iſt ſie wuͤthend? — Außer ſich. — Sie beklagt ſich? — nein, ſie laͤchelt, was weit ſchlimmer iſt. — Was hat das Volk geſagt? — Das Volk hat ſich nicht geruͤhrt; es blickt dieſe Frau mit ſtummem Entſetzen an; wenn es ſie nicht kennt, ſo erraͤth es ſie. — 8 — Und ſie? 6 — Sie wirft Kußhaͤndchen, und beißt ſich in die Fingerſpitzen. — Den Teufel! — Das habe ich auch gedacht, ja, gnaͤdiger Herr, den Teufel, ſeid vorſichtig! — Wir beharren auf dem Krieg, nicht wahr? — Bei Gott! Verlangt Hundert, um zehn zu haben, und bei ihr werdet Ihr doch nur erſt fuͤnf erlangen. — Bah! Du haͤltſt mich alſo fuͤr ſehr ſchwach? — — 119— Seid Ihr alle da? Warum iſt Monſoreau nicht zuruͤck⸗ gekehrt? aͤußerte der Herzog. Beeae, — Ich glaube, er iſt in M ridor...O! Wir weiden ihn wohl entbehren koͤnnen. — Ihre Majeſtaͤt, die Koͤnigin Mutter! rief der Anmelder auf der Schwelle des Zimmers aus. Und ſogleich erſchien Katharine bleich und ihrer Ge⸗ wohnheit nach ſchwarz gekleidet. 23 Der Herzog von Anjou machte eine Bewegung um ſich zu erheben. Aber mit einer Behendigkeit, welche man in dieſem durch das Alter entkraͤfteten Koͤrper nicht vermuthet haͤtte, warf ſich Katharine in die Arme ihres Sohnes und bedeckte ihn mit Kuͤſſen. — Sie wird ihn erſticken, dachte Buſſy, das ſind die rechten Kuͤſſe, Gottes Tod!. Sie that mehr, ſie weinte! — Nehmen wir uns in Acht, ſagte Antraguet zu Riberac, jede Thraͤne wird mit einem Maß Blut be⸗ zahlt werden. Ats Katharine ihre Umarmungen beendigt, ſetzte ſie ſich an das Bett des Herzogs; Buſſy gab einen Wink, und die Anweſenden entfernten ſich. Er lehnte ſich, als ob er zu Haus waͤre, an den Bettpfoſten, und erwar⸗ tete ruhig das Kommende. — Wollt Ihr nicht ſo gefaͤllig ſein, fuͤr meine ar⸗ men Leute zu ſorgen, mein lieber Herr von Buſſy? ſagte Katharine ploͤtzlich. Nach meinem Sohne ſeid Ihr un⸗ ſer theuerſter Freund und der Herr des Hauſes, nicht wahr? Ich bitte Euch um dieſe Gefaͤlligkeit. — 120— Es war kein Zoͤgern moͤglich. — Ich bin ertappt, dachte Buſſy. — Gnaͤdige Frau, ſagte er, zu gluͤcklich Euch ge⸗ faͤllig ſein zu koͤnnen, entferne ich mich. — Warte, murmelte er. Du kennſt hier die Thuͤ⸗ ren nicht, wie im Louvre, ich werde zuruͤckkehren. Und er verließ das Zimmer, ohne daß er nur einen Wink an den Herzog haͤtte richten koͤnnen. Katharine traute ihm nicht, und verließ ihn keine Sekunde aus dem Geſicht. Zu allererſt ſuchte Katharine zu erfahren, ob ihr Sohn krank waͤre, oder ob er nur krank zu ſein heuchelte. Das ſollte die ganze Grundlage ihres diplomatiſchen Verfahrens ſein. Aber Franz ſpielte als wuͤrdiger Sohn einer ſolchen Mutter ſeine Rolle wundervoll. Sie hatte geweint, er hatte Fieber. Katharine, getaͤuſcht, hielt ihn fuͤr krank, ſie hoffte demnach mehr Einfluß auf einen durch die Leiden des Koͤrpers geſchwaͤchten Geiſt zu haben. Sie uͤberhaͤufte den Herzog mit Zaͤrtlichkeiten, umarmte ihn von Neuem, weinte nochmals und das in dem Grade, daß er ſich daruͤber verwunderte und nach der Urſache fragte. — Ihr ſeid eine ſo große Gefahr gelaufen, mein Sohn! erwiderte ſie. — Indem ich aus dem Louvre entfloh, meine Mutter? — nicht doch, nachdem Ihr entflohen waret. — Wie das? ——ʒ——.„.ʒp,p2p— — 121— — Dieienigen, welche Euch bei dieſer ungluͤckſeligen Flucht halfen... — Nun?.. — Waren Eure grauſamſten Feinde... — Sie weiß Nichts, dachte er, aber ſie moͤgte gern wiſſen. — Der Koͤnig von Navarra, ſagte ſie ganz barſch, die ewige Geißel unſeres Geſchlechts... Ich erkenne ihn wohl. — Ah, ah, ſagte ſich Franz, ſie weiß es. — Solltet Ihr glauben, daß er ſich deſſen ruͤhmt, ſagte ſie, und daß er Alles gewonnen zu haben meint? — Das iſt unmoͤglich, erwiderte er, man taͤuſcht Euch, meine Mutter. — Warum? — Weil er in Nichts bei meiner Flucht betheiligt iſt, und weil, wenn er in Etwas babei betheiligt waͤre, ich gerettet bin, wie Ihr ſeht... Es iſt zwei Jahre her, daß ich den Koͤnig von Navarra nicht geſehen habe. = Ich ſpreche Euch nicht blos von dieſer Gefahr, mein Sohn, ſagte Katharine, indem ſie fuͤhlte, daß ihr Streich nicht getroffen haͤtte. — Von was noch, meine Mutter? erwiderte er, in⸗ dem er oft in ſeinem Alkoven den Vorhang anblickte, der ſich hinter der Koͤnigin bewegte. Katharine naͤherte ſich Franz, und mit einer Stim⸗ me, die ſie ſich bemuͤhete entſetzt zu machen, ſagte ſie: — Der Zorn des Koͤnigs! Dieſer wuͤthende Zorn, der Euch bedrohet. — Es iſt mit dieſer Gefahr, wie mit der anderen, gnaͤdige Frau, der Koͤnig, mein Bruder, iſt in einem wuͤthenden Zorne, ich glaube es; aber ich bin gerettet. — Ihr glaubt? ſagte ſie mit einem Ausdrucke, der im Stande war, den Kuͤhnſten einzuſchuͤchtern. Der Vorhang zitterte. — Ich bin deſſen gewiß, antwortete der Herzog, und es iſt ſo wahr, als Ihr, meine gute Mutter, ſelbſt gekommen ſeid, um es mir zu melden. — Wie das? ſagte Katharine beſorgt uͤber dieſe Ruhe. — Weil, fuhr er nach einem neuen Blicke nach dem Verſchlage fort, wenn Ihr nur beauftragt geweſen waͤ— ret, mir dieſe Drohungen zu uͤberbringen, Ihr nicht gekommen waͤret, und weil in einem ſolchen Falle der Koͤnig Anſtand genommen haͤtte, mir eine Geiſel, wie Eure Majeſtaͤt, zu liefern. Katharine erhob entſetzt den Kopf. — Eine Geiſel, ich! ſagte ſie. — Die heiligſte und die verehrungswuͤrdigſte von al⸗ len, erwiderte er laͤchelnd und indem er Katharinens Hand kuͤßte, nicht ohne einen neuen, nach dem Getaͤ⸗ fel gerichteten triumphirenden Blick. Katharine ließ die Arme wie vernichtet ſinken; ſie konnte nicht errathen, daß Buſſy durch eine geheime Thuͤre ſeinen Herrn beaufſichtigte und ihn ſeit dem An⸗ fange der Unterredung unter ſeinem Blicke im Schach hielt, indem er ihm bei jedem Schwanken Muth und Verſtand zuſandte. N — Mein Sohn, ſagte ſie endlich, es ſind alles Worte des Friedens, die ich Euch uͤberbringe, Ihr habt vollkommen Recht. — Ich hoͤre Euch an, meine Mutter, ſagte Franz, Ihr wißt, mit welcher Ehrerbietung; ich glaube, daß wir uns zu verſtaͤndigen anfangen. V X. Kleine Urſachen und große Wirkungen. Katharine war bei dieſem erſten Theile der Unterre⸗ dung ſichtlich im Nachtheil geblieben. Dieſe Art von Niederlage war ſo wenig vorausgeſehn und vor Allem ſo ungewoͤhnlich, daß ſie ſich frug, ob ihr Sohn wohl eben ſo entſchloſſen in ſeiner Weigerung waͤre, als er es ſchien, als ein ganz kleines Ereigniß ploͤtzlich die Ge⸗ ſtalt der Dinge aͤnderte. Man hat ſchon zu drei Viertheil verlorene Schlach⸗ ten durch ein Umſpringen des Windes gewinnen werden ſehen, und umgekehrt: Marengo und Waterloo ſind da⸗ von ein doppeltes Beiſpiel. Ein Sandkorn veraͤndert den Gang der maͤchtigſten Maſchinen. Wie wir geſehen haben, war Buſſy in einem ge⸗ heimen Gange, der in den Alkoven des Herzogs von 4 Anjou fuͤhrte, ſo geſtellt, um nur von dem Prinzen ge⸗ — 125— ſehen zu ſein; von ſeinem Verſtecke aus ſtreckte er durch eine Spalte des Vorhanges den Kopf in den Momen⸗ ten, welche er fuͤr die gefaͤhrlichſten fuͤr ſeine Sache hielt. Wie man begreifen wird, lwar ſeine Sache: Krieg um jeden Preis; er mußte ſich in Anjou behaupten, ſo lange Herr von Monſoreau hier war; und ſo den Gat⸗ ten beaufſichtigen und die Frau beſuchen. Dieſe außerordentlich einfache Politik verwickelte in⸗ deſſen die ganze Politik Frankreichs in dem hoͤchſten Grade; große Wirkungen haben oft kleine Urſachen. Kurz, deshalb alſo trieb Buſſy mit gewaltigen Win⸗ ken mit den Augen, mit grimmigen Mienen, mit Ei⸗ ſenfreſſergeberden, mit entſetzlichem Runzeln der Augen⸗ brauen, ſeinen Herrn zur Grauſamkeit. Der Herzog, welcher Buſſy fuͤrchtete, ließ ſich leiten, und man hat ihn in der That ſo grauſam geſehn als man nur ſein kann. Katharine war demnach auf allen Punkten geſchla⸗ gen, und dachte nur noch daran, ſich auf eine ehren⸗ volle Weiſe zuruͤckzuziehen, als ein kleines, faſt eben ſo unerwartetes Ereigniß, als die Hartnaͤckigkeit des Her⸗ zogs von Anjou, ihr zu Huͤlfe kam. Plötzlich, in dem lebhafteſten Geſpraͤche der Mutter und des Sohnes, bei dem heftigſten Widerſtande des Herzogs von Anjou, fuͤhlte ſich Buſſy an dem Saume ſeines Mantels gezogen. Begierig Nichts von der Un⸗ terredung zu verlieren, legte er, ohne ſich umzuwenden, die Hand an den angetaſteten Ort, und fand eine Fauſt; indem er an dieſer Fauſt hinauf fuͤhlte, fand er einen Arm, nach dem Arme eine Schulter und nach der Schulter einen Mann. Da er nun ſah, daß die Sache der Muͤhe werth waͤre, wandte er ſich um. Der Mann war Remy. Buſſy wollte ſprechen, aber Remy legte den Fin⸗ ger auf ſeinen Mund, dann zog er ſeinen Herm ſanft in das anſtoßende Zimmer. — Was giebt es denn, Remy, fragte der Graf ſehr ungeduldig, und warum ſtoͤrt man mich in einem ſolchen Momente? — Ein Brief, ſagte Remy leiſe. — Daß Dich der Teufel hole, wegen eines Briefes ziehſt Du mich aus einer ſo wichtigen Unterredung, wel⸗ che ich mit dem Herzoge von Anjou fuͤhrte. Remy ſchien durch dieſen Ungeſtuͤm durchaus nicht außer Faſſung gebracht. — Es giebt Briefe und Briefe, ſagte er. — Ohne Zweifel, ſagte Buſſy. Woher kommt die⸗ ſer da? — Von Meridor. — O, aͤußerte Buſſy haſtig, von Méridor! Ich danke, mein guter Remy, ich danke! — Ich habe alſo nicht mehr Unrecht? — Kannſt Du etwa jemals Unrecht haben? Wo iſt dieſer Brief? — Ah, das iſt es gerade, was mich hat ſchließen laſſen, daß er von der hoͤchſten Wichtigkeit waͤre, weil der Bote ihn nur Euch allein uͤbergeben will. — Er hat Recht. Iſt er da? — Ja. — Fuͤhre ihn her. Remy machte eine Thuͤre auf, und gab einer Art von Stallknecht einen Wink zu ihm zu kommen. — Hier iſt Herr von Buſſy, ſagte er, indem er auf den Grafen deutete. — Gieb; ich bin derjenige, nach dem Du fragſt, ſagte Buſſy. Und er druͤckte ihm eine halbe Piſtole in die Hand. — O, ich kenne Euch ſehr gut, ſagte der Stall⸗ knecht, indem er ihm den Brief uͤbergab. — und ſie hat ihn Dir uͤbergeben? — Nein, nicht ſie, er.* — Welcher, fragte Buſſy haſtig, indem er die Hand⸗ ſchrift betrachtete. — Herr von Saint⸗Luc! — Ah, ah! 1 Buſſy war leicht erbleicht, denn bei dem Worte: er, hatte er geglaubt, daß die Rede von dem Gatten und nicht von der Frau waͤre, und Herr von Monſoreau hatte das Vorrecht, Buſſy jedes Mal erbleichen zu laſ⸗ ſen, ſo oft Buſſy an ihn dachte. Buſſy wandte ſich um, um zu leſen und um beim Leſen dieſe Gemuͤthsbewegung zu verbergen, welche Je⸗ dermann empfinden muß, wenn er einen wichtigen Brief empfaͤngt, und nicht Caͤſar Borgia, Machiavel, Katha⸗ rina von Medicis, oder der Teufel iſt. Deer arme Buſſy hatte Recht gehabt ſich umzuwen⸗ — 128— den, denn kaum hatte er den Brief durchlaufen, den wir kennen, als das Blut ihm zu Kopfe ſtieg und gleich einem ſtuͤrmiſchen Meere vor ſeinen Ohren brauſete, ſo daß von der Blaͤſſe, die er hatte, er purpurroth wurde, einen Augenblick lang betaͤubt blieb, und in dem Gefuͤhl, daß er fallen wuͤrde, genoͤthigt war, ſich auf einen Seſ⸗ ſel neben dem Fenſter ſinken zu laſſen. — Pack Dich, ſagte Remy zu dem Stallknechte, der uͤber die Wirkung verdutzt war, welche der von ihm uͤberbrachte Brief hervorgebracht hatte. Und er ſchob ihn bei den Schultern. Der Stallknecht entfloh eiligſt; er glaubte, daß die Nachricht ſchlecht ſei, und er war bange, daß man ihm ſeine halbe Piſtole wieder abnehmen moͤgte. 4 Remy kehrte zu dem Grafen zuruͤck, und ihn am Arme ſchuͤttelnd, rief er aus: 3 3— Gottes Tod! Antwortet mir auf der Stelle, oder bei Sanct Aeskulap, ich laſſe Euch an Armen und Beinen zur Ader. Buſſy erhob ſich wieder; er war nicht mehr roth, er war mehr betaͤubt, er war finſter. — Sieh, ſagte er, was Saint⸗Luc fuͤr mich ge⸗ than hat. Und er reichte Remy den Brief. Remy las begierig. — Nun denn, ſagte er, ich meine, daß Alles das ſehr ſchoͤn und Herr von Saint⸗Luc ein Biedermann iſt. Es leben die Leute von Verſtand, um eine Seele 3 ———, nn ele —— ins Fegefeuer zu liefern, ſie beſinnen ſich dabei nicht lange.. — Es iſt unglaublich! ſtammelte Buſſy. — Gewiß, es iſt unglaublich, aber das thut dazu Nichts. Jetzt iſt unſere Lage ganz und durchaus veraͤn⸗ dert. Ich werde in neun Monaten eine Graͤfin von Buſſy in meiner Kundſchaft haben. Gottes Tod, fuͤrchte Nichts, ich entbinde wie Ambroiſe Paré. — Ja, ſagte Buſſy, ſie wird meine Frau werden. — Ich meine, antwortete Remy, daß dazu nicht mehr Viel zu thun ſein wird, und daß ſie es bereits mehr war, als ſie die ihres Gatten war. — Monſoreau todt! — Todt! wiederholte le Haudoin, das ſteht geſchrieben. — O! Ich meine, daß ich traͤumte, Remy. Wie! Ich werde dieſe Art von Geſpenſt nicht mehr ſehen, das immer bereit war, ſich zwiſchen mich und das Gluͤck zu ſtellen? Remy, wir taͤuſchen uns. — Wir taͤuſchen uns nicht im Mindeſten, leſt noch ein Mal, Gottes Tod! Auf Kaatſchroſen gefallen, und das auf eine ſo harte Weiſe, daß er daran geſtorben iſt! Ich hatte ſchon bemerkt, daß es ſehr gefaͤhrlich waͤre auf Klatſchroſen zu fallen, aber ich hatte geglaubt, daß die Gefahr nur fuͤr die Frauen heſtaͤnde. — Aber dann, ſagte Buſſy, ohne auf alle die Poſ⸗ ſen Remys zu hoͤren, und nur dem Laufe ſeiner Ge⸗ danken folgend, die ſich in ſeinem Geiſte nach allen Rich⸗ tungen wanden; aber Diana wird nicht in Méridor Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band.. 8 — 130— Ich will es nicht. Sie muß wo an⸗ wohin, wo ſie vergeſſen kann. lich gut dazu waͤre, ſagte le Haudoin, man vergißt in Paris ziemlich leicht. — Du haſt Recht, ſie wird ihr kleines Haus in der Straße des Tournelles wieder beziehen, und die zehn Monate der Wittwenſchaft werden wir im Verborgenen zubringen, wenn jeden Falles das Gluͤck verborgen blei⸗ ben kann, und die Ehe fuͤr uns nicht der folgende Tag der Gluͤckſeligkeit von geſtern ſein wird. — Das iſt wahr, ſagte Remy; aber um nach Pa⸗ ris zu gehen... — Nun denn? — Beduͤrfen wir Etwas. — Was? — Den Frieden in Anjou. 3 — Das iſt wahr, rief Buſſy aus, das iſt wahr. O mein Gott! Was fuͤr verlorene und nutzlos verlo⸗ rene Zeit! 3 — Das will ſagen, daß Ihr zu Pferde ſteigen und nach Méridor eilen wollt.* — Nicht doch; wenigſtens nicht ich, ſondern Du; ich werde unausweichlich hier zuruͤckgehalten; außerdem waͤre meine Anweſenheit in einem ſolchen Momente faſt unſchicklich. — Wie werde ich ſie ſehen? Soll ich mich im Schloſſe vorſtellen? — Nein; geh zuvor nach dem alten Schlage; viele leicht wird ſie in der Erwartung, daß ich kaͤme, dort bleiben koͤnnen. ders hingehen, irgend — Ich glaube, daß Paris ziem u——+—½— — 131— ſpazieren gehen; dann, wenn Du ſie nicht erblickſt, geh aufs Schloß. — Was ſoll ich ihr ſagen? — Daß ich halb naͤrriſch bin. Und dem jungen Manne, auf den, wie auf ſein an⸗ deres Ich zu rechnen ihn die Erfahrung gelehrt hatte, die Hand druͤckend, eilte er ſeinen Platz in dem Corri⸗ dor an dem Eingange des Alkovens hinter dem Vor⸗ hange wieder einzunehmen. Katharine verſuchte in Abweſenheit Buſſys das wie⸗ der zu gewinnen, was ſeine Gegenwart ſie hatte verlie⸗ ren laſſen. 4 — Mein Sohn, hatte ſie geſagt, ich glaubte doch, daß es einer Mutter niemals fehlſchlagen koͤnnte, ſich mit ihrem Kinde zu verſtaͤndigen. — Dennoch ſeht Ihr, meine Mutter, antwortete der Herzog von Anjou, daß ſich das zuweilen ereignet. — Niemals, wenn ſie es will. .— Gnaͤdige Frau, Ihr wollt ſagen, wenn ſie es wollen, erwiderte der Herzog, welcher, zufrieden uͤber dieſes ſtolze Wort, Buſſy ſuchte, um durch einen billi⸗ genden Blick dafuͤr belohnt zu werden. — Aber ich will es! rief Katharine aus. Hoͤrt Ihr wohl, Franz? Ich will es. Und der Ausdruck der Stimme ſtand mit den Wor⸗ ten im Widerſpruch, denn die Worte waren gebieteriſch und die Stimme war faſt flehend. — Ihr wollt es? erwiderte der Herzog von Anjou laͤchelnd. 9* — Ja, ſagte Katharine, und alle Opfer werden mir leicht ſein, um zu dieſem Zwecke zu gelangen. — Ah, ah, aͤußerte Franz, den Teufel! — Ja, ja, theures Kind; ſagt, was verlangt Ihr, was wollt Ihr? Sprecht! Befehlt! — O! Meine Mutter! ſagte Franz faſt verlegen uͤber einen ſo vollſtaͤddigen Sieg, der ihm nicht mehr frei ließ, ein ſtrenger Sieger zu ſein. — Hoͤrt, mein Sohn, ſagte Katharine mit ihrer ſchmeichelndſten Stimme; Ihr trachtet nicht darnach ein Koͤnigreich in Blut zu baden, nicht wahr? Das iſt nicht moͤglich. Ihr ſeid weder ein ſchlechter Franzoſe, noch ein ſchlechter Bruder. — Mein Bruder hat mich mißhandelt, gnaͤdige Frau, und ich bin ihm Nichts mehr ſchuldig; nein, Nichts als meinem Bruder, Nichts als meinem Koͤnige. — Aber mir, Franz, mir! Ihr habt Euch nicht uͤber mich zu beklagen? — Doch, gnaͤdige Frau, denn Ihr habt mich ver⸗ laſſen! erwiderte der Herzog in der Meinung, daß Buſſy immer noch da waͤre und ihn wie anfangs hoͤren koͤnnte. — Ha! Ihr wollt meinen Tod? ſagte Katharine mit dumpfer Stimme. Nun denn! Es ſei, ich werde ſter⸗ ben, wie eine Frau ſterben muß, die ihre Kinder ſich unter einander ermorden ſieht. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Katharine nicht im Entfernteſten Luſt hatte zu ſterben. — O, ſagt das nicht, gnaͤdige Frau, Ihr maͤcht — 133— mein Herz bluten! rief Franz aus 3 deſſen Herz durch⸗ aus nicht blutete. Katharine brach in Thraͤnen aus. Der Herzog ergriff ihre Haͤnde und ſuchte ſie zu beruhigen, indem er dabei immer beſorgte Blicke nach der Seite des Alkovens warf. — Aber was wollt Ihr? ſagte ſie. Sprecht zum Mindeſten Eure Anſpruͤche aus, damit wir wiſſen, wor⸗ an wir uns zu halten haben. — Was wollt Ihr ſelbſt? Laßt hoͤren, meine Mut⸗ ter, ſagte Franz, ſprecht, ich hoͤre. — Ich wuͤnſche, daß Ihr nach Paris zurückkehrtet, theures Kind, ich wuͤnſche, daß Ihr an den Hof des Koͤnigs, Eures Bruders, zuruͤckkehrtet, der Euch die Arme entgegenſtreckt. — Und Gottes Tod, gnaͤdige Frau, ich ſehe klar; er iſt es nicht, der mir die Arme entgegenſtreckt, ſon⸗ dern die Zugbruͤcke der Baſtille. — Nein, kehrt zuruͤck, kehrt zuruͤck, und, bei mei⸗ ner Ehre, bei meiner Mutterliebe, bei dem Blute unſe⸗ res Heilands Jeſus Chriſtus, Katharine bekreuzigte ſich, Ihr werdet von dem Koͤnige empfangen werden, als ob Ihr der Koͤnig, und er der Herzog von Anjou waͤre. Der Herzog blickte immerwaͤhrend nach der Seite des Alkovens. — Nehmt es an, fuhr Katharine fort, nehmt es an, mein Sohn. Wollt Ihr andere Apanagen, ſagt, wollt Ihr Leibwachen? — Ei, gnaͤdige Frau, Euer Sohn hat mir deren — 134— gegeben, und ſogar Ehrenwachen, da er ſeine vier Mig⸗ nons gewaͤhlt hatte. — Nicht doch, antwortet mir nicht ſo: die Leibwa⸗ chen, die er Euch geben wird, werdet Ihr Euch ſelbſt auswaͤhlen; Ihr werdet einen Kapitain haben, wenn es ſein muß, und waͤre dieſer Kapitain, wenn auch das noch ſein muͤßte, ſelbſt Herr von Buſſy. Durch dieſes letzte Anerbieten erſchuͤttert, von dem er glauben mußte, daß Buſſy dafuͤr empfaͤnglich waͤre, warf der Herzog nochmals einen Blick nach dem Alko⸗ ven, indem er zitterte, einem flammenden Blicke und weißen, in dem Schatten grinſenden Zaͤhnen zu begeg⸗ nen. Aber, o der Ueberraſchung, er ſah im Gegentheile, wie Buſſy lachend, vergnuͤgt und durch zahlreiche Bil⸗ ligungen mit dem Kopfe Beifall zollte. — Was bedeutet das? fragte er ſich. Wollte Buſſy denn nur den Krieg, um Kapitaͤn meiner Leibgarden zu werden? — Dann, ſagte er laut, und wie, als ob er ſich ſelbſt befrage, ſoll ich alſo zuſagen? — Ja, ja, ja! machte Buſſy mit den Haͤnden, den Schultern und dem Kopfe. — Ich muͤßte alſo, fuhr der Herzog fort, Anjou verlaſſen und nach Paris zuruͤckkehren? — Ja, ja, ja! fuhr Buſſy mit einem billigenden Eifer fort, der immer mehr zunahm.. — Gewiß, theures Kind, ſagte Katharine. Aber iſt es denn ſo ſchwer nach Paris zuruͤckzukehren? 88 — Meiner Treue, ſagte der Herzog, ich begreife — 435— Nichts mehr davon. Wir waren uͤbereingekommen, daß ich Alles ausſchlagen ſollte, und jetzt raͤth er mir zum Frieden und zu den Umarmungen. — Nun, fragte Katharine mit Bangigkeit, was antwortet Ihr? — Ich werde uͤberlegen, meine Mutter, ſagte der Herzog, der ſich mit Buſſy uͤber dieſen Widerſpruch verſtaͤndigen wollte, und morgen. — Er ergiebt ſich, dachte Katharine. Gut, ich habe die Schlacht gewonnen. — Am Ende, ſagte ſich der Herzog, hat Buſſy vielleicht Recht. Und die Beiden trennten ſich, nachdem ſie ſich um⸗ armt hatten. X. Wie Herr von Monſoreau die Augen aufſchlug, ſchloß und wieder aufſchlug, was beweiſet, daß er nicht gaͤnzlich todt war. Ein guter Freund iſt eine angenehme Sache, eine um ſo angenehmere, je ſeltener ſie iſt. Remy geſtand ſich das ſelbſt ein, waͤhrend er auf einem der beſten Pferde aus den Staͤllen des Prinzen uͤber die Felder ſprengte. Er haͤtte gern Roland genommen, aber in dieſer Beziehung war ihm Herr von Monſoreau zuvorge⸗ kommen, er war demnach genoͤthigt, ein anderes zu nehmen. — Ich liebe Herrn von Buſſy ſehr, ſagte la Hau⸗ doin zu ſich ſelbſt; und, wie ich glaube, liebt auch Herr von Buſſy ſeiner Seits mich ſehr; deshalb bin ich heute ſo vergnuͤgt, weil ich heute Gluͤck fuͤr zwei habe. Dann fuͤgte er aus voller Bruſt athmend hinzu: — Wahrlich, ich glaube, daß mein Herz nicht mehr weit genug iſt. —— —8 — 137— — Sehen wir, fuhr er ſich ſelbſt befragend fort, ſehen wir, auf welche Weiſe ich Frau Diana anreden werde. Wenn ſie ſteif, ceremonioͤs, traurig iſt, dann Be⸗ gruͤßungen, ſtumme Verneigungen und eine Hand auf das Herz; wenn ſie laͤchelt, dann Pirouetten, Ronden auf einem Beine und eine Polonaiſe, die ich ganz allein ausfuͤhren werde. Was Herrn von Saint⸗Luc anbelangt, wenn er noch auf dem Schloſſe iſt, woran ich zweifele, ihm ein Vivat und lateiniſche Dankſagungen. Er wird nicht traurig ſein, ich bin uͤberzeugt davon. — Ah! Ich naͤhere mich. In der That, nachdem das Pferd ſich links und dann rechts gewandt, nachdem es dem blumigen Fuß⸗ pfade gefolgt und durch den Nieder⸗ und Hochwald ge⸗ kommen, gelangte er in das an die Mauer fuͤhrende Dickicht. — O, die ſchoͤnen Klatſchroſen! ſagte Remy. Das erinnert mich an unſern Oberjaͤgermeiſter; die, auf welche er gefallen iſt, konnten nicht ſchoͤner ſein, als dieſe da. Remy naͤherte ſich der Mauer immer mehr. Ploͤtzlich blieb das Pferd mit offenen Nuͤſtern und ſtarren Augen ſtehen. Remy, der im ſcharfen Trabe ritt und auf dieſes ploͤtzliche Anhalten nicht gefaßt war, waͤre beinahe uͤber Mithridates Kopf geflogen.. So hieß das Pferd, welches er an Rolands Stelle genommen hatte. „ 8 — 138— . 