—— Leihbibliothek Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. 2 Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothe ek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens den gungendmnien . Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme T hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnemem. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ABlae e. 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 590 Ni. 2 Mt.— „ 3„ 3 5. Auswür tige Ahonnenten„haben für Hin⸗ und Burücſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 defecte Buücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt b der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird N beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und afranzüſiſcher Literatur 3 1 Uhyr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei ückaabe eines geliehenen Buches wird von ſe jedem eer 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 6 n. Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 0 4 beträg 4 für Knt hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, Lerriſſen, verlorene und ——— Sunmtliche Werke Alexander Dumas. Deutſch von Dr. Auguſt Zoller. —23— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1850. Denkwürdigkeiten eines Arztes. Von Alexauder Dumas. Zweite Abtheilung. Das Halsband der Königin. Zehntes und elftes Bändchen. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Boller. —*963— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1850. LII. Delirium. Gott hatte ohne Zweifel das Gebet von Andrée gehört. Herr von Charny unterlag nicht ſeinem Fieber⸗ anfall.— Am andern Tage, als ſie voll Gierde alle Nach⸗ richten verſchlang, die ihr von dem Verwundeten zu⸗ kamen, ging dieſer durch die Pflege des guten Dortor Louis vom Tode zum Leben über. Die Entzündung hatte der Energie und dem Gegenmittel nachgegeben. Die Heilung begann. Sobald Charny gerettet war, beſchäftigte ſich Louis um die Hälfte weniger mit ihm; der Gegenſtand hörte auf, intereſſant zu ſein. Für den Arzt iſt der Lebende ſehr wenig, beſonders wenn er in der Wiedergeneſung begriffen, oder wenn er ſich wohl befindet. Nur, nach Verlauf von acht Tagen, in denen ſich Andrée völlig beruhigte, hielt es Louis, der alle Offen⸗ barungen des Kranken während der Kriſe auf dem Herzen hatte, für gut, Charny an einen entfernten Ort bringen zu laſſen. Er wollte das Delirium in ein anderes Land verſetzen. Aber Charny weigerte ſich bei den erſten Verſuchen, welche gemacht wurden. Er ſchlug von Zorn funkelnde Augen zum Doctor auf und ſagte ihm, er ſei beim König, und Niemand habe das Recht, einen Mann wegzujagen, dem Seine Majeſtät ein Aſyl gebe. Das Halsband der Koͤnigin. III. 1 Der Doctor, der nicht geduldig gegen widerſpän⸗ ſtige Geneſende war, ließ ganz einfach vier Knechte ninheen und befahl ihnen, den Verwundeten aufzu⸗ eben. Aber Charny klammerte ſich an das Holz ſeines Bettes an, ſchlug heftig einen von den Männern und bedrohte die Anderen wie Karl XII. bei Bender. Der Doctor verſuchte es mit vernünftigem Zureden. 3 Charny war Anfangs ziemlich logiſch, als aber die Knechte beharrlich ihre Arbeit fortſetzen wollten, machte er eine ſo gewaltige Gegenanſtrengung, daß ſeine Wunde ſich wieder öffnete und mit ſeinem Blute ſeine Vernunft entfloh. Er war in einen Anfall von Delirium zurück⸗ gekehrt, der heftiger als der erſte. Da fing er an zu ſchreien, man wolle ihn ent⸗ fernen, um ihn der Viſtonen zu berauben, die er im Schlafe gehabt, aber es ſei vergebens, die Viſionen lächeln ihm immer zu, man liebe ihn und werde trotz des Doctors kommen, um ihn zu beſuchen: diejenige, welche ihn liebe, ſei von einem Range, daß ſie keines Menſchen Zuruͤckweiſung fürchte. Bei dieſen Worten ſchickte der Doctor zitternd in aller Eile die Knechte weg, legte einen Verband auf die Wunde, und verſetzte, entſchloſſen, die Vernunft mit dem Körper zu pflegen, die Wunden in einen be⸗ friedigenden Zuſtand, hielt aber das Fieber nicht auf, was ihn zu erſchrecken anfing, in Betracht, daß der Kranke von der Verirrung des Verſtandes zur Tollheit übergehen könnte. Alles verſchlimmerte ſich an einem Tag, ſo daß der Doctor Louis an die heroiſchſten Mittel dachte. Der Kranke ſtürzte nicht nur ſich, ſondern auch die Königin in's Verderben; dadurch, daß er viel ſprach, ſchrie er; dadurch, daß er ſich viel erinnerte, erfand er; das Schlimmſte dabei war, daß Charny in ſeinen lichten Augenblicken, und er hatte deren viele, toller war, als in ſeiner Tollheit. — 3 Im höchſten Grade verlegen, beſchloß Louis, der ſich nicht auf die Autorität des Königs ſtützen konnte, denn der Kranke ſtützte ſich auch darauf, zu der Königin zu gehen und ihr Alles zu ſagen, und er benuͤtzte, um dieſen Schritt zu thun, einen Augenblick, wo Charny, müde durch das Erzählen ſeiner Träume und das Her⸗ beirufen ſeiner Viſion, ſchlief. Er fand Marie Antoinette ganz nachdenkend und ganz ſtrahlend zugleich, denn ſie dachte, der Doctor würde ihr gute Nachricht von ſeinem Kranken bringen. Aber ſie war ſehr erſtaunt; gleich bei ihrer erſten Frage antwortete Louis gerade heraus, der Kranke ſei ſehr krank. „Wie!“ rief die Königin,„geſtern ging es ſo gut.“ „Nein, Madame, es ging ſehr ſchlecht.“ „Ich ſchickte doch Miſery zu Ihnen, und Sie ant⸗ worteten mir durch ein gutes Bulletin.“ Ich gab mich einer tollen Hoffnung hin und wollte Sie hoffen laſſen.“ „Was ſoll das bedeuten?“ erwiederte die Königin ſehr bleich;„wenn es ſchlecht geht, warum es mir ver⸗ bergen? Was habe ich zu befürchten, Doctor, wenn nicht ein leider zu gewöhnliches Unglück?“ „Madame...“ „Und wenn es gut geht, warum mich in eine Un⸗ ruhe verſetzen, die ganz natürlich iſt, da es ſich um einen guten Diener des Königs handelt? Antworten Sie alſo offenherzig mit ja oder nein. Wie ſteht es mit der Krankheit? Wie ſteht es mit dem Kranken? Iſt Gefahr vorhanden?“ 1„Für ihn noch weniger, als für Andere, Ma⸗ ame.“ „Da fangen die Räthſel an,“ rief die Königin ungeduldig.„Erklären Sie ſich.“ „Das iſt ſchwer,“ antwortete der Doctor.„Es ge⸗ nüge Ihnen, zu erfahren, daß das Uebel des Grafen von Charny ein ganz moraliſches iſt. Die Bunde iſt nur eine Beigabe bei den Leiden, ein Vorwand für das Delirium.“ „Ein moraliſches Uebel! Herr von Charny!“ „Ja, Madame, und ich nenne moraliſch Alles, was ſich nicht mit dem Zergliederungsmeſſer analyſtren Mgi Erſparen Sie mir, Eurer Majeſtät mehr zu agen.“. „Sie meinen, der Graf...“ verſetzte die Königin. Sie wollen?“ „Gewiß, ich will.“ „Ich will ſagen, der Graf ſei verliebt, das will ich ſagen. Eure Majeſtät fordert eine Erklärung; ich erkläre mich.“ Die Königin machte eine kleine Bewegung mit den Schultern, welche bedeutete: eine ſchöne Geſchichte! „Und Sie glauben, man geneſe hievon, wie von einer Wunde?“ fuhr der Doctor fort;„nein, das Uebel wird ſchlimmer, und vom vorübergehenden Delirium wird Herr von Charny in eine tödtliche Monomanie verfallen. Dann.. 4 „Dann, Doctor?“ „Dann werden Sie den jungen Mann in's Ver⸗ derben geſtürzt haben, Madame.“ „In der That, Doctor, man muß ſich wundern über Ihre Manieren. Ich werde dieſen jungen Mann in's Verderben geſtürzt haben! Bin ich die Urſache, wenn er verrückt iſt?“ „Allerdings.“ ber Sie empören mich, Doctor.“ „Sind Sie nicht in dieſem Augenblick Schuld,“ fuhr der unbeugſame Doctor, die Achſeln zuckend, fort, „ſo werden Sie es ſpäter ſein.“ „Geben Sie alſo einen Nath, wie dies Ihr Ge⸗ werbe iſt,“ ſagte die Königin ein wenig beſänftigt. Das heißt, ich ſoll eine Verordnung machen?“ „Wenn Sie wollen.“ „Hören Sie, Madame. Der junge Mann werde 1 5 durch den Balſam oder durch das Eiſen geheilt; die Frau, deren Namen er jeden Augenblick anruft, tödte ihn oder heile ihn.“ „Das ſind von Ihren Ertremen,“ unterbrach die Königin, wieder in ihre Ungeduld verfallend.„Tödten!... heilen!... große Worte! Tödtet man einen Mann mit einer Härte? heilt man einen armen Narren mit einem Lächeln?“ „Ah! wenn Sie auch ungläubig ſind, ſo habe ich nichts mehr zu thun, als Eurer Majeſtät meinen unter⸗ thänigſten Reſpect zu bezeigen.“ ac ſn Sie vor Allem hören, handelt es ſich um mich?“ „Ich weiß nichts davon und will nichts davon wiſſen; ich wiederhole Ihnen nur, daß Herr von Charny ein vernünftiger Narr iſt, daß die Vernunft zugleich wahnſinnig machen und tödten kann, daß die Tollheit zugleich vernünftig machen und heilen kann. Wenn Sie alſo dieſes Schloß von Schreien, von Träumen und von Aergerniß befreien wollen, ſo werden Sie einen Entſchluß faſſen.“ „Welchen?“ „Ah! ja, welchen? Ich mache nur Verordnungen und rathe nicht. Bin ich ganz ſicher, gehört zu haben, was ich gehört habe, geſehen zu haben, was meine Augen geſehen?“ „Nehmen Sie an, ich verſtehe Sie, was wird daraus hervorgehen?“ Ein zweifaches Glück: das eine, das beſſere für Sie, wie für Alle, iſt, daß der Kranke, durch das untrügliche Stilett, welches man die Vernunft nennt, im Herzen getroffen, ſeinen Todeskampf, welcher beginnt, ſich endigen ſteht; das andere... nun wohl... das andere.. Oh, Madame entſchuldigen Sie mich, ich habe mir das Unrecht zu Schulden kommen laſſen, zwei Ausgänge aus dem Labyrinth zu ſehen. Es gibt nur einen für Marie Antoinette, die Königin von Frankreich.“ „Ich verſtehe Sie, Sie haben oſſenherzig geſprochen, Doctor. Die Frau, für welche Herr von Charny die Vernunft verloren hat, ſoll ihm dieſe Vernunft gut⸗ willig oder mit Gewalt zurückgeben.“ „Sehr gut, das iſt es.“ Sie ſoll den Muth haben, ihm ſeine Träume, das heißt, die nagende Schlange, zu entreißen, welche auf⸗ gerollt im tieſſten Grunde ſeines Herzens liegt.“ „Ja, Eure Majeſtät.“ „Laſſen Sie Jemand benachrichtigen; Fräulein von Taverney zum Beiſpiel.“ „Fräulein von Taverney?“ verſetzte der Doctor. „Ja, Sie werden Alles einrichten, daß uns der Kranke auf eine geziemende Weiſe empfängt.“ „Das iſt geſchehen, Madame.“ Ohne irgend eine Schonung.“ „Es muß wohl ſein.“ „Aber, Doeter,“ murmelte die Königin,„es iſt trauriger, als Sie glauben, ſo das Leben oder den Tod eines Menſchen aufzuſuchen.“ „Das thue ich alle Tage, wenn ich eine unbekannte Krankheit anfaſſe. Werde ich ſie durch das Mittel an⸗ greifen, welches das Uebel tödtet, oder durch das Mittel, das den Kranken tödtet?“ „Sie, Sie ſind ſicher, die Krankheit zu tödten?“ fragte bebend die Königin. „Ei!“ erwiederte der Doctor mit düſterer Miene, „wenn auch ein Mann für die Ehre einer Königin ſtürbe, wie viele ſterben nicht alle Tage für die Laune eines Königs?— Gehen wir, Madame.“ Die Königin ſeufzte und folgte dem alten Doctor, ohne daß ſie Andrée hatte finden können. Es war elf Uhr Morgens. Charny ſchlief ganz angekleidet in einem Lehnſtuhl nach der Aufregung einer furchtbaren Nacht. Sorgfältig geſchloſſen, ließen die Läden nur einen ſchwachen Reflex des Tageslichtes durch. Alles war darauf eingerichtet, von dem Kranken 7 die nervöſe Empfindlichkeit, die erſte Urſache ſeines Leidens, abzuhalten. Kein Lärmen, keine Berührung, kein Anblick. Der Doctor Louis band muthig mit allen Vorwänden zu einem Wiederaufleben krankhafter Erſcheinungen an, und dennoch wich er, entſchloſſen, einen großen Schlag zu thun, nicht vor einer Kriſe zurück, die ſeinen Kranien tödten konnte. Allerdings konnte ſie ihn auch retten. Angethan mit einem Morgenkleide, mit einer ganz nachläſſigen Eleganz friſirt, trat die Königin ungeſtüm in die Hausflur, welche zu dem Zimmer von Charny führte. Der Doctor hatte ihr empfohlen, nicht zu zögern, nicht zu verſuchen, ſondern auf der Stelle, mit einer Entſchloſſenheit zu erſcheinen, um eine heftige Wirkung hervorzubringen. Sie drehte ſo raſch den eiſelirten Knopf der erſten 4 Thüre des Vorzimmers um, daß eine Perſon, die ſich gegen die Thüre des Zimmers von Charny neigte, eine in ihre Mantille gehüllte Frau, nur Zeit hatte, ſich auf⸗ zurichten und eine Haltung anzunehmen, deren Ruhe ihr verſtörtes Geſicht und ihre zitternden Hände Lügen ſtraften. „Andrée!“ rief die Königin erſtaunt.„Sie hier!“ „Ich!“ antwortete Andrée, bleich und ängſtlich, „ja, Eure Majeſtät. Doch iſt Eure Majeſtät nicht auch ſelbſt hier?“ „Hol ho! Verwickelung!“ murmelte der Doctor. „Ich ſuchte Sie überall,“ ſagte die Königin;„wo waren Sie?“ 1 Es lag in dieſen Worten der Königin ein Aus⸗ druck, welcher nicht der ihrer gewöhnlichen Güte. Es war wie das Vorſpiel eines Verhörs, wie das Symptom eines Verdachtes. Andrée hatte bange, ſte befürchtete beſonders, ihr unüberlegter Schritt könnte den Schlüſſel zu ihren für ſie ſo furchtbaren Gefühlen geben. So ſtolz ſie auch war, ſo entſchloß ſie ſich doch, zum zweiten Male zu lügen. „Hier, wie Sie ſehen.“ „Allerdings, doch, wie hier?“ „Madame,“ erwiederte ſie,„man hat mir geſagt, Eure Majeſtät laſſe mich ſuchen; ich bin gekommen.“ Die Königin war nicht am Ende bei ihrem Miß⸗ trauen, ſie blieb beharrlich und fuhr fort: „Wie haben Sie es gemacht, um zu errathen, wohin ich ging? „Das war leicht, Madame; Sie waren mit dem Doctor Louis, und man hatte Sie durch die kleinen Gemächer gehen ſehen; von da an hatten Sie kein an⸗ deres Ziel, als dieſen Pavillon.“ „Gut errathen,“ erwiederte die Königin, immer noch unentſchieden, aber ohne Härte,„gut errathen.“ Andrée ſtrengte ſich gewaltig an und ſprach lächelnd: „Madame, wenn es die Abſicht Eurer Majeſtät war, ſich zu verbergen, ſo hätte ſie ſich nicht auf den unbedeckten Gallerieen zeigen müſſen, wie ſie es ſo eben gethan, um hierher zu kommen. Schreitet die Königin über die Terraſſe, ſo ſieht ſie Fräulein von Taverney von ihrer Wohnung aus, und es iſt nicht ſchwierig, Jemand zu folgen oder voranzugehen, den man von ferne geſehen hat.“ „Sie hat Recht,“ ſagte die Königin,„und zwar hundertmal Recht. Ich habe eine unglückliche Gewohn⸗ heit, welche darin beſteht, daß ich nie errathe; wenig nachdenkend, glaube ich nicht an die Reflexionen der Andern.“ Die Königin fühlte, ſie würde vielleicht der Nach⸗ ſicht bedürfen, weil ſie der Vertrauten bedurfte. Ihre Seele war überdies keine Zuſammenſetzung von Coquetterie und Mißtrauen, wie die der gewöhn⸗ lichen Weiber; ſie hatte Glauben in ihren Freundſchaf⸗ ten, denn ſie wußte, daß ſie lieben konnte. Die Frauen, welche ſich ſelbſt mißtrauen, mißtrauen noch viel mehr den Anderen. Ein großes Unglück, das die Coquetten beſtraft, iſt, daß ſte ſich nie von ihren Liebhabern geliebt glauben. 9 Marie Antoinette vergaß alſo ſehr raſch den Ein⸗ druck, den Fräulein von Taverney vor der Thüre von Charny auf ſie gemacht hatte. Sie nahm Andrée bei der Hand, ließ ſie den Schluſſel dieſer Thüre umdrehen und drang mit einer außerordentlichen Schnelligkeit in das Zimmer des Kranken, während der Doctor mit Andrée außen blieb. Kaum hatte dieſe die Königin verſchwinden ſehen, als ſie zum Himmel einen Blick voll Zorn und Schmerz erhob, einen Blick, deſſen Ausdruck einer wüthenden Verwünſchung glich. Der gute Doctor nahm ihren Arm, durchſchritt mit ihr die Flur und ſagte: „Glauben Sie, daß es ihr gelingen wird?“ „Gelingen? mein Gott! was?“ rief Andrée. „Den armen Narren, der hier ſterben wird, wenn ſein Fieber noch ein wenig fortdauert, anderswohin bringen zu laſſen.“ f„Anderswo wird er alſo geneſen?“ fragte Andrée haſtig. Der Doctor ſchaute ſie erſtaunt, unruhig an und antwortete: „Ich glaube, ja.“ „Oh! dann möge es ihr gelingen!“ rief das arme Mädchen. LIII. Wiedergeneſung. 3 Die Königin war indeſſen gerade auf den Lehnſtuhl von Charny zugegangen. Dieſer erhob den Kopf beim Geräuſche der Pan⸗ toffeln, welche auf dem Boden krachten, 10 oin Königin,“ murmelte er, indem er aufzuſtehen uchte. „Die Königin, ja, mein Herr,“ erwiederte raſch Marie Antoinette.„Die Königin, welche weiß, wie Sie daran arbeiten, die Vernunft und das Leben zu ver⸗ lieren, die Königin, welche Sie in ihren Träumen be⸗ leidigen, die Königin, welche für Ihre Chre und Ihre Sicherheit beſorgt iſt. Darum kommt Sie zu Ihnen, mein Herr, und Sie ſollten ſie nicht ſo empfangen.“ Charny war zitternd, verwirrt aufgeſtanden, dann, bei den letzten Worten war er auf ſeine Kniee geſunken, ſo zermalmt durch den phyſiſchen und den moraliſchen Schmerz, daß er, gebeugt wie ein Schuldiger, ſich weder erheben wollte, noch konnte.— „Iſt es moͤglich,“ fuhr die Königin, gerührt von dieſer Ehrfurcht und dieſem Stillſchweigen, fort,„iſt es möglich, daß ein Edelmann, den man einſt den loyalſten beizählte, ſich ſo wie ein Feind an den Ruf einer Frau hängt! Denn bemerken Sie wohl, Herr von Charny, ſchon bei unſerem erſten Zuſammenſein war es nicht die Königin, was Sie geſehen, und was ich ihnen gezeigt habe, es war eine Frau, und das hätten Sie nie vergeſſen müſſen.“ Hingeriſſen durch dieſe aus dem Herzen hervor⸗ gegangenen Worte, wollte es Charny verſuchen, etwas zu ſeiner Vertheidigung zu ſprechen, aber Marie An⸗ toinette ließ ihm nicht Zeit dazu. „Was werden meine Feinde thun,“ ſagte ſte,„wenn Sie das Beiſpiel des Verraths geben?“ „Verrath,“ ſtammelte Charny⸗ „Mein Herr, wollen Sie wählen? entweder ſind ſie ein Wahnſinniger, und ich werde Ihnen das Mittel, Schlimmes zu thun, benehmen; oder Sie ſind ein Ver⸗ räther, und ich werde Sie beſtrafen.“ „Madame, ſagen Sie nicht, ich ſei ein Verräther. In dem Munde der Könige geht dieſe Anklage dem Todesurtheil voran, in dem Munde einer Frau eni⸗ — &-——— — NX S N 11 ehrt ſte. Königin, tödten Sie mich, Frau, ſchonen Sie mich.“— „Sind Sie bei geſundem Verſtande, Herr von Charny?“ ſagte die Königin mit bewegter Stimme. „Ja, Madame.“ „Haben Sie das Bewußtſein Ihres Unrechts gegen mich, Ihres Verbrechens gegen... den König?“ „Mein Gott!“ murmelte der Unglückliche. „Denn Ihr vergeßt es zu leicht, Ihr Herren Edel⸗ leute, der König iſt der Gemahl der Frau, die Ihr Alle beleidigt, indem Ihr die Augen zu ihr erhebt; der König iſt der Vater Eures zukünftigen Herrn, meines Dauphin. Der König iſt ein Mann, der größer und beſſer, als Ihr Alle, ein Mann, den ich verehre und den ich liebe.“ „Ohl“ murmelte Charny, einen dumpfen Seufzer ausſtoßend; und um nicht vollends niederzuſtürzen, war er genöthigt, eine von ſeinen Händen auf den Boden zu ſtützen. Sein Schrei durchdrang das Herz der Königin. Sie las in dem erloſchenen Blick des jungen Mannes, daß er auf den Tod getroffen worden, zöge ſie nicht raſch aus der Wunde den Pfeil, den ſie gegen ihn ab⸗ gedrückt. Barmherzig und ſanſt, erſchrak ſie deshalb über die Bläſſe und Schwäche des Schuldigen, und ſie war einen Augenblick nahe daran, um Hülfe zu rufen. Aber ſie bedachte, der Doctor und Andrée würden dieſe Ohnmacht des Kranken ſchlecht deuten. Sie hob ihn mit ihren Händen auf und ſagte: „Sprechen wir, ich als Königin, Sie als Mann. Der Doctor Louis hat es verſucht, Sie zu heilen; dieſe Wunde, welche nichts war, verſchlimmert ſich durch die Ausſchweifungen Ihres Gehirns. Wann wird ſie geheilt ſein, dieſe Wunde? Wann werden Sie aufhören, dem Doctor das ärgerliche Schauſpiel einer Tollheit zu geben, die ihn beunruhigt? Wann werden Sie vom Schloſſe abreiſen?“ 12 „Madame,“ ſtammelte Charny,„Eure Majeſtät jagt mich fort... Ich gehe! ich gehe!“ Und er machte eine ſo heftige Bewegung, um weg⸗ zugehen, daß er, aus ſeinem Gleichgewicht heraus⸗ geworfen, ſich ſchwankend in den Armen der Königin drehte, die ihm den Weg verſperrte. Kaum hatte er die Berührung dieſer glühenden Bruſt, die ihn zurückhielt, gefühlt, kaum hatte er ſich unter dem unwillkürlichen Drucke des Armes, der ihn trug, gebogen, als ſeine Vernunft ihn eilig verließ, als ſein Mund ſich öffnete, um einen verzehrenden Hauch durchzulaſſen, der kein Wort war und kein Kuß zu ſein wagte Durch dieſe Berührung ſelbſt verſengt, durch dieſe Schwäche bewegt, hatte die Königin nicht die Zeit, den lebloſen Körper auf ſeinen Stuhl zurückzuſtoßen. und ſie wollte entfliehen, aber der Kopf von Charny war rückwärts gefallen; er ſchlug an das Holz des Stuhles, eine leichte roſenrothe Nuance färbte den Schaum ſeiner Lippen, ein lauer roſenfarbener Tropfen war von ſeiner Stirne auf die Hand der Königin gefallen. „Ohl ſo iſt es gut,“ murmelte er,„ſo iſt es gut! ich ſterbe durch Sie getödtet.“ Die Königin vergaß Alles. Sie kam zurück, nahm Charny in ihre Arme, preßte ſeinen todien Kopf an ihren Buſen und legte eine eiskalte Hand auf das Herz des jungen Mannes. Die Liebe bewirkte ein Wunder. Charny erwachte wieder. Er öffnete die Augen. Die Erſcheinung ver⸗ ſchwand. Die Frau erſchrak, eine Erinnerung da zurückgelaſſen zu haben, wo ſie nur ein letztes Lebewohl zu geben glaubte. Sie machte drei Schritte gegen die Thüre mit einer ſolchen Haſt, daß Charny kaum Zeit hatte, den Saum ihres Kleides zu ergreifen und auszurufen: „Madame, im Namen aller Achtung, die ich vor Gott habe, einer Achtung, welche minder groß iſt, als die Achtung, welche ich für Sie hege.. 87 13 „Leben Sie wohl!“ rief die Königin. „Madame! ohl verzeihen Sie mir!“ „Ich verzeihe Ihnen, Herr von Charny!“ „Madame, einen letzten Blick!“ „Herr von Charny,“ ſprach die Königin zitternd vor Aufregung und Zorn,„ſind Sie nicht der letzte der Menſchen, ſo werden Sie heute Abend, morgen todt oder vom Schloſſe abgereiſt ſein.“ Eine Königin bittet, wenn ſie in ſolchen Ausdrücken befiehlt. Charny faltete voll Trunkenheit die Hände und ſchleppte ſich auf den Knieen bis zu den Füßen von Marie Antoinette. Dieſe hatte ſchon die Thüre geöffnet, um ſchneller der Gefahr zu entfliehen. Andrée, deren Augen dieſe Thüre ſeit dem Anfang der Unterredung verſchlungen, ſah den jungen Mann niedergeworfen, die Königin ſchwankend; ſie ſah die Augen von jenem vor Stolz und Hoffnung glänzen, die Blicke von dieſer ſich erloſchen gegen den Boden ſenken. Im Herzen getroffen, verzweiflungsvoll, ange⸗ ſchwollen von Haß und Verachtung, beugte ſte den Kopf nicht. Als ſie die Königin zurückkommen ſah, ſchien es ihr, Gott habe dieſer Frau zu viel gegeben, indem er ihr als Ueberfluß einen Thron und die Schönheit gegeben, da er ihr ſo eben nun auch dieſe halbe Stunde mit Herrn von Charny geſchenkt. Der Doctor ſah zu viele Dinge, um eines zu be⸗ merken. Ganz nun dem Erfolg der gepflogenen Unterhand⸗ lung entgegenharrend, begnügte er ſich, zu fragen: „Nun, Madame?“ Die Königin brauchte eine Minute, um ſich zu erholen, und ihre durch die Schläge ihres Herzens er⸗ ſtickte Stimme wiederzuerlangen. „Was wird er thun?“ wiederholte der Doctor. „Er wird abreiſen,“ murmelte die Königin. 14 Und ohne auf Andrée, welche die Stirne faltete, und auf Louis zu achten, der ſich die Hände rieb, durch⸗ ſchritt ſie raſch die Flur und die Gallerie, hüllte ſich maſchinenmäßig in ihre Mantille, woran eine Ruche von Spitzen, und kehrte in ihre Wohnung zurück. Andrée drückte dem Doctor, der wieder zu ſeinem Kranken eilte, die Hand; dann kehrte ſie ebenfalls, mit einem Schritt ſo feierlich wie der eines Schattens, den Kopf geſenkt, das Auge ſtarr und den Geiſt abweſend, in ihr Zimmer zurück. Es war ihr nicht einmal eingefallen, die Königin nach ihren Befehlen zu fragen. Für eine Natur, wie die von Andrée, iſt die Königin nichts, die Neben⸗ buhlerin iſt Alles. Wieder der Sorge von Louis anheimgegeben, ſchien Charny nicht mehr derſelbe Menſch wie am Tage vor⸗ her zu ſein. Stark bis zur Uebertreibung, kühn bis zur Prah⸗ lerei, richtete er an den guten Doctor ſo dringende, ſo energiſche Fragen in Beziehung auf ſeine nahe be⸗ vorſtehende Geneſung, über die zu befolgende Diät, über die Transportmittel, daß Louis glaubte, es ſei ein noch gefährlicherer Rückfall, hervorgebracht durch eine Manie anderer Art, eingetreten. Charny enttäuſchte ihn bald; er glich jenen im Feuer gerötheten Eiſen, deren Färbung ſich vor dem Auge in dem Maße ſchwächt, in welchem die Hitze an Intenſität abnimmt. Das Eiſen iſt ſchwarz und ſpricht nicht mehr zu dem Blick, aber es iſt noch glühend ge⸗ nug, um Alles zu verzehren, was man ihm darbieten wird. Louis ſah den jungen Mann wieder ſeine Ruhe und ſeine Logik aus den guten Tagen annehmen. Charny war in der That ſo vernünftig, daß er ſich für ver⸗ pflichtet hielt, dem Arzt die plötzliche Veränderung ſeines Entſchluſſes zu erklären. indem ſie „Die Königin,“ ſagte er,„hat mich, 4 — eESͤ= ———, ———— 15 mich beſchämte, mehr geheilt, als Ihre Wiſſenſchaft, mein lieber Doctor, dies mit vortrefflichen Mitteln gethan hätte; mich bei der Eitelkeit packen, ſehen Sie, das heißt mich bändigen, wie man ein Pferd mit dem Gebiß bändigt,“— „Deſto beſſer, deſto beſſer,“ murmelte der Doctor. „Ja, ich erinnere mich, daß ein Spanier— ſie ſind prahleriſch genug— mir eines Tags ſagte, um mir ſeine Willensſtärke zu beweiſen, es habe bei einem Duell, in dem er verwundet worden, für ihn genügt, ſein Blut zurückhalten zu wollen, daß ſein Blut nicht floß und nicht das Auge ſeines Gegners ergötzte. Ich habe über dieſen Spanier gelacht, indeſſen bin ich ein wenig wie er: wenn mein Fieber, wenn das Delirium, das Sie mir vorwerfen, wiedererſcheinen wollten, ſo würde ich ſie, darauf wette ich, verjagen, indem ich ſagte: Delirium und Fieber, ihr werdet nicht wiedererſcheinen.“ „Wir haben Beiſpiele von dieſem Phänomen,“ ſprach der Doctor mit ernſtem Tone.„Jedenfalls er⸗ lauben Sie mir, daß ich Ihnen Glück wunſche. Sie ſind nun moraliſch geheilt.“ „Oh! ja.“ „Wohl! Sie werden alsbald ſehen, welcher Zu⸗ ſammenhang zwiſchen dem Moraliſchen und dem Phy⸗ ſiſchen des Menſchen ſtattfindet. Das iſt eine ſchöne Theorie, die ich in einem Buche ausführen würde, wenn ich Zeit dazu hätte. Geſund an Geiſt, werden Sie in acht Tagen auch körperlich geſund ſein.“ „Lieber Doctor, ich danke Ihnen.“ „Und um anzufangen: werden Sie alſo abreiſen?“ „Wann es Ihnen beliebt. Auf der Stelle.“ „Wir wo dieſen Abend abwarten. Mäßigen wir uns. Mit Erxtremen zu Werke gehen, heißt Alles auf's Spiel ſetzen.“ „Warten wir bis zum Abend, Doctor.“ „Werden Sie weit gehen?“ „An das Ende der Welt, wenn es ſein muß.“ „Das iſt zu weit für einen erſten Ausflug.“ ſprach der Boetor mit demſelben Phlegma.„Begnügen wir uns vorerſt mit Verſailles.“ „Verſailles, es ſei, da Sie es wollen.“ „Mir ſcheint, von Ihrer Wunde geheilt zu ſein, iſt für Sie kein Grund, das Land zu verlaſſen.“ Dieſe ſtudirte Kaltblütigkeit bewog Charny vollends, auf ſeiner Hut zu ſein. „Es iſt wahr, Doctor, ich habe ein Haus in Verſailles.“ 3 „Gut! das iſt es, was wir brauchen, man wird Sie heute Abend dahin bringen.“ „Sie haben mich nicht recht verſtanden, Doctor, ich wünſchte eine Fahrt nach meinen Gütern zu machen.“ „Ahl ja wohl. Ihre Güter, was Teufels, Ihre Güter ſind nicht am Ende der Welt.“ „Sie liegen an der Gränze der Picardie, fünfzehn bis zwanzig Meilen von hier.“— „Ah! Sie ſehen wohl.“ Charny drückte dem Doctor die Hand, als wollte er ihm für alle ſeine Zartheiten danken. Am Abend trugen die vier Knechte, die er bei ihrem erſten Verſuche ſo heftig zurückgeſchlagen hatte, Charny bis zu ſeinem Wagen, der ihn vor dem Pfört⸗ chen des Geſindehauſes erwartete. Der König hatte den ganzen Tag gejagt, ſodann zu Nacht geſpeist und ſchlief nun. Charny, welcher ein wenig darüber beſorgt war, daß er ſich, ohne Ab⸗ ſchied zu nehmen, entfernte, wurde durch den Doctor völlig beruhigt; dieſer verſprach ihm, ſeinen Abgang zu entſchuldigen und denſelbeu durch das Bedürfniß der Ortsveränderung zu motiviren. Charny, ehe er in ſeinen Wagen ſtieg, gab ſich die ſchmerzliche Befriedigung, bis zum letzten Augen⸗ blick nach den Fenſtern der Wohnung der Königin zu ſchauen. Niemand konnte ihn ſehen. Einer von den — — — 17 Lackeien, der eine Fackel in der Hand trug, beleuchtete den Weg, ohne das Geſicht zu beleuchten. Charny traf auf den Stufen nur mehrere Offieiere, ſeine Freunde, welche zeitig genug benachrichtigt wor⸗ den waren, daß ſein Abgang nicht das Anſehen einer Flucht hatte. Von dieſen heiteren Gefährten bis an den Wagen begleitet, konnte Charny ſeinen Augen wohl erlauben, an den Fenſtern umherzuſchweifen; die der Königin glänzten von Licht. Ein wenig leidend, hatte Ihre Majeſtät die Damen in ihrem Schlafzimmer em⸗ pfangen. Düſter und ſchwarz, verbargen die Fenſter von Andrée hinter den Falten ihres Damaſtvorhangs eine hanz angſterfüllte, ganz zitternde Frau, welche, ohne emerkt zu werden, jeder Bewegung des Kranken und ſeines Geleites folgte. Der Wagen fuhr endlich ab, doch ſo langſam, daß man jedes Hufeiſen der Pferde auf dem ſchallenden Pflaſter hörte. „Wenn er nicht mir gehört, ſo gehört er doch we⸗ nigſtens Niemand mehr,“ murmelte Andrée. „Erfaßt ihn wieder die Luſt, zu ſterben,“ ſagte der Doctor, während er in ſeine Wohnung zurückkehrte, „ſo wird er doch wenigſtens weder bei mir, noch in meinen Händen ſterben. Der Teufel hole die Seelen⸗ krankheiten, man iſt nicht der Arzt von Antiochus und Stratonike, um ſolche Krankheiten zu heilen.