TaTaEATAT aLAEhAThREHRüUREAnHNEATAUATATATATATA aLHEAhEALALIEAUr Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. Ir ananhna Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. franz. od. engl., 2„ Das Abonnement beträgt: raTaarr aranhnananarhuhrh 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 1 5 11 1 Lararrar arhnhnhünnhn aanannar y Irarar 2 AThrTAThEBRELRETEAEATATSETAEEr — — — * lerander QDumas Deutſch von Wilhelm Ludwig Weſché. ZBiebenzehnter Fheil. TLeipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 18˙4 6. „ Die Dame von Monſorean. Hiſtoriſcher Roman von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von SWilhelm Budwig SWeſche. Dritter Band. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1§ 4 6. * Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. J. Der verwaiſte Greis. Frau von Saint⸗Luc hatte ſich nicht geirrt: zwei Stunden nachher befand man ſich vor dem Schloſſe Moridor. Seit den letzten zwiſchen den Reiſenden ausge⸗ tauſchten Worten, welche wir wiederholt haben, fragte ſich Buſſy, ob er nicht ſeinen guten Freunden, die ſich ihm offenbart hatten, das Abenteuer erzaͤhlen muͤßte, welches Diana von Meridor entfernt hielt. Aber ein⸗ mal in dieſe Offenbarungen eingegangen, mußte er nicht allein dasjenige offenbaren, was Jedermann bald wiſſen wuͤrde, ſondern auch noch das preisgeben, was er allein wußte, und was er Niemandem offenbaren wollte. Er ſtand daher von einem Geſtaͤndniſſe ab, das natuͤrlicher Weiſe zu viel Auslegungen und Fragen herbeifuͤhrte. — 8— Und dann wollte Buſſy als ein gaͤnzlich Unbekannter Méridor betreten. Er wollte ohne irgend eine Vorbe⸗ reitung Herrn von Moridor ſehen, und ihn uͤber Herrn von Monſoreau und uͤber den Herzog von Anjou ſpre⸗ chen hoͤren; er wollte ſich endlich uͤberzeugen, nicht et⸗ wa, daß Dianas Erzaͤhlung aufrichtig waͤre, er bearg⸗ woͤhnte dieſen Engel an Reinheit keinen Augenblick der Luͤge, ſondern daß ſie ſelbſt nicht uͤber irgend einen Punkt getaͤuſcht waͤre, und daß dieſe Erzaͤhlung, die er mit ſo maͤchtiger Theilnahme angehoͤrt hatte, eine ge⸗ treue Auslegung der Ereigniſſe geweſen waͤre. Wie man ſieht, bewahrte Buſſy zwei Gefuͤhle, welche den hoͤher ſtehenden Mann ſelbſt in Mitte der Verirrungen der Liebe in der beherrſchenden Sphaͤre er⸗ halten; dieſe beiden Gefuͤhle beſtanden in der Vorſicht in Bezug auf Fremde und der tiefen Achtung der Per⸗ ſon, die man lieht. Trotz ihres weiblichen Scharfſinnes wurde demnach auch Frau von Saint⸗Luc durch die Gewalt, welche Buſſy uͤber ſich ſelbſt bewahrt hatte, getaͤuſcht, und hielt ſich uͤberzeugt, daß der junge Mann Dianas Na⸗ men zum erſten Male habe ausſprechen hoͤren, und daß, da dieſer Name weder eine Erinnerung, noch eine Hoff⸗ nung in ihm erweckte, er in Méridor irgend ein, neuen Gaͤſten, die zu ihr kaͤmen, gegenuͤber ſehr linkiſches und ſehr verlegenes Landmaͤdchen zu finden erwartete. Sie ſchickte ſich dem zu Folge an, ſeine Ueber⸗ raſchung zu genießen. Indeeſſn ſetzte ſie Etwas in Erſtaunen, naͤmlich, daß Diana, nachdem der Waͤchter in ſein Horn geſtoßen, um einen Beſuch zu melden, nicht auf der Zugbruͤcke erſchien, ein Signal, auf welches Diana immer herbei eilte. Aber ſtatt Dianens ſah man aus der Haupthalle des Schloſſes einen gebuͤckten, auf einen Stock geſtuͤtz⸗ ten Greis herbeiſchreiten. Er war in einen Ueberwurf von gruͤnem Sammet, mit Fuchspelz verbraͤmt, geklei⸗ det, und an ſeinem Guͤrtel glaͤnzte eine ſilberne Pfeife neben einem kleinen Schluͤſſelbunde. Der Abendwind erhob auf ſeiner Stirn ſeine lan⸗ gen Haare, ſo weiß wie friſch gefallener Schnee. Von zwei großen weißen Hunden von deutſcher Ab⸗ kunft gefolgt, die langſam und mit gleichen Schritten, den Kopf geſenkt und ſich um keine Linie einander vor⸗ aus kommend, hinter ihm her gingen, ſchritt er uͤber die Zugbruͤcke. Als der Greis an die Bruͤſtung kommen konüte, fragte er mit ſchwacher Stimme: — Wer iſt da, und wer erzeigt einem armen Greiſe die Ehre ihn zu beſuchen? — Ich, ich, Herr Auguſtin, rief bie neckende Stimme der jungen Frau aus. Denn Johanna von Coſſé nannte den⸗ Greis ſo, um ihn von ſeinem juͤngeren Bruder zu unterſcheiden, der Wilhelm hieß, und der erſt ſeit drei Jahren geſtor⸗ ben war. Aber ſtatt mit dem freudigen Ausruf zu antworten, den Johanna aus ſeinem Munde kommen zu hoͤren er⸗ wartete, erhob der Baron langſam das Haupt, und in⸗ A₰ — 10— dem er auf den Reiſenden Augen ohne Blicke heftete, ſagte er: — Ihr? Ich ſehe Euch nicht. Wer? Ihr... — O, mein Gott! rief Johanna aus. Erkennt Ihr mich nicht? Ah, es iſt wahr, meine Verkleidung... — Entſchuldigt mich, ſagte der Greis, aber ich ſehe faſt Nichts mehr. Die Augen der Greiſe ſind nicht zum Weinen geeignet, und wenn ſie zu Viel weinen, verbrennen ſie die Thraͤnen. — Ah, lieber Baron, ſagte die junge Frau, ich ſehe in der That, daß Euer Geſicht abnimmt, denn ſonſt haͤttet Ihr mich ſelbſt unter meinen Mannskleidern erkannt. Ich muß Euch alſo meinen Namen nennen? — Ja, gewiß, erwiderte der Greis, da ich Euch ſage, daß ich Euch kaum ſehe. — Nun denn! Ich will Euch uͤberraſchen, lieber Herr Auguſtin, ich bin Frau von Saint⸗Luc. — Saint⸗Luc? ſagte der Greis. Ich kenne Euch nicht. — Aber mein Name als junges Maͤdchen, ſagte die ſcherzhafte junge Frau, mein Name als junges Maͤd⸗ chen iſt Johanna von Coſſé⸗Briſſac. — Ach, mein Gott! rief der Greis aus, indem er verſuchte, den Schlagbaum mit ſeinen zitternden Haͤnden zu oͤffnen. Ach, mein Gott! Als Johanna, die Nichts von dieſem ſeltſamen, demjenigen, welchen ſie erwartete, ſo verſchiedenen Em⸗ pfange begriff, und die ihn dem Alter des Greiſes und der Abnahme ſeiner Geiſteskraͤfte zuſchrieb, ſich endlich erkannt ſah, ſprang ſie von ihrem Pferde, und eilte — 11— ſich in ſeine Arme zu werfen, wie ſie es gewohnt war; aber, indem ſie den Baron umarmte, fuͤhlte ſie ſeine Wangen feucht; er weinte. — Es iſt vor Freude, dachte ſie. Ja! Das Herz iſt immer noch jung. — Kommt, ſagte der Greis, nachdem er Johan⸗ na umarmt hatte. Und als ob er ihre beiden Begleiter nicht einmal bemerkt haͤtte, begann der Greis mit ſeinem gleich⸗ maͤßigen und abgemeſſenen Schritte wieder nach dem Schloſſe zuzugehen, immer in derſelben Entfernung von ſeinen heiden Hunden gefolgt, die ſich nur die Zeit ge⸗ nommen hatten, die Beſucher anzublicken und zu be⸗ ſchnuͤffeln. Das Schloß bot den Anblick außerordentlicher Trauer, alle Laͤden deſſelben waren geſchloſſen; man haͤtte es fuͤr ein unermeßliches Grab halten koͤnnen. Die Diener, welche man hier und da voruͤbergehen ſah, waren ſchwarz gekleidet. Saint⸗Luc warf ſeiner Frau einen Blick zu, um ſie zu fragen, ob ſie das Schloß ſo zu finden erwartet haͤtte. Johanna verſtand, und da es ſie ſelbſt draͤngte, aus dieſer Ungewißheit geriſſen zu werden, ſo naͤherte ſie ſich dem Baron, und indem ſie ihn bei der Hand ergriff, ſagte ſie: — Und Diana! Sollte ſie ſich etwa ungluͤcklicher Weiſe nicht hier befinden? Der Greis blieb wie vom Blitze getroffen ſtehen, — 12— und indem er die junge Frau mit einem Ausdrucke an⸗ blickte, welcher faſt dem Schrecken glich, ſagte er: — Diana! Und den Kopf auf jeder Seite zu ihrem Herrn er⸗ hebend, ſtießen bei dieſem Namen die beiden Hunde ploͤtzlich ein trauriges Geheul aus. Buſſy vermogte einen Schauder nicht zu unter⸗ druͤcken: Johanna blickte Saint⸗ Luc an, und Saint⸗ Luc blieb ſtehen, indem er nicht wußte, ob er weiter ſchreiten oder wieder umkehren ſollte. — Diana! wiederholte der Greis, als ob er aller dieſer Zeit bedurft haͤtte, um die an ihn geſtellte Frage au begreifen. Ihr wißt alſo nicht?... Und ſeine bereits ſchwache und bebende Stimme er⸗ loſch in einem dem Grunde ſeines Herzens entriſſenen Schluchzen. — Aber wie denn? Und was iſt denn geſchehn? rief Johanna erſchuͤttert und mit gefalteten Haͤn⸗ den aus. — Diana iſt todt! rief der Greis aus, indem er mit verzweifelter Gebaͤrde die Haͤnde gen Himmel erhob und einen Strom von Thraͤnen vergoß. Und er ſank auf die erſten Stufen der Vortreppe nieder, an welche man gelangt war; verbarg ſein Haupt zwiſchen ſeinen beiden Haͤnden, indem er ſich ſchaukelte, wie um eine traurige Erinnerung zu verſcheuchen, die ihn ohne Unterlaß quaͤlte. — Todt! rief Johanna von Entſetzen betrofen und wie ein Geſpenſt erbleichend aus. — 13— — Todt! ſagte Saint⸗Luc mit einem zarten Mit⸗ leiden fuͤr den Greis. — Todt! ſtammelte Buſſy. Er hat auch ihn glau⸗ ben laſſen, daß ſie todt waͤre. Ach, armer Greis! Wie Du mich eines Tages lieben wirſt! — Todt! Todt! wiederholte der Baron. Sie haben ſie mir getoͤdtet. — Ach, mein lieber Herr, ſagte Johanna, welche nach dem ſchrecklichen Schlage, den ſie empfangen, das einzige Mittel gefunden, welches verhindert, daß das arme Frauen⸗Herz bricht, naͤmlich Thraͤnen. Und ſie brach in Schluchzen aus, indem ſie das Geſicht des Greiſes, deſſen Hals ſie mit ihren Armen umſchlungen hatte, mit Thraͤnen uͤberſchwemmte. Der alte Herr erhob ſich ſtrauchelnd wieder. — Gleichviel, ſagte er, obgleich es oͤde und ver⸗ waiſt, ſo iſt das Haus nichts deſto weniger gaſtfreund⸗ lich. Tretet ein! Johanna nahm den Arm des Greiſes unter den ih⸗ rigen und ging mit ihm uͤber die Vorhalle, den ehe⸗ maligen zum Speiſeſaale gewordenen Saale der Wa⸗ chen, und trat in das Empfangszimmer. Ein Diener, deſſen betruͤbtes Geſicht und deſſen geroͤthete Augen von ſeiner zaͤrtlichen Anhaͤnglichkeit fuͤr ſeinen Herrn zeugten, ging voraus, indem er die Thuͤ⸗ ren oͤffnete; Saint⸗Luc und Buſſy folgten. In dem Empfangszimmer angelangt, ſetzte ſich der immer noch von Johanna unterſtuͤtzte Greis in ſeinen — 414— großen Seſſel von geſchnitztem Holz, oder ließ ſich viel⸗ mehr in ihn fallen. Der Diener oͤffnete ein Fenſter, um friſche Luft herein zu laſſen, und ohne ſich aus dem Zimmer zu entfernen, zog er ſich in eine Ecke zuruͤck. Johanna wagte nicht, das Schweigen zu brechen. Sie zitterte, die Wunden des Greiſes wieder zu oͤffnen, wenn Sie ihn befragte, und dennoch konnte ſie, wie alle jungen und gluͤcklichen Perſonen, ſich nicht entſchlie⸗ ßen, das Ungluͤck, welches man ihr meldete, als wahr zu erkennen. Es giebt ein Alter, in welchem man die Unermeßlichkeit des Todes nicht zu erforſchen vermag, weil man nicht an den Tod glaubt. Der Baron kam ihrem Wunſche entgegen, indem er das Wort nahm. — Ihr habt mir geſagt, daß Ihr verheirathet waͤret, meine liebe Johanna, der Herr iſt alſo Euer Gatte? Und er deutete auf Buſſy. — Nein, Herr Auguſtin, antwortete Johanna, hier, Herr von Saint⸗Luc. Saint⸗Luc verneigte ſich noch bei Weitem tiefer vor dem ungluͤcklichen Vater, als vor dem Greiſe. Dieſer begruͤßte ihn vaͤterlich, und bemuͤhete ſich ſogar zu laͤ⸗ cheln; dann ſich mit matten Augen nach Buſſy umwen⸗ dend, ſagte er: — und dieſer Herr iſt Euer Bruder, der Bruder Eures Gatten, Einer Eurer Verwandten? 5 — Nein, lieber Baron, der Herr iſt nicht unſer Verwandter, ſondern unſer Freund; Herr Ludwig von Clermont, Graf von Buſſy von Amboiſe, Cavalier des Herzogs von Anjou. Wie durch eine Feder in die Hoͤhe geſchnellt, erhob ſich der Greis bei dieſen Worten, ſchleuderte einen ſchrecklichen Blick auf Buſſy, und ſank, wie durch dieſe ſtumme Herausforderung erſchoͤpft, wieder auf ſeinen Seſſel zuruͤck, indem er ein Stoͤhnen ausſtieß. — Was iſt denn? fragte Johanna. — Kennt Euch der Baron, Herr von Buſſy? fragte Saint⸗Luc. — Es iſt das erſte Mal, daß ich die Ehre habe, den Herrn Baron von Meridor zu ſehen, ſagte Buſſy auf eine ruhige Weiſe; er allein hatte den Eindruck ver⸗ ſtanden, welchen der Name des Herzogs von Anjou auf den Greis hervorgebracht hatte. — Ah! Ihr ſeid Cavalier des Herzogs von Anjou, ſagte der Baron, Ihr ſeid Cavalier dieſes Ungeheuers, dieſes Teufels, und Ihr wagt es zu geſtehen, und Ihr habt die Vermeſſenheit, mein Haus zu betreten! — Iſt er wahnſinnig? fragte Saint⸗Luc leiſe ſeine Gattin, indem er den Baron mit erſtaunten Augen an⸗ blickte. — Der Schmerz wird ihm den Verſtand verwirrt haben, antwortete Johanna mit Entſetzen. Herr von Moridor hatte die Worte, die er ſo eben ausgeſprochen, und welche Johanna zweifeln ließen, daß er ſeinen ganzen Verſtand haͤtte, mit einem noch weit drohenderen Blicke, als den erſten, begleitet; aber, immer ruhig, ertrug Buſſy dieſen Blick in der Haltung tiefer Ehrerbietung, und erwiderte Nichts. — Ja, dieſes Ungeheuers, begann Herr von Mé⸗ ridor wieder, deſſen Kopf ſich immer mehr zu verwirren ſchien, dieſes Moͤrders, der mir meine Tochter getoͤd⸗ tet hat! — Armer Herr! murmelte Buſſy. — Aber was ſagt er denn das fragte Johanna, indem ſie nun auch frug. r — Ihr wißt alſo nicht, Ihr, die Ihr mich mit entſetzten Augen anblickt, rief Herr von Moridor aus, 8 indem er die Haͤnde Johannas und Saint⸗Luc's er⸗ 1 greift und ſie zwiſchen den ſeinigen vereinigte, daß der Herzog von Anjou mir meine Diana getoͤdtet hat? Mein Kind, meine Tochter,— der Herzog von Anjou hat ſie mir getoͤdtet! Und der Greis ſprach dieſe letzten Worte mit einem ſolchen Ausdrucke von Schmerz aus, daß ſelbſt Buſſy's 3 Augen ſich daruͤber mit Thraͤnen fuͤllten.* 3 — Herr, ſagte die junge Frau, waͤre dem ſo, und ich begreife nicht, wie dem ſo ſein kann, ſo koͤnnt Ierr doch Herrn von Buſſy, den biederſten, den großmuͤthige ſten Edelmann, den es giebt, wegen dieſes graͤßlichen Ungluͤckes nicht anklagen. Aber ſo ſeht doch, mein gu-⸗ ter Vater, Herr von Buſſy weiß Nichts von dem, was Ihr ſagt, Herr von Buſſy weint wie wir und mit uns. Wuͤrde er denn gekommen ſein, wenn er den 4 Empfang haͤtte ahnen koͤnnen, den Ihr ihm vorbehiele tet! Ach, lieber Herr Auguſtin, im Namen Eurer ge⸗ 8 — — 1)— liebten Diana, ſagt uns, wie dieſer Ungluͤcksfall ſich zugetragen hat. — Dann wußtet Ihr es alſo nicht? ſagte der Greis, indem er ſich an Buſſy wandte. Buſſy verneigte ſich, ohne zu antworten. — Ei, mein Gott, nein, ſagte Johanna, Nie⸗ mand wußte Etwas von dieſem Ereigniſſe. — Meine Diana iſt geſtorben, und ihre beſte Freundin wußte Nichts von ihrem Tode! O, es iſt wahr, ich habe Niemandem Etwas davon geſchrieben, Niemandem Etwas davon geſagt; ich meinte, daß die Welt von dem Augenblicke an nicht mehr leben koͤnnte wo Diana nicht mehr lebte; ich meinte, daß das ganze Weltall um Diana trauern muͤſſe. — Sprecht, ſprecht, ſagte Johanna, das wird Euch erleichtern. — Nun denn, ſagte der Baron, indem er einen Seufzer ausſtieß, dieſer niedertraͤchtige Prinz, die Schande des Adels von Frankreich, hat meine Diana geſehen, und da er ſie ſo ſchoͤn fand, ſo hat er ſie ent⸗ führen und nach dem Schloſſe Beaugé bringen laſſen, um ſie zu entehren, wie er es mit der Tochter eines Leibeigenen gethan haͤtte. Aber Diana, meine heilige und edle Diana, hat den Tod gewaͤhlt. Sie hat ſich aus einem Fenſter in den See geſtuͤrzt, und man hat nur ihren auf der Oberflaͤche des Waſſers ſchwimmen⸗ den Schleier wiedergefunden. Und der Greis vermogte dieſe letzten Worte nur unter Thraͤnen und Schluchzen auszuiprechen, welche Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. — 18— aus dieſem Auftritte eines der traurigſten Schauſpiele machten, das Buſſy bis dahin geſehen hatte, Buſſy, ein Krieger, der daran gewoͤhnt war, Blut zu ver⸗ gießen und vergießen zu ſehen. Faſt ohnmaͤchtig, blickte auch Johanna den Grafen mit einer Art von Entſetzen an. — O Graf, rief Saint⸗Luc aus, das iſt graͤß⸗ lich, nicht wahr? Graf, Ihr muͤßt dieſen ſchaͤndlichen Prinzen verlaſſen; Graf, ein edles Herz, wie das Eure, kann nicht der Freund eines Entfuͤhrers und ei⸗ nes Moͤrders bleiben. Deer durch dieſe Worte wieder ein wenig geſtaͤrkte Greis erwartete die Antwort Buſſys, um ſeine Mei⸗ nung uͤber den Edelmann zu beſtimmen; Saint⸗Lucs ſympathetiſche Worte troͤſteten ihn. In großen morali⸗ ſſchen Kriſen ſind die phyſiſchen Schwaͤchen groß, und es iſt keine der geringſten Erleichterungen fuͤr den Schmerz des von einem Lieblingshunde gebiſſenen Kindes, den Hund ſchlagen zu ſehen, der es gebiſſen hat. Aber, ſtatt auf die Aufforderung Saint⸗Lucs zu antworten, that Buſſy einen Schritt auf Herrn von Möridor zu. — Herr Baron, ſagte er, wollt Ihr mir die Ehre einer Unterredung unter vier Augen bewilligen? — Hoͤrt Herrn von Buſſy, lieber Herr, ſagte Jo⸗ hanna; Ihr werdet ſehen, daß er gut iſt und daß er einen Dienſt zu erweiſen verſteht. — Sprecht, Herr, ſagte der Baron zitternd, denn — 19— er las irgend etwas Außergewoͤhnliches in dem Blicke des jungen Mannes. Buſſy wandte ſich nach Saint⸗Luc und ſeiner Gat⸗ tin um, und einen Blick voller Adel und Freundſchaft an ſie richtend, ſagte er: — Ihr erlaubt.. Die beiden jungen Leute verließen das Zimmer, in⸗ dem ſie ſich auf einander ſtuͤtzten und dieſem unermeßli⸗ chen Ungluͤcke gegenuͤber ſich doppelt uͤber ihr Gluͤck er⸗ freueten. Nun, als die Thuͤre ſich wieder hinter ihnen ge⸗ ſchloſſen hatte, trat Buſſy auf den Baron zu, und verneigte ſich tief vor ihm. — Herr Baron, ſagte Buſſy, Ihr habt ſo eben in meiner Gegenwart einen Prinzen angeklagt, dem ich diene, und Ihr habt ihn mit einer Heftigkeit ange⸗ klagt, die mich noͤthigt, Euch um eine Erklaͤrung zu bitten. Der Greis machte eine Bewegung. — O, ierrt Euch nicht uͤber den ganz ehrerbietigen Sinn meiner Worte, mit dem innigſten Mitgefuͤhle, mit dem lebhafteſten Verlangen, Euren Kummer zu mil⸗ dern, ſage ich Euch: Herr Baron, erzaͤhlt mir in al⸗ len ſeinen naͤheren Umſtaͤnden die ſchmerzliche Kataſtrophe, die Ihr ſo eben Herrn von Saint⸗Luc und ſeiner Gat⸗ tin erzaͤhltet. Sagt an, hat ſich wirklich Alles ſo zu⸗ getragen, wie Ihr es glaubt, und iſt wirklich Alles verloren? — Einen Augenblick lang habe ich Hoffnung gehabt, 2* 1 — 20— mein Herr, ſagte der Greis. Ein edler und biederer Edelmann, Herr von Monſoreau, hat meine arme Tochter geliebt und ſich fuͤr ſie intereſſirt. — Herr von Monſoreau! Nun denn, fragte Buſſy, laßt hoͤren, wie iſt ſein Betragen in Alle dieſem ge⸗ weſen? — Ah, ſein Betragen war bieder und wuͤrdig, denn Diana hatte ſeine Hand ausgeſchlagen. Dennoch war er es, der mich zuerſt von den ſchaͤndlichen Plaͤnen des Herzogs unterrichtete. Er war es, der mir das Mit⸗ tel angab, ſie ſcheitern zu laſſen; er verlangte nur Eines, um meine Tochter zu retten, und das zeugte noch mehr von dem ganzen Adel und von der ganzen Rechtſchaffen⸗ heit ſeiner Seele: er verlangte, daß, wenn es ihm ge⸗ laͤnge, ſie den Haͤnden des Herzogs zu entreißen, ich ſie ihm zur Ehe gaͤbe, damit er, jung, thaͤtig und unternehmend, ſie gegen einen maͤchtigen Prinzen ver⸗ theidigen koͤnnte, was ihr armer Vater nicht zu unter⸗ nehmen vermoͤgte. Ich gab mit Freuden meine Einwilligung. Aber ach! Es war vergebens; er langte zu ſpaͤt an, und fand meine arme Diana nur durch den Tod vor der Entehrung gerettet. 4 — Und hat Herr von Monſoreau denn ſeit dieſem lungluͤckſeligen Augenblicke Nichts mehr von ſich hoͤren laſſen? fragte Buſſy. — Dieſe Ereigniſſe haben ſich erſt ſeit einem Mo⸗ nate zugetragen, ſagte der Greis, und der arme Edel⸗ mann wird nicht gewagt haben, wieder vor mir zu er⸗ rer me ſy, ge⸗ enn ar des eit⸗ es, ehr en⸗ ge⸗ ich er⸗ — 21— ſcheinen, da er in ſeinen großmuͤthigen Abſichten geſchei⸗ tert iſt. Buſſy ſenkte den Kopf; Alles war ihm erklaͤrt. Er begriff jetzt, wie es Herrn von Monſoreau gelungen war, dem Prinzen das junge Maͤdchen zu entfuͤhren, das er liebte, und wie die Furcht, daß der Prinz entdecken moͤgte, daß das junge Maͤdchen ſeine Gattin geworden waͤre, ihn das Geruͤcht von ihrem Tode ſelbſt bei dem armen Vater hatte beſtaͤtigen laſſen. — Nun, Herr, ſagte der Greis, als er ſah, daß der Tieffinn die Stirn des jungen Mannes ſenkte und ſeine Augen auf den Boden geheftet hielt, welche die Erzaͤhlung, die er ſo eben beendigt, mehr als ein Mal hatte funkeln laſſen. — Wohlan, Herr Baron, antwortete Buſſy, ich bin von Seiner Gnaden, dem Herzoge von Anjou be⸗ auftragt, Euch nach Paris zu fuͤhren, wo Seine Ho⸗ heit Euch zu ſprechen wuͤnſcht. — Mich ſprechen, mit mir, rief der Baron aus; ich ſollte mich nach dem Tode meiner Tochter dieſem Manne gegenuͤber befinden, und was kann er mir zu ſagen haben, der Moͤrder? — Wer weiß? Sich rechtfertigen vielleicht. — Und wenn er ſich auch rechtfertigte, rief der Greis aus, meine Tochter wird nichts deſto weniger verloren ſein. Nein, Herr von Buſſy, nein, ich werde nicht nach Paris gehen; außerdem wuͤrde ich mich da⸗ durch zu ſehr von dem Orte entfernen, wo mein theu⸗ res Kind in ſeinem kalten Grabestuche von Schilf ruht. — Herr Baron, ſagte Buſſy mit feſter Stimme, erlaubt mir, bei Euch darauf zu beſtehen; es iſt meine Pflicht, Euch nach Paris zu fuͤhren, und ich bin aus⸗ druͤcklich deshalb gekommen. — Wohlan! Ich werde alſo nach Paris gehen, rief der Greis vor Zorn bebend aus; aber Wehe denen, die mich ins Ungluͤck geſtuͤrzt haben! Der Koͤnig wird mich hoͤren, und wenn er mich nicht hoͤrt, ſo werde ich an alle Edelleute Frankreichs appelliren. So vergaß ich auch in meinem Schmerze, murmelte er leiſer, daß ich eine Waffe in meinen Haͤnden habe, von der ich bis jetzt keinen Gebrauch zu machen gewußt. Ja, Herr von Buſſy, ich werde Euch begleiten. 4 — Und ich, Herr Baron, ſagte Buſſy, indem er ihn bei der Hand ergriff, ich empfehle Euch die Geduld, die Ruhe und die Wuͤrde an, die einem chriſtlichen Herrn geziemen. Gott hat fuͤr edle Herzen unendliches Erbarmen, und Ihr wißt nicht, was er Euch vorbe⸗ haͤlt. Ich bitte Euch demnach auch, mich bis zu dem Tage, wo ſich dieſes Erbarmen beſtaͤtigen wird, nicht unter die Zahl Eurer Feinde zu rechnen, denn Ihr wißt nicht, was ich fuͤr Euch thun werde. Auf morgen alſo, Herr Baron, wenn es Euch beliebt, und ſo bald der Tag angebrochen, werden wir uns auf den Weg begeben. — Ich willige ein, ſagte der alte Herr, unwill⸗ kuͤrlich durch den ſanften Ausdruck geruͤhrt, mit welchem Buſſy dieſe Worte ausgeſprochen hatte; aber einſtweilen, Freund oder Feind, ſeid Ihr mein Gaſt, und ich muß Euch in Eure Wohnung fuͤhren. Und der Baron nahm einen ſilbernen Armleuchter mit drei Kerzen von dem Tiſche, und ging langſamen Schrittes, von Buſſy d'Amboiſe gefolgt, die Ehren⸗ treppe des Schloſſes hinauf. Die Hunde wollten ihm folgen, er hielt ſie mit einem Winke zuruͤck; zwei ſeiner Diener gingen mit anderen Leuchtern hinter Buſſy. Als er auf die Schwelle des Zimmers gelangte, das fuͤr ihn beſtimmt war, fragte der Graf, was aus Herrn von Saint⸗Luc und ſeiner Gattin geworden waͤre. 3 — Mein alter Germain wird fuͤr ſie geſorgt haben, antwortete der Baron. Ich wuͤnſche Euch eine gute Nacht, Herr Graf. II. Wie Remy⸗le⸗Haudouin ſich in Abweſenheit Buſſy's Ein⸗ verſtändniſſe in dem Hauſe der Straße Saint⸗Antoin ver⸗ ſchafft hatte. Heer und Frau von Saint⸗Luc konnten ſich von ihrem Erſtaunen nicht erholen. Buſſy, vertraut mit Herrn von Meridor, ſchickte ſich an, mit dem Greiſe nach Paris zu reiſen; kurz Buſſy, der ploͤtzlich die Leitung dieſer Angelegenheiten zu uͤbernehmen ſchien, die ihm anfangs fremd und unbekannt geſchienen, war fuͤr die beiden jungen Leute eine unerklaͤrliche Erſchei⸗ nung. Was den Baron anbelangt, ſo hatte die magiſche Gewalt des Titels: Koͤnigliche Hoheit, auf ihn ihre gewoͤhnliche Wirkung hervorgebracht; ein Edelmann zu den Zeiten Heinrichs des III. war noch nicht ſo weit, um uͤber Titel und Wappen zu laͤcheln. † — 3 2 —— ,——„*2—8☛ᷣ22— 6 ͦ——— eit, Koͤnigliche Hoheit,— das bedeutete fuͤr Herrn von Meridor, wie fuͤr jeden Anderen, ausgenommen den Koͤnig, unwiderſtehliche Gewalt, das heißt Blitz und Donner. Sobald der Morgen angebrochen, nahm der Baron Abſchied von ſeinen Gaͤſten, denen er ihre Wohnung im Schloſſe anwies; aber Saint-⸗Luc und ſeine Gattin, welche die Schwierigkeit der Stellung einſahen, nahmen ſich vor, Meridor, ſo bald es ſich thun ließe, zu ver⸗ laſſen, und nach dem benachbarten Gute Briſſac zuruͤck⸗ zukehren, ſo wie man ſich der Einwilligung des ſchuͤch⸗ ternen Marſchalls verſichert haͤtte. Was Buſſy anbetrifft, ſo bedurfte er nur einer Secunde, um ſein ſeltſames Verfahren zu rechtfertigen. Herr des Geheimniſſes, welches er beſaß, und das er mittheilen konnte, wem es ihm gut duͤnkte, glich Buſſy einem der Morgenlaͤndern ſo werthen Zauberer, welche mit dem erſten Schlage ihres Zauberſtabes allen Augen Thraͤnen entlocken koͤnnen, und die mit dem zweiten Al⸗ ler Augen erheitern und aller Lippen mit einem freudi⸗ gen Laͤcheln oͤffnen. Dieſe Sekunde, von der wir geſagt haben, daß ſie genuͤge, ſo große Veraͤnderungen zu bewirken, wurde von ihm dazu angewandt, leiſe einige Sylben in das Ohr zu fluͤſtern, welches ihm die reizende Gatiin Saint⸗ Lucs begierig hinſtreckte. 3 Sobald dieſe wenigen Sylben ansgeſpeochn waren, erheiterte ſich das Geſicht Johanna's; ihre ſo reine Stirn faͤrbte ſich mit einem koͤſtlichen Roth. Man ſah ihre kleinen, weißen und wie Perlmutter glaͤnzenden Zaͤh⸗ ne unter den Korallen ihrer Lippen erſcheinen, und, da ihr Gatte, auf das hoͤchſte erſtaunt, ſie anblickte, um ſie zu befragen, ſo legte ſie einen Finger auf ihren Mund, und entfloh huͤpfend, indem ſie Buſſy einen Kuß des Dankes zuwarf. Der Greis hatte Nichts von dieſem ausdrucksvollen Geberdenſpiele geſehn; das Auge auf die vaͤterliche Burg geheftet, liebkoſete er unwillkuͤrlich ſeine beiden Hunde, die ſich nicht entſchließen konnten, ihn zu verlaſſen; er ertheilte mit bewegter Stimme ſeinen durch ſeinen Abſchied und durch ſeine Worte gebeugten Dienern einige Auftraͤge. Hierauf mit großer Muͤhe und mit Huͤlfe ſeines Stall⸗ meiſters ein ſcheckiges Pferd beſteigend, fuͤr das er eine Vorliebe hatte, und das ihm in den letzten Buͤrgerkrie⸗ gen zum Schlachtroſſe gedient, begruͤßte er mit einer Geberde das Schloß Meridor, und brach auf, ohne ein einziges Wort auszuſprechen. Mit leuchtenden Augen antwortete Buſſy auf Jo⸗ hanna's Laͤcheln und wandte ſich haͤufig um, um von ſeinen Freunden Abſchied zu nehmen. Als er ſie verließ, hatte Johanna leiſe zu ihm geſagt: — Welch ſeltſamen Mann ſpielt Ihr, Herr Graf! Ich hatte Euch verſprochen, daß Euch das Gluͤck in Msridor erwartete, und Ihr ſeid es im Gegentheile, der das Gluͤck nach Méridor bringt, das aus ihm entflohen war. (Von Meridor nach Paris iſt es weit; weit beſon⸗ ders fuͤr einen alten Baron, der mit Hieb⸗ und Schuß⸗ —— wunden bedeckt war, welche er in jenen grauſamen Krie⸗ gen erhalten hatte, in denen die Wunden im Verhaͤlt⸗ niſſe zu den Kriegern ſtanden. Eine lange Reiſe war auch dieſe Entfernung fuͤr den wuͤrdigen Schecken, den man Jarnac nannte, und der, bei dieſem Namen ſeinen un⸗ ter ſeiner Mahne vergrabenen Kopf erhebend, noch ein ſtolzes Auge unter ſeinen muͤden Augenlidern rollte. Einmal unter Weges, machte ſich Buſſy ans Werk: dieſes Werk beſtand darin, durch ſeine Sorgfalt und durch ſeine kindlichen Aufmerkſamkeiten das Herz des Greiſes zu feſſeln, deſſen Haß er zuvor auf ſich gezogen hatte, und ohne Zweifel gelang es ihm, denn als ſie am ſechsten Tage morgens in Paris anlangten, ſagte Herr von Meridor zu ſeinem Reiſegefaͤhrten folgende Worte welche die ganze Veraͤnderung ſchilderten, welche dieſe Reiſe in ſeinem Geiſte hervorgebracht hatte:. — Es iſt ſonderbar, Graf, da bin ich jetzt meinem Ungluͤcke bei Weitem naͤher, als jemals, und dennoch bin ich weniger beſorgt bei der Ankunft, als ich es bei der Abreiſe war. — Noch zwei Stunden, Herr Auguſtin, ſagte Buſſy, und Ihr werdet mich beurtheilt haben, wie ich von Euch beurtheilt ſein will. Die Reiſenden ritten in Paris durch die Faubourg Saint⸗Marcel ein, dieſen ewigen Eingang, deſſen Vor⸗ zug zu ljener Zeit ſich begreift, weil dieſes abſcheuliche Viertel, eines der haͤßlichſten von Paris, zu jener Zeit wegen ſeiner zahlreichen Kirchen, ſeiner Tauſende pitto⸗ — 28— resker Haͤuſer und ſeiner kleinen Bruͤcken uͤber Kloaken pariſerartig erſchien. — Wohin gehen wir? ſagte der Baron. Ohne Zwei⸗ fel nach dem Louvre? — Ich muß Euch zuvor nach meinem Hotel fuͤhren, mein Herr, ſagte Buſſy, damit Ihr Euch einige Mi⸗ nuten erfriſcht, und Ihr nachher im Stande ſeid, die Perſon, zu der ich Euch fuͤhre, ſo zu beſuchen, wie es ſich geziemt. Der Baron ließ geduldig uͤber ſich verfuͤgen; Buſſy fuͤhrte ihn geraden Weges nach ſeinem Hotel in der Straße Grenelle-Saint-Honoré. Die Leute des Grafen erwarteten ihn nicht, oder vielmehr, erwarteten ihn nicht mehr; in der Nacht durch eine kleine Pforte zuruͤckgekehrt, zu welcher er allein den Schluͤſſel hatte, hatte er ſelbſt ſein Pferd geſattelt, und war abgereiſt, ohne irgend Jemand geſehen zu haben, als Remy⸗le⸗Haudouin. Man wird demnach begreifen, daß ſein augenblickliches Verſchwinden, die Gefahren, denen er die vorhergehende Woche ausgeſetzt geweſen, und die ſich durch ſeine Wunde verrathen hatten, ſeine abenteuerlichen Gewohnheiten endlich, welche keine Lehre aͤnderte, viele Leute zu dem Glauben veranlaßt hatte, daß er in irgend eine ihm von ſeinen Feinden auf ſeinem Wege geſtellte Falle gerathen ſei, daß das ſo lange ſei⸗ nem Muthe guͤnſtige Gluͤck endlich eines Tages ſeiner Kuͤhnheit entgegen geweſen ſei, und daß Buſſy, ſtumm und unſichtbar, wirklich durch irgend einen Dolch oder irgend eine Buͤchſenkugel getoͤdtet ſei. 1 1 1 So daß die beſten Freunde und die treueſten Die⸗ ner Buſſys bereits neuntaͤgige Andachten fuͤr ſeine Ruͤck⸗ kehr ins Leben verrichteten, eine Ruͤckkehr, die ihnen nicht minder zweifelhaft ſchien, als die des Pyrithous waͤhrend die Anderen, mehr Poſitiven, die nur noch auf ſeinen Leichnam rechneten, zu ſeiner Wiederauffindung die genaueſten Nachforſchungen in Kanaͤlen, verdaͤchtigen Kellern, den Steinbruͤchen der Umgegend, in dem Bette der Bisvre oder in den Graͤben der Baſtille anſtellten. Eine einzige Perſon antwortete, wenn man ſich bei ihr nach Herrn von Buſſy erkundigte: — Der Herr Graf befindet ſich wohl. Wenn man aber die Fragen weiter treiben wollte, ſo blieben die Auskuͤnfte, die ſie geben konnte, dabei ſtehen, da ſie nicht mehr wußte. Dieſe Perſon, welche wegen dieſer beruhigenden, aber wenig ausfuͤhrlichen Antwort viel Grobheiten und ſchlechte Komplimente erduldete, war Meiſter Remy⸗le⸗ Haudouin, welcher vom Abend bis zum Morgen luſtig herum rannte, indem er ſeine Zeit mit ſeltſamen Be⸗ ſchauungen verlor, von Zeit zu Zeit, entweder am Tage oder bei der Nacht, aus dem Hotel verſchwand, dann wieder mit ungewoͤhnlichem Appetit nach Hauſe kam, und durch ſeine Luſtigkeit jedes Mal, wenn er zuruͤck⸗ kehrte, wieder ein wenig Freude in den Herzen der Be⸗ wohner dieſes Hauſes verbreitete. Nach einer dieſer geheimnißvollen Abweſenheiten kehrte le Haudouin gerade in dem Augenblicke in das Ho⸗ tel zuruͤck, wo Freudengeſchrei auf dem Ehrenhofe er⸗ — 30— ſchallte, wo zuvorkommende Diener uͤber den Zuͤgel von Buſſys Pferd herfielen, und ſich darum ſtritten, wer ſein Stallmeiſter ſein ſollte, denn, ſtatt abzuſteigen, blieb der Graf zu Pferde. — Ha, ſagte Buſſy, Ihr ſeid zufrieden, mich le⸗ bendig wieder zu ſehen, ich danke. Ihr fragt mich, ob ich es wirklich bin, oder ob es nicht etwa mein Schat⸗ ten ſei. Ich bin es wirklich, ſeht mich an, faßt mich an, aber macht geſchwind. Gut, jetzt helft dieſem wuͤr⸗ digen Edelmanne vom Pferde ſteigen, und gebt wohl Acht, daß ich mehr ehrerbietige Ruͤckſichten gegen ihn hege, als ich gegen einen Prinzen haben wuͤrde. Buſſy hatte Recht, auf dieſe Weiſe den Greis zu erheben, auf den man anfangs kaum geachtet hatte, und den die Leute Buſſys nach ſeinen beſcheidenen, ſich we— nig um die Mode kuͤmmernden Kleidern und ſeinem, bald von Leuten, die taͤglich mit Pferden umgingen, gewuͤr⸗ digten Schecken, verſucht geweſen waren, fuͤr einen, in ir⸗ gend einer Provinz penſionirten Stallmeiſter zu halten, den der abenteuerliche Edelmann aus dieſer Verbannung, wie aus einer anderen Welt zuruͤckfuͤhrte. Kaum aber waren dieſe Worte ausgeſprochen, als Alle mit einander wetteiferten, den Baron zu bedienen. Seiner Gewohnheit nach ſah Haudouin ſich ins Faͤuſt⸗ chen lachend dieſem Auftritte zu, und es bedurfte Buſ⸗ ſys ganzen Ernſtes, um mit Gewalt dieſes Lachen aus den freudigen Zuͤgen des jungen Arztes verſchwinden zu laſſen. 1 rie ner ſpr — 31— — Geſchwind ein Zimmer fuͤr den gnaͤdigen Herrn! rief Buſſy aus. — Welches? antworteten ſogleich fuͤnf bis ſechs dienſtfertige Stimmen. — Das beſte, das meinige. Und nun bot er dem Greiſe ſeinen Arm, um die Treppe hinaufzugehen, indem er ſich beſtrebte, ihn noch mit mehr Ehrenbezeigungen zu empfangen, als er von ihm empfangen hatte. Ohne Widerſtand und faſt ohne Willen, wie man ſich von gewiſſen Traͤumen fortreißen laͤßt, die uns in das phantaſtiſche Reich der Einbildungskraft und der Nacht fuͤhren, uͤberließ ſich Herr von Moridor dieſer lok⸗ kenden Hoͤflichkeit. Man brachte dem Baron den vergoldeten Becher des Grafen, und Buſſy wollte ihm ſelbſt den Willkomm⸗ Wein einſchenken. — Ich danke Euch, ich danke Euch, mein Herr, ſagte der Greis. Aber werden wir bald dorthin gehen, wohin wir gehen muͤſſen? — Ja, Herr Auguſtin, bald, ſeid unbeſorgt, und es wird nicht allein ein Gluͤck fuͤr Euch ſein, ſondern auch noch fuͤr mich. — Was ſagt Ihr, und woher kommt es, daß Ihr faſt immer in einer Sprache zu mir redet, die ich nicht verſtehe? — Ich ſage, Herr Auguſtin, daß ich Euch von ei⸗ ner ſich erhabener Herzen erbarmenden Vorſehung ge⸗ ſprochen habe, und daß wir uns dem Momente nahen, wo ich in Eurem Namen an dieſe Vorſehung appelliren werde. Der Baron blickte Buſſy mit verwunderter Miene an; aber, indem er ein ehrerbietiges Zeichen mit der Hand machte, welches ſagen wollte: ich komme augen⸗ blicklich wieder, verließ Buſſy das Laͤcheln auf iden Lippen das Zimmer. Le Haudouin ſtand, wie er es erwartete, als Schildwache vor der Thuͤre; er nahm den jungen Maun beim Arme und fuͤhrte ihn in ein Kabinet. — Nun, lieber Hippokrates, fragte er, woran ſind wir? — Wo das? — Bei Gott! In der Straße Saint⸗Antoine. — Wir ſind an einem, wie ich vermuthe, fuͤr Euch ſehr intereſſanten Punkte, gnaͤdiger Herr. Naͤmlich an dem: Nichts Neues. Buſſy athmete wieder auf. — Der Gatte iſt alſo nicht wiedergekommen? ſag⸗ te er. — Doch; aber ohne irgend einen Erfolg. Wie es ſcheint, giebt es einen Vater, der die Entwickelung in Alle dem machen ſoll, einen Gott, der eines oder des anderen Tages in einer Maſchine herabſteigen wird; ſo daß man dieſen abweſenden Vater, dieſen unbekannten Gott erwartet.„ — Gut! ſagte Buſſy. Aber woher weißt Du das Alles? — Ihr begreift wohl, gnaͤdiger Herr, ſagte le Hau liren iene der gen⸗ iden Lann — 33— 8 douin mit ſeiner gutmuͤthigen und offenen Heiterkeit, daß ich, da Eure Abweſenheit aus meiner Stellung bei Euch fuͤr den Augenblick eine Sinecure machte, dieſe Mo⸗ mente, welche Ihr mir frei ließet, zu Eurem Nutzen habe verwandeln wollen. — Sag an, was haſt Du gethan? Erzaͤhle, mein lieber Remy, ich bin geſpannt. — So hoͤrt: als Ihr abgereiſt waret, habe ich Geld, Buͤcher und ein Schwerdt in ein kleines Zimmer gebracht, das ich gemiethet hatte, und welches zu dem Hauſe gehoͤrt, das die Ecke der Straße Saint⸗Antoine und der Straße Saint⸗Katharine bildet. — Gut! — Von dort aus konnte ich das Haus, welches Ihr wißt, von ſeinen Kellerloͤchern bis zu den Schorn⸗ ſteinen ſehen. — Sehr gut! — Kaum im Beſitze meines Zimmers, habe ich mich an einem Fenſter eingerichtet. 3 — Vortrefflich. — Ja, aber es lag nichts deſto weniger etwas Un⸗ paſſendes in dieſer Vortrefflichkeit da. — Welches. — Daß, wenn ich ſah, ich auch geſehen war, und daß man am Ende Verdacht gegen einen Mann faſſen konnte, der ohne Unterlaß in ein und derſelben Richtung hinblickte; eine Beharrlichkeit, die mich nach Verlauf von zwei bis drei Tagen fuͤr einen Dieb, einen Ver⸗ Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. 4 — 34— liebten, einen Spion oder einen Narren haͤtte gelten laſſen koͤnnen. — Reiflich erwogen, mein lieber Haudouin. Aber was haſt Du nun gethan? — O nun, Herr Graf, habe ich geſehen, daß ich zu ſtarken Mitteln meine Zuflucht nehmen muͤßte, und, meiner Treue.. — Nun? — Meiner Treue, ich habe mich verliebt! — Hm? aͤußerte Buſſy, der nicht begriff, in was ihm die Liebe Remys dienen koͤnnte. — Wie ich die Ehre habe Euch zu ſagen, wieder⸗ holte der junge Doctor ernſthaft; verliebt, ſehr verliebt, raſend verliebt. — In wen? — In Gertruden.. — In Gertrude, die Zofe der Frau von Monſo⸗ reau?— — Ei ja doch, mein Gott! In Gertrude, die Zofe der Frau von Monſoreau. Was wollt Ihr, gnaͤdiger Herr, ich bin kein Edelmann, um mich in Gebieterinnen zu verlieben; ich bin ein armer geringer Arzt, ohne an⸗ dere Praxis, als einen Kunden, der mir hoffentlich nur noch in langen Zwiſchenraͤumen Etwas zu thun geben wird, und ich muß wohl meine Erfahrungen in anima vili, wie wir auf der Sorbonne ſagen, anſtellen. — Armer Remy, ſagte Buſſy, glaube nur, daß ich Deine treue Anhaͤnglichkeit wuͤrdige. — Ei, gnaͤdiger Herr, antwortete le Haudouin, ich E ho ten — 35— bin am Ende nicht ſehr zu bedauern. Gertrude iſt ein junges⸗Maͤdchen von huͤbſchen Wuchs, die zwei Zoll groͤßer iſt, als ich, und die mich am Kragen mit ge⸗ ſtreckten Armen aufheben wuͤrde, was bei ihr von einer großen Entwickelung der zweikoͤpfigen und deltafoͤrmigen Armmuskeln herruͤhrt. Das verleiht mir eine Verehrung fuͤr ſie, die ihr ſchmeichelt, und da ich ihr immer nach⸗ gebe, ſo ſtreiten wir uns niemals; dann hat ſie ein koͤſt⸗ liches Talent. — Welches, mein armer Remy? — Sie erzaͤhlt wundervoll. — Ah! Wahrhaftig? — Ja, ſo daß ich durch ſie Alles weiß, was bei ih⸗ rer Gebieterin vorgeht... Hm? Was ſagt Ihr dazu? Ich habe gemeint, daß es Euch nicht unangenehm waͤre, Einverſtaͤndniſſe im Hauſe zu haben. — Du biſt ein guter Genius, le Haudouin, den der Zufall, oder vielmehr die Vorſehung mich hat an⸗ treffen laſſen; Du biſt alſo mit Gertruden auf einem ge⸗ wiſſen Fuße.. — Puella me diligit, antwortete le Haudouin, indem er ſich mit affectirter Geckenhaftigkeit ſchaukelte. — Und Du haſt Zutritt in dem Hauſe? — Geſtern Abend habe ich um Mitternacht meinen Einzug in daſſelbe durch die beruͤhmte Thuͤre mit dem Gitterfenſter, die Ihr kennt, auf den Fußzehen ge⸗ halten. — Und wie biſt Du zu dieſem Gluͤcke gelangt? — Ei, ich muß ſagen, auf ziemlich naeheltihe Weiſe. — 36— — Wohlan, ſage. — Am zweiten Tage nach Eurer Abreiſe, am Tage nach meinem Einzuge in das kleine Zimmer, habe ich an der Thuͤre gewartet, daß die Dame meiner zukuͤnf⸗ tigen Gedanken ausginge, um ihre Haushaltungsbeduͤrf⸗ niſſe einzukaufen, eine Sorge, mit der ſie ſich, ich muß es geſtehen, taͤglich von acht bis neun Uhr Mor⸗ gens beſchaͤftigt. Um acht Uhr zehn Minuten habe ich ſie erſcheinen ſehen; auf der Stelle bin ich von meinem Obſervatorium hinabgegangen, und habe mich auf ihren Weg geſtellt. 3 — und ſie hat Dich erkannt? — So gut erkannt, daß ſie einen lauten Schrei ausgeſtoßen und ſich gefluͤchtet hat. — Nun? — Nun bin ich ihr nachgeeilt und habe ſie mit gro⸗ ßer Muͤhe wieder eingeholt, denn ſie laͤuft ſehr ſchnellz aber, Ihr begreift, die Frauenroͤcke, das hindert immer ein Wenig. — Jeſus! hat ſie geſagt. — Heilige Jungfrau! habe ich ausgerufen. — Das hat ihr einen guten Begriff von mir gege⸗ ben; ein Anderer, minder fromm, als ich, haͤtte ausge⸗ rufen: Sapperment oder Potztauſend. — Der Arzt! hat ſie geſagt. — Die liebenswuͤrdige Haushaͤlterin! habe ich ge⸗ antwortet 4 .— Sie hat gelaͤchelt, aber ſich ſogleich eines An⸗ deren beſinnend, hat ſie geſagt: 2 ̈ ε—,————— —— — 37— — Ihr irrt Euch, mein Herr, ich kenne Euch nicht. — Aber ich kenne Euch, habe ich zu ihr geſagt, denn ſeit drei Tagen lebe und beſtehe ich nicht, ich bete Euch in dem Grade an, daß ich nicht mehr Straße Beau⸗ treillis, ſondern Straße Saint⸗Antoine, an der Ecke der Straße Saint⸗Katharine wohne, und die Wohnung nur gewechſelt habe, um Euch ein⸗ und aus gehn zu ſe⸗ hen; wenn Ihr meiner wieder beduͤrft, um ſchoͤne Edel⸗ leute zu verbinden, ſo muͤßt Ihr mich alſo nicht in mei⸗ ner alten Wohnung, ſondern in meiner neuen auf⸗ ſuchen.. — Still! hat ſie geſagt. — Ah! Ihr ſeht wohl! habe ich geantwortet. — und auf dieſe Weiſe hat ſich unſere Bekanntſchaft gemacht oder vielmehr wieder angeknuͤpft. — So daß Du jetzt!... — Ich ſo gluͤcklich bin, als ein Liebhaber es ſein kann;... mit Gertruden, wohl verſtanden, Alles iſt beziehungsweiſe; aber ich bin mehr als gluͤcklich, ich bin auf dem Gipfel der Gluͤckſeligkeit, da ich dazu ge⸗ langt bin, wozu ich in Eurem Intereſſe gelangen wollte. — Aber ſie wird vielleicht vermuthen? — Nichts; ich habe nicht einmal mit ihr von Euch geſprochen. Kennt etwa der arme Remy⸗le⸗Haudouin vornehme Edelleute wie der Herr von Buſſy? Nein, ich habe ſie nur auf eine gleichguͤltige Weiſe gefragt: Und geht es Eurem jungen Herrn beſſer? — Welchem jungen Herrn? 8 — 38— .— Dieſem Cavalier, den ich bei Euch verbunden habe. — Das iſt nicht mein junger Herr, hat ſie geant⸗ wortet. — Ah! Weil er in dem Bette Eurer Gebieterin lag, ſo habe ich geglaubt... habe ich erwidert. — O mein Gott, nein, armer junger Mann, hat ſie mit einem Seufzer geantwortet, er ging uns Nichts an, durchaus Nichts; wir haben ihn ſogar ſeitdem nur ein Mal wieder geſehn. —= Dann wißt Ihr alſo nicht einmal ſeinen Namen? habe ich gefragt. — O doch! — Ihr koͤnntet ihn gewußt, aber wieder vergeſſen haben. — Das iſt kein Name, den man vergißt. — Wie heißt er denn? 1 — Habt Ihr zuweilen von Herrn von Buſſy ſpre⸗ chen hoͤren? — Bei Gott, habe ich geantwortet, Buſſy, der ta⸗ pfere Buſſy! — Nun denn; er iſt es ſelbſt! — Dann, die Dame? 5 — Meine Gebieterin iſt verheirathet, mein Herr. — Man iſt verheirathet, man iſt treu, und dennoch denkt man zuweilen an einen ſchoͤnen jungen Mann, den man... waͤre es auch nur einen Augenblick, geſehen hat, beſonders, wenn dieſer ſchoͤne junge Mann verwun⸗ det, intereſſant war, und in unſerem Bette gelegen hat. * den ant⸗ lag, hat chts nur aen? eſſen ſpre⸗ r ta⸗ rr. moch „den ſehen wun⸗ hat. 2 — 39— — Um offenherzig zu ſein, hat Gertrude geantwor⸗ tet, ſage ich demnach auch nicht, daß meine Gebieterin nicht an ihn denkt. Eine gluͤhende Roͤthe uͤberzog Buſſys Stirn. — Wir ſprechen ſogar jedes Mal von ihm, hat Gertrude hinzugefuͤgt, wenn wir allein ſind. — Vortreffliches Maͤdchen! rief der Graf aus. — Und was ſagt Ihr von ihm? habe ich gefragt. — Ich erzaͤhle ſeine Heldenthaten, was nicht ſchwer iſt, da in ganz Paris nur die Rede von den Schwerdt⸗ ſtoͤßen iſt, die er austheilt und die er empfaͤngt. Ich habe meiner Gebieterin ſogar ein kleines Lied gelehrt, das ſehr in der Mode iſt. — Ach, ich kenne es, habe ich geantwortet; iſt es nicht das: Un beau chercheur de noise, G'est le seigneur d'Amboise. Tendre et fidèele aussi, C'est Monseigneur Bussy. (Ein tuͤchtiger Haͤndelſucher iſt der Herr von Am⸗ boiſe. Auch zaͤrtlich und getreu iſt der gnaͤdige Herr von Buſſy.) — Ganz Recht! hat Gertrude ausgerufen. ☚ So daß meine Gebieterin nur noch das ſingt. 1 Buſſy druͤckte dem jungen Arzte die Hand, ein un⸗ ausſprechlicher Schauder der Wonne war durch ſeine Adern gerollt. 