8 Remy, den die Praxis zum furchtloſen Reiter ge⸗ macht hatte, druͤckte ſeinem Pferde die Sporen in die Weichen, aber Mithridates ruͤhrte ſich nicht; er hatte dieſen Namen ohne Zweifel wegen der Aoehnlichkeit, welche ſein hartnaͤckiger Charakter mit dem des Koͤnigs von Pontos bot, erhalten. Remy ſenkte erſtaunt die Augen auf den Boden, um nachzuſehen, welches Hinderniß ſein Pferd aufhielt; aber er ſah Nichts, als eine große Lache Blut, welches die Erde und die Blumen allmaͤhlich einſogen, und das mit einem leichten roſigen Schaume bedeckt war. — Ei, rief er aus, ſollte Herr von Saint⸗Luc etwa hier Herrn von Monſoreau durchbohrt haben? Remy erhob die Augen von dem Boden und blickte um ſich. Zehn Schritte weit von da erblickte er unter einem Dickicht zwei ſteife Beine und einen Koͤrper, der noch ſteifer ſchien. Die Beine waren ausgeſtreckt, der Koͤrper war ge⸗ gen die Mauer gelehnt. — Ei, der Monſoreau! aͤußerte Remy. Hie obiit Nimrod.*) Nun, nun, wenn ihn die Wittwe ſo den Raben und den Geiern ausgeſetzt laͤßt, ſo iſt es ein gu⸗ tes Zeichen fuͤr uns, und die Trauerrede wird in Pi⸗ rouetten, Ronden auf einem Beine und einer Polonaiſe beſtehen. *) Hier ſtarb Nimrod. — 13³9— Und nachdem er abgeſtiegen war, that Remy einige Schritte in der Richtung des Koͤrpers voran. — Das iſt naͤrriſch, ſagte er, da liegt er hier todt, vollkomen todt, und dennoch iſt das Blut dort. Ah! Hier iſt eine Spur. Er wird von dort hierhergekommen ſein, oder vielmehr dieſer gute Saint⸗Luc, der die Barm⸗ herzigkeit ſelbſt iſt, wird ihn an dieſe Mauer gelehnt ha⸗ ben, damit ihm das Blut nicht zu Kopfe ſtiege. Ja, ſo iſt es, er iſt meiner Treue todt, mit offenen Augen und ohne Verzerrung, auf der Stelle todt, ſo, eins, zwei. Und Remy ließ die Finger in der Luft klappen. Ploͤtzlich wich er verwirrt und mit offenem Munde zuruͤck; die beiden Augen, welche er offen geſehen, hat⸗ ten ſich wieder geſchloſſen, und eine noch groͤßere Blaͤſſe, als diejenige, welche ihn anfangs uͤberraſcht, hatte ſich uͤber das Antlitz des Verſchiedenen verbreitet. Remy wurde faſt eben ſo bleich, als Herr von Mon⸗ ſoreau; aber, da er Arzt war, das heißt, ziemlich Ma⸗ terialiſt, ſo murmelte er, indem er ſich die Naſenſpitze rieb. — Credere portentis mediocre. Wenn er die Augen geſchloſſen hat, ſo iſt das ein Beweis, daß er nicht todt iſt. Und da, trotz ſeinem Materialismus, die Lage un⸗ angenehm war, da außerdem die Gelenke ſeiner Kniee ſich mehr bogen, als angemeſſen war, ſo ſetzte er ſich oder ließ ſich vielmehr an den Fuß des Baumes gleiten, — 140— der ihn unterſtuͤtzte, und befand ſich der Leiche gegen⸗ uͤber. — Ich weiß nicht recht, ſagte er ſich, wo ich gele⸗ ſen habe, daß nach dem Tode ſich gewiſſe wirkende Er⸗ ſcheinungen erzeugen, die Nichts als ein Abnehmen des Stoffes, das heißt, einen Anfang der Verweſung of⸗ fenbaren. — Verteufelter Menſch! Er muß uns noch nach ſei⸗ nem Tode aͤrgern; das iſt ſehr hart. Ja, meiner Treue, nicht allein ſind die Augen wirklich geſchloſſen, ſondern die Blaͤſſe hat auch noch zugenommen, color albus chroma chloron, wie Galenus ſagt; color albus, wie Cicero ſagt, der ein ſehr geiſtreicher Redner war; au— ßerdem giebt es ein Mittel, zu erfahren, ob er todt iſt oder ob er es nicht iſt, naͤmlich ihm mein Schwerdt ei⸗ nen Fuß tief in den Leib zu ſtoßen; wenn er ſich nicht regt, ſo iſt das ein Beweis, daß er wirklich verſchieden iſt. Und Remy ſchickte ſich an, dieſe barmherzige Probe zu machen; ſchon legte er ſogar die Hand an ſein— Schwerdt, als Monſoreaus Augen ſich von Neuem auf⸗ 5 ſchlugen. Dieſer Zufall brachte eine dem erſten entgegenge⸗ ſetzte Wirkung hervor. Wie durch eine Feder in Bewe⸗ gung geſetzt, richtete ſich Remy wieder auf, und ein kalter Schweiß rann von ſeiner Stirn. Dieſes Mal blieben die Augen des Todten weit auf⸗ geſperrt. — Er iſt nicht todt, murmelte Remy; er iſt nicht 823 — 141— todt. Nun denn! Da ſind wir jetzt in einer ſchoͤnen Lage. Nun ſtieg in dem Geiſte des jungen Mannes na⸗ tuͤrlicher Weiſe ein Gedanke auf. — Er lebt, ſagte er, das iſt wahr; aber wenn ich ihn toͤdte, ſo wird er gewiß todt ſein. Und er blickte Monſoreau an, der ihn auch mit ſo erſchreckten Augen anblickte, daß man gemeint haͤtte, er koͤnne in der Seele dieſes Voruͤberkommenden leſen, wel⸗ ſcher Art ſeine Abſichten waͤren. — Pfui, rief ploͤtzlich Remy aus, pfui, welch ab⸗ ſcheulicher Gedanke. Gott iſt mein Zeuge, daß, wenn er da aufrecht, auf ſeinen Beinen und ſein Schwerdt chwingend ſtaͤnde, ich ihn von ganzem Herzen gern toͤdten wuͤrde. Aber ſo, wie er jetzt iſt, ohne Kraft und drei Viertel todt, waͤre das mehr als ein Verbrechen, es waͤre eine Schaͤndlichkeit. — Za Huͤlfe, murmelte Menſoreau, zu Huͤlfe, ich ſterbe! — Gottes Tod, ſagte Reny, die Lage iſt kritiſch! Ich bin Arzt, und demzufolge iſt es meine Pflicht, mei⸗ nem leidenden Mitmenſchen beizuſtehen. Wahr iſt es, daß der Monſoreau ſo haͤßlich iſt, daß ich faſt das Recht haͤtte, zu ſagen, er ſei meines Gleichen nicht, aber er iſt von meinem Geſchlecht,— genus homo.— Nun denn, vergeſſen wir, daß ich La Haudoin heiße, daß ich der Freund des Herrn von Buſſy bin, und thun wir unſere Pflicht als Arzt. — Zu Huͤlfe! wiederholte der Verwundete. — Hier bin ich, ſagte Remy. — Holt mir einen Prieſter, einen Arzt. — Der Arzt iſt gefunden, und vielleicht wird er Euch den Prieſter entbehrlich machen. — La Haudoin, rief Herr von Monſoreau aus, in⸗ dem er Remy erkannte, durch welchen Zufall?... Wie man ſieht, war Herr von Monſoreau ſeinem Charakter getreu; ſelbſt in ſeinem Todeskampfe war er mißtrauiſch und examinirte. Remy begriff alle Folgen dieſes Verhoͤres. Dieſer Wald war kein gebahnter Weg und man kam nicht hier⸗ her, ohne hier zu thun zu haben. Die Frage war dem⸗ nach faſt natuͤrlich. — Wie befindet Ihr Euch hier? fragte Monſoreau nochmals, dem der Argwohn einige Kraͤfte wiedergab. — Bei Gott, antwortete la Haudoin, weil ich eine Stunde weit von hier Herrn von Saint-Luc begegnet bin. 8 — Ha, kmeinem Moͤrder! ſtammelte Monſoreau, indem er zugleich vor Schmerz und vor Zorn erbleichte. — Da hat er mir geſagt: eilt in den Wald, Remy, und an dem der alte Schlag genannten Orte werdet Ihr einen todten Menſchen finden. — Todt! wiederholte Monſoreau. — Hm, er glaubte es, ſagte Remy; Ihr muͤßt des⸗ halb nicht boͤs auf ihn ſein; nun bin ich gekommen, habe geſehen, Ihr ſeid beſiegt. — Nun ſagt mir,— Ihr ſprecht mit einem Manne, 4. — 143— fuͤrchtet daher Nichts,— ſagt mir, ob ich toͤdtlich ver⸗ wundet bin? — Ah, den Teufel! ſagte Remy. Ihr fragt mich um Viel, indeſſen will ich unterſuchen, laßt ſehen. Wir haben geſagt, daß das Gewiſſen des Arztes uͤber die Ergebenheit des Freundes den Sieg davon ge⸗ tragen hatte. Remy naͤherte ſich demnach Monſoreau und zog ihm mit allen gebraͤuchlichen Vorſichtsmaßregeln ſeinen Mantel, ſein Wamms und ſein Hemd aus. Das Schwerdt war unter der rechten Bruſtwarze zwiſchen der ſechſten und ſiebenten Rippe eingedrungen. — Hm! ſagte Remy. Leidet Ihr Viel? — Nicht an der Bruſt, am Ruͤcken. — Ah! Laßt ein Wenig ſehen, aͤußerte Remy, an welchem Theile des Ruͤckens? — Unter dem Schulterblatte. — Das Schwerdt wird auf einen Knochen geſtoßen ſein, ſagte Remy, daher der Schmerz. Und er ſah nach dem Orte, welchen der Graf als den Sitz eines heftigeren Leidens andeutete. — Nein, ſagte er, nein, ich irrte mich; das Schwerdt iſt auf Nichts geſtoßen, es iſt wieder heraus⸗ gekommen, wie es eingedrungen iſt. Den Henker, welch ſchoͤner Schwerdtſtoß, Herr Graf; ſo laß ich mir's ge⸗ fallen, es iſt ein Vergnuͤgen, die Verwundeten des Herrn von Saint⸗Luc zu behandeln; Ihr ſeid durch und durch durchbohrt, mein lieber Herr. Monſoreau ſank in Ohnmacht; aber Nan bekuͤm⸗ merte ſich nicht um dieſe Schwaͤche. — Ah, ganz recht! Ohnmacht, der Puls klein, das muß ſo ſein. Er befuͤhlte die Haͤnde und die Beine: kalt an den Extremitaͤten. Er legte das Ohr an die Bruſt: kein Geraͤuſch, kein Athemholen. Er klopfte ſanft darauf: Mattigkeit des Schalles. Den Teufel, den Teufel, die Wittwenſchaft der Frau Diana koͤnnte wohl nur eine Frage der Zeitrechnung ſein. In dieſem Augenblicke benetzte ein leichter roͤthlicher Schaum die Lippen des Verwundeten. Remy zog raſch ein Beſteck aus ſeiner Taſche und nahm daraus eine Lanzette, dann riß er einen Streif von dem Hemde des Verwundeten, und unterband ihm den Arm. Wir werden ſehen, ſagte er; wenn das Blut laͤuft, ſo iſt, meiner Treue, Frau Diana vielleicht keine Wittwe. Aber wenn es nicht laͤuft!... Ah, ah! Es laͤuft, meiner Treue. Verzeihl, mein lieber Herr von Buſſy, verzeiht, aber, meiner Treue, man iſt vor Al⸗ lem Arzt. Nachdem es ſo zu ſagen einen Augenblick lang ge⸗ zoͤgert hatte, ſprang das Blut in der That aus der Ader; faſt in derſelben Zeit, als es ſich Luft machte, athmete der Kranke tief und ſchlug die Augen auf. — Ah, ſtammelte er, ich habe wirklich geglaubt, daß Alles vorbei waͤre. — Noch nicht, mein lieber Herr, noch nicht; es iſt ſogar moͤglich... — Daß ich davon komme? — O, mein Gott! Ja, ſeht, ſchließen wir zuvoͤr⸗ derſt die Wunde. Wartet, ruͤhrt Euch nicht. Seht, — — 145— die Natur verbindet Euch in dieſem Augenblicke von In⸗ nen!, wie ich Euch von Außen verbinde. Ich lege Euch einen Verband auf, ſie macht ihre Blutkruſte. Ich laſſe das Blut fließen, ſie ſtillt es. Ah, die Natur iſt ein großer Wundarzt, mein lieber Herr. Da, wartet, daß ich die Lippen abtrockne. Und Remy legte ein Taſchentuch auf die Lippen des Grafen. — Anfangs, ſagte der Verwundete, habe ich das Blut Mundvoll ausgeſpieen. — Nun! Seht Ihr, ſagte Remy, jetzt iſt die Ver⸗ blutung ſchon geſtillt. Schoͤn, das geht gut, oder viel⸗ mehr um ſo ſchlimmer. — Wie, um ſo ſchlimmer? — Um ſo beſſer fuͤr Euch, gewiß; aber um ſo ſchlimmer! Ich weiß, was ich ſagen will. Mein lieber Herr von Monſoreau, ich fuͤrchte, daß ich das Gluͤck habe, Euch zu heilen. — Wie! Ihr fuͤrchtet Euch? — Ja, ich verſtehe mich. — Ihr glaubt alſo, daß ich davonkommen werde? — Leider! — Ihr ſeid ein ſeltſamer Arzt, Herr Remy. — Was kuͤmmert's Euch? Wenn ich Euch nur rette! Jetzt, wollen wir ſehen. Remy hatte den Aderlaß verbunden, er ſtand auf. — Nun! Ihr verlaßt mich? ſagte der Graf. — Ah! Ihr ſprecht zu Viel, mein lieber Herr. Zu Viel ſprechen ſchadet. Das iſt die Verlegenheit nicht, Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band. 10 — 146— ich ſollte ihm wohl viel eher den 6 geben, zu ſchreien. — Ich verſtehe Euch nicht. — Gluͤcklicher Weiſe. Jetzt ſeid Ihr verbunden. — Nun? — Ich gehe auf's Schloß, um Huͤlfe zu holen. — und ich, was muß ich waͤhrend dieſer Zeit thun? — Verhaltet Euch ruhig, ruͤhrt Euch nicht, athmet ganz vorſichtig, trachtet nicht zu huſten, ſtoͤren wir dieſe koſtbare Blutkruſte nicht. Welches iſt das naͤchſte Haus? — Das Schloß Moridor. — Welches iſt der Weg? fragte Remy, indem er die vollkommenſte Unwiſſenheit heuchelte. — Entweder klettert uͤber die Mauer, und Ihr wer⸗ det Euch in dem Parke befinden, oder reitet der Mauer entlang, und Ihr werdet das Thor finden. — Gut, ich eile hin. — Ich danke Euch, edelmuͤthiger Mann rief Mon⸗ ſoreau aus. — Wenn Du wuͤßteſt, in welchem Grade ich es in der That bin, ſtammelte Remy, Du wuͤrdeſt mir noch bei Weitem mehr danken. Und ſein Pferd wieder beſteigend, ſorengte er im Galopp in der angedeuteten Richtung davon. Nach Verlauf von fuͤnf Minuten gelangte er an das Schloß, deſſen ſaͤmmtliche Bewohner, emſig und herumirrend gleich Ameiſen, deren Zellen man erbrochen hat, in den Dickichten, in den Schlupfwinkeln und in der Umgebung ſuchten, ohne die Stelle finden zu koͤnnen, — 147— wo die Leiche ihres Herrn lag, weil Saint⸗-Luc, um Zeit zu gewinnen, einen falſchen Ort angegeben hatte. Remy fiel wie ein vom Himmel gefallener Stein mitten unter ſie und riß ſie mit ſich fort. Er verwandte ſo viel Eifer auf ſeine Anempfehlung, daß Frau von Monſoreau ſich nicht enthalten konnte, ihn verwundert anzublicken. Ein ſehr geheimer, ſehr verſchleierter Gedanke ſtieg in ihrem Geiſte auf, und truͤbte in einem Nu die engel⸗ gleiche Reinheit dieſer Seele. — Ah! Ich hielt ihn fuͤr den Freund des Herrn von Buſſy, murmelte ſie, waͤhrend Remy ſich entfernte, der eine Tragbahre, Scharpie und friſches Waſſer, kurz alle zum Verbande noͤthigen Sachen mit ſich nahm. Aeskulap ſelbſt haͤtte mit ſeinen goͤttlichen Fittichen nicht mehr gethan. 10* XII. Wie der Herzog von Anjou nach Méridor ging, um der Frau von Monſoreau Beileidsbezeigungen uͤber den Tod ihres Gatten abzuſtatten, und wie er Herrn von Monſoreau fand, der ihm entgegen kam. Geeich nach der zwiſchen dem Herzoge von Anjou und ſeiner Mutter abgebrochenen Unterredung beeilte ſich der erſtere Buſſy aufzuſuchen, um die Urſache der unbe⸗ greiflichen Aenderung kennen zu lernen, die in ihm vor⸗ gegangen war. In ſeine Wohnung zuruͤckgekehrt, las Buſſy zum fuͤnften Male den Brief Saint⸗Lucs, von dem jede Zeile ihm einen immer angenehmeren Sinn bot. In ihre Zimmer zuruͤckgezogen, ließ Katharine ihrer Seits ihre Leute kommen, und beſtellte ihr Gepaͤck zu der Abreiſe, welche ſie fuͤr den folgenden oder ſpaͤteſtens fuͤr den zweiten Tag feſtſetzen zu koͤnnen glaubte. 1 — 149— Buſſy empfing den Prinzen mit einem liebenswuͤr⸗ digen Laͤcheln.. — Wie, gnaͤdiger Herr, ſagte er, Eure Hoheit ge⸗ ruht, Sich die Muͤhe zu nehmen zu mir zu kommen? Ja, Gottes Tod, ſagte der Herzog, ich komme, um eine Erklaͤrung von Dir zu verlangen. — Von mir? — Ja, von Dir. — Sagt an, gnaͤdiger Herr. — Wie, rief der Herzog aus, Du empfiehlſt mir an, mich vom Kopf bis zum Fuße gegen die Eingebungen meiner Mutter zu wappnen und tapfer den Angriff aus⸗ zuhalten; ich thue es, und im ſchaͤrfſten Kampfe, als alle Stoͤße an mir abgeprallt ſind, kommſt Du mir zu ſagen: legt Euren Panzer ab, gnaͤdiger Herr, legt ihn ab. — Ich hatte Euch alle dieſe Anempfehlungen ge⸗ macht, gnaͤdiger Herr, weil ich nicht wußte, in welcher Abſicht Madame Katharine gekommen war. Aber jetzt, wo ich ſehe, daß ſie zu der groͤßten Verherrlichung und zu dem groͤßten Gluͤcke Eurer Hoheit gekommen iſt... — Wie, aͤußerte der Heazog, zu meiner groͤßten Ver⸗ herrlichung und zu meinem groͤßten Gluͤcke, wie verſtehſt Du das? — Gewiß! erwiderte Buſſy. Was will Eure Hoheit? Ueber Ihre Feinde triumphiren, nicht wahr? Denn ich glaube nicht, daß Ihr daran denkt, Koͤnig von Frank⸗ reich zu werden, wie es gewiſſe Perſonen behaupten. —— —— — 150— Der Herzog blickte Buſſy auf eine verſchloſſene Weiſe an. — Gewiſſe Leute werden es vielleicht rathen, gnaͤdi⸗ ger Herr, ſagte der junge Mann; aber dieſe da, glaubt es ſicher, ſind Eure grauſamſten Feinde; dann, wenn ſie zu hartnaͤckig ſind, wenn Ihr nicht wißt, wie Ihr Euch ihrer entledigen koͤnnt, ſo ſchickt ſie zu mir; ich werde ſie uͤberzeugen, daß ſie ſich irren. Der Herzog verzog das Geſicht. — Außerdem, fuhr Buſſy fort, pruͤft Euch, gnaͤdi⸗ ger Herr; pruͤft Eure Nieren, wie die Bibel ſagt; habt Ihr hundert Tauſend Mann, zehn Millionen Livres, Buͤndniſſe im Auslande, und dann endlich, wollt Ihr gegen Euren Herrn feindlich auftreten? — Mein Herr iſt ohne alle Umſtaͤnde gegen mich feindlich aufgetreten, ſagte der Herzog. — Ah, wenn Ihr es ſo nehmt, ſo habt Ihr Recht, erklaͤrt Euch, laßt Euch kroͤnen und nehmt den Titel Koͤnig von Frankreich an! Nichts iſt mir lieber, denn wenn Ihr ſteigt, ſo ſteige ich mit Euch. — Wer ſpricht Dir davon, Koͤnig von Frankreich zu werden? erwiderte der Herzog auf empfindliche Weiſe. Du verhandelſt da eine Frage, die ich niemals Jeman⸗ dem aufzuloͤſen gegeben habe, nicht einmal mir ſelbſt. — Dann iſt Alles abgemacht, gnaͤdiger Herr, und es beſteht kein Streit mehr unter uns, da wir uͤber den Hauptpunkt einverſtanden ſind. — Wir ſind einverſtanden? — Ich meine es zum Mindeſten. Laßt Euch dem⸗ SV u — 151— nach eine Kompagnie Leibwachen und fuͤnfhundert Tau⸗ ſend Livres geben. Fordert, bevor der Frieden unter⸗ zeichnet iſt, Subſidien von Anjou. Sobald Ihr ſie ein⸗ mal habt, behaltet ſiez das verpflichtet zu Nichts. Auf dieſe Weiſe werden wir Mannſchaft, Geld und Macht haben, und wir werden... Gott weiß, wozu gelangen! — Aber einmal in Paris, ſobald ſie mich wieder gefangen, ſobald ſie mich wieder in Haͤnden haben, wer⸗ den ſie meiner ſpotten, ſagte der Herzog. — Geht doch, gnaͤdiger Herr, das faͤllt Euch nicht ein. Sie Eurer ſpotten! Habt Ihr nicht gehoͤrt, was⸗ Euch Ihre Majeſtaͤt, die Koͤnigin Mutter anbietet? — Sie hat mir Mancherlei angeboten. — Ich begreife, das beunruhigt Euch? — Ja. — Aber unter andern Dingen hat ſie Euch eine Kompagnie Leibwachen angeboten, ſtaͤnde dieſe Kom⸗ pagnie auch unter den Befehlen des Herrn von Buſſy. — Gewiß, ſie hat mir das angeboten. — Nun denn, nehmt es an, ich ſage es Euch; er⸗ nennt Buſſy zu Eurem Kapitaͤn, ernennt Antraguet und Livarot zu Euren Lieutenants, ernennt Riberac zu Eu⸗ rem Faͤhndrich. Laßt uns Vier dieſe Kompagnie nach unſerem Gutduͤnken bildenz dann werdet Ihr mit dieſer Bedeckung hinter Euch ſehen, ob ſich Jemand uͤber Euch luſtig macht und Euch nicht gruͤßt, wenn Ihr voruͤber kommt, waͤre es ſelbſt der Koͤnig. — Meiner Treue, ſagte der. Herzog, ich glaube, 1 — 152— daß Du Recht haſt, Buſſy, ich werde es mir uͤber⸗ legen. — Ueberlegt es Euch, gnaͤdiger Herr. — Ja, aber was laſeſt Du denn ſo aufmerkſam, als ich gekommen bin? — Ah, verzeiht, ich vergaß, einen Brief. — Einen Brief? — Der Euch noch mehr intereſſirt, als mich. Wo der Teufel hatte ich denn den Kopf, ihn Euch nicht auf der Stelle zu zeigen? .— Es iſt alſo eine wichtige Nachricht? — O, mein Gott! Ja, und ſelbſt eine traurige Nachricht: Herr von Monſoreau iſt todt. — Was ſagſt Du? rief der Herzog mit einer Re⸗ gung ſo auffallender Ueberraſchung aus, daß Buſſy, wel⸗ cher die Augen auf den Prinzen geheftet hatte, in Mitte dieſer Ueberraſchung eine uͤbermäßige Freude zu bemerken glaubte. — Todt, gnaͤdiger Herr. — Herr von Monſoreau todt? — Ei, mein Gott, ja! Sind wir nicht Alle ſterb⸗ lich? — Ja, aber man ſtirbt nicht ſo ploͤtzlich. — Das kommt darauf an. Wenn man Euch toͤdtet? — Er iſt alſo getoͤdtet worden? — Es ſcheint ſo. — Durch wen? — Durch Saint⸗Luc, mit dem er Haͤndel geſucht hat.. N — 153— — Ah, dieſer liebe Saint⸗Luc! rief der Prinz aus. — Ei, ſagte Buſſy, ich wußte nicht, daß dieſer liebe Saint⸗Luc ſo ſehr Euer Freund waͤre! — Er gehoͤrt zu den Freunden meines Bruders, ſagte der Herzog, und von dem Augenblicke an, wo wir uns verſoͤhnen, ſind die Freunde meines Bruders die meinigen. — Ah, gnaͤdiger Herr, das laſſe ich mir gefallen, und ich freue mich, Euch in einer ſolcher Stimmung zu⸗ ſehen. — Und Du biſt deſſen gewiß? — Hm, ſo gewiß, als man es ſein kann. Hier iſt ein Billet von Saint⸗Luc, welches mir dieſen Todes⸗ fall meldet, und da ich eben ſo unglaͤubig bin als Ihr, und da ich zweifelte, gnaͤdiger Herr, ſo habe ich meinen Wundarzt Remy abgeſandt, um ſich von der Thatſache zu uͤberzeugen, und dem alten Baron meine Beileids⸗ bezeugungen zu uͤberbringen. — Todt! Monſoreau todt! wiederholte der Herzog von Anjou. Todt ganz allein! — Das Wort entſchluͤpfte ihm, wie der liebe Saint⸗Luc ihm entſchluͤpft war. Alle Beide waren entſetzlich offenherzig. — Er iſt nicht ganz allein geſtorben, ſagte Buſſy, da Saint⸗Luc ihn getoͤdtet hat. — O, ich weiß, was ich ſagen will, ſagte der Herzog.— — Hatte Eure Gnaden vielleicht zufaͤllig einem — 154— Anderen den Auftrag gegeben ihn zu toͤdten? fragte Buſſy. — Meiner Treue, nein! Und Du? — O, ich, gnaͤdiger Herr, ich bin nicht vornehmer Herr genug, um dieſe Arten von Verrichtungen durch Andere ausfuͤhren zu laſſen, und ich bin genoͤthigt, ſie ſelbſt auszufuͤhren. — Ah, Monſoreau, Monſoreau, aͤußerte der Prinz mit einem abſcheulichen Laͤcheln. — Ei, gnaͤdiger Herr, man ſollte meinen, daß Ihr ungehalten auf dieſen armen Grafen waͤret. — Nein, Du wareſt boͤs auf ihn. — Ich, das war ganz natuͤrlich, daß ich ihm nicht gut war, ſagte Buſſy, indem er unwillkurlich erroͤthete. War er nicht die Veranlaſſung, daß ich eines Tages eine abſcheuliche Demuͤthigung von Seiten Eurer Hoheit er⸗ tragen mußte? — Du erinnerſt Dich noch daran? — O, mein Gott, nein, gnaͤdiger Herr, Ihr ſeht es wohl; aber Ihr, deſſen Diener, Freund, Vertrauter er war.... — Nun denn, nun denn, ſagte der Prinz, indem er die Unterredung unterbrach, welche Verlegenheit bringend fuͤr ihn wurde, laß die Pferde ſatteln, Buſſy. — Die Pferde ſatteln? Und wozu? — Um nach Meridor zu reiten, ich will Frau Diana meine Beileidsbezeigungen abſtatten. Außerdem war die⸗ ſer Beſuch ſeit lange beſchloſſen, und ich weiß nicht, wo⸗ — — 155— her es kommt, daß er noch nicht ausgefuͤhrt iſt; aber ich will ihn nicht laͤnger verſchieben. Sapperment, ich weiß nicht warum, aber ich bin heute zu Komplimenten geſtimmt. 