rgearenansngrnnsrnrannenannanernennnenagnnaharnanare rhrhrär Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 3: 1„ 12,— 45 1.—u „ 5 Leihbibliothek— von 8 5 Eduard Ottmann in Gießen. 4 4 Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 4 Kr. 3 4 2„ franz. od. engl.„ 2„ 8 8 5 Araaranr Ianaan EAnacanarhnhahnhnhnnnann aTaEhTAüGhEAAnhGhRET —— T. Deutſch von Wilhelm Ludwig Weſché. 8 Neunzehnter Theil. ——— Leipzi g, Verlag von Chr. E. Kollmann. 18 4 6. Die Dame von Monſoreau. Hiſtoriſcher Roman von Alexander Bumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von— Wilhelm Dudwig SMeſche. Vierter Band. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1 8 4 6. Die Dame von Monſoreau. Vierter Band. I. Der Abend der Ligue. Paris, wie wir es kennen, macht bei ſeinen Fe⸗ ſten ſtets ein mehr oder minder großes Getoͤſe, eine mehr oder minder betraͤchtliche Menge findet ſich bei ihnen ein; aber es iſt immer daſſelbe Getoͤſe, es iſt im⸗ mer dieſelbe Mengez das ehemalige Paris hatte mehr als das. Es war ein ſchoͤner Anblick durch dieſe engen Straßen an dem Fuße dieſer Haͤuſer mit Soͤllern, mit Vorſpruͤngen und mit Giebeln, von denen jeder einen anderen Charakter hatte, Myriaden von eilfertigen Leu⸗ ten zu ſehen, die Alle nach demſelben Punkte zuſtroͤm⸗ ten, indem ſie ſich im Gehen damit beſchaͤftigten, einan⸗ der zu betrachten, zu bewundern, oder ſich wegen des ſeltſamen Aufzugs des Einen oder des Andern zu verſpot⸗ ten. Das kam daher, weil ehedem Kleider, Waffen, Sprache, Geberde, Haltung, Alles ſeltſame Einzelnhei⸗ — 8— ten bot, und dieſe Tauſend auf einem einzigen Punkte verſammelten Verſchiedenheiten ein hoͤchſt intereſſantes Ganze bildeten. Dieſen Anblick nun aber bot Paris um acht Uhr Abends an dem Tage, an welchem Herr von Guiſe nach ſeinem Beſuche bei dem Koͤnige und ſeiner Unterredung mit dem Herzoge von Anjou den Einfall hatte, die Li⸗ gue von den Bürgern der guten Hauptſtadt des Koͤnig⸗ reiches unterzeichnen zu laſſen. Eine Menge Buͤrger, mit ihren ſchoͤnſten Kleidern, wie fuͤr ein Feſt angethan, oder mit ihren ſchoͤnſten Rü⸗ ſtungen, wie fuͤr eine Heerſchau oder für einen Kampf bedeckt, gingen nach den Kirchen: die Haltung aller die⸗ ſer durch ein und daſſelbe Gefuͤhl bewegter, und nach ein und demſelben Ziele ſtrebender Maͤnner war zu glei— cher Zeit froͤhlich und drohend, beſonders wenn ſie vor einem Schweizer⸗ oder Chevauxlegers⸗Poſten voruͤberka⸗ men. Dieſe Haltung, und beſonders das Geſchrei, die Verhoͤhnungen und die ſie begleitenden Prahlereien wuͤr⸗ den Herrn von Mervillier beunruhigt haben, wenn die⸗ ſer Magiſtrat nicht ſeine guten Pariſer gekannt haͤtte, die ſpoͤttiſch und neckend, aber unfaͤhig ſind, zuerſt Leids zuzufuͤgen, es ſei denn, daß ein boshafter Freund ſie dazu antriebe, oder ein unvorſichtiger Freund ſie heraus⸗ fordere. Was den Laͤrm, welchen dieſe Menge machte, und vor Allem die Mannigfaltigkeit des Anblickes, den ſie bot, noch vermehrte, war, daß viele Frauen im Gu⸗ ten oder mit 4 Gewant ihren Gatten gefolgt waren, in⸗ dem ſie es verſchmaͤheten, an einem ſo wichtigen Tage das Haus zu huͤten; einige unter ihnen hatten noch mehr gethan, ſie hatten das Rudel ihrer Kinder mitge⸗ ſchleppt, und dieſe, an die ungeheuren Buͤchſen, an die rieſenhaften Saͤbel oder an die ſchrecklichen Hellebarden ihrer Vaͤter geſpannten Buben boten einen drolligen An⸗ blick. In der That, zu allen Zeiten und in allen Jahr⸗ hunderten ſchleppte der Pariſer Gamin immer gern eine Waffe nach, wenn er ſie noch nicht tragen, oder bewun⸗ derte ſie gern bei Anderen, wenn er ſte ſelbſt noch nicht ſchleppen konnte.— Von Zeit zu Zeit ließ eine Gruppe, die aufgeregter als die andere war, die alten Schwerdter das Tages⸗ licht ſehen, indem ſie dieſelben aus der Scheide zog. Dieſe Feindlichkeitsbezeigung fand beſonders dann ſtatt, wenn man vor irgend einer Wohnung voruͤberkam, deſ⸗ ſen Bewohner man fuͤr einen Hugenotten hielt.“ Dann ſchrieen die Kinder aus vollem Halſe: Zur Sanct Batholomaͤusnacht... drauf, drauf! waͤhrend die Vaͤter riefen: Auf den Scheiterhaufen die Parpaillots!*) Auf den Scheiterhaufen! Auf den Scheiterhaufen! Dieſes Geſchrei lockte anfangs das bleiche Geſicht irgend einer alten Magd oder eines ſchwarzen Predigers an das Fenſter, und verurſachte dann'ein Klirren von Riegeln an der Hausthuͤre. Gluͤcklich und ſtolz, gleich *) Spottname der Hugenotten. Es war der Refrain ei⸗ nes Volksliedes: Aux fagots les parpaillots. — 10— dem Haſen Lafontaines, Feigeren als er ſelbſt Furcht ge⸗ macht zu haben, ſetzte dann der Buͤrger ſeinen Triumph⸗ marſch fort, und verbreitete ſeine laͤrmende und unſchaͤd⸗ liche Drohung an anderen Orten. Aber beſonders in der Straße de l'Arbre⸗Sec war der Zuſammenlauf am Berraͤchtlichſten. Die Straße war buchſtaͤblich geſperrt, und die Menge richtete ſich gedraͤngt und laͤrmend nach einer glaͤnzenden, unter ei⸗ nem Schilde aufgehaͤngten Laterne, das viele unſerer Leſer erkennen werden, wenn wir ihnen ſagen, daß dieſes Schild ein auf himmelblauem Grunde ſich am Spieße drehendes Huhn vorſtellte und folgende Unterſchrift hatte: Zum blauen Himmel. Auf der Schwelle dieſes Hauſes ſchrie und geber⸗ dete ſich ein Mann, der durch ſeine, der Mode der Zeit nach viereckigte baumwollene Muͤtze ins Auge fiel, wel⸗ che einen gaͤnzlich kahlen Kopf bedeckte. In der einen Hand ſchwang dieſe Perſon ein bloßes Schwerdt, und mit der anderen zeigte er ein Buch vor, deſſen Blaͤtter bereits halb mit Unterſchriften bedeckt waren, indem er ausrief: — Kommt, kommt, wackere Katholiken; tretet ein in das Gaſthaus zum blauen Himmel, in welchem Ihr guten Wein und ein freundliches Geſicht findet; kommt, der Augenblick iſt guͤnſtig; heute Nacht werden die Gu⸗ ten von den Boͤſen geſchieden; morgen fruͤh wird man den Waizen von dem Unkraut unterſcheiden; kommt, meine Herren; Ihr, die Ihr ſchreiben koͤnnt, kommt und ſchreibt; Ihr, die Ihr nicht ſchreiben koͤnnt, kommt — 11— auch, und vertrauet Eure Namen und Eure Vornamen entweder mir, Meiſter La Hurière, oder meinem Ge⸗ hülfen, Herrn Croquentin an. In der That, Mosje Croquentin, ein junger Scheim aus Perigord, weiß gekleidet wie Eliaſar, und den Leib mit einer Schnur umgeben, in welcher ſich ein Meſſer und Schreibzeug den zwiſchen der letzten und der vorletz⸗ ten Rippe befindlichen Raum ſtreitig machten, Mosje Croquentin, ſagen wir, ſchrieb im Voraus die Namen ſeiner Nachbaren, und an deren Spitze den ſeines acht baren Herrn, Meiſters La Huridère auf. — Meine Herren, es iſt fuͤr die Meſſe, rief der Gaſtwirth zum blauen Himmel aus vollem Halſe aus, meine Herren, es iſt fuͤr die heilige Religion. — Es lebe die heilige Religion, meine Herren, es lebe die Meſſe. Ah!... Und er erſtickte vor Gemuͤthserſchuͤtterung und Muͤ⸗ digkeit, denn dieſe Begeiſterung dauerte ſeit vier Uhr Nachmittags. Die Folge davon war, daß viele von demſelben Eifer beſeelte Leute das Regiſter Meiſter La Huriéres unterzeichneten, wenn ſie ſchreiben konnten, und ihre Na⸗ men Croquentin nannten, wenn ſie es nicht verſtanden. Die Rache war um ſo ſchmeichelhafter fuͤr La Hu⸗ risre, als ihm die Nachbarſchaft der Kirche Saint⸗Ger⸗ main⸗l'Auxerrois eine ſchreckliche Concurrenz bildete; aber gluͤcklicher Weiſe waren die Glaͤubigen zu jener Zeit zahlreich, und anſtatt ſich zu ſchaden, lieferten ſich die beiden Anſtalten Unterſchriften, Diejenigen, welche nicht in die Kirche hatten gelangen koͤnnen, um ihre Namen auf dem Altare niederzuſchreiben, wo man unterzeichnete, bemuͤheten ſich bis zum Tiſche zu dringen, wo La Hu⸗ rière ſein doppeltes Secretariat hielt, und diejenigen, welchen es an dem doppelten Secretariate La Huridres nicht gelungen war, behielten die Hoffnung, in Saint⸗ Germain⸗'Auxerrois gluͤcklicher zu ſein. Als die Regiſter La Hurières und Croquentins beide voll waren, ließ der Wirth des blauen Himmels auf der Stelle zwei Andere verlangen, damit keine Unterbrechung in den Unterſchriften ſtattfaͤnde, und ſtolz auf dieſen er⸗ ſten Erfolg, welcher endlich Meiſter La Hurièére in der Anſicht des Herrn von Guiſe die hohe Stellung ver⸗ ſchaffen ſollte, nach der er ſeit ſo lange ſtrebte, began⸗ nen die Einladungen von Seiten Meiſter La Hurières und ſeines Koches von Neuem auf das Eifrigſte. Waͤhrend die Unterzeichner der neuen Regiſter ſich dem Drange eines Eifers hingaben, der beſtaͤndig zu⸗ nahm, und wie wir bemerkt haben, von einer Straße, und ſelbſt von einem Viertel zum anderen zuruͤckſtroͤm⸗ ten, ſah man durch die Menge einen Mann von hoher Geſtalt kommen, welcher, indem er ſich durch Austhei⸗ lung einer Menge von Puͤffen und Fußtritten Bahn machte, bis zu dem Regiſter Mosje Croquentins ge⸗ langte. Dort angekommen, nahm er die Feder aus den Haͤnden eines ehrbaren Buͤrgers, welcher ſo eben ſeinen Namen mit einem zitternden Handzuge verziert eingetra⸗ gen hatte, und ſchrieb ſeinen Namen in Buchſtaben von — 13— der Hoͤhe eines halben Zolles auf ein ganz weißes Blatt, das im Nu ſchwarz war, und mit kuͤhner Hand einen heroiſchen, mit Tinteflecken verzierten und wie das La⸗ byrinth des Daͤdalus verſchlungenen Handzug zeichnend, reichte er die Feder einem Wartenden, welcher hinter ihm ſtand. Chicot! las der folgende Unterzeichner!— Das iſt ein Herr, der eine ſtolze Handſchrift ſchreibt. Chicot, denn er war es, welcher, da er, wie wir geſehen, Heinrich nicht hatte begleiten wollen, der Ligue fuͤr ſeine eigene Rechnung nachlief, Chicot, nachdem er ſeine Anweſenheit auf dem Regiſter Mosje Croquentins beglaubigt, ging ſogleich zu dem Meiſter La Hurières uͤber. Dieſer hatte die prunkende Unterſchrift geſehen und war begierig nach einem ſo ſtolzen Handzuge. Chi⸗ cot wurde demnach, nicht mit offenen Armen, aber mit offenem Regiſter empfangen, und indem er die Feder aus den Haͤnden eines Wollhaͤndlers der Straße Bé⸗ thiſy nahm, ſchrieb er ſeinen Namen mit einem noch Hundert Male prachtvollerem Schnoͤrkel, als den erſten, worauf er La Hurière frug, ob er kein drittes Regiſter haͤtte. La Hurière verſtand keinen Spaß; er war ein ſchlim⸗ mer Gaſt außer ſeinem Wirthshauſe. Er blickte Chicot ſchief an, Chicot ſah ihm ins Geſicht. La Hurière brummte den Namen Parpaillot, Chicot murmelte den Sudelkoch. La Huridsre ließ ſein Regiſter los, um die Hand an ſein Schwerdt zu legen. Chicot legte die Fe⸗ der nieder, um im Stande zu ſein, das ſeinige aus der Scheide zu ziehen; kurz, aller Wahrſcheinlichkeit wuͤrde der Auftritt durch einige Schwerdtſtoͤße geendigt haben, bei welchen der Gaſtwirth zum blauen Himmel ohne Zweifel den Kuͤrzeren gezogen haͤtte, als Chicot ſich am Ellbogen gezupft fuͤhlte, und ſich umwandte. Derjenige, welcher ihn zupfte, war der als einfa⸗ ſcher Buͤrger verkleidete Koͤnig, Quslus und Maugiron befanden ſich, wie er verkleidet, an ſeiner Seite, und jeder von ihnen trug außer ſeinem Schwerdte noch eine Buͤchſe auf der Schulter. — Nun! Nun! ſagte der Koͤnig. Was giebt es? Gute Katholiken, die ſich unter einander ſtreiten! Bei Gottes Tod, das giebt ein boͤſes Beiſpiel. — Mein Edelmann, ſagte Chicot, ohne daß er that, als ob er Heinreich erkenne, haltet Euch an den, der Schuld daran iſt; da iſt ein Schurke, der die Vor⸗ uͤbergehenden anſchreit, daß man auf ſeinem Regiſter unterzeichnen moͤchte, und wenn man unterzeichnet hat, ſo ſchreit er noch weit lauter. Die Aufmerkſamkeit La Hurisres wurde durch neue Liebhaber abgelenkt, und ein Gedraͤnge trennte Chicot, den Koͤnig und die Mignons, welche auf die Schwelle einer Thuͤre getreten, die ganze Verſammlung uͤberſahen, von der Anſtalt des fanatiſchen Gaſtwirths. 5 — Welcher Eifer, ſagte Heinrich, und was fuͤr eine gute Stimmung heute Abend in den Straßen meiner guten Stadt fuͤr die Religion herrſcht. 3 — Ja, Sire, aber es iſt nicht gut ſein fuͤr die Ketzer, und Eure Majeſtaͤt weiß, daß man Sie fuͤt einen — 15— ſolchen haͤlt. Blickt zur Linken, noch weiter, noch wei⸗ terz ſo, ſchoͤn! Was ſeht Ihr? — Ah, ah, das breite Geſicht des Herrn von Ma⸗ yenne, und das ſpitzige Maul des Kardinals. — Stille, Sire, man ſpielt ſicheres Spiel, wenn man weiß, wo unſere Feinde ſind, und unſere Feinde nicht wiſſen, wo wir ſind. — Meinſt Du denn, daß ich irgend Etwas zu fuͤrchten habe? 4 Ei, guͤtiger Gott, in einer Menge, wie dieſe da, kann man fuͤr Nichts ſtehen. Man hat ein ſchon offenes Meſſer in ſeiner Taſche, dieſes Meſſer dringt unſchuldi⸗ ger Weiſe, ohne zu wiſſen, was es thut, aus Dumm⸗ heit in den Leib eines Nachbars; der Nachbar ſtoͤßt ei⸗ nen Fluch aus. Wenden wir uns nach einer anderen Seite, Sire. — Bin ich geſehen worden? — Ich glaube es nicht, aber Ihr werdet ohne Zwei⸗ fel erkannt werden, wenn Ihr laͤnger hier bleibt. — Es lebe die Meſſe! Es lebe die Meſſe! rief ein Volkshaufen, welcher von den Hallen kam, unb gleich einer ſteigenden Fluth in die Straße de Arbre⸗ See ſtroͤmte.. — Es lebe Herr von Guiſe! Es lebe der Kardi⸗ nal! Es lebe Herr von Mayenne! antwortete die vor der Thuͤre La Hurisres ſtehende Menge, welche ſo eben die beiden lothringiſchen Prinzen erkannt hatte. —D,o, was ſind das fuͤr Rufe! ſagte Heinrich der III., indem er die Stirn runzelte. — Das ſind Rufe, welche beweiſen, daß jeder gut an ſeinem Platze iſt, und darauf bleiben ſollte; Herr von Guiſe auf den Straßen, und Ihr im Louvre; geht nach dem Louvre, Sire, geht nach dem Louvre. — Gehſt Du mit uns? — Ich? O, nicht doch! Du bedarfſt meiner nicht, mein Sohn, Du haſt Deine gewoͤhnlichen Leibwachen. Vorwaͤrts, Quélus! Vorwaͤrts, Maugiron! Ich will das Schauſpiel bis ans Ende ſehen. Ich finde es ſehenswerth, wo nicht beluſtigend. — Wo gehſt Du hin? — Ich gehe meinen Namen in die andern Regiſter einzuzeichnen. Ich will, daß es morgen Tauſend Unter⸗ ſchriften von mir in den Straßen von Paris giebt. Da ſind wir jetzt auf dem Kai, guten Abend, mein Sohnz geh zur Rechten, ich will zur Linken gehen; jeder ſeinen Weg; ich eile nach Saint⸗Mery, um einen beruͤhmten Prediger zu hoͤren. — O, o! Was iſt das wieder fuͤr ein Laͤrm, ſagte ploͤtztich der Koͤnig, und warum eilt man ſo nach der Seite des Pont⸗Neuf? Chicot erhob ſich auf den Fußzehen, aber er konnte Nichts ſehen, als eine ſchreiende, heulende, ſich draͤngende Volksmaſſe, welche Jemanden oder irgend Etwas zu tragen ſchien. Ploͤtzlich oͤffneten ſich die Volkswellen in dem Au⸗ genblicke, wo der der Straße des Lavandieères gegenuber breiter werdende Kai der Menge erlaubte, ſich zur Rech⸗ ten und zur Linken auszubreiten, und gleich dem von — 17— den Wellen bis zu Hippolytus Fuͤßen getragenen Unge⸗ heuer, wurde ein Mann, welcher die Hauptperſon dieſes burlesken Auftrittes zu ſein ſchien, durch dieſe menſch⸗ lichen Wogen bis vor die Fuͤße des Koͤnigs getrieben. Dieſer Mann war ein auf einem Eſel reitender Moͤnch; der Moͤnch ſprach und geſticulirte. Der Eſel ſchrie. — Sapperment, ſagte Chicot, ſobald er den Mann und den Eſel erkannt hatte, welche der Eine den Ande⸗ ren tragend auf dem Schauplatze erſchienen waren, ich ſagte Dir von einem beruͤhmten Prediger, der in Saint⸗ Mery predige; es iſt nicht mehr noͤthig, ſo weit zu gehen, hoͤre dieſen da ein Wenig an. — Einen Prediger zu Eſel, ſagte Queélus. — Warum nicht, mein Sohn? — Aber das iſt Silen, ſagte Maugiron. — Welcher iſt der Prediger? ſagte Heinrich. Sie ſprechen alle Beide zu gleicher Zeit. — Der unten iſt der Beredtſamſte, ſagte Chicot, aber der oben ſpricht am Beſten Franzoͤſiſch. Hoͤre Hein⸗ rich, hoͤre! — Still! rief man von allen Seiten. Still!... — Still, rief Chicot mit einer Stimme, welche alle anderen Stimmen uͤberragte. Jedermann ſchwieg. Man ſchloß einen Kreis um den Moͤnch und um den Eſel. Der Moͤnch begann ſeine Einleitung. — Meine Bruͤder, ſagte er, Paris iſt eine koͤſt⸗ liche Stadt; Paris iſt der Stolz von Frankreich, und Die Dame von Monſoreau. Vierter Bande 2 — 18— die Pariſer ſind ein Volk geiſtreicher Leute, das Lied Unſer Moͤnch begann aus vollem Halſe zu ſingen: Pariſer, mein ſchoner Freund, Was fuͤr Wiſſen in Dir iſt vereint! Aber in dieſe Worte, oder vielmehr in dieſe Arie miſchte der Eſel ſeine Begleitung ſo laut und mit ſol⸗ chem Eifer, daß er ſeinem Reiter das Wort abſchnitt. Das Volk brach in Gelaͤchter aus. — Schweig, Panurg, ſo ſchweig doch, rief der Moͤnch aus, Du wirſt ſprechen, wenn die Reihe an Dir iſt. Aber laß mich zuerſt ſprechen. 695- Der Eſel ſchwieg. it Sr3 — Meine Bruͤder, fuhr der Prediger fort, die Erde iſt ein Jammerthal, in welchem der Menſch den groͤßten Theil der Zeit uͤber ſeinen Durſt nur mit ſeinen Thraͤ⸗ nen loͤſchen kann. — Aber er iſt total betrunken! ſagte der Koͤnig. — Bei Gott! aͤußerte Chicot. — Ich, der ich zu Euch rede, fuhr der Moͤnch fort, ich komme, wie Ihr mich da ſeht, wie die Hebraͤer aus der Verbannung zuruͤck, und ſeit acht Tagen leben wir, Panurg und ich, nur von Almoſen und von Ent⸗ behrungen. — Wer iſt das, Panurg? fragte der Koͤnig. Aleer Wahrſcheinlichkeit nach der Superior ſeines 1 — 19— Kloſters, ſagte Chicot. Aber laß mich zuhoͤren, der gute Mann ruͤhrt mich. — Wem habe ich das zu verdanken, meine Freunde? Dem Herodes. Ihr wißt, von welchem Herodes ich ſprechen will. — und Du auch, mein Sohn, ſagte Chicot, ich habe Dir das Anagramm erklaͤrt. — Schelm! — Mit wem ſprichſt Du, mit mir, mit dem Moͤn⸗ che oder mit dem Eſel? — Mit allen Dreien. — Meine Bruͤder, fuhr der Moͤnch fort, hier iſt mein Eſel, den ich wie ein Schaaf liebe; er wird Euch ſagen, daß wir von Villeneuve⸗le⸗Roi in drei Tagen hierher gekommen ſind, um der großen Feierlichkeit des heutigen Abends beizuwohnen, und wie ſind wir ange⸗ kommen: Mit leerem Beutel, Mit trockener Gurgel. — Aber Nichts iſt uns ſchwer geworden, Panurg und mir. — Aber wen der Teufel nennt er denn Panurg? fragte Heinrich, den dieſer pantagrueliſche Name im Ko⸗ pfe herum ging. — Wir ſind alſo gekommen, fuhr der Moͤnch fort, und wir ſind angelangt um zu ſehen, was vorgeht; 9* — 20.— nur ſehen wir, aber wir begreifen nicht. Was geht denn vor, meine Bruͤder? Setzt man etwa heute He⸗ rodes ab? Bringt man etwa heute Bruder Heinrich in ein Kloſter? O, o, ſagte Quôlus, ich habe große Luſt, dieſes dicke Weinfaß anzubohren. Was ſagſt Du dazu, Mau⸗ giron? — Bah, ſagte Chicot, Du wirſt uͤber eine ſolche Kleinigkeit boͤs, Quélus? Geht der Koͤnig nicht etwa alle Tage in ein Kloſter? Glaube mir demnach, Hein⸗ rich, wenn man Dir weiter Nichts thut, ſo wirſt Du Dich nicht zu beklagen haben. Nicht wahr, Pa⸗ nurg? Der bei ſeinem Namen angeredete Eſel ſpitzte die Ohren, und begann auf eine ſchreckliche Weiſe zu ſchreien. — O, Panurg, o, ſagte der Moͤnch, habt Ihr Begierden! Meine Herren, fuhr er fort, ich habe Pa⸗ ris mit zwei Reiſegefaͤhrten verlaſſen; mit Panurg, der mein Eſel iſt, und Herrn Chicot, welcher der Narr Seiner Majeſtaͤt iſt. Koͤnnt Ihr mir ſagen, meine Herren, was aus meinem Freund Chicot gewor⸗ ” den iſt? 1 Chicot verzog das Geſicht. — Ah, ſagte der Koͤnig, er iſt Dein Freund! Quslus und Maugiron brachen in Gelaͤchter aus. 5—“ — 21— — Dein Freund iſt ſchoͤn, fuhr der Koͤnig fort, und beſonders ehrwuͤrdig. Wie heißt er? — Es iſt Gorenflot, Heinrich, Du weißt, dieſer liebe Gorenflot, von dem Herr von Morvilliers Dir ſchon ein Paar Worte geſagt hat. — Der Aufruͤhrer des Sanct⸗Genovefa⸗Kloſters? — Er ſelbſt. — In dieſem Falle will ich ihn haͤngen laſſen. — Unmoͤglich! — Warum das? — Weil er keinen Hals hat. — Meine Bruͤder, fuhr Gorenflot fort, Ihr ſeht einen wahren Maͤrtyrer. Meine Bruͤder, meine Sache iſt es, die man in dieſem Augenblicke vertheidigt, oder es iſt vielmehr die aller guten Katholiken. Ihr wißt nicht, was in der Provinz vorgeht, und was die Huge⸗ notten ausbruͤten. Wir ſind genoͤthigt geweſen, einen in Lyon zu toͤdten, welcher die Empoͤrung predigte. So lange, als noch eine einzige Brut von ihnen in ganz Frankreich uͤbrig bleibt, werden die guten Herzen keinen einzigen Augenblick der Ruhe haben. Laßt uns demnach die Hugenotten vertilgen. Zu den Waffen, meine Bruͤ⸗ der, zu den Waffen! — Mehrere Stimmen wiederholten: zu den Waf⸗ fen! — Bei Gottes Tod, ſagte der Koͤnig, bring dieſen Trunkenbold zum Schweigen, oder er wird uns eine zweite Sanct⸗Bartholomaͤusnacht anſtiften. — Warte, warte, ſagte Chicot. Und indem er aus Quélus Haͤnden ein Sprachrohr nahm, ging er hinter den Moͤnch, und verſetzte ihm aus allen ſeinen Kraͤften mit dem hohlen und toͤnenden In⸗ ſtrumente einen Hieb auf die Schultern. — Moͤrder! ſchrie der Moͤnch. — Ei, Du biſt es, ſagte Chicot, indem er ſeinen Kopf unter dem Arme des Moͤnches durchſteckte, wie geht es Dir, Pfaff? — Zu Huͤlfe, Herr Chicot, zu Huͤlfe, rief Goren⸗ flot aus, die Feinde des Glaubens wollen mich ermor⸗ den, aber ich werde nicht ſterben, ohne daß meine Stimme gehoͤrt wird; ins Feuer mit den Hugenotten, auf den Scheiterhaufen mit dem Bearner. Willſt Du ſchweigen, Eſel! — Zum Teufel mit den Gaskoniern! fuhr der Moͤnch fort. In dieſem Augenblicke fiel ein zweiter Hieb, nicht mit dem Sprachrohre, ſondern mit einem Stocke auf die andere Schulter Gorenflots, der dieſes Mal wahr⸗ haft einen Schmerzensſchrei ausſtieß. 1 Chicot blickte erſtaunt um ſich, aber er ſah nur den Stock. Der Hieb war von einem Manne gefuͤhrt wor⸗ den, der ſich in der Menge verloren, nachdem er dem Bruder Gorenflot dieſe fliegende Zechtigung verſetzt hatte. 4 — ÿ— r — O, o, ſagte Chicot, wer der Teufel raͤcht uns ſo! Sollte es irgend ein Landeskind ſein? Ich muß mich davon uͤberzeugen. Und er eilte dem Manne mit dem Stocke nach, der von einem einzigen Gefaͤhrten begleitet laͤngs dem Kai hinſchluͤpfte. II. Straße de la Ferronnerie. Chicot hatte gute Beine, und er wuͤrde ſich ih⸗ rer mit Vortheil bedient haben, um den Mann einzuho⸗ len, der Gorenflot gepruͤgelt hatte, wenn nicht etwas Seltſames in dem Benehmen dieſes Mannes und be⸗ ſonders in dem ſeines Begleiters ihn haͤtte einſehn laſ⸗ ſen, daß Gefahr dabei vorhanden ſei, ungeſtuͤm eine Erkennung herbeizufuͤhren, die er vermeiden zu wollen ſchien. In der That, die beiden Fluͤchtlinge ſuchten ſichtlich ſich in der Menge zu verlieren, indem ſie ſich nur an den Straßenecken umwandten, um ſich zu verſi⸗ chern, daß man ihnen nicht folge. Chicot dachte, daß es nur ein Mittel fuͤr ihn gaͤbe, um den Anſchein, ihnen zu folgen, zu vermeiden, naͤm⸗ lich, ihnen voraus zu gehen. Alle Beide erreichten durch die Straße de la Monnaie und die Straße Tirechappe die Straße Saint⸗Honoré wieder; an der Ecke dieſer letzteren eilte er ihnen voraus, und immer laufend, legte er ſich an dem Ende der Straße de la Bourdonnais in den Hinterhalt. f Die beiden Maͤnner gingen die Straße Saint⸗Ho⸗ noré hinauf, indem ſie laͤngs der Haͤuſer der Seite der Kornhalle hinſchritten und den Hut uͤber die Stirn herab⸗ geſchlagen, den Mantel bis auf die Augen zuſammenge⸗ ſchlagen, gingen ſie eiligen Schrittes, der etwas Mili⸗ tairiſches hatte, der Straße de la Ferrennerie zu. Chi⸗ cot fuhr fort, ihnen vorauszugehen. An der Ecke der Straße de la Ferronerie blieben die beiden Maͤnner von Neuem ſtehen, um einen letzten Blick um ſich zu werfen. 1 Waͤhrend dieſer Zeit hatte Chicot fortwaͤhrend Raum gewonnen und war bis in die Mitte der Straße ge⸗ langt. In der Mitte der Straße und vor einem Hauſe, das einfallen zu wollen ſchien, ſo alt war es, hielt eine mit zwei plumpen Pferden beſpannte Kutſche. Chicot warf einen Blick um ſich, ſah den Kutſcher auf ſeinem Sitze eingeſchlafen und eine Frau, die beſorgt zu ſein ſchien und ihr Geſicht an die Jalouſie druͤckte; es ging ihm ein Licht auf, welches ihm ſagte, daß die Kutſche die beiden Maͤnner erwarte; er wandte ſich hinter ſie, und von ihrem mit dem des Hauſes vereinigten Schat⸗ ten geſchuͤtzt, ſchluͤpfte er unter eine breite ſteinerne Bank, welche den Gemuͤſehaͤndlern zur Auslage diente, die zu — 26— jener Zeit zwei Mal woͤchentlich in der Straße de la Ferronnerie feil hielten. Kaum hatte er ſich dorthin gekauert, als er die bei⸗ den Maͤnner an dem Kopfe der Pferde erſcheinen ſah, wo ſie von Neuem beſorgt ſtehen blieben; Einer von ih⸗ nen weckte nun den Kutſcher, und da dieſer einen feſten Schlaf hatte, ſo ließ dieſer ein auf das Beſte betontes capo di dion(Gottes Haupt) entſchluͤpfen, waͤhrend der Andere, noch weit ungeduldiger, ihm mit der Spitze ſei⸗ nes Dolches den Hintern ſtachelte. — O, o, ſagte Chicot, ich hatte mich alſo nicht geirrt; es waren Landsleute. Jetzt verwundert es mich nicht mehr, daß ſie Gorenflot ſo derb gepruͤgelt, weil er Boͤſes von den Gaskoniern ſagte. Die beiden Maͤnner nun auch als Diejenigen erken⸗ nend, welche ſie erwartete, neigte ſich die junge Frau raſch aus dem Schlage der ſchwerfaͤlligen Maſchine. Chicot ſah ſie nun deutlicher; ſie konnte zwanzig bis zwei und zwanzig Jahre alt ſein; ſie war ſehr ſchoͤn und ſehr bleich, und wenn es Tag geweſen waͤre, ſo haͤtte man an dem feuchten Dunſte, welcher ihre goldig blonden Haare benetzte, an ihren ſchwarzberaͤnderten Augen, an ihren Haͤnden von einem matten Weiß und an der ſchmachtenden Haltung ihres ganzen Koͤrpers erkennen koͤnnen, daß ſie ſich in einem Zuſtande von Kraͤnklichkeit befaͤnde, deren Geheimniß ihre haͤufigen Ohnmachten und die Rundung ihres Wuchſes ſehr bald verrathen haͤtten. Aber von Alle dem ſah Chicot nur drei Sachen, naͤmlich daß ſie jung, bleich und blond waͤre. Die beiden Maͤnner traten an die Kutſche, und be⸗ fanden ſich natuͤrlicher Weiſe zwiſchen ihr und die Bank geſtellt, unter welche Chicot gekrochen war. Der Groͤßere von Beiden nahm die weiße Hand, welche die Dame ihm durch bie Oeffnung der Kutſche entgegenſtreckte, in ſeine beiden Haͤnde, und den Fuß auf den Wagentritt ſetzend und die beiden Arme auf den Schlag ſtuͤtzend, fragte er die Dame: — Nun, meine Liebe, mein Herzchen, mein Engel, wie befinden wir uns? Die Dame antwortete, indem ſie mit einem trauri⸗ gen Laͤcheln den Kopf ſchuͤttelte und ihr Riechflaͤſchchen zeigte. — Wieder Schwaͤchen, Ventre⸗ſaint⸗gris! Was ich Euch boͤs daruͤber ſein wuͤrde, ſo krank zu ſein, mein theures Liebchen, wenn ich mir nicht Eure ſuͤße Krank⸗ heit vorzuwerfen haͤtte. — Und warum der Teufel nehmt Ihr auch Madame mit nach Paris? ſagte der andere Mann ziemlich barſch; es iſt bei meiner Treue ein Fluch, daß Ihr immer ſo irgend einen Unterrock an Euer Wamms genaͤht haben muͤßt. — Ei, lieber Agrippa, ſagte derjenige der beiden Maͤnner, der zuerſt geſprochen hatte, und welcher der Gatte oder der Geliebte der Dame zu ſein ſchien, es iſt ein ſo großer Schmerz, ſich von dem zu trennen, was man liebt! 89 — 28— Und er wechſelte mit der Dame einen Blick voller verliebten Schmachtens aus. — Sapperment! Wenn ich Euch ſprechen hoͤre, ſo moͤgte ich bei meiner Seele des Teufels werden, erwi⸗ derte der barſche Gefaͤhrte; ſeid Ihr denn nach Paris gekommen, um der Liebe zu pflegen, ſchoͤner Frauenjaͤ⸗ ger? Ich meine indeſſen, daß Bearn genug fuͤr Eure empfindſamen Spaziergaͤnge iſt, ohne Eure Spazier⸗ gaͤnge bis nach dem Babylon auszudehnen, wo Ihr uns heute Abend beinahe zwanzig Mal den Hals haͤttet bre⸗ chen laſſen. Kehrt dorthin zuruͤck, wenn Ihr an den Kutſchenvorhaͤngen buhlen wollt; aber hier, Gottes Tod! reibt keine anderen Intriguen, als politiſche Intriguen, mein Meiſter. Bei dieſem Worte Meiſter haͤtte Chicot gern den Kopf erheben moͤgen, aber er konnte eine ſolche Bewe⸗ gung nicht gut wagen, ohne geſehen zu werden. — Laßt ihn ſchmaͤlen, meine Liebe, und bekuͤmmert Euch nicht um das, was er ſagt. Ich glaube, daß er krank werden wuͤrde, wie Ihr, Zufaͤlle und Ohnmachten bekaͤme, wenn er nicht mehr ſchmaͤlte. — Aber, Ventre⸗ſaint⸗gris, wie Ihr ſagt, rief der Brummbaͤr aus, ſo ſteigt zum Mindeſten in die Kutſche, wenn Ihr Madame Zaͤrtlichkeiten ſagen wollt, und Ihr werdet weniger riskiren, erkannt zu werdem als wenn Ihr ſo auf der Straße bleibt. — Du haſt Recht, Agrippa, ſagte der verliehte Gaskonier. Und Ihr ſeht, meine Liebe, daß ſein Rath * 4 8 — 29— nicht ſo boͤs iſt, als er das Anſehn hat. Da, macht mir Platz, mein Engel, damit ich mich, wenn Ihr es jeden Falles erlaubt, an Eure Seite ſetzen kann, da ich nicht vor Euch auf den Knieen bleiben kann. = Ich erlaube es nicht allein, Sire, antwortete die junge Dame, ſondern ich wuͤnſche es ſehnlichſt. — Sire! murmelte Chicot, welcher durch eine un⸗ uͤberlegte Bewegung den Kopf erheben wollte, und ſich ſchmerzlich an die Sandſteinbank ſtieß: Sire! Was ſagt ſie denn da? 3. Aber waͤhrend dieſer Zeit benutzte der gluͤckliche Lie⸗ bende die gegebene Erlaubniß, und man hoͤrte den Bo⸗ den der Kutſche unter einer neuen Laſt knarren. Dann folgte dem Knarren das Schnalzen eines lan⸗ gen und zaͤrtlichen Kuſſes. — Gottes Tod, rief der außerhalb der Kutſche ge⸗ bliebene Gefaͤhrte aus, der Menſch iſt in Wahrheit ein ſehr einfaͤltiges Thier! — Ich will gehangen werden, wenn ich Etwas da⸗ von verſtehe, murmelte Chicot; aber warten wir, Alles kommt zur rechten Zeit fuͤr den, der zu warten verſteht. — O, was ich gluͤcklich hin, fuhr, ohne ſich im Mindeſten um die Ungeduld ſeines Freundes zu bekuͤm⸗ mern, an die er außerdem ſeit langer Zeit gewoͤhnt ſchien, derjenige fort, welchen man Sire nannte, Ventre⸗ ſaint⸗gris, heute iſt ein ſchoͤner Tag. Da ſind meine guten Pariſer, die mich von ganzem Herzen verabſcheuen, und die mich ohne Barmherzigkeit umbringen wuͤrden, — 30— wenn ſie wuͤßten, wo ſie mich zu dieſem Ende auffinden koͤnnten, und dennoch arbeiten meine Pariſer nach ihren beſten Kraͤften, um mir den Weg zum Throne zu bah⸗ nen, und ich habe ein Weib in meinen Armen, das ich liebe! Wo ſind wir, d'Auvigné? Sobald ich Koͤnig ſein werde, will ich an dieſem ſelben Orte dem Schutzgeiſte des Bearners ein Denkmal errichten laſſen. — Des Bearn... 4 Chicot unterbrach ſich; er hatte ſich eine zweite Beule gerade neben der erſten geſtoßen. — Wir ſind in der Straße de la Ferronnerie, Sire, und es riecht hier nicht gut, ſagte d'Aubigné, welcher, immer uͤbler Laune, es den Dingen entgelten ließ, wenn er muͤde war, ſie den Menſchen entgelten zu laſſen. — Es iſt mir, fuhr Heinrich fort, denn unſere Le⸗ ſer haben ohne Zweifel dereits den Koͤnig von Navarra erkannt, es iſt mir, als ob ich deutlich mein ganzes Le⸗ ben uͤberſchaue, daß ich mich als Koͤnig ſehe, daß ich mich, ſtark und maͤchtig, aber vielleicht weniger geliebt, als ich es jetzt bin, auf dem Throne fuͤhle, und daß mein Blick ſich in die Zukunft bis zur Stunde meines Todes ſenkt. O, meine Geliebte, wiederholt mir noch ein Mal, daß Ihr mich liebt, denn bei Eurer Stimme ſchmilzt mein Herz. Und mit einem Gefuͤhle von Schwermuth, das ihn. zuweilen uͤberfiel, ließ der Bearner mit einem tiefen Seufzer ſein Haupt auf die Achſel ſeiner Geliebten ſinken. N H 8 le — 31— — O, mein Gott! ſagte die junge Frau entſetzt. Ihr befindet Euch unwohl, Sire? — Gut! Das fehlte nur noch, ſagte d'Aubigné; ein ſchoͤner Soldat, ein ſchoͤner Feldherr, ein ſchoͤner Koͤnig, der in Ohnmacht faͤllt. r eis. — Nein, meine Liebe, beruhigt Euch, ſagte Hein⸗ rich, wenn ich neben Euch ohnmaͤchtig wuͤrde, ſo waͤre es vor Wonne. — Wahrlich, Sire, ſagte d'Aubigné, ich weiß nicht, warum Ihr Heinrich von Navarra unterzeichnet; Ihr ſolltet Ronſard oder Clemens Marot unterzeichnen. Bei Gottes Leib, wie fuͤhrt Ihr denn eine ſo ſchlechte Ehe mit Madame Margot, wo Ihr alle Beide ſo zaͤrtlich in der Poeſie ſeid! — Ah, d⸗Aubigns, ich bitte Euch, ſprecht nicht von meiner Frau. Ventre⸗ſaint⸗gris! Du kennſt das Sprich⸗ wort, wenn wir ihr begegnen ſollten? — Obſchon ſie in Navarra iſt, nicht wahr? ſagte d'Aubigné. ——Ventre⸗ſaint⸗gris! Bin ich nicht etwa auch in Navarra? Glaubt man nicht zum Mindeſten, daß ich dort ſei? Sieh, Agrippa, Du haſt mir einen Schau⸗ der verurſacht; ſteig ein, und laß uns nach Haus zu⸗ ruͤckkehren. — Meiner Treue, nein, ſagte d'Aubigné, fahrt, ich werde Euch nachfolgen; ich wuͤrde Euch geniren, und, was noch ſchlimmer iſt, Ihr wuͤrdet mich geniren. — So mach denn den Schlag zu, Bearner Baͤr, und thu, was Du willſt. — 32— Sich hierauf an den Kutſcher wendend, ſagte er: — Lavarenne, Du weißt, wohin? Von Aubigné gefolgt, der, wenn er auch dem Freunde Vorwuͤrfe machte, doch uͤber den Koͤnig hatte wachen wollen, entfernte ſich die Kutſche langſam. Dieſer Aufbruch befreite Chicot von einer ſchreckli⸗ chen Beſorgniß, denn nach einer ſolchen Unterredung mit Heinrich war d'Aubigné nicht der Mann, den Unbeſon⸗ nenen leben zu laſſen, der ſie gehoͤrt haͤtte. — Ueberlegen wir, ſagte Chicot, indem er auf Haͤn⸗ den und Fuͤßen unter ſeiner Bank hervorkroch, muß der Valois wiſſen, was ſo eben vorgefallen iſt? Und Chicot richtete ſich wieder auf, um ſeinen lan⸗ gen, durch den Krampf ſteif gewordenen Beinen ihre Geſchmeidigkeit wiederzugeben. — und warum muͤßte er es wiſſen? begann der Gas⸗ konier wieder, indem er fortfuhr, mit ſich ſelbſt zu re⸗ den. Zwei Maͤnner, die ſich verbergen, und eine ſchwan⸗ gere Frau. Wahrlich, das waͤre ſchaͤndlich! Nein, ich werde Nichts ſagen, und dann, iſt es nicht die Haupt⸗ ſache, daß ich davon unterrichtet bin, da ich es am Ende bin, der regiert? uUnd Chicot machte ganz allein einen luſtigen Sprung. 1 — Wie das huͤbſch iſt, die Verliebten, fuhr Chicol fort; aber d'Aubigné hat Recht: er liebt zu oft fuͤr einent Koͤnig ia partibus, dieſer liebe Heinrich von Navarrat Vor einem Jahre kehrte er wegen Frau von Sauves nache — 33— Paris zuruck. Heute laͤßt er ſich von dieſem liebenswür⸗ digen kleinen Geſchoͤpfe begleiten, das Ohnmachten hat. m Wer der Teufel mag das ſein? Die Foſſeuſe wahrſchein⸗ te lich. Und dann faͤllt mir ein, wenn Heinrich von Na⸗ varra ein ernſthafter Praͤtendent iſt, wenn er wirklich an li⸗ den Thron denkt, ſo muß der arme Menſch auch ein nit Wenig daran denken, ſeinen Feind mit der Schmarre, n⸗ ſeinen Feind, den Kardinal von Guiſe, und ſeinen Feind, den lieben Herzog von Mayenne zu vernichten. Nun n. denn! Ich liebe den Bearner, und ich bin uͤberzeugt, de1 daß er eines Tages dieſen abſcheulichen lothringſchen Flei⸗ ſcher einen boͤſen Streich ſpielen wird. Es iſt entſchie⸗ un den, ich werde kein Wort von dem aͤußern, was ich ge⸗ hre ſehn und gehoͤrt habe. In dieſem Augenblicke zog ein Haufen trunkener as⸗ Ligueurs voruͤber, indem ſie ausriefen: es lebe die Meſſe, re, Tod dem Bearner! Auf den Scheiterhaufen die Huge⸗ an⸗ notten, in's Feuer die Ketzer! ich Waͤhrend deſſen wandte ſich die Kutſche um die pt⸗ Ecke des Kirchhofes des Saints⸗Innocens, und ver⸗ am ſchwand in der Straße Saint⸗Denis. — Sehen wir, ſagte Chicot; gehen wir Alles noch einmal durch: ich habe den Kardinal von Guiſe geſehen, ich habe den Herzog von Mayenne geſehn, ich habe den Koͤnig Heinrich von Valois geſehn, ich habe den Koͤnig Heinrich von Navarra geſehn; ein einziger Fuͤrſt fehlt meiner Sammlung, naͤmlich der Herzog von Anjou; ſu⸗ ace chen wir ihn, bis daß wir ihn gefunden haben. Sehen Die Dame von Monſoreau. Bierter Band. 5 5 34— wir, wo iſt mein Franz der III. Sapperment, ich ſehne mich, dieſen wuͤrdigen Monarchen zu ſehen. Und Chicot ſchlug wieder den Weg nach der Kirche Saint⸗Germain⸗'Auxerois ein. 4„. Chicot war nicht der Einzige, welcher den Hetzog von Anjou ſuchte und ſich uͤber ſeine Abweſenheit beun⸗ 5 ruhigte; auch die Guiſes ſuchten ihn uͤberall, aber ſie waren nicht gluͤcklicher als Chicot. Herr von Anjou war nicht der Mann, ſich unvorſichtiger Weiſe herauszuwa⸗ gen, und wir werden ſpaͤterhin ſehen, welche Vorſichts⸗ maßregeln ihn noch von ſeinen Freunden entfernt hielten. Einen Augenblick lang glaubte Chicot indeſſen, ihn gefunden zu haben; das war in der Straße Bethiſy: eine zahlreiche Gruppe hatte ſich vor der Thuͤre eines Weinhaͤndlers gebildet, und Chicot erkannte in dieſer Gruppe Herrn von Monſoreau und Heinrich von Guiſe. — Gut, ſagte er, da ſind die Schildfiſche,“*) der Haifiſch muß nicht fern ſein. 1 Chicot irrte ſich, Herr von Monſoreau und Hein⸗ lich von Guiſe waren damit beſchaͤftigt, vor einer Schenke voller Betrunkener einem Redner Glas auf Glas einzuſchenken, deſſen ſtammelnde Beredtſamkeit ſie auf dieſe Weiſe aufregten. 8 *) Remoras, ein kleiner Fiſch, auch maquerreau genannt, welcher dem Haiſiſche vorausſchwimmt und ihm ſeine Beute andeuter, von der er ſeinen Theil erhalten ſoll. — 35— Dieſer Redner war der gaͤnzlich betrunkene Goren⸗ flot, Gorenflot, der ſeine Reiſe nach Lyon und ſeinen Zweikampf in einem Wirthshauſe mit einem entſetzlichen Anhaͤnger Calvins erzaͤhlte. Herr von Guiſe hoͤrte auf dieſe Erzaͤhlung, in wel⸗ cher er mit dem Schweigen Nicolas Davids zuſammen⸗ treffende Umſtaͤnde zu erkennen glaubte, mit der geſpann⸗ teſten Aufmerkſamkeit. Uebrigens war die Straße Bethiſy mit Menſchen uͤberfuͤllt; mehrere, der Ligue angehoͤrende Edelleute hat⸗ ten an einem, in den meiſten Straßen jener Zeit ziemlich gewoͤhnlichen Rondel von Buden ihre Pferde angebun⸗ den. Chicot blieb außerhalb der Gruppe ſtehen, welche dieſe Laͤden umgab, und horchte. Gorenflot, ſchwindelnd, leuchtend, ſich beſtaͤndig uͤberſchlagend, von ſeiner lebendigen Kanzel herabgewor⸗ fen und ſo gut als moͤglich wieder auf Panurg in den Sattel gehoben, war Gorenflot, der nur noch ſtoßweiſe ſprach, aber ungluͤcklicher Weiſe noch ſprach, der Spiel⸗ ball der Beharrlichkeit des Herzogs und der Gewandtheit des Herrn von Monſoreau, welche ihm Brocken von Verſtand und Bruchſtuͤcke von Geſtaͤndniſſen entlockten. Eine ſolche Beichte entſetzte den horchenden Gasko⸗ nier bei Weitem mehr, als die Anweſenheit des Koͤnigs von Navarra in Paris. Er ſah den Moment kommen, wo Gorenflot ſeinen Namen fallen laſſen wuͤrde, und dieſer Name konnte das ganze Geheimniß mit einem traurigen Lichte aufklaͤren. Chicot verlor keine Zeit: er durchſchnitt oder knuͤpfte die Zuͤgel der Pferde auf, welche 3* — 36— ſich an den Laͤden der Buden des Rondels liebkoſeten, und indem er zweien oder dreien unter ihnen gewaltige Schlaͤge mit den Steighuͤgeln verſetzte, jagte er ſie in Mitte der Menge, welche ſich vor ihrem Galopp oͤffnete, brach und zerſtreute. Gorenflot fuͤrchtete fuͤr Panurg, die Edelleute fuͤrch⸗ teten fuͤr ihre Pferde und fuͤr ihre Mantelſaͤcke, Viele fuͤrch⸗ teten fuͤr ſich ſelbſt, der Zuſammenlauf oͤffnete ſich und Alle ſtoben auseinander. Der Ruf: Feuer! erſchallte von ein Dutzend Stimmen wiederholt. Chicot flog wie ein Pfeil durch dieſe Gruppen, und ſich Gorenflot naͤhernd, indem er ihm dabei ein Paar flammende Augen zeigte, die ihn nuͤchtern zu machen begannen, faßte Panurg beim Zuͤgel, und, anſtatt der Menge zu folgen, wandte er ihr den Ruͤcken, ſo daß dieſe doppelte, im entgegen⸗ geſetzten Sinne gemachte Bewegung bald einen anſehnli⸗ chen Raum zwiſchen Gorenflot und dem Herzoge von Guiſe ließ, ein Raum, den augenblicklich der wachſende Haufe der zu ſpaͤt herbeigeeilten Neugierigen ausfuͤllte. Nun zog Chicot den wankenden Moͤnch in den Hin⸗ tergrund der durch das bedeckte Chor der Kirche Saint⸗ Germain⸗!'Auperrois gebildeten Sackgaſſe, und indem er ihn und Panurg an die Mauer lehnte, wie es ein Bildhauer mit einem Basrelief gemacht haͤtte, das er an dem Steine befeſtigen wollte, ſagte er zu ihm: — Ha, Trunkenbold! Ha, Heide! Ha, Verraͤther! Ha, Renegat! Du wirſt alſo immer einen Krug Wein Deinem Freunde vorziehen? 3 — Ach, Herr Chicot! ſtammelte der Moͤnch. — Wiel! Ich ernaͤhre Dich, Schaͤndlicher! fuhr Chi⸗ cot fort; ich ſtille Deinen Durſt, ich fuͤlle Dir Taſchen und Magen, und Du verraͤthſt Deinen Herrn! — Ach, Chicot, ſagte der Moͤnch geruͤhrt. — Du erzaͤhlſt meine Geheimniſſe, Elender! — Lieber Freund! — Schweig! Du biſt nur ein Angeber und Du ver⸗ dienſt eine Zuͤchtigung! Der unterſetzte, kraͤftige, ungeheure, wie ein Stier gewaltige, aber durch die Reue und beſonders durch den Wein gebaͤndigte Moͤnch zitterte, ohne ſich zu vertheidi⸗ gen, in Chicots Haͤnden, der ihn wie einen mit Luft aufgeblaſenen Ballon ſchuͤttelte. Panurg allein proteſtirte gegen die ſeinem Freunde angethane Gewalt durch Hufſchlaͤge, die Niemanden er⸗ reichten und welche ihm Chicot mit Stockſchlaͤgen er⸗ wiederte. — Mir eine Zuͤchtigung! murmelte der Moͤnch, Eu⸗ rem Freunde eine Zuͤchtigung, lieber Herr Chicot? — Ja, ja, eine Zuͤchtigung, ſagte Chicot, und Du wirſt ſie empfangen. Und der Stock des Gaskoniers ging fuͤr einen Au⸗ genblick von dem Ruͤcken des Eſels auf die breiten und fleiſchigen Schultern des Moͤnches uͤber. — O, wenn ich nuͤchtern waͤre, ſagte Gorenflot mit einer Regung des Zornes. — So wuͤrdeſt Du mich ſchlagen, nicht wahr, Un⸗ dankvarer? Mich, Deinen Freund! ins 5 3 — 383— — Ihr, mein Freund, Herr Chicot, und Ihr pruͤ⸗ gelt mich? 3 — Wer gut liebt, zuͤchtigt gut. tts — So nehmt mir denn auf der Stelle das Leben! rief Gorenflot aus.