9 8 — 40— — Iſt das Alles? ſagte er, ſo unerſaͤttlich iſt der Menſch in ſeinen Wuͤnſchen. — Das iſt es, gnädiger Herr. O! Ich werde ſpaͤ⸗ terhin noch mehr erfahren; aber, was der Teufel, man kann in einem Tage,... oder vielmehr in einer Nacht, nicht Alles erfahren. — ht, III. Vater und Tochter. Dieſer Bericht Remys machte Buſſy ſehr gluͤck⸗ lich; in der That, er machte ihn mit zwei Dingen be⸗ kannt: Zuvoͤrderſt, daß Herr von Monſoreau immer noch eben ſo ſehr gehaßt ſei, und dann, daß er, Buſſy, bereits mehr geliebt waͤre. Und dann erquickte dieſe aufrichtige Freundſchaft des jungen Mannes fuͤr ihn ſein Herz. In allen Gefuͤhlen, welche vom Himmel kommen, liegt ein Aufbluͤhen un⸗ ſeres ganzen Weſens, das unſere Kraͤfte zu verdoppeln ſuein Man fuͤhlt ſich gluͤcklich, weil man ſich gut uͤhlt. Buſſy ſah demnach ein, daß jetzt keine Zeit mehr zu verlieren waͤre, und daß jeder Schauder des Schmer⸗ zes, welcher das Herz des Greiſes beklemme, faſt eine Ruchloſigkeit waͤre: es findet ein ſolcher Umſturz der — 42— Geſetze der Natur bei einem Vater ſtatt, der den Tod ſeiner Tochter beweint, daß derjenige, welcher dieſen Vater mit einem Worte troͤſten kann, den Fluch aller Vaͤter verdient, wenn er ihn nicht troͤſtet. Als er in den Hof hinabging, fand Herr von Me⸗ ridor ein friſches Pferd, das Buſſy fuͤr ihn hatte ſat⸗ teln laſſen. Ein anderes erwartete Buſſy: alle Beide ſtiegen zu Pferde und brachen von Remy begleitet auf. Sie gelangten in die Straße Saint-Antoine nicht ohne großes Erſtaunen des Herrn von Mséridor, der ſeit zwanzig Jahren nicht nach Paris gekommen war, und der nach dem Stampfen der Pferde, dem Geſchrei der Diener, dem weit haͤufigeren Voruͤberfahren von Kut⸗ ſchen, Paris ſeit der Regierung Heinrichs II, ſehr veraͤn⸗ dert fand. Aber trotz dieſes Erſtaunens, das faſt an Bewun⸗ derung graͤnzte, bewahrte der Baron nichts deſto we⸗ niger eine Traurigkeit, die in dem Maße zunahm, als er ſich dem unbekannten Ziele ſeines Rittes näherte. Wie wuͤrde ihn der Herzog empfangen, und welche neuen Leiden kongten aus dieſer Zuſammenkunft hervorgehn? Dann fragte er ſich von Zeit zu Zeit, indem er Buſſy mit Verwunderung anblickte, durch welche ſeltſame Nachgiebigkeit er ſo weit gekommen ſei, faſt blindlings dem Hofmanne eines Prinzen zu folgen, dem er all ſein Ungluͤck verdankte? Wuͤrde es nicht bei Weitem eher ſei⸗ ner Wuͤrde angemeſſen geweſen ſein, dem Herzoge von Anjou zu trotzen, und ſtatt Buſſy ſo zu begleiten, wo⸗ hin es ihm ihn zu fuͤhren gefiele, geraden Weges nach 4 — 43— dem Louvre zu gehen, und ſich dem Koͤnige zu Fuͤßen zu werfen? Was konnte ihm der Prinz ſagen? Ja, was vermogte er, ihn zu troͤſten? Gehoͤrte er nicht zu denen, welche gleich einem voruͤbergehend wirkenden Balſame vergoldete Worte auf die Wunden legen, die ſie geſchlagen haben, aus deren Gegenwart man ſich aber kaum entfernt hat, und die Wunde blutet heftiger und ſchmerzlicher, als zuvor? So gelangte man in die Straße Saint-Paul. Wie ein ſchlauer Feldherr, hatte Buſſy Remy voraus gehen laſſen, welcher den Auftrag hatte, den Weg auszukund⸗ ſchaften und die Mittel zur Einfuͤhrung in den Platz vorzubereiten. Dieſer Letztere wandte ſich an Gertruden, und kehrte zuruͤck, ſeinem Herrn zu ſagen, daß kein Hut, kein Schwerdt die Hausflur, die Treppe, oder den Vorplatz verſperrten, welche nach dem Zimmer der Frau von Monſoreau fuͤhrten. Wie man ſich wohl denken wird, geſchahen alle dieſe Berathungen zwiſchen Buſſy und le Haudouin mit leiſer Stimme. Waͤhrend dieſer Zeit blickte der Baron mit Erſtau⸗ nen um ſich. — ECi was, fragte er halblaut, dort wohnt der Herzog von Anjou? Und das beſcheidene Ausſehn des Hauſes begann ihm ein Gefuͤhl von Mißtrauen einzufloͤßen. — Nicht gerade, mein Herr, antwortete Buſſy laͤ⸗ -— 4l))— chelnd, aber, wenn das nicht ſeine Wohnung iſt, ſo iſt es die einer Dame, welche er geliebt hat. Eine Wolke legte ſich auf die Stirn des alten Sde⸗ mannes. — Wir Leute aus der Provinz, mein Herr, ſagte er, indem er ſein Pferd anhielt, ſind an dieſe Gebraͤuche nicht gewoͤhnt; die leichten Sitten von Paris entſetzen uns ſo ſehr, daß wir Euren Geheimniſſen gegenuͤber nicht leben koͤnnen. Ich meine, wenn dem Herzoge von Anjou daran liegt, den Baron von Moridor zu ſehen, dieſes in ſeinem Pallaſte, und nicht in dem Hauſe einer ſeiner Geliebten geſchehen muͤßte. Und dann, fuͤgte der Greis mit einem tiefen Seufzer hinzu, warum fuͤhrt Ihr, der Ihr mir ein rechtſchaffener Mann zu ſein ſcheint, mich zu einer dieſer Frauen? Etwa um mich verſtehen zu laſſen, daß meine arme Diana noch leben wuͤrde, wenn ſie, als die Herrin dieſer Wohnung, die Schande dem Tode vorgezogen haͤtte? — Ei was, ei was, Herr Baron, ſagte Buſſy, mit jenem biederen Laͤcheln, das ſein groͤßtes Ueberzeu⸗ 4 gungsmittel gegen den Greis geweſen war, macht nicht im Voraus falſche Schluͤſſe. Auf mein Wort als Edel⸗ mann, es handelt ſich hier nicht um das, was Ihr meint. Die Dame, welche Ihr ſehen werdet, iſt voll kommen tugendhaft und aller Achtung wuͤrdig. — Aber wer iſt ſie denn? — Sie iſt... ſie iſt die Gattin eines Edelmannes Eurer Bekanntſchaft. 4 — 45— — In Wahrheit? Aber warum ſagt Ihr dann, mein Herr, daß der Prinz ſie geliebt hat? — Weil ich immer die Wahrheit ſage, Herr Ba⸗ ron; tretet ein und Ihr werdet Euch durch Euch ſelbſt davon uͤberzeugen, indem Ihr das in Erfuͤllung gehen ſeht, was ich Euch verſprochen habe. — Nehmt Euch in Acht, ich beweinte mein gelieb⸗ tes Kind, und Ihr habt mir geſagt: Troͤſtet Euch, mein Herr, denn die Barmherzigkeit Gottes iſt groß; mir einen Troſt fuͤr meine Leiden zu verſprechen, iſt faſt, mir ein Wunder zu verſprechen. — Tretet ein, mein Herr, wiederholte Buſſy mit demſelben Laͤcheln, welches den alten Edelmann immer verfuͤhrte. 3 Der Baron ſtieg vom Pferde. Gertrude war ganz erſtaunt auf die Schwelle der Thuͤre herbeigeeilt, und blickte le Haudouin, Buſſy und den Greis mit beſtuͤrztem Auge an, indem ſie nicht zu errathen vermogte, durch welche Berechnung der Vor⸗ ſehung ſich dieſe drei Maͤnner bei einander befaͤnden. — Meldet der Frau von Monſoreau, ſagte der jun⸗ ge Graf, daß Herr von Buſſy zuruͤck ſei und ſie auf der Stelle zu ſprechen wuͤnſche. Aber, bei Eurer Seele, fuͤgte er leiſe hinzu, ſagt ihr kein Wort von der Per⸗ ſon, welche mich begleitet. — Frau von Monſoreau! ſagte der Greis auf das Hoͤchſte erſtaunt, Frau von Monſoreau! — Tretet ein, Herr Baron, ſagte Buſſy, indem er Herrn Auguſtin in die Hausflur ſchob. — 46— Waͤhrend der Greis wankenden Schrittes die Treppe hinauf ſtieg, hoͤrte man nun Dianens Stimme, welche mit einem ſeltſamen Beben antwortete: — Herr von Buſſy, ſagſt Du, Gertrude, Herr von Buſſy? Wohlan, laß ihn eintreten! — Dieſe Stimme, rief der Baron aus, indem er ploͤtzlich mitten auf der Treppe ſtehen blieb, dieſe Stim⸗ me! O, mein Gott! Mein Gott! — Geht doch hinauf, Herr Baron, ſagte Buſſy. Aber im ſelben Augenblicke, und als ſich der Ba— ron an dem Gelaͤnder hielt und um ſich blickte, leuchtete ploͤtzlich auf der Hoͤhe der Treppe, in vollem Lichte un⸗ ter einem goldigen Sonnenſtrahle, Diana, ſchoͤner als jemals und laͤchelnd, obgleich ſie nicht erwartete, ihren Vater wiederzuſehen. Bei dieſem Anblicke, den er fuͤr irgend eine magi⸗ ſche Erſcheinung hielt, ſtieß der Greis einen ſchrecklichen Schrei aus, und mit ausgeſtreckten Armen, ſtarren Au⸗ gen, bot er ein ſo vollkommenes Bild des Schreckens und der Geiſtesverwirrung, daß Diana, im Begriffe ſich an ſeinen Hals zu werfen, nun auch entſetzt und be⸗ ſtuͤrzt ſtehen blieb. Der Baron, indem er die Hand ausſtreckte, fand Buſſys Schulter in ſeinem Bereiche, und ſtuͤtzte ſich darauf. 3 — Diana, lebend! murmelte der Baron von Me⸗ ridor, Diana! Meine Diana, von der man mir ge⸗ ſagt hatte, daß ſie todt waͤre, o, mein Got! 14 Und dieſer ſtarke Krieger, der ſo kraͤftigen Anth ſeine meni an den fremden und an den Buͤrgerkriegen genommen, die ihn beſtaͤndig verſchont hatten, dieſe alte Eiche, wel⸗ che der Donnerſchlag von Dianens Tode hatte ſtehen laſſen, dieſer rieſige Kaͤmpfer, der ſo gewaltig gegen den Schmerz gerungen hatte, wich durch die Freude vernich⸗ tet, gebrochen, mit wankenden Knieen zuruͤck, und waͤre ohne Buſſy bei dem Anblicke dieſes geliebten Bildes, das in verworrene Atome getheilt vor ſeinen Augen wirbelte von der Hoͤhe der Treppe herabgeſtuͤrzt, zu Boden geſunken. — Mein Gott, Herr von Buſſy, rief Diana aus, indem ſie haſtig die wenigen Stufen der Treppe hinab⸗ ſchritt, welche ſie von dem Greiſe trennten, was hat denn mein Vater? Und, entſetzt uͤber dieſe ploͤtzliche Blaͤſſe und die ſeltſame Wirkung, welche dieſes Zuſammentreffen, das ſie fuͤr im Voraus gemeldet halten mußte, hervorge⸗ bracht hatte, befrug ihn die junge Frau mehr noch mit den Augen, als mit der Stimme. — Der Herr Baron von Moridor hielt Euch fuͤr todt, und er beweinte Euch, gnaͤdige Frau, wie ein Vater, wie er, eine Tochter, wie Ihr, beweinen muß. — Wie, rief Diana aus, und Niemand hatte ihn enttaͤuſcht? — Niemand. — O, nein, nein, Niemand, rief der Greis aus ſeiner voruͤbergehenden Vernichtung wieder zu ſich kom⸗ mend aus, Niemand, nicht einmal Herr von Buſſp. — 28— — undankbarer! ſagte der Edelmann im Tone ſanf⸗ ten Vorwurfes. — O, ja, antwortete der Greis, ja, Ihr habt Recht, denn das iſt ein Augenblick, der mir alle meine Leiden verguͤtet. O, meine Diana, meine geliebte Dia⸗ na, fuhr er fort, indem er mit der einen Hand den Kopf ſeiner Tochter wieder an ſeine Lippen druͤckte und die andere Buſſy reichte. Dann, ploͤtzlich, indem er den Kopf wieder aufrich⸗ tete, als ob eine ſchmerzliche Erinnerung oder eine neue Furcht, trotz dem Panzer der Wonne, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, der es umgeben, in ſein Herz ge⸗ drungen waͤre: — Aber was ſagtet Ihr mir doch, Herr von Buſſy, daß ich Frau von Monſoreau ſehen wuͤrde; wo iſt ſie! — Ach, mein Vater, fluͤſterte Diana. Buſſy ſammelte alle ſeine Kraͤfte. 4 — Ihr habt ſie vor Euch, ſagte er, und der Graf von Monſoreau iſt Euer Schwiegerſohn. — Ei, was? ſtammelte der Greis, Herr von Mon⸗ ſoreau mein Schwiegerſohn, und alle Welt, Du, Dia⸗ na, er ſelbſt, alle Welt hat mich daruͤber in Unwiſſen⸗ heit gelaſſen? — Ich zitterte Euch zu ſchreiben, mein Vater, aus Furcht, daß der Brief in die Haͤnde des Prinzen fal⸗ len moͤgte. Außerdem glaubte ich, daß Ihr Alles wuͤßtet. — Aber zu welchem Zwecke, fragte der Greis, wozu alle dieſe ſeltſamen Geheimniſſe? ——ꝛ— — O, ja, mein Vater, bedenkt das, rief Diana aus, warum hat Herr von Monſoreau Euch glauben laſſen, daß ich todt waͤre? Warum hat er Euch dar⸗ uͤber in Unwiſſenheit gelaſſen, daß er mein Gatte waͤre? Zitternd, als ob er ſich gefuͤrchtet haͤtte, ſeinen Blick bis auf den Grund dieſer Finſterniß zu heften, befragte der Baron ſchuͤchtern mit dem Blicke die fun⸗ kelnden Augen ſeiner Tochter und die verſtaͤndige Schwer⸗ muth Buſſys. Waͤhrend dieſer Zeit hatte man den Salon erreicht. — Herr von Monſoreau mein Schwiegerſohn! ſtam⸗ melte immer noch der Baron von Moridor vernich⸗ tet. — Das kann Euch nicht verwundern, antwortete Diana im Tone ſanften Vorwurfes. Habt Ihr mir nicht befohlen, ihn zu heirathen, mein Vater? — Ja, wenn er Dich rettete. — Nun denn, er hat mich gerettet, ſagte Diana dumpf, indem ſie auf einen neben ihrem Betſtuhle ſte⸗ henden Seſſel ſank. Er hat mich gerettet, nicht aus dem Ungluͤcke, aber zum Mindeſten vor der Schande. — Wacum hat er mich denn an Deinen Tod glau⸗ ben laſſen koͤnnen, mich, der ich ihn ſo bitterlich be⸗ weinte? wiederholte der Greis. Warum ließ er mich vor Verzweifelung ſterben, wo doch ein einziges Wort, ein einziges, mich dem Leben wiedergeben konnte? — O, dahinter ſteckt noch irgend eine Falle, rief Diana aus. Ihr werdet mich nicht mehr verlaſſen, Die Dame von Monſoreau Dritter Band. 4 — 50— mein Vater; Ihr werdet mich beſchuͤtzen, Herr von Buſſy, nicht wahr? 3— Leider, gnaͤdige Frau, ſagte der junge Mann, indem er ſich verneigte, kommt es mir nicht mehr zu, in die Geheimniſſe Eurer Familie zu dringen. Als ich das ſeltſame Verfahren Eures Gatten ſah, habe ich Euch einen Beſchuͤtzer aufſuchen duͤrfen, den Ihr aner⸗ kennen durftet. Dieſen Beſchuͤtzer habe ich Euch von Meridor geholt. Ihr ſeid bei Eurem Vater, ich ziehe mich zuruͤck. — Er hat Recht, ſagte der Greis betruͤbt. Herr von Monſoreau hat den Zorn des Herzogs von Anjou gefuͤrchtet, und Herr von Buſſy fuͤrchtet ihn jetzt auch. Diana warf dem jungen Manne einen ihrer Blicke zu, und dieſer Blick bedeutete: — Ihr, den man den tapferen Buſſy nennt, habt Ihr Furcht vor dem Herzoge von Anjou, wie Herr von Monſoreau Furcht vor ihm haben konnte? Buſſy verſtand Dianas Blick und laͤchelte. — Ich bitte Euch, Herr Baron, ſagte er, verzeiht mir die ſeltſame Frage, die ich Euch zu ſtellen bitten werde, und Ihr, gnaͤdige Frau, entſchuldigt mich im Namen der Abſicht, die ich habe, Euch dienſtfertig zu ſein. Alle Beide blickten einander erwartungsvoll an. — Herr Baron, begann Buſſy wieder, ich bitte Euch, fragt Frau von Monſoreau... Und er betonte dieſe letzten Worte, welche die junge zeiht ditten h im ig zu bitte junge 4 1 1 — 51— Frau erbleichen ließen. Buſſy ſah den Schmerz, den er Diana verurſacht hatte, und begann wieder: — Fragt Eure Tochter, ob ſie gluͤcklich uͤber die Ehe iſt, welche Ihr derſelben geboten, und in die ſie eingewilligt hat. Diana faltete die Haͤnde und brach in Schluchzen aus. Das war die einzige Antwort, welche ſie Buſſy zu geben vermogte. Freilich haͤtte keine andere ſo be⸗ ſtimmt ſein koͤnnen. Die Augen des alten Barons fuͤllten ſich mit Thraͤ⸗ nen, denn er begann einzuſehen, daß ſeine vielleicht zu voreilige Freundſchaft fuͤr Herrn von Monſoreau gar ſehr zu dem Ungluͤcke ſeiner Tochter beigetragen haͤtte. — Jetzt iſt es alſo wahr, mein Herr, ſagte Buſſy, daß Ihr, ohne durch irgend eine Liſt oder ⸗durch irgend eine Gewaltthaͤtigkeit dazu genoͤthigt zu ſein, die Hand Eurer Tochter Herrn von Monſoreau gegeben habt? — Ja, wenn er ſie rettete. — Und er hat ſie wirklich gerettet. Dann habe ich nicht noͤthig Euch zu fragen, mein Herr, ob es Eure Abſicht iſt, Euer Wort verpfaͤndet zu laſſen? — Das iſt ein Geſetz fuͤr Alle und beſonders fuͤr Edelleute, und Ihr muͤßt beſſer, als jeder Andere, wiſ⸗ ſen, das zu halten, was man verſprochen hat. Herr von Monſoreau baenach ihrem eigenen Eingeſtaͤndniſſe, das umnener ochter gerettet, meine Tochter ge⸗ hoͤrt alſo Herrn von Monſoreau. — Ach, fluͤſterte die junge Frau, warum bin ich nicht geſtorben? — 52— .— Ihr ſeht wohl, gnaͤdige Frau, ſagte Buſſy, daß ich Recht hatte Euch zu ſagen, daß ich Nichts mehr hier zu thun haͤtte. Der Herr Baron giebt Euch dem Herrn von Monſoreau, und Ihr habt ihm ſelbſt ver⸗ ſprochen, Euch ihm fuͤr den Fall hinzugeben, daß Ihr Euren Vater wohlbehalten wiederſehen wuͤrdet. — Ach, Ihr zerreißt mir das Herz, Herr von Buſ⸗ ſy, rief Frau von Monſoreau aus, indem ſie zu dem jungen Manne trat; mein Vater weiß nicht, daß ich mich vor dieſem Manne fuͤrchte; mein Vater weiß nicht, daß ich ihn haſſe; mein Vater beharrt darauf, in ihm meinen Retter zu ſehn, und ich, von meinem Inſtincte aufgeklaͤrt, ich beharre darauf, zu ſagen, daß dieſer Mann mein Henker iſt. — Diana, Diana, rief der Baron aus, er hat Dich gerettet! — Ja, rief Buſſy aus den Schranken fortgeriſſen aus, in denen ihn ſeine Vorſicht und ſein Zartgefuͤhl bis jetzt zuruͤckgehalten hatten. Ja, aber wenn die Ge⸗ fahr minder groß war, als Ihr glaubtet, wenn die Ge⸗ fahr erkuͤnſtelt, was weiß ich, war? Hoͤrt, Baron, es ſteckt dahinter irgend ein Geheimniß, das mir auf⸗ 4 zuklaͤren uͤbrig bleibt, und das ich aufklaͤren werde. Aber das kann ich Euch verſichern, Gluͤck gehabt haͤtte, mich an der 8 Herrn von Monſoreau zu befinden, ſo haͤtt und ſchoͤne Tochter auch vor der Ente i gerettet, aber ſo wahr Gott mich hoͤrt, ich hähh ſie dieſe nicht bezahlen laſſen. , wenn ich das nſchuldige 4 n n 82 — 23— — Er liebte ſie, ſagte Herr von Meridor, der ſelbſt Alles das fuͤhlte, was Abſcheuliches in dem Verfahren des Herrn von Monſoreau lag, man muß wohl der Liebe verzeihen. — Und ich denn, rief Buſſy aus, liebe ich etwa... Aber entſetzt uͤber dieſe Aeußerung, die ſeinem Her⸗ zen unwillkuͤrlich entſchluͤpfen wollte, unterbrach ſich Buſ⸗ ſy, und nur der aus ſeinen Augen ſpruͤhende Blitz voll⸗ endete den auf ſeinen Lippen unterbrochenen Satz. — Nun denn, ſagte ſie erroͤthend, Ihr habt mich verſtanden, nicht wahr? Wohlan, mein Freund, mein Bruder, Ihr habt dieſe beiden Rechte in Anſpruch ge⸗ nommen, und ich gebe ſie Euch. Wohlan, mein Freund, wohlan, mein Bruder, vermoͤgt Ihr Etwas fuͤr mich? — Aber der Herzog von Anjou, der Herzog von Anjou! murmelte der Greis, der immer das Ungewit⸗ ter, das ihn bedrohete, in dem Zorne der Koͤniglichen Hoheit grollen hoͤrte. — Ich gehoͤre nicht zu denen, welche den Zorn der Prinzen fuͤrchten, Herr Auguſtin, antwortete der junge Mann, und ich muͤßte mich ſehr irren, oder wir ha⸗ ben dieſen Zorn nicht zu fuͤrchten. Wenn Ihr wollt, Herr von Möridor, ſo will ich Euch mit dem Prinzen ſo befreunden, daß er Euch gegen Herrn von Monſo⸗ reau beſchuͤtzen ird, von dem, glaubt es mir, die wahre G erruͤhrt, die unbekannte, aber gewiſſe, die unſſchtbare, aber vielleicht unvermeidbare Gefahr. — Aber, wenn der Herzog erfaͤhrt, daß Diana eb ſo iſt Alles verloren, ſagte der Greis. — Wohlan, ſagte Buſſy, ich ſehe wohl, daß Ihr, was ich Euch auch habe ſagen moͤgen, Herrn von Mon⸗ ſoreau eher und mehr, als mir glaubt. Sprechen wir nicht mehr davon, ſchlagt mein Anerbieten aus, Herr Baron, weiſet die allmaͤchtige Unterſtuͤtzung zuruͤck, die ich Euch zu Huͤlfe rief. Werft Euch in die Arme des r Mannes, der Euer Vertrauen ſo gut gerechtfertigt hat. Ich habe es Euch geſagt: Ich habe mein Werk voll⸗ ſt bracht, ich habe Nichts mehr hier zu thun. Lebt wohl, Herr Auguſtin, lebt wohl, gnaͤdige Frau, Ihr werdet mich nicht mehr ſehen, ich ziehe mich zuruͤck, lebt wohl! — O, rief die junge Frau aus, indem ſie die Hand des jungen Mannes ergriff, habt Ihr mich einen Au⸗ genblick lang erſchwachen, habt Ihr mich zu ihm zu⸗ ruͤckkehren ſehen? Nein. Ich bitte Euch knieend dar⸗ um, verlaßt mich nicht, Herr von Buſſy, verlaßt mich nicht. 4 Buſſy druͤckte die ſchinm, flehenden Haͤnde Dia⸗ nas, und ſein ganzer Zorn ſchwand, wie jener Schnee ſchwindet, den auf dem Gipfel der Berge das warme Laͤcheln der Maiſonne ſchmilzt. — Wenn dem ſo iſt, ſagte Buſſy, dann laſſe ich es mir gefallen, gnaͤdige Frau; ja, ich nehme die hei⸗ lige Sendung an, die Ihr mir anvertraut, und bevor drei Tage vergehen, denn ich brauche die Zeit, um wie⸗ der zu dem Prinzen zu kommen, der, wie man ſagt, auf einer Wallfahrt nach Chartres mit dem Koͤnige iſt, vor Ablauf von drei Tagen werdet Ihr Neues hörem oder ich will meinen Namen Buſſy verlieren. 4 . Ihr, Mon⸗ wir Herr , die e des hat. voll⸗ vohl, derdet vohl! Hand Au⸗ n zu⸗ dar⸗ mich Dia⸗ chnee arm ſe ich 2 hei⸗ bevor wie⸗ ſagt, ge iſt, 8 oͤren, Und indem er ſich ihr mit einer Trunkenheit naͤ⸗ herte, die zu gleicher Zeit ſeinen Athem und ſeinen Blick entflammte, ſagte er leiſe zu ihr: — Wir ſind Verbuͤndete gegen Monſoreau, erinnert Euch, daß er es nicht iſt, der Euch Euren Vater zu⸗ ruͤckgefuͤhrt hat, und ſeid mir nicht treulos. Und ein letztes Mal die Hand des Barons druͤckend, ſtuͤrzte er aus dem Zimmer. IV. Wie Bruder Gorenflot erwachte, und von der Aufnahme, die ihm in ſeinem Kloſter bereitet wurde. Wir haben unſeren Freund Chicot verlaſſen, wie er in Entzuͤcken den nicht unterbrochenen Schlaf und das koͤſtliche Schnarchen des Bruders Gorenflot betrachtete; er gab dem Gaſtwirthe einen Wink, ſich zu entfernen, nachdem er ihm vor allen Dingen anempfohlen hatte, dem wuͤrdigen Bruder Nichts davon zu ſagen, daß um zehn Uhr Abends ausgegangen und um drei un 4 Morgens zuruͤckgekehrt waͤre.— 3 lich, daß in dem Verkehre, welcher zwiſchen dem Nar⸗ ren und dem Moͤnche beſtand, immer der Narr es war, welcher bezahlte, ſo hielt er den Narren in großer Ach⸗ tung, waͤhrend er nur eine ſehr geringe Verehrung ge⸗ gen den Moͤnch hatte. n Er verſprach dem zu Folge Chicot, in keinem Falle den Mund uͤber die Ereigniſſe der Nacht aufzu⸗ Da Meiſter Bonhommet Eines bemerkt hatte, naͤm⸗ hme, thun, und entfernte ſich, indem er die beiden Freunde in der Dunkelheit ließ, wie es ihm anempfohlen wor⸗ den war. Bald darauf wurde Chicot Etwas gewahr, was ſeine Bewunderung erregte, naͤmlich, daß Bruder Go⸗ renflot zu gleicher Zeit ſchnarchte und ſprach, was, nicht etwa, wie man glauben koͤnnte, ein mit Gewiſſensbiſ⸗ ſen erfuͤlltes Bewußtſein, ſondern einen mit Speiſen uͤberladenen Magen andeutete. Die Worte, welche Gorenflot in ſeinem Schlafe ausſprach, bildeten, wieder aneinander gerichtet, eine abſcheuliche Miſchung von heiliger Beredtſamkeit und bacchiſcher Grundſätze. Indeſſen wurde Chicot gewahr, daß, wenn er in gaͤnzlicher Dunkelheit bliebe, er große Muͤhe haben wuͤr⸗ de, die Zuruͤckgabe zu bewerkſtelligen, die ihm noch zu vollziehen uͤbrig blieb, damit Gorenflot bei ſeinem Er⸗ wachen Nichts ahne; in der That, er konnte in der Dunkelheit auf eines der vier Gliedmaßen des Moͤnches treten, deren verſchiedene Lage er nicht kannte, und ihn durch den Schmerz aus ſeiner Schlafſucht erwecken. Chicot blies demnach auf die Kohlen des Kamines, um den Schauplatz ein wenig zu erleuchten. Bei dem Geraͤuſche dieſes Blaſens hoͤrte Gorenflot auf zu ſchnarchen und murmelte: — Meine Bruͤder, das iſt ein grimmiger Wind; das iſt der Hauch des Herrn, das iſt der Athem, der mich begeiſtert. Und er begann wieder zu ſchnarchen. — 58— Chicot wartete einen Augenblick, damit der Schlaf wieder ſeinen ganzen Einfluß erlangt haͤtte, und begann den Moͤnch aufzuwickeln. — Brrrr, machte Gorenflot. Welche Kaͤlte! Das wird das Reifen der Trauben verhindern. Chicot hielt in ſeiner Verrichtung inne, die er einen Augenblick nachher wieder begann. — Ihr kennt meinen Eifer, meine Bruͤder, fuhrt der Moͤnch fort, Alles fuͤr die Kirche und fuͤr Seine Gnaden, den Herzog von Guiſe. — Schuft! ſagte Chicot. — Das iſt meine Meinung, begann Gorenflot wie⸗ der, aber el iſt gewiß. — Was iſt gewiß? fragte Chicot, indem er den Moͤnch aufhob, Um ihm ſeine Kutte uͤberzuziehen. 3 — Es iſt gewiß, daß der Menſch weit ſtaͤrker iſt, als der Wein; Bruder Gorenflot hat gegen den Wein gekaͤmpft, wie Jacob gegen den Engel, und Brude Gorenflot hat den Wein gebaͤndigt. 4 Chicot zuckte die Achſeln. m Dieſe unzeitige Bewegung ließ den Moͤnch ein Au aufſchlagen, und, uͤber ihn geneigt, ſah er das Laͤcheln Chicots, der bei dieſem ungewiſſen Schelne todtenbleich und Unheil bringend ausſah. — Ha, keine Geſpenſter, keine Kobolde, ſagte der Moͤnch, als ob er ſich gegen irgend einen Schutzgeiſt beklage, welcher das Buͤndniß vergaß, das er mit ihm abgeſchloſſen hatte. — Er iſt gaͤnzlich betrunken, ſagte Chicot, uaa Schlaf degann Das einen fuhr Seine t wie⸗ er den ker iſt, Wein Brude Augt aͤcheln nbleich te der i6geiſt t ihm indem er Gorenflot vollends in ſeine Kutte rollte, und ihm ſeine Kapuze wieder uͤber den Kopf zog. — So iſt es recht, lallte der Moͤnch, der Meßner hat die Chorthuͤre geſchloſſen, und der Wind blaͤßt nicht mehr herein. — Jetzt kannſt Du erwachen, wann Du willſſt, ſagte Chicot, es iſt mir ganz gleich. — Der Herr hat mein Gebet erhoͤrt, murmelte der Moͤnch, und der Nordwind, den er geſandt hatte, um die Reben erfrieren zu machen, hat ſich in lauen Ze⸗ phyr verwandelt. — Amen! ſagte Chicot. Und indem er ſich ein Kopfkiſſen aus Servietten und ein Laken aus dem Tiſchtuche machte, nachdem er auf moͤglichſt wahrſcheinliche Weiſe die leeren Flaſchen und die ſchmuzigen Teller geordnet, ſchlief er an der Seite ſeines Geſellſchafters ein. Dem hellen Tage, der ihm auf die Augen fiel, und der ſchneidenden Stimme des ſeine Kuͤchenjungen ſchmaͤylenden Wirthes, die in der Kuͤche erſchallte, ge⸗ lang es, den dichten Dunſt zu durchdringen, welcher die Begriffe Gorenflots einſchlaͤferte. Er erhob ſich, und es gelang ihm, ſich mit Huͤlfe ſeiner beiden Haͤnde auf dem Theile niederzulaſſen, den die vorſorgende Natur dem Menſchen gegeben hat, um ſein Hauptſchwerpunkt zu ſein. Nachdem er dieſe Anſtrengung nicht ohne Schwie⸗ rigkeit vollbracht, begann Gorenflot das bedeutungsvolle Durcheinander der Geſchirre zu betrachten, dann Chi⸗ hinz cot, der, durch die anmuthige Biegung eines ſeiner mer ei Arme ſo liegend, daß er Alles ſehen konnte, keine ein⸗ zige Bewegung des Moͤnches verlor; Chicot that, als ob er ſchnarche, und das mit einer Natuͤrlichkeit, wel Ton che dieſem merkwuͤrdigen Talente der Nachahmung, von zer dem wir bereits geſprochen, Ehre machte. wuͤr — Heller Tag! rief der Moͤnch aus. Sapperment, heller Tag! Es ſcheint, daß ich die Nacht hier zuge gen; bracht habe. Rat Dann, ſeine Gedanken ſammelnd, ſagte er: — und die Abtei! O, ol chen Er begann den Strick ſeiner Kutte wieder zuzu⸗ 3u 7 ſchnuͤren, eine Muͤhe, von der Chicot geglaubt hatte daß er ſie ſich nicht zu nehmen brauche. dun, — Das iſt gleich, ſagte er, ich habe einen ſeltſa⸗ men Traum gehabt; es war mir, als ob ich geſtorben, Moͤr und in ein mit Blut beflecktes Grabtuch gehuͤllt waͤre. Gefe Gorenflot irrte ſich nicht ganz; er hatte, als ei Gefe halb erwachte, das ihn einhuͤllende Tiſchtuch fuͤr ein die g Grabtuch, und die Weinflecke fuͤr Blutstropfen gehal etw ten. — Gluͤcklicher Weiſe war es ein Traum, ſagte Ge⸗ cen renflot, indem er von Neuem um ſich blickte. lich: Bei dieſer Muſterung verweilten ſeine Augen auf- Ehicot, welcher, fuͤhlend, daß der Moͤnch ihn anblickte, mit doppelter Gewalt ſchnarchte. gener — Was das ſchoͤn iſt, ein Trunkener! ſagte Goren⸗ d flot, indem er Chicot mit Bewunderung betrachtete. — Was er gluͤcklich iſt, ſo zu ſchlafen! füou⸗ ſeinen A, — 61— hinzu. Ach, das kommt daher, weil er ſich nicht in meiner Lage befindet. Und er ſtieß einen Seufzer aus, welcher auf die Tonhoͤhe von Chicots Schnarchen ſtieg, ſo daß der Seuf⸗ zer wahrſcheinlicher Weiſe den Gaskonier erweckt haben wuͤrde, wenn der Gaskonier wirklich geſchlafen haͤtte. — Wenn ich ihn weckte, um ihn um Rath zu fra⸗ gen? aͤußerte der Moͤnch, er iſt ein Mann von gutem Rath. Chicot verdreifachte die Doſis, und das Schnar⸗ chen, welches den Umfang der Orgel erreicht hatte, ging zu der Nachahmung des Donners uͤber. — Nein, begann Gorenflot wieder, das wuͤrde ihm zu viel Vortheil uͤber mich gewaͤhren. Ich werde wohl eine gute Luge ohne ihn finden. — Aber wie dieſe Luͤge auch ſein moͤge, fuhr der Moͤnch fort, ich werde gewaltige Muͤhe haben, dem Gefaͤngniß zu entgehen. Wenn es nur noch blos das Gefaͤngniß waͤre, aber das Brod und Waſſer, welche die Folgen davon ſind. Haͤtte ich nur zum Mindeſten etwas Geld, um den Bruder Kerkermeiſter zu beſte⸗ chen!.. Als er das hoͤrte, zog Chicot vorſichtig einen ziem⸗ lich runden Geldbeutel aus ſeiner Taſche, den er unter ſeinem Leibe verbarg. Das war keine vergebliche Vorſicht; niedergeſchla⸗ gener, als jemals, naͤherte ſich Gorenflot ſeinem Freun⸗ de, und murmelte folgende ſchwermüthigen Worte: — Wenn er wach waͤre, ſo wuͤrde er mir einen — 62— Thaler nicht ausſchlagen; aber ſein Schlaf iſt mir hei⸗ lig... und ich will ihn nehmen. Bei dieſen Worten neigte Bruder Gorenflot, der, nachdem er eine gewiſſe Zeit lang ſitzen geblieben, nie⸗ dergeknieet war, ſich nun ſeiner Seits uͤber Chicot, und durchſtoͤberte behutſamer Weiſe die Taſche des Schla⸗ fers. Trotz dem ihm von ſeinem Geſellſchafter gegebenen Beiſpiele hielt es Chicot doch nicht fuͤr angemeſſen, ſei— nen Schutzgeiſt anzurufen, und er ließ ihn nach Gefab⸗ len in der einen, wie in der andern Taſche ſeines Wammſes nachſuchen. 4— Das iſt ſonderbar, ſagte der Moͤnch, Nichts in den Taſchen. Ach, vielleicht in dem Hute. Waͤhrend der Moͤnch ſich auf die Nachforſchung machte, leerte Chicot ſeinen Geldbeutel in ſeine Hand und ſteckte ihn leer und platt wieder in die Taſche ſür nes Beinkleides. — Nichts in dem Hute, ſagte der Moͤnch, das verwundert mich. Mein Freund Chicot, der ein Nan voller Verſtand iſt, geht indeſſen niemals ohne Gah aus. Ach, alter Schlaukopf, fuͤgte er mit einem Ls cheln hinzu, welches ſeinen Mund bis an die Ohre aufriß, ich vergaß Deine Hoſen. Und ſeine Hand vorſichtig in Chicots Beintun ſteckend, zog er einen leeren Geldbeutel heraus. — Jeſus, murmelte er, und die Zeche, wer wi die bezahlen! 4 Dieſer Gedanke brachte auf den Moͤnch einen n 4 fen ſein denn dure zukr und tel, Fen dran ſinn auf welch und nach Moͤr imm Wei aus riger deutr auf Beſo blickt herve in de r hei⸗ der, , nie⸗ Ehicot, Schlaͤ⸗ ebenen , ſei⸗ Gefal⸗ ſeines hts in ſchung Hand che ſei „ da Nan Geh :m L Ohral nkleide r wit een tir — 63— fen Eindruck hervor, denn er machte ſich ſogleich auf ſeine Beine, und mit noch etwas ſchwankendem, aber dennoch raſchem Gange ſchritt er nach der Thuͤre zu, ging durch die Kuͤche, ohne mit dem Wirthe ein Geſpraͤch an— zuknuͤpfen, trotz dem dieſer ihm freundlich entgegen kam, und entfloh. Nun ſteckte Chicot ſein Geld wieder in ſeinen Beu⸗ tel, ſeinen Beutel in ſeine Taſche, und ſich an das Fenſter lehnend, durch welches bereits ein Sonnenſtrahl drang, vergaß er Gorenflot in einem tiefen Nach⸗ ſinnen. Inzwiſchen ſetzte der Bettelmoͤnch, ſeinen Zwergſack auf der Schulter, ſeinen Weg mit ernſter Miene fort, welche den Voruͤberkommenden Andacht ſcheinen konnte, und die nur Verlegenheit war, denn Gorenflot ſuchte nach einer jener koͤſtlichen Luͤgen Schwaͤnke machender Moͤnche oder verſpaͤteter Soldaten, Luͤgen, deren Grund immer derſelbe iſt, waͤhrend das Geſpinnſt ſich launiger Weiſe je nach der Phantaſie des Luͤgners ausſchmuͤckt. Sobald Bruder Gorenflot die Pforten des Kloſters aus der Ferne erblickte, ſchienen ſie ihm auch weit trau⸗ riger als gewoͤhnlich, und er ſchoͤpfte betruͤbende Vorbe⸗ deutungen aus der Gegenwart mehrerer Moöoͤnche, die ſich auf der Schwelle mit einander unterhielten und voller Beſorgniß abwechſelnd nach den vier Himmelsgegenden blickten. Kaum aber war er aus der Straße Saint⸗Jaeques hervorgetreten, als eine große von den Bruͤdern gerade in dem Momente, wo ſie ihn erblickten, bewirkte Be⸗ — 64— wegung ihm den graͤßlichſten Schrecken einjagte, den et je in ſeinem Leben empfunden hatte. — Sie ſprechen von mir, ſagte er; ſie deuten auf mich, ſie erwarten mich; man hat mich heute Nacht geſucht; meine Abweſenheit hat Aergerniß erregt. Ich bin verloren! Und der Kopf ſchwindelte ihm; eine thoͤrigte Iden zu fliehen ſtieg in ihm auf, aber ſchon kamen ihm meh— rere Moͤnche entgegen; man verfolgte ihn ohne Zweifel. Bruder Gorenflot ließ ſich Gerechtigkeit widerfahren, er wat nicht fuͤr das Wettrennen gebaut; er waͤre eingeholt, ge⸗ bunden, in das Kloſter geſchleppt worden; er zog dem nach die Ergebung vor. Mit geſenkten Ohren ſchritt er daher auf ſeine gr meraden zu, die zu zoͤgern ſchienen, ihn zuerſt anzu⸗ reden. — Ach, ſagte Gorenflot, ſie thun, als ob ſie mich nicht mehr kennen, ich bin ein Stein des Anſtoßes. Endlich wagte es Einer von ihnen, und indem auf Gorenflot zuſchritt, ſagte er: — Armer lieber Bruder! Gorenflot ſtieß einen Seufzer aus, und erhob die Augen gen Himmel. 8 — Ihr wißt, daß der Prior Euch erwartet, ſagte ein Anderer. — Ach, mein Gott! — O, mein Gott, ja, fuͤgte ein Dritter binzu⸗ hat geſagt, daß man Euch auf der Stelle zu ihm fuͤhren ſolle, ſobald Ihr in das Kloſter zuruͤckgekehrt waͤret. — Das iſt es, was ich fuͤrchtete, ſagte Gorenflot. Und mehr todt als lebendig trat er in das Kloſter, deſſen Pforte ſich wieder hinter ihm verſchloß. — Ah! Ihr ſeid es? rief der Bruder Pfoͤrtner aus. Kommt geſchwind, geſchwind, der ehrwuͤrdige Prior Jo⸗ ſeph Foulon verlangt nach Euch. Und Gorenflot bei der Hand ergreifend, fuͤhrte, oder vielmehr zog ihn der Bruder Pfoͤrtner bis in das Zim⸗ mer des Priors. Auch dort ſchloſſen ſich die Thuͤren wieder. Gorenflot ſchlug die Augen nieder, indem er dem erzuͤrnten Blicke des Abtes zu begegnen fuͤrchtete; er fuͤhlte ſich allein, von aller Welt verlaſſen, unter vier Au⸗ gen mit einem Oberen, der erzuͤrnt, gerechter Weiſe er⸗ zuͤrnt ſein mußte. — Ah! Ihr ſeid es, endlich, ſagte der Abt. — Mein Ehrwuͤrdiger... ſtammelte der Moͤnch. — Welche Beſorgniſſe habt Ihr mir verurſacht! ſagte der Prior. — Das iſt zu viel Guͤte, mein Vater, erwiderte Gorenflot, der dieſen nachſichtigen Ton nicht begreifen konnte, den er nicht erwartete. — Ihr habt Euch nach dem Auftritte dieſer Nacht gefuͤrchtet, zuruͤckzukehren, nicht wahr?. — Ich geſtehe, daß ich nicht zuruͤckzukehren gewagt habe, ſagte der Moͤnch, deſſen Stirn ſich mit kaltem Schweiß bedeckte. — Ah, lieber Bruder, lieber Bruder, ſagte der Abt, was Ihr da gethan habt, iſt ſehr unbeſonnen und ſehr unvorſichtig. Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. 5 — 66— — Laßt mich Euch erklaͤren, mein Vater... — und was habt Ihr noͤthig, mir zu erklaͤren? Euer Ausfall....*) — Sch habe nicht noͤthig, Euch zu erklaͤren, ſagte Gorenflot; um ſo beſſere denn ich war in Verlegenheit, es zu thun. — Ich begreife ihn vollkommen. Ein Moment des Entzuͤckens, und die Begeiſterung hat Euch fortgeriſſen; das Entzuͤcken iſt eine heilige Tugend, die Begeiſterung iſt ein geheiligtes Gefuͤhl; aber die uͤbertriebenen Tu⸗ genden werden faſt Laſter, die achtbarſten Gefuͤhle ſind, uͤberſpannt, tadelnswerth. — Verzeihung, mein Vater, ſagte Gorenflot, aber wenn Ihr begreift, ſo begreife ich nicht. Von welchem Ausfalle ſprecht Ihr? — Von dem, welchen Ihr heute Nacht gethan habt. — Außerhalb des Kloſters? fragte der Moͤnch ſchuͤchtern. 4 — Nicht doch; in dem Kloſter. — Ich habe einen Ausfall in dem Kloſter began⸗ gen, ich? — Ja, Ihr. Gorenflot kratzte ſich die Naſenſpitze. Er begann *) Votre sortie... heißt eben ſo gut: Euer Ausfall, — als Euer Ausgang u. ſ w. Dies zur Erklaͤrung des Folgenden, da ſich das Wortſpiel nicht wiedergi ben laͤßt. Anmerk. des Ueberſ. . aͤren? ſagte aheit, t des iſſen; erung Tu⸗ ſind, aber lchem habt. Noͤnch degan⸗ egann usfall laͤrung derge⸗ zu begreifen, daß er mit unterbrochenen Redensarten ſpielte. — Ich bin eben ſo guter Katholik, als Ihrz aber dennoch hat Eure Kuͤhnheit mich entſetzt. 1 — Meine Kuͤhnheit, ſagte Gorenflot, ich bin alſo ſehr kuͤhn geweſen? 3 — Mehr als kuͤhn, mein Sohn; Ihr ſeid vermeſ⸗ ſen geweſen. — Ach, Ihr muͤßt den Verirruogen eines noch nicht genug fuͤgſamen Temperamentes verzeihen, mein Vater, ich werde mich beſſern. — Ja, aber einſtweilen kann ich mich nicht ent⸗ halten, fuͤr Euch und fuͤr uns die Folgen dieſes Aufſe⸗ hens zu befuͤrchten. Wenn ſich die Sache unter uns zu⸗ getragen haͤtte, ſo waͤre Nichts dabei. — Wie, ſagte Gorenflot, die Sache iſt in der Welt bekannt? — Gewiß, Ihr wußtet wohl, daß mehr als hundert Laien anweſend waren, und daß man kein Wort von Eurer Rede verloren hat. — Von meiner Rede? aͤußerte Gorenflot immer mehr erſtaunt. — Ich geſtehe, daß ſie ſchoͤn war, ich geſtehe, daß die Beifallsbezeugungen Euch haben berauſchen muͤſſen, inſti Beitritt Euch hat zu Kopfe ſteigen s ſo weit ging, eine Proceſſion in den Straßen von Paris vorzuſchlagen, ſo weit, anzubie⸗ ten, einen Panzer anzulegen, und, die Pickelhaube auf dem Kopfe und die Partiſane auf der Schulter, einen 5* — 68— Aufruf an die guten Katholiken zu machen, as, Ihr werdet es zugeben, iſt zu ſtark. Gorenflot blickte den Prior mit Augen an, welche nach einander alle Ausdruͤcke des Erſtaunens boten. — Jetzt, fuhr der Prior fort, giebt es ein Mittel, Alles wieder gut zu machen. Dieſe religioͤfe Kraft, die in Eurem edelmuͤthigen Herzen kocht, wird Euch in Pa⸗ ris ſchaden, wo es ſo viel boshafte Augen giebt, die Euch belauern. Ich wuͤnſche, daß Ihr ſie anderswo verwendet... 1 — Wo das, mein Vater? fragte Gorenflot, uͤber⸗ zeugt, daß er ein wenig Gefaͤngniß haben wuͤrde. — In der Provinz. — Eine Verbannung! rief Gorenflot aus. — Wenn Ihr hier bleibt, koͤnnte Euch noch weit Schlimmeres zuſtoßen, ſehr lieber Bruder.* — und was koͤnnte mir denn zuſtoßen? 4 — Ein Kriminal⸗Proceß, der, aller Wahrſcheinliche keit nach, ewiges Gefaͤngniß, wo nicht den Tod nach ſich fuͤhren koͤnnte. Gorenflot erbleichte entſetzlich; er konnte nicht be⸗ greifen, wie er deshalb ewiges Gefaͤngniß und ſogat Todesſtrafe verdient haͤtte, weil er ſich in einem Wirthe⸗ hauſe berauſcht, und eine Nacht außerhalb ſeines Klo⸗ ſters zugebracht haͤtte. — Waͤhrend, wenn Ihr Euch dieſer augenblicklichm Verbannung unterwerft, Ihr nicht allein der Gefahr ent⸗ geht, ſondern auch noch den Banner des Glaubens in der Provinz aufpflanzt: das, was Ihr heute Nacht 64 weit inlich⸗ ch ſich st be⸗ ſogan irths⸗ Klo⸗ klichen ör ent⸗ ns in tt Ge — 69— faͤhrliches und ſelbſt Unmoͤgliches unter den Augen des Koͤnigs und ſeiner verfluchten Mignons gethan und ge⸗ ſagt habt, wird in der Provinz weit leichter ausfuͤhrbar. Brecht demnach ſo ſchnell als moͤglich auf, Bruder Go⸗ renflot, vielleicht iſt es ſogar bereits zu ſpaͤt, und die Haͤſcher haben den Befehl erhalten, Euch zu ver⸗ haften. — Was, mein ehrwuͤrdiger Vater, was ſagt Ihr da? ſtammelte der Moͤnch, indem er entſetzt die Augen rollte; denn in dem Maße, als der Prior ſprach, deſ⸗ ſen Milde er Anfangs bewundert hatte, verwunderte er ſich uͤber die Verhältniſſe, welche eine am Ende ſehr ver⸗ zeihliche Suͤnde annahm. Die Haͤſcher, ſagt Ihr, und was habe ich mit den Haͤſchern zu thun? — Ihr habt Nichts mit ihnen zu ſchaffen, aber ſie koͤnnten wohl mit Euch zu ſchaffen haben. — Aber man hat mich alſo verklagt? fragte Bruder Gorenflot. — Ich moͤgte darauf wetten. Macht Euch alſo davon, macht Euch davon. — Mich davon machen, mein Ehrwuͤrdiger, ſagte Go⸗ renflot beſtuͤrzt. Das iſt leicht geſagt; aber wovon werde ich leben, wenn ich fort bin? — Ei, Nichts iſt leichter. Ihr ſeid der Bruder Almoſenſammler des Kloſters; das ſind die Mittel zu Eurem Lebensunterhalt. Von Eurer Sammlung habt Ihr bis jetzt die Anderen ernaͤhrt; von Eurer Samm⸗ lung werdet Ihr Euch ernaͤhren. Und dann, ſeid un⸗ beſorgt; mein Gott! Das Syſtem, welches Ihr entwi⸗ — 70— ckelt habt, wird Euch genug Anhaͤnger in der Provinz machen, ſo daß ich uͤberzeugt bin, es wird Euch an Nichts fehlen. Aber geht, in Gottes Namen! Geht, und vor Allem kehrt nicht zuruͤck, als bis man Euch benach⸗ richtigt. Und, nachdem er Bruder Gorenflot zaͤrtlich umarmt hatte, ſchob ihn der Prior ganz ſanft, aber mit einer Behatrlichkeit, die mit Erfolg gekroͤnt wurde, vor die Thuͤre ſeiner Zelle. Dort war die ganze Gemeinde verſammelt, welche den Bruder Gorenflot erwartete. 3 Kaum erſchien er, als Jedermann auf ihn zuſtuͤrzte, und alle ſeine Haͤnde, ſeinen Hals, ſeine Kleider beruͤh⸗ ren wollten. Es gab Einige, deren Verehrung ſo weit ging, den Saum ſeines Gewandes zu kuͤſſen. — Lebt wohl, ſagte der Eine, indem er ihn an ſein Herz druͤckte; lebt wohl, Ihr ſeid ein heiliger Mann vergeßt mich nicht in Euren Gebeten. — Bah! ſagte ſich Gorenflot, ein heiliger Mann, ich?