3 — Meiner Treue, ſagte Buſſy in ſeinem Inneren, jetzt, wo der Monſoreau todt iſt und ich keine Furcht mehe habe, daß er ſeine Frau dem Herzoge verkauft, liegt mir Wenig daran, daß er ſie wieder ſieht; wenn er ſie angreifen ſollte, werde ich ſie wohl ganz allein vertheidigen. Nun denn, da die Gelegenheit ſie wieder zu ſehen mir geboten iſt, ſo wollen wir die Gelegenheit benutzen. Und er verließ das Zimmer, um den Befehl zum Satteln der Pferde zu ertheilen. Eine Viertelſtunde nachher, waͤhrend Katharine ſchlief oder that, als ob ſie ſchliefe, um ſich von den Beſchwerden der Reiſe zu erholen, ritten der Prinz, Buſſy und zehn Edelleute auf ſchoͤnen Pferden mit je⸗ ner Freude nach Méridor, welche ſchoͤnes Wetter, die bluͤhende Ebene und die Jugend immer den Menſchen wie den Pferden einfloͤßen. Bei dem Anblicke dieſes prachtvollen Reiterzuges kam der Thorwart des Schloſſes an den Rand des Grabens, um nach dem Namen der Beſucher zu fragen. — Der Herzog von Anjou! rief der Prinz. Sogleich ergriff der Thorwart ein Horn und blies eine Fanfare, welche alle Diener des Schloſſes an die Zugbruͤcke herbeieilen ließ. — 156— Bald war es ein raſches Hin⸗ und Herrennen in den Zimmern, in den Corridoren und auf den Freitrep⸗ pen; die Fenſter der Thuͤrme oͤffneten ſich, man hoͤrte Eiſengeraſſel auf den Dlatten und der alte Baron er⸗ ſchien auf der Schwelle, indem er die Schluͤſſel ſeines Schloſſes in der Hand hielt. — Es iſt unglaublich, wie wenig Monſoreau be⸗ trauert wird, ſagte der Herzog; ſieh doch, Buſſy, wie alle dieſe Leute da gleichguͤltige Geſichter haben. Eine Frau erſchien auf der Freitreppe. — Ah, da iſt die ſchoͤne Diana, rief der Herzog aus, ſiehſt Du, Buſſy, ſiehſt Du? — Gewiß, ſehe ich ſie, gnaͤdiger Herr, ſagte der junge Mann; aber, fuͤgte er leiſe hinzu, ich ſehe Remy nicht. Diana trat in der That aus dem Hauſe; aber un⸗ mittelbar hinter Dianen kam eine Tragbahre, auf welcher ſich Monſoreau, mehr einem indiſchen Sultane auf ſei⸗ nem Palankin, als einem Todten auf dem Leichenbette aͤhnlich, mit vor Fieber oder Eiferſucht funkelndem Auge liegend tragen ließ. — O, o, was iſt das? rief der Herzog ſich an ſei⸗ nen Begleiter wendend aus, der noch weißer als das Taſchentuch geworden war, mit deſſen Huͤlfe er an⸗ fangs ſeine Erſchuͤtterung zu verbergen verſuchte. — Es lebe Seine Gnaden der Herzog von Anjou! rief Monſoreau aus, indem er mit gewaltſamer An⸗ ſtrengung ſeine Hand in die Luft erhob. — 157— — Sachte, ſagte eine Stimme hinter ihm, Ihr werdet die Blutkruſte ſprengen. Es war Remy, der bis ans Ende ſeiner Rolle als Arzt getreu dem Verwundeten dieſe Vorſicht anempfahl. Bei Hofe dauert ein Ueberraſchung nicht lange, zum Mindeſten auf den Geſichtern; der Herzog von Anjou machte eine Bewegung, um ſeine Beſtuͤrzung in ein Laͤcheln zu verwandeln. S⸗ mein lieber Graf! rief er aus. Welch ange⸗ nehme Ueberraſchung! Werdet Ihr glauben, daß man uns geſagt hatte, Ihr waͤret geſtorben? — Kommt, kommt, gnaͤdiger Herr, ſagte der Ver⸗ wundete, kommt, daß ich die Hand Eurer Hoheit kuͤſſe. Gott ſei Dank, ich bin nicht allein nicht todt, ſondern ich werde hoffentlich auch noch davon kommen, um Euch mit mehr Eifer und Treue, als jemals zu dienen⸗ Was Buſſy anbelangt, der weder Prinz noch Gatte war, in welchen beiden geſellſchaftlichen Stellungen die Verſtellung hoͤchſt nothwendig iſt, ſo fuͤhlte er einen kalten Schweiß von ſeinen Schlaͤfen rinnen; er wagte nicht, Diana anzublicken. Der Anblick dieſes zwei Male fuͤr ihn verlorenen und ſeinem Beſitzer ſo nahen Schatzes that ihm weh. — und Ihr, Herr von Buſſy, ſagte Monſoreau, Ihr, der Ihr mit Seiner Hoheit kommt, empfangt al⸗ len meinen Dank, denn Ihr ſeid es faſt, dem ich das Leben verdanke., — 158— — Wie, mir? ſtammelte der junge Mann, indem er glaubte, daß der Graf ihn verſpotte. 93 — Freilich ohne Zweifel mittelbar; aber meine Dankbarkeit iſt darum nicht geringer, denn hier iſt mein Retter, fuͤgte er auf Remy deutend hinzu, der verzwei⸗ felt die Arme gen Himmel erhob, und ſich in die Tiefe der Erde haͤtte verbergen moͤgen, ihm verdanken es meine Freunde mich noch zu beſitzen. Und trotz der Winke, welche ihm der arme Doktor gab, daß er ſchweigen moͤgte, die er aber fuͤr heilſame Anempfehlungen hielt, erzaͤhlte er nachdrucksvoll die Sorgfalt, die Geſchicklichkeit und den Eifer, von dem Le Haudoin einen Beweis gegen ihn abgelegt haͤtte. Der Herzog runzelte die Stirn; Buſſy blickte Remy mit einem entſetzlichen Ausdrucke an. 2 Der arme, hinter Monſoreau verſteckte Menſch be⸗ gnuͤgte ſich durch eine Geberde zu antworten, welche ſa⸗ gen wollte: — Ach, es iſt nicht meine Schuld. — Uebrigens, fuhr der Graf fort, habe ich erfah⸗ ren, daß Remy Euch eines Tages ſterbend gefunden hat, wie er mich ſelbſt gefunden. Das iſt ein Band der Freundſchaft unter uns; rechnet auf die meinige, Herr von Buſſy; wenn Monſoreau liebt, ſo liebt er recht; freilich, wenn er haßt, ſo iſt es, wie wenn er liebt, das heißt, von ganzem Herzen.— Buſſy glaubte zu bemerken, daß der Blitz, den er bei dem Ausſprechen dieſer Worte einen Augenblick lang — 159— in den fieberhaften Augen des Grafen hatte funkeln ſehen, an den Herzog von Anjou gerichtet waͤre. Der Herzog ſah Nichts.. — Nun denn, ſagte er, indem er vom Pferde ſtieg und Diana die Hand bot; wollt uns die Ehre dieſes Hauſes erzeigen, ſchoͤne Diana, das wir in Trauer zu finden meinten, und das im Gegentheile fortwaͤhrend ein Aufenthalt des Segens und der Freude iſt. Was Euch anbetrifft, Monſoreau, ſo ruhet Euch aus; die Ruhe ziemt den Verwundeten. — Guaͤdiger Herr, ſagte der Graf, es ſoll nicht ge⸗ ſagt ſein, daß Ihr zu dem lebenden Monſoreau kaͤmet, und daß, ſo lange als dieſer⸗Monſoreau lebt, ein Anderer Eurer Hoheit die Ehre ſeiner Wohnung erzeigt, meine Leuté werden mich tragen, und uͤberall, wohin Ihr geht, werde ich mitgehn. 4 Fuͤr dieſes Mal wurde man verſucht zu glauben, daß der Herzog den wahren Gedanken des Grafen er⸗ riethe, denn er ließ die Hand Dianas los. Nun athmete Monſoreau wieder freier. — Tretet zu ihr, ſagte Remy leiſe Buſſy ins Ohr. Buſſy naͤherte ſich Diana, und Monſoreau laͤchelte ihnen zu. Buſſy nahm die Hand Dianas, und Mon⸗ ſoreau laͤchelte immer noch. — Da haben wir jetzt eine große Veraͤnderung, Herr Graf, ſagte Diana leiſe. — 160— — Ach, fluͤſterte Buſſy, warum iſt ſie nicht noch groͤßer? Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Baron gegen den Prinzen und die ihn begleitenden Edelleute allen Prunk ſeiner patriarchaliſchen Gaſtfreundſchaft entfaltete. — 161— XIII. Von der Unannehnlichkeit zu breiter Saͤnften und zu ſchma⸗ ler Thuͤren. Buſſy verließ Diana nicht; das wohlwollende Laͤ⸗ cheln Monſoreaus geſtattete ihm eine Freiheit, die nicht zu benutzen er ſich wohl huͤtete. Die Eiferſuͤchtigen genießen das traurige Vorrecht, daß ſie nach harten Kaͤmpfen zur Bewahrung ihres Eigenthumes nicht verſchont bleiben, wenn die Wilddiebe einmal den Fuß auf ihr Beſitzthum geſetzt haben. — Guaͤdige Frau, ſagte Buſſy zu Diana, ich bin in Wahrheit der ungluͤcklichſte der Menſchen. Auf die Nachricht von ſeinem Tode habe ich dem Prinzen ge⸗ rathen, nach Paris zuruͤckzukehren und ſich mit ſeiner Mutter zu verſtaͤndigen; er hat eingewilligt, und jetzt bleibt Ihr in Anjou. — O, Louis, antwortete die junge Frau, indem ſie mit den Spitzen ihrer zarten Finger Buſſy Hand Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band. — 162— druͤckte, wagt Ihr zu ſagen, daß wir ungluͤcklich ſind? Ihr vergeßt alſo ſo viele ſchoͤne Tage, ſo viele unaus⸗ ſprechliche Wonne, deren Undenken wie ein Schauder mein Herz erſchuͤttert? — Ich vergeſſe Nichts, gnaͤdige Frau, im Gegen⸗ theile, ich erinnere mich zu ſehr, und eben deshalb finde ich, daß ich bei dem Verluſte dieſes Gluͤckes ſo ſehr zu beklagen bin. Begreift Ihr, was ich leiden werde, gnaͤ⸗ dige Frau, wenn ich nach Paris, Hundert Stunden weit von Euch, zuruͤckkehren muß! Mein Herz bricht, Diana, und ich fuͤhle mich feig. Diana ſah Buſſy an; aus ſeinen Augen leuchtete ſo viel Schmerz, daß ſie den Kopf ſenkte und zu uͤber⸗ legen begann. Derr junge Mann wartete mit flehendem Blicke und gefalteten Haͤnden einen Augenblick lang. — Nun denn, ſagte ploͤtzlich Diana, Ihr geht nach Paris, Louis, und ich auch. — Wie! rief der junge Mann aus. Ihr wolltet Herrn von Monſoreau verlaſſen? 3 — Ich wuͤrde ihn verlaſſen, antwortete Diana, aber er wuͤrde mich nicht verlaſſen; nein, glaubt mir, Louis, es iſt beſſer, daß er mit uns geht. — Verwundet, krank, wie er iſt, unmoͤglich! — Er wird kommen, ſage ich Euch. Und ſogleich den Arm Buſſys verlaſſend, naͤherte ſie ſich dem Prinzen, welcher ſehr uͤbler Laune Mon⸗ ſoreau antwortete, deſſen Saͤnfte Riberac, Antraguet und Livarot umgaben. 4 — 163— Bei dem Anblicke Dianas erheiterte ſich die Stirn des Grafen, aber dieſer Augenblick der Ruhe war nicht von langer Dauer, er ging voruͤber, wie ein Sonnen⸗ ſtrahl zwiſchen zwei Gewitterwolken verſchwindet. Diana naͤherte ſich dem Herzoge, und der Graf runzelte die Stirn. — Guaͤdiger Herr, ſagte ſie mit einem liebenswuͤr⸗ digen Laͤcheln, man ſagt, daß Eure Hoheit ein leiden⸗ ſchaftlicher Blumenfreund waͤre. Kommt, ich will Eurer Hoheit die ſchoͤnſten Blumen von ganz Anjou zeigen. Franz bot ihr artig die Hand. — Wohin fuͤhrt ihr denn den gnaͤdigen Herrn, Ma⸗ dame? fragte Monſoreau beſorgt. — In das Treihhaus, mein Herr. — Ah, aͤußerte Monſoreau. Wohlan, es ſeiz tragt mich in das Treibhaus. — Meiner Treue, ſagte ſich Remy, ich glaube jetzt, daß ich wohlgethan habe, ihn nicht zu toͤdten. Gott ſei Dank! Er wird ſich wohl allein umbringen. 8 Diana laͤchelte Buſſy auf eine Weiſe zu, welche Wunder verſprach. 1 — Herr von Monſoreau darf nicht ahnen, ſagte ſie leiſe zu ihm, daß Ihr Anjou verlaßt, ich uͤbernehme das Uebrige. 4 — Gut, ſagte Buſſy. Und er naͤherte ſich dem Prinzen, waͤhreud die Saͤnfte Monſoreaus noch hinter einer maſſiven Mauer war. 11* — 164— — Guaͤdiger Herr, ſagte er, vor Allem plaudert nicht; laßt Monſoreau nicht wiſſen, daß wir auf dem Punkte ſtehen, uns auszuſoͤhnen. — Warum das? — Weil er die Koͤnigin Mutter von unſeren Abſich⸗ ten in Kenntniß ſetzen koͤnnte, um ſich eine Freundin aus ihr zu machen, und daß Frau Katharine, wenn ſie wuͤßte, daß der Entſchluß gefaßt ſei, leicht weniger geneigt ſein koͤnnte, freigebig gegen uns zu ſein. — Du haſt Recht, ſagte der Herzog. Du traueſt ihm alſo nicht? — Dem Monſoreau? Bei Gott! Nein. — Nun denn! Ich auch nicht; ich glaube wahrlich, daß er abſichtlich den Todten geſpielt hat. — Nein, bei meiner Treue, er hat einen tuͤchtigen Schwerdtſtoß durch die Bruſt erhalten; dieſer einfaͤltige Remp, welcher ihn gerettet, hat ihn ſelbſt einen Augen⸗ blick lang fuͤr todt gehalten; ſeine Seele muß wahrlich in ſeinem Koͤrper feſtgenietet ſein. Man gelangte vor das Treibhaus, Diana laͤchelte dem Herzoge auf eine liebenswuͤrdigere Weiſe als je⸗ mals zu. Der Prinz trat zuerſt ein, dann Diana; Monſo⸗ reau wollte ihnen folgen, als aber ſeine Saͤnfte heran⸗ nahete, wurde man gewahr, daß es unmoͤglich waͤre, ſie hineinzubringen; die im Kreuzbogenſtyle gebaute Thuͤre war hoch, aber nur ſo breit, als die groͤßten Orangenkuͤbel, und die Saͤnfte des Herrn von Monſo⸗ reau war ſechs Fuß breit.. — 165— Bei dem Anblicke der zu ſchmalen Thuͤre und der zu breiten Saͤnfte ſtieß Monſoreau ein Bruͤllen aus. Diana trat in das Treibhaus, ohne auf die ver⸗ zweifelten Geberden ihres Gatten zu achten. Buſſy, dem das Laͤcheln der jungen Frau, in de⸗ ren Herzen er gewohnt war, mit den Augen zu leſen, vollkommen deutlich war, blieb bei Monſoreau, indem er mit vollkommener Ruhe zu ihm ſagte: — Ihr beſteht vergebens darauf, Herr Graf; dieſe Thuͤre iſt zu ſchmal, und Ihr werdet niemals durch ſie hinein koͤnnen. — Gnaͤdiger Herr! Guaͤdiger Herr! rief Monſo⸗ reau aus. Geht nicht in dieſes Treibhaus, es giebt darin toͤbtliche Ausduͤnſtungen, auslaͤndiſche Blumen, welche die giftigſten Geruͤche verbreiten, gnaͤdiger Herr! Aber Franz hoͤrte nicht: gluͤcklich die Hand Dianas in ſeinen Haͤnden zu fuͤhlen, vertiefte er ſich trotz ſeiner gewohnten Vorſicht in die gruͤnenden Gaͤnge. Buſſy ermuthigte Monſoreau, geduldig den Schmerz zu ertragen; aber trotz der Ermahnungen Buſſys ge⸗ ſchah das, was geſchehen mußte: Monſoreau konnte, nicht den phyſiſchen Schmerz, in dieſer Beziehung ſchien er von Eiſen, ſondern den moraliſchen Schmerz nicht ertragen. Er ſank in Ohnmacht. Remy nahm alle ſeine Rechte wieder ein; er befahl⸗ daß der Verwundete in ſein Zimmer zuruͤckgetragen wuͤrde. 4 — Was ſoll ich jetzt thun? fragte Remy den jun⸗ gen Mann. — 166— — Ei, bei Gott, ſagte Buſſy, vollende, was Du ſo gut begonnen haſt; bleibe bei ihm und heile ihn. Hierauf meldete er Diana den ihrem Gatten zuge⸗ ſtoßenen Unfall. Diana verließ ſogleich den Herzog von Anion und ging nach dem Schloſſe. — Iſt es uns gelungen? fragte ſie Buſſy, als ſie an ſeiner Seite voruͤberkam. — Ich glaube es, ſagte ſie; jeden Falles reiſet nicht ab, ohne Gertruden geſehen zu haben. Der Herzog war nur ein Freund der Blumen, weil er ſie in Dianas Geſellſchaft beſuchte: ſobald Diana ſich entfernt, fielen ihm die Anempfehlungen des Gra⸗ fen wieder ein, und er verließ das Gebaͤude. Riberac, Livarot und Antraguet folgten ihm. Waͤhrend dieſer Zeit war Diana wieder zu ihrem Gatten gekommen, den Remy Salze riechen ließ. Der Graf ſchlug bald wieder die Augen auf. Seine erſte Bewegung war, ſich mit Gewalt auf⸗ zurichten, aber Remy hatte dieſe erſte Bewegung vor⸗ aus geſehen, und der Graf war auf ſeinem Lager ange⸗ bunden. Er ſtieß ein zweites Bruͤllen aus, aber indem er um ſich blickte, wurde er Diana an ſeinem Bette ſte⸗ hend gewahr. — Ah! Ihr ſeid es, Madame, ſagte er; ich freue mich ſehr Euch zu ſehen, um Euch zu ſagen, daß wir heute Abend nach Paris abreiſen. Remy machte gewaltige Einreden, aber Monſo⸗ — 167— reau achtete ſo Wenig auf Remy, als ob er nicht da waͤre. — Was denkt Ihr, mein Herr? ſagte Diana mit ihrer gewoͤhnlichen Ruhe, und Eure Wunde? — Madame, ſagte der Graf, keine Wunde wird mich abhalten; ich will lieber ſterben, als leiden, und muͤßte ich unterwegs ſterben, wir reiſen heute Abend ab. — Wohlan, mein Herr, ſagte Diana; wie es Euch beliebt. — Es beliebt mir ſo; macht demnach Eure Vorbe⸗ reitungen, ich bitte Euch. — Meine Vorbereitungen werden bald gemacht ſein, mein Herr. Aber darf ich wiſſen, welche Urſache dieſen ploͤtzlichen Entſchluß herbeigefuͤhrt hat? — Ich werde ſie Euch ſagen, Madame, wenn Ihr dem Prinzen keine Blumen mehr zu zeigen habt, oder wenn ich Thuͤren werde haben bauen laſſen, die breit genug ſind, daß meine Saͤnften uͤberall Eintritt haben. Diana verneigte ſich. — Aber, gnaͤdige Frau, ſagte Remy. — Der Herr Graf will es, antwortete Diana, meine Pflicht iſt zu gehorchen. Und Remy glaubte an einem Winke der jungen Frau zu erkennen, daß er ſeine Bemerkungen einſtellen muͤſſe. Er ſchwieg, indem er dabei immer fort brummte: — Sie werden mir ihn umbringen, und dann wird man ſagen, daß es die Schuld des Arztes ſei. Waͤhrend dieſer Zeit ſchickte ſich der Herzog von — 168— Anjou an, Meridor zu verlaſſen. Er bezeugte dem Ba⸗ ron die groͤßte Dankbarkeit fuͤr die Aufnahme, die er ihm erwieſen hatte, und ſtieg wieder zu Pferde. In dieſem Augenblicke erſchien Gertrude; ſie kam dem Herzoge laut zu melden, daß ihre Gebieterin, bei dem Grafen zuruͤckgehalten, nicht die Ehre haben koͤnnte, ihm ihre Ehrfurcht zu bezeigen, und dann leiſe Buſſy zu ſagen, daß Diana heute Abend abreiſe. Man brach auf. Der Herzog hatte Willensmeinungen, die ausarte⸗ ten, oder vielmehr Vervollkommnungen ſeiner Launen. Die grauſame Diana verletzte ihn und trieb ihn von Anjou fort; die laͤchelnde Diana war fuͤr ihn eine Lock⸗ ſpeiſe.— Da er den von dem Oberjaͤgermeiſter gefaßten Ent⸗ ſchluß nicht kannte, ſo hoͤrte er waͤhrend des ganzen Ruͤckweges nicht auf, uͤber die Gefahr nachzudenken, welche darin liegen wuͤrde, zu leicht den Wuͤnſchen der Koͤnigin Mutter zu gehorchen. 4 Buſſy hatte das vorausgeſehen, und er rechnete ſehr auf dieſen Wunſch in Anjou zu bleiben. — Siehſt Du, Buſſy, ſagte der Herzog zu ihm, ich habe uͤberlegt. — Gut, gnaͤdiger Herr. Und was? fragte der junge Mann. — Daß es nicht gut iſt, mich ſo auf der Stelle den Gruͤnden meiner Mutter zu ergeben. — Ihr habt Recht; ſie haͤlt ſich ohnedies ſchon fuͤr eine ſehr große Politikerin. — 169— — Waͤhrend, ſiehſt Du, wenn wir acht Tage von ihr verlangen oder ſie vielmehr acht Tage lang hinhal⸗ ten, indem wir dabei einige Feſte geben, wozu wir den Adel einladen, wir unſerer Mutter zeigen werden, wie ſtark wir ſind. — Vortrefflich geurtheilt, gnaͤdiger Herr. Indeſſen, es ſcheint mir... — Ich werde acht Tage hier bleiben, ſagte der Herzog, und vermoͤge dieſes Aufſchubs werde ich meiner Mutter neue Bedingungen abnoͤthigen; Du wirſt ſehen, daß ich Recht habe. Buſſy ſchien reiflich zu uͤberlegen. — In der That, gnaͤdiger Herr, ſagte er, noͤthigt ihr ab, noͤthigt ihr ab; aber trachtet dahin, daß Eure Angelegenheiten, ſtatt aus dieſer Verzoͤgerung Nutzen zu ziehen, nicht darunter leiden. Der Koͤnig, zum Beiſpiele... — Nun! Der Koͤnig? — Der Koͤnig kann ſich, da er Eure Abſichten nicht kennt, erzuͤrnen; der Koͤnig iſt ſehr reizbar. — Du haſt Recht, ich muͤßte Jemanden abſenden koͤnnen, um meinen Bruder in meinem Namen zu be⸗ gruͤßen und ihm meine Ankunft zu melden; das wird mir die acht Tage gewaͤhren, deren ich bedarf. — Ja, aber dieſer Jemand laͤuft große Gefahr, ſagte Buſſy. Der Herzog von Anjou laͤchelte mit ſeinem boͤſen Laͤcheln. — 170— — Wenn ich meinen Entſchluß aͤnderte, nicht wahr? ſagte er. 4 — Ei! Trotz dem Eurem Bruder gegebenen Verſpre⸗ chen werdet Ihr ihn aͤndern, wenn das Intereſſe Euch dazu veranlaßt, nicht wahr? — Hm! aͤußerte der Prinz. — Sehr ſchoͤn! Und dann wird man Euren Ge⸗ ſandten in die Baſtille ſchicken. — Wir ſagen ihm nicht, was er uͤberbringt, und geben ihm einen Brief. — Im Gegentheile, ſagte Buſſy, gebt ihm keinen Brief und warnt ihn. — Aber dann wird Niemand den Auftrag uͤberneh⸗ men wollen. — EGeht doch! — Du kennſt Jemanden, der es uͤbernehmen wuͤrde? — Ja, ich kenne Einen. — Wen? — Mich, gnaͤdiger Herr. — Du? — Ja, ich, ich bin ein Freund von ſchwierigen Un⸗ terhandlungen. — Buſſy, mein lieber Buſſy, rief der Herzog aus, wenn Du das thuſt, ſo kannſt Du auf meine ewige Dankbarkeit rechnen. Buſſy laͤchelte, er kannte den Maßſtab dieſer Dank⸗ barkeit, von der Seine Hoheit zu ihm ſprach. Der Herzog glaubte, daß er ſchwanke. — 171— — Und ich werde Dir zehn Tauſend Thaler fuͤr Deine Reiſe geben, fuͤgte er hinzu. — Geht doch, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, ſeid edelmuͤthiger! Bezahlt man ſo Etwas etwa! — Alſo, Du reiſeſt? — Ich reiſe! — Nach Paris? — Nach Paris! — Und wenn das? — Hm! Wenn Ihr wollt. — Je eher, deſto beſſer. — Ja, nun denn! — Nun! — Heute Abend, wenn Ihr wollt, gnaͤdiger Herr. — Wackerer Buſſy, lieber Buſſy, Du willigſt alſo wirklich ein? — Ob ich einwillige? ſagte Buſſy. Ihr wißt wohl, gnaͤdiger Herr, daß ich fuͤr den Dienſt Eurer Hoheit durch das Feuer ginge. Das iſt alſo abgemacht! Ich reiſe heute Abend ab. Ihr fuͤhrt ein luſtiges Leben hier und erwiſcht mir von der Koͤnigin Mutter irgend eine gute Pfruͤnde. — Ich denke ſchon daran, mein Freund. — Dann, Gott befohlen, gnaͤdiger Herr! — Gott befohlen, Buſſy! Ah! Vergiß Eines nicht. — Was? — Beurlaube Dich bei meiner Mutter. — Ich werde dieſe Ehre haben. In der That, flinker, froͤhlicher, leichteren Her⸗ — 172— zens als ein Schuͤler, fuͤr den die Erholungsſtunde ge⸗ ſchlagen hat, ſtattete Buſſy Katharinen ſeinen Beſuch ab, und ſchickte ſich an, auf der Stelle abzureiſen, ſo⸗ bald ihm das Signal der Abreiſe von Meridor zukom⸗ men wuͤrde. Das Signal ließ bis zum folgenden Morgen auf ſich warten; Monſoreau hatte ſich nach dieſer empfunde⸗ nen Gemuͤthserſchuͤtterung ſo ſchwach gefuͤhlt, daß er ſelbſt gemeint hatte, er beduͤrfe dieſe Nacht der Ruhe. Aber gegen ſieben Uhr kam derſelbe Stallknecht, wel⸗ cher Saint⸗Lucs Brief uͤberbracht hatte, um Buſſy zu melden, daß trotz den Thraͤnen des alten Barons und den Einreden Remys, der Graf in einer Saͤnfte nach Paris aufgebrochen waͤre, welche Diana, Remy und Gertrude zu Pferde begleiteten. Dieſe Saͤnfte wurde von acht Mann getragen, die ſich von Stunde zu Stunde abloͤſen ſollten. Buſſy erwartete nur noch dieſe Nachricht; er ſprang auf ein ſeit geſtern geſatteltes Pferd, und ſchlug denſel⸗ ben Weg ein. — 173— XIV. In welcher Stimmung der Koͤnig Heinrich der III. war, als Herr von Saint⸗Luc wieder am Hofe erſchien. Wie groß auch das Vertrauen ſein mogte, welches der Koͤnig zu dem Geſandten hatte, den er nach Anjou geſchickt, ſo dachte er ſeit der Abreiſe Katharinens den⸗ noch nur daran, ſich gegen die Verſuche ſeines Bruders zu ruͤſten. Er kannte aus Erfahrung den Daͤmon ſeines Hau⸗ ſes; er wußte, was ein Praͤtendent der Krone Alles ver⸗ mag, das heißt, der begehrende Mann gegen den recht⸗ maͤßigen Beſitzer, das heißt gegen den langweiligen und bedachtſamen Mann. Er beluſtigte, oder vielmehr langweilte ſich gleich Tiberius, indem er mit Chicot Aechtungsliſten anfertigte, in welche man nach alphabetiſcher Ordnung alle diejenigen einſchrieb, welche ſich nicht eifrig zeigten, die Parthei des Koͤnigs zu ergreifen. — 174— Dieſe Liſten wurden mit jedem Tage laͤnger. Und im S und im L, das heißt, eher zwei, als ein Mal, ſchrieb der Koͤnig taͤglich den Namen des Herrn von Saint⸗Luc ein. Uebrigens war der Zorn des Koͤnigs gegen den ehe⸗ maligen Guͤnſtling durch die Anmerkungen des Hofes, durch die argliſtigen Einfluͤſterungen der Hofleute, und durch die bitteren Beſchuldigungen gegen die Flucht des Gatten der Jeanne von Coſſé nach Anjou wohl bedient, eine Flucht, welche ſeit dem Tage ein Verrath war, wo der gleichfalls fliehende Herzog ſeinen Weg nach dieſer Provinz gerichtet hatte. In der That, mußte nicht der nach Meridor ent⸗ fliehende Saint⸗Luc als der Quartiermeiſter des Herzogs von Anjou betrachtet werden, der nach Angers ging, um dem Prinzen ſeine Wohnung einzurichten? In Mitte aller dieſer Unruhe, alles dieſes Treibens, aller dieſer Aufregung war Chicot, der die Mignons