“ 546. Leihbibliotherl deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Linratur Eduard Oltmann in Gießa, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſtehtzur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buche wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zue 4 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgſennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechend Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurckerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt weden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 NM.— Pf. = — 1 7 ¹ 7„—, 1* u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſtzu ſorgen. 3 6 Landenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchrutzte, ver⸗ ſſſ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wekes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetz und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weſerverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen welche die⸗ * 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verzrene und 3 defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ²) muß der ¹ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Sämmtliche Werke von Alerander Dumas. Deutſch von Auguſt Zoller. — 3— . Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buhandiuns. 1949. 1 Denkwürdigkeiten eines Arztes. Von Alexander Dumas. Zweite Abtheilung. Das Halsband der Königin. Erſtes bis viertes Bändchen. Aus dem Franzöſiſchen von 3 Dr. Auguſt Boller. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849. Die Weiſſagungen. Prolog. I. Ein alter Edelmann und ein alter Haus⸗ hofmeiſter. In den erſten Tagen des Monats April 1784 gegen ein Viertel auf vier Ühr Nachmittags ſtieß der betagte Marſchall von Richelieu, unſer alter Bekannter, nach⸗ dem er ſich die Augenbrauen mit einer wohlriechen⸗ den Färbung geſchwängert hatte, mit der Hand den Spiegel zurück, den ihm ſein Kammerdiener, der Nachfolger, aber kein Erſatzmann des getreuen Rofé, vorhielt, ſchüttelte den Kopf mit jener Miene, die nur ihm eigenthümlich war, und ſagte: „So, nun bin ich gut.“ Und er erhob ſich aus ſeinem Lehnſtuhle und ſtübte mit einer ganz jugendlichen Geberde mit dem Finger die Atome weißen Puders ab, die von ſeiner Perrücke auf ſein Beinkleid von himmelblauem Sammet gefal⸗ len waren. Dann, nachdem er, die Fußbiege aus⸗ ſtreckend, ein paar Gänge durch ſein Ankleidecabinet gemacht hatte, rief er: „Mein Haushofmeiſter!“ Nach fünf Minuten erſchien der Haushofmeiſter im Gallakleid. 3 3 Der Marſchall nahm eine ernſte Miene an, wie es die Lage der Dinge erheiſchte, und ſprach: Das Halsband der Koͤnigin. „Mein Herr, ich ſetze voraus, daß Sie ein gutes Diner gemacht haben.“. 3 „Ja, Monſeigneur.“ „Nicht wahr, ich habe Ihnen die Liſte der Gäͤſte übergeben laſſen?“ „Und ich habe die Zahl wohl behalten; neun Cou⸗ verts, iſt es nicht ſo, Monſeigneur?“ „Es iſt ein großer Unterſchied unter den Couverts, mein Herr!“ „Ja, Monſeigneur... aber...“ Der Marſchall unterbrach den Haushofmeiſter mit einer durch Majeſtät gemäßigten Bewegung der Ungeduld: „Aber.. iſt keine Antwort, mein Herr, und ſo oft ich das Wort aber höre, und ich habe es ſeit achtundachtzig Jahren oft gehört, nun wohl! ſo oft ich dieſes Wort gehört— ich bin in Verzweiflung dieß Ihnen ſagen zu müſſen— iſt es immer der Vor⸗ läufer einer Albernheit geweſen.“ „Monſeigneur!...“ „Vor Allem, um wie viel Uhr laſſen Sie mich ſpeiſen?“ „Monſeigneur, die Bürgersleute ſpeiſen um zwei Uhr, die Robe*) um drei Uhr, der Adel um vier Uhr.“ „Und ich, mein Herr?“ „Monſeigneur wird heute um fünf Uhr ſpeiſen.“ „Ho!l hol um fünf Uhr!“ „Ja, Monſeigneur, wie der König.“ „Und warum wie der König?“ „Weil auf der Liſte, die Monſeigneur mir zu über⸗ geben die Gnade gehabt hat, ein Koͤnigsname ſteht.“ „Keineswegs, mein Herr, Sie täuſchen ſich; unter meinen heutigen Gäſten ſind nur einfache Edelleute.“ „Monſeigneur beliebt es ohne Zweifel, mit ſeinem unterthänigſten Diener zu ſcherzen, und ich danke ihm für die Ehre, die er mir erweist. Doch der Herr Die Rechisgelehrten. 3 Graf von Haga, der zu den Gäſten von Monſeigneur gehört... „Nein.“ „Der Graf von Haga iſt ein König.“ „Ich kenne keinen König, der ſich ſo nennt.“ „Dann verzeihe mir Monſeigneur,“ ſprach der Haushofmeiſter ſich verbeugend,„aber ich glaubte, ich muthmaßte...“ „Es iſt nicht Ihr Auftrag, zu glauben, mein Herr! Es iſt nicht Ihre Pflicht, zu muthmaßen! Sie haben nichts Anderes zu thun, als die Befehle zu leſen, die ich Ihnen gebe, ohne irgend einen Commentar beizu⸗ fügen. Will ich, daß man etwas wiſſe, ſo ſage ich es; ſage ich es nicht, ſo will ich, daß man es nicht wiſſe.“ Der Haushofmeiſter verbeugte ſich zum zweiten Mal, und diesmal vielleicht ehrfurchtsvoller, als wenn er mit einem regierenden König geſprochen hätte. „Sie werden alſo,“ fuhr der alte Marſchall fort, „Sie werden, da ich nur Cdelleute bei Tiſche habe, ſo gut ſein, mich zu meiner gewöhnlichen Stunde, das heißt, um vier Uhr ſpeiſen laſſen.“ Bei dieſem Befehl verdüſterte ſich die Stirne des Haushofmeiſters, als hätte er ein Todesurtheil aus⸗ ſprechen hören. Er erbleichte und beugte ſich unter dem Schlag. Bald aber erhob er ſich wieder mit dem Muth der Verzweiflung und ſprach: „Es mag geſchehen, was Gottes Wille iſt, doch Monſeigneur wird erſt um fünf Uhr ſpeiſen.“ „Warum und wie dieß?“ rief der Marſchall, raſch ſich aufrichtend. „Weil es materiell unmöglich iſt, daß Monſeigneur früher ſpeist.“ „Mein Herr,“ ſagte der alte Marſchall, indem er voll Stolz ſeinen noch lebhaften und jungen Kopf ſchüttelte,„Sie ſind, glaube ich, nun zwanzig Jahre in meinem Dienſt?“ „inundzwanzig Jahre, Monſeigneur, einen Monat und zwei Wochen darüber.“ 17“ „Wohl, mein Herr, dieſen einundzwanzig Jahren einem Monat und zwei Wochen werden Sie nicht einen Tag, nicht eine Stunde mehr beiſetzen. Hören Sie?“ ſagte der Greis, ſeine dünnen Lippen zuſammenpreſſend und ſeine gemalte Stirne faltend,„ſchon dieſen Abend werden Sie ſich einen Herrn ſuchen. Ich will nicht, daß das Wort unmöglich in meinem Hauſe ausgeſpro⸗ chen wird. Ich mag in meinem Alter nicht die Lehre dieſes Wortes durchmachen. Ich habe keine Zeit zu verlieren.“ Der Haushofmeiſter verbeugte ſich zum dritten Mal und erwiederte: 2 „Dieſen Abend nehme ich von Monſeigneur Ab⸗ ſchied, doch ich werde wenigſtens bis zum letzten Augen⸗ blick meinen Dienſt gethan haben, wie es anſtändig iſt.“ Und er machte zwei Schritte rückwärts gegen die Thüre. „Was nennen Sie, wie es anſtändig iſt?“ rief der Marſchall.„Erfahren Sie, mein Herr, daß die Dinge hier gethan werden müſſen, wie es mir anſtändig iſt, das iſt der Anſtand. Ich will aber um vier Uhr ſpeiſen, und wenn ich um vier Uhr ſpei⸗ ſen will, iſt es mir nicht anſtändig, daß Sie mich um fünf Uhr ſpeiſen laſſen.