— Ei ſeht. — Lebt wohl, ſagte ein Anderer, indem er ihm die Hand druͤckte, wackerer Kaͤmpfer des Glaubens, lebt wohl; Gottfried von Bouillon war gegen Euch ſehr ge⸗ ring. 3 — Lebt wohl, Maͤrtyrer, ſagte ein Dritter zu ihm, indem er das Ende ſeines Strickes kuͤßte; die Blindheit herrſcht noch unter uns; aber die Sonne wird aufgehen⸗ Und ſo wurde Gorenflot von Arm zu Arm, vol Kuß zu Kuß, von Lobeserhebung zu Lobeserhebung bib 3 ¹ — 271— zu der Straßenthuͤre gefuͤhrt, welche ſich hinter ihm ſchloß, ſobald er ſie uͤberſchritten hatte. Gorenflot blickte dieſe Thuͤre mit einem Ausdrucke an, den Nichts wiederzugeben vermoͤgte, und verließ am Ende Paris ruͤckwaͤrtsſchreitend, als ob der Vertilgungs⸗ Engel ihm die Spitze ſeines flammenden Schwertes ge⸗ zeigt haͤtte. Das einzige Wort, welches ihm entſchluͤpfte, als er an dem Thore anlangte, war Folgendes: — Der Teufel ſoll mich holen, ſie ſind Alle verruͤckt! Oder wenn ſie es nicht ſind, ſo habe Erbarmen mit mir, mein Gott! Dann bin ich es! V. Wie Bruder Gorenflot uͤberzeugt blieb, daß er mondſuͤchtig ſei, und bitterlich dieſes Gebrechen bedauerte. Bis zu dem Feiertage, zu welchem wir gekommen ſind, dem Tage, an welchem dieſe unerwartete Verfol⸗ gung uͤber den armen Moͤnch herfiel, hatte Bruder Go⸗ renflot ein beſchauendes Leben gefuͤhrt, das heißt, daß er, am fruͤhen Morgen ausgehend, wenn er friſche Luft ſchoͤpfen wollte, ſpaͤt, wenn er die Sonne vorzog, auf Gott und auf die Kuͤche der Abtei vertrauend, niemals daran gedacht hatte, ſich etwas Anderes zu verſchaffen, als die ſehr weltlichen, und uͤbrigens ziemlich ſeltenen Extra's des Gaſthauſes zum Fuͤllhorn; dieſe Extra's wa⸗ ren den Launen der Frommen unterworfen, und konnten nur von den Almoſen in Geld beſtritten werden, welche Bruder Gorenflot, wenn er durch die Straße Saint⸗ Jacques kam, einen Halt machen ließ; nach dieſem Halte kehrten dieſe Almoſen, um die Summe vermin⸗ dert, welche Bruder Gorenflot unter Weges zuruͤckgelaß - 2— ſen, in das Kloſter zuruͤck. Es gab wohl noch Chicot, ſeinen Freund, welcher gute Mahlzeiten und gute Tiſch⸗ genoſſen liebte. Aber Chicot war ſehr phantaſtiſch in ſei⸗ nem Leben. Der Moͤnch ſah ihn zuweilen drei bis vier Tage hintereinander, dann vergingen vierzehn Tage, ein Monat, ſechs Wochen, ohne daß er wieder erſchien, ſei es nun, daß er mit dem Koͤnige eingeſchloſſen blieb, oder daß er ihn auf irgend einer Wallfahrt begleitete, oder daß er endlich fuͤr ſeine eigene Rechnung eine Ge⸗ ſchaͤfts⸗ oder Vergnuͤaungsreiſe machte. Gorenflot war demnach einer jener Moͤnche, fuͤr welche, wie fuͤr ge⸗ wiſſe Soldaten, Kinder des Regiments, die Welt mit dem Superior des Hauſes, das heißt, dem Obriſt des Kloſters, beginnt, und an dem leeren Topfe endigt. Dieſer Soldat der Kirche, dieſes Kind der Kutte, wenn man uns erlaubt, den pittoresken Ausdruck auf ihn an⸗ zuwenden, den wir ſo eben in Bezug auf die Vertheidi⸗ ger des Vaterlandes anwandten, hatte ſich demnach auch niemals vorgeſtellt, daß er ſich eines Tages muͤhſelig auf den Weg machen und Abenteuer ſuchen muͤßte. Wenn er nur noch Geld gehabt haͤtte; aber die Ant⸗ wort des Priors auf ſein Verlangen war einfach und ohne apoſtoliſchen Schmuck, wie ein Bruchſtuͤck aus Sanct Lucas geweſen: — Suchet, ſo werdet ihr finden. Bei dem Gedanken, daß er genoͤthigt ſein wuͤrde, weit zu ſuchen, fuͤhlte ſich Gorenflot ermuͤdet, bevor er begonnen hatte. Indeſſen war die Hauptſache, ſich zuvoͤrderſt der ihn T bedrohenden Gefahr zu entziehen, einer, zum Mindeſten nach dem, was aus den Worten des Priors hervorzu⸗ gehen ſchien, unbekannten aber dringenden Gefahr. Der arme Möoͤnch gehoͤrte nicht zu denen, welche ihre Ge⸗ ſtalt vermummen und den Nachforſchungen durch irgend eine geſchickte Verwandlung entgehen koͤnnen; er beſchloß demnach, ſich zuvoͤrderſt aus dem Staube zu machen, und in dieſem Entſchluſſe wanderte er ziemlich raſchen Schrittes aus dem Thore Bordelle, und ging vorſichtig und indem er ſich ſo ſchmal als moͤglich machte, an dem Schilderhauſe der Nachtwaͤchter und dem Schweizer⸗ Poſten unter der Furcht voruͤber, daß dieſe Haͤſcher, auf welche ihm der Abt von Sanct-Genovefa Hoffnung ge— macht, nur zu ergreifende Wirklichkeiten ſein moͤgten. Aber, einmal in der freien Luft, einmal im freien Felde, als er ſich fuͤnf Hundert Schritte weit von dem Stadt⸗Thore befand, als er auf dem Aufwurfe des wie ein Seſſel eingerichteten Grabens das erſte Fruͤhlings⸗ Gras ſah, das ſich die bereits gruͤnende Erde zu durch⸗ brechen bemuͤht, als er die Sonne heiter am Horizonte, Einſamkeit zur Rechten und zur Linken, die ſummende Stadt hinter ſich ſah, ſetzte er ſich auf den Graben der Straße, legte ſein Doppel⸗Kinn in ſeine breite und flei⸗ ſchige Hand, kratzte ſich mit dem Zeigefinger die vier⸗ kantige Spitze einer Doggennaſe, und begann eine mit Aechzen begleitete Traͤumerei. Mit Ausnahme der Zither, welche ihm fehlte, glich Bruder Gorenflot nicht uͤbel einem jener Hebraͤer, wel⸗ che, ihre Harfe an eine Weide haͤngend, zu den Zeiten deſten vorzu⸗ Der 2 Ge⸗ rgend ſchloß ichen, aſchen ſchtig dem eizer⸗ , auf g ge⸗ en. freien dem 3 wie ings⸗ urch⸗ onte, ꝛende 1 der flei⸗ vier⸗ mit glich wel⸗ eiten = 75= der Zerſtoͤrung Jeruſalems den Text zu dem beruͤhmten Verſe: Super flumina Babylonis lieferten. Gorenflot ſeufzte um ſo mehr, als neun Uhr Mor⸗ gens herannahete, die Stunde, zu welcher man im Klo⸗ ſter zu Mittag aß, denn, in der Civiliſation zuruͤck, wie es Leuten zukommt, die ſich von der Welt losgeſagt ha⸗ ben, befolgten die Moͤnche im Jahre der Gnade 1578 noch die Gebraͤuche des guten Koͤnigs Karls v., welcher um acht Uhr Morgens nach ſeiner Meſſe zu Mittag aß. Eben ſo leicht koͤnnte man am Meeresufer waͤhrend eines ſtuͤrmiſchen Tages die vom Winde aufgehobenen Sandkoͤrner zaͤhlen, als alle die widerſprechenden Gedan⸗ ken herzaͤhlen, welche nach einander in dem Kopfe des nuͤchternen Gorenflot aufſtiegen. Der erſte Gedanke, der, welchen er, wir muͤſſen es ſagen, die meiſte Muͤhe hatte, ſich aus dem Sinne zu ſchlagen, war, nach Paris zuruͤckzukehren, gera dezu nach dem Kloſter zu gehen, dem Abte zu erklaͤren, daß er feſt entſchloſſen den Kerker der Verbannung vorziehen, und, wenn es ſein muͤſſe, ſelbſt einwilligen wolle, die Disciplin, die Geißel, die doppelte Geißel und das in pace zu ertragen, vorausgeſetzt, daß man ihm auf Ehre verſichere, ſich mit ſeinen Mahlzeiten zu beſchaͤfti⸗ gen, die er ſogar auf taͤglich fuͤnf zu beſchraͤnken einwil⸗ ligen wolle. Auf dieſen ſo hartnaͤckigen Gedanken, daß er waͤh⸗ rend laͤnger als einer ſtarken Viertelſtunde den Kopf des armen Moͤnches zerarbeitete, folgte ein anderer, ein we⸗ nig vernuͤnftigerer: naͤmlich geraden Weges nach dem Gaſthauſe zum Fuͤllhorne zu gehen, dort Chicot hinbe⸗ ſcheiden zu laſſen, wenn er ihn nicht etwa dort noch ſchlafend faͤnde, ihm die traurige Lage vorzuſtellen, in welcher er ſich in Folge der bacchiſchen Eingebungen be⸗ faͤnde, Eingebungen, denen er, Gorenflot, die Schwaͤche gehabt haͤtte, nachzugeben, und von dieſem großmuͤthi⸗ gen Freunde ein Koſtgeld zu erlangen. Dieſer Plan hielt Gorenflot eine andere Viertelſtunde auf, denn er war ein einſichtsvoller Kopf, und der Ge⸗ danke war nicht ohne Verdienſt. Endlich war es ein anderer Gedanke, dem es nicht an einer gewiſſen Kuͤhnheit fehlte; naͤmlich um die Mauern der Hauptſtadt herumzugehen, durch das Thor Saint-Germain, oder durch den Thurm de Nesle zu⸗ ruͤckzukehren, und heimlicher Weiſe ſeine Sammlungen in Paris fortzuſetzen. Er kannte die guten Orte, die frucht⸗ baren Ecken die kleinen Straßen, in denen gewiſſe Ge⸗ vatterinnen, die Gefluͤgel maͤſteten, immer einen in ge⸗ ſchmolzenem Fett gebackenen Kapaun in den Sack des Sammlers zu werfen hatten; er ſah in dem dankbaren Spiegel ſeiner Erinnerungen gewiſſe Haͤuſer mit Vor⸗ treppen, wo im Sommer Eingemachtes aller Art ange⸗ fertigt wurde, und das, zum Mindeſten bildete es ſich der Bruder Gorenflot gern ein, hauptſaͤchlich, um in den Sack des Bettelmoͤnches gegen ſeinen vaͤterlichen Segen bald einen Topf Quitten⸗Gelse, bald ein Duzend eingemachte Nuͤſſe und bald eine Schachtel gebackener und gedoͤrrter Aepfel zu werfen, deren Geruch allein einem Sterbenden das Waſſer im Munde haͤtte zuſammenlau⸗ fen laſſen. Denn, wir muͤſſen es ſagen, die Gedanken des Bruders Gorenflot waren beſonders auf die Tafel⸗ freuden und die Suͤßigkeiten der Ruhe gerichtet, ſo daß er zuweilen, nicht ohne eine gewiſſe Beſorgniß, an jene beiden Advokaten des Teufels dachte, die am Tage des juͤngſten Gerichts gegen ihn auftreten wuͤrden, und die man die Faulheit und die Gefraͤßigkeit nennt. Aber in⸗ zwiſchen, wir muͤſſen es ſagen, wanderte der wuͤrdige Moͤnch, vielleicht nicht ohne Gewiſſensbiſſe, aber er wanderte den bluͤhenden Pfad hinab, der zum Abgrunde fuͤhrt, in deſſen Tiefe unaufhoͤrlich, wie Scylla und Charybdis, dieſe beiden Todſuͤnden heulen. Dieſer letzte Plan laͤchelte ihm demnach auch; dieſe Art zu leben ſchien ihm demnach auch diejenige, zu der er von Natur aus beſtimmt waͤre; aber, um dieſen Plan auszufuͤhren, um dieſe Lebensart einzuſchlagen, mußte er in Paris bleiben und wagen, auf jedem Schritte Haͤ⸗ ſchern, Polizeidienern, geiſtlichen Behoͤrden zu begegnen, eine gefaͤhrliche Schaar fuͤr einen heimathloſen Moͤnch. Und dann bot ſich eine andere Schwierigkeit; der Schatzmeiſter des Kloſters Sanct⸗Genovefa war ein zu ſorgſamer Verwalter, um Paris ohne Bettelbruder zu laſſen; Gorenflot lief alſo Gefahr, ſich einem Collegen gegenuͤber zu befinden, der den unbeſtreitbaren Vorzug vor ihm haͤtte, in der rechtmaͤßigen Ausuͤbung ſeines Amtes zu ſein. Dieſer Gedanke ließ Gorenflot erbeben, und gewiß war Grund dazu vorhanden. Dabei war er mit ſeinen Selbſtgeſpraͤchen und ſeinen — 7— Befuͤrchtungen, als er in der Ferne, unter dem Thore Bordelle einen Reiter auftauchen ſah, welcher bald das Gewoͤlbe unter dem Galopp ſeines Pferdes erſchuͤtterte. Dieſer Mann ſtieg an einem Hauſe ab, das unge⸗ faͤhr Hundert Schritte von dem Orte gelegen war, wo Gorenflot ſaß; er klopfte an, man machte ihm auf, und Pferd und Reiter verſchwanden in dem Hauſe. Gorenflot bemerkte dieſen Umſtand, weil er das Gluͤck dieſes Reiters beneidete, der ein Pferd hatte, und der es dem zu Folge verkaufen konnte. Aber, nach Verlauf eines Augenblickes trat der Rei⸗ ter, Gorenflot erkannte ihn an ſeinem Mantel, aus dem Hauſe, und da ſich in einiger Entfernung ein Baum⸗ dickicht, und vor dem Baumdickicht ein großer Haufen Steine befand, ſo kauerte er ſich zwiſchen die Baͤume und dieſe Baſtion einer neuen Art.. — Das iſt ganz zuverlaͤſſig irgend ein Hinterhalt, der ſich vorbereitet, murmelte Gorenflot. Wenn ich den Haͤſchern minder verdaͤchtig waͤre, ſo wuͤrde ich ſie war⸗ nen, oder wenn ich tapferer waͤre, ſo wuͤrde ich mich ihm widerſetzen. 4 In dieſem Augenblicke bemerkte der Mann, welcher im Hinterhalte lag, und deſſen Augen das Stadtthor nur verließen, um die Umgegend mit einer gewiſſen Be⸗ ſorgniß zu muſtern, mit einem fluͤchtigen Blicke, den er zur Rechten und zur Linken warf, Gorenflot, der im⸗ mer noch da ſaß, und immer noch ſein Kinn hielt. Die⸗ ſer Anblick hinderte ihn; er that, als ob er mit gleich⸗ guͤltiger Miene hinter den Steinen auf und abginge. — Das iſt ein Gang, ſagte Gorenflot, das iſt ein Wuchs, ich ſollte meinen, ich kenne das;... aber, nein, das iſt unmoͤglich. In dieſem Augenblicke ſenkte ſich der Unhekannte, welcher Gorenflot den Ruͤcken wandte, ploͤtzlich, als ob die Muskeln ſeiner Beine ihm den Dienſt verſagt haͤt⸗ ten. Er hatte ein gewiſſes Stampfen von Hufeiſen ge⸗ hoͤrt, das von dem Stadtthore herkam. In der That, drei Maͤnner, von denen zwei Die⸗ ner ſchienen, drei tuͤchtige Maulthiere und drei dicke Mantelſaͤcke kamen durch das Thor Bordelle aus Paris. Sobald er ſie bemerkt hatte, machte ſich der Mann hin⸗ ter den Steinen noch weit kleiner, wenn das moͤglich war, und eher kriechend, als gehend erreichte er die Baumgruppe, und indem er den dickſten waͤhlte, duckte er ſich in der Stellung eines auf dem Anſtande ſtehenden Jaͤgers dahinter. Die Reiter zogen voruͤber, ohne ihn zu ſehen, oder zum Mindeſten, ohne ihn zu bemerken, waͤhrend der im Hinterhalte liegende Mann ſie im Gegentheile mit den Augen zu verſchlingen ſchien. Ich habe verhindert, daß das Verbrechen begangen wurde, ſagte Gorenflot, und meine Anweſenheit auf dem Wege, gerade in dieſem Augenblicke, iſt eine jener Kundthuungen des goͤttlichen Willens, wie ich einer an⸗ deren beduͤrfte, um mich fruͤhſtuͤcken zu laſſen. Sobald die Reiter voruͤber, kehrte der Aufpaſſer in das Haus zuruͤck. — Gut, ſagte Gorenflot, entweder muͤßte ich mich — 80— ſehr irren, oder das iſt ein Umſtand, der mir die un⸗ verhoffte Gabe gewaͤhren wird, nach der ich mich ſehnte. 1 Ein Mann, der belauert, hat es nicht gern, geſehen zu ſein. Das iſt ein Geheimniß, welches ich beſitze, und waͤre es nur ſechs Heller werth, ſo will ich es doch geltend machen. Und ohne zu zoͤgern, ſchritt Gorenflot nach dem Hauſe zu; aber in dem Maße, als er ſich ihm naͤherte, rief er ſich die kriegeriſche Haltung des Cavaliers, das lange Schwerdt, welches ſeine Waden ſchlug, und das ſchreckliche Auge, mit dem er die Reiter hatte voruͤber kommen ſehen, ins Gedaͤchtniß zuruͤck; dann ſagte er ſich: — Ich glaube wahrhaftig, daß ich Unrecht hatten und daß ein ſolcher Mann ſich nicht einſchuͤchtern laſſen wird. An der Thuͤre war Gorenflot gaͤnzlich uͤberzeugt, und er kratzte ſich nicht mehr die Naſe, ſondern hinter den Ohren. Ploͤtzlich erheiterte ſich ſein Geſicht. — Eine Idee, ſagte er. Das Erwachen einer Idee in dem ſchlaftrunkenen Kopfe des Moͤnches war ein ſolcher Fortſchritt, daß ſich ſelbſt verwunderte, daß dieſe Idee in ihm aufgeſtie⸗ gen waͤre; aber man ſagte bereits zu jener Zeit: Noth bricht Eiſen. — Eine Idee, wiederholte er, und eine ein wenig ſinnreiche Idee. Ich werde ihm ſagen: Mein Her, Jedermann hat ſeine Plaͤne, ſeine Wuͤnſche, ſeine Hoff⸗ nungen; ich werde fuͤr Eure Plaͤne beten, ſchenkt mit und Eu nte. ehen ſitze, doch dem erte, das das uͤber ſich: atte, aſſen eugt, zinter kenen aß el geſtie⸗ Noth wenig H err, Hoff kt mit — 381— Etwas. Wenn ſeine Plaͤne boͤs ſind, wie ich durchaus nicht bezweifele, ſo wird er es doppelt noͤthig haben, daß man fuͤr ihn betet, und zu dieſem Zwecke wird er mir irgend ein Almoſen geben. Und ich werde dem er⸗ ſten Gottesgelehrten, den ich antreffe, den Fall vorle⸗ gen. Das heißt zu wiſſen, ob man fuͤr Plaͤne beten darf, die uns unbekannt ſind, wenn man ſchlimme Ah⸗ nungen uͤber dieſe Plaͤne gefaßt hat. Das, was mir der Gottesgelehrte ſagen wird, werde ich thun; dem zu Folge werde ich nicht mehr verantwortlich ſein, ſon⸗ dern er; und wenn ich keinen Gottesgelehrten antreffe, ei nun, ſo werde ich es unterlaſſen, da Zweifel ob⸗ waltet. Inzwiſchen werde ich durch das Almoſen dieſes Mannes mit boͤſen Abſichten gefruͤhſtuͤckt haben. In Folge dieſes Entſchluſſes druͤckte ſich Gorenflot an die Mauer, und wartete. Fuͤnf Minuten nachher ging das Thor auf, und das Pferd und der Mann, das eine den andren tra⸗ gend, erſchienen. Gorenflot trat heran. — Mein Herr, ſagte er, wenn fuͤnf Pater noster und fuͤnf Ave Maria fuͤr das Gelingen Eurer Plaͤne Euch angenehm ſein koͤnnen... Der Mann wandte den Kopf nach Gorenflot um. — Gorenflot! rief er aus. — Herr Chicot! aͤußerte der Moͤnch ganz verbluͤfft. — Wo der Teufel gehſt Du denn ſo hin, Gevat⸗ ter? fragte Chicot. — Ich weiß es nicht, und Ihr? Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. — 82— — Das iſt etwas Anderes, ich weiß es, ſagte Chicot; ich gehe gerade aus. 3 — Weit? — Bis daß ich anhalte. Aber Du, Gevatter, da Du mir nicht ſagen kannſt, zu welchem Zwecke Du Dich hier befindeſt, ſo vermuthe ich Etwas. — Was? — Daß Du mich belauerteſt. — Jeſus, mein Gott! Ich Euch belauern? Der Herr behuͤte mich davor. Ich habe Euch geſehen, das iſt Alles.] — Geſehen, was? — Das Voruͤberkommen der Maulthiere belauern. — Du biſt ein Narr. — Indeſſen, hinter dieſen Steinen, mit Euren zufmerkſamen Augen. 1— Hoͤre, Gorenflot, ich will mir ein Haus außer⸗ halb der Stadt bauen laſſen; dieſe Steine gehoͤren mir, und ich uͤberzeugte mich, ob ſie von guter Eigenſchaft waͤren. — Dann iſt es etwas Anderes, antwortete der Moͤnch, der keine Sylbe von dem glaubte, was ihm Chicot antwortete, ich irrte mich. — Aber, am Ende, Du ſelbſt, was machſt Or vor den Thoren? — Ach, Herr Chicot, ich bin verbannt, antwor⸗ tete Gorenflot mit einem ungeheuren Seufzer. — Hm? machte Chicot. — Verbannt, ſage ich Euch. 1 ſagte da Du Der das rn. kuren ußer⸗ mir, chaft der ihm Du twor⸗ — 93— Und ſich in ſeiner Kutte bruͤſtend richtete Goren⸗ flot ſeine kurze Geſtalt auf und ſchaukelte ſeinen Kopf von vorn nach hinten mit dem gebieteriſchen Blicke des Mannes, dem ein großes Ungluͤck das Recht verleihet, das Mitleiden ſeiner Mitmenſchen in Anſpruch zu neh⸗ men.— Meine Bruͤder verſtoßen mich aus ihrer Mitte, fuhr er fort; ich bin excommunicirt, anathematiſirt. — Bah! Und warum das? — Hoͤrt, Herr Chicot, ſagte der Moͤnch, indem er die Hand auf ſein Herz legte, Ihr moͤgt mir glau⸗ ben oder nicht, aber ſo wahr ich Gorenflot heiße, ich weiß es nicht. — Sollte es nicht deshalb ſein, Gevatter, daß man Euch begegnet waͤre, als Ihr Euch heute Nacht in ſchlechten Haͤuſern herumgetrieben? — Abſcheulicher Scherz, ſagte Gorenflot, Ihr wißt vollkommen gut, was ich ſeit geſtern Abend gethan habe. — Das heißt, erwiderte Chicot, ja, von acht Uhr bis um zehn Uhr, aber nicht von zehn Uhr, bis um drei Uhr. — Wie, von zehn Uhr bis um drei Uhr? — Ohne Zweifel, um zehn Uhr ſeid Ihr ausge⸗ gangen. — Ich, rief Gorenflot aus, indem er den Gas⸗ konier mit vor Erſtaunen aufgeſperrten Augen anblickte. — So gewiß ausgegangen, daß ich Euch gefragt habe, wohin Ihr ginget. — Wohin ich ginge? Ihr habt mich das gefragt? — Ja! 3 6* — 84— — Und ich habe Euch geantwortet? — Ihr habt mir geantwortet, daß Ihr eine Rede zu halten ginget. Es liegt indeſſen etwas Wahres in Alle dem, murmelte Gorenflot erſchuͤttert. — Bei Gott, das iſt ſo wahr, daß Ihr mir Eure Rede theilweiſe mitgetheilt habt; ſie war ſehr lang. — Sie war in drei Theilen; das iſt die Eintheilung, welche Ariſtoteles empfiehlt. — Es gab ſogar ſchreckliche Dinge gegen Kn Heinrich III. in Eurer Rede. — Bah! ſagte Gorenflot. — So ſchreckliche, daß ich mich nicht ethunden wuͤrde, wenn man Euch als Unruhe⸗Stifter verfolgte, — Ihr öͤffnet mir die Augen, Herr Chicot. Sah ich ganz wach aus, als ich mit Euch ſprach? — Ich muß Euch ſagen, Gevatter, daß Ihr mit ſehr ſeltſam ſchienet; beſonders Euer Blick war von ei⸗ ner Starrheit, die mich entſetzte; man haͤtte ſagen koͤn⸗ nen, daß Ihr wach waͤret, ohne es zu ſein, und daß Ihr ſpraͤchet, indem Ihr dabei ſchliefet. — Indeſſen, ſagte Gorenflot, und wenn der Teufel dahinter ſteckte, ſo bin ich doch uͤberzeugt, heute Mor⸗ gen im Gaſthauſe zum Fuͤllhorne erwacht zu ſein. — Ei nun! Was iſt dabei zu verwundern? 3 — Wie! Was dabei zu verwundern iſt, da Ihl ſagt, daß ich um zehn Uhr das Baſthaus zum Fil horne verlaſſen habe? — Ja, aber Ihr ſeid um drei uhr Morgens gat un hin zuruͤckgekehrt, und zum Beweiſe will ich Euch ſo⸗ gar ſagen, daß Ihr die Thuͤre offen gelaſſen hattet, und daß mich ſehr gefroren hat. — Und mich auch, ſagte Gorenflot, ich erinnere mich deſſen. — Ihr ſeht wohl! erwiderte Chicot. — Wenn das, was Ihr mir ſagt, wahr iſt.. — Wie! Ob das, was ich Euch ſage, wahr iſt, Gevatter? Es iſt die Wahrheit! Fragt vielmehr Meiſter Bonhomet! — Meiſter Bonhemet? — Gewiß, er hat Euch die Thuͤre aufgemacht. Ich muß Euch ſogar ſagen, daß Ihr bei Eurer Ruͤck⸗ kehr vor Stolz aufgeblaſen waret, und daß ich Euch geſagt habe:— Pfui doch, Gevatter, der Stolz ſteht dem Menſchen nicht an, beſonders, wenn dieſer Menſch ein Moͤnch iſt. — Und woruͤber war ich ſtolz? — Ueber das Gluͤck, welches Eure Rede gehabt hatte, uͤber die Complimente, welche Euch der Herzog von Guiſe, der Kardinal und Herr von Mayenne ge⸗ macht hatten, den Gott erhalten wolle, fuͤgte der Gas⸗ konier hinzu, indem er ſeinen Hut abnahm. — Dann iſt mir Alles erklaͤrt, ſagte Gorenflot. — Das iſt ſehr erfreulich. Ihr gebt alſo zu, daß Ihr zn jener Verſammlung geweſen ſeid; wie der Teu⸗ fel nennt Ihr ſie? Wartet doch! Die Verſammlung der heiligen Union, ſo iſt es. — 86— Gorenflot ließ ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt ſinken und ſtieß ein Stoͤhnen aus. — Ich bin Nachtwandler, ſagte er; ich ahnete es ſchon ſeit langer Zeit. — Nachtwandler, ſagte Chicot, was bedeutet das? — Das bedeutet, Herr Chicot, ſagte der Moͤnch, daß bei mir der Geiſt das Fleiſch in dem Grade be⸗ herrſcht, daß, waͤhrend das Fleiſch ſchlaͤft, der Geiſt wacht, und daß dann der Geiſt dem Fleiſche gebietet, welches ganz entſchlafen zu gehorchen gezwungen iſt. — Ei, Gevatter, ſagte Chicot, das gleicht ſehr irgend einem Zauber; wenn Ihr beſeſſen ſeid, ſo ſagt es mir offen; ein Mann, der im Schlafe geht, der im Schlafe geſtikulirt, der, immer im Schlafe, Reden haͤlt und den Koͤnig angreift, ſapperment, das geht nicht mit natuͤrlichen Dingen zu! Zuruͤck Belzebub, vade retro, Satanas! Und Chicot ließ ſein Pferd einen Seitenſprung machen. — Demnach verlaßt alſo auch Ihr mich, Hert Chicot? ſagte Gorenflot. Tu quoque, Brute. Ach! Ach! Das haͤtte ich von Euch niemals geglaubt! Und der verzweifelnde Moͤnch verſuchte ein Schluch⸗ zen auszuſtoßen. Chicot hatte Mitleiden mit dieſer unermeßlichen Verzweiflung, die nur um ſo ſchrecklicher ſchien, als ſie unterdruͤckt war. 4 — Laß hoͤren, ſagte er, was haſt Du mir geſagt? — Wann das? 5 3 4 — 87— inken— So eben. — Ach! Ich weiß es nicht, ich werde wahnſinnig te es werden, mein Kopf iſt voll und mein Magen leer, bringt mich darauf, Herr Chicot. das?— Du haſt mir von Reiſen geſprochen! onch,— Das iſt wahr, ich hatte Euch geſagt, daß der 2 be⸗ ehrwuͤrdige Prior mich aufgefordert haͤtte zu reiſen. Geiſt— Nach welcher Gegend? fragte Chicot. ietet,— Wohin ich will, antwortete der Moͤnch. t.— Und Du gehſt? ſehr.— Ich weiß es nicht. Gorenflot erhob ſeine beiden ſagt Haͤnde gen Himmel. Um Gottes Willen! Herr Chicot, der ſagte er, borgt mir zwei Thaler, um mir zu helfen, deden meine Reiſe zu machen. — Ich will Beſſeres, als das thun, ſagte Chicot. h— O ſagt an, was thut Ihr? — Auch ich habe Euch geſagt, daß ich reiſe. Prung— Das iſt wahr, Ihr habt es mir geſagt, — Wohlan! Ich nehme Euch mit. Hert Glorenflot blickte den Gaskonier mißtrauiſch und Ach! wie ein Mann an, der an eine ſolche Gunſt nicht zu glauben wagt. Huuch⸗— Aber unter der Bedingung, daß Ihr recht folg⸗ ſam ſeid, wogegen ich Euch erlaube, recht gottlos zu lichen ſein. Nehmt Ihr mein Anerbieten an? als— Ob ich es annehme, ſagte der Moͤnch, ob ich es annehme!. Aber haben wir Geld um zu reiſen? ſagte— Seht, ſagte Chicot, indem er einen von dem Rande an anſtaͤndig gerundeten Geldbeutel zog. — 88— Gorenflot machte einen Sprung vor Freude. — Wie viel? fragte er. — Hundert und funfzig Piſtolen. — Und wo gehen wir hin? — Du wirſt es ſehen, Gevatter. — Wann fruͤhſtuͤcken wir? — Sogleich. — Aber auf was ſoll ich reiten? fragte Gorenſſot be⸗ ſorgt. — Nicht auf meinem Pferde, den Hanker, Du braͤchteſt es um. — Was dann thun? ſagte Gorenflot in ſeiner Hoff⸗ nung getaͤuſcht. — Nichts iſt einfacher; Du haſt einen Bauch wie Silen, Du biſt Trunkenbold, wie er. Wohlan, damit die Aehnlichkeit vollkommen wird, will ich Dir einen Eſel kaufen. — Ihr ſeid mein König, Herr Chicot, Ihr ſeid meine Sonne. Nehmt einen ein wenig ſtarken Eſel; Ihr ſeid mein Gott. Jetzt, wo fruͤhſtuͤcken wir? 4 — Hier, ſapperment, gleich hier! Sieh uͤber dieſe Thuͤre, und lies, wenn Du leſen kannſt. In der That, man war vor eine Art von Wirths⸗ haus gelangt. Gorenflot folgte der von Chicots Finger angedeuteten Richtung und las: „Hier gibt es Schinken, Eier, Aalpaſteten und weißen Wein.“ Es wuͤrde ſchwierig ſein, die Umwaͤlzung zu ſchil⸗ dern, welche bei dieſem Anblicke auf Gorenflots Ge⸗ — 89— ſichte entſtand: ſeine Zuͤge erheiterten ſich, er ſperrte ſeine Augen weit auf, ſein Mund ſpaltete ſich, um eine doppelte Reihe weißer und hungriger Zaͤhne zu zeigen. Endlich erhob er ſeine beiden Arme zum Zeichen freudi⸗ gen Dankes in die Luft, und ſeinen ungeheuren Leib mit einer Art von Takt ſchaukelnd, ſang er folgendes Lied, dem ſein Entzuͤcken allein zur Entſchuldigung die⸗ nen konnte: Quand l'anon est deslâché, Quand le vin est débouché, L'un redresse son oreille, L'autre sort de la bouteille. Mais rien n'est si éventé Que le moine en pleine treille, Mais rien n'est si desbâté Que le moine en liberté. (Wenn das Eſelein losgelaſſen, wenn der Wein ent⸗ pfropft, ſo ſpitzt das eine ſeine Ohren, und der andere ſprudelt aus der Flaſche. Aber Nichts iſt ſo leichtſinnig, als der Moͤnch voll Rebenſaft, aber nichts iſt ſo aus⸗ gelaſſen, als der Moͤnch in Freiheit.)— — Gut geſagt, rief Chicot aus, und um keine Zeit zu verlieren, ſetzt Euch zu Tiſche, mein lieber Bru⸗ der. Ich will Euch auftragen laſſen und einen Eſel ſuchen. „ VI. 1 Wie Bruder Gorenflot auf einem Eſel, Panury genannt, reiſete, und auf ſeiner Reiſe gar Vieles lernte, was er nicht 3 verſtand. 8 Was Chicot ſo gleichguͤltig fuͤr die Sorge fuͤr ſei nen eigenen Magen machte, fuͤr welchen er, obgleich et ein Narr war, oder ſich ruͤhmte, es zu ſein, gewoͤhnlich eben ſo viel Nachgiebigkeit hatte, als ein Moͤnch haben konnte, ruͤhrte daher, daß er reichlich gefruͤhſtuͤckt, be⸗ vor er das Gaſthaus zum Fuͤllhorn verlaſſen. 2 8 Dann ſaͤttigen die heftigen Begierden, wie man ſagt, und Chicot hatte gerade in dieſem Augenblicke eine heftige Begierde. Er ließ ſich alſo Bruder Gorenflot an einen Tiſch des kleinen Hauſes ſetzen, und man reichte ihm durch eine Art von Drehfenſter Schinken, Eier und Wein 2 genannt, s er nicht e fuͤr ſei⸗ bgleich er ewoͤhnlich ich haben uͤckt, be⸗ wie man blicke eine nen Tiſch hm durch id Wein, — 91— die er mit ſeiner gewoͤhnlichen Schnelligkeit und Aus⸗ dauer befoͤrderte. Waͤhrend deſſen war Chicot in die Nachbarſchaft gegangen, um ſich den von ſeinem Reiſegefaͤhrten ver⸗ langten Eſel zu verſchaffen; er fand bei einem Bauer von Sceaup, zwiſchen einem Ochſen und einem Pferde, dieſen friedlichen Eſel, den Gegenſtand der Wuͤnſche Go⸗ renflots: er war vier Jahr alt, ſchillerte ins Braune und trug einen zierlich runden Leib auf vier ſpindelduͤrren Beinen. Zu jener Zeit koſtete ein ſolcher Eſel zwanzig Livres, Chicot gab deren zwei und zwanzig, und wurde wegen ſeiner Freigebigkeit geprieſen. Als Chicot mit ſeiner Eroberung zuruͤckkehrte, und mit ihr in das Zimmer ſelbſt trat, in welchem Goren⸗ flot ſpeiſete, ſprang derſelbe, der ſo eben die Haͤlfte ei⸗ ner Aalpaſtete verſchlungen und ſeine dritte Flaſche ge⸗ leert hatte, begeiſtert durch den Anblick ſeines denesss und außerdem durch die Duͤnſte eines feurigen Wein zu allen zaͤrtlichen Gefuͤhlen geſtimmt, ſeinem Eſel um den Hals, und nachdem er ihn auf die eine und die andere Kinnlade gekuͤßt, ſchob er zwiſchen beide eine lange Brodkruſte, welche dieſen vor Behagen ſchreien ließ. — O, o, ſagte Gorenflot, das iſt ein Thier, das eine ſchoͤne Stimme hat, wir werden zuweilen mit einander ſingen. Ich danke, Freund Chicot, ich danke. Und er taufte ſeinen Eſel auf der Stelle mit dem Namen Panury. Chicot warf einen Blick auf den Tiſch und ſah, daß er ohne irgend eine Tyrannei von ſeinem Gefaͤhrten ver⸗ langen koͤnne, daß er in ſeinem Eſſen bei dem ſtehen bliebe, wo er war. Er begann demnach mit der Stim⸗ me, welcher Gorenflot nicht zu widerſtehen vermogte, zu ſagen. — Vorwaͤrts, auf den Weg, Geratter, auf den Weg! In Melun werden wir vespern. Der Ton von Chicots Stimme war ſo gebieteriſch, und Chicot hatte mit dieſem ein wenig harten Befehle ein ſo lockendes Verſprechen zu verbinden gewußt, daß, ſtatt irgend eine Einrede zu machen, Gorenflot wieder⸗ holte: — Nach Melun! Nach Melun! Und ohne laͤnger zu zoͤgern, beſtieg Gorenflot mit Huͤlfe eines Stuhles ſeinen Eſel, der mit einem einfa⸗ 7 Lederkiſſen bedeckt war, von welchem zwei Riemen ie Steigbuͤgel herabhingen. Der Moͤnch ſteckte ſeine Sandalen in die beiden Riemen, nahm die Leine des Eſels in ſeine rechte Hand, ſtuͤtzte ſeine linke Fauſt auf die Huͤfte, und verließ majeſtaͤtiſch wie der Gott, von dem Chicot mit einigem Rechte behauptet hatte, daß er ihm aͤhnlich ſaͤhe, das Wirthshaus. Was Chicot anbelangt, ſo ſchwang er ſich mit der Leichtigkeit eines vollendeten Reiters auf ſein Pferd, und alle Beide ſchlugen auf der Stelle in kurzem Trabe die Straße nach Melun ein. Man legte auf dieſe Weiſe vier Stunden in einem Ritte zuruͤck; dann hielt man einen Augenblick lang an. , daß ver⸗ ſtehen Stim⸗ te, zu f den -riſch, efehle daß, jeder⸗ — 93— Der Moͤnch benutztte den ſchoͤnen Sonnenſchein, um ſich auf das Gras auszuſtrecken und zu ſchlafen. Chicot ſei⸗ ner Seits machte eine Berechnung der Tagemaͤrſche, nach welcher er erkannte, daß er, um Hundert und zwanzig Stunden bei zehn Stunden taͤglich zuruͤckzule⸗ gen, zwoͤlf Tage brauchen wuͤrde. Panury verſpeiſte mit den Spitzen ſeiner Lippen ei⸗ nen Dieſtelbuͤſchel. Zehn Stunden waren vernuͤnftiger Weiſe Alles, was man von den vereinigten Kraͤften eines Eſels und eines Moͤnches verlangen konnte. Chicot ſchuͤttelte den Kopf. — Das iſt nicht moͤglich, murmelte er, indem er Gorenflot anblickte, der wie in dem ſanfteſten Eiderdau⸗ nenbette auf dem Aufwurfe eines Grabens ſchlief; das iſt nicht moͤglich, wenn er mir folgen will, ſo muß Kuttentraͤger zum Mindeſten funfzehn Stunden taͤg zuruͤcklegen. Wie man ſieht, war Bruder Gorenflot ſeit einiger Zeit zu ſchweren Traͤumen beſtimmt. Chicot ſtieß ihn mit dem Ellbogen an, um ihn zu erwecken, und wenn er erwacht waͤre, ihm ſeine Bemer⸗ kung mitzutheilen. Gorenflot ſchlug die Augen auf. — Sind wir etwa in Melun? ſagte er, ich habe Hunger. — Nein, Gevatter, ſagte Chicot, noch nicht, und gerade deshalb wecke ich Euch, weil es dringend noͤthig iſt, daß wir dort anlangen. Wir gehen zu langſam, ſapperment, wir gehen zu langſam! — Ei! das verdrießt Euch, lieber Herr Chicot, langſam zu gehen? Der Weg des Lebens iſt ſteil, weil er ſein Ziel im Himmel hat, und es iſt ſehr ermuͤdend, bergauf zu gehen. Außerdem, was draͤngt uns? Je mehr Zeit wir auf die Reiſe verwenden, deſto laͤnger bleiben wir bei einander. Reiſe ich etwa nicht fuͤr die Verbrei⸗ tung des Glaubens, und Ihr zu Euerm Vergnügen? Nun denn! Je weniger raſch wir gehen, deſto mehr wird der Glaube verbreitet werden; je weniger raſch wir ge⸗ hen, deſto mehr werdet Ihr Euch beluſtigen. Mein Rath waͤre zum Beiſpiele, einige Tage in Melun zu bleiben; man ißt dort, wie man verſichert, vortreffliche Aalpaſtetan, und ich moͤgte wohl einen gewiſſenhaften und vernuͤnftigen Vergleich zwiſchen den Aalpaſteten von lun und denen anderer Gegenden machen. Was ſagt Ihr dazu, Herr Ehicot? — Ich ſage, erwiderte der Gaskonier, daß meine Meinung im Gegentheil iſt, ſo raſch, als moͤglich zu reiſen, nicht in Melun zu vespern und erſt in Monte⸗ reau zu Nacht zu eſſen, um die verlorene Zeit wieder einzuholen.— Gorenflot blickte ſeinen Reiſegefaͤhrten an, wie ein Mann, der nicht verſteht. — Porwaͤrts, auf den Weg, auf den Weg! ſagte Chicot. Der Moͤnch, walcher ſeiner ganzen Laͤnge nach mit unter ſeinem Kopfe gekreuzten Haͤnden lag, begnuͤgte 11 am, ſich damit, ſich auf ſeinen Hintern zu ſetzen, indem er ein klaͤgliches Stoͤhnen ausſtieß. — Dann, fuhr Chicot fort, wenn Ihr zuruͤck blei⸗ ben, und nach Eurem Gefallen reiſen wollt, Gevatter, nd, ſo ſteht es Euch frei. — Nicht doch, ſagte Gorenflot, entſetzt uͤber dieſe ben Abſonderung, welcher er durch ein Wunder entgangen war, nicht doch! Ich begleite Euch, Herr Chicot, ich habe Euch zu gern, um Euch zu verlaſſen. drd— Dann aufgeſeſſen, Gevatter, aufgeſeſſen! ge⸗ Gorenflot zog ſeinen Eſel an einen Eckſtein, und es ein gelang ihm, ſich auf ihm niederzulaſſen, dieſes Mal nicht zu rittlings, ſondern von der Seite, wie die Frauen; er che bbehauptete, daß ihm das bequemer waͤre, um zu plau⸗ ddern. Die Wahrheit iſt, daß der Moͤnch eine Verdop⸗ ten on pelung der Schnelligkeit vorausgeſehen hatte, und daß er agt auf dieſe Weiſe ſitzend, zwei Stuͤtzpunkte hatte, die Maͤhne und den Schwanz. ine Chicot ſchlug einen ſcharfen Trab ein, der Eſel folgte ſchreiend. 54 Die erſten Augenblicke waren ſchrecklich fuͤr Goren⸗ der flot; gluͤcklicher Weiſe hatte der Theil, auf welchem er ruhete, einen ſolchen Umfang, daß es ihm minder ſchwie⸗ in rig, als einem Anderen war, ſich auf ſeinem Schwer⸗ punkte zu behaupten. zte Von Zeit zu Zeit erhob ſich Chicot in ſeinen Steigbuͤgeln, indem er die Straße erſpaͤhete, und da er it am Horizonte das nicht ſah, was er ſuchte, ſo verdop⸗ 8 pelte er die Schnelligkeit Gorenflot ließ dieſe erſten Merkmale der Nachfor⸗ ſchung und der Ungeduld voruͤbergehen, ohne mit der Sorge beſchaͤftigt, auf ſeinem Eſel zu bleiben, nach der Urſache zu fragen. Aber, als er allmaͤlich wieder zu ſich ge⸗ kommen war, als er gelernt hatte, zwiſchen ſeinen Stoͤ⸗ ßen, wie die Schwimmer ſagen, zu athmen, und als er bemerkt hatte, daß Chicot daſſelbe Spiel fortſetzte, ſag⸗ te er: — He! Was ſuchen wir denn, lieber Herr Chicot? — Nichts, erwiderte dieſer. Ich ſehe nach, wohin wir gehen. — Aber, wie ich meine, gehen wir nach Melun; ihr habt es ſelbſt geſagt, Ihr habt nfangs ſogar hinzu⸗ gefuͤgt... — Wir kommen nicht vorfözels, Gevatter, wir kommen nicht vorwaͤrts, ſagte Chicot, indem er ſein Pferd anſpornte. — Wie, wir kommen nicht vorwaͤrts, rief der Moͤnch aus; aber wir kommen ja nicht aus dem Trab. — Im Galopp! Im Galopp! ſagte der Gaskonier, indem er ſein Pferd dieſen Gang annehmen ließ. Durch das Beiſpiel fortgeriſſen, ſchlug Panury den Galopp ein, aber mit einer ſchlecht verhehlten Wuth, die ſeinem Reiter nichts Gutes verhieß. Die Beklemmungen Gorenflots verdoppelten ſich. — Sagt doch, ſagt doch, Herr Chicot, rief er aus, ſobald er zu ſprechen vermogte, Ihr nennt das eine Vergnugungsreiſe; aber ich habe durchaus kein Ver⸗ gnügen. 3 V — ι -— 97— — Vorwaͤrts! Borwaͤrts! antwortete Chicot. — Aber der Huͤgel iſt ſteil. — Gute Reiter galoppiren nur bergauf. — Ja, aber ich, ich habe nicht die Anmaßung, ein guter Reiter zu ſein. — Dann bleibt zuruͤck. — Nicht doch, ſapperment, rief Gorenflot aus, um Nichts in der Welt! — Nun denn! Dann wie ich Euch ſagte, vorwaͤrts, vorwaͤrts! Und Chicot ließ ſein Pferd noch um einen Grad ſchneller gehen. — Da ſeht, Panury roͤchelt, rief Gorenflot aus, da ſeht, Panury bleibt ſtehen. — Dann, lebt wohl, Gevatter, ſagte Chicot. Gorenflot hatte einen Augenblick lang Luſt, auf die⸗ ſelbe Weiſe zu antworten, aber er erinnerte ſich, daß dieſes Pferd, das er von Grund des Herzens aus verwuͤnſchte, und das einen ſo launigen Mann trug, auch den Geld⸗ beutel truͤge, der ſich in der Taſche dieſes Mannes be⸗ fand. Er ergab ſich demnach, und indem er mit ſeinen Sandalen die Weichen des wuͤthenden Eſels zerarbeitete, zwang er ihn wieder zum Galopp. — Ich werde meinen armen Panury umbringen, klang des Moͤnchs klaͤglicher Ausruf, um dem Intereſſe Chicots einen entſcheidenden Schlag zu verſetzen, da er keinen Einfluß auf ſeine Empfindſamkeit zu haben ſchien⸗ Ich werde ihn zuverlaͤſſig umbringen. — Wohlan, bringe ihn um, Gevatter, bringe ihn Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. 2 — 98— um, antwortete Chicot, ohne daß dieſe Bemerkung, welche Gorenflot fuͤr ſo wichtig hielt, ihn und den Gang ſeines Pferdes anhalten ließ; bring ihn um, wir kaufen ein Maulthier. Als ob er dieſe drohenden Worte verſtanden hätte, verließ der Eſel die Mitte der Straße und ſprengte auf einen kleinen ſehr ſteilen Seitenweg, auf welchem Go⸗ renflot nicht gewagt haͤtte, zu Fuße zu gehen. — Zu Huͤlfe, rief der Moͤnch, zu Huͤlfe, ich werde 4 in den Fluß rollen. — Es iſt keine Gefahr vorhanden, ſagte Chicot; wenn Ihr in den Fluß fallt, ſo buͤrge ich Euch dafuͤr, daß Ihr ganz von ſelbſt ſchwimmt. — O, murmelte Gorenflot, ich werde daran ſter⸗ ben, das iſt ſicher. Und wenn man bedenkt, daß mir Alles das zuſtoͤßt, weil ich ein Nachtwandler bin! Und der Moͤnch erhob einen Blick gen Himmel, welcher ſagen wollte: — Herr! Herr! Welche Suͤnde habe ich denn began⸗ gen, daß Du mich mit dieſem Gebrechen zuͤchtigſt? Ploͤtzlich, auf dem Gipfel des Huͤgels angelangt, hielt Chicot ſein Pferd ſo kurz und ſo ſtoßend an, daß das uͤberraſchte Thier gaͤnzlich mit ſeinen Hinterfuͤßen zuſam⸗ menſank, daß ſeine Kruppe beinahe den Boden beruͤhrte. Gorenflot, ein minder guter Reiter als Chicot, der außerdem ſtatt des Zuͤgels nur einen Halfter hatte, Go⸗ renflot, ſagen wir, ſetzte ſeinen Weg fort. — Halt! Sapperment, halt! rief ihm Chicot zu. Aber der Eſel hatte es ſich in den Kopf geſetzt zu galoppiren, aaͤckiges. — Wirſt Du halten, rief Chicot aus, oder auf mein Wort als Edelmann, ich jage Dir eine Piſtolen⸗ kugel nach! — Was fuͤr ein Teufel von Menſch iſt das, ſagte ſich Gorenflot, und von welchem Thiere iſt er gebiſſen worden? Dann, da Chicots Stimme immer ſchrecklicher wur⸗ de, und der Moͤnch ſchon glaubte, die Kugel pfeifen zu hoͤren, mit der er bedrohet war, fuͤhrte er ein Manoͤver aus, zu welchen ihm die Art, wie er ſaß, die groͤßte Leichtigkeit verlieh: er ließ ſich naͤmlich von ſeinem Thie⸗ re auf die Erde gleiten. — Da, ſagte er, indem er ſich herzhaft auf ſeinen Hintern fallen ließ und ſich mit beiden Haͤnden an den Halfter ſeines Eſels klammerte, der ihn ſo einige Schritte machen ließ, aber doch am Ende ſtehen blieb. Nun ſuchte Gorenflot Chicot, um auf ſeinem Geſichte die Zeichen von Zufriedenheit zu leſen, die bei dem An⸗ blicke eines ſo geſchickt ausgefuͤhrten Manoͤvers nicht er⸗ mangeln konnten, ſich auf ihm auszudruͤcken. Chicot war hinter einem Felſen verſteckt, und ſetzte von dort aus ſeine Signale und ſeine Drohungen fort. Dieſe Vorſicht ließ den Moͤnch einſehen, daß Et⸗ was auf dem Spiele ſtaͤnde. Er ſah vor ſich, und er⸗ blickte auf fuͤnf Hundert Schritte weit auf der Heerſtraße drei Maͤnner, die ruhig auf ihren Maulthieren ritten. Auf den erſten Blick erkannte er die Reiſenden, welche 7* und der Kopf eines Eſels iſt etwas Hart⸗ — 100— am Morgen durch das Thor Bordelle Paris verlaſſen hatten, und denen Chicot, hinter ſeinem Baume auf der Lauer, ſo eifrig mit den Augen gefolgt war. Chicot wartete in derſelben Stellung, bis die drei Reiſenden außer dem Geſichtskreiſe waren; dann erſt ging er zu ſeinem Begleiter, welcher auf derſelben Stelle ſiz⸗ zen geblieben war, wo er zu Boden gefallen, indem er immer noch Panurys Halfter in ſeinen Haͤnden hielt. — Ach, ſagte Gorenflot, welcher die Geduld zu ver⸗ lieren begann, erklaͤrt mir ein wenig unſer Treiben, lie⸗ ber Hrrr Chicot: ſo eben haben wir im vollen Galopp reiten muͤſſen, jetzt muͤſſen wir ploͤtzlich an dem Orte bleiben, wo wir ſind. — Mein guter Freund, ſagte Chicot, ich wollte wiſſen, ob Euer Eſel von guter Art und ich nicht be⸗ trogen worden waͤre, indem ich ihn mit zwei und zwan⸗ zig Livres bezahlte, jetzt, wo die Erfahrung gemacht iſt, bin ich ſo zufrieden, als man nur ſein kann. Wie man wohl begreifen wird, ließ ſich der Moͤnch durch eine ſolche Antwort nicht hintergehen, und er ſchickte ſich an, es ſeinen Begleiter ſehen zu laſſen, als ſeine natuͤrliche Traͤgheit den Sieg davon trug, indem ſie ihm zufluͤſterte, ſich in keinen Streit einzulaſſen. Er begnügte ſich demnach zu antworten, ohne ſelbſt ſeine uͤble Laune zu verbergen: — Gleichviel, ich bin ſehr ermuͤdet und habe großen Hunger. — Ei nun! Wenn es weiter Nichts iſt, erwiderte Chicot, indem er Bruder Gorenflot froͤhlich auf die Ach⸗ gli — 101— ſel klopfte. Auch ich bin muͤde, auch ich habe Hunger, und in dem erſten Wirthshauſe, das wir auf unſerer Straße finden werden... — Nun? fragte Gorenflot, der Muͤhe hatte, an die Umwandelung zu glauben, welche die erſten Worte des Gaskoniers verkuͤndeten. — Nun denn, ſagte dieſer, wollen wir auf dem Roſt gebratenes Schweinefleiſch, ein oder zwei fricaſſirte Huͤhner, und einen Krug von dem beſten Wein des Kel⸗ lers verlangen. — Wahrhaftig, erwiderte Gorenflot, iſt das dieſes Mal ganz gewiß? Sagt an! — Ich verſpreche es Euch, Gevatter. — Wohlan, fagte der Moͤnch, indem er aufſtand, dann wollen wir uns ohne Zoͤgern zur Aufſuchung dieſes gluͤckſeligen Wirthshauſes aufmachen. Komm, Panury, Du ſollſt Kleie haben. Der Eſel begann vor Vergnuͤgen zu ſchreien. Chicot ſtieg wieder auf ſein Pferd. Gorenflot fuͤhrte ſeinen Eſel an dem Halfter. Das ſo ſehr erſehnte Wirthshaus zeigte ſich bald vor den Augen der Reiſenden; es befand ſich zwiſchen Corbeil und Melun; aber zum großen Erſtaunen Goren⸗ flots, der ſein lockendes Aeußere aus der Ferne bewun⸗ derte, gebot Chicot dem Moͤnche, wieder auf ſeinen äſel zu ſteigen, und begann einen Umweg zur Linken einzuſchlagen, um hinter das Haus zu kommen: uͤbrigens legte ſich Gorenflot, deſſen Faſſungskraft raſche Fort⸗ ſchritte machte, mit einem einzigen Blicke Rechenſchaft uͤber dieſe Wunderlichkeit ab; die drei Maulthiere der Reiſenden, deren Spur Chicot zu folgen ſchien, waren vor der Thuͤre angebunden. — Alſo nach dem Gefallen dieſer verwuͤnſchten Rei⸗ ſenden, dachte Gorenflot, werden ſich die Ereigniſſe un⸗ ſrer Reiſe und die Stunden unſrer Mahlzeiten richten? Das iſt traurig. Und er ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Panury, der auch ſah, daß man von der geraden Linie abwich, von der Jedermann, ſelbſt ein Eſel weiß, daß ſie die kürzeſte iſt, blieb ploͤtzlich ſtehen und ſtemmte ſich auf ſeine vier Fuͤße, als ob er entſchloſſen waͤre, an dem Orte ſelbſt, wo er ſich befand, einzuwurzeln. — Seht, ſagte Gorenflot in jammervollem Tone, ſelbſt mein Eſel will nicht weiter. 4 — Ach! Er will nicht weiter? fagte Chicot. Warte! Warte! Und er ging an eine Weißdornhecke, in welcher er eine fuͤnf Fuß lange, wie ein Daumen dicke, zugleich feſte und biegſame Gerte abſchnitt. 1 Panury war keines jener dummen vierfuͤßigen Thiere, die ſich nicht um das bekuͤmmern, was um ſie herum vorgeht, und welche die Ereigniſſe nicht ahnen, als bis dieſe ihnen auf den Ruͤcken fallen. Er war den Bewegun⸗ gen Chicots gefolgt, fuͤr den er ohne Zweifel die Achtung zu fuͤhlen begann, welche er verdiente, und ſo bald er ſeine Abſichten zu bemerken geglaubt hatte, waren ſeine Beine wieder gelenk geworden, und er war im Doppelſchritte aufgebrochen. — 103— — Er geht, er geht! rief der Moͤnch Chicot zu. — Gleichviel, ſagte dieſer, fuͤr den, welcher in Ge⸗ ſellſchaft eines Eſels und eines Moͤnches reiſet, iſt ein Stock niemals ohne Nutzen. Und der Gaskonier ſchnitt den ſeinen vollends ab. VII. Wie Bruder Gorenflot ſeinen Eſel gegen ein Maulthier, und ſein Maulthier gegenein Pferd vertauſchte. 4 Indeſſen nahten die Widerwaͤrtigkeiten Gorenflots zum Mindeſten fuͤr dieſen Tag ihrem Ende; nachdem man den Umweg gemacht, ſchlug man die Heerſtraße wieder ein, und kehrte drei Viertelſtunden weiter hin in einem Wirthshauſe ein. Chicot nahm ein Zimmer, das auf die Straße ging, und beſtellte ein Abendeſſen, das ihm in ſeinem Zimmer aufgetragen wurde, aber man ſah, daß die Ernaͤhrung nur eine Nebenbeſchaͤftigung Chi⸗ cots war. Er aß nur mit der Haͤlfte ſeiner Zaͤhne, waͤh⸗ rend er mit allen Kraͤften ſah und hoͤrte. Dieſe Be⸗ ſchaͤftigung dauerte bis zehn Uhr; da Chicot indeſſen um zehn Uhr Nichts geſehen und gehoͤrt hatte, ſo hob er die Sitzung auf, indem er befahl, daß ſein Pferd und der und Eſel des Moͤnches, durch eine doppelte Ration Hafer und Kleie geſtaͤrkt, mit Tages Anbruche bereit waͤren.“ Bei dieſem Befehle ſtieß Gorenflot, der ſeit einer Stunde eingeſchlafen ſchien, und der nur in jener ſuͤßen Begeiſterung ſchlummerte, welche einem guten, mit einer hinlaͤnglichen Maſſe feurigen Weines angefeuchteten Mahle folgt, einen Seufzer aus. — Mit Tages Anbruche? ſagte er. — Ei, den Henker, erwiderte Chicot, Du mußt daran gewoͤhnt ſein, um dieſe Stunde aufzuſtehen. — Warum denn? fragte Gorenflot. — Und die Fruͤhmetten? — Ich hatte einen Erlaß von dem Superior, ant⸗ wortete der Moͤnch. Chicot zuckte die Achſeln, und das Wort Faullen⸗ zer, mit dem Tone der Mehrzahl, erſtarb auf ſeinen Lippen. — Nun ja, Faullenzer, ſagte Gorenflot, nun ja, warum denn nicht? — Der Menſch iſt zur Arbeit geboren, ſagte der Gaskonier ſpruchreich. — Und der Moͤnch zur Ruhe, ſagte der Bruder; der Moͤnch iſt die Ausnahme des Menſchen. Und, zufrieden mit dieſem Argumente, das ſelbſt Chicot eingeleuchtet zu haben ſchien, ſtand Gorenflot vol⸗ ler Wuͤrde auf und erreichte ſein Bett, welches Chicot, ohne Zweifel aus Beſorgniß vor irgend einer Unbeſon⸗ nenheit, in demſelben Zimmer hatte aufſchlagen laſſen, wo das ſeinige ſtand. — 106— Wenn Bruder Gorenflot nicht in den tiefſten Schlaf verſunken geweſen waͤre, ſo haͤtte er ſehen koͤnnen, wie Chicot am folgenden Morgen mit Tages Anbruche aufſtand, an das Fenſter trat und ſich hinter dem Vorhange auf die Lauer legte. Obgleich durch den Vorhang geſchuͤtzt, trat Chicot bald darauf doch raſch einen Schritt zuruͤck, und wenn Gorenflot, ſtatt fortwaͤhrend zu ſchlafen, wach geweſen waͤre, ſo haͤtte er auf dem Pflaſter die Hufeiſen der drei Maulthiere klirren hoͤren koͤnnen. Chicot ging ſogleich zu Gorenflot, den er am Arme ſchuͤttelte, bis daß dieſer die Augen aufſchlug. — Aber werde ich denn keinen Augenblick der Ruhe mehr haben? ſtammelte Gorenflot, der zehn Stunden hinter einander geſchlafen hatte. — Hurtig, hurtig, ſagte Chicot, kleiden wir uns an und brechen wir auf. — Aber das Fruͤhſtuͤck, aͤußerte der Moͤnch. — Es iſt auf der Straße von Montereau. — Was iſt das, Montereau? fragte der in der Geographie ſehr unwiſſende Moͤnch. — Mantereau, ſagte der Gaskonier, iſt die Stbt wo man fruͤhſtuͤckt. Genuͤgt Euch das? — Ja, antwortete Gorenflot lakoniſch. — Dann, Gervatter, aͤußerte der Gaskonier, gehe ich hinunter, um unſere Zeche und die unſrer Thiere zu bezahlen, wenn Ihr in fuͤnf Minuten nicht bereit ſeid, ſo ziehe ich ohne Euch weiter. Die Toilette eines Moͤnches iſt bald gemacht, den⸗ chlaf wie and, auf hicot venn deſen drei lrme 3 nden uns der adt, gehe e zu ſeid, den⸗ duhe — 107— noch brauchte Gorenflot ſechs Minuten dazu. Als er demnach an die Thuͤre kam, ſah er Chicot, der, puͤnkt⸗ lich wie ein Schweizer, bereits vorausgeritten war. Der Moͤnch ſchwang ſich auf Panury, der, ange⸗ feuert durch die doppelte Ration Heu und Hafer, welche Chicot ihm hatte geben laſſen, ſich von ſelbſt in Galopp ſetzte und ſeinen Reiter bald an die Seite des Gasko⸗ niers gebracht hatte. Der Gaskonier ſtand gerade in den Steigbuͤgeln, und machte vom Kopfe bis zu den Fuͤßen nicht eine Bie⸗ gung. Gorenflot richtete ſich auf den ſeinigen auf, und ſah an dem Horizonte die drei Maulthiere und ihre drei Reiter, welche hinter einem Huͤgel bergab ritten. Der Moͤnch ſtieß einen Seufzer aus bei dem Ge— danken, wie traurig es waͤre, daß ein fremder Einfluß ſo auf ſein Schickſal einwirke. Ddieſes Mal hielt ihm Chicot Wort, und man fruͤh⸗ ſtuͤckte in Montereau. Der Tag hatte große Aehnlichkeit mit dem vorigen, und der folgende bot ſo ziemlich dieſelbe Reihenfolge von Ereigniſſen. Wir wollen alſo raſch uͤber die einzelnen Um⸗ ſtaͤnde weg gehen, und Gorenflot begann ſich, wohl oder uͤbel, an dieſes ungewiſſe Leben zu gewoͤhnen, als er gegen Abend Chicot allmaͤhlich ſeine Heiterkeit verlieren ſah; ſeit Mittag hatte er keinen Schatten von den drei Reiſenden erblickt, denen er folgte, er verzehrte demnach auch voll uͤbeler Laune ſein Abendeſſen und ſchlief ſchlecht. — 108— Gorenflot aß und trank fuͤr zwei, und verſuchte ſeine beſten Lieder. Chicot bewahrte ſeine Theilnahmlo⸗ m ſigkeit. 