“ Charny kam geſund und wohlbehalten in ſeinem Hauſe an. Der Doctor beſuchte ihn am Abend und fand ihn ſo gut, daß er ihm ſogleich ankündigte, es ſei dies ſein letzter Beſuch. Der Kranke aß von einer Hühnerbruſt und einen Löffel voll eingemachtes Obſt von Orleans. Am andern Tag erhielt er einen Beſuch von ſeinem Oheim, Herrn von Suffren, einen von Herrn von Das Halsvand der Koͤnigin. III. 2 te er ei langte er nach dem Arzte ſeines Oheims, und ließ den Doctor Louis um Erlaubniß bitten, abreiſen zu dürfen. Louis antwortete mit Zuverſicht, die Bewegung von einem Ort zum andern ſei der letzte Grad der ärztlichen Behandlung der Wunden; Herr von Charny habe einen guten Wagen, die Straße in der Picardie ſei wie ein Spiegel, und in Verſailles bleiben, wenn man ſo gut und ſo glücklich reiſen könne, wäre eine Tollheit.. Charny ließ einen großen Fourgon mit Gepäcke beladen, verabſchiedete ſich beim König, der ihn mit Aeußerungen ſeines Wohlwollens überhaͤufte, bat Herrn von Suffren, der Königin ſeine Ehrfurcht zu bezeigen, ſtieg dann vor dem Thore des königlichen Schloſſes in ſeinen Wagen und reiſte nach dem Städtchen Villers⸗ Coterets ab, von wo aus er das Schloß Bourſonnes erreichen ſollte; dieſes lag eine halbe Meile von dem Städtchen, welches ſchon die erſten Poeſten von De⸗ mouſtier verherrlichten⸗ IIV. Zwei blutende Herzen Am andern Morgen nach dem Tage, nigin von Andrée, als ſie von dem vor Charny entfloh, erſchaut worden war, ihr knieenden wo die Kö⸗ trat Fräulein Kö⸗ nden ilein 19 von Taverney ihrer Gewohnheit gemäß in das königliche Zimmer, zur Stunde der kleinen Toilette, vor der Meſſe. Die Königin hatte noch keinen Beſuch empfangen. Sie hatte nur ein Billet von Frau von La Mothe ge⸗ leſen, und ihre Laune war äußerſt heiter. Noch bleicher als am Tage vorher, hatte Andrée in ihrer ganzen Perſon jenen Ernſt und jene kalte Zurückhaltung, welche die Aufmerkſamkeit erregt, und die Größten zwingt, mit den Kleinſten zu rechnen. Einfach, ſo zu ſagen ſtreng in ihrer Toilette, glich Andrée einer Bötin des Unglücks. War dieſes Unglück für ſie oder für Andere? Die Königin hatte einen ihrer Tage der Zerſtreut⸗ heit; ſie achtete auch nicht auf den langſamen, ernſten Gang von Androe, auf ihre gerötheten Augen, auf die matte Weiße ihrer Schläfe und ihrer Hände. Sie drehte den Kopf gerade nur ſo viel, als es rauchte, um ihren freundſchaftlichen Gruß hören zu aſſen. „Guten Morgen, Kleine!“ Andrée wartete, daß ihr die Königin eine Gele⸗ genheit zum Sprechen gäbe. Sie wartete in der feſten Ueberzeugung, ihr Stillſchweigen, ihre Unbeweglichkeit würden am Ende die Augen von Marie Antoinette auf ſich ziehen. Dies geſchah. Da ſtie keine andere Antwort, als eine tiefe Verbeugung erhielt, wandte ſich die Königin um und erblickte, ſchräge, dieſes Geſicht mit dem ſcharfen Gepräge des Schmerzes und der Strenge. „Guter Gott! was gibt es, Andrée?“ fragte ſie, indem ſie ſich ganz umwandte,„iſt Dir Unglück wider⸗ fahren?“ „Ein großes Unglück, ja, Madame,“ antwortete die junge Frau. „Was denn?“ „Ich werde Eure Majeſtät verlaſſen.“ „Mich verlaſſen? Du gehſt von hier weg?“ „Ja, Madame.“ „Wohin gehſt Du denn? welche Urſache kann dieſe plötzliche Abreiſe haben?“ „Madame, ich bin nicht glücklich in meinen Zu⸗ neigungen.“ Die Königin ſchaute empor. „In meinen Familienzuneigungen,“ fügte Andrée erröthend bei. Die Königin erröthete ebenfalls, und der Blitz ihrer beiden Blicke kreuzte ſich glänzend wie bei einem Zuſammenſtoß von Schwertern. Die Königin erholte ſich zuerſt. „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte ſte;„mir ſcheint, Sie waren geſtern glücklich?“ „Nein, Madame,“ erwiederte Andrée mit feſtem Tone;„geſtern war abermals einer von den unglückli⸗ chen Tagen meines Lebens.“ „Ohl“ machte die Königin, welche träumeriſch geworden. Und ſie fügte bei: „Erklären Sie ſich.“ „Ich müßte mich entſchließen, Eure Majeſtät mit Einzelheiten zu ermüden, welche unter ihr ſind. Ich habe keine Befriedigung in meiner Familie; ich habe nichts von den Gütern der Erde zu erwarten, und ich bitte Eure Majeſtät um meinen Abſchied, um mich mit meinem Seelenheile zu beſchäftigen.“ Die Königin ſtand auf, nahm, obgleich dieſer Schritt ihrem Stolze ſchwer anzukommen ſchien, An⸗ drée bei der Hand und ſprach: „Was bedeutet dieſer Entſchluß eines ſchlimmen Kopfes? Hatten Sie nicht geſtern auch einen Bruder, einen Vater, wie heute? Waren ſie minder beſchwer⸗ lich und minder ſchädlich, als heute? Glauben Sie, 5 ich ſei fähig, Sie in Verlegenheit zu laſſen, und bin ich nicht eine Familienmutter, die eine Familie denje⸗ nigen gibt, welche keine haben?“ 21 Andrée fing an zu zittern, wie eine Schuldige; ſie verbeugte ſich vor der Königin und erwiederte: „Madame, ich bin durchdrungen von Ihrer Güte, aber ſie wird mich nicht von meinem Vorhaben abbrin⸗ gen. Ich habe beſchloſſen, den Hof zu verlaſſen. Es iſt für mich Bedürfniß, in die Einſamkeit zurückzukehren, ſetzen Sie mich nicht dem aus, daß ich meine Pflichten gegen Sie dadurch verrathe, daß ich mich gegen den Beruf verfehle, den ich in mir fühle.“ „Seit geſtern alſo?“ „Eure Majeſtät wolle mir nicht befehlen, über dieſen Gegenſtand zu ſprechen.“ „Seien Sie frei,“ ſprach die Königin mit Bitter⸗ keit;„nur zeigte ich hinreichend Zutrauen zu Ihnen, daß Sie Vertrauen zu mir haben konnten. Doch ein Thor iſt der, welcher einen Menſchen, der nicht ſprechen will, um ein Wort fragt. Behalten Sie Ihre Geheim⸗ niſſe, mein Fräulein, ſeien Sie glücklicher in der Ferne, als Sie es hier geweſen ſind. Erinnern Sie ſich jedoch ſtets des Umſtandes, daß meine Freundſchaft die Leute trotz ihrer Launen nicht verläßt, und daß Sie nicht aufhören werden, für mich eine Freundin zu ſein. Nun gehen Sie, Andrée, gehen Sie, Sie ſind frei.“ Andrée machte eine Hofverbeugung und entfernte ſich. An der Thüre rief ſie die Königin zurück. „Wohin gehen Sie, Andrée?“ „In die Abtei Saint⸗Denis, Madame,“ antwortete Fräulein von Taverney. „In's Kloſter! ah! es iſt gut, mein Fräulein, Sie haben ſich vielleicht nichts vorzuwerfen; doch hätten Sie nur die Undankbarkeit und die Vergeſſenheit... das iſt noch zu viel; Sie ſind ſehr ſtrafbar gegen mich; gehen Sie, Fräͤulein von Taverney, gehen Sie.“ Folge hievon war, daß Andrée, ohne andere Erklä⸗ rungen zu geben, auf welche das gute Herz der Königin rechnete, ohne ſich zu demüthigen, ohne ſich rühren zu laſſen, die Erlaubniß der Königin raſch benützte und verſchwand. 22 Marie Antoinette konnte gewahren und gewahrte, behibrinlein von Taverney auf der Stelle das Schloß verließ. Sie begab ſich in der That in das Haus ihres Vaters, wo ſie, wie ſie erwartete, ihren Bruder im Garten fand. Der Bruder träumte, die Schweſter handelte. Als er Andrée erblickte, die ihr Dienſt im Schloſſe zurückhalten mußte, ging Philipp erſtaunt, beinahe erſchrocken auf ſie zu. Erſchrocken beſonders über dieſe düſtere Miene, er, den Andrée nie anders als mit einem Lächeln zärtlicher Freundſchaft anredete. Er fing an, wie die Königin angefangen hatte; er befragte. Andrée theilte ihm mit, ſie habe ſo eben den Dienſt der Königin verlaſſen, ihr Abſchied ſei angenommen, und ſie werde ins Kloſter treten. Philipp ſchlug mit Gewalt in ſeine Hände, wie ein Menſch, der einen unerwarteten Streich empfängt. „Wiel“ rief er,„Du auch, meine Schweſter?“ „Was!l ich auch? was willſt Du damit ſagen?0 „Es iſt alſo eine verfluchte Berührung für unſere Familie, die Berührung der Bourbonen?“ rief er;„Du glaubſt Dich genöthigt, das Gelübde abzulegen? Du! Nonne aus Geſchmack, aus Gemüth; Du, die am Mindeſten weltliche der Frauen und die am mindeſten zum ewigen Gehorſam gegen die Geſetze des Aſce⸗ tismus faͤhige! Laß hören, was wirfſt Du der Köni⸗ gin vor?“ „Man hat der Königin nichts vorzuwerfen, Phi⸗ lipp,“ erwiederte kalt die junge Frau.„Du, der Du ſo ſehr auf die Gunſt der Höfe gezählt haſt, Du, der Du mehr, als irgend Jemand, darauf zählen mußteſt, warum haſt Du nicht bleiben können? warum bliebſt Du nicht drei Tage? Ich bin drei Jahre geblieben!“ „Die Königin iſt zuweilen launenhaft, Andrée.“ „Iſt es ſo, ſo konnteſt Du es ertragen, Du, ein X8 3 ☛̈ꝙ 23 Mann; ich, ein Weib, muß es nicht, will es nicht; hat ſie Launen, nun wohll ihre Dienerinnen ſind da.“ „Meine Schweſter,“ erwiederte der junge Mann mit einem düſtern Weſen,„das erklärt mir nicht, wie Du Zwiſtigkeiten mit der Königin bekommen haſt.“ „Keine, das ſchwöre ich Dir; haſt Du gehabt, Philipp, Du, der Du ſie verlaſſen? Oh! ſie iſt un⸗ dankbar, dieſe Frau.“ „Man muß ihr verzeihen, Andrée; die Schmeichelei hat ſie ein wenig verdorben. Sie iſt im Grunde gut.“ „Zeuge hievon iſt das, was ſie für Dich gethan hat, Philipp.“ „Was hat ſie gethan?“ „Du haſt es ſchon vergeſſen? Oh! ich, ich habe ein beſſeres Gedächtniß! Ich bezahle auch an einem und demſelben Tage, mit einem und demſelben Entſchluß Deine und meine Schuld, Philipp.“ „Zu theuer, wie mir ſcheint; in Deinem Alter, mit Deiner Schönheit verzichtet man nicht auf die Welt. Nimm Dich in Acht, liebe Freundin, Du ver⸗ läſſeſt ſie jung, Du wirſt Dich alt wieder nach ihr ſehnen, und wenn es nicht mehr Zeit iſt, alle Deine Freunde, von denen eine Tollheit Dich getrennt hat, vor den Kopf ſtoßend, zurückkehren.“ „Du urtheilteſt nicht ſo, Du, ein braver, ganz von Ehre und Gefühl zuſammengeſetzter, aber wenig um ſeinen Ruf oder um ſein Vermögen bekümmerter Officier, Du, der Du da, wo hundert Andere Vermögen und Titel aufgehäuft haben, nur Schulden zu machen und Dich zu verkleinern wußteſt, Du urtheilteſt nicht ſo, als Du zu mir ſagteſt: ſie iſt launenhaft, Andrée, ſie iſt coquette, ſie iſt treulos, ich will ihr lieber nicht dienen. Dieſe Theorie praktiſch anwendend, haſt Du auf die Welt verzichtet, obgleich Du kein Kloſter⸗ bruder geworden biſt, und von uns Beiden bin nicht ich, die ich ſie ablegen will, diejenige, welche den ——— 24 unwiderruflichen Gelübden am nächſten ſteht, ſondern Du biſt es, der ſie ſchon gethan hat.“ „Du haſt Recht, meine Schweſter, und ohne unſern ater... „Unſer Vater! ah! Philipp, ſprich nicht ſo,“ er⸗ wiederte Andrée voll Bitterkeit,„muß ein Vater nicht die Stütze ſeiner Kinder ſein oder ihre Unterſtützung annehmen? Nur unter dieſer Bedingung iſt er der Vater. Was thut der unſere, frage ich Dich? Haſt Du je den Gedanken gehabt, Herrn von Taverney ein Geheimniß anzuvertrauen? Und hältſt Du ihn für fähig, Dich zu ſich zu rufen, um Dir eines von ſeinen Geheimniſſen mitzutheilen? Nein,“ fuhr Andrée mit einem Ausdruck von Kummer fort,„Herr von Taverney iſt gemacht, um allein in dieſer Welt zu leben.“ „Das will ich wohl glauben, Andrée, doch er iſt nicht gemacht, um allein zu ſterben.“ Dieſe Worte, mit einer ſanften Strenge geſprochen, erinnerten die junge Frau daran, daß ſie ihrem Zorn, ihrer Bitterkeit, ihrem Groll gegen die Welt zu viel Platz in ihrem Herzen ließ. „Ich moͤchte nicht, daß Du mich für ein Mädchen ohne Gemüth hielteſt,“ erwiederte ſie;„Du weißt, ob ich eine zärtliche Schweſter bin, aber es wollte hienie⸗ den Jeder in mir den ſympathetiſchen Inſtinct tödten, der ihm entſprach. Gott hatte mir bei der Geburt, wie jedem Geſchöpf, eine Seele und einen Leib gegeben, über dieſe Seele und dieſen Leib kann jedes menſchliche Geſchöpf, für ſeine Ehre, in dieſer und in der andern Welt verfügen. Ein Mann, den ich nicht kannte, hat meine Seele genommen,— Balſamo;— ein Mann, den ich kaum kannte, und der kein Mann für mich war, hat meinen Leib genommen,— Gilbert.— Ich wie⸗ derhole Dir, Philipp, um eine gute und fromme Tochter zu ſein, fehlt mir nur ein Vater. Gehen wir zu Dir über, unterſuchen wir, was Dir der Dank bei den Großen der Erde eingetragen hat, Dir, der Du ſie liebteſt.“ ——————* Philipp neigte das Haupt. „Schone mich,“ ſagte er,„die Großen der Erde waren fuͤr mich nur mir gleiche Geſchöpfe; ich liebte ſie: Gott hat uns einander lieben geheißen.“ „Oh! Philipp,“ rief Andrée,„es geſchieht nie auf dieſer Erde, daß das liebende Herz dem, welcher liebt, unmittelbar antwortet; diejenigen, welche wir gewählt haben, lieben Andere.“ Philipp erhob ſeine bleiche Stirne und betrachtete lange ſeine Schweſter, ohne einen andern Ausdruck, als den des Erſtaunens. „Warum ſagſt Du mir das? worauf zielſt Du ab?“ fragte er. „Auf nichts,“ erwiederte edelmüthig Andrée, welche von dem Gedanken, zu geheimen Mittheilungen oder zu Ohrenbläſereien herabzuſteigen, zurückwich.„Ich bin geſchlagen, mein Bruder. Ich glaube, daß meine Vernunft leidet; ſchenke meinen Worten keine Aufmerk⸗ ſamkeit.“ „Aber... Andrée näherte ſich Philipp, nahm ihn bei der Hand und ſprach: „Genug über dieſen Gegenſtand, mein geliebter Bruder. Ich bin gekommen, um Dich zu bitten, mich in ein Kloſter zu führen: ich habe Saint⸗Denis ge⸗ wählt; ſei unbeſorgt, ich will dort kein Gelübde able⸗ gen. Das wird ſpäter kommen, wenn es nothwendig iſt. Statt in einem Aſyl zu ſuchen, was die meiſten Frauen darin finden wollen, die Vergeſſenheit, verlange ich hier die Erinnerung. Mir ſcheint, ich habe den Herrn zu ſehr vergeſſen. Er iſt der einzige König, der einzige Gebieter, der einzige Troſt, wie er der ein⸗ zige wirkliche Kummerbereiter iſt. Indem ich mich ihm nähere, heute, da ich ihn begreife, werde ich mehr für mein Glück gethan haben, als wenn Alles, was es Reiches, Starkes, Mächtiges und Liebenswürdiges auf dieſer Welt gibt, ſich verſchworen hätte, um mir ein 26 glückliches Leben zu machen. In die Einſamkeit, mein Bruder, in die Einſamkeit, dieſes Vorhaus der ewigen Glückſeligkeit!... In der Einſamkeit ſpricht Gott zu dem Herzen des Menſchen.“ Philipp hielt Andrée durch die Geberde zurück. „Erinnere Dich,“ ſagte er,„daß ich mich moraliſch dieſem verzweifelten Vorhaben widerſetze; Du haſt mich nicht zum Richter der Urſachen Deiner Verzweiflung gemacht.“ „Verzweiflung!“ rief ſie mit einer erhabenen Ver⸗ achtung,„Du ſagſt Verzweiflung! ah! Gott ſei Dank, ich gehe nicht in Verzweiflung von hinnen! Bedauern mit Verzweiflung! Nein! nein! tauſendmal nein!“ Und mit einer Geberde voll unbändigen Stolzes warf ſie auf ihre Schultern die ſeidene Mantille, welche in ihrer Nähe auf einem Lehnſtuhl lag. „Gerade dieſes Uebermaß von Verachtung offenbart bei Dir einen Zuſtand, welcher nicht forwähren kann,“ ſprach Philipp.„Du willſt das Wort Verzweiflung nicht, nimm das Wort Trotz.“ „Trotz!“ entgegnete die junge Frau, indem ſie ihr höhniſches Lächeln in ein Lächeln voll Stolz verwan⸗ delte:„Du glaubſt nicht, mein Bruder, Fräulein von Taverney ſei ſo wenig ſtark, daß ſie ihren Platz auf dieſer Welt wegen einer Bewegung des Trotzes abtrete. Der Trotz, das iſt die Schwäache der Gefallſüchtigen oder der Dummen. Das Auge, das ſich durch den Trotz entzündet hat, befeuchtet ſich bald mit Thränen, und der Trotz iſt gelöſcht. Ich habe keinen Trotz, Phi⸗ lipp. Ich möchte gern, daß Du mir glaubteſt, und zu 4 dieſem Ende brauchteſt Du Dich nur ſelbſt zu befra⸗ gen, wenn Du eine Beſchwerde haben zu können vermeinſt. Antworte mir, Philipp, wenn Du Dich morgen nach la Trappe zurückzögeſt, wenn Du Karthäuſer würdeſt, wie würdeſt Du die Urſache nennen, die Dich zu die⸗ ſem Entſchluß angetrieben hätte 24 „Ich würde dieſe Urſache einen unheilbaren Kum⸗ n. —„+ ——— 27 mer nennen, meine Schweſter,“ antwortete Philipp mit der ſanften Majeſtät des Unglücks. „Gut, Philipp, das iſt ein Wort, welches mir zu⸗ ſagt und das ich annehme. Wohl! es iſt alſo ein kueſibarer Kummer, was mich nach der Einſamkeit reibt.“ „Gut, und der Bruder und die Schweſter werden im Leven keine Unähnlichkeit gehabt haben. Gleich glück⸗ lich, werden ſie ſtets in demſelben Grade unglücklich ge⸗ weſen ſein. Das macht die gute Familie, Andrée.“ Andrée glaubte, durch ſeine Gemüthsbewegung fort⸗ geriſſen, richte Philipp eine neue Frage an ſie, und viel⸗ leicht wäre ihr unbeugſames Herz unter dem Drucke der brüderlichen Freundſchaft gebrochen. Aber Philipp wußte aus Erfahrung, daß die großen Seelen ſich ſelbſt genügen, er beunruhigte die von Andrée nicht in der Verſchanzung, die ſie ſich ge⸗ wählt hatte. „In welcher Stunde und an welchem Tage gedenkſt Du abzugehen?“ „Morgen; heute noch, wenn es Zeit wäre.“ „Wirſt Du nicht einen letzten Spaziergang mit mir im Parke machen?“ „Nein!“ antwortete ſie. Er begriff wohl an dem Händedruck, den dieſe Weigerung begleitete, die junge Frau weiſe nur eine Gelegenheit zurück, ſich erweichen zu laſſen. „Ich bin bereit, wann Du mich benachrichtigſt,“ ſagte er. Und er küßte ihr die Hand, ohne ein Wort beizu⸗ fügen, das die Bitterkeit ihres Herzens überſtrömen gemacht hätte. Andrée, nachdem ſie die erſten Vorbereitungen ge⸗ troffen, zog ſich in ihr Zimmer zurück, wo ſie fol⸗ gendes Billet von Philipp erhielt: „Du kannſt unſern Vater heute Abend um fünf Uhr beſuchen. Der Abſchied iſt unerläßlich. Herr von 28 Taverney würde über Vernachläſſigung, uͤber ſchlechtes Benehmen ſchreien.“ Sie antwortete: „um fünf Uhr werde ich im Reiſekleid bei Herrn von Taverney ſein. Um ſieben Uhr können wir in Saint⸗Denis ankommen. Wirſt Du mir Deinen Abend bewilligen?“ Statt jeder Antwort, rief Philipp aus ſeinem Fen⸗ ſter, welches nahe genug bei der Wohnung von Andrée, daß dieſe es hören konnte: „Um fünf Uhr die Pferde an den Wagen.“ IV. Ein Miniſter der Finanzen. Wir haben geſehen, daß die Königin, ehe ſie An⸗ drée empfing, ein Billet von Frau von La Mothe ge⸗ leſen und gelächelt hatte. Dieſes Biltet enthielt nur, mit allen möglichen Formeln des Reſpects, die Worte: „.Und Eure Majeſtät kann verſichert ſein, daß ihr Credit gegeben und die Waare im Vertrauen abgeliefert werden wird.“ Die Königin hatte alſo gelächelt und das Billet von Jeanne verbrannt.. Nachdem ſie ſich in der Geſellſchaft von Fräulein von Taverney ein wenig verduͤſtert, kam Frau von Miſery und meldete, Herr von Calonne warte auf die Ehre, bei ihr zugelaſſen zu werden. Es kann nicht ungeeignet erſcheinen, wenn wir dieſe Perſon dem Leſer ein wenig erklären. Die Ge⸗ ſchichte hat ihm ſo ziemlich bekannt gemacht, aber der 29 Roman, der die Perſpecetiven und die großen Züge min⸗ der genau zeichnet, gibt vielleicht der Einbildungs⸗ kraft ein befriedigenderes Detail. Herr von Calonne war ein Mann von Geiſt, ſogar von unendlich viel Geiſt, welcher, aus der wenig an Thrä⸗ nen gewöhnten, aber vernünftig urtheilenden Generation der zweiten Hälfte des Jahrhunderts hervorgehend, ſeinen Entſchluß in Beziehung auf das über Frankreich ſchwe⸗ bende Unglück gefaßt hatte, ſein Intereſſe mit dem ge⸗ meinſchaftlichen Intereſſe vermiſchte, wie Ludwig XV. ſagte: nach uns das Ende der Welt, und überall Blu⸗ men ſuchte, um ſeinen letzten Tag zu ſchmücken. Er war vertraut mit der Angelegenheit, er war Hofmann. Alles, was es an Frauen gab, die ſich durch ihren Geiſt, durch ihren Reichthum und ihre Schön⸗ heit auszeichneten, hatte er durch ſeine Huldigungen cultivirt, die denen ähnlich, welche die Biene den mit Aromen und Säften beladenen Pflanzen darbringt. Die Converſation von ſieben bis acht Männern und zehn bis zwölf Frauen war damals der Inbegriff aller Kenntniſſe. Herr von Calonne hatte mit d'Alem⸗ bert rechnen, mit Diderot Vernunftſchlüſſe machen, mit Voltaire ſpotten, mit Rouſſeau trauern können. Er war endlich ſtark genug geweſen, der Volksthümlichkeit von Necker in's Geſicht zu lachen. Herr Necker, der Weiſe und der Tiefe, deſſen Rechen⸗ ſchaftsbericht ganz Frankreich zu erhellen geſchienen hatte, als ihn Calonne wohl von allen Seiten beob⸗ achtet, machte er ihn am Ende läͤcherlich, ſelbſt in den Augen derjenigen, welche ihn am meiſten fürchteten, und der König und die Königin, welche dieſer Name beben machte, hatten ſich nur zitternd daran gewöhnt, ihn durch einen eleganten Staatsmann von guter Laune ſchmähen zu hören, der, um auf ſo viele ſchöne Ziffern zu antworten, ſich auf die Bemerkung beſchränkte: Fa nützt es, zu beweiſen, daß man nichs bewei⸗ een kann.“ 30 Necker hatte in der That nur Eines bewieſen, die Unmöglichkeit, in der er ſich fand, noch ferner die Finanzen zu verwalten. Herr von Calonne übernahm ſie wie eine Laſt, die zu leicht für ſeine Schultern. Was wollte Herr Necker? Reformen. Dieſe theil⸗ weiſen Reformen erſchreckten alle Geiſter. Wenige Menſchen gewannen dabei, und diejenigen, welche da⸗ bei gewannen, gewannen wenig; viele dagegen verloren dabei, und ſie verloren zu viel. Wenn Necker eine ge⸗ rechte Vertheilung der Steuer in's Werk ſetzen wollte, wenn er die Güter des Adels und die Einkünfte der Geiſtlichkeit mit Abgaben zu belaſten beabſichtigte, be⸗ zeichnete er brutaler Weiſe eine unmögliche Nevolu⸗ tion. Er ſpaltete die Nation und ſchwächte ſte zum Voraus, während er alle Kräfte hätte concentriren müſſen, um ſie zu einem allgemeinen Reſultat der Con⸗ currenz zu führen. Dieſes Ziel bezeichnete Necker, doch daſſelbe zu er⸗ reichen, machte er ſchon dadurch unmöglich, daß er es bezeichnete. Von einer Reform von Mißbräuchen mit denjenigen ſprechen, welche nicht wollen, daß dieſe Mißbräuche reformirt werden, heißt das ſich nicht dem Widerſtande der Betheiligten ausſetzen? Darf man den Feind von der Stunde in Kenntniß ſetzen, zu der man einen Platz ſtürmen wird? Das hatte Calonne begriffen, in dieſer Hinſicht in Wirklichkeit mehr Freund der Nation, als der Genfer Necker, mehr Freund, ſagen wir, in Betreff der vollen⸗ deten Thatſachen, denn, ſtatt einem unvermeidlichen Uebel zuvorzukommen, beſchleunigte Calonne den Ein⸗ bruch der Geißel. Sein Plan war kühn, rieſenhaft, ſicher; es han⸗ delte ſich darum, in zwei Jahren zum Bankerott den König und den Adel fortzureißen, die ihn um zehn Jahre verzögert hätten; aber wenn der Bankerott ge⸗ macht war, zu ſagen:„Nun, ihr Reichen, bezahlt far ſag wi 31 die Armen, denn ſie haben Hunger und werden diejeni⸗ gen verſchlingen, welche ſie nicht nähren.“ Warum ſah der König nicht von Anfang an die Folgen dieſes Planes oder dieſen Plan ſelbſt? Er, der, als er den Rechenſchaftsbericht las, vor Wuth ge⸗ zittert hatte, warum ſchauerte er nicht, indem er ſeinen Miniſter errieth? Warum wählte er nicht zwiſchen dieſen zwei Syſtemen, und zog es vor, ſich dem Zufall zu überlaſſen? Das iſt die einzige wirkliche Rechnung, welche Ludwig XVI., ein Politiker, mit der Nachwelt zu ordnen hat. Es war das bekannte Princip, dem ſich ſtets Jeder widerſetzt, der nicht Macht genug hat, um das Uebel abzuſchneiden, wenn es inveterirt iſt. Aber um zu erklären, warum ſich die Binde der⸗ geſtalt vor den Augen des Königs verdichtete, warum die Königin, in ihren Wahrnehmungen ſo ſcharfſichtig und klar, ſich ſo blind, als ihr Gemahl, in Beziehung auf das Benehmen des Miniſters zeigte, wird die Ge⸗ ſchichte, man müßte vielmehr ſagen der Roman, hier iſt er willkommen, einige unerläßliche Details geben. Herr von Calonne trat bei der Königin ein. Er war ſchön, groß von Wuchs und edel von Ma⸗ nieren. Er wußte die Königinnen lachen und ſeine Geliebtinnen weinen zu machen. Feſt überzeugt, Marie Antoinette habe in einem dringenden Bedürfniſſe nach ihm verlangt, kam er mit einem Lächeln auf den Lippen. Viele Andere wären mit einer verdrießlichen Miene gekommen, um hernach das Verdienſt ihrer Einwilligung zu verdoppeln. Die Königin war auch ſehr freundlich, ſie hieß den Miniſter ſitzen und ſprach zuerſt von tauſend Din⸗ gen, die nichts waren. „Haben wir Geld, mein lieber Herr von Calonne?“ ſagte ſie ſodann. „Geld,“ rief Herr von Calonne,„gewiß haben wir, wir haben immer.“ „Das iſt herrlich,“ rief die Königin,„ich habe 32 nie einen Mann gekannt, der ſo wie Sie bei Geldfragen antwortete; als Finanzmann ſind Sie unvergleichlich.“ „Welche Summe braucht Eure Majeſtät?“ „Ich bitte, erklären Sie mir zuerſt, wie haben Sie es gemacht, um Geld da zu finden, wo Herr Necker ſagte, es gebe keines.“ „Herr Necker hatte Recht, es war kein Geld mehr in den Kaſſen, und das iſt ſo wahr, daß ich an dem Tag, wo ich das Miniſterium übernahm, am 3. No⸗ vember 1783, man vergißt dergleichen Dinge nicht, Madame, als ich den öffentlichen Schatz ſuchte, in der Kaſſe nicht mehr als zwei Säcke mit zwölf hundert Livres fand.“ Die Königin lachte. „Nun?“ ſagte ſie. „Nun! Madame, wenn Necker, ſtatt zu ſagen: Es iſt kein Geld mehr vorhanden, wie ich es gethan habe, hundert Millionen im erſten Jahre und hundert und fünf und zwanzig im zweiten entlehnt und die Ueber⸗ zeugung von einem weiteren Anlehen von achtzig Mil⸗ kionen für das dritte gehabt hätte, ſo wäre Necker ein wahrer Finanzmann geweſen; Jedermann kann ſagen: Es iſt kein Geld mehr in der Kaſſe; aber nicht Jeder weiß zu antworten: Es iſt vorhanden. „Das ſagte ich Ihnen, hierüber beglückwünſchte ich Sf. Wie wird man bezahlen? das iſt die Schwie⸗ rigkeit. „Oh! Madame,“ erwiederte Calonne mit einem Lächeln, deſſen tiefe, erſchreckliche Bedeutung kein menſch⸗ liches Auge ermeſſen konnte,„ich ſtehe Ihnen dafür, daß man bezahlen wird.“ „Ich verlaſſe mich auf Sie,“ ſagte die Königin, „doch ſprechen wir immerhin von den Finanzen; bei Ihnen iſt es eine Wiſſenſchaft voll Intereſſe; ein Strauch dei den Andern, iſt es bei Ihnen ein Baum mit Früchten!“ Calonne verbeugte ſich. * — 33 „Haben Sie einige neue Gedanken?“ fragte die Königin;„ich bitte, geben Sie mir den erſten davon.“ „Ich habe einen Gedanken, der zwanzig Millionen in die Taſchen der Franzoſen und ſieben bis acht in die Ihrige bringen wird; verzeihen Sie, in die Kaſſe Seiner Majeſtät.“ „Dieſe Millionen werden hier willkommen ſein. Woher werden ſie fließen?“ „Es iſt Eurer Majeſtät nicht unbekannt, daß die Goldmünze nicht denſelben Werth in allen Staaten Europas hat!“ „Ich weiß es. In Spanien iſt das Gold theurer, als in Frankreich.“ „Eure Majeſtät hat vollkommen Recht, und es iſt ein Vergnügen, mit Eurer Majeſtät über Finanzange⸗ legenheiten zu plaudern. Das Gold gilt in Spanien ſeit fünf bis ſechs Jahren achtzehn Unzen mehr der Mark nach, als in Frankreich. Daraus geht hervor, daß die Exportanten mit einer Mark Gold, die ſie von Frankreich nach Spanien ausführen, den Werth von ungefähr vierzehn Unzen Silber gewinnen.“ „Das iſt bedeutend!“ „So daß in einem Jahre,“ fuhr der Miniſter fort, „wenn die Kapitaliſten wüßten, was ich weiß, kein einziger Louisd'or mehr in unſerem Lande wäre.“ „Sie werden das verhindern?“ „Unmittelbar, Madame; ich will den Werth des Goldes auf fünfzehn Mark vier Unzen erhöhen, ein Fünfzehntel Nutzen. Eure Majeſtät begreift, daß kein Louisd'or in den Kaſſen bleiben wird, erfährt man, daß in der Muͤnze dieſer Nutzen denjenigen, welche Gold bringen, gegeben wird. Es wird die Umſchmelzung dieſer Münze vorgenommen werden, und in der Mark Gold, welche heute dreißig Louisd'or enthält, finden wir zwei und dreißig.“ „Ein gegenwärtiger Nutzen, ein zukünftiger Nutzen,“ Das Halsband der Koͤnigin. III. 3 34 rief die Königin;„das iſt eine reizende Idee, welche Furore machen wird.“ 3 „Ich glaube es, Madame, und bin ſehr glücklich, daß ſie ſo vollkommen Ihre Billigung erhalten hat.“ „Haben Sie immer ſolche, und ich bin ſicher, daß Sie alle unſere Schulden bezahlen werden.