— — Ich ſollte es thun. — O, wenn ich nuͤchtern waͤre, wiederholte der Moͤnch mit einem tiefen Stoͤhnen. — Du haſt es bereits geſagt. du r Und Chicot verdoppelte die Freundſchaftsbeweiſe ge⸗ gen den armen Genovefa⸗Moͤnch, der aus allen ſeinen Kraͤften zu bruͤllen begann.— mg — Ah ha, nach dem Ochſen kommt jetzt das Kalb, ſagte der Gaskonier. So, man klammere ſich nun an Panurg, und gehe huͤbſch artig im Gaſthofe zum Fuͤllhorn zu Bett. 7 — Ich ſehe meinen Weg nicht mehr, ſagte der Moͤnch, aus deſſen Augen dicke Thraͤnen rannen. — Ah! ſagte Chicot, wenn Du den Wein weinteſt, den Du getrunken haſt, ſo wuͤrde Dich das zum Minde⸗ ſten nuͤchtern machen. Aber nein, und ich werde Dir auch noch zum Fuͤhrer dienen muͤſſen. Und Chicot begann den Eſel am Zuͤgel zu ziehen, waͤhrend der Moͤnch, ſich mit beiden Haͤnden an den Hals klammernd, ſich alle Muͤhe gab, um das Gleich⸗ gewicht zu behaupten. rir ir So zogen ſie uͤber die Bruͤcke aux Mauniers, durch die Straße Saint⸗Barthelemy, uͤber die kleine Bruͤcke . — — — 39— und gingen die Straße Saint⸗Jacques hinauf. Der Moͤnch immer weinend, der Gaskonier immer ziehend. Zwei Aufwaͤrter hoben auf Chicots Befehl den Moͤnch mit Huͤlfe Meiſter Bonhomets von ſeinem Eſel, und fuͤhrten ihn in das Kabinet, das unſere Leſer be⸗ reits kennen. 1 — Das iſt geſchehen, ſagte Meiſter Bonhomet, als⸗ er zuruͤckkehrte. 8 — Er liegt zu Bett? fragte Chicot. — Er ſchnarcht. — Vortrefflich! Aber da er entweder heute oder mor⸗ gen wieder erwachen wird, ſo merkt Euch, daß ich durch⸗ aus nicht will, daß er weiß, wie er hierher zuruͤckgekehrt iſt; kein Wort der Erklaͤrung; es waͤre ſogar nicht uͤbel, wenn er glaubte, ſeit der merkwuͤrdigen Nacht nicht aus⸗ gegangen zu ſein, wo er einen ſo großen Scandal in ſeinem Kloſter angerichtet hat, und daß er Alles, was ihm in der Zwiſchenzeit begegnet iſt, fuͤr einen Traum hielt. — Es genuͤgt, Herr Chicot, antwortete der Gaſt⸗ wirth, aber was iſt denn dieſem armen Moͤnche be⸗ gegnet? — Ein großes Ungluͤck, es ſcheint, daß er in Lyon Haͤndel mit einem Abgeſandten des Herrn von Mayenne bekommen und daß er ihn getoͤdtet hat. — O, mein Gott!... rief der Wirth aus, ſo daß..* — So daß, wie es ſcheint, Herr von Mayenne ge⸗ * — 40— ſchworen hat, daß er ihn lebendig raͤdern laſſen oder ſei⸗ nen Namen verlieren wollte, antwortete Chicot. — Seid unbeſorgt, ſagte Bonhomet, er wird unter keinem Vorwande von hier fortkommen. — So iſt es Recht, und jetzt, fuhr der Gaskonier uͤber Gorenflot beruhigt fort, muß ich durchaus meinen Herzog von Anjou wieder auffinden: ſuchen wir.— Und er ſchlug ſeinen Weg nach dem Hotel Seiner Majeſtaͤt Franz des III. ein. 1 t9 209— r III. Der Prinz und der Freund⸗ Wie man geſehen, hatte Chicot waͤhrend des Abends der Ligue den Herzog von Anjou vergebens in den Straßen von Paris geſucht. Der Herzog von Guiſe hatte, wie man ſich erin⸗ nern wird, den Prinzen aufgefordert auszugehen, dieſe Aufforderung hatte die argwoͤhniſche Hoheit beunruhigt. Franz hatte uͤberlegt, und nach der Ueberlegung uͤbertraf Franz die Schlangen an Vorſicht. Indeſſen, da ſein eigenes Intereſſe erheiſchte, daß er mit ſeinen eigenen Augen ſaͤhe, was ſich an dieſem Abend zutragen wuͤrde, ſo entſchloß er ſich, die Einla⸗ dung anzunehmen, aber er faßte zu gleicher Zeit den Entſchluß, nur gut und gehoͤrig begleitet den Fuß aus ſeinem Pallaſte zu ſetzen. Wie jeder furchtſame Menſch eine Lieblingswaffe zu Huͤlfe nimmt, ſo ging der Herzog ſein Schwerdt zu ho⸗ len, welches Buſſy von Amboiſe war.— Die Furcht mußte den Herzog ſehr heftig anſpor⸗ nen, daß er ſich zu dieſem Schritte entſchloß. Seit ſei⸗ nem Betruge in Bezug auf Herrn von Monſoreau ſchmollte Buſſy, und Franz geſtand ſich ſelbſt ein, daß er an Buſſy's Stelle, und vorausgeſetzt, daß, indem er ſeine Stelle einnahm, er zu gleicher Zeit ſeinen Muth angenommen haͤtte, er dem Prinzen, der ihn auf eine ſo grauſame Weiſe verrathen, mehr als Aerger gezeigt haͤtte. Uebrigens fuͤhlte Buſſy, gleich allen auserleſenen Gemuͤthern, den Schmerz weit heftiger, als das Ver⸗ gnuͤgen: es iſt ſelten, daß ein in der Gefahr unerſchrok⸗ kener, dem Schwerdte und dem Feuer gegenuͤber kalter und ruhiger Mann, nicht weit leichter, als ein Feiger den Erſchuͤtterungen einer Widerwaͤrtigkeit unterliegt. Diejenigen, welche die Frauen am leichteſten zum Wei⸗ nen bringen, ſind die Maͤnner, welche ſich den Maͤnnern am furchtbarſten machen. Buſſy ſchlief ſo zu ſagen in ſeinem Schmerze: er hatte Diana als Graͤfin von Monſoreau anerkannt, am Hofe empfangen, und von der Koͤnigin Louiſe zu dem Range ihrer Hofdamen zugelaſſen geſehn; er hatte Tau⸗ ſend lneugierige Blicke dieſe Schoͤnheit ohne Nebenbuh⸗ lerin verſchlingen ſehen, die er ſo zu ſagen entdeckt und 5 aus der Gruft gezogen hatte, in welcher ſie begraben war. Er hatte waͤhrend eines ganzen Abends ſeine gluͤ⸗ 8 “ — 43— henden Augen auf die junge Frau geheftet, welche ihre muͤden Augen nicht erhob, und in alle dem Glanze die⸗ ſes Feſtes hatte Buſſy, ungerecht, wie jeder Mann, der wahrhaft liebt, Buſſy, der die Vergangenheit vergaß und ſelbſt in ſeinem Geiſte alle die Schatten von Gluͤck zerſtoͤrte, welche die Vergangenheit darin hatte entſtehen laſſen, Buſſy hatte ſich nicht gefragt, wie ſehr Diana leiden muͤſſe, ſo ihre Augen niedergeſchlagen zu halten, ſie, die ſich gegenuͤber ein, von einer mit fuͤhlender Traurigkeit verſchleiertes Antlitz in Mitte aller dieſer gleichguͤltigen oder albern neugierigen Geſichter erblicken konnte. — O! ſagte ſich Bufſy in ſeinem Innern, als er ſah, daß er vergebens auf einen Blick wartete, die Frauen haben nur Gewandtheit und Kuͤhnheit, wenn es ſich darum handelt, einen Vormund, einen Gatten oder eine Mutter zu taͤuſchen; ſie ſind linkiſch, ſie ſind feig, wenn es ſich darum handelt, eine Schuld einfacher Dankbarkeit zu bezahlen; ſie fuͤrchten ſich dermaßen, daß ſie zu lieben ſcheinen moͤchten, ſie legen einen ſo uͤber⸗ triebenen Werth auf ihre geringſte Gunſt, daß ſie, um denjenigen zur Verzweifelung zu bringen, der nach ih⸗ nen ſtrebt, ſie, wenn das ihre Laune iſt, nicht darauf achten, ihm das Herz zu brechen. Diana konnte mir offen ſagen: ich danke Euch fuͤr das, was Ihr für mich gethan habt, Herr von Buſſy; aber ich liebe Euch nicht. Ich waͤre an dem Schlage geſtorben, oder ich waͤre von ihm geheilt. Aber nein! Sie zieht mich vor, laͤßt mich ſie lieben und vergebens liebenz aber ſie hat — 44— Nichts dabei gewonnen, denn ich liebe ſie nicht mehr, ich verachte ſie. A. Und, die Wuth im Herzn, itfernte er ſich ds dem königlichen Kreiſe. In dieſem Augenblicke war es nicht mehr dieſes edle Geſicht, das alle Frauen mit Liebe und alle Maͤn⸗ ner mit Schrecken anblickten; es war eine truͤbe Stirn, ein falſches Auge, ein zweideutiges Lächeln. Im Hinausgehen ſah ſich Buſſy in einem großan venetianiſchen Spiegel voruͤber kommen, und fand ſich ſelbſt unertraͤglich anzuſehen. — Aber ich bin ein Thor, ſagte er, wie, ich oltt mich wegen Einer die mich verſchmaͤht, Hunderten ab⸗ ſcheulich machen, die mich ſuchen! Aber weshalb ver⸗ ſchmaͤht ſie mich, oder vielmehr fuͤr wen? 1 — Etwa fuͤr dieſes lange Skelett mit todtenbleichem Antlitz, das immer zehn Schritte weit von ihr ſteht, und beſtaͤndig ſeinen eiferſuͤchtigen Blick auf ſie heftet .... und der auch thut, als ob er mich nicht ſaͤhe? Und wenn ich indeſſen bedenke, daß, wenn ich wollte, ich ihn in einer Viertelſtunde ſtumm nnd ſtarr mit zehn Zoll meines Schwertes im Hetzen unter meinem Kniee halten wuͤrde; wenn ich bedenke, daß, wenn ich wollte, ich dieſes weiße Kleid mit dem Blute desjenigen bedecken koͤnnte, der dieſe Blumen darauf geheftet hat; wenn ich bedenke, daß wenn ich wollte, ich, da ich nicht ge⸗ liebt ſein kann, ih zum ndeſtn lhtdeice und gehaßt waͤre! 122 imt 151 1 — Ol Ihren Haß! Dheen Haß! Eher als ihre Gleichguͤltigkeit. — Ja, aber das waͤre gemein und kleinlich: das wuͤr⸗ de ein Quélus und ein Maugiron thun, wenn ein Qus⸗ lus und ein Maugiron zu lieben wuͤßten. Beſſer iſt es, jenen Helden Plutarchs zu gleichen, die ich ſo ſehr be⸗ bewundert habe, dieſen jungen Antiochus, der vor Liebe ſtark, ohne ein Geſtaͤndniß zu wagen, ohne eine Klage auszuſtoßen. Ja, ich werde ſchweigen! Ja, ich, der ich Leib an Leib mit allen entſetzlichen Maͤnnern dieſes Jahrhunderts gerungen habe; ich, der ich Crillon, den tapferen Crillon entwaffnet vor mir geſehen und ſein Le⸗ ben in meiner Gewalt gehabt habe; ja, ich werde mei⸗ nen Schmerz erloͤſchen und ihn in meiner Seele erſtik⸗ ken, wie es Hercules mit dem Rieſen Anthaͤus gemacht hat, ohne ihn ein einziges Mal von dem Fuße der Hoffnung, ſeiner Mutter, beruͤhren zu laſſen. Nein, Nichts iſt mir unmoͤglich, mir, Buſſy, den man, wie Crillon, den Beinamen des Tapferen gegeben hat, und Alles, was die Helden gethan haben, werde ich auch thun. Und nach dieſen Worten ließ er ſeine krampfhafte Hand ſinken, mit welcher er ſich die Bruſt zerfleiſchte, trocknete den Schweiß von ſeiner Stirn und ſchritt lang⸗ ſam nach der Thuͤre zu; ſeine Fauſt wollte derb an den Vorhang klopfen: er gebot ſich Geduld und Sanftmuth, und er ging, ein Laͤcheln auf den Lippen und Ruhe auf der Stirn, mit einem Vulkane im Herzen hinaus. Wahr iſt es, daß er auf ſeinem Wege dem Herzoge 7 — 46— von Anjou begegnete und den Kopf wegwandte, denmn er fuͤhlte, daß alle ſeine Seelen-Feſtigkeit nicht ſo wei wuͤrde gehen koͤnnen, um dieſem Prinzen, der ihn ſei nen Freund nannte, und der ihn auf eine ſo abſcheuliche Weiſe verrathen hatte, zuzulaͤcheln und ihn gar zu be⸗ gruͤßen. v 6 n 1 Im Vorbeigehen ſprach der Prinz den Namen Buſſy aus, aber Buſſy wandte ſich nicht einmal um. Buſſy kehrte in ſeine Wohnung zuruͤck. Er legte ſein Schwerdt auf den Tiſch, zog ſeinen Dolch aus ſei⸗ ner Scheide, legte ſelbſt Mantel und Wamms ab, und ſetzte ſich in einen großen Seſſel, indem er ſeinen Kopf an das Schild ſeines Wappens ſtützte, welches die Ruͤck lehne deſſelben verzierte. Seine Leute ſahen ihn in Gedanken verſunken; ſit glaubten, daß er ruhen wolle und entfernten ſich. Buſſy ſchlief nicht; er traͤumte.— Auf dieſe Weiſe brachte er mehrere Stunden zu, ohne gewahr zu werden, daß an dem anderen Ende des Zimmers ein Mann, der wie er ſaß, ihn neugierig be⸗ lauerte, ohne eine Bewegung zu machen, ohne ein Wort auszuſprechen, indem er, aller Wahrſcheinlichkeit nach, die Gelegenheit abwartete, um mit ihm, entweder durch ein Wort oder durch eine Geberde, in Verbindung zu treten. 3— terrn Endlich lief ein eiſiger Schauder uͤber Buſſys Ach⸗ ſeln, und ließ ſeine Augen blinzeln; der Beobachter ruͤhrte ſich nicht.— Bald klapperten die Zaͤhne des Grafen an einander; — 2— ſeine Arme ſtreckten ſich; ſein zu ſchwer gewordenes Haupt glitt laͤngs der Ruͤcklehne des Seſſels herab und ſank auf ſeine Schulter. In dieſem Augenblicke ſtand der Mann, welcher ihn beobachtete, mit einem Seufzer von ſeinem Stuhle auf, und trat zu ihm. — Herr Graf, ſagte er, Ihr habt das Fieber. Der Graf erhob ſeine Stirn, welche die Heftigkeit des Anfalles mit Purpur bedeckte. — Ah! Du biſt es, Remy, ſagte er. — Ja, Herr Graf, ich erwartete Euch hier. — Hier, und warum? — Weil man da, wo man leidet, nicht lange bleibt. — Ich danke Euch, mein Freunb, ſagte Buſſy, in⸗ dem er die Hand des jungen Mannes ergriff. Remy behielt dieſe ſchreckliche, weit ſchwaͤcher als die eines Kindes gewordene Hand zwiſchen den ſeinigen, und indem er ſie mit Liebe und Ehrerbietung an ſein Herz druͤckte, ſagte er: — Sagt an, Herr Graf, es handelt ſich darum zu wiſſen, ob Ihr ſo bleiben wollt. Wollt Ihr, daß das Fieber ſiegt und Euch toͤdtet? ſo bleibt auf; wollt Ihr es bezwingen? ſo legt Euch zu Bett, und laßt Euch ir⸗ gend ein ſchoͤnes Buch vorleſen, aus welchem Ihr Bei⸗ ſpiel und Kraft ſchoͤpfen koͤnnt. Der Graf hatte Nichts mehr auf der Welt zu thun, als zu gehorchen: er gehorchte. Die Freunde, welche ihn zu beſuchen kamen, fan⸗ den ihn alſe in ſeinem Bette. A Waͤhrend dem ganzen folgenden Tage verließ Remy das Bett des Grafen nicht; er hatte das doppelte Amt als Arzt des Leibes und als Arzt der Seele; er hatte kuͤhlende Getraͤnke fuͤr den einen, und wohlthuende Worte fuͤr die andere. Aber am folgenden Tage, welches der Tag war, an welchem Herr von Guiſe in das Louvre gekommen, blickte Buſſy um ſich: Remy war nicht da. — Er iſt ermuͤdet, dachte Buſſy; das iſt ſehr na⸗ tuͤrlich! Der arme Menſch muß ein großes Beduͤrfniß nach Luft und der Fruͤhlingsſonne haben; und dann er⸗ wartet ihn Gertrude ohne Zweifel; Gertrude iſt nur eine Zofe, aber ſie liebt ihn... Eine Zofe, welche liebt, iſt mehr werth, als eine Koͤnigin, welche nicht liebt. Der Tag verfloß auf dieſe Weiſe, Remy erſchien nicht wieder. Gerade, weil er abweſend war, ſehnte ſich Buſſy nach ihm; er fuͤhlte ſchreckliche Regungen der Ungeduld nach dieſem armen jungen Manne. — O! murmelte er ein oder zwei Male, ich, der ich noch an die Dankbarkeit und an die Freundſchaft glaubte! Nein, von nun an will ich an Nichts mehr glauben, 4 Gegen Abend, als die Straßen ſich mit Laͤrm und Menſchen zu fuͤllen begannen, als der bereits verſchwun⸗ dene Tag nicht mehr erlaubte, die Gegenſtaͤnde in dem Zimmer zu unterſcheiden, hoͤrte Buſſy ſehr laute und ſehr zahlreiche Stimmen in ſeinem Vorzimmer. 1 Ein Diener eilte nun ganz außer ſich herbei. — 49— — Seine Gnaden, der Herzog von Anjou, ſagte er. — Laß ihn eintreten, erwiderte Buſſy, indem er bei dem Gedanken die Stirn runzelte, daß ſein Herr ſich um ihn bekuͤmmere, dieſer Herr, deſſen Hoͤflichkeit er ſogar verachtete. Der Herzog trat ein. Buſſys Zimmer war ohne Licht; die kranken Herzen lieben die Dunkelheit, denn ſie bevoͤlkern die Dunkelheit mit Truggeſtalten. — Es iſt zu dunkel bei Dir, Buſſy, ſagte der Her⸗ zog, das muß Dich traurig machen. Buſſy ſchwieg fertwaͤhrend, der Aerger verſchloß ihm den Mund. — Biſt Du denn ernſtlich krank, fuhr der Herzog fort, daß Du mir nicht antworteſt? — Ich bin wirklich ſehr krank, gnaͤdiger Herr, mur⸗ melte Buſſy. — Dann habe ich Dich alſo deshalb ſeit zwei Ta⸗ gen nicht bei mir geſehen? ſagte der Herzog. — Ja, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy. Verletzt durch dieſe Einſilhigkeit, ging der Prinz zwei bis drei Male im Zimmer herum, indem er die Bildhauerarbeiten betrachtete, welche in der Daͤmmerung hervortraten, und die Stoffe anfuͤhlte. — Du biſt gut eingerichtet, Buſſy, wie es mir zum Mindeſten ſcheint, ſagte der Herzog. Buſſy antwortete nicht. — Meine Herrn, ſagte der Herzog zu ſeinen Edel⸗ leuten, bleibt in dem Nebenzimmer, ich muß glauben, daß mein armer Buſſy wirklich ſehr krank iſt. Ach! Die Dame von Monſoreau Vierter Band. 4 — 50— Warum hat man Miron nicht gerufen? Der Arzt eines Koͤnigs iſt nicht zu gut fuͤr Buſſy.— Ein Diener Buſſys ſchͤttelte den Kopf: der Herzog ſah dieſe Bewegung. — Sag'’ an, Buſſy, haſt Du Kummer? fragte der Prinz faſt untereoürfig. — Ich weiß nicht, antwortete der Graf. Der Herzog naͤherte ſich gleich den Liebenden, die man zuruͤckweiſet, und die, je mehr man ſie zuruͤckwei⸗ ſet, deſto geſchmeidiger und gefaͤlliger werden. — Laß hoͤren! So ſprich doch, Buſſy! ſagte er. — Ei! Was ſoll ich Euch ſagen, gnaͤdiger Herr? — Du biſt boͤs gegen mich, he? fuͤgte er mit leiſer Stimme hinzu. — Ich, boͤs, uͤber was? Außerdem wird man nicht boͤs gegen die Prinzen. Wozu ſollte das nuͤtzen? Der Herzog ſchwieg. — Aber, ſagte Buſſy nun, wir verlieren die Zeit mit Umſchweifen. Laßt uns auf die Sache kommen, gnaͤdiger Herr. 3 Der Herzog blickte Buſſy an. — Ihr beduͤrft meiner, nicht wahr? ſagte dieſer Letztere mit einer unglaublichen Haͤrte. — Ah! Herr von Buſſy! 4 — Ei! Ohne Zweifel, Ihr beduͤrft meiner, ich wie⸗ derhole es! Glaubt Ihr, daß ich meine, daß Ihr aus Freundſchaft mich zu beſuchen kommt? Nein, bei Gott! Denn Ihr liebt Niemanden. — O! Buſſy, kannſt Du mir ſolche Dinge ſagen! 1 ; ie ; — Sagt an, machen wir dem ein Ende; ſprecht, gnaͤdiger Herr, was beduͤrft Ihr? Wenn man einem Peinzen angehoͤrt, wenn dieſer Prinz ſich in dem Grade verſtellt, uns ſeinen Freund zu nennen, ſo muß man ihm Dank fuͤr die Verſtellung wiſſen, und ihm jedes Opfer, ſelbſt das des Lebens bringen. Sprecht! Der Herzog erroͤthete; aber da er ſich im Schatten befand, ſo ſah Niemand dieſes Erroͤthen. — Ich wollte Nichts von Dir, Buſſy, und Du irrſt Dich, ſagte er, wenn Du meinen Beſuch fuͤr in⸗ tereſſirt haͤltſt, da ich das ſchoͤne Wetter, und ganz Pa⸗ ris heute Abend fuͤr die Unterzeichnung der Ligue in Bewegung ſah, ſo wuͤnſchte ich nur, Dich in meiner Begleitung zu haben, um ein Wenig durch die Stadt zu ſtreifen. 8 Buſſy blickte den Herzog an. — Habt Ihr nicht Aurilly? ſagte er. — Ein Lautenſpieler. — Ach, gnaͤdiger Herr, Ihr gebt ihm nicht alle ſeine Eigenſchaften; ich glaubte, daß er bei Euch noch andere Aemter haͤtte, und außer Aurilly habt Ihr noch zehn oder zwoͤlf Edelleute, deren Schwerdter ich an dem Getaͤfel meines Vorzimmers klirren hoͤre. Der Thuͤrvorhang erhob ſich langſam. — Wer iſt da? fragte der Herzog, und wer tritt, ohne ſich melden zu laſſen, in das Zimmer, in welchem ich bin? — Ich, Remy, antwortete le Haudoin, indem er majeſtaͤtiſch und durchaus nicht verlegen eintrat. 4* — 3 — 22— — Wer iſt das, Remy? fragte der Herzog. — Remy, gnaͤdiger Herr, antwortete der junge Mann, iſt der Arzt. — Remy, ſagte Buſſy, iſt mehr als blos Arkt, gnaͤdiger Herr, er iſt der Freund. — O! aͤußerte der Herzog verletzt. — Du haſt gehoͤrt, was der gnaͤdige Herr wünſcht, fragte Buſſ, indem er ſich anſchickte, das Bett zu verlaſſen, — Ja, daß Ihr ihn begleiten moͤgtet, aber.. — Aber, was! ſagte der Herzog. — Aber Ihr werdet ihn nicht begleiten, gnadiga Herr, antwortete le Haudoin. 3 — Und weshalb nicht? rief Franz aus. 3 — Weil es draußen zu kalt iſt, gnaͤdiger Herr. — Zu kalt? ſagte der Herzog, erſtaunt, daß mu ihm Widerſtand zu leiſten wage. 8 — Ja! Zu kalt. Dem zu Folge verbiete ich Hern von Buſſy, der ich ſeinen Freunden und beſonders mi ſelbſt fuͤr ſeine Geſundheit verantwortlich bin, auszu gehen. Buſſy wollte nichts deſts weniger aus dem Bett ſpringen, aber Remys Hand begegnete der ſeinigen, un druͤckte ſie ihm auf eine bezeichnende Weiſe. — Es iſt gut, ſagte der Herzog. Da er ſo groß Gefahr liefe, wenn er ausginge, ſo mag er bleiben. Und Seine Hoheit, auf das Hoͤchſte Leleingt, the zwei Schritte auf die Thuͤre zu. Buſſy ruͤhrte ſich nicht. Der Herzog kehrte an das Bett zurück. — 53— — Demnach alſo iſt es entſchieden, ſagte er, Du wagſt Dich nicht. — Ihr ſeht wohl, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, der Arzt verbietet es. Du ſollteſt Miron kommen laſſen, Buſſy, er iſt ein großer Arzt. — GSnaͤdiger Herr, ich ziehe einen Arzt, der mein Freund iſt, einem gelehrten Arzte vor, ſagte Buſſy. — In dieſem Falle, Gott befohlen! — Gott befohlen! gnaͤdiger Herr. Und der Herzog verließ mit großem Laͤrm das Zimmer. Kaum war er hinaus, als Remy, der ihm mit den Augen gefolgt war, bis er das Hotel verlaſſen, zu dem Kranken herbeieilte. — Friſch auf, gnaͤdiger Herr, ſagte er, ſteht auf, und das auf der Stelle, wenn es beliebt. — Warum ſoll ich aufſtehen? — Um einen Gang mit mir zu machen. Es iſt zu heiß in dieſem Zimmer. — Aber Du ſagteſt ſo eben zum Herzoge, daß es draußen zu kalt waͤre? — Seitdem er fort iſt, hat ſich die Temperatur geaͤndert. „— So daß,.. ſagte Buſſy, indem er ſich neu⸗ gierig aufrichtete.— — So daß ich in dieſem Augenblicke uͤberzeugt bin, antwortete le Haudoin, daß die Luft Euch gut thun wird. — Ich verſtehe nicht, ſagte Buſſy. — 54— — Verſteht Ihr etwa Etwas von den Arzeneien, die ich Euch reiche? Ihr nehmt ſie indeſſen. Nun denn, munter! Stehe auf! Ein Spaziergang mit dem Herzoge von Anjou war gefaͤhrlich, mit dem Arzte iſt er heilſamz ich ſage es Euch. Habt Ihr denn kein Vertrauen mehr zu mir? Dann muͤßt Ihr mich fortſchicken. 2 nn — So laß uns denn gehen, ſagte Buſſy, da Du es willſt.— 111 — Es muß ſein.— Buſſy ſtand bleich und zitternd auf. 1 — Welch intereſſante Blaͤſſe, ſagte Remy, der ſchoͤne Kranke! mig — Aber, wo gehen wir hin? Igt i 4 — In ein Quartier, deſſen Luft ich noch heute un⸗ terſucht habe. g An — und dieſe Luft? ng Jun — Iſt hoͤchſt heilſam fuͤr Eure Krankheit, gnaͤdi⸗ ger Herr.. fft— Buſſy kleidete ſich an. 2 — Meinen Hut und mein Schwerdt, ſagte er. Er ſetzte den einen auf, und umguͤrtete ſich mit dem Anderen. Hierauf gingen alle Beide aus. 78 4 der un⸗ dem IV. Etymologie der Straße de la Juſſienne. Remy nahm ſeinen Kranken unter den Arm, wandte ſich zur Linken, ſchlug die Straße Coquilière ein, und ging ſie bis an den Wall hinab. — Das iſt ſonderbar, ſagte Buſſy, Du fuͤhrſt mich nach dem Bruche de la Grange⸗Batélisre, und Du be⸗ haupteſt, daß dieſes Quartier geſund iſt? — O, gnaͤdiger Herr, ſagte Remy, ein Wenig Ge⸗ duld, wir werden uns ſogleich iin die Straße Pagevin wenden, wir werden die Straße Breneuſe zur Rechten laſſen und in die Straße Montmartre zuruͤckkehren; Ihr werdet ſehen, was die Straße Montmartre fuͤr eine ſchoͤne Straße iſt! — Glaubſt Du denn, daß ich ſie nicht kenne? — Ei nun! Wenn Ihr ſie kennt, dann iſt es um ſo beſſer! Ich werde nicht noͤthig haben die Zeit damit zu verlieren, Euch ihre Schoͤnheiten ſehen zu laſſen, „ und ich werde Euch ſogleich in eine huͤbſche kleine Straße fuͤhren. Kommt immer mit, ich ſage Euch nur das. und in der That, nachdem er das Thor Mont⸗ martre zur Linken gelaſſen und ungefaͤhr zwei Hundert Schritte weit in der Straße gethan, wandte ſich Remy zur Rechten.— — Ah, ſo! Aber Du thuſt es abſichtlich, rief Buſſy aus; wir kehren dahin zuruͤck, woher wir kommen. — Dieſes, ſagte Remy, iſt die Straße de la Gype⸗ cienne, oder der?Egyptienne, wie Ihr wollt; eine Straße, welche das Volk bereits Straße de la Juſſienne nennen beginnt, und welche es binnen Kurzem am Ende Straße de la Juſſienne nennen wird, weil das weit ſanfter iſt, und weil der Genius der Sprachen, je weiter man nach Suͤden kommt, immer darnach ſtrebt, die Vocale zu vermehren. Ihr, gnaͤdiger Herr, der Ihr in Polen ge⸗ weſen ſeid, Ihr muͤßt das wiſſen! Haben die Schelme nicht noch ihre vier Conſonanten hinter einander, ſo daß ſie, wenn ſie ſprechen, ausſehen, als ob ſie kleine Kie⸗ ſel zermalmten, und als ob ſie fluchten, indem ſie dieſel⸗ ben zermalmten? 3 — Das iſt ſehr richtig, ſagte Buſſy; aber da ich nicht glaube, daß wir hierher gekommen ſind, um Un⸗ terricht in der Philologie zu nehmen, ſo ſagt mir: wo gehen wir hin? — Seht Ihr dieſe kleine Kirche? ſagte Remy, ohne auf eine andere Weiſe auf das zu antworten, was Buſſy ſagte. He, gnaͤdiger Herr, was ſie ſtolz daſteht mit ih⸗ rer Fagade auf die Straße und ihrem gewoͤlbten Chore — 57— auf den Kloſtergarten! Ich wette, daß Ihr ſie bis auf den heutigen Tag niemals bemerkt habt! — In der That, ſagte Buſſy, ich kannte ſie nicht. Und Buſſy war nicht der einzige Adelige, welcher niemals dieſe Kirche der heiligen Maria von Egypten betreten hatte, eine ausſchließlich von den Volksklaſſen beſuchte Kirche, auch unter dem Namen der Kapelle Quoqheron bekannt war. — Nun denn, ſagte Remy, jetzt, wo Ihr wißt, wie dieſe Kirche heißt, gnaͤdiger Herr, und Ihr das Aeußere derſelben hinlaͤnglich betrachtet, ſo laßt uns in dieſelbe eintreten, und Ihr werdet die gemalten Schei⸗ ben des Schiffes ſehen, ſie ſind ſehenswerth. Buſſy blickte le Haudoin an, und er ſah auf dem Geſichte des jungen Mannes ein ſo freundliches Laͤcheln, daß er verſtand, der junge Arzt habe einen anderen Zweck dabei, ihn in die Kirche treten zu laſſen, als nur die Fenſterſcheiben zu ſehen, die man nicht ſehen konnte, weil es Nacht war. Aber es gab dort noch etwas Anderes, das man ſe⸗ hen konnte, denn das Innere der Kirche war fuͤr das Abendgebet erleuchtet: naͤmlich die kunſtloſen Malereien des XVI. Jahrhunderts, wie deren Italien Dank ſeinem ſchoͤnen Klima noch viele aufdewahrt hat, waͤhrend bei uns die Feuchtigkeit auf der einen Seite und die Zer⸗ ſtoͤrungswuth auf der anderen an unſeren Waͤnden dieſe Ueberlieferungen eines verfloſſenen Zeitalters und dieſe Beweiſe eines Glaubens, der nicht mehr beſteht, um die Wette ausgeloͤſcht haben. — 58— In der That, der Maler hatte fuͤr Franz den I. und im Auftrag dieſes Koͤnigs, das Leben der heiligen Maria von Egypten in Fresko gemahlt; nun aber hatte der Kuͤnſtler, ein treuherziger Bildermacher und großer Freund der Wahrheit, wo nicht der der anatomiſchen, doch zum Mindeſten der hiſtoriſchen, unter der Zahl der intereſſanteſten Gegenſtaͤnde dieſes Lebens, an einem am Meiſten ins Auge fallenden Orte der Kapelle den wun⸗ derlichen Moment angebracht, wo die heilige Maria, welche kein Geld hatte um den Schiffer zu bezahlen, ſich ſelbſt als Bezahlung fuͤr ihre Ueberfahrt anbietet. Jetzt aber muͤſſen wir zur Anerkennung der Wahr⸗ heit ſagen, daß, trotz der Verehrung der Glaͤubigen fuͤr die bekehrte Maria von Egypten, gar viele ehrbare Frauen des Viertels fanden, daß der Maler dieſen Ge⸗ genſtand haͤtte weglaſſen oder ihn zum Mindeſten auf eine minder ungekuͤnſtelte Weiſe haͤtte behandeln koͤnnen, und der Grund, den ſie angaben, oder den ſie vielmehr nicht angaben, war, daß gewiſſe Umſtaͤnde des Fresko⸗ bildes zu oft die Augen der jungen Ladenburſchen ab⸗ wandten, welche ihre Herrn, die Tuchkraͤmer, an Sonn⸗ und Feſttagen mit ſich in die Kirche nahmen. Buſſy blickte le Haudoin an, welcher, auf einen Augenblick Ladenburſche geworden, dieſem Gemaͤlde eine große Aufmerkſamkeit ſchenkte. — Haſt Du etwa die Abſicht, ſagte er zu ihm, mit Deiner Kapelle der heiligen Maria von Egypten ana⸗ kreontiſche Gedanken in mir entſtehen zu laſſen? Wenn — 59— dem ſo iſt, ſo irrſt Du Dich in der Art. Du mußt Moͤnche und Studenten hierher fuͤhren. — Gott bewahre mich davor! ſagte le Haudoin. Omnis cogitatio libidinosa cerebrum infccit. — Nun, und dann? Hm! So hoͤrt doch, man kann ſich indeſſen die Au⸗ gen nicht ausreißen, wenn man hier eintritt. — Sag an, Du hatteſt einen anderen Zweck, in⸗ dem Du mich hierher fuͤhrteſt, nicht wahr, als mich die Kniee der heiligen Maria von Egypten ſehen zu laſſen? — Meiner Treue, nein, ſagte Remy. — Dann habe ich geſehen, laß uns gehen.— — Geduld! Da endigt der Gottesdienſt. Wenn wir jetzt hinausgingen, wuͤrden wir die Glaͤubigen ſtoͤren. — Ah! Da entfernt ſich Jedermann, ſagte Remy. Machen wir es wie die Anderen, wenn es Euch gefaͤl⸗ lig iſt. Buſſy ging mit ſichtlicher Gleichguͤltigkeit und Zer⸗ ſtreutheit nach der Thuͤre. — Nun, ſagte le Haudoin, da wollt Ihr hinausge⸗ hen ohne Weihwaſſer zu nehmen? Wo der Teufel habt Ihr denn den Kopf? Wie ein Kind gehorchend, ging Buſſy nach der Saͤule, in welcher der Weihkeſſel angebracht war. Le Haudoin benutzte dieſe Bewegung, um einer Frau einen Wink des Einverſtaͤndniſſes zu geben, welche auf den Wink des jungen Arztes von ihrer Seite aus nach derſelben Saͤule zuſchritt, nach welcher Buſſy ging. In dem Augenblicke, wo der Graf die Hand nach — 60— dem von zwei Egyptiern aus ſchwarzem Marmor ge⸗ tragenen Weihkeſſel in Geſtatt einer Muſchel ausſtreckte, ſtreckte ſich demnach auch eine ein wenig dicke und ein wenig rothe Hand, welche indeſſen eine Frauenzimmer⸗ hand war, nach der ſeinigen aus, und befeuchtete ihre Finger mit dem Reinigungswaſſer. Buſſy konnte ſich nicht enthalten, ſeine Augen von der dicken und rothen Hand nach dem Geſichte der Frau zu richten; aber augenblicklich wich er um einen Schritt zuruͤck und erbleichte ploͤtzlich, denn er hatte in der Ei⸗ genthuͤmerin dieſer Hand Gertruden, halb unter einem Schleier von ſchwarzer Wolle verborgen, erkannt. Er blieb mit ausgeſtrecktem Arme ſtehen, ohne dar⸗ an zu denken, das Zeichen des Kreuzes zu machen, waͤhrend Gertrude ihn gruͤßend voruͤberging und den Schattenriß ihrer hohen Geſtalt unter der Vorhalle der kleinen Kirche zeigte. Zwei Schritte hinter Gertruden, deren kraͤftige Ell⸗ bogen Platz machten, kam eine, ſorgfaͤltig in einen ſei⸗ denen Mantel gehuͤllte Frau, eine Frau, deren feine und jugendliche Formen, deren reizender Fuß, deren ſchlanker Wuchs Buſſy daran denken ließ, daß es auf der Welt nur einen Wuchs, nur einen Fuß, nur eine Geſtalt gaͤbe, welche dieſen glichen. Remy hatte ihm Nichts mehr zu ſagen, er ſah ihm nur zu; Buſſy verſtand jetzt, warum ihn der junge Mann in die Straße Saint⸗Marie rEgyptienne gefuͤhrt und in die Kirche hatte treten laſſen. 61 Buſſy folgte dinar Frau, le Haudoin folgte Buſſy. — 61— Dieſe Proceſſion von vier Geſtalten, die ſich gleich⸗ maͤßigen Schrittes folgten, waͤre luſtig anzuſehen gewe⸗ ſen, wenn die Traurigkeit und die Blaͤſſe von zweien unter ihnen nicht grauſame Leiden verrathen haͤtten. Immer vorausgehend, wandte ſich Gertrude um die Ecke der Straße Montmartre, that einige Schritte in dieſer Straße, dann trat ſie ploͤtzlich rechts in eine Gaſſe ohne Ausgang, auf welche aber eine Thuͤre den Ausgang hatte. — Buſſy zoͤgerte. — Nun, Herr Graf, fragte Remy, Ihr wollt alſo, daß ich auf Eure Ferſen trete? Buſſy ſetzte ſeinen Weg fort. Gertrude, welche immer vorausging, zog einen Schluͤſſel aus ihrer Taſche und ließ ihre Gebieterin ein⸗ treten, welche an ihr voruͤberging ohne den Kopf um⸗ zuwenden. Le Haudoin ſagte der Zofe ein Paar Worte, trat zur Seite und ließ Buſſy voruͤber; dann traten Ger⸗ trude und er mit einander ein, verſchloſſen die Thuͤre, und die Sackgaſſe war wieder einſam. Es war halb acht Uhr Abends, und die erſten Tage des Mai naheten heran; bei der lauen Luft, welche die erſten Athemzuͤge des Fruͤhlings andeuteten, begannen ſich die Blaͤtter im Schooße ihrer ſich ſpaltenden Huͤllen zu entwickeln. BUuſſy blickte um ſich und befand ſich in einem klei⸗ nen Garten von funfzig Fuß ins Gevierte, mit ſehr ho⸗ hen Mauern umgeben, auf deren Gipfel der wilde Wein⸗ —ſ 5 5 ⁵ ſtock und der Epheu, ihre neuen Sproſſen ſchießend, von Zeit zu Zeit einige Stuͤckchen Gips herabfallen lie⸗ ßen, indem ſie in der Nachtluft jenen herben und kraͤfti⸗ gen Wohlgeruch verbreiteten, den die Friſche des Abends ihren Blaͤttern entlockt. Lange, luſtig den Spalten der alten Kirchenmauer entſproßende gelbe Violen oͤffneten ihre gleich lauterem Kupfer rothen Knospen.. Endlich erſchuͤtterten die erſten in der Morgen⸗ ſonne aufgebrochenen Hollundern mit ihren lieblichen Duͤften den noch unſchluͤſſigen Kopf des jungen Mannes, der ſich frug, ob ſo viel Wohlgeruͤche, Waͤrme und Le⸗ ben ihm, der vor kaum einer Stunde ſo allein, ſo ſchwach und ſo verlaſſen geweſen, nicht einzig und allein durch die Gegenwart einer ſo inniggeliebten Frau kaͤmen. Unter einer Laube von Jasmin und Waldreben, ſaß Diana auf einer kleinen, an die Kirchenmauer ge⸗ lehnten hoͤlzernen Bank mit geſenkter Stirn und ſchlaff herabhaͤngenden Haͤnden, und man ſah, zwiſchen ihren Fingern zerknittert, eine Levkoje ſich entblaͤttern, die ſie abbrach, ohne es zu wiſſen, und deren Blumen ſie auf dem Sande zerſtreuete. In dieſem Augenblicke begann eine, in einem be⸗ nachbarten Kaſtanienbaume verborgene Nachtigall ihren langen und melancholiſchen, von Zeit zu Zeit mit gleich Raketen glaͤnzenden Toͤnen untermiſchten Geſang. Buſſy war mit Frau von Monſoreau allein in die⸗ ſem Garten, denn Remy und Gertrude hielten ſich ent⸗ fernt; er naͤherte ſich ihr; Diana erhob den Kopf. 5— 63— — Herr Graf, ſagte ſie mit ſchuͤchterner Stimme, jede Ausrede waͤre unſerer unwuͤrdig: wenn Ihr mich ſo eben in der Kirche der heiligen Maria von Egypten ge⸗ funden habt, ſo iſt es nicht der Zufall, der Euch dort⸗ hin gefuͤhrt hat.. 1 — Nein, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, le Haudoin iſt es, der mich auszugehn zwang, ohne mir zu ſagen, zu welchem Zwecke, und ich ſchwoͤre Euch, daß ich nicht wußte.. — Ihr irrt Euch uͤber den Sinn meiner Worte, mein Herr, ſagte Diana traurig. Ja, ich weiß es wohl, daß Herr Remy Euch nach der Kirche gefuͤhrt hat, und das vielleicht mit Gewalt. 1 — Guaͤdige Frau, ſagte Buſſy, es geſchah nicht mit Gewalt... Ich wußte nicht, wen ich dort ſehen wuͤrde. — Das iſt ein hartes Wort, Herr Graf, murmelte Diana, indem ſie den Kopf ſchuͤttelte und ihren feuchten Blick zu Buſſy erhob. Habt Ihr die Abſicht mir zu verſtehen zu geben, daß Ihr, wenn Ihr Remys Ge⸗ heimniß gekannt, ihn nicht begleitet haͤttet? — O, gnaͤdige Frau.. — Das iſt natuͤrlich, das iſt gerecht, mein Herr, Ihr habt mir einen ausgezeichneten Dienſt erwieſen, und ich habe Euch noch nicht einmal fuͤr Eure Artigkeit gedankt. Verzeihet mir, und genehmigt meinen innig⸗ ſten Dank. — Gnaͤdige Frau.. Buſſy unterbrach ſich; er war ſo ſehr beſtuͤrzt, 5 K 3 — 64— daß er weder Worte, noch Gedanken in ſeiner Gewalt hatte. — Aber ich habe Euch beweiſen wollen, fuhr Diana fort, indem ſie feuriger wurde, daß ich weder eine un⸗ dankbare Frau, noch ein Herz ohne Gedaͤchtniß bin. Ich bin es, die Herrn Remy gebeten hat, mir die Ehre einer Unterredung mit Euch zu verſchaffen; ich bin es, die dieſe Zuſammenkunft beſtimmt hat; verzeiht mir, wenn ich Euch mißfallen habe. Buſſy druͤckte eine Hand auf ſein Herz. — O, gnaͤdige Frau, ſagte er, Ihr denkt das nicht. Dieſes arme gebrochene Herz begann wieder zur Be⸗ ſinnung zu kommen, und es ſchien ihm, als ob dieſe liebliche Abendluft, welche ihm ſo ſuße Wohlgeruͤche und und ſo zaͤrtliche Worte zutrug, ihm zu gleicher Zeit eine Wolke von den Augen naͤhme. — Ich weiß, fuhr Diana fort, welche die Staͤrkere war, weil ſie ſich ſeit langer Zeit auf dieſe Unterredung vorbereitet hatte, ich weiß, wie viel Muͤhe Ihr gehabt habt, meinen Auftrag auszufuͤhren. Ich kenne Euer ganzes Zartgefuͤhl. Seid feſt uͤberzeugt, ich kenne Euch und ich ſchätze Euch. Urtheilt demnach, was ich bei dem Gedanken habe leiden muͤſſen, daß Ihr die Gefuͤhle meines Herzens verkennen moͤgtet. — Gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, ſeit drei Tagen bin ich krank. — Ja, ich weiß es, antwortete Diana mit einem Erroͤthen, welches alle die Theilnahme verrieth, die ſie an dieſer Krankheit nahm, und ich litt mehr als Ihr, denn Herr Remy taͤuſchte mich ohne Zweifel, Herr Re⸗ my ließ mich glauben... — Daß Euer Vergeſſen mein Leiden verurſache. O, das iſt wahr. — Ich habe demnach thun muͤſſen, was ich thue, Graf, erwiderte Frau von Monſoreau. Ich ſehe Euch, ich danke Euch fuͤr Eure guͤtige Sorgfalt, und ich ſchwoͤre Euch eine ewige Dankbarkeit.... Glaubt Ihr jetzt, daß ich aus Herzensgrund ſpreche? Buſſy ſchuͤttelte traurig den Kopf und antwortete nicht. — Zweifelt Ihr an meinen Worten? begann Diana wieder. — Gnaͤdige Frau, antwortete Buſſy, diejenigen, welche Freundſchaft fuͤr Jemanden haben, bezeugen dieſe Freundſchaft, wie ſie es vermoͤgen; Ihr wußtet mich an dem Abende Eurer Vorſtellung bei Hofe in dem Palaſte; Ihr wußtet mich Euch gegenuͤber, Ihr mußtet meinen Blick auf Eurer ganzen Perſon laſten fuͤhlen, und Ihr habt nicht ein einziges Mal die Augen auf mich gerichtet; Ihr habt mir weder durch ein Wort, noch durch eine Geber⸗ de, noch durch einen Wink zu verſtehen gegeben, daß Ihr wuͤßtet, daß ich da waͤre; am Ende habe ich Un⸗ recht, gnaͤdige Frau; vielleicht habt Ihr mich nicht er⸗ kannt; Ihr hattet mich nur zwei Male geſehen. Diana antwortete durch einen Blick ſo betruͤbten Vorwurfes, daß Buſſy davon bis auf den Grund ſeiner Seele erſchuͤttert wurde. Die Dame von Monſoreau. Vierter Bande f — 66.— — Verzeihung, gnaͤdige Frau, Verzeihung, ſagte er; Ihr ſeid keine Frau, wie alle die Anderen, und dennoch handelt Ihr wie die gewoͤhnlichen Frauen. Dieſe Hei⸗ rath? — Wißt Ihr nicht, wie ich gezwungen geweſen bin, ſie zu ſchließen? — Ja, aber ſie war leicht zu brechen! — Im Gegentheile, unmoͤglich. — Aber Nichts ſagte Euch alſo, daß ein treu er⸗ gebener Mann uͤber Euch wachte? Diana ſchlug die Augen nieder. — Das war es beſonders, was mir Furcht machte, ſagte ſie. — und dieſer Ruͤckſicht habt Ihr mich geopfert? O, bedenkt, was mir das Leben iſt, ſeitdem Ihr einem Anderen angehoͤrt! — Mein Herr, ſagte die Graͤfin voller Wuͤrde, eine Frau wechſelt ihren Namen nicht, ohne daß ein großer Nachtheil fuͤr ihre Ehre daraus hervorgeht, wenn zwei Maͤnner leben, von denen der Eine den Namen traͤgt, den ſie ablegt, und der Andere den, welchen ſie ange⸗ nommen hat. — Gewiß bleibt immer, daß Ihr den Namen Mon⸗ ſoreau aus Vorzug behalten habt.— — Das glaubt Ihr? ſtammelte Diana. Um ſo beſſer! Und ihre Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen. Buſſy, welcher ſah, wie ſie ihr Haupt wieder auf ihren Buſen herabſinken ließ, ging aufgeregt vor ihr auf und ab. — 67— — Kurz, ſagte Buſſy, ich bin jetzt wieder gewor⸗ den, was ich war, das heißt ein Fremder fuͤr Euch. — Ach! ſeufzte Diana. — Euer Schweigen ſagt es hinlaͤnglich. — Ich kann nur durch mein Schweigen ſprechen. — Euer Schweigen, gnaͤdige Frau, iſt die Fort⸗ ſetzung Eures Empfanges im Louvre. Im Louvre ſahet Ihr mich nicht; hier ſprecht Ihr nicht. — Im Louvre war ich unter den Augen des Herrn von Monſoreau, Herr von Monſoreau achtete auf mich, und er iſt eiferſuͤchtig. — Eiferſuͤchtig? Und was bedarf er denn, mein Gott! Welches Glück kann er beneiden, wenn alle Welt ſein Gluͤck beneidet! — Ich ſage Euch, daß er eiferſuͤchtig iſt, mein Herr; ſeit einigen Tagen hat er Jemanden um unſere neue Wohnung herumſtreifen ſehen. — Ihr habt alſo das kleine Haus der Straße Saint⸗Antoine verlaſſen? — Wie! rief Diana durch ein unuͤberlegtes Gefuͤhl hingeriſſen aus. Ihr waret dieſer Mann alſo nicht? — Gnaͤdige Frau, ſeitdem Eure Ehe oͤffentlich be⸗ kannt gemacht iſt, ſeitdem Ihr vorgeſtellt worden ſeid, kurz ſeit jenem Abend im Louvre, wo Ihr mich nicht ge⸗ wuͤrdigt habt, mich anzublicken, liege ich zu Bett, das Fieber verzehrt mich, ich ſterbe; Ihr ſeht, daß Euer Gatte zum Mindeſten nicht auf mich eiferſuͤchtig ſein kann, da ich es nicht bin, den er in der Umgebung Eu⸗ res Hauſes hat ſehen koͤnnen. 5* — 68— — Nun denn, Herr Graf, wenn es wahr iſt, wie Ihr mir ſagt, daß Ihr einiges Verlangen hattet, mich wieder zu ſehen, ſo dankt dieſem unbekannten Manne; denn, da ich Herrn von Monſoreau kenne, wie ich ihn kenne, hat mich dieſer Mann fuͤr Euch zittern laſſen, und ich habe Euch ſehen wollen, um Euch zu ſagen: Setzt Euch nicht ſo in Gefahr, Herr Graf, macht mich nicht noch ungluͤcklicher, als ich es bereits bin. — Beruhigt Euch, gnaͤdige Frau; ich wiederhole es Euch, ich war es nicht. — Jetzt laßt mich Euch vollends ſagen, was ich Euch zu ſagen habe. In der Furcht vor dieſem Man⸗ ne, den wir nicht kennen, den aber Herr von Monſo⸗ reau vielleicht kennt, verlangt er, daß ich Paris verlaſſe; ſo daß, fuͤgte Diana hinzu, i em ſie Buſſy die Hand reichte, ſo daß Ihr, Herr G dieſe Unterredung als die letzte betrachten koͤnnt. Morgen reiſe ich nach Me⸗ ridor ab. — Ihr geht, gnaͤdige Frau! rief Buſſy aus. — Es giebt nur dieſes Mittel, um Herrn von Mon⸗ ſoreau zu beruhigen; es giebt nur dieſes Mittel, um meine Ruhe wieder zu finden. Außerdem verabſcheue ich meiner Seits Paris, verabſcheue die Welt, den Hof, das Louyre. Ich bin gluͤcklich, mich mit meinen Ju⸗ genderinnerungen abzuſondern; ich meine, daß, wenn ich wieder die Pfade meiner jungen Jahre betrete, auch wieder ein Wenig des vergangenen Gluͤckes gleich einem milden Thau auf mein Haupt zuruͤckſinken wird. Mein Vater begleitet mich. Ich werde dort Herrn und Frau 8 — 69— von Saint⸗Luc wiederfinden, die bedauern, mich nicht bei ſich zu haben. Lebt wohl, Herr von Buſſy! Buſſy verbarg ſeſn Geſicht in ſeine beiden Haͤnde. — Nun denn, murmelte er, fuͤr mich iſt Alles aus. — Was ſagt Ihr da? rief Diana aus, indem ſie aufſtand. — Ich ſage, gnaͤdige Frau, daß dieſer Mann, der Euch verbannt, daß dieſer Mann, der mir die einzige Hoffnung raubt, die mir geblieben, naͤmlich die, dieſelbe Luft zu athmen, als Ihr, Euch hinter einem Laden zu erblicken, Euer Kleid im Vorbeigehen zu beruͤhren, kurz, ein lebendes Weſen und nicht einen Schatten anzubeten, ich ſage, ich ſage, ie ann mein Todfeind iſt⸗ und daß ich, muͤ mit meinen Haͤ Elende! rief Buſſy aus. Wie, es iſt nicht genug fuͤr ihn, Euch zur Frau zu haben, Euch, das ſchoͤnſte und das zuͤchtigſte Weſen, er iſt auch noch ei⸗ ferſuͤchtig! Eiferſuͤchtig! Laͤcherliches und verzehrendes Ungeheuer, er wuͤrde die Welt verſchlingen. — O, beruhigt Euch, Graf, beruhigt Euch, mein Gott!... Er iſt vielleicht zu entſchuldigen. — Er iſt zu entſchuldigen, Ihr vertheidigt ihn, gnaͤdige Frau?