“ „Herr Marſchall,“ ſprach trocken der Haushof⸗ meiſter,„ich habe als Kellermeiſter beim Herrn Prin⸗ zen von Soubiſe, als Intendant beim Herrn Prinzen Cardinal Louis von Rohan gedient. Beim Erſten ſpeiste Seine Majeſtät der ſelige König von Frankreich einmal im Jahr; bei dem Zweiten ſpeiste Seine Ma⸗ jeſtät der Kaiſer von Oeſtreich einmal im Monat. Ich⸗ weiß alſo, wie man Souverains behandelt, Mon⸗ ſeigneur. Bei Herrn von Soubiſe nannte ſich der König Ludwig XV. vergebens Baron von Geneſſe, er blieb immer ein König; bei Herrn von Rohan nannte ſich der Kaiſer Joſeph vergebens Graf von Partenſtein, er blieb immer der Kaiſer. Heute empfängt der Herr Marſchall einen Gaſt, der ſich vergebens Graf von 5 Haga nennt: der Graf von Haga iſt nichtsdeſtoweni⸗ ger der König von Schweden. Ich verlaſſe dieſen Abend das Hotel des Herrn Marſchall, oder der Herr Graf von Haga wird hier wie ein König behandelt.“ .„Und das iſt es gerade, was ich Ihnen durchaus verbiete, Herr Halsſtarriger: der Graf von Haga will das ſtrengſte, undurchſichtigſte Incognito. Daran er⸗ kenne ich Eure albernen Eitelkeiten, meine Herren von der Serviette! Es iſt nicht die Krone, was Ihr ehrt, Euch ſelbſt verherrlicht Ihr mit unſern Thalern.“ „Ich denke nicht, daß Monſeigneur im Ernſt mit mir von Geld ſpricht,“ entgegnete bitter der Haushof⸗ meiſter. „Nein, mein Herr,“ ſagte der Marſchall beinahe gedemüthigt;„mein Geld! wer Teufels ſpricht von Geld? Ich bitte, gehen Sie nicht von der Frage ab, und ich wiederhole, daß von keinem König hier die Rede ſein ſoll.“ „Aber, Herr Marſchall, was glauben Sie von mir? Denken Sie denn, ich werde blindlings zutap⸗ pen? Es ſoll nicht einen Augenblick von einem König die Rede ſein.“ „Seien Sie alſo nicht hartnäckig und laſſen Sie mich um vier Uhr ſpeiſen.“ „Nein, Herr Marſchall, um vier Uhr wird das, was ich erwarte, nicht angekommen ſein.“ „Was erwarten Sie? einen Fiſch, wie Herr Vatel?“ „Herr Vatel, Herr Vatel,“ murmelte der Haus⸗ hofmeiſter. „Nunl! ſind Sie ärgerlich über die Vergleichung?“ „Nein, aber wegen eines unglücklichen Degenſtichs, den er ſich durch den Leib gegeben hat, iſt Herr Vatel unſterblich geworden!“ „Ahl ah! und Sie finden, Ihr College habe den Ruhm zu wohlfeil bezahlt?“ „Nein, Monſeigneur, aber wie viele Andere leiden mehr als er bei unſerem Gewerbe, und verſchlucken Schmerzen und Demüthigungen, die hundertmal ſchlim⸗ mer als ein Degenſtich, werden aber darum doch nicht unſterblich.“ „Eil mein Herr! wiſſen Sie nicht, daß man, um unſterblich zu werden, von der Academie oder todt ſein muß?“ „Monſeigneur, wenn es ſich ſo verhält, ſo iſt es beſſer, ganz lebendig zu ſein und ſeinen Dienſt zu thun. Ich werde nicht ſterben, und mein Dienſt wird ver⸗ richtet werden, wie es der von Vatel geworden wäre, hätte der Herr Prinz von Condé die Geduld gehabt, eine halbe Stunde zu warten.“ „Ahl Sie verſprechen ein Wunder, das iſt geſchickt.“ „Nein, Monſeigneur, kein Wunder.“ „Aber was erwarten Sie denn?“ „Soll ich es Monſeigneur ſagen?“ „Meiner Treue, ja, ich bin neugierig.“ „Wohl, Monſeigneur, ich erwarte eine Flaſche Wein.“ „Eine Flaſche Wein? erklären Sie ſich, die Sache fängt an, mich zu intereſſiren.“ „Höoren Sie, um was es ſich handelt, Monſeigneur. Seine Majeſtät der König von Schweden, verzeihen Sie, Seine Excellenz der Graf von Haga, wollte ich ſagen, trinkt nie andern Wein als Tokayer.“ „Nun! bin ich ſo entblößt, daß ich nicht einmal Tokayer im Keller habe? Dann müßte man den Kel⸗ lermeiſter fortjagen.“ 1 „Nein, Monſeigneur, Sie haben im Gegentheil noch ungefähr ſechzig Flaſchen.“ „Glauben Sie denn, der Graf von Haga trinke einundſechzig Flaſchen bei ſeinem Mittagmahle?“ „Geduld, Monſeigneur; als der Herr Graf von Haga zum erſten Mal nach Frankreich kam, war er nur Kronprinz; er ſpeiste damals beim ſeligen König, der zwölf Flaſchen Tokayer von Seiner Majeſtät dem Kaiſer von Oeſtreich bekommen hatte. Sie wiſſen, daß der To⸗ kayer erſter Qualität für den Keller der Kaiſer vorbe⸗ halten wird, und daß ſelbſt die Souverains von dieſem 7 Gewächs nur ſo viel trinken, als Seine Majeſtät der Kaiſer ihnen zu ſchicken die Guͤte hat.“ „Ich weiß es.“ „Wohl, Monſeigneur, von dieſen zwölf Flaſchen, von denen der Kronprinz koſtete, und deren Wein er vortrefflich kennt, ſind heute nur noch zwei übrig.“ „Ha! ha!“ „Die eine iſt noch in den Kellern von König Ludwig XVI.“ „Und die andere?“ „Ah! das iſt es, Monſeigneur,“ erwiederte der Haushofmeiſter mit einem triumphirenden Lächeln; denn er fühlte, nach dem langen Streite, den er aus⸗ gehalten, nahe ſich für ihn der Augenblick des Sie⸗ ges:„die andere, die andere wurde entwendet.“ „Durch wen?“ „Durch einen von meinen Freunden, den Keller⸗ meiſter des verſtorbenen Königs, der große Verbind⸗ lichkeiten gegen mich hatte.“ „Ah! ahl Und er gab ſie Ihnen?“ „Sicherlich, ja, Monſeigneur,“ ſprach der Haus⸗ hofmeiſter voll Stolz. „Und was machten Sie damit?“ „Ich legte ſie ſorgfältig in den Keller meines Herrn.“ „Ihres Herrn? Wer war zu jener Zeit Ihr Herr?“ „Der Herr Cardinal Prinz Louis von Rohan.“ „Ah! mein Gott! in Straßburg?“ „In Saverne.“ „Und Sie haben Jemand abgeſchickt, um dieſe Flaſche für mich holen zu laſſen?“ rief der alte Marſchall. „ Für Sie, Monſeigneur,“ antwortete der Haus⸗ hofmeiſter mit dem Tone, den er gewählt hatte, um zu ſagen:„Undankbarer.“ Der Herzog von Richelieu ergriff die Hand des alten Dieners und rief: „Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Herr; Sie ſind der König der Haushofmeiſter.“ 8 einer unüberſetzbaren Bewegung des Kopfes und der „Und Sie jagten mich weg!“ erwiederte dieſer mit Schultern. „Ich bezahle Ihnen dieſe Flaſche mit hundert Piſtolen.“ „Und hundert Piſtolen, die der Herr Marſchall für die Reiſekoſten zu bezahlen haben wird, das macht zweihundert Piſtolen. Doch Monſeigneur muß geſtehen, daß dieß nichts iſt.“ „Ich werde Alles geſtehen, was Ihnen beliebt, mein Herr; mittlerweile verdopple ich von heute an Ihren Gehalt.“ „Aber Monſeigneur war mir hiefür nichts ſchul⸗ dig; ich habe nur meine Pflicht gethan.“ „Und wann wird Ihr Hundert⸗Piſtolen⸗Courier an⸗ kommen?“ „Monſeigneur mag urtheilen, ob ich meine Zeit vexloren habe: an welchem Tag hat Monſeigneur das Diner befohlen?“ „Ich glaube, vor drei Tagen.“ „Ein Courier, der mit verhängten Zügeln reitet, braucht vierundzwanzig Stunden, um an Ort und Stelle zu kommen, und vierundzwanzig Stunden zur Rückkehr.“ „s blieben Ihnen vierundzwanzig Stunden übrig. Fürſt der Haushofmeiſter, was haben Sie mit vier⸗ undzwanzig Stunden gemacht?