1 Der Tag grauete kaum, als er, ſeinen Begleiter ho ſchuͤttelnd, ſchon auf den Beinen war; der Moͤnch klei⸗ N dete ſich, und gleich vom Aufbruche an ſchlug man einen Trab ein, der ſich bald in einen raſenden Galopp ver⸗ Y wandelte. b ho Aber man mogte ſich noch ſo ſehr beeilen, keine Maulthiere am Horizonte. Gegen Mittag waren Pferd und Eſel erſchoͤpft. G Chicot ging geraden Weges nach dem, auf der Bruͤcke von Villeneuve le Roi fuͤr Thiere mit geſpaltenen in Klauen errichteten Zollhauſe. — Habt Ihr drei Reiſende auf Maulthieren geſehen, w fragte er, welche heute Morgen haben voruͤber kommen be muͤſſen? w — Heute Morgen, mein Edelmann? antwortete der 6 Joͤllner. Nein; geſtern wohl. — Geſtern 2 3 ſie — Ja, geſtern Abend, um ſieben Uhr. — Habt Ihr ſie bemerkt? 1 ſa — Hm! Wie man Reiſende bemerkt. — Ich frage Euch, ob Ihr Euch des Standes die⸗ ur ſer Maͤnner erinnert? — Es hat mir geſchienen, als ob es ein Herr und i zwei Diener waͤren. t — Ganz recht, ſagte Chicot, und er gab dem Zoͤll⸗ d ner einen Thaler. 8 der enen hen, men der 1(pruhen. 6 die⸗ und oͤl- — 169— uUnd indem er hierauf mit ſich ſelbſt ſprach, mur⸗ melte er: — Geſtern Abend, um ſieben Uhr. Sapperment! Sie haben zwoͤlf Stunden vor mir voraus. Vorwaͤrts, Muth. — Hoͤrt mich an, Herr Chicot, ſagte der Moͤnch, Muth, fuͤr meine Perſon habe ich ihn noch, aber ich habe keinen mehr fuͤr Panury. In der That, das arme, ſeit zwei Tagen uͤbertrie⸗ bene Thier zitterte auf ſeinen vier Beinen, und theilte Gorenflot das Schuͤtteln ſeines Leibes mit. — und ſelbſt Euer Pferd, fuhr Gorenflot fort, ſeht, in welchem Zuſtande es iſt. In der That, ſo feurig es auch war, und gerade wegen ſeines Feuers, das arme Thier war mit Schaum bedeckt, und ein heißer Dampf zog aus ſeinen Nuͤſtern, waͤhrend das Blut bereit ſchien, aus ſeinen Augen zu Chicot muſterte raſch die beiden Thiere und ſchien ſich der Meinung ſeines Gefaͤhrten anzuſchließen Gorenflot athmete wieder auf, als ploͤtzlich Chicot ſagte: — Da, Bruder Sammler, es handelt ſich hier dar⸗ um, einen großen Entſchluß zu faſſen. — Aber ſeit einigen Tagen faſſen wir keine anderen, rief Gorenflot aus, deſſen ſich Geſicht im Voraus entſtell⸗ te, ohne daß er nur wußte, was ihm angetragen wer⸗ den wuͤrde. — Es handelt ſich darum, uns zu trennen, ſagte — 110— Chicot, indem er, wie man zu ſagen pflegt, auf den erſten Schlag den Stier bei den Hoͤrnern packte. — Bah! aͤußerte Gorenflot. Immer derſelbe Scherz. Einander verlaſſen, und warum? — Ihr reitet zu langſam, Gevatter. — Daß Dich der Tauſend! ſagte Gorenflot. Aber ich reite ja wie der Wind; aber wir haben ja heute Morgen fuͤnf Stunden lang hinter einander galoppirt. — Das iſt noch nicht genug. — Dann laß uns wieder aufbrechen; je ſchneller wir gehen, deſto eher werden wir anlangen; denn ich ſetze voraus, daß wir am Ende anlangen werden. — Mein Pferd will nicht mehr gehen, und Euer Eſel verſagt den Dienſt. — Was dann anfangen? — Wir wollen ſie hier laſſen, und ſie auf der Ruͤck⸗ reiſe wieder mitnehmen. — Aber wir? Gedenkt Ihr denn, die Reiſe zu Buhj fortzuſetzen? — Wir werden auf Maulthieren reiten. — Und ſie haben? 3 — Wir kaufen ſie. — Geht, ſagte Gorenflot ſeufzend, wieder dieſes Opfer. — Demnach alſo? — Es ſei fuͤr die Maulthiere. — Bravo, Gevatter, Ihr fangt an Euch zu 6idm, empfehlt Bayard und Panury der Pflege des Gaſtwirths; ich gehe unſere Ankaͤufe zu machen. hs; — 111— Gorenflot entledigte ſich gewiſſenhaft des empfan⸗ genen Auftrages. Waͤhrend der vier Tage der Verbin⸗ dung, die er mit Panury gehabt, hatte er, wir wol⸗ len nicht ſagen, ſeine Vorzuͤge, ſondern ſeine Fehler gewuͤrdigt und bemerkt, daß ſeine drei Hauptfehler die⸗ jenigen waren, denen er ſelbſt unterworfen, naͤmlich die Traͤgheit, die Unenthaltſamkeit und die Gefraͤßigkeit. Dieſe Bemerkung hatte ihn geruͤhrt, und Gorenflot trennte ſich nicht ohne Bedauern von ſeinem Eſel; aber Gorenflot war nicht allein traͤg, unenthaltſam und ge⸗ fraͤßig, ſondern er war auch noch ſelbſtſuͤchtig, und er trennte ſich noch lieber von Panury, als von Chicot, weil Chicot, wie wir bemerkt, den Geldbeutel trug. Chicot kehrte mit zwei Maulthieren zuruͤck, auf welchen man an dieſem Tage zwanzig Stunden zuruͤck legte, ſo daß Chicot am Abend die Freude hatte, vor der Thuͤre eines Schmidts die drei Maulthiere zu er⸗ blicken. — O! ſagte er, zum erſten Male wieder auf⸗ athmend. — O! ſeufzte auch der Moͤnch. Aber das geuͤbte Auge des Gaskoniers erkannte weder die Geſchirre der Maulthiere, noch ihren Herrn und ſeine Diener; die Maulthiere waren auf ihren na⸗ tuͤrlichen Schmuck beſchraͤnkt, das heißt, ſie waren gaͤnzlich abgeſchirrt; was den Herrn und die Diener an⸗ belangt, ſo waren ſie verſchwunden. Außerdem befanden ſich um dieſe Thiere herum un⸗ bekannte Leute, die ſie muſterten und ſie zu probiren ſchienen: das war zuvoͤrderſt ein Roßkamm, und dann der Schmidt mit zwei Franziskanern; ſie ließen die Maulthiere ſich drehen und umdrehen, dann betrachteten ſie die Zaͤhne, die Fuͤße und die Ohren; mit einem Worte, ſie unterſuchten ſie. Ein Schauder uͤberlief Chicots ganzen Leib. — Geh voraus, ſagte er zu Gorenflot; naͤhere Dich den Franziskanern; nimm ſie bei Seite, befrage ſie; unter Moͤnchen werdet Ihr hoffentlich keine Ge⸗ heimniſſe haben; erkundige Dich auf eine gewandte Weiſe, von wem dieſe Maulthiere herruͤhren, den Preis, um welchen man ſie verkaufen will, und was aus ihren Eigenthuͤmern geworden iſt; dann komm zuruͤck, um mir Alles das zu ſagen. Gorenflot, beſorgt uͤber die Beſorgniß ſeines Freun⸗ des, brach im vollen Trabe ſeines Maulthieres auf, und kehrte einen Augenblick nachher zuruͤck. 15 — Hier iſt die Geſchichte, ſagte er. Zuvoͤrderſt, wißt Ihr, wo wir ſind? 4 S 8 — Ei, den Henker! Wir ſind auf der Straße von Lyon, ſagte Chicot, das iſt das Einzige, was mir zu wiſſen noͤthig iſt. 5 — Doch, zum Mindeſten nach dem, was Ihr mir geſagt habt, liegt Euch daran zu wiſſen, was aus den Eigenthuͤmern dieſer Maulthiere geworden iſt. — Ja, weiter. — Der, welcher ein Edelmann ſcheint... — Nun.. 8 . b — Der, welcher ein Edelmann ſcheint, hat hier 18 ge — 2 — 8 — 113— die Straße nach Avignon eingeſchlagen, eine Straße, welche, wie es ſcheint, den Weg abkuͤrzt, und die durch Chaͤteau⸗Chinon und Poives geht. — Allein? — Wie, allein? — Ich frage, ob er dieſen Weg allein eingeſchla⸗ gen hat. — Mit einem Bedienten. — Und der andere Bediente? — Der andere Bediente hat ſeinen Weg fortgeſetzt. — Nach Lyon? — Nach Lyon. — Vortrefflich.— Und warum geht der Edelmann nach Avignon? Ich glaubte, daß er nach Rom ginge. Aber, begann Chicot wieder, als ob er mit ſich ſelbſt ſpraͤche, ich frage Dich da Dinge, die Du nicht wiſ⸗ ſen kannſt.. — Doch... ich weiß es, antwortete Gorenflot. Ha! Das verwundert Euch? — Wie, Du weißt es? — Ja, er geht nach Avignon, weil Seine Heilig⸗ keit, der Papſt Gregor der XIII, einen mit ſeinen un⸗ umſchraͤnkten Vollmachten verſehenen Legaten nach Avig⸗ non geſandt hat. — Gut, ſagte Chicot, ich begreife... Und die Maulthiere? — Die Maulthiere waren ermuͤdet; ſie haben ſie an einen Roßkamm verkauft, der ſie wieder an die Fran⸗ 1 ziskaner verkaufen will. Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. 8 — 114— — Fuͤr wie viel? — Fuͤr funfzehn Piſtolen das Stuͤck. — Wie haben ſie denn ihre Reiſe fortgeſetzt? — Auf Pferden, die ſie gekauft haben. 7— Von wem?. — Von einem Reiter⸗Hauptmann, der ſich hier auf Remonte befindet.— — Sapperment! Gevatter, rief Chicot aus, Du biſt ein koſtbarer Menſch, und heute erſt weiß ich Dich zu wuͤrdigen.. Gorenflot war erfreut. — Jetzt, fuhr Chicot fort, vollende, was Du ſo gut begonnen haſt. 8 8— Was muß ich thun? Chicot ſtieg ab, und indem er dem Moͤnche den Zuͤgel zuwarf, ſagte er: 4 — Nimm die beiden Maulthiere, und biete ſie den Franziskanern fuͤr zwanzig Piſtolen an; ſie muͤſſen Dir den Vorzug geben. —Sie werden mir ihn geben, ſagte Gorenflot, oder ich verklage ſie bei ihrem Superior. — Bravo, Gevatter, Du bildeſt Dich. 53 3 — Ah! Aber, fragte Gorenflot, wie werden wir unſere Reiſe fortſetzen?— — Zu Pferde, Sapperment, zu Pferde. — Den Teufel! ſagte der Moͤnch, indem er ſich hinter den Ohren kratzte. — Geh doch, ſagte Chicot, ein Reiter wie Du! we un auf Du dich t ſo den den Dir flot, wir — Bah, ſagte Gorenflot, auf einem Eſel! wo werde ich Euch wiederfinden? — Auf dem Stadt⸗Markte. — Erwartet mich dort. Und der Moͤnch naͤherte ſich entſchloſſenen Schrit⸗ tes den Franziskanern, waͤhrend Chicot durch eine Seitenſtraße den Hauptplatz des kleinen Fleckens er⸗ reichte. Dort fand er in dem Wirthshauſe zum Kuͤhnen Hahn den Reiterhauptmann, der einen leidlichen Land⸗ wein von Auxperre trank, den die Liebhaber zweiten Ran⸗ ges mit den Gewaͤchſen von Burgund verwechſelten; er zog bei ihm neue Auskuͤnfte ein, welche in allen Punk⸗ ten diejenigen beſtaͤtigten, welche ihm Gorenflot gege⸗ ben hatte. In einem Augenblicke war Chicot mit dem Re⸗ montehauptmann uͤber zwei Pferde einig, welche dieſer auf der Stelle als Unterwegens gefallen eintrug, und die er, Dank dieſem Unfalle, fuͤr fuͤnf und dreißig Piſtolen beide geben konnte. Es handelte ſich nur noch darum, uͤber die Saͤttel und uͤber die Zaͤume einig zu werden, als Chicot aus einer kleinen Seitenſtraße den Moͤnch heraus kommen ſah, welcher die beiden Saͤttel auf ſeinem Kopfe, und die beiden Zaͤume in den Haͤnden trug. — O, ol rief er aus. Was iſt das? Gevatter? — Ei nun, ſagte Gorenflot, es ſind die Saͤttel und die Zaͤume unſerer Maulthiere. — u6— — Du haſt ſie alſo zuruͤckbehalten, Moͤnch? ſagte Chicot mit ſeinem offenen Laͤcheln. 4 Art ßer — Ja doch! aͤußerte der Moͤnch. 1 — und Du haſt die Maulthiere verkauft? — Jedes fuͤr zehn Piſtolen. — Die man Dir bezahlt hat? — Hier iſt das Geld. Und Gorenflot ließ ſeine Taſche voller Muͤnze aller klingen. — Sapperment, rief Chicot aus, Du biſt ein gro⸗ Mann, Gevatter. — So bin ich einmal, ſagte Gorenflot mit abge⸗ ſchmackter Beſcheidenheit. teln will; aber nicht zu viel. Reſt des Geldes herauszugeben. die um den Preis der zwei Flaſchen verringerten zwan⸗ — Ans Werk, ſagte Chicot. — Ah! Aber ich habe Durſt, ſagte der Moͤnch. — Nun, ſo trink, waͤhrend ich unſere öhiere ſat⸗ — Eine Flaſche. — Es gilt! Eine Flaſche! Gorenflot trank deren zwei, und kam, Chicot den Einen Augenblick lang wollte Chicot dem Moͤnche zig Piſtolen laſſen, aber er uͤberlegte, daß von dem Tage an, wo Gorenflot zwei Thaler beſaͤße, er ſeiner nicht mehr Herr ſein wuͤrde. Er nahm demnach das Geld, ohne daß der Moͤnch nur den Augenblick des 37⸗ iller bis nach Lyon, nicht mehr aus den Augen verlor, durch — 117— gerns gewahr wurde, den er empfunden hatte, und ſchwang ſich auf den Sattel. Der NMoͤnch machte es mit Huͤlfe des Reiter⸗Of⸗ ficiers eben ſo, der ein gottesfuͤrchtiger Mann war, und Gorenflots Fuß hielt, wogegen ihm Gorenflot, ſo⸗ bald er auf ſeinem Pferde ſaß, ſeinen Segen er⸗ theilte. — Das laſſe ich mir gefallen, ſagte Chicot, indem er ſein Pferd in Galopp ſetzte, das iſt ein gut geſeg⸗ neter Schelm. Als Gorenflot ſein Abendeſſen vor ſich her ſpren⸗ gen ſah, trieb er ſein Pferd auf ſeine Fußſtapfen; uͤbrigens machte er Fortſchritte in der Reitkunſt; ſtatt die Maͤhne mit der einen, und den Schwanz mit der anderen Hand zu packen, wie er es ſonſt machte, er⸗ griff er den Sattelknopf mit beiden Haͤnden, und mit dieſem einzigen Stuͤtzpunkte galoppirte er ſo lange, als Chicot es erlaubte. Er verwandte am Ende mehr Eifer darauf, als ſein Herr, denn jedes Mal, wenn Chicot den Gang ſeines Pferdes wechſelte, ſetzte der Moͤnch, welcher den Galopp dem Trabe vorzog, ſeinen Weg fort, indem er ſeinem Pferde Hurrah zurief. So edele Anſtrengungen verdienten belohnt zu wer⸗ den; am folgenden Tage Abends hatte Chicot, ein Wenig vor Chalons, Meiſter Nicolas David, immer noch als Bedienter verkleidet, wiedergefunden, den er, — 118— deſſen Thore alle drei gegen Abend des achten Tages nach ihrer Abreiſe von Paris einzogen. Das war ungefaͤhr der Moment, in welchem, einen entgegengeſetzten Weg einſchlagend, Buſſy, Saint⸗ Luc und ſeine Frau, wie wir bemerkt haben, auf dem Schloſſe Meéridor anlangten. VIII. Wie Chicot und ſein Reiſegefaͤhrte ſich im Gaſthauſe zum Sternbild des Kreuzes einquartirten, und wie ſie in demſelben von dem Wirthe empfangen wurden. Immer noch als Bedienter verkleidet, ſchlug Mei⸗ ſtter Nicolas David den Weg nach dem Platze des Ter⸗ ceeaux ein und waͤhlte das hauptſaͤchlichſte Wirthshaus ddes Platzes, welches das zum Kreuze war. Chicot ſah ihn in daſſelbe eintreten, und blieb ei⸗ nen Augenblick lang auf Beobachtung, um ſich zu ver⸗ ſichern, daß er Raum gefunden haͤtte, und es dem zu Folge nicht wieder verließe. — Haſt Du irgend eine Einrede gegen das Gaſt⸗ haus zum Kreuze? ſagte der Gaskonier zu ſeinem Reiſe⸗ gefaͤhrten. — Nicht die mindeſte, antwortete dieſer. — Du wirſt alſo dort einkehren; Du wirſt den Preis fuͤr ein abgeſondertes Zimmer verabreden; Du 14— 420— wirſt ſagen, daß Du Deinen Bruder erwarteſt, und Du wirſt mich in der That auf der Schwelle der Thuͤre erwarten; ich werde ſpazieren gehen und erſt bei gaͤnz⸗ lich eingebrochener Nacht zuruͤckkehren. Bei einge— brochener Nacht werde ich zuruͤckkehren, Dich auf Dei⸗ nem Poſten finden, und da Du Schildwache geſtanden und den Plan des Hauſes kennen gelernt haben wirſt, ſo wirſt Du mich nach dem Zimmer fuͤhren, ohne daß ich auf Leute ſtoße, die ich nicht ſehen will. Verſtehſt Du? — Vollkkommen, ſagte Gorenflot. — Waͤhle das Zimmer geraͤumig, heiter, zugaͤng⸗ lich, und wenn es moͤglich iſt, an das des Reiſenden anſtoßend, der ſo eben angekommen iſt; richte es ſo ein, daß es Fenſter auf die Straße hat, damit ich ſehe, wer eintritt und wer ausgeht; ſprich meinen Namen unter keinem Vorwande aus, und verſprich dem Koch goldene Berge. 4 1 — Das ſoll geſchehen. In der That, Gorenflot entledigte ſich des Auf⸗ trages auf eine wundervolle Weiſe. Als das Zimmer gewaͤhlt, brach die Nacht herein, und als die Nacht hereingebrochen war, nahm er Chicot bei der Hand und fuͤhrte ihn in das in Rede ſtehende Zimmer. Der Moͤnch, liſtig, wie ein Pfaff es immer iſt, ſo albern ihn die Natur auch geſchaffen haben moͤge, machte Chi⸗ cot bemerklich, daß ihr Zimmer, auf einem anderen Perplan. als das von Nicolas David gelegen, den⸗ noch an dieſes Zimmer anſtieße, und von ihm nur durch eine duͤnne Wand von Holz und Kalk getrennt waͤre, die, wenn man wollte, leicht zu durchbrechen ſei. Chicot hoͤrte dem Moͤnche mit der groͤßten Auf⸗ merkſamkeit zu, und⸗Jemand, der den Redner gehoͤrt und den Zuhoͤrer geſehen, haͤtte ſehen koͤnnen, wie die Aufheiterung des Einen den Worten des Anderen folgte. Dann, als der Moͤnch geendigt, antwortete Chicot: — Alles das, was Du mir da ſo eben geſagt haſt, verdient eine Belohnung, Du ſollſt heute Teres-Wein zum Abendeſſen haben, Gorenflot, ja, Du ſollſt ihn haben, ſapperment, oder ich bin Dein Gevatter nicht. — Ich kenne den Rauſch von dieſem Weine nicht, ſagte Gorenflot, er muß angenehm ſein. — Sapperment, erwiderte Chicot, indem er Beſit von dem Zimmer nahm, ich ſage Dir, Du wirſt ihn in zwei Stunden kennen lernen. Chicot ließ den Wirth rufen. Man wird vielleicht finden, daß der Erzaͤhler die⸗ ſer Geſchichte ſeine Erzaͤhlung im Gefolge ſeiner Per⸗ ſonen in einer großen Anzahl von Herbergen herum⸗ fuͤhrt: hierauf antwortet er, daß es nicht ſeine Schuld iſt, wenn ſeine Perſonen, die einen, um den Wüͤnſchen ihrer Geliebten zu dienen, die anderen, um dem Zorne des Koͤnigs zu entfliehen, die einen nach Norden, die anderen nach Suͤden gehen. Nun aber iſt er, zwiſchen das Alterthum, welches Dank der bruͤderlichen Gaſt⸗ freundſchaft keiner Wirthshaͤuſer bedurfte, und das mo⸗ derne Leben geſtellt, in welchem ſich das Wirihshaus in Table⸗d'⸗Hote umgeſtaltet hat, genoͤthigt in den Her⸗ bergen einzukehren, in welchen ſich die wichtigen Auf⸗ tritte ſeines Buches ereignen muͤſſen: außerdem zeigten ſich die Karawanſereien unſeres Abendlandes zu jener Zeit unter einer dreifachen Geſtalt, die nicht zu ver⸗ ſchmaͤhen war, und die in unſeren Tagen Viel von ih⸗ rem Charakter verloren hat; dieſe dreifache Geſtalt war das Wirthshaus, die Herberge und die Schenke. Man bemerke wohl, daß wir hier nicht von jenen angeneh⸗ men Bader⸗Haͤuſern ſprechen, fuͤr welche wir in unſeren Tagen kein Aequivalent haben, und die, von dem Rom der Kaiſer, dem Paris unſerer Koͤnige vermacht, dem Alterthume die mannigfaltige Annehmlichkeit ſeiner unheiligen Toleranz entliehen. Aber dieſe Anſtalten waren unter der Regierung Koͤnig Heinrichs des III. noch auf die Mauern der Hauptſtadt beſchraͤnkt; die Provinz hatte bis dahin nur die Herberge, das Wirthshaus und die Schenke. Nun aber befinden wir uns in einer Herberge,— was der Wirth ſehr wohl fuͤhlen ließ, als er Chicot, der ihn, wie wir bemerkt, hatte rufen laſſen, antwor⸗ ten ließ, er moͤge ſich gedulden, da er mit einem Rei⸗ ſenden ſpraͤche, der, vor ihm angekommen, das Vor⸗ recht haͤtte. Chicot errieth, daß dieſer Reiſende ſein Advokat ſei. — Was moͤgen ſie ſich ſagen? fragte Chicot. — Ihr glaubt alſo, daß der Wirth und Euer Mann Geheimniſſe mit einander haben? — Hm! Ihr ſeht es wohl, da dieſes hochmuͤthige Geſicht, das wir bemerkt haben und von dem ich ver⸗ muthe, daß es das des Wirths iſt... — Ganz Recht, ſagte der Moͤnch. — Einwilligt, mit einem als Bedienten gekleideten Manne zu plaudern. — Ah, ſagte Gorenflot, er hat den Rock gewech⸗ ſelt; ich habe ihn geſehen, er iſt jetzt ganz ſchwarz ge⸗ kleidet. — Ein Grund mehr, ſagte Chicot. Der Wirth ſteckt ohne Zweifel mit ihm unter einer Decke. — Wollt Ihr, daß ich ſeine Frau plaudern zu laſ⸗ ſen verſuche? ſagte Gorenflot. — Nein, ſagte Chicot, ich ziehe es vor, daß Du einen Spaziergang in die Stadt machſt. — Bah! Und das Abendeſſen? ſagte Gorenflot. — Ich werde es in Deiner Abweſenheit zubereiten laſſen. Da, hier iſt ein Thaler, um Dich in Gang zu bringen. Gorenflot nahm den Thaler dankbar an. Der Moͤnch hatte ſich waͤhrend der Reiſe ſchon mehr als ein Mal dieſen halbnaͤchtlichen Ausfluͤgen uͤber⸗ laſſen, welche er liebte, und die er, vermoͤge ſeines Standes als Bettelmoͤnch, von Zeit zu Zeit in Paris wagte*). Aber ſeitdem er das Kloſter verlaſſen, waren ihm dieſe Ausfluͤge noch bei Weitem theurer. Gorenflot *) Dann konnte man ihn in abgelegenen, ſchlechten Haͤu⸗ ſern vor einem Kruge Landwein, und in der abſcheu⸗ lichſten Geſellſchaft ſehen, die man ſich nur vorſtellen kann. ſog jetzt die Freiheit durch alle Poren ein, und es war ſo weit mit ihm gekommen, daß ſein Kloſter nur noch unter der Geſtalt eines Gefaͤngniſſes vor ſein Gedaͤcht⸗ niß trat. Er ging demnach mit an der Seite aufgeſchuͤrzter Kutte und ſeinem Thaler in der Taſche aus. Kaum hatte Gorenflot das Zimmer verlaſſen, als Chicot, ohne einen Augenblick zu verlieren, einen Boh⸗ rer nahm, und in der Hoͤhe des Auges ein Loch in den Verſchlag bohrte. Wegen der Dicke der Bretter erlaubte dieſe Oeffnung, von der Geoͤße eines Blaſe⸗ rohrs, ihm nicht, deutlich die verſchiedenen Theile des Zimmers zu ſehen; aber indem er ſein Ohr an dieſe Oeffnung legte, hoͤrte er ziemlich deutlich die Stimmen. Indeſſen wollte es der Zufall, daß Chicot durch die Stellung der Perſonen und durch den Platz, den ſie im Zimmer einnahmen, deutlich den Wirth ſehen konnte, der ſich mit Nicolas David unterhielt. Wie wir bemerkt, entgingen Chicot einige Worte; aber dennoch genuͤgte dasjenige, was er von dem Ge⸗ ſpraͤche auffing, um ihm zu beweiſen, daß David ſehr mit ſeiner Treue gegen den Koͤnig prahlte, indem er ſogar von einer Sendung ſprach, welche ihm von Herrn von Morvilliers anvertraut waͤre.— Waͤhrend er ſo ſprach, hoͤrte ihn der Wirth, ohne Zweifel ehrerbietig, aber mit einem Gefuͤhle an, das zum Mindeſten Gleichguͤltigkeit war, denn er antwortete wenig. Chicot glaubte ſogar, entweder in ſeinen Blik⸗ ken, oder in der Betonung ſeiner Stimme, jedes Mal — 125— einen ziemlich deutlichen Spott zu bemerken, wenn er den Namen des Koͤnigs ausſprach. — Ei, ei, ſagte Chicot, ſollte unſer Wirth etwa zufaͤllig Ligueur ſein Gottes Tod! Ich werde es wohl ſehen. Und da nichts ſehr Wichtiges in Meiſter Nicolas Davids Zimmer geſprochen wurde, ſo erwartete Chicot, daß der Wirth ihm auch ſeinen Beſuch abzuſtatten kaͤme. Endlich ging die Thuͤre auf. Der Wirth hielt ſeine Muͤtze in der Hand; aber er hatte durchaus daſſelbe ſpaßhafte Geſicht, welches Chicot aufgefallen war, als er ihn mit dem Advokaten hatte ſprechen ſehen. — Setzt Euch dorthin, mein lieber Herr, ſagte Chicot zu ihm, und bevor wir eine ſchließliche Ueberein⸗ kunft treffen, hoͤrt gefaͤlligſt meine Geſchichte an. Der Wirth ſchien dieſen Eingang auf eine unguͤn⸗ ſtige Weiſe aufzunehmen, und machte ſogar mit dem Kopfe ein Zeichen, daß er ſtehen zu bleiben wuͤnſche. — Nach Eurem Gefallen, mein lieber Herr, er⸗ widerte Chicot. Der Wirth machte ein Zeichen, welches ſagen wollte, daß er, um nach ſeinem Gefallen zu handeln, Nieman⸗ des Erlaubniß beduͤrfe. — Ihr habt mich in Geſellſchaft eines Mänchs ge⸗ ſehen, fuhr Chicot fort. — Ja, Herr, ſagte der Wirth. — Still! Ihr duͤrft Nichts davon ſagen,... die⸗ 8. ſer Moͤnch iſt geaͤchtet. — Bah! aͤußerte der Wirth. Waͤre er denn etwa irgend ein vermummter Hugenott? Chicot nahm eine Miene beleidigter Wuͤrde an. — Hugenott! ſagte er mit Widerwillen. Wer hat denn geſagt, Hugenott? Wißt, daß dieſer Moͤnch mein Verwandter iſt, und daß ich keine hugenottiſchen Ver⸗ wandten habe. Geht doch, wackerer Mann, Ihr ſoll⸗ tet erroͤthen, ſolche Abſcheulichkeiten zu ſagen. — Ah, mein Herr, erwiderte der Wirth, das hat ſich zu getragen. — Niemals in meiner Familie, Herr Wirth. Die⸗ ſer Moͤnch iſt im Gegentheile der erbittertſte Feind, der jemals gegen die Hugenotten losgezogen iſt; ſo daß er in die Ungnade Seiner Majeſtaͤt, Heinrichs des III. ge⸗ fallen iſt, der ſie, wie Ihr wißt, beſchuͤtzt. Es ſchien, als ob der Wirth ein lebhaftes Intereſſe an Gorenflots Verfolgung zu nehmen begoͤnne. 1 — Still, ſagte er, indem er einen Finger auf ſeine Lippen legte. — Wie, ſtill? fragte Chicot. Solltet Ihr etwa zufaͤllig hier Leute des Koͤnigs haben? — Ich fuͤrchte es, ſagte der Wirth mit einem Kopf⸗ nicken; da nebenan befindet ſich ein Reiſender. — Dann, erwiderte Chicot, wuͤrden wir, mein Verwandter und ich, uns auf der Stelle aus dem Staube machen, denn, geaͤchtet, bedrohet... — Und wo wolltet Ihr hingehen? — Wir haben zwei bis drei Adreſſen, die uns ein va ein — 127— uns befreundeter Gaſtwirth, Meiſter La Huridre gege⸗ ben hat. — La Hurière, Ihr kennt La Hurieère? — Still! Ihr muͤßt es nicht ſagen; aber wir ha⸗ ben in der Sanct⸗Bartholomaͤus Nacht Bekanntſchaft gemacht. -=— Schoͤn, ſagte der Wirth, ich ſehe, daß Ihr alle Beide, Euer Verwandter und Ihr, fromme Leute ſeid; auch ich kenne La Hurisère. Als ich dieſe Herberge kaufte, hatte ich ſogar Luſt, zum Beweiſe der Freund⸗ ſchaft daſſelbe Schild, als er, zum blauen Him⸗ mel, anzunehmen; aber die Wirthſchaft war bekannt unter der Benennung der Herberge zum Kreuze, und ich befuͤrchtete, daß dieſe Veraͤnderung mir Schaden bringen moͤgte; alſo, Ihr ſagt, mein Herr, daß Euer Verwandter... — Die Unvorſichtigkeit gehabt hat, gegen die Hu⸗ genotten zu predigen; daß er einen ungeheuren Beifall gehabt hat, und daß Seine allerchriſtlichſte Majeſtaͤt, wuͤthend uͤber dieſen Beifall, der ihm die. Stimmung der Gemuͤther entſchleierte, ihn ſuchte, um ihn einker⸗ kern zu laſſen. 1 — Und nun? fragte der Wirth mit einem Aus⸗ drucke von Theilnahme, uͤber den man ſich nicht irren konnte. — Meiner Treue, ich habe ihn entfuͤhrt, ſagte Chicot.. — und Ihr habt wohlgethan, armer lieber Mann. „.. — Herr von Guiſe hatte mir wohl angeboten, ihn in ſeinen Schutz zu nehmen... — Wie, der große Heinrich von Guiſe? Heinrich mit der Schmarre? — Heinrich der Fromme. — Ja, wie Ihr ſagt, Heinrich der Fromme. — Aber ich habe den Buͤrger⸗Krieg gefuͤrchtet. — Dann, ſagte der Wirth, wenn Ihr zu den Freunden des Herrn von Guiſe Ihr das: Und der Wirth gab Chicot mit gehoͤrt, ſo kennt der Hand eine Art von Freimaurer Zeichen, mit deſſen Huͤlfe ſich die Li— gueurs erkannten. In der merkwuͤrdigen Nacht, zwanzig Male wiederholt worden welche er in dem Sanct⸗Genovefa Kloſter zugebracht, hatte Chicot nicht allein dieſes Zeichen bemerkt, das in ſeiner Gegenwart war, ſondern auch noch das Zeichen, welches darauf antwortete. — Bei Gott, ſagte er, und Ihr dieſes. Und Chicot gab ſeiner Seits das zweite Zeichen. — Dann, ſagte der Gaſtwirth Hingebung, ſeid Ihr hier zu Haus; mein Haus iſt das Eure; betrachtet mich als einen Freund, ich be⸗ trachte Euch als einen Bruder, u Geld habt.. Statt aller Antwort zog Chicot einen Geldbeutel mit der gaͤnzlichſten nd wenn Ihr kein aus ſeiner Taſche, der, obgleich bereits ziemlich ange⸗ griffen, doch noch eine ziemlich an zeigte. ſtaͤndige Dickleibigkeit — 429— Der Anblick eines recht runden Geldbeutels iſt im⸗ mer angenehm, ſelbſt fuͤr den großmuͤthigen Mann, der uns Geld anbietet, und der ſo erfaͤhrt, daß wir ſeiner nicht beduͤrfen, denn auf dieſe Weiſe behaͤlt er das Ver⸗ dienſt ſeines Anerbietens, ohne noͤthig gehabt zu haben, es in Ausfuͤhrung zu bringen. — Gut, ſagte der Wirth. — Um Euch noch mehr zu beruhigen, fuͤgte Chicot hinzu, will ich Euch ſagen, daß wir zur Verbreitung des Glaubens reiſen, und daß uns unſere Reiſe von dem Schatzmeiſter der heiligen Union bezahlt wird. Deu⸗ tet uns demnach eine Herberge an, in der wir Nichts zu befuͤrchten haben. — Gottes Tod! rief der Wirth aus. Ich ſage Euch, daß Ihr nirgends mehr in Sicherheit ſein werdet, als hier, meine Herren. — Aber Ihr ſprachet ſo eben von einem Manne, der hier neben an logiere. — Ja; aber er ſoll ſich nur gut halten, denn, bei dem erſten Auflauern, das ich ihn machen ſehe, muß er ausziehen, ſo wahr ich Bernouillet heiße. — Ihr heißt Bernouillet? fragte Chicot. — Das iſt mein eigener Name, mein Herr, und er iſt bekannt unter den Frommen, vielleicht nicht der Hauptſtadt, aber der Provinz. Ich bin demnach auch ſtolz darauf. Sagt ein Wort, ein einziges, und ich werfe ihn vor die Thuͤre. — Warum das? ſagte Chicot. Laßt ihn im Ge⸗ Die Dame von Monſoreau. Oritter Band. 9 — 130— gentheile; es iſt beſſer, ſeine Feinde neben ſich zu haben; man beaufſichtigt ſie zum Mindeſten. — Ihr habt Recht, ſagte Bernouillet mit Bewun⸗ derung. Aber was veranlaßt Euch zu glauben, daß die⸗ ſer Mann unſer Feind iſt? Ich ſage unſer Feind, fuhr der Gaskonier mit einem liebreichen Laͤcheln fort, weil ich wohl ſehe, daß wir Bruͤder ſind. — O, ja, ganz gewiß, ſagte der Wirth; was mich das glauben laͤßt... — Ich frage Euch darum. — Weil er als Bedienter verkleidet hier angekommen iſt, dann, weil er eine Art von Advokaten⸗Kleidung an⸗- gelegt hat; nun aber iſt er nicht mehr Advokat, als Bedienter, weil ich unter einem auf einen Stuhl gewor⸗ fenen Mantel die Spitze eines langen Schwerdtes habe hervorblicken ſehen. Dann hat er mir von dem Koͤnige ge⸗ ſprochen, wie Niemand von ihm ſpricht, dann endlich b hat er mir geſtanden, daß er einen Auftrag von Herrn von Morvilliers habe, der, wie Ihr wißt, ein Mini⸗ ſter des Nebucadnezars iſt. — Des Herodes, wie ich ihn nenne. — Des Sardanapals! — Bravo. — Ah, ich ſehe, daß wir uns verſtehen, ſagte der Wirth. — Bei Gott, aͤußerte Chicot, demnach alſo bleibe ich⸗ — Ich glaube es wohl.. Abver kein Wort von meinem Verwandten. — Bei Gott. — Noch von mir! — Fuͤr wen haltet Ihr mich? Aber, ſtill, da kommt Jemand. Gorenflot erſchien anf der Schwelle. — O, er iſt es, der wuͤrdige Mann, rief der Wirth aus. Und er ging auf den Moͤnch zu und machte ihm das Zeichen der Ligueurs. Dieſes Zeichen erfuͤllte Gorenflot mit Erſtaunen und Entſetzen. — Antwortet, antwortet doch, mein Bruder, ſagte Chicot. Unſer Wirth weiß Alles, und er gehoͤrt dazu. — Er gehört dazu, ſagte Gorenflot, zu was ge⸗ hoͤrt er? — Zur heiligen Union, ſagte Bernouillet mit leiſer Stimme. — Ihr ſeht wohl, daß Ihr antworten koͤnnt; ſo antwortet doch!. Gorenflot antwortete, was den Wirth auf das Hoͤchſte erfreute. — Aber, ſagte Gorenflot, den es draͤngte, die Un⸗ terhaltung zu wechſeln, man hat mir Xeres⸗Wein ver⸗ ſprochen. — Peres, Malaga, Alicante, alle Weine meines Kellers ſtehen zu Eurer Verfuͤgung, mein Bruder. Gorenflot richtete ſeinen Blick von dem Wirthe auf Chicot und von Chicot gen Himmel. Er begriff Nichts von dem, was ihm begegnete, und es war augenſchein⸗ 9* — 132— lich, daß er in ſeiner ganz kloͤſterlichen Demuth erkannte, V daß ſein Gluͤck ſeine Verdienſte bei Weitem uͤbertraͤfe. Drei Tage hinter einander berauſchte ſich Goren⸗ flot, am erſten Tage mit Xeres, am zweiten mit Ma⸗ laga, und am dritten Tage mit Alicante; aber unter allen dieſen Raͤuſchen geſtand Gorenflot ein, daß ihm der von Burgunder noch der angenehmſte ſchiene, und er kam auf den Chambertin zuruͤck. Waͤhrend dieſer vier Tage, an welchen Gorenflot ſeine Weinproben angeſtellt hatte, hatte Chicot ſein Zim⸗ mer nicht verlaſſen, und vom Morgen bis zum Abend den Advokaten Nicolas David belauert. Der Wirth, welcher dieſe Zuruͤckgezogenheit Chicots der Furcht zuſchrieb, die er vor dem vermeintlichen Royaliſten haͤtte, bemuͤhte ſich, dieſem Tauſend Strei⸗ che zu ſpielen. Aber Nichts ruͤhrte dieſen, zum Mindeſten dem Scheine nach. Nicolas David, welcher Peter von Gondy die Herberge zum Kreuze zum Zuſammenkunfts⸗ Orte beſtimmt hatte, wollte ſeine einſtweilige Wohnung nicht verlaſſen, aus Beſorgniß, daß der Bote der Herrn von Guiſe ihn nicht auffinden moͤgte, ſo daß er in Ge⸗ genwart des Wirthes gegen Alles unempfindlich ſchien. Sobald freilich die Thuͤre hinter Meiſter Bernouillet geſchloſſen war, bot Nicolas David dem ſein Loch nicht verlaſſenden Chicot das unterhaltende Schauſpiel ſeiner einſamen Wuth. Als er ſchon am Tage nach ſeinem Einzuge in das Wirthshaus die boͤſen Abſichten des Wirthes gewahr — 133— . wurde, ſo entfuhr es ihm zu ſagen, indem er ihm die Fauſt zeigte, oder vielmehr, indem er der Thuͤre die Fauſt zeigte, durch welche er hinausgegangen war: — Noch fuͤnf bis ſechs Tage, Schelm, und Du ſollſt es mir entgelten. Chicot wußte dadurch genug, er war ſicher, daß Nicolas David die Herberge nicht verlaſſen wuͤrde, als bis er die Antwort des Legaten erhalten haͤtte. Als aber der ſechſte Tag herankam, welches der ſiebente der Ankunft in dem Wirthshauſe war, wurde Nicolas David, welchem der Wirth, trotz Chicots Bit⸗ ten, angedeutet hatte, daß er naͤchſtens ſein Zimmer be⸗ duͤrfen wuͤrde, wurde Nicolas David, ſagen wir, ploͤtz⸗ lich krank. Der Wirth beſtand darauf, daß er ſeine Wohnung verließe, ſo lange er noch gehen koͤnnte; der Advokat verlangte Friſt bis zum folgenden Tage, indem er be⸗ hauptete, daß er ſich am folgenden Tage gewiß beſ⸗ ſer befinden wuͤrde; am folgenden Tage war er noch kraͤnker. Der Wirth war es, welcher ſeinem Freunde, dem Ligueur, dieſe Neuigkeit meldete. — Nun, ſagte er, indem er ſich die Haͤnde rieb, unſer Royaliſt, unſer Freund des Herodes, wird die Heerſchau des Admirals paſſiren, ran tan plan plan plan plan plan! Man nannte unter den Ligueurs: die Heerſchau des Admirals paſſiren, von dieſer Welt in die andere uͤbergehen. — 341— — Bah, aͤußerte Chicot, Ihr glaubt, daß er ſterben wird? — Abſcheuliches Fieber, mein lieber Bruder, Ter⸗ zian⸗Fieber, Quartan⸗Fieber, mit ſtaͤrkeren Anfaͤllen, die ihn in ſeinem Bette aufſpringen laſſen; die Aerzte begreifen Nichts davon, er hat einen Teufelshunger, er hat mich erdroſſeln wollen und ſchlaͤgt meine Aufwaͤrter, die Aerzte begreifen Nichts davon. Chicot uͤberlegte. — Habt Ihr ihn geſehn? fragte er. — Gewiß, da ich Euch ſage, daß er mich hat er⸗ droſſeln wollen. — Wie war er? — Bleich, aufgeregt, entſtellt, indem er wie ein Beſeſſener ſchrie. — Was ſchrie er? — Habt Acht auf den Koͤnig. Man will dem Koͤnige Boͤſes zufuͤgen. — Der Elende! — Der Schuft! Dann ſagte er von Zeit zu Zeit, daß er einen Mann erwarte, der von Avignon kommt, und daß er dieſen Mann ſehen wolle, bevor er ſtuͤrbe. — Sehe Einer das, ſagte Chicot. Ach, er ſpricht von Avignon. — Jede Minute. — Sapperment, ſagte Chicot, indem er ſeinen Lieb⸗ lingsſchwur entſchluͤpfen ließ. ————. 1) D — Sagt doch, begann der Wirth wieder, es waͤre drollig, wenn er ſtuͤrbe. 3 — Sehr drollig, ſagte Chicot; aber ich moͤchte nicht, daß er vor der Ankunft des Mannes von Avignon ſtuͤrbe. — Warum das? Je eher er ſtirbt, deſto eher werden wir ihn los ſein. — Ja; aber ich treibe den Haß nicht ſo weit, den Leib und die Seele verderben zu wollen, und da dieſer Mann von Avignon kommt, um ihm zu beichten... — Ei, ſeht Ihr denn nicht, daß das irgend eine Phantaſie ſeines Fiebers, irgend eine Vorſtellung iſt, welche die Krankheit ihm in den Kopf geſetzt hat, und daß er Niemand erwartet? — Bah, wer weiß, ſagte Chicot. — Ah, Ihr ſeid' ein guter Chriſt, erwiderte der Wirth. — Vergilt Boͤſes mit Gutem, ſagt das goͤttliche Geſetz. Der Wirth entfernte ſich verwundert. Was Gorenflot anbetrifft, welcher allen dieſen Sor⸗ gen durchaus fremd blieb, ſo wurde er ſichtlich dicker; nach Verlauf von acht Tagen ſtoͤhnte die nach ſeinem Zimmer fuͤhrende Treppe unter ſeiner Laſt und begann ihn zwiſchen dem Gelaͤnder und der Wand einzupreſſen, ſo daß Gorenflot eines Abends Chicot mit Schrecken meldete, daß die Treppe magerer wuͤrde. Uebrigens be⸗ ſchaͤftigte ihn weder David, noch die Ligue, noch der traurige Zuſtand, in welchen die Religion verfallen warz er hatte keine andere Sorge, als den Kuchenzettel zu vervielfaͤltigen, und die verſchiedenen Gewaͤchſe von Bur⸗ gund mit den verſchiedenen Gerichten in Einklang zu bringen, die er ſich auftragen ließ, waͤhrend der erſtaunte Wirth jedes Mal, daß er ihn ausgehen oder nach Hauſe kommen ſah, wiederholte. — und zu ſagen, daß dieſer dicke Vater ein Strom der Beredtſamkeit iſt! , 2 r 82Q☛ 8 IX. Wie der Moͤnch des Advokaten Beichte hoͤrte und wie der Moͤnch dem Advokaten beichtete. Endlich kam der Tag herbei, welcher die Herberge von ſeinem Gaſte befreien ſollte, oder ſchien herbeizu⸗ kommen. Meiſter Bernoulllet ſtuͤrzte mit dermaßen uͤber⸗ maͤßiger Gelaͤchter in Chicots Zimmer, daß dieſem einige Zeit lang warten mußte, bevor er die Urſache davon erfuhr. — Er ſtirbt, rief der barmherzige Gaſtwirth aus, er verſcheidet, er verreckt endlich! — und das laͤßt Euch in dieſem Grade lachen? fragte Chicot. — Ich glaube wohlz; weil der Spaß herrlich. — Welcher Spaß? — Nein! Geſteht, daß Ihr ihm den Poſſen ge⸗ ſpielt habt, mein Edelmann! — Ich? Dem Kranken einen Poſſen? — 138— — Ja. 6 — Warum handelt es ſich? Was iſt ihm begegnet? — Was ihm begegnet iſt? Ihr wißt, daß er im⸗ mer nach ſeinem Manne von Avignon verlangte. — Nun, ſollte dieſer Mann endlich gekommen ſein⸗ — Er iſt gekommen. 3 — Habt Ihr ihn geſehn? Bei Gott! Betritt mein Haus etwa eine einzige Perſon, ohne daß ich ſie ſehe? — und wie war er? — Der Mann von Avignon, klein, mager und mit rothen Wangen — Ganz recht, ließ Chicot ſich entſchluͤpfen. — Da, Ihr ſeht wohl, daß Ihr es ſeid, der ihn ihm geſandt hat, da Ihr ihn erkennt. — Der Bote iſt angekommen, rief Chicot aus, in⸗ dem er aufſtand und ſich den Schnurrbart drehete, er⸗ zaͤhlt mir doch das, Gevatter Bernouillet. — Nichts iſt einfacher, um ſo mehr, da, wenn Ihr den Poſſen nicht geſpielt habt, Ihr mir ſagen werdet, wer es ſein kann. Vor einer Stunde alſo hing ich ein Kaninchen an den Laden, als ein großes Pferd und ein kleiner Mann vor der Thuͤre hielten. — Iſt Meiſter Nicolas hier? fragte der kleine Mann. Ihr wißt, daß dieſer niedertraͤchtige Royaliſt ſich unter dieſem Namen hat einſchreiben laſſen. — Ja, mein Herr, antwortete ich. — Dann ſagt ihm, daß die Perſon, welche er von Avignon erwartet, angekommen ſei. von 1— 139— — Sehr gern, mein Herr, aber ich muß Euch von Etwas in Kenntniß ſetzen.. — Von was? — Daß Meiſter Nicolas, wie Ihr ihn nennt, mit dem Tode ringt. — Ein Grund mehr, daß Ihr meinen Auftrag ohne Verzug ausrichtet. — Aber Ihr wißt vielleicht nicht, daß er an einem boͤsartigen Fieber ſtirbt. 3 — Wahchaftig, ſagte der Mann, dann kann ich Euch nicht genug Eile anempfehlen. — Wie, Ihr beharrt darauf? — Ich beharre darauf. — Trotz der Gefahr? — Trotz Allem, ich ſage Euch, daß ich ihn ſe⸗ hen muß. — Der kleine Mann wurde unwillig und ſprach in einem gebieteriſchen Tone, der keine Einrede zuließ; dem zu Folge fuͤhrte ich ihn nach dem Zimmer des Sterbenden. — So, daß er dort iſt? ſagte Chicot, indem er die Hand in der Richtung dieſes Zimmers ausſtreckte. — Er iſt dort! Nicht wahr, das iſt drollig? — Außerordentlich drollig, ſagte Chicot. — Wie Schade, nicht hoͤren zu koͤnnen! — Ja, das iſt Schade. — Der Auftritt muß ſpaßhaft ſein.“ — Im hoͤchſten Grade; aber was haͤlt Euch denn ab, einzutreten? — 140— — Er hat mich fortgeſchickt. — Unter welchem Vorwande? ᷣ — Unter dem Vorwande, daß er beichten wolle. — Was verhindert Euch, an der Thuͤre zu horchen? — und Ihr habt Recht, ſagte der Wirth, und er ſtuͤrzte aus dem Zimmer. Chicot ſeiner Seits eilte an ſein Loch. Peter von Gondy ſaß an dem Bette des Kranken, aber ſie ſprachen alle Beide ſo leiſe, daß Chicot kein einziges Wort von ihrer Unterredung verſtehen konnte. Haͤtte er uͤbrigens auch verſtanden, ſo wuͤrde ihm doch dieſe ihrem Ende nahe Unterredung wenig Neues gelehrt haben; denn nach fuͤnf Minuten ſtand Herr von Gondy auf, nahm von dem Sterbenden Abſchied, und verließ das Zimmer. Chicot eilte an das Fenſter. Ein auf einem Stumpfſchwanz reitender Diener hielt das große Pferd am Zuͤgel, von welchem der Wirth geſprochen hatte, einen Augenblick nachher erſchien der Abgeſandte der Herrn von Guiſe, ſchwang ſich auf's Pferd, und ritt um die Ecke der Straße, welche nach der Heerſtraße von Paris fuͤhrte. — Gottes Tod! ſagte Chicot. Wenn er nur den Stammbaum nicht mitnimmt; jeden Falles werde ich ihn immerhin treffen, muͤßte ich auch zehn Pferde zu Schande reiten, um ihn wieder einzuholen! — Aber nein, ſagte er, dieſe Advokaten ſind ſchlaue Fuͤchſe, beſonders der unſrige, und ich vermuthe... Ich moͤchte nur wiſſen, fuhr Chicot fort, indem er un⸗ — 141— geduldig mit dem Fuße ſtampfte, und ohne Zweifel in ſeinem Geiſte einen Gedanken mit einem anderen ver⸗ band, ich moͤgte nur wiſſen, wo dieſer Schelm von Gorenflot iſt.. In dieſem Augenblicke trat der Wirth wieder ein. — Nuns? fragte Chicot. — Er iſt fort, ſagte der Wirth. — Der Beichtvater? — Der nicht mehr ein Beichtvater iſt, als ich. — Und der Kranke? — Iſt nach der Unterredung ohnmaͤchtig geworden. — Ihr ſeid ſicher, daß er immer noch in ſeinem Zimmer iſt? — Bei Gott, er wird es wahrſcheinlicher Weiſe nicht verlaſſen, als um ſich auf den Kirchhof bringen zu laſſen. — Gutz geht, und ſendet mir meinen Bruder, ſo⸗ bald er kommt. — Selbſt, wenn er betrunken iſt? — In welchem Zuſtande er auch ſein moͤge. — Es iſt alſo dringend? — Es iſt fuͤr das Wohl der Sache. Bernouillet verließ eilig das Zimmer: er war ein Mann voller Glaubenseifer. Jetzt war an Chicot die Reihe, Fieber zu haben; er wußte nicht, ob er Gondy nacheilen, oder in Da⸗ vids Zimmer eindringen ſollte. Wenn der Advokat ſo krank war, als es der Gaſtwirth behauptete, ſo war es wahrſcheinlich, daß er Herrn von Gondy mit ſeinen De⸗ peſchen beauftragt hatte. Chicot ſchritt demnach wie ein Narr im Zimmer auf und ab, indem er ſich vor die Stirne ſchlug und unter den Millionen von Gedanken, die in ſeinem Kopfe ſich draͤngten, nach einem entſchei⸗ denden forſchte. Man hoͤrte Nichts mehr in dem Zimmer; von ſei⸗ nem Obſervatorium aus konnte Chicot nur die Ecke des in ſeine Vorhaͤnge eingehuͤllten Bettes ſehen. Ploͤtzlich erſchallte eine Stimme auf der Treppe. Chicot erbebte; es war die des Moͤnches. Von dem Wirth geſchoben, der ihn vergebens zum Schweigen bringen wollte, ſtieg Gorenflot die Stufen der Treppe eine nach der anderen hinauf, indem er mit trunkener Stimme ſang: Le vin Et le chagrin(Der Wein und der Verdruß Se battent dans ma téte; ſchlagen ſich in meinem Kopfe; IIs y font un tel train Sie machen einen ſolchen Laͤrm Que c'est une tempéte. darin, daß es ein Ungewitter Mais l'un est le plus fort; iſt. Aber der Eine iſt der Staͤr⸗ C'est le vin kere: Das iſt der Wein! So Si bien que le chagrin daß der Verdruß ihn mit gro⸗ En sort ßer Eile verlaͤßt.) Grand train. Chicot eilte an die Thuͤre. — Still doch, Trunkenbold! rief er aus. — Trunkenbold, ſagte Gorenflot, weil man getrun⸗ ken hat. 8 — Geſchwind! Komm hier her, und Ihr, Bernouil⸗ let, Ihr wißt... 8 — Ja, ſagte der Wirth, indem er ein Zeichen des Einverſtaͤndniſſes machte, und die Treppe vier zu vier Stufen herabſprang. — Komm hierher,“ ſage ich Dir, fuhr Chicot fort, indem er den Moͤnch in ſein Zimmer zog, und laß uns ernſtlich mit einander reden, wenn Du kannſt. S — Bei Gott! ſagte Gorenflot, Ihr ſpottet, Ge⸗ vatter. Ich bin ernſt, wie ein Eſel, der trinkt. — Oder der getrunken hat, ſagte Chicot, indem er die Achſeln zuckte. Dann fuͤhrte er ihn nach einem Seſſel, auf welchen ſich Gorenflot fallen ließ, indem er ein: Ah! voller Ju⸗ bel ausſtieß. Chicot ging, die Thuͤre zu verſchließen, und kehrte mit einem ſo ernſten Geſichte zu Gorenflot zuruͤck, daß dieſer einſah, es handele ſich darum zu hoͤren. — Sagt an, was giebt es wieder? ſagte der Moͤnch, als ob dieſes Wort alle die Martern darſtellte, welche Chicot ihn aushalten ließ. — Was es gibt? antwortete Chicot ſehr barſch. Daß Du nicht genug an die Pflichten Deines Standes denkſt; Du waͤlzt Dich in der Liederlichkeit, Du ver⸗ faulſt in der Trunkenheit, und waͤhrend dem wird aus der Religion, was aus ihr werden will, Donner⸗ wetter! Gorenflot erhob ſeine beiden glotzenden erſtaunten Augen zu ſeinem Geſellſchafter.* „— Ich? ſagte er. 5 — 144— — Ja Duz ſieh, Du ſiehſt ſchaͤndlich aus. Dein Gewand iſt zerriſſen; Du haſt Dich unterweges geſchla⸗ gen, Dein linkes Auge iſt blau geraͤndert. — Ich? erwiderte Gorenflot, immer mehr uͤber die Vorwuͤrfe erſtaunt, die er von Chicot nicht ge⸗ wohnt war.— — Gewiß, Du haſt Koth bis uͤber die Kniee, und was fuͤr Koth! Weißen Koth; ein Beweis, daß Du Dich in den Vorſtädten berauſcht haſt. Das iſt meiner Treue wahr, ſagte Gorenflot. — ungluͤckſeliger! Ein Genovefa⸗Moͤnch, wenn Du noch Barfuͤßer waͤreſt. — Chicot, mein Freund, ich bin alſo ſehr ſtrafbar, ſagte Gorenflot geruͤhrt. — Das heißt, daß Du verdienſt, daß Dich das himmliſche Feuer bis auf die Sandalen verzehre; nimm Dich in Acht, wenn das ſo fortgeht, ſo gebe ich Dich auf.„ — Chicot, mein Freund, ſagte der Moͤnch, Du wirſt das nicht thun. — Es giebt auch Haͤſcher in Lyon. — O, Gnade, mein theurer Goͤnner! ſtammelte der Moͤnch, der nicht zu weinen, ſondern wie ein Stier zu heulen begann. — Pfui, uͤber das garſtige Vieh! fuhr Chicot fort. Und ich bitte Dich, in welchem Augenblicke gibſt Du Dich einem ſolchen Wandel hin? Wenn wir einen Nach⸗ bar haben, der ſtirbt. ☛— ‿8 — Das iſt wahr, ſagte Gorenflot mit Paknirſchter Miene. 8 — Sag an, biſt Du Chriſt? Ja oder nein! — Ob ich Chriſt bin, rief Gorenflot aus, indem er aufſtand, ob ich Chriſt bin! Bei den Eingeweiden des Papſtes, ich bin es! Ich wuͤrde es auf dem Roſte des heiligen Laurentius erklaͤren! Und mit ausgeſtreckten Armen, wie um zu ſchwoͤ⸗ ren, begann er auf eine Weiſe, um die Scheiben zu zer⸗ brechen, zu ſingen: Je suis chrétien, C'est mon seul bien. (Ich bin Chriſt, das iſt mein einzig Gut.) — Genug, ſagte Chicot, indem er ihm die Hand auf den Mund druͤckte, wenn Du Chriſt biſt, ſo laß Deinen Bruder nicht ohne Beichte ſterben.