Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 51 4 dou. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 4 „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3.— 5 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden„und ſ.. beträgt: 23 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Per.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſſ. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit zupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes ſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7.,Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ 1.0 pfangnahme und Rückgabe der 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Per ines Buches, eine dem Werth w deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otlmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Seſebedingungen. ensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Bücher jeden Tag von Morgens eines geliehenen Buches wird von Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſonen. müſſen, bei Entgegennahme e deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. E 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— P W Pf 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ver Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſtene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) muß der Fenpreis erſetzt werden.— 3 orene pder defecte Buch ein T 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i beſonders darauf aufmerkſam der Bücher nicht ſtattfinden da ſt das. zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ heil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird gemacht, daß das Weiterverleihen rf, indem Diejenigen, welche die⸗ dafür zu ſtehen haben. 1 Sä V mmtliche Werke von Alexrander Dumas. Deutſch von Dr. Auguſt Zoller. Stuttgart. erlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. Penkwürdigkeiten eines Arztes. 5 Von Alepauder Dumas. Dritte Abtheilung. Ange Piton. Erſtes bis viertes Bändchen. Aus dem Franzöſiſchen . von Dr. Auguſt Boller. S Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. Denkwürdigkeiten eines Arztes. Von Alepauder Dumas. Dritte Abtheilung. Ange Piton. Erſtes bis viertes Bändchen. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. T. Worin der Leſer Bekanntſchaft mit dem Helden dieſer Geſchichte und mit dem Orte, wo er zuerſt das Tageslicht erblickte, machen wird. An der Gränze der Pieardie und des Soiſſonnais, auf jenem Theile des Nationalgebietes, der unter dem Namen Ile⸗ve⸗France zum alten Erbgut der franzöſi⸗ ſchen Könige gehörte; in der Mitte eines ungeheuren Halbmondes, welchen, im Norden und Süden ſich ver⸗ längernd, ein Wald von fünfzigtauſend Morgen bildet, erhebt ſich im Schatten eines von Franz l. und Hein⸗ rich II. gepflanzten ungeheuren Parkes das Städichen Villers⸗Cotterets, berühmt dadurch, daß hier Charles Albert Demouſtiers geboren wurde, der zur Zeit, wo dieſe Geſchichte beginnt, daſelbſt zur großen Zufrieden⸗ heit der hübſchen Frauen jener Zeit, die ſich dieſelben, wie ſie zur Welt kamen, aus den Händen riſſen, Feeie an Emilie über die Mythologie rieb. Um den poetiſchen Ruf dieſes Städtchens zu ver⸗ vollſtändigen, dem ſeine Verleumder, trotz ſeines könig⸗ lichen Schloſſes und ſeiner zweitauſendvierhundert Ein⸗ wohner hartnäckig den Namen Marktflecken geben, fügen wir bei, daß es zwei Meilen von Laferts⸗Milon, dem Geburtsorte von Racine, und acht Meilen von Cha⸗ teau⸗Thierry, dem Gehurtsort von Lafontaine, liegt; Ange Pitou. 1. 1 V . 9 2 auch führen wir ferner an, daß die Mutter des Verfaſſers von Britannicus und Athalia von Villers⸗Cotterets war. Kehren wir nun zu ſeinem königlichen Schloß und zu ſeinen zweitauſendvierhundert Einwohnern zurück. Angefangen von Franz l., deſſen Salamander es bewahrt, und vollendet von Heinrich II., deſſen Namens⸗ zug es verſchlungen mit dem von Catharina von Me⸗ dicis und umkreiſt von den drei Halbmonden von Diana von Poitiers führt, war dieſes Schloß, nach⸗ dem es die Liebſchaften des ritterlichen Königs mit Frau von Etampes und die von Louis Philipp von Orleans mit der ſchönen Frau von Monteſſon beſchützt hatte, beinahe unbewohnt ſeit dem Tode des letzteren Prinzen, da es ſein⸗Sohn, Philipp von Orleans, ſpäter Egalité genannt, von dem Range einer fürſt⸗ lichen Reſidenz zu dem eines Jagdrindezvous hatte her⸗ abſteigen laſſen. Bekanntlich bildeten das Schloß und der Wald von Villers⸗Cotterets einen Theil der Apanagen, die Lud⸗ wig XIV. ſeinem Bruder Monſieur gab, als der Sohn von Anna von Oeſterreich die Schweſter von König Karl II., Madame Henriette von England, heirathete. Was die zweitauſendvierhundert Einwohner be⸗ trifft, von denen wir unſeren Leſern ein Wort zu ſagen verſprochen haben, ſo waren dies, wie bei allen Orten, wo ſich zweitauſendvierhundert Individuen beiſammen finden, eine Vereinigung: 1. Von einigen Adeligen, welche ihren Sommer in ihren Schlöſſern und ihren Winter in Paris zu⸗ brachten, und die, um den Prinzen nachzuäffen, nur ein Abſteigequartier in der Stadt hatten. 2. Von einer großen Anzahl von Bürgern, welche man, wie auch das Wetter ſein mochte, einen Regen⸗ ſchirm in der Hand, aus ihren Häuſern weggehen ſah⸗ um nach dem Mittageſſen ihren täglichen Spaziergang zu machen, der regelmäßig ſein Ziel an einem, den Park vom Walde trennenden, eine Viertelmeile von I. Worin der Leſer Bekanntſchaft mit dem Helden dieſer Geſchichte und mit dem Orte, wo er zuerſt das Tageslicht erblickte, machen wird. An der Gränze der Picardie und des Soiſſonnais, auf jenem Theile des Nationalgebietes, der unter dem Namen Ile⸗de⸗France zum alten Erbgut der franzöſt⸗ ſchen Könige gehörte; in der Mitte eines ungeheuren Halbmondes, welchen, im Norden und Süden ſich ver⸗ längernd, ein Wald von fünfzigtauſend Morgen bildet, erhebt ſich im Schatten eines von Franz I. und Hein⸗ rich II. gepflanzten ungeheuren Parkes das Städtchen Villers⸗Cotterets, berühmt dadurch, daß hier Charles Albert Demouſtiers geboren wurde, der zur Zeit, wo dieſe Geſchichte beginnt, daſelbſt zur großen Zufrieden⸗ heit der hübſchen Frauen jener Zeit, die ſich dieſelben, wie ſie zur Welt kamen, aus den Händen riſſen, ſäntrefe an Emilie über die Mythologie rieb. Um den poetiſchen Ruf dieſes Städtchens zu ver⸗ vollſtändigen, dem ſeine Verleumder, trotz ſeines könig⸗ lichen Schloſſes und ſeiner zweitauſendvierhundert Ein⸗ wohner hartnäckig den Namen Marktſlecken geben, fügen wir bei, daß es zwei Meilen von Laferté⸗Milon, dem Geburtsorte von Racine, und acht Meilen von Cha⸗ teau⸗Thierry, dem Geburtsort von Lafontaine, liegt; Ange Pitou. 1. 1 3 der Stadt liegenden breiten Graben fand, welchen man ohne Zweifel wegen des Ausrufs, den ſein Anblick der Bruſt der Aſthmatiſchen entlockte, die darüber zufrie⸗ den waren, daß ſie einen ſo langen Weg zurückgelegt, en ſehr athemlos geworden zu ſein, den Haha nannte. 3. Von einer Mehrzahl von Handwerksleuten, welche die ganze Woche arbeiteten und ſich nur Sonn⸗ tags den Spaziergang erlaubten, deſſen ſich ihre mehr vom Glück begünſtigten Mitbürger alle Tage erfreuten. 4. Und endlich von einigen elenden Proletariern, für welche die Woche nicht einmal einen Sonntag hatte und die, nachdem ſie ſechs Tage im Lohne ent⸗ weder der Adeligen, oder der Bürger, oder ſogar der Handwerker gearbeitet, ſich am ſiebenten im Forſte ver⸗ breiteten, um hier das dürre oder abgebrochene Holz zu ſammeln, das der Sturm, dieſer Schnitter der Wälder, für den die Eichen nur Aehren ſind, zerſtreut auf den düſtern, feuchten Boden des Hochwaldes, der herrlichen Apanage des Prinzen, warf. Hätte Villers⸗Cotterets(villerii ad Cotiam Retiae) das Unglück gehabt, eine Stadt zu ſein, welche in der Geſchichte wichtig genug, daß die Archäologen ſich mit ihr beſchäftigt und ihre ſtufenweiſen Uebergänge vom Dorf zum Markiflecken und vom Marktflecken zur Stadt, welchen letzten Uebergang man, wie geſagt, ſtreitig macht, verfolgt haben würden, ſo hätten de ſicherlich den Umſtand bezeichnet, daß dieſes Dorf Anfangs eine doppelte Reihe von Häuſern, gebaut auf beiden Seiten der Straße von Paris nach Soiſſons, war; dann hätten ſie beigefügt, allmälig habe ſeine Lage am Saume eines ſchönen Waldes einen Zuwachs von Einwohnern her⸗ beigeführt, andere Straßen haben ſich mit der erſten verbunden, ſie ſeien auseinandergelaufen wie die Strah⸗ len eines Sternes und haben ſich ausgeſtreckt gegen andere kleine Ortſchaften, mit denen Verbindungen zu erhalten wichtig geweſen, ſeien aber iugleich wieder 2 auch führen wir ferner an, daß die Mutter des Verfaſſers von Britannicus und Athalia von Villers⸗Cotterets war. Kehren wir nun zu ſeinem königlichen Schloß und zu ſeinen zweitauſendvierhundert Einwohnern zurück. Angefangen von Franz I., deſſen Salamander es bewahrt, und vollendet von Heinrich II., deſſen Namens⸗ zug es verſchlungen mit dem von Catharina von Me⸗ dicis und umkreiſt von den drei Halbmonden von Diana von Poitiers führt, war dieſes Schloß, nach⸗ dem es die Liebſchaften des ritterlichen Königs mit Frau von Etampes und die von Louis Philipp von Orleans mit der ſchönen Frau von Monteſſon beſchützt hatte, beinahe unbewohnt ſeit dem Tode des letzteren Prinzen, da es ſein Sohn, Philipp von Orleans, ſpäter Egalité genannt, von dem Range einer fürſt⸗ lichen Reſidenz zu dem eines Jagdrendezvous hatte her⸗ abſteigen laſſen. Bekanntlich bildeten das Schloß und der Wald von Villers⸗Cotterets einen Theil der Apanagen, die Lud⸗ wig XIV. ſeinem Bruder Monſteur gab, als der Sohn von Anna von Oeſterreich die Schweſter von König Karl II., Madame Henriette von England, heirathete. Was die zweitauſendvierhundert Einwohner be⸗ trifft, von denen wir unſeren Leſern ein Wort zu ſagen verſprochen haben, ſo waren dies, wie bei allen Orten, wo ſich zweitauſendvierhundert Individuen beiſammen finden, eine Vereinigung: 1. Von einigen Adeligen, welche ihren Sommer in ihren Schlöſſern und ihren Winter in Paris zu⸗ brachten, und die, um den Prinzen nachzuäffen, nur ein Abſteigequartier in der Stadt hatten. 6 2. Von einer großen Anzahl von Bürgern, welche man, wie auch das Wetter ſein mochte, einen Regen⸗ ſchirm in der Hand, aus ihren Häuſern weggehen ſah, um nach dem Mittageſſen ihren täglichen Spaziergang u machen, der regelmäßig ſein Ziel an einem, den ark vom Walde trennenden, eine Viertelmeile von 4 zuſammengelaufen gegen einen Punkt, der natürlich der Mittelpunkt wurde, nämlich das, was man in der Pro⸗ vinz den Platz nennt, ein Platz, um den die ſchönſten Häuſer des zum Marttflecken gewordenen Dorfes er⸗ ſtanden, und in deſſen Mitte ſich heute ein mit einer vierfachen Sonnenuhr geſchmückter Brunnen erhebt; endlich hätten ſie genau das Datum beſtimmt, wo bei der beſcheidenen Kirche, dem erſten Bedürfniß der Völker, die erſten Grundlagen des geräumigen Schloſſes, der letzten Laune eines Königs, zum Vorſchein kamen... ein Schloß, das, nachdem es nach und nach königliche Reſidenz und prinzliche Reſidenz geweſen, ein trauriges, häßliches, zur Präfectur des Departement der Seine gehöriges, Bettlerdepot geworden iſt. Doch zur Zeit, wo dieſe Geſchichte beginnt, waren die königlichen Dinge, obgleich ſchon ſehr wankend, noch nicht bis zu dem Grade gefallen, zu welchem ſie heute gefallen find; allerbings war das Schloß nicht mehr von einem Prinzen bewohnt, aber es war noch nicht von Bettlern bewohnt; es ſtand ganz einfach leer und hatte als Miethsleute nur die für ſeine Unter⸗ haltung unerläßlichen Perſonen, unter denen man den Hausmeiſter, den Ballmeiſter und den Kaſtellan be⸗ merkte; alle Fenſter des ungeheuren Gebändes, welche theilweiſe nach dem Park, theilweiſe nach einem Platz gingen, den man ariſtokratiſch den Schloßplatz nannte, waren auch geſchloſſen, was noch die Traurigkeit und Einſamkeit dieſes Platzes vermehrte, an deſſen einem Ende ſich ein kleines Haus erhob, von dem ein paar Worte zu ſagen der Leſer uns hoffentlich erlauben wird⸗ Es war ein Häuschen, von welchem man gleichſam nur den Rücken ſah. Aber wie bei gewiſſen Perſonen, hatte dieſer Rücken den Vorzug, daß es die vortheil⸗ hafteſte Partie ſeiner Individualität war. Die Fagade, die ſich nach der Rue de Soiſſons, einer der Haupt⸗ ſtraßen, durch eine ungeſchickt gewölbte und verdrieß⸗ licher Weiſe achtzehn Stunden von vierundzwanzig ———= 2 3 der Stadt liegenden breiten Graben fand, welchen man ohne Zweifel wegen des Ausrufs, den ſein Anblick der Bruſt der Aſthmatiſchen entlockte, die darüber zufrie⸗ den waren, daß ſie einen ſo langen Weg zurückgelegt, ohne zu ſehr athemlos geworden zu ſein, den Haha nannte. 3. Von einer Mehrzahl von Handwerksleuten, welche die ganze Woche arbeiteten und ſich nur Sonn⸗ tags den Spaziergang erlaubten, deſſen ſich ihre mehr vom Glück begünſtigten Mitbürger alle Tage erfreuten. 4. Und endlich von einigen elenden Proletariern, für welche die Woche nicht einmal einen Sonntag hatte und die, nachdem ſie ſechs Tage im Lohne ent⸗ weder der Adeligen, oder der Bürger, oder ſogar der Handwerker gearbeitet, ſich am ſiebenten im Forſte ver⸗ breiteten, um hier das dürre oder abgebrochene Holz zu ſammeln, das der Sturm, dieſer Schnitter der Wälder, für den die Eichen nur Aehren ſind, zerſtreut auf den düſtern, feuchten Boden des Hochwaldes, der herrlichen Apanage des Prinzen, warf. Hätte Villers⸗Cotterets(Villerii ad Cotiam Retiae) das Unglück gehabt, eine Stadt zu ſein, welche in der Geſchichte wichtig genug, daß die Archäologen ſich mit ihr beſchäftigt und ihre ſtufenweiſen Uebergänge vom Dorf zum Marktflecken und vom Marktflecken zur Stadt, welchen letzten Uebergang man, wie geſagt, ſtreitig macht, verfolgt haben würden, ſo hätten ſie ſicherlich den Umſtand bezeichnet, daß dieſes Dorf Anfangs eine doppelte Reihe von Häuſern, gebaut auf beiden Seiten der Straße von Paris nach Soiſſons, war; dann hätten ſie beigefügt, allmälig habe ſeine Lage am Saume eines ſchönen Waldes einen Zuwachs von Einwohnern her⸗ beigeführt, andere Straßen haben ſich mit der erſten verbunden, ſie ſeien auseinandergelaufen wie die Strah⸗ len eines Sternes und haben ſich ausgeſtreckt gegen andere kleine Ortſchaften, mit denen Verbindungen zu erhalten wichtig geweſen, ſeien aber zugleich wieder — *— 8 5 geſchloſſene Thüre öffnete, ſtellte ſich in der That lachend und heiter auf der entgegengeſetzten Seite dar. Auf der entgegengeſetzten Seite fand ſich nämlich ein Garten, über deſſen Mauern man die Gipfel der Kirſchbäume, der Apfelbäume, der Pflaumenbäume emporragten, während auf jeder Seite einer kleinen Thüre, welche Ausgang nach dem Platze und Eingang in den Garten ewährte, zweihundertjährige Acacien ſich erhoben, die 3 Frühjahr ihre Arme über die Mauer auszuſtrecken ſchienen, um im ganzen Umfang ihres Blätterwerks Boden mit ihren wohlriechenden Blüthen zu be⸗ reuen. Dieſes Haus war das vom Kaplan des Schloſſes, welcher, während er zugleich den Gottesdienſt in der herrſchaftlichen Kirche verſah, wo man, trotz der Ab⸗ weſenheit des Gebieters, alle Sonntage Meſſe las, auch eine kleine Penſion hielt, mit der durch eine beſondere Gunſt zwei Stipendien, eines für das College du Pleſſis, das andere für das Seminar von Soiſſons, verbunden waren. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Familie OHrleans die Koſten dieſer zwei Stipendien trug, von denen das des Seminars vom Sohn des Regenten, das des College vom Vater des Prinzen geſtiftet worden war, und daß dieſe zwei Stipendien den Gegenſtand der Ehrbegierde der Eltern und die Verzweiflung der Zöglinge bildeten, für welche ſie eine Quelle außer⸗ ordentlicher Compoſitionen waren, die an den Donners⸗ tagen jeder Woche ſtattfanden. 8 An einem Donnerstag des Juli 1789 nun, an einem ziemlich verdrießlichen Tag, verdüſtert, wie er war, von einem Sturm, der von Weſten nach Oſten lief und unter deſſen Wind die herrlichen, von uns erwähnten zwei Acarien, ſchon die Jungfräulichkeit ihres Früh⸗ lingsgewandes verlierend, einige durch die erſte Hitze des Sommers gelb gewordene kleine Blätter fallen ließen, nach einem langen Stillſchweigen, das nur durch das Kniſtern der Blätter, die auf dem geſchlagenen 4 zuſammengelaufen gegen einen Punkt, der natürlich der Mittelpunkt wurde, nämlich das, was man in der Pro⸗ vinz den Platz nennt, ein Platz, um den die ſchönſten Häuſer des zum Marktflecken gewordenen Dorfes er⸗ ſtanden, und in deſſen Mitte ſich heute ein mit einer vierfachen Sonnenuhr geſchmückter Brunnen erhebt; endlich hätten ſie genau das Datum beſtimmt, wo bei der beſcheidenen Kirche, dem erſten Bedürfniß der Völker, die erſten Grundlagen des geräumigen Schloſſes, der letzten Laune eines Königs, zum Vorſchein kamen... ein Schloß, das, nachdem es nach und nach königliche Reſidenz und prinzliche Reſidenz geweſen, ein trauriges, häßliches, zur Präfectur des Departement der Seine gehöriges, Bettlerdepot geworden iſt. Doch zur Zeit, wo dieſe Geſchichte beginnt, waren die königlichen Dinge, obgleich ſchon ſehr wankend, noch nicht bis zu dem Grade gefallen, zu welchem ſie heute gefallen ſind; allerdings war das Schloß nicht mehr von einem Prinzen bewohnt, aber es war noch nicht von Bettlern bewohnt; es ſtand ganz einfach leer und hatte als Miethsleute nur die für ſeine Unter⸗ haltung unerläßlichen Perſonen, unter denen man den Hausmeiſter, den Ballmeiſter und den Kaſtellan be⸗ merkte; alle Fenſter des ungeheuren Gebäudes, welche theilweiſe nach dem Park, theilweiſe nach einem Platz gingen, den man ariſtokratiſch den Schloßplatz nannte, waren auch geſchloſſen, was noch die Traurigkeit und Einſamkeit dieſes Platzes vermehrte, an deſſen einem Ende ſich ein kleines Haus erhob, von dem ein paar Worte zu ſagen der Leſer uns hoffentlich erlauben wird. Es war ein Häuschen, von welchem man gleichſam nur den Rücken ſah. Aber wie bei gewiſſen Perſonen, hatte dieſer Rücken den Vorzug, daß es die vortheil⸗ hafteſte Partie ſeiner Individualität war. Die Fagade, die ſich nach der Rue de Soiſſons, einer der Haupt⸗ ſtraßen, durch eine ungeſchickt gewölbte und verdrieß⸗ licher Weiſe achtzehn Stunden von vierundzwanzig 84 6 Boden des Platzes wirbelnd an einander ſchlugen, und durch den Geſang eines Waldſpatzes, der die auf der Erde hinſtreifenden Fliegen verfolgte, unterbrochen wurde, ſchlug es elf Uhr in dem ſpitzigen, mit Schieſer bedeckten Glockenthurme der Stadt. Sogleich erſcholl ein Hurrah, ähnlich dem, welches ein ganzes Regiment Trabanten ausſtoßen würde, in Begleitung von einem Geräuſch, das man mit dem vergleichen konnte, welches eine von Felſen zu Felſen ſpringende Lawine hören läßt; die zwiſchen den zwei Acacien angebrachte Thüre öffnete ſich oder ſpaltete ſich vielmehr und ließ einen Kinderſtrom durch, der ſich auf dem Platze verbreitete, wo ſich ſogleich fünf bis ſechs muntere, lärmende Gruppen bildeten, und zwar die einen um einen zum Zurückhalten der gefangenen Kreiſel beſtimmten Ring, die anderen vor einem mit weißer Kreide gezeichneten Mühlenſpiel, wieder andere vor mehreren regelmäßig ausgegrabenen Löchern, in denen die Kugel, ſtille haltend, diejenigen, welche ſie angetrieben hatten, gewinnen oder verlieren machte. Zu gleicher Zeit, wenn die ſpielenden Schüler, welche die Nachbarn, deren ſpärliche Fenſter auf den Platz gingen, mit dem Namen ſchlechte Subjecte ſchmückten, und die in der Regel in Hoſen mit Löchern an den Kuieen und in Wämmſer mit zerriſſenen Ellen⸗ bogen gekleidet waren, auf dem Platze erſchienen, ſah man auch diejenigen, welche man die vernünftigen Schüler nannte, diejenigen, welche, nach der Behaup⸗ tung der Gevatterinnen, die Freude und den Stolz ihrer Eltern bilden mußten, ſich von der Maſſe trennen und auf verſchiedenen Straßen mit einem Schritt, deſſen Langſamkeit das Bedauern bezeichnete, ihren Korb in der Hand, nach dem väterlichen Hauſe zurück⸗ kehren, wo Buttertörtchen oder kleine Kuchen mit Ein⸗ gemachtem, als Entſchädigung für die Spiele, auf die ſie verzichteten, ihrer harrten. Dieſe waren im Allge⸗ meinen mit Wämmſern in ziemlich gutem Zuſtand und Qu8u A— R*— 5 geſchloſſene Thüre öffnete, ſtellte ſich in der That lachend und heiter auf der entgegengeſetzten Seite dar. Auf der entgegengeſetzten Seite fand ſich nämlich ein Garten, über deſſen Mauern man die Gipfel der Kirſchbäume, der Apfelbäume, der Pflaumenbäume emporragten, während auf jeder Seite einer kleinen Thüre, welche Ausgang nach dem Platze und Eingang in den Garten gewährie, zweihundertjährige Acacien ſich erhoben, die im Frühjahr ihre Arme über die Mauer auszuſtrecken ſchienen, um im ganzen Umfang ihres Blätterwerks den Boden mit ihren wohlriechenden Blüthen zu be⸗ ſtreuen. Dieſes Haus war das vom Kaplan des Schloſſes, welcher, während er zugleich den Gottesdienſt in der herrſchaftlichen Kirche verſah, wo man, trotz der Ab⸗ weſenheit des Gebieters, alle Sonntage Meſſe las, auch eine kleine Penſion hielt, mit der durch eine beſondere Gunſt zwei Stipendien, eines für das College du Pleſſis, das andere für das Seminar von Soiſſons, verbunden waren. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Familie Orleans die Koſten dieſer zwei Stipendien trug, von denen das des Seminars vom Sohn des Regenten, das des College vom Vater des Prinzen geſtiftet worden war, und daß dieſe zwei Stipendien den Gegenſtand der Ehrbegierde der Eltern und die Verzweiflung der Zöglinge bildeten, für welche ſie eine Quelle außer⸗ ordentlicher Compoſttionen waren, die an den Donners⸗ tagen jeder Woche ſtattfanden. An einem Donnerstag des Juli 1789 nun, an einem ziemlich verdrießlichen Tag, verdüſtert, wie er war, von einem Sturm, der von Weſten nach Oſten lief und unter deſſen Wind die herrlichen, von uns erwähnten zwei Acacien, ſchon die Jungfräulichkeit ihres Früh⸗ lingsgewandes verlierend, einige durch die erſte Hitze des Sommers gelb gewordene kleine Blätter fallen ließen, nach einem langen Stillſchweigen, das nur durch das Kniſtern der Blätter, die auf dem geſchlagenen S W — — S M N NN 7 mit ungefähr tadelloſen Hoſen bekleibet; was ſie mit ihrer ſo ſehr berühmten Weisheit zu Gegenſtänden des Spottes oder ſogar des Haſſes für ihre minder gut ge⸗ kleideten und beſonders minder gut disciplinirten Ge⸗ fährten machte. Außer den zwei genannten Klaſſen, die wir unter dem Namen ſpielende Schüler und vernünftige Schüler bezeichnet haben, beſtand noch eine dritte, die wir unter dem Namen träge Schüler bezeichnen werden, welche beinahe nie mit den Andern herauskam, um auf dem Schloßplatz zu ſpielen oder nach dem väter⸗ lichen Hauſe zurückzukehren, in Betracht, daß dieſe unglückliche Klaſſe beinahe beſtändig zurückgehalten blieb: während nämlich ihre Kameraden, nachdem ſie ihre Ueberſetzungen und Aufgaben gemacht, mit dem Kreiſel ſpielten oder Törtchen aßen, blieben dieſe Schüler an ihre Bänke oder vor ihre Pulte genagelt, um während der Erholungsſtunden die Ueberſetzungen und Aufgaben zu machen, die ſie während der Klaſſe nicht gemacht hatten, wenn nicht gar die Gewichtigkeit ihres Fehlers dem Zurückbehalten die höhere Strafe der Peitſche, der Ruthen oder der Schulgeißel beifügte. Dergeſtalt, daß, wenn man, um in die Klaſſen zu⸗ rückzukehren, dem Wege gefolgt wäre, dem die Schüler, um hinauszugehen, in umgekehrter Richtung gefolgt waren, nachdem man längs einem Gäßchen hingegangen, das am Obſtgarten vorüberführte und ſodann in einen großen, für die inneren Reereativnen dienenden Hof ausmündete, beim Eintritt in dieſen Hof eine mächtige Stimme oben von der Treppe herab hätte können ſchallen hören, während ein Schüler, den unſere Geſchichts⸗ ſchreiber⸗Unparteilichkeit in die dritte Klaſſe, d. h. in die Klaſſe der Faulen einzureihen, uns zwingt, haſtig die Stufen herab ſtieg und dabei mit den Schultern die Bewegung machte, welche die Eſel anwenden, um ihren Reiter abzuwerfen, und die Schüler, die einen 6 Boden des Platzes wirbelnd an einander ſchlugen, und durch den Geſang eines Waldſpatzes, der die auf der Erde hinſtreifenden Fliegen verfolgte, unterbrochen wurde, ſchlug es elf Uhr in dem ſpitzigen, mit Schieſer bedeckten Glockenthurme der Stadt. Sogleich erſcholl ein Hurrah, ahnlich dem, welches ein ganzes Regiment Trabanten ausſtoßen würde, in Begleitung von einem Geräuſch, das man mit dem vergleichen konnte, welches eine von Felſen zu Felſen ſpringende Lawine hören läßt; die zwiſchen den zwei Acacien angebrachte Thüre öffnete ſich oder ſpaltete ſich vielmehr und ließ einen Kinderſtrom durch, der ſich auf dem Platze verbreitete, wo ſich ſogleich fünf bis ſechs muntere, lärmende Gruppen bildeten, und zwar die einen um einen zum Zuruckhalten der gefangenen Kreiſel beſtimmten Ring, die anderen vor einem mit weißer Kreide gezeichneten Mühlenſpiel, wieder andere vor mehreren regelmäßig ausgegrabenen Löchern, in denen die Kugel, ſtille haltend, diejenigen, welche ſie angetrieben hatten, gewinnen oder verlieren machte. Zu gleicher Zeit, wenn die ſpielenden Schüler, welche die Nachbarn, deren ſpärliche Fenſter auf den Platz gingen, mit dem Namen ſchlechte Subjecte ſchmückten, und die in der Regel in Hoſen mit Löchern an den Kuieen und in Wämmſer mit zerriſſenen Ellen⸗ bogen gekleidet waren, auf dem Platze erſchienen, ſah man auch diejenigen, welche man die vernünftigen Schüler nannte, diejenigen, welche, nach der Behaup⸗ tung der Gevatterinnen, die Freude und den Stolz ihrer Eltern bilden mußten, ſich von der Maſſe trennen und auf verſchiedenen Straßen mit einem Schritt, deſſen Langſamkeit das Bedauern bezeichnete, ihren Korb in der Hand, nach dem väterlichen Hauſe zurück⸗ kehren, wo Buttertörtchen oder kleine Kuchen mir Ein⸗ gemachtem, als Entſchädigung für die Spiele, auf die ſie verzichteten, ihrer harrten. Dieſe waren im Allge⸗ meinen mit Wämmſern in ziemlich gutem Zuſtand und Geißelhieb bekommen haben, um den Schmerz abzu⸗ ſchütteln. „Ah! Ungläubiger, ah! kleiner Ausgebannter,“ ſagte die Stimme,„ah! Otterngezücht, entferne Dich, gehe, vade, vade. Erinnere Dich, daß ich drei Jahre geduldig geweſen bin, daß es aber Burſche gibt, welche die Gevuld des ewigen Vaters ermüden würden. Heute iſt es vorbei, und zwar ganz vorbei. Nimm Deine Eich⸗ hörnchen, nimm Deine Fröſche, nimm Deine Eidechſen, nimm Deine Seidenwürmer, nimm Deine Maikäſer und gehe zu Deiner Tante, gehe zu Deinem Oheim, wenn Du einen haſt, zum Teufel, kurz, wohin Du willſt, wenn ich Dich nur nicht wiederſehe! vade, vade.“ „O mein guter Herr Fortier, verzeihen Sie mir,“ erwiederte auf der Treppe eine andere Stimme;„iſt es denn der Mühe werth, daß Sie ſo in Zorn gerathen über einen armſeligen kleinen Barbarismus und einige Solecismen, wie Sie es nennen.“ „Drei Barbarismen und ſieben Solecismen in einem Thema von fünfundzwanzig Zeilen!“ entgegnete die zornige Stimme. „Das war heute ſo, Herr Abbé, ich gebe zu, der Donnerstag iſt mein Ungluckstag; wäre aber zufällig morgen meine Aufgabe gut, würden Sie mir mein heutiges Mißgeſchick nicht verzeihen? ſprechen Sie, Herr Abbé.“ „Seit drei Jahren wiederholſt Du mir alle Com⸗ poſitionstage daſſelbe, Taugenichts; und die Prüfung iſt auf den erſten November feſtgeſetzt und ich, der ich auf die Bitte Deiner Tante Angélique die Schwäche gehabt habe, Dich als Candidat für das in dieſem Augenblick beim Seminar von Soiſſons erledigte Sti⸗ pendium aufzuführen, ich werde die Schmach erleben, meinen Zögling zurückweiſen zu ſehen und überall aus⸗ rufen zu hören: Ange Pitvu iſt ein Eſel; Angelus Pitovius asinus est.“ Bemerken wir ſogleich, damit der wohlwollende —— 7 mit ungefähr tadelloſen Hoſen bekleidet; was ſie mit ihrer ſo ſehr berühmten Weisheit zu Gegenſtänden des Spottes oder ſogar des Haſſes für ihre minder gut ge⸗ kleideten und beſonders minder gut disciplinirten Ge⸗ fährten machte. Außer den zwei genannten Klaſſen, die wir unter dem Namen ſpielende Schüler und vernünftige Schüler bezeichnet haben, beſtand noch eine dritte, die wir unter dem Namen träge Schüler bezeichnen werden, welche beinahe nie mit den Andern herauskam, um auf dem Schloßplatz zu ſpielen oder nach dem väter⸗ lichen Hauſe zurückzukehren, in Betracht, daß dieſe unglückliche Klaſſe beinahe beſtändig zurückgehalten blieb: während nämlich ihre Kameraden, nachdem ſie ihre Ueberſetzungen und Aufgaben gemacht, mit dem Kreiſel ſpielten oder Toͤrtchen aßen, blieben dieſe Schüler an ihre Bänke oder vor ihre Pulte genagelt, um während der Erholungsſtunden die Ueberſetzungen und Aufgaben zu machen, die ſie während der Klaſſe nicht gemacht hatten, wenn nicht gar die Gewichtigkeit ihres Fehlers dem Zurückbehalten die höhere Strafe der Peitſche, der Ruthen oder der Schulgeißel beifügte. Dergeſtalt, daß, wenn man, um in die Klaſſen zu⸗ rückzukehren, dem Wege gefolgt wäre, dem die Schüler, um hinauszugehen, in umgekehrter Richtung gefolgt waren, nachdem man längs einem Gäßchen hingegangen, das am Obſtgarten vorüberführte und ſodann in einen großen, für die inneren Recreationen dienenden Hof ausmündete, beim Eintritt in dieſen Hof eine mächtige Stimme oben von der Treppe herab hätte können ſchallen hören, während ein Schüler, den unſere Geſchichts⸗ ſchreiber⸗Unparteilichkeit in die dritte Klaſſe, d. h. in die Klaſſe der Faulen einzureihen, uns zwingt, haſtig die Stufen herab ſtieg und dabei mit den Schultern die Bewegung machte, welche die Eſel anwenden, um ihren Reiter abzuwerfen, und die Schüler, die einen Ww* W* — 8— 8„ S* 9 Leſer Alles Intereſſe an ihm nimmt, das er verdient, daß Ange Piton, deſſen Name der Abbé Fortier ſo maleriſch latiniſirt hatte, der Held dieſer Geſchichte iſt. „O mein guter Herr Fortier! omein lieber Lehrer!“ erwiederte der Schüler in Verzweiflung. „Ich, Dein Lehrer!“ rief der Abbé, tief gedemüthigt durch dieſe Benennung.„Gott ſei Dank, ich bin eben ſo wenig Dein Lehrer, als Du mein Schüler biſt; ich verleugne Dich, ich kenne Dich nicht; ich wollte, ich hätte Dich nie geſehen, ich verbiete Dir, mich zu nennen, und ſogar, mich zu grüßen. Retro, Unglücklicher, retro.“ „Herr Abbé,“ beharrte der unglückliche Pitou, für den es von ernſtem Intereſſe zu ſein ſchien, daß er ſich nicht mit ſeinem Lehrer entzweite,„Herr Abbé, ich flehe ſie an, entziehen Sie mir nicht Ihre Theil⸗ nahme wegen einer verſtümmelten Aufgabe.“ „Ah!“ rief außer ſich gebracht durch dieſe letzte Bitte der Abbé, indem er die vier erſten Stuſen hin⸗ abſtieg, während durch eine gleiche Bewegung Ange Piton die vier letzten hinabeilte und im Hoſe zu er⸗ ſcheinen anfing,„ah! Du machſt Logik, während Du nicht einmal ein Thema machen kannſtz Du berechneſt die Kräfte meiner Geduld, während Du nicht einmal den Nominativ vom Aceuſativ zu unterſcheiden weißt?“ „Herr Abbs, Sie ſind ſo gut gegen mich geweſen, daß Sie nur ein Wort zum hochwürdigſten Biſchof, der uns prüft, zu ſagen brauchen,“ erwiederte der Bar⸗ barismenmacher. „Ich Unglücklicher ſoll wider mein Gewiſſen lügen?“ „Wenn es einer guten Handlung wegen geſchieht, ſo wird Ihnen unſer Herrgott verzeihen.“ „Nie! nie!“ „Und dann, wer weiß? Die Eraminatoren werden vielleicht nicht ſtrenger gegen mich ſein, als ſie es zu Gunſten von Sebaſtien Gilbert, meinem Milchbruder, 8 Geißelhieb bekommen haben, um den Schmerz abzu⸗ ſchütteln. „Ah! Ungläubiger, ah! kleiner Ausgebannter,“ ſagte die Stimme,„ah! Otterngezücht, entferne Dich, gehe, vade, vade. Erinnere Dich, daß ich drei Jahre geduldig geweſen bin, daß es aber Burſche gibt, welche die Geduld des ewigen Vaters ermüden würden. Heute iſt es vorbei, und zwar ganz vorbei. Nimm Deine Eich⸗ hörnchen, nimm Deine Fröſche, nimm Deine Eidechſen, nimm Deine Seidenwürmer, nimm Deine Maikäfer und gehe zu Deiner Tante, gehe zu Deinem Oheim, wenn Du einen haſt, zum Teufel, kurz, wohin Du willſt, wenn ich Dich nur nicht wiederſehe! Vade, vade.“ „O mein guter Herr Fortier, verzeihen Sie mir,“ erwiederte auf der Treppe eine andere Stimme;„iſt es denn der Mühe werth, daß Sie ſo in Zorn gerathen über einen armſeligen kleinen Barbarismus und einige Solecismen, wie Sie es nennen.“ „Drei Barbarismen und ſieben Soleeismen in einem Thema von fünfundzwanzig Zeilen!“ entgegnete die zornige Stimme. „Das war heute ſo, Herr Abbé, ich gebe zu, der Donnerstag iſt mein Ungluſckstag; wäre aber zufällig morgen meine Aufgabe gut, würden Sie mir mein heutiges Mißgeſchick nicht verzeihen? ſprechen Sie, Herr Abbé.“ „Seit drei Jahren wiederholſt Du mir alle Com⸗ poſitionstage daſſelbe, Taugenichts; und die Prüfung iſt auf den erſten November feſtgeſetzt und ich, der ich auf die Bitte Deiner Tante Angélique die Schwäche gehabt habe, Dich als Candidat für das in dieſem Augenblick beim Seminar von Soiſſons erledigte Sti⸗ endium aufzuführen, ich werde die Schmach erleben, leinen Zögling zuruckweiſen zu ſehen und überall aus⸗ rufen zu hören: Ange Pitou iſt ein Eſel; Angelus Pitovius asinus est.“ 4 Bemerken wir ſogleich, damit der wohlwollende geweſen ſind, als er ſich im vergangenen Jahr um das ariſer Stipendium bewarb. Er war doch ein Bar⸗ barismenmacher, Gott ſei Dank! obgleich er erſt drei⸗ zehn Jähre und ich ſiebzehn.“ „Ahl das iſt doch einfältig,“ rief der Abbs, der die übrigen Stufen vollends herabſtieg und nun mit ſeiner Geißel in der Hand ebenfalls erſchien, während Piton kluger Weiſe zwiſchen ſich und ſeinem Profeſſor die erſte Entfernung behauptete.„Ja, ich ſage einfäl⸗ tig,“ fügte er, die Arme kreuzend und ſeinen Schüler mit Entrüſtung anſchauend, bei.„Das iſt alſo der Preis meiner Lectionen in der Dialektik! dreifaches Thier! erinnerſt Du Dich ſo des Axioms: Moti minora, loqui majora volens. Gerade weil Gilbert jünger war als Du, iſt man nachſichtig gegen ein vierzehn⸗ jähriges Kind geweſen, während man es nicht gegen einen großen Dummkopf von achtzehn Jahren ſein wird.“ „Ja, und auch weil er der Sohn von Herrn Honoré Gilbert iſt, der achtzehntauſend Livres Einkünfte aus guten Gütern nur auf der Ebene von Pilleleur hat,“ erwiederte mit kläglichem Ton der Logiker. Der Abbé Fortier ſchaute Pitou die Lippen vor⸗ ſtreckend und die Stirne faltend an. „Das iſt minder dumm,“ brummte er, nachdem er ſeinen Schüler ſtillſchweigend einen Angenblick betrach⸗ tet hatte.„Indeſſen iſt es nur ſcheinbar und nicht begründet.“ „Oh! wenn ich der Sohn eines Mannes von acht⸗ zehntauſend Livres Rente wäre!“ wiederholte Ange Pitou, der bemerkt zu haben glaubte, ſeine Antwort habe einigen Eindruck auf ſeinen Profeſſor gemacht. „Ja, doch Du biſt es nicht. Dagegen biſt Du unwiffend, wie der Burſche von dem JuLenal ſpricht; eine profane Citativn,— der Abbs bekreuzte ſich— aber nicht minder richtig. Arcadius Juvenis. wette, daß Du nicht einmal weißt, was Arcadius ſagen will.“ 1———+ 18—— — —— 9 Leſer Alles Intereſſe an ihm nimmt, das er verdient, daß Ange Pitou, deſſen Name der Abbé Fortier ſo maleriſch latiniſirt hatte, der Held dieſer Geſchichte iſt. „O mein guter Herr Fortier! omein lieber Lehrer!“ erwiederte der Schüler in Verzweiflung. „Ich, Dein Lehrer!“ rief der Abbé, tief gedemüthigt durch dieſe Benennung.„Gott ſei Dank, ich bin eben ſo wenig Dein Lehrer, als Du mein Schüler biſt; ich verleugne Dich, ich kenne Dich nicht; ich wollte, ich hätte Dich nie geſehen, ich verbiete Dir, mich zu nennen, und ſogar, mich zu grüßen. Retro, Unglücklicher, retro.“ „Herr Abbé,“ beharrte der unglückliche Piton, für den es von ernſtem Intereſſe zu ſein ſchien, daß er ſich nicht mit ſeinem Lehrer entzweite,„Herr Abbé, ich flehe ſte an, entziehen Sie mir nicht Ihre Theil⸗ nahme wegen einer verſtümmelten Aufgabe.“ „Ah!“ rief außer ſich gebracht durch dieſe letzte Bitte der Abbé, indem er die vier erſten Stufen hin⸗ abſtieg, während durch eine gleiche Bewegung Ange Pitou die vier letzten hinabeilte und im Hofe zu er⸗ ſcheinen anfing,„ah! Du machſt Logik, während Du nicht einmal ein Thema machen kannſt; Du berechneſt die Kräfte meiner Geduld, während Du nicht einmal den Nominativ vom Accuſativ zu unterſcheiden weißt?“ „Herr Abbé, Sie ſind ſo gut gegen mich geweſen, daß Sie nur ein Wort zum hochwürdigſten Biſchof, der uns prüft, zu ſagen brauchen,“ erwiederte der Bar⸗ barismenmacher. „Ich Unglücklicher ſoll wider mein Gewiſſen lügen?“ wienn es Läner guten Handlung wegen geſchieht, o wird Ihnen unſer Herrgott verzeihen.“ 4 „Niel nie!“ 1 zeig* „Und dann, wer weiß? Die Examinatoren werden vielleicht nicht ſtrenger gegen mich ſein, als ſie es zu Gäönſten von Sebaſtien Gilbert, meinem Milchbruder, — M S c. 8 8 M 1¹ „Bei Gott! arcadiſch,“ antwortete Ange Pitou, in⸗ dem er ſich mit der Mündigkeit des Stolzes aufrichtete. „Und dann weiter?“ „Was weiter?“ „Arcadien war das Land der Eſel und bei den Alten wie bei uns war asinus ſynonym mit stultus.“ „Ich wollte die Sache nicht ſo verſtehen,“ ſagte Pitou,„in Betracht, daß der Gedanke, der ſtrenge Geiſt meines würdigen Profeſſors könnte ſich bis zur Sathre erniedrigen, weit von mir entfernt war.“ Und der Abbé Fortier ſchaute ihn zum zweiten Male mit nicht minder tiefer Aufmerkſamkeit als das erſte Mal an. „Bei meinem Wort,“ murmelte er, ein wenig be⸗ ſänftigt durch den Weihrauch ſeines Schülers,„es gibt Augenblicke, wo man darauf ſchwören würde, der Burſche ſei nicht ſo dumm, als er ausſieht.“ „Ah! Herr Abbé,“ ſagte Pitou, der, wenn nicht die Worte des Profeſſors gehört, doch in ſeinem Geſicht den Ausdruck der Rückkehr zum Mitleid erhaſcht hatte, „verzeihen Sie mir, und Sie ſollen ſehen, welch ein ſchönes Thema ich morgen machen werde.“ „Nun denn! ich willige ein,“ erwiederte der Abbé, indem er zum Zeichen des Waffenſtillſtands ſeine Geißel in ſeinen Gürtel ſteckte und ſich Piton näherte, der auf dieſe friedliche Demonſtration an ſeinem Platze zu bleiben ſich entſchloß. „Oh! ich danke, ich danke!“ rief der Schüler. „Warte und danke nicht ſo raſch; ja, ich verzeihe Dir, doch unter einer Bedingung.“ Pitou neigte das Haupt und wartete mit Reſig⸗ nativn, da er der Willkür des Lehrers anheimge⸗ geben war. „Unter der, daß Du mir ohne Fehler auf eine Frage antworteſt, die ich an Dich richten werde.“ „In lateiniſcher Sprache?“ fragte Piton ängſtlich. „Lateiniſch,“ erwiederte der Profeſſor. 10 geweſen find, als er ſich im vergangenen Jahr um das Pariſer Stipendium bewarb. Er war doch ein Bar⸗ barismenmacher, Gott ſei Dank! obgleich er erſt drei⸗ zehn Jahre und ich ſiebzehn.“ „Ahl das iſt doch einfältig,“ rief der Abbé, der die übrigen Stufen vollends herabſtieg und nun mit ſeiner Geißel in der Hand ebenfalls erſchien, während Pitou kluger Weiſe zwiſchen ſich und ſeinem Profeſſor die erſte Entfernung behauptete.„Ja, ich ſage einfäl⸗ tig,“ fügte er, die Arme kreuzend und ſeinen Schüler mit Entrüſtung anſchauend, bei,„Das iſt alſo der Preis meiner Lectionen in der Dialektik! dreifaches Thier! erinnerſt Du Dich ſo des Arioms: Noti minora, loqui majora volens. Gerade weil Gilbert jünger war als Du, iſt man nachſichtig gegen ein vierzehn⸗ jähriges Kind geweſen, während man es nicht gegen einen großen Dummkopf von achtzehn Jahren ſein wird.“ „Ja, und auch weil er der Sohn von Herrn Honoré Gilbert iſt, der achtzehntauſend Livres Einkünfte aus guten Gütern nur auf der Ebene von Pilleleux hat,“ erwiederte mit kläglichem Ton der Logiker. Der Abbé Fortier ſchaute Pitou die Lippen vor⸗ ſtreckend und die Stirne faltend an.. „Das iſt minder dumm,“ brummte er, nachdem er ſeinen Schuler ſtillſchweigend einen Augenblick betrach⸗ tet hatte.„Indeſſen iſt es nur ſcheinbar und nicht begründet.“ „Ohl wenn ich der Sohn eines Mannes von acht⸗ zehntauſend Livres Rente wäre!“ wiederholte Ange Pitou, der bemerkt zu haben glaubte, ſeine Antwort habe einigen Eindruck auf ſeinen Profeſſor gemacht. „Ja, doch Du biſt es nicht. Dagegen biſt Du unwiſſend, wie der Burſche von dem Juvenal ſpricht; eine profane Citation,— der Abbé bekreuzte ſich— aber nicht minder richtig. Arcadius Juvenis. wette, daß Du nicht einmal weißt, was Arcadius ſagen will.“ 12 Piton ſtieß einen Seufzer aus. 6 In einem kurzen Zwiſchenraume, der nun eintrat, drangen die freudigen Schreie der Schüler, welche auf n Schloßplatz ſpielten, bis zu den Ohren von Ange itou. Piton ſtieß einen noch tieferen Seufzer aus. „Quid virtus, quid religio?“ fragte der Abbé. Mit dem Nachdruck des Pädagogen ausgeſprochen, erſchollen dieſe Worte in den Ohren des armen Piton wie der Trompetenſtoß des Engels vom jüngſten Ge⸗ richt. Ein Wolke zog vor ſeinem Auge hin, und es ging in ſeinem Verſtande eine ſolche Anſtrengung vor, daß er einen Augenblick die Möglichkeit, ein Narr zu werden, begriff. In Folge dieſer Hirnarbeit, die, ſo gewaltig ſie war, doch kein Reſultat herbeiführte, ließ die ver⸗ langte Antwort unbeſtimmte Zeit auf ſich warten; man hörte nun das gedehnte Geräuſch einer Priſe Tabak, welche langſam der furchtbare Frager ſchnupfte. Pitou ſah wohl, daß er ein Ende machen mußte.⸗ „Mescio“ ſagte er, in der Hoffnung, ſeine Un⸗ wiſſenheit würde ihm verziehen werden, wenn er ſie in lateiniſcher Sprache geſtünde. „Du weißt nicht, was die Tugend iſt?“ rief der Abbé, erſtickend vor Zorn;„Du weißt nicht, was die Religion iſt?“ „Ich weiß es wohl franzöſiſch,“ erwiederte Ange, aber ich weiß es nicht lateiniſch.“ „So gehe nach Arcadien, Juvenis, Alles iſt vorbei zwiſchen uns, Wicht!“ Pitou war ſo niedergeſchmettert, daß er nicht einen Schritt machte, um zu fliehen, obgleich der Abbé For⸗ tier ſeine Geißel aus ſeinem Guͤrtel mit ebenſo viel Würde gezogen hatte, als im Augenblick der Schlacht ein Heerführer ſein Schwert aus der Scheide gezogen hätt e. 2 „Aber was ſoll aus mir werden?“ fragte das 6 —— ee e„ —— 11 „Bei Gott! arcadiſch,“ antwortete Ange Pitou, in⸗ dem er ſich mit der Mündigkeit des Stolzes aufrichtete. „Und dann weiter?“ „Was weiter?“ „Arcadien war das Land der Eſel und bei den Alten wie bei uns war asinus ſynonym mit stultus.“ „Ich wollte die Sache nicht ſo verſtehen,“ ſagte Pitou,„in Betracht, daß der Gedanke, der ſtrenge Geiſt meines würdigen Profeſſors könnte ſich bis zur Satyre erniedrigen, weit von mir entfernt war.“ Und der Abbé Fortier ſchaute ihn zum zweiten Male mit nicht minder tiefer Aufmerkſamkeit als das erſte Mal an. „Bei meinem Wort,“ murmelte er, ein wenig be⸗ ſänftigt durch den Weihrauch ſeines Schülers,„es gibt Augenblicke, wo man darauf ſchwören würde, der Burſche ſei nicht ſo dumm, als er ausſieht.“ „Ah! Herr Abbé,“ ſagte Pitou, der, wenn nicht die Worte des Profeſſors gehört, doch in ſeinem Geſicht den Ausdruck der Rückkehr zum Mitleid erhaſcht hatte, „verzeihen Sie mir, und Sie ſollen ſehen, welch ein ſchönes Thema ich morgen machen werde.“ „Nun denn! ich willige ein,“ erwiederte der Abbé, indem er zum Zeichen des Waffenſtillſtands ſeine Geißel in ſeinen Gürtel ſteckte und ſich Pitou näherte, der auf dieſe friedliche Demonſtration an ſeinem Platze zu bleiben ſich entſchloß. „Oh! ich danke, ich danke!“ rief der Schüler. „Warte und danke nicht ſo raſch; ja, ich verzeihe Dir, doch unter einer Bedingung.“ Piton neigte das Haupt und wartete mit Reſig⸗ nation, da er der Willkür des Lehrers anheimge⸗ geben war. „Unter der, daß Du mir ohne Fehler auf eine Frage antworteſt, die ich an Dich richten werde.“ „In lateiniſcher Sprache?“ fragte Pitou ängſtlich. „Lateiniſch,“ erwiederte der Profeſſor. er die ge, bei nen or⸗ viel acht gen das 13 arme Kind, indem es ſeine beiden Arme träge an ſeiner Seite hinabhängen ließ,„was ſoll aus mir werden, wenn ich die Hoffnung, in das Seminar einzutreten, verliere?“ „Werde, was Du kannſt, das iſt mir, bei Gott, gleichgültig.“ „Wiſſen Sie denn nicht, daß meine Tante glaubt, ich ſei ſchon Abbé?“ „Nun, ſie wird erfahren, daß Du nicht einmal zum Meßner taugſt.“ „Aber, Herr Fortier. „Ich ſage Dir gehe Limina lingue.“ „Auf denn!“ ſagte Piton wie ein Menſch, der einen ſchmerzlichen Entſchluß faßt, aber ihn dennoch faßt. „Wollen Sie mir mein Pult laſſen?“ fragte Pitou, in der Hoffnung, während der kurzen Friſt, die ihm gegönnt wäre, würde das Herz des Abbs Fortier zu mitleidigeren Gefühlen zurückkehren. „Ich glaube wohl,“ antwortete dieſer,„Dein Pult und Alles, was es enthält.“ Piton ſtieg mit kläglicher Miene die Treppe hinauf, denn die Klaſſe war im erſten Stock. Er trat in die Stube ein, wo um einen großen Tiſch verſammelt etwa vierzig Schüler ſich den Anſchein gaben, als arbeiteten ſie, öffnete vorſichtig den Deckel ſeines Pultes, um zu ſehen, ob die Gäſte, die es enthielt, vollzählig wären, hob es mit einer Behutſamkeit auf, welche von ſeiner großen Sorgfalt für ſeine Zöglinge zeugte, und ſchlug mit langſamem, abgemeſſenem Schritt wieder den Weg nach der Hausflur ein. Oben auf der Treppe ſtand mit ausgeſtrecktem Arm der Abbé Fortier und deutete mit dem Ende ſeiner Geißel die Stufe hinab. Man mußte durch die eautiniſchen Päſſe gehen; Ange Pitou machte ſich ſo demüthig und klein, als er nur immer konnte. Deſſen ungeachtet erhielt er beim Durchgang noch eine letzte Tracht mit dem Werkzeug, 12 Pitou ſtieß einen Seufzer aus. In einem lurzen Zwiſchenraume, der nun eintrat, drangen die freudigen Schreie der Schüler, welche auf den Schloßplatz ſpielten, bis zu den Ohren von Ange ou. Pitou ſtieß einen noch tieferen Seufzer aus. „Quid virtus, quid religio?“ fragte der Abbé. Mit dem Nachdruck des Pädagogen ausgeſprochen, erſchollen dieſe Worte in den Ohren des armen Pitou wie der Trompetenſtoß des Engels vom jüngſten Ge⸗ richt. Ein Wolke zog vor ſeinem Auge hin, und es ging in ſeinem Verſtande eine ſolche Anſtrengung vor, daß er einen Augenblick die Möglichkeit, ein Narr zu werden, begriff.. In Folge dieſer Hirnarbeit, die, ſo gewaltig ſie war, doch kein Reſultat herbeiführte, ließ die ver⸗ langte Antwort unbeſtimmte Zeit auf ſich warten; man hörte nun das gedehnte Geräuſch einer Priſe Tabak, welche langſam der furchtbare Frager ſchnupfte. Pitou ſah wohl, daß er ein Ende machen mußte. „Nescio“ ſagte er, in der Hoffnung, ſeine Un⸗ wiſſenheit würde ihm verziehen werden, wenn er ſie in lateiniſcher Sprache geſtünde. „Du weißt nicht, was die Tugend iſt?“ rief der Abbé, erſtickend vor Zorn;„Du weißt nicht, was die Religion iſt?“ 1 „Ich weiß es wohl franzöſiſch,“ erwiederte Ange, aber ich weiß es nicht lateiniſch.“. „So gehe nach Arcadien, Juvenis, Alles iſt vorbei zwiſchen uns, Wicht!“ Pitou war ſo niedergeſchmettert, daß er nicht einen Schritt machte, um zu ſtiehen, obgleich der Abbé For⸗ tier ſeine Geißel aus ſeinem Gürtel mit ebenſo viel Würde gezogen hatte, als im Augenblick der Schlacht hn Seerſühier ſein Schwert aus der Scheide gezogen hätte. „Aber was ſoll aus mir werden?“ fragte das dem der Abbé Fortier ſeine beſten Schüler zu ver⸗ danken gehabt hatte, und deſſen Anwendung, obgleich ſie häufiger und ausgedehnter bei Ange Pikvu, als bei irgend einem Andern, vorgekommen, wie man geſehen, von einem nur mittelmäßigen Reſultat geweſen war. Während Ange Pitou, eine letzte Thräne trocknend, mit ſeinem Pulte auf dem Kopf nach dem Pleur, dem Quartiere der Stadt wandert, wo ſeine Tante wohnt, ſagen wir ein paar Worte von ſeinem Aeußern und von ſeinen Lebensvorgängen. II. Worin bewieſen wird, daß eine Tante nicht immer eine Mutter iſt. Louis Ange Pitou war, wie er dies ſelbſt in ſeinem Geſpräche mit dem Abbé Fortier geſagt, in der Zeit, wo ſich dieſe Geſchichte eröffnet, ſiebzehn und ein halbes Jahr alt. Es war ein langer, hagerer Junge, mit gelben Haaren, rothen Wangen und fayenceblauen Augen. Die Blüthe der friſchen, unſchuldigen Jugend dehnte ſich auf ſeenem breiten Mund aus, deſſen dicke Lippen, indem ſie ſich übermäßig ſpalteten, zwei voll⸗ ſtändige Reihen furchtbarer Zähne entblößten, furcht⸗ bar fuͤr diejenigen, deren Rittagsbrod ſie zu cheilen beſtimmt waren. Am Ende ſeiner langen, knochigen Arme hingen, ſolid befeſtigt, Hände ſo breit wie Tennenpatſchen; ziemlich gebogene Beine, Kniee, ſo dick wie Kindsköpfe, welche ſeine enge ſchwarze Hoſe ſpringen machten, ungeheure Füße, die jedoch bequem in den durch den Gebrauch gerötheten kalbsledernen S Flatz hatten: dies war, mit einer Art von Kittel von brauner Sarſche, das genaue, unparteiiſche Signalement vom Erſchuler des Abbé Fortier. Es hleiht uns noch die morgliſche Seite zu ſchildern. 13 arme Kind, indem es ſeine beiden Arme träge an ſeiner Seite hinabhängen ließ,„was ſoll aus mir werden, wenn ich die Hoffnung, in das Seminar einzutreten, verliere?“ „Werde, was Du kannſt, das iſt mir, bei Gott, gleichgültig.“ „Wiſſen Sie denn nicht, daß meine Tante glaubt, ich ſei ſchon Abbé 70 „Nun, ſie wird erfahren, daß Du nicht einmal zum Meßner taugſt.“ „Aber, Herr Fortier..“ „Ich ſage Dir gehe Limina lingue.“ „Auf denn!“ ſagte Pitou wie ein Menſch, der einen ſchmerzlichen Entſchluß faßt, aber ihn dennoch faßt. „Wollen Sie mir mein Pult laſſen?⸗ fragte Pitou, in der Hoffnung, während der kurzen Friſt, die ihm gegönnt wäre, würde das Herz des Abbé Fortier zu mitleidigeren Gefühlen zurückkehren. „Ich glaube wohl,“ antwortete dieſer,„Dein Pult und Alles, was es enthält.“ Pitou ſtieg mit kläglicher Miene die Treppe hinauf, denn die Klaſſe war im erſten Stock. Er trat in die Stube ein, wo um einen großen Tiſch verſammelt etwa vierzig Schüler ſich den Anſchein gaben, als arbeiteten ſie, öffnete vorſichtig den Deckel ſeines Pultes, um zu ſehen, ob die Gäſte, die es enthielt, vollzählig wären, hob es mit einer Behutſamkeit auf, welche von ſeiner großen Sorgfalt für ſeine Zöglinge zeugte, und ſchlug mit langſamem, abgemeſſenem Schritt wieder den Weg nach der Hausflur ein. Oben auf der Treppe ſtand mit ausgeſtrecktem Arm der Abbé Fortier und deutete mit dem Ende ſeiner Geißel die Stufe hinab. Man mußte durch die cautiniſchen Päſſe gehen; Ange Pitou machte ſich ſo demüthig und klein, als er nur immer konnte. Deſſen ungeachtet erhielt er beim Durchgang noch eine letzte Tracht mit dem Werkzeug, 15 Ange Pitou wurde im Alter von zwölf Jahren Waiſe, zu welcher Zeit er das Unglück gehabt hatte, ſeine Mutter zu verlieren, deren einziger Sohn er geweſen. Damit iſt geſagt, daß ſeit dem Tode ſeines Vaters, welcher ſtarb, ehe er das Alter des Be⸗ wußtſeins erreichte, Ange Pitou, von ſeiner Mutter angebetet, ungefähr gethan, was er gewollt, was, ſeine phyſiſche Erziehung ungemein entwickelt, aber ſeine moraliſche Erziehung gänzlich im Rückſtand gelaſſen hatte. In dem reizenden Dorfe Haramont, das, eine Meile von der Stadt, mitten im Walde lag, geboren, waren ſeine erſten Ausflüge der Erforſchung bes heimath⸗ lichen Waldes und die erſte Anwendung ſeines Ver⸗ ſtandes der Bekriegung der Thiere, die ihn bewohnten, geweiht geweſen. Aus dieſem, einem einzigen Ziele zugewendeten Streben erfolgte, daß mit zehn Jahren Ange Pitou ein ausgezeichneter Wilddieb und ein Vogelſteller erſten Ranges war, und zwar ohne Arbeit und beſonders ohne Lectionen, ganz allein durch die Stärke des von der Natur dem inmitten der Wälder geborenen Menſchen verliehenen Inſtinctes, der ein Theil von demjenigen zu ſein ſcheint, welchen ſie den Thieren gegeben hat. Es war ihm auch nicht eine ährte von Haſen oder Kaninchen unbekannk. Auf drei Meilen in der Runde war nicht ein Tränkherd ſeiner Forſchung entgangen, und überall fand man die Spuren ſchnes Meſſers auf den für den Vogelfang geeigneten Bäumen. Durch dieſe unabläſſig wieder⸗ holten Uebungen hatte Piton eine ganz außerordent⸗ liche Stärke erlangt. Mittelſt ſeiner langen Arme und ſeiner ſtarken Kniee, die ihm die reſpectabelſten Aeſte zu umfangen geſtatteten, ſtieg er auf die Bäume, um die höchſten Reſter mit einer Behendigkeit und Sicherheit auszu⸗ nehmen, die ihm die Bewunderung ſeiner Kameraden zuzog und unker einer dem Aeguator näheren Breite die Ichtung der Affen bei der Jagd mit der Lockpfeife 14 dem der Abbé Fortier ſeine beſten Schüler zu ver⸗ danken gehabt hatte, und deſſen Anwendung, obgleich ſie häuftger und ausgedehnter bei Ange Piton, als bei irgend einem Andern, vorgekommen, wie man geſehen, von einem nur mittelmäßigen Reſultat geweſen war. Während Ange Pitou, eine letzte Thräne trocknend, mit ſeinem Pulte auf dem Kopf nach dem Pleux, dem Quartiere der Stadt wandert, wo ſeine Tante wohnt, ſagen wir ein paar Worte von ſeinem Aeußern und von ſeinen Lebensvorgängen. II. Worin bewieſen wird, daß eine Tante nicht immer eine Mutter iſt. Louis Ange Piton war, wie er dies ſelbſt in ſeinem Geſpräche mit dem Abbé Fortier geſagt, in der Zeit, wo ſich dieſe Geſchichte eröffnet, ſiebzehn und ein halbes Jahr alt. Es war ein langer, hagerer Junge, mit gelben Haaren, rothen Wangen und fayenceblauen Augen. Die Blüthe der friſchen, unſchuldigen Jugend dehnte ſich auf ſeinem breiten Mund aus, deſſen dicke Lippen, indem ſie ſich übermäßig ſpalteten, zwei voll⸗ ſtändige Reihen furchtbarer Zähne entblößten, furcht⸗ bar für diejenigen, deren Mittagsbrod ſie zu theilen beſtimmt waren. Am Ende ſeiner langen, knochigen Arme hingen, ſolid befeſtigt, Hände ſo breit wie Tennenpatſchen; ziemlich gebogene Beine, Kniee, ſo dick wie Kindsköpfe, welche ſeine enge ſchwarze Hoſe ſpringen machten, ungeheure Füße, die jedoch bequem in den durch den Gebrauch gerötheten kalbsledernen Schuhen Platz hatten: dies war, mit einer Art von Kittel von brauner Sarſche, das genaue, unparteiiſche Signalement vom Erſchüler des Abbé Fortier. Es bleibt uns noch die moraliſche Seite zu ſchildern. ͤͤ— n———r——, ,————„——,, —S— SE qʃ ⁸ ,Au mE PY-——— 15 Ange Pitou wurde im Alter von zwöͤlf Jahren Waiſe, zu welcher Zeit er das Unglück gehabt hatte, ſeine Mutter zu verlieren, deren einziger Sohn er geweſen. Damit iſt geſagt, daß ſeit dem Tode ſeines Vaters, welcher ſtarb, ehe er das Alter des Be⸗ wußtſeins erreichte, Ange Pitou, von ſeiner Mutter angebetet, ungefähr gethan, was er gewollt, was, ſeine phyſiſche Erziehung ungemein entwickelt, aber ſeine moraliſche Erziehung gänzlich im Rückſtand gelaſſen hatte. In dem reizenden Dorfe Haramont, das, eine Meile von der Stadt, mitten im Walde lag, geboren, waren ſeine erſten Ausflüge der Erforſchung des heimath⸗ lichen Waldes und die erſte Anwendung ſeines Ver⸗ ſtandes der Bekriegung der Thiere, die ihn bewohnten, geweiht geweſen. Aus dieſem, einem einzigen Ziele zugewendeten Streben erfolgte, daß mit zehn Jahren Ange Piton ein ausgezeichneter Wilddieb und ein Vogelſteller erſten Ranges war, und zwar ohne Arbeit und beſonders ohne Lectionen, ganz allein durch die Stärke des von der Natur dem inmitten der Wälder geborenen Menſchen verliehenen Inſtinctes, der ein Theil von demjenigen zu ſein ſcheint, welchen fie den Thieren gegeben hat. Es war ihm auch nicht eine Fährte von Haſen oder Kaninchen unbekannt. Auf drei Meilen in der Runde war nicht ein Tränkherd ſeiner Forſchung entgangen, und überall fand man die Spuren ſeines Meſſers auf den für den Vogelfang geeigneten Bäumen. Durch dieſe unabläſſig wieder⸗ holten Uebungen hatte Pitou eine ganz außerordent⸗ liche Stärke erlangt. „Mittelſt ſeiner langen Arme und ſeiner ſtarken Kniee, die ihm die reſpectabelſten Aeſte zu umfangen geſtatteten, ſtieg er auf die Bäume, um die höchſten Neſter mit einer Behendigkeit und Sicherheit auszu⸗ nehmen, die ihm die Bewunderung ſeiner Kameraden zuzog und unter einer dem Aequator näheren Breite die Achtung der Affen bei der Jagd mit der Lockpfeife 8 5„ e⸗ en ie e⸗ en bte ten en, en; nen der ner tig⸗ hen ims 17 vorwalten müſſen, damit dieſer Leim weder zu flüſſig noch zu ſpröde werde. Da nun die Achtung, die man den Eigenſchaften der Menſchen zollt, nach dem Schauplatz, wo ſie die⸗ ſelben produeiren, und nach den Zuſchauern, vor denen ſie dieſelben produciren, wechſelt, ſo genoß Pitou in ſeinem Dorfe Haramont, mitten unter ſeinen Bauern, das heißt unter Menſchen, welche, gewohnt, wenigſtens die Hälfte ihrer Mittel von der Natur zu verlangen, wie alle Bauern, den inſtinetartigen Haß gegen die Civiliſation haben, ein Anſehen, das bei ſeiner armen Mutter die Vermuthung nicht zuließ, er gehe auf einem falſchen Wege, und die vollkommenſte Er⸗ ziehung, die man einem Menſchen mit großen Koſten geben könne, ſei nicht diejenige, welche ſich ihr, in dieſer Hinſicht bevorrechteter, Sohn gratis ſelbſt gab. Als aber die gute Frau krank wurde, als ſie den Tod herannahen ſah, als ſie begriff, ſie werde ihr Kind allein und vereinzelt in der Welt zurücklaſſen, da fing ſie an zu zweifeln und ſuchte eine Stütze für die zu⸗ künftige Waiſe. Sie erinnerte ſich ſodann, daß zehn Jahre vorher ein junger Mann mitten in der Nacht an ihre Thüre geklopit, daß dieſer iyr ein neugeborenes Kind gebracht, für welches er nicht nur baar eine ziemlich runde Summe zurückgelaſſen, ſondern auch eine andere, noch viel rundere Summe beim Notar in Vill rs⸗ Cotterets deponirt hatte. Von dieſem geheimnißvollen jungen Mann hatte ſie Anfangs nichts gewußt, wenn nicht, daß er Gilbert hieß. Doch vor drei Jahren hatte ſie ihn wieder erſcheinen ſehen: es war damals ein Mann von ſiebenundzwanzig Jahren, mit etwas ſteifer Haltung, mit dogmatiſchem Wort und einem ein wenig kalten Weſen. Dieſe erſte Eislage war aver geſchmolzen, als er ſein Kind wiedergeſehen, und da er es ſchön, ſtark und freundlich, und, wie er es ſelbſt verlangt, in der Natur allein erzogen gefunden, ſo Ange Pitou. 1. 2 16 erworben hätten, bei dieſer ſelbſt für große Perſonen ſo anziehenden Jagd, wobei der Jäger die Vögel auf einen mit Leimruthen verſehenen Baum lockt, indem er das Geſchrei des Hähers oder der Nachteule nach⸗ ahmt, dieſer Individuen, welche bei dem Federvolk ſo allgemein verhaßt find, daß jeder Fink, jede Meiſe, jeder Grünling herbeieilt, in der Hoffnung, ſeinem Feinde eine Feder zu entreißen, während er meiſtens die ſeinigen dabei verliert. Die Kameraden von Pitou bedienten ſich einer wahren Nachteule, eines natür⸗ lichen Hähers, um, gut oder ſchlecht, das Geſchrei von einem oder dem andern dieſer Thiere nachzuahmen. Ange Pitou aber vernachläſſigte immer dieſe Vorbe⸗ reitungen, verachtete eine ſolche Liſt. Mit ſeinen eigenen Hülfsquellen kämpfte er, mit ſeinen natürlichen Mitteln ſtellte er die Falle. Mit ſeinem Munde modulirte er die kreiſchenden, verhaßten Töne, welche nicht allein die andern Vögel, ſondern auch die von derſelben Gattung herbeiriefen, die ſich, wir ſagen nicht durch dieſen Geſang, ſondern durch dieſes Ge⸗ ſchrei, ſo vollkommen war die Nachahmung, täuſchen ließen. Was die Jagd an Pfützchen betrifft, wohin die Vögel zum Trinken kamen, ſo war dies für Pitou eine Eſelsbrücke, und er hätte ſte ſicher verachtet, als Ge⸗ genſtand der Kunſt, wäre ſie minder productiv geweſen als Gegenſtand des Ertrags. Nichtsdeſtoweniger, und trotz der Verachtung, die er ſelbſt gegen dieſe ſo leichte Jagd hegte, wußte nicht Einer von den Erfahrenſten wie Piton mit Farnkraut eine Pfütze zu bedecken, welche zu groß, um völlig überſpannt zu werden; nicht Einer wußte wie er die paſſende Neigung ſeinen Leimruthen zu geben, ſo daß die ſchlauſten Vögel weder darunter, noch darüber trinken konnten; nicht Einer endlich hatte die Sicherheit der Hand und die Richtig⸗ keit des Blicks, welche bei der Miſchung in ungleichen Theilen des Baumharzes, des Oels und des Vogelleims SeSeASASGESS ———„————+— 1à2575 18 hatte er der guten Frau die Hand gedrückt und ihr nur die Worte geſagt: „Rechnet auf mich im Nothfall.“ Dann hatte er das Kind genummen, ſich nach dem Wege nach Ermenonville erkundigt, mit ſeinem Sohne eine Pilgerfahrt nach dem Grabe von Rouſſeau ge⸗ macht und war nach Villers⸗Cotterets zurückgekehrt. Verſührt ohne Zweifel durch die geſunde Luft, die man hier athmete, ſowie durch das Gute, das ihm der Notar von der Penſion des Abbé Fortier geſagt, hatte er den kleinen Gilbert bei dem würdigen Mann zurückgelaſſen, deſſen philoſophiſches Ausſehen er mit dem erſten Blick gewürdigt; denn in jener Zeit war die Philoſophie eine ſo große Macht, daß ſie ſich ſelbſt bei den Geiſt⸗ lichen eingeſchlichen; wornach er, ſeine Adreſſe dem Abbé Fortier hinterlaſſend, wieder nach Paris ab⸗ gereiſt war. Die Mutter von Piton kannte alle dieſe einzelnen Umſtände. In dem Augenblick, wo ſie ſterben ſollte, erinnerte ſie ſich der Worte: Rechnet auf mich im Nothfall. Das war eine Erleuchtung. Ohne Zweifel hatte die Vorſehung dies Alles ſo gelenkt, damit der arme Pitou mehr fände, als er vielleicht verlor. Sie ließ den Geiſtlichen kommen, da ſie nicht zu ſchreiben verſtand; der Geiſtliche ſchrieb, und an demſelben Tag wurde der Brief dem Abbés Fortier gebracht, der ſich beeilte, die Adreſſe beizufügen und ihn auf die Poſt zu bringen. Es war Zeit; zwei Tage nachher ſtarb ſie. Piton war zu jung, um den Verluſt, den er er⸗ litten, in ſeinem ganzen Umfang zu fühlen; er be⸗ weinte ſeine Mutter, nicht weil er die ewige Trennung des Grabes begriff, ſondern weil er ſeine Mutter kalt, bleich, entſtellt ſah, weil der Arme inſtinctartig errieth, der Schutzengel des Herdes ſei entflohen, ſeiner Mutter beraubt, werde das Haus öde und unbewohnbar; er begriff nicht nur ſeine zukünftige Exiſtenz nicht, ſondern GFunnn==— 17 vorwalten müſſen, damit dieſer Leim weder zu flüſſig noch zu ſpröde werde.* Da nun die Achtung, die man den Eigenſchaften der Menſchen zollt, nach dem Schauplatz, wo ſie die⸗ ſelben produciren, und nach den Zuſchauern, vor denen ſie dieſelben produciren, wechſelt, ſo genoß Pitou in ſeinem Dorfe Haramont, mitien unter ſeinen Bauern, das heißt unter Menſchen, welche, gewohnt, wenigſtens die Hälfte ihrer Mittel von der Natur zu verlangen, wie alle Bauern, den inſtinctartigen Haß gegen die Civiliſation haben, ein Anſehen, das bei ſeiner armen Mutter die Vermuthung nicht zutieß, er gehe auf einem falſchen Wege, und die vollkommenſte Er⸗ ziehung, die man einem Menſchen mit großen Koſten geben könne, ſei nicht diejenige, welche ſich ihr, in dieſer Hinſicht bevorrechteter, Sohn gratis ſelbſt gab. Als aber die gute Frau krank wurde, als ſie den Tod herannahen ſah, als ſie begruff, ſte werde ihr Kind allein und vereinzelt in der Welt zurücklaſſen, da fing ſie an zu zweifeln und ſuchte eine Stutze für die zu⸗ künftige Waiſe. Sie erinnerte ſich ſodann, daß zehn Jahre vorher ein junger Mann mitten in der Nacht an ihre Thüre geklopet, daß dieſer iyr ein neugeborenes Kind gebracht, für welches er nicht nur baar eine ziemlich runde Summe zurückgelaſſen, ſondern auch eine andere, noch viel rundere Summe beim Notar in Vill rs⸗ Cotterets deponirt hatte. Von dieſem geheimnißvollen jungen Mann hatte ſie Anfangs nichts gewußt, wenn nicht, daß er Gilbert hieß. Doch vor drei Jahren hatte ſie ihn wieder erſcheinen ſeben; es war damals ein Mann von ſiebenundzwanzig Jahren, mit etwas ſteifer Haltung, mit dogmatiſchem Wort und einem ein wenig kalten Weſen. Dieſe erſte Eislage war aber geſchmolzen, als er ſein Kind wiedergeſehen, und da er es ſchön, ſtark und freundlich, und, wie er es ſelbſt verlangt, in der Natur allein erzogen gefunden, ſo Ange Pitou. 1. 2. dem hne ge⸗ hrt. man otar den ſſen, ick phie eiſt⸗ dem ab⸗ nen üte, im ifel der Sie iben Tag ſich Poſt er⸗ be⸗ ung alt, eth, tter er ern 19 nicht einmal die am andern Tag; als er ſeine Mutter nach dem Friedhofe geleitet, als die Erde auf dem Sarge ertönt, als ſie ſich, einen friſchen Hügel bildend, gerundet hatte, ſetzte er ſich auf das Grab und ant⸗ wortete Jedem, der ihn aufforderte, aus dem Friedhof wegzugehen, den Kopf ſchüttelnd, er habe ſeine Mutter Mabeleine nie verlaſſen und wolle bleiben, wo ſie bleibe. Er verweilte auch den ganzen übrigen Tag und die ganze Nacht auf dem Grabe. Hier fand ihn der würdige Doetor,— haben wir geſagt, daß der zukünftige Beſchützer von Pitou Arzt war?— hier fand ihn der würdige Doctor, als er, den ganzen Umfang der Pflicht begreifend, die ihm durch ſein Verſprechen auferlegt war, ſelbſt ankam, um ſie, kaum achtundvierzig Stunden nach dem Abgange des Briefs, zu erfüllen.„ Ange war ſehr jung geweſen, als er den Döctor zum erſten Mal geſehen. Bekanntlich aber hat die Jugend tiefe Eindrücke, welche ewige Erinnerungen hinterlaſſen, und dann hatte die Erſcheinung des ge⸗ heimnißvollen jungen Mannes ihre Spur im Hauſe feſt eingeprägt. Er hatte hierher das von uns er⸗ wähnte Kind und mit ihm den Wohlſtand gebracht; ſo oft Ange den Namen von Gilbert von ſeiner Mutter hatte ausſprechen hören, war es mit einem Gefühle geweſen, das der Anbetung glich; als er ſodann als ein gemachter Mann und mit dem neuen Doctorstitel wieder im Hauſe erſchienen war, als er den Wohl⸗ thaten der Vergangenheit das Verſprechen für die Zukunft beigefügt, da hatte Pitou aus der Dankbarkeit ſeiner Mutter geſchloſſen, er müſſe ſelbſt dankbar ſein; und ohne genat zu wiſſen, was ſie ſagte, hatte er die Worte ewiger Erinnerung, tiefer Erkenntlichkeit ge⸗ ſammelt die ſeine Mutter in ſeiner Gegenwart aus⸗ geſprochen. Sobald er alſo den Doctor durch die Gitterthüre des Kirchhofs erblickte, ſobald er ihn unter den 18 hatte er der guten Frau die Hand gedrückt und ihr nur die Worte geſagt: 3 „Rechnet auf mich im Nothfall“ Dann hatte er das Kind genommen, ſich nach dem Wege nach Ermenonville erkundigt, mit ſeinem Sohne eine Pilgerfahrt nach dem Grabe von Rouſſeau ge⸗ macht und war nach Villers⸗Cotterets zurückgekehrt. Ver ührt ohne Zweifel durch die geſunde Luft, die man hier athmete, ſowie durch das Gute, das ihm der Notar von der Penſion des Abbé Fortier geſagt, hatte er den kleinen Gilbert bei dem würdigen Mann zurückgelaſſen, deſſen philoſophiſches Ausſehen er mit dem erſten Blick gewürdigt; denn in jener Zeit war die Philoſopyie eine ſo große Macht, daß ſie ſich ſelbſt bei den Geiſt⸗ lichen eingeſchlichen; wornach er, ſeine Adreſſe dem Abbé Forrier hinterlaſſend, wieder nach Paris ab⸗ gereiſt war. 3 Die Mntter von Pitou kannte alle dieſe einzelnen Umſtände. In dem Augenblick, wo ſie ſterben ſollte, erinnerte ſie ſich der Worte: Rechnet auf mich im Nothfall. Das war eine Erleuchtung. Ohne Zweifel hatte die Vorſehung dies Alles ſo gelenkt, damit der arme Piton mehr fände, als er vielleicht verlor. Sie ließ den Geiſtlichen kommen, da ſie nicht zu ſchreiben verſtand; der Geiſtliche ſchrieb, und an demſelben Tag wurde der Brief dem Abbé Fortier gebracht, der ſich beeilte, die Adreſſe beizufügen und ihn auf die Poſt zu bringen. 3 Es war Zeit; zwei Tage nachher ſtarb ſte. Pitou war zu jung, um den Verluſt, den er er⸗ litten, in ſeinem ganzen Umfang zu fühlen; er be⸗ weinte ſeine Mutter, nicht weil er die ewige Trennung des Grabes begriff, ſondern weil er ſeine Mutter kalt, bleich, entſtellt ſah, weil der Arme inſtinctartig errieth, der Schutzengel des Herdes ſei entflohen, ſeiner Mutter — 2 beraubt, werde das Haus öde und unbewohnbar; er begriff nicht nur ſeine zukünftige Exiſtenz nicht, ſondern 8ESAS= eSS ͤ——,—————, A&,ee grasbewachſenen Gräbern und den zerbrochenen Kreuzen herbeiſchreiten ſah, erkannte er ihn, ſtand auf und ging ihm entgegen, denn er begriff, daß er demjenigen, welcher auf den Ruf ſeiner Mutter kam, nicht nein ſagen konnte, wie den Anderen; er leiſtete auch keinen andern Widerſtand, als daß er den Kopf rückwärts drehte, da ihn Gilbert bei der Hand nahm und weinend aus dem Kirchhof hinauszog. Ein elegantes Cabriolet war vor der Thüre. Er hieß den armen Knaben ein⸗ ſitzen, ließ für den Augenblick das Haus ſeiner Mutter unter dem Schutze des öffentlichen Vertrauens und der Theilnahme, welche das Unglück einflößt, führte ſeinen kleinen Schützling nach der Stadt und ſtieg mit ihm im beſten Gaſthauſe ab, welches zu jener Zeit das zum Dauphin war. Kaum hatte er ſich hier ein⸗ guartiert, als er einen Schneider holen ließ; zum Voraus benachrichtigt, kam dieſer ſogleich mit fertigen Kleidern. Er wählte vorſichtig für Pitou Kleider, welche zwei bis drei Zoll zu lang, ein Ueberfluß, der nach der Art, wie unſer Held wuchs, von keiner langen Dauer zu ſein verſprach, und wanderte ſodann mit ihm nach dem von uns bezeichneten Quartier, genannt der Pleur. Je näher er dieſem Quartiere kam, deſto mehr hemmte Pitou ſeinen Schritt; denn offenbar führte man ihn zu ſeiner Tante Angélique, und trotz der wenigen Male, die er ſeine Pathe geſehen,— die Tante Angéiique hatte nämlich Piton mit ſeinem poetiſchen Taufnamen beſchenkt,— bewahrte er doch eine furcht⸗ hare Erinnerung an dieſe ehrwürdige Verwandtin. Die Tante Angélique beſaß in der That nichts Anziehendes für ein Kind, das ſich an alle Mühe⸗ waitungen mütterlicher Fürſorge gewöhnt hatte; die Tante Angélique war in jener Zeit eine alte Jungfer von fünfundfünfzig bis achtundfünfzig Jahren, ver⸗ dumpft durch den Mißbrauch der ängſtlichſten Reli⸗ gionsübungen, bei der eine mißverſtandene Frömmigkeit ſr 19 nicht einmal die am andern Tag; als er ſeine Mutter nach dem Friedhofe geleitet, als die Erde auf dem Sarge ertönt, als ſie ſich, einen friſchen Hügel bildend, gerundet hatte, ſetzte er ſich auf das Grab und ant⸗ wortete Jedem, der ihn aufforderte, aus dem Friedhof wegzugehen, den Kopf ſchüttelnd, er habe ſeine Mutter Madeleine nie verlaſſen und wolle bleiben, wo ſie bleibe. Er verweilte auch den ganzen übrigen Tag und die ganze Nacht auf dem Grabe. Hier fand ihn der würdige Doctor,— haben wir geſagt, daß der zukünftige Beſchützer von Pitou Arzt war?— hier fand ihn der würdige Doctor, als er, den ganzen Umfang der Pflicht begreifend, die ihm durch ſein Verwrechen auferlegt war, ſelbſt ankam, um ſte, kaum achtundvierzig Stunden nach dem Abgange des Briefs, zu erfullen. Ange war ſehr jung geweſen, als er den Doctor zum erſten Mal geſehen. Bekanntlich aber hat die Jugend tiefe Eindrücke, welche ewige Erinnerungen hinterlaſſen, und dann hatte die Erſcheinung des ge⸗ heimnißvollen jungen Mannes ihre Spur im Hauſe feſt eingeprägt. Er haͤtte hierher das von uns er⸗ wähnte Kind und mit ihm den Wohlſtand gebracht; ſo oft Ange den Namen von Gilbert von ſeiner Mutter hatte ausſprechen hören, war es mit einem G fühle geweſen, das der Anbetung glich; als er ſodann als ein gemachter Mann und mit dem neuen Doctorstitel wieder im Hauſe erſchienen war, als er den Wohl⸗ thaten der Vergangenheit das Verſprechen für die Zukunft beigefügt, da hatte Pitou aus der Dankbarkeit ſeiner Mutter geſchloſſen, er müſſe ſelbſt dankbar ſein; und ohne genau zu wiſſen, was ſie ſagte, hatte er die Worte ewiger Erinnerung, tieſer Erkenntlichkeit ge⸗ ſammelt die ſeine Mutter in ſeiner Gegenwart aus⸗ geſprochen. Sobald er alſo den Doctor durch die Gitterthüre des Kirchhofs erblickte, ſobaid er ihn mitſen unter den en nd en, ein en rts end let in⸗ ter der nen das in⸗ gen der, der gen ihm nnt ehr hrte der ante chen cht⸗ chts ühe⸗ die gfer ver⸗ eli⸗ eit 2¹ alle mitleidige, menſchliche Gefühle verengt und zu⸗ ſammengeſchnürt hatte, um an ihrer Stelle eine na⸗ türliche Doſis gierigen Verſtandes zu pflegen, die ſich täglich im beſtändigen Umgang mit den Betſchweſtern der Stadt vermehrte. Sie iebte nicht gerade von Almoſen, doch außer dem Verkauf von flächſenem Garn, das ſie am Rädchen ſpann, und der Vermiethung der Kirchenſtühle, die ihr vom Capitel bewilligt worden war, empfing ſie von Zeit zu Zeit von frommen Per⸗ ſonen, die ſich von ihrer Scheinheiligkeit bethören ließen, kleine Summen, welche ſie von Kupfermünze Anfangs in Silbermünze und von Silbermünze in Louis d'or verwandelte, die nicht nur ohne daß Jemand ſie verſchwinden ſah, ſondern ſogar ohne daß eine Seele ihr Vorhanbenſein muthmaßte, verſchwanden und einer um den andern in dem Kiſſen des Lehnſtuhls auf dem ſie arbeitete, begraben wurden; und befanden ſie ſich einmal in dieſem Verſteck, ſo trafen ſie, umher⸗ tappend, eine gewiſſe Anzahl ihrer Kameraden, welche, wie ſie, einzeln geſammelt worden und nun beſtimmt waren, fortan von der Circulation ausgeſchloſſen zu ſein, bis zu dem unbekannten Tag, wo der Tod der 3 Jungfer ſie in die Hände ihres Erben bringen würde. Nach der Wohnung dieſer ehrwürdigen Verwandtin begab ſich alſo der Doctor Gilbert, den großen Pitvu an der Hand fortziehend. ir ſagen den großen Pitou, weil vom erſten Vierteljahr nach ſeiner Geburt Pitou für ſein Alter immer zu groß geweſen war. Mademoiſelle Roſe Angélique Pitou war in dem Augenblick, wo ſich ihre Thüre öffnete, um ihren Neffen und den Doctor einzulaſſen, in ſehr freudiger Laune. Während man die Todtenmeſſe über dem Leichnam hrer Schwägerin in der Kirche von Haramont las, hatten Hochzeiten und Taufen in der Kirche von Villers⸗ Cotterets ſtattgefunden, ſo daß die Einnahme für die 20 grasbewachſenen Gräbern und den zerbrochenen Kreuzen herbeiſchreiten ſah, erkannte er ihn, ſtand auf und ging ihm entgegen, denn er begriff, daß er demjenigen, welcher auf den Ruf ſeiner Mutter kam, nicht nein ſagen konnte, wie den Anderen; er leiſtete auch keinen andern Widerſtand, als daß er den Kopf rückwärts drehte, da ihn Gilbert bei der Hand nahm und weinend aus dem Kirchhof hinauszog. Ein elegantes Cabriolet war vor der Thüre. Er hieß den armen Knaben ein⸗ ſitzen, ließ für den Augenblick das Haus ſeiner Mutter unter dem Schutze des öffentlichen Vertrauens und der Theilnahme, welche das Unglück einflößt, führte ſeinen kleinen Schütz!ing nach der Stadt und ſtieg mit ihm im beſten Gaſthauſe ab, welches zu jener Zeit das zum Dauphin war. Kaum hatte er ſich hier ein⸗ quartiert, als er einen Schneider holen ließ; zum Voraus benachrichtigt, kam dieſer ſogleich mit fertigen Kleidern. Er wählte vorſichtig für Pitou Kleider, welche zwei bis drei Zoll zu lang, ein Ueberfluß, der nach der Art, wie unſer Held wuchs, von keiner langen Dauer zu ſein verſprach, und wanderte ſodann mit ihm nach dem von uns bezeichneten Quartier, genannt der Pleux. Je näher er dieſem Quarliere kam, deſto mehr hemmte Pitou ſeinen Schritt; denn offenbar führte man ibn zu ſeiner Tante Angélique, und trotz der wenigen Male, die er ſeine Pathe geſehen,— die Tante Angélique hatte nämlich Pitou mit ſeinem poetiſchen Taufnamen beſchenkt,— bewahrte er doch eine furcht⸗ bare Erinnerung an dieſe eyrwürdige Verwandtin.— Die Tante Angelique beſaß in der That nichts Anziehendes für ein Kind, das ſich an alle Mühe⸗ waltungen mutterlicher Fürſorge gewöhnt hatte: die Tante Angélique war in jener Zeit eine alte Jungfer von fünfundfunfzig bis achtundfünfzig Jahren, ver⸗ dumpft durch den Mißbrauch der ängſtlichſten Reli⸗ gionsübungen, bei der eine mißverſtandene Frömmigkeit — ͤ— —————-———— Stühle an einem Tage auf ſechs Livres angewachſen war. Mademviſelle Angélique hatte ihre Sous in einen großen Thaler verwandelt, welcher wiederum mit den drei anderen zu verſchiedenen Zeiten in Reſerve gelegten Thalern einen Louis d'or gaben. Dieſer Louis d'or war ſo eben den übrigen Louis d'or beigeſellt worden, und der Tag, an welchem eine ſolche Vereinigung ſtattfand, bildete natürlich einen Feſttag für Made⸗ moiſelle Angslique. Gerade in dem Augenblick, wo, nachdem ſie ihre während der Operation geſchloſſene Thüre wieder ge⸗ öffnet, die Tante Angélique eine letzte Runde um ihren Lehnſtuhl gemacht hatte, um ſich zu verſichern, nichts im Aeußern verrathe den im Innern verborgenen Schatz, traten der Doetor und Piton ein. Die Scene wäre rührend geweſen, doch in den Augen eines ſo richtigen Beobachters, wie der Doctor Gilbert, war ſie nur grotesk. Als ſie ihren Neffen erblickte, ſprach die alte Fömmlerin ein paar Worte von ihrer armen theuren Schweſter, die ſie ſo ſehr geliebt, und gab ſich die Miene, als wiſchte ſie eine Thräne ab. Der Doctor, der in die tieſſte Tiefe des Herzens der alten Jungfer ſehen wollte, ehe er in Be⸗ ziehung auf ſie einen Entſchluß faſſen würde, der Doctor hielt zum Schein Mademviſelle Angélique eine Rede über die Pflichten der Tanten gegen die Neffen. Doch in dem Maße, in welchem die Rede ſich entwickelte und die Worte von⸗den Lippen des Doctors fielen, trank das Auge der alten Jungfer die Thräne, die es befeuchtet hatte, alle ihre Züge nahmen die Trocken⸗ heit des Pergaments wieder an, mit dem ſie bedeckt zu ſein ſchienen; ſie hob die linke Hand bis zur Höhe ihres ſpitzigen Kinns empor und fing an mit der rechten an ihren dürren Fingern die annähernde Zahl der Sous zu berechnen, die ihr das Vermiethen der Stühle jährlich eintrug, ſo daß ſie, da es der Zufall gefügt, daß die Rechnung zugleich mit der Rede ——— c c— c— S en e—„„ —— —„ 5„— — 21 alle mitleidige, menſchliche Gefühle verengt und zu⸗ ſammengeſchnürt hatte, um an ihrer Stelle eine na⸗ türliche Doſis gierigen Verſtandes zu pflegen, die ſich täglich im beſtändigen Umgang mit den Betſchweſtern der Stadt vermehrte. Sie lebte nicht gerade von Almoſen, doch außer dem Verkauf von flächſenem Garn, das ſie am Rädchen ſpann, und der Vermiethung der Kirchenſtühle, die ihr vom Capitel bewilligt worden war, empfing ſie von Zeit zu Zeit von frommen Per⸗ ſonen, die ſich von ihrer Scheinheiligkeit bethören ließen, kleine Summen, welche ſie von Kupfermünze Anfangs in Silbermünze und von Silbermünze in Louis d'or verwandelte, die nicht nur ohne daß Jemand ſie verſchwinden ſah, ſondern ſogar ohne daß eine Seele ihr Vorhandenſein muthmaßte, verſchwanden und einer um den andern in dem Kiſſen des Lehnſtuhls auf dem ſie arbeitete, begraben wurden; und beſanden ſte ſich einmal in dieſem Verſteck, ſo trafen ſie, umher⸗ tappend, eine gewiſſe Anzahl ihrer Kameraden, welche, wie ſie, einzeln geſammelt worden und nun beſtimmt waren, fortan von der Circulation ausgeſchloſſen zu ſein, bis zu dem unbekannten Tag, wo der Tod der alten Jungfer ſie in die Hände ihres Erben bringen würde. Nach der Wohnung dieſer ehrwürdigen Verwandtin begab ſich alſo der Doctor Gilbert, den großen Pitou an der Hand fortziehend. Wir ſagen den großen Pitou, weil vom erſten Vierteljahr nach ſeiner Geburt Pitou für ſein Alter immer zu groß geweſen war.. Mademoiſelle Roſe Angélique Pitou war in dem Augenblick, wo ſich ihre Thüre öffnete, um ihren Neffen und den Doctor einzulaſſen, in ſehr freudiger Laune. Während man die Todtenmeſſe über dem Leichnam ihrer Schwägerin in der Kirche von Haramont las, hatten Hochzeiten und Taufen in der Kirche von Villers⸗ Cotterets ſtattgefunden, ſo daß die Einnahme für die en in nit or en, ng de⸗ re ge⸗ en hts en en tor fen rte ehr ine des Be⸗ tor ede och elte len, es en⸗ eckt öhe der ahl der fall tede 23 geſchloſſen war, auf der Stelle antworten konnte: wie ſehr ſie auch ihre arme Schweſter geliebt, und in welch hohem Grade ſie auch Theilnahme für ihren Nrffen hege, ſo geſtatten ihr doch ihre geringen Ein⸗ nahmen, trotz ihres doppelten Titels als Tante und Pathe, keinen Zuwachs an Ausgaben. Der Doector war übrigens auf dieſe Weigerung gefaßt geweſen, ſie überraſchte ihn daher nicht. Er gehörte zu den großen Parteigängern der neuen Ideen und da der erſte Band vom Werke von Lavater er⸗ ſchienen war, ſo hatte er die phyſiognomiſche Lehre des Philoſophen von Zürich ſchon auf das hagere gelbe Geſicht von Mademoiſelle Angslique angewendet. Dieſe Prüfung hatte ihm als Erfolg angegeben: die kleinen, glühenden Augen der alten Jungfer, ihre lange Naſe und ihre dünnen Lippen bieten die Ver⸗ einigung in einer Perſon der Habgier, der Selbſtſucht und der Heuchelei. Die Antwort erregte bei ihm, wie geſagt, nicht das geringſte Erſtaunen. Als Beobachter wollte er jedoch ſehen, wie weit die Frömmlerin die Entwicke⸗ lung dieſer drei gemeinen Fehler treiben würde. „Aber, Mademoiſelle,“ ſagte er,„Ange Piton iſt ein armes Waiſenkind, der Sohn Ihres Bruders, und Sie können, im Namen der Menſchlichkeit, den Sohn Ihres Bruders nicht der öffentlichen Wohlthätigkeit überlaſſen.“ „Oh! hören Sie doch, Herr Gilbert,“ erwiederte die alte Jungfer,„das iſt eine Mehrausgabe von wenigſtens ſechs Sous täglich, und zwar noch gering gerechnet: denn dieſer Junge muß mindeſtens ein Pfund Brod den Tag eſſen.“ Piton ſchnitt ein Geſicht: er aß gewöhnlich andert⸗ halb Pfunde nur bei ſeinem Frühſtück. Abgeſehen von der Seife für ſeine Wäſche,“ fuhr die Betſchweſter fort,„und ich erinnere mich, daß er erſchrecklich verſchmutzt.“ Stühle an einem Tage auf ſechs Livres angewachſen war. Mademoiſelle Angélique hatte ihre Sous in einen großen Thaler verwandelt, welcher wiederum mit den drei anderen zu verſchiedenen Zeiten in Reſerve gelegten Thalern einen Louis d'or gaben. Dieſer Louis d'or war ſo eben den übrigen Louis d'or beigeſellt worden, und der Tag, an welchem eine ſolche Vereinigung ſtattfand, bildete natürlich einen Feſttag für Made⸗ moiſelle Angélique. Gerade in dem Augenblick, wo, nachdem ſie ihre während der Operation geſchloſſene Thüre wieder ge⸗ öffnet, die Tante Angélique eine letzte Runde um ihren Lehnſtuhl gemacht hatte, um ſich zu verſichern, nichts im Aeußern verrathe den im Innern verborgenen Schatz, traten der Doctor und Pitou ein. Die Scene wäre rührend geweſen, doch in den Augen eines ſo richtigen Beobachters, wie der Doctor Gilbert, war ſie nur grotesk. Als ſie ihren Neffen erblickte, ſprach die alte Frömmlerin ein paar Worte von ihrer armen theuren Schweſter, die ſie ſo ſehr geliebt, und gab ſich die Miene, als wiſchte ſie eine Thräne ab. Der Doctor, der in die tieſſte Tiefe des Herzens der alten Jungfer ſehen wollte, ehe er in Be⸗ ziehung auf ſie einen Entſchluß faſſen würde, der Doctor hielt zum Schein Mademoiſelle Angélique eine Rede über die Pflichten der Tanten gegen die Neffen. Doch in dem Maße, in welchem die Rede ſich entwickelte und die Worte von den Lippen des Doctors ſielen, trank das Auge der alten Jungfer die Thräne, die es befeuchtet hatte, alle ihre Züge nahmen die Trocken⸗ heit des Pergaments wieder an, mit dem ſie bedeckt zu ſein ſchienen; ſie hob die linke Hand bis zur Höhe ihres ſpitigen Kinns empor und fing an mit der rechten an ihren dürren Fingern die annähernde Zahl der Sous zu berechnen, die ihr das Vermiethen der Stühte jährlich eintrug, ſo daß ſie, da es der Zufall gefügt, daß die Rechnung zugleich mit der Rede Piton verſchmutzte allerdings ſehr, und das iſt be⸗ greiflich, wenn man ſich des Lebens erinnern will, das er führte; doch man mußte ihm Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, er zerriß noch viel mehr, als er ver⸗ ſchmutzte. „Ah!“ ſagte der Doctor,„pfui! Mademoiſelle Angéliquel! Sie, die Sie ſo ſehr die chriſtliche Liebe üben, machen ſolche Berechnungen bei einem Neffen und Pathen!“ „Abgeſehen von der Unterhaltung der Kleider,“ rief ausbrechend die alte Frömmlerin, welche ihre Schweſter Madeleine beſtändig mit Flickereien und Ausbeſſerungen an den Wämmſern und Hoſen ihres Neffen beſchäftigt geſehen zu haben ſich erinnerte. „Sie weigern ſich alſo, Ihren Neffen zu ſich zu nehmen?“ ſagke der Doctor;„von der Schwelle ſeiner Tante zurückgeſtoßen, wird die Waiſe genöthigt ſein, Almoſen auf der Schwelle fremder Häuſer zu fordern.“ So habgierig ſie auch war, ſo begriff die Bet⸗ ſchweſter doch das Gehäſſige, das ganz natürlich auf ſie zurückfallen müßte, wäre ihr Neffe, durch ihre Weigerung, ihn aufzunehmen, genöthigt, eine ſolche Er⸗ tremität zu ergreifen. „Nein,“ ſagte ſie,„ich behalte ihn bei mir.“ „Ah!“ machte der Doctor, glücklich, ein gutes Gefühl in dieſem Herzen zu finden, das er für ver⸗ trocknet hielt. „Ja,“ fuhr die alte Jungfer fort,„ich werde ihn den Auguſtinern von Bourg⸗Fontaine empfehlen, und er wird bei ihnen als Laienbruder eintreten.“ Der Doctor war, wie geſagt, Philoſoph. Man kennt den Werth des Wortes Philoſoph in jener Zeit. Er beſchloß daher auf der Stelle, einen Neophyten 4 den Auguſtinern zu entreißen, und zwar mit dem⸗ ſelben Eifer, den die Auguſtiner ihrerſeits angewandt hätten, einen Adepten den Philoſophen zu entführen. „Nun wohl!“ ſprach er, indem er die Hand an 2 8 —— cr——— 23 ſeſchleden war, auf der Stelle antworten konnte: wie ehr ſie auch ihre arme Schweſter geliebt, und in welch hohem Grade ſie auch Theilnahme für ihren Neffen hege, ſo geſtatten ihr doch ihre geringen Ein⸗ nahmen, trotz ihres doppelten Titels als Tante und Pathe, keinen Zuwachs an Ausgaben. Der Doctor war übrigens auf dieſe Weigerung gefaßt geweſen, ſie überraſchte ihn daher nicht. Er gehörte zu den großen Parteigängern der neuen Ideen und da der erſte Band vom Werke von Lavater er⸗ ſchienen war, ſo hatte er die phyſiognomiſche Lehre des Philoſophen von Zürich ſchon auf das hagere gelbe Geſicht von Mademoiſelle Angélique angewendet. Dieſe Prüfung hatte ihm als Erfolg angegeben: die kleinen, glühenden Augen der alten Jungfer, ihre lange Naſe und ihre dünnen Lippen bieten die Ver⸗ einigung in einer Perſon der Habgier, der Selbſtſucht und der Heuchelei. Die Antwort erregte bei ihm, wie geſagt, nicht das geringſte Erſtaunen. Als Beobachter wollte er jedoch ſehen, wie weit die Frömmlerin die Entwicke⸗ lung dieſer drei gemeinen Fehler treiben würde. „Aber, Mademoiſelle,“ ſagte er,„Ange Pitou iſt ein armes Waiſenkind, der Sohn Ihres Bruders, und Sie können, im Namen der Menſchlichkeit, den Sohn Ihres Bruders nicht der öffentlichen Wohlthätigkeit überlaſſen.“ „Oh! hören Sie doch, Herr Gilbert,“ erwiederte die alte Jungfer,„das iſt eine Mehrausgabe von wenigſtens ſechs Sous täglich, und zwar noch gering gerechnet: denn dieſer Junge muß mindeſtens ein Pfund Brod den Tag eſſen.“ Piton ſchnitt ein Geſicht: er aß gewöhnlich andert⸗ halb Pfunde nur bei ſeinem Frühſtück. „Abgeſehen von der Seife für ſeine Wäſche,“ fuhr die Betſchweſter fort,„und ich erinnere mich, daß er erſchrecklich verſchmutzt.“ 25 ſeine tiefe Taſche drückte,„da Sie in einer ſo ſchlimmen Lage find, meine liebe Demoiſelle Angélique, daß Sie ſich in Ermanglung eigener Mittel genöthigt ſehen, Ihren Neffen der Wohlthätigkeit Anderer zu empfehlen, ſo werde ich Jemand ſuchen, der wirkſamer als Sie zum Unterhalt des armen verwaiſten Knaben die Summe anzuwenden vermag, die ich für ihn beſtimmt habe Ich muß nach Amerika zurückkehren und werde vor meinem Abgang Ihren Neffen Pitou in die Lehre bei einem Tiſchler oder bei einem Stellmacher bringen. Er ſelbſt ſoll übrigens einen Stand nach ſeinem Beruf wählen. Während meiner Abweſenheit wird er groß werden, und bei meiner Rückkehr wird er ſchon geſchickt in ſeinem Handwerk ſein, und ich werde dann ſehen, was ſich für ihn thun läßt. Auf, mein Kind, küſſe Deine Tante und laß uns gehen,“ fügte der Doctor bei. Der Doctor hatte noch nicht vollendet, als Pitou ſchon mit ſeinen zwei langen Armen auf die ehrwür⸗ dige Jungfer zuſtürzte; es drängte ihn in der That ſehr, ſeine Tante zu küſſen, unter der Bedingung, daß dieſer Kuß zwiſchen ihm und ihr das Zeichen einer ewigen Trennung wäre. Doch bei dem Worte die Summe, bei der Geberde des Doctors, der ſeine Hand in ſeine Taſche ſteckte, beim ſilbernen Klang, den dieſe Hand eine Maſſe von großen Thalern, deren Quanium man nach der Aus⸗ dehnung des Rockes berechnen konnte, von ſich geben ließ, hatte die alte Jungfer die Wärme der Habgier bis zu ihrem Herzen aufſteigen gefühlt. „Ah!“ ſagte ſie,„mein lieber Herr Gilbert, Sie wiſſen Eines wohl.“ „Was?“ fragte der Doctor. „Ei! mein guter Gott! daß Niemand in der Welt das arme Kind ſo ſehr lieben wird, als ich!“ Und ihre magern Arme mit' den ausgeſtreckten Armen von Pitou verſchlingend, drückte ſie auf jede Pitou verſchmutzte allerdings ſehr, und das iſt be⸗ greiflich, wenn man ſich des Lebens erinnern will, das er führte; doch man mußte ihm Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, er zerriß noch viel mehr, als er ver⸗ ſchmutzte. „Ah!“ ſagte der Doctor,„pfui! Mademoiſelle Angélique! Sie, die Sie ſo ſehr die chriſtliche Liebe üben, machen ſolche Berechnungen bei einem Neffen und Pathen!“ „Abgeſehen von der Unterhallung der Kleider,“ rief ausbrechend die alte Frömmlerin, welche ihre Schweſter Madeleine beſtändig mit Flickereien und Auabeſſerungen an den Wämmſern und Hoſen ihres Neffen beſchäftigt geſehen zu haben ſich erinnerte. „Sie weigern ſich alſo, Ihren Neffen zu ſich zu nehmen?“ ſagte der Doctor;„von der Schwelle ſeiner Tante zurückgeſtoßen, wird die Waiſe genöthigt ſein, Almoſen auf der Schwelle fremder Häuſer zu fordern.“ So habgierig ſie auch war, ſo begriff die Bet⸗ ſchweſter doch das Gehäſſige, das ganz natürlich auf ſie zurückfallen müßte, wäre ihr Neffe, durch ihre Weigerung, ihn aufzunehmen, genöthigt, eine ſolche Er⸗ tremität zu ergreifen. „Nein,“ ſagte ſie,„ich behalte ihn bei mir.“ „Ah!“ machte der Doctor, glücklich, ein gutes Gefühl in dieſem Herzen zu finden, das er für ver⸗ trocknet hielt. „Ja,“ fuhr die alte Jungfer fort,„ich werde ihn den Auguſtinern von Bourg⸗Fontaine empfehlen, und er wird bei ihnen als Laienbruder eintreten.“ Der Doctor war, wie geſagt, Philoſoph. Man kennt den Werth des Wortes Philoſoph in jener Zeit. Er beſchloß daher auf der Stelle, einen Neophyten den Auguſtinern zu entreißen, und zwar mit dem⸗ ſelben Eifer, den die Auguſtiner ihrerſeits angewandt hätten, einen Adepten den Philoſophen zu entführen. „Nun wohl!“ ſprach er, indem er die Hand an ——,——-—-SA— —— 26 von ſeinen Wangen einen ſauren Kuß, der ihn von den Fußſpitzen bis zu den Haarwurzeln ſchauern machte. „Oh! gewiß,“ ſagte der Doctor,„ich weiß das wohl, und ich zweifelte ſo wenig an Ihrer Freundſchaft für ihn, daß ich ihn unmittelbar zu Ihnen, als ſeiner natürlichen Stütze, brachte. Aber was Sie mir ſo eben ſagten, liebe Demviſelle, hat mich zugleich von Ihrem guten Willen und von Ihrem Unvermögen überzeugt und Sie ſind, wie ich wohl einſehe, ſelbſt zu arm, um einem noch Aermeren zu helfen.“ „Ei! mein guter Herr Gilbert,“ entgegnete die alte Frömmlerin,„iſt nicht der liebe Herrgott im Himmel, und ernährt er nicht vom Himmel herab alle ſeine Geſchöpfe?“ „Das iſt wahr, aber wenn er den Vögeln Futter gibt, ſo bringt er doch die Waiſen nicht in die Lehre. Das muß nun für Ange Pitou geſchehen, und das wird bei Ihren geringen Mitteln ohne Zweifel zu viel oſten.“ „Wenn Sie aber dieſe Summe geben, Herr Doetor?“ „Welche Summe?“ „Die Summe, von der Sie geſprochen, die Summe, die hier in Ihrer Taſche iſt?“ fügte die Betſchweſter bei, indem ſie ihren gekrümmten Finger gegen den Schvoß des kaſtanienbraunen Rockes ausſtreckte. 7 „Ich werde ſie ſicherlich geben, liebe Demoiſelle Angélique, doch ich ſage Ihnen zum Voraus, nur unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß das Kind ein beſtimmtes Gewerbe erlernt.“ „Es ſoll eines haben, ich verſpreche es Ihnen bei meinem Wort, Herr Doctor,“ ſagte die Frömmlerin, mit Augen, welche gleichſam auf der Taſche, deren Schaukeln ſie folgten, feſtgewurzelt waren. „Sie verſprechen es mir?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Im Ernſte, nicht wahr?“ 25 ſeine tiefe Taſche drückte,„da Sie in einer ſo ſchlimmen Lage ſind, meine liebe Demoiſelle Angélique, daß Sie ſich in Ermanglung eigener Mittel genöthigt ſehen, Ihren Neffen der Wohlthätigkeit Anderer zu empfehlen, ſo werde ich Jemand ſuchen, der wirkſamer als Sie zum Unterhalt des armen verwaiſten Knaben die Summe anzuwenden vermag, die ich für ihn beſtimmt habe... Ich muß nach Amerika zurückkehren und werde vor meinem Abgang Ihren Neffen Pitou in die Lehre bei einem Tiſchler oder bei einem Stellmacher bringen. Er ſelbſt ſoll übrigens einen Stand nach ſeinem Beruf wählen. Während meiner Abweſenheit wird er groß werden, und bei meiner Rückkehr wird er ſchon geſchickt in ſeinem Handwerk ſein, und ich werde dann ſehen, was ſich für ihn thun läßt. Auf, mein Kind, küſſe Deine Tante und laß uns gehen,“ fügte der Doctor bei. Der Doctor hatte noch nicht vollendet, als Pitou ſchon mit ſeinen zwei langen Armen auf die ehrwür⸗ dige Jungfer zuſtürzte; es drängte ihn in der That ſehr, ſeine Tante zu küſſen, unter der Bedingung, daß dieſer Kuß zwiſchen ihm und ihr das Zeichen einer ewigen Trennung wäre. Doch bei dem Worte die Summe, bei der Geberde des Doctors, der ſeine Hand in ſeine Taſche ſteckte, beim ſilbernen Klang, den dieſe Hand eine Maſſe von großen Thalern, deren Quantum man nach der Aus⸗ dehnung des Rockes berechnen konnte, von ſich geben ließ, hatte die alte Jungfer die Wärme der Habgier bis zu ihrem Herzen aufſteigen gefühlt. .„Ah!“ ſagte ſte,„mein lieber Herr Gilbert, Sie wiſſen Eines wohl.“ „Was?“ fragte der Doctor. „Eil mein guter Gott! daß Niemand in der Welt das arme Kind ſo ſehr lieben wird, als ich!“ Und ihre magern Arme mit den augsgeſtreckten Armen von Pitou verſchlingend, drückte ſie auf jede 27 „Ich nehme den guten Gott zum Zeugen der Wahrheit meines Schwures,“ erwiederte Angélique. Und ſie ſtreckte horizontal ihre fleiſchloſe Hand aus. „Gut, es ſei,“ ſagte der Doctor, während er aus ſeiner Taſche einen Sack mit völlig prallem Bauch zog;„ich bin bereit, das Geld zu geben, wie Sie ſehen; Ste Ihrerſeits bereit, mir für das Kind zu haften?“ „Bei dem wahrhaftigen Kreuze, Herr Gilbert.“ „Schwören wir nicht ſo ſehr, kiebe Demviſelle, und unterzeichnen wir ein wenig.“ „Ich werde unterzeichnen, Herr Gilbert, ich werde unterzeichnen.“ „Vor dem Notar?“ „Vor dem Notar.“ „So gehen wir ein wenig zu Papa Niguet.“ Der Papa Niguet, dem in Folge einer langen Be⸗ kanntſchaft der Doctor dieſen freundſchaftlichen Titel gab, war, wie diejenigen von unſern Leſern ſchun wiſſen, welche mit unſerem Buche Joſeph Bal⸗ ſamo vertraut ſind, der angeſehenſte Notar des Ortes. Mademoiſelle Angélique, deren Notar Meiſter Niguet auch war, hatte nichts gegen die vom Doctor getroffene Wahl einzuwenden. Sie folgte ihm daher in die bezeichnete Schreibſtube. Hier protocollirte der Notar das von Demoviſelle Roſe Angélique Pitou ge⸗ leiſtete Verſprechen, ihren Neffen Louis Ange Pünn ſich zu nehmen und zu Ausübung eines ehrenhaften Gewerbes gelangen zu laſſen, wogegen ſie jährlich die Summe von zweihundert Livres erhalten ſollte. Am andern Tag verließ der Doctor Villers⸗Cotterets, nachdem er einige Rechnungen mit einem ſeiner Pächter geordnet hatte, auf den wir ſpäter zurückkommen werden. Und Mademoiſelle Piton, welche wie ein Geier über die genannten, zum Voraus zahlbaren, zweihundert Livres herfiel, ſchloß acht ſchöne Lonisd⸗ors in ihren Lehnſtuhl ein.. 26 von ſeinen Wangen einen ſauren Kuß, der ihn von den Fußſpitzen bis zu den Haarwurzeln ſchauern machte. „Ohl gewiß,“ ſagte der Doctor,„ich weiß das wohl, und ich zweifelte ſo wenig an Ihrer Freundſchaft für ihn, daß ich ihn unmittelbar zu Ihnen, als ſeiner natürlichen Stütze, brachte. Aber was Sie mir ſo eben ſagten, liebe Demoiſelle, hat mich zugleich von Ihrem guten Willen und von Ihrem Unvermögen überzeugt und Sie ſind, wie ich wohl einſehe, ſelbſt zu arm, um einem noch Aermeren zu helfen.“ „Ei! mein guter Herr Gilbert,“ entgegnete die alte Frömmlerin,„iſt nicht der liebe Herrgott im Himmel, und ernährt er nicht vom Himmel herab alle ſeine Geſchöpfe?“ „Das iſt wahr, aber wenn er den Vögeln Futter gibt, ſo bringt er doch die Waiſen nicht in die Lehre. Das muß nun für Ange Pitou geſchehen, und das wird Sie bei Ihren geringen Mitteln ohne Zweifel zu viel oſten.“ „Wenn Sie aber dieſe Summe geben, Herr Doctor?“ „Welche Summe?“ „Die Summe, von der Sie geſprochen, die Summe, die hier in Ihrer Taſche iſt?“ fügte die Betſchweſter bei, indem ſie ihren gekrümmten Finger gegen den Schooß des kaſtanienbraunen Rockes ausſtreckte. „Ich werde ſte ſicherlich geben, liebe Demoiſelle Angélique, doch ich ſage Ihnen zum Voraus, nur unter einer Bedingung.“. „Unter welcher?“ „Daß das Kind ein beſtimmtes Gewerbe erlernt.“ „Es ſoll eines haben, ich verſpreche es Ihnen bei meinem Wort, Herr Doctor,“ ſagte die Frömmlerin, mit Augen, welche gleichſam auf der Taſche, deren Schaukeln ſie folgten, feſtgewurzelt waren. „Sie verſprechen es mir?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Im Ernſte, nicht wahr?“ Was die übrig bleibenden acht Livres betrifft, ſo warteten ſie in einer kleinen Unterſchale von Porzellan, welche ſeit dreißig bis vierzig Jahren Schaaren von Münzen von allen möglichen Sorten hatte durchziehen ſehen, bis die Ernte von einigen Sonntagen die Summe von vierundzwanzig Livres vervollſtändigte, eine Zahl, bei der, wie wir dies erklärt haben, die genannte Summe eine Verwandlung in Gold durchmachte und von der Schale in den Lehnſtuhl überging. III. Ange Piton bei ſeiner Tante. Wir haben geſehen, wie wenig Sympathie Ange X Pitvn für einen zu langen Aufenthalt bei ſeiner guten Tante Angélique hegte; mit einem dem der Thiere, mit welchen er Krieg zu führen pflegte, gleichen oder U ihm vielleicht überlegenen Inſtincte begabt, hatte der arme Knabe zum Voraus errathen, was bei dieſem Aufenthalt ſeiner, wir ſagen nicht an Täuſchungen, denn wir haben geſehen, daß er ſich nicht einen Augen⸗ blick Illuſionen machte, ſondern an Verdrießlichkeiten, Plackereien und Widerwärtigkeiten harrte. Einmal, ſobald der Doctor Gilbert abgereiſt, und es iſt nicht zu leugnen, das hatte Piton nicht am meiſten gegen ſeine Tante mißſtimmt, war nicht einen Augenblick mehr davon die Rede geweſen, das Kind in die Lehre zu bringen. Wohl hatte der Notar mit einem Worte dieſe förmliche Uebereinkunft berührt; aber Mademoiſelle Angélique antwortete, ihr Neffe ſei noch zu jung und beſonders von zu zarter Geſundheit, u Arbeiten unterworfen zu werden, die vielleicht ſeine Kräfte überſteigen würden. Bei dieſer Bemerkun S 27 „Ich nehme den guten Gott zum Zeugen der Wahrheit meines Schwures,“ erwiederte Angélique. Und ſie ſtreckte horizontal ihre fleiſchloſe Hand aus. „Gut, es ſei,“ ſagte der Doctor, während er aus ſeiner Taſche einen Sack mit völlig prallem Bauch zog;„ich bin bereit, das Geld zu geben, wie Sie ſehen; ſind Sie Ihrerſeits bereit, mir für das Kind zu aften?“ „Bei dem wahrhaftigen Kreuze, Herr Gilbert.“ „Schwören wir nicht ſo ſehr, liebe Demoiſelle, und unterzeichnen wir ein wenig.“ „Ich werde unterzeichnen, Herr Gilbert, ich werde unterzeichnen.“ „Vor dem Notar?“— „Vor dem Notar.“ „So gehen wir ein wenig zu Papa Niguet.“ Der Papa Niguet, dem in Folge einer langen Be⸗ kanntſchaft der Doctor dieſen freundſchaftlichen Titel gab, war, wie diejenigen von unſern Leſern ſchon wiſſen, welche mit unſerem Buche Joſeph Bal⸗ ſamo vertraut ſind, der angeſehenſte Notar des Ortes. Mademoiſelle Angélique, deren Notar Meiſter Niguet auch war, hatte nichts gegen die vom Doctor getroffene Wahl einzuwenden. Sie ſolgte ihm daher in die bezeichnete Schreibſtube. Hier protocollirte der Notar das von Demoiſelle Roſe Angélique Pitou ge⸗ leiſtete Verſprechen, ihren Neffen Louis Ange Pitou zu ſich zu nehmen und zu Ausubung eines ehrenhaften Gewerbes gelangen zu laſſen, wogegen ſie jährlich die Summe von zweihundert Livres erhalten ſollte. Am andern Tag verließ der Doctor Villers⸗Cotterets, nachdem er einige Rechnungen mit einem ſeiner Pächter geordnet hatte, auf den wir ſpäter zurückkommen werden. Und Mademoiſelle Piton, welche wie ein Geier über die genannten, zum Voraus zahlbaren, zweihundert Livres herſiel, ſchloß acht ſchöne Louisd'ors in ihren Lehnſtuhl ein. e , r r „ 1, d d it er e — 29 bewunderte der Notar das gute Herz von Mademoiſelle Pitou und verſchob die Lehre auf das nächſte Jahr. Dabei war keine Zeit verloren, denn der Knabe hatte erſt ſein zwölftes Jahr erreicht. Sobald er bei ſeiner Tante war, und während dieſe darüber nachſann, was der beſte Nutzen ſein möchte, den ſie aus ihrem Neffen ziehen könnte, hatte Pitou, der ſich wieder in ſeinem Walde befand, auch ſchon alle ſeine topographiſchen Anordnungen getroſſen, um in Villers⸗Cotterets daſſelbe Leben zu führen, wie in Haramont. Denn eine Wanderung in der Runde hatte ihn in der That gelehrt, die beſten Tränkherde wären die am Wege nach Dampleur, am Wege nach Compisgne und am Wege nach Vivieres, und der wild⸗ reichſte Bezirk ſei der der Wolfsheide. Nachdem er dieſe Recognoscirung vorgenommen, traf Piton demgemäß ſeine Vorkehrungen. Das, was er ſich am leichteſten verſchaffen konnte, inſofern es keine Anlage von Kapitalien erforderte, war der Leim und die Leimruthen. Die Rinde der Stech⸗ palme mit einem Mörſerkeile zermalmt und im großen Waſſer gewaſchen verſchaffte den Leim; die Ruthen aber wuchſen zu Tauſenden auf den Birken der Um⸗ gegend. Piton verfertigte ſich, ohne einem Menſchen ein Wort davon zu ſagen, ein Tauſend Leimruthen und einen Topf Leim erſter Qualität, und an einem ſchönen Morgen, nachdem er Tags zuvor auf Rechnung ſeiner Tante einen vierpfündigen Laib Brod beim Bäcker ge⸗ nommen hatte, ging er in der Dämmerung weg, blieb den ganzen Tag auswärts und kehrte erſt bei ſinkender Nacht wieder zurück. Pitou hatte einen ſolchen Entſchluß nicht gefaßt, ohne die Folgen davon zu berechnen. Er hatte einen Sturm vorhergeſehen. Ohne die Weisheit von So⸗ krates zu beſitzen, kannte er doch die Laune ſeiner Tante ngölique ebenſo gut, als der berühmte Lehrer von Alcidiades die ſeiner Frau Kantippe kannte, „ Was die übrig bleibenden acht Livres betrifft, ſo warteten ſie in einer kleinen Unterſchale von Porzellan, welche ſeit dreißig bis vierzig Jahren Schaaren von Münzen von allen möglichen Sorten hatte durchziehen ſehen, bis die Ernte von einigen Sonntagen die Summe von vierundzwanzig Livres vervollſtändigte, eine Zahl, bei der, wie wir dies erklärt haben, die genannte Summe eine Verwandlung in Gold durchmachte und von der Schale in den Lehnſtuhl uberging. III. Ange Pitou bei ſeiner Tante. Wir haben geſehen, wie wenig Sympathie Ange Piton für einen zu langen Aufenthalt bei ſeiner guten Tante Angélique hegte; mit einem dem der Thiere, mit welchen er Krieg zu führen pflegte, gleichen oder ihm vielleicht überlegenen Inſtincte begabt, hatte der arme Knabe zum Voraus errathen, was bei dieſem Aufenthalt ſeiner, wir ſagen nicht an Täuſchungen, denn wir haben geſehen, daß er ſich nicht einen Augen⸗ blick Illuſionen machte, ſondern an Verdrießlichkeiten, Plackereien und Widerwärtigkeiten harrte. Einmal, ſobald der Doctor Gilbert abgereiſt, und es iſt nicht zu leugnen, das hatte Pitou nicht am meiſten gegen ſeine Tante mißſtimmt, war nicht einen Augenblick mehr davon die Rede geweſen, das Kind in die Lehre zu bringen. Wohl hatte der Notar mit einem Worte dieſe förmliche Uebereinkunft berührt; aber Mademoiſelle Angélique antwortete, ihr Neffe ſei noch zu jung und beſonders von zu zarter Geſundheit, um Arbeiten unterworfen zu werden, die vielleicht ſeine Kräfte überſteigen würden. Bei dieſer Bemerkung — 1242 .—, 30 Pitou hatte ſich in ſeiner Vorherſehung nicht ge⸗ täuſcht, doch er gedachte dem Sturme dadurch die Stirne zu bieten, daß er der alten Frömmlerin den Ertrag ſeines Tagewerkes überreichen würde. Nur hatte er den Platz nicht errathen können, wo ihn der Blitzſtrahl treffen würde. Der Blitzſtrahl traf ihn bei ſeinem Eintritt. Mademoiſelle Angélique hatte ſich hinter der Thür in den Hinterhalt gelegt, um ihren Neffen beim Vorübergehen nicht zu verfehlen, ſo daß er in dem Augenblick, wo er den Fuß in die Stube ſetzte, einen Schlag an das Hin⸗ terhaupt erhielt, an dem er, ohne einer anderen Beleh⸗ rung zu bedürfen, vollkommen die dürre Hand der Bet⸗ ſchweſter erkannte. Zum Glück hatte Piton einen harten Kopf, und obgleich ihn der Schlag kaum erſchütterte, gab er ſich doch, um ſeine Tante zu rühren, deren Zorn ſich da⸗ durch vermehrte, daß ſie ſich durch ein maßloſes Schla⸗ gen an den Fingern ſehr wehe gethan, den Anſchein, als fiele er ſtolpernd an das andere Ende der Stube. Sobald er hier angelangt war und ſeine Tante, ihren Rocken in der Hand, auf ſich zukommen ſah, zog er haſtig aus ſeiner Taſche den Talismann, auf den er gerechnet hatte, um ſich Verzeihung für ſein Ausbleiben zu verſchaffen. Das waren zwei Dutzend Vögel, worunter ein Dutzend Rothkehlchen und ein halbes Dutzend Droſſeln. Mademoiſelle Angélique riß ihre Augen ganz er⸗ ſtaunt auf und fuhr der Form wegen fort zu zanken; aber während ſie ſchalt, bemächtigte ſich ihre Hand des Jagdertrags ihres Neffen, ſie machte drei Schritte gegen die Lampe und fragte: „Was iſt das?