auf⸗ munterte, ihre Dolche und ihre Schwerdter zu ſchleifen, um die Feinde Seiner Allerchriſtlichſten Majeſtaͤt nieder⸗ zuhauen und zu durchbohren, praͤchtig anzuſehen. Um ſo praͤchtiger anzuſehen, als Chicot, indem er immer das Anſehn hatte, die Rolle der Fliege der Land⸗ kutſche zu ſpielen(den Großprahler), in der Wirklichkeit eine bei Weitem ernſtere Rolle ſpielte. Chicot brachte allmaͤlig, und ſo zu ſagen Mann fuͤr Mann, ein Heer fuͤr den Dienſt ſeines Herrn auf die Beine. Ploͤtzlich, eines Nachmittags, waͤhrend der Koͤnig mit der Koͤnigin aß, deren Geſellſchaft er bei jeder poli⸗ — 175— tiſchen Gefahr fleißiger aufſuchte, und welche demnach die Flucht ſeines Bruders natuͤrlicher Weiſe zu ihm zu⸗ ruͤckgefuͤhrt hatte, trat Chicot mit ausgebreiteten Armen und geſpreizten Beinen, gleich den Hanswurſten ein, die man mit Huͤlfe eines Fadens tanzen laͤßt. — Uf! ſagte er. — Wass fragte der Koͤnig. — Herr von Saint⸗Luc, ſagte Chicot. — Herr von Saint⸗Luc? rief Seine Majeſtaͤt aus. — Ja. — In Paris? — Ja. — Im Louvre? — Ja. Auf dieſe dreifache Bejahung ſtand der Koͤnig ganz roth und ganz zitternd vom Tiſche auf. Es waͤre ſchwer geweſen, zu ſagen, welches Gefuͤhl ihn beſeelte. — Verzeiht, ſagte er zu der Koͤnigin, indem er ſeinen Schnurrbart abwiſchte, und ſeine Serviette auf ſeinen Seſſel warf, aber das ſind Staatsangelegenheiten, welche die Frauen Nichts angehen. — Ja, ſagte Chicot, indem er die Stimme erhob, das ſind Staats⸗Angelegenheiten. Die Koͤnigin wollte vom Tiſche aufſtehen, um thranm Gatten den Platz frei zu laſſen. — Nein, gnaͤdige Frau, ſagte Heinrich, bleibt gefaͤl⸗ ligſt, ich werde in mein Kabinet gehen. — O, Sire, ſagte die Koͤnigin mit dieſer zaͤrtlichen — 176— Theilnahme, welche ſie beſtaͤndig fuͤr ihren undankbaren Gatten hatte, erzuͤrnt Euch nicht, ich bitte Euch. — Gott gebe es! antwortete Heinrich, ohne die ſchel⸗ miſche Miene zu bemerken, mit welcher Chicot ſeinen Schnurrbart drehte. Heinrich ſtuͤrzte haſtig aus dem Zimmer. Sobald er draußen, fragte Heinrich mit bewegter Stimme: — Was will er hier thun, der Verraͤther? — Wer weiß? aͤußerte Chicot. — Ich bin uͤberzeugt, er koͤmmt als Abgeordneter der Staͤnde von Anjou. Er kommt als Geſandter mei⸗ nes Bruders, denn ſo gehen die Empoͤrungen, es ſind truͤbe und ſchlammige Gewaͤſſer, in welchen die Empoͤrer alle Arten von Vortheilen fiſchen, freilich ſchmuzige, aber vortheilhafte, die von dem Proviſoriſchen und Ungewiſſen allmaͤlig feſt und unwandelbar werden. Dieſer da hat eine Empoͤrung gewittert, und ſich aus ihr einen Geleits⸗ brief gemacht, um mich hier zu beleidigen. — Wer weiß? ſagte Chicot. Der Koͤnig blickte die lakoniſche Perſon an. — Es waͤre auch noch moͤglich, ſagte Heinrich, in⸗ dem er dabei mit ungleichen Schritten, welche ſeine Auf⸗ regung verriethen, durch die Gallerien ging, es waͤre moͤglich, daß er kaͤme, um ſeine Guͤter von mit zuruͤck zu verlangen, deren Einkuͤnfte ich zuruͤckhalte, was viel⸗ leicht ein Wenig widerrechtlich iſt, da er am Ende kein namhaftes Verbrechen begangen hat, he⸗ — Wer weiß? fuhr Chicot fort. — 177— — Ah, ſagte Heinrich, Du wiederholſt, wie mein Papagei, immer Daſſelbe; ich will des Todes ſein, Du aͤrgerſt mich am Ende mit Deinem ewigen: Wer weiß? — Ei, Gottes Tod! Haͤltſt Du Dich etwa mit Dei⸗ nen ewigen Fragen fuͤr unterhaltend? — Man antwortet zum Mindeſten Etwas. — Und was willſt Du, das ich Dir antworten ſoll? Haͤltſt Du mich etwa fuͤr das Fatum der Alten, haͤltſt Du mich fuͤr Jupiter, fuͤr Apollo, oder fuͤr Manto? Ei, Gottes Tod! Du ſelbſt biſt es, der mich unwillig macht mit Deinen albernen Vorausſetzungen! — Herr Chicot!... — Weiter, Herr Heinrich! — Chicot, mein Freund, Du ſiehſt meinen Schmerz, und Du hehandelſt mich grob. — Habe keinen Schmerz, Gottes Tod! — Aber alle Welt verraͤth mich. — Wer weiß? Sapparment! Wer weiß? Sich in Schluͤſſen verlierend, ging Heinrich in ſein Kabinet hinab, in welchem auf die ſeltſame Nachricht von Saint⸗Lucs Ruͤckkehr ſich bereits alle Vertraute des Louvre verſammelt befanden, unter denen, oder vielmehr an deren Spitze Crillon mit funkelnden Augen, rother Naſe und geſtraͤubtem Schnurrbarte gleich einem kampf⸗ begierigen Doggen glaͤnzte. Saint⸗Luc ſtand in Mitte aller dieſer drohenden Ge⸗ ſichter, indem er um ſich herum allen dieſen Zorn brauſen fuͤhlte, und ſich nicht im Mindeſten beunruhigte. Wie ſeltſam! Er hatte ſeine Frau mitgebracht, und ſie ſich 12 Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band. — 178— auf ein Tambouret an dem Gelaͤnder des Bettes ſetzen laſſen. Die Fauſt auf die Huͤfte geſtellt, ging er auf und ab, indem er die Neugierigen und die Unverſchaͤmten mit demſelben Blicke in's Auge faßte, mit dem ſie ihn an⸗ ſahen. Aus Rüuͤckſicht fuͤr die junge Frau waren einige Hof⸗ leute, trotz ihrer Luſt, Saint⸗Luc zu ſtreifen, bei Seite getreten, und hatten trotz ihrem Verlangen, einige unan⸗ genehme Worte an ihn zu richten, geſchwiegen. In dieſem leeren Raume, und in dieſem Schweigen bewegte ſich der ehemalige Guͤnſtling. Sittſam in ihren Reiſemantel gehuͤllt, erwartete Jo⸗ hanna mit niedergeſchlagenen Augen, was da kommen wuͤrde. Stolz in ſeinen Mantel gehuͤllt, wartete Saint⸗Luc ſeiner Seits in einer Haltung, die eher eine Herausfor⸗ derung zu veranlaſſen, als zu fuͤrchten ſchien. Endlich warteten die Anweſenden, um herauszufor⸗ dern, um zu wiſſen, was Saint⸗Luc wieder an dieſem Hofe zu machen kaͤme, an welchem jeder, begierig einen Theil ſeiner ehemaligen Gunſt an ſich zu reißen, ihn ſehr unnoͤthig fand. Mit einem Worte, wie man ſieht, war die Span⸗ nung von allen Seiten groß, alsn der Koͤnig erſchien. Heeinrich trat ganz urheant Nam⸗ damit beſchaͤftigt, ſich ſelbſt aufzureizen, ein: dieſe beſtaͤndige Athemloſigkeit bildet meiſten Theils das, was man die Wuͤrde der Fuͤr⸗ ſten nennt 1 — 179— Er trat, von Chicot begleitet, ein, welcher die wuͤr⸗ dige und ruhige Miene angenommen hatte, die der Koͤnig von Frankreich haͤtte machen ſollen, und der die Haltung Saint⸗Luc's betrachtete, womit Heinrich der III. haͤtte anfangen ſollen. — Ah, Herr, Ihr hier! rief der Koͤnig gleich an⸗ fangs aus, ohne auf diejenigen zu achten, welche ihn umgaben, und darin dem Stiere der ſpaniſchen Kampf⸗ plaͤtze gleich, der in den Tauſenden von Menſchen nur einen ſich regenden Nebel, und in dem Regenbogen der Banner nur die rothe Farbe ſieht. — Ja, Sire, antwortete einfach und beſcheidentlich Saint⸗Luc, indem er ſich ehrerbietig verneigte. Dieſe Antwort traf das Ohr des Koͤnigs ſo wenig, dieſe Haltung voller Ruhe und Ehrerbietigkeit theilte ſei⸗ nem verblendeten Geiſte ſo wenig die Gefuͤhle von Recht und Billigkeit mit, welche die Ehrerbietung Anderer und das Bewußtſein ſeiner eigenen Wuͤrde zu erregen pflegt, daß der Koͤnig ohne Unterbrechung fortfuhr: — Wahrlich, Eure Anweſenheit im Louvre uͤber⸗ raſcht mich außerordentlich.. 6 Bei dieſem ſchonungsloſen Angriff entſtand eine Tod⸗ tenſtille um den Koͤnig und ſeinen Guͤnſtling herum. Es war jene Stille, welche auf einem Kampfplatze um zwei Gegner herum entſteht, welche eine Frage auf Leben und Tod ſchlichten wollen. Saint⸗Luc brach ſie zuerſt. — Sire, ſagte er mit ſeiner gewoͤhnlichen Ungezwun⸗ genheit, und ohne im Mindeſten uͤber den koͤniglichen Un⸗ 4 12* — 180— geſtuͤm beunruhigt zu ſcheinen, ich bin nur uͤber Eines er⸗ ſtaunt, naͤmlich, daß unter den obwaltenden Umſtaͤnden Eure Majeſtaͤt mich nicht erwartet hat. — Was ſoll das heißen, Herr? erwiderte Heinrich mit einem ganz koͤniglichen Stolze, und indem er ſeinen Kopf erhob, der bei wichtigen Veranlaſſungen einen un⸗ vergleichlichen Ausdruck von Wuͤrde annahm. — Sire, antwortete Saint⸗Luc, Eure Majeſtaͤt laͤuft eine Gefahr. — Eine Gefahr! riefen die Hofleute aus. — Ja, meine Herren, eine große, wirkliche, ernſte Gefahr, eine Gefahr, bei welcher der Koͤnig, von dem Groͤßten bis zu dem Kleinſten aller derjenigen bedarf, die ihm treu ſind; und in der Ueberzeugung, daß es bei einer Gefahr, gleich derjenigen, welche ich andeute, keinen ſchwachen Beiſtand giebt, ſo komme ich, das Anerbieten meiner ganz unterthänigſten Dienſte meinem Koͤnige wie⸗ der zu Fuͤßen zu legen. — Ah, ah! ſagte Chicot. Siehſt Du, mein Sohn, daß ich Recht hatte, zu ſagen: Wer weiß? 1 Heinrich der III. antwortete nicht gleich: er blickte die Verſammlung an; die Verſammlung war gereizlnd beleidigt, aber Heinrich erkannte bald in dem Anweſenden die Eiferſucht, welche ſich auf 1 der meiſten Herzen regte. 9 Er ſchloß daraus, daß Saint⸗Luc Etwas gethan haͤtte, deſſen die Mehrzahl der Verſammlung unfaͤhig ſein wuͤrde, das heißt etwas Gutes. Indeſſen wollte er ſich nicht ſo ploͤtzlich ergeben. u — ) n — 181—. — Ihr habt nur Eure Pflicht gethan, mein Herr, antwortete er, denn Ihr ſeid uns Eure Dienſte ſchuldig. — Die Dienſte aller Unterthanen des Koͤnigs gehoͤ⸗ ren dem Koͤnige; ich weiß das, Sire, antwortete Saint⸗ Luc; aber in jetzigen Zeiten vergeſſen gar viele Leute ihre Schulden zu bezahlen. Ich, Sire, ich komme, die meinige zu bezahlen, und bin gluͤcklich, wenn Eure Ma⸗ jeſtaͤt geruhen will, mich immer unter Ihre Schuldner zu rechnen.— Entwaffnet durch dieſe Sanftmuth und durch dieſe beharrliche Demuth that Heinrich einen Schritt auf Saint⸗ Luc zu. — Ihr kehrt alſo, ſagte er, ohne anderen Beweg⸗ grund zuruͤck, als den, welchen Ihr nennt, Ihr kehrt ohne Auftrag, ohne Geleitsbrief zuruͤck? — Sire, ſagte Saint⸗Luc feurig, der an dem Tone, mit welchem der Koͤnig ihn anredete, erkannte, daß ſemm Herr weder Vorwurf, noch Zorn mehr haͤtte, ich kehre einfach und allein zuruͤck, um zuruͤckzukehren und das in hoͤchſter Eile. Jetzt kann Eure Majeſtaͤt mich in einer Stunde in die Baſtille werfen; in zweien erſchießen laſſen; aber ich werde meine Pflicht gethan haben. Sire, Anjou iſt im Aufruhr, die Touraine ſteht im Begriffe, ſich zu empoͤren, die Guyenne ſteht auf, um ihr huͤlfreiche Hand zu leiſten. Der Herzog von Anjou wiegelt den Weſten und den Suͤden Frank⸗ reichs auf. — Und er iſt gut unterſtuͤtzt, nicht wahr? rief der Koͤnig aus. — Sire, ſagte Saint⸗Luc, welcher den Sinn der koͤniglichen Worte verſtand, weder Rath, noch Vorſtel⸗ lungen halten den Herzog auf, und Herr von Buſſy, ſo feſt er auch ſein mag, kann Euren Bruder nicht uͤber den Schrecken beruhigen, den Eure Majeſtaͤt ihm einge⸗ floͤßt hat. — Ah, ah! ſagte Heinrich. Er zittert alſo, der Re⸗ bell? Und er laͤchelte in ſeinen Schnurrbart. — Der Tauſend, ſagte Chicot, indem er ſich das Kinn ſtreichelte, das iſt ein gewandter Mann. Und den Koͤnig mit dem Ellbogen anſtoßend, fuͤgte er hinzu: — So tritt doch bei Seite, Heinrich, damit ich Herrn von Saint⸗Luc eine Hand gebe. Dieſe Bewegung riß den Koͤnig fort. Er ließ Chi⸗ cot den Ankommenden ſein Kompliment machen; dann langſam auf ſeinen ehemaligen Freund zuſchreitend und ihm die Hand auf die Achſel legend, ſagte er zu ihm: — Sei willkommen, Saint⸗Luc. — Ah, Sire, rief Saint⸗Lue aus, indem er die Kand des Koͤnigs kuͤßte, ich finde alſo endlich meinen geliebten Herrn wieder! — Jaz aber ich finde Dich nicht wieder, ſagte der — 183— Koͤnig, oder zum Mindeſten finde ich Dich ſo abgema⸗ gert, mein armer Saint-Luc, daß ich Dich nicht er— kannt haͤtte, wenn Du an mir voruͤber gekommen waͤreſt. Bei dieſen Worten ließ ſich eine weibliche Stimme hoͤren — Sire, ſagte dieſe Stimme, das ruͤhrt von dem Kummer her, Eurer Majeſtaͤt mißfallen zu haben. Obgleich dieſe Stimme ſanft und ehrerbietig war, ſo erbebte Heinrich dennoch. Dieſe Stimme war ihm eben ſo ſehr zuwider, als das Rollen des Donners dem Auguſtus zuwider war. — Frau von Saint⸗Luc, murmelte er. Ah, es iſt wahr; ich hatte vergeſſen. Johanna warf ſich vor ihm auf die Kniee. — Steht auf, Madame, ſagte der Koͤnig; ich liebe Alles, was den Namen Saint⸗Luc traͤgt. Johanna ergriff die Hand des Koͤnigs und fuͤhrte ſie an ihre Lippen. Heinrich zog ſie haſtig zuruͤck. — Geht, ſagte Chicot zu der jungen Frau; geht, bekehrt den Koͤnig! Sapperment, Ihr ſeid huͤbſch genug dazu. Aber Heinrich wandte Johannen den Ruͤcken, und ſeinen Arm um Saint-Lucs Hals ſchlingend, ging er mit ihm in ſeine Gemaͤcher. — Nun denn, ſagte er zu ihm, der Sriede iſt ge⸗ ſchloſſen, Saint⸗Luc? 4* 1 — 184— — Sagt, Sire, antwortete der Hofmann, daß die Begnadigung bewilligt iſt. — Gnaͤdige Frau, ſagte Chicot zu Johannen, die unentſchloſſen daſtand, eine gute Frau darf ihren Gat⸗ ten nicht verlaſſen, beſonders wenn ihr Gatte in Gefahr iſt. Und er ſchob Johannen dem Koͤnige und Saint⸗Luc nach. — — 185— IX. In dieſem Kapitel iſt die Rede von zwei wichtigen Perſonen dieſer Geſchichte, welche der Leſer ſeit einiger Zeit aus dem Geſichte verloren hatte. Es giebt eine Perſon dieſer Geſchichte, es giebt deren ſogar zwei, uͤber deren Thun und Laſſen der Leſer ein Recht hat, Rechenſchaft von uns zu fordern. Mit der Demuth eines Schriftſtellers mit veralteter Vorrede beeilen wir uns, dieſen Fragen entgegenzukom⸗ men, deren ganze Wichtigkeit wir begreifen. Es handelt ſich zuvoͤrderſt um einen unfoͤrmlichen Moͤnch mit buſchigen Augenbrauen, mit dicken und flei⸗ ſchigen Lippen, mit breiten Haͤnden, mit gewaltigen Schultern, deren Hals mit jedem Tage um ſo Viel klei⸗ ner wurde, als die Entwickelung der Bruſt und der Bak⸗ ken zunahm. Es handelt ſich ferner um einen ſehr großen Eſel, deſſen Rippen ſich ausdehnen und gefaͤllig aufſchwellen. — 186— Der Moͤnch trachtete beſtaͤndig darnach, einem mit zwei Balken geſtuͤtzten Faſſe zu gleichen. Der Eſel gleicht bereits einer von vier Pfoſten ge⸗ tragenen Kinderwiege. Der Eine bewohnt eine Zelle des Sanct⸗Genovefa⸗ kloſters, in welcher alle Gnadenbezeigungen des Herrn ihn heimſuchen. Der Andere bewohnt den Stall deſſelben Kloſters, wo er behaglich von einer immer vollen Raufe zehrt. Der Eine antwortet auf den Namen Gorenflot. Der Andere ſollte auf den Namen Panurg ant⸗ worten. Alle Beide genoſſen, zum Mindeſten fuͤr den Au⸗ genblick, das guͤnſtigſte Loos, von dem jemals ein Eſel und ein Moͤnch getraͤumet haben. Die Genovefamoͤnche uͤberhaͤuften ihren beruͤhmten Gefaͤhrten mit Pflege, und gleich den Gottheiten dritten Ranges, welche den Adler Jupiters, den Pfau der Juno und die Tauben der Ve⸗ nus verpflegten, ſo maͤſteten die dienenden Bruͤder Pa⸗ nurg zur Ehre ſeines Herrn. Die Kuͤche der Abtei rauchte immerwaͤhrend; der Wein der beruͤhmteſten Lagen von Burgund floß in die weiteſten Humpen. Langte ein Miſſionair an, der in fernen Landen zur Verbreitung bes Glaubens gereiſt war, wenn ein geheimer Legat des Papſtes mit Ablaͤſſen von Seiner Heiligkeit anlangte, ſo zeigte man ihnen den Bruder Gorenflot, dieſes doppelte Vorbild der predigen⸗ den und kaͤmpfenden Kirche, der das Wort handhabte, wie Sanct⸗Lucas, und das Schwerdt, wie San t Pau⸗ — 187— lus; man zeigte ihnen Gorenflot in ſeiner ganzen Herr⸗ lichkeit, das heißt bei einem Schmauſe; man hatte einen Tiſch fuͤr den geheiligten Bauch Gorenflots ausgeſchnit⸗ ten, und man war von edlem Stolze erfuͤllt, indem man den frommen Reiſenden ſehen ließ, wie Gorenflot fuͤr ſich allein die Portionen von acht der kraͤftigſten Eſſer des Kloſters verſchlang. Und wenn der Neuangekommene frommer Weiſe dieſes Wunder beſchauet hatte, ſo ſagte der Prior, in⸗ dem er die Haͤnde faltete und die Augen gen Himmel erhob: — Welch wundervolle Natur, Bruder Gorenflot liebt die Tafel und pflegt die Kuͤnſte; Ihr ſeht, wie er ißt! Ah, wenn Ihr die Predigt gehoͤrt haͤttet, die er in einer gewiſſen Nacht gehalten hat, eine Predigt, in welcher er ſich zum Opfer fuͤr den Triumph des Glau⸗ bens anbot! Das iſt ein Mund, welcher redete wie der heilige Johann Chryſoſtomus, und welcher verſchlingt wie der des Gargantua. Indeſſen zog zuweilen in Mitte aller dieſer Herr⸗ lichkeiten eine Wolke uͤber Gorenflots Stirn, die Gefluͤ⸗ gel von Mans dampften vergebens vor ſeinen weiten Naſenloͤchern, die kleinen Flandriſchen Auſtern, deren er ein Tauſend ſpielend verſchlang, ſperrten und wanden ſich vergebens in ihrem Perlmuttergehaͤuſe; die Flaſchen von verſchiedenen Geſtalten blieben unangeruͤhrt, obgleich entpfropft. Gorenflot war traurig, Gorenflot hatte kei⸗ nen Hunger, Gorenflot war tiefſinnig. — 188— Dann verbreitete ſich das Geruͤcht, daß der wuͤrdige Genovefamoͤnch im Entzuͤcken waͤre, wie der heilige Fran⸗ ciskus, oder in Ohnmacht, wie die heilige Thereſia, und die Bewunderung verdoppelte ſich. Er war kein Moͤnch mehr, er war ein Heiliger; er war nicht einmal mehr ein Heiliger, er war ein Halb⸗ gott; Einige gingen ſogar ſo weit zu ſagen, daß er ein vollſtaͤndiger Gott waͤre. — Still, fluͤſterte man, ſtoͤren wir die Traͤumereien des Bruder Gorenflot nicht! Und man zog ſich mit Ehrerbietuug zuruͤck. Der Prior allein erwartete den Augenblick, in wel⸗ chem Bruder Gorenflot irgend ein Lebenszeichen von ſich gaͤbe, er naͤherte ſich dem Moͤnche, ergriff ihn leut⸗ ſelig bei der Hand, und befragte ihn ehrerbietig. Gorenflot erhob den Kopf und blickte den Prior mit ſtumpfſinnigen Augen an. Er kam aus einer anderen Welt. 4 — Was machtet Ihr, mein wuͤrdiger Bruder? fragte der Prior. — Ich? ſagte Gorenflot. — Ja, Ihr; Ihr thatet Etwas. — Ja, mein Vater, ich verfaßte eine Predigt. — In der Art derjenigen, welche Ihr ſo herzhaft in der Nacht der heiligen Ligue gehalten habt? Jedes Mal, wenn man von dieſer Predigt ſprach, bedauerte Gorenflot ſeine Schwaͤche. 3 — Ja, ſagte er, indem er einen Seufzer ausſtieß, — 189— in derſelben Art. Ach! Welches Ungluͤck, daß ich jene nicht niedergeſchrieben habe! — Hat ein Mann, wie Ihr, noͤthig zu ſchreiben, mein theurer Bruder? Nein, er ſpricht aus Eingebung, er thut den Mund auf, und da das Wort Gottes in ihm iſt, ſo ſtroͤmt das Wort Gottes uͤber ſeine Lippen. — Ihr glaubt? ſagte Gorenflot. — Gluͤckſelig derjenige, welcher zweifelt, antwortete der Prior. 4 In der That, Gorenflot, welcher das Unvermeid⸗ liche der Lage einſah, und der ſich durch das, was er fruͤher gethan, verpflichtet hatte, durchdachte von Zeit zu Zeit eine Predigt. Zum Henker mit Marcus Tullius, mit Caͤſar, mit dem heiligen Gregor, mit dem heiligen Auguſtin, mit dem heiligen Hieronymus und mit Ter⸗ tullian, die Wiedergeburt der heiligen Beredtſamkeit wird mit Gorenflot beginnen. Rerum novus ordo nascitur. Von Zeit zu Zeit auch, am Ende ſeines Mahles, oder in Mitte ſeiner Entzuͤckungen, ſtand Gorenflot auf, und als ob ein unſichtbarer Arm ihn antriebe, ging er geraden Weges nach dem Stalle; dort angelangt, blickte er liebevoll Panurg an, der vor Vergnuͤgen laut auf⸗ ſchrie, dann fuhr er mit ſeiner gewichtigen Hand uͤber das dichte Haar, in weichem ſeine dicken Finger gaͤnzlich verſchwanden. Dann war es mehr als Vergnuͤgen, es war Gluͤckſeligkeit, Panurg begnuͤgte ſich nicht mehr da⸗ mit zu ſchreien, er waͤlzte ſich. Der Prior und drei bis vier Wuͤrdentraͤger des Kloſters begleiteten ihn gewoͤhnlich bei dieſen Ausfluͤgen, — 190— und erzeigten dem Panurg Tauſend alberne Liebkoſungen: der Eine bot ihm Kuchen an, der Andere Biscuit, der Andere Macaroni, wie ehedem diejenigen, welche Pluto guͤnſtig fuͤr ſich ſtimmen wollten, dem Cerberus Honig⸗ kuchen anboten. Panurg ließ es ſich gefallen, er hatte einen ver⸗ traͤglichen Charakter; außerdem hatte er keine Entzuͤckun⸗ gen, hatte er keine Predigt zu ſtudiren, er, der keinen anderen Ruf zu behaupten hatte, als den Ruf der Hart⸗ naͤckigkeit, der Faulheit und der Gefraͤßigkeit, er fand, daß ihm Nichts zu wuͤnſchen uͤbrig bliebe, und daß er der gluͤcklichſte der Eſel waͤre. Der Prior betrachtete ihn mit Ruͤhrung. — Einfach und ſanft, ſagte er, das iſt die Tugend der Starken. Gorenflot hatte gelernt, daß man im Lateiniſchen ita ſagt, um ja zu ſagen; das diente ihm wundervoll, und auf Alles, was man ihm ſagte, antwortete er mit einer Geckenhaftigkeit, die niemals ihre Wirkung ver⸗ fehlt: ita. Durch dieſe beſtaͤndige Beſtimmung ermuthigt, ſagte der Abt zuweilen zu ihm: 1 — Ihr arbeitet zu Viel, mein theurer Bruder, das macht Euch das Herz traurig. Und Gorenflot antwortete dem Meſſire Joſeph Fou⸗ lon, wie Chicot zuweilen Seiner Majeſtaͤt, Heinrich dem III. antwortete:* — Wer weiß? — Vielleicht ſind unſere Mahlzeiten ein wenig grob, — 191— fuͤgte der Prior hinzu; wuͤnſcht Ihr, daß man den Bruder Koch wechſelt? Ihr wißt, lieber Bruder: Quae- dam saturationes minus succedunt. — Ita, antwortete Gorenflot ewiglich, indem er ſeine Zaͤrtlichkeit fuͤr ſeinen Eſel verdoppelte. — Ihr liebkoſet Euren Panurg ſehr, mein Bruder, ſagte der Prior. Sollte die Luſt zu reiſen ſich Eurer wie⸗ der bemaͤchtigen? — O! antwortete nun Gorenflot mit einem Seufzer. Die Wahrheit iſt, daß die Erinnerung es war, welche Gorenflot quaͤlte. Gorenflot, welcher Anfangs ſeine Verbannung aus dem Klboſter fuͤr ein ungeheures Ungluͤck gehalten, hatte in der Verbannung unendliche und unbekannte Freuden entdeckt, deren Quelle die Frei⸗ heit iſt. In Mitte ſeines Gluͤckes nagte ihm ein Wurm am Herzen, naͤmlich das Verlangen nach Freiheit, der Freiheit mit Chicot, dem luſtigen Tiſchgenoſſen; mit Chicot, den er liebte, ohne recht zu wiſſen warum, vielleicht, weil er ihn von Zeit zu Zeit pruͤgelte. — Ach, ſagte ſchuͤchtern ein Moͤnch, welcher dem Mienenſpiele Gorenflots gefolgt war, ich glaube, daß Ihr Recht habt, wuͤrdiger Prior, und daß der Aufent⸗ halt im Kloſter den ehrwuͤrdigen Vater ermuͤdet. — Nicht gerade, ſagte Gorenflot; aber ich fuͤhle, daß ich fuͤr ein Leben des Kampfes, fuͤr die Politik der Kreuzwege, fuͤr die Predigt auf dem Eckſteine ge⸗ boren bin. Und indem er dieſe Worte ſagte, belebten ſich Go⸗ renflots Augen; er dachte an die Pfannenkuchen Chi⸗ cots, an den Wein von Anjou des Meiſter Claude Bon⸗ hommets, an die Hinterſtube des Gaſthauſes zum Fuͤll⸗ horne. Seit dem Abend der Ligue, oder vielmehr ſeit dem Morgen des folgenden Tages, wo er in ſein Kloſter zu⸗ ruͤckgekehrt war, hatte man ihn nicht mehr ausgehn laſ⸗ ſen; ſeitdem der Koͤnig ſich zum Oberhaupte der Union gemacht, hatten die Ligueurs ihre Vorſicht verdoppelt. Gorenflot war ſo einfaͤltig, daß er nicht einmal daran gedacht hatte, ſeine Stellung zu benutzen, um ſich die Thuͤren oͤffnen zu laſſen. Man hatte ihm ge⸗ ſagt: Bruder, es iſt verboten auszugeyn, und er war nicht ausgegangen. Man ahnete die innere Flamme nicht, welche ihm die Gluͤckſeligkeit des Kloſters ſo druͤckend machte. Demnach auch, als er ſah, daß ſeine Traurigkeit von Tage zu Tage zunahm, ſagte der Prior eines Mor⸗ gens zu ihm: — Sehr lieber Bruder, Niemand darf ſeinen Be⸗ ruf unterdruͤcken, der Eure iſt, fuͤr Chriſtus zu kaͤm⸗ pfen; geht demnach und erfuͤllt die Sendung, welche der Herr Euch anvertraut hat, nur wacht gehoͤrig uͤber Euer koſtbares Leben und kehrt zu dem großen Tage zuruͤck. — Welchen großen Tag? fragte Gorenflot in ſeine Freude verſunken. 