— — O, wenn Ihr wuͤßtet! ſagte Diana, indem ſie ihr Geſicht mit ihren beiden Haͤnden bedeckte, als ob ſie gefuͤrchtet haͤtte, daß Buſſy trotz der Dunkelheit die Roͤthe bemerken moͤgte, die es uͤberzog. — 70— — Wenn ich wuͤßte? wiederholte Buſſy. Ei, gnaͤ⸗ dige Frau, ich weiß Eines, naͤmlich, daß man Unrecht hat, an die uͤbrige Welt zu denken, wenn man Euer Gatte iſt. — Aber, ſagte Diana, mit ſtockender, dumpfer, gluͤhender Stimme, aber wenn Ihr Euch irrtet, Herr Graf, wenn er es nicht waͤre! Und mit ihrer kalten Hand die gluͤhenden Haͤnde Buſſys beruͤhrend, ſtand die junge Frau bei dieſen Wor⸗ ten auf und entfloh leicht wie ein Schatten in die dunkeln Umwege des k rtens, ergriff Gertrudens Arm, und verſchwand fortzog, bevor Buſ⸗ ſy, trunken, ausgelaſſe rahlend, nur ver⸗ ſucht hatte die Arme au ſie zurückzuhalten. Er ſtieß einen Schrei o ſich wankend. Remy kam gerade nen Armen aufzufangen zu laſſen, welche Diana ſo tben vertaſſen. — N. Wie Epernons Wamms zerriſſen, und wie Schomberg blau gefaͤrbt wurde. Während Meiſter La Huridre Unterſchriften auf Un⸗ terſcheiften aufhaͤufte, waͤhrend Chicot Gorenflot in das Gaſthaus zum Fuͤllhorn einſperrte, waͤhrend Buſſy in dem gluͤckſeligen kleinen Garten voller Wohlgeruͤche, Geſang und Liebe wieder zum Leben zuruͤckkehrte, war Heinrich, finſter uͤber Alles das, was er in der Stadt geſehen, erzuͤrnt uͤber die Predigten, welche er in der Stadt gehoͤrt, wuͤthend uͤber die geheimnißvollen, ſeinem Bruder Anjou zu Theil werdenden Gruͤße, den er in Begleitung des Herrn von Guiſe und des Herrn von Mayenne und mit einem ganzen Gefolge von Edelleu⸗ ten, welche Herr von Monſoreau anzufuͤhren ſchien, in der Straße Saint⸗Honorè vor ſich hatte voruͤberkom⸗ men ſehen, war Heinrich, ſagen wir, in Geſellſchaft Maugirons und Quélus in das Louvre zuruͤckgekehrt. Der Koͤnig war, ſeiner Gewohnheit nach, mit ſei⸗ nen vier Freunden ausgegangen; aber einige Schritte weit vom Louvre hatten Schomberg und Epernon, ge⸗ langweilt, Heinrich ſorgenvoll zu ſehen, und darauf rechnend, daß es in Mitte eines ſolchen Durcheinanders Ausſichten zu Vergnuͤgen und Abenteuern geben muͤßte, das erſte Gedraͤnge benutzt, um an der Ecke der Straße de l'Astruce zu verſchwinden, und waͤhrend der Koͤnig und ſeine beiden Freunde ihre Wanderung uͤber den Kai fortſetzten, hatten ſie ſich durch die Straße Orleans fort⸗ reißen laſſen. Sie hatten keine Hundert Schritte gethan, als Je⸗ der bereits ſeinen Handel hatte. Epernon hatte ſein Blasrohr zwiſchen die Beine eines Buͤrgers geſteckt, welcher lief, und der durch den Streich zehn Schritte weit weggerollt war, und Schomberg hatte den Kopf⸗ putz einer Frau abgenommen, die er fuͤr haͤßlich und alt gehalten hatte, und die durch Zufall jung und huͤbſch war. Aber alle Beide hatten ihren Tag ſchlecht gewaͤhlt, um ſich an dieſen guten, gewoͤhnlich ſo geduldigen Pa⸗ riſern zu vergreifen, jenes Fieber der Empoͤrung, welches zuweilen ploͤtzlich ſeine Fluͤgeln in den Mauern der Haupt⸗ ſtaͤdte ruͤhrt, lief durch die Straßen; der zu Boden ge⸗ worfene Buͤrger war wieder aufgeſtanden, und hatte ge⸗ rufen: Parpaillot! Er war ein Eifriger, man glaubte es, und fiel uͤber Epernon her. Die ihres Kopfputzes he⸗ raubte Frau hatte gerufen: Mignon, was noch weit —Y ſchlimmer war, und ihr Gatte, der ein Faͤrber war, hatte ſeine Geſellen auf Schomberg gehetzt. Schomberg war tapfer, er blieb ſtehen, wollte den Stolzen ſpielen und legte die Hand an ſein Schwerdt. D'Epernon war vorſichtig, er entfloh. Heinrich hatte ſich nicht mehr um ſeine beiden Mig⸗ nons bekümmert, er kannte ſie, daß ſie ſich gewoͤhnlich alle Beide aus Haändeln zogen; der Eine durch ſeine langen Beine, der Andere durch ſeine Arme; er hatte demnach ſeine Runde gemacht, wie wir geſehen haben, und als er ſeine Runde gemacht, war er in das Louvre zuruͤckgekommen. Er war in ſein Waffenkabinet zuruͤckgekehrt, und in ſeinem großen Seſſel ſitzend, zitterte er vor Unge⸗ duld, indem er einen guten Grund ſuchte, in Zorn zu gerathen. Maugiron ſpielte mit Narciß, dem großen Wind⸗ hunde des Koͤnigs. Die Faͤuſte gegen ſeine Wangen gedruͤckt, hatte ſich Qulus auf ein Kiſſen gekauert, und blickte Heinrich an. — Sie gehen, ſie gehen, ſagte der Koͤnig. Ihr Complott macht Fortſchritte; bald Tiger, bald Schlan⸗ gen, wenn ſie nicht ſpringen, ſo kriechen ſie. — Ei, Sire, ſagte Quélus, giebt es etwa nicht im⸗ mer Complotte in einem Koͤnigreiche? Was der Teufel wollt Ihr, daß die Soͤhne der Koͤnige, die Brüder der Koͤnige, die Vettern der Koͤnige machen ſollten, wenn ſie nicht complottirten. 8 —— — Seht, in Wahrheit, Quélus, mit Euren abge⸗ ſchmackten Manieren und Euren dicken aufgedunſenen Backen kommt Ihr mir gerade vor, als ob Ihr in der Politik ſo ſtark waͤret, als der Hanswurſt auf dem Sanct⸗ Laurentius Jahrmarkte. Quélus drehete ſich auf ſeinem Kiſſen, und wandte dem Koͤnige unehrerbietiger Weiſe den Ruͤcken zu. — Sagt an, Maugiron, begann Heinrich wieder, habe ich Recht oder Unrecht, Gottes Tod, und darf man mich mit Albernheiten und mit Gemeinplaͤtzen einwiegen, als ob ich ein gewoͤhnlicher Koͤnig oder ein Wollhaͤndler ware, der ſeine Lieblingskatze zu verlieren fuͤrchtet? — Ei, Sire, ſagte Maugiron, der immer und in allen Punkten Quélus Meinung war, wenn Ihr kein gewoͤhnlicher Koͤnig ſeid, ſo beweiſet es, indem Ihr den großen Koͤnig macht. Was der Teufel, ſeht hier Nar⸗ ciß; es iſt ein guter Hund, er iſt ein gutmuͤthiges Thier; wenn man ihn aber an den Ohren zupft, ſo knurrt er, und wenn man ihm auf die Pfoten tritt, ſo beißt er. 5 — Gut, ſagte Heinrich, da vergleicht mich der An⸗ dere mit meinem Hunde. — Nicht doch, Sire, ſagte Maugiron; Ihr ſeht wohl, daß ich Narciß weit uͤber Euch ſtelle, da Narciß ſich zu vertheidigen weiß, und Eure Majeſtaͤt es nicht thut. 4 Und nun wandte auch er Heinrich den Ruͤcken. — Nun denn, da bin ich jetzt allein, ſagte der Koͤ⸗ nig; ſehr ſchoͤn, fahrt ſo fort, meine guten Freunde, wegen derer man mir vorwirft, das Reich zu Grunde zu richten; verlaßt mich, beleidigt mich, ermordet mn Alles; auf mein Ehrenwort, ich habe nur Henker um meine Perſon herum. Ach, Chicot, mein armer Chi⸗ cot, wo biſt Du? — Gut, ſaate Quélus, das fehlte uns nur noch. Da ruft er jetzt Chicot. — Das iſt ganz natuͤrlich, antwortete Maugiron. Und der Unverſchaͤmte begann zwiſchen ſeinen Zaͤh⸗ nen ein gewiſſes lateiniſches Sprichwort zu murmeln, das ins Deutſche uͤberſetzt bedeutet: Sag mir, mit wem Du umgehſt, und ich will Dir ſagen, wer Du biſt. Heinrich runzelte die Stirn, ein Blitz ſchrecklichen Zornes erleuchtete ſeine großen ſchwarzen Augen, und dieſes Mal war es zuverlaͤſſig wirklich ein koͤniglicher Blick, welchen der Fuͤrſt auf ſeine unbeſcheidenen Freunde ſchleuderte. A ber ohne Zweifel durch dieſen Halbwillen von Zorn erſchoͤpft, ſank Heinrich wieder auf ſeinen Stuhl zuruͤck, und rieb die Ohren eines der kleinen Hunde ſeines Korbes. In dieſem Augenblicke erſchallte ein raſcher Schritt in dem Vorzimmer, und Epernon erſchien ohne Falten⸗ muͤtze, ohne Mantel und mit ganz zerriſſenem Wammſe. Quzlus und Maugiron wandten ſich um, und Nar⸗ ciß ſtuͤrzte bellend auf den Neuangekommenen los, als — 76— ob er die Hofleute des Koͤnigs nur an den Kleidern er⸗ kenne. — Jeſus mein Gott! rief Heinrich aus. Was iſt Dir denn begegnet? — Sire, ſagte d'Epernon, ſeht mich an; auf dieſe Weiſe behandelt man die Freunde Eurer Majeſtaͤt. — Und wer hat Dich ſo behandelt? fragte der Koͤnig. — Gottes Tod! Euer Volk, oder vielmehr das Volk des Herrn Herzogs von Anjou, welches rief: Es lebe die Ligue, es lebe die Meſſe, es lebe Guiſe, es lebe Franz, kurz, es lebe alle Welt, ausgenommen Ihr. — und was haſt Du denn dieſem Volke gethan, daß es Dich ſo behandelt hat? — Ich? Nichts. Was wollt Ihr, daß ein Mann einem Volke thut. Es hat mich als einen Freund Eu⸗ rer Majeſtaͤt erkannt, und das war ihm genug. — Aber Schomberg? — Wie, Schomberg? — Schomberg iſt Dir nicht zu Huͤlfe gekommen, Schomberg hat Dich nicht vertheidigt? — Den Henker, Schomberg hatte genug fuͤr ſeine eigene Rechnung zu thun. — Wie das? 4 1 — Ja, ich habe ihn in den Haͤnden eines Faͤrbers verlaſſen, deſſen Frau er den Kopfputz abgenommen hat⸗ te, und der mit ſeinen fuͤnf bis ſechs Geſellen jm Be⸗ griffe war, ihm einen ſchlimmen Streich zu ſpielen. N — Bei Gottes Tod! rief der Koͤnig aus. Und wo haſt Du meinen armen Schomberg verlaſſen? ſagte Heinrich, indem er aufſtand. Ich werde ihm ſelbſt Huͤlfe eilen. Vielleicht wird man ſagen koͤnnen, daß meine Freunde mich verlaſſen haben, fuͤgte Heinrich hin⸗ zu, indem er Maugiron und Quslus anblickte, aber man wird zum Mindeſten nicht ſagen, daß ich dieſelben ver⸗ laſſen habe. — Ich danke Euch, Sire, ſagte eine Stimme hin⸗ ter Heinrich, ich danke Euch, da bin ich, Gott ſoll mich verdammen, ich habe mich ganz allein herausgezogen, aber das geſchah nicht ohne Muͤhe. — O, Schomberg, das iſt die Stimme Schom⸗ bergs, riefen die drei Mignons aus, Aber wo der Teu⸗ fel biſt Du? — Bei Gott, wo ich bin, Ihr ſeht mich ja, rief dieſelbe Stimme aus. und in der That, aus dem dunkeln Hintergrunde des Kahinettes ſah man, nicht einen Menſchen, ſondern einen Schatten heranſchreiten. — Schomberg! rief der Koͤnig aus. Woher kommſt Du, und warum haſt Du dieſe Farbe? In der That, Schomberg war, vom Kopf bis zu den Fuͤßen, ohne Ausnahme irgend eines Theiles ſeiner Kleider oder ſeiner Perſon, von dem ſchoͤnſten Koͤnigsblau, das zu ſehen moͤglich war. — Der Teufel! rief er aus. Die Elenden! Ich. — 1— wundere mich nicht mehr, daß dieſes ganze Volk mir hlief. 1 — Aber was iſt denn geſchehen? fragte Heinrich. Wenn Du gelb waͤreſt, ſo ließe ſich das durch die Furcht erklaͤren; aber blau? — Was geſchehen iſt? Die Schelme haben mich in eine Blaukuͤpe getaucht; ich habe geglaubt, daß ſie mich ganz einfach in eine Waſſerkuͤpe tauchten, und ſie haben mich in eine Indigokuͤpe getaucht. O, Gottes Tod! ſagte Quélus, indem er in Ge⸗ laͤchter ausbrach. Sie ſind durch das beſtraft, wodurch ſie geſuͤndigt haben. Der Indigo iſt ſehr theuer, und Du traͤgſt ihnen zum Mindeſten fuͤr zwanzig Thaler Farbe fort. — Ich rathe Dir zu ſcherzen, ich haͤtte Dich an meiner Stelle ſehen moͤgen. G — und Du haſt nicht irgend Einem das Garaus gemacht? fragte Maugiron. — Ich habe irgendwo bis an das Heft in eine Scheide von Fleiſch geſtoßen, meinen Dolch zuruͤckge⸗ laſſen, das iſt Alles, was ich weiß; aber in einem Nu war Alles geſchehen, ich bin ergriffen, aufgehoben, fort⸗ getragen, in eine Kuͤpe getaucht und faſt erſaͤuft worden. — Und wie haſt Du Dich aus ihren Haͤnden ge⸗ rettet? 4 4 — Ich habe den Muth gehabt eine Feigheit zu be⸗ gehen, Sire. — Und was haſt Du gethan? — Ich habe gerufen: es lebe die Ligue! — Wie ich, ſagte d'Epernon; nur hat man mich gezwungen hinzuzufuͤgen: es lebe der Herzog von Anjou! — Und mich auch, ſagte Schomberg, indem er vor Wuth die Faͤuſte ballte; auch ich habe es gerufen. Aber das iſt nicht Alles. — Wie, ſagte der Koͤnig, ſie haben Dich noch et⸗ was Anderes rufen laſſen, mein armer Schomberg? — Nein, ſie haben mich nichts Anderes rufen laſ⸗ ſen, und das iſt, bei Gott, wohl genug; aber in dem Augenblicke, wo ich rief: es lebe der Herzog von An⸗ jou... — Nun? — Rathet, wer voruͤberging? — Wie ſoll ich das errathen? — Buſſy, ſein verdammter Buſſy, welcher mich ge⸗ hoͤrt hat, wie ich ſeinen Herrn habe leben laſſen. — Wahr iſt, daß er Nichts davon hat begreifen muͤſſen, ſagte Quslus. — Bei Gott, was es ſchwer war zu ſehen, was voorging, ich hatte den Dolch an der Gurgel und war in einer Kuͤpe. — Wie, ſagte Maugiron, er hat Dir keine Huͤlfe geleiſtet? Das iſt man ſich indeſſen unter Edelleuten ſchuldig. — Er, es ſcheint, daß er an ganz andere Dinge zu denken hatte; es fehlten ihm nur noch Fluͤgel um davon zu fliegen; kaum beruͤhrte er den Boden noch. — 80— — und dann, ſagte Maugiron, wird er Dich viel⸗ leicht nicht erkannt haben! — Ein ſchoͤner Grund! — Warſt Du ſchon blau gefaͤrbt? — Ah, das iſt richtig, ſagte Schomberg. 1 — In dieſem Falle waͤre er zu entſchuldigen, ſagte Heinrich, denn in Wahrheit, mein armer Schomberg, ich ſelbſt erkenne Dich nicht. — Gleichviel, ſagte der junge Mann, der nicht um⸗ ſonſt von deutſcher Abkunft war, wir werden uns an⸗ derswo, als an der Ecke der Straße Coquillière und an einem Tage wiederfinden, wo ich in keiner Blaukuͤpe bin. — O, ſagte d'Epernon, ich bin nicht boͤs auf den Diener, ſondern auf den Herrn; Buſſy iſt es nicht, mit dem ich zu thun haben moͤgte, ſondern Seine Gnaden, der Herzog von Anjou. — Ja, ja, ſagte Schomberg, Seine Gnaden, der Herzog von Anjou, der uns durch die Laͤcherlichkeit um⸗ bringen will, bis er uns durch den Dolch umbringt. — An den Herzog von Anjou, deſſen Lob man in den Straßen ſang.— Ihr habt es gehoͤrt, Sire, ſag⸗ ten Quslus und Maugiron mit einander. ⸗ — Wahr iſt es, daß er in dieſem Augenblicke Her⸗ zog nnd Meiſter in Paris iſt, und nicht mehr der Koͤ⸗ nig; verſucht ein Wenig auszugehen, ſagte d'Epernon zu ihm, und Ihr werdet ſehen, ob man Euch mehr re⸗ ſpectiren wird, als uns. — 81— — Ha, mein Bruder, mein Bruder, murmelte Heinrich im drohenden Tone. — Ach ja, Sire, Ihr werdet noch gar manches Mal ſagen, wie Ihr ſo eben geſagt habt:— Ha, mein Bruder, mein Bruder, ohne irgend einen Entſchluß ge⸗ gen dieſen Bruder zu faſſen, ſagte Schomberg; indeſſen erklaͤre ich Euch, und es iſt fuͤr mich erwieſen, dieſer Bruder iſt das Haupt irgend eines Complottes. — Ei, Gottes Tod! ſagte Heinrich. Das ſagte ich gerade dieſen Herrn, als Du vorhin eintrateſt, d'Eper⸗ non; aber ſie haben mir mit Achſelzucken geantwortet, und indem ſie mir den Ruͤcken kehrten. 4— Sire, ſagte Maugiron, wir haben die Achſeln gezuckt und den Ruͤcken gewandt, nicht weil Ihr uns ſagtet, daß ein Complott beſtaͤnde, ſondern weil wir Euch nicht geneigt ſahen, es zu unterdruͤcken. — und jetzt, ſagte Quslus, wenden wir uns wieder nach Euch um, um Euch nochmals zu ſagen: rettet uns, Sire, oder vielmehr, rettet Euch, denn wenn wir gefallen ſind, ſo ſeid Ihr todt. Denn morgen kommt Herr von Guiſe ins Louvre, morgen wird er verlangen, daß Ihr der Ligue ein Oberhaupt ernennt; morgen werdet Ihr den Herzog von Anjou ernennen, wie Ihr es zu thun verſprochen habt, und dann, ſobald der Her⸗ zog von Anjou einmal Oberhaupt der Ligue, das heißt, an der Spitze von Hundert Tauſend, durch die Gelage dieſer Nacht erhitzten Pariſern iſt, wird der Herzog von Anjou mit Euch machen, was ihm beliebt. Die Dame von Monſoreau. Bierter Band. — Ah, ah, ſagte Heinrich, und im Falle eines aͤu⸗ ßerſten Entſchluſſes waͤret Ihr alſo geneigt mir beizu⸗ ſtehen?. — Ja, Sire, antworteten die jungen Leute einſtim⸗ mig. — Vorausgeſetzt indeſſen, Sire, ſagte d'Epernon, daß Eure Majeſtaͤt mir Zeit laͤßt eine andere Falten⸗ mütze aufzuſetzen, und einen anderen Mantel und ein anderes Wamms anzulegen. 88 3 — Geh in meine Garderobe, d'Epernon, und mein Kammerdiener wird Dir Alles das geben; wir ſind von demſelben Wuchſe. — und vorausgeſetzt, daß Ihr mir Zeit laßt, ein Bad zu nehmen. 8 — Geh in meine Badſtube, Schomberg, und mein Bader wird fuͤr Dich ſorgen. — Sire, ſagte Schomberg, wir duͤrfen alſo hoffen, daß der Schimpf nicht ungeraͤcht bleiben wird? Heinrich ſtreckte die Hand zum Zeichen des Schwen gens aus, und indem er den Kopf auf ſeine Bruſt ſenk⸗ te, ſchien er tief nachzudenken. Dann, nach Verlauf eines Augenblickes ſagte er: — Erkundigt Euch, Quélus, ob der Herr Herzog von Anjou in das Louvre zuruͤckgekehrt iſt. Qulus verließ das Zimmer, d'Epernon und Schom⸗ berg erwarteten mit den Anderen Quélus Antwort, ſo ſehr hatte ſich ihr Eifer durch das Drohende der Ge⸗ fahr wieder belebt; man ſieht die Matroſen nicht waͤh⸗ * 4 — 83— rend des Sturmes widerſpenſtig, ſondern waͤhrend des . ruhigen Wetters. — Sire, fragte Maugiron, Eure Majeſtaͤt faßt alſo 3 einen Entſchluß? — Ihr werdet ſehen, erwiderte der Koͤnig. Qulus kehrte zuruͤck. — DOer Herzog iſt noch nicht zuruͤckgekehrt, ſagte er. — Es iſt gut, antwortete der Koͤnig; wechſelt die Kleider, d'Epernon; wechſelt die Farbe, Schomberg, n und Ihr, Quélus, und Ihr, Maugiron, geht in den n Hof hinab, und haltet gute Wache, bis daß mein Bru⸗ der zuruͤckkehrt. — Und wenn er zuruͤckkehrt? fragte Quelus. — Wenn er zuruͤckkehrt, ſo laßt Ihr alle Thuͤren verſchließen; geht. — u— n— Bravo, Sire! ſagte Quélus. 1 8— Sire, ſagte d'Epernon, in zehn Minuten bin ich 1, hier. 4 — Ich, Sire, ich kann nicht ſagen, wann ich hier 8 ſein werde, das wird von der Eigenſchaft der Farbe ab⸗ k⸗ haͤngen, ſagte Schomberg. — Kommt ſobald als moͤglich, antwortete der Koͤ⸗ nig, das iſt Alles, was ich Euch zu ſagen habe. g— Aber Eure Majeſtaͤt wird alſo allein bleiben? feagte Maugiron. n⸗ 3— Nein, Maugiron, Gott iſt bei mir, den ich um ſo ſeinen Schutz fuͤr unſer Unternehmen bitten will. —— Bittet ihn recht, Sire, ſagte Quélus; denn ich fange an zu glauben, daß er ſich mit dem Teufel ver⸗ 6*¼½ — 84— ſteht, um uns Alle mit einander, in dieſer und in jener Welt in die Verdammniß zu ſtuͤrzen. — Amenl ſagte Maugiron. Die beiden jungen Leute, welche Wache halten ſoll⸗ ten, gingen durch die eine Thuͤre hinaus. Die Beiden, welche das Koſtuͤm wechſeln ſollten, entfernten ſich durch die andere. Allein geblieben, kniete der Koͤnig vor ſeinem Bet⸗ pulte nieder. — — 85— VI. Chicot wird immer mehr und mehr der Koͤnig von Frankreich. Es ſchlug Mitternacht; die Thore des Louvre ſchloſſen ſich gewoͤhnlich um Mitternacht. Aber Heinrich hatte kluͤglich berechnet, daß der Herzog von Anjou nicht ermangeln wuͤrde, an dieſem Abend im Louvre zu ſchla⸗ fen, um dem Argwohne weniger Raum zu geben, wel⸗ chen der Aufruhr in Paris waͤhrend dieſes Abends in dem Geiſte des Koͤnigs entſtehen laſſen konnte. Der Koͤnig hatte demnach befohlen, daß die Whore bis ein Uhr offen bleiben ſollten. Um ein Viertel auf Eins kam Quelus wieder herauf. — Sire, ſagte er, der Herzog iſt zuruͤckgekehrt. — Was macht Maugiron? — Er iſt als Schildwache geblieben, um zu ſehen, ob der Herzog nicht wieder ausgehen wird. — Es hat keine Gefahr. — 86— — Dann,... ſagte Quelus, indem er eine Be⸗ wegung machte, um dem Koͤnige anzudeuten, baß er nur noch zu handeln haͤtte. — Dann... laſſen wir ihn ſich ruhig zu Bette de⸗ gen, ſagte Heinrich. Wen hat er bei ſich? — Herrn von Morſorean und ſeine gewohnlichen Hofleute. — Und Herr von Buſſy? — Herr von Buſſy iſt nicht da. — Gut! ſagte der Koͤnig, dem es eine große Er⸗ jeichterung war, ſeinen Bruder ſeines beſten Schwerdtes beraubt zu wiſſen.. — Was befiehlt der Koͤnig? fragte Quelus. — Daß man d'Epernon und Schomberg ſage, ſich zu beeilen, und daß man Herrn von Monſoreau melde, daß ich ihn zu ſprechen wuͤnſche. Quelus verneigte ſich und entledigte ſich des Auf⸗ trags mit aller der Schnelligkeit, welche das in demſel⸗ ben Herzen vereinigte Gefuͤhl des Haſſes und das Ver⸗ langen nach Rache dem menſchlichen Willen verleihen koͤnnen. Fuͤnf Minuten nachher traten d' Epernon und Schom⸗ berg wieder ein, der Eine neu gekleidet, der Andere auf das Heftigſte gewaſchen; nur die Vertiefungen des Ge⸗ ſichts hatten eine blaͤuliche Farbe behalten, welche nach der Ausſage des Baders erſt in Folge mehrerer Dampf⸗ baͤder vergehen wuͤrden. — — 87— Nach den beiden Mignons erſchien Herr von Mon⸗ ſarem, Der Herr Kapitain der Garden Eurer Majeſtaͤt hat mir ſo eben gemeldet, daß Sie mir die Ehre erzeigt, mich zu Sich zu berufen, ſagte der Oberjaͤgermeiſter, in⸗ dem er ſich verneigte. — Ja, mein Herr, ſagte Heinrich, ja, als ich heute Abend ſpazieren ging, habe ich die Sterne ſo glaͤn⸗ zend und den Mond ſo ſchoͤn geſehn, daß ich gemeint, wir koͤnnten bei ſo prachtvollem Wetter morgen eine koͤſt⸗ liche Jagd veranſtalten; es iſt erſt Mitternacht, Herr Graf, brecht demnach augenblicklich nach Vincennes auf; laßt mir einen Hirſch umſtellen, und morgen haben wir ihn. — Aber, Sire, ſagte Monſoreau, ich glaubte, daß Eure Majeſtaͤt Seiner Gnaden von Anjou und Herrn von Guiſe die Ehre einer Zuſammenkunft beſtimmt haͤt⸗ ten, um ein Oberhaupt der Ligue zu ernennen. — Nun, mein Herr, und dann? ſagte der Koͤnig mit jenem ſtolzen Tone, auf den es ſo ſchwer war, zu antworten. — Und dann, Sire... und dann wird die Zeit vielleicht fehlen. — Die Zeit fehlt niemals demjenigen, Herr Oberjaͤ⸗ germeiſter, der ſie anzuwenden verſteht; deshalb ſage ich Euch: Ihr habt Zeit, aufzubrechen, vorausgeſetzt, daß Ihr auf der Stelle aufbrecht. Ihr habt Zeit, heute Nacht einen Hirſch zu umſtellen, und Ihr werdet Zeit — 88— haben, das Jagdgeraͤth fuͤr morgen fruͤh um zehn Uhr bereit zu halten. So geht denn und auf der Stelle! Quelus und Schomberg, laßt Herrn von Monſoreau das Thor des Louvre in meinem Auftrage, im Auftrage des Koͤnigs oͤffnen, und laßt es, immer im Auftrage des Koͤnigs, wieder verſchließen, ſobald er hinaus iſt. Der Oberjaͤgermeiſter verließ ganz erſtaunt das Zimmer. — Es iſt alſo eine Laune des Koͤnigs? fragte er die beiden jungen Leute in dem Vorzimmer. — Ja, antworteten dieſe lakoniſch. Herr von Monſoreau ſah, daß von dieſer Seite Nichts zu erforſchen gab, und er ſchwieg. — O, o, murmelte er in ſeinem Innern, indem er einen Blick nach der Seite der Zimmer des Herzogs von Anjou warf, es ſcheint, daß das nicht gut fuͤr Seine Koͤnigliche Hoheit riecht. Aber es war keine Moͤglichkeit vorhanden, dem Prinzen einen Wink zu geben; Quelus und Schomberg hielten ſich, der Eine zur Rechten, der Andere zur Lin⸗ ken des Oberjaͤgermeiſters. Einen Augenblick lang glaubte er, daß die beiden Mignons beſondere Auftraͤge haͤtten und ihn gefangen hielten, und erſt als er ſich außerhalb des Louvres befand und er das Thor wieder hinter ſich verſchließen hoͤrte, ſah er ein, daß ſein Argwohn nicht begruͤndet war. 3 Nach Verlauf von zehn Minuten waren Quelus und Schomberg zu dem Koͤnige zuruͤckgekehrt. ⸗ —— — 89— — Jetzt, ſagte Heinrich, ſtill, und folgt mir alle Vier. — Wo gehen wir hin, Sire? fragte Epernon, im⸗ mer vorſichtig. — Diejenigen, welche kommen, werden es ſehen⸗ ſagte der Koͤnig. — Laßt uns gehen! ſagten die vier jungen Leute mit einander. Die Mignons ſchnallten ihre Schwerdter um, befe⸗ ſtigten ihre Maͤntel und folgten dem Koͤnige, der, eine Laterne in der Hand, ſie durch den geheimen Gang fuͤhrte, den wir kennen, und durch welchen wir ſchon mehr als ein Mal die Koͤnigin⸗Mutter und Koͤnig Karl den 1X. ſich zu ihrer Tochter und zu ihrer Schweſter, dieſer guten Margot, haben begeben ſehen, deren Zim⸗ mer, wie wir bemerkt, der Herzog von Anjou einge⸗ nommen hatte. Ein Kammerdiener wachte in dieſem Gange; aber bevor er Zeit gehabt hatte, ſich zuruͤckzuziehen, um ſei⸗ nem Herrn zu melden, hatte ihn Heinrich mit ſeiner Hand ergriffen, indem er ihm zu ſchweigen gebot, und hatte ihn ſeinen Begleitern zugeſchoben, die ihn in ein Kabinet gedraͤngt und eingeſchloſſen hatten. Es war alſo der Koͤnig, der ſelbſt die Thuͤre des Zimmers oͤffnete, in welchem Seine Gnaden, der Her⸗ zog von Anjou ſchlief. Eingewiegt durch die Traͤume des Ehrgeizes, welche alle die Ereigniſſe des Abends in ihm hatten entſtehen — 90— laſſen; hatte ſich der Herzog ſo eben zu Bett gelegt: er hatte ſeinen Namen erhoben und den Namen des Koͤnigs geſchmaͤht geſehen. Von dem Herzoge von Guiſe gefuͤhrt, hatte er geſehen, wie das Pariſer Volk ihm und ſeinen Hofleuten Platz machte, waͤhrend die Hof⸗ leute des Koͤnigs verſpottt, verhoͤhnt, beſchimpft worden waren. Seit dem Beginn dieſer langen Laufbahn ſo voll geheimer Raͤnke, ſchuͤchterner Complotte und heim⸗ licher Schliche, war er noch niemals ſo weit in der Volksthuͤmlichkeit und demzufolge in der Hoffnung vor⸗ an geweſen. Er hatte ſo eben auf ſeinen Tiſch einen Brief ge⸗ legt, welchen ihm Herr von Monſoreau von Seiten des Herzogs von Guiſe uͤbergeben, welcher ihm zu gleicher Zeit anempfehlen ließ, nicht zu ermangeln, ſich am fol⸗ genden Morgen bei dem Lever des Koͤnigs einzufinden. Der Herzog von Anjou bedurfte einer ſolchen An⸗ empfehlung nicht, und er hatte ſich feſt vorgenommen, ſich nicht ſelbſt zur Stunde des Triumphes bloszuſtellen. Aber ſeine Ueberraſchung war groß, als er di Thuͤre des geheimen Ganges ſich oͤffnen ſah, und ſein— Entſetzen war auf das Hoͤchſte geſtiegen, als er erkannte, 4 daß ſie ſich ſo unter der Hand des Koͤnigs geoͤffnet haͤtte. Heinrich gab ſeinen Begleitern einen Wink, auf der 3 Schwelle der Thuͤre ſtehen zu bleiben, und ſchritt ernſt, mit gerunzelter Stirn und ohne ein Wort zu ſprechen, an das Bett ſeines Bruders. — Sire, ſtammelte der Herzog, die Ehre, welche mir Eure Majeſtaͤt erzeigt, iſt ſo unerwartet... — 91— — Daß ſie Euch erſchreckt, nicht wahr? ſagte der Koͤnig. Ich begreife das; aber nein, nein, bleibt liegen, mein Bruder, ſteht nicht auf. — Aber, Sire, indeſſen... erlaubt, ſagte der Herzog zitternd, indem er den Brief des Herzogs von Guiſe an ſich zog, den er ſo eben geleſen hatte. — Ihr laſet? fragte der Koͤnig. — Ja, Sire. — Eine intereſſante Lektuͤre, ohne Zweifel, da ſie Euch zu dieſer ſpaͤten Stunde der Nacht wach hielt? — O, Sire, antwortete der Herzog mit einem ei⸗ ſigen Laͤcheln, nichts ſehr Wichtiges, die kleine Abend⸗ poſt. — Ja, außerte Heinrich, ich begreife das, Abend⸗ poſt, Venuspoſt; aber nein, ich irre mich, man verſie⸗ gelt die Billette, die man durch Iris oder durch Mer⸗ cur uͤberbringen laͤßt, nicht mit Siegeln von einem ſol⸗ chen Umfange. Der Herzog verbarg den Brief gaͤnzlich. — Was er verſchwiegen iſt, dieſer liebe Franz, ſagte der Koͤnig mit einem Lachen, das zu ſehr einem Flet⸗ ſchen der Zähne glich, als daß ſein Bruder nicht dar⸗ uͤber entſetzt geweſen waͤre. Indeſſen nahm er ſich zuſammen, und Drſachte wieder einige Sicherheit anzunehmen. — Will Eure Majeſtaͤt mir Etwas im Berkenuen ſagen? fragte der Herzog, dem eine Bewegung der vier an der Thuͤre gebliebenen Edelleute verrathen hatte, daß — 92— ſie horchten und ſich uͤber den Anfang des Auftrittes be⸗ luſtigten.— — Das, was ich Euch im Vertrauen zu fagen habe, Monſieur, ſagte der Koͤnig, indem er dieſes Wort be⸗ tonte, welches dasjenige war, welches das Ceremoniel von Frankreich den Bruͤdern der Koͤnige bewilligt, wer⸗ det Ihr Euch gefallen laſſen, daß ich es Euch heute in Gegenwart von Zeugen ſage. He da, Ihr Herren, fuhr er fort, indem er ſich nach den vier jungen Leuten um⸗ wandte, horcht wohl auf, der Koͤnig erlaubt es Euch. Der Herzog erhob den Kopf. — Sire, ſagte er mit dieſem Blicke voller Haß und Gift, den der Menſch der Schlange entlehnt hat, bevor Ihr einen Mann meines Ranges beleidigt, haͤttet Ihr mir die Gaſtfreundſchaft des Louvres verweigern muͤſſen; in dem Hotel Anjou waͤre ich zum Mindeſten Herr ge⸗ weſen, Euch zu antworten. — In Wahrheit, ſagte Heinrich mit einem ſchreck⸗ lichen Spotte, Ihr vergeßt alſo, daß uͤberall, wo Ihr ſeid, Ihr mein Unterthan ſeid, und daß meine Un⸗ terthanen überall, wo ſie ſind, bei mir ſind, denn, Gott ſei Dank, ich bin der Koͤnig!... Der Koͤnig des Bodens!... — Sire, rief Franz aus, ich bin hier im Louvre, ... bei meiner Mutter. — und Eure Mutter. iſt bei mir, antwortete Hein⸗ rich. Nun denn, machen wir keine Umſchweife, Mon⸗ ſieur: Gebt mir dieſes Papier! ⸗ -— 93— — Welches? — Das, welches Ihr laſet, bei Gott! Das, wel⸗ ches ganz offen auf Eurem Nachttiſche lag und das Ihr verſteckt habt, als Ihr mich geſehen. — Sire, bedenkt! ſagte der Herzog. — Was fragte der Koͤnig. — Daß Ihr eine eines guten Edelmannes unwuͤr⸗ dige Forderung an mich ſtellt, die aber dagegen eines Haͤſchers Eurer Pollzei wuͤrdig iſt. Der Koͤnig wurde todtenbleich. — Dieſen Brief, Monſieur! ſagte er. — Ein Brief von einer Frau, Sire, bedenkt! ſagte Franz. — Es giebt Briefe von Frauen, von denen es ſehr gut iſt, daß man ſie ſieht, ſehr gefaͤhrlich, wenn man ſie nicht ſieht, ein Beweis ſind die welche unſere Mut⸗ ter ſchreibt. 3 — Mein Bruder! ſagte Franz. — Dieſen Brief, Monſieur, rief der Koͤnig aus, in⸗ dem er mit dem Fuße ſtampfte, oder ich laſſe ihn Euch durch vier Schweizer nehmen! Der Herzog ſprang aus ſeinem Bette, indem er den zuſammengeballten Brief in ſeinen Haͤnden hielt und mit der deutlichen Abſicht, das Kamin zu erreichen, um ihn in's Feuer zu werfen. 8 — Ihr wuͤrdet das Eurem Dender anthun? ſagte er. Heinrich errieth ſeine Abſicht, und ſtellte ſich zwiſchen ihn und das Kamin. — Nicht meinem Bruder, ſagte er, ſondern meinem groͤßten Todfeinde! Nicht meinem Bruder, ſondern dem Herzoge von Anjou, der ſich den ganzen Abend hindurch an den Schwanz von dem Pferde des Herrn von Guiſe geklammert in den Straßen von Paris herumgetrieben hat! Meinem Bruder, der verſucht, mir den Brief des Einen oder des Andern ſeiner Mitſchuldigen, der Herren Prinzen von Lothringen zu verbergen. — Fuͤr dieſes Mal, ſagte der Herzog, iſt Eure Po⸗ lizei ſchlecht unterrichtet. — Ich ſage Euch, daß ich auf dem Siegel dieſe drei merkwürdigen Voͤgel von Lothringen geſehen habe, welche ſich anmaßen, die Lilien von Frankreich zu ver⸗ ſchlingen. So gebt ihn denn, Gottes Tod! Gebt ihn, oder... Heinrich that einen Schritt auf den Herzog zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Franz hatte kaum die Koͤnigliche Hand auf ſich la⸗ ſten fuͤhlen, er hatte kaum mit einem ſchiefen Blicke die drohende Haltung der vier Mignons betrachtet, welche das Schwerdt aus der Scheide zu ziehen begannen, als er, auf die Kniee ſinkend und halb gegen ſein Bett zuruͤckge⸗ worfen, ausrief: — Zu Huͤlfe! Zu Huͤlfe! Mein Bruder will mich umbringen! 3 Dieſe Worte, durchdrungen von einem Ausdrucke 8 tiefen Schreckens, wie ihn die Ueberzeugung verleiht, machten Eindruck auf den Koͤnig und erloͤſchten ſeinen Zorn gerade dadurch, daß er die Ueberzeugung fur groͤ- && d ßer hielt, als ſie war. Er dachte, daß Franz wirklich einen Mord fuͤrchten koͤnnte, und daß dieſer Mord ein Bruder⸗Mord geweſen waͤre. Nun uͤberſiel es ihn wie ein Schwindel bei dem Gedanken, daß ſeine Familie, eine verfluchte Familie, wie alle diejenigen, in welchen ein Geſchlecht erloͤſchen ſoll, es uͤberfiel ihn ein Schwindel bei dem Gedanken, daß in ſeiner Familie die Bruͤder der Sage nach die Bruͤder ermordeten. — Nein, ſagte er, Ihr irrt Euch, mein Bruder, und der Koͤnig will Euch kein Leid der Art zufuͤgen, das Ihr befuͤrchtet; wenigſtens habt Ihr gekaͤmpft, er⸗ klaͤrt Euch fuͤr uͤberwunden. Ihr wißt, daß der Koͤnig der Herr iſt, oder, wenn Ihr es nicht wußtet, ſo wißt Ihr es jetzt. Nun denn! Sagt es, nicht bloß leiſe⸗ ſondern auch laut. — O, ich ſage es, mein Bruder, ich erklaͤre es, rief der Herzog aus. — Sehr ſchoͤn. Dieſen Brief dann... denn der Koͤnig befiehlt Euch, ihm dieſen Brief herauszugeben. Deerr Herzog von Anzou ließ das Papier fallen. Der Koͤnig raffte es auf, und ohne es zu leſen, faltete er es zuſammen und ſteckte es in ſeine Taſche. — Iſt das Alles, Sire? ſagte der Herzog mit ſei⸗ nem ſchielenden Blicke. — Nein, Monſieur, ſagte Heinrich, fuͤr dieſe Em⸗ poͤrung, welche gluͤcklicher Weiſe keine traurigen Folgen gehabt hat, muͤßt Ihr gefaͤlligſt das Zimmer huͤten bis daß mein Verdacht gegen Euch gaͤnzlich verſcheuch⸗ — 96— worden iſt. Ihr ſeid hier, das Zimmer iſt Euch ver⸗ traut, bequem, und hat nicht zu ſehr das Anſehn eines Gefaͤngniſſes; bleibt darin. Ihr werdet gute Geſell⸗ ſchaft haben, zum Mindeſten von der andern Seite der Thuͤre, denn fuͤr heute Nacht werden dieſe vier Herrn Euch bewachen; morgen fruͤh werden ſie durch einen Schweizer⸗Poſten abgeloͤſet werden. — Aber meine Freunde, werde ich ſie nicht ſehen koͤnnen? — Wen nennt Ihr Eure Freunde? — Ei, Herrn von Monſoreau, zum Beiſpiele, Herrn von Ribeirac, von Antraguet, von Buſſy. — Ah, ja doch! ſagte der Koͤnig. Sprecht auch noch von dem! — Sollte er das Unglück gehabt haben, Eure Ma⸗ jeſtaͤt zu mißfallen? — Ja, ſagte der Koͤnig. — Wann das? — Immer, und heute Nacht ins Beſondere. — Heute Nacht? Was hat er denn heute Nacht ge⸗ than?— ſchimpfen laſſen. — Euch, Sire! — Ja, mich, oder meine Getreuen, was daſſelbe iſt. — Buſſy hat heute Nacht Jemanden in den Stra⸗ ßen von Paris beſchimpfen laſſen? Man hat Euch ge⸗ taͤuſcht, Sire! — Er hat mich in den Straßen von Paris be⸗ 4 —8„„ — 9— — Ich weiß, was ich ſage, Monſieur. — Sire, rief der Herzog mit einer Stimme des Triumphes aus, Herr von Buſſy hat ſeit zwei Tagen ſein Hotel nicht verlaſſen! Er iſt zu Haus, zu Bett, krank, vom Fieber geſchuͤttelt. Der Koͤnig wandte ſich nach Schomberg um. — Wenn das Fieber ihn ſchuͤttelte, ſagte der junge Mann, ſo war es zum Mindeſten nicht zu Haus, ſon⸗ dern in der Straße Coqutlllisre. —— Wer hat Euch geſagt, fragte der Herzog von Anjou, indem er ſich erhob, daß Buſſy in der Straße Coquilliere war? — Ich habe ihn geſehen. — Ihyr habt Buſſy außer ſeiner Wohnung geſehn? — Buſſy, friſch, munter, vergnuͤgt, und er ſchien der gluͤcklichſte Menſch von der Welt zu ſein, und war begleitet in ſeinem gewoͤhnlichen Akolythen, dieſem Re⸗ my, dieſem Knappen, dieſem Arzte, was weiß ich! — Dann begreife ich Nichts mehr davon, ſagte der — Herzog auf das Hoͤchſte erſtaunt; ich habe Herrn von Buſſy am Abende geſehen; er lag unter ſeinen Decken; er muß mich ſelbſt betrogen haben. — Es iſt gut, ſagte der Koͤnig, Herr von Buſſy wiinrd beſtraft werden, wie die Anderen und mit den An⸗ deren, ſo bald die Sache ſich aufklaͤren wird. Der Herzog, welcher meinte, daß das ein Mittel waͤre, den Zorn des Koͤnigs von ſich abzuwenden, wenn ler ihn ſich uͤber Buſſy ergießen ließe, verſuchte nicht Die Dame von Monſoreau. Vierter Pand. 7 — 98— weiter die Vertheidigung ſeines Cavaliers zu uͤberneh⸗ men. — Wenn Herr von Buſſy das gethan hat, ſagte er, wenn er, nachdem er ſich geweigert hat, mit mir auszugehen, allein ausgegangen iſt, ſo ruͤhrt das daher, daß er ohne Zweifel wirklich Abſichten gehabt hat, die er mir, deſſen treue Ergebenheit fuͤr Eure Majeſtaͤt er kennt, nicht eingeſtehen konnte. — Ihr hoͤrt, meine Herrn, was mein Bruder be⸗ hauptet, ſagte der Koͤnig; er behauptet, daß er Herrn von Buſſy nicht bevollmaͤchtigt hat.. — Um ſo beſſer, ſagte Schomberg. — Warum um ſo beſſer? — Weil dann Eure Majeſtaͤt uns vielleicht das thun laſſen wird, was wir wollen. — Es iſt gut, es iſt gut, man wird ſpaͤterhin ſe⸗ hen, ſagte Heinrich. Meine Herrn, ich empfehle Euch meinen Bruder an, habt fuͤr ihn waͤhrend dieſer ganzen Nacht, wo Ihr die Ehre haben werdet, ihm als Wache zu dienen, alle die Nuͤckſichten, welche man fuͤr einen Prinzen von Gebluͤt hat, das heißt, fuͤr den Erſten des Koͤnigreiches nach mir. — O Sire, ſagte Quslus mit einem Blicke, wel⸗ cher den Herzog ſchaudern ließ, ſeid doch unbeſorgt, wir wiſſen Alles, was wir Seiner Hoheit ſchuldig ſind. — Es iſt gut, Gott befohlen, meine Herren, ſagte Heinrich. — Sire! rief der Herzog aus, weit entſetzter uͤber die Abweſenheit des Koͤnigs, als er uͤber ſeine Gegen⸗ wart geweſen war. Wie! Ich bin im Ernſte Gefange⸗ ner! Wie! Meine Freunde werden mich nicht beſuchen koͤnnen! Wie! Es wird mir verboten ſein, auszugehen! Und der Gedanke an den folgenden Tag ſtieg in ihm auf: an dieſen folgenden Tag, wo ſeine Gegen⸗ wart bei Herrn von Guiſe ſo nothwendig war. — Sire, ſagte der Herzog, welcher den Koͤnig be⸗ reit ſah, ſich erweichen zu laſſen, laßt mich zum Min⸗ deſten bei Eurer Majeſtaͤt erſcheinen duͤrfen; bei Eurer Majeſtaͤt iſt meine Stelle. Ich bin dort eben ſo gut, als anderswo Gefangener, und ſogar beſſer bewacht, als an allen moͤglichen Orten. Sire, bewilligt mir demnach die Gunſt, bei Eurer Majeſtaͤt zu bleiben. Der Koͤnig, auf dem Punkte, dem Herzoge von Anjou ſein Verlangen zu bewilligen, in welchem er au⸗ ßerdem nichts ſehr Unpaſſendes ſah, ſtand im Begriffe ja zu antworten, als ſeine Aufmerkſamkeit abgelenkt und durch einen ſehr langen und ſehr beweglichen Koͤrper nach der Thuͤre gezogen wurde, der mit den Armen, mit dem Kopfe, mit dem Halſe, kurz mit Allem, was er zu be⸗ wegen vermogte, die am Meiſten verneinenden Zeichen machte, die man erfinden und ausfuͤhren konnte, ohne ſich die Knochen zu verrenken. Chicot war es, welcher nein ſagte. — Nein, ſagte Heinrich zu ſeinem Bruder, Ihr be⸗ findet Euch hier ſehr gut, Monſieur, und es gefaͤllt mir, daß Ihr hier bleibt. — Sire... ſtammelte der Herzog. — Sobald es dem Koͤnige von Frankreich ſo gefaͤllt, 7.* — 400— ſo meine ich, daß Euch das genugen muß, Monſieur, fuͤgte Heinrich mit ſtolzer Miene hinzu, welche den Her⸗ zog vollends niederſchlug. Als ich ſagte, daß ich der wirkliche Koͤnig von Frankreich waͤre! murmelte Chicot... — 1¹⁰1— VII. Wie Chicot Buſſy einen Beſuch abſtattete, und was daraus hervorging. Am Morgen nach dieſem Tage, oder vielmehr nach dieſer Nacht, fruͤhſtuͤckte Buſſy gegen neun Uhr ruhig mit Remy, der ihm in ſeiner Eigenſchaft als Arzt ſtaͤrkende Nahrungsmittel verordnete; ſie unterhielten ſich uͤber die Ereigniſſe des vorigen Abends, und Remy ſuchte ſich auf die Legenden der Fresko⸗Bilder der klei⸗ nen Kirche Sanct⸗Maria aus Egypten zu beſinnen. — Sag doch, Remy, fragte ihn Buſſy ploͤtzlich, haſt Du nicht den Edelmann zu erkennen gemeint, den man in eine Blaukuͤpe tauchte, als wir an der Ecke der Straße Coquillisre voruͤbergekommen ſind? — Gewiß, Herr Graf, und ſelbſt in dem Grade, daß ich mich ſeit dieſem Augenblicke auf ſeinen Namen zu beſinnen ſuche. — Du haſt ihn alſo auch nicht erkannt? 192— — Nein. Er war bereits ſehr blau. — Ich haͤtte ihn befreien ſollen, ſagte Buſſy; fuͤr Leute von Stande iſt es Pflicht, ſich gegen den Poͤbel beizuſtehen; aber, wahrlich, Remy, ich war zu ſehr mit meinen eigenen Angelegenheiten beſchaͤftigt. — Aber wenn wir ihn nicht erkannt haben, ſagte le Haudoin, ſo hat zuverlaͤſſig er uns erkannt, die wir unſere natuͤrliche Farbe hatten, denn es hat mir ge⸗ ſchienen, als ob er entſetzliche Augen rollte, und als ob er uns die Fauſt zeigte, indem er uns einige Drohungen zuſandte. — Biſt Du deſſen gewiß, Remy? 2 — Ich ſtehe fuͤr die entſetzlichen Augen; aber ich bin minder gewiß uͤber die Fauſt und uͤber die Drohungen, ſagte le Haudoin, welcher den reizbaren Charakter Buſ⸗ ſys kannte. — Dann muß ich wiſſen, wer dieſer Edelmann iſt, Remy, ich kann eine ſolche Beleidigung nicht ſo hin⸗ gehn laſſen. — Wartet doch, wartet doch, rief le Haudoin aus, als ob er aus einem kalten Bade in heißes Waſſer ge⸗ kommen waͤre, o mein Gott! — Ich habe es, ich kenne ihn. — Wie das? — Ich habe ihn fluchen hoͤren. — Ich glaube es bei Gott wohl, Jedermann haͤtte in einer ſolchen Lage geflucht. — Ja, aber er hat auf Deutſch geflucht. — Bah! — Er hat geſagt: Gott verdamme. — Dann iſt es Schomberg. — Er ſelbſt, Herr Graf, er ſelbſt. — Dann, mein lieber Remy, dann mache Deine Salhen zurecht. 6 — Wozu das. — Weil es binnen Kurzem Etwas an ſeiner Haut oder an der meinigen auszuflicken geben wird. — Ihr werdet nicht ſo thoͤrigt ſein, Euch toͤdten zu laſſen, wo Ihr Euch ſo wohl befindet und ſo gluͤcklich ſeid, ſagte Remy, indem er mit den Augen blinzelte. Den Henker! Die heilige Maria von Egypten hat Euch bereits ein Mal wieder auferſtehen laſſen, ſie koͤnnte leicht muͤde werden ein Wunder zu thun, das unſer Herr Chri⸗ ſtus ſelbſt nur zwei Male verſucht hat. 4— Im Gegentheile, Remy, ſagte der Graf, Du haſt keinen Begriff von dem Gluͤcke, welches, wenn man gluͤcklich iſt, darin liegt, ſein Leben gegen das Leben eines anderen Menſchen auf das Spiel zu ſetzen. Ich verſichere Dich, daß ich mich niemals gern geſchla⸗ gen habe, wenn ich im Spiele hohe Summen verloren, wenn ich meine Geliebte bei einem Fehltritte uͤberraſcht, oder wenn ich mir irgend Etwas vorzuwerfen hatte; da⸗ gegen aber, wenn mein Beutel rund, mein Herz leicht und mein Gewiſſen rein iſt, ſo gehe ich jedes Mal kuͤhn und ſpoͤttiſch auf den Kampfplatz: dann bin ich meiner Hand ſicher. Ich leſe bis auf den Grund der Augen meines Gegners, den ich mit meinem Gluͤcke vernichte. Ich bin in der Lage eines Menſchen, der mit Gluͤck — 1— Wuͤrfel ſpielt, und der das Gold ſeines Gegners durch den Wind des Gluͤckes zu ſich getrieben fuͤhlt. Nein, dann bin ich glaͤnzend, meiner ſicher, dann falle ich tief aus. Heute wuͤrde ich mich wunder gut ſchlagen, Remy, ſagte der junge Mann, indem er dem Arzte die Hand reichte, denn durch Dich bin ich ſehr gluͤcklich! — Einen Augenblick, einen Augenblick, ſagte le Haudoin, Ihr werdet indeſſen gefaͤlligſt dieſem Vergnuͤ⸗ gen entſagen. Eine mir befreundete ſchoͤne Dame hat Euch mir anempfohlen und mich ſchwoͤren laſſen, Euch friſch und geſund zu erhalten, unter dem Vorwande, daß Ihr derſelben bereits das Leben ſchuldig waͤret, und man nicht die Freiheit hat, uͤber dasjenige zu verfuͤgen, was man ſchuldig iſt. — Guter Remy, ſagte Buſſy, indem er ſich in die unbeſtimmten Gedanken verlor, welche den Verliebten erlauben, Alles was man ſagt und was thut zu hoͤren und zu ſehen, wie man auf einem Theater die Gegen⸗ ſtaͤnde hinter einem Flore ohne ihre Ecken und ohne die Haͤrten ihrer Toͤne ſieht, ein koͤſtlicher Zuſtand, der faſt ein Traum iſt, denn, indem man immerhin mit der Seele ſeinem ſuͤßen und getreuen Gedanken folgt, hat man die Sinne durch die Rede oder die Geberde eines Freundes zerſtreut. — Ihr nennt mich guter Remy, ſagte le Haudoin, weil ich Euch Frau von Monſoreau habe wiederſehen laſſen, aber werdet Ihr mich noch guter Remy nennen, wenn Ihr von ihr getrennt ſein werdet, und ungluͤck — u △— — 105— licher Weiſe nahet der Tag heran, wenn er nicht ſchon⸗ gekommen iſt.. — Was beliebt? rief Buſſy heftig aus. Scherzt daruͤber nicht, Meiſter le Haudoin. — Ei, gnaͤdiger Herr, ich ſcherze nicht! Wißt Ihr nicht, daß ſie nach Anjou geht, und daß ich ſelbſt den Schmerz haben werde, von Jungfer Gertruden getrennt zu ſein?.. Ach! Buſſy konnte ſich bei der vorgeblichen Verzweifelung Remys des Laͤchelns nicht enthalten. — Du liebſt ſie ſehr? fragte er. — Ich glaube wohl... und ſie dann.. Wenn Ihr wuͤßtet, wie ſie mich ſchlaͤgt. — und Du laͤßt es Dir gefallen? — Aus Liebe zur Wiſſenſchaft; ſie hat mich genoͤ⸗ thigt, eine unfehlbare Pommade zu erfinden, um die blauen Flecken verſchwinden zu laſſen. — In dieſem Falle ſollteſt Du wohl Schomberg ei⸗ nige Toͤpfe davon ſchicken. — Sprechen wir nicht mehr von Schomberg, wir ſind einig, ihn ſich nach ſeinem Gefallen ſaͤubern zu laſſen. — Ja, und kommen wir auf Frau von Monſoreau, oder vielmehr auf Diana von Meridor zuruͤck, denn Du weißt... — O, mein Gott, ja, ich weiß. — Wenn reiſen wir ab, Remy? — Ah! Das hatte ich mir gedacht. So ſpaͤt als moͤg⸗ „Herk Graf. — Warum das? — Zuvoͤrderſt, weil wir dieſen lieben Herrn von Anjou in Paris haben, das Oberhaupt der Gemeinde, der ſich, wie mir ſcheint, geſtern Abend in ſolche Haͤn⸗ del gemiſcht hat, daß er augenſcheinlich Eurer beduͤrfen wird.. — Und dann? — und dann, weil Herr von Monſoreau durch ei⸗ nen ganz beſonderen Segen nicht ahnet, zum Mindeſten in Bezug auf Euch, und daß er vielleicht Etwas ahnen wuͤrde, wenn er Euch zu gleicher Zeit, als ſeine Frau, die ſeine Frau nicht iſt, aus Paris verſchwinden ſaͤhe. — Ei nun! Was liegt mir daran, wenn er Etwas ahnet? 