“ „Erlauben Sie mir, Madame, daß ich auf das, was Sie von mir wünſchen, zurückkomme.“ „Wäre es möglich, mein Herr, hätten Sie in die⸗ ſem Augenblick...“ „Welche Summe?“ „Ohl ſie iſt vielleicht viel zu ſtark.“ Calonne lächelte auf eine Weiſe, welche die Köni⸗ gin ermuthigte. 3 „Fünfmal hunderttauſend Livres,“ ſagte ſie. „Ahl Madame,“ rief Calonne,„welche Angſt hat mir Eure Majeſtät gemacht! ich glaubte, es handle ſich um eine wahre Summe.“ „Sie können alſo?“ „Sicherlich.“ „Ohne daß der König...“ „Ahl Madame, das iſt unmöglich; alle meine Rechnungen werden jeden Monat dem König vorgelegt; aber es gibt kein Beiſpiel, daß ſie der Koͤnig geleſen hat, und ich ſchätze es mir zur Ehre!“ „Wann kann ich auf dieſe Summe zählen?“ „An welchem Tage braucht ſie Eure Majeſtät?“ „Erſt am fünften des nächſten Monats.“ „Die Zahlungen ſollen für den zweiten befohlen werden; Sie werden Ihr Geld am dritten haben, Madame.“ „Herr von Calonne, ich danke.“ „Mein höchſtes Glück iſt, Eurer Majeſtät zu ge⸗ fallen. Ich flehe Sie an, ſich bei meiner Kaſſe nie Zwang anzuthun. Das wird ein Vergnügen voll Eigenliebe für Ihren Generalcontroleur der Finanzen ſein.“ 35 Er ſtand auf und verbeugte ſich demüthig; die Königin reichte ihm ihre Hand zum Kuß. „ Noch ein Wort,“ ſagte ſie. „Ich höre, Madame.“ „Dieſes Geld koſtet mich einen Gewiſſensbiß.“ „Einen Gewiſſensbiß...“ „Ja. Es dient zu Befriedigung einer Laune.“ „Deſto beſſer, deſto beſſer. Es wird bei der Summe wenigſtens die Hälfte Nutzen für unſere Induſtrie, für unſern Handel und unſere Vergnügungen ſein.“ „Das iſt in der That wahr,“ murmelte die Köni⸗ gin,„und Sie haben eine reizende Art, mich zu tröſten, mein Herr!“ „Gott ſei gelobt, Madame; mögen wir nie andere Gewiſſensbiſſe haben, als die Eurer Majeſtät, und wir werden geraden Weges in's Paradies eingehen.“ „Sehen Sie, Herr von Calonne, es wäre zu grau⸗ ſam für mich, wenn ich meine Launen das arme Volk bezahlen ließe.“ „Wohl!“ erwiederte der Miniſter, indem er auf jedes ſeiner Worte einen Nachdruck mit ſeinem unheim⸗ lichen Lächeln legte,„haben Sie keine Bedenklichkeiten mehr, Madame, denn ich ſchwöre Ihnen, es wird nie das arme Volt ſein, das bezahlt.“ „Warum nicht?“ fragte die Königin erſtaunt. „Weil das arme Volk nichts mehr hat,“ antwortete unſtörbar der Miniſter,„und weil da, wo nichts iſt, der Kaiſer ſein Recht verliert.“ Er verbeugte ſich und ging ab. 1 5 36 LVI. Wiedergefundene Illuſionen.— Verlorenes Geheimniß. Kaum hatte Herr von Calonne die Gallerie durch⸗ ſchritten, um nach Hauſe zurückzukehren, als der Nagel einer eilfertigen Hand an der Thüre des Boudoir der Königin kratzte. Jeanne erſchien. „Madame,“ ſagte ſie,„er iſt da.“ „Der Cardinal?“ fragte die Königin, ein wenig erſtaunt über das Wort er, das, von einer Dame ausgeſprochen, ſo viele Dinge bezeichnet. Sie vollendete nicht. Jeanne hatte ſchon Herrn von Rohan eingeführt und ſich, dem beſchützten Be⸗ ſchützer verſtohlen die Hand drückend, wieder entfernt. Der Prinz befand ſich allein, drei Schritte von der Königin, vor der er ehrerbietig die ſchuldigen Bücklinge machte. Die Königin, als ſie dieſe Zurückhaltung voll Takt ſah, war gerührt; ſie reichte ihre Hand dem Car⸗ dinal, der ſeine Augen noch nicht zu ihr erhoben hatte. „Mein Herr,“ ſprach ſie,„man hat mir einen Zug von Ihnen mitgetheilt, der viel Unrecht tilgt.“ „Erlauben Sie mir,“ erwiederte der Prinz, zitternd von einer Gemüthsbewegung, welche nicht geheuchelt war,„erlauben Sie mir, Madame, Sie zu verſichern, daß das Unrecht, von dem Eure Majeſtät ſpricht, durch ein Wort der Erklärung zwiſchen ihr und mir ſehr geſchwächt würde.“ 3 „Ich verbiete Ihnen durchaus nicht, ſich zu recht⸗ fertigen,“ ſprach die Königin mit Würde,„aber das, was Sie mir ſagen würden, würfe einen Schatten auf die Liebe und die Achtung, die ich für mein Vaterland und meine Familie hege. Sie können ſich nur entlaſten, 37 indem Sie mich verletzen, Herr Cardinal. Doch wir wollen dieſes ſchlecht erloſchene Feuer nicht anrühren, es würde vielleicht noch Ihre Finger und die meinigen verbrennen; Sie unter dem neuen Lichte ſehen, das Sie mir geoffenbart haben, verbindlich, ehrerbietig, ergeben...“ „Ergeben bis zum Tod,“ unterbrach der Cardinal. „Gut. Doch,“ ſagte Marie Antoinette lächelnd, „doch bis jetzt handelt es ſich nur um den Ruin. Sie wären mir ergeben bis zum Ruin, Herr Cardinal? Das iſt ſehr ſchön, das iſt ſchön genug. Zum Glück bringe ich Ordnung in die Sache. Sie werden leben und nicht ruinirt ſein, wenn Sie nicht etwa, wie man ſagt, ſich ſelbſt ruiniren.“ „Madame...“ „Das iſt Ihre Sache. Als Freundin, da wir nun gute Freunde ſind, will ich Ihnen indeſſen einen Rath geben: Seien Sie ſparſam, das iſt eine Hirtentugend; der König wird Sie mehr lieben, wenn Sie ſparſam, als wenn Sie verſchwenderiſch ſind.“ „Ich werde geizig werden, um Eurer Majeſtät zu gefallen.“ „Der König,“ verſetzte die Königin mit einer zarten Nuance,„der König liebt auch die Geizigen nicht...“ „Ich werde werden, was Eure Majeſtät will,“ unterbrach ſie der Cardinal mit einer ſchlecht verklei⸗ deten Leidenſchaft. „Ich ſagte Ihnen alſo,“ ſchnitt die Königin kurz ab,„Sie werden durch meine Schuld nicht zu Grunde gerichtet werden. Sie ſind für mich gut geſtanden, ich danke Ihnen dafür, aber ich habe Mittel, meinen Ver⸗ bindlichkeiten zu entſprechen, kümmern Sie ſich alſo nicht mehr um dieſe Angelegenheiten, welche von der erſten Zahlung nur mich angehen werden.“ „Damit die Sache beendigt ſein möge, Madame,“ ſprach der Cardinal, ſich verbeugend,„habe ich Eurer Majeſtät nur noch das Halsband anzubieten.“ Zu gleicher Zeit zog er aus ſeiner Taſche das Etui und überreichte es der Königin. Sie ſchaute es nicht einmal an, was bei ihr ein ſehr großes Verlangen, es zu ſehen, offenbarte, und zitternd vor Freude legte ſie es auf ein Arbeitstiſchchen, doch ſo, daß ſie es unter ihrer Hand behielt. Der Cardinal verſuchte ſodannseinige Worte der Höflichkeit, welche ſehr gut aufgenommen wurden, und hierauf kam er auf das zurück, was die Königin in Betreff ihrer Verſöhnung geſagt hatte. Da ſie ſich aber gelobt hatte, die Diamanten nicht in ſeiner Gegenwart anzuſchauen, und da ſie vor Be⸗ gierde, dieſelben zu ſehen, brannte, ſo hörte ſie ihn nur noch zerſtreut an. Aus Zerſtreuung überließ ſie ihm auch ihre Hand, die er mit entzückter Miene küßte. Dann nahm er Abſchied, da er zu beengen glaubte, was ihn mit Freude erfüllte. Ein einfacher Freund beengt nie, ein Gleichgültiger noch viel weniger. Das war der Verlauf dieſer Zuſammenkunft, welche alle Wunden im Herzen des Cardinals ſchloß. Er ver⸗ ließ die Koͤnigin begeiſtert, trunken von Hoffnung, und bereit, Frau von La Mothe für die Unterhandlung, die ſie ſo glücklich geführt, eine grenzenloſe Dankbarkeit zu beweiſen.. Jeanne erwartete ihn in ihrem Wagen, hundert Schritte von der Barriére; ſie empfing die glühende Betheurung ſeiner Freundſchaft. „Nun,“ ſagte ſie nach dem erſten Ausbruch dieſer Dankbarkeit,„werden Sie Richelieu oder Mazarin ſein? Hat Ihnen die öſterreichiſche Lippe Ermuthigun⸗ gen des Chrgeizes oder der Zärtlichkeit gegeben? Sind Sie in die Politik oder in die Intrigue verſetzt?“ „Scherzen Sie nicht, Gräfin, ich bin wahnſinnig vor Glück.“ „Schon!“ 39 „Stehen Sie mir bei, und in drei Wochen kann ich ein Miniſterium in den Händen haben.“ „Teufel! in drei Wochen; wie lange das iſt; der Merfur der erſten Verbindlichkeiten iſt auf vierzehn Tage geſtellt.“ „Ah! alles Glück kommt zugleich; die Königin hat Geld, ſie wird bezahlen; ich werde nur das Ver⸗ dienſt der Abſicht haben. Das iſt zu wenig, Gräfin, auf Ehre, es iſt zu wenig. Gott iſt mein Zeuge, daß ich dieſe Verſöhnung gern um den Preis von fünfmal hunderttauſend Livres bezahlt hätte...“ „Seien Sie unbeſorgt,“ unterbrach ihn lächelnd die Gräfin,„Sie werden dieſes Verdienſt neben den anderen haben. Iſt Ihnen viel daran gelegen?“ „Ich geſtehe, daß ich es vorzöge; wäre die Köni⸗ gin meine Schuldnerin geworden...“ „Monſeigneur, es ſagt mir Etwas, es werde Ihnen dieſe Befriedigung zu Theil werden. Sind Sie dar⸗ auf vorbereitet?“ „Ich habe meine letzten Güter verkaufen laſſen, und für das nächſte Jahr meine Einkünfte und Pfrün⸗ den verpfändet.“ „Sie haben alſo die fünfmalhunderttauſend Livres?“ „Ich habe ſie; nur weiß ich nicht, wenn dieſe Zahlung geleiſtet iſt, wie ich es nachher machen werde.“ „Dieſe Zahlung,“ rief Jeanne,„gibt uns ein Vier⸗ teljahr Ruhe. In drei Monaten, guter Gott! welche Ereigniſſe können da eintreten!“ „ Das iſt wahr; doch der König laͤßt mir ſagen, ich ſoll keine Schulden machen.“ .„Ein Aufenthalt von zwei Monaten im Miniſte⸗ rium wird Ihnen alle Ihre Schulden bereinigen.“ „Oh! Gräfin...“ —„Empören Sie ſich nicht. Wenn Sie es nicht thäten, würden es Ihre Vetter thun.“ „Sie haben immer Recht. Wohin gehen Sie?“ „Ich will die Königin wieder aufſuchen und in 40 Erfahrung bringen, welche Wirkung Ihre Gegenwart gemacht hat.“ „Sehr gut, ich kehre nach Paris zurück.“ „Warum? Sie wären heute Abend zum Spiel zurückgekommen. Das iſt gute Taktik; verlaſſen Sie den Platz nicht.“ „Ich muß leider bei einem Rendezvous ſein, das ich dieſen Morgen vor meinem Abgang erhalten habe.“ „Ein Rendezvous?“ „Von ziemlich ernſter Natur, nach dem Inhalt des Billets zu urtheilen, das man mir zugeſchickt hat. Sehen Sie.“ „Eine männliche Handſchrift,“ ſagte die Gräfin. Und ſie las: „„Monſeigneur, es will ſich Jemand mit Ihnen über die Beitreibung einer bedeutenden Summe be⸗ ſprechen. Dieſe Perſon wird ſich heute Abend bei Ihnen, in Paris, einfinden, um die Ehre einer Audienz zu erhalten.““ „Anonym... Ein Bettler.“ „Nein, Gräfin, man ſetzt ſich nicht mit heiterem Herzen der Gefahr aus, von meinen Leuten durchge⸗ prügelt zu werden, weil man mich hintergangen hat. Ich weiß nicht warum, doch mir ſcheint, ich kenne dieſe Handſchrift.“ „Wohl dern! Monſeigneur; überdies wagt man nie viel bei Leuten, welche Geld verſprechen. Das Schlimmſte wäre, wenn ſie nicht bezahlen würden. Guten Tag, Monſeigneur.“ ſehen.“ „Ah! Monſeigneur, zwei Dinge!“ „Sprechen Sie.“ „Wenn Ihnen unerwartet eine große Summe ein⸗ ginge?“ „Nun! Gräfin?“ „Etwas Verlorenes; ein Fund! ein Schatz! 4 — „Gräfin, ich rechne auf das Glück, Sie wiederzu⸗ 41 bed verſtehe Sie, Schlimme, Halbpart, nicht wahr?“ „Meiner Treue, Monſeigneur!“ „Sie bringen mir Glück, Gräfin, warum ſollte ich Ihnen nicht dafür Rechenſchaft tragen? Das wird geſchehen. Nun das Andere?“ „Hören Sie. Laſſen Sie ſich nicht einfallen, die fünfmal hunderttauſend Livres anzugreifen.“ „Ohl ſeien Sie unbeſorgt.“ Ünd ſie trennten ſich. Es kehrte der Cardinal in einer Atmoſphäre himmliſcher Glückſeligkeit nach Paris zurück. Das Leben nahm für ihn in der That ſeit zwei Stunden ein anderes Geſicht an. War er nur ver⸗ liebt, ſo hatte ihm die Königin mehr gegeben, als er von ihr zu hoffen gewagt hätte; war er ehrgeizig, ſo ließ ſie ihn noch mehr hoffen. Geſchickt von ſeiner Frau geleitet, wurde der König das Werkzeug eines Glückes, das fortan nichts mehr aufhalten konnte. Der Prinz Louis fuͤhlte ſich voll Ideen: er hatte ſo viel politiſches Genie, als nieht einer von ſeinen Nebenbuhlern, er verſtand die Frage der Verbeſſerung, er verband die Geiſtlichkeit mit dem Volk, um eine von den feſten Majoritäten zu bil⸗ den, welche lange durch die Starke und das Recht re⸗ gieren. An die Spitze dieſer Reformbewegune die Königin ſtellen, die er anbetete, und derer beſtänvig zuneh⸗ mende Unbeliebtheit er in eine Popul⸗ rität ohne Glei⸗ chen verwandelt hätte: das war der Tr um des Prä⸗ laten, und dieſen Traum konnte ein ein„ges zärtliches Wort der Königin Marie Antoinette in eine Wirklich⸗ keit verwandeln. Dann verzichtete der Unbeſonne auf ſeine leich⸗ ten Siege, der Weltliche machte ſich zum Philoſophen, der Müßige wurde ein unermüdlicher Arbeiter. Es iſt eine leichte Aufgabe für die großen Charaktere, die 42 Bläſſe der Schwelgereien mit der Ermüdung durch das Studium zu vertauſchen. Fortgezogen durch das Ge⸗ ſpann, das man den Ehrgeiz und die Liebe nennt, war Herr von Rohan weit gegangen. Er glaubte ſich ſchon bei ſeiner Rückkehr nach Paris beim Werke, verbrannte auf einmal eine Kiſte voll Liebesbillets, rief ſeinen Intendanten, um Re⸗ formen anzuordnen, ließ durch einen Secretär Federn ſchneiden, um Memoiren über die Politik Englands zu ſchreiben, die er vortrefflich verſtand, und, ſeit einer Stunde bei der Arbeit, fing er an wieder in den Beſitz ſeiner ſelbſt zurückzukehren, als ihm der Ton einer Klingel in ſeinem Cabinet verkündigte, es er⸗ ſcheine ein wichtiger Beſuch bei ihm. Ein Huiſſier trat ein.. „Wer iſt da?“ fragte der Prälat. „Die Perſon, welche dieſen Morgen an Mon⸗ ſeigneur geſchrieben hat.“ „Ohne zu unterzeichnen 24 „Ja, Monſeigneur.“ „Doch dieſe Perſon hat einen Namen. Fragen Sie dieſelbe danach.“ Der Huiſſier kam nach einem Augenblick zurück und meldete: 5 „Der Herr Graf von Caglioſtro.“ Der Prinz bebte. „Er trete ein.“ Der Graf trat ein, die Thüren ſchloſſen ſich wie⸗ der hinter ihm. 4 „Großer Gott!“ rief der Cardinal,„was ſehe ich?“ „Nicht wahr, Monſeigneur, daß ich mich kaum verändert habe.“ „Iſt es möglich...“ murmelte Herr von Rohan, „Joſeph Balſamo lebendig, er, von dem man ſagte, er ſei bei jenem Brande umgekommen. Joſeph Balſamo...“ „Graf von Fönirx lebendig, ja, Monſeigneur, und lebendiger, als je.“ b on⸗ . 43 „Aber, mein Herr, unter welchem Namen erſchei⸗ nen Sie denn? und warum haben Sie nicht den alten behalten?“ „Gerade, Monſeigneur, weil er alt iſt und, vor Allem bei mir, ſodann bei den Andern zu viele traurige oder beſchwerliche Erinnerungen zurückruft. Ich ſpreche nur von Ihnen, Monſeigneur, hätten Sie Joſeph Bal⸗ ſamo nicht von Ihrer Thüre gewieſen?“ „Ich? oh! nein, mein Herr, nein.“ Und der Cardinal bot, immer noch erſtaunt, Ca⸗ glioſtro nicht einmal einen Stuhl an. „Dann hat Eure Eminenz mehr Gedächtniß und Ehrlichkeit, als alle Menſchen miteinander,“ ſagte Caglioſtro. „Mein Herr, Sie haben mir einſt einen ſolchen Dienſt geleiſtet...“ „Nicht wahr, Monſeigneur, ich habe mein Alter nicht verändert,“ unterbrach ihn Balſamo,„und ich bin ein ſchönes Muſter der Reſultate meiner Lebenstropfen.“ „Ich geſtehe es, mein Herr, doch Sie ſind über der Menſchheit, Sie, der Sie ſo freigebig das Gold und die Geſundheit Allen ſpenden.“ „Die Geſundheit, ich leugne das nicht, Monſeig⸗ neur; doch das Gold... nein, oh! nein.. 27 „Sie machen kein Gold mehr?“ „Nein, Monſeigneur.“ „Und warum nicht?“ „Weil ich das letzte Theilchen von einem unerläß⸗ lichen Ingredienz verloren habe, das mir mein Lehrer, der weiſe Althotas, nach ſeinem Abgange aus Aegypten gegeben hatte; es iſt dies das einzige Recept, welches ich nicht eigen beſaß.“ „Er hat es behalten?“ „Nein, das heißt, ja, behalten oder mit in's Grab genommen, wie Sie wollen.“ „Er iſt geſtorben?“ „Ich habe ihn verloren.“ . — 44⁴ „Warum haben Sie nicht das Leben dieſes Man⸗ nes, des unumgänglich norhwendigen Verwahrers die⸗ ſes unumgänglich nothwendigen Recepts, verlängert, Sie, der Sie ſich ſeit Jahrhunderten lebendig und jung erhalten haben, wie Sie ſagen?“ „Weil ich Alles gegen die Krankheit, gegen die Wunde vermag und nichts gegen den Unfall, der tödtet, ohne daß man mich ruft.“ 3 „Und es war ein Unfall, der die Tage von Altho⸗ tas endigte? „Sie mußten es erfahren, da Sie meinen Tod wußten.“ „Der Brand der Rue Saint⸗Claude, bei welchem Sie verſchwanden?“ 6 „Hat Althotas allein getödtet, oder der Weiſe wollte vielmehr, des Lebens müde, ſterben.“ „Das iſt ſeltſam.“ „Nein, es iſt natürlich. Ich habe meinerſeits hundertmal daran gedacht, ich ſollte zu leben aufhören.“ „Aber Sie haben dennoch auf dem Leben beharrt.“ „Weil ich mir einen Jugendzuſtand wählte, in welchem die ſchöne Geſundheit, die Leidenſchaften oder Vergnügungen des Körpers mir noch einige Zerſtreuung verſchaffen; Althotas dagegen hatte ſich den Alterszu⸗ ſtand gewählt.“ „Althotas mußte es machen, wie Sie.“ „Nein, er war ein tiefer und erhabener Mann; von allen Dingen dieſer Welt wollte er nur die Wiſſen⸗ ſchaft. Und dieſe Jugend mit dem gebieteriſchen Blut, dieſe Leidenſchaften, dieſe Vergnügungen hätten ihn von der ewigen Beſchauung abgelenkt; Monſeigneur, es iſt von Gewicht, daß man immer ſieberfrei iſt; um gut zu denken, muß man ſich in einer unſtörbaren Schlaf⸗ ſucht abſorbiren können. Der Greis ſinnt beſſer nach, als der junge Mann; wenn ihn die Traurigkeit erfaßt, gibt es auch kein Mittel mehr. Althotas iſt als ein Opfer ſeiner Ergebenheit für die Wiſſenſchaft geſtorben. 4³ Ich lebe wie ein Weltlicher, verliere meine Zeit und thue durchaus nichts. Ich bin eine Pflanze. Ich darf nicht ſagen, eine Blume, ich lebe nicht, ich athme.“ „Oh!“ murmelte der Cardinal,„mit dem wieder⸗ erſtandenen Mann erſteht auch wieder mein ganzes Erſtaunen. Sie geben mich jener Zeit zurück, mein Herr, wo die Zauberkraft Ihrer Worte, wo das Wun⸗ derbare Ihrer Handlungen alle meine Fähigkeiten ver⸗ doppelten und in meinen Augen den Werth eines Ge⸗ ſchöpfes erhöhten. Sie erinnern mich an die zwei Träume meiner Jugend. Wiſſen Sie, es ſind ſiebenzehn Jahre, daß Sie mir erſchienen.“ „Ich weiß es, wir haben Beide ſehr abgenommen. Monſeigneur, ich bin kein Weiſer mehr, ſondern ein Gelehrter. Sie, Sie ſind nicht mehr ein ſchöner junger Mann, ſondern ein ſchöner Fürſt. Erinnern Sie ſich, Monſeigneur, jenes Tages, wo ich in meinem heute durch die Tapeten verjungten Cabinet Ihnen die Liebe einer Frau verſprach, deren blonde Haare meine Seherin befragt hatte?“ Der Cardinal erbleichte und erröthete dann plötzlich. Der Schrecken und die Freude hatten hinter einander die Schläge ſeines Herzens unterbrochen. „Ich erinnere mich,“ ſagte er,„doch nur verworren.“ „Wir wollen ſehen,“ ſprach Caglioſtro lächelnd, „wir wollen ſehen, ob ich noch fur einen Zauberer gelten könnte. Warten Sie, daß ich mich in dieſem Gedanken feſtſtelle.“ Er dachte nach. „Die blonde junge Perſon Ihrer Liebesträume,“ ſagte er nach einem Stillſchweigen,„wo iſt ſie? was macht ſie? Ahl bei Gott, ich ſehe ſie; ja... und Sie ſelbſt haben ſie heute geſehen. Mehr noch, Sie kommen von ihr her.“ Der Cardinal drückte eine eiskalte Hand auf ſein klopfendes Herz. „Mein Herr,“ ſagte er ſo leiſe, daß es Caglioſtro kaum hörte,„ich bitte...“ 9 46 „Wollen Sie, daß wir von etwas Anderem ſprechen?“ verſetzte der Wahrſager mit höflichem Tone.„Oh! ich bin ganz zu Ihren Befehlen, Monſeigneur. Haben Sie die Güte, über mich zu verfügen.“ — Und er ſtreckte ſich ziemlich frei auf einem Sofa aus, den der Cardinal ihm zu bezeichnen ſeit dem Anfang dieſes intereſſanten Geſpräches vergeſſen hatte. IVII. Der Gläubiger und der Schuldner. Der Cardinal ſah ſeinem Gaſte mit einer beinahe verdutzten Miene zu. 4 „Nun!“ ſagte Caglioſtro,„da wir unſere Bekannt⸗ ſchaft erneuert haben, Monſeigneur, plaudern wir, wenn es Ihnen beliebt.“ „Ja,“ erwiederte der Prälat, der ſich allmälig erholte, naa⸗ ſprechen wir von der Beitreibung, welche ... welche...“ „Die ich in meinem Briefe bezeichnet habe, nicht wahr, Eure Eminenz wünſcht eiligſt zu erfahren...“ „Ohl das war ein Vorwand... ſo denke ich wenigſtens.“ „Nein, mein Herr, durchaus nicht, es war eine Wirklichkeit, und zwar eine höchſt ernſte. Dieſe Bei⸗ treibung lohnt ſich wohl der Mühe, bewerkſtelligt zu werden, in Betracht, daß es ſich um fünfmal hundert⸗ tauſend Livres handelt, und daß fünfmal hunderttauſend Livres eine Summe ſind.“ „Und zwar eine Summe, die Sie mir zuvorkom⸗ mend geliehen haben,“ rief der Cardinal, auf deſſen Geſtcht eine leichte Bläſſe erſchien. 4 —— 47 „Ja, Monſeigneur, die ich Ihnen geliehen habe,“ ſprach Balſamo;„ich ſehe mit Vergnügen bei einem ſo großen Fürſten, wie Sie, ein ſo gutes Gedächtniß.“ Der Cardinal hatte den Schlag empfangen, er fühlte einen kalten Schweiß von ſeiner Stirne nach ſeinen Wangen herabrieſeln. „Ich glaubte einen Augenblick,“ ſagte er, indem er zu lächeln ſuchte,„Joſeph Balſamo, der übernatür⸗ liche Mann, habe ſeine Schuldforderung in ſein Grab mitgenommen, wie er meinen Schein in's Feuer ge⸗ worfen hatte.“ „Monſeigneur,“ erwiederte der Graf mit ernſtem Tone,„das Leben von Joſeph Balſamo iſt unzerſtörbar, hite⸗ dieſes Blatt Papier iſt, das Sie für vernichtet elten. „Indem Sie Ihre Unterſchrift erkennen.“ Und er gab dem Prinzen ein zuſammengelegtes Papier, und dieſer rief, ſogar ehe er es geöffnet: „Mein Schein!“ „Ja, Monſeigneur, Ihr Schein,“ erwiederte Ca⸗ glioſtro mit einem leichten Lächeln, das noch durch eine kalte Verbeugung gemildert wurde. „Sie verbrannten ihn doch, ich ſah die Flamme davon.“ „Ich habe das Papier allerdings in's Feuer ge⸗ woorfen, aber, wie geſagt, Monſeigneur, der Zufall woollte, daß Sie auf ein Stück Asbeſt geſchrieben hatten, ſtatt auf gewöhnliches Papier zu ſchreiben, ſo daß ich den Schein unverſehrt auf den verzehrten Kohlen ge⸗ funden habe.“ *₰ 48 „Mein Herr,“ ſprach der Cardinal mit einem gewiſſen Stolz, denn er glaubte in der Vorweiſung des Scheins ein Zeichen von Mißtrauen zu ſehen, „mein Herr, glauben Sie mir, daß ich dieſe Schuld eben ſo wenig ohne dieſes Papier geleugnet hätte, als ich ſie mit dieſem Papier leugne. Sie hatten alſo Unrecht, daß Sie mich täuſchten.“ „Ich, Sie täuſchen? Ich hatte nicht einen Augen⸗ blick dieſe Abſicht, das ſchwöre ich Ihnen“ „Sie haben mich glauben gemacht, das Unterpfand ſei vernichtet.“ * „Um Ihnen den ruhigen und glücklichen Genuß der fünfmal hundert tauſend Livres zu laſſen,“ erwiederte Balſamo mit einer leichten Bewegung der Schultern. „Aber, mein Herr,“ fuhr der Cardinal fort,„warum haben ſie zehn Jahre lang eine ſolche Summe ausge⸗ ſetzt gelaſſen?“ „Monſeigneur, ich wußte, bei wem ich ſie angelegt hatte. Die Ereigniſſe, das Spiel, die Diebe haben mich allmälig aller meiner Güter beraubt. Da i aber wußte, daß ich dieſes Geld in Sicherheit hatte, ſo wartete ich geduldig bis zum letzten Augenblick.“ „Und der letzte Augenblick iſt gekommen?“ „Ach! ja, Monſeigneur.“ „So, daß Sie ſich weder mehr gedulden, noch warten können?“ „Das iſt mir in der That unmöglich,“ antwortete Caglioſtro. „Sie verlangen alſo Ihr Geld von mir zurück?“ „Ja, Monſeigneur.“. „Schon heute?“ „Wenn es Ihnen beliebt?“ Der Cardinal beobachtete ein ganz von Verzweiſ⸗ lung zuckendes Stillſchweigen. Dann ſprach er mit bebender Stimme: „Herr Graf, die unglücklichen Fürſten der Erde improviſiren nicht ſo raſche Vermögen, wie Ihr Zau⸗ 49 berer, die Ihr über die Geiſter der Finſterniß und des Lichtes gebietet.“ „Oh! Monſeigneur, glauben Sie mir, ich würde dieſe Summe nicht von Ihnen gefordert haben, hätte ich nicht vorher gewußt, daß Sie dieſelbe beſitzen.“ „Ich habe fünfmal hundert tauſend Livres, ich?“ rief der Cardinal. „50,000 Livres in Gold, 10,000 in Silber, das Uebrige in Bankſcheinen.“ Der Cardinal erbleichte. „Welche dort in jenem Schranke von Boule ſind,“ fügte Caglioſtro bei. „Ohl mein Herr, Sie wiſſen das?“ „Ja, Monſeigneur, und ich kenne auch alle die Opfer, die Sie bringen mußten, um ſich dieſe Summe zu verſchaffen. Ich hörte ſogar ſagen, Sie haben die⸗ ſes Geld um ſeinen doppelten Werth gekauft.“ „Ohl das iſt wahr.“ „Doch... „Doch?“ rief der unglückliche Prinz. „Doch ich, ich wäre ſeit zehn Jahren zwanzigmal beinahe vor Hunger oder in Verlegenheit neben dieſem Papier geſtorben, das für mich eine halbe Million darſtellte, und dennoch habe ich, um Sie nicht zu beun⸗ ruhigen, gewartet. Ich glaube daher, daß wir ſo unge⸗ fähr quitt ſind, Monſeigneur.“ „Quitt, mein Herr,“ rief der Prinz,„oh! ſagen Sie nicht, wir ſeien quitt, da Ihnen der Vortheil bleibt, mir ſo großmüthig eine Summe von dieſer Be⸗ deutung geliehen zu haben; quitt! oh! nein, nein! ich bin und bleibe ewig Ihr Schuldner. Nur frage ich Sie, Herr Graf, warum Sie, der Sie ſeit zehn Jahren dieſe Summe von mir zurückverlangen konnten, ge⸗ ſchwiegen haben? Seit zehn Jahren hätte ich zwan⸗ zigmal Gelegenheit gehabt, Ihnen dieſes Geld zurück⸗ zugeben, ohne daß es mir ſchwer gefallen wäre.“ Das Halsband der Koͤnigin. III. 4 50 „Während heute?“... fragte Caglioſtro. „Ohl heute verberge ich Ihnen nicht, daß dieſe Wiedererſtattung, die Sie fordern, denn nicht wahr, Sie fordern ſie?“ „Leider, Monſeigneur.“ „Mir gewaltig ſchwer fällt.“ Caglioſtro machte mit dem Kopf und den Schul⸗ tern eine kleine Bewegung, welche bedeutete: Was wol⸗ len Sie, Monſeigneur, das iſt ſo und kann nicht an⸗ „Aber Sie, der Sie Alles errathen,“ rief der Prinz,„Sie, der Sie im Grunde der Herzen wie im Grunde der Schränke zu leſen wiſſen, was zuweilen noch viel ſchlimmer iſt, Sie brauchen ohne Zweifel nicht erſt zu erfahren, warum mir ſo viel an dieſem Gelde liegt, und was der geheimnißvolle und heilige Gebrauch iſt, zu dem ich es beſtimme?“ „Sie irren ſich, Monſeigneur,“ erwiederte Caglio⸗ ſtro mit einem eiſigen Ton,„nein, ich habe keine Ah⸗ nung, und meine Geheimniſſe haben mir genug Be⸗ trübniſſe, Täuſchungen und Jammer zugezogen, daß ich mich durchaus nicht um die Geheimniſſe Anderer be⸗ kümmere, wenn ſie mich nicht intereſſiren. Es inter⸗ eſſirte mich, zu wiſſen, ob Sie Geld hatten oder ob Sie keines hatten, inſofern ich von Ihnen zu fordern befugt war. Als ich aber einmal wußte, daß Sie hatten, lag mir wenig daran, zu erfahren, wozu Sie es beſtimmten. Ueberdies, Monſeigneur, wenn ich in dieſem Augenblick die Urſache Ihrer Verlegenheit wüßte, würde ſie mir vielleicht gewichtig genug und ſo achtens⸗ werth erſcheinen, daß ich die Schwäche hätte, noch zu⸗ zuwarten, was mir unter den gegenwärtigen Umſtänden, ich wiederhole es Ihnen, den größten Nachtheil brächte. Ich ziehe es daher vor, nichts zu wiſſen.“ „Ohl mein Herr,“ rief der Cardinal, deſſen Stolz und Empfindlichkeit dieſe letzten Worte wieder erweckt hatten,„glauben Sie wenigſtens nicht, ich wolle Ihr n — — 51 Mitleid in Beziehung auf meine perſönlichen Verle⸗ genheiten erregen; Sie haben Ihre Intereſſen, ſie ſind vertreten und garantirt durch dieſen Schein, dieſer Schein iſt von meiner Hand unterzeichnet, das iſt ge⸗ nug. Sie ſollen Ihre fünfmal hundert tauſend Livres bekommen.“ Caglioſtro verbeugte ſich. „Ich weiß wohl,“ ſprach der Cardinal, verzehrt von dem Schmerz, in einer Minute ſo viel mühſam aufgehäuftes Geld zu verlieren,„ich weiß, daß dieſes Papier nur eine Anerkennung der Schuld iſt und keine Verfallzeit für die Bezahlung beſtimmt.“ „Eure Eminenz wolle mich entſchuldigen,“ erwie⸗ derte der Graf,„ich berufe mich auf den Buchſtaben des Scheins und ſehe hier geſchrieben: „„Ich beſcheinige, von Herrn Joſeph Balſamo die Summe von 500,000 Livres empfangen zu haben, die ich ihm auf ſeine erſte Forderung zurückbezahlen werde. „„Unterz. Louis von Rohan.““ Der Cardinal ſchauerte an allen ſeinen Gliedern; er hatte nicht nur die Schuld, ſondern auch die Worte, in denen ſie beſcheinigt war, vergeſſen. „Sie ſehen, Monſeigneur, daß ich nicht das Un⸗ mögliche verlange,“ fuhr Balſamo fort.„Sie können nicht, gut. Nur bedaure ich, daß Eure Eminenz zu vergeſſen ſcheint, daß die Summe aus freien Stücken von Joſeph Balſamo in einer bedeutungsvollen Stunde gegeben worden iſt, und dies wem? Herrn von Royan, den er nicht kannte. Das iſt, wie mir ſcheint, das Benehmen eines vornehmen Mannes, das Herr von Rohan, in jeder Hinſicht ein ſo vornehmer Mann, bei der Wiedererſtattung hätte nachahmen können. Doch Sie dachten, das müßte nicht ſo geſchehen, ſprechen wir alſo nicht mehr davon; ich nehme meinen Schein zurück. Gott befohlen, Monſeigneur.“ Nach dieſen Worten legte Caglioſtro das Papier 4 1 52 kalt zuſammen und ſchickte ſich an, es wieder in ſeine 1 Taſche zu ſtecken. 4 Der Cardinal hielt ihn zurück. 3 „Herr Graf,“ ſagte er,„ein Rohan duldet nicht, 2 daß ihm irgend Jemand in der Welt Lectionen in der ſ Großmuth gibt. Ueberdies wäre es hier ganz einfach u eine Lection der Redlichkeit. Ich bitte Sie, mein Herr, 3 geben Sie mir den Schein, damit ich ihn bezahle.