“ „Ah! Monſeigneur, ich habe ſie verloren. Der Gedanke kam mir erſt den andern Tag, nachdem Sie mir die Liſte Ihrer Gäſte gegeben. Berechnen wir nun die Zeit, welche die Negociation erfordert, und Sie werden ſehen, Monſeigneur, daß, wenn ich um Ver⸗ zug bis fünf Uhr bitte, ich nur die ſtreng nothwendige Zeit verlange.“ „Wiel die Flaſche iſt noch nicht hier?“ „Nein, Monſeigneur.“ „Guter Gott! und wenn Ihr College in Saverne 9 Herrn von Rohan eben ſo ergeben wäre, als Sie es mir ſind?“ „Nun, Monſeigneur?“ „Wenn er die Flaſche verweigerte, wie Sie es ſelbſt gethan hätten?“. „Ich, Monſeigneur?“ „Ja, ich denke, Sie wülben eine ſolche Flaſche nicht hergeben, wenn ſie ſich in meinem Keller fände?“ „Ich bitte Monſeigneur unterthänigſt um Ver⸗ zeihung; wenn ein College, der einen König zu be⸗ wirthen hätte, zu mir kaͤme und mich um Ihre beſte Flaſche Wein bäte, ſo würde ich ſie ihm auf der Stelle geben.“ „Ha! ha!“ machte der Marſchall mit einer leichten Grimaſſe. „Wenn man unterſtützt, wird man unterſtützt, Monſeigneur.“ „Somit bin ich beinahe beruhigt,“ ſprach der Marſchall mit einem Seufzer;„doch wir haben noch einen ſchlimmen Fall zu befürchten.“ „Welchen?“ „Wenn die Flaſche zerbricht?“ „Ah! Monſeigneur, es gibt kein Beiſpiel, daß je ein Menſch eine Flaſche von zweitauſend Livres zer⸗ brochen hat.“ „Ich hatte Unrecht, ſprechen wir nicht mehr davon; um welche Stunde wird Ihr Courier ankommen?“ „Auf den Schlag vier Uhr.“ „Wer hindert uns dann, um vier Uhr zu ſpeiſen?“ verſetzte der Cardinal, halsſtarrig, wie ein caſtiliani⸗ ſches Maulthier. „Monſeigneur, mein Wein braucht eine Stunde, um auszuruhen; und dazu bedarf es noch eines Ver⸗ fahrens, deſſen Erfinder ich bin, ſonſt müßte er drei Tage haben.“— 5 Auch dießmal geſchlagen, verbeugte ſich der Mar⸗ ſchall vor ſeinem Haushofmeiſter, um ſeine Niederlage zu bezeichnen. „Ueberdieß,“ fuhr der Haushofmeiſter fort,„über⸗ dieß werden die Gäſte von Monſeigneur, da ſie wiſſen, daß ſie die Ehre haben, mit dem Herrn Grafen von Haga zu ſpeiſen, erſt um halb fünf Uhr kommen.“ „Ahl noch ein Grund!“ „Allerdings, Monſeigneur; nicht wahr, die Gäſte von Monſeigneur ſind Herr von Launay, die Frau Gräfin Dubarry, Herr von Laperouſe, Herr von Favras, Herr von Condorcet, Herr von Loglieſter und Herr von Taverney?“— „Nun?“ „Nun, Monſeigneur, gehen wir der Ordnung nach zu Werke: Herr von Launay kommt von der Baſtille, von Paris bei dem Eis, das auf den Straßen liegt, drei Stunden.“ „Ja, aber er wird ſogleich nach dem Mittageſſen der Gefangenen, das heißt um zwölf Uhr, abfahren; ich kenne das.“ „Verzeihen Sie, Monſeigneur; ſeitdem der Herr Marſchall in der Baſtille geweſen iſt, hat ſich die Stunde des Mittageſſens verändert; die Baſtille ſpeist um ein Uhr.“ „Mein Herr, man lernt alle Tage, und ich danke Ihnen. Fahren ſte fort.“ „Madame Dubarry kommt von Luciennes, einer fortwährenden Senkung der Straße beim Glatteis.“ „Ah! das wird ſie nicht verhindern, pünktlich zu ſein. Seitdem ſie nur noch die Favoritin eines Her⸗ zogs iſt, ſpielt ſie die Königin höchſtens gegen Ba⸗ rone. Doch verſtehen Sie mich wohl. Ich wollte frühzeitig ſpeiſen, wegen Herrn von Laperouſe, der heute Abend abreist und ſich nicht gern verſpäten wird.“ „Monſeigneur, Herr von Lapeyrouſe iſt beim Kö⸗ nig; er plaudert mit Seiner Majeſtät über Geographie und Kosmographie. Der König wird Herrn von La⸗ perouſe nicht ſobald loslaſſen.“ „Das iſt möglich.“ „Das iſt ſicher, Monſeigneur; ebenſo wird es bei 11 Herrn von Favras ſein, der beim Herrn Grafen von Provence iſt, und dort ohne Zweifel über das Stück von Herrn Baron von Beaumarchais ſpricht.“ „Von Figaro's Hochzeit?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Wiſſen Sie, daß Sie ganz gelehrt ſind?“ „In meinen verlorenen Augenblicken leſe ich, Monſeigneur.“ „Wir haben Herrn von Condorcet, der in ſeiner Eigenſchaft als Geometer wohl ſeine Ehre in die Pünkt⸗ lichkeit ſetzen könnte.“ „Ja, aber er wird ſich in eine Rechnung vertiefen, und wenn er weggeht, wird er um eine halbe Stunde im Verzug ſein. Was den Grafen von Caglioſtro betrifft, ſo kennt dieſer Herr, da er ein Fremder iſt, und erſt ſeit Kurzem in Paris wohnt, wahrſcheinlich das Leben in Verſailles noch nicht vollkommen und wird auf ſich warten laſſen.“ „Ah! Sie haben, abgeſehen von Taverney, alle meine Gäſte genannt, und zwar in einer Ordnung des Aufzählens, welche ſeiner und meines armen Rofé würdig wäre.“ 3 Der Haushofmeiſter verbeugte ſich und erwiederte ann: „Ich habe von Herrn von Taverney nicht geſpro⸗ chen, weil dieſer ein alter Freund iſt und ſich nach den Gebräuchen richten wird. Monſeigneur, ich glaube wohl, dieß ſind die acht Couverts von heute Abend.“ „Vollſtändig. Wo laſſen Sie uns einſteigen?“ „Im großen Speiſeſaal, Monſeigneur.“ „Wir werden dort erfrieren.“ „Es iſt ſeit drei Stunden eingeheizt, und ich habe die Atmoſphäre auf achtzehn Grade geregelt.“ 3 „Sehr gut! Doch es ſchlägt halb.“ zder ſee Marſchall warf einen Blick auf ſeine Pen⸗ eluhr. „Es iſt halb fünf Uhr, mein Herr.“ „Ja, Monſeigneur, und eben tritt ein Pferd in den Hof ein; das iſt meine Flaſche Tokayer.“ „O! könnte ich noch zwanzig Jahre ſo bedient werden!“ ſprach der alte Marſchall, zu ſeinem Spiegel zurückkehrend, während der Haushofmeiſter nach ſeiner Tiſchgeräthkammer eilte. „Zwanzig Jahre!“ ſagte eine heitere Stimme, die den Marſchall beim erſten Blick, den er in den Spiegel warf, unterbrach,„zwanzig Jahre! ich wünſche ſie Ihnen, mein lieber Marſchall; dann werde ich aber ſechzig zählen, Herzog, und ſehr alt ſein.“ „Sie, Gräfin!“ rief der Marſchall,„Sie die Erſte! Mein Gott! wie ſind Sie doch ſtets ſo ſchön und friſch.“ „Sagen Sie, ich ſei erfroren.“ „Ich bitte, gehen Sie in's Boudoir.“ „Ol wir Beide allein, Marſchall.“ „Zu Drei,“ erwiederte eine ſchetternde Stimme. „Taverney!“ rief der Marſchall.„Die Peſt über dieſen Freudenſtörer,“ flüſterte er der Gräfin in's Ohr. „Geck!“ murmelte Madame Dubarry, ein Gelächter aufſchlagend. Und alle Drei gingen in das anſtoßende Zimmer. In demſelben Augenblick verkündigte das dumpfe Rollen mehrerer Wagen auf dem vom Schnee wattirten Pflaſter dem Marſchall die Ankunft der Geladenen, und bald nachher nahmen, unterſtützt durch die Pünkt⸗ lichkeit des Haushofmeiſters, um den eirunden Tiſch des Speiſeſaales Platz: neun Lackeien, ſchweigſam, wie Schatten, behende, ohne Haſt, zuvorkommend, ohne zu beläſtigen, auf den Teppichen hin ſchlüpfend, zwiſchen den Gäſten durchgehend, ohne je an ihren Armen an⸗ zuſtreifen, ohne je an ihre Fauteuils zu ſtoßen, Fau⸗ teuils— begraben in eine Ernte von Pelzen, worein die Beine der Gäſte bis an die Kniekehlen einſanken, das war es, was die Geladenen des Marſchalls mit den milden Feuern der Oefen, dem Geruche der Fleiſche, dem Dafte der Weine und dem Geſumme der erſten Plaudereien nach der Suppe genoſſen. 