3 — O ja, aber mir liegt daran Viel, mein lieber Herr. Ich uͤbernehme es, die im Duell empfangenen Schwerdt⸗Stoͤße wieder auszubeſſern, weil Ihr, der Ihr ein Fechter erſten Ranges ſeid, niemals ſehr ge⸗ faͤhrliche Schwerdtſtoͤße empfangen werdet, aber ich ſage 8 mich von den Dolchſtoͤßen los, die in Hinterhalten und beſonders von eiferſuͤchtigen Ehemaͤnnern gefuͤhrt werden, das ſind Thiere, die in ſolchen Faͤllen ſehr derb zuſto⸗ ßen; ſeht nur dieſen armen Herrn von Saint⸗Megrin, den unſer Freund Herr von Guiſe ſo boshafter Weiſe umgebracht hat. 1 4 — Was willſt Du, lieber Freund, wenn es in mei⸗ ner Beſtimmung liegt, von dem Monſoreau getoͤdtet zu werden? 4 — Nun? — 107— — Ei nun! So wird er mich toͤdten. — und dann, acht Tage, einen Monat, ein Jahr nachher, wird Frau von Monſoreau ihren Gatten hei⸗ rathen, was Eure arme Seele, die das von oben oder von unten ſehen wird, und die ſich dem nicht widerſetzen kann, da ſie keinen Koͤrper mehr hat, fuͤrchterlich raſend machen wird. 4 — Du haſt Recht, Remy, ich will leben. — Ja, Ihr habt Recht, aber glaubt mir, es iſt noch nicht Alles, zu leben, Ihr muͤßt auch noch meinen Rath befolgen, und liebenswuͤrdig gegen den Monſoreau ſein; er iſt fuͤr den Augenblick graͤßlich eiferſuͤchtig auf den Herzog von Anjou, der, waͤhrend Euch gluͤcklicher Weiſe das Fieber in Eurem Bette ſchuͤttelte, wie ein auf Liebesabenteuer ausgehender Spanier unter den Fen⸗ ſtern der Dame luſtwandelte, und der an ſeinem Aurilly erkannt worden iſt. Erweiſet dieſem guten Gatten, der es nicht iſt, alle Arten von Zuvorkommenheiten, habt nicht einmal das Anſehn ihn zu fragen, was aus ſeiner Frau geworden iſt; das iſt unnoͤthig, da Ihr es wißt, und er wird uͤberall verbreiten, daß Ihr der einzige Edelmann waͤret, der die Tugenden des Scipio beſaͤße: Maͤßigkeit und Züͤchtigkeit. — Ich glaube, daß Du Recht haſt, ſagte Buſſy. Jetzt, wo ich nicht mehr eiferſuͤchtig auf den Baͤren bin, will ich ihn zaͤhmen, das wird hoͤchſt komiſch ſein! Ha! jetzt, Remy, fordere von mir Alles, was Du willſt; Alles iſt mir leicht, ich bin gluͤcklich.. — 108— In dieſem Augenblicke klopfte man an die Thuͤre, die beiden Tiſchgenoſſen ſchwiegen. — Wer iſt da? fragte Buſſy. — Gunaͤdiger Herr, antwortete ein Page, es befindet ſich ein Edelmann unten, der Euch zu ſprechen wuͤnſcht. — Mich ſprechen, ſo fruͤh, wer iſt es — Ein großer Herr, in gruͤnen Sammet gekleidet, mit Roſa⸗Struͤmpfen, ein ein wenig laͤcherliches Ge⸗ ſicht, aber die Miene eines rechtſchaffenen Mannes. — Ei, dachte Buſſy laut, ſollte das Schomberg ſein? — Er hat geſagt: ein großer Herr. — Das iſt wahr, oder der Monſoreau? — Er hat geſagt: die Miene eines rechtſchaffenen Mannes. — Du haſt Recht, Remy, das kann weder der eine noch der andere ſein; laß ihn eintreten. Der gemeldete Mann erſchien nach Verlauf eines Augenblickes auf der Schwelle. — Ach, mein Gott! rief Buſſy aus, indem er bei dem Anblicke des Beſuches haſtig aufſtand, waͤhrend Remy als beſcheidener Freund ſich durch die Thuͤre eines Kabinets zuruͤckzog. — Herr Chicot! rief Buſſy aus. — Er ſelbſt, Herr Graf, antwortete der Gaskonier. Buſſys Blick hatte ſich mit jenem Erſtaunen auf ihn geheftet, welches mit allen Buchſtaben ausſprach, ohne daß der Mund im Mindeſten an der Unterredung Theil zu nehmen noͤthig hatte. ; 1 — — 109— — Mein Herr, was habt Ihr hier zu thun? Ohne weiter befragt zu ſein, antwortete demnach auch Chicot in ſehr ernſtem Tone: — Ich komme, Euch einen kleinen Handel vorzu⸗ ſchlagen, mein Herr. — Sprecht, mein Herr, erwiderte Buſſy uͤber⸗ raſcht. — Was verſprecht Ihr mir, wenn ich Euch einen großen Dienſt erwieſe? — Das haͤngt von dem Dienſte ab, mein Herr, antwortete Buſſy ziemlich geringſchaͤtzend. Der Gaskonier that, als ob er die geringſchaͤtzende Miene nicht bemerke. — Mein Herr, ſagte Chicot, indem er ſich ſetzte und ſeine langen Beine uͤber einander ſchlug, ich be⸗ merke, daß Ihr mir nicht die Ehre erzeigt, mich zum Sitzen einzuladen. Das Blut ſtieg Buſſy ins Geſicht. — Das iſt auch noch der Belohnung hinzuzufügen, ſagte Chicot, welche mir zu gute kommen wird, wenn ich Euch den in Rede ſtehenden Dienſt erwieſen haben werde.. Buſſy antwortete Nichts. — Mein Herr, fuhr Chicot fort, ohne aus der Faſſung zu kommen, kennt Ihr die Ligue? — Ich habe Viel von ihr ſprechen hoͤren, lantwor⸗ tete Buſſy, der anfing dem, was ihm der Gaskonier ſagte, eine gewiſſe Aufmerkſamkeit zu ſchenken. — Nun denn, mein Herr, ſagte Chicot, in die⸗ — 110— ſem Falle muͤßt Ihr wiſſen, daß ſie eine Verbindung rechtſchaffener Chriſten iſt, die ſich zu dem Zwecke ver⸗ einigt, ihre Nachbaren, die Hugenotten, frommer Weiſe zu ermorden.— Gehört Ihr zu der Ligue, mein Herr?— Ich, ich bin dabei. I — Aber, mein Herr? — Sagt nur ja oder nein. b — Erlaubt mir, mich zu verwundern, ſagte Buſſy. — Ich nahm mir die Ehre Euch zu fragen, ob Ihr zu der Ligue gehoͤrtet; habt Ihr mich verſtanden? — Herr Chicot, ſagte Buſſy, da ich kein Freund von den Fragen bin, deren Sinn ich nicht verſtehe, ſo bitte ich Euch, die Unterhaltung zu wechſeln, und ich werde noch einige, der Schicklichkeit bewilligte Minuten warten, um Euch zu ſagen, daß ich, da ich kein Freund der Fragen bin, natuͤrlicher Weiſe auch kein Freund der Frager bin. — Sehr ſchoͤn! Die Schicklichkeit ſchickt ſich, wie dieſer liebe Herr von Monſoreau ſagt, wenn er guter Laune iſt. Bei dem Namen Monſoreau, welchen der Gas⸗ konier ohne ſcheinbare Anſpielung ausſprach, wurde Buſſy von Neuem aufmerkſam. — Hm, ſagte er in ſeinem Inneren, ſollte er Et⸗ was ahnen, und ſollte er mir dieſen Chicot geſandt haben, um mich auszuſpioniren?... Dann ſagte er laut: — Laßt hoͤren, Herr Chicot, zur Sache, Ihr wißt, daß wir nur noch einige Minuten haben. — 111— — Optime, ſagte Chicot, einige Minuten, das iſt Viel, in einigen Minuten laͤßt ſich gar Manches ſagen; ich will Euch demnach ſagen, daß ich es in der That haͤtte unterlaſſen koͤnnen, Euch zu befragen, da, wenn Ihr nicht zu der heiligen Ligue gehoͤrt, Ihr ohne allen Zweifel bald dazu gehoͤren werdet, weil der Herr von Anjou dazu gehoͤrt. — Herr von Anjou, wer hat Euch das geſagt? — Er ſelbſt, mich perſoͤnlich ſprechend, wie die Herrn Advokaten ſagen oder vielmehr ſchreiben, wie zum Beiſpiele dieſer gute und liebe Herr Nicolas David ſchrieb, dieſe Fackel des forum parisiense, welche Fackel erloſchen iſt, ohne daß man weiß, wer ſie ausgeblaſen hat. Nun aber werdet Ihr wohl begreifen, daß, wenn der Herr Herzog von Anjou zu der Ligue gehoͤrt, Ihr nicht umhin koͤnnt, ihr anzugehoͤren, Ihr, der Ihr ſein rechter Arm ſeid. Was der Teufel! Die Ligue weiß zu gut, was ſie thut, um ein einarmiges Ober⸗ haupt anzunehmen. — Nun denn, Herr Chicot, weiter, ſagte Buſſy in einem Tone, der ſichtlich weit hoͤflicher war, als er es bis jetzt geweſen. — Weiter, erwiderte Chicot. Ei nun, wenn Ihr zu ihr gehoͤrt, oder wenn man nur glaubt, daß Ihr zu ihr gehoͤren muͤßtet, und man wird es zuverlaͤſſig glauben, ſo wird Euch das begegnen, was Seiner Koͤ⸗ niglichen Hoheit begegnet iſt. — Was iſt denn Seiner Koͤniglichen Hoheit begeg⸗ net? rief Buſſy aus. — Mein Herr, ſagte Chicot, indem er wieder aufſtand und die Haltung nachahmte, welche Buſſy ei⸗ nen Augenblick zuvor angenommen hatte, mein Herr, ich bin kein Freund von Fragen, und wenn Ihr mir erlaubt, es auf der Stelle zu ſagen, ich bin kein Frreund der Frager; ich habe demnach große Luſt, Euch das thun zu laſſen, was man heute Nacht Eu⸗ rem Herrn gethan hat. — Herr Chicot, ſagte Buſſy mit einem Laͤcheln, welches alle die Entſchuldigungen enthielt, welche ein Edelmann machen kann, ſprecht, ich bitte Euch, wo iſt der Herr Herzoge — Im Gefaͤngniß. — Wo das? 4 — In ſeinem Zimmer. Vier meiner guten Freunde bewachen ihn darin auf das Schaͤrfſte. Herr von Schom⸗ berg, der geſtern Abend blau gefaͤrbt worden iſt, wie Ihr wißt, da Ihr gerade in dem Augenblicke des Faͤr⸗ bens voruͤber ginget; Herr von Epernon, der gelb von der Furcht iſt, die er gehabt hat; Herr von Quélus, der roth vor Zorn iſt, und Herr von Maugiron, der weiß vor Langerweile iſt: das nimmt ſich ſehr ſchoͤn aus, weil, da der Herr Herzog vor Futcht gruͤn zu werden beginnt, wir Bevorrechtigte des Louvre den Anblick eines vollſtaͤndigen Regenbogens genießen werden. — Demnach alſo, mein Herr, ſagte Buſſy, glaubt Ihr, daß Gefahr fuͤr meine Freiheit vorhanden iſt? — Gefahr, einen Augenblick, mein Herr; ich ver⸗ muthe ſogar, daß man in dieſem Augenblicke auf dem 4 — 113— Wege iſt... ſein muß... oder ſein muͤßte, um Euch zu verhaften. Buſſy erbebte. — Liebt Ihr die Baſtille, Herr von Buſſy? Das iſt ein ſehr geeigneter Ort, um Betrachtungen anzuſtel⸗ len, und Herr Laurent Testu, welcher der Gouverneur derſelben iſt, haͤlt eine ſeinen Taͤubchen ziemlich ange⸗ nehme Kuͤche. — Man wuͤrde mich in die Baſtille ſetzen? rief Buſſy aus. — Meiner Treue! ich muß Etwas, wie einen Be⸗ fehl Euch dort hinzufuͤhren, in meiner Taſche haben, Herr von Buſſy. Wollt Ihr ihn ſehen? Und Chicot zog in der That aus der Taſche ſeines Beinkleides, in welchem drei Schenkel, wie der ſeinige, Raum gehabt haͤtten, einen Befehl des Koͤnigs in guͤl⸗ tiger Form heraus, welcher lautete, Herrn Louis von Clermont, Herrn von Buſſy d'Amboiſe, überall, wo er ſich befinden moͤgte, feſtzunehmen. — Aufgeſetzt von Herrn von Quslus, ſagte Chicot, es iſt ſehr ſchoͤn geſchrieben. — Dann, mein Freund, rief Buſſy, geruͤhrt uͤber Chicots Verfahren, aus, erzeigt Ihr mir alſo einen wahren Dienſt! d— — Ei, ich glaube ja, ſagte der Gaskonier: Seid Ihr meiner Anſicht, mein Herr? — Mein Herr, ſagte Buſſy, ich beſchwoͤre Euch, behandelt mich als einen Biedermann; rettet Ihr mich Die Dame von Monſoreau. Vierter Band. — 114— etwa heute, um mir bei irgend einer anderen Veranlaſ⸗ ſung zu ſchaden? Denn Ihr liebt den Koͤnig, und der Koͤnig liebt mich nicht. — Herr Graf, ſagte Chicot, indem er ſich von ſeinem Stuhle erhob und ſich verneigte, ich rette Euch, um Euch zu retten; jetzt denkt von meinem Verfahren, was Euch beliebt. — Aber, ich bitte Euch, wem muß ich ein ſolches Wohlwollen zuſchreiben?. — Vergeßt Ihr, daß ich eine Vergeltung von Euch verlangt habe? —— Das iſt wahr. — Nun? — Ah, mein Herr, von ganzem Herzen! — Ihr werdet alſo Eurer Seits das thun, was ich irgend eines Tages von Euch verlangen werde. — So wahr ich Buſſy heiße, und ſo weit die Sache ausfuͤhrbar iſt! 8 —— Wohlan, das genuͤgt mir, ſagte Chicot, indem er aufſtand. Jetzt ſteigt zu Pferde und verſchwindet; ich uͤberbringe den Befehl Euch zu verhaften dem, den es angeht. — Ihr ſolltet mich alſo nicht ſelbſt verhaften? — Geht doch, fuͤr wen haltet Ihr mich? Ich bin Edelmann, mein Herr. 3 — Aber ich verlaſſe meinen Herrn! — Macht Euch keine Gewiſſensbiſſe daruͤber, denn er hat Euch bereits verlaſſen.. 5 — 115— — Ihr ſeid ein wackerer Edelmann, Herr Chieot, ſagte Buſſy zu dem Gaskonier. — Bei Gott, ich weiß es wohl, erwiderte dieſer. Buſſy rief le Haudoin. Le Haudoin, man muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, horchte an der Thuͤre; er trat ſogleich ein. — Remy, rief Buſſy aus, Remy, unſere Pferde. =Sie ſind geſattelt, gnaͤdiger Herr, antwortete Remy ruhig. — Das nenne ich mir einen jungen Mann, der viel Verſtand hat, mein Herr, ſagte Chicot. — Bei Gott, ſagte Remy, ich weiß es wohl. Und da Chicot ihn gruͤßte, ſo gruͤßte er Chicot, wie ſich einige funfzig Jahre ſpaͤter Wilhelm Gorju und Gauthier Garguille gegruͤßt haben wuͤrden. Buſſy raffte einige Stoͤße Thaler zuſammen, die er in ſeine Taſchen und in die Haudoins ſteckte. Hierauf Chicot gruͤßend und ihm ein letztes Mal dankend, ſchickte er ſich an, hinunter zu gehen. — Verzeiht, mein Herr, ſagte Chicot, aber er⸗ laubt mir, Eurer Abreiſe beizuwohnen. Und Chicot folgte Buſſy und le Haudoin bis in den kleinen Hof der Ställe, wo wirklich zwei vollſtaͤn⸗ dig geſattelte Pferde an den Haͤnden des Pagen bereit ſtanden. 3 — und wo gehen wir hin? aͤußerte Remy, in⸗ 8* — 116— dem er nachlaͤſſig die Zuͤgel ſeines Pferdes zurecht legte.— — Ei. aͤußerte Buſſy, indem er zoͤgerte, oder zu zoͤgern ſchien... — Was ſagt Ihr zu der Normandie, mein Herr? ſagte Chicot, der ſeinem Thun zu ſah und die Pferde als Kenner muſterte. — Nein, antwortete Buſſy, das iſt zu nahe. fort. — Das iſt zu weit. nung iſt, nicht wahr, Herr Graf? — Mein Herr, ſagte Chicot, da Ihr Eure Wahl getroffen und Ihr abzureiſen im Begriffe ſteht.. — Auf der Stelle. — So habe ich die Ehre mich Euch zu empfehlen; denkt meiner in Euren Gebeten. Und der wuͤrdige Edelmann entfernte ſich immer eben ſo ernſt und eben ſo majeſtaͤtiſch, indem er die ſtieß · — Sollte man nicht an Beſtimmung glauben, gnaͤ⸗ diger Herr? ſagte Remy. — Ja, es ſei fuͤr Anjou, ſagte Buſſy erroͤthend. Ecken der Haͤuſer mit ſeinem ungeheuren Raufdegen ahb⸗ — Was meint Ihr zu Flandern? fuhr Chicot — Ich glaube, fagte Remy, daß Ihr Euch fuͤr Anjou beſtimmen werdet, was eine ſchickliche Entfer⸗ — 117— — Laß uns eilen, rief Buſſy aus, und vielleich holen wir ſie noch ein! — Ah, gnaͤdiger Herr, ſagte le Haudoin, wenn Ihr die Beſtimmung unterſtuͤtzt, ſo raubt Ihr ihr das Verdienſt. Und ſie ſprengten davon. VIII. Chicots Schachbret, Quélus Fangbecher, und Schombergs Blaſerohr. Man kann ſagen, daß Chicot trotz ſeiner ſchein⸗ baren Kaͤlte mit der vollkommenſten Freude im Her⸗ zen in das Louvre zuruͤckkehrte. Fuͤr ihn war es eine dreifache Genugthuung, einem Tapferen, wie Buſſy, einen Dienſt erwieſen zu haben, an irgend einer Intrigue gearbeitet, und fuͤr den Koͤnig einen Staatsſtreich moͤglich gemacht zu haben, den die Umſtaͤnde erheiſchten. 3 In der That, mit der Beharrlichkeit, und beſon⸗ ders mit dem Muthe, den man an Herrn von Buſſy kannte, mit dem Verbindungsgeiſte, den man an den Herren von Guiſe kannte, riskirte man ſehr, einen ſtuͤrmiſchen Tag uͤber die gute Stadt Paris heranbrechen zu ſehen. 3 Alles, was der Koͤnig gefuͤrchtet, Alles, was 8 8 8= — 119— Chicot vorausgeſehen hatte, geſchah, wie man es er⸗ warten konnte. Nachdem Herr von Guiſe am Morgen die ange⸗ ſehenſten Ligueurs in ſeiner Wohnung empfangen, von denen jeder ihm die mit Unterſchriften bedeckten Regiſter uͤberbracht, die wir auf den Kreuzwegen, vor den Thuͤ⸗ ren der angeſehenſten Wirthshaͤuſer und ſelbſt auf den Altaͤren der Kirchen eroͤffnet geſehen haben, war Herr von Guiſe, nachdem er der Ligue ein Oberhaupt ver⸗ ſprochen und Jeden hatte ſchwoͤren laſſen, das Ober⸗ haupt anzuerkennen, welches der Koͤnig ernennen wuͤrde, war Herr von Guiſe, ſagen wir, nachdem er ſich ſchließlich mit dem Kardinal und mit dem Herrn von Mayenne berathen, ausgegangen, um ſich zu dem Her⸗ zoge von Anjou zu begeben, den er ſeit dem vorigen Tage gegen zehn Uhr Abends aus dem Geſicht verloren hatte. Chicot vermuthete den Beſuch; nachdem er Buſſy verlaſſen, war er daher auch beſtaͤndig in der Umgebung des an der Ecke der Straße Hautefeuille und der Straße Saint⸗André gelegene Hôtel Alençon herumge⸗ ſtrichen. Kaum befand er ſich ſeit einer Viertelſtunde dort, als er denjenigen, welchen er erwartete, aus der Straße la Huchette heraus kommen ſah. Chicot verſteckte ſich an der Ecke der Straße du Cimetiere, und der Herzog von Guiſe trat in das Ho⸗ tel, ohne ihn bemerkt zu haben. Der Herzog fand den erſten Kammerdiener des Prinzen ziemlich beſorgt daruͤber, daß er ſeinen Herrn — 120— nicht hatte nach Haus kommen ſehen, aber er hatte das geahnet, was geſchehen war, naͤmlich, daß der Herzog im Louvre geſchlafen haͤtte. Itts6 40 Der Herzog fragte, ob er in Abweſenheit des Prinzen nicht mit Aurilly ſprechen koͤnne; der Kam⸗ merdiener antwortete dem Herzoge, daß Aurilly ſich ii dem Kabinette ſeines Herrn befaͤnde, und daß es ihm vollkommen freiſtaͤnde, ihn zu befragen. Der Herzog ging voruͤber. Aurilly, wie man ſich erinnern wird, der Lautenſpieler und der Vertraute des* Prinzen, war in der That in alle Geheimniſſe des Her⸗ zogs von Anjou eingeweihet, und mußte beſſer als ir⸗ gend Jemand wiſſen, wo Seine Hoheit ſich befaͤnde. Aurilly war Mindeſtens eben ſo beſorgt, als der Kammerdiener, und von Zeit zu Zeit verließ er ſeine Laute, uͤber welche ſeine Finger zerſtreut irrten, um ſich dem Fenſter zu naͤhern und durch die Scheiben nach⸗ zuſehen, ob der Herzog nicht zuruͤckkehre. Ddrei Male hatte man nach dem Louvre geſandt, und jedes Mal hatte man antworten laſſen, daß Sei⸗ ne Gnaden, ſehr ſpaͤt in den Palaſt zuruͤckgekehrt, noch ſchliefe. 1 1 Herr von Guiſe erkundigte ſich bei Aurilly nach dem Herzoge von Anjou. Aurilly war am Abende zuvor von ſeinem Herrn an der Straße de l'Arbre⸗Sec durch eine Gruppe ge⸗ trennt worden, welche den Zuſammenlauf vermehrt hatte, der vor der Thuͤre des Gaſthauſes zum blauen Himmel ſtattfand, ſo daß er zuruͤckgekehrt war, um Nu—— — — 121— * den Herzog im Hotel Alengon zu erwarten, da er den Entſchluß nicht kannte, den Seine Koͤnigliche Hoheit gefaßt hatte, im Louvre zu ſchlafen. Der Lautenſpieler erzaͤhlte nun dem Lothringiſchen Prinzen die dreifache Geſandtſchaft, die er nach dem coonuvre abgeſchickt, und theilte ihm die gleichlautenden Antworten mit, die bei jeder dieſer drei Nachfragen ge⸗ geben worden waren. — Er ſchlaͤft um eilf Uhr, fagte der Herzog, das iſt eben nicht wahrſcheinlich; der Koͤnig ſelbſt iſt ge⸗ woͤhnlich um dieſe Stunde aufgeſtanden. Ihr ſolltet nach dem Louvre gehen, Aurilly. — Ich habe wohl daran gedacht, gnäͤdiger Herr, ſagte Aurilly, aber ich fuͤrchte, daß dieſer vorgebliche Schlaf nur ein Vorwand iſt, den man dem Pfoͤrtner des Louvre gegeben hat, und daß er irgend ein verlieb⸗ tes Abenteuer in der Stadt hat; wenn nun aber dem ſo waͤre, ſo wuͤrde Seine Gnaden vielleicht ungehalten ſein, daß man ihn ſuchte. — Glaubt mir, Aurilly, erwiderte der Herzog, Seine Gnaden iſt ein zu beſonnener Mann, um an einem Tage, wie dem heutigen, auf verliebte Abenteuer zu gehen. Geht demnach ohne Furcht nach dem Lou⸗ vre, und Ihr werdet Seine Gnaden dort finden. — Ich werde gehen, gnaͤdiger Herr, da Ihr es wuͤnſcht. Aber was ſoll ich ihm ſagen? — Ihr werdet ihm ſagen, daß die Zuſammenbe⸗ rufung im Louvre fuͤr zwei Uhr waͤre, und daß wir uns berathen muͤßten, bevor wir uns bei dem Koͤnige — 122— einfinden. Ihr begreift, Aurilly, fuͤgte der Herzog mit ziemlich unehrerbietiger Regung uͤbler Laune hinzu, daß es ſich in dem Augenblicke, wo der Koͤnig im Be⸗ griffe ſteht, der Ligue ein Oberhaupt zu ernennen, nicht darum handelt, zu ſchlafen. — Sehr wohl, gnaͤdiger Herr, und ich werde Seine Hoheit bitten, hierher zu kommen. — Wo ich ihn mit großer Ungeduld erwarte, wer⸗ det Ihr ihm ſagenz denn, fuͤr zwei Uhr zuſammen⸗ berufen, ſind bereits Viele im Louvre, und es iſt kein Augenblick zu verlieren. Ich werde waͤhrend dieſer Zeit Herrn von Buſſy holen laſſen. — Daruͤber ſind wir einverſtanden, gnaͤdiger Herr. Was ſoll ich aber fuͤr den Fall thun, wo ich Seine Hoheit nicht faͤnde? — Wenn Ihr Seine Hoheit nicht findet, Aurilly, ſo gebt Euch keine Muͤhe ihn zu ſuchen; es wird ge⸗ nuͤgen, daß Ihr ihm ſpaͤterhin voller Eifer ſagt: Ich habe verſucht, Euch aufzufinden. Fuͤr jeden Fall werde ich um drei Viertel auf zwei Uhr im Louvre ſein. Aurilly empfahl ſich dem Herzoge und ging. Chicot ſah ihn ausgehn und errieth die Urſache ſei⸗ nes Ausganges. Wenn der Herzog von Guiſe die Ver⸗ haftung des Herrn von Anjou erfuhr, ſo war Alles verloren, oder zum Mindeſten Alles auf das Hoͤchſte verwickelt. Chicot ſah, daß Aurilly die Straße la Huchette hinauf ging, um die Bruͤcke Saint⸗Michel einzuſchlagen; er ging dagegen die Straße Saint⸗André⸗ des⸗Arts mit der ganzen Schnelligkeit ſeiner langen +² Oᷣ K — —*. — 123— Beine hinab, und fuhr am Nesle in dem Augenblicke uͤber die Seine, wo Aurilly kaum im Angeſicht des großen Chatelet anlangte. Wir wollen Aurilly folgen, der uns auf den ei⸗ gentlichen Schauplatz der wichtigen Ereigniſſe des Tages fuͤhrt. Er ging die mit Buͤrgern, welche Alle das An⸗ ſehn von Triumphatoren hatten, bedeckten Kais hinab, erreichte das Louvre, das ihm in Mitte aller dieſer Pa⸗ riſer Freude mit ſeinem ruhigſten und ſeinem gluͤckſelig⸗ ſten Aeußeren erſchien. Aurilly kannte ſeine Leute und kannte ſeinen Hof; er unterhielt ſich zuvoͤrderſt mit dem Officier des Tho⸗ res, der immer eine anſehnliche Perſon fuͤr die Neuig⸗ keitskraͤmer und die Scandal⸗Sucher war. Der Officier des Thores war ganz freundlich; der Koͤnig war in der beſten Laune von der Welt erwacht. Aurilly ging von dem Officier des Thores zu dem Pfoͤrtner. 4 Der Pfoͤrtner hielt eine Muſterung uͤber neugeklei⸗ dete Diener, und theilte ihnen Hellebarden nach einem neuen Modell aus. Er laͤchelte dem Lautenſpieler zu, antwortete ihm auf ſeine Bemerkungen uͤber den Regen und das ſchoͤne Wetter, was Aurilly die beſte Meinung uͤber die politi⸗ ſche Atmoſphaͤre verlieh. Aurilly ging dem zu Folge weiter, und ſchlug die große Treppe ein, welche zu dem Herzog fuͤhrte, indem er an die bereits auf den Stiegen und in den Vorzim⸗ — 124— mern erſteeuton Hofleute Hoͤflichkeitsbezeugungen über Hoͤflichkeitsbezeugungen verſchwendete. Vor der Thuͤre der Wohnung Seiner Hoheit fand er Chicot auf einem Feldſeſſel ſitzend. Chicot ſpielte ganz allein Schach und ſchien in eine tiefe Berechnung verſunken. Aurilly verſuchte voruͤberzugehen, aber Chicot nahm mit ſeinen langen Beinen die ganze Breite des Vor⸗ platzes ein. Er war genoͤthigt, dem Gaskonier auf die Achſel zu klopfen. — Ah! Ihr ſeid es? ſagte Chieot. Verzeihung, Herr Aurilly. — Was macht Ihr denn, Herr Chicot? — Ich ſpiele Schach, wie Ihr ſeht. — Gan allein? — Ja.. ich ſtudire einen Zug... Spielt Ihr Schach, mein Herr? — Kaum. — Ja, ich weiß, Ihr ſeid Muſiker, und die Mu⸗ ſik iſt eine ſo lange, ſo ſchwierige Kunſt, daß die Be⸗ guͤnſtigten, welche ſich dieſer Kunſt widmen, genoͤthigt ſind, ihr alle ihre Zeit und allen ihren Verſtand zu widmen. — Es ſcheint, daß der Zug gefaͤhrlich iſt? frate Aurilly lachend. — Ja, mein Koͤnig macht mir Sorgen. Ihr wer⸗ det wiſſen, Herr Aurilly, daß im Schachſpiele der Koͤ⸗ nig eine ſehr einfaͤltige, ſehr unbedeutende Perſon iſt, 1 lt der keinen Willen hat, der nur einen Schritt zur Rech⸗ ten, einen Schritt zur Linken, einen Schritt vorwaͤrts und einen Schritt ruͤckwaͤrts thun kann, waͤhrend er von ſehr munteren Feinden umringt iſt, von Sprin⸗ gern*), die immer mit einem Male uͤber drei Felder ſpringen, und einer Menge von Bauern, die ihn um⸗ ringen, die ihn draͤngen, die ihn beunruhigen; ſo daß er, wenn er ſchlecht berathen, in kurzer Zeit ein ver⸗ lorener Monarch iſt; freilich hat er ſeinen Laͤufer, der geht, der kommt, der von einem Ende des Schachbre⸗ tes nach dem anderen trabt, der das Recht hat, ſich vor ihn, hinter ihn, an ſeine Seite zu ſtellen, aber es iſt darum nichts deſto weniger wahr, daß, je getreuer der Laͤufer ſeinem Koͤnig iſt, deſto mehr ſetzt er ſich ſelbſt in Gefahr, Herr Aurilly, und ich muß Euch ge⸗ ſtehen, daß mein Koͤnig und ſein Laͤufer in dieſem Au⸗ genblicke in einer hoͤchſt gefaͤhrlichen Lage ſind. — Aber, fragte Aurilly, durch welchen Zufall, Herr Chicot, ſeid Ihr zum Studiren aller dieſer Berech⸗ nungen vor die Thuͤre Seiner Koͤniglichen Hoheit ge⸗ kommen?* — Weil ich Herrn von Quélus erwarte, der dort iſt. 5) Cavalier, Springer, Pion, Bauer, Fou(Narr) Laͤufer, u. ſ. w. Der geneigte Leſer wolle hier die ver⸗ ſchiedenartige Benennung der Schachfiguren in der Deutſchen und in der Franzoſiſchen Sprache beruͤckſichti⸗ gen, und namentlich ſich bei dem Worte Laͤufer im⸗ mer das Amt Chicots als Hoſnarr hinzudenken. — Wo, dort? fragte Aurilly. — Ei bei Seiner Hoheit. — Bei Seiner Hoheit? Herr von Quélus? aͤußerte Aurilly mit Erſtaunen. 1 Waͤhrend dieſes ganzen Geſpraͤches hatte Chicot den Lautenſpieler durchgelaſſen, aber ſo, daß er ſeine Niederlaſſung in den Corridor verlegt hatte, und der Bote des Herrn von Guiſe ſich nun zwiſchen ihn und die Eingangsthuͤre geſtellt befand. 8 Er zoͤgerte indeſſen die Thuͤre zu oͤffnen. — Aber, ſagte er, was macht denn Herr von Quslus bei dem Herzoge von Anjou? Ich wußte nicht, daß ſie ſo große Freunde waͤren. vin 1 — Still! ſagte Chicot mit geheimnißvoller Miene. Dann, immer ſein Schachbrett zwiſchen ſeinen bei⸗ den Haͤnden haltend, beſchrieb er mit ſeiner langen Perſon einen Bogen, ſo daß, ohne daß ſeine Fuͤße ihren Platz verließen, ſeine Lippen bis an Aurillys Ohr gelangten.— — Er kommt Seine Koͤnigliche Hoheit um Ver⸗ zeihung zu bitten, ſagte er, wegen eines kleinen Strei⸗ tes, den ſie geſtern hatten. — In Wahrheit? ſagte Aurilly. — Der Koͤnig hat das verlangt; Ihr wißt, wie vortrefflich die beiden Bruͤder in dieſem Augenblicke mit einander ſtehen. Der Koͤnig hat eine Grobheit von Quslus nicht dulden wollen, und Quélus hat den Be⸗ fehl erhalten, ſich zu demuͤthigen. — Wahrhaftig? ———— ———ñ k—,, ☛⏑— 2 N RK — Ah! Herr Aurilly, ſagte Chicot, ich glaube wahrhaftig, daß wir in das goldene Zeitalter treten; das Louvre wird Arkadien werden, und die beiden Bruͤ⸗ der zweifache Arkadier. Ah! Verzeihung, Herr Au⸗ rilly, ich vergeſſe immer, daß Ihr Muſiker ſeid. Aurilly laͤchelte und ging in das Vorzimmer, in⸗ dem er die Thuͤre weit genug aufmachte, daß Chicot einen hoͤchſt bedeutungsvollen Blick mit Quélus aus⸗ wechſeln konnte, der außerdem wahrſcheinlicher Weiſe im Voraus benachrichtigt worden war. Chicot nahm nun ſeine palamediſchen Berechnungen wieder vor, indem er ſeinen Koͤnig ſchalt, vielleicht nicht haͤrter, als es ein Herſcher in Fleiſch und Bein ver⸗ dient haͤtte, aber gewiß weit haͤrter, als es ein un⸗ ſchuldiges Stuͤck Elfenbein verdiente. Als er in das Vorzimmer getreten, wurde Aurilly ſehr hoͤflich von Quslus begruͤßt, in deſſen Haͤnden ein koͤſtlicher Fangbecher von Ebenholz, mit eingelegter Ar⸗ beit von Elfenbein verziert, raſche Bewegungen machte. — Bravo, Herr von Qulus, ſagte Aurilly, als er den jungen Mann einen ſchwierigen Wurf dusführen ſah, bravo! — Ah, mein lieber Herr Aurilly, ſagte Quélus, wann werde ich mit dem Fangbecher ſpielen, wie Ihr die Laute ſpielt! — Wenn Ihr Euer Spielwerk eben ſo viel Tage ſtudirt haben werdet, ſagte Aurilly ein wenig verletzt, als ich Jahre darauf verwandt habe, mein Inſtrument — 128— zu ſtudiren. Aber wo iſt der gnaͤdige Herr, ſpracht Ihr ihn heute Morgen nicht, mein Herr? — Ich habe in der That eine Audienz bei ihm, mein lieber Aurilly, aber Schomberg hat den Vortritt vor mir!. — Ah! Herr von Schomberg auch? ſagte der Lau⸗ tenſpieler mit neuen Erſtaunen. — O, mein Gott, ja. Der Koͤnig ordnet das ſo anz er befindet ſich dort in dem Speiſezimmer. Tretet doch ein, Herr Aurilly, und erzeigt mir den Gefallen, den Prinzen zu erinnern, daß wir warten. Aurilly machte die zweite Thuͤre auf, und erblickte Schomberg, der auf einem großen, mit Federn dick ausgeſtopften Seſſel eher lag, als ſaß. So zuruͤckgeworfen zielte Schomberg mit einem Blaſerohr, um kleine wohlriechende Thonkugeln durch einen, an einem ſeidenen Faden an der Decke aufge⸗ haͤngten goldenen Ring zu ſchießen, von denen er einen reichlichen Vorrath in ſeiner Jagdtaſche hatte, und die ihm ein Lieblingshund jedes Mal wieder zuruͤck brachte, wenn ſie nicht an der Wand geſprungen waren. — Wie, rief Aurilly aus, bei Seiner Gnaden eine ſolche Uebung!... Ah! Herr von Schomberg! — Ah, guten Morgen! Herr Aurilly, ſagte Schomberg, indem er ſein Geſchicklichkeits⸗Spiel un⸗ terbrach, Ihr ſeht, ich toͤdte die Zeit bis zu meiner Audienz. — Aber, wo iſt denn der gnaͤdige Herr? fragte Aurilly. 1u1u — Still! Der gnaͤdige Herr iſt in dieſem Augen⸗ blicke damit beſchaͤftigt, d'Epernon und Maugiron zu verzeihen. Aber wollt Ihr nicht eintreten, Ihr, der ihr das ganze Vertrauen des Prinzen genießt? — Vielleicht waͤre es unbeſcheiden? fragte der Mu⸗ ſiker. — Nicht im Mindeſten, im Gegentheile; Ihr wer⸗ det ihn in ſeinem Gemaͤlde⸗Kabinette finden; tretet ein, Herr Aurilly, tretet ein. Und er draͤngte Aurilly bei den Schultern in das anſtoßende Zimmer, wo der verbluͤffte Muſiker zuvoͤr⸗ derſt d'Epernon erblickte, der vor einem Spiegel damit beſchaͤftigt war, ſich den Schnurrbart mit Gummi zu ſteifen, waͤhrend Maugiron, an dem Fenſter ſitzend, Bilder ausſchnitt, nehen denen die Basreliefs des Tem⸗ pels der Venus Aphrodite in Gnidus, und die Ma⸗ lereien der Piscina des Tiberius auf Caprea fuͤr heilig⸗ Bilder gelten konnten. Der Herzog ſaß ohne Schwerdt in ſeinem Seſſel zwiſchen dieſen beiden Maͤnnern, die ihn nur anblickten, um ſeine Bewegungen zu beaufſichtigen, und die ihn nur anredeten, um ihn unangenehme Worte hoͤren zu laſſen. Als er Aurilly ſah, wollte er ihm entgegenſtuͤrzen. — Behutſam, gnaͤdiger Herr, ſagte Maugiron, Ihr tretet auf meine Bilder. — Mein Gott, rief der Muſiker aus, was ſehe ich da? Man beleidigt meinen Herrn. — Dieſer liebe Herr Aurilly, ſagte d'Epernon, in⸗ Die Dame von Monſoreau. Vierter Band. 9 dem er dabei fortfuhr, ſeinen Schnurrbart zu drehen, wie geht es ihm? Sehr gut, denn er ſcheint mir ein wenig roth. — Erzeigt mir doch die Freundſchaft, Herr Mu⸗ ſikant, mir Euren kleinen Dolch zu bringen, wenns be⸗ liebt, ſagte Maugiron. 3 — Meine Herrn, meine Herrn, ſagte Aurilly, er⸗ innert Ihr Euch denn nicht mehr, wo Ihr ſeid? — Doch, doch, mein lieber Orpheus, ſagte d'Eper⸗ non, deshalb fordert mein Freund Euch Euren Dolch ab. Ihr ſeht wohl, daß der Herr Herzog keinen hat. — Autilly, ſagte der Herzog mit einer Stimme voller Schmerz und Wuth, erraͤthſt Du denn nicht, daß ich Gefangener bin? — Gefangener, von wem? 2 — Meines Bruders. Haͤtteſt Du denn es nicht begreifen muͤſſen, als Du ſaheſt, wer meine Kerker⸗ meiſter ſind? Aurilly ſtieß einen Ausruf der Ueberraſchung aus. — O! Wenn ich das geahnet haͤtte! ſagte er. — So haͤttet Ihr Eure Laute mitgenommen, um Seine Hoheit zu zerſtreuen, lieber Herr Aurilly, ſagte eine ſpoͤttiſche Stimme, aber ich habe daran gedacht und habe ſie holen laſſen, da iſt ſie. Und Chicot reichte wirklich dem armen Muſiker ſeine Laute; hinter Chicot konnte man Quslus und Schomberg ſehen, welche gaͤhnten, um ſich die Kinn⸗ backen zu verrenken. — und dieſe Schachparthie, Chicot? fragte d'Epernon. — — 131— — Ah, ja, das iſt wahr, ſagte Quélus. — Meine Herrn, ich glaube, daß mein Laͤufer ſeinen Koͤnig retten wird; aber, Gottes Tod! das wird nicht ohne Muͤhe geſchehen. Geſchwind, Herr Aurilly, gebt mir Euren Dolch gegen dieſe Laute, Tauſch fuͤr Tauſch. Der beſtuͤrzte Muſiker gehorchte, und ſetzte ſich auf ein Kiſſen zu den Fuͤßen ſeines Herrn. — Da iſt ſchon Einer in der Rattenfalle, ſagte Qué⸗ lus, laßt uns zu den Anderen uͤbergehn. unnd nach dieſen Worten, welche Aurilly die Er⸗ laͤuterung zu dem vorhergehenden Auftritte gab, kehrte Quslus zuruͤck, um ſeinen Peſten in dem Vorzimmer wieder einzunehmen, wobei er Schomberg nur bat, ſein Blaſerohr gegen ſeinen Fangbecher auszutauſchen. — Das iſt billig, ſagte Chicot, man muß in ſei⸗ nen Vergnuͤgungen abwechſeln; ich gehe die Ligue zu unterzeichnen, um die meinigen zu vervielfachen. Und er verſchloß die Thuͤre wieder, indem er die Geſellſchaft Seiner Koͤniglichen Hoheit mit dem armen Lautenſpieler vermehtt hatte. 9* 6 IX. Wie der Koͤnig einen Anfuͤhrer der Ligue ernannte, und dies weßer Seine Hoheit, der Herzog von Anjou, noch Seine 3 Gnuaden, der Herzog von Guiſe war. Die Stunde des großen Empfanges hatte geſchla⸗ gen, oder ſtand vielmehr im Begriffe zu ſchlagen, denn ſeit Mittag empfing das Louvre bereits die angeſehen⸗ ſten Haͤuptlinge, die Betheiligten und ſelbſt die Neugie⸗ rigen. Geraͤuſchvoll, wie am Tage zuvor, nur mit dem Unterſchiede, daß die Schweizer, welche am Tage zuvor keinen Antheil an dem Feſte genommen, an dieſem Tage am Thaͤtigſten dabei waren, hatte Paris ſeine Abgeord⸗ neten der Ligueurs, ſeine Handwerkerinnungen, ſeine Schoͤppen nach dem Louvre abgeſandt, wie auch ſeine Buͤrgerſoldaten und ſeine ſich immer wieder erneuernden Wellen von Zuſchauern, welche an den Tagen, wo das ganze Volk mit irgend Etwas beſchaͤftigt iſt, um das — 133— 6 Volk herum erſcheinen, um ihm, eben ſo zahlreich, eben ſo thaͤtig, eben ſo neugierig zuzuſehen, als ob es in Pa⸗ ris zwei Voͤlker gaͤbe, und als ob in dieſer großen Stadt, einem kleinen Bilde der Welt, jeder Einzelne ſich nach Belieben in zwei Theile theilte, von denen der eine thaͤ⸗ tig war, der andere den Zuſchauer machte. Es befand ſich demnach eine betraͤchtliche Volks⸗ maſſe um das Louvre herum; aber man zittere nicht fuͤr das Louvre. Es war noch nicht die Zeit, wo das in Donner verwandelte Murren der Voͤlker mit dem Hauche ſeiner Kanonen die Mauern und das Schloß uͤber ſeinem Herrn zuſammenſtuͤrzt; die Schweizer, dieſe Vorfahren derer des 10. Auguſt und des 27. Juli, laͤ⸗ chelten an dieſem Tage den Pariſer Maſſen zu, ſo be⸗ waffnet dieſe Maſſen auch ſein mogten, und die Pari⸗ ſer laͤchelten den Schweizern zu: die Zeit war fuͤr das Volk noch nicht gekommen, die Vorhalle ſeiner Koͤnige mit Blut zu beſudeln. A Man gehe indeſſen nicht ſo weit zu glauben, daß das Drama, weil es minder traurig, ohne Intereſſe geweſen waͤre; das Schauſpiel, welches das Louvre bot, war im Gegentheile eines der merkwuͤrdigſten, die wir bis jetzt entworfen haben. Der Koͤnig war in dem gro⸗ ßen Saale, in dem Thronſaale, von ſeinen Ofſicieren, von ſeinen Freunden, von ſeinen Dienern, von ſeiner Familie umgeben, indem er abwartete, daß alle dieſe Koͤrperſchaften vor ihm voruͤbergezogen waͤren, um nachher, ihre Anfuͤhrer in dieſem Pallaſte zuruͤcklaſſend⸗ die Plaͤtze einzunehmen, welche ihnen unter den Fenſtern — 134— und in den Hoͤfen des Louvre angewieſen worden waren. Er konnte alſo ſeine Feinde mit einem Male, in Maſſe, mit einem einzigen Blicke uͤbetfehen und ſie faſt zaͤhlen, wobei ihm der hinter ſeinem koͤniglichen Seſſel verſteckte Chicot von Zeit zu Zeit Auskunft gab, die Koͤnigin Mutter ihn durch einen Blick benachrichtigte, oder er durch das Getoͤſe der gemänſten Ligueurs ge⸗ weckt wurde, die weit ungeduldiger als ihre Anfuͤhrer waren, weil ſie weniger als ſie in das Geheimniß ein⸗ geweiht waren. Ploͤtzlich trat Herr von Monſoreau ein. — Ei, ſagte Chicot, ſieh doch, Heineken. — Was willſt Du, daß ich ſehen ſoll? — Sieh Deinen Oberjzaͤgermeiſter an! Bei Gott, er iſt wohl der Muͤhe werth ze er iſt bleich genug und hinlaͤnglich mit Koth bedeckt, daß er verdient geſehen zu werden. — In der That, ſagte der Koͤnig, er iſt es ſelbſt. Heinrich gab Herrn von Monſoreau einen Wink; der Oberjaͤgermeiſter naͤherte ſich. — Wie ſeid Ihr im Louvre, mein Herr? fragte Heinrich. Ich glaubte Euch in Vincennes damit be⸗ ſchaͤftigt, uns einen Hirſch zu umſtellen. — Der Hirſch war in der That um ſieben Uhr Morgens umſtellt, Sire; aber, da ich ſah, daß es bald Mittag war, und daß ich durchaus keine Nach⸗ richt hatte, ſo hahe ich gefuͤrchtet, daß Euch ein Un⸗ gluͤck zugeſtoßen ſein moͤgte, und bin herbeigeeilt. — In Wahrheit? aͤußerte der Koͤnig. — Sire, ſagte der Graf, wenn ich gegen meine Pflicht gefehlt habe, ſo ſchreibt dieſen Fehltritt nur ei⸗ nem Uebermaße von Ergebenheit zu. — Ja, mein Herr, ſagte Heinrich, und ſeid feſt uͤberzeugt, daß ich ſie wuͤrdige. — Wenn jetzt Eure Majeſtaͤt wuͤnſcht, erwiderte der Graf zoͤgernd, daß ich nach Vincennes zuruͤckkehre, da ich beruhigt bin... — Nein, nein, bleibt, Oberjaͤgermeiſter, dieſe Jagd iſt eine Laune, die uns durch den Kopf gefahren, und die wieder vergangen iſt, wie ſie gekommen war; bleibt und entfernt Euch nicht; ich bedarf um mich herum der Leute, die mir treu ergeben ſind, und Ihr habt Euch aus freiem Willen unter diejenigen geſtellt, auf deren Treue ich rechnen kann. Monſoreau verneigte ſich. — Wo befiehlt Eure Majeſtaͤt, daß ich m aufhal⸗ ten ſoll? fragte der Graf. — Winſt Du ihn mir fuͤr eine halbe Srunde geben? fragte Chicot leiſe an dem Ohre des Koͤnigs. — Wozu? 3 *— um ihn raſend zu machen. Was macht Dir das? Du biſt mir wohl eine Entſchaͤdigung dafuͤr ſchuldig, mich einer ſo ekelhaften Ceremonie beiwohnen zu laſſen, wie die, welche Du uns verſprichſt. — Nun denn, ſo nimm ihn. — Ich habe die Ehre gehabt, Eure Majeſtaͤt zu fra⸗ — 136— gen, wo ſie wuͤnſchte, daß ich Platz nähme⸗ fragte der Graf ein zweites Mal. — Ich glaubte Euch geantwortet zu haben: Wo Ihr wollt. Hinter meinem Seſſel zum Beiſpiele. Dort ſtelle ich meine Freunde hin. — So kommt denn, Oberjaͤgermeiſter, ſagte Chicot, indem er Herrn von Monſoreau einen Theil von dem Raume uͤberließ, den er ſich ganz allein vorbehalten hatte, und riecht mir dieſe Schelme da ein Wenig. Das iſt ein Wild, das ſich ohne Spuͤrhund umgehen laͤßt. Sapperment, Herr Graf, was fuͤr ein Geruch! Es ſind die Schuhmacher, die voruͤbergehen, oder vielmehr, die voruͤbergegangen ſind; da kommen jetzt die Gerber. Ich will des Todes ſein, Oberjaͤgermeiſter, wenn Ihr die Spur dieſer da verliert, ſo erklaͤre ich Euch, daß ich Euch Euren Beſtallungsbrief nehme! Herr von Monſoreau that, als ob er zuhoͤre, oder hoͤrte vielmehr, ohne zu verſtehen. Er war ſehr be⸗ ſchaͤftigt, und blickte mit einer Geſpanntheit uͤberall um ſich herum, welche dem Koͤnige um ſo weniger entging, als Chicot dafuͤr ſorgte, ſie ihn bemerken zu laſſen. — Ei, ſagte er leiſe zu dem Koͤnige, weißt Du, wor⸗ auf Dein Oberjaͤgermeiſter in dieſem Augenblicke Jagd macht? — Nein! Worauf macht er Jagd? — Auf Oeinen Bruder von Anjou. — Jeden Falles iſt es nicht augenſcheinlich, ſagte Heinrich lachend. 