“ 6 ſchi Nun war es Caglioſtro, der ſeinerſeits zu zögern 9 ien. Das bleiche Geſicht, die angeſchwollenen Augen, 8 die bebende Hand des Cardinals ſchienen in der That I ein lebhaftes Mitleid in ihm zu erregen, Der Cardinal, ſo ſtolz er war, begriff dieſen guten 1 Gedanken von Caglioſtro. Einen Augenblick hoffte er, es würde ein gutes Reſultat daraus hervorgehen. f Plötzlich aber verhärtete ſich das Auge des Grafen, eine Wolke lief über ſeine gefaltete Stirn hin und er ſtreckte die Hand und den Schein gegen den Cardinal aus. Im Herzen getroffen, verlor Herr von Rohan nicht einen Augenblick; er wandte ſich nach dem Schranke, den Caglioſtro bezeichnet hatte, und zog daraus ein Bündel Anweiſungen auf die Waſſer⸗ und Forſtkaſſe; dann bezeichnete er mit dem Finger mehrere Säcke Silber und öffnete eine Schublade voll Gold. „Herr Graf,“ ſagte er,„hier ſind Ihre fünfmal hunderttauſend Livres; nur bin ich Ihnen zu dieſer Stunde noch weitere zweimal hundert und fünfzig tau⸗ ſend Livres ſchuldig, indem ich annehme, daß Sie Zins aus Zins ausſchlagen, was eine noch viel beträchtlichere Summe machen würde. Ich will die Rechnungen durch meinen Intendanten ſtellen laſſen und Ihnen Sicherheiten für dieſe Bezahlung geben, wobei ich Sie bitte, mir Zeit bewilligen zu wollen.“ „Monſeigneur,“ erwiederte Caglioſtro,„ich habe Herrn von Rohan fünfmal hundert tauſend Livres ge 53 liehen. Herr von Rohan iſt mir fünfmal hundert tau⸗ ſend Livres ſchuldig und nicht mehr. Hätte ich Inter⸗ eeſſen ziehen wollen, ſo würde ich ſie in dem Schein ausbedungen haben. Mandatar oder Erbe von Joſeph Balſamo, wie es Ihnen beliebt, denn Joſeph Bal⸗ ſamo iſt wohl todt, darf ich nur die in der Schuld⸗ urkunde ausgeſprochenen Summen annehmen, Sie be⸗ zahlen mir dieſelben, dafür ſage ich Ihnen meinen ehr⸗ erbietigen Dank. Ich nehme alſo die Anweiſung an, Monſeigneur, und da ich noch am heutigen Tage der ganzen Summe bedarf, ſo werde ich das Gold und das Rlnr was ich Sie bereit zu halten bitte, abholen aſſen.“ Nach dieſen Worten, auf welche der Cardinal nichks zu erwiedern wußte, ſteckte Caglioſtro das Bün⸗ del mit den Papieren in die Taſche, verbeugte ſich ehr⸗ furchtsvoll vor dem Prinzen, in deſſen Hände er den Schein legte, und entfernte ſich. „Das Unglück,“ ſeufzte der Prinz, nach dem Ab⸗ gang von Caglioſtro,„das Unglück trifft nur mich, da die Königin zu bezahlen im Stande iſt, und zu ihr wenigſtens kein unerwarteter Joſeph Balſamo kommen wird, um einen Rückſtand von fünfmal hundert tauſend Livres zu fordern. LVIII. Haushaltungsrechnungen. Es war zwei Tage vor der erſten von der Köni⸗ gin beſtimmten Zahlung. Herr von Calonne hatte ſein Verſprechen noch nicht gehalten. Seine Rechnungen waren noch nicht vom König unterzeichnet. Der Miniſter hatte viel zu thun gehabt und da⸗ durch die Königin ein wenig vergeſſen. Sie, ihrerſeits, 54 hielt es nicht ihrer Würde angemeſſen, das Gedächt⸗ niß des Controleur der Finanzen aufzufriſchen. Da ſie ſeine Zuſage erhalten hatte, ſo wartete ſie. Sie fing indeſſen an unruhig zu werden und ſich zu erkundigen, ſie ſuchte die Mittel, Herrn von Calonne zu ſprechen, ohne die Königin zu compromittiren, als ihr ein Billet folgenden Inhalts vom Miniſter zukam: „Dieſen Abend wird die Sache, mit der mich Eure Majeſtät gnädigſt beauftragt hat, im Rathe un⸗ terzeichnet werden, und die Gelder werden morgen früh bei der Königin ſein.“ 3 Ihre ganze Heiterkeit kehrte auf die Lippen von Marie Antoinette zurück. Sie dachte an nichts mehr, nicht mehr an den ſo ſchweren andern Tag. Man ſah ſie ſogar auf ihren Spaziergängen die einſamſten Alleen ſuchen, als wollte ſie ihre Gedan⸗ ken von aller materiellen und weltlichen Berührung ab⸗ ſondern. Sie ging noch mit Frau von Lamballe und dem Grafen d'Artois ſpazieren, als der König nach ſeinem Mittagsmahle in der Sitzung des Rathes erſchien. Der König war von einer wunderlichen Laune. Aus Rußland kamen ſchlimme Nachrichten. Ein Schiff war im Golf von Lyon untergegangen. Einige Pro⸗ vinzen verweigerten die Steuerbezahlung. Eine ſchöne, vom König ſelbſt polirte und gefirnißte Weltkugel war vor Hitze zerſprungen, und Europa fand ſich bei der Vereinigung des 30. Grades der Breite mit dem 55. der Länge in zwei Theile geſchnitten. Seine Ma⸗ jeſtät ſchmollte mit der ganzen Welt, ſelbſt mit Herrn von Calonne.. Vergebens bot dieſer ſein ſchönes parfumirtes Por⸗ tefeuille mit ſeiner lachenden Miene an. Schweigſam und verdrießlich kritzelte der König auf ein Stück weißes Papier Schraffirungen, welche Sturm bedeuteten, wie die guten Alten und die Pferde ſchön Wetter bedeuteten. 22 Sͤ== ——— 55 Es war eine Manie des Königs, während der Rathsſitzungen zu zeichnen. Ludwig XVI. liebte es nicht, den Leuten in's Geſicht zu ſehen, er war ſchüch⸗ tern; eine Feder in ſeiner Hand gab ihm Sicherheit und Haliung. Während er ſich ſo beſchäftigte, konnte der Redner ſeine Beweisgründe entwickeln; der König, in⸗ dem er das Auge verſtohlen aufſchlug, nahm da und dort ein wenig Feuer mit ſeinen Blicken— gerade ſo viel, als er brauchte, um, die Idee beurtheilend, den Menſchen nicht zu vergeſſen. Sprach er ſelbſt, und er ſprach gut, ſo benahm ſeine Zeichnung ſeiner Rede jedes Ausſehen der An⸗ maßung; er brauchte keine Geberde mehr zu machen; er konnte nach Belieben ſich unterbrechen oder erwär⸗ men, der Zug auf dem Papier erſetzte im Nothfall die Zierrathen des Wortes. Der König nahm alſo, ſeiner Gewohnheit gemäß, die Feder, und die Miniſter fingen an Entwürfe oder diplomatiſche Noten vorzuleſen. Der König gab keine Sylbe von ſich, er ließ die auswärtige Correſpondenz vorüber gehen, als begriffe er kein Wort von dieſer Art von Arbeit. Aber man kam zum Detail der Rechnungen des Monats; er erhob das Haupt. Herr von Calonne hatte einen Auſſatz in Be⸗ ziehung auf das für das folgende Jahr beabſichtigte Anlehen eröffnet. Der König machte mit der größten Wuth Schraf⸗ firungen. „Immer entlehnen, ohne zu wiſſen, wie man es zurückgeben wird,“ ſagte er;„das iſt doch ein Problem, Herr von Calonne.“ „Sire, ein Anlehen iſt ein Aderlaß, den man an einer Quelle macht, das Waſſer verſchwindet hier, um dort im Ueberfluß zu ſtrömen. Mehr noch. es ſieht ſich verdoppelt durch die unterirdiſchen Anpumpungen. Und vor Allem, ſtatt zu ſagen, wie werden wir bezahlen, 56 müßte man ſagen: wie und worauf werden wir ent⸗ lehnen? Denn das Problem, von dem Eure Maje⸗ ſtät ſprach, iſt nicht: womit wird man zurückgeben? ſondern: wird man wohl Glaͤubiger finden?“ Der König trieb ſeine Schraffirungen bis zum undurchſichtigſten Schwarz, doch er fügte kein Wort mehr bei; ſeine Züge ſprachen von ſelbſt. Nachdem Herr von Calonne ſeinen Plan, mit dem Gutheißen ſeiner Collegen, auseinandergeſetzt hatte, nahm der König den Entwurf und unterzeichnete ihn, obwohl ſeufzend. „Nun, da wir Geld haben, geben wir aus,“ ſagte Herr von Calonne lachend. Der König ſchaute ſeinen Miniſter mit einen Gri⸗ maſſe an und machte aus der Schraffirung einen un⸗ geheuren Tintenklecks. 3 Herr von Calonne gab ihm einen Etat, aus Ruhe⸗ gehalten, Gratificationen, Aufmunterungen, Geſchenken und Beſoldungen beſtehend. 4 Die Arbeit war kurz, gut auseinandergeſetzt. Der ſunu wandte die Blätter um und eilte zur Geſammt⸗ umme. „Eine Million und viermal hundert tauſend Livres für ſo wenig! Wie kommt das?“ 3 Und er ließ die Feder ruhen. „Leſen Sie, Sire, leſen Sie, und wollen Sie bemerken, daß bei den elfmal hundert tauſend Livres ein einziger Artikel auf fünfmal hundert tauſend Livres ge⸗ ſtellt iſt. „Welcher Artikel, Herr Generalcontroleur?“ „Der Vorſchuß für Ihre Majeſtät die Königin, Sire.“ „Für die Königin!“ rief Ludwig XVI.„Fünfmal hundert tauſend Livres der Königin! Ei, mein Herr, das iſt nicht möglich!“ „Verzeihen Sie, Sire, die Zahl iſt genau.“ Fünfmal hundert tauſend Livres der Königin!“ wie⸗ derholte der König.„Es muß ein Irrthum obwalten. -— 2 S=— SGSSSSD 57 nt⸗ In der vorigen Woche, nein, vor vierzehn Tagen je⸗ habe ich Ihrer Majeſtät ihre drei Monate ausbezahlen n? laſſen.“ „Sire, wenn die Königin Geld nöthig hat, und umm man weiß, wie Ihre Majeſtät Gebrauch davon macht, ort ſo iſt es nichts Außerordentliches...“ „Nein, nein!“ rief der König;— er fühlte näm⸗ nit lich das Bedürfniß, von ſeiner Sparſamkeit ſprechen te, zu machen, um der Königin einiges Beifallklatſchen hn, zu verſchaffen, wenn ſie in die Oper gehen würde—; „die Königin will dieſe Summe nicht, Herr von Ca⸗ gte lonne. Die Königin hat mir geſagt, ein Schiff ſei mehr werth, als Juwelen. Die Königin denkt, wenn ri⸗ Frankreich entlehne, um ſeine Armen zu ernähren, ſo n⸗ müſſen die reichen Leute Frankreich borgen. Braucht 3 die Königin dieſes Geld, ſo wird ihr Verdienſt größer he⸗ ſein, wenn ſie darauf wartet; und ich ſtehe Ihnen dafür, ken daß ſie warten wird.“ Die Miniſter zollten viel Beifall dieſem patrioti⸗ der ſchen Erguß des Königs, den der göttliche Horaz in nt⸗ dieſem Augenblick nicht Uxorius genannt hätte. Nur Herr von Calonne, der die Verlegenheit der res Königin kannte, beharrte auf der Genehmigung des Poſtens. „Wahrhaftig,“ ſprach der König,„Sie ſind mehr Sie ſür uns intereſſirt, als wir ſelbſt. Beruhigen Sie ſich, ein Herr von Calonne.“ ge⸗„Die Königin, Sire, witd mich beſchuldigen, ich ſei wenig eifrig für ihren Dienſt geweſen.“ 3„Ich werde Ihre Sache bei ihr vertheidigen.“ „Die Königin, Sire, verlangt nie, wenn ſie nicht durch die Nothwendigkeit gezwungen wird.“ „Hat die Königin Bedürfniſſe, ſo ſind ſie, wie ich hoffe, minder gebieteriſch, als die der Armen, und das wird ſie zuerſt zugeſtehen.“ „SGire... 8 „Beſagter Artikel...“ ſprach der König entſchloſſen. 58 Und er nahm die Feder von den Schaffirungen. „Sie durchſtreichen dieſen Credit, Sire?“ rief Herr von Calonne beſtürzt. „Ich durchſtreiche ihn,“ antwortete Ludwig XVI. majeſtätiſch.„Und es iſt mir, als hörte ich hier die edle Stimme der Königin mir danken, daß ich ihr Herz ſo gut erkannt.“ 3 Herr von Calonne biß ſich auf die Lippen. Mit dieſem heldenmüthigen perſönlichen Opfer zufrieden, unterſchrieb der König alles Uebrige mit einem blinden Vertrauen. Und er zeichnete ein ſchönes Zebra, umgeben von Nullen, und wiederholte: „Ich habe heute Abend fünfmal hundert tauſend Livres gewonnen, ein ſchöner Königstag, Herr von Calonne; Sie werden dieſe gute Kunde der Königin überbringen, Sie werden ſehen; Sie werden ſehen.“ „Ah! mein Gott, Sire,“ murmelte der Miniſter, „ich wäre in Verzweiflung, wenn ich Ihnen die Freude dieſes Bekenntniſſes rauben ſollte. Jedem nach ſeinen Verdienſten!“ „Es ſei,“ erwiederte der König,„heben wir die Sitzung auf. Genug der Arbeit, wenn die Arbeit gut iſt. Ahl dort kommt die Königin; gehen wir ihr ent⸗ gegen, Calonne.“ „Sire, ich bitte Eure Majeſtät um Verzeihung, ich habe meine Unterſchrift.“ Und er machte ſich ſo ſchnell als möglich durch den Corridor aus dem Staube. Der König ging muthig und ganz glänzend Marie Antoinette entgegen, welche, ſich mit ihrem Arm auf den des Grafen d'Artois ſtützend, im Vor⸗ hauſe ſang. „Madame,“ ſagte er,„nicht wahr, Sie haben einen guten Spaziergang gemacht?“ „Einen vortrefflichen, und Sie, haben Sie eine gute Arbeit gemacht?“ 1 59 „Beurtheilen Sie ſelbſt, ich habe fünfmal hundert tauſend Livres für Sie gewonnen.“ „LCalonne hat Wort gehalten,“ dachte die Königin. „Stellen Sie ſich vor,“ fügte Ludwig XVI. bei, „Calonne hatte Sie für eine halbe Million auf den Credit geſetzt.“ „Oh!“ machte Marie Antoinette lächelnd. „Und ich.... ich habe durchſtrichen. So ſind fünfmal hundert tauſend Livres mit einem Federſtrich gewonnen.“ „Wie, durchſtrichen?“ rief die Königin erbleichend. „Gerade zu; das wird ungeheuer wohlthätig für Sie ſein. Guten Abend, Madame, guten Abend.“ „Sire! Sire!“ „Ich verſpüre gewaltigen Hunger und kehre in meine Gemächer zurück. Habe ich mein Abendbrod nicht wohl verdient?“ „Sire, hören Sie doch!“ Doch Ludwig hüpfte und entfloh, ſtrahlend über ſeinen Scherz, und ließ die Königin erſtaunt, ſtumm und beſturzt zurück. „Mein Schwager,“ ſagte ſie endlich zum Grafen d'Artvis,„laſſen Sie mir Herrn von Calonne holen, dahinter iſt ein ſchlimmer Streich.“ Gerade in dieſem Augenblick brachte man der Kö⸗ nigin folgendes Billet des Miniſters: „Eure Majeſtät wird erfahren haben, daß der Credit vom König verweigert worden iſt. Das iſt un⸗ begreiflich, Madame, und ich habe mich krank und von Schmerz durchdrungen aus dem Rathe entfernt.“ „Leſen Sie,“ ſagte ſie, das Billet dem Grafen d'Artois reichend. „Und es gibt Leute, welche behaupten, wir ver⸗ ſchleudern die Staatseinkünfte, meine Schwägerin,“ rief der Prinz.„Das iſt das Verfahren...“ „Eines Ehemanns,“ murmelte die Königin.„Gu⸗ ten Abend, mein Schwager.“ 60 „Empfangen Sie meine Beileidsbezeigungen, liebe Schwägerin; ich bin nun gewarnt, ich, der ich morgen verlangen wollte.“ „Man hole mir Frau von La Mothe,“ ſagte die Königin nach einem langen Nachſinnen zu Frau von Miſery,„wo ſie auch ſein mag, und auf der Stelle.“ LIX. Marie Antoinette, Königin. Frau von La Mothe, Weib. Der Courier, den man nach Paris an Frau von La Mothe abſandte, fand die Gräfin oder fand ſie vielmehr nicht beim Cardinal von Rohan. Jeanne hatte Seiner Eminenz einen Beſuch ge⸗ macht, ſie hatte hier zu Mittag geſpeiſt, ſie ſpeiſte hier zu Nacht und unterhielt ſich mit ihm von der unſeligen Rückerſtattung, als der Läufer anfragte, ob ſich die Gräfin bei Herrn von Rohan befinde. Der Portier, als ein gewandter Mann, erwiederte, Seine Eminenz ſei ausgefahren, und Frau von La Mothe befinde ſich nicht im Hotel, doch nichts ſei leichter, als ihr das ſagen zu laſſen, womit Ihre Ma⸗ jeſtät ihren Boten beauftragt, inſofern ſie wahrſcheinlich dieſen Abend in das Hotel kommen würde. „Sie ſoll ſich ſo ſchnell als möglich nach Verſailles begeben,“ ſagte der Läufer; und er entfernte ſich, nach⸗ dem er denſelben Auftrag in allen muthmaßlichen Do⸗ micilen der nomadiſchen Gräfin ausgeſtreut hatte. Doch kaum war der Läufer weggegangen, als der Portier, der ſeinen Auftrag beſorgte, ohne weit zu ge⸗ hen, Frau von La Mothe durch ſeine Frau bei Herrn —— 61 von Rohan, wo die zwei Verbündeten nach Muße über die Unhaltbarkeit großer Geldſummen philoſophirten, benachrichtigen ließ. Die Gräfin begriff bei dieſer Mittheilung, es ſei dringend, daß ſie ſogleich abgehe. Sie verlangte ein Paar gute Pferde vom Cardinal, der ſie ſelbſt in eine Berline ohne Wappen ſetzte, und während er viele Commentare über dieſe Botſchaft machte, fuhr die Gräfin ſo gut, daß ſie in einer Stunde vor das Schloß kam. Es wartete hier Jemand, um ſie ohne Verzug bei Marie Antoinette einzuführen. Die Königin hatte ſich in ihr Zimmer zurückgezogen. Der Nachtdienſt war abgethan und keine Frau mehr in den Gemächern, außer Frau von Miſery, welche im kleinen Boudoir las. Marie Antoinette ſtickte, oder gab ſich den Anſchein, als ſtickte ſte, und horchte dabei mit unruhigem Ohr auf alles Geräuſch außen, als Jeanne auf ſie zuſtürzte. „Ah!“ rief die Königin,„Sie ſind hier, deſto beſſer. Eine Neuigkeit, Gräfin...“ „Eine gute, Madame?“ „Beurtheilen Sie. Der König hat die fünfmal hundert tauſend Livres verweigert.“ „Herrn von Calonne?“ „Jedermann. Der König will mir kein Geld mehr geben. Dergleichen Dinge begegnen nur mir.“ „Mein Gott!“ murmelte die Gräfin. „Das iſt unglaublich, nicht wahr, Gräfin? Ver⸗ weigern, die ſchon ausgefertigte Anweiſung durchſtrei⸗ chen! Doch, ſprechen wir nicht mehr von dem, was todt iſt. Sie werden ſogleich nach Paris zurückkehren.“ „Ja, Madame.“ „Und dem Cardinal ſagen, da er mit ſo viel Hin⸗ gebung zu Werke gegangen, um mir Vergnügen zu machen, ſo nehme ich ſeine fünfmal hundert tauſend Livres bis zum nächſten Quartal an. Das iſt ſelbſt⸗ 62 ſüchtig von mir, Gräfin, doch ich muß.... ich miß⸗ brauche ſeine Güte.“ „Ah! Madame,“ murmelte Jeanne,„wir ſind ver⸗ loren. Der Herr Cardinal hat kein Geld mehr.“ Die Königin ſprang auf, als wäre ſie verwundet oder beleidigt worden. „Kein... Geld... mehr?“ ſtammelte ſie. „Madame, eine Schuldforderung, an die Herr von Rohan nicht mehr dachte, iſt an ihn geſtellt worden. Es war eine Ehrenſchuld, er hat bezahlt.“ „Fünfmal hundert tauſend Livres?“ „Ja, Madame.“ „Aber...“ „Sein letztes Geld... Kein Mittel mehr.“ Die Königin hielt, wie betäubt durch dieſes Un⸗ glück, inne. „Nicht wahr, ich bin wohl wach?“ ſagte ſie dann. „Mir begegnen alle dieſe Verrechnungen? Woher wiſſen Sie, Gräfin, daß Herr von Rohan kein Geld mehr hat?“ „Er erzählte mir dieſen Unſtern vor anderthalb Stunden, Madame. Das Unglück iſt um ſo weniger wieder gut zu machen, als dieſe fünfmal hundert tau⸗ ſend Livres das waren, was man den Boden der Schublade nennt.“ Die Königin ſtützte ihre Stirne auf ihre beiden Hände. „Man muß einen großen Entſchluß faſſen,“ ſagte ſie. „Was will die Königin thun?“ dachte Jeanne. „Sehen Sie, Gräfin, das iſt eine furchtbare Lec⸗ tion, die mich dafür beſtrafen wird, daß ich hinter dem. Rücken des Königs eine Handlung von mittelmäßiger Wichtigkeit, von geringer Ehrſucht oder von gemeiner Coquetterie begangen habe. Geſtehen Sie, dieſes Hals⸗ band war kein Bedürfniß für mich?“ „Das iſt wahr, Madame, doch wenn eine Königin nur ihre Bedürfniſſe und ihren Geſchmack um Rath fragte...“ au ec⸗ ls⸗ gin ath 63 „Ich will vor Allem meine Ruhe, das Glück mei⸗ nes Hauſes zu Rathe ziehen. Es brauchte nicht mehr, als dieſe erſte Niederlage, um mir darzuthun, wie vie⸗ len Verdrießlichkeiten ich mich auszuſetzen im Begriff ſtand, wie fruchtbar an Widerwärtigkeiten der Weg war, den ich gewählt hatte. Gehen wir offen, gehen wir frei, gehen wir einfach zu Werke.“ „Madame!“ „Und um anzufangen, opfern wir unſere Eitelkeit auf dem Altar der Pflicht, wie Herr Dorat ſagen würde.“ Dann murmelte ſie mit einem Seufzer: „Ohl das Halsband war doch ſehr ſchön!“ „Es iſt noch ſo.“ „Von nun an iſt es nur noch ein Haufen Steine für mich. Mit den Steinen macht man, wenn man damit geſpielt hat, was die Kinder nach dem Mühlenſpiel damit machen, man wirft ſie weg, man läßt ſie liegen.“ „Was will die Königin hiemit ſagen?“ „Die Königin will ſagen, liebe Gräſin, Sie wer⸗ den das... von Herrn von Rohan mir überbrachte Etui zurücknehmen und wieder zu den Juwelieren Böhmer und Boſſange tragen.“ „Es ihnen zurückgeben?“ „Allerdings.“ „Aber, Madame, Eure Majeſtät hat zweimal hun⸗ dert und fünfzig tauſend Livres Angeld gegeben!“ „Dabei gewinne ich abermals zweimal hundert und fünfzig tauſend Livres, und ich bin nun im Ein⸗ klang mit den Rechnungen des Königs.“ „Madame! Madame!“ rief die Gräfin,„ſo eine Viertelsmillion verlieren! Denn es kann geſchehen, daß die Juweliere Schwierigkeiten machen, die Gelder zurückzugeben, über die ſte verfügt haben werden.“ „Darauf zähle ich und ich überlaſſe ihnen das Angeld unter der Bedingung, daß der Handel rückgän⸗ gig wird. Seitdem ich dieſes Ziel erſchaue, Gräfin, fühle ich mich viel leichter. Mit dieſem Halsband 64 haben ſich hier die Sorgen, der Verdruß, die Angſt, der Argwohn einquartiert. Nie hätten dieſe Diamanten Feuer genug gehabt, um alle die Thränen zu trocknen, die ich in Wolken über mir laſten fühle. Gräfin, tra⸗ gen Sie mir dieſes Etui auf der Stelle fort. Die Iuweliere machen da ein gutes Geſchäft. Zweimal hundert und fünfzig tauſend Livres Reukauf, das iſt ein Gewinn; es iſt der Nutzen, den ſte an mir machten, und dabei haben ſie noch das Halsband. Ich denke, ſie werden ſich nicht beklagen, und Niemand wird etwas davon erfahren.“ „Aber Herr von Rohan, Madame?“ „Der Cardinal hat nur in der Abſicht, mir Ver⸗ gnügen zu machen, gehandelt. Sie ſagen ihm, es ſei mein Vergnügen, das Halsband nicht mehr zu haben, und wenn er ein Mann von Geiſt iſt, ſo wird er mich verſtehen; iſt er ein guter Prieſter, ſo wird er mein Benehmen billigen und mich in meinem Opfer be⸗ ſtärken.“ So ſprechend, reichte die Königin Jeanne das ge⸗ ſchloſſene Etui. Dieſe ſchob es ſanft zurück und ſagte: „Madame, warum wollen Sie es nicht verſuchen, noch eine Friſt zu erlangen?“ „Verlangen... nein!“ „Ich habe geſagt erlangen, Madame.“ „Verlangen, heißt ſich demüthigen, Madame; er⸗ langen, heißt gedemüthigt werden. Ich würde vielleicht begreifen, da man ſich für eine geliebte Perſon de⸗ müthigte, daß man ſich demüthigte, um ein lebendes Geſchöpf zu retten, und wäre es nur ſein Hund; doch um das Recht zu haben, dieſe Steine zu behalten, welche brennen, wie die angezündete Kohle, ohne mehr leuchtend und ebenſo dauerhaft zu ſein, oh! Gräfin, nie wird mich ein Rath beſtimmen, das anzunehmen! Tragen Sie das Etui fort, meine Liebe, tragen Sie es fort.“ „Aber bedenken Sie, Madame, welchen Lärmen 65 dieſe Juweliere machen werden, aus Höflichkeit wenig⸗ ſtens, und um Sie zu beklagen. Ihre Zurückweiſung wird Sie eben ſo ſehr dem Verdruß und der Nachrede ausſetzen, als Ihre Einwilligung. Das ganze Publi⸗ kum wird erfahren, daß Sie die Diamanten in Ihrer Gewalt gehabt haben.“ „Niemand wird es erfahren. Ich bin dieſen Ju⸗ welieren nichts mehr ſchuldig; ich werde ſie nicht mehr empfangen; es iſt doch das Wenigſte, daß ſie für meine zweimal hundert und fünfzigtauſend Livres ſchweigen; und meine Feinde, ſtatt zu ſagen, ich kaufe für andert⸗ halb Millionen Diamanten, werden nun ſagen, ich werfe mein Geld in den Handel. Das iſt minder un⸗ angenehm. Tragen Sie es fort, Gräfin, tragen Sie es fort, und danken Sie Herrn von Rohan für ſeine Freundlichkeit und ſeinen guten Willen.“ Und mit einer gebieteriſchen Geberde reichte die Königin das Etui abermals Jeanne, welche dieſe Laſt c ohne eine gewiſſe Bewegung in ihren Händen ühlte. „Sie haben keine Zeit zu verlieren,“ fuhr die Kö⸗ nigin fort;„je weniger die Juweliere Unruhe haben werden, deſto ſicherer werden wir der Geheimhaltung ſein; fahren Sie raſch zurück, und Niemand ſehe das Etui. Begeben Sie ſich zuerſt in Ihre Wohnung, denn ich befürchte, ein Beſuch bei Böhmer zu dieſer Stunde könnte Verdacht bei der Polizei erregen, die ſich ſicher⸗ lich mit dem beſchäftigt, was man bei mir thut; dann, wenn Ihre Rückkehr die Spione von der Fährte abge⸗ bracht hat, gehen Sie zu den Juwelieren und bringen Sie mir einen Empfangſchein von ihnen.“ „Ja, Madame, es ſoll ſo geſchehen, da Sie es wollen.“ Sie ſteckte das Etui unter ihr Mäntelchen, wobei ſee dafür beſorgt war, daß nichts den Umfang deſſelben verrieth, und ſtieg in den Wagen mit all dem Eifer, den die Genoſſin ihrer Handlung forderte. Das Halsband der Koͤnigin. III. 5 66 Zuerſt ließ ſie ſich nach Hauſe fahren und ſchickte den Wagen zu Herrn von Rohan zurück, um dem Kutſcher, der ſie geführt, nichis von dem Geheimniß zu enthüllen. Dann ließ ſie ſich umkleiden, um ein minder elegantes und mehr für dieſes nächtliche Unter⸗ nehmen geeignetes Gewand anzuthun. Ihre Kammerfrau kleidete ſie raſch an, und be⸗ merkte, daß ſie während dieſer Operation, welche ge⸗ wöhnlich mit der ganzen Aufmerkſamkeit einer Dame von Hoſe beehrt wurde, nachdenkend und zerſtreut war. Jeanne dachte in der That nicht an ihre Tollette, ſte ließ mit ſich machen, und richtete ihr Nachdenken auf einen ſeltſamen, ihr von der Gelegenheit eingege⸗ benen Gedanken. Sie fragte ſich, ob der Cardinal nicht einen großen Fehler begehe, wenn er die Königin dieſen Schmuck zurückgeben laſſe, und ob der begangene Fehler nicht eine Verminderung für das Glück herbei'ühren werde, das Herr von Rohan träume, und welches zu erreichen er, die kleinen Geheimuiſſe der Königin theilend, ſich ſchmeicheln fönne. Dem Befehle von Marie Antoinette gemäß han⸗ deln, ohne ſich mit Herrn von Rohan zu berathen, hieß das nicht ſich gegen die erſten Pflichten des Bünd⸗ niſſes verfehlen? Würde der Cardinal, wenn er mit allen ſeinen Mitteln am Ende, nicht lieber ſich ſelbſt verkaufen, als die Königin eines Gegenſtands beraubt laſſen, nach dem ſie begehrt hatte? „Ich kann es nicht anders machen, als mich mit dem Cardinal berathen,“ ſagte Jeanne zu ſich ſelbſt. „Vierzehnmal hundert tauſend Livres,“ fügte ſte in ihrem Geiſte bei;„nie wird er vierzehnmal hundert tauſend Livres haben!“ Dann wandte ſie ſich plötzlich gegen ihre Kammer⸗ frau um und ſagte: „Gehen Sie, Roſe.“ 67 Die Kammerfrau gehorchte, und Frau von La Mothe ſetzte ihren geiſtigen Monolog fort.. „Welche Summe! welch' ein Vermögen, und wie all die Glückſeligkeit, all der Glanz, den eine ſolche Summe verſchafft, durch die kleine Schlange in Edel⸗ ſteinen, welche in dieſem Etui hier flammt, gut dar⸗ geſtellt ſind!“ 4 Sie öffnete das Etui und verſengte ſich die Augen bei der Beruhruung dieſer rieſelnden Flammen. Sie zog das Halsband aus dem Atlas, rollte es in ihren dern ſchloß es in ihre zwei kleinen Hände und agte: 4„Vierzehnmal hundert tauſend Livres, welche hierin Raum haben, denn dieſes Halsband hat wirklich einen Geldwerth von vierzehnmal hundert tauſend Liores, und die Juweliere würden noch heute dieſen Preis be⸗ ahlen. 1„Ein ſeltſames Geſchick, das Jeanne von Valois, der Betilerin, der Unbekannten, geſtattet, mit ihrer Hand die Hand der Königin, der größten der Welt, zu berühren, und auch in ihren Händen, allerdings fuͤr eine Stunde, vierzehnmal hundert tauſend Livres zu be⸗ ſitzen, eine Summe, die in dieſer Welt nie allein geht, und die man ſtets durch bewaffnete Wächter oder durch Garantien begleiten läßt, welche in Frankreich nicht geringer ſein können, als die eines Cardinals und einer Königin. „ Das Alles in meinen Fingern! Wie ſchwer das iſt und wie es leicht iſt! „Um in Gold, dieſem koſtbaren Metall, das Equi⸗ valent dieſes Kleinods fortzuſchaffen, hätte ich zwei Pferde nöthig; um es in Kaſſenbillets fortzuſchaffen... und werden die Kaſſenbillets immer bezahlt? muß man nicht unterzeichnen, controliren? Und dann iſt ein Billet Papier; das Feuer, die Luft, das Waſſer zer⸗ ſtören es. Ein Kaſſenbillet hat nicht in allen Ländern Curs; es verräth ſeinen Urſprung, es Menbart den 68 Namen des Ausſtellers, den Namen ſeines Inhabers. Ein Kaſſenbillet verliert nach einiger Zeit einen Theil ſeines Werthes, oder ſeinen ganzen Werth. Die Diamanten dagegen ſind die harte Materie, welche Allem wider⸗ ſteht, und die Jedermann kennt, ſchätzt, bewundert und kauft, in London, in Berlin, in Madrid, in Braſilien ſogar. Alle verſtehen einen Diamant, einen Diamant beſonders von dem Schnitt und dem Waſſer, wie man es in dieſen ſindet! Wie ſchön ſind ſie! Wie bewun⸗ derungswürdig ſind ſie! Welche Geſammtmaſſe und welche Einzetheit! Jeder von ihnen iſt vielleicht ge⸗ trennt, verhältnißmäßig mehr werth, als alle mitein⸗ ander! „Doch woran denke ich!“ ſagte ſie plötzlich;„faſſen wir raſch den Entſchluß, entweder den Cardinal auf⸗ zuſuchen, oder das Halsband, dem Auſtrage der Köni⸗ gin gemäß, Böhmer zurückzugeben.“ Sie erhob ſich, immer in ihrer Hand die Dia⸗ manten haltend, die ſich erwärmten und glänzten. „Sie werden alſo zu dem kalten Juwelier zurück⸗ kehren, der ſie abwägen und mit ſeiner Burſte po⸗ liren wird. Sie, die am Buſen von Marie Antoinette glänzen könnten... Böhmer wird zuerſt aufſchreien, dann ſich bei dem Gedanken, er habe den Nutzen und behalte die Waare, beruhigen. Ah! ich vergaß, in welcher Form ſoll ich den Empfangſchein der Juwe⸗ liere abfaſſen laſſen? Das iſt ernſter Natur, es iſt bei dieſer Abfaſſung mit viel Diplomatie zu Werke zu gehen. Die Schrift darf weder Böhmer, noch die Königin, noch den Cardinal, noch mich verbindlich machen. 3 „Ich werde nie eine ſolche Urkunde allein entwer⸗ fen. Ich bedarf eines Rathes. „Der Cardinal... Oh! nein. Wenn der Car⸗ dinal mich liebte oder reicher wäre und mir die Dia⸗ manten ſchenkte...