“ „Sie ſehen es wohl, mein gutes Tanichen Angé⸗ lique,“ erwiederte Pitou,„es ſind Vögel.“ „Gut zum Eſſen?“ ſagte raſch die alte Jungfer, —, ϑᷣ———— — 82& 29 bewunderte der Notar das gute Herz von Mademoiſelle Pitou und verſchob die Lehre auf das nächſte Jahr. Dabei war keine Zeit verloren, denn der Knabe hatte erſt ſein zwölftes Jahr erreicht. Sobald er bei ſeiner Tante war, und waͤhrend dieſe darüber nachſann, was der beſte Nutzen ſein moͤchte, den ſie aus ihrem Neffen ziehen könnte, hatte Piton, der ſich wieder in ſeinem Walde befand, auch ſchon alle ſeine topographiſchen Anordnungen geiroſſen, um in Villers⸗Cotterets daſſelbe Leben zu führen, wie in Haramont. Denn eine Wanderung in der Runde hatte ihn in der That gelehrt, die beſten Tränkherde wären die am Wege nach Dampleux, am Wege nach Compiéègne und am Wege nach Vivières, und der wild⸗ reichſte Bezirk ſei der der Wolfsheide. Nachdem er dieſe Recognoscirung vorgenommen, traf Pitou demgemäß ſeine Vorkehrungen. Das, was er ſich am leichteſten verſchaffen konnte, inſofern es keine Anlage von Kapitalien erforderte, war der Leim und die Leimruthen. Die Rinde der Stech⸗ palme mit einem Mörſerkeile zermalmt und im großen Waſſer gewaſchen verſchaffte den Leim; die Ruthen aber wuchſen zu Tauſenden auf den Birken der Um⸗ gegend. Pitou verfertigte ſich, ohne einem Menſchen ein Wort davon zu ſagen, ein Tauſend Leimruthen und einen Topf Leim erſter Qualität, und an einem ſchönen Morgen, nachdem er Tags zuvor auf Rechnung ſeiner Tante einen vierpfuündigen Laib Brod beim Bäcker ge⸗ nommen hante, ging er in der Dämmerung weg, blieb den ganzen Tag auswärts und kehrte erſt bei ſinkender Nacht wieder zurück. Piton hatte einen ſolchen Entſchluß nicht gefaßt, ohne die Folgen davon zu berechnen. Er hatte einen Sturm vorhergeſeyen. Ohne die Weisheit von So⸗ krates zu beſitzen, kannte er doch die Laune ſeiner Tante Angélique ebenſo gut, als der berühmte Lehrer von Aleiviades die ſeiner Frau Pantippe kannte. * N*8 8 8 S — 3¹ welche in ihrer Eigenſchaft als Betſchweſter natürlich eßgierig war. „Gut zum Eſſen!“ wiederholte Pitou,„entſchuldigen Sie; Rothkehlchen und Droſſeln, ich glaube wohl.“ „Und wo haſt Du dieſe Thiere geſtohlen, kleiner Unglücklicher?“ „3 habe ſie nicht geſtohlen, ich habe ſie gefangen.“ Wi „Am Tränkherd.“ „Was iſt das, ein Tränkherd?“ Piton ſchaute ſeine Tante mit erſtaunter Miene an; er konnte nicht begreifen, daß es in der Welt eine Per⸗ ſon gebe, die in ihrer Erziehung vernachläſſigt genug ſei, um nicht zu wiſſen, was der Tränkherd bedeute. „Der Tränkherd?“ erwiederte er.„Bei Gott! das iſt der Tränkherd.“ „Ja, kleiner Schlingel, aber ich weiß nicht, was das iſt.“ Da Piton voll Mitleid gegen alle Unwiſſenheiten war, ſo antwortete er: „Der Tränkherd iſt eine kleine Lache, es finden ſich ſolche ungefähr dreißig im Wald; man legt Leimruthen rings umher, und wenn die Vögei, die das nicht kennen, die Dummköpfe, kommen, um zu trinken, ſo fangen ſie ſich.“ „Woran? n Leim.“ 6 „Ahl ah!“ ſagte die Tante Angélique,„ich be reife; doch wer hat DirGed gegeben?“ 5 „Geld?“ erwiederte Pitou, erſtaunt, daß man glau⸗ ben konnte, er habe ie einen Pfennig beſeſſen;„Geld Kntt Angelizue?⸗ ſeſſen;„Geld, a 4 „Riemand.“ „Mit was haſt Du benn den Leim gekauft?“ „Ich habe den Leim ſelbſt gemacht.“ „Und die Leimruthen?“ K 30 Pitou hatte ſich in ſeiner Vorherſehung nicht ge⸗ täuſcht, doch er gedachte dem Sturme dadurch die Stirne zu bieten, daß er der alten Frömmlerin den Ertrag ſeines Tagewerkes überreichen würde. Nur hatte er den Platz nicht errathen können, wo ihn der Blitzſtrahl treffen würde. Der Blitzſtrahl traf ihn bei ſeinem Eintritt. Mademoiſelle Angélique hatte ſich hinter der Thür in den Hinterhalt gelegt, um ihren Neffen beim Vorübergehen nicht zu verfehlen, ſo daß er in dem Augenblick, wo er den Fuß in die Stube ſetzte, einen Schlag an das Hin⸗ terhaupt erhielt, an dem er, ohne einer anderen Beleh⸗ rung zu bedürfen, vollkommen die dürre Hand der Bet⸗ ſchweſter erkannte. Zum Glück hatte Pitou einen harten Kopf, und obgleich ihn der Schlag kaum erſchütterte, gab er ſich doch, um ſeine Tante zu rühren, deren Zorn ſich da⸗ durch vermehrte, daß ſie ſich durch ein maßloſes Schla⸗ gen an den Fingern ſehr wehe gethan, den Anſchein, als fiele er ſtolpernd an das andere Ende der Stube. Sobald er hier angelangt war und ſeine Tante, ihren Rocken in der Hand, auf ſich zukommen ſah, zog er haſtig aus ſeiner Taſche den Talismann, auf den er gerechnet hatte, um ſich Verzeihung für ſein Ausbleiben zu verſchaffen.. Das waren zwei Dutzend Vögel, worunter ein Dutzend Rothkehlchen und ein halbes Dutzend Droſſeln. Mademoiſelle Angélique riß ihre Augen ganz er⸗ ſtaunt auf und fuhr der Form wegen fort zu zanken; aber während ſie ſchalt, bemächtigte ſich ihre Hand des Jagdertrags ihres Neffen, ſie machte drei Schritte gegen die Lampe und fragte: 3 „Was iſt das?“ „Sie ſehen es wohl, mein gutes Tantchen Angé⸗ lique,“ erwiederte Pitou,„es ſind Vögel.“ Gut zum Eſſen?“ ſagte raſch die alte Jungfer, 7/ „Auch.“ „Dieſe Vögel.. „Nun, Tante?“ „Sie koſten Dich nichts?⸗ „Die Mühe, mich zu bücken und ſie zu nehmen.“ „Und kann man oft an den Tränkherd gehen?“ „Pan kann alle Tage dahin gehen.“ u— „Nur muß man nicht.. „Was muß man nicht?“ „Alle Tage dahin gehen.“ „Aus welchem Grunde?“ „Weil das ruinirt.“ „Was ruinirt das?“ „Den Tränkherd. Sie begreifen, Tante Angélique, die Vögel, die man gefangen hat... 74 „Nun? „Sie ſind nicht mehr da.“ „Das iſt richtig,“ ſagte die Tante. Zum erſten Mal, ſeitdem er ſich in ihrem Hauſe befand, gab die Tante Angelique ihrem Neffen Recht; dieſe ungewohnte Billigung entzückte auch Piton. „Doch,“ ſagte er,„an den Tagen, wo man nicht an den Tränkherd geht, geht man anderswo hin. An den Tagen, wo man keine Vögel fängt, fängt man etwas Anderes.“ „Und was fängt man denn?“ „Man fängt Kaninchen.“ „Kaninchen?“ „Ja. Man ißt das Fleiſch und verkauft den Balg. Ein Kaninchenbalg iſt zwei Sous werth.“ Die Tante Angélique ſchaute ihren Neffen mit anz erſtaunten Augen anz ſie hatte nie in ihm einen o großen Oekonomen geſehen. Piton hatte ſich ge⸗ offenbart. „Aber ich werde die Kaninchenbälge verkaufen?“ „Allerdings, wie es Mama Madeleine machte.“ — 5 —— 31 welche in ihrer Eigenſchaft als Betſchweſter natürlich eßgierig war. 3. „Gut zum Eſſen!“ wiederholte Piton,„entſchuldigen Sie; Rothkehlchen und Droſſeln, ich glaube wohl.“ „Und wo haſt Du dieſe Thiere geſtohlen, kleiner Unglücklicher?“ „Ich habe ſie nicht geſtohlen, ich habe ſie gefangen.“ „Wie?“ „Am Tränkherd.“ „Was iſt das, ein Tränkherd?“ Pitou ſchaute ſeine Tante mit erſtaunter Miene an; er konnte nicht begreifen, daß es in der Welt eine Per⸗ ſon gebe, die in ihrer Erziehung vernachläſſigt genug ſei, um nicht zu wiſſen, was der Tränkherd bedeute. „Der Tränkherd?“ erwiederte er.„Bei Gott! das iſt der Tränkherd.“ „Ja, kleiner Schlingel, aber ich weiß nicht, was das iſt.“ Da Pitou voll Mitleid gegen alle Unwiſſenheiten war, ſo antwortete er: „Der Tränkherd iſt eine kleine Lache, es finden ſich ſolche ungefahr dreißig im Wald; man legt Leimruthen rings umher, und wenn die Vögel, die das nicht kennen, die Dummköpfe, kommen, um zu trinken, ſo fangen ben konnte, er habe je einen Pfennig beſeſſen;„Geld Tante Angetigns 24 d beſeſen: 4 a 44 „Jd. „Niemand.“ „Mit was haſt Du denn den Leim gekauft?“ „Ich habe den Leim ſelbſt gemacht.“ „Und die Leimruthen?“ ſe 1z cht An as 33 Es war dem Kinde nie der Gebanke gekommen, es könnte von dem Ertrage ſeiner Jagd etwas Anderes in Anſpruch nehmen, als ſeinen Theil am Verzehren. „Und wann wirſt Du Kaninchen fangen?“ fragte Mademoiſelle Angélique. „Ah! ſobald ich Schlingen habe,“ erwiederte Pitou. „Nun denn! ſo mache Schlingen.“ Piton ſchüttelte den Kopf. „Du haſt ja Leim und Leimruthen gemacht!“ „Ah! ich verſtehe wohl Leim und Leimruthen zu machen, das iſt wahr; aber ich verſtehe nicht Meſſing⸗ draht zu machen; das kauft man fertig bei den Krämern.“ „Und wie viel koſtet das?“ „Oh! mit vier Sous werde ich wohl zwei Dutzend machen,“ antwortete Pitou, an den Fingern rechnend. „Und wie viel kannſt Du mit zwei Dutzenden Ka⸗ ninchen fangen?“ „Das iſt, wie es gerade kommt: vier, fünf, ſechs vielleicht; und dann dienen dieſe Schlingen mehrere Male, wenn ſie der Aufſeher nicht findet.“ „Hier haſt Du vier Sous,“ ſagte die Tante Angé⸗ lique,„kaufe Meſſingdraht bei Herrn Dambrun und gehe morgen auf die Kaninchenjagd.“ „Ich werde die Schlingen morgen legen,“ erwie⸗ derte Pitou,„doch erſt übermorgen früh erfahre ich, ob ſich Kaninchen gefangen haben.“ „Gut; gehe immerhin.“ Der Meſſingdraht war minder theuer in der Stadt, als auf dem Lande, weil die Krämer von Haramont ſich in Villers⸗Cotterets damit verſahen. Piton erhielt alſo vierundzwanzig Schlingen für drei Sons. Er brachte einen Son ſeiner Tante zurück. Dieſe unerwartete Ehrlichkeit ihres Neffen rührte beinahe die alte Jungfer. Sie hatte einen Augenblick den Gedanken, die Abſicht, mit dieſem Sou, der nicht verwendet worden war, ihren Neffen zu beſchenken. Zum Ange Pitou. 1. 3 n „Auch.“ „Dieſe Vögel...“ „Nun, Tante?“ „Sie koſten Dich nichts?“ „Die Mühe, mich zu bücken und ſie zu nehmen.“ „Und kann man oft an den Tränkherd gehen?“ „Man kann alle Tage dahin gehen.“ „Gut.“ „Nur muß man nicht...“ „Was muß man nicht?“ „Alle Tage dahin gehen.“ „Aus welchem Grunde?“ „Weil das ruinirt.“ „Was ruinirt das?“ „Den Tränkherd. Sie begreifen, Tante Angélique, die Vögel, die man gefangen hat...“ „Nun? „Sie ſind nicht mehr da.“ „Das iſt richtig,“ ſagte die Tante. Zum erſten Mal, ſeitdem er ſich in ihrem Hauſe befand, gab die Tante Angélique ihrem Neffen Recht; dieſe ungewohnte Billigung entzückte auch Pitou. „Doch.“ ſagte er,„an den Tagen, wo man nicht an den Tränkherd geht, geht man anderswo hin. An den Tagen, wo man keine Vögel fängt, fängt man etwas Anderes.“ „Und was fängt man denn?“ „Man fängt Kaninchen.“ „Kaninchen?“ „Ja. Man ißt das Fleiſch und verkauft den Balg. Ein Kaninchenbalg iſt zwei Sous werih.“ Die Tante Angélique ſchaute ihren Neffel mit ganz erſtaunten Augen an; ſie hatte nie in ihm einen ſ großen Oekonomen geſehen. Pitou hatte ſich ge⸗ offenbart. „Aber ich werde die Kaninchenbälge verkaufen?“ „Allerdings, wie es Mama Madeleine machte.“ —— 1 Unglück für Piton war es ein mit dem Hammer breit geſchlagener Sou, der in der S für zwei Sous gelten konnte. Mademoiſelle Angélique dachte, man müſſe ein Geldſtück nicht ausgeben, das hundert Procent tragen könne, und ſteckte den Sou wieder in die Taſche. Pitou hatte die Bewegung bemerkt, aber nicht analyſirt. Es wäre ihm nie eingefallen, ſeine Tante könnte ihm einen Son geben. Er verfertigte ſeine Schlingen. Am andern Morgen verlangte er einen Sack von Mademviſelle Angélique. „Wozu?“ fragte die alte Jungfer. „Weil ich einen brauche,“ antwortete Piton, der voller Geheimniſſe war. Mademviſelle Angélique gab ihm den verlangten Sack, legte den Vorrath an Brod und Käſe hinein, der zum Frühſtück und Mittageſſen ihres Neffen dienen ſollte, und dieſer ging ſogleich nach der Wolfsheide ab. Die Tante Angélique ihrerſeits fing damit an. daß ſie die zwölf Rothkehlchen rupfte, die ſie zu ihrem Früh⸗ ſtuck und ibrem Mittaaeſſen beſtimmt hatte. Sie brachte zwei Droſſeln dem Abbé Fortier und verkauſte die vier andern an den Wirth zur Goldenen Kugel, der ſie ihr mit drei Sous das Stück bezahlte und ihr alle, die ſie ihm bringen würde, um denſelben Preis abzunehmen verſprach. Die Tante Angélique fehrte ſtrahlend zurück. Der Segen ves Himmils war mit Pitvu in ihrem Hauſe eingekehrt. „Ah!“ ſagte ſie, während ſie ihre Rothkehlchen aß, welche ſeit waren wie Ortvlane und zart wie Feigen⸗ ſchnepfen;„man hat Recht, wenn man behauptet, eine Wohlthat ſei nie verloren.“ Am Abend kam Ange nach Hauſe; er trug auf ſeinem Rücken einen herrlich gerundeten Sack. Dies⸗ mal erwartete ihn die Tante nicht hinter der Thüre, —— — — ue, uſe ht; vas 33 Es war dem Kinde nie der Gedanke gekommen, es könnte von dem Ertrage ſeiner Jagd etwas Anderes in Anſpruch nehmen, als ſeinen Theil am Verzehren. „Und wann wirſt Du Kaninchen fangen?“ fragte Mademoiſelle Angélique. „Ah! ſobald ich Schlingen habe,“ erwiederte Pitou. „Nun denn! ſo mache Schlingen.“ Piton ſchüttelte den Kopf. 4 „Du haſt ja Leim und Leimruthen gemacht!“ „Ah! ich verſtehe wohl Leim und Leimruthen zu machen, das iſt wahr; aber ich verſtehe nicht Meſſing⸗ draht zu machen; das kauft man fertig bei den Krämern.“ „Und wie viel koſtet das?“ „Ohl mit vier Sous werde ich wohl zwei Dutzend machen,“ antwortete Pitou, an den Fingern rechnend. „Und wie viel kannſt Du mit zwei Dutzenden Ka⸗ ninchen fangen?“ „Das iſt, wie es gerade kommt: vier, fünf, ſechs vielleicht; und dann dienen dieſe Schlingen mehrere Male, wenn ſie der Aufſeher nicht findet.“ „Hier haſt Du vier Sous,“ ſagte die Tante Angé⸗ lique,„kaufe Meſſingdraht bei Herrn Dambrun und gehe morgen auf die Kaninchenjagd.“ „Ich werde die Schlingen morgen legen,“ erwie⸗ derte Pitou,„doch erſt übermorgen früh erfahre ich, ob ſich Kaninchen gefangen haben.“ „Gut; gehe immerhin.“ Der Meſſingdraht war minder theuer in der Stadt, als auf dem Lande, weil die Krämer von Haramont ſich in Villers⸗Cotterets damit verſahen. Pitou erhielt alſo vierundzwanzig Schlingen für drei Sous. Er brachte einen Sou ſeiner Tante zurück. Dieſe unerwartete Ehrlichkeit ihres Neffen rührte beinahe die alte Jungfer. Sie hatte einen Augenblick den Gedanken, die Abſicht, mit dieſem Sou, der nicht verwendet worden war, ihren Neffen zu beſchenken. Zum Ange Pitou. 1. 3 35 ſondern auf der Schwelle, und ſtatt mit einer Kopfnuß empfangen zu werden, wurde der Knabe mit einer Gri⸗ maſſe aufgenommen, welche beinahe einem Lächeln glich. „Hier bin ich!“ rief Piton, als er in die Stube mit jener Dreiſtigkeit eintrat, welche das Bewußtſein eines aut ausgefüllten Tages bezeichnet. „Du und Dein Sack,“ ſagte die Tante Angélique. „Ich und mein Sack,“ erwiederte Pitou. „Und was iſt in Deinem Sack,“ fragte die Tante Angélique. „Bucheln.“ „Bucheln!“ „Allerdings; Sie begreifen wohl, Tante Angslique, wenn der Vater La Jeuneſſe, der Schütze der Woifs⸗ haide, mich auf ſeinem Bezirk ohne meinen Sack hätte herumſtreichen ſehen, ſo würde er zu mir geſagt haben: „„Was machſt Du hier, kleiner Landſtreicher?““ Abge⸗ ſehen davon, daß er etwas vermuthet hätte. Während ich mit meinem Sack, wenn er mich fragt, was ich machen wolle, ihm antworte:„„Ich komme zur Buchel⸗ leſe; iſt es denn verboten, zur Buchelleſe zu gehen?““ „„Nein.““„Nun, wenn das nicht verboten iſt, ſo haben Sie mir nichts zu ſagen.““ In der That, wenn er etwas ſagt, der Vater La Jeuneſſe, ſo hat er Unrecht.“ „Alſo haſt Du Deinen Tag damit zugebracht, daß Du Bucheln geleſen, ſtatt die Schlingen zu legen, Träger!“ rief die Tante Angslique, welche unter allen dieſen Kniffen ihres Neffen die Kaninchen ſich entgehen zu ſehen glaubte. „Im Gegentheil, ich habe meine Schlingen gelegt, während ich Bucheln las, ſo daß er mich hei der Ar⸗ beit ſah.“ „Und er hat Dir nichts geſagt?“ „Doch. Er hat mir geſagt:„„Du wirſt Deiner Tant⸗ Piton meine Complimente ausrichten.“ Mun! iſt das ein braver Mann, der Vater La Jeuneſſe!“ 3* Unglück für Pitou war es ein mit dem Hammer breit geſchlagener Sou, der in der Dämmerung für zwei Sous gelten konnte. Mademoiſelle Angélique dachte, man müſſe ein Geldſtück nicht ausgeben, das hundert Procent tragen könne, und ſteckte den Sou wieder in die Taſche. Pitou hatte die Bewegung bemerkt, aber nicht analyſirt. Eß wäre ihm nie eingefallen, ſeine Tante könnte ihm einen Sou geben. Er verfertigte ſeine Schlingen. Am andern Morgen verlangte er einen Sack von Mademoiſelle Angélique. „Wozu?“ fragie die alte Jungfer.. Weil ich einen brauche,“ antwortete Pitou, der F7 voller Geheimniſſe war. Mademoiſelle Angélique gab ihm den verlangten Sack, legte den Vorrath an Brod und Käſe hinein, der zum Frühſtück und Mittageſſen ihres Neffen dienen ſollte, und dieſer ging ſogleich nach der Wolfsheide ab. Die Taute Angélique ihrerſeits fing damit an, daß ſte die zwölf Rothkehlchen rupfte, die ſie zu ihrem Früh⸗ ſtuck und ihrem Mittageſſen beſtimmt hatte. Sie brachte zwei Droſſ ln dem Abbé Fortier und verkaufte die vier andern an den Wirth zur Goldenen Kugel, der ſie ihr mit drei Sous das Stück bezahlte und ihr alle, die ſte ihm bringen wurde, um denſelben Preis abzunehmen verſprach. Die Tante Angslique kehrte ſtrahlend zurück. Der Segen des Himmels war mit Pitou in ihrem Hauſe eingekehrt. „Ah!“ ſagte ſie, während ſie ihre Rothkehlchen aß⸗ welche ſett waren wie Ortolane und zart wie Feigen⸗ ſchnepfen;„man hat Recht, wenn man behauptet, eine Wohlthat ſei nie verloren.“ Am Abend kam Ange nach Hauſe; er trug auf ſeinem Rücken einen herrlich gerundeten Sack. Dies⸗ mal erwartete ihn die Tante nicht hinter der Thüre, „Aber die Kaninchen?“ verſetzte die Tante Angs⸗ lique, welche nichts von ihrem Hauptgedanken abbrin⸗ gen konnte. „Die Kaninchen? Der Mond geht um Mitternacht auf, und ich werde um ein Uhr nachſehen, ob ſie ge⸗ fangen ſind.“ „Wo dies?“ „Im Walde.“ „Wie, Du wirſt um ein Uhr Morgens in den Wald gehen?“ „Ja wohl!“ „Ohne Angſt zu haben?“ „Angſt, wovor?“ Die Tante Angslique war ebenſo erſtaunt über den Muth von Piton, als ſie über ſeine Sperulationen erſtaunt geweſen war. Einfach wie ein Kind der Natur, kannte Pitou allerdings keine von den ſcheinbaren Gefahren, welche die Kinder der Städte erſchrecken. Er brach auch um Mitternacht auf und ging längs der Kirchhofmauer hin, ohne ſich abzuwenden. Das unſchuldige Kind, das in ſeinem Leben, wenigſtens in ſeinen Unabhängigkeitsideen, weder Gott noch die Men⸗ ſchen beleidigt hatte, fürchtete ſich ebenſo wenig vor den Todten, als vor den Lebendigen. Ange fürchtete eine einzige Perſon; dieſe Perſon war der Vater La Jeuneſſe; er hatte auch die Vorſicht, einen Umweg zu machen, um an ſeinem Hauſe vorüberzugehen. Da Alles im Innern erloſchen, da Thüren und Läden ge⸗ ſchloſſen waren, ſo fing Pitou, um ſich zu verſichern, der Schütze ſei zu Hauſe und nicht in ſeinem Bezirk, an das Bellen des Hundes mit ſolcher Vollkommenheit nachzu⸗ ahmen, daß Ronſlot, der Dachshund des Vaters La Jeu⸗ neſſe, ſich in der Herausforderung täuſchle, ebenfalls mit voller Kehle Laut gav und unter der Thüre durch⸗ ſchnuffelte.. Von dieſem Angenblick an fühlte ſich Piton ruhig. War 35 ſondern auf der Schwelle, und ſtatt mit einer Kopfnuß empfangen zu werden, wurde der Knabe mit einer Gri⸗ maſſe aufgenommen, welche beinahe einem Lächeln glich. „Hier bin ich!“ rief Piton, als er in die Stube mit jener Dreiſtigkeit eintrat, welche das Bewußtſein eines gut ausgefuͤllten Tages bezeichnet. „Du und Dein Sack,“ ſagte die Tante Angélique. „Ich und mein Sack,“ erwiederte Pitou. „Und was iſt in Deinem Sack,“ fragte die Tante Angélique. „Bucheln.“ „Bucheln!“ „Allerdings; Sie begreifen wohl, Tante Angslique, wenn der Vater La Jeuneſſe, der Schütze der Wolfs⸗ haide, mich auf ſeinem Bezirk ohne meinen Sack hätte herumſtreichen ſehen, ſo würde er zu mir geſagt haben: „„Was machſt Du hier, kleiner Landſtreicher?““ Abge⸗ ſehen davon, daß er etwas vermuthet hätte. Während ich mit meinem Sack, wenn er mich fragt, was ich machen wolle, ihm antworte:„„Ich komme zur Buchel⸗ leſe; iſt es denn verboten, zur Buchelleſe zu gehen?““" „„Nein.““„„Nun, wenn das nicht verboten iſt, ſo haben Sie mir nichts zu ſagen.““ In der That, wenn er etwas ſagt, der Vater La Jeuneſſe, ſo hat er Unrecht.“ „Alſo haſt Du Deinen Tag damit zugebracht, daß Du Bucheln geleſen, ſtatt die Schlingen zu legen, Träger!“ rief die Tante Angélique, welche unter allen dieſen Kniffen ihres Neffen die Kaninchen ſich entgehen zu ſehen glaubte. „Im Gegentheil, ich habe meine Schlingen gelegt, während ich Bucheln las, ſo daß er mich bei der Ar⸗ beit ſah.“ „Und er hat Dir nichts geſagt?“ „Doch. Er hat mir geſagt:„„Du wirſt Deiner Tante Pitou meine Complimente ausrichten.““ Nun! iſt das ein braver Mann, der Vater La Jatneſet t 37 Ronflot zu Hauſe, ſo war Vater La Jeuneſſe auch zu Hauſe; Konßet und der Vater La Jeuneſſe waren un⸗ zertrennlich, und ſobald man den Einen erblickte, konnte man ſicher ſein, man würde ſogleich auch den Andern erſcheinen ſehen. Vollkommen beruhigt, wanderte alſo Pitou nach der Wolfsheide. Die Schlingen hatten ihr Werk ver⸗ richtet; zwei Kaninchen waren gefangen und erdroſſelt. Piton ſteckte ſie in die weite Taſche jenes zu lan⸗ gen Rockes, der nach Verlauf eines Jahres zu kurz geworden ſein ſollte, und kehrte zu ſeiner Tante zurück. Die alte Jungfer war zu Bette gegangen, doch die Habgier hatte ſie wach erhalten; wie Pereite, hatte ſie berechnet, was ihr vier Kaninchenbälge wöchentlich ein⸗ tragen konnten, und dieſe Rechnung hatte ſie ſo weit geführt, daß ſie nicht ein Auge zu ſchließen im Stande geweſen war: ſie fragte auch mit einem nervöſen Zit⸗ tern den Knaben, was er bringe. „Ein Paar! Ah! Tante Angélique, es iſt nicht mein Fehler, daß ich nicht mehr habe bringen können, aber es ſcheint, ſie ſind boshaft, die Kaninchen des Vater La Jeuneſſe.“ Die Hoffnungen der Tante Angélique waren mehr als erfüllt. Sie nahm, bebend vor Freude, die zwei unglücklichen Thiere, unterſuchte ihren unverſehrt ge⸗ bliebenen Balg und ſchloß ſie in ihre Speiſekammer ein, die in ihrem Leben keine Vorräthe geſehen hatte, wie die, welche ſie enthielt, ſeitdem es Pitou eingefallen war, ſie zu verſehen. Dann forderte ſie mit ziemlich ſanftem Tone Pitou auf, ſich niederzulegen; das ermüdete Kind that dies auf der Stelle, ohne ein Abendbrod zu verlangen, was ihn vollends auf's Beſte in dem Geiſte ſeiner Tante ſtellte. Zwei Tage nachher wiederholte Piton ſeinen Verſuch, und er war dicsmal noch glücklicher als das erſte Mal. Er fing drei Kaninchen. Zwei nahmen den Weg nach dem Wirthshauſe zur — „Aber die Kaninchen?“ verſetzte die Tante Angé⸗ lique, welche nichts von ihrem Hauptgedanken abbrin⸗ gen konnte. „Die Kaninchen? Der Mond geht um Mitternacht auf, und ich werde um ein Uhr nachſehen, ob ſie ge⸗ fangen ſind.“ „Wo dies?“ „Im Walde.“ 4 „Wie, Du wirſt um ein Uhr Morgens in den Wald gehen?“ „Ja wohl!“ „Ohne Angſt zu haben?“ „Angſt, wovor?“ Die Tante Angélique war ebenſo erſtaunt über den Muth von Piton, als ſie über ſeine Speculationen erſtaunt geweſen war. Einfach wie ein Kind der Natur, kannte Pitou allerdings keine von den ſcheinbaren Gefahren, welche die Kinder der Städte erſchrecken. Er brach auch um Mitternacht auf und ging längs der Kirchhofmauer hin, ohne ſich abzuwenden. Das unſchuldige Kind, das in ſeinem Leben, wenigſtens in ſeinen Unabhängigkeitsideen, weder Gott noch die Men⸗ ſchen beleidigt hatte, fürchtete ſich ebenſo wenig vor den Todten, als vor den Lebendigen. Ange fürchtete eine einzige Perſon; dieſe Perſon war der Vater La Jeuneſſe; er hatte auch die Vorſicht, einen Umweg zu machen, um an ſeinem Hauſe vorüberzugehen. Da Alles im Innern erloſchen, da Thüren und Läden ge⸗ ſchloſſen waren, ſo fing Pitou, um ſich zu verſichern, der Schütze ſei zu Hauſe und nicht in ſeinem Bezirk, an das Bellen des Hundes mit ſolcher Vollkommenheit nachzu⸗ ahmen, daß Ronflot, der Dachshund des Vaters La Jeu⸗ neſſe, ſich in der Herausforderung täuſchte, ebenfalls mit voller Kehle Laut gab und unter der Thüre durch⸗ ſchnuffelte. Von dieſem Augenblick an fühlte ſich Pitou ruhig. War 38 Golbenen Kugel, das dritte den nach dem Pfarrhauſe. Die Tante Angélique trug ſehr Sorge für den Abbé Fortier, der ſie ſeinerſeits den guten Seelen des Kirch⸗ ſpiels empfahl. So gingen die Dinge drei bis vier Monate. Die Tante Angélique war entzückt, und Pitou fand ſeine Lage erträglich. Abgeſehen von der Liebe ſeiner Mut⸗ ter, welche über ſeinem Daſein ſchwebte, führte Piton ungefähr daſſelbe Leben in Villers⸗Cotterets, wie in Haramont. Doch ein unerwarteter Umſtand, auf den man indeſſen gefaßt ſein mußte, machte der Tante einen Strich durch die Rechnung und unterbrach die Expedi⸗ tionen des Neffen. Es war ein Brief vom Doctor Gilbert, datirt von New⸗York, angekommen. Als der philoſophiſche Rei⸗ ſende den Fuß auf den Boden Amerikas ſetzte, vergaß er ſeinen kleinen Schützling nicht. Er ſchrieb an Mei⸗ ſter Niguet, um ſich zu erkundigen, ob ſeine Vorſchriften befolgt worden ſeien, und um den Vollzug des Vertrags, wenn man dies nicht gethan, oder ſeinen Bruch zu wenn man dieſe Vorſchriften nicht befolgen wollte. Der Fall war ernſter Natur. Die Verantwortlich⸗ keit des Notars ſtand auf dem Spiel; er fand ſich bei der Tante Pitou ein und ſtellte ſie, den Brief des Doctors in der Hand, über den Vollzug des Vertrags zur Rede. Man konnte nicht zurückweichen; jede Entſchuldi⸗ gung mit ſchlechter Geſundheit wurde durch das Aus⸗ ſehen von Piton Lügen geſtraft. Pitou war groß und mager; aber die jungen Bäume des Waldes waren auch groß und mager, was ſie nicht verhinderte, ſich äußerſt wohl zu befinden. 3 Mademoiſelle Angélique verlangte acht Tage, um ihren Geiſt auf die Wahl des Standes vorzubereiten, den ſie ihren Neffen wollte ergreifen laſſen. Piton war ebenſo traurig als ſeine Tante. Das 37 Ronflot zu Hauſe, ſo war Vater La Jeuneſſe auch zu Hauſe; Ronflot und der Vater La Jeuneſſe waren un⸗ zertrennlich, und ſobald man den Einen erblickte, konnte man ſicher ſein, man würde ſogleich auch den Andern erſcheinen ſehen. Vollkommen beruhigt, wanderte alſo Pitou nach der Wolfsheide. Die Schlingen hatten ihr Werk ver⸗ richtet; zwei Kaninchen waren gefangen und erdroſſelt. Piton ſteckte ſie in die weite Taſche jenes zu lan⸗ gen Rockes, der nach Verlauf eines Jahres zu kurz geworden ſein ſollte, und kehrte zu ſeiner Tante zurück. Die alte Jungfer war zu Bette gegangen, doch die Habgier hatte ſie wach erhalten; wie Pereite, hatte ſie berechnet, was ihr vier Kaninchenbälge wöchentlich ein⸗ tragen konnten, und dieſe Rechnung hatte ſie ſo weit geführt, daß ſie nicht ein Auge zu ſchließen im Stande geweſen war: ſie fragte auch mit einem nervöſen Zit⸗ tern den Knaben, was er bringe.. „Ein Paar! Ah! Tante Angélique, es iſt nicht mein Fehler, daß ich nicht mehr habe bringen können, aber es ſcheint, ſte ſind boshaft, die Kaninchen des Bater La Jeuneſſe.“ Die Hoffnungen der Tante Angélique waren mehr als erfüllt. Sie nahm, bebend vor Freude, die zwei unglücklichen Thiere, unterſuchte ihren unverſehrt ge⸗ bliebenen Balg und ſchloß ſie in ihre Speiſekammer ein, die in ihrem Leben keine Vorräthe geſehen hatte, wie die, welche ſie enthielt, ſeitdem es Pitou eingefallen war, ſie zu verſehen. Dann forderte ſie mit ziemlich ſanftem Tone Pitou auf, ſich niederzulegen; das ermüdete Kind that dies auf der Stelle, ohne ein Abendbrod zu verlangen, was ihn vollends auf's Beſte in dem Geiſte ſeiner Tante ſtellte. Zwei Tage nachher wiederholte Pitou ſeinen Verſuch, und er war diesmal noch glücklicher als das erſte Mal. Er fing drei Kaninchen. Zwei nahmen den Weg nach dem Wirthshauſe zur 39 Gewerbe, das er trieb, kam ihm vortrefflich vor, und er wünſchte ſich kein anderes. Während dieſer acht Tage war weder von der Vogeltränke, noch vom Wildern mehr die Rede. Ueber⸗ dies befand man ſich im Winter, und im Winter trin⸗ ken die Vögel überall. Dann war Schnee gefallen, und beim Schnee wagte es Piton nicht, ſeine Schlingen zu legen. Der Schnee bewahrt den Eindruck der Sohlen, und Pitou beſaß ein Paar Füße, das dem Vater La Jeu⸗ neſſe die ſchönſte Ausſicht gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden zu erfahren, wer der Dieb geweſen, der den ſeiner Obhut anvertrauten Bezirk entvölfert. Während dieſer acht Tage wuchſen der alten Jung⸗ fer die Klauen wieder. Piton hatte ſeine Tante Angé⸗ lique von einſt wiedergefunden, diejenige, welche ihm ſo ſehr Furcht eingeflößt, und die das Intereſſe, dieſe mächtige Bewegkraft ihres ganzen Lebens, einen Augen⸗ blick Sammetpfoten hatte machen laſſen. Je näher man dem Ziele rückte, deſto mürriſcher wurde die Laune der alten Jungfer, dergeſtalt, daß am fünften Tag Pitou wünſchte, ſeine Tante möchte ſich ſogleich für irgend einen Stand entſchließen, gleich⸗ viel welcher es wäre, wenn nur nicht der eines Schmer⸗ zensdulders, den er bei der alten Jungfer einnahm. Plötzlich erſchloß ſich ein Gedanke in dieſem ſo grauſam bewegten Kopf. Dieſer Gedanke gab ihr die Ruhe wieder, welche ſie ſeit ſechs Tagen verkoren hatte. Er beſtand darin, daß ſie den Abbé Fortier bat, in ſeiner Klaſſe ohne irgend eine Belohnung den armen Pitou aufzunehmen und ihm das von S. H. dem Her⸗ zog von Orleans im Seminar geſtiftete Stipendium zu verſchaffen. Das war eine Lehre, welche der Tante Angélique nichts koſtete, und Herr Fortier, abgeſehen von den Krametsvögeln, den Amſeln und den Kaninchen, mit denen ihn die alte Frömmlerin ſeit ſechs Monaten überhäufte, war etwas mehr, als jedem Anderen, dem Goldenen Kugel, das dritte den nach dem Pfarrhauſe. Die Tante Angélique trug ſehr Sorge für den Abbé Fortier, der ſie ſeinerſeits den guten Seelen des Kirch⸗ ſpiels empfahl. So gingen die Dinge drei bis vier Monate. Die Tante Angélique war entzückt, und Pitou fand ſeine Lage erträglich. Abgeſehen von der Liebe ſeiner Mut⸗ ter, welche über ſeinem Daſein ſchwebte, führte Pitonu ungefähr daſſelbe Leben in Villers⸗Cotterets, wie in Haramont. Doch ein unerwarteter Umſtand, auf den man indeſſen gefaßt ſein mußte, machte der Tante einen Strich durch die Rechnung und unterbrach die Expedi⸗ tionen des Neffen. 3 Es war ein Brief vom Doctor Gilbert, datirt von New⸗York, angekommen. Als der philoſophiſche Rei⸗ ſende den Fuß auf den Boden Amerikas ſetzte, vergaß er ſeinen kleinen Schützling nicht. Er ſchrieb an Mei⸗ ſter Niguet, um ſich zu erkundigen, ob ſeine Vorſchriften befolgt worden ſeien, und um den Vollzug des Vertrags, wenn man dies nicht gethan, oder ſeinen Bruch zu fordern, wenn man dieſe Vorſchriften nicht befolgen wollte. Der Fall war ernſter Natur. Die Verantwortlich⸗ keit des Notars ſtand auf dem Spiel; er fand ſich bei der Tante Piton ein und ſtellte ſie, den Brief des Doctors in der Hand, über den Vollzug des Vertrags zur Rede. Man konnte nicht zurückweichen; jede Entſchuldi⸗ gung mit ſchlechter Geſundheit wurde durch das Aus⸗ ſehen von Pitou Lügen geſtraft. Pitou war groß und mager; aber die jungen Bäume des Waldes waren auch groß und mager, was ſte nicht verhinderte, ſich äußerſt wohl zu befinden. Mademoiſelle Angélique verlangte acht Tage, um ihren Geiſt auf die Wahl des Standes vorzubereiten, den ſie ihren Neffen wollte ergreifen laſſen. Pitou war ebenſo traurig als ſeine Tante. Das Meffen der Vermietherin der Stühle ſeiner Kirche ſchul⸗ dig. So unter der Glocke gehalten, trug Ange in der Gegenwart ein und verſprach für die Zukunft. Ange wurde in der That beim Abbé ohne irgend eine Belohnung aufgenommen. Es war ein bräver Mann, dieſer Abbs; nicht im Geringſten intereſſirt, gab er ſeine Wiſſenſchaft denen, die arm am Geiſte, ſein Geld denen, die arm am Körper; aber unlenkbar in einem einzigen Punkt? die Solecismen brachten ihn außer ſich, die Barbarismen machten ihn wüthend. In dieſem Fall kannte er weder einen Freund, noch einen Feind, weder einen Armen, noch einen Reichen, weder einen bezahlenden Schüler, noch einen unentgeldlichen. Er ſchlug mit unbeſtechlicher Unparteilichkeit und mit einem lacedämoniſchen Stoicismus, und da er einen ſtarken Arm hatte, ſo ſchlug er tüchtig. Das war den Eltern bekannt; es hing von ihnen ab, ihre Kinder zum Abbé Fortier zu bringen oder nicht zu bringen; brachten ſie ihre Kinder aber dahin, ſo mußten ſie die⸗ ſelben gänzlich ſeiner Willkür überlaſſen; denn auf alle mütterlichen Reclamationen antwortete der Abbé durch den Wahlſpruch: Wer gut liebt, der züchtigt gut, den er auf den Handgriff ſeiner Ruthe und auf den Stiel ſeiner Schulgeißel hatte graviren laſſen. Ange Piton wurde alſo auf die Empfehlung ſeiner Tante unter den Schülern des Abbé Fortier aufge⸗ nommen. Ganz ſtolz auf dieſe Aufnahme, welche Pitou viel weniger angenehm war, denn ſie unterbrach ſein nomadiſches Leben, begab ſich die alte Andächtlerin zu Meiſter Niguet und benachrichtigte ihn, ſie habe ſich nicht nur mit den Abſichten des Doctor Gilbert in Ein⸗ klang geſetzt, ſondern dieſelben ſogar übertroffen. Der Doctor hatte in der That für Ange Piton ein ehren⸗ haftes Gewerbe verlangt. Sie gab ihm viel mehr als dies, da ſie ihm eine ausgezeichnete Erziehung gab; und wo gab ſie ihm dieſe Erziehung? in derſeiben —— —„—— 8—„— 39 Gewerbe, das er trieb, kam ihm vortrefflich vor, und er wünſchte ſich kein anderes. Während dieſer acht Tage war weder von der Vogeltränke, noch vom Wildern mehr die Rede. Ueber⸗ dies befand man ſich im Winter, und im Winter trin⸗ ken die Vögel überall. Dann war Schnee gefallen, und beim Schnee wagte es Pitou nicht, ſeine Schlingen zu legen. Der Schnee bewahrt den Eindruck der Sohlen, und Piton beſaß ein Paar Füße, das dem Vater La Jeu⸗ neſſe die ſchönſte Ausſicht gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden zu erfahren, wer der Dieb geweſen, der den ſeiner Obhut anvertrauten Bezirk entvolfert. Waͤhrend dieſer acht Tage wuchſen der alten Jung⸗ fer die Klauen wieder. Pitou hatte ſeine Tante Angé⸗ lique von einſt wiedergefunden, diejenige, welche ihm ſo ſehr Furcht eingeflößt, und die das Intereſſe, dieſe mächtige Bewegkraft ihres ganzen Lebens, einen Augen⸗ blick Sammetpfoten hatte machen laſſen. Je näher man dem Ziele rückte, deſto mürriſcher wurde die Laune der alten Jungfer, dergeſtalt, daß am fünften Tag Pitou wünſchte, ſeine Tante möchte ſich ſogleich für irgend einen Stand entſchließen, gleich⸗ viel welcher es wäre, wenn nur nicht der eines Schmer⸗ zensdulders, den er bei der alten Jungfer einnahm. Plötzlich erſchloß ſich ein Gedanke in dieſem ſo grauſam bewegten Kopf. Dieſer Gedanke gab ihr die Ruhe wieder, welche ſie ſeit ſechs Tagen verloren hatte. Er beſtand darin, daß ſie den Abbé Fortier bat, in ſeiner Klaſſe ohne irgend eine Belohnung den armen Pitou aufzunehmen und ihm das von S. H. dem Her⸗ zog von Orleans im Seminar geſtiftete Stipendium zu verſchaffen. Das war eine Lehre, welche der Tante Angélique nichts koſtete, und Herr Fortier, abgeſehen von den Krametsvögeln, den Amſeln und den Kaninchen, mit denen ihn die alte Frömmlerin ſeit ſechs Monaten überhäufte, war etwas mehr, als jedem Anderen, dem 4¹ Penſion, wo Sebaſtian Gilbert, für den er fünfzig Livres bezahlte, die ſeinige erhielt. Es iſt nicht zu leugnen, Ange Piton erhielt ſeine Erziehung gratis, aber es war keine Nothwendigkeit vorhanden, dies dem Doctor Gilbert mitzutheilen, und theilte man es ihm mit, ſo kannte man die Unpartei⸗ lichkeit und die Uneigennützigfeit des Abbé Fortier. Wie ſein erhabener Meiſter, öffnete er die Arme und ſprach:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen!“ Nur waren dieſe zwei Hände, welche das Ende der zwei väterlichen Arme bildeten, die eine mit einer Sprach⸗ lehre, die andere mit einem Bündel Ruthen bewaffnet, ſo daß meiſtens, ganz im Gegentheil zu Jeſus, der die Kinder in Thränen empfing und getröſtet wegſchickte, der Abbé Fortier die armen Kinder voll Angſt auf ſich zukommen fah und weinend wegſchickte. Der junge Schüler trat in die Klaſſe ein, mit einer Truhe unter dem Arm, ein hornenes Tintenfaß in der Hand und ein paar Federſtümpfe hinter dem Ohr. Die Truhe war beſtimmt, um, ſo gut es eben ging, das Pult zu erſetzen. Das Tintenfaß war ein Geſchenk vom Krämer und die Federſtümpfe hatte Mademoiſelle Angslique aufgeleſen, als ſie am Tage vorher Meiſter Niguet ihren Beſuch machte. Ange Piton wurde mit jener ſanften Brüderlichkeit empfangen, welche bei den Kindern entſteht und bei den Männern ſich fortpflanzt, nämlich mit Hohngelächter. Die ganze Klaſſe machie ſich über ihn luſtig. Zwei chüler mußten zur Strafe zurückbleiben wegen ſeiner gelben Haare, und zwei andere wegen ſeiner wunder⸗ baren Kniee, die wir ſchon mit einem Worte berührt haben. Dieſe zwei Letzteren ſagten, die Beine von Piton gleichen Brunnenſeilen, an die man einen Kno⸗ ten gemacht. Das Wort fand eine günſtige Aufnahme, machte die Runde um die Tafel, erreate die allgemeine Heiterkeit und folglich Aerger beim Abbé Fortier. Als er am Mittag wegging, nachdem er vier Neffen der Vermietherin der Stühle ſeiner Kirche ſchul⸗ dig. So unter der Glocke gehalten, trug Ange in der enwart ein und verſprach für die Zukunft. 4 Ange wurde in der That beim Abbé ohne irgend eine Belohnung aufgenommen. Es war ein braver Mann, dieſer Abbé; nicht im Geringſten intereſſirt, gab er ſeine Wiſſenſchaft denen, die arm am Geiſte, ſein Geld denen, die arm am Körper; aber unlenkbar in einem einzigen Punkt: die Solecismen brachten ihn außer ſich, die Barbarismen machten ihn wüthend. In dieſem Fall kannte er weder einen Freund, noch einen Feind, weder einen Armen, noch einen Reichen, weder einen bezahlenden Schüler, noch einen unentgeldlichen. Er ſchlug mit unbeſtechlicher Unparteilichkeit und mit einem lacedämoniſchen Stoicismus, und da er einen ſtarken Arm hatte, ſo ſchlug er tüchtig. Das war den Eltern bekannt; es hing von ihnen ab, ihre Kinder Geg 40 —,—— e zum Abbé Fortier zu bringen oder nicht zu bringen;* brachten ſie ihre Kinder aber dahin, ſo mußten ſie die⸗ ſelben gänzlich ſeiner Willkür überlaſſen; denn auf alle mütterlichen Reclamationen antwortete der Abbé durch den Wahlſpruch: Wer gut liebt, der züchtigt gut, den er auf den Handgriff ſeiner Ruthe und auf den Stiel ſeiner Schulgeißel hatte graviren laſſen. Ange Pitvu wurde alſo auf die Empfehlung ſeiner Tante unter den Schülern des Abbé Fortier aufge⸗ nommen. Ganz ſtolz auf dieſe Aufnahme, welche Pitou viel weniger angenehm war, denn ſie unterbrach ſein nomadiſches Leben, begab ſich die alte Andächtlerin zu Meiſter Niguet und benachrichtigte ihn, ſie habe ſich nicht nur mit den Abſichten des Doctor Gilbert in Ein⸗ klang geſetzt, ſondern dieſelben ſogar übertroffen. Der Dockor hatte in der That für Ange Pitou ein ehren⸗ haftes dies, und wo gab ſie ihm dieſe Erziehung? in derſelben Gewerbe verlangt. Sie gab ihm viel mehr als da ſie ihm eine ausgezeichnete Erziehung gab; 42 Stunden in der Klaſſe geweſen war, hatte Pitou, ohne daß er ein Wort an Jemand gerichtet, ohne daß er etwas Anderes gethan, als hinter ſeinem Pult gegähnt, ſechs Feinde in der Klaſſe und zwar ſechs um ſo er⸗ bittertere Feinde, als er kein Unrecht gegen ſie hatte. Sie leiſteten auch auf den Ofen, der in der Klaſſe den Altar des Vaterlandes vorſtellt, den feierlichen Eid, die Einen, ihm ſeine gelben Haare auszuraufen, die Andern, ihm ſeine fayenceblauen Augen grün zu ſchla⸗ gen, die Letzten, ihm ſeine vorwärts gebogenen Kniee gerade aufzurichten. Pitou wußte durchaus nichts von dieſen feindſeli⸗ gen Geſinnungen. Als er die Schule verließ, fragte er einen von ſeinen Nachbarn, warum ſechs von ihren Kameraden zurückbleiben, während ſie weggehen. Der Nachbar ſchaute ihn von der Seite an, nannte ihn einen boshaften Anzeiger und entfernte ſich, ohne ein Geſpräch mit ihm anknüpfen zu wollen. Piton fragte ſich, wie er, der nicht ein einziges Wort während der ganzen Klaſſe geſagt, ein boshafter Anzeiger ſein könne. Doch während der Dauer eben dieſer Klaſſe hatte er entweder durch die Schüler oder durch den Abbé Fortier ſo viele Dinge ſagen hören, die er nicht begriffen daß er die Anklage des Nachbars in die Zahl der für ſeinen Geiſt zu hohen Dinge einreihte. 2 Als Tante Angslique, welche unendlich eifrig ſich bei einer Erziehung benahm, von der man glaubte, ſie koſte ſie ſo große Opfer, Pitou um Mittag zurückkom⸗ men ſah, fragte ſie ihn, was er gelernt habe. Pitou antwortete, er habe ſchweigen gelernt. Die Antwort wäre eines Pythagoräers würdig geweſen. Nur hätte ſie ein Pythagoräer durch Zeichen gegeben. — Der neue Schüler kehrte um ein Uhr ohne zu großen Widerwillen in die Klaſſe zurück. Die Mor⸗ enklaſſe war von den Schülern zu Prüfung des Aeu⸗ von Pitou angewendet worden; die Abendklaſſe A e————— +fl——————— 41 Penſton, wo Sebaſtian Gilbert, für den er fünfzig Livres bezahlte, die ſeinige erhielt.— Es iſt nicht zu leugnen, Ange Pitou erhielt ſeine Erziehung gratis, aber es war keine Nothwendigkeit vorhanden, dies dem Doctor Gilbert mitzutheilen, und theilte man es ihm mit, ſo kannte man die Unpartei⸗ lichkeit und die Uneigennützigkeit des Abbé Fortier. Wie ſein erhabener Meiſter, öffnete er die Arme und ſprach:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen!“ Nur waren dieſe zwei Hände, welche das Ende der zwei väterlichen Arme bildeten, die eine mit einer Sprach⸗ lehre, die andere mit einem Bündel Ruthen bewaffnet, ſo daß meiſtens, ganz im Gegentheil zu Jeſus, der die Kinder in Thränen empfing und getröſtet wegſchickte, der Abbé Fortier die armen Kinder voll Angſt auf ſich zukommen ſah und weinend wegſchickte. Der junge Schüler trat in die Klaſſe ein, mit einer Truhe unter dem Arm, ein hornenes Tintenfaß in der Hand und ein paar Federſtümpfe hinter dem Ohr. Die Truhe war beſtimmt, um, ſo gut es eben ging, das Pult zu erſetzen. Das Tintenfaß war ein Geſchenk vom Krämer und die Federſtümpfe hatte Mademoiſelle Angélique aufgeleſen, als ſte am Tage vorher Meiſter Niguet ihren Beſuch machte. Ange Pitou wurde mit jener ſanften Brüderlichkeit empfangen, welche bei den Kindern entſteht und bei den Männern ſich fortpflanzt, nämlich mit Hohngelächter. Die ganze Klaſſe machte ſich über ihn luſtig. Zwei Schüler mußten zur Strafe zurückbleiben wegen ſeiner gelben Haare, und zwei andere wegen ſeiner wunder⸗ baren Kniee, die wir ſchon mit einem Worte berührt haben. Dieſe zwei Letzteren ſagten, die Beine von Pitou gleichen Brunnenſeilen, an die man einen Kno⸗ ten gemacht. Das Wort fand eine guͤnſtige Aufnahme, machte die Runde um die Tafel, erregte die allgemeine Heiterkeit und folglich Aerger beim Abbé Fortier. Als er am Mittag wegging, nachdem er vier ren nte ne ges ter en der en, rs ige ich ſie m⸗ ie en. n. zu or⸗ eu⸗ ſſe 43 wurde vom Profeſſor zu Prüfung des Innern ange⸗ wendet. Als das Eramen vorüber war, blieb der Abbé Fortier überzeugt, Piton habe alle mögliche Anlagen, um ein Robinſon Cruſoe zu werden, aber ſehr geringe Ansſichten, dereinſt ein Fontenelle oder ein Boſſuet u ſein. Während der ganzen Dauer dieſer Klaſſe, welche für den zukünftigen Seminariſten noch viel ermüdender war, als die am Morgen, wieſen ihm die wegen ſeiner be⸗ ſtraften Schüler zu wiederholten Malen die Fauſt. In allen Ländern, eivilifirten oder nicht eiviliſirten, gilt dieſe Demonſtration als ein Zeichen der Drohung. Pitou war alſo auf ſeiner Hut. Unſer Held hatte ſich nicht getäuſcht: als er weg⸗ ging oder vielmehr, ſobald man außerhalb der Zubehoͤr des Schulhauſes war, wurde Piton durch die ſechs Schüler, welche zur Strafe hatten zurückbleiben müſſen, bedeutet, er habe ihnen dieſe zwei Stunden Gefangen⸗ ſchaft mit Koſten, Zinſen und Kapital zu bezahlen. Piton begriff, es handle ſich um einen Zweikampf auf die Fäuſte. Obgleich er entfernt nicht das ſechste Buch der Aeneide ſtudirt hatte, wo der junge Tares und der alte Aetelles unter gewaltigem Beifall der flüchtigen Trojaner ſich einer ſolchen Leibesübung hingeben, ſo kannte er doch dieſe Art von Recreation, die den Bauern ſeines Dorfes nicht ganz fremd war. Er erklärte alſo, er ſei bereit, ſich in einen Kampf mit demjenigen von ſeinen Gegnern einzulaſſen, welcher beginnen wolle, und inter einander ſeinen ſechs Feinden Stand zu halten. Durch dieſe Erflärung erwarb ſich der neue Schüler ſchon ein ziemlich großes Anſehen. Die Bedingungen wurden feſtgeſtellt, wie ſie Pitvu vorgeſchlagen. Es bildete ſich ein Kreis um den Kampf⸗ vlaz, und die Streiter rückten, nachdem ſie der Eine ſein Wamms, der Andere ſeinen Rock abgelegt hatten, gegen einander zu. Wir haben von den Händen von Pitou geſprochen. 42 Stunden in der Klaſſe geweſen war, hatte Pitou, ohne daß er ein Wort an Jemand gerichtet, ohne daß er etwas Anderes gethan, als hinter ſeinem Pult gegähnt, ſechs Feinde in der Klaſſe und zwar ſechs um ſo er⸗ bittertere Feinde, als er kein Unrecht gegen ſie hatte. Sie leiſteten auch auf den Ofen, der in der Klaſſe den Altar des Vaterlandes vorſtellt, den feierlichen Eid, die Einen, ihm ſeine gelben Haare auszuraufen, die Andern, ihm ſeine fayenceblauen Augen grün zu ſchla⸗ gen, die Letzten, ihm ſeine vorwärts gebogenen Kniee gerade aufzurichten. Pitou wußte durchaus nichts von dieſen feindſeli⸗ gen Geſinnungen. Als er die Schule verließ, fragte er einen von ſeinen Nachbarn, warum ſechs von ihren Kameraden zurückbleiben, während ſie weggehen. Der Nachbar ſchaute ihn von der Seite an, nannte ihn einen boshaften Anzeiger und entfernte ſich, ohne ein Geſpräch mit ihm anknupfen zu wollen. Piton fragte ſich, wie er, der nicht ein einziges Wort während der ganzen Klaſſe geſagt, ein boshafter Anzeiger ſein könne. Doch während der Dauer eben dieſer Klaſſe hatte er entweder durch die Schüler oder durch den Abbé Fortier ſo viele Dinge ſagen hören, die er nicht begriffen, daß er die Anklage des Nachbars in die Zahl der für ſeinen Geiſt zu hohen Dinge einreihte. Als Tante Angelique, welche unendlich eifrig ſich bei einer Erziehung benahm, von der man glaubte, ſie koſte ſie ſo große Opfer, Pitou um Mittag zurückkom⸗ men ſah, fragte ſte ihn, was er gelernt habe. Pitou antwortete, er habe ſchweigen gelernt. Die Antwort wäre eines Pythagoräers würdig geweſen. Nur hätte ſie ein Pythagoräer durch Zeichen gegeben. Der neue Schüler kehrte um ein Uhr ohne zu großen Widerwillen in die Klaſſe zurück. Die Mor⸗ genklaſſe war von den Schülern zu Prüfung des Aeu⸗ ßeren von Pitou angewendet worden; die Abendklaſſe 44 Dieſe Hände, welche nicht angenehm anzuſehen waren, waren noch minder angenehm zu fühlen. Piton ließ am Ende jedes Armes eine Fauſt ſo groß wie ein Kindskopf baumeln, und obgleich das Boren in Frank⸗ reich noch nicht eingeführt war und folglich Pitvu kein Elementarprincip von dieſer Kunſt erhalten hatte, ge⸗ lang es ihm doch, ſeinem erſten Gegner einen ſo her⸗ metiſch angepaßten Fauſtſchlag auf das Auge zu geben, daß ſich dieſes Auge auf der Stelle mit einem ſchwarzen Kreiſe umzog, der ſo gevmetriſch gezeichnet war, als hätte der geſchickteſte Mathematiker mit ſeinem Kompaß das Maß genommen. Der Zweite trat vor. Hatte Piton gegen ſich die Anſtrengung eines zweiten Kampfes, ſo war ſein Geg⸗ ner ſeinerſeits ſichtbar minder ſtark, als der Erſte. Der Kampf dauerte daher nicht lange. Die furchtbare Fauſt ſenkte ſich auf die Naſe, und die zwei Naſenlöcher zeugten ſogleich für die Gültigkeit des Schlages, indem ſie einen doppelten Blutbach entſtrömen ließen. Der Dritte kam mit einem zerbrochenen Zahn da⸗ von; dieſer war am wenigſten von Allen beſchädigt. Die Andern erklärten ſich für befriedigt. Pitou durchſchritt die Menge, die ſich vor ihm mit der einem Triumphator ſchuldigen Achtung öffnete, und zog ſich geſund und wohlbehalten nach ſeinem Herde, d. h. nach dem ſeiner Tante zurück. Als am andern Morgen die drei Schüler, der eine mit ſeinem blaugeſchlagenen Auge, der andere mit ſeiner gequetſchten Naſe, der dritte mit ſeinen aufge⸗ ſchwollenen Lippen, ankamen, wurde eine Unterſuchung vom Abbé Fortier angeſtellt. Doch die Schüler haben auch ihre gute Seite. Nicht einer von den Verſtüm⸗ melten war ſchwatzhaft, und auf mittelbarem Wege⸗ nämlich durch einen Zeugen des Streites, der der Schule völlig fremd, erfuhr der Abbé Fortier am andern Tag, Piton habe auf den Geſichtern ſeiner Zöglinge den 43 wurde vom Profeſſor zu Prüfung des Innern ange⸗ wendet. Als das Examen vorüber war, blieb der Abbé Fortier überzeugt, Pitou habe alle mögliche Anlagen, um ein Robinſon Cruſoe zu werden, aber ſehr geringe Auſ ten⸗ dereinſt ein Fontenelle oder ein Boſſuet u ſein. 4 Während der ganzen Dauer dieſer Klaſſe, welche für den zukünftigen Seminariſten noch viel ermüdender war, als die am Morgen, wieſen ihm die wegen ſeiner be⸗ ſtraften Schüler zu wiederholten Malen die Fauſt. In allen Ländern, civiliſirten oder nicht civiliſirten, gilt dieſe Demonſtration als ein Zeichen der Drohung. Piton war alſo auf ſeiner Hut. Unſer Held hatte ſich nicht getäuſcht: als er weg⸗ ging oder vielmehr, ſobald man außerhalb der Zubehöͤr des Schulhauſes war, wurde Piton durch die ſechs Schuler, welche zur Strafe hatten zurückbleiben müſſen, bedeutet, er habe ihnen dieſe zwei Stunden Gefangen⸗ ſchaft mit Koſten, Zinſen und Kapital zu bezahlen. Piton begriff, es handle ſich um einen Zweikampf auf die Fäuſte. Obgleich er entfernt nicht das ſechste Buch der Aeneide ſtudirt hatte, wo der junge Tares und der alte Aetelles unter gewaltigem Beifall der flüchtigen Trojaner ſich einer ſolchen Leibesübung hingeben, ſo kannte er doch dieſe Art von Recreation, die den Bauern ſeines Dorfes nicht ganz fremd war. Er erklärte alſo, er ſei bereit, ſich in einen Kampf mit demjenigen von ſeinen Gegnern einzulaſſen, welcher beginnen wolle, und hinter einander ſeinen ſechs Feinden Stand zu halten. Durch dieſe Erklärung erwarb ſich der neue Schüler ſchon ein ziemlich großes Anſehen. Die Bedingungen wurden feſtgeſtellt, wie ſie Pitou vorgeſchlagen. Es bildete ſich ein Kreis um den Kampf⸗ platz, und die Streiter rückten, nachdem ſte der Eine ſein Wamms, der Andere ſeinen Rock abgelegt hatten, gegen einander zu. Wir haben von den Händen von Pitou geſprochen. Entbehrung nicht gera Schaden angerichtet, durch den am Tage vorher ſeine Beſorgniß erregt worden war. Der Abbé Fortier bürgte in der That den Ellern nicht nur für vas Moraliſche, ſondern auch für das Phyſiſche ſeiner Schüler. Der Abbé Fortier hatte eine dreifache Klage von den drei Familien erhalten. Eine Genugthuung war unerläßlich. Piton mußte drei Tage zurückbleiben. Einen Tag für das Auge, einen Tag ſür die Naſe, einen Tag für den Zahn. Dieſe drei Tage Schulſtubenarreſt gaben Mlle. Angélique eine geiſtreiche Jdee ein, nämlich die, Pitou ſein Mittageſſen zu entziehen, ſo oft ihm det Abbé ortier den Ausgang entziehen würde. Dieſer Ent⸗ ſchluß mußte nothwendig zum Nutzen der Erziehung von Piton ausfallen, weil er ſich zweimal beſinnen würde, ehe er Fehler beginge, welche eine doppelte Strafe nach ſich zögen. Nur begriff Pitou nie recht, warum er Anzeiger genannt und warum er beſtraft worden war, weil er diejenigen geſchlagen, die ihn hatten ſchlagen wollen; doch wenn man Alles in der Welt begriffe, ſo würde man dadurch einen von den Hauptreizen des Lebens, 5 des Geheimniſſes und des Unvorhergeſehenen, ver⸗ ieren. Pitou blieh ſeine drei Tage in der Schule zurück und begnügte ſich während dieſer drei Tage mit ſeinem Frühſtuͤck und ſeinem Nachteſſen, war jedoch mit dieſer de ſehr zufrienen. Die Strafe, welche Piton erſtanden, ohne daß es ihm nur entfernt einftel, den Angriff zu verrathen, welchen er nur erwiedert hatte, trug ihm indeſſen die allgemeine Achtung ein. Es iſt nicht zu leugnen, die drei majfſtätiſchen Fauſtſchläge, die man ihn hatte er⸗ theilen ſehen, waren vielleicht von einigem Gewicht bei dieſer Achtung Jon dieſem Tage an war das Leben von Pilou ungefähr das der andern Schüler, nur mit dem Unter⸗ 44 Dieſe Hände, welche nicht angenehm anzuſehen waren, waren noch minder angenehm zu fühlen. Pitou ließ am Ende jedes Armes eine Fauſt ſo groß wie ein Kindskopf baumeln, und obgleich das Boxen in Frank⸗ reich noch nicht eingeführt war und folglich Pitou kein Elementarprincip von dieſer Kunſt erhalten hatte, ge⸗ lang es ihm doch, ſeinem erſten Gegner einen ſo her⸗ metiſch angepaßten Fauſtſchlag auf das Auge zu geben, daß ſich dieſes Auge auf der Stelle mit einem ſchwarzen Kreiſe umzog, der ſo geometriſch gezeichnet war, als hätte der geſchickteſte Mathematiker mit ſeinem Kompaß das Maß genommen.. Der Zweite trat vor. Hatte Piton gegen ſich die Anſtrengung eines zweiten Kampfes, ſo war ſein Geg⸗ ner ſeinerſeits ſichtbar minder ſtark, als der Erſte. Der Kampf dauerte daher nicht lange. Die furchtbare Fauſt ſenkte ſich auf die Naſe, und die zwei Naſenlöcher zeugten ſogleich für die Gültigkeit des Schlages, indem ſie einen doppelten Blutbach entſtrömen ließen. Der Dritte kam mit einem zerbrochenen Zahn da⸗ von; dieſer war am wenigſten von Allen beſchädigt. Die Andern erklärten ſich für befriedigt. Pitou durchſchritt die Menge, die ſich vor ihm mit der einem Triumphator ſchuldigen Achtung öffnete, und zog ſich geſund und wohlbehalten nach ſeinem Herde, d. h. nach dem ſeiner Tante zurück. Als am andern Morgen die drei Schüler, der eine mit ſeinem blaugeſchlagenen Auge, der andere mit ſeiner gequetſchten Naſe, der dritte mit ſeinen aufge⸗ ſchwollenen Lippen, ankamen, wurde eine Unterſuchung vom Abbé Fortier angeſtellt. Doch die Schüler haben auch ihre gute Seite. Nicht einer von den Verſtüm⸗ melten war ſchwatzhaft, und auf mittelbarem Wege, nämlich durch einen Zeugen des Streites, der der Schule völlig fremd, erfuhr der Abbé Fortier am andern Tag, Pitou habe auf den Geſichtern ſeiner Zöglinge den 0 -—,———=„ERÖ.— ͤ ſchied, daß die andern Schüler die Wechſelfälle der Compofition durchmachten, während Piton beharrlich unter den fünf bis ſechs Letzten blieb und beinahe immer eine Summe von Schulſtubenarreſten doppelt ſo groß, als die ſeiner Mitſchüler, anhäufte. Doch man muß ſagen, Eines, was in der Natur von Pitvu lag, was von der erſten Erziehung herrührte, die er erhalten, oder vielmehr nicht erhallen hatte, Eines, was man wenigſtens für ein Drittel bei ſeinen zahlreichen Schulſtubenarreſten rechnen mußte, war ſeine Neigung für die Thiere. Die erwähnte Truhe, welche ſeine Tante Angélique mit dem Namen Pult geſchmückt hatte, war in Folge ihres Umfangs und der zahlreichen Fächer, mit denen Piton ihr Inneres bereicherte, eine Art von Arche Noah geworden, welche alle Arten von kletternden, kriechen⸗ den und fliegenden Thieren enthielt. Es fanden ſich darin Schlangen, Eidechſen, Ameiſenlöwen, Käfer und Fröſche, welche Thiere Piton um ſo theurer wurden, als er ihretwegen mehr oder minder harte Strafen zu erdulden hatte. Bei ſeinen Spaziergängen in der Woche ſammelte Piton für ſeine Menagerie. Er hatte ſich Salamander gewünſcht, welche in Villers⸗Cotterets als das Wappen von Franz I., das dieſer an allen Kaminen hatte an⸗ bringen laſſen, ſehr populär find: es war ihm gelungen, ſich ſolche zu verſchaffen. Ein Umſtand nahm ihn hie⸗ bei ſehr in Anſpruch, und er ſetzte dies am Ende unter die Zahl der Dinge, welche ſeinen Verſtand überſtiegen: er hatte nämlich immer im Waſſer dieſe Reptile ge⸗ funden, von denen die Dichter behaupten, ſie leben im Feuer. Dieſer Umſtand erregte in Pitou, der ein ge⸗ nauer Geiſt war, eine tiefe Verachtung gegen die Dichter. Als Pitou Eigenthümer von zwei Salamandern war, ſuchte er das Chamälevn auf. Doch diesmal waren alle ſeine Forſchungen vergeblich, und kein Re⸗ —„8——— 45 Schaden angerichtet, durch den am Tage vorher ſeine Beſorgniß erregt worden war. Der Abbé Fortier bürgte in der That den Eltern nicht nur für das Moraliſche, ſondern auch für das Phyſtſche ſeiner Schüler. Der Abbé Fortier hatte eine dreifache Klage von den drei Familien erhalten. Eine Genugthuung war unerläßlich. Pitou mußte drei Tage zurückbleiben. Einen Tag für das Auge, einen Tag jür die Naſe, einen Tag für den Zahn. Dieſe drei Tage Schulſtubenarreſt gaben Mlle. Angélique eine geiſtreiche Idee ein, nämlich die, Pitou ſein Mittageſſen zu entziehen, ſo oft ihm der Abbé Forlier den Ausgang entziehen würde. Dieſer Ent⸗ ſchluß mußte nothwendig zum Nutzen der Erziehung von Pitou ausfallen, weil er ſich zweimal beſinnen würde, ehe er Fehler beginge, welche eine doppelte Strafe nach ſich zögen. Nur begriff Pitou nie recht, warum er Anzeiger genannt und warum er beſtraft worden war, weil er diejenigen geſchlagen, die ihn hatten ſchlagen wollen; doch wenn man Alles in der Welt begriffe, ſo würde man dadurch einen von den Hauptreizen des Lebens, den des Geheimniſſes und des Unvorhergeſehenen, ver⸗ ieren. Piton blieb ſeine drei Tage in der Schule zurück und begnügte ſich während dieſer drei Tage mit ſeinem Frühſtuck und ſeinem Nachteſſen, war jedoch mit dieſer Entbeyrung nicht gerade ſehr zufrieden. „Ddie Strafe, welche Pitou erſtanden, ohne daß es ihm nur entfernt einfiel, den Angriff zu verrathen, welchen er nur erwiedert hatte, trug ihm indeſſen die allgemeine Achtung ein. Es iſt nicht zu leugnen, die drei majeſtätiſchen Fauſtſchläge, die man ihn hatte er⸗ theilen ſehen, waren vielleicht von einigem Gewicht bei dieſer Achtung. Von dieſem Tage an war das Leben von Pitou ungefähr das der andern Schüler, nur mit dem Unter⸗ 47 ſultat krönte ſeine Bemühung. Pitou ſchloß am Ende aus dieſen fruchtloſen Verſuchen, das Chamäleon exiſtire nicht, oder es eriſtire wenigſtens unter einer andern Breite. Als dieſer Punkt in ihm feſtgeſtellt war, beharrte Pitou nicht mehr eigenſinnig bei der Aufſuchung des Chamäleons. Die zwei andern Drittel der Arreſte von Pitou rührten von den verdammten Solecismen und den ver⸗ fluchten Barbarismen her, welche in den Aufgaben von itvu wuchſen, wie die' Treſpe in den Kornfeldern wächst. Was die Donnerſtage und Sonntage betrifft, an welchen er frei hatte, ſo wurden ſie auf den Tränkherd und die Wilderei verwendet; nur, da Pitou immer mehr wuchs, fünf Fuß vier Zoll hoch war und ſechezehn Jahre zählte, fam ein Umſtand hinzu, der Piton ein wenig von ſeinen Lieblingsbeſchäftigungen ablenkte. An dem Wege nach der Wolfsheide lag das Dorf Piſſeleu, daſſelbe vielleicht, das der ſchönen Anna d'Heully, der Geliebten von Franz l., den Ramen gegeben hat. In dieſem Dorf war det Pachthof des Vaters Billot, und auf der Schwelle dieſes Pachthofs ſtand beinahe ſeinem Taufnamen Catherine, viel öfter aber noch nach dem Namen ihres Vaters, die Billotte nannte. itou fing damit an, daß er die Billotte grüßte. lächelnd; dann an einem ſchönen Tag, nachdem er ge⸗ wagte erröthend die Worte, die er als eine große Kühn⸗ heit betrachtete: „Guten Morgen, Jungfer Catherine.“ Catherine war'ein gutes Mädchen, ſie empfing iton als einen alten Bekannten. Es war in der That ein alter Bekannter, denn ſeit zwei Jahren ſah ſie ihn vor 46 ſchied, daß die andern Schüler die Wechſelfälle der Compoſition durchmachten, während Pitou beharrlich unter den fünf bis ſechs Letzten blieb und beinahe immer eine Summe von Schulſtubenarreſten doppelt ſo groß, als die ſeiner Mitſchüler, anhäufte. Doch man muß ſagen, Eines, was in der Natur von Pitou lag, was von der erſten Erziehung herrührte, die er erhalten, oder vielmehr nicht erhalten hatte, Eines, was man wenigſtens für ein Drittel bei ſeinen zahlreichen Schulſtubenarreſten rechnen mußte, war ſeine Neigung für die Thiere. Die erwähnte Truhe, welche ſeine Tante Angélique mit dem Namen Pult geſchmückt hatte, war in Folge ihres Umfangs und der zahlreichen Fächer, mit denen Pitou ihr Inneres bereicherte, eine Art von Arche Noah geworden, welche alle Arten von kletternden, kriechen⸗ den und fliegenden Thieren enthielt. Es fanden ſich darin Schlangen, Eidechſen, Ameiſenlöwen, Käfer und Fröſche, welche Thiere Piton um ſo theurer wurden, als er ihretwegen mehr oder minder harte Strafen zu erdulden hatte. Bei ſeinen Spaziergängen in der Woche ſammelte Pitou für ſeine Menagerie. Er hatte ſich Salamander gewünſcht, welche in Villers⸗Cotterets als das Wappen von Franz I., das dieſer an allen Kaminen hatte an⸗ bringen laſſen, ſehr populär ſind: es war ihm gelungen, ſich ſolche zu verſchaffen. Ein Umſtand nahm ihn hie⸗ bei ſehr in Anſpruch, und er ſetzte dies am Ende unter die Zahl der Dinge, welche ſeinen Verſtand überſtiegen: er hatte nämlich limmer im Waſſer dieſe Reptile ge⸗ funden, von denen die Dichter behaupten, ſie leben im Feuer. Dieſer Umſtand erregte in Pitou, der ein ge⸗ nauer Geiſt war, eine tieſe Verachtung gegen die Dichter. Als Pitou Eigenthümer von zwei Salamandern war, ſuchte er das Chamäleon auf. Doch diesma waren alle ſeine Forſchungen vergeblich, und kein Re⸗ 48 dem Pachthofe wenigſtens einmal in der Woche hin und her gehen, nur ſah Catherine Piton, und Piton ſah Catherine nicht. Als nämlich Piton ſo vorüber⸗ ging, war Catherine ſechzehn Jahre alt und Pitou vierzehn. Wir haben geſehen, was geſchah, als Piton auch ſechzehn zählte. Allmälig war Catherine dahin gekommen, daß ſie die Talente von Piton ſchätzte, denn Piton theilte ihr von ſeinen Talenten mit, indem er ihr ſeine ſchönſten Vögel und ſeine fetteſten Kaninchen bot. In Folge hievon machte Catherine Pitou Komplimente, und Piton, der um ſo empfänglicher für Komplimente war, als es ihm ſelten vorkam, daß er ſolche erhielt, überließ ſich dem Zauber der Neuheit, und ſtatt, wie früher, ſeine Wanderung bis zur Wolfsheide fortzuſetzen, blieb er auf halbem Wege ſtehen, und ſtatt ſeinen ganzen Tag mit der Buchelleſe oder mit dem Legen der Schlingen zuzubringen, verlor er ſeine Zeit damit, daß er bei dem Pachthofe des Vaters Billot umherſtrich, in der Hoff⸗ nung, Catherine einen Augenblick zu ſehen. Daraus ging eine merkliche Verminderung im Er⸗ trage der Kaninchenbälge und ein beinahe völliger Man⸗ gel an Rothkehlchen und Droſſeln hervor. Die Tante Angelique beklagte ſich. Piton ant⸗ wortete, die Kaninchen werden mißtrauiſch, und die Vögel, welche die Fallen erkannt haben, trinken aus der Höhlung der Blätter und der Baumſtämme. Eines tröſtete die Tante Angélique über den Ver⸗ ſtand der Kaninchen und dieſe Schlauheit der Vögel, die ſie den Fortſchritten der Philoſophie zuſchrieb, näm⸗ lich, daß ihr Neffe das Stipendium erhalten, in das Seminar eintreten, hier drei Jahre zubringen und das Seminar wieder als Abbé verlaſſen werde. Haus⸗ hälterin eines Pfarrers zu ſein, war aber das ewige Trachten von Mlle. Angélique. Dieſes Trachten mußte ſich nothwendig verwirk⸗ lichen; denn war Ange Piton einmal Abbé, ſo konnte 47 ſultat krönte ſeine Bemuhung. Pitou ſchloß am Ende aus dieſen fruchtloſen Verſuchen, das Chamäleon exiſtire nicht, oder es exiſtire wenigſtens unter einer andern Breite. Als dieſer Punkt in ihm feſtgeſtellt war, beharrte Pitou nicht mehr eigenſinnig bei der Aufſuchung des Chamäleons. Die zwei andern Drittel der Arreſte von Pitou rührten von den verdammten Solecismen und den ver⸗ fluchten Barbarismen her, welche in den Aufgaben von Pitou wuchſen, wie die Treſpe in den Kornfeldern wächst. Was die Donnerſtage und Sonntage betrifft, an welchen er frei hatte, ſo wurden ſie auf den Tränkherd und die Wilderei verwendet; nur, da Pitou immer mehr wuchs, fünf Fuß vier Zoll hoch war und ſechszehn Jahre zählte, kam ein Umſtand hinzu, der Pitou ein wenig von ſeinen Lieblingsbeſchäftigungen ablenkte. An dem Wege nach der Wolfsheide lag das Dorf Piſſeleu, daſſelbe vielleicht, das der ſchönen Anna d'Heully, der Geliebten von Franz I., den Namen gegeben hat. In dieſem Dorf war der Pachthof des Vaters Billot, und auf der Schwelle dieſes Pachthofs ſtand beinahe jedes Mal, wenn Pitou daran vorbeiging, ein hübſches, friſches, lebendiges, heiteres Mädchen, das man nach ſeinem Taufnamen Catherine, viel öfter aber noch nach dem Namen ihres Vaters, die Billotte nannte. Pitou fing damit an, daß er die Billotte grüßte. Allmälig faßte er ſich ſodann ein Herz und grüßte ſie lächelnd; dann an einem ſchönen Tag, nachdem er ge⸗ grußt, nachdem er gelächelt hatte, blieb er ſtehen und wagte erröthend die Worte, die er als eine große Kühn⸗ heit betrachtete: „Guten Morgen, Jungfer Catherine.“ Latherine war ein gutes Mädchen, ſie empfing Pitou als einen alten Bekannten. Es war in der That ein alter Bekannter, denn ſeit zwei Jahren ſah ſie ihn vor aus er⸗ gel, im⸗ das us⸗ ige irk⸗ unte 49 er nicht umhin, ſeine Tante als Haushälterin zu neh⸗ men, beſonders nach dem, was dieſe Tante für ihn ge⸗ than hatte. Der einzige Umſtand, der die golbenen Träume der armen Jungfer ſtörte, war der, daß, als ſie von ihrer Hoffnung mit dem Abbé Fortier ſprach, dieſer den Kopf ſchüttelnd erwiederte: „Meine liebe Mlle. Pitou, um Abbé zu werden, müßte ſich Ihr Neffe viel weniger der Naturgeſchichte und viel mehr dem De viris illustribus oder dem Selecta e Prolanis scriptoribus widmen.“ „Das will beſagen?“ „Daß er viel zu viel Barbarismen und unendlich zu viel Solecismen macht,“ antwortete der Abbs Fortier. Eine Antwort, welche Mlle. Angslique in der be⸗ trübendſten Unbeſtimmtheit ließ. Ueber den Einfluß, den auf das Leben eines Men⸗ ſchen ein Barbarismus und ſieben Solecismen haben können. Dieſe Einzelnheiten waren unerläßlich für den Leſer, welchen Grad von Verſtand wir ihm auch zuer⸗ kennen, damit er gut die ganze ſchauderhafte Lage be⸗ greife, in der ſich Pitou befand, ſobald er außerhalb der Schule war. Einer von ſeinen Armen hing an ſeiner Seite herab, der andere hielt ſeine Truhe auf ſeinem Kopfe im Gleichgewicht, ſein Ohr vibrirte noch von den wüthenden Ausbrüchen des Abbé Fortier, und ſo gin er nach dem Pleur mit einer Sammlung des Gei es, welche nichts Anderes war, als die auf den höchſten Grad geſtiegene Beſtürzung. Ange Pitou. 1. 4 48 dem Pachthofe wenigſtens einmal in der Woche hin er und her gehen, nur ſah Catherine Pitou, und Pitou me ſah Catherine nicht. Als nämlich Pitou ſo vorüber⸗ the ging, war Catherine ſechzehn Jahre alt und Pitou vierzehn. Wir haben geſehen, was eſchah, als Pitou der auch ſechzehn zäͤhlte. 4 Peſhan⸗ ihr Allmälig war Catherine dahin gekommen, daß ſie der die Talente von Pitou ſchätzte, denn Pitou theilte ihr. von ſeinen Talenten mit, indem er ihr ſeine ſchönſten mi Vögel und ſeine fetteſten Kaninchen bot. In Folge un hievon machte Catherine Pitou Komplimente, und Pitou, e der um ſo empfänglicher für Komplimenie war, als es ihm ſelten vorkam, dem Zauber der Neuheit, und ſtatt, wie früher, ſeine Wanderung bis zur Wolfsheide fortzuſetzen, blieb er daß er ſolche erhielt, überließ ſich auf halbem Wege ſtehen, und ſtatt ſeinen ganzen Tag tri mit der Buchelleſe oder mit dem Legen der Schlingen zuzubringen, verlor er ſeine Zeit damit, daß er bei dem Pachthofe des Vaters Billot umherſtrich, in der Hoff⸗ nung, Catherine einen Augenblick zu ſehen. gel Daraus ging eine merkiliche Verminderung im Er⸗ 3 trage der Kaninchenbälge und ein beinahe völliger Man⸗ ue an NRothkehlchen und Droſſeln hervor. Die Tante Angélique beklagte ſich. Piton ant⸗ wortete, die Kaninchen werden mißtrauiſch, und die Vögel, welche die Fallen erkannt haben, trinken aus e e der Höhlung der Eines tröſtete die Tante Angélique über den Ver⸗ ker ſtand der Kaninchen und dieſe Schlauheit der Vö Blätter und der Baumſtämme. gel, gr. die ſte den Fortſchritten der Philoſophie zuſchrieb, näm⸗ der lich, daß ihr Neffe das Stipendium erhalten, Seminar eintreten, hier drei Jahre zubr das Seminar wieder als Abbé verlaſſen werde. in das ingen und hen Haus⸗ im hälterin eines Pfarrers zu ſein, war aber das ewige u Trachten von Mlle. Angélique. lichen; denn war Ange Pitou einmal Abbé, ſo konnte Dieſes Trachten mußte ſich nothwendig verwirk⸗ 50 Endlich machte ſich eine Idee Licht in ſeinem Geiſte, und drei Worte, welche ſeinen ganzen Gedanken ent⸗ hielten, entſchlüpften ſeinen Lippen. „Jeſus! meine Tante!“ In der That, was würde Mlle. Angélique Piton über den Umſturz aller ihrer Hoffnungen ſagen? Ange Piton erkannte indeſſen die Pläne der alten Jungfer nur nach der Art, wie die treuen, beſtändigen Hunde die Pläne ihres Herrn erkennen, nämlich durch die Betrachtung der Phyſiognomie. Der Inſtinet iſt ein koſtbarer Führer, nie täuſcht er, während im Ge⸗ gentheil das Raiſonnement durch die Einbildungskraft falſch ſein kann. Was aus den Betrachtungen von Ange Piton hervor⸗ ging und was von ſeinen Lippen den von uns erwähnten kläglichen Ausruf ſpringen gemacht hatte, war, daß Ange Piton begriff, die Unzufriedenheit werde bei der alten Jungfer groß ſein, wenn ſie die unſelige Kunde erfahre. Er kannte aber aus Erfahrung das Reſultat einer Unzufriedenheit von Mlle. Angélique. Nur mußten diesmal, da die Urſache der Unzufriedenheit ſich zu einer unberechenbaren Macht erhob, die Reſultate eine unberechenbare Summe erreichen. Man vernehme, unter welchem gräßlichen Eindruck Pitou den Pleur erreichte. Er hatte beinahe eine Viertelſtunde gebraucht, um den Weg, der vom großen Thore des Abbé Fortier zum Eingang dieſer Straße führte, zurückzulegen, und das war doch nur ungefähr dreihundert Schritte von einander entfernt. S dieſem Augenblick ſchlug die Glocke der Kirche ein Uhr. Er bemerkte nun, daß ihn ſeine letzte Unterredung mit dem Abbs und die Langſamkeit, mit der er den Weg zurückgelegt, um ſechszig Minuten verſpätet hatten, und daß demnach ſeit dreißig die unerſtreckbare Friſt abgelaufen war, nach der man bei der Tante Angélique nicht mehr zu Mittag aß. 6 — 49 er nicht umhin, ſeine Tante als Haushälterin ſn neh⸗ men, beſonders nach dem, was dieſe Tante für ihn ge⸗ than hatte. Der einzige Umſtand, der die goldenen Träume der armen Jungfer ſtörte, war der, daß, als ſie von ihrer Hoffnung mit dem Abbé Fortier ſprach, dieſer den Kopf ſchüttelnd erwiederte: „Meine liebe Mlle. Pitou, um Abbé zu werden, müßte ſich Ihr Neffe viel weniger der Naturgeſchichte und viel mehr dem De viris illustribus oder dem Selecta e profanis scriptoribus widmen.“ „Das will beſagen?“ „Daß er viel zu viel Barbarismen und unendlich zu viel Solecismen macht,“ antwortete der Abbé Fortier. Eine Antwort, welche Mlle. Angélique in der be⸗ trübendſten Unbeſtimmtheit ließ. IWV. Ueber den Einfluß, den auf das Leben eines Men⸗ ſchen ein Barbarismus und ſieben Solecismen haben können. Dieſe Einzelnheiten waren unerläßlich für den Leſer, welchen Grad von Verſtand wir ihm auch zuer⸗ kennen, damit er gut die ganze ſchauderhafte Lage be⸗ greife, in der ſich Pitou befand, ſobald er außerhalb der Schule war. Einer von ſeinen Armen hing an ſeiner Seite herab, der andere hielt ſeine Truhe auf ſeinem Kopfe im Gleichgewicht, ſein Ohr vibrirte noch von den wüthenden Ausbrüchen des Abbé Fortier, und ſo ging er nach dem Pleux mit einer Sammlung des Geiges⸗ welche nichts Anderes war, als die auf den höchſten Grad geſtiegene Beſtürzung. Ange Pitou. I. 3 hr tet re te 51 Dies war in der That der heilſame Zügel, den die alte Jungfer zugleich den Schularreſten und den tollen Leidenſchaften ihres Neffen angelegt hatte; dabei erſparte ſie, ein Jahr in das andere gerechnet, unge⸗ fahr ſechszig Mittagsmahle an dem armen Jungen. Doch diesmal war es nicht das magere Mittag⸗ eſſen der Tante, was den ſaumſeligen Schüler beun⸗ ruhigte: ſo karg auch das Frühſtück geweſen, Pitou hatte ein zu volles Herz, um zu bemerken, ſein Magen ſei leer. Es gibt eine furchtbare, dem Schüler, ein ſo großer Wicht er auch ſein mag, wohlbekannte Qual, das iſt der unrechtmäßige Aufenthalt in irgend einem abge⸗ legenen Winkel nach einer Austreibung aus der Schule; das iſt der entſchiedene und gezwungene Urlaub, den er zu benützen genöthigt iſt, während ſeine Mitſchüler, die Mappe und die Bücher unter dem Arm, vorüber⸗ ziehen, um zur täglichen Arbeit zu gehen. Dieſe ver⸗ haßte Schule nimmt eine wünſchenswerthe Geſtalt an. Der Schüler beſchäftigt ſich ernſtlich mit der großen Angelegenheit der Aufgaben und Ueberſetzungen, mit der er ſich nie beſchäftigt hat, und die dort während ſeiner Abweſenheit verhandelt wird. Es findet eine große Aehnlichkeit zwiſchen dieſem von ſeinem Lehrer weggeſchickten Schüler und dem wegen ſeiner Gottloſig⸗ keit Ercommunieirten ſtatt, der nicht mehr das Recht hat, in die Kirche zurückzukehren, während er vor Verlangen, eine Meſſe zu hören, brennt. Darum dünkte dem armen Pitou, je näher er zu dem Hauſe ſeiner Tante kam, deſto ſchrecklicher der Aufenthalt in dieſem Hauſe. Barum ſtellte er ſich zum erſten Male in ſeinem Leben vor, die Schule ſei ein irdiſches Paradies, aus dem ihn der Abbé Fortier, als ein Würgengel mit ſeiner Geißel in Form eines flam⸗ menden Schwertes, vertrieben habe. So langſam er indeſſen ging, und obgleich Piton von zehn zu zehn Schritten Stationen te welche 50 Endlich machte ſich eine Idee Licht in ſeinem Geiſte, und drei Worte, welche ſeinen ganzen Gedanken ent⸗ hielten, entſchlüpften ſeinen Lippen. „Jeſus! meine Tante! 1 In der That, was würde Mlle. Angélique Pitou über den Umſturz aller ihrer Hoffnungen ſagen? Ange Pitou erkannte indeſſen die Pläne der alten Jungfer nur nach der Art, Hunde die Pläne ihres Herrn erkenne die Betrachtung der ein koſtbarer Führer wie die treuen, beſtändigen n, nämlich durch Phyſiognomie. Der Inſtinct iſt ,nie täuſcht er, während im Ge⸗ gentheil das Raiſonnement durch die Einbildungskraft falſch ſein kann. Was aus den Betrachtungen von Ange Pitou hervor⸗ ging und was von ſeinen Lippen den von uns erwähnten kläglichen Ausruf ſpringen gemacht hatte, war, daß Ange Pitou begriff, alten Jungfer groß erfahre. Er kannte einer Unzufriedenhei diesmal, da die Urſache der Unzufriedenheit ſich zu die Unzufriedenheit werde bei der ſein, wenn ſie die unſelige Kunde aber aus Erfahrung das Reſultat t von Mlle. Angélique. Nur mußten einer unberechenbaren Macht erhob, die Reſultate eine unberechenbare Summe erreichen. Man vernehme, unter welchem gräßlichen Eindruck Pitou den Pleux erreichte. Er hatte beinahe eine Viertelſtunde gebraucht, um den Weg, der vom großen Thore des Abbé F ortier zum Eingang dieſer Straße führte, zurückzulegen, und das war doch nur ungefähr dreihundert Schritte von einander entfernt. In dieſem Augenblick ſchlug die Glocke der Kirche ein Uhr. mit dem Abbé und Weg zurückgelegt, Er bemerkte nun, daß ihn ſeine letzte Unterredung die Langſamkeit, mit der er den um ſechszig Minuten verſpätet hatten, und daß demnach ſeit dreißig die unerſtreckbare Friſt abgelaufen w ar, nach der man bei der Tante Angélique nicht mehr zu Mittag aß. 52 immer länger wurden, je mehr er ſich dem Schreckens⸗ orte näherte, er mußte nichtsdeſtoweniger zur Schwelle des ſo ſehr gefürchteten Hauſes kommen. Pitou er⸗ reichte alſo dieſe Schwelle, indem er ſeine Schuhe ſchleppte und maſchinenmäßig ſeine Hand auf der Naht ſeiner Hoſe rieb. „Ah! ich bin ſehr krank, Tante Angslique,“ ſagte er, um jedem Spott oder jedem Vorwurf zuvorzukom⸗ men, und vielleicht auch, um es zu verſuchen, das arme Kind beklagen zu machen. „Gut,“ erwiederte Mademviſelle Angélique,„ich kenne dieſe Krankheit, und man würde ſie leicht heilen, wenn man den Zeiger der Pendeluhr um anderthalb Stunden zurückrückte.“ „Oh mein Gott, nein!“ rief Piton bitter,„denn ich habe keinen Hunger.“ Die Tante Piton war erſtaunt und beinahe un⸗ ruhig; eine Krankheit beunruhigt gleich ſehr die guten Mütter und die Stiefmütter; die guten Mütter wegen der Gefahr, welche die Krankheit herbeiführt, die Stief⸗ mütter wegen des Nachtheils, den ſie der Börſe zufügt. „Nun, was haſt Du denn, laß hören?“ fragte die alte Jungfer. Bei dieſen Worten, welche indeſſen ohne eine ſehr zärtliche Sympathie ausgeſprochen wurden, zerfloß Ange Pitou in Thränen, und es iſt nicht zu leugnen, die Grimaſſe, die er von der Klage zu den Thränen über⸗ gehend machte, gehörte zu den häßlichſten und unan⸗ genehmſten Grimaſſen, die man ſehen kann. „Oh! meine gute Tante, es iſt mir ein ſehr großes Unglück begegnet,“ ſagte er. „Welches?“ fragte die alte Jungfer. „Der Herr Abbé hat mich weggeſchickt,“ rief Ange Pitou in ein ungeheures Schluchzen ausbrechend. „Weggeſchicht?⸗ wiederholte die Tante, als ob ſte ihn nicht recht verſtanden hätte. „Ja, meine Tante.“ ————— Dies war in der That der heilſame Zügel, den die alte Jungfer zugleich den Schularreſten und den tollen Leidenſchaften ihres Neffen angelegt hatte; dabei erſparte ſie, ein Jahr in das andere gerechnet, unge⸗ fähr ſechszig Mittagsmahle an dem armen Jungen. Doch diesmal war es nicht das magere Mittag⸗ eſſen der Tante, was den ſaumſeligen Schüler beun⸗ ruhigte: ſo karg auch das Frühſtück geweſen, Pitou bat ein zu volles Herz, um zu bemerken, ſein Magen ei leer. Es gibt eine furchtbare, dem Schüler, ein ſo großer Wicht er auch ſein mag, wohlbekannte Qual, das iſt der unrechtmäßige Aufenthalt in irgend einem abge⸗ legenen Winkel nach einer Austreibung aus der Schule; das iſt der entſchiedene und gezwungene Urlaub, den er zu benützen genöthigt iſt, während ſeine Mitſchüler, die Mappe und die Bucher unter dem Arm, vorüber⸗ ziehen, um zur täglichen Arbeit zu gehen. Dieſe ver⸗ haßte Schule nimmt eine wünſchenswerthe Geſtalt an. Der Schüler beſchäftigt ſich ernſtlich mit der großen Angelegenheit der Aufgaben und Ueberſetzungen, mit der er ſich nie beſchäftigt hat, und die dort während ſeiner Abweſenheit verhandelt wird. Es findet eine große Aehnlichkeit zwiſchen dieſem von ſeinem Lehrer weggeſchickten Schuͤler und dem wegen ſeiner Gottloſig⸗ keit Excommunicirten ſtatt, der nicht mehr das Recht hat, in die Kirche zurückzukehren, während er vor Verlangen, eine Meſſe zu hören, brennt. Darum dünkte dem armen Pitou, je näher er zu dem Hauſe ſeiner Tante kam, deſto ſchrecklicher der Aufenthalt in dieſem Hauſe. Darum ſtellte er ſich zum erſten Male in ſeinem Leben vor, die Schule ſei ein irdiſches Paradies, aus dem ihn der Abbé Fortier, als ein Würgengel mit ſeiner Geißel in Form eines flam⸗ menden Schwertes, vertrieben habe. So langſam er indeſſen ging, und obgleich Pitou von zehn zu zehn Schritten Stationen machte, welche die er⸗ n⸗ jes ge ſie 53 „Von wo?“ „Von der Schule.“ Hier verdoppelte ſich das Schluchzen von Piton. „Von der Schule?“ „Ja, meine Tante.“ „Ganz und gar?“ „Ja, meine Tante.“ „Alſo keine Prüfungen, keine Coneurſe, keine Sti⸗ pendien, kein Seminar mehr?“ Das Schluchzen von Pitou verwandelte ſich in ein Geheule. Mademoiſelle Angélique ſchaute ihn an, als hätte ſie in der Tiefe des Herzens ihres Neffen den Grund ſeiner Ausweiſung leſen wollen⸗ „Wetten wir, daß Du wieder hinter die Schule gegangen biſt?“ ſagte ſie;„wetten wir, daß Du aber⸗ mals beim Pachthof des Vaters Billot herumgeſtrichen biſt? Pfui! ein zukünftiger Pfarrer!“ Ange ſchüttelte den Kopf. „Du lügſt!“ rief die aite Jungfer, deren Zorn in demſelben Maße zunahm, in welchem ſie die Gewißheit erlangte, daß die Lage der Dinge eine ernſte war;„Du lügſt! noch am letzten Sonntag hat man Dich in der Seufzerallee mit der Billotte geſehen.“ Mademoiſelle Angelique log; doch zu jeder Zeit haben ſich die Frömmlerinnen für berechtigt geglaubt, zu lügen, kraft des jeſuitiſchen Arioms: Es iſt erlaubt, das Falſche vorzugeben, um das Wahre zu erfahren. „Man hat mich nicht in der Seufzerallee geſehen,“ erwiederte Ange;„bas iſt unmöglich, denn wir ſind bei der Orangerie gegangen.“ „Ah Unglücklicher! Du ſiehſt wohl, daß Du mit ihr warſt.“ „Aber, meine Tante,“ entgegnete Ange erröthend, ves handeli ſich hier durchaus nicht um Jungfer Billot.“ „Ja, nenne ſie Jungfer, um Dein Spiel zu ver⸗ bergen, linreiner! Ader ich werde den Beichtvater von dieſem Zieraffen benachrichtige.“ 52 immer länger wurden, je mehr er ſich dem Schreckens⸗ orte näherte, er mußte nichtsdeſtoweniger zur Schwelle des ſo ſehr gefürchteten Hauſes kommen. Pitou er⸗ reichte alſo dieſe Schwelle, indem er ſeine Schuhe ſchleppte und maſchinenmäßig ſeine Hand auf der Naht ſeiner Hoſe rieb. „Ahl ich bin ſehr krank, Tante Angslique,“ ſagte er, um jedem Spott oder jedem Vorwurf zuvorzukom⸗ men, und vielleicht auch, um es zu verſuchen, das arme Kind beklagen zu machen. „Gut,“ erwiederte Mademoiſelle Angélique,„ich kenne dieſe Krankheit, und man würde ſie leicht heilen, wenn man den Zeiger der Pendeluhr um anderthalb Stunden zurückrückte.“ „Oh mein Gott, nein!“ rief Pitou bitter,„denn ich habe keinen Hunger.“ Die Tante Pitou war erſtaunt und beinahe un⸗ ruhig; eine Krankheit beunruhigt gleich ſehr die guten Mütter und die Stiefmütter; die guten Mütter wegen der Gefahr, welche die Krankheit herbeiführt, die Stief⸗ mütter wegen des Nachtheils, den ſie der Börſe zufügt. „Nun, was haſt Du denn, laß hören?“ fragte die alte Jungfer. Bei dieſen Worten, welche indeſſen ohne eine ſehr zärtliche Sympathie ausgeſprochen wurden, zerfloß Ange Pitou in Thränen, und es iſt nicht zu leugnen, die Grimaſſe, die er von der Klage zu den Thränen über⸗ gehend machte, gehörte zu den häßlichſten und unan⸗ genehmſten Grimaſſen, die man ſehen kann. unglück begegnet,“ ſagte er. Welches?“ fragte die alte Jungfer. „Der Herr Abbs hat mich weggeſchickt,“ rief Ange Pitou in ein ungeheures Schluchzen ausbrechend. „Weggeſchickt?“ wiederholte die Tante, als ob ſie ber ihn nicht recht verſtanden hätte. Ja, meine Tante.“ 5 Ohl meine gute Tante, es iſt mir ein ſehr großes 54 „Aber, meine Tante, i wöre Ihnen, daß Jungfe Billot kein Zieraffe iſt.“ Betpetſe „Ah! Du vertheidigſt ſie, während Du der Ent⸗ ſchuldigung bedarfſt. Gut, Ihr verſteht Euch immer beſſer. Oh! mein Gott, wie weit kommt es noch!. Kinder von ſechszehn Jahren.“ „Meine Tante, ganz im Gegentheil, ich verſtehe ſi nicht mit Catherine, Catherine jagt mich immer „Siehſt Du, wie Du Dich verhaſpelſt! nun nennſt Du ſie Catherine kurzweg. Ja, ſie jagt Dich fort, die Heuchlerin, wenn man ſie beobachtet.“ „Ah!“ ſagte Pitou plötzlich erleuchtet zu ſich ſelbſt, „ah! daran hatte ich nicht gedacht.“ „Siehſt Du!“ rief die alte Jungfer, den naiven Ausdruck ihres Neffen benützend, um ihn der Genoſſen⸗ ſchaft mit der Billotte zu überweiſen;„aber nur zu, ich will das Alles in's Reine bringen. Herr Fortier iſt ihr Beichtvater; ich werde ihn bitten, Dich einſperren zu laſſen und auf vierzehn Tage auf Waſſer und Brod zu ſetzen, und was Mademoiſelle Catherine betrifft, wenn ſie das Kloſter braucht, um ihre Leidenſchaft für Dich zu mäßigen, wohl! ſo ſoll ſie es koſten, wir ſchicken ſie nach Saint⸗Remy.“ Die alte Jungfer ſprach ihr letztes Wort mit einer Autorität und einer Ueberzeugung von ihrer Macht, daß Pitou bebte. „Meine gute Tante,“ ſagte er, die Hände faltend, „Sie täuſchen ſich, wenn Sie glauben, Jungfer Billot habe irgend eine Schuld an meinem Unglück.“ „Die Unkeuſchheit iſt die Mutter aller Laſter,“ unterbrach ihn ſalbungsreich Mademoiſelle Angélique. „Meine Tante, ich wiederhole Ihnen, der Herr Abbé hat mich nicht weggeſchickt, weil ich unkeuſch bin, ſondern er hat mich weggeſchickt, weil ich zu viel Bar⸗ barismen, vermiſcht mit Solecismen, die mir auch von Zeit zu Zeit entſchlüpfen, machte, und welche mir, „Von wo?“ „Von der Schule.“. Hier verdoppelte ſich das Schluchzen von Pitou. „Von der Schule?“ „Ja, meine Tante.“ „Ganz und gar?“ „Ja, meine Tante.“ „Alſo keine Prüfungen, keine Concurſe, keine Sti⸗ pendien, kein Seminar mehr?“ Das Schluchzen von Pitou verwandelte ſich in ein Geheule. Mademoiſelle Angélique ſchaute ihn an, als hätte ſie in der Tiefe des Herzens ihres Neffen den Grund ſeiner Ausweiſung leſen wollen. „Wetten wir, daß Du wieder hinter die Schule gegangen biſt?“ ſagte ſie;„wetten wir, daß Du aber⸗ mals beim Pachthof des Vaters Billot herumgeſtrichen biſt? Pfui! ein zukünftiger Pfarrer!“ Ange ſchüttelte den Kopf. „Du lügſt!“ rief die alte Jungfer, deren Zorn in demſelben Maße zunahm, in welchem ſie die Gewißheit erlangte, daß die Lage der Dinge eine ernſte war;„Du lügſt! noch am letzten Sonntag hat man Dich in der Seufzerallee mit der Billotte geſehen.“ Mademoiſelle Angélique log; doch zu jeder Zeit haben ſich die Frömmlerinnen für berechtigt geglaubt, zu lügen, kraft des jeſuitiſchen Arioms: Es iſt erlaubt, das Falſche vorzugeben, um das Wahre zu erfahren. „MNan hat mich nicht in der Seufzerallee geſehen,“ erwiederte Ange;„das iſt unmöglich, denn wir ſind bei der Orangerie gegangen.“ 6 1an Unglücklicher! Du ſiehſt wohl, daß Du mit ihr warſt.“ „Aber, meine Tante,“ entgegnete Ange erröthend, nes handelt ſich hier durchaus nicht um Jungfer Billot.“ „Ja, nenne ſie Jungfer, um Dein Spiel zu ver⸗ bergen, Unreiner! Aber ich werde den Beichtvater von dieſem Zieraffen benachrichtigen.“ 55 wie er ſagt, alle Ausſicht benehmen, das Stipendium des Seminars zu erhalten.“ 2 „Wie, alle Ausſicht? alſo wirſt Du vas Stipen⸗ dium nicht erhalten, alſo wirſt Du nicht Pfarrer werden, alſo werde ich nicht Deine Haushälterin ſein?“ „Mein Gott! nein, meine Tante.“ „Und was wirſt Du denn werden?“ fragte die alte Jungfer ganz beſtürzt. „Ich weiß es nicht.“ Pitou ſchlug die Augen ganz wehmüthig zum Himmel auf.„Was es der Vor⸗ ſehung aus mir zu machen gefällt,“ fügte er bei. „Der Vorſehung? Ah! ich ſehe, was es iſt,“ rief Mademoiſelle Angélique,„man hat ihm etwas in den Kopf geſetzt, man hat ihm von den neuen Ideen ge⸗ e man hat ihm Grundſätze der Philoſophie ein⸗ geprägt.“ „Das kann es nicht ſein, meine Tante, da man nur in die Philoſophie eintreten darf, nachdem man ſeine Rhetorik gemacht hat, während ich nie meine dritte zu überſteigen im Stande geweſen bin“ „Bah! bah! ich ſpreche nicht von dieſer Philoſo⸗ phie, ich ſpreche von der Philoſophie der unglücklichen Philoſophen; ich ſpreche von ber Philoſophie von Herrn Arouet, ich ſpreche von der Philoſophie von Herrn Jean Jacques, von der Philoſophie des Herrn Diderot, der die Nonne gemacht hat.“ Mademoiſelle Angélique bekreuzte ſich. „Die Nonne“ fragte Piton;„was iſt das, meine Tante?“ „Du haſt ſie geleſen, Unglücklicher.“ „Meine Tante, ich ſchwöre Ihnen, nein.“ „Darum willſt Du nichts von der Kirche.“ „Meine Tante, Sie tänſchen ſich, die Kirche will nichts von mir.“ „Dieſer Burſche iſt entſchieden eine Schlange. Ich glaube, er widerſpricht.“ „Nein, meine Tante, ich antworte nur.“ 54 „Aber, meine Tante, ich ſchwöre Ihnen, daß Jungfer Billot kein Zieraffe iſt.“ „Ah! Du vertheidigſt ſie, während Du der Ent⸗ ſchuldigung bedarfſt. Gut, Ihr verſteht Euch immer beſſer. Oh! mein Gott, wie weit kommt es noch!... Kinder von ſechszehn Jahren.“ „Meine Tante, ganz im Gegentheil, ich verſtehe mich nicht mit Catherine, Catherine jagt mich immer fort.“ „Siehſt Du, wie Du Dich verhaſpelſt! nun nennſt Du ſie Catherine kurzweg. Ja, ſie jagt Dich fort, die Heuchlerin, wenn man ſte beobachtet.“ „Ah!“ ſagte Pitou plötzlich erleuchtet zu ſich ſelbſt, „ah! daran hatte ich nicht gedacht.“ „Siehſt Du!“ rief die alte Jungfer, den naiven Ausdruck ihres Neffen benützend, um ihn der Genoſſen⸗ ſchaft mit der Billotte zu überweiſen;„aber nur zu, i will das Alles in's Reine bringen. Herr Fortier iſt ihr Beichtvater;z ich werde ihn bitten, Dich einſperren zu laſſen und auf vierzehn Tage auf Waſſer und Brod zu ſetzen, und was Mademoiſelle Catherine betrifft, wenn ſie das Kloſter braucht, um ihre Leidenſchaft für Dich zu mäßigen, wohl! ſo ſoll ſie es koſten, wir ſchicken ſie nach Saint⸗Remy.“ Die alte Jungfer ſprach ihr letztes Wort mit einer Autorität und einer Ueberzeugung von ihrer Macht, daß Pitou bebte. „Meine gute Tante,“ ſagte er, die Hände faltend, „Sie täuſchen ſich, wenn Sie glauben, Jungfer Billot habe irgend eine Schuld an meinem Unglück.“ „Die Unkeuſchheit iſt die Mutter aller Laſter,“ unterbrach ihn ſalbungsreich Mademoiſelle Angélique. „Meine Tante, ich wiederhole Ihnen, der Herr Abbé hat mich nicht weggeſchickt, weil ich unkeuſch bin, ſondern er hat mich weggeſchickt, weil ich zu viel Bar⸗ barismen, vermiſcht mit Solecismen, die mir auch von Zeit zu Zeit entſchlüpfen, machte, und welche mir, —, O 23.0 ₰— S— er & 0 SS 22 „Oh! er iſt verloren,“ rief Mademoiſelle Angs⸗ lique mit allen Zeichen der tiefſten Niedergeſchlagenheit, während ſie in ihren Lieblingslehnſtuhl ſank. In der That, er iſt verloreni bedeutete nichts An⸗ deres als: Ich bin verloren. Die Gefahr war groß. Die Tante Angélique faßte einen äußerſten Entſchluß: ſie erhob ſich, als ob eine Feder ſie auf ihre Beine geſchnellt hätte und lief zum Abbe Fortier, um ſich Erklärungen von ihm zu erbitten, und beſonders, um einen letzten Verſuch bei ihm zu wagen. Piton folgte mit den Augen ſeiner Tante bis auf die Schwelle der Thüre; dann, als ſie verſchwunden war, trat er ebenfalls auf dieſe Schwelle und ſah ſie mit einer Geſchwindigkeit, von der er keinen Begriff hatte, nach der Rue de Soiſſons gehen. Von da an blieb ihm kein Zweifel mehr über die Abſichten von Mademoiſelle Angélique, und er war überzeugt, ſie be⸗ gebe ſich zu ſeinem Lehrer. Das war wenigſtens eine Viertelſtunde Ruhe. Pitou beſchloß, dieſe Viertelſtunde, die ihm die Vorſehung bewilligte, zu henützen. Er raffte die Ueberreſte des Mittagsmahles ſeiner Tante zuſammen, um ſeine Eidech⸗ ſen zu füttern; er haſchte ein paar Fliegen für ſeine Ameiſen und ſeine Fröſche; dann öffnete er nach und nach den Brobkaſten und den Schrank, und ſorgte für ſeine eigene Sättigung, denn mit der Einſamkeit war bei ibm der Appetit wiedergekehrt. Als er alle ſeine Anordnungen getroffen hatte, lauerte er an der Thüre, um nicht bei der Rückkehr ſeiner zweiten Mutter überraſcht zu werden. Mademoiſelle Angélique betitelte ſich die zweite Mutter von Pitou. Während er ſo lauerte, kam eine hübſche junge Perſon am Ende des Pleux, dem Gäßchen folgend, das von der Rue de Soiſſons nach der Rue de l'Ormet führt, vorüber. Sie ſaß auf dem Kreuz eines mit zwei Körben, wovon der eine mit Hühnern, der andere mit — 6 — 5⁵ wie er ſagt, alle Ausſicht benehmen, das Stipendium des Seminars zu erhalten.“ „Wie, alle Ausſicht? alſo wirſt Du das Stipen⸗ dium nicht erhalten, alſo wirſt Du nicht Pfarrer werden, alſo werde ich nicht Deine Haushälterin ſein?“ „Mein Gott! nein, meine Tante.“ „Und was wirſt Du denn werden?“ fragte die alte Jungfer ganz beſtürzt. „Ich weiß es nicht.“ Pitou ſchlug die Augen ganz wehmüthig zum Himmel auf.„Was es der Vor⸗ ſehung aus mir zu machen gefällt,“ fügte er bei. „Der Vorſehung? Ah! ich ſehe, was es iſt,“ rief Mademoiſelle Angélique,„man hat ihm etwas in den Kopf geſetzt, man hat ihm von den neuen Ideen ge⸗ ſprochen, man hat ihm Grundſätze der Philoſophie ein⸗ geprägt.“ „Das kann es nicht ſein, meine Tante, da man nur in die Philoſophie eintreten darf, nachdem man ſeine Rhetorik gemacht hat, während ich nie meine dritte zu überſteigen im Stande geweſen bin“ „Bah! bahl ich ſpreche nicht von dieſer Philoſo⸗ phie, ich ſpreche von der Philoſophie der unglücklichen Philoſophen; ich ſpreche von der Philoſophie von Herrn Arouet, ich ſpreche von der Philoſophie von Herrn Jean Jacques, von der Philoſophie des Herrn Diderot, der die Nonne gemacht hat.“ Mademoiſelle Angélique bekreuzte ſich. „Die Nonne?“ fragte Pitou;„was iſt das, meine Tante?“ „Du haſt ſie geleſen, Unglücklicher.“ „Meine Tante, ich ſchwöre Ihnen, nein.“ „Darum willſt Du nichts von der Kirche.“ „Meine Tante, Sie täuſchen ſich, die Kirche will nichts von mir.“ „Dieſer Burſche iſt entſchieden eine Schlange, Ich glaube, er widerſpricht.“ „Nein, meine Tante, ich antworte nur.“ 57 Tauben gefüllt, beladenen Pferdes; das war Catherine. ls ſie Pitou auf der Schwelle ſeiner Tante erblickte, hielt ſie an. Piton erröthete ſeiner Gewohnheit gemäß; dann verharrte er mit aufgeſperrtem Mund und ſchaute, d. h. bewunderte, denn die Billotte war für ihn der höchſte Ausdruck menſchlicher Schönheit. Das junge Mädchen ſchleuderte einen Blick in die Straße, grüßte Piton durch ein leichtes Nicken mit dem Kopf und zog ihres Weges. itou antwortete, bebend vor Behagen. Dieſe kleine Scene dauerte gerade lange genug, daß der große Schüler, ganz ſeiner Betrachtung hin⸗ gegeben und beſtändig nach dem Platze ſchauend, wo Catherine geweſen war, ſeine Tante nicht gewahrte, welche vom Abbé Fortier zurückkam und ihn plötzlich, erbleichend vor Zorn, bei der Hand faßte. Durch dieſe electriſche Erſchütterung, welche bei ihm immer das Berühren von Mademviſelie Angélique verurſachte, unverſehens aus ſeinem ſchönen Traume aufgeweckt, wandte ſich Ange um, richtete ſeine Augen vom zornigen Geſicht ſeiner Tante auf jeine eigene Hand und ſah ſich zu ſeinem Schrecken mit einer un⸗ geheuren Hälfte von einer Semmel verſehen, auf der, zu freigebig aufgeſtrichen, zwei Lagen friſche Butter und darüber weißer Käſe erſchienen. Mademoiſelle Angélique ſtieß einen Schrei der Wuth und Piton einen Seufzer der Angſt aus. Angs⸗ lique hob ihren gekrümmten Finger auf, Pitou neigte das Haupt; Angélique bemächtigte ſich eines Beſen⸗ ſtiels, der nur zu nahe bei ihr ſtand, Piton ließ ſeine Semmel fallen und lief ohne weitere Erklärung davon. Dieſe zwei Herzen hatten ſich verſtanden, ſie hatten egriffen, daß fortan nichts mehr unter ihnen beſtehen önne. Mademoiſelle Angélique ging hinein und ſchloß die Thüre doppelt. Pitou, den das Knirſchen des 56 „Oh! er iſt verloren,“ rief Mademoiſelle Angé⸗ lique mit allen Zeichen der tiefſten Niedergeſchlagenheit, während ſie in ihren Lieblingslehnſtuhl ſank. In der That, er iſt verloren! bedeutete nichts An⸗ deres als: Ich bin verloren. Die Gefahr war groß. Die Tante Angélique faßte einen äußerſten Entſchluß: ſie erhob ſich, als ob eine Feder ſie auf ihre Beine geſchnellt hätte und lief zum Abbé Fortier, um ſich Erflärunger von ihm zu erbitten, und beſonders, um einen letzten Verſuch bei ihm zu wagen. Pitou folgte mit den Augen ſeiner Tante bis auf die Schwelle der Thüre; dann, als ſie verſchwunden war, trat er ebenfalls auf dieſe Schwelle und ſah ſie mit einer Geſchwindigkeit, von der er keinen Begriff hatte, nach der Rue de Soiſſons gehen. Von da an lieb ihm kein Zweifel mehr über die Abſichten von Mademoiſelle Angélique, und er war überzeugt, ſie be⸗ gebe ſich zu ſeinem Lehrer. Das war wenigſtens eine Viertelſtunde Ruhe. Pitou beſchloß, dieſe Viertelſtunde, die ihm die Vorſehung bewilligte, zu benützen. Er raffte die Ueberreſte des Mittagsmahles ſeiner Tante zuſammen, um ſeine Eidech⸗ ſen zu füttern; er haſchte ein paar Fliegen für ſeine Ameiſen und ſeine Fröſche; dann öffnete er nach und nach den Brodkaſten und den Schrank, und ſorgte für ſeine eigene Sättigung, denn mit der Einſamkeit war bei ihm der Appetit wiedergekehrt. Als er alle ſeine Anordnungen getroffen hatte, lauerte er an der Thüre, um nicht bei der Rückkehr ſeiner zweiten Mutter überraſcht zu werden. Mademoiſelle Angélique betitelte ſich die zweite Mutter von Pitou. Während er ſo lauerte, kam eine hübſche junge Perſon am Ende des Pleux, dem Gäßchen folgend, das von der Rue de Soiſſons nach der Rue de l'Ormet führt, vorüber. Sie ſaß auf dem Kreuz eines mit zwei Körben, wovon der eine mit Hühnern, der andere mit 58 Schloſſes wie eine Fortſetzung des Sturmes erſchreckte, verdoppelte ſeine Geſchwindigkeit. Aus dieſer Scene ging eine Wirkung hervor, welche Mademoiſelle Angslique entfernt nicht vorherſah, und die Piton ſicherlich ebenſo wenig erwartete. V. Ein philoſophiſcher Pächter. Pitou lief, als ob ihm alle Teufel der Hölle auf den Ferſen wären, und war in einem Augenblick außer⸗ halb der Stadt. Als er ſich um die Ecke des Kirchhofs wandte, wäre er beinahe mit der Naſe auf das Hintertheil eines Pferdes gefallen. „Ei! mein Gott,“ ſagte eine ſanfte Stimme,„wo⸗ hin laufen Sie denn ſo, Herr Ange? Sie haben uns ſo erſchreckt, daß Cadet beinahe durchgegangen wäre.“ „Ah! Jungfer Catherine,“ rief Pitou, mehr ſeine eigenen Gedanken, als die Frage des Mädchens beant⸗ wortend,„ah! Jungfer Catherine, welch ein Unglück, mein Gott, welch ein Unglück!“ „Jeſus! Sie machen mir bange,“ ſagte das Mäb⸗ chen, ſein Pferd mitten auf der Straße anhaltend.„Was gibt es denn, Herr Ange?“ „Es gibt,“ antwortete Pitou, als ob er ein Sün⸗ dengeheimniß enthüllen ſollte,„es gibt, daß ich nicht Abbeé ſein werde, Jungfer Catherine.“ Doch ſtatt ſich in dem Sinne zu geberden, den Piton erwartete, ſchlug die Billotte ein gewaltiges Gelächter auf. „Sie werden nicht Abbé ſein?“ ſagte ſie. „Nein,“ antwortete Piton beſtürzt:„es ſcheint, das iſt unmöglich.“ —,— 57 Tauben gefüllt, beladenen Pferdes; das war Catherine. Als ſie Pitou auf der Schwelle ſeiner Tante erblickte, hielt ſie an. Piton erröthete ſeiner Gewohnheit gemäß; dann verharrte er mit aufgeſperrtem Mund und ſchaute, d. h. bewunderte, denn die Billotte war für ihn der höchſte Ausdruck menſchlicher Schönheit. Das junge Maͤdchen ſchleuderte einen Blick in die Straße, grüßte Pitou durch ein leichtes Nicken mit dem Kopf und zog ihres Weges. Pitou antwortete, bebend vor Behagen. Dieſe kleine Scene dauerte gerade lange genug, daß der große Schüler, ganz ſeiner Betrachtung hin⸗ gegeben und beſtändig nach dem Platze ſchauend, wo Catherine geweſen war, ſeine Tante nicht gewahrte, welche vom Abbé Fortier zurückkam und ihn plötzlich, erbleichend vor Zorn, bei der Hand faßte. Durch dieſe electriſche Erſchütterung, welche bei ihm immer das Berühren von Mademoiſelle Angélique verurſachte, unverſehens aus ſeinem ſchönen Traume aufgeweckt, wandte ſich Ange um, richtete ſeine Augen vom zornigen Geſicht ſeiner Tante auf ſeine eigene Hand und ſah ſich zu ſeinem Schrecken mit einer un⸗ geheuren Hälfte von einer Semmel verſehen, auf der, zu freigebig aufgeſtrichen, zwei Lagen friſche Butter und darüber weißer Käſe erſchienen. Mademoiſelle Angélique ſtieß einen Schrei der Wuth und Pitou einen Seufzer der Angſt aus. Angé⸗ lique hob ihren gekrümmten Finger auf, Pitou neigte das Haupt; Angélique bemächtigte ſich eines Beſen⸗ ſtiels, der nur zu nahe bei ihr ſtand, Pitou ließ ſeine Semmel fallen und lief ohne weitere Erklärung davon. Dieſe zwei Herzen hatten ſich verſtanden, ſte hatten beoriffen, daß fortan nichts mehr unter ihnen beſtehen önne. Mademoiſelle Angélique ging hinein und ſchloß die Thüre doppelt. Piton, den das Knirſchen des e, e d 59 „Nun! ſo werden Sie Soldat,“ verſetzte Catherine. „Soldat?“ „Allerdings. Mein Gott! man muß wegen einer ſolchen Kleinigkeit nicht in Verzweiflung gerathen! Anfangs glaubte ich, Sie hätten mir den Tod Ihrer Jungfer Tante zu verkündigen.“ „Ah!“ ſprach Piton mit Empfindung,„es iſt gerabe daſſelbe für mich, wie wenn ſie todt wäre, da ſie mich fortjagt.“ „Verzeihen Sie, es fehlt Ihnen die Befriedigung, e beweinen zu können,“ entgegnete Catherine. Und ſie lachte auf das Heiterſte, was bei Piton abermals ein Aergerniß bereitete. „Haben Sie denn nicht gehört, daß ſie mich fort⸗ jagt!“ rief der Schüler in Verzweiflung. „Ei! deſto beſſer!“ „Sie ſind ſehr glücklich, daß Sie ſo lachen können, und das beweiſt, daß Sie einen äußerſt angenehmen Charakter haben, da der Kummer der Anderen keinen größeren Eindruck auf Sie macht.“ „Und wer ſagt Ihnen denn, daß ich Sie, wenn Ihnen ein wahres Unglück zuſtieße, nicht beklagen würde, Herr Ange Piton?“ „Sie würden mich beklagen, wenn mir ein wahres Unglück zuſtieße? Sie wiſſen alſo nicht, daß ich keine Mittel mehr habe?“ „Abermals deſto beſſer!“ rief Catherine. Piton wußte gar nicht mehr, was er denken ſollte. „Und eſſen!“ ſagte er,„man muß doch eſſen, Jungfer! beſonders ich, der ich immer Hunger habe.“ „Sie wollen alſo nicht arbeiten, Herr Pitou?“ „Arbeiten! was? Herr Fortier und meine Tante Angélique haben mir mehr als hundertmal wiederholt, ich tauge zu nichts. Ahl wenn man mich zu einem Tiſchler, oder zu einem Stellmacher in die Lehre gethan häite, ſtatt einen Abbs aus mir machen zu wollen! Hören Sie, Jungfer Catherine,“ fügte Piton mit einer „ 58 Schloſſes wie eine Fortſetzung des Sturmes erſchreckte, verdoppelte ſeine Geſchwindigkeit. Aus dieſer Scene ging eine Wirkung hervor, welche Mademoiſelle Angélique entfernt nicht vorherſah, und die Pitou ſicherlich ebenſo wenig erwartete. V. Ein philoſophiſcher Pächter. Piton lief, als ob ihm alle Teufel der Hölle auf den Ferſen wären, und war in einem Augenblick außer⸗ halb der Stadt. Als er ſich um die Ecke des Kirchhofs wandte, wäre er beinahe mit der Naſe auf das Hintertheil eines Pferdes gefallen. „Ei! mein Gott,“ ſagte eine ſanfte Stimme,„wo⸗ hin laufen Sie denn ſo, Herr Ange? Sie haben uns ſo erſchreckt, daß Cadet beinahe durchgegangen wäre.“ „Ah! Jungfer Catherine,“ rief Piton, mehr ſeine eigenen Gedanken, als die Frage des Mädchens beant⸗ wortend,„ah! Jungfer Catherine, welch ein Unglück, mein Gott, welch ein Unglück!“ „Jeſus! Sie machen mir bange,“ ſagte das Mäd⸗ chen, ſein Pferd mitten auf der Straße anhaltend.„Was gibt es denn, Herr Ange?“ „Es gibt,“ antwortete Pitou, als ob er ein Sün⸗ dengeheimniß enthüllen ſollte,„es gibt, daß ich nicht Abbé ſein werde, Jungfer Catherine.“ Doch ſtatt ſich in dem Sinne zu geberden, den Piton erwartete, ſchlug die Billotte ein gewaltiges Gelächter auf. „Sie werden nicht Abbé ſein?“ ſagte ſie. „Nein,“ antwortete Pitou beſtürzt:„es ſcheint, das iſt unmöglich.“ 25 8— 60 Geberde der Verzweiflung bei,„es ruht offenbar ein Fluch auf mir.“ „Ach!“ ſprach Catherine mitleidig, denn ſie kannte, wie Jedermann, die klägliche Geſchichte von Piton,„es iſt etwas Wahres an dem, was Sie da ſagen, mein e Herr Ange, doch warum thun Sie Eines nicht?“ „Was?“ fragte Pitou, der ſich an den zukünftigen Vorſchlag von Catherine anklammerte, wie ein Ertrinken⸗ der ſich an einen Weidenzweig anklammert.„Sprechen Sie, was?“ „Sie haben einen Gönner, wie mir ſcheint.“ „Den Herrn Doctor Gilbert.“ „Sie waren der Klaſſekamerad ſeines Sohnes, da er, wie Sie, beim Abbe Fortier erzogen worden iſt.“ „Ich glaube wohl, und ich habe es mehr als ein⸗ mal verhindert, daß er geprügelt wurde.“ „Nun denn! warum wenden Sie ſich nicht an ſeinen Vater? er wird Sie nicht verlaſſen.“ „Ah! ich würde vas ſicherlich thun, wenn ich wüßte, was aus ihm geworden iſt. Aber vielleicht weiß es Ihr Vater, Jungfer Billot, da der Doctor Gilbert ſein Grundherr iſt.“ „Ich weiß, daß er ihm einen Theil der Pachtgelber nach Amerika zu ſchicken hatte, und daß er das Andere einem Notar in Paris übergeben mußie.“ „Ah!“ ſagte Piton ſeufzend,„nach Amerika; das iſt ſehr ſern.“ „Sie würden nach Amerika gehen?“ fragte das Mädchen, beinahe erſchrocken üher den Entſchluß von itou. „Ich, Jungſer Catherine? Nie! nie! Wenn ich wüßte, wo und was ich eſſen ſollte, ſo befände ich mich ſehr wohl in Frankreich.“ „Sehr wohl,“ wiederholte Catherine. Piton ſchlug die Augen nieder. Das Mädchen ſchwieg. Dieſes Stillſchweigen dauerte einige Zeit. 8 1s 59 „Nun! ſo werden Sie Soldat,“ verſetzte Catherine. „Soldat?“ „Allerdings. Mein Gott! man muß wegen einer ſolchen Kleinigkeit nicht in Verzweiflung gerathen! Anfangs glaubte ich, Sie hätten mir den Tod Ihrer Jungfer Tante zu verkündigen.“ „Ah!“ ſprach Piton mit Empfindung,„es iſt gerade daſſelbe für mich, wie wenn ſie todt wäre, da ſte mich fortjagt.