4 ——— — 137— — Nein, es iſt zu ſchließen. Liegt Dir daran, daß er nicht weiß, wo er iſt? — Ich geſtehe, es waͤre mir nicht unlieb, wenn er einen falſchen Weg einſchluͤge. — Warte, warte, ich will ihn auf eine Spur ja⸗ gen. Man ſagt, daß der Wolf den Geruch des Fuch⸗ ſes hat; er wird ſich darin irren. Frag ihn nur, wo die Graͤfin ſei. — Wozu? — Frag immer, Du wirſt ſehen. — Herr Graf, ſagte Heinrich, was habt Ihr denn mit Frau von Monſoreau gemacht? Ich ſehe ſie nicht unter dieſen Damen? Der Graf erbebte, als ob ihn eine Schlange am Fuße gebiſſen haͤtte. Chicot kratzte ſich an der Naſenſpitze, indem er dem Koͤnige zublinzelte. — Sire, antwortete der Oberjaͤgermeiſter, die Frau Graͤfin war krank, die Luft von Paris ſagt ihr nicht zu, und ſie iſt heute Nacht mit dem Baron von Meri⸗ dor, ihrem Vater, abgereiſt, nachdem ſie die Koͤnigin um Urlaub gebeten und ihn erhalten hat. — Und nach welchem Theile von Frankreich richtet ſie ſich? fragte der Koͤnig, erfreut eine Veranlaſſung ge⸗ funden zu haben, den Kopf abzuwenden, waͤhrend die Gerber voruͤberzogen. — Nach Anjou, ihrer Heimath, Sire. — Wahr iſt, ſagte Chicot ernſt, daß die Pariſer Luft den ſchwangeren Frauen nicht zuſagt: Gravidis uxo- — 138— ribus Lutetia inclemens. Ich rathe Dir, das Beiſpiel des Grafen nachzuahmen, Heinrich, und die Koͤnigin auch ir⸗ gendwo hinzuſchicken, wenn ſie.... Monſoreau erbleichte, und blickte Chicot grimmig an, welcher, den Ellbogen auf den koͤniglichen Seſſel geſtuͤtzt und das Kinn in ſeiner Hand, ſehr aufmerkſam die Poſamentirer zu betrachten ſchien, welche unmittel⸗ bar auf die Gerber folgten. — Und wer hat Euch geſagt, Herr Naſeweis, daß die Frau Graͤfin ſchwanger waͤre? murmelte Monſoreau. — Iſt ſie es nicht? ſagte Chicot. Ich meine das an⸗ zunehmen waͤre noch weit naſeweiſer. — Sie iſt es nicht, mein Herr. — Ei, ei, ei, ſagte Chicot. Haſt Du gehoͤrt, Hein⸗ rich? Es ſcheint, daß Dein Oberjaͤgermeiſter denſelben Fehler begangen hat, als Du: er hat vergeſſen, die beiden Hemden Unſerer Frau einander zu naͤhern. Monſoreau ballte ſeine Faͤuſte und verſchluckte ſeinen Zorn, nachdem er Chicot einen Blick des Haſſes und der Drohung zugeſchleudert hatte, auf welchen Chicot dadurch antwortete, daß er ſeinen Hut in die Augen druͤckte, und die ſchmale und lange Feder, die ihn be⸗ ſchattete, gleich einer Schlange ſpielen ließ. Der Graf ſah, daß der Moment ſchlecht gewaͤhlt waͤre, und ſchuͤttelte den Kopf, wie um die Wolken mit denen ſie beladen war, von ſeiner Stirn zu verſcheuchen. Chicot entfinſterte ſich gleichfalls, und, indem er von der Großſprechermiene zu dem freundlichſten Kächein 4 uͤberging, fuͤgte er hinzu: — 139— — Dieſe arme Graͤfin, ſie iſt in dem Falle, vor Langerweile unterwegs zu ſterben. — Ich habe zu dem Koͤnige geſagt, antwortete Monſoreau, daß ſie mit ihrem Vater reiſe. — Zugegeben, die Begleitung eines Vaters iſt ehr⸗ bar, ich ſage nicht das Gegentheil; aber ſie iſt nicht beluſtigend; und wenn ſie nur dieſen wuͤrdigen Baron um ſie unter Weges zu zerſtreuen haͤtte, aber gluͤcklicher Weiſe.. — Was? fragte der Graf haſtig. — Was, was? antwortete Chicot. — Was will das: Gluͤcklicher Weiſe ſagen? — Ah, ah! Es war eine Ellipſis, die Ihr machtet, Herr Graf. Der Graf zuckte die Achſeln. — Ich bitte Euch ſehr um Verzeihung, Herr Ober⸗ jaͤgermeiſter. Die fragende Form, deren Ihr Euch ſo eben bedientet, heißt eine Ellipſis. Fragt nur Heinrich, der ein Philolog iſt. 8 — Ja, ſagte Heinrich, aber was bedeutete Dein Adverbium? — Welches Adverbium? — Gluͤcklicher Weiſe. — Gluͤcklicher Weiſe bedeutete gluͤcklicher Weiſe. Glücklicher Weiſe, ſagte ich, und darin bewunderte ich die Guͤte Gottes. Gluͤcklicher Weiſe, ſagte ich, befin⸗ den ſich in dieſem Augenblicke einige unſerer Freunde, und ſogar hoͤchſt ſpaßhafte, unterwegs, die, wenn ſie 3 die Graͤfin antreffen, ſie zuverlaͤſſig zerſtreuen werden; — 140— 4 und, fuͤgte Chicot nachlaͤſſig hinzu, da ſie dieſelbe Straße reiſen, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß ſie dieſelbe antreffen werden. O, ich ſehe ſie von hieraus. Siehſt Du ſie, Heinrich? Du, der Du ein Mann von Einbildungskraft biſt. Siehſt Du ſie auf einem ſchoͤnen gruͤnen Wege, ſich mit ihren Pferden herumtummelnd und der Frau Graͤfia funfzig Schnurren erzaͤhlend, uͤber welche die liebe Dame vor Lachen außer ſich werden moͤgte. Ein zweiter, in die Bruſt des Oberjaͤgermeiſters ge⸗ ſtoßener, noch weit ſchaͤrferer Dolch, als der erſte. Indeſſen war es nicht moͤglich auszubrechen; der Koͤnig war anweſend, und Chicot hatte zum Mindeſten fuͤr den Augenblick einen Verbuͤndeten an dem Koͤnige; mit einer Leutſeligkeit, welche von der Gewalt zeugte, die er hatte anwenden muͤſſen, um ſeine boͤſe Laune zu baͤndigen, ſagte er daher, indem er Chicot mit Blick und Stimme ſchmeichelte:— — Wie? Ihr habt Freunde, welche nach Anjou reiſen? 3— — Ihr koͤnntet ſogar ſagen, wir haben, Herr Graf, denn dieſe Freunde ſind noch mehr Eure Feunde, als die meinigen. — Ihr ſetzt mich in Erſtaunen, Herr Chicot, ſagte der Graf; ich kenne Niemanden, der... — Gut, ſpielt den Geheimnißvollen. — Ich verſichere Euch. — Ihr habt deren ſo ſicher, Herr Graf, und es ſind Euch ſelbſt ſo werthe Freunde, daß ich ſie Euch ſo * eben aus Gewohnheit, denn Ihr wißt ſehr wohl, daß damit zufrieden ſein? *— 141— ſie auf dem Wege nach Anjou ſind, ich ſage, daß ich ſie Euch ſo eben aus Gewohnheit in der Menge habe ſu⸗ chen ſehen, vergebens, wohlverſtanden. — Mich, aͤußerte der Graf, Ihr habt mich geſehen? — Ja, Euch, den Oberjaͤgermeiſter, den blaͤſſeſten aller ehemaligen, gegenwaͤrtigen und zukuͤnftigen Ober⸗ jaͤgermeiſter, von Nimrod an, bis auf Herrn von Aute⸗ fort, Euren Vorgaͤnger. — Herr Chicot. — Den Blaͤſſeſten, ich wiederhole es: Veritas veritatum.— Das iſt ein Barbarismus, weil es immer nur eine Wahrheit giebt, denn wenn es deren zwei gaͤbe, ſo muͤßte zum Mindeſten eine von ihnen nicht wahr ſein; aber Ihr ſeid kein Philolog, lieber Herr Eſau. — Nein, mein Herr, ich bin es nicht; deshalb moͤgte ich Euch auch bitten, ganz direct auf dieſe Freunde uruͤckzukommen, von denen Ihr ſprechet, und ſo gefaͤl⸗ lig ſein zu wollen, wenn anders das Udbermaaß von Ein⸗ bildungskraft, die man bei Euch bemerkt, es Euch er⸗ laubt, ſo gefaͤllig ſein zu wollen, dieſe Freunde bei ih⸗ ren wahren Namen zu nennen. —= Ei! Ihr wiederholt immer daſſelbe. Sucht, Herr Oberjaͤgermeiſter. Gottes Tod, ſucht! Es iſt Euer Handwerk, die Thiere zu umgehen, ein Beweis davon iſt der ungluͤckliche Hirſch, den Ihr heute Morgen ge⸗ ſtoͤrt habt, und der das nicht von Euch erwarten mußte. Wenn man Euch nun abhielte zu ſchlafen, wuͤrdet Ihr — 142— Die Augen Monſoreaus ſtreiften mit Eatſetzen uͤber die Umgebung Heinrichs. — Wie! rief er aus, indem er einen leeren Platz neben dem Koͤnige ſah. 8 — Was denn?.. ſagte Chicot. — Der Herzog von Anjou, rief der Oberjaͤgermei⸗ ſter aus. — Ho, ho, ho, ho, ha, hol ſagte der Gaskonier, da iſt das Wild aufgejagt. — Er iſt heute abgereiſt! rief der Graf aus. — Er iſt heute abgereiſt, antwortete Chicot, aber es iſt moͤglich, daß er geſtern Abend abgereiſt ſein mag.*) Ihr ſeid kein Philolog, mein Prinz; aber fragt den Koͤnig, der es iſt. Wann, das heißt, in welchem Momente iſt Dein Bruder verſchwunden, Hei⸗ neken? — Heute Nacht, antwortete der Koͤnig. — Der Herzog, der Herzog iſt abgereiſt, marmelte— Monſoreau todtenbleich und zitternd. Ach, mein Gott, mein Gott! Was ſagt Ihr mir da, Sire? — Ich ſage nicht, daß mein Bruder abgereiſt ſei, erwiderte der Koͤnig, ich ſage nur, daß er heute Nacht X verſchwunden iſt, und daß ſeine beſten Freunde nicht wiſſen, wo er iſt. *) Hlest parti aujourd' hui, repondit Chicot, mais il est possible qu'il ait parti hier au soir. Hier liegt ein dop⸗: peltes Wortſpiel im Franzoſiſchen, das nicht wiederzu⸗ geben iſt. — 143— — O, aͤußerte der Graf zornig, wenn ich das glau⸗ ben muͤßte. — Nun denn! Nun denn! Was wuͤrdet Ihr thun? Außerdem, ſeht ein Wenig das große Ungluͤck, wenn er der Frau von Monſoreau einige Artigkeiten vorplauderte. Unſer Freund Franz iſt der Verliebte in der Familie; er war es fuͤr Koͤnig Karl den IX., zu den Zeiten, wo Koͤnig Karl der IX. lebte, und er iſt es fuͤr den Koͤ⸗ nig Heinrich den III., der andere Sachen zu thun hat, als verliebt zu ſein. Was der Teufel, es iſt wohl das Geringſte, daß es an dem Hofe einen Prinzen giebt, der den Franzoͤſiſchen Geiſt vertritt. — Der Herzog, der Herzog abgereiſt, wiederholte Monſoreau. Seid Ihr deſſen ganz gewiß, mein Herr? — Und Ihre fragte Chicot. Der Oberjaͤgermeiſter wandte ſich noch ein Mal nach dem gewoͤhnlich von dem Herzoge neben ſeinem Bru⸗ der eingenommenen Platze um, ein Platz, der fortwaͤh⸗ rend leer blieb. — Ich bin verloren, murmelte er mit einer die Ab⸗ ſicht zu entfliehen bezeichnenden Bewegung, daß Chicot ihn zuruͤckhielt. — Verhaltet Euch doch ruhig, Gottes Tod! Ihr bewegt Euch beſtaͤndig, und das macht den Koͤnig un⸗ woohl. So wahr ich lebe, ich moͤgte wohl an der Stelle Eurer Frau ſein, waͤre es auch nur, um taͤglich einen Prin⸗ zen mit zwei Naſen zu ſehen und um Herrn Aurilly zu hoͤren, welcher die Laute wie der ſelige Orpheus ſpielt. Monſoreau ſchauderte vor Zorn.. — 144— — Sachte, Herr Oberjaͤgermeiſter, ſagte Chicot, verbergt doch Eure Freude. Da eroͤffnet ſich die Sitzung; es iſt ungeziemend, ſo ſeine Leidenſchaften an den Tag zu legen; hoͤrt auf die Rede des Koͤnigs. Der Oberjaͤgermeiſter war gezwungen, auf ſeinem Platze zu bleiben, denn der Saal des Louvre hatte ſich in der That allmaͤlig gefuͤllt; er blieb demnach regungs⸗ los und in der Haltung der Hofetikette. Die ganze Ver⸗ ſammlung hatte Platz genommen, Herr von Guiſe war ſo eben eingetreten und hatte das Knie vor dem Koͤnige gebeugt, nicht ohne auch einen Blick beſorgter Ueberra⸗ ſchung auf den von dem Herzoge von Anjou leer gelaſ⸗ ſenen Sitz zu werfen. Der Koͤnig ſtand auf. Die Herolde geboten Schweigen.— — Meine Heerrn, ſagte der Koͤnig in Mittte des tiefſten Schweigens und nachdem er ſich verſichert hatte, daß d'Epernon, Schomberg, Maugiron und Quelus, in ihrer Wache durch einen Poſten von zehn Schweizern er⸗ ſetzt, zu ihm gekommen waren und hinter ihm ſtanden, meine Herrn, da ein Koͤnig ſo zu ſagen zwiſchen den Himmel und die Erde geſtellt iſt, ſo hoͤrt er gleicher Weiſe die Stimmen, welche von oben, und die Stim⸗ men, welche von unten kommen, das heißt das, was Gott gebietet, und das, was ſein Volk verlangt. Das iſt eine Buͤrgſchaft fuͤr alle meine Unterthanen, und ich begreife das eben ſo vollkommen, als die Verbindung aller Kraͤfte zu einem einzigen Ganzen vereinigt, um den — 145— katholiſchen Glauben zu vertheidigen. Ich habe dem⸗ nach auch den Rath gut geheißen, den uns mein Vetter von Guiſe gegeben hat. Ich erklaͤre demnach die heilige Ligue als gut und geſetzmaͤßig bevollmäͤchtigt und einge⸗ ſetzt, und da ein ſo großer Koͤrper ein gutes und maͤch⸗ tiges Haupt haben muß, da es wichtig iſt, daß das die Kirche zu unterſtuͤtzen berufene Oberhaupt einer der ei⸗ frigſten Soͤhne der Kirche iſt, und daß dieſer Eifer ihm von ſeinem Weſen ſelbſt und von ſeiner Stelle auferlegt ſei, ſo nehme ich einen chriſtlichen Fuͤrſten, um ihn an die Spitze der Ligue zu ſtellen, und ich erklaͤre, daß von nun an dieſes Oberhaupt ſich nennen wird. Heeinrich machte abſichtlich eine Pauſe. Der Flug einer Muͤcke waͤre in Mitte dieſer allge⸗ meinen Regungsloſigkeit laut geworden. Heeinrich wiederholte: — Und ich erklaͤre, daß dieſes Oberhaupt ſich Hein⸗ rich von Valois, Koͤnig von Frankreich und von Polen nennen wird. Indem er dieſe Worte ausſprach, hatte Heinrich die Stimme mit einer Art von Uffectation zum Zeichen des Triumphes erhoben, theils um die zum Ausbruch bereite Begeiſterung ſeiner Freunde anzufeuern, theils auch um die Ligueurs vollends zu vernichten, deren dumpfes Mur⸗ ren ihre Unzufriedenheit, ihre Ueberraſchung und ihr Ent⸗. ſetzen verrieth. Was den Herzog von Guiſe anbetrifft, ſo war er wie vernichtet; dicke Schweißtropfen rannen von ſeiner Stirn, er wechſelte einen Blick mit dem Herzoge von Die Dame von Monſoreau. Vierter Band. 10 — 146— Mayenne und dem Kardinal, ſeinem Bruder aus, welche in der Mitte von zwei Gruppen von Anfuͤhrern, der Eine zu ſeiner Rechten, der Andere zu ſeiner Linken ſtanden. Monſoreau, erſtaunter als jemals uͤber die Abwe⸗ ſenheit des Herzogs von Anjou, begann ſich zu beruhigen, indem er ſich der Worte Heinrichs des III. erinnerte. In der That, der Herzog konnte verſchwunden, ohne abgereiſt zu ſein. Der Kardinal verließ, ohne daß es auffiel, die Gruppe, in welcher er ſich befand, und ſchlich ſich bis zu ſeinem Bruder. — Franz, ſagte er ihm in's Ohr, entweder irre ich mich ſehr, oder wir ſind hier nicht mehr in Sicherheit. Beeilen wir uns, Abſchied zu nehmen, denn das Volk iſt ſonderbar, und der Koͤnig, den es geſtern verab⸗ ſcheute, wird fuͤr einige Tage ſein Abgott werden. — Gut, ſagte Mayenne, gehen wir. Erwartet un⸗ ſeren Bruder hier, ich will den Ruͤckzug vorbereiten. — Geht. Waͤhrend dieſer Zeit hatte der Koͤnig den auf dem Tiſche vorbereiteten und von Herrn von Morvilliers, der einzigen Perſon, welche nebſt der Koͤnigin⸗Mutter mit dem Geheimniſſe vertraut waren, entworfenen Act zuerſt unterzeichnet; dann hatte er mit jenem ſpaßhaften Tone, den er bei gewiſſen Veranlaſſungen ſo gut anzunehmen verſtand, naͤſelnd zu Herrn von Guiſe geſagt: — unterzeichnet doch, mein ſchoͤner Vetter. Und er hatte ihm die Feder gereicht. b — 147— Ihm hierauf mit der Fingerſpitze die Stelle bezeich⸗ nend, hatte er geſagt: — Da, da, unter den meinigen. Jetzt laßt den Herrn Kardinal und den Herrn Herzog von Mayenne unterſchreiben. Aber der Herzog von Mayenne war bereits unten an der Treppe und der Kardinal in dem andern Zimmer. Der Koͤnig bemerkte ihre Abweſenheit. — Dann reicht die Feder dem Heren Oberjaͤger⸗ meiſter. Der Herzog unterzeichnete, reichte die Feder dem Oberjaͤgermeiſter, und machte eine Bewegung, um ſich 5 entfernen. — Wartet, ſagte der Koͤnig. Und waͤhrend Quelus mit ſchlauer Miene die Feder aus den Haͤnden des Herrn von Monſoreau nahm, und nicht allein der ganze anweſende Adel, ſondern auch noch. alle Vorſteher der zu dieſem wichtigen Ereigniſſe zuſam⸗ menberufenen Innungen ſich anſchickten, um unter dem Koͤnige und auf Freiblaͤttern zu unterzeichnen, welchen die verſchiedenen Regiſter angehaͤngt werden ſollten, in die am Tage zuvor, war er nun klein oder groß, adelig der buͤrgerlich, ſeinen Namen mit allen Buchſtaben hatte einſchreiben koͤnnen, waͤhrend dieſer Zeit ſagte der Koͤ⸗ nig zu dem Herzoge von Guiſe: — Ich glaube, es war Eure Meinung, mein Vet⸗ ter, zum Schutze unſerer Hauptſtadt aus alle den Kraͤf⸗ ten der Ligue ein tuͤchtiges Heer zu bilden? Das Heer 3 10* — 148— iſt gebildet und auf eine angemeſſene Weiſe gebildet, da der Koͤnig der natuͤrliche Feldherr der Pariſer iſt. — Zuverlaͤſſig, Sire, antwortete der Herzog, ohne recht zu wiſſen, was er ſagte. — Aber ich vergeſſe nicht, fuhr der Koͤnig fort, daß ich ein anderes Heer zu kommandiren habe und daß die⸗ ſes Commando von Rechtswegen dem erſten Krieger des Koͤnigreiches angehoͤrt. Waͤhrend ich die Ligue komman⸗ diren werde, geht demnach das Heer zu kommandiren, mein Vetter. 3 — Und wann ſoll ich abreiſen? fragte der Herzog. — Auf der Stelle, antwortete der Koͤnig. — Heinrich, Heinrich, aͤußerte Chicot, den die Eti⸗ kette verhinderte, auf den Koͤnig zuzueilen, um ihn in voller Rede zu unterbrechen, wozu er große Luſt hatte. Aber da der Koͤnig ihn nicht gehoͤrt hatte oder, wenn er ihn gehoͤrt, ihn nicht verſtanden hatte, ſo ſchritt er mit vielen Büͤcklingen mit einer ungeheuren Feder in der Hand, heran, und indem er ſich Raum machte, bis er bei dem Koͤnige war, ſagte er leiſe zu ihm: — Ich hoffe, Du wirſt ſchweigen, doppelter Thor. Aber es war bereits zu ſpaͤt. Wie wir geſehen, hatte der Koͤnig dem Herzoge von Guiſe ſeine Ernennung bereits gemeldet, uͤbergab ihm ſeine im Voraus unter⸗ zeichnete Beſtallung, und das trotz aller Winke und al⸗ ler Geſichtsverzerrungen des Gaskoniers. Der Herzog von Guiſe nahm ſeine Beſtallung und verließ den Saal. „8681u — 149— Der Kardinal erwartete ihn an der Thuͤre des Saa⸗ les, und der Herzog von Mayenne erwartete ſie alle Beide an dem Thore des Louvre. Sie ſtiegen augenblicklich zu Pferde, und es waren noch keine zehn Minuten verfloſſen, als ſich alle Drei außerhalb Paris befanden. 3 Der Reſt der Verſammlung entfernte ſich allmaͤlig. Die Einen riefen: Es lebe der Koͤnig! Die Andern rie⸗ fen: Es lebe die Ligue! — Zum Mindeſten, ſagte Heinrich lachend, habe ich eine große Aufgabe geloͤſt. — O ja, murrte Chicot, Du biſt ein gewaltiger Mathematiker, geh! — Ohne Zweifel, erwiderte der Koͤnig, indem ich alle dieſe Schelme die beiden entgegengeſetzten Rufe aus⸗ ſtoßen laſſe, bin ich dazu gelangt, ſie daſſelbe rufen zu laſſen. — Sia bene! ſagte die Koͤnigin⸗Mutter zu Heinrich, indem ſie ihm die Hand druͤckte. — Glaube das und trinke Milch, ſagte der Gasko⸗ nier; ſie iſt raſend, ihre Guiſen ſind durch den Streich faſt vernichtet. —— O, Sire, Sire, riefen die Guͤnſtlinge aus, in⸗ dem ſie ſich laͤrmend um den Koͤnig draͤngten, welch er⸗ 4 habenen Einfall Ihr da gehabt habt! — Sie glauben, daß das Geld ihnen wie Manna regnen wird, ſagte Chicot dem Koͤnige in's andere Ohr. Heinrich wurde im Triumphe in ſeine Zimmer zu⸗ — 150— ruͤckgefuͤhrt; in Mitte des Gefolges, welches den Koͤnig begleitete und ihm folgte, ſpielte Chicot die Rolle des Verkleinerers des Alterthumes, indem er ſeinen Herrn mit ſeinen Wehklagen verfolgte. Dieſe Beharrlichkeit Chicots, den Halbgott des Ta⸗ ges daran zu erinnern, daß er nur ein Menſch waͤre, uͤberraſchte den Koͤnig in dem Grade, daß er alle Welt entließ, und mit Chicot allein blieb. — Ah, ſagte Heinrich, indem er ſich nach dem Gas⸗ konier umwandte, wißt Ihr, daß Ihr niemals zufrieden ſeid, Meiſter Chicot, und daß das hoͤchſt laͤſtig wird? Was der Teufel, ich verlange keine Gefaͤlligkeit von Euch, ſondern geſunden Verſtand.— — Du haſt Recht, Heinrich, ſagte Chicot, denn deſſen bedarfſt Du am Meiſten. — Gieb zum Mindeſten zu, daß der Streich gut ge⸗ ſpielt iſt. — Das iſt es gerade, was ich nicht zugeben will. — Ah Du biſt eiferſuͤchtig, Herr Koͤnig von Frank⸗ reich? meine Gegenſtaͤnde der Eiferſucht beſſer waͤhlen. — Sapperment! Herr Tadler! — O, welch grimmige Eigenliebe! — Sag an, bin ich Koͤnig der Ligue oder nicht? — Gewiß, und das iſt undeſtreitbar, Du biſt es. Aber... — Aber was? — Ich? Gott bewahre mich davor! Ich wuͤrde — 151— — Aber Du biſt nicht mehr Koͤnig von Frankreich! — und wer iſt denn Koͤnig von Frankreich? — Alle Welt, ausgenommen Du, Heinrich; Dein Bruder zuvoͤrderſt. — Mein Bruder? Von wem willſt Du ſprechen? — Von Herrn von Anjou, bei Gott. — Den ich gefangen halte? — Ja, denn obgleich er Gefangener iſt, ſo ſt er ge⸗ ſalbt, und Du biſt es nicht. — Durch wen iſt er geſalbt? — Durch den Kardinal von Guiſe. Wahrlich, Hein rich, ich rathe Dir, noch von Deiner Polizei zu ſpre⸗ chen; man ſalbt einen Koͤnig in Pauis in Gegenwart von dreiunddreißig Perſonen in der Sanct⸗Genovefa⸗ Kirche, und Du weißt es nicht! — Was, und Du weißt es? — Gewiß weiß ich es. — und wie kannſt Du das wiſſen, was ich nicht z weiß? — O, weil Du Deine Polizei von Herrn von Mor⸗ villiers beſorgen läßt, und ich meine Polizei ſelbſt be⸗ ſorge. Der Koͤnig runzelte die Stirn. — Wir haben alſo bereits als Koͤnig von Frank⸗ reich, ohne Heinrich von Valois zu rechnen, Franz von 3 Anjou, dann haben wir noch, ſehen wir, ſagte Chicot, indem er das Anſehen hatte, ſich zu beſinnen, wir t. Has ben noch den Herzog von Guiſe. — Den Herzog von Guiſe? — Den Herzog von Guiſe, Heinrich von Guiſe, Heinrich mit der Schmarre. Ich wiederhole alſo, wir haben alſo noch den Herzog von Guiſe. — Wahrſcheinlich ein ſchoͤner Koͤnig, den ich ver⸗ banne, den ich nach dem Heere ſchickte. — Schoͤn, als ob man Dich nicht nach Polen ver⸗ bannt haͤtte; als ob es nicht weit naͤher von la Charité nach dem Fouvre, als von Krakau nach Paris waͤre! Ah, es iſt wahr, daß Du ihn nach dem Heere ſendeſt; darin liegt die Feinheit des Stoßes, die Gewandtheit der Finte; Du ſchickteſt ihn nach dem Heere, das heißt, Du ſtellſt dreißig Tauſend Mann unter ſeine Befehle; Sapperment, und welches Heer,... ein wahres Heer ... das iſt nicht wie Dein Heer der Ligue... Nein .. nein... ein Heer von Buͤrgern, das iſt gut fuͤr Heinrich von Valois, Koͤnig der Mignons; Heinrich von Guiſe bedarf ein Heer von Soldaten, und was fuͤr Soldaten? Abgehaͤrtet, krieggeuͤbt, unter den Kanonen gebraͤunt, im Stande, zwanzig Heere der Ligue zu ver⸗ ſchlingen, ſo daß, wenn Heinrich von Guiſe, der Wirk⸗ lichkeit nach Koͤnig, eines Tages den albernen Einfall haͤtte, es dem Namen nach zu werden, er ſeine Trom⸗ peter nur nach der Hauptſtadt zu wenden und zu ſagen haͤtte:„Vorwaͤrts! Läßt uns Paris mit einem Biſſen, und Heinrich von Valois und das Louvre mit ihm ver⸗ ſchlingen,“ ſie wuͤrden es thun, die Schelme, ich ken⸗ ne ſie. — Ihr vergeßt nur Eines in Eurer Beweisfuͤhrung, beruͤhmter Politiker, der Ihr ſeid, ſagte Heinrich. 5 u————½—— , — 153— — Ah, den Henker, das iſt moͤglich, beſonders wenn das, was ich vergeſſe, ein vierter Koͤnig iſt. — Nein; Ihr vergeßt, ſagte Heinrich mit unend⸗ licher Geringſchaͤtzung, daß, um daran zu denken uͤber Frankreich zu herrſchen, wenn es ein Valois iſt, der die Krone traͤgt, man ein Wenig ruͤckwaͤrts blicken und ſeine Ahnen zaͤhlen muß Wenn Herr von Anjou einen ſol⸗ chen Einfall haͤtte, ſo geht es noch; er gehoͤrt zu dem Geſchlecht, das darauf Anſpruͤche hat; ſeine Ahnen ſind die meinigen; es kann dabei unter uns ein Kampf und Vergleich ſtattfinden, denn unter uns iſt es eine Frage der Erſtgeburt, und weiter Nichts Aber Herr von Guiſe... geht, Meiſter Chicot, ſtubirt das Wappen, Freund, und ſagt uns, ob die Lilien von Frankreich nicht von beſſerer Abkunft ſind, als die Vogelruͤmpfe von Lothringen. — Ha, ha, brummte Chicot, gerade darin liegt der Irrthum, Heinrich. — Wie, darin liegt der Irrthum? — Gewiß. Herr von Guiſe iſt von beſſerer Ab⸗ kunft, als Du glaubſt, geh. — Vielleicht von heſſerer Abkunft, als ich? ſagte Heinrich laͤchelnd. — Es iſt kein Vielleicht vorhanden, mein liebes Heineken. — Ihr ſeid ein Narr, Herr Chicot. — Hm, das iſt mein Amt. — Aber ich ſage, ein wahrhafter Narr; aber ich — 154— ſage ein raſender Narr! Geht, lernt leſen, mein Freund! — Nun denn, Heinrich, ſagte Chicot, Du, der Du leſen kannſt, Du, der Du nicht noͤthig haſt, wieder in die Schule zu gehen, wie ich, ließ ein Wenig dieſes. Und Chicot zog aus ſeinem Buſen das Pergament, auf das Nicolas David den Stammbaum geſchrieben hatte, den wir kennen; denſelben, der von Avignon, von dem Papſte gebilligt, zurückgekommen war, und der Heinrich von Guiſe von Karl dem Großen abſtammen ließ. 3 Heinrich erbleichte, ſobald er die Augen auf das Pergament geworfen, und neben der Unterſchrift des Legaten das Siegel des heiligen Petrus erkannt hatte. — Was ſagſt Du dazu, Heinrich? fragte Chicot. Die Lilien ſind ein Wenig zuruͤckgeſetzt, he? Sapper⸗ ment, die Droſſeln ſcheinen mir eben ſo hoch fliegen zu wollen, als der Adler Caͤſars. Nimm Dich in Acht, mein Sohn! — Aber durch welche Mittel haſt Du Dir dieſen Stammbaum verſchafft? — Ich? Bekuͤmmere ich mich etwa um ſolche Dinge? Er hat mich von ſelbſt aufgeſucht. — Aber wo war er, bevor er Dich aufgefunden hat? — unter dem Kopfkiſſen eines Advokaten. — Und wie hieß dieſer Advokat? — Meiſter Nicolas David. — Wo war er? — 155— — In Lyon. — und wer hat es von Lyon unter dem Kopfkiſſen dieſes Advokaten hervorgeholt? — Einer meiner guten Freunde. — Was treibt dieſer Freund? 8— Er predigt. — Er iſt alſo ein Moͤnch? — Ganz recht. — und er heißt? — Gorenflot. 3 — Wie, rief Heinrich aus, dieſer abſcheuliche Li⸗ gueur, der jene Aufruhrpredigt in dem Sanct⸗Genovefa⸗ Kloſter gehalten hat, und der mich geſtern in den Stra⸗ ßen von Paris beſchimpfte? — Erinnerſt Du Dich der Geſchichte Brutus, wel⸗ cher den Narren ſpielte.. Aber Dein Genovefa⸗Moͤnch iſt alſo ein gruͤnd⸗ licher Politiker? — Habt Ihr von Machiavelli, dem Secretair der Republik Florenz ſprechen hoͤren? Eure Großmutter iſt ſeine Schuͤlerin. — Dann hat er alſo dem Advokaten dieſes Acten⸗ ſtuͤck entwedet? 5— Ah, ja doch, entwendet. Er hat es ihm mit Ge⸗ walt genommen. — Nicolas David, dieſem Raufbold? — Nicolas David, dieſem Raufbold. — Aber Dein Moͤnch iſt alſo tapfer? 1— Wie Bayard. — 156— — und obgleich er dieſen ſchoͤnen Fang gemacht, hat er ſich noch nicht bei mir gemeldet, um ſeine Be⸗ lohnung zu empfangen? — Er iſt demuͤthig in ſein Kloſter zuruͤckgekehrt, und er verlangt nur Eines, naͤmlich: daß man vergißt, daß er es verlaſſen hat. — Er iſt alſo beſcheiden? — Wie der heilige Crispin. — Chicot, auf mein adeliges Wort, Dein Freund ſoll die erſte erledigte Abtei haben, ſagte der Koͤnig. — Ich danke Euch in ſeinem Namen, Heinrich. Dann fuͤgte Chicot in ſeinem Innern hinzu: — Meiner Treue, da iſt er zwiſchen Mayenne und Valois, zwiſchen einen Strick und eine Pfruüͤnde geſtellt! Wird er gehangen werden, wird er Abt werden? Der waͤre ſehr ſcharfſinnig, der es ſagen koͤnnte. Jeden Falles muß er, wenn er noch ſchlaͤft, in dieſem Augenblicke drollige Traͤume haben. — 157— X. Eteokles und Polynikes. Daeſer Tag der Ligue endete geraͤuſchvoll und glaͤn⸗ zend, wie er begonnen hatte. Die Freunde des Koͤnigs beluſtigten ſich, die Pre⸗ diger der Ligue bereiteten ſich vor, Bruder Heinrich zu kanoniſiren, und unterhielten ſich, wie man es vor Zei⸗ ten fuͤr Sanct Mauritius gethan hatte, von den großen kriegeriſchen Thaten, wovon die Jugend Valois ſo glaͤn⸗ zend geweſen war. Die Guͤnſtlinge ſagten: endlich iſt der Loͤwe er⸗ wacht. Die Ligueurs ſagten: endlich hat der Fuchs die Falle errathen. Und da der Charakter der Franzoͤſiſchen Nation hauptſaͤchlich Eigenliebe iſt, und die Franzoſen keine Freunde v Anfuüͤhrern von untergeordnetem Verſtande = 158— ſind, ſo freuten ſich die Verſchwoͤrer ſelbſt, von dem Koͤnige hinter das Licht gefuͤhrt worden zu ſein. Freilich hatten ſich die Angeſehenſten unter ihnen ſicher geſtellt. 4 Wie man geſehen, hatten die drei Lothringiſchen Prinzen Paris in hoͤchſter Eile verlaſſen, und ihr haupt⸗ ſaͤchlichſter Agent ſtand im Begriffe das Louvre zu ver⸗ laſſen, um ſeine Vorbereitungen zur Abreiſe zu dem Zwecke zu treffen, den Herzog von Anjou wieder einzu⸗ holen. Aber in dem Augenblicke, wo er den Fuß auf die Schwelle ſetzen wollte, redete ihn Chicot an. Der Pa⸗ laſt war von den Ligueurs geraͤumt, der Gaskonier fuͤrchtete Nichts mehr fuͤr ſeinen Koͤnig. — Wo geht Ihr denn ſo eilig hin, Herr Oberjaͤger⸗ meiſter? fragte er. 3 — Zu Seiner Hoheit, antwortete der Graf lakoniſch. — Zu Seiner Hoheit? — Ja, ich bin beſorgt wegen Seiner Gnaden. Wir leben nicht in einer Zeit, in der die Prinzen ſich ohne eine gute Bedeckung auf die Reiſe begeben koͤnnten. — O, der da iſt ſo tapfer, ſagte Chicot, daß er 4 dadurch verwegen iſt. Der Oberjaͤgermeiſter ſah den Gaskonier an. — Jeden Falles, ſagte er zu ihm, wenn Ihr be⸗ ſorgt ſeid, ſo bin ich es noch weit mehr! — Ueber wen? Immer uͤber dieſelbe Hoheit. 4 ſehen. — 159— — Warum? — Ihr wißt nicht, was man ſagt? — Sagt man nicht, daß er abgereiſt ſei? fagt⸗ der Graf. — Man ſagt, daß er geſtorben ſei, fluͤſterte der Gaskonier dem Oberjaͤgermeiſter ins Ohr. — Bah, aͤußerte Monſoreau mit einer Betonung der Ueberraſchung, die nicht frei von einer gewiſſen Freude war; Ihr ſagtet, daß er auf der Reiſe waͤre. — Hm, man hatte es mir geſagt. Ich bin ſo leichtglaͤubig, daß ich alle Flauſen glaube, die man mir MWerzaͤhlt; aber jetzt, ſeht, habe ich alle Urſache zu glau⸗ den, daß, wenn er auf einer Reiſe iſt, der arme Prinz ſich auf der Reiſe in jene Welt befindet. — Laßt hoͤren, was veranlaßt Euch zu dieſen trau⸗ rigen Gedanken? — Er iſt geſtern Abend in das Louvre zuruͤckge⸗ kehrt, nicht wahr? — Gewiß, da ich ihn begleitet habe. — Nun denn, man hat ihn nicht hernuskommen — Aus dem Louvre? — Nein. — Aber Aurilly? — Verſchwunden! — Aber ſeine Leute? — Verſchwunden, verſchwunden, verſchwunden! — Das iſt ein Scherz, nicht wahr, Herr Chicot? ſagte der Oberjaͤgermeiſter.— — Fragt! — Wen?... — Den Koͤnig. — Man befragt Seine Majeſtaͤt nicht! — Bah, es giebt eine Art ſich dabei zu benehmen. — Sehen wir, ſagte der Graf, ich vermag es nicht, in ſolch einer Ungewißheit zu bleiben. Indem er Chicot verließ, oder vielmehr, in dem er ihm vorausging, ſchritt er nach dem Kabinette des Koͤ⸗ nigs zu. 3 Seine Majeſtaͤt war eben ausgegangen. — Wo iſt der Koͤnig hingegangen? fragte der Ober⸗ ſaͤgermeiſter. Ich muß ihm Rechenſchaft uͤber gewiſſe Befehle ablegen, die er mir ertheilt hat. — Zu dem Herrn Herzog von Anjou? antwortete ihm Derjenige, an den er ſich gewandt hatte. — Zu dem Herzoge von Anjou! ſagte der Graf z Chicot. Der Prinz iſt alſo nicht todt? — Hm, außerte der Gaskonier, ich meine, er iſt— eben nicht mehr werth. Zuverlaͤſſig, die Begriffe des Oberjäͤgermeiſters ver⸗ wirrten ſich gaͤnzlich; es wurde gewiß, daß Herr von Anjou das Louvre nicht verlaſſen hatte. Gewiſſe Ge⸗ ruͤchte, die er auffing, gewiſſe Bewegungen der Dienſt⸗ leute beſtaͤtigten ihm die Wahrheit. Da er nun aber die wahren Urſachen der Abweſen⸗ 1 heit des Prinzen nicht kannte, ſo verwunderte ihn dieſe — — — 161— Abweſenheit in einem ſo entſcheidenden Augenblicke uͤber alle Maßen.— Der Koͤnig war in der That zu dem Herzoge von Anjou gegangen; aber da der Oberjaͤgermeiſter trotz ſei⸗ nes heftigen Verlangens zu erfahren, was bei dem Prin⸗ zen vorginge, nicht bis zu ihm gelangen konnte, ſo war er genoͤthigt, die Nachrichten in dem Corridor zu er⸗ warten. Wir haben geſagt, daß, um der Sitzung beizuwoh⸗ nen, die vier Mignons ſich durch Schweizer hatten er⸗ ſetzen laſſen; aber ſobald die Sitzung beendigt, hatte trotz der Langenweile, welche ihnen die Wache verur⸗ ſachte, die ſie bei dem Prinzen bezogen, das Verlangen, Seiner Hoheit dadurch unangenehm zu ſein, daß ſie Ihr den Triumph des Koͤnigs berichteten, den Sieg uͤber die Langeweile davon getragen, und ſie hatten ihre Poſten wieder eingenommen, Schomberg und Epernon in dem Salon, Maugiron und Quslus in dem Zimmer ſeiner Hoheit ſelbſt. Franz ſeiner Seits langweilte ſich auf den Tod öber dieſe ſchreckliche, durch Beſorgniß verdoppelte Lange⸗ weile, und wir muͤſſen geſtehen, die Geſpraͤche dieſer Her⸗ ren waren nicht geſchaffen, um ſie zu zerſtreuen. — Siehſt Du, ſagte Quélus zu Maugiron von ei⸗ nem Ende des Zimmers zu dem anderen, und als ob der Prinz nicht anweſend geweſen waͤre, ſiehſt Du, erſt ſeit einer Stunde fange ich an, unſeren Freund Va⸗ lois zu wuͤrdigen; wahrlich, er iſt ein großer Poli⸗ tiker. 3. Die Dame von Monſoreau. Vierter Band⸗ 11 — 162— —Erklaͤre Dich uͤber das, was Du ſagſt, antwor⸗ tete Maugiron, indem er es ſich auf einer Ruhebank bequem machte. — Der Koͤnig hat ganz offen von der Verſchwoͤ⸗ rung geſprochen, er that alſo, als ob er Nichts von ihr wiſſe; wenn er that, als ob er Nichts von ihr wiſſe, ſo iſt das ein Beweis, daß er ſie fuͤrchtete; wenn er ganz unverhohlen von ihr geſprochen hat, ſo iſt das ein 4 Beweis, daß er ſie nicht mehr fuͤrchtet. — Das iſt logiſch, antwortete Maugiron. — Wenn er ſie nicht mehr fuͤrchtet, ſo wird er ſie beſtrafen; Du kennſt Valois, er glaͤnzt gewiß durch eine große Anzahl von Eigenſchaften, aber ſeine glaͤnzende Perſon iſt dunkel genug in Bezug auf die Gnade. — Zugeſtanden. — Wenn er nun aber die genannte Verſchwoͤrung beſtraft, ſo wird das durch einen Proceß geſchehen; wenn nun ein Prockß ſtattfindet, ſo werden wir, ohne uns zu bemuͤhen, eine zweite Vorſtellung der Geſchichte von Amboiſe genießen. — Ein ſchoͤnes Schauſpiel, Sapperment! — und bei welchem unſere Plaͤtze im Voraus be⸗ zeichnet ſind, es ſei denn, daß... — Laßt hoͤren daß, es ſei denn daß... — Es ſei denn, daß... das iſt auch noch moͤg⸗ lich,... es ſei denn, daß man die gerichtlichen For⸗ men wegen der Stellung des Angeklagten bei Seite — u .0—— — 163— laͤßt, und daß man die Sache im Stillen abmacht, wie man zu ſagen pflegt. 8 — Ich bin fuͤr dieſe letzte Meinung, ſagte Maugi⸗ ron, auf dieſe Weiſe werden die Familienangelegenheiten gewoͤhnlich behandelt, und dieſe letzte Verſchwoͤrung iſt eine wahre Familienangelegenheit. Aurilly ſchleuderte dem Prinzen einen beſorgten Blick zu. — Meiner Treue, ſagte Maugiron, ich weiß Eines; naͤmlich, daß ich an der Stelle des Koͤnigs die großen Koͤpfe nicht ſchonen wuͤrde; in Wahrheit, weil ſie dop⸗ pelt ſo ſtrafbar ſind, als die Anderen; indem ſie ſich erlauben eine Verſchwoͤrung anzuzetteln, glauben dieſe Herren, daß ihnen jede Verſchwoͤrung erlaubt ſei. Ich ſage alſo, daß ich Einen oder Zwei von ihnen tuͤchtig treffen wuͤrde, beſonders Einen, aber da, gerade ab 3 dann wuͤrde ich das ganze niedere Pack erſaͤufen. Die Seine iſt tief vor dem Nesle, und bei meiner Ehre, an der Stelle des Koͤnigs wuͤrde ich der Verſuchung nicht widerſtehen. — In dieſem Falle, ſagte Quélus, glaube ich, daß es nicht uͤbel ſein wuͤrde, die beruͤhmte Erfindung der Saͤcke wieder einzufuͤhren. — Und was war das fuͤr eine Erfindung? fragte Maugiron. — S=Ein koͤniglicher Einfall, der ſich ungefaͤhr von dem Jahre 1530 herſchreibt: man ſteckte einen Menſchen in Geſellſchaft von drei bis vier Katzen in einen Sack, dann warf man das Ganze ins Waſſefe. Die Katzen, — — — 164— welche die Feuchtigkeit nicht ertragen koͤnnen, fuͤhlten ſich kaum in der Seine, als ſie ſich wegen des Un⸗ falles, der ihnen zuſtieß, an den Menſchen hielten; dann trugen ſich in dieſem Sacke Dinge zu, die man un⸗ gluͤcklicher Weiſe nicht ſehen konnte. — Wahrlich, ſagte Maugiron, Du biſt unerſchoͤpf⸗ lich an Kenntniſſen, Quélus, und Deine Unterhaltung iſt hoͤchſt intereſſant. — Man wuͤrde dieſe Erfindung nicht auf die Raͤ⸗ delsfuͤhrer anwenden koͤnnen; die Raͤdelsfuͤhrer haben immer das Recht, die Beguͤnſtigung der Enthauptung auf oͤffentlichem Platze, oder der Ermordung in irgend einem Winkel in Anſpruch zu nehmen. Aber, wie Du ſagteſt, fuͤr das Pack, und unter Pack verſteh ich die Guͤnſtlinge, die Stallmeiſter, die Haushofmeiſter, die Lautenſpieler... ſetzen. — So antworte doch nicht, Aurilly, ſagte Franz, 6 das kann nicht an mich gerichtet ſein, noch dem zu Folge an mein Haus; man verſpottet in Frankreich die Prin⸗ zen von Gebluͤt nicht. — Meine Herren, ſtammelte Aurilly bleich vor Ent⸗ 3 — Nein, man behandelt ſie weit Anee ſagte Quelus, man ſchneidet ihnen den Hals ab; Ludwig der XI., der große Koͤnig, verſagte ſich dieſes Vergnigen 3 nicht; ein Beweis iſt Herr von Nemours. I So weit waren die Mignons in ihrer Unterhaltung, als man Geraͤuſch in dem Salon hoͤrte, als die Thlis, 1 ☛ ◻☛———— — 165— 3 des Zimmers ſich oͤffnete und der Koͤnig auf der Schwelle erſchien. Franz ſtand auf. — Sire, rief er aus, ich berufe mich auf Eure Ge⸗ rechtigkeit wegen der ſchaͤndlichen Behandlung, die mich Eure Leute erdulden laſſen. Aber Heinrich ſchien ſeinen Bruder weder geſehen, noch gehoͤrt zu haben. — Guten Tag, Qulus, ſagte Heinrich, indem er ſeinen Liebling auf beide Wangen kuͤßte, guten Tag, mein Sohn, Dein Anblick erfreuet mir das Herz. Und Du, mein armer Maugiron, wie befinden wir uns? — Ich langweile mich zum Sterben, ſagte Maugi⸗ ron; als ich es uͤbernommen, Euren Bruder zu bewa⸗ chen, Sire, hatte ich geglaubt, daß er weit unterhalten⸗ der waͤre. Pfui, welch langweiliger Prinz! Iſt das wohl der Sohn Eures Vaters und Eurer Mutter? — Ihr hoͤrt es, Sire, ſagte Franz, liegt es denn in Eurer koͤniglichen Abſicht, daß man Euren Bruder ſo beleidigt? — Still, Monſieur, ſagte Heinrich, ohne ſich um⸗ zuwenden, ich kann es nicht leiden, daß meine Gefange⸗ nen ſich beklagen. — Gefangener, ſo ſehr es Euch gefaͤllt, aber dieſer Gefangene iſt Nichts deſto weniger Euer... — Der Titel, den Ihr anruft, iſt gerade derjenige, der Euch in meiner Anſicht verderblich iſt. Wenn mein Bruder ſchuldig, ſo iſt er doppelt ſchuldig⸗ — Wenn er es aber nicht iſt? — 166— — Er iſt es! — Welches Verbrechens? — Mir mißfallen zu haben, Monſieur. — Sire, ſagte Franz gedemuͤthigt, beduͤrfen unſere Familienzwiſte der Zeugen? — Ihr habt Recht. Meine Herren, meine Freunde, laßt mich demnach einen Augenblick lang mit meinem Bruder allein. — Sire, ſagte Quslus leiſe, es iſt nicht vorſichtig von Eurer Majeſtaͤt, zwiſchen zwei Feinden zu bleiben. — Ich nehme Aurilly mit, ſagte Maugiron dem Koͤnige in das andere Ohr. Die beiden Edelleute nahmen Aurilly mit, der zu gleicher Zeit vor Neugierde brannte und vor Beſorgniß ſtarb. 4 — Wir ſind alſo jetzt allein, ſagte der Koͤnig. — Ich erwartete dieſen Augenblick mit Ungeduld, Sire.. — und ich auch! Ah, Ihr trachtet nach meiner Krone, mein wuͤrdiger Eteokles; ah, Ihr machtet Euch aus der Ligue ein Mittel und aus dem Throne ein Ziel! Ah, man ſalbte Euch in einem Winkel von Paris, in einer abgelegenen Kirche, um Euch ploͤblich den Pari⸗ ſern ganz glaͤnzend von dem heiligen Oele zu zeigen! — Ach, ſagte Franz, welcher den Zorn des Koͤnigs ſich allmaͤlig ſteigern fuͤhlte, Eure Majeſtaͤt laͤßt mich nicht ſprechen. A. — Wozus ſagte Heinrich. Um zu luͤgen, oder zum Mindeſten, um mir Dinge zu ſagen, die ich eben ſo gut weiß, als Ihr!