“ Sie ſetzte ſich auf ihr Sopha, die Diamanten um an 69 ihre Hand gewickelt, den Kopf brennend, voll verwor⸗ rener Gedanken, die ſie bald erſchreckten, bald von ihr mit einer fieberhaften Energie zurückgeſtoßen würden. Plötzlich ward ihr Auge ruhiger, feſter, mehr auf ein Bild des Geiſtes geheftet; ſie gewahrte nicht, daß die Minuten vergingen, daß Alles in ihr eine fortan unerſchütterliche Haltung annahm; daß ſie, jenen Schwimmern ähnlich, die den Fuß in den Schlamm der Flüſſe geſetzt haben, jede Bewegung, die ſie machte, um ſich zu befreien, weiter hinabzog. Eine Stunde verging in dieſer ſtummen und tiefen Beſchauung eines geheimnißvollen Ziels. Wonach ſie langſam aufſtand, erbleicht wie die Prieſterin durch die Inſpiration, und ihrer Kammer⸗ frau läutete. Es war zwei Uhr Morgens. „Suchen Sie mir einen Fiacre,“ ſagie ſie,„oder binen Handwagen, wenn kein anderes Gefährt mehr a iſt.“ Die Dienerin fand einen Fiacre, der in der Vieille Rue du Temple ſchlief. Frau von La Mothe ſtieg allein ein und ſchickte ihre Kammerfrau zurück. Nach zehn Minuten hielt der Fiacre vor der Thüre des Pamphletſchreibers Reteaux von Villette. 1X. Der Empfangſchein von Böhmer und die Ver⸗ ſchreibung der Königin. Das Reſultat dieſes nächtlichen Beſuchs bei dem Pamphletſchreiber Reteaux von Villette erſchien erſt am andern Tag, und zwar auf folgende Weiſe: 70 Um ſieben Uhr Morgens überſandte Frau von La Mothe der Königin einen Brief, der den Emp angſchein der Juweliere enthielt. Dieſes wichtige Aktenſtück war alſo abgefaßt: „Wir, die Unterzeichneten, anerkennen, das urſprüng⸗ lich an die Königin gegen eine Summe von ſechszehn⸗ mal hundert tauſend Livres verkaufte Diamanten⸗Hals⸗ band wieder in Beſitz genommen zu haben, da die Diamanten Ibrer Majeſtät nicht angeſtanden find, welche uns für unſere Bemühungen und Auslagen durch die Ueberlaſſung einer in unſere Hände bezahlten Summe von zweimal hundert und fünfzig tauſend Livres entſchädigt hat. Unterz. Böhmer und Boſſange.“ Nunmehr über die Angetegenheit, welche ſie lange gequält hatte, beruhigt, ſchloß die Königin den Schein in ihr Arbeitstiſchchen ein und dachte nicht mehr daran. Aber in einem ſeltſamen Widerſpruch mit dieſem Schein, erhielten die Juweliere Böhmer und Boſſange zwei Tage nachher einen Beſuch vom Cardinal von Rohan, der einige Bangigkeit über die Bezahlung der zwiſchen den Verkäufern und der Königin feſtgeſetzten erſten Rate gehegt hatte. Herr von Rohan fand Böhmer in ſeinem Hauſe auf dem Quai del Ecole. Seit dem Morgen, der Ver⸗ fallzeit der erſten Rate, mußte, wenn Verzug oder Wei⸗ gerung ſtattgefunden hätte, Lärm im Lager der Juwe⸗ liere ſein.* Aber das Haus von Böhmer athmete ganz im Gegentheil Ruhe, und Herr von Rohan fühlte ſich glücklich, als er ein gutes Geſicht bei den Dienern, einen runden Rücken und einen wedelnden Schwanz bei dem Hunde des Juweliers fand. Böhmer empfing ſeinen vornehmen Kunden mit der freudigen Miene der Befriedigung. Nun!“ fagte Herr von Rohan,„es iſt heute Zah⸗ lungstermin. Die Königin hat alſo bezahlt?“ 71 „Monſeigneur, nein,“ antwortete Böhmer,„Ihre Majeſtät konnte kein Geld geben. Sie wiſſen, daß Herr von Calonne ſich vom König abgewieſen geſehen hat, die ganze Welt ſpricht davon.“ „Ja, die ganze Welt ſpricht davon, Böhmer, und es iſt gerade dieſe Abweiſung, was mich hierherführt.“ „Doch Ihre Majeſtät iſt vortrefflich und vom beſten Willen. Da ſie nicht bezahlen konnte, ſo hat ſie die Schuld garantirt, und wir verlangen nicht mehr.“ „Ah! deſto beſſer!“ rief der Cardinal,„die Schuld garantirt, ſagen Sie? Das iſt ſehr gut, doch... wie?“ „Auf die einfachſte und zarteſte Weiſe,“ erwiederte der Juwelier,„auf eine ganz königliche Weiſe.“ „Durch die Vermittelung der geiſtreichen Gräfin vielleicht?“ „Nein, Monſeigneur, nein. Frau von La Mothe iſt nicht einmal erſchienen, und das hat uns ungemein geſchmeichelt, Herrn Boſſange und mir.“ „Nicht erſchienen! die Gräfin iſt nicht erſchienen? Glauben Sie mir, daß ſie von Bedeutung bei dieſer Sache iſt, Herr Böhmer. Jede gute Eingebung muß der Gräfin entfließen. Sie begreifen, ich benehme hiedurch Ihrer Majeſtät nichts.“ „Monſeigneur wird beurtheilen, ob Ihre Majeſtät zart und gut gegen uns geweſen iſt. Es hatten ſich Gerüchte uͤber die Weigerung des Königs in Betreff der Anweiſung der fünfmal hundert tauſend Livres verbreitet; wir ſchrieben an Frau von La Mothe.“ „Wann dies?“ „Geſtern, Monſeigneur.“ „Was antwortete ſie?“ „Cure Eminenz weiß nichts davon?“ fragte Böhmer nis einer unmerklichen Nuance ehrerbietiger Vertrau⸗ ichkeit. 8 „Nein, ſeit drei Tagen habe ich nicht die Ehre gehabt, die Frau Gräͤfin zu ſehen,“ erwiederte der Prinz als wahrer Prinz. 72 „Wohl! Frau von La Mothe erwiederte mir die zwei Worte:„„Warten Sie.““ „Schriftlich.“ „Nein, Monſeigneur, mündlich. In unſerm Briefe baten wir Frau von La Mothe, Sie um eine Audienz zu erſuchen und die Königin darauf aufmerkſam zu machen, daß der Zahlungstermin herannahe. 4. „Das Wort: Warten Sie, war ganz natürlich,“ ſagte der Cardinal.. „Wir warteten alſo, Monſeigneur, u Abend erhielten wir von der Königin, durch geheimnißvollen Courier, einen Brief.“ „Einen Brief! an Sie, Böhmer?““ „Oder vielmehr eine Verſchreibung in guttt Monſeigneur.“. „Laſſen Sie ſehen.“ geſtern „Ogl ich wurde ſie Ihnen zeigen, häͤtten wir, einen ſehr mein Aſſocié und ich, nicht geſchworen, ſie Niemand ſehen zu laſſen.“ „Und warum?“ „Weil dieſe Behutſamkeit uns von der Königin ſelbſt auferlegt worden iſt; beurtheilen Sie, Ihre Ma⸗ jeſtät empftehlt uns Geheimhaltung.“ „Ah!l das iſt etwas Anderes; Sie ſind ſehr glück⸗ lich, meine Herren Juweliere, daß Sie Briefe von der Königin beſitzen.“ „Für dreizehnmal hundert und fünfzig tauſend Li⸗ vres, Monſeigneur,“ ſagte kichernd der Juwelier,„man kann haben...“ „Zehn Millionen, und hundert Millionen bezahlen gewiſſe Dinge nicht,“ erwiederte der Cardinal mit ſtrengem Tone.„Sie haben alſo gute Garantie?“ „So gut als möglich, Monſeigneur.“ „Die Königin hat die Schuld anerkannt?“ „In gebührender Form.“ „Und macht ſich verbindlich, zu bezahlen...“ 73 „In drei Monaten fünfmal hundert tauſend Livres; den Reſt in einem halben Jahr.“ „Und... die Intereſſen?“ „Oh! Monſeigneur, ein Wort Ihrer Majeſtät verbürgt uns dieſelben.„Machen wir,““ fügt Ihre Majeſtät voll Güte bei,„„machen wir dieſe Angelegenheit unter uns ab;“ unter uns, Eure Eminenz begreift die Empfehlung;„„Sie werden keinen Anlaß haben, es zu be⸗ reuen.““ Und ſie unterzeichnet. Von nun an, ſehen Sie, Monſeigneur, iſt das für mich und meinen Aſſociégine Ehrenſache.“ 35 bin nun quitt gegen Sie, Herr Boͤhmer,“ ſagte Per Cardinal entzückt;„bald ein anderes Ge⸗ ſchäft. 9 „Wenn uns Eure Eminenz mit Ihrem Vertrauen beehren wird...“ „Doch bemerken Sie abermals hierin die Hand dieſer liebenswürdigen Gräfin...“ „Wir ſind Frau von La Mothe ſehr dankbar, Monſeigneur, und wir haben beſchloſſen, Herr Boſſange und ich, für dieſe Güte erkenntlich zu ſein, wenn uns das Halsband, völlig bezahlt, wieder zu baarem Geld gebracht haben wird.“ „Stl ſt!“ machte der Cardinal,„Sie haben mich nicht begriffen.“ Und er kehrte zu ſeinem Wagen zurück, geleitet von den Ehrfurchtsbezeigungen des ganzen Hauſes. Man kann nun die Larve aufheben. Für Niemand iſt der Schleier auf der Bildſäule geblieben. Was Jeanne von La Mothe gegen ihre Wohlthäterin gethan, Jeder hat das begriſſen, als er ſie die Feder des Pam⸗ phletſchreibers Reteaur von Villette entlehnen ſah. Keine Unruhe bei den Juwelieren, keine Bedenklichkeiten bei der Königin, keine Zweifel bei dem Cardinal mehr. Drei Monate ſind der Ergründung des Betrugs und des Verbrechens gegeben; in dieſen drei Monaten wer⸗ 74 den die unſeligen Früchte hinreichend gereift ſein, daß die ruchloſe Hand ſie pflücken kann. Jeanne kehrte zu Herrn von Rohan zurück, und dieſer fragte ſie, wie ſich die Königin benommen habe, um ſo den Forderungen der Juweliere zu entſprechen. Frau von La Mothe erwiederte, die Königin habe den Juwelieren eine vertrauliche Mittheilung gemacht; die Geheimhaltung ſei empfohlen worden; eeine Köni⸗ gin, welche bezahle, habe ſchon genug nöthig, ſich zu verbergen, aber ſie ſei hiezu noch ganz anders gezwun⸗ gen, wenn ſie Credit verlange. Der Cardinal gab zu, ſie habe Recht, und zu gleicher Zeit fragte er, ob man ſich noch ſeiner guten Abſichten erinnere. Jeanne entwarf ein ſolches Gemälde von der Dank⸗ barkeit der Königin, daß Herr von Rohan viel mehr als Liebhaber, denn als Unterthan, viel mehr in ſeinem Stolze, als in ſeiner Ergebenheit begeiſtert war. Jeanne, indem ſie dieſe Unterredung zu ihrem Ziele führte, hatte beſchloſſen, friedlich nach Hauſe zurückzukehren, ſich mit einem Edelſteinhändler zu be⸗ ſprechen, für hundert tauſend Thaler Diamanten zu verkaufen und damit nach England oder Rußland, freien Ländern, zu entweichen, in denen ſie mit dieſer Summe fünf bis ſechs Jahre reich leben würde, nach deren Ablauf ſte, ohne beunruhigt werden zu können, vor⸗ theilhaft, im Einzelnen, den Reſt der Diamanten ver⸗ kaufen würde. Doch es gelang nicht Alles nach ihren Wünſchen. Bei den erſten Diamanten, die ſie zwei Kenner ſehen ließ, erſchreckten das Erſtaunen dieſer Menſchen mit den Argusaugen und ihr zurückhaltendes Benehmen die Verkäuferin. Der Eine bot verächtliche Summen der Andere gerieth in Extaſe vor den Steinen und ſagte, er habe nie ähnliche geſehen, wenn nicht in dem Halsband von Böhmer. 1 Jeanne hielt inne. Sie begriff, daß die Unvorſich⸗ .= g = 75 tigkeit in einem ſolchen Fall der Ruin, daß der Ruin der Schandpfahl und ein lebenslängliches Gefängniß waren Sie verſchloß die Diamanten in das tiefſte ihrer Verſtecke und faßte den Entſchluß, ſich mit ſo ſoliden Vertheidigungswaffen, mit ſo ſcharfen Angriffswaffen zu verſehen, daß im Falle eines Krieges diejenigen, welche ſich im Kampfe zeigen würden, zum Voraus verloren wären. Zwiſchen dem Verlangen des Cardinals, der immer zu erfahren ſuchen würde, zwiſchen den Indiscretionen der Königin, die immer ſich rühmen würde, daß ſie ausgeſchlagen habe, laviren, war eine furchtbare Ge⸗ fahr. Ein Wort zwiſchen der Königin und dem Car⸗ dinal ausgetauſcht, und Alles war entd ckt. Jeanne tröſtete ſich wieder dadurch, daß ſie bedachte, verliebt in die Königin, habe der Cardinal, wie alle Verliebte, eine Binde auf der Stirne und er würde folglich in alle Fallen ſtürzen, die ihm die Liſt unter einem Schat⸗ ten von Liebe ſtellen würde. Doch dieſe Falle mußte eine geſchickte Hand ſo bieten, daß die zwei Intereſſirten darin gefangen wür⸗ den. Entdeckte die Königin den Diebſtahl, ſo durfte: ſie es nicht wagen, ſich zu beklagen, entdeckte der Car⸗ dinal den Betruag, ſo mußte er ſich verloren fühlen. Es war ein Meiſterſtreich gegen zwei Gegner zu ſpielen, welche zum Voraus die ganze Gallerie für ſich hatten. Jeanne wich nicht zurück. Sie gehörte zu jenen unerſchrockenen Naturen, welche das Böſe bis zum Heldenmuth, das Gute bis zum Schlimmen treiben. Ein einziger Gedanke beſchäftigte ſte von dieſem Augen⸗ blick an, der, eine Zuſammenkunſt des Cardinals mit der Königin zu verhindern. So lange ſie, Jeanne, zwiſchen ihnen ſtünde, war nichts verloren, wechſelten ſie hinter ihr ein Wort, ſo richtete dieſes Wort bei Jeanne das Glück der Zukunft zu Grunde, deſſen Gerüſte auf der Harmloſigkeit der Vergangenheit errichtet war. 76 „Sie werden ſich nicht mehr ſehen,“ ſagte ſte.„Nie mehr. 3 „Aber,“ warf ſie ein,„der Cardinal wird die Königin wiederſehen wollen; er wird Verſuche zu die ſem Ende machen. „Warten wir nicht, bis er es verſucht,“ dachte die Schlaue;„geben wir ihm einen Gedanken ein. Er wolle ſie ſehen; er bitte ſte darum; er compromittire ſich, indem er darum bittet. „Ja, doch wenn nur er compromittirt iſt?“ Dieſer Gedanke verſetzte ſie in eine ſchmerzliche Verlegenheit. „Wäre er allein compromittirt, ſo hatte die Kö⸗ nigin ihre Zuflucht; ſie ſpricht ſo laut, die Königin; ſie weiß ſo gut den Betrügern eine Larve zu entreißen. „Was iſt zu thun? Damit die Königin nicht an⸗ ſchuldigen kann, muß ſie den Mund nicht öffnen können; um dieſen edlen und muthigen Mund zu ſchließen, muß man die Federn deſſelben durch die Initiative einer Anklage niederdrücken. „Vor einem Gerichte ſeinen Diener eines Diebſtahls zu bezüchtigen, wagt derjenige nicht, der durch ſeinen Diener eines Verbrechens, welches ſo entehrend iſt, als der Diebſtahl, überwieſen werden kann. Wird Herr von Rohan in Beziehung auf die Königin compromit⸗ tirt, ſo iſt es beinahe ſicher, daß die Königin in Be⸗ ziehung auf Herrn von Rohan compromittirt werden wird. „Doch der Zufall nähere einander dieſe zwei Perſonen nicht, in deren Intereſſe es liegt, dieſes Ge⸗ heimniß zu entdecken.“ Jeanne wich Anfangs vor der Unermeßlichkeit des Felſen zurück, den ſie uͤber ihrem Haupte aufgehängt hatte. So keuchend, erſchrocken, angſtvoll, unter der Drohung eines ſolchen Sturzes leben! Ja, doch wie dieſer Angſt entgehen? Durch die Verbannung, durch die Flucht! durch die Ueberſchaffung 77 der Diamanten vom Halsband der Königin in ein fremdes Land! Entfliehen! ein Leichtes. Eine gute Chaiſe bringt die Sache in zehn Stunden zu Wege; der Raum von einem jener koſtbaren Schlafen der Königin; der Zwiſchenraum, den der Cardinal zwiſchen ein Abend⸗ brod mit ſeinen Freunden und ſein Aufſtehen am andern Tag legt. Die Landſtraße entrolle ſich vor Jeanne, ſie biete ihr endloſes Pflaſter den brennenden Fußen der Roſſe, das genügt. Jeanne wird in zehn Stunden frei und unverſehrt ſein. Doch welches Aergerniß! welche Schmach! Ver⸗ ſchwunden, obgleich frei; in Sicherheit, obgleich geächtet; Jeanne iſt teine Frau von Stand mehr, es iſt eine Diebin, eine dem Gerichte Entwichene, welche die Juſtiz nicht erreicht, aber bezeichnet, die das Eiſen des Hen⸗ kers, weil ſie zu weit enifernt iſt, nicht brandmarkt, aber die öffentliche Meinung zermalmt. Nein. Sie wird nicht fliehen. Der Gipfel der Verwegenheit und der Gipfel der Gewandtheit ſind wie jene zwei Spitzen des Atlas, die den Zwillingen der Erde gleichen. Der eine führt zum andern, der eine hat denſelben Werth, wie der andere. Wer den einen ſieht, ſieht den andern. Jeanne beſchloß, mit Verwegenheit zu bezahlen und zu bleiben. Sie beſchloß dies beſonders, als fie die Möglichkeit erſchaut hatte, zwiſchen dem Cardinal und der Konigin eine Solidarität der Angſt für den Tag zu ſchaffen, wo der Eine oder die Andere wahr⸗ nehmen wollte, es ſei ein Diebſtahl innerhalb ihrer innigen Freundſchaft begangen worden. Jeanne hatte ſich gefragt, wie viel in zwei Jahren die Gunſt der Königin und die Liebe des Cardinals eintragen würden; ſie hatte den Ertrag von dieſen zwei Glücken zu ſechsmal hundert tauſend Livres ge⸗ ſchätzt, wonach der Ueberdruß, die Ungnade und die 78 Vernachläſſigung die Gunſt und die Bevorzugung ſüh⸗ nen laſſen würden. „Ich gewinne bei meinem Plane ſieben⸗ bis acht⸗ maaudet tauſend Livres,“ ſagte die Gräfin zu ſich elbſt. Man wird ſehen, wie dieſe tiefe Seele den ge⸗ krümmten Weg zurücklegte, der zur Schande für ſie, zur Verzweiflung für die Andern auslaufen ſollte. „In Paris bleiben,“ faßte die Gräfin zuſammen, „feſten Fußes dem ganzen Spiele der zwei Perſonen beiwohnen, ſie nur die meinen Intereſſen nützliche Rolle ſpielen laſſen; unter den guten Augenblicken einen für die Flucht günſtigen Augenblick wählen, mag dies ein von der Königin gegebener Auftrag oder eine Ungnade ſein, die man im Fluge auffangen würde. „Den Cardinal verhindern, ſich je mit Marie An⸗ toinette zu unterreden. „Das iſt hauptſächlich die Schwierigkeit, da Herr von Rohan verliebt iſt, da er Prinz iſt, da er mehrere Male im Jahr das Recht des Eintritts bei der Königin hat, und die Königin, coquette, huldigungsſüchtig, über⸗ dies dankbar gegen den Cardinal, nicht entfliehen wird, wenn man ſie aufſucht. „Das Mittel, dieſe zwei erhabenen Perſonen zu trennen, wird der Zufall liefern. Man wird die Er⸗ eigniſſe unterſtützen. „Nichts wäre ſo gut, ſo geſchickt, als bei der Königin den Stolz anzuſtacheln, der die Keuſchheit krönt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein etwas lebhaftes Vordringen des Cardinals die zarte und empfindliche Frau verletzt. Naturen, wie die der Kö⸗ nigin, lieben die Huldigungen, fürchten aber die An⸗ griffe und weiſen ſte zuruͤck. „Ja, das Mittel iſt unfehlbar. Indem man Herrn von Rohan räth, ſich frei zu erklären, wird man im „Geiſte der Königin eine Bewegung des Ekels, des 79 Widerwillens bewerkſtelligen, welche für immer, nicht den Fürſten von der Fürſtin, ſondern den Mann von der Frau, das Männchen vom Weibchen trennen wird. Aus dieſem Grunde wird man Waffen gegen den Car⸗ dinal ergriffen haben, deſſen Manoeuvres man insgeſammt am großen Tage der Feindſeligkeiten lähmt. 3 „Gut. Doch ich wiederhole, wenn man den Car⸗ dinal der Königin zuwider macht, wirkt man nur auf den Cardinal; man läßt die Tugend der Königin ſtrahlen, das heißt, man befreit die Prinzeſſin, und man gibt ihr jene Freiheit der Sprache, welche jede Anklage erleichtert und ihr das Gewicht des Anſehens verleiht. „Was man braucht, iſt ein Beweis gegen Herrn von Rohan und die Königin; es iſt ein zweiſchneidiges Schwert, das rechts und links verwundet, das verwundet, indem es aus der Scheide geht, das die Scheide ſelbſt zerſchneidend verwundet. „Was man braucht, iſt eine Anklage, welche die Königin erbleichen, den Cardinal erröthen machen muß, welche, beglaubigt, Jeanne, die Vertraute der zwei Haupiſchuldigen, von allem Verdachte reinigt. Was man braucht, iſt eine Combination, hinter der Jeanne, zu rechter Zeit und geeigneten Ortes verſchanzt, ſagen kann: Klagt mich nicht an, oder ich klage Euch an; richtet mich nicht zu Grunde, oder ich richte Euch zu Grunde. Laßt mir das Vermögen, ich werde Euch die CEhre laſſen. „Das lohnt der Mühe, daß man ſucht,“ dachte die treuloſe Gräfin,„und ich werde ſuchen. Meine Zeit wird mir von heute an bezahlt.“ In der That, Frau von La Mothe verſenkte ſich in gute Polſter, rückte näher zu ihrem von einer mil⸗ den Sonne beſchienenen Fenſter und ſuchte in Gegen⸗ wart Gottes mit der Fackel Gottes. 80 LXl. Die Gefangene. Während dieſer geiſtigen Bewegungen der Gräſin, während ihrer Träumerei, ereignete ſich eine Scene anderer Art in der Rue Saint⸗Claude, dem von Jeanne bewohnten Hauſe gegenüber. Herr von Caglioſtro hatte, wie man ſich erinnert, in das ehemalige Hotel von Balſamo die flüchtige, von der Polizei von Herrn von Crosne verfolgte Oliva einquartiert.. Sehr in Angſt, hatte Mlle. Oliva mit Freuden die Gelegenheit, zugleich der Polizei und Beauſtre zu entfliehen, angenommen; ſie lebte alſo zurückgezogen, verborgen, zitternd in der geheimnißvollen Wohnung, welche ſo viele furchtbare Dramen, ach! furchtbarer, als das tragi⸗komiſche Abenteuer von Mlle. Nicole Legay, beherbergt hatte. Caglioſtro hatte jede Fürſorge, jede Zuvorkommen⸗ heit für ſie gehabt; es kam der jungen Frau ſüß vor, von dieſem vornehmen Herrn beſchützt zu werden, der nichts verlangte, aber viel zu hoffen ſchien. Und was hoffte er? das fragte ſich umſonſt die Klausnerin. Für Mlle. Oliva war Herr von Caglioſtro, der Beauſire gebändigt und über die Polizeiagenten geſtegt hatte, ein rettender Gott. Er war auch ein ſehr ver⸗ liebter Liebhaber, da er reſpectirte. Denn die Eitelkeit von Oliva erlaubte ihr nicht, zu glauben, Caglioſtro habe eine andere Abſicht mit ihr, als ſie eines Tages zu ſeiner Geliebten zu machen. Es iſt eine Tugend für die Frauen, welche keine haben, zu glauben, man könne ſie ehrfurchtsvoll lieben. Das Herz iſt ſehr verwelkt, ſehr durr, ſehr todt, das nicht mehr auf die Liebe zählt, und auf die Achtung, welche der Liebe folgt. zaͤhlt, chtung, 81 Oliva baute Luftſchlöſſer in der Tiefe ihrer Be⸗ hauſung in der Rue Saint⸗Claude, chimäriſche Schlöſſer, worin, man muß es geſtehen, der arme Beaufire ſelten ſeinen Platz fand. Wenn ſte am Morgen, geſchmückt mit allen An⸗ nehmlichkeiten, womit Caglioſtro ihr Ankleidecabinet ausgeſtattet hatte, die vornehme Dame ſpielte und die Nuancen der Rolle von Celimene durchging, lebte ſie nur für die Stunde des Tags, zu der Caglioſtro zwei⸗ mal in der Woche kam, um ſich zu erkundigen, ob ſte das Leben leicht ertrage. In ihrem ſchönen Salon, inmitten eines wirklichen Lurus und eines verſtändigen Luxus, geſtand dann die kleine Creatur berauſcht ſich ſelbſt, Alles in ihrem ver⸗ gangenen Leben ſei Täuſchung, Irrthum geweſen; im Widerſpruche mit der Behauptung des Moraliſten: Die Tugend macht das Glück, ſei es das Glück, was unfehl⸗ bar die Tugend mache. Leider fehlte es bei der Zuſammenſetzung dieſes Glücks an einem für ſeine Dauer unerläßlichen Element, Oliva war glücklich, aber Oliva langweilte ſich. Bücher, Gemälde, muſikaliſche Inſtrumente hatten ſie nicht hinreichend zerſtreut. Die Bücher waren nicht frei genug, oder die, welche es waren, hatte ſie zu ſchnell geleſen. Die Gemälde ſind immer daſſelbe, wenn man ſie einmal angeſchaut hat,— Oliva urtheilt, und nicht wir,— und die muſtkaliſchen Inſtrumente haben nur einen Schrei und nie eine Stimme für die un⸗ wiſſende Hand, die ihnen anliegt. Es iſt nicht zu leugnen, Oliva langweilte ſich bald grauſam bei ihrem Glück, und oft ſehnte ſie ſich unter CThränen nach jenen guten, kleinen, am Fenſter in der Rue Dauphine zugebrachten Morgen zurück, da ſte, die Straße mit ihren Blicken magnetiſtrend, den Kopf aller Vorübergehenden ſich erheben machte. Und welche ſüße Spaziergänge im Quartier Saint⸗ Germain, als, indem der zierliche Pantoffel auf Das Halsband der Koͤnigin. III. 6 8² ſeinen Abſätzen um zwei Zoll einen Fuß von einer wollüſtigen Biegung erhöhte, jeder Schritt der Wand⸗ lerin ein Triumph war und den Bewunderern einen kleinen Schrei der Angſt, wenn er ausglitſchte, oder des Verlangens, wenn ſich nach dem Fuß das Bein zeigte, entriß. Das dachte die eingeſchloſſene Nicole. Allerdings waren die Agenten des Herrn Polizeilieutenants furcht⸗ bare Leute, allerdings hatte das Hoſpital, in dem die Weiber in einer ſchmutzigen Gefangenſchaft erſticken, nicht den Werth der ephemeren und glänzenden Einker⸗ kerung der Rue Saint⸗Claude. Doch wozu würde es dienen, Frau zu ſein und das Recht der Frauen zu haben, wenn man nicht zuweilen gegen das Gute auf⸗ ſtünde, um es in Böſes zu verwandeln, oder wenigſtens in Träume? Und dann wird bald Alles ſchwarz für denjenigen, welcher ſich langweilt. Nicole bedauerte die Abweſen⸗ heit von Beauſire, nachdem ſie den Verluſt ihrer Frei⸗ heit beklagt hatte. Geſtehen wir, daß nichts in der Welt die Frauen ändert ſeit der Zeit, wo die Töchter Judä am Vorabend einer Liebesheirath ihre Jungfrau⸗ ſchaft auf dem Berge beweinten. Wir ſind zu einem Tage der Trauer, der Gereizt⸗ heit gelangt, an welchem Oliva, ſeit zwei Wochen jeder Geſellſchaft, jedes Anblicks beraubt, in die traurigſte Periode des Uebels der Langweile eintrat. Nachdem ſie Alles erſchöpft, da ſie es weder wagte, an das Fenſter zu treten, noch auszugehen, fing ſie an den Appetit des Magens zu verlieren, aber nicht den der Einbildungskraft, der im Gegentheil in dem⸗ ſelben Maße ſich verdoppelte, in welchem der andere abnahm. In dieſem Augenblick moraliſcher Aufregung erhielt ſie einen an dieſem Tage unerwarteten Beſuch von Caglioſtro. Er trat, wie dies ſeine Gewohnheit war, durch 4 n b n d 4 4 8³ die hintere Thüre des Hotel ein, ging durch den neu angelegten Garten in die Höfe und klopfte an die Läden der Wohnung von Oliva, Vier Schläge, in beſtimmten Zwiſchenräumen gethan, waren das verabredete Zeichen, daß die junge Frau die Riegel zurückzog, welche ſie als Sicherheit zwiſchen ihr und einem mit Schlüſſeln verſehenen Beſuche for⸗ dern zu müſſen geglaubt hatte. Oliva dachte, die Vorſichtsmaßregeln ſeien nicht unnöthig, um eine Tugend zu bewahren, die ſie bei gewiſſen Gelegenheiten läͤſtig fand. Bei dem von Caglioſtro gegebenen Signal öffnete ſie die Riegel mit einer Geſchwindigkeit, welche für ihr Bedürfniß, eine Unterredung zu haben, zeugte. Lebhaft wie eine Pariſer Griſette, eilte ſie den Schritten des edlen Kerkermeiſters entgegen, ergriff ſeine Hände, mehr, um ihn zu kneipen, als um ihn zu liebkoſen, und rief mit einer gereizten, heiſern, abge⸗ ſtoßenen Stimme: „Mein Herr, ich langweile mich; erfahren Sie das.“ Caglioſtro ſchaute ſie mit einer leichten Kopfbewe⸗ gung an. „Sie langweilen ſich,“ ſagte er, während er die Thüre wieder ſchloß,„ach! meine Liebe, das iſt ein häßliches Uebel.“ „Ich mißfalle mir hier. Ich ſterbe hier.“ „Wahrhaftig!“ „Ja, ich habe ſchlimme Gedanken.“ „oLa! la!“ machte der Graf, indem er ſie beſänftigte, wie man einen Pudel beſänftigt,„wenn Sie ſich nicht behaglich bei mir fühlen, ſo grollen Sie mir darum nicht zu ſehr. Bewahren Sie all Ihren Zorn für den Herrn Polizeilieutenant, der Ihr Feind iſt.“ „Sie bringen mich in Verzweiflung mit Ihrer Kaltblütigkeit,“ ſagte Oliva.„Ein guter Zorn, ein Aufbrauſen iſt mir lieber, als eine ſolche Sanfiheitz 84 Sie finden das Mittel, mich zu beruhigen und das macht mich toll vor Wuth.“ „Geſtehen Sie, daß Sie ungerecht ſind,“ erwiederte Caglioſtro, indem er ſich fern von ihr mit jener Affee⸗ tation von Achtung oder von Gleichgültigkeit niederſetzte, die ihm ſo gut bei Oliva gelang. „Sie ſprechen ſehr nach Ihrem Gefallen, Sie,“ ſagte Oliva,„Sie gehen, Sie kommen, Sie athmen, Ihr Leben beſteht aus einer Anzahl von Vergnügungen, die Sie ſich wählen; ich vegetire in dem Raum, den Sie begrenzt haben; ich athme nicht, ich zittere. Ich erkläre Ihnen, mein Herr, daß mir Ihr Beiſtand unnütz iſt, wenn er mich nicht zu ſterben hindert.“ „Sterben! Sie!“ verſetzte lächelnd der Graf, „gehen Sie doch!“— „Ich ſage Ihnen, daß Sie ſich ſehr ſchlecht gegen mich benehmen; Sie vergeſſen, daß ich tief, leiden⸗ ſchaftlich Einen liebe.“ „Herrn Beauſire?“ „Ja, Beauſire. Ich liebe ihn, ſage ich Ihnen. Ich denke, ich habe es Ihnen nie verborgen. Sie⸗ konnten ſich nicht einbilden, ich würde meinen theuren Beauſtre vergeſſen?“ „Ich habe es ſo wenig gedacht, daß ich Allem aufbot, um Nachricht von ihm zu erhalten, und ich bringe Ihnen.“ „Ah!“ machte Oliva. „Herr von Beauſire,“ fuhr Caglioſtro fort,„iſt ein reizender Junge.“— „Bei Gott!“ rief Oliva, welche nicht ſah, wohin man ſie führte.. „Jung und hübſch.“ „Nicht wahr?“ „Voll Einbildungskraft.“ „Voll Feuer... Ein wenig brutal gegen mich. Doch... wer gut liebt, züchtigt gut.“ 7 8 8⁵ „Sie ſprechen goldene Worte. Sie haben ebenſo viel Gemüth, als Geiſt, ebenſo viel Geiſt, als Schön⸗ heit, und ich, der ich das weiß, der ich mich für jede Schönheit der Welt intereſſire,— das iſt eine Manie,— ich habe daran gedacht, Sie Beauſire näher zu bringen.“ „Das war vor einem Monat nicht Ihre Idee,“ ſagte Oliva mit einer gezwungenen Miene lächelnd. „Hören Sie doch, mein liebes Kind, jeder galante Mann, der eine hübſche Perſon ſieht, ſucht ihr zu gefallen, wenn er frei iſt, wie ich es bin. Sie werden jedoch geſtehen, daß, wenn ich Ihnen ein Bischen den Hof gemacht habe, dies nicht lange gedauert, nicht ſo?“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Oliva in demſelben Ton,„höchſtens eine Viertelſtunde.“ „Es war ſehr natürlich, daß ich abließ, da ich ſah, wie ſehr Sie Herrn von Beauſire liebten.“ „Ohl ſpotten Sie meiner nicht.“ „Nein, auf Ehre; Sie haben mir ſehr widerſtanden.“ „Ohl nicht wahr?“ rief Oliva, entzückt, auf friſcher That des Widerſtands ertappt worden zu ſein.„Ja, geſtehen Sie, daß ich widerſtanden habe.“ „Das war die Folge Ihrer Liebe,“ bemerkte Caglioſtro phlegmatiſch. „Doch die Ihrige,“ entgegnete Oliva,„ſie war nicht ſehr zähe.“ „Ich bin weder alt genug, noch häßlich genug, noch dumm genug, noch arm genug, um die Weigerun⸗ gen oder die Chancen einer Niederlage zu ertragen, Mademoiſelle; Sie hätten ſtets Herrn von Beauſire mir vorgezogen, das habe ich gefühlt, und ich habe meinen Entſchluß gefaßt.“. „Ah! nein, nein!“ rief die Coquette.„Das herr⸗ liche Bündniß, das Sie mir vorgeſchlagen, Sie wiſſen wohl, das Recht, mir den Arm zu geben, mich zu be⸗ ſuchen, mir in allen Ehren den Hof zu machen, war das nicht ein kleiner Reſt von Hoffnung?