38 8 — Zu dem Frohnleichnamsfeſte. — a! ſagte der Moͤnch mit einer Miene vollkom⸗ menen Einverſtaͤndniſſes; aber, fuͤgte Gorenflot hinzu, — 193— damit ich mich chriſtlicher Weiſe durch Almoſen begeiſtere, ſo gebt mir einiges Geld. Der Prior beeilte ſich, einen großen Geldbeutel zu holen, den er Gorenflot oͤffnete. Gorenſlot ſtreckte ſeine gewaltige Hand hinein. — Ihr werdet ſehen, was ich in das Kloſter zuruͤck⸗ bringen werde, ſagte er, indem er Dasjenige in die weite Taſche ſeiner Kutte fallen ließ, was er dem Geld⸗ beutel des Priors entliehen hatte. — Ihr habt Euren Text, nicht wahr, ſehr lieber Bruder? fragte Joſeph Foulon. — Ja, gewiß. — Vertraut ihn mir an. — Sehr gern; aber Euch allein. Der Prior naͤherte ſich Gorenflot und horchte mit geſpannten Ohren. — Hoͤrt! — Ich hoͤre. 3 — Der Flegel, welcher das Korn driſcht, ſchlaͤgt ſich ſelbſt, ſagte Gorenflot. — O, herrlich! O, erhaben! rief der Prior aus. und die Anweſenden, welche vertrauungsvoll die Begeiſterung Meſſire Joſeph Foulons theilten, wieder⸗ holten nach ihm: Herrlich! Erhaben! — und jetzt mein Vater, bin ich frei? fragte Go⸗ renflot mit Demuth. — Ja, mein Sohn, rief der ehrwuͤrdige Abt aus, geht und wandelt auf dem Pfade des Herrn. Gorenflot ließ Panurg atteln, beſtieg ihn mit Huͤlfe Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band. 13 — 194— zweier kraͤftiger Moͤnche, und verließ das Kloſter gegen ſieben Uhr Abends. 4 Es war derſelbe Tag, an welchem Saint⸗Luc von Moridor angelangt war. Die Nachrichten, welche von Anjou kamen, hielten Paris in Aufregung. Nachdem er durch die Straße Saint⸗Etienne ge⸗ ritten, hatte ſich Gorenflot eben Rechts gewandt und war an den Jacobinern voruͤbergekommen, als ploͤtzlich Panurg erbebte: eine kraͤftige Hand hatte ſich auf ſein Kreuz gelegt. — Werda? rief Gorenflot erſchreckt aus. — Gut Freund, erwiderte eine Stimme, welche Gorenflot zu erkennen glaubte. Gorenflot hatte große Luſt ſich umzuwenden, aber, gleich den Seeleuten, welche jedes Mal, wenn ſie ſich einſchiffen, ihren Fuß von Neuem an die Wogen gewoͤh⸗ nen muͤſſen, ſo brauchte Gorenflot jedes Mal, wenn er ſeinen Eſel wieder beſtieg, einige Zeit, um ſein Gleich⸗ gewicht wieder zu erlangen. — Was begehrt Ihr? ſagte er. — Wolltet Ihr ſo gefaͤllig ſein, mein ehrwuͤrdiger Bruder, begann die Stimme wieder, und mir den Weg nach dem Gaſthofe zum Fuͤllhorne andeuten? 4 — Sapperment, rief Gorenflot auf dem Gipfel der Freude aus, das iſt Herr Chicot in Perſon. — Gerade, antwortete der Gaskonier, wollte ich Euch im Kloſter abholen, mein ſehr lieber Bruder, als ich Euch aus demſelben habe herauskommen ſehen; ich bin Euch einige Zeit lang gefolgt, aus Furcht, mich zu — 195— compromittiren, wenn ich Euch anredete; aber jetzt, wo wir ganz allein ſind, komme ich. Guten Tag, Pfaff! Sapperment! Ich finde Dich magerer geworden. — und Ihr, Herr Chicot, ich finde Euch dicker geworden, auf Ehre! — Ich glaube, daß wir uns alle beide ſchmeicheln. — Aber, was habt Ihr denn, Herr Chicot? ſagte der Moͤnch. Ihr ſcheint ſehr beladen. — Es iſt eine Hirſchkeule, die ich Seiner Maje⸗ ſtaͤt geſtohlen habe, ſagte der Gaskonier; wir wollen uns Roſtbraten davon machen laſſen. — Lieber Herr Chicot! rief der Moͤnch aus. Und unter dem anderen Arme? 1 — Das iſt eine von einem Koͤnig an meinen Koͤ⸗ nig geſandte Flaſche Cyperwein. — Laßt ſehen, ſagte Gorenflot. — Das iſt mein Wein, ich trinke ihn außerordent⸗ lich gern, ſagte Chicot, indem er ſeinen Mantel zuruͤck⸗ ſchlug. Und Du, Bruder Moͤnch? — O, ol rief Gorenflot aus, als er die doppelte unverhoffte Gabe erblickte, indem er ſo gewaltig auf ſeinem Eſel jubelte, daß Panurg ſich unter ihm bog. O, o! In ſeiner Freude erhob der Moͤnch die Arme gen Himmel und ſang mit einer Stimme, welche die Fen⸗ ſterſcheiben der Haͤuſer zur Rechten und zur Linken zit⸗ tern ließ, waͤhrend Panurg ihn yaend begleitete: 13* — 196— La musique a des appas, Mais on ne fait que l'entendreä“. Les fleurs ont le parfum tendre,. Mais Podeur ne nourrit pas. Sans que notre main y touche, Un beau ciel flatte nos yeux, Mais le vin coule en la bouche;z Mais le vin se sent, se touche Et se boit; je l'aime mieux Que musique, fleurs et cieux. (Die Muſik hat Reize, aber man hoͤrt ſie nur. Die Blu⸗ men haben zarte Wohlgeruͤche, aber der Geruch naͤhrt nicht. Ohne daß unſere Hand ihn beruͤhrt, ſchmeichelt ein ſchoͤner Himmel unſere Augen. Aber der Wein fließt in den Mund; aber der Wein laͤßt ſich riechen, fuͤhlen und trinken; ich habe ihn lieber, als Muſik, Blumen und Himmel.) Dies war das erſte Mal, ſeit ungefaͤhr einem Mo⸗ nat, daß Gorenflot ſang. — 197— XVI. Wie Herr von Monſoreau nach Paris zuruͤckkehrte. Laſſen wir die beiden Freunde in das Gaſthaus zum Fuͤllhorn eintreten, in welches Chicot, wie man ſich er⸗ innern wird, den Moͤnch immer nur mit Abſichten fuͤhrte, deren Wichtigkeit dieſer nicht im Entfernteſten ahnete, und kehren wir zu Herrn von Monſoreau zuruͤck, der ſich in einer Saͤnfte von Méridor nach Paris tragen ließ, und Buſſy, welcher mit der Abſicht, denſelben Weg ein⸗ zuſchlagen, von Angers aufgebrochen war. Fuͤr einen wohlberittenen Reiter iſt es nicht allein nicht ſchwierig, Leute einzuholen, welche zu Fuße gehen, ſondern er laͤuft auch noch Gefahr, ihnen zuvorzukommen. Dieſes wiederfuhr Buſſy. Es war gegen Ende des Monats Mai und die Hitze war groß, beſonders gegen Mittag. Herr von Monſoreau befahl demnach, in einem kleinen Walde, der ſich auf — 198— dem Wege befand, Halt zu machen, und da er wuͤnſchte, daß ſeine Abreiſe dem Herzoge von Anjou ſo ſpaͤt als moͤglich bekannt werden moͤgte, ſo wachte er daruͤber, daß alle Perſonen ſeines Gefolges mit ihm in das Dickicht des Gehoͤlzes traͤten, um die groͤßte Sonnenhitze voruͤber⸗ gehn zu laſſen; ein Pferd war mit Mundvorraͤthen be⸗ laden, man konnte demnach ein Mahl halten, ohne ſich an irgend Jemand wenden zu muͤſſen. Waͤhrend dieſer Zeit kam Buſſy voruͤber. Aber Buſſy ging nicht, wie man ſich wohl denken wird, ohne ſich unterweges zu erkundigen, ob man nicht Pferde, Reiter und eine von Bauern getragene Saͤnfte geſehen haͤtte. Bis an das Dorf Durtal hatte er die beſtimmteſten und die befriedigendſten Auskuͤnfte erhalten; uͤberzeugt, daß Diana vor ihm waͤre, hatte er demnach auch ſein Pferd in Schritt verſetzt, indem er ſich auf dem Gipfel jedes Huͤgels auf ſeinen Steigbuͤgeln erhob, um in der Ferne die kleine Schaar zu erblicken, auf deren Werſin gung er ſich begeben hatte. Aber gegen ſeine Erwar mangelten ihm ploͤtzlich die Auskuͤnfte; die Reiſenden, welche an ihm vorbei kamen, waren Niemandem begeg⸗ net, und als er an die erſten Haͤuſer von La Floche kam, erlangte er die Ueberzeugung, daß er, anſtatt zuruͤck zu ſein, voraus waͤre, und daß er voraus ginge, ſtatt zu folgen. Nun erinnerte er ſich des kleinen Waldes, den er auf ſeinem Wege angetroffen hatte, und er erklaͤrte ſich⸗ das Wiehern ſeines Pferdes, das mit ſeinen Nuͤſtern die N — 199— Luft in dem Augenblicke erforſcht hatte, als er in den⸗ ſelben eingeritten war. Sein Entſchluß war augenblicklich gefaßt; er kehrte in der elendeſten Schenke an der Straße ein, und nach⸗ dem er ſich, minder beſorgt fuͤr ſich ſelbſt, als fuͤr ſein Pferd, zu deſſen Kraft er vielleicht ſeine Zuflucht zu neh⸗ men noͤthig haͤtte, verſichert hatte, daß es demſelben au Nichts fehlen wuͤrde, ſetzte er ſich an ein Fenſter, wobei er beſorgt war, ſich hinter einem Fetzen von Leinwand zu verbergen, der zum Vorhange diente. Was Buſſy bei der Wahl dieſer Art von Kneipe be⸗ ſonders beſtimmt hatte, war, daß es dem beſten Wirths⸗ hauſe der Stadt gegenuͤber lag, und er nicht zweiſelte, daß Monſoreau in dieſem Wirthshauſe einkehren wuͤrde. Buſſy hatte richtig gerathen; gegen vier Uhr Nach⸗ mittags ſah er einen Laͤufer erſcheinen, welcher vor der Thuͤre dieſes Gaſthauſes anhielt. Eine halbe Stunde nachher kam der Zug. Er beſtand in den Hauptperſonen aus dem Grafen, der Graͤfin, Remy und Gertruden. In den untergeordneten Perſonen aus den acht Traͤ⸗ gern, welche ſich von Stunde zu Stunde abloͤſ'ten. Der Laͤufer hatte den Auftrag, fuͤr friſche Bauern zu ſorgen. Da nun aber Monſoreau zu eiferſuͤchtig war, um nicht freigebig zu ſein, ſo erlitt dieſe Art zu reiſen, ſo ungebraͤuchlich ſie auch war, weder Schwierigkeit noch Aufenthalt. Die Hauptperſonen traten eine nach der andern in 3 das Wirthshaus; Diana blieb bis zuletzt, und es ſchien Buſſy, als ob ſie mit Beſorgniß um ſich blicke. Sein erſter Gedanke war, ſich zu zeigen, aber er hatte den Muth, ſich zuruͤckzuhalten; eine Unvorſichtigkeit verdarb Alles. Die Nacht brach an, Buſſy hoffte, daß Remy waͤh⸗ rend der Nacht ausgehe, oder daß Diana an irgend einem Fenſter erſcheinen wuͤrde: er huͤllte ſich in ſeinen Mantel, und ſtand auf der Straße Schildwache. So wartete er bis neun Uhr Abends; um neun Uhr Abends trat der Laͤufer heraus. Fuͤnf Minuten nachher naͤherten ſich acht Mann der Thuͤre: vier traten in das Wirthshaus. — O, ſagte ſich Buſſy, ſollten ſie Nachts reiſen? Das waͤre ein vortrefflicher Einfall, den Herr von Mon⸗ ſoreau gehabt haͤtte. In der That, Alles unterſtuͤtzte dieſe Wahrſcheinlich⸗ keit! Die Nacht war mild, der Himmel ganz mit Ster⸗ nen beſaͤet, ein Nachtwind, welcher der Athem der ver⸗ juͤngten Erde zu ſein ſchien, zog ſchmeichelnd und duftig durch die Luft. Die Saͤnfte kam zuerſt heraus. Dann kamen Diana, Remy und Gertrude zu Pferde. Diana blickte nochmals aufmerkſam um ſich; aber als ſie um ſich blickte, rief ſie der Graf, und ſie war ge⸗ noͤthigt, an die Saͤnfte zuruͤck zu kehren. Die vier zur Abloͤſung beſtimmten Maͤnner zuͤnde⸗ ten Fackeln an, und gingen auf beiden Seiten des Weges. — Gut, ſagte Buſſy, wenn ich die Anordnungen die⸗ — 201— ſes Marſches ſelbſt getroffen, ſo haͤtte ich es nicht beſſer einrichten koͤnnen. Und er kehrte in ſeine Schenke zuruͤck, ſattelte ſein Pferd, und begab ſich auf die Verfolgung des Zuges. Dieſes Mal war es nicht moͤglich, ſich uͤber die Straße zu irren, oder ſie aus dem Geſicht zu verlieren: die Fackeln bezeichneten deutlich den Weg, den ſie ver⸗ folgten. Monſoreau ließ Diana keinen Augenblick lang von ſich entfernen. — Er unterhielt ſich mit ihr, oder vielmehr, er ſchalt ſie aus. Der Beſuch in dem Treibhauſe diente zum Texte unerſchoͤpflicher Bemerkungen und einer Menge von bos⸗ haften Fragen. Remy und Gertrude ſchmollten mit einander, oder, um es richtiger zu ſagen, Remy traͤumte, und Gertrude ſchmollte Remy. Die Urſache dieſes Schmollens war leicht zu erklaͤ⸗ ren. Remy ſah keine Nothwendigkeit mehr, verliebt in Gertruden zu ſein, ſeitdem Diana verlieht in Buſſy war. Die Einen ſtreitend, die Andern ſchmollend, zog der Zug alſo weiter, als Buſſy, welcher ihm außer Geſichts⸗ weite folgte, um Remy von ſeiner Anweſenheit zu be⸗ nachrichtigen, einen Pfiff auf ſeiner ſilbernen Pfeife that, mit welcher er gewohnt war, ſeine Diener im Hotel der Straße Grenelle Saint⸗Honoré zu rufen. Der Ton war ſchwach und bebend. Dieſer Ton er⸗ ſchallte von einem Ende des Hauſes bis zum anderen, und ließ Thiere und Leute herbeieilen. Wir ſagen Thiere und Leute, weil Buſſy, wie alle ſtarken Maͤnner, ſich darin gefiel, Bullenbeißer, unbaͤndige Pferde und wilde Falken abzurichten. Nun aber erbebten bei dem Klange dieſer Pfeife die Hunde und die Pferde in ihren Staͤllen und die Falken auf ihren Stangen. Remy erkannte ſie auf der Stelle. Diana erbebte und blickte den jungen Mann an, der ihr einen bejahen⸗ den Wink gab. Dann ritt er an ihre Linke und ſagte leiſe zu ihr: — Er iſt es. — Was giebt es, fragte Monſoreau, und wer ſpricht mit Euch, Madame? — Mit mir? Niemand, mein Herr. — Doch; es iſt ein Schatten an Euch voruͤber ge⸗ kommen, und ich habe eine Stimme gehoͤrt. — Dieſe Stimme iſt die des Herrn Remy, ſagte Diana. Seid Ihr etwa auch auf Herrn Remy eifer⸗ ſuͤchtig? — Nein; aber ich hoͤre gern laut ſprechen, das zer⸗ ſtreut mich. — Es giebt indeſſen Dinge, die man nicht in Ge⸗ genwart des Herrn Grafen ſagen kann, fiel Gertrude ein, die ihrer Gebieterin zu Huͤlfe kam. — Warum das? — Aus zwei Urſachen. — Welche? — Erſtens, weil man Dinge ſagen kann, die den — 203— Herrn Grafen nicht intereſſiren, oder Dinge, die ihn zu ſehr intereſſiren. — und von welcher Art war das, was Herr Remy ſo eben der gnaͤdigen Frau geſagt hat? — Von der Art derjenigen, welche den Herrn zu ſehr intereſſiren. — Was ſagte Euch Remy, Madame? Ich will es wiſſen. — Ich ſagte, Herr Graf, daß, wenn Ihr Euch ſo⸗ fort geberdet, Ihr todt ſein werdet, bevor Ihr den drit⸗ ten Theil des Weges zuruͤckgelegt habt. Man konnte bei den traurigen Strahlen der Fackeln das Geſicht Monſoreaus eben ſo bleich, als das einer Leiche, werden ſehen. Diana ſchwieg ganz bebend und ganz tiefſinnig. — Er erwartet Euch rückwaͤrts, ſagte Remy mit kaum verſtaͤndlicher Stimme zu Diana, haltet Euer Pferd ein Wenig an, er wird Euch einholen.. Remy hatte ſo leiſe geſprochen, daß Monſoreau nur ein Gefluͤſter hoͤrte; er machte eine heftige Bewegung, warf ſeinen Kopf zuruͤck, und ſah Diana, welche ihm folgte. — Noch eine ſolche Bewegung, Herr Graf, und ich ſtehe nicht fuͤr eine Verblutung. Seit einiger Zeit war Diana muthig geworden. Mit ihrer Liebe war die Verwegenheit entſtanden, welche jede wahrhaft verliebte Frau gewoͤhnlich die Graͤnzen der Vernunft uͤberſchreiten laͤßt; ſie wandte ihr Pferd um und wartete. Im ſelben Augenblicke ſtieg Remy vom Pferde, gab ſeinen Zuͤgel Gertruden zu halten, und trat an die Saͤnf⸗ te, um den Kranken zu beſchaͤftigen. — Laßt den Puls fuͤhlen, ſagte er, ich wette, daß Ihr Fieber habt. Fuͤnf Minuten nachher war Buſſy an ihrer Seite. Die beiden jungen Leute hatten nicht mehr noͤthig ſich zu ſprechen, um ſich zu verſtehen; ſie hielten ſich waͤhrend einiger. Augenblicke innig umarmt. — Du ſiehſt, ſagte Buſſy, indem er zuerſt das Schweigen brach, Du reiſeſt und ich folge Dir. — O, was meine Tage ſchoͤn ſein werden, Buſſy, was meine Naͤchte lieblich ſein werden, wenn ich Dich immer ſo in meiner Naͤhe weiß! — Aber am Tage wird er uns ſehen. — Nein, Du wirſt uns in der Ferne folgen, und ich allein werde Dich ſehen, mein Louis. An der Kruͤm⸗ mung der Straßen, auf dem Gipfel der Huͤgel, wird die Feder Deines Hutes, die Stickerei Deines Mantels, Dein flatterndes Taſchentuch, Alles wird mir in Deinem Namen ſprechen, Alles wird mir ſagen, daß Du mich liebſt. Wenn nur in dem Augenblicke, wo der Tag ſich neigt, wo der blaue Nebel ſich auf die Ebene herab⸗ ſenkt, ich Deinen ſuͤßen Schatten ſich, mir den Abend⸗ kuß zuſendend, ſich verneigen ſehe, und ich werde alück⸗ lich, ſehr gluͤcklich ſein! — Sprich, ſprich immer, meine innig geliebte Diana, Du kannſt ſelbſt nicht Alles das kennen, was Harmoni⸗ ſches in Deiner lieblichen Stimme liegt. 4 — 205— — Und wenn wir Nachts reiſen, und das wird oft geſchehen, denn Remy hat ihm geſagt, daß die Abend⸗ kuͤhle gut fuͤr ſeine Wunden waͤre, wenn wir Nachts reiſen, dann werde ich, wie heute Abend von Zeit zu Zeit zuruͤckbleiben, werde Dich von Zeit zu Zeit in meine Arme ſchließen und Dir in einem fluͤchtigen Haͤndedrucke Alles das ſagen koͤnnen, was ich im Laufe des Tages von Dir gedacht habe. — O, wie ich Dich liebe! Wie ich Dich liebe! fluͤſterte Buſſy. — Siehſt Du, ſagte Diana, ich glaube, daß unſere Seelen innig genug vereinigt ſind, daß wir, ſelbſt von einander entfernt, ſelbſt ohne uns zu ſprechen, ohne uns zu ſehen, gluͤcklich durch den Gedanken ſind. — O, ja, aber Dich zu ſehen, oder Dich in meine Arme zu ſchließen, o, Diana, Diana! Und die beiden Pferde beruͤhrten ſich und ſpielten, ihre mit Silber bedeckten Zuͤgel ſchuͤttelnd, mit einander, und die beiden Liebenden umſchlangen ſich und vergaßen die Welt. Ploͤtzlich erſchallte eine Stimme, die ſie alle Beide erbeben ließ, Diana vor Furcht, Buſſy vor Zorn. — Frau Diana, rief dieſe Stimme, wo ſeid Ihr? Frau Diana, antwortet! Dieſer Ruf drang gleich einer grauſenhaften Be⸗ ſchwoͤrung durch die Luͤfte. — O, das iſt er! Das iſt er! Ich hatte ihn ver⸗ geſſen, murmelte Diana! Das iſt er! Ich traͤnmte! O ſuͤßer Traum! Graͤßliches Erwachen! — Hoͤre! rief Buſſy aus. Hoͤre Diana! Wir ſind jetzt vereinigt. Sag ein Wort, und Nichts vermag Dich mehr mir zu rauben. Laß uns fliehen, Diana. Was verhindert uns zu fliehen? Sieh.! Vor uns der Raum, das Gluͤck, die Freiheit! Ein Wort, und wir brechen auf! Ein Wort, verloren fuͤr ihn, gehoͤrſt Du mir ewiglich an. Und der junge Mann hielt ſie ſanft zuruͤck. — Und mein Vater? ſagte Diana. — Wenn der Baron weiß, daß ich Dich liebe, fluͤ⸗ ſterte er. O! ſagte Diana. Ein Vater! Was ſagſt Du da? Dieſes einzige Wort ließ Buſſy wieder zur Beſin⸗ nung kommen. — Nichts durch Gewalt, theure Diana, ſagte er, gebiete, und ich werde gehorchen. — Hoͤre, ſagte Diana die Hand ausſtreckend, unſere Beſtimmung iſt dort; laß uns ſtaͤrker ſein, als der Daͤ⸗ mon, welcher uns verfolgt; fuͤrchte Nichts, und Du wirſt ſehen, ob ich zu lieben verſtehe. — Wir muͤſſen uns alſo trennen, mein Gott, mur⸗ melte Buſſy.. — Graͤfin! Graͤfin! rief die Stimme. Antwortet, oder ſollte ich mich auch toͤdten, ich ſpringe aus dieſer hoͤlliſchen Saͤnfte. — Leb wohl, ſagte Diana, leb wohl; er wuͤrde thun, was er ſagt, und er wuͤrde ſich toͤtten. — Du bedauerſt ihn! — 207— — Eiferſuͤchtig? ſagte Diana mit einer liebenswuͤrdi⸗ gen Betonung und einem entzuͤckenden Laͤcheln. Und Buſſy ließ ſie gehen. In zwei Saͤtzen war Diana nach der Saͤnfte zu⸗ ruͤckgekehrt; ſie fand den Grafen halb ohnmaͤchtig. — Haltet, murmelte der Graf, haltet! — Sapperment! ſagte Remy. Haltet nicht! Er iſt von Sinnen; wenn er ſich toͤdten will, ſo moͤge er ſich todten... Und die Saͤnfte ging immer weiter. — Aber wen ruft Ihr denn ſo? ſagte Gertrude. Die gnaͤdige Frau iſt hier, an meiner Seite. Kommt, gnaͤdige Frau, und antwortet ihm; ganz zuverlaͤſſig, der Herr Geaf phantaſirt. Ohne ein Wort auszuſprechen trat Diana in den von den Fackeln verbreiteten Lichtkreis. — O, ſagte Monſoreau erſchoͤpft, wo waret Ihr denn? — Wo ſoll ich anders ſein, mein Herr, als hinter Euch? — An meine Seite, Madame, an meine Seite verlaßt mich nicht. Diana hatte keinen anderen Beweggrund mehr, um zuruͤck zu bleiben; ſie wußte, daß Buſſy ihr folgte. Wenn die Nacht durch Mondſchein erleuchtet geweſen waͤre, ſo haͤtte ſie ihn ſehen koͤnnen. Man gelangte an die Station. Monſoreau ruhete ſich einige Stunden lang aus, und wollte wieder auf⸗ — 208— brechen. Er hatte Eile, nicht nach Paris zu kommen, ſondern ſich von Angers zu entfernen. Von Zeit zu Zeit erneuerte ſich der ſo eben von uns erzaͤhlte Auftritt. Remy ſagte leiſe: — Moͤgte er vor Wuth erſticken, und die Ehre des Arztes wuͤrde gerettet ſein. Aber Monſoreau ſtarb nicht; im Gegentheile, nach Verlauf von zehn Tagen war er in Paris angelangt, und es ging ihm merklich beſſer. Remy war zuverlaͤſſig ein ſehr geſchickter Mann, weit geſchickter, als er es ſelbſt haͤtte ſein moͤgen. Waͤhrend der zehn Tage, welche die Reiſe gedauert, hatte Diana durch Zaͤrtlichkeit den hohen Stolz Buſſys gebeugt. Sie hatte ihn aufgefordert zu Monſoreau zu kom⸗ men, und die Freundſchaft zu benutzen, welche er ihm bezeugte. Der Vorwand des Beſuches war ganz naturlich. Die Geſundheit des Grafen. Remy behandelte den Gatten, und uͤbergab der Frau die Briefe. 13 — Aeskulap und Merkur, ſagte er, ich begleite zwei Aemter. 19 XVII. Wie der Geſandte des Herzogs von Anjou nach Paris kam, und von dem Empfange, der ihm bereitet wurde. Waͤhrend deſſen ſah man weder Katharinen noch den Herzog von Anjou wieder im Louvre erſcheinen, und die Nachricht von dem Zwiſte der beiden Bruͤder ver⸗ breitete ſich mit jedem Tage mehr und gewann immer mehr Wichtigkeit. Der Koͤnig hatte keine Botſchaft von ſeiner Mutter erhalten, und anſtatt dem Sprichworte gemaͤß zu ſchlie⸗ ßen: Keine Nachricht, gute Nachricht; ſagte er ſich im Gegentheile, indem er dem Kopf ſchuͤttelte: — Keine Nachrichten, ſchlimme Nachrichten! Die Mignons fuͤgten hinzu: — Franz, uͤbel berathen, wird Eure Mutter zuruͤckbehalten haben. Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band. 14 — 210— Franz, uͤbel berathen!