“ „Verzeihen Sie, es fehlt Ihnen die Befriedigung, ſie beweinen zu können,“ entgegnete Catherine. und ſie lachte auf das Heiterſte, was bei Pitou abermals ein Aergerniß bereitete. „Haben Sie denn nicht gehört, daß ſie mich fort⸗ jagt!“ rief der Schüler in Verzweiflung. „Eil deſto beſſer!“ „Sie ſind ſehr glücklich, daß Sie ſo lachen können, und das beweiſt, daß Sie einen äußerſt angenehmen Charakter haben, da der Kummer der Anderen keinen größeren Eindruck auf Sie macht.“ „Und wer ſagt Ihnen denn, daß ich Sie, wenn Ihnen ein wahres Unglück zuſtieße, nicht beklagen würde, Herr Ange Pitou?“ „Sie würden mich beklagen, wenn mir ein wahres Unglück zuſtieße? Sie wiſſen alſo nicht, daß ich keine Mittel mehr habe?“ „Abermals deſto beſſer!“ rief Catherine. Pitou wußte gar nicht mehr, was er denken ſollte. „Und eſſen!“ ſagte er,„man muß doch eſſen, Jungfer! beſonders ich, der ich immer Hunger habe.“ „Sie wollen alſo nicht arbeiten, Herr Pitou?“ „Arbeiten! was? Herr Fortier und meine Tante Angélique haben mir mehr als hundertmal wiederholt, ich tauge zu nichts. Ahl wenn man mich zu einem Tiſchler, oder zu einem Stellmacher in die Lehre gethan hätte, ſtatt einen Abbé aus mir machen zu wollen! Hören Sie, Jungfer Catherine,“ fügte Pitou mit einer n 61 Pitou war in Träumereien verſunken, welche den Abbé Fortier, einen logiſchen Mann, ſehr in Erſtaunen ge⸗ ſetzt hätten. Von einem dunkeln Punkte ausgegangen, hatten ſich dieſe Träumereien aufgeklärt; dann wurden ſie verworren, obgleich glänzend wie Blitze, deren Urſprung verborgen, deren Quelle verloren iſt. Cadet hatte ſich indeſſen wieder im Schritt in Marſch geſetzt und Pitou ging neben Cadet, eine Hand auf einen der Körbe geſtützt. Catherine aber, welche ihrerſeits träumte, wie Piton ſeinerſeits, ließ die Zügel auf dem Halſe ihres Renners hängen, ohne daß ſie he⸗ fürchtete, er könnte durchgehen. Ueberdies gab es kein Ungeheuer auf dem Wege und Cadet war von einer Rage, welche keine Aehnlichkeit mit den Pferden von Hippolht hatte. Pitou blieb maſchinenmäßig ſtehen, als vas Pferd ſtehen blieb. Man war vor dem Pachthof angekommen. „Ah! Du biſt es, Piton!“ rief ein Mann von mächtiger Geſtalt, der ziemlich ſtolz vor einer Lache aufgepflanzt war, wo er ſein Pferd trinken ließ. „Ei! mein Gott! ja, Herr Billot, ich ſelbſt bin es.“ „Abermals begegnet dieſem armen Piton ein Unglück,“ ſagte Catherine, während ſie vom Pferde ſprang, ohne ſich darum zu bekümmern, ob ihr Rock, auffliegend, die Farbe ihrer Kniebänder zeigen würde. „Seine Tante jagt ihn fort.“ „Und was hat er venn wieder der alten Betſchweſter gethan?“ fragte der Pächter. „Es ſcheint, ich bin nicht ſtark genug im Griechi⸗ ſchen,“ antwortete Pitou. Er prahlte, der Geck; im Lateiniſchen, hätte er ſagen müſſen⸗ „Nicht ſtark genug im Griechiſchen?“ fragte der Mann mit den breiten Schultern,„und warum willſt Du ſtark im Griechiſchen ſein?“ 60 Geberde der Verzweiflung bei,„es ruht offenbar ein Fluch auf mir.“ „Ach!“ ſprach Catherine mitleidig, denn ſie kannte, wie Jedermann, die klägliche Geſchichte von Piton,„es iſt etwas Wahres an dem, was Sie da ſagen, mein lteber Herr Ange, doch warum thun Sie Eines nicht?“ „Was?“ fragte Pitou, der ſich an den zukünftigen Vorſchlag von Catherine anklammerte, wie ein Ertrinken⸗ der ſich an einen Weidenzweig anklammert.„Sprechen Sie, was?“ „Sie haben einen Gönner, wie mir ſcheint.“ „Den Herrn Doctor Gilbert.“ „Sie waren der Klaſſekamerad ſeines Sohnes, da er, wie Sie, beim Abbé Fortier erzogen worden iſt.“ „Ich glaube wohl, und ich habe es mehr als ein⸗ mal verhindert, daß er geprügelt wurde.“ „Nun denn! warum wenden Sie ſich nicht an ſeinen Vater? er wird Sie nicht verlaſſen.“ „Ah! ich würde das ſicherlich thun, wenn ich wüßte, was aus ihm geworden iſt. Aber vielleicht weiß es Ihr Vater, Jungfer Billot, da der Doctor Gilbert ſein Grundherr iſt.“ „Ich weiß, daß er ihm einen Theil der Pachtgelder nach Amerika zu ſchicken hatte, und daß er das Andere einem Notar in Paris übergeben mußte.“ „Ah!“ ſagte Pitou ſeufzend,„nach Amerika; das iſt ſehr fern.“ „Sie würden nach Amerika gehen?“ fragte das Mͤchen⸗ beinahe erſchrocken über den Entſchluß von iton. 3 „Ich, Jungfer Catherine? Nie! nie! Wenn ich wüßte, wo und was ich eſſen ſollte, ſo befände ich mich ſehr wohl in Frankreich.“ „Sehr wohl,“ wiederholte Catherine. Piton ſchlug die Augen nieder. Das Mädchen ſchwieg. Dieſes Stillſchweigen dauerte einige Zeit. „Um den Theokrit zu erklären und die Jliade zu leſen.“ „Und wozu würde es Dir nützen, den Theokrit zu erklären und die Iliade zu leſen.“ „Das würde mir Abbé werden helfen.“ „Bah!“ verſetzte Herr Billot;„kann ich Griechiſch? kann ich Lateiniſch? kann ich Franzöſiſch? kann ich ſchreiben? kann ich leſen? Verhindert mich das, zu ſäen, zu ernten und einzufahren?“ „Ja, doch Sie, Herr Billot, Sie ſind nicht Abbe, Sie ſind Ackermann, agricola, wie Virgil ſagt. O kor- tunatos nimium...4 „Nun, glaubſt Du denn, ein Ackermann komme einem Pfaffen nicht gleich, ſprich doch, ſchlimmer Chor⸗ knabe, beſonders wenn dieſer Ackermann ſechzig Morgen Land in der Sonne und eintauſend Louis d'or im Schatten hat?“ „Man hat mir immer geſagt, Abbé zu ſein, ſei das Beſte, was es auf der Welt gebe; es iſt wahr,“ fügte Piton, auf ſeine angenehmſte Weiſe lächelnd, „ich hörte nicht immer auf das, was man mir agte.“ „Und das war nicht ſchlecht, ſondern recht. Du ſiehſt, daß ich auch Verſe mache, wenn ich mich damit befaſſe. Mir ſcheint, es iſt in Dir der Stoff, um etwas Beſſeres zu werden, als ein Abbé, und es iſt für Dich ein Glück, wenn Du dieſen Stand nicht ergreifſt, be⸗ ſonders in dieſem Augenblick. Siehſt Du, in meiner Eigenſchaft als Pächter verſtehe ich mich auf die Zeit, und die Zeit iſt ſchlecht für die Abbés.“ „Bah!“ verſetzte Pitou. „Ja, es wird Sturm geben,“ ſprach der Pächter. „Glaube alſo mir. Du biſt ehrlich, Du biſt geſchickt.“ Piton verbeugte ſich ſehr geehrt, denn zum erſten Male in ſeinem Leben hatte man ihn geſchickt genannt. „Du kannſt alſo ohne dieſes Deinen Lebensunter⸗ halt verdienen,“ fuhr der Pächter fort. 61 Pitou war in Träumereien verſunken, welche den Abbé Fortier, einen logiſchen Mann, ſehr in Erſtaunen ge⸗ ſetzt hätten. Von einem dunkeln Punkte ausgegangen, hatten ſich dieſe Träumereien aufgeklärt; dann wurden ſie verworren, obgleich glänzend wie Blitze, deren Urſprung verborgen, deren Quelle verloren iſt. Cadet hatte ſich indeſſen wieder im Schritt in Marſch geſetzt und Pitou ging neben Cadet, eine Hand auf einen der Körbe geſtützt. Catherine aber, welche ihrerſeits träumte, wie Piton ſeinerſeits, ließ die Zügel auf dem Halſe ihres Renners hängen, ohne daß ſte be⸗ fürchtete, er könnte durchgehen. Ueberdies gab es kein Ungeheuer auf dem Wege und Cadet war von einer Race, welche keine Aehnlichkeit mit den Pferden von Hippolyt hatte. Pitou blieb maſchinenmäßig ſtehen, als das Pferd ſtehen blieb. Man war vor dem Pachthof angekommen. „Ah! Du biſt es, Piton!“ rief ein Mann von mächtiger Geſtalt, der ziemlich ſtolz vor einer Lache aufgepflanzt war, wo er ſein Pferd trinken ließ. „Eil mein Gott! ja, Herr Billot, ich ſelbſt bin es.“ „Abermals begegnet dieſem armen Pitou ein unglück,“ ſagte Catherine, während ſie vom Pferde ſprang, ohne ſich darum zu bekümmern, ob ihr Rock, auffliegend, die Farbe ihrer Kniebänder zeigen würde. „Seine Tante jagt ihn fort.“ „Und was hat er denn wieder der alten Betſchweſter gethan?“ fragte der Pächter. „Es ſcheint, ich bin nicht ſtark genug im Griechi⸗ ſchen,“ antwortete Pitou. Er prahlte, der Geck; im Lateiniſchen, hätte er ſagen müſſen. „Nicht ſtark genug im Griechiſchen?“ fragte der Mann mit den breiten Schultern,„und warum willſt Du ſtark im Griechiſchen ſein?“ r 63 Während ſie die Hühner und die Tauben nieder⸗ ſetzte, horchte Catherine mit Intereſſe auf das Geſpräch, das ſich zwiſchen Piton und ihrem Vater entſponnen hatte. „Meinen Lebensunterhalt verdienen?“ verſetzte Pitou;„das kommt mir ſchwierig vor.“ „Was kannſt Du thun?“ „Ich kann Leimruthen ſtellen und Schlingen legen; ich ahme ziemlich gut den Geſang der Vögel nach, nicht wahr, Jungfer Catherine?“ „Oh! was das betrifft, das iſt wahr, er ſingt wie ein Fink.“ „Ja, doch dies Alles iſt noch fein Gewerbe,“ er⸗ wiederte der Vater Billot. „Das ſage ich ja, beim Blitz!“ „Du fluchſt? das iſt ſchon gut.“ „Wie, ich habe geflucht!“ rief Pitou!„ich bitte um Verzeihung, Herr Billot.“ „Oh! keine Urſache, das begegnet mir auch zu⸗ weilen. Ei! Donner Gottes,“ fuhr er fort, indem er ch gegen ſein Pferd umwandte,„willſt du ein wenig ruhig ſein; dieſe verteufelten Percherons können doch nicht einen Augenblick ſtill halten. Sprich, odann wieder zu Pitou,„biſt Du träge?“ „Ich weiß es nicht; ich habe nie etwas Anderes getrieben, als Lateiniſch und Griechiſch, und„ „Und was?“ „Und ich muß ſagen, das habe ich nicht beſonders eifrig angegriffen.“ „Deſto beſſer, das beweiſt, daß Du noch nicht ſo dumm biſt, als ich glaubte.“ iton riß die Augen in einer erſchrecklichen Dimen⸗ ſion auf: es war das erſte Mal, daß er dieſe Ordnung von Ideen bekennen hörte, welche alle Theorien, die er bis dahin gehört, umſtürzte. Ich frage Dich,“ ſogte Billot,„ob Du bei der Strahnze träge ſeiſt?“ 62 „Um den Theokrit zu erklären und die Iliade zu leſen.“ „Und wozn würde es Dir nützen, den Theokrit zu erklären und die Iliade zu leſen.“ „Das würde mir Abbé werden helfen.“ „Bah!“ verſetzte Herr Billot;„kann ich Griechiſch? kann ich Lateiniſch? kann ich Franzöſiſch? kann ich ſchreiben? kann ich leſen? Verhindert mich das, zu ſäen, zu ernten und einzufahren?“ „Ja, doch Sie, Herr Billot, Sie ſind nicht Abbs, Sie ſind Ackermann, agricola, wie Virgil ſagt. 0 for⸗ tunatos nimium.“ „Nun, glaubſt Du denn, ein Ackermann komme einem Pfaffen nicht gleich, ſprich doch, ſchlimmer Chor⸗ knabe, beſonders wenn dieſer Ackermann ſechzig Morgen Land in der Sonne und eintauſend Louis d'or im Schatten hat?“ „Man hat mir immer geſagt, Abbé zu ſein, ſei das Beſte, was es auf der Welt gebe; es iſt wahr,“ fügte Pitou, auf ſeine angenehmſte Weiſe lächelnd, bei pich hörte nicht immer auf das, was man mir agte.“ „Und das war nicht ſchlecht, ſondern recht. Du ſiehſt, daß ich auch Verſe mache, wenn ich mich damit befaſſe. Mir ſcheint, es iſt in Dir der Stoff, um etwas Beſſeres zu werden, als ein Abbé, und es iſt für Dich ein Glück, wenn Du dieſen Stand nicht ergreifſt, be⸗ ſonders in dieſem Augenblick. Siehſt Du, in meiner Eigenſchaft als Pächter verſtehe ich mich auf die Zeit, und die Zeit iſt ſchlecht für die Abbés.“ „Bah!“ verſetzte Pitou. „Ja, es wird Sturm geben,“ ſprach der Pächter. „Glaube alſo mir. Du biſt ehrlich, Du biſt geſchickt.“ Pitou verbeugte ſich ſehr geehrt, denn zum erſten Male in ſeinem Leben hatte man ihn geſchickt genannt. „Du kannſt alſo ohne dieſes Deinen Lebensunter⸗ halt verdienen,“ fuhr der Pächter fort.— 6 64⁴ „O! bei der Sirapaze, das iſt etwas Anderes,“ antwortete Pitou;„nein, nein, nein, ich würde zehn Meilen machen, ohne müde zu werden.“ „Gut, das iſt ſchon etwas; läßt man Dich noch um einige Pfunde abmagern, ſo kannſt Du Läufer werden. „Abmagern?“ verſetzte Piton, während er ſeine dünne Geſtalt, ſeine langen, knochigen Arme und ſeine langen, pfahlartigen Beine anſchaute;„Herr Billot, mir ſchien, ich ſei ſchon mager genug.“ „Wahrhaftig, mein Freund,“ ſagte der Pächter lachend,„Du biſt ein Schatz.“ Das war ebenfalls das erſte Mal, daß man Pitou zu einem ſo hohen Preis angeſchlagen hatte. Er ging auch von einem Erſtaunen zum andern über. „Höre mich,“ fuhr der Pächter fort,„ich frage Dich, ob Du träge bei der Arbeit ſeiſt?“ „Bei welcher Arbeit?“ „Bei der Arbeit im Allgemeinen.“ „Ich weiß es nicht; ich habe nie gearbeitet.“ DBas Mädchen lachte; doch diesmal nahm der Vater Billot die Sache im Ernſt. „Dieſe Schufte von Prieſtern!“ rief er, ſeine dicke Fauſt gegen die Stadt ausſtreckend;„ſo erziehen ſie die Jugend in der Faulenzerei und der Unbrauchbarkeit. Ich frage, wozu kann ein ſolcher Burſche ſeinen Brüdern nützen?“ „Oh! nicht zu viel, das weiß ich wohl. Zum Glück habe ich keine Brüder.“ „Keine Brüder? ich meine die Menſchen im All⸗ gemeinen. Willſt Du zufällig ſagen, es ſeien nicht alle Menſchen Brüber?“ „Oh! doch; überdies ſteht das im Cvangelium.“ „Und gleich?“ fuhr der Pächter fort. „Ah! das iſt etwas Anderes; wenn ich mit dem Abbe Fortier gleich geweſen wäre, ſo hätte er mir nicht ſo oft die Ruthe und die Schulgeißel gegeben; 6 —44 63 Während ſie die Hühner und die Tauben nieder⸗ ſetzte, horchte Catherine mit Intereſſe auf das Geſpräch, dun ſich zwiſchen Pitou und ihrem Vater entſponnen atte „Meinen Lebensunterhalt verdienen?“ verſetzte Pitou;„das kommt mir ſchwierig vor.“* „MBas kannſt Du thun?“ „Ich kann Leimruthen ſtellen und Schlingen legen; ich ahme ziemlich gut den Geſang der Vögel nach, nicht wahr, Jungfer Catherine?“ „Oh! was das betrifft, das iſt wahr, er ſingt wie ein Fink.“ „Ja, doch dies Alles iſt noch kein Gewerbe,“ er⸗ wiederte der Vater Billot. „Das ſage ich ja, beim Blitz!“ „Du fluchſt? das iſt ſchon gut.“ „Wie, ich habe geflucht!“ rief Pitou!„ich bitte um Verzeihung, Herr Billot.“ „Oh! keine Ürſache, das begegnet mir auch zu⸗ weilen. Ei! Donner Gottes,“ fuhr er fort, indem er ſich gegen ſein Pferd umwandte,„willſt du ein wenig ruhig Pin dieſe verteufelten Percherons können doch nicht einen Augenblick ſtill halten. Sprich,“ ſagte er ſodann wieder zu Pitou,„biſt Du träge?“ „Ich weiß es nicht; ich habe nie etwas Anderes getrieben, als Lateiniſch und Griechiſch, und...“ „Und was?“ „„und ich muß ſagen, das habe ich nicht beſonders eifrig angegriffen.“ „Deſto beſſer, das beweiſt, daß Du noch nicht ſo dumm biſt, als ich glaubte.“ Pitou riß die Augen in einer erſchrecklichen Dimen⸗ ſion auf: es war das erſte Mal, daß er dieſe Ordnung von Ideen bekennen hörte, welche alle Theorien, die er bis dahin gehört, umſtürzte. „Ich frage Dich,“ ſagte Billot,„ob Du bei der Strapaze träge ſeiſt?“* 3,“ hn och fer ine ine ir ou ing ge ter icke die eit. ern ück ⸗ cht em mir en 65 und wenn ich mit gleich geweſen wäre, o hätte ſie mich nicht fortgejagt.“ u ſage Dir, daß alle Menſchen gleich ſind,“ ſprach der Pachter,„und wir werden das wohl den Tyrannen beweiſen.“ „Tyrannis!“ rief Pitou. „Und zum Belege dient, daß ich Dich zu mir nehme.“ 5„Sie nehmen mich zu ſich, mein lieber Herr Billot, nicht wahr, um meiner zu ſpotten, da Sie mir ſolche Dinge ſagen?“ „Nein. Sprich, was brauchſt Du, um zu leben?“ „Ei! drei Pfund Brod ungefähr im Tage.“ „Und nebſt Deinem Brod?“ „Ein wenig Butter oder Käſe.“ „Ah! ah! ich ſehe, daß Du nicht ſchwer zu er⸗ nähren biſt. Nun denn! man wird Dich ernähren.“ „Herr Pitou,“ ſagte Catherine,„haben Sie nichts Anderes von meinem Vater zu verlangen?“ „Ich? oh, mein Gott, nein.“ „Und warum find Sie denn hierher gekommen?“ „Weil Sie kamen.“ „Ah! das iſt ganz galant, doch ich nehme das ompliment nur für das an, was es werth iſt. Sie ſind gekommen, Herr Pitou, um ſich bei meinem Vater nach Ihrem Gönner zu erkundigen.“ „Oh! das iſt wahr. Wie drollig! ich hatte das vergeſſen.“ „Du meinſt den würdigen Herrn Gilbert?“ ſagte der Pächter mit einem Ton, der den Grad der tiefen Achtung bezeichnete, die er für ſeinen Grundherrn hegte. „Ganz richtig,“ erwiederte Pitou,„doch ich bedarf ſeiner nicht mehr, und da Herr Billot mich zu ſich nimmt, ſo kann ich ruhig ſeine Ruckkehr von Amerika abwarten.“ „In dieſem Fall wirſt Du nicht lange zu warten haben, mein Freund, denn er iſt zurückgekehrt.“ Ange Pitou. 1. 5 64 „Ol bei der Strapaze, das iſt etwas Anderes,“ antwortete Pitou;„nein, nein, nein, ich würde zehn Meilen machen, ohne müde zu werden.“ „Gut, das iſt ſchon etwas; läßt man Dich noch um einige Pfunde abmagern, ſo kannſt Du Läufer werden. „Abmagern?“ verſetzte Pitou, während er ſeine dünne Geſtalt, ſeine langen, knochigen Arme und ſeine langen, pfahlartigen Beine anſchaute;„Herr Billot, mir ſchien, ich ſei ſchon mager genug.“ „Wahrhaftig, mein Freund,“ ſagte der Pächter lachend,„Du biſt ein Schatz.“ Das war ebenfalls das erſte Mal, daß man Pitou zu einem ſo hohen Preis angeſchlagen hatte. Er ging auch von einem Erſtaunen zum andern über. „Höre mich,“ fuhr der Pächter fort,„ich frage Dich, ob Du träge bei der Arbeit ſeiſt?“ „Bei welcher Arbeit?“ „Bei der Arbeit im Allgemeinen.“ „Ich weiß es nicht; ich habe nie gearbeitet.“ Das Mädchen lachte; doch diesmal nahm der Vater Billot die Sache im Ernſt. „Dieſe Schufte von Prieſtern!“ rief er, ſeine dicke Fauſt gegen die Stadt ausſtreckend;„ſo erziehen ſie die Jugend in der Faulenzerei und der Unbrauchbarkeit. Ich frage, wozu kann ein ſolcher Burſche ſeinen Brüdern nützen?“ „Oh! nicht zu viel, das weiß ich wohl. Zum Glück habe ich keine Brüder.“ „Keine Brüder? ich meine die Menſchen im All⸗ gemeinen. Willſt Du zufällig ſagen, es ſeien nicht alle Menſchen Brüder?“ „Oh! doch; überdies ſteht das im Evangelium.“ „Und gleich?“ fuhr der Pächter fort. „Ah! das iſt etwas Anderes; wenn ich mit dem Abbé Fortier gleich geweſen wäre, ſo hätte er mir nicht ſo oft die Ruthe und die Schulgeißel gegeben; ——ÿ 66 „Bah!“ rief Billot,„und wann dies?“ „Ich weiß das nicht genau, aber ich weiß, daß er vor acht Tagen im Havre war, denn es ſteckt dort in meinen Holftern ein Päckchen, das von ihm kommt. Er hat es bei ſeiner Ankunft an mich adreſſirt, und es iſt mir dieſen Morgen in Villers⸗Cotterets zuge⸗ ſtellt worden.“ Vater?“ „Es war ja ein Brief in dem Päckchen.“ „Entſchuldigen Sie, mein Vater,“ verſetzte lächelnd Catherine,„ich glaubte, Sie könnten nicht leſen. Ich ſage Ihnen das, Papa, weil Sie ſich rühmen, daß Sie es nicht können.“ „Ja wohl, ich rühme mich deſſen! man ſoll ſagen können:„„Der Vater Billot iſt Niemand etwas ſchul⸗ dig, nicht einmal einem Schulmeiſter. Der Vater Billot hat ſein Glück durch ſich ſelbſt gemacht!““ Das ſoll man ſagen können! Ich habe alſo den Brief nicht geleſen, ſondern der Qartiermeiſter der Gendarmerie, den ich traf.“ „Und was ſteht in dieſem Brief, mein Vater? Nicht wahr, er iſt immer noch mit uns zufrieden.“ „Urtheile ſelbſt.“ Der Pächter zog aus ſeiner ledernen Taſche einen Brief, den er ſeiner Tochter reichte. Catherine las: „Mein lieber Herr Billot „Ich komme aus Amerika, wo ich ein Volk ge⸗ funden habe, das reicher, größer und glücklicher iſt, als das unſere. Das rührt davon her, daß es frei iſt, während wir es nicht ſind. Doch wir gehen auch einer neuen Zeit zu, und Jeder muß daran arbeiten, den Tag zu beſchleunigen, wo das Licht ſcheinen wird. Ich kenne Ihre Grundſätze, mein lieber Herr Billot; ich weiß, welchen Einfluß Sie auf die anderen Pächter, und be⸗ ſonders auf die ganze hrave Bevölkerung von Arbeitern „Per ſagt Ihnen denn, es ſei von ihm, mein ——. —— —*—- und wenn ich mit meiner Tante gleich geweſen wäre, ſo hätte ſie mich nicht fortgejagt.“ „Ich ſage Dir, daß alle Menſchen gleich ſind,“ ſprach der Pachter,„und wir werden das wohl den Tyrannen beweiſen.“ „Tyrannis!“ rief Piton. 4 „Und zum Belege dient, daß ich Dich zu mir nehme.“ „Sie nehmen mich zu ſich, mein lieber Herr Billot, nicht wahr, um meiner zu ſpotten, da Sie mir ſolche Dinge ſagen?“ „Nein. Sprich, was brauchſt Du, um zu leben?“ „Eil drei Pfund Brod ungefähr im Tage.“ „Und nebſt Deinem Brod?“ „Ein wenig Butter oder Käſe.“ „Ah! ahl ich ſehe, daß Du nicht ſchwer zu er⸗ nähren biſt. Nun denn! man wird Dich ernähren.“ „Herr Pitou,“ ſagte Catherine,„haben Sie nichts Anderes von meinem Vater zu verlangen?“ „Ich? oh, mein Gott, nein.“ „Und warum ſind Sie denn hierher gekommen?“ „Weil Sie famen.“ „Ah! das iſt ganz galant, doch ich nehme das Compliment nur für das an, was es werth iſt. Sie ſind gekommen, Herr Piton, um ſich bei meinem Vater nach Ihrem Gönner zu erkundigen.“ 6 „Oh! das iſt wahr. Wie drollig! ich hatte das vergeſſen.“ „Du meinſt den würdigen Herrn Gilbert?“ ſagte der Pächter mit einem Ton, der den Grad der tiefen Achtung bezeichnete, die er für ſeinen Grundherrn hegte. „Ganz richtig,“ erwiederte Pitou,„doch ich bedarf ſeiner nicht mehr, und da Herr Billot, mich zu ſich nimmt, ſo kann ich ruhig ſeine Rückkehr von Amerika abwarten.“ „In dieſem Fall wirſt Du nicht lange zu warten haben, mein Freund, denn er iſt zurückgekehrt.“ Ange Pitou. 1. 5 in mt. und ge ein Ind Sie gen ul⸗ ter Das icht rie, er? nen ge⸗ iſt, iſt, ner Tag nne eiß, ern 67 und Ackerleuten üben, benen Sie nicht als ein König, ſondern als ein Vater befehlen. Pflanzen Sie ihnen die Grundſätze der Aufopferung und der Brüverſchaft, die ich in Ihnen erkannt habe, ein. Die Philoſophie iſt allgemein, alle Menſchen müſſen ihre Rechte und ihre Pflichten beim Scheine ihrer Kerze leſen. Ich ſende Ihnen ein kleines Buch, in welchem alle dieſe Pflichten und alle dieſe Rechte bezeichnet ſind. Das Buch iſt von mir, obgleich mein Name nicht auf dem Titel ſteht. Verbreiten Sie die Grundſätze deſſelben: es ſind die der allgemeinen Gleichheit. Laſſen Sie das Buch an den langen Winterabenden vorleſen. Das Leſen iſt die Nahrung des Geiſtes, wie das Brod die Nahrung des Körpers iſt. „An einem dieſer Tage werde ich Sie beſuchen und Ihnen eine neue Art der Pachtung vorſchlagen, welche in Amerika ſehr üblich iſt. Sie beſteht darin, daß die Ernte zwiſchen dem Pächter und dem Grundeigen⸗ thümer getheilt wird, was mir mehr nach den Geſetzen der Urgeſellſchaft und beſonders nach dem Herzen Gottes zu ſein ſcheint.“ „Gruß und Brüderſchaft. „Honors Gilbert, „Bürger von Philadelphia.“ „Ho! ho!“ rief Pitou,„das iſt ein Brief, der mir gut abgefaßt zu ſein ſcheint.“ „Nicht wahr?“ ſagte Billot. „Ja, mein lieber Vater,“ ſprach Catherine,„doch ob der Gendarmerie⸗Lieutenant Ihrer An⸗ i „Und warum dies?“ „Weil meines Dafürhaltens dieſer Brief nicht nur den Doctor Gilbert, ſondern auch Sie gefährden kann.“ „Bah!“ ſagte Billyt,„Du haſt immer Angſt; nichtsdeſtoweniger iſt hier die Brochure, und Dein Geſchäft, Piton, iſt völlig gefunden. Am Abend wirſt Du jeſen.“ 5* * 66 „Bah!“ rief Billot,„und wann dies?“ „Ich weiß das nicht genau, aber ich weiß, daß er vor acht Tagen im Havre war, denn es ſteckt dort in meinen Holftern ein Päckchen, das von ihm kommt. Er bat es bei ſeiner Ankunft an mich adreſſirt, und es iſt mir dieſen Morgen in Villers⸗Cotterets zuge⸗ ſtellt worden.“ „Wer ſagt Ihnen denn, es ſei von ihm, mein ater?“ „Es war ja ein Brief in dem Päckchen.“ „Entſchuldigen Sie, mein Vater,“ verſetzte lächelnd Catherine,„ich glaubte, Sie könnten nicht leſen. Ich ſage Ihnen das, Papa, weil Sie ſich rühmen, daß Sie es nicht können.“ „Ja wohl, ich rühme mich deſſen! man ſoll ſagen können:„„Der Vater Billot iſt Niemand etwas ſchul⸗ dig, nicht einmal einem Schulmeiſter. Der Vater Billot hat ſein Glück durch ſich ſelbſt gemacht!““ Das ſoll man ſagen können! Ich habe alſo den Brief nicht geleſen, ſondern der Oartiermeiſter der Gendarmerie, den ich traf.“ „Und was ſteht in dieſem Brief, mein Vater? Nicht wahr, er iſt immer noch mit uns zufrieden.“ „Urtheile ſelbſt.“ Der Pachter zog aus ſeiner ledernen Taſche einen Brief, den er ſeiner Tochter reichte. Catherine las: „Mein lieber Herr Billot „Ich komme aus Amerikfa, wo ich ein Volk ge⸗ funden habe, das reicher, größer und glücklicher iſt, als das unſere. Das rührt davon her, daß es frei iſt, während wir es nicht ſind. Doch wir gehen auch einer neuen Z it zu, und J der muß daran arbeiten, den Tag zu beicht unigen, wo das Licht ſcheinen wird. Ich kenne Ihre Geundſätze, mein lieber Herr Billot; ich weiß, welchen Einfluß Sie auf die anderen Pächter, und be⸗ ſonders auf die ganze brave Bevölkerung von Arbeitern 68 „Und am Tage?“ „Am Tage wirſt Du die Schafe und die Kühe hu Hier iſt indeſſen Deine Brochure,“ ſagte der ächter. Und er zog aus ſeinen Holftern eine von jenen kleinen Brochuren mit rother Decke, wie man ſie in großer Anzahl in jener Zeit mit und ohne Erlaubniß der Behörden veröffentlichte. Nur wagte in letzterem Fall der Verfaſſer die Galeere. „Lies mir den Titel hievon, Piton, damit ich einſt⸗ weilen vom Titel ſprechen kann, bis ich vom Werke ſpreche. Du wirſt mir das Uebrige ſpäter leſen.“ Pitou las auf der erſten Seite die Worte, welche der Gebrauch ſeitdem ſehr unbeſtimmt und ſehr unbe⸗ deutend gemacht hat, die aber in jener Zeit einen tiefen Wiederhall in allen Herzen fanden: Von der Unabhängigkeit des Menſchen und von der Freiheit der Nation. „Was ſagſt Du hievon, Pitou,“ fragte der Pächter. „Mir ſcheint, Herr Billot, die Unabhängigkeit und die Freiheit, das iſt daſſelbe; mein Gönner wäre von Herrn Fortier wegen dieſes Pleonasmus aus der Schule gejagt worden.“ „Plevnasmus oder nicht, dieſes Buch iſt das eines Mannes,“ erwiederte der Pächter. „Gleichviel, mein Vater,“ ſagte Catherine mit jenem wunderbaren Inſtinet der Frauen,„ich bitte Sie inſtändigſt, verbergen Sie es. Ich weiß, daß ich zittere, wenn ich es nur ſehe.“ „Und warum ſoll es mir ſchaden, da es ſeinem Verfaſſer nicht geſchadet hat?“ „Was wiſſen Sie davon, mein Vater; dieſer Brief iſt vor acht Tagen geſchrieben worden, und das Päck⸗ chen konnte nicht acht Tage brauchen, um vom Havre hieherzukommen. Ich habe dieſen Morgen auch einen Brief erhalten.“ wW 67 und Ackerleuten uͤben, denen Sie nicht als ein König, ſondern als ein Vater befehlen. Pflanzen Sie ihnen die Grundſätze der Aufopferung und der Brüderſchaft, die ich in Ihnen erkannt habe, ein. Die Philoſophie iſt allgemein, alle Menſchen müſſen ihre Rechte und ihre Pflichten beim Scheine ihrer Kerze leſen. Ich ſende Ihnen ein kleines Buch, in welchem alle dieſe Pflichten und alle dieſe Rechte bezeichnet ſind. Das Buch iſt von mir, obgleich mein Name nicht auf dem Titel ſteht. Verbreiten Sie die Grundſätze deſſelben: es find die der allgemeinen Gleichheit. Laſſen Sie das Buch an den langen Winterabenden vorleſen. Das Leſen iſt die Nahrung des Geiſtes, wie das Brod die Nahrung des Körpers iſt. „An einem dieſer Tage werde ich Sie beſuchen und Ihnen eine neue Art der Pachtung vorſchlagen, welche in Amerika ſehr üblich iſt. Sie beſteht darin, daß die Ernſe zwiſchen dem Pächter und dem Grundeigen⸗ thüͤmer getheilt wird, was mir mehr nach den Geſetzen der Urgeſellſchaft und beſonders nach dem Herzen Gottes zu ſein ſcheint. „Gruß und Brüderſchaft. „Honoré Gilbert, „Bürger von Philadelphia.“ „Ho! ho!“ rief Piton,„das iſt ein Brief, der mir gut abgefaßt zu ſein ſcheint.“ „Nicht wahr?“ ſagte Billot. „Ja, mein lisber Vater,“ ſprach Catherine,„doch ahb ſeifts ob der Gendarmerie⸗Lieutenant Ihrer An⸗ i. „Und warum dies?“ „Weil meines Da ürhaltens dieſer Brief nicht nur den Doctor Gilbert, ſondern auch Sie gefährden kann.“ „Bah!“ ſagte Billot,„Du haſt immer Angſt; nichtsdeſtoweniger iſt hier die Brochure, und Dein Geſchäft, Pitou, iſt völlig gefunden. Am Abend wirſt Du leſen.“ 5* er le it ie m ef re en „ 69 „Von wem?“ „Von Sebaſtian Gilbert, der uns ſeinerſeits ſchreibt; er beauftragt mich ſogar, viele Dinge ſeinem Milch⸗ bruder Pitou zu ſagen; ich hatte den Auftrag ver⸗ geſſen.“ „Nun?“ „Nun, er ſchreibt, ſeit drei Tagen erwarte man in Paris ſeinen Vater, welcher ankommen ſollte und nicht ankommt.“ „Die Jungfer hat Recht,“ ſagte Pitvu,„mir ſcheint, dieſer Verzug iſt beunruhigend.“ „Schweige, Furchtſamer, und lies die Abhandlung des Doctors,“ rief der Pächter;„dann wirſt Du nicht nur ein Gelehrter, ſondern auch ein Menſch werden.“ Man ſprach ſo in jener Zeit, denn man war bei der Vorrede von jener großen griechiſchen und römiſchen Geſchichte, welche die franzöſiſche Nation zehn Jahre hindurch in allen ihren Phaſen: Aufopferungen, Aech⸗— tungen, Siegen und Sklaverei, eopirte⸗* Pitou ſchob das Buch mit einer ſo feierlichen Ge⸗ berde unter den Arm, daß er vollends das Herz des Pächters gewann. ⸗ i nun, haſt Du zu Mittag gegeſſen?“ fragte illot. „Nein, Herr,“ antwortete Pitou, die halb religiöſe, halb heroiſche Stellung behauptend, die er, ſeitdem er das Buch empfangen, angenommen hatte. „Er wollte eben eſſen, als er fortgejagt wurde,“ ſagte das Mädchen. „Nun denn!“ ſprach der Pächter,„verlange von der Mutter Billot die Koſt des Pachthofes, und morgen wirſt Du Deine Functionen antreten.“ Pitou dankte mit einem beredten Blick Herrn Billot und trat, geführt von Catherine, in die Küche ein, welcher Theil des Hauſes unter der unumſchränkten Herrſchaft von Frau Billot ſtand. 68 „Und am Tage?“ „Am Tage wirſt Du die Schaſe und die Kühe hüten. Hier iſt indeſſen Deine Brochure,“ ſagte der Pächter. und er zog aus ſeinen Holftern eine von jenen kleinen Brochuren mit rother Decke, wie man ſie in großer Anzahl in jener Zeit mit und ohne Erlaubniß der Behörden veröffentlichte. Nur wagte in letzterem Fall der Verfaſſer die Galeere. „Lies mir den Titel hievon, Pitou, damit ich einſt⸗ weilen vom Titel ſprechen kann, bis ich vom Werke ſpreche. Du wirſt mir das Uebrige ſpäter leſen.“ Pitou las auf der erſten Seite die Worte, welche der Gebrauch ſeitdem ſehr unbeſtimmt und ſehr unbe⸗ deutend gemacht hat, die aber in jener Zeit einen tiefen Wiederhall in allen Herzen fanden: Von der Unabhängigkeit des Menſchen und von der Freiheit der Nation. „Was ſagſt Du hievon, Piton,“ fragte der Pächter. „Mir ſcheint, Herr Billot, die Unabhängigkeit und die Freiheit, das iſt daſſelbe; mein Gönner wäre von Herrn Fortier wegen dieſes Pleonasmus aus der Schule gejagt worden.“ „Pleonasmus oder nicht, dieſes Buch iſt das eines Mannes,“ erwiederte der Pächter. „Gleichviel, mein Vater,“ ſagte Catherine mit jenem wunderbaren Inſtinet der Frauen,„ich bitte Sie inſtändigſt, verbergen Sie es. Ich weiß, daß ich zittere, wenn ich es nur ſehe.“ „Und warum ſoll es mir ſchaden, da es ſeinem Verfaſſer nicht geſchadet hat?“ „Was wiſſen Sie davon, mein Vater; dieſer Brief iſt vor acht Tagen geſchrieben worden, und das Päck⸗ chen konnte nicht acht Tage brauchen, um vom Havre hieherzukommen. Ich habe dieſen Morgen auch einen Brief erhalten.“ 70 VI. Hirtengedichte. Frau Billot war eine dicke Mama von fünfund⸗ dreißig bis ſechsunddreißig Jahren, kugelrund, friſch, fleiſchig, herzlich; ſie trabte ohne Unterſchied vom Tau⸗ benhaus zum Hühnerhaus, vom Schaſſtall zum Kuh⸗ ſtall, inſpicirte ihre Oefen, ihre Keſſel und ihren Braten, wie es ein erfahrener General mit ſeinen Cantonirun⸗ gen thut, beurtheilte mit einem einzigen Blick, ob Alles an ſeinem Platze ſtand, und nach dem Geruch allein, ob Thymian und Lorbeer in den Caſſerolen in genügender Quantität vertheilt waren, brummte aus Gewohnheit, aber ohne die entfernte Abſicht, daß ihnen ihre Brummerei unangenehm ſein ſollte, gegen ihren Mann, den ſie ehrte, wie den höchſten Potentalen, gegen ihre Tochter, die ſie ſicherlich mehr liebte, als Frau von Sevigné Frau von Grigean liebte, und gegen ihre Taglöhner, welche ſie ſpeiſte, wie keine Pächterin auf zehn Meilen in der Runde die ihrigen ſpeiſte. Es fand ſehr große Concurrenz ſtatt, um bei Herrn Billot unterzukommen. Aber auch hier waren leider, wie im Himmel, im Vergleich zu denen, welche erſchienen, viele Berufene und wenig Auserwählte. Wir haben geſehen, daß Pitou, ohne berufen zu ſein, auserwählt worden war. Das war ein Glück, das er zu ſeinem wahren Werth ſchätzte, beſonders als er das goldgelbe Brod ſah, das man an ſeine Linke legte, den Apfelmoſtkrug, den man auf ſeine Rechte ſtellte, und das Stück geſalzenes Fleiſch, das man ihm vorſetzte. Seit der Zeit, wo er ſeine arme Mutter verloren, und das war fünf Jahre her, hatte Piton ſelbſt an Feſttagen keine ſolche Koſt genoſſen. Voll Dankbarkeit fühlte auch Pitou in demſelben Maße, in welchem er das Brod verſchluckte und das — S—„— —— 2m bre nen 69. „Von wem?“ „Von Sebaſtian Gilbert, der uns ſeinerſeits ſchreibt; er beauftragt mich ſogar, viele Dinge ſeinem Milch⸗ bruder Pitou zu ſagen; ich hatte den Auftrag ver⸗ geſſen.“ „Nun?“ „Nun, er ſchreibt, ſeit drei Tagen erwarte man in Paris ſeinen Vater, welcher ankommen ſollte und nicht ankommt.“ „Die Jungfer hat Recht,“ ſagte Pitou,„mir ſcheint, dieſer Verzug iſt beunruhigend.“ „Schweige, Furchtſamer, und lies die Abhandlung des Hoctors,“ rief der Pächter;„dann wirſt Du nicht nur ein Gelehrter, ſondern auch ein Menſch werden.“ Man ſprach ſo in jener Zeit, denn man war bei der Vorrede von jener großen griechiſchen und römiſchen Geſchichte, welche die franzöſiſche Nation zehn Jahre hindurch in allen ihren Phaſen: Aufopferungen, Aech⸗ tungen, Siegen und Sklaverei, copirte. Pitou ſchob das Buch mit einer ſo feierlichen Ge⸗ berde unter den Arm, daß er vollends das Herz des Pächters gewann. Bilt„Sage nun, haſt Du zu Mittag gegeſſen?“ fragte illot. „Nein, Herr,“ antwortete Pitou, die halb religiöſe, halb heroiſche Stellung behauptend, die er, ſeitdem er das Buch empfangen, angenommen hatte. „Er wollte eben eſſen, als er fortgejagt wurde,“ ‚ſagte das Mädchen. „Nun denn!“ ſprach der Pächter,„verlange von der Mutter Billot die Koſt des Pachthofes, und morgen wirſt Du Deine Functionen antreten.“ Pitou dankte mit einem beredten Blick Herrn Billot und trat, geführt von Catherine, in die Küche ein, welcher Theil des Hauſes unter der unumſchränkten Herrſchaft von Frau Billot ſtand. 71 geſalzene Fleiſch mit einem reichlichen Aufguß von Aepfelmoſt befeuchtete, feine Bewunderung für den Pächter, ſeine Achtung für deſſen Frau und ſeine Liebe für ihre Tochter zunehmen. Ein einziger Umſtand quälte ihn; das war die demüthigende Function, der zu Folge er am Tage die Schafe und die Kühe hüten ſollte, eine Function, die ſo wenig im Einklang mit der ſtand, welche ihm für den Abend vorbehalten war und die Belehrung der Menſchheit über die erhabenſten Grundſätze der Socialität und der Philoſophie zum Zwecke hatte; davon träumte Pitou nach ſeinem Mittag⸗ eſſen, doch ſelbſt in dieſer Träumerei machte ſich der Einfluß des vortrefflichen Mahles fühlbar. Piton fing an, die Dinge unter einem ganz andern Geſichtspunkte zu betrachten, als er dies nüchtern gethan hatte. Die Functionen eines Schäfers und Kuhhirten, die er als ſo ſehr unter ſeiner Perſon anſah, waren von Göttern und Halbgöttern verrichtet worden. In einer der ſeinigen ungefähr ähnlichen Lage, nämlich von Jupiter aus dem Olymp weggejagt, wie er, Pitou, durch ſeine Tante Angélique vom Pleur weggejagt worden, hatte ſich Apollo zum Hirten ge⸗ macht und die Herden von Admetos gehütet; aller⸗ dings war Admetos ein König⸗Hirte, Apollo war aber auch ein Gott. Hercules war etwas wie Kußhirte geweſen, da er, wie die Mythologie ſagt, die Kühe von Gerhon am Schweif gezogen, und ob man die Kühe am Schweif oder am Kopf führt, das iſt ein Unterſchied in den Gewohnheiten von demjenigen, welcher ſie führt, und nichts Anderes; im Ganzen bleibt es immer ein Kuh⸗ führer oder Kuhhirte. Mehr noch, jener von Virgil erwähnte Titerus welcher am Fuße einer Buche liegt und ſich in ſo ſchönen Verſen zu der Ruhe, die ihm Auguſtus bereitet hat, Glück wünſcht, war auch ein Schäfer. Ferner war 70 VI. Hirtengedichte. Frau Billot war eine dicke Mama von fünfund⸗ dreißig bis ſechsunddreißig Jahren, kugelrund, friſch, fleiſchig, herzlich; ſie trabte ohne Unterſchied vom Tau⸗ benhaus zum Huhnerhaus, vom Schafſtall zum Kuh⸗ ſtall, inſpicirte ihre Oefen, ihre Keſſel und ihren Braten, wie es ein erfahrener General mit ſeinen Cantonirun⸗ gen thut, beurtheilte mit einem einzigen Blick, ob Alles an ſeinem Platze ſtand, und nach dem Geruch allein, ob Thymian und Lorbeer in den Caſſerolen in genügender Quantität vertheilt waren, brummte aus Gewohnheit, aber ohne die entfernte Abſicht, daß ihnen ihre Brummerei unangenehm ſein ſollte, gegen ihren Mann, den ſie ehrte, wie den höchſten Potentaten, gegen ihre Tochter, die ſie ſicherlich mehr liebte, als Frau von Sevigné Frau von Grigean liebte, und gegen ihre Taglöhner, welche ſie ſpeiſte, wie keine Pächterin auf zehn Meilen in der Runde die ihrigen ſpeiſte. Es fand ſehr große Concurrenz ſtatt, um bei Herrn Billot unterzukommen. Aber auch hier waren leider, wie im Himmel, im Vergleich zu denen, welche erſchienen, viele Berufene und wenig Auserwäbhlte. Wir haben geſehen, daß Pitou, ohne berufen zu ſein, auserwählt worden war. Das war ein Glück, das er zu ſeinem wahren Werth ſchätzte, beſonders als er das goldgelbe Brod ſah, das man an ſeine Linke legte, den Apfelmoſtkrug, den man auf ſeine Rechte ſtellte, und das Stück geſalzenes Fleiſch, das man ihm vorſetzte. Seit der Zeit, wo er ſeine arme Mutter verloren, und das war fünf Jahre her, hatte Pitoun ſelbſt an Feſttagen keine ſolche Koſt genoſſen. Voll Dankbarkeit fühlte auch Pitoun in demſelben Maße, in welchem er das Brod verſchluckte und das — — oce dSa zoanSe — 72 ein Schäfer jener Mecibeus, der ſich ſo poetiſch darüber beklagt, daß er ſeinen Herd verlaſſen ſoll. Sicherlich ſprachen alle dieſe Leute gut genug La⸗ teiniſch, um Abbés zu werden, und dennoch wollten ſie lieber ihre Ziegen den bittern Geisklee abweiden ſehen, als Meſſe leſen oder Veſpe ſingen. Es mußte alſo, im Ganzen genommen, der Stand eines Schäfers auch ſeine Reize haben. Wer hielt übrigens Pitou ab, ihm die Würde und die Poeſie zurückzugeben, die er ver⸗ loren? wer hielt Piton ab, Geſangskämpfe den Palä⸗ mons und Menalkes der umliegenden Dörfer vorzu⸗ ſchlagen? Niemand; ſccherlich hatte Piton mehr als einmal auf dem Chor geſungen, und wenn er nicht vom Abbé Fortier, der ihn ſogleich mit ſeiner gewöhnlichen Strenge ſeiner Würde als Chorknabe entſetzte, beim Austrinken des Weines der Meßkännchen ertappt wor⸗ den wäre, ſo konnte ihn dieſes Talent weit führen. Er verſtand es allerdings nicht, die Hirtenflöte zu blaſen, aber er wußte in allen Tonarten das Röhrchen zu ſpielen, was ſich ungemein gleichen mußte. Er ſchnitt nicht ſelbſt ſeine Flöte mit Röhren von ungleicher Größe, aber aus Zweigen vom Lindenbaum und vom Kaſtanienbaum machte er Pfeifen, deren Vollkommen⸗ heit ihm den Beifall ſeiner Kameraden eintrug. Pitou konnte alſo Schäfer ſein, ohne ſich zu ſehr herabzu⸗ zuwürdigen; er ſtieg nicht zu dieſem in den neueren Zeiten ſchlecht geſchätzten Stande herab, er erhob dieſen Stand zu ſich. Ueberdies waren die Schäfereien unter die Leitung von Jungfer Billot geſtellt, und Befehle aus dem von Catherine erhalten, hieß nicht Befehle er⸗ alten. Doch Catherine wachte ihrerſeits über der Würde von Pitou. Als an demſelben Abend der junge Mann auf ſie zutrat und ſie fragte, um welche Stunde er abgehen — — 71 geſalzene Fleiſch mit einem reichlichen Aufguß von Aepfelmoſt befeuchtete, feine Bewunderung für den Pächter, ſeine Achtung für deſſen Frau und ſeine Liebe für ihre Tochter zunehmen. Ein einziger Umſtand quälte ihn; das war die demüthigende Function, der zu Folge er am Tage die Schafe und die Kühe hüten ſollte, eine Function, die ſo wenig im Einklang mit der ſtand, welche ihm für den Abend vorbehalten war und die Belehrung der Menſchheit über die erhabenſten Grundſätze der Socialität und der Philoſophie zum Zwecke hatte; davon träumte Pitou nach ſeinem Mittag⸗ eſſen, doch ſelbſt in dieſer Träumerei machte ſich der Einfluß des vortreffichen Mahles fühlbar. Pitou fing an, die Dinge unter einem ganz andern Geſichtspunkte zu betrachten, als er dies nüchtern gethan hatte. Die Functionen eines Schäfers und Kuhhirten, die er als ſo ſehr unter ſeiner Perſon anſah, waren von Göttern und Halbgöttern verrichtet worden. In einer der ſeinigen ungeſähr ähnlichen Lage, nämlich von Jupiter aus dem Olymp weggejagt, wie er, Piton, durch ſeine Tante Angélique vom Pleux weggejagt worden, hatte ſich Apollo zum Hirten ge⸗ macht und die Herden von Admetos gehütet; aller⸗ dings war Admetos ein König⸗Hirte, Apollo war aber auch ein Gott. Hercules war etwas wie Kubhirte geweſen, da er, wie die Mythologie ſagt, die Kühe von Geryon am Schweif gezogen, und ob man die Kühe am Schweif oder am Kopf führt, das iſt ein Unterſchied in den Gewohnheiten von demjenigen, welcher ſie führt, und nichts Anderes; im Ganzen bleibt es immer ein Kuh⸗ führer oder Kuhhirte. Mehr noch, jener von Virgil erwähnte Titerus welcher am Fuße einer Buche kiegt und ſich in ſo ſchönen Verſen zu der Ruhe, die ihm Auguſtus bereitet hat, Glück wünſcht, war auch ein Schäfer. Ferner war er ⸗ fie n, ſo, ch m r⸗ ⸗ U⸗ 16 en m — Er n, zu tt m — 73 müſſe, um mit den Schäfern zuſammenzutreffen, ant⸗ wortete Catherine lächelnd: „Sie werden nicht abgehen.“ „Warum nicht?“ ſagte Piton erſtaunt. „Ich habe meinem Vater begreiflich gemacht, die Erziehung, die Sie erhalten, ſtelle Sie über die Functio⸗ nen, die er Ihnen zugeſchieden. Sie werden im Pacht⸗ hofe bleiben.“ „Ah! deſto beſſer,“ rief Pitou;„ſomit werde ich Sie nicht verlaſſen.“ Der Ausruf war dem naiven Piton entſchlüpſt. Doch er war nicht ſo bald aus ſeinem Munde, als ihm die Röthe bis über die Ohren ſtieg, während Catherine ihrerſeits den Kopf ſenkte und lächelte. „Ah! verzeihen Sie, das iſt mir unwillkürlich aus dem Herzen gekommen, Sie dürfen mir darum nicht grollen,“ ſagte Piton. „Ich grolle Ihnen auch nicht, Herr Pitou,“ er⸗ wiederte Catherine,„es iſt nicht Ihre Schuld, wenn Sie ein Vergnügen daran ſinden, bei mir zu bleiben.“ Hier trat ein kurzes Stillſchweigen ein. Darüber darf man ſich nicht wundern: die zwei armen Kinder hatten ſich ſo viele Dinge in ſo wenig Worten geſagt! „Aber ich kann nicht im Pachthofe bleiben, ohne hier Etwas zu thun. Was werde ich im Pachthofe thun?“ fragte Pitou. „Sie werden thun, was ich that, Sie werden die Schreibereien, die Abrechnungen mit den Taglöhnern beſorgen, die Einnahmen und Ausgaben verzeichnen. Sie können doch rechnen, nicht wahr?“ „Ich weiß meine vier Regeln,“ antwortete Pitou ſtolz. „Alſo eine mehr, als ich,“ ſagte Catherine. „Ich habe es nie über die dritte bringen können. Sie ſehen wohl, mein Vater wird dabei gewinnen, daß er Sie als Rechnungsführer hat; und da ich meinerſeits dabei gewinnen werde, und da Sie Ihrerſeits dabei gewinnen werden, ſo wird alle Welt gewinnen.“ 7² ein Schäfer jener Mecibeus, der ſich ſo poetiſch daruͤber beklagt, daß er ſeinen Herd verlaſſen ſoll. Sicherlich ſprachen alle dieſe Leute gut genug La⸗ teiniſch, um Abbés zu werden, und dennoch wollten fie lieber ihre Ziegen den bittern Geisklee abweiden ſehen, als Meſſe leſen oder Veſper ſingen. Es mußte alſo, im Ganzen genommen, der Stand eines Schäfers auch ſeine Reize haben. Wer hielt übrigens Pitou ab, ihm die Würde und die Poeſie zurückzugeben, die er ver⸗ loren? wer hielt Pitou ab, Geſangskämpfe den Palä⸗ mons und Menalkes der umliegenden Dörfer vorzu⸗ ſchlagen? Niemand; ſicherlich hatte Pitou mehr als einmal auf dem Chor geſungen, und wenn er nicht vom Abbsé Fortier, der ihn ſogleich mit ſeiner gewöhnlichen Strenge ſeiner Würde als Chorknabe entſetzte, beim Austrinken des Weines der Meßkännchen ertappt wor⸗ den wäre, ſo konnte ihn dieſes Talent weit führen. Er verſtand es allerdings nicht, die Hirtenflöte zu blaſen, aber er wußte in allen Tonarten das Röhſchen zu ſpielen, was ſich ungemein gleichen mußte. Er ſchnitt nicht ſelbſt ſeine Flöte mit Röhren von ungleicher Größe, aber aus Zweigen vom Lindenbaum und vom Kaſtanienbaum machte er Pfeifen, deren Vollkommen⸗ heit ihm den Beifall ſeiner Kameraden eintrug. Piton konnte alſo Schäfer ſein, ohne ſich zu ſehr herabzu⸗ zuwürdigen; er ſtieg nicht zu dieſem in den neueren Zeiten ſchlecht geſchätzten Stande herab, er erhob dieſen Stand zu ſich. Ueberdies waren die Schäfereien unter die Leitung von Jungfer Billot geſtellt, und Befehle aus dem Munde von Catherine erhalten, hieß nicht Befehle er⸗ halten. Doch Catherine wachte ihrerſeits über der Würde von Pitou. Als an demſelben Abend der junge Mann auf ſie zutrat und ſie fragte, um welche Stunde er abgehen 74 „Und was gewinnen Sie dabei, Jungfer Catherine?“ fragte Piton. „Ich gewinne dabei Zeit, und während dieſer Zeit werde ich mir Hauben machen, um hübſcher zu ſein.“ „Ah!“ rief Pitou,„ich finde Sie ſchon ſehr hübſch ohne Haube.“ „Wohl möglich! doch das iſt Ihr eigenthümlicher Geſchmack,“ erwiederte lachend das Mädchen.„Uebri⸗ gens kann ich am Sonntag nicht in Villers⸗Cotterets tanzen, ohne eine Art von Haube auf dem Kopfe zu haben. Das iſt gut für die vornehmen Damen, welche Puder zu nehmen und mit bloßem Kopfe zu gehen be⸗ rechtigt find.“ „Ich finde Ihre Haare ſchöner, als wenn ſie Puder hätten.“ „Ah! ah! ich ſehe, Sie find gekommen, um mir Complimente zu machen.“ „Nein, Jungfer Catherine, das verſtehe ich nicht. Beim Abbé Fortier hat man das nicht gelernt.“ „Hat man dort tanzen gelernt?“ „Tanzen?“ fragte Piton erſtaunt“ „Ja, tanzen.“ „Tanzen, beim Abbé Fortier? Jeſus! Jungfer Catherine, ahl ja wohl, tanzen!“ „Alſo können Sie nicht tanzen?“ „Nein.“ „Nun! ſo werden Sie mich am nächſten Sonntag zum Tanze begleiten und zuſehen, wie Herr von Charny tanzt; er tanzt am Beſten von allen jungen Leuten der Umgegend.“ „Wer iſt das, Herr von Charny?“ „Er iſt der Eigenthümer des Schloſſes Bourſonne.“ „Er wird alſo am Sonntag tanzen?“ „Gewiß.“„ „Und mit wem?“ „Mit mir.“ 2. —— ₰8 ᷣ NN N 2—sSS ——2 Nnu .☚ —& 73 müſſe, um mit den Schäfern zuſammenzutreffen, ant⸗ wortete Catherine lächelnd: 1 „Sie werden nicht abgehen.“ „Warum nicht?“ ſagte Pitou erſtaunt. „Ich habe meinem Vater begreiflich gemacht, die Erziehung, die Sie erhalten, ſtelle Sie über die Functio⸗ nen, die er Ihnen zugeſchieden. Sie werden im Pacht⸗ hofe bleiben.“ „Ahl deſto beſſer,“ rief Pitou;„ſomit werde ich Sie nicht verlaſſen.“ Der Ausruf war dem naiven Piton entſchlüpft. Doch er war nicht ſo bald aus ſeinem Munde, als ihm die Röthe bis über die Ohren ſtieg, während Catherine ihrerſeits den Kopf ſenkte und lächelte. „Ahl verzeihen Sie, das iſt mir unwillkürlich aus dem Herzen gekommen, Sie dürfen mir darum nicht grollen,“ ſagte Pitou. „Ich grolle Ihnen auch nicht, Herr Pitou,“ er⸗ wiederte Catherine,„es iſt nicht Ihre Schuld, wenn Sie ein Vergnügen daran ſinden, bei mir zu bleiben.“ Hier trat ein kurzes Stillſchweigen ein. Darüber darf man ſich nicht wundern: die zwei armen Kinder hatten ſich ſo viele Dinge in ſo wenig Worten geſagt! „Aber ich kann nicht im Pachthofe bleiben, ohne hier Etwas zu thun. Was werde ich im Pachthofe thun?“ fragte Piton. „Sie werden thun, was ich that, Sie werden die Schreibereien, die Abrechnungen mit den Taglöhnern beſorgen, die Einnahmen und Ausgaben verzeichnen. Sie können doch rechnen, nicht wahr?“ „Ich weiß meine vier Regeln,“ antwortete Piton ſtolz. „Alſo eine mehr, als ich,“ ſagte Catherine. „Ich habe es nie über die dritte bringen können. Sie ſehen wohl, mein Vater wird dabei gewinnen, daß er Sie als Rechnungsführer hat; und da ich meinerſeits dabei gewinnen werde, und da Sie Ihrerſeits dabei gewinnen werden, ſo wird alle Welt gewinnen.“ 75 Das Herz von Pitou ſchnürte ſich zuſammen, ohne daß er wußte, warum. „Alſo um mit ihm zu tanzen, wollen Sie ſich ſchön machen?“ „Um mit ihm zu tanzen, um mit den Anderen zu tanzen, um mit aller Welt zu tanzen.“ „Mit mir ausgenommen.“ „Und warum nicht mit Ihnen?“ „Weil ich nicht zu tanzen verſtehe.“ „Sie werden es lernen.“ „Ah! wenn Sie es mir zeigen wollten, Sie, Jungſer Catherine, ſo würde ich es viel beſſer lernen, als wenn ich Herrn von Charny zuſchaue, das ver⸗ ſichere ich Sie.“ „Wir werden ſehen,“ ſagte Catherine;„mittler⸗ weile iſt es Zeit, zu Bette zu gehen; gute Nacht, Pitou.“ „Gute Nacht, Jungfer Catherine.“ Es war Gutes und Schlimmes in dem, was Ca⸗ therine zu Piton geſagt hatte: das Gute, daß er von der Function eines Hirten zu der eines Buchhalters erhoben worden war; das Schlimme, daß er nicht tanzen konnte, während es Herr von Charny konnte; nach der Ausſage von Catherine tanzte diefer ſogar beſſer als alle Andere. Piton träumte die ganze Nacht, er ſähe Herrn von Charny tanzen und er tanze ſehr ſchlecht. Am andern Tag ging Pitou unter der Leitung von Catherine an's Geſchäft; da fiel ihm Eines auft wie ſehr nämlich bei gewiſſen Lehrern das Studium eine angenehme Sache iſt. Nach zwei Stunden war er vollkommen in ſeiner Arbeit bewandert. „Ah! Jungfer Catherine,“ ſagte er,„wenn Sie mir das Lateiniſche gezeigt hätten, ſtati daß es der Abbe Fortier that, ich glaube, ich hätte keine Barba⸗ rismen gemacht.“ „Und Sie wären Abbeé geworden?“ „Und ich wäre Abbé geworden.“ 74 „Und was gewinnen Sie dabei, Jungfer Catherine?“ fragte Pitou. „Ich gewinne dabei Zeit, und während dieſer Zeit werde ich mir Hauben machen, um hübſcher zu ſein.“ „Ah!“ rief Pitou,„ich finde Sie ſchon ſehr hübſch ohne Haube.“ „Wohl möglich! doch das iſt Ihr eigenthümlicher Geſchmack,“ erwiederte lachend das Mädchen.„Uebri⸗ gens kann ich am Sonntag nicht in Villers⸗Cotterets tanzen, ohne eine Art von Haube auf dem Kopfe zu haben. Das iſt gut für die vornehmen Damen, welche Puder zu nehmen und mit bloßem Kopfe zu gehen be⸗ rechtigt ſind.“ „Ich finde Ihre Haare ſchöner, als wenn ſie Puder hätten.“ 1 „Ah! ahl ich ſehe, Sie ſind gekommen, um mir Complimente zu machen.“ „Nein, Jungfer Catherine, das verſtehe ich nicht. Beim Abbé Fortier hat man das nicht gelernt.“ „Hat man dort tanzen gelernt?“ „Tanzen?“ fragte Pitou erſtaunt. „Ja, tanzen.“ „Tanzen, beim Abbé Fortier? Jeſus! Jungfer Catherine, ahl ja wohl, tanzen 1* „Alſo können Sie nicht tanzen?“ „Nein.“ „Nun! ſo werden Sie mich am nächſten Sonntag zum Tanze begleiten und zuſehen, wie Herr von Charny tanzt; er tanzt am Beſten von allen jungen Leuten der Umgegend.“ 8 „Wer iſt das, Herr von Charny?“ „Er iſt der Gigenthümer des Schloſſes Bourſonne.“ „Er wird alſo am Sonntag tanzen?“ Gewiß.“ „Und mit wem?“ „Mit mir.“ —— 2 76 „Somit hätten Sie ſich in ein Seminar einge⸗ ſchloſſen, in das nie eine Frau hätte kommen können?“ „Ah!“ rief Pitou,„daran habe ich nie gedacht, Jungfer Catherine ich will lieber nicht Abbé ſein!“ um neun Uhr kam der Vater Billot zurück; er war weggegangen, ehe ſich Piton von ſeinem Lager erhoben hatte. Jeden Morgen um drei Uhr beauf⸗ ſichtigte der Pächter perſönlich den Abgang ſeiner Pferde und ſeiner Fuhrleute; dann lief er bis um neun Uhr auf den Feldern umher, um zu ſehen, ob Jedermann an ſeinem Poſten ſei, und ob Alle ihre Vbeit verrichteten; um neun Uhr kehrte er zum Früh⸗ ſtück zurück, um zehn Uhr begab er ſich abermals von Hauſe weg; um ein Uhr aß man zu Mittag, und der Nachmittag, wie die Stunden des Vormittags, war der Beaufſichtigung gewidmet. Die Geſchäfte des Vater Billot gingen auch vortrefflich. Er beſaß, wie er ge⸗ ſagt hatte, ſeine ſechzig Morgen in der Sonne und eintauſend Louis d'or im Schatten. Und es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß ſich, wenn man recht gezählt, wenn Piton dieſe Rechnung gemacht hätte und nicht zu ſehr durch die Gegenwart von Catherine oder durch die Erinnerung an ſie zerſtreut geweſen wäre, einige Louis d'or und einige Morgen Landes mehr, als der gute Billot zugeſtanden, gefunden haben würden. Beim Frühſtück eröffnete der Pächter Pitou, die erſte Vorleſung des Werkes von Doctor Gilbert werde in zwei Tagen in der Scheune, um zehn Uhr Morgens, ſtattfinden. Pitou bemerkte hierauf ſchüchtern, zehn Uhr Morgens ſei die Stunde der Meſſe, aber der Pächter erwiederte, er habe gerade dieſe Stunde gewählt, um ſeine Arbeiter auf die Probe zu ſtellen. Der Vater Billot war, wie geſagt, Philoſoph. Er hußte die Prieſter als Apoſtel der Tyrannei, und fand er eine Gelegenheit, Altar gegen Altar zu errichten, ſo ergriff er ſie voll Eifer. — ——— r—c—.— KN—9n* 75 Das Herz von Pitou ſchnürte ſich zuſammen, ohne daß er wußte, warum. „Alſo um mit ihm zu tanzen, wollen Sie ſich ſchön machen?“ „Um mit ihm zu tanzen, um mit den Anderen zu tanzen, um mit aller Welt zu tanzen.“ „Mit mir ausgenommen.“ „Und warum nicht mit Ihnen?“ „Weil ich nicht zu tanzen verſtehe.“ „Sie werden es lernen.“ „Ahl wenn Sie es mir zeigen wollten, Sie, Jungſer Catherine, ſo würde ich es viel beſſer lernen, als wenn ich Herrn von Charny zuſchaue, das ver⸗ ſichere ich Sie.“ „Wir werden ſeben,“ ſagte Catherine;„mittler⸗ weile iſt es Zeit, zu Bette zu gehen; gute Nacht, Pitou.“ „Gute Nacht, Jungfer Catherine.“ Es war Gutes und Schlimmes in dem, was Ca⸗ therine zu Piton geſagt hatte: das Gute, daß er von der Function eines Hirten zu der eines Buchhalters erhoben worden war; das Schlimme, daß er nicht tanzen konnte, während es Herr von Charny konnte; nach der Ausſage von Catherine tanzte dieſer ſogar beſſer als alle Andere. Pitou träumte die ganze Nacht, er ſähe Herrn von Charny tanzen und er tanze ſehr ſchlecht. Am andern Tag ging Pitou unter der Leitung von Catherine an's Geſchäft; da ſiel ihm Eines auf: wie ſehr nämlich bei gewiſſen Lehrern das Studium eine angenehme Sache iſt. Nach zwei Siunden war er vollkommen in ſeiner Arbeit bewandert. „Ah! Jungfer Catherine,“ ſagte er,„wenn Sie mir das Lateiniſche gezeigt hätten, ſtatt daß es der Abbé Fortier that, ich glaube, ich hätte keine Barba⸗ rismen gemacht.“ „Und Sie wären Abbé geworden?“ „Und ich wäre Abbé geworden.“ 5 Frau Billot und Catherine wagten auch einige Bemerkungen; doch der Pächter erwiederte, die Frauen werden in die Meſſe gehen, wenn ſie wollen, in Be⸗ tracht, daß die Religion für die Weiber gemacht ſei; was aber die Männer betreffe, ſo ſollen ſie die Vor⸗ leſung des Werkes vom Doctor anhören, oder bei ihm austreten. Der Philoſoph Billot war ſehr Deſpot in ſeinem Hauſe; Catherine allein hatte das Vorrecht, die Stimme gegen ſeine Entſcheidungen zu erheben; waren aber dieſe Entſcheidungen dergeſtalt im Geiſte des Pächters feſt⸗ geſtellt, daß er Catherine, die Stirne faltend, ant⸗ wortete, ſo ſchwieg dieſe wie die Anderen. Nur gedachte Catherine aus den Umſtänden Nutzen für Pitou zu ziehen. Während ſie vom Tiſche aufſtand, bemerkte ſie ihrem Vater, um alle die ſchönen Dinge zu ſagen, welche er am zweiten Tage zu ſagen habe, ſei Piton ſehr ärmlich gekleidet; er ſpiele die Rolle des Lehrers, da er unterrichte, und der Lehrer dürfe nicht vor ſeinen Schülern zu erröthen haben. Billot bevollmächtigte ſeine Tochter, über die Kleidung von Pitou mit Herrn Dulauroy, dem Schnei⸗ der von Villers⸗Cotterets, übereinzukommen. Catherine hatte Recht, und eine neue Kleidung war keine Sache des Lurus für den armen Pitou: er trug immer noch die Hoſe, die ihm fünf Jahre vorher der Dortor Gilbert hatte machen laſſen, welche Hoſe von zu lang zu kurz geworden war, aber ſich, das iſt nicht zu leugnen, durch die Sorge von Flle. Angélique um zwei Zoll jährlich verlängert hatte. Was den Rock und die Weſte betrifft, ſo waren dieſe Kleidungsſtücke ſeit mehr als zwei Jahren verſchwunden und durch den ſarſchenen Kittel erſetzt worden, mit dem unſer Held ſchon in den erſten Kapiteln dieſer Geſchichte vor den gen unſerer Leſer erſchienen iſt. Pitou hatte nie an ſeinen Anzug gedacht. Der Spiegel war etwas Unbekanntes bei Mlle. Angeélique, „Somit hätten Sie ſich in ein Seminar einge⸗ ſchloſſen, in das nie eine Frau hätte kommen können?“ B „Ah!“ rief Piton,„daran habe ich nie gedacht, w Jungfer Catherine... ich will lieber nicht Abbé ſein!“ tr . Um neun Uhe kam der Vater Billot zurück; er w war weggegangen, ehe ſich Pitou von ſeinem Lager le erhoben hatte. Jeden Morgen um drei Uhr beauf⸗ a ſichtigte der Pächter perſönlich den Abgang ſeiner 6 Pferde und ſeiner Fuhrleute; dann lief er bis um H neun Uhr auf den Feldern umher, um zu ſehen, ob g Jedermann an ſeinem Poſten ſei, und ob Alle ihre 6 Arbeit verrichteten; um neun Uhr kehrte er zum Früh⸗ g ſtück zurück, um zehn Uhr begab er ſich abermals von r Hauſe weg; um ein Uhr aß man zu Mittag, und der Nachmittag, wie die Stunden des Vormittags, war der f Beaufſichtigung gewidmet. Die Geſchäfte des Vater 6 Billot gingen auch vortrefflich. Er beſaß, wie er ge⸗ z ſagt hatte, ſeine ſechzig Morgen in der Sonne und eintauſend Louis d'or im Schatten. Und es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß ſich, wenn man recht gezählt, wenn Pitou dieſe Rechnung gemacht hatte und nicht zu ſehr durch die Gegenwart von Catherine oder durch die Erinnerung an ſie zerſtreut geweſen wäre, einige Louis d'or und einige Morgen Landes mehr, als der gute Billot zugeſtanden, gefunden haben würden. Beim Frühſtück eröffnete der Pächter Pitou, die erſte Vorleſung des Werkes von Doctor Gilbert werde in zwei Tagen in der Scheune, um zehn Uhr Morgens, ſtattfinden. Pitou bemerkte hierauf ſchüchtern, zehn Uhr Morgens ſei die Stunde der Meſſe, aber der Pächter erwiederte, er habe gerade dieſe Stunde gewählt, um ſeine Arbeiter auf die Probe zu ſtellen. Der Vater Billot war, wie geſagt, Philoſoph. Er haßte die Prieſter als Apoſtel der Tyrannei, und fand er eine Gelegenheit, Altar gegen Altar zu errichten, ſo ergriff er ſte voll Eifer. 78 und da er nicht wie der ſchöne Nareiſſus die Urneigung hatte, in ſich ſelbſt verliebt zu werden, ſo war es ihm auch nie eingefallen, ſich in den Quellen, an denen er ſeine Ruthen ſtellte, zu beſchauen. Doch ſeit dem Augenblick, wo ihm Catherine ge⸗ ſagt hatte, er könne ſie zum Tanze begleiten, ſeit dem Augenblick, wo von Herrn von Charny, dem eleganten Cavalier, die Rede geweſen; ſeit der Stunde, wo die Geſchichte mit den Hauben, auf die Catherine, um ihre Schönheit zu vermehren, rechnete, in das Ohr von Pitou ergoſſen worden war, hatte Piton in einen Spiegel geſchaut und ſich betrübt über den Verfall ſeiner Kleidung gefragt, auf welche Art er auch ſeine natür⸗ lichen Vorzüge etwas erhöhen könnte. Leider war Piton nicht im Stande geweſen, ſich auf dieſe Frage eine Antwort zu geben. Der Verfall ſeiner Kleider beruhte auf ihrem Alter, um aber neue zu bekommen, mußte man Geld haben, und Pitou hatte in ſeinem Leben keinen Pfennig beſeſſen. Wohl hatte Piton die Hirten, wenn ſie ſich um den Preis der Flöte oder der Verſe ſtritten, ſich mit Roſen bekränzen ſehen; doch er dachte mit Recht, dieſer Kranz, ſo gut er ihm auch zu Geſichte ſtehen dürfte, würde nur noch mehr die Armuth ſeiner übrigen Klei⸗ dung hervorheben. Piton war alſo äußerſt angenehm überraſcht, als am Sonntag um acht Uhr Morgens, während er über die Mittel, ſeine Perſon zu verſchönern, nachſann, Herr Dulauroh eintrat und auf einen Stuhl einen Rock und eine himmelblaue Hoſe nebſt einer großen weißen, roſa geſtreiften Weſte legte. Zu gleicher Zeit trat die Nähterin ein und legte auf einen andern Stuhl, dem erſten gegenüber, ein Hemd und eine Halsbinde; ging das Hemd gut, ſo hatte ſie Befehl, ein halbes Dutzend zu machen. Es war die Stunde der Ueberraſchungen: hinter der Nähterin erſchien der Hutmacher. Er brachte einen —— — S——— 77 Frau Billot und Catherine wagten auch einige Bemerkungen; doch der Pächter erwiederte, die Frauen werden in die Meſſe gehen, wenn ſie wollen, in Be⸗ tracht, daß die Religion für die Weiber gemacht ſei; was aber die Männer betreffe, ſo ſollen ſie die Vor⸗ leſung des Werkes vom Doctor anhoͤren, oder bei ihm austreten. Der Philoſoph Billot war ſehr Deſpot in ſeinem Hauſe; Catherine allein hatte das Vorrecht, die Stimme gegen ſeine Entſcheidungen zu erheben; waren aber dieſe Entſcheidungen dergeſtalt im Geiſte des Pächters feſt⸗ geſtellt, daß er Catherine, die Stirne faltend, ant⸗ wortete, ſo ſchwieg dieſe wie die Anderen. Nur gedachte Catherine aus den Umſtänden Nutzen für Pitou zu ziehen. Während ſie vom Tiſche aufſtand, bemerkte ſie ihrem Vater, um alle die ſchönen Dinge zu ſagen, welche er am zweiten Tage zu ſagen habe, ſei Pitou ſehr ärmlich gekleidet; er ſpiele die Rolle des Lehrers, da er unterrichte, und der Lehrer dürfe nicht vor ſeinen Schülern zu erröthen haben. Billot bevollmächtigte ſeine Tochter, über die Kleidung von Pitou mit Herrn Dulauroy, dem Schnei⸗ der von Villers⸗Cotterets, übereinzukommen. Catherine hatte Recht, und eine neue Kleidung war keine Sache des Luxus für den armen Pitou: er trug immer noch die Hoſe, die ihm fünf Jahre vorher der Doctor Gilbert hatte machen laſſen, welche Hoſe von zu lang zu kurz geworden war, aber ſich, das iſt nicht zu leugnen, durch die Sorge von Mlle. Angéligue um zwei Zoll jährlich verlängert hatte. Was den Rock und die Weſte betrifft, ſo waren dieſe Kleidungsſtücke ſeit mehr als zwei Jahren verſchwunden und durch den ſarſchenen Kittel erſetzt worden, mit dem unſer Held ſchon in den erſten Kapiteln dieſer Geſchichte vor den Augen unſerer Leſer erſchienen iſt. Pitou hatte nie an ſeinen Anzug gedacht. Der Spiegel war etwas Unbekanntes bei Mlle. Angélique, 79 kleinen Dreiſpitz von ber neueſten Form, voll Eleganz, kurz das Beſte, was man bei Herrn Corau, dem erſten Hutmacher von Villers⸗Cotterets verfertigte. Er hatte überdies vom Schuſter den Auftrag, zu den Füßen von Pitvu ein beſonders für dieſen gemachtes Paar Schuhe mit ſilbernen Schnallen zu ſtellen. Pirou erholte ſich nicht von ſeinem Erſtaunen, er konnte nicht glauben, alle dieſe Reichthümer ſeien für ihn. In ſeinen übertriebenſten Träumen hätte er es nicht gewagt, ſich eine ſolche Garderobe zu wünſchen. Thränen der Dankbarkeit befeuchteten ſeine Augenlider, und er vermochte nur die Worte zu murmeln:„Ohi Jungfer Catherine, Jungfer Catherine, ich werde nie vergeſſen, was Sie für mich thun!“ Alles dies ging ganz vortrefflich, und als ob man das Maß an Pitou genommen hätte; nur die Schuhe fanden ſich um die Hälfte zu klein. Herr Lautereau, der Schuſter, hatte das Maß am Fuße ſeines Sohnes genommen, der vier Jahre älter war, als Pitou. Dieſer Vorzug von Pitou vor dem jungen Lautereau machte einen Augenblick unſern Helden ſtolz; doch die Bewegung des Stolzes war bald gemäßigt durch den Gedanken, er werde genöthigt ſein, ohne Schuhe zu dem Tanze zu gehen, oder mit ſeinen alten Schuhen, welche durchaus nicht mehr zu ſeinem übrigen Anzug paß en. Doch dieſe Beſorgniß war von kurzer Dauer: ein Paar Schuhe, das man zu gleicher Zeit dem Vater Billot ſchickte, machte die Sache ab. Es fand ſich zum Gluck, daß der Vater Billot und Piton denſelben Fuß hatten, was man ſorgfältig, aus Furcht, ihn zu demü⸗ igen, vor dem Vater Billot verbarg. Während Piton damit beſchäftigt war, dieſe koſt⸗ bare Kleidung anzuziehen, trat der Friſeur ein. Er theilte die gelben Haare von Piton in drei Maſſen: ie eine, und das war die ſtärkſte, ſollte unter der Form eines Zopfes auf ſeinen Rock herabfallen; die zwei anderen hatten die Beſtimmung, die zwei Schläfe zu und da er nicht wie der ſchöne Nareiſſus die Urneigung hatte, in ſich ſelbſt verliebt zu werden, ſo war es ihm auch nie eingefallen, ſich in den Quellen, an denen er ſeine Ruthen ſtellte, zu beſchauen. Doch ſeit dem Augenblick, wo ihm Catherine ge⸗ ſagt hatte, er könne ſie zum Tanze begleiten, ſeit dem Augenblick, wo von Herrn von Cyarny, dem eleganten Cavalier, die Rede geweſen; ſeit der Stunde, wo die Geſchichte mit den Hauben, auf die Catherine, um ihre Schönheit zu vermehren, rechnete, in das Ohr von Piton ergoſſen worden war, hatte Pitou in einen Spiegel geſchaut und ſich betrübt uber den Verfall ſeiner Kleidung gefragt, auf welche Art er auch ſeine natür⸗ lichen Vorzüge etwas erhöhen könnte. Leider war Pitou nicht im Stande geweſen, ſich auf dieſe Frage eine Antwort zu geben. Der Verfall ſeiner Kleider beruhte auf ihrem Alter, um aber neue zu bekommen, mußte man Geld haben, und Pitou hatte n ſeinem Leben keinen Pfennig beſeſſen. Wohl hatte Pitou die Hirten, wenn ſie ſich um den Preis der Flöte oder der Verſe ſtritten, ſich mit Roſen bekränzen ſehen; doch er dachte mit Recht, dieſer Kranz, ſo gut er ihm auch zu Geſichte ſtehen dürfte, würde nur noch mehr die Armuth ſeiner übrigen Klei⸗ dung hervorheben. 2 Pitou war alſo äußerſt angenehm überraſcht, als am Sonntag um acht Uhr Morgens, während er über die Mittel, ſeine Perſon zu verſchönern, nachſann, Herr Dulauroy eintrat und auf einen Stuhl einen Rock und eine himm lblaue Hoſe nebſt einer großen weißen, roſa geſtreiſten Weſte legte. Zu gleicher Zeit trat die Nähterin ein und legte auf einen andern Stuhl, dem erſten gegenüber, ein Hemd und eine Halsbinde; ging das Hemd gut, ſo hatte ſie Befehl, ein halbes Dutzend zu machen⸗ Es war die Stunde der Ueberraſchungen: hinter der Nähterin erſchien der Hutmacher. Er brachte einen 8⁰ bekleiden, und zwar unter dem wenig poetiſchen Namen Bundsohren; doch was iſt da zu ſagen, das war ein⸗ mal der Name. Geſtehen wir nun Eines: als Pitou gekämmt, frifirt, mit ſeinem blauen Rock und ſeiner blauen Hoſe, mit ſeiner roſa Weſte und ſeinem Jabothemde, mit ſeinem Zopf und ſeinen Hundsohren ſich im Spiegel betrachtete, hatte er große Mühe, ſich ſelbſt zu erkennen, und er wandte ſich um, um zu ſehen, ob nicht Adonis in Perſon auf die Erde herabgeſtiegen ſeie. Er war allein. Er lächelte ſich freundlich zu, und, den Kopf hoch, die Daumen in den Hoſentaſchen, ſagte er zu ſich ſelbſt, indem er ſich auf den Zehen erhob. „Wir werden dieſen Herrn von Charny ſehen!.. Es iſt wahr, daß Ange Piton in ſeiner neuen Tracht nicht einem Schäfer von Virgil, wohl aber einem Schä⸗ fer von Watteau glich, wie ſich zwei Waſſertropfen gleichen. Der erſte Schritt, den Piton bei ſeinem Eintritte in die Küche that, war auch ein Triumph. „Ah! ſehen Sie doch, Mama,“ rief Catherine, „wie hübſch er ſo iſt!“ iſt allerdings nicht zu erkennen,“ ſagte Frau illot. Zum Unglück ging Catherine von der Geſammt⸗ heit, die das Mädchen angenehm berührt hatte, zu den Einzelheiten über. Pitou war minder hübſch in den Einzelheiten, als in der Geſammtheit. „Ohl wie drollig!“ rief Catherine,„was für große Hände haben Sie!“ „Ja,“ ſagte Pitou,„nicht wahr, ich habe tüchtige Hände.“ „Und große Kniee.“ „Das iſt ein Beweis, baß ich wachſen ſoll.“ vi„Aber mir ſcheint, Sie ſind ſchon ſehr groß, Herr itou.“ ſiebenzehn und ein halbes Jahr alt.“ Ich werde immerhin wachſen, denn ich bin erſt 79 kleinen Dreiſpitz von der neueſten Form, voll Eleganz, kurz das Beſte, was man bei Herrn Corau, dem erſten Hutmacher von Villers⸗Cotterets verfertigte. Er hatte überdies vom Schuſter den Auftrag, zu den Fußen von Pitou ein beſonders für dieſen gemachtes Paar Schuhe mit ſilbernen Schnallen zu ſtellen. Piiou erholte ſich nicht von ſeinem Erſtaunen, er konnte nicht glauben, alle dieſe Reichthumer ſeien für ihn. In ſeinen übertriebenſten Träumen hätte er es nicht gewagt, ſich eine ſolche Garderobe zu wünſchen. Thränen der Dankbarkeit befeuchteten ſeine Augenlider, und er vermochte nur die Worte zu murmeln:„Ohl Jungfer Catherine, Jungfer Catherine, ich werde nie vergeſſen, was Sie für mich thun!“ Alles dies ging ganz vortrefflich, und als ob man das Maß an Pitou genommen hätte; nur die Schuhe fanden ſich um die Hälfte zu klein. Herr Lautereau, der Schuſter, hatte das Maß am Fuße ſeines Sohnes genommen, der vier Jahre äalter war, als Pitou. Dieſer Vorzug von Pitou vor dem jungen Lautereau machte einen Augenblick unſern Helden ſtolz; doch die Bewegung des Stolzes war bald gemähigt durch den Gedanken, er werde genöthigt ſein, ohne Schuhe zu dem Tanze zu gehen, oder mit ſeinen alten Schuhen, welche durchaus nicht mehr zu ſeinem übrigen Anzug paß en. Doch dieſe Beſorgniß war von kurzer Dauer: ein Paar Schuhe, das man zu gleicher Zeit dem Vater Billot ſchickte, machte die Sache ab. Es fand ſich zum Gluck, daß der Vater Billot und Pitou denſelben Fuß hatten, was man ſorgfältig, aus Furcht, ihn zu demü⸗ thigen, vor dem Vater Billot verbarg. Während Piton damit beſchäftigt war, dieſe koſt⸗ bare Kleidung anzuziehen, trat der Friſeur ein. Er theilte die geiben Haare von Pitou in drei Maſſen: die eine, und das war die ſtärkſte, ſollte unter der Form eines Zopfes auf ſeinen Rock herabfallen; die zwei anderen hatten die Beſtimmung, die zwei Schläfe zu te au nt⸗ en en ige ert erſt 81 „Unb keine Waben.“ „Ah! bas iſt wahr, durchaus keine; boch ſie wer⸗ den kommen.“ „Man muß es hoffen,“ ſagte Catherine.„Gleich⸗ viel, Sie ſind ſehr hübſch.“ Pitou verbeugte ſich. „Oho!“ rief der Pächter, der nun eintrat und Pitou ebenfalls betrachtete.„Wie ſtaitlich hiſt Du nun, mein Junge] Ich möchte wohl, daß Deine Tante Angélique Dich ſehen würde.“ „Ich auch,“ ſagte Pitou. „Ich wäre begierig, zu wiſſen, was ſie ſagen würde?“ verſetzte der Pächter. „Sie würde nichts ſagen, ſie würde wüthen.“ „Aber, Papa,“ ſprach Catherine mit einer gewiſſen Beſorgniß,„hätte ſie nicht das Recht, ihn zuruͤckzu⸗ nehmen?“ „Da ſie ihn fortgejagt hat!“ xit„Und dann find die fünf Jahre abgelaufen,“ ſagte ou. „Welche Jahre?“ fragte Catherine. „Die, für welche der Doctor Gilbert tauſend Franken hinterlegt hatte.“ „„Er hatte alſo tauſend Franken für Deine Tante hinterlegt?“ „Ja, ja, ja, um mich in eine Lehre zu ſchicken.“ „Das iſt ein Mann!“ rief der Pächter.„Wenn man bedenkt, daß ich alle Tage Aehnliches erzählen höre! Für ihn auch,“ er machte eine Geberde mit der Hand,„auf Leben und Tod.“ „Er wollte, daß ich ein Gewerbe lerne,“ ſagte Pitou. „Und er hatte Recht. So werden die guten Ab⸗ ſichten vereitelt. Man hinterlegt tauſend Franken, um einen Knaben ein Gewerbe lehren zu laſſen, und ſtatt hu ein Gewerbe zu lehren, bringt man ihn zu einem Ange Pitou. 1, 6 80 bekleiden, und zwar unter dem wenig poetiſchen Namen Hundsohren; doch was iſt da zu ſagen, das war ein⸗ mal der Name. Geſtehen wir nun Eines: als Pitou gekämmt, friſirt, mit ſeinem blauen Rock und ſeiner blauen Hoſe, mit ſeiner roſa Weſte und ſeinem Jabothemde, mit ſeinem Zopf und ſeinen Hundsohren ſich im Spiegel betrachtete, hatte er große Mühe, ſich ſelbſt zu erkennen, und er wandte ſich um, um zu ſehen, ob nicht Adonis in Perſon auf die Erde herabgeſtiegen ſeie. 3 Er war allein. Er lächelte ſich freundlich zu, und, den Kopf hoch, die Daumen in den Hoſentaſchen, ſagte er zu ſich ſelbſt, indem er ſich auf den Zehen erhob. „Wir werden dieſen Herrn von Charny ſehen!...“ Es iſt wahr, daß Ange Pitou in ſeiner neuen Tracht nicht einem Schäfer von Virgil, wohl aber einem Schä⸗ fer von Watteau glich, wie ſich zwei Waſſertropfen gleichen. Der erſte Schritt, den Piton bei ſeinem Eintritte in die Küche that, war auch ein Triumph. „Ah! ſehen Sie doch, Mama,“ rief Catherine, „wie hübſch er ſo iſt!“ Bul 7r iſt allerdings nicht zu erkennen,“ ſagte Frau illot. Zum Unglück ging Catherine von der Geſammt⸗ heit, die das Mädchen angenehm berührt hatte, zu den Einzelheiten über. Pitou war minder hübſch in den Einzelheiten, als in der Geſammtheit. „Ohl wie drollig!“ rief Catherine,„was für große Hände haben Sie!“ „Ja,“ ſagte Pitou,„nicht wahr, ich habe tüchtige Hände.“ „Und große Kniee.“ „Das iſt ein Beweis, daß ich wachſen ſoll.“ S„Aber mir ſcheint, Sie ſind ſchon ſehr groß, Herr itou.“ „Ich werde immerhin wachſen, denn ich bin erſt ſiebenzehn und ein halbes Jahr alt.“ 8² Pfaffen, der einen Seminariſten aus ihm machen will. Und. bezahlte ſie Deinem Abbs Fortier?“ „Deine Tante.“ „Sie bezahlte ihm nichts.“ „Alſo ſteckte ſie die zweihundert Livres des guten Herrn Gilbert ein?“ „Wahrſcheinlich.“ „Höre, ſoll ich Dir einen guten Rath geben, Piton, ſo rathe ich Dir, wenn Deine alte bigotte Tante abh⸗ fährt, überall wohl nachzuſchauen, in den Schränken, in den Strohſäcken, in den Gurkenhäfen.“ „Warum?“ fragte Piton. „Siehſt Du, weil Du in einem wollenen Strumpf einen Schatz finden wirſt. Ei! gewiß, denn ſie wird keine Börſe gefunden haben, welche groß genug ge⸗ weſen wäre, um ihre Erſparniſſe darin unterzubringen.“ „Sie glauben?“ „Ich bin jeſt davon überzeugt. Doch wir werden u geeigneter Zeit hievon ſprechen„ Haſt Du das uch von Doctor Gilbert?“ „Ich habe es hier in meiner Taſche.“ „Mein Vater,“ ſagte Catherine,„haben Sie wohl überlegt?“ „Es bedarf keiner Ueberlegung, um gute Dinge zu thun, mein Kind,“ erwiederte der Pächter;„der Doctor hat mir geſagt, ich ſoll das Buch leſen laſſen, die Grundſätze, die es enthält, verbreiten; das Buch wird geleſen und die Grundſätze werden verbreitet werden.“ „Und,“ fragte Catherine ſchüchtern,„wir können in die Meſſe gehen, meine Mutter und ich?“ „Geht in die Meſſe,“ antwortete Billot;„Ihr ſeid Weiber, wir find Männer, das iſt etwas Inderes; komm, Pitou.“ Pitou grüßte Frau Billot und Catherine und folgte dem Pächter, ganz ſtolz darauf, daß man ihn einen Mann nannte. 3 S cS—„c den 81 „Und keine Waden.“ „Ah! das iſt wahr, durchaus keine; doch ſie wer⸗ den kommen.“ „Man muß es hoffen,“ ſagte Catherine.„Gleich⸗ viel, Sie ſind ſehr hübſch.“ Pitou verbeugte ſich. „Oho!“ rief der Pächter, der nun eintrat und Pitou ebenfalls betrachtete.„Wie ſtattlich biſt Du nun, mein Junge! Ich möchte wohl, daß Deine Tante Angélique Dich ſehen würde.“ „Ich auch,“ ſagte Pitou. „Ich wäre begierig, zu wiſſen, was ſie ſagen würde?“ verſetzte der Pächter. „Sie würde nichts ſagen, ſie würde wüthen.“ „Aber, Papa,“ ſprach Catherine mit einer gewiſſen zebenri.„hätte ſte nicht das Recht, ihn zurückzu⸗ nehmen?“ „Da ſie ihn fortgejagt hat!“ pit„Und dann ſind die fünf Jahre abgelaufen,“ ſagte ou. „Welche Jahre?“ fragte Catherine. „Die, für welche der Doctor Gilbert tauſend Franken hinterlegt hatte.“ „Er hatte alſo tauſend Franken für Deine Tante hinterlegt?“ „Ja, ja, ja, um mich in eine Lehre zu ſchicken.“ „Das iſt ein Mann!“ rief der Pächter.„Wenn man bedenkt, daß ich alle Tage Aehnliches erzählen höre! Für ihn auch,“ er machte eine Geberde mit der Hand,„auf Leben und Tod.“ Pit„Er wollte, daß ich ein Gewerbe lerne,“ ſagte ou. „Und er hatte Recht. So werden die guten Ab⸗ ſichten vereitelt. Man hinterlegt tauſend Franken, um einen Knaben ein Gewerbe lehren zu laſſen, und ſtatt ihn ein Gewerbe zu lehren, bringt man ihn zu einem Ange Pitou. 1. 6 vill. tten ton, ab⸗ ken, mpf ird ge⸗ n. den das ohl zu tor die ird 1en eid 6; gte en 83 VII. Worin nachgewieſen iſt, daß lange Beine, wenn ſie auch ein enih beim Tanzen beſchwerlich wer⸗ den, doch ſehr nützlich beim Laufen ſind. Es war zahlreiche Verſammlung in der Scheune. Billot ſtand, wie geſagt, in großer Achtung bei ſeinen Leuten, in Betracht, daß er ſie oft ſchalt, aber ſehr gut nährte und ſehr gut bezahlte. Es hatte ſich auch Jeber beeifert, ſeiner Einladung Folge zu leiſten. Ueberdies war zu jener Zeit unter dem Volke das ſeltſame Fieber im Umlauf, das die Nationen erfaßt, wenn ſie zur Arbeit zu ſchreiten im Begriffe ſind⸗ Sonderbare, neue, beinahe unbekannte Worte kamen aus dem Munde vieler Leute, welche ſie nie ausgeſpro⸗ chen hatten. Das waren die Worte Freiheit, Unab⸗ hängigkeit, Emancipation, und ſeltſamer Weiſe hörte man nicht nur unter dem Volk ſolche Worte ausſpre⸗ chen; nein, dieſe Worte waren vom Adel zuerſt aus⸗ geſprochen worden, und die Stimme, die ihnen ant⸗ wortete, war nur ein Echo. Vom Weſten war das Licht gekommen, das leuchten ſollte, bis es brennen würde. In Amerika hatte ſich die Sonne erhoben, die, ihren Lauf vollbringend, aus Frankreich einen weiten Brand machen ſollte, bei deſſen Schein die erſchrockenen Nationen das Wort Republik, mit blutigen Buchſtaben geſchrieben, leſen würden. Dieſe Verſammlungen, dei denen man ſich mit politiſchen Angelegenheiten beſchäftigte, waren auch minder ſelten, als man glauben dürfte. Männer ge⸗ kommen, man wußte nicht woher, Apoſtel eines unſicht⸗ baren Gottes und beinahe unbekannt, liefen in den Städten und auf dem Lande umher und ſtreuten überall Freiheitsworte gus, Bis dahin blind, i i Regie⸗ 8² Pfaffen, der einen Seminariſten aus ihm machen will. Und wie viel bezahlte ſie Deinem Abbé Fortier?“ „Wer?“ „Deine Tante.“ „Sie bezahlte ihm nichts.“ „Alſo ſteckte ſie die zweihundert Livres des guten Herrn Gilbert ein?“ „Wahrſcheinlich.“ „Höre, ſoll ich Dir einen guten Rath geben, Piton, ſo rathe ich Dir, wenn Deine alte bigotte Tante ab⸗ fährt, überall wohl nachzuſchauen, in den Schränken, in den Strohſäcken, in den Gurkenhäfen.“ „Warum?“ fragte Piton. „Siehſt Du, weil Du in einem wollenen Strumpf einen Schatz finden wirſt. Ei! gewiß, denn ſie wird keine Börſe gefunden haben, welche groß genug ge⸗ weſen wäre, um ihre Erſparniſſe darin unterzubringen.“ „Sie glauben?“ „Ich bin feſt davon überzeugt. Doch wir werden u geeigneter Zeit hievon ſprechen... Haſt Du das Buch von Doctor Gilbert?“ „Ich habe es hier in meiner Taſche.“ „Mein Vater,“ ſagte Catherine,„haben Sie wohl überlegt?“ „Es bedarf keiner Ueberlegung, um gute Dinge zu thun, mein Kind,“ erwiederte der Pächter;„der Doctor hat mir geſagt, ich ſoll das Buch leſen laſſen, die Grundſätze, die es enthält, verbreiten; das Buch wird geleſen und die Grundſätze werden verbreitet werden.“ „Und,“ fragte Catherine ſchüchtern,„wir können in die Meſſe gehen, meine Mutter und ich?“ 3 „Geht in die Meſſe,“ antwortete Billot;„Ihr ſeid Weiber, wir ſind Männer, das iſt etwas Anderes; komm, Piton.“ Pitou grüßte Frau Billot und Catherine und folgte dem Pächter, ganz ſtolz darauf, daß man ihn einen Mann nannte. —-— ——————— ͤR— — n E 84⁴ rung an, die Augen zu öffnen. Diejenigen, welche an der Spitze der großen Maſchine ſtanden, die man die öffentliche Sache nennt, fühlten gewiſſe Räder lahm werden, yhne daß ſie begreifen konnten, woher das Hinderniß kam. Die Oppoſition war überall in den Geiſtern, wenn ſie noch nicht in den Armen und in den Händen war, unſichtbar, aber gegenwärtig, aber fühlbar, aber bedrohlich und zuweilen um ſo bedroh⸗ licher, als ſie, den Geſpenſtern ähnlich, ungreifbar war und man ſie errieth, ohne ſie erdrücken zu können. Zwanzig bis fünfundzwanzig Meier, alle von Billot abhängig, waren in der Scheune verſammelt. Billot trat, gefolgt von Piton, ein. Alle Häupter neigten ſich, alle Hüte bewegten ſich am Ende der Arme. Man begriff, daß alle dieſe Menſchen bereit nien⸗ ſich auf einen Befehl des Herrn tödten zu aſſen. Der Pächter erklärte den Bauern, die Brochure, welche Pitou ihnen vorleſen werde, ſei das Werk des Doctor Gilbert. Der Doctor Gilbert war ſehr bekannt im ganzen Canton, wo er mehrere Güter hatte, unter denen die Pachtung von Billot das bedeutendſte war. Ein Faß ſtand für den Leſer bereit. Pitou beſtieg dieſe improviſfirte Tribune und begann ſeine Vorleſung⸗ Es iſt zu bemerken, daß die Leute aus dem Volk, und ich möchte beinahe ſagen, die Menſchen im Allgemeinen, mit um ſo größerer Aufmerkſamkeit zuhören, je weniger ſie begreifen. Offenbar entging der allgemeine Sinn der Brochure den klarſten Geiſtern der bäuriſchen Ver⸗ ſammlung und Billot ſelbſt. Doch mitten aus dieſer dunkeln Phraſeologie zuckten, wie die Blitze an einem dunkeln, mit Electricität beladenen Himmel, die leuch⸗ tenden Worte: Unabhängigkeit, Freiheit und Gleichheit hervor. Mehr brauchte es nicht; der Beifallsſturm brach los; von allen Seiten erſcholl der Ruf: Es lebe der Doector Gilbert! Ungefähr das Drittel der Bro⸗ — 8 ill. 8³ VII. Worin nachgewieſen iſt, daß lange Beine, wenn ſte auch ein wenig beim Tanzen heſchwerlich wer⸗ den, doch ſehr nützlich beim Laufen ſind. Es war zahlreiche Verſammlung in der Scheune. Billot ſtand, wie geſagt, in großer Achtung bei ſeinen Leuten, in Betracht, daß er ſie oft ſchalt, aber ſehr gut nährte und ſehr gut bezahlte. Es hatte ſich auch Jeder beeifert, ſeiner Einladung Folge zu leiſten. Ueberdies war zu jener Zeit unter dem Volke das ſeltſame Fieber im Umlauf, das die Nationen erfaßt, wenn ſie zur Arbeit zu ſchreiten im Begriffe ſind. Sonderbare, neue, beinahe unbekannte Worte kamen aus dem Munde vieler Leute, welche ſie nie ausgeſpro⸗ chen hatten. Das waren die Worte Freiheit, Unab⸗ hängigkeit, Emancipation, und ſeltſamer Weiſe hörte man nicht nur unter dem Volk ſolche Worte ausſpre⸗ chen; nein, dieſe Worte waren vom Adel zuerſt aus⸗ geſprochen worden, und die Stimme, die ihnen ant⸗ wortete, war nur ein Echo. Vom Weſten war das Licht gekommen, das leuchten ſollte, bis es brennen würde. In Amerika hatte ſich die Sonne erhoben, die, ihren Lauf vollbringend, aus Frankreich einen weiten Brand machen ſollte, bei deſſen Schein die erſchrockenen Nationen das Wort Republik, mit blutigen Buchſtaben geſchrieben, leſen würden. Dieſe Verſammlungen, dei denen man ſich mit politiſchen Angelegenheiten beſchäftigte, waren auch minder ſelten, als man glauben dürfte. Männer ge⸗ kommen, man wußte nicht woher, Apoſtel eines unſicht⸗ baren Gottes und beinahe unbekannt, liefen in den Städten und auf dem Lande umher und ſtreuten überall Freiheitsworte aus. Bis dahin blind, ing die Regie⸗ re, ter er⸗ ſer ch⸗ eit tm be 0⸗ 85 chure war geleſen worden; man beſchloß, ſie an brei Sonntagen zu leſen. Die Zuhörer wurden eingeladen, ſich am barauf folgenden Sonntag zu verſammeln, und jeder verſprach, zu erſcheinen. Piton hatte ſehr gut geleſen. Nichts ermuntert ſo ſehr, wie der günſtige Erfolg. Der Vorleſer nahm ſeinen Theil von dem dem Werke geſpendeten Beifall, und Billot, der ſelbſt dieſem gegenſeitigen Einfluß unterlag, fühlte in ſeinem Innern eine gewiſſe Achtung für den Zögling des Abbe Fortier entſtehen. In kör⸗ perlicher Hinſicht ſchon übermäßig groß, war Piton moraliſch um zehn Ellen gewachſen. Ein Einziges fehlte ihm: Jungfer Catherine hatte ſeinem Triumphe nicht beigewohnt. Doch entzuckt über die Wirkung, welche die Bro⸗ chure des Doctors hervorgebracht, beeilte ſich der Vater Billot, dieſen günſtigen Erfolg feiner Frau und ſeiner ochter mitzutheilen. Frau Billot antwortete nichts, war ein kurzſichtiges Weib, Catherine aber lächelte raurig. „Kun! was haſt Du wieder?“ fragte der Pächter. „Mein Vater! mein Vater!“ rief Catherine,„ich befürchte, Sie gefährden ſich.“ „Ah! willſt Du nicht den Unglücksvogel machen? Ich bemerke Dir, daß mir die Lerche lieber iſt, als die Nachteule.“ „Mein Vater, man hat mir ſchon geſagt, ich möge Sie warnen, denn Sie werden beobachtet.“ „Und wer hat Dir das geſagt, wenn's beliebt 2 „Ein Freund.“ „Ein Freund? Zeder Rath verdient Dank. Du wirſt mir den Namen vieſes Freundes nennen. Wer iſt es, ſprich?“ „Ein Mann, der gut unterrichtet ſein muß.“ „Wer denn?“ „Herr Iſtdor von Charny.“ 84⁴ rung an, die Augen zu öffnen. Diejenigen, welche an der Spitze der großen Maſchine ſtanden, die man die öffentliche Sache nennt, fühlten gewiſſe Räder lahm werden, ohne daß ſie begreifen konnten, woher das Hinderniß kam. Die Oppoſition war überall in den Geiſtern, wenn ſie noch nicht in den Armen und in den Händen war, unſichtbar, aber gegenwärtig, aber fühlbar, aber bedrohlich und zuweilen um ſo bedroh⸗ licher, als ſie, den Geſpenſtern ähnlich, ungreifbar war und man ſte errieth, ohne ſie erdrücken zu können. Zwanzig bis fünfundzwanzig Meier, alle von Billot abhängig, waren in der Scheune verſammelt. Billot trat, gefolgt von Pitou, ein. Alle Häupter neigten ſich, alle Hüte bewegten ſich am Ende der Arme. Man begriff, daß alle dieſe Menſchen bereit waren, ſich auf einen Befehl des Herrn tödten zu aſſen. Der Pächter erklärte den Bauern, die Brochure, welche Pitou ihnen vorleſen werde, ſei das Werk des Doctor Gilbert. Der Doctor Gilbert war ſehr bekannt im ganzen Canton, wo er mehrere Güter hatte, unter denen die Pachtung von Billot das bedeutendſte war. Ein Faß ſtand für den Leſer bereit. Pitou beſtieg dieſe improviſtrte Tribune und begann ſeine Vorleſung. Es iſt zu bemerken, daß die Leute aus dem Volk, und ich möchte beinahe ſagen, die Menſchen im Allgemeinen, mit um ſo größerer Aufmerkſamkeit zuhören, je weniger ſie begreifen. Offenbar entging der allgemeine Sinn der Brochure den klarſten Geiſtern der bäuriſchen Ver⸗ ſammlung und Billot ſelbſt. Doch mitten aus dieſer dunkeln Phraſeologie zuckten, wie die Blitze an einem dunkeln, mit Electricität beladenen Himmel, die leuch⸗ tenden Worte: Unabhängigkeit, Freiheit und Gleichheit hervor. Mehr brauchte es nicht; der Beifallsſturm brach los; von allen Seiten erſcholl der Ruf: Es lebe der Doctor Gilbert! Ungefähr das Drittel der Bro⸗ 86 „In was miſcht er ſich, dieſer Stutzers warum gibt er mir Rathſchläge über meine Denkungsart? Gebe ich ihm einen Rath über die Art, wie er ſich kleidet? Mir ſcheint, es wäre doch ebenſo viel auf der einen wie auf der andern Seite zu ſagen.“ „Mein Vater, ich ſage Ihnen das nicht, um Sie zu ärgern. Der Rath iſt in guter Abſicht gegeben worden.“ Wohl! ich werde denſelben durch einen andern erwiedern, und Du kannſt ihn in meinem Auftrag ausrichten.“ „Sprechen Sie!“ „Er und ſeine Standesgenoſſen mögen auf ſich Acht geben; man ſchüttelt ſie ganz ſonderbar in der Nationalverſammlung, die Herren Adeligen, und wehr als einmal iſt von den Günſtlingen und Günſtlinginnen die Rede geweſen. Das mag ſich ſein Bruder, Herr Hlivier von Charny, merken, der dort iſt und gar nicht ſchlecht mit der Oeſterreicherin ſtehen ſoll.“ „Mein Vater,“ ſagte Catherine,„Sie haben mehr Erfahrung, als wir, handeln Sie nach Ihrem Gefallen.“ „In der That,“ murmelte Piton, den der günſtige Erfoig ſeiner Vorleſung mit Vertrauen erfüllt hatte, „worein miſcht ſich Ihr Herr Iſidor?“ Catherine hörte nicht, oder ſie ſtellte ſich, als hörte ſie nicht, und das Geſpräch hatte hiemit ein Ende. Das Mittageſſen fand wie gewöhnlich ſtatt. Nie war Pitou ein Mahl länger vorgekommen. Es drängte ihn, ſich in ſeinem neuen Glanze, mit Jungfer Catherine am Arm, zu zeigen. Dieſer Sonntag war ein großer Tag für ihn, und er gelobte ſich, das Datum des drei⸗ zehnten Juli wohl im Kopfe zu behalten. Man ging endlich gegen drei Uhr ab. Catherine ſah reizend aus. Es war eine hübſche Blonde mit ſchwarzen Augen, ſchlank und biegſam wie die Weiden, welche die kleine Quelle beſchatteten, gus der man das Waſſer für den Pachthof ſchöpſte. Sie war überdies ———. — — 8⁵ chure war geleſen worden; man beſchloß, ſie an drei Sonntagen zu leſen. Die Zuhörer wurden eingeladen, ſich am darauf folgenden Sonntag zu verſammeln, und jeder verſprach, zu erſcheinen. Pitou hatte ſehr gut geleſen. Nichts ermuntert ſo ſehr, wie der günſtige Erfolg. Der Vorleſer nahm ſeinen Theil von dem dem Werke geſpendeten Beifall, und Billot, der ſelbſt dieſem gegenſeitigen Einfluß unterlag, fühlte in ſeinem Innern eine gewiſſe Achtung für den Zögling des Abbé Fortier entſtehen. In kör⸗ perlicher Hinſicht ſchon übermäßig groß, war Pitou moraliſch um zehn Ellen gewachſen. Ein Einziges fehlte ihm: Jungfer Catherine hatte ſeinem Triumphe nicht beigewohnt. Doch entzuͤckt über die Wirkung, welche die Bro⸗ chure des Dockors hervorgebracht, beeilte ſich der Vater Billot, dieſen günſtigen Erfolg ſeiner Frau und ſeiner Tochter mitzutheilen. Frau Billot antwortete nichts, ea⸗ war ein kurzſichtiges Weib, Catherine aber lächelte raurig. „Nun! was haſt Du wieder?“ fragte der Päͤchter. „Mein Vater! mein Vater!“ rief Catherine,„ich befürchte, Sie gefährden ſich.“ „Ah! willſt Du nicht den Unglücksvogel machen? Ich bemerke Dir, daß mir die Lerche lieber iſt, als die Nachteule.“ „Mein Vater, man hat mir ſchon geſagt, ich möge Sie warnen, denn Sie werden beobachtet.“ „Und wer hat Dir das geſagt, wenn's beliebt?“ „Ein Freund.“ „Ein Freund? Jeder Rath verdient Dank. Du wirſt mir den Namen dieſes Freundes nennen. Wer iſt es, ſprich?“ „Ein Mann, der gut unterrichtet ſein muß.“ „Wer denn?“ „Herr Iſidor von Charny.“ err cht ehr ige te, rte tie gte ine ßer ei⸗ ine nit en, s ies 87 mit jener natürlichen Coquetterie gekleidet, welche alle Reize des Weibes hervorheht, und ihre, wie ſie zu Piton geſagt hatte, von ihr ſelbſt verfertigte Haube ſtand ihr vortrefflich. Der Tanz begann gewöhnlich um ſechs Uhr. Vier Spielleute, welche auf einer Eſtrade von Brettern ſaßen, machten gegen eine Bezahlung von drei Sous für den Contretanz die Honneurs dieſes Ballſaales in freier Luft. In Erwartung der ſechsten Stunde ging man in der bekannten Seufzerallee ſpazieren, von der die Tante Angélique geſprochen hatte, oder man ſchaute den jungen Herren der Stadt oder der Umgegend zu, welche unter der Direction von Varolet, dem Ober⸗ ballmeiſter von Seiner Hoheit Monſeigneur dem Herzog von Orleans, Ball ſpielten. Herr Varolet wurde für ein Orakel gehalten, und ſeine Entſcheidungen in allen Fällen des Ballſpiels nahm man mit der Lene Ver⸗ ehrung auf, die man ſeinem Alter und ſeinem erdienſte ſchuldig war. Ohne genau zu wiſſen, warum, hätte Piton in der Seufzerallee zu bleiben gewünſcht; doch nicht um im Schatten dieſer doppelten Buchenreihe zu bleiben, hatte Catherine die glänzende Toilette gemacht, welche Piton ſo ſehr mit Bewunderung erfüllte. Die Frauen ſind wie die Blumen, die der Zufall im Schatten hat wachſen laſſen: ſie ſireben unabläſſig nach dem Licht, und auf die eine oder die andere Weiſe muß ihre friſche, balſamiſch duſtende Krone ſich in der Sonne öffnen, die ſie welk macht und verzehrt. Nur das Veilchen hat nach den Worten der Dichter die Beſcheivenheit, verborgen zu bleiben; doch es trägt auch Trauer um ſeine unnütze Schönheit. Catherine zog ſo lange und kräftig am Arm von Pitou, daß man den Weg zum Ballſpiel einſchlug. Piton ließ ſich indeſſen, was wir ſogleich bemerken müſſen, nicht zu ſehr am Arm ziehen. Er hatte eben ſo große Cile, ſeinen himmelblauen Rock und ſeinen 86 „In was miſcht er ſich, dieſer Stutzer? warum gibt er mir Rathſchläge über meine Denkungsart? Gebe ich ihm einen Rath über die Art, wie er ſich kleidet? Mir ſcheint, es wäre doch ebenſo viel auf der einen wie auf der andern Seite zu ſagen.“ 3„Mein Vater, ich ſage Ihnen das nicht, um Sie zu ärgern. Der Nath iſt in guter Abſicht gegeben worden.“ 9 „Wohl! ich werde denſelben durch einen andern erwiedern, und Du kannſt ihn in meinem Auftrag ausrichten.“ „Sprechen Sie!“ f„Er und ſeine Standesgenoſſen mögen auf ſich Acht geben; man ſchüttelt ſte ganz ſonderbar in der Nationalverſammlung, die Herren Adeligen, und mehr als einmal iſt von den Günſtlingen und Günſtlinginnen 1 die Rede geweſen. Das mag ſich ſein Bruder, Herr Olivier von Charny, merken, der dort iſt und gar nicht ſchlecht mit der Oeſterreicherin ſtehen ſoll.“ „Mein Vater,“ ſagte Catherine,„Sie haben mehr Erfahrung, als wir, handeln Sie nach Ihrem Gefallen.“ „In der That,“ murmelte Pitou, den der günſtige Erfolg ſeiner Vorleſung mit Vertrauen erfüllt hatte, „worein miſcht ſich Ihr Herr Iſidor?“ Catherine hörte nicht, oder ſie ſtellte ſich, als hörte ſie nicht, und das Geſpräch hatte hiemit ein Ende. Das Mittageſſen fand wie gewöhnlich ſtatt. Nie war Piton ein Mahl länger vorgekommen. Es drängte ihn, ſich in ſeinem neuen Glanze, mit Jungfer Catherine am Arm, zu zeigen. Dieſer Sonntag war ein großer Tag für ihn, und er gelobte ſich, das Datum des drei⸗ zehnten Juli wohl im Kopfe zu behalten. Man ging endlich gegen drei Uhr ab. Catherine ſah reizend aus. Es war eine hübſche Blonde mit 1 ſchwarzen Augen, ſchlank und biegſam wie die Weiden, welche die kleine Quelle beſchatteten, aus der man das Waſſer für den Pachthof ſchöpfte. Sie war überdies 8⁸ zierlichen Dreiſpitz zu zeigen, als Catherine, ihre Haube à la Galatée und ihren taubenhalsfarbenen Leib zur Schau zu ſtellen. Eines ſchmeichelte beſonders unſerem Helden und gab ihm einen augenblicklichen Vorzug vor Catherine. Da ihn Niemand erkannte, denn Piton war nie in ſo prächtigen Kleivern geſehen worden, ſo hielt man ihn für einen jun⸗ gen Fremden, für einen Neffen, für einen Vetter der Fa⸗ milie Billot, für einen Bräutigam von Catherine ſogar. Doch Piton war zu viel daran gelegen, ſeine Identität darzuthun, als daß der Irrthum lange währen konnte. Er nickte ſo viel ſeinen Freunden zu, er nahm ſo oft ſeinen Hut vor ſeinen Bekannten ab, daß man endlich in dem ſchön geputzten jungen Landmann den unwüldi⸗ gen Schüler des Abbe Fortier erkannte, und daß ſich eine Art von Geſchrei erhob, welches beſagte: Das iſt Pitou! habt Ihr Ange Piton geſehen? Das Geſchrei gelangte bis zu Mlle. Angélique, da aber dieſes Geſchrei ihr ſagte, derjenige, welchen es als ihren Neffen ausrufe, ſei ein hübſcher Junge, der die Füße auswärts und die Arme rundend gehe, ſo ſchüttelte die alte Jungfer, welche Pitou immer die Füße einwärts und die Ellenbogen am Leib hatte gehen ſeyen, ungläubig den Kopf und beſchränkte ſich auf die Erwiederung: „Ihr täuſcht ECuch, das iſt nicht mein Schlingel von einem Neffen.“ 1 Die zwei jungen Leute kamen zum Ballſpiel. Es fand an dieſem Tag eine Herausforderung zwiſchen den Spielern von Soiſſons und den Spielern von Villers⸗Cotterets ſtatt, ſo daß die Partie äußerſt be⸗ lebt war. Catherine und Pirou ſtellten ſich auf die Höhe des Seiles, in der Nähe der Böſchung. Catherine hatte dieſen Poſten als den beſten gewählt. Nach einem Augenblick hörte man die Stimme von Meiſter Varolet rufen: Zu zwei paſſirt. Die Spieler paſſirten wirklich, das heißt, Jeder begann ſeine — 87 mit jener natürlichen Coquetterie gekleidet, welche alle Reize des Weibes hervorhebt, und ihre, wie ſie zu Pitou geſagt hatte, von ihr ſelbſt verfertigte Haube ſtand ihr vortrefflich. Der Tanz begann gewöhnlich um ſechs Uhr. Vier Spielleute, welche auf einer Eſtrade von Brettern ſaßen, machten gegen eine Bezahlung von drei Sous für den Contretanz die Honneurs dieſes Ballſaales in freier Luft. In Erwartung der ſechsten Stunde ging man in der bekannten Seufzerallee ſpazieren, von der die Tante Angélique geſprochen hatte, oder man ſchaute den jungen Herren der Stadt oder der Umgegend zu, welche unter der Direction von Varolet, dem Ober⸗ ballmeiſter von Seiner Hoheit Monſeigneur dem Herzog von Orleans, Ball ſpielten. Herr Varolet wurde für ein Orakel gehalten, und ſeine Entſcheidungen in allen Fällen des Ballſpiels nahm man mit der ganzen Ver⸗ ehrung auf, die man ſeinem Alter und ſeinem Verdienſte ſchuldig war.. Ohne genau zu wiſſen, warum, hätte Pitou in der Seufzerallee zu bleiben gewünſcht; doch nicht um im Schatten dieſer doppelten Buchenreihe zu bleiben, hatte Catherine die glänzende Toilette gemacht, welche Pitou ſo ſehr mit Bewunderung erfüllte. Ddie Frauen ſind wie die Blumen, die der Zufall im Schatten hat wachſen laſſen: ſie ſtreben unabläſſig nach dem Licht, und auf die eine oder die andere Weiſe muß ihre friſche, balſamiſch duſtende Krone ſich in der Sonne öffnen, die ſie welk macht und verzehrt. Nur das Veilchen hat nach den Worten der Dichter die Beſcheidenheit, verborgen zu bleiben; doch es trägt auch Trauer um ſeine unnütze Schönheit. Catherine zog ſo lange und kräftig am Arm von Piton, daß man den Weg zum Ballſpiel einſchlug. Pitou ließ ſich indeſſen, was wir ſogleich bemerken müſſen, nicht zu ſehr am Arm ziehen. Er hatte eben ſo große Eile, ſeinen himmelblauen Rock und ſeinen 89 Chaſſe zu vertheidigen und die ſeiner Gegner anzu⸗ reifen. Einer von den Spielern, als er paſſirte, grüßte Catherine mit einem Lächeln. Catherime erwiederte dies durch einen Knir und erröthete; zu gleicher Zeit fühlte Pitou, wie den Arm von Catherine, der ſich auf den ſeinigen ſtützte, ein kleines Nervenzittern durchlief. Etwas wie eine unbekannte Bangigkeit ſchnürte Piton das Herz zuſammen. „Das iſt Herr von Charnh?“ ſagte er, ſeine Ge⸗ fährtin anſchauend. Ja, antwortete Catherine;„Sie kennen ihn alſo?“ „Ich kenne ihn nicht, doch ich habe es errathen.“ Piton hatte nach dem, was ihm Catherine am Tage vorher geſagt, in der That Herrn von Charny in dieſem jungen Mann errathen können⸗ Derjenige, welcher das Mädchen gegrüßt, war ein Cavalier von dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jah⸗ ren, gut gewachſen, elegant gekleidet und anmuthig in ſeinen Bewegungen, wie dies diejenigen zu ſein pflegen, welche ſchon in der Wiege eine ariſtokratiſche Erziehung feſtgenommen hat. Alle die Leibesübungen, die man nur unter der Bedingung gut macht, daß man ſie von Kindheit an ſtudirt hat, führte Herr Iſtdor von Charny mit einer merkwürdigen Vollkommenheit aus; dabei gehörte er zu denjenigen, deren Tracht ſtets mit der Uebung, für die ſie beſtimmt iſt, im Einklang ſteht. Seine Jagdlivreen wurden überall als äußerſt geſchmack⸗ voll angeführt; ſeine Negligés für den Fechtſaal hätten ſelbſt Saint⸗Georges als Muſter dienen können; ſeine Reitkleider endlich waren durch die Art, wie er ſie trug, von einem ganz beſonderen Schnitt, oder ſchienen dies vielmehr zu ſein. Mit der ganzen Schmuckloſigkeit einer Morgen⸗ toilette friſirt, trug Herr von Charny, der jüngere Bruder unſeres alten Bekannten, des Grafen von 88 zierlichen Dreiſpitz zu zeigen, als Catherine, ihre Haube à la Galatée und ihren taubenhalsfarbenen Leib zur Schau zu ſtellen. Eines ſchmeichelte beſonders unſerem Helden und gab ihm einen augenblicklichen Vorzug vor Catherine. Da ihn Niemand erkannte, denn Pitou war nie in ſo prächtigen Kleidern geſehen worden, ſo hielt man ihn für einen jun⸗ gen Fremden, für einen Neffen, für einen Vetter der Fa⸗ milie Billot, für einen Bräutigam von Catherine ſogar. Doch Pitou war zu viel daran gelegen, ſeine Identität darzuthun, als daß der Irrthum lange währen konnte. Er nickte ſo viel ſeinen Freunden zu, er nahm ſo oſt ſeinen Hut vor ſeinen Bekannten ab, daß man endlich in dem ſchön geputzten jungen Landmann den unwürdi⸗ gen Schüler des Abbé Fortier erkannte, und daß ſich eine Art von Geſchrei erhob, welches beſagte: Das iſt Pitou! habt Ihr Ange Pitou geſehen? Das Geſchrei gelangte bis zu Mlle. Angélique, da aber dieſes Geſchrei ihr ſagte, derjenige, welchen es als ihren Neffen ausrufe, ſei ein hübſcher Junge, der die Füße auswärts und die Arme rundend gehe, ſo ſchüttelte die alte Jungfer, welche Pitou immer die Füße einwärts und die Ellenbogen am Leib hatte gehen ſeyen, ungläubig den Kopf und beſchränkte ſich auf die Erwiederung: „Ihr täuſcht Euch, das iſt nicht mein Schlingel von einem Neffen.“ Die zwei jungen Leute kamen zum Ballſpiel. Es fand an dieſem Tag eine Herausforderung zwiſchen den Spielern von Soiſſons und den Spielern von Villers⸗Cotterets ſtatt, ſo daß die Partie äußerſt be⸗ lebt war. Catherine und Pitou ſtellten ſich auf die Höhe des Seiles, in der Nähe der Böſchung. Catherine hatte dieſen Poſten als den beſten gewählt. Nach einem Augenblick hörte man die Stimme von Meiſter Varolet rufen: Zu zwei paſſirt. Die Spieler paſſirten wirklich, das heißt, Jeder begann ſeine —— 90 Charny, eine Art von engem Pantalon von heller Farbe, das die Form ſeiner Lenden und ſeiner zugleich feinen und muskeligen Beine hervorhob; elegante Ball⸗ ſpielſandalen erſetzten, durch Riemen gehalten, für den Angenblick entweder den Schuh mit rothem Abſatz oder den Stulpenſtiefel; eine Weſte von weißem Piqus umſchloß ſeinen Leib, als ob er in einem Corſett ge⸗ fangen wäre; auf der Böſchung endlich hielt ſein Diener einen grünen Rock mit goldenen Galonen. Die Aufregung gab ihm in dieſem Augenblick den ganzen Reiz und die ganze Friſche der Jugend, was er, trotz ſeiner dreiundzwanzig Jahre, durch lange Nachtwachen, durch nächtliche Schwärmereien und die Spielpartieen, welche die Sonne bei ihrem Aufgang beleuchtet, ſchon verloren hatte. Keiner der Vorzüge, die ohne Zweifel von dem Mäbchen bemerkt worden waren, entging Piton. Als er die Hände und die Füße von Herrn von Charny ſah, fing er an minder ſtolz auf dieſe Verſchwendung der Natur zu ſeyn, die ihm den Sieg über den Sohn des Schuhmachers verliehen hatte, und er dachte, eben dieſe Natur hätte auf eine geſchicktere Art auf alle Partieen ſeines Körpers die Elemente, aus denen er be⸗ ſtand, vertheilen können. WMit dem, was zu viel an den Händen, an den Füßen und an den Knieen von Pitou war, hätte die Natur Stoff gehabt, um ihm ein ſehr hübſches Bein daraus zu machen. Die Dinge waren nur nicht an ihrem Platze: wo es der Feinheit bedurfte, war Ueber⸗ fülle, und wo Rundung hätte ſeyn ſollen, war Leere. Piton ſchaute ſeine Beine mit der Miene an, mit der der Hirſch der Fabel die ſeinigen anſchaute. „Was haben Sie denn, Herr Pitou?“ fragte Catherine. Pitou antwortete nicht, er ſeufzte nur. Die Partie war zu Ende. Der Vicomte von Charnh benützte den Zwiſchenraum zwiſchen der beendigten „——— 8 8enüeSSR 89 Chaſſe zu vertheidigen und die ſeiner Gegner anzu⸗ greifen. Einer von den Spielern, als er paſſirte, grüßte Catherine mit einem Lächeln. Catherine erwiederte dies durch einen Knix und erröthete; zu gleicher Zeit fühlte Pitou, wie den Arm von Catherine, der ſich auf den ſeinigen ſtützte, ein kleines Nervenzittern durchlief. Etwas wie eine unbekannte Bangigkeit ſchnürte Pitou das Herz zuſammen. „Das iſt Herr von Charny?“ ſagte er, ſeine Ge⸗ fährtin anſchauend. f„Ja,“ antwortete Catherine;„Sie kennen ihn alſo?“ „Ich kenne ihn nicht, doch ich habe es errathen.“ Pitou hatte nach dem, was ihm Catherine am Tage vorher geſagt, in der That Herrn von Charny in dieſem jungen Mann errathen können. Derjenige, welcher das Mädchen gegrüßt, war ein Cavalier von dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jah⸗ ren, gut gewachſen, elegant gekleidet und anmuthig in ſeinen Bewegungen, wie dies diejenigen zu ſein pflegen, welche ſchon in der Wiege eine ariſtokratiſche Erziehung feſtgenommen hat. Alle die Leibesübungen, die man nur unter der Bedingung gut macht, daß man ſie von Kindheit an ſtudirt hat, führte Herr Iſtdor von Charny mit einer merkwürdigen Vollkommenheit aus; dabei gehörte er zu denjenigen, deren Tracht ſtets mit der Uebung, für die ſie beſtimmt iſt, im Einklang ſteht. Seine Jagdlivreen wurden überall als äußerſt geſchmack⸗ voll angeführt; ſeine Negligés für den Fechtſaal hätten ſelbſt Saint⸗Georges als Muſter dienen können; ſeine Reitkleider endlich waren durch die Art, wie er ſie trug, von einem ganz beſonderen Schnilt, oder ſchienen dies vielmehr zu ſein. „Miit der ganzen Schmuckloſigkeit einer Morgen⸗ toilette friſtrt, trug Herr von Charny, der jüngere Bruder unſeres alten Bekannten, des Grafen von er ch ll⸗ en atz u6 e er en 6 ie 8 16 g n en le e⸗ n n r⸗ it —— 51 Partie und der, welche beginnen ſollte, um Catherine zu begrüßen. Als er näher kam, ſah Pitou das Blut dem Mädchen zu Geſichte ſteigen, und er fühlte, wie der Arm ſeiner Gefährtin immer mehr zitterte. Der Vicomte nickte Pitou zu; mit jener vertrau⸗ lichen Artigkeit, welche die Adeligen jener Zeit gegen die kleinen Bürgerinnen und die Griſetten ſo gut an⸗ zunehmen wußten, erkundigte er ſich bei Catherine nach ihrer Geſundheit und forderte den erſten Contretanz von ihr. Catherine willigte ein. Ein Lächeln war der Dank des jungen Adeligen. Die Partie ſollte wieder anfangen, man rief ihn. Er grüßte Catherine und entfernte ſich mit derſelben Ungezwungenheit, mit der er gekommen war. Pitou fühlte die ganze Ueberlegenheit, welche über ihn ein Mann hatte, der auf dieſe Art ſprach, lächelte, ſich näherte und ſich entfernte. Ein Monat auf den Verſuch, die einfache Be⸗ wegung von Herrn von Charny nachzuahmen, ver⸗ wendet hätte Pitou nur zu einer Parodie geführt, deren ganze Lächerlichteit er ſelbſt fühlte. Hätte das Herz von Pitou den Haß gekannt, er würde von dieſem Augenblick an den Vicomte von Charny gehaßt haben. Catherine ſchaute dem Ballſpiel bis zu dem Augen⸗ blick zu, wo die Spieler ihren Bedienten riefen, um ihre Röcke anzuziehen. Sie wandte ſich ſodann zum Tanze, zur großen Verzweiflung von Pitou, der an dieſem Tag beſtimmt ſchien, gegen ſeinen Willen überall⸗ hin zu gehen, wohin er ging. Herr von Charny ließ nicht auf ſich warten. Eine leichte Veränderung in ſeinem Anzug hatte aus dem Ballſpieler einen eleganten Tänzer gemacht. Die Geigen gaben das Signal, und er reichte ſeine Hand Catherine, indem er ſie an die Zuſage, die ſie ihm geieiſtet, erinnerte. Was Pitou empfand, als er den Arm von Cathe⸗ rine ſich von dem ſeinigen losmachen fühlte und er das Charny, eine Art von engem Pantalon von heller Farbe, das die Form ſeiner Lenden und ſeiner zugleich feinen und muskeligen Beine hervorhob; ſpielſandalen erſetzten, durch Riemen gehalten, für den Augenblick entweder den Schuh mit rothem Abſatz oder den Stulpen 3 iquẽ umſchloß ſeinen Leib, als ob er in einem fangen wäre; auf der Böſchung end einen grünen Rock mit goldenen Galonen. Die Aufregung gab ihm in dieſem Augenblick den ganzen Reiz und die ganze Friſche der Jugend, was er, trotz ſeiner dreiundzwanzig Jahre, durch lange Nachtwachen, durch nächtliche Schwärmereien und die Spielpartieen, welche die Sonne bei ihrem Aufgang beleuchtet, ſchon verloren hatte. Keiner der Vorzüge, die ohne Zweifel von dem Mädchen bemerkt worden waren, entging Pitou. Als er die Hände und die Füße von Herrn von Charny ſah, fing er an minder ſtolz auf dieſe Verſchwendung der Natur zu ſeyn, die ihm den Sieg über den Sohn des Schuhmachers verliehen hatte, und er dachte, eben dieſe Natur hätte auf eine geſchicktere Art auf alle Partieen ſeines Körpers die Elemente, aus denen er be⸗ ſtand, vertheilen können. Mit dem, was zu viel an den Händen, an den Füßen und an den Knieen von Pitou war, häͤtte die Natur Stoff gehabt, um ihm ein ſehr hübſches Bein daraus zu machen. Die Dinge waren nur nicht an ihrem Platze: wo es der Feinheit bedurfte, war Ueber⸗ fülle, und wo Rundung hätte ſeyn ſollen, war Leere. Piton ſchaute ſeine Beine mit der Miene an, mit der der Hirſch der Fabel die ſeinigen anſchaute. „Was haben Sie denn, Herr Piton?