“ Und indem ſie dieſe Worte ſprach, verſengte die 86 Treuloſe mit ihren zu lange müßig geweſenen Augen den Beſuch, der ſich in der Falle gefangen hatte. „Ich muß es bekennen,“ eerwiederte Caglioſtro, 13i. ſind von einem Scharfſinne, dem nichts wider⸗ eht.“ Und er ſtellte ſich, als ſchlüge er die Augen nieder, um nicht von dem doppelten Flammenſtrom verzehrt zu werden, der aus den Blicken von Oliva hervorſprang. „Kommen wir auf Beauſire zurück,“ ſagte ſie, ge⸗ reizt durch die Unbeweglichkeit des Grafen;„was macht er, wo iſt er, der theure Freund 5 Da ſchaute ſie Caglioſtro mit einem Reſte von Schüchternheit an und erwiederte: „Ich ſagte, ich habe Sie mit ihm vereinigen wollen.“ 1 „Nein, Sie ſagten das nicht,“ murmelte ſie mit Verachtung;„doch da ſie es mir ſagen, ſo nehme ich es für geſagt an. Fahren Sie fort. Warum haben Sie ihn nicht gebracht? Das wäre liebreich geweſen. Er iſt frei, er...“ „Weil,“ antwortete Caglioſtro, ohne ſich über dieſe Ironie zu wundern,„weil Herr von Beauſire, der iſt wie Sie, der zu viel Geiſt beſitzt, ſich auch eine kleine Angelegenheit mit der Polizei gemacht hat.“ „Auch!“ rief Oliva erbleichend, denn diesmal er⸗ kannte ſie das Gepräge der Wahrheit. „Auch,“ wiederholte Caglioſtro artig. „Was hat er gemacht?“ ſtammelte die junge Frau. „Einen reizenden Schelmenſtreich, ein äußer geiſtreiches Stückchen, ich nenne das einen drolligen Einfall; aber die verdrießlichen Leute, Herr von Crosne zum Beiſpiel, Sie wiſſen, wie ſchwerfällig er iſt, dieſer Herr von Crosne; nun! ſie nennen das einen Dieb⸗ ſtahl 7 Gott!“ „Ein Diebſtahl!“ rief Oliva erſchrocken;„mein 87 „Ahl ein hübſcher Diebſtahl! das beweiſt, wie viel Geſchmack dieſer arme Beauſire für ſchöne Dinge hat.“ „Mein Herr... mein Herr... er iſt ver⸗ d. haftet?“ „Nein, doch er iſt ſignaliſirt.“ r,„Sie ſchwören mir, daß er nicht verhaftet iſt, daß u er keine Gefahr läuft?“ g.„Ich kann Ihnen wohl ſchwören, daß er nicht ver⸗ 4 haftet iſt; was aber den zweiten Punkt betrifft, da be⸗ ht kommen Sie mein Wort nicht. Sie fühlen, mein liebes Kind, daß man, wenn man ſignaliſirt iſt, ver⸗ folgt oder wenigſtens aufgeſucht wird, und daß Herr von Beauſire mit ſeiner Geſtalt, mit ſeiner Haltung, mit allen ſeinen wohlbekannten Eigenſchaften, wenn er ſich zeigte, ſogleich von den Leithunden von Herrn von Crosne gewittert würde. Bedenken Sie ein wenig, ich welchen Netzzug Herr von Crosne machen würde. Sie durch Herrn von Beauſire, und Herrn von Beauſire d1 durch Sie feſtnehmen...“ „Oh! ja, ja, er muß ſich verbergen! Armer Junge! eſe Ich will mich auch verbergen. Laſſen Sie mich aus iſt Frankreich fliehen, mein Herr. Suchen Sie mir dieſen ine Dienſt zu leiſten; denn ſehen Sie, eingeſchloſſen, erſtickt, würde ich hier nicht dem Verlangen widerſtehen, eines er⸗ Tages eine Unvorſichtigkeit zu begehen.“ „Was nennen Sie Unvorſichtigkeit, meine Liebe?“ „Mich zeigen, mir ein wenig Luft geben.“ au.„Uebertreiben Sie nicht, meine Freundin. Sie erſt ſind ſchon ganz bleich, und Sie werden am Erde Ihre gen ſchöne Geſundheit verlieren. Herr von Beauſire würde ant ſie nicht mehr lieben. Nein, nehmen Sie ſo viel Luft, eſer als Sie wollen, bewirthen Sie ſich damit, daß Sie leb⸗ einige menſchliche Geſtalten vorübergehen ſehen.“ „Oh! rief Oliva,„nun ſind Sie gegen mich auf⸗ nein ebracht, und Sie werden mich auch verlaſſen. Ich bin hnen vielleicht beſchwerlich?“ 88 „Ich! ſind Sie toll? Warum ſollten Sie mir be⸗ ſchwerlich ſein?“ ſprach der Graf mitzeinem eiſigen Ernſt. „Weil... ein Mann, der Geſchmack für eine Frau hat, ein ſo bedeutender Mann, wie Sie, ein ſo ſchöner Herr, wie Sie es ſind, berechtigt iſt, in Zorn zu gerathen, Ekel, zu bekommen, ſelbſt wenn eine Tolle, wie ich, ihn abweiſt. Oh! verlaſſen Sie mich nicht, rich⸗ ten Sie mich nicht zu Grunde, faſſen Sie keinen Haß gegen mich, mein Herr!“ rief die junge Frau. Und eben ſo erſchrocken, als ſie coquette geweſen war, ſchlang ſie ihren Arm um den Hals von Caglioſtro. „Arme Kleine!“ ſagte dieſer, indem er einen keu⸗ ſchen Kuß auf die Stirne von Oliva hauchte,„wie ſie bange hat! Haben Sie keine ſo abſcheuliche Meinung von mir, meine Tochter, Sie liefen Gefahr, ich habe ihnen einen Dienſt geleiſtet; ich hatte Ideen mit Ihnen, ich bin davon zurückgekommen, doch das iſt das Ganze. Ich habe Ihnen nicht mehr Haß zu bezeigen, als Sie mir Dankbarkeit zu bieten haben. Ich habe für mich gehandelt, Sie haben für ſich gehandelt, wir ſind quitt.“ „Ohl mein Herr, wie viel Güte, welch ein edel⸗ müthiger Mann ſind Sie!“ Und Oliva legte zwei Arme ſtatt eines einzigen auf die Schultern von Caglioſtro. Doch dieſer ſchaute ſte mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe an und ſprach: „Sie ſehen wohl, Oliva, trügen Sie mir nur ihre Liebe an, ich...“ „Nun?“ fragte ſie ganz roth. „Trügen Sie mir nun Ihre anbetungswürdige Perſon an, ich würde ſie zurückweiſen, ſo ſehr liebe ich es, nur wahre, reine und von allem Intereſſe freie Gefühle einzuflößen. Sie haben mich für intereſſirt gehalten. Sie ſind in Abhängigkeit von mir gerathen. Sie halten ſich für verbunden; ich wuͤrde glauben, Sie ———— 89 ſeien mehr dankbar, als gefühlvoll, mehr erſchrocken, als verliebt: bleiben wir, wie wir ſind. Ich erfülle in dieſer Hinſicht Ihren Wunſch. Ich komme allen ihren Zartheiten zuvor.“ Oliva ließ ihre Arme fallen und entfernte ſich be⸗ ſchämt, gedemüthigt, bethört durch dieſe Großmuth von Caglioſtro, worauf ſie nicht gerechnet hatte. „Es iſt alſo,“ ſagte der Graf,„es iſt alſo abge⸗ macht, meine liebe Oliva, Sie werden mich als Freund behalten; Sie werden alles Zutrauen zu mir haben, Sie werden ſich meines Hauſes, meiner Börſe, meines Credits bedienen, und...“ „Und ich werde mir ſagen, es gebe Menſchen auf dieſer Welt, welche weit er haben über allen denjenigen, welche ich habe kennen lern en.“ Oliva ſprach dieſe Worte mit einem Zauber und einer Wörde, welche einen Zug in dieſe eeherne Seele eingruben, deren Körper man einſt Balſamo nannte. „Jede Frau iſt gut,“ dachte er,„wenn man in ihr die Saite berührt hat, welche dem Herzen ent⸗ ſpricht.“ Dann ſich Oliva nähernd: „Von dieſem Abend an werden Sie den oberſten Stock des Hauſes bewohnen. Es iſt dies eine Woh⸗ nung beſtehend aus drei als Obſervatorium angebrach⸗ ten Zimmern, über dem Boulevard und der Rue Saint⸗ Claude. Die Fenſter gehen auf Menilmontant und Belleville. Einige Perſonen werden Sie dort ſehen können. Das ſind friedliche Nachbarn, fürchten Sie die⸗ ſelben nicht. Brave Leute ohne Verbindungen, ohne Verdacht über das, was Sie ſein dürften. Laſſen Sie ſich von ihnen ſehen, doch ohne daß ſie ſich ausſetzen, und beſonders, ohne daß Sie ſich jedem Vorübergehenden zeigen, denn die Rue Saint⸗Claude wird zuweilen von den Agenten von Herrn von Crosne durchforſcht; dort werden Sie wenigſtens Sonne haben.“ 9⁰ Oliva klatſchte freudig in ihre Hände. „Soll ich Sie dahin führen?“ fragte Caglioſtro. „Dieſen Abend?“ „Gewiß, dieſen Abend. Iſt Ihnen das läſtig?“ Oliva ſchaute Caglioſtro tief an. Eine unbe⸗ ſtimmte Hoffnung kehrte in ihr Herz oder vielmehr in ihren eitlen und verdorbenen Kopf zurück. .„Gehen wir,“ ſagte ſie. Der Graf nahm im Vorzimmer eine Laterne, öffnete ſelbſt mehrere Thüren, ſtieg, von Oliva gefolgt, eine Treppe hinauf und gelangte zum dritten Stock in die von ihm bezeichnete Wohnung. Sie fand die⸗ „ſelbe ganz ausgeſtattet, ganz bluͤhend, ganz wohnlich. „Man ſollte glauben, ich wäre hier erwartet wor⸗ den,“ ſagte ſie. „Nicht Sie,“ erwiederte der Graf,„ſondern ich, der ich die Ausſicht von dieſem Pavillon liebe und oft Der Blick von Oliva nahm die falben, blitzen den Tinten an, welche oft die Augenſterne der Katzen färben. Ein Wort entſtand auf ihren Lippen, Caglioſtro hielt es durch die Aeußerung zurück: „Es wird Ihnen an nichts fehlen, Ihre Kammer⸗ jungfer wird in einer Viertelſtunde bei Ihnen ſein. Gute Nacht, Mademoiſelle.“ Und er verſchwand, nachdem er eine tiefe, durch ein freundliches Lächeln gemilderte Verbeugung gemacht atte. Die arme Gefangene ſank, beſtürzt, vernichtet, auf das in einem zierlichen Alcoven für ſie bereit ſtehende Bett. 4 „Ich begreife durchaus nichts von dem, was mir widerfaͤhrt,“ murmelte ſie, mit den Augen dem wirklich für ſie unbegreiflichen Manne folgend. 91 LXII. Das Obſervatorium. Oliva legte ſich nach dem Abgang der Kammer⸗ jungfer, welche ihr Caglioſtro ſchickte, zu Bett.* Sie ſchlief wenig, die Gedanken aller Art, welche aus ihrer Unterredung mit dem Grafen entſtanden, gaben ihr nur wache Träume, ſchlaftrunkene Beängſti⸗ gungen; man iſt nicht lange Zeit glücklich, wenn man zu reich und zu ruhig iſt, nachdem man zu arm oder zu bewegt geweſen war. Oliva beklagte Beauſire, ſie bewunderte den Grafen, den ſie nicht begriff, ſie hielt ihn nicht für ſchüchtern, ſie hatte ihn nicht im Verdacht der Unem⸗ pfindlichkeit. Sie hatte gewaltig bange, von einem Sylphen während ihres Schlafes beunruhigt zu werden, und das geringſte Geräuſch des Bodens verurſachte ihr die jeder Romanheldin, welche in dem Nord⸗ thurme ſchläft, bekannte Aufregung. Mit dem Morgenroth entflohen die Schreckniſſe, welche nicht ohne Reiz waren... Wir, die wir uns nicht fürchten, Herrn Beaufire Argwohn einzuflößen, wir können wohl behaupten, daß Nicole die Stunde der vollkommnen Sicherheit nicht ohne einen Reſt co⸗ quetten Aergers erblickte. Eine unüberſetzbare Nuance für jeden Pinſel, der nicht unterzeichnet hat: Watteau, für jede Feder, die nicht unterzeichnet hat: Marivaux oder Crebillon Sohn. Am Tage erlaubte ſie ſich zu ſchlafen, ſie genoß dann die Wolluſt, in ihrem duftenden Zimmer die purpurnen Strahlen der aufgehenden Sonne einzu⸗ ſaugen, die Vögel auf der kleinen Terraſſe hinlaufen zu ſehen, wo ihre Flügel mit reizendem Geräuſch die Blätter der Roſenſtöcke und die Blüthen des ſpaniſchen Jasmins ſtreiften. . 92 Und es war ſpät, ſehr ſpät, da ſie aufſtand, als zwei bis drei Stunden eines ſüßen Schlafes auf ihren Augenlidern gelaſtet hatten, als ſie, gewiegt zwiſchen dem Lärmen der Straße und der weichen Lähmung der Ruhe, ſich ſtark genug fühlte, um wieder die Be⸗ megung zu ſuchen, zu ſtark, um müßig und liegend zu eiben. Dann lief ſie in allen Winkeln ihrer neuen Woh⸗ nung umher, in der der unbegreifliche Sylphe, der Unwiſſende, nicht einmal eine Fallthüre hatte finden können, um mit den Flügeln ſchlagend um das Bett zu gleiten, und es hatten doch die Sylphen in jener Zeit, dem Grafen von Gabalis ſei es gedankt, nichts von ihrem unſchuldigen Rufe verloren. Oliva erſchaute die Reichthümer ihrer Wohnung in der Einfachheit des Unvorhergeſehenen. Dieſe Weiberhaushaltung war Anfangs ein Männermobiliar geweſen. Man fand hier Alles, was das Leben geliebt machen kann, man fand hier beſonders den hellen Tag und die friſche Luft, welche die Kerker in Gärten ver⸗ wandeln würden, wenn je die Luft und das Licht in ein Gefängniß drängen. Die kindiſche, das heißt die vollkommene Freude ſchildern, mit der Oliva auf die Terraſſe lief, ſich auf die Platten, mitten unter die Blumen und Mooſe, legte einer Natter ähnlich, welche aus ihrem Neſte kommt, wir würden es ſicherlich thun, hätten wir nicht ihr Erſtaunen zu malen, ſo oft ihr eine Bewegung ein neues Schauſpiel enthüllte. Anfangs, wie wir geſagt, liegend, um nicht von Außen geſehen zu werden, betrachtete ſie durch das Gitter des Balcon die Gipfel der Bäume auf den Boulevards, die Häuſer des Quartier Popincourt, einen nebeligen Ocean, deſſen ungleiche Wogen ſich zu ihrer Rechten aufthürmten. Von Sonne übergoſſen, das Ohr auf das Geräuſch der, allerdings etwas ſpärlich, auf dem Boulevärd rol⸗ 8,& ⁸ d, b* 20 ³8—Snu — 3 n 93 lenden Wagen geſpannt, blieb ſie ſo ſehr glücklich zwei Stunden lang. Sie frühſtückte ſogar Chocolade, die ihre Kammerjungfer ihr vorſetzte, und las eine Zei⸗ tung, ehe ſie daran dachte, auf die Straße zu ſchauen. Das war ein gefährliches Vergnügen. Die Leithunde von Herrn von Crosne, dieſe menſchlichen Hunde, welche die Naſen im Winde jagen, konnten ſie ſehen.„Welch ein furchtbares Erwachen nach einem ſo ſüßen Schlafe! Doch dieſe horizontale Lage konnte nicht fort⸗ währen, ſo gut ſie war. Nicole erhob ſich auf einen Ellenbogen. 4 Und nun ſah ſie die Nußbäume von Menilmon⸗ tant, die großen Bäume des Friedhofs, die Myriaden von Häuſern von allen Farben, welche am Abhange des Berges von Charonne bis zu den Chaumont⸗Hügeln unter grünem Geſträuche oder auf gypsartigem mit Heide⸗ kraut und Diſteln bekleidetem Geſtade emporragten. Da und dort auf den Wegen, ſchmalen am Halſe der Bergchen wogenden Bändern, auf den Fußpfaden der Weingärten, auf den weißen Straßen, traten kleine lebende Weſen hervor, Bauern auf ihren Eſeln trabend, Kinder auf das Feld, das man ausgätete, gebückt, Winzerinnen die Traube in der Sonne entblößend. Die Ländlichkeit entzückte Nicole, die immer nach der ſchönen Gegend von Taverney geſeufzt hatte, ſeitdem ſie dieſe Gegend verlaſſen, um ſich nach dem erſehnten Paris zu begeben. Endlich aber war ſie des Landes ſatt, und da ſie eine bequeme und ſichere Stellung in ihren Blumen genommen hatte, da ſie zu ſehen verſtand, ohne daß ſie Gefahr lief, geſehen zu werden, ſo ſenkte ſie ihre Blicke von dem Berge nach dem Thal, vom entfernten Horizont zu den Häuſern gegenüber. Ueberall, das heißt in dem Raume, den drei Häuſer umfaſſen können, fand Oliva die Fenſter geſchloſſen oder wenig anſprechend. Hier drei Stockwerke bewohnt 8 94 von alten Rentiers, welche Käſige außen anhingen oder Katzen innen fütterten; dort vier Stockwerke, von denen nur der Auvergnat, der oberſte Bewohner, in den Bereich des Geſichtes kam... die anderen Mieths⸗ leute ſchienen abweſend, irgendwohin nach dem Lande verreiſt. Endlich, ein wenig zur Linken, im dritten Hauſe, gelbe ſeidene Vorhänge, Blumen, und wie um dieſes Wohlbehagen zu meubliren, ein weicher Lehnſtuhl, der am Fenſter ſeinen Träumer oder ſeine Träumerin zu erwarten ſchien. Oliva glaubte in dieſem Zimmer, deſſen ſchwarze Dunkelheit die Sonne hervorhob, etwas wie einen mit regelmäßigen Bewegungen wandelnden Schatten zu be⸗ merken.. Sie beſchränkte hierauf ihre Ungeduld, verbarg ſich noch beſſer, als ſie es bis jetzt gethan hatte, rief ihre Kammerjungfer und knüpfte mit ihr ein Geſpräch an, um Abwechſelung in die Vergnügungen der Ein⸗ ſamkeit durch die der Geſellſchaft eines denkenden und beſonders ſprechenden Geſchöpfes zu bringen. Doch die Kammerjungfer war gegen alle Ueber⸗ lieferungen zurückhaltend. Sie wollte wohl ihrer Ge⸗ bieterin Belleville, Charonne und den Pere⸗Lachaiſe erklären. Sie ſagte die Namen der Kirchen Saint⸗ Ambroiſe und Saint⸗Laurent; ſie bezeichnete in krum⸗ mer Linie das Boulevard und ſeine Neigung zum rech⸗ ten Ufer der Seine; als aber die Frage auf die Nach⸗ barn ſiel, fand die Kammerjungfer kein Wort. Sie kannte dieſelben nicht mehr, als ihre Gebieterin. Das helldunkle Zimmer mit den gelben ſeidenen Vorhängen wurde Oliva nicht erklärt. Nichts über den wandelnden Schatten, nichts über den Lehnſtuhl. Hatte Oliva nicht die Befriedigung, ihre Nach⸗ barin zum Voraus zu kennen, ſo konnte ſie ſich wenig⸗ ſtens verſprechen, ihre Bekanntſchaft durch ſich ſelbſt zu machen. Sie ſchickte alſo ihre zu verſchwiegene ð᷑——— NNN NNAN d — 4 9⁵ 4 Dienerin weg, um ſich ohne Zeugen ihrer Forſchung hinzugeben.. Die Gelegenheit ließ nicht auf ſich warten. Die Nachbarn ſingen an ihre Thüren zu öffnen, ihre Sieſta nach dem Mahle zu machen, ſich zum Spaziergange auf der Place Royale oder auf dem Chemin Vert anzu⸗ kleiden.* Oliva zählte ſie. Es waren ſechs, gut aſſorti t in ihrer Unähnlichkeit, wie es ſich für Leute geziemt, die ſich die Rue Saint⸗Claude zur Wohnſtätte gewählt haben.. Oliva brachte einen Theil des Tages damit zu, daß ſie ihre Geberden betrachtete und ihre Gewohn⸗ heiten ſtudirte. Sie ließ Alle die Revue paſſiren, mit Ausnahme des erwähnten Schatten, der, ohne ſein Ge⸗ ſicht zu zeigen, ſich in den Lehnſtuhl beim Fenſter be⸗ graben hatte und in eine unbewegliche Träumerei ver⸗ ſunken war. Es war eine Frau. Sie hatte ihren Kopf ihrer Haarkünſtlerin überlaſſen, welche in anderthalb Stun⸗ den auf dem Schädel und den Schläfen eines von jenen babyloniſchen Gebäuden errichtete, in welche die Mineralien, die Vegetabilien kommen, und worein auch Thiere gekommen wären, hätte ſich Leonard darein ge⸗ miſcht und hätte eine Frau jener Zeit eingewilligt, aus ihrem Kopfe eine Arche Noah mit ihren Bewoh⸗ nern zu machen.— Denn als dieſe Frau friſirt, gepudert, weiß an Putz und Spitzen war, quartierte ſie ſich wieder in ihren Lehnſtuhl ein, den Kopf getragen von Kiſſen, welche hart genug waren, daß dieſer Theil des Körpers das Gleichgewicht des ganzen Körpers hielt und 3 Monumente des Haares unberührt zu bleiben geſta ohne eine Angſt vor Erdbeben, welche die Grun erſchüttern konnten. 3 3 Dieſe unbewegliche Frau glich jenen indiſchen auf ihre Sitze gekeilten Göttern, denn in Folge der Starrheit 96 des Gedankens rollte das Auge allein in ſeiner Höhle. Eine Schildwache und ein thätiger Diener, verrichtete es nach den Bedürfnäſſen des Körpers oder den Launen des Geiſtes allein den Dienſt des Idols. Oliva bemerkte, wie ſehr dieſe Dame, ſo friſirt, hübſch war, wie ſehr ihr Fuß, auf den Rand des Fen⸗ ſters geſtellt und in einem kleinen Pantoffel von roſa Atlas geſchaukelt, zart und ſinnreich war. Sie bewun⸗ derte die Rundung des Armes und die des Halſes, der den Schnürleib und das Morgengewand zurückſtieß. Was ihr aber ganz beſonders auffiel, das war die Tiefe des ſtets auf ein unſichtbares, unbeſtimmtes Ziel geſpannten Gedankens, eines ſo gebieteriſchen Gedan⸗ kens, daß er den Leib zu völliger Unbeweglichkeit ver⸗ urtheilte, daß er ihn durch ſeinen Willen vernichtete. Dieſe Frau, welche wir erkannt haben, während ſte Oliva nicht zu erkennen vermochte, ahnete nicht, man könnte ſie ſehen. Ihren Fenſtern gegenüber hatte ſich nie ein Fenſter geöffnet. Das Hotel von Herrn von Caglioſtro hatte nie, trotz der Blumen, welche Nicole gefunden, trotz der Vögel, die ſie hatte fliegen ſehen, irgend Jemand ſein Geheimniß entdeckt, und abgeſehen von den Malern, die es wiederhergeſtellt, haft⸗ ſich nie ein lebendes Weſen am Fenſter ſehen laſſen. Um dieſe Erſcheinung zu erklären, dem das vor⸗ gebliche Wohnen von Caglioſtro im Pavillon wider⸗ ſpricht, wird ein Wort genügen. Der Graf hatte dieſe Wohnung am Abend fuüͤr Oliva bereiten laſſen, als hätte er ſie für ſich ſelbſt einrichten heißen. Er hatte ſich ſo zu ſagen ſelbſt belogen, ſo gut waren ſeine Be⸗ fehle vollzogen worden. Die Dame mit der ſchönen Friſur blieb alſo in ihre Gedanken begraben; Oliva bildete ſich ein, ſo träumend träume die hübſche Perſon von ihren durch⸗ kreuzten Liebſchaften. Sympathie in der Schönheit, Sympathie in der —& 8n -VSSUBSAUSANAnnn—R 6—, ,—— NRS 8N R —— = — 97 Einſamkeit, im Alter, in der Langweile, wie viele Bande, um zwei Seelen mit einander zu verknüpfen, die ſich vielleicht in Folge der geheimnißvollen, unwider⸗ ſtehlichen und unüberſetzbaren Combinationen der Ge⸗ ſchicke ſuchten. Seitdem Oliva dieſe nachſinnende Einſame ge⸗ ſehen hatte, konnte ſie ihr Auge nicht mehr von ihr losmachen. Es lag eine Art von moraliſcher Reinheit in dieſer Anziehung der Frau zur Frau. Dieſe Zartheiten ſind gewöhnlicher, als man im Allgemeinen glaubt, unter den unglücklichen Geſchöpfen, deren Körper der Hauptagent in den Functionen des Lebens gewor⸗ en iſt. Arme Verbannte aus dem geiſtigen Paradies, ſehnen ſie ſich nach den verlorenen Gärten und den lächelnden Engeln zurück, die ſich unter den myſtiſchen Schatten verbergen. Oliva glaubte eine Schweſter ihrer Seele in der ſchönen Klausnerin zu ſehen. Sie baute einen Roman ähnlich ihrem Roman auf, denn ſie bildete ſich ein, das arme Mädchen, man könne nicht hübſch, elegant ſein und in der Rue Saint⸗Claude verloren wohnen, ohne ein großes Unglück im Grunde ſeines Lebens oder fine ſchwere Bangigkeit im Grunde ſeines Herzens zu aben. 1 Als ſie ihre romantiſche Fabel gut von Erzüund Diamanten geſchmiedet hatte, ließ ſich Oliva, wie alle ausnahmsweiſen Naturen, durch ihre Feerei entführen, ſie nahm Flügel, um im Raum ihrer Gefährtin ent⸗ gegen zu eilen, der ſie, in ihrer Ungeduld, hätte Flügel, wie die ihrigen, wachſen ſehen mögen. Doch die Dame mit dem Monument rührte ſich nicht, ſie ſchien auf ihrem Stuhle zu ſchlummern. Zwei Stunden waren vergangen, ohne daß ſie um einen Grad aus ihrer Linie gewichen war. Das Halsband der Koͤnigin. III. 7 98 Oliva war in Verzweiflung. Sie hätte für Adonis oder für Beauſire nicht das Viertel des Entgegenkom⸗ mens gehabt, das ſie für die Unbekannte hatte. Des Krieges müde und von der Zärtlichkeit zum Haß übergehend, öffnete und ſchloß ſie zehnmal ihr Fenſter; zehnmal ſcheuchte ſie die Vögel aus dem Blät⸗ terwerk auf, und machte gefahrdende telegraphiſche Ge⸗ berden, welche das ſtumpfſte der Werkzeuge von Herrn von Crosne, wenn es über das Boulevard oder am Ende der Rue Saint Claude gegangen wäre, unfehlbar erſchaut und zum Gegenſtand einer ſcharfen Aufmerk⸗ ſamfeit gemacht hätte. Endlich kam Nicole dazu, daß ſie ſich überredete, die Dame mit den ſchönen Flechten habe alle ihre Ge⸗ berden wohl geſehen, alle ihre Signale wohl begriffen, aber ſie verachte dieſelben; ſie ſei eitel oder einfältig; einfältig! mit ſo jeinen, geiſtreichen Augen, mit einem ſo beweglichen Fuß, einer ſo unruhigen Hand! Un⸗ möglich! Eitel, ja; eitel, wie es in dieſer Zeit eine Frau vom Hfen Adel gegen eine Bürgerliche ſein konnte. ABliba, welche in der Phyſiognomie der jungen Frau alle Charaktere der Ariſtokratie erkannte, ſchloß, ſie ſei hoffärtig und folglich unmöglich zu bewegen. Sie verzichteie. Mit einem reizenden Schmollen den Rücken wen⸗ denph fitzte ſſie ſich wieder in die Sonne, diesmal in di eergehende Sonne, um in die Geſellſchaft ibrer Launen zuruckzukehren, gefälliger Geſvielinnen, welche, auch adelig, auch zierlich, auch gepudert, auch coquette wie die vornehmſten Damen, ſich doch berühren, ein⸗ athmen ließen, und in Wohlgeruch, in Kühle und in bebenden Berührungen den Kuß des Freundes oder den Kuß der Liebe erwiederten. Nicole bedachte nicht, daß dieſe vorgeblich Hoffär⸗ tige Jeann von Valois, Gräfin von⸗ La Mothe war, die ſeit dem vorhergehenden Tag einen Gedanken ſuchte. 99 Daß dieſer Gedanke zum Zweck hatte, Marie An⸗ toinette und den Cardinal von Rohan zu verhindern, ſich zu ſehen. Daß ein noch größeres Intereſſe heiſchte, daß der Cardinal, während er die Königin abgeſondert nicht mehr ſah, feſt glaubte, er ſehe ſie immer, und ſich folg⸗ lich mit dieſer Viſion begnügte und aufhörte, den wirk⸗ lichen Anblick zu verlangen. Ernſte Gedanken, ſehr gerechte Entſchuldigungen für dieſe Vertiefung einer jungen Frau, daß ſie zwei tödtliche Stunden hindurch den Kopf nicht bewegte. Hätte Nicole dies Alles gewußt, ſie würde ſich nicht aus Zorn unter ihre Blumen geflüchtet haben. Sie hätte nicht, indem ſie ſich hineinſetzte, vom Balcon einen Topf mit Eſchwurz geſtoßen, der mit einem furchtbaren Lärmen in die öde Straße hinabfiel. Erſchrocken ſchaute Oliva ſchnell, welchen Schaden ſte wohl angerichtet habe. Die in Gedanken verſunkene Dame erwachte bei dem Geräuſtd, ſah den Topf auf dem Pflaſter und ſtieg von der Wirkung zur Urſache auf, das heißt ihre Augen ſtiegen vom Pflaſter der Straße zu der Terraſſe des Hauſes auf. 4 Und ſie ſah Oliva. Als ſie dieſelbe ſah, ſtieß ſie einen heftigen Schrei aus, einen Schrei des Schreckens, einen Schrei, der mit einer raſchen Bewegung ihres ganzen, kurz zuvor noch ſo ſteifen und eiſigen Körpers endigte.— Die Augen von Oliva und die dieſer Dame begegne⸗ ten ſich endlich befragten ſich, durchdrangen einander. Jeanne rief zuerſt: „Die Königin!“ Dann murmelte ſie, indem ſie die Hände und die Stirne faltete, ohne daß ſie ſich zu rühren wagte, aus Furcht, ſie könnte die ſeltſame Erſcheinung entfliehen machen: 3 „Ohl ich ſuchte ein Mittel, hier if. 4. 100 In dieſem Augenblick hörte Oliva Geräuſch hinter ſich, und ſie wandte ſich raſch um. Der Graf war in ihrem Zimmer; er hatte den Austauſch des Erkennens bemerkt. „Sie haben ſich geſehen!“ ſagte er. Oliva verließ haſtig den Balcon. ILXIII. Die zwei Nachbarinnen. Von dem Augenblick an, wo die Frauen ſich er⸗ ſchaut hatten, ſtellte ſich Oliva, ſchon bezaubert durch die Anmuth ihrer Nachbarin, nicht mehr, als verach⸗ tete ſte dieſelbe, und indem ſie ſich vorſichtig unter ihren Blumen umwandte, erwiederte ſie mit einem Lächeln jedes Lächeln, das man an ſie richtete. Caglioſtro, als er ſie beſucht, hatte nicht unter⸗ laſſen, ihr die größte uUmſicht zu empfehlen. Beſonders halten Sie nicht zur Nachbarſchaft,“ hatte er geſagt. Dieſes Wort war wie ein böſer Hagel auf das Haupt von Oliva gefallen, die ſich ſchon eine Beſchäf⸗ tigung aus den Geberden und Grüßen der Nachbarin machte. Nicht zur Nachbarſchaft halten hieß den Rücken dieſer reizenden Frau zuwenden, deren Augen ſo glän⸗ zend und ſo ſanft waren, bei der jede Bewegung eine Verführung enthielt, es hieß darauf verzichten, einen telegraphiſchen Notenwechſel über den Regen und das ſchöne Wetter zu unterhalten, es hieß mit einer Freundin brechen. Denn die Einbildungskraft von Oliva lief dergeſtalt, daß Jeanne ſchon für ſie ein in⸗ tereſſanter und theurer Gegenſtand war. &c 102õ 101 Die Duckmäuſerin antwortete ihrem Beſchützer, ſie würde ſich wohl hüten, ihm ungehorſam zu ſein, und nichts unternehmen, um mit der Nachbarſchaft in Verbindung zu treten. Doch er war nicht ſo bald weg⸗ gegangen, als ſie ſich ſo auf dem Balcon einrichtete, daß ſie die ganze Aufmerkſamkeit ihrer Nachbarin in Anſpruch nahm. Dieſer, man kann es wohl glauben, war nichts lieber; denn das erſte Entgegenkommen, das man ihr machte, erwiederte ſie mit Grüßen und mit Kuß⸗ händen. Oliva entſprach nach ihren beſten Kräften dieſen liebenswürdigen Zuvorkommenheiten, ſte bemerkte, daß die Unbekannte das Fenſter nicht mehr verließ, und daß ſie, immer aufmerkſam, um entweder ein Lebewohl zu ſenden, wenn ſie wegging, oder eiinen guten Morgen, wenn ſie zurückkam, alle ihre Liebesfähigkeiten auf dem Balcon von Oliva concentrirt zu haben ſchien. Auf einen ſolchen Zuſtand der Dinge mußte raſch ein Annäherungsverſuch folgen. Man vernehme, was geſchah. Als Caglioſtro zwei Tage nachher zu Oliva kam, beklagte er ſich über einen Beſuch, der im Hotel von einer unbekannten Perſon gemacht wo den„ſei⸗ „Wie ſo?“ fragte Oliva, ein wen g erröthend. „Ja,“ erwiederte der Graf,„eine ehr hübſche, junge, elegante Dame iſt erſchienen und ‧ mit einem Bedienten geſprochen, den ſie durch beharrliches Läuten herbeigezogen. Sie fragte dieſen Menſchen, wer die junge Perſon ſein möchte, die den Pavillon des dritten Stockes, Ihre Wohnung, meine Theure, inne hätte. Dieſe Frau bezeichnete ſicherlich Sie. Sie wollte Sie ſehen. Sie kennt Sie alſo; ſte hat Ab⸗ ſichten auf Sie; Sie ſind alſo entdeckt? Nehmen Sie ſich in Acht, die Polizei hat weibliche Spione, wie männliche Agenten, und ich ſage Ihnen zum Voraus, 10² daß ich es Herrn von Crosne nicht abſchlagen kann, Sie herauszugeben, wenn er Sie von mir fordert.“ Oliva, ſtatt zu erſchrecken, erkannte ſchnell das Bild ihrer Nachbarin, ſie wußte ihr unendlich Dank für ihre Zuvorkommenheit, und entſchloſſen, ihr dies durch alle in ihrer Gewalt ſtehenden Mittel zu bewei⸗ ſen, verſtellte ſie ſich vor dem Grafen. „Sie zittern nicht?“ ſagte Caglioſtro. „Niemand hat mich geſehen,“ erwiederte Nicole. „Alſo wollte man nicht Sie beſuchen?“ „Ich denke nicht.“ „Doch, um zu errathen, daß eine Frau in dieſem Pavillon... Ah! nehmen Sie ſich in Acht, nehmen Sie ſich in Acht.“ „Ei! Herr Graf,“ entgegnete Oliva,„wie könnte ich fürchten? Hat man mich geſehen, was ich nicht glaube, ſo wird man mich nicht mehr ſehen, und wenn man mich ſähe, ſo wäre es von fern, denn nicht wahr, das Haus iſt undurchdringlich?