„Aber nein, Ihr wuͤrdet luͤgen, mein Bruder, denn das Geſtaͤndniß deſſen, was Ihr gethan habt, waͤre das Geſtaͤndniß, daß Ihr den Tod verdient! Ihr wuͤrdet luͤgen, und das iſt eine Schande, die ich Euch erſpare. — Mein Bruder, mein Bruder, ſagte Franz außer ſich, iſt es wirklich Eure Abſicht, mich mit ſolchen Be⸗ leidigungen zu uͤberhaͤufen? — Dann, wenn das, was ich Euch ſage, fuͤr be⸗ leidigend gehalten werden kann, ſo bin ich es, der luͤgt, und es iſt mir Nichts lieber, als daß ich luͤge. Sagt an, ſprecht, ſprecht, ich hoͤre; zeigt uns, wie Ihr kein Treuloſer, und was ſchlimmer iſt, kein Ungeſchickter ſeid. — Ich weiß nicht, was Eure Majeſtaͤt ſagen will, und Sie ſcheint Sich vorgenommen zu haben, mit mir in Raͤthſeln zu ſprechen. — Dann will ich Euch meine Worte erklaͤren, rief Heinrich mit drohungsvoller Stimme aus, welche im Bereiche von Franz Ohren bebte. Ja, Ihr habt Euch gegen mich verſchworen, wie Ihr Euch ehedem gegen meinen Bruder Karl verſchworen habt; nur war es ehe⸗ dem mit Huͤlfe des Koͤnigs von Navarra, heute iſt es mit Huͤlfe des Herzogs von Guiſe. Ein ſchoͤner Plan, den ich bewundere, und der Euch einen bedeutenden Platz in der Geſchichte der Uſurpatoren geſchaffen haͤtte. Freilich krochet Ihr ehedem wie eine Schlange, und — 168— jetzt wollt Ihr wie ein Loͤwe beißen; nach der Argliſt, die offene Gewalt, nach dem Gifte, das Schwerdt. — Gift! Was wollt Ihr damit ſagen, mein Herr? rief Franz bleich vor Wuth aus, indem er wie jener Eteokles, mit dem ihn Heinrich verglichen hatte, eine Stelle zu ſuchen ſchien, wo er, in Ermangelung von Schwerdt und Dolch, Polynikes mit ſeinem Flammen⸗ blicke treffen koͤnnte. Welches Gift? — Das Gift, mit welchem Du unſeren Bruder Karl ermordeſt haſt; das Gift, welches Du Heinrich von Navarra, Deinem Verbuͤndeten, beſtimmteſt. Geh, dieſes verhaͤngnißvolle Gift iſt bekannt; unſere Mutter hat es bereits ſo viele Male angewandt. Deshalb haſt Du ohne Zweifel in Bezug auf mich darauf verzichtetz deshalb haſt Du das Anſehen eines Feldherrn annehmen wollen, indem Du die Miliz der Ligue kommandirteſt. Aber ſieh mich recht an, Franz, fuhr Heinrich fort, wo⸗ bei er einen drohenden Schritt auf Franz zuthat, und bleibe feſt uͤberzeugt, daß ein Mann von Deinem Schlage niemals einen Mann von dem meinigen toͤdten wird. Franz wankte unter der Laſt dieſes ſchrecklichen An⸗ griffes; aber ohne Ruͤckſichten, ohne Erbarmen fuͤr ſei⸗ nen Gefangenen, begann der Koͤnig wieder: — Das Schwerdt! Das Schwerdt! Ich moͤgte Dich wohl in dieſem Zimmer allein mit mir und ein Schwerdt in der Hand ſehen. Ich habe Dich bereits im Betruge beſiegt, Franz, denn auch ich habe Schleich⸗ 3 — — 169— wege eingeſchlagen, um auf den Thron von Frankreich zu gelangen; aber dieſe Wege mußte ich zuruͤcklegen, indem ich uͤber den Leib von einer Million Polen ging; das iſt etwas Anderes. Wenn Ihr falſch ſein wollt, ſo ſeid es, aber auf dieſe Weiſe; wenn Ihr es mir nachmachen wollt, ſo macht es mir nach, aber nicht, in⸗ dem Ihr mich verkleinert. Das ſind koͤnigliche Intri⸗ guen, das iſt ein eines Feldherrn wuͤrdiger Betrug; ich wiederhole demnach, in der Liſt biſt Du beſiegt, und in einem offenen Kampfe wuͤrdeſt Du getoͤdtet werden; denke daher nicht mehr daran, weder auf die eine, noch auf die andere Weiſe zu kaͤmpfen; denn von jetzt an handle ich als Koͤnig, als Herr, als Deſpot; von jetzt an beaufſichtlge ich Dich in Deinem geringſten Schwan⸗ ken, verfolge ich Dich in Deine Zuruͤckgezogenheit, und bei dem geringſten Zoͤgern, bei der geringſten Dunkel⸗ heit, bei dem geringſten Zweifel, ſtrecke ich meine ge⸗ wichtige Hand uͤber Dich Schwachen aus, und werfe Dich zuckend unter das Beil meines Henkers. Das iſt es, was ich Dir in Bezug auf unſere Fa⸗ milienangelegenheiten zu ſagen hatte, mein Bruder; deshalb ſpreche ich unter vier Augen mit Dir, Franz; deshalb will ich meinen Freunden den Auftrag geben, Dich heute Nacht allein zu laſſen, damit Du in der Einſamkeit meine Worte uͤberlegen kannſt. Wenn die Nacht wirklich Rath bringt, wie man ſagt, ſo muß das beſonders bei den Gefangenen der Fall ſein. — Demnach alſo, murmelte der Herzog, durch eine Laune Eurer Majeſtaͤt, auf einen Verdacht hin, der ei⸗ nem boͤſen Traume gleicht, den Ihr gehabt habt, bin ich jetzt bei Euch in Ungnade gefallen? — Mehr als das, Franz: Du biſt jetzt meiner Ge⸗ rechtigkeit anheim gefallen.. — Aber ſo beſtimmt zum Mindeſten das Ziel mei⸗ ner Gefangenſchaft, Sire, damit ich weiß, woran ich bin. — Wenn man Euch Euer Urtheil vorleſen wird, ſo werdet Ihr es wiſſen. — Meine Mutter! Darf ich meine Mutter nicht ſehen! — Wozu? Es gab nur drei Exemplare des be⸗ ruͤhmten Jagdbuches auf der Welt, das mein armer Bruder Karl verſchlungen hat, verſchlungen, das iſt das rechte Wort, und die beiden anderen ſind: das eine in Florenz und das andere in London. Außerdem bin ich kein Nimrod, wie mein armer Bruder. Gott befohlen, Franz! Der Prinz ſank vernichtet auf einen Seſſel. — Meine Herren, ſagte der Koͤnig, indem er die Thuͤre wieder oͤffnete, meine Herren, der Herr Herzog von Anjou hat mich um die Freiheit gebeten, heute Nacht eine Antwort zu überlegen, die er mir morgen fruͤh ge⸗ ben ſoll. Ihr werdet ihn demnach in ſeinem Zimmer allein laſſen, vorbehaltlich der Vorſichtsbeſuche, die Ihr ihm von Zeit zu Zeit abſtatten zu muͤſſen glauben wer⸗ det. Ihr werdet Euren Gefangenen vielleicht ein We⸗ nig aufgeregt uͤber die Unterredung finden, die wir ſo eben mit einander gehabt haben; aber bedenkt, daß der N — ùú—— ᷣε — 171— Herr Herzog von Anjou dadurch, daß er ſich gegen mich verſchwor, auf den Titel meines Bruders verzich⸗ tet hat; dem zu Folge giebt es alſo hier nur einen Ge⸗ fangenen und Waͤchter, und keine Ceremonien, wenn der Gefangene unartig gegen Euch iſt, ſo meldet es mir, ich habe die Baſtille zur Hand, und in der Baſtille Meiſter Laurent Testu, den erſten Mann von der Welt, um widerſpenſtige Launen zu baͤndigen. — Sire, Sire, murmelte Franz, indem er eine letzte Anſtrengung verſuchte, erinnert Euch, daß ich Euer... — Ihr waret auch der Bruder Koͤnigs Karl des IX., wie ich glaube, ſagte Heinrich. — Aber zum Mindeſten gebe man mir meine Die⸗ ner, meine Freunde. — Beklagt Euch doch, ich beraube mich der meini⸗ gen, um ſie Euch zu geben. Und Heinrich verſchloß ſeinem Bruder die Thuͤre vor der Naſe, der bleich und wankend bis an ſeinen Seſſel zuruͤckwich, in den er ſank. XI. Wie man nicht immer ſeine Zeit verliert, wenn man leere Schraͤnke durchſucht. Der Auftritt, welchen der Herzog ſo eben mit dem Koͤnige gehabt, ließ Erſteren ſeine Lage als gaͤnzlich ver⸗ zweifelt anſehen. Die Mignons hatten ihn uͤber Nichts von dem in Unwiſſenheit gelaſſen, was in dem Louvre vorgefallen war: ſie hatten ihm die Niederlage der Herrn von Guiſe und den Triumph Heinrichs noch weit groͤßer gezeigt, als ſie in der Wirklichkeit waren; er hatte, was ihm Anfangs unbegreiflich geſchienen, die lauten Rufe des Volkes: Es lebe der Koͤnig und es lebe die Ligue gehoͤrt. Er fuͤhlte ſich von den Hauptanfuͤhrern verlaſ⸗ ſen, die gleichfalls ihre Perſonen zu vertheidigen hatten. Von ſeiner, durch Vergiftungen und Morde decimirten, durch Groll und Uneinigkeit entzweiten Familie verlaſſen, ſeufzte er, indem er die Blicke nach jener Vergangenheit wandte, an die ihn der Koͤnig erinnert hatte, und dachte, = -e0——-—*— — 173— daß er in ſeinem Kampfe gegen Karl den IX. zum Min⸗ deſten die beiden treuen Seelen, die beiden flammenden Schwerdter, welche man Coconnas und La Mole nannte, zu Vertrauten oder vielmehr zu Geprellten hatte. Das Bedauern gewiſſer verlorener Vortheile ver⸗ tritt bei vielen Menſchen die Stelle der Gewiſſensbiſſe. Indem er ſich allein und verlaſſen fuͤhlte, empfand Herr von Anjou zum erſten Male Etwas, wie eine Art voon Gewiſſensbiß daruͤber, La Mole und Coconnas ge⸗ opfert zu haben. Zu jener Zeit liebte und troͤſtete ihn ſeine Schwe⸗ ſter Margaretha. Wie hatte er es ſeiner Schweſter Margaretha vergolten? Es blieb ſeine Mutter, die Koͤnigin Katharina. Aber ſeine Mutter hatte ihn niemals geliebt. Sie hatte ſich niemals ſeiner bedient, als wie ſie ſich Anderer bediente, naͤmlich als Werkzeug, und Franz ließ ſich Gerechtigkeit widerfahren. Einmal in den Haͤnden ſeiner Mutter fuͤhlte er, daß er ſich nicht mehr angehoͤre, als das Schiff ſich in Mitte des Oceans angehoͤrt, wenn der Sturm brauſet. Er bedachte, daß er noch vor Kurzem ein Herz zur Seite gehabt hatte, das ſo viel werth war, als alle Herzen, ein Schwerdt, das ſo viel werth war, als alle Schwerdter. Buſſy, der tapfere Buſſy, kehrte ihm wieder ganz ins Gedaͤchtniß zuruͤck. Ah! Jetzt glich das Gefuͤhl, welches Franz empfand, zuverlaͤſſig einem Gewiſſensbiſſe, denn er hatte Buſſy vor den Kopf geſtoßen, um Monſoreau gefaͤllig zu ſein; er hatte Monſoreau gefaͤllig ſein wollen, weil Monſoreau ſein Geheimniß kannte, und jetzt war mit einem Male dieſes Geheimniß, mit dem ihn Monſoreau immer be⸗ drohete, zur Kenntniß des Koͤnigs gelangt, ſo daß Mon⸗ ſoreau nicht mehr zu fuͤrchten war. Er hatte ſich demnach unnoͤthiger Weiſe und vor Allem ohne Nutzen mit Buſſy entzweit, eine Handlung, welche, wie ſeitdem ein großer Politiker geſagt hat, weit mehr als ein Verbrechen— ein Fehler war. Welcher Vortheil waͤre es jetzt fuͤr den Prinzen, in der Lage, in welcher er ſich befand, geweſen, zu wiſſen, daß Buſſy, der dankbare und demzufolge getreue Buſſy, uͤber ihn wachte; Buſſy, der Unüuͤberwindliche; Buſſy, das treue Herz; Buſſy, der Liebling aller Welt, ſo ſehr erwerben ein biederes Herz und eine gewaltige Hand Je⸗ dem, der das Eine von Gott und das Andere von dem Zufalle erhalten hat, Freunde. Wenn Buſſy uͤber ihn wachte, ſo war die Freiheit wahrſcheinlich, die Rache gewiß. Aber, wie wir bemerkt, im Herzen verletzt, ſchmollte Buſſy dem Prinzen und hatte ſich zuruͤckgezogen, und dem Gefangenen blieben funfzig Fuß Hoͤhe, die er uͤber⸗ ſchreiten mußte, um in die Graͤben hinabzuſteigen, und vier Mignons, die er kampfunfaͤhig machen mußte, um bis in den Corridor zu gelangen. Ohne zu rechnen, daß die Hoͤfe voller Schweizer und Soldaten waren. +⁸2— u— 72 — 175— Er kehrte demnach auch von Zeit zu Zeit an das Fenſter zuruͤck, und ſenkte ſeinen Blick bis auf den Grund der Gräben; aber eine ſolche Hoͤhe war faͤhig, dem Mu⸗ thigſten Schwindel zu verurſachen, und Herr von Anjou war weit davon entfernt, frei von Schwindel zu ſein. Ohne zu rechnen, daß von Stunde zu Stunde Ei⸗ ner der Waͤchter des Prinzen, entweder Schomberg oder Maugiron, bald d'Epernon, bald Quelus eintrat, und, ohne ſich um die Anweſenheit des Prinzen zu bekuͤmmern, zuweilen ſogar ohne ihn zu begruͤßen, ihren Umgang hielten; indem ſie die Thuͤren und die Fenſter aufmach⸗ ten, die Schraͤnke und die Truhen durchſuchten, unter die Betten und unter die Tiſche blickten, ſich ſogar ver⸗ ſicherten, daß die Vorhaͤnge an ihrer Stelle und die Betttuͤcher nicht in Streifen zerſchnitten waͤren. Von Zeit zu Zeit neigten ſie ſich außerhalb uͤber den Balcon herab, und die fuͤnf und vierzig Fuß Hoͤhe beru⸗ higten ſie. — Meiner Treue, ſagte Maugiron, als er von ſei⸗ 8 ner Nachforſchung zuruͤckkehrte, ich verzichte darauf; ich verlange den Salon nicht mehr zu verlaſſen, wo am Tage unſere Freunde uns zu beſuchen kommen, und Nachts mich nicht mehr zu wecken, als alle vier Stun⸗ den, um dem Herzoge von Anjou einen Beſuch abzu⸗ ſtatten. — Man ſieht demnach auch wohl, ſagte d'Epernon, daß wir große Thoren und daß wir immer Befehlshaber und niemals Soldaten geweſen ſind, denn wir verſtehen in Wahrheit nicht einmal einen Wachtbefehl auszulegen. — 176— — Wie das? fragte Quelus. — Ohne Zweifel! Was verlangt der Koͤnig? Daß wir Herrn von Anjou bewachen und nicht, daß wir ihn anblicken. — um ſo beſſer, ſagte Maugiron, da er gut zu be⸗ wachen, aber nicht ſchoͤn anzuſehen iſt. — Sehr gut, ſagte Schomberg, aber huͤten wir uns, nachlaͤſſig in unſerer Wachſamkeit zu werden, der Teufel iſt ſchlau. — Es mag ſein, ſagte d'Epernon, aber, wie mir ſcheint, genuͤgt es nicht, ſchlau zu ſein, um durch vier Maͤnner, wie wir, davon zu kommen. und, ſich aufrichtend, drehte d'Epernon ſtolzer Weiſe ſeinen Schnurrbart. — Er hat Recht, ſagte Quelus. — Gut! antwortete Schomberg. Haͤltſt Du denn 1 den Herrn Herzog von Anjou fuͤr albern genug, daß er verſuchen wuͤrde, gerade durch unſere Gallerie zu ent⸗ fliehen? Wenn er durchaus entfliehen will, ſo wird er ein Loch in die Mauer machen. — Mit was? Er hat keine Waffen. — Er hat die Fenſter, ſagte Schomberg ziemlich ſchuͤchtern, der ſich erinnerte, ſelbſt die Tiefen der Graͤ⸗ 1 ben gemeſſen zu haben. — Ah! Die Fenſter! Er iſt allerliebſt, auf mein Wort, rief d'Epernon aus. Bravo, Schomberg, die Fenſter! Das heißt, daß Du fuͤnf und vierzig Fuß hoch ſpringen wuͤrdeſt. 1— Ich geſtehe, daß fuͤnf und vierzig Fuß — 177— — Nun denn! Er, der hinkt, er, der undeholfen iſt, er, der furchtſam iſt, wie... — Wie Ou, ſagte Schomberg. 8 — Mein Lieber, ſagte d'Epernon, Du weißt, daß ich nur Furcht vor Geſpenſtern habe, das iſt eine Sache der Nerven. — Das kommt daher, ſagte Quelus ernſthaft, daß alle diejenigen, welche er im Ouell getoͤdtet hat, ihn in derſelben Nacht erſchienen ſind. — Spotten wir nicht, ſagte Maugiron; ich habe von einer Menge wunderbarer Entweichungen geleſen, mit Betttuͤchern zum Beiſpiel. — Ah! Was das anbetrifft, ſo iſt die Bemerkung Maugirons hoͤchſt verſtaͤndig, ſagte d'Epernon. Ich habe in Bordeaux einen Gefangenen geſehen, der mittelſt ſeiner Betttuͤcher entflohen war. — Du ſiehſt, ſagte Schomberg. — Ja, erwiderte d'Epernon, aber er hatte die Beine gebrochen und den Schaͤdel geſpalten; da ſein Betttuch um dreißig Fuß zu kurz geweſen, ſo hatte er ſich in der Nothwendigkeit befunden, zu ſpringen, ſo daß die Entweichung vollſtaͤndig war: ſein Koͤrper war aus ſeinem Gefaͤngniſſe und ſeine Seele war aus ſeinem Koͤr⸗ per entflohen. — Nun denn! Außerdem, wenn er entflieht, ſagte Quelus, ſo wird uns das eine Jagd auf einen Prinzen von Gebluͤt machen; wir werden ihn verfolgen, wir werden ihn in die Enge treiben, und indem wir ihn in Die Dame von Monſore bierter Vand. 12 —-— 178— die Enge treiben, trachten wir ihm ohne ſcheinbare Ab⸗ ſicht Etwas zu zerbrechen. — und dann, bei Gottes Tod, kehren wir in unſere Rolle zuruͤck, rief Maugiron aus, wir ſind Jaͤger und keine Kerkermeiſter.. Der Schluß ſchien triftig und man ſprach von an⸗ dern Dingen, indem man dabei Nichts deſto weniger beſchloß, fortzufahren, von Stunde zu Stunde einen Beſuch in dem Zimmer des Herrn von Anjou abzu⸗ atten. Die Mignons hatten darin vollkommen Recht, daß der Herzog von Anjou niemals mit Gewalt zu entfliehen verſuchen, und daß er ſich auf der andern Seite niemals zu einer gefaͤhrlichen oder ſchwierigen Flucht entſchließen wuͤrde. Es fehlte dem wurdigen Prinzen nicht etwa an Er⸗ findungsgabe, und wir muͤſſen ſogar ſagen, ſeine Ein⸗ bildungskraft gab ſich einer raſenden Arbeit hin, wobei er von ſeinem Bette nach dem beruͤhmten Kabinette auf und abging, das La Mole waͤhrend zwei bis drei Naͤch⸗ ten bewohnt, als Margaretha ihn waͤhrend der Bartho⸗ lomaͤusnacht bei ſich aufgenommen hatte⸗ Von Zeit zu Zeit heftete ſich das bleiche Geſicht des Prinzen an die Scheiben des Fenſters, welche nach den Gräͤben des Louvre fuͤhrten. Jenſeits der Graͤben er⸗ ſtreckte ſich ein ſandiges Ufer von etwa funfzehn Fuß Breite aus, und jenſeits dieſes Ufers ſah man in der Dunkelheit die Seine gleich einem Spiegel dahinrollen. 1 ———,— XS— ð= Ce 5 0 —, AN———— u—— „ n2— Auf der andern Seite ſtreckte ſich in der Finſterniß Etwas gleich einem regungsloſen Rieſen in die Luͤfte: das war der Nesle⸗Thurm. Der Herzog von Anjou war dem Untergange der Sonne in allen ihren Abſtufungen gefolgt; er war mit der Theilnahme, welche der Gefangene dieſen Arten von Schauſpielen widmet, der Abnahme des Lichtes und den Fortſchritten der Dunkelheit gefolgt. Er hatte dieſes herrliche Schauſpiel des alten Paris mit ſeinen in dem gwiſchenraume von einer Stunde durch die letzten Glu⸗ then der Sonne vergoldeten und durch den erſten Schein des Mondes verſilberten Daͤchern beſchaut; dann hatte er ſich allmaͤlig von einem großen Entſetzen ergriffen ge⸗ fuͤhlt, als er ungeheure Wolken an dem Himmel auf⸗ ſteigen, und ſich uͤber dem Louvre ſammelnd, ein Ge⸗ witter fuͤr die Nacht verkuͤnden ſah. Unter anderen Schwaͤchen hatte der Herzog von Anjou die, bei dem Rollen des Donners zu zittern. Nun haͤtte er gar Vieles darum gegeben, daß die Mignons ihn noch mit den Augen bewachten, wenn ſie ihn bei dieſer Bewachung auch beleidigt haͤtten. Indeſſen war keine Moͤglichkeit vorhanden, ſie zu⸗ ruͤck urufen: das haͤtte ihren Spoͤttereien zu leichtes Spiel gegeben. Er verſuchte es, ſich auf ſein Bett zu werfen; es war ihm unmoͤglich zu ſchlafen; er wollte leſen, die Buchſtaben wirbelten vor ſeinen Augen gleich ſchwarzen Teufeln; er verſuchte zu trinken, der Wein ſchien ihm bitter; er ſtreifte mit den Fingerſpitzen uͤber Aurilly'a 180— Laute, die an der Wand hangen geblieben war, aber er füͤhlte, daß die Schwingungen der Saiten dermaßen auf ſeine Nerven wirkten, daß er haͤtte weinen moͤgen. Nun begann er wie ein Heide zu fluchen und Alles zu zerſchmettern, was ſich im Bereiche ſeiner Hand be⸗ fand. Das war ein Familienfehler und man war im Louvre daran gewoͤhnt. Die Mignons oͤffneten die Thuͤre halb, um zu ſe: hen, woher dieſer graͤßliche Laͤrm ruͤhre; dann, als ſie erkannt, daß es der Prinz waͤre, welcher ſich zerſtreue, hatten ſie die Thuͤre wieder verſchloſſen, was den Zorn des Prinzen verdoppelt hatte. Er hatte gerade einen Stuhl zerſchmettert, als ein Klirren, uͤber deſſen Ton man ſich niemals irrt, ein kryſtallhelles Klirren von der Seite des Fenſters her er⸗ toͤnte, und Herr von Anjou zu gleicher Zeit einen ziem⸗ lich ſtechenden Schmerz an der Huͤfte empfand. Sein erſter Gedanke war, daß er durch einen Buͤch⸗ ſenſchuß verwundet waͤre und daß dieſer Schuß von ir⸗ gend einem Beauftragten des Koͤnigs auf ihn abgefeuert worden ſei. — Ha, Verraͤther! Ha, Schaͤndlicher! rief der Ge⸗ fangene aus, Du laͤßt mich erſchießen, wie Du es mir verſprochen hatteſt. Ach, ich bin des Todes! Er warf ſich auf den Teppich nieder. Aber, indem er fiel, legte er die Hand auf einen ziemlich harten, mehr ungleichen und beſonders weit haͤr⸗ teren Gegenſtand, als eine Buͤchſenkugel. 2 — 181— — O, ein Stein, ſagte er, es iſt alſo ein Falko⸗ nettſchuß? Aber dann haͤtte ich doch den Knall gehoͤrt! Und zu gleicher Zeit zog er ſein Bein zuruͤck und ſtreckte es aus; obgleich der Schmerz ziemlich heftig ge⸗ weſen war, ſo fuͤhlte der Prinz doch augenſcheinlich, daß Nichts zerbrochen ſei.. Er raffte den Stein auf und unterſuchte die Fen⸗ ſterſcheibe. Der Stein war mit ſolcher Gewalt geſchleudert wor⸗ den, daß er die Scheibe mehr durchloͤchert, als ſie zer⸗ brochen hatte. 2 Der Stein ſchien in ein Papier eingewickelt. Nun begannen die Gedanken des Herzogs eine an⸗ dere Richtung anzunehmen. Kam dieſer Stein ihm nicht etwa, ſtatt von einem Feinde geſchleudert worden zu ſein, im Gegentheile von einem Freunde? Der Schweiß ſtieg ihm auf die Stirn; die Hoff⸗ nung, wie der Schrecken, haben ihre Bangägkeit. Der Herzog naͤherte ſich dem Lichte. In der That, um den Stein herum war ein Pa⸗ pier gewickelt und mit einer ſeidenen, mehrere Male ver⸗ knüpften Schnur befeſtigt. Das Papier hatte augenſchein⸗ lich die Haͤrte des Kieſels gemildert, welcher ohne dieſe Huͤlle dem Prinzen zuverlaͤſſig einen weit heftigeren Schmerz verurſacht haͤtte, als den, welchen er empfun⸗ den hatte. Die ſeidene Schnur zerreißen, das Papier abwickeln und es leſen, war fuͤr den Herzog die Sache einer Se⸗ cunde; er war gaͤnzlich wieder auferſtanden.— — 182— — Ein Brief! murmelte er, indem er einen ver⸗ ſtohlenen Blick um ſich warf. Und er las: „Seid Ihr es muͤde, das Zimmer zu huͤten? Liebt Ihr die freie Luft und die Freiheit? Tretet in das Kabinet, in welchem die Koͤnigin von Navarra Euren armen Freund, Herrn de la Mole, veiſteckt hatte; macht den Schrank auf, und indem Ihr ds untere Bret wegnehmt, werdet Ihr einen doppelten Boden finden; in dieſem doppelten Boden befindet ſich eine ſeidene Strickleiter; befeſtigt ſie ſelbſt an den Bal⸗ kon, zwei kraͤftige Arme werden die Strickleiter unten im Graben ſtrecken. Ein Pferd, ſchnell wie der Ge⸗ danke, wird Euch in Sicherheit bringen.“ „Ein Freund.“ — Ein Freund! rief der Prinz aus; ein Freund! O, ich wußte nicht, daß ich einen Freund haͤtte. — Wer iſt denn dieſer Freund, der an mich denkt? Und der Herzog uͤberlegte einen Augenblick lang;. da er aber nicht wußte, auf wen er ſeine Gedanken feſ⸗ ſeln ſollte, ſo eilte er aus dem Fenſter zu ſehen; er ſaoh Niemanden. — Sollte es eine Falle ſein? murmelte der Prinz, bei welchem die Furcht unter allen Gefuͤhlen zuerſt er⸗ wachte. 5 — Aber zuvor, fuͤgte er hinzu, kann man nachſe⸗ hen, ob jener Schrank einen doppelten Boden hat, und — 1 r* — 183— ob ſich in dieſem doppelten Boden eine Strickleiter be⸗ findet. Ohne das Licht von der Stelle zu verruͤcken und zu mehrerer Vorſicht entſchloſſen, ſich auf das einfache Zeugniß ſeiner Hände zu verlaſſen, ſchritt der Herzog nun nach dieſem Kabinette zu, deſſen Thuͤre er ehedem ſo manches Mal mit Herzklopfen geoͤffnet hatte, wenn er die Koͤnigin von Navarra, von dieſer Schoͤnheit ſtrah⸗ lend, die Franz mehr ſchaͤtzte, als es vielleicht einem Bruder zukam, darin zu finden erwartete. Wir muͤſſen geſtehn, auch dieſes Mal klopfte dem Heerzoge das Herz gewaltig. Er machte tappend den Schrank auf, unterſuchte alle Faͤcher, und nachdem er auf das untere gelangt, vorn und hinten gedruͤckt hatte, druͤckte er auf eine der Sei⸗ ten, und fuͤhlte, daß das Bret umſchlug.— Sogleich ſteckte er ſeine Hand in die Hoͤhlung, und fuͤhlte mit ſeinen Fingerſpitzen die Beruͤhrung einer ſei⸗ denen Strickleiter. Wie ein Dieb, der mit ſeiner Beute entflieht, ent⸗ floh der Herzog in ſein Zimmer, indem er ſeinen Schatz mitnahm. Es ſchlug zehn Uhr, der Herzog dachte ſogleich an den Beſuch, welcher alle Stunden ſtattfand; er beeilte ſich, ſeine Strickleiter unter dem Kiſſen eines Seſſels zu verbergen, und ſetzte ſich darauf. 3 Sie war ſo kuͤnſtlich gemacht, daß ſie in dem en⸗ gen Raume, in welchen ſie der Herzog verſteckt, voll⸗ kommen verborgen war.. — 184— In der That, es waren noch keine fuͤnf Minuten verfloſſen, als Maugiron, ein bloßes Schwerdt unter ſeinem linken Arme und einen Leuchter in der rechten Hand. im Schlafrocke erſchien. Im Eintreten bei dem Herzoge fuhr er fort, mit ſeinen Freunden zu ſprechen. — Der Baͤr iſt raſend, ſagte eine Stimme; noch vor einem Augenblicke zerſchmetterte er Alles; nimm Dich in Acht, daß er Dich nicht verzehrt, Maugiron. — unverſchaͤmter, murmelte der Herzog. — Ich glaube, daß Eure Hoheit mir die Ehre er⸗ zeigt, mich anzureden, ſagte Maugiron mit ſeiner un⸗ verſchaͤmteſten Miene. Bereit aufzufahren, faßte ſich der Herzog, indem er bedachte, daß ein Streit einen Zeitverluſt herbeifuͤhren und ſeine Flucht vielleicht fehlſchlagen laſſen wuͤrde. Er verſchluckte ſeinen Groll, und ließ ſeinen Seſ⸗ ſel ſich ſo drehern, daß er dem jungen Manne den Ruͤcken zukehrte. Den ihm mitgetheilten Angaben zu Folge trat Mau⸗ giron an das Bett, um die Betttücher zu unterſuchen, und an das Fenſter, um das Vorhandenſein der Vor⸗ haͤnge zu beſtaͤtigen, er ſah wohl eine zerbrochene Scheibe, aber er meinte, daß ſie der Herzog in ſeinem Zorne ſo zerbrochen haͤtte — Heda, Maugiron, rief Schomberg aus, biſt Du ſchon gefreſſen, daß Du kein Wort ſagſt? In dieſem Falle ſeufze zum Miindeſten⸗ daß man weiß, woran man ſich zu halten, und Dich raͤcht. 4 4₰ 1 4 4 4 — 185— Der Herzog ließ ſeine Finger vor Ungeduld krachen. — Nicht doch, ſagte Maugiron. Mein Baͤr iſt im Gegentheile ſehr ſanft und gaͤnzlich gezaͤhmt. Der Herzog laͤchelte unbemerkt in der Finſterniß. Was Maugiron anbelangt, ſo verließ er, ohne ſich nur vor dem Prinzen zu verneigen, was die geringſte Ar⸗ tigkeit geweſen, die er einem hohen Herrn ſchuldig war, das Zimmer, und indem er es verließ, verſchloß er die f Thuͤre doppelt. 6 4 — Der Prinz ließ ihn gewaͤhren, dann, als der Schluͤſ⸗ ſel aufgehoͤrt hatte, in dem Schloſſe zu knarren, mur⸗ * melte er. — Nehmt Euch in Acht, meine Herrn, ein Baͤr iſt ein gar ſchlaues Thier. 5 . 8 — — 186— XII. Ventre⸗ ſaint⸗gris! Machdem er allein geblieben, zog der Herzog von Anjou, welcher wußte, daß er zum Mindeſten eine Stunde der Ruhe vor ſich haͤtte, ſeine Strickleiter unter ſeinem Kiſſen hervor, entfaltete ſie, und unterſuchte je⸗ den Knoten, pruͤfte jede Sproſſe derſelben mit der aͤngſt⸗ lichſten Vorſicht. — Die Strickleiter iſt gut, ſagte er, und in dem, — * was von ihr abhaͤngt, bietet man ſie mir nicht als ein Mittel, um mir die Rippen zu brechen. Nun entfaltete er ſie ganz, zaͤhlte acht und dreißig, jede funfzehn Zoll weit von einander entfernte Sproſſen. — Nun denn! Die Laͤnge reicht aus, dachte er; von dieſer Seite iſt wieder Nichts zu fuͤrchten. Er blieb einen Augenblick lang tiefſinnig. — Ah! Da faͤllt mir ein, ſagte er, dieſe verdamm 4 — 187— ten Mignons ſenden mir dieſe Strickleiter, ich befeſtige ſie an den Balkon, ſie laſſen mich gewaͤhren, und waͤh⸗ rend ich hinabſteige, werden ſie kommen, um die Stricke abzuſchneiden, da liegt die Falle. Dann üuͤberlegte er nochmals. — Nein doch, ſagte er, das iſt nicht moͤglich; ſie ſind nicht albern genug, zu glauben, daß ich mich der Gefahr ausſetzen wuͤrde, hinabzuſteigen, ohne die Thuͤre zu verrammeln, und, wenn die Thuͤre verrammelt, wer⸗ den ſie berechnet haben, daß ich Zeit haben wuͤrde, zu entfliehen, bevor ſie dieſelbe aufgebrochen haͤtten. — Das wuͤrde ich, ſagte er, indem er um ſich blickte, das wuͤrde ich zuverlaͤſſig thun, wenn ich mich zum Entfliehen entſchloͤſſe. — Indeſſen, wie vermuthey, daß ich an die Unver⸗ daͤchtigkeit dieſer in einem Schranke der Koͤnigin von Navarra gefundenen Strickleiter glauben wuͤrde? Denn am Ende, welche Perſon auf der Welt, mit Ausnahme meiner Schweſter Margaretha, koͤnnte das Daſein die⸗ ſer Strickleiter kennen? — Ueberlegen wir, wiederholte er, wer iſt der Freund? Das Billet iſt unterzeichnet: Ein Freund. Wer iſt der Freund des Herzogs von Anjou, der den Boden der Schraͤnke meiner Wohnung oder der meiner Schweſter ſo genau kennt? Der Herzog hatte kaum dieſen Schluß gebildet, der ihm ſiegreich zu ſein ſchien, als, das Billet nochmals überleſend, um wo moͤglich die Handſchrift deſſelben zu erkennen, ein poͤtzlicher Gedanke in ihm aufſtieg⸗ — 188— — Buſſy! rief er aus. 1 In der That, Buſſy, den ſo viele Damen anbete⸗ ten, Buſſy, welcher der Koͤnigin von Navarra ein Held ſchien, die, ſie geſteht es in ihren Denkſchriften ſelbſt ein, jedes Mal einen Schrei des Entſetzens ausſtieß, wenn er ſich im Duell ſchlug. Buſſy, der verſchwiegen, Buſſy, der bewandert in der Kenntniß der Schraͤnke ... war es nicht aller Wahrſcheinlichkeit nach Buſſy, der Einzige von allen ſeinen Freunden, auf den der Her⸗ zog wahrhaft rechnen konnte, war es nicht Buſſy, der das Billet geſandt hatte? Und die Verlegenheit des Prinzen ſtieg noch mehr. Alles vereinigte ſich indeſſen, um den Herzog von Anjou zu uͤberreden, daß der Verfaſſer des Billets Buſſy waͤre. Der Herzog kannte nicht alle Beweggruͤnde, welche der Edelmann hatte, auf ihn boͤs zu ſein, da ihm ſeine Liebe zu Diana von Meridor unbekannt war; wahr iſt es, daß er ſie ein Wenig ahnete; da der Her⸗ zog Dianen geliebt hatte, ſo mußte er die Schwierigkeit einſehn, welche fuͤr Buſſy darin laͤge, dieſe ſchoͤne junge Frau zu ſehen, ohne ſie zu lieben; aber dieſer leiſe Arg⸗ wohn verſchwand nichtsdeſtoweniger vor den Wahrſchein⸗ lichkeiten. Buſſy's Biederkeit hatte ihm nicht erlaubt, muͤßig zu bleiben, waͤhrend man ſeinen Herrn einkerkerte; Buſſy war durch den abenteuerlichen Schein dieſes Un⸗ ternehmens verfuͤhrt worden; er hatte ſich an dem Her⸗ zoge nach ſeiner Weiſe raͤchen wollen, das heißt dadurch, daß er ihm die Freiheit wiedergab. Kein Zweifel mehr, — 189— es war Buſſy, der geſchrieben hatte, es war Buſſy, der ihn erwartete. Um ſich vollends aufzuklaͤren, trat der Prinz an das Fenſter; er ſah in dem Nebel, welcher von dem Fluſſe aufſtieg, drei laͤngliche Schatten, welches Pferde ſein mußten, nnd zwei Arten von Pfaͤhlen, die auf das Ufer gepflanzt ſchienen; das mußten zwei Maͤnner ſein. Zwei Maͤnner, das war ganz richtig: Buſſy und ſein getreuer le Haudoin. 4 — Die Verſuchung iſt verfuͤhreriſch, murmelte der Herzog, und die Falle, wenn eine Falle vorhanden iſt, iſt zu kuͤnſtlich geſtellt, als daß eine Schande fuͤr mich dabei vorhanden waͤre, mich in ihr fangen zu laſſen. Franz blickte durch das Schluͤſſelloch des Salons: er ſah ſeine vier Waͤchter; zwei ſchliefen, die beiden an⸗ dern hatten Chicots Schachbret geerbt, und ſpielten Schach. Er loͤſchte ſein Licht aus. Dann oͤffnete er ſein Fenſter, und neigte ſich uͤber ſeinen Balkon herab. Der Abgrund, den er mit dem Blicke zu erforſchen verſuchte, war durch die Dunkelheit noch entſetzlicher ge⸗ macht. Er wich zuruͤck. Aber die Luft und der freie Raum ſind fuͤr einen Gefangenen ein ſo unwiderſtehlicher Reiz, daß Franz, als er in ſein Zimmer zuruͤckkehrte, ſich einbildete, er müſſe erſticken. Dieſes Gefuͤhl wurde dermaßen von ihm empfunden, daß Etwas wie Ekel am Leben und Gleich⸗ guͤltigkeit vor dem Tode in ſeinem Geiſte aufſtieg. — 190— Verwundert, bildete ſich der Prinz ein, daß er Muth bekäme. Nun, dieſen Augenblick der Ueberſpannung benutzend, ergriff er die ſeidene Strickleiter, befeſtigte ſie mit den eiſernen Haken, welche das eine ihrer Enden bot, an ſeinen Balkon, dann kehrte er nach der Thuͤre zuruͤck, die er nach Kraͤften verrammelte, und feſt uͤberzeugt, daß, um das von ihm geſchaffene Hinderniß zu beſiegen, man gezwungen ſein wuͤrde, zehn Minuten zu verlieren, das heißt, mehr Zeit, als er noͤthig haͤ te, das untere Ende ſeiner Strickleiter zu erreichen, kehrte er an das Fenſter zuruͤck. Er verſuchte nun, in der Ferne die Maͤnner und die Pferde wiederzuſehen, aber er erblickte Nichts mehr. — Das iſt mir lieber, murmelte er; allein zu fliehen iſt beſſer, als mit einem Freunde zu entfliehen, den man nech ſo gut kennt; und wie viel mehr mit einem unbe⸗ kannten Freunde.. In dieſem Augenblicke war die Dunkelheit vollſtaͤn⸗ dig, und das erſte Grollen des ſeit einer Stunde drohenden Gewitters begann den Himmel ertoͤnen zu laſſen; eine ſchwere Wolke mit Silberſaͤumen erſtreckte ſich gleich ei⸗ nem liegenden Elephanten von der einen Seite des Fluſ⸗ ſes nach der andern, indem er ſeinen Ruͤcken an den Palaſt lehnte und ſein unendlich zuruͤckgebogener Ruͤſſel den Nesle⸗Thurm uͤberragte und ſich an dem ſuͤdlichen Ende der Stadt verlor. Ein Blitz ſpaltete fuͤr einen Augenblick lang die un⸗ 4 — 191— ermeßliche Wolke, und der Prinz glaubte in dem Graben unter ſich diejenigen zu bemerken, welche er vergebens auf dem Ufer geſucht hatte. Ein Pferd wieherte; es unterlag keinem Zweifel mehr, er war erwartet. Der Herzog ſchuͤttelte die Strickleiter, um ſich zu verſichern, daß ſie gehoͤrig befeſtigt waͤre, dann ſtieg er auf das Gelaͤnder und ſetzte den Fuß auf die erſte Sproſſe. Niichts vermoͤgte die ſchreckliche Angſt zu ſchildern, welche in dieſem Augenblicke das Herz des zwiſchen eine ſchwache ſeidene Schnur als einzige Stuͤtze und die To⸗ desdrohungen ſeines Bruders geſtellten Gefangenen zu⸗ ſammenſchnuͤrte. Aber kaum hatte er den Fuß auf die erſte hoͤlzerne Sproſſe geſtellt, als es ihm ſchien, daß die Leiter, ſtatt zu ſchwanken, wie er es erwartet hatte, ſich im Gegen⸗ theile ſtreckte, und daß die zweite Spreoſſe ſich ſeinem Fuße bot, ohne daß die Strickleiter die in ſolchem Falle ſehr natürliche drehende Bewegung gemacht haͤtte oder zu machen ſchien. War es ein Freund oder ein Feind, der die Strick⸗ leiter unten hielt; waren es offene oder bewaffnete Arme, welche ihn auf der letzten Sproſſe erwarteten? Ein unwiderſtehlicher Schrecken bemaͤchtigte ſich des Prinzen; er hielt den Balkon noch mit der linken Hand, und er machte eine Bewegung, um wieder hinaufzu⸗ ſteigen. Man haͤtte meinen koͤnnen, daß die unſichtbare Per⸗ ſon, welche den Herzog an dem Fuße der Mauer er⸗ wartete, Alles errieth, was in ſeinem Herzen vorging, denn im ſelben Augenblicke gelangte ein leiſes, ſehr ſanf⸗ tes und ſehr gleichmaͤßiges Zucken, eine Art von Bitte der Seide, bis zu dem Fuße des Prinzen. — Jetzt haͤlt man die Strickleiter unten, ſagte er, man will alſo nicht, daß ich falle. Vorwaͤrts! Muth! Und er fuhr fort, hinabzuſteigen; die beiden Seiten der Strickleiter waren wie Stoͤcke geſpannt; Franz be:- merkte, daß man beſorgt war, die Sproſſen von der Mauer zu entfernen, um ſeinem Fuße das Auftreten zu erleichtern. Von nun an ließ er ſich wie ein Pfeil gleiten, in⸗ dem er eher auf den Haͤnden, als auf den Sproſſen rutſchte, und bei dieſem raſchen Hinabfahren den gefuͤt⸗ terten Schooß ſeines Mantels opferte. Ploͤtzlich, ſtatt den Boden zu beruͤhren, den er in⸗ ſtinetmaͤßig ſeinen Fuͤßen nahe fuͤhlte, fuͤhlte er ſich in den Armen eines Mannes fortgetragen, der ihm folgende drei Worte in's Ohr fluͤſterte: — Ihr ſeid gerettet. Nun trug man ihn bis an den Abhang des Gra⸗ bens, und dort ſchob man ihn einen zwiſchen Erd⸗ und Steinhaufen angebrachten Weg entlang; endlich ge⸗ langte er an die Bruſtwehr; an der Bruſtwehr erwartete ihn ein anderer Mann, der ihn beim Kragen packte und nach ſich zog, und dann, nachdem er ſeinen Begleiter 4 — 193— auf dieſelbe Weiſe geholfen hatte, gebuͤckt wie ein Greis bis an das Ufer eilte. Die Pferde befanden ſich wirk⸗ lich da, wo ſie Franz zuerſt geſehen hatte. Der Prinz ſah ein, daß kein Zuruͤcktreten mehr moͤglich waͤre; er war gaͤnzlich in der Gewalt ſeiner Ret⸗ ter. Er eilte an eines der drei Pferde, und ſchwang ſich hinauf; ſeine beiden Begleiter machten es eben ſo. Die⸗ ſelbe Stimme, welche ihm bereits in's Ohr gefluͤſtert, ſagte ihm mit derſelben Einſilbigkeit und derſelben Heim⸗ lichkeit: — Gebt die Sporen. Und alle Drei ſprengten im Galopp davon. — Das geht gut bis jetzt, dachte der Prinz in ſei⸗ nem Innern; hoffen wir, daß die Fortſetzung des Aben⸗ teuers den Anfang nicht Luͤgen ſtraft — Ich danke Euch, ich danke Euch, mein wacherer Buſſy, fluͤſterte der Prinz leiſe ſeinem bis an die Naſe in einen weiten braunen Mantel gehuͤllten Gefaͤhrten zur Rechten zu. — Gebt die Sporen, antwortete dieſer aus der Tiefe ſeines Mantels, und indem er ſelbſt das Beiſpiel dazu gab, zogen Pferde und Reiter gleich Geſpenſtern dahin. So gelangte man an den großen Graben der Ba⸗ ſtille, uͤber welchen man auf einer am Tage zuvor von den Ligueurs geſchlagenen Brücke ritt, die, da ſie nicht wollten, daß ihre Verbindungen mit ihren Freunden un⸗ terbrochen wuͤrden, dieſes Mittel erdacht hatten, wel⸗ ches, wie man ſieht, den Verkehr erleichterte. Die Dame von Monſoreau. Vierter Band. 13 — 194— Die drei Reiter ſchlugen den Weg nach Charenton ein. Das Pferd des Prinzen ſchien Fluͤgel zu haben. Ploͤtziich ſetzte der Begleiter zur Rechten uͤber den Gra⸗ ben und ſprengte in den Wald von Vincennes, indem er mit ſeiner gewoͤhnlichen Einſilbigkeit dem Prinzen nur das eine Wort ſagte: — Kommt. 4 Der Begleiter zur Linken machte es eben ſo, aber ohne zu ſprechen. Seit dem Augenblicke des Aufbruches war uͤber die Lippen dieſes kein einziges Wort gekommen. Der Prinz hatte nicht einmal noͤthig, ſeinem Pferde N den Zuͤgel oder die Schenkel fuͤhlen zu laſſen, das edle Thier ſetzte mit demſelben Feuer uͤber den Grabeg, das die beiden andern gezeigt hatten; auf das Wiehern, mit * welchem es das Hinderniß uͤberwand, antwortete ein mehrfaches Wiehern aus der Tiefe des Waldes. 4* Der Prinz wollte ſein Pferd anhalten, denn er fuͤrch⸗ tete, daß man ihn in irgend einen Hinterhalt fuͤhren moͤgte. Aber es war zu ſpaͤt; das Thier war dermaßen im Anlaufe, um das Gebiß nicht mehr zu fuͤhlen; als es indeſſen ſeine beiden Begleiter ihren Lauf maͤßigen ſah, — maͤßigte es auch den ſeinigen, und Franz befand ſich in einer Art von Lichtung, wo acht bis zehn militairiſch aufgeſtellte Maͤnner zu Pferde ſich den Augen bei dem Scheine des Mondes zeigten, der ihre Harniſche ver⸗ 4 ſilberte. — O, ol ſagte der Prinz. Was ſoll das bedeuten, mein Herr? — 195— — Ventre⸗ſaint⸗gris! rief Derjenige aus, an wel⸗ chen die Frage gerichtet war. Das will ſagen, daß wir gerettet ſind.— — Ihr, Heinrich! rief der Herzog von Anjou auf das Hoͤchſte erſtaunt aus. Ihr mein Befreier? — Ei, ſagte der Bearner, in was kann Euch das verwundern? Sind wir nicht Verbuͤndete? Dann die Augen um ſich werfend, um ſeinen zwei⸗ ten Begleiter zu ſuchen, ſagte er: — Agrippa, wo der Teufel biſt Du? — Hier bin ich, ſagte d'Aubigné, der den Mund nooch nicht aufgethan hatte; gut, wenn Ihr Eure Pferde ſo zurichtet! Und dabei habt Ihr deren ſo viele.. — Gut, gut, ſagte der Koͤnig von Navarra, zanke nicht, wenn nur noch zwei ausgeruhete und friſche uͤbrig bleiben, mit denen wir ein Duzend Meilen in einem ein⸗ zigen Zuge zuruͤcklegen koͤnnten, das iſt Alles, was ich bedarf. — Aber wo fuͤhrt Ihr mich denn hin, mein Vetter? fragte Franz beſorgt. — Wohin Ihr wollt, ſagte Heinrich; nur laßt uns raſch hingehen, denn Aubigné hat Recht, der Koͤnig von Frankreich hat beſſer beſtellte Staͤlle, und er iſt reich ge⸗ nug, um zwanzig Pferde zu Schanden reiten zu laſſen, wenn er es ſich in den Kopf geſetzt hat, uns einzuholen, — In Wahrheit, es ſteht mir frei, hinzugehen, wo⸗ hin ich will? fragte Franz. — Zuverlaͤſſig, und ich erwarte Eure Befehle, ſagte Heinrich. 13* — 196— — Wohlan! Dann nach Angers. — Ihr wollt nach Angers gehen? Nach Angers, es ſei; es iſt wahr, dort ſeid Ihr zu Haus. — Aber Ihr, mein Vetter? — Sobald wir im Angeſicht von Angers ſind, ſo verlaſſe ich Euch, und ſchlage meinen Weg nach Navarra ein, wo meine gute Margot mich erwartet; ſie muß ſo gar ſehr ungehalten auf mich ſein. — Aber Niemand wußte, daß 5 hier waͤret? ſagte Franz. 3 — Ich bin hergekommen, um drei Diamanten mei⸗ ner Frau zu verkaufen. — Ah, ſehr ſchoͤn! — Und dann, um zu gleicher Zeit ein Wenig zu wiſſen, ob mich die Ligue wirklich zu Grunde richten wuͤrde. † — Ihr ſeht, daß dem nicht ſo iſt. — Dank Euch, ja. 3 — Wie! Dank mir? — Ei ja, ohne Zweifel, wenn Ihr, ſtatt es aus⸗ 6 zuſchlagen, das Oberhaupt der Ligue zu werden, als Ihr gewußt, daß ſie gegen mich gerichtet waͤre, es angenom⸗ men und gemeinſchaftliche Sache mit meinen Feinden gemacht haͤttet, ſo war ich verloren. Als ich demnach 45 auch erfahren, daß der Koͤnig Eure Weigerung mit Ge⸗ faͤngniß beſtraft haͤtte, habe ich geſchworen, daß ich Euch daraus befreien wuͤrde, und ich habe Euch aus demſelben befreit. — Immer noch ſo einfaͤltig, ſagte ſich der Herzog — 197— von Anjou in ſeinem Innern; wahrlich, es iſt eine Ge⸗ wiſſensſache, ihn zu taͤuſchen. — Geh, mein Vetter, ſagte laͤchelnd der Bearner, geh nach Anjou. Ah, Herr von Guiſe, Ihr glaubt den Sieg davongetragen zu haben, aber ich ſende Euch da einen ein Wenig ſehr laͤſtigen Geſellen, nehmt Euch in Acht. Und da man ihnen die friſchen Pferde vorfuͤhrte, die Heinrich verlangt hatte, ſo ſchwangen ſich alle Beide in den Sattel, und ſprengten, begleitet von d'Aubigné,⸗ der ihnen brummend folgte, im Galopp davon. — 198— XIII. Die Freundinnen. Während Paris wie das Innere eines glühenden Ofens kochte, ritt Frau von Monſoreau, von ihrem Vater und zweien jener Diener begleitet, die man da⸗ mals gleich Huͤlfstruppen fuͤr ein Unternehmen warbp, in Tagereiſen von zehn Wegſtunden dem Schloſſe Mé⸗ ridor zu. Auch ſie begann die den Leuten, welche gelitten haben, ſo koͤſtliche Freiheit zu ſchmecken. Die Blaͤue des Himmels, der Landſchaft, verglichen mit dem im⸗ mer drohenden, gleich einem Tenueeſe uͤber den ſchwar⸗ zen Thuͤrmen der Baſiille ſchwebenden Himmels, das bereits grüͤne Laub, die ſchoͤnen, ſich gleich langen wal⸗ lenden Baͤndern in der Tiefe der Waͤlder verlierenden Heerſtraßen, Alles das ſchien ihr friſch und jugendlich, reich und neu, als ob ſie wirklich aus dem Grabe her⸗ — 199— vorgegangen waͤre, in welchem ſie ihr Vater verloren ge⸗ glaubt. Er, der alte Baron, war um zwanzig Jahre ver⸗ juͤngt. Wenn man ihn ſo feſt in ſeinen Steigbuͤgeln und den alten Jarnac anſpornen ſah, ſo haͤtte man den edlen Herrn fuͤr einen jener graubaͤrtigen Gatten gehal⸗ ten, welche ihre junge Verlobte begleiten, indem ſie voll Liebe uͤber ſie wachen. Wir wollen es nicht unternehmen, dieſe lange Reiſe zu beſchreiben. Es fand kein anderer Vorfall ſtatt, als der Aufgang und der Untergang der Sonne. Zuweilen ſprang Diana ungeduldig aus ihrem Bette, wenn der Mond die Fenſterſcheiben ihres Wirthshauszimmers ver⸗ ſilberte, weckte den Baron, ſchuͤttelte den ſchweren Schlaf ihrer Leute ab, und man brach bei einem ſchoͤ⸗ nen Mondſcheine auf, um einige Stunden auf Abſchlag der langen Reiſe zu gewinnen, welche die junge Frau ohne Ende fand. Andere Male ſah man ſie auf ihrem Jarnac, der ganz ſtolz uͤber dieſen Vorrang, in raſchem Trabe allen Anderen vorauseilen; dann wieder die Diener voruͤberlaſ⸗ ſen, um allein auf einer Anhoͤhe zu verweilen, und den Blick in die Tiefe des Thales zuruͤckwenden, ob etwa Jemand ihnen folge... Und wenn das Thal einſam war, wenn Diana Nichts erblickt hatte, als die auf den Weideplaͤtzen zerſtreuten Heerden, oder den ſchweigſamen Thurm irgend eines am Ende der Heerſtraße gelegenen Fleckens,... dann kehrte ſie ungeduldiger als jemals zu den Uebrigen zuruͤck. Dann ſagte ihr Vater, gefolgt war, zu ihr: — Fuͤrchte Nichts, Diana. — Fuͤrchten, was, mein Vater? 8 — Siehſt Du nicht nach, ob Herr von Monſoreau Dir folgt? — Ah! Das iſt wahr Ja, darnach ſah ich, ſagte die junge Frau, indem ſie noch einen Blick hinter ſich warf. G. So, von Furcht zu Furcht, von Hoffnung zu ge⸗ taͤuſchter Hoffnung, gelangte Diana gegen das Ende des achten Tages nach dem Schloſſe von Méridor, und wurde auf der Zugbruͤcke von Frau von Saint⸗Luc und ihrem in der Abweſenheit des Barons Burgherr ge⸗ wordenen Gatten empfangen. der ihr mit den Augen Nun begann fur dieſe vier Perſonen ein Leben, wie es Jedermann beim Leſen des Virgil, des Longus und Theocrit getraͤumt hat. Der Baron und Saint⸗Luc jagten vom Morgen bis zum Abend. Den Spuren ihrer Pferde ſprengten die Jaͤger nach. Man ſah Lawinen von Hunden bei der Verfolgung eines Haſen oder eines Fuchſes von den Hoͤhen der Huͤgel herabrollen, und wenn der Donner dieſer Jagd durch die Waͤlder zog, ſo erbebten Diana und Johanna, die im Schatten irgend eines Gebuͤſches neben einander auf dem Mooſe ſaßen, einen Augenblick lang und begannen bald darauf wieder ihre zaͤrtliche und geheimnißvolle Unterhaltung. — Erzaͤhle mir, ſagte Johanna, erzaͤhle mir Alles, — 201— was Dir in dem Grabe begegnet iſt, denn Du warſt wirklich todt fuͤr uns..Sieh, der bluͤhende Hage⸗ dorn wirft uns ſeine letzten Schneeflocken zu, und die Hollunderbluͤthen ſenden uns ihre berauſchenden Duͤfte. Eine milde Sonne ſpielt in den großen Zweigen der Eichen. Kein Hauch in der Luft, kein lebendes Weſen in dem Parke; denn die Hirſche ſind ſo eben entflohen, als ſie den Boden erbeben fuͤhlten, und die Fuͤchſe ha⸗ ben ſich ſchnell in ihren Bau zuruͤckgezogen... Erzaͤhle, liebe Schweſter, erzaͤhle. — Was ſagte ich Dir? — Du ſagteſt mir Nichts. Du biſt alſo gluͤcklich .. O! und dennoch dieſes ſchoͤne, in einen blaͤulichen Schatten gebadete Auge, dieſe Perlmutterblaͤſſe Deiner Wangen, dieſes unbeſtimmte Aufſchlagen der Augenlider, waͤhrend der Mund ein niemals vollendetes Laͤcheln ver⸗ ſucht Diana, Du mußt mir gar Vieles zu ſagen haben. — Nichts, Nichts. — Du biſt alſo gluͤcklich.. mit Herrn von Mon⸗ ſoreau? Diana erbebte. — Du ſiehſt wohl! aͤußerte Johanna mit leiſem Vorwurf. — Mit Herrn von Monſoreau! wiederholte Diana. Warum haſt Du dieſen Namen ausgeſprochen? Warum rufſt Du dieſes Geſpenſt hervor in Mitte unſerer Waͤl⸗ der, in Mitte unſerer Blumen, in Mitte unſexes Gluͤk⸗ kes... — 202— — Gut, jetzt weiß ich, warum Deine ſchoͤnen Au⸗ gen blau geraͤndert ſind, und warum ſie ſich ſo oft gen Himmel erheben; aber ich weiß noch nicht, warum Dein Mund zu laͤcheln verſucht. Diana ſchuͤttelte traurig den Kopf. — Ich glaube, Du haſt mir geſagt, fuhr Johanna fort, indem ſie mit ihrem weißen und runden Arme Dia⸗ nas Schultern umſchlang, Du haſt mir geſagt, daß Herr von Buſſy Dir viel Theilnahme gezeigt haͤtte... Diana erroͤthete ſo heftig, daß ihr ſo zartes und ſo rundes Ohr ploͤtzlich entzuͤndet ſchien. — Herr von Buſſy iſt ein liebenswuͤrdiger Cavalier, ſagte Johanna, und ſie ſang: Un beau chercheur de noise, C'est le seigneur d'Amboise. Diana lehnte ihr Haupt auf den Buſen ihrer Freun⸗ din und fluͤſterte mit einer Stimme die noch weit liebli⸗ cher klang, als die der Grasmuͤcken, welche unter dem Laube ſangen. Tendre, fidèle aussi C'est le brave... — Buſſy!... ſag es doch... vollendete Jo⸗ hanna, indem ſie einen froͤhlichen Kuß auf die beiden Augen ihrer Freundin druͤckte. — Genug der Thorheiten, ſagte Diana ploͤtlich, Herr von Buſſy denkt nicht mehr an Diana von Mé⸗ ridor. ¹ — 203— — Das iſt moͤglich! ſagte Johanna, aber ich bin Vaaſt uͤberzeugt, daß er Diana von Monſoreau ſehr gefaͤllt! — Sag mir das nicht! — Warum? Mißfaͤllt Dir das etwa? Diana antwortete nicht. — Ich ſage Dir, daß Herr von Buſſy nicht mehr an mich denkt... und er thut wohl daran... O! Ich bin feig geweſen... murmelte die junge Frau... — Was ſagſt Du da? 1— Nichts, Nichts! — Laß hoͤren, Diana, Du wirſt wieder anfangen u weinen, Dich anzuklagen... Du, feig! Du, meine Heldin? Du biſt gezwungen geweſen... 