“ fragte Catherine. Piton antwortete nicht, er ſeufzte nur. Die Partie war zu Ende. Der Vicomte von Charny benützte den Zwiſchenraum zwiſchen der beendigten 98EE e S=Eg 92 Mädchen ganz erröthend mit ſeinem Cavalier in den Kreis treten ſah, war vielleicht eine der unangenehmſten Empfindungen ſeines Lebens. Ein kalter Schweiß ſtieg ihm auf die Stirne, eine Wolke zog vor ſeinen Augen vorüber; er ſtreckte die Hand aus und ſtützte ſich auf das Geländer, denn er fühlte, daß ſeine Kniee, ſo kräftig ſie auch ſeyn mochten, nahe daran waren, unter ihm zu weichen. Catherine hatte dem Anſcheine und wohl auch der Wirklichteit nach keinen Begriff von dem, was in dem Herzen von Piton vorging; ſie war zugleich glücklich und ſtolz: glücklich, zu tanzen, ſtolz, mit dem ſchönſten Cavalier der Umgegend zu tanzen. War Pitou ge⸗ zwungen geweſen, Herrn von Charny als Ballſpieler zu bewundern, ſo mußte er auch Herrn von Charny als Tänzer Gerechtigkeit widerfahren laſſen. In jener Zeit haite ſich die Mode, zu gehen, ſtatt zu tanzen, noch nicht eingeſchlichen. Der Tanz war eine Kunſt, welche einen Theil der Erziehung bildete. Abgeſehen von Herrn Lauzun, der der Art, wie er ſeine erſte Courante bei der Quadrille des Königs getanzt, ſein Glück zu ver⸗ danken hatte, verdankte mehr als ein Cavalier die Gunſt, in der er bei Hofe ſtand, der Art, wie er den Kniebug anſpannte und die Fußſpitze vorwärts ſtieß. In dieſer Hinſicht war der Vicomte ein Muſter an Grazie und Vollkommenheit, und er hätte, wie Ludwig KIV., auf einem Theater mit der Ausſicht, beklatſcht zu werden, tanzen können, obgleich er weder König noch Schau⸗ ſpieler war. Zum zweiten Mal ſchaute Piton ſeine Beine an, und er war genöthigt, ſich zu geſtehen, wenn nicht eine große Veränderung in dieſem Theil ſeiner Perſon vor⸗ gehe, müſſe er darauf verzichten, ſich um Siege in der Art derjenigen, welche Herr von Charny in dieſem Augenblick davontrug, zu bewerben. Der Contretanz ging zu Ende; für Catharine hatte er kaum einige Sekunden gedauert, Pitou aber war er —ana S——— 91 Partie und der, welche beginnen ſollte, um Catherine zu begrüßen. Als er näher kam, ſah Pitou das Blut dem Mädchen zu Geſichte ſteigen, und er fühlte, wie der Arm ſeiner Gefährtin immer mehr zitterte. Der Vicomte nickte Pitou zu; mit jener vertrau⸗ lichen Artigkeit, welche die Adeligen jener Zeit gegen die kleinen Bürgerinnen und die Griſetten ſo gut an⸗ zunehmen wußten, erkundigte er ſich bei Catherine nach ihrer Geſundheit und forderte den erſten Contretanz von ihr. Catherine willigte ein. Ein Lächeln war der Dank des jungen Adeligen. Die Partie ſollte wieder anfangen, man rief ihn. Er grüßte Catherine und entfernte ſich mit derſelben Ungezwungenheit, mit der er gekommen war. Pitou fühlte die ganze Ueberlegenheit, welche über ihn ein Mann hatte, der auf dieſe Art ſprach, lächelte, ſich näherte und ſich entfernte. Ein Monat auf den Verſuch, die einfache Be⸗ wegung von Herrn von Charny nachzuahmen, ver⸗ wendet hätte Pitou nur zu einer Parodie geführt, deren ganze Lächerlichkeit er ſelbſt fühlte. Hätte das Herz von Pitou den Haß gekannt, er würde von dieſem Augenblick an den Vicomte von Charny gehaßt haben. Catherine ſchaute dem Ballſpiel bis zu dem Augen⸗ blick zu, wo die Spieler ihren Bedienten riefen, um ihre Röcke anzuziehen. Sie wandte ſich ſodann zum Tanze, zur großen Verzweiflung von Pitou, der an dieſem Tag beſtimmt ſchien, gegen ſeinen Willen überall⸗ hin zu gehen, wohin er ging. „Herr von Charny ließ nicht auf ſich warten. Eine leichte Veränderung in ſeinem Anzug hatte aus dem Ballſpieler einen eleganten Tänzer gemacht. Die Geigen gaben das Signal, und er reichte ſeine Hand Catherine, indem er ſie an die Zuſage, die ſie ihm geleiſtet, erinnerte. „Was Pitou empfand, als er den Arm von Cathe⸗ rine ſich von dem ſeinigen losmachen fühlte und er das 5 m 93 wie ein Jahrhundert vorgekommen. Als ſie zurückkehrte und den Arm ihres Cavaliers nahm, bemerkte Cathe⸗ rine die Veränderung, welche in ſeiner Phyſiognomie vorgegangen. Er war bleich; der Schweiß perkte auf ſeiner Stirne, und eine durch die Eiferſucht halb ver⸗ zehrte Thräne rollte in ſeinem feuchten Auge. „Ah! mein Gott!“ ſagte Catherine,„was haben Sie denn?“ „Ach!“ erwieberte der arme Junge,„ich werde es nie wagen, mit Ihnen zu tanzen, nachdem ich Sie mit Herrn von Charny habe tanzen ſehen!“ „Bah! Sie brauchen ſich darum nicht zu grämen; Sie werden tanzen, wie Sie können, und es wird mir nicht weniger Vergnügen machen, mit Ihnen zu tanzen.“ „Ah! Sie ſagen das, um mich zu tröſten; doch ich laſſe mir Gerechtigkeit widerfahren, und es wird Ihnen immerhin mehr Vergnügen machen, mit dieſem jungen Adeligen, als mit mir, zu tanzen.“ Catherine antwortete nichts, denn ſie wollte nicht lügen; nur, da ſie ein vortreffliches Geſchöpf war und zu bemerken anfing, es gehe etwas Seltſames im erzen des armen Jungen vor, widmete ſie ihm viel Freundſchaft, doch dieſe Freundſchaftsbezeigungen konnten ihm ſeine verlorene Heiterkeit nicht wiedergeben. Der Vater Billot hatte wahr geſprochen: Piton fing an ein Menſch zu ſeyn,— er kitt. Catherine tanzte noch fünf bis ſechs Contretänze, worunter einen zweiten mit Herrn von Charny. Ohne weniger zu leiden, war Piton diesmal ſcheinbar ruhiger. Er folgte mit den Augen jeder Bewegung von Cathe⸗ rine und ihrem Cavalier. Er verſuchte es, aus der ewegung ihrer Lippen zu errathen, was ſie ſich ſagten, und wenn bei den Figuren, die ſie ausführten, ihre Hände ſich vereinigten, ſuchte er zu errathen, ob dieſe ände nur zuſammenkamen oder ob ſie, während ſie ſich vereinigten, ſich auch drückten. Ohne Zweifel wartete Catherine nur bieſen zweiten 92² 8 Mädchen ganz erröthend mit ſeinem Cavalier in den Kreis treten ſah, war vielleicht eine der unangenehmſten Empfindungen ſeines Lebens. Ein kalter Schweiß ſtieg ihm auf die Stirne, eine Wolke zog vor ſeinen Augen vorüber; er ſtreckte die Hand aus und ſtützte ſich auf das Geländer, denn er fühlte, daß ſeine Kniee, ſo kräftig ſie auch ſeyn mochten, nahe daran waren, unter ihm zu weichen. Catherine hatte dem Anſcheine und wohl auch der Wirklichkeit nach keinen Begriff von dem, was in dem Herzen von Pitou vorging; ſie war zugleich glücklich und ſtolz: glücklich, zu tanzen, ſtolz, mit dem ſchönſten Cavalier der Umgegend zu tanzen. War Pitou ge⸗ zwungen geweſen, Herrn von Charny als Ballſpieler zu bewundern, ſo mußte er auch Herrn von Charny als Tänzer Gerechtigkeit widerſahren laſſen. In jener Zeit hatte ſich die Mode, zu gehen, ſtatt zu tanzen, noch nicht eingeſchlichen. Der Tanz war eine Kunſt, welche einen Theil der Erziehung bildete. Abgeſehen von Herrn. Lauzun, der der Art, wie er ſeine erſte Courante bei der Quadrille des Königs getanzt, ſein Glück zu ver⸗ danken hatte, verdankte mehr als ein Oadelier die Gunſt, in der er bei Hofe ſtand, der Art, wie er den Kniebug anſpannte und die Fußſpitze vorwärts ſtieß. In dieſer Hinſicht war der Vicomte ein Muſter an Grazie und Vollkommenheit, und er hätte, wie Ludwig XIV., auf einem Theater mit der Ausſicht, beklatſcht zu werden, tanzen können, obgleich er weder König noch Schau⸗ ſpieler war. Zum zweiten Mal ſchaute Piton ſeine Beine an, und er war genöthigt, ſich zu geſtehen, wenn nicht eine große Veränderung in dieſem Theil ſeiner Perſon vor⸗ gehe, müſſe er darauf verzichten, ſich um Siege in der Art derjenigen, welche Herr von Charny in dieſem Augenblick davontrug, zu bewerben. Der Contretanz ging zu Ende; für Catharine hatte er kaum einige Sekunden gedauert, Pitou aber war er 94⁴ Contretanz ab, denn kaum war er beendigt, als das Mädchen Pitou mit ihr nach dem Pachthofe zurück⸗ zukehren aufforderte. Nie wurde eine Aufforderung mit größerem Eifer angenommen; doch der Schlag war geſchehen, und Pitou, während er Schritte machte, welche Catherine von Zeit zu Zeit mäßigen mußte, beobachtete das vollkommenſte Stillſchweigen. „Was haben Sie denn?“ fragte ihn Catherine; „und warum ſprechen Sie nicht mit mir?“ „Ich ſpreche nicht mit Ihnen, Jungfer Catherine,“ erwiederte Pitou,„weil ich nicht zu ſprechen weiß, wie Herr von Charny. Was ſoll ich Ihnen noch ſagen e ſchönen Dingen, die er Ihnen beim Tanze geſagt hat?“ „Sehen Sie, wie ungerecht Sie find, Herr Ange; wir ſprachen von Ihnen.“ „Von mir, und wie dies?“ „Ah! Herr Piton, wenn Ihr Gönner ſich nicht wiederfindet, wird man wohl einen andern für Sie wählen müſſen.“ „Ich bin alſo nicht mehr dazu gut, die Schrei⸗ bereien des Pachthofes zu beſorgen?“ fragte Piton mit einem Seufzer. „Im Gegentheil, Herr Ange, ich glaube, die Schrei⸗ bereien des Pachthofes ſind nicht gut genug für Sie. Wit der Erziehung, die Sie erhalten haben, können Sie zu etwas Beſſerem gelangen⸗ „Ich weiß nicht, wozu ich gelangen werde, aber ich weiß, daß ich zu nichts gelangen will, wenn ich nur durch den Herrn Vicomte von Charny zu etwas gelangen kann.“ „Und warum ſollten Sie ſeine Protection aus⸗ ſchlagen? Sein Bruder, der Graf von Charny, iſt, wie es ſcheint, vortrefflich bei Hofe angeſchrieben. Er ſagte mir, wenn es Ihnen angenehm ſehn könnte, ſo würde er Ihnen einen Platz beim Salzſteueramt ver⸗ ſchaffen.“ ——————— —— 93 wie ein Jahrhundert vorgekommen. Als ſie zurückkehrte und den Arm ihres Cavaliers nahm, bemerkte Cathe⸗ rine die Veränderung, welche in ſeiner Phyſtognomie vorgegangen. Er war bleich; der Schweiß perlte auf ſeiner Stirne, und eine durch die Eiferſucht halb ver⸗ zehrte Thräne rollte in ſeinem feuchten Auge. „Ah! mein Gott!“ ſagte Catherine,„was haben Sie denn?“ „Ach!“ erwiederte der arme Junge,„ich werde es nie wagen, mit Ihnen zu tanzen, nachdem ich Sie mit Herrn von Charny habe tanzen ſehen!“ „Bah! Sie brauchen ſich darum nicht zu grämen; Sie werden tanzen, wie Sie können, und es wird mir nicht weniger Vergnügen machen, mit Ihnen zu tanzen.“ „Ah! Sie ſagen das, um mich zu tröſten; doch ich laſſe mir Gerechtigkeit widerfahren, und es wird Ihnen immerhin mehr Vergnügen machen, mit dieſem jungen Adeligen, als mit mir, zu tanzen.“ Catherine antwortete nichts, denn ſie wollte nicht lügen; nur, da ſie ein vortreffliches Geſchöpf war und zu bemerken anfing, es gehe etwas Seltſames im Herzen des armen Jungen vor, widmete ſie ihm viel Freundſchaft, doch dieſe Freundſchaftsbezeigungen konnten ihm ſeine verlorene Heiterkeit nicht wiedergeben. Der Vater Billot hatte wahr geſprochen: Pitou fing an ein Menſch zu ſeyn,— er litt. Catherine tanzte noch fünf bis ſechs Contretänze, worunter einen zweiten mit Herrn von Charny. Ohne weniger zu leiden, war Pitou diesmal ſcheinbar ruhiger. Er folgte mit den Augen jeder Bewegung von Cathe⸗ rine und ihrem Cavalier. Er verſuchte es, aus der Bewegung ihrer Lippen zu errathen, was ſie ſich ſagten, und wenn bei den Figuren, die ſie ausführten, ihre Hände ſich vereinigten, ſuchte er zu errathen, ob dieſe Hände nur zuſammenkamen oder ob ſie, während ſte ſich vereinigten, ſich auch drückten. Ohne Zweifel wartete Catherine nur dieſen zweiten ück⸗ 95 „Sehr verbunden, Jungfer Catherine, doch ich be⸗ finde mich, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, ſehr wohl ſo, wie ich bin, und wenn Ihr Vater mich nicht fort⸗ ſchickt, werde ich im Pachthofe bleiben.“ „Und warum, des Teufels, ſollte ich Dich fort⸗ ſchicken?“ rief eine gewichtige Stimme, in der Catherine bebend die ihres Vaters erkannte. „Mein lieber Pitou,“ ſagte leiſe Catherine,„ich bitte Sie, ſprechen Sie nicht von Herrn Iſidor.“ „Wie! antworte doch!“ Ich weiß nicht,“ erwiederte Piton ſehr verlegen, zvielleicht finden Sie mich nicht geſchickt genug, um Ihnen nützlich zu ſeyn.“ „Nicht geſchickt genug, während Du rechnefl wie Baröme, und lieſeſt, um unſern Schulmeiſter zu corri⸗ giren, der ſich doch für einen großen Gelehrten hält! Nein, Piton, der gute Gott führt in mein Haus die Leute, die bei mir eintreten, und ſind ſie einmal einge⸗ i ſo bleiben ſie, ſo lange es dem guten Gott gefällt.“ Pitou kehrte auf dieſe Verſicherung in den Pacht⸗ hof zurück; aber obgleich dies etwas war, war es doch nicht viel; eine große Veränderung hatte ſich in ihm zwiſchen ſeinem Abgang und ſeiner Rückkehr bewerk⸗ ftelligt; er hatte Eines verloren, was ſich, iſt es ein⸗ mal verloren, nicht wiederfindet: das war das Selbſt⸗ vertrauen; Piton ſchlief auch gegen ſeine Gewohnheit ſehr ſchlecht. In jeinen ſchlafloſen Augenblicken erin⸗ nerte er ſich des Buches von Doctor Gilbert; dieſes Buch war hauptſächlich gegen den Adel, gegen die Mißbräuche der privilegirien Claſſen, gegen die Feig⸗ heit derjenigen, welche ſich dem nkee gerichtet; es kam Pitou vor, als fänge er erſt an, alle die ſchönen inge, die er am Morgen geleſen, zu begreifen, und er nahm ſich vor, ſo hald es Tag wäre, fur ſich allein und ganz leiſe das Meiſterwert wiederzuleſen, das laut und vor aller Welt geleſen hatte. Contretanz ab, denn kaum war er beendigt, als das Mädchen Pitou mit ihr nach dem Pachthofe zurück⸗ zukehren aufforderte. Nie wurde eine Aufforderung mit größerem Eifer angenommen; doch der Schlag war geſchehen, und Pitou, während er Schritte machte, welche Catherine von Zeit zu Zeit mäßigen mußte, beobachtete das vollkommenſte Stillſchweigen. „Was haben Sie denn?“ fragte ihn „und warum ſprechen Sie nicht mit mir?“ „Ich ſpreche nicht mit Ihnen, Jungſer Catherine,“ erwiederte Piton,„weil ich nicht zu ſprechen weiß, wie Herr von Charny. Was ſoll ich Ihnen noch ſagen nach all den ſchönen Dingen, die er Ihnen beim Tanze geſagt hat?“ „Sehen Sie, wie ungerecht Sie ſind, Herr Ange; wir ſprachen von Ihnen.“ „Von mir, und wie dies?“ „Ahl Herr Pitou, wenn Ihr Gönner ſich nicht wiederfindet, wird man wohl einen andern für Sie wählen müſſen.“ „ bin alſo nicht mehr dazu gut, die Schrei⸗ bereien des Pachthofes zu beſorgen?“ fragte Pitou mit einem Seufzer. „Im Gegentheil, Herr Ange, ich glaube, die Schrei⸗ bereien des Pachthofes ſind nicht gut genug für Sie. Mit der Erziehung, die Sie erhalten haben, können Sie zu etwas Beſſerem gelangen. „Ich weiß nicht, wozu ich gelangen werde, aber ich weiß, daß ich zu nichts gelangen will, wenn ich nur durch den Herrn Vicomte von Charny zu etwas Catherine; „Und warum ſollten Sie ſeine Protection aus⸗ ſchlagen? Sein Bruder, der Graf von Charny, iſt, wie ſagte mir, wenn es Ihnen angenehm ſeyn könnte, ſo würde er Ihnen einen Platz beim Salzſteueramt ver⸗ ſchaffen.“ — 96 Da aber Pitou ſchlecht geſchlafen hatte, ſo er⸗ wachte er ſpät. Nichtsdeſtoweniger beſchloß er, ſeinen Leſeplan in Ausführung zu bringen. Es war ſieben Uhr; der Pächter ſollte erſt um 9 Uhr zurückkehren; kam er indeſſen auch zurück, ſo konnte er einer Be⸗ ſchäftigung, die er ſelbſt empfohlen, nur Beifall ſpenden. Er ſtieg eine kleine Leiter hinab und ſetzte ſich auf eine Bank unter dem Fenſter von Catherine. War es der Zufall, der Pitou gerade an dieſen Ort ge⸗ führt hatte, oder kannte er die beziehungsweiſen Situa⸗ tionen dieſes Fenſters und dieſer Bank? So viel iſt gewiß, daß Piton, der wieder ſeine Werktagskleidung, die man durch eine andere zu er⸗ ſetzen noch nicht Zeit gehabt hatte, nämlich ſeine ſchwarze Hoſe, ſeinen grünen RKittel und ſeine gerötheten Schuhe trug, die Brochure aus ſeiner Taſche zog und zu leſen anfing. Leſung haben ſtattgefunden, ohne daß ſich die Augen des Leſers zuweilen vom Buche nach dem Fenſter ab⸗ wandten; da aber das Fenſter durchaus kein Bruſtbild von einem jungen Mädchen in ſeinem Rahmen von Kapuzinern und Winden bot, ſo hefteten ſich die Augen von Piton am Ende unabänderlich auf das Buch. Inſofern jedoch ſeine Hand es verſäumte, die Blätter umzudrehen, und inſofern dieſe Hand ſich um ſo weniger bewegte, je tiefer ſeine Aufmerkſamkeit ju ſein ſchien, konnte man allerdings glauben, ſein Geiſt ſei anderswo und er träume, ſtatt zu leſen. Plötzlich kam es Piton vor, als ſiele auf die bis dahin durch die Morgenſonne beleuchteten Seiten ein Schatten. Dieſer Schatten war zu dicht, um der einer Wolke zu ſeyn, und konnte alſo nur von einem undurch⸗ ſichtigen Körper herrühren; es gibt aber ſo reizend undurchſichtige Körper, daß Piton ſich raſch umwandte, um zu ſehen, wer derjenige wäre, welcher ihm die Sonne auffing. Wir möchten nicht behaupten, die Anfänge dieſer 95 „Sehr verbunden, Jungfer Catherine, doch ich be⸗ finde mich, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, ſehr wohl ſo, wie ich bin, und wenn Ihr Vater mich nicht fort⸗ ſchickt, werde ich im Pachthofe bleiben.“ „Und warum, des Teufels, ſollte ich Dich fort⸗ ſchicken?“ rief eine gewichtige Stimme, in der Catherine bebend die ihres Vaters erkannte. „Mein lieber Pitou,“ ſagte leiſe Catherine,„ich bitte Sie, ſprechen Sie nicht von Herrn Ifidor.“ „Wiel! antworte doch!“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte Pitou ſehr verlegen, „vielleicht finden Sie mich nicht geſchickt genug, um Ihnen nützlich zu ſeyn.“ „Nicht geſchickt genug, während Du rechneſt wie Barome, und lieſeſt, um unſern Schulmeiſter zu corri⸗ giren, der ſich doch für einen großen Gelehrten hält! Nein, Pitou, der gute Gott führt in mein Haus die Leute, die bei mir eintreten, und ſind ſie einmal einge⸗ treten, ſo bleiben ſie, ſo lange es dem guten Gott gefällt.“ Pitou kehrte auf dieſe Verſicherung in den Pacht⸗ hof zurück; aber obgleich dies etwas war, war es doch nicht viel; eine große Veränderung hatte ſich in ihm zwiſchen ſeinem Abgang und ſeiner Rückkehr bewerk⸗ ſtelligt; er hatte Eines verloren, was ſich, iſt es ein⸗ mal verloren, nicht wiederfindet: das war das Selbſt⸗ vertrauen; Pitou ſchlief auch gegen ſeine Gewohnheit ſehr ſchlecht. In ſeinen ſchlafloſen Augenblicken erin⸗ nerte er ſich des Buches von Doctor Gilbert; dieſes Buch war hauptſächlich gegen den Adel, gegen die Mißbräuche der privilegirten Claſſen, gegen die Feig⸗ heit derjenigen, welche ſich dem unterwerfen, gerichtet; es kam Piton vor, als fänge er erſt an, alle die ſchönen Dinge, die er am Morgen geleſen, zu begreifen, und er nahm ſich vor, ſo bald es Tag wäre, fur ſich allein und ganz leiſe das Meiſterwerk wiederzuleſen, das er laut und vor aller Welt geleſen hatte. er⸗ nen ben en; Be⸗ en ſich zar ge⸗ na⸗ ſen ſer. 97 Pitou täuſchte ſich. Es war in der That ein unburchſichtiger Kötper, der ihm denjenigen Theil des Lichts und der Wärme entzog, welchen Diogenes von Alexander forderte. Doch dieſer undurchſichtige Körper bot, ſtatt reizend zu ſeyn, im Gegentheil einen ſehr unangenehmen Anblick s war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, noch länger und hagerer als Pitou, in einem Kleid, das beinahe ſo abgetragen, als das ſeinige; er neigte den Kopf über ſeine Schulter und ſchien eben ſo neu⸗ gierig zu leſen, als Piton dies zerſtreut that. Pitou war ſehr erſtaunt; ein freundliches Lächeln erſchien auf den Lippen des ſchwarzen Mannes und zeigte einen Mund, in dem nur vier Zähne blieben, zwei oben und zwei unten, die ſich freuzten und wetzten wie die Hauzähne eines Wildſchweins. „Amerikaniſche Ausgabe,“ ſagte dieſer Mann mit näſelnder Stimme,„Format in Octav: Von der reiheit der Menſchen und der Unabhängig⸗ keit der Nationen.— Boſton 1788. Während der ſchwarze Mann ſo ſprach, öffnete Piton die Augen mit einem ſtufenweiſen Erſtaunen, ſo daß, als der Mann zu ſprechen aufhörte, die Augen von Piton die größte Entwickelung, zu der ſie gelangen konnten, erreicht hatten. „Boſton 1788. So iſt es, mein Herr,“ wiederholte Pitou. „Es iſt die Abhandlung des Doctor Gilbert,“ ſagte der ſchwarze Mann. „Ja, mein Herr,“erwiederte Piton artig und erſtand auf, denn er hatte immer ſagen hören, es ſei unhöflich, ſitzend mit einem Höheren zu reden, und in dem no naiven Geiſt von Pitou hatte jeder Menſch einen Vor⸗ rang vor ihm anzuſprechen. Doch wäßrend er aufſtand, bemerkte Pitou beim Fenſter etwas Roſiges, Bewegliches, was ihm zublinzelte. ieſes Etwas war Jungfer Catherine. Das Mädchen Ange Pitvu. 1. 7 96 Da aber Pitou ſchlecht geſchlafen hatte, ſo er⸗ wachte er ſpät. Nichtsdeſtoweniger beſchloß er, ſeinen Leſeplan in Ausführung zu bringen. Es war ſteben uhr; der Pächter ſollte erſt um 9 Uhr zurückkehren; kam er indeſſen auch zurück, ſo konnte er einer Be⸗ ſchäfligung, die er ſelbſt empfohlen, nur Beifall ſpenden. Er ſtieg eine kleine Leiter hinab und ſetzte ſich auf eine Bank unter dem Fenſter von Catherine. War es der Zufall, der Pitou gerade an dieſen Ort ge⸗ führt hatte, oder kannte er die beziehungsweiſen Situa⸗ tionen dieſes Fenſters und dieſer Bank? So viel iſt gewiß, daß Piton, der wieder ſeine Werktagskleidung, die man durch eine andere zu er⸗ ſetzen noch nicht Zeit gehabt hatte, nämlich ſeine ſchwarze Hoſe, ſeinen gruͤnen Kittel und ſeine gerötheten Schuhe trug, die Brochure aus ſeiner Taſche zog und zu leſen anfing.— Wir möchten nicht behaupten, die Anfänge dieſer Leſung haben ſtattgefunden, ohne daß ſich die Augen des Leſers zuweilen vom Buche nach dem Fenſter ab: wandten; da aber das Fenſter durchaus kein Bruſtbild von einem jungen Mädchen in ſeinem Rahmen von Kapuzinern und Winden bot, ſo hefteten ſich die Augen von Pitou am Ende unabänderlich auf das Buch. Inſofern jedoch ſeine Hand es verſäumte, die Blätter umzudrehen, und inſofern dieſe Hand ſich um ſo weniger bewegte, je tiefer ſeine Aufmerkſamkeit ſu ſein ſchien, konnte man allerdings glauben, ſein Ge ſei anderswo und er träume, ſtatt zu leſe dahin durch die Morgenſonne beleuchteten Seiten ein Schatten. Dieſer Schatten war zu dicht, um der einer Wolke zu ſeyn, und konnte alſo nur von einem undurch⸗ ſichtigen Körper herrühren; es gibt aber ſo reizend anzuſchauende undurchſichtige Körper, daß Piton raſch umwandte, um zu ſehen, wer derjenige wäre, welcher ihm die Sonne auffing. 4 n. Plötzlich kam es Pitou vor, als ſiele auf die bis ——————— 9 . 98 ſchaute ihn auf eine ſeltſame Weiſe an und machte ſonderbare Zeichen. „Mein Herr, ohne unbeſcheiden zu ſein,“ fragte der ſchwarze Mann, der, da er dem Fenſter den Rücken zugewendet hatte, dem was vorging, völlig fremd ge⸗ blieben war,„mein Herr, wem gehört dieſes Buch?“ Und er deutete mit den Fingern, jedoch ohne ſie zu berühren, auf die Brochure, welche Pitou in ſeinen Händen hielt. Pitou war im Begriff zu antworten, da gelangten zu ihm die von einer beinahe flehenden Stimme ge⸗ ſprochenen Worte: „Sagen Sie, es gehöre Ihnen.“ Der ſchwarze Mann, der ganz Auge war, hörte dieſe Worte nicht. „Mein Herr,“ antwortete Pitou majeſtätiſch,„dieſes Buch gehört mir.“ Der ſchwarze Mann ſchaute empor, denn er fing an zu bemerken, daß ihn von Zeit zu Zeit die erſtaun⸗ ten Blicke von Pitou verließen, um ſich zu einem beſondern Punkte zu erheben. Er ſah das Fenſter; doch Catherine hatte die Bewegung des ſchwarzen Mannes errathen und war raſch wie ein Vogel verſchwunden. „Nach was ſchauen Sie denn da oben?“ fragte der ſchwarze Mann. „Ah! mein Herr,“ erwiederte Piton lächelnd,„er⸗ lauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie ſehr neugierig ſind. Curiosus oder vielmehr avidus cognos- cendi, wie der Abbé Fortier, mein Lehrer, ſagte.“ „Sie ſagen alſo,“ ſprach der Frager, ohne daß er im Geringſten durch die Probe des Wiſſens einge⸗ ſchüchtert ſchien, welche Pitou in der Abſicht gegeben hatte, dem ſchwarzen Mann eine höhere Idee von ſich beizubringen als die, welche er Anfangs gefaßt.„Sie ſagen alſo, das Buch gehöre Ihnen?“ Pitou blinzelte ſo mit dem Auge, daß ſich das Fenſter wieder in ſeinem Lichtſtrahl befand. Der Kopf ,— —— 428 8 NSIBSEN 8ℳ N 97 Pitou täuſchte ſich. Es war in der That ein undurchſichtiger Körper, der ihm denjenigen Theil des Lichts und der Wärme entzog, welchen Diogenes von Alexander forderte. Doch dieſer undurchſichtige Körper bot, ſtatt reizend zu ſeyn, im Gegentheil einen ſehr unangenehmen Anblick. 3 Es war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, noch länger und hagerer als Pitou, in einem Kleid, das beinahe ſo abgetragen, als das ſeinige; er neigte den Kopf über ſeine Schulter und ſchien eben ſo neu⸗ gierig zu leſen, als Pitou dies zerſtreut that. Pitou war ſehr erſtaunt; ein freundliches Lächeln erſchien auf den Lippen des ſchwarzen Mannes und zeigte einen Mund, in dem nur vier Zähne blieben, zwei oben und zwei unten, die ſich freuzten und wetzten wie die Hauzähne eines Wildſchweins. „Amerikaniſche Ausgabe,“ ſagte dieſer Mann mit näſelnder Stimme,„Format in Octav: Von der Freiheit der Menſchen und der Unabhangig⸗ keit der Nationen.— Boſton 1788. Während der ſchwarze Mann ſo ſprach, öffnete Pitvu die Augen mit einem ſtufenweiſen Erſtaunen, ſo daß, als der Mann zu ſprechen aufhörte, die Augen von Piton die größte Entwickelung, zu der ſie gelangen konnten, erreicht hatten. 6„Boſton 1788. So iſt es, mein Herr,“ wiederholte itou. „Es iſt die Abhandlung des Doctor Gilbert,“ ſagte der ſchwarze Mann. „Ja, mein Herr,“erwiederte Pitou artig, und er ſtand auf, denn er hatte immer ſagen hören, es ſei unhöflich, ſitzend mit einem Höheren zu reden, und in dem noch naiven Geiſt von Pitou hatte jeder Menſch einen Vor⸗ rang vor ihm anzuſprechen. Doch während er aufſtand, bemerkte Pitou beim Fenſter etwas Roſiges, Bewegliches was ihm zublinzelte. Dieſes Etwas war Jungfer Catherine. Das Mädchen Ange Pitou. 1. 7 chte der ken ge⸗ 23 ien m ch es te r — — — S* — — 99. von Catherine erſchien abermals und machte ein be⸗ jahendes Zeichen. „Ja, mein Herr,“ antwortete Pitou.„Sollten Sie begierig ſein, es zu leſen? Avidus legendi libri oder legendae historiae?“ „Mein Herr,“ ſprach der ſchwarze Mann,„Sie cheinen mir ſehr über dem Stande zu ſein, den Ihre Kleider bezeichnen: Non dives vestitu sed ingenio. Dem zu Folge verhafte ich Sie.“ „Wie, Sie verhaften mich?“ rief Pitou, im höchſten Maße erſtaunt. „Ja, mein Herr, ich bitte alſo, folgen Sie mir.“ Pitou ſchaute nicht mehr in die Luft, ſondern um her, und erblickte zwei Sergenten, welche aus der Erde zu kommen ſchienen. „Nehmen wir das Protofoll auf, meine Herren,“ ſprach der ſchwarze Mann. Der Sergent band mit einem Strick die Hände von Piton und in ſeinen Pänden das Buch des Doctors feſt. Dann band er Pitou ſelbſt an einen Ring, der unter dem Fenſter angebracht war. Pitou wollte aufſchreien, doch er hörte, wie die⸗ 2 ſelbe Stimme ihm zuflüſterte?„Laſſen Sie machen.“ Pitou ließ alſo mit einer Gelehrigkeit machen, welche die Sergenten und beſonders den ſchwarzen Mann entzückten, ſo daß ſie ohne irgenv ein Mißtrauen in das Haus des Pächters eintraten, die zwei Sergenten, um einen Tiſch zu holen, der ſchwarze Mann wir werden ſpäter erfahren, warum? Kaum waren die Sergenten und der ſchwarze Mann in das Haus eingetreten, als die Stimme ſich hören ließ: „Heben Sie die Hände auf,“ ſagte die Stimme. „ Pitou hob nicht nur die Hände, ſondern auch den Kopf empor und erblickte das bleiche, erſchrockene Ge⸗ ſicht von Catherine; ſie hielt ein Meſſer in der Hand: „Noch mehr„. noch mehr,“ ſagte ſ 98 ſchaute ihn auf eine ſeltſame Weiſe an und machte ſonderbare Zeichen. „Mein Herr, ohne unbeſcheiden zu ſein,“ fragte der ſchwarze Mann, der, da er dem Fenſter den Rücken zugewendet hatte, dem was vorging, völlig fremd ge⸗ blieben war,„mein Herr, wem gehört dieſes Buch?“ Und er deutete mit den Fingern, jedoch ohne ſie zu berühren, auf die Brochure, welche Pitou in ſeinen Händen hielt. Pitou war im Begriff zu antworten, da gelangten zu ihm die von einer beinahe flehenden Stimme ge⸗ ſprochenen Worte: „Sagen Sie, es gehöre Ihnen.“ Der ſchwarze Mann, der ganz Auge war, hörte dieſe Worte nicht. „Mein Herr,“ antwortete Pitou majeſtätiſch,„dieſes Buch gehört mir.“ Der ſchwarze Mann ſchaute empor, denn er fing an zu bemerken, daß ihn von Zeit zu Zeit die erſtaun⸗ ten Blicke von Pitou verließen, um ſich zu einem beſondern Punkte zu erheben. Er ſah das Fenſter; doch Catherine hatte die Bewegung des ſchwarzen Mannes errathen und war raſch wie ein Vogel verſchwunden. „Nach was ſchauen Sie denn da oben?“ fragte der ſchwarze Mann. „Ah! mein Herr,“ erwiederte Pitou lächelnd,„er⸗ lauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie ſehr neugierig ſind. Curiosus oder vielmehr avidus cognos- cendi, wie der Abbé Fortier, mein Lehrer, ſagte.“ „Sie ſagen alſo,“ ſprach der Frager, ohne daß er im Geringſten durch die Probe des Wiſſens einge⸗ ſchüchtert ſchien, welche Pitou in der Abſicht gegeben hatte, dem ſchwarzen Mann eine höhere Idee von ſich beizubringen als die, welche er Anfangs gefaßt.„Sie ſagen alſo, das Buch gehöre Ihnen?“ Pitou blinzelte ſo mit dem Auge, daß ſich das Fenſter wieder in ſeinem Lichtſtrahl befand. Der Kopf 100 Piton erhob ſich auf den Fußſpitzen. Catherine neigte ſich hinaus; die Klinge berührte den Strick, und Piton erlangte die Freiheit ſeiner Hände wieder. „Nehmen Sie das Meſſer,“ ſagte Catherine,„und durchſchneiden Sie den Strick, der Sie am Ring feſthält.“ Pitou ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er durch⸗ ſchnitt den Strick und war völlig frei. „Hier iſt ein Doppel⸗Louis d'or“ ſagte Catherine; „Sie haben gute Beine, retten Sie ſich; gehen Sie nach Paris und benachrichtigen Sie den Doctor.“ Sie konnte nicht mehr ſprechen; die Sergenten erſchienen wieder und der Doppel Louis d'or fiel zu den Füßen von Pitou. Pitou raffte ihn behende auf. Die Sergenten waren in der That auf der Thürſchwelle; ſie verweilten hier einen Augenblick erſtaunt, denjenigen, welchen fie kurz zuvor ſo gut gebunden, frei zu ſehen. Bei ihrem Anblick ſträubten ſich die Haare auf dem Haupte von Pitou und er erinnerte ſich verworren des in crinibus angues der Eumeniden. Die Sergenten und Piton blieben einen Moment in der Lage des Haſen und eines ſtehenden Hundes: ſie ſchauten ſich unbeweglich an. Wie aber bei der ge⸗ ringſten Bewegung des Hundes der Haſe auſpackt, ſo machte bei der erſten Bewegung der Sergenten Piton einen wunderbaren Sprung und befand ſich auf der andern Seite einer Hecke. Die Sergenten ſtießen einen Schrei aus, der den Gefreiten, welcher eine kleine Caſſette unter ſeinem Arm trug, herbeilaufen machte. Der Gefreite verlor ſeine Zeit nicht mit Redensarten und fing an Pitou nachzulaufen. Die zwei Sergenten thaten daſſelbe. Doch ſie waren nicht ſtark genug, um wie Piton über eine Hecke von drei und einem halben Fuß Höhe zu S 8— ³⁴⏑ △8̈ Su — ☛ 99 von Catherine erſchien abermals und machte ein be⸗ jahendes Zeichen. „Ja, mein Herr,“ antwortete Piton.„Sollten Sie begierig ſein, es zu leſen? Avidus legendi libri oder legendae historiae?“ „Mein Herr,“ ſprach der ſchwarze Mann,„Sie ſcheinen mir ſehr über dem Stande zu ſein, den Ihre Kleider bezeichnen: Non dives vestitu sed ingenio. Dem zu Folge verhafte ich Sie.“ „Wie, Sie verhaften mich?“ rief Pitoun, im höchſten Maße erſtaunt. „Ja, mein Herr, ich bitte alſo, folgen Sie mir.“ Pitou ſchaute nicht mehr in die Luft, ſondern um ſich her, und erblickte zwei Sergenten, welche aus der Erde zu kommen ſchienen. „Nehmen wir das Protokoll auf, meine Herren,“ ſprach der ſchwarze Mann. Der Sergent band mit einem Strick die Hände von Pitou und in ſeinen Händen das Buch des Doctors feſt. Dann band er Pitou ſelbſt an einen Ring, der unter dem Fenſter angebracht war. Piton wollte aufſchreien, doch er hörte, wie die⸗ ſelbe Stimme ihm zuflüſterte:„Laſſen Sie machen.“ Piton ließ alſo mit einer Gelehrigkeit machen, welche die Sergenten und beſonders den ſchwarzen Mann entzückten, ſo daß ſie ohne irgend ein Mißtrauen in das Haus des Pächters eintraten, die zwei Sergenten, um einen Tiſch zu holen, der ſchwarze Mann.... wir werden ſpäter erfahren, warum? Kaum waren die Sergenten und der ſchwarze Pean licßdas Haus eingetreten, als die Stimme ſich ören ließ: „Heben Sie die Hände auf,“ ſagte die Stimme. Pitou hob nicht nur die Hände, ſondern auch den Kopf empor und erblickte das bleiche, erſchrockene Ge⸗ ſicht von Catherine; ſte hielt ein Meſſer in der Hand: „Noch mehr... noch mehr,“... ſagte t. us 101 ſpringen, und ſahen ſich daher genöthigt, einen Umweg zu machen. Als ſie aber an die Ecke der Hecke kamen, er⸗ blickten ſie Pitou auf mehr als fünfhundert Schritte in der Ebene; er ſteuerte geraden Weges auf den Wald zu, von dem er kaum eine Viertelmeile entfernt war, und den er folglich in wenigen Minuten erreichen mußte. In dieſem Augenblick wandte ſich Pitou um, und als er die Sergenten erblickte, die ihn mehr zu Be⸗ freiung ihres Gewiſſens, als in der Hoffnung, ihn zu erreichen, verfolgten, verdoppelte er ſeine Schnelligkeit und verſchwand bald im Saume des Waldes. Piton lief ſo noch eine Viertelſtunde; er würde zwei Stunden gelaufen ſein, wenn es nöthig geweſen wäre: er hatte den Athem des Hirſches, wie er auch deſſen Geſchwindigkeit hatte. och nach Verlauf einer Viertelſtunde, als er in⸗ ſtinetartig dachte, er ſei außer Gefahr, blieb er ſtehen, athmete, horchte, und nachdem er ſich verſichert hatte, daß er ganz allein war, ſagte er: „Es iſt unglaublich, daß ſo viele Ereigniſſe in drei Tagen Raum haben konnten.“ Dann ſchaute er abwechſelnd ſeinen Doppel⸗Louis d'or und ſein Meſſer an und ſprach: „Oh! ich hätte gerne Zeit haben mögen, um meinen Doppel⸗Louis d'or zu wechſeln und zwei Sous Jungfer Catherine zurückzugeben, denn ich befürchte ſehr, dieſes Meſſer ſchneidet unſere Freundſchaft ab⸗ Gleichviel,“ fügte er bei,„da ſie mich hat heute nach Paris gehen heißen, ſo gehe ich dahin.“ Und nachdem er ſich orientirt und erkannt hatte, daß er ſich zwiſchen Bourſonne und Yors befand, wählte er einen kleinen durch den Wald gehauenen Pfad, der ihn in gerader Linie zu den Heiden von Gondre⸗ ville führen mußte, welche die Straße nach Paris durchzieht. ———— 100 Pitou erhob ſich auf den Fußſpitzen. Catherine neigte ſich hinaus; die Klinge berührte den Strick, und Pitou erlangte die Freiheit ſeiner Hände wieder. „Nehmen Sie das Meſſer,“ ſagte Catherine,„und durchſchneiden Sie den Strick, der Sie am Ring feſthält.“ Pitou ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er durch⸗ ſchnitt den Strick und war völlig frei. „Hier iſt ein Doppel⸗Louis d'or“ ſagte Catherine; „Sie haben gute Beine, retten Sie ſich; gehen Sie nach Paris und benachrichtigen Sie den Doctor.“ Sie konnte nicht mehr ſprechen; die Sergenten erſchienen wieder und der Doppel⸗Louis d'or fiel zu den Füßen von Pitou. Pitou raffte ihn behende auf. Die Sergenten waren in der That auf der Thürſchwelle; ſie verweilten hier einen Augenblick erſtaunt, denjenigen, welchen ſie kurz zuvor ſo gut gebunden, frei zu ſehen. Bei ihrem Anblick ſträubten ſich die Haare auf dem Haupte von Pitou und er erinnerte ſich verworren des in orinibus angues der Eumeniden. Die Sergenten und Pitou blieben einen Moment in der Lage des Haſen und eines ſtehenden Hundes: ſie ſchauten ſich unbeweglich an. Wie aber bei der ge⸗ ringſten Bewegung des Hundes der Haſe aufpackt, ſo machte bei der erſten Bewegung der Sergenten Pitou einen wunderbaren Sprung und befand ſich auf der andern Seite einer Hecke. Die Sergenten ſtießen einen Schrei aus, der den Gefreiten, welcher eine kleine Caſſette unter ſeinem Arm trug, herbeilaufen machte. Der Gefreite verlor ſeine Zeit nicht mit Redensarten und fing an Pitou nachzulaufen. Die zwei Sergenten thaten daſſelbe. Doch ſie waren nicht ſtark genug, um wie Pitou über eine Hecke von drei und einem halben Fuß Höhe zu 102 VIII. Warum der ſchwarze Mann zu gleicher Zeit mit den zwei Sergenten in das Hails des Pächters eingetreten war. Kehren wir nun zum Pachthof zurück und erzählen die Kataſtrophe, von der die Epiſode von Pitou nur die Entwickelung war. Gegen ſechs Uhr Morgens kam ein Polizeiagent von Paris in Begleitung von zwei Sergenten in Villers⸗Cotterets an; er erſchien beim Polizeicommiſſär ließ ſich die Wohnung des Pächters Billot be⸗ zeichnen. Fünfhundert Schritte vom Pachthof bemerkte der Gefreite einen Knecht, der auf dem Feld arbeitete, er näherte ſich ihm und fragte ihn, ob er Herrn Billot zu Hauſe fände. Der Knecht antwortete, Herr Billot kehre nie vor neun Uhr, das heißt vor der Stunde ſeines Frühſtücks, zurück. Doch in dieſem Moment ſchlug der Knecht zufällig die Augen auf, deutete mit dem Finger auf einen Reiter, der in einer Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile mit einem Schäfer planderte, und ſagte: „Ah! dort iſt gerade derjenige, welchen Sie ſuchen.“ „Herr Billot?“ Ja „Jener Reiter?“ „Er iſt es ſelbſt.“ „Mein Freund,“ ſprach der Gefreite,„wollen Sie Ihrem Herrn wohl ein Vergnügen machen?“ „Das würde ich ſehr gern thun.“ „So gehen Sie und ſagen Sie ihm, ein Herr von Paris erwarte ihn im Pachthofe.“ „Oh!“ rief der Meier,„ſollte es der Doctor Gil⸗ bert ſein?“ — ——— 2V—— —,— 101 ſpringen, und ſahen ſich daher genöthigt, einen Umweg zu machen. Als ſie aber an die Ecke der Hecke kamen, er⸗ blickten ſie Pitou auf mehr als fünfhundert Schritte in der Ebene; er ſteuerte geraden Weges auf den Wald zu, von dem er kaum eine Viertelmeile entfernt war, und den er folglich in wenigen Minuten erreichen mußte. In dieſem Augenblick wandte ſich Pitou um, und als er die Sergenten erblickte, die ihn mehr zu Be⸗ freiung ihres Gewiſſens, als in der Hoffnung, ihn zu erreichen, verfolgten, verdoppelte er ſeine Schnelligkeit und verſchwand bald im Saume des Waldes. Pitou lief ſo noch eine Viertelſtunde; er würde zwei Stunden gelaufen ſein, wenn es nöthig geweſen wäre: er hatte den Athem des Hirſches, wie er auch deſſen Geſchwindigkeit hatte. Doch nach Verlauf einer Viertelſtunde, als er in⸗ ſtinctartig dachte, er ſei außer Gefahr, blieb er ſtehen, athmete, horchte, und nachdem er ſich verſichert hatte, daß er ganz allein war, ſagte er: „Es iſt unglaublich, daß ſo viele Ereigniſſe in drei Tagen Raum haben konnten.“ Dann ſchaute er abwechſelnd ſeinen Doppel⸗Louis d'or und ſein Meſſer an und ſprach: „Ohl ich hätte gerne Zeit haben mögen, um meinen Doppel⸗Louis d'or zu wechſeln und zwei Sous Jungfer Catherine zurückzugeben, denn ich befürchte ſehr, dieſes Meſſer ſchneidet unſere Freundſchaft ab. Gleichviel,“ fügte er bei,„da ſie mich hat heute nach Paris gehen heißen, ſo gehe ich dahin.“ Und nachdem er ſich orientirt und erkannt hatte, daß er ſich zwiſchen Bourſonne und Yvors befand, wählte er einen kleinen durch den Wald gehauenen Pfad, der ihn in gerader Linie zu den Heiden von Gondre⸗ ville führen mußte, welche die Straße nach Paris durchzieht. z n r nt ir e⸗ er er ot de it 9 er . 103 „Gehen Sie immerhin,“ ſagte der Gefreite. Der Bauer ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er lief querfeldein, während der Gefreite und die zwei Sergenten ſich hinter einer halb zerfallenen Mauer, bei⸗ nahe dem Thore des Pachthofes gegenüber, in den Hinterhalt legten. Nach einem Augenblick hörte man den Galopp eines Pferdes: Billot kam an. Er ritt in ſeinen Hof, ſtieg ab, warf den Zügel einem Stallknechte zu und ſtürzte in die Küche, überzengt, das Erſte, was er ſehen würde, wäre der unter dem weiten Mantel des Kamins ſtehende Doctor Gilbert; doch er ſah nur Frau Billot, welche mitten in der Küche ſaß und ihre Enten mit der ganzen Sorgfalt und der ganzen Pünktlichkeit rupfte, die dieſe ſchwierige Operation erfordert. Catherine war in ihrem Zimmer beſchäftigt, eine Haube für den nächſten Sonntag zurecht zu richten; Ca⸗ therine ſorgte, wie man ſieht, lange vorher; doch für die Frauen iſt, wie ſie ſagen, das Vergnügen, ſich mit ihrem Putz zu beſchäftigen, beinahe ebenſo groß, als das, wirklich ſich zu putzen. Billot blieb auf der Schwelle ſtehen und ſchaute umher. „Wer verlangt nach mir?“ ſagte er. vi„Ich,“ antwortete eine flötenartige Stimme in der ähe. Billot wandte ſich um und erblickte den ſchwarzen Mann und die zwei Sergenten. „Potz tauſend!“ rief er, indem er zwei Schritte rückwärts machte,„was wollen Sie?“ „Oh! mein Gott, beinahe nichts, mein lieber Herr Billot,“ antwortete der Mann mit der Flötenſtimme, veine Hausſuchung in Ihrem Pachthofe vornehmen, das iſt das Ganze.“ „Eine Hausſuchung!“ rief Billot. 10²2 VIII. Warum der ſchwarze Mann zu gleicher Zeit mit den zwei Sergenten in das Haus des Pächters 3 eingetreten war. Kehren wir nun zum Pachthof zurück und erzählen die Kataſtrophe, von der die Epiſode von Pitou nur die Entwickelung war. Gegen ſechs Uhr Morgens kam ein Polizeiagent von Paris in Begleitung von zwei Sergenten in Villers⸗Cotterets an; er erſchien beim Polizeicommiſſär und ließ ſich die Wohnung des Pächters Billot be⸗ zeichnen.— Fünfhundert Schritte vom Pachthof bemerkte der Gefreite einen Knecht, der auf dem Feld arbeitete, er näherte ſich ihm und fragte ihn, ob er Herrn Billot zu Hauſe fände. Der Knecht antwortete, Herr Billot kehre nie vor neun Uhr, das heißt vor der Stunde ſeines Frühſtücks, zuruͤck. Doch in dieſem Moment ſchlug der Knecht zufällig die Augen auf, deutete mit. dem Finger auf einen Reiter, der in einer Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile mit einem Schäfer plauderte, und ſagte: „Ahl dort iſt gerade derjenige, welchen Sie ſuchen.“ „Herr Billot?“ „Ja.* „Jener Reiter?“ „Er iſt es ſelbſt.“— „Mein Freund,“ ſprach der Gefreite,„wollen Sie Ihrem Herrn wohl ein Vergnügen machen?“ „Das würde ich ſehr gern thun.“ „So gehen Sie und ſagen Sie ihm, ein Herr von Paris erwarte ihn im Pachthofe.“ „Oh!“ rief der Meier,„ſollte es der Doctor Gil⸗ bert ſein?“ 4 104 Billot warf einen Blick nach ſeiner Flinte, welche über dem Kamin hing, und ſagte dann: „Seitdem wir eine Nationalverſammlung haben, glaubte ich, wir ſeien nicht mehr ſolchen Plackereien ausgeſetzt, welche einer anderen Zeit angehören und nach einer anderen Regierung riechen. Was wollen Sie von mir, der ich ein friedlicher und rechtſchaffener Mann bin?“ Die Agenten aller Polizeien der Welt haben das mit einander gemein, daß ſie nie auf die Fragen ihrer Opfer antworten. Nur, während ſie dieſelben durch⸗ ſuchen, während ſie dieſelben verhaften, während ſie dieſelben binden und knebeln, beklagen ſie Einige, und das ſind die Gefährlichſten, weil ſie die Beſten zu ſein ſcheinen. Derjenige, welcher bei dem Pächter Billot erſchien, war aus der Schule der Tapin und der Desgrés, ganz in Süßigkeit eingemachter Leute, die immer eine Thräne für diejenigen haben, welche ſie verfolgen, aber dennoch ihre Hände nie gebrauchen, um ſich die Augen abzuwiſchen. Der Erwähnte winkte, während er einen Seufzer ausſtieß, den zwei Sergenten mit der Hand; ſie näher⸗ ten ſich Billot, der einen Sprung rückwärts machte und die Hand ausſtreckte, um ſeine Flinte zu ergreifen. Doch ſeine Hand wurde von der Waffe abgewendet,— die in dieſem Augenblick doppelt gefährlich, inſofern ſie zugleich Denjenigen, welcher ſich ihrer bediente, und den, gegen welchen ſie gerichtet war, tödten konnte,— und zwiſchen zwei kleinen, aber durch den Schrecken und durch das Flehen mächtigen Händen einge⸗ ſchloſſen. Catherine war nämlich auf das Geräuſch aus der Stube herausgetreten und zu rechter Zeit angekommen, um ihren Vater von dem Verbrechen der Rebellion gegen das Gericht zu bewahren. Als der erſte Augenblick vorüber war, leiſtete Billot —————— 103 „Gehen Sie immerhin,“ ſagte der Gefreite. Der Bauer ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er lief querfeldein, während der Gefreite und die zwei Sergenten ſich hinter einer halb zerfallenen Mauer, bei⸗ nahe dem Thore des Pachthofes gegenüber, in den Hinterhalt legten. Nach einem Augenblick hörte man den Galopp eines Pferdes: Billot kam an. Er ritt in ſeinen Hof, ſtieg ab, warf den Zügel einem Stallknechte zu und ſtürzte in die Küche, überzeugt, das Erſte, was er ſehen würde, wäre der unter dem weiten Mantel des Kamins ſtehende Doctor Gilbert; doch er ſah nur Frau Billot, welche mitten in der Kuͤche ſaß und ihre Enten mit der ganzen Sorgfalt und der ganzen Pünktlichkeit rupfte, die dieſe ſchwierige Operation erfordert. Catherine war in ihrem Zimmer beſchäftigt, eine Haube für den nächſten Sonntag zurecht zu richten; Ca⸗ therine ſorgte, wie man ſieht, lange vorher; doch für die Frauen iſt, wie ſie ſagen, das Vergnügen, ſich mit ihrem Putz zu beſchäftigen, beinahe ebenſo groß, als das, wirklich ſich zu putzen. Billot blieb auf der Schwelle ſtehen und ſchaute umher. „Wer verlangt nach mir?“ ſagte er. Rahe“ antwortete eine flötenartige Stimme in der ähe. Billot wandte ſich um und erblickte den ſchwarzen Mann und die zwei Sergenten. „Potz tauſend!“ rief er, indem er zwei Schritte rückwärts machte,„was wollen Sie?“ „Ohl mein Gott, beinahe nichts, mein lieber Herr Billot,“ antwortete der Mann mit der Flötenſtimme, „eine Hausſuchung in Ihrem Pachthofe vornehmen, das iſt das Ganze.“ „Eine Hausſuchung!“ rief Billot. 10⁵ keinen Wiberſtand mehr. Der Gefreite befahl, ihn in einen Saal des Erdgeſchoſſes, Catherine in eine Stube des erſten Stocks einzuſchließen; Frau Billot hielt man für ſo harmlos, daß man ſich nicht mit ihr beſchäftigte und ſie in ihrer Küche ließ. Wornach der Geſreite, der ſich als Herrn des Platzes ſah, Secretäre, Commoden und Schränke durchſuchte. Billot, als er allein war, wollte fliehen. Doch wie die meiſten Stuben des Erdgeſchoſſes, ſo war auch die, in welcher er eingeſchloſſen, vergittert. Der ſchwarze Mann hatte das Gitter mit dem erſten Blick bemerkt, während es Billot, auf deſſen Geheiß es angebracht worden war, vergeſſen hatte. Durch das Schloß erblickte er den Gefreiten und ſeine zwei Leute, die das ganze Haus umkehrten. „Ah!“ rief er,„was macht Ihr denn da?“ „Sie ſehen es wohl, mein lieber Herr Billot,“ antwortete der Gefreite,„wir ſuchen etwas, was wir noch nicht gefunden haben.“ 8 ſeid aber Banditen, Schurken, Diebe viel⸗ eicht.“ „Oh! mein Herr,“ antwortete der Gefreite,„Sie thun uns Unrecht, wir ſind ehrliche Leute, wie Sie, nur ſtehen wir im Solde Seiner Majeſtät und ſind folglich genöthigt, ihre Befehle zu vollziehen.“ „Die Befehle Seiner Majeſtät!“ rief Billot;„König Ludwig XVI. hat Euch Befehle gegeben, meinen Seere⸗ tär zu durchſuchen und in meinen Commoden und Schrän⸗ ken das Oberſte zu unterſt zu kehren?“ „Seine Majeſtät,“ ſprach Billot,„Seine Majeſtät, als im vorigen Jahre die Hungersnoth ſo groß war, daß wir ſchon daran dachten, unſere Pferde zu verzeh⸗ ren, Seine Majeſtät, als uns vor zwei Jahren der Hagel am 13. Juli unſere Ernte zerſchlug, Seine Maje⸗ ſtät geruhte nicht, ſich um uns zu bekümmern. Was hat ſie denn heute mit meinem Pachthof zu thun, 104 Billot warf einen Blick nach ſeiner Flinte, welche über dem Kamin hing, und ſagte dann: „Seitdem wir eine Nationalverſammlung haben, glaubte ich, wir ſeien nicht mehr ſolchen Plackereien ausgeſetzt, welche einer anderen Zeit angehören und nach einer anderen Regierung riechen. Was wollen Sie von mir, der ich ein friedlicher und rechtſchaffener Mann bin?“ Die Agenten aller Polizeien der Welt haben das mit einander gemein, daß ſie nie auf die Fragen ihrer Opfer antworten. Nur, während ſie dieſelben durch⸗ ſuchen, während ſie dieſelben verhaften, während ſie dieſelben binden und knebeln, beklagen ſie Einige, und das ſind die Gefährlichſten, weil ſie die Beſten zu ſein ſcheinen. Derjenige, welcher bei dem Pächter Billot erſchien, war aus der Schule der Tapin und der Desgrés, ganz in Süßigkeit eingemachter Leute, die immer eine Thräne für diejenigen haben, welche ſie verfolgen, aber dennoch ihre Hände nie gebrauchen, um ſich die Augen abzuwiſchen. Der Erwähnte winkte, während er einen Seufzer ausſtieß, den zwei Sergenten mit der Hand; ſie näher⸗ ten ſich Billot, der einen Sprung rückwärts machte und die Hand ausſtreckte, um ſeine Flinte zu ergreifen. Doch ſeine Hand wurde von der Waffe abgewendet,— die in dieſem Augenblick doppelt gefährlich, inſofern ſie zugleich Denjenigen, welcher ſich ihrer bediente, und den, gegen welchen ſtie gerichtet war, tödten konnte,— und zwiſchen zwei kleinen, aber durch den Schrecken ſreren und durch das Flehen mächtigen Händen einge⸗ ſchloſſen. 1 Catherine war nämlich auf das Geräuſch aus der Stube herausgetreten und zu rechter Zeit angekommen, um ihren Vater von dem Verbrechen der Rebellion gegen das Gericht zu bewahren. Als der erſte Augenblick vorüber war, leiſtete Billot 106 den ſie nie geſehen, und mit mir, den ſie nicht kennt?“ „Sie werden mir verzeihen, mein Herr,“ ſagte der Gefreite, indem er die Thüre vorſichtig ein wenig öffnete und ſeinen vom Polizeilientenant unterzeichneten, aber dem Gebrauche gemäß mit dem Eingang: Im Namen des Königs, verſehenen Befehl vorzeigte,„Seine Maje⸗ ſtöt hat von Ihnen ſprechen hören, und wenn ſie Sie nicht perſönlich kennt, ſo weiſen Sie darum doch nicht die Ehre zurück, die ſie Ihnen anthut, und empfangen Sie, wie es ſchicklich iſt, diejenigen, welche in ihrem Namen erſcheinen.“ Und mit einer artigen Reverenz und einem kleinen freundſchaftlichen Winke mit dem Auge ſchloß der Ge⸗ freite die Thüre wieder, wornach die Expedition ihren Fortgang nahm. Billot ſchwieg und ging mit gekreuzten Armen, wie ein Löwe im Käſfich, in der Stube umher; er fühlte ſich gefangen und in der Gewalt dieſer Menſchen. Das Werk der Durchſuchung wurde ſtillſchweigend fortgeſetzt. Dieſe Menſchen ſchienen vom Himmel ge⸗ fallen zu ſein. Niemand hatte ſie geſehen, als der Taglöhner, der ihnen den Weg gezeigt. In den Höfen hatten die Hunde nicht gebellt; der Anführer der Er⸗ pedition mußte ein unter ſeinen Collegen geſchickter Mann ſein, der nicht bei ſeinem erſten Handſtreich war. Billot hörte das Seufzen ſeiner in der Stube über ihm eingeſchloſſenen Tochter. Er erinnerte ſich ihrer prophetiſchen Worte, denn es unterlag keinem Zweifel, daß die Verfolgung, die den Pächter traf, das Buch des Doctors zur Urſache hatte. Es hatte indeſſen neun Uhr geſchlagen, und Billot konnte durch ſein vergittertes Fenſter, Einen nach dem Andern, ſeine Knechte zählen, welche von der Arbeit zurückkamen. Bei dieſem Anblick begriff er, daß im Falle eines Zuſammenſtoßes die Stärke, wenn nicht das Recht, auf ſeiner Seite wäre. Dieſe Ueberzeugung —— 105 keinen Widerſtand mehr. Der Gefreite befahl, ihn in einen Saal des Erdgeſchoſſes, Catherine in eine Stube des erſten Stocks einzuſchließen; Frau Billot hielt man für ſo harmlos, daß man ſich nicht mit ihr beſchäftigte und ſie in ihrer Kuͤche ließ. Wornach der Gefreite, der ſich als Herrn des Platzes ſah, Secretäre, Commoden und Schränke durchſuchte. Billot, als er allein war, wollte fliehen. Doch wie die meiſten Stuben des Erdgeſchoſſes, ſo war auch die, in welcher er eingeſchloſſen, vergittert. Der ſchwarze Mann hatte das Gitter mit dem erſten Blick bemerkt, während es Billot, auf deſſen Geheiß es angebracht worden war, vergeſſen hatte. Durch das Schloß erblickte er den Gefreiten und ſeine zwei Leute, die das ganze Haus umkehrten. „Ah!“ rief er,„was macht Ihr denn da?“ „Sie ſehen es wohl, mein lieber Herr Billot,“ antwortete der Gefreite,„wir ſuchen etwas, was wir noch nicht gefunden haben.“ leich„Ihr ſeid aber Banditen, Schurken, Diebe viel⸗ eicht.“ „Oh! mein Herr,“ antwortete der Gefreite,„Sie thun uns Unrecht, wir ſind ehrliche Leute, wie Sie, nur ſtehen wir im Solde Seiner Majeſtät und ſind folglich genöthigt, ihre Befehle zu vollziehen.“ „Die Befehle Seiner Majeſtät!“ rief Billot;„König Ludwig XVI. hat Euch Befehle gegeben, meinen Secre⸗ tär zu durchſuchen und in meinen Commoden und Schrän⸗ ken das Oberſte zu unterſt zu kehren?“ a 44 7/* „Seine Majeſtät,“ ſprach Billot,„Seine Majeſtät, als im vorigen Jahre die Hungersnoth ſo groß war, daß wir ſchon daran dachten, unſere Pferde zu verzeh⸗ ren, Seine Majeſtät, als uns vor zwei Jahren der Hagel am 13. Juli unſere Ernte zerſchlug, Seine Maje⸗ ſtät geruhte nicht, ſich um uns zu bekümmern. Was hat ſie denn heute mit meinem Pachthof zu thun, * 107 machte das Blut in ſeinen Adern kochen. Er hatte nicht den Muth, ſich länger zu bewältigen, packte die Thüre beim Handgriff und rüttelte einmal ſo gewaltig daran, daß er mit ein paar ähnlichen Erſchütterungen das Schloß geſprengt hätte. Die Agenten öffneten ſogleich und ſahen den Pächter hoch aufgerichtet und drohend auf der Schwelle erſcheinen; überall war das Oberſte zu unterſt gekehrt. „Aber was ſucht Ihr denn bei mir?“ rief Billot. „Sagt es, oder beim Teufel, ich ſchwöre, daß ich Euch zwinge, es zu ſagen.“ Die allmälige Rückkehr der Leute des Pachthofes war einem Mann von ſo geübtem Auge, wie das des Gefreiten, nicht entgangen. Er hatte die Knechte ge⸗ zählt und die Ueberzengung erlangt, im Falle eines Zuſammenſtoßes könnte er das Schlachtfeld nicht wohl behaupten. Er näherte ſich daher Billot mit ein Höf⸗ lichkeit, welche noch honigſüßer als gewöhnlich, bückte ſich bis auf den Boden und ſprach: „Ich will es Ihnen ſagen, lieber Herr Billot, obgleich das gegen unſere Gewohnheiten iſt. Wir ſuchen bei Ihnen ein umſtürzendes Buch, eine aufrühreriſche Brochure, welche von unſeren königlichen Cenſoren ver⸗ boten worden iſt.“ „Ein Buch bei einem Pächter, der nicht leſen kann?“ „Darüber darfmanſich nicht wundern, wenn Sie der Freund des Verfaſſers ſind und er es Ihnen geſchickt hat.“ „Ich bin nicht der Freund des Dockor Gilbert,“ erwiederte der Pächter,„ich bin ſein ergebenſter Diener; Freund des Doctors, das wäre eine zu große Ehre für einen armen Pächter meiner Art.“ Dieſer unüberlegte Ausfall, in welchem ſich Billot dadurch verrieth, daß er geſtand, er kenne nicht nur den Verfaſſer, was als ganz natürlich erſcheinen mußte, da der Verfaſſer ſein Grundherr war, ſondern auch das Buch, ſicherte dem Agenten den Sieg. Er richtete ſich auf, nahm ſeine liebenswürdigſte Miene an, berührte 106 1 den ſie nie geſehen, und mit mir, den ſie nicht kennt?“ „Sie werden mir verzeihen, mein Herr,“ ſagte der Gefreite, indem er die Thüre vorſichtig ein wenig öffnete und ſeinen vom Polizeilientenant unterzeichneten, aber dem Gebrauche gemäß mit dem Eingang: Im Namen des Königs, verſehenen Befehl vorzeigte,„Seine Maje⸗ ſtät hat von Ihnen ſprechen hören, und wenn ſte Sie nicht perſönlich kennt, ſo weiſen Sie darum doch nicht die Ehre zurück, die ſie Ihnen anthut, und empfangen Sie, wie es ſchicklich iſt, diejenigen, welche in ihrem Namen erſcheinen.“ Und mit einer artigen Reverenz und einem kleinen freundſchaftlichen Winke mit dem Auge ſchloß der Ge⸗ freite die Thüre wieder, wornach die Expedition ihren Fortgang nahm. Billot ſchwieg und ging mit gekreuzten Armen, wie ein Löwe im Käſich, in der Stube umher; er fühlte ſich gefangen und in der Gewalt dieſer Menſchen. Das Werk der Durchſuchung wurde ſtillſchweigend fortgeſetzt. Dieſe Menſchen ſchienen vom Himmel ge⸗ fallen zu ſein. Niemand hatte ſie geſehen, als der Taglöhner, der ihnen den Weg gezeigt. In den Höfen hatten die Hunde nicht gebellt; der Anführer der Erx⸗ pedition mußte ein unter ſeinen Collegen geſchickter Mann ſein, der nicht bei ſeinem erſten Handſtreich war. Billot hörte das Seufzen ſeiner in der Stube über ihm eingeſchloſſenen Tochter. Er erinnerte ſich ihrer prophetiſchen Worte, denn es unterlag keinem Zweifel, daß die Verfolgung, die den Pächter traf, das Buch des Doctors zur Urſache hatte. 3 Es hatte indeſſen neun Uhr geſchlagen, und Billot konnte durch ſein vergittertes Fenſter, Einen nach dem Andern, ſeine Knechte zählen, welche von der Arbeit zurückkamen. Bei dieſem Anblick begriff er, daß im Falle eines Zuſammenſtoßes die Stärke, wenn nicht das Recht, auf ſeiner Seite wäre. Dieſe Ueberzeugung —.,☛&& à22 8 22 ———— 1ͤ— ,— ᷣ——— ———— 108 den Arm von Billot mit einem Lächeln, das ſein Ge⸗ ſicht quer durch zu theilen ſchien, und ſprach: „Du biſt's, der ihn genannt, kennen Sie dieſen Vers, mein guter Herr Billot?“ „Ich kenne keine Verſe.“ „Er iſt von Herrn Raeine, einem ſehr großen Dichter.“ „Nun! was bedeutet dieſer Vers?“ fragte Billot ungeduldig. eeitet daß Sie ſich verrathen haben.“ „Sie ſelbſt.“ „Wie dies?“ „Indem Sie zuerſt Herrn Gilbert nannten, welchen wir nicht zu nennen ſo discret geweſen ſind.“ „Das iſt wahr,“ murmelte Billot. „Sie geſtehen alſo?“ „Ich werde mehr thun.“ „Oh! mein lieber Herr Billot, Sie ſind allzugütig; was werden Sie thun?“ „Wenn es dieſes Buch iſt, was Sie ſuchen, und wenn ich Ihnen ſage, wo Sie es finden können,“ er⸗ wiederte der Pächter mit einer Unruhe, die er nicht völlig verbergen konnte,„werden Sie aufhören, Alles umzukehren?“ Der Gefreite machte den zwei Sbirren ein Zeichen. „Ganz gewiß,“ ſagte er,„da dieſes Buch der Ge⸗ genſtand der Hausſuchung iſt. Nur werden Sie uns vielleicht ein Eremplar eingeſtehen, während Sie zehn haben?“ fügte er mit ſeiner lächelnden Grimaſſe bei. „Ich habe nur eines, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Das ſind wir durch die genauſte Nachforſchung zu ermitteln verpflichtet, lieber Herr Billot,“ ſprach der Gefreite.„Gedulden Sie ſich alſo noch fünf Minu⸗ ten; wir ſind nur arme Agenten, welche Befehle von der Behörde erhalten haben, und Sie würden ſich nicht gern dem widerſetzen, daß Leute von Ehre,— es gibt — 12 8 u — 2N 107 machte das Blut in ſeinen Adern kochen. Er hatte nicht den Muth, ſich länger zu bewältigen, packte die Thüre beim Handgriff und rüttelte einmal ſo gewaltig daran, daß er mit ein paar ähnlichen Erſchütterungen das Schloß geſprengt hätte. Die Agenten öffneten ſogleich und ſahen den Pächter hoch aufgerichtet und drohend auf der Schwelle erſcheinen; überall war das Oberſte zu unterſt gekehrt. „Aber was ſucht Ihr denn bei mir?“ rief Billot. „Sagt es, oder beim Teufel, ich ſchwöre, daß ich Euch zwinge, es zu ſagen.“ Die allmälige Rückkehr der Leute des Pachthofes war einem Mann von ſo geübtem Auge, wie das des Gefreiten, nicht entgangen. Er hatte die Knechte ge⸗ zählt und die Ueberzeugung erlangt, im Falle eines Zuſammenſtoßes könnte er das Schlachtfeld nicht wohl behaupten. Er näherte ſich daher Billot mit ein Höf⸗ lichkeit, welche noch honigſüßer als gewöhnlich, bückte ſich bis auf den Boden und ſprach: „Ich will es Ihnen ſagen, lieber Herr Blllot, obgleich das gegen unſere Gewohnheiten iſt. Wir ſuchen bei Ihnen ein umſtürzendes Buch, eine aufrühreriſche Brochure, welche von unſeren königlichen Cenſoren ver⸗ boten worden iſt.“ „Ein Buch bei einem Pächter, der nicht leſen kann?“ „Darüber darf man ſich nicht wundern, wenn Sie der Freund des Verfaſſers ſind und er es Ihnen geſchickt hat.“ „Ich bin nicht der Freund des Doctor Gilbert,“ erwiederte der Pächter,„ich bin ſein ergebenſter Diener; Freund des Doctors, das wäre eine zu große Ehre für einen armen Pächter meiner Art.“ Dieſer unüberlegte Ausfall, in welchem ſich Billot dadurch verrieth, daß er geſtand, er kenne nicht nur den Verfaſſer, was als ganz natürlich erſcheinen mußte, da der Verfaſſer ſein Grundherr war, ſondern auch das Buch, ſicherte dem Agenten den Sieg. Er richtete ſich auf, nahm ſeine liebenswürdigſte Miene an, berührte e⸗ ie en en id r⸗ ht 6 — —, 109 in allen Ständen, lieber Herr Billot,— Sie würben ſich nicht gern dem widerſetzen, daß Leute von Ehre ihre Pflicht tyun.“ Der ſchwarze Mann hatte den rechten Ton gefun⸗ den. So mußte man mit Billot ſprechen. „Thun Sie es, aber geſchwinde,“ ſagte er. Und er wandte ihnen den Rücken zu. Der Gefreite machte ganz ſachte die Thüre zu und drehte nicht minder ſachte den Schlüſſel einmal um. Billot ließ ihn, die Achſeln zuckend, gewähren, denn er war ſicher, die Thüre an ſich ziehen zu können, wann er wollte. Der ſchwarze Mann machte ſeinerſeits den Ser⸗ genten ein Zeichen und ſie gingen an's Geſchäft, und in einem Augenblick hatten alle Drei, ihre Thätigkeit verdoppelnd, Bücher, Papiere, Wäſche, geöffnet, ent⸗ faltet. entziffert. Plötzlich erblickte man hinten in einem geöffneten Schranke ein Kiſtchen von Eichenholz mit eiſernem Beſchlag. Der Gefreite fiel darüber her, wie ein Geier über ſeine Beute. Schon beim Anblick, ſchon beim Geruch, ſchon bei der Berührung allein erkfannte er ohne Zweifel das, was er ſuchte, denn er verbarg raſch das Kiſtchen unter ſeinem Mantel und bedeutete den Sergenten durch ein Zeichen, die Sendung ſei erfüllt. Gerade in dieſem Augenblick wurde Billot unge⸗ duldig; er blieb vor ſeiner geſchloſſenen Thüre ſtehèh. „Aber ich ſage Euch, daß Ihr es nicht finden werdet, wenn ich Euch nicht bezeichne, wo es iſt,“ rief er.„Es iſt ganz unnöthig, alle meine Sachen um Nichts und wieder Nichts unter einander zu werfen. Was Teufels! ich bin kein Verſchwörer! Hört ihr mich? Atwortet, oder beim Gewitter! ich gehe nach Paris und beklage mich dort beim König, bei der National⸗ verſammlung, bei aller Welt!“ 108 den Arm von Billot mit einem Lächeln, das ſein Ge⸗ ſicht quer durch zu theilen ſchien, und ſprach: „Du biſt's, der ihn genannt, kennen Sie dieſen Vers, mein guter Herr Billot?“ „Ich kenne keine Verſe.“ „Er iſt von Herrn Racine, einem ſehr großen Dichter.“ „Nun! was bedeutet dieſer Vers?“ fragte Billot ungeduldig. „Er hedeutet, daß Sie ſich verrathen haben.“ & 174 „Indem Sie zuerſt Herrn Gilbert nannten, welchen „Ich werde mehr thun.“ „Ohl mein lieber Herr Billot, Sie ſind allzugütig; was werden Sie thun?“ „Wenn es dieſes Buch iſt, was Sie ſuchen, und wenn ich Ihnen ſage, wo Sie es finden können,“ er⸗ wiederte der Pächter mit einer Unruhe, die er nicht völlig verbergen konnte,„werden Sie aufhören, Alles umzukehren?“ Der Gefreite machte den zwei Sbirren ein Zeichen. „Ganz gewiß,“ ſagte er,„da dieſes Buch der Ge⸗ genſtand der Hausſuchung iſt. Nur werden Sie uns vielleicht ein Eremplar eingeſtehen, während Sie zehn haben?“ fügte er mit ſeiner lächelnden Grimaſſe bei. „Ich habe nur eines, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Das ſind wir durch die genauſte Nachforſchung zu ermitteln verpflichtet, lieber Herr Billot,“ ſprach der Gefreite.„Gedulden Sie ſich alſo noch fünf Minu⸗ ten; wir ſind nur arme Agenten, welche Befehle von der Behörde erhalten haben, und Sie würden ſich nicht gern dem widerſetzen, daß Leute von Ehre,— es gibt 110⁰ ½ r jener Zeit ſetzte man den König noch vor das olk. a, mein lieber Herr Billot, wir hören Sie, und wir ſind ganz bereit, uns Ihren vortrefflichen Gründen zu fügen. Sagen Sie uns, wo das Buch iſt, und da wir uns nun überzeugt haben, daß Sie nur dieſes einzige Eremplar beſitzen, ſo werden wir es in Beſchlag nehmen, und uns ſodann ganz einfach entfernen.“ „Wohl denn!“ erwiederte Billot,„dieſes Buch iſt in den Händen eines ehrlichen Jungen, dem ich es heute Morgen anvertraut habe, um es zu einem Freunde zu bringen.“ „Und wie heißt dieſer ehrliche Junge?“ fragte mit aller Einfalt der ſchwarze Mann. „Ange Pitou. Es iſt eine arme Waiſe, die ich aus Barmherzigkeit bei mir aufgenommen habe, und die gar nicht weiß, von was das Buch handelt.“ „Ich danke, lieber Herr Billot,“ ſprach der Gefreite, indem er die Wäſche wieder in den Schrank warf, und den Schrank über der Wäſche, aber nicht mehr über dem Kiſtchen ſchloß.„Aber wo iſt, wenn es beliebt, dieſer liebenswürdige Junge?“ „Ich glaube ihn bei meiner Rückkehr, bei den Feuerbohnen, unter der Laube bemerkt zu haben. Gehen Si⸗ nehmen Sie das Buch, aber thun Sie ihm kein eid an.“ „Ein Leid, wir! oh! lieber Herr Billot, Sie ken⸗ ſchlecht! Wir würden keiner Fliege ein Leid anthun.“ Und ſie rückten gegen den bezeichneten Ort vor. Bei den Feuerbohnen angelangt, gewahrten ſie Piton, den ſein großer Wuchs noch furchtbarer erſcheinen ließ, als er es in Wirklichkeit war. Da der Gefreite nun dachte, die zwei Sergenten würden ſeiner Hülfe bedür⸗ fen, um mit dem jungen Rieſen fertig zu werden, ſo machte er ſeinen Mantel los, wickelte das Kiſtchen darein und verbarg das Ganze in einer dunkeln Ecke — en ot 109 in allen Ständen, lieber Herr Billot,— Sie würden ſich nicht gern dem widerſetzen, daß Leute von Ehre ihre Pflicht thun.“ Der ſchwarze Mann hatte den rechten Ton gefun⸗ den. So mußte man mit Billot ſprechen. „Thun Sie es, aber geſchwinde,“ ſagte er. Und er wandte ihnen den Rücken zu. Der Gefreite machte ganz ſachte die Thüre zu und drehte nicht minder ſachte den Schlüſſel einmal um. Billot ließ ihn, die Achſeln zuckend, gewähren, denn er war ſicher, die Thüre an ſich ziehen zu können, wann er wollte. Der ſchwarze Mann machte ſeinerſeits den Ser⸗ genten ein Zeichen und ſie gingen an's Geſchäft, und in einem Augenblick hatten alle Drei, ihre Thätigkeit verdoppelnd, Bücher, Papiere, Wäſche, geöffnet, ent⸗ faltet, entziffert. Plötzlich erblickte man hinten in einem geöffneten Schranke ein Kiſtchen von Eichenholz mit eiſernem Beſchlag. Der Gefreite ſiel darüber her, wie ein Geier über ſeine Beute. Schon beim Anblick, ſchon beim Geruch, ſchon bei der Berührung allein erkannte er ohne Zweifel das, was er ſuchte, denn er verbarg raſch das Kiſtchen unter ſeinem Mantel und bedeutete den zwei Sergenten durch ein Zeichen, die Sendung ſei erfüllt. Gerade in dieſem Augenblick wurde Billot unge⸗ duldig; er blieb vor ſeiner geſchloſſenen Thüre ſtehen. „Aber ich ſage Euch, daß Ihr es nicht finden werdet, wenn ich Euch nicht bezeichne, wo es iſt,“ rief er.„Es iſt ganz unnöthig, alle meine Sachen um Nichts und wieder Nichts unter einander zu werfen. Was Teufels! ich bin kein Verſchwörer! Hört ihr mich? Autwortet, oder beim Gewitter! ich gehe nach Paris und beklage mich dort beim König, bei der National⸗ verſammlung, bei aller Welt!“ nd , in ſeinem Bereich. Doch Cathreine welche mit dem Ohr an der Thüre horchi) erſchied unbeſtimmt die Worte: Buch, Doctor und Pitou. Als ſie den Sturm losbrechen ſah, den ſie geahnet hatte, kam ihr * auch der Gedanke, ſeine Wirkung zu ſchwächen. Da flüſterte ſie Piton zu, er möge ſich als Eigenthümer des Buches erklären. Wir haben, was weiter vorfiel, ge⸗ ſagt, wir haben geſagt, wie Pitou von dem Gefreiten und ſeinen Leuten gebunden, geknebelt, und ſofort von Catherine, welche den Augenblick benützte, wo die Ser⸗ genten hineingingen, um einen Tiſch, und der ſchwarze ann, um ſeinen Mantel und die Caſſette zu holen, in Freiheit geſetzt wurde. Wir haben ferner geſagt, wie Pitou, über eine Hecke ſpringend, die Flucht ergriff, aber wir haben nicht geſagt, daß als ein Mann von Geiſt der Gefreite dieſe Flucht benützte. nder That, da die dem Gefreiten anvertraute dop⸗ . pelte Sendung vollbracht war, bot die Flucht von Pitou dem ſchwarzen Mann und ſeinen zwei Agenten eine vortreffliche Gelegenheit, ſelbſt zu entfliehen. Der ſchwarze Mann trieb daher, obgleich er keine Hoffnung hatte, den Flüchtigen einzuholen, feine zwei ergenten durch die Stimme und durch ſein Beiſpiel an, ſo daß Jeder, der ſie durch den Klee, das Getreide und die Luzerne hätte fliegen ſehen, dieſe drei Menſchen für die erbittertſten Feinde des armen Piton gehalten haben würde, während ſie im Grunde ihres Herzens ſeine lan⸗ gen Beine ſegneten. Doch kaum war Piton in den Wald eingedrungen, kaum haiten ſie den Saum deſſelben erreicht, als ſie hinter einem Gebſiſch ſtehen blieben. Während ihres Laufes waren zwei weitere Agenten zu ihnen geſtoßen, die ſich in der Umgegend des Pachthofes verborgen hielten und erſt in dem Fall, daß ihr Anführer rufen würde, herbeieilen ſollten. Bei meiner Treue,“ ſagte der Gefreite,„es iſt ein Glück, daß dieſer Burſche nicht das Kiſichen gehabt In jener Zeit ſetzte man den König noch vor das Volk „Ja, mein lieber Herr Billot, wir hören Sie, und wir ſind ganz bereit, uns Ihren vortrefflichen Gründen zu fügen. Sagen Sie uns, wo das Buch iſt, und da wir uns nun überzeugt haben, daß Sie nur dieſes einzige Exemplar beſitzen, ſo werden wir es in Beſchlag nehmen, und uns ſodann ganz einfach entfernen.“ „Wohl denn!“ erwiederte Billot,„dieſes Buch iſt in den Händen eines ehrlichen Jungen, dem ich es heute Morgen anvertraut habe, um es zu einem Freunde zu bringen.“ „Und wie heißt dieſer ehrliche Junge?“ fragte mit aller Einfalt der ſchwarze Mann. „Ange Pitou. Es iſt eine arme Waiſe, die ich aus Barmherzigkeit bei mir aufgenommen habe, und die gar nicht weiß, von was das Buch handelt.“ „Ich danke, lieber Herr Billot,“ ſprach der Gefreite, indem er die Wäſche wieder in den Schrank warf, und den Schrank über der Wäſche, aber nicht mehr über dem Kiſtchen ſchloß.„Aber wo iſt, wenn es beliebt, dieſer liebenswürdige Junge?“ „ Ich glaube ihn bei meiner Rückfehr, bei den Feuerbohnen, unter der Laube bemerkt zu haben. Gehen Se nehmen Sie das Buch, aber thun Sie ihm kein eid an.“ „Ein Leid, wir! oh! lieber Herr Billot, Sie ken⸗ nen uns ſchlecht! Wir würden keiner Fliege ein Leid anthun.“ Und ſie rückten gegen den bezeichneten Ort vor. Bei den Feuerbohnen angelangt, gewahrten ſie Piton, den ſein großer Wuchs noch furchtbarer erſcheinen ließ, als er es in Wirklichkeit war. Da der Gefreite nun dachte, die zwei Sergenten würden ſeiner Hülfe bedür⸗ fen, um mit dem jungen Rieſen fertig zu werden, ſo machte er ſeinen Mantel los, wickelte das Kiſtchen darein und verbarg das Ganze in einer dunkeln Ecke — e 5 e — —GSͤS= £ x FUen, S Neee 112 hat, ſtatt das Buch zu cn. Wir wären genöthigt geweſen, die Poſt zu nehmen, um ihn zu erwiſchen. Broßer Gott! das iſt nicht der Kniebug eines Menſchen, ſondern eine Hirſchſehne.“ „Ja,“ ſprach einer von den Sergenten, doch er hatte es nicht, nicht wahr Herr Pas de loup*)? Sie haben es im Gegentheil.“ „Gewiß, mein Freund, hier iſt es,“ antwortete derjenige, deſſen Namen oder vielmehr Zunamen, wel⸗ chen man ihm wegen der Leichtigkeit und Schrägheit ſeines Ganges gegeben, wir zum erſten Mal genannt. „Dann haben wir ein Recht auf die verſprochene elohnung.“ „Hier iſt ſie,“ ſagte der Gefreite. Und er zog aus ſeiner Taſche vier Louis d'or und vertheilte ſie unter ſeine vier Agenten, ohne daß er denjenigen, welche ge⸗ handelt hatten, einen Vorzug vor denjenigen, welche nur gewartet, gab. „Es lebe der Herr Lieutenant!“ riefen die Ser⸗ genten. „Es iſt nicht ſchlimm, zu rufen:„Es lebe der Herr Lieutenant!““ ſagte Pas de loupz„doch ſo oft man das thut, muß man es mit Unterſcheidung thun. Nicht der Herr Lieutenant bezahlt.“ „Wer denn?“ „Einer von ſeinen Freunden, oder eine von ſeinen Freundinnen, ich weiß nicht genau, welcher oder welche, da die betreffende Perſon anonym zu bleiben wünſcht.“ „Ich wette, es iſt die Perſon, der die Caſſette zu⸗ ommt.“ „Rigoulot, mein Freund, ich habe immer behauptet, Du ſeiſt ein Junge voll Scharfſinn; doch mittlerweile, bis dieſer Scharfſinn ſeine Früchte trägt und ſeine Belohnung herbeiführt, wollen wir ausreißen; der ver⸗ dammte Pächter ſieht nicht ſehr mild und umgänglich *) Wolfstritt. 111 in ſeinem Bereich. Doch Cathreine, welche mit dem Ohr an der Thüre horchte, unterſchied unbeſtimmt die Worte: Buch, Doctor und Pitou. Als ſie den Sturm losbrechen ſah, den ſie geahnet hatte, kam ihr auch der Gedanke, ſeine Wirkung zu ſchwächen. Da flüſterte ſie Piton zu, er möge ſich als Eigenthümer des Buches erklären. Wir haben, was weiter vorfiel, ge⸗ ſagt, wir haben geſagt, wie Pitou von dem Gefreiten und ſeinen Leuten gebunden, geknebelt, und ſofort von Catherine, welche den Augenblick benützte, wo die Ser⸗ genten hineingingen, um einen Tiſch, und der ſchwarze Mann, um ſeinen Mantel und die Caſſette zu holen, in Freiheit geſetzt wurde. Wir haben ferner geſagt, wie Pitou, über eine Hecke ſpringend, die Flucht ergriff, aber wir haben nicht geſagt, daß als ein Mann von Geiſt der Gefreite dieſe Flucht benützte. In der That, da die dem Gefreiten anvertraute dop⸗ pelte Sendung vollbracht war, bot die Flucht von Pitou dem ſchwarzen Mann und ſeinen zwei Agenten eine vortreffliche Gelegenheit, ſelbſt zu entfliehen. Der ſchwarze Mann trieb daher, obgleich er keine Hoffnung hatte, den Flüchtigen einzuholen, ſeine zwei Sergenten durch die Stimme und durch ſein Beiſpiel an, ſo daß Jeder, der ſie durch den Klee, das Getreide und die Luzerne hätte fliegen ſehen, dieſe drei Menſchen für die erbittertſten Feinde des armen Pitou gehalten haben würde, während ſie im Grunde ihres Herzens ſeine lan⸗ gen Beine ſegneten. Doch kaum war Piton in den Wald eingedrungen, kaum hatten ſte den Saum deſſelben erreicht, als ſie hinter einem Gebüſch ſtehen blieben. Während ihres aufes waren zwei weitere Agenten zu ihnen geſtoßen, die ſich in der Umgegend des Pachthofes verborgen hielten und erſt in dem Fall, daß ihr Anführer rufen würde, herbeieilen ſollten. „Bei meiner Treue,“ ſagte der Gefreite,„es iſt ein Gluck, daß dieſer Burſche nicht das Kiſtchen gehabt igt en. en, er ben ete e eit us ter ge⸗ ene 1¹3 aus, und wenn er wahrnimmt, daß die Caſſette fehlt, könnte er uns alle ſeine Knechte nachſetzen laſſen, und das ſind Burſche, die ihren Schuß ſo richtig thun, als der beſte Schweizer von der Garde Seiner Majeſtät. Dieſe Anſicht war wohl die der Majorität, denn die fünf Agenten ſetzten ihren Marſch unaufhaltſam im Saume des Waldes fort, der ſie vor Aller Augen ver⸗ harg und drei Viertelmeilen von da wieder zur Straße führte. Die Vorſicht war nicht überflüſſig, denn kaum hatte Catherine den ſchwarzen Mann und die zwei Sergenten in Verfolgung von Pitou verſchwinden ſehen, als ſie voll Vertrauen zu der Behendigkeit von demjenigen, den ſie verfolgten, welche Behendigkeit ſie, wenn nicht ein Unfall dazwiſchen trat, weit führen mußte, die RKnechte, die wohl wußten, daß etwas vorging, aber nicht wußten, was vorging, rief, um ihnen zu ſagen, ſie ſollen ihr die Thüre öffnen. Die Knechte liefen herbei, und Catherine, als ſie frei war, beeilte ſich, ihren Vater auch in Freiheit zu ſetzen. Billot ſchien zu träumen. Statt aus der Stube zu ſtürzen, ging er nur mißtrauiſch und kehrte von der Thüre mitten in das Zimmer zurück. Es war, als getraute er ſich nicht, am Platze zu bleiben, und als hätte er zugleich bange, ſeinen Blick auf das von den Agenten geſprengte und geleerte Hausgeräthe zu werfen. „Und ſie haben ihm das Buch genommen, nicht wahr?“ fragte Billot. „Ja, mein Vater, doch Sie haben ihn nicht ge⸗ nommen.“ „Wen, ihn?“ „Pitou. Er iſt entflohen. Und wenn ſie ihm immer noch nachlaufen, ſo müſſen ſie nun in Cayolles oder in Vauciennes ſein.“ „Deſto beſſer! Armer Junge! ich habe ihm das zugezogen.“ „Oh! mein Vater, bekümmern Sie ſich nicht um Inge Piton, 1. 5 112 hat, ſtatt das Buch zu haben. Wir wären genöthigt geweſen, die Poſt zu nehmen, um ihn zu erwiſchen. Großer Gott! das iſt nicht der Kniebug eines Menſchen, ſondern eine Hirſchſehne.“ „Ja,“ ſprach einer von den Sergenten, doch er hatte es nicht, nicht wahr Herr Pas de loup*)? Sie haben es im Gegentheil.“ „Gewiß, mein Freund, hier iſt es,“ antwortete derjenige, deſſen Namen oder vielmehr Zunamen, wel⸗ chen man ihm wegen der Leichtigkeit und Schrägheit ſeines Ganges gegeben, wir zum erſten Mal genannt. „Dann haben wir ein Recht auf die verſprochene Belohnung.“ „Hier iſt ſie,“ ſagte der Gefreite. Und er zog aus ſeiner Taſche vier Louis d'or und vertheilte ſie unter ſeine vier Agenten, ohne daß er denjenigen, welche ge⸗ handelt hatten, einen Vorzug vor denjenigen, welche nur gewartet, gab. „Es lebe der Herr Lieutenant!“ riefen die Ser⸗ genten. 1 „Es iſt nicht ſchlimm, zu rufen:„„Es lebe der Herr Lieutenant!““ ſagte Pas de loup;„doch ſo oft man das thut, muß man es mit Unterſcheidung thun. Nicht der Herr Lieutenant bezahlt.“ „Wer denn?“ „Einer von ſeinen Freunden, oder eine von ſeinen Freundinnen, ich weiß nicht genau, welcher oder welche, da die betreffende Perſon anonym zu bleiben wünſcht.“ „Ich wette, es iſt die Perſon, der die Caſſette zu⸗ kommt.“. „Rigoulot, mein Freund, ich habe immer behauptet, Du ſeiſt ein Junge voll Scharfſinn; doch mittlerweile, bis dieſer Scharfſinn ſeine Früchte trägt und ſeine Belohnung herbeiführt, wollen wir ausreißen; der ver⸗ dammte Pächter ſieht nicht ſehr mild und umgänglich *) Wolfstritt. 114 ihn, und denken wir nur an uns. Seien Sie unbe⸗ ſorgt, Piton wird ſich ſchon heraus helfen. Doch, mein Gott! welche Unordnung! Sehen Sie doch, meine Mutter!“ „Oh! mein Weißzeugſchrank,“ rief Frau Billot. „Sie haben nicht einmal meinen Weißzeugſchrank reſpec⸗ tirt. Das ſind ruchloſe Geſellen!“ „Sie haben im Weißzeugſchrank geſucht!“ rief Billot. Und er ſtürzte auf den Schrank zu, den, wie ge⸗ ſagt, der Sergent ſorgfältig wieder geſchloſſen hatte, und tauchte mit ſeinen beiden Armen durch die Haufen um⸗ geworfener Servietten. „Oh!“ rief er,„das iſt unmöglich!“ „Was ſuchen Sie, mein Vater?“ fragte Catherine. ſchaute in einer Art von Geiſtesverwirrung umher. „Sieh, ob Du es irgendwo findeſt. Doch neinz in dieſer Commode, nein; in dieſem Secretäre auch nicht; übrigens war es da, denn ich hatte es ſelbſt hierher geſtellt. Noch geſtern habe ich es geſehen. Nicht das Buch ſuchten dieſe Elenden, ſondern das Kiſtchen.“ „Welches Kiſtchen?“ ſragte Catherine. „Ei! Du weißt es wohl.“. „Das Kiſtchen des Doctor Gilbert?“ ſagte Frau Billot, welche bei Umſtänden von hoher Bedeutung ſchwieg und die Andern handeln und ſprechen ließ. „Ja, das Kiſtchen des Doctor Gilbert,“ rief Billot, indem er die Hände in ſeine dichten Haare verſenkte. „Das ſo koſtbare Kiſtchen!“ 3 erſchrecken mich, mein Vater,“ ſprach Ca⸗ erine. „Oh! ich Unglücklicher!“ rief Billot voll Wuth; „und ich habe mir das nicht ahnen laſſen! ich habe por nicht an dieſes Kiſtchen gedacht! Oh! was wird der Doctor ſagen? was wird er von mir halten? Ich ſei ein Verräther, ein Feiger, ein Elender!“ —,.— ———— 113 aus, und wenn er wahrnimmt, daß die Caſeette fehlt, könnte er uns alle ſeine Knechte nachſetzen laſſen, und das ſind Burſche, die ihren Schuß ſo richtig thun, als der beſte Schweizer von der Garde Seiner Majeſtät. . Dditeſe Anſicht war wohl die der Majorität, denn die fünf Agenten ſetzten ihren Marſch unaufhaltſam im Saume des Waldes fort, der ſie vor Aller Augen ver⸗ bans und drei Viertelmeilen von da wieder zur Straße ührte. Die Vorſicht war nicht überflüſſig, denn kaum hatte Catherine den ſchwarzen Mann und die zwei Sergenten in Verfolgung von Pitou verſchwinden ſehen, als ſie voll Vertrauen zu der Behendigkeit von demjenigen, den ſie verfolgten, welche Behendigkeit ſie, wenn nicht ein Unfall dazwiſchen trat, weit führen mußte, die Knechte, die wohl wußten, daß etwas vorging, aber nicht wußten, was vorging, rief, um ihnen zu ſagen, ſie ſollen ihr die Thüre öffnen. Die Knechte liefen herbei, und Catherine, als ſie frei war, beeilte ſich, ihren Vater auch in Freiheit zu ſetzen. Billot ſchien zu träumen. Statt aus der Stube zu ſtürzen, ging er nur mißtrauiſch und kehrte von der Thüre mitten in das Zimmer zurück. Es war, als getraute er ſich nicht, am Platze zu bleiben, und als hätte er zugleich bange, ſeinen Blick auf das von den Agenten geſprengte und geleerte Hausgeräthe zu werfen. „Und ſie haben ihm das Buch genommen, nicht wahr?“ fragte Billot. „Ja, mein Vater, doch Sie haben ihn nicht ge⸗ nommen.“ „Wen, ihn?“ „Pitou. Er iſt entflohen. Und wenn ſie ihm immer noch nachlaufen, ſo müſſen ſie nun in Cayolles oder in Vauciennes ſein.“ „Oeſto beſſer! Armer Junge! ich habe ihm das zugezogen.“ „Oh! mein Vater, bekümmern Sie ſich nicht um Ange Piton. I. 8 be⸗ ein ine lot. ec⸗ lot. ge⸗ und m⸗ ine. ung in cht; her das rau ung lot, kte. Ca⸗ 5; abe vird — 11⁵ „Aber, mein Gott! was enthielt denn vas Kiſichen, mein Vater?“ „Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß ich mich dem Doctor mit meinem Leben dafür verbürgt habe, und daß ich mich hätte müſſen tödten laſſen, um es zu ver⸗ theidigen,“ rief Billot. Und er machte eine ſo verzweifelte Geberde, daß Frau und ſeine Tochter vor Schrecken zurück⸗ wichen. „Mein Gott, mein Gott, werden Sie wahnſinnig, mein Vater?“ ſagte Catherine. Und ſie brach in ein Schluchzen aus. „Antworten Sie mir doch!“ rief ſie,„um des Himmels willen, antworten Sie mir doch.“ „Mein Freund,“ ſprach Frau Billot,„antworte doch Deiner Frau, antworte doch Deiner Tochter.“ „Mein Pferd! mein Pferd!“ rief der Pächter; „man führe mir mein Pferd vor.“ „Wohin wollen Sie denn, mein Vater?“ „Den Doctor benachrichtigen, der Doctor muß Nachricht haben.“ „Aber wo werden Sie ihn finden.“ „In Paris. Haſt Du in dem Brief, den er uns geſchrieben, nicht geleſen, er begebe ſich nach Paris? Er muß dort ſein. Ich gehe nach Paris. Mein Pferd! mein Pferd!“ „Und Sie verlaſſen uns ſo, mein Vater, Sie ver⸗ laſſen uns in einem ſolchen Augenblick! Sie laſſen uns in Angſt und Unruhe zurück?“ zEs muß ſein, mein Kind; es muß ſein,“ ſagte der Pächter, während er den Kopf ſeiner Tochter zwi⸗ ſchen ſeine Hände nahm und krampfhaft ſeinen Lippen näherte.„Wenn Du je dieſes Kiſtchen verlöreſt,““ hat der Doctor zu mir geſagt,„oder wenn man'es Dir vielmehr ſtehlen würde, brich ſogleich auf, komm und benachrichtige mich überall, wo ich gen werde; ihn, und denken wir nur an uns. Seien Sie unbe⸗ ſorgt, Piton wird ſich ſchon heraus helfen. Doch, mein Gott! welche Unordnung! Sehen Sie doch, meine Mutter!“ „Ohl! mein Weißzeugſchrank,“ rief Frau Billot. „Sie haben nicht einmal meinen Weißzeugſchrank reſpee⸗ tirt. Das ſind ruchloſe Geſellen!“ „Sie haben im Weißzeugſchrank geſucht!“ rief Billot. Ünd er ſtürzte auf den Schrank zu, den, wie ge⸗ ſagt, der Sergent ſorgfältig wieder geſchloſſen hatte, und tauchte mit ſeinen beiden Armen durch die Haufen um⸗ geworfener Servietten. „Oh!“ rief er,„das iſt unmöglich!“ „Was ſuchen Sie, mein Vater?“ fragte Catherine. h 3t ſchaute in einer Art von Geiſtesverwirrung umher. „Sieh, ob Du es irgendwo findeſt. Doch nein; in dieſer Commode, nein; in dieſem Secretäre auch nicht; übrigens war es da, denn ich hatte es ſelbſt hierher geſtellt. Noch geſtern habe ich es geſehen. Nicht das Buch ſuchten dieſe Elenden, ſondern das Kiſtchen.“ „Welches Kiſtchen?“ ſragte Catherine. „Eil Du weißt es wohl.“ „Das Kiſtchen des Doctor Gilbert?“ ſagte Frau Billot, welche bei Umſtänden von hoher Bedeutung ſchwieg und die Andern handeln und ſprechen ließ. „ Ja, das Kiſtchen des Doctor Gilbert,“ rief Billot, indem er die Hände in ſeine dichten Haare verſenkte. „Das ſo koſtbare Kiſtchen!“ 6„Sie errſchrecken mich, mein Vater,“ ſprach Ca⸗ erine. „Ohl ich Unglücklicher!“ rief Billot voll Wuth; „und ich habe mir das nicht ahnen laſſen! ich habe gar nicht an dieſes Kiſtchen gedacht! Oh! was wird der Doctor ſagen? was wird er von mir halten? Ich ſei ein Verräther, ein Feiger, ein Elender!“ 116 ntichts halte Dich auf, nicht einmal das Leben eines Menſchen.““ „Herr, was kann denn dieſes Kiſichen enthalten?“ „Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß man es mir zur Aufbewahrung gegeben hatte, und daß ich es mir habe nehmen laſſen. Ah! hier iſt mein Pferd. Durch den Sohn, der im College iſt, werde ich wohl erfahren, wo ſich der Vater befindet.“ Hienach umarmte der Pächter ſeine Frau und ſeine Tochter zum letzten Mal, ſchwang ſich in den Sattel und ſprengte querfeldein in der Richtung der Straße nach Paris. IX. Straße nach Paris. Kehren wir zu Piton zurück. Pitou wurde vorwärts getrieben durch die zwei größten Anſtachelungsmittel der Welt: die Furcht und die Liebe. Die Furcht hatte ihm unmittelbar geſagt: „Du kannſt verhaftet oder geſchlagen werden, nimm Dich in Acht, Pitou.“ Und das genügte, um ihn wie einen Hirſch laufen zu machen. Die Liebe hatte ihm durch die Stimme von Ca⸗ therine geſagt: „Entfliehen Sie geſchwinde, mein lieber Pitou.“ Die zwei Anſtachelungsmittel machten, wie geſagt, daß Piton nicht lief, ſondern flog. Pott iſt entſchieden groß, Gott iſt unfehlbar. Wie kamen ihm ſeine langen Beine und ſeine un⸗ geheuren Kniee, welche bei einem Ball ſo unlieblich erſchienen, nun ſo nützlich auf dem Felde vor, da ſein 115 „Aber, mein Gott! was enthielt denn das Kiſtchen, mein Vater?“ „Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß ich mich dem Doctor mit meinem Leben dafür verbürgt habe, und daß ich mich hätte müſſen tödten laſſen, um es zu ver⸗ theidigen,“ rief Billot. Und er machte eine ſo verzweifelte Geberde, daß ſbinr Frau und ſeine Tochter vor Schrecken zurück⸗ wichen. „Mein Gott, mein Gott, werden Sie wahnſinnig, mein Vater?“ ſagte Catherine. Und ſie brach in ein Schluchzen aus. „Antworten Sie mir doch!“ rief ſie,„um des Himmels willen, antworten Sie mir doch.“ „Mein Freund,“ ſprach Frau Billot,„antworte doch Deiner Frau, antworte doch Deiner Tochter.“ „Mein Pferd! mein Pferd!“ rief der Pächter; „man führe mir mein Pferd vor.“ „Wohin wollen Sie denn, mein Vater?“ „Den Doctor benachrichtigen, der Doctor muß Nachricht haben.“ „Aber wo werden Sie ihn finden.“ „In Paris. Haſt Du in dem Brief, den er uns geſchrieben, nicht geleſen, er begebe ſich nach Paris? Er muß dort ſein. Ich gehe nach Paris. Mein Pferd! mein Pferd!“ „Und Sie verlaſſen uns ſo, mein Vater, Sie ver⸗ laſſen uns in einem ſolchen Augenblick! Sie laſſen uns in Angſt und Unruhe zurück?“ „Es muß ſein, mein Kind; es muß ſein,“ ſagte der Pächter, während er den Kopf ſeiner Tochter zwi⸗ ſchen ſeine Hände nahm und krampfhaft ſeinen Lippen näherte.„„Wenn Du je dieſes Kiſtchen verlöreſt,““ hat der Doctor zu mir geſagt,„„oder wenn man es Dir vielmehr ſtehlen würde, brich ſogleich auf, komm und benachrichtige mich uͤberall, wo ich anch ſein werde; * nes 12 es es erd ine ttel aße wei ind 117 Herz, von der Angſt angeſchwollen, drei Pulsſchläge in der Secunde that. Herr von Charny mit ſeinen kleinen Füßen, ſeinen feinen Knieen und ſeinen ſymmetriſch an ihren Platz ge⸗ ſtellten Beinen wäre ſicherlich nicht ſo gelaufen. Piton erinnerte ſich der ſchönen Fabel vom Hirſch, der über ſeine Läufe vor einer Quelle weint, und ob⸗ gleich er auf der Stirne nicht die Zierde hatte, die das vierfüßige Thier als eine Entſchädigung für ſeine dün⸗ nen Beine anſah, ſo machte er es ſich doch zum Vor⸗ wurf, daß er ſeine Pfähle verachtet hatte. So nannte die Mutter Billot die Beine von Pitou, als Pitvn ſeine Beine vor einem Spiegel beſchaute. Piton lief alſo unaufhaltſam durch das Gehölze, ließ Cayolles zu ſeiner Rechten, Yvors zu ſeiner Linken und drehte ſich bei jeder Ecke des Waldes, um zu ſehen, oder vielmehr, um zu horchen, denn ſeit langer Zeit ſah er nichts mehr, da ſeine Verfolger durch die Schnelligkeit, von der Pitou eine ſo glänzende Probe gegeben, gleich von Anfang an um tauſend Schritte von ihm entfernt geblieben waren, eine Entfernung, welche jeden Augenblick zunahm. Warum war Atalante verheirathet? Piton hätte ſich mit um ſie beworben, und um den Sieg über Hippomenes davonzutragen, hätte er nicht nöthig ge⸗ habt, wie dieſer, die Liſt mit den drei goldenen Aepfeln zu gebrauchen. Es iſt wahr, daß ſich, wie wir erwähnt haben, die Agenten von Pas de lvup, ganz entzückt, ihre Beute in Händen zu haben, nicht im Geringſten mehr um Pitou bekümmerten; doch Piton wußte das nicht. Während er aufhörte, durch die Wirklichkeit ver⸗ folgt zu werden, fuhr er fort, durch den Schatten ver⸗ folgt zu ſein. Was die ſchwarzen Männer betrifft, ſo hatten ſie das Selbſtvertrauen, welches das Geſchöpf träge macht. „Laufe! laufe!“ ſagten ſie, indem ſie die Hände in 116 nichts halte Dich auf, nicht einmal das Leben eines Menſchen.““ „Herr, was kann denn dieſes Kiſtchen enthalten?“ „Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß man es mir zur Aufbewahrung gegeben hatte, und daß ich es mir habe nehmen laſſen. Ah! hier iſt mein Pferd. Durch den Sohn, der im College iſt, werde ich wohl erfahren, wo ſich der Vater befindet.“ Hienach umarmte der Pächter ſeine Frau und ſeine Tochter zum letzten Mal, ſchwang ſich in den Sattel und ſprengte querfeldein in der Richtung der Straße nach Paris. IX. Straße nach Paris. Kehren wir zu Pitou zurück. Piton wurde vorwärts getrieben durch die zwei größten Anſtachelungsmittel der Welt: die Furcht und die Liebe.— Die Furcht hatte ihm unmittelbar geſagt: „Du kannſt verhaftet oder geſchlagen werden, nimm Dich in Acht, Pitou.“ Und das genügte, um ihn wie einen Hirſch laufen zu machen. Die Liebe hatte ihm durch die Stimme von Ca⸗ therine geſagt: 3 „Entfliehen Sie geſchwinde, mein lieber Pitou.“ Die zwei Anſtachelungsmittel machten, wie geſagt, daß Pitou nicht lief, ſondern flog. Gott iſt entſchieden groß, Gott iſt unfehlbar. Wie kamen ihm ſeine langen Beine und ſeine un⸗ geheuren Kniee, welche bei einem Ball ſo unlieblich erſchienen, nun ſo nützlich auf dem Felde vor, da ſein 118 ihre Hoſentaſchen ſteckten und darin die Belohnung klingen ließen, mit der ſie Herr Pasdeloup beehrt hatte:„laufe, mein Guter, wir werden Dich immerhin finden, wann wir wollen.“ Was, beiläufig geſagt, durchaus keine eitle Prah⸗ lerei war, ſondern ſtreng der Wahrheit entſprach. Und Piton lief immer weiter, als ob er die Worte der Agenten von Herrn Pasdeloup hätte hören können. Als er, ſeinen geſchickten Marſch kreuzend, wie es die Thiere des Waldes thun, um die Meute von ihrer Fährte abzubringen, als er, ſagen wir, ſeine Fuß⸗ ſtapfen in ein ſo verworrenes Netz verwickelt hatte, daß ſich Nimrod ſelbſt nicht ausgekannt haben würde, faßte er plötzlich einen Entſchluß, der darin beſtand, daß er einen Haken nach rechts machen wollte, um die Straße von Villers⸗Cotterets nach Paris, ungefähr auf der Höhe der Heiden von Gondreville, zu erreichen. Sobald dieſer Entſchluß gefaßt war, ſtürzte er durch das Gehölze, machte einen rechten Winkel und erblickte nach Verlauf von einer Viertelſtunde die Land⸗ ſtraße, eingerahmt von ihrem gelben Sandboden und begränzt von ihren grünen Bäumen. Eine Stunde nach ſeinem Abgang vom Pachthofe befand er ſich auf dem Pflaſter des Königs. Er hatte ungefähr vier und eine halbe Meile in dieſer Stunde gemacht. Das iſt Alles, was man von einem guten Pferde in ſcharfem Trab verlangen kann. Er warf einen Blick rückwärts. Nichts auf dem ege. 5 warf einen Blick vorwärts. Zwei Weiber auf Eſeln. 5 . Pitou hatte eine Mythologie mit Kupferſtichen vom kleinen Gilbert erwiſcht. Man beſchäftigte ſich zu jener Zeit viel mit Mythologie. Die Geſchichte der Götter und Göttinnen des grie⸗ chiſchen Olymps gehörte zu der Erziehung der jungen Leute. Durch vieles Anſchauen der Kupferſtiche hatte i α8 ᷣ 117 Herz, von der Angſt angeſchwollen, drei Pulsſchläge in der Secunde that. Herr von Charny mit ſeinen kleinen Füßen, ſeinen feinen Knieen und ſeinen ſymmetriſch an ihren Platz ge⸗ ſtellten Beinen wäre ſicherlich nicht ſo gelaufen. Pitou erinnerte ſich der ſchönen Fabel vom Hirſch, der über ſeine Läufe vor einer Quelle weint, und ob⸗ gleich er auf der Stirne nicht die Zierde hatte, die das vierfüßige Thier als eine Entſchädigung für ſeine dün⸗ nen Beine anſah, ſo machte er es ſich doch zum Vor⸗ wurf, daß er ſeine Pfähle verachtet hatte. So nannte die Mutter Billot die Beine von Pitou, als Pitou ſeine Beine vor einem Spiegel beſchaute. Pitou lief alſo unaufhaltſam durch das Gehölze, ließ Cayolles zu ſeiner Rechten, Yvors zu ſeiner Linken und drehte ſich bei jeder Ecke des Waldes, um zu ſehen, oder vielmehr, um zu horchen, denn ſeit langer Zeit ſah er nichts mehr, da ſeine Verfolger durch die Schnelligkeit, von der Pitou eine ſo glänzende Probe egeben, gleich von Anfang an um tauſend Schritte von hm entfernt geblieben waren, eine Entfernung, welche jeden Augenblick zunahm. Warum war Atalante verheirathet? Pitou hätte ſich mit um ſie beworben, und um den Sieg über Hippomenes davonzutragen, hätte er nicht nöthig ge⸗ habt, wie dieſer, die Liſt mit den drei goldenen Aepfeln zu gebrauchen. Es iſt wahr, daß ſich, wie wir erwähnt haben, die Agenten von Pas de loup, ganz entzückt, ihre Beute in Händen zu haben, nicht im Geringſten mehr um Pitou bekümmerten; doch Piton wußte das nicht. Während er aufhörte, durch die Wirklichkeit ver⸗ folgt zu werden, fuhr er fort, durch den Schatten ver⸗ folgt zu ſein. Was die ſchwarzen Männer betrifft, ſo hatten ſie das Selbſtvertrauen, welches das Geſchöpf träge macht. „Laufe! laufe!“ ſagten ſie, indem ſte die Hände in ng 1¹9 Pitou die Mythologie gelernt; er hatte geſehen, wie ſich Jupiter als Stier verkleidet, um Europa zu ver⸗ führen; als Schwan, um Unkeuſchheiten mit der Tochter von Tyndares zu begehen; er hatte viele andere Götter ſich mehr oder minder pittoresken Verwandlungen hin⸗ geben ſehen, aber daß ſich ein Polizeiagent Seiner Majeſtät in einen Eſel verwandelt hätte, niemals! Der König Mivas ſelbſt hatte nur die Ohren davon, und er war König und machte Gold nach Belieben; er beſaß alſo das Mittel, die Haut der Vierfüßigen ganz zu kaufen. Ein wenig beruhigt durch das, was er ſah oder vielmehr nicht ſah, machte Piton einen Purzelbaum auf dem Raſen am Saume des Waldes, trocknete ſich mit dem Aermel ſein dickes, ganz rothes Geſicht ab, legte ſich auf den friſchen Klee und überließ ſich der Wolluſt, in Ruhe zu ſchwitzen. Doch die ſüßen Ausſtrömungen der Luzerne und des Majorans konnten bei ihm das geſalzene Fleiſch der Mutter Billot und das anderthalb Pfund ſchwere Laibchen ſchwarzes Brod, das ihm Catherine bei jedem Mahl, d. h. dreimal täglich, zuſchied, nicht in Ver⸗ geſſenheit bringen. Dieſes Brod, das damals vier und einen halben Sou koſtete, ein ungeheurer Preis, der wenigſtens neun Sous von unſerer Zeit gleichkommt, dieſes Brod, an dem ganz Frankreich Mangel hatte, und das, wenn es eßbar war, für den fabelhafteſten Kuchen galt, mit dem die Herzogin von Polignac den Pariſern, wenn ſie kein Mehl mehr hätten, ſich zu nähren rieth! Piton ſagte ſich daher philoſophiſch, Jungfer Ca⸗ therine ſei die freigebiaſte Prinzeſſin der Welt und der Pachthof des Vater Billot der koſtbarſte Palaſt des Weltalls. Dann wandte er, wie die Iſraeliten am Ufer des Jordans, ein ſterbendes Auge nach Oſten, das heißt er 118 ihre Hoſentaſchen ſteckten und darin die Belohnung klingen ließen, mit der ſie Herr Pasdeloup beehrt hatte:„laufe, mein Guter, wir werden Dich immerhin finden, wann wir wollen.“ Was, beiläufig geſagt, durchaus keine eitle Prah⸗ lerei war, ſondern ſtreng der Wahrheit entſprach. Und Pitou lief immer weiter, als ob er die Worte der Agenten von Herrn Pasdeloup hätte hören können. Als er, ſeinen geſchickten Marſch kreuzend, wie es die Thiere des Waldes thun, um die Meute von ihrer Fährte abzubringen, als er, ſagen wir, ſeine Fuß⸗ ſtapfen in ein ſo verworrenes Netz verwickelt hatte, daß ſich Nimrod ſelbſt nicht ausgekannt haben würde, faßte er plötzlich einen Entſchluß, der darin beſtand, daß er einen Haken nach rechts machen wollte, um die Straße von Villers⸗Cotterets nach Paris, ungefähr auf der Höhe der Heiden von Gondreville, zu erreichen. Sobald dieſer Entſchluß gefaßt war, ſtürzte er durch das Gehölze, machte einen rechten Winkel und erblickte nach Verlauf von einer Viertelſtunde die Land⸗ ſtraße, eingerahmt von ihrem gelben Sandboden und begränzt von ihren grünen Bäumen. Eine Stunde nach ſeinem Abgang vom Pachthofe befand er ſich auf dem Pflaſter des Koͤnigs. Er hatte ungefähr vier und eine halbe Meile in dieſer Stunde gemacht. Das iſt Alles, was man von einem guten Pferde in ſcharfem Trab verlangen kann. 4 Er warf einen Blick rückwärts. Nichts auf dem eg Eſeln. 3 Pitou hatte eine Mythologie mit Kupferſtichen vom kleinen Gilbert erwiſcht. Man beſchäftigte ſich zu jener Zeit viel mit Mythologie. Die Geſchichte der Götter und Göttinnen des grie⸗ chiſchen Olymps gehörte zu der Erziehung der jungen Leute. Durch vieles Anſchauen der Kupferſtiche hatte e. Er warf einen Blick vorwärts. Zwei Weiber auf 120 in der Richtung des glückſeligen Pachthofes und eufzte. Seufzen iſt übrigens keine unangenehme Sache für einen Menſchen, für den es nach einem ungeordneten Lauf Bedürfniß iſt, Athem zu ſchöpfen. Pitou athmete ſeufzend, und er fühlte, wie ſeine einen Augenblick ſehr verworrenen und ſehr geſtörten Ideen mit dem Athem wieder zu ihm zurückkehrten. „Warum,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„warum ſind mir ſo viele außerordentliche Ereigniſſe in einem ſo kurzen Zeitraum begegnet? Warum mehr Vorfälle in drei Tagen, als in der ganzen übrigen Zeit meines Lebens?“ „Weil mir von einer Katze geträumt hatte, welche Händel mit mir ſuchte,“ antwortete ſich Pitou. Und er machte eine Geberde, welche beſagte, die Quelle ſeines Unglücks ſei ihm hinreichend klar. „Ja,“ fügte Piton bei, nachdem er einen Augen⸗ blick nachgedacht hatte,„doch das iſt keine Logik wie die meines verehrungswürdigen Abbé Fortier. Nicht, weil ich von einer gereizten Katze geträumt habe, be⸗ gegnen mir alle dieſe Abenteuer. Der Traum iſt den Menſchen nur als Warnung gegeben worden. „Darum,“ fuhr Piton fort,„darum hat ich weiß nicht welcher Schriftſteller geſagt:„„Du haſt geträumt, hüte Dich: cave, somniasti.““ „Somniasti?“ fragte ſich Piton beſtürzt.„Sollte ich denn abermals einen Barbarismus machen? Ei! nein, ich habe nur eine Eliſion gemacht; somniavisti hätte ich in grammatikaliſcher Sprache fagen müſſen. „Es iſt erſtaunlich,“ fuhr Pitou in Selbſtbewun⸗ derung fort,„wie ich das Lateiniſche kann, ſeitdem ich es nicht mehr lerne.“ Nach dieſer Verherrlichung ſeiner eigenen Perſon ſetzte ſich Piton wieder in Marſch. Piton ging mit langen Schritten, aber ruhiger. Ziß Schritte konnten zwei Meilen in der Stunde geben. —8*⁸ C N*— ₰ A 1 1 F8SN 119 Pitou die Mythologie gelernt; er hatte geſehen, wie ſich Jupiter als Stier verkleidet, um Europa zu ver⸗ führen; als Schwan, um Unkeuſchheiten mit der Tochter von Tyndares zu begehen; er hatte viele andere Götter ſich mehr oder minder pittoresken Verwandlungen hin⸗ geben ſehen, aber daß ſich ein Polizeiagent Seiner Majeſtät in einen Eſel verwandelt hätte, niemals! Der König Midas ſelbſt hatte nur die Ohren davon, und er war König und machte Gold nach Belieben; er beſaß alſo das Mittel, die Haut der Vierfüßigen ganz zu kaufen. Ein wenig beruhigt durch das, was er ſah oder vielmehr nicht ſah, machte Pitou einen Purzelbaum auf dem Raſen am Saume des Waldes, trocknete ſich mit dem Aermel ſein dickes, ganz rothes Geſicht ab, legte ſich auf den friſchen Klee und überließ ſich der Wolluſt, in Ruhe zu ſchwitzen. Doch die ſüßen Ausſtrömungen der Luzerne und des Majorans konnten bei ihm das geſalzene Fleiſch der Mutter Billot und das anderthalb Pfund ſchwere Laibchen ſchwarzes Brod, das ihm Catherine bei jedem Mahl, d. h. dreimal täglich, zuſchied, nicht in Ver⸗ geſſenheit bringen. Dieſes Brod, das damals vier und einen halben Sou koſtete, ein ungeheurer Preis, der wenigſtens neun Sous von unſerer Zeit gleichkommt, dieſes Brod, an dem ganz Frankreich Mangel hatte, und das, wenn es eßbar war, für den fabelhafteſten Kuchen galt, mit dem die Herzogin von Polignae den Pariſern, wenn ſte kein Mehl mehr hätten, ſich zu nähren rieth! Pitou ſagte ſich daher philoſophiſch, Jungfer Ca⸗ therine ſei die freigebigſte Prinzeſſin der Welt und der Pachthof des Vater Billot der koſtbarſte Palaſt des Weltalls. Dann wandte er, wie die Iſraeliten am Ufer des Jordans, ein ſterbendes Auge nach Oſten, das heißt er nd che en ne en ir en 121 In Folge hievon hatte Pitou zwei Stunden, nach⸗ dem er ſich wieder in Marſch geſetzt, Manteuil hinter ſich und ſteuerte auf Dammartin zu. Plötzlich überbrachte ihm ſein, wie das eines Oſa⸗ gen, geübtes Ohr das Geräuſch eines auf dem Pflaſter ſchallenden Hufeiſens. „Ho! ho! rief Pitou; und er ſcandirte den be⸗ kannten Vers von Virgil: Quadru pe dante pu trem soni tu quatit ungula campum. Und er ſchaute. Doch er ſah nichts. Waren es die Eſel, die er in Levignan gelaſſen und die einen Galopp angeſchlagen hatten? Nein, denn der eiſerne Nagel, wie der Dichter ſagt, erſcholl auf dem Pflaſter, Piton aber hatte in Haramont und ſelbſt in Villers⸗Cotterets nur den Eſel der Mutter Sabot gekannt, der beſchlagen war, und zwar, weil die Mutter Sabot den Poſtdienſt zwiſchen Villers⸗Cotterets und Creſpy verrichtete. Er vergaß daher für den Augenblick das Geräuſch, das er gehört hatte, um zu ſeinen Betrachtungen zu⸗ rückzukehren. Wer waren die ſchwarzen Männer, die ihn über den Doctor Gilbert gefragt, die ihm die Hände ge⸗ bunden, die ihn verfolgt hatten, und die er am Ende im Abſtand gelaſſen? Woher kamen dieſe im ganzen Canton völlig un⸗ bekannten ſchwarzen Männer? Was hatten ſie beſonders mit Pitou abzumachen? mit ihm, der ſie nie geſehen und folglich auch nicht kannte? Wie, da er ſie nicht kannte, kannten ſie ihn? Warum hatte ihn Jungfer Catherine nach Paris gehen heißen, und warum halte ſie ihm, um ihm die Reiſe zu erleichtern, einen Louis d'or von achtundvierzig Fran⸗ ken gegeben? das heißt, zweihundert und vierzig Pfund Brod, zu vier Sou das Pfund Brod, alſo Mittel, um ſchaut in der Richtung des glückſeligen Pachthofes und eufzte. 5 3Geufzen iſt übrigens keine unangenehme Sache für einen Menſchen, für den es nach einem ungeordneten Lauf Bedürfniß iſt, Athem zu ſchöpfen. Pitou athmete ſeufzend, und er fühlte, wie ſeine einen Augenblick ſehr verworrenen und ſehr geſtörten Ideen mit dem Athem wieder zu ihm zurückkehrten. „Warum,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„warum ſind mir ſo viele außerordentliche Ereigniſſe in einem ſo kurzen Zeitraum begegnet? Warum mehr Vorfälle in drei Tagen, als in der ganzen übrigen Zeit meines Lebens?“ „Weil mir von einer Katze geträumt hatte, welche Händel mit mir ſuchte,“ antwortete ſich Pitoͤu. Und er machte eine Geberde, welche beſagte, die Quelle ſeines Unglücks ſei ihm hinreichend klar. „Ja,“ fügte Pitou bei, nachdem er einen Augen⸗ blick nachgedacht hatte,„doch das iſt keine Logik wie die meines verehrungswürdigen Abbé Fortier. Nicht, weil ich von einer gereizten Katze geträumt habe, be⸗ gegnen mir alle dieſe Abenteuer. Der Traum iſt den Menſchen nur als Warnung gegeben worden. „Darum,“ fuhr Pitou fort,„darum hat ich weiß nicht welcher Schriftſteller geſagt:„„Du haſt geträumt, hüte Dich: cave, somniasti.