“ „Undurchdringlich, ganz richtig,“ erwiederte der Graf,„denn wenn man nicht die Mauern erklettert, was nicht ſehr bequem iſt, oder die Eingangsthüre mit einem Schlüſſel, wie der meinige, öffnet, was nicht leicht iſt, inſofern ich ihn nicht von mir laſſe... Bei dieſen Worten zeigte er den Schlüſſel, der ihm zum Eintritte durch die hintere Thüre diente. „Da ich aber,“ fuhr er fort,„da ich kein Intereſſe da⸗ bei habe, Sie in's Verderben zu ſtürzen, ſo werde ich den Schlüſſel Niemand leihen, und da Ihnen kein Vortheil daraus erwüchſe, daß Sie in die Hände von Herrn von Crosne ſielen, ſo werden Sie Ihre Mauer nicht er⸗ klettern laſſen. Sie ſind alſo gewarnt, mein liebes Kind, richten Sie Ihre Sache ſo ein, wie es Ihnen beliebt.“ Oliva ergoß ſich in Betheurungen aller Art und beeilte ſich, den Grafen zur Thüre hinauszubringen, ————— Q 103 was ihr nicht ſchwer wurde, da er nicht zu beharrlich zu bleiben ſuchte. Am andern Morgen war ſie von ſechs Uhr an auf dem Balcon; ſie athmete die reine Luft der benach⸗ barten Hügel ein und ſchoß neugierige Blicke nach den geſchloſſenen Fenſtern ihrer artigen Freundin. Dieſe, welche gewöhnlich erſt gegen elf Uhr er⸗ wachte, zeigte ſich, ſobald Oliva erſchien. Es war ſogar, als lauerte ſie hinter den Vorhängen auf die Gelegenheit, ſich ſehen zu laſſen. Die zwei Frauen grüßten ſich, und Jeanne legte ſich vor ihr Fenſter hinaus und ſchaute nach allen Seiten, ob ſie Jemand hören könnte. Niemand erſchien. Nicht nur die Straße, ſondern auch die Fenſter der Häuſer waren verlaſſen. Sie hielt nun ihre beiden Hände in Form eines Sprachrohres vor ihren Mund und ſagte mit einer vibrirenden und getragenen Betonung, welche kein Schreien iſt, aber weiter geht, als der Schall der Stimme, zu Oliva: 3 „Ich wollte Sie beſuchen, Madame. „St!“ machte Oliva, indem ſie erſchrocken zu⸗ rückwich. Und ſie legte einen Finger auf ihre Lippen. Jeanne tauchte ihrerſeits hinter ihre Vorhänge, im Glauben, es ſei eine indiscrete Perſon zugegen; doch ſogleich erſchien ſie wieder, beruhigt durch das Lächeln von Nicole. „Man kann Sie alſo nicht beſuchen?“ fragte ſie. „Leider nein!“ antwortete Oliva mit der Geberde. Warten Sie,“ ſagte Jeanne.„Kann man Briefe an Sie richten?“ „Oh! nein,“ rief Oliva erſchrocken. Feanne dachte einige Augenblicke nach. „DOliva, um ihr für ihre zarte Theilnahme zu danken, ſandte ihr einen reizenden Kuß zu, den Jeanne 14 104 doppelt zurückgab; wonach ſie ihr Fenſter ſchloß und ausging. 8 Oliva ſagte ſich, ihre Freundin habe ein neues Mittel gefunden, das Schaffen ihrer Einbildungskraft habe ſich in ihrem letzten Blicke geoffenbart. Jeanne kehrte in der That nach zwei Stunden zu⸗ rück; die Sonne ſtrahlte in ihrer ganzen Kraft; das Pflaſter der Straße glühte wie der Sand Spaniens während des Fuego. Oliva ſah ihre Nachbarin an ihrem Fenſter mit einer Armbruſt erſcheinen. Jeanne bedeutete ihr lachend durch ein Zeichen, ſie möge auf die Seite treten. Oliva gehorchte, wie ihre Gefährttn lachend, und flüchtete ſich hinter ihren Laden. Jeanne zielte ſorgfältig und ſchoß eine kleine bleierne Kugel ab, welche leider, ſtatt über den Balcon zu fliegen, an einer der eiſernen Stangen anprallte und auf die Straße fiel. Oliva ſtieß einen Schrei des Verdruſſes aus. Jeanne zuckte zornig die Achſeln, ſuchte einen Moment ihr Wurfgeſchoß auf der Straße und verſchwand dann auf einige Minuten. Oliva ſchaute, vorgebeugt, vom Balcon hinab; eine Art von Lumpenſammler ging rechts und links ſuchend vorüber: ſah er oder ſah er nicht die Kugel in der Goſſe? Oliva wußte es nicht; ſie verbarg ſich, um ſelbſt nicht geſehen zu werden. Der zweite Verſuch von Jeanne war glücklicher. Ihre Armbruſt ſchleuderte getreu uber den Balcon in das Zimmer von Nicole eine zweite Kugel, um welche ein in folgenden Worten abgefaßtes Billet ge⸗ wickelt war: 3 „Sie intereſſiren mich, ſchönſte Dame. Ich finde Sie reizend und liebe Sie nur, daß ich Sie geſehen. Sie ſind alſo eine Gefangene? Wiſſen Sie, daß ich es vergebens verſucht habe, Sie zu beſuchen? Wird der Zauberer, der Sie mit ſcharfen Augen bewacht, AS r G=EAn SSSs 2 105 je mich Ihnen nähern laſſen, daß ich Ihnen ſagen kann, was ich an Sympathie für ein armes Opfer der Tyrannei der Männer empfinde? „Ich habe, wie Sie, die Einbildungskraft, um meinen Freundſchaften zu dienen. Wollen Sie meine Freundin ſein? Es ſcheint, Sie können nicht aus⸗ gehen; doch Sie können ohne Zweifel ſchreiben, und da ich ausgehe, wann ich will, warten Sie, bis ich unter ihrem Balcon vorüberkomme, und werfen Sie mir Ihre Antwort zu. „Würde das Spiel mit der Armbruſt gefährlich und man entdeckte es, ſo wählen wir ein Mittel, leichter zu correſpondiren. Laſſen Sie von Ihrem Balcon in der Abenddämmerung einen Knäuel Bindfaden herab⸗ hängen; befeſtigen Sie Ihr Billet daran, ich werde dann das meinige daran knüpfen, das Sie hinaufziehen können, ohne geſehen zu werden. 4 „Bedenken Sie, daß ich, wenn Ihre Augen keine Lügner ſind, ein wenig auf die Zuneigung zähle, die Sie mir eingeflößt haben, und daß wir Beide das Weltall beſiegen werden. „Ihre Freundin.“ „N. S. Haben Sie Jemand mein erſtes Billet auf⸗ heben ſehen?“ Jeanne unterzeichnete nicht; ſte hatte ſogar ihre Handſchrift gänzlich verſtellt. Oliva bebte vor Freude, als ſie dieſes Billet er⸗ hielt. Sie antwortete mit folgenden Zeilen: „Ich liebe Sie, wie Sie mich lieben. Ich bin in der That ein Opfer der Bosheit der Männer. Doch derjenige, welcher mich hier zurückhält, iſt ein Be⸗ ſchützer und kein Tyrann. Er beſucht mich insgeheim einmal des Tags. Ich erkläre Ihnen dies Alles ſpäter. Das Heraufziehen des Billets am Ende eines Fadens iſt mir lieber, als die Armbruſt. Hnein, ich kann nicht ausgehen: ich bin unter „Ach 4 Schloß und Riegel, doch das iſt zu meinem Beſten. 106 Oh! wie viele Dinge hätte ich Ihnen zu ſagen, wäre ich je ſo glücklich, mit Ihnen zu plaudern. Es gibt ſo viele Einzelnheiten, die man nicht ſchreiben kann. „Ihr erſtes Billet iſt von Niemand aufgehoben worden, wenn nicht von einem ſchmutzigen Lumpen⸗ ſammler, der vorüberging, doch ſolche Leute können nicht leſen, und für ſie iſt Blei Blei. Ihre Freundin Oliva Legay. Oliva unterzeichnete mit allen ihren Kräften. Sie machte der Gräfin das Zeichen des Abwickelns eines Fadens. Sie wartete dann, bis der Abend kam, und ließ den Knäuel auf die Straße hinabrollen. Jeanne war unter dem Balcon, ergriff den Faden und nahm das Billet ab, lauter Bewegungen, welche ihre Correſpondentin an dem Faden, der als Leiter diente, bemerkte, und kehrte in ihr Haus zurück, um zu leſen. 3 Nach einer halben Stunde knüpfte ſie an die be⸗ glückende Schnur ein Billet folgenden Inhalts: „Man thut Alles, was man will... Sie werden nicht unabläſſig bewacht, da ich Sie immmer allein ſehe... Sie müſſen alſo alle Freiheit haben, die Leute zu empfangen, oder vielmehr ſelbſt auszugehen. Wie wird Ihr Haus geſchloſſen? mit einem Schlüſſel? Wer hat dieſen Schlüſſel? nicht wahr, der Mann, der Sie beſucht? Bewacht er dieſen Schlüſſel ſo hart⸗ näckig, daß Sie ihn nicht entwenden oder einen Abdruck davon nehmen können?... Es handelt ſich nicht darum, Böſes zu thun, ſondern Ihnen einige Stunden der Freiheit, ſüße Spaziergänge am Arme einer Freundin zu verſchaffen, die Sie über all Ihr Unglück tröſten und Ihnen mehr geben wird, als Sie verloren haben. Es handelt ſich ſogar, wenn Sie durchaus wollen, um die gänzliche Freiheit. Wir wollen dieſen Gegenſtand bei der erſten Zuſammenkunft, die wir haben werden, in allen ſeinen Einzelnheiten verhandeln.“ —* — à— 2— 107 Oliva verſchlang dieſes Billet. Sie fühlte das Fieber der Unabhängigkeit zu ihrer Wange, die Wolluſt der verbotenen Frucht zu ihrem Herzen emporſteigen. Sie hatte bemerkt, daß der Graf, ſo oft er zu ihr eintrat, wobei er ihr bald eein Buch, bald ein Juwel brachte, ſeine Blendlaterne auf ein Arbeitstiſch⸗ chen ſtellte und ſeinen Schlüſſel auf die Laterne legte. Sie hielt zum Voraus ein Stück geknetetes Wachs bereit, mit dem ſie den Abdruck ſeines Schluͤſſels bei dem erſten Beſuche von Caglioſtro nahm. Dieſer wandte nicht ein einziges Mal den Kopf um; während ſie dieſe Operation bewerkſtelligte, ſchaute er auf dem Balcon die neu erſchloſſenen Blumen an. Oliva konnte alſo ohne Bangen ihr Vorhaben durch⸗ führen. Als der Graf weggegangen war, ließ Oliva in einer Schachtel den Abdruck des Schlüſſels hinab, den Jeanne mit einem kleinen Billet empfing. Und ſchon am andern Tag gegen Mittag ſchleu⸗ derte die Armbruſt, ein außerordentliches und hurtiges Mittel, das gegen die Correſpondenz mit dem Faden das war, was der Telegraph gegen den Courrier zu Pferde iſt, ſchleuderte, ſagen wir, die Armbruſt ein alſo abgefaßtes Billet: „Meine Theuerſte, heute Abend um elf Uhr, wenn der Graf weggegangen ſein wird, kommen Sie herab; Sie ziehen die Riegel zurück und befinden ſich in den Armen derjenigen, welche ſich nennt Ihre zärtliche Freundin.“ Oliva bebte vor Freude mehr, als ſie es je bei den zärtlichſten Billets von Gilbert im Frühling der erſten Liebe und der erſten Rendezvous gethan. Sie ging um elf Uhr hinab, ohne daß ſie irgend einen Argwohn bei dem Grafen bemerkt hatte. Sie fand unten Jeanne, die ſte zärtlich in die Arme ſchloß, in einen auf dem Boulevard ſtehenden Wagen ſteigen ließ, und ganz betäubt, ganz bebend, ganz berauſcht, machte ſie mit ihrer Freundin eine Spazierfahrt von 108 zwei Stunden, während welcher Geheimniſſe, Küſſe, Entwürfe für die Zukunft ohne Unterlaß zwiſchen den zwei Gefährtinnen ausgetauſcht wurden. Jeanne rieth zuerſt Oliva, nach Hauſe zurück⸗ zukehren, um keinen Verdacht bei ihrem Beſchützer zu erregen. Sie hatte erfahren, daß dieſer Beſchützer Caglioſtro war. Sie fürchtete den erhabenen Geiſt dieſes Mannes und ſah nur Sicherheit für ihre Pläne im tiefſten Geheimniß. Oliva hatte ſich ohne Rückhalt erſchloſſen; Beau⸗ ſire, die Polizei, ſie hatte Alles geſtanden. Jeanne gab ſich für ein, ohne Wiſſen ſeiner Fa⸗ milie, mit einem Geliebten lebendes Fräulein aus. Die Eine wußte Alles, die Andere wußte gar nichts: ſo war die beſchworene Freundſchaft zwiſchen dieſen zwei Frauen beſchaffen. Von dieſem Tage an hatten ſie weder die Arm⸗ bruſt, noch den Faden mehr nöthig. Jeanne hatte ihren Schlüſſel. Sie ließ Oliva nach ihrer Laune herab⸗ kommen.— Ein feines Abendbrod, eine geheime Spazierfahrt waren die Köder, an denen ſich Oliva immer fangen ließ. „Entdeckt Herr von Caglioſtro nichts?“ fragte Jeanne zuweilen ängſtlich. „Er! in der That, wenn ich es ihm ſagte, er würde es mir nicht glauben wollen,“ erwiederte Oliva. Acht Tage machten aus dieſen nächtlichen Ent⸗ weichungen eine Gewohnheit, ein Bedürfniß und mehr noch, ein Vergnügen. Nach Verlauf von acht Tagen fand ſich der Name von Jeanne noch viel öfter auf den Lippen von Oliva, als ſich je der von Gilbert und der von Beauſire darauf gefunden hatten. 109 LXIV. Das Rendezvouns. Kaum war Herr von Charny auf ſeinen Gütern angekommen, kaum hatte er ſich nach den erſten Be⸗ ſuchen in ſeine Wohnung eingeſchloſſen, als ihm der Arzt Niemand mehr zu empfangen und das Zimmer zu hüten verordnete, was mit einer ſolchen Strenge ausgeführt wurde, daß nicht ein Bewohner des Kan⸗ tons den Helden des Seetreffens mehr erblickte, welches ſo viel Lärmen durch ganz Frankreich gemacht hatte, während alle junge Mädchen ihn zu ſehen ſuchten, weil er anerkannt tapfer war und man ihn ſchön nannte. Charny war indeſſen nicht ſo krank an Körper, als man glaubte. Er hatte nur ein Uebel im Herzen und im Kopf, und guter Gott! welch ein Uebel... einen ſcharfen, unabläſſigen, unbarmherzigen Schmerz, den Schmerz einer Ertnnerung, welcher brannte, den Schmerz eines Beklagens, welcher zerriß. Die Liebe iſt nur ein Heimweh: der Abweſende beweint ein ideales Paradies, ſtatt ein materielles Vaterland zu beweinen. Herr von Charny hielt es nicht drei Tage aus. Wüthend, alle ſeine Träume durch die Unmsglichkeit entkräftet, durch den Raum zu nichte gemacht zu ſehen, ließ er die von uns erwähnte Verordnung des Arztes den ganzen Kanton durchlaufen; dann übertrug Olivier die Bewachung ſeiner Thüren einem erprobten Diener und ritt in der Nacht aus ſeinem Schloſſe auf einem ſehr ſanften und ſehr raſchen Pferde weg. Nach acht Stunden war er in Verſailles, wo er ein kleines Haus hinter dem Park durch die Vermittelung ſeines Kammer⸗ dieners miethete. Dieſes Haus, das ſeit dem tragiſchen Tod von einem von den adeligen Jägermeiſtern, der ſich den Hals abgeſchnitten, verlaſſen war, ſagte Charny vor⸗ trefflich zu, denn er wollte ſich hier mehr verbergen, als auf ſeinen Gütern. 8. Es war anſtändig ausgeſtattet, hatte zwei Thüren, von denen die eine auf eine öde Straße, die andere auf die Rundallee des Parkes ging, und von den Fenſtern gegen Suüden konnte Charny in die Hagenbuchenalleen ſchauen, denn die Fenſter, deren Läden ſich umgeben von Weinreben und Epheu öffneten, waren nur Thüren eines für Jeden, der in den königlichen Park hätte ſpringen wollen, etwas erhabenen Erdgeſchoſſes. Dieſe damals ſchon etwas ſeltene Nachvarſchaft war das Privilegium, das man einem Jagdinſpector gegeben hatte, damit er ohne Muhe das Damwild und die Faſanen Seiner Majeſtät bewachen konnte. Man ſtellte ſich, wenn man nur dieſe heiter von einem kräftigen Grün umrahmten Fenſter ſah, den ſchwermüthigen Jägermeiſter vor, wie er ſich an einem Heroſtabend mit den Ellenbogen auf das in der Mitte ſtützte, während die Hirſchkühe ihre ſchlanken Beine auf dem dürren Laub krachen ließen und auf dem von Bäumen umſchloſſenen Raſen unter einem falben Strahl der untergehenden Sonne ſpielten. Dieſe Einſamkeit gefiel Charny vor allem Anderen. Ob dies Liebe für die Landſchaft war, werden wir bald ehen. les Sobald er eingerichtet, ſobald Alles gut verſchloſſen war und ſein Bedienter die ehrerbietige Neugierde der Nachbarſchaft getilgt hatte, fing Charny, vergeſſen, wie er vergaß, ein Leben an, das ſchon in der Idee Jeden beben machen wird, welcher in ſeinem Erden⸗ wallen geliebt oder von der Liebe hat ſprechen hoͤren. In weniger als vierzehn Tagen kannte er alle Gewohnheiten des Schloſſes, die der Wachen, er kannte die Stunden, zu denen der Vogel aus den Lachen trinkt, zu denen der ſcheue Damhirſch den ſcheuen Kop vorſtreckend vorüͤberzieht. Er wußte die guien Stunde ₰&— BO 111 der Spaziergänge der Königin oder ihrer Damen, den Augenblick der Runden, er lebte mit einem Wort von fern mit denjenigen, welche in dieſem Trianon, dem Tempel ſeiner wahnſinnigen Anbetungen, lebten. Da die Jahreszeit ſchön war, da die milden, duf⸗ tenden Nächte mehr Freiheit ſeinen Augen und mehr unbeſtimmte Träumerei ſeiner Seele gaben, ſo brachte er einen Theil derſelben unter den Jasminen ſeines Fenſters zu, lauſchte auf die entfernten Geräuſche, welche vom Palaſte kamen, und folgte durch die Oeff⸗ nungen im Blätterwerk dem Spiel der bis zur Stunde des Schlafengehens in Bewegung geſetzten Lichter. Bald genügte ihm das Fenſter nicht mehr. Er war zu entfernt von dieſem Geräuſch und dieſen Lich⸗ tern. Sicher, zu dieſer Stunde Niemand zu begegnen, nicht Hunden, nicht Wachen, ſprang er von ſeinem Hauſe auf den Raſen hinab und ſuchte die köſtliche, die geſährliche Wolluſt, bis an den Saum des Ge⸗ hölzes zu gehen, auf die Grenze, welche den dichten Schatten vom glänzenden Mondſchein trennt, um von da die Silhouetten zu befragen, welche ſchwarz und bleich hinter den weißen Vorhängen der Königin hin⸗ ogen. 4 Auf dieſe Art ſah er ſie alle Tage, ohne daß ſie es wußte. Er erkannte ſie auf eine Viertelmeile, wenn ſie, mit ihren Damen oder mit einem ihr befreundeten Cavalier wandelnd, mit ihrem chineſiſchen Sonnen⸗ ſchirm ſpielte, der ihren großen, mit Blumen verzierten Hut beſchützte. Kein Gang, keine Haltung konnte ihn täuſchen. Er wußte alle Kleider der Köoͤnigin auswendig und errieth mitten unter den Blättern den großen grünen Ueberwurf mit Bändern von einem gewäſſerten Schwarz, den ſie durch eine keuſch verführeriſche Körperbewegung wogen ließ. Und wenn die Erſcheinung verſchwunden war, wenn 112 der Abend, die Spaziergänger vertreibend, ihm bis zu den Statuen des Säulenganges die letzten Schwingungen dieſes geliebten Schattens zu belauern geſtattet hatte, kam Charny zu ſeinem Fenſter zurück, betrachtete von fern durch eine Oeffnung, die er im Walde zu machen gewußt hatte, das glänzende Licht an den Fenſtern der Königin, hernach das Verſchwinden dieſes Lichtes, dann lebte er von der Erinnerung und der Hoffnung, wie 5 von der Bewegung und der Bewunderung gelebt atte. Eines Abends, als er nach Hauſe zurückgekehrt war, als er zwei Stunden mit ſeinem letzten Lebewoͤhl an die abweſenden Schatten zugebracht hatte, als der von den Sternen fallende Thau ſeine weißen Perlen auf den Epheublättern zu deſtilliren anfing, war Charny im Begriff, ſein Fenſter zu verlaſſen und ſich zu Bette zu begeben; da klirrte das Geräuſch eines Schloſſes ſchüchtern an ſein Ohr, er kehrte auf ſeinen Beobach⸗ tungspoſten zurück und horchte. Die Stunde war vorgerückt, es ſchlug Mitternacht in den von Verſailles entfernteſten Kirchſpielen. Charny wunderte ſich, daß er ein Geräuſch hörte, an das er nicht gewöhnt war. Dieſes widerſpänſtige Schloß war das eines Pfört⸗ chens vom Park, ungefähr fünf und zwanzig Schritte vom Hauſe von Olivier, das nie geöffnet wurde, außer etwa an großen Jagdtagen, um die Wildpretkörbe durch⸗ zulaſſen. Charny bemerkte, daß diejenigen, welche öffneten, nicht ſprachen; ſie ſchloſſen wieder und traten in die Allee, die ſich unter den Fenſtern ſeines Hauſes vor⸗ beizog. 1 Die Baumſtämme und die hängenden Weinreben verkleideten hinreichend Mauern und Läden, daß man ſie im Vorübergehen nicht genau erblickte. Ueberdies bückten diejenigen, welche gingen, den Kopf und beſchleunigten ihre Schritte. Charny erſchaute —Q 0 8— BAB ————— — 113 ſie verworren im Schatten. Nur erkannte er am Rauſchen der flatternden Röcke zwei Frauen, deren ſeidene Man⸗ tillen an den Zweigen hinſtreiften. Dieſe Frauen, indem ſte ſich um die große, dem Fenſter von Charny gegenüber liegende Allee wandten, wurden vom freiſten Mondſtrahl umhüllt, und Charny hätte beinahe einen Schrei freudigen Erſtaunens ausgeſtoßen, als er die Haltung und den Kopfputz von Marie An⸗ toinette, ſowie den untern Theil ihres Geſichtes trotz des düſteren Reflexes vom Schilde des Hutes erkannte. Sie hielt eine ſchöne Roſe in der Hand. Mit bebendem Herzen ließ ſich Charny von ſeinem Fenſter herab in den Park gleiten. Er lief auf dem Graſe, um kein Geräuſch zu machen, verbarg ſich dabei hinter den dickſten Bäumen, und folgte mit dem Blick den zwei Frauen, welche jede Minute langſamer gingen. Was ſollte er thun? Die Königin hatte eine Be⸗ gleiterin; ſie lief keine Gefahr. Oh! warum war ſie nicht allein! er hätte den Foltern getrotzt, um ſich ihr zu nähern und auf den Knieen zu ihr zu ſagen: Ich liebe Sie! Oh!l warum war ſte nicht von einer unge⸗ heuren Gefahr bedroht, er hätte ſein Leben hingeworfen, um dieſes koſtbare Leben zu retten! Während er, tauſend tolle Zärtlichkeiten träumend, an dies Alles dachte, ſtanden die zwei Wandlerinnen plötzlich ſtille; die Eine, die Kleinere, ſagte ein paar Worte zu ihrer Gefährtin und verließ ſte. Die Königin blieb allein; man ſah die andere Dame ihren Gang gegen ein Ziel beſchleunigen, das Charny noch nicht errieth. Die Königin, welche mit ihrem kleinen Fuß auf den Sand klopfte, lehnte ſich an einem Baum an und hüllte ſich ſo in ihre Man⸗ tille, daß ſie ſogar den Kopf mit der Kapuze bedeckte, welche einen Augenblick zuvor in weiten ſeidenen Falten auf ihren Schultern wogte. Als ſie Charny allein und ſo träumeriſch ſah, Das Halsband der Koͤnigin. III. 8 114 nuche er einen Sprung, als wollte er ihr zu Füßen allen. Doch er überlegte, daß ihn wenigſtens dreißig Schritte von ihr trennten, daß ſie ihn, ehe er dieſe dreißig Schritte zurückgelegt, ſehen und, ihn nicht erkennend, Angſt bekommen würde, daß ſie ſchreien oder entfliehen würde, daß ihr Geſchrei zuerſt ihre Gefährtin und dann einige Wachen herbeiziehen müßte; daß man den Park durchſuchen, mindeſtens den Indiscreten, viel⸗ leicht aber auch den Zufluchtsort entdecken würde, und daß es dann um das Geheimniß, um das Glück und die Liebe geſchehen wäre. 2 Er wußte ſich zurückzuhalten und that wohl daran. Denn kaum hatte er dieſen unwiderſtehlichen Ausbruch bewältigt, als die Gefährtin der Königin wiederer⸗ chien und nicht allein zurückkam. Charny ſah zwei Schritte hinter ihr einen Mann von ſchöner Geſtalt, begraben unter einem breiten Hut, verloren unter einem weiten Mantel, gehen. Dieſer Mann, der Herrn von Charny vor Haß und Eiferſucht zittern machte, ſchritt nicht wie ein Triumphator einher. Er ſchwankte, ſchleppte den Fuß mit Zögern und ſchien tappend in der Nacht zu gehen, als hätte er nicht zur Führerin die Gefährtin der Kö⸗ nigin gehabt, als hätte er nicht zum Ziele die Königin ſelbſt, weiß und aufrecht unter den Bäumen. Sobald er Marie Antoinette erblickte, vermehrte ſich nur das Zittern, das Charny an ihm bemerkt hatte. Der Unbekannte zog ſeinen Hut ab und fegte damit gleichſam den Boden. Er ſchritt weiter. Charny ſah ihn in den dichten Schatten eintreten; er verbeugte ſich tief und zu wiederholten Malen. Das Erſtaunen von Charny hatte ſich indeſſen in ſtarre Verwunderung verwandelt. Von der Verwun⸗ derung ſollte er bald zu einer andern Gemüthsbewegung übergehen. Was wollte die Königin im Park zu einer ſo vorgerüchten Stunde? Was wollte dieſer Mann? * G u——6— A& ————ä 115 Warum hatte er verborgen gewartet? Warum hatte ihn die Königin durch ihre Begleiterin holen laſſen, ſtatt ſelbſt zu ihm zu gehen? Charny hätte beinahe den Kopf verloren. Er erinnerte ſich indeſſen, daß ſich die Königin mit geheim⸗ nißvoller Politik beſchäftigte, daß ſie oft Intriguen mit den deutſchen Höfen anknüpfte, Verbindungen, auf welche der König eiferſüchtig war und die er ſtrenge verbot. Vielleicht war dieſer myſteriöſe Cavalier ein Cour⸗ rier aus Berlin oder Schönbrunn, ein adeliger Herr, der eine geheime Botſchaft überbrachte, eine von den deutſchen Figuren, wie Ludwig XVI. keine mehr in Verſailles ſehen wollte, ſeitdem der Kaiſer Joſeph II. in Frankreich einen Eurſus der Philoſophie und der kritiſchen Politik zum Nutzen ſeines Schwagers, des allerchriſtlichſten Koͤnigs zu machen ſich erlaubt hatte. Der Eisbinde ähnlich, welche der Arzt auf eine vom Fieber glühende Stirne anwendet, erquickte dieſe Idee Olivier, den armen Olivier, gab ihm den Ver⸗ ſtand wieder und beſchwichtigte das Delirium ſeines erſten Zornes. Die Königin beobachtete übrigens eine Haltung voll Anſtand und ſogar voll Würde. Drei Schritte entfernt ſtehend, unruhig, aufmerk⸗ ſam, lauernd, wie die Freundinnen oder die Duennen bei den Partien von zwei männlichen und zwei weib⸗ lichen Perſonen von Watteau, ſtörte die Begleiterin durch ihre dienſteifrige Angſt Herrn von Charny in ſeinem ganz keuſchen Viſiren. Doch es iſt ebenſo ge⸗ fährlich, bei politiſchen Rendezvous ertappt zu werden, als es beſchämens iſt, bei Liebesrendezvous ertappt zu werden. Und nichts gleicht mehr einem Verliebten, als ein Verſchwörer. Beide haben denſelben Mantel, dieſelbe Empfindlichkeit des Ohrs, dieſelbe Unſicherheit der Beine. Charny hatte nicht viel Zeit, dieſen Betrachtungen nachzuhängen. Die Begleiterin verließ 5 Stellung 5. 116 und durchbrach das Geſpräch. Der Cavalier machte eine Bewegung, als wollte er ſich niederwerfen; er erhielt ohne Zweifel ſeinen Abſchied nach der Audienz. Charny verſteckte ſich hinter einem dicken Baum. Sicherlich würde die Gruppe, indem ſie ſich trennte, in Brüchen an ihm vorüuberkommen. Seinen Athem zurückhalten, die Gnomen und Sylphen bitten, alle Echos, ſei es der Erde, ſei es des Himmels, unter⸗ rücken, dies war das Einzige, was ihm zu thun übrig ieb. In dieſem Augenblick glaubte er einen Gegenſtand von heller Nuance an der königlichen Mantille hinab⸗ gleiten zu ſehen; der Cavalier verbeugte ſich lebhaft bis zum Graſe, erhob ſich dann wieder mit einer ehr⸗ furchtsvollen Bewegung und entfloh, denn die Geſchwin⸗ digkeit ſeines Abgangs ließe ſich unmöglich anders bezeichnen. Doch er wurde in ſeinem Laufe von der Beglei⸗ terin der Königin aufgehalten, die ihn mit einem kleinen Schrei zurückrief und ihm, als er angehalten hatte, mit halber Stimme das Wort zuwarf: „Warten Sie!“ Es war ein ſehr gehorſamer Cavalier, denn er blieb auf der Stelle ſtehen und wartete. Charny ſah nun die zwei Frauen, einander am Arm haltend, zwei Schritte von ſeinem Verſtecke vor⸗ übergehen; die durch den Rock der Königin bewegte Luft machte die Pflanzenſtiele des Raſen beinahe unter den Händen von Charny wogen. Er fühlte den Wohlgeruch, den er bei der Königin anzubeten gewohnt war: Eiſenkraut mit Reſeda ver⸗ miſcht— eine doppelte Trunkenheit für ſeine Sinne und ſeine Erinnerung. Die Frauen gingen vorüber und verſchwanden. Dann, nach einigen Minuten, kam der Unbekannte, um den ſich der junge Mann während des ganzen Ganges der Königin bis zur Thure nicht mehr bekümmert hatte; 117 er küßte mit Leidenſchaft, mit Wahnſinn eine ganz friſche, balſamiſche Roſe, welche ſicherlich diejenige war, deren Schönheit Charny bemerkt hatte, als die Königin in den Park eintrat, und die er ſo eben den Händen ſeiner Fürſtin hatte entfallen ſehen. Eine Roſe, ein Kuß auf dieſe Roſe! Handelte es ſich um Botſchaft und Staatsgeheimniſſe? Charny wäre beinahe von Sinnen gekommen. Er war im Begriff, auf dieſen Menſchen loszuſtürzen und ihm die Blume zu entreißen, als die Begleiterin der Königin wiedererſchien und dem Unbekannten zurief: „Kommen Sie, Monſeigneur.