13 Kein Geräuſch außen, die Läden hatten Dämpfer; kein Geräuſch im Innern, ausgenommen das, welches die Gäſte machten; Teller, die den Platz wechſelten, ohne daß man ſie tönen hörte, Silberzeug, das ohne einen einzigen Klang von den Buffets auf den Tiſch überging, ein Haushofmeiſter, deſſen Geflüſter man nicht einmal hören konnte... er gab ſeine Befehle mit den Augen. So fühlten ſich die Gäſte nach Verlauf von zehn Minuten völlig allein in dieſem Saale; ſo ſtumme Diener, ſo unfühlbare Sklaven mußten in der That ſtumm ſein. Herr von Richelieu war der Erſte, den dieſes feier⸗ liche Stillſchweigen, das ſo lange dauert, als die Suppe dauert, dadurch unterbrach, daß er zu ſeinem Nachbar zur Rechten ſagte: „Der Herr Graf trinkt nicht?“ Derjenige, an welchen er dieſe Worte richtete, war ein Mann von achtunddreißig Jahren, blond von Haa⸗ ren, klein von Wuchs, hoch von Schultern; ſein hell⸗ blaues Auge war zuweilen lebhaft, häufig melancholiſch: der Adel war in unverwerflichen Zügen auf ſeine edle, offene Stirne geſchrieben. „Ich trinke nur Waſſer,“ antwortete er. „Ausgenommen bei König Ludwig XV.,“ entgegnete der Herzog.„Ich habe die Ehre gehabt, mit dem Herrn Grafen dort zu ſpeiſen, und damals hat er wohl Wein getrunken.“ „Sie rufen da eine herrliche Erinnerung in mir zurück, Herr Marſchall; ja, im Jahre 1771 war es Tokayerwein vom kaiſerlichen Gewächs.“ „Es war von demſelben Wein, den mein Haus⸗ hofmeiſter in dieſem Augenblick Ihnen einzuſchenken die Ehre hat, Herr Graf,“ erwiederte Richelieu, ſich ver⸗ beugend. Der Graf von Haga hob das Glas bis zur Höhe ſeiner Augen empor und betrachtete es bei der Helle der Kerzen. S. — 3 BDer Wein funkelte im Glaſe wie ein flüſſiger rubin. „Es iſt wahr, Herr Marſchall, ich danke,“ ſagte er. Der Graf ſprach die Worte: ich danke, mit einem ſo edlen und anmuthigen Tone, daß die Anweſenden elektriſirt mit einer einzigen und gleichzeitigen Bewe⸗ gung aufſtanden und riefen: „Es lebe Seine Majeftät!“ „Gewiß,“ erwiederte der Graf von Haga:„Es lebe Seine Majeſtät der König von Frankreich! Sind. Sie nicht meiner Anſicht, Herr von Laperouſe?“ „Herr Graf,“ erwiederte der Kapitän mit dem zugleich freundlichen und ehrfurchtsvollen Ausdruck des Mannes, der mit gekrönten Häuptern zu ſprechen ge⸗ wohnt iſt,„ich habe den König vor einer Stunde ver⸗ laſſen, und er war ſo voll Gute gegen mich, daß Nie⸗ mand lauter: Es lebe der König! rufen wird, als ich es thue. Nur da ich mich in einer Stunde in eine Poſtchaiſe werfen werde, um die See zu erreichen, wo mich die zwei Flöten erwarten, die der König zu mei⸗ ner Verfügung ſtellt, bitte ich um Erlaubniß, bin ich einmal außen, rufen zu dürfen: Es lebe ein anderer König, dem ich ſehr gern dienen würde, hätte ich nicht einen ſo guten Herrn!“ Nach dieſen Worten erhob Laperouſe ſein Glas und verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor dem Grafen von aga. 3. Bei der Geſundheit, die Sie ausbringen wollen, ſtnd wir Alle bereit, einzuſtimmen, mein Herr,“ ſagte Madame Dubarry, die zur Linken des Marſchalls ſaß. „Aber unſer Altersdechant, wie man im Parlament ſagen würde, muß dieſe Geſundheit ausbringen.“ „Iſt dieſes Wort an Dich gerichtet, Taverney, oder an mich?“ fragte der Marſchall lachend und ſeinen alten Freund anſchauend. „Ich glaube nicht,“ erwiederte eine neue Perſon, die dem Marſchall von Richelieu gegenüber ſaß. „Was glauben Sie nicht, Herr von Caglioſtro?e 8* 15 ſagte der Graf von Haga, indem er ſeinen durchdringen⸗ den Blick auf den Redenden heftete. „Ich glaube nicht, Herr Graf, daß Herr von Ri⸗ chelieu unſer Altersdechant iſt,“ antwortete Caglioſtro, ſich verbeugend. „Oh! das iſt gut, es ſcheint, Du biſt es, Taverney,“ rief der Marſchall. 1 „Ahl ich zähle acht Jahre weniger, als Du. Ich bin von 1704,“ erwiederte der alte Herr. „Unartiger,“ ſagte der Marſchall,„er verräth meine achtundachtzig Jahre.“. „Wahrhaftig, Herr Herzog, Sie ſind achtundachtzig Jahre alt?“ rief Herr von Condorcet. „Ah! mein Gott, ja. Die Rechnung iſt leicht zu machen, und gerade deshalb iſt ſie eines Algebraiſten von Ihrer Stärke unwürdig, Herr Marquis. Ich bin aus dem vorigen Jahrhundert, aus dem großen Jahr⸗ hundert, wie man es nennt, 1696, das iſt ein Datum.“ „Unmöglich!“ rief Herr von Launay. „Ohl wenn Ihr Vater hier wäͤre, mein Herr Gouverneur der Baſtille,“ entgegnete Richelieu,„er würde nicht„unmöglich“ ſagen, er, der mich im Jahr 1714 als Koſtgänger gehabt hat.“ „Der Altersdechant,“ ſprach Herr von Favras, „das erkläre ich, iſt der Wein, den ſich der Herr Graf von Haga in dieſem Augenblick einſchenkt.“ „Ein Tokayer von hundertundzwanzig Jahren, Sie haben Recht, Herr von Favras,“ erwiederte der Graf. „Dieſem Tokayer käme die Ehre zu, die Geſundheit des Königs auszubringen.“ „Einen Augenblick Geduld,“ rief Caglioſtro, indem er ſeinen großen, von Stärke und Verſtand funkelnden Kopf über die Tafel erhob,„ich mache Anſpruch darauf.“ „Sie machen auf das Altersvorrecht des Tokayers Anſpruch?“ fragten im Chor die Gäſte. „Ganz gewiß,“ erwiederte voll Ruhe der Graf, den ii jelbſ habe ihn in ſeiner Flaſche verſtegelt.“ A⸗ je 2“ . „Sie?“ 7 Jahr 1664 Montecuculi über die Türken davon trug.“ „Ja, ich, und zwar am Tage des Sieges, den im Dieſe Worte, welche Caglioſtro mit einem unſtör⸗ baren Ernſt ausgeſprochen hatte, wurden mit einem ungeheuren Gelächter aufgenommen. „Nach dieſer Rechnung ſind Sie ſo etwa hundert⸗ unddreißig Jahre alt,“ ſagte Madame Dubarry,„denn ſie mußten doch wohl zehn Jahre alt ſein, als ſie dieſen guten Wein in ſeine dicke Flaſche füllten.“ „Ich zählte mehr, als zehn Jahre, als ich dieſe Operation vornahm, Madame, denn zwei Tage nachher erhielt ich von Sr. Maj., dem Kaiſer von Oeſterreich, den ehrenvollen Auftrag, Montecuculi Glück zu wün⸗ ſchen, der durch den Sieg bei St. Gotthard den Tag von Eſpek in Slavonien gerächt hatte, wo die Ungläu⸗ bigen die Kaiſerlichen, meine Freunde und meine Waffen⸗ gefährten von 1536, ſo gewaltig ſchlugen.“ „Ei!“ ſagte der Graf von Haga, ebenſo kalt, als es Caglioſtro that,„der Herr war damals mindeſtens zehn Jahre alt, da er dieſer merkwürdigen Schlacht perſönlich beiwohnte.“ „Eine furchtbare Niederlage, Herr Graf!“ erwie⸗ derte Caglioſtro mit einer Verbeugung.— „Minder grauſam jedoch, als die Niederlage bei Crécy,“ entgegnete Condorcet lächelnd. „s iſt wahr, mein Herr,“ ſprach Caglioſtro, ebenfalls lachelnd,„die Niederlage bei Crécy war etwas Schreckliches in der Hinſicht, daß es nicht allein eine Armee war, die geſchlagen wurde, ſondern Frankreich. Wir müſſen indeſſen zugeben, daß dieſe Niederlage kein ganz redlicher Sieg von Seiten Englands war. König Eduard hatte Kanonen, ein Philipp von Valois völlig unbekannter Umſtand, oder vielmehr ein Umſtand, an den Philipp von Valois nicht glauben wollte, obſchon ich ihn darauf aufmerkſam machte, obſchon ich ihm ſagte, ich habe mit meinen eigenen Augen die vier Feldſtücke geſehen, welche Eduard von den Venetianerg gekauft.