““ „Somniasti?« fragte ſich Pitou beſtürzt.„Sollte ich denn abermals einen Barbarismus machen? Ei! nein, ich habe nur eine Eliſion gemacht; somniavisti hätte ich in grammatikaliſcher Sprache ſagen müſſen. „Es iſt erſtaunlich,“ fuhr Pitou in Selbſtbewun⸗ derung fort,„wie ich das Lateiniſche kann, ſeitdem ich es nicht mehr lerne.“ Nach dieſer Verherrlichung ſeiner eigenen Perſon ſetzte ſich Pitou wieder in Marſch. Pitou ging mit langen Schritten, aber ruhiger. Dieſ⸗ Schritte konnten zwei Meilen in der Stunde geben. b f 3 8 αι ☛ ½-ͤx& ————. 2——— 122 achtzig Tage, oder beinahe drei Mnnate bei einiger Mißlsteit zu leben. Vermuthete Jungfer Catherine, Pitou fönnte oder müßte achtzig Tage vom Pachthofe entfernt bleiben? Piton bebte plötzlich. „Ho! ho!“ ſagte er;„abermals dieſes Hufeiſen.“ Und er richtete ſich auf. „Diesmal,“ ſagte er,„täuſche ich mich nicht. Das Geräuſch, das ich höre, iſt das eines galoppirenden Pferdes; ich will es auf der Steige ſehen.“ Pitou hatte nicht vollendet, als ein Pferd auf der Höhe eines kleinen Abhanges, den er hinter ſich ge⸗ laſſen, das heißt auf ungefähr vierhundert Schritte von Piton erſchien. Dieſer, welcher nicht zugegeben, daß ſich ein Polizei⸗ agent in einen Eſel verwandelt hätte, gab vollkommen zu, er habe zu Pferde ſteigen können, um ſo raſcher die Beute, die ihm entging, zu verfolgen. Die Furcht, welche ihn auf einen Augenblick ver⸗ laſſen, ergriff Piton abermals und gab ihm noch län⸗ gere und unerſchrockenere Beine, als die, von denen er zwei Stunden vorher einen ſo wunderbaren Gebrauch gemacht hatte. Ohne zu überlegen, ohne rückwärts zu ſchauen, ohne daß er nur ſeine Flucht zu verhehlen ſuchte, ſchwang ſich Pitou, auf die Vortrefflichkeit ſeines ſtäh⸗ lernen Kniebugs rechnend, mit einem einzigen Sprung auf die andere Seite des Grabens, der die Straße be⸗ grenzte, und fing an querfeldein in der Richtung von Ermenonville zu enifliehen. Piton wußte nicht, was Ermenonville war. Er erblickte nur am Horizont den Gipfel von einigen Bäumen und ſagte zu ſich ſelbſt: „Wenn ich dieſe Bäume erreiche, welche ohne Zweifel der Saum eines Waldes find, bin ich gerettet!“ Und er eilte gegen Ermenonville. Diesmal handelte es ſich darum, ein Pferd im 5* 121 In Folge hievon hatte Pitou zwei Stunden, nach⸗ dem er ſich wieder in Marſch geſetzt, Manteuil hinter ſich und ſteuerte auf Dammartin zu. Plötzlich überbrachte ihm ſein, wie das eines Oſa⸗ een, geübtes Ohr das Geräuſch eines auf dem Pflaſter ſchallenden Hufeiſens. „Ho! ho! rief Piton; und er ſcandirte den be⸗ kannten Vers von Virgil: Quadru pe dante pu trem soni tu quatit ungula campum. Und er ſchaute.— Doch er ſah nichts. Waren es die Eſel, die er in Levignan gelaſſen und die einen Galopp angeſchlagen hatten? Nein, denn der eiſerne Nagel, wie der Dichter ſagt, erſcholl auf dem Pflaſter, Pitou aber hatte in Haramont und ſelbſt in Villers⸗Cotterets nur den Eſel der Mutter Sabot gekannt, der beſchlagen war, und zwar, weil die Mutter Sabot den Poſtdienſt zwiſchen Villers⸗Cotterets und Creſpy verrichtete. Er vergaß daher für den Augenblick das Geräuſch, das er gehört hatte, um zu ſeinen Betrachtungen zu⸗ rückzukehren. Wer waren die ſchwarzen Männer, die ihn über den Doctor Gilbert gefragt, die ihm die Hände ge⸗ bunden, die ihn verfolgt hatten, und die er am Ende im Abſtand gelaſſen? Woher kamen dieſe im ganzen Canton völlig un⸗ bekannten ſchwarzen Männer? „Was hatten ſie beſonders mit Pitou abzumachen? mit ihm, der ſie nie geſehen und folglich auch nicht kannte? Wie, da er ſie nicht kannte, kannten ſie ihn? Warum hatte ihn Jungfer Catherine nach Paris gehen heißen, und warum hatte ſie ihm, um ihm die Reiſe zu erleichtern, einen Louis d'or von achtundvierzig Fran⸗ ken gegeben? das heißt, zweihundert und vierzig Pfund Brod, zu vier Sou das Pfund Brod, alſo Mittel, um 123 Laufe zu beſiegen. Es waren nicht Füße mehr, was Pitou hatte, es waren Flügel. Um ſo mehr, als Pitou, nachdem er ungefähr hundert Schritte querfeldein gemacht, zurückgeſchaut und geſehen hatte, wie der Reiter ſein Pferd den un⸗ geheuren Sprung machen ließ, den er ſelbſt über den Graben an der Straße gemacht hatte. Von dieſem Augenblicke an hatte es für den Flüch⸗ tigen keinen Zweifel mehr gegeben, daß es der Reiter auf ihn abgeſehen, und der Flüchtige hatte ſeine Ge⸗ ſchwindigkeit verdoppelt, ohne nur noch den Kopf um⸗ zuwenden, weil er hierdurch Zeit zu verlieren fürchtete. Was ſeinen Lauf nun beſchleunigte, war nicht mehr das Geräuſch der Hufeiſen auf dem Fflaſter: das Ge⸗ räuſch dämpfte ſich im Klee und auf dem Brachfelde; was ſeinen Lauf beſchleunigte, war etwas wie ein Schrei, der ihn verfolgte, die letzte Sylbe ſeines Na⸗ mens vom Reiter ausgeſprochen, ein hu! hu! welches das Echo ſeines Zornes zu ſein ſchien und durch die Luft zog, die er durchſchnitt. Doch nach zehn Minuten dieſes furchtbaren Laufes fühlte Pitou ſeine Bruſt ſchwer werden, ſeinen Kopf ſich verſtopfen. Seine Augen fingen an in ihren Höhlen zu ſchwanken. Es kam ihm vor, als erhielten ſeine Kniee eine beträchtliche Ausdehnung, als füllten ſich ſeine Lenden mit kleinen Steinen. Von Zeit zu Zeit ſtolperte er in den Furchen, er, der gewöhnlich die Füße beim Laufen ſo hoch aufhob, daß man alle Nägel an der Sohle ſeiner Schuhe ſah. Endlich triumphirte das Pferd, das in der Kunſt, zu laufen, erhabener als der Menſch geboren iſt, über den zweifüßigen Piton, und dieſer hörte zugleich die Stimme des Reiters nicht mehr: hu! hu! ſondern: Piton! Pitou! rufen. s war um ihn geſchehen: Alles war verloren. Piton verſuchte es indeſſen, ſeinen Lauf fortzu⸗ ſetzen; das war eine Art von maſchinenmäßiger Be⸗ 122 achtzig Tage, oder beinahe drei Mnnate bei einiger Mazigteit zu leben. Vermuthete Jungfer Catherine, Piton könnte oder müßte achtzig Tage vom Pachthofe entfernt bleiben? Pitou bebte plötzlich. „ Hol ho!“ ſagte er;„abermals dieſes Hufeiſen.“ Und er richtete ſich auf. „Diesmal,“ ſagte er,„täuſche ich mich nicht. Das Geräuſch, das ich höre, iſt das eines galoppirenden Pferdes; ich will es auf der Steige ſehen.“ Pitou hatte nicht vollendet, als ein Pferd auf der Höhe eines kleinen Abhanges, den er hinter ſich ge⸗ laſſen, das heißt auf ungefähr vierhundert Schritte von Pitou erſchien. Dieſer, welcher nicht zugegeben, daß ſich ein Polizei⸗ agent in einen Eſel verwandelt hätte, gab vollkommen zu, er habe zu Pferde ſteigen können, um ſo raſcher die Beute, die ihm entging, zu verfolgen. Die Furcht, welche ihn auf einen Augenblick ver⸗ laſſen, ergriff Pitou abermals und gab ihm noch län⸗ gere und unerſchrockenere Beine, als die, von denen er zwei Stunden vorher einen ſo wunderbaren Gebrauch gemacht hatte. Ohne zu überlegen, ohne rückwärts zu ſchauen, ohne daß er nur ſeine Flucht zu verhehlen ſuchte, ſchwang ſich Pitou, auf die Vortrefflichkeit ſeines ſtäh⸗ lernen Kniebugs rechnend, mit einem einzigen Sprung auf die andere Seite des Grabens, der die Straße be⸗ grenzte, und fing an querfeldein in der Richtung von Ermenonville zu entfliehen. Pitou wußte nicht, was Ermenonville war. Er erblickte nur am Horizont den Gipfel von einigen Bäumen und ſagte zu ſich ſelbſt: „Wenn ich dieſe Bäume erreiche, welche ohne Zweifel der Saum eines Waldes ſind, bin ich gerettet!“ Und er eilte gegen Ermenonville. Diesmal handelte es ſich darum, ein Pferd im + d —„„+HA =EAESnͤ—- d 124 wegung geworden; er ging, burch bie repulſive Kraft forkgeriſſen; plötzlich wichen ſeine Kniee. Er wankte, und fiel, einen großen Seufzer ausſtoßend, mit dem Geſicht gegen die Erde nieder. Zu gleicher Zeit aber, als er niederftel, feſt ent⸗ ſchloſſen, wenigſtens mit ſeinem Willen nicht mehr auf⸗ zuſtehen, erhielt er einen Peitſchenhieb um die Lenden. Ein ſchwerer Fluch, der ihm nicht fremd war, erſcholl, und eine wohlbekannte Stimme rief ihm zu: „Ah! Tölpel, ah! Dummkopf, Du haſt alſo ge⸗ ſchworen, Cadet erepiren zu machen!“ Der Name Cadet ſetzte der Unentſchloſſenheit von Piton ein Ziel. „Ah!“ rief er, indem er ſich halb um ſich ſelbſt wandte, ſo daß er, ſtatt auf dem Bauch zu liegen, auf den Rücken zu liegen kam.„Ah! ich höre die Stimme von Herrn Billot.“ Es war in der That der Vater Billot. Als ſich Piton der Identität wohl überzeugt hatte, ſetzte er auf. Der Pächter hatte ſeinerſeits Cadet, der ganz von Schweiß troff, angehalten. „Ach! lieber Herr Billot,“ rief Piton,„wie gut ſind Sie, daß Sie mir ſo nachrennen! Ich ſchwöre rine verzehrt gehabt hätte. Doch da Sie da ſind, hier neh⸗ men Sie Ihren Doppel⸗Lonis d'or wieder, denn im Ganzen gehört er doch Ihnen, und laſſen Sie uns in den Pacht⸗ hof zurückkehren.“ „Tauſend Teufel!“ entgegnete Billot,„es handelt ſich wohl darum, in den Pachthof zurückzukehren, wo die Mouchards ſind.“ „Die Mouchards!“*) fragte Pitou, der die Be⸗ deutung dieſes Wortes, das erſt ſeit kurzer Zeit in das * Polizeiſpione. ——— 123 Laufe zu beſtegen. Es waren nicht Füße mehr, was Pitou hatte, es waren Flügel. Um ſo mehr, als Pitou, nachdem er ungefähr hundert Schritte querfeldein gemacht, zuruͤckgeſchaut und geſehen hatte, wie der Reiter ſein Pferd den un⸗ geheuren Sprung machen ließ, den er ſelbſt über den Graben an der Straße gemacht hatte. Von dieſem Augenblicke an hatte es für den Flüch⸗ tigen keinen Zweifel mehr gegeben, daß es der Reiter auf ihn abgeſehen, und der Flüchtige hatte ſeine Ge⸗ ſchwindigkeit verdoppelt, ohne nur noch den Kopf um⸗ zuwenden, weil er hierdurch Zeit zu verlieren fürchtete. Was ſeinen Lauf nun beſchleunigte, war nicht mehr das Geräuſch der Hufeiſen auf dem Pflaſter; das Ge⸗ räuſch dämpfte ſich im Klee und auf dem Brachfelde; was ſeinen Lauf beſchleunigte, war etwas wie ein Schrei, der ihn verfolgte, die letzte Sylbe ſeines Na⸗ mens vom Reiter ausgeſprochen, ein hu! hu! welches das Echo ſeines Zornes zu ſein ſchien und durch die Luft zog, die er durchſchnitt. Doch nach zehn Minuten dieſes furchibaren Laufes fühlte Piton ſeine Bruſt ſchwer werden, ſeinen Kopf ſich verſtopfen. Seine Augen fingen an in ihren Höhlen zu ſchwanken. Es kam ihm vor, als erhielten ſeine Kniee eine beträchtliche Ausdehnung, als füllten ſich ſeine Lenden mit kleinen Steinen. Von Zeit zu Zeit ſtolperte er in den Farchen, er, der gewöhnlich die Füße beim Laufen ſo hoch aufhob, daß man alle Nägel an der Sohle ſeiner Schuhe ſah. Endlich triumphirte das Pferd, das in der Kunſt, zu laufen, erhabener als der Menſch geboren iſt, über den zweifüßigen Pitou, und dieſer hörte zugleich die Stimme des Reiters nicht mehr: hu! hul ſondern: Piton! Pitou! rufen. Es war um ihn geſchehen: Alles war verloren. Piton verſuchte es indeſſen, ſeinen Lauf fortzu⸗ ſetzen; das war eine Art von maſchinenmäßiger Be⸗ „— 125 Vocabularium der Sprache aufgenommen worden war, nicht recht begrif. „Ja, ja, die Moucharbs,“ ſagte Billot,„die ſchwar⸗ zen Männer, wenn Du das beſſer begreifſt.“ „Ah! die ſchwarzen Männer; Sie kennen ſich wohl denken, Herr Billot, daß ich nicht zu meinem Vergnü⸗ gen auf ſie gewartet habe.“ „Bravo! ſie find alſo zurück.“ „Ich ſchmeichle mir damit, nach einem Laufe, wie ich ihn vollbracht, iſt das, wie mir ſcheint, das Wenigſte.“ „Wenn Du Deiner Sache gewiß biſt, warum biſt Du dann geflohen?“ „Weil ich glaubte, es ſei ihr Anführer, der mich, um mit Ehren zu beſtehen, zu Pferde verfolge.“ „Ahl ah! Du biſt nicht ſo ungeſchickt, als ich dachte. Sobald alſo der Weg frei iſt, auf! auf! nach Dammartine.“ „Wie! auf, auf?“ „Ja, erhebe Dich und komm mit mir.“ „Wir gehen alſo nach Dammartine?“ „Ja, ich werde ein Pferd beim Gevatter Lefranc nehmen; ich laſſe ihm Cadet, der nicht mehr kann, und wir marſchiren heute Abend bis nach Paris.“ „Gut, Herr Billot, gut.“ „Wohl denn! aufl auf!“ Pitou ſtrengte ſich an, um zu gehorchen. „Ich möchte wohl, lieber Herr Billot, aber ich kann nicht,“ ſagte er. „Du kannſt nicht aufſtehen?“ Nein.“ „Oh! vorhin, darüber dürfen Sie ſich nicht wun⸗ dern. Ich hörte Ihre Stimme, und bekam zugleich einen Peitſchenhieb auf den Rückgrat. Doch bergleichen Dinge gelingen nur einmal; jetzt bin ich an Ihre Stimme gewöhnt, und was Ihre Peitſche betrifft, ſo bin ch nun feſt überzeugt, daß Sie dieſelbe nur noch zu 124 wegung geworden; er ging, durch die repulſive Kraft fortgeriſſen; plötzlich wichen ſeine Kniee. Er wankte, und ſiel, einen großen Seufzer ausſtoßend, mit dem Geſicht gegen die Erde nieder. Zu gleicher Zeit aber, als er niederfiel, feſt ent⸗ ſchloſſen, wenigſtens mit ſeinem Willen nicht mehr auf⸗ zuſtehen, erhielt er einen Peitſchenhieb um die Lenden. Ein ſchwerer Fluch, der ihm nicht fremd war, erſcholl, und eine wohlbekannte Stimme rief ihm zu: „Ah! Tölpel, ah! Dummkopf, Du haſt alſo ge⸗ ſchworen, Cadet crepiren zu machen!“ Der Name Cadet ſetzte der Unentſchloſſenheit von Pitou ein Ziel. 3 „Ah!“ rief er, indem er ſich halb um ſich ſelbſt wandte, ſo daß er, ſtatt auf dem Bauch zu liegen, auf den Rücken zu liegen kam.„Ahl! ich höre die Stimme von Herrn Billot.“ Es war in der That der Vater Billot. Als ſich Pitou von der Identität wohl überzeugt hatte, ſetzte er auf. Der Pächter hatte ſeinerſeits Cadet, der ganz von 3 Schweiß troff, angehalten. „Ach! lieber Herr Billot,“ rief Piton,„wie gut ſind Sie, daß Sie mir ſo nachrennen! Ich ſchwore Ihnen, daß ich in den Pachthof zurückgekommen wäre, nachdem ich den Doppel⸗Louis d'or von Jungfer Cathe⸗ rine verzehrt gehabt hätte. Doch da Sie da ſind, hier neh⸗ men Sie Ihren Doppel⸗Louis d'or wieder, denn im Ganzen gehört er doch Ihnen, und laſſen Sie uns in den Pacht⸗ hof zurückkehren.“ 4 „Tauſend Teufel!“ entgegnete Billot,„es handelt ſich wohl darum, in den Pachthof zurückzukehren, wo die Mouchards ſind.“ „Die Mouchards!“*) fragte Pitou, der die Be⸗ deutung dieſes Wortes, das erſt ſeit kurzer Zeit in das *) Polizeiſpione. 1SAR 125 Führung des armen Cadet, der beinahe ſo heiß hat, als ich, anwenden werden.“ Die Logik von Piton, welche im Ganzen genommen keine andere war, als die des Abbé Fortier, überzeugte und rührte beinahe den Pächter. „Ich habe keine Zeit, mich durch Dein Schickſal erweichen zu laſſen,“ ſagte er zu Pitou;„doch ſtrenge Dich an und ſteige auf das Kreuz von Cadet.“ „Ah! ah, da wird der arme Cadet crepiren!“ „Bah! in einer halben Stunde ſind wir beim Vater Lefrane.“ „Ei! mein lieber Herr Billot, mir ſcheint, es iſt vollkommen unnütz, daß ich zum Vater Lefrane gehe.“ „Und warum?“ „Weil, wenn Sie etwas in Dammartine bedürfen, ich doch nichts dort bedarf.“ „Ja, aber ich, ich bedarf, daß Du nach Paris kommſt. In Paris wirſt Du mir dienen; Du haſt ſolide Fäuſte, und ich bin feſt überzeugt, daß man ſich dort demnächſt Püffe austheilen wird.“ „Ah! ah!“ verſetzte Pitou, nicht ſehr entzückt über dieſe Ausſicht;„Sie glauben?“ Und er hißte ſich auf Cadet, wobei ihn Billot wie einen Mehlſack an ſich zog. Der gute Pächter erreichte die Landſtraße wieder und agirte ſo gut mit dem Zaum, mit den Knieen und mit den Sporen, daß man in weniger als einer halben Stunde, wie er geſagt hatte, in Dammartine war. Billot war 6 die Stadt durch ein ihm bekanntes Gäßchen eingeritten. Er gelangte in den Pachthof des Vater Lefranc, ließ Pitou und Cadet mitten im Hof, lief geraden Weges in die Küche, wo der Vater Lefranc, im Begriff, auszureiten, um eine Runde in den Feldern zu machen, ſeine Kamaſchen zuknöpfte. „Geſchwinde, geſchwinde, Gevatter,“ ſagte er zu Lefrane, ehe ſich dieſer von ſeinem Erſtaunen erholt hatte,„Dein ſtärkſtes Pferd.“ 125 Vocabularium der Sprache aufgenommen worden war, nicht recht begriff. „Ja, ja, die Mouchards,“ ſagte Billot,„die ſchwar⸗ zen Männer, wenn Du das beſſer begreifſt.“ „Ah!l die ſchwarzen Männer; Sie kennen ſich wohl denken, Herr Billot, daß ich nicht zu meinem Vergnü⸗ gen auf ſie gewartet habe.“ „Bravoj ſie ſind alſo zurück.“ „„ Ich ſchmeichle mir damit, nach einem Laufe, wie ich ihn vollbracht, iſt das, wie mir ſcheint, das Wenigſte.“ „Wenn Du Deiner Sache gewiß biſt, warum biſt Du dann geflohen?“ „Weil ich glaubte, es ſei ihr Anführer, der mich, um mit Ehren zu beſtehen, zu Pferde verfolge.“ „Ahl ah! Du biſt nicht ſo ungeſchickt, als ich dachte. Sobald alſo der Weg frei iſt, auf! auf! nach Dammartine.“ „Wie! auf, auf?“ „Ja, erhebe Dich und komm mit mir.“ „Wir gehen alſo nach Dammartine?“ „Ja, ich werde ein Pferd beim Gevatter Lefranc nehmen; ich laſſe ihm Cadet, der nicht mehr kann, und wir marſchiren heute Abend bis nach Paris.“ „Gut, Herr Billlot, gut.“ „Wohl denn! auf! auf!“ Pitou ſtrengte ſich an, um zu gehorchen. „Ich möchte wohl, lieber Herr Billot, aber ich kann nicht,“ ſagte er. „Du kannſt nicht aufſtehen?“ Nein.“ „Du haſt wohl vorhin den Karpfenſprung gemacht?“ „Ohl vorhin, darüber dürfen Sie ſich nicht wun⸗ dern. Ich hörte Ihre Stimme, und bekam zugleich einen Peitſchenhieb auf den Rückgrat. Doch dergleichen Dinge gelingen nur einmal; jetzt bin ich an Ihre Stimme gewöhnt, und was Ihre Peitſche betrifft, ſo bin ich nun feſt üͤberzeugt, daß Sie dieſelbe nur noch zu n te e er er d n es es f, n u i —= 127 „Das iſt Margot,“ erwieberte Lefranc;„das gute iſt gerade geſattelt; ich war im Begriff, aufzu⸗ tzen.“ „Gut alſo, Margot; nur iſt es möglich, daß ich ſie zu Tode reite, das ſage ich Dir zum Voraus.“ „Ah! Margot zu Tode reiten, und warum dies, frage ich Dich?“ „Weil ich heute Abend in Paris ſein muß,“ ſagte Billot mit düſterer Miene. Und er machte Lefrane eine äußerſt bezeichnende Freimaurergeberde. Dann reite Margot zu Tode,“ ſprach der Vater Lefranc,„Du wirſt mir Cadet geben.“ „Abgemacht.“ „Ein Glas Wein?“ „Zwei.“ „Doch Du biſt nicht allein, wie mir ſcheint?“ „Nein, ich habe einen braven Burſchen bei mir, den ich mit mir nehme; er iſt ſo abgemattet, daß er nicht die Kraft gehabt hat, bis hierher zu kommen; laß ihm etwas geben.“ „Sogleich, ſogleich,“ ſagte der Pächter. In zehn Minuten hatten die zwei Freunde jeder ſeine Flaſche Wein getrunken, und Piton hatte einen zweipfündigen Laib Brod und ein halbes Pfund Speck verſchlungen. Während er aß, rieb ihn ein Knecht vom Pachthof, ein guter Teufel, mit einer Handvoll friſcher ſaſter wie er es mit einem Lieblingspferde gemacht ätte. So gerieben, ſo erquickt, verſchluckte Pitou auch ein Glas Wein von einer dritten Flaſche, welche mit um ſo größerer Schnelligkeit geleert wurde, als, wie geſagt, Piton daran Theil nahm. Wonach Billot Margot beſtieg und Piton ſteif wie ein Stück Holz auf das Kreuz geſetzt wurde. om Sporne in Anſpruch genommen, trabte das gute Thier bald unter der doppelten Laſt muthig gen 126 Führung des armen Cadet, der beinahe ſo heiß hat, als ich, anwenden werden.“ Die Logik von Piton, welche im Ganzen genommen keine andere war, als die des Abbé Fortier, uberzeugte und rührte beinahe den Pächter. „ Ich habe keine Zeit, mich durch Dein Schickſal erweichen zu laſſen,“ ſagte er zu Pitou;„doch ſtrenge Dich an und ſteige auf das Kreuz von Cadet.“ „Ah! ah, da wird der arme Cadet crepiren!“ „Bahl in einer halben Stunde ſind wir beim Vater Lefranc.“ „Eil mein lieber Herr Billot, mir ſcheint, es iſt vollkommen unnütz, daß ich zum Vater Lefranc gehe.“ „Und warum?“ .„Weil, wenn Sie etwas in Dammartine bedükfen, ich doch nichts dort bedarf.“ „Ja, aber ich, ich bedarf, daß Du nach Paris kommſt. In Paris wirſt Du mir dienen; Du haſt ſolide Fäuſte, und ich bin feſt überzeugt, daß man ſich dort demnächſt Püffe austheilen wird.“ „Ah! ah!“ verſetzte Pitou, nicht ſehr entzückt über dieſe Ausſicht;„Sie glauben?“ Und er bißte ſich auf Cadet, wobei ihn Billot wie einen Mehlſack an ſich zog. Der gute Pächter erreichte die Landſtraße wieder und agirte ſo gut mit dem Zaum, mit den Knieen und mit den Sporen, daß man in weniger als einer halben Stunde, wie er geſagt hatte, in Dammartine war. Billot war in die Stadt durch ein ihm bekanntes Gäßchen eingeritten. Er gelangte in den Pachthof des Vater Lefranc, ließ Pitou und Cadet mitten im Hof, lief geraden Weges in die Küche, wo der Vater Lefranc, im Begriff, auszureiten, um eine Runde in den Feldern zu machen, ſeine Kamaſchen zuknöpfte. 4 „Geſchwinde, geſchwinde, Gevatter,“ ſagte er zu Lefranc, ehe ſich dieſer von ſeinem Erſtaunen erholt hatte,„Dein ſtärkſtes Pferd.“ — 1²8 Paris, wobei es ohne Unterlaß nach den Fliegen mit ſeinem kräftigen Schweif jagte, deſſen dicke Haare den Staub auf dem Rücken von Piton peitſchten und von Zeit zu Zeit an ſeine dünnen Waden in den ſchlecht aufgezoge⸗ nen Strümpfen ſchlugen. X. Was am Ende der Straße, der Piton folgte, nämlich in Paris, vorging. Von Dammartine nach Paris ſind es noch acht Meilen. Die vier erſten legte man ziemlich leicht zu⸗ rück, doch von Bourget an wurden die Beine von Mar⸗ got, obgleich durch die langen Beine von Pitou ange⸗ trieben, am Ende ſteif. Als man nach La Villette kam, glaubte Billot in Richtung von Paris eine große Flamme zu er⸗ auen. Er machte Pitou auf den röthlichen Schein auf⸗ merkſam, der am Horizont aufſtieg. „Sie ſehen alſo nicht,“ ſagte Pitou,„daß das Truppen ſind, welche bivouaquiren und Feuer ange⸗ zündet haben?“ „Wie, Truppen?“ verſetzte Billot. „Es ſind wohl hier, warum ſollten keine dort ſein?“ In der That, indem er aufmerkſam zu ſeiner Rech⸗ ten ſchaute, ſah der Vater Billot die Ebene Saint⸗ Denis beſät mit ſchwarzen Abtheilungen, welche ſchweig⸗ ſam, Infanterie und Cavallerie, in der Finſterniß marſchirten. Ihre Waffen glänzten zuweilen in den bleichen Strahlen der Sterne. Pitou, der durch ſeine nächtlichen Wanderungen in der Dunkelheit zu ſehen gewöhnt war, Piton zeigte ſogar ſeinem Herrn bis zur Hälfte der Räder hätte 127 „Das iſt Margot,“ erwiederte Lefranc;„das gute Thier iſt gerade geſattelt; ich war im Begriff, aufzu⸗ tzen.“ „Gut alſo, Margot; nur iſt es möglich, daß ich ſie zu Tode reite, das ſage ich Dir zum Voraus.“ „Ah! Margot zu Tode reiten, und warum dies, frage ich Dich?“ „Weil ich heute Abend in Paris ſein muß,“ ſagte Billot mit düſterer Miene. Und er machte Lefranc eine äußerſt bezeichnende Freimaurergeberde. Dann reite Margot zu Tode,“ ſprach der Vater Lefranc,„Du wirſt mir Cadet geben.“ „Abgemacht.“ „Ein Glas Wein?“— „Zwei.“ „Doch Du biſt nicht allein, wie mir ſcheint?“ „Nein, ich habe einen braven Burſchen bei mir, den ich mit mir nehme; er iſt ſo abgemattet, daß er nicht die Kraft gehabt hat, bis hierher zu kommen; laß ihm etwas geben.“ „Sogleich, ſogleich,“ ſagte der Pächter. In zehn Minuten hatten die zwei Freunde jeder ſeine Flaſche Wein getrunken, und Pitou hatte einen zweipfündigen Laib Brod und ein halbes Pfund Speck verſchlungen. Während er aß, rieb ihn ein Knecht vom Pachthof, ein guter Teufel, mit einer Handvoll friſcher Luzerne, wie er es mit einem Lieblingspferde gemacht „So gerieben, ſo erquickt, verſchluckte Pitou auch ein Glas Wein von einer dritten Flaſche, welche mit um ſo größerer Schnelligkeit geleert wurde, als, wie geſagt, Pitou daran Theil nahm. Wonach Billot Margot beſtieg und Pitou ſteif wie ein Stück Holz auf das Kreuz geſetzt wurde. Vom Sporne in Anſpruch genommen, trabte das gute Thier bald unter der doppelten Laſt muthig gen em ub e⸗ 24 eig⸗ niß hen gen igte „—— ider 129 mitten auf dem feuchten Felde, im Koth ſteckenden Kanonen. „Ho! ho!“ ſagte Billot,„es gibt alſo Neues dort? Beeilen wir uns, Junge, beeilen wir uns.“ „Ja, ja, es gibt Feuer dort,“ erwiederte Pitou, der ſich auf dem Kreuze von Margot erhoben hatte⸗ „Sehen Sie, ſehen Sie die Funken.“ Margot blieb ſtehen. Billot ſprang von ſeinem Rücken auf das Pflaſter und trat zu einer Gruppe blau und gelber Soldaten, welche unter den Bäumen an der Straße bivouaquirten. „Kameraden,“ fragte er ſie,„könnt Ihr mir wohl ſagen, was es Neues in Paris gibt?“ Doch die Soldaten beſchränkten ſich varauf, daß ſie ihm durch einige Flüche in deutſcher Sprache ant⸗ worteten. „Was Teufel ſagen ſie?“ fragte Billot Piton. „Das iſt nicht Lateiniſch, lieber Herr Billot, ſo viel kann ich Sie nur verſichern,“ antworteie Pitou, gewaltig zitternd. Billot dachte nach und ſchaute. „Ich Dummkopf, der ich bin, daß ich mich an Kaiſerliche wende,“ rief er. Und in ſeiner Neugierde blieb er unbeweglich mitten auf der Straße. Ein Officier kam auf ihn zu. „Ziehen Sie Ihres Weges,“ ſagte er,„und zwar geſchwinde“ „Verzeihen Sie, Kapitän,“ erwiederte Billot,„ich gehe nach Paris.“ „Nun?“ „Und da ich Sie quer auf dem Wege ſehe, ſo be⸗ fürchie ich, daß man nicht bis zu den Barrieren paſſirt.“ „Man paſſirt.“ Villot ſtieg wieder zu Pferde und paſſirte wirklich. Doch nur, um unter die Huſaren von Bercheny zu gerathen, welche La Villette verſperrten. Ange Pitou. 1. 128 Paris, wobei es ohne Unterlaß nach den Fliegen mit ſeinem kräftigen Schweif jagte, deſſen dicke Haare den Staub auf dem Rücken von Pitoun peitſchten und von Zeit zu Zeit an ſeine dünnen Waden in den ſchlecht aufgezoge⸗ nen Strümpfen ſchlugen. X Was am Ende der Straße, der Pitou folgte, nämlich in Paris, vorging. Von Dammartine nach Paris ſind es noch acht Meilen. Die vier erſten legte man zienlich leicht zu⸗ rück, doch von Bourget an wurden die Beine von Mar⸗ got, obgleich durch die langen Beine von Pitou ange⸗ trieben, am Ende ſeif. Als man nach La Billette kam, glaubte Billot in 85 Richtung von Paris eine große Flamme zu er⸗ auen. Er machte Piton auf den röthlichen Schein auf⸗ merkſam, der am Horizont aufſtieg. „Sie ſehen alſo nicht,“ ſagte Pitou,„daß das Truppen ſind, welche bivouaquiren und Feuer ange⸗ zündet haben?“ „Wie, Truppen?“ verſetzte Billot. „Es ſind wohl hier, warum ſollten keine dort ſein?“ In der That, indem er aufmerkſam zu ſeiner Rech⸗ ten ſchaute, ſah der Vater Billot die Ebene Saint⸗ Denis beſät mit ſchwarzen Abtheilungen, welche ſchweig⸗ ſam, Infanterie und Cavallerie, in der Finſterniß marſchirten. 1 Ihre Waffen glänzten zuweilen in den bleichen Strahlen der Sterne. Piton, der durch ſeine nächtlichen Wanderungen in der Dunkelheit zu ſehen gewöhnt war, Pitou zeigte ſogar ſeinem Herrn bis zur Hälfte der Raͤder 13⁰ Diesmal hatte er es mit Landsleuten zu thun, und er fragte daher mit beſſerem Erfolg. „Mein Herr,“ ſagte er,„was gibt es denn Neues in Paris, wenn's beliebt?“ „Eure wüthenden Pariſer,“ antwortete ein Huſar, „wollen ihren Necker haben, und ſie ſchießen auf uns, als ob das uns anginge.“ „Necker haben!“ rief Billot,„Sie haben ihn alſo verloren?“ „Gewiß, da ihn der König abgeſetzt hat.“ „Der König hat Herrn Necker abgeſetzt?“ ſprach Billot mit dem Erſtaunen eines Adepten, der über Ruchloſigkeit 3 ſchreit;„der König hat dieſen großen Mann abgeſetzt?“ „Oh, mein Gott, ja, mein Braver; dieſer große Mann iſt ſogar ſchon unter Weges nach Brüſſel.“ „Wohl! dann werden wir lachen,“ rief Billot mit einer furchtbaren Stimme, ohne ſich um die Gefahr zu bekümmern, die er dadurch lief, daß er Aufruhr mitten un⸗ ter zwölf bis fünfzehn hundert royaliſtiſchen Säbeln trieb. Und er beſtieg abermals Margots Rücken, und trieb ſie mit grauſamen Ferſenſtößen bis zur Barriere. Während er immer weiter ritt, ſah er den Brand um ſich greifen und ſich röthen; eine lange Feuerſäule ſtieg von der Barriere zum Himmel auf. Die Barriere ſelbſt brannte. Eine brüllende, wüthende Menge, vermiſcht mit Weibern, welche ihrer Gewohnheit gemäß lauter drohten und ſchrieen als die Männer, ſchürte die Flamme mit Trümmern von Zimmerwerk, Hausgeräthe und Effecten des Octroieinnehmers. Auf der Straße ſchauten die ungariſchen und deut⸗ ſchen Regimenter dieſer Verwüſtung, das Gewehr bei Fuß, zu und verzogen keine Miene. Billot hielt nicht bei dieſem Flammenwall an. Er trieb Margot durch den Brand. Margot ſetzte muthig über die weißglühende Barriere; doch jenſeits der Barriere mußte Billot vor einer compaeten Volksmenge ——————— 129 mitten auf dem feuchten Felde, im Koth ſteckenden Kanonen. „Hol ho!“ ſagte Billot,„es gibt alſo Neues dort? Beeilen wir uns, Junge, beeilen wir uns.“ „Ja, ja, es gibt Feuer dort,“ erwiederte Pitou, der ſich auf dem Kreuze von Margot erhoben hatte. „Sehen Sie, ſehen Sie die Funken.“ Margot blieb ſtehen. Billot ſprang von ſeinem Rücken auf das Pflaſter und trat zu einer Gruppe blau und gelber Soldaten, welche unter den Bäumen an der Straße bivouaquirten. „Kameraden,“ fragte er ſie,„könnt Ihr mir wohl ſagen, was es Neues in Paris gibt??“ Doch die Soldaten beſchränkten ſich darauf, daß ſte ihm durch einige Flüche in deutſcher Sprache ant⸗ worteten. „Was Teufel ſagen ſie?“ fragte Billot Pitou. „Das iſt nicht Lateiniſch, lieber Herr Billot, ſo viel kann ich Sie nur verſichern,“ antwortete Pitou, gewaltig zitternd. Billot dachte nach und ſchaute. „Ich Dummkopf, der ich bin, daß ich mich an Kaiſerliche wende,“ rief er. Und in ſeiner Neugierde blieb er unbeweglich mitten auf der Straße. Ein Officier kam auf ihn zu. „Ziehen Sie Ihres Weges,“ ſagte er,„und zwar geſchwinde.“ „Verzeihen Sie, Kapitän,“ erwiederte Billot,„ich gehe nach Paris.“ „Nun?“ „Und da ich Sie quer auf dem Wege ſehe, ſo be⸗ fürchte ich, daß man nicht bis zu den Barrieren paſſirt.“ „Man paſſirt.“ Billot ſtieg wieder zu Pferde und paſſirte wirklich⸗ Doch nur, um unter die Huſaren von Bercheny zu gerathen, welche La Villette verſperrten. Ange Pitou. 1. 6 131 nd anhalten, welche aus dem Mittelpunkte der Stadt in . die Vorſtädte urückſtrömte, wobei die Einen ſangen, 3 bie Rivern„Zu den Waffen!“ riefen. Billot hatte das Ausſehen von dem, was er war, nämlich von einem guten Pächter, der in ſeinen Ge⸗ s, ſchäften nach Paris kommt. Er ſchrie, vielleicht ein wenig laut:„Platz! Platz!“ Doch Pitou wiederholte ſo ſo artig hinter ihm:„Platz, wenn's beliebt! Platz!“ daß der Eine den Andern verbeſſerte. Niemand hatte ein Intereſſe dabei, Billot zu verhindern, zu ſeinen Ge⸗ ot ſchäften zu gehen: man ließ ihn vorüber. it Margot hatte ihre Kräfte wieder gefunden; das 5 Feuer hatte ihr die Haare verſengt; all dieſes unge⸗ e wöhnliche Geſchrei ängſtigte ſie. Billot war nun ge⸗ nöthigt, ihre letzte Anſtrengung zu zügeln, denn er be⸗ it fürchtete, die zahlreichen, vor den Thoren zuſammenge⸗ 6 ſchaarten Neugierigen und die nicht minder zahlreichen Meugierigen, welche die Thore verließen, um zur Bar⸗ b riere zu laufen, niederzureiten. Billot rückte immerhin vor, indem er Margot rechts lenkte, Margot links lenkte, bis zum Boulevarb. d Ein Zug, der von der Baſtille kam und nach dem e Garde⸗Meubles marſchirte, welche zwei ſteinerne Kno⸗ ten in jener Zeit an den Flanken von Paris ſeinen Gürtel feſthielten, defilirte. Dieſer Zug verſperrte das Boulevard unbelht⸗ einer Bahre. Auf dieſer Bahre wurden zwei ſten getragen: die eine durch einen Flor verſchl di andere mit Blumen bekränzt. Die durch einen Flor verſchleierte Büſte war die Büſte von Nocker, dem nicht in Ungnade gefallenen, aber entlaſſenen Miniſter; die andere, nämlich die mit Blu⸗ men bekränzte Büſte, war die Büſte des Herzogs von rleans, der laut bei Hofe für den Finanzmann von Genf Partei genommen hatte. Billot erkundigte ſich, was dieſe Proceſſion be⸗ deute Man ſagte ihm, es ſei eine Herrn Necker und 9⸗ —— 8— Diesmal hatte er es mit Landsleuten zu thun, und er fragte daher mit beſſerem Erfolg. „Mein Herr,“ ſagte er,„was gibt es denn Neues in Paris, wenn's beliebt?“ „Eure wüthenden Pariſer,“ antwortete ein Huſar, „wollen ihren Necker haben, und ſie ſchießen auf uns, als ob das uns anginge.“ „Necker haben!“ rief Billot,„Sie haben ihn alſo verloren?“ „Gewiß, da ihn der König abgeſetzt hat.“ „Der König hat Herrn Necker abgeſetzt?“ ſprach Billot mit dem Erſtaunen eines Adepten, der uͤber Ruchloſigkeit ſchreit;„der König hat dieſen großen Mann abgeſetzt?“ On, mein Gott, ja, mein Braver; dieſer große Mann iſt ſogar ſchon unter Weges nach Brüſſel.“ „Wohl! dann werden wir lachen,“ rief Billot mit einer furchtbaren Stimme, ohne ſich um die Gefahr zu bekümmern, die er dadurch lief, daß er Aufruhr mitten un⸗ ter zwölf bis fünfzehn hundert royaliſtiſchen Säbeln trieb. Und er beſtieg abermals Margots Rücken, und trieb ſie mit grauſamen Ferſenſtößen bis zur Barriere. Während er immer weiter ritt, ſah er den Brand um ſich greifen und ſich röthen; eine lange Feuerſäule ſtieg von der Barriere zum Himmel auf. Die Barriere ſelbſt brannte. Eine brüllende, wüthende Menge, vermiſcht mit Weibern, welche ihrer Gewohnheit gemäß lauter drohten und ſchrieen als die Männer, ſchürte die Flamme mit Trümmern von Zimmerwerk, Hausgeräthe und Effecten des Octroieinnehmers. 1* Auf der Straße ſchauten die ungariſchen und deut⸗ ſchen Regimenter dieſer Verwüſtung, das Gewehr bei Fuß, zu und verzogen keine Miene. Billot hielt nicht bei dieſem Flammenwall an. Er trieb Margot durch den Brand. Margot ſetzte muthig über die weißglühende Barriere; doch jenſeits der Barriere mußte Billot vor einer compacten Volksmenge 132 ſeinem Vertheidiger, dem Herrn Herzog von Orleans, vom Volke dargebrachte Huldigung. Billot war in einer Gegend geboren, wo man den Namen des Herzogs von Orleans ſeit anderthalb Jahr⸗ hunderten verehrte. Billot gehörte zur philoſophiſchen Secte und betrachtete folglich Necker nicht nur als einen großen Miniſter, ſondern auch als einen Apoſtel der Menſchheit. Das war mehr, als es brauchte, um Billot zu begeiſtern. Er ſprang von ſeinem Pferde, ohne genau zu wiſſen, was er that, ſchrie:„Es lebe der Herzog von Orleans! es lebe Necker!“ und miſchte ſich unter die Menge. Hat man ſich einmal unter die Menge gemiſcht, ſo verſchwindet die individuelle Freiheit. Billot war es übrigens um ſo leichter, ſich fortreißen zu laſſen, als er viel mehr an der Spitze, als an dem Schweife der Bewegung ging. Der Zug rief aus vollem Halſe:„Es lebe Necker! Keine fremden Truppen mehr! Nieder mit den fremden Truppen!“ Billot vermiſchte ſeine mächtige Stimme mit allen dieſen Stimmen. Ein Vorzug, welcher es auch ſein mag, wird immer vom Volke geſchätzt. Der Pariſer der Vorſtädte mit der ſchwächlichen, heiſeren, durch die Entkräftung ge⸗ geſchwächten, oder durch den Wein zerfreſſenen Stimme würdigte die friſche, reine, klangreiche Stimme von Billot und machte ihm Platz, ſo daß Billot, ohne zu ſehr gepufft, mit den Ellbogen geſtoßen, des Athems be⸗ raubt zu werden, am Ende bis zu der Bahre gelangte. Nach Verkuuf von zehn Minuten trat ihm einer von den Trägern, deſſen Enthuſtasmus ſeine Kräfte über⸗ ſtieg, ſeinen Platz ab Billot hatte, wie Pan ſieht, raſch ſeinen Weg gemacht. Am Tage vozhek noch einfacher Verbreiter der Brochure des Doctor Gilbert, war er am andern Abend ——, ,—V 131 anhalten, welche aus dem Mittelpunkte der Stadt in die Vorſtädte zurückſtrömte, wobei die Einen ſangen, die Andern:„Zu den Waffen!“ riefen. Billot hatte das Ausſehen von dem, was er war, nämlich von einem guten Pächter, der in ſeinen Ge⸗ ſchäften nach Paris kommt. Er ſchrie, vielleicht ein wenig laut:„Platz! Platz!“ Doch Pitou wiederholte ſo artig hinter ihm:„Platz, wenn's beliebt! Platz!“ daß der Eine den Andern verbeſſerte. Niemand hatte ein Intereſſe dabei, Billot zu verhindern, zu ſeinen Ge⸗ ſchäften zu gehen: man ließ ihn vorüber. Margot hatte ihre Kräfte wieder gefunden; das Feuer hatte ihr die Haare verſengt; all dieſes unge⸗ wöhnliche Geſchrei ängſtigte ſie. Billot war nun ge⸗ nöthigt, ihre letzte Anſtrengung zu zügeln, denn er be⸗ fürchtete, die zahlreichen, vor den Thoren zuſammenge⸗ ſchaarten Neugierigen und die nicht minder zahlreichen Neugierigen, welche die Thore verließen, um zur Bar⸗ riere zu laufen, niederzureiten. Billot rückte immerhin vor, indem er Margot rechts lenkte, Margot links lenkte, bis zum Boulevard. Ein Zug, der von der Baſtille kam und nach dem Garde⸗Meubles marſchirte, welche zwei ſteinerne Kno⸗ ten in jener Zeit an den Flanken von Paris ſeinen Gürtel feſthielten, defilirte. Dieſer Zug verſperrte das Boulevard und folgte einer Bahre. Auf dieſer Bahre wurden zwei Büſten getragen: die eine durch einen Flor verſchleiert, die andere mit Blumen bekränzt. „Die durch einen Flor verſchleierte Büſte war die Büſte von Necker, dem nicht in Ungnade gefallenen, aber entlaſſenen Miniſter; die andere, nämlich die mit Blu⸗ men bekränzte Buͤſte, war die Büſte des Herzogs von Orleans, der laut bei Hofe für den Finanzmann von Genf Partei genommen hatte. Billot erkundigte ſich, was dieſe Proceſſton be⸗ deute. Man ſagte ihm, es ſei eine Deren echer und den 133 eines der Werkzeuge des Triumphes von Necker und vom Herzog von Orleans. Doch kaum zu dieſem Poſten gelangt, durchzuckte eine Idee ſeinen Geiſt. Was war aus Pitou, was war aus Margot ge⸗ worden? Während er ſeine Bahre trug, wähdte Billot ſei⸗ nen Kopf um und ſah beim Scheine der Fackeln, die den Zug begleiteten und erhellten, beim Scheine der Lämpchen, welche alle dieſe Fenſter beleuchteten, mitten im Zuge eine Art von wandernder Erhöhung, gebildet von fünf bis ſechs geſticulirenden und ſchreienden Menſchen. Unter dieſen Geſticulationen und unter dieſem Ge⸗ ſchrei war die Stimme von Piton leicht zu unterſchei⸗ den, ließen ſich ſeine langen Arme leicht erkennen. Pitou that, was er konnte, um Margot zu ver⸗ theidigen, aber trotz ſeiner Anſtrengung war Margot gleichſam im Sturme genommen worden⸗ Margot trug nicht mehr Piton und Billot, ſchon eine ehrenwerthe Laſt für das arme Thier. Margot trug Alles, was auf ihrem Rücken, auf ihrem Kreuz, auf ihrem Hals und auf ihrem Wider⸗ riſt Platz hatte finden können. Margot glich in der Nacht, welche durch die Phan⸗ taſie alle Gegenſtände vergrößert, einem mit Schützen, die auf eine Tigerjagd ausziehen, beladenen Elephanten. Auf dem breiten Rü grat von Margot hockten fünf bis ſechs Beſeſſene und ſchrieen:„Es lebe Necker! es lebe der Herzog von Orleans! nieder mit den Fremden!“ Worauf Piton erwiederte: „Ihr werdet Margot erſticken!“ Die Trunkenheit war allgemein. Billot hatte einen Augenblick den Gedanken, Pitou und Margot Hülfe zu bringen; doch er bedachte, daß er, wenn er nur eine Minute auf die von ihm eroberte Ehre, eine von den Stangen der Bahre zu tragen, verzichtete, nie mehr ſeine Stange erlangen würde. Dann 13³² ſeinem Vertheidiger, dem Herrn Herzog von Orleans, vom Volke dargebrachte Huldigung. Billot war in einer Gegend geboren, wo man den Namen des Herzogs von Orleans ſeit anderthalb Jahr⸗ hunderten verehrte. Billot gehörte zur philoſophiſchen Secte und betrachtete folglich Necker nicht nur als einen großen Miniſter, ſondern auch als einen Apoſtel der Menſchheit. Das war mehr, als es brauchte, um Billot zu begeiſtern. Er ſprang von ſeinem Pferde, ohne genau zu wiſſen, was er that, ſchrie:„Es lebe der Herzog von Orleans! es lebe Necker!“ und miſchte ſich unter die Menge. Hat man ſich einmal unter die Menge gemiſcht, ſo verſchwindet die individuelle Freiheit. Billot war es übrigens um ſo leichter, ſich fortreißen zu laſſen, als er viel mehr an der Spitze, als an dem Schweife der Bewegung ging. Der Zug rief aus vollem Halſe:„Es lebe Necker! Keine fremden Truppen mehr! Nieder mit den fremden Truppen!“ Billot vermiſchte ſeine mächtige Stimme mit allen dieſen Stimmen.. Ein Vorzug, welcher es auch ſein mag, wird immer vom Volke geſchätzt. Der Pariſer der Vorſtädte mit der ſchwächlichen, heiſeren, durch die Entkräftung ge⸗ geſchwächten, oder durch den Wein zerfreſſenen Stimme würdigte die friſche, reine, klangreiche Stimme von Billot und machte ihm Platz, ſo daß Billot, ohne zu ſehr gepufft, mit den Ellbogen geſtoßen, des Athems be⸗ raubt zu werden, am Ende bis zu der Bahre gelangte. Nach Verlauf von zehn Minuten trat ihm einer von den Trägern, deſſen Enthuſtasmus ſeine Kräfte über⸗ ſtieg, ſeinen Platz ab. Billot hatte, wie man ſieht, raſch ſeinen Weg gemacht. Am Tage vorher noch einfacher Verbreiter der Brochure des Doctor Gilbert, war er am andern Abend 134 dachte er am Ende, daß durch den mit dem Vater Le⸗ franc abgeſchloſſenen Tauſch von Cadet gegen Margot Margot ihm gehörte, und daß, ſollte Margot Unglück widerfahren, dies nur eine Sache von drei bis vier⸗ hundert Livres wäre, und daß er, Billot, reich genug ſei, um dem Vaterland drei bis vierhundert Lipres zum Opfer zu bringen. Mittlerweile marſchirte der Zug immer weiter; er hatte eine ſchräge Richtung genommen und war von der Rue Montmartre bis zur Place des Victoires hinab⸗ gegangen. Als man zum Palais Royal kam, fand man eine große Zuſammenſchaarung, welche den Weg völlig verſperrte. Ein Haufen Menſchen, grüne Blätter am Hut, ſchrie:„Zu den Waffen!“ Man mußte ſich recognoſciren; waren die Men⸗ ſchen, welche die Rue Vivienne verſperrten, Freunde oder Feinde? Grün war die Farbe des Grafen dArtvis. Warum die grünen Kokarden? Nach einer kurzen Verhandlung erklärte ſich Alles. Als man die Entlaſſung von Mecker erfuhr, war ein junger Mann aus dem Café Foy herausgetreten, auf einen Tiſch geſtiegen und hatte, eine Piſtole zei⸗ gend, gerufen: „Zu den Waffen!“ Bei dieſem Rufe hatten ſich alle Spaziergänger des Palais um ihn verſammelt und geſchrieen:„Zu den Waffen!“ Alle fremden Regimenter waren, wie geſagt, um Paris zuſammengeſchaart. Man hätte glauben ſollen, es wäre eine öſterreichiſche Invaſion: die Namen dieſer Regimenter klangen entſetzlich in den franzöſiſchen Ohren. Sie hießen; Rehnac, Salis Samade, Diesbach, Eſter⸗ hazy, Römers); man brauchte ſie nur zu nennen, um * *) Wir copiren dieſe Namen genau nach dem Ori⸗ ginal, ohne entfernt für die Richtigkeit zu bürgen. D. leberſ. — e— 133 eines der Werkzeuge des Triumphes von Necker und vom Herzog von Orleans. Doch kaum zu dieſem Poſten gelangt, durchzuckte eine Idee ſeinen Geiſt. Was war aus Pitou, was war aus Margot ge⸗ worden? Während er ſeine Bahre trug, wandte Billot ſei⸗ nen Kopf um und ſah beim Scheine der Fackeln, die den Zug begleiteten und erhellten, beim Scheine der Lämpchen, welche alle dieſe Fenſter beleuchteten, mitten im Zuge eine Art von wandernder Erhöhung, gebildet von fünf bis ſechs geſticulirenden und ſchreienden Menſchen. Unter dieſen Geſticulationen und unter dieſem Ge⸗ ſchrei war die Stimme von Pitou leicht zu unterſchei⸗ den, ließen ſich ſeine langen Arme leicht erkennen. Pitou that, was er konnte, um Margot zu ver⸗ theidigen, aber trotz ſeiner Anſtrengung war Margot gleichſam im Sturme genommen worden. Margot trug nicht mehr Pitou und Blllot, ſchon eine ehrenwerthe Laſt für das arme Thier. Margot trug Alles, was auf ihrem Rücken, auf ihrem Kreuz, auf ihrem Hals und auf ihrem Wider⸗ riſt Platz hatte finden können. Margot glich in der Nacht, welche durch die Phan⸗ taſie alle Gegenſtände vergrößert, einem mit Schützen, die auf eine Tigerjagd ausziehen, beladenen Elephanten. Auf dem breiten Rückgrat von Margot hockten fünf bis ſechs Beſeſſene und ſchrieen:„Es lebe Necker! es lebe der Herzog von Orleans! nieder mit den Fremden!“ Worauf Pitou erwiederte: „Ihr werdet Margot erſticken!“ Die Trunkenheit war allgemein. Billot hatte einen Augenblick den Gedanken, Pitou und Margot Hülfe zu bringen; doch er bedachte, daß er, wenn er nur eine Minute auf die von ihm eroberte Ehre, eine von den Stangen der Bahre zu tragen, verzichtete, nie mehr ſeine Stange erlangen würde. Dann Le⸗ got ück er⸗ um ter en⸗ de is. r er m en, er r⸗ m 135 der Menge begreiflich zu machen, man ſpreche feinbliche Namen aus. Der junge Mann nannte ſie; er verkün⸗ digte, Schweizer ſeien auf den Champs⸗Elyſces mit vier Kanonen gelagert und müſſen an demſelben Abend im Gefolge der Dragoner des Prinzen von Lambesq in Paris einziehen. Er ſchlug eine neue Kokarde vor, welche nicht die ihrige wäre, riß ein Blatt von einem Kaſtanienbaume und ſteckte es auf ſeinen Hut. In dem⸗ ſelben Augenblick ahmten ihm alle Anweſende nach, und in zehn Minuten hatten dreitauſend Perſonen die Bäume des Palais Royal geplündert. Am Morgen war der Name des jungen Mannes unbekannt, am Abend war er in Aller Mund. Der Name des jungen Mannes war Camille Des⸗ moulins. Man erkannte ſich, man ſchloß Brüderſchaft, man umarmte ſich. Dann marſchirte der Zug weiter. Während des kurzen Haltes, den man gemacht, hatten die Neugierigen, welche nichts ſehen konnten, ſelbſt wenn ſie ſich auf die Fußſpitzen erhoben, Mar⸗ got mit einer neuen Laſt an ſeinem Zaum, an ſeinem Sattel, an ſeinem Schwanzriemen, an ſeinen Steig⸗ bügeln überbürdet, ſo daß das arme Thier in dem Augenblick, wo es ſich wieder in Marſch ſetzen ſollte, buchſtäblich unter dem übermäßigen Gewicht zuſam⸗ menſank. An der Ecke der Rue Richelien ſchaute Billot zurück; Margot war verſchwunden. Er ſtieß einen Seufzer, dem Andenken des un⸗ glücklichen Thieres gewidmet, aus. Dann raffte er alle Kräfte ſeiner Stimme zuſammen und rief drei⸗ mal Pitou, wie es die Römer bei den Leichenbegäng⸗ niſſen ihrer Verwandten thaten; es war ihm, als hörte er aus dem Schooße der Menge eine Stimme hervor⸗ dringen, welche auf die ſeinige antwortete. Doch dieſe Stimme ging in dem verworrenen Geſchrei verloren, dachte er am Ende, daß durch den mit dem Vater Le⸗ franc abgeſchloſſenen Tauſch von Cadet gegen Margot Margot ihm gehörte, und daß, ſollte Margot Unglück widerfahren, dies nur eine Sache von drei bis vier⸗ hundert Livres wäre, und daß er, Billot, reich genug ſei, um dem Vaterland drei bis vierhundert Livres zum Opfer zu bringen. Mittlerweile marſchirte der Zug immer weiter; er hatte eine ſchräge Richtung genommen und war von der Rue Montmartre bis zur Place des Victoires hinab⸗ gegangen. Als man zum Palais Royal kam, fand man eine große Zuſammenſchaarung, welche den Weg völlig verſperrte. Ein Haufen Menſchen, grüne Blätter am Hut, ſchrie:„Zu den Waffen!“ Man mußte ſich recognoſeciren; waren die Men⸗ ſchen, welche die Rue Vivienne verſperrten, Freunde oder Feinde? Grün war die Farbe des Grafen d'Artois. Warum die grünen Kokarden? Nach einer kurzen Verhandlung erklärte ſich Alles. Als man die Entlaſſung von Necker erfuhr, war ein junger Mann aus dem Café Foy herausgetreten, auf einen Tiſch geſtiegen und hatte, eine Piſtole zei⸗ gend, gerufen: „Zu den Waffen!“ Bei dieſem Rufe hatten ſich alle Spaziergänger des Palais um ihn verſammelt und geſchrieen:„Zu den Waffen!“ Alle fremden Regimenter waren, wie geſagt, um Paris zuſammengeſchaart. Man hätte glauben ſollen, es wäre eine öſterreichiſche Invaſion: die Namen dieſer Regimenter klangen entſetzlich in den franzöſiſchen Ohren. Sie hießen: Reynac, Salis Samade, Diesbach, Eſter⸗ hazy, Römer*); man brauchte ſie nur zu nennen, um *) Wir copiren dieſe Namen genau nach dem Ori⸗ ginal, ohne entfernt für die Richtigkeit zu bürgen. D. Ueberſ. , ͤ——— 136 das halb in Drohungen, halb in Beifallsrufen zum Himmel emporſtieg. Der Zug marſchirte weiter. Alle Läden waren geſchloſſen; doch alle Fenſter waren Jeöffnet, und aus allen Fenſtern kamen Ermu⸗ thigungen und fielen voll Berauſchung auf die Um⸗ hergehenden. So erreichte man die Place Vendome. Doch hier wurde der Zug durch ein unvorherge⸗ ſehenes Hinderniß aufgehalten. Jenen Baumſtämmen ähnlich, welche, von einem ausgetretenen Fluſſe fortgewälzt, auf einen Brücken⸗ pfeiler ſtoßen und gegen die Trümmer, die ihnen fol⸗ gen, zurückſpringen, fand das Volksheer eine Abthei⸗ lung von Royal⸗Allemand auf der Place Vendome. Dieſe fremden Soldaten waren Dragoner, welche, als ſie die durch die Straße Saint⸗Honors ſteigende Ueberſchwemmung ſahen, die nun gegen die Place Ven⸗ dome auszuſtrömen anfing, ihren durch einen Halt von fünf Stunden ungeduldig gewordenen Pferden die Zügel ſchießen ließen und gegen das Volk anſprengten. Die Träger der Bahre bekamen den erſten Stoß und wurden unter der Laſt niedergeworfen. Ein Sa⸗ voyard, der vor Billot ging, ſtand zuerſt wieder auf, ergriff das Bildniß des Herzogs von Orleans, befeſtigte es auf dem Ende eines Stockes, hob es über ſeinen Kopf empor und ſchrie:„Es lebe der Herzog von Or⸗ leans!“ den er nie geſehen, oder:„Es lebe Necker!“ den er nicht kannte. Billot wollte daſſelbe mit der Büſte von Necker thun, doch man war ihm zuvorgekommen. Ein junger Mann von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, elegant genug gekleidet, um den Namen eines Mus⸗ cadin*) zu verdienen, war ihr mit den Augen gefolgt, *²) In jener Zeit Benennung der Stutzer, deren Lieb⸗ lingsparfüm Biſam(musc) war. ——— 13⁵ der Menge begreiflich zu machen, man ſpreche feindliche Namen aus. Der junge Mann nannte ſie; er verkün⸗ digte, Schweizer ſeien auf den Champs⸗Elyſées mit vier Kanonen gelagert und müſſen an demſelben Abend im Gefolge der Dragoner des Prinzen von Lambesq in Paris einziehen. Er ſchlug eine neue Kokarde vor, welche nicht die ihrige wäre, riß ein Blatt von einem Kaſtanienbaume und ſteckte es auf ſeinen Hut. In dem⸗ ſelben Augenblick ahmten ihm alle Anweſende nach, und in zehn Minuten hatten dreitauſend Perſonen die Bäume des Palais Royal geplündert. Am Morgen war der Name des jungen Mannes unbekannt, am Abend war er in Aller Mund. Der Name des jungen Mannes war Camille Des⸗ moulins. Man erkannie ſich, man ſchloß Brüderſchaft, man umarmte ſich. Dann marſchirte der Zug weiter. Während des kurzen Haltes, den man gemacht, hatten die Neugierigen, welche nichts ſehen konnten, ſelbſt wenn ſie ſich auf die Fußſpitzen erhoben, Mar⸗ got mit einer neuen Laſt an ſeinem Zaum, an ſeinem Sattel, an ſeinem Schwanzriemen, an ſeinen Steig⸗ bügeln überbürdet, ſo daß das arme Thier in dem Augenblick, wo es ſich wieder in Marſch ſetzen ſollte, buchſtäblich unter dem übermäßigen Gewicht zuſam⸗ menſank. An der Ecke der Rue Richelieu ſchaute Billot zurück; Margot war verſchwunden. 1 Er ſtieß einen Seufzer, dem Andenken des un⸗ glücklichen Thieres gewidmet, aus. Dann raffte er alle Kräfte ſeiner Stimme zuſammen und rief drei⸗ mal Pitou, wie es die Römer bei den Leichenbegäng⸗ niſſen ihrer Verwandten thaten; es war ihm, als hörte er aus dem Schooße der Menge eine Stimme hervor⸗ dringen, welche auf die ſeinige antwortete. Doch dieſe Stimme ging in dem verworrenen Geſchrei verloren, ter u⸗ m⸗ e⸗ m n⸗ ⸗ i⸗ e, de n⸗ on el oß f, te en [ en 137 was für ihn viel leichter, als für Billot war, der ſie trug und hatte ſich, ſobald die Büſte die Erde berührte, darauf geſtürzt. Der Pächter ſuchte daher vergebens auf der Erde; die Büſte von Necker war ſchon am Ende einer Art von Pike und verſammelte, neben die des Herzogs von Orleans gehalten, um ſich einen großen Theil vom Zuge. Plötzlich beleuchtet ein Schein den Platz. In dem⸗ ſelben Augenblick vernimmt man ein Gekrache, Kugeln pfeifen; etwas Schweres ſchlägt Billot vor die Stirne; er fällt; im erſten Augenblick hält ſich Billot für todi⸗ Doch da ihn das Bewußtſein nicht verlaſſen hat, da ihm, abgeſehen von einem heftigen Schmerz am Kopfe, durchaus nichts wehe thut, ſo begreift Billot, daß er höchſtens verwundet iſt, fährt mit der Hand an die Stirne, um ſich der Bedeutung ſeiner Wunde zu verſichern, und bemerkt zugleich, daß er nur eine Quet⸗ ſchung am Kopfe hat, und daß ſeine Hände von Blut geröthet ſind. Dem jungen Manne mit den ſchönen Kleidern, der Pillot voranging, hatte eine Kugel die Bruſt in der Mitte durchbohrt. Er war todt. Dieſes Blut, es war das ſeinige. Der Schlag, den Bilkot empfunden hatte, war die Büſte von Necker, welche ihm, ihre Stütze ver⸗ lierend, auf den Kopf gefallen war. Billot ſtößt einen Schrei aus, halb vor Wuth, halb vor Schrecken. Er tritt von dem jungen Manne zurück, der ſich in den Convulſtonen des Todeskampes zerarbeitet. Die⸗ jenigen, welche ihn umgeben, treten, wie er, zurück, und von der Menge wiederholt, verlängert ſich der Schrei, den er ausgeſtoßen, wie ein Leichenecho in den letzten Gruppen der Rue Saint⸗Honoré. Dieſer Schrei iſt ein neuer Aufruhr; man ver⸗ nimmt ein zweites Krachen, und alsbald bezeichnen tiefe, in die Maſſe gegrabene Löcher den Durchzug des Geſchoſſes. 136 das halb in Drohungen, halb in Beifallsrufen zum Himmel emporſtieg. Der Zug marſchirte weiter. Alle Läden waren geſchloſſen; doch alle Fenſter waren geöffnet, und aus allen Fenſtern kamen Ermu⸗ thigungen und ſielen voll Berauſchung auf die Um⸗ hergehenden.— So erreichte man die Place Vendome. Doch hier wurde der Zug durch ein unvorherge⸗ ſehenes Hinderniß aufgehalten. Jenen Baumſtämmen ähnlich, welche, von einem ausgetretenen Fluſſe fortgewälzt, auf einen Brücken⸗ pfeiler ſtoßen und gegen die Trümmer, die ihnen fol⸗ gen, zurückſpringen, fand das Volksheer eine Abthei⸗ lung von Royal⸗Allemand auf der Place Vendome. Dieſe fremden Soldaten waren Dragoner, welche, als ſie die durch die Straße Saint⸗Honoré ſteigende Ueberſchwemmung ſahen, die nun gegen die Place Ven⸗ dome auszuſtrömen anfing, ihren durch einen Halt von fünf Stunden ungeduldig gewordenen Pferden die Zügel ſchießen ließen und gegen das Volk anſprengten. Die Träger der Babre bekamen den erſten Stoß und wurden unter der Laſt niedergeworfen. Ein Sa⸗ voyard, der vor Billot ging, ſtand zuerſt wieder auf, ergriff das Bildniß des Herzogs von Orleans, befeſtigte es auf dem Ende eines Stockes, hob es über ſeinen Kopf empor und ſchrie:„Es lebe der Herzog von Or⸗ leans!“ den er nie geſehen, oder:„Es lebe Necker!“ den er nicht kannte. Billot wollte daſſelbe mit der Büſte von Necker thun, doch man war ihm zuvorgekommen. Ein junger Mann von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, elegant genug gekleidet, um den Namen eines Mus⸗ cadin*) zu verdienen, war ihr mit den Augen gefolgt, *) In jener Zeit Benennung der Stutzer, deren Lieb⸗ lingsparſüm Biſam(musc) war. 138 Die Büſte, deren ganzes Geſicht mit Blut befleckt iſt, aufraffen, ſie über ſeinen Kopf erheben, mit ſeiner männlichen Stimme Einſprache thun, auf die Gefahr, ſich tödten zu laſſen, wie der ſchöne, junge Mann, deſ⸗ ſen Körper zu ſeinen Füßen liegt, das iſt es, was die Entrüſtung Billot eingibt, und was er im erſten Augen⸗ blicke ſeines Enthuſtasmus thut. Doch bald legt ſich eine breite, kräftige Hand auf die Schulter des Pächters und drückt dergeſtalt darauf, daß er genöthigt iſt, ſich unter dem Gewichte zu biegen. Der Pächter will ſich dem Druck entziehen, eine andere Hand, nicht minder ſchwer, als die erſte, fällt auf ſeine andere Schulter. Er dreht ſich brüllend, um zu ſchauen, mit was für einem Gegner er es zu thun habe. „Pitou,“ ruft er. „Ja, ja,“ antwortet Piton,„bücken Sie ſich ein wenig, und Sie werden ſehen.“ Und er verdoppelt ſeine Anſtrengung, bis es ihm gelinat⸗ den wiberſpänſtigen Pächter neben ſich nieder⸗ zulegen. Kaum hat er ihm das Geſicht gegen die Erde ge⸗ drückt, da ertönt eine zweite Salve. Der Savoyard, der die Büſte des Herzogs von Orleans trägt, bückt ſich auch, von einer Kugel in den Schenkel getroffen. Dann hört man das Aufſchlagen der Hufeiſen auf dem Pflaſter. Die Dragoner greifen zum zweiten Mal an; ein Pferd mit zerzauſter Mähne und wüthend, wie das der Apokalypſe, rennt über den unglücklichen Sa⸗ voharden, und er fühlt die kalte Spitze einer Lanze in ſeine Bruſt eindringen. Er fällt auf Billot und Piton. Der Sturm zieht, Schrecken und Tod verbreitend, weiter und weiter bis in die Tieſe der Straße! Die Leichname allein bleiben auf dem Pflaſter. Alles flieht durch die anliegenden Gaſſen. Die Fenſter ſchließen ſich. Eine Todesſtille folgt auf die Rufe der Begei⸗ ſterung und auf das Geſchrei des Zorns. Billot wartete einen Augenblick, immer durch den 8 5 e S+ — 137 was für ihn viel leichter, als für Billot war, der ſie trug und hatte ſich, ſobald die Büſte die Erde berührte, darauf geſtürzt. Der Pächter ſuchte daher vergebens auf der Erde; die Büſte von Nocker war ſchon am Ende einer Art von Pike und verſammelte, neben die des Herzogs von Orleans gehalten, um ſich einen großen Theil vom Zuge. Plötzlich beleuchtet ein Schein den Platz. In dem⸗ ſelben Augenblick vernimmt man ein Gekrache, Kugeln pfeifen; etwas Schweres ſchlägt Billot vor die Stirne; er fällt; im erſten Augenblick hält ſich Billot für todt. Doch da ihn das Bewußtſein nicht verlaſſen hat, da ihm, abgeſehen von einem heftigen Schmerz am Kopfe, durchaus nichts wehe thut, ſo begreift Billot, daß er höchſtens verwundet iſt, fährt mit der Hand an die Stirne, um ſich der Bedeutung ſeiner Wunde zu „verſichern, und bemerkt zugleich, daß er nur eine Quet⸗ ſchung am Kopfe hat, und daß ſeine Hände von Blut geröthet ſind. Dem jungen Manne mit den ſchönen Kleidern, der Billot voranging, hatte eine Kugel die Bruſt in der Mitte durchbohrt. Er war todt. Dieſes Blut, es war das ſeinige. Der Schlag, den Billot empfunden hatte, war die Büſte von Necker, welche ihm, ihre Stütze ver⸗ lierend, auf den Kopf gefallen war. Billot ſtößt einen Schrei aus, halb vor Wuth, halb vor Schrecken. Er tritt von dem jungen Manne zurück, der ſich in den Convulſtonen des Todeskampees zerarbeitet. Die⸗ jenigen, welche ihn umgeben, treten, wie er, zurück, und von der Menge wiederholt, verlängert ſich der Schrei, den er ausgeſtoßen, wie ein Leichenecho in den letzten Gruppen der Rue Saint⸗Honoré. Dieſer Schrei iſt ein neuer Aufruhr; man ver⸗ nimmt ein zweites Krachen, und alsbald bezeichnen tiefe, in die Maſſe gegrabene Löcher den Durchzug des Geſchoſſes. ſeckt iner ahr, deſ⸗ die en auf uf, en. ere ine en, ein m er⸗ e⸗ ———— 139 klugen Pitou niedergehalten. Als er dann fühlte, daß die Gefahr ſich mit dem Lärmen entfernte, erhob er ſich auf ein Knie, während Pitou, nach Art der Haſen im Lager, nicht den Kopf aufzurichten, ſondern das Ohr zu ſpitzen anfing. „Nun, Herr Billot,“ ſagte Piton,„ich glaube, Sie haben wahr geſprochen, wir ſind im rechten Augen⸗ blicke angekommen.“ „Auf, hilf mir!“ „Wobei? zu entfliehen!“ „Nein; der junge Muscadin iſt todt, doch der arme Savoyard iſt, wie ich denke, nur ohnmächtig. Hilf mir ihn auf meinen Rücken laden; wir fönnen ihn nicht hier laſſen, daß ihm die verdammten Deutſchen den Reſt geben.“ Billot ſprach eine Sprache, welche Piton gerade zum Herzen ging. Er fand nichts zu antworten und konnte nur gehorchen. Darum nahm er den Körper des ohnmächtigen, blutenden Savvyarden, lud ihn, wie er es mit einem Sacke gethan hätte, auf die Schulter des kräftigen Pächters, und dieſer ſchlug, als er die Rue Saint Honoré frei und ſcheinbar verlaſſen ſah, mit Piton den Weg nach dem Palais⸗Royal ein. Xl. Die Nacht vom 12. auf den 13. Juli. Die Straße war Anfangs Billot und Piton leer und verlaſſen vorgekommen, weil ſich die Dragoner, in Verfolgung der Maſſe der Flüchtigen begriffen, in den Rues Louis⸗le⸗Grand und Gaillon verbreitet hatten; als aber Billot, inſtinctartig und mit halber Stimme das Wort Rache brummend, dem Palais Royal näher kam, erſchienen Menſchen an den Straßenecken, in den Oeffnungen der Gänge, auf der Schwelle der Thorwege; 138 Die Büſte, deren ganzes Geſicht mit Blut befleckt iſt, aufraffen, ſte über ſeinen Kopf erheben, mit ſeiner männlichen Stimme Einſprache thun, auf die Gefahr, ſich tödten zu laſſen, wie der ſchöne, junge Mann, deſ⸗ ſen Körper zu ſeinen Füßen liegt, das iſt es, was die Entrüſtung Billot eingibt, und was er im erſten Augen⸗ blicke ſeines Enthuſtasmus thut. Doch bald legt ſich eine breite, kräftige Hand auf die Schulter des Pächters und drückt dergeſtalt darauf, daß er genöthigt iſt, ſich unter dem Gewichte zu biegen. Der Pächter will ſich dem Druck entziehen, eine andere Hand, nicht minder ſchwer, als die erſte, fällt auf ſeine andere Schulter. Er dreht ſich brüllend, um zu ſchauen, mit was für einem Geguer er es zu thun habe. „Pitou,“ ruft er. „Ja, ja,“ antwortet Piton,„bücken Sie ſich ein wenig, und Sie werden ſehen.“ Und er verdoppelt ſeine Anſtrengung, bis es ihm gelingt, den widerſpänſtigen Pächter neben ſich nieder⸗ ulegen. 4 graum hat er ihm das Geſicht gegen die Erde ge⸗ drückt, da ertönt eine zweite Salve. Der Savoyard, der die Büſte des Herzogs von Orleans trägt, bückt ſich auch, von einer Kugel in den Schenkel getroffen. Dann hört man das Aufſchlagen der Hufeiſen auf dem Pflaſter. Die Dragoner greifen zum zweiten Mal an; ein Pferd mit zerzauſter Mähne und wüthend, wie das der Apokalypſe, rennt über den unglücklichen Sa⸗ voyarden, und er fühlt die kalte Spitze einer Lanze in ſeine Bruſt eindringen. Er fällt auf Billot und Pitou. Der Sturm zieht, Schrecken und Tod verbreitend, weiter und weiter bis in die Tiefe der Straße! Die Leichname allein bleiben auf dem Pflaſter. Alles flieht durch die anliegenden Gaſſen. Die Fenſter ſchließen ſich. Eine Todesſtille folgt auf die Rufe der Begei⸗ ſterung und auf das Geſchrei des Zorns. Billot wartete einen Augenblick, immer durch den 140 ſie ſchauten Anfangs ſtumm und etſchrocken umher, ver⸗ ſicherten ſich der Abweſenheit der Dragoner, ſchloſſen ſich dann dieſem Leichenzuge an, und wiederholten zu⸗ erſt mit halber Stimme, dann laut, und endlich mit gewaltigem Geſchrei das Wort:„Rache! Rache!“ Pitou ging, die ſchwarze Mütze des Savoyarden in der Hand, hinter dem Pächter. Sie kamen ſo, eine unheimliche, traurige Proceſ⸗ ſion, auf den Platz des Palais⸗Royal, wo ein ganzes, vor Zorn trunkenes Volk berathſchlagte und die Unter⸗ ſtützung der franzöſiſchen Soldaten gegen die fremden forderte. „Was für Menſchen in Uniform ſind das?“ fragte Billot, als er vor die Fronte einer Compagnie kam, welche, das Gewehr bei Fuß, den Platz des Palais⸗ Royal vom großen Thore des Schloſſes bis zur Rue de Chartres verſperrt hielt. „Es ſind franzöſiſche Garden,“ riefen mehrere Stimmen. „Ah!“ ſagte Billot, indem er näher auf ſie zutrat, und den Soldaten den Körper des Savoyarden zeigte, der nur noch eine Leiche war.„Ah! Ihr ſeid Franzo⸗ ſen, und Ihr laßt uns durch Deutſche erwürgen!“ Die franzöſiſchen Garden machten unwillkürlich eine Bewegung rückwärts. „Todt!“ murmelten einige Stimmen in den Reihen. „Ja, todt, ermordet, er und viele Andere.“ „Und durch wen?“ „Durch die Dragoner von Royal Allemand. Habt Ihr denn das Geſchrei, die Schüſſe, den Galopp der Pferde nicht gehört?“ „Doch! doch!“ riefen zwei bis dreihundert Stim⸗ men;„man ermordete das Volk auf der Place Ven⸗ dome.“ „Und Ihr ſeid vom Volk, tauſend Götter!“ rief Billot den Soldaten zu.„Es iſt alſo eine Feigheit von Euch, daß Ihr Eure Brüder ermorden laßt!“ SS ——— 139 klugen Pitou niedergehalten. Als er dann fühlte, daß die Gefahr ſich mit dem Lärmen entfernte, erhob er ſich auf ein Knie, während Piton, nach Art der Haſen im Lager, nicht den Kopf aufzurichten, ſondern das Ohr zu ſpitzen anfing. „Nun, Herr Billot,“ ſagte Piton,„ich glaube, Sie haben wahr geſprochen, wir ſind im rechten Augen⸗ blicke angekommen.“ „Auf, hilf mir!“ „Wobei? zu entfliehen!“ „Nein; der junge Muscadin iſt todt, doch der arme Savoyard iſt, wie ich denke, nur ohnmächtig. Hilf mir ihn auf meinen Rücken laden; wir können ihn nicht hier laſſen, daß ihm die verdammten Deutſchen den Reſt geben.“ Billot ſprach eine Sprache, welche Pitou gerade zum Herzen ging. Er fand nichts zu antworten und konnte nur gehorchen. Darum nahm er den Körper des ohnmächtigen, blutenden Savoyarden, lud ihn, wie er es mit einem Sacke gethan hätte, auf die Schulter des kräftigen Pächters, und dieſer ſchlug, als er die Rue Saint Honoré frei und ſcheinbar verlaſſen ſah, mit Pitou den Weg nach dem Palais⸗Royal ein. XI. Die Nacht vom 12. auf den 13. Juli. Die Straße war Anfangs Billot und Pitou leer und verlaſſen vorgekommen, weil ſich die Dragoner, in Verfolgung der Maſſe der Flüchtigen begriffen, in den Rues Louis⸗le⸗Grand und Gaillon verbreitet hatten; als aber Billot, inſtinctartig und mit halber Stimme das Wort Rache brummend, dem Palais Royal näher kam, erſchienen Menſchen an den Straßenecken, in den Oeffnungen der Gänge, auf der Schwelle der Thorwege; t r N — N 141 „Eine Feigheit!“ murmelten einige drohende Stim⸗ men in den Reihen. „Ja eine Feigheit! ich habe es geſagt, und wiederhole es. Ah!“ fuhr Billot fort, indem er drei Schritte gegen den Punkt machte, woher die Dro⸗ hungen gekommen waren;„werdet Ihr mich nicht töd⸗ ten, um zu beweiſen, daß Ihr keine Feige ſeid?“ „Es iſt gut es iſt gut,“ ſagte Einer von den Soldaten;„Sie ſind ein Braver, mein Freund; doch Sie ſind Bürger und können thun, was Sie wol⸗ len; aber der Militär iſt Soldat und hat einen Befehl.“ „Somit,“ rief Billot,„wenn Ihr den Befehl be⸗ kämet, auf uns, das heißt, auf Unbewaffnete, zu ſchie⸗ ßen, ſo würdet Ihr ſchießen, Ihr, die Nachfolger der Männer von Fontenoi!“ „Ich, ich weiß wohl, daß ich nicht feuern würde,“ rief eine Stimme in den Reihen⸗ „Ich auch nicht, ich auch nicht,“ wieberholten hun⸗ dert Stimmen. „So verhindert alſo die Andern, auf uns zu ſchie⸗ ßen. Uns durch die Deutſchen ermorden laffen iſt ge⸗ rade, als ob Ihr uns ſelbſt ermorden würdet.“ „Die Dragoner! die Dragoner!“ ſchrieen mehrere Stimmen, während zugleich die Menge, zurückgedrängt und durch die Rue Richelieu fliehend, auf den Platz auszuſtrömen anfing. Und man hörte noch in der Ferne, aber näher kom⸗ mend, den Galopp einer ſchweren Cavalerie auf dem Platze ſchallen. „Zu den Waffen! zu den Waffen!“ ſchrieen die Flüchtigen. „Tauſend Götter!“ ſagte Billot, während er den Körper des Savoharden, den er bis jetzt noch nicht losgelaſſen, auf den Boden warf;„gebt uns wenigſtens e wenn Ihr Euch derſelben nicht bedie⸗ en wollt. „Doch, doch, tauſend Donner! wir wollen uns der⸗ 140 ſte ſchauten Anfangs ſtumm und erſchrocken umher, ver⸗ ſicherten ſich der Abweſenheit der Dragoner, ſchloſſen ſich dann dieſem Leichenzuge an, und wiederholten zu⸗ erſt mit halber Stimme, dann laut, und endlich mit gewaltigem Geſchrei das Wort:„Rache! Rache!“ Pitou ging, die ſchwarze Mütze des Savoyarden in der Hand, hinter dem Pächter. Sie kamen ſo, eine unheimliche, traurige Proceſ⸗ ſion, auf den Platz des Palais⸗Royal, wo ein ganzes, vor Zorn trunkenes Volk berathſchlagte und die Unter⸗ ſtützung der franzöſiſchen Soldaten gegen die fremden forderte. „Was für Menſchen in Uniform ſind das?“ fragte Billot, als er vor die Fronte einer Compagnie kam, welche, das Gewehr bei Fuß, den Platz des Palais⸗ Royal vom großen Thore des Schloſſes bis zur Rue de Chartres verſperrt hielt. „Es ſind franzöſiſche Garden,“ riefen mehrere Stimmen. „Ah!“ ſagte Billot, indem er näher auf ſie zutrat, und den Soldaten den Körper des Savoyarden zeigte, der nur noch eine Leiche war.„Ah! Ihr ſeid Franzo⸗ ſen, und Ihr laßt uns durch Deutſche erwürgen!“ Die franzöſiſchen Garden machten unwillkürlich eine Bewegung rückwärts. „Todt!“ murmelten einige Stimmen in den Reihen. „Ja, todt, ermordet, er und viele Andere.“ „Und durch wen?“ „Durch die Dragoner von Royal Allemand. Habt Ihr denn das Geſchrei, die Schüſſe, den Galopp der Pferde nicht gehört?“ Doch! doch!“ riefen zwei bis dreihundert Stim⸗ 2 men;„man ermordete das Volk auf der Place Ven⸗ dome.“ „Und Ihr ſeid vom Volk, tauſend Götter!“ rief Billot den Soldaten zu.„Es iſt alſo eine Feigheit von Euch, daß Ihr Eure Brüder ermorden laßt!“ 14² ſelben bedienen,“ ſagte der Soldat, an den ſich Billot gewendet, während er aus den Händen des Pächters ſein Gewehr losmachte, das der Andere ſchon gepackt hatte.„Auf, auf, ergreift die Patrone, und wenn die Oeſterreicher etwas zu dieſen braven Leuten ſagen, ſo werden wir ſehen.“ „Ja, ja, wir werden ſehen,“ ſchrieen die Soldaten. Und ſie griffen mit der Hand an die Patrontaſche, zogen die Patrone heraus und führten ſie an ihren Mund⸗ „Oh! Donner!“ rief Billot, mit dem Fuße ſtam⸗ pfend,„daß ich mein Jagdgewehr nicht mitgenommen habe! Doch es wird wohl Einer von dieſen öſterreichi⸗ ſchen Schuften getödtet werden, dem nehme ich ſeine Muskete.“ „Mittlerweile,“ ſagte eine Stimme,„nehmen Sie dieſe Büchſe, ſie iſt geladen.“ Und zugleich ſchob ein unbekannter Mann Billot eine reiche Büchſe in die Hände. Gerade in dieſem Augenblicke mündeten die Dra⸗ goner, Alles, was ſich vor ihnen fand, niederwerfend und niederſäbelnd, auf den Platz aus. Der Officier, der die franzöſiſchen Garden com⸗ mandirte, machte vier Schritte vorwärts. „Holla! meine Herren Dragoner, halt da, wenn's beliebt!“ rief er. Sei es nun, daß die Dragoner nicht hörten, ſei es, daß ſie nicht hören wollten, ſei es, daß ſie durch einen zu ſtürmiſchen Lauf fortgeriſſen wurden, um an⸗ zuhalten, ſie ſchwenkten rechts auf den Platz ein und warfen eine Frau und einen Greis nieder, welche unter den Füßen der Pferde verſchwanden. „Feuer alſo, Feuer!“ rief Billot. Billot war ganz nahe bei dem Officier, und man konnte glauben, der Officier ſelbſt rufe. Die franzö⸗ ſiſchen Gärden ſchlugen an und machten ein Rotten⸗ feuer, worauf die Dragoner raſch anhielten. „Ei! meine Herren Garden,“ ſagte ein deutſcher m die eir 141 „Eine Feigheit!“ murmelten einige drohende Stim⸗ men in den Reihen. „Ja... eine Feigheit! ich habe es geſagt, und wiederhole es. Ah!“ fuhr Billot fort, indem er drei Schritte gegen den Punkt machte, woher die Dro⸗ hungen gekommen waren;„werdet Ihr mich nicht töd⸗ ten, um zu beweiſen, daß Ihr keine Feige ſeid?“ „Es iſt gut... es iſt gut,“ ſagte Einer von den Soldaten;„Sie ſind ein Braver, mein Freund; doch Sie ſind Bürger und können thun, was Sie wol⸗ len; aber der Militär iſt Soldat und hat einen Befehl.“ „Somit,“ rief Billot,„wenn Ihr den Befehl be⸗ kämet, auf uns, das heißt, auf Unbewaffnete, zu ſchie⸗ ßen, ſo würdet Ihr ſchießen, Ihr, die Nachfolger der Männer von Fontenoi!“ „Ich, ich weiß wohl, daß ich nicht feuern würde,“ rief eine Stimme in den Reihen. „Ich auch nicht, ich auch nicht,“ wiederholten hun⸗ dert Stimmen. „So verhindert alſo die Andern, auf uns zu ſchie⸗ ßen. Uns durch die Deutſchen ermorden laſſen iſt ge⸗ rade, als ob Ihr uns ſelbſt ermorden würdet.“ „Die Dragonerl die Dragoner!“ ſchrieen mehrere Stimmen, während zugleich die Menge, zurückgedrängt und durch die Rue Richelieu fliehend, auf den Platz auszuſtrömen anfing. Und man hörte noch in der Ferne, aber näher kom⸗ mend, den Galopp einer ſchweren Cavalerie auf dem Plate ichallen. „Zu den Waffen! zu den Wa ſen!“ rieen die Flüchtigen. f 3 f ſch „„Tauſend Götter!“ ſagte Billot, während er den örper des Savoyarden, den er bis jetzt noch nicht losgelaſſen, auf den Boden warf;„gebt uns wenigſtens Gune Gewehre, wenn Ihr Euch derſelben nicht bedie⸗ ollt. „Doch, doch, tauſend Donner! wir wollen uns der⸗ 8—— * F 143 Officier, welcher vor die Fronte der in Unordnung ge⸗ brachten Schwadron ritt,„wiſſen Sie, daß Sie auf uns feuern?“ „Bei Gott! ob wir das wiſſen!“ rief Billot. Und er ſchoß den Officier vom Pferde. Da gaben die franzöſiſchen Garden eine zweite Salve, und die Deutſchen, als ſie ſahen, daß ſie es diesmal nicht mit Bürgern, welche beim erſten Säbel⸗ hieb entflohen, ſondern mit Soldaten zu thun hatten, die ſie feſten Fußes erwarteten, kehrten um und er⸗ reichten die Place Vendome wieder unter einem ſo furchtbaren Ausbruch von Bravos und Triumphge⸗ ſchrei, daß viele Pferde durchgingen und ſich die Hirn⸗ ſchale an den geſchloſſenen Fenſterläden zerſchmetterten. „Es leben die franzöſiſchen Garden!“ rief das Volk. „Es leben die Soldaten des Vaterlandes!“ rief Billot. „Wir danken,“ antworteten dieſe,„wir haben das Feuer geſehen und ſind nun getauft.“ 4„Und ich habe das Feuer auch geſehen,“ ſagte itou. „Nun?“ fragte Billot. „Nun! ich finde es nicht ſo erſchrecklich, als ich es mir vorſtellte.“ „Wem gehört nun das Gewehr?“ ſagte Billot, der die Büchſe zu unterſuchen Zeit gehabt und in derſelben eine Waffe von großem Werth erkannt hatte. „Meinem Herrn,“ erwiederte dieſelbe Stimme, welche ſchon einmal hinter ihm geſprochen.„Doch mein Herr findet, Sie bedienen ſich deſſelben zu gut, um es von Ihnen zurückzunehmen.“ Billot wandte ſich um und erblickte einen Piqueur in der Livree des Herzogs von Orleans. „Und wo iſt Dein Herr?“ fragte er. Der Piqueur deutete auf eine halb geöffnete Jalouſie, bie der der Prinz Alles, was vorgefallen war, geſehen atte. ſelben bedienen,“ ſagte der Soldat, an den ſich Billot gewendet, während er aus den Händen des Pächters ſein Gewehr losmachte, das der Andere ſchon gepackt hatte.„Auf, auf, ergreift die Patrone, und wenn die Oeſterreicher etwas zu dieſen braven Leuten ſagen, ſo werden wir ſehen.“ „Ja, ja, wir werden ſehen,“ ſchrieen die Soldaten. und ſie griffen mit der Hand an die Patrontaſche, zogen die Patrone heraus und führten ſie an ihren Mund. „Oh! Donner!“ rief Billot, mit dem Fuße ſtam⸗ pfend,„daß ich mein Jagdgewehr nicht mitgenommen habe! Doch es wird wohl Einer von dieſen öſterreichi⸗ ſchen Schuften getödtet werden, dem nehme ich ſeine Muskete.“ „Mittlerweile,“ ſagte eine Stimme,„nehmen Sie dieſe Büchſe, ſie iſt geladen.“ Und zugleich ſchob ein unbekannter Mann Billot eine reiche Büchſe in die Hände. Gerade in dieſem Augenblicke mündeten die Dra⸗ goner, Alles, was ſich vor ihnen fand, niederwerfend und niederſäbelnd, auf den Platz aus. Der Officier, der die franzöſtſchen Garden com⸗ mandirte, machte vier Schritte vorwärts. „Holla! meine Herren Dragoner, halt da, wenn'’s beliebt!“ rief er. Sei es nun, daß die Dragoner nicht hörten, ſei es, daß ſie nicht hören wollten, ſei es, daß ſie durch einen zu ſtürmiſchen Lauf fortgeriſſen wurden, um an⸗ zuhalten, ſie ſchwenkten rechts auf den Platz ein und warfen eine Frau und einen Greis nieder, welche unter den Füßen der Pferde verſchwanden. „Feuer alſo, Feuer!“ rief Billot. Billot war ganz nahe bei dem Officier, und man konnte glauben, der Officier ſelbſt rufe. Die franzö⸗ ſiſchen Garden ſchlugen an und machten ein Rotten⸗ feuer, worauf die Dragoner raſch anhielten. „Eil meine Herren Garden,“ ſagte ein deutſcher 2 2 — umm S 144 „Er iſt alſo mit uns, Dein Herr?“ fragte Billot. „Mit Herz und Seele beim Volk,“ erwiederte der Piquenr. „Dann noch einmal: Es lebe der Herzog von Orleans!“ rief Billot;„Freunde, der Herzog von Or⸗ leans iſt für uns; es lebe der Herzog von Orleans!“ Und er deutete auf den Laden, hinter dem der Prinz ſtand. Der Laden wurde ganz geöffnet, und der Herzog von Hrleans verbengte ſich dreimal. Dann ſchloß ſich der Laden wieder. So kurz die Erſcheinung geweſen war, ſie hatte die Begeiſterung auf den höchſten Grad geſteigert. „Es lebe der Herzog von Orleans!“ ſchrieen zwei bis drei tauſend Stimmen. „Brechen wir die Buden der Waffenſchmiede auf,“ ſagte eine Stimme in der Mitte. „Laufen wir in's Invalidenhaus!“ riefen einige alte Solbaten.„Sombreuil hat zwanzig tauſend Gewehre.“ „In's Invalidenhaus!“ „In's Stadthaus!“ riefen mehrere Stimmen;„der Stadtvogt Fleſſelles hat den Schlüſſel zum Waffendepot der Garden, er wird ſie uns geben.“ „In's Stadthaus!“ wiederholte ein Theil der An⸗ weſenden. Und alle Welt lief in den drei Richtungen weg, welche bezeichnet worden waren. Mittlerweile hatten ſich die Dragoner wieder um den Baron Bezenval und den Prinzen von Lambesq auf der Place Louis XV. geſammelt. Das wußten Billot und Piton nicht; ſie waren keinem von den drei Haufen gefolgt und befanden ſich beinahe allein auf dem Platze des Palais⸗Royal. „Nun, lieber Herr Billot, wohin gehen wir, wenn ich fragen darf?“ ſagte Piton. „Ei! ich hätte große Luſt, dieſen braven Leuten zu folgen, nicht zu den Waffenſchmieden, da ich eine 1 — 143 Officier, welcher vor die Fronte der in Unordnung ge⸗ brachten Schwadron ritt,„wiſſen Sie, daß Sie auf uns feuern?“ „Bei Gott! ob wir das wiſſen!“ rief Billot. Und er ſchoß den Ofſficier vom Pferde. Da gaben die franzöſtſchen Garden eine zweite Salve, und die Deutſchen, als ſie ſahen, daß ſie es diesmal nicht mit Burgern, welche beim erſten Säbel⸗ hieb entflohen, ſondern mit Soldaten zu thun hatten, die ſie feſten Fußes erwarteten, kehrten um und er⸗ reichten die Place Vendome wieder unter einem ſo furchtbaren Ausbruch von Bravos und Triumphge⸗ ſchrei, daß viele Pferde durchgingen und ſich die Hirn⸗ ſchale an den geſchloſſenen Fenſterläden zerſchmetterten. „Es leben die franzoͤſiſchen Garden!“ rief das Volk. 3 d08 leben die Soldaten des Vaterlandes!“ rief illot. „Wir danken,“ antworteten dieſe,„wir haben das Feuer geſehen und find nun getauft.“ tol d ich habe das Feuer auch geſehen,“ ſagte itou. „Nun?“ fragte Billot. „Nunl ich finde es nicht ſo erſchrecklich, als ich es mir vorſtellte.“ „Wem gehört nun das Gewehr?“ ſagte Billot, der die Büchſe zu unterſuchen Zeit gehabt und in derſelben eine Waffe von großem Werth erkannt hatte. „Meinem Herrn,“ erwiederte dieſelbe Stimme, welche ſchon einmal hinter ihm geſprochen.„Doch mein Herr findet, Sie bedienen ſich deſſelben zu gut, um es von Ihnen zurückzunehmen.“ Billot wandte ſich um und erblickte einen Piqueur in der Livree des Herzogs von Orleans. „Und wo iſt Dein Herr?“ fragte er. ⸗ Der Piqueur deutete auf eine halb geöffnete Jalouſie, hunter der der Prinz Alles, was vorgefallen war, geſehen e. 4 lte 2 der ot ln⸗ eg, um esq llot fen atze enn ten ine ſo ſchöne Büchſe habe, ſondern nach dem Stabthauſe oder in's Invalidenhaus. Inſofern ich aber nach Paris gekommen bin, nicht um mich zu ſchlagen, ſondern um die Adreſſe von Herrn Gilbert zu erfahren, ſo müßte ich, wie mir ſcheint, in das College Lvuis⸗le⸗Grand gehen, wo ſein Sohn iſt, mit dem Vorbehalt, wenn ich den Doctor geſehen habe, mich wieder in dieſen ganzen Wirrwarr zu ftürzen.“ Und die Augen des Pächters ſchleuberten Blitze. „Zuerſt in das College Louis⸗le⸗Grand zu gehen, kommt mir logiſch vor, da wir zu dieſem Ende nach Paris gekommen ſind,“ ſprach Piton pathetiſch. „Nimm alſo einen Musteton, einen Säbel, irgend eine Waffe von einem der Faullenzer, welche dort liegen,“ ſagte Billot, auf einen der fünf bis ſechs auf der Erde ausgeſtreckten Dragoner deutend,„und laß uns nach dem College Louis⸗le⸗Grand gehen.“ „Aber dieſe Waffen,“ entgegnete Piton zögernd, „ſie gehören nicht mir.“ „Wem gehören ſie denn?“ fragte Billot. „Sie gehören dem König.“ „Sie gehören dem Volk,“ ſagte Billot. Stark durch das Gutheißen des Pächters, den er als einen Mann kannte, ber ſeinen Nachbar nicht um ein Hirſenkörnchen hätte benachtheiligen wollen, näherte ſich Piton mit allen Arten von⸗Vorſichtsmaßregeln dem ragoner, welcher ihm am nächſten lag, und nachdem er ſich verſichert hatte, daß er wirklich todt war, nahm uſhn ſeinen Säbel, ſeinen Musketon und ſeine Patron⸗ aſche. Pitou hatte große Luſt, ihm auch ſeinen Helm zu nehmen, nur wußte er nicht, ob das, was der Vater Billot von den Angriffswaffen geſagt hatte, ſich auch auf die Vertheidigungswaffen erſtreckte. och während er ſich bewaffnete, horchte Piton nach der Place Vendome hin. Ange Plion. 1. 10 144 „Er iſt alſo mit uns, Dein Herr?“ fragte Billot. „Mit Herz und Seele beim Volk,“ erwiederte der Piqueur. „Dann noch einmal: Es lebe der Herzog von Orleans!“ rief Billot;„Freunde, der Herzog von Or⸗ leans iſt fuͤr uns; es lebe der Herzog von Orleans!“ Und er deutete auf den Laden, hinter dem der Prinz ſtand. Der Laden wurde ganz geöffnet, und der Herzog von Orleans verbeugte ſich dreimal. Dann ſchloß ſich der Laden wieder. So kurz die Erſcheinung geweſen war, ſie hatte die Begeiſterung auf den höchſten Grad geſteigert. „Es lebe der Herzog von Orleans!“ ſchrieen zwei bis drei tauſend Stimmen. „Brechen wir die Buden der Waffenſchmiede auf,“ ſagte eine Stimme in der Mitte. „Laufen wir in's Invalidenhaus!“ riefen einige alte Soldaten.„Sombreuil hat zwanzig tauſend Gewehre.“ „In's Invalidenhaus!“ „In's Stadthaus!“ riefen mehrere Stimmen;„der Stadtvogt Fleſſelles hat den Schlüſſel zum Waffendepot der Garden, er wird ſie uns geben.“ „In's Stadthaus!“ wiederholte ein Theil der An⸗ weſenden. 3 Und alle Welt lief in den drei Richtungen weg, welche bezeichnet worden waren. Mittlerweile hatten ſich die Dragoner wieder um den Baron Bezenval und den Prinzen von Lambesq auf der Place Louis XV. geſammelt. Das wußten Billot und Pitou nicht; ſie waren keinem von den drei Haufen gefolgt und befanden ſich beinahe allein auf dem Platze des Palais⸗Royal. „Nun, lieber Herr Billot, wohin gehen wir, wenn ich fragen darf?“ ſagte Piton. „Ei! ich hätte große Luſt, dieſen braven Leuten zu folgen, nicht zu den Waffenſchmieden, da ich eine — 8& 1S—— d 282 8 146 „Hol ho!“ ſagte er,„mir ſcheint, Rohal Allemand kommt zurück.“ Man hörte in der That das Geräuſch eines Reiter⸗ haufens, der im Schritt zurückkehrte. Piton neigte ſich an die Ecke des Cafés de la Regence und erblickte wirk⸗ lich auf der Höhe des Marchs Saint⸗Honoré eine Dragoner⸗Patrouille, welche, den Musketon auf dem Schenkel, herbeiritt. „Geſchwinde, geſchwinde, ſie kommen zurück,“ ſagte Pitou. Billot ſchaute umher, umzu ſehen, ob man Widerſtand zu leiſten im Stande wäre. Der Platz war beinahe leer. „Gehen wir in's College Louis⸗le⸗Grand,“ ſagte er. und er nahm den Weg nach der Rue de Chartres, gefolgt von Pitou, der, mit dem Gebrauche des Wehr⸗ gehängs nicht vertraut, ſeinen grußen Säbel ſchleppte. „Tauſend Götter! Du ſiehſt aus wie ein Alteiſen⸗ händier. Hänge Dir doch dieſe Latte an.“ Wo?“ fragte Pitou. Ei! bei Gott! hier,“ antwortete Billot. und er befeſtigte den Säbel von Pitvu an ſeinem Wehrgehänge, was ihm eine Schuelligkeit im Gehen gab, die er ohne dieſes Mittel nicht erlangt hätte. Der Marſch wurde ohne einen unſull bis zur Place Louis XV. fortgeſetzt; hier aber fanden Billot und Piton die Colonne wieder, die ſich nach dem In⸗ valibenhauſe begeben wollte und plötzlich angehalten worden war. „Nun!“ fragte Billot,„was gibt es denn?“ „Man paſſirt nicht auf dem Pont Louis XV.“ „Und auf den Quais?“ „Auch nicht.“ „Und durch die Champs Eliſées?“ „Ebenſo wenig.“ „So kehren wir um und gehen wir über die Brücke der Tuilerien.“ Der Vorſchlag war ganz einfach, und die Menge 7 145 ſo ſchöne Büchſe habe, ſondern nach dem Stadthauſe oder in’s Invalidenhaus. Inſofern ich aber nach Paris gekommen bin, nicht um mich zu ſchlagen, ſondern um die Adreſſe von Herrn Gilbert zu erfahren, ſo müßte ich, wie mir ſcheint, in das College Louis⸗le⸗Grand gehen, wo ſein Sohn iſt, mit dem Vorbehalt, wenn ich den Doctor geſehen habe, mich wieder in dieſen ganzen Wirrwarr zu ſtürzen.“ Und die Augen des Pächters ſchleuderten Blitze. „Zuerſt in das College Louis⸗le⸗Grand zu gehen, kommt mir logiſch vor, da wir zu dieſem Ende nach Paris gekommen ſind,“ ſprach Pitou pathetiſch. „Nimm alſo einen Musketon, einen Säbel, irgend eine Waffe von einem der Faullenzer, welche dort liegen,“ ſagte Billot, auf einen der fuͤnf bis ſechs auf der Erde ausgeſtreckten Dragoner deutend,„und laß uns nach dem College Louis⸗le⸗Grand gehen.“. „Aber dieſe Waffen,“ entgegnete Pitou zögernd, „ſte gehören nicht mir.“ „Wem gehören ſie denn?“ fragte Billot. „Sie dehure dem König.“ „Sie gehören dem Volk,“ ſagte Billot. 1 Stark durch das Gutheißen des Pächters, den er als einen Mann kannte, der ſeinen Nachbar nicht um ein Hirſenkörnchen hätte benachtheiligen wollen, näherte ſich Pitou mit allen Arten von. Vorſichtsmaßregeln dem ragoner, welcher ihm am nächſten lag, und nachdem er ſich verſichert hatte, daß er wirklich todt war, nahm krſch ſeinen Säbel, ſeinen Musketon und ſeine Patron⸗ aſche. Pitou hatte große Luſt, ihm auch ſeinen Helm zu nehmen, nur wußte er nicht, ob das, was der Vater Billot von den Angriffswaffen geſagt hatte, ſich auch auf die Vertheidigungswaffen erſtreckte. Doch während er ſich bewaffnete, horchte Pitou nach der Place Vendome hin.— r Ange Pitou, 1, 10 n⸗ m en ur ot n⸗ en xe ge 147 zeigte dadurch, daß ſie Billot folgte, ſie ſei bereit, ihm beizutreten; doch es glänzten Säbel ungefähr auf der Hälfte des Wegs zum Garten der Tuilerien. Der Quai war durch eine Schwadron Dragoner abgeſchnitten. „Ah! dieſe verfluchten Dragoner ſind alſo überall?“ murmelte der Pächter. „Hören Sie, lieber Herr Billot,“ ſagte Piton, „ich glaube, wir ſind gefangen.“ „Bah!“ erwiederte Billot,„man fängt nicht nur ſo fünf bis ſechs tauſend Menſchen, und wir ſind wenig⸗ ſtens zu fünf bis ſechs tauſend.“ Die Dragoner des Quai rückten allerdings lang⸗ ſam, im kurzen Schritt vor, doch ſie rückten ſichtbar vor. „Es bleibt uns die Rue Rohal,“ ſagte Billot, „komm hier durch, komm, Pitou.“ Piton folgte dem Pächter wie ſein Schatten. Doch eine Linie von Soldaten ſchloß die Straße auf der Höhe der Porte Saint⸗Honoré. „Ahl ah!“ ſagte Billot,„Du könnteſt wohl recht haben, Pitvn, mein Freund.“ „So!“ begnügte ſich Piton zu erwiedern. Doch dieſes einzige Wort bezeichnete durch den Ausdruck, mit dem es Piton geſprochen, wie ſehr er es bedauerte, ſich nicht getäuſcht zu haben. Die Menge bewies durch ihre Bewegungen und durch ihr Geſchrei, daß ſie nicht minder empfindlich für die Lage war, in der ſie ſich befand. Durch ein geſchicktes Manveuvre hatte in der That der Prinz von Lambesg Neugierige und Aufrührer, fünf bis ſechs tauſend an der Zahl, umringt, und in⸗ dem er den Pont Louis XV., die Quais, die Champs Elyſées, die Rue Rohale und die Feuillans abſperrte, hielt er ſie in einen großen eiſernen Bogen einge⸗ ſchloſſen, deſſen Sehne die ſchwer zu erkletiernde Mauer des Gartens der Tuilerten und das beinahe nicht zu ſprengende Gitter des Pont Tournant hildeten. Billot erwog die Lage der Dinge: ihm 146 „Hol ho!“ ſagte er,„mir ſcheint, Royal Allemand kommt zurück.“ 3 Man hörte in der That das Geräuſch eines Reiter⸗ haufens, der im Schritt zurückkehrte. Pitou neigte ſich an die Ecke des Café de la Regence und erblickte wirk⸗ lich auf der Höhe des Marché Saint⸗Honoré eine Dragoner⸗Patrouille, welche, den Musketon auf dem Schenkel, herbeiritt. „Geſchwinde, geſchwinde, ſie kommen zurück,“ ſagte Pitoͤou. Billot ſchaute umher, um zu ſehen, ob man Widerſtand zu leiſten im Stande wäre. Der Platz war beinahe leer. „Gehen wir in's College Louis⸗le⸗Grand,“ ſagte er. Und er nahm den Weg nach der Rue de Chartres, gefolgt von Piton, der, mit dem Gebrauche des Wehr⸗ gehängs nicht vertraut, ſeinen großen Säbel ſchleppte. „Tauſend Götter! Du ſeehſt aus wie ein Alteiſen⸗ händler. Hänge Dir doch dieſe Latte an.“ „Wo?“ fragte Pitou. „Eil bei Gott! hier,“ antwortete Billot. Und er befeſtigte den Säbel von Pitou an ſeinem Wehrgehänge, was ihm eine Schnelligkeit im Gehen gab, die er ohne dieſes Mittel nicht erlangt hätte. Der Marſch wurde ohne einen Unfall bis zur Place Louis XV. fortgeſetzt; hier aber fanden Billot und Pitou die Colonne wieder, die ſich nach dem In⸗ validenhauſe begeben wollte und plötzlich angehalten worden war. „Nun!“ fragte Billot,„was gibt es denn?“ „Man paſſirt nicht auf dem Pont Louis XV.“ „Und auf den Quais?“ „Auch nicht.“ „Und durch die Champs Eliſées?“ „Ebenſo wenig.“ „So kehren wir um und gehen wir über die Brücke der Tuilerien.“ Der Vorſchlag war ganz einfach, und die Menge 1⁴⁸ nicht gut. Da es aber ein ruhiger, kalter Mann, ein Mann voll von Mitteln in der Gefahr war, ſo ſchaute er umher und ſagte, als er einen Haufen Zimmerſtücke auf dem Ufer des Fluſſes erblickte, zu Piton. „Ich habe einen Gedanken, komm.“ Piton folgte dem Vater Billot, ohne ihn zu fra⸗ gen, was ſein Gedanke ſei. Billot ging auf die Zimmerſtücke zu, faßte eines an und ſagte einfach zu Pitou: „Hilf mir. ziton half Billot ebenſo einfach, ohne ihn zu frägen, wobei er ihm helfe; doch daran war ihm wenig gelegen. Er hatte zu dem Pächter ein ſolches Ver⸗ trauen, daß er mit ihm in die Hölle hinabgeſtiegen wäre, ohne ihm nur bemerklich zu machen, die Treppe komme ihm lang und der Keller tief vor. Der Vater Billot hatte den Balken am einen Ende genommen, Piton nahm ihn am andern. Beide kehrten nach dem Quai zurück; ſie trugen eine Laſt, welche fünf bis ſechs Männer von ge⸗ wöhnlicher Stärke kaum hätten aufheben können. Die Stärke iſt immer ein Gegenſtand der Bewun⸗ derung für die Menge; ſo geſchäftig ſie auch war, ſie trat vor Billot und vor Pitou auf die Seite. Dann, da man begriff, daß das Manveuvre, wel⸗ ches ohne Zweifel ausgeführt wurde, ein Manveuvre von aligemeinem Intereſſe war, ſo gingen einige Men⸗ ſchen vor Billot her und riefen: „Platz! Platz!“ „Sagen Sie, Vater Billot,“ fragte Pitou nach un⸗ gefähr dreißig Schritten,„gehen wir ſehr weit ſo?“ „Wir gehen bis zum Gitter der Tuilerien.“ „Bo! ho!“ rief die Menge, welche begriff. ünd ſie trat noch raſcher, als zuvor, auf die Seite. Piton ſchaute und ſah, daß er von dem Platz, wo ke 147 zeigte dadurch, daß ſie Billot folgte, ſie ſei bereit, ihm beizutreten; doch es glänzten Säbel ungefähr auf der Hälfte des Wegs zum Garten der Tuilerien. Der Quai war durch eine Schwadron Dragoner abgeſchnitten. „Ah! dieſe verfluchten Dragoner ſind alſo überall?“ murmelte der Pächter. „Hören Sie, lieber Herr Billot,“ ſagte Pitou, „ich glaube, wir ſind gefangen.“ „Bah!“ erwiederte Billot,„man fängt nicht nur ſo fünf bis ſechs tauſend Menſchen, und wir ſind wenig⸗ ſtens zu fünf bis ſechs tauſend.“ Die Dragoner des Quai rückten allerdings lang⸗ ſam, im kurzen Schritt vor, doch ſie rückten ſichtbar vor. „Es bleibt uns die Rue Royal,“ ſagte Billot, „komm hier durch, komm, Pitou.“ Pitou folgte dem Pächter wie ſein Schatten. Doch eine Linie von Soldaten ſchloß die Straße auf der Höhe der Porte Saint⸗Honoré. „Ahl ah!“ ſagte Billot,„Du könnteſt wohl recht haben, Piton, mein Freund.“ „So!“ begnügte ſich Pitou zu erwiedern. Doch dieſes einzige Wort bezeichnete durch den Ausdruck, mit dem es Piton geſprochen, wie ſehr er es bedauerte, ſich nicht getäuſcht zu haben. Die Menge bewies durch ihre Bewegungen und durch ihr Geſchrei, daß ſie nicht minder empfindlich für die Lage war, in der ſie ſich befand. Durch ein geſchicktes Manoeuvre hatte in der That der Prinz von Lambesg Neugierige und Aufrührer, fünf bis ſechs tauſend an der Zahl, umringt, und in⸗ dem er den Pont Louis XV., die Quais, die Champs Elyſées, die Rue Royale und die Feuillans abſperrte, hielt er ſie in einen großen eiſernen Bogen einge⸗ ſchloſſen, deſſen Sehne die ſchwer zu erkletternde Mauer des Gartens der Tuilerien und das beinahe nicht zu ſprengende Gitter des Pont Tournant bildeten. Billot erwog die Lage der Dinge; fe ntſ⸗ ihm in en pe nde gen ge⸗ un⸗ ſie vel⸗ vre en⸗ un⸗ die w 149 er war, bis zum Gitter nur noch ungefähr dreißig Schritte zu machen hatte. „Ich werde gehen!“ ſagte er mit der Kürze eines Pythagoräers. Die Arbeit wurde indeſſen Pitou um ſo leichter, als fünf bis ſechs Männer von den Stärkſten am Tra⸗ gen der Laſt Theil nahmen. In fünf Minuten war man vor dem Gitter. „Auf!“ ſagte Billot,„Alle zugleich.“ „Gut,“ ſprach Piton,„ich verſtehe, wir haben eine Kriegsmaſchine gemacht. Die Römer nannten das einen Sturmbock.“ Sogleich in Bewegung geſitzt, zerſchmetterte der Balken mit einem furchtbaren Stoß das Schloß des Gitters. Die Soldaten, welche im Innern der Tuilerien die Wache bezogen, liefen herbei, um ſich dem Einfall zu widerſetzen. Doch beim dritten Stoß gab die Thüre nach, drehte ſich ungeſtüm auf ihren Angeln, und die Menge ſtürzte in den gähnenden, düſteren Schlund. Aus der hiebei ſtattfindenden Bewegung erſah der Prinz von Lambesq, daß ein Ausgang für diejenigen gröffnet war, welche er für ſeine Gefangenen hielt. Der Zorn bemächtigte ſich ſeiner. Er ließ ſein Pferd einen furchtbaren Sprung vorwärts machen, um die Lage beſſer beurtheilen zu können. Die hinter ihm außzeſetſten Dragoner glaubten, es ſei ihnen Befehl zum Angriff gegeben, und folgten ihm. Schon erhitzt, konnten die Pferde ihren Lauf nicht mäßigen; die Männer, welche eine Genugthuung für ihre Niederlage auf dem Platze des Palais⸗Rohal zu nehmen hatten, verſuchten es wahrſcheinlich nicht, ſie zurückzuhalten. Der Prinz, als er ſah, daß es ihm unmöglich war, die Bewegung zu mäßigen, ließ ſich fortreißen, und ein von den Weibern und Kindern ausgeſtoßenes herzzerreißendes Geſchrei ſtieg zum Himmel auf, um Rache von Gott zu verlangen. 148 nicht gut. Da es aber ein ruhiger, kalter Mann, ein Mann voll von Mitteln in der Gefahr war, ſo ſchaute er umher und ſagte, als er einen Haufen Zimmerſtucke auf dem Ufer des Fluſſes erblickte, zu Pitou. „Ich habe einen Gedanken, komm.“ Pitou folgte dem Vater Billot, ohne ihn zu fra⸗ gen, was ſein Gedanke ſei. Billot ging auf die Zimmerſtücke zu, faßte eines an und ſagte einfach zu Pitou: „Hilf mir.“ Pitou half Billot ebenſo einfach, ohne ihn zu fragen, wobei er ihm helfe; doch daran war ihm wenig gelegen. Er hatte zu dem Pächter ein ſolches Ver⸗ trauen, daß er mit ihm in die Hölle hinabgeſtiegen wäre, ohne ihm nur bemerklich zu machen, die Treppe komme ihm lang und der Keller tief vor. Der Vater Billot hatte den Balken am einen Ende genommen, Pitou nahm ihn am andern. Beide kehrten nach dem Quai zuruͤck; ſie trugen eine Laſt, welche fünf bis ſechs Männer von ge⸗ wöhnlicher Stärke kaum hätten aufheben können. Die Stärke iſt immer ein Gegenſtand der Bewun⸗ derung für die Menge; ſo geſchäftig ſte auch war, ſie trat vor Billot und vor Pikou auf die Seite. Dann, da man begriff, daß das Manoeuvre, wel⸗ ches ohne Zweifel ausgeführt wurde, ein Manveuvre von allgemeinem Intereſſe war, ſo gingen einige Men⸗ ſchen vor Billot her und riefen: „Platz! Platz!“ „Sagen Sie, Vater Billot,“ fragte Pitou nach un⸗ gefähr dreißig Schritten,„gehen wir ſehr weit ſo?“ „Wir gehen bis zum Gitter der Tuilerien.“ „Ho! ho!“ rief die Menge, welche begriff. Und ſie trat noch raſcher, als zuvor, auf die Seite. Piton ſchaute und ſah, daß er von dem Platz, wo 15⁵⁰ Es ereignete ſich in der Finſterniß eine gräßliche Scene. Diejenigen, welche man angriff, wurden wahn⸗ ſinnig vor Schmerz, diejenigen, welche angriffen, wahn⸗ ſinnig vor Zorn. Da organiſirte man eine Art von Vertheidigung von den Terraſſen herab. Die Stühle flogen auf die Dragoner. An den Kopf getroffen, erwiederte der Prinz von Lambesg den Streich durch einen Säbelhieb, ohne zu bedenken, daß er einen Unſchuldigen ſchlug, ſtatt einen Schuldigen zu beſtrafen, und ein ſiebzigjähriger Greis ſank zu Boden. Billot ſah den Mann fallen und ſtieß einen Schrei aus. In der Sekunde war ſeine Büchſe an ſeiner Schul⸗ ter, ein Feuerſtreif durchzuckte die Finſterniß, und der Prinz wäre todt geweſen, hätte ſich nicht in dieſem Augenblick aus Zufall ſein Pferd gebäumt. Das Pferd erhielt die Kugel in den Hals und ſtürzte nieder. Man hielt den Prinzen für getödtet. Da ſprengten die Dragoner in die Tuilerien und verfolgten die Flüch⸗ tigen mit Piſtolenſchüſſen. Doch die Flüchtigen hatten nun einen großen Raum, ſie zerſtreuten ſich unter den Bäumen. Billot lud wieder ruhig ſeine Büchſe. „Bei meiner Treue, Du hatteſt Recht, Piton,„ich glaube, wir ſind zu guter Zeit angekommen.“ „Wenn ich kapfer würde,“ verſetzte Piton, ſeinen Musieton in das Dickſte der Dragoner abfeuernd;„mir ſcheint, das iſt nicht ſo ſchwer.“ „Ja,“ erwiederte Billot,„doch die unnütze Tapfer⸗ keit iſt keine Tapferkeit. Komm hieher, Pitou, und nimm Dich in Acht, daß Du Dir die Beine nicht in Deinem Säbel verwickelſt.“ „Warten Sie auf mich, lieber Herr Billot. Wenn ———— ich Sie verlöre, wüßte ich nicht, wohin ich gehen ———.— 149 er war, bis zum Gitter nur noch ungefähr dreißig Schritte zu machen hatte. „Ich werde gehen!“ ſagte er mit der Kürze eines Pythagoräers. Die Arbeit wurde indeſſen Piton um ſo leichter, als fünf bis ſechs Männer von den Stärkſten am Tra⸗ gen der Laſt Theil nahmen. In fünf Minuten war man vor dem Gitter. „Auf!“ ſagte Billot,„Alle zugleich.“ „Gut,“ ſprach Pitou,„ich verſtehe, wir haben eine Kriegsmaſchine gemacht. Die Römer nannten das einen Sturmbock.“ Sogleich in Bewegung geſetzt, zerſchmetterte der Baͤlken mit einem furchtbaren Stoß das Schloß des itters. Die Soldaten, welche im Innern der Tuilerien die Wache bezogen, liefen herbei, um ſich dem Einfall zu widerſetzen. Doch beim dritten Stoß gab die Thüre nach, drehte ſich ungeſtüm auf ihren Angeln, und die Menge ſtürzte in den gähnenden, düſteren Schlund. Aus der hiebei ſtattfindenden Bewegung erſah der Prinz von Lambesg, daß ein Ausgang fur diejenigen geöffnet war, welche er für ſeine Gefangenen hielt. Der Zorn bemächtigte ſich ſeiner. Er ließ ſein Pferd einen furchtbaren Sprung vorwärts machen, um die Lage beſſer beurtheilen zu können. Die hinter ihm aufgeſtellten Dragoner glaubten, es ſei ihnen Befehl zum Angriff gegeben, und folgten ihm. Schon erhitzt, konnten die Pferde ihren Lauf nicht mäßigen; die Männer, welche eine Genugthuung für ihre Niederlage auf dem Platze des Palais⸗Royal zu nehmen hatten, verſuchten es wahrſcheinlich nicht, ſie zurückzuhalten. Der Prinz, als er ſah, daß es ihm unmöglich war, die Bewegung zu mäßigen, ließ ſich fortreißen, und ein von den Weibern und Kindern ausgeſtoßenes herzzerreißendes Geſchrei ſtieg zum Himmel auf, um Rache von Gott zu verlangen. 5 ng ie nz ne tt er en ul⸗ er em nd ten ch⸗ ßen ich nen mir fer⸗ und t in enn ——— hen ——— 151 ſollte. Ich kenne Paris nicht, wie Sie; ich bin nie hier geweſen.“ „Komm, komm,“ ſagte Billot, und er ſchlug den Weg über die Terraſſe am Rande des Waſſers ein, bis er die Linie der Truppen überſchritten hatte, welche auf den Quais vorrückten, doch diesmal ſo raſch, als ſie konnten, um, wenn es nöthig wäre, den Dragonern des Prinzen von Lambesg Verſtärkung zu bringen. Am Ende der Terraſſe angelangt, ſetzte ſfich Billot auf die Brüſtung und ſprang auf den Quai hinab. Piton that daſſelbe. XII. Was in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1789 vorfiel. Als die zwei Landleute auf den Quais waren und auf der Brücke der Tuilerien die Waffen eines neuen Trupps glänzen ſahen, der aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach kein befreundeter war, ſchlichen ſie bis an das Ende des Quai und ſtiegen ſodann das ſteile Ufer der Seine hinab. Die Glocke der Tuilerien ſchlug elf Uhr. Einmal unter den Bäumen angelangt, welche ſich längs dem Fluſſe hin erſtreckten... ſchöne Eſpen und lange Pappelbäume, deren Fuß das Waſſer beſpülte. ein⸗ mal unter dem Dunkel ihres Blätterwerks verloren, legten ſich der Pächter und Pitou auf dem Raſen nie⸗ der und eröffneten eine Berathung. Es handelte ſich darum, zu wiſſen, und die Frage wurde von dem Pächter geſtellt, ob man bleiben ſollte, wo man war, das heißt in Sicherheit, oder beinahe in Sicherheit, oder ob man ſich wieder mitten in den Tumult werfen und an dem Kampf Antheil nehmen 150 Es ereignete ſich in der Finſterniß eine gräßliche Scene. Dieſenigen, welche man angriff, wurden wahn⸗ ſinnig vor Schmerz, diejenigen, welche angriffen, wahn⸗ ſinnig vor Zorn. Da organiſirte man eine Art von Vertheidigung von den Terraſſen herab. Die Stühle flogen auf die Dragoner. An den Kopf getroffen, erwiederte der Prinz von Lambesg den Streich durch einen Säbelhieb, ohne zu bedenken, daß er einen Unſchuldigen ſchlug, ſtatt einen Schuldigen zu beſtrafen, und ein ſiebzigjähriger Greis ſank zu Boden. Billot ſah den Mann fallen und ſtieß einen Schrei aus. In der Sekunde war ſeine Büchſe an ſeiner Schul⸗ ter, ein Feuerſtreif durchzuckte die Finſterniß, und der Prinz wäre todt geweſen, hätte ſich nicht in dieſem Augenblick aus Zufall ſein Pferd gebäumt. Das Pferd erhielt die Kugel in den Hals und ſtürzte nieder. Man hielt den Prinzen für getödtet. Da ſprengten die Dragoner in die Tuilerien und verfolgten die Flüch⸗ tigen mit Piſtolenſchüſſen. Doch die Flüchtigen hatten nun einen großen Raum, ſie zerſtreuten ſich unter den Bäumen. Billot lud wieder ruhig ſeine Buchſe. „Bei meiner Treue, Du hatteſt Recht, Pitou,„ich glaube, wir ſind zu guter Zeit angekommen.“ „Wenn ich tapfer würde,“ verſetzte Piton, ſeinen Musketon in das Dickſte der Dragoner abfeuernd;„mir ſcheint, das iſt nicht ſo ſchwer.“„ „Ja,“ erwiederte Billot,„doch die unnütze Tapfer⸗ keit iſt keine Tapferkeit. Komm hieher, Pitou, und nimm Dich in Acht, daß Du Dir die Beine nicht in Deinem Säbel verwickelſt.“ „Warten Sie auf mich, lieber Herr Billot. Wenn ich Sie verlöre, wüßte ich nicht, wohin ich gehen — 15² ſollte, der die gröſſere Hälfte der Nacht hindurch dauern zu müſſen ſchien. Als dieſe Frage geſtellt war, wartete Billot auf die Antwort von Piton. 5 Pitou hatte ſehr an Achtung im Geiſte des Pächters zugenommen, einmal durch das Wiſſen, das er am vor⸗ hergehenden Tage geoffenbart, und dann durch den Muth, von dem er am Abend eine Probe abgelegt hatte. Piton fühlte das inſtinetartig, doch ſtatt deshalb ſtolzer zu ſein, war er nur um ſo dankbarer gegen den guten Pächter. Pitou war von Natur demüthig. „Herr Billot,“ ſagte er,„Sie ſind offenbar tapferer, und ich bin minder feig, als ich glaubte. Horaz, der doch ein anderer Mann war, als wir, hinſichtlich der Poeſie wenigſtens, warf ſeine Waffen weg und entfloh beim erſten Angriff. Ich, ich habe meinen Musketon, meine Patrontaſche und meinen Säbel, was beweiſt, daß ich beherzter bin, als Horaz.“ „Nun, worauf zielſt Du ab?“ „Ich ziele darauf ab, daß der tapferſte Mann von einer Kugel getroffen werden kann.“ „Hernach?“ „Hernach, lieber Herr, hören Sie. Da Sie, als Sie den Pachthof verließen, äußerten, es ſei Ihre Ab⸗ ſicht, wegen eines wichtigen Gegenſtandes nach Paris zu gehen„ „Oh! tauſend Götter! das iſt wahr, wegen der Caſſette.“ „Sie ſind alſo wegen der Caſſette gekommen, ja oder nein?“ „Ich bin wegen der Caſſette gekommen, tauſend Donner! und aus keinem andern Grund.“ „Wenn Sie ſich durch eine Kugel tödten laſſen, ſo wird ſich die Angelegenheit, wegen der Sie gekom⸗ men find, nicht machen.“ „Wahrhaftig, Du haſt zehnmal Recht, Pitou.“ „Hören Sie von hier aus, wie man zerſchmettert, — — 151 ſunte Ich kenne Paris nicht, wie Sie; ich bin nie hier geweſen.“ „Komm, komm,“ ſagte Billot, und er ſchlug den Weg über die Terraſſe am Rande des Waſſers ein, bis er die Linie der Truppen überſchritten hatte, welche auf den Quais vorrückten, doch diesmal ſo raſch, als ſie konnten, um, wenn es nöthig wäre, den Dragonern des Prinzen von Lambesg Verſtärkung zu bringen. Am Ende der Terraſſe angelangt, ſetzte ſich Billot auf die Brüſtung und ſprang auf den Quai hinab. Pitou that daſſelbe. XII. Was in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1789 vorfiel. Als die zwei Landleute auf den Quais waren und auf der Brücke der Tuilerien die Waffen eines neuen Trupps glänzen ſahen, der aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach kein befreundeter war, ſchlichen ſie bis an das Ende des Quai und ſtiegen ſodann das ſteile Ufer der Seine hinab. Die Glocke der Tuilerien ſchlug elf Uhr. Einmal unter den Bäumen angelangt, welche ſich längs dem Fluſſe hin erſtreckten... ſchöne Eſpen und lange Pappelbäume, deren Fuß das Waſſer beſpülte... ein⸗ mal unter dem Dunkel ihres Blätterwerks verloren, legten ſich der Pächter und Pitou auf dem Raſen nie⸗ der und eröffneten eine Berathung. Es handelte ſich darum, zu wiſſen, und die Frage wurde von dem Pächter geſtellt, ob man bleiben ſollte, wo man war, das heißt in Sicherheit, oder beinahe in Sicherheit, oder ob man ſich wieder mitten in den Tumult werfen und an dem Kampf Antheil nehmen 16 is er a d 153 wie man ſchreit?“ fuhr Pitou ermuthigt fort.„Das Holz zerreißt wie Papier, das Eiſen dreht ſich wie Hanf.“ „Das Volk iſt zornig, Pitou.“ Aber,“ bemerkte Pitou,„mir ſcheint, der König iſt auch nicht ſchlecht zornig.“ „Wie, der König?“ „Allerdings; die Oeſterreicher, die Deutſchen, die Kaiſerlichen, wie Sie ſie nennen, find die Soldaten des Königs. Nun alſo, wenn ſie das Volk angreifen, ſo iſt es der König, der ihnen anzugreifen befiehlt, und um ſolche Befehle zu geben, muß der König auch zornig ſein.“ „Du haſt zugleich Recht und Unrecht, Pitou.“ „Das ſcheint mir nicht möglich, lieber Herr Billot, und ich darf Ihnen nicht ſagen, wenn Sie die Logik ſtudirt hätten, ſo würden Sie kein ſolches Paradoron wagen.