— — Das iſt wahr! Wo iſt mein Bruder, daß ich ihn zur Beichte hoͤre? ſagte Gorenflot. Das heißt, ſo⸗ bald ich getrunken habe, denn ich ſtexbe vor Durſt. Und Chicot reichte dem Moͤnche einen Krug voller Waſſer, den dieſer faſt gaͤnzlich ausleerte. — Ah, mein Sohn, ſagte er, indem er den Krug wieder auf den Tiſch ſetzte, ich fange an, klar zu ſehen. . as iſt ſehr erfreulich, antwortete Chicot, ent⸗ ſchloſſen, dieſen hellen Augenblick zu benutzen. — Jetzt, mein geliebter Freund, fuhr der Moͤnch fort, wen muß ich zur Beichte hoͤren? Die Dame von Monſoreau. Dritter Band⸗ 10 — 146— — unſeren ungluͤcklichen Nachbar, der ſtirbt. — Man gebe ihm ein Maß Honigwein, ſagte Go⸗ renflot. — Ich ſage nicht nein, aber er bedarf der geiſtigen Huͤlfe mehr, als der zeitlichen. Du wirſt zu ihm gehen. — Glaubt Ihr, daß ich hinlaͤnglich vorbereitet bin, Herr Chicot? fragte der Moͤnch ſchuͤchterner Weiſe. — Du? Ich habe Dich niemals ſo voller Salbung geſehen, als in dieſem Augenblicke. Du wirſt ihn zum Guten zuruͤckfuͤhren, wenn er ſich verirrt hat, Du wirſt ihn gerade in das Paradies ſenden, wenn er den Weg dazu ſucht. — Ich eile hin. — So warte doch, ich muß Dir den Weg andeu⸗ ten, den Du einzuſchlagen haſt. — Wozu? Man verſteht ſein Geſchaͤft vielleicht ſeit zwanzig Jahren, daß man Moͤnch iſt. — Ja, aber es iſt nicht allein Dein Geſchaͤft, das Du heute ausuͤben mußt, ſondern auch meinen Willen. — Euren Willen? 5 — Und wenn Du ihn puͤnktlich ausfuͤhrſt, verſte⸗ heſt Du wohl? ſo lege ich Dir Hundert Piſtolen im Gaſthauſe zum Fuͤllhorne an, um nach Deiner Wahl zu trinken oder zu eſſen. — Zu trinken und zu eſſen, ich ziehe das vor. — Wohlan, es ſei, Hundert Piſtolen, Du ver⸗ ſtehſt? Wenn Du dieſen wuͤrdigen Sterbenden zur 4½ρ- Beichte hoͤrſt. ſ SG 8 22 — 147— Ich werde ihn zur Beichte hoͤren, oder das Ge⸗ witter ſoll mich verzehren. Wie muß ich ihn zur Beichte hoͤren? — Hoͤre: Deine Kutte verleiht Dir eine große Ge⸗ walt, Du ſprichſt im Namen Gottes und im Namen des Koͤnigs; Du mußt durch deine Beredtſamkeit dieſen Mann zwingen, Dir die Papiere zu uͤbergeben, die man ihm von Avignon uͤberbracht hat. — Wozu ihn zwingen, mir dieſe Papiere zu uͤbergeben? Chicot blickte den Moͤnch mitleidig an. — Um Tauſend Thaler zu haben, doppeltes Vieh! ſagte er zu ihm. — Das iſt richtig, ſagte Gorenflot, ich gehe hin. — So warte doch,... er wird Dir ſagen, daß er eben gebeichtet habe. — Dann, wenn er eben gebeichtet hat? — Du wirſt ihm antworten, daß er gelogen haͤtte; daß Derjenige, welcher ſein Zimmer verlaſſe, kein Beicht⸗ vater ſei, ſondern ein Raͤnkeſchmied, wie er. — Aber er wird boͤs werden. — Was liegt Dir daran, da er ſtirbt? — Das iſt richtig. — Dann, begreifſt Du alſo, wirſt Du von Gott re⸗ den, wirſt Du vom Teufel reden, wirſt Du reden, von was Du willſt; aber auf die eine, oder auf die andere Weiſe, wirſt Du ihm die Papiere aus den Haͤnden locken, die von Avignon kommen. 10* — 148— — Und wenn er ſich weigert? — Dann verweigerſt Du ihm die Abſolution, Du verfluchſt ihn, Du ſchleuderſt den Bannſtrahl uͤber ihn. — Oder ich nehme ſie ihm mit Gewalt. — Gut, auch das, es ſei! Aber, ſag an, biſt Du hinlaͤnglich nuͤchtern geworden, um meine Verhaltungs⸗ vorſchriften puͤnktlich auszufuͤhren? Punkt vor Punkt, Ihr werdet ſehen. Und mit ſeiner Hand uͤber ſein breites Geſicht fah⸗ rend, ſchien Gorenflot von ihm die oberflaͤchlichen Spu⸗ ren der Trunkenheit zu verwiſchen; ſeine Augen wurden ruhig, obwohl man ſie mit ein wenig Aufmerkſamkeit ſtumpfſinnig haͤtte finden koͤnnen; ſein Mund ſprach nur noch mit Maͤßigung gemeſſene Worte aus; ſeine Geber⸗ den wurden nuͤchtern, indem ſie dabei immerhin ein We⸗ nig zitternd blieben. — Dann ſchritt er auf eine feierliche Weiſe auf die Thuͤre zu. — Einen Augenblick noch! ſagte Chicot. Wenn er Dir die Papiere gegeben hat, ſo druͤcke ſie feſt in die eine Hand, und klopfe mit der anderen an die Wand. — Und wenn er ſie mir verweigert? — So klopfe dennoch. — Dann ſoll ich alſo in dem einen, wie in dem an⸗ dern Falle klopfen?. — Ja. — Es iſt gut. an⸗ — 149— Und Gorenflot verließ das Zimmer, waͤhrend Chi⸗ cot, von einer unbeſchreiblichen Gemuͤthserſchuͤtterung er⸗ regt, ſein Ohr an die Wand legte, um ſelbſt das ge⸗ ringſte Geraͤuſch zu bemerken. Zehn Minuten nachher verkuͤndete ihm das Krachen des Fußbodens, daß Gorenflot bei ſeinem Nachbar ein⸗ traͤte, und bald darauf ſah er ihn in dem Geſichtskreiſe erſcheinen, den er uͤberſehen konnte. Der Advokat erhob ſich in ſeinem Bette, und ſah die ſeltſame Erſcheinung heranſchreiten. — Ei, guten Tag, mein Bruder, ſagte Go⸗ renflot, indem er in Mitte des Zimmers ſtehen blieb, und ſeine breiten Schultern ins Gleichgewicht brachte. — Was kommt Ihr hier zu thun, mein Vater? murmelte der Kranke mit ſchwacher Stimme. — Mein Sohn, ich bin ein unwuͤrdiger Moͤnch; ich habe erfahren, daß Ihr in Gefahr ſeid, und ich komme, Euch von den Intereſſen Eurer Seele zu reden. — Ich danke, ſagte der Sterbende; aber ich halte Eure Bemuͤhung fuͤr unnoͤthig. Ich befinde mich ein Wenig beſſer. Gorenflot ſchuͤttelte den Kopf. — Ihr glaubt es? ſagte er. — Ich bin uͤberzeugt davon. 4 — Eine Liſt Satans, der Euch ohne Beichte ſter⸗ ben ſehen moͤgte. — Satan wuͤrde angefuͤhrt ſein, ſagte der Kranke, ich habe ſo eben gebeichtet. — Wem? — Einem wuͤrdigen Prieſter, der von Avignon kam. Gorenflot ſchuͤttelte nochmals den Kopf. — Das war kein Prieſter, ſagte er. — Wie? Das war kein Prieſter? — Nein. — Ich kenne ihn. — Denjenigen, welcher ſo eben dieſes Zimmer ver⸗, laſſen? — Ja, ſagte Gorenflot mit ſo uͤberzeugtem Aus⸗ druck der Miene, daß, ſo ſchwer im Allgemeinen die Advokaten auch außer Faſſung zu bringen ſind, dieſer dennoch irre wurde. — Da Ihr nun aber Euch nicht beſſer befindet, und da dieſer Mann kein Prieſter war, ſo muͤßt Ihr beichten. — Mit Vergnuͤgen, ſagte der Advokat mit einer ein Wenig ſtaͤrkeren Stimme; aber ich will beichten, wenn es mir gefaͤllt. — Ihr habt nicht die Zeit, einen anderen Beichti⸗ ger holen zu laſſen, mein Sohn, und da ich da bin.. .— Wie! Ich haͤtte nicht die Zeit, rief der Kranke mit einer Stimme, die immer kraͤftiger wurde, wenn ich Euch verſichere, daß ich dberzeag bin, davon zu kommen! e, — 151— Gorenflot ſchuͤttelte ein drittes Mal den Kopf. — Und ich, ſagte er mit demſelben Phlegma, ich verſichere Euch meiner Seits, mein Sohn, daß ich in Bezug auf Euch auf durchaus nichts Gutes rechne! Ihr ſeid von den Aerzten und auch von der goͤttlichen Vor⸗ ſehung aufgegeben; ich weiß wohl, daß es grauſam iſt, Euch das zu ſagen, aber am Ende, ein Wenig fruͤher, oder ein Wenig ſpaͤter, gelangen wir Alle dazu; es gibt eine Waage, die Waagge der Gerechtigkeit, und dann iſt es troͤſtend, in dieſem Leben zu ſterben, um in dem an⸗ oderen wieder aufzuerſtehen. Pythagoras ſelbſt hat es geſagt, mein Sohn, und er war nur ein Heide. Ge⸗ ſchwind, beichtet, mein lieber Sohn. — Aber ich verſichere Euch, mein Vater, daß ich mich bereits weit ſtaͤrker fuͤhle, und das iſt wahrſchein⸗ lich eine Wirkung Eurer heiligen Gegenwart. — Ein Irrthum, mein Sohn, ein Irrthum, drang Gorenflot weiter in ihn, es findet in dem letzten Augen⸗ blicke ein Wiedererwachen der Lebenskraͤfte ſtatt: das iſt die ſich wieder belebende ewige Lampe, um einen letzten Schein zu werfen. Laßt hoͤren, fuhr der Moͤnch fort, indem er ſich an das Bett ſetzte, ſagt mir Eure Ränke, Eure Verſchwoͤrungen, Eure Umtriebe! — Meine Raͤnke, meine Verſchwoͤrungen, meine Umtriebe? wiederholte Nicolas David, indem er vor dem ſeltſamen Moͤnche zuruͤckwich, den er nicht kannte, und der ihn ſo genau zu kennen ſchien. — Ja, ſagte Gorenflot, indem er ruhig ſeine breiten Ohren ſpitte, um zu hoͤren, und ſeine beiden Daumen 15 — 152— uͤber ſeinen gefalteten Haͤnden zuſammenfuͤgte, dann, wenn Ihr mir Alles das geſagt habt, werdet Ihr mir die Papiere geben, und vielleicht wird Gott erlauben, daß ich Euch abſolvire. — und welche Papiere? rief der Kranke mit eben ſo ſtarker und eben ſo kraͤftig betonter Stimme aus, als ob er bei voller Geſundheit geweſen waͤre. — Die Papiere, welche dieſer vorgebliche Prieſter Euch vorhin von Avignon uͤberbracht hat. — und wer hat Euch geſagt, daß dieſer vorgebliche Prieſter mir Papiere uͤberbracht häͤtte? fragte der Advo⸗ kat, indem er ein Bein unter der Decke hervorſtreckte, in einem ſo barſchen Tone, daß Gorenflot dadurch in der beginnenden Behaglichkeit geſtoͤrt wurde, die ihn auf ſei⸗ nem Seſſel einſchlaͤferte. Gorenflot meinte, daß der Moment gekommen waͤre, Gewalt zu zeigen. — Der, welcher es geſagt hat, weiß, was er ſagt, erwiderte er; geſchwind, die Papiere, die Papiere, oder keine Abſolution. — Ei, ich bekuͤmmere mich viel um Deine Ab⸗ ſolution, Lump! rief Dayid aus, indem er aus dem Bette ſtuͤrzte und Gorenflot an die Gurgel ſprang. — Ei doch! rief dieſer aus. Ihr habt alſo das hiz⸗ zige Fieber? Ihr wollt alſo nicht beichten? Der geſchickt und kraͤftig auf die Gurgel des Moͤn⸗ ches gedruͤckte Daume des Advokaten unterbrach ſeine — m 22 22 △☛ù Rede, die durch ein Pfeifen fortgeſetzt wurde, das ſehr einem Roͤcheln glich. — Ich will nun Dich beichten laſſen, Pfaff des Satans, rief der Advokat aus, und was das hitzige Fieber anbelangt, ſo wirſt Du ſehen, ob es mich der⸗ maßen in den Klauen hat, um mich zu verhindern, Dich zu erdroſſeln. Bruder Gorenflot war kraͤftig, aber er befand ſich ungluͤcklicher Weiſe in jenem Momente der Gegenwir⸗ kung, wo die Trunkenheit auf das Nervenſyſtem wirkt und es laͤhmt, was ſich gewoͤhnlich in derſelben Zeit er⸗ eignet, wo durch eine entgegengeſetzte Ruͤckwirkung die geiſtigen Anlagen wieder Kraft erlangen. Indem er alle ſeine Kraͤfte zuſammen nahm, ver⸗ mogte er demnach nur ſich von ſeinem Seſſel zu er⸗ heben, das Hemd des Advokaten mit beiden Haͤn⸗ den zu packen, und ihn mit Gewalt weit von ſich zu⸗ ruͤckzuſtoßen. Wir muͤſſen ſagen, daß, ſo gelaͤhmt er auch war, Bruder Gorenflot dennoch Nicolas David ſo gewaltſam zuruͤckſtieß, daß dieſer in die Mitte des Zimmers rollte. Aber er ſtand wuͤthend wieder auf, und indem er nach dem langen Schwerdte ſtuͤrzte, das Meiſter Ber⸗ nouillet bemerkt hatte, und das an der Wand hinter ſei⸗ nen Kleidern hing, zog er es aus der Scheide und hielt die Spitze deſſelben an den Hals des Moͤnches, der, durch dieſe aͤußerſte Anſtrengung erſchoͤpft, wieder auf ſeinen Seſſel zuruͤckgeſunken war. — Jetzt iſt an Dir die Reihe zu beichten, ſagte er mit dumpfer Stimme zu ihm, oder Du wirſt ſterben! Durch den unangenehmen Druck dieſer kalten Spitze auf ſein Fleiſch gaͤnzlich wieder nuͤchtern geworden, ſah Gorenflot das Gefaͤhrliche ſeiner Lage ein. — O, ſagte er, Ihr waret alſo nicht krank, dieſer vermeintliche Todeskampf war alſo Verſtellung? — Du vergißt, daß es nicht an Dir iſt, zu fragen, ſagte der Advokat, ſondern zu antworten. — Zu antworten, auf was? — Auf das, was ich Dich fragen werde. — So fragt. — Wer biſt Du? — Ihr ſeht es wohl, ſagte der Moͤnch. — Das iſt nicht geantwortet, erwiderte der Ad⸗ vokat, indem er das Schwerdt einen Grad ſtaͤrker aufſtuͤtzte. — Ei was der Teufel, gebt doch Achtung! Wenn Ihr mich toͤdtet, bevor ich Euch antworte, ſo werdet Ihr Nichts erfahren. — Du haſt Recht, Dein Name? — Bruder Gorenflot. — Du biſt alſo ein wirklicher Moͤnch? — Wie, ein wirklicher Moͤnch? Ich glaube es wohl. 4 — Warum befindeſt Du Dich in Lyon? — Weil ich verbannt bin. 4* 20 l. — 155— — Was hat Dich in dieſe Herberge gefuͤhrt? — Der Zufall. — Seit wie viel Tagen biſt Du hier? — Seit ſechzehn Tagen. — Warum belauerteſt Du mich? — Ich belauerte Euch nicht. — Wie wußteſt Du, daß ich Papiere erhalten haͤtte? — Weil man mir es geſagt hatte. — Wer hatte es Dir geſagt? — Der, welcher mich zu Euch geſandt hat. — Wer hat Dich zu mir geſandt? — Das kann ich Euch nicht ſagen. — Und Du wirſt mir das doch ſagen. — Heda! rief der Moͤnch aus. Sapperment! ich rufe, ich ſchreie! — und ich bringe Dich um. Der Moͤnch ſtieß einen Schrei aus; ein Tropfen Blut erſchien an der Spitze vom Schwerdte des Advo⸗ katen. — Sein Name? ſagte dieſer. — Ah, meiner Treue, um ſo ſchlimmer, ſagte der Moͤnch, ich habe mich ſo lange gehalten, als ich gekonnt. — Ja, gewiß, und Deine Ehre iſt geborgen. Der, welcher Dich zu mir geſandt hat?.. — Iſt... Gorenflot zoͤgerte noch; es wurde ihm ſchwer, die Freundſchaft zu verrathen. — Mach doch ein Ende, ſagte der Advokat, indem er mit dem Fuße ſtampfte. — 156— — Meiner Treue, um ſo ſchlimmer! iſt Chicot. — Der Narr des Koͤnigs? — Er ſelbſt. — Und wo iſt er? — Hier bin ich! ſagte eine Stimme. — Und bleich, ernſt, das bloße Schwerdt in der Hand, erſchien nun auch Chicot unter der Thuͤre. X. Wie Chicot, nachdem er ein Loch mit einem Bohrer ge⸗ macht, eines mit ſeinem Schwerdte machte. As Meiſter Nicolas David Denjenigen erkannte, von dem er wußte, daß er ſein Todfeind ſei, konnte er eine Regung des Schreckens nicht unterdruͤcken. Gorenflot benutzte dieſe Regung, um ſich auf die Seite zu werfen, und auf dieſe Weiſe die gerade Linie zu unterbrechen, die ſich zwiſchen ſeinem Halſe und dem Schwerdte des Advokaten befand. — Hierher, theurer Freund, hierher, zu Huͤlfe, ſteht mir bei, man ermordet mich! — Ah, ah, lieber Herr David, ſagte Chicot, Ihr ſeid es alſo? — Ja, ſtammelte David, ja, ohne Zweifel, ich bin es. — Ich bin erfreut, Euch anzutreffen, erwiderte der Gaskonier Indem er ſich hierauf nach dem Moͤnche umwandte, ſagte er zu ihm: — Mein guter Gorenflot, Deine Anweſenheit als Moͤnch war ſo eben hier ſehr nothwendig, als man glaubte, daß der Herr mit dem Tode raͤnge; aber jetzt, wo ſich der Herr vollkommen wohl befindet, bedarf er keines Beichtvaters mehr; er wird demnach auch mit einem Edelmanne zu thun haben. David verſuchte ſpoͤttiſch und veraͤchtlich zu lachen. — Ja, mit einem Edelmanne, ſagte Chicot, und der Euch ſehen laſſen wird, daß er von guter Abkunft iſt. Mein lieber Gorenflot, fuhr er fort, indem er ſich an den Moͤnch wandte, erzeigt mir den Gefallen, Euch als Schildwache auf den Vorplatz zu ſtellen, und Jeder⸗ mann, wer es auch ſein möge, zu verhindern, mich in der kleinen Unterredung zu ſtoͤren, die ich mit dem Herrn haben werde. Gorenflot wuͤnſchte Nichts lieber, als ſich in gehoͤ⸗ riger Entfernung von Nicolas David zu befinden; er be⸗ ſchrieb demnach auch den Kreis, den er durchwandern mußte, indem er ſich ſo nahe als moͤglich an den Waͤn⸗ den hindruͤckte; dann, an der Thuͤre angelangt, ſtuͤrzte er hinaus, um hundert Pfund leichter, als er eingerte⸗ ten war. Chicot machte die Thuͤre hinter ihm zu, und ſchob, immer mit demſelben Phlegma, den Riegel vor. David hatte Anfangs dieſen Vorbereitungen mit ſei⸗ nem Entſetzen zugeſehen, welches aus dem Unvorherge⸗ ſehenen der 139: hervorging; aber bald ſich auf ſeist wohlbekannte Staͤrke im Fechten, und darauf verlaſſend, daß er am Ende mit Chicot allein waͤre, hatte er ſich wieder gefaßt, und als der Gaskonier ſich umwandte, nachdem er die Thuͤre verſchloſſen hatte, fand er ihn, ſein Schwerdt in der Hand und das Laͤcheln auf den Lippen, an den Fuß des Bettes geſtuͤtzt.— — Kleidet Euch an, mein Herr, ſagte Chicot, ich werde Euch Zeit und Bequemlichkeit dazu laſſen, denn ich will keinen Vortheil uͤber Euch voraus haben. Ich weiß, daß Ihr ein gewaltiger Fechter ſeid, und daß Ihr das Schwerdt wie Leclerc in Perſon fuͤhrt; aber das iſt mir gäͤnzlich gleich. David begann zu lachen. Der Scherz iſt gut, ſagte er. — Ja, antwortete Chicot, er ſcheint mir zum Mindeſten ſo, da ich ihn mache, und er wird Euch, der Ihr ein Mann von Geſchmack ſeid, ſogleich noch weit beſſer erſcheinen. Wißt Ihr, was ich in dieſem Zimmer zu ſuchen komme, Meiſter Nicolas? — Den Reſt der Peitſchenhiebe, welche ich Euch im Namen des Herzogs von Mayenne an dem Tage ſchuldig blieb, an welchem Ihr ſo hurtig aus dem Fen⸗ ſter geſprungen ſeid. — Nein, mein Herr; ich kenne ihre Zahl, und werde ſie Demjenigen zuruͤckgeben, der ſie mir hat ge⸗ ben laſſen, ſeid unbeſorgt. Was ich ſuche, iſt ein ge⸗ wiſſer Stammbaum, den Herr Peter von Gondy, ohne zu wiſſen, was er uͤberbrachte, nach Avignon uͤber⸗ — 160— brachte, und den er, ohne zu wiſſen, was er zuruͤck⸗ braͤchte, Euch vorhin uͤbergeben hat. David erbleichte. — Welchen Stammbaum? ſagte er. — Den der Herren von Guiſe, welche, wie Ihr wißt, in gerader Linie von Karl dem Großen ab⸗ ſtammen. — Ah, ah, ſagte David, Ihr ſeid alſo ein Spion, mein Herr? Ich hielt Euch nur fuͤr einen Spaßmacher. — Lieber Herr David, wenn Ihr erlauben wollt, ſo werde ich bei dieſer Veranlaſſung das Eine und das Andere ſein; Spion, um Euch haͤngen zu laſſen, und Narr, um daruͤber zu lachen. — Mich haͤngen laſſen! — An den Galgen, mein Herr. Ihr habt hoffent⸗ lich nicht die Anmaßung enthauptet zu werden, das iſt gut fuͤr Edelleute. — und wie wollt Ihr das anfangen?— — d, das wird ſehr einfach ſein, ich werde die Wahrheit erzaͤhlen, weiter Nichts. Ich muß Euch ſagen, lieber Herr David, daß ich im vergangenen Monate dieſer kleinen, in dem Sanct⸗Genovefa Kloſter zwiſchen Ihren Hochfuͤrſtlichen Durchlauchten, den Herrn von Guiſe und der Frau von Montpenſier gehaltenen Be⸗ rathung beigewohnt habe. — Ihr? E OU G ZSͤ— △ 2˙23 — 161— — Ja, ich war in dem dem Eurigen gegenuͤber befindlichen Beichtſtuhle einquartirt. Man befindet ſich ſehr unbequem darin, nicht wahr? Um ſo unbequemer, zum Mindeſten fuͤr mich, als ich, um ihn zu verlaſſen, genoͤthigt geweſen bin zu warten, bis Alles beendigt war. Ich habe alſo den Reden des Herrn von Mon⸗ ſoreau, des Meiſter La Huridre und eines gewiſſen Moͤnches beigewohnt, deſſen Namen ich vergeſſen habe, der mir aber ſehr beredt geſchienen hat. Ich kenne die Geſchichte der Kroͤnung des Herrn von Anjou, die min⸗ der beluſtigend geweſen iſt, aber dagegen iſt das kleine Nachſpiel drollig geweſen; man ſpielte den Stamm—⸗ baum der Herrn von Lothringen, durchgeſehn, ver⸗ mehrt und verbeſſert von Meiſter Nicolas David. Das war ein ſehr drolliges Stuͤck, dem nur das Viſa Sei⸗ ner Heiligkeit fehlte. — Ah! Ihr kennt den Stammbaum? ſagte David ſich kaum noch faſſend, und indem er zornig ſich auf die Lippen biß. — Ja, ſagte Chicot, und ich habe ihn unendlich ſinnreich gefunden, beſonders im Punkte des ſaliſchen Geſetzes. Nur iſt es ein großes Ungluͤck, ſo viel Ver⸗ ſtand zu haben: man bringt ſich an den Galgen; indem ich mich demnach auch von einer zaͤrtlichen Theilnahme fuͤr einen ſo ſinnreichen Mann bewegt gefuͤhlt, habe ich mir geſagt: Wie? Ich ſollte dieſen wackeren Herrn Da⸗ vid, einen ſehr angenehmen Fechtmeiſter, einen Advo⸗ katen erſter Groͤße, kurz, einen meiner guten Freunde aͤngen laſſen, und daß, wenn ich ihn im Gegenthelle Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. — 162— nicht allein vom Stricke retten, ſondern auch noch das Gluͤck dieſes wackeren Advokaten, dieſes guten Meiſters, dieſes vortrefflichen Freundes machen kann, des erſten, der mir das Maß meines Herzens gegeben, indem er das Maß meines Ruͤckens genommen? Nein, das ſoll nicht geſchehen. Als ich Euch nun von der Reiſe hatte ſprechen hoͤren, habe ich, da mich Nichts zuruͤck hielt, den Entſchluß gefaßt, mit Euch, das heißt, hinter Euch her zu reiſen. Ihr habt Paris durch das Thor Bordelles verlaſſen, nicht wahr? Ich helauerte Euch, Ihr habt mich nicht geſehen, das verwundert mich nicht, ich war gut verſteckt; von dieſem Augenblicke an bin ich Euch gefolgt, indem ich Euch verlor, Euch wieder fand, und, ich verſichere es Euch, mir viele Muͤhe gab; endlich ſind wir in Lyon angelangt; ich ſage wir, weil ich eine Stunde nach Euch in derſelben Herberge wohnte, als Ihr, und zwar nicht allein in derſelben Herberge, als Ihr, ſondern auch noch in dem Zimmer Euch zur Seite, ſeht, in dieſem da, das von dem Euren nur durch einen duͤnnen Verſchlag getrennt iſt. Ihr koͤnnt Euch wohl denken, daß ich, Euch nicht mit den Augen verlaſſend, nicht von Paris nach Lyon gekommen bin, um Euch hier aus dem Geſicht zu ver⸗ lieren. Nein, ich habe ein kleines Loch gebohrt, mit deſſen Huͤlfe ich den Vortheil hatte, Euch, ſo oft ich wollte, zu beobachten, und, ich geſtehe es, ich ge⸗ waͤhrte mir dieſes Vergnuͤgen taͤglich mehrere Male. Endlich ſeid Ihr krank geworden; der Wirth wollte Euch aus dem Hauſe werfen, Ihr hattet Herrn von * * — 163— Gondy die Herberge zum Kreuze zum Zuſammenkunfts⸗ Orte beſtimmt; Ihr waret beſorgt, daß er Euch an⸗ derswo nicht auffinden, oder zum Mindeſten nicht ſchnell genug auffinden moͤgte. Das war ein Mittel, das mich nur halb getaͤuſcht hat; indeſſen, da Ihr am Ende wirklich krank ſein konntet, da wir Alle ſterb⸗ lich ſind, eine Wahrheit, von der ich Euch ſogleich zu uͤberzeugen verſuchen werde, ſo habe ich Euch einen wackeren Moͤnch, meinen Freund, meinen Reiſegefaͤhr⸗ ten geſandt, um Euch zur Reue zu bewegen, um Euch zur Buße zu fuͤhren. Aber nein, wie ein verhaͤrteter Suͤnder, der Ihr ſeid, habt Ihr ihm mit Eurem Schwerdte die Gurgel durchbohren wollen, uneingedenk dieſes Grundſatzes des Evangeliums: Wer mit dem Schwerdte ſchlaͤgt, wird durch das Schwerdt umkom⸗ men. Nun, lieber Herr David, bin ich gekommen und habe Euch geſagt: Ei was, wir ſind alte Be⸗ kannte, alte Freunde, laßt uns die Sache mit einander ordnen; laßt hoͤren, ſagt, jetzt, wo Ihr Alles wißt⸗ wollt Ihr die Sache mit mir ordnen? — Und auf welche Weiſe? — Auf die Weiſe, wie ſie ſich geordnet haͤtte, wenn Ihr wirklich krank geweſen waͤret, wenn mein Freund Gorenflot Euch Beichte gehoͤrt, und Ihr ihm die Papiere uͤbergeben haͤttet, die er von Euch verlangte. Dann haͤtte ich Euch verziehen, und ich haͤtte ſogar von Herzen ein in manus fuͤr Euch gebetet. Wohlan! Ich will meine Forderungen fuͤr den Lebenden nicht hoͤher ſpannen, als fuͤr den Tohſans und hoͤrt, — 164— was mir Euch zu ſagen uͤbrig bleibt: Herr David, Ihr ſeid ein vollkommener Mann: die Fechtkunſt, das Rei⸗ ten, die Chikane, die Kunſt, geſpickte Geldbeutel in weite Taſchen zu ſtecken, das Alles verſteht Ihr. Es waͤre traurig, wenn ein Mann, wie Ihr, ploͤtzlich von der Erde verſchwaͤnde, auf welcher er ein ſo ſchoͤnes Gluͤck zu machen beſtimmt iſt. Wohlan! Lieber Herr David, macht keine Verſchwoͤrungen mehr. Vertrauet mir. Brecht mit den Guiſen. Gebt mir Eure Pa⸗ piere, und, ſo wahr ich ein Edelmann bin, ich werde Euch mit dem Koͤnige ausſoͤhnen! — Waͤhrend dagegen, wenn ich ſie Euch nicht gebe?... fragte Nicolas David. — Ah! Wenn Ihr ſie mir nicht gebt, dann iſt es etwas Anderes. So wahr ich ein Edelmann bin, ich werde Euch toͤdten! Iſt das immer noch drollig, lieber Herr David? — Immer drolliger, antwortete der Advokat, in⸗ dem er ſein Schwerdt liebkoſete. — Aber, wenn Ihr ſie mir gebt, fuhr Chicot fort, ſo ſoll Alles vergeſſen ſein. Ihr glaubt mir viel⸗ leicht nicht, mein lieber Herr David, denn Ihr habt einen boͤſen Charakter, daß ſich mein Groll in mein Herz eingefreſſen hat, wie der Roſt in das Eiſen. Nein, ich haſſe Euch, das iſt wahr; aber ich haſſe Herrn von Mayenne mehr, als Euch; gebt mir die Mittel, Herrn von Mayenne zu verderben, und ich rette Euch; und dann, wollt Ihr, daß ich noch einige Worte hinzufuͤge, die Ihr nicht glauben werdet, Ihr, — — — 165— der Ihr Nichts liebt, als Euch ſelbſt? Nun denn! Ich will Euch ſagen, daß ich den Koͤnig liebe, ſo albern, ſo verderbt, ſo ausgeartet er auch ſein moͤge, ſo hat mir doch der Koͤnig eine Zufluchtsſtaͤtte, einen Schutz gegen Euren Fleiſcher von Mayenne gewaͤhrt, der naͤcht⸗ licher Weiſe, an der Spitze von funfzehn Banditen, einen einzelnen Edelmann auf dem Platze des Louvre ermordet; Ihr wißt, von wem ich ſprechen will, von dieſem armen Saint⸗Meégrin. Waret Ihr nicht auch einer ſeiner Henker? Nein, um ſo beſſer, ich glaubte es ſo eben, und ich glaube es jetzt noch mehr. Nun denn! Ich will, daß mein armer Koͤnig Heinrich ruhig regiert, was mit den Mayennes und den Stammbaͤu⸗ men Nicolas Davids unmoͤglich iſt. Liefert mir dem⸗ nach den Stammbaum aus, und ſo wahr ich ein Edel⸗ mann bin, ich werde Euren Namen verſchweigen und Euer Gluͤck machen. Chicot hatte waͤhrend dieſer langen Darlegung ſei⸗ ner Meinungen, die er ſelbſt nur in dieſer Abſicht ſo lang gemacht hatte, als ein umſichtiger und feſter Mann den Meiſter David beobachtet. Waͤhrend dieſer Muſterung ſah er nicht ein einziges Mal die Stahlfiber, welche das fahle Auge des Advokaten aufſperrte, ſich zuſammenziehen, nicht ein guter Gedanke erheiterte ſeine finſteren Zuͤge, nicht ein herzliches Gefuͤhl erweichte ſeine an das Schwerdt geklammerte Hand. — Ei was, ſagte Chicot, ich ſehe, daß Alles, was ich Euch ſage, verlorene Beredtſamkeit iſt, und daß Ihr mir nicht glaubt; es bleibt mir alſo nur ein — 166— Mittel, um Euch zuvoͤrderſt fuͤr Euer altes Unrecht ge⸗ gen mich zu beſtrafen, und dann die Erde von einem Manne zu befreien, der nicht mehr, weder an Recht⸗ ſchaffenheit, noch an die Menſchheit glaubt. Ich gehe, Euch haͤngen zu laſſen. Gott befohlen, Herr David. Und Chicot that ruͤcklings einen Schritt nach der Thuͤre zu, ohne den Advokaten aus dem Geſichte zu verlieren. Dieſer that einen Sprung vorwaͤrts. — und Ihr glaubt, daß ich Euch hinauslaſſen wuͤr⸗ de? rief der Advokat aus. Nicht doch, mein ſchoͤner Spion, nicht doch, Chicot, mein Freund. Wenn man Geheimniſſe, wie die des Stammbaumes weiß, ſo ſtirbt man! Wenn man Nicolas David bedrohet, ſo ſtirbt man. Wenn man hier eintritt, wie Du hier ein⸗ getreten biſt, ſo ſtirbt man! — Ihr macht es mir vollkommen bequem, antwor⸗ tete Chicot mit derſelben Ruhe; ich zoͤgerte nur, weil ich gewiß bin Euch zu toͤdten. Crillon hat mir, als er vor zwei Monaten mit mir focht, eine eigenthuͤmliche Finte gelehrt, eine einzige; aber, auf mein Ehren⸗ wort, ſie wird genuͤgen. Geſchwind, uͤbergebt mir die Papiere, oder ich toͤdte Euch! Und ich will Euch ſagen, wie: Ich werde Euch die Gurgel an derſelben Stelle durchbohren, an welcher Ihr meinem Freund Gorenflot zur Ader laſſen wolltet. Chicot hatte dieſe Worte noch nicht beendigt, als David mit einem grimmigen Gelaͤchter auf ihn zu ſtuͤrzte; hſen empfing ähn mit dem Schwerdte in der Fauſt. * — 167— Die beiden Gegner waren ziemlich von demſelben Wuchſe; aber die Kleider Chicots verbargen ſeine Ma⸗ gerkeit, waͤhrend Nichts die lange, duͤrre und ſchmieg⸗ ſame Geſtalt des Advokaten verbarg. Er glich einer langen Schlange, ſo ſehr verlaͤngerte ſein Arm ſeinen Kopf, waͤhrend ſein behendes Schwerdt ſich wie ein dreifacher Stachel bewegte. Aber, wie es ihm Chicot vorausgeſagt, er hatte mit einem gewaltigen Gegner zu thun, Chicot, der faſt taͤglich mit dem Koͤnige focht, war einer der ſtaͤrkſten Fechter des Koͤnigreiches gewor⸗ den, was Nicolas David gewahr werden konnte, in⸗ dem er, wie er ihn auch angreifen mogte, immer die Klinge ſeines Gegners fand. Er that einen Schritt zuruͤck. — Ah, ah! ſagte Chicot. Ihr fangt an zu begrei⸗ fen, nicht wahr? Wohlan, noch ein Mal, die Pa⸗ piere! Statt aller Antwort fiel David von Neuem uͤber den Gaskonier her, und ein zweiter, weit laͤngerer und weit erbitterterer Kampf, als der erſte, begann, obgleich Chicot ſich damit begnuͤgte zu pariren, und noch kei⸗ nen Stoß gefuͤhrt hatte. Dieſer zweite Kampf beendigte ſich, wie der erſte, damit, daß der Advokat einen Schritt zuruͤck that. — Ah, ahl ſagte Chicot. Jetzt iſt an mir die Reihe. Und er that einen Schritt vor. Waͤhrend er vorſchritt, degagirte Nicolas David. Chicot parirte mit der Prime, verwickelte das Schwerdt — 168— ſeines Gegner Terze auf Terze, und traf ihn an dem Orte, den er ihm im Voraus angedeutet hatte: er ſtieß ihm ſein Schwerdt bis zur Haͤlfte in die Gurgel. — Da iſt der Stoß, ſagte Chicot. David antwortete nicht; er ſank auf den Stoß zu Chicot's Fuͤßen, indem das Blut aus ſeinem Halſe ſtroͤmte. Nun that Chicot auch einen Schritt zuruͤck. So toͤbtlich verwundet eine Schlange auch ſein mag, ſo kann ſie ſich doch immer noch wieder aufrichten und beißen. Aber mit einer natuͤrlichen Bewegung verſuchte David ſich nach ſeinem Bette zu ſchleppen, um noch ferner ſein Geheimniß zu vertheidigen. — Ah, ſagte Chicot, ich hielt Dich fuͤr ſchlau, und Du biſt im Gegentheil albern wie ein Luͤmmel. Ich wußte den Ort nicht, wo Du Deine Papiere ver⸗ ſteckt hatteſt, und jetzt zeigſt Du mir ihn.. Und waͤhrend David ſich in den Kraͤmpfen des To⸗ deskampfes wand, eilte Chicot an das Bett, hob die Matratze auf, und fand unter dem Kopfkiſſen eine kleine Pergament⸗Rolle, welche David, unbekannt mit der ihn bedrohenden Kataſtrophe, nicht beſſer verſteckt hatte. Gerade in dem Augenblicke, wo er es aufrollte, um ſich zu uͤberzeugen, daß es wirklich das Papier waͤre, welches er ſuchte, erhob ſich David wuͤthend; dann ſogleich wieder zuruͤck ſinkend, hauchte er den letz⸗ ten Seufzer aus. Mit vor Freude und Stolz leuchtendem Auge durch⸗ * ver! ant eſſe wei — 169— lief Chicot zuvoͤrderſt das von Avignon von Peter von Gondy uͤberbrachte Pergament. Getreu der Politik des paͤpſtlichen Souverains ſeit ſeiner Thronbeſteigung, hatte der Legat des Papſtes darunter geſchrieben: 6 — Fiat ut voluit Deus! Deus jura hominum fecit. — Das iſt ein Papſt, ſagte Chicot, der den Aller⸗ chriſtlichſten Koͤnig ziemlich ſchlimm behandelt. Und er ſchlug das Pergament ſorgfaͤltig zuſammen, das er in die ſicherſte Taſche ſeines Wammſes ſteckte, das heißt in die, welche ſich auf ſeiner Bruſt befand. Dann nahm er die Leiche des Advokaten, der faſt ohne Blut zu vergießen geſtorben war, da die Beſchaf⸗ fenheit der Wunde die Blutergießung nach Innen hatte vor ſich gehen laſſen, legte ſie wieder ins Bett, mit dem Geſichte nach der Wand gewendet, und die Thuͤre wieder aufmachend, rief er Gorenflot. Gorenflot trat ein. — Wie Ihr bleich ſeid! ſagte der Moͤnch. — Ja, ſagte Chicot, die letzten Momente dieſes armen Mannes haben mir einige Gemuͤthserſchuͤtterung verurſacht. — Er iſt alſo todt? fragte Gorenflot. — Es iſt alle Urſache vorhanden, es zu glauben, antwortete Chicot. — Er befand ſich eben noch ſo wohl. — Zu wohl. Er hat ſchwer zu verdauende Sachen eſſen wollen, und, wie Anacreon, iſt er geſtorben, weil er ſie der Quere verſchluckt hat. — 170— — O, o, ſagte Goͤrenflot, der Schelm, der mich erdroſſeln wollte, mich, einen Geiſtlichen, das wird ihm Ungluͤck gebracht haben! — Vergebt ihm, Gevatter, Ihr ſeid Chriſt. — Ich vergebe ihm, ſagte Gorenflot, obgleich er bee⸗ mir große Furcht gemacht hat. Ihr — Das iſt nicht genug, ſagte Chicot; es geziemt und ſich, daß Ihr Kerzen anzuͤndet, und daß Ihr einige ohne Gebete neben ſeiner Leiche murmelt. ſtall — Wozu? bilde Wie man ſich erinnern wird, war das Gorenflots Wort. ſen — Wie! Wozu? Um nicht als Moͤrder verhaftet ſchw und in das Stadt⸗Gefaͤngniß gefuͤhrt zu werden.— — Ich! der Moͤrder dieſes Mannes! Geht doch; daft er iſt es ja, der mich hat erdroſſeln wollen.. verſt — Mein Gott, ja! Und da es ihm nicht gelungen eine iſt, ſo hat der Zorn ſein Blut in Bewegung geſetzt; dn ein Gefaͤß wird in ſeiner Bruſt geſprungen ſein, und, gute Nacht. Ihr ſeht wohl, Gorenflot, daß Ihr, nehr Alles genommen, die Urſache ſeines Todes ſeid. Die. unſchuldige Urſache, es iſt wahr; aber gleichviel! Bis ich Eure Unſchuld erkannt iſt, koͤnnte man Euch boͤs mit⸗ Abe ſpielen. 18. der — Ich glaube, daß Ihr Recht habt, Herr Chicot, 1 ſagte der Moͤnch. laſſe — Um ſo mehr Recht, als es in dieſer guten Stadt San Lyon einen ein wenig zaͤhen Praͤſidenten giebt. ter — Jeſus, murmelte der Moͤnch. legt ich ird er mt ige ots — Thut alſo, was ich Euch ſage, Gevatter. — Was muß ich thun? — Setzt Euch hierher, ſagt mit Salbung alle Ge⸗ bete her, welche Ihr wißt, und ſelbſt die, welche Ihr nicht wißt, und wenn der Abend herbeigekommen und Ihr allein ſeid, ſo verlaßt ohne Langſamkeit und ohne Uebereilung die Herberge. Ihr kennt den Noth⸗ ſtall des Hufſchmieds, welcher die Ecke der Straße bildet? 5— — Gewiß, an ihm habe ich mir geſtern Abend die⸗ ſen Stoß verſetzt, ſagte Gorenflot, indem er ſein ſchwarz geraͤndertes Auge zeigte. — Ein ruͤhrendes Andenken. Nun denn, ich werde dafuͤr ſorgen, daß Ihr dort Euer Pferd wiederfindet, verſteht Ihr? Ihr beſteigt es, ohne irgend Jemand eine Erklaͤrung zu geben; dann, wenn Ihr etwa Luſt dazu habt, ſo kennt Ihr die Straße von Paris; in Villeneuve⸗le⸗Roi verkauft Ihr Euer Pferd und nehmt Panury wieder. — Ah! Dieſen guten Panury, Ihr habt Recht, ich werde mich freuen ihn wieder zu ſehen, ich liebe ihn. Aber wie werde ich von hier bis dahin leben? fuͤgte der Moͤnch in einem jammervollen Tone hinzu. — Wenn ich gebe, ſo gebe ich, ſagte Chicot, und laſſe meine Freunde nicht betteln, wie man es in dem Sanct Genovefa⸗Kloſter macht. Da, nehmt! Und Chicot nahm eine Hand voll Thaler aus ſei⸗ ner Taſche, die er in die breite Hand des Moͤnches legte. — Großmuͤthiger Mann, ſagte Gorenflot bis zu Thraͤnen geruͤhrt, laßt mich bei Euch in Lyon bleiben. Ich liebe Lyon hinlänglich; es iſt die zweite Hauptſtadt des Reiches, und die Stadt iſt gaſtfreundlich. — Aber ſo begreife doch, dreifacher Dummkopf, daß ich nicht bleibe, daß ich abreiſe, und das ſo raſch, daß ich Dich nicht auffordere, mich zu begleiten! — Euer Wille geſchehe, Herr Chicot, ſügte Go⸗ renflot in ſein Schickſal ergeben. — So iſt es Recht! ſagte Chicot. Jetzt biſt Du,) wie ich Dich gern habe, Gevatter. Und er ließ den Moͤnch ſich an das Bett ſetzen, ging zu dem Wirth hinunter, und indem er ihn bei Seite nahm, ſagte er: — Ohne daß Ihr es ahnetet, Meiſter Bernoulllet, hat ſich ein wichtiges Ereigniß in Eurem Hauſe zuge⸗ tragen. — Bah! antwortete der Wirth mit erſchreckten Au⸗ gen. Was giebt es denn? — Dieſer raſende Royaliſt, dieſer Veraͤchter der Religion, dieſer abſcheuliche Verfechter der Huge⸗ notten... — Nun denn? 1 — Er hat heute Morgen den Beſuch eines Boten von Rom erhalten.— — Ich weiß es, denn ich habe es ja Euch geſagt. — Nun denn! Unſer heiliger Vater, der Papſt, dem alle zeitliche Gerechtigkeit auf dieſer Welt, wie alle zeitli Heili Verſ der5 ſter in d wiſſ 8₰ iſt Das erw ſein — 173— zeitliche Gerechtigkeit in jener Welt zugetheilt iſt, unſer Heiliger Vater, der Papſt, ſandte ihn direct an den Verſchwoͤrer; nur ahnete aller Wahrſcheinlichkeit nach der Verſchwoͤrer nicht, zu welchem Zwecke. — Und zu welchem Zwecke ſandte er ihn? — Geht in das Zimmer Eures Gaſtes hinauf, Mei⸗ ſter Bernouillet, hebt ein wenig ſeine Decke auf, ſeht in der Gegend des Halſes nach⸗ und Ihr werdet es wiſſen. — Holla! Ihr entſetzt mich. — Ich ſage Euch nicht mehr. Dieſe Gerechtigkeit iſt in Eurem Hauſe vollſtreckt, Meiſter Bernoulllet. Das iſt eine ſehr große Ehre, welche Euch der Papſt erweiſet. Dann ſchob Chicot zehn Goldthaler in die Hand ſeines Wirthes, und ging nach dem Stalle, aus wel⸗ chem er die beiden Pferde heraus zog. Waͤhrend deſſen hatte der Wirth hurtig wie ein Vogel ſeine Treppen erklommen, und war in Nicolas Dapids Zimmer getreten. Er fand dort Gorenflot im Gebet. Nun trat er ans Bett, und den Vorſchriften ge⸗ maͤß, welche er erhalten hatte, hob er die Decke auf. Die Wunde befand ſich wirklich, noch hochroth, an dem angedeuteten Platze; aber der Koͤrper war be⸗ reits kalt. — So ſollen alle Feinde der heiligen Religion ſter⸗ ben, ſagte er, indem er Gorenflot ein Zeichen des Einverſtaͤndniſſes machte. — Amen! antwortete der Moͤnch. Dieſe Ereigniſſe trugen ſich ungefaͤhr zu derſelben Zeit zu, wo Buſſy Diana von Meridor den Armen des alten Barons zuruͤck gab, der ſie fuͤr todt gehal⸗ ten hatte. elben rmen ehal⸗ XI. Wie der Herzog von Anjou erfuhr, daß Diana von Moridor nicht geſtorben ſei. Waͤhrend dieſer Zeit waren die letzten Tage des April herbeigekommen. Die große Kathedrale von Chartres war weiß be⸗ hangen, und auf den Pfeilern vertraten Garben von Laubwerk(man kann nach der Jahreszeit, zu welcher wir gelangt ſind, abnehmen, daß das Laubwerk noch eine Seltenheit war), die noch nicht zu habenden Blumen. Barfuß, wie er von dem Thore von Chartres aus gekommen war, ſtand der Koͤnig in der Mitte des . Schiffes, indem er von Zeit zu Zeit nachſah, ob alle ſeine Hofleute und alle ſeine Freunde ſich getreulich außß dem Sammelplatze eingefunden haͤtten. Aber die Einen hatten, auf dem Straßenpflaſter wund geworden, ihre Schuhe wieder angezogen; die Anderen, hungrig oder — 176— N ermüͤdet, ruheten ſich aus, oder aßen in irgend einer 4 Herberge der Heerſtraße, in welche ſie ſich verſtohlener n Weiſe geſchlichen, und nur eine kleine Anzahl hatte den e Muth gehabt, in der Kirche auf den feuchten Platten n mit nackten Fuͤßen unter ihren langen Bußgewaͤndern zu m bleiben. h. Die religioͤe Ceremonie, deren Zweck war, der Krone Frankreichs einen Erben zu geben, ging vor ſich; ſc die beiden Hemden der Mutter Gottes, deren zeugende ſe Kraft wegen der vielen von ihnen bewirkten Wunder g. nicht in Zweifel gezogen werden konnten, waren aus ih⸗ d ren goldenen Reliquienkaͤſten genommen worden, und das zu dieſer Feierlichkeit in Maſſe herbeigeeilte Volk 9 neigte ſich unter dem Feuer der Strahlen, welche aus 1 dem Tabernakel ſpruͤheten, als die beiden Tuniken aus u ihm herausgenommen wurden. 4 In dieſem Augenblicke hoͤrte Heinrich III. in Mitte i des allgemeinen Schweigens ein ſeltſames Geraͤuſch, das einem Ausbruche unterdruͤckten Gelaͤchters glich, und er b ſuchte aus Gewohnheit, ob Chicot nicht da waͤre, denn n eer meinte, daß nur Chicot die Vermeſſenheit haben w koͤnnte, in einem ſolchen Momente zu lachen. ch Es war indeſſen nicht Chicot, der bei dem Anblicke K der beiden heiligen Tuniken gelacht hatte; denn Chicot ir war leider abweſend, was den Koͤnig ſehr betruͤbte, der n ihn, wie man ſich erinnern wird, ploͤtzlich auf dem it 8 Wege nach Fontainebleau aus den Augen verloren, und ſeitdem nicht mehr von ihm hatte ſprechen hoͤren. Es ft war ein Reiter, den ſein noch dampfendes Pferd ſo eben S — 177— 8. an die Thuͤre der Kirche getragen, und der ſich mit ſei⸗ nen ganz mit Koth bedeckten Reiſekleidern und Stiefeln einen Weg durch die mit ihren Bußgewaͤndern angetha⸗ nen, oder mit Saͤcken bedeckten, aber in dem einen, wie in dem anderen Falle barfuͤßigen Hofleute gebahnt hatte. Als er den Koͤnig ſich umwenden ſah, blieb er mit ſcheinbarer Ehrerbietung in dem Chore ſtehen; denn die⸗ ſer Cavalier war ein Hofmann; das ſah man noch mehr an ſeiner Haltung, als an der Eleganz der Kleider, mit denen er angethan war. Mißvergnuͤgt, dieſen ſo ſpaͤt angelangten Reiter ſo viel Laͤrm machen, und ihn auf eine ſo unverſchaͤmte Weiſe durch ſeine Kleider von dieſem Moͤnchs⸗Koſtuͤme unterſchieden zu ſehen, das an dieſem Tage Vorſchrift war, warf ihm Heinrich einen Blick voller Vorwurf und Aerger zu. Der ſo eben Angekommene that, als ob ers nicht bemerke, und uͤber einige Steinplatten ſchreitend, auf welchen die Bilder von Biſchoͤfen ausgehauen waren, wobei er ſeine Schnabelſchuhe, die damalige Mode, kra⸗ chen ließ, knieete er neben dem Sammet⸗Stuhle des Herzogs von Anjou nieder, welcher, bei Weitem mehr in ſeine Gedanken, als in ſeine Gebete verſunken, nicht die geringſte Aufmerkſamkeit dem ſchenkte, was um ihn her vorging. Als er indeſſen die Beruͤhrung dieſer neuen Perſon fuͤhlte, wandte er ſich haſtig um, und rief mit leiſer V Stimme aus: Buſſy! Die Dame von Monſoreau Dritter Band. 12 — 178— — Guten Tag, gnaͤdiger Herr, antwortete der Edel⸗ mann, als ob er den Herzog erſt ſeit geſtern verlaſ⸗ ſen haͤtte, und als ob nichts Wichtiges, ſeitdem er ihn verlaſſen, vorgefallen waͤre. Aber, ſagte der Prinz zu ihm, Du biſt alſo raſend. — Warum das, gnaͤdiger Herr? Um, gleichviel, welchen Ort, wo Du warſt, zu verlaſſen, und nach Chartres zu kommen, um die Hem⸗ den der Mutter Gottes zu ſehen. — Das kommt daher, gnaͤdiger Herr, ſagte Buſſy, weil ich Euch auf der Stelle zu ſprechen habe. — Warum biſt Du nicht fruͤher gekommen? — Wahrſcheinlicher Weiſe, weil es unmoͤglich war. — Aber, was hat ſich denn ſeit den bald drei Wo⸗ chen zugetragen, daß Du verſchwunden biſt? — Gerade daruͤber habe ich mit Euch zu ſprechen. — Bah! Du wirſt wohl erwarten, bis wir die Kir⸗ che verlaſſen haben. — Leider, muß ich es wohl, und das iſt es gerade, was mich aͤrgert. — Stil! Da iſt das Ende, gedulde Dich, und wir kehren mit einander nach meiner Wohnung zuruͤck. — Ich rechne darauf, gnaͤdiger Herr. In der That, der Koͤnig hatte ſo eben uͤber ſein Hemnd von feiner Leinewand das ziemlich grobe Hemd der Mutter Gottes gezogen, und die Koͤnigin war mit Huͤlfe ihrer Kammerfrauen beſchaͤftigt, daſſelbe zu thun. Nun ließ ſich der Koͤnig auf die Kniee nieder, die ————.———————— — 179— Koͤnigin that es ihm nach; jedes von ihnen blieb einen Augenblick lang, mit aller Inbrunſt betend, unter einem großen Schleier, waͤhrend die Anweſenden mit der Stirn den Boden ſchlugen, um dem Koͤnige zu gefallen. Hierauf erhob ſich der Koͤnig wieder, legte ſeine hei⸗ lige Tunika ab, gruͤßte den Erzbiſchof, gruͤßte die Koͤ⸗ nigin, und ſchritt nach der Thuͤre der Kathedrale zu. Aber unterweges blieb er ſtehen; er hatte Buſſy er⸗ blickt. — Ah, mein Herr, ſagte er, es ſcheint, daß unſere Andachtsuͤbungen nicht nach Eurem Geſchmacke ſind, denn Ihr koͤnnt Euch nicht entſchließen, Gold und Seide abzulegen, waͤhrend Euer Koͤnig ſich in das Bußgewand huͤllt. 1 — Sire, antwortete Buſſy wuͤrdevoll, aber vor Un⸗ willen uͤber den Verweis erbleichend, Niemand, ſelbſt unter denen, deren Kutte die demuͤthigſte, und deren Fuͤße am Meiſten zerfleiſcht ſind, nimmt ſich den Dienſt Eurer Majeſtaͤt ſo zu Herzen, als ich; aber ich komme von einer langen und beſchwerlichen Reiſe, und habe erſt heute Morgen die Abreiſe Eurer Majeſtaͤt nach Chartres erfahren. Ich habe daher zwei und zwanzig Stunden in fuͤnf zuruͤckgelegt, um Eure Majeſtaͤt einzuholen; des⸗ halb habe ich nicht die Zeit gehabt, die Kleider zu wech⸗ ſeln, was Eure Majeſtaͤt nicht bemerkt haben wuͤrde, wenn ich in Paris geblieben waͤre, ſtatt zu kommen, um demuͤthig meine Gehete mit den Eurigen zu verei⸗ nigen. Der Koͤnig ſchien ziemlich zufrieden mit dieſer Ent⸗ 12* — 180— ſchuldigung, aber da er ſeine Freunde angeblickt hatte, von denen Einige bei den Worten Buſſys die Achſeln gezuckt, ſo fuͤrchtete er, ihnen einen ſchlechten Dienſt zu erweiſen, wenn er artig gegen den Edelmann ſeines Bru⸗ ders waͤre, und er ging weiter. Buſſy ließ den Koͤnig voruͤbergehen, ohne eine Miene zu verziehen. — Ei was! ſagte der Herzog, Du ſiehſt alſo nicht? — Was? — Daß Schomberg, Quelus und Maugiron die Achſeln uͤber Deine Entſchuldigung gezuckt haben. — Doch, gnaͤdiger Herr, ich habe es vollkommen geſehen, ſagte Buſſy ſehr ruhig. — Nun? — Glaubt Ihr, daß ich meines Gleichen in einer Kirche umbringen werde? Dazu bin ich zu guter Chriſt. — Ah, ſehr ſchoͤn, ſagte der Herzog von Anjou erſtaunt, ich glaubte, daß Du nicht geſehen haͤtteſt, oder daß Du nicht haͤtteſt ſehen wollen. Buſſy zuckte nun ſeiner Seits die Achſeln und bei dem Austritte aus der Kirche ſagte er, indem er den Prinzen bei Seite nahm. — Nach Eurer Wohnung, nicht wahr, gnaͤdiger Herr? — Sogleich, denn Du mußt mir gar Vieles zu ſa⸗ gen haben. — Ja, in der That, gnaͤdiger Herr, und ich bin uͤberzeugt, Dinge, die Ihr nicht ahnet. — 181— Der Herzog blickte Buſſy mit Erſtaunen an. — So iſt es, ſagte Buſſy. 