“ — ²8 95, έ 17 „Ah! ah!“ rief Madame Dubarry,„ah! Sie haben Philipp von Valois gekannt?“ „Madame, ich hatte die Ehre, einer von den fünf Herren zu ſein, die ſeine Escorte bildeten, als er das Schlachtfeld verließ. Ich kam nach Frankreich mit dem armen alten König von Böhmen, der blind war und ſich in dem Augenblick tödten ließ, wo man ihm ſagte, Alles ſei verloren.“ „Oh! mein Gott, mein Herr!“ ſagte Laperouſe, „Sie können nicht glauben, wie ſehr ich es bedaure, daß Sie nicht, ſtatt der Schlacht bei Crécy beizuwohnen, der Schlacht von Actium beigewohnt haben.“ „Und warum dieß, mein Herr?“ „Ah! weil Sie mir hätten einzelne nautiſche Umſtände mittheilen können, die mir trotz der ſchönen Erzählung von Plutarch ſtets dunkel geblieben ſind.“ „Welche Umſtände meinen Sie? es würde mich ſehr glücklich machen, wenn ich Ihnen von einigem Nutzen ſein könnte.“ „Sie waren alſo dabei?“ „Nein, ich war damals in Aegypten. Die Königin Cleopatra hatte mich beauftragt, die Bibliothek in Alerandria wieder herzuſtellen, eine Sache, die ich mehr, als irgend ein Anderer auszuführen im Stande war, da ich die beſten Schriftſteller des Alterthums perſönlich gekannt hatte.“ „Und Sie haben die Königin Cleopatra geſehen, Herr von Caglioſtro?“ rief Madame Dubarry. „Wie ich Sie ſehe, Madame.“ „War ſtie ſo hübſch, als man ſagt?“ „Frau Gräfin, Sie wiſſen, die Schönheit iſt etwas Relatives. Eine reizende Königin in Aegypten, hätte Cleopatra in Paris nur eine liebenswürdige Griſette ſein können.“ „Sprechen Sie nicht ſchlimm von den Griſetten, Herr Graf.“— „Gott behüte mich.“ Das Halsband der Koͤnigin. 2 9 4 18 „Cleopatra war alſo.. „Klein, mager, lebhaft, geiſtreich, mit großen, mandelartig geſchlitzten Augen, einer griechiſchen Naſe, Perlzähnen, einer Hand wie die Ihrige, einer magern Hand, um das Scepter zu halten. Sehen Sie, hier iſt ein Diamant, den ſie mir geſchenkt; ſie hatte den⸗ ſelben von ihrem Bruder Ptolemäus erhalten und trug ihn am Daumen.“ „Am Daumen?“ rief Madame Dubarry. „Ja. das war eine ägyptiſche Mode, und ich kann ihn, wie Sie ſehen, kaum an meinen kleinen Finger( ſtecken.“ Und er zog den Ring ab und reichte ihn Madame 3 Dubarry. Es war ein herrlicher Diamant, der, ſo wunderbar ſe war ſein Waſſer, ſo geſchickt ſein Schnitt, dreißig⸗ bis a vierzigtauſend Franken werth ſein mochte. Der Diamant machte die Runde um die Tafel und kam zu Caglioſtro zurück, der ihn ruhig wieder an ſeinen n Finger ſteckte. de „Ah! ich ſehe es wohl,“ rief er,„Sie ſind un⸗ n. gläubig; unſelige Ungläubigkeit, die ich mein ganzes w Leben zu bekämpfen hatte! Philipp von Valois wollte mir nicht glauben, als ich ihm ſagte, er möge Eduard einen Rückzug öffnen; Cleopatra wollte mir nicht vo glauben, als ich ihr ſagte, Antonius würde geſchlagen w. werden. Die Trojaner wollten mir nicht glauben, als no ich ihnen in Beziehung auf das hölzerne Pferd ſagte: Caſſandra iſt inſpirirt! höret auf Caſſandra“ „Oh! das iſt wunderbar!“ rief Madame Dubarry, ſie die ſich vor Lachen krümmte,„ich habe in der That H noch nie einen zugleich ſo ernſten und ſo beluſtigenden Mann geſehen, wie Sie.“ 4 „Ich verſichere Sie,“ ſagte Caglioſtro, ſich verbeu⸗ gend,„Jonathan war noch viel beluſtigender, als ich. Ohl der herrliche Geſelle! Als er von Saul genödtet wurde, wäre ich auch beinahe darüber verrückt ge⸗ worden.“ 2 —0—,——, 1— — VSU*A= - g =— 19 „Wiſſen Sie, Graf,“ ſprach der Herzog von Ri⸗ chelieu,„wiſſen Sie, daß Sie, wenn Sie fortfahren, den armen Taverney verrückt machen werden, der in ſolchem Maße vor dem Tod Angſt hat, daß er Sie mit ganz beſtürzten Augen anſchaut, indem er Sie für un⸗ ſterblich hält. Sprechen Sie aufrichtig: Sind Sie es, oder ſind Sie es nicht?“ „Unſterblich?“ „Unſterblich.“ „Ich weiß es nicht, doch was ich weiß, iſt, daß ich Eines verſichern kann.“ „Was?“ fragte Taverney, der Gierigſte von allen Zuhörern. „Daß ich alle Dinge gekannt und mit allen Per⸗ ſonen Umgang gepflogen habe, die ich Ihnen ſo eben angeführt.“ „Sie haben Montecuculi gekannt?“ „Wie ich Sie kenne, Herr von Favras, und ſogar noch genauer; denn das iſt das zweite oder dritte Mal, daß ich die Ehre habe, Sie zu ſehen, während ich bei⸗ nahe ein Jahr mit dem großen Strategiker, von dem wir ſprechen, unter einem Zelte lebte.“ „Sie haben Philipp von Valois gekannt?“ „Wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre hatte, Herr von Condorcet; als er aber nach Paris zurückgekehrt war, verließ ich Frankreich und begab mich wieder nach Böhmen.“ „Cleopatra?“ „Ja, Frau Gräfin, Cleopatra. Ich ſagte Ihnen, ſie habe ſchwarze Augen gehabt, wie Sie, und einen Hals, der beinahe ſo ſchön geweſen, als der Ihrige.“ „Aber, Graf, Sie wiſſen nicht, wie mein Hals iſt.“ „Sie haben einen Hals, wie Caſſandra, und damit der Aehnlichkeit Nichts mangelt, hatte Caſſandra wie Sie, oder Sie haben wie Caſſandra ein kleines ſchwarzes Mal in der Höhe der ſechsten linken Rippe.“ „Ah! Graf, Sie ſind einmal ein Zauberer.“ 83 „ „Eil nein, Madame,“ entgegnete lachend der Marſchall von Richelieu,„ich habe es ihm geſagt.“ „Und woher wiſſen Sie es?“ Der Marſchall ſpitzte die Lippen und erwiederte: „Hm! das iſt ein Familiengeheimniß.“ 8 „Es iſt gut, es iſt gut!“ rief Madame Dubarry. „Wahrlich, Marſchall, man hat ſehr Recht, ſich einer doppelten Lage Roth zu bedienen, wenn man zu Ihnen kommt.“ Dann wandte ſie ſich gegen Caglioſtro um und ſprach: „In der That, mein Herr, Sie beſitzen alſo das Geheimniß, zu verjüngen, denn drei⸗ bis viertauſend zuſe alt, wie Sie es ſind, ſcheinen Sie kaum vierzig zu ſein. „ Ja, Madame, ich beſitze das Geheimniß, zu ver⸗ jüngen.“ „Ohl ſo verjüngen Sie mich.“ „Sie, Madame, das iſt unnöthig. Das Wunder— iſt geſchehen. Man hat das Alter, das man zu haben ſcheint, und Sie ſind höchſtens dreißig Jahre alt.“ „Das iſt eine Galanterie.“ „Nein, Madame, es iſt eine Thatſache.“ „Erklären Sie ſich.“ „Das iſt ganz leicht. Sie haben mein Verfahren für ſich ſelbſt benuͤtzt.“ „Wie ſo?“ „Sie haben von meinem Elixir genommen.“ „Ich?“ „Sie ſelbſt, Gräfin. Oh! Sie haben das nicht ſ „Ohl oh!“.. 3 Gräfin, erinnern Sie ſich eines Hauſes in der d Rue Saint⸗Claude? erinnern Sie ſich, in dieſes Haus ſ in gewiſſen, Herrn von Sartines betreffenden Angelegen⸗ heiten gekommen zu ſein? erinnern Sie ſich, einem meiner Freunde, Namens Joſeph Balſamo, einen Dienſt daß Wnen Joſeph —— —— 21 Balſamo ein Geſchenk mit einem Fläſchchen Elixir machte, wobei er Ihnen jeden Morgen drei Tropfen davon zu nehmen empfahl! erinnern Sie ſich, ſeine Vorſchrift bis zum letzten Jahre befolgt zu haben, zu welcher Zeit ſich das Fläſchchen geleert fand? Erinnern Sie ſich aller dieſer Umſtände nicht mehr, Gräfin, ſo wäre dieß in der That nicht mehr Vergeßlichkeit, ſon⸗ dern Undank.