“ „Du haſt Recht und Du haſt Unrecht, Piton, und Du wirſt ſogleich einſehen, warum.“ „Das ſoll mir ſehr lieb ſein, doch ich bezweifle...“ „Siehſt Du, Piton, es gibt zwei Parteien bei Hofe, die des Königs, der das Volk liebt, und die der Königin, welche die Oeſterreicher liebt.“ „Das kommt davon her, daß der König Franzoſe und die Königin Oeſterreicherin iſt,“ erwiederte Pitou philoſovhiſch. „Warte! Mit dem König ſind Herr Turgot, Herr Necker, mit der Königin Herr von Breteuil und die Polignac. Der König iſt nicht der Herr, da er ge⸗ nöthigt geweſen iſt, Herrn Turgot und Herrn Necker zu entlaſſen. Die Königin iſt alſo Gebieterin, das heißt die Breteuil und die Polignac. Darum geht Alles ſchlecht!... Siehſt Du, Pitou, das Uebel kommt von Madame Deficit; Madame Deſicit iſt erzürnt, und in ihrem Namen greifen die Truppen an; die Oeſter⸗ reicher vertheidigen die Oeſterreicherin: das iſt ganz einfach.“ 152 ſollte, der die größere Hälfte der Nacht hindurch dauern zu müſſen ſchien. Als dieſe Frage geſtellt war, wartete Billot auf die Antwort von Pitou. Pitou hatte ſehr an Achtung im Geiſte des Pächters zugenommen, einmal durch das Wiſſen, das er am vor⸗ Hergehenden Tage geoffenbart, und dann durch den Muth, von dem er am Abend eine Probe abgelegt hatte. Pitou fühlte das inſtinctartig, doch ſtatt deshalb ſtolzer zu ſein, war er nur um ſo dankbarer gegen den guten Pächter. Pitou war von Natur demüthig. „Herr Billot,“ ſagte er,„Sie ſind offenbar tapferer, und ich bin minder feig, als ich glaubte. Horaz, der doch ein anderer Mann war, als wir, hinſichtlich der Poeſte wenigſtens, warf ſeine Waffen weg und entfloh beim erſten Angriff. Ich, ich habe meinen Musketon, meine Patrontaſche und meinen Säbel, was beweiſt, daß ich beherzter bin, als Horaz.“ „Nun, worauf zielſt Du ab?“ „Ich ziele darauf ab, daß der tapferſte Mann von einer Kugel getroffen werden kann.“ „Hernach?“ „Hernach, lieber Herr, hören Sie. Da Sie, als Sie den Pachthof verließen, äußerten, es ſei Ihre Ab⸗ Aiht.hüsten eines wichtigen Gegenſtandes nach Paris zu gehen...“ „Oh! tauſend Götter! das iſt wahr, wegen der Caſſette.“ „Sie ſind alſo wegen der Caſſette gekommen, ja oder nein?“ 3 „Ich bin wegen der Caſſette gekommen, tauſend Donner! und aus keinem andern Grund.“ „Wenn Sie ſich durch eine Kugel tödten laſſen, ſo wird ſich die Angelegenheit, wegen der Sie gekom⸗ men find, nicht machen.“ „Wahrhaftig, Du haſt zehnmal Recht, Pitou.“ „Hören Sie von hier aus, wie man zerſchmettert, 82=eSOSSAe= ,e —, 15⁴ „Verzeihen Sie, Herr Billot,“ erwiederte Piton, „deſicit iſt ein lateiniſches Wort, welches bedeutet: es ſehlt. Was fehlt denn?“ „Das Geld, tauſend Götter! und weil das Geld fehlt, und weil die Günſtlinge dieſes Geld, das fehlt, verzehrt haben, nennt man die Königin Madame Defieit. Nicht der König alſo iſt erzürnt, ſondern die Königin. Der König iſt ärgerlich, ärgerlich, weil Alles ſo ſchlecht geht.“ „Ich begreife,“ ſagte Pitou,„doch die Caſſettes“ „Das iſt wahr, Pitou; dieſe verteufelte Politik reißt mich immer weiter fort, als ich gehen will; ja die Caſſette vor Allem. Du haſt Recht, Pitvu; wenn ich den Doctor Gilbert geſehen habe, nun, dann wer⸗ 3n iit zur Politik zuruͤcktehren. Das iſt eine heilige ich 4 „Es gibt nichts Heiligeres, als die heiligen Pflich⸗ ten,“ ſprach Piton.⸗ „Laß uns alſo in das College Louis⸗le⸗Grand gehen, wo ſich Sebaſtian Gilbert beſindet,“ ſagte Billot. „Gehen wir,“ erwiederte Piton ſeufzend, denn er mußte ein weiches Raſenbett verlaſſen, an das er ſich gewöhnt hatte. Ueberdies ſtieg, trotz der übermäßigen Aufregung des Abends, der Schlaf, der beſtändige Gaſt reiner Gewiſſen und geräderter Lenden, mit all ſeinem Mohn auf den tugendhaften und auf den geräderten Pitou herab. Billot war ſchon aufgeſtanden und Piton erhob ſich, als es halb zwölf Uhr ſchlug. „Doch um halb zwölf Uhr wird das College Louis⸗ le⸗Grand geſchloſſen fein, wie mir ſcheint,“ ſagte Billot. „Oh! ganz gewiß,“ erwiederte Pitou. „Dann kann man bei Nacht in einen Hinterhalt gerathen; mir ſcheint, ich ſehe Bivouacfeuer in der Nähe des Juſtizpalaſtes; man wird mich verhaften oder man wird mich tödten; Du haſt Recht, Pitou, 3 varf mich nicht verhaften, man darf mich nicht ödten.“ — —, 1S8EBNR — +—D SU 153 8 wie man ſchreit?“ fuhr Pitou ermuthigt fort.„Das Holz zerreißt wie Papier, das Eiſen dreht ſich wie Hanf.“ „Das Volk iſt zornig, Pitou.“ „Aber,“ bemerkte Pitou,„mir ſcheint, der König iſt auch nicht ſchlecht zornig.“ „Wie, der König?“ „Allerdings; die Oeſterreicher, die Deutſchen, die Kaiſerlichen, wie Sie ſie nennen, ſind die Soldaten des Königs. Nun alſo, wenn ſie das Volk angreifen, ſo iſt es der König, der ihnen anzugreifen befiehlt, und um ſolche Befehle zu geben, muß der König auch zornig ſein.“ „Du haſt zugleich Recht und Unrecht, Pitou.“ „Das ſcheint mir nicht möglich, lieber Herr Billot, und ich darf Ihnen nicht ſagen, wenn Sie die Logik ſtudirt hätten, ſo würden Sie kein ſolches Paradoxon wagen.“ „Du haſt Recht und Du haſt Unrecht, Pitou, und Du wirſt ſogleich einſehen, warum.“ „Das ſoll mir ſehr lieb ſein, doch ich bezweifle...“ „Siehſt Du, Pitou, es gibt zwei Parteien bei Hofe, die des Königs, der das Volk liebt, und die der Königin, welche die Oeſterreicher liebt.“. „Das kommt davon her, daß der König Franzoſe und die Königin Oeſterreicherin iſt,“ erwiederte Pitou philoſophiſch. „Wartel! Mit dem König ſind Herr Turgot, Herr Necker, mit der Königin Herr von Breteuil und die Polignac. Der König iſt nicht der Herr, da er ge⸗ nöthigt geweſen iſt, Herrn Turgot und Herrn Necker zu entlaſſen. Die Königin iſt alſo Gebieterin, das heißt die Breteuil und die Polignac. Darum geht Alles ſchlecht!... Siehſt Du, Piton, das Uebel kommt von Madame Deficit; Madame Deficit iſt erzürnt, und in ihrem Namen greifen die Truppen an; die Oeſter⸗ reicher vertheidigen die Oeſterreicherin: das iſt ganz einfach.“ 155 Das war das dritte Mal ſeit dieſem Morgen, daß Billot in die Ohren von Piton die drei für den Men⸗ ſchmeichelhaften Worte:„Du haſt Recht,“ klin⸗ en ließ. Pitou fand, daß er nichts Beſſeres zu thun hatte, als die Worte von Billot zu wiederholen. „Sie haben Recht,“ wiederholte er, während er ſich auf den Raſen niederlegte.„Man darf Sie nicht tödten, lieber Herr Billot.“ Und dieſes Ende eines Satzes erloſch in der Kehle von Pitou. Ves faucibus haesit, hätte er ſagen können, wenn er wach geweſen wäre, doch er ſchlief. Billot bemerkte es nicht. „Ein Gedanke,“ rief er. „Ah!“ ſchnarchte Piton. „Höre mich, ich habe einen Gedanken; trotz aller Vorſicht, mit der ich zu Werke gehe, kann ich getödtet werden, von nahe getödtet oder von fern getroffen, vielleicht auf den Tod getroffen werden und ſogleich ſterben; würde dies geſchehen, ſo mußt Du wiſſen, was Du ſtait meiner dem Doetor Gilbert ſagen ſollſt.“ Pitou hörte nicht und antwortete folglich auch nicht. „Wenn ich auf den Tod verwundet würde und meine Sendung nicht erfüllen könnte, ſo müßteſt Du ſtatt meiner den Doctor Gilbert aufſuchen und ihm ſagen... hörſt Du mich wohl, Pitou?“ ſprach Billot, indem er ſich gegen den jungen Mann hinabbückte,„und Du wirſt ihm ſagen... Doch er ſchnarcht, der Un⸗ glückliche.“ Die ganze Exaltation von Billot fiel vor dem Schlafe von Piton. „Schlafen wir alſo,“ ſagte er. Denn wie ſehr auch der Pächter an Strapazen gewöhnt war, der Ritt am Tage und die Ereigniſſe des Abends waren für ihn nicht ohne einſchläfernde Gewalt. Und der Tag erſchien nach drei Stunden ihres Schlummers oder vielmehr ihrer Erſtarrung. 154 „Verzeihen Sie, Herr Billot,“ erwiederte Pitou, „deficit iſt ein lateiniſches Wort, welches bedeutet: es fehlt. Was fehlt denn?“ „Das Geld, tauſend Götter! und weil das Geld fehlt, und weil die Günſtlinge dieſes Geld, das fehlt, verzehrt haben, nennt man die Königin Madame Deficit. Nicht der König alſo iſt erzürnt, ſondern die Königin. Der König iſt ärgerlich, ärgerlich, weil Alles ſo ſchlecht geht.“ „Ich begreife,“ ſagte Pitou,„doch die Caſſette?“ „Das iſt wahr, Piton; dieſe verteufelte Politik reißt mich immer weiter fort, als ich gehen will; ja die Caſſette vor Allem. Du haſt Recht, Pitou; wenn ich den Doctor Gilbert geſehen habe, nun, dann wer⸗ den wir zur Politik zuruͤckkehren. Das iſt eine heilige Pflicht.“ „Es gibt nichts Heiligeres, als die heiligen Pflich⸗ ten,“ ſprach Pitou. „Laß uns alſo in das College Louis⸗le⸗Grand gehen, wo ſich Sebaſtian Gilbert befindet,“ ſagte Billot. „Gehen wir,“ erwiederte Pitou ſeufzend, denn er mußte ein weiches Raſenbett verlaſſen, an das er ſich gewöhnt hatte. Ueberdies ſtieg, trotz der übermäßigen Aufregung des Abends, der Schlaf, der beſtändige Gaſt reiner Gewiſſen und geräderter Lenden, mit all ſeinem Mohn auf den tugendhaften und auf den geräderten Piton berab. Billot war ſchon aufgeſtanden und Piton erhob ſich, als es halb zwölf Uhr ſchlug. „Doch um halb zwölf Uhr wird das College Louis⸗ le⸗Grand geſchloſſen ſein, wie mir ſcheint,“ ſagte Billot. „Ohl ganz gewiß,“ erwiederte Piton. „Dann kann man bei Nacht in einen Hinterhalt gerathen; mir ſcheint, ich ſehe Bivouaefeuer in der Nähe des Juſtizpalaſtes; man wird mich verhaften oder man wird mich tödten; Du haſt Recht, Pitou, naß darf mich nicht verhaften, man darf mich nicht ödten.“ 156 Als ſie die Augen wieder öffneten, hatte Paris nichts von der wilden Phyſiognomie verloren, die ſie am Tage zuvor an ihm wahrgenommen⸗ Nur mehr Soldaten und überall Volk. Das Voik bewaffnete ſich mit Piken, die man in der Eile fabricirt hatte, mit Schießgewehren, deren ſich die Meiſten nicht zu bedienen wußten, mit herrlichen Waffen aus einem andern Zeitalter, an denen die Trä⸗ ger ihre Verzierung von Gold, Elfenbein und Perl⸗ mutter bewunderten, ohne den Gebrauch und den Me⸗ chanismus davon zu verſtehen. Sogleich nach dem Rückzug der Soldaten hatte man das Garde⸗Meuble geplündert⸗ Und das Volk rollte zwei kleine Kanonen gegen das Stadthaus. Die Sturmglocke erſcholl in Notre Dame, im Stadthauſe, in allen Kirchen. Man ſah, von wo? man wußte es nicht, unter den Pflaſterſteinen hervor Legionen von bleichen, magern, nackten Männern und Weibern kommen, welche am Tage zuvor: Brod! ge⸗ ſchrieen hatten und heute: Waffen! ſchrieen. Es läßt ſich nichts Entſetzlicheres denken, als die Geſpenſterbanden, welche ſeit ein paar Monaten aus der Provinz eintrafen, ſtillſchweigend durch die Bar⸗ rieren zogen und ſich in dem ſelbſt ausgehungerten Paris einquartierten, wie die arabiſchen Goules*) auf einem Friedhof. In Paris durch die Ausgehungerten jeder Provinz vertreten, rief ganz Frankreich an dieſem Tag ſeinem König zu: Mache uns frei; und ſeinem Gott: Sättige uns! Zuerſt wach geworden, weckte Billot Pitvu auf, und Beide wanderten nach dem College Louis⸗le⸗Grand, *) Bei den Orientalen eine Art von Dämon, ein weiblicher Dämon, der die Friedhöfe heimſucht und ſich mit Leichen füttert. D. Ueberſ. — — 155 Das war das dritte Mal ſeit dieſem Morgen, daß Billot in die Ohren von Pitou die drei für den Men⸗ 6 ſchmeichelhaften Worte:„Du haſt Recht,“ klin⸗ en ließ. 3 Pitou fand, daß er nichts Beſſeres zu thun hatte, als die Worte von Billot zu wiederholen. „Sie haben Recht,“ wiederholte er, während er ſich auf den Raſen niederlegte.„Man darf Sie nicht tödten, lieber Herr Billot.“ Und dieſes Ende eines Satzes erloſch in der Kehle von Pitou. Vox faucibus haesit, hätte er ſagen können, wenn er wach geweſen wäre, doch er ſchlief. Billot bemerkte es nicht. „Ein Gedanke,“ rief er. „Ah!“ ſchnarchte Pitou. „Höre mich, ich habe einen Gedanken; trotz aller Vorſicht, mit der ich zu Werke gehe, kann ich getödtet werden, von nahe getödtet oder von fern getroffen, vielleicht auf den Tod getroffen werden und ſogleich ſterben; würde dies geſchehen, ſo mußt Du wiſſen, was Du ſtait meiner dem Doctor Gilbert ſagen ſollſt.“ Pitou hörte nicht und antwortete folglich auch nicht. „Wenn ich auf den Tod verwundet würde und meine Sendung nicht erfüllen könnte, ſo müßteſt Du ſtatt meiner den Doctor Gilbert aufſuchen und ihm ſagen... hörſt Du mich wohl, Pitou?“ ſprach Billot, indem er ſich gegen den jungen Mann hinabbückte,„und Du wirſt ihm ſagen... Doch er ſchnarcht, der Un⸗ glückliche.“ Die ganze Eraltation von Billot fiel vor dem Schlafe von Pitou. „Schlafen wir alſo,“ ſagte er. Denn wie ſehr auch der Pächter an Strapazen gewöhnt war, der Ritt am Tage und die Ereigniſſe des Abends waren für ihn nicht ohne einſchläfernde Gewalt. Und der Tag erſchien nach drei Stunden ihres Schlummers oder vielmehr ihrer Erſtarrung. N — 8— 157 wobei ſie, erſchreckt durch dieſes blutige Elend, ſchauernd umherſchauten. Als ſie näher zu dem Theil der Stadt kamen, den wir heute das Quartier Latin nennen, als ſie ſodann die Rue de la Harpe hinauſſtiegen, als ſie endlich gegen die Rue Saint⸗Jacques, das Ziel ihres Marſches, vordrangen, ſahen ſie, wie zur Zeit der Fronde, Barricaden ſich erheben. Die Weiber und die Kinder ſchleppten in die oberen Stockwerke der Hänſer Folianten, ſchwere Meu⸗ bles, koſtbare Marmorarbeiten, beſtimmt, die fremden Soldaten niederzuſchmettern, falls ſie ſich in die ge⸗ gekrümmten, engen Straßen des alten Paris wagen würden. Von Zeit zu Zeit bemerkte Billot ein paar fran⸗ zöſiſche Gardeſoldaten im Mittelpunkte einer Verſamm⸗ lung, die ſie organiſirten und mit einer wunderbaren Schnelligkeit die Handhabung eines Schießgewehrs lehr⸗ ten, eine Uebung, welche die Weiber und die Kinder mit Neugierde und beinahe mit dem Wunſche, ſie ſelbſt zu lernen, verfolgten. Billot und Pitou fanden das College Louis⸗le⸗ Grand im Aufruhr; die Schüler hatten ſich erhoben und ihre Lehrer fortgejagt. In dem Augenblick, wo der Pächter und ſein Gefährte vor das Gitter kamen, belagerten die Schüler dieſes Gitter mit Drohungen, die der erſchrockene Vorſteher durch Thränen erwiederte. Der Pächter ſchaute einen Augenblick dieſer Em⸗ vörung im Innern zu und rief dann plötzlich mit einer Stentorſtimme: „Welcher von Euch heißt Sebaſtian Gilbert?“ „Ich,“ antwortete ein junger Menſch von einer beinahe weiblichen Schönheit, der mit Hülfe von drei bis vier ſeiner Kameraden eine Leiter brachte, um die Mauer zu erklettern, da er ſah, daß er das Gitter nicht ſprengen konnte. „Kommen Sie näher hierher, mein Kind.“ 156 Als ſie die Augen wieder öffneten, hatte Paris nichts von der wilden Phyſtognomie verloren, die ſie am Tage zuvor an ihm wahrgenommen. Nur mehr Soldaten und überall Volf. Das Volk bewaffnete ſich mit Piken, die man in der Eile fabricirt hatte, mit Schießgewehren, deren ſich die Meiſten nicht zu bedienen wußten, mit herrlichen Waffen aus einem andern Zeitalter, an denen die Trä⸗ ger ihre Verzierung von Gold, Elfenbein und Perl⸗ mutter bewunderten, ohne den Gebrauch und den Me⸗ chanismus davon zu verſtehen. Sogleich nach dem Rückzug der Soldaten hatte man das Garde⸗Meuble geplündert. Und das Volk rollte zwei kleine Kanonen gegen das Stadthaus. Die Sturmglocke erſcholl in Notre Dame, im Stadthauſe, in allen Kirchen. Man ſah, von wo? man wußte es nicht, unter den Pflaſterſteinen hervor Legionen von bleichen, magern, nackten Männern und Weibern kommen, welche am Tage zuvor: Brod! ge⸗ ſchrieen hatten und heute: Waffen! ſchrieen. Es läßt ſich nichts Entſetzlicheres denken, als die Geſpenſterbanden, welche ſeit ein paar Monaten aus der Provinz eintrafen, ſtillſchweigend durch die Bar⸗ rieren zogen und ſich in dem ſelbſt ausgehungerten Paris einquartierten, wie die arabiſchen Goules*) auf einem Friedhof. In Paris durch die Ausgehungerten jeder Provinz vertreten, rief ganz Frankreich an dieſem Tag ſeinem König zu: Mache uns frei; und ſeinem Gott: Sättige uns! Zuerſt wach geworden, weckte Billot Pitou auf, und Beide wanderten nach dem College Louis⸗le⸗Grand, *) Bei den Orientalen eine Art von Dämon, ein weiblicher Dämon, der die Friedhöfe heimſucht und ſich mit Leichen füttert. D. Ueberſ. 15⁵8 „Was wollen Sie von mir, mein Herr?“ fragte der junge Sebaſtian den Pächter. Wollen Sie ihn mitnehmen?“ rief der Vorſteher, erſchrocken bei dem Anblick der zwei bewaffneten Men⸗ ſchen, von denen der eine, derjenige, welcher das Wort an den jungen Gilbert gerichtet hatte, ganz mit Blut bedeckt war. Der Knabe ſchaute ſeinerſeits dieſe zwei Menſchen mit Erſtaunen an und ſuchte, jedoch vergebens, ſeinen, ſeitdem er ihn verlaſſen, übermäßig groß gewordenen und unter der kriegeriſchen Rüſtung, die er angelegt, völlig veränderten Milchbruder Piton wiederzuerken⸗ nen. „Ihn mitnehmen!“ rief Billot;„den Sohn von Herrn Gilbert mitnehmen; ihn in dieſes Gemenge füh⸗ ren; ihn der Gefahr ausſetzen, einen ſchlimmen Schlag zu bekommen! Oh! bei meiner Treue, nein!“ „Sehen Sie, Sebaſtian,“ ſagte der Vorſteher,„ſehen Sie, Wüthender, ſogar Ihre Freunde wollen nichts von Ihnen. Denn dieſe Herren ſcheinen Ihre Freunde zu fein. Höret, meine Herren, höret, junge Zöglinge, höret, meine Kinder,“ rief der arme Vorſteher,„gehorchet mir, gehorchet, ich befehle es; gehorchet, ich bitte Euch in⸗ ſtändig.“ „Oro optestorque,“ ſagte Pitou. „Mein Herr,“ ſprach der junge Gilbert mit einer für einen Knaben von ſeinem Alter außerordentlichen Feſtigkeit;„behalten Sie meine Kameraden zurück, wenn es Ihnen gutdünkt, aber ich, verſtehen Sie wohl, ich will hinaus.“ Er machte eine Bewegung gegen das Gitter. Der Profeſſor hielt ihn am Arm zurück. Doch er ſchüttelte ſeine ſchönen kaſtanienbraunen Haare auf ſeine bleiche Stirne und rief: „Mein Herr, geben Sie wohl Acht, was Sie thun. Ich bin nicht in ver Lage der Andernz mein Vater iſt ————— ———. 7— 8— nnu nu 157 wobei ſie, erſchreckt durch dieſes blutige Elend, ſchauernd umherſchauten. Als ſie näher zu dem Theil der Stadt kamen, den wir heute das Quartier Latin nennen, als ſte ſodann die Rue de la Harpe hinaufſtiegen, als ſie endlich gegen die Rue Saint⸗Jacques, das Ziel ihres Marſches, vordrangen, ſahen ſie, wie zur Zeit der Fronde, Barricaden ſich erheben, Die Weiber und die Kinder ſchleppten in die oberen Stockwerke der Häuſer Folianten, ſchwere Meu⸗ bles, koſtbare Marmorarbeiten, beſtimmt, die fremden Soldaten niederzuſchmettern, falls ſte ſich in die ge⸗ gekrümmten, engen Straßen des alten Paris wagen würden. lung, die ſie organiſirten und mit einer wunderbaren Schnelligkeit die Handhabung eines Schießgewehrs lehr⸗ der Pächter und ſein Gefährte vor das Gitter kamen, belagerten die Schüler dieſes Gitter mit Drohungen, pörung im Innern zu und rief dann plötzlich mit einer Stentorſtimme: „Welcher von Euch heißt Sebaſtian Gilbert?“ „Ich,“ antwortete ein j beinahe weiblichen Schönheit, der mit Hülfe von drei is vier ſeiner Kameraden eine Leiter brachte, um die Mauer zu erklettern, da er ſah, daß er das Gitter nicht ſprengen konnte. „Kommen Sie näher hierher, mein Kind.“ S* — —— E — 8— 159 verhaftet, eingeſperrt worden; mein Vater iſt in der Gewalt der Tyrannen!“ „In der Gewalt der Tyrannen!“ rief Billot;„ſprich, mein Kind, was willſt Du damit ſagen?“ Ja! ja!“ riefen die Knaben,„Sebaſtian hat Recht; man hat ſeinen Vater verhaftet; und da das Volk die Gefängniſſe geöffnet hat, ſo will er, daß man auch das Gefängniß ſeines Vaters öffne.“ „Ho! ho!“ ſprach der Pächter, indem er mit ſeinem Herculesarm am Gitter rüttelte,„man hat den Doctor Gilbert verhaftet. Alle Wetter! die kleine Catherine hatte alſo Recht?“ „Ja, mein Herr,“ fuhr der junge Gilbert fort, „man hat meinen Vater verhaftet, und darum will ich flichen, darum will ich ein Gewehr nehmen, darum ich mich ſchlagen, bis ich meinen Vater befreit abe!“ Seine Worte wurben begleitet und unterſtützt durch hundert wüthende Stimmen, welche riefen: „Waffen! Waffen! man gebe uns Waffen!“ Auf dieſe Rufe ſtürzte die Menge, die ſich, eben⸗ falls von heldenmüthigem Eifer beſeelt, in der Straße zuſammengeſchaart hatte, nach den Gittern, um den jungen Leuten die Freiheit zu geben. Der Vorſteher warf ſich Rriſchen den Schülern und den Stürmenden auf die Kniee und ſtreckte ſeine Arme flehend durch das Gitter. „Oh! meine Freunde! meine Freunde!“ rief er, „reſpectiren Sie dieſe Kinder! „Ob wir ſie reſpectiren!“ ſagte einer von der franzöſiſchen Garde;„ich glaube wohl! Das ſind hübſche Jungen, welche die Uebung wie die Engel machen werden.“ „Meine Freunde! meine Freunde! Dieſe Kinder nd ein Gut, das ihre Eltern mir anvertraut haben; ich bin für ſie verantwortlichz ihre Eltern rechnen auf mich; ich bin ihnen mein Leben ſchuldig; doch in des Himmels Namen, führt die Kinder nicht weg!“ 158 „Was wollen Sie von mir, mein Herr?“ fragte der junge Sebaſtian den Pächter. „Wollen Sie ihn mitnehmen?“ rief der Vorſteher, erſchrocken bei dem Anblick der zwei bewaffneten Men⸗ ſchen, von denen der eine, derjenige, welcher das Wort an den jungen Gilbert gerichtet hatte, ganz mit Blut bedeckt war. Der Knabe ſchaute ſeinerſeits dieſe zwei Menſchen mit Erſtaunen an und ſuchte, jedoch vergebens, ſeinen, ſeitdem er ihn verlaſſen, übermäßig groß gewordenen und unter der kriegeriſchen Rüſtung, die er angelegt, völlig veränderten Milchbruder Pitou wiederzuerken⸗ nen. „Ihn mitnehmen!“ rief Billot;„den Sohn von Herrn Gilbert mitnehmen; ihn in dieſes Gemenge füh⸗ ren; ihn der Gefahr ausſetzen, einen ſchlimmen Schlag zu bekommen! Ohl bei meiner Treue, nein!“ „Sehen Sie, Sebaſtian,“ ſagte der Vorſteher,„ſehen Sie, Wüthender, ſogar Ihre Freunde wollen nichts von Ihnen. Denn dieſe Herren ſcheinen Ihre Freunde zu ſein. Höret, meine Herren, höret, junge Zöglinge, höret, meine Kinder,“ rief der arme Vorſteher,„gehorchet mir, gehorchet, ich befehle es; gehorchet, ich bitte Euch in⸗ ſtändig.“ „Oro optestorque,“ ſagte Piton. „Mein Herr,“ ſprach der junge Gilbert mit einer für einen Knaben von ſeinem Alter außerordentlichen Feſtigkeit;„behalten Sie meine Kameraden zurück, wenn es Ihnen gutdünkt, aber ich, verſtehen Sie wohl, ich will hinaus.“ Er machte eine Bewegung gegen das Gitter. Der Profeſſor hielt ihn am Arm zurück. Doch er ſchuttelte ſeine ſchönen kaſtanienbraunen Haare auf ſeine bleiche Stirne und rief: „Mein Herr, geben Sie wohl Acht, was Sie thun. Ich bin nicht in der Lage der Andern; mein Vater iſt 160 Hohngelächter, das aus der Tiefe der Straße, das heißt, aus den letzten Reihen der Menge kam, war die Antwort auf dieſe ſchmerzlichen Bitten Billot ſtürzte vor, widerſetzte ſich den franzöſiſchen Garden, der Menge, den Schülern ſelbſt, und rief: „Er hat Recht, das iſt ein ihm anvertrautes heili⸗ ges Gut; die Männer ſollen ſich ſchlagen, ſollen ſich tödten laſſen, tauſend Götter! doch die Kinder ſollen leben; man braucht Samen für die Zukunft.“ Ein mißbilligendes Gemurre empfing dieſe Worte. „Wer murrt hier?“ rief Billot;„ſicherlich iſt es kein Vater. Mir, der ich mit Euch ſpreche, ſind geſtern zwei Menſchen in meinen Armen getödtet worden; ſeht ihr Blut auf meinem Hemd; ſeht!“ Und er deutete auf ſeine geröthete Weſte und ſein blutiges Hemd mit einer Bewegung der Erhabenheit, welche die Verſammlung electriſirte. „Geſtern,“ fuhr Billot fort,„geſtern habe ich mich beim Palais⸗Rohal und bei den Tuilerien geſchlagen, und dieſer Knabe hat ſich auch geſchlagen, doch dieſer Knabe hat weder Vater, noch Mutter, und überdies iſt er beinahe ein Mann.“ er deutete auf Piteu, der ſich in die Bruſt warf. „Heute,“ fuhr Billot fort,„werde ich mich aber⸗ mals ſchlagen; doch Niemand ſoll ſagen die Pariſer waren nicht ſtark genug gegen die fremden Soldaten, und ſie haben die Kinder zu Hülfe gerufen.“ „Ja! ja!“ ſchrieen von allen Seiten Stimmen von Weibern und Soldaten.„Er hat Recht. Kinder! geht hinein, geht hinein.“ „Oh! meinen Dank! meinen Dank! lieber Herr,“ murtrielte der Vorſteher, der die Hände von Billot durch das Gitter zu faſſen ſuchte. „Und unter Allen hüten Sie beſonders Sebaſtian gut,“ ſagte dieſer. —— 159 verhaftet, eingeſperrt worden; mein Vater iſt in der Gewalt der Tyrannen!“ 3 „In der Gewalt der Tyrannen!“ rief Billot;„ſprich, mein Kind, was willſt Du damit ſagen?“ „Ja! ja!“ riefen die Knaben,„Sebaſtian hat Recht; man hat ſeinen Vater verhaftet; und da das Volk die Gefängniſſe geöffnet hat, ſo will er, daß man auch das Gefängniß ſeines Vaters öffne.“ „Hol ho!“ ſprach der Pächter, indem er mit ſeinem Herculesarm am Gitter rüttelte,„man hat den Doctor Gilbert verhaftet. Alle Wetter! die kleine Catherine hatte alſo Recht?“ „Ja, mein Herr,“ fuhr der junge Gilbert fort, „man hat meinen Vater verhaftet, und darum will ich fliehen, darum will ich ein Gewehr nehmen, darum min ich mich ſchlagen, bis ich meinen Vater befreit a e!“ Seine Worte wurden begleitet und unterſtützt durch hundert wüthende Stimmen, welche riefen: „Waffen! Waffen! man gebe uns Waffen!“ Auf dieſe Rufe ſtürzte die Menge, die ſich, eben⸗ falls von heldenmüthigem Eifer beſeelt, in der Straße zuſammengeſchaart hatte, nach den Gittern, um den jungen Leuten die Freiheit zu geben. Der Vorſteher warf ſich zwiſchen den Schülern und den Stürmenden auf die Kniee und ſtreckte ſeine Arme flehend durch das Gitter. „Oh! meine Freunde! meine Freunde!“ rief er, „reſpectiren Sie dieſe Kinder! „„Ob wir ſie reſpectiren!“ ſagte einer von der franzöſiſchen Garde;„ich glaube wohl! Das ſind hübſche Jungen, welche die Uebung wie die Engel machen werden.“ „Meine Freunde! meine Freunde! Dieſe Kinder nd ein Gut, das ihre Eltern mir anvertraut haben; ich hin für ſie verantwortlich; ihre Eltern rechnen auf mich; ich bin ihnen mein Leben ſchuldig; doch in des Himmels Namen, fuͤhrt die Kinder nicht weg!“ r⸗ ſer n, on ht r, an 161 „Mich, mich hüten? ich ſage Ihnen, baß man mich nicht huten wird,“ rief der junge Menſch, bleich vor Zorn, während er ſich in den Händen der Diener des Hauſes, die ihn wegführten, ſträubte. „Laſſen Sie mich hinein,“ ſprach Billot,„ich über⸗ nehme es, ihn zu beruhigen.“ Die Menge trat auf die Seite. Der Pächter zog Ange Pitou nach ſich und drang in den Hof des Col⸗ ege ein. Schon bewachten drei bis vier Soldaten und ein Dutzend andere Männer die Thüren und verſchloſſen jeden Ausgang für die aufrühreriſchen jungen Leute. Billot ging gerade auf Sebaſtian zu, nahm in ſeine großen, ſchwieligen Hände die weißen, feinen Hände des Knaben, und ſagte zu ihm: etaſtah erkennen Sie mich nicht mehr?“ „Nein.“ „Ich hin Billot, der Pächter Ihres Vaters.“ „Ich kenne Sie, mein Herr.“ „Und dieſer Junge,“ fuhr er, auf ſeinen Gefährten deutend, fort,„kennſt Du ihn?“ „Ange Pitou?“ fraate der Knabe. „Ja, Sebaſtian, ja, ich, ich.“ Und Piton ſiel weinend vor Freude ſeinem Milch⸗ bruder und Studienkameraden um den Hals. „Nun!“ ſagte der Knabe, ohne ſich zu erheitern, „hernach?“ „Hernach? Wenn man Dir Deinen Vater genommen hat ſo werde ich ihn Dir zurückgeben; ich, hörſt Du wohl?“ „Sie?“ Ja, ich ich! und alle diejenigen, welche dort mit mir ſind. Was Teufels! wir haben es geſtern mit den Oeſterreichern zu thun gehabt, und wir haben ihre Patrontaſchen geſehen.“ 6„Zum Beweiſe dient, daß ich eine beſitze,“ ſagte ou. Ange Pitou. 1. 11 160 Hohngelächter, das aus der Tiefe der Straße, das heißt, aus den letzten Reihen der Menge kam, war die Antwort auf dieſe ſchmerzlichen Bitten. Billot ſtürzte vor, widerſetzte ſich den franzöſiſchen Garden, der Menge, den Schülern ſelbſt, und rief: „Er hat Recht, das iſt ein ihm anvertrautes heili⸗ ges Gut; die Männer ſollen ſich ſchlagen, ſollen ſich födten laſſen, tauſend Götter! doch die Kinder ſollen leben; man braucht Samen für die Zukunft.“ Ein mißbilligendes Gemurre empfing dieſe Worte. „Wer murrt hier?“ rief Billot;„ſicherlich iſt es kein Vater. Mir, der ich mit Euch ſpreche, ſind geſtern zwei Menſchen in meinen Armen getödtet worden; ſeht ihr Blut auf meinem Hemd; ſeht!“ Und er deutete auf ſeine geröthete Weſte und ſein blutiges Hemd mit einer Bewegung der Erhabenheit, welche die Verſammlung electriſirte. „Geſtern,“ fuhr Billot fort,„geſtern habe ich mich beim Palais⸗Royal und bei den Tuilerien geſchlagen, und dieſer Knabe hat ſich auch geſchlagen, doch dieſer Knabe hat weder Vater, noch Mutter, und überdies iſt er beinahe ein Mann.“ 8 unb er deutete auf Pitou, der ſich in die Bruſt warf. „Heute,“ fuhr Billot fort,„werde ich mich aber⸗ mals ſchlagen; doch Niemand ſoll ſagen: die Pariſer waren nicht ſtark genug gegen die fremden Soldaten, und ſie haben die Kinder zu Hülfe gerufen.“ „Ja! ja!“ ſchrieen von allen Seiten Stimmen von Weibern und Soldaten.„Er hat Recht. Kinder! geht hinein, geht hinein.“ „Ohl! meinen Dank! meinen Dank! lieber Herr,“ murmelte der Vorſteher, der die Hände von Billot durch das Gitter zu faſſen ſuchte. „Und unter Allen hüten Sie beſonders Sebaſtian gut,“ ſagte dieſer. 8 16² „Nicht wahr, wir werden ſeinen Vater befreien?“ rief Billot, ſich an die Menge wendend. „Ja ja!“ prüllte die Menge,„wir werden ihn befreien.“ Sebaſtian ſchüttelte den Kopf. „Mein Vater iſt in der Baſiille,“ ſprach er ſchwer⸗ müthig. „Nun?“ rief Billot. „Nun, man nimmt die Baſtille nicht,“ erwiederte der Knabe. „Was wollteſt Du dann thun, da Du dieſe Ueber⸗ zeugung haſt?“ „Ich wollte auf den Platz gehen; man wird ſich vort ſchlagen; mein Vater hätte mich vielleicht durch das Gitter eines Fenſters bemerkt.“ „Unmöglich.“ „Unmöglich! und warum? Ich habe eines Tags, als ich mit meinen Mitſchülern ſpazieren ging, den Kopf eines Gefangenen geſehen. Wenn ich meinen Vater geſehen hätte, wie ich dieſen Gefangenen ſah, ſo härte ich ihn erkannt und ihm zugerufen: Sei ruhig⸗ guter Vater, ich liebe Dich.“ Und wenn die Soldaten der Baſtille Dich getödtet hätten?“ „Nun! ſo hätten ſie mich unter den Augen meines Vaters getödtet!“ „Tod und alle Teufel! Du biſt ein böſer Knabe, Sebaſtian. Du willſt Dich vor den Augen Deines Vaters tödten laſſen! Du willſt machen, daß er vor Schmerz in ſeinem Käſich ſtirbt, er, der nur Dich auf der Welt hat, der Dich ſo ſehr liebt! Du biſt offenbar ein ſchlimmes Herz, Stbaſtian!“ Und der Pächter ſtieß den Knaben zurück. „Ja, ja, ein ſchlimmes Herz,“ rief Pitou, in Thrä⸗ nen zerfließend. Sebaſtian antwortete nicht. Und während er in einem düſtern Stillſchweigen — 161 „Mich, mich hüten? ich ſage Ihnen, daß man mich nicht huten wird,“ rief der junge Menſch, bleich vor Zorn, während er ſich in den Händen der Diener des Hauſes, die ihn wegführten, ſträubte.. „Laſſen Sie mich hinein,“ ſprach Billot,„ich üͤber⸗ nehme es, ihn zu beruhigen.“ Die Menge trat auf die Seite. Der Pächter zog Ange Pitou nach ſich und drang in den Hof des Col⸗ lege ein. Schon bewachten drei bis vier Soldaten und ein Dutzend andere Männer die Thüren und verſchloſſen jeden Ausgang für die aufrühbreriſchen jungen Leute. Billot ging gerade auf Sebaſtian zu, nahm in ſeine großen, ſchwieligen Hände die weißen, feinen Hände des Knaben, und ſagte zu ihm: 3 „Sehaſtian, erkennen Sie mich nicht mehr?“ „Nein.“„ „Ich bin Billot, der Pächter Ihres Vaters.“ Aln „Ich kenne Sie, mein Herr.“ i* j. „Und dieſer Junge,“ fuhr er, auf ſeinen Gefährten deutend, fort,„kennſt Du ihn?“ adi chi tiüd of „Ange Pitou?“ fragte der Knaben 99 „Ja, Sebaſtian, ja, ich, ich.“ 0: anfl. Und Pitou ſiel weinend vor Freude ſeinem Milch⸗ bruder und Studienkameraden um dend Halbu ſ, „Nun!“ ſagte der Knabe, ohne ſich zu⸗ erheitern, „hernach?“ 115 9 dlt 407, „Hernach?... Wenn man Dir Deinen Bater genommen hat, ſo werde ich ihn Dir zunückgebens ich hörſt Du wohl?“, i3ri d 9119 u 3131 „Sie?“ 113311: 4 tofl 114 139 „Ja, ich! ich! und alle diejenigen, welche dort mit mir ſind. Was Teufels! wir haben es geſtern mit den Oeſterreichern zu thun gehabt, lund wir haben ihre Patrontaſchen geſehen.“.8u1353 nant „Zum Beweiſe dient, daß ich eine beſitze, ſagte Pitou. IS urſu eie 1 daa da Ange Pitou. I. 11 — 163 träumte, bewunderte Billot dieſes edle, weiße, perl⸗ mutterartige Antlitz, das Feuerauge, den ſpöttiſchen, feinen Mund, die Adlernaſe und das kräftige Kinn, das zugleich Adel der Seele und Adel des Blutes verrieth. „Du ſagſt, Dein Vater ſei in der Baſtille?“ fragte endlich der Pächter. „Und warum?“ „Weil mein Vater ein Freund von Lafahette und Waſhington iſt; weil mein Vater mit dem Schwerte für die Unabhängigkeit Amerikas und mit der Feder für die Frankreichs gekämpft hat; weil mein Vater in beiden Welttheilen dafür bekannt iſt, daß er die Ty⸗ rannei haßt; weil er die Baſtille, wo die Andern leiden, verflucht hat... Darum brachte man ihn dahin.“ „Wann dies?“ „Vor ſechs Tagen.“ „Und wo hat man ihn verhaftet?“ „Im Havre, wo er gelandet.“ „Woher weißt Du das?“ „Ich habe einen Brief von ihm erhalten.“ „Datirt vom Havre?“ „Jd. „Und man hat ihn im Havre ſelbſt verhaftet?“ „In Lillebonne.“ „Auf, Kind, ſchmolle nicht mit mir und gib mir alle Umſtände an, die Du weißt. Ich ſchwöre Sir, daß ich meine Knochen auf dem Platze der Baſtille laſſe, oder Du ſiehſt Deinen Vater wieder.“ Sebaſtian ſchaute den Pächter an; und als er wahr⸗ nahm, daß er aus dem Grunde des Herzens zu ſprechen ſchien, beſänftigte er ſich. ſagte er,„in Lillebonne hatte er Zeit ge⸗ ha mit Bleiſtift folgende Worte in ein Buch zu ſchreiben: „„Sebaſtian, man ve 1 i d fü in vi⸗ Baſtille. man verhaftet mich, und führt mich 114 162 „Nicht wahr, wir werden ſeinen Vater befreien?“ rief Billot, ſich an die Menge wendend. „Ja, ja!“ brüllte die Menge,„wir werden ihn befreien.“ Sebaſtian ſchüttelte den Kopf. „Mein Vater iſt in der Baſtille,“ ſprach er ſchwer⸗ müthig. „Nun?“ rief Billot. „Nun, man nimmt die Baſtille nicht,“ erwiederte der Knabe. „Was wollteſt Du dann thun, da Du dieſe Ueber⸗ zeugung haſt?“ „Ich wollte auf den Platz gehen; man wird ſich dort ſchlagen; mein Vater hätte mich vielleicht durch das Gitter eines Fenſters bemerkt.“ „Unmöglich.“ „Unmöglich! und warum? Ich habe eines Tags, als ich mit meinen Mitſchülern ſpazieren ging, den Kopf eines Gefangenen geſehen. Wenn ich meinen Vater geſehen hätte, wie ich dieſen Gefangenen ſah, ſo hätte ich ihn erkannt und ihm zugerufen: Sei ruhig, guter Vater, ich liebe Dich.“ hat„Und wenn die Soldaten der Baſtille Dich getödtet ten?“ „Nun! ſo hätten ſie mich unter den Augen meines Vaters getödtet!“ 3 „Tod und alle Teufel! Du biſt ein böſer Knabe, Sebaſtian. Du willſt Dich vor den Augen Deines Vaters tödten laſſen! Du willſt machen, daß er vor Schmerz in ſeinem Käſich ſtirbt, er, der nur Dich auf der Welt hat, der Dich ſo ſehr liebt! Du biſt offenbar ein ſchlimmes Herz, Sebaſtian!“ Und der Pächter ſtieß den Knaben zurück. „Ja, ja, ein ſchlimmes Herz,“ rief Pitou, in Thrä⸗ nen zerfließend. Sebaſtian antwortete nicht. Und während er in einem düſtern Stillſchweigen 164 „Geduld. Hoffe und arbeite. „Lillebonne, den 7. Juli 1789. „N S. „„Man verhaftet mich der Freiheit wegen. „Ich habe einen Sohn im College Louis⸗le⸗Grand in Paris. Derjenige, welcher dieſes Buch findet, wird gebeten, es im Namen der Menſchenliebe meinem Sohn zukommen zu laſſen; er heißt Sebaſtian Gilbert.““ „Und dieſes Buch?“ fragte Billot, keuchend vor Aufregung. „Er legte ein Goldſtück hinein, umband es mit einer Se und warf es durch das Fenſter.“ „Und? „Und der Pfarrer fand es. Er wählte unter den Gemeindeangehörigen einen kräftigen jungen Mann und ſagte zu ihm: „Laß zwölf Franken Deiner Familie, die kein Brod hat, und mit den andern zwölf trage dieſes Buch nach Paris zu einem armen Knaben, dem man den Vater genommen, weil er das Volk zu ſehr liebt.““ ei junge Mann iſt geſtern Mittag hier ange⸗ fommen und hat mir das Buch meines Vaters über⸗ geben; daher weiß ich, daß mein Vater verhaftet iſt.“ „Ah! ah!“ rief Billot,„das ſöhnt mich ein wenig mit den Pfarrern aus. Leider ſind ſie nicht alle, wie dieſer; und der brave junge Mann, wo iſt er?“ „Er iſt geſtern Abend wieder abgegangen; er hofft ſeiner Familie fünf Livres von den zwölf Lipres, die er mitgenommen, zurückzubringen.“ „Schön! ſchön!“ ſagte Billot, vor Freude weinend. „Ohl das Volk! es hat viel Gutes, Gilbert.“ „Nun wiſſen Sie Alles.“ 7. „Ja. „Sie verſprachen mir, wenn ich reden würde, mir meinen Vater zurückzugeben. Ich habe geredet, denken Sie an Ihr Verſprechen.“ „Ich habe Dir geſagt, ich werde ihn retten, oder 163 träumte, bewunderte Billot dieſes edle, weiße, perl⸗ mutterartige Antlitz, das Feuerauge, den ſpöttiſchen, feinen Mund, die Adlernaſe und das kräftige Kinn, das zugleich Adel der Seele und Adel des Blutes verrieth. „Du ſagſt, Dein Vater ſei in der Baſtille?“ fragte endlich der Pächter. „Ja.“ „Und warum?“ „Weil mein Vater ein Freund von Lafayette und Waſhington iſt; weil mein Vater mit dem Schwerte für die Unabhängigkeit Amerikas und mit der Feder für die Frankreichs gekämpft hat; weil mein Vater in beiden Welttheilen dafür bekannt iſt, daß er die Ty⸗ rannei haßt; weil er die Baſtille, wo die Andern leiden, verflucht hat... Darum brachte man ihn dahin.“ „Wann dies?“ „Vor ſechs Tagen.“ „Und wo hat man ihn verhaftet?“ „Im Havre, wo er gelandet.“ „Woher weißt Du das?“ „Ich habe einen Brief von ihm erhalten.“ „Daittt vom Havre?“ a. „Und man hat ihn im Havre ſelbſt verhaftet?“ „In Lillebonne.“ „Auf, Kind, ſchmolle nicht mit mir und gib mir alle Umſtände an, die Du weißt. Ich ſchwöre Dir, daß ich meine Knochen auf dem Platze der Baſtille laſſe, oder Du ſiehſt Deinen Vater wieder.“ Sebaſtian ſchaute den Pächter an; und als er wahr⸗ nahm, daß er aus dem Grunde des Herzens zu ſprechen ſchien, beſänftigte er ſich. „Nun,“ ſagte er,„in Lillebonne hatte er Zeit ge⸗ habt; mit Bleiſtift folgende Worte in ein Buch zu ſchreiben: „„Sebaſtian, man verhaftet mich, und ührt mi in die Baſtille. Jaſtet wich, und fihrt mig 11* en d in en e r . ig ie fft die d. nir ken der* 165 mich tödten laſſen. Zeige mir nun das Buch,“ ſprach Billot. „Hier iſt es,“ erwiederte der Knabe, indem er aus ſeiner Taſche einen Band vom Contrat social zog. „Und wo iſt die Schrift Deines Vaters?“ „Sehen Sie,“ ſagte der Knabe. Und er zeigte ihm die Schrift des Doctors. Der Pächter küßte die Buchſtaben. „Nun ſei ruhig,“ ſprach er,„ich will Deinen Vater in der Baſtille auſſuchen.“ „Unglücklicher!“ rief der Vorſteher, indem er Billot bei den Händen nahm,„wie werden Sie zu einem Staatsgefangenen gelangen.“ „Dadurch, daß ich die Baſtille nehme, tauſend Götter!“ Einige Soldaten von der franzöſiſchen Garde lach⸗ ten. Nach einem Augenblick war das Gelächter allge⸗ mein. „Sprecht,“ rief Billot, indem er einen vor Zorn funkelnden Blick um ſich her laufen ließ,„was iſt denn die Baſtille, wenn's beliebt?“ „Steine,“ ſagte ein Soldat. „Und Eiſen,“ ſagte ein Anderer. „Und Feuer,“ ſprach ein Dritter.„Nehmen Sie ſ in Acht, mein braver Mann, man verbrennt ſich ort.“ „Ja! ja! man verbrennt ſich dort,“ wiederholte die Menge voll Schrecken. „Ah! Pariſer!“ brüllte der Pächter,„ah! Ihr habt Hacken, und fürchtet die Steine, ah! Ihr habt Blei, und fürchtet bas Eiſen; ah! Ihr habt Pulver, und Ihr fürchtet das Feuer. Pariſer, Prahler; Pariſer, Feige; Pariſer, Maſchinen für die Sklaverei. Tauſend Teufel! Wer iſt der Mann von Herz, der mit mir und Piton die Baſtille des Königs nehmen will? Ich heiße Billot, Pächter auf der Ile de France. Vorwärts!“ Billot hatte ſich auf den hoöchſten Grad der Be⸗ 164 „„Geduld. Hoffe und arbeite. „„Lillebvnne, den 7. Juli 1789. „„N.. „„Man verhaftet mich der Freiheit wegen. „„Ich habe einen Sohn im College Louis⸗le⸗Grand in Paris. Derjenige, welcher dieſes Buch findet, wird gebeten, es im Namen der Menſchenliebe meinem Sohn zukommen zu laſſen; er heißt Sebaſtian Gilbert.““ „Und dieſes Buch?“ fragte Billot, keuchend vor Aufregung. „Er legte ein Goldſtück hinein, umband es mit einer Schnur und warf es durch das Fenſter.“ „Und?... „Und der Pfarrer ſand es. Er wählte unter den Gemeindeangehörigen einen kräftigen jungen Mann und ſagte zu ihm: „„Laß zwölf Franken Deiner Familie, die kein Brod hat, und mit den andern zwölf trage dieſes Buch nach Paris zu einem armen Knaben, dem man den Vater genommen, weil er das Volk zu ſehr liebt.““ „Der junge Mann iſt geſtern Mittag hier ange⸗ kommen und hat mir das Buch meines Vaters über⸗ geben: daher weiß ich, daß mein Vater verhaftet iſt.“ „Ahl ah!“ rief Billot,„das ſöhnt mich ein wenig mit den Pfarrern aus. Leider ſind ſie nicht alle, wie dieſer; und der brave junge Mann, wo iſt er?“ „Er iſt geſtern Abend wieder abgegangen; er hofft ſeiner Familie fünf Livres von den zwölf Livres, die er mitgenommen, zurückzubringen.“ „Schön! ſchön!“ ſagte Billot, vor Freude weinend. „Ohl das Volk! es hat viel Gutes, Gilbert.“ „Nun wiſſen Sie Alles.“ 4 „Sie verſprachen mir, wenn ich reden würde, mir meinen Vater zurückzugeben. Ich habe geredet, denken Sie an Ihr Verſprechen.“ „Ich habe Dir geſagt, ich werde ihn retten, oder 166 geiſterung em porgeſchwungen. Die eniflammte Menge bebte um ihn her und rief:. „Nach der Baſtille! nach der Baſtille!“ Sebaſtian wollte ſich an Billot anklammern, doch dieſer ſchob ihn ſanft zurück und ſagte „Kind, was iſt das letzte Wort Deines Vaters?“ „Arbeite,“ antwortete Sebaſtian. „Arbeite alſo hier; wir werden dort arbeiten. Nur heißt unſere Arbeit zerſtören und tödten.„ Der junge Mann erwiederte nicht ein Wort; er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen, ohne nur Ange Piton, der ihn umarmte, die Finger zu drücken, und fiel in ſo heftigen Convulſionen nieder, daß man ge⸗ nöthigt war, ihn in das Krankenzimmer der Anſtalt zu tragen. „Nach der Baſtille!“ rief Billot. „Nach der Baſtille!“ ſchrie Piton. „Nach der Baſtille!“ wiederholte die Menge. ünd man zog nach der Baſtlle. „ XIII. Der König iſt ſo gut, die Königin iſt ſo gut. Unſere Leſer mögen uns nun erlauben, ſie mit den politiſchen Hauptereigniſſen vertraut zu machen, die ſeit der Epoche, wo wir in unſerer letzten Veröffentli⸗ chung den franzöſiſchen Hof verlaſſen haben, vorgefallen waren. Diejenigen, welche die Geſchichte dieſer Zeit ken⸗ nen, oder diejenigen, welche vor der reinen, Linfachen Geſchichte zurückſchrecken, können dieſes Kapiteél über⸗ ſchlagen, da das folgende gerade mit dem vorangehenden —— ir en der 165 vich tödten laſſen. Zeige mir nun das Buch,“ ſprach illot. „Hier iſt es,“ erwiederte der Knabe, indem er aus ſeiner Taſche einen Band vom Contrat social zog. „Und wo iſt die Schrift Deines Vaters?“ „Sehen Sie,“ ſagte der Knabe. Und er zeigte ihm die Schrift des Doctors. Der Pächter küßte die Buchſtaben. „Nun ſei ruhig,“ ſprach er,„ich will Deinen Vater in der Baſtille aufſuchen.“ „Unglücklicher!“ rief der Vorſteher, indem er Billot bei den Händen nahm,„wie werden Sie zu einem Staatsgefangenen gelangen.“ „Dadurch, daß ich die Baſtille nehme, tauſend Götter!“ 3 Einige Soldaten von der franzöſiſchen Garde lach⸗ ten. Nach einem Augenblick war das Gelächter allge⸗ mein. „Sprecht,“ rief Billot, indem er einen vor Zorn funkeluden Blick um ſich her laufen ließ,„was iſt denn die Baſtille, wenn's beliebt?“ „Steine,“ ſagte ein Soldat. „Und Eiſen,“ ſagte ein Anderer. „Und Feuer,“ ſprach ein Dritter.„Nehmen Sie ſch in Acht, mein braver Mann, man verbrennt ſich ort.“ „Ja! ja! man verbrennt ſich dort,“ wiederholte die Menge voll Schrecken. „Ah! Pariſer!“ brüllte der Pächter,„ahl Ihr habt Hacken, und fürchtet die Steine, ah! Ihr habt Blei, und fürchtet das Eiſen; ah! Ihr habt Pulver, und Ihr fürchtet das Feuer. Pariſer, Prahler; Pariſer, Feige; Pariſer, Maſchinen für die Sklaverei. Tauſend Teufel! Wer iſt der Mann von Herz, der mit mir und Piton die Baſtille des Königs nehmen will? Ich beiße Billot, Pächter auf der Ile de France. Vorwärts!“ Billot hatte ſich auf den höchſten Grad der Be⸗ — — ——— 167 ſich zuſammenfügt, und da das, welches wir hier geben, nur für den Gebrauch der vielverlangenden Geiſter, die ſich von Allem Rechenſchaft geben wollen, beſtimmt iſt. Etwas Unerhörtes, Unbekanntes, etwas, was von der Vergangenheit kam und auf die Zukunft zuging, toste und brummte ſeit ein paar Jahren in der Luft. Das war die Revolution. Voltaire hatte ſich einen Augenblick in ſeinem Todeskampf erhoben, und, mit den Ellbogen auf ſein Sterbebett geſtützt, hatte er bis in der Nacht, wo er tn dieſe blitzende Morgenröthe glänzen ehen. Es ſollte nämlich die Revolution, wie Chriſtus, deſſen Gedanke ſie war, die Lebendigen und die Todten richten. Als Anna von Oeſterreich zur Regierung kam, ſagt der Cardinal von Retz, gab es nur Ein Wort in Aller Mund: Die Königin iſt ſo gut! Eines Tags ſieht der Arzt von Frau von Pompa⸗ dour, Quesnoy, Ludwig XV. eintreten: ein Gefühl, das nicht Reſpect war, beunruhigt ihn dergeſtalt, da er zittert und erbleicht.. „Was haben Sie?“ fragte ihn Frau von Hauſſet. „Madame,“ erwiederte Quesnoy,„ſo oft ich den König ſehe, ſage ich mir: das iſt ein Mann, der mir den Kopf kann abſchlagen laſſen!“ „Oh! es iſt keine Gefahr,“ entgegnete Frau von Hauſſet:„der König iſt ſo gut!“ Mit dieſen zwei Sätzen: Der König iſt ſo gut! Die Königin iſt ſo gut! hat man die fran⸗ zöſiſche Revolution gemacht. Als Ludwig XV. ſtarb, athmete Frankreich. Man war zugkeich wie vom König, ſo von den Pompadour, von den Dubarry, vom Hirſchvark befreit. Die Vergnügungen von Ludwig XV. koſteten die 166 geiſterung emporgeſchwungen. Die entflammte Menge bebte um ihn her und rief: „Nach der Baſtillel nach der Baſtille!“ Sebaſtian wollte ſich an Billot anklammern, doch dieſer ſchob ihn ſanft zuruck und ſagte: „Kind, was iſt das letzte Wort Deines Vaters?“ „Arbeite,“ antwortete Sebaſtian. „Arbeite alſo hier; wir werden dort arbeiten. Nur heißt unſere Arbeit zerſtören und tödten.“ Der junge Mann erwiederte nicht ein Wort; er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen, ohne nur Ange Piton, der ihn umarmte, die Finger zu drücken, und fiel in ſo heftigen Convulſionen nieder, daß man ge⸗ nöthigt war, ihn in das Krankenzimmer der Anſtalt zu tragen. „Nach der Baſtille!“ rief Billot. „Nach der Baſtille!“ ſchrie Pitou. „Nach der Baſtille!“ wiederholte die Menge. ÜUnd man zog nach der Baſtille. XIII. Der König iſt ſo gut, die Königin iſt ſo gut. Unſere Leſer mögen uns nun erlauben, ſie mit den politiſchen Hauptereigniſſen vertraut zu machen, die ſeit der Epoche, wo wir in unſerer letzten Veröffentli⸗ chung den franzöſiſchen Hof verlaſſen haben, vorgefallen waren. Diejenigen, welche die Geſchichte dieſer Zeit ken⸗ nen, oder diejenigen, welche vor der reinen, einfachen Geſchichte zurückſchrecken, können dieſes Kapitel über⸗ ſchlagen, da das ſolgende gerade mit dem vorangehenden ——— 2½fß 168 Nation viel; ſie koſteten allein über drei Millionen jährlich.*) Zum Glück hatte man einen jungen, moraliſchen, philanthropiſchen, beinahe philoſophiſchen Rönig. Einen König, der wie der Emil von Jean Jacques, ein Handwerk, oder vielmehr drei Handwerke gelernt atte. Er war Schloſſer, Uhrmacher, Mechanicus. Erſchrocken über den Abgrund, über den er ſich neigt, fängt der König damit an, daß er alle Gunſt⸗ bezeigungen, die man von ihm verlangt, abſchlägt. Die Höflinge beben. Zum Glück beruhigt ſie Eines: nicht er ſchlägt ſie ab, ſondern Turgot. Die Königin iſt vielleicht noch nicht Königin, und kann folglich an dieſem Abend nicht den Einfluß haben, den ſie morgen haben wird. Im Jahr 1777 erlangt ſie endlich den ſo ſehr er⸗ ſehnten Einfluß: die Königin wird Mutter; der König, der ſchon ein ſo guter König, ein ſo guter Gatte war, kann nun auch guter Vater werden. Wird er derjenigen, welche der Krone einen Erben gegeben hat, etwas verweigern? Und dann iſt das noch nicht Alles: der König iſt auch guter Bruder; man kennt die Anekdote von Beau⸗ marchais, der dem Grafen von Provence geopfert wurdez und der König liebt nicht einmal den Grafen von Pro⸗ vence, weil er ein Pedant iſt. Dagegen liebt er ſehr den Grafen d'Artois, dieſen Typus von Geiſt, von Eleganz und franzöſiſchem Adel. Er liebt ihn ſo ſehr, daß, wenn er zuweilen der Königin das, was ſie fordert, abſchlägt, der Graf *) So heißt es im Original, aber entweder iſt die Summe von drei Millionen ein Druckfehler, denn die Vergnügungen von Ludwig XV. koſteten bedeutend mehr, oder hätte es heißen ſollen XVI. D. Ueberſ. 167 ſich zuſammenfügt, und da das, welches wir bier geben, nur für den Gebrauch der vielverlangenden Geiſter, die ſich von Allem Rechenſchaft geben wollen, beſtimmt iſt. Etwas Unerhörtes, Unbekanntes, etwas, was von der Vergangenheit kam und auf die Zukunft zuging, toste und brummte ſeit ein paar Jahren in der Luft. Das war die Revolution. Voltaire hatte ſich einen Augenblick in ſeinem Todeskampf erhoben, und, mit den Ellbogen auf ſein Sterbebett geſtützt, hatte er bis in der Nacht, wo er fmichlunmnorte dieſe blitzende Morgenröthe glänzen ehen. Es ſollte nämlich die Revolution, wie Chriſtus, beßen Gedanke ſie war, die Lebendigen und die Todten richten. Als Anna von Oeſterreich zur Regierung kam, ſagt der Cardinal von Retz, gab es nur Ein Wort in Aller Mund: Die Königin iſt ſo gut! Eines Tags ſieht der Arzt von Frau von Pompa⸗ dour, Quesnoy, Ludwig XV. eintreten: ein Gefühl, das nicht Reſpect war, beunruhigt ihn dergeſtalt, daß er zittert und erbleicht. „Was haben Sie?“ fraate ihn Frau von Hauſſet. „Madame,“ erwiederte Quesnoy,„ſo oft ich den König ſehe, ſage ich mir: das iſt ein Mann, der mir den Kopf kann abſchlagen laſſen!“ 3 „Oh! es iſt keine Gefahr,“ entgegnete Frau von Hauſſet:„der König iſt ſo gut!“ Mit dieſen zwei Sätzen: Der König iſt ſo gut! Die Königin iſt ſo gutl hat man die fran⸗ zuͤſiſche Revolution gemacht. Als Ludwig XV. ſtarb, athmete Frankreich. Man war zugleich wie vom König, ſo von den Pompadour, von den Dubarry, vom Hirſchpark befreit. Die Vergnügungen von Ludwig XV. koſteten die 169 d'Artvis ſich nur mit der Königin zu verbinden braucht, und der König hat nicht mehr die Kraft, zu verweigern. Es iſt auch die Regierung der liebenswürdigen Männer. Herr von Calonne, einer der liebenswürdig⸗ ſten Männer der Welt, iſt Generalcontroleur; er hat zur Königin geſagt: „Madame, wenn es möglich iſt, ſo iſt es geſchehen; iſt es unmöglich, ſo wird es ſich machen.“ Von dem Tage an, wo dieſe reizende Antwort in den Salons von Paris und Verſailles kreiſt, hat ſich das rothe Buch, das man für geſchloſſen hielt, wieder geöffnet. Die Königin kauft Saint⸗Cloud. Der König kauſt Rambouillet. Der Könia hat nicht mehr Favoritinnen, ſondern die Königin: die Damen Diane und Jules von Polig⸗ nac koſten Frankreich ſo viel, als die Pompadour und die Dubarry. Die Königin iſt ſo gut! Man ſchlägt eine Erſparniß an den großen Ge⸗ halten vor. Einige fügen ſich darein. Doch ein Ver⸗ trauter des Hofes weigert ſich hartnäckig, ſich beſchrän⸗ ken zu laſſen: das iſt Herr von Coigny. Der König entfliebt und ſagt lachend am Abend: „Wahrhaftig, ich glaube, wenn ich nicht nachge⸗ geben hätte, Coigny würde mich geſchlagen haben.“ Der König iſt ſo gut! Dann hängen die Geſchicke eines Reiches von ſo Perinsſigigen ab, vom Sporn eines Pagen zum Bei⸗ i el. Ludwig XV. ſtirbt; wer wird der Nachfolger von Herrn von Aiguillon ſein? König Ludwig XVI. iſt für Machant. Machaut iſt einer von den Miniſtern, die den ſchon wankenden Thron geſtützt haben. Mesdames, das heißt, die Tanten des Königs, ſind für Herrn von Maurepas, der ſo beluſtigend iſt und ſo ſchöne Lieder macht. Er hat im Pontchartrain 168 Nation viel; ſie koſteten allein über drei Millionen jährlich.*) Zum Glück hatte man einen jungen, moraliſchen, philanthropiſchen, beinahe philoſophiſchen König. Einen König, der wie der Emil von Jean Jacques, 7 Handwerk, oder vielmehr drei Handwerke gelernt atte. Er war Schloſſer, Uhrmacher, Mechanicus. Erſchrocken über den Abgrund, über den er ſich neigt, fängt der König damit an, daß er alle Gunſt⸗ bezeigungen, die man von ihm verlangt, abſchlägt. Die Höflinge beben. Zum Glück beruhigt ſie Eines: nicht er ſchlägt ſie ab, ſondern Turgot. Die Königin iſt vielleicht noch nicht Königin, und kann folglich an dieſem Abend nicht den Einfluß haben, den ſie morgen haben wird. Im Jahr 1777 erlangt ſie endlich den ſo ſehr er⸗ ſehnten Einfluß: die Königin wird Mutter; der König, der ſchon ein ſo guter König, ein ſo guter Gatte war, kann nun auch guter Vater werden. Wird er derjenigen, welche der Krone einen Erben gegeben hat, etwas verweigern? Und dann iſt das noch nicht Alles: der König iſt auch guter Bruder; man kennt die Anekdote von Beau⸗ marchais, der dem Grafen von Provence geopfert wurde; und der König liebt nicht einmal den Grafen von Pro⸗ vence, weil er ein Pedant iſt. Dagegen liebt er ſehr den Grafen d'Artois, dieſen Typus von Geiſt, von Eleganz und franzöſtſchem Adel. Er liebt ihn ſo ſehr, daß, wenn er zuweilen der Königin das, was ſie fordert, abſchlägt, der Graf *) So heißt es im Original, aber entweder iſt die Summe von drei Millionen ein Druckfehler, denn die Vergnügungen von Ludwig XV. koſteten bedeutend mehr, oder hätte es heißen ſollen XVI. D. Ueberſ. 4 170 drei Bände gemacht, die er ſeine Dentwürdigkeiten nennt. Dies Alles iſt eine Frage des Kirchthurmrennens. Wer wird zuerſt ankommen? Der König und die Kö⸗ nigin in Arnouville, oder Mesdames in Pontchartrain? Der König hat die Gewalt in Händen, die Chan⸗ cen ſind alſo für ihn. Er ſchreibt in Eile: Reiſen Sie auf der Stelle nach Paris ab. Ich erwarte Sie. 6 ſteckt die Depeſche in einen Umſchlag und ſchreibt arauf: An den Herrn Grafen von Machaut in Arnouville. Ein Page vom großen Stall wird gerufen. Man übergibt ihm das königliche Schreiben und befiehlt ihm, mit verhängten Zügeln zu reiten. Nun, da der Page abgegangen iſt, kann der König Mesdames empfangen. Mesdames, dieſelben, die ihr Vater, wie wir in Balſamo geſehen, mit den drei außerordentlich ariſto⸗ kratiſchen Namen: Loeque, Chiffe und Graille*) beehrt hatte; Mesdames warten vor der Thüre, der entgegen⸗ geſetzt durch welche der Page abgeht, bis der Page ab⸗ gegangen iſt. Sobald der Page abgegangen iſt, können Mesdames eintreten. Sie treten ein, und flehen den König zu Gunſten des Herrn Maurepas an,— dies Alles iſt eine Zeit⸗ frage— der König kann Mesdames nicht abweiſen, der König iſt ſo gut! Er wird einwilligen, wenn der Page fern genug iſt, daß man ihn nicht wieder erwiſchen kann. Der König kämpft gegen Mesdames, die Augen auf die Pendeluhr gerichtet,— eine halbe Stunde *) Loque, Fetzen, Chilke ein dünner, ſchlechter Zeug, Craille, Krähe. e—„— 1— e 1— 169 d'Artois ſich nur mit der Königin zu verbinden braucht, und der König hat nicht mehr die Kraft, zu verweigern. Es iſt auch die Regierung der liebenswürdigen Männer. Herr von Calonne, einer der liebenswürdig⸗ ſten Männer der Welt, iſt Generalcontroleur; er hat zur Königin geſagt: 4 „Madame, wenn es möglich iſt, ſo iſt es geſchehen; iſt es unmöglich, ſo wird es ſich machen.“ Von dem Tage an, wo dieſe reizende Antwort in den Salons von Paris und Verſailles kreiſt, hat ſich das rothe Buch, das man für geſchloſſen hielt, wieder geöffnet. Die Königin kauft Saint⸗Cloud. Der König kauft Rambouillet. Der König hat nicht mehr Favoritinnen, ſondern die Königin: die Damen Diane und Jules von Polig⸗ nac koſten Frankreich ſo viel, als die Pompadour und die Dubarry. Die Königin iſt ſo gut! Man ſchlägk eine Erſparniß an den großen Ge⸗ halten vor. Einige fügen ſich darein. Doch ein Ver⸗ trauter des Hofes weigert ſich hartnäckig, ſich beſchrän⸗ ken zu laſſen: das iſt Herr von Coigny. Der König entflieht und ſagt lachend am Abend: „Wahrhaftig, ich glaube, wenn ich nicht nachge⸗ geben hätte, Coigny würde mich geſchlagen haben.“ Der König iſt ſo gut! Dann hängen die Geſchicke eines Reiches von ſo iiigfügicem ab, vom Sporn eines Pagen zum Bei⸗ piel. 5 Ludwig XV. ſtirbt; wer wird der Nachfolger von Herrn von Aiguillon ſein? König Ludwig XVI. iſt für Machaut. Machaut iſt einer von den Miniſtern, die den ſchon wankenden Thron geſtützt haben. Mesdames, das heißt, die Tanten des Königs, ſind für Herrn von Maurepas, der ſo beluſtigend iſt und ſo ſchöne Lieder macht. Er hat im Pontchartrain 171 . genügt ihm,— die Pendeluhr wird ihn nicht täuſchen; es iſt diejenige, welche er ſelbſt richtet. Nach zwanzig Minuten gibt er nach. „Man hole den Pagen zurück“ ſagte er,„und Alles wird abgemacht ſein!“ ⸗ Mesdames ſtürzten hinaus; man wird auffitzen; man wird ein Pferd, zwei Pferde, zehn Pferde zu Tode reiten, aber den Pagen einholen. Das iſt unnütz, und man wird gar nichts zu Tode reiten. t Beim Hinabſteigen iſt der Page an einer Stufe hängen geblieben und hat einen Sporn zerbrochen. Wie kann man mit verhängten Zügeln reiten, wenn n man nur einen Sporen hat? „ Uebrigens iſt der Chevalier d'Abzae Chef des gro⸗ ßen Stalles, und er, der die Aufſicht über die Couriere 8 hat, ließe einen Courier nicht abgehen, wenn derſelbe auf eine Weiſe abgehen müßte, welche dem königlichen n Stall nicht Ehre machen würde. Der Page wird alſo nur mit beiden Sporen ab⸗ gehen. ⸗ Eine Folge hievon iſt, daß man, ſtatt den Pagen, 5 mit verhängten Zügeln reitend, auf der Straße nach Arnouville einzuholen, ihn im Hofe des Stalles er⸗ 6 wiſchen wird. Er ſaß nämlich im Sattel und war bereit, in tadelloſem Anzug abzugehen. n Man nimmt ihm das Schreiben ab, man läßt den Tert, der eben ſo gut für den Einen als für den An⸗ % dern paßte. Nur, ſtatt auf die Adreſſe zu ſchreiben: An Herrn von Machaut in Arnouville, ſchreiben Mesdames: g An den Herrn Grafen von Maurepas in Pontchartrain. Die Ehre des königlichen Stalls iſt gerettet, doch n die Monarchie iſt verloren. e Mit Maurepas und Calonne geht Alles vortrefflich. Der Eine ſingt, der Andere bezahlt; dann, nach den Höflingen, kommen noch die Generalpächter, die ihren . Dienſt auch gut verſehen. 170 drei Bände gemacht, die er ſeine Denkwürdigkeiten nennt. Dies Alles iſt eine Frage des Kirchthurmrennens. Wer wird zuerſt ankommen? Der König und die Kö⸗ nigin in Arnouville, oder Mesdames in Pontchartrain? Der König hat die Gewalt in Händen, die Chan⸗ cen ſind alſo für ihn. Er ſchreibt in Eile: Reiſen Sie auf der Stelle nach Paris ab. Ich erwarte Sie. 8 gr ſteckt die Depeſche in einen Umſchlag und ſchreibt arauf: An den Herrn Grafen von Machaut in Arnouville. Ein Page vom großen Stall wird gerufen. Man übergibt ihm das königliche Schreiben und beſiehlt ihm, mit verhängten Zügeln zu reiten. Nun, da der Page abgegangen iſt, kann der König Mesdames empfangen. Mesdames, dieſelben, die ihr Vater, wie wir in Balſamo geſehen, mit den drei außerordentlich ariſto⸗ kratiſchen Namen: Locque, Chiffe und Graille*) beehrt hatte; Mesdames warten vor der Thüre, der entgegen⸗ geſetzt durch welche der Page abgeht, bis der Page ab⸗ gegangen iſt. Sobald der Page abgegangen iſt, können Mesdames eintreten. Sie treten ein, und flehen den König zu Gunſten des Herrn Maurepas an,— dies Alles iſt eine Zeit⸗ frage— der König kann Mesdames nicht abweiſen, der König iſt ſo gut! Er wird einwilligen, wenn der Page fern genug iſt, daß man ihn nicht wieder erwiſchen kann. Der König kämpft gegen Mesdames, die Augen auf die Pendeluhr gerichtet,— eine halbe Stunde *) Loque, Fetzen, Chiffe ein dünner, ſchlechter Zeug, Graille, Krähe. 172 Ludwig XIV. begann ſeine Regierung damit, daß er zwei Generalpächter auf den Rath von Colbert auf⸗ hängen ließ, wornach er Lavailliere zur Geliebten nahm und Verſailles baute. Lavailliére koſtete ihn nichts. Doch Verſailles, wo ſie wohnen ſollte, koſtete ihn ſehr viel. Im Jahr 1685 ſodann jagt man unter dem Vor⸗ wand, ſie ſeien Proteſtanten, eine Million gewerbs⸗ fleißiger Menſchen aus Frankreich. 1707, noch unter dem großen König, ſagt auch Boisguilbert, von 1698 ſprechend: „Das ging noch in jener Zeit, in jener Zeit war noch Oel in der Lampe. Heute hat in Ermangelung von Stoff Alles ein Ende genommen. Mein Gott, was wird man achtzig Jahre ſpäter ſagen, wenn die Dubarry, die Polignac über dies Alles hingegangen ſind? Nachdem man das Volk Waſſer hat ſchwitzen laſſen, wird man es Blut ſchwitzen laſſen! Und dies Alles mit ſo reizenden Formen. Früher waren die Pächter hart, grob und kalt wie die Thüren der Gefängniſſe, in welche ſie ihre Opfer warfen. Heute ſind es Philanthroven. Mit einer Hand plündern ſie allerdings das Volk, doch mit der andern bauen ſie ihm Hoſpitäler. Einer meiner Freunde, ein großer Finanzmann, hat mich verſichert, von hundert und zwanzig Millionen, welche die Salzſteuer eintrug, haben die Pächter ſiebenzig für ſich behalten. In einer Verſammlung, wo man die Ausgaben⸗ Eite 8156ie ſagte auch ein Rath, mit dem Wort pielend: „Es ſind nicht die beſonderen Etats, was wir brauchen, ſondern die General⸗Etats(Reichsſtände).“ Der Funke fiel auf das Pulver, das Pulver ent⸗ zündete ſich und machte einen Brand. „ uAnSE N - u 171 genügt ihm,— die Pendeluhr wird ihn nicht täuſchen; es iſt diejenige, welche er ſelbſt richtet. Nach zwanzig Minuten gibt er nach. „Man hole den Pagen zurück“ ſagte er,„und Alles wird abgemacht ſein!“ Mesdames ſtürzten hinaus; man wird aufſitzen; man wird ein Pferd, zwei Pferde, zehn Pferde zu Tode reiten, aber den Pagen einholen. Das iſt unnütz, und man wird gar nichts zu Tode reiten. Beim Hinabſteigen iſt der Page an einer Stufe hängen geblieben und hat einen Sporn zerbrochen. Wie kann man mit verhängten Zügeln reiten, wenn man nur einen Sporen hat? Uebrigens iſt der Chevalier d'Abzae Chef des gro⸗ ßen Stalles, und er, der die Aufſicht über die Couriere hat, ließe einen Courier nicht abgehen, wenn derſelbe auf eine Weiſe abgehen müßte, welche dem königlichen Stall nicht Ehre machen würde. p Der Page wird alſo nur mit beiden Sporen ab⸗ gehen. Eine Folge hievon iſt, daß man, ſtatt den Pagen, mit verhängten Zügeln reitend, auf der Straße nach Arnouville einzuholen, ihn im Hofe des Stalles er⸗ wiſchen wird. Er ſaß nämlich im Sattel und war bereit, in tadelloſem Anzug abzugehen. 3 Man nimmt ihm das Schreiben ab, man läßt den Terxt, der eben ſo gut für den Einen als für den An⸗ dern paßte. Nur, ſtatt auf die Adreſſe zu ſchreiben: An Herrn von Machaut in Arnouville, ſchreiben Mesdames: An den Herrn Grafen von Maurepas in Pontchartrain. Die Ehre des königlichen Stalls iſt gerettet, doch die Monarchie iſt verloren. Mit Maurepas und Calonne geht Alles vortrefflich. Der Eine ſingt, der Andere bezahlt; dann, nach den Hoöflingen, kommen noch die Generalpächter, die ihren Dienſt auch gut verſehen. — M M * — — 173 Jeder wiederholte das Wort des Raths und die Reichsſtände wurden mit großem Geſchrei gerufen. Der Hof beſtimmte die Eröffnung der Reichsſtände auf den 5. Mai 1789. Am 24. Auguſt 1788 zog ſich Herr von Brienne zurück. Das war auch Einer, der die Finanzen ziem⸗ lich leicht verwaltet hatte. Doch bei ſeinem Rückzug gab er wenigſtens einen ziemlich guten Rath: den, Recker zurückzurufen. Necker trat wieder in das Miniſterium ein, und man athmete voll Vertrauen. Die große Frage der drei Ordnungen wurde in⸗ deſſen in ganz Frankreich verhandelt. Siéyés ver⸗ n ſeine bekannte Brochure über den dritten tand. Das Dauphiné, deſſen Stände ſich, trotz des Hofes, verſammelten, entſchied, daß die Vertretung des dritten Standes der der Geiſtlichkeit und des Adels gleich ſein ſollte. Man beſtimmte die Zuſammenberufung der No⸗ tablen. Dieſe Verſammlung dauerte zwei und dreißig Tage, das heißt, vom 6. November bis 8. Dezember 1788. Diesmal miſchte ſich Gott darein. Wenn die Peitſche der Könige nicht genügt, ſo pfeift die Peitſche Gottes ihrerſeits in der Luſt und macht die Bölker vorwärts ſchreiten. Der Winter kam in Begleitung der Hungersnoth. Der Hunger und die Kälte eröffneten die Thore des Jahres 1789. Paris war voll von Truppen, die Straßen von Patrouillen. Zwei oder dreimal wurden die Gewehre vor der Menge geladen, welche Hungers ſtarb. Waren die Gewehre geladen, und man ſollte ſich derſelben bedienen, ſo geſchah dies nicht. Eines Morgens, am 26. April, fünf Tage vor der 172 Ludwig XIV. begann ſeine Regierung damit, daß er zwei Generalpächter auf den Rath von Colbert auf⸗ hängen ließ, wornach er Lavaillière zur Geliebten nahm und Verſailles baute. Lavaillière koſtete ihn nichts. Doch Verſailles, wo ſie wohnen ſollte, koſtete ihn ſehr viel.. Im Jahr 1685 ſodann jagt man unter dem Vor⸗ wand, ſie ſeien Proteſtanten, eine Million gewerbs⸗ fleißiger Menſchen aus Frankreich. 1707, noch unter dem großen König, ſagt auch Boisguilbert, von 1698 ſprechend: „Das ging noch in jener Zeit, in jener Zeit war noch Oel in der Lampe. Heute hat in Ermangelung von Stoff Alles ein Ende genommen. Mein Gott, was wird man achtzig Jahre ſpäter ſagen, wenn die Dubarry, die Polignac über dies Alles hingegangen ſind? Nachdem man das Volk Waſſer hat ſchwitzen laſſen, wird man es Blut ſchwitzen laſſen! Und dies Alles mit ſo reizenden Formen. Früher waren die Pächter hart, grob und kalt wie die Thüren der Gefängniſſe, in welche ſie ihre Opfer warfen. Heute find es Philanthropen. Mit einer Hand plündern ſie allerdings das Volk, doch mit der andern bauen ſie ihm Hoſpitäler. Einer meiner Freunde, ein großer Finanzmann, hat mich verſichert, von hundert und zwanzig Millionen, welche die Salzſteuer eintrug, haben die Pächter ſiebenzig für ſich behalten. In einer Verſammlung, wo man die Ausgaben⸗ Etats verlangte, ſagte auch ein Rath, mit dem Wort ſpielend: „Es ſind nicht die beſonderen Etats, was wir brauchen, ſondern die General⸗Etats(Reichsſtände).“ Der Funke fiel auf das Pulver, das Pulver ent⸗ zündete ſich und machte einen Brand. „— 174 Eröffnung der Reichsſtände, iſt ein Name in der Menge im Umlauf. Dieſer Name wird mit um ſo ſchwereren Flüchen begleitet, als es der eines reich gewordenen Arbeiters iſt. Reveillon, wie man verſichert, Reveillon, der Di⸗ rector der berühmten Papierfabrik des Faubourg Saint⸗ Antoine, Reveillon hat geſagt, man muſſe die Taglöhne der Arbeiter um fünfzehn Sous erniedrigen. Das war die Wahrheit. Man fügte bei, der Hof wolle ihn mit dem ſchwar⸗ zen Bande, das heißt, mit dem Sanct⸗Michaelsorden decoriren. Das war die Albernheit. Es gibt immer ein albernes Gerücht bei den Auf⸗ ſtänden. Und es iſt merkwürdig, daß ſie hauptſächlich durch dieſes Gerücht ſich rekrutiren, vergrößern, zur Revolution werden. Das Volk macht einen Gliedermann, tauft ihn Reveillon, decorirt ihn mit dem ſchwarzen Bande, zündet ihn vor der Thüre von Reveillon ſelbſt an, und verbrennt ihn vollends auf dem Platze des Stadthau⸗ ſes, vor den Augen der Muniecipalbehörden, die ihn brennen ſehen. Strafloſigkeit macht die Menge kühn; ſie verkün⸗ digt, nachdem ſie an Reveillon im Bildniß Gerechtig⸗ keit geübt habe, werde ſie am andern Tag in Wirk⸗ lichteit Gerechtigkeit an ihm üben. Das war ein Fehdebrief in allen Regeln an die Regierung gerichtet. Man ſchickte dreißig Soldaten von der franzöſiſchen Garde ab; aber es war nicht einmal die Regierung, die ſie abſchickte, ſondern der Oberſt, Herr von Biron. Die dreißig Soldaten waren Zeugen dieſes großen Tu⸗ multes, den ſie nicht verhindern konnten. Sie ſahen zu, wie man die Fabrik plünderte, das Hausgeräthe zum Fenſter hinauswarf, Alles zerbrach, Alles ver⸗ „———— — „3— — —. 173 Jeder wiederholte das Wort des Raths und die Reichsſtände wurden mit großem Geſchrei gerufen. Der Hof beſtimmte die Eröffnung der Reichsſtände auf den 5. Mai 1789. Am 24. Auguſt 1788 zog ſich Herr von Brienne zurück. Das war auch Einer, der die Finanzen ziem⸗ lich leicht verwaltet hatte. Doch bei ſeinem Rückzug gab er wenigſtens einen ziemlich guten Rath: den, Necker zurückzurufen. MNeeker trat wieder in das Miniſterium ein, und man athmete voll Vertrauen. Die große Frage der drei Ordnungen wurde in⸗ deſſen in ganz Frankreich verhandelt. Siéyeès ver⸗ öffentlichte ſeine bekannte Brochure über den dritten Stand. Das Dauphins, deſſen Stände ſich, trotz des Hofes, verſammelten, entſchied, daß die Vertretung des dritten Staudes der der Geiſtlichkeit und des Adels gleich ſein ſollte. Man beſtimmte die Zuſammenberufung der No⸗ tablen. Dieſe Verſammlung dauerte zwei und dreißig Tage, das heißt, vom 6. November bis 8. Dezember 1788. Diesmal miſchte ſich Gott darein. Wenn die Peitſche der Könige nicht genügt, ſo pfeift die Peitſche Gottes ihrerſeits in der Luſt und macht die Völker vorwärts ſchreiten. 4 Der Winter kam in Begleitung der Hungersnoth. Der Hunger und die Kälte eröffneten die Thore des Jahres 1789. Paris war voll von Truppen, die Straßen von Patrouillen.— Zwei oder dreimal wurden die Gewehre vor der Menge geladen, welche Hungers ſtarb. Waren die Gewehre geladen, und man ſollte ſich derſelben bedienen, ſo geſchah dies nicht. Eines Morgens, am 26. April, fünf Tage vor der 8 175⁵ brannte. Mitten unter dieſem Tumult wurden fünf⸗ hundert Louis d'or geſtohlen. Man trank den Wein der Keller, und als man keinen Wein mehr hatte, trank man die Farben der Fabrik, die man für Wein hielt. Dieſe garſtige Handlung nahm den ganzen Tag des 27. ein. Man ſchickte den dreißig Mann einige Compagnien franzöſiſche Garden zu Hülfe; ſie ſchoſſen Anfangs blind und dann ſcharf. Mit den franzöſiſchen Garden ver⸗ banden ſich gegen Abend die Schweizer von Herrn von Bezenval. Die Schweizer treiben keinen Scherz mit Revolu⸗ ionen. Die Schweizer vergaßen, daß ſie Kugeln in ihren Patronen hatten, und da die Schweizer von Natur Schützen, und zwar gute Schützen ſind, ſo blieben etliche und zwanzig Plünderer auf dem Platze. Einige von ihnen hatten ihren Antheil an den er⸗ wähnten fünfhundert Louis d'or bei ſich, welche aus dem Secretaire von Reveillon in die Taſche der Plün⸗ derer, und aus der Taſche der Plünderer in die der Schweizer übergingen. Bezenval hatte Alles in ſeinem Namen gethan, un⸗ ter ſeinen Hut genommen, wie man zu ſagen pflegt. Der König dankte ihm nicht und tadelte ihn nicht. Wenn aber der König nicht dankt, ſo tadelt er. Das Parlament eröffnete eine Unterſuchung. Der König ſchloß ſie. Der König war ſo gut! Wer hatte das Volk ſo entzündet? Niemand konnte es ſagen. Hat man nicht bisweilen bei großen Sommerhitzen Brände ohne Urſache eniſtehen ſehen? Man beſchuldigte den Herzog von Orleans. Die Beſchuldigung war albern, ſie ſiel. 174 Eröffnung der Reichsſtände, iſt ein Name in der Menge im Umlauf. Dieſer Name wird mit um ſo ſchwereren Flüchen begleitet, als es der eines reich gewordenen Arbeiters iſt. Reveillon, wie man verſichert, Reveillon, der Di⸗ rector der berühmten Papierfabrik des Faubourg Saint⸗ Antoine, Reveillon hat geſagt, man muſſe die Taglöhne der Arbeiter um fünfzehn Sous erniedrigen. Das war die Wahrheit. Man fügte bei, der Hof wolle ihn mit dem ſchwar⸗ zen Bande, das heißt, mit dem Sanct⸗Michaelsorden decoriren. Das war die Albernheit. Es gibt immer ein albernes Gerücht bei den Auf⸗ ſtänden. Und es iſt merkwürdig, daß ſie hauptſächlich durch dieſes Gerücht ſich rekrutiren, vergrößern, zur Revolution werden. Das Volk macht elinen Gliedermann, tauft ihn Reveillon, decorirt ihn mit dem ſchwarzen Bande, zündet ihn vor der Thüre von Reveillon ſelbſt an, und verbrennt ihn vollends auf dem Platze des Stadthau⸗ ſes, vor den Augen der Municipalbehörden, die ihn brennen ſehen. Strafloſigkeit macht die Menge kühn; ſie verkün⸗ digt, nachdem ſie an Reveillon im Bildniß Gerechtig⸗ keit geübt habe, werde ſie am andern Tag in Wirk⸗ lichkeit Gerechtigkeit an ihm üben. Das war ein Fehdebrief in allen Regeln an die Regierung gerichtet. Man ſchickte dreißig Soldaten von der franzöſiſchen Garde ab; aber es war nicht einmal die Regierung, die ſte abſchickte, ſondern der Oberſt, Herr von Biron. Die dreißig Soldaten waren Zeugen dieſes großen Tu⸗ multes, den ſie nicht verhindern konnten. Sie ſahen zu, wie man die Fabrik plünderte, das Hausgeräthe zum Fenſter hinauswarf, Alles zerbrach, Alles ver⸗ ₰ 176 Am 29. war Paris vollkommen ruhig, oder ſchien es wenigſtens zu ſein. Ge kam der 1. Mai. Der König und die Königin begaben ſich mit dem ganzen Hoſſtaate nach Notre Dame, um das Veni creator zu hören. Man rief viel:„Es lebe der König!“ und beſon⸗ ders:„Es lebe die Königin!“ Die Königin war ſo gut!. Das war der letzte Tag des Friedens. Am andern Tag rief man eiwas weniger:„Es Lebe die Königin!“ und etwas mehr:„Es lebe der Herzog von Orleans!“ Dieſer Ruf verletzte ſie ungemein, die arme Frau, welche den Herzog ſo ſehr haßte, daß ſie von ihm ſagte, er ſei ein Feiger. Als ob es je einen Feigen unter den Orleans ge⸗ geben hätte, von Monſieur an, der die Schlacht bei Caſſel gewann, bis zum Herzog von Cyartres, der zum der Schlachten von Jemmapes und Valmy eitrug. So viel iſt gewiß, daß die arme Frau beinahe ohnmächtig geworden wäre; man unterſtützte ſie, als iur Kopf ſich neigte. Madame Campan erzählt die Sache in ihren Denkwürdigkeiten. Doch dieſer geneigte Kopf erhob ſich wieder ſtolz und hoffärtig. Diejenigen, welche den Ausdruck dieſes Kopfes ſahen, waren auf immer davon geheilt, daß ſie ſagten;„Die Königin iſt ſo gut!“ Es gibt drei Portraits von der Königin; das eine gemalt 1776, das andere 1784 und das dritte 1788. Ich habe alle drei geſehen. Sehen Sie dieſelben ebenfalls. Wenn ſie je in einer Gallerie beiſammen find, ſo wird man die Geſchichte von Marie Antoinette in dieſen drei Portraits leſen. ²) *) Die drei Portraits find in Verſailles. — 8— 1— 175 brannte. Mitten unter dieſem Tumult wurden fünf⸗ hundert Louis d'or geſtohlen. Man trank den Wein der Keller, und als man keinen Wein mehr hatte, trank man die Farben der Fabrik, die man für Wein hielt. Dieſe garſtige Handlung nahm den ganzen Tag des 27. ein. Man ſchickte den dreißig Mann einige Compagnien franzöſiſche Garden zu Hülfe; ſie ſchoſſen Anfangs blind und dann ſcharf. Mit den franzöſiſchen Garden ver⸗ banden ſich gegen Abend die Schweizer von Herrn von Bezenval. 4A 4 Die Schweizer treiben keinen Scherz mit Revolu⸗ onen. Die Schweizer vergaßen, daß ſie Kugeln in ihren Patronen hatten, und da die Schweizer von Natur Schützen, und zwar gute Schützen find, ſo blieben etliche und zwanzig Plünderer auf dem Platze. Einige von ihnen hatten ihren Antheil an den er⸗ wähnten fünfhundert Louis d'or bei ſich, welche aus dem Seeretaire von Reveillon in die Taſche der Plün⸗ derer, und aus der Taſche der Plünderer in die der Schweizer übergingen. Bezenval hatte Alles in ſeinem Namen gethan, un⸗ ter ſeinen Hut genommen, wie man zu ſagen pflegt. Der König dankte ihm nicht und tadelte ihn nicht. Wenn aber der König nicht dankt, ſo tadelt er. Das Parlament eröffnete eine Unterſuchung. Der König ſchloß ſie. Der König war ſo gut! Wer hatte das Volk ſo entzündet? Niemand konnte es ſagen. Hat man nicht bisweilen bei großen Sommerhitzen Brände ohne Urſache entſtehen ſehen? Man beſchuldigte den Herzog von Orleans. Die Beſchuldigung war albern, ſie fiel. ne en en tte 177 Die Vereinigung der drei Ordnungen, die eine Umarmung ſein ſollte, war eine Kriegserklärung. „Drei Ordnungen!“ ſagte Siéyés,„nein, drei Mationen.“ Am 3. Mai, am Tage vor der Meſſe des Heiligen⸗ S empfing der König die Abgeordneten in Ver⸗ ailles. Einige riethen ihm, die Herzlichkeit an die Stelle der Etiquette zu ſetzen. Der König wollte nichts hören. Er empfing die Geiſtlichkeit zuerſt. Den Adel ſodann. Und endlich den dritten Stand. Der dritte Stand hatte lange gewartet. Der dritte Stand murrte. In den früheren Verſammlungen ſprach der dritte Stand auf den Knieen. Es war nicht möglich, den Präſidenten des dritten Standes zum Knieen zu bewegen.* pal Man beſchloß, der dritte Stand ſollte keine Rede alten. In der Sitzung vom 5. bedeckte ſich der König. Der Adel bedeckte ſich. Der dritte Stand wollte ſich auch bedecken; doch der König entblößte ſich wieder; er hielt lieber ſeinen Hut in der Hand, als daß er den dritten Stand vor ſich bedeckt ſah. Am Mittwoch, den 10. Juni, trat Siéhés in die Verſammlung. Er ſah, daß ſie beinahe gänzlich aus dem dritten Stande zuſammengeſetzt war. Die Geiſtlichkeit und der Adel verſammelten ſich anderswo. niten wir das Tau ab,“ ſagte Siéhes,„es eit.“ Und Sishes ſchlug vor, den Adel und die Geiſt⸗ lichkeit zum Erſcheinen in der unerſtrecklichen Friſt von einer Stunde aufzufordern. Ange Pitou. 1. 12 176 Am 29. war Paris vollkommen ruhig, oder ſchien es wenigſtens zu ſein. Es kam der 1. Mai. Der König und die Königin begaben ſich mit dem ganzen Hofſtaate nach Notre Dame, um das Veni creator zu hören. Man rief viel:„Es lehe der König!“ und beſon⸗ ders:„Es lebe die Königin!“ Die Königin war ſo gut! Das war der letzte Tag des Friedens. Am andern Tag rief man etwas weniger:„Es lebe die Königin!“ und etwas mehr:„Es lebe der Herzog von Orleans!“ 4 Dieſer Ruf verletzte ſte ungemein, die arme Frau, welche den Herzog ſo ſehr haßte, daß ſie von ihm ſagte, er ſei ein Feiger. Als ob es je einen Feigen unter den Orleans ge⸗ geben hätte, von Monſteur an, der die Schlacht bei Caſſel gewann, bis zum Herzog von Chartres, der zum Gewinen der Schlachten von Jemmapes und Valmy eitrug. G. viel iſt gewiß, daß die arme Frau beinahe ohnmächtig geworden wäre; man unterſtützte ſie, als ihr Kopf ſich neigte. Madame Campan erzählt die Sache in ihren Denkwürdigkeiten. Doch dieſer geneigte Kopf erhob ſich wieder ſtolz und hoffärtig. Diejenigen, welche den Ausdruck dieſes Kopfes ſahen, waren auf immer davon geheilt, daß ſie ſagten:„Die Königin iſt ſo gut!“ Es gibt drei Portraits von der Königin; das eine gemalt 1776, das andere 1784 und das dritte 1788. Ich habe alle drei geſehen. Sehen Sie dieſelben ebenfalls. Wenn ſie je in einer Gallerie beiſammen find, ſo wird man die Geſchichte von Marie Antoinette in dieſen drei Portraits leſen.*) *) Die drei Portraits ſind in Verſailles. ausſchließen. Eine deutſche und eine Schweizer⸗Armee umgab Verſailles. Eine Batterie ſchweres Geſchütz war gegen die Verſammlung aufgepflanzt.. Sicyes ſieht nichts von Allem dem. Er ſieht das Volk, das Hunger hat. Doch der dritte Stand, ſagt man zu Siéyos, kann nicht allein die Stände bilden. „Deſto beſſer,“ erwiederte Siéyes,„er wird die National⸗Verſammlung bilden. Die Abweſenden erſcheinen nicht; der Vorſchlag des Abbé Siéyes wird angenommen; der dritte Stand nennt ſich die National⸗Verſammlung mit einer Majorität von vierhundert Stimmen. Am 19. Juni befiehlt der König, daß der Saal, in dem die Rational⸗Verſammlung ihre Sitzungen hält, geſchloſſen werden ſoll. Doch um einen ſolchen Staatsſtreich zu vollführen, pedarf der König eines Vorwandes. Der Saal wird geſchloſſen, um darin die Vorbe⸗ reitungen zu einer königlichen Sitzung zu treffen, welche am Montag ſtattfinden ſoll. Am 29. Juni, um ſieben Uhr Morgens, erfährt der Präſident der National⸗Verſammlung, man werde an dieſem Tag nicht zuſammenkommen. um acht Uhr begibt er ſich vor die Thüre des Saales mit einer großen Anzahl von Deputirten. Die Thüren ſind geſchloſſen, und es ſtehen Schild⸗ wachen davor. Es regnet. Man will die Thüren ſprengen. Die Wachen haben ihren Befehl und kreuzen die Bajonette. Der Eine ſchlägt vor, ſich auf der Place dArmes zu verſammeln. Der Andere in Marly. Guillotin ſchlägt das Ballhaus vor. Erſcheinen ſie nicht, ſo wird man die Abeſenden — —— 1— 177 Die Vereinigung der drei Ordnungen, die eine. Umarmung ſein ſollte, war eine Kriegserklärung. 2 „Drei Ordnungen!“ ſagte Siéyés,„nein, drei Nationen.“ Am 3. Mai, am Tage vor der Meſſe des Heiligen⸗ Griſes, empfing der König die Abgeordneten in Ver⸗ ailles. 3 Einige riethen ihm, die Herzlichkeit an die Stelle der Etiquette zu ſetzen. Der König wollte nichts hören. Er empfing die Geiſtlichkeit zuerſt. Den Adel ſodann. Und endlich den dritten Stand. Der dritte Stand hatte lange gewartet. Der dritte Stand murrte. In den früheren Verſammlungen ſprach der dritte Stand auf den Knieen. Es war nicht möglich, den Präſidenten des dritten Standes zum Knieen zu bewegen. halt Man beſchloß, der dritte Stand ſollte keine Rede alten. In der Sitzung vom 5. bedeckte ſich der König. Der Adel bedeckte ſich. Der dritte Stand wollte ſich auch bedecken; doch der König entblößte ſich wieder; er hielt lieber ſeinen Hut in der Hand, als daß er den dritten Stand vor ſich bedeckt ſah. Am Mittwoch, den 10. Juni, trat Sisydès in die Verſammlung. Er ſah, daß ſie beinahe gänzlich aus dem dritten Stande zuſammengeſetzt war. Die Geiſtlichkeit und der Adel verſammelten ſich anderswo. 8.7Deiden wir das Tau ab,“ ſagte Sisyès,„es ei 74 Und Siéyès ſchlug vor, den Adel und die Geiſt⸗ lichkeit zum Erſcheinen in der unerſtrecklichen Friſt von einer Stunde aufzufordern. Ange Pitou, 1. 1² 179 uillotin! Wie ſeltſam, daß es Guillotin iſt, deſſen Name mit Hinzufügung von einem e vier Jahre ſpäter ſo be⸗ rühmt ſein wird! Wie ſeltſam, daß es Guillotin iſt, der das Ballhaus vorſchlägkt. t Das kahle, verwitterte, für alle vier Winde offene Ballhaus! Das iſt die Krippe der Schweſter von Chriſtus! Das iſt die Wiege der Revolution. Nur war Chriſtus der Sohn einer Jungfrau. Die Revolution war die Tochter einer geſchändeten Nation. ² Auf dieſe große Demonſtration antwortete der Kö⸗ . nig durch das königliche Wort: Veto! Herr von Brézé wird zu den Rebellen abgeſchickt, † um ihnen zu befehlen, aus einander zu gehen.„Wir . find hier durch den Willen des Volks,“ ſpricht Mira⸗ beau,„und wir werden nur mit dem Bajonett im Bauch 3 weggehen.“ Und nicht, wie man geſagt hat:„Nur durch die Gewalt der Bajonette.“ Warum iſt immer hinter rt einem großen Mann ein kleiner Redekünſtler, der die Worte verdirbt, unter dem Vorwand, ſie zu ordnen. Warum war dieſer Redekünſtler hinter Mirabeau 6 im Ballhauſe? Hinter Cambronne bei Waterloo? . Man überbrachte die Antwort dem König. Er ging einige Zeit mit der Miene eines gelang⸗ weilten Menſchen auf und ab. „Sie wollen nicht gehen?“ ſagte er. „Nein, Sire.“ „Nun, dann laſſe man ſie.“ Das Königthum beugte ſich ſchon, wie man ſieht, . unter der Hand des Volks, und zwar ſehr tief. Vom 23. Juni bis zum 12. Juli ſchien Alles ziem⸗ lich ruhig, aber es war jene dumpfe, erſtickende Ruhe, die dem Sturme vorhergeht. 12* 178 Erſcheinen ſie nicht, ſo wird man die Abweſenden ausſchließen. 8 Eine deutſche und eine Schweizer⸗Armee umgab Verſailles. Eine Batterie ſchweres Geſchütz war gegen die Verſammlung aufgepflanzt. Sisyes ſteht nichts von Allem dem. Er ſieht das Volk, das Hunger hat. Doch der dritte Stand, ſagt man zu Sisyés, kann nicht allein die Stände bilden. „Deſto beſſer,“ erwiederte Siéyès,„er wird die National⸗Verſammlung bilden. Die Abweſenden erſcheinen nicht; der Vorſchlag des Abbé Siéyéès wird angenommen; der dritte Stand nennt ſich die National⸗Verſammlung mit einer Majorität von vierhundert Stimmen. Am 19. Juni beſiehlt der König, daß der Saal, in dem die National⸗Verſammlung ihre Sitzungen hält, geſchloſſen werden ſoll. Doch um einen ſolchen Staatsſtreich zu vollführen, bedarf der König eines Vorwandes. Der Saal wird geſchloſſen, um darin die Vorbe⸗ reitungen zu einer königlichen Sitzung zu treffen, welche am Montag ſtattfinden ſoll. Am 29. Juni, um ſieben Uhr Morgens, erfährt der Präſident der National⸗Verſammlung, man werde an dieſem Tag nicht zuſammenkommen. Um acht Uhr begibt er ſich vor die Thüre des Saales mit einer großen Anzahl von Deputirten. Die Thüren find geſchloſſen, und es ſtehen Schild⸗ wachen davor. Es regnet. Man will die Thüren ſprengen. Die Wachen haben ihren Befehl und kreuzen die Bajonette. Der Eine ſchlägt vor, ſich auf der Place d'Armes zu verſammeln. Der Andere in Marly. Gulllotin ſchlägt das Ballhaus vor. Es war der böſe Traum eines böſen Schlafes. Am 11. faßt der König, durch die Königin, den Grafen d'Artois, die Polignac, die ganze Camarilla von Verſailles angetrieben, einen Entſchluß: er entläßt Necker. Am 12. gelangt die Nachricht nach Paris. Man hat geſehen, welche Wirkung ſie hervorbrachte. Am 13. Abends kam Billot an, um die Barrieren bren⸗ nen zu ſehen. Am 13. Abends vertheidigte ſich Paris; am 14. Morgens war Paris zum Angriff bereit. Am 14. Morgens rief Billot: Nach der Baſtille! — und drei tauſend Menſchen wiederholten nach Billot denſelben Ruf, welcher der der ganzen Pariſer Bevölke⸗ rung werden ſollte. Es gab nämlich ein Gebäude, das ſeit beinahe fünf Jahrhunderten auf der Bruſt Frankreichs laſtete, wie der Stein der Hölle auf den Schultern von Siſyphus. Nur hegte Frankreich weniger Vertrauen zu ſeinen Kräften, als der Titan, und hatte es nie verſucht, die Laſt aufzuheben. Dieſes Gebäude, ein auf die Stirne von Paris gedrücktes Siegel der Feudalherrſchaft, war die Baſtille. Der König war, wie Frau von Hauſſet ſagte, zu gut, um einen Kopf abſchlagen zu laſſen. Aber der König ſchickte in die Baſtille. Befand man ſich einmal auf Befehl des Königs in der Baſtille, ſo war ein Menſch vergeſſen, auf die Seite gebracht, begraben, vernichtet. Er blieb hier, bis der König ſich ſeiner erinnerte, und die Könige haben ſo viele neue Dinge, an die ſie denken müſſen, daß ſie oft an die alten Dinge zu denken vergeſſen. Ueberdies gab es in Frankreich nicht nur eine Ba⸗ ſtille; es gab zwanzig Baſtillen, die man das Fort⸗ lEvéque, Saint⸗Lazare, das Chatelet, die Conciergerie, Vincennes, das Schloß la Roche, das Schloß If, die Inſeln Sainte⸗Marguerite, Pignerolles u. ſ. w. nannte. — —— 3 S. 179 Guillotin! Wie ſeltſam, daß es Gutlllotin iſt, deſſen Name mit Hinzufügung von einem e vier Jahre ſpäter ſo be⸗ rühmt ſein wird! Wie ſeltſam, daß es Gulllotin iſt, der das Ballhaus vorſchlägt. Das kahle, verwitterte, für alle vier Winde offene Ballhaus! Das iſt die Krippe der Schweſter von Chriſtus! Das iſt die Wiege der Revolution. Nur war Chriſtus der Sohn einer Jungfrau. Die Revolution war die Tochter einer geſchändeten Nation. Auf dieſe große Demonſtration antwortete der Kö⸗ nig durch das königliche Wort: Veto! Herr von Brézé wird zu den Rebellen abgeſchickt, um ihnen zu befehlen, aus einander zu gehen.„Wir ſind hier durch den Willen des Volks,“ ſpricht Mira⸗ beau,„und wir werden nur mit dem Bajonett im Bauch weggehen.“ Und nicht, wie man geſagt hat:„Nur durch die Gewalt der Bajonette.“ Warum iſt immer hinter einem großen Mann ein kleiner Redekünſtler, der die Worte verdirbt, unter dem Vorwand, ſie zu ordnen. Warum war dieſer Redekünſtler hinter Mirabeau im Ballhauſe? Hinter Cambronne bei Waterloo? Man überbrachte die Antwort dem König. 3 Er ging einige Zeit mit der Miene eines gelang⸗ weilten Menſchen auf und ab. „Sie wollen nicht gehen?“ ſagte er. „Nein, Sire.“ „Nun, dann laſſe man ſie.“ Das Königthum beugte ſich ſchon, wie man ſieht, unter der Hand des Volks, und zwar ſehr tief. Vom 23. Juni bis zum 12. Juli ſchien Alles ziem⸗ lich ruhig, aber es war jene dumpfe, erſtickende Ruhe, die dem Sturme vorhergeht. 12 en lla ßt te. en⸗ 181 Nur hieß die Feſtung der Porte Sainte⸗Antoine die Baſtille, wie Rom die Stadt hieß. Es war die vorzugsweiſe Baſtille. Sie war für ſich allein ſo viel werth als alle andern. Beinahe ein Jahrhundert hindurch blieb das Gou⸗ vernement der Baſtille in einer einzigen Familie. Der Ahnherr dieſer Auserwählten war Herr von Chateauneuf. Sein Sohn Lavrilliére folgte ihm in ſeinem Poſten. Seinem Sohne Lavrilliere folgte ſein Enkel Saint⸗Florentin. Die Dynaſtie erloſch im Jahre 1777. Niemand kann ſagen, welche Menge von geheimen Verhaftsbefehlen*) während dieſer dreifachen Regie⸗ rung, die zum großen Theil unter Ludwig XV. verlief, unterzeichnet wurde. Saint⸗-Florentin allein unter⸗ zeichnete mehr als fünfzehn tanſend. Die Verhaftsbefehle warfen ein großes Einkom⸗ men ab. Man verkaufte an Väter, die ſich ihrer Söhne ent⸗ ledigen wollten. Man verkaufte an Frauen, die ſich ihrer Männer entledigen wollten. Je ſchöner die Frauen waren, deſto weniger koſte⸗ ten die Verhaftsbefehle. Das war dann zwiſchen ihnen und dem Miniſter nur ein Austauſch von Artigkeiten. Seit dem Ende der Regierung von Ludwig KIv. waren alle Staatsgefängniſſe und beſonders die Ba⸗ ſtille in den Händen der Jeſuiten. Man erinnert ſich der Bedeutendſten unter den Gefangenen: Die Eiſerne Maske, Lauzun, Latude. Die Jeſuiten waren Beichtväter: zu größerer Sicher⸗ heit hörten ſie die Beichte der Gefangenen. Abermals zu größerer Sicherheit wurden die Ge⸗ *) Lettres de cachet. 180 Es war der böſe Traum eines böſen Schlafes. Am 11. faßt der Köͤnig, durch die Königin, den Grafen d-Artois, die Polignac, die ganze Camarilla von Verſailles angetrieben, einen Entſchluß: er entläßt Necker. Am 12. gelangt die Nachricht nach Paris. Man hat geſehen, welche Wirkung ſie hervorbrachte. Am 13. Abends kam Billot an, um die Barrieren bren⸗ nen zu ſehen. Am 13. Abends vertheidigte ſich Paris; am 14. Morgens war Paris zum Angriff bereit. Am 14. Morgens rief Billot: Nach der Baſtille! — und drei tauſend Menſchen wiederholten nach Billot denſelben Ruf, welcher der der ganzen Pariſer Bevölke⸗ rung werden ſollte. Es gab nämlich ein Gebäude, das ſeit beinahe fünf Jahrhunderten auf der Bruſt Frankreichs laſtete, wie der Stein der Hölle auf den Schultern von Siſyphus. Nur hegte Frankreich weniger Vertrauen zu ſeinen Kräften, als der Titan, und hatte es nie verſucht, die Laſt aufzuheben. Dieſes Gebäude, ein auf die Stirne von Paris gedrücktes Siegel der Feudalherrſchaft, war die Baſtille. Der König war, wie Frau von Hauſſet ſagte, zu gut, um einen Kopf abſchlagen zu laſſen. Aber der König ſchickte in die Baſtille. Befand man ſich einmal auf Befehl des Königs in der Baſtille, ſo war ein Menſch vergeſſen, auf die Seite gebracht, begraben, vernichtet. Er blieb hier, bis der König ſich ſeiner erinnerte, und die Könige haben ſo viele neue Dinge, an die ſie denken müſſen, daß ſie oft an die alten Dinge zu denken vergeſſen. Ueberdies gab es in Frankreich nicht nur eine Ba⸗ ſtille; es gab zwanzig Baſtillen, die man das Fort⸗ l„Evéque, Saint⸗Lazare, das Chatelet, die Conciergerie, Vincennes, das Schloß la Roche, das Schloß If, die Inſeln Sainte⸗Marguerite, Pignerolles u. ſ. w. nannte. 182 3 6 ſhenen⸗ wenn ſie ſtarben, unter falſchen Namen be⸗ erdigt. ie Eiſerne Maske beerdigte man, wie man ſich erinnert, unter dem Namen Marchiali. Sie war 45 Jahre im Gefängniß geblieben. Lauzun blieb 14 Jahre darin. Latude 30 Jahre. Aber die Eiſerne Maske und Lauzun hatten wenig⸗ ſtens große Verbrechen begangen. Die Eiſerne Maske, ein Bruder oder nicht von Ludwig XIV., glich, wie man verſichert, dem König Ludwig XIV. zum Täuſchen. Es iſt ſehr unklug, es zu wagen, einem König zu gleichen. Lauzun hätte beinahe oder hatte ſogar wirklich die Groß⸗Mademviſelle geheirathet. Es iſt ſehr unklug, es zu wagen, die Nichte von Ludwig XIII., die Enkelin von König Heinrich IV., zu heirathen. 5 Doch Latude, der arme Teufel, was hatte er gethan? Er hatte es gewagt, ſich in Mlle. Poiſſon, Dame von Pompadour, die Maitreſſe des Königs, zu verlieben. Er hatte es gewagt, ihr ein Billet zu ſchreiben, und dieſes Billet, das eine biedere Frau demjenigen, welcher es geſchrieben, zurückgeſchickt haben würde, wird von Frau von Pompadour an Herrn von Sartines geſchickt. Und verhaftet, flüchtig, gefangen und abermals ge⸗ fangen, bleibt Latude dreißig Jahre unter Schloß und Riegel der Baſtille, von Vincennes und Bicstre. Nicht umſonſt war alſo die Baſtille gehaßt. Das Volk haßte ſie als eine lebendige Sache, es hatte daraus eine von jenen riefigen Tarasquen*) eines ¹) Tarasque oder Terasgue, der Name, den man in Tarascon der Darſtellung eines Unge⸗ 6 heuers gibt, das die heilige Martha mit ihrem 181 Nur hieß die Feſtung der Porte Sainte⸗Antolne die Baſtille, wie Rom die Stadt hieß. Es war die vorzugsweiſe Baſtille. Sie war für ſich allein ſo viel werth als alle andern. Beinahe ein Jahrhundert hindurch blieb das Gou⸗ vernement der Baſtille in einer einzigen Familie. Der Ahnherr dieſer Auserwählten war Herr von Chateauneuf. Sein Sohn Lavrillière folgte ihm in ſeinem Poſten. Seinem Sohne Lavrillière folgte ſein Enkel Saint⸗Florentin. Die Dynaſtie erloſch im Jahre 1777. Niemand kann ſagen, welche Menge von geheimen Verhaftsbefehlen“*) während dieſer dreifachen Regie⸗ rung, die zum großen Theil unter Ludwig XV. verlief, unterzeichnet wurde. Saint⸗Florentin allein unter⸗ zeichnete mehr als fünfzehn tauſend. Die Verhaftsbefehle warfen ein großes Einkom⸗ men ab. Man verkaufte an Väter, die ſich ihrer Söhne ent⸗ ledigen wollten. Man verkaufte an Frauen, die ſich ihrer Männer entledigen wollten. Je ſchöner die Frauen waren, deſto weniger koſte⸗ ten die Verhaftsbefehle. Das war dann zwiſchen ihnen und dem Miniſter nur ein Austauſch von Artigkeiten. 4 Seit dem Ende der Regierung von Ludwig XIV. waren alle Staatsgefängniſſe und beſonders die Ba⸗ ſtille in den Händen der Jeſuiten. Man erinnert ſich der Bedeutendſten unter den Gefangenen: Die Eiſerne Maske, Lauzun, Latude. Die Jeſuiten waren Beichtväter: zu größerer Sicher⸗ heit hörten ſie die Beichte der Gefangenen. Abermals zu größerer Sicherheit wurden die Ge⸗ *) Lettres de cachet. s 183 von den Thieren des Gevaudan gemacht, welche unbarm⸗ herzig die Menſchen verſchlingen. Man begreift auch den Schmerz des armen Se⸗ baſtian Gilbert, als er erfuhr, ſein Vater ſei in der Baſtille. Man begreift die Ueberzeugung von Billot, der Doctor würde nicht mehr aus dem Gefängniß kommen, wenn man ihn nicht mit Gewalt daraus befreite. Man begreift die wüthende Begeiſterung des Vol⸗ kes, als Billot rief: Nach der Baſtille! Nur war es, wie die Soldaten geſagt hatten, etwas Wahnſinniges, dieſe Idee, man könnte d e Baſtille nehmen. — Die Baſtille hatte Proviant, eine Garniſon, Ar⸗ illerie. Die Baſtille hatte Mauern von funfzehn Fuß an ihrer Firſte, von vierzig an ihrer Baſe. Die Baſtille hatte einen Gouverneur, der Herr de Launay hieß, der dreihundert Centner Pulver in die RKeller hatte bringen laſſen, der verſprochen hatte, im Falle eines Handſtreichs die Baſtille und mit ihr die Hälfte des Faubourg Saint Antvine in die Luft zu ſprengen. XIV. Die drei Gewalten Frankreichs. Billot zog immer weiter, doch er war es nicht mehr, der ſchrie. Von ſeinem martialiſchen Geſicht eingenommen, erkannte die Menge in dieſem Mann einen der Ihrigen; die Menge, die ſeine Worte und Strumpfband erwürgt haben ſoll, und das in Pro⸗ ceſſton in dieſer Stadt umhergetragen wird. Der Ueberſetzer. 182 fungenen; wenn ſie ſtarben, unter falſchen Namen be⸗ erdigt. Wie Eiſerne Maske beerdigte man, wie man ſich erinnert, unter dem Namen Marchiali. Sie war 45 Jahre im Gefängniß geblieben. Lauzun blieb 14 Jahre darin. Latude 30 Jahre. Aber die Eiſerne Maske und Lauzun hatten wenig⸗ ſtens große Verbrechen begangen. Die Eiſerne Maske, ein Bruder oder nicht von Ludwig XIV., glich, wie man verſichert, dem König Ludwig XIV. zum Täuſchen. Es iſt ſehr unklug, es zu wagen, einem König zu gleichen. Lauzun hätte beinahe oder hatte ſogar wirklich die Groß⸗Mademoiſelle geheirathet. Es iſt ſehr unklug, es zu wagen, die Nichte von Ludwig XIII., die Enkelin von König Heinrich IV., zu heirathen. Doch Latude, der arme Teufel, was hatte er gethan? Er hatte es gewagt, ſich in Mlle. Poiſſon, Dame von Pompadour, die Maitreſſe des Königs, zu verlieben. Er hatte es gewagt, ihr ein Billet zu ſchreiben, und dieſes Billet, das eine biedere Frau demjenigen, welcher es geſchrieben, zuruckgeſchickt haben würde, wird von Frau von Pompadour an Herrn von Sartines geſchickt. Und verhaftet, flüchtig, gefangen und abermals ge⸗ fangen, bleibt Latude dreißig Jahre unter Schloß und Riegel der Baſtille, von Vincennes und Bicétre. Nicht umſonſt war alſo die Baſtille gehaßt. Das Volk haßte ſie als eine lebendige Sache, es hatte daraus eine von jenen rieſigen Tarasquen*) eines *) Tarasque oder Terasque, der Name, den man in Tarascon der Darſtellung eines Unge⸗ heuers gibt, das die heilige Martha mit ihrem . 184 ſeine Handlung auslegte, folgte ihm immer mehr an⸗ wachſend, wie die Wellen der ſteigenden Fluth. Hinter Billot, als er auf den Quai Saint⸗Michel gelangte, waren mehr als dreitauſend mit Säbeln, Aexten, Piken und Schießgewehren bewaffnete Männer. Alle Welt ſchrie: Nach der Baſtille! nach der Baſtillel Billot zog ſich in ſich ſelbſt zurück. Die Betrach⸗ tungen, die wir am Ende des vorhergehenden Kapitels angeſtellt haben, er machte ſie ebenfalls, und allmälig ſiel der ganze Dunſt ſeiner fieberhaften Exaltation. Da ſah er klar in ſeinem Geiſte. Das Unternehmen war groß, erhaben, aber unfin⸗ nig. Das war leicht zu begreifen nach den beſtürzten und ironiſchen Phyſiognomien, auf denen ſich der Ein⸗ druck des Rufes: Nach der Baſtille, wiederſpiegelte. Doch ſein Entſchluß ſtand um ſo feſter. Nur begriff er, daß er Müttern, Frauen, Kindern für das Leben aller dieſer Männer verantwortlich war, die ihm folgten, und er wollte daher alle mögliche Vorſichtsmaßregeln ergreifen.* Billot fing alſo damit an, daß er ſeine Leute nach dem Platz vor dem Stadthauſe führte. Hier ernannte er einen Lieutenant und Officiere, Hunde, um die Herde zuſammenzuhalten. Ah! dachte Billot,„es gibt eine Gewalt in Frank⸗ reich, es gibt zwei, es gibt ſogar drei. „Berathen wir uns.“ Er trat nun in das Stadthaus ein und fragte, wer der Vorſtand der Municivalität ſei. Man antwortete ihm, es ſei der Stadtvogt, Herr von Fleſſelles. „Ah! ah!“ ſagte er mit einer durchaus nicht zu⸗ friedenen Miene,„Herr von Fleſſelles, ein Adeliger, das heißt, ein Feind des Volks.“ „Nein,“ erwiederte man ihm,„ein Mann von Geiſt.“ 183 von den Thieren des Gevaudan gemacht, welche unbarm⸗ herzig die Menſchen verſchlingen. Man begreift auch den Schmerz des armen Se⸗ baſtian Gilbert, als er erfuhr, ſein Vater ſei in der Baſtille. Man begreift die Ueberzeugung von Billot, der Doctor würde nicht mehr aus dem Gefängniß kommen, wenn man ihn nicht mit Gewalt daraus befreite. Man begreift die wüthende Begeiſterung des Vol⸗ kes, als Billot rief: Nach der Baſtille! Nur war es, wie die Soldaten geſagt hatten, etwas Wahnſinniges, dieſe Idee, man könnte die Baſtille nehmen. ii Die Baſtille hatte Proviant, eine Garniſon, Ar⸗ tillerie. Die Baſtille hatte Mauern von funfzehn Fuß an ihrer Firſte, von vierzig an ihrer Baſe. Die Baſtille hatte einen Gouverneur, der Herr de Launay hieß, der dreihundert Centner Pulver in die Keller hatte bringen laſſen, der verſprochen hatte, im Falle eines Handſtreichs die Baſtille und mit ihr die Hälfte des Faubourg Saint Antoine in die Luft zu ſprengen. XIV. Die drei Gewalten Frankreichs. Billot zog immer weiter, doch er war es nicht mehr, der ſchrie. Von ſeinem martialiſchen Geſicht eingenommen, erkannte die Menge in dieſem Mann einen der Ihrigen; die Menge, die ſeine Worte und Strumpfband erwürgt haben ſoll, und das in Pro⸗ ceſſion in dieſer Stadt umhergetragen wird. Der Ueberſetzer. 185 Billot ſtieg die Treppe des Stadthauſes hinauf. Im Vorzimmer traf er einen Rathsdiener. „Ich will Herrn von Fleſſelles ſprechen,“ ſagte Billot, als er bemerkte, daß der Rathsdiener auf ihn zutrat, um ihn zu fragen, was er wünſche. „Unmöglich,“ antwortete der Rathsdiener;„er iſt damit beſchäftigt, daß er die Cadres einer Bürgermiliz vervollſtändigt, welche die Stadt in dieſem Augenblicke organiſirt.“ „Das kommt vortrefflich; ich organiſire auch eine Miliz, und da ich ſchon dreitauſend eingereihte Leute habe, ſo bin ich ſo viel werth, als Herr von Fleſſelles, der keinen Mann auf den Beinen hat. Laſſen Sie mich alſo mit Herrn von Fleſſelles ſprechen, und zwar auf der Stelle. Oh! ſchauen Sie zum Fenſter hinaus, wenn Sie wollen.“ Der Rathsdiener warf in der That einen raſchen Blick auf die Quais und gewahrte die Leute von Billot. Er beeilte ſich daher, dem Stadtvogt Meldung zu machen und ihm gleichſam als Nachſchrift zu ſeiner Botſchaft die fraglichen dreitauſend Mann zu zeigen. Dies flößte dem Stadtvogt eine Art von Achtung für denjenigen ein, der mit ihm ſprechen wollte; er verließ den Rath, kam in das Vorzimmer und ſuchte mit den Augen. Bald erblickte er Billot, errieth ihn und lächelte. „Sie verlangen nach mir?“ ſagte er. „Sie ſind Herr von Fleſſelles, der Stadtvogt?“ er⸗ wiederte Billot. „Ja, mein Herr. Was ſteht zu Ihren Dienſten? Beeilen Sie ſich nur, denn mein Kopf iſt ſehr in An⸗ ſpruch genommen.“ „Herr Stadtvogt, wie viel gibt es Gewalten in Frankreich?“ „Ei! je nachdem Sie das verſtehen, mein lieber Herr,“ antwortete von Fleſſelles. „Sagen Sie, wie Sie es ſelbſt verſtehen.“ 184 ſeine Handlung auslegte, folgte ihm immer mehr an⸗ wachſend, wie die Wellen der ſteigenden Fluth. Hinter Billot, als er auf den Quai Saint⸗Michel gelangte, waren mehr als dreitauſend mit Säbeln, Aexten, Piken und Schießgewehren bewaffnete Männer. Alle Welt ſchrie: Nach der Baſtille! nach der Baſtille! Billot zog ſich in ſich ſelbſt zurück. Die Betrach⸗ tungen, die wir am Ende des vorhergehenden Kapitels angeſtellt haben, er machte ſie ebenfalls, und allmälig ſtel der ganze Dunſt ſeiner ſieberhaften Exaltation. Da ſah er klar in ſeinem Geiſte. Das Unternehmen war groß, erhaben, aber unſin⸗ nig. Das war leicht zu begreifen nach den beſtürzten und ironiſchen Phyſiognomien, auf denen ſich der Ein⸗ druck des Rufes: Nach der Baſtille, wiederſpiegelte. Doch ſein Entſchluß ſtand um ſo feſter. Nur begriff er, daß er Müttern, Frauen, Kindern für das Leben aller dieſer Männer verantwortlich war, die ihm folgten, und er wollte daher alle mögliche Vorſichtsmaßregeln ergreifen. Billot fing alſo damit an, daß er ſeine Leute nach dem Platz vor dem Stadthauſe führte. Hier ernannte er einen Lieutenant und Officiere, Hunde, um die Herde zuſammenzuhalten. Ah! dachte Billot,„es gibt eine Gewalt in Frank⸗ reich, es gibt zwei, es gibt ſogar drei. „Berathen wir uns.“ Er trat nun in das Stadthaus ein und fragte, wer der Vorſtand der Municipalität ſei. Man antwortete ihm, es ſei der Stadtvogt, Herr von Fleſſelles. „Ahl ah!“ ſagte er mit einer durchaus nicht zu⸗ friedenen Miene,„Herr von Fleſſelles, ein Adeliger, das heißt, ein Feind des Volks.“ „Nein,“ erwiederte man ihm,„ein Mann von Geiſt.“ . 186„ „Wenn Sie Herrn Bailly fragen, ſo wird er Ihnen ſagen, es gebe nur eine, die Nationalverſammlung; wenn Sie Herrn von Dreur⸗Brezé fragen, ſo wird er Ihnen ſagen, es gebe nur eine, den König.“ „Und Sie, Herr Stadtvogt, welches iſt unter die⸗ ſen zwei Meinungen die Ihrige?“ „Meine Meinung iſt auch, daß es in dieſem Augen⸗ blicke nur eine gibt.“ Nationalverſammlung oder der König?“ fragte illot.. „Weder die eine, noch der andere; die Nation,“ erwiederte Herr von Fleſſelles, ſein Jabot zerknitternd. „Ah! ah! die Nation!“ rief der Pächter. „Ja, nämlich dieſe Herren, welche unten auf dem Platze mit Meſſern und Spießen warten; die Nation, das heißt für mich alle Welt.“ „Sie könnten wohl Recht haben, Herr von Fleſſel⸗ les,“ ſprach Billot,„und nicht mit Unrecht hat man mir geſagt, Sie ſeien ein Mann von Geiſt.“ err von Fleſſelles verbeugte ſich. „An welche von dieſen drei Gewalten gedenken Sie zu appelliren, mein Herr?“ fragte Fleſſelles. „Bei meiner Treue,“ erwiederte Billot,„ich glaube, das Einfachſte, wenn man etwas Wichtiges zu verlan⸗ gen hat, iſt, daß man ſich an den guten Gott wendet, und nicht an ſeine Heiligen.“ „Damit wollen Sie ſagen, daß Sie ſich an den König wenden wollen?“ „Ich habe große Luſt.“ „Wäre es unbeſcheiden, zu fragen, was Sie von dem König zu verlangen gedenken?“ zuu 3 Freiheit des Doctor Gilbert, der in der Ba⸗ ille iſt.“ „Des Doctor Gilbert?