8 — Wohlan, laß mich nur den Koͤnig begruͤßen, und ich bin der Deine. Der Herzog ging, ſich von ſeinem Bruder zu beur⸗ lauben, der, durch eine ganz beſondere Gnade der Mut⸗ ter Gottes ohne Zweifel zur Nachſicht geſtimmt, dem Her⸗ zoge von Anjou die Erlaubniß ertheilte, nach Paris zuruͤck⸗ zukehren, wenn es ihm gut duͤnkte. Nun, in aller Eile zu Buſſy zuruͤckkehrend, und ſich mit ihm in eines der Zimmer des Gaſthofes einſchließend, der ihm zur Wohnung angewieſen war, ſagte er: — Laß hoͤren, Kamerad, ſetz Dich dorthin und er⸗ zaͤhle mir Dein Abenteuer! Weißt Du, daß ich Dich fuͤr todt gehalten habe? — Ich glaube es wohl, gnaͤdiger Herr. — Weißt Du, daß der ganze Hof weiße Kleider aus Freude uͤber Dein Verſchwinden angelegt hat, und daß gar Viele zum erſten Male wieder frei geathmet ha⸗ ben, ſeitdem Du ein Schwerdt zu fuͤhren verſtanden? Aber es handelt ſich nicht darum; laß hoͤren, Du haſt mich verlaſſen, um Dich auf die Aufſuchung einer ſchoͤnen Un⸗ bekannten zu machen. Wer war dieſe Frau, und was darf ich erwarten? — Ihr duͤrft aͤrndten, was Ihr ausgeſaͤet habt, gnaͤ⸗ diger Herr, das heißt viel Schande. — Was beliebt? aͤußerte der Herzog, noch mehr uͤber dieſe ſeltſamen Worte, als uͤber den unehrerbietigen Ton Buſſy's erſtaunt. — Eure Gnaden hat gehoͤrt, ſagte Buſſy auf eine kalte Weiſe, es iſt alſo unnoͤthig, daß ich wiederhole. — Erklaͤrt Euch, mein Herr und uͤberlaßt Chicot die Raͤthſel und die Anagramme. — O, Niicchts iſt leichter, gnaͤdiger Herr, und ich begnuͤge mich, deshalb an Euer Gedaͤchtniß zu appel⸗ liren.. — Aber wer iſt dieſe Frau? — Ich glaubte, daß Eure Gnaden ſie erkannt haͤtte. — Sie war es alſo? rief der Herzog aus. — Ja, gnaͤdiger Herr. — Du haſt ſie geſehen? — Ja. — Hat ſie mit Dir geſprochen, — Gewiß; nur die Geſpenſter ſprechen nicht. Dann hatte Eure Gnaden vielleicht das Recht, ſie fuͤr todt zu halten, und die Hoffnung, daß ſie es waͤre. Der Herzog erbleichte, und blieb wie vernichtet durch die Derbheit der Worte desjenigen, der ſein Schmeichler haͤtte ſein ſollen. — Nun denn, ja, gnaͤdiger Herr, fuhr Buſſy fort, obgleich Ihr ein junges Maͤdchen von edlem Geſchlecht zum Maͤrtyrerthume getrieben habt, ſo iſt dieſes junge Maͤdchen doch dem Maͤrtyterthume entgangen; aber ath⸗ met noch nicht wieder auf, und haltet Euch noch nicht fuͤr abſolvirt; denn, indem ſie das Leben behalten, hat ſie ein noch bei Weitem groͤßeres Ungluͤck gefunden, als den Tod. — 183— — Was iſt das denn, und was iſt ihr begegnet? fragte der Herzog ganz bebend. — Es iſt ihr begegnet, gnaͤdiger Herr, daß ein Mann ihr die Ehre erhalten, daß ein Mann ihr das Leben gerettet hat; aber dieſer Mann hat ſich ſeinen Dienſt ſo theuer bezahlen laſſen, daß es zu bedauern iſt, daß er ihn erwieſen hat. — Endige, laß hoͤren. — Nun denn, gnaͤdiger Herr, das Fraͤulein von Meridor, um den bereits ausgeſtreckten Armen des Her⸗ zogs von Anjou zu entgehen, deſſen Geliebte ſie nicht ſein wollte,... hat ſich Fraͤulein von Moridor in die Arme eines Mannes geworfen, den ſie verab⸗ ſcheuet. — Was ſagſt Du? — Ich ſage, daß Fraͤulein von Meridor jetzt Frau von Monſoreau heißt. Statt der Blaͤſſe, welche gewoͤhnlich Franzens Wan⸗ gen bedeckte, ſtroͤmte bei dieſen Worten das Blut ſo ge⸗ waltig in ſein Geſicht, daß man haͤtte glauben kännen, es wuͤrde ihm aus den Augen ſpritzen. — Bei Chriſti Blut! rief der Prinz wuͤthend aus. Iſt das wirklich wahr? — Bei Gott, da ich es ſage, erwiderte Buſſy mit ſeiner ſtolzen Miene. — Das iſt es nicht, was ich ſagen wollte, wieder⸗ holte der Prinz, und ich beargwoͤhnte Eure Biederkeit nicht, Buſſy, ich fragte Euch nur, ob es moͤglich waͤre, daß Einer meiner Hofleute, ein Monſoreau, die Ver⸗ — 184— meſſenheit gehabt haͤtte, eine Frau gegen meine Liebe in Schutz zu nehmen, die ich mit meiner Liebe beehrte. — Und warum nicht? ſagte Buſſy. — Du haͤtteſt alſo gethan, was er gethan hat? — Ich haͤtte mehr gethan, gnaͤdiger Herr, ich haͤtte Euch gewarnt, daß Eure Ehre ſich verirre. — Einen Augenblick, Buſſy, ſagte der Herzog wie⸗ der ruhig geworden, hoͤrt gefaͤlligſt, Ihr begreift, mein Lieber, daß ich mich nicht rechtfertige. — Und Ihr habt Unrecht, mein Prinzi, denn je⸗ des Mal, daß es ſich um Biederkeit handelt, ſeid Ihr nur ein Edelmann. — Nun denn, gerade deshalb bitte ich Euch, der Richter des Herrn von Monſoreau zu ſein. — Ich? — Ja, Ihr, und mir zu ſagen, ob er nicht ein Verraͤther iſt, ein Verraͤther gegen mich. — Gegen Euch? — Gegen mich, deſſen Abſichten er kannte. — Und die Abſichten Eurer Hoheit waren... — Ohne Zweifel, mich von Dianen lieben zu laſſen. — Euch lieben zu laſſen? — Ja! Aber in keinem Falle Gewalt anzu⸗ 3 wenden. — Das waren Eure Abſichten, gnaͤdiger Herr? ſagte Buſſy mit einem ſpoͤttiſchen Laͤcheln. in F — Gewiß, und dieſe Abſichten habe ich bis zum letzten Augenblicke behalten, obgleich ſie Herr von Monſoreau mit aller der Logik bekaͤmpft hat, deren er faͤhig war. — Guaͤdiger Herr, gnädiger Herr, was ſagt Ihr da? Dieſer Mann hat Euch aufgefordert, Dianen zu entehren? — Ja. — Durch ſeinen Rath?. — Durch ſeine Briefe. Willſt Du einen ſeiner Briefe ſehen? — O, rief Buſſy aus, wenn ich das glauben koͤnnte! — Warte eine Sekunde, und Du wirſt ſehen. Und der Herzog eilte an ein kleines Käͤſtchen, das immer ein Page in ſeinem Kabinette bewahrte, und nahm aus ihm ein Billet, das er Buſſy gab. — Lies, ſagte er, da Du an dem Worte Deines Fuͤrſten zweifelſt. Buſſy nahm das Billet mit vor Zweifel zitternder Hand und las: „Gnaͤdiger Herr! Eure Hoheit wolle ſich beruhigen: Dieſer Hand⸗ ſtreich wird ohne Gefahr ausgefuͤhrt werden, denn die junge Perſon reiſet heute Abend ab, um acht Tage bei einer Tante zuzubringen, welche auf dem Schloſſe Lude wohnt; ich uͤbernehme ihn alſo, und Ihr habt nicht noͤthig, Euch daruͤber zu beunruhi⸗ — 186— gen. Was die Bedenklichkeiten des Fraͤuleins an⸗ betrifft, ſo glaubt nur, daß ſie verſchwinden wer⸗ den, ſobald ſie ſich Eurer Hoheit gegenuͤber befin⸗ den wird; einſtweilen, handele ich... und, heute Abend... wird ſie ſich auf dem Schloſſe Beaugé befinden. Eurer Hoheit aller ehrerbietigſter Diener Bryant von Monſoreau.“ — Nun, was ſagſt Du dazu, Buſſy? fragte der Prinz, nachdem der Edelmann den Brief ein zweites Mal uͤberleſen hatte. — Ich ſage, daß Ihr gut bedient ſeid, gnaͤdi⸗ ger Herr. — Das heißt, daß ich im Gegentheile verra⸗ then bin. 3 — Ah, das iſt richtig! Ich vergaß die Folge. — Hinters Licht gefuͤhrt; der Elende! Er hat mich an den Tod einer Frau glauben laſſen... — Die er Euch ſtahl. In der That, der Streich i*ſt argliſtig. Aber, fuͤgte Buſſy mit beißendem Spotte hinzu, die Liebe des Herrn von Monſoreau iſt eine Ent⸗ ſchuldigung. — Ah, Du glaubſt, ſagte der Herzog mit ſeinem oͤſeſten Laͤcheln. — Hm, erwiderte Buſſy, ich habe daruͤber keine Meinung, ich glaube es, wenn Ihr es glaubt. — Was wuͤrdeſt Du an meiner Stelle thun? Aber warte zuvoͤrderſt; was hat er ſelbſt gethan? AN—— — 187— — Er hat den Vater des jungen Maͤdchens glauben laſſen, daß Ihr der Verfuͤhrer des jungen Maͤdchen waͤ⸗ ret. Er hat ſich zum Beiſtande angeboten; er iſt mit einem Briefe des Barons von Méridor nach dem Schloſſe Beaugs gekommen, endlich hat er einen Na⸗ chen unter die Fenſter des Schloſſes gefuͤhrt, und die Gefangene entfuhrt; dann, ſie in das Haus einſperrend, das Ihr kennt, hat er ſie von Schrecken zu Schrecken dazu gebracht, ſeine Frau zu werden.— — und das iſt keine ſchaͤndliche Unrechtlichkeit? rief der Herzog aus. 8 — unter den Schutz der Eurigen geſtellt, gnaͤdiger Herr, antwortete der Edelmann mit ſeiner gewoͤhnlichen Kuͤhnheit. — Ha, Buſſy!... Du wirſt ſehen, ob ich mich zu raͤchen verſtehe! 1 — Euch raͤchen! Geht doch, gnaͤdiger Herr, Ihr werdet ſo Etwas nicht thun. — Wie? — Die Fuͤrſten raͤchen ſich nicht, gnaͤdiger Herr, ſie beſtrafen. Ihr werdet dieſem Monſoreau ſeine Niedertraͤchtigkeit vorwerfen, und Ihr werdet ihn be⸗ ſtrafen. — Und auf welche Weiſe? — Indem Ihr Fraͤulein von Méridor das Gluͤck zuruͤckgebt. — Und vermag ich es? — Indem Ihe ihr die Freiheit wiedergebt. — 188— — Sag' an, erkläre Dich. — Nichts iſt leichter; die Ehe iſt erzwungen gewe⸗ ſen, die Ehe iſt alſo nichtig. — Du haſt Recht. — Laßt alſo die Ehe fuͤr nichtig erklaͤren, gnaͤdiger Herr, und Ihr werdet als wuͤrdiger Edelmann und als edler Prinz gehandelt haben. — Ah, ah! ſagte der Prinz argwoͤhniſch. Welches Feuer! Das intereſſirt Dich alſo, Buſſy? — Mich? Nicht im Mindeſten. Was mich inter⸗ eſſirt, gnäͤdiger Herr, iſt, daß man nicht ſage, daß Ludwig von Clermont, Graf von Buſſy, einem argliſti⸗ gen Prinzen und einem Manne ohne Ehre diene. — Wohlan! Du wirſt ſehen! Aber wie dieſe Ehe brechen? — Nichts iſt leichter, indem Ihr den Vater han— deln laßt. — Den Baron von Meridor? — Ja. — Aber er iſt in Anjou. — Er iſt hier, gnaͤdiger Hetr, das heißt in Paris. — Bei Dir? — Nein, bei ſeiner Tochter. Sprecht mit ihm, gnaͤdiger Herr; laßt ihn auf Euch rechnen koͤnnen; laßt ihn in Eurer Hoheit, ſtatt das zu ſehen, was er in ihr bis jetzt geſehen hat, das heißt, einen Feind, einen Be⸗ — 189— ſchuͤtzer ſehen, und er, der Ekren Namen verfluchte, wird Euch cie einen Schutzengel verehren. — Er iſt ein maͤchtiger Herr in ſeiner Heimath, ſagte der Herzog, und man verſichert, daß er ſehr ein⸗ flußreich in der ganzen Provinz ſei. — Ja, gnaͤdiger Herr. Aber vor Allem muͤßt Ihr Euch deſſen erinnern, daß er Vater iſt, daß ſeine Toch⸗ ter ungluͤcklich iſt, und daß er ungluͤcklich uͤber das Un— gluͤck ſeiner Tochter iſt. — Und wann werde ich ihn ſehen koͤnnen? — Gleich nach Eurer Ruͤckkehr nach Paris. — Gut. — Das iſt alſo einverſtanden; nicht wahr, gnaͤdiger Herr? — Ja. — Auf adeliges Wort? — Auf mein Fuͤrſtenwort. — Und wann werdet Ihr reiſen? — Heute Abend. Erwarteſt Du mich? — Nein, ich eile voraus. — Geh, uund halte Dich bereit. — Ganz der Eure, gnaͤdiger Herr. Wo werde ich Eure Hoheit wiederfinden? .— Bei dem Lever des Koͤnigs, morgen, gegen Mittag. — Ich werde dort ſein, gnaͤdiger Herr. Gott be⸗ fohlen! Buſſy verlor keinen Augenblick, und die Strecke, welche der Herzog in ſeiner Saͤnfte ſchlafend zuruͤcklegte, und zu — 6190— der er funfzehn Stunden brauchte, legte der junge Mann, welcher mit vor Liebe und Wonne geſchwellten Herzen nach Paris zuruͤckkehrte, in fuͤnf Stunden zuruͤck, um deſto eher den Baron zu troͤſten, welchem er ſeinen Bei⸗ ſtand verſprochen hatte, und Diana, welcher er die Haͤlfte ſeines Lebens darzubringen im Begriffe ſtand. XII. Wie Chicot nach dem Louvre zuruͤckkehrte und von dem Konige Heinrich dem III. empfangen wurde. Aues ſchlief im Louvre, denn es war erſt eilf Uhr Morgens, die Schildwachen des Hofes ſchienen mit Vorſicht zu gehen; die Reiter, welche die Wachen abloͤ⸗ ſeten, ritten im Schritt. Man ließ den von ſeiner Wallfahrt ermuͤdeten Koͤ⸗ nig ruhen. 1 Zwei Maͤnner zeigten ſich zu gleicher Zeit an dem Hauptthore des Louvre; der eine auf einem Berber von unvergleichlicher Friſche, der andere auf einem ganz mit Schaum bedeckten Andaluſier. Sie hielten neben einander vor dem Thore, und blickten einander an, denn, auf zwei entgegengeſetzten Wegen angelangt, begegneten ſie ſich erſt hier. — Herr Chicot, rief der Juͤngere der Beiden aus, indem er hoͤflich gruͤßte, wie befindet Ihr Euch heute Morgen? — 192— — Ei, der Herr von Buſſy! Vortrefflich, mein Herr, antwortete Chicot mit einem Anſtande und einer Hoͤflichkeit, welche den Edelmann zum Mindeſten eben ſo ſehr andeutete, als der Gruß Buſſys den vornehmen Herrn und den feinen Mann andeutete. — Ihr kommt, um dem Lever des Koͤnigs beizu⸗ wohnen, mein Herr? fragte Buſſy. — Und Ihr vermuthlich auch? — Nein. Ich komme, um Seiner Gnaden, dem Herzoge von Aojou, meine Aufwartung zu machen. Ihr wißt, Herr von Coicot, fuͤgte Buſſy laͤchelnd hinzu, daß ich nicht das Glück habe, zu den Guͤnſtlingen Sei⸗ ner Majeſtaͤt zu gehoͤren. — Das iſt ein Vorwurf, den ich dem Koͤnige und nicht Euch machen werde, mein Herr! Buſſy verneigte ſich. — Und Ihr kommt von weit her? fragte Buſſy. Man ſagte, daß Ihr auf Reiſen waͤret? — Ja, mein Herr, ich jagte, erwiderte Chicot. Aber, waret Ihr nicht auch auf Reiſen? — In der That. Ich habe einen Ausflug in die Provinz gemacht. Jetzt, mein Herr, fuhr Buſſy fort, wuͤrdet Ihr die Guͤte haben, mir einen Dienſt zu er⸗ weiſen? — Wie denn! Jedes Mal, daß Herr von Buſſy uͤber mich, fuͤr was es auch ſein moͤge, verfuͤgen will, ſagte Chicot, wird er mich unendlich beehren. Nun denn! Ihr, der Bevorrechtigte, werdet in das Louvre dringen, waͤhrend ich in dem Vorzimmer bleiben — — 193— werde; wollt demnach dem Herzoge von Anjou melden laſſen, daß ich warte. — Der Herzog von Anjou iſt im Louvre, ſagte Chicot, und wird ohne Zweifel dem Lever Seiner Ma⸗ jeſtaͤt beiwohnen. Warum wollt Ihr nicht mit mir ein⸗ treten, mein Herr? — Ich fuͤrchte das unfreundliche Geſicht des Koͤnigs. — Bah! — Hm! Er hat mich bis jetzt nicht an ſein huld⸗ reichſtes Laͤcheln gewoͤhnt. — Seid unbeſorgt, binnen Kurzem wird ſich das Al⸗ les aͤndern. — Ah, ah! Ihr ſeid alſo Schwarzkuͤnſtler, Herr von Chicot? — Zuweilen. Nun denn, Muth, kommt, Herr von Buſſy. Sie traten in der That ein und gingen, der Eine nach der Wohnung des Herzogs von Anjou, welcher, wir glauben es bereits bemerkt zu haben, das Zimmer bewohnte, welches ehedem die Koͤnigin Margaretha be⸗ wohnt hatte, der Andere nach dem Zimmer des Koͤnigs. Heinrich der ml. war eben erwacht; er hatte an der großen Glocke gelaͤutet, und ein Schwarm von Dienern und Freunden war in das Koͤnigliche Zimmer geſtuͤrzt: ſchon war die Fleiſchbruͤhe von Gefluͤgel, der gewuͤrzte Wein und die Fleiſchpaſteten aufgetragem, als Chicot ganz munter zu ſeinem erlauchten Herrn eintrat, und, bevor er guten Tag ſagte, damit anfing, von der Schuͤſ⸗ ſel zu eſſen und aus der goldenen Schale zu trinken. Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. 13 — Bei Gottes Tod, rief der Koͤnig entzuͤckt aus, obgleich er den Zornigen ſpielte, ich glaube, das iſt die⸗ ſer Schelm von Chicot, ein Fluͤchtling, ein Landſtrei⸗ cher, ein Galgenſtrick! — Nun, nun! Was haſt Du denn, mein Sohn? ſagte Chicot, indem er ſich mit ſeinen ſtaubigen Stie⸗ feln ohne Umſtaͤnde auf den ungeheuren Seſſel mit gol⸗ denen Lilien ſetzte, auf welchem Heinrich der lIl. ſelbſt ſaß. Wir vergeſſen alſo jene angenehme Ruͤckkehr aus Polen, bei welcher wir die Rolle des Hirſches geſpielt haben, waͤhrend die Magnaten die der Hunde ſpielten? Ho! ha! ho! ho! ha! ho!l.. — Schoͤn, da iſt mein Ungluͤck zuruͤckgekehrt, ſagte Heinrich, ich werde Nichts mehr, als unangenehme Dinge hoͤren. Ich war indeſſen ſeit drei Wochen ſehr ruhig. — Bah! Bahl ſagte Chicot. Du beklageſt Dich im⸗ mer! Der Teufel ſoll mich holen, man koͤnnte Dich fuͤr einen Deiner Unterthanen halten! Sag' an, was haſt Du in meiner Abweſenheit gethan, mein liebes Heine⸗ ken? Hat man dieſes ſchoͤne Koͤnigreich Frankreich ein wenig naͤrriſch regiert? — Herr Chicot! — Strecken unſere Voͤlker die Zunge heraus, he? — Schelm! — Hat man irgend einen dieſer kleinen friſirten Heerrn gehangen? Ah, Verzeihung, Herr von Quélus, ich ſah Euch nicht. — Chicot, wir werden uns entzweien. 1 — Bleibt endlich noch ein Wenig Geld in unſeren Kaſſen, oder in denen der Juden? Das waͤre kein Un⸗ gluͤck, wir haben es ſehr noͤthig, uns zu beluſtigen, Sapperment, das Leben iſt ſehr beſchwerlich! Und er raͤumte vollends die goldbraunen Fleiſchpa⸗ ſteten von der vergoldeten ſilbernen Schuͤſſel. Der Koͤnig begann zu lachen; damit endigte er immer. — Laß hoͤren, ſagte er, was haſt Du waͤhrend die⸗ ſer langen Abweſenheit gethan? — Ich habe, ſagte Chicot, den Plan zu einer klei⸗ nen Proceſſion in drei Auftritten erſonnen.. Erſter Auftritt.— Die Buͤßenden, blos in ein Hemd und in eine Hoſe gekleidet, ſich die Haare ausreißend und ſich gegenſeitig mit den Faͤuſten pruͤgelnd, gehen von dem Louvre nach dem Montmartre hinauf. Zweiter Auftritt.— Dieſelben Buͤßenden, bis auf den Guͤrtel entkleidet und ſich mit Roſenkraͤnzen von Dor⸗ nen peitſchend, gehen von dem Montmartre nach der Abtei Sanct⸗Genovefa hinab. Dritter Auftritt— Endlich kehren dieſelben Buͤßen⸗ den ganz nackend, ſich gegenſeitig mit gewaltigen Gei⸗ ßelhieben den Ruͤcken zerblaͤuend, aus der Abtei Sant⸗ Genovefa nach dem Loupvre zuruͤck. Ich hatte wohl gedacht, ſie als einen unerwarte⸗ ten Ausgang uͤber den Grève⸗Platz ziehen zu laſſen, wo ſie der Henker alle, vom Erſten bis zum Letzten, ge⸗ brandmarkt haͤtte, aber ich habe gemeint, daß der Herr dort oben ein Wenig Schwefel von Godom und ein We⸗ — 196— nig Judenpech von Gomorrha aufbewahrt haͤtte, und ich will ihm das Vergnuͤgen nicht rauben, die Roͤſtung ſelbſt vorzunehmen.— Alſo, Ihr Herrn, machen wir uns bis zu dieſem großen Tage luſtig! — Und zuvoͤrderſt ſag an: Was iſt aus Dir gewor⸗ den? fragte der Koͤnig. Weißt Du, daß ich Dich in al⸗ len ſchlechten Haͤuſern von Paris habe ſuchen laſſen? — Haſt Du wohl das Louvre genau durchſucht? — Irgend ein liederlicher Menſch, Dein Freund, wird Dich mit Beſchlag belegt haben. — Das iſt nicht moͤglich, Heinrich, denn Du haſt alle liederlichen Menſchen in Beſchlag genommen. — Ich irrte mich alſo? — Ei, mein Gott, ja, wie immer, uͤber Alles und in Allem! — Wir werden ſehen, daß Du Buße thateſt. — Ganz Recht. Ich habe mich ein Wenig mit der Religion beſchaͤftigt, um zu ſehen, was daran waͤre, und, meiner Treue, ich bin davon zuruͤckgekommen. Ich habe genug an den Moͤnchen! Pfui, die ſchmuzigen Thiere. In dieſem Augenblicke trat Herr von Monſoreau in das Zimmer des Koͤnigs, den er mit tiefer Ehrerbietung begruͤßte. — Ah! Ihr ſeid's, Herr Oberjagermeiſter, ſagte Heinrich. Wann werdet Ihr uns irgend eine ſchoͤne Jagd halten laſſen? Sagt an! — Wann es Eurer Majeſtaͤt gefaͤllig ſein wird. Ich erhalte die Nachricht, daß wir viel Eber in Saint⸗Ger⸗ main⸗en⸗Laye haben. er⸗ — Das iſt ſehr gefaͤhrlich, der Eber, ſagte Chicot. Ich erinnere mich, Koͤnig Karl der IX. iſt beinahe auf einer Eberjagd getoͤdtet worden; und dann ſind die Sau⸗ ſpieße hart, und das macht unſeren kleinen Haͤnden Bla⸗ ſen. Nicht wahr, mein Sohn? Herr von Monſoreau ſah Chicot muͤrriſch an. — Sieh, ſagte der Gaskonier zu Heinrich, es iſt noch nicht lange her, daß Dein Oberjaͤgermeiſter einem Wolfe begegnet iſt. — Warum das? — Weil er, wie die Wolken des Dichters Ariſto⸗ phanes, das Geſicht, beſonders das Auge davon behal⸗ ten hat; es iſt auffallend. Herr von Monſoreau wandte ſich um und ſagte er⸗ bleichend zu Chicot: — Herr Chicot, ich bin wenig an Luſtigmacher ge⸗ woͤhnt, da ich ſelten am Hofe gelebt habe, und ich warne Euch, daß ich in Gegenwart meines Koͤnigs nicht gern herabgefetzt bin, beſonders, wenn es ſich um ſeinen Dienſt handelt. — Ei nun, mein Herr, ſagte Chicot, Ihr feid ganz das Gegentheil von uns, die wir Hofleute ſind; wir haben demnach auch über den letzten Narrenſteeich herzlich gelacht. 48 — Und worin beſteht dieſer Narrenſtreich? Monforeau.’ — Er hat Euch zum Oberjaͤgermeiſter ernannt; Ihr ſeht, daß, wenn dieſer liebe Heineken minder ſpaßhaft 3 als 3 iſt, er dagegen noch weit naͤrriſcher iſt. 8 — 198— Monſoreau ſchleuderte dem Gaskoner einen ſchreck⸗ lichen Blick zu. — Still, ſtill, ſagte Heinrich, der einen Streit vorausſah, ſprechen wir von etwas Anderem, meine Herrn. — Ja, ſagte Chicot, ſprechen wir von den Ver⸗ dienſten der Mutter Gottes von Chartres. — Chicot, keine Gottloſigkeiten, ſagte der Koͤnig in ſtrengem Tone. — Gottloſigkeiten, ich? ſagte Chicot. Geh doch, Du haͤltſt mich fuͤr einen Pfaffen, waͤhrend ich ein Krieger bin. Im Gegentheile, ich will Dich vor Etwas war⸗ nen, mein Sohn. — Und wovor? — Daß Du die Mutter Gottes von Chartres ſchlech 4 behandelſt, Heinrich, auf das Schlechteſte. .— Wie das? — Die Mutter Gottes hatte zwei Hemden, die daran gewoͤhnt waren, ſich bei einander zu befinden, und Du haſt ſie getrennt. An Deiner Stelle haͤtte ich ſie vereinigt, Heinrich, und es waͤre zum Mindeſten eine Ausſicht vorhanden geweſen, daß ein Wunder ge⸗ ſchaͤhe. Ddiieeſe ein wenig rohe Anſpielung auf die Trennung des Koͤnigs von der Koͤnigin ließ die Freunde des Koͤ⸗ nigs lachen. 8⁸ Heeinrich reckte ſich die Arme, rieb ſich die Augen unnd laͤchelte auch. ₰ — 199— — Fuͤr dieſes Mal hat der Narr bei Gott Recht, ſagte er. Und er ſprach von etwas Anderem. — Waͤre es Ihnen gefaͤllig, mein Herr, ſagte Mon⸗ ſoreau leiſe zu Chicot, mich, ohne ſich Etwas merken zu laſſen, in der Bruͤſtung dieſes Fenſters zu erwarten? — Wie denn, mein Herr? ſagte Chicot. Ei mit dem groͤßten Vergnuͤgen. — Nun denn! Ziehen wir dann bei Seite. — In die Tiefe eines Waldes, wenn Euch das be⸗ liebt, mein Herr. — Laſſen wir die Spaͤße, ſie ſind nutzlos, denn es iſt Niemand mehr da, um daruͤber zu lachen, ſagte Monſoreau, indem er zu dem Hofnarren in die Fen⸗ ſterbruͤſtung trat, in welche dieſer ihm vorausgegangen war. Wir befinden uns einander gegenuͤber, wir ſind uns die Wahrheit ſchuldig, Herr Chicot, Herr Narr, Herr Hanswurſt; ein Edelmann verbietet Euch, verſteht wohl dieſes Wort, verbietet Euch, uͤber ihn zu ſpotten; er fordert Euch vor Allem auf, wohl zu uͤberlegen, be⸗ vor Ihr Eure Zuſammenkunfte in den Waͤldern gebt, denn in dieſen Waͤldern, in welche Ihr mich ſo eben fuͤhren wolltet, waͤchſt eine Auswahl von Stoͤcken, Ru⸗ then und anderer Dinge, die durchaus wuͤrdig ſind eine Fortſetzung derer zu bilden, die Euch im Namen des Herrn von Mayenne ſo derb geſtriegelt haben. — Ah! ſagte Chicot, ohne ſich dem Anſcheine nach zu entruͤſten, obgleich ſein ſchwarzes Auge einen finſtern Blitz ſchleuderte. Ah, mein Herr, Ihr erinnert mich an Alles das, was ich dem Herrn von Mayenne ſchul⸗ dig bin; Ihr moͤgtet alſo, daß ich Euer Schuldner wuͤrde, wie ich der ſeinige bin, und daß ich Euch in meinem Gedaͤchtniſſe auf dieſelbe Linie ſtellte und Euch einen gleichen Antheil an meiner Dankbarkeit aufbe⸗ wahrte? — Ich meine, mein Herr, daß Ihr unter Euren Glaͤubigern den angeſehenſten zu zaͤhlen vergeßt. — Das verwundert mich, mein Herr, denn ich ſchmeichle mir, ein vortreffliches Gedaͤchtniß zu haben: Wer iſt denn dieſer Glaͤubiger? Ich bitte Euch! — Meiſter Nicolas David. — O! Was den anbetrifft, ſo irrt Ihr Euch, ſagte Chicot mit einem Ungluͤck verkuͤndenden Lachen; ich bin ihm Nichts mehr ſchuldig, er iſt bezahlt. In dieſem Augenblicke miſchte ſich ein Dritter in die Unterhaltung. Es war Buſſy. — Ah! Herr von Buſſy, kommt mir ein wenig zu Huͤlfe. Herr von Monſoreau hier hat mich, wie Ihr ſeht, umſtellt und will mich gerade ſo wie einen Edel⸗ hirſch oder wie einen Damhirſch auftreiben; ſagt ihm doch, daß er ſich irrt, Herr von Buſſy, daß er mit einem Eber zu thun hat und daß der Eber auf den Jaͤ⸗ ger zuruͤckkehrt. — Ich glaube, daß Ihr dem Herrn Oberjaͤgermei⸗ ſter Unrecht thut, Herr Chicot, ſagte Buſſy, wenn Ihr meint, daß er Euch nicht fuͤr das haͤlt, was Ihr ſeid, das heißt, fuͤr einen guten Edelmann. Mein Herr, gte — 201— fuhr Buſſy fort, indem er ſich an den Grafen wandte, ich habe die Ehre, Euch zu melden, daß der Herr Her⸗ zog von Anjou Euch zu ſprechen wuͤnſcht. — Mich? aͤußerte Monſoreau beſorgt. — Ja, Euch, mein Herr, ſagte Buſſy. Monſoreau richtete auf Buſſy einen Blick, welcher die Abſicht hatte, bis auf den Grund ſeiner Seele zu dringen, der aber genoͤthigt war, auf der Oberflaͤche zu verweilen, ſo ſehr waren die Augen und das Laͤcheln Buſſy's voller Heiterkeit. — Begleitet Ihr mich, mein Herr? fragte der Ober⸗ jaͤgermeiſter den Edelmann. — Nein, mein Herr, ich eile Seiner Hoheit zu mel⸗ den, daß Ihr Euch zu feinen Dienſten ſtellt, waͤhrend Ihr Euch von dem Koͤnige beurlauben werdet. Und Buſſy entfernte ſich wieder, wie er gekommen war, indem er mit ſeiner gewoͤhnlichen Gewandtheit durch die Menge der Hofleute ſchluͤpfte. Der Herzog von Anjou wartete wirklich in ſeinem Kabinette, und las den Brief noch ein Mal durch, den unſere Leſer bereits kennen. Als er das Rauſchen eines Thuͤrvorhanges hoͤrte, glaubte er, daß es Monſoreau waͤre, der ſeinen Befehlen Folge leiſtete, und verbarg dieſen Brief. Buſſy erſchien. — Nunl ſagte der Herzog. — Da iſt er, gnaͤdiger Herr. — Er ahnet Nichts? — und wenn das waͤre, wenn er auf ſeiner Hut — 202— waͤre? ſagte Buſſy. Iſt er nicht Euer Geſchoͤpf? Aus dem Nichts durch Euch hervorgezogen, koͤnnt Ihr ihn da nicht wieder in das Nichts zuruͤck verſetzen? — Gewiß, antwortete der Herzog mit jener tiefſin⸗ nigen Miene, welche ihm immer das Herannahen von Ereigniſſen verlieh, bei denen es ſich darum handelte, ei⸗ nige Energie zu entwickeln. — Scheint er Euch minder ſtrafbar, als er es ge⸗ ſtern war? ¹ — Hundert Mal mehr; ſeine Verbrechen gehoͤren zu denen, welche zunehmen, wenn man daruͤber nachdenkt. — Außerdem, ſagte Buſſy, beſchraͤnkt ſich Alles auf einen einzigen Punkt: er hat durch Verrath ein adeliges junges Maͤdchen entfuͤhrt; er hat ſie betruͤgeriſcher Weiſe und durch eines Edelmannes unwürdige Mittel geheira⸗ thet; er ſoll ſelbſt die Aufloͤſung dieſer Ehe verlangen, oder Ihr werdet ſie fuͤr ihn verlangen. — So iſt es beſchloſſen. 4 — Und im Namen des Vaters, im Namen des jungen Maͤdchens, im Namen des Schloſſes von Me⸗ ridor, im Namen Dianas, ich habe Euer Wort? — Ihr habt es. 5 — Bedenkt, daß ſie benachrichtigt ſind, daß ſie in Angſt das Reſultat Eurer Unterredung mit dieſem Manne erwarten. — Das junge Maͤdchen wird frei ſein, Buſſy, ich verpfaͤnde Dir mein Wort darauf. — Ah, ſagte Buſſy, wenn Ihr das thut, ſo wer⸗ det Ihr wirklich ein großer Prinz ſein, gnaͤdiger Herr. ͤSEͤG N — Hη — — Und er ergriff die Hand des Herzogs, dieſe Hand, welche ſo viele falſche Verſprechungen unterzeichnet hatte, die ſo viele beſchworene Eide gebrochen, und kuͤßte ſie ehrerbietig. In dieſem Augenblicke hoͤrte man Schritte im Vor⸗ ſaale. — Da iſt er, ſagte Buſſy. — Laßt Herrn von Monſoreau eintreten, rief Franz mit einer Strenge, welche Buſſy eine gute Vorbedeu⸗ tung ſchien. Und faſt gewiß, endlich das Reſultat zu erreichen, nach dem er geſtrebt, konnte der junge Edelmann dieſes Mal ſeinen Blick nicht verhindern, einen leichten Anſtrich ſpoͤttiſchen Stolzes anzunehmen, als er Monſoreau gruͤßte; der Oberjaͤgermeiſter ſeiner Seits nahm Buſſys Gruß mit jenem glaͤſernen Blicke auf, hinter welchem er die Gefuͤhle ſeiner Seele wie hinter einer unuͤber⸗ ſchreitbaren Feſte verbarg. 1 Buſſy wartete in dem Corridor, den wir bereits kennen, in demſelben Corridor, in welchem La Mole eines Nachts beinahe von Karl dem NX, Heinrich dem III., dem Herzoge von Alengon und dem Herzoge von Guiſe mit der Guͤrtel⸗Schnur der Koͤnigin Mutter erdroſſelt worden waͤre. Der Corridor wie der Vor⸗ platz, mit welchem er zuſammen hing, war fuͤr den Augenblick mit den Edelleuten, welche dem Herzog ihre Aufwartung zu machen kamen, gefuͤllt. Buſſy nahm Platz unter ihnen, und jeder beeiferte ſich ihm Platz zu machen, eben ſo ſehr wegen der Ach⸗ „ — 204— tung, die er durch ſich ſelbſt genoß, als wegen ſeiner Gunſt bei dem Herzoge von Anjou. Der Edelmann verſchloß alle ſeine Empfindungen in ſeinem Inneren, und ohne irgend Etwas von der ſchrecklichen Angſt blicken zu laſſen, die er in ſeinem Herzen unterdruͤckte, war⸗ tete er den Erfolg dieſer Unterredung ab, bei welcher all ſein zukuͤnftiges Gluͤck auf dem Spiele ſtand. Die Unterhaltung konnke nicht ermangeln, lebhaft zu werden: Buſſy hatte genug von Herrn von Mon⸗ ſoreau geſehen, um zu begreifen, daß dieſer ſich nicht ohne Kampf vernichten laſſen wuͤrde. Aber am Ende handelte es ſich fuͤr den Herzog von Anjou ja nur dar⸗ um, die Hand auf ihn zu legen, und, wenn er ſich nicht fuͤgte, ei nun, Ihn dann zu vernichten! NYPemaͤtzlich ließ ſich das wohlbekannte Aufbrauſen der Stimme des Prinzen hoͤren. Dieſe Stimme ſchien zu befehlen. Buſſy erbebte vor Freude. — Ah, ſagte er, jetzt haͤlt der Herzog mir Wort. Aber auf dieſes Aufbrauſen folgte kein anderes, und da Alle, ſich mit Beſorgniß unter einander anblik⸗ kend, ſchwiegen, ſo herrſchte bald eine tiefe Stille un⸗ ter den Hofleuten. Beſorgt, in ſeinem begonnenen Traume geſtoͤrt, jetzt der Ebbe und Fluth der Hoffnungen und der Be⸗ fuͤrchtungen unterworfen, fuͤhlte Buſſy beinahe eine Vier⸗ telſtunde lang Minute auf Minute verfließen. Ploͤtzlich oͤffnete ſich die Thuͤre von dem Zimmer . — 2 — ⁄*ʃ 8——&— — 205— des Herzoges, und man hoͤrte durch die Thuͤr⸗Vor⸗ haͤnge dieſes Zimmers froͤhliche Stimmen erſchallen. Buſſy wußte, daß der Herzog mit dem Oberjaͤger⸗ meiſter allein war, und daß, wenn ihre Unterhaltung ihren gewoͤhnlichen Lauf verfolgt haͤtte, ſie in dieſem Augenblicke nichts weniger, als erfreulich ſein koͤnnte. Dieſe Kenntniß der Verhaͤltniſſe ließ ihn ſchaudern. Bald darauf naͤherten ſich dieſe Stimmen, der Thuͤrvorhang wurde aufgehoben, Monſoreau trat ruͤck⸗ waͤrtsſchreitend und ſich verneigend heraus. Der Herzog begleitete ihn bis an die Graͤnze ſeines Zimmers, in⸗ dem er ſagte: — Gott befohlen, lieber Freund. Das iſt eine verabredete Sache. — Lieber Freund? murmelte Buſſy. Gottes Blut! Was bedeutet das? — Demnach alſo, gnaͤdiger Herr, ſagte Monſoreau, immer nach dem Prinzen gewandt, iſt wirklich nach der Anſicht Eurer Hoheit jetzt das beſte Mittel die Oeffent⸗ lichkeit? — Ja, ja, ſagte der Herzog, alle dieſe Geheim⸗ niſſe ſind Kindereien. — Dann, ſagte der Oberjaͤgermeiſter, werde ich ſie noch heute Abend dem Koͤnige vorſtellen. — Handelt ohne Beſorgniß, ich werde Alles vorbe⸗ reitet haben. Der Herzog neigte ſich an das Ohr bes Oberjaͤger⸗ meiſters, und ſagte ihm einige Worte ins Ohr. — Das iſt geſchehen, antwortete dieſer. Monſoreau verneigte ſich ein letztes Mal vor dem Herzoge, welcher die Anweſenden muſterte, ohne Buſſy zu ſehen, der ſich hinter einem Thuͤrvorhange verborgen hielt, an den er ſich klammerte, um nicht zu Boden zu ſinken. — Meine Herrn, ſagte Monſoreau, indem er ſich nach den Edelleuten umwandte, welche ihre Reihe der Audienz erwarteten, und die ſich ſchon vor dem Glanze einer Gunſt verneigten, vor welcher die Buſſys zu er⸗ bleichen ſchien, meine Herren, geſtattet, daß ich Euch eine Neuigkeit mittheile: Seine Gnaden erlaubt, daß ich meine Heirath mit Fraͤulein Diana von Meridor, welche bereits ſeit laͤnger als einem Monate meine Gat⸗ tin iſt, oͤffentlich erklaͤre, und daß ich ſie heute Abend unter ſeinem Schutze dem Hofe vorſtelle. Buſſy wankte; obgleich der Schlag bereits nicht mehr unerwartet kam, ſo war er dennoch ſo heftig, daß er meinte, davon vernichtet zu ſein. Nun ſtreckte er den Kopf vor, und der Herzog und er, alle Beide bleich von ſehr entgegengeſetzten Gefuͤhlen, wechſelten einen Blick, der Verachtung von Seiten Buſſys, des Schreckens von Seiten des Herzoges von Anjou, aus. Monſoreau ſchritt unter Artigkeitsbezeigungen und Gluͤckwuͤnſchen durch die Gruppe der Edelleute. Was Buſſy anbelangt, ſo machte er eine Bewe⸗ gung, um zu dem Herzoge zu gehen; aber dieſer ſah dieſe Bewegung und kam ihr zuvor, indem er den Thuͤr⸗ vorhang zuruͤckfallen ließ; zu gleicher Zeit ſchloß ſich —— N — 207— hinter dem Vorhange die Thuͤre, und man hoͤrte das Knarren des Schluͤſſels in dem Schloſſe. Nun fuͤhlte Buſſy ſein Blut heiß und ungeſtuͤm nach ſeinen Schlaͤfen und nach ſeinem Herzen ſtroͤmen. Indem ſie dem an der Kuppel ſeines Schwerdtes haͤn⸗ genden Dolche begegnete, zog ihn ſeine Hand unwill⸗ kuͤrlich halb aus der Scheide, denn bei dieſem Manne war das erſte Aufbrauſen der Leidenſchaften unwider⸗ ſtehlich; aber die Liebe, welche ihn zu dieſer Heftigkeit getrieben, laͤhmte ſeinen ganzen Jaͤhzorn; ein bitterer, unendlicher, ſtechender Schmerz erſtickte den Zorn: ſtatt zu ſchwellen, machte ſich das Herz Luft. In dieſem Paropysmus zweier Leidenſchaften, wel⸗ che mit einander rangen, unterlag die Energie des jun⸗ gen Mannes gleich zwei erzuͤrnten Wellen, die den Himmel erklimmen zu wollen ſcheinen, und die mit ein⸗ ander zuſammenſinken, weil ſie in der hoͤchſten Kraft ihres Aufſteigens an einander ſtießen. Buſſy ſah ein, daß, wenn er da bleibe, er ſeinen unſinnigen Schmerz zur Schau ſtellen wuͤrde; er ging den Corridor entlang, erreichte die geheime Treppe, ſchritt durch eine Ausfallsthuͤre in den Hof des Louvre hinab, ſchwang ſich auf ſein Pferd, und ſchlug im Galopp den Weg nach der Straße Saint⸗Antoine ein. Der Baron und Diana erwarteten die von Buſſy verſprochene Antwort; ſie ſahen den jungen Mann bleich, mit beſtuͤrztem Geſichte, blutigen Augen erſcheinen. Diana verſtand Alles, und ſtieß einen Schrei aus. — Verachtet mich! Gnaͤdige Frau, rief Buſſy aus. 4— 208— Haßt mich! Ich glaubte Etwas in diefer Welt zu ſein, und ich bin nur eine Nichts bedeutende Sache. Ich glaubte Etwas zu vermoͤgen, und ich vermag nicht ein⸗ mal, mir das Herz auszureißen. Gnaͤdige Frau, Ihr ſeid wirklich die Gattin des Herrn von Monſoreau, ſeine rechtmaͤßige, jetzt anerkannte Gattin, welche heute Abend vorgeſtellt werden ſoll. Aber ich bin ein armer Thor, ein erbaͤrmlicher Traͤumer, oder vielmehr, oder vielmehr, ja, wie Ihr ſagtet, Herr Baron, der Her⸗ zog von Anjou iſt eine Memme und ein Ehrloſer. Und den Vater und die Tochter in Entſetzen ver⸗ ſunken verlaſſend, verließ Buſſy raſend vor Schmerz, trunken vor Wuth das Zimmer, ſtuͤrzte die Treppe hin⸗ ab, ſprang auf ſein Pferd, druͤckte ihm ſeine beiden Sporen in den Leib, und, ohne zu wiſſen, wohin er ginge, die Zuͤgel fahren laſſend, ſich nur damit be⸗ ſchaͤftigend, ſein unter ſeiner krampfhaft geballten Fauſt grollendes Herz feſt zuſammen zu druͤcken, ſprengte er davon, indem er Schwindel und Schrecken auf ſeinem Wege verbreitete. 1 — „ XIII. Was zwiſchen Seiner Gnaden, dem Herzoge von Anjou, und dem Oberjaͤgermeiſter vorgefallen war. E⸗ iſt Zeit, die ſo ploͤtzliche Veraͤnderung zu er⸗ klaͤren, welche in dem Betragen des Herzoges von An⸗ jou gegen Buſſy eingetreten war. Als der Herzog Herrn von Monſoreau empfing, hatte er den Ermahnungen ſeines Hofmannes gemaͤß den fuͤr die Plaͤne dieſes Letzteren am Meiſten guͤnſti⸗ gen Ton angenommen. Seine leicht reizbare Galle lief uͤber durch zwei in ſeinem Herzen herrſchende Leiden⸗ ſchaften erbittert: Die Eigenliebe des Herzoges war ver⸗ wundet worden; die Furcht vor einem Scandal, mit welchem Buſſy) im Namen des Herrn von Meridor drohete, ſpornte Franzens Zorn noch weit ſchmerz⸗ licher an. In der That, zwei Gefuͤhle dieſer Art bringen, indem ſie ſich vereinigen, entſetzliche Ausbruͤche hervor, wenn das Herz, welches ſie in ſich ſchließt, gleich mit Die Dame von Monſoreau. Dritter Band⸗ 14 — 210— Pulver gefuͤllten Bomben, feſt genug hermetiſch ver⸗ ſchloſſen iſt, damit der Druck das Platzen verdoppelt. Der Herzog von Anjou empfing alſo den Oberjaͤger⸗ meiſter mit jenem ſtrengen Geſicht, welche am Hofe die Unerſchrockenſten zittern ließ, denn man kannte die Mittel, welche Franz in Bezug auf Rache anwandte. — Eure Hoheit hat mich zu ſich entbieten laſſen? ſagte Monſoreau ſehr ruhig und mit einem Blicke auf die Tapeten. Denn, daran gewoͤhnt, die Seele des Prinzen zu lenken, errieth dieſer Mann das ganze Feuer, welches unter dieſer anſcheinenden Kaͤlte glomm, und, weil er das Geſicht des lebenden Weſens auf lebloſe Ge⸗ genſtaͤnde uͤbertrug, ſo haͤtte man ſagen koͤnnen, daß er von dem Zimmer Rechenſchaft uͤber die Plaͤne des Herrn verlangte. — Fuͤrchtet Nichts, mein Herr, ſagte der Herzog, der ihn verſtanden hatte, es befindet ſich Niemand hin⸗ ter dieſen Behaͤngen; wir koͤnnen ungehindert, und be⸗ ſonders offenherzig ſprechen. Monſoreau verneigte ſich. — Denn Ihr ſeid ein guter Diener, Herr Oberjaͤ⸗ germeiſter von Frankreich, und Ihr habt Anhaͤnglichkeit an meine Perſon! — Ich glaube es, Hoheit. — Ich, ich bin davon uͤberzeugt, mein Herr; Ihr ſeid es, der mich bei gar mancher Veranlaſſung von den gegen mich angeſponnenen Komplotten unterrichtet hat, Ihr, der Ihr oft Eure Intereſſen vergeſſend, Euer Leben preisgebend, meine Unternehmungen unterſtuͤtzt habt. — 211— — Hoheit... — Ich weiß es. Noch letzthin, ich muß Euch daran erinnern; denn, wahrlich, Ihr habt ſo viel Zartgefuͤhl, daß bei Euch niemals irgend eine Anſpie⸗ lung, ſelbſt indirecte, die erwieſenen Dienſte wieder hervortreten laͤßt. Noch letzthin, wegen dieſes ungluͤck⸗ lichen Abenteuers... — Welches Abenteuer, gnaͤdiger Herr? — Dieſe Entfuͤhrung des Fraͤuleins von Meridor. Armes junges Maͤdchen! — Ach! murmelte Monſoreau auf eine Weiſe, daß die Antwort nicht ernſtlich auf den Sinn von Fran⸗ zens Worten anwendbar war. — Ihr bedauert ſie, nicht wahr? ſagte dieſer Letz⸗ tere, indem er ihn auf einen ſichern Boden rief. — Solltet Ihr ſie nicht bedauern, Hoheit? — Ich? O, Ihr wißt, ob ich dieſe ungluͤckſelige Laune bereuet habe! Und ſeht, es hat aller der Freund⸗ ſchaft, die ich fuͤr Euch hege, aller der Gewohnheit Eurer guten Dienſte bedurft, um mich vergeſſen zu laſ⸗ ſen, daß ich ohne Euch das junge Maͤdchen nicht ent⸗ fuͤhrt haͤtte. Monſoreau fuͤhlte den Stich. — Sehen wir, ſagte er ſich, ſollten das bloß Ge⸗ wiſſensbiſſe ſein? — Eure Guͤte bringt Euch dazu zu uͤbertreiben, gnaͤdiger Herr, erwiderte er. Ihr habt den Tod dieſes. jungen Maͤdchens nicht mehr herbeigefuͤhrt, als ich ſelbſt... 14* — 212— — Wie das? — Gewiß, Ihr hattet nicht die Abſicht, die Ge⸗ waltthaͤtigkeit bis zu dem Tode des Fraͤuleins von Me⸗ ridor zu treiben. — O, nein! — Dann ſpricht Euch die Abſicht frei, gnaͤdiger Herr, es iſt ein Ungluͤck, ein Ungluͤck, wie der Zufall deren taͤglich veranlaßt. — Und außerdem, fuͤgte der Herzog hinzu, indem er ſeinen Blick in Monſoreaus Herz ſenkte, der Tod hat Alles in ſeinen ewigen Strom eingehullt. Es lag genug Schwingung in der Stimme des Prinzen, daß Monſoreau ſogleich die Augen erhob, und ſich ſagte: — Es ſind keine Gewiſſensbiſſe... — Gnaͤdiger Herr, erwiderte er, wollt Ihr, daß ich offenherzig mit Eurer Hoheit ſpreche? — Warum ſolltet Ihr zoͤgern, ſagte ſogleich der Prinz mit einem mit Stolz gemiſchten Erſtaunen. — In der That, ſagte Monſoreau, ich weiß nicht, warum ich zoͤgern ſollte. — Was ſoll das heißen? — O, gnaͤdiger Herr, ich will ſagen, daß einem durch ſeinen Verſtand und ſeinen Adel des Herzens ſo erhabenen Prinzen gegenuͤber die Offenherzigkeit von nun an als Hauptelement in dieſer Unterhaltung ſtatt⸗ finden muß. — Von nun an?. Was bedeutet das? — Weil Eure Hoheit im Anfange es nicht fuͤr an⸗ V ◻☚ 2 —₰ — 213— gemeſſen gehalten hat, dieſe Offenherzigkeit bei mir an⸗ zuwenden. — Wahrhaftig! erwiderte der Herzog mit einem ſchallenden Gelaͤchter, das einen raſenden Zorn verrieth. — Hoͤrt mich an, gnaͤdiger Herr, ſagte Monſoreau demuͤthig. Ich weiß, was Eure Hoheit mir ſagen wollte. — So ſprecht denn. — Eure Hoheit wollte mir zu verſtehen geben, daß Fraͤulein von Meridor vielleicht nicht kodt waͤre, und daß ſie diejenigen, welche ſich fuͤr ihre Moͤrder hielten, der Gewiſſensbiſſe entbaͤnde. — O, welche Zeit habt Ihr darauf verwandt, mein Herr, mir dieſe troͤſtende Betrachtung zu machen! Ein getreuer Diener, auf mein Wort! Ihr habt mich finſter, betruͤbt geſehen; Ihr habt mich von traurigen Traͤumen ſprechen hoͤren, welche ich ſeit dem Tode dieſes Maͤd⸗ chens haͤtte, ich, deſſen Empfindſamkeit, Gott ſei Dank, nicht alleaͤglich iſt;... und Ihr habt mich ſo leben laſſen, wo Ihr mir mit dieſem bloßen Zweifel ſo viele Leiden erſparen konntet!... Wie ſoll ich die⸗ ſes Verfahren nennen, mein Herr? Der Herzog ſprach dieſe Worte mit dem ganzen Ausbruche eines Zornes aus, der im Begriffe ſteht, uͤberzutreten. — Gnaͤdiger Herr, antwortete Monſoreau, man koͤnnte meinen, daß Eure Hoheit eine Anklage gegen mich richtet... 5 — Verraͤther! rief ploͤtzlich der Herzog aus, indem — 214— . er einen Schritt auf den Oberjaͤgermeiſter zu that, ich ſtelle ſie und ich beweiſe ſie... Du haſt mich betrogen! Du haſt mir dieſes Weib genommen, das ich liebte.. Monſoreau erbleichte fuͤrchterlich, aber er verlor Nichts von ſeiner ruhigen und faſt ſtolzen Haltung. — Das iſt wahr, ſagte er. — Ah, das iſt wahr... der Unverſchaͤmte, der Betruͤger! — Geruhet leiſer zu ſprechen, gnaͤdiger Herr, ſagte Monſoreau imeaer eben ſo ruhig, Eure Hoheit vergißt, daß Sie mit einem Edelmanne, mit einem guten Diener ſpricht. 6 Der Herzog begann krampfhaft zu lachen. — Mit einem guten Diener des Koͤnigs! fuhr Mon⸗ ſoreau eben ſo gleich gltig, als vor dieſer ſchrecklichen Drohung fort. Der Herzog unterbrach ſich bei dieſem einzigen Worte. — Was wollt Ihr damit ſagen? murmelte er. — Ich will ſagen, erwiderte Monſoreau freundlich und unterwuͤrfig, daß, wenn der gnaͤdige Herr ſich dit Muͤhe nehmen wollte mich anzuhoͤren, er begreifen wird daß ich dieſe Frau genommen habe, weil Seine Hohei ſie nehmen wollte. Auf das Hoͤchſte uͤber ſo viel Vermeſſenheit erſtaunt, fand der Herzog Nichts zu antworten. — Meine Entſchuldigung iſt, ſagte demuͤthig da Oberjaͤgermeiſter, daß ich Fraͤulein von Méridon er glühen liebte.. — — 215— — Ich auch, antwortete Franz mit unausſprechli⸗ cher Wuͤrde... — Es iſt wahr, gnaͤdiger Herr, Ihr ſeid mein Herr; aber Fraͤulein von Meridor liebte Euch nicht. — Und ſie liebte Dich? — Vielleicht, murmelte Monſoreau. — Du luͤgſt! Du luͤgſt! Du haſt ihr Gewalt ange⸗ than, wie ich ihr Gewalt angethan. Nur bin ich, der Herr, geſcheitert, und Dir, dem Bedienten iſt es ge⸗ lungen. Das kommt daher, weil ich nur die Macht habe, waͤhrend Du den Verrath hatteſt. — Ich liebte ſie, gnaͤdiger Herr. — Was kuͤmmert mich das? — Gnaͤdiger Herr... — Drohungen, Schlange? — Nehmt Euch in Acht, gnaͤdiger Herr! ſagte Monſoreau, indem er den Kopf ſenkte wie der Tiger, der ſeinen Sprung berechnet. Ich liebte ſie, ſage ich Euch, und ich bin keiner Eurer Bedienten, wie Ihr ſo eben ſagtet. Meine Frau iſt mein, wie mein Gut; Niemand kann ſie mir nehmen, nicht einmal der Koͤnig. Nun aber habe ich dieſe Frau haben wollen, und ich habe ſie genommen. — Wahrhaftig, ſagte Franz, indem er nach der ſilbernen Schelle ſtuͤrzte, welche auf dem Tiſche ſtand. Du haſt ſie genommen, nun denn! Du wirſt ſie wie⸗ der herausgeben. — Ihr irrt Euch, gnaͤdiger Herr, rief Monſoreau aus, indem er nach dem Tiſche ſtuͤrzte, um den Prin⸗ 2 — 116— zen vom Rufen abzuhalten.