3 1— Ich glaubte es... ich ſah Gefahren, Abgründe unter meinen Schritten... Jetzt, Johanna, ſcheinen mir dieſe Gefahren eingebildet, ein Kind konnte dieſe Abgründe mit einem Schritte uͤberſchreiten. Ich bin feig geweſen, ſage ich Dir! O, warum habe ich nicht Zeit gehabt zu uͤberlegen?... — Du ſprichſt in Raͤthſeln. — Nein, das iſt es noch nicht, rief Diana aus, indem ſie auf das Hoͤchſte verwirrt aufſtand. Nein, es iſt meine Schuld nicht, er iſt es, Johanna, der nicht ge⸗ wollt hat. Ich erinnere mich der Lage, die mir ſchreck⸗ lich ſchien, ich zoͤgerte, ich ſchwankte... mein Vater bot mir ſeine Unterſtuͤtzung an, und ich hatte Furcht... er, er bot mir ſeinen Schutz an... aber er hat ihn mir nicht auf die Weiſe angeboten, um mich zu uͤberzeu⸗ gen; der Herzog von Anjou war gegen ihn, der Herzog — 204— von Anjou hatte ſich mit Herrn von Monſoreau verbun⸗ den, wirſt Du ſagen. Nun denn! Was liegt an dem Herzoge von Anjou und an dem Grafen von Monſo⸗ reau? Wenn man Etwas recht will, wenn man Jemand recht liebt, o, da wuͤrde es weder Prinzen noch Herrn geben, die mich zuruͤckhalten wuͤrden. Siehſt Du, Jo⸗ hanna, wenn ich einmal liebte... Und von ihrer Aufregung uͤberwaͤltigt, hatte ſich Diana an eine Eiche gelehnt, als ob, nachdem die Seele den Koͤrper gebrochen, dieſer nicht mehr Kraft genug gehabt haͤtte, ſich aufrecht zu erhalten. — Beruhige Dich, liebe Freundin, ſei vernuͤnftig... — Ich ſage Dir, wir ſind feig geweſen. — Wir DO! Diana, von wem ſprichſt Du da? Dieſes Wir iſt beredt, meine geliebte Diana... — Ich will damit ſagen, mein Vater und ich; ich hoffe, daß Du darunter nichts Anderes verſtehſt... Mein Vater iſt von gutem Adel, er konnte mit dem Koͤnige reden; ich, ich bin ſtolz und fuͤrchte keinen Mann, wenn ich ihn haſſe... Aber, ſiehſt Du? Das Geheim⸗ niß dieſer Feigheit, hier iſt es: ich habe verſtanden, daß er mich nicht liebte. — Du beluͤgſt Dich ſelbſt! rief Johanna ausz.. Wenn Du das glauböteſt, ſo wuͤrdeſt Du es ihm, auf dem Punkte, wo ich Dich ſehe, ſelbſt vorwerfen... Aber, Du glaubſt es nicht, Du weißt das Gegentheil, Heuch⸗ lerin, fuͤgte ſie mit einer zaͤrtlichen Liebkoſung fuͤr ihre Freundin hinzu. — Du mußt wohl an die Liebe glauben, erwiderte 1 1 Diana, indem ſie ihren Platz neben Johanna wieder ein⸗ nahm, Du, die Herr von Saint⸗Luc wider den Wil⸗ len eines Koͤnigs geheirathet hat! Du, die er mitten aus Paris entfuͤhrt hat. Du, die man vielleicht verfolgt hat, und die Du ihn durch Deine Liebkoſungen fuͤr die Aechtung und fuͤr die Verbannung entſchaͤdigſt. — Und er findet ſich reichlich belohnt, ſagte die ſchelmiſche junge Frau.. — Aber ich,— bedenke ein Wenig und ſei nicht ſelbſtſuͤchtig,— ich, die dieſer feurige junge Mann zu lieben behauptet, ich, die die Blicke des unbezaͤhmbaren Buſſy gefeſſelt hat, dieſes Mannes, der keine Hinder⸗ niſſe kennt, ich habe mich oͤffentlich verheirathet, ich habe mich den Augen des ganzen Hofes ausgeſetzt, und er hat mich nicht angeblickt; ich habe mich in dem Kloſter der Gypecienne ihm anvertraut; wir waren allein, er hatte Gertruden und le Haudoin, ſeine beiden Mitſchul⸗ digen, und mich, die noch mehr ſeine Mitſchuldige war . O! Wenn ich bedenke, daß er ein Pferd vor der Thuͤre, durch die Kirche ſelbſt in einem Schooße ſeines Mantels mich entfuͤhren konnte! In dieſem Augenblicke, ſiehſt Du, fuͤhlte ich ihn leidend, untroͤſtlich wegen mei⸗ ner; ich ſah ſeine ſchmachtenden Augen, ſeine durch das Fieber gebleichten und verzehrten Lippen. Wenn er von mir verlangt haͤtte zu ſterben, um ſeinen Augen den Glanz, ſeinen Lippen die Friſche wiederzugeben, ſo wuͤrde ich geſtorben ſein... Nun denn! Ich bin gegangen, 8 und er hat nicht daran gedacht, mich bei einem Zipfel meines Schleiers zuruckzuhalten!— Warte, warte noch! — 206— .. O Du weißt nicht, was ich leide... Er wußte, daß ich Paris verließe, daß ich nach Méridor zuruͤck⸗ kehrte, er wußte, daß Herr von Monſoreau... ſieh, ich erroͤthe daruͤber, daß Herr von Monſoreau nicht mein Gatte iſt; er wußte, daß ich allein reiſete, und waͤhrend der ganzen Reiſe, theure Johanna, habe ich mich um⸗ gewandt, indem ich jeden Augenblick glaubte, daß ich den Galopp ſeines Pferdes hinter uns hoͤrte. Nichts! Es war das Echo der Heerſtraße, welches ſprach! Ich ſage Dir, daß er nicht an mich denkt, und daß ich keine Reiſe nach Anjou werth bin... wo es ſo viele ſchoͤne und artige Frauen an dem Hofe des Koͤnigs von Frankreich giebt, von denen ein Laͤcheln hundert Geſtaͤndniſſen des in den Waͤldern von Méridor begrabenen Landmaͤdchens gleichkommt. Begreifſt Du jetzt? Biſt Du uͤberzeugte? Habe ich Recht? Bin ich vergeſſen, verachtet, meine* arme Johanna? 8 Sie hatte dieſe Worte noch nicht beendigt, als die Zweige der Eiche gewaltig krachten; ein Staub von Moos und von zerbrochenem Gips rollte laͤngs der al⸗ ten Mauer herab, und ein Mann, der aus dem Epheu und dem wilden Maulbeerbaum hervorſprang, ſank zu 1 den Fuͤßen Dianas, die einen ſchrecklichen Schrei ausſtieß. Johanna hatte ſich entfernt; ſie hatte den Mann ge⸗— ſehen und erkannt. 1 — Ihr ſeht wohl, daß ich hier bin, murmelte Buſſy knieend, indem er den Saum von Dianas Kleid kuͤßte, den er ehrerbietig in ſeiner zitternden Hand hielt. Diana erkannte die Stimme und das Laͤcheln des 4 — 207— Grafen gleichfalls, und, im Herzen ergriffen, außer ſich, durch dieſes unverhoffte Gluͤck beklommen, oͤffnete ſie ihre Arme, und der Beſinnung beraubt, ſank ſie an die Bruſt desjenigen, den ſie ſo eben der Gleichguͤltig⸗ keit beſchuldigt hatte. — 208— —4** XIV. 8 Die Liebenden. 3 O Die Ohnmachten vor Freude dauern weder ſehr lange, noch ſind ſie ſehr gefaͤhrlich. Zwar hat es deren auch toͤdtliche gegeben, aber dieſe ſind außerordentlich i ſelten. Diana ſchlug demnach bald wieder die Augen auf, und fand ſich in Buſſys Armen; denn Buſſy hatte Frau von Saint⸗Luc das Vorrecht nicht abtreten wollen, Dianas erſten Blick zu empfangen. — O, fluͤſterte ſie, als ſie wieder erwachte, o! Es f iſt abſcheulich, Graf, uns ſo zu uͤberrumpeln. 1 Buſſy erwartete andere Worte. Und, wer weiß! Die Maͤnner ſind ſo anmaßend, ob er nicht etwas An⸗ deres, als Worte erwartete, er, der aus mehr als ei⸗ ner Erfahrung das wieder zum Leben kommen nach ſoles chen Ohnmachten kannte. Aber Diana blieb nicht allein dabei ſtehen, ſondern ſie entzog ſich auch noch ſanft den Armen, die ſie gefan⸗ gen hielten, und kehrte zu ihrer Freundin zuruͤck, die, anfangs beſcheiden, mehrere Schritte unter den Baͤumen gethan hatte; dann, neugierig, wie es jede Frau iſt, uͤber dieſes reizende Schauſpiel einer Verſoͤhnung unter Leuten, die ſich lieben, allmaͤlig zuruͤckgekehrt war, nicht um Antheil an der Unterhaltung zu nehmen, ſon⸗ dern um den Sprechenden nahe genug zu ſein, um Nichts davon zu verlieren. 21*— Nun, fragte Buſſy, auf dieſe Weiſe empfangt Ihr mich alſo, gnaͤdige Frau? — Nein, ſagte Diana; denn, in Wahrheit, Herr voon Buſſy, was Ihr da gethan habt, iſt zaͤrtlich, iſt r liebevoll... Aber... n— O, ich bitte Euch, keine Aber... ſeufzte Buſſy, ) † indem er ſeinen Platz zu den Fuͤßen Dianas wieder ein⸗ Nnahm. — — Nein, nein, nicht ſo, nicht zu meinen Fuͤßen, u Herr von Buſſy. ,— O, laßt mich einen Augenblick lang Euch anbe⸗ ſteen, wie ich es thue, ich habe mich ſo lange nach die⸗ :'s ſem Platze geſehnt. — Ja; aber um ihn einzunehmen, ſeid Ihr uͤber ² die Mauer geſtiegen. Das iſt nicht allein fuͤr einen n- HOerrn Eures Ranges nicht ſchicklich„ſondern es iſt auch i⸗ noch ſehr unbeſonnen von Jemandem, dem meine Ehre be am Herzen laͤge. — Wie das? rn— Wenn man Euch nun zufaͤllig geſehen haͤtte? Die Dame von Monſoreau. Vierter Band. 14 8 7 — 210— — Wer ſollte mich denn geſehen haben? — Ei, unſere Jaͤger, die vor kaum einer Viertel ſtunde durch das Dickicht hinter der Mauer voruͤber⸗ 1 kamen.. 8 — O, beruhigt Euch, gnaͤdige Frau, ich verberge mich mit zu vieler Sorgfalt, um geſehen zu werden. — Verſteckt! O, wahrhaftig, ſagte Johanna, das z iſt hoͤchſt romantiſch; erzaͤhlt uns das, Herr von Buſſy. d — Zuvoͤrderſt iſt es nicht meine Schuld, wenn ich d Euch auf der Reiſe nicht eingeholt habe; lch habe einen A Weg eingeſchlagen, und Ihr den anderen. Ihr ſeid uͤbere Rambouillet gekommen, ich uͤber Chartres. Dann hoͤrt— und urtheilt, ob Euer armer Buſſy verliebt iſt; ich habbe nicht gewagt Euch einzuholen, und dennoch zweifelte ich a nicht daran, daß ich es koͤnnte. Ich fuͤhlte wohl, daß z Jarnac nicht verliebt waͤre, und daß das wuͤrdige Thier 4 ſich nur wenig beeifern wuͤrde, nach Meridor zuruͤckzu⸗ kehren; auch Euer Vater hatte keinen Grund ſich zu ei⸗ len, da er Euch bei ſich hatte. Aber ich wollte Euch nicht in Gegenwart Eures Vaters, in der Begleitung Eurer Leute wiederſehen; denn ich trug mehr Sorge als Ihr glaubt, Euch nicht zu compromittiren; ich habe den Weg in kurzen Tagreiſen zuruͤckgelegt, indem ich den 2 Griff meiner Reitgerte zerkaute; der Griff meiner Reit Tage. Armer Menſch! ſagte Johanna. Sieh nur auch, d wie mager er geworden iſt.— — Ihr langtet endlich an, fuhr Buſſy fort; ich hatte * — 211— eeiine Wohnung in der Vorſtadt bezogen, und ich ſah Euch, hinter einer Jalouſie verborgen, voruͤberkommen. — O, mein Gott! fragte Diana. Seid Ihr denn un⸗ teer Eurem Namen in Angers? 2— Fuͤr wen haltet Ihr mich? ſagte Buſſy laͤchelnd. Niicht doch, ich bin ein reiſender Kaufmann; ſeht meinen 3 zimmetfarbigen Anzug; er verraͤth mich nicht zu ſehr, das iſt eine Farbe, die von den Tuchhaͤndlern und von den Goldſchmieden haͤufig getragen wird, und dann habe ich ein gewiſſes unruhiges und geſchaͤftiges Ausſehn, das eeinem Botaniker, der Heilpflanzen ſucht, nicht uͤbel an⸗ ſteht. Kurz, ich bin noch nicht aufgefallen. e— Buſſy, der ſchoͤne Buſſy, zwei Tage hinter ein⸗ h ander in einer Provinzſtadt, ohne noch bemerkt worden ß zu ſein? Man wird das niemals am Hofe glauben. er— Fahrt fort, Graf, ſagte Diana erroͤthend. Wie kommt Ihr zum Beiſpiel aus der Stadt hierher? — Ich habe zwei Pferde von auserleſener Race; ich beſteige eines von ihnen, verlaſſe die Stadt im Schritte, indem ich dabei verweile, die Anſchlagezettel 1 und die Ladenſchilder zu betrachten, aber, ſobald ich ein⸗ en mal außerhalb der Blicke bin, ſo ſetzt ſich mein Pferd en in einen Galopp, der ihm erlaubt, in zwanzig Minuten it⸗ die drei und eine halbe Stunde zuruͤckzulegen, welche die ſer Stadt von hier entfernt iſt. Einmal in dem Walde pvon Moridor, ſo orientire ich mich und finde die Mauer h, des Parkes; aber ſie iſt lang, ſehr lang, der Park iſt groß. Geſtern habe ich dieſe Mauer waͤhrend mehr als tte vier Stunden unterſucht, indem ich, inner in in der Hoff⸗ 1 nung Euch zu erblicken, hie und da hinaufkletterte. Kurz, ich verzweifelte faſt, als ich Euch geſtern Abend in em Momente erblickte, wo Ihr in das Haus zuruͤckkehrtet; die beiden großen Hunde des Barons ſprangen Euch nach, und Frau von Saint⸗Luc hielt ihnen ein Rebhuhn in die Luft, das ſie zu erreichen verſuchten, dann ver⸗ ſchwandet Ihr. Ich ſprang dort hinab und eilte hierher, wo Ihr ſo eben waret, ich fand das Gras und das Moos ſehr nie⸗ dergetreten, und ſchloß daraus, daß Ihr wohl dieſen Ort, der waͤhrend der Sonnenhitze reizend iſt, als ge⸗ woͤhnlichen Aufenthalt angenommen. Um mich nun zug recht zu finden, habe ich, wie auf der Jagd, Zweige eingeknickt, und ſeufzend, was mir ein abſcheuliches Weh verurſacht...— 1 — Weil Ihr nicht daran gewoͤhnt, unterbrach ihn Jo⸗ hanna laͤchelnd. 4 — Ich ſage nicht nein, gnaͤdige Frau, alſo ſeufzend, was mir, ich wiederhole es, ein abſcheuliches Weh ver⸗ 3 urſacht, habe ich den Weg nach der Stadt wieder eing ſchlagen; ich war ſehr ermuͤdet; ich hatte außerdem beim Klettern auf die Baͤume mein zimmetſarbiges Wamms zerriſſen, und dennoch, trotz der Riſſe in meinem Wammſe, trotz der Beklommenheit meiner Bruſt, trug ich die Wonne im Herzen:— ich hatte Euch geſehen. 4 — Es ſcheint mir, daß das eine wundervolle Erz lung iſt, ſagte Johanna, und daß Ihr da ſchreckliche Hinderniſſe uͤberwunden habt; das iſt ſchoͤn und heroiſch; aber ich, die keinen ſo großen Muth, als Ihr, hat — 213— ich, die ſich fuͤrchtet, auf die Baͤume zu klettern, ich haͤtte mein Wamms, und vor Allem meine ſchoͤnen wei⸗ ßen Haͤnde geſchont; ſeht, in welchem abſcheulichen Zu⸗ ſtande die Eurigen ſind, ganz von Dornen zerriſſen. — Ja, aber ich haͤtte diejenige nicht geſehn, die ich geſehen habe. — Im Gegentheile; ich haͤtte, und bei Weitem beſ⸗ ſer, als Ihr es gethan habt, Diana von Meridor und ſelbſt Frau von Saint⸗Luc geſehen. — Was haͤttet Ihr denn gethan? fragte Buſſy haſtig. — Ich waͤre geraden Weges an die Bruͤcke des Schloſſes von Meridor gekommen und in daſſelbe einge⸗ zogen. Der Herr Baron ſchloß mich in ſeine Arme, Frau von Monſoreau ſetzte mich bei Tiſche neben ſich, Heerr von Saint⸗Luc uͤberhaͤufte mich mit Artigkeiten, Frau von Saint⸗ Luc machte Anagramme mit mir. Das 6 war die einfachſte Sache von der Welt; freilich denken ie Verliebten niemals an die einfachſte Sache von der Buſſy ſchuttelte laͤchelnd und mit einem an Diana ſerichteten Blicke den Kopf. — O nein, ſagte er, nein! Das, was Ihr da geethan haͤttet, waͤre gut fuͤr Jedermann, nur nicht fuͤr mich. Diana erroͤthete wie ein Kind, und daſſelbe Laͤcheln ſhren Lippen. — Da, ſagte Johanna, wie es ſcheint, verſtehe ich jetzt Nichts mehr von ſchoͤnen Manieren! — Nein, ſagte Buſſy, indem er den Kopf ſchuͤttelte, nein! Ich konnte nicht auf das Schloß gehen! Die gnaͤdige Frau iſt verheirathet, der Herr Baron ſchuldet dem Gatten ſeiner Tochter, wer er auch ſein moͤge, eine 6 ſtrenge Aufſicht. 1 — Gut, ſagte Johanna, das iſt eine Lehre der Schicklichkeit, die ich empfange; ich danke Euch, Herr von Buſſy, denn ich verdiene ſie zu empfangen; das wird mich lehren, mich in die Angelegenheit von Narren zu miſchen. — Von Narren? wiederholte Diana. 3 Von Narren oder von Verliebten, antwortete Frau von Saint Luc, und dem zu Folge... 1 Sie kuͤßte Diana auf die Stirn, machte Buſſy eine Verbeugung und entfloh. Diana wollte ſie mit der einen Hand zuruückhalten, aber Buſſy ergriff die andere; und ſo feſt von ihrem Ge⸗ liebten zuruͤckgehalten, mußte ſich Diana wohl entſchlies ßen, ihre Freundin loszulaſſen. Buſſy und Diana blieben demnach allein. Diana ſah Frau von Saint⸗Luc nach, die ſich Bl men pfluͤckend entfernte, dann ſetzte ſie ſich erroͤthend. Buuſſy legte ſich zu ihren Fuͤßen. — Nicht wahr, ſagte er, ich habe wohlgethan, gnaͤdige Frau, Ihr billigt mein Verfahren? — Ich will nicht heucheln, antwortete Diana, au⸗ ßerdem kennt Ihr den Grund meiner Gedanken; ja, ich billige Euer Benehmen, aber dabei bleibt meine Nach⸗ ſicht ſtehen; als ich mich nach Euch ſehnte, als ich Euch herbeirief, wie ich es ſo eben that, war ich ſinnlos, war ich ſtrafbar. — Mein Gott, was ſagt Ihr da, Diana? — Leider, Graf, ſage ich die Wahrheit! Ich habe das Recht, Herrn von Monſoreau ungluͤcklich zu machen, der mich zu dieſem Aeußerſten getrieben hat; aber ich habe nicht das Recht, indem ich mich ihm entziehe, ei⸗ nen anderen Mann gluͤcklich zu machen. Ich kann ihm mmaeine Gegenwart, mein Laͤcheln, meine Liebe verwei⸗ gern; wenn ich aber dieſe Gunſtbezeigungen einem Ande⸗ ren gewaͤhrte, ſo wuͤrde ich denjenigen beſtehlen, der wider meinen Willen mein Herr iſt. Buſſy hoͤrte dieſe ganze, freilich durch die Freund⸗ lichkeit und Sanftmuth Dianens ſehr gemilderte Mo⸗ ral an. — Jetzt iſt an mir die Reihe zu ſprechen, nicht woahr? ſagte er. — Sprecht! antwortete Diana. — Mit Offenherzigkeit? — Sprecht! — Wohlan! Von Alle dem, was Ihr ſo eben ge⸗ Wagt, gnaͤdige Frau, habt Ihr kein einziges Wort auf dem Grunde Eures Herzens gefunden. — Wie? — Hoͤrt mich ohne Ungeduld an, gnaͤdige Frau, Ihr ſeht, daß ich Euch geduldig angehoͤrt habe; Ihr haabt mich mit Sophismen uͤberhaͤuft. Diana machte eine Bewegung. — Die moraliſchen Gemeinplaͤtze ſind Nichts als das, fuhr Buſſy fort, wenn es ihnen an der Anwendung fehlt. Gegen dieſe Sophismen, gnaͤdige Frau, will ich Euch Wahrheiten erwidern. Ein Mann iſt Euer Herr, ſagt Ihr; aber habt Ihr dieſen Mann gewaͤhlt? Nein, 4 ein Verhaͤngniß hat ihn Euch aufgedrungen, und Ihr ſeid ihm unterlegen. Habt Ihr nun die Abſicht, Euer ganzes Leben hindurch die Folgen eines ſo abſcheulichen Zwanges zu ertragen? Dann iſt es an mir, Euch da⸗ von zu befreien. Diana oͤffnete den Mund um zu ſprechen, Buſy hielt ſie durch einen Wink zuruͤck — H1 Ich weiß, was Ihr mir antworten wollt, ſagte der junge Mann. Ihr wollt mir antworten, daß, wenn ich ihn herausfordere und wenn ich ihn toͤdte, Ihr mich niemals wiederſehen wuͤrdet.— Es ſei, ich werde vor Schmerz Euch nicht wiederzuſehen ſterben, aber Ihr werdet frei, Ihr werdet gluͤcklich leben, Ihr werdet einen Biedermann gluͤcklich machen koͤnnen, der in ſeiner Freude zuweilen meinen Namen ſegnen und ſagen wird: Ich danke Euch! Buſſy, ich danke Euch! uns von dieſem abſcheulichen Monſoreau befreit zu ha⸗ ben. Und Ihr ſelbſt, Diana, die Ihr nicht wagen wuͤr⸗ det, dem Lebenden zu danken, Ihr werdet dem Geſtor⸗ benen danken.. Die junge Frau ergriff die Hand des Grafen und druͤckte ſie zaͤrtlich. — Ihr habt noch nicht gebeten, Buſſy, ſagte ſie, und jetzt drohet Ihr ſchon. — Euch drohen? O! Gott hoͤrt mich, und er weiß⸗ -—“ was meine Abſicht iſt; ich liebe Euch ſo innig, Diana, daß ich nicht ſo handeln werde, wie es ein underer Mann thun wuͤrde. Ich weiß, daß Ihr mich liebt. Mein Gott! Geht nicht ſo weit, Euch dagegen zu weh⸗ ren, Ihr wuͤrdet in die Klaſſe jener gemeinen Geiſter zuruͤckkehren, deren Handlungen ihre Worte Luͤgen ſtra⸗ ſeht, eine Liebe, wie die meinige, ſtrahlt wie die Sonne und belebt alle Herzen, die ſie beruͤhrt; demnach al werde ich Euch nicht bitten, ich werde mich nicht in Verzweiflung verzehren. Nein, ich werde mich 8ue Fuͤßen werfen, die ich kuͤſſe, und Euch, die rechte auf mein Herz gelegt, auf dieſes Herz, das niemals, weder aus Intereſſe, noch aus Furcht gelogen hat, Euch ſagen: Diana, ich liebe Euch, und es wird fuͤr mein ganzes Leben ſein! Diana, ich ſchwoͤre Euch, daß ich fuͤr Euch ſterben werde, daß ich ſterben werde, indem ich Euch anbete. Wenn Ihr mir dann wiederſagt: Geht, raubt nicht das Gluͤck eines Anderen, ſo werde ich mich ohne einen Seufzer, ohne ein Zeichen wieder von dieſer Stelle erheben, wo ich indeſſen ſo gluͤcklich bbin, und ich werde mich tief vor Euch verneigen, in⸗ ddem ich mir ſage: dieſe Frau liebt mich nicht, dieſe Frau wird mich niemals lieben. Dann werde ich gehen, und Ihr werdet mich niemals wiederſehen. Aber da meine Hingebung fuͤr Euch noch bei Weitem groͤßer iſt, aals meine Liebe, da mein Verlangen Euch gluͤcklich zu ſehen, die Gewißheit, daß ich nicht ſelbſt gluͤcklich ſein kann, uͤberleben wird, da ich das Gluͤck eines Anderen fen. Ich weiß es, denn Ihr habt es geſtanden. Dann, — 218— nicht geraubt haben werde, ſo werde ich das Recht ha⸗ ben ihm das Leben zu nehmen, indem ich das meinige zum Opfer bringe; das werde ich thun, gnaͤdige Frau, und das aus Furcht, daß Ihr ewig Sclavin bleiben moͤgtet, und daß Euch das kein Vorwand ſei, die wak⸗ keren Leute ungluͤcklich zu machen, die Euch lieben. 8 Buſſy hatte ſich bei dem Ausſprechen dieſer Worte aufgeregt. Diana las in ſeinem ſo glaͤnzenden und ſo biederen Blicke die ganze Kraft ſeines Entſchluſſes: ſie 4 ſah ein, daß er das, was er ſagte, thun wuͤrde; daßs le Worte ſich ohne allen Zweifel durch die That be⸗ waͤhren wuͤrden, und wie der Aprilſchnee bei den Strahlen der Sonne ſchmilzt, ſo ſchmolz ihre Strenge bei der Flamme dieſes Blickes. — Nun denn, ſagte ſie, ich danke Euch fuͤr diſſee Gewalt, die Ihr mir anthut, Freund. Das iſt wieder 3 3 ein Zartgefuhl von Euch, mir auf dieſe Weiſe ſelbſt den. Gewiſſensvorwurf daruͤber zu nehmen, daß ich Euch nachgegeben. Jetzt werdet Ihr mich bis zum Tode lie⸗ 1 ben, wie Ihr ſagt? Jetzt, werde ich nicht das Spiel Eurer Laune ſein und werdet Ihr mir nicht eines Ta⸗ ges die abſcheuliche Reue laſſen, nicht auf die Liebee des Herrn von Monſoreau gehoͤrt zu haben? Aber nein, ich habe keine Bedingungen zu machen; ich bin beſiegt, ich bin uͤberliefert, ich bin die Eure, Buſſp, zum Min⸗ deſten durch die Liebe. Bleibt demnach, Freund, und jetzt, wo mein Leben das Eure iſt, wacht uͤber uns. Indem ſie dieſe Worte ſagte, legte Diana eine ih⸗ eer ſo weißen und ſo zarten Haͤnde auf Buſſys Achſel, — — und reichte ihm die andere, die er liebevoll an ſeine Lip⸗ pen gedruͤckt hielt: Diana erbebte unter dieſem Kuſſe. Man hoͤrte nun die leichten Schritte Johannas, begleitet von einem leichten warnenden Huſten; ſie brachte eine Garbe junger Blumen zuruͤck, und den er⸗ ſten Schmetterling, der ſich bis jetzt vielleicht aus ſeiner ſeidenen Huͤlle gewagt hatte; es war eine Atalante mit roͤthlichen und ſchwarzen Fluͤgeln. Inſtinctmaͤßig trennten ſich die in einander verſchlun⸗ genen Haͤnde. Johanna bemerkte dieſe Bewegung. — Verzeihung, meine lieben Freunde, daß ich Euch ſuoͤre, ſagte ſie, aber wir muͤſſen in das Haus zuruͤck⸗ kehren, oder man kommt uns hier zu ſuchen. Herr Graf, erreicht gefaͤlligſt Euer vortreffliches Pferd wieder, das vier Stunden in dreißig Minuten zuruͤcklegt, und laßt uns ſo langſam als moͤglich, denn ich vermuthe, daß wir uns viel zu ſagen haben, die funfzehn Hundert Schritte zuruͤcklegen, welche uns von dem Hauſe tren⸗ nen. Da ſeht Ihr, was Ihr durch Euren Eigenſinn verliert, Herr von Buſſy, das Mittageſſen im Schloſſe, das vortrefflich iſt, beſonders fuͤr einen Mann, der ge⸗ ritten und uͤber die Mauern geklettert iſt, und Hundert gute Scherze, die wir gemacht haͤtten, ohne gewiſſe aus⸗ gewechſelte Blicke zu rechnen, welche das Herz auf em⸗ pfindliche Weiſe kitzeln. — Komm, Diana, laß uns zuruͤckkehren. Und Johanna nahm den Arm ihrer Freundin und — 220— machte eine leichte Anſtrengung, um ſie mit 4 fortzu⸗ ziehen. Buſſy ſah die beiden Freundinnen mit einem Laͤchen an. Diana, noch halb nach ihm gewendet, reichte ihm die Hand. Er trat zu ihnen. — Nun, fragte er, iſt das Alles, was Ihr mir ſagt? 3 b — Auf morgen, erwiderte Diana, iſt das nicht ver⸗ abredet? — Auf morgen nur? — Auf morgen und auf immer!— 3 Buſſy konnte einen leichten Freudenſchrei nicht un⸗ terdruͤcken, er neigte ſeine Lippen auf Dianas Hand; dann den beiden Frauen einen letzten Abſchiedsgruß zu⸗ werfend, entfernte er ſich oder entfloh vielmehr. Er fuͤhlte, daß er einer Ueberwindung beduͤrfe, um darein zu willigen, ſich von derjenigen zu trennen, nach⸗ dem er ſo lange an einer Vereinigung mit ihr verzweifelt hatte. Diana ſah ihm bis in die Tiefe des Waldes nach, und ihre Freundin beim Arme zuruͤckhaltend, horchte ſie bis auf den fernſten Klang ſeiner Schritte in dem Gebuͤſche. — Ah! ſagte Johanna, als Buſſy gaͤnzlich ver⸗ ſchwunden war. Willſt Du Dich jebt ein Wenig mit mir unterhalten, Diana? d — O, ija, ſagte die junge Frau erbebend, als ob die Stimme ihrer Freundin ſie einem Traume entreiße. Ich hoͤre Dich. — Nun denn! Morgen werde ich mit Saint⸗Luc und Deinem Vater auf die Jagd gehen. — Wie! Du wollteſt mich allein auf dem Schloſſe laſſen? — Hoͤre, liebe Freundin, ſagte Johanna, auch ich habe meine Grundſaͤtze der Moral, und es giebt gewiſſe Dinge, die zu thun ich niemals einwilligen werde. — O, Johanna, rief Frau von Monſoreau erblei⸗ chend aus, kannſt Du wohl mir, Deiner Freundin, ſol⸗ che Grauſamkeiten ſagen? — Es giebt keine Freundin, die mich dazu vermoͤ⸗ gen koͤnnte, fuhr Frau von Saint- Luc mit derſelben Ruhe fort. Ich kann ſo nicht fortfahren. — Ich glaubte, daß Du mich liebteſt, Johanna, und jetzt durchbohrſt Du mir das Herz, ſagte die junge Frau mit Thraͤnen in den Augen; Du willſſt nicht fort⸗ fahren, ſagſt Du. Ei! In was willſt Du denn nicht fort⸗ fahren? — Ich will nicht fortfahren, fluͤſterte Johanna ihrer Freundin ins Ohr, ich will nicht fortfahren, Euch, arme Liebende, die Ihr ſeid, abzuhalten, Euch ganz nach Eu⸗ rem Gefallen zu lieben. Diana ſchloß die neckende junge Frau in ihre Arme, und bedeckte ihr bluͤhendes Geſicht mit Kuͤſſen. — 222— Als ſie dieſelbe ujarmt hielt, ließen Jagdhoͤrner ih⸗ re ſchmetternden Fanfaren hoͤren. 4 — Laß uns gehen, man ruft uns, ſagte Johanna; der arme Saint⸗Luc wird ungeduldig. Sei doch nicht grauſamer gegen ihn, als ich es gegen den Verliebten im zimmetfarbigen Wamms ſein will. XV. Wie Buſſy drei Hundert Piſtolen fuͤr ſein Pferd fand und es umſonſt gab. 2 Am folgenden Tage brach Buſſy eher von An⸗ gers auf, als die am Zeitigſten aufſtehenden Buͤrger der Stadt ihr Morgenmahl eingenommen hatten. Er ritt nicht, er flog uͤber die Heerſtraße. Diana war auf einen Balkon des Schloſſes geſtiegen, von wo aus man den ſich kruͤmmenden und weißlichen Weg uͤber⸗ la der ſich in den gruͤnen Wieſen dahin wand. Sie ſah den ſchwarzen Punkt, der gleich einem Meteor her⸗ ’ ankam, und das gekruͤmmte Band der Heerſtraße immer Nnger hinter ſich zuruͤckließ. Scogleich ſtieg ſie wieder hinabp, um Buſſy nicht Zeit zu laſſen, ſie zu erwarten, und ſich ein Verdienſt daraus zu machen, ihn erwartet zu haben. Die Sonne erreichte kaum die Gipfel der hohen Ei⸗ — 224— chen, das Gras war voller Thauperlen; man hoͤrte in 1 der Ferne auf dem Gebirge das Horn Saint⸗Lucs, den Johanna aufmunterte zu blaſen, um ihre Freundin an den Dienſt zu erinnern, den ſie ihr dadurch erwieſen, daß ſie dieſelbe allein ließ. Das Herz Dianas war mit einer ſo unendlichen, ſo ſchmerzlichen Wonne erfuͤllt; ſie fuͤhlte ſich ſo trunken von ihrer Jugend, von ihrer Schoͤnheit, von ihrer Liebe, daß es ihr zuweilen im Laufen ſchien, als ob ihre Seele ihren Koͤrper auf Fluͤgeln davon truͤge, um ihn Gott zu naͤhern. Aber der Weg von dem Hauſe nach dem Dickicht war lang, die kleinen Fuͤße der jungen Frau wurden muͤde, durch das hohe Gras zu gehen, und es man⸗ gelte ihr mehrere Male der Athem unterwegs, ſie konnte daher an dem Zuſammenkunftsorte erſt in dem Augen⸗ 4 blicke anlangen, wo Buſſy auf dem Gipfel der Mauer erſchien und hinabſprang. Er ſah ſie laufen; ſie ſtieß ihren leiſen Freudenſchrei aus; er kam mit ausgebreiteten Armen auf ſie zu; ſie ſtuͤrzte auf ihn zu, indem ſie ihre beiden Haͤnde auf ihr 1 Herz druͤckte: ihr Morgengruß war eine lange und in⸗ nige Umarmung. Was hatten ſie ſich zu ſagen 2 Sie lieb⸗ 4 4 ten ſich. Was hatten ſie zu denken? Sie ſahen ſich. Was hatten ſie zu wuͤnſchen, ſie ſaßen einander zur Seite und hielten einander bei der Hand. Der Tag verfloß wie eine Stunde. Als Diana zu⸗ erſt aus dieſer ſuͤßen Erſtarrung erwachte, welche der Schlummer einer der Gluͤckſeligkeit muͤden Seele iſt, druͤckte Buſſy die traͤumende junge Frau an ſein Herz und ſagte zu ihr: — Diana, ich meine, daß erſt heute mein Leben be⸗ gonnen hat; ich meine, daß ich von heute an hell auf dem Wege ſehe, der nach der Ewigkeit fuͤhrt. Ihr ſeid, zweifelt nicht daran, das Licht, welches mir ſo viel Gluͤck offenbart; ich wußte Nichts von dieſer Welt, noch von der Stellung der Menſchen in derſelben; ich kann Euch demnach auch nur das wiederholen, was ich Euch geſtern ſagte: da ich durch Euch zu leben begann, ſo werde ich auch mit Euch ſterben. — Und ich, antwortete ſie, ich, die ich mich eines Tages ohne Bedauern dem Tode in die Arme geworfen habe, ich zittere jetzt, nicht lange genug zu leben, um alle die Schaͤtze zu erſchoͤpfen, welche mir Eure Liebe ver⸗ heißt. Aber warum kommt Ihr nicht auf das Schloß, Louis? Mein Vater wuͤrde ſich freuen Euch zu ſehen; Herr von Saint⸗Luc iſt Euer Freund, und er iſt ver⸗ ſchwiegen... Bedenkt, daß es unſchaͤtzbar iſt, uns eine Stunde laͤnger zu ſehen. — Ach, Diana, wenn ich eine Stunde lang auf das Schloß komme, ſo werde ich immer hinkommen; wenn ich hinkomme, ſo wird es die Provinz wiſſen; wenn das Gerüucht davon dieſem Waͤhrwolf, Eurem Gatten, zu Ohren kommt, ſo wird er herbeieilen.... Ihr habt mir verboten, Euch von ihm zu befreien... — Weshalb? ſagte ſie mit dieſem Ausdrucke, den man nur in der Stimme des Weibes findet, das man liebt.— Die Dame von Monſoreau. Vierter Band. 15 — 226— — Nun denn, zu unſerer Sicherheit, das heißt, fuͤr die Sicherheit unſeres Gluͤckes, iſt es noͤthig, daß wir unſer Geheimniß vor Jedermann verbergen, Frau von Saint⸗Luc weiß es bereits... Saint-Luc wird es auch erfahren. — O warum... — Wuͤrdet Ihr mir jetzt Etwas verheimlichen? ſagte Buſſy. — Nein... das iſt wahr. — Ich habe heute Morgen einige Zeilen an Saint⸗ Luec geſchrieben, um ihn um eine Zuſammenkunft in An⸗ gers zu bitten. Er wird kommen, und ich werde ſein adeliges Wort erhalten, daß ihm niemals ein Wort von dieſem Abenteuer entſchluͤpft. Das iſt um ſo wichtiger, theure Diana, als man mich zuverlaͤſſig uͤberall ſucht. Die Ereigniſſe waren bedenklich, als wir Paris verlaſ⸗ ſen haben. — Ihr habt Recht,... und dann iſt mein Vater ein ſo gewiſſenhafter Mann, daß er, obſchon er mich liebt, im Stande waͤre, Herrn von Monſoreau es anzu⸗ 6 zeigen. uns unſeren Feinden uͤberliefert, ſo werden wir zum Mindeſten uns ſagen koͤnnen, daß danders zu handeln unmoͤglich war. 3 — Gott iſt guͤtig, Louis; zweifelt in dieſem Augen⸗ blicke nicht an ihm. — Ich zweifle nicht an Gott, ich fuͤrchte irgend ei⸗ nen Daͤmon, der uͤber unſere Wonne eiferſuͤchtig wird. — Verbergen wir uns wohl... und wenn Gott — Nehmt Abſchied von mir, mein Herr, und kehrt nicht ſo raſch zuruͤck, Euer Pferd macht mir Furcht. — Fuͤrchtet Nichts, es kennt bereits den Weg; es iſt der ſanfteſte, der ſicherſte Renner, den ich noch ge⸗ ritten habe. Wenn ich, in meine ſuͤßen Gedanken ver⸗ ſunken, in die Stadt zuruͤckkehre, ſo fuͤhrt er mich, ohne daß ich den Zuͤgel beruͤhre. Die beiden Liebenden wechſelten Tauſend Aeußerun⸗ gen dieſer Art mit Tauſend Kuͤſſen untermiſcht aus. End⸗ lich ließ das Waldhorn dem Schloſſe naͤher die Melodie hoͤren, uͤber welche Johanna mit ihrer Freundin uͤber⸗ eingekommen war, und Buſſy entfernte ſich. Als er, traͤumend von dieſem entzüͤckenden Tage und ganz ſtolz, frei zu ſein, er, den die Ehrenbezeugun⸗ gen, die Sorgen des Reichthumes und die Gunſtbezeu⸗ gungen eines Prinzen von Gebluͤt beſtaͤndig in goldenen Feſſeln hielten, ſich der Stadt naͤherte, bemerkte er, daß die Stunde herannahe, wo man die Stadtthore ſchlie⸗ ßen wuͤrde. Das Pferd, welches den ganzen Tag uͤber in dem Gebuͤſche und in dem Graſe geweidet, hatte da⸗ mit unter Weges fortgefahren, und die Nacht brach heran. Buſſy wollte die Sporen geben, um die verlorene Zeit wieder einzubringen, als er hinter ſich den Galopp einiger Pferde hoͤrte. Fuͤr einen Mann, der ſich verſteckt, und beſonders fuͤr einen Liebenden, ſcheint Alles eine Drohung. Die gluͤcklich Liebenden haben das mit den Dieben gemein. Buſſy fragte ſich, ob es beſſer waͤre, ſein Pferd wie⸗ 15* der in Galopp zu ſetzen, um voraus zu ſein, oder ſich zur Seite zu werfen, um die Reiter voruͤberzulaſſen; aber ſie ritten ſo ſchnell, daß ſie in einem Augenblicke hinter ihm waren. Es waren ihrer zwei. In der Meinung, daß keine Feigheit darin laͤge, zwei Maͤnnern auszuweichen, wenn man deren vier werth iſt, ritt Buſſy zur Seite und be⸗ merkte einen der Reiter, deſſen Ferſen die Weichen ſei⸗ nes Pferdes zerarbeiteten, das außerdem durch eine gute Anzahl von Peitſchenhieben angetrieben ward, die ihm ſein Begleiter verſetzte. — Geſchwind, da iſt die Stadt, ſagte dieſer Mann in einem durchaus unverſtellten Gaskoniſchen Dialect; noch drei Hundert Peitſchenhiebe und Hundert Sporenſtoͤße, Muth und Kraft. — Das Thier hat keinen Athem mehr, es ſchaudert, es wird ſchwach, es weigert ſich, weiter zu gehen, ant⸗ wortete Derjenige, welcher voraus ritt... Ich wuͤrde indeſſen Hundert Pferde dafuͤr geben, um in meiner Stadt zu ſein. — Das iſt irgend ein verſpaͤteter Anjouer, ſagte ſich Buſſy... Indeſſen... was die Furcht die Leute dumm macht, ich hatte geglaubtJ dieſe Stimme zu er⸗ kennen... Aber da wankt das Pferd dieſes wackeren Mannes... In dieſem Augenblicke waren die Reiter mit Buſſy auf derſelben Hoͤhe der Heerſtraße. — Hel Nehmt Euch in Acht, mein Herr, rief er 1* aus, laßt die Steigbuͤgel fahren, geſchwind, das Pferd bricht zuſammen! In der That, das Pferd fiel ſchwerfaͤllig auf die Seite, bewegte krampfhaft ein Bein, als ob es den Boden aufwuͤhle, und ploͤtzlich hoͤrte ſein keuchender Athem auf, ſeine Augen verdunkelten ſich, der Schaum erſtickte es, es verſchied. — Mein Herr, rief der ſeines Pferdes beraubte Rei⸗ ter Buſſy zu, drei Hundert Piſtolen fuͤr das Pferd, das Euch traͤgt. — Ah! Mein Gott! rief Buſſy naͤher kommend aus.. — Verſteht Ihr mich, mein Herr? Ich habe Eile... — Ei, mein Prinz, nehmt es umſonſt, ſagte mit dem Zittern einer unbeſchreiblichen Gemuͤthsaufregung Buſſy, welcher den Herzog von Anjou erkannt hatte. Zu gleicher Zeit hoͤrte man das Knattern einer Pi⸗ ſtole, welche der Begleiter des Prinzen ſpannte. — Haltet an, rief der Herzog von Anjou dieſem unbarmherzigen Vertheidiger zu,— haltet an, Herr von Aubigné, das iſt Buſſy, oder der Teufel ſoll mich holen! — Ei ja, mein Prinz, ich bin es! Aber beim Teu⸗ fel, wie kommt Ihr dazu, zu dieſer Stunde und auf dieſem Wege Pferde todt zu reiten? — Ah! Herr von Buſſy iſt es? ſagte d'Aubigné; dann, gnaͤdiger Herr, beduͤrft Ihr meiner nicht mehr... Erlaubt mir, zu demjenigen zuruͤckzukehren, der mich ge⸗ ſandt hat, wie die heilige Schrift ſagt. — 230— — Nicht, ohne meinen ſehr aufrichtigen Dank und das Verſprechen einer dauerhaften Freundſchaft zu em⸗ pfangen, ſagte der Prinz. — Ich nehme Alles an, gnaͤdiger Herr, und werde Euch eines Tages an Eure Worte erinnern. — Herr von Aubigné!... gnaͤdiger Herr!... Ah! Aber ich falle aus den Wolken, aͤußerte Buſſy... — Wußteſt Du es nicht? ſagte der Prinz mit einem Ausdrucke von Unzufriedenheit und von Mißtrauen, der dem Edelmanne nicht entging... Wenn Du hier biſt, war es nicht deshalb, weil Du mich hier erwarteteſt? — Den Teufel! ſagte ſich Buſſy, indem er Alles das bedachte, was ſein geheimer Aufenthalt in Anjou dem argwoͤhniſchen Geiſte des Herzogs Zweideutiges bie⸗ ten koͤnnte, compromittiren wir uns nicht! — Ich that mehr, als Euch erwarten, ſagte er, und ſeht, da Ihr vor dem Thorſchluß in die Stadt wollt, ſo ſteigt auf, gnaͤdiger Herr. Er bot dem Prinzen ſein Pferd an, der ſich damit beſchaͤftigt hatte, von dem ſeinigen einige wichtige zwi⸗ ſchen dem Sattel und der Decke verborgene Papiere zu nehmen. — Gott befohlen denn, gnaͤdiger Herr, ſagte d'Au⸗ bigné, der ſich umwandte. Euer Diener, Herr von Buſſy! Und er ſprengte davon. Buſſy ſprang leicht hinter ſeinem Herrn auf und lenkte das Pferd nach der Stadt, indem er ſich in ſei⸗ nem Inneren fragte, ob dieſer ſchwarz gekleidete Prinz — 231— nicht der finſtere Daͤmon ſein moͤge, welchen ihm die bereits uͤber ſein Gluͤck eiferſuͤchtige Hoͤlle zuſandte. Sie zogen bei dem erſten Schmettern der Trompe⸗ ten des Schoͤppenamtes in Angers ein. — Was jetzt thun, gnaͤdiger Herr? — Auf das Schloß! Man ſoll mein Banner auf⸗ pflanzen, man ſoll mich zu empfangen kommen und den Adel der Provinz zuſammenberufen. — Nichts iſt leichter, ſagte Buſſy, entſchloſſen den Gehorſamen zu ſpielen, um Zeit zu gewinnen, und au⸗ ßerdem ſelbſt zu ſehr uͤberraſcht, um etwas Anderes als paſſiv zu ſein. — Heda! Ihr Herren Trompeter! rief er den He⸗ rolden zu, welche nach dem erſten Blaſen zuruͤckkehrten. Dieſe da blickten ihn an und ſchenkten ihm keine große Aufmerkſamkeit, weil ſie zwei ſtaubige, von Schweiß triefende Maͤnner in ziemlich geringem Aufzuge ſahen. — Ho, hol ſagte Buſſy. Iſt etwa der Herr in ſei⸗ nem Hauſe nicht bekannt?... Man laſſe den Dienſt ha⸗ benden Schoͤppen kommen! Dieſer anmaßende Ton imponirte den Herolden; Ei⸗ ner von ihnen trat naͤher. — Jeſus mein Gottl! rief er mit Entſetzen aus, in⸗ dem er den Herzog aufmerkſam anblickte... Iſt das nicht unſer Herr und Meiſter! Der Herzog war ſehr erkennbar an der Unfoͤrmlich⸗ keit ſeiner geſpaltenen Naſe, wie es das Lied Chikots ſagte. — Seine Gnaden der Herzog! fuͤgte er hinzu, i in⸗ — 232— dem er den Arm des anderen Herolds ergriff, der vor einer ſolchen Ueberraſchung aufſprang. 1 — Ihr wißt jetzt eben ſo Viel, als ich, ſagte Buſſy, nehmt Euren Athem zuſammen und blaſt aus Leibes⸗ kraͤften in Eure Trompeten, damit die ganze Stadt in einer Viertelſtunde weiß, daß der gnaͤdige Herr in ſeinem Beſitzthume angelangt iſt. — Wir, gnaͤdiger Herr, wollen langſam auf das Schloß gehen. Wenn wir dort anlangen, wird ſchon Alles zu unſerem Empfange bereit ſein. In der That, bei dem erſten Rufe der Herolde bil⸗ deten ſich die Gruppen, bei dem zweiten eilten die Kin⸗ der und die alten Weiber durch alle Viertel der Stadt, indem ſie ausriefen: — Seine Gnaden iſt in der Stadt... Heil Sei. ner Gnaden! Die Schoͤppen, der Gouverneur, die angeſehenſten Edelleute eilten von einer Menge, die immer dichter wurde, gefolgt nach dem Palaſte. Wie es Buſſy vorausgeſehen hatte, die Behoͤrden der Stadt befanden ſich vor dem Prinzen auf dem Schloſſe, um ihn auf eine wuͤrdige Weiſe zu empfangen. Als er uͤber den Kai ging, vermogte er ſich kaum Raum durch das Gedraͤnge zu machen, aber Buſſy hatte einen der Herolde wiedergefunden, der mit Trompetenſtoͤßen auf das zudringliche Volk eindringend ſeinem Fuͤrſten einen Weg bis auf die Stufen des Stadthauſes bahnte. Buſſy bildete die Nachhuth. — Meine Herren und ſehr liebe Getreue, ſagte der 2 1 Prinz, ich bin gekommen, um mich in meine gute Stadt Angers zu werfen. In Paris haben die ſchrecklichſten Gefahren mein Leben bedrohet; ich hatte ſogar meine Freiheit verloren. Mit Huͤlfe guter Freunde iſt es mir gelungen zu entfliehen. Buſſy biß ſich auf die Lippen; er errieth den Sinn von Franz ſpoͤttiſchem Blicke. — und ſeitdem ich mich in Eurer Stadt fuͤhle, ſind meine Ruhe und mein Leben geſichert. Beſtuͤrzt, riefen die obrigkeitlichen Perſonen und nur ſchwach: Es lebe unſer Herr! Das Volk, welches auf die bei jeder Reiſe des Prinzen uͤblichen Geſchenke hoffte, rief auf eine kraͤftige Weiſe: Heil! 3 — Laßt uns zu Nacht eſſen, ſagte der Prinz, ich habe ſeit heute Morgen Nichts zu mir genom⸗ men... Der Herzog war in einem Augenblicke von ſeinem ganzen Hauſe umgeben, das er in Angers in ſeiner Ei⸗ genſchaft als Herzog von Anjeu unterhielt, und von dem die angeſehenſten Diener allein ihren Herrn kannten. Dann kam die Reihe an die Edelleute, und die Damen der Stadt. Der Empfang dauerte bis Mitternacht, die Stadt war erleuchtet, Flintenſchuͤſſe knallten in den Straßen und auf den Plaͤtzen; die Glocken der Domkirche wurden gelaͤutet und der Wind trug die laͤrmenden Schauer der herkoͤmmlichen Freude der guten Anjouer bis nach Méridor. — 234— 4 XVI. 1 Diplomatie des Herzogs von Anjou. As das Knallen der Flinten ſich in den Straßen 1 ein wenig beruhigt, als das Laͤuten der Glocken nachge⸗ laſſen hatte, als die Vorzimmer leer geworden waren, kurz, als Buſſy und der Herzog von Anjou ſich alleen befanden, ſagte der Herzog: — Sprechen wir jetzt mit einander. In der That, zu Folge ſeines Scharfblickes ſah Franz ein, daß Buſſy ſeit ihrem Zuſammentreffen bei Weitem zuvorkommender gegen ihn geweſen ſei, als er es gewoͤhnlich war; bei ſeiner Kenntniß des Hofes ſchloß 1 er nun, daß derſelbe ſich in einer verwickelten Lage be⸗ faͤnde, und daß er vermoͤge ſeiner Gewandtheit Nutzen daraus ziehen koͤnnte. Aber Buſſy hatte Zeit gehabt ſich vorzubereiten, und er erwartete ſeinen Prinzen feſten Fußes. — Sprechen wir jetzt, gnaͤdiger Herr, erwiderte er. — Am letzten Tage, als wir uns ſahen, ſagte der Prinz, waret Ihr ſehr krank, mein armer Buſſy. — Das iſt wahr, gnaͤdiger Herr, erwiderte der junge Mann; ich war ſehr krank, und es iſt faſt ein Wunder, was mich gerettet hat. — An dieſem Tage, fuhr der Herzog fort, befand ſich ein gewiſſer Arzt bei Euch, der raſend beſorgt fuͤr Eure Rettung war, denn wie mir ſcheint, fuhr er dieje⸗ nigen gewaltig an, die Euch nahe kamen. — Das iſt wieder wahr, mein Prinz, denn le Hau⸗ doin liebt mich ſehr. — Er hielt Euch ſtreng im Bette, nicht wahr? — Woruͤber ich von ganzer Seele raſend war, wie Eure Hoheit hat ſehen koͤnnen. — Aber, ſagte der Herzog, wenn Ihr ſo ſehr ra⸗ ſend geweſen waͤret, ſo haͤttet Ihr die Facultaͤt zu al⸗ len Teufeln ſchicken und mit mir ausgehen koͤnnen, wie lich Euch bat. — Hm! machte Buſſy, indem er ſeinen Apotheker⸗ hut auf hunderterlei Weiſe zwiſchen ſeinen Fingern hin und herdrehete. — Aber, fuhr der Herzog fort, als ob es ſich um eine wichtige Angelegenheit handle, Ihr habt Furcht ge⸗ habt, Euch zu compromittiren. — Was beliebt? ſagte Buſſy, indem er mit einem Fauſtſchlage denſelben Hut auf ſeine Augen druͤckte. 3 Ich glaube, Ihr habt geſagt, daß ich Furcht gehabt haͤtte mich zu compromittiren, mein Prinz? — 236— — Ich habe es geſagt, antwortete der Herzog von Anjou. Buſſy ſprang von ſeinem Stuhle und richtete ſich hoch auf. 1 — Nun denn! Ihr habt es gelogen, gnaͤdiger Herr, Euch ſelbſt belogen, verſteht Ihr, denn Ihr glaubt kein Wort, auch kein einziges Wort von dem, was Ihr ſo eben geſagt habt; es befinden ſich auf meiner Haut zwan⸗ zig Narben, welche beweiſen, daß ich mich zuweilen compromittirt habe; aber ich habe mich niemals gefuͤrch⸗ tet, und, meiner Treue, ich kenne viele Leute, die nicht daſſelbe ſagen und beſonders nicht aufweiſen koͤnnten. — Ihr habt immer unwiderlegliche Beweiſe, Herr von Buſſy, ſagte der Herzog ſehr bleich und ſehr aufg. regt, wenn man Euch beſchuldigt, ſo ſchreiet Ihr lauter, als der Vorwurf, und dann bildet Ihr Euch ein, daß Ihr Recht habt. — O! Ich habe nicht immer Recht, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, ich weiß es wohl, aber ich weiß auch eben ſo gut, bei welchen Veranlaſſungen ich Unrecht habe. — Und in welchen habt Ihr Unrecht? ſagt, ich bitte Euch. — Wenn ich undankbaren Leuten diene. — Wahrlich, mein Herr, ich glaube, daß Ihr Euch vergeßt, ſagte der Prinz, indem er ploͤtzlich mit jener Wuͤrde aufſtand, die ihm bei gewiſſen Veranlaſſungen eigen war. — Wohlan, ich vergeſſe mich, gnädiger Herr, ſagte Buſſy; macht es ein Mal in Eurem Leben eben ſo, ver⸗ geßt Euch, oder vergeßt mich. Buſſy that nun zwei Schritte, um ſich zu entfernen; aber der Prinz war noch ſchneller als er, und der Edel⸗ mann fand den Herzog vor der Thuͤre. — Wollt Ihr leugnen, mein Herr, ſagte der Her⸗ og, daß Ihr an dem Tage, wo Ihr Euch geweigert mit mir auszugehen, einen Augenblick nachher dennoch ausgegangen ſeid? — Ich, ſagte Buſſy, ich leugne niemals, gnaͤdiger Herr, wenn es nur das iſt, was man mich einzugeſte⸗ hen zwingen will. — Dann ſagt mir alſo, warum Ihr darauf beſtan⸗ den habt, in Eurem Hotel zu bleiben. — Weil ich Geſchaͤfte hatte. — Zu Haus? — Zu Haus oder anderswo. — Ich glaubte, daß wenn ein Edelmann in dem 3 Dienſte eines Prinzen ſtaͤnde, ſeine Hauptgeſchaͤfte die n Geſchaͤfte dieſes Prinzen waͤren. — Und wer beſorgt denn gewoͤhnlich Eure Angele⸗ e ggenheiten, gnaͤdiger Herr, als wie ich? — Ich widerſpreche dem nicht, ſagte Franz, und gewoͤhnlich finde ich Euch treu und ergeben; ich moͤgte 8 entſchuldige Eure uͤble Laune. 