“ fragte Fleſſelles hoch⸗ müthig,„iſt das nicht ein Brochurenmacher?“ „Sagen Sie ein Philoſoph, mein Herr.“ „Das iſt ganz das Gleiche, mein lieber Herr. Ich —,— ——— 185 Billot ſtieg die Treppe des Stadthauſes hinauf. Im Vorzimmer traf er einen Rathsdiener. „Ich will Herrn von Fleſſelles ſprechen,“ ſagte Billot, als er bemerkte, daß der Rathsdiener auf ihn zutrat, um ihn zu fragen, was er wünſche. „Unmöglich,“ antwortete der Rathsdiener;„er iſt damit beſchaͤftigt, daß er die Cadres einer Bürgermiliz vervollſtändigt, welche die Stadt in dieſem Augenblicke organiſirt.“ „Das kommt vortrefflich; ich organiſire auch eine Miliz, und da ich ſchon dreitauſend eingereihte Leute habe, ſo bin ich ſo viel werth, als Herr von Fleſſelles, der keinen Mann auf den Beinen hat. Laſſen Sie mich alſo mit Herrn von Fleſſelles ſprechen, und zwar auf der Stelle. Ohl ſchauen Sie zum Fenſter hinaus, wenn Sie wollen.“ Der Rathsdiener warf in der That einen raſchen Blick auf die Quais und gewahrte die Leute von Billot. Er beeilte ſich daher, dem Stadtvogt Meldung zu machen und ihm gleichſam als Nachſchrift zu ſeiner Botſchaft die fraglichen dreitauſend Mann zu zeigen. Dies flößte dem Stadtvogt eine Art von Achtung für denjenigen ein, der mit ihm ſprechen wollte; er verließ den Rath, kam in das Vorzimmer und ſuchte mit den Augen. Bald erblickte er Billot, errieth ihn und lächelte.. „Sie verlangen nach mir?“ ſagte er. „Sie ſind Herr von Fleſſelles, der Stadtvogt?“ er⸗ wiederte Billot. „Ja, mein Herr. Was ſteht zu Ihren Dienſten? Beeilen Sie ſich nur, denn mein Kopf iſt ſehr in An⸗ ſpruch genommen.“. „Herr Stadtvogt, wie viel gibt es Gewalten in Frankreich?“ „Eil! je nachdem Sie das verſtehen, mein lieber Herr,“ antwortete von Fleſſelles. „Sagen Sie, wie Sie es ſelbſt verſtehen.“ — ——— 187 Paube daß Sie wenig Ausſichten haben, eine ſolche ache vom König zu erlangen.“ „Und warum?“. „Einmal, weil der König, wenn er den Doctor Gilbert in die Baſtille ſtecken ließ, ſeine Gründe hie⸗ für haben mußte!“ „Gut! er wird mir ſeine Gründe angeben, und ich werde ihm die meinigen angeben.“ „Mein lieber Herr Billot, der König iſt ſehr be⸗ ſchäftigt und wird Sie nicht einmal empfangen.“ „Oh! wenn er mich nicht empfängt, ſo werde ich wohl Mittel finden, ohne ſeine Erlaubniß hineinzu⸗ kommen.“ „Sind Sie einmal innen, ſo werden Sie Herrn bon Dreur⸗Brézé treffen, der Sie vor die Thür werfen ä „Der mich vor die Thür werfen läßt?“ „Ja, er hat dies mit der Nativnalverſammlung in Maſſe thun wollen; allerdings iſt es ihm nicht gelun⸗ gen; doch das iſt ein Grund mehr, daß er wüthet und ſeine Genugthuung an Ihnen nimmt.“ „Gut, dann wende ich mich an die Nationalver⸗ ſammlung.“ „Der Weg nach Verſailles iſt abgeſchnitten.“ „Ich werde mit meinen dreitauſend Mann gehen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, mein lieber Herr. Sie finden auf der Straße vier bis fünftauſend Schweizer und zwei bis dreitauſend Oeſterreicher, die nur einen Mund voll aus Ihnen und Ihren dreitauſend Leuten machen, und in einem Augenblicke ſind Sie verſchlungen.“ „Ah! Teufel, was ſoll ich dann machen!“ „Machen Sie, was Sie wollen; thun Sie mir aber den Gefallen, Ihre dreitauſend Mann wegzufüh⸗ ren, welche mit ihren Hellebarden auf das Fflaſter ſto⸗ ßen und rauchen. Es ſind ſiebenzig bis achtzig Cent⸗ ner Pulver in unſeren Kellern, und ein Funke kann uns in die Luft ſprengen.“ 186 „Wenn Sie Herrn Bailly fragen, ſo wird er Ihnen ſagen, es gebe nur eine, die Nationalverſammlung; wenn Sie Herrn von Dreux⸗Brézé fragen, ſo wird er Ihnen ſagen, es gebe nur eine, den König.“ „Und Sie, Herr Stadtvogt, welches iſt unter die⸗ ſen zwei Meinungen die Ihrige?“ „Meine Meinung iſt auch, daß es in dieſem Augen⸗ blicke nur eine gibt.“ Bil„Die Nationalverſammlung oder der König?“ fragte illot. „Weder die eine, noch der andere; die Nation,“ erwiederte Herr von Fleſſelles, ſein Jabot zerknitternd. „Ah! ahl die Nation!“ rief der Pächter. „Ja, nämlich dieſe Herren, welche unten auf dem Platze mit Meſſern und Spießen warten; die Nation, das heißt für mich alle Welt.“ „Sie könnten wohl Recht haben, Herr von Fleſſel⸗ les,“ ſprach Billot,„und nicht mit Unrecht hat man mir geſagt, Sie ſeien ein Mann von Geiſt.“ Herr von Fleſſelles verbeugte ſich. „An welche von dieſen drei Gewalten gedenken Sie zu appelliren, mein Herr?“ fragte Fleſſelles. „Bei meiner Treue,“ erwiederte Billot,„ich glaube, das Einfachſte, wenn man etwas Wichtiges zu verlan⸗ gen hat, iſt, daß man ſich an den guten Gott wendet, und nicht an ſeine Heiligen.“ „Damit wollen Sie ſagen, daß Sie ſich an den König wenden wollen?“ 3 „Ich habe große Luſt.“ „Wäre es unbeſcheiden, zu fragen, was Sie von dem König zu verlangen gedenken?“ „Die Freiheit des Doctor Gilbert, der in der Ba⸗ ſtille iſt.“ „Des Doctor Gilbert?“ fragte Fleſſelles hoch⸗ muthig,„iſt das nicht ein Brochurenmacher?“ „Sagen Sie ein Philoſoph, mein Herr.“ „Das iſt ganz das Gleiche, mein lieber Herr. Ich 188 „Wenn es ſo iſt, ſo werde ich mich weder an den König, noch an die Nationalverſammlung, ſondern an die Nation wenden, und wir nehmen die Baſtille.“ „Womit?“ „Mit den achtzig Centnern Pulver, die Sie mir geben werden, Herr Stadtvogt.“ „Ah! wahrhaftig?“ ſagte Fleſſelles mit ſpötti⸗ ſchem Tone. „Es iſt ſo, mein Herr. Die Schlüſſel zu den Ge⸗ wölben, wenn ich bitten darf.“ „Wie! ſcherzen Sie?“ ſagte der Stadtvogt. „Nein, mein Herr, ich ſcherze nicht,“ ſprach Billot. Und er packte Fleſſelles mit beiden Händen an ſeinem Rockkragen und fügte bei: „Die Schlüſſel, oder ich rufe meine Leute.“ Fleſſelles wurde bleich wie der Tod. Seine Lippen und ſeine Zähne preßten ſich krampfhaft zuſammen; doch ohne daß die Stimme die geringſte Veränderung erlitt, ohne daß er einen Augenblick von dem ſpöttiſchen Ton abließ, den er angenommen hatte, erwiederte er: „Mein Herr, Sie leiſten mir im Ganzen einen Dienſt, wenn Sie mich von dieſem Pulver befreien. Ich werde Ihnen alſo die Schlüſſel nach Ihrem Wunſche zuſtellen laſſen. Nur vergeſſen Sie nicht, daß ich Ihre erſte Obrigkeit bin, und daß Sie, wenn Sie das Un⸗ glück hätten, mir vor der Welt das zu thun, was Sie mir unter vier Augen gethan haben, eine Stunde nach⸗ her von den Wachen der Stadt gehängt wären. Sie beharren alſo dabei, daß Sie dieſes Pulver haben wollen?“ „Ich beharre dabei,“ ſprach Billot. „Und Sie werden es ſelbſt austheilen?“ „Ich ſelbſt.“ „Wann dies?“ „Auf der Stelle.“ „Verzeihen Sie, verſtändigen wir uns; ich habe hier noch ungefähr eine Viertelſtunde zu thun, und es — * — —— 187 glaube, daß Sie wenig Ausſichten haben, eine ſolche Sache vom König zu erlangen.“ „Und warum?“ „Einmal, weil der König, wenn er den Doctor Gilbert in die Baſtille ſtecken ließ, ſeine Gründe hie⸗ für haben mußte!“ „Gut! er wird mir ſeine Gründe angeben, und ich werde ihm die meinigen angeben.“ „Mein lieber Herr Billot, der König iſt ſehr be⸗ ſchäftigt und wird Sie nicht einmal empfangen.“ „Oh! wenn er mich nicht empfängt, ſo werde ich wohl Mittel finden, ohne ſeine Erlaubniß hineinzu⸗ kommen.“. „Sind Sie einmal innen, ſo werden Sie Herrn ben Dreux⸗Brézé treffen, der Sie vor die Thür werfen läßt.“ „Der mich vor die Thür werfen läßt?“ „Ja, er hat dies mit der Nationalverſammlung in Maſſe thun wollen; allerdings iſt es ihm nicht gelun⸗ gen; doch das iſt ein Grund mehr, daß er wüthet und ſeine Genugthuung an Ihnen nimmt.“ „Gut, dann wende ich mich an die Nationalver⸗ ſammlung.“ „Der Weg nach Verſailles iſt abgeſchnitten.“ „Ich werde mit meinen dreitauſend Mann gehen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, mein lieber Herr. Sie finden auf der Straße vier bis fünftauſend Schweizer und zwei bis dreitauſend Oeſterreicher, die nur einen Mund voll aus Ihnen und Ihren dreitauſend Leuten machen, und in einem Augenblicke ſind Sie verſchlungen.“ „Ah! Teufel, was ſoll ich dann machen!“ „Machen Sie, was Sie wollen; thun Sie mir aber den Gefallen, Ihre dreitauſend Mann wegzufüh⸗ ren, welche mit ihren Hellebarden auf das Pflaſter ſto⸗ ßen und rauchen. Es ſind ſiebenzig bis achtzig Cent⸗ ner Pulver in unſeren Kellern, und ein Funke kann uns in die Luft ſprengen.“ be es — wäre mir, wenn es Ihnen gleichgültig iſt, lieber, wenn die Vertheilung erſt anfinge, nachdem ich weggegangen bin. Man hat mir prophezeit, ich werde eines gewalt⸗ ſamen Todes ſterben; ich geſtehe aber, ich habe einen Widerwillen dagegen, daß ich in die Luft geſprengt werde.“ „Gut, in einer Viertelſtunde alſo. Doch nun eine Bitte von meiner Seite.“ „Welche?“ „Treten wir Beide an dieſes Fenſter.“ „Wozu?“ „Ich will Sie beim Volke beliebt machen.“ „Großen Dank; und auf welche Art?“ „Sie werden es ſehen.“ Billot führte den Stadtvogt an's Fenſter. „Freunde,“ ſprach er,„nicht wahr, Ihr wollt die Baſtille immer noch nehmen?“ „Ja! ja! ja!“ riefen drei⸗ bis viertauſend Stimmen. „Aber nicht wahr, es fehlt Euch an Pulver?“ „Ja! Pulver! Pulver!“ „Seht, hier iſt der Herr Stadtvogt, der die Güte haben will, uns das zu geben, welches in den Ge⸗ wölben des Stadthauſes iſt. Dankt ihm, meine Freunde!“ „Es lebe der Herr Stadtvogt! Es lebe Herr von Fleſſelles!“ brüllte die Menge. „Ich danke! ich danke für mich, ich danke für ihn!“ rief Billot. wandte er ſich gegen den Stadtvogt um und prach: „Mein Herr, nun brauche ich Sie weder mehr unter vier Augen, noch vor aller Welt am Kragen zu nehmen, denn wenn Sie mir das Pulver nicht geben, ſo wird Sie die Nation, wie Sie das nennen, in Stücke zerhauen.“ „Hier find die Schlüſſel, mein Herr,“ ſagte der 188 „Wenn es ſo iſt, ſo werde ich mich weder an den König, noch an die Nationalverſammlung, ſondern an die Nation wenden, und wir nehmen die Baſtille.“ „Womit?“ „Mit den achtzig Centnern Pulver, die Sie mir geben werden, Herr Stadtvogt.“ „Ah! wahrhaftig?“ ſagte Fleſſelles mit ſpötti⸗ ſchem Tone. „Es iſt ſo, mein Herr. Die Schlüſſel zu den Ge⸗ wölben, wenn ich bitten darf.“ „Wie!l ſcherzen Sie?“ ſagte der Stadtvogt. „Nein, mein Herr, ich ſcherze nicht,“ ſprach Billot. Und er packte Fleſſelles mit beiden Händen an ſeinem Rockkragen und fügte bei: „Die Schlüſſel, oder ich rufe meine Leute.“ Fleſſelles wurde bleich wie der Tod. Seine Lippen und ſeine Zähne preßten ſich krampfhaft zuſammen; doch ohne daß die Stimme die geringſte Veränderung erlitt, ohne daß er einen Augenblick von dem ſpöttiſchen Ton abließ, den er angenommen hatte, erwiederte er: „Mein Herr, Sie leiſten mir im Ganzen einen Dienſt, wenn Sie mich von dieſem Pulver befreien. Ich werde Ihnen alſo die Schlüſſel nach Ihrem Wunſche zuſtellen laſſen. Nur vergeſſen Sie nicht, daß ich Ihre erſte Obrigkeit bin, und daß Sie, wenn Sie das Un⸗ glück hätten, mir vor der Welt das zu thun, was Sie mir unter vier Augen gethan haben, eine Stunde nach⸗ her von den Wachen der Stadt gehängt wären. Sie beharren alſo dabei, daß Sie dieſes Pulver haben wollen?“ 3 „Ich beharre dabei,“ ſprach Billot. „Und Sie werden es ſelbſt austheilen?“ „Ich ſelbſt.“ „Wann dies?“ „Auf der Stelle.“ „Verzeihen Sie, verſtändigen wir uns; ich habe hier noch ungefähr eine Viertelſtunde zu thun, und es — ⸗——, 190 Stadtvogt,„Sie haben eine Art, zu bitten, welche keine Weigerung zuläßt.“ „In dieſem Fall ermuthigen Sie mich,“ erwiederte Billot, der in ſeinem Innern einen Plan zur Reife zu bringen ſchien. „Ah! Teufel! ſollten Sie noch etwas von mir zu verlangen haben?“ „Ja. Kennen Sie den Gouverneur der Baſlille?“ „Herrn de Launay?“ „Ich weiß nicht, wie er heißt.“ „Er heißt Herr de Launay?“ „Gut. Kennen Sie Herrn de Launah?“ „Es iſt einer meiner Freunde.“ „Dann müſſen Sie wünſchen, daß ihm kein Un⸗ glück widerfahre.“ „Ich wünſche es in der That.“ „Nun denn, ein Mittel, daß ihm kein Unglück widerfahre, iſt, daß er mir die Baſtille, oder wenigſtens den Doctor übergibt.“ „Nicht wahr, Sie hoffen nicht, ich werde den Ein⸗ fluß haben, ihn zu bewegen, Ihnen ſeinen Gefangenen oder die Feſtung zu übergeben?“ „Das iſt meine Sache; ich bitte Sie nur um meine Einführung bei ihm.“ „Mein kieber Herr Billot, ich ſage Ihnen zum Voraus, daß Sie, wenn Sie in die Baſtille hinein⸗ kommen, nur allein hineinkommen werden.“ „Sehr gut.“ „Ich ſage Ihnen ferner, daß Sie, wenn Sie in die Baſtille hineinkommen, vielleicht nicht mehr heraus⸗ kommen werden.“ „Vortrefflich.“ „Ich will Ihnen einen Einlaßſchein für die Ba⸗ ſtille geben, doch nur unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß Sie nicht morgen bei mir erſcheinen und von mir einen Einlaßſchein für den Mond verlangen⸗ — —„c„ NSNRES ⁸₰½ ◻ 189 wäre mir, wenn es Ihnen gleichgültig iſt, lieber, wenn die Vertheilung erſt anfinge, nachdem ich weggegangen bin. Man hat mir prophezeit, ich werde eines gewalt⸗ ſamen Todes ſterben; ich geſtehe aber, ich habe einen miderpillen dagegen, daß ich in die Luft geſprengt werde. „Gut, in einer Viertelſtunde alſo. Doch nun eine Bitte von meiner Seite.“ „Welche?“ „Treten wir Beide an dieſes Fenſter.“ „Wozu?“ „Ich will Sie beim Volke beliebt machen.“ „Großen Dank; und auf welche Art?“ „Sie werden es ſehen.“ Billot führte den Stadtvogt an's Fenſter. „Freunde,“ ſprach er,„nicht wahr, Ihr wollt die Baſtille immer noch nehmen?“ 3 „Jal ja! ja!“ riefen drei⸗ bis viertauſend Stimmen. „Aber nicht wahr, es fehlt Euch an Pulver?“ „Ja! Pulver! Pulver!“ „Seht, hier iſt der Herr Stadtvogt, der die Gute haben will, uns das zu geben, welches in den Ge⸗ wölben des Stadthauſes iſt. Dankt ihm, meine Freunde!“ „Es lebe der Herr Stadtvogt! Es lebe Herr von Fleſſelles!“ bruͤllte die Menge. „Ich danke! ich danke fuͤr mich, ich danke für ihn!“ rief Billot. Hunn wandte er ſich gegen den Stadtvogt um und prach: „Mein Herr, nun brauche ich Sie weder mehr unter vier Augen, noch vor aller Welt am Kragen zu nehmen, denn wenn Sie mir das Pulver nicht geben, ſo wird Sie die Nation, wie Sie das nennen, in Stücke zerhauen.“ „Hier ſind die Schlüſſel, mein Herr,“ ſagte der n⸗ ick 6 m im n⸗ in 18⸗ nd en⸗ 191 Ich ſage Ihnen, daß ich in jener Welt Niemand kenne.“ „Fleſſelles! Fleſſelles!“ ſprach eine dumpfe, mürriſche Stimme hinter dem Stadtvogt.„Wenn Du fortfährſt, zwei Geſichter zu haben, eines, das den Ariſtokraten, ein anderes, das dem Volke zulächelt, ſo wird vielleicht zwiſchen jetzt und morgen ein Paffirſchein für jene Welt, aus der Niemand mehr zurückkommt, für Dich unterzeichnet ſein.“ Der Stadtvogt wandte ſich bebend um. „Wer ſpricht ſo?“ ſagte er. „Ich, Marat.“ der Philoſoph, Marat, der Arzt!“ rief ot. „Ja,“ antwortete dieſelbe Stimme. „Ja, Marat, der Philoſoph, Marat, der Arzt,“ ſagte Fleſſelles,„welcher in letzter Eigenſchaft bemüht ſein müßte, die Narren zu heilen, was für ihn ein wäre, heute eine große Anzahl von Kunden zu aben.“ „Herr von Fleſſelles,“ erwiederte der finſtere Redner, „dieſer brave Mann verlangt von Ihnen einen Einlaß⸗ ſchein für Herrn de Launay. Ich bemerke Ihnen, daß nicht nur er auf Sie wartet, ſondern daß auch drei⸗ tauſend Menſchen auf ihn warten.“ 2Es iſt gut, mein Herr, er ſoll ihn haben.“ Fleſſelles trat an ſeinen Tiſch, fuhr mit einer Hand über ſeine Stirne, ergriff mit der andern eine Feder und ſchrieb raſch ein paar Zeilen. „Hier iſt Ihr Einlaßſchein,“ ſprach er, Billot das Papier reichend. „Leſen Sie,“ ſagte Marat. „Ich kann nicht leſen.“ „Run, ſo geben Sie, ich werde leſen.“ PBillot reichte das Papier Marat.. ſeße Einlaßſchein war in folgenden Worten ah⸗ gefaßt: 190 Stadtvogt,„Sie haben eine Alt, zu bitten, welche keine Weigerung zuläßt.“ „In dieſem Fall ermuthigen Sie mich,“ erwiederte Billot, der in ſeinem Innern einen Plan zur Reife zu bringen ſchien. „Ah! Teufel! ſollten Sie noch etwas von mir zu verlangen haben?“ „Ja. Kennen Sie den Gouverneur der Baſtille?“ „Herrn de Launay?“ „Ich weiß nicht, wie er heißt.“ „Er heißt Herr de Launay?“ „Gut. Kennen Sie Herrn de Launay?“ „Es iſt einer meiner Freunde.“ „Dann müſſen Sie wünſchen, daß ihm kein Un⸗ glück widerfahre.“ „Ich wünſche es in der That.“ „Nun denn, ein Mittel, daß ihm kein Unglück widerfahre, iſt, daß er mir die Baſtille, oder wenigſtens den Doctor übergibt.“ „Nicht wahr, Sie hoffen nicht, ich werde den Ein⸗ fluß haben, ihn zu bewegen, Ihnen ſeinen Gefangenen oder die Feſtung zu übergeben?“ „Das iſt meine Sache; ich bitte Sie nur um meine Einführung bei ihm.“ „Mein lieber Herr Billot, ich ſage Ihnen zum Voraus, daß Sie, wenn Sie in die Baſtille hinein⸗ kommen, nur allein hineinkommen werden.“ 3 „Sehr gut.“ „Ich ſage Ihnen ferner, daß Sie, wenn Sie in die Baſtille hineinkommen, vielleicht nicht mehr heraus⸗ kommen werden.“ „Vortrefflich.“ „Ich will Ihnen einen Einlaßſchein fuͤr die Ba⸗ ſtille geben, doch nur unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ 3 „Daß Sie nicht morgen bei mir erſcheinen und von mir einen Einlaßſchein für den Mond verlangen. —=Sͤ— 192„ „Herr Gouverneur, 1 „Wir, der Vogt der Stadt Paris, ſchicken Ihnen Herrn Billot, um ſich mit Ihnen über die Intereſſen 1ie genannter Stadt zu bereden⸗ 1l. Juli 1789. 5 Von Fleſſelles.“ Gut,“ ſagte Billot,„geben Sie.“ „Sie finden dieſen Einlaßſchein gut ſo?“ fragte Marat. „Allerdings.“ „Warten Sie; der Herr Stadtvogt wird eine Nach⸗ ſchrift beifügen, die ihn noch beſſer machen ſoll. Und er näherte ſich Herrn von Fleſſeles, der, die Fauſt auf den Tiſch geſtützt, ſſtehen geblieben war und w mit einer hochmüthigen, Miene ſowohl die zwei Männer, mit denen er es hauptſächlich zu thun hatte, als einen ten betrachtete, welcher, auf einen Mus⸗ / dritten halbnack keton gelehnt, bei der Thüre erſchien. be Dieſer Dritte war Pitou; er war ſeinem Herrn ſir gefolgt und hielt ſich bereit, den Befehlen des Pächters be dr zu gehorchen, welche es auch ſein möchten. „Mein Herr,“ ſagte Marat zu Fleſſelles,„die un Nachſchrift, die Sie beifügen werden und die den Ein⸗ laßſchein beſſer machen ſoll, iſt folgende.“ „Sprechen Sie, Herr Marat.“ ſch Marat legte das Papier auf den Tiſch, bezeichnete an mit dem Finger den Platz, wohin der Stadtvogt die verlangte Rachſchrift ſetzen ſollte, und ſagte: „Da der Bürger Billot den Charakter eines Par⸗ lamentärs hat, ſo anvertraue ich ſein Leben Ihrer ge ia Ehre.“ Fleſſelles ſchaute Marat wie ein Menſch an, der im mehr Luſt hatte, dieſes platte Geſicht mit einem Fauſt⸗ ihr u thun, was es forderte. ſchlag zu zermalmen, als 3 „Sollten Sie zögern, mein Herr?“ fragte Marat. ſeir „Nein,“ erwiederte Fleſſelles;„denn im Ganzen aut verlangen Sie nur etwas Gerechtes von mir. ne te 191 Ich ſage Ihnen, daß ich in jener Welt Niemand kenne.“ „Fleſſelles! Fleſſelles!“ ſprach eine dumpfe, muͤrriſche Stimme hinter dem Stadtvogt.„Wenn Du fortfährſt, zwei Geſichter zu haben, eines, das den Ariſtokraten, ein anderes, das dem Volke zulächelt, ſo wird vielleicht zwiſchen jetzt und morgen ein Paffirſchein für jene Welt, aus der Niemand mehr zurückkommt, für Dich unterzeichnet ſein.“ Der Stadtvogt wandte ſich bebend um. „Wer ſpricht ſo?“ ſagte er. „Ich, Marat.“ „Marat, der Philoſoph, Marat, der Arzt!“ rief Billot. „Ja,“ antwortete dieſelbe Stimme. „Ja, Marat, der Philoſoph, Marat, der Arzt,“ ſagte Fleſſelles,„welcher in letzter Eigenſchaft bemüht ſein müßte, die Narren zu heilen, was für ihn ein Weeile wäre, heute eine große Anzahl von Kunden zu aben.“ „Herr von Fleſſelles,“ erwiederte der finſtere Redner, „dieſer brave Mann verlangt von Ihnen einen Einlaß⸗ ſchein für Herrn de Launay. Ich bemerke Ihnen, daß nicht nur er auf Sie wartet, ſondern daß auch drei⸗ tauſend Menſchen auf ihn warten.“ „Es iſt gut, mein Herr, er ſoll ihn haben.“ Fleſſelles trat an ſeinen Tiſch, fuhr mit einer Hand über ſeine Stirne, ergriff mit der andern eine Feder und ſchrieb raſch ein paar Zeilen. „Hier iſt Ihr Einlaßſchein,“ ſprach er, Billot das apier reichend. „Leſen Sie,“ ſagte Marat. „Ich kann nicht leſen.“ „Nun, ſo geben Sie, ich werde leſen.“ Billot reichte das Papier Marat. zder Einlaßſchein war in folgenden Worten ab⸗ aßt: te die nd er, ten us⸗ rrn ers Sin⸗ nete die Par⸗ hrer der auſt⸗ e. arat. anzen ſchaute, welche beſagte 193 Und er ſchrieb die verlangte Nachſchrift. „Doch, meine Herren,“ ſagte er,„merken Sie wohl: ich ſtehe nicht für die Sicherheit von Herrn Billot.“ „Und ich, ich ſtehe dafür,“ ſprach Marat, indem er ihm das Papier aus den Händen zog,„denn Ihre Freiheit iſt da, um für die ſeinige zu haften, Ihr Ropf, um für ſeinen Kopf zu haften. Braver Billot, hier haben Sie Ihren Einlaßſchein.“ „Labrie!“ rief Herr von Fleſſelles,„Labrie!“ Ein Lackei in großer Livree trat ein⸗ „Meinen Wagen!“ ſprach er. „Er erwartet den Herrn Stadtvogt im Hofe.“ „Gehen wir hinab!“ ſagte der Stadtvogt.„Sie wünſchen nichts Anderes, meine Herren?“ „Nein!“ antworteten gleichzeitig Billot und Marat. „Soll ich ihn durchlaſſen?“ fragte Pitou. „Mein Freund,“ ſprach Fleſſelles, ich muß Ihnen bemerken, daß Sie ein wenig zu unanſtändig gekleidet ſind, um die Wache vor der Thüre meines Zimmers zu beziehen. Wenn Sie durchaus hier bleiben wollen, ſo drehen Sie wenigſtens Ihre Patrontaſche nach vorne und lehnen Sie das Hintertheil an die Wand an.“ „Soll ich ihn durchlaſſen?“ wiederholte Pitou, indem er Herrn von Fleſſelles mit einer Miene an⸗ „er finde nur wenig Geſchmack an dem Scherz, deſſen Gegenſtand er geweſen. „Ja,“ antwortete Billot. Pitou trat auf die Seite. „Sie haben vielleicht Unrecht gehabt, dieſen Mann gehen zu laſſen,“ ſprach Marat;„das war ein vortreff⸗ licher Geißel zum Behalten; doch in jedem Fall, wo immer er auch ſein mag, ſeien Sie unbeſorgt, ich werde ihn wiederfinden.“ „Labrie!“ ſagte der Stabtvogt, während er in ſeinen Wagen ſtieg,„man wird ſogieich hier Pulver austheilen. Sollte das Stadthaus in die Luft ſpringen, Ange Pitou. I. 13 192 „Herr Gouverneur, „Wir, der Vogt der Stadt Paris, ſchicken Ihnen Herrn Billot, um ſich mit Ihnen über die Intereſſen genannter Stadt zu bereden. 14. Juli 1789. Von Fleſſelles.“ „Gut,“ ſagte Billot,„geben Sie.“ „Sie finden dieſen Einlaßſchein gut ſo?“ fragte Marat. „Allerdings.“ „Warten Sie; der Herr Stadtvogt wird eine Nach⸗ ſchrift beifügen, die ihn noch beſſer machen ſoll. Und er näherte ſich Herrn von Fleſſeles, der, die Fauſt auf den Tiſch geſtützt, ſtehen geblieben war und mit einer hochmüthigen Miene ſowohl die zwei Männer, mit denen er es hauptſächlich zu thun hatte, als einen dritten halbnackten betrachtete, welcher, auf einen Mus⸗ keton gelehnt, bei der Thüre erſchien. Dieſer Dritte war Pitou; er war ſeinem Herrn gefolgt und hielt ſich bereit, den Befehlen des Pächters zu gehorchen, welche es auch ſein möͤchten. „Mein Herr,“ ſagte Marat zu Fleſſelles,„die Nachſchrift, die Sie beifügen werden und die den Ein⸗ laßſchein beſſer machen ſoll, iſt folgende.“ „Sprechen Sie, Herr Marat.“ Marat legte das Papier auf den Tiſch, bezeichnete mit dem Finger den Platz, wohin der Stadtvogt die verlangte Nachſchrift ſetzen ſollte, und ſagte: „Da der Bürger Billot den Charakter eines Par⸗ lamentärs hat, ſo anvertraue ich ſein Leben Ihrer Fleſſelles ſchaute Marat wie ein Menſch an, der mehr Luſt hatte, dieſes platte Geſicht mit einem Fauſt⸗ ſchlag zu zermalmen, als zu thun, was es forderte. „Sollten Sie zögern, mein Herr?“ fragte Marat. „Nein,“ erwiederte Fleſſelles;„denn im Ganzen verlangen Sie nur etwas Gerechtes von mir.“ w. ſo möchte ich nicht gern Spritzer bekommen. Aus dem Bereiche, Labrie, aus dem Bereiche!“ Der Wagen rollte unter das Gewölbe und erſchien auf dem Platz, wo vier⸗ bis fünſtauſend Menſchen murrten und kobten. Fleſſelles befürchtete, man würde ſeinen Abgang, der ebenſo wohl auch eine Flucht ſein konnte, übel deuten. Er legte ſich mit dem halben Leib über den Wagen⸗ ſchlag hinaus und rief dem Kutſcher zu: „Zur Rationalverſammlung!“ Was ihm von Seiten der Menge eine coloſſale Salve von Beifallsgeſchrei eintrug. Marat und Billot waren auf dem Balcon und hatten die letzten Worte von Fleſſelles gehört. „Meinen Kopf gegen den ſeinigen, er geht nicht ſiiliſr ſondern zum König,“ ſagte arat. „Soll ich ihn verhaften laſſen?“ fragte Billot. „Nein,“ erwiederte Marat mit ſeinem häßlichen Lächeln.„Seien Sie unbeſorgt, ſo ſchnell er auch hehen mag, wir werden noch ſchneller gehen, als er. un zum Pulver!“ „Ja, zum Pulver!“ ſagte Billot. Hierauf gingen Beide, gefolgt von Pitou, hinab⸗ 8 8 Rv. Herr de Launay, Gouverneur der Baſtille. Es waren, wie Herr von Fleſſelles geſagt hatte, ig Centner Pulver in den Gewölben des Stadt⸗ auſes. mit einer Laterne ein, die ſie an der Decke aufhingen. Piton bezog die Wache vor der Thüpe⸗ Das 6 Narat und Billot traten in das erſte Gewölbe —0 8 8 en en 193 Und er ſchrieb die verlangte Nachſchrift. „Doch, meine Herren,“ ſagte er,„merken Sie wohl: ich ſtehe nicht für die Sicherheit von Herrn Billot.“ „Und ich, ich ſtehe dafür,“ ſprach Marat, indem er ihm das Papier aus den Händen zog,„denn Ihre Freiheit iſt da, um für die ſeinige zu haften, Ihr Kopf, um für ſeinen Kopf zu haften. Braver Billot, hier haben Sie Ihren Einlaßſchein.“. „Labrie!“ rief Herr von Fleſſelles,„Labrie!“ Ein Lackei in großer Livree trat ein. „Meinen Wagen!“ ſprach er. „Er erwartet den Herrn Stadtvogt im Hofe.“ „Gehen wir hinab!“ ſagte der Stadtvogt.„Sie wünſchen nichts Anderes, meine Herren?“ „Nein!“ antworteten gleichzeitig Billot und Marat. „Soll ich ihn durchlaſſen?“ fragte Pitou. „Mein Freund,“ ſprach Fleſſelles,„ich muß Ihnen bemerken, daß Sie ein wenig zu unanſtändig gekleidet ſind, um die Wache vor der Thüre meines Zimmers zu beziehen. Wenn Sie durchaus hier bleiben wollen, ſo drehen Sie wenigſtens Ihre Patrontaſche nach vorne und lehnen Sie das Hintertheil an die Wand an.“ „Soll ich ihn durchlaſſen?“ wiederholte Pitou, indem er Herrn von Fleſſelles mit einer Miene an⸗ ſchaute, welche beſagte, er finde nur weni Geſchmack an dem Scherz, deſſen Gegenſtand er geweſen. „Ja,“ antwortete Billot. Pitou trat auf die Seite. „Sie haben vielleicht Unrecht gehabt, dieſen Mann ſehen zu laſſen,“ ſprach Marat;„das war ein vortreff⸗ licher Geißel zum Behalten; doch in jedem Fall, wo immer er auch ſein mag, ſeien Sie unbeſorgt, ich werde ihn wiederfinden.“ „Labrie!“ ſagte der Stadtvogt, während er in ſeinen Wagen ſtieg,„man wird ſogleich hier Pulver austheilen. Sollte das Stadthaus in die Luft ſpringen, Ange Pitou. I. 13 em ien hen der ten. en⸗ ſale und icht agte chen auch s er. inab. e. hatte, tadt⸗ wölbe ingen. Das 195 Pulver war in Fäßchen, von denen jedes ungefähr fünf⸗ undzwanzig Pfund enthielt. Man ſtellte Leute auf der Treppe cß Dieſe Leute bildeten eine Kette, und man begann den Transport der Fäßchen. Es fand einen Augenblick eine Verwirrung ſtatt. Man wußte nicht, ob Pulver für alles Volk da war, und Jeder ſtürzte hinzu, um ſeinen Theil zu nehmen. Den von Billot ernannten Chefs gelang es jedoch, ſich Gehör zu verſchaffen, und die Vertheilung nahm ihren Fortgang mit einer gewiſſen Ordnung. Jeder Bürger bekam ein halbes Pfund Pulver, ungefähr alſo hinreichend für dreißig bis vierzig Schüſſe. Als Jeder vas Pulver hatte, bemerkte man, daß die Flinten fehlten: kaum fünfhundert Mann waren bewaffnet. Während die Austheilung fortgeſetzt wurde, ging ein Haufen von dieſer wüthenden Bevoͤlkerung in das Zimmer hinauf, wo die Wähler ihre Sitzungen hielten. Sie waren beſchäftigt, die Nationalgarde zu organi⸗ ſtren, von der der Rathsdiener ein Wort zu Billot geſagt hatte. Man hatte decretirt, dieſe Miliz ſollte achtundvierzigtauſend Mann ſtark werden. Dieſe Miliz beſtand bis jetzt nur im Decret, und ſchon ſtritt man ſich über die Ernennung des Generals. Mitten unter eſ Verhandlung beſtürmte das Volk das Stadthaus Es hatte ſich ganz allein or⸗ ganiſirt. Es verlangte zu marſchiren, und es fehlte ihm nur an Waffen. In dieſem Augenblick hörte man das Geräuſch eines Wagens, der hereinfuhr. Es war der Stadtvogt, welchen man, obgleich er den Befehl des Königs, der ihn nach Verſailles berief, vorgezeigt, nicht hatte wollen paſſiren laſſen und mit Gewalt nach dem Stadthauſe zurückbrachte. „Waffen! Waffen!“ rief man von allen Seiten, als man ihn erblickte. 13* 194 ſo möͤchte ich nicht gern Spritzer bekommen. Aus dem Bereiche, Labrie, aus dem Bereiche!“ Der Wagen rollte unter das Gewölbe und erſchien auf dem Platz, wo vier⸗ bis fünftauſend Menſchen murrten und tobten. Fleſſelles befürchtete, man würde ſeinen Abgang, der ebenſo wohl auch eine Flucht ſein konnte, übel deuten. Er legte ſich mit dem halben Leib über den Wagen⸗ ſchlag hinaus und rief dem Kutſcher zu: „Zur Nationalverſammlung!“ Was ihm von Seiten der Menge eine coloſſale Salve von Beifallsgeſchrei eintrug. Marat und Billot waren auf dem Balcon und hatten die letzten Worte von Fleſſelles gehört. „Meinen Kopf gegen den ſeinigen, er geht nicht zndi⸗ Mationalverſammlung, ſondern zum König,“ ſagte arat. „Soll ich ihn verhaften laſſen?“ fragte Billot. „Nein,“ erwiederte Marat mit ſeinem häßlichen Lächeln.„Seien Sie unbeſorgt, ſo ſchnell er auch gehen mag, wir werden noch ſchneller gehen, als er. Nun zum Pulver!“ „Ja, zum Pulver!“ ſagte Billot. Hierauf gingen Beide, gefolgt von Pitou, hinab. XV.. Herr de Launay, Gouverneur der Baſtille. Es waren, wie Herr von Fleſſelles geſagt hatte, Lchehf Centner Pulver in den Gewölben des Stadt⸗ auſes. Marat und Billot traten in das erſte Gewölbe mit einer Laterne ein, die ſte an der Decke aufhingen. Pitou bezog die Wache vor der Thüre. Das „Waffen,“ ſagte er,„ich habe keine, doch im Ar⸗ ſenal muß es geben.“ „Nach dem Arſenal! nach dem Arſenal!“ rief die enge. Und fünf⸗ bis ſechstauſend Menſchen ſtürzten nach dem Quai de la Grsve. Das Arſenal war leer. Sie kehrten um und brüllten:. „Nach dem Stadthaus!“ Der Stadtvogt beſaß keine Waffen oder wollte vielmehr keine geben. Durch das Voilk bedrängt, hatte er den Gedanken, ſie zu den Chartreur zu ſchicken. Die Chartreur öffneten ihre Thore; man ſuchte überall, fand aber keine Taſchenpiſtole. Während dieſer Zeit machte Fleſſelles, als er er⸗ fuhr, Billot und Marat ſeien noch in den Gewölben des Stadthauſes und theilen das Pulver aus, den Vorſchlag, eine Deputation von Wählern an Herrn de Launah zu ſchicken und bei ihm darauf anzutragen, daß er ſeine Kanonen verſchwinden laſſe. Was am Tage zuvor die Menge am Grauſamſten brüllen gemacht hatte, waren die Kanonen, welche ihren Hals durch die Zinnen hervorſtreckten. Fleſſelles hoffte, wenn man ſie verſchwinden laſſe, ſo werde ſich das Volk mit dieſer Einräumung begnügen und ſich zu⸗ frieden zurückziehen. Die Deputation war eben abgegangen, als das Völk wüthend zurückkehrte. Als Billot und Marat die Schreie vernahmen, die es ausſtieß, gingen ſie in den Hof hinauf. Fleſſelles ſuchte von einem inneren Balcon herab das Volt zu beſchwichtigen. Er ſchlug ein Decret vor, das die Diſtriete ermächtigen ſollte, fünfzigtauſend Piken ſchmieden zu laſſen. Das Volk war bereit, dies anzunehmen. „Dieſer Menſch verräth offenbar,“ ſagte Marat. Dann wandte er ſich gegen Billot und ſprach: „Thun Sie in der Baſtille, was Sie dort zu thun — all Le un 195 Pulver war in Fäßchen, von denen jedes ungefähr fünf⸗ undzwanzig Pfund enthielt. Man ſtellte Leute auf der Treppe auf. Dieſe Leute bildeten eine Kette, und man begann den Transport der Fäßchen. Es fand einen Augenblick eine Verwirrung ſtatt. Man wußte nicht, ob Pulver für alles Volk da war, und Jeder ſtürzte hinzu, um ſeinen Theil zu nehmen. Den von Billot ernannten Chefs gelang es jedoch, ſich Gehör zu verſchaffen, und die Vertheilung nahm ihren Fortgang mit einer gewiſſen Ordnung. Jeder Bürger bekam ein halbes Pfund Pulver, ungefähr alſo hinreichend für dreißig bis vierzig Schuͤſſe. Als Jeder das Pulver hatte, bemerkte man, daß die Flinten fehlten: kaum fünfhundert Mann waren bewaffnet. Während die Austheilung fortgeſetzt wurde, ging ein Haufen von dieſer wüthenden Bevölkerung in das Zimmer hinauf, wo die Wähler ihre Sitzungen hielten. Sie waren beſchäftigt, die Nationalgarde zu organi⸗ ſiren, von der der Rathsdiener ein Wort zu Billot geſagt hatte. Man hatte decretirt, dieſe Miliz ſollte achtundvierzigtauſend Mann ſtark werden. Dieſe Miliz beſtand bis jetzt nur im Decret, und ſchon ſtritt man ſich über die Ernennung des Generals. Mitten unter dieſer Verhandlung beſtürmte das Volk das Stadthaus. Es hatte ſich ganz allein or⸗ ganiſirt. Es verlangte zu marſchiren, und es fehlte ihm nur an Waffen. In dieſem Augenblick hörte man das Geräuſch eines Wagens, der hereinfuhr. Es war der Stadtvogt, welchen man, obgleich er den Befehl des Königs, der ihn nach Verſailles berief, vorgezeigt, nicht hatte wollen paſſiren laſſen und mit Gewalt nach dem Stadthauſe zurückbrachte. „Waffen! Waffen!“ rief man von allen Seiten, als man ihn erblickte. 13* te tte te er⸗ en en en, ten te, s zu⸗ die rab or, end — 197 haben. In einer Stunde ſchicke ich Ihnen dahin zwan⸗ zigtauſend Mann, jeden mit einem Gewehr.“ Billot hatte mit dem erſten Blick großes Zutrauen zu dieſem Manne gefaßt, deſſen Name ſchon ſo populär war, daß er bis zu ihm gedrungen. Er fragte ihn nicht einmal, wie er ſich dieſelben zu verſchaffen ge⸗ denke. Ein Abbé war da, der die allgemeine Begei⸗ ſterung theilte und wie alle Welt: Nach der Baſtille! ſchrie. Billot liebte die Abbés nicht; doch dieſer ge⸗ fiel ihm. Er beauftragte ihn, die Austheilung fortzu⸗ ſetzen; der wackere Abbé willigte ein. Da ſtellte ſich Marat auf einen Weichſtein. Es fand ein entſetzlicher Tumult ſtatt. „Stille,“ ſagte er,„ich bin Marat und will ſprechen. Jeder ſchwieg wie durch einen Zauber, und Aller Augen wandten ſich nach dem Redner. „Wollt Ihr Waffen?“ ſagte er. „Ja! ja!“ antworteten Tauſende von Stimmen. „Um die Baſtille zu nehmen?“ „Ja! ja! ja!“ „Wohl! ſo kommt mit mir, und Ihr ſollt haben.“ „Wo dies?“ „Im Invalidenhauſe ſind zwanzigtauſend Flinten. Zu den Invaliden!“. „Zu den Invaliden! zu den Invaliden!“ riefen alle Stimmen. „Nun, werden Sie nach der Baſtille gehen?“ ſagte Marat zu Billot, der Piton gerufen hatte. „Ja.“ „Warten Sie. Sie können vor der Ankunft meiner Leute der Hülfe bedürfen.“ „In der That, das iſt möglich,“ erwiederte Billot. Marat riß ein Blatt aus einer kleinen Brieftaſche und ſchrieb mit Bleiſtift die zwei Worte: Von Marat. Dann fügte er auf dem Papier ein Zeichen bei. 196 „Waffen,“ ſagte er,„ich habe keine, doch im Ar⸗ ſenal muß es geben.“ „Nach dem Arſenal! nach dem Arſenal!“ rief die Menge. Und fünf⸗ bis ſechstauſend Menſchen ſtürzten nach dem Quai de la Grève. Das Arſenal war leer. Sie kehrten um und brüllten: „Nach dem Stadthaus!“ Der Stadtvogt beſaß keine Waffen oder wollte vielmehr keine geben. Durch das Volk bedrängt, hatte er den Gedanken, ſte zu den Chartreur zu ſchicken. Die Chartreur öffneten ihre Thore; man ſuchte überall, fand aber keine Taſchenpiſtole. Während dieſer Zeit machte Fleſſelles, als er er⸗ fuhr, Billot und Marat ſeien noch in den Gewölben des Stadthauſes und theilen das Pulver aus, den Vorſchlag, eine Deputation von Wählern an Herrn de Launay zu ſchicken und bei ihm darauf anzutragen, daß er ſeine Kanonen verſchwinden laſſe. Was am Tage zuvor die Menge am Grauſamſten brüllen gemacht hatte, waren die Kanonen, welche ihren Hals durch die Zinnen hervorſtreckten. Fleſſelles hoffte, wenn man ſie verſchwinden laſſe, ſo werde ſich das Volk mit dieſer Einräumung begnügen und ſich zu⸗ frieden zurückziehen. Die Deputation war eben abgegangen, als das Völk wüthend zurückkehrte. Als Billot und Marat die Schreie vernahmen, die es ausſtieß, gingen ſie in den Hof hinauf. Fleſſelles ſuchte von einem inneren Balcon herab das Volk zu beſchwichtigen. Er ſchlug ein Deecret vor, das die Diſtriecte ermächtigen ſollte, fünfzigtauſend Piken ſchmieden zu laſſen. Das Volk war bereit, dies anzunehmen. „Dieſer Menſch verräth offenbar,“ ſagte Marat. Dann wandte er ſich gegen Billot und ſprach: „Thun Sie in der Baſtille, was Sie dort zu thun — „ 198 „Nun!“ fragte Billot,„was ſoll ich mit dieſem Zettel machen, da weder der Name, noch die Adreſſe desjenigen, welchem ich es übergeben ſoll, darauf ſteht?“ „Was die Adreſſe betrifft, ſo hat der, an welchen ich Sie empfehle, keine; was ſeinen Namen betrifft.. er iſt wohlbekannt. Fragen Sie den erſten, den beſten Arbeiter, dem Sie begegnen, nach Gonchon, dem Mirabeau des Volkes.“ xit„Gonchon, Du wirſt Dich dieſes Namens erinnern, itou.“ „Goncho oder Gonchonius,“ ſagte Pitou,„ich werde mich erinnern.“ „Zu den Invaliden! zu den Invaliden!“ brüllten die Stimmen mit wachſender Wildheit. „Vorwärts!“ ſprach Marat zu Billot,„und der Genius der Freiheit gehe Dir voran.“ „Zu den Invaliden!“ rief nun Marat ſelbſt. ünd er zog, von mehr als zwanzigtauſend Men⸗ ſchen gefolgt, den Quai de Gevres hinab. Billot nahm in ſeinem Gefolge fünf bis ſechs⸗ mit. Das waren diejenigen, welche Gewehre atten. In dem Augenblick, wo der Eine am Fluß abwärts zog, während der Andere gegen das Boulevard hinauf⸗ ſtieg, ſtellte ſich der Stadkvogt an ein Fenſter und ſprach: „Meine Freunde, warum ſehe ich an Euren Hüten die grüne Cocarde?“ Das war das Lindenblatt von Camille Desmoulins, das Viele aufgeſteckt hatten, weil ſie es Andere auf⸗ ſtecken ſahen, doch ohne nur zu wiſſen, was ſie thaten. „Hoffnung! Hoffnung!“ riefen einige Stimmen. „Ja; doch die Farbe der Hoffnung iſt zugleich die des Grafen d'Artois. Wollt Ihr das Ausſehen haben, als träget Ihr die Livree eines Prinzen?“ „Rein, nein,“ riefen im Chor alle Stimmen und die von Billot über allen. 197 haben. In einer Stunde ſchicke ich Ihnen dahin zwan⸗ zigtauſend Mann, jeden mit einem Gewehr.“ Billot hatte mit dem erſten Blick großes Zutrauen zu dieſem Manne gefaßt, deſſen Name ſchon ſo populär war, daß er bis zu ihm gedrungen. Er fragte ihn nicht einmal, wie er ſich dieſelben zu verſchaffen ge⸗ denke. Ein Abbé war da, der die allgemeine Begei⸗ ſterung theilte und wie alle Welt: Nach der Baſtille! ſchrie. Billot liebte die Abbés nicht; doch dieſer ge⸗ fiel ihm. Er beauftragte ihn, die Austheilung fortzu⸗ ſetzen; der wackere Abbé willigte ein. Da ſtellte ſich Marat auf einen Weichſtein. Es fand ein entſetzlicher Tumult ſtatt. „Stille,“ ſagte er,„ich bin Marat und will ſprechen. Jeder ſchwieg wie durch einen Zauber, und Aller Augen wandten ſich nach dem Redner. „Wollt Ihr Waffen?“ ſagte er. „Jal ja!“ antworteten Tauſende von Stimmen. „Um die Baſtille zu nehmen?“ „Ja! jal ja!“ „Wohl! ſo kommt mit mir, und Ihr ſollt haben.“ „Wo dies?“ „Im Invalidenhauſe ſind zwanzigtauſend Flinten. Zu den Invaliden!“ „Zu den Invaliden! zu den Invaliden!“ riefen alle Stimmen. „Nun, werden Sie nach der Baſtille gehen?“ ſagte Marat zu Billot, der Pitou gerufen hatte. „Ja.“ „Warten Sie. Sie können vor der Ankunft meiner Leute der Hülfe bedürfen.“ „In der That, das iſt möglich,“ erwiederte Billot. Marat riß ein Blatt aus einer kleinen Brieftaſche und ſchrieb mit Bleiſtift die zwei Worte: Von Marat. 6 Dann fügte er auf dem Papier ein Zeichen bei. 199 „Nun denn! ſo wechſelt dieſe Coearde, und wenn Ihr eine Livree tragen wollt, ſo ſei es wenigſtens die der Stadt Paris, der Mutter von uns Allen— Blau und Roth, Freunde, Blau und Roth.“*) „Ja, ja,“ riefen alle Stimmen,„Blau und Roth.“ Bei dieſen Worten tritt jeder ſeine grüne Cocarde mit den Füßen, Jeder verlangt Bänder; da öffnen ſich wie durch einen Zauber die Fenſter, und es regnet rothe und blaue Bänder in Strömen. Die Schürzen, die ſeidenen Kleider, die Hals⸗ tücher, die Vorhänge werden zerſtückt und in Fetzen zerriſſen; ihre Fragmente bilden ſich zu Knoten, zu zu Schärpen. Jeder nimmt ſeinen Theil avon. Wonach das kleine Heer von Billot ſich wieder in Marſch ſetzte. Unter Weges rekrutirte es ſich: alle Arterien des Faubourg Saint⸗Antvine ſchickten ihm, als es vorüber marſchirte, zu, was ſie Heißeſtes und Lebhafteſtes an Volksblut hatten. Man gelangte in ziemlich guter Ordnung zur Höhe der Rue Lesdiguieres, wo ſchon eine Maſſe von Reu⸗ gierigen, die Einen ſchüchtern, die Andern ruhig, wieder Andere übermüthig, die von einer glühenden Sonne verzehrten Thürme der Baſtille anſchauten. Die Ankunft der Trommler des Volks vom Fau⸗ bourg Saint⸗Antoine her; Die Ankunft von hundert franzöſiſchen Garden vom Boulevard; Die Ankunft von Billot und ſeinem Haufen, der *) Später machte Lafayette die Bemerkung, Blau und Roth ſeien auch die Farbe des Hauſes Orleans, und fügte die weiße Farbe bei, indem er zu denen, welche ſie annahmen, ſagte:„Ich gebe Euch eine Cocarde, welche die Reiſe um die Welt machen wird.“ 198 „Nun!“ fragte Billot,„was ſoll ich mit dieſem Zettel machen, da weder der Name, noch die Adreſſe desjenigen, welchem ich es übergeben ſoll, darauf ſteht?“ „Was die Adreſſe betrifft, ſo hat der, an welchen ich Sie empfehle, keine; was ſeinen Namen betrifft... er iſt wohlbekannt. Fragen Sie den erſten, den beſten Arbeiter, dem Sie begegnen, nach Gonchon, dem Mirabeau des Volkes.“ Pit„Gonchon, Du wirſt Dich dieſes Namens erinnern, iton.“ „Goncho oder Gonchonius,“ ſagte Pitou,„ich werde mich erinnern.“ „Zu den Invaliden! zu den Invaliden!“ brüllten die Stimmen mit wachſender Wildheit. „Vorwärts!“ ſprach Marat zu Billot,„und der Genius der Freiheit gehe Dir voran.“ „Zu den Invaliden!“ rief nun Marat ſelbſt. Und er zog, von mehr als zwanzigtauſend Men⸗ ſchen gefolgt, den Quai de Gèvres hinab. Billot nahm in ſeinem Gefolge fuͤnf bis ſechs⸗ hundert mit. Das waren diejenigen, welche Gewehre atten. 4 In dem Augenblick, wo der Eine am Fluß abwärts zog, während der Andere gegen das Boulevard hinauf⸗ ſie⸗ ſtellte ſich der Stadtvogt an ein Fenſter und rach: 1„Meine Freunde, warum ſehe ich an Euren Hüten die grüne Cocarde?“ Das war das Lindenblatt von Camille Desmoulins, das Viele aufgeſteckt hatten, weil ſie es Andere auf⸗ ſtecken ſahen, doch ohne nur zu wiſſen, was ſie thaten. „Hoffnung! Hoffnung!“ riefen einige Stimmen. „Ja; doch die Farbe der Hoffnung iſt zugleich die des Grafen d'Artois. Wollt Ihr das Ausſehen haben, als träget Ihr die Livree eines Prinzen?“ „Nein, nein,“ riefen im Chor alle Stimmen und die von Billot über allen. —,—— 200 nun aus tauſend bis zwölfhundert Mann beſtehen mochte, veränderten ſogleich den Charakter und den Anblick der Menge: die Schüchternen faßten ein Herz, die Ruhigen begeiſterten ſich, die nebermüthigen fingen an zu drohen. „Nieder mit den Kanonen! nieder mit den Ka⸗ nonen!“ ſchrieen zwanzigtauſend Stimmen, mit der Fauſt die ſchweren Geſchütze bedrohend, welche ihre ehernen Hälſe durch die Schießſcharten der Platt⸗ formen ſtreckten. Gerade in dieſem Augenblick, und als ob der Gouverneur der Feſtung den Aufforderungen der Menge gehorchte, traten die Artilleriſten zu den Kanonen, und dieſe wichen zurück, bis ſie völlig verſchwunden waren. Die Menge klatſchte in die Hände, ſie war alſo eine Macht, da man ihren Drohungen nachgab. Die Schildwachen gingen jedoch fortwährend auf den Flattformen auf und ab. Ein Invalide kreuzte einen Schweizer. Nachdem man gerufen hatte;„Nieder mit den Kanonen!“ rief man:„Nieder mit den Schweizern!“ Das war die Fortſetzung des Rufes vom vorhergehen⸗ den Tag:„Nieder mit den Deutſchen!“ Doch die Schweizer kreuzten nichtsdeſtoweniger die Invaliden. Einer von denjenigen, welche: Nieder mit den Schweizern! riefen, wurde ungeduldig; er hatte eine ſu in der Hand, legte auf die Schildwache an und euerte. Die Kugel ſchlug an die graue Mauer der Baſtille, einen Fuß unter dem Kranze des Thurmes, gerade vor der Stelle, wo die Schildwache vorüberging. Der Ort, wo die Kugel eingeſchlagen hatte, erſchien wie ein weißer Punkt, doch die Schildwache blieb nicht ſtehen, wandte nicht einmal den Kopf um. Ein großer Tumult entſtand um den Mann, der das Signal zu einem unerhörten, wahnſinnigen An⸗ —— cS S———r— — ſ ——— — 199 „Nun denn! ſo wechſelt dieſe Cocarde, und wenn Ihr eine Livree tragen wollt, ſo ſei es wenigſtens die der Stadt Paris, der Mutter von uns Allen— Blau und Roth, Freunde, Blau und Roth.“* „Ja, ja,“ riefen alle Stimmen,„Blau und Roth.“ Bei dieſen Worten tritt jeder ſeine grüne Cocarde mit den Füßen, Jeder verlangt Bänder; da öffnen ſich wie durch einen Zauber die Fenſter, und es regnet rothe und blaue Bänder in Strömen. Die Schürzen, die ſeidenen Kleider, die Hals⸗ tücher, die Vorhänge werden zerſtückt und in Fetzen zerriſſen; ihre Fragmente bilden ſich zu Knoten, zu Roſetten, zu Schärpen. Jeder nimmt ſeinen Theil davon. Wonach das kleine Heer von Billot ſich wieder in Marſch ſetzte.. Unter Weges rekrutirte es ſich: alle Arterien des Faubourg Saint⸗Antoine ſchickten ihm, als es vorüber marſchirte, zu, was ſie Heißeſtes und Lebhafteſtes an Volksblut hatten. Man gelangte in ziemlich guter Ordnung zur Höhe der Rue Lesdiguières, wo ſchon eine Maſſe von Neu⸗ gierigen, die Einen ſchüchtern, die Andern ruhig, wieder Andere übermüthig, die von einer glühenden Sonne verzehrten Thürme der Baſtille anſchauten. Die Ankunft der Trommler des Volks vom Fau⸗ bourg Saint⸗Antoine her; Die Ankunft von hundert franzöſiſchen Garden vom Boulevard; Die Ankunft von Billot und ſeinem Haufen, der *) Später machte Lafayette die Bemerkung, Blau und Roth ſeien auch die Farbe des Hauſes Orleans, und fügte die weiße Farbe bei, indem er zu denen, welche ſte annahmen, ſagte:„Ich gebe Euch eine Cocarde, welche die Reiſe um die Welt machen wird.“ re er ge nd n. ſo uf zte en “ n⸗ die den ine ind lle, vor rt, ein en, der An⸗ 201 griff gegeben hatte. Es waltete mehr Schrecken, als Wuth bei dieſem Tumulte ob. Viele begriffen nicht, daß es nicht ein mit dem Tode zu beſtrafendes Verbrechen war, einen Schuß nach der Baſtille zu thun. Billot betrachtete dieſe grünliche, jenen fabelhaften Ungeheuern, die das Alterthum uns mit Schuppen be⸗ deckt zeigt, ähnliche Maſſe. Er zählte die Schieß⸗ ſcharten, wo die Kanonen jeden Augenblick wieder ihre Plätze einnehmen konnten; er zählte die Wallbüchſen, die ihr finſteres Auge aufthaten, um durch die Oeffnun⸗ gen hinauszuſchauen. Und Billot ſchüttelte, ſich der Worte von Fleſſelles erinnernd, den Kopf. „Wir werden nie dazu gelangen,“ murmelte er. „Und warum werden wir nie dazu gelangen?“ ſagte eine Stimme hinter ihm. Billot ſah einen in Lumpen gekleideten Mann mit grimmiger Miene, der ſeine Augen wie zwei Sterne funkeln ließ. „Weil es mir unmöglich ſcheint, eine ſolche Maſſe mit Gewalt zu nehmen.“ „Die Einnahme der Baſtille iſt keine Kriegsthat, i iſt ein Act des Vertrauens; glaube, und Du wirſt egen.“ „Geduld,“ ſagte Billot, während er ſeinen Einlaß⸗ ſchein in ſeiner Taſche ſuchte,„Geduld!“ Der Unbekannte täuſchte ſich in ſeiner Abſicht. „Geduld!“ erwiederte er.„Ja, ich verſtehe, Du biſt fett; Du haſt das Ausſehen eines Pächters.“ „Ich bin in der That einer.“ „Dann begreife ich, daß Du ſagſt, Geduld. Du biſt immer gut genährt geweſen; doch betrachte ein wenig hinter Dir alle dieſe Geſpenſter, die uns um⸗ geben; ſieh ihre vertrockneten Adern; zähle ihre Kno⸗ chen durch die Löcher ihrer Kleider und frage ſie, ob ſie das Wort Geduld begreifen.“ 200 nun aus tauſend bis zwölfhundert Mann beſtehen mochte, veränderten ſogleich den Charakter und den Anblick der Menge: die Schüchternen faßten ein Herz, die Ruhigen begeiſterten ſich, die Uebermüthigen fingen an zu drohen. „Nieder mit den Kanonen! nieder mit den Ka⸗ nonen!“ ſchrieen zwanzigtauſend Stimmen, mit der Fauſt die ſchweren Geſchütze bedrohend, welche ihre ehernen Hälſe durch die Schießſcharten der Platt⸗ formen ſtreckten.. Gerade in dieſem Augenblick, und als ob der Gouverneur der Feſtung den Aufforderungen der Menge gehorchte, traten die Artilleriſten zu den Kanonen, und dieſe wichen zurück, bis ſie völlig verſchwunden waren. — Die Menge klatſchte in die Hände, ſie war alſo eine Macht, da man ihren Drohungen nachgab. Die Schildwachen gingen jedoch fortwährend auf den Plattformen auf und ab. Ein Invalide kreuzte einen Schweizer. Nachdem man gerufen hatte:„Nieder mit den Kanonen!“ rief man:„Nieder mit den Schweizern!“ Das war die Fortſetzung des Rufes vom vorhergehen⸗ den Tag:„Nieder mit den Deutſchen!“ Doch die Schweizer kreuzten nichtsdeſtoweniger die Invaliden. Einer von denjenigen, welche: Nieder mit den Schweizern! riefen, wurde ungeduldig; er hatte eine Plht⸗ in der Hand, legte auf die Schildwache an und euerte. Die Kugel ſchlug an die graue Mauer der Baſtille, einen Fuß unter dem Kranze des Thurmes, gerade vor der Stelle, wo die Schildwache vorüberging. Der Ort, wo die Kugel eingeſchlagen hatte, erſchien wie ein weißer Punkt, doch die Schildwache blieb nicht ſtehen, wandte nicht einmal den Kopf um. Ein großer Tumult entſtand um den Mann, der das Signal zu einem unerhörten, wahnſinnigen An⸗ ——, ͤ 202 „Das iſt Einer, der ſehr gut ſpricht, doch er macht mir bange,“ ſagte Pitou. „Mir macht er nicht bange,“ erwiederte Billot. er wandte ſich an den Unbekannten und ſprach zu ihm: „Ja, Geduld, doch nur noch eine Viertelſtunde.“ „Ah! ah!“ rief der Mann lächelnd;„eine Viertel⸗ ſtunde! das iſt in der That nicht zu viel! und was wirſt Du bis in einer Viertelſtunde thun?“ „Ich werde die Baſtille veſucht haben; ich werde die Stärke der Garniſon kennen, ich werde die Ab⸗ ſichten des Gouverneur kennen. Ich werde endlich wiſſen, wo man hinein kommt.“ „Ja, wenn Du weißt, wo man heraus kommt.“ „Nun! wenn ich nicht herauskomme, ſo wird mich ein Mann herausbringen.“ „Und wer iſt dieſer Mann?“ „Gonchon, der Mirabeau des Volks.“ Der Unbekannte bebte; ſeine Augen ſchleuderten zwei Flammen. „Kennſt Du ihn?“ fragte er. „ „Nun?“ „Ich werde ihn kennen lernen; denn man hat mir geſagt, die erſte Perſon, an die ich mich auf dem Platze der Baſtille wende, werde mich zu ihm führen. Du biſt auf dem Platze der Baſtille, führe mich zu ihm.“ „Was willſt Du von ihm?“ „Ihm dieſes Papier übergeben.“ „Von wem iſt es?“ „Von Marat, dem Arzte. 7 In Stadthauſe.“ „Was macht er?“ Ich habe ihn ſo eben verlaſſen.“ Wo?“ Von Marat! Du kennſt Marat?“ rief der Mann. —— —— 1—— —— 201 griff gegeben hatte. Es waltete mehr Schrecken, als Wuth bei dieſem Tumulte ob. Viele begriffen nicht, daß es nicht ein mit dem Tode zu beſtrafendes Verbrechen war, einen Schuß nach der Baſtille zu thun. Billot betrachtete dieſe grünliche, jenen fabelhaften Ungeheuern, die das Alterthum uns mit Schuppen be⸗ deckt zeigt, ähnliche Maſſe. Er zählte die Schieß⸗ ſcharten, wo die Kanonen jeden Augenblick wieder ihre Plätze einnehmen konnten; er zählte die Wallbüchſen, die ihr finſteres Auge aufthaten, um durch die Oeffnun⸗ gen hinauszuſchauen. Und Billot ſchüttelte, ſich der Worte von Fleſſelles erinnernd, den Kopf. „Wir werden nie dazu gelangen,“ murmelte er. „Und warum werden wir nie dazu gelangen?“ ſagte eine Stimme hinter ihm. Billot ſah einen in Lumpen gekleideten Mann mit grimmiger Miene, der ſeine Augen wie zwei Sterne funkeln ließ. „Weil es mir unmöglich ſcheint, eine ſolche Maſſe mit Gewalt zu nehmen.“ „Die Einnahme der Baſtille iſt keine Kriegsthat, 5 iſt ein Aet des Vertrauens; glaube, und Du wirſt egen.“ „Geduld,“ ſagte Billot, während er ſeinen Einlaß⸗ ſchein in ſeiner Taſche ſuchte,„Geduld!“ Der Unbekannte täuſchte ſich in ſeiner Abſicht. „Geduld!“ erwiederte er.„Ja, ich verſtehe, Du biſt fett; Du haſt das Ausſehen eines Pächters.“ „Ich bin in der That einer.“ „Dann begreife ich, daß Du ſagſt, Geduld. Du biſt immer gut genährt geweſen; doch betrachte ein wenig hinter Dir alle dieſe Geſpenſter, die uns um⸗ geben; ſieh ihre vertrockneten Adern; zähle ihre Kno⸗ chen durch die Löcher ihrer Kleider und frage ſie, ob ſie das Wort Geduld begreifen.“ S. de b⸗ nir tze iſt nn. 203 „Er iſt nach dem Invalidenhauſe gezogen, um zwanzigtauſend Menſchen zu bewaffnen.“ „Dann gib mir dieſes Papier. Ich bin Gonchon.“ Billot wich einen Schritt zurück. „Du biſt Gonchon?“ fragte er. „Freunde,“ ſprach der Mann in Lumpen,„hier iſt Einer, der mich nicht kennt und mich fragt, ob ich wirklich Gonchon ſei.“ Die Menge ſchlug ein Gelächter auf; allen dieſen Menſchen dünkte es unmöglich, daß man ihren Lieb⸗ lingsredner nicht kenne. „Es lebe Gonchon!“ riefen zwei bis dreitauſend Stimmen. „Hier,“ ſagte Billot, indem er ihm das Papier reichte. „Freunde,“ ſprach Gonchon, nachdem er geleſen, und er klopfte Billot auf die Schulter,„das iſt ein Bruder; Marat empfiehlt ihn mir. Man kann alſo auf ihn rechnen. Wie heißeſt Du?“ „Ich heiße Billot.“ „Und ich,“ ſagte Gonchon,„ich heiße Hache, und wir Beide werden hoffentlich etwas machen.“ Die Menge lächette bei dem blutigen Wortſpiel.*) „Ja, ja, wir werden etwas machen!“ ſagte ſie. „Nun! was werden wir machen?“ fragten einige Stimmen. „Ei! bei Gott, wir werden die Baſtille nehmen,“ antwortete Gonchon. „Gut, gut!“ rief Billot,„das heiße ich ſprechen. Sie braver Gonchon, über wie viel Leute verfügſt u?“ „Ungefähr über dreißigtauſend.“ „Dreißigtauſend, über die Du verfügſt, zwanzig⸗ tauſend, die vom Invalidenhauſe zu uns kommen wer⸗ den, und zehnrauſend, die ſchon hier ſind, das iſt mehr, als wir brauchen, um zu fiegen, oder wir ſiegen nie.“ *) Billot, Block; Hache, Beil. 202 „Das iſt Einer, der ſehr gut ſpricht, doch er macht mir bange,“ ſagte Pitou. „Mir macht er nicht bange,“ erwiederte Billot. Iui er wandte ſich an den Unbekannten und ſprach zu ihm: „Ja, Geduld, doch nur noch eine Viertelſtunde.“ „Ah! ahl“ rief der Mann lächelnd;„eine Viertel⸗ ſtunde! das iſt in der That nicht zu viel! und was wirſt Du bis in einer Viertelſtunde thun?“ „Ich werde die Baſtille beſucht haben; ich werde die Stärke der Garniſon kennen, ich werde die Ab⸗ ſichten des Gouverneur kennen. Ich werde endlich wiſſen, wo man hinein kommt.“ „Ja, wenn Du weißt, wo man heraus kommt.“ „Nun! wenn ich nicht herauskomme, ſo wird mich ein Mann herausbringen.“ „Und wer iſt dieſer Mann?“ „Gonchon, der Mirabeau des Volks.“ Der Unbekannte bebte; ſeine Augen ſchleuderten zwei Flammen. „Kennſt Du ihn?“ fragte er. Nein.“ „. „Nun? „Ich werde ihn kennen lernen; denn man hat mir geſagt, die erſte Perſon, an die ich mich auf dem Plabi der Baſtille wende, werde mich zu ihm fuͤhren. Du biſt auf dem Platze der Baſtille, führe mich zu ihm.“ „Was willſt Du von ihm?“ „Ihm dieſes Papier übergeben.“ „Von wem iſt es?“ „Von Marat, dem Arzte.“ „Von Marat! Du kennſt Marat?“ rief der Mann. „30 habe ihn ſo eben verlaſſen.“ 0 44 „Im Stadthauſe.“ „Was macht er?“ 204 „Ich glaube es. Wohl denn! ſammle Deine drei⸗ ßigtaufend Mann; ich gehe zum Gouverneur hinein und fordere ihn auf, ſich zu ergeben; ergibt er ſich deſto beſſer, wir werden Blut erſparen; ergibt er ſich nicht, ſo wird das vergoſſene Blut auf ihn fallen, und in den gegenwärtigen Zeitläuften bringt das für eine ungerechte Sache vergoſſene Blut Unglück. Fragt das die Deutſchen!“ „Wie lange wirſt Du beim Gouverneur bleiben?“ „So lange, als ich kann, bis die Baſtille gänzlich eingeſchloſſen iſt; wenn das möglich iſt, ſo wird der Angriff beginnen, ſobald ich herauskomme.“ „Abgemacht.“ „Du mißtrauſt mir nicht?“ fragte Billot Gonchon, indem er ihm die Hand reichte. „Ich?“ erwiederte Gonchon mit einem verächt⸗ lichen Lächeln, indem er die Hand, die ihm der robuſte Pächter reichte, mit einer Stärke drückte, welche man bei einem ſo abgezehrten, fleiſchloſen Körper zu finden nicht erwartet hätte.„Ich Dir mißtrauen? Und warum? Wenn ich will, laſſe ich Dich auf ein Wort, auf ein Zeichen von mir wie Glas zerſtoßen, und wäreſt Du unter dem ſchützenden Obdach dieſer Thürme, welche morgen nicht mehr exiſtiren werden; wäreſt Du durch dieſe Soldaten beſchützt, welche heute Abend für uns ſein oder zu leben aufgehört haben werden. Gehe alſo und rechne auf Gonchon, wie er auf Billot rechnet.“ Billot war überzeugt und ſchritt auf den Eingang der Baſtille zu, während der Andere unter dem tau⸗ ſendmal wiederholten Rufe: Es lebe Gonchon! es lebe ie Winbs des Volks! in die Tiefe des Faubourg eilte. „Ich weiß nicht, wie der Mirabeau der Adeligen iſt,“ fagle Pitou zum Vater Billot,„doch den unſeren finde ich ſehr häßlich.“ 1 — ——„ — S S—„— 0 nn. 203 „Er iſt nach dem Invalidenhauſe gezogen, um zwanzigtauſend Menſchen zu bewaffnen.“ „Dann gib mir dieſes Papier. Ich bin Gonchon.“ Billot wich einen Schritt zurück. „Du biſt Gonchon?“ fragte er. „Freunde,“ ſprach der Mann in Lumpen,„hier iſt Einer, der mich nicht kennt und mich fragt, ob ich wirklich Gonchon ſei.“ Die Menge ſchlug ein Gelächter auf; allen dieſen Menſchen dünkte es unmöglich, daß man ihren Lieb⸗ lingsredner nicht kenne. „Es lebe Gonchon!“ riefen zwei bis dreitauſend Stimmen. „Hier,“ ſagte Billot, indem er ihm das Papier reichte. „Freunde,“ ſprach Gonchon, nachdem er geleſen, und er klopfte Billot auf die Schulter,„das iſt ein Bruder; Marat empfiehlt ihn mir. Man kann alſo auf ihn rechnen. Wie heißeſt Du?“ „Ich heiße Billot.“ „Und ich,“ ſagte Gonchon,„ich heiße Hache, und wir Beide werden hoffentlich etwas machen.“ Die Menge lächelte bei dem blutigen Wortſpiel.*) „Ja, ja, wir werden etwas machen!“ ſagte ſte. „Nun! was werden wir machen?“ fragten einige Stimmen. „Ei! bei Gott, wir werden die Baſtille nehmen,“ antwortete Gonchon. 3 „Gut, gut!“ rief Billot,„das heiße ich ſprechen. Hüre, braver Gonchon, über wie viel Leute verfügſt u?“ „Ungefähr über dreißigtauſend.“ „Dreißigtauſend, über die Du verfügſt, zwanzig⸗ tauſend, die vom Invalidenhauſe zu uns kommen wer⸗ den, und zehntauſend, die ſchon hier find, das iſt mehr, als wir brauchen, um zu ſiegen, oder wir ſiegen nie.“ *) Billot, Block; Hache, Beil. S SS — S* n, t⸗ te n en in n3 he 8 u⸗ be rg en 205 XVI. Die Baſtille und ihr Gouverneur. Wir beſchreiben die Baſtille nicht; das wäre etwas Unnützes. Sie lebt wie ein ewiges Bild zugleich im Gedächt⸗ niß der Greiſe und der Kinder. Wir erinnern nur daran, daß ſie, vom Boulevard aus geſehen, dem Platze der Baſtille zwei Zwillings⸗ thürme bot, während die zwei Seiten parallel mit den zwei Ufern des Kanals von heute liefen. Der Eingang der Baſtille war beſchützt einmal durch eine Hauptwache, ſodann durch zwei Linien von Schildwachen, und endlich durch zwei Zugbrücken. Nachdem man ſich durch die verſchiedenen Hinder⸗ niſſe durchgearbeitet hatte, kam man in den Hof des Gouverneument, wo der Gouverneur wohnte. Von dieſem Hofe führte eine Gallerie zu den Gräben der Baſtille. Bei dieſem andern Eingang, der auch an die Grä⸗ ben gränzte, fanden ſich eine Zugbrücke, eine Haupt⸗ wache und eine eiſerne Barriere. Beim erſten Eingang will man Billot anhalten; Billot zeigt aber ſeinen Einlaßſchein von Fleſſelles, und man läßt ihn paſſiren. Billot bemerkt nun, daß ihm Pitou folgt. Pitou hatte keine Initiative, doch auf den Ferſen des Päch⸗ ters wäre er bis in die Hölle hinab oder bis in den Mond hinauf geſtiegen. „Bleibe außen,“ ſagte Billot,„komme ich nicht heraus, ſo iſt es gut, wenn Einer da iſt, der vas Volk daran erinnert, daß ich eingetreten bin.“ „Das iſt richtig,“ erwiederte Piton;„nach wie viel Zeit ſoll ich es daran erinnern?“ 204 „Ich glaube es. Wohl denn! ſammle Deine drei⸗ ßigtauſend Mann; ich gehe zum Gouverneur hinein und fordere ihn auf, ſich zu ergeben; ergibt er ſich deſto beſſer, wir werden Blut erſparen; ergibt er ſich nicht, ſo wird das vergoſſene Blut auf ihn fallen, und in den gegenwärtigen Zeitläuften bringt das für eine ungerechte Sache vergoſſene Blut Unglück. Fragt das die Deutſchen!“ „Wie lange wirſt Du beim Gouverneur bleiben?“ „So lange, als ich kann, bis die Baſtille gänzlich eingeſchloſſen iſt; wenn das möglich iſt, ſo wird der Angriff beginnen, ſobald ich herauskomme.“ „Abgemacht.“ „Du mißtrauſt mir nicht?“ fragte Billot Gonchon, indem er ihm die Hand reichte. „Ich?“ erwiederte Gonchon mit einem verächt⸗ lichen Lächeln, indem er die Hand, die ihm der robuſte Pächter reichte, mit einer Stärke drückte, welche man bei einem ſo abgezehrten, fleiſchloſen Körper zu finden nicht erwartet haͤtte.„Ich Dir mißtrauen? Und warum? Wenn ich will, laſſe ich Dich auf ein Wort, auf ein Zeichen von mir wie Glas zerſtoßen, und wäreſt Du unter dem ſchützenden Obdach dieſer Thürme, welche morgen nicht mehr exiſtiren werden; wäreſt Du durch dieſe Soldaten beſchützt, welche heute Abend für uns ſein oder zu leben aufgehört haben werden. Gehe alſo und rechne auf Gonchon, wie er auf Billot rechnet.“ Billot war überzeugt und ſchritt auf den Eingang der Baſtille zu, während der Andere unter dem tau⸗ ſendmal wiederholten Rufe: Es lebe Gonchon! es lebe 3 Mirabeau des Volks! in die Tiefe des Faubourg eilte. „Ich weiß nicht, wie der Mirabeau der Adeligen iſt,“ ſagte Pitou zum Vater Billot,„doch den unſeren finde ich ſehr häßlich.“ V V 206 „Nach einer Stunde.“ „Und die Caſſette?“ fragte Pitou. „Ach! ja. Nun denni wenn ich nicht herauskäme, wenn Gonchon die Baſtille nicht nimmt, oder wenn man mich, nachdem er ſie genommen, nicht wiederfindet, ſo iſt dem Doctor, den man vielleicht finden wird, zu ſagen, Leute, welche von Paris gekommen, haben mir die Caſſette geſtohlen, die er mir vor fünf Jahren an⸗ vertraut; ich ſei ſogleich von Hauſe aufgebrochen, um ihn davon in Kenntniß zu ſetzen; bei meiner Ankunft in Paris habe ich erfahren, er ſei i habe die Baſtille nehmen wollen, meine Haut gelaſſen, die ganz zu weſen.“ „Gut, Vater Billot,“ ſagte Pitou;„nur iſt das ſehr lang, und ich befürchte, es zu verge en. „Was ich ſage?“ „Ja.“ „Ich will es Dir wiederholen.“ „Nein,“ ſprach eine Stimme in der Nähe von Billot,„ſchreiben iſt beſſer.“ „Ich kann nicht ſchreiben,“ entgegnete Billot. „Ich kann das, ich bin Huiſſier.“ „Ah! Sie ſind Huiſſier?“ „Stanislas Maillard, Huiſſier des Chatelet.“ hnd er zog aus ſeiner Taſche ein langes, hornenes Tintenfaß, in welchem eine Feder, Papier, Tinte, kurz Alles war, was man zum Schreiben braucht. Es war ein Mann von fünfundvierzig Jahren⸗ lang, hager, ernſt, ganz ſchwarz gekleidet, wie es ſich für ſein Gewerbe geziemte. „Das iſt Einer, der teufelmäßig einem Leichen⸗ träger gleicht,“ murmelte Pitou. „Sie ſagen,“ fragte der Huiſſier theilnahmlos, Leute, welche von Paris gekommen, haben Ihnen eine Caſſette geſtohlen, die Ihnen der Doctor Gilbert an⸗ vertraut?“ und hiebei habe ich ſeinen Dienſten ge⸗ ——— di ͤ——*V——— G& u V T 205 XVI. Die Baſtille und ihr Gouverneur. Wir beſchreiben die Baſtille nicht; das wäre etwas Unnützes. Sie lebt wie ein ewiges Bild zugleich im Gedächt⸗ niß der Greiſe und der Kinder. Wir erinnern nur daran, daß ſie, vom Boulevard aus geſehen, dem Platze der Baſtille zwei Zwillings⸗ thürme bot, während die zwei Seiten parallel mit den zwei Ufern des Kanals von heute liefen. Der Eingang der Baſtille war beſchützt einmal durch eine Hauptwache, ſodann durch zwei Linien von Schildwachen, und endlich durch zwei Zugbrücken. Nachdem man ſich durch die verſchiedenen Hinder⸗ niſſe durchgearbeitet hatte, kam man in den Hof des Gouverneument, wo der Gouverneur wohnte. Von dieſem Hofe führte eine Gallerie zu den Gräben der Baſtille. Bei dieſem andern Eingang, der auch an die Grä⸗ ben gränzte, fanden ſich eine Zugbrücke, eine Haupt⸗ wache und eine eiſerne Barriere. Beim erſten Eingang will man Billot anhalten; Billot zeigt aber ſeinen Einlaßſchein von Fleſſelles, und man läßt ihn paſſiren. Billot bemerkt nun, daß ihm Pitou folgt. Pitou hatte keine Initiative, doch auf den Ferſen des Päch⸗ ters wäre er bis in die Hölle hinab oder bis in den Mond hinauf geſtiegen. „Bleibe außen,“ ſagte Billot,„komme ich nicht heraus, ſo iſt es gut, wenn Einer da iſt, der das Volk 4 daran erinnert, daß ich eingetreten bin.“ „Das iſt richtig,“ erwiederte Piton;„nach wie viel Zeit ſoll ich es daran erinnern?“ t. ir 1 m ft ch e⸗ on nes kurz ren, hen⸗ los, eine an⸗ 207 „Ja.“ „Das iſt ein Vergehen.“ „Dieſe Leute gehörten zur Polizei von Paris.“ „Schändliche Diebe!“ murmelte Maillard. Dann gab er das Papier Piton und ſprach: „Nun, junger Mann, hier iſt die verlangte Note; und wenn er getödtet wird,“— er deutete auf Billot,— „wenn Du getödtet wirſt, ſo darf man doch hoffen, daß ich nicht getödtet werde.“ „Und wenn Sie nicht getödtet werden, was werden Sie thun?“ fragte Pitou. „Ich werde thun, was Du hätteſt thun ſollen.“ „Ich danke,“ ſprach Billot. Und er reichte dem Huiſſier die Hand. Der Huiſſier prückte ſie mit einer Kraft, die man in dieſem langen, magern Körper nicht zu treffen ge⸗ glaubt hätte. „Ich kann alſo auf Sie rechnen?“ fragte Billot. „Wie auf Marat, wie auf Gonchon.“ „Gut,“ ſagte Pitou,„das iſt eine Dreieinigkeit, die ich ſicherlich im Paradies nicht wiederfinde.“ Dann wandte er ſich an Billot: „Ah! Papa Billot, nicht wahr, Klugheit?“ „Pitou,“ ſprach der Pächter mit einer Beredtſam⸗ keit, welche bei dieſer bäueriſchen Natur zu ſinden man oft ſtaunen mußte,„vergiß Eines nicht: daß das Klügſte, was es in Frankreich gibt, der Muth iſt.“ Und er durchſchritt die erſte Linie der Schildwachen, während Piton wieder nach dem Platze hinaufging. ei der Zugbrücke mußte man abermals parla⸗ mentiren. Billot zeigte ſeinen Einlaßſchein; die Zugbrücke wurde niedergelaſſen; das Gitter öffnete ſich. Hinter dem Gitter war der Gouverneur. Dieſer innere Hof, in welchem der Gouverneur Billot erwartete, war der Hof, der den Gefangenen 206 „Nach einer Stunde.“ „Und die Caſſette?“ fragte Pitou. „Ach! ja. Nun denn wenn ich nicht herauskäme, wenn Gonchon die Baſtille nicht nimmt, oder wenn man mich, nachdem er ſie genommen, nicht wiederfindet, ſo iſt dem Doctor, den man vielleicht finden wird, zu ſagen, Leute, welche von Paris gekommen, haben mir die Caſſette geſtohlen, die er mir vor fünf Jahren an⸗ vertraut; ich ſei ſogleich von Hauſe aufgebrochen, um ihn davon in Kenntniß zu ſetzen; bei meiner Ankunft in Paris habe ich erfahren, er ſei in der Baſtille; ich habe die Baſtille nehmen wollen, und hiebei habe ich tnein Haut gelaſſen, die ganz zu ſeinen Dienſten ge⸗ weſen.“ 4 „Gut, Vater Billot,“ ſagte Pitou;„nur iſt das ſehr lang, und ich befürchte, es zu vergeſſen.“ „Was ich ſage?“. „Ja. „Ich will es Dir wiederholen.“ „Nein,“ ſprach eine Stimme in der Nähe von Billot,„ſchreiben iſt beſſer.“ „Ich kann nicht ſchreiben,“ entgegnete Billot. „Ich kann das, ich bin Huiſſier.“ „Ah! Sie ſind Huiſſier?“ „Stanislas Maillard, Huiſſier des Chatelet.“ Und er zog aus ſeiner Taſche ein langes, hornenes Tintenfaß, in welchem eine Feder, Papier, Tinte, kurz Alles war, was man zum Schreiben braucht. Es war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, lang, hager, ernſt, ganz ſchwarz gekleidet, wie es ſich für ſein Gewerbe geziemte. „Das iſt Einer, der teufelmäßig einem Leichen⸗ träger gleicht,“ murmelte Pitou. 4 „Sie ſagen,“ fragte der Huiſſter theilnahmlos, „Leute, welche von Paris gekommen, haben Ihnen eine Saſette geſtohlen, die Ihnen der Doctor Gilbert an⸗ vertraut?“ 20 208 als Spazierraum diente. Er wurde von ſeinen acht Thürmen, das heißt, von acht Rieſen bewacht. Kein Fenſter ging darauf. Nie drang die Sonne bis zu ſeinem ſeuchten, beinahe ſchlammigen Pflaſter; man hätte glauben ſollen, es ſei der Boden eines tiefen Brunnens. Eine von gefeſſellten Gefangenen getragene Uhr maß in dieſem Hofe die Stunde und ließ das lang⸗ ame, abgemeſſene Geräuſch ihrer Minuten fallen, wie ein Kerker auf die Platte, die er zerfrißt, den Waſſer⸗ tropfen, der durch ſeine Decke ſiekert, fallen läßt. Von der Tiefe des Brunnens betrachtete der Ge⸗ fangene, in einem ſteinernen Abgrunde verloren, einen Augenblick die unerbittliche Nacktheit der Steine und verlangte bald, in ſein Gefängniß urückzukehren. Hinter dem Gitter, das in ießen Hof ging, ſtand, wie geſagt, Herr de Launay. Herr de Launay war ein Mann von fünfundvier⸗ zig bis fünfzig Jahren; an dieſem Tag trug er einen flachsblüthfarbenen Rock, das rothe Band vom Kreuze des heiligen Ludwig, und er hielt in der Hand einen Degenſtock. Es war ein ſchlimmer Mann, dieſer Herr de Lau⸗ nay. Die Denkwürdigkeiten von Lingues hatten ihn mit einer traurigen Berühmtheit beleuchtet; er war beinahe eben ſo verhaßt, als das Gefängniß. Die de Launah, wie die Chateauneuf die Lavail⸗ liere und die Saint⸗Florentin, welche die Verhaftbriefe vom Vater auf den Sohn erbten, übertrugen ſich in der That auch vom Vater auf den Sohn die Baſtille. Denn bekanntlich war es nicht der Kriegsminiſter, der die Officianten des Gefängniſſes ernannte. In der Baſtille wurden alle Flätze gekauft, von dem des Gou⸗ verneur bis zu dem des Küchenjungen. Der Gouver⸗ neur der Baſtille war ein Hausmeiſter im Großen, ein Garkoch mit Epauletten, der ſeinen 60,000 Franken —.— on 207 „Ja.⸗ 8 „Das iſt ein Vergehen.“ „Dieſe Leute gehörten zur Polizei von Paris.“ „Schändliche Diebe!“ murmelte Malillard. Dann gab er das Papier Pitou und ſprach: „Nun, junger Mann, hier iſt die verlangte Note; und wenn er getödtet wird,“— er deutete auf Billot,— „wenn Du getodtet wirſt, ſo darf man doch hoffen, daß ich nicht getödtet werde.“ „ und wenn Sie nicht getödtet werden, was werden Sie thun?“ fragte Piton. „Ich werde thun, was Du hätteſt thun ſollen.“ „Ich danke,“ ſprach Billot.. 4 Und er reichte dem Huiſſier die Hand. Der Huiſſier drückte ſie mit einer Kraft, die man in dieſem langen, magern Körper nicht zu treffen ge⸗ glaubt hätte. „Ich kann alſo auf Sie rechnen?“ fragte Billot. „Wie auf Marat, wie auf Gonchon.“ „Gut,“ ſagte Piton,„das iſt eine Dreieinigkeit, die ich ſtcherlich im Paradies nicht wiederfinde.“ Dann wandte er ſich an Billot: „Ah! Papa Billot, nicht wahr, Klugheit?“ „Pitou,“ ſprach der Pächter mit einer Beredtſam⸗ keit, welche bei dieſer bäueriſchen Natur zu finden man oft ſtaunen mußte,„vergiß Eines nicht: daß das Klägſte, was es in Frankreich gibt, der Muth iſt.“ Und er durchſchritt die erſte Linie der Schildwachen, während Pitou wieder nach dem Platze hinaufging. Bei der Zugbrücke mußte man abermals parla⸗ mentiren. Billot zeigte ſeinen Einlaßſchein; die Zugbrücke wurde niedergelaſſen; das Gitter öffnete ſich. Hinter dem Gitter war der Gouverneur. Dieſer innere Hof, in welchem der Gouverneur Billot erwartete, war der Hof, der den Gefangenen e⸗ en nd d, er⸗ ten uze nen au⸗ ihn var ail⸗ iefe ille. ſter, der ou⸗ ver⸗ ßen, nken —— 209 Gehalt 60,000 Franken Raub und Erpreſſungen bei⸗ fügte. 3 Man mußte doch wieder zum Kapital und ben Intereſſen des ausgelegten Geldes kommen. err de Launay hatte im Punkte des Geizes alle ſeine Vorgänger übertroffen. Vielleicht hatte er den Platz theurer bezahlt und ſah vorher, er würde ihn weniger lang behalten. Er nährte ſein Haus auf Koſten der Gefangenen, hatte die H izung beſchränkt und den Preis von jedem Stück ihres Mobiliars verdoppelt. Er war berechtigt, hundert Stückfaß Wein vctroi⸗ frei in Paris einzu ühren. Dieſes Recht verfaufte er an einen Schenkwirth, der ſo vortreffliche Weine ein⸗ führte. Dann kaufte er mit dem zehnten Theil dieſes Rechtes den Eſſig, den er ſeine Gefangenen trinfen ließ. Ein einziger Troſt blieb den in der Baſtille ein⸗ geſchloſſenen Unglücklichen: das war ein auf einer Baſtei angelegtes Gärtchen. Hier gingen ſie ſpazieren; hier fanden ſie auf einen Augenblick die Luft, die Blumen, das Licht, bie Natur. Dieſes Gärtchen hatte er an einen Gärtner ver⸗ pachtet, und ſo für fünfzig Livres jährlich, die er davon einnahm, den Gefangenen dieſen letzten Genuß geraubt. Alleidings gab es für die reichen Gefangenen außer⸗ ordentliche Gehälligkeiten; er führte den Einen von ihnen zu ſeiner Geliebten, welche bei den Meubles betheiligt war und ſo unterhalten wurde, ohne daß ſie ihn, de Launay, etwas koſtete.— Man leſe die entſchleierte Baſtille, und man wird dieſe Thatſache und noch viele andere finden. Dabei war dieſer Mann muthig. Seit dem vorhergehenden Tage tobte der Sturm um ihn her. Seit dem vorhergehenden Tage fühlte er die Woge des Aufruhrs, immer mehr ſteigend, an den Fuß ſeiner Mauern ſchlagen. 6 Ange Pltou. 1. 5 14 208 als Spazierraum diente. Er wurde von ſeinen acht Thürmen, das heißt, von acht Rieſen bewacht. Kein Fenſter ging darauf. Nie drang die Sonne bis zu ſeinem feuchten, beinahe ſchlammigen Pflaſter; man hätte glauben ſollen, es ſei der Boden eines tiefen Brunnens. Eine von gefeſſellten Gefangenen getragene Uhr maß in dieſem Hofe die Stunde und ließ das lang⸗ ſame, abgemeſſene Geräuſch ihrer Minuten fallen, wie ein Kerker auf die Platte, die er zerfrißt, den Waſſer⸗ tropfen, der durch ſeine Decke ſiekert, fallen läßt. Von der Tiefe des Brunnens betrachtete der Ge⸗ fangene, in einem ſteinernen Abgrunde verloren, einen Augenblick die unerbittliche Nacktheit der Steine und verlangte bald, in ſein Gefängniß zurückzukehren. Hinter dem Gitter, das in dieſen Hof ging, ſtand, wie geſagt, Herr de Launay. Herr de Launay war ein Mann von fünfundvier⸗ zig bis fünfzig Jahren; an dieſem Tag trug er einen flachsblüthfarbenen Rock, das rothe Band vom Kreuze des heiligen Ludwig, und er hielt in der Hand einen Degenſtock. Es war ein ſchlimmer Mann, dieſer Herr de Lau⸗ nay. Die Denkwürdigkeiten von Lingues hatten ihn mit einer traurigen Berühmtheit beleuchtet; er war beinahe eben ſo verhaßt, als das Gefängniß. Die de Launay, wie die Chateauneuf, die Lavail⸗ lière und die Saint⸗Florentin, welche die Verhaftbriefe vom Vater auf den Sohn erbten, übertrugen ſich in der That auch vom Vater auf den Sohn die Baſtille. Denn bekanntlich war es nicht der Kriegsminiſter, der die Officianten des Gefängniſſes ernannte. In der Baſtille wurden alle Plätze gekauft, von dem des Gou⸗ verneur bis zu dem des Küchenjungen. Der Gouver⸗ neur der Baſtille war ein Hausmeiſter im Großen, ein Garkoch mit Epauletten, der ſeinen 60,000 Franken —.,— 2¹⁰ Und er war zwar bleich, aber ruhig. Allerdings hatte er hinter ſich vier Kanonen bereit, Feuer zu geben; um ſich eine Garniſon von Schweizern und Invaliden, vor ſich nur einen ent⸗ waffneten Mann; denn bei ſeinem Eintritt in die Ba⸗ ſtille hatte Billot ſeine Büchſe Piton zur Aufbewah⸗ rung gegeben. Er hatte begriffen, jenſeits des Gitters, das er lict⸗ wäre ihm eine Waffe mehr ſchädlich, als nützlich. Billot bemerkte mit einem Blicke Alles, die ruhige, beinabe drohende Haltung des Gyuverneur; die in den Wachhäuſern bereit ſtehenden Schweizer; die Invaliden auf den Plattformen, und die ſtillſchweigende Thätigkeit der Artilleriſten, welche die Behälter ihrer Fourgons mit Stückpatronen füllten. Die Schildwachen hielten das Gewehr im Arm, die Oiſſiciere hatten den Degen entblößt. Der Gouverneur blieb unbeweglich, Billot war genöchigt, bis zu ihm zu gehen; das Gitter ſchloß ſich hinter dem Parlamentär des Volkes mit dem widrigen Geräuſch von knirſchendem Eiſen, das, ſo muthig er war, einen Schauer das Mark ſeiner Knochen durch⸗ laufen machte. „Was wollen Sie noch von mir?“ fragte de Lau⸗ nah. „Noch?“ wiederholte Billot,„mir ſcheint, das iſt das erſte Mal, daß ich Sie ſehe, und ſie haben folglich nicht das Recht, meines Anblicks müde zu ſein.“ „Man ſagt mir, Sie kommen vom Stadthaus.“ „Das iſt wahr, ich komme davon her.“ „Run! ich habe ſo eben ſchon eine Deputation von der Muniecipalität empfangen.“ „Was wollte ſie hier?“ nicht zu beginnen.“ Sie forderte von mir das Verſprechen, das Feuer —.,— 209 Welalt 60,000 Franken Raub und Erpreſſungen bei⸗ ügte. Man mußte doch wieder zum Kapital und den Intereſſen des ausgelegten Geldes kommen. Herr de Launay hatte im Punkte des Geizes alle ſeine Vorgänger übertroffen. Vielleicht hatte er den Platz theurer bezahlt und ſah vorher, er würde ihn weniger lang behalten. Er nährte ſein Haus auf Koſten der Gefangenen, hatte die Heizung beſchränkt und den Preis von jedem Stück ihres Mobiliars verdoppelt. Er war berechtigt, hundert Stückfaß Wein octroi⸗ frei in Paris einzuführen. Dieſes Recht verkaufte er an einen Schenkwirth, der ſo vortreffliche Weine ein⸗ führte. Dann kaufte er mit dem zehnten Theil dieſes Rechtes den Eſſig, den er ſeine Gefangenen trinken ließ. Ein einziger Troſt blieb den in der Baſtille ein⸗ geſchloſſenen Unglücklichen: das war ein auf einer Baſtei angelegtes Gärtchen. Hier gingen ſie ſpazieren; hier fanden ſte auf einen Augenblick die Luft, die Blumen, das Licht, die Natur. Dieſes Gärtchen hatte er an einen Gärtner ver⸗ pachtet, und ſo für fünfzig Livres jährlich, die er davon einnahm, den Gefangenen dieſen letzten Genuß geraubt. Allerdings gab es für die reichen Gefangenen außer⸗ ordentliche Gerälligkeiten; er führte den Einen von ihnen zu ſeiner Geliebten, welche bei den Meubles betheiligt war und ſo unterhalten wurde, ohne daß ſie ihn, de Launay, elwas koſtete. Man leſe die entſch leierte Baſtille, und man wird dieſe Thatſache und noch viele andere finden. Dabei war dieſer Mann muthig. Seit dem vorhergehenden Tage tobte der Sturm um ihn her. Seit dem vorhergehenden Tage fühlte er die Woge des Aufruhrs, immer mehr ſteigend, an den Fuß ſeiner Mauern ſchlagen. Ange Pitou. I. 14 211 5 ind Sie haben es verſprochen?“ „Ja.“ „Und dann?“ „Sie forderte von mir, daß ich die Kanonen zurück⸗ ſchieben laſſe.“ „Und Sie haben ſie zurückſchieben laſſen. Ich meiß das; ich war auf dem Platz der Baſtille, als das Ma⸗ noeuvre ſtattfand.“ „Und Sie glaubten ohne Zweifel, ich gehorche den Drohungen dieſes Volkes?“ „Ah!“ ſprach Billot,„das ſah wohl ſo aus.“ „Ich ſagte Ihnen ja, meine Herren,“ riefde Launah, indem er ſich gegen vie Ofſiciere umwandte,„ich ſagte Ihnen ja, man werde uns dieſer Feigheit föhig halten!“ Dann fragte er wieder Billot: „Und Sie, in weſſen Auftrag kommen Sie?“ „Im Auftrag des Volkes,“ antwortete Billot ſtolz. „Es iſt gut,“ erwiederte de Launay lächelnd; „doch ich denke, Sie werden noch eine andere Empfeh⸗ lung haben, denn mit der, auf die Sie ſich ſtützen, wären Sie nicht durch die erſte Linie der Schildwachen gekommen.“ „Ja, ich habe einen Geleitsbrief von Herrn von Fleſſetles, Ihrem Freund.“ „Fleſſelles! Sie haben geſagt, er ſei mein Freund?“ entgegnete de Launay, indem er Billot anſchaute, als hätte er in der tiefſten Tiefe ſeines Herzens leſen wol⸗ len.„Woher wiſſen Sie, ob Herr von Fleſſelles mein Freund iſt?“ „Ich habe vermuthet, er ſei es.“ „Vermuthet; nicht mehr? Es iſt gut, laſſen Sie den Geleitsbrief ſehen.“ Billot reichte ihm das Papier. De Launay las es ein erſtes, dann ein zweites Mal, öffnete es, um zu ſehen, ob es nicht eine zwiſchen den zwei Seiten verborgene Nachſchrift ih hielt 210 Und er war zwar bleich, aber ruhig. Allerdings hatte er hinter ſich vier Kanonen bereit, Feuer zu geben; um ſich eine Garniſon von Schweizern und Invaliden, vor ſich nur einen ent⸗ waffneten Mann; denn bei ſeinem Eintritt in die Ba⸗ ſtille hatte Billot ſeine Büchſe Pitou zur Aufbewah⸗ rung gegeben. Er hatte begriffen, jenſeits des Gitters, das er erblickte, wäre ihm eine Waffe mehr ſchädlich, als nützlich. Billot bemerkte mit einem Blicke Alles, die ruhige, beinabe drohende Haltung des Gouverneur; die in den Wachhäuſern bereit ſtehenden Schweizer; die Invaliden auf den Plattformen, und die ſtillſchweigende Thätigkeit der Artilleriſten, welche die Behälter ihrer Fourgons mit Stückpatronen füllten. Die Schildwachen hielten das Gewehr im Arm, die Officiere hatten den Degen entblößt. Der Gouverneur blieb unbeweglich, Billot war genöthigt, bis zu ihm zu gehen; das Gitter ſchloß ſich hinter dem Parlamentär des Volkes mit dem widrigen Geräuſch von knirſchendem Eiſen, das, ſo muthig er war, einen Schauer das Mark ſeiner Knochen durch⸗ laufen machte. „Was wollen Sie noch von mir?“ fragte de Lau⸗ nay. )„Noach?“ wiederholte Billot,„mir ſcheint, das iſt das erſte Mal, daß ich Sie ſehe, und ſie haben folglich nicht das Recht, meines Anblicks müde zu ſein.“ „Man ſagt mir, Sie kommen vom Stadthaus.“ „Das iſt wahr, ich komme davon her.“ „Nun! ich habe ſo eben ſchon eine Deputation von der Municipalität empfangen.“ „Was wollte ſie hier?“ „ Sie forderte von mir das Verſprechen, das Feuer nicht zu beginnen.“ —— & 38 2¹2 es an das Licht, um zu ergründen, ob es nicht einige zwiſchen die Zeilen geſchriebene Zeilen verberge. „Und das iſt Alles, was er mir ſagt?“ fragte er. „Alles.“ „Sie ſind deſſen ſicher?“ Vollkommen ſicher.“ Richts Mündliches?“ „Nichts. „Das iſt ſeltſam!“ ſprach de Launah, während er durch eine der Schießſcharten ſeinen Blick auf den Platz der Baſtille ſenkte. „Aber was ſoll er Ihnen denn ſagen?“ fragte Billot. De Launay machte eine Bewegung. „Im Ganzen nichts, gar nichts. Sagen Sie, was Sie wollen, doch beeilen Sie ſich, denn ich habe we⸗ nig Zeit.“ 4 „Ich will, daß Sie die Baſtille übergeben.“ „Wie beliebt?“ rief de Launay, indem er ſich raſch umwandte, als ob er ſchlecht gehört hätte.„Sie ſagen?... „Ich ſage, ich fomme im Namen des Volkes, um Sie aufzuſordern, die Baſtille zu übergeben.“ De Launay zuckte die Achſeln. „Das Volk iſt in der That ein ſonderbares Thier,“ ſprach er. „Wie?“ verſetzte Billot. „Und was will es mit der Baſtille machen?“ „Es will ſie zerſtören.“ „Eil was Teu elsthut denn die Baſtille dieſem Volke? Iſt denn je ein Menſch aus dem Volke in die Baſtille geſteckt worden? Das Volk müßte im Gegentheil jeden Stein der Baſtille ſegnen. Wen ſteckt man in die Ba⸗ ſtille? Die Philoſophen, die Gelehrten, die Ariſtokra⸗ ten, die Miniſter, die Prinzen, das heißt, die Feinde des Volks.“ — —— u f NNNSg 8 r 211 „Und Sie haben es verſprochen?“ Ja 74 „Und dann?“ „Sie forderte von mir, daß ich die Kanonen zurück⸗ ſchieben laſſe.“ „Und Sie haben ſie zurückſchieben laſſen. Ich weiß das; ich war auf dem Platz der Baſtille, als das Ma⸗ noeuvre ſtattfand.“ „Und Sie glaubten ohne Zweiſel, ich gehorche den Drohungen dieſes Volkes?“ „Ah!“ ſprach Billot,„das ſah wohl ſo aus.“ „Ich ſagte Ihnen ja, meine Herren,“ rief de Launay, indem er ſich gegen die Officiere umwandte,„ich ſagte Ihnen ja, man werde uns dieſer Feigheit fähig halten!“ Dann fragte er wieder Billot: „Und Sie, in weſſen Auftrag kommen Sie?“ „Im Auftrag des Volkes,“ antwortete Billot ſtolz. „Es iſt gut,“ erwiederte de Launay lächelnd; „doch ich denke, Sie werden noch eine andere Empfeh⸗ lung haben, denn mit der, auf die Sie ſich ſtützen, wären Sie nicht durch die erſte Linie der Schildwachen gekommen.“ „Ja, ich habe einen Geleitsbrief von Herrn von Fleſſelles, Ihrem Freund.“ 3 „Fleſſelles! Sie haben geſagt, er ſei mein Freund?“ entgegnete de Launay, indem er Billot anſchaute, als hätte er in der tiefſten Tiefe ſeines Herzens leſen wol⸗ len.„Woher wiſſen Sie, ob Herr von Fleſſelles mein Freund iſt?“ „Ich habe vermuthet, er ſei es.“ „Vermuthet; nicht mehr? Es iſt gut, laſſen Sie den Geleitsbrief ſehen.“ Billot reichte ihm das Papier. De Launay las es ein erſtes, dann ein zweites Mal, öffnete es, um zu ſehen, ob es nicht eine zwiſchen den zwei Seiten verborgene Nachſchrift vuthalte, hielt er den gte vas we⸗ lke? ſtille oden Ba⸗ ra⸗ inde 213 das beweiſt, daß das Volk nicht ſelbſtſüch⸗ ig iſt.“ „Mein Freund,“ ſprach de Launay mit einer Art von Mitleid,„es iſt leicht zu ſehen, daß Sie nicht Soldat ſind.“ „Sie haben Recht, ich bin Pächter.“ „Daß Sie nicht von Paris ſind.“ „Ich bin in der That aus der Provinz.“ „Daß Sie die Baſtille nicht aus dem Grunde kennen.“ „Sie haben Recht, ich kenne nur das, was ich da⸗ von geſehen habe, nämlich die äußeren Mauern.“ „So kommen Sie mit mir, ich will Ihnen zeigen, was die Baſtille iſt.“ „Ho! ho!“ dachte Billot,„er will mich über eine Oubliette gehen laſſen, die ſich plötzlich unter meinen Füßen öffnen wird, und dann gute Nacht, Vater Billot.“ Doch der unerſchrockene Pächter verzog keine Miene ſchickte ſich an, dem Gouverneur der Baſtille zu olgen. „Znerſt,“ ſagte de Launay,„zuerſt erfahren Sie, daß ich in meinen Gewölben Pulver genug habe, um die Baſtille, und mit der Baſtille die Hälfte des Fau⸗ bourg Saint⸗Antoine in die Luft zu ſprengen.“ „Ich weiß das,“ erwiederte Billot ruhig. „Gut. Sehen Sie einmal dieſe vier Kanonen an.“ „Ich ſebe ſie.“ „Sie beſtreichen dieſe ganze Gallerie, wie Sie auch ſehen, und dieſe Gallerie wird beſchirmt, einmal durch eine Hauptwache, ſodann durch zwei Gräben, über die man nur mit Hülfe von zwei Zugbrücken kommen kann; endlich durch ein Gitter.“ „Oh! ich ſage nicht, die Baſtille ſei ſchlecht ver⸗ theidigt,“ erwiederte Billot ruhig,„ich ſage nur, ſie werde gut angegriffen werden.“ „Fahren wir fort,“ ſprach de Launay. Billot nickte beipflichtend mit dem Kopf. 212 es an das Licht, um zu ergründen, ob es nicht einige zwiſchen die Zeilen geſchriebene Zeilen verberge. „Und das iſt Alles, was er mir ſagt?“ fragte er. „Alles.“ „Sie ſind deſſen ſicher?“ „Vollkommen ſicher.“ „Nichts Mündliches?“ „Nichts.“ 4 „Das iſt ſeltſam!“ ſprach de Launay, während er durch eine der Schießſcharten ſeinen Blick auf den Platz der Baſtille ſenkte. „Aber was ſoll er Ihnen denn ſagen?“ fragte Billot. De Launay machte eine Bewegung. „Im Ganzen nichts, gar nichts. Sagen Sie, was Sie uuleß⸗ doch beeilen Sie ſich, denn ich habe we⸗ nig Zeit.“ „Ich will, daß Sie die Baſtille übergeben.“ „Wie beliebt?“ rief de Launay, indem er ſich raſch umwandte, als ob er ſchlecht gehört hätte.„Sie ſagen?...“ „Ich ſage, ich komme im Namen des Volkes, um Sie aufzufordern, die Baſtille zu übergeben.“ De Launay zuckte die Achſeln. „Das Volk iſt in der That ein ſonderbares Thier,“ ſprach er. 4 „Wie?“ verſetzte Billot. „Und was will es mit der Baſtille machen?“ „Es will ſte zerſtören.“ „Eil was Teu eels thut denn die Baſtille dieſem Volke? Iſt denn je ein Menſch aus dem Volke in die Baſtille geſteckt worden? Das Volk müßte im Gegentheil jeden Stein der Baſtille ſegnen. Wen ſteckt man in die Ba⸗ ſtille? Die Philoſophen, die Gelehrten, die Ariſtofra⸗ ten, die Miniſter, die Prinzen, das heißt, die Feinde des Volks.“ —,— 2¹4 „Hier iſt ein Schlupfthor, das auf die Gräben geht,“ ſagte der Gonverneur,„ſehen Sie, wie dick die Mauern find.“ „Ungefähr vierzig Fuß.“ „Ja, vierzig Fuß unten und fünfzehn oben. Sie ſehen, daß das Volk ſeine Nägel, ſo gut ſie auch ſein mögen, ſich auf dieſem Stein umdrehen wird.“ „Ich habe nicht geſagt, entgegnete Billot,„das Volk werde die Baſtille zerſtören, ehe ſie dieſelbe ge⸗ nommen. Ich habe geſagt, es werde ſie nach ihrer Ein⸗ nahme zerſtören.“ „Gehen wir hinauf,“ ſprach de Launay. „Gehen wir hinauf.“ Sie ſtiegen ungefähr dreißig Stufen hinauf. Der Gouverneur blieb ſtehen. „Sehen Sie,“ ſagte er,„hier iſt abermals eine Schießſcharte, welche auf den Durchgang geht, durch den Sie herein wollen; dieſe wird nur durch eine Wall⸗ büchſe vertheidigt; doch ſie hat einen gewiſſen Ruf. Sie kennen das Lied: O mein zarter Dudelſack, Dudelſack, ich liebe dich.“ „Gewiß kenne ich es,“ erwiederte Billot,„doch ich glaube nicht, daß es die Stunde iſt, es zu ſingen.“ „Warten Sie doch. Der Marſchall von Sachſen nanute dieſe kleine Kanone ſeinen Dudelſack, weil ſie es war, die am richrigſten die Melodie ſang, welche er am meiſten liebte. Das iſt ein geſchichtliches Detail.“ „Ho!“ machte Billot.“ „Gehen wir weiter hinauf.“ Man kam auf die Plattform des Thurmes der om6. „Ah! ahl“ rief Billot. „Was?“ fragte de Launay. „Sie haben die Kanonen nicht hinab bringen laſſen?“ „Ich habe ſie nur zurückſchieben laſſen.“ er te Runu —y— 213 1 tdun das beweiſt, daß das Volk nicht ſelbſtſüch⸗ ig iſt.“ „Mein Freund,“ ſprach de Launay mit einer Art von Mitleid,„es iſt leicht zu ſehen, daß Sie nicht Soldat ſind.“ „Sie haben Recht, ich bin Pächter.“ „Daß Sie nicht von Paris ſind.“ „Ich bin in der That aus der Provinz.“ „Daß Sie die Baſtille nicht aus dem Grunde kennen.“ „Sie haben Recht, ich kenne nur das, was ich da⸗ von geſehen habe, nämlich die äußeren Mauern.“ „So kommen Sie mit mir, ich will Ihnen zeigen, was die Baſtille iſt.“ „Hol ho!“ dachte Billot,„er will mich über eine Oubliette gehen laſſen, die ſich plötzlich unter meinen Füßen öffnen wird, und dann gute Nacht, Vater Billot.“ Doch der unerſchrockene Pächter verzog keine Miene un ſchickte ſich an, dem Gouverneur der Baſtille zu olgen. 3„Zuerſt,“ ſagte de Launay,„zuerſt erfahren Sie, daß ich in meinen Gewölben Pulver genug habe, um die Baſtille, und mit der Baſtille die Hälfte des Fau⸗ bourg Saint⸗Antoine in die Luft zu ſprengen.“ „Ich weiß das,“ erwiederte Billot ruhig. „Gut. Sehen Sie einmal dieſe vier Kanonen an.“ „Ich ſehe ſie.“ „Sie beſtreichen dieſe ganze Gallerie, wie Sie auch ſehen, und dieſe Gallerie wird beſchirmt, einmal durch eine Hauptwache, ſodann durch zwei Gräben, über die man nur mit Hülfe von zwei Zugbrücken kommen kann; endlich durch ein Gitter.“ „Ohl ich ſage nicht, die Baſtille ſei ſchlecht ver⸗ theidigt,“ erwiederte Billot ruhig,„ich ſage nur, ſie werde gut angegriffen werden.“ „Fahren wir fort,“ ſprach de Launay. Billot nickte beipflichtend mit dem Kopf. l⸗ f. gen 21⁵5 „Sie wiſſen, daß ich dem Volke ſagen werde, die Kanonen ſeien noch da.“ „Sagen Sie es!“ „Sie wollen Sie nicht hinunterſchaffen!“ „Nein.“ „Entſchieden?“ „Die Kanonen des Königs ſind da auf einen Be⸗ fehl des Königs, mein Herr. Sie werden nur auf einen Befehl des Königs hinabkommen.“ „Herr de Launay,“ ſprach Billot, der ſein Wort in ſich zur Höhe der Lage der Dinge anwachſen und ſteigen ſah,„Herr de Launay, der wahre König, dem zu gehorchen ich Ihnen rathe, iſt da.“ Und er zeigte dem Gouverneur die graue, an ge⸗ wiſſen Stellen durch den Kampf am vorhergehenden Tage mit Blut beſudelte Menge, welche vor den Gräben wogte und die Waffen in der Sonne glänzen ließ. „Mein Herr,“ ſprach de Launay, indem er den Kopf mit hoffärtiger Miene zurückwarf,„es iſt mög⸗ lich, daß Sie zwei Könige kennen; doch ich, der Gou⸗ verneur der Baſtille, kenne nur einen: das iſt Ludwig, der ſechszehnte ſeines Namens, der ſeine Unterſchrift unten an ein Patent geſetzt hat, kraft deſſen ich hier über Menſchen und Dinge gebiete.“ „Sie ſind alſo nicht Bürger?“ rief Billot zornig. „Ich bin franzöſiſcher Edelmann,“ erwiederte der Gouverneur. „Ah! es iſt wahr, Sie ſind Soldat und Sie ſpre⸗ chen als Soldat.“ „Sie haben das rechte Wort geſagt, mein Herr,“ erwiederte de Launah ſich verbeugend,„ich bin ein Soldat und vollziehe meinen Befehl.“ „Und ich, mein Herr, ich bin Bürger, und da meine Bürgerpflicht im Widerſpruch ſteht mit Ihrem Soldatenbefehl, ſo wird einer von uns ſterben, entwe⸗ der derjenige, welcher ſeinen Befehl befolgt, oder der⸗ jenige, welcher ſeine Pflicht erfüllt.“ 214 „Hier iſt ein Schlupfthor, das auf die Gräben geht,“ ſagte der Gouverneur,„ſehen Sie, wie dick die Mauern find.“ „Ungefähr vierzig Fuß.“ „Ja, vierzig Fuß unten und fünfzehn oben. Sie ſehen, daß das Volk ſeine Nägel, ſo gut ſie auch ſein mögen, ſich auf dieſem Stein umdrehen wird.“ „Ich habe nicht geſagt,“ entgegnete Billot,„das Volk werde die Baſtille zerſtören, ehe ſte dieſelbe ge⸗ nommen. Ich habe geſagt, es werde ſie nach ihrer Ein⸗ nahme zerſtören.“ „Gehen wir hinauf,“ ſprach de Launay. „Gehen wir hinauf.“ Sie ſtiegen ungefähr dreißig Stufen hinauf. Der Gouverneur blieb ſtehen. „Sehen Sie,“ ſagte er,„bier iſt abermals eine Schießſcharte, welche auf den Durchgang geht, durch den Sie herein wollen; dieſe wird nur durch eine Wall⸗ büchſe vertheidigt; doch ſie hat einen gewiſſen Ruf. Sie kennen das Lied: 3 O mein zarter Dudelſack, Dudelſack, ich liebe dich.“ „Gewiß kenne ich es,“ erwiederte Billot,„doch ich glaube nicht, daß es die Stunde iſt, es zu ſingen.“ „Warten Sie doch. Der Marſchall von Sachſen nannte dieſe kleine Kanone ſeinen Dudelſack, weil ſie es war, die am richtigſten die Melodie ſang, welche er am meiſten liebte. Das iſt ein geſchichtliches Detail.“ „Ho!“ machte Billot.“ „Gehen wir weiter hinauf.“ Man kam auf die Plattform des Thurmes der Comt é. „Ah! ah!“ rief Billot. „Was?“ fragte de Launay. „Sie haben die Kanonen nicht hinab bringen laſſen?“— „Ich habe ſte nur zurückſchieben laſſen.“ 2¹6 „Das iſt wahrſcheinlich, mein Herr.“ „Sie ſind alſo entſchloſſen, auf das Volk zu ſchießen?“ „Nein, ſo lange es nicht auf mich ſchießt. Ich habe den Abgeſandten von Herrn von Fleſſelles mein Wort verpfändet. Sie ſehen, daß die Kanonen zurück⸗ gezogen ſind. Doch beim erſten Schuß vom Platze aus nach meinem Schloß „Nun! beim erſten Schuß?“ „Nähere ich mich einer von den Kanonen, dieſer zum Beiſpiel. Ich ſchiebe ſie ſelbſt bis zur Schieß⸗ ſcharte, ich richte ſie ſelbſt, und gebe ſelbſt mit dieſer Lunte hier Feuer.“ „Sie?“ „Ohl wenn ich das glaubte,“ ſagte Billot.„Ehe Sie ein ſolches Verbrechen begehen würden...“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, mein Herr, ich ſei Soldat, und ich kenne meinen Befehl.“ „Wohl denn! ſchauen Sie,“ ſprach Billot, indem er de Launay bis an eine Schießſcharte zog und nach einander mit dem Finger zwei verſchicdene Punkte, den Faubourg Saint⸗Aatoine und das Boulevard bezeichnete, „dort iſt dasjenige, was Ihnen fortan Ihren Befehl geben wird.“ Und er zeigte de Launay zwei ſchwarze, dichte, prüllende Maſſen, welche, genöthigt, ſich nach den For⸗ men der Boulevards zu fügen, wogten wie eine unge⸗ heure Schlange, von der man den Kopf und den Leib ſah, während ihre letzten Ringe ſich in den Krümmun⸗ en des Terrain, auf dem ſie kroch, verloren. Und Alles, was man von dem rieſigen Reptil ſah, blinkte von leuchtenden Schuppen. Es war der doppelte, einerſeits von Marat, an⸗ derntheils von Gonchon geführte Haufen, mit dem ſich auf dem Platze der Baſtille zuſammenbeſchieden atte. „Sie wiſſen, daß ich dem Volke ſagen werde, die Kanonen ſeien noch da.“ „Sagen Sie es!“ „Sie wollen Sie nicht hinunterſchaffen!“ „Nein.“. „Entſchieden?“ „Die Kanonen des Königs find da auf einen Be⸗ fehl des Königs, mein Herr. Sie werden nur auf einen Befehl des Königs hinabkommen.“ „Herr de Launay,“ ſprach Billot, der ſein Wort in ſich zur Höhe der Lage der Dinge anwachſen und ſteigen ſah,„Herr de Launay, der wahre König, dem zu gehorchen ich Ihnen rathe, iſt da.“ Und er zeigte dem Gouverneur die graue, an ge⸗ wiſſen Stellen durch den Kampf am vorhergebenden Tage mit Blut beſudelte Menge, welche vor den Gräben wogte und die Waffen in der Sonne glänzen ließ. „Mein Herr,“ ſprach de Launay, indem er den Kopf mit hoffartiger Miene zurückwarf,„es iſt mög⸗ lich, daß Sie zwei Könige kennen; doch ich, der Gou⸗ verneur der Baſtille, kenne nur einen: das iſt Ludwig, der ſechszehnte ſeines Namens, der ſeine Unterſchrift unten an ein Patent geſetzt hat, kraft deſſen ich hier über Menſchen und Dinge gebiete.“ „Sie ſind alſo nicht Bürger?“ rief Billot zornig. „Ich bin franzöſiſcher Edelmann,“ erwiederte der Gouverneur. „Ahl es iſt wahr, Sie ſind Soldat und Sie ſpre⸗ chen als Soldat.“ „Sie haben das rechte Wort geſagt, mein Herr,“ erwiederte de Aaunay ſich verbeugend,„ich bin ein Soldat und vollziehe meinen Befehl.“ „Und ich, mein Herr, ich bin Bürger, und da meine Bürgerpflicht im Widerſpruch ſteht mit Ihrem Soldatenbefehl, ſo wird einer von uns ſterben, entwe⸗ der derjenige, welcher ſeinen Befehl befolgt, oder der⸗ jenige, welcher ſeine Pflicht erfüllt.“ 3 er he ſei m ch en te, hl te, or⸗ ge⸗ eib un⸗ 217 Von beiden Seiten rückte er, ſeine Waffen ſchwin⸗ gend und furchtbares Geſchrei ausſtoßend, heran. De Launay erbleichte bei dieſem Anblick; er hob ſeinen Stock in die Höhe und rief: „Zu Euren Kanonen!“ Dann trat er mit einer Geberde der Drohung auf Billot zu und ſagte: „Und Sie, Unglücklicher, Sie, der Sie unter dem Vorwande, zu parlamentiren, hierher kommen, während die Andern angreifen, wiſſen Sie, daß Sie den Tod verdienen?“ Und er zog halb den Degen aus dem Stock, der ihn verbarg. Billot ſah die Bewegung, packte ſchnell wie der Blitz de Launah beim Kragen und beim Gürtel und rief ihm, während er ihn von der Erde auf⸗ hob, zu: „Und Sie, Sie würden verdienen, daß ich Sie über die Brüſtung in die Tiefe der Gräben ſchleu⸗ derte.. Doch, Gott ſei Dank, ich werde Sie auf eine andere Weiſe bekämpfen.“ In dieſem Augenblick durchzog, von unten empor⸗ ſteigend, ein ungeheures, allgemeines Geſchrei die Luft wie ein Orkan, und zugleich erſchien Herr von Losme, der Major der Baſtille, auf der Plattform. „Mein Herr,“ rief er, ſich an Billot wendend,„ich bitte, haben Sie die Güte, ſich zu zeigen;„all dieſes Volk glaubt, es ſei Ihnen ein Unglück widerfahren, und verlangt nach Ihnen.“ Der Name Billot wurde in der That, von Pitou in der Menge verbreitet, unter dem Geſchrei hörbar. Billot kieß Herrn de Launay los, und dieſer ſtieß ſeinen Degen wieder in die Scheide. Dann trat ein Augenblick des Zögerns unter dieſen drei Männern ein, währeud ſich Schreie der Drohung und der Rache vernehmen ließen. „Zeigen Sie ſich doch, mein Herr,“ ſagte de Launay, 216 „Das iſt wahrſcheinlich, mein Herr.“ „Sie ſind alſo entſchloſſen, auf das Volk zu ſchießen?“ „Nein, ſo lange es nicht auf mich ſchießt. Ich habe den Abgeſandten von Herrn von Fleſſelles mein Wort verpfändet. Sie ſehen, daß die Kanonen zurück⸗ gezogen ſind. Doch beim erſten Schuß vom Platze aus nach meinem Schloß....“ „Nun! beim erſten Schuß?“ „Nähere ich mich einer von den Kanonen, dieſer zum Beiſpiel. Ich ſchiebe ſie ſelbſt bis zur Schieß⸗ ſcharte, ich richte ſte ſelbſt, und gebe ſelbſt mit dieſer Lunte hier Feuer.“ „Sie?“ „Ich.“ „Ohl wenn ich das glaubte,“ ſagte Billot.„Che Sie ein ſolches Verbrechen begehen würden...“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, mein Herr, ich ſei Soldat, und ich kenne meinen Befehl.“ „Wohl denn! ſchauen Sie,“ ſprach Billot, indem er de Launay bis an eine Schießſcharte zog und nach einander mit dem Finger zwei verſchiedene Punkte, den Faubourg Saint⸗Antoine und das Boulevard bezeichnete, „dort iſt dasjenige, was Ihnen fortan Ihren Befehl geben wird.“ Und er zeigte de Launay zwei ſchwarze, dichte, brüllende Maſſen, welche, genöthigt, ſich nach den For⸗ men der Boulevards zu fügen, wogten wie eine unge⸗ heure Schlange, von der man den Kopf und den Leib ſah, während ihre letzten Ringe ſich in den Kruͤmmun⸗ gen des Terrain, auf dem ſie kroch, verloren. Und Alles, was man von dem rieſigen Reptil ſah, blinkte von leuchtenden Schuppen. Es war der doppelte, einerſeits von Marat, an⸗ derntheils von Gonchon geführte Haufen, mit dem ſich mlor auf dem Platze der Baſtille zuſammenbeſchieden atte. f 2¹8 nicht als ob dieſes Geſchrei mich einſchüchterte, ſondern damit man wiſſe, ich ſei ein redlicher Mann.“ Billot ſtreckte nun den Kopf durch eine Schieß⸗ ſcharte und winkte mit der Hand. Bei dieſem Anblick brach das Volk in einen Bei⸗ fallsſturm aus. Das war gewiſſer Maßen die Revolution, welche ſich auf den Zinnen der Baſtille in der Perſon dieſes Mannes aus dem Volke erhob, der zuerſt auf ihre Plattform als Herrſcher trat. „Es iſt gut,“ ſagte de Launay,„Alles iſt nun zwi⸗ ſchen uns beendigt. Sie haben nichts mehr hier zu thun. Man verlangt Sie unten; gehen Sie hinab.“ Billot begriff dieſe Mäßigung von Seiten eines Mannes, in deſſen Gewalt er ſich befand; er ſtieg die⸗ ſelbe Treppe hinab, auf der er heraufgekommen war; der Gouverneur folgte ihm. Der Major aber blieb. Der Gouverneur hatte ihm leiſe einige Befehle gegeben. Herr de Launay haite offenbar nur noch einen Wunſch: daß ſein Parlamentär ſo ſchnell als möglich ſein Feind würde. Billot durchſchritt den Hof, ohne ein Wort zu ſagen. Er ſah die Kanoniere bei ihren Stücken. Die Lunte rauchte am Ende der Stange. „ Billot blieb vor ihnen ſtehen. „Freunde!“ ſprach er zu ihnen,„erinnert Euch, daß ich gekommen bin, um Euren Chef aufzufordern, das Blutvergießen zu vermeiden, und daß er es ver⸗ weigert hat.“ „Mein Herr, im Namen des Königs!“ rief Herr de Launay mit dem Fuße ſtampfend,„gehen Sie von hier weg.“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ entgegnete Billot, „wenn Sie mich im Namen des Königs weggehen . ſo werde ich im Namen des Volkes zurück⸗ ehren.“ — 217 Von beiden Seiten rückte er, ſeine Waffen ſchwin⸗ gend und furchtbares Geſchrei ausſtoßend, heran. De Launay erbleichte bei dieſem Anblick; er hob ſeinen Stock in die Höhe und rief: „Zu Euren Kanonen!“ Dann trat er mit einer Geberde der Drohung auf Billot zu und ſagte: „Und Sie, Unglücklicher, Sie, der Sie unter dem Vorwande, zu parlamentiren, hierher kommen, während die Andern angreifen, wiſſen Sie, daß Sie den Tod verdienen?“ Und er zog halb den Degen aus dem Stock, der ihn verbarg. Billot ſah die Bewegung, packte ſchnell wie der Blitz de Launay beim Kragen und beim Gürtel und rief ihm, während er ihn von der Erde auf⸗ hob, zu: „Und Sie, Sie würden verdienen, daß ich Sie über die Brüſtung in die Tiefe der Gräben ſchleu⸗ derte.. Doch, Gott ſei Dank, ich werde Sie auf eine andere Weiſe bekämpfen.“ In dieſem Augenblick durchzog, von unten empor⸗ ſteigend, ein ungeheures, allgemeines Geſchrei die Luft wie ein Orkan, und zugleich erſchien Herr von Losme, der Major der Baſtille, auf der Plattform. „Mein Herr,“ rief er, ſich an Billot wendend,„ich bitte, haben Sie die Güte, ſich zu zeigen;„all dieſes Volk glaubt, es ſei Ihnen ein Unglück widerfahren, und verlangt nach Ihnen.“ Der Name Blllot wurde in der That, von Pitou in der Menge verbreitet, unter dem Geſchrei hörbar. Billot ließ Herrn de Launay los, und dieſer ſtieß ſeinen Degen wieder in die Scheide. Dann trat ein Augenblick des Zögerns unter dieſen drei Männern ein, währeud ſich Schreie der Drohung und der Rache vernehmen ließen. „Zeigen Sie ſich doch, mein Herr,“ ſagte de Launay, wW*— 5 2¹9 Dann wandte er ſich gegen die Hauptwache der Schweizer und ſagte: „Sprecht, für wen ſeid Ihr?“ Die Schweizer ſchwiegen. 2i De Launay deutete mit dem Finger auf die eiſerne üre. Billot wollte einen letzten Verſuch wagen. „Mein Herr,“ ſprach er zu de Launay,„im Namen der Nation! im Namen Ihrer Brüder!“ „Meiner Brüder? Sie nennen meine Brüder die⸗ jenigen, welche ſchreien: Nieder mit der Baſtille! Tod ihrem Gouverneur! Das ſind vielleicht Ihre Brüder, mein Herr, aber ſicherlich ſind es nicht die meinigen.“ „Im Namen der Menſchheit alſo.“ „Im Namen der Menſchheit! die Euch antreibt, zu hunderttauſend hundert in dieſen Mauern einge⸗ ſchloſſene unglückliche Soldaten zu erwürgen.“ „Gerade, indem Sie dem Volke die Baſtille über⸗ geben, retten Sie ihnen das Leben.“ „Und ich verliere meine Ehre.“ Billot ſchwieg, dieſe Logik des Soldaten vernichtete ihn; doch er wandte ſich noch einmal an die Schweizer und an die Invaliden und rief: „Ergebt Euch, meine Freunde, es iſt noch Zeit. In zehn Minuten wird es zu ſpät ſein.“ „Wenn Sie nicht auf der Stelle von hier weg⸗ gehen, mein Herr,“ rief de Launay,„ſo laſſe ich Sie niederſchießen, ſo wahr ich ein Edelmann bin.“ Billot blieb einen Augenblick ſtehen, kreuzte ſeine Arme herausfordernd, ſtieß mit ſeinem Blick zum letzten Mal an den von Launay und ging weg. 218 nicht als ob dieſes Geſchrei mich einſchüchterte, ſondern damit man wiſſe, ich ſei ein redlicher Mann.“ Billot ſtreckte nun den Kopf durch eine Schieß⸗ ſcharte und winkte mit der Hand. Bei dieſem Anblick brach das Volk in einen Bei⸗ fallsſturm aus. Das war gewiſſer Maßen die Revolution, welche ſich auf den Zinnen der Baſtille in der Perſon dieſes Mannes aus dem Volke erhob, der zuerſt auf ihre Plattform als Herrſcher trat. „Es iſt gut,“ ſagte de Launay,„Alles iſt nun zwi⸗ ſchen uns beendigt. Sie haben nichts mehr hier zu thun. Man verlangt Sie unten; gehen Sie hinab.