— In der That, die ganze Politik dieſer ſeltſamen Regierung und der drei vorhergehenden Regierungen ſprach ſich darin aus. Uebel berathen war der Koͤnig Karl der IX. gewe⸗ ſen, als er die Sanct⸗Bartholomaͤusnacht, wo nicht an⸗ geordnet, doch zum Mindeſten guchgeheißen hatte. Uebel berathen war Franz der II. geweſen, als er das Blut⸗ bad von Amboiſe angeordnet. Uebel berathen war Hein⸗ rich der II., der Vater dieſes ganzen verderbten Ge⸗ ſchlechts geweſen, als er ſo viele Ketzer und Verſchwoͤrer verbrennen ließ, bevor er von Montgommerie getoͤdtet worden, der, wie man ſagte, ſelbſt uͤhel berathen gewe⸗ ſen war, als der Schaft ſeiner Lanze ſo ungluͤcklicher Weiſe in das Helmgitter ſeines Koͤnigs gedrungen war. Man wagt nicht zu einem Koͤnige zu ſagen: Euer Bruder hat boͤſes Blut in den Adern; er trachtet, wie das in Eurer Familie gebraͤuchlich iſt, Euch zu entthronen, Euch zu Grunde zu richten, oder Euch zu woergiften; er will Euch das anthun, was Ihr Eurem aͤlteren Bruder gethan habt, was Eurer aͤlterer Bruder dem ſeinigen gethan hat, was Eure Mutter Euch Allen einander zu thun gelehrt hat. Nein, ein Koͤnig beſonders jener Zeit, ein Koͤnig des XVI. Jahrhunderts haͤtte dieſe Bemerkungen fuͤr Be⸗ leidigungen gehalten, denn ein Koͤnig war in jener Zeit ein Menſch, und nur die Civiliſation hat aus ihm ein Faeſimile Gottes, wie Ludwig den XIV., oder eine nicht verantwortliche Mythe— wie— einen conſtitutionellen Koͤnig, machen koͤnnen. — 211— Die Mignons ſagten alſo zu Heinrich dem III. — Sire, Euer Bruder iſt uͤbel berathen. Und da nur eine einzige Perſon ſowohl die Macht als den Verſtand hatte, Franz zu rathen, ſo war es Buſſy, gegen den ſich das mit jedem Tage fuͤrchterlichere und zum Ausbruche bereite Gewitter erhob. Man war in den oͤffentlichen Berathungen damit beſchaͤftigt, Mittel zur Einſchuͤchterung aufzuſuchen, und in den geheimen Berathungen Mittel zur Vertilgung zu finden, als die Nachricht anlangte, daß Seine Gnaden, der Herzog von Anjou, einen Geſandten ſende. Wie kam dieſe Nachricht? Durch wen kam ſie? Wer uͤberbrachte ſie? Wer verbreitete ſie? Es waͤre eben ſo leicht zu ſagen, wie ſich die Wir⸗ belwinde in der Luft, die Staubwirbel auf dem Lande, die Wirbel der Gerüͤchte in den Staͤdten erheben. Es giebt einen Daͤmon, der gewiſſen Nachrichten Fluͤgel verleiht und der ſie gleich Adlern in die Luͤfte ſendet. Als diejenige, welche wir ſo eben genannt, in das Louvre gelangte, entſtand ein allgemeiner Aufruhr. Der Koͤnig wurde daruͤber bleich vor Zorn, und die Hofleute, welche wie gewoͤhnlich das Leiden des Herrn uͤbertrieben, machten ſich todtenbleich. Man ſchwor, Es wuͤrde ſehr ſchwer ſein, Alles das zu ſagen, was man ſchwor, aber man ſchwor unter Anderem, daß: Wenn dieſer Geſandte ein Greis waͤre, ſo ſollte er gehunzt, verhoͤhnt, in die Baſtille geſperrt werden. . 14* * — 212— Wenn er ein junger Mann waͤre, ſo wollte man ihn zerhauen, durchbohren, in kleine Stuͤcken zerhacken, welche als Proben des koͤniglichen Zornes in alle Pro⸗ vinzen Frankreichs verſchickt werden ſollten. Und die Mignons begannen ihrer Gewohnheit nach ihre Schwerdter zu putzen, Fechtſtunden zu nehmen und mit dem Dolche gegen die Waͤnde zu ſpielen⸗ Chicot ließ ſein Schwerdt und ſeinen Dolch in der Scheide, und begann gruͤndlich zu uͤberlegen. Der Koͤnig, welcher Chicot uͤberlegen ſah, erinnerte ſich, daß Chicot eines Tages uͤber einen ſchwierigen Punkt, der ſich ſeitdem aufgeklaͤrt hatte, der Meinung der Koͤnigin Mutter geweſen waͤre, welche Recht gehabt hatte. Er ſah demnach ein, daß Chicot die Weisheit des Koͤnigreiches ſei, und er befrug Chicot. — Sire, erwiderte dieſer nach reiflicher Ueberlegung, entweder ſendet Euch Seine Gnaden der Herzog von Anjou einen Geſandten, oder er ſendet Euch keinen. — Bei Gott, ſagte der Koͤnig, das war wohl der Muͤhe werth, Dir mit der Fauſt die Backen auszuhoͤh⸗ len, um dieſen ſchoͤnen Doppelſchluß zu finden. — Geduld, Geduld, wie in der Sprache Meiſter Machiavellis Eure erlauchte Mutter ſagt, die Gott er⸗ halten wolle, Geduld! — Du ſiehſt, daß ich ſie habe, ſagte der Koͤnig, da ich Dich anhoͤre. — Wenn er Euch einen Geſandten ſendet, ſo iſt das ein Beweis, daß er glaubt es thun zu koͤnnen; — 213— wenn er, der die Vorſicht in Perſon iſt, glaubt es thun zu koͤnnen, ſo iſt das ein Beweis, daß er ſich ſtark fuͤhlt. Wenn er ſich ſtark fuͤhlt, ſo muß man ihn ſcho⸗ nen! Achten wir die Maͤchte, betruͤgen wir ſie, aber ſpielen wir nicht mit ihnen; empfangen wir ihren Ge⸗ ſandten, und bezeigen wir ihm alle Arten von Vergnuͤ⸗ gen ihn zu ſehen. — Das verpflichtet zu Nichts! Ihr erinnert Euch, wie Euer Bruder dieſen guten Admiral Coligny umarmt hat, der als Geſandter von Seiten der Hugenotten kam, die ſich auch fuͤr eine Macht hielten. — Dann biligſt Du alſo die Politik meines Bru⸗ ders Karl? — Nicht doch, verſtaͤndigen wir uns, ich fuͤhre eine Thatſache an, und ich fuͤge hinzu: wenn wir ſpaͤterhin ein Mittel finden, nicht einem armen Wappenherold, Abgeſandten, Beauftragten oder Geſandten zu ſchaden, ſondern wenn wir ſpaͤterhin ein Mittel finden, den Herrn, den Anſtifter, das Haupt, den ſehr erhabenen und ge⸗ ehrten Prinzen, Seine Gnaden den Herzog von Anjou, den wahren, einzigen und alleinigen Schuldigen, mit den drei Guiſen, wohlverſtanden, beim Kragen zu pak⸗ ken und ihn in eine ſicherere Feſte, als das Louvre, ein⸗ zuſperren, o, Sire, ſo laßt es uns thun. — Dieſes Vorſpiel iſt mir ziemlich recht, ſagte Heinrich der III. — Den Henker! Du biſt kein Koſtveraͤchter, mein Sohn, ſagte Chicot. Ich fahre alſo fort. — Thu das! — 214— — Aber wenn er keinen Geſandten ſendet, warum dann alle Deine Freunde bloͤken laſſen? — Bloͤken! — Du begreifſt; ich wuͤrde ſagen bruͤllen, wenn es moͤglich waͤre, ſie fuͤr Loͤwen zu halten. Ich ſage bloͤ— ken... weil... Sieh, Heinrich, es iſt wirklich zum Uebelwerden, große Recken, die baͤrtiger ſind, als die Affen Deiner Menagerie, wie kleine Knaben mit Ge⸗ ſpenſtern ſpielen, und verſuchen zu ſehen, Maͤnnern bange zu machen, indem ſie ausrufen: Hu! Hu!... Ohne zu rechnen, daß ſie, wenn der Herzog Niemanden ſen⸗ det, glauben, daß es wegen ihrer ſei, und ſie ſich fuͤr wichtige Perſonen halten werden. — Chicot, Du vergißt, daß die Leute, von denen Du ſprichſt, meine Freunde, meine einzigen Freunde ſind. Willſt Du, daß ich Dir Tauſend Thaler abge⸗ winne? O, mein Koͤnig! ſagte Chicot. — Sprich. — Wette mit mir, daß dieſe Leute da treu bleiben und jeder Lockung widerſtehen werden, und ich wette, daß von jetzt bis morgen Abend Drei unter den Vieren mit Leib und Seele mein ſein ſollen. Die Zuverſicht, mit welcher Chicot ſprach, ließ r aun auch Heinrich uͤberlegen. Er antwortete nicht. — Ha, ſagte Chicot, jetzt traͤumſt Du auch; jetzt druͤckſt Du Deine huͤbſche Fauſt auch in Deine reizende Kinnlade. Du biſt ſtaͤrker, als ich glaubte, mein Sohn, denn Du witterſt jetzt die Wahrheit. — Was raͤthſt Du mir dann? —=— Ich rathe Dir abzuwarten, mein Koͤnig. Haͤlfte der Weisheit des Koͤnigs Salomo liegt in dieſem Worte. Wenn Dir ein Geſandter zukommt, ſo mach gute Miene. Wenn Niemand kommt, ſo mach was Du willſſt; aber wiſſe es Deinem Bruder zum Minde⸗ ſten Dank, den Du, glaube mir, Deinen Schelmen nicht opfern darfſt. Sapperment, er iſt ein großer Schurke, ich weiß es wohl, aber, er iſt ein Valois. Toͤdte ihn, wenn Dir das behagt; aber, fuͤr die Ehre des Namens, entwurdige ihn nicht, das iſt eine Sorge, mit der er ſich ſelbſt mit ziemlichem Erfolg beſchaͤftigt. — Das iſt wahr, Chicot. 4 — Wieder eine neue Lehre, die Du mir verdankſt; gluͤcklicher Weiſe rechnen wir nicht mit einander. Jetzt laß mich ſchlafen, Heinrich; ſeit acht Tagen habe ich mich in die Nothwendigkeit verſetzt geſehen, einen Mönch zu berauſchen, und wenn ich ſolche Gewaltſtreiche aus⸗ fuͤhre, ſo bin ich immer fuͤr eine Woche benebelt. —Einen Moͤnch! Iſt es etwa dieſer gute Geno⸗ vefamoͤnch, von dem Du mir bereits geſprochen haſt? — Gerade er. Du haſt ihm eine Abtei verſprochen? — Ich? — Bei Gott, das iſt wohl das Geringſte, was Du fuͤr ihn thun kannſt, nach dem, was er fuͤr Dich ge⸗ than hat. — Er iſt mir alſo immer noch ergeben. — Er betet Dich an. Apropos, mein Sohn! Die — 216— — Was? — Daß in drei Wochen das Frohnleichnamsfeſt iſt. — Weiter! — Ich hoffe, daß Du uns irgend eine huͤbſche kleine Proceſſion vorbereiteſt. — Ich bin der allerchriſtlichſte Koͤnig, und es iſt meine Pflicht, meinem Volke in der Religion mit gutem Beiſpiele voran zu gehen. — und Du wirſt, wie gewoͤhnlich, Stationen in den vier Hauptkloͤſtern von Paris machen? — Wie gewoͤhnlich. — Die Abtei Sanct Genovefa gehoͤrt dazu, nicht wahr?— — Gewiß, ſie iſt die zweite, in die ich mich zu be⸗ geben gedenke. — Gut. — Warum fragſt Du mich das? — Um Nichts. Ich bin neugierig. Jetzt weiß ich, was ich wiſſen will. Gute Nacht, Heinrich. In dieſem Augenblicke, und als Chicot es ſich ganz bequem machte, um ein Schlaͤfchen zu halten, hoͤrte man ein großes Getuͤmmel im Louvre. — Was iſt das fuͤr ein Laͤrm? fragte der Koͤnig. — Geh, ſagte Chicot, es ſteht geſchrieben, daß ich nicht ſchlafen ſoll, Heinrich. — Nun denn? — Miethe mir ein Zimmer in der Stadt, mein — 217— Sohn, oder ich verlaſſe Deinen Dienſt; auf mein Ehren⸗ wort, das Louvre wird unbewohnbar. In dieſem Augenblicke trat der Kapitaͤn der Leib⸗ wachen ein; er ſah ſehr beſtuͤrzt aus. — Was giebt es? fragte der Koͤnig. — Sire, antwortete der Kapitaͤn, der Abgeſandte des Herzogs von Anjou ſteigt im Louvre ab. — Mit einem Gefolge? fragte der Koͤnig. — Nein, ganz allein. — Dann muß man ihn doppelt gut empfangen, Heinrich, denn er iſt ein Tapferer. — Nun denn, ſagte der Koͤnig, indem er eine ruhige Miene anzunehmen verſuchte, welche ſeine kalte Blaͤſſe Luͤgen ſtrafte, nun denn, man verſammle meinen ganzen Hof in dem großen Saale und kleide mich ſchwarz; man muß Trauerkleider anlegen, wenn man das Ungluͤck hat, durch einen Geſandten mit einem Bruder zu unter⸗ handeln! Der Thron Heinrichs des III. erhob ſich in dem großen Saale. Um dieſen Thron herum draͤngte ſich eine bebende und geraͤuſchvolle Menge. Der Koͤnig ſetzte ſich traurig und mit gefalteter Stirn darauf. Aller Augen waren nach der Gallerie gerichtet, durch welche der Kapitaͤn der Leibwachen den Abgeſandten ein⸗ fuͤhren ſollte. — Sire, ſagte Quslus, in dem er ſich an das Ohr — 218— des Koͤnigs neigte, wißt Ihr den Namen dieſes Ge⸗ ſandten? — Nein! Aber was liegt mir daran? — Sire, es iſt Herr von Buſſy! Iſt die Beleidigung nicht dreifach? — Ich ſehe nicht, in was darin eine Beleidigung liegen kann, ſagte Heinrich, indem er ſich bemuͤhete, ſeine Kaltbluͤtigkeit zu behalten. — Vielleicht ſieht es Eure Majeſtaͤt nicht, ſagte Schomberg, aber wir ſehen es wohl. Heinrich erwiderte Nichts; er fuͤhlte den Zorn und den Haß um ſeinen Thron herum gaͤhren, und freuete ſich im Innern, zwei Waͤllle von dieſer Staͤrke zwiſchen ſich und ſeinen Feinden zu erheben. Bald erroͤthend und bald erbleichend, ſtuͤtzte Quélus ſeine beiden Haͤnde auf den Griff ſeines Schwertes. Schomberg legte ſeine Handſchuh ab, und zog ſei⸗ nen Dolch halb aus der Scheide. Maugiron nahm ſein Schwerdt aus den Haͤnden eines Pagen, und befeſtigte es an ſeinem Guͤrtel. D'Epernon ſtrich ſeinen Schnurrbart bis an die Au⸗ gen in die Hoͤhe, und ſtellte ſich hinter ſeine Gefaͤhrten. Was Heinrich anbelangt, ſo ließ er gleich dem Jaͤ⸗ ger, der ſeine Hunde gegen den Eber bruͤllen hoͤrt, ſeine Guͤnſtlinge gewaͤhren und laͤchelte. Laßt ihn eintreten, ſagte er. Bei dieſen Worten entſtand eine Todtenſtille in dem Saale, und in Mitte dieſer Stille haͤtte man ſagen koͤnnen, daß man den Zorn des Koͤnigs grollen hoͤrte. Nun erſchallte ein gleichguͤltiger Schritt, dann ein Fuß, deſſen Sporen ſtolz auf den Steinplatten klirrte, in der Gallerie. Buſſy trat ſtolz, mit ruhigem Auge und den Hut in der Hand ein. Keiner von denen, welche den Koͤnig umgaben, zog den hochmuͤthigen Blick des jungen Mannes auf ſich. Er ſchritt gerade auf Heinrich zu, verneigte ſich tief, und erwartete, daß man ihn anrede, indem er ſtolz vor dem Throne ſtand, aber mit einem ganz perſoͤnlichen Stolze, dem Stolze eines Edelmannes, der nichts Beleidigendes fuͤr die Koͤnigliche Majeſtaͤt hatte. — Ihr hier, Herr von Buſſy? Ich glaubte Euch weit in Anjou. — Sire, ſagte Buſſy, ich war in der That dort, aber wie Ihr ſeht, habe ich Anjou verlaſſen. — und was fuͤhrt Euch in unſere Hauptſtadt? — Das Verlangen, Eurer Majeſtaͤt meine unter⸗ thaͤnigſte Ehrerbietung zu bezeigen. Der Koͤnig und die Mignons ſahen einander anz es war augenſcheinlich, daß ſie etwas Anderes von dem ungeſtuͤmen jungen Manne erwarteten. — Und... weiter Nichts? ſagte der Koͤnig ziem⸗ lich ſtolz. — Ich fuͤge hinzu, Sire, der Befehl, den ich von Seiner Hoheit, dem Herzoge von Anjou, meinem Herrn, empfangen habe, ſeine Ehrfurchtsbezeigungen mit den meinigen zu verbinden. 1 — und der Herzog hat Euch nichts Anderes ge⸗ ſagt? — Er hat mir geſagt, daß, da er im Begriffe ſtaͤn⸗ de, mit der Koͤnigin Mutter zuruͤckzukehren, er wuͤnſche, Eure Majeſtaͤt moͤgte die Ruͤckkehr durch einen Eurer getreueſten Unterthanen erfahren. Beinahe vor Ueberraſchung beklommen, vermogte der Koͤnig nicht, in ſeinen Fragen fortzufahren. Chicot benutzte die Unterbrechung, um ſich dem Ge⸗ ſandten zu naͤhern. — Guten Tag, Herr von Buſſy, ſagte er. Erſtaunt, einen Freund in dieſer ganzen Verſamm⸗ lung zu haben, wandte ſich Buſſy um. — Ah, Herr Chicot, erwiderte Buſſy, ſeid von gan⸗ zem Herzen gegruͤßt. Wie befindet ſich Herr von Saint⸗ Luc?— — Ei, ſehr wohl, er geht in dieſem Augenblicke mit ſeiner Frau in der Gegend der Vogelhaͤuſer ſpazieren. — und das iſt Alles, was Ihr mir zu ſagen hattet, Herr von Buſſy? fragte der Koͤnig. — Ja, Sire; wenn noch irgend eine andere wich⸗ tige Nachricht uͤbrig bleibt, ſo wird Seine Gnaden, der Herzog von Anjou, die Ehre haben, ſie Euch ſelbſt zu melden. — Sehr wohl, ſagte der Koͤnig. Und indem er ſchweigend von ſeinem Throne auf⸗ ſtand, ſchritt er die beiden Stufen hinab. — 221— Die Audienz war beendigt, die Gruppen vertheilten ſich. Buſſy bemerkte mit einem Seitenblicke, daß er von den vier Mignons umringt und wie in einen lebendigen Kreis voller Beben und Drohung eingeſchloſſen waͤre. An dem aͤußerſten Ende des Saales unterhielt ſich der Koͤnig leiſe mit ſeinem Kanzler. Buſſy that, als ob er Nichts ſaͤhe, und fuhr fort, ſich mit Chicot zu unterhalten. Nun, als ob er in das Complott eingegangen waͤre, und beſchloſſen haͤtte, Buſſy abzuſondern, rief der Koͤnig: — Kommt hierher, Chicot, ſagte er, man hat Euch hier Etwas zu ſagen. Chicot gruͤßte Buſſy mit einer durchaus adeligen Hoͤflichkeit. Buſſy erwiderte ihm ſeinen Gruß mit nicht minde⸗ rer Feinheit, und blieb allein in dem Kreiſe. Nun veraͤnderte er ſeine Haltung und ſein Geſicht; von der Ruhe, die er dem Koͤnige gegenuͤber gehabt, war er hoͤflich mit Chicot geworden; von dem hoͤflichen machte er ſich freundlich. Da er Quélus zu ihm herantreten ſah, ſo ſagte er zu ihm: 1 — Ei, guten Tag, Herr von Quelus, darf ich mir die Ehre nehmen Euch zu fragen, wie es mit Eurem Hauſe ſteht? — Ei, ziemlich ſchlecht, mein Herr, erwiderte Queélus. — O, mein Gott! rief Buſſy aus, als ob ihn dieſe Antwort bekuͤmmert haͤtte. Und was iſt denn geſchehen? — Es iſt Etwas vorhanden, das uns unendlich im Wege iſt, antwortete Quélus. — Etwas! aͤußerte Buſſy erſtaunt. Ei, ſeid Ihr und die Eurigen, und beſonders Ihr, Herr von Quélus, nicht maͤchtig genug, um dieſes Etwas zu vernichten? — Verzeiht, mein Herr, ſagte Maugiron, indem er Schomberg bei Seite ſchob, der vortrat, um ſein Wort in dieſer Unterredung anzubringen, die intereſſant zu werden verſprach, es iſt nicht Etwas, es iſt Jemand, was Herr von Quélus ſagen wollte. — Aber wenn Jemand Herr von Quélus im Wege ſteht, ſagte Buſſy, ſo ſoll er ihn auf die Seite ſtoßen, wie Ihr es ſo eben gethan habt. — Das iſt auch der Rath, den ich ihm gegeben habe, Herr von Buſſy, ſagte Schomberg, und ich glau⸗ be, daß Quélus entſchloſſen iſt, ihn zu befolgen. — Ah, Ihr ſeid es, Herr von Schomberg, ſagte Buſſy, ich hatte nicht die Ehre Euch zu erkennen. — Vielleicht, ſagte Schomberg, habe ich noch Blau auf dem Geſichte. 3 — Nicht doch, Ihr ſeid im Gegentheile ſehr bleich. Waͤret Ihr etwa unwohl, mein Herr? — Wenn ich bleich bin, mein Herr, ſagte Schem⸗ berg, ſo iſt es vor Zorn. 3 1 3 — Ah ſo, aber Ihr ſeid alſo, wie Herr von Quelus, durch irgend Etwas oder durch irgend Jemand gehin⸗ dert? 2 — 223— — Ja, mein Herr. — Es geht ihm, wie mir, ſagte Maugiron, auch ich habe Jemanden, der mir im Wege ſteht. — Immer geiſtreich, mein lieber Herr von Maugi⸗ ron, ſagte Buſſy; aber in Wahrheit, meine Herren, je mehr ich Euch anblicke, deſto mehr geben mir Eure ver⸗ ſtoͤrten Geſichter zu bedenken. — Ihr vergeßt mich, mein Herr, ſagte d' Epernon, indem er ſich ſtolz vor Buſſy ſtellte. — Verzeiht, Herr von Epernon, Ihr ſtandet Eu⸗ rer Gewohnheit nach hinter den Anderen, und ich habe ſo Wenig das Vergnuͤgen Euch zu kennen, daß es durch⸗ aus nicht mir zukam, Euch zuerſt anzureden. Das Laͤcheln und das ungezwungene Benehmen Buſſys, ſo zwiſchen dieſe vier Wuͤthenden geſtellt, de⸗ ren Augen mit einer ſchrecklichen Beredtſamkeit ſprachen, war ein ſehenswerthes Schauſpiel. Um nicht zu verſte⸗ hen, worauf ſie hinaus wollten, haͤtte man blind oder dumm ſein muͤſſen.— Um das Anſehn zu haben, nicht zu verſtehen, mußte man Buſſy ſein. Er ſchwieg, und daſſelbe Laͤcheln blieb ſeinen Lip⸗ pen eingepraͤgt. — Kurz! ſagte Quélus, der zuerſt ungeduldig wurde, mit ſchallender Stimme und indem er den Fußboden mit ſeinem Stiefel ſtampfte. Buſſy erhob die Augen an die Decke und blickte um ſich. — Mein Herr, ſagte er, bemerkt Ihr, was es fuͤr ein Echo in dieſem Saale giebt? Nichts wirft den Ton mehr zuruͤck, wie Marmorwaͤnde, und die Stimmen ſind doppelt ſchallend unter Gewoͤlben von Gipsmarmor; wenn man ſich dagegen im freien Felde befindet, ſo ver⸗ theilen ſich die Toͤne, und ich glaube bei meiner Ehre, daß die Wolken ihren Theil daran nehmen. Ich ſtelle dieſen Satz nach Ariſtophanes auf! Habt Ihr Ariſtopha⸗ nes geleſen, meine Herren? Maugiron glaubte die Aufforderung Buſſys ver⸗ ſtanden zu haben, und er naͤherte ſich dem jungen Manne, um ihm ins Ohr zu ſprechen.— Buſſy hielt ihn zuruͤck. — Keine Vertraulichkeiten hier, mein Herr, ich bitte Euch, ſagte er zu ihm; Ihr wißt, wie ſehr eiferſuͤchtig Seine Majeſtaͤt iſt; Sie koͤnnte glauben, daß wir laͤſtern. Maugiron entfernte ſich wuͤthender, als jemals. Schomberg nahm ſeine Stelle ein, und mit einem gezwungenen Tone ſagte er: — Ich bin ein ſehr unbeholfener, ſehr dummer, aber ſehr offenherziger Deutſcher, ich ſpreche laut, um Denjenigen, welche mich hoͤren, es leicht zu machen, mich zu verſtehen; wenn aber meine Worte, die ich ſo deutlich als moͤglich zu machen verſuche, nicht gehoͤrt ſind, weil Derjenige, an den ich mich wende, taub iſt, oder nicht verſtanden ſind, weil Derjenige, den ich an⸗ rede, nicht verſtehen will, dann... — Ihr? ſagte Buſſy, indem er auf den jungen Mann, deſſen bewegte Hand ſich aus dem Mittelpunkte entfernte, einen jener Blicke heftete, wie die Tiger al⸗ 8— lein ſie aus ihren unermeßlichen Augenſternen ſpruͤhen laſſen, Blicke, die aus einem Abgrunde zu entſpringen und unaufhoͤrlich Stroͤme von Feuer zu ergießen ſchei⸗ nen, Ihr? „Schomberg hielt ſich zuruͤck. Buſſy zuckte die Achſeln, drehete ſich auf dem Ab⸗ ſatze und wandte ihm den Ruͤcken zu. Er befand ſich d'Epernon gegenuͤber. D'Epernon hatte ſich eingelaſſen, es war ihm nicht moͤglich zuruͤckzuweichen. — Seht, meine Herren, ſagte er, wie Herr von Buſſy kleinſtaͤdtiſch auf der Flucht geworden iſt, die er mit dem Herzoge von Anjou genommen hat; er hat ei⸗ nen Bart, und hat keine Schleife am Schwerdt; er traͤgt ſchwarze Stiefel und einen grauen Hut. — Dieſe Bemerkung ſtand ich im Begriffe mir ſelbſt zu machen, mein lieber Herr von Epernon. Als ich Euch ſo ſchoͤn gekleidet ſah, fragte ich mich, wohin ei⸗ nige Tage der Abweſenheit einen Mann bringen koͤnn⸗ ten; jetzt bin ich, Louis von Buſſy, Herr von Cler⸗ mont, genoͤthigt, das Muſter des Geſchmackes von ei⸗ nem geringen Gaskoniſchen Edelmann anzunehmen. Aber laßt mich durch, ich bitte Euch, Ihr ſteht mir ſo nahe, daß Ihr mir auf den Fuß getreten ſeid, und Herr von Quélus auch, was ich trotz meiner Stiefeln gefuͤhlt habe, fuͤgte er mit einem liebenswuͤrdigen Laͤ⸗ cheln hinzu. 