3 ſogar mehr ſage r— Ah! Ihr ſeid ſehr guͤtig. — Ja, denn Ihr hattet einigen Grund boͤs auf mich zu ſein. — Ihr geſteht es, gnaͤdiger Herr? — 238— — Ja. Ich hatte Euch die Ungnade des Herrn von Monſoreau verſprochen. Es ſcheint, daß Ihr Herrn von Monſoreau ſehr verabſcheuet? 3„ — Ich, durchaus nicht. Ich finde, daß er ein haͤße liches Geſicht hat, und ich haͤtte gewollt, daß er ſich von dem Hofe entferne, um dieſes Geſicht nicht mehr vor Augen zu haben. Ihr dagegen, gnaͤdiger Herr, Ihr liebt dieſes Geſicht. Ueber den Geſchmack darf man nicht ſtreiten. — Nun denn! Da das Eure einzige Entſchuldigung war, mir ſo zu ſchmollen, wie es ein verzogenes und 8 zaͤnkiſches Kind gethan haͤtte, ſo ſage ich Euch, daß Ihr 4 doppelt Unrecht gehabt habt, nicht mit mir ausgehn zu wollen, und nach mir auszugehn, um nutzloſe Helden⸗ thaten zu verrichten. — Ich habe nutzloſe Heldenthaten verrichtet, ich? Und ſo eben warfet Ihr mir vor, daß ich... Sagt an, gnaͤdiger Herr, ſeid conſequent! Welche Heldentha⸗ ten habe ich verrichtet? .— Ohne Zweifel waret Ihr aufgebracht auf Herrn von Epernon und auf Herrn von Schomberg, ich be⸗ greife das. Auch ich bin aufgebracht gegen ſie, und ſo⸗ gar toͤdtlich; aber Ihr haͤttet Euch darauf beſchraͤnken ſollen, aufgebracht gegen ſie zu ſein und den rechten Mo⸗ ment abzuwarten. 2 — O, ol ſagte Buſſy. Was ſteckt da wieder da⸗ hinter, gnaͤdiger Herr? — Toͤdtet ſie, Gottes Tod! Toͤdtet ſie alle Beide, toͤbtet ſie alle Vier, ich wuͤrde Euch deshalb nur um ſo 1 — 239— dankbarer ſein, aber erbittert ſie nicht, beſonders, wenn Ihr fern ſeid; denn ihre Erbitterung faͤllt auf mich zuruͤck. 1— Laßt hoͤren, was habe ich dieſem wuͤrdigen Gas⸗ konier denn gethan? — Ihr ſprecht von d'Epernon, nicht wahr? — Ja! — Nun denn! Ihr habt ihn ſteinigen laſſen. — Ich 2 — In dem Grade, daß ſein Wamms in Fetzen, ſein Mantel in Stuͤcken zerriſſen geweſen, und er in Hoſen in das Louvre zuruͤckgekehrt iſt. — Gut, ſagte Buſſy, und von dem Einen laßt uns auf den Deutſchen uͤbergehn. Worin beſteht mein Un⸗ recht gegen Herrn von Schomberg? — Wollt Ihr leugnen, daß Ihr ihn habt in In⸗ digo faͤrben laſſen? Als ich ihn drei Stunden nach ſei⸗ nem Unfalle wiedergeſehen habe, war er noch ganz him⸗ maelblau, und Ihr nennt das einen guten Scherz. Geht doch! Und der Prinz begann wider ſeinen Willen zu lachen, waͤhrend Buſſy, der ſich nun auch an das Ge⸗ ſicht erinnerte, welches Schomberg in ſeiner Blaukuͤpe machte, aus vollem Halſe lachte. — Dann bin ich es alſo, ſagte er, von dem man ggllaubt, daß er ihnen dieſen Streich geſpielt habe? S—Bei Gott! Ich bin es vielleicht? 4— und Ihr fuͤhlt den Muth, gnaͤdiger Herr, ei⸗ — 240— nem Manne Vorwuͤrfe zu machen, der ſolche Einfaͤlle hat? Seht, ich ſagte es Euch ſo eben, Ihr ſeid ein Undankbarer. — Einverſtanden! Jetzt, ſag an, ob Du wirkih deshalb ausgegangen biſt, ich hethelhe Dir. — Gewiß? 1 — Ja, auf Ehrenwort; abet Du biſt mit meinen Beſchwerden noch nicht zu Ende. — Fahrt fort. — Sprechen wir ein Wenig von mir. — Es ſei. v — Was haſt Du gethan, um mich aus der Verle⸗ genheit zu ziehen? — Ihr ſeht wohl, ſagte Buſſy, was ich gethan habe. — Nein, ich ſehe es nicht. 4— Nun denn! Ich bin nach Anfou aufgebrochen. denn, indem ich mich Gekiett, rettete — Aber konnteſt Du denn nicht, ſtatt ſo weit zu entfliehen, in der Umgegend von Paris bleiben? Ich 8 meine, daß Du mir auf dem Montmartre weit nuͤtzli⸗ cher, als in Angers geweſen waͤre — Ah! Darin ſind wir verſchiedener Meinung, gnaͤ diger Herr, ich zog es vor, nach Anjou zu kommen. — Ihr werdet zugeben, daß Eure Laune ein gerin⸗ ger Grund iſt. 241— — Nicht doch, denn dieſe Laune hatte zum Zwecke, Euch Anhaͤnger zu werben. — Ah! Das iſt etwas Anderes. Nun denn, ſagt an, was habt Ihr gethan? — Es wird Zeit ſein, Euch Morgen zu antworten, gnaͤdiger Herr, denn gerade ſchlaͤgt die Stunde, in wel⸗ cher ich Euch verlaſſen muß. — Und warum mich verlaſſen? — Um mich mit einer der wichtigſten Perſonen zu beſprechen. — Ah! Wenn dem ſo iſt, ſo iſt es etwas Anderes; geht, Buſſy; aber ſeid vorſichtig. — Vorſichtig, wozu? Sind wir hier nicht die Staͤrkeren? — Gleichviel, wage Nichts; haſt Du bereits viele Schritte gethan? 1 42 — Ich bin erſt ſeit zwei Tagen hier, wie wollt Ihr? — Aber Du haͤltſt Dich zum Mindeſten verborgen? — Ob ich mich verborgen halte, ſeht Ihr, unter welchem Koſtuͤm ich mit Euch rede, bin ich etwa ge⸗ wohnt, zimmetfarbige Waͤmmſer zu tragen? Inzwiſchen geſchah es wieder fuͤr Euch, daß ich dieſe abſcheuliche Tracht angelegt habe. — Und wo wohnſt Du? — Ah! Dabei werdet Ihr meine Ergebenheit wur⸗ digen. Ich wohne„... ich wohne in einer elenden Baracke an dem Walle, mit einem Ausgange auf den Fluß; aber Ihr, mein Peinz, ſagt auch Ihr jetzt, wie Ihr aus dem Louvre gekommen ſeid? Wie ich Euch mit Die Dame von Monſoreau. Vierter Band. 16 — 242— einem verfangenen Pferde zwiſchen den Beinen und Herrn von Aubigné an Eurer Seite auf einer Heerſtraße ge⸗ funden habe? — Weil ich Freunde habe, ſagte der Prinz. — Ihr, Freunde? aͤußerte Buſſy. Geht doch! — Ja, Freunde, die Du nicht kennſt. — Das laſſe ich mir gefallen! Und wer ſind dieſe Freunde? Der Koͤnig von Navarra und Herr von Aubigné, den Du geſehen haſt. — Der Koͤnig von Navarra!... Ah, es iſt wahr! Habt Ihr nicht mit einander Verſchwoͤrungen angeſtiftet? 4 — Ich habe niemals Verſchwoͤrungen geſtiftet, Herr von Buſſy. 3— — Nein! Fragt daruͤber ein Wenig La Mole und Coconnas. — La Mole, ſagte der Prinz mit finſterer Miene, hatte ein anderes Verbrechen begangen, als dasjenige, wegen deſſen man glaubt, daß er geſtorben iſt. 3 — Gut! Laſſen wir La Mole und kommen wir auf Euch zuruck; um ſo mehr, gnaͤdiger Herr, als wir einige Muͤhe haben wuͤrden, uns uͤber dieſen Punkt zu verſtaͤn⸗ digen. Wodurch, beim Teufel, ſeid Ihr denn aus dem Loupvre gekommen? 4— Durch das Fenſter.. — Ah! Wahrhaftig? Und durch welches? — Durch das meines Schlafzimmers. — Ihr kanntet alſo die Strickleiter? — Welche Stiickreiter? — 243— — Die des Schrankes. — Ah! Es ſcheint, daß Du ſie kannteſt? ſagte der Prinz erbleichend. — Hm, ſagte Buſſy, Eure Hoheit weiß, daß ich zuweilen das Gluͤck gehabt habe, dieſes Zimmer zu be⸗ treten. — Zu den Zeiten meiner Schweſter Margot, nicht wahr? Und Du trateſt durch das Fenſter ein? — Hm! Ihr habt es ja wohl durch das Fenſter ver⸗ laſſen. Was mich nur wundert, iſt, daß Ihr die Strickleiter gefunden habt. — Ich bin es nicht, der ſie gefunden hat. — Wer denn?— — Niemand; man hat ſie mir angedeutet. — Wer das: — Der Koͤnig von Navarra. — Ah, ab! Der Koͤnig von Navarra kennt die Strickleiter; das haͤtte ich nicht geglaubt. Genug, ſo viel iſt gewiß, gnaͤdiger Herr, daß Ihr friſch und munter und wohlbehalten hier ſeid; wir werden in An⸗ jou das Feuer ausbrechen laſſen, und mit demſelben Flugfeuer wird ſich Angoumois und Bearn entflammen, das wird eine ziemlich huͤbſche kleine Feuersbrunſt geben. — Aber ſprachſt Du nicht von einer Zuſammenkunft? 8 ſagte der Herzog. — Ahl Sapperment! Das iſt wahr; aber das In⸗ ſltereſſante der Unterhaltung hat es mich vergeſſen laſſen. Gott befohlen, gnaͤdiger Herr. — Nimmſt Du Dein Pferd? 16* — 244— — Hm! Wenn es Eurer Gnaden nuͤtzlich iſt, ſo kann es der gnaͤdige Herr behalten; ich habe noch ein zweites. — Dann nehme ich es an; wir werden ſpaͤterhin daruͤber abrechnen. — Ja, gnaͤdiger Herr, und Gott gebe, daß ich es nicht bin, dem Ihr noch Etwas ſchuldig ſeid. — Warum das? — Weil ich kein Freund Desjenigen bin, den Ihr gewoͤhnlich mit der Abſchließung Eurer Rechnungen be⸗ auftragt. 3 — Buſſy! — Es iſt wahr, gnaͤdiger Herr; es war verabredet, daß wir davon nicht mehr ſprechen wollten. Der Prinz, welcher fuͤhlte, wie ſehr er Buſſys be⸗ duͤrfe, reichte ihm die Hand. Buſſy reichte ihm die ſeinige, aber indem er den Kopf ſchuͤttelte. Und Beide ſchieden von einander. XVII. Diplomatie des Herrn von Saint⸗Luc. Baffy kehrte mitten in einer finſteren Nacht zu Fuß nach Haus zuruͤck; aber, ſtatt Saint⸗Lucs, den er zu Haus anzutreffen ewartete, fand er nur einen Brief, welcher ihm die Ankunft ſeines Freundes fuͤr den folgen⸗ den Morgen meldete. In der That, gegen ſechs Uhr Morgens hatte Saint⸗Luc, von einem Jaͤger begleitet, Meridor verlaſ⸗ ſen und den Weg nach Angers eingeſchlagen. Er war bei dem Oeffnen der Thore an den Fuß der Waͤlle ge⸗ langt, und ohne die außerordentliche Aufregung des Vol⸗ kes bei ſeinem Erwachen zu bemerken, hatte er Buſſys Haus erreicht. Die beiden Freunde umarmten ſich herzlich — Geruhet, mein lieber Saint⸗Luc, ſagte Buſſy, die Gaſtfreundſchaft meiner armen Huͤtte anzunehmen. Ich lagere in Angers. — 246— — Ja, ſagte Saint⸗Luc, nach der Weiſe der Sie⸗ ger, das heißt auf dem Schlachtfelde. 8 — Was wollt Ihr damit ſagen, lieber Freund? — Daß meine Frau nicht mehr Geheimniſſe fuͤr mich hat, als ich deren fuͤr ſie habe, mein lieber Buſſy, und daß ſie mir Alles erzaͤhlt hat. Es beſteht eine voll⸗ kommene Gemeinſchaft unter uns, empfangt alle meine Gluͤckwuͤnſche, mein Meiſter in allen Dingen, und, da Ihr mich beſchieden habt, ſo erlaubt mir, Euch einen Rath zu geben. — Gebt.. — Entledigt Euch raſch dieſes abſcheulichen Monſo⸗ reau. Niemand kennt am Hofe Eure Bekanntſchaft mit ſeiner Frau, es iſt der gunſtige Augenblick, nur mußt Ihr ihn nicht entrinnen laſſen;— wenn Ihr ſpaͤterhin die Wittwe heirathet, ſo wird man zum Mindeſten nicht ſa⸗ gen, daß Ihr ſie zur Wittwe gemacht habt, um ſie zu heirathen. — Es giebt nur ein Hinderniß bei dieſem ſchoͤnen Plane, der mir gleich Anfangs eingefallen war, wie Ihr daran gedacht habt. — Ihr ſeht wohl, und welches? — Weil ich Diana geſchworen habe, das Leben ih⸗ res Gatten zu reſpektiren, wohl verſtanden, ſo lange er mich nicht angreifen wuͤrde. — Ihr habt Unrecht gehabt. — Ich? — Ihr habt das groͤßte Unrecht gehabt. — Warum das? — 247— — Weil man ſalche Schwuͤre nicht leiſtet. Was der Teufel, wenn Ihr Euch nicht eilt, ſo ſage ich Euch, daß der Monſoreau, der voller Argliſt iſt, Euch ent⸗ decken wird, und da er Nichts weniger als ritterlich iſt, ſo wird er Euch toͤdten, wenn er Euch entdeckt. — Es geſchehe, wie Gott will, ſagte Buſſy laͤ⸗ chelnd; aber außerdem, daß ich dadurch den Schwur brechen wuͤrde, den ich Diana geleiſtet habe, wenn ich ihren Gatten toͤdtete... 4 — Ihr Gatte! Ihr wißt wohl, daß er es nicht iſt. — Ja, aber er hat Nichts deſto weniger den Na⸗ men davon. Außer, ſage ich, daß ich den ihr geleiſte⸗ ten Schwur hraͤche, wuͤrde mich die Welt ſteinigen, mein Lieber, und derjenige, welcher heute in aller Au⸗ gen ein Ungeheuer iſt, wuͤrde in ſeinem Sarge als ein Engel erſcheinen, den ich ins Grab gelegt haͤtte. — Ich will Euch demnach auch nicht rathen, ihn ſelbſt zu toͤdten. 3 — Moͤrder! Ah! Saint⸗Luc, Ihr gebt mir da ei⸗ nen traurigen Rath. — Geht doch! Wer ſpricht Euch von Moͤr dern? — Wovon ſprecht Ihr denn? — Von Nichts, lieber Freund; es iſt mir eine Idee durch den Kopf gefahren, die noch nicht hinlaͤnglich reif iſt, um ſie Euch mitzutheilen. Ich liebe dieſen Monſo⸗ reau nicht mehr, als Ihr, obgleich ich nicht dieſelben Gruͤnde habe, ihn zu verabſcheuen: laßt uns demnach — 248— * von der Frau ſprechen, ſtatt von dem Gatten zu ſprechen. 1 Buſſy laͤchelte. — Ihr ſeid ein wackerer Kamerad, Saint⸗Luc, ſagte Buſſyp, und Ihr koͤnnt auf meine Freundſchaft rechnen. Nun aber wißt Ihr, daß meine Freundſchaft aus drei Dingen beſteht: aus meinem Geldbeutel, mei⸗ nem Schwerdte und meinem Leben. — Ich danke Euch, ſagte Saint⸗Luc, ich nehme ſie an, aber unter der Bedingung der Wiedervergeltung. — Jetzt, was wolltet Ihr mir von Diana ſagen? Laßt hoͤren. 4 — Ich wollte Euch fragen, ob Ihr nicht ein We⸗ nig nach Méridor zu kommen gedaͤchtet? — Mein lieber Freund, ich danke Euch, daß Ihr darauf beſteht, aber Ihr wißt meine Bedenklichkeiten. — Ich weiß Alles. In Meridor ſeid Ihr dem aus⸗ geſetzt, Monſoreau anzutreffen, obſchon er achtzig Stun⸗ den weit von uns iſt; ſeid Ihr dem ausgeſetzt, ihm die Hand zu druͤcken, und es iſt hart, die Hand eines Man⸗ nes zu druͤcken, den man erdroſſeln moͤgte; ſeid Ihr endlich dem ausgeſetzt, ihn Diana umarmen zu ſehen, und es iſt hart, die Frau umarmen zu ſehen, welche man liebt. — Ahl! aͤußerte Buſſy wuͤthend. Wie richtig Ihr begreift, weshalb ich nicht nach Moridor gehe! Jetzt, lieber Freund... — Ihr verabſchiedet mich? ſagte Saint⸗Luc, in dem er ſich uͤber Buſſys Abſicht taͤuſchte. Euch zu befragen. 4 — 249— — Nicht doch, erwiderte dieſer, ich bitte Euch im Gegentheile zu bleiben; denn jetzt iſt an mir die Reihe, v — Thut es. — Habt Ihr denn heute Nacht nicht das Laͤuten der Glocken und das Knallen der Gewehre gehoͤrt? — In der That, und wir haben uns dort gefragt, was es Neues gaͤbe. — Habt Ihr nicht heute Morgen einige Veraͤnde⸗ rung bemerkt, als Ihr durch die Stadt kamt? — Ja. — Etwas, wie eine große Aufregung, nicht wahr? — Ja. Ich wollte Euch fragen, woher ſie ruͤhre. — Sie ruͤhrt daher, daß der Herzog von Anjou geſtern angekommen iſt, lieber Freund. — Saint⸗Luc that einen Sprung auf ſeinem Stuhle, als ob man ihm die Anweſenheit des Teufels gemeldet haͤtte. — Der Herzog in Angers; man ſagte, daß er im Louvre gefangen ſaͤße. — Gerade deshalb, weil er im Louvre als Gefan⸗ gener war, iſt er jetzt in Angers. Es iſt ihm gelungen, durch ein Fenſter zu entfliehen, und er hat ſich hierher gefluͤchtet. — Nun fragte Saint⸗Luc. — Nun denn, lieber Freund, ſagte Buſſy, das iſt eine herrliche Gelegenheit, Euch fuͤr die kleinlichen Ver⸗ folgungen Seiner Majeſtaͤt zu raͤchen. Der Prinz hat bereits eine Partei, er wird Truppen haben, und wir — 250— werden Etwas, wie einen huͤbſchen kleinen Buͤrgerkrieg anzetteln. — O, ol machte Saint⸗Luc. — und ich habe auf Euch gerechnet, um den Streich mit einander auszufuͤhren. — Gegen den Koͤnig? ſagte Saint⸗Luc mit ploͤtzli⸗ cher Kaͤlte. — Ich ſage nicht gerade gegen den Koͤnig, ſagee Buſſy, ich ſage gegen diejenigen, welche das Schwerdt gegen uns ziehen werden. — Mein lieber Buſſy, ſagte Saint⸗Luc, ich bin nach Anjou gekommen, um die Landluft zu genießen, und nicht, um mich gegen Seine Majeſtäͤt zu ſchlagen. — Aber laßt mich Euch immerhin Seiner Gnaden vorſtellen. — unnoͤthig, mein lieber Buſſy; ich liebe Angers nicht, und gedenke es bald wieder zu verlaſſen; es iſt 3 eine langweilige und finſtere Stadt; die Steine ſind in ihr weich wie Kaͤſe, und der Kaͤſe iſt in ihr hart wie Stein. 3 — Mein lieber Saint⸗Luc; Ihr wuͤrdet mir einen großen Dienſt erweiſen, wenn Ihr in das willigtet, war⸗ um ich Euch bitte: der Herzog hat mich gefragt, was ich hier haͤtte machen wollen, und da ich es ihm nicht ſagen konnte, da er ſelbſt Diana geliebt hat, und bei ihr geſcheitert iſt, ſo habe ich ihn glauben laſſen, daß ich hierher gekommen waͤre, um alle Edelleute der Pro⸗ vinz fuͤr ſeine Sache zu gewinnen; ich habe ſogar hinzus gefuͤgt, daß ich heute Morgen mit einem von ihnen eine Zuſammenkunft haͤtte. — Nun denn! Ihr werdet ihm ſagen, daß Ihr die⸗ ſen Edelmann geſehen habt, und daß er ſechs Monate Bedenkzeit verlangt. — Wenn ich Euch es ſagen muß, mein lieber Saint⸗Luc, ſo finde ich, daß Eure Logik nicht minder eigenſinnig iſt, als die meinige. — Hoͤrt, ich halte auf dieſer Welt nur auf meine Frau, Ihr haltet nur auf Eure Geliebte; verſtaͤndigen wir uns uͤber Eines: ich werde bei jeder Veranlaſſung Diana beſchuͤtzen; Ihr werdet bei jeder Veranlaſſung Frau von Saint⸗Luc beſchuͤtzen. Ein Buͤndniß unter Liebenden, es ſei, aber kein politiſches Buͤndniß. Auf dieſe Weiſe allein wird es uns gelingen, uns zu ver⸗ ſtaͤndigen. — Ich ſehe, daß ich Euch nachgeben muß, Saint⸗ Luc, ſagte Buſſy, denn, in dieſem Augenblicke ſeid Ihr im Vortheile. Ich bedarf Eurer, waͤhrend Ihr meiner entbehren koͤnnt. — Durchaus nicht, und ich bin es im Gegentheile, der Euren Schutz in Anſpruch nimmt. — Wie das? — Nehmt an, daß die Anjouer, denn ſo werden ſich die Rebellen nennen, Moridor zu belagern und zu pluͤndern kommen. — Ah! Der Teufel, Ihr habt Recht, ſagte Buſſy, Ihr wollt nicht, daß die Bewohner den Folgen einer Einnahme durch Sturm unterliegen. — 252— Die beiden Freunde begannen zu lachen, und da man die Kanonen in der Stadt abfeuerte, da der Die⸗ ner Buſſys ihm zu melden kam, daß der Prinz ihn be⸗ reits drei Male gerufen haͤtte, ſo beſchworen ſie von Neuem ihr außerpolitiſches Buͤndniß, und trennten ſich Einer uͤber den Anderen entzuͤckt. Buſſy eilte nach dem herzoglichen Schloſſe, wohin der Adel aus allen Theilen der Provinz bereits herbei⸗ ſtroͤmte; die Ankunft des Herzogs von Anjou hatte ſich wie ein auf dem Donner der Kanonen getragenes Echo verbreitet, und drei bis vier Stunden um Angers herum waren bereits Staͤdte und Doͤrfer durch dieſe wichtige Neuuigkeit aufgewiegelt. 4 Der Edelmann beeilte ſich, einen officiellen Em⸗ pfang, ein Mahl und feierliche Reden anzuordnen; er dachte, daß waͤhrend der Prinz empfangen, eſſen, und beſonders Reden hielte, er keine Zeit haben wuͤrde, Dia⸗ nen zu ſehen, waͤre es auch nur fuͤr einen Augenblick. Dann, als er dem Herzoge fuͤr einige Stunden Be⸗ ſchaͤftigung vorbereitet, eilte er wieder nach ſeinem Hauſe, beſtieg ſein zweites Pferd, und ſchlug im Galopp den 1 Weg nach Meridor ein. Sich ſelbſt uͤberlaſſen, hielt der Herzog ſehr ſchoͤne Reden, und machte einen wundervollen Eindruck, indem er von der Ligue ſprach, mit Zuruͤckhaltung die Punkte beruͤhrte, welche ſein Buͤndniß mit den Guiſen betrafen, und ſich fuͤr einen von dem Koͤnige wegen des Ver⸗ trauens, das die Pariſer ihm dezeugt haͤtten, verfolg⸗ ten Prinzen ausgab. err — 4 Hofe fehlte Jemand, Buſſy. Waͤhrend der Antworten und der Handkuͤſſe, hielt der Herzog Heerſchau uͤber die Edelleute, indem er ſich ſorgfaͤltig diejenigen anmerkte, welche bereits gekommen waren, und noch bei Weitem ſorgfaͤltiger die, welche noch fehlten. Als Buſſy zuruͤckkehrte, war es vier Uhr Nachmit⸗ tags; er ſprang von ſeinem Pferde, und erſchien mit Schweiß und Staub bedeckt vor dem Herzoge. — Ah, ah! Mein wackerer Buſſy, ſagte der Her⸗ zog, Du biſt am Werke, wie es ſcheint. — Ihr ſeht, gnaͤdiger Herr. — Dir iſt warm? — Ich bin ſcharf geritten. — Nimm Dich in Acht, daß Du nicht krank wirſt, Du biſt vielleicht noch nicht gehoͤrig hergeſtellt. — Es hat keine Gefahr. — Und woher kommſt Du? — Aus der Umgegend. Iſt Eure Hoheit zufrieden, und hat ſie einen zahlreichen Hof gehabt? — Ja, ich bin ziemlich zufrieden; aber, an dieſem — Wer das? — Dein Schuͤtzling. — Mein Schuͤtzling? — Ja, der Baron von Meridor, — Ah! ſagte Buſſy, indem er die Farbe wechſelte. — Und dennoch duͤrfen wir ihn nicht vernächlaͤſſigen, weil er mich vernachlaͤſſigt. Der Baron hat Einfluß in der Provinz. — Ihr glaubt? 3 — Ich bin uͤberzeugt davon. Er war der Korreſpon⸗ dent der Ligue in Angers; er war von dem Herrn von Guiſe gewaͤhlt worden, und im Allgemeinen waͤhlen die Herrn von Guſſe ihre Leute gut. Er muß kommen, Buſſy. — Aber wenn er doch nicht kommt, gnaͤdiger Herr? — Wenn er nicht zu mir kommt, ſo werde ich ihm zuvorkommen, und ich werde zu ihm gehen. — Nach Mridor? — Warum nicht? Buſſy vermogte den eiferſuͤchtigen und verzehrenden Blick nicht zu unterdruͤcken, der aus ſeinen Augen ſpruͤ⸗ hete. Prinz, Euch iſt Alles erlaubt. — Ah, ſo! Du glaubſt alſo, daß er mir immer 2 noch boͤs iſt? — Ich weiß nicht. Woher ſollte ich es wiſſen? — Du haſt ihn nicht geſehen? — Nein. 4 — Da Du bei den Angeſehenen der Provinz wirkſt, ſo haͤtteſt Du doch mit ihm zu thun haben koͤnnen. — Ich wuͤrde es nicht unterlaſſen haben, wenn er nicht ſelbſt mit mir zu thun gehabt haͤtte. — Nun denn? — Nun denn, ſagte Buſſy, ich bin nicht gluͤcklich genug in den Verſprechungen geweſen, welche ich ihm gegeben hatte, um große Eile zu haben, zu ihm zu gehen. 2 — In der That, ſagte er, warum nicht? Ihr ſeid * — — Hat er nicht das, was er wuͤnſchte? — Wie das? — Er wollte, daß ſeine Tochter den Grafen hei⸗ rathe, und der Graf hat ſie geheirathet. — Gut, gnaͤdiger Herr, ſpiechen wir nicht mehr davon, ſagte Buſſy, und er wandte dem Prinzen den Ruͤcken. In dieſem Augenblicke traten neue Edelleute ein; der Herzog ging ihnen entgegen, Buſſp blieb allein. Die Worte des Prinzen hatten ihm viel zu denken gegeben. Welches konnten die wirklichen Ideen des Prinzen in Bezug auf den Baron von Meridor ſein? Waren ſie ſo, wie ſie der Prinz ausgedruͤckt hatte? Sah er in dem alten Herrn nur ein Mittel, ſeine Sa⸗ che durch die Unterſtuͤtzung eines geachteten und maͤchti⸗ gen Mannes zu verſtaͤrken? Oder waren ſeine politiſchen Plaͤne nicht vielmehr ein Mittel, ſich Dianen zu naͤhern? Buſſy prufte die Lage des Prinzen ſo wie ſie war: er ſah ihn mit ſeinem Bruder entzweiet, aus dem Louvre verbannt, das Haupt eines Aufſtandes in der Provinz. Er wog die materiellen Intereſſen des Prinzen und ſeine verliebten Launen ab. Dieſes letztere Intereſſe war, verglichen mit den an⸗ deren, ſehr leicht. Buſſy war geneigt, dem Herzoge all ſein anderes Unrecht zu verzeihen, wenn er ſo gefaͤllig ſein wollte, dieſes nicht zu haben. — 256— Er brachte die ganze Nacht damit zu, mit ſeiner koͤniglichen Hoheit und den Anjouer Edelleuten zu tafeln und den Anjouer Damen die Aufwartung zu machen; dann, da man nach dem Nachteſſen die Geiger hatte kommen laſſen, ihnen die neueſten Taͤnze zu lehren. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er die Bewunderung der Frauen und die Verzweifelung der Gatten ausmachte, und da einige dieſer Letzteren ihn anders anblickten, als es Buſſy gefiel angeblickt zu werden, ſtrich er acht bis zehn Male ſeinen Schnurrbart zuruͤck, und fragte drei bis vier dieſer Herren, ob ſie ihm nicht die Gunſt eines Spazierganges im Mondenſcheine auf dem Raſen bewil⸗ ligen wollten. Aber ſein Ruf war ihm nach Angers vorausgegan⸗ gen, und Buſſy kam mit ſeinen Anerbietungen davon. — 257— 1 XVIII. 4 Die Ideen des Herzogs von Anjou. 1 — 4 — — — Weor dem Thore des Herzoglichen Palaſtes fand . Buſſy ein offenes, biederes und freundliches Geſicht, das er achtzig Stunden weit von ſich entfernt glaubte. 3— Ah, ſagte er mit einem lebhaften Gefuͤhle der Freude, Du biſt es, Remy! — Ei, mein Gott, ja, gnaͤdiger Herr. 6— Ich wollte Dir ſchon ſchreiben zu mir zu kommen — Wahrhaftig? 1— Auf Ehre!— *— In dieſem Falle paßt ſich das herrlich; ich fuͤrch⸗ tete, daß Ihr mich ſchelten moͤgtet. 4— Und uͤber was? — Daß ich ohne Erlaubniß kaͤme. Aber, meiner 4* Treue! Ich habe ſagen hoͤren, daß Seine Gnaden, der 1 Herzog von Anjou aus dem Louvre entflohen, und daß Die Dame von Monſoreau. Vierter Band. 47 3 6 8* — 258— er nach ſeiner Provinz abgegangen waͤre. Ich habe mich erinnert, daß Ihr in der Umgegend von Angers waͤret, und habe gedacht, daß es dort Buͤrgerkrieg, und durch gewaltige gegebene und erwiederte Streiche eine gute Anzahl von Loͤchern in der Haut meines Naͤchſten geben wuͤrde, und da ich nun meinen Naͤchſten wie mich ſelbſt, und ſogar mehr als mich ſelbſt liebe, ſo bin ich herbei⸗ geeilt.— — Du haſt wohlgethan, Remy, auf Ehre, Du fehlteſt mir. — Was macht Gertrude, gnaͤdiger Herr? Der Edelmann laͤchelte. — Ich verſpreche Dir, mich nach ihr bei Dianen das erſte Mal, wo ich ſie ſehen werde, zu erkundigen, ſagte er. — und ich, ſeid unbeſorgt, ſagte er, ich werde mich dagegen meiner Seits das erſte Mal, wo ich ſie ſehe, bei ihr nach dem Befinden der Frau von Monſoreau er⸗ kundigen. — Du biſt ein liebenswuͤrdiger Geſell. Und wie haſt Du mich gefunden? — Bei Gott, eine große Schwierigkeit! Ich habe nach dem herzoglichen Palaſte gefragt und Euch an dem Thore erwartet, nachdem ich mein Pferd in die Staͤlle des Prinzen gefuͤhrt, wo ich, Gott verzeihe mir, das Eurige erkannt habe. — Ja, der Prinz hatte das ſeinige getoͤdtet, ich habe ihm Roland geliehen, und da er kein anderes hatte, ſo hat er es behalten. — Daran erkenne ich Euch ganz;z Ihr ſeid der Prinz, und der Prinz iſt der Diener. — Beeile Dich nicht, mich ſo hoch zu ſtellen, Remy, Du wirſt ſehen, wie der gnaͤdige Herr logirt iſt. Indem er dieſes ſagte, fuͤhrte er le Haudoin in ſein 4 kleines Haus am Walle. — Meiner Treue, ſagte Buſſy, Du ſiehſt den Pa⸗ laſt; richte Dich ein wo Du kannſt und wie Du kannſt. — Das wird nicht ſchwer ſein, und ich bedarf kei⸗ nes großen Platzes; außerdem wuͤrde ich, wie Ihr wißt, im Stehen ſchlafen, wenn es ſein muͤßte. Ich bin muͤde genug dazu. Die beiden Freunde, denn Buſſy behandelte le Hau⸗ doin eher als Freund, wie als Diener, trennten ſich, und Buſſy, deſſen Herz doppelt zufrieden war, ſich zwi⸗ ſchen Diana und Remy wiederzufinden, ſchlief auf der Stelle ein. Freilich hatte der Herzog, um ſeiner Seits ruhig zu ſchlafen, gebeten, daß man die Kanonen nicht mehr abfeuere, und daß das Gewehrfeuer aufhoͤre, was die Glocken anbelangt, ſo waren ſie Dank der Schwielen der Gloͤckner von ſelbſt eingeſchlafen. Buſſy ſtand fruͤhzeitig auf und eilte nach dem Schloſſe, indem er befahl, daß man Remy ſage, dort zu ihm zu kommen: es lag ihm daran, das erſte Gaͤh⸗ nen des Erwachens Seiner Hoheit abzulauern, um, wenn es moͤglich waͤre, ſeinen Gedanken in der gewoͤhn⸗ lich ſehr bedeutſamen Grimaſſe des Schlaͤfers, den man erweckt, zu uͤberraſchen. 17* — 260— Der Herzog erwachte, aber man haͤtte ſagen koͤn⸗ nen, daß er, wie ſein Bruder Heinrich, eine Maske vorlege, um zu ſchlafen. Buſſy war umſonſt ſo fruͤh aufgeſtanden. — Er hielt ein Verzeichniß von Dingen bereit, von denen die einen alle wichtiger als die andern waren. Zuvoͤrderſt, ein Spaziergang um die Mauern, um die Feſtungswerke des Platzes zu unterſuchen. Eine Heerſchau der Einwohner und ihrer Waffen. Ein Beſuch des Zeughauſes und Beſtellung von Munition aller Art. Eine genaue Pruͤfung der Steuern der Provinz, um den guten und getreuen Vaſallen des Prinzen einen kleinen Zuſatz von Auflagen zu verſchaffen, welcher zur in⸗ neren Zierde der Kaſſen beſtimmt war. Endlich, Briefwechſel. Aber Buſſy wußte im Voraus, daß er auf dieſen letzten Artikel nicht ſehr zaͤhlen durfte; der Herzog von Anzou ſchrieb wenig; ſeit jener Zeit uͤbte er das Spruͤch⸗ wort aus: das Geſchriebene bleibt. So gegen die boͤſen Gedanken geruͤſtet, welche in dem Prinzen aufſteigen koͤnnten, ſah Buſſy den Herzog die Augen aufſchlagen, aber, wie wir bemerkt, ohne in ſeinen Augen Etwas leſen zu koͤnnen. 4 — Ah, ah, außerte der Herzog, Du ſchon! — Meiner Treue, ja, gnaͤdiger Herr, ich habe nicht ſchlafen koͤnnen, ſo ſehr ſind die Intereſſen Eurer Ho⸗ heit mir die ganze Nacht im Kopfe herumgegangen! Nun, — ——·— — was machen wir heute Morgen? Wie waͤre es, wenn wir jagten? — Gut, ſagte ſich Buſſy in ſeinem Inneren, das iſt noch eine Beſchaͤftigung, an welche ich nicht gedacht hatte. — Wie, ſagte der Herzog, Du behaupteſt, daß Du die ganze Nacht uͤher an meine Intereſſen gedacht haſt, und das Reſultat Deines Wachens und Deiner Betrach⸗ tungen iſt, mir eine Jagd vorzuſchlagen? Geh doch! — Das iſt wahr, ſagte Buſſy, außerdem haben wir keine Meute. — Noch einen Oberjaͤgermeiſter, aͤußerte der Prinz. — Ah! Meiner Treue, ich wuͤrde deshalb die Jagd nur um ſo angenehmer finden, wenn wir ohne ihn jagten. — Ah! Ich bin nicht wie Du, er fehlt mir. Der Herzog ſagte das mit einer ſeltſamen Miene, Buſſy bemerkte es. — Dieſer wuͤrdige Mann, ſagte er, Euer Freund, es ſcheint, daß er Euch auch nicht befreit hat. Der Herzog laͤchelte. — Gut, ſagte Buſſy, ich kenne dieſes Laͤcheln daz es iſt das boͤſe; Monſoreau mag ſich in Acht nehmen. — Du biſt alſo boͤs auf ihn? fragte der Prinz. — Den Monſoreau? — Ja. — und woruͤber ſollte ich boͤs auf ihn ſein? — Daruͤber, daß er mein Freund iſt. — Ich bedaure ihn im Gegentheile ſehr. — Was ſoll das ſagen? 4 — Daß, je hoͤher Ihr ihn ſteigen laßt, deſto tiefer er faͤllt, wenn er fallen wird. — Schoͤn, ich ſehe, daß Du guter Laune biſt. — Ich? 111 — Ja, denn wenn Du guter Laune biſt, ſo ſagſt Du mir ſolche Sachen. Gleichviel, fuhr der Herzog fort, ich behaupte, was ich geſagt, und Monſoreau waͤre uns in dieſer Gegend hier ſehr nuͤtzlich geweſen. — Warum das? — Weil er Guͤter in der Umgegend hat. — Er? — Er oder ſeine Frau. Buſſy biß ſich auf die Lippen: der Herzog fuͤhrte das Geſpraͤch auf den Punkt zuruͤck, von den ihn abzu⸗ bringen er am Tage zuvor ſo viel Muͤhe gehabt hatte. — Ah! Ihr glaubt? ſagte er. — Gewiß! Moridor iſt drei Stunden weit von An⸗ gers. Weißt Du es nicht, der Du mir den alten Baron zugefuͤhrt haſt? BAuſſy ſah ein, daß es ſich darum handele, nicht — us der Faſſung zu kommen. — Hm, ſagte er, ich habe ihn Euch zugefuͤhrt, weil er ſich an meinen Mantel geklammert hatte, und wenn ich nicht die Haͤlfte davon in ſeinen Fingern zu⸗ ruͤcklaſſen wollte, wie es der heilige Martin gethan, ſo mußte ich ihn wohl zu Euch fuͤhren.... Uebrigens hat ihm mein Schutz nicht viel genuͤtzt. 3 — Hoͤre, ſagte der Herzog, ich habe eine Idee. — Den Teufel! ſagte Buſſy, der immer vor den Ideen des Prinzen auf ſeiner Hut war. — Ja... Monſoreau hat die erſte Partie uͤber Dich gewonnen; aber ich will Dir die zweite geben. — Wie verſteht Ihr das, mein Prinz? — Das iſt ganz einfach. Du kennſt mich, Buſſy? — Ich habe dieſes Ungluͤck, mein Prinz. — Glaubſt Du, daß ich der Mann ſei, einen Schimpf zu ertragen und ihn unbeſtraft zu laſſen? — Das kommt auf die Umſtaͤnde an. Der Herzog laͤchelte mit einem Laͤcheln, das noch haͤßlicher war, als das erſte, indem er ſich auf die Lip⸗ pen biß und den Kopf von oben nach unten bewegte. — Laßt hoͤren, erklaͤrt Euch, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy. — Nun denn, der Oberjaͤgermeiſter hat mir ein jun⸗ ges Maͤdchen geſtohlen, das ich liebte, um ſeine Frau aus ihr zu machen; ich will nun meiner Seits ihm ſeine Frau ſtehlen, um meine Geliebte aus ihr zu machen. Buſſy gab ſich Muͤhe zu laͤcheln, aber ſo ſehr er auch wuͤnſchte, dieſen Zweck zu erreichen, ſo gelang es ihm doch nur, das Geſicht zu verzerren. — Die Frau des Herrn von Monſoreau ſtehlen! ſtammelte er.— — Ei! Es giebt Nichts Leichteres, wie mir ſcheint, ſagte der Herzog: die Frau iſt auf ihre Guͤter zuruͤckge⸗ kehrt, Du haſt mir geſagt, daß ſie ihren Gatten verab⸗ ſcheue; ich kann alſo ohne zu viel Eitelkeit darauf rech⸗ nen, daß ſie mich dem Monſoreau vorziehen wird, be⸗ — 264— ſonders, wenn ich ihr das verſpreche... was ich ihr verſprechen werde. — Und was werdet Ihr ihr vecſprechen, gnaͤdiger Herr? — Sie von ihrem Gatten zu befreien. —-Ei, haͤtte Buſſy beinahe ausgerufen, warum habt Ihr es denn nicht ſogleich gethan?— Aber er hatte den Muth ſich zu beherrſchen. — Ihr wuͤrdet dieſe ſchoͤne Handlung vollbringen? ſagte er. — Du wirſt ſehen. Einſtweilen werde ich immer ei⸗ nen Beſuch in Meridor abſtatten. — Ihr wagtet das? — Warum nicht? — Ihr wolltet vor dem alten Baron erſcheinen, den Ihr aufgegeben habt, nachdem Ihr mir verſprochen!.. — Ich habe eine vortreffliche Entſchuldigung fuͤr ihn bereit. — Wo der Teufel wollt Ihr ſie denn hernehmen? — Ei gewiß! Ich werde ihm ſagen: Ich habe dieſe Ehe nicht gebrochen, weil der Monſoreau, welcher wußte, daß Ihr einer der Hauptagenten der Ligue waͤ⸗ ret, und daß ich das Haupt derſelben war, mir gedro⸗ het hat, uns alle Beide dem Koͤnig zu verkaufen. — Ah, ah! Erfindet Eure Hoheit das? — Nicht ganz, ich muß es ſagen, antwortete der Herzog. s —=—˙ Dann begreife ich, ſagte Buſſy. 33 — Du begreifſt? ſagte der Herzog, der ſich uͤber die Antwort ſeines Hofherrn irrte. — Ja, — Ich werde ihn glauben laſſen, daß ich ſein Le⸗ ben, das bedrohet war, dadurch gerettet habe, daß ich ſeine Tochter verheirathet haͤtte. — Das iſt koͤſtlich, ſagte Buſſy. — Nicht wahr? Aber, da faͤllt mir ein, ſieh doch aus dem Fenſter, Buſſy. — Wozu? „— Sieh immerhin hinaus. — Da bin ich. — Was fuͤr Wetter iſt es? — Ich bin genoͤthigt, Eurer Hoheit zu geſtehen, „daß es ſchoͤn Wetter iſt. — Wohlan, beſtelle Pferde, und laß uns ein We⸗ nig ſehen, was der gute alte Moridor macht. — Auf der Stelle, gnaͤdiger Herr! Und Buſſy, der ſeit einer Viertelſtunde dieſe ewig komiſche Rolle des Masccarille in Verlegenheit ſpielte, that, als ob er hinaus gehen wollte, ging bis an die Thuͤre, und kehrte wieder zuruͤck. — Verzeihung, gnaͤdiger Herr, ſagte er, aber wie⸗ viel Pferde befehlt Ihr? — Ei vier, fuͤnf, ſo viel Du willſt. — Dann, wenn Ihr Euch wegen dieſer Beſorgung auf mich verlaßt, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, ſo werde ich deren ein Hundert beſtellen. — — 266— — Gut, ein Hundert, ſagte der Prinz uͤberraſcht, wozu?. — Um darunter ungefaͤhr fuͤnfundzwanzig zu ha⸗ ben, auf die ich mich im Falle eines Angriffes verlaſſen kann. 1 — Der Herzog erbebte. — Im Falle eines Angriffes? ſagte er. — Ja, ich habe ſagen hoͤren, fuhr Buſſy fort, daß es ungeheure Waldungen in dieſer Gegend gaͤbe, und es laͤge durchaus nichts Seltenes darin, wenn wir in ir⸗ gend einen Hinterhalt fielen. — Ah, ah, ſagte der Herzog, Du meinteſt?... — Eure Gnaden weiß, daß der wahre Muth die Vorſicht nicht ausſchließt. Der Herzog wurde tiefſinnig. — Ich will deren Hundert und funfzig beſtellen, ſagte Buſſy. 8 Und er ſchritt ein zweites Mal nach der Thuͤre zu. — Einen Augenblick, ſagte der Prinz. — Was giebt es? Gnaͤdiger Herr. — EGlaubſt Du, daß ich in Angers in Sicherheit bin, Buſſy. — Hm! Die Stadt iſt nicht feſt, indeſſen wohl vertheidigt. — Ja, wohl vertheidigt, aber ſie kann ſchlecht ver⸗ theidigt werden; ſo tapfer Du auch biſt, ſo wirſt Du doch immer nur an einem einzigen Orte ſein. — Das iſt wahrſcheinlich. 4— 267— — Wenn ich nicht in der Stadt in Sicherheit bin, .. und ich bin es nicht, da Buſſy daran zweifelt... — Ich habe nicht geſagt, daß ich zweifle, gnaͤdiger Herr. — Gut, gut; wenn ich nicht in Sicherheit bin, ſo muß ich mich ſchnell in Sicherheit begeben. — Das heißt Gold geſprochen, gnaͤdiger Herr. — Nun denn! Ich will das Schloß beſuchen, und mich in ihm verſchanzen. — Ihr habt Recht, gnaͤdiger Herr, gute Verſchan⸗ zungen, ſeht Ihr. Buſſy ſtammelte, er war nicht an die Furcht ge⸗ woͤhnt, und die vorſichtigen Worte fehlten ihm. — Und dann noch eine andere Idee. — Der Morgen iſt fruchtbar, gnädiger Herr. — Ich will die Méridors hierher kommen laſſen. — Gnaͤdiger Herr, Ihr habt heute eine außeror⸗ dentliche Richtigkeit und Kraft der Gedanken. Steht auf und laßt uns das Schloß beſuchen. 4 Der Prinz rief ſeine Leute, Buſſy benutzte dieſen Augenblick, um das Zimmer zu verlaſſen. Er fand le Haudoin in den Vorzimmern. Er war es, den er ſuchte. Er fuͤhrte ihn in das Kabinet des Herzogs, ſchrieb einige Zeilen, trat in ein Gewaͤchshaus, pfluͤckte einen Roſenſtrauß, wickelte das Billet um die Stengel, ging in den Stall, ſattelte Roland, druͤckte den Strauß le Haudoin in die Hand, und lud ihn ein aufzuſteigen. Indem er ihn dann wie Aman Mardochaͤus aus — 268— der Stadt fuͤhrte, ſtellte er ihn auf eine Art von Fußpfad. — Da, ſagte er zu ihm, laß Roland gehen; am Ende dieſes Fußpfades wirſt Du den Wald finden, in dem Walde einen Park; um dieſen Park herum eine Mauer, an der Stelle der Mauer, wo Roland ſtehen bleibt, wirſt Du dieſen Strauß hinuͤberwerfen. „Derjenige, welchen man erwartet, kommt nicht, ſagte das Billet, weil Derjenige, welchen man nicht er⸗ wartete, gekommen iſt, und drohender als jemals, denn er liebt immer noch. Nehmt mit den Lippen und mit dem Herzen Alles das, was es fuͤr die Augen Unſichtba⸗ res in dieſem Papiere giebt.“ Remy ließ Roland den Zuͤgel ſchießen, der im Ga⸗ lopp in der Richtung von Meridor davon ſprengte. Buſſy kehrte nach dem herzoglichen Palaſte zuruͤck, und fand den Prinzen angekleidet. Was Remy anbelangt, ſo war es fuͤr ihn die Sache einer halben Stunde. Den Worten ſeines Herrn ver⸗ trauend, ſprengte Remy gleich einer durch den Wind fortgetragenen Wolke uͤber Wieſen, uͤber Felder, durch Waͤlder, uͤber Baͤche und Huͤgel und hielt an dem Fuße einer halb verfallenen Mauer an, deren mit Epheu be⸗ deckte Firſte durch ſie mit den Zweigen der Eichen ver⸗ bunden ſchien. 8 Dort angelangt, erhob ſich Remy auf ſeinen Steig⸗ buͤgeln, knuͤpfte von Neuem und noch weit feſter, als es geweſen, das Papier an den Strauß, und, ein kraͤf⸗ — 269— tiges Hm! ausſtoßend, ſchleuderte er den Strauß uͤber die Mauer. Ein leiſer Schrei, der ſich auf der anderen Seite hoͤren ließ, ſagte ihm, daß die Botſchaft richtig ange⸗ langt ſei. Remy hatte Nichts mehr zu thun, denn man hatte keine Antwort von ihm verlangt. 4 Er wandte daher nach der Seite, von welcher er gekommen war, den Kopf des Pferdes, das ſich an⸗ ſchickte, ſein Mahl auf Koſten der Eicheln einzunehmen, und das eine heftige Unzufriedenheit daruͤber bezeigte, in ſeinen Gewohnheiten geſtoͤrt zu werden; aber Remy machte eine ernſtliche Anwendung der Sporen und der Reitpeitſche, Roland fuͤhlte ſein Unrecht und brach wie⸗ der in ſeinem gewoͤhnlichen Galopp auf. 4 Vierzig Minuten nachher fand er ſich in ſeinem neuen Stalle zurecht, wie er ſich in dem Walde zurecht⸗ gefunden hatte, und nahm von ſelbſt ſeinen Platz an der mit Heu wohl verſehenen Raufe und an der von Hafer ſtrotzenden Krippe ein. Buſſy beſuchte mit dem Prinzen das Schloß. Remy holte ihn in dem Augenblicke ein, wo er ei⸗ nen unterirdiſchen Gang unterſuchte, der nach einer Aus⸗ fallspforte fuͤhrte. — Nun, fragte er ſeinen Boten, was haſt Du geſehn? Was haſt Du gehoͤrt? Was haſt Du ge⸗ macht? 1 — 270— — Eine Mauer, einen Schrei, ſieben Stunden, antwortete Remy mit dem Lakonismus eines jener Soͤhne Spartas, die ſich zu dem hoͤchſten Ruhme der Geſetze Lykurgs von Fuͤchſen den Bauch zerreißen ließen. 4 Ende des vierten Bandes. 4 6 4 Gedruckt bei C. Schumann in Schneeberg. 6 9 —yyy yy— 888oſſͤͤͤ —— Se — — — 888oſſͤͤͤ —— Se — — —