— Unterdruͤckt dieſen argen Gedanken mir zu ſchaden, der in Euch aufſteigt; denn wenn Ihr ein Mal riefet, wenn Ihr mir eine oͤffent⸗ liche Schmach anthaͤtet... 2 — Du wirſt dieſe Frau zuruͤckgeben, ſage ich Dir! 4— Sie zuruͤck geben, wie?... Sie iſt meine Frau; ich habe ſie vor Gott geheirathet! Monſoreau rechnete auf die Wirkung dieſes Wortes, aber der Prinz gab ſeine erzuͤrnte Haltung nicht auf. — Wenn ſie Deine Frau vor Gott iſt, ſagte er, ſo wirſt Du ſie den Menſchen herausgeben! — Was beliebt? Er weiß alſo Alles? ſagte Mon⸗ ſoreau. — Ja, ich weiß Alles. Du wirſt dieſe Ehe bre⸗ chen; ich werde ſie brechen, und waͤreſt Du hundert Male vor alle den Goͤttern verbunden, die im Himmel regiert haben. — Ah, gnaͤdiger Herr, Ihr laͤſtert Gott, ſagte Monſoreau. — Morgen wird Fraͤulein von Meridor ihrem Va⸗ ter zuruͤckgegeben ſein, morgen wirſt Du in die Ver⸗ bannung abreiſen, die ich Dir auferlegen werde. In einer Stunde wirſt Du Deine Stelle als Oberjaͤgermei⸗ ſter verkauft haben; das ſind meine Bedingangen, wo nicht, ſo nimm Dich in Acht, Vaſall, ich werde Dich zerſchmettern, wie ich dieſes Glas zerſchmettere. Und eine Schaale von emaillirtem Kriſtall, ein Geſchenk des Erzherzoges von Oeſterreich, ergreifend, zien — 217— ſchleuderte ſie der Prinz wie ein Raſender nach Mon⸗ ſoreau, der in ihre Splittern eingehuͤllt wurde. — Ich werde die Frau nicht zuruͤckgeben, ich werde meine Stelle nicht aufgeben, und ich werde in Frankreich bleiben, erwiderte Monſoreau, indem er auf den be⸗ ſtuͤrzten Franz zueilte. — Warum das.. Verfluchter? — Weil ich meine Begnadigung von dem Koͤnige voon Frankreich, von dem in der Abtei Sanct⸗Genovefa erwaͤhlten Koͤnige erbitten werde, und weil dieſer ſo gute, ſo edle, vor ganz Kurzem noch uͤber die goͤttliche Gunſt ſo gluͤckliche Souverain ſich nicht weigern wird, den erſten Bittenden zu erhoͤren, der ihm ein Geſuch vorlegt. Monſoreau hatte dieſe ſchrecklichen Worte ſich ſtei⸗ gernd ausgeſprochen; das Feuer ſeiner Augen ging all⸗ maͤlich in ſeine Sprache uͤber, die ſchallend wurde. Nun erbleichte Franz, that einen Schritt zuruͤck und ſchob den ſchweren Vorhang der Eingangsthuͤre zu; dann Monſoreau bei der Hand ergreifend, ſagte er zu ihm, in dem er jedes Wort hervor ſtieß, als ob er an dem Ende ſeiner Kraͤfte geweſen waͤre! — Es iſt gut... es iſt gut... Graf, ſtellt mir dieſes Geſuch etwas leiſer... ich hoͤre Euch. — Ich werde ergebener Weiſe ſprechen, ſagte Mon⸗ ſoreau, ploͤtzlich wieder ruhig geworden, demuͤthig, wie es ſich fuͤr den gehorſamſten Diener Eurer Hoheit ge⸗ ziemt. 3 Franz machte langſam die Runde des geraͤumigen — 218— Zimmers, und wenn er an den Stellen war, wo er hin⸗ ter die Tapeten ſehen konnte, ſo ſah er jedes Mal nach. Es ſchien, als ob er nicht glauben koͤnnte, daß die Worte des Herrn von Monſoreau nicht gehoͤrt wor⸗ den waͤren. — Ihr ſagtet? fragte er. — Ich ſagte, gnaͤdiger Herr, daß eine verhaͤngniß⸗ volle Liebe Alles gethan hat. Die Liebe, edler Herr, iſt die gebieteriſchſte von allen Leidenſchaften... Um mich vergeſſen zu laſſen, daß Eure Hoheit die Augen auf Diana geworfen haͤtte, mußte ich nicht mehr Herr mei⸗ ner ſelbſt ſein. — Es iſt ein Verrath, Graf, ich ſagte es Euch. — Erdruͤckt mich nicht, gnaͤdiger Herr, hoͤrt, wel⸗ cher Gedanke in mir aufſtieg. Ich ſah Euch reich, jung, gluͤcklich; ich ſah Euch als den erſten Fuͤrſten der chriſt⸗ lichen Welt. Der Herzog machte eine Bewegung. — Denn, Ihr ſeid es,... murmelte Monſoreau; zwiſchen dieſem hoͤchſten Range und Euch, giebt es nur noch einen leicht zu verſcheuchenden Schatten... Ich ſah all den Glanz Eurer Zukunft, und dieſes unermeß⸗ liche Gluͤck mit dem Wenigen vergleichend, nach dem ich ſtrebte, verblendet von Eurem zukuͤnftigen Strahlen⸗ glanze, der mich faſt verhinderte, die arme kleine Blume zu ſehen, nach der ich mich ſehnte, ich, der Armſelige, neben Euch, mein Herr, habe ich mir geſagt:... laſſen wir den Prinzen ſeinen glaͤnzenden Traͤumen, ſei⸗ nen prachtvollen Plaͤnen; dort iſt ſein Ziel; ich, ich ſuche das meinige im Schatten... Kaum wird er meinen Ruͤckzug gewahr werden, kaum wird er die ſchmaͤchtige Perle, welche ich ihm raube, aus ſeiner koͤ⸗ niglichen Binde gleiten fuͤhlen. — Graf, Graf, ſagte der Herzog, unwillkuͤrlich durch den Zauber dieſer Schilderung berauſcht. — Ihr verzeiht mir, nicht wahr, gnaͤdiger Herr? In dieſem Augenblicke erhob der Herzog die Augen. Er ſah an der mit vergoldetem Leder tapezierten Wand das Portrait Buſſys, das er zuweilen gern betrachtete, wie er ehedem das Portrait La Mole's gern betrachtet hatte. Dieſes Portrait hatte ein ſo ſtolzes Auge, eine ſo erhabene Miene; es hielt ſeinen Arm ſo ſtolz auf die Huͤfte gerundet, daß ſich der Herzog einbildete, Buſſy ſelbſt mit ſeinem Feuerauge zu ſehen, Buſſy, der aus der Wand hervortrat, um ihn aufzuregen, Muth zu faſſen. — Nein, ſagte er, ich kann Euch nicht verzeihen; Gott iſt mein Zeuge, daß ich nicht meinetwegen ſtreng bin, ſondern weil ein trauernder Vater, ein ſchaͤndlicher Weiſe betrogener Vater ſeine Tochter zuruͤckverlangt; ſondern weil eine Euch zu heirathen gezwungene Frau nach Rache gegen Euch ſchreit, ſondern, weil mit einem Worte, die erſte Pflicht eines Prinzen Gerechtig⸗ keit iſt. — Gnaͤdiger Herr... S Sie iſt, ſage ich Euch, die erſte Pflicht eines Prinzen, und ich werde Gerechtigkeit ergehen laſ⸗ ſen.. 4 ⸗ — Wenn die Gerechtigkeit, ſagte Monſoreau, die erſte Pflicht eines Prinzen iſt, ſo iſt die Dankbarkeit die erſte Pflicht eines Koͤnigs. — Was ſagt Ihr da? — Ich ſage, daß niemals ein Koͤnig denjenigen ver⸗ geſſen darf, dem er ſeine Krone verdankt... Nun aber, gnaͤdiger Herr... Nunl.. — Ihr verdankt mir die Krone, Sire! — Monſoreau, rief der Herzog mit noch weit groͤ⸗ ßerem Entſetzen, als bei dem erſten Angriffe des Ober⸗ jaͤgermeiſters, aus, Monſoreau! begann er wieder mit leiſer und bebender Stimme, dann ſeid Ihr alſo ein Verraͤther an dem Koͤnige, wie Ihr ein Verraͤther an dem Prinzen waret? — Ich ſchließe mich dem an, der mich unterſtuͤtzt, Sire! fuhr Monſoreau mit immer lauterer Stimme fort. — Ungluͤckſeliger! Und der Herzog betrachtete nochmals Buſſy's Por⸗ trait. — Ich kann nicht, ſagte er... Ihr ſeid ein bie⸗ derer Edelmann, Monſoreau, Ihr werdet begreifen, daß ich das nicht gut heißen kann, was Ihr gethan habt. — Warum das, gnaͤdiger Herr? — Weil es eine Eurer und meiner unwuͤrdige Hand⸗ lung iſt.. Verzichtet auf dieſe Frau. Noch dieſes Opfer, mein lieber Graf, und ich werde Euch du Alles, was Ihr von mir verlangen werdet, entſchaͤdl⸗ gen... — — er⸗ „. — 221— — Eure Hoheit liebt alſo Fraͤulein von Moridor noch?... ſagte Monſoreau bleich vor Eiferſucht. — Nein, nein, ich ſchwoͤre es Euch, nein! — Nun denn, was kann Eure Hoheit denn abhal⸗ ten? Sie iſt meine Gattin! Bin ich nicht von gutem Adel? Kann ſich Jemand ſo in die Geheimniſſe meines Lebens miſchen? — Aber ſie liebt Euch nicht. — Was liegt daran! — Thut das fuͤr mich, Monſoreau... — Ich vermag es nicht... — Dann... ſagte der Herzog in die graͤßlichſte Verlegenheit geſtuͤrzt.. dann... — Ueberlegt, Sire! Der Herzog trocknete den Schweiß von ſeiner Stirne, mit welchem dieſer von dem Grafen ausge⸗ ſprochene Titel ſie dedeckt hatte. — Ihr wuͤrdet mich angeben? — Dem von Euch entthronten Koͤnige, ja, Eure Majeſtaͤt, denn, wenn mein neuer Fuͤrſt mich in meiner Ehre, in meinem Gluͤcke verletzte, ſo wuͤrde ich zu dem vorigen zuruͤckkehren. — Das iſt ehrlos! — Das iſt wahr, Sire; aber ich liebe genug, um ehrlos zu ſein. — Das iſt niedertraͤchtig! — Ja, Eure Majeſtaͤt; aber ich liebe genug, um ighertraͤchtig zu ſein. Der Herzog machte eine Bewegung auf Monſoreau — 22— zu, aber dieſer hielt ihn mit einem einzigen Blicke, einem einzigen Laͤcheln zuruͤck. — Ihr wurdet Nichts dabei gewinnen, mich zu toͤd⸗ ten, gnaͤdiger Herr, ſagte er; es gibt Geheimniſſe, welche die Leichname uͤberleben! Laßt uns demnach, Ihr ein Koͤnig voller Gnade, ich, der Gehorſamſte Eurer Unterthanen bleiben! Der Herzog zerbrach ſich die Finger unter einander und zerfleiſchte ſie mit ſeinen Naͤgeln. — Nun denn, nun denn, mein guͤtiger Herr, thut Etwas fuͤr den Mann, der Euch in allen Dingen am Beſten gedient hat. Franz ſtand auf. — Was verlangt Ihr? ſagte er. — Daß Eure Majeſtaͤt?... — ungluͤckſeliger, Ungluͤckſeliger! Du willſt alſo, daß ich Dich bitte?. — O, gnaͤdiger Herr! Und Monſoreau verneigte ſich. — Sagt! murmelte Franz. — Gnaͤdiger Herr, Ihr werdet mir verzeihen? — Ja. — Ihr werdet mich mit Herrn von Meridor aus⸗ ſoͤhnen, gnaͤdiger Herr? — Ja. — Ihr werdet meinen Ehevertrag mit Fraͤulein von Méridor unterzeichnen, gnaͤdiger Herr? — Ja, ſagte der Herzog mit beklommener Stimme. — und Ihr werdet meine Gattin mit einem Laͤ⸗ 0, — 223— cheln an dem Tage beehren, wo ſie feierlich in der Ge⸗ ſellſchaft der Koͤnigin erſcheinen wird, der ſie vorzuſtellen, ich die Ehre haben will? — Ja, ſagte Franz. Iſt das Alles? — Durchaus Alles, gnaͤdiger Herr. — Geht. Ihr habt mein Wort. — Und Ihr, ſagte Monſoreau, indem er ſich dem Ohre des Herzoges naͤherte, Ihr werdet den Thron be⸗ halten, auf den ich Euch habe ſteigen laſſen! Lebt wohl, Sire.. Dieſes Mal ſagte er es ſo leiſe, daß der Klang die⸗ ſes Wortes dem Prinzen lieblich ſchien. — Es bleibt mir Nichts mehr uͤbrig, dachte Mon⸗ ſoreau, als zu erfahren, wie der Herzog unterrichtet worden iſt. XVV.p Wie Herr von Morvilliers dem Konige ein ſchreckliches Complott entdeckt. An demſelben Tage hatte Herr von Monſoreau ſeinem dem Herzoge von Anjou kundgethanen Wunſche gemaͤß ſeine Gattin in der Geſellſchaft der Koͤnigin Mut⸗ ter und der der Koͤnigin vorgeſtellt. 4 Heinrich, ſorgenvoll wie gewoͤhnlich, hatte ſich, von Herrn von Morvillers benachrichtigt, daß er am fol⸗ genden Morgen einen großen Rath halten muͤſſe, zu Bett gelegt.— Heinrich richtete nicht einmal Fragen an den Kanz⸗ ler; es war ſpaͤt, Seine Majeſtaͤt hatte Luſt zu ſchla⸗ ſen. Man verabredete die bequemſte Stunde, um weder den Schlummer, noch das Mahl des Koͤnigs zu ſtoͤren. Dieſer wuͤrdige Miniſter kannte ſeinen Herrr l⸗ kommen, und wußte, daß im Gegenſatze zu Philipp von »ͤ8..ß»———,,——, Macedonien der ſchlaͤfrige oder nuͤchterne Koͤnig nicht mit genuͤgender Klarheit des Geiſtes die Mittheilungen an⸗ hoͤren wuͤrde, die er ihm zu machen haͤtte. Er wußte auch, daß Heinrich, deſſen ſchlafloſe Naͤchte haͤufig waren,— es iſt das Loos des Mannes, der uͤber den Schlummer Anderer wachen ſoll, ſelbſt nicht zu ſchlafen,— in Mitte der Nacht an die ver⸗ langte Audienz denken wuͤrde, und ſie mit geſpannter, der Wichtigkeit des Umſtandes angemeſſener Neugierde geben wuͤrde. Alles geſchah, wie es Herr von Morvillièrs voraus⸗ geſehen hatte. Nach einem erſten Schlafe von drei bis vier Stun⸗ den erwachte Heinrich wieder; das Verlangen des Kanz⸗ lers fiel ihm ein, er ſetzte ſich auf ſein Bett, begann zu denken, und muͤde, allein zu denken, ließ er ſich von ſeinen Matratzen herabgleiten, zog ſeine ſeidenen Unter⸗ hoſen an, fuhr in ſeine Pantoffeln, und ohne irgend Etwas an ſeiner Nachttoilette zu aͤndern, die ihn einem Geſpenſte gleich machte, ſchritt er bei dem Scheine ſeiner Lampe, welche, ſeitdem der Hauch des Ewigen mit Saint⸗Luc nach Anjou gegangen war, nicht mehr er⸗ loſch, und ſchritt, ſagen wir, nach Chicots Zimmer, daſſelbe, in welchem die Hochzeit des Fraͤuleins von Briſſac ſo gluͤcklich gefeiert worden war. Der Gaskonier ſchlief feſt und ſchnarchte wie ein Blasbalg. Heinrich zerrte ihn drei Male am Arme, ohne daß ees ihm gelang, ihn zu wecken. Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. 15 9 Als indeſſen der Koͤnig bei dem dritten Male die Geberde mit der Stimme begleitete und aus vollem Halſe Chicot gerufen hatte, oͤffnete der Gaskonier ein Auge. — Chicot! wiederholte der Koͤnig. — Was gibt es wieder? fragte Chicot. — Ei, mein Freund, wie kannſt Du ſo ſchlafen, wenn Dein Koͤnig wacht? — Ach, mein Gott, rief Chicot aus, indem er that, als ob er den Koͤnig nicht erkenne, hat Seine Majeſtaͤt etwa eine Unverdaulichkeit bekommen? — Chicot, mein Freund, ſagte Heinrich, ich bin es. — Wer, Du? — Ich, Heinrich. — Beſtimmt, mein Sohn, es ſind die Schnepfen, welche Dich erſticken. Ich hatte es Dir indeſſen vor⸗ ausgeſagt; Du haſt geſtern Abend zuviel davon gegeſſen, wie auch von dieſer Krebsſuppe. gekoſtet.. Dann hat man Dich vergiftet, ſagte Chicot. Sap⸗ perment! Wie Du bleich biſt, Heinrich! — Das iſt meine Leinewand⸗Maske, mein Freund ſagte der Koͤnig. — Du biſt alſo nicht krank? — Nein. — Warum weckſt Du mich denn dann? 8 — Weil der Kummer mich verfolgt.„ — Du haſt Kummer? — Nein, ſagte Heinrich, denn ich habe kaum davon — Viel. — Um ſo beſſer. — Wie? Um ſo beſſer? — Ja. Denn der Kummer macht, daß man nach⸗ denkt, und Du wirſt bedenken, daß man einen recht⸗ ſchaffenen Mann um zwei Uhr Morgens nur dann weckt, um ihm ein Geſchenk zu machen. Was bringſt Du mir? Laß ſehen. — Nichts, Chicot. Ich komme, um mit Dir zu plaudern. — Das iſt nicht genug. — Chicot, Herr vor Morvillièrs iſt geſtern Abend an den Hof gekommen. — Du empfaͤngſt ſehr ſchlechte Geſellſchaft, Hein⸗ rich. Und was wollte er? — Er kam, um eine Audienz von mir zu ver⸗ langen. — Ah, das iſt ein Mann, der Lebensart hat; er iſt nicht, wie Du, der Du um zwei Uhr Morgens in das Zimmer der Leute itrittſt, ohne nur zu ſagen: Auf⸗ gepaßt! — Was konnte er mir zu ſagen haben? Chicot. — Wie, Ungluͤckſeliger! rief der Gaskonier aus, um mich das zu fragen, weckſt Du mich? — Chicot, mein Freund, Du weißt, daß ſich Herr von Morvillièrs mit meiner Polizei beſchaͤftigt. — Nein, meiner Treue, ſagte Chicot, ich wußte es nicht. — Ich finde im Gegentheile, Chirot⸗ ſagte der Koͤ⸗ 50— nig, daß Herr von Morvilliers immer ſehr gut unter⸗ richtet iſt. — Und wenn ich bedenke, ſagte der Gaskonier, daß ich ſchlafen koͤnnte, ſtatt ſolche Albernheiten anzu⸗ hoͤren! — Du zweifelſt an der Aufſicht des Kanzlers? fragte Heinrich. — Ja, den Henker, ich zweifele daran, ſagte Chi⸗ cot, und ich habe meine Gruͤnde dazu. — Welche? — Wenn ich Dir einen einzigen angebe, wird Dir das genuͤgen? — Ja, wenn er trifftig iſt. — und Du wirſt mich nachher in Ruhe laſſen? — Gewiß. — Nun denn! Eines Tages, nein, es war eines Adends. — Da liegt Wenig daran. — Im Gegentheile, da liegt Viel daran. Nun denn! Eines Abends habe ich Dich in der Straße Froidmantel geſchlagen; Du hatteü Quélus und Schom⸗ berg bei Dir.... — Du haſt mich geſchlagen? — Ja, gepruͤgelt, alle drei gepruͤgelt. — Bei welcher Veranlaſſung? — Ihr hattet meinen Pagen beleidigt, Ihr habt die Hiebe empfangen, und Herr von Movvilliers hat Euch Nichts davon geſagt. find ſiehn fern es un ße abt hat ſchlage? — Wie! rief Heinrich aus, Du warſt es, Boͤſe⸗ wicht! Du warſt es, Ruchloſer! — Ich ſelbſt, ſagte Chicot, indem er ſich die Haͤnde rieb. Nicht wahr, mein Sohn, ich ſchlage gut, wenn ich — Elender! — Ou gibſt alſo zu, daß es die Wahrheit iſt? — Ich werde Dich peitſchen laſſen, Chicot. — Darum handelt es ſich nicht. Iſt es wahr? Ja oder nein? Das iſt Alles, was ich Dich frage. — Du weißt wohl, das es wahr iſt, Ungluͤckſe⸗ liger! — Haſt Du am folgenden Morgen Herrn von Morvillièrs kommen laſſen? — Ja, Du warſt ja anweſend, als er gekom⸗ men iſt. — Haſt Du ihm den betruͤbten Vorfall erzaͤhlt, der am Abende zuvor einem Deiner Freunde, einem Edel⸗ manne begegnet ſei? — Ja. 93 ind— Haſt Du ihm befohlen, den Schuldigen aufzu⸗ inden?* — Ja. — Hat er Dir ihn aufgefunden? — Nein. — Nun denn! Geh alſo zu Bett, Heinrich, Du ſiehſt, daß Deine Polizei ſchlecht beſtellt iſt. Und indem er ſich nach der Wand umwandte, ohne ferner antworten zu wollen, begann Chicot mit dem Getoͤſe groben Geſchuͤtzes zu ſchnarchen, was dem Koͤ⸗ nige alle Hoffnung raubte, ihn aus dieſem zweiten Schlummer zu wecken. Heinrich kehrte ſeufzend in ſein Zimmer zuruͤck, und in Ermangelung eines anderen Geſellſchafters, begann er mit ſeinem Windſpiele Narciſſe das Ungluͤck zu bedauern, welches die Koͤnige haben, die Wahrheit immer nur auf ihre Koſten zu erfahren. Am folgenden Morgen verſammelte ſich der Rath. Er veraͤnderte ſich je nach der wandelbaren Freundſchaft des Koͤnigs. Dieſes Mal beſtand er aus uélus, Mau⸗ giron, d'Epernon und Schomberg, die alle vier ſeit ſechs Monaten in Gunſt ſtanden. An dem oberen Ende des Tiſches ſitzend, ſchnitt Chicot Schiffe aus Papier, und ſtellte ſie methodiſch auf, um, wie er ſagte, Seiner Allerchriſtlichſten Majeſtaͤt eine Flotte nach dem Bilde der Flotte des Allerkatholiſchſten Koͤnigs zu machen. Man meldete Herrn von Morrvillièrs. Der Staatsmann hatte ſein finſterſtes Koſtuͤm ange⸗ legt und ſeine klaͤglichſte Miene angenommen. Nach ei⸗ ner tiefen Verneigung, die ihm von Chicot erwidert wurde, naͤherte er ſich dem Koͤnige: — Ich ſtehe, ſagte er, vor dem Rathe Seiner Ma⸗ jeſtaͤt?-— — Ja, vor meinen beſten Freunden. Sprecht! — Wohlan, Sire, ich faſſe Vertrauen, und ich be⸗ darf ſeiner. Es handelt ſich darum, Eurer Majeſtaͤt eine ſehr ſchreckliche Verſchwoͤrung anzuzeigen. — 231— — Eine Verſchwoͤrung! riefen alle Anweſenden aus. Chicot ſpitzte die Ohren und unterbrach die Anfer⸗ tigung einer ſtolzen Galiotte mit zwei Decken, aus welcher er die Admiral-Barke der Flotte machen wollte. — Eine Verſchwoͤrung, ja, Majeſtaͤt, ſagte Herr von Morvilliers, die Stimme ſenkend mit dieſer Heim⸗ lichkeit, welche ſchreckliche Mittheilungen weiſſagte. — O, ol außerte der Koͤnig. Sagt an, iſt es eine Spaniſche Verſchwoͤrung? In dieſem Augenblicke trat der in den Rath be⸗ ſchiedene Herzog von Anjou in den Saal, deſſen Thuͤ⸗ ren ſich ſogleich wieder hinter ihm verſchloſſen. — Ihr hoͤrt, mein Bruder, ſagte Heinrich nach den Begruͤßungs-Foͤrmlichkeiten, Herr von Morvilliers zeigt uns eine Verſchwoͤrung gegen die Sicherheit des Staates an. Der Herzog warf langſam auf alle anweſenden Hof⸗ leute dieſen ſo glaͤnzenden und ſo mißtrauiſchen Blick, den wir an ihm bennen. — Iſt es wohl moͤglich?... murmelte er. — Leider! Ja, gnaͤdiger Herr, ſagte Herr von Morvilliérs, eine drohende Verſchwoͤrung. — Erzaͤhlt uns das, erwideree Chicot, indem er ſeine fertige Galiotte in das auf dem Tiſche ſtehende Kryſtallbecken ſetzte. — Ja, ſtammelte der Herzog von Anjou, erzaͤhlt uns das, Herr Kanzler. — 232— — Ich bin geſpannt, ſagte Heinrich. Der Kanzler nahm ſeine dumpfeſte Stimme, ſeine gebuͤckteſte Stellung, ſeinen geſchäftigſten Blick an. — Sire, ſagte er, ſeit ſehr langer Zeit wachte ich uͤber die Umtriebe einiger Unzufriedener... — O, ſagte Chicot,... einiger. Ihr ſeid ſehr beſcheiden, Herr von Morvillièrs!... — Es waren, fuhr der Kanzler fort, heimathloſe Leute, Ktäͤmer, Handwerksleute oder unbedeutende Schreiber,... es gab darunter hier und da Bierbrauer und Studenten. — Das ſind da keine ſehr großen Prinzen, ſagte Chicot mit vollkommener Ruhe, indem er wieder ein neues Schiff mit zwei Schnaͤbeln begann. Der Herzog von Anjou laͤchelte gezwungener Weiſe. — Ihr werdet ſehen, Sire, ſagte der Kanzler; ich wußte, daß die Unzufriedenen immer zwei Hauptveran⸗ laſſungen benutzen, den Krieg oder die Religion... — Das iſt voller Vernunft, ſagte Heinrich. Weiter. Gluͤcklich uͤber dieſes Lob, fuhr der Kanzler fort: — Ich hatte in dem Heere Eurer Majeſtaͤt treu er⸗ gebene Offiziere, die mich von Allem unterrichteten; mit der Geiſtlichkeit iſt es weit ſchwieriger. Nun habe ich Spaͤher ausgeſchickt. 8— Immer voller Vernunft, ſagte Chicot. — Und endlich, fuhr Morvillisrs fort, gelang es mir durch meine Agenten einen Mann des Gerichtsho⸗ fes von Paris zu beſtimmenn... 5 ger kan nic lich trit — 233— — Wozus ſagte der Koͤnig. — Die Prediger aufzuſpuͤren, welche das Volk ge⸗ gen Eure Majeſtaͤt aufreizen. —O, o, dachte Chicot, ſollte mein Freund be⸗ kannt ſein? — Dieſe Leute, Sire, empfangen ihre Eingebungen nicht von Gott, ſondern von einer der Krone ſehr feind⸗ lichen Partei. Dieſe Partei habe ich ſtudirt. — Sehr ſchoͤn, ſagte der Koͤnig. — Voller Vernunft, ſagte Chicot. — Und ich kenne ihre Hoffnungen, fuͤgte Morvilliers triumphirend hinzu. — Das iſt koͤſtlich! rief Chicot aus. Der Koͤnig gab dem Gaskonier einen Wink, zu ſchweigen. 1 Der Herzog von Anjou verlor den Redner nicht aus den Augen. — Waͤhrend laͤnger als zwei Monaten unterhielt ich im Solde Eurer Majeſtaͤt Maͤnner von großer Gewandt⸗ heit, von erprobtem Muthe, freilich von einer unerſaͤtt⸗ lichen Habgierde, die ich aber Sorge trug, dem Koͤnige zu Gute kommen zu laſſen, denn, obgleich ich ſie reichlich bezahlte, ſo gewann ich dennoch dabei. Ich erfuhr von ihnen, daß ich mittelſt einer ſtarken Summe Geldes den Haupt⸗Verſammlungsort der Verſchwoͤrer kennen lernen wuͤrde. — Das iſt gut, ſagte Chicot, zahle, mein Koͤnig, zahle! 8— — Ei! Darauf ſoll es nicht ankommen, rief Hein⸗ rich aus, laßt hoͤren... Kanzler, der Zweck dieſer Verſchwoͤrung, die Hoffnung der Verſchwoͤrer?... — Sire! Es handelt ſich um nichts Geringeres, als um eine zweite Sanct⸗Bartholomaͤusnacht. — Gegen wen? — Gegen die Hugenotten. Die Anweſenden blickten ſich uͤberraſcht an. — Wie viel hat Euch das ungefaͤhr gekoſtet? fragte Chicot. — Fuͤnf und ſiebenzig Tauſend Livres auf der einen Seite, hundert Tauſend auf der andern. Chicot wandte ſich nach dem Koͤnige um. — Wenn Du willſt, ſo ſage ich Dir fuͤr Tauſend Thaler das Geheimniß des Herrn von Morvillièrs, rief der Gaskonier aus. Dieſer machte eine Geberde des Erſtaunens; der Herzog von Anjou blieb ſtandhafter, als man von ihm haͤtte erwarten koͤnnen. — Sag, erwiderte der Koͤnig. — Das iſt einfach und allein die Ligue, ſagte Chi⸗ cot, die ſeit zehn Jahren begonnene Ligue. Herr von Morvilliers, hat das entdeckt, was jeder Pariſer Buͤr⸗ ger wie ſein Vater⸗Unſer weiß. — Mein Herr... unterbrach ihn der Kanzler. — Ich ſage die Wahrheit!... Und ich werde es beweiſen, rief Chicot in einem Advokaten⸗Tone aus. — —,-.—,— ein⸗ ieſer res, agte inen ſend rief der ihm Lhi⸗ von . uͤr⸗ es — 235— — So nennt mir denn den Zuſammenkunftsort der Ligueurs. — Sehr gern: 1) den oͤffentlichen Platz;z 2) den oͤffentlichen Platz; 3) die oͤffentlichen Plaͤtze. — Herr Chicot beliebt zu ſcherzen, ſagte der Kanz⸗ ler, das Geſicht verziehend. Und ihr Erkennungs⸗ zeichen? — Sie ſind als Pariſer gekleidet, und bewegen die Beine, wenn ſie gehen, antwortete Chicot gravitaͤtiſch. Ein Ausbruch allgemeinen Gelaͤchters nahm dieſe Erklaͤrung auf. Herr von Morvillièrs glaubte, daß es dem guten Geſchmacke angemeſſen waͤre, dem Beiſpiele zu folgen, und er lachte mit den Andern. Aber, wie⸗ der finſter werdend, ſagte er: — Endlich hat mein Spion einer ihrer Sitzungen beigewohnt, und das an einem Orte, den Herr Chicot nicht kennt. 3 Der Herzog von Anjou erbleichte. — Wo das ſagte der Koͤnig. — In der Abtei Sanct⸗Genovefa! Cghicot ließ ein Huhn von Papier fallen, das er in das Admiral⸗Boot einſchiffte. — Die Abtei Sanct⸗Genovefa! ſagte der Koͤnig. — Das iſt unmoͤglich, murmelte der Herzog. — Dem iſt ſo, ſagte Morvillièrs, zufrieden uͤber den hervorgebrachten Eindruck, und indem er triumphi⸗ rend die ganze Verſammlung anblickte. — 236— — Und was haben ſie gethan, Herr Kanzler? Was haben ſie beſchloſſen? fragte der Koͤnig. — Daß die Ligueurs ſich Anfuͤhrer ernennen, daß je⸗ der Aufgenommene ſich bewaffnen, daß jede Provinz ei⸗ nen Abgeſandten der aufruͤhreriſchen Hauptſtadt erhalten ſollte, und daß alle von Seiner Majeſtaͤt eliedten Hu⸗ genotten, das ſind ihre Ausdruͤcke... Der Koͤnig laͤchelte. — An einem beſtimmten Tage niedergemetzelt wer⸗ den ſollten. — Das iſt Alles? fragte Heinrich. — Den Henker! ſagte Chicot. Man ſieht, daß Du katholiſch biſt. — Iſt das wirklich Alles? ſagte der Herzog. — Nein, gnaͤdiger Herr...* — Den Henker! Ich glaube wohl, daß das nicht Alles iſt. Wenn wir nur das fuͤr 175,000 Livres bar ten, ſo waͤre der Koͤnig beſtohlen. — Sprecht, Kanzler, ſagte der Koͤnig. — Es giebt Anfuͤhrer... Chicot ſah auf dem Herzen des Herzogs ſein Wamms ſich bewegen, welches das Klopfen erhob. — Ei, ei, ei, ſagte er, eine Verſchwoͤrung, die Anfuͤhrer hat; das iſt zum Erſtaunen. Indeſſen, wir muͤſſen noch Etwas fuͤr unſere 175,000 Livres haben. — Dieſe Anfuͤhrer... ihre Namen? fragte der König. Wie heißen dieſe Anfuͤhrer? vo au⸗ — 237— — Zuvoͤrderſt ein Prediger, ein Fanatiker, ein Be⸗ ſeſſener, deſſen Namen ich um 10,000 Livres gekauft habe. — Und Ihr habt wohlgethan! — Der Genovefa⸗Moͤnch Gorenflot! — Armer Teufel! warf Chicot mit einem wahren Erbarmen hin. Es ſtand geſchrieben, daß ihm dieſes Abenteuer keinen Vortheil bringen wuͤrde! — Gorenflot! ſagte der Koͤnig, indem er dieſen Namen aufſchriebz gut... weiter... — Dann... ſagte der Kanzler zoͤgernd, aber, Sire, das iſt Alles... Und Morvilliers ließ nochmals ſeinen inquiſitoriſchen und geheimnißvollen Blick uͤber die Verſammlung ſchwei⸗ fen, der zu ſagen ſchien: Wenn Eure Majeſtaͤt allein waͤre, ſo wuͤrde Sie wohl noch mehr erfahren. — Sprecht, Kanzler, ich habe nur Freunde hier ... ſprecht! — O! Sire, der, welchen ich zu nennen zoͤgere, hat auch ſehr maͤchtige Freunde... — In meiner Umgebung? — Ueberall. — Sind ſie maͤchtiger, als ich? rief Heinrich bleich vor Zorn und Beſorgniß aus. — Sire, ein Geheimniß ſpricht man nicht offen aus. Entſchuldigt mich, ich bin Staatsmann. — Das iſt richtig.— — Das iſt voller Vernunft! ſagte Chicot. Aber wir ſind Alle Staatsmaͤnner.) — Wir wollen uns auf das Gehorſamſte bei dem Koͤnige beurlauben, mein Herr, ſagte der Herzog von Anjou, wenn die Mittheilung nicht in unſerer Gegen⸗ wart gemacht werden kann. Herr von Morvillièrs zoͤgerte. Chicot belauerte ihn bis auf ſeine geringſten Geberden, indem er befuͤrch⸗ tete, daß es dem Kanzler, ſo unſchuldig er auch zu ſein ſchien, gelungen ſein moͤgte, irgend etwas minder Ein⸗ faches zu entdecken, als ſeine erſten Offenbarungen. Der Koͤnig gab dem Kanzler einen Wink, naͤher zu treten, dem Herzoge von Anjou, auf ſeinem Platze zu bleiben, den vier Guͤnſtlingen, ihre Aufmerkſamkeit auf etwas Anderes zu richten. Sogleich neigte ſich Herr von Morvilliors nach dem Ohre Seiner Majeſtaͤt, aber er hatte noch nicht die Haͤlfte der nach allen Vorſchriften der Etiquette abge⸗ zirkelten Bewegung gemacht, als ein ungeheures Ge⸗ ſchrei in dem Hofe des Louvre erſchallte. Der Koͤnig rich⸗ tete ſich raſch auf; die Herren von Quèlus und von Eper⸗ non ſtuͤrzten nach dem Fenſter und der Herzog von Anjou legte die Hand an ſein Schwerdt, als ob aller dieſer drohende Laͤrm gegen ihn gerichtet geweſen waͤre. Sich auf die Fußzehen erhebend, ſah Ehicot in den Hof und in das Zimmer. — Ei ſeht, Herr von Guiſe, rief er zuerſt aus, Herr von Guiſe zieht in das Louvre ein. — 239— Der Koͤnig machte eine Bewegung. — Es iſt wahr, ſagten die Edelleute. — Der Herzog von Guiſe? ſtammelte der Herzog von Anjou. — Das iſt wunderlich... nicht wahr, daß der Herzog von Guiſe in Paris iſt? ſagte der Koͤnig, wel⸗ cher in dem faſt ſtarren Blicke des Herrn von Moroil⸗ liers den Namen geleſen hatte, den dieſer Letztere ihm in's Ohr ſagen wollte. — Hatte etwa die Mittheilung, welche Ihr mir machen wolltet, Bezug auf meinen Vetter von Guiſe? fragte er den Miniſter mit leiſer Stimme. — Ja, Sire, er iſt es, welcher bei der Sitzung den Vorſitz fuͤhrte, antwortete der Kanzler in demſelben Tone. — Und die Anderen?.. — Ich kenne keine Andern.. Heinrich berieth Chicot mit einem Blicke. — Tauſend Sapperment! rief der Gaskonier aus, indem er eine koͤnigliche Haltung annahm. Laßt meinen Vetter von Guiſe eintreten! Und indem er ſich an Heinrichs Ohr neigte, ſagte er zu ihm: — Da iſt Einer von ihnen, deſſen Namen Du, wie ich glaube, hinlaͤnglich kennſt, um nicht noͤthig zu ha— ben, ihn Dir aufzunotiren.. Die Thuͤrſteher machten laͤrmend die Thuͤre auf. — 240— — Einen einzigen Fluͤgel, meine Herrn, ſagte Hein⸗ rich; einen einzigen; die beiden ſind fuͤr den Koͤnig! Der Herzog von Guiſe war weit genug in der Gal⸗ lerie vorgeſchritten, um dieſe Worte zu hoͤren; aber das veraͤnderte Nichts an dem Laͤcheln, mit welchem er ent⸗ ſchloſſen war, vor den Koͤnig zu treten. ein⸗ Bal⸗ das ent⸗ XV. Warum Herr von Guiſe in das Louvre kam. Hinter Herrn von Guiſe kam eine große Anzahl von Officieren, von Hofleuten und von Edelleuten; hin⸗ ter dieſem glaͤnzenden Gefolge kam das Volk, eine min⸗ der glaͤnzende, aber bei Weitem und vor Allem weit furchtbarere Bedeckung. Nur waren die Edelleute in den Palaſt getreten und das Volk war vor der Thuͤre geblieben. Aus den Reihen dieſes Volkes erſchallte das Ge⸗ ſchrei noch in demſelben Augenblicke, wo der Herzog von Guiſe, den es aus dem Auge verloren hatte, in die Galerie trat. Bei dem Anblicke dieſer Art von Heer, welches dem Pariſer Heros jedes Mal das Geleit gab, wenn er in den Straßen erſchien, hatten die Garden die Waf⸗ fen ergriffen und hinter ihrem tapfern Obriſt Eufgeſtelle Die Dame von Monſoreau. Dritter Band⸗ ſchletderten ſie dem Volke drohende Blicke, dem Trium⸗ phator ſtumme Herausforderungen zu. Guiſe hatte die Haltung dieſer Soldaten bemerkt, welche unter dem Befehle Crillons ſtanden; er richtete einen leichten Gruß voller Huld an den Obriſt, der, das Schwerdt in der Fauſt, vier Schritte weit vor ſeiner Mannſchaft ſtand und ſteif und gleichguͤltig in ſeiner ge⸗ rigſchaͤtzenden Regungsloſigkeit blieb. Dieſe Empoͤrung eines Mannes und eines Regimen⸗ tes gegen ſeine ſo allgemein anerkannte Gewalt uͤber⸗ raſchte den Herzog. Seine Stirn wurde einen Augen⸗ blick lang ſorgenvollz aber in dem Maße, als er ſich dem Koͤnige naͤherte, erheiterte ſich ſeine Stirn, ſo daß er, wie wir ihn an dem Kabinet Heinrichs des III. ha⸗ ben anlangen ſehen, laͤchelnd in daſſelbe eintrat. — Ah! Ihr ſeid es, mein Vetter! ſagte der Koͤ⸗ nig. Mit welchem Gepraͤnge Ihr auftretet! Schmettern nicht etwa die Trompeten? Es ſchien mir, als ob ich ſie hoͤrte. — Sire, antwortete der Herzog, die Trompeten ſchmettern in Paris nur fuͤr den Koͤnig, im Felde nur fuͤr den Feldherrn, und ich bin zu gleicher Zeit mit dem Hofe und mit dem Feldlager zu ſehr vertraut, um mich darin zu irren. Hier wuͤrden die Trompeten zu viel Laͤrm fuͤr einen Unterthan, dort nicht genug fuͤr einen Prin⸗ zen machen. Heinrich biß ſich auf die Lippen. — Bei Gottes Tod! ſagte er nach einem Schwei⸗ gen, das er dazu verwandt, den Lothringſchen Prinzen — 243— mit den Augen zu verſchlingen, Ihr ſeid ſehr glaͤnzend, mein Vetter! Langt Ihr etwa erſt heute von der Bela⸗ gerung von La Charité an? — Erſt heute, ja, Sire, antwortete der Herzog mit einem leichten Erroͤthen.. — Meiner Treue, mein Vetter, Euer Beſuch iſt viel Ehre fuͤr uns, viel Ehre, viel Ehre! 8 Heinrich der lIl. wiederholte die Worte, wenn er zu viel Gedanken zu verbergen hatte, wie man die Rei⸗ hen der Soldaten vor einer Batterie von Kanonen en⸗ ger ſtellt, die erſt zu einem gewiſſen Momente demas⸗ kirt werden ſoll. — Viel Ehre, wiederholte Chicot mit einer ſo rich⸗ tigen Betonung, daß man haͤtte glauben koͤnnen, dieſe beiden Worte kaͤmen nochmals von dem Koͤnige. — Sire, ſagte der Herzog, Eure Majeſtaͤt will ohne Zweifel ſcherzen! Wie koͤnnte mein Beſuch den⸗ jenigen beehren, von dem alle Ehre ausgeht? — Ich will ſagen, Herr von Guiſe, erwiderte Heinrich, daß jeder gute Katholik bei ſeiner Ruͤckkehr aus dem Felde die Gewohnheit hat, vor Allem Gott in irgend einem ſeiner Tempel zu beſuchen, der Koͤnig kommt erſt nach Gott. Ehret Gott, dienet dem Koͤnige, Ihr wißt, mein Vetter, das iſt ein halb religioͤſer, halb po⸗ litiſcher Grundſatz. Das Erroͤthen des Herzogs von Guiſe war dieſes Mal weit deutlicher; der Koͤnig, welcher geſprochen hatte, indem er dem Herzoge feſt in's Geſicht geblickt, ſah dieſes Erroͤthen, und da, wie von, eiem inſtinct⸗ maͤßigen Gefuͤhle geleitet, ſein Blick von dem Herzoge von Guiſe auf den Herzog von Anjou uͤbergegangen, ſo ſah er mit Erſtaunen, daß ſein guter Bruder eben ſo bleich, als ſein lieber Vetter roth war. Dieſe ſich auf zwei einander ſo entgegengeſetzte Weiſen an den Tag legende Gemuͤthserſchuͤtterung uͤber⸗ raſchte ihn. Er wandte mit Affectation die Augen ab, und nahm eine herablaſſende, freundliche Miene an, unter der Niemand beſſer, als Heinrich der III. ſeine Krallen zu verbergen wußte. — Jeden Falls, Herzog, ſagte er, gleicht Nichts meiner Freude, Euch allen dieſen boͤſen Wechſelfaͤllen des Krieges entronnen zu ſehen, obgleich Ihr, wie man ſagt, die Gefahr auf eine verwegene Weiſe ſucht. Aber die Gefahr kennt Euch, mein Vetter, und ſie flieht Euch. Der Herzog verneigte ſich vor dem Kompliment. — Oemnach auch moͤgte ich Euch ſagen, mein Vet⸗ ter, ſeid nicht ſo ehrgeizig auf Todesgefahren; denn es waͤre wahrlich ſehr hart fuͤr Nichtsthuer, wie wir, die ſchlafen, die eſſen, die jagen und die als ganze Erobe⸗ rung neue Moden und neue Gebete erfinden. — Ja, Sire, ſagte der Herzog, indem er ſich auf dieſes letzte Wort bezog. Wir wiſſen, daß Ihr ein er⸗ leuchteter und frommer Fuͤrſt ſeid und daß kein Vergnuͤ⸗ gen Euch die Verherrlichung Gottes und die Intereſſen der Kirche aus den Augen verlieren laſſen kann. Des⸗ halb ſind wir mit ſo großem Vertrauen zu Eurer Maje⸗ ſtaͤt gekommen. — Betrachte doch das Vertrauen Deines Vetters, Heinrich, ſagte Chicot, indem er dem Koͤnige die Edel⸗ leute zeigte, die aus Ehrerbietung außerhalb des Zim⸗ mers ſtanden; er hat davon ein Drittel an der Thuͤre Deines Kobinets, und die beiden andern Drittel an dem Thore des Louvre gelaſſen. — Mit Vertrauen, wiederholte Heinrich, kommt Ihr nicht immer mit Vertrauen zu mir, mein Vetter? — Sire, ich verſtehe mich; dieſes Vertrauen, von dem ich ſpreche, hat auf den Vorſchlag Bezug, den ich Euch zu machen gedenke. — Ah, ah! Ihr habt mir Etwas vorzuſchlagen, mein Vetter? Dann ſprecht mit Vertrauen, wie Ihr ſagt, mit vollem Vertrauen! Was habt Ihr uns vor⸗ zuſchlagen? — Die Ausfuͤhrung einer der ſchoͤnſten Ideen, welche die chriſtliche Welt noch in Bewegung geſetzt hat, ſeit⸗ dem die Kreuzzuͤge unmoͤglich geworden ſind. — Sprecht, Herzog. — Sire, fuhr der Herzog fort, aber dieſes Mal, indem er die Stimme ſo erhob, um in dem Vorzimmer gehoͤrt zu werden, Sire, der Titel Allerchriſtlichſter Koͤnig iſt kein eitler Titel: er verpflichtet zu einem gluͤ⸗ henden Eifer fuͤr die Vertheidigung der Religion. Der aͤlteſte Sohn der Kirche, und das iſt Euer Titel, Sire, muß immer bereit ſein, ſeine Mutter zu vertheidigen. — Ei, ſagte Chicot, mein Vetter predigt mit einem gewaltigen Schwerdte an der Seite und einer Sturm⸗ haube auf dem Kopfe! Es verwundert mich nicht mehr, daß die Moͤnche Krieg fuͤhren wollen, Heinrich, ich ver⸗ lange ein Regiment fuͤr Gorenflot von Dir. Der Herzog that, als ob er es nicht hoͤrte. Hein⸗ rich ſchlug ſeine Beine uͤber einander, ſtellte ſeinen Ell⸗ bogen auf ſein Knie, und ſtuͤtzte ſein Kinn in ſeine Hand. — Iſt die Kirche etwa durch die Sarazenen bedro⸗ het, mein lieber Herzog? fragte er. Oder trachtet Ihr vielmehr etwa nach dem Titel als Koͤnig... von Je⸗ ruſalem? — Sire, begann der Herzog wieder, glaubt mir, dieſer große Zuſammenlauf des Volkes, das mir mei⸗ nen Namen preiſend folgte, beehrte mich mit dieſem Em⸗ pfange nur, um die Glut meines Eifers fuͤr die Ver⸗ theidigung des Glaubens zu belohnen. Ich habe bereits vor Eurer Thronbeſteigung die Ehre gehabt, Eurer Ma⸗ jeſtaͤt von dem Plane eines Buͤndniſſes zwiſchen allen guten Katholiken zu ſprechen. 3 — Ja, ja, ſagte Chicot, ja, ich erinnere mich deſ⸗ ſen, die Ligue, Sapperment, Heinrich, die Ligue bei Sant⸗Bartholomaͤus; die Ligue, mein Koͤnig, auf mein Wort, Du biſt ſehr vergeßlich, mein Sohn, Dich einer ſo triumphirenden Idee nicht zu erinnern. Der Herzog wandte ſich bei dem Klange dieſer Worte um und ließ einen geringſchaͤtzenden Blick auf denjenigen fallen, der ſie ausgeſprochen hatte, indem ſer nicht wußte, welches große Gewicht dieſe Worte auf deen Geiſt des Koͤnigs hatten, um ſo mehr, da ſie durch pie — 247— ganz friſchen Entdeckungen des Herrn von Morvillièrs noch erſchwert waren. Der Herzog von Anjou wurde durch ſie erſchuͤttert, und indem er einen Finger auf ſeine Lippen legte, blickte er, bleich und regungslos, wie die Statue der Vorſicht, den Herzog von Guiſe feſt an. Dieſes Mal wurde der Koͤnig das Zeichen des Ein⸗ verſtaͤndniſſes nicht gewahr, welches die Intereſſen der beiden Prinzen unter einander verband; aber, unter dem Vorwande, eines ſeiner beiden Hoͤhner in die Rubin⸗ ketten ſeiner Faltenmuͤtze zu ſtecken, naͤherte ſich Chicot ſeinem Ohre, und ſagte leiſe zu ihm: — Sieh Deinen Bruder, Heinrich. 4 Heinrichs Auge erhob ſich raſch; der Finger des Herzogs ſenkte ſich faſt eben ſo ſchnell, aber es war be⸗ reits zu ſpaͤt. Heinrich hatte die Bewegung geſehen und die Anempfehlung verſtanden. — Sire, fuhr der Herzog von Guiſe fort, welcher Chicots Handlung wohl geſehen, der aber ſeine Worte nicht hatte verſtehen koͤnnen; die Katholiken haben in der That dieſes Buͤndniß die heilige Ligue genannt, und ſie hat zum Hauptzweck, den Thron gegen die Hugenot⸗ ten, ſeine Hauptfeinde, zu befeſtigen. — Gut geſagt! rief Chicot aus. Ich billige es pedibus et nutu. — Aber, fuhr der Herzog fort, es iſt Wenig, ſich zu verbinden, Sire, es iſt Wenig, eine Maſſe, ſo dicht ſie auch ſein moͤge, zu bilden; man muß ihr eine Lei⸗ tung geben. Nun aber verſammeln ſich in einem Reiche, — 248— wie Frankreich, nicht mehrere Millionen Maͤnner ohne die Bewilligung des Koͤnigs. — Mehrere Millionen Maͤnner, aͤußerte Heinrich, indem er ſich durchaus keine Muͤhe gab, ein Erſtaunen zu verbergen, das man mit Recht fuͤr Entſetzen haͤtte auslegen koͤnnen. — Mehrere Millionen Maͤnner, wiederholte Chicot, ein kleiner Kern Unzufriedener, der, wenn er, wie ich durchaus nicht bezweifele, von geſchickten Haͤnden ge⸗ pflanzt iſt, huͤbſche Fruͤchte tragen wird. Fuͤr dieſes Mal ſchien die Geduld des Herzogs zu Ende; er kniff ſeine Lippen veraͤchtlich zuſammen, und indem er den Boden mit einem Fuße druͤckte, mit dem er nicht zu ſtampfen wagte, ſagte er: — Ich wundere mich, Sire, daß man mich ſo oft unterbricht, wenn ich die Ehre habe, mit Ew. Ma⸗ jeſtaͤt uͤber ſo wichtige Gegenſtaͤnde zu ſprechen. Bei dieſer Aeußerung, deren ganze Richtigkeit er zu fuͤhlen ſchien, warf Chicot grimmige Blicke um ſich, und indem er die kreiſchende Stimme des Parlaments⸗ Huiſſiers nachahmte, rief er aus: — Still doch, oder, Sapperment, man wird mit mir zu thun haben! — Mehrere Millionen Maͤnner, begann der Koͤnig wieder, der Muͤhe hatte, die Zahl zu verſchlucken, das iſt ſchmeichelhaft fuͤr die katholiſche Religion; aber, wie viel Proteſtanten giebt es denn, dieſen mehreren Millio⸗ nen Verbuͤndeter gegenuͤber, in meinem Reiche? Der Herzog ſchien ſich zu beſinnen. — Vier, ſagte Chicot. Dieſer neue Witz ließ die Freunde des Koͤnigs in Gelaͤchter ausbrechen, waͤhrend Guiſe die Stirn runzelte und die Edelleute des Vorzimmers laut uͤber die Ver⸗ meſſenheit des Gaskoniers murrten. Der Koͤnig wandte ſich langſam nach der Thuͤre um, von wo aus dieſes Murren kam, und da Heinrich, wenn er wollte, einen Blick voller Wuͤrde hatte, ſo hoͤrte das Murren auf. Hierauf dieſen ſelben Blick, ohne irgend Etwas an ſeinem Ausdrucke zu aͤndern, auf den Herzog zuruͤckfuͤh⸗ rend, ſagte er: — Sagt an, Herr, was verlangt Ihr?... Zum Zwecke... zum Zwecke... — Ich verlange, Sire, denn die Liebe des Volkes fuͤr meinen Koͤnig iſt mir vielleicht noch bei Weitem theu⸗ rer, als ſeine Liebe fuͤr mich; ich verlange, daß Eure Majeſtaͤt deutlich an den Tag legt, daß Sie uns in ih⸗ rem Eifer fuͤr die katholiſche Religion eben ſo uͤberlegen iſt, als in allen anderen Dingen, und daß je ſo den Unzufriedenen jeden Vorwand raubt, die Kriege wieder zu beginnen. — Ah, wenn es ſich nur um Krieg handelt, mein Vetter, ſagte Heinrich, ich habe Soldaten, und ich glaube, bloß in dem Lager, das Ihr verlaſſen habt, um mir dieſe vortrefflichen Rathſchlaͤge zu geben, ſtehen un— gefaͤhr fuͤnfundzwanzig Tauſend Mann unter Euren Be⸗ fehlen. — Wenn ich von Krieg ſpreche, Sire, ſo haͤtte ich mich vielleicht erklaͤren muͤſſen. — Erklaͤrt Euch, mein Vetter. Ihr ſeid ein großer Feldherr, und ich werde, Ihr zweifelt nicht daran, ein großes Vergnuͤgen haben, Euch uͤber ſolche Gegenſtaͤnde ſprechen zu hoͤren. — Ich wollte ſagen, Sire, daß unter den jetzigen Zeitumſtaͤnden die Koͤnige berufen ſind, zwei Kriege zu fuͤhren, den moraliſchen Krieg, wenn ich mich ſo aus⸗ druͤcken darf, und den politiſchen Krieg, den Krieg ge⸗ gen die Ideen, und den Krieg gegen die Menſchen. — Gottes Tod, ſagte Chicot, wie das gruͤndlich dargeſtellt iſt! — Still, Narr! ſagte der Koͤnig. — Die Menſchen, fuhr der Herzog fort, die Men⸗ ſchen ſind ſichtbar, fuͤhlbar, ſterblich; man holt ſie ein, man greift ſie an, man ſchlaͤgt ſie, und wenn man ſie geſchlagen hat, ſo macht man ihnen ihren Proceß und haͤngt ſie, oder mehr noch. — Ja, ſagte Chicot, man haͤngt ſie, ohne ihnen ihren Proceß zu machen; das iſt weit kuͤrzer und weit koͤniglicher. — Aber den Ideen, fuhr der Herzog fort, kann man nicht ſo die Spitze bieten, Sire, ſie ſchleichen ſich unſichtbar uͤberall ein; ſie verbergen ſich vor Allem vor den Augen derer, welche ſie zerſtoͤren wollen; auf dem Grunde der Seelen geſchuͤtzt, ſchlagen ſie in ihnen tiefe Wurzeln, und je mehr man die unvorſichtigen Zweige abhaut, die ſich nach Außen blicken laſſen, deſto maͤchti⸗ n. 0— — — 251— ger und unvertilgbarer werden die inneren Wurzeln. Eine Idee, Sire, iſt ein rieſenhafter Zwerg, den man Tag und Nacht bewachen muß; denn die Idee, welche geſtern zu unſern Fuͤßen kroch, wird morgen unſeren Kopf uͤberragen. Eine Idee, Sire, iſt der Funke, wel⸗ cher auf das Strohdach faͤllt; man muß am hellen Tage gute Augen haben, um die beginnende Feuersbrunſt zu errathen, und deshalb, Sire, ſind Millionen von Auf⸗ ſehern noͤthig. — Da ſind die vier Hugenotten von Frankreich zu allen Teufeln, rief Chicot aus; Sapperment, ich be⸗ dauere ſie! — Und um fuͤr dieſe Aufſicht zu ſorgen, fuhr der Herzog fort, ſchlug ich Eure Majeſtaͤt vor, dieſer heili⸗ gen Union ein Oberhaupt zu ernennen. — Ihr habt geſprochen, mein Vetter? fragte Hein⸗ rich den Herzog. — Ja, Sire, und ohne Umſchweife, wie Eure Ma⸗ jeſtaͤt hat ſehen koͤnnen. Chicot ſtieß einen entſetzlichen Seufzer aus, waͤh⸗ rend der Herzog von Anjou, von ſeinem erſten Schre⸗ cken wieder zu ſich gekommen, dem Lothringiſchen Prin⸗ zen zulaͤchelte. — Nun denn, ſagte der Koͤnig zu denen, welche ihn umgaben, was meint Ihr dazu, meine Herren? Ohne Etwas zu antworten, nahm Chicot ſeinen Hut und ſeine Handſchuhe; dann eine Loͤwenhaut bei dem Schwanze ergreifend, ſchleppte er ſie in eine Ecke des Zimmers und legte ſich darauf. — Was machſt Du, Chicot? fragte der Koͤnig. — Wie man behauptet, Sire, ſagte Chicot, iſt die Nacht eine gute Rathgeberin. Warum behauptet man das? Weil man des Nachts ſchlaͤft. Ich will ſchlafen, Sire, und morgen werde ich mit ausgeruhetem Kopfe meinem Vetter Guiſe Antwort geben. Und er ſtreckte ſich bis auf die Krallen des Thie⸗ res aus. Der Herzog ſchleuderte dem Gaskonier einen wuͤ⸗ thenden Blick zu, auf welchen dieſer, indem er ein Auge oͤffnete, durch ein Schnarchen, gleich dem Rollen des Donners antwortete. — Nun, Sire, fragte der Herzog, was meint Eure Majeſtaͤt? — Ich meine, daß Ihr, wie immer, Recht habt, mein Vetter. Beruft demnach Eure angeſehenſten Li⸗ gueurs, kommt an ihrer Spitze, und ich werde den Mann waͤhlen, deſſen die Religion bedarf. — Und wann das, Sire? fragte der Herzog. — Morgen. Und indem er dieſes Wort ausſprach, theilte er ge⸗ ſchickter Weiſe ſein Laͤcheln. Der Herzog von Guiſe er⸗ hielt den erſten Theil davon, der Herzog von Anjou den zweiten.* Dieſer Letztere wollte ſich mit dem Hofe entfernen, aber bei dem erſten Schritte, den er in dieſer Abſicht that, ſagte Heinrich:—. — Bleibt, mein Bruder, ich habe mit Euch zu reden.. 