3 Zwiſchen d'Epernon und Quélus durchgehend, reichte 5 Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band. 1 — 226— Buſſy in dieſem Augenblicke Saint⸗Luc die Hand, der ſo eben eingetreten war. Saint⸗Luc fand dieſe Hand von Schweiß triefend. Er verſtand, daß irgend etwas Außerordentliches vorginge, und er zog Buſſy zuerſt aus der Gruppe, dann aus dem Saale. Ein ſeltſames Gemurmel kreiſte unter den Mignons und erreichte die anderen Gruppen der Hofleute. — Das iſt unglaublich, ſagte Quélus, ich habe ihn beleidigt, und er hat nicht geantwortet. — Ich, ſagte Maugiron, ich habe ihn herausgefor⸗ dert, und er hat nicht geantwortet. — Ich, ſagte Schomberg, ich habe meine Hand bis zu der Hoͤhe ſeines Geſichts erhoben, und er hat nicht geantwortet. — Ich, rief d'Epernon aus, ich habe ihn auf den Fuß getreten, und er hat nicht geantwortet. Und er ſchien um die ganze Dicke von Buſſys Fuß zu wachſen. — Es iſt klar, daß er nicht hat verſtehen wollen, ſagte Quélus. Dahinter ſteckt Etwas. — Ich weiß, was es iſt, ſagte Schomberg. — Und was iſt es? 1 — Es iſt, daß er wohl fuͤhlt, daß wir vier ihn toͤd⸗ ten werden, und daß er nicht will, daß man ihn toͤdte. In dieſem Augenblicke kam der Koͤnig zu den jun⸗ gen Leuten, Chicot ſagte ihm Etwas ins Ohr. — Nun, ſagte der Koͤnig, was ſagte denn Herr 2. lu⸗ —-— 227— von Buſſy? Ich meine, ich haͤtte hier laut ſprechen hoͤren. — Ihr wollt wiſſen, was Herr von Buſſy ſagte, Sire? fragte d'Epernon. — Ja, Ihr wißt, daß ich neugierig bin, erwiderte Heinrich laͤchelnd. — Meiner Treue, nichts Gutes, Sire, ſagte Qué⸗ lus, er iſt kein Pariſer mehr. — Und was iſt er denn? — Er iſt ein Bauer, er weicht aus. — O, o, aͤußerte der Koͤnig, was will das ſagen? — Das will ſagen, daß ich einen Hund abrichten werde, um ihn in die Waden zu beißen, ſagte Ouélus, und wer weiß, ob er es dann noch durch ſeine Stiefel gewahr werden wird. 3 — und ich, ſagte Schomberg, ich habe eine Ziel⸗ ſcheibe in meinem Hauſe, und ich werde ſie Buſſy nennen. — Ich, ſagte d'Epernon, ich werde noch gerader und weiter gehen. Heute habe ich ihn auf den Fuß ge⸗ treten, morgen werde ich ihn ohrfeigen. Er iſt ein Prahlhans, ein Tapferer aus Eigenduͤnkel! Er ſagt ſich: Ich habe mich genug fuͤr die Ehre geſchlagen, ich will vorſichtig fuͤr das Leben ſein. Und wie, meine Herren, ſagte Heinrich mit einem geheuchelten Zorne, Ihr habt gewagt bei mir, im Louvre, einen Edelmann zu mißhandeln, der meinem Bruder angehoͤrt? — Leider, ja! ſagte Maugiron, indem er auf den geheuchelten Zorn des Koͤnigs durch eine geheuchelte De⸗ 15* — 228— muth antwortete. Und obgleich wir ihn ſehr arg miß⸗ handelt haben, Sire, ſo ſchwoͤre ich Euch doch, daß er nicht geantwortet hat. Der Koͤnig ſah Chicot laͤchelnd an, und indem er ſich an ſein Ohr neigte, fragte er ihn: — Findeſt Du immer noch, daß ſie bloͤken, Chi⸗ cot? Ich glaube, daß ſie gebruͤllt haben, he! — Ei, ſagte Chicot, vielleicht haben ſie miaut. Ich kenne Leute, deren Nerven das Miauen der Katzen ab⸗ ſcheulich weh thut. Vielleicht gehoͤrt Herr von Buſſy zu dieſen Leuten. Deshalb wird er ſich entfernt haben, ohne zu antworten. — Du glaubſt? ſagte der Koͤnig. — Wer es erlebt, wird es ſehen, antwortete Chi⸗ cot gravitaͤtiſch. — Laß doch, ſagte Heinrich, wie der Herr, ſo der Diener. — Wollt Ihr damit ſagen, Sire, daß Buſſy der Diener Eures Bruders ſei? Ihr irrtet Euch ſehr. — Meine Herren, ſagte Heinrich, ich gehe zu der Koͤnigin, mit der ich zu Mittag eſſe. Auf baldiges Wiederſehen! Die Geloſis*) kommen uns eine Poſſe zu ſpielen, ich lade Euch ein, ſie zu ſehen. Die Verſammlung verneigte ſich ehrerbietig, und der Koͤnig verließ den Saal durch die große Thuͤre. *) Italieniſche Schauſpieler, welche ihre vorſelunden in dem Hotel von Burgund gaben, A — 229— Gerade in dieſem Augenblicke trat Saint⸗Luc durch die kleine Thuͤre ein. Er hielt die vier Edelleute, welche ſich entfernen wollten, mit einem Winke zuruͤck. — Verzeiht, Herr von Quélus, ſagte er ſich ver⸗ neigend, wohnt Ihr immer noch in der Straße Saint⸗ Honoré? — Ja, lieber Freund, warum das? fragte Quéèlus. — Ich habe Euch ein Paar Worte zu ſagen. — Ah, ah! — und Ihr, Herr von Schomberg, darf ich wa⸗ gen, mich nach Eurer Wohnung zu erkundigen? — Ich wohne Straße Béthiſy, ſagte Schomberg erſtaunt. — Die Eurige weiß ich, d'Epernon. — Straße Grenelle. — Ihr ſeid mein Nachbar. Und Ihr, Maugiron? — Ich habe den Dienſt im Louvre. — Ich werde alſo bei Euch anfangen, wenn Ihr es erlaubt; oder vielmehr, nein, bei Euch, Quélus. — Vortrefflich! Ich glaube zu verſtehen. Ihr kommt im Namen des Herrn von Buſſy. — Ich ſage nicht, in weſſen Namen ich komme, meine Herrn. Ich habe Euch zu ſprechen, das iſt Alles. — Uns alle vier? — Ja. 3 1— Wohlan! Aber, wenn Ihr nicht im Louvre ſpre⸗ chen wollt, wie ich vermuthe, weil der Ort nicht gut — 230— iſt, ſo koͤnnen wir uns zu Einem von uns begeben. Wir koͤnnen Alle das hoͤren, was Ihr Jedem von uns per⸗ ſoͤnlich zu ſagen habt. — Vortrefflich. — So laßt uns denn zu Schomberg, Straße Bé⸗ thiſy, gehen, das iſt zwei Schritte weit von hier. — Ja, laßt uns nach meiner Wohnung gehen, ſagte der junge Mann. — Es ſei, meine Herren, ſagte Saint⸗Luc, und er verneigte ſich nochmals, zeigt uns den Weg, Herr von Schomberg. — Sehr gern. Die fuͤnf Edelleute verließen Arm in Arm das Louvre, indem ſie die ganze Breite der Straße einnahmen. Hinter ihnen gingen ihre voͤllig geharniſchten Diener. So gelangte man in die Straße Béthiſy, und Schomberg ließ den großen Salon des Hotels zum Em⸗ pfange bereiten. Saint⸗Luc verweilte in dem Vorzimmer. —* XVIII. Wie ſich Herr von Saint⸗Luc des von Buſſy erhaltenen Auf⸗ trages entledigte. Laſſen wir Saint⸗Luc einen Augenblick lang in Schomberg's Vorzimmer und ſehen wir, was zwiſchen ihm und Buſſy vorgefallen war. Wie wir geſehen haben, hatte Buſſy den Audienz⸗ ſaal mit ſeinem Freunde verlaſſen, indem er Gruͤße an alle Diejenigen richtete, welche der Geiſt der Augendie⸗ nerei nicht in dem Grade beſchaͤftigte, um einen ſo furchtbaren Mann, als Buſſy, zu vernachlaͤſſigen. Denn in dieſen Zeiten der rohen Kraft, wo die perſoͤnliche Macht Alles war, konnte ein Mann, wenn er kraͤftig und gewandt war, ſich ein kleines phyſiſches und moraliſches Koͤnigreich in dem ſchoͤnen Koͤnigreiche Frankreich bilden. Auf dieſe Weiſe herrſchte Buſſy an dem Hofe Koͤ⸗ nig Heinrichs des III. Aber, wie wir geſehen, war Buſſy an dieſem Tage ziemlich ſchlecht in ſeinem Reiche empfangen worden. Sobald er außerhalb des Saales war, blieb Saint⸗ Luc ſtehen, und indem er ihn beſorgt anblickte, fragte er ihn: — Sollte es Euch, etwa unwohl werden, mein Freund? Wahrlich, Ihr erbleicht, daß man glauben koͤnnte, Ihr ſtaͤndet auf dem Punkte in Ohnmacht zu ſinken. — Nein, ſagte Buſſy, nur erſticke ich vor Zorn. — Gut! Achtet Ihr denn auf die Aeußerungen al⸗ ler dieſer Narren? — Sapperment! Ob ich darauf achte, lieber Freund? Ihr werdet gleich daruͤber urtheilen. — Geht doch, geht doch, Buſſy, Ruhe! — Ihr ſeid allerliebſt! Ruhe! Wenn man Euch die Haͤlfte von dem geſagt, was ich ſo eben gehört, ſo haͤtte es nach dem Temperamente, das ich an Euch kenne, bereits einen todten Menſchen gegeben. — Kurz, was wuͤnſcht Ihr? — Ihr ſeid mein Freund, Saint⸗Luc, und Ihr habt mir einen ſchrecklichen Beweis von dieſer Freund⸗ ſchaft gegeben. — Ah, lieber Freund, ſagte Saint⸗Luc, welcher Monſoreau fuͤr todt und begraben hielt, die Sache iſt nicht der Muͤhe werth; ſprecht mir alſo nicht mehr da⸗ von, Ihr wuͤrdet mir einen ſchlechten Gefallen erzeigen; gewiß, der Stoß war huͤbſch, und beſonders iſt er herrlich gelungen, aber ich habe nicht das Verdienſt da⸗ — 233— von, der Koͤnig hat ihn mir gezeigt, waͤhrend er mich als Gefangenen im Louvre zuruͤckhielt. — Lieber Freund.. — Laſſen wir alſo den Monſoreau, wo er iſt, und ſprechen wir von Diana. Iſt die arme Kleine ein We⸗ nig zufrieden geweſen? Verzeiht ſie mir? Wenn iſt die Hochzeit? Wenn die Taufe?— — Ei, lieber Freund, ſo wartet doch, bis der Monſoreau todt iſt. — Was beliebt? aͤußerte Saint⸗Luc, indem er auf⸗ ſprang, als ob er auf einen ſpitzigen Nagel getreten haͤtte. — Ei, lieber Freund, die Klatſchroſen ſind keine ſo gefaͤhrlichen Pflanzen, als Ihr es Anfangs geglaubt hat⸗ tet, und er iſt keineswegs daran geſtorben, daß er dar⸗ auf gefallen iſt; im Gegentheile, er lebt, und er iſt ra⸗ ſender, als je. — Bah! Wahrhaftig? — O mein Gott, Ja! Er athmet nur Rache, und hat geſchworen, Euch bei der erſten Gelegenheit zu toͤdten. — Wahrlich, mein Lieber, Ihr verwirrt mich. — Dem iſt ſo. — Er lebt? — Leider, ja! — und wer iſt denn der alberne Eſel von Arzt, der ihn behandelt hat? — Der meinige, lieber Freund. — Wie! Es iſt mir unbegreiflich, erwiderte Saint⸗ Luc, vernichtet durch dieſe Mittheilung. Ha! Aber — 234— dann bin ich entehrt; ich, der ich ſeinen Tod aller Welt gemeldet habe, er wird ſeine Erben in Trauer finden! O! Aber man ſoll mich nicht Luͤgen ſtrafen, ich werde ihn wieder erwiſchen, und bei dem naͤchſten Zuſammen⸗ treffen werde ich ihm ſtatt eines Stiches deren vier verſetzen, wenn es ſein muß. — Jetzt iſt an Euch die Reihe, Euch zu beruhigen, lieber Saint-Luc, ſagte Buſſy; in Wahrheit, Monſo⸗ reau dient mir beſſer, als Ihr meint: ſtellt Euch vor, daß er den Herzog in Verdacht hat, Euch gegen ihn ab⸗ geſandt zu haben; der Herzog iſt es, auf den er eifer⸗ ſüͤchtig iſt.— Ich, ich bin ein Engel, ein koſtbarer Freund, ein Bayard; kurz, ich bin ſein lieber Buſſy. Das iſt ganz natuͤrlich, dieſer Dummkopf von Remy iſt es, der ihm davon geholfen hat. — Welche alberne Idee er da gehabt hat! — Was wollt Ihr? Die Idee eines rechtſchaffenen Mannes; er bildet ſich ein, daß, weil er Arzt iſt, er die Leute heilen muͤſſe. — Dieſer Menſch iſt alſo ein Schwaͤrmer. — Kurz, ich bin es, dem er das Leben zu verſchul⸗ den behauptet; ich bin es, dem er ſeine Frau anvertraut. — Ah! Ich begreife, daß dieſes Verfahren Euch ruhiger ſeinen Tod abwarten laͤßt, aber es iſt darum Nichts deſto weniger wahr, daß ich ganz verwundert daruͤber bin. — Lieber Freund! — Auf Ehre! Ich falle aus den Wolken. — Ihr ſeht, daß es ſich fuͤr den Augenblick nicht um Herrn von Monſoreau handelt. — Nein! Genießen wir das Leben, ſo lange er noch auf der Seite liegt. Aber, ich ſage es Euch im Vor⸗ aus, fuͤr den Moment ſeiner Geneſung beſtelle ich mir ein Panzerhemd und laſſe meine Laͤden mit Eiſen be⸗ ſchlagen. Erkundigt Euch doch bei dem Herzoge von Anjou, ob ſeine gute Mutter ihm nicht irgend ein Re⸗ cept zu Gegengift gegeben hat. Bis dahin wollen wir uns beluſtigen, Theurer, laßt uns luſtig ſein. Buſſy konnte ſich nicht enthalten zu laͤcheln, er ſchlang ſeinen Arm unter den Saint⸗-Lucs. — Demnach alſo, mein lieber Saint⸗Luc, ſagte er, Ihr ſeht, daß Ihr mir nur einen halben Dienſt er⸗ wieſen habt. — Saint⸗Luc ſah ihn mit erſtaunter Miene an. — Das iſt wahr, ſagte er, wuͤnſchtet Ihr denn, daß ich ihm das Garaus machte? Das waͤre hart! Aber, meiner Treue, fuͤr Euch, mein lieber Buſſy, bin ich gar Manches zu thun bereit, beſonders, wenn er mich mit dieſem gelben Auge anblickt, puh! — Nein, Theurer, nein, ich habe es Euch bereits geſagt, laſſen wir den Monſoreau bei Seite, und, wenn Ihr mir Etwas ſchuldig ſeid, ſo uͤbertragt dieſes Et⸗ was zu einer anderen Verwendung. — Sagt an, ſprecht, ich hoͤre. — Seid Ihr ſehr vertraut mit dieſen Herren Mig⸗ nons. — Meiner Treue, ſo ſo, wie Hunde und Katzen in — 236— der Sonne, ſo lange, als der Strahl uns alle erwaͤrmt, ſagen wir uns Nichts. Wenn einer von uns den An⸗ theil von Licht und von Waͤrme der anderen fuͤr ſich allein naͤhme, o, dann ſtehe ich fuͤr Nichts mehr: Krallen und Zaͤhne wuͤrden ihr Spiel beginnen. — Nun denn, mein Freund, was Ihr mir da ſagt, entzuͤckt mich. 3 — Ah! Um ſo beſſer. — Nehmen wir an, daß der Strahl aufgefangen ſei. — Nehmen wir es an, es ſei! — Dann, zeigt mir Eure ſchoͤnen weißen Zaͤhne, ſtreckt Eure furchtbaren Krallen, und laßt uns die Par⸗ tie eroͤffnen. — Ich verſtehe Euch nicht. Buſſy laͤchelte. — Ihr werdet, wenn es Euch gefaͤllig iſt, lieber Freund, Herrn von Quélus anreden. — Ah, ay! aͤußerte Saint⸗Luc⸗ — Ihr fangt an zu verſtehen, nicht wahr? — Ja. — Vortrefflich. Ihr werdet ihn fragen, welchen Tages ihm gefaͤllig waͤre, mir die Kehle abzuſchneiden, oder ſie ſich von mir abſchneiden zu laſſen. — Ich werde ihn darum fragen, lieber Freund. — Es iſt Euch nicht unangenehm? — Mir, nicht im Mindeſten. Ich werde hingehen, wenn Ihr wollt, auf der Stelle, wenn Euch das an⸗ genehm ſein kann. 3 — Einen Augenblick. In dem Ihr zu Herrn von — 237— Quélus geht, werdet Ihr mir bei derſelben Gelegenheit den Gefallen erzeigen, bei Herrn von Schomberg ein⸗ zutreten, dem Ihr denſelden Vorſchlag macht, nicht wahr? — O, o, ſagte Saint⸗Luc, Herrn von Schom⸗ berg auch? Den Teufel, was Ihr weit geht, Buſſy! Buſſy machte eine Geberde, die keine Einrede zu⸗ ließ. — Es ſei, ſagte Saint⸗Luc; Euer Wille ſoll ge⸗ ſchehen.- — Dann, mein lieber Saint⸗Luc, erwiderte Buſſy, da ich Euch ſo liebenswuͤrdig finde, werdet Ihr in das Louvre zu Herrn von Maugiron gehen, an dem ich den Ringkragen geſehen habe, ein Zeichen, daß er die Wache hat; Ihr werdet ihn auffordern, ſich den anderen An⸗ zuſchließen, nicht wahr? — O, o, außerte Saint⸗Luc, drei! Bedenkt Ihr wohl, Buſſy? Das iſt zum mindeſten Alles? — Nicht doch. — Wie? Nicht doch? — Von da werdet Ihr Euch zu Herrn von Eper⸗ non begeben; ich halte Euch nicht lange bei ihm auf, denn ich halte ihn fuͤr einen ziemlich armſeligen Geſel⸗ len; aber am Ende wird er die Zahl voll machen. Saint-Luc ließ beide Arme an den Seiten ſeines Koͤrpers herabſinken und blickte Buſſy an. — Vier? murmelte er. 3 — Ganz Recht, lieber Freund, ſagte Buſſy, indem er mit dem Kopfe ein Zeichen der Zuſtimmung gab, — 238— vier; es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich einem Manne von Eurem Verſtande, von Eurer Tapferkeit, nicht an⸗ zuempfehlen brauche, gegen dieſe Herren mit aller der Artigkeit, aller der Hoͤflichkeit zu verfahren, die Ihr in einem ſo hohen Grade beſitzt... — O, lieber Freund. — Ich verlaſſe mich auf Euch, dies auf eine feine Art auszufuͤhren, daß die Sache auf eine adelige Weiſe geordnet wird, nicht wahr? — Ihr werdet zufrieden ſein, mein Freund. y reichte Saint⸗Luc laͤchelnd die Hand. — So iſt es Recht, ſagte er. Ah, Ihr Herren Mignons, wir werden alſo nun auch lachen. — Jetzt, lieber Freund, die Bedingungen. — Welche Bedingungen?. — Die Eurigen. 4 — Ich mache keine; ich werde die dieſer Herrn an⸗ nehmen. 3 — Eure Waffen? — Die Waffen dieſer Herren. — Der Tag, der Ort und die Stunde? — Der Tag, der Ort, die Stunde dieſer Herren. — Aber am Ende.. — Sprechen wir nicht von dieſen Armſeligkeiten; handelt und handelt raſch, lieber Freund. Ich gehe unten in dem kleinen Garten des Louvre ſpazieren; wenn Ihr den Auftrag ausgerichtet, werdet Ihr mich dort finden. — Dann wartet Ihr alſo? — 239— — Ja. — So wartet doch. Hm! Das wird vielleicht ein wenig lange dauern. — Ich habe Zeit. Wir wiſſen jetzt, wie Saint-⸗Luc die vier jungen Leute noch in dem Audienz-Saale verſammelt fand, und wie er die Unterredung anknuͤpfte. Kehren wir dem⸗ nach in das Vorzimmer von dem Hotel Schombergs zuruͤck, wo wir ihn verlaſſen haben, indem er ceremo⸗ nioͤſer Weiſe und nach allen zu jener Zeit uͤblichen Vor⸗ ſchriften der Etikette wartete, waͤhrend die vier Guͤnſt⸗ linge Seiner Majeſtaͤt, die Urſache von Saint⸗Lucs Beſuche ahnend, ſich in die vier entgegengeſetzten Ecken des Salons ſetzten. Als dieſes geſchehen, oͤffneten ſich die Fluͤgelthuͤren, und ein Anmelder kam, Saint⸗Luc zu begruͤßen, der, die Fauſt auf der Huͤfte, ſeinen Mantel zierlich mit ſei⸗ nem Schwerdte erhebend, auf deſſen Griff er ſeine linke Hand ſtuͤtzte, den Hut in der rechten Hand, bis auf die Mitte der Thuͤrſchwelle vorſchritt, wo er mit einer Regelmaͤßigkeit ſtehen blieb, welche dem geſchickteſten Baumeiſter Ehre gemacht haͤtte. — Herr d'Espinay von Saint⸗Luc! rief der An⸗ melder. 3 3 Saint⸗Luc trat ein. In ſeiner Eigenſchaft als Herr vom Hauſe ſtand Schomberg auf, und kam ſeinem Gaſte entgegen, der, anſtatt ihn zu begruͤßen, ſeinen Hut wieder auf⸗ ſetzte.“ — 240— Dieſe Foͤrmlichkeit verlieh dem Beſuche ſeine Farbe und Abſicht. Schomberg antwortete durch eine Verneigung, dann, ſich nach Quélus umwendend, ſagte er: — Ich habe die Ehre, Euch Herrn Jacques von Levis, Grafen von Quélus vorzuſtellen. Saint⸗Luc that einen Schritt auf Quélus zu, und verneigte ſich auch vor ihm tief. — Ich ſuchte den Herrn, ſagte er. Qulus verneigte ſich. Schomberg begann wieder, indem er ſich nach ei⸗ nem anderen Punkte des Saales umwandte: — Ich habe die Ehre, Euch Herrn Louis von Mau⸗ giron vorzuſtellen. Dieſelbe Begruͤßung von Seiten Saint⸗Lucs, die⸗ ſelbe Antwort Maugirons. — Ich ſuchte den Herrn, ſagte Saint⸗Luc. Fuͤr d'Epernon war es dieſelbe, mit derſelben Gleich⸗ güͤltigkeit und derſelben Langſamkeit gemachte Foͤrmlich⸗ keit. Dann nannte Schomberg ſeiner Seits ſich ſelbſt, und empfing dieſelbe Begruͤßung. Sobald dieſes geſchehen, ſetzen ſich die vier Freun⸗ de, Saint⸗Luc blieb ſtehen. — Herr Graf, ſagte er zu Quélus, Ihr habt den Herrn Grafen Louis von Clermont d'Amboiſe, Herrn von Buſſy, beleidigt, der ſich Euch ganz ergebenſt em⸗ pfiehlt und Euch fuͤr den Tag und fuͤr die Stunde, die Euch angenehm iſt, zum Zweikampfe herausfordert, da⸗ — 241— mit Ihr Euch mit den Waffen, die Euch belieben, ſchlagt, bis daß der Tod darauf erfolgt... Nehmt Ihr es an? — Gewiß, ja, antwortete Quélus ruhig, und der Herr Graf von Buſſy erzeigt mir viel Ehre. — Euer Tag, Herr Graf? — Ich habe keinen Vorzug; nur waͤre mir morgen lieber als uͤbermorgen, uͤbermorgen lieber als die fol⸗ genden Tage. — Eure Stunde? — Am Morgen. — Eure Waffen? — Das Schwerdt und den Dolch, wenn Herr von Buſſy mit dieſen beiden Werkzeugen einverſtanden iſt. Saint-Luc verneigte ſich. — Alles, was Ihr uͤber dieſen Punkt entſcheidet, ſagte er, wird fuͤr Herrn von Buſſy ein Geſetz ſein. Hierauf wandte er ſich an Maugiron, welcher das⸗ ſelbe antwortete, dann allmaͤlig an die beiden An⸗ deren. — Aber, ſagte Schomberg, welcher als Herr vom Hauſe die Begruͤßung zuletzt empfing, wir denken nicht an Eines, Herr von Saint⸗Lue. — An was? — Daß, wenn es uns gefiele, der Zufall ſtellt oft wunderliche Sachen an, wenn es uns gefiele, ſage ich, alle denſelben Tag, und dieſelbe Stunde zu waͤh⸗ len, Herr von Buſſy ſehr in Verlegenheit kommen koͤnnte. Die Dame von Monſorean. Fünfter Band. 16 Saint⸗Luc verneigte ſich mit ſeinem hoͤflichſten Laͤ⸗ cheln auf den Lippen. 5— Gewiß, ſagte er, Herr von Buſſy wuͤrde ſehr verlegen ſein, wie es jeder Edelmann vier Tapferen, gleich Euch, gegenuͤber ſein muß; aber er ſagt, daß der Fall fuͤr ihn nicht neu ſein wuͤrde, weil dieſer Fall ſich aux Tournelles in der Naͤhe der Baͤſtille bereits zugetra⸗ gen haͤtte. — und er wuͤrde gegen uns alle Vier kaͤmpfen? ſagte d'Epernon. — Gegen alle Vier, erwiderte Saint⸗Luc. — Mit Einem nach dem Anderen? fragte Schom⸗ berg. — Mit Einem nach dem Anderen oder zugleich; die Herausforderung lautet eben ſowohl auf perſoͤnlichen als gemeinſchaftlichen Kampf. Die vier jungen Leute blickten einander an. Qué⸗ lus brach zuerſt das Schweigen.. — Das iſt ſehr ſchoͤn von Seiten des Herrn von Buſſy, ſagte er roth vor Zorn; aber, ſo wenig wir auch werth ſein moͤgen, ſo koͤnnen wir doch jeder fuͤr ſich allein unſer Werk verrichten; wir nehmen demnach den Antrag des Herrn Grafen an, indem wir uns ein⸗ ander folgen, oder, was noch beſſer waͤre... Quélus ſah ſeine Freunde an, die, ohne Zweifel ſeinen Gedanken verſtehend, ein Zeichen der Zuſtimmung gaben. — Oder, begann er wieder, da wir keinen Bieder⸗ mann zu ermorden trachten, ſo waͤre es das Beſte, daß 5 — 243— das Loos entſchiede, wer von uns Herrn von Buſſy zufiele. — Aber die drei Anderen? ſagte Saint⸗Luc haſtig. — Die drei Anderen! Herr von Buſſy hat gewiß zu viel Freunde und wir zu viele Feinde, als daß die drei anderen muͤſſig blieben. — Iſt das Eure Meinung, meine Herren? fuͤgte Quélus hinzu, indem er ſich nach ſeinen Kameraden umwandte. — Ja, ſagten ſie mit einer Stimme. — Es wuͤrde mir perſoͤnlich ſogar angenehm ſein, ſagte Schomberg, wenn Herr von Buſſy Herrn von Livarot zu dieſem Feſte einluͤde. — Wenn ich eine Meinung aufzuwerfen wagte, ſagte Schomberg, ſo wuͤrde ich wuͤnſchen, daß Herr von Balzac d'Entragues von der Partie waͤre. — und die Partie wuͤrde vollſtaͤndig ſein, ſagte Quélus, wenn Herr von Ribérac ſo gefaͤllig ſein wollte, ſeine Freunde zu begleiten. — Meine Herren, ſagte Saint⸗Luc, ich werde Eure Wuͤnſche dem Herrn Grafen von Buſſy mittheilen, und ich glaube Euch im Voraus antworten zu koͤnnen, daß er zu artig iſt, um ſich nicht danach zu richten. Es bleibt mir demnach nur noch uͤbrig, meine Herren, Euch recht aufrichtig im Namen des Herrn Grafen zu dan⸗ ken. Saint⸗Luc verneigte ſich von Neuem, und man ſah die vier Koͤpfe der herausgeforderten Edelleute ſich zu der Hoͤhe des ſeinigen neigen. 16* — 244— Die vier jungen Leute begleiteten Saint⸗Luc bis an die Thuͤre des Salons. In dem letzten Vorzimmer fand er die vier Diener verſammelt. Er zog ſeine Boͤrſe voller Gold, und warf ſie mit⸗ ten unter ſie, indem er ſagte: — Nehmt das, um auf die Geſundheit Eurer Herren zu trinken. — 245— XIX. In was Herr von Saint⸗Luc civiliſirter als Herr von Buſſy war, die Lehren, welche er ihm gab, und der Gebrauch, welchen der Geliebte der ſchönen Diana von ihnen machte. Ganz ſtolz, ſeinen Auftrag ſo gut ausgefuͤhrt zu haben, kehrte Saint⸗Luc zuruͤck. Buſſy erwartete ihn und ſtattete ihm ſeinen Dank ab. Saint-Luc fand ihn ganz traurig, was bei der Nachricht von einem ſo tuͤchtigen und ſo glaͤnzenden Duelle bei einem ſo tapferen Manne nicht natuͤrlich war. — Habe ich die Sachen ſchlecht ausgefuͤhrt? ſagte Saint⸗Luc, Ihr ſeid ganz muͤrriſch. — Meiner Treue, lieber Freund, ich bedaure, daß Ihr nicht geſagt habt: auf der Stelle, ſtatt einen Ter⸗ min anzunehmen. —: — 246— — Ah! Geduld, die Anjouer ſind noch nicht gekom⸗ men. Was der Teufel! Laßt ihnen die Zeit zu kom⸗ men. Und dann, wo liegt die Nothwendigkeit, Euch ſo bald ein Lager von Todten und von Sterbenden zu machen? — Weil ich ſobald als moͤglich ſterben moͤgte. Saint-Luc blickte Buſſy mit dem Erſtaunen an, welches vollkommen gebildete Leute auf der Stelle bei dem geringſten Scheine eines ſelbſt unbekannten Un⸗ gluͤckes empfinden. — Sterben! Wenn man in Eurem Alter iſt, Eure Geliebte und Euren Namen hat! — Ja, ich bin uͤberzeugt, ich werde die Viere toͤd⸗ ten, und von Ihnen einen tuͤchtigen Stoß empfangen, der mich ewiglich beruhigen wird. — Schwarze Gedanken, Buſſy. — Ich moͤgte Euch wohl an meiner Stelle ſehen. Ein Gatte, den man fur todt hielt und der wieder zu ſich kommt; eine Frau, welche das Bett dieſes angeb⸗ lichen Sterbenden nicht mehr verlaſſen kann; niemals ſich zu laͤcheln, niemals ſich zu ſprechen, niemals ſich die Hand zu beruͤhren. Gottes Tod! Ich moͤgte wohl Je⸗ manden zu erdroſſeln haben... Saint-Luc antwortete auf dieſen Ausfall durch ein ſchallendes Gelaͤchter, das einen ganzen Schwarm von Sperlingen davon fliegen ließ, welche die Vogelbeeren in dem kleinen Garten des Louvre pickten. — Ah, rief er aus, was fuͤr ein unſchuldiger Mann Ihr ſeid! Zu ſagen, daß die Frauen dieſen Buſſy, einen Schuͤler lieben! Aber, mein Lieber, Ihr verliert den Verſtand, es giebt auf der Erde keinen ſo gluͤcklich Liebenden, als Euch. — Ah, ſehr ſchoͤn! Beweiſet mir das ein Wenig, Ihr, verheiratheter Mann! — Nihil facilius, wie der Jeſuit Triquet, mein Leh⸗ rer ſagte; Ihr ſeid der Freund des Herrn von Monſoreau? — Meiner Treue! Zur Ehre des menſchlichen Ver⸗ ſtandes ſchaͤme ich mich daruͤber. Dieſer Toͤlpel nennt mich ſeinen Freund. — Nun denn! Seid ſein Freund. — O!.. Dieſen Titel mißbrauchen! — prorsus absurdum! ſagte wieder Triquet. Iſt er wirklich Euer Freund? 