“ Billot begriff dieſe Mäßigung von Seiten eines Mannes, in deſſen Gewalt er ſich befand; er ſtieg die⸗ ſelbe Treppe hinab, auf der er heraufgekommen war; der Gouverneur folgte ihm. Der Major aber blieb. Der Gouverneur hatte ihm leiſe einige Befehle gegeben. Herr de Launay hatte offenbar nur noch einen Wunſch: daß ſein Parlamentär ſo ſchnell als möglich ſein Feind würde. Billot durchſchritt den Hof, ohne ein Wort zu ſagen. Er ſah die Kanoniere bei ihren Stücken. Die Lunte rauchte am Ende der Stange. Billot blieb vor ihnen ſtehen. „Freunde!“ ſprach er zu ihnen,„erinnert Euch, daß ich gekommen bin, um Euren Chef aufzufordern, das Blutvergießen zu vermeiden, und daß er es ver⸗ weigert hat.“ „Mein Herr, im Namen des Königs!“ rief Herr de Launay mit dem Fuße ſtampfend,„gehen Sie von hier weg.“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ entgegnete Billot, „wenn Sie mich im Namen des Königs weggehen heißen, ſo werde ich im Namen des Volkes zurück⸗ kehren.“ —— S 220 XVII. Die Baſtille. Die Menge wartete, durch die glühende Juliſonne verbrannt, bebend, berauſcht. Die Leute von Gonchon hatten ihre Verbindung mit denen von Marat bewerk⸗ ſtelligt. Der Faubourg Saint⸗Antvine erkannte und grüßte ſeinen Bruder, den Faubourg Saint⸗Martin. Gonchon ſtand an der Spitze ſeiner Patrioten. Marat war verſchwunden. Der Platz bot einen erſchrecklichen Anblick. Als man Billot gewahrte, verdoppelte ſich das Geſchrei. „Nun?“ fragte Gonchon, indem er auf ihn zuging. „Dieſer Mann iſt brav,“ erwiederte Billot. „Was wollen Sie mit dem Wort:„Dieſer Mann iſt brav,““ ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß er feſt beharrt.“ „Er will die Baſtille nicht übergeben?“ „Nein.“ „Er beharrt dabei, daß er die Belagerung aus⸗ halten will?“ . „Und Sie glauben, er werde ſie lange aushalten?“ „Bis zum Tod.“ „Es ſei; er wird den Tod haben.“ „Doch wie viel Menſchen werden wir tödten laſſen?“ ſagte Billot, der wohl bezweifelte, daß ihm Gott das Recht gegeben, welches ſich die Generale, die Könige, die Kaiſer anmaßen, dieſe Herren, welche Blut zu vergie⸗ ßen privilegirt ſind. „Bah!“ verſetzte Gonchon,„es find zu viel Men⸗ ſchen vorhanden, da es nicht Brod genug für die Hälfte der Bevölkerung gibt. Nicht wahr, meine, Freunde?“ fuhr Gonchon, ſich an die Menge wendend, fort. ————— ———„ ee—— 3 c e9—— 2—— 4 —— — 219 Dann wandte er ſich gegen die Hauptwache der Schweizer und ſagte: „Sprecht, für wen ſeid Ihr?“ Die Schweizer ſchwiegen. De Launay deutete mit dem Finger auf die eiſerne Thüre. Billot wollte einen letzten Verſuch wagen. „Mein Herr,“ ſprach er zu de Launay,„im Namen der Nation! im Namen Ihrer Brüder!“ „Meiner Brüder? Sie nennen meine Brüder die⸗ jenigen, welche ſchreien: Nieder mit der Baſtille! Tod ihrem Gouverneur! Das ſind vielleicht Ihre Brüder, mein Herr, aber ſicherlich ſind es nicht die meinigen.“ „Im Namen der Menſchheit alſo.“ „Im Namen der Menſchheit! die Euch antreibt, zu hunderttauſend hundert in dieſen Mauern einge⸗ ſchloſſene unglückliche Soldaten zu erwürgen.“ „Gerade, indem Sie dem Volke die Baſtille über⸗ geben, retten Sie ihnen das Leben.“ „Und ich verliere meine Ehre.“ Billot ſchwieg, dieſe Logik des Soldaten vernichtete ihn; doch er wandte ſich noch einmal an die Schweizer und an die Invaliden und rief: „Ergebt Euch, meine Freunde, es iſt noch Zeit. In zehn Minuten wird es zu ſpät ſein.“ „Wenn Sie nicht auf der Stelle von hier weg⸗ gehen, mein Herr,“ rief de Launay,„ſo laſſe ich Sie niederſchießen, ſo wahr ich ein Edelmann bin.“ Billot blieb einen Augenblick ſtehen, kreuzte ſeine Arme herausfordernd, ſtieß mit ſeinem Blick zum letzten Mal an den von Launay und ging weg. S —— 22¹ „Ja! ja!“ rief die Menge mit einer erhabenen Selbſtverleugnung. „Aber der Graben?“ fragte Billot. „Er braucht nur an einer einzigen Stelle ausge⸗ füllt zu werden,“ antwortete Gonchon,„und ich habe berechnet, daß man mit der Hälfte unſerer Leiber den Graben ganz ausfüllen würde; nicht wahr, meine Freunde?“ „Ja! ja!“ wiederholte die Menge mit nicht weni⸗ ger Begeiſterung, als das erſte Mal. „Wohl! es ſei,“ ſprach Billot überwunden. In dieſem Augenbeick erſchien de Launay auf einer Terraſſe, gefolgt vvm Major von Losme und zwei bis drei Officieren. „Fange an!“ rief Gonchon dem Gouverneur zu. Dieſer drehte den Rücken, ohne zu antworten. Gonchon, der vielleicht die Drohung ertragen hätte, ertrug die Verachtung nicht; er legte raſch ſeine Büchſe an ſeine Schulter, und ein Mann im Geſolge des Gon⸗ verneur ſiel. Hundert, tauſend Flintenſchüſſe gingen zugleich los, als ob ſie nur auf dieſes Signal gewartet hätten, und beſprenkelten mit weißen Stellen die grauen Thürme der Baſtille. Ein Stillſchweigen von einigen Seeunden folgte auf dieſe Salve, als wäre die Menge ſelbſt über das, was ſie gethan, erſchrocken geweſen. Dann bekränzte ein Flammenſtrahl, der ſich in einer Rauchwoike verlor, den Kamm eines Thurmes; Schmerzensſchreie machten ſich in der gedrängten Menge hörbar; der erſte Kanonenſchuß war von der Baſtille gefeuert worden; das erſte Blut war vergoſſen; die Schlacht hatte ſich entſponnen. Was dieſe, einen Augenblick zuvor noch ſo dro⸗ hende, Menge empfand, glich dem Schrecken. Die Ba⸗ ſtille, welche ſich durch dieſe einzige Handlung zur Wehr ſtellte, erſchien in ihrer furchtbaren Unüber⸗ 220 XVII. Die Baſtille. Die Menge wartete, durch die glühende Juliſonne verbrannt, bebend, berauſcht. Die Leute von Gonchon hatten ihre Verbindung mit denen von Marat bewerk⸗ ſtelligt. Der Faubourg Saint⸗Antoine erkannte und grüßte ſeinen Bruder, den Faubourg Saint⸗Martin. Gonchon ſtand an der Spitze ſeiner Patrioten. Marat war verſchwunden.. Der Platz bot einen erſchrecklichen Anblick. Als man Billot gewahrte, verdoppelte ſich das Geſchrei. „Nun?“ fragte Gonchon, indem er auf ihn zuging. „Dieſer Mann iſt brav,“ erwiederte Billot. „Was wollen Sie mit dem Wort:„„Dieſer Mann iſt brav,““ ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß er feſt beharrt.“ „Er will die Baſtille nicht übergeben?“ „Nein.“ „Er beharrt dabei, daß er die Belagerung aus⸗ halten will?“ „Jd. ¹ „Und Sie glauben, er werde ſie lange aushalten?“ „Bis zum Tod.“ „Es ſei; er wird den Tod haben.“ „Doch wie viel Menſchen werden wir tödten laſſen?“ ſagte Billot, der wohl bezweifelte, daß ihm Gott das Recht gegeben, welches ſich die Generale, die Könige, die Kaiſer anmaßen, dieſe Herren, welche Blut zu vergie⸗ ßen privilegirt ſind. „Bah!“ verſetzte Gonchon,„es ſind zu viel Men⸗ ſchen vorhanden, da es nicht Brod genug für die Hälfte der Bevölkerung gibt. Nicht wahr, meine Freunde?“ fuhr Gonchon, ſich an die Menge wendend, fort. 222 windlichkeit. Das Volk hatte ohne Zweifel gehofft, in dieſer Zeit der Einräumungen, die man ihm machte, werde auch dieſe ohne Blutvergießen in Erfüllung ehen. Das Volk täuſchte ſich. Der auf daſſelbe abge⸗ feuerte Kanonenſchuß gab ihm das Maß von dem Ti⸗ tanenwerk, das es unternommen hatte. Ein wohl gerichtetes Musketenfener, von der Platt⸗ form der Baſtille herab, folgte ihm unmittelbar. Dann entſtand ein neues Stillſchweigen, unterbro⸗ chen durch einige Schreie, durch einiges Stöhnen, durch einige da und dort ausgeſtoßene Klagen. Da konnte man ein gewaltiges Beben in dieſer Menge ſehen: das Volk hob ſeine Todten und ſeine Verwundeten auf. Doch das Volk dachte an keine Flucht, oder wenn es daran dachte, ſchämte es ſich, indem es ſich zählte. In der That, die Boulevards, die Rue Saint⸗ Antvine, der Faubourg Saint⸗Antoine waren nur ein weites Menſchenmeer; jede Welle hatte einen Kopf, jeder Kopf zwei flammende Augen, einen drohenden Mund. In einem Augenblick waren alle Fenſter des Quar⸗ tiers mit Plänklern heſetzt, ſelbſt diejenigen, welche ſich außer dem Bereiche befanden. Erſchien auf den Terraſſen oder in den Schieß⸗ ſcharten ein Invallde oder ein kleiner Schweizer, ſo wurden hundert Gewehre auf ihn angelegt, und der Hagel der Kugeln ſtieß die Ecken des Steins ab, hin⸗ ter dem ſich der Soldat ſchirmte. Doch man wird bald müde, auf unempfindliche Mauern zu ſchießen. Nach Fleiſch zielten die Schüſſe, Blut wollte man unter dem Blei hervorſpringen ſehen, und nicht Staub. Jeder gab ſeinen Rath mitten unter der Menge und dem Geſchrei. Man vbildete einen Kreis um den Redner, und 8 221 „Ja! ja!“ rief die Menge mit einer erhabenen Selbſtverleugnung. „Aber der Graben?“ fragte Billot. „Er braucht nur an einer einzigen Stelle ausge⸗ füllt zu werden,“ antwortete Gonchon,„und ich habe berechnet, daß man mit der Hälfte unſerer Leiber den Graben ganz ausfüllen würde; nicht wahr, meine Freunde?“ „Ja! ja!“ wiederholte die Menge mit nicht weni⸗ ger Begeiſterung, als das erſte Mal. „Wohll es ſei,“ ſprach Billot überwunden. In dieſem Augenblick erſchien de Launay auf einer Terraſſe, gefolgt vom Major von Losme und zwei bis drei Officieren. „Fange an!“ rief Gonchon dem Gouverneur zu. Dieſer drehte den Rücken, ohne zu antworten. Gonchon, der vielleicht die Drohung ertragen hätte, ertrug die Verachtung nicht; er legte raſch ſeine Büchſe an ſeine Schulter, und ein Mann im Gefolge des Gou⸗ verneur fiel. Hundert, tauſend Flintenſchüſſe gingen zugleich los, als ob ſie nur auf dieſes Signal gewartet hätten, und beſprenkelten mit weißen Stellen die grauen Thürme der Baſtille. Ein Stillſchweigen von einigen Seeunden folgte auf dieſe Salve, als wäre die Menge ſelbſt über das, was ſie gethan, erſchrocken geweſen. Dann bekränzte ein Flammenſtrahl, der ſich in einer Rauchwolke verlor, den Kamm eines Thurmes; Schmerzensſchreie machten ſich in der gedrängten Menge hörbar; der erſte Kanonenſchuß war von der Baſtille gefeuert worden; das erſte Blut war vergoſſen; die Schlacht hatte ſich entſponnen. Was dieſe, einen Augenblick zuvor noch ſo dro⸗ hende, Menge empfand, glich dem Schrecken. Die Ba⸗ ſtille, welche ſich durch dieſe einzige Handlung zur Wehr ſtellte, erſchien in ihrer furchtbaren Unüber⸗ M NM —* —— S N 223 wenn man bemerkte, daß der Vorſchlag unfinnig War, ſo entfernte man ſich. Ein Stellmacher ſchlug vor, eine Katapulte nach dem Muſter der alten römiſchen Maſchinen zu bauen und die Baſtille Breſche zu ſchießen. Die Pompiers machten einen Vorſchlag, nach dem ſie mit ihren Feuerſpritzen das Zündkraut der Kanonen und die Lunten der Artilleriſten auslöſchen wollten, ohne zu bemerken, daß die ſtärkſte von ihren Spritzen das Waſſer nicht bis zu zwei Dritteln von der Höhe der Mauern der Baſtille ſchleudern würde. Ein Brauer, der den Faubourg Saint⸗Antoine befehligte, und deſſen Name ſeitdem eine unſelige Be⸗ rühmtheit erlangt hat, ſchlug vor, die Feſtung dadurch in Brand zu ſtecken, daß man Mohnſamenöl und Spiek⸗ öl, welches man am Tage vorher weggenommen, hinein⸗ werfen und mit Phosphor anzünden würde. Billot hörte dieſe Vorſchläge einen nach dem an⸗ dern an. Beim letzten nimmt er eine Axt aus den Händen eines Zimmermanns, ſchreitet unter einem Ha⸗ gel von Kugeln, der um ihn her die dicht geſchaarten Menſchen trifft und wie die Aehren auf einem Korn⸗ felde niederwirft, vor, erreicht ein kleines Wachhaus in der Nähe einer erſten Zugbrücke und haut unter Kartätſchengeſchoß, das auf dem Dache pfeift und praſ⸗ ſelt, die Ketten ab und macht die Brücke fallen. Während einer Viertelſtunde, die dieſes beinahe wahnſinnige Unternehmen dauerte, blieb die Menge keuchend. Bei jedem Schuß glaubte man den kühnen Arbeiter niederſtürzen zu ſehen. Die Menge vergaß die Gefahr, der ſie ſelbſt preisgegeben war, um nur an die Gefahr zu denken, welche dieſer Mann lief. Als die Brücke fiel, ertönte ein gewaltiges Geſchrei und man ſtürzte in den erſten Hof. Die Bewegung war ſo raſch, ſo ungeſtüm, ſo un⸗ widerſtehlich, daß man es nicht verſuchte, den Hof zu vertheidigen. 222 windlichkeit. Das Volk hatte ohne Zweifel gehofft, in dieſer Zeit der Einräumungen, die man ihm machte, ehe auch dieſe ohne Blutvergießen in Erfüllung ehen. 3 Das Volk täuſchte ſich. Der auf daſſelbe abge⸗ feuerte Kanonenſchuß gab ihm das Maß von dem Ti⸗ tanenwerk, das es unternommen hatte. Ein wohl gerichtetes Musketenfeuer, von der Platt⸗ form der Baſtille herab, folgte ihm unmittelbar. Dann entſtand ein neues Stillſchweigen, unterbro⸗ chen durch einige Schreie, durch einiges Stöhnen, durch einige da und dort ausgeſtoßene Klagen. Da konnte man ein gewaltiges Beben in dieſer Menge ſehen: das Volk hob ſeine Todten und ſeine Verwundeten auf. Doch das Volk dachte an keine Flucht, oder wenn es daran dachte, ſchämte es ſich, indem es ſich zählte. In der That, die Boulevards, die Rue Saint⸗ Antoine, der Faubourg Saint⸗Antoine waren nur ein weites Menſchenmeer; jede Welle hatte einen Kopf, jeder Kopf zwei flammende Augen, einen drohenden Mund. In einem Augenblick waren alle Fenſter des Quar⸗ tiers mit Plänklern beſetzt, ſelbſt diejenigen, welche ſich außer dem Bereiche befanden. Erſchien auf den Terraſſen oder in den Schieß⸗ ſcharten ein Invallde oder ein kleiner Schweizer, ſo wurden hundert Gewehre auf ihn angelegt, und der Hagel der Kugeln ſtieß die Ecken des Steins ab, hin⸗ ter dem ſich der Soldat ſchirmte. Doch man wird bald müde, auf unempfindliche Mauern zu ſchießen. Nach Fleiſch zielten die Schüſſe, Blut wollte man unter dem Blei hervorſpringen ſehen, und nicht Staub. Jeder gab ſeinen Rath mitten unter der Menge und dem Geſchrei. Man bildete einen Kreis um den Redner, und α& G&2n—₰ — e——hASee ———₰—— 224 Die wüthenden Freudenſchreie verkündigten de Lau⸗ nay, daß das Volk dieſen erſten Vortheil errungen hatte. Man gab nicht einmal darauf Acht, daß ein Menſch unter der Holzmaſſe zermalmt worden war. Da brechen, wie in der Tiefe einer Höhle, die ſie beleuchten, die vier Kanonen, welche der Gouverneur Billot gezeigt hat, auf einmal mit einem gräßlichen Lärmen los und fegen dieſen ganzen erſten Hof. Der eiſerne Orkan hat in der Menge einen langen Blutſtreifen gezogen; zehn bis zwölf Todte, fünfzehn bis zwanzig Verwundete ſind auf dem Wege der Kar⸗ tätſchen geblieben. Billot iſt von ſeinem Dach auf den Boden geglit⸗ ten; doch auf dem Boden hat er Pirou gefunden, der, er weiß nicht wie, hierher gekommen iſt. Pitvu hat ein raſches Auge; das iſt eine Gewohnheit des Wild⸗ diebes. Er hat die Attilleriſten die Lunte dem Zündloche nähern ſehen; er hat Billot beim Flügel ſeines Rockes genommen und raſch rückwärts gezogen. Eine Mauer⸗ ecke hat Beide vor dieſer erſten Salve geſchützt. Von dieſem Augenblick an iſt die Sache ernſt; der Tumult wird gräßlich, das Gemenge tödtlich; gleich⸗ zeitig gehen um die Baſtille her zehntauſend Flinten⸗ ſchuſſe los, welche noch gefährlicher für die Belagern⸗ den, als für die Belagerten. Endlich miſcht eine Kanone, von Soldaten der franzöſiſchen Garde bedient, ihren Donner mit dem Gekrache des Musketenfeuers. Es iſt ein entſetzlicher Lärmen, bei dem ſich die Menge berauſcht, und dieſer Lärmen fängt an die Belagerten zu erſchrecken, die ſich zählen und einſehen, ſie werden nie einen Lärmen, dem ähnlich, welcher ſie betäubt, machen können. Die Oificiere der Baſtille fühlen inſtinetartig, daß ihre Soldaten ſchwach werden; fſie nehmen ſelbſt Ge⸗ wehre und ſchießen. In dieſem Augenblick, mitten unter dem Geräuſch von ſchwerem Geſchütz und Kleingewehrfeuer, unter dem 223 wenn man bemerkte, daß der Vorſchlag unfinnig war, ſo entfernte man ſich. Ein Stellmacher ſchlug vor, eine Katapulte nach dem Muſter der alten römiſchen Maſchinen zu bauen und die Baſtille Breſche zu ſchießen. Die Pompiers machten einen Vorſchlag, nach dem ſie mit ihren Feuerſpritzen das Zündkraut der Kanonen und die Lunten der Artilleriſten auslöſchen wollten, ohne zu bemerken, daß die ſtärkſte von ihren Spritzen das Waſſer nicht bis zu zwei Dritteln von der Höhe der Mauern der Baſtille ſchleudern würde. Ein Brauer, der den Faubourg Saint⸗Antoine befehligte, und deſſen Name ſeitdem eine unſelige Be⸗ rühmtheit erlangt hat, ſchlug vor, die Feſtung dadurch in Brand zu ſtecken, daß man Mohnſamenöl und Spiek⸗ öl, welches man am Tage vorher weggenommen, hinein⸗ werfen und mit Phosphor anzünden würde. Billot hörte dieſe Vorſchläge einen nach dem an⸗ dern an. Beim letzten nimmt er eine Art aus den Händen eines Zimmermanns, ſchreitet unter einem Ha⸗ gel von Kugeln, der um ihn her die dicht geſchaarten Menſchen trifft und wie die Aehren auf einem Korn⸗ felde niederwirft, vor, erreicht ein kleines Wachhaus in der Nähe einer erſten Zugbrücke und haut unter Kartätſchengeſchoß, das auf dem Dache pfeift und praſ⸗ ſelt, die Ketten ab und macht die Brücke fallen. Während einer Viertelſtunde, die dieſes beinahe wahnſinnige Unternehmen dauerte, blieb die Menge keuchend. Bei jedem Schuß glaubte man den kühnen Arbeiter niederſtürzen zu ſehen. Die Menge vergaß die Gefahr, der ſie ſelbſt preisgegeben war, um nur an die Gefahr zu denken, welche dieſer Mann lief. Als die Brucke ſiel, ertönte ein gewaltiges Geſchrei und man ſtürzte in den erſten Hof. „Die Bewegung war ſo raſch, ſo ungeſtüm, ſo un⸗ widerſtehlich, daß man es nicht verſuchte, den Hof zu vertheidigen. Gebrülle der Menge, als das Volk abermals vorſtürzte, um die Todten aufzuheben und ſich eine Waffe aus dieſen Leichnamen zu machen, welche durch den Mund ihrer Wunden um Rache ſchreien werden, erſcheint am Eingang des erſten Hofes ein kleiner Haufen von ruhi⸗ gen Bürgern ohne Waffen; ſie durchſchneiden die Menge und ſchreiten vor, bereit, ihr Leben zu opfern, das nur durch die weiße Fahne, die ihnen vorangeht und Par⸗ lamentäre bezeichnet, geſchützt wird. Das iſt eine Deputation des Stadthauſes; die Wähler wiſſen, daß ſich die Feindſeligkeiten entſponnen haben; ſie wollen dem Blutvergießen Einhalt thun, und man zwingt Fleſſelles, dem Gouverneur neue Vor⸗ ſchläge zu machen. Dieſe Deputirten kommen im Namen der Stadt, um Herrn de Launay aufzufordern, das Feuer einzu⸗ ſtellen und, um zugleich das Leben der Bürger, das ſeinige und das der Garniſon zu ſchirmen, hundert Mann Bürgergarde im Innern der Feſtung aufzu⸗ nehmen. 5 Das iſt es, was die Deputirten auf ihrem Wege verbreiten. Selbſt erſchrocken über die Unternehmung, die es begonnen, iſt das Volk, das die Verwundeten und die Todten auf Bahren vorübertragen fieht, bereit, dieſen Vorſchlag zu unterſtützen; de Launah nehme eine halbe Niederlage an, und es wird ſich mit einem hal⸗ ben Siege begnügen. Bei ihrem Anblick hört das Feuer des zweiten Hofes auf; man bedeutet ihnen durch ein Zeichen, daß ſie näher kommen können, und ſie nähern ſich in der That, im Blute ausgleitend, über die Leichname ſtei⸗ gend, den Verwundeten die Hand reichend. Das Volk gruppirt ſich zu ihrem Schutze. Leich⸗ name und Verwundete werden weggetragen; mit großen purpurrothen Flecken das Pflaſter der Höfe beſprenkelnd, bleibt das Blut allein. Von Seiten der Feſtung hat das Feuer aufgehört. Ange Pitou. 1. 15 Die wüthenden Freudenſchreie verkündigten de Lau⸗ nay, daß das Volk dieſen erſten Vortheil errungen hatte. Man gab nicht einmal darauf Acht, daß ein Menſch unter der Holzmaſſe zermalmt worden war. Da brechen, wie in der Tiefe einer Höhle, die ſie beleuchten, die vier Kanonen, welche der Gouverneur Billot gezeigt hat, auf einmal mit einem gräßlichen Lärmen los und fegen dieſen ganzen erſten Hof. Der eiſerne Orkan hat in der Menge einen langen Blutſtreifen gezogen; zehn bis zwölf Todte, fünfzehn bis zwanzig Verwundete ſind auf dem Wege der Kar⸗ tätſchen geblieben. 4 Billot iſt von ſeinem Dach auf den Boden geglit⸗ ten; doch auf dem Boden hat er Pitou gefunden, der, er weiß nicht wie, hierher gekommen iſt. Pitou hat ein raſches Auge; das iſt eine Gewohnheit des Wild⸗ diebes. Er hat die Artilleriſten die Lunte dem Zündloche nähern ſehen; er hat Billot beim Flügel ſeines Rockes genommen und raſch rückwärts gezogen. Eine Mauer⸗ ecke hat Beide vor dieſer erſten Salve geſchützt. Von dieſem Augenblick an iſt die Sache ernſt; der Tumult wird gräßlich, das Gemenge tödtlich; gleich⸗ zeitig gehen um die Baſtille her zehntauſend Flinten⸗ ſchuſſe los, welche noch gefährlicher für die Belagern⸗ den, als für die Belagerten. Endlich miſcht eine Kanone, von Soldaten der franzöſiſchen Garde bedient, ihren Donner mit dem Gekrache des Musketenfeuers. Es iſt ein entſetzlicher Lärmen, bei dem ſich die Menge berauſcht, und dieſer Lärmen fängt an die Belagerten zu erſchrecken, die ſich zählen und einſehen, ſie werden nie einen Lärmen, dem ähnlich, welcher ſie betäubt, machen können. Die Oſſiciere der Baſtille fühlen inſtinctartig, daß ihre Soldaten ſchwach werden; ſie nehmen ſelbſt Ge⸗ wehre und ſchießen. In dieſem Augenblick, mitten unter dem Geräuſch von ſchwerem Geſchütz und Kleingewehrfeuer, unter dem SHAAe See —- ——,—— 226 Billot geht hinaus, um es zu verſuchen, auch das Feuer der Belagernden aufhören zu machen. Vor dem Thore trifft er Gonchon, Gonchon ohne Waffen, der Gefahr trotzend wie ein Inſpirirter, ruhig, als ob er unver⸗ wundbar wäre. „Nun!“ fragte er Billot,„was iſt aus der Depu⸗ tation geworden?“ „Sie iſt in die Baſtille eingetreten,“ erwiederte Billot;„laſſen Sie das Feuer einſtellen.“ „Es iſt unnöthig,“ entgegnete Gonchon mit der⸗ ſelben Sicherheit, als ob ihm Gott die Fähigkeit, in der Zukunſt zu leſen, gegeben hätte. „Gleichviel, reſpectiren wir die Kriegsgewohnhei⸗ ten, da wir uns zu Soldaten gemacht haben.“ „Es ſei,“ ſagte Gonchon. Hann wandte er ſich an zwei Männer aus dem Volk, welche unter ihm dieſe ganze Maſſe zu befehli⸗ gen ſchienen, und ſprach: „Geht, Elie, geht, Hullin, und es falle kein Schuß uf die Stimme ihres Führers eilten die zwei Adjutanten, die Wogen des Volkes durchſchneidend, fort, und bald nahm das Geräuſch des Musketenfeuers allmälig ab, dann erloſch es gänzlich. Cs trat ein Augenblick der Ruhe ein. Man be⸗ nützte ihn, um für die Verwundeten, deren Zahl ſich auf fünfunddreißig bis vierzig belief, Sorge zu ragen. Während dieſes Augenblicks der Ruhe hört man zwei Uhr ſchlagen. Der Angriff hat um Mittag be⸗ gonnen. Man kämpft alſo ſchon zwei Stunden. Billot iſt an ſeinen Poſten zurückgekehrt, und Gon⸗ chon iſt ihm nun gefolgt. Sein Auge wendet ſich unruhig nach dem Gitter; ſeine Ungeduld iſt ſichtbar. „Was haben Sie?“ fragte ihn Billot. C „———)8 ———— ———— — u.—— NAA 8 8 1SBNKN —,.,— Gebrülle der Menge, als das Volk abermals vorſtürzte, um die Todten aufzuheben und ſich eine Waffe aus dieſen Leichnamen zu machen, welche durch den Mund ihrer Wunden um Nache ſchreien werden, erſcheint am Eingang des erſten Hofes ein kleiner Haufen von ruhi⸗ gen Bürgern ohne Waffen; ſie durchſchneiden die Menge und ſchreiten vor, bereit, ihr Leben zu opfern, das nur durch die weiße Fahne, die ihnen vorangeht und Par⸗ lamentäre bezeichnet, geſchützt wird. Das iſt eine Deputation des Stadthauſes; die Wähler wiſſen, daß ſich die Feindſeligkeiten enkſponnen haben; ſie wollen dem Blutvergießen Einhalt thun, und man zwingt Fleſſelles, dem Gouverneur neue Vor⸗ ſchläge zu machen. Dieſe Deputirten kommen im Namen der Stadt, um Herrn de Launay aufzufordern, das Feuer einzu⸗ ſtellen und, um zugleich das Leben der Bürger, das ſeinige und das der Garniſon zu ſchirmen, hundert WMan Bürgergarde im Innern der Feſtung aufzu⸗ nehmen. Das iſt es, was die Deputirten auf ihrem Wege verbreiten. Selbſt erſchrocken über die Unternehmung, die es begonnen, iſt das Volk, das die Verwundeten und die Todten auf Bahren vorübertragen ſieht, bereit, dieſen Vorſchlag zu unterſtützen; de Launay nehme eine halbe Niederlage an, und es wird ſich mit einem hal⸗ ben Siege begnügen.. Bei ihrem Anblick hört das Feuer des zweiten Hofes auf; man bedeutet ihnen durch ein Zeichen, daß ſte näher kommen können, und ſie nähern ſich in der That, im Blute ausgleitend, über die Leichname ſtei⸗ gend, den Verwundeten die Hand reichend. Das Volk gruppirt ſich zu ihrem Schutze, Leich⸗ name und Verwundete werden weggetragen; mit großen purpurrothen Flecken das Pflaſter der Hoͤfe beſprenkelnd, bleibt das Blut allein. Von Seiten der Feſtung hat das Feuer aufgehört. Ange Pitou. 1. 15 227 „Iſt die Baſtille nicht in zwei Stunden genommen ſo iſt Alles verloren,“ antwortete Gonchon. „Und warum dies?“ „Der Hof wird erfahren, mit welcher Arbeit wir beſchäftigt ſind, und uns die Schweizer von Bezenval und die Dragoner von Lambesg ſchicken, und dann werden wir zwiſchen drei Feuer genommen.“ Billot war genöthigt, zu geſtehen, es ſei Wahres an dem, was Gonchon ſagte. Endlich erſchienen die Deputirten wieder. Aus ihrer düſteren Miene erſah man, daß ſie nichts erlangt hatten. „Nun!“ rief Gonchon ſtrahlend vor Freude,„was ſagte ich? Die prophezeiten Dinge werden in Erfüllung gehen; die verfluchte Feſtung iſt verurtheilt.“ Ohne nur die Deputation zu fragen, ſtürzte er ſodann aus dem erſten Hof und ſchrie: „Zu den Waffen! Kinder, zu den Waffen! Der Commandant verweigert!“ Der Commandant hatte in der That kaum den Brief von Fleſſelles geleſen, als ſein Geſicht ſich auf⸗ klärte, und ſtatt den Vorſchlägen, die man ihm machte, nachzugeben, rief er: „Meine Herren Pariſer, Sie haben den Kampf gewollt; nun iſt es zu ſpät.“ Die Parlamentäre drangen in ihn und ſtellten ihm all das Unglück vor, das ſeine Vertheidigung herbeiführen könne. Doch er wollte nichts hören und ſagte am Ende zu den Parlamentären, was er zwei Stunden zuvor ſchon zu Billot geſagt haite: „Geht, oder ich laſſe Euch erſchießen.“ Und die Parlamentäre entfernten ſich. Diesmal iſt es Herr de Launay, der die Offenſive ergriffen hat. Er ſcheint trunken vor Ungeduld. Ehe die Deputirten die Schwelle des Hofes überſchritten haben, hat der Dudelſack des Herzogs von Sachſen ein Lied geſpielt. Drei Perſonen find gefallen; die eine iſt todt, die zwei andern ſind . 226 Billot geht hinaus, um es zu verſuchen, auch das Feuer der Belagernden aufhören zu machen. Vor dem Thore trifft er Gonchon, Gonchon ohne Waffen, der Gefahr trotzend wie ein Inſpirirter, ruhig, als ob er unver⸗ wundbar wäre. „Nun!“ fragte er Billot,„was iſt aus der Depu⸗ tation geworden?“ „Sie iſt in die Baſtille eingetreten,“ erwiederte Billot;„laſſen Sie das Feuer einſtellen.“ „Es iſt unnöthig,“ entgegnete Gonchon mit der⸗ ſelben Sicherheit, als ob ihm Gott die Fähigkeit, in der Zukunſt zu leſen, gegeben hätte. „Gleichviel, reſpectiren wir die Kriegsgewohnhei⸗ ten, da wir uns zu Soldaten gemacht haben.“ „Es ſei,“ ſagte Gonchon. Dann wandte er ſich an zwei Männer aus dem Volk, welche unter ihm dieſe ganze Maſſe zu befehli⸗ gen ſchienen, und ſprach: „Geht, Elie, geht, Hullin, und es falle kein Schuß r. Auf die Stimme ihres Führers eilten die zwei Adjutanten, die Wogen des Volkes durchſchneidend, fort, und bald nahm das Geräuſch des Musketenſeuers allmälig ab, dann erloſch es gänzlich. Es trat ein Augenblick der Ruhe ein. Man be⸗ nützte ihn, um für die Verwundeten, deren Zahl ſich ſchon auf fünfunddreißig bis vierzig belief, Sorge zu ragen. Während dieſes Augenblicks der Ruhe hört man zwei Uhr ſchlagen. Der Angriff hat um Mittag be⸗ gonnen. Man kämpft alſo ſchon zwei Stunden. Billot iſt an ſeinen Poſten zurückgekehrt, und Gon⸗ chon iſt ihm nun gefolgt. Sein Auge wendet ſich unruhig nach dem Gitter; ſeine Ungeduld iſt ſichtbar. „Was haben Sie?“ fragte ihn Billot. 22²8 Dieſe zwei Verwundeten ſind der eine ein Soldat von der franzöſiſchen Garde, der andere ein Parlamentär. Beim Anblick dieſes Mannes, den ſein Charakter heilig machte, und den man mit Blut bedeckt wegträgt, exaltirt ſich die Menge abermals. Die zwei Adjutanten von Gonchon ſind zurückge⸗ kehrt und haben wieder ihren Platz an ſeiner Seite eingenommen; doch Jeder von ihnen hat Zeit gehabt, nach Hauſe zu gehen und ſeine Kleider zu wechſeln. Allerdings wohnt der eine beim Arſenal und der andere in der Rue de Charonne. Hullin, Anfangs Uhrmacher in Genf, ſodann Jäger beim Marquis von Conflans, kommt mit ſeiner Livree zurück, die der Tracht eines ungariſchen Offieiers gleicht. Elie, Erofſicier im Regiment der Königin, hat ſeine Uniform wieder angezogen, die dadurch, daß ſie glauben machen wird, das Heer ſei für daſſelbe und mit demſelben, dem Volke mehr Vertrauen geben muß. Das Feuer beginnt mit größerer Erbitterung und Heftigkeit, als je. In dieſem Augenblick näherte ſich Herr von Losme, der Major der Baſtille, dem Gouverneur. Das war ein braver und tapferer Soldat; aber es war etwas vom Bürger in ihm geblieben, und er ſah zu ſeinem Schmerz, was vorging, und beſonders, was vorgehen ſollte. „Herr Gouverneur,“ ſagte er,„wir haben keine Lebensmittel, wie Sie wiſſen.“ „Ich weiß es,“ erwiederte de Launay. „Sie wiſſen auch, daß wir keinen Befehl haben.“ „Ich bitte um Verzeihung, Herr von Losme, ich habe den Befehl, die Baſtille zu ſchließen, dorum gibt man mir die Schlüſſel.“ „Herr Gouverneur, die Schlüſſel dienen ebenſo gut vazu, die Thüren zu öffnen, als ſie zu ſchließen. Hüten Sie ſich, die zuni⸗ Garniſon niedermetzeln zu laſſen, ohne das Schloß zu retten⸗ Zwei Triumphe für den⸗ „Iſt die Baſtille nicht in zwei Stunden genommen ſo iſt Alles verloren,“ antwortete Gonchon. „Und warum dies?“ „Der Hof wird erfahren, mit welcher Arbeit wir beſchäftigt find, und uns die Schweizer von Bezenval und die Dragoner von Lambesg ſchicken, und dann werden wir zwiſchen drei Feuer genommen.“ Billot war genöthigt, zu geſtehen, es ſei Wahres an dem, was Gonchon ſagte. Endlich erſchienen die Deputirten wieder. Aus ihrer düſteren Miene erſah man, daß ſie nichts erlangt hatten. „Nun!“ rief Gonchon ſtrahlend vor Freude,„was ſagte ich? Die prophezeiten Dinge werden in Erfüllung gehen; die verfluchte Feſtung iſt verurtheilt.“ hne nur die Deputation zu fragen, ſtürzte er ſodann aus dem erſten Hof und ſchrie: „Zu den Waffen! Kinder, zu den Waffen! Der Commandant verweigert!“ Der Commandant hatte in der That kaum den Brief von Fleſſelles geleſen, als ſein Geſicht ſich auf⸗ klärte, und ſtatt den Vorſchlägen, die man ihm machte, nachzugeben, rief er: gewollt; nun iſt es zu ſpät.“ Die Parlamentäre drangen in ihn und ſtellten ihm all das Unglück vor, das ſeine Vertheidigung herbeiführen könne. Doch er wollte nichts hören und ſagte am Ende zu den Parlamentären, was er zwei Stunden zuvor ſchon zu Billot geſagt hatte: „Geht, oder ich laſſe Euch erſchießen.“ Und die Parlamentäre entfernten Diesmal iſt es Herr de Launay, der die Offenſive ergriffen hat. Er ſcheint trunken vor Ungeduld. Ehe die Deputirten die Schwelle des Hofes überſchritten haben, hat der Dudelſack des Herzogs von Sachſen ein Lied geſpielt. Drei Perſonen ſind gefallen; die eine iſt todt, die zwei andern ſind dermundet. S. e, er er as ne ich ibt ut ten en, en⸗ 229 ſelben Tag! Betrachten Sie die Menſchen, die wir tödten, ſie wachſen aus dem Fflaſter hervor. Dieſen Morgen waren ſie zu fünfhundert, vor zwei Stunden waren es zehntauſend, nun ſind es mehr als ſechzig⸗ tauſend; morgen werden es hunderttauſend ſein. Wenn unſere Kanonen ſchweigen, und das müſſen ſie am Ende thun, werden ſie ſtark genug ſein, die Baſtille mit ihren Händen zu zerſtören.“ „Sie ſprechen nicht wie ein Militär, Herr von Losme.“ „Ich ſpreche wie ein Franzoſe, mein Herr. Ich ſage, da Seine Majeſtät uns keinen Befehl gegeben... ich ſage, da uns der Stadtvogt einen ſehr annehmbaren Vorſchlag hat zukommen laſſen, den Vorſchlag, hundert Mann Bürgergarde in das Schloß aufzunehmen, ſo können Sie, um das Unglück, das ich vorherſehe, zu vermeiden, dem Vorſchlag von Herrn von Fleſſelles beitreten.“ „Ihrer Anſicht nach, Herr von Losme, iſt alſo die Gewalt, welche die Stadt Paris vertritt, eine Autori⸗ tät, der wir gehorchen müſſen?“ „In Abweſenheit der unmittelbaren Autorität Seiner Majeſtät, ja, Herr Gouverneur, das iſt meine Anſicht.“ „Wohl denn,“ ſprach Herr de Launay, indem er den Major in eine Ecke des Hofes zog,„leſen Sie, Herr von Losme.“ Und er reichte ihm ein Blättchen Papier. Der Major las. „Halten Sie feſt; ich beluſtige die Pariſer mit Cocarden und Verſprechungen. Vor dem Ende des Tages wird Ihnen Herr von Bezenval Verſtärkung ſchicken. „Von Fleſſelles.“ „Wie, dieſer Zettel iſt Ihnen zugekommen, Herr Gouverneur?“ fragte der Major. „In dem Brief, den mir die Herren Parlamentäre übergeben haben. Sie glaubten, mir den Befehl zur 228 Dieſe zwei Verwundeten ſind der eine ein Soldat von der franzöſiſchen Garde, der andere ein Parlamentär. Beim Anblick dieſes Mannes, den ſein Charakter heilig machte, und den man mit Blut bedeckt wegträgt, exaltirt ſich die Menge abermals. Die zwei Adjutanten von Gonchon ſind zurückge⸗ kehrt und haben wieder ihren Platz an ſeiner Seite eingenommen; doch Jeder von ihnen hat Zeit gehabt, nach Hauſe zu gehen und ſeine Kleider zu wechſeln. Allerdings wohnt der eine beim Arſenal und der andere in der Rue de Charonne. Hullin, Anfangs Uhrmacher in Genf, ſodann Jäger beim Marquis von Conflans, kommt mit ſeiner Livree zurück, die der Tracht eines ungariſchen Officiers gleicht. Elie, Erofficier im Regiment der Königin, hat ſeine Uniform wieder angezogen, die dadurch, daß ſie glauben machen wird, das Heer ſei für daſſelbe und mit demſelben, dem Volke mehr Vertrauen geben muß. Das Feuer beginnt mit größerer Erbitterung und Heftigkeit, als je. In dieſem Augenblick näherte ſich Herr von Losme, der Major der Baſtille, dem Gouverneur. Das war ein braver und tapferer Soldat; aber es war etwas vom Bürger in ihm geblieben, und er ſah zu ſeinem Schmerz, was vorging, und beſonders, was vorgehen ſollte. „Herr Gouverneur,“ ſagte er,„wir haben keine Lebensmittel, wie Sie wiſſen.“ Ich weiß es,“ erwiederte de Launay. „Sie wiſſen auch, daß wir keinen Befehl haben.“ „Ich bitte um Verzeihung, Herr von Losme, ich habe den Befehl, die Baſtille zu ſchließen, darum gibt man mir die Schlüſſel.“ „Herr Gouverneur, die Schlüſſel dienen ebenſo gut dazu, die Thüren zu öffnen, als ſie zu ſchließen. Hüten Sie ſich, die ganze Garniſon niedermetzeln zu laſſen, ohne das Schloß zu retten. Zwei Triumphe für den⸗ 8 —,—— 230 nebergabe der Feſtung zuzuſtellen und brachten mir den Befehl, ſie zu vertheidigen.“ Der Major neigte das Haupt. „Gehen Sie an Ihren Poſten, mein Herr,“ ſagte de Launay,„und verlaſſen Sie ihn nur, wennich Sie rufe.“ Herr von Losme gehorchte. Herr de Launay legte kalt das Papier zuſammen, ſteckte es in ſeine Taſche, kehrte zu ſeinen Kanonieren zurück und befahl ihnen, tief und richtig zu zielen. Die Kanoniere gehorchten, wie Herr von Losme gehorcht hatte. Doch das Geſchick der Feſtung war beſtimmt, keine menſchliche Macht konnte die Erfüllung verzögern. Auf jeden Kanonenſchuß antwortete das Volk: Wir wollen die Baſtille. Und während die Stimmen verlangten, handelten die Arme. Unter der Zahl der Stimmen, welche am Energiſch⸗ ſten verlangten, unter der Zahl der Arme, welche am Wirkſamſten handelten, waren die Stimmen und die Arme von Billot und Piton. Nur ging Jeder nach ſeiner Natur zu Werke. Villot hatte ſich muthig und vertrauensvoll, nach Art der Bulldogs, Kugeln und Kartätſchen trotzend, mit einem Schlag vorwärts geworfen. Klug und umſichtig wie der Fuchs, im höchſten Grade mit dem Inſtinete der Erhaltung begabt, be⸗ nützte Piton alle ſeine Fähigkeiten, um die Gefahr zu überwachen und zu vermeiden. Seine Augen kannten die mörderiſchſten Schieß⸗ ſcharten, ſie unterſchieden die unmerkliche Bewegung des Erzes, das zu ſchießen im Begriff iſt. Er hatte endlich genau den Moment errathen, wo die Batterie der Wallbüchſe über die Zugbrücke ſpielen würde. Hatten dann ſeine Augen ihren Dienſt gethan, ſo war die Reihe an ſeinen Gliedern, für ihren Eigen⸗ thümer zu arbeiten. 229 ſelben Tag! Betrachten Sie die Menſchen, die wir tödten, ſie wachſen aus dem Pflaſter hervor. Dieſen Morgen waren ſie zu fünfhundert, vor zwei Stunden waren es zehntauſend, nun ſind es mehr als ſechzig⸗ tauſend; morgen werden es hunderttauſend ſein. Wenn unſere Kanonen ſchweigen, und das müſſen ſie am Ende thun, werden ſie ſtark genug ſein, die Baſtille mit ihren Händen zu zerſtören.“ „Sie ſprechen nicht wie ein Militär, Herr von Losme.“ „Ich ſpreche wie ein Franzoſe, mein Herr. Ich ſage, da Seine Majeſtät uns keinen Befehl gegeben... ich ſage, da uns der Stadtvogt einen ſehr annehmbaren Vorſchlag hat zukommen laſſen, den Vorſchlag, hundert Mann Bürgergarde in das Schloß aufzunehmen, ſo können Sie, um das Unglück, das ich vorherſehe, zu vermeiden, dem Vorſchlag von Herrn von Fleſſelles beitreten.“ „Ihrer Anſicht nach, Herr von Losmo, iſt alſo die Gewalt, welche die Stadt Paris vertritt, eine Autori⸗ tät, der wir gehorchen müſſen?“ „In Abweſenheit der unmittelbaren Autorität Seiner Majeſtät, ja, Herr Gouverneur, das iſt meine Anſicht.“ „Wohl denn,“ ſprach Herr de Launay, indem er den Major in eine Ecke des Hofes zog,„leſen Sie, Herr von Losme.“. Und er reichte ihm ein Blättchen Papier. Der Major las. „Halten Sie feſt; ich beluſtige die Pariſer mit Cocarden und Verſprechungen. Vor dem Ende des Tages wird Ihnen Herr von Bezenval Verſtärkung ſchicken. „Von Fleſſelles.“ „Wie, dieſer Zettel iſt Ihnen zugekommen, Herr Gonverneur?“ fragte der Major. „ n dem Brief, den mir die Herren Parlamentäre übergeben haben. Sie glaubten, mir den Befehl zur R, en ne ne ten be⸗ zu eß⸗ ung atte erie „ſo en⸗ 231 Die Schultern verſchwanden, die Bruſt zog ſich ein, ſein Körper bot keine beträchtlichere Oberfläche, als ein Brett von der Seite geſehen. In ſolchen Augenblicken blieb von Piton, vom fleiſchigen Piton, denn Pitou war nur an den Beinen mager, eine Kante der geometriſchen Linie ähnlich, weder Breite, noch Dicke. Er hatte einen Winkel in dem Gang von der erſten Zugbrücke zur zweiten gewählt, eine Art von ſenkrechter Brüſtung gebildet kurch Steinvorſprünge; ſein Kopf war geſchützt durch einen von dieſen Steinen, ſein Bauch durch einen andern, ſeine Kniee durch einen dritten, und Piton wünſchte ſich Glück, daß die Natur und die Befeſtigungs⸗ kunſt ſich ſo angenehm verbunden hatten, daß ihm ein Stein gegeben war, um jede von den Stellen zu ſchir⸗ men, wo eine Wunde tödilich ſein konnte. Von ſeiner Ecke aus, in die er geduckt war, wie ein Haſe in ſeinem Lager, that er dahin und dorthin einen Flintenſchuß zur Befreiung ſeines Gewiſſens, denn er halte vor ſich nur Mauern und Holzſtücke, doch das machte offenbar dem Vater Billot Vergnügen, da er ihm beſtändig zurief: „Schieße doch, Träger, ſchieße.“ Dagegen rief er dem Vater Billot, um ſeinen Si zu dämpfen, ſtatt aufzuregen, von Zeit zu eit zu: atblößen Sie ſich doch nicht ſo, Vater Billot.“ Oder auch: „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Billot, treten Sie zurück; die Kanone ſchießt auf Sie, der Hahn des Dudelſacks kracht.“ Und kaum hatte er dieſe Worte voll Vorſicht ge⸗ ſprochen, als der Kanonendonner oder das Kleingewehr⸗ feuer losbrach und die Kartätſche den Gang fegte. Trotz aller dieſer Ermahnungen verrichtete Billot Wunder der Stärke und der Bewegung, Alles jedoch vergeblich. Da er ſein Blut nicht aufwenden konnte, 230 Uebergabe der Feſtung zuzuſtellen und brachten mir den Befehl, ſie zu vertheidigen.“ Der Major neigte das Haupt. „Gehen Sie an Ihren Poſten, mein Herr,“ ſagte de Launay,„und verlaſſen Sie ihn nur, wenn ich Sie rufe.“ Herr von Losme gehorchte. Herr de Launay legte kalt das Papier zuſammen, ſteckte es in ſeine Taſche, kehrte zu ſeinen Kanonieren zurück und befahl ihnen, tief und richtig zu zielen. Die Kanoniere gehorchten, wie Herr von Losme gehorcht hatte. Doch das Geſchick der Feſtung war beſtimmt, keine menſchliche Macht konnte die Erfüllung verzögern. Auf jeden Kanonenſchuß antwortete das Volk: Wir wollen die Baſtille. Und während die Stimmen verlangten, handelten die Arme. Unter der Zahl der Stimmen, welche am Energiſch⸗ ſten verlangten, unter der Zahl der Arme, welche am Wirkſamſten handelten, waren die Stimmen und die Arme von Billot und Piton. Nur ging Jeder nach ſeiner Natur zu Werfe. Billot hatte ſich muthig und vertrauensvoll, nach Art der Bulldogs, Kugeln und Kartätſchen trotzend, mit einem Schlag vorwärts geworfen. Klug und umſichtig wie der Fuchs, im höchſten Grade mit dem Inſtincte der Erhaltung begabt, be⸗ nützte Pitou alle ſeine Fähigkeiten, um die Gefahr zu überwachen und zu vermeiden. Seine Augen kannten die mörderiſchſten Schieß⸗ ſcharten, ſie unterſchieden die unmerkliche Bewegung des Erzes, das zu ſchießen im Begriff iſt. Er hatte endlich genau den Moment errathen, wo die Batterie der Wallbüchſe über die Zugbrücke ſpielen würde. Hatten dann ſeine Augen ihren Dienſt gethan, ſo war die Reihe an ſeinen Gliedern, für ihren Eigen⸗ thümer zu arbeiten. und das war ſicherlich nicht ſeine Schuld, ſo vergeudete er ſeinen Schweiß in großen Tropfen. Zehnmal faßte ihn Pitou beim Schoß ſeines Rockes und zog ihn gegen ſeinen Willen gerade in dem Augen⸗ u zu Boden, wo ihn ein Schuß niedergeſchmettert ätte. Doch Billot erhob ſich immer wieder, nicht nur wie Anteus ſtärker, als zuvor, ſondern mit einer neuen Idee. Bald beſtand dieſe Idee darin, daß er auf dem Holze der Zugklappe der Brücke ſelbſt die Balken zu⸗ ſammenhieb, welche die Ketten feſthielten, wie er es ſchon gethan hatte, Dann ſtieß Piton ein Gebrülle aus, um den Pächter zurückzubringen; wenn er aber ſah, daß dieſes Gebrülle vergeblich war, ſo ſtürzte er aus ſeinem Schlupfwinkel hervor und ſagte: „Herr Billot, lieber Herr Billot, Frau Billot wird eine Witwe ſein, wenn Sie getödtet werden.“ und man ſah die Schweizer ihre Gewehrläufe ſchräge durch die Schießſcharte ſtrecken, um den Kühnen zu treffen, der es verſuchte, ihre Brücke in Späne zu verwandeln. Bald rief Billot die Kanone herbei, um die Zug⸗ klappe zu durchſchießen; da ſpielte aber der Dudelſack, die Artilleriſten wichen zurück, und Billot blieb allein, um die Kanone zu bedienen, was Pitvu abermals aus ſeinem Winkel zog. „Herr Billot,“ rief er;„Herr Billot! ich beſchwöre Sie im Namen von Mlle. Catherine; bedenken Sie doch, wenn Sie ſich tödten laſſen, wird Mlle. Catherine eine Waiſe ſein.“ Billot fügte ſich in dieſen Grund, der mächtiger auf ſeinen Geiſt zu wirken ſchien, als der erſtp. Endlich erſann die fruchtbare Einbildungskraft des Pächters eine letzte Idee. Er lief nach dem Platze und ſchrie: ————— ——— 231 Die Schultern verſchwanden, die Bruſt zog ſich ein, ſein Körper bot keine beträchtlichere Oberfläche, als ein Brett von der Seite geſehen. In ſolchen Augenblicken blieb von Pitou, vom fleiſchigen Pitou, denn Pitou war nur an den Beinen mager, eine Kante der geometriſchen Linie ähnlich, weder Breite, noch Dicke. Er hatte einen Winkel in dem Gang von der erſten Zugbrücke zur zweiten gewählt, eine Art von ſenkrechter Bruͤſtung gebildet durch Steinvorſprünge; ſein Kopf war geſchützt durch einen von dieſen Steinen, ſein Bauch durch einen andern, ſeine Kniee durch einen dritten, und Piton wünſchte ſich Glück, daß die Natur und die Befeſtigungs⸗ kunſt ſich ſo angenehm verbunden hatten, daß ihm ein Stein gegeben war, um jede von den Stellen zu ſchir⸗ men, wo eine Wunde tödilich ſein konnte. Von ſeiner Ecke aus, in die er geduckt war, wie ein Haſe in ſeinem Lager, that er dahin und dorthin einen Flintenſchuß zur Befreiung ſeines Gewiſſens, denn er hatte vor ſich nur Mauern und Holzſtücke, doch das machte offenbar dem Vater Billot Vergnügen, da er ihm beſtändig zurief: „Schieße doch, Träger, ſchieße.“ Dagegen rief er dem Vater Billot, um ſeinen Eifer zu dämpfen, ſtatt aufzuregen, von Zeit zu Zeit zu: „Entblößen Sie ſich doch nicht ſo, Vater Billot.“ Oder auch: „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Billot, treten Sie zurück; die Kanone ſchießt auf Sie, der Hahn des Dudelſacks kracht.“ Und kaum hatte er dieſe Worte voll Vorſicht ge⸗ ſprochen, als der Kanonendonner oder das Kleingewehr⸗ feuer losbrach und die Kartätſche den Gang fegte. Trotz aller dieſer Ermahnungen verrichtete Billot Wunder der Stärke und der Bewegung, Alles jedoch vergeblich. Da er ſein Blut nicht aufwenden konnte, re ie ne er es „Einen Karren! einen Karren!“ Piton dachte, was gut ſei, müſſe, wenn es ſich verdopple, vortrefflich ſein. Er folgte Billot und rief: „Zwei Karren! zwei Karren!“ Man brachte auf der Stelle zehn Karren. „Stroh und trockenes Heu!“ rief Billot. „Stroh und trockenes Heu!“ wiederholte Pitou. Und ſogleich ſchleppten zweihundert Menſchen jeder ſeinen Bund Heu oder Stroh herbei. Andere häuften getrockneten Miſt auf Tragbahren. Man war genöthigt, zu rufen, man habe zehnmal mehr, als man brauche. In einer Stunde hätte man einen Haufen Fourage gehabt, der an Höhe der Baſtille gleichgekommen wäre. Billot ſtellte ſich zwiſchen die Gabel eines mit Stroh beladenen Karrens und ſchob ihn vorwärts, ſtatt ihn zu ziehen. Pitvu that daſſelbe, ohne zu wiſſen, was er that, doch er dachte, es ſei gut, dem Pächter nachzuahmen. Elie und Hullin erriethen, was Billot vorbereitete; ſie ergriffen jeder einen Karren und ſchoben ihn in den Hof. Kaum hatten ſie die Schwelle überſchritten, als ein Kartätſchenfeuer ſie empfing. Man hörte die Kugeln und das Geſchoß der Wallmuskete mit einem ſcharfen Geräuſch in das Stroh oder in das Holz der Räder und der Karrenleitern eindringen. Doch keiner von den Angreifenden wurde berührt. Sobald dieſe Salve vorüber war, ſtürzten zwei bis dreihundert Füſtliere hinter die Karrenführer, und, ſich ein Obdach aus dieſem Wall bildend, ſtellten ſie ſich unter die Zugklappe ſelbſt. Hier zog Billot aus ſeiner Taſche einen Feuerſtahl und Zunder, legte ein Pfötchen voll Pulver mitten in ein Papier und ſteckte das Pulver an. Das Pulver zündete das Papier an, das Papier zündete das Stroh an. 232 und das war ſicherlich nicht ſeine Schuld, ſo vergeudete er ſeinen Schweiß in großen Tropfen. Zehnmal faßte ihn Pitou beim Schoß ſeines Rockes und zog ihn gegen ſeinen Willen gerade in dem Augen⸗ buis zu Boden, wo ihn ein Schuß niedergeſchmettert ätte. Doch Billot erhob ſich immer wieder, nicht nur wie Anteus ſtärker, als zuvor, ſondern mit einer neuen Idee. Bald beſtand dieſe Idee darin, daß er auf dem Holze der Zugklappe der Brücke ſelbſt die Balken zu⸗ ſammenhieb, welche die Ketten feſthielten, wie er es ſchon gethan hatte, Dann ſtieß Pitou ein Gebrülle aus, um den Pächter zurückzubringen; wenn er aber ſah, daß dieſes Gebrülle vergeblich war, ſo ſtürzte er aus ſeinem Schlupfwinkel hervor und ſagte: „Herr Billot, lieber Herr Billot, Frau Billot wird eine Witwe ſein, wenn Sie getödtet werden.“ Und man ſah die Schweizer ihre Gewehrläufe ſchräge durch die Schießſcharte ſtrecken, um den Kühnen zu treffen, der es verſuchte, ihre Brücke in Späne zu verwandeln. Bald rief Billot die Kanone herbei, um die Zug⸗ klappe zu durchſchießen; da ſpielte aber der Dudelſack, die Artilleriſten wichen zurück, und Billot blieb allein, um die Kanone zu bedienen, was Pitou abermals aus ſeinem Winkel zog. „Herr Billot,“ rief er;„Herr Billot! ich beſchwöre Sie im Namen von Mlle. Catherine; bedenken Sie doch, wenn Sie ſich tödten laſſen, wird Mlle. Catherine eine Waiſe ſein.“ Billot fügte ſich in dieſen Grund, der mächtiger auf ſeinen Geiſt zu wirken ſchien, als der erſte. Endlich erſann die fruchtbare Einbildungskraft des Pächters eine letzte Idee. Er lief nach dem Platze und ſchrie: Jeder theilte ſich einen Brand mit, und die vier Karren entzündeten ſich gleichzeitig. Um das Feuer auszulöſchen, mußte man heraus⸗ fommen; kam man heraus, ſo gab man ſih einem ſichern Tode preis.* Die Flamme erreichte die Zugklappe, biß mit ihren ſcharfen Zähnen in das Holz und ſchlängelte ſich die Balken entlang. Ein Freudenſchrei, der vom Hofe ausging, wurde von der ganzen Place Saint⸗Antoine wiederholt. Man ſah den Rauch über die Thürme empor ſteigen und vermuthete, etwas für die Belagerten Verhängnißvolles gehe in Erfüllung. Die gerötheten Keiten machten ſich in der That von den Bohlen los; die Brücke fiel, halb zerbrochen, halb verbrannt, rauchend und kniſternd. Die Pompiers liefen mit ihren Spritzen herbei. Der Gouverneur befahl, zu feuern, doch die Invaliden weigerten ſich. Die Schweizer allein gehorchten. Doch die Schwei⸗ zer waren keine Artilleriſten, und man mußte die Ka⸗ nonen verlaſſen. Die franzöſiſchen Garden dagegen, als ſie das Feuer der Artillerie erloſchen ſahen, pflanzten ihr Ge⸗ ſchütz auf; ihr dritter Schuß zerſchmetterte das Gitter. Der Gouvorneur war auf die Plattform des Schloſ⸗ ſes geſtiegen, um zu ſehen, ob die verſprochene Hülfe fäme, als er ſich plötzlich von Rauch umhüllt ſah. Da e er haſtig hinab und befahl den Artilleriſten, zu euern. Die Weigerung der Invaliden brachte ihn außer ſich. Als das Gitter in Stücke ging, begriff er, daß Alles verloren war. Herr de Launay fühlte ſich gehaßt. Er errieth, daß es keine Rettung mehr für ihn gab. Während der ganzen Zeit; die der Kampf gedauert, hatte er den —— —* ——— er S— 5 233 „Einen Karren! einen Karren!“ Pitou dachte, was gut ſei, müſſe, wenn es ſich verdopple, vortrefflich ſein. Er folgte Billot und rief: „Zwei Karren! zwei Karren!“ Man brachte auf der Stelle zehn Karren. „Stroh und trockenes Heu!“ rief Billot. „Stroh und trockenes Heu!“ wiederholte Pitou. Und ſogleich ſchleppten zweihundert Menſchen jeder ſeinen Bund Heu oder Stroh herbei. Andere häuften getrockneten Miſt auf Tragbahren. Man war genöthigt, zu rufen, man habe zehnmal mehr, als man brauche. In einer Stunde hätte man einen Haufen Fourage gehabt, der an Höhe der Baſtille gleichgekommen wäre. Billot ſtellte ſich zwiſchen die Gabel eines mit Stroh beladenen Karrens und ſchob ihn vorwärts, ſtatt ihn zu ziehen.* Pitou that daſſelbe, ohne zu wiſſen, was er that, doch er dachte, es ſei gut, dem Pächter nachzuahmen. Elie und Hullin erriethen, was Billot vorbereitete; ſte ergriffen jeder einen Karren und ſchoben ihn in den Hof. Kaum hatten ſie die Schwelle überſchritten, als ein Kartätſchenfeuer ſie empfing. Man hörte die Kugeln und das Geſchoß der Wallmuskete mit einem ſcharfen Geräuſch in das Stroh oder in das Holz der Räder und der Karrenleitern eindringen. Doch keiner von den Angreifenden wurde berührt. Sobald dieſe Salve vorüber war, ſtürzten zwei bis dreihundert Füfiliere hinter die Karrenführer, und, ſich ein Obdach aus dieſem Wall bildend, ſtellten ſie ſich unter die Zugklappe ſelbſt. Hier zog Billot aus ſeiner Taſche einen Feuerſtahl und Zunder, legte ein Pfötchen voll Pulver mitten in ein Papier und ſteckte das Pulver an. Das Pulver zündete das Papier an, das Papier zündete das Stroh an. — 235 Gedanken genährt, ſich unter den Trümmern der Ba⸗ ſtille zu begraben. In dem Augenblick, wo er fühlt, daß jede Ver⸗ theidigung unnütz iſt, reißt er eine Lunte aus den Hän⸗ den eines Artilleriſten und ſpringt nach dem Gewölbe, wo die Munition iſt. „Das Pulver!“ riefen zwanzig erſchrockene Stim⸗ men,„das Pulver! das Pulver!“ Man hat die Lunte in den Händen des Gouverneur glänzen ſehen. Man erräth ſeine Abſicht. Zwei Sol⸗ daten ſtürzen vor und kreuzen das Bajonett auf ſeiner Bruſt in dem Augenblick, wo er die Thüre öffnet. „Ihr könnt mich tödten,“ ſagte Herr de Launay; „doch Ihr werdet mich nicht ſo ſchnell tödten, daß ich nicht Zeit habe, dieſe Lunte unter die Pulverfäſſer zu werfen, und dann ſpringt Ihr Alle, Belagernde und Belagerte.“ Die Soldaten ſtehen ſtill. Die Bajonette bleiben auf der Bruſt von de Launay gekreuzt; doch es iſt immer noch de Launay, der befiehlt, denn man fühlt, daß er das Leben von Jedermann in ſeinen Händen hat. Seine Handlung hat Alle an ihren Platz gefeſſelt. Die Angreifenden bemerken, daß etwas Außerordentliches vorgeht. Sie tauchen ihre Blicke in das Innere des Hofes und ſehen den Gouverneur drohend und bedroht. „Höret mich,“ ſprach de Launah;„ſo wahr ich Eurer Aller Tod in der Hand halte, wenn Einer von Euch einen Schritt macht, um in dieſen Hof zu dringen, ſo ſtecke ich das Pulver in Brand.“ Diejenigen, welche dieſe Worte hörten, glaubten den Boden unter ihren Füßen zittern zu fühlen. „Was wollen Sie? was verlangen Sie?“ riefen mehrere Stimmen mit dem Ausdruck des Schreckens. „Ich will eine Capitulation, und zwar eine ehren⸗ hafte Capitulation.“ Die Angreifenden berückſichtigen die Worte von 234 Jeder theilte ſich einen Brand mit, und die vier Karren entzundeten ſich gleichzeitig. Um das Feuer auszulöſchen, mußte man heraus⸗ kommen; kam man heraus, ſo gab man ſich einem ſichern Tode preis. Die Flamme erreichte die Zugklappe, biß mit ihren ſcharfen Zähnen in das Holz und ſchlängelte ſich die Balken entlang. Ein Freudenſchrei, der vom Hofe ausging, wurde von der ganzen Place Saint⸗Antoine wiederholt. Man ſah den Rauch über die Thürme empor ſteigen und vermuthete, etwas für die Belagerten Verhängnißvolles gehe in Erfüllung. Die gerötheten Ketten machten ſich in der That von den Bohlen los; die Bruͤcke ſiel, halb zerbrochen, halb verbrannt, rauchend und kniſternd. Die Pompiers liefen mit ihren Spritzen herbei. Der Gouverneur befahl, zu feuern, doch die Invaliden weigerten ſich. Die Schweizer allein gehorchten. Doch die Schwei⸗ zer waren keine Artilleriſten, und man mußte die Ka⸗ nonen verlaſſen. Die franzöſiſchen Garden dagegen, als ſie das Feuer der Artillerie erloſchen ſahen, pflanzten ihr Ge⸗ ſchütz auf; ihr dritter Schuß zerſchmetterte das Gitter. Der Gouvorneur war auf die Plattform des Schloſ⸗ ſes geſtiegen, um zu ſehen, ob die verſprochene Hülfe käme, als er ſich plötzlich von Rauch umhüllt ſah. Da ad er haſtig hinab und befahl den Artilleriſten, zu euern. Die Weigerung der Invaliden brachte ihn außer ſich. Als das Gitter in Stücke ging, begriff er, daß Alles verloren war. Herr de Launay fühlte ſich gehaßt. Er errieth, daß es keine Rettung mehr für ihn gab. Während der ganzen Zeit, die der Kampf gedauert, hatte er den 236 de Launah nicht; ſie glauben nicht an dieſen Act der Verzweiflung und wollen rie Billot iſt an ihrer Spitze. Plötzlich zittert, erb an den Doctor Gilbert gedacht. So lange Billot nur an ſich ſelbſt dachte, war ihm wenig daran gelegen, ob die Baſtille und er mit ihr in die Luft ſprang; aber der Doctor Gilbert muß um jeden Preis leben. „Haltet ein,“ rief Billot, indem er ſich vor Elie und Hullin warf;„haltet ein, im Namen der Ge⸗ fangenen!“ Und dieſe Männer, welche den Tod für ſich nicht fürchteten, wichen ebenfalls blaß und zitternd zurück. „Was wollen Sie?“ ſagten ſie, an den Gouver⸗ neur die Frage wiederholend, die ſchon von der Gar⸗ niſon an ihn gemacht worden war. „Ich will, daß Alle ſich entfernen,“ erwiederte Herr de Launay.„Ich werde keine Vorſchläge annehmen, ſo lange ein Fremder in den Höfen der Baſtille iſt.“ „Werden Sie aber nicht unſere Abweſenheit be⸗ nützen, um Alles wieder in Stand zu ſetzen?“ entgeg⸗ nete Billot. „Wird die Capitulation verweigert, ſo finden Sie uu Dinge, wie ſie ſind, Sie an jenem Thore, ich an dieſem.“ „Sie geben uns Ihr Wort darauf?“ „Bei meinem adeligen Ehrenwort.“ Einige ſchüttelten den Kopf. „Bei meinem adeligen Ehrenwort!“ wiederholte de Launay.„Iſt Einer hier, der zweifelt, wenn ein Edelmann bei ſeinem Worte geſchworen hat?“ „Nein, nein, Niemand,“ wiederholten fünfhundert Stimmen. „Man bringe mir hierher Papier, eine Feder und Tinte.“ Die Befehle des Gouverneur wurden auf der Stelle vollzogen. eicht Billot: er hat — un . d uA +—& N 235 Gedanken genährt, ſich unter den Trümmern der Ba⸗ ſtille zu begraben. In dem Augenblick, wo er fühlt, daß jede Ver⸗ theidigung unnütz iſt, reißt er eine Lunte aus den Hän⸗ den eines Artilleriſten und ſpringt nach dem Gewölbe, wo die Munition iſt. „Das Pulver!“ riefen zwanzig erſchrockene Stim⸗ men,„das Pulver! das Pulver!“ Man hat die Lunte in den Händen des Gouverneur glänzen ſehen. Man erräth ſeine Abſicht. Zwei Sol⸗ daten ſtürzen vor und kreuzen das Bajonett auf ſeiner Bruſt in dem Augenblick, wo er die Thüre öffnet. „Ihr könnt mich tödten,“ ſagte Herr de Launay; „doch Ihr werdet mich nicht ſo ſchnell tödten, daß ich nicht Zeit habe, dieſe Lunte unter die Pulverfäſſer zu werfen, und dann ſpringt Ihr Alle, Belagernde und Belagerte.“ Die Soldaten ſtehen ſtill. Die Bajonette bleiben auf der Bruſt von de Launay gekreuzt; doch es iſt immer noch de Launay, der befiehlt, denn man fühlt, daß er das Leben von Jedermann in ſeinen Händen hat. Seine Handlung hat Alle an ihren Platz gefeſſelt. Die Angreifenden bemerken, daß etwas Außerordentliches vorgeht. Sie tauchen ihre Blicke in das Innere des Hofes und ſehen den Gouverneur drohend und bedroht. „Höret mich,“ ſprach de Launay;„ſo wahr ich Eurer Aller Tod in der Hand halte, wenn Einer von Euch einen Schritt macht, um in dieſen Hof zu dringen, ſo ſtecke ich das Pulver in Brand.“ Diejenigen, welche dieſe Worte hörten, glaubten den Boden unter ihren Füßen zittern zu fühlen. „Was wollen Sie? was verlangen Sie?“ riefen mehrere Stimmen mit dem Ausdruck des Schreckens. „Ich will eine Capitulation, und zwar eine ehren⸗ hafte Capitulation.“ Die Angreifenden berückſichtigen die Worte von 237 „Es iſt gut,“ ſagte de Launay. Dann wandte er ſich gegen die Angreifenden um und rief ihnen zu: „Und nun, Ihr Leute, zieht Euch zurück.“ Billot, Hullin und Elie gaben das Beiſpiel und zogen ſich zuerſt zurück. Alle Andere folgten ihnen. De Launah legte die Lunte auf die Seite und fing an die Capitulation auf ſeinem Knie zu ſchreiben. Die Invaliden und die Schweizer begriffen, daß es ſich um ihre Rettung handelte, und ſahen ihm ſtill⸗ ſchweigend und mit einem gewiſſen ehrfurchtsvollen Grauen zu. De Launay wandte ſich um, ehe er die Feder auf das Papier ſetzte. Die Höfe waren frei. In einem Augenblick erfuhr man außen Alles, was innen vor ſich ging. Die Bevölkerung kam, wie Herr von Losme geſagt hatte, unter dem Pflaſter hervor. Hundert tauſend Menſchen umgaben die Baſtille. Es waren nicht allein Arbeiter, es waren Bürger von allen Claſſen. Es waren nicht nur Männer, es waren Kinder, es waren Greiſe. Und Alle hatten eine Waffe, Alle ſtießen einen Schrei aus. Da und dort ſah man mitten unter den Gruppen eine in Thränen zerfließende Frau mit zerzauſten Haaren, die Hände ringend und den ſteinernen Rieſen mit einer verzweifelten Geberde verfluchend. Es war eine Mutter, deren Sohn die Baſtille niedergeſchmettert, es war eine Tochter, der die Baſtille den Vater niedergeſchmettert, es war ein Weib, dem die Baſtille den Mann niedergeſchmettert hatte. Doch ſeit einem Augenblick hatte die Baſtille keinen Lärmen, keine Flamme, keinen Rauch mehr. Die Ba⸗ erloſchen. Die Baſtille war ſtumm wie ein rab. 236 de Launay nicht; ſie glauben nicht an dieſen Act der Verzweiflung und wollen eindringen. Billot iſt an ihrer Spitze. Plötzlich zittert, erbleicht Billot: er hat an den Doctor Gilbert gedacht. So lange Billot nur an ſich ſelbſt dachte, war ihm wenig daran gelegen, ob die Baſtille und er mit ihr in die Luft ſprang; aber der Doctor Gilbert muß um jeden Preis leben. „Haltet ein,“ rief Billot, indem er ſich vor Elie und Hullin warf;„haltet ein, im Namen der Ge⸗ fangenen!“ Und dieſe Männer, welche den Tod für ſich nicht fürchteten, wichen ebenfalls blaß und zitternd zurück. „Was wollen Sie?“ ſagten ſie, an den Gouver⸗ neur die Frage wiederholend, die ſchon von der Gar⸗ niſon an ihn gemacht worden war. „Ich will, daß Alle ſich entfernen,“ erwiederte Herr de Launay.„Ich werde keine Vorſchläge annehmen, ſo lange ein Fremder in den Höfen der Baſtille iſt.“ „Werden Sie aber nicht unſere Abweſenheit be⸗ nützen, um Alles wieder in Stand zu ſetzen?“ entgeg⸗ nete Billot. „Wird die Capitulation verweigert, ſo finden Sie alle Dinge, wie ſite ſind, Sie an jenem Thore, ich an dieſem.“ „Sie geben uns Ihr Wort darauf?“ „Bei meinem adeligen Ehrenwort.“ Einige ſchüttelten den Kopf. „Bei meinem adeligen Chrenwort!“ wiederholte de Launay.„Iſt Einer hier, der zweifelt, wenn ein Edelmann bei ſeinem Worte geſchworen hat?“ „Nein, nein, Niemand,“ wiederholten fünfhundert Stimmen. „Man bringe mir hierher Papier, eine Feder und Tinte.“ Die Befehle des Gouverneur wurden auf der Stelle vollzogen. 238 Vergebens hätte man es verſucht, alle die Flecken von Kugeln zu zählen, welche ihre Oberfläche be⸗ ſprenkelten. Jeder hatte ſeinen Schuß dieſem Granit⸗ ungeheuer, dem ſichtbaren Symbol der Thrannei, zu⸗ ſenden wollen. Als man erfuhr, die furchtbare Baſtille ſei zu capituliren im Begriff, der Gouverneur habe ſie zu übergeben verſprochen, wollte es auch Niemand glauben. Unter dem allgemeinen Zweifel, als man es noch nicht wagte, ſich Glück zu wünſchen, als man noch ſtillſchweigend wartete, ſah man durch eine Schießſcharte einen an die Spitze eines Degens geſteckten Brief her⸗ vorkommen. Nur war zwiſchen dem Brief und den Belagernden der breite, tiefe, mit Waſſer gefüllte Graben. Billot verlangt ein Brett: drei werden gebracht und verſucht, ohne daß ſie, da ſie zu kurz ſind, das Ziel erreichen können. Ein viertes berührt die zwei Ränder des Grabens. Billot befeſtigt ſie, ſo gut er es vermag, und wagt ſich, ohne zu zögern, auf die zitternde Brücke. Die ganze Menge bleibt ſtumm. Aller Augen find auf den Mann gerichtet, der über dem Graben, deſſen ſtehendes Waſſer dem des Cochtus ähnlich iſt, zu ſchweben ſcheint. Zitternd ſetzt ſich Piton auf die Rück⸗ ſeite der Böſchung und verbirgt ſeinen Kopf zwiſchen ſeinen Beinen. Das Herz bricht ihm, er weint. Plötzlich, in dem Augenblick, wo Billot die zwei Drittel des Uebergangs erreicht hat, ſchwankt das Brett. Billot ſtreckt die Arme aus, fällt und verſchwindet im Graben. Pitou ſtürzt ihm brüllend nach, wie ein Neufund⸗ länder Hund ſeinem Herrn. Da nähert ſich ein Menſch dem Brett, Lon dem Billot herabgefallen war. Ohne Zögern ſchlägt er denſelben Weg ein⸗ Dieſer Me Ch ſich unt ihn vor ent wel der ſché ohr etw zu mel das zwe zert nen den thu 237 „Es iſt gut,“ ſagte de Launay. Dann wandte er ſich gegen die Angreifenden um und rief ihnen zu: „Und nun, Ihr Leute, zieht Euch zurück.“ Billot, Hullin und Elie gaben das Beiſpiel und zogen ſich zuerſt zurück. Alle Andere folgten ihnen. De Launay legte die Lunte auf die Seite und fing an die Capitulation auf ſeinem Knie zu ſchreiben. Die Invaliden und die Schweizer begriffen, daß es ſich um ihre Rettung handelte, und ſahen ihm ſtill⸗ ſchweigend und mit einem gewiſſen ehrfurchtsvollen Grauen zu. De Launay wandte ſich um, ehe er die Feder auf das Papier ſetzte. Die Höfe waren frei. In einem Augenblick erfuhr man außen Alles, was innen vor ſich ging. 3 Die Bevölkerung kam, wie Herr von Losme geſagt hatte, unter dem Pflaſter hervor. Hundert tauſend Menſchen umgaben die Baſtille. Es waren nicht allein Arbeiter, es waren Bürger von allen Claſſen. Es waren nicht nur Männer, es waren Kinder, es waren Greiſe. Und Alle hatten eine Waffe, Alle ſtießen einen Schrei aus. Da und dort ſah man mitten unter den Gruppen eine in Thränen zerfließende Frau mit zerzauſten Haaren, die Hände ringend und den ſteinernen Rieſen mit einer verzweifelten Geberde verfluchend. Es war eine Mutter, deren Sohn die Baſtille niedergeſchmettert, es war eine Tochter, der die Baſtille den Vater niedergeſchmettert, es war ein Weib, dem die Baſtille den Mann niedergeſchmettert hatte. Doch ſeit einem Augenblick hatte die Baſtille keinen Lärmen, keine Flamme, keinen Rauch mehr. Die Ba⸗ Hllehtur erloſchen. Die Baſtille war ſtumm wie ein rab. —— t 8 ei d en u n ei tt. m m ſer 239 Menſch iſt Stanislas Maillard, der Huiſſier im Chatelet. An der Stelle angelangt, wo Billot und Pitou im Schlamme zappeln, ſchaut er einen Augenblick unter ſich, und da er ſieht, daß ſie den Rand des Grabens unverſehrt erreichen werden, ſchreitet er vorwärts. Eine halbe Minute nachher iſt er auf der andern Seite des Grabens ünd hat das Billet, das man ihm an der Degenſpitze reicht. Mit derſelben Ruhe, mit derſelben Feſtigkeit des Ganges kehrt er über das Brett zurück. Doch in dem Augenblick, wo alle Welt ſich um ihn drängt, um zu leſen, ſtürmt ein Hagel von Kugeln von den Zinnen herab, während man zugleich einen entſetzlichen Donner des Geſchützes vernimmt. Ein einziger Schrei, doch einer von den Schreien, welche die Rache des Volfes verkündigen, dringt aus der Bruſt Aller hervor. „Traut den Thrannen!“ ruft Gonchon. Und ohne ſich mehr mit der Capitulation zu be⸗ ſchäftigen, ohne ſich um das Pulver zu bekümmern, ohne an ſich, ohne an die Gefangenen zu denken, ohne etwas Anderes, als die Rache zu träumen, zu wünſchen, zu verlangen, ſtürzt ſich das Volk in die Höfe, nicht mehr zu Hunderten, ſondern zu Tauſenden. Was das Volk einzudringen verhindert, iſt nicht das Musketenfeuer: es find die zu engen Thore. Bei dieſem Donner des Geſchützes werfen ſich die zwei Soldaten, die ihn nicht verlaſſen haben, auf Herrn de Launay, ein dritter bemächtigt ſich der Lunte und zertritt ſie unter ſeinem Fuß. De Launah zieht ſeinen in ſeinem Stocke verborge⸗ nen Degen und will ſich damit erſtechen; man zerbricht den Degen zwiſchen ſeinen Händen. Er begreift nun, daß er nichts Anderes mehr zu thun hat, als zu warten, und er wartet. Das Volk rückt heran, die Garniſon reicht ihm Vergebens hätte man es verſucht, alle die Flecken von Kugeln zu zählen, welche ihre Oberfläche be⸗ ſprenkelten. Jeder hatte ſeinen Schuß dieſem Granit⸗ ungeheuer, dem ſichtbaren Symbol der Tyrannei, zu⸗ ſenden wollen. Als man erfuhr, die furchtbare Baſtille ſei zu capituliren im Begriff, der Gouverneur habe ſie zu übergeben verſprochen, wollte es auch Niemand glauben. Unter dem allgemeinen Zweifel, als man es noch nicht wagte, ſich Glück zu wünſchen, als man noch ſtillſchweigend wartete, ſah man durch eine Schießſcharte einen an die Spitze eines Degens geſteckten Brief her⸗ vorkommen. Nur war zwiſchen dem Brief und den Belagernden der breite, tiefe, mit Waſſer gefüllte Graben. Billot verlangt ein Brelt: drei werden gebracht und verſucht, ohne daß ſie, da ſie zu kurz ſind, das Ziel erreichen können. Ein viertes berührt die zwei Ränder des Grabens. Billot befeſtigt ſie, ſo gut er es vermag, und wagt ſich, ohne zu zögern, auf die zitternde Bruücke. Die ganze Menge bleibt ſtumm. Aller Augen ſind auf den Mann gerichtet, der über dem Graben, deſſen ſtehendes Waſſer dem des Cocytus ähnlich iſt, zu ſchweben ſcheint. Zitternd ſetzt ſich Pitou auf die Rück⸗ ſeite der Böſchung und verbirgt ſeinen Kopf zwiſchen ſeinen Beinen. 3 Das Herz bricht ihm, er weint. Plötzlich, in dem Augenblick, wo Billot die zwei Drittel des Uebergangs erreicht hat, ſchwankt das Brett. Billot ſtreckt die Arme aus, fällt und verſchwindet im Graben. Piton ſtürzt ihm brüllend nach, wie ein Neufund⸗ länder Hund ſeinem Herrn. Da nähert ſich ein Menſch dem Brett, von dem Billot herabgefallen war. Ohne Zögern ſchlägt er denſelben Weg ein. Dieſer 240 die Hände, und die Baſtille iſt im Sturm, mit Gewalt, ohne Capitulation genommen. 6 Seit hundert Jahren iſt es nicht mehr die träge Materie, die man in die königliche Veſte einſchließt, es iſt der Geiſt. Der Geiſt hat die Baſtille geſprengt, und das Volk iſt durch die Breſche eingedrungen⸗ Was das Schießen mitten unter dem allgemeinen Schweigen, während des Waffenſtillſtandes, betrifft, was dieſen unvorhergeſehenen, unpolitiſchen, tödtlichen Angriff betrifft, Niemand hat je erfahren, wer den Be⸗ fehl dazu gegeben, wer ihn angeregt, vollbracht. Es gibt Augenblicke, wo die Zukunft einer ganzen Nation in der Wage des Schickſals gewogen wird. Eine von den Schalen gewinnt die Oberhand. Schon glaubt Jeder das vorgeſetzte Ziel erreicht zu haben. Plötzlich läßt eine unſichtbare Hand die Klinge eines Dolches oder die Kugel einer Piſtole in die andere Schale fallen. Da verändert ſich Alles, und man hört nur noch einen einzigen Schrei: Wehe dem Beſiegten d 1 Während das Volk, brüllend zugleich vor Freude 3 und vor Wuth, in die Höfe der Baflille ſtürmt, plät⸗ ſchern zwei Menſchen im ſchlammigen Waſſer der Gräben. 5 3 Dieſe zwei Menſchen ſind Billot und Pitou. Pitou unterſtützt Billot; keine Kugel hat ihn ge⸗ troffen, kein Schuß hat ihn erreicht; doch ſein Sturz 3 hat den guten Pächter ein wenig betäubt. Man wirft ihnen Stricke zu, man reicht ihnen Stangen. Piton erwiſcht eine Stange, Billot einen Strick. — 239 Menſch iſt Stanislas Maillard, der Huiſſier im Chatelet. An der Stelle angelangt, wo Billot und Piton im Schlamme zappeln, ſchaut er einen Augenblick unter ſich, und da er ſieht, daß ſie den Nand des Grabens unverſehrt erreichen werden, ſchreitet er vorwärts. Eine halbe Minute nachher iſt er auf der andern Seite des Grabens und hat das Billet, das man ihm an der Degenſpitze reicht. Mit derſelben Ruhe, mit derſelben Feſtigkeit des Ganges kehrt er über das Brett zurück. Doch in dem Augenblick, wo alle Welt ſich um ihn drängt, um zu leſen, ſtürmt ein Hagel von Kugeln von den Zinnen herab, während man zugleich einen entſetzlichen Donner des Geſchützes vernimmt. in einziger Schrei, doch einer von den Schreien, welch die Rache des Volkes verkündigen, dringt aus der Bruſt Aller hervor. „Traut den Tyrannen!“ ruft Gonchon. Ünd ohne ſich mehr mit der Capitulation zu be⸗ ſchäftigen, ohne ſich um das Pulver zu bekümmern, ohne an ſich, ohne an die Gefangenen zu denken, ohne etwas Anderes, als die Rache zu träumen, zu wünſchen, zu verlangen, ſtürzt ſich das Volk in die Höfe, nicht mehr zu Hunderten, ſondern zu Tauſenden. Was das Volk einzudringen verhindert, iſt nicht das Musfetenfeuer: es ſind die zu engen Thore. Bei dieſem Donner des Geſchützes werfen ſich die zwei Soldaten, die ihn nicht verlaſſen haben, auf Herrn de Launay, ein dritter bemächtigt ſich der Lunte und zertritt ſie unter ſeinem Fuß. De Launay zieht ſeinen in ſeinem Stocke verborge⸗ nen Degen und will ſich damit erſtechen; man zerbricht den Degen zwiſchen ſeinen Händen. Er begreift nun, daß er nichts Anderes mehr zu thun hat, als zu warten, und er wartet. Das Volk rückt heran, die Garniſon reicht ihm 241 Nach fünf Minuten werden ſie im Triumph um⸗ hergetragen und umarmt, ſo kothig ſie ſind. Der Eine gibt Billot einen Schluck Branntwein, der Andere ſtopft Piton mit Wurſt und gießt Wein darauf. Ein Dritter reibt ſie ab und führt ſie in die Sonne. Plötzlich durchzuckt ein Gedanke, oder vielmehr eine Erinnerung den Geiſt von Billot; er entreißt ſich der geſchäftigen Sorge der Theilnehmenden und eilt gegen die Baſtille zu. zen„Zu den Gefangenen!“ ruft er im Laufe,„zu den d. Gefangenen!“ en„Ja, zu den Gefangenen!“ ruft Pitou, dem Pächter en nacheilend. nes Die Menge, welche bis dahin nur an die Henker e gedacht hatte, bebt im Gedanken an die Opfer. ört Sie wiederholt mit einem Schrei:„Ja, ja, zu den en! Gefangenen!“ Und ein neuer Strom von Angreifenden durchbricht 5 die Dämme und ſcheint die Seiten der Feſtung zu er⸗ 1 weitern, um die Freiheit hineinzutragen. Ein entſetzliches Schauſpiel bot ſich nun den Au⸗ gen von Billot und Pitvu. Trunken, wüthend, raſend, war die Menge in die Höfe geſtürzt. Den erſten Sol⸗ daten, der ihr in die Hände gefallen, hatte ſie in Stücke eude gehauen. lät⸗ Gonchon ließ ſie gewähren. Ohne Zweifel dachte der er, der Zorn des Volkes ſei wie der Strom der großen 2 Flüſſe, er richte mehr Unheil an, wenn man ihn auf⸗ zuhalten ſuche, als wenn man ihn ruhig ſich verlau⸗ ge⸗ ſen laſſe. turz Elie und Hullin dagegen hatten ſich den Schläch⸗ tern entgegengeworfen: ſie baten, ſie flehten, ſie ſagten, hnen— eine erhabene Lüge— ſie haben der Garniſon die Erhaltung ihres Lebens verſprochen. rick. Ange Pitvu. 1. 16 240 die Hände, und die Baſtille iſt im Sturm, mit Gewalt, ohne Capitulation genommen. Seit hundert Jahren iſt es nicht mehr die träge Materie, die man in die königliche Veſte einſchließt, es iſt der Geiſt. Der Geiſt hat die Baſtille geſprengt, und das Volk iſt durch die Breſche eingedrungen. Was das Schießen mitten unter dem allgemeinen Schweigen, während des Wafeenſtillſtandes, betrifft, was dieſen unvorhergeſehenen, unpolitiſchen, tödtlichen Angriff betrifft, Niemand hat je erfahren, wer den Be⸗ fehl dazu gegeben, wer ihn angeregt, vollbracht. Es gibt Augenblicke, wo die Zukunft einer ganzen Nation in der Wage des Schickſals gewogen wird. Eine von den Schalen gewinnt die Oberhand. Schon glaubt Jeder das vorgeſetzte Ziel erreicht zu haben. Plötzlich läßt eine unſtchtbare Hand die Klinge eines Dolches oder die Kugel einer Piſtole in die andere Schale fallen. Da verändert ſich Alles, und man hört nur noch einen einzigen Schrei: Wehe dem Beſiegten! XVIII. Der Doctor Gilbert. Während das Volk, brüllend zugleich vor Freude und vor Wuth, in die Höfe der Baſlille ſtürmt, plät⸗ ſchern zwei Menſchen im ſchlammigen Waſſer der Gräben. Dieſe zwei Menſchen ſind Billot und Pitou. Pitou unterſtützt Billot; keine Kugel hat ihn ge⸗ troffen, kein Schuß hat ihn erreicht; doch ſein Sturz hat den guten Pächter ein wenig betäubt. Man wirft ihnen Stricke zu, man reicht ihnen Stangen. Piton erwiſcht eine Stange, Billot einen Strick. Die Ankunft von Billot und Pitou war eine Ver⸗ ſtärkutig füt ſie. Biüot, den man rächte, Billot lebte; Billot war nicht einmal verwundet, es hatte ſich nur das Brett unker ſeinem Fuße gedreht. Er hatte nur ein Schlamm⸗ bad genommen, und nichts Anderes. Auf die Schweizer war man hauptſächlich erboſt, doch man fand keine Schweizer mehr. Sie hatten Zeit gehabt, Kittel von grauer Leinwand anzuziehen, und man hielt ſie für Knechte oder für Gefängene. Die Menge zerſchmetterte mit Steinwürfen die zwei Ge⸗ feſſelten der Uhrtafel. Die Menge eilte auf die Höhe der Thürme, um die Kanonen zu beſchimpfen, die den Tod geſpieen hatten. Die Menge packte die Steine an und machte ſich die Hände blutig, indem ſie die⸗ ſelben ausreißen wollte. Als man die erſten Sieger auf der Plattform er⸗ ſcheinen ſah, ließ Alles, was außen war, das heißt, hunderttauſend Menſchen, ein ungeheures Geſchrei ver⸗ nehmen. Dieſes Geſchrei erhob ſich über Paris und ſchwang ſich wie ein Adler mit raſchen Flügeln über Frank⸗ reich hin: „Die Baſtille iſt genommen!“ Bei dieſem Ruf zerſchmolzen die Herzen, befeuch⸗ teten ſich die Augen, öffneten ſich die Arme; es gab keine entgegengeſetzte Parteien, keine feindliche Kaſten mehr; alle Pariſer fühlten, daß ſie Brüder, alle Men⸗ ſchen begriffen, daß ſie frei waren⸗ Eine Million Menſchen hielt ſich in gegenſeitiger Umarmung. Billot und Piton waren im Gefolge der Einen und den Andern voranſchreitend eingedrungen; ſie wollten nicht ihren Antheil am Triumph, ſondern die Freiheit der Gefangenen. Als ſie durch den Hof des Gouvernement kamen, gingen ſie an einem Mann in grauem Rock vorüber, — u 8 ——*8G& A — 241 Nach ſünf Minuten werden ſie im Triumph um⸗ hergetragen und umarmt, ſo kothig ſie ſind. Der Eine gibt Billot einen Schluck Branntwein, der Andere ſtopft Pitou mit Wurſt und gießt Wein darauf. Ein Dritter reibt ſte ab und führt ſie in die Sonne. Plötzlich durchzuckt ein Gedanke, oder vielmehr eine Erinnerung den Geiſt von Billot; er entreißt ſich der geſchäftigen Sorge der Theilnehmenden und eilt gegen die Baſtille zu. „Zu den Gefangenen!“ ruft er im Laufe,„zu den Gefangenen!“ „Ja, zu den Gefangenen!“ ruft Pitou, dem Pächter nacheilend. Die Menge, welche bis dahin nur an die Henker gedacht hatte, bebt im Gedanken an die Opfer. Sie wiederholt mit einem Schrei:„Ja, ja, zu den Gefangenen!“ Und ein neuer Strom von Angreifenden durchbricht die Dämme und ſcheint die Seiten der Feſtung zu er⸗ weitern, um die Freiheit hineinzutragen. Ein entſetzliches Schauſpiel bot ſich nun den Au⸗ gen von Billot und Piton. Trunken, wüthend, raſend, war die Menge in die Höfe geſtürzt. Den erſten Sol⸗ daten, der ihr in die Haͤnde gefallen, hatte ſie in Stuͤcke gehauen. Gonchon ließ ſie gewähren. Ohne Zweifel dachte er, der Zorn des Volkes ſei wie der Strom der großen Flüſſe, er richte mehr Unheil an, wenn man ihn auf⸗ zuhalten ſuche, als wenn man ihn ruhig ſich verlau⸗ ſen laſſe. Elie und Hullin dagegen hatten ſich den Schläͤch⸗ tern entgegengeworfen: ſie baten, ſie flehten, ſie ſagten, — eine erhabene Lüge— ſie haben der Garniſon die Erhaltung ihres Lebens verſprochen. Ange Pitou. I. 16 — 23*— der ruhig und die Hand auf einen Stock mit goldenem Knopf geſtützt da ſtand. Dieſer Mann war der Gou⸗ verneur. Er wartete unbeweglich, bis entweder ſeine Freunde ihn retten, oder ſeine Feinde ihn ſchlagen würden. Billot, als er ihn erblickte, erkannte ihn ſogleich, gab einen Schrei von ſich und ging gerabe auf ihn zu. De Launay erkannte den Pächter auch. Er kreuzte die Arme und wärtete, Billot anſchauend, als wollte er zu ihm ſagen: Biſt Du es, der mir den erſten Streich verſetzen wird?“ Billot begriff und blieb ſtehen. „Wenn ich mit ihm ſpreche,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „ſo mache ich, daß man ihn erkennt; wird er erkannt, ſo iſt er todt.“ Doch wie den Doector Gilbert inmitten dieſes Chaos finden? Wie der Baſtille das in ſeinen Eingeweiden verſchloſſene Geheimniß entreißen? Dieſes ganze Zögern, dieſes ganze heldenmüthige Bedenken begriff de Launay ebenfalls. „Was wollen Sie?“ fragte halblaut de Launay. „Nichts,“ erwiederte Billot, indem er mit dem Finger auf das Thor deutete, um ihm zu bezeichnen, die Flucht ſei noch möglich.„Nichts. Ich werde den Doctor Gilbert wohl finden können.“ „Dritte Bertaudiere,“ antwortete de Launay mit weicher, beinahe gerührter Stimme. Und er blieb auf derſelben Stelle. Plötzlich ſprach eine Stimme hinter Billot; „Ah! hier iſt der Gouverneur.“ Die Stimme war ruhig, als ob ſie nicht dieſer Welt angehört hätte, und dennoch fühlte man, daß jedes Wort, das ſie geſprochen ein ſcharfer, gegen die Bruſt von de Launay gerichteter Dolch war. Gonchon hatte ſo geſprochen. ſ 242 Die Ankunft von Billot und Pitou war eine Ver⸗ ſtärkung für ſie. Billot, den man rächte, Billot lebte; Billot war nicht einmal verwundet, es hatte ſich nur das Brett unter ſeinem Fuße gedreht. Er hatte nur ein Schlamm⸗ bad genommen, und nichts Anderes. Auf die Schweizer war man hauptſächlich erboſt, doch man fand keine Schweizer mehr. Sie hatten Zeit gehabt, Kittel von grauer Leinwand anzuziehen, und man hielt ſie für Knichte oder für Gefangene. Die Menge zerſchmetterte mit Steinwürfen die zwei Ge⸗ feſſelten der Uhrtafel. Die Menge eilte auf die Höhe der Thürme, um die Kanonen zu beſchimpfen, die den Tod geſpieen hatien. Die Menge packte die Steine an und machte ſich die Häͤnde blutig, indem ſie die⸗ ſelben ausreißen wollte. Als man die erſten Sieger auf der Plattform er⸗ ſcheinen ſah, ließ Alles, was außen war, das heißt, hunderttauſend Menſchen, ein ungeheures Geſchrei ver⸗ nehmen. Dieſes Geſchrei erhob ſich über Paris und ſchwang ſich wie ein Adler mit raſchen Flugeln uber Frank⸗ reich hin: „Die Baſtille iſt genommen!“ Bei dieſem Ruf zerſchmolzen die Herzen, befeuch⸗ teten ſich die Augen, öffneten ſich die Arme; es gab keine entgegengeſetzte Parteien, keine feindliche Kaſten maͤhr; alle Pariſer fühlten, daß ſie Brüder, alle Men⸗ ſchen begriffen, daß ſie ſrei waren. Eine Million Menſchen hielt ſich in gegenſeitiger Umarmung. Billot und Piton waren im Gefolge der Einen und den Andern voranſchreitend eingedrungen; ſie wollten nicht ihren Antheil am Triumph, ſondern die Freiheit der Gefangenen. Als ſie durch den Hof des Gouvernement kamen, gingen ſie an einem Mann in grauem Rock vorüber, 244 Bei ſeinen Worten, wie beim Schalle einer Sturm⸗ glocke, bebten alle dieſe rachetrunkenen Menſchen; ſie ſchauten mit flammenden Augen umher, erblickten de Launay und ſtürzten auf ihn los. „Retten Sie ihn, oder er iſt verloren,“ ſagte Billot, an Elie und Hullin vorübergehend. „Helfen Sie uns,“ erwiederten die zwei Männer. „Ich muß hier bleiben, ich habe auch Einen zu retten.“ In einem Augenblick war de Launay von tanſend Händen gepackt, emporgehoben, fortgeſchleppt. Elie und Hullin eilten ihm nach und riefen: „Haltet ein, wir haben ihm Schonung ſeines Le⸗ bens zugeſagt.“ Das war nicht wahr, doch die erhabene Lüge drang gleichzeitig aus dieſen zwei edlen Herzen hervor. In einer Seecunde verſchwand de Launah, ge⸗ folgt von Elie und Hullin, durch den Gang, der aus der Baſtille hinausführte, unter dem Geſchrei: Nach dem Stadthaus! nach dem Stadthaus! De Launay, eine lebendige Beute, war für gewiſſe Sieger ſo viel werth, als die beſiegte Beute der Baſtille. Sie bot übrigens ein ſeltſames Schauſpiel, die traurige, ſchweigſame Feſte, ſeit vier Jahrhunderten nur durch Wachen, Kerkermeiſter und einen düſtern Gouverneur beſucht, nun aber die Beute des Volks geworden, das in den Höfen umherlief, die Treppen auf und abſtieg, wie ein Bienenſchwarm ſummte und den Granitkorb mit Bewegung und Geräuſch füllte. Billot ſchaute de Launay einen Augenblick nach; dieſer wurde mehr fortgetragen, als geführt, und ſchien über der Menge zu ſchweben. Doch in einer Sekunde war er verſchwunden. Billot ſeufzte, ſah umher, erblickte Pitou, eilte nach einem Thurme und rief:„Dritte Bertaudiere!“ Ein zitternder Gefangenwärter fand ſich auf ſei⸗ nem Wege. an—— 243* der ruhig und die Hand auf einen Stock mit goldenem Knopf geſtützt da ſtand. Dieſer Mann war der Gou⸗ verneur. Er wartete unbeweglich, bis entweder ſeine Freunde ihn retten, oder ſeine Feinde ihn ſchlagen würden. Billot, als er ihn erblickte, erkannte ihn ſogleich, gab einen Schrei von ſich und ging gerade auf ihn zu. De Launay erkannte den Pächter auch. Er kreuzte die Arme und wartete, Billot anſchauend, als wollte er zu ihm ſagen: „Wiſt Du es, der mir den erſten Streich verſetzen wird?“ Billot begriff und blieb ſtehen. „Wenn ich mit ihm ſpreche,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „ſo mache ich, daß man ihn erkennt; wird er erkannt, ſo iſt er todt.“ Doch wie den Doctor Gilbert inmitten dieſes Chaos finden? Wie der Baſtille das in ſeinen Eingeweiden verſchloſſene Geheimniß entreißen? Dieſes ganze Zögern, dieſes ganze heldenmüthige Bedenken begriff de Launay ebenfalls. „Was wollen Sie?“ fragte halblaut de Launay. „Nichts,“ erwiederte Billot, indem er mit dem Finger auf das Thor deutete, um ihm zu bezeichnen, die Flucht ſei noch möglich.„Nichts. Ich werde den Doctor Gilbert wohl finden können.“ „Dritte Bertaudière,“ antwortete de Launay mit weicher, beinahe gerührter Stimme. Und er blieb auf derſelben Stelle. Plötzlich ſprach eine Stimme hinter Billot: „Ahl hier iſt der Gouverneur.“ Die Stimme war ruhig, als ob ſie nicht dieſer Welt angehört hätte, und dennoch fühlte man, daß jedes Wort, das ſie geſprochen, ein ſcharfer, gegen die Bruſt von de Launay gerichteter Dolch war. Gonchon hatte ſo geſprochen. 163 245⁵ „Dritte Bertaudiére,“ ſagte Billot. „Dorthin, mein Herr,“ erwiederte der Gefangen⸗ wärter,„doch ich habe die Schlüſſel nicht.“ „Wo ſind ſie denn?“ „Man hat mir ſie genommen.“ „Bürger, leihe mir Deine Axt,“ ſprach Billot zu einem Vorſtädter. „Ich gebe ſie Dir,“ antwortete dieſer,„ich brauche ſie nicht mehr, da die Baſtille genommen iſt.“ Billot ergriff die Art und eilte, von dem Gefangen⸗ wärter geführt, eine Treppe hinauf. Der Gefangenwärter blieb vor einer Thüre ſtehen. „Dritte Bertaudisre?“ fragte er. „t „Das iſt hier.“ „Der Gefangene, der in dieſem Zimmer einge⸗ ſchloſſen iſt, heißt Doctor Gilbert?“ „Ich weiß es nicht.“ „Seit fünf bis ſechs Tagen erſt angekommen.“ „Ich weiß es nicht.“ „Nun,“ ſagte Billot,„ich werde es erfahren.“ hnd er griff die Thüre mit gewaltigen Axt⸗ ſtreichen an. Sie war von Eichenholz; doch unter den Streichen des kräftigen Pächters zerſprang das Holz in Splitter. Nach einigen Sekunden konnte der Blick in die Zelle dringen. Billot hielt ſein Auge an die Oeffnung. Durch die Oeffnung tauchte ſein Blick in das Gefängniß. In der Linie des Lichtſtrahls, der in den Kerker durch das vergitterte Fenſter des Thurms eindrang, ſtand, ein wenig zurückgebogen, in der Hand ein aus ſeinem Bett geriſſenes Querholz haltend, ein Mann in ver⸗ theidigender Stellung. Dieſer Mann hielt ſich offenbar bereit, den Erſten, der eintreten würde, niederzuſchlagen. 244 Bei ſeinen Worten, wie beim Schalle einer Sturm⸗ glocke, bebten alle dieſe rachetrunkenen Menſchen; fie ſchauten mit flammenden Augen umher, erblickten de Launay und ſtürzten auf ihn los. „Retten Sie ihn, oder er iſt verloren,“ ſagte Billot, an Elie und Hullin vorübergehend. „Helfen Sie uns,“ erwiederten die zwei Männer. 1„Ich muß hier bleiben, ich habe auch Einen zu retten.“ In einem Augenblick war de Launay von tauſend Händen gepackt, emporgehoben, fortgeſchleppt. Elie und Hullin eilten ihm nach und riefen: „Haltet ein, wir haben ihm Schonung ſeines Le⸗ bens zugeſagt.“ Das war nicht wahr, doch die erhabene Lüge drang gleichzeitig aus dieſen zwei edlen Herzen hervor. In einer Secunde verſchwand de Launay, ge⸗ folgt von Elie und Hullin, durch den Gang, der aus der Baſtille hinausfuͤhrte, unter dem Geſchrei: Nach dem Stadthaus! nach dem Stadthaus! De Launay, eine lebendige Beute, war für gewiſſe Sieger ſo viel werth, als die beſiegte Beute der Baſtille. Sie bot übrigens ein ſeltſames Schauſpiel, die traurige, ſchweigſame Feſte, ſeit vier Jahrhunderten nur durch Wachen, Kerkermeiſter und einen düſtern Gouverneur beſucht, nun aber die Beute des Volks geworden, das in den Höfen umherlief, die Treppen auf und abſtieg, wie ein Bienenſchwarm ſummte und den Granitkorb mit Bewegung und Geräuſch füllte. Billot ſchaute de Launay einen Augenblick nach; dieſer wurde mehr fortgetragen, als geführt, und ſchien uͤber der Menge zu ſchweben. Doch in einer Sekunde war er verſchwunden. Billot ſeufzte, ſah umher, erblickte Piton, eilte nach einem Thurme und rief:„Dritte Bertaudiére!“ Ein zitternder Gefangenwärter fand ſich auf ſei⸗ nem Wege. 246 Trotz ſeines langen Bartes, trotz ſeines bleichen Geſichtes, trotz ſeiner kurz geſchnittenen Haare erkannte ihn Billot. Es war der Doctor Gilbert. „Doctor! Doetor! find Sie es?“ „Wer ruſt mich?“ fragte der Gefangene. „Ich, ich, Billot, Ihr Freund.“ „Sie, Billot?“ „Ja! ja! er! er! wir! wir!“ riefen zwanzig Stim⸗ men, die bei den furchtbaren Streichen, welche Billot that, auf dem Ruheplatz ſtehen geblieben waren. „Wer, Ihr?“ „Wir, die Sieger der Baſtille! Die Baſtille iſt genommen, Sie find frei!“ „Die Baſtille iſt genommen! ich bin frei!“ rief der Doctor. Und er ſtreckte ſeine beiden Hände durch die Oeff⸗ nung und rüttelte ſo gewaltig an der Thüre, daß die Angeln und das Schloß ſich losreißen zu wollen ſchie⸗ nen, und daß ein ſchon durch Billot erſchütterter eiche⸗ ner Flügel krachte, zerbrach und in den Händen des Gefangenen blieb. „Warten Sie, warten Sie,“ ſagte Billot, denn er begriff, eine zweite der erſten ähnliche Anſtrengung wuͤrde ſeine einen Augenblick überreizten Kräfte er⸗ ſchöpfen,„warten Sie.“ Und er verdoppelte ſeine Streiche. Durch die Oeffnung, die ſich immer mehr ver⸗ größerte, konnte er in der That den Gefangenen ſehen. Dieſer war wieder auf ſeinen Stuhl geſunken, bleich wie ein Geſpenſt und unfähig, das Querholz aufzu⸗ heben, welches bei ihm lag, der, einem Simſon ähn⸗ lich, beinahe die Baſtille erſchüttert hätte. „Billot! Billot!“ murmelte er. „Ja! ja! und ich auch, Piton, Herr Doctor; Sie erinnern ſich wohl des armen Piton, den Sie bei Tante Angélique in die Koſt gebracht haben; Piton, der kommt, um Sie zu befreien.“ — — 245 „Dritte Bertaudieère,“ ſagte Billot. „Dorthin, mein Herr,“ erwiederte der Gefangen⸗ wärter,„doch ich habe die Schlüſſel nicht.“ „Wo ſind ſie denn?“ „Man hat mir ſie genommen.“ „Bürger, leihe mir Deine Art,“ ſprach Billot zu einem Vorſtädter. „Ich gebe ſie Dir,“ antwortete dieſer,„ich brauche ſie nicht mehr, da die Baſtille genommen iſt.“ Billot ergriff die Axt und eilte, von dem Gefangen⸗ wärter geführt, eine Treppe hinauf. Der Gefangenwärter blieb vor einer Thüre ſtehen. „Dritte Bertaudière?“ fragte er. 44 „Ja. „Das iſt hier.“ „Der Gefangene, der in dieſem Zimmer einge⸗ ſchloſſen iſt, heißt Doctor Gilbert?“ „Ich weiß es nicht.“ „Seit fünf bis ſechs Tagen erſt angekommen.“ „Ich weiß es nicht.“ „Nun,“ ſagte Billot,„ich werde es erfahren.“ Und er griff die Thüre mit gewaltigen Art⸗ ſtreichen an. 1 Sie war von Eichenholz; doch unter den Streichen des kräftigen Pächters zerſprang das Holz in Splitter. Nach einigen Sekunden konnte der Blick in die Zelle dringen. Billot hielt ſein Auge an die Oeffnung. Durch die Oeffnung tauchte ſein Blick in das Gefängniß. In der Linie des Lichtſtrahls, der in den Kerker durch das vergitterte Fenſter des Thurms eindrang, ſtand, ein wenig zurückgebogen, in der Hand ein aus ſeinem Bett geriſſenes Querholz haltend, ein Mann in ver⸗ theidigender Stellung. Dieſer Mann hielt ſich offenbar bereit, den Erſten, der eintreten würde, niederzuſchlagen. MW v M„ — 247 „Aber ich kann durch dieſe Oeffnung ſchlüpfen,“ ſagte der Doctor. Nein! nein!“ antworteten alle Stimmen;„war⸗ ten Sie!“ Alle Anweſende vereinigten ihre Kräfte in einer gemeinſchaftlichen Anſtrengung. Die Einen ſchoben ein Brecheiſen zwiſchen die Mauer und die Thüre, Andere ließen einen Hebel am Schloß ſpielen; wieder Andere druckten und ſtießen mit ihren angeſtemmten Schultern und ihren krampfhaft zuſammengezogenen Händen; das Eichenholz ließ ein letztes Krachen hören, die Wand ſchieferte ſich, und Alle ſtürzten mit einander durch die zerbrochene Thür, durch die abgeſtoßene Mauer wie ein Strom in das Innere des Gefängniſſes. Gilbert befand ſich in den Armen von Pitou und von Billot. Gilbert, der kleine Bauer vom Schloſſe Taverneh, Gilbert, den wir in ſeinem Blute gebadet in einer Grotte der Azoren gelaſſen haben, war nun ein Mann von vier und dreißig bis fünf und dreißig Jah⸗ ren, von bleicher, aber nicht krankhafter Geſichtsſarbe, mit feſten, eigenwilligen Augen; nie verlor ſich ſein Blick umherirrend im Raume; heftete er ſich nicht auf einen äußeren Gegenſtand, der ihn zu feſſeln würdig war, ſo heftete er ſich auf ſeinen eigenen Gedanken und wurde darum nur um ſo düſterer und tiefer; ſeine Naſe war gerade und ſtand mit ſeiner Stirne durch eine directe Linie in Verbindung; ſie überragte eine ſtolze Oberlippe, welche durch einen leichten Zwiſchenraum, der ſie von ihrer Unterlippe trennte, den blendenden Schmelz ſeiner Zähne ſehen ließ. In gewöhnlichen Zeiten war ſein Anzug einfach und ſtreng, wie der eines Quäkers. Doch dieſe Strenge gränzte durch die außerordentliche Reinlichkeit an die Eleganz. Sein etwäs mehr als mittlerer Wuchs war ſchön geformt; was ſeine ganz nervöſe Stärke betrifft, ſo haben wir ſo eben geſehen, wie weit ſie in einer erſten Bewegung der Gereiztheit gehen konnte, mochte dieſe Gereiztheit 246 Trotz ſeines langen Bartes, trotz ſeines bleichen Geſichtes, trotz ſeiner kurz geſchnittenen Haare erkannte ihn Billot. Es war der Doctor Gilbert. „Doctor! Doctor! ſind Sie es?“ „Wer ruft mich?“ fragte der Gefangene. „Ich, ich, Billot, Ihr Freund.“ „Sie, Billot?“ „Ja! ja! er! er! wir! wir!“ riefen zwanzig Stim⸗ men, die bei den furchtbaren Streichen, welche Billot that, auf dem Ruheplatz ſtehen geblieben waren. „Wer, Ihr?“ „Wir, die Sieger der Baſtille! Die Baſtille iſt genommen, Sie ſind frei!“ „Die Baſtille iſt genommen! ich bin frei!“ rief der Doctor. Und er ſtreckte ſeine beiden Hände durch die Oeff⸗ nung und rüttelte ſo gewaltig an der Thüre, daß die Angeln und das Schloß ſich losreißen zu wollen ſchie⸗ nen, und daß ein ſchon durch Billot erſchütterter eiche⸗ ner Flügel krachte, zerbrach und in den Händen des Gefangenen blieb. „Warten Sie, warten Sie,“ ſagte Billot, denn er begriff, eine zweite der erſten ähnliche Anſtrengung würde ſeine einen Augenblick überreizten Kräfte er⸗ ſchöpfen,„warten Sie.“ Und er verdoppelte ſeine Streiche. Durch die Oeffnung, die ſich immer mehr ver⸗ größerte, konnte er in der That den Gefangenen ſehen. Dieſer war wieder auf ſeinen Stuhl geſunken, bleich wie ein Geſpenſt und unfähig, das Querholz aufzu⸗ heben, welches bei ihm lag, der, einem Simſon ähn⸗ lich, beinahe die Baſtille erſchüttert hätte. „Billot! Billot!“ murmelte er. „Ja! ja! und ich auch, Pitou, Herr Doctor; Sie erinnern ſich wohl des armen Pitou, den Sie bei Tante Angélique in die Koſt gebracht haben; Pitou, der kommt, um Sie zu befreien.“ 248 nun den Zorn oder den Enthuſiasmus zur urſache haben. Obſchon ſeit fünf bis ſechs Tagen im Kerker, hatte doch der Gefangene dieſelbe Sorge auf ſich verwendet: ſein mehrere Linien langer Bart hob noch mehr das Matte ſeiner Geſichtshaut hervor und bezeichnete allein eine Vernachläſſigung, an welcher nicht der Gefangene, ſondern der Umſtand Schuld war, daß man ihm ein Raſirmeſſer zu geben oder ihn zu barbieren ſich gewei⸗ gert hatte. Nachdem er Pitou und Billot in ſeine Arme ge⸗ ſchloſſen, wandte er ſich gegen die in ſein Gefängniß eingedrungene Menge. Dann, als ob ein Augenblick genügt hätte, um ihm die ganze Herrſchaft über ſich ſelbſt wieder zu verleihen, ſprach er: „Der Tag, den ich vorhergeſehen, iſt gekommen. Dank Euch, meine Freunde, Dank dem ewigen Geiſte, der über der Freiheit der Völker wacht.“ Und er reichte ſeine beiden Hände der Menge, welche, an der Höhe feines Blickes, an der Würde ſeiner Stimme einen erhabenen Mann erkennend, dieſelben faum zu berühren wagte. Pann verließ er ſeine Zelle und ging allen dieſen Menſchen, geſtützt auf die Schulter von Billot und gefolgt von Pitou und ſeinen Befreiern, voran. Der erſte Augenblick war von Gilbert der Freund⸗ ſchaft und der Dankbarkeit geſchenkt worden, der zweite hatte die Entfernung feſtgeſtellt, welche zwiſchen dem gelehrten Dortor und dem unwiſſenden Pächter, dem guten Pitou und dieſer ganzen Menge, die ihn befreit, ſtattfand. Bei der Thüre angelangt, blieb Gilbert vor dem Lichte des Himmels, das ihn überſtrömte, ſtehen. Er blieb ſtehen, kreuzte die Arme auf ſeiner Bruſt, ſchlug die Augen zum Himmel auf und ſprach: „Gegrüßet ſeiſt du, ſchöne Freiheit; ich habe deiner ric vie ph ner Q 8 NM(N N 247 „Aber ich kann durch dieſe Oeffnung ſchlüpfen,“ ſagte der Doctor. „Nein! nein!“ antworteten alle Stimmen;„war⸗ ten Sie!“ Alle Anweſende vereinigten ihre Kräfte in einer gemeinſchaftlichen Anſtrengung. Die Einen ſchoben ein Brecheiſen zwiſchen die Mauer und die Thüre, Andere ließen einen Hebel am Schloß ſpielen; wieder Andere druckten und ſtießen mit ihren angeſtemmten Schultern und ihren krampfhaft zuſammengezogenen Händen; das Eichenholz ließ ein letztes Krachen hören, die Wand ſchieferte ſich, und Alle ſtürzten mit einander durch die zerbrochene Thür, durch die abgeſtoßene Mauer wie ein Stroöm in das Innere des Gefängniſſes. Gi bert befand ſich in den Armen von Pitou und von Billot. Gilbert, der kleine Bauer vom Schloſſe Taverney, Gilbert, den wir in ſeinem Blute gebadet in einer Grotte der Azoren gelaſſen haben, war nun ein Mann von vier und dreißig bis fünf und dreißig Jah⸗ ren, von bleicher, aber nicht krankhafter Geſichtsarbe, mit feſten, eigenwilligen Augen; nie verlor ſich ſein Biick umherirrend im Naume; heftete er ſich nicht auf einen äußeren Gegenſtand, der ihn zu feſſeln würdig war, ſo heftete er ſich auf ſeinen eigenen Gedanken und wurde darum nur um ſo düſterer und tiefer; ſeine Naſe war gerade und ſtand mit ſeiner Stirne durch eine directe Linie in Verbindung; ſie überragte eine ſtolze Oberlippe, welche durch einen leichten Zwiſchenraum, der ſie von ihrer Unterlippe trennte, den blendenden Schmelz ſeiner Zähne ſehen ließ. In gewöhnlichen Zeiten war ſein Anzug einfach und ſtreng, wie der eines Quäkers. Doch dieſe Strenge gränzte durch die außerordentliche Reinlichkeit an die Eleganz. Sein etwas mehr als mittlerer Wuchs war ſchön geformt; was ſeine ganz nervöſe Stärke betrifft, ſo haben wir ſo eben geſehen, wie weit ſie in einer erſten Bewegung der Gereiztheit gehen konnte, mochte dieſe Gereiztheit it, 24⁴9 Geburt auf einer andern Welt beigewohnt, und wir ſind alte Freunde. Gegrüßet ſeiſt du, ſchöne Freiheit!“ und das Lächeln des Doctors beſagte in der That, es ſei für ihn nichts Neues, dieſes Geſchrei, das er von einem ganzen unabhängigkeitstrunkenen Volke hörte. Nachdem er ſich ſodann einige Secunden geſammelt hatte, fragte er: „Billot, das Volk hat alſo den Despotismus beſiegt?“ „Ja, Herr.“ „Und Sie haben ſich geſchlagen?“ „Ich bin gekommen, um Sie zu befreien.“ „Sie wußten von meiner Verhaftung?“ i6t„Ihr Sohn hat mich dieſen Morgen davon unter⸗ richtet.“ „Armer Emil, haben Sie ihn geſehen?“ „Ich habe ihn geſehen.“ „Er iſt ruhig in ſeiner Koſtſchule geblieben?“ „Ich habe ihn, ſich ſträubend, in den Händen von vier Krankenwärtern gelaſſen.“ ⸗ „Iſt er krank, hat er das Delirium?“ „Er wollte mit uns ziehen, um ſich zu ſchlagen.“ „Ah!“ rief der Doctor, und ein Lächeln des Trium⸗ phes umſpielte ſeine Lippen. Sein Sohn entſprach ſei⸗ ner Hoffnung. „Sie haben alſo geſagt?“ fragte er Billot. „Ich habe geſagt, da der Doctor Gilbert in der Baſtille iſt, ſo nehmen wir die Baſtille. Nun iſt die Baſtille genommen. Das iſt noch nicht Alles.“ „Was gibt es noch?“ „Die Caſſette iſt geſtohlen.“ ie Caſſette, die ich Ihnen anvertraute?“ „Ja. „Und durch wen geſtohlen?“ „Durch Leute, die ſich unter dem Vorwand, Ihre Brochure in Beſchlag zu nehmen, bei mir eingeſchlichen, mich verhaftet, in den Keller eingeſchloſſen, das Haus durchſucht, die Caſſette gefunden und fortgenommen haben.“ 248 u den Zorn oder den Enthuſtasmus zur Urſache haben. Obſchon ſeit fünf bis ſechs Tagen im Kerker, hatte doch der Gefangene dieſelbe Sorge auf ſich verwendet: ſein mehrere Linien langer Bart hob noch mehr das Matte ſeiner Geſichtshaut hervor und bezeichnete allein eine Vernachläſſtgung, an welcher nicht der Gefangene, ſondern der Umſtand Schuld war, daß man ihm ein Raſtrmeſſer zu geben oder ihn zu barbieren ſich gewei⸗ gert hatte. Nachdem er Pitoun und Billot in ſeine Arme ge⸗ ſchloſſen, wandte er ſich gegen die in ſein Geſängniß eingedrungene Menge.. Dann, als ob ein Augenblick genügt hätte, um ihm die ganze Herrſchaft über ſich ſelbſt wieder zu verleihen, ſprach er: „Der Tag, den ich vorhergeſehen, iſt gekommen. Dank Euch, meine Freunde, Dank dem ewigen Geiſte, der über der Freiheit der Völker wacht.“ Und er reichte ſeine beiden Hände der Menge, welche, an der Höhe ſeines Blickes, an der Würde ſeiner Stimme einen erhabenen Mann erkennend, dieſelben kaum zu berühren wagte. Dann verließ er ſeine Zelle und ging allen dieſen Menſchen, geſtützt auf die Schulter von Billot und gefolgt von Pitou und ſeinen Befreiern, voran. Der erſte Augenblick war von Gilbert der Freund⸗ ſchaft und der Dankbarkeit geſchenkt worden, der zweite hatte die Entfernung feſtgeſtellt, welche zwiſchen dem gelehrten Doctor und dem unwiſſenden Pächter, dem guten Pitou und dieſer ganzen Menge, die ihn befreit, ſtattfand. Bei der Thüre angelangt, blieb Gilbert vor dem Lichte des Himmels, das ihn überſtrömte, ſtehen. Er blieb ſtehen, kreuzte die Arme auf ſeiner Bruſt, ſchlug die Augen zum Himmel auf und ſprach: „Gegruͤßet ſeiſt du, ſchoͤne Freiheit; ich habe deiner „An welchem Tage?“ „Geſtern.“. 8 „Ho! ho! es findet offenbar ein Zuſammenhang zwiſchen meiner Verhaftung und dem Diebſtahl ſtatt. Dieſelbe Perſon, die mich ſeſtnehmen ließ, hat zu glei⸗ cher Zeit auch die Caſſette ſtehlen laſſen. Erfahre ich den Urheber der Verhaftung, ſo fenne ich auch den Urheber des Diebſtahls. Wo ſind die Archive?“ fragte der Doctor den Gefangenwärter. „Im Hofe des Gouvernement, mein Herr,“ ant⸗ wortete dieſer. 3 de, zu den Archiven!“ 3 1 „Zu den Archiven alſo, Freun rief⸗der Doctor. -„Mein Herr,“ ſagte der Gefangenwärter, der ihn einen Augenblick zurückhielt,„laſſen Sie mich Ihnen folgen, oder empfehlen Sie mich dieſen wackern Leuten, damit mir kein Unglück widerſährt.“ „Es ſei,“ ſprach Gilbert. 3 Dann wandte er ſich an die Menge, die ihn mit 6 einer Miſchung von Neugierde und Ehrfurcht umgab, und ſagte: „Freunde, ich empfehle Euch dieſen braven Mann; er trieb ſein Handwerk, indem er die Thüren öffnete und ſchloß; doch er war mild gegen die Gefangenen⸗ und es werde ihm kein Leid angethan.“ Neinl nein!“ rief man von allen Seiten;„nein, er füchte ſich nicht, er braucht nicht bange zu haben er me.“ 1 „Ich danke mein Herrz ſagte der Gefangenwärter; Sie in die Archive wollen, beeilen Sie „doch wenn ſich; ich glaube, man verbrennt die Papiere.“ ſ Ohi dann iſt kein Augenblick zu verlieren!“ rief 7 Gilbert;„in die Archive!“ Und er eilte nach dem Hofe des Gouvernement; die Menge, an deren Spitze beſtändig Billot und Piton marſchirten, folgte ihm auf den Ferſen. —— 249 Geburt auf einer andern Welt beigewohnt, und wir ſind alte Freunde. Gegrüßet ſeiſt du, ſchöne Freiheit!“ Und das Lächeln des Doctors beſagte in der That, es ſei für ihn nichts Neues, dieſes Geſchrei, das er von einem ganzen unabhängigkeitstrunkenen Volke hörte. Nachdem er ſich ſodann einige Secunden geſammelt hatte, fragte er:. „Billot, das Volk hat alſo den Despotismus beſiegt?“ „Ja, Herr.“ „Und Sie haben ſich geſchlagen?“ „Ich bin gekommen, um Sie zu befreien.“ „Sie wußten von meiner Verhaftung?“ icht„Ihr Sohn hat mich dieſen Morgen davon unter⸗ richtst.“ „Armer Emil, haben Sie ihn geſehen?“ „Ich habe ihn geſehen.“ „Er iſt ruhig in ſeiner Koſtſchule geblieben?“ „Ich habe ihn, ſich ſträubend, in den Händen von vier Krankenwärtern gelaſſen.“ „Iſt er krank, hat er das Delirium?“ „Er wollte mit uns ziehen, um ſich zu ſchlagen.“ „Ah!“ rief der Doctor, und ein Lächeln des Trium⸗ phes umſpielte ſeine Lippen. Sein Sohn entſprach ſei⸗ ner Hoffnung. „Sie haben alſo geſagt?“ fragte er Billot. „Ich habe geſagt, da der Doctor Gilbert in der Baſtille iſt, ſo nehmen wir die Baſtille. Nun iſt die Baſtille genommen. Das iſt noch nicht Alles.“ „Was gibt es noch?“ „Die Caſſette iſt geſtohlen.“ „Die, Caſſette, die ich Ihnen anvertraute?“ „Ja.⸗ „Und durch wen geſtohlen?“ „Durch Leute, die ſich unter dem Vorwand, Ihre * Brochure in Beſchlag zu nehmen, bei mir eingeſchlichen, mich verhaftet, in den Keller eingeſchloſſen, das Haus durchſucht, die Caſſette gefunden und fortgenommen haben.“ ————— —— 3— 250 „An welchem Tage?“ „Geſtern.“ „Hol hol es findet offenbar ein Zuſammenhang zwiſchen meiner Verhaftung und dem Diebſtahl ſtatt. Dieſelbe Perſon, die mich feſtnehmen ließ, hat zu glei⸗ cher Zeit auch die Caſſette ſtehlen laſſen. Erfahre ich den Urheber der Verhaftung, ſo kenne ich auch den Urheber des Diebſtahls. Wo ſind die Archive?“ fragte der Doctor den Gefangenwärter. „Im Hofe des Gouvernement, mein Herr,“ ant⸗ wortete dieſer. „Zu den Archiven alſo, Freunde, zu den Archiven!“ rief der Doctor. „Mein Herr,“ ſagte der Gefangenwärter, der ihn einen Augenblick zurückhielt,„laſſen Sie mich Ihnen folgen, oder empfehlen Sie mich dieſen wackern Leuten, damit mir kein Unglück widerſährt.“ „Es ſei,“ ſprach Gilbert. Dann wandte er ſich an die Menge, die ihn mit einer Miſchung von Neugierde und Ehrfurcht umgab, und ſagte: „Freunde, ich empfehle Euch dieſen braven Mann; er trieb ſein Handwerk, indem er die Thüren öffnete und ſchloß; doch er war mild gegen die Gefangenen, und es werde ihm kein Leid angethan.“ „Nein! nein!“ rief man von allen Seiten;„nein, er fürchte ſich nicht, er braucht nicht bange zu haben, er komme.“ „Ich danke, mein Herr,“ ſagte der Gefangenwärter; „doch wenn Sie in die Archive wollen, beeilen Sie ſich; ich glaube, man verbrennt die Papiere.“ „Oh! dann iſt kein Augenblick zu verlieren!“ rief Gilbert;„in die Archive!“ Und er eilte nach dem Hofe des Gouvernement; die Menge, an deren Spitze beſtändig Billot und Pitou marſchirten, folgte ihm auf den Ferſen. —.e—