4 8 — 253— Der Herzog von Guiſe druͤckte einen Augenblick lang ſeine Hand an ſeine Stirn, wie um in ihr eine Welt von Gedanken zu unterdruͤcken, und brach mit ſei⸗ nem ganzen Gefolge auf, das ſich unter den Gewoͤlben verlor. Einen Augenblick nachher hoͤrte man das Geſchrei der Menge, welches ſeinen Ausgang aus dem Louvre begruͤßte, wie es ſeinen Einzug begruͤßt hatte. Chicot ſchnarchte immer noch, aber wir moͤgten nicht wagen, dafuͤr zu ſtehen, daß er ſchlief. XVI. Kaſtor und Pollux. Der Koͤnig hatte alle Guͤnſtlinge in derſelben Zeit verabſchiedet, als er ſeinen Bruder zuruͤckhielt. Der Herzog von Anjou, dem es waͤhrend des gan⸗ zen vorhergehenden Auftrittes, ausgenommen in Chicots Augen und in denen des Herzogs von Guiſe, gelungen war, die Haltung eines unbetheiligten Mannes zu be— haupten, nahm Heinrichs Einladung ohne Mißtrauen an. Er wußte durchaus Nichts von dem Blicke, welchen der Koͤnig auf Veranlaſſung des Gaskoniers auf ihn gewor⸗ fen hatte, und daß dieſer ſeinen verraͤtheriſchen Finger zu nahe an ſeinen Lippen geſehen haͤtte. — Mein Bruder, ſagte Heinrich, nachdem er ſich verſichert hatte, daß mit Ausnahme Chicots Niemand in dem Kabinette geblieben war, und indem er mit großen Schritten von der Thuͤre nach dem Fenſter ging, wißt Ihr, daß ich ein ſehr gluͤcklicher Fuͤrſt bin? — Sire, ſagte der Herzog, das Gluͤck Eurer Ma— jeſtaͤt, wenn Eure Majeſtaͤt ſich wirklich gluͤcklich fuͤhlt, iſt nur eine Belohnung, welche der Himmel ihren Ver⸗ dienſten ſchuldig iſt. Heinrich blickte ſeinen Bruder an. — Ja, ſehr gluͤcklich! erwiderte er, denn wenn die großartigen Ideen nicht in meinem Geiſte aufſteigen, ſo ſteigen ſie zum Mindeſten in denen auf, welche mich umgeben. Nun aber iſt das eine großartige Idee, welche mein Vetter von Guiſe gehabt hat. Der Herzog verneigte ſich zum Zeichen der Zuſtim⸗ mung. Chicot ſchlug ein Auge auf, als ob er nicht ſo gut hoͤrte, wenn beide Augen geſchloſſen waͤren, und als ob er das Geſicht des Koͤnigs haͤtte ſehen muͤſſen, um ſeine Worte beſſer zu verſtehen. — In der That, fuhr Heinrich fort, unter ein und demſelben Banner alle Katholiken zu vereinigen, aus dem Koͤnigreiche die Kirche zu machen, auf dieſe Weiſe, ohne das Anſehn davon zu haben, ganz Frank⸗ reich zu bewaffnen, von Calais bis nach Languedoc, von der Bretagne bis nach Burgund, ſo daß ich im⸗ mer ein Heer marſchfertig gegen die Englaͤnder, die Flamaͤnder oder die Spanier habe, ohne daß jemals weder die Flamaͤnder, noch die Spanier, noch die Eng⸗ laͤnder ſich daruͤber beunruhigen köͤnnen, wißt Ihr, Franz, daß das ein koͤſtlicher Gedanke iſt? — Nicht wahr, Sire? ſagte der Herzog bon An⸗ jou, entzuͤckt zu ſehen, daß ſein Bruder in die Ab⸗ ſichten des Herzogs von Guiſe, ſeines Verbundeten, einging. — Ja, und ich geſtehe, daß ich mich von ganzem Herzen geneigt fuͤhle, den Urheber eines ſo ſchoͤnen Pla⸗ nes reichlich zu belohnen. Chicot ſchlug beide Augen auf; aber er ſchloß ſie ſogleich wieder: er hatte auf dem Geſichte des Koͤnigs jenes unmerkliche Laͤcheln uͤberraſcht, das fuͤr ihn allein, der er ſeinen Heinrich beſſer, als irgend Jemand kannte, ſichtbar war, und dieſes Laͤcheln genuͤgte ihm. — Ja, fuhr der Koͤnig fort. Ich wiederhole es, ein ſolcher Plan verdient Belohnung, und ich werde Alles fuͤr denjenigen thun, der ihn gefaßt hat. Iſt wirk⸗ lich der Herzog von Guiſe der Vater dieſer ſchoͤnen Idee, Franz, oder vielmehr dieſes ſchoͤnen Werkes, denn das Werk iſt begonnen, nicht wahr, mein Bruder? Der Herzog von Anjou machte ein Zeichen, daß die Sache wirklich einen Anfang zur Ausfuͤhrung erhal⸗ ten haͤtte. — Immer beſſer, begann der Koͤnig wieder. Ich hatte geſagt, daß ich ein ſehr gluͤcklicher Fuͤrſt waͤre; ich haͤtte ſagen ſollen, zu gluͤcklicher, Franz, da dieſe Ideen nicht allein in meinen naͤchſten Verwandten auf⸗ ſteigen, ſondern daß ſie auch noch in ihrem Eifer, ihrem Koͤnige und ihrem Verwandten nuͤtzlich zu ſein, dieſe Ideen ausfuͤhren; aber ich habe Euch ſchon gefragt, mein lieber Franz, ſagte Heinrich, indem er ſeine Hand auf die Achſel ſeines Bruders legte, ich habe Euch ſchon gefragt, ob ich wirklich meinem Vetter Guiſe we⸗ gen dieſes koͤniglichen Gedankens zu Dank verpflichtet waͤre?. 3 — Nein, Sire, der Herr Kardinal von Lothringen hatte ihn bereits vor laͤnger als zwanzig Jahren gehabt, und die Sanct Bartholomaͤus-Nacht allein hat ſeine Ausfuͤhrung verhindert, oder vielmehr ſeine Ausfuͤhrung fuͤr den Augenblick unnoͤthig gemacht. — Ach, welches Ungluͤck, daß der Kardinal von Lothringen geſtorben iſt! ſagte Heinrich. Ich haͤtte ihn bei dem Tode Seiner Heiligkeit Gregors XIII. zum Papſt machen laſſen! Aber es iſt darum nichts deſto weniger wahr, fuhr Heinrich mit dieſer bewunderungs⸗ wuͤrdigen Gutmuͤthigkeit fort, welche aus ihm den er⸗ ſten Schauſpieler ſeines Reiches machte, es iſt darum nichts deſto weniger wahr, daß ſein Neffe die Idee geerbt und ſie hat Fruͤchte tragen laſſen. Ungluͤcklicher Weiſe kann ich ihn nicht zum Papſt machen laſſen; aber ich werde ihn... zu was koͤnnte ich ihn denn machen, was er nicht waͤre, Franz? — Sire, ſagte Franz, gaͤnzlich durch die Worte ſeines Bruders getaͤuſcht, Ihr uͤbertreibt die Verdienſte Eures Vetters; die Idee iſt nur eine Erbſchaft, wie ich Euch bereits geſagt habe, und ein Mann hat ſehr dazu beigetragen, dieſe Erbſchaft zu cultiviren. — Sein Bruder, der Kardinal, nicht wahr? — Ohne Zweifel hat er ſich damit beſchaͤftigt; aber er iſt es wieder nicht — Es iſt alſo Mayenne? Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. 17 — 258— — O, Sire, ſagte der Herzog, Ihr erzeigt ihm zu viel Ehre. — Das iſt wahr. Wie kann man annehmen, daß eine politiſche Idee von einem ſolchen Fleiſcher herruͤhrt. Aber wem ſoll ich denn fuͤr dieſen meinem Vetter Guiſe geleiſteten Beiſtand dankbar ſein, Franz? — Mir, Sire, ſagte der Herzog. — Euch! rief Heinrich aus, als ob er auf dem Gi⸗ pfel des Erſtaunens waͤre. Chicot ſchlug wieder ein Auge auf. Der Herzog verneigte ſich. — Wie! ſagte Heinrich. Waͤhrend ich alle Welt gegen mich erbittert ſah, die Prediger gegen meine Laſter, die Dichter und die Pasquillmacher gegen meine Laͤcherlichkeiten, die Gelehrten in der Politik ge⸗ gen meine Fehlgriffe; waͤhrend meine Freunde uͤber meine Ohnmacht ſpotteten, waͤhrend die Verhaͤltniſſe ſich ſo verwirrt hatten, daß ich ſichtlich magerer wurde und taͤglich weiße Haare bekam, iſt ein ſolcher Gedanke in Euch aufgeſtiegen, Franz? In Euch, den ich, ich muß es geſtehen, ſeht, der Menſch iſt ſchwach, und die Koͤnige ſind blind, in Euch, den ich nicht immer als meinen Freund betrachtete!... Ach, Franz, was ich ſtrafbar bin! Und, bis zu Thraͤnen geruͤhrt, reichte Heinrich ſeinem Bruder die Hand. Chicot ſchlug beide Augen auf. — O! Aber, fuhr Heinrich fort, was dieſe Idee Triumphirendes hat! Waͤhrend ich weder Steuern er⸗ —„„ſſſͤͤ— — 259— heben, noch Soldaten werhen konnte, ohne Geſchrei zu erregen; waͤhrend ich weder ſpazieren gehen, noch ſchla⸗ fen, noch lieben konnte, ohne Spott zu erregen, giebt mir jetzt die Idee des Herrn von Guiſe, oder vielmehr die Eure, mein Bruder, zu gleicher Zeit ein Heer, Geld, Freunde und Ruhe. Jetzt, damit dieſe Ruhe von Dauer iſt, Franz, iſt noch Eines noͤthig. — Was? — Mein Vetter hat ſo eben davon geſprochen, die⸗ ſem ganzen großen Aufſtande einen Anfuͤhrer zu geben. — Ja, ohne Zweifel. — Ihr ſeht wohl ein, Franz, daß dieſer Anfuͤh⸗ rer keiner meiner Guͤnſtlinge ſein kann; keiner von ih⸗ nen hat zu gleicher Zeit den fuͤr eine ſo hohe Stelle ſo noͤthigen Verſtand und Muth. Quélus iſt tapfer; aber der Ungluͤckſelige iſt nur mit ſeinen Liebſchaften beſchaͤf⸗ tigt. Maugiron iſt tapfer; aber der Eitele denkt nur an ſeine Toilette. Schomberg iſt tapfer; aber er hat kei⸗ nen großen Verſtand, ſeine beſten Freunde ſind genoͤ⸗ thigt es anzuerkennen. D'Epernon iſt tapfer; aber er iſt ein offenbarer Heuchler, dem ich mich keinen Augenblick lang anvertrauen wuͤrde, obgleich ich ihm ein freund⸗ liches Geſicht mache. Aber Ihr wißt, Franz, ſagte Heinrich mit zunehmender Hingebung, daß es eine der ſchwerſten Laſten der Koͤnige iſt, beſtaͤndig genoͤthigt zu ſein ſich zu verſtellen. Demnach auch, ſeht, fuͤgte Hein⸗ rich hinzu, wenn ich offenherig ſprechen kann, wie in dieſem Augenblicke, ah, da athme ich wieder auf! Chicot ſchloß wieder beide Augen. 1 7F* — 260— — Nun denn, ich ſagte alſo, fuhr Heinrich fort, daß, wenn mein Vetter von Guiſe dieſe Idee gehabt hat, eine Idee, an deren Entwickelung Ihr einen ſo großen Antheil genommen habt, Franz, daß er es iſt, dem die Stelle ſie in Ausfuͤhrung zu bringen zukommen muß. — Was ſagt Ihr, Sire? rief Franz athemlos vor Beſorgniß aus. — Ich ſage, daß, um einen ſolchen Aufſtand zu leiten, es einen großen Prinzen bedarf. — Sire, nehmt Euch in Acht! — Eines guten Feldherrn, eines gewandten Unter⸗ haͤndlers. — Eines gewandten Unterhaͤndlers vor Allem, wie⸗ derholte der Herzog. — Nun denn, Franz, paßt nicht etwa dieſer Po⸗ ſten in jeder Beziehung fuͤr Herrn von Guiſe? Sagt an! — Mein Bruder, ſagte Franz, Herr von Guiſe iſt bereits ſehr maͤchtig. — Ja, gewiß, aber ſeine Macht iſt es, die meine Staͤrke ausmacht. — Der Herzog von Guiſe hat das Heer und die Buͤrgerſchaft in ſeiner Gewalt, der Kardinal von Lothrin⸗ gen hat die Kirche in ſeiner Gewalt; Mayenne iſt ein Werkzeug in den Haͤnden der beiden Bruͤder; Ihr wer⸗ det gar viele Kraͤfte in einem einzigen Hauſe ver⸗ einigen. — Das iſt wahr, ſagte Heinrich, ich hatte bereits daran gedacht, Franz. — Wenn die Guiſen noch Franzoͤſiſche Prinzen waͤ⸗ ——,——+————„— 13‧ Aᷣc— — — 261— ren, ſo ging das an, es laͤge in ihrem Intereſſe, das Haus Frankreich zu vergroͤßern. — Ohne Zweifel, aber gerade im Gegentheile ſind ſie Lothringiſche Prinzen. — Aus einem immer mit dem unſrigen in Rivalitaͤt ſtehenden Hauſe. — Seht, Franz, Ihr habt bei Gott die Wunde beruͤhrt! Ich hielt Euch fuͤr keinen ſo guten Politiker! Nun denn! Ja, das iſt es, was mich mager werden laͤßt, was mir die Haare bleicht; ſeht, dieſes Beſtehen des Hauſes Lothringen nebem dem unſrigen iſt es; ſeht Ihr, Franz, es vergeht kein Tag, daß nicht dieſe drei Guiſen,— Ihr habt ganz recht geſagt, ſie zu Dritt haben Alles,— es vergeht kein Tag, wo nicht entwe⸗ der der Herzog, oder der Kardinal, oder Mayenne, kurz der Eine oder der Andere, durch Verwegenheit oder durch Gewandtheit, durch Gewalt oder durch Liſt mir irgend einen Fetzen meiner Macht, irgend ein Theilchen meiner Vorrechte rauben, ohne daß ich, arm, ſchwach und allein ſtehend, wie ich bin, gegen ſie wir⸗ ken koͤnnte. Ach, Franz, wenn wir dieſe Erklaͤrung fruͤher gehabt haͤtten, wenn ich in Eurem Herzen haͤtte leſen koͤnnen, wie ich in dieſem Augenblicke in ihm leſe, gewiß, indem ich in Euch eine Stuͤtze fand, wuͤrde ich kraͤftigeren Widerſtand geleiſtet haben, als ich es ge⸗ than; aber, ſeht Ihr, jetzt iſt es zu ſpaͤt. — Warum das? — Weil das ein Kampf ſein wuͤrde, und weil in Wahrheit jeder Kampf mich erſchoͤpft; ich werde ihn alſo zum Oberhaupt der Ligue ernennen. — Und Ihr thaͤtet Unrecht, mein Bruder, ſagte Franz. — Aber wen wollt Ihr, daß ich ernennen ſoll, Franz? Wer wuͤrde den gefaͤhrlichen Poſten annehmen? Ja, gefaͤhrlichen! Denn ſeht Ihr nicht, was die Mei⸗ nung des Herzogs war? Sie war, daß ich ihn zum Oberhaupte dieſer Ligue ernennen ſollte. — Nun? — Nun denn! Jedermann, den ich an ſeiner Stelle ernennen moͤgte, wuͤrde ſein Feind. — Ernennt einen Mann, der maͤchtig genug iſt, daß ſeine auf die Eurige geſtuͤtzte Gewalt Nichts von der Macht und der Gewalt unſerer drei vereinigten Lo⸗ thringer zu fuͤrchten hat. — Ei, mein guter Bruder, ſagte Heinrich mit dem Ausdrucke der Entmuthigung, ich kenne Nieman⸗ den, der in der von Euch genannten Stellung waͤre. — Blickt um Euch, Sire. — Um mich? Ich ſehe nur Euch und Chicot, mein Bruder, welche wirklich meine Freunde waͤren. — O, o, murmelte Chicot, ſollte er mir etwa irgend einen ſchlimmen Streich ſpielen wollen? Und er ſchloß ſeine beiden Augen wieder. — Nun, ſagte der Herzog, Ihr verſteht nicht, mein Bruder? Heinrich blickte den Herzog von Anjou an, als ob ihm ein Schleier von den Augen gefallen waͤre. — ☛— Z e 8dSAcd=ͤe& 2 — ———(—h—— — 263— — Ei was! rief er aus. Franz machte eine Bewegung mit dem Kopfe. — Aber nein, ſagte Heinrich, Ihr wuͤrdet niemals Eure Einwilligung dazu geben, Franz. Das Werk iſt zu muͤhſelig: Ihr wuͤrdet Euch gewiß nicht daran ge⸗ woͤhnen, alle dieſe Buͤrger exerciren zu laſſen; Ihr wuͤr⸗ det Euch nicht die Muͤhe geben, die Reden ihrer Pre⸗ diger durchzuſehen; Ihr wuͤrdet nicht im Falle eines Kampfes den Fleiſcher in den in ein Schlachthaus um⸗ gewandelten Straßen von Paris machen; man muß dreifach ſein, wie Herr von Guiſe, und einen rechten Arm haben, der Karl, und einen linken Arm, der Lud⸗ wig heist. Nun aber hat der Herzog am Sanct Bar⸗ tholomaͤus⸗Tage ſehr gut geſchlachtet! Was meint Ihr dazu, Franz? — Zu gut geſchlachtet, Sire! — Ja, vielleicht. Aber Ihr antwortet nicht auf meine Frage, Franz. Wie! Ihr wuͤrdet gern das Handwerk ausuͤben, das ich ſo eben genannt? Ihr woll⸗ tet mit den zerklopften Panzern dieſer Maulaffen und den Fleiſchkeſſeln Gemeinſchaft machen, die ſie ſich als einen Helm aufs Haupt ſetzen? Wie! Ihr wolltet Euch po⸗ pulaͤr machen, Ihr, der vornehmſte Herr unſeres Ho⸗ fes? Herr meines Lebens, mein Bruder, wie man ſich mit den Jahren aͤndert! — Ich wuͤrde das vielleicht nicht fuͤr mich thun, Sire, aber ich wuͤrde es zuverlaͤſſig fuͤr Euch thun. — Guter Bruder, vortrefflicher Bruder, ſagte Hein⸗ — 264— rich, indem er mit der Fingerſpitze eine Thraͤne ab⸗ wiſchte, die niemals da geweſen war. — Es wuͤrde Euch alſo nicht zu ſehr mißfallen, Heinrich, ſagte Franz, wenn ich dieſes Werk uͤbernaͤhme, das Ihr Herrn von Guiſe anzuvertrauen gedachtet? — Mir mißfallen! rief Heinrich aus. Bei den Hoͤrnern des Teufels, das mißfaͤllt mir nicht, das ent⸗ zuͤckt mich im Gegentheile. Demnach alſo hattet auch Ihr an die Ligue gedacht. Um ſo beſſer, Gottes Tod! Um ſo beſſer! Demnach habt alſo auch Ihr ein klein Wenig von dieſer Idee gehabt! Was ſage ich, ein klein Wenig? die Hauptſache! Nach dem, was Ihr mir da⸗ von mitgetheilt habt, iſt es auf mein Wort wundervoll. In Wahrheit, ich bin nur von uͤberlegenen Geiſtern umgeben, und ich bin nur der große Eſel meines Koͤ⸗ nigreiches! — O! Eure Majeſtaͤt ſpottet. — Ich? Gott bewahre mich davor, die Lage iſt zu ernſt! Ich ſage es, wie ich es meine, Franz; Ihr zieht mich aus einer großen Verlegenheit, Franz, aus einer um ſo groͤßeren, Fraͤnzchen, als ich ſeit einiger Zeit krank bin. Meine Geiſteskraͤfte nehmen ab. Mi— ron erklaͤrt mir das oft. Aber, laßt ſehen, kommen wir auf die ernſte Sache zuruͤck! Wozu bedarf ich außer⸗ dem meines Verſtandes, wenn ich mich an dem Lichte des Enrigen erleuchten kann? Wir ſagten alſo, daß ich Euch zum Oberhaupte der Ligue ernennen wollte, he? Franz erbebte vor Freude. — O, ſagte er, wenn Eure Mazeſtaͦt mich dieſes Vertrauens wuͤrdig hielte! — Vertrauen, ah! Franz, Vertrauen! Von dem Augenblick an, wo Herr von Guiſe nicht dieſes Ober⸗ haupt iſt, auf wen willſt Du da, daß ich mißtrauiſch ſein ſoll? Auf die Ligue ſelbſt? Wuͤrde mich etwa die Ligue in Gefahr ſetzen? Sprich, mein guter Franz, ſag mir Alles. — O, Sire, aͤußerte der Herzog. — Was ich thoͤrigt bin! begann Heinrich wieder. In dieſem Falle wuͤrde mein Bruder ihr Oberhaupt nicht ſein; oder, beſſer noch, von dem Augenblicke an, wo mein Bruder das Oberhaupt derſelben iſt, wird keine Gefahr mehr dabei ſein. He! Das iſt logiſch, und unſer Erzieher hat uns unſer Geld nicht geſtohlen. Nein, meiner Treue, ich habe kein Mißtrauen! Außerdem kenne ich noch genug Krieger in Frankreich, um ſicher zu ſein, in guter Geſellſchaft an dem Tage gegen die Ligue ins Feld zu ziehen, wo ſie mich zu ſehr hindern ſollte, mich frei zu bewegen. — Das iſt wahr, Sire, antwortete der Herzog mit einer beinahe eben ſo gut erkuͤnſtelten Treuherzigkeit, als die ſeines Bruders, der Koͤnig iſt immer der Koͤnig. Chicot ſchlug wieder ein Auge auf. — Bei Gott! ſagte Heinrich. Aber, ungluͤcklicher Weiſe faͤllt auch mir da Etwas ein; es iſt unglaublich, was heute fuͤr Ideen wachſen, es giebt ſolche Tage. — Was faͤllt Euch ein, mein Bruder? fragte der — 266— Herzog bereits beſorgt, weil er nicht glauben konnte, daß ein ſo großes Gluͤck ohne Hinderniß in Erfuͤllung ginge. — Ei, unſer Vetter Guiſe, der Vater, oder viel⸗ mehr, der ſich fuͤr den Vater der Erfindung halt, unſer Vetter Guiſe hat ſich wahrſcheinlich in den Kopf geſetzt, das Oberhaupt derſelben zu ſein. Er wird auch ein Kommando haben wollen! — Kommando? Sire! — Ohne Zweifel, ſogar ohne allen Zweifel! Wahr⸗ ſcheinlicher Weiſe hat er die Sache nur deshalb gehegt, damit die Sache ihm Nutzen braͤchte. Nehmt Euch in Acht, Franz, er iſt kein Mann, um das Opfer des Sic vos non vobis zu ſein. Ihr kennt Virgil: Nidifica- tis aves. 3 — O Sire! — Franz, ich moͤgte wetten, daß er daran denkt. Er kennt mich als ſo ſorgenlos! — Ja. Aber, von dem Augenblicke an, wo Ihr ihm Euren Willen angedeutet habt, wird er nachgeben. — Oder wird thun, als ob er nachgaͤde. Und ich habe Euch bereits geſagt: Nehmt Euch in Acht, Franz, mein Vetter von Guiſe hat einen langen Arm. Ich moͤgte ſogar noch mehr ſagen, ich moͤgte ſagen, daß er lange Arme hat, udd daß nicht Einer in dem Reiche, nicht einmal der Koͤnig, wenn er ſie ausſtreckte, wie er mit der einen Hand Spanien und mit der anderen Eng⸗ land, Don Juan von Oeſtreich und Eliſabeth beruͤhren wuͤrde. Bourbon hatte ein minder langes Schwerdt, als mein Vetter Guiſe einen langen Arm hat, und dennoch hat er Franz dem J., unſerem Großvater, gar viel Leids zugefuͤgt. — Aber, ſagte Franz, wenn Eure Majeſtaͤt ihn für ſo gefaͤhrlich haͤlt, ſo iſt das ein Grund mehr, um mir das Kommando der Ligue zu geben, um ihn zwi⸗ ſchen meine und Eure Gewalt zu ſtellen, und um ihm dann, bei dem erſten Verrathe, den er unternehmen wuͤrde, ſeinen Proceß zu machen. Chicot ſchlug das andere Auge auf. — Seinen Proceß! Franz, ſeinen Proceß! Pro⸗ ceſſe machen und Schaffotte aufſchlagen zu laſſen, war gut fuͤr Ludwig den XI., der maͤchtig und reich war. Aber ich, ich habe nicht einmal Geld genug, um allen den ſchwarzen Sammet zu kaufen, den ich in einem ſolchen Falle noͤthig haben koͤnnte. Indem er dieſe Worte ausſprach, ließ Heinrich, der ſich trotz ſeiner Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt dumpf auf⸗ geregt hatte, einen Blick durchdringen, deſſen Glanz der Herzog nicht zu ertragen vermogte. Chicot ſchloß wieder beide Augen— Es entſtand fuͤr einen Augenblick lang ein Schwei⸗ gen zwiſchen den beiden Fuͤrſten. Der Koͤnig brach es zuerſt. — Man muß demnach auf Alles Acht haben, mein lieber Franz, ſagte er; keine Buͤrgerkriege, keine Strei⸗ tigkeiten zwiſchen meinen Unterthanen. Ich bin der Sohn Heinrichs des Haderſuͤchtigen und Katharinas der Liſtigen; ich habe ein Wenig von der Argliſt meiner gu⸗ ten Mutter; ich werde den Herzog von Guiſe zuruͤck berufen laſſen, und ihm ſo viele ſchoͤne Verſprechungen machen, daß wir Eure Angelegenheit in Guͤte ordnen werden. — Sire, rief der Herzog von Anjou aus, Ihr bewilligt mir das Kommando, nicht wahr? — Ich glaube es wohl. — Ihr haltet darauf, daß ich es habe? — Ganz außerordentlich. — Kurz, Ihr wollt es? — Es iſt mein hoͤchſter Wunſch; aber es muß in⸗ deſſen meinem Vetter von Guiſe nicht zu ſehr miß⸗ fallen. — Nun denn, ſeid unbeſorgt, ſagte der Herzog von Anjou; wenn Ihr bei meiner Ernennung nur die⸗ ſes Hinderniß ſeht, ſo uͤbernehme ich es, die Sache mit dem Herzoge zu ordnen. — Und wann das? — Auf der Stelle. — Ihr wollt ihn alſo aufſuchen? Ihr wollt ihm einen Beſuch abſtatten? O, bedenkt, mein Bruder, die Ehre iſt ſehr groß! — Nicht doch, Sire, ich werde nicht zu ihm gehen. — Wie das? — Er erwartet mich. — Wo? — In meinem Zimmer. ruͤck gen nen Ihr in⸗ iß⸗ og ie⸗ che )m die zm 1 — 269— — In Eurem Zimmer? Ich habe die Rufe gehoͤrt, welche ſeinen Auszug aus dem Louvre begruͤßten. — Ja, aber nachdem er durch das große Thor ausgezogen iſt, wird er durch das kleine Pfoͤrtchen wie⸗ der eingetreten ſein. Der Koͤnig hatte ein Recht auf den erſten Beſuch des Herzogs von Guiſe; aber ich habe ein Recht auf den zweiten. — Ah, mein Bruder, ſagte Heinrich, was ich Euch Dank dafuͤr weiß, ſo unſere Vorrechte aufrecht zu erhalten, die ich zuweilen die Schwaͤche habe zu ver⸗ nachlaͤſſigen! So geht denn, Franz, und vereinigt Euch! Der Herzog ergriff die Hand des Koͤnigs, und neigte ſich, um ſie zu kuͤſſen. — Was macht Ihr, Franz? In meine Arme, an mein Herz, rief Heinrich aus, das iſt Euer wahrer Platz! Und die beiden Bruͤder hielten ſich zu wiederholten Malen umarmt; dann, nach einer letzten Umſchlingung, verließ der Herzog von Anjou, der Freiheit zuruͤckge⸗ geben, das Kabinet, ging raſch durch die Gallerie, und eilte nach ſeiner Wohnung. Sein Herz mußte, wie das des erſten Seefahrers, mit Eichenholz und Stahl gepanzert ſein, um nicht in Freudenbezeugungen auszubrechen. Als er geſehn, daß ſein Bruder ſich entfernt hatte, knirſchte der Koͤnig vor Zorn mit den Zaͤhnen, und nach dem geheimen Corridor ſtuͤrzend der nach dem Zimmer Margarethens von Navarra fuͤhrte, welches das des Herzogs von Anjou geworden war, erreichte er eine Art von Schall⸗Loch, von wo aus man eben ſo leicht die Unterredung hoͤren konnte, welche zwiſchen dem Herzoge von Anjou und von Guiſe ſtattfinden wuͤrde, als Dyoniſius von ſeinem Verſtecke aus die Geſpraͤche ſeiner Gefangenen hoͤren konnte. — Sapperment, ſagte Chicot, indem er zu gleicher Zeit wieder beide Augen aufſchlug und ſich in ſitzende Stellung brachte, was die Familien⸗Scenen ruͤhrend ſind! Ich habe einen Augenblick lang geglaubt, ich be⸗ faͤnde mich im Olymp, und wohnte der Wiedervereini⸗ gung von Kaſtor und Pollux, nach ihrer ſechsmonat⸗ lichen Trennung bei. XVII. Wie es erwieſen iſt, daß das Horchen das beſte Mittel iſt, um zu hoͤren. Der Herzog von Anjou hatte ſeinen Gaſt, den Herzog von Guiſe, in dieſem Zimmer der Koͤnigin von Navarra angetroffen, in welchem ehedem der Bearner und de Mouy mit leiſer Stimme und den Mund an das Ohr gelegt, ihren Flucht-Plan verabredet hatten. Das kam daher, weil der kluge Heinrich wohl wußte, daß es in dem Louvre wenig Zimmer gaͤbe, die nicht auf ſolche Weiſe eingerichtet waͤren, um nicht die ſelbſt mit leiſer Stimme ausgeſprochenen Worte an das Ohr des⸗ jenigen gelangen zu laſſen, der ein Intereſſe dabei hatte, ſie zu hoͤren. Dem Herzoge von Anjou war dieſer ſo wichtige Umſtand gleichfalls nicht unbekannt; aber durch die Gutmuͤthigkeit ſeines Bruders gaͤnzlich verfuͤhrt, ver⸗ gaß er ihn oder legte keine Wichtigkeit darauf. Wie wir ſo eben geſagt, trat Heinrich der III. in dem Augenblicke in ſein Obſervatorium, in welchem auch ſein Bruder in das Zimmer trat, ſo daß keines der Worte der beiden redenden Perſonen dem Koͤnige entging. — Nun, gnaͤdiger Herr? fragte haſtig der Herzog von Guiſe. — Ei nun, Herzog, die Sitzung iſt aufgehoben. — Ihr waret ſehr bleich, gnaͤdiger Herr. — Sichtlich? fragte der Herzog beſorgt. — Fuͤr mich, ja, gnaͤdiger Herr. — Der Koͤnig hat Nichts geſehn? — Zum Mindeſten glaube ich es nicht. Und Seine Majeſtaͤt hat Eure Hoheit zuruͤckgehalten? — Ihr habt es geſehen, Herzog. — Ohne Zweifel, um mit Euch uͤber den Antrag zu ſprechen, den ich ihm zu machen gekommen war. — Ja, mein Herr. Es entſtand in dieſem Augenblicke ein ziemlich ver⸗ legenes Schweigen, deſſen Sinn Heinrich der III. be⸗ griff, der ſo ſtand, um kein Wort von ihrer Unterhal⸗ tung zu verlieren. 3 — Und was ſagt Seine Majeſtaͤt, gnaͤdiger Herr? kragt⸗ der Herzog von Guiſe. — Der Koͤnig billigt die Idee; aber je rieſenhafter die Idee iſt, deſto mehr ſcheint ihm ein an die Spitze dieſer Idee geſtellter Mann, wie Ihr, gefaͤhrlich. — Dann ſind wir nahe daran zu ſcheitern. — Ich befuͤrchte es, mein lieber Herzog, und die eigih ſcheint mir unterdruͤckt. — Den Teuſe., aͤußerte der Herzog, das hieß ne jeß — 273— ſterben, bevor man geboren waͤre, endigen, bevor man begonnen haͤtte. — Der Eine hat ſo viel Verſtand, wie der Andere, ſagte eine leiſe und beißende Stimme, welche in dem an ſein Obſervatorium geneigten Ohre Heinrichs er⸗ ſchallte. Der Koͤnig wandte ſich raſch um, und ſah den lan⸗ gen Leib Chicots gebuͤckt, um an ſeinem Loche zu hor⸗ chen, wie er an dem ſeinigen horchte. — Du biſt mir gefolgt, Schelm! rief der Koͤnig aus. — Schweig, ſagte Chicot, indem er eine Bewe⸗ gung mit der Hand machte; ſchweig, mein Sohn, Du verhinderſt mich zu hoͤren. Der Koͤnig zuckte die Achſeln; da aber Chicot am Ende das einzige menſchliche Weſen war, zu dem er gaͤnzliches Vertrauen hatte, ſo begann er wieder zu horchen. Der Herzog von Guiſe hatte ſo eben wieder das Wort genommen. — Ich meine, gnaͤdiger Herr, ſagte er, daß mir der Koͤnig in dieſem Falle ſeine Weigerung auf der Stelle ausgeſprochen haͤtte; er hat mich unfreundlich genug em⸗ pfangen, als daß er es nicht gewagt haͤtte, mir ſeine ganze Anſicht zu ſagen. Will er mich etwa vertreiben? — Ich glaube es, ſagte der Prinz zoͤgernd. — Dann wuͤrde er das Unternehmen zu Grunde richten. und da Ihr den Kampf begonnen habt, ſo habe ich Euch Die Dame von Monſoreau. Dritter Band. — Zuverlaͤſſig, erwiderte der Herzog von Anjou, — 274— aus allen meinen Kraͤften beiſtehen muͤſſen, und ich habe es gethan. — In was, gnaͤdiger Herr? — Darin, daß es der Koͤnig ſo ziemlich in meiner Gewalt gelaſſen hat, die Ligue in's Leben zu rufen, oder ſie fuͤr immer zu unterdruͤcken. — Und wie das? fragte der Lothringiſche Herzog, deſſen Blick wider ſeinen Willen funkelte. — Hoͤrt, das iſt immer der Billigung der Haupt⸗ anfuͤhrer unterworfen; Ihr begreift das wohl. Wenn er, ſtatt Euch auszuſtoßen und die Ligue aufzuloͤſen, einen dem Unternehmen gunſtigen Anfuͤhrer ernannte, wenn er, ſtatt den Herzog von Guiſe zu dieſem Poſten zu erheben, den Herzog von Anjou darauf ſetzte? — Ah! aͤußerte der Herzog von Guiſe, der weder einen Ausdruck zuruͤckzuhalten, noch das Blut zu unter⸗ druͤcken vermogte, das ihm in's Geſicht ſtieg. — Gut! ſagte Chicot, die beiden Bullenbeißer wer⸗ den ſich um ihren Knochen beißen. Aber zum großen Erſtaunen Chicots und vor Allem des Koͤnigs, der uͤber dieſe Angelegenheit weniger wußte, als Chicot, hoͤrte der Herzog von Guiſe ploͤtlich auf, ſich zu verwundern und ſich zu erzuͤrnen, und indem er wieder mit einer ruhigen und faſt vergnuͤgten Stimme begann, ſagte er: — Ihr ſeid ein gewandter Politiker, gnaͤdiger Herr, wenn Ihr das bewirkt habt. — Ich habe es bewirkt, antwortete der Herzog. — Sehr raſch? ——„f„ — Ja, aber ich muß geſtehen, die Umſtaͤnde halſen mir, und ich habe ſie benutzt; jeden Falles, mein lie⸗ ber Herzog, fuͤgte der Prinz hinzu, iſt Nichts beſchloſ⸗ ſen, und ich habe Nichts abſchließen wollen, bevor ich Euch geſehen haͤtte. — Wie das, gnaͤdiger Herr? — Weil ich noch nicht weiß, wozu uns das fuͤhren wird. — Ich weiß es wohl, ſagte Chicot. — Das iſt eine kleine Verſchwoͤrung, ſagte Heinrich laͤchelnd. — Und von der Herr von Morvillièrs, der, wie Du behaupteſt, immer ſo gut unterrichtet iſt, Dir gleich⸗ wohl Nichts ſagte; aber, laß uns hoͤren, das wird in⸗ tereſſant. — Nun denn! Ich will Euch ſagen, gnaͤdiger Herr, nicht, wozu uns das fuͤhren wird, denn Gott allein weiß es, ſondern wozu uns das dienen kann, erwiderte der Herzog von Guiſe; die Ligue iſt ein zweites Heer; da ich nun aber das erſte in Haͤnden habe, wie mein Bruder, der Kardinal, die Kirche in Haͤnden hat, ſo wird Euch Nichts widerſtehen koͤnnen, ſo lange wir ei⸗ nig bleiben. — Ohne zu rechnen, ſagte der Herzog von Anjou, daß ich der muthmaßliche Erbe der Krone bin. — Ah, ahl! aͤußerte Heinrich. — Er hat Recht, ſagte Chicot; das iſt Deine Schuld, mein Sohn; Du trennſt immer die beiden Hemden der Mutter Gottes von Ghareres.. — Jann, gnaͤdiger Herr, ſo ſehr Ihr auch der muthmaßliche Erbe der Krone ſeid, berechnet die ſchlim⸗ men Moͤglichkeiten. — Herzog, glaubt Ihr, daß das nicht bereits ge⸗ ſchehen ſei und daß ich ſie nicht alle Hundert Mal ab⸗ gewogen haͤtte? — Es giebt zuvoͤrderſt den Koͤnig von Navarra. — O, der macht mir keinen Kummer, er iſt ganz mit ſeiner Liebſchaft mit der Foſſeuſe beſchaͤftigt. — Der, gnaͤdiger Herr, der wird Euch ſelbſt die Schnur Eures Geldbeutels ſtreitig machen, er iſt abgeriſſen, er iſt mager, er iſt ausgehungert, er gleicht jenen Dachtraufen⸗Katzen, welche der bloße Geruch ei⸗ ner Maus ganze Naͤchte auf einer Dachluke zubringen laͤßt, waͤhrend die fette, wohlgenaͤhrte, wohlgepflegte Katze ihre Krallen, ſo ſchwerfaͤllig iſt ihre Pfote, nicht aus ihrer Sammettatze hervorzuſtrecken vermag; der Koͤ⸗ nig von Navarra paßt Euch auf; er ſteht auf der Lauer, er verliert weder Euch, noch Euren Bruder aus dem Geſicht; es hungert ihn nach Eurem Throne. Wartet ab, daß ein Unfall Demenigen zuſtoͤßt, der darauf ſitzt, und Ihr werdet ſehen, ob die magere Katze elaſtiſche Muskeln hat, und ob ſie nicht mit einem Satze von Pau nach Paris ſpringen wird, um Euch ihre Krallen fuͤhlen zu laſſen. Ihr werdet ſehen, gnaͤdiger Herr, Ihr werdet ſehen! — Ein Unfall Demjenigen, welcher auf dem Throne ſitzt, wiederholte Franz langſam, indem er ſeine fragen⸗ den Augen auf den Herzog von Guiſe heftete. — 277— — Ei, eil aͤußerte Chicot; horch, Heinrich, dieſer Guiſe ſagt oder wird vielmehr ſehr lehrreiche Dinge ſa⸗ gen, und ich rathe Dir, Deinen Nutzen aus ihnen zu ziehen. — Ja, gnaͤdiger Herr, wiederholte der Herzog von Guiſe. Ein unfall! Die unfaͤlle ſind nicht ſelten in Eurer Familie; Ihr wißt es ſo gut, wie ich und viel⸗ leicht beſſer noch, wie ich. Dieſer Fuͤrſt befindet ſich in voller Geſundheit und ſtirbt ploͤtzlich dahin, jener Andere rechnete noch auf lange Jahre und hat nur noch Stun⸗ den zu leben. — Hoͤrſt Du, Heinrich? Hoͤrſt Du? ſagte Chicot, indem er den Koͤnig bei der Hand ergriff, die ſich ſchau⸗ dernd mit kaltem Schweiße bedeckte. — Ja, das iſt wahr, ſagte der Herzog von Anjou mit einer ſo dumpfen Stimme, daß, um ihn zu hoͤren, der Koͤnig und Chicot genoͤthigt waren, ihre Aufmerk⸗ ſamkeit zu verdoppeln, die Fuͤrſten meines Hauſes werden unter verhaͤngnißvollen Einfluͤſſen geboren; aber mein Bruder Heinrich der III. iſt Gott ſei Dank kraͤftig und geſund, er hat ehedem die Beſchwerden des Krieges er⸗ tragen und er hat ihnen widerſtanden. Um ſo mehr wird er jetzt widerſtehen, wo ſein Leben nur noch eine Folge von Ergoͤtzlichkeiten iſt, Ergoͤtzlichkeiten, die er eben ſo gut ertraͤgt, als er ehedem die Kriegsbeſchwer⸗ den ertrug. — Ja, aber, gnaͤdiger Herr, erinnert Euch einer Sache, erwiderte der Herzog, naͤmlich, daß die Ergoͤtz⸗ lichkeiten, denen ſich die Koͤnige von Frankreich hinge⸗ ben, nicht immer ohne Gefahr ſind. Wie iſt zum Bei⸗ ſpiel Euer Vater, der Koͤnig Heinrich der ll. geſtorben, er, der auch gluͤcklicher Weiſe den Gefahren des Krieges entgangen war? Bei einer jener Ergoͤtzlichkeiten, von denen Ihr ſprachet. Das Eiſen der Lanze Montgom⸗ merys war eine ſtumpfe Waffe, das iſt wahr, aber fuͤr einen Harniſch und nicht fuͤr ein Auge; Koͤnig Heinrich der II. iſt demnach auch geſtorhen, und das war nach meiner Meinung ein Ungluͤcksfall. Ihr werdet mir ſa⸗ gen, daß funfzehn Jahre nachher die Koͤnigin-Mutter Herrn von Montgommery, der ſich im vollen Genuſſe der Verjaͤhrung glaubte, gefangen nehmen und ihn ent⸗ haupten ließ. Das iſt wahr, aber der Koͤnig iſt Nichts deſto weniger geſtorben. Was Euren Bruder, den ſe⸗ ligen Koͤnig Franz anbelangt, ſo ſeht, wie ſehr ſeine Geiſtesſchwaͤche ihm in den Anſichten der Voͤlker geſcha⸗ det hat; auch er iſt ſehr ungluͤcklicher Weiſe geſtorben, dieſer wuͤrdige Fuͤrſt. Wer der Teufel wuͤrde ein Oh⸗ renweh fuͤr einen Ungluͤcksfall halten, gnaͤdiger Herr? Ihr werdet das zugeben. Es war indeſſen einer und einer der gefaͤhrlichſten. Ich habe demnach auch mehr als ein Mal im Lager, in der Stadt und ſelbſt am Hofe ſagen hoͤren, daß dieſe toͤdtliche Krankheit dem Koͤ⸗ nige Franz dem II. durch irgend Jemand in das Ohr gegoſſen worden waͤre, den man mit greßem Unrecht den Zufall nenne, da er einen andern, ſehr bekannten Namen truͤge.. — Herzog, murmelte Franz erroͤthend. — Ja, gnaͤdiger Herr, ja, fuhr der Herzog fort, — — 279— der Name Koͤnig bringt ſeit einiger Zeit Ungluͤck; wer ſagt Koͤnig, ſagt Gefaͤhrdeter. Seht Anton von Bourbon, es iſt gewiß und wahrhaftig der Name Koͤ⸗ nig, der ihm den Buͤchſenſchuß in die Schulter eingetra⸗ gen hat, ein Ungluͤcksfall, der fuͤr jeden Andern, als fuͤr einen Koͤnig, keineswegs toͤdtlich iſt, und in Folge deſſen er gleichwohl geſtorben iſt. Das Auge, das Ohr und die Schulter haben viel Trauer in Frankreich veran⸗ laßt, und das erinnert mich ſogar daran, daß Euer Herr von Buſſy huͤbſche Verſe darauf gemacht hat. — Welche Verſe? fragte Heinrich. — Geh doch, ſagte Chicot, kennſt Du ſie etwa nicht? — Nein. 4 — Aber Du waͤreſt alſo wirklich ein wahrer Koͤnig, daß man Dir dieſe Dinge da verheimlicht? Ich will Dir ſie ſagen, hoͤre: Par l'orecille, l'épaule et l'oeil, La France eut trois rois au cercueil. Par J'oreille, l'oeil et l'épaule, II mourut trois rois dans la Gaule. Par l'oeil, l'épaule et l'oreille... (Durch das Ohr, die Schulter und das Auge hat Frank⸗ reich drei Konige im Sarge gehabt. Durch das Ohr, das Auge und die Schulter ſtarben drei Konige in Gallien... durch das Auge, die Schulter und das Ohr ꝛc..... — Aber ſtill, ſtill! Ich meine, daß Dein Bruder etwas noch bei Weitem Intereſſanteres ſagen wird. — 280— — Aber der letzte Vers? — Ich werde Dir ihn ſpaͤterhin ſagen, wenn Herr von Buſſy aus ſeinen ſechs ein zehn gemacht haben wird.. — Was willſt Du damit ſagen? — Ich will damit ſagen, daß noch zwei Perſonen an dem Familien⸗Gemaͤlde fehlen; aber ſo hoͤre doch, Herr von Guiſe wird ſprechen und er wird ſie nicht ver⸗ geſſen. In der That, in dieſem Augenblicke begann das Geſpraͤch wieder. — Ohne zu rechnen, gnaͤdiger Herr, begann der Herzog von Guiſe wieder, daß die Geſchichte Eurer Eltern und Eurer Verwandten nicht ganz in Buſſy's Verſen enthalten iſt. — Was ſagte ich Dir? ſagte Chicot, indem er Hein⸗ rich mit dem Ellbogen anſtieß. — Ihr vergeßt Jeanne d'Albret, die Mutter des Bearners, welche durch die Naſe geſtorben iſt, weil ſie an ein paar wohlriechende, auf der Bruͤcke Saint⸗Mi⸗ chel, bei dem Florentiner gekaufte Handſchuhe gerochen hat; ein ſehr unerwarteter Unfall, und der um ſo mehr alle Welt in Erſtaunen verſetzte, weil man Leute kannte, denen zu jener Zeit dieſer Tod ſehr noͤthig war. Wer⸗ det Ihr leugnen, gnaͤdiger Herr, daß dieſer Tod Euch ſehr uͤberraſcht hat? Der Herzog gab keine andere Antwort, als eine Bewegung der Augenbrauen, welche ſeinem tiefliegenden Auge einen noch weit finſterern Ausdruck verlieh. ————(— — 281— N — und der Unfall Koͤnig Karls des IX., den Eure Hoheit vergißt, ſagte der Herzog; das iſt indeſſen einer, der wieder erzaͤhlt zu werden verdient. Dieſen hat der Unfall weder durch das Auge, noch durch das Ohr, noch durch die Schulter, noch durch die Naſe befallen, ſondern durch den Mund. — Was beliebt? rief Franz aus. Und Heinrich der III. hoͤrte auf dem knarrenden Fußboden den Schritt ſeines Bruders ertoͤnen, der vor Entſetzen zuruͤckwich. — Ja, gnaͤdiger Herr, durch den Mund, wieder⸗ holte Guiſe; die Jagdbuͤcher ſind etwas Gefaͤhrliches, de⸗ ren Blaͤtter aneinander geklebt ſind und die man nicht durchblaͤttern kann, als wenn man jeden Augenblick ſei⸗ nen Finger an ſeinen Mund legt; die alten Scharteken verderben den Speichel, und ein Menſch, waͤre er auch ein Koͤnig, geht nicht weit, wenn er verdorbenen Spei⸗ chel hat. — Herzog! Herzog! wiederholte der Prinz zwei Mal. Ich glaube, daß Ihr mit Abſicht Verbrechen ſchmiedet. — Verbrechen? wiederholte Guiſe. Ei, wer hat denn von Verbrechen geſprochen? Ich erzaͤhlte Unfaͤlle, gnaͤdi⸗ ger Herr, weiter Nichts; Unfaͤlle, verſteht Ihr wohl? Es iſt niemals die Rede von etwas Anderem, als von Unfaͤllen geweſen. Iſt dieſe Karl dem 1X. auf der Jagd zugeſtoßene Begebenheit nicht auch ein Unfall ge⸗ weſen? — Ei, ſagte Chicot, das iſt etwas Neues fuͤr Dich, — 282— der Du ein Jaͤger biſt, Heinrich! Hoͤre, hoͤre, das muß merkwuͤrdig ſein. — Ich weiß, was das iſt, ſagte Heinrich. — Ja, aber ich weiß es nicht; ich war noch nicht bei Hofe vorgeſtellt; laß mich demnach hoͤren, mein Sohn. — Ihr wißt, gnaͤdiger Herr, von welcher Jagd ich ſprechen will, fuhr der Lothringiſche Prinz fort, ich will von jener Jagd reden, wo Ihr in der edelmuͤthigen Ab⸗ ſicht, den Eber zu toͤdten, der auf Euren Bruder zuruͤck⸗ kehrte, mit einer ſolchen Uebereilung Feuer gabt, daß Ihr, anſtatt das Thier zu treffen, auf welches Ihr zieltet, das trafet, auf welches Ihr nicht zieltet. Dieſer Buͤch⸗ ſenſchuß, gnaͤdiger Herr, beweiſt mehr, als alles An⸗ dere, wie ſehr man Unfaͤllen mißtrauen muß. Am Hofe kennt in der That Jedermann Eure Geſchicklichkeit, gnaͤ⸗ diger Herr. Niemals fehlt Eure Hoheit ſeinen Schuß, und Ihr muͤßt ſehr erſtaunt geweſen ſein, den Eurigen gefehlt zu haben, beſonders, als die boͤſen Maͤuler ver⸗ breitet hatten, daß dieſer Sturz des Koͤnigs unter ſein Pferd ſeinen Tod veranlaſſen konnte, wenn der Koͤnig von Navarra nicht ſo gluͤcklicher Weiſe den Eber getoͤd⸗ tet, den Eure Hoheit gefehlt hatte. — Ei nun! Aber, ſagte der Herzog von Anjou, indem er die Sicherheit wieder anzunehmen verſuchte, welche der Spott des Herzogs von Guiſe ſo grauſamer Weiſe erſchuͤttert hatte, welches Intereſſe hatte ich an dem Tode des Koͤnigs, meines Bruders, da der — 283— Nachfolger Karls des 1X. Heinrich der III. heißen ſollte? — Einen Augenblick, gnaͤdiger Herr, verſtaͤndigen wir uns; es war bereits ein Thron vacant, der von Polen. Der Tod Koͤnig Karls des IX. ließ einen an⸗ dern frei, den von Frankreich. Ohne Zweifel, ich weiß es wohl, haͤtte Euer aͤlterer Bruder unbeſtritten den Thron von Frankreich gewaͤhlt. Aber im ſchlimmſten Falle war der Thron von Polen noch ſehr annehmbar; es giebt ja ſogar Leute, die, nach dem, was man mir verſichert hat, nach dem armſeligen kleinen Throͤnlein des Koͤnigs von Navarra geſtrebt haben. Dann, au⸗ ßerdem, naͤherte Euch das immer um einen Grad, und Ihr waret es dann, dem die Unfaͤlle Nutzen brachten. Der Koͤnig Heinrich der III. iſt wohl in zehn Tagen von Warſchau zuruͤckgekehrt, warum haͤttet Ihr nicht, immer fuͤr den Fall eines Unfalles, gethan, was Koͤnig Heinrich der III. gethan hat? Heinrich der III. blickte Chicot an, der ſeiner Seits den Koͤnig nicht mehr mit dieſem ſchelmiſchen und ſpoͤt⸗ tiſchen Ausdrucke anblickte, den man gewoͤhnlich in dem Auge des Narren las, ſondern mit einer faſt zaͤrtlichen Theilnahme, die faſt ſogleich wieder auf ſeinem von der Sonne des Suͤdens gebraͤunten Geſichte verſchwand. — Was ſchließt Ihr, Herzog? fragte nun der Her⸗ zog von Anjou, indem er dieſer Unterredung, in wel⸗ cher die ganze Unzufriedenheit des Herzogs von Guiſe durchblickte, ein Ende machte oder vielmehr zu machen verſuchte. — 284— — Ich ſchließe, gnaͤdiger Herr, daß jeder Koͤnig ſei— nen Unfall hat, wie wir es ſo eben geſagt haben. Nun aber ſeid Ihr der unvermeidliche Unfall Koͤnig Heinrichs des IIl., beſonders, wenn Ihr das Oberhaupt der Ligue ſeid, weil Oberhaupt der Ligue zu ſein faſt der Koͤnig des Koͤnigs zu ſein heißt, ohne zu rechnen, daß Ihr dadurch, daß Ihr Euch zum Oberhaupte der Ligue macht, den Unfall der bevorſtehenden Regierung Eurer Hoheit un⸗ terdruͤckt, das heißt den Bearner. — Bevorſtehende! Hoͤrſt Du es? rief Heinrich der III. aus. — Sapperment! Ich glaube wohl, daß ich hoͤre, ſagte Chicot. — Demnach alſo... ſagte der Herzog von Guiſe. — Demnach alſo, wiederholte der Herzog von An⸗ jou, werde ich es annehmen, das iſt Eure Meinung, nicht wahr? — Wie denn? ſagte der Lothringiſche Prinz. Ich bitte Euch inſtaͤndigſt, es anzunehmen, gnaͤdiger Herr. — und Ihr, heute Abend? — O, ſeid unbeſorgt, ſeit dem Morgen ſind meine Leute ausgezogen und heute Abend wird Paris ſehens⸗ werth ſein. — Was macht man denn heute Abend in Paris? fragte Heinrich. — Wie! Ou erraͤthſt nicht? — Nein. — O! Was DOu ennfaͤltig biſt, mein Sohn, heute Abend unterzeichnet man, verſteht ſich, oͤffentlich die „——-—— Ligue, denn im Geheimen hat man ſie ſchon ſeit langer Zeit unterzeichnet und wieder unterzeichnet; man erwar⸗ tete nur noch Deine Billigung; Du haſt ſie heute Mor⸗ gen gegeben, und man wird heute Abend unterzeichnen. Sapperment, Du ſiehſt es, Heinrich, Deine Unfaͤlle, denn Du haſt deren zwei...— Deine Unfäͤlle verlie⸗ ren keine Zeit. — Das iſt gut, ſagte der Herzog von Anjou. Auf heute Abend, Herzog. — Ja, auf heute Abend, ſagte Heinrich. — Wie, erwiderte Chicot, Du wollteſt Dich dem ausſetzen, heute Abend durch die Straßen Deiner Haupt⸗ ſtadt zu gehen, Heinrich? — Ohne Zweifel. — Du haſt Unrecht, Heinrich. — Warum das? — Nimm Dich vor den Unfaͤllen in Acht. — Ich werde gut begleitet ſein, ſei unbeſorgt; au⸗ ßerdem, komm mit mir. 3 — Geh doch, Du haͤltſt mich fuͤr einen Hugenotten, mein Sohn, nicht doch. Ich bin ein guter Katholik; ich will die Ligue unterzeichnen und das eher zehn Mal, als ein Mal, eher hundert Mal, als zehn Mal. Die Stimmen des Herzogs von Anjou und des Herzogs von Guiſe erloſchen. — Noch ein Wort, ſagte der Koͤnig, indem er Chicot zuruͤckhielt, der ſich entfernen wollte.— Was haͤltſt Du von Alledem? — Ich meine, daß jeder der Euch vorhergegangenen . d Koͤnige ſeinen Unfall nicht kannte: Heinrich der II. hatte das Auge nicht vorhergeſehen; Franz der II. hatte das Ohr nicht vorhergeſehen; Anton von Bourbon hatte die Schulter nicht vorhergeſehen; Jeanne d'Albret hatte die Naſe nicht vorhergeſehen; Karl der IX. hatte den Mund nicht vorhergeſehen. Ihr habt demnach einen großen Vortheil vor ihnen, Meiſter Heinrich; denn, Sapper⸗ ment, Ihr kennt Euren Bruder, nicht wahr, Sire? — Ja, ſagte Heinrich, und bei Gottes Tod, bin⸗ nen Kurzem wird man es gewahr werden! ———— Ende des dritt en Bandes. Gedruckt bei C. Schumann in Schneeberg. In demſelben Verlage iſt erſchienen: Weiße Selaven oder die Leiden des Volks. Ein Roman von Ernſt Willkomm. 5 Baͤnde. Das Publikum erhält mit dieſem Buche ein Werk, das zwar den Namen„Roman“ an der Spitze trägt, in Wahr⸗ heit aber die ſozialen Verhältniſſe unſerer Zeit, gleich einem Zauberſpiegel, mit ſolcher Treue darſtellt, daß man ſich wirklich hineinverſetzt fühlt in Mitten all des Elendes, der bitterſten Noth und Entbehrung bei unerträglicher Arbeit. Mögen die Schilderungen öffentlicher Blätter mit den be⸗ redteſten Worten für die bedauernswerthen Sklaven der Ar⸗ beit in die Schranken treten; ſie bleiben weit zurück hinter dem ſchauerlichen Rundgemälde, das uns Willkomm's wun⸗ dervoller Griffel in dieſem Roman bereitet hat. Dabei aber weiß der Verfaſſer auch mit meiſterhafter Hand neben die grellen Bilder reicher Brutalität, vornehmer Verachtung, lächerlichen Stolzes die lieblichen Geſtalten biederer Treu⸗ herzigkeit, raſtloſen Strebens gegen die Anmaßungen des Laſters, engelreiner Unſchuld zu ſtellen; und wenn man Thränen vergoſſen hat bei dem Gedanken an das namenloſe Elend, welches der Menſch dem Menſchen bereitet, ſo fühlt des Leſers Herz am Ende dieſes trefflichen Erzeugniſſes der Deutſchen, der vaterländiſchen Romantik, den himmliſchen Troſt: es walte eine ewige Macht, die das Böſe trotz allem Glanze doch zu böſem Ende führt, und den Redlichen trium⸗ phiren läßt. Möge namentlich kein Leſeinſtitut auch nur einen Augenblick anſtehen, den Genuß der Lektüre dieſes Buches ſeinen Intereſſenten zu verſchaffen. —— ——