4 — Ei, er ſagt es. — Nein, weil er Euch ungluͤcklich macht; nun aber iſt der Zweck der Freundſchaft zu bewirken, daß die Men⸗ ſchen durch einander gluͤcklich ſind; zum Mindeſten er⸗ klaͤrt Seine Majeſtaͤt die Freundſchaft ſo, und der Koͤ⸗ nig iſt gelehrt. Buſſy begann zu lachen. — Ich fahre fort, ſagte Saint⸗Luc. Wenn er Euch ungluͤcklich macht, ſo ſeid Ihr keine Freunde; Ihr koͤnnt ihn daher entweder als Gleichguͤltigen behandeln und ihm dann ſeine Frau nehmen, oder als Feind und ihn nochmals toͤdten, wenn er nicht zufrieden waͤre. — In der That, ſagte Buſſy, ich verabſcheue ihn. — und er fuͤrchtet Euch. — Ihr glaubt, daß er mich nicht liebt? — 248— — Hm; verſucht es; nehmt ihm ſeine Frau und Ihr werdet ſehen. — Iſt das immer die Logik des Vater Triquet? — Nein, es iſt die meinige. — Ich mache Euch mein Compliment daruͤber. — Sie befriedigt Euch?— — Nein. Ich ziehe es vor, Ehrenmann zu ſein. — Und Frau von Monſoreau ihren Gatten mora— liſch und phyſiſch heilen zu laſſen? Denn am Ende, wenn Ihr Euch toͤdten laßt, ſo iſt es natuͤrlich, daß ſie ſich an den einzigen Mann anſchließen wird, der ihr uͤbrig bleibt... Buſſy runzelte die Stirn, — Aber, außerdem, fuͤgte Saint⸗Luc hinzu, da iſt Frau von Saint⸗Luc; ſie hat guten Rath. Nach⸗ dem ſie ſich einen Strauß auf den Blumenbeeten der Koͤnigin Mutter gepfluͤckt, wird ſie ſehr guter Laune ſein; hoͤrt ſie an, was ſie ſagt, iſt Gold. In der That, Johanna kam, ſtrahlend, blendend von Gluͤck und ſpruͤhend von Schelmerei. Es giebt ſo gluͤckliche Naturen, welche gleich der Lerche der Felder Alle dem, was ſie umgiebt, ein froͤhliches Erwachen, eine heitere Vorbedeutung gewaͤhren. Buſſy begruͤßte ſie als Freund; ſie reichte ihm die Hand, was ſicher beweiſet, daß es nicht der Geſandte Dubois iſt, welcher dieſe Mode mit der Quadrupel⸗ Allianz aus England heruͤbergebracht hat. — Wie geht es mit der Liebe? ſagte fie, indem ſie ihren Strauß mit einer goldenen Schnur umwand. — 249— — Sie ſtirbt, ſagte Buſſy. — Gut! Sie iſt verwundet und ſie wird ohnmaͤch⸗ tig, ſagte Saint⸗Luc, ich wette, daß Ihr ſie wieder zu ſich kommen laſſen werdet, Johanna. — Laßt ſehen, ſagte ſie, man zeige mir die Wunde. — Mit wenig Worten iſt ſie folgende, begann Saint⸗Luc wieder: Herr von Buſſy mag dem Grafen von Monſoreau kein freundliches Geſicht machen, und er hat die Abſicht gefaßt, ſich zuruͤckzuziehen. — und ihm Diana zu uͤberlaſſen? rief Johanna mit Entſetzen aus. Beſorgt uͤber dieſe erſte Aeußerung, fuͤgte Buſſy hinzu: — O! GSnaͤdige Frau, Saint Luc ſagt Euch nicht, daß ich ſterben will. — Johanna blickte ihn einen Augenblick lang mit einem Mitleiden an, das nicht evangeliſch war. — Arme Diana, murmelte ſie, liebt doch! Wahr⸗ lich, die Maͤnner ſind alle Undankbare! — Gut, außerte Saint⸗Luc, da ſeht Ihr die Mo⸗ ral meiner Frau. — undankbar, ich, rief Buſſy aus, weil ich fuͤrchte meine Liebe herabzuwuͤrdigen, indem ich ſie den feigen Raͤnken der Heuchelei unterwerfe. — Ei, mein Herr, das iſt nur ein ſchlechter Vor⸗ wand. Wenn Ihr wirklich verliebt waͤret, ſo wuͤrdet Ihr nur eine Art von Erniedrigung fuͤrchten, naͤmlich, nicht mehr geliebt zu ſein. — Ah, ah, aͤußerte Saint ⸗Luc, macht Euren Beu⸗ tel auf, mein Lieber. —— — Aber, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy geruͤhrt, es giebt ſolche Opfer... — Kein Wort mehr! Geſteht, daß Ihr Diana nicht mehr liebt; das waͤre weit wuͤrdiger fuͤr einen recht⸗ ſchaffenen Mann. Buſſy erbleichte einzig und allein bei dieſem Gedanken. — Ihr wagt es nicht zu ſagen, wohlan, ſo werde ich ihr es ſagen! — Guaͤdige Frau, gnaͤdige Frau! 1 — Ihr Maͤnner ſeid wunderlich mit Euren Opfern ... Und wir, bringen wir keine Opfer? Wie? Sich dem auszuſetzen, ſich von dieſem Tiger von Monſoreau umbringen zu laſſen, alle ihre Rechte einem Manne zu bewahren, indem ſie eine Kraft, einen Willen entfaltet, deren Simſon und Hannibal unfaͤhig geweſen waͤren, das grimmige Thier des Mars zu baͤndigen, um es an den Triumphwagen des Herrn Triumphators zu ſpan⸗ nen, das iſt kein Heldenmuth? O! Ich ſchwoͤre es, Diana iſt erhaben, und ich haͤtte nicht den vierten Theil von dem gethan, was ſie taͤglich thut. — Ich danke, antwortete Saint⸗ Luc mit einer ſteifen Verbeugung, welche Johanna in Gelaͤchter aus⸗ brechen ließ. Buſſy ſchwankte. — Und er beſinnt ſich noch, rief Johanna aus, er faͤllt nicht auf die Kniee, und ſagt ſein mea culpa! — Ihr habt Recht, erwiderte Buſſy, ich bin nur — 251— ein Mann, das heißt, ein unvollkommenes, und unter 5 der geringſten Frau ſtehendes Geſchoͤpf. — Das iſt ein großes Gluͤck, ſagte Johanna, daß Ihr uͤberzeugt ſeid. — Was befehlt Ihr mir? — Geht auf der Stelle einen Beſuch abzuſtatten... — Herrn von Monſoreau?... — Ei! Wer ſpricht Euch davon?... Dianen... — Aber ich meine, ſie verlaſſen ſich nicht? — Als Ihr ſo oft Frau von Barbezieux beſuchtet, hatte ſie da nicht immer dieſen dicken Affen bei ſich, der Euch biß, weil er eiferſuͤchtig war? Buſſy begann zu lachen, Saint-Luc ahmte ihn nach, und Johanna folgte ihrem Beiſpiele; das wurde ein Trio von Luſtigkeit, welches alle Hofleute an die Fenſter lockte, welche in den Gallerien ſpazieren gingen. — Gnaͤdige Frau, ſagte endlich Buſſy, ich gehe zu Herrn von Monſoreau. Lebt wohl. Und hierauf ſchieden ſie von einander, nachdem Buſſy Saint⸗Luc anempfohlen hatte, Nichts von der an die Mignons gerichteten Herausforderung zu ſagen. Er ging in der That zu Herrn von Monſoreau, den er im Bette fand. Der Graf ſtieß Ausrufe der Freude aus, als er ihn erblickte. Remy hatte ihm ſo eben verſprochen, daß ſeine Wunde vor Ablauf von drei Wochen geheilt ſein wuͤrde. Diana legte einen Finger auf ihre Lippen: das„ war ihre Weiſe zu gruͤßen. Er mußte die ganze Geſchichte der Sendung erzaͤh⸗ len, mit der der Herzog von Anjou Buſſy beauftragt hatte, den Beſuch bei Hofe, die Unbehaglichkeit des Koͤnigs, die froſtige Miene der Mignons. Froſtige Miene, war der Ausdruck, deſſen ſich Buſſy bediente. Diana lachte nur daruͤber. Monſoreau, ganz tiefſinnig bei dieſen Nachrichten, bat Buſſy ſich zu ihm zu neigen, und ſagte ihm ins Ohr: — Es ſind noch Plaͤne im Spiele, nicht wahr? — Ich glaubte es, erwiderte Buſſy. — Folgt mir, ſagte Monſoreau, compromittirt Euch nicht fuͤr dieſen garſtigen Menſchen, ich kenne ihn, er iſt treulos, ich ſtehe Euch dafuͤr, daß er in der Gefahr niemals wegen eines Verrathes ſchwankt. — Ich weiß es, ſagte Buſſy mit einem Laͤcheln, welches den Grafen an den Umſtand erinnerte, wo Buſſy durch dieſen Verrath des Herzogs gelitten hatte. — Seht Ihr, ſagte Monſoreau, weil ich Euer Freund bin, will ich Euch auf Eurer Hut halten. Au— ßerdem, jedes Mal, daß Ihr Euch in einer ſchwieri⸗ gen Lage befindet, ſo fragt mich um Rath. — Mein Herr, mein Herr! Nach dem Verbande muß man ſchlafen, ſagte Remy; geſchwind, ſchlaft! — Ja, lieber Doctor. Macht doch einen Spazier⸗ gang mit Frau von Monſoreau, mein Freund, ſagte der Graf. Man ſagt, daß der Garten dieſes Jahr reizend ſei. 3. — Zu Euren Dienſten, antwortete Buſſy. * 83 — 253— XX. Die Vorſichtsmaßregeln des Herrn von Monſoreau. Saint⸗Luc hatte Recht, Johanna hatte Recht; nach Verlauf von acht Tagen wurde es Buſſy gewahr und er ließ ihnen vollkommene Gerechtigkeit widerfahren. Ein Mann der alten Zeiten zu ſein, waͤre erhaben und ſchoͤn fuͤr die Nachwelt geweſen; aber das hieß nur noch ein alter Menſch ſein, und Buſſy, welcher Plu⸗ tarch vergaß, der aufgehoͤrt hatte ſein Lieblingsſchrift⸗ ſteller zu ſein, ſeitdem die Liebe ihn verderbt; Buſſy, der, ſchoͤn wie Alcibiades, ſich nur noch um die Gegen— wart bekümmerte, zeigte ſich von nun an wenig begie⸗ rig nach einer Geſchichte von Scipio oder Bayard in ihren Tagen der Enthaltſamkeit. Diana war einfacher, natürlicher, wie man heut zu Tage ſagt. Sie gab ſich den zwei Inſtincten hin, welche der Menſchenfeind Figaro als dem Geſchlechte an⸗ — 254— geboren erkennt: zu lieben und zu betruͤgen. Es war ihr niemals eingefallen, das, was Charron und Mon⸗ taigne ehrbar nennen, bis zur philoſophiſchen Specu⸗ lation zu treiben.— Buſſy zu lieben, das war ihre Logik,— nur Buſſy anzugehoͤren, das war ihre Mo⸗ ral,— an ihrem ganzen Koͤrper bei der bloßen Beruͤh⸗ rung ſeiner ſie ſtreifenden Hand zu erbeben, das war ihre Metaphyſik, Herr von Monſoreau,— es war bereits vierzehn Tage her, daß ihm der Unfall zugeſtoßen,— Herr von Monſoreau, ſagen wir, befand ſich immer beſſer. Durch Aufſchlaͤge von kaltem Waſſer, dieſem neuen Heilmittel, welches der Zufall oder vielmehr die Vorſehung Am⸗ broiſe Paré entdeckt, hatte er das Fieber vermieden, als er ploͤtzlich eine heftige Erſchuͤtterung empfand: er erfuhr, daß der Herzog von Anjou mit der Koͤnigin Mutter und ſeinen Anjouern in Paris angekommen ſei. Der Graf hatte Recht ſich zu beunruhigen; denn gleich am Tage nach ſeiner Ankunft erſchien der Prinz unter dem Vorwande, ſich nach ſeinem Befinden zu er⸗ kundigen, in ſeinem Hotel, Straße des Petits⸗Peres. Es war keine Moͤglichkeit einer Koͤniglichen Hoheit, die ihm einen Beweis ſo zarter Theilnahme gab, ſeine Thuͤre zu verſchließen. Herr von Monſoreau empfing den Prin⸗ zen, und der Prinz war liebenswuͤrdig gegen den Ober⸗ jaͤgermeiſter und beſonders gegen ſeine Frau. Sobald der Prinz ſich entfernt, rief Herr von Mon⸗ ſoreau Diana, ſtuͤtzte ſich auf ihren Arm, und ging trotz Remys Eifern drei Male um ſeinen Seſſel herum. / 1 =⸗ — 255— Hierauf ſetzte er ſich wieder in dieſen ſelben Seſſel, um den herum er, wie wir bemerkt, eine dreifache Linie beſchrieben hatte; er ſchien ſehr zufrieden, und Diana er⸗ rieth an ſeinem Laͤcheln, daß er uͤber irgend einem arg⸗ liſtigen Streiche bruͤte. Aber dieſes gehoͤrt in die Privatgeſchichte des Hau⸗ ſes Monſoreau. Kommen wir demnach auf die Ankunft des Herzogs von Anjou zuruͤck, welcher zu dem epiſchen Theile dieſes Buches gehoͤrt. Wie man ſich wohl denken wird,war der Tag, an welchem Seine Gnaden, Franz von Valois ſeinen Wie⸗ dereinzug in das Louore hielt, kein gleichguͤltiger Tag fuͤr die Beobachter. Sehen wir, was ee bemerkten. Viel Trotz von Seiten de 8. Eine große Lauheik von Seite kevon S ten der Koͤnigin Mutter. Und eine demuͤthigende Unverſchaͤmtheit von Seiten des Herzogs von Anjou, die zu ſagen ſchien: — Warum der Teufel ruft Ihr mich zuruͤck, wenn Ihr mir bei meiner Ankunft dieſe verdrießliche Miene macht?—. Dieſer ganze Empfang war durch die gluͤhenden, flammenden, verzehrenden Blicke eefite von Livarot, von Riberac und von Entraguet gewürzt, welche, von Buſſynin Kenntniß geſetzt, ihren zukuͤnftigen Gegnern zu verſtehen gaben, daß, wenn ein Hinderti zum Kampfe vorhanden waͤre, dieſes Hinderniß zuverläͤßig nicht von ihrer Seite kommen wuͤrde. Chitot ging an dieſem Tage mehr hin und her, als⸗ Caͤſar am Vorabende der Schlacht bei Pharſalus. Dann kehrte Alles wieder in ſeine alltaͤgliche Ruhe zuruͤck. Am zweiten Tage nach ſeinem Wiedereinzuge ins Loupre ſtattete der Herzog von Anjou dem Verwundeten einen zweiten Beſuch ab. Von den geringſten Umſtaͤnden der Zuſammenkunft des Koͤnigs mit ſeinem Bruder unterrichtet, ſchmeichelte Monſoreau den Herzog von Anjou mit der Geberde und mit der Stimme, um ihn in der feindlichſten Stimmung zu erhalten.. Dann, da er ſich immer beſſer befand, nahm er, als ſich der Herzog entfernt hatte, wieder den Arm ſeiner Frau, und anſtatt drei Mal die Runde um ſeinen Seſſel zu machen, machte er ein Mal⸗ die Runde in ſeinem Zimmer. Worauf er ſich mit einer noch weit zufriedenern Miene wieder ſetzte, als das erſte Mal. Diana theilte am ſelben Abende Buſſy mit, daß Herr von Monſoreau zuverlaͤßig uͤber etwas bruͤte. Einen Augenblick nachher befanden ſich Monſoreau und Buſſy aee — Wenn ich bedenke, ſagte Monſoreau zu Buſſy, daß dieſer Prinz, der ſich ſo freundlich gegen mich be⸗ nimmt, ven n iſt, und daß er es iſt/ der mich durch Herrn von Saint⸗Luc hat ermorden laſſen. — O, ermorden! ſagte Buſſy. Nehmt Euch in Acht, Herr Graf, Saint⸗Luc iſt ein guter Edelmann, und Ihr geſteht ſelbſt, daß Ihr ihn herausgefordert, daß Ihr zuerſt — /n— das Schwerdt gezogen haͤttet, und daß Ihr den Stoß im Kampfe erhalten habt. — Einverſtanden, aber es iſt darum Nichts deſtowe⸗ niger wahr, daß er den Eingebungen des Herzogs von Anjou gehorchte. — Hoͤrt, ſagte Buſſy, ich kenne den Herzog, und be⸗ ſonders kenne ich Herrn von Saint-Luc; ich muß Euch ſagen, daß Herr von Saint⸗Luc ganz fuͤr den Koͤnig und durchaus nicht fuͤr den Prinzen iſt. Ach! Wenn Eure Wunde Euch von Antraguet, von Livarot oder von Ri⸗ berac kaͤme, ſo wuͤrde ich Nichts ſagen, aber von Saint⸗ Luc.... — Ihr kennt die Geſchichte Frankreichs nicht, wie ich ſie kenne, Herr von Buſſy, ſagte Monſoreau, der hartnaͤckig auf ſeiner Meinung beſtand. Buſſy haͤtte ihm antworten koͤnnen, daß er, wenn er die Geſchichte Frankreichs nicht genau kenne, er dage⸗ gen die von Anjou, und beſonders des Theiles von An⸗ jou genau kenne, in welchem Möridor eingeſchloſſen. Endlich kam Monſoreau ſo weit, um aufzuſtehen und in den Garten hinab zu gehen. — Das genuͤgt mir, ſagte er, indem er wieder hin⸗ auf ging. Heute Abend ziehen wir aus. — Warum das? ſagte Remy. Befindet Ihr Euch in der Straße des Petits⸗Péres nicht etwa in guter Luft, oder fehlt Euch Zerſtreuung? — Im Gegentheile, ſagte Monſoreau, ich habe hier zu viel Zerſtreuung; Herr von Anjou ermuͤdet mich mit ſeinen Beſuchen, er bringt immer ein⸗ dreißig Edelleute Die Dame von Monſoreau. Fünfter Band. 7 — 258— mit ſich, und das Klirren ihrer Sporen reizt mir die Nerven auf eine graͤßliche Weiſe. — Aber wohin geht Ihr?— — Ich habe befohlen, daß man mein kleines Haus des Tournelles in Stand ſetze. Buſſy und Diana, denn Buſſy war immer da, wech⸗ ſelten einen verliebten Blick der Erinnerung aus. — Wie! Dieſe elende Huͤtte! rief Remy unbeſonne⸗ ner Weiſe aus. — Ah, ah, 5 — Bei Gott, ſagte der nicht die Wohnungen des H Frankreich, und beſonders, Beautreillis gewohnt hat? Monſoreau erwog aus Gewohnheit einigen unbe⸗ ſtimmten Argwohn in ſeinem Geiſte. — Ja, ja, dorthin werde ich gehen, ſagte er, und ich werde mich dort wohl befinden. Man kann dort hoͤch⸗ ſtens vier Perſonen empfangen. Es iſt eine Feſtung, und aus dem Fenſter ſieht man auf drei Hundert Schritt weit Diejenigen, welche uns zu beſuchen kommen. — So daß fragte Remy. — So daß man ſie vermeide will, ſagte Monſoreau, beſonders, befindet. Buſſy biß ſich auf die Lippen, er fuͤrchtete, daß eine Zeit kommen moͤgte, wo Monſoreau auch ihm aus⸗ weichen wuͤrde. Diana ſeufzte. Sie erinnerte ſich, in dieſem klei⸗ hr kennt ſie? aͤußerte Monſoreau. junge Mann, wer kennt errn Oberjaͤgermeiſters von wenn man in der Straße in kann, wenn man wenn man ſich wohl * —=— — 259—* nen Hauſe Buſſy verwundet und ohnmaͤchtig auf ihrem Bette geſehn zu haben. Remy uͤberlegte; er war demnach auch der erſte un⸗ ter den Dreien, welcher ſprach. — Ihr koͤnnt es nicht, ſagte er. — und warum das, wenns beliebt, Herr Doctor? — Weil ein Oberjaͤgermeiſter von Frankreich zu em⸗ pfangen, Diener und Jagdgeraͤthe zu unterhalten hat. Daß er einen Pallaſt fuͤr ſeine Hunde hat, das begreift ſich, aber daß er einen Hundeſtall fuͤr ſich hat, das iſt unmoͤglich. — Hm!l aͤußerte Monſoreau in einem Tone, wel⸗ cher ſagen wollte: das iſt wahr. — und dann, ſagte Remy, denn ich bin der Arzt des Herzens, wie der des Leibes, es iſt nicht Euer Auf⸗ enthalt hier, der Euch ſo ſehr beſchaͤftigt. — Was iſt es denn? — Es iſt der der gnaͤdigen Frau. — Nun denn? — Wohlan! Laßt die Graͤfin ausziehn. — Mich von ihr trennen, rief Monſoreau aus, in⸗ dem er auf Dianen einen Blick heftete, in welchem ge⸗ wiß mehr Zorn als Liebe lag. 3 — Dann trennt Euch von Eurer Stelle, gebt Eure Entlaſſung als Oberjaͤgermeiſter ein; ich glaube, daß das weiſe waͤre, denn, wahrhaftig, entweder thut Ihr Euren Dienſt, oder Ihr thut ihn nicht. Wenn Ihr ihn nicht thut, ſo macht Ihr den Koͤnig unzufrieden, und wenn Ihr ihn thut... 17* — Ich werde thun, was ich thun muß, ſagte Mon⸗ ſoreau mit den Zaͤhnen knirſchend, aber ich werde die Graͤfin nicht verlaſſen.. Der Graf beendigte dieſe Worte, als man in dem Hofe einen lanten Laͤrm von Pferden und von Stimmen hoͤrte. Monſoreau erbebte.. — Wieder der Herzog! murmelte er. — Ja, ganz recht, ſagte Remy, indem er an das Fenſter ging. Der junge Mann hatte noch nicht ausgeſprochen, als vermoͤge des Vorrechts, welches die Prinzen haben, unangemeldet einzutreten, der Herzog in das Zimmer trat. Monſoreau war auf der Lauer; er ſah, daß Fran⸗ zens erſter Blick fuͤr Diana geweſen war. Die unerſchoͤpflichen Artigkeiten des Herzogs klaͤr⸗ ten ihn bald noch mehr auf, er uͤberbrachte Dianen eine jener ſeltenen Arbeiten der Goldſchmiedekunſt, wie dieſe geduldigen und hochherzigen Kuͤnſtler deren drei bis vier waͤhrend ihres Lebens anfertigten, Kuͤnſtler, die ein Zeitalter verherrlichten, in welchem, trotz der Langſam⸗ keit, mit der man producirte, Meiſterwerke dennoch weit haͤufiger waren, als heut zu Tage. Es war ein allerliebſter Dolch mit einem Stiele von ciſe⸗ lirtem Gold; dieſer Stiel war ein Flaͤſchchen; auf der Klinge war mit wundervollem Talente eine ganze Jagd eingegraben: Hunde, Pferde, Jaͤger, Wild, Baͤume und Himmel verſchmolzen ſich darauf in einem harmoniſchen Durcheinander, welches den Blick zwang, lange auf — 261— dieſe Klinge von Himmelblau und Gold geheftet zu bleiben. — Laßt ſehen, ſagte Monſoreau, welcher fuͤrchtete, daß in dem Stiele irgend ein Billet verſteckt ſein moͤgte. Der Prinz kam dieſer Befuͤrchtung entgegen, indem er ihn in zwei Theile aus einander nahm. — Euch, der Ihr Jaͤger ſeid, die Klinge, ſagte er, der Graͤfin den Stiel. Guten Tag, Buſſy, Ihr ſeid alſo jetzt der vertraute Freund des Herrn Grafen? Diana erroͤthete. Buſſy dagegen blieb ziemlich Herr ſeiner ſelbſt. — Ihr vergeßt, gnaͤdiger Herr, daß Eure Hoheit mich heute Morgen ſelbſt beauftragt hat, mich nach dem Befinden des Herrn von Monſoreau zu erkundigen. Ich habe, wie immer, den Befehlen Eurer Hoheit Folge ge⸗ leiſtet. — Es iſt wahr, ſagte der Herzog. Dann ſetzte er ſich zu Diana, und ſprach leiſe mit ihr. 3 Nach Verlauf eines Augenblickes ſagte er: — Graf, es iſt eine graͤßliche Hitze in dieſem Kran⸗ kenzimmer. Ich ſehe, daß die Graͤfin erſtickt, und ich will ihr den Arm bieten, um ſie einen Spaziergang im Garten machen zu laſſen. Der Gatte und der Geliebte wechſelten einen zorni⸗ gen Blick aus. Diana, aufgefordert hinabzugehen, ſtand auf und legte ihren Arm auf den des Prinzen. — Gebt mir den Arm, ſagte Monſoreau zu Buſſy. Und Monſoreau ging hinter ſeiner Frau hinunter. — Ah, ah, ſagte der Herzog, es ſcheint, daß Ihr Euch vollkommen wohl befindet. — Ja, gnaͤdiger Herr, und ich hoffe bald im Stande zu ſein, Frau von Monſoreau uͤberall hin zu begleiten, wohin ſie geht.. — Gut! Aber bis dahin muͤßt Ihr Euch nicht ab⸗ matten. Monſoreau ſelbſt fuͤhlte, wie ſehr richtig die Anem⸗ pfehlung des Prinzen waͤre. Er ſetzte ſich an einen Ort, von wo aus er ſie nicht aus dem Geſicht verlieren konnte. — Seht, Graf, ſagte er zu Buſſy, wenn Ihr recht artig waͤret, ſo wuͤrdet Ihr Frau von Monſoreau noch heute Abend nach meinem kleinen Hotel bei der Baſtille fuͤhren; ich weiß ſie in Wahrheit dort noch lieber, als hier. In Meridor den Krallen dieſes Geiers entriſſen, will ich ſie in Paris nicht von ihm verzehren laſſen. — Nicht doch, gnaͤdiger Herr, ſagte Remy zu ſei⸗ nem Herrn, nicht doch, Ihr koͤnnt das nicht annehmen. — Und warum nicht? ſagte Monſoreau. — Weil Ihr dem Herrn von Anjou angehoͤrt, und weil Herr von Anjou es Euch niemals verzeihen wuͤrde, daß Ihr dem Grafen beigeſtanden haͤttet, ihm einen ſolchen Streich zu ſpielen. — Was liegt mir daran! wollte der ungeſtuͤme junge Mann ausrufen, als ein Blick Remys ihm an⸗ deutete, daß er ſchweigen muͤſſe.— Monſoreau uͤberlegte. — Remy hat Recht, ſagte er, einen ſolchen Dienſt darf ich nicht von Euch verlangen; ich werde ſie ſelbſt hinfuͤhren, denn morgen oder uͤbermorgen werde ich im Stande ſein, dieſes Haus zu bewohnen. — Eine Thorheit, ſagte Buſſy; Ihr werdet Eure Stelle verlieren. — Das iſt moͤglich, ſagte der Graf, aber ich werde meine Frau behalten. Und er begleitete dieſe Worte mit einem Runzeln der Stirn, welches Buſſy ſeufzen ließ. In der That, noch am ſelben Abende fuͤhrte der Graf ſeine Frau nach ſeinem unſeren Leſern wohlbekann⸗ ten Hauſe des Tournelles. Remy half dem Geneſenden ſich dort einzurichten. Dann, da er ein Mann von bewaͤhrter Treue war, da er einſah, daß Buſſfy ſeiner in dieſer engen Wohnung ſehr beduͤrfen wuͤrde, um ſeiner bedrohten Liebe zu die⸗ nen, ſo naͤherte er ſich Gertruden wieder, die damit an⸗ fing ihn zu ſchlagen, und damit aufhoͤrte, ihm zu ver⸗ geben. Diana bezog ihr Zimmer wieder, das vorn heraus⸗ ging, dieſes Zimmer mit dem Portrait und dieſem Bette von weißem Damaſt und Gold. Nur ein Corridor trennte dieſes Zimmer von dem des Grafen von Monſoreau.. „Buſſy riß ſich mit vollen Häͤnden die Haare aus. ₰ — 264— Saint⸗Luc behauptete, daß, da die Strickleitern zu ihrer hoͤchſten Vollkommenheit gelangt waͤren, ſie vortrefflich die Treppen erſetzen koͤnnten. 1 1 Monſoreau rieb ſich die Haͤnde und laͤchelte, in⸗ dem er an den Aerger des Herzogs von Anjou dachte. Ende des fuͤnften Bandes. Gedruckt bei Carl Schumann in Schneeberg⸗ 3 fffſffffffſſi 1 1 . 5 8 4* 85„ 3 * ⁵ 1 8 3 fffſffffffſſi 1 1 . 5 8 4* 85„ 3 * ⁵ 1 8