“ Charny glaubte, ein Prinz von Geblüt ſei gegen⸗ wärtig, und lehnte ſich an einem Baume an, um nicht halb todt auf den Raſen zu ſinken.. Der Unbekannte eilte auf die Seite, woher die Stimme kam, und verſchwand mit der Dame. LXV. Die Hand der Königin. Als Charny, von dieſem furchtbaren Schlag ganz zermalmt, in ſeine Wohnung zurückgekehrt war, fand er keine Kräfte mehr gegen das neue Unglück, das ihn raf. So hatte ihn die Vorſehung nach Verſailles zu⸗ rückgeführt, ihm dieſes koſtbare Verſteck gegeben, einzig und allein, um ſeiner Eiferſucht zu dienen und ihn einem von der Königin mit Hintanſetzung aller ehelichen Redlichkeit, aller königlichen Würde, aller Liebestreue begangenen Verbrechen auf die Spur zu bringen. Es ließ ſich nicht bezweifeln, der ſo im Parke empfangene Mann war ein neuer Liebhaber. Im Fieber 118 der Nacht, im Delirium ſeiner Verzweiflung ſuchte ſich Charny vergebens zu überreden, der Mann, der die Roſe erhalten, ſei ein Botſchafter, und die Roſe ſei nur ein Pfand geheimer Uebereinkunſt, beſtimmt, einen zu ſehr gefährdenden Brief zu erſetzen. Nichts konnte gegen den Verdacht die Oberhand gewinnen. Es blieb dem armen Olivier nichts mehr uͤbrig, als ſein eigenes Benehmen zu prüfen und ſich zu fragen, warum er ſich in Gegenwart eines ſolchen Unglücks ſo völlig leidend verhalten habe. Mit ein wenig Nachdenken war nichts leichter, als den Inſtinct zu begreifen, der dieſe Paſſivität ge⸗ boten hatte. In den heftigſten Kriſen des Lebens ſpringt die Handlung augenblicklich aus dem Grunde der menſch⸗ lichen Natur hervor, und dieſer Inſtinet, der den Im⸗ puls gegeben hat, iſt nichts Anderes, als eine Zuſam⸗ menſetzung der Gewohnheit und der Ueberlegung auf ihren höchſten Grad von Geſchwindigkeit und Gelegen⸗ lichkeit getrieben. Hatte Charny nicht gehandelt, ſo war dies der Fall, weil ihn die Angelegenheiten der Fürſtin nichts angingen, weil er, ſeine Neugierde zei⸗ gend, ſeine Liebe zeigte, weil er, die Königin compro⸗ mittirend, ſich verrieth, und der beiderſeitige Verrath iſt eine ſchlechte Stellung bei Verräthern, die man überweiſen will. Hatte er nicht gehandelt, ſo war dies der Fall, weil er, um einen mit dem königlichen Vertrauen geehrten Mann anzugehen, Gefahr laufen mußte, in einen gehäſſtgen, abgeſchmackten Streit, in eine Art von Hinterhalt zu verfallen, was die Königin nie verziehen hätte. Das Wort Monſeigneur, am Ende von der gefäl⸗ ligen Begleiterin hingeſchleudert, war ferner gleichſam eine heilſame, wenn auch ſpäte Warnung, welche Charny, indem ſie ihm gerade in ſeiner größten Wuth⸗ die Augen öffnete, gerettet hatte. Was wäre aus ihm — anſtrengen, zu ſtrotzen, um den Blicken zu gefallen und 119 geworden, wenn er, den Degen gegen dieſen Mann in der Hand, ihn hätte Monſeigneur nennen hören? Und welches Gewicht nahm nicht ſein Fehler an, indem es von einer ſo großen Höhe herabfiel? Dies waren die Gedanken, welche Charny während der ganzen Nacht und der erſten Hälfte des folgenden Tages in Anſpruch nahmen. Sobald die Mittagſtunde geſchlagen hatte, war der vorhergehende Tag nichts mehr für ihn. Es blieb nur noch die ſieberhafte, ver⸗ zehrende Erwartung der kommenden Nacht, während welcher vielleicht andere Offenbarungen erſcheinen würden. Mit welcher Bangigkeit ſtellte ſich der arme Charny an das Fenſter, das, der einzige Aufenthalt, der un⸗ überſchreitbare Rahmen ſeines Lebens geworden war. Betrachtete man ihn unter den Weinranken, hinter den im Laden angebrachten Löchern, denn er befürchtete, ſehen zu laſſen, daß dieſes Haus bewohnt war, betrach⸗ häuſern die fromme Sorge der Familien zuwirft?. Es kam der Abend und brachte unſerem glühenden Späher die düſteren Wünſche und die tollen Gedanken. Die gewöhnlichen Geräuſche ſchienen ihm neue Bedeutungm zu haben. Er erblickte in der Ferne die Königin, velche mit einigen Fackeln, die man ihr vorantrug, über die Freitreppe ſchritt. Die Haltung der Königin kam ihm nachdenkend, unſicher, ganz bewegt von der Alfregung der Nacht vor. Allmälg erloſchen alle Lichter vom Dienſte. Der Park füllte ſich mit Stillſchweigen und Kühle. Sollte man nicht lauben, die Baͤume, welche ſich bei Tage die Vorübergehenden zu liebkoſen, arbeiten in der Nacht, wenn Niemand ſie ſieht und Niemand ſie berührt, 120 an der Wiederherſtellung ihrer Friſche, ihrer Wohlge⸗ rüche und ihrer Geſchmeidigkeit? Die Bäume und die Pflanzen ſchlafen in der That wie wir. Charny hatte die Stunde des Rendezvous der Königin wohl behalten. Es ſchlug Mitternacht. Das Herz von Charny wäre bald in ſeiner Bruſt gebrochen. Er drückte ſein Fleiſch an das Geländer des Fenſters, um die Schläge zu erſticken, welche laut und geräuſchvoll wurden.„Bald,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„bald wird die Thure ſich öffnen, werden die Riegel klirren.“ Nichis ſtörte den Frieden des Gehölzes. Charny wunderte ſich dann, daß er zum erſten Mal daran dachte, zwei Tage hinter einander fallen dieſelben Ereigniſſe nicht vor; nichts ſei verbindlich in dieſer Liebe, wenn nicht die Liebe ſelbſt, und diejenigen wären ſehr unklug, welche, ſo ſtarke Gewohnheiten an⸗ nehmend, nicht zwei Tage hinbringen könnten, ohne ſich zu ſehen. „Ein geheimes Abenteuer,“ dachte Charny,„wenn ſich die Tollheit darein miſcht.“ Ja, es war eine unbeſtreitbare Wahrhei, die Kö⸗ nigin würde nicht am andern Tag die Unvorſichtigkeit vom vorhergehenden wiederholen. Plötzlich klirrten die Riegel und die kline Thüre wurde geöffnet. Eine Todesbläſſe überſtrömte die Wangen von Olivier, als er die zwei Damen in der Kleidung der vorhergehenden Nacht erblickte. „Wie muß ſte verliebt ſein!“ murmelte er. Die zwei Damen machten daſſelbe Maweuvre, das ſie am Tage vorher gemacht hatten, und eingen raſch unter den Fenſtern von Charny vorüber. Er ſprang wie am vorhergehenden Jage hinab, ſo bald ſte fern genug waren, daß ſie ihn nicht mehr hören konnten, und während er hinter jeden ein wenig dicken Baum ging, ſchwur er ſich, klug, tark, unem⸗ SS A U= —ᷣ— 28 —»„» 121 pfindlich zu ſein; nicht zu vergeſſen, daß er der Unter⸗ than und ſie die Königin; daß er ein Mann, das heißt zur Ehrfurcht verbunden, daß ſie eine Frau, das heißt berechtigt, Rückſichten zu verlangen. Und da er ſeinem ungeſtümen, ſtets zum Ausbruch geneigten Charakter mißtraute, ſo warf er ſeinen Degen hinter einen Holderbuſch, der einen Kaſtanienbaum umgab. Mittlerweile waren die zwei Damen zu demſelben Ort wie am Tage zuvor gelangt. Auch wie am vor⸗ hergehenden Tage erkannte Charny die Königin, und dieſe umhüllte ihre Stirne mit ihrer Caleche, während die dienſteifrige Freundin aus ſeinem Verſteck den Un⸗ bekannten holte, den man Monſeigneur nannte. Dieſes Verſteck, was war es? das fragte ſich Charny. Wohl lag in der Richtung, welche die Ge⸗ fällige nahm, der Apollo⸗Badeſaal, beſchützt von den hohen Hagebuchen und dem Schatten ſeiner marmornen Pilaſter; doch wie konnte ſich der Unbekannte hier verbergen? wo kam er herein? Charny erinnerte ſich, daß auf dieſer Seite des Parkes eine kleine Thüre vorhanden war, ähnlich der, welche die Damen öffneten, um zum Rendezvous zu kommen. Der Unbekannte hatte ohne Zweiſel einen Schlüſſel zu dieſer Thüre. Er ſchlüpfte hier durch bis zu den Apollo⸗Bädern und wartete, bis man ihn holte. Alles war auf dieſe Art feſtgeſtellt; dann entfloh Monſeigneur durch dieſelbe Thüre nach ſeiner Unter⸗ redung mit der Königin. Charny erblickte nach einigen Minuten den Mantel und den Hut, wie er es am Tage vorher geſehen hatte. Diesmal ging der Unbekannte auf die Königin nicht mehr mit der ehrfurchtsvollen Zurückhaltung zu; er kam mit großen Schritten, ohne daß er zu laufen wagte, doch ſchneller gehend wäre er gelaufen. An ihren großen Baum angelehnt, ſetzte ſich die Königin auf den Mantel, den dieſer neue Raleigh für 122 ſie ausbreitete, und während die wachſame Freundin wie am Tage vorher lauerte, kniete der verliebte Herr auf das Moos nieder und fing an mit einer leiden⸗ ſchaftlichen Geſchwindigfkeit zu reden. Einer verliebten Schwermuth preisgegeben, neigte die Königin das Haupt. Charny hörte die Worte des Cavaliers nicht, aber die Melodie. Die Rede hatte das Gepräge der Poeſie und der Liebe. Jede von den Betonungen ließ ſich in eine glühende Betheurung überſetzen. Die Königin antwortete nichts. Der Unbekannte verdoppelte indeſſen die Liebkoſung ſeiner Reden; zu⸗ weilen kam es Charny, dem elenden Charny, vor, als ſollte das Wort, in jenes harmoniſche Schauern ge⸗ hüllt, verſtändlich werden, und dann würde er vor Wut und Eiferſucht ſterben. Doch nichts, nichts. In m Augenblick, wo die Stimme ſich aufklärte, zwang eine be⸗ zeichnende Geberde der horchenden Begleiterin den lei⸗ denſchaftlichen Redner, den Klang ſeiner Elegien zu dämpfen. 4 Die Königin beobachtete ein hartnäckiges Still⸗ ſchweigen. Bitten auf Bitten häufend, was Charny aus der vibrirenden Melodie ſeiner Beugungen errieth, erhielt der Andere nur die ſüße Einwilligung des Stillſchwei⸗ gens, eine ungenügende Gunſt für die glühenden Lippen, welche die Liebe zu trinken angefangen haben. Doch plötzlich entſchlüpften der Königin ein paar Worte. Man muß es wenigſtens glauben. Sehr un⸗ terdrückte, ſehr erſtickte Worte, da ſie der Unbekannte allein vernommen hatte; doch kaum hatte er ſie ver⸗ nommen, als er im Uebermaß ſeines Entzückens, ſo daß er ſich ſelbſt hörbar machte, ausrief:. fi„Dank, o meinen Dank, ſüße Majeſtät! Morgen a o?“ Die Königin verbarg ihr ſchon ſo gut verborgenes Geſicht vollends gänzlich. — ——— — NR N — —— 123 Charny fühlte einen eiſigen Schweiß,— den To⸗ desſchweiß, langſam in ſchweren Tropfen von ſeinen Schläfen herabfließen. Der Unbekannte hatte die beiden Hände der Königin gegen ſich ausſtrecken ſehen. Er nahm ſie in die ſei⸗ nigen und drückte einen ſo langen und zärtlichen Kuß darauf, daß Charny während ſeiner Dauer den Schmerz aller Martern kennen lernte, welche die wilde Menſch⸗ heit den hölliſchen Barbareien geſtohlen hat. Als dieſer Kuß gegeben war, erhob ſich die Köni⸗ gin raſch und ergriff den Arm ihrer Gefährtin. Beide entflohen, wie am Tage vorher, an Charny vorüber. Der uUnbekannte entfloh ebenfalls, und Charny, der den Boden nicht hatte verlaſſen können, an den ihn die Whung eines unſäglichen Schmerzes gefeſſebt hielt, vernahm unbeſtimmt das gleichzeitige Geräuſch zweier Thuren, die man wieder ſchloß. Wir werden es nicht verſuchen, die Lage zu ſchil⸗ dern, in der ſich Charny nach dieſer gräßlichen Ent⸗ deckung befand. Die Nacht verging für ihn in wüthenden Gängen durch den Park, durch die Alleen, denen er in Ver⸗ zweiflung ihre ſtrafbare Mitſchuld zum Vorwurf machte. Einige Stunden lang wahnſinnig, fand Charny ſeine Vernunft erſt wieder, als er in ſeinem blinden Lauf an den Degen ſtieß, den er weggeworfen hatte, um nicht in Verſuchung zu gerathen, ſich deſſelben zu bedienen. Dieſe Klinge, die ihm zwiſchen die Beine kam und ſeinen Fall verurſachte, rief ihn plötzlich zum Gefühl ſeiner Stärke, wie zu dem ſeiner Würde zurück. Ein Mann, der einen Degen in ſeiner Fauſt fühlt, kann nur, wenn er noch wahnwitzig iſt, ſich damit durchbohren, oder den durchbohren, welcher ihn belei⸗ digt hat; er hat weder mehr das Recht, ſchwach zu ſein, noch das, Furcht zu haben. 124 Charny wurde wieder, was er immer war, ein ſtarker Geiſt, ein kräftiger Körper. Er unterbrach ſeine wahnſinnigen Läufe, bei denen er an die Bäume an⸗ rannte, und ging gerade und ſchweigſam in die noch von den Tritten der zwei Frauen und des Unbekannten durchfurchte Allee. Er wollte den Platz beſuchen, wo die Königin ge⸗ ſeſſen hatte. Die noch niedergedrückten Mooſe enthüllten ihm ſein Unglück und das Glück eines Andern. Statt zu ſeufzen, ſtatt die Dünſte des Zorns abermals in ſein Gehirn aufſteigen zu laſſen, dachte Olivier über die Natur dieſer verborgenen Liebe und über die Eigen⸗ ſchaft der Perſon nach, die dieſelbe einflößte. Er unterſuchte die Tritte dieſes vornehmen Herrn mit derſelben Aufmerkſamkeit, mit der er bei der Un⸗ terſuchung der Fährte eines wilden Thieres zu Werke gegangen wäre. Er erkannte die Thüre hinter den Apollo⸗Bädern. Er ſah, indem er die Mauerkappe erkletterte, Eindruͤcke von Pferdehufen und eine Ver⸗ heerung im Graſe. „Er kommt von dort her! Er kommt nicht von Verſailles, ſondern von Paris,“ dachte Olivier.„Er kommt allein, und morgen wird er wiederkommen, da man ihm geſagt hat: Morgen. „Bis dahin verſchlingen wir ſchweigend, nicht mehr die Thränen, die meinem Augen entfließen, ſondern das Blut, das in Wellen aus meinem Herzen ſtrömt. „Morgen wird der letzte Tag meines Lebens ſein, wenn nicht, ſo bin ich ein Feiger und habe nie geliebt. „Sachte, ſachte,“ ſprach er, indem er ſanft an ſein Herz klopfte, wie der Reiter ſeinem Pferde, das in Hitze geräth, auf den Hals klopft,„Ruhe, Stärke, da die Prüfung noch nicht beendigt iſt.“ Nach dieſen Worten ſchaute er zum letzten Male umher und wandte die Augen vom Schloſſe ab, indem er das Fenſter der treuloſen Königin beleuchtet zu ſehen befürchtete; denn dieſes Licht wäre eine Lüge, ein neuer Flecken geweſen. —— 125 Bedeutet nicht in der That ein beleuchtetes Fenſter ein bewohntes Zimmer? und warum ſo lügen, wenn man das Recht der Unverſchämtheit und der Ehrloſig⸗ keit hat, wenn man eine ſo geringe Entfernung zwiſchen der verborgenen Schande und dem öffentlichen Aerger⸗ niß zurückzulegen hat? Das Fenſter der Königin war erleuchtet. „Glauben zu machen, ſie ſei zu Hauſe, während ſie in Geſellſchaft eines Liebhabers im Parke umher⸗ läuft! Wahrhaftig das iſt Keuſchheit ohne allen Nutzen!“ ſagte Charny, der ſeine Worte mit einer bittern Ironie „Sie iſt zu gut, dieſe Königin, daß ſie ſich ſo gegen uns verſtellt. Allerdings befürchtet ſie vielleicht, Und Charny, indem er ſich die Nägel in das Fleiſch drückte, ſchlug mit gemeſſenen Schritten wieder den dem er über den Balcon geſtiegen war.„Ja, mor⸗ gen!... für alle Welt, denn morgen werden wir zu vier beim Rendezvous ſein, Madame 5 IXVl. Frau und Königin. Der andere Tag brachte dieſelben Verlegenheiten, dieſelben Leiden herbei. Die Thüre öffnete ſich beim letzten Schlage vor Mitternacht. Die zwei Frauen erſchienen. Es war, wie in den arabiſchen Mährchen, die Be⸗ harrlichkeit der Genien, welche den Talismanen zu beſtimmter Stunde gehorchten. Charny hatte alle ſeine Entſchlüſſe gefaßt; er wollte an dieſem Abend den glücklichen Mann erken⸗ nen, den die Königin begünſtigte. Getreu ſeinen Gewohnheiten, obgleich dieſe bei ihm nicht verkörpert waren, ſchritt er, ſich hinter den Bäumen verbergend, weiter; doch als er die Stelle erreicht, wo ſeit zwei Tagen die Liebenden zuſammen⸗ getroffen waren, fand er hier Niemand. Die Gefährtin der Königin zog Ihre Majeſtät gegen die Apollo⸗Bäder fort. Eine furchtbare Angſt, ein ganz neues Leiden ſchmetterte Charny nieder. In ſeiner unſchuldigen Redlichkeit hatte er ſich nicht eingebildet, das Verbrechen könnte ſo weit gehen. Lächelnd und kichernd ging die Königin auf das dunkle Aſyl zu, auf deſſen Schwelle der unbekannte Herr ſte mit offenen Armen erwartete. Sie trat, ebenfalls die Arme ausſtreckend, ein. Das eiſerne Gitter ſchloß ſich hinter ihr. Die Gefährtin blieb außen und lehnte ſich an eine ganz zerbröckelte, von Blätterwerk umgebene Halb⸗ ſäule an. Charny hatte ſeine Kräfte ſchlecht berechnet. Sie vermochten einem ſolchen Schlage nicht zu widerſtehen. In dem Augenblick, wo er in ſeiner Wuth ſich auf die Vertraute der Königin ſtürzen wollte, um ſie zu ent⸗ larven, zu erkennen, mit Schmähungen zu überhäufen, ſie zu erſticken vielleicht, floß das Blut wie ein ſieden⸗ der Strom nach ſeinen Schläfen, nach ſeinem Halſe und erſtickte ihn. Er fiel auf die Mooſe nieder und röchelte einen Seufzer, welcher eine Secunde lang die Ruhe der vor den Thüren der Apollo⸗Bäder aufge⸗ ſtellten Schildwache ſtören ſollte. Eine innere Blutung, verurſacht durch ſeine Wunde, die ſich wieder geöffnet hatte, erſtickte ihn. Charny wurde durch die Kaͤlte des Thaus, durch die Feuchtigkeit der Erde, durch den lebhaften Ein⸗ 127 3 ſeines eigenen Schmerzes in's Leben zurückge⸗ rufen. Er erhob ſich ſtrauchelnd, erkannte die Oertlich⸗ keit, ſeine Lage, erinnerte ſich und ſuchte. Die Schildwache war verſchwunden, kein Geräuſch machte ſich hörbar. Es ſchlug zwei Uhr auf einem Kirchthurme von Verſailles, und dies belehrte ihn, daß ſeine Ohnmacht lange gedauert habe. Ohne allen Zweifel hatte die gräßliche Viſion ver⸗ ſchwinden müſſen: Königin, Liebhaber, Begleiterin hatten Zeit gehabt, zu fliehen. Charny konnte ſich hievon überzeugen, indem er über die Mauer ſchaute und die friſchen Spuren des Abgangs eines Reiters erblickte. Dieſe Spuren und die Brüche einiger Zweige in der Umgegend der Apollo⸗Bäͤder bildeten die ganze Ueberführung des armen Charny. Die Nacht war ein langes Delirium. Am Mor⸗ gen hatte er ſich nicht beruhigt. Bleich wie ein Todter, um zehn Jahre gealtert, rief er ſeinen Kammerdiener und ließ ſich in ſchwar⸗ zen Sammet kleiden, wie ein Reicher vom Bürgerſtand. Düſter, ſtumm, alle ſeine Schmerzen verſchlingend, ging er nach dem Schloſſe Trianon in dem Augenblick, wo die Wache abgelöſt worden war, daß heißt gegen zehn Uhr. Die Königin trat aus der Kapelle, wo ſie die Meſſe gehört hatte. Auf ihrem Wege neigten ſich ehrfurchtsvoll die Köpfe und die Degen. Charny ſah einige Frauen roth vor Aerger, weil ſie fanden, daß die Königin ſchön war. Schön, in der That, mit ihren ſchönen auf den Schläfen emporgehaltenen Haaren, ihrem Geſichte mit den zarten Zügen, ihrem lächelnden Munde, ihren er⸗ müdeten, aber von einer ſanften Klarheit glänzenden Augen. 128 Plötzlich erblickte ſie Charny am Ende der Reihe. Sie erröthete und gab einen Ausruf des Erſtaunens von ſich. Charny bückte den Kopf nicht. Er ſchaute fort⸗ während dieſe Königin an, in deren Blick er ein neues Unglück las. Sie kam auf ihn zu und ſagte mit ſtrengem Tone: „Ich glaubte, Sie wären auf Ihren Gütern, Herr von Charny?“ „Ich bin von dort zurückgekehrt, Madame,“ er⸗ wiederte er mit kurzem, beinahe unhöflichem Ausdruck. Sie blieb erſtaunt ſtehen, ſie, der nie eine Nuance entging. Nach dieſem Austauſch von Blicken und beinahe ſeindlichen Worten wandte ſie ſich gegen die Frauen. „Guten Morgen, Gräfin,“ ſagte ſie freundſchaftlich zu Frau von La Mothe. Und ſie blinzelte ihr ganz vertraulich mit den Augen zu. Charny bebte. Er ſchaute aufmerkſamer. Unruhig über dieſes eine Abſichtlichkeit verrathende Anſchauen wandte Frau von La Mothe den Kopf ab. Charny folgte ihr, wie es ein Verrückter gethan ane bis ſie ihm noch einmal ihr Geſicht gezeigt atte. ſtudiren. Rechts und links grüßend, ſolgte doch die Königin dieſem Manveuvre der beiden Beobachter. „Sollte er den Verſtand verloren haben?“ dachte ſie.„Armer Junge!“ Und ſie kehrte zu ihm zurück und fragte mit mil⸗ derem Ton: „Wie befinden Sie ſich, Herr von Charny?“ „Sehr gut, Madame, doch, Gott ſei Dank, minder gut als Cure Majeſtät.“ Und er verbeugte ſich auf eine Art, daß er die Dann drehte er ſich um ſie, um ihren Gang zu 129 Königin mehr erſchreckte, als er ſie in Erſtaunen ge⸗ ſetzt hatte. „Dahinter iſt Etwas,“ ſagte die aufmerkſame Jeanne. „Wo wohnen Sie denn gegenwärtig?“ fuhr die Königin fort. „In Verſailles, Madame,“ erwiederte Olivier. „Seit wie lange 24 „Seit drei Nächten,“ ſprach der junge Mann, in⸗ dem er mit dem Blick, mit der Geberde und mit der Stimme einen Nachdruck auf dieſe Worte legte. de Die Königin offenbarte keine Bewegung; Jeanne ebte. „Haben Sie mir nicht etwas zu ſagen?“ fragte die Königin Charny mit einer engeliſchen Sanftmuth. „Ohl Madame,“ erwiederte dieſer,„ich hätte Eurer Majeſtät nur zu viel zu ſagen.“ „Kommen Sie!“ ſprach Marie Antoinette un⸗ geſtüm. „Wachen wir,“ dachte Jeanne. Die Königin ging mit großen Schritten nach ihren Gemächern. Jedermann folgte ihr nicht minder bewegt⸗ Was Frau von La Mothe providenziell vorkam, war der Umſtand, daß Marie Antoinette, um den An⸗ ſchein zu vermeiden, als ſuchte ſie unter vier Augen zu ſein, mehrere Perſonen ihr zu folgen aufforderte. Mitten unter dieſe Perſonen ſchlüpfte Jeanne. Die Königin trat in ihr Gemach und entließ Frau von Miſery und ihren ganzen Dienſt. Es war ein mildes, verſchleiertes Wetter; die Sonne durchdrang die Wolken nicht, doch ſie ließ ihre Wärme und ihr Licht durch ihre dichte weiße und blaue Fütterung ſiekern. Die Königin öffnete das Fenſter, das auf eine kleine Terraſſe ging; ſie ſetzte ſich an ihr von Briefen beladenes Arbeitstiſchchen und wartete. Das Halsband der Koͤnigin. III. 130 Die Perſonen, welche ihr gefolgt waren, begriffen allmälig ihren Wunſch, allein zu ſein, und entfern⸗ ten ſich. Ungeduldig, vom Zorn verzehrt, zerknitterte Charny ſeinen Hut zwiſchen ſeinen Händen. „Sprechen Sie! ſprechen Sie!“ ſagte die Königin; „Sie ſcheinen ſehr beunruhigt zu ſein, mein Herr?“ „Wie werde ich anfangen?“ ſagte Charny, der ganz laut dachte;„wie werde ich es wagen, die Ehre, die Treue, die Majeſtät anzuklagen?“ „Wie beliebt?“ rief Marie Antoinette, indem ſie ſich lebhaft und mit einem flammenden Blick um⸗ wandte. „Und dennoch werde ich nur ſagen, was ich geſehen habe,“ fuhr Charny fort. Die Königin erhob ſich und ſprach mit kaltem Ton: „Mein Herr, es iſt noch ſehr früh am Morgen, daß ich Sie für betrunken halte; und dennoch nehmen Sie hier eine Haltung an, die ſich ſchlecht für nüch⸗ terne Edelleute geziemt. Sie erwartete, ihn durch dieſe verächtliche Anrede niedergeſchmettert zu ſehen. Doch er fuhr unbeweg⸗ f: ¹ „Im Ganzen, was iſt eine Königin? ein Weib. Und ich, was bin ich? ein Mann ebenſowohl, als ein Unterthan.“ „Madame, verwirren wir nicht das, was ich Ihnen ſagen muß, durch einen Zorn, der auf eine Tollheit auslaufen würde. Ich glaube Ihnen bewieſen zu ha⸗ ben, daß ich Chrfurcht für die königliche Majeſtät hegte; ich befürchte, bewieſen zu haben, daß ich eine wahn⸗ ſinnige Liebe für die Perſon der Königin hegte. Treffen Sie auch Ihre Wahl: auf welche von Beiden, auf die Königin oder die Frau, ſoll dieſer Anbeter die Anklage der Schande oder der Unredlichteit werfen?“ — — 131 „Herr von Charny,“ rief die Königin, indem ſie erbleichend auf den jungen Mann zuſchritt,„entfernen Sie ſich nicht von hier, ſo werde ich Sie durch meine Wachen wegjagen laſſen.“ „Ich will Ihnen alſo, ehe ich weggejagt werde, ſagen, warum Sie eine unwürdige Königin und eine Frau ohne Ehre find,“ rief Charny trunken vor Wuth. „Seit drei Nächten folge ich Ihnen in Ihrem Parke!“ Statt ſie, wie er es hoffte, unter dieſem furcht⸗ baren Schlage aufſpringen zu ſehen, ſah Charny nur, daß die Königin das Haupt erhob und ſich ihm näherte. „Herr von Charny,“ ſagte ſie, ſeine Hand ergrei⸗ fend,„Sie ſind in einem Zuſtand, der mein Mitleid erregt; nehmen Sie ſich in Acht, Ihre Augen funkeln, Ihre Hand zittert, Bläſſe bedeckt ihre Wangen, all ihr Blut fließt nach Ihrem Herzen.„Sie leiden, ſoll ich rufen?“ „Ich habe Sie geſehen,“ wiederholte er kalt,„ge⸗ ſehen mit dem Mann, als Sie ihm die Roſe gaben; geſehen mit dem Mann, als er Ihnen die Hände küßte; geſehen, als ſie mit ihm in die Apollo⸗Bäder ein⸗ traten.“ Die Königin fuhr mit einer Hand über ihre Stirne, als wollte ſie ſich verſichern, daß ſie nicht ſchlafe.. „Herr von Charny,“ ſprach ſie,„ſetzen Sie ſich, denn Sie werden umfallen, wenn ich Sie nicht halte, eben geſagt haben.“ ſetzen Sie ſich, ſage ich Ihnen.“. Charny ſank in der That in einen Lehnſtuhl, die Königin ſetzte ſich zu ihm auf ein Tabouret, nahm ſeine beiden Hände, ſchaute ihm bis in den Grund ſeiner Seele und ſprach:. „Seien Sie ruhig, beſchwichtigen Sie den Geiſt und das Herz und wiederholen Sie mir, was Sie ſo 9* 13² „Ohl wollen Sie mich tödten!“ murmelte der Un⸗ glückliche. „Laſſen Sie mich Sie befragen. Seit wann ſind Sie von Ihren Gütern zurückgekehrt?“ „Seit vierzehn Tagen.“ „Wo wohnen Sie?“ „Im Hauſe des Jägermeiſters, das ich ausdrücklich gemiethet habe.“ „Ah! ja, das Haus des Selbſtmörders, an der Grenze des Parks?“ Charny bejahte durch eine Geberde. „Sie ſprechen von einer Perſon, die Sie mit mir geſehen hätten?“ hab„Ich ſpreche zunächſt von Ihnen, die ich geſehen abe.“. „Im Parke.“ „Zu welcher Stunde, an welchem Tag?“ „Um Mitternacht, am Dienſtag zum erſten Mal.“ „Sie haben mich geſehen?“ „Wie ich Sie jetzt ſehe, und ich habe auch die⸗ jenige geſehen, welche Sie begleitete.“ „Es begleitete mich Jemand? Würden Sie dieſe Perſon erfkennen?“ Vorhin kam es mir vor, als ſähe ich ſie hier; doch ich will es nicht behaupten. Nur die Haltung iſt ähnlich; was das Geſicht betrifft, ſo verbirgt man es, wenn man ſolche Verbrechen begeht.“. „Gut!“ ſagte die Königin mit Ruhe;„Sie haben meine Begleiterin nicht erkannt, aber mich...“ „Ohl Sie, Madame, ich habe Sie geſehen... Wie! ſehe ich Sie nicht?“ Sie ſtieß vor Aerger mit dem Fuß auf den Boden. „Und... der Gefährte,“ ſagte ſie,„derjenige, welchem ich eine Roſe gegeben habe... denn Sie haben mich eine Roſe geben ſehen?“ 133. „Ja: dieſer Cavalier, wie konnte ich ihn ein⸗ holen?“ „Sie kennen ihn jedoch?“ „Man nennt ihn Monſeigneur; das iſt Alles, was ich weiß.“ Die Königin ſchlug ſich mit gedrängter Wuth vor die Stirne und rief: „Fahren Sie fort; am Dienſtag habe ich eine Roſe gegeben... und am Mittwoch?“ „Am Mittwoch haben Sie Ihre beiden Hände zu küſſen gegeben.“ „Ohl“ murmelte ſie, indem ſie ſich in die Hände biß⸗ „Am Donnerſtag endlich, geſtern?“ „Geſtern haben Sie anderthalb Stunden mit die⸗ ſem Mann in der Apollo⸗Grotte zugebracht, wo Sie Ihre Begleiterin allein gelaſſen hatte.“ Die Königin ſtand ungeſtüm auf. „Und... Sie... haben mich... geſehen? ſagte ſie jede Sylbe abſtoßend. Charny hob eine Hand zum Himmel empor, um zu ſchwören. „Oh!... er ſchwört!“ rief die Königin ebenfalls von der Wuth fortgeriſſen. Charny wiederholte feierlich ſeine anklagende Geberde. „Mich? mich?“ ſagte die Königin, indem ſie ſich an den Buſen klopfte,„mich haben Sie geſehen 2* „Ja, Sie, am Dienſtag trugen Sie Ihr grünes Kleid mit goldmoirirten Streifen; am Mittwoch Ihr Kleid mit blauem und roſtfarbigem Aſtwerk. Geſtern Ihr braungelbes Kleid, das Sie an hatten, als ich Ihnen zum erſten Male die Hand küßte. Sie waren es! Sie waren es! Ich ſterbe vor Schmerz und Scham, indem ich Ihnen auf mein Leben, auf meine Ehre, auf meinen Gott ſage, Sie waren es, Madame! Sie waren es!“ Die Königin ging mit großen Schritten auf der 134 Terraſſe auf und ab, ohne ſich darum zu bekümmern, daß ſie ihre ſeltſame Aufregung die Zuſchauer ſehen ließ, welche ſie von unten mit den Augen verſchlangen. „Wenn ich einen Eid thäte, ſagte fie.. wenn i auch bei meinem Sohne, bei meinem Gott ſchwüre!.. Ich habe einen Gott, wie Sie!... Nein, er glaubt mir nicht!... er würde mir nicht glauben!“ Charny neigte das Haupt. „Wahnſinniger l“ fügte die Königin bei, indem ſie ihm voll Energie die Hand ſchüttele und ihn von der Terraſſe in ihr Zimmer zog.„Es iſt alſo eine ſehr ſeltene Wolluſt, die Wolluſt, eine unſchuldige, tadelloſe Frau anzuklagen; es iſt alſo ein machtiges Glück, das Glück, eine Königin zu entehren..: Glaubſt Du mir, wenn ich Dir ſage, daß nicht ich es bin, welche Du geſehen haſt, glaubſt Du, wenn ich auf Chriſtus ſchwöre, daß ich ſeit drei Tagen nach neun Uhr nicht mehr ausgegangen bin? Soll ich Dir durch meine Frauen, durch den König, der mich hier geſehen, beweiſen laſſen, daß ich nicht anderswo ſein konnte? Nein... er glaubt mir nicht! er glaubt mir nicht!“ „Ich habe geſehen!“ eerwiederte Charny kalt. „Dh rief plötzlich die Königin,„ich weiß, ich weiß! Iſt mir nicht ſchon dieſe grauſame Verleum⸗ dung in’'s Geſicht geſchleudert worden? Hat man mich nicht auf dem Ball der Oper, dem Hofe ein Aerger⸗ niß bereitend, geſehen? Hat man mich nicht bei Mesmer in Ertaſe, den Neugierigen und den Freuden⸗ mädchen ein Aergerniß gebend, geſehen?... Sie wiſſen es wohl, Sie, der Sie ſich für mich geſchlagen haben?“ „Madanme, zu jener Zeit habe ich mich geſchlagen, weil ich nicht daran glaubte. Heute würde ich mi ren Arme zum Himmel empor, zwei brennende Thrä⸗ nen rollten von ihren Wangen auf ihren Buſen! —☚ Sie, mein — 135 „Mein Gott,“ ſprach ſte,„ſchicke mir einen Ge⸗ danken, der mich rettet. Dieſer hier ſoll mich nicht verachten, o mein Gott!“ Charny fühlte ſich bis in den Grund des Herzens durch dieſes einfache und kräftige Gebet gerührt. Er verbarg ſeine Augen in ſeine beiden Hände. Die Königin dachte einen Augenblick ſtillſchweigend nach, dann ſprach ſie: „Mein Herr, Sie ſind mir eine Genugthuung ſchuldig. Vernehmen Sie die, welche ich von Ihnen fordere: Drei Nächte hinter einander haben Sie mich in meinem Park in Geſellſchaft eines Mannes geſehen. Sie wußten jedoch, daß man ſchon Mißbrauch von der Aehnlichkeit gemacht, welche irgend eine Frau im Ge⸗ ſicht und im Gang mit mir, der unglücklichen Königin, hat; doch da Sie lieber glauben wollen, ich ſei es, welche in der Nacht herumlaufe, da Sie ſagen werden, ich ſei es, ſo kehren Sie in den Park zu derſelben Stunde zurück, kehren Sie mit mir dahin zurück. Bin ich es, die Sie geſtern geſehen, ſo werden Sie mich nothwendig heute nicht mehr ſehen, da ich bei Ihnen ſein werde. Iſt es eine Andere, warum ſollten wir ſte mit einander nicht wiederſehen? Und wenn wir ſie ſehen... Ah! mein Herr! wie werden Sie bedauern, was Sie mich Alles ſo eben leiden gemacht haben 234 Charny preßte ſein Herz mit beiden Händen und erwiederte: „Sie thun zu viel für mich, Madame; ich ver⸗ diene den Tod; ſchmettern Sie mich nicht durch Ihre Güte nieder.“ B „Oh! ich werde Sie mit Beweiſen niederſchmet⸗ tern,“ ſagte die Königin,„nicht ein Wort zu irgend Jemand. Dieſen Abend um zehn Uhr; erwarten Sie vor der Thüre der Jägermeiſterei, was ich, um Sie zu überzeugen, beſchloſſen haben werde. Gehen derd. und laſſen Sie außen nichts ſichtbar werden.“ Charny kniete, ohne ein Wort zu ſagen, nieder und entfernte ſich ſodann. Am Ende des zweiten Salon ging er unwillkür⸗ lich unter dem Blicke von Jeanne vorüber, die ihn mit den Augen verſchlang und ſich bereit hielt, auf den erſten Ruf der Königin bei Ihrer Majeſtät einzu⸗ treten. 7 —.— D 09