“ „Ohl Herr von Caglioſtro, Sie ſagen mir da Dinge..“ „Die nur Ihnen allein bekannt ſind, ich weiß es wohl. Worin läge aber das Verdienſt, ein Zauberer zu ſein, wenn man die Geheimniſſe ſeines Nächſten nicht wüßte?“ „Joſeph Balſamo hatte alſo, wie Sie, das Recept dieſes wunderbaren Elirirs?“ „Nein, Madame, da er aber einer meiner beſten Freunde war, ſchenkte ich ihm drei bis vier Fläſchchen.“ „Und er hat noch davon?“ „Oh! das weiß ich nicht. Seit drei Jahren iſt der arme Balſamo verſchwunden. Ich ſah ihn zum letzten Mal in Amerika, an den Ufern des Ohio; er unternahm eine Expedition nach den Rocky Mountains, und ſeitdem hörte ich ſagen, er ſei geſtorben.“ „Genug, genug, Graf!“ rief der Marſchall;„ich bitte, laſſen Sie die Galanterien. Das Geheimniß, Graf, das Geheimniß!“ „Sprechen Sie im Ernſte, mein Herr?“ fragte der Graf von Haga. „Ganz im Ernſte, Sire. Verzeihen Sie, ich will ſagen, Herr Graf,“ erwiederte Caglioſtro, und dabei verbeugte er ſich auf eine Weiſe, durch die er andeutete, borhane hum⸗ den er begangen, ſei ganz freiwillig ge⸗ chehen. „Madame iſt alſo nicht alt genug, um verjüngt zu werden?“ ſagte der Marſchall. „Wahrhaftig, nein.“ 2 „Nun, ſo will ich Ihnen einen andern Gegenſtand 22 bezeichnen. Hier iſt mein Freund Taverney. Was ſagen Sie zu ihm? Sieht er nicht aus, als wäre er ein Zeitgenoſſe von Pontius Pilatus? Vielleicht iſt es aber bei ihm gerade das Gegentheil, und er iſt u alt?“ Caglioſtro ſchaute den Baron an und erwiederte: „Nein.“ „Oh! mein lieber Graf,“ rief Richelieu,„wenn Sie dieſen verjüngen, ſo erkläre ich Sie für einen Zög⸗ ling von Medea.“— „Sie wünſchen es?“ fragte Caglioſtro, indem er ſich mit dem Wort an den Herrn des Hauſes und mit den Augen an das ganze Auditorium wandte. Jeder machte ein bejahendes Zeichen. „Und Sie, wie die Andern, Herr von Taverney?“ „Ich mehr als die Andern, bei Gott!“ rief der Baron.„ „Nunl das iſt leicht,“ ſprach Caglioſtro. Und er ſteckte zwei Finger in die Taſche und zog ein achteckiges Fläſchchen heraus. 5 Dann nahm er ein noch reines Kryſtallglas und goß ein paa Tropfen von der Flüſſigkeit darein, die das Fläſchchen enthielt. 4 Hiernach vermengte er dieſe paar Tropfen mit einem halben Gias gefrorenen Champagner und reichte den Trank, ſo bereitet, dem Baron. Aller Augen waren ſeinen geringſten Bewegungen gefolgt; der Mund aller Anweſenden war aufgeſperrt. Der Baron nahm das Glas, doch in dem Augen⸗ blick, wo er es nach ſeinen Lippen führen wollte, zö⸗ gerte er. Alles brach beim Anblick dieſes Zögerns in ein ſo geräuſchvolles Gelächter aus, daß Caglioſtro ungeduldig wurde.. „Beeilen Sie ſich, Baron,“ rief er,„oder Sie laſſen einen Trank verloren gehen, von dem jeder Tropfen hundert Louisd'or werth iſt.“ 1 — 2 23 „Teufel!“ ſagte Richelieu, der zu ſcherzen ſuchte, „das iſt etwas Anderes, als der Tokayer.“ „Ich muß alſo trinken?“ fragte der Baron beinahe zitternd. „Oder das Glas einem Andern geben, mein Herr, damit das Elirir irgend Einem etwas nützt.“ „Gib!“ ſagte der Herzog von Richelieu, die Hand ausſtreckend. Der Baron roch an ſeinem Glas, und ohne Zweifel beſtimmt durch den ſtarken balſamiſchen Duft, durch die ſchöne Roſenfarbe, welche die paar Tropfen Elixir dem Champagner mitgetheilt hatten, verſchluckte er den Zaubertrank. In demſelben Augenblick war es ihm, als ſchüttelte ein Schauer ſeinen Körper und machte gegen die Ober⸗ haut alles alte und langſame Blut zurückfließen, das von den Füßen bis zum Herzen in ſeinen Adern ſchlum⸗ merte. Seine gerunzelte Haut ſpannte ſich aus, ſchlaff bedeckt durch den Schleier ihrer Lider, erweiterten ſich ſeine Augen, ohne daß der Wille daran Theil nahm; der Augapfel ſpielte lebhaft und groß, das Zittern ſeiner Hände machte einer nervigen Feſtigkeit Platz, ſeine Stimme kräftigte ſich, und wieder elaſtiſch geworden, wie in den ſchoͤnſten Tagen ſeiner Jugend, richteten ſich ſeine Kniee zugleich mit den Lenden auf, und das, als ob der Trank hinabſinkend ſeinen ganzen Körper von einem Ende zum andern wiedergeboren hätte. Eiin Schrei des Erſtaunens, der Bewunderung beſonders erſcholl im Gemach. Taverney, der mit dem Ende des Zahnfleiſches aß, wurde hungerig. Er griff kräftig nach Teller und Meſſer, legte ſich von einem Ragout vor, der zu ſeiner Rechten ſtand, zermalmte Rebhühnerknochen, und ſagte, er fühle ſeine zwanzig⸗ jährigen Zähne wieder wachſen. Er aß, lachte, trank und ſchrie eine halbe Stunde lang vor Freude, und während dieſer halben Stunde ſchauten ihn die andern Gäſte nur ganz verwundert an; dann allmälig ſank er zuſammen, wie eine Lampe, der das Oel ausgeht. Es war zuerſt ſeine Stirne, wo ſich die einen Augenblick verſchwundenen alten Falten in neuen Ringeln eingruben; ſeine Augen verſchleierten und verdunkelten ſich. Er verlor den Geſchmack; dann wölbte ſich ſein Rücken. Sein Appetit verſchwand; ſeine Kniee fingen wieder an zu zittern. „Oh!“ machte er ſeufzend. „Nun?“ fragten alle Gäſte. „Nun! fahre hin, Jugend!“ Und er ſtieß einen tiefen Seufzer aus, in Beglei⸗ tung von zwei Thränen, die ſeine Augenlider befeuchteten. Inſtinctartig und bei dem Anblick des Anfangs verjüngten und durch dieſen Umſchlag der Jugend wie⸗ der älter gewordenen Greiſes drang ein Seufzer, dem ähnlich, welchen Taverney ausgeſtoßen, aus der Bruſt von jedem Gaſt hervor. „Das iſt ganzeinfach, meine Herren,“ ſprach Caglio⸗ ſtro,„ich habe dem Baron nur fünfunddreißig Tropfen Lebenselirir eingegoſſen, und er hat ſich nur um fünf⸗ und dreißig Minuten verjüngt.“ „Ohl noch einmal! noch einmal, Graf!“ rief der Greis voll Gierde. „Nein, denn eine zweite Probe würde Sie viel⸗ leicht tödten,“ erwiederte Caglioſtro. Von allen Gäſten hatte Madame Dubarry, welche die Eigenſchaft des Elirirs kannte, die Einzelheiten dieſer Scene am begierigſten verfolgt. In gleichem Maße, wie die Jugend und das Le⸗ ben die Arterien des alten Taverney anſchwellten, folgte das Auge der Gräfin in den Arterien dem Fortſchritt der Jugend und des Lebens. Sie lachte, ſie klatſchte Beifall, ſie wurde gleichſam wiedergeboren durch den Anblick. Als der Erfolg des Trankes ſeinen Höhe⸗ punkt erreicht hatte, wäre die Gräfin beinahe auf die Hand von Caglioſtro losgeſtürzt, um ihm das Fläſch⸗ chen zu entreißen. 3 In dieſem Augenblick aber, da Taverney ſchneller N ₰½ ◻ 1S0— NKSA R 8 25 alterte, als er wieder jung geworden war, ſprach ſie traurig: „Ach! ich ſehe es wohl, Alles iſt eitel, Alles iſt Chimäre. Das wunderbare Geheimniß hat fünfund⸗ dreißig Minuten gedauert.“ „Das heißt,“ verſetzte der Graf von Haga,„um ſich eine Jugend von zwei Jahren zu geben, müßte man einen Fluß austrinken.“ Alle lachten. „Nein,“ entgegnete Condorcet,„die Rechnung iſt einfach: fünfunddreißig Tropfen für fünfunddreißig Mi⸗ nuten, das iſt eine Erbärmlichkeit von drei Millionen hundert und dreiundfünfzig tauſend und ſechs Tropfen, wenn man ein Jahr jung bleiben will.“ „Eine Ueberſchwemmung,“ ſagte Laperouſe. „Und dennoch iſt es, nach Ihrer Anſicht, nicht ſo bei mir geweſen, da eine kleine Flaſche, die mir Ihr Freund Joſeph Balſamo geſchenkt, eine Flaſche, etwa viermal ſo groß als Ihr Flacon, genügte, um bei mir das Fortſchreiten der Zeit zehn Jahre lang auf⸗ zuhalten.“ „Ganz richtig, Madame, und Sie allein berühren mit vem Finge die geheimnißvolle Wirklichkeit. Der Menſch, der gealtert und zu ſehr gealtert hat, bedarf dieſer Quantität, wenn eine unmittelbare und mächtige Wirkung hervorgebracht werden ſoll. Aber eine Frau von dreißig Jahren, wie Sie waren, Madame, oder ein Mann von vierzig Jahren, wie ich war, Madame, als wir dieſes Lebenselixir zu trinken anfingen... dieſe Frau und dieſer Mann, noch voll Friſche und Jugend, brauchen nur zehn Tropfen von dieſem Waſſer bei jeder Periode der Abnahme zu trinken, und mittelſt dieſer zehn Tropfen wird derjenige oder diejenige, welche dieſelbe trinkt, die Jugend und das Leben auf ewig in demſelben Grade des Reizes feſſeln. „Was nennen Sie die Periode der Abnahme?“ fragte der Graf von Haga. „Die natürlichen Perioden, Herr Graf. Im Na⸗ turzuſtande nehmen die Kräfte des Menſchen bis zum fünfunddreißigſten Jahre zu. Hier angelangt, macht er einen Stitlſtand bis zum vierzigſten Jahre. Von vierzig fängt er an abzunehmen, aber beinahe unmerkbar bis zu fünfzig. Hernach rücken ſich die Perioden näher und beſchleunigen ſich bis zum Todestag. Im Zu⸗ ſtand der Civiliſation, das heißt, wenn der Koͤrper durch die Ausſchweifungen, die Sorgen und Krankhei⸗ ten aufgezehrt wird, bleibt das Wachsthum mit dreißig Jahren ſtilleſtehen. Die Abnahme fängt mit fünfund⸗ dreißig Jahren an. Dann muß man, mag man nun ein Menſch der Natur oder ein Menſch der Studien ſein, die Natur in dem Augenblick ergreifen, wo ſie ſtillſtehend iſt, um ſich ihrer Bewegung der Abnahme zu widerſetzen, im Augenblick, wo dieſe Bewegung ſich zu bewerkſtelligen verſuchen wird. Derjenige, welcher im Beſitz des Geheimniſſes dieſes Elixirs, wie ich es bin, den Angriff ſo zu combiniren weiß, daß er ihn erhaſcht und ohne Rückkehr zu ſich ſelbſt aufhäͤlt, der wird leben, wie ich lebe, ſtets jung, oder wenigſtens jung genug, um zu thun, was ihm in dieſem Leben zu thun zukommt.“ „Eil mein Gott! Herr von Caglioſtro,“ rief die Gräfin,„warum haben Sie denn, wo es in Ihrer Gewalt lag, Ihr Alter zu wählen, nicht zwanzig Jahre ſtatt vierzig gewählt?“ „Frau Gräfin,“ antwortete Caglioſtro lächelnd, „weil es mir immer zuſagt, eher ein wierzigjähriger geſunder, vollſtändiger Mann zu ſein, als ein unver⸗ ſtändiger junger Menſch von zwanzig Jahren. 4 Hal ha!“ lachte die Graͤfin. 84 gewiß! Madame,“ fuhr Caglioſtro fort,„mit zwanzig Jahren gefällt man den Frauen von dreißig, mit vierzig Jahren beherrſcht man die Frauen von zwanzig und die Männer von vierzig.“ „Ich gebe nach, mein Herr,“ ſagte die Gräfin. „Wie ſollte ich auch mit einem lebendigen a Bepejs ſtreiten?“ SA NR n n e e h r 8 n 27 „So bin ich alſo verurtheilt,“ ſprach Taverney mit kläglichem Tone.„Bei mir iſt es zu ſpät geweſen.“ „Herr von Richelieu war geſchickter als Sie,“ verſetzte Laperouſe mit einer Seemanns⸗Offenherzigkeit, gich habe immer ſagen hören, der Herr Marſchall be⸗ ſitze ein gewiſſes Recept.“ „Das iſt ein Gerücht, das die Frauen verbreitet haben,“ ſagte lachend der Graf von Haga. „Iſt das ein Grund, um nicht daran zu glauben?“ fragte Madame Dubarry. Der alte Marſchall erröthete, er, der kaum zu erröthen vermochte. Und alsbald rief er: „Meine Herren, wollen Sie wiſſen, worin mein Recept beſtanden hat?“ „Ja, gewiß, wir wollen es wiſſen.“ „Nun wohl, darin, daß ich mich ſchonte.“ „Ha! ha!“ lachte die Geſellſchaft. „Es iſt ſo,“ ſagte der Marſchall. „Ich würde dieſes Recept beſtreiten,“ erwiederte die Gräfin,„hätte ich nicht ſo eben die Wirkung von dem von Herrn von Caglioſtro geſehen. Halten Sie ſich auch gut, Herr Zauberer, ich bin mit meinen Fra⸗ gen noch nicht zu Ende.“ „Immer zu, Madame, immer zu.“ „Sie ſagten, als Sie zum erſten Mal von Ihrem Elirir Gebrauch gemacht, ſeien Sie vierzig Jahre alt geweſen?“ „Ja, Madame...“ „Und Sie haben ſeit jener Zeit, nämlich ſeit der Belagerung von Troja... „Ein wenig fruͤher, Madame.“ „Gut; Sie haben Ihre vierzig Jahre erhalten?“ „Sie ſehen es.“ „Aber, mein Herr,“ ſagte Condorcet,„Sie be⸗ weiſen uns dann mehr, als Ihr Theorem zuläßt.“ „Was beweiſe ich Ihnen, Herr Marquis?“ „Sie beweiſen uns nicht nur die Fortdauer der Jugend, ſondern auch die Erhaltung des Lebens; denn wenn Sie ſeit dem trojaniſchen Kriege vierzig Jahre alt ſind, ſo ſind Sie nie geſtorben.“ „Das iſt wahr, Herr Marquis, ich bin nie geſtor⸗ ben, ich geſtehe es in Demuth.“ „Sie ſind aber doch nicht unverwundbar wie Achil⸗ les, und wenn ich ſage unverwundbar wie Achilles— Achilles war nicht unverwundbar, da ihn Paris mit einem Pfeil in die Ferſe tödtete.“ „Nein, ich bin nicht unverwundbar, und das zu meinem großen Bedauern,“ ſagte Caglioſtro. „Dann können Sie getödtet werden, eines gewalt⸗ ſamen Todes ſterben.“ „Leider ja.“ „Wie haben Sie es gemacht, um ſeit dreitauſend fünfhundert Jahren den Unfällen zu entgehen?" „Das iſt eine Chance, Madame, wollen Sie mei⸗ ner Schlußkette folgen?“ „Ich folge ihr.“ „Wir folgen ihr.“ „Ja, ja,“ wiederholten alle Gäſte. Und mit unzweideutigen Zeichen der Theilnahme ſtützte ſich Jeder mit dem Ellenbogen auf den Tiſch und orchte. 1 Die Stimme von Caglioſtro brachdas Stillſchweigen. „Was iſt die erſte Bedingung des Lebens?“ fragte er, indem er mit einer zierlichen, leichten Geberde zwei ſchöne weiße Hände, beladen mit Ringen, ent⸗ hüllte, worunter der der Königin Cleopatra wie ein Polarſtern glänzte.„Die Geſundheit, nicht wahr?“ „Ja, gewiß,“ antworteten alle Stimmen. „Und die Bedingung der Geſundheit iſt?“ „Diät,“ ſagte der Graf von Haga. „Sie haben Recht, Herr Graf, die Diät iſt es, was die Geſundheit erhält. Nun denn! warum ſollten dieſe Tropfen von meinem Elixir nicht die beſtmög⸗ liche Diät bilden?“ ————- ͤͤ — 29 „Wer weiß es?“ „Sie, Graf.“ „Ja, allerdings, aber...“ „Nicht Andere?“ verſetzte Madame Dubarry. „Madame, das iſt eine Frage, die wir ſogleich be⸗ handeln werden. Ich habe ſtets die Diät meiner Tropfen befolgt, und da ſie die Verwirklichung des ewigen Traums der Menſchen aller Zeiten ſind, da ſie das ſind, was die Alten unter dem Namen Jugendwaſſer, die Neuern unter dem Namen Lebenselirxir ſuchten, ſo habe ich beſtändig meine Jugend, folglich meine Ge⸗ ſundheit, folglich mein Leben bewahrt. Das iſt klar.“ „Es nützt ſich jedoch Alles ab, Graf, der ſchönſte Koͤrper wie die andern.“ „Der von Paris, wie der von Vulcan,“ ſagte die Gräfin. „Sie haben ohne Zweifel Paris gekannt, Herr von Caglioſtro?“ „Genau, Madame; es war ein ſehr hübſcher Junge; im Ganzen aber verdient er nicht, was Homer von ihm ſagt und was die Frauen von ihm denken. Vor Allem war er roth.“ „Roth! oh pfuil wie abſcheulich!“ rief die Gräfin. „Leider war Helena nicht Ihrer Anſicht, Madame,“ erwiederte Caglioſtro.„Doch kommen wir auf unſer Elixir zurück.“ „Ja, ja,“ riefen alle Stimmen. „Sie behaupten alſo, Alles nütze ſich ab, Herr von Taverney. Gut. Sie wiſſen aber auch, daß ſich Alles wieder ausgleicht, ſich regenerirt oder ſich erſetzt, wie Sie wollen. Das bekannte Meſſer des heiligen Hubert, das ſo oft die Klinge und den Griff gewechſelt hat, iſt ein Beiſpiel hievon, denn trotz dieſes doppelten Wechſels iſt es das Meſſer vom heiligen Hubert ge⸗ blieben. Der Wein, den in ihrem Keller die Mönche von Heidelberg aufbewahren, iſt immer derſelbe Wein, man gießt aber jedes Jahr in das Rieſenfaß eine neue — Leſe, Der Wein der Mönche von Heidelberg*) iſt auch immer raſch, klar und ſchmackhaft, während der von Ovimus und mir in irdenen Amphoren verſiegelte Wein, als ich hundert Jahre ſpäter davon koſten wollte, nur noch ein dicker Koth war, der vielleicht gegeſſen, aber nicht getrunken werden konnte. „Nun denn! ſtatt das Beiſpiel von Opimus zu be⸗ folgen, habe ich dasjenige errathen, welches die Mönche von Heidelberg geben mußten. Ich habe meinen Körper dadurch erhalten, daß ich jedes Jahr neue Principien darein goß, welche den Auftrag hatten, die alten Elemente zu regeneriren. Jeder Morgen hat ein junges und friſches Atom in meinem Blut, in mei⸗ nem Fleiſch, in meinen Knochen ein abgenutztes träges Molecule erſetzt. Ich habe die Detritus wiederbelebt, durch welche der gewöhnliche Menſch allmählig die ganze Maſſe ſeines Seins uüberwältigen läßt: ich habe alle die Soldaten in meinen Zügeln gehalten, die Gott der menſchlichen Natur gegeben, um ſich gegen die Zerſtörung zu vertheidigen. Soldaten, welche der große Haufen verabſchiedet oder im Müßiggang erlah⸗ men läßt, ich habe ſie zu einer beſtändigen Arbeit ge⸗ zwungen, welche die Eingießung eines ſtets neuen Reizmittels erleichterte, ſogar heiſchte; eine Folge von dieſem unabläſſigen Studium des Lebens iſt, daß mein Geiſt, meine Geberden, meine Nerven, mein Herz, meine Seele nie ihre Funktionen verlernt haben; und da ſich Alles in der Welt verkettet, da denjenigen eine Sache am beſten gelingt, welche dieſe Sache immer treiben, ſo bin ich natürlich geſchickter, als jeder Andere gewe⸗ ſen, um die Gefahren eines Daſeins von dreitauſend Jahren zu vermeiden, und zwar weil es mir gelungen iſt, aus Allem eine ſolche Erfahrung zu ziehen, daß ich die Nachtheile vorherſehe, daß ich die Gefahren von Herrn Caglioſtro. D. Ueberſ. irgend einer Lage fühle. So werden Sie nicht machen, 4 9) Die Mönche von Heidelberg ſind eine kleine Escamotage —— daß ich in ein Haus eintrete, das vom Einſturz be⸗ droht iſt. Oh! nein, ich habe ſchon zu viele Häͤuſer geſehen, um nicht mit dem erſten Blick die guten von den ſchlechten zu unterſcheiden. Sie werden mich nicht bewegen, mit einem Ungeſchickten zu jagen, der ſeine Flinte ſchlecht handhabt. Seit Kephales, der ſeine Frau Prokris tödtete, bis auf den Regenten, der dem Herrn Prinzen das Auge ausſtach, habe ich zu viele Ungeſchickte geſehen; Sie werden mich im Kriege nicht veranlaſſen, dieſen oder jenen Poſten einzunehmen, den der Erſte der Beſte einnehmen würde, inſofern ich im Augenblick alle geraden Linien und alle paraboliſchen Linien, die auf eine tödtliche Weiſe nach dieſem Poſten ulaufen, berechnet haben werde. Sie ſagen mir, man ehe eine verlorene Kugel nicht vorher? Ich antworte Ihnen, ein Mann, der eine Million Flintenſchüſſe ver⸗ mieden, ſei nicht entſchuldbar, wenn er ſich durch eine verlorene Kugel tödten laſſe. Ah! machen Sie keine Geberde der Ungläubigkeit, denn ich bin hier als ein lebendiger Beweis. Ich ſage Ihnen nicht, ich ſei unſterblich; ich ſage Ihnen nur, ich wiſſe das, was Niemand weiß, nämlich den Tod zu vermeiden, wenn er durch einen Zufall kommt. So würde ich, zum Bei⸗ ſpiel, um keinen Preis der Welt hier allein mit Herrn von Launay bleiben, denn er denkt, wenn er mich in einer von ſeinen Zellen in der Baſtille hätte, ſo würde er meine Unſterblichkeit mit Hülfe des Hungers ver⸗ ſuchen. Ich würde eben ſo wenig mit Herrn von Con⸗ dorcet zuſammenbleiben, denn er hat in dieſem Augen⸗ blick den Gedanken, den Inhalt des Ringes, den er am Zeigefinger der linken Hand trägt, in mein Glas zu werfen, und dieſer Inhalt iſt Gift, Alles ohne irgend eine boshafte Abſicht, ſondern nur aus wiſſen⸗ ſchaftlicher Neugierde, um ganz einfach zu erfahren, ob ich daran ſterben würde.“ ie zwei Perſonen, welche Caglioſtro genannt hatte, machten eine Bewegung. „Sie können es frei geſtehen, Herr von Launay; wir ſind kein Gerichtshof, und überdieß beſtraft man die Abſicht nicht. Laſſen Sie hören, haben Sie ge⸗ dacht, was ich geſagt? Und Sie, Herr Condorcet, tragen Sie wirklich in Ihrem Ring ein Gift, das Sie mir gern im Namen Ihrer vielgeliebten Gebieterin, 12 der Wiſſenſchaft, einflößen möchten?“ „Meiner Treue,“ antwortete Herr von Launay, lachend und zugleich erröthend,„ich geſtehe, daß Sie Recht hatten, Herr Graf, es war eine Tollheit. Doch dieſe Tollheit ging mir gerade in dem Augenblick, wo Sie mich anſchuldigten, durch den Kopf.“ „Und ich,“ ſagte Condorcet,„ich will nicht minder offenherzig ſein. Ich dachte wirklich, wenn Sie von dem koſteten, was in meinem Ring enthalten iſt, gäbe ich nicht einen Obol mehr für Ihre Unſterblichkeit.“ — Ein Schrei der Bewunderung war um den ganzen Tiſch hörbar.— Dieſes Geſtändniß beſtätigte nicht die Unſterblich⸗ keit, wohl aber den Scharfſinn des Grafen von Caglioſtro. „Sie ſehen wohl,“ ſagte Caglioſtro ruhig,„Sie ſehen, daß ich errathen habe. Nun denn! ebenſo iſt es mit Allem, was geſchehen ſoll. Die Gewohnheit zu leben hat mir mit dem erſten Blick die Vergangen⸗ heit und die Zukunft der Leute, die ich ſehe, enthüllt.“ „Meine Unfehlbarkeit in dieſer Hinſicht iſt ſo groß, daß Sie ſich auf die Thiere, auf die träge Materie erſtreckt. Steige ich in meinen Wagen, ſo ſehe ich an der Miene der Pferde, daß ſie durchgehen werden, an der Miene des Kutſchers, daß er mich umwerfen oder mit mir hängen bleiben wird; ſchiffe ich mich auf einem Fahrzeuge ein, ſo errathe ich, der Kapitän werde ein Unwiſſender oder ein Halsſtarriger ſein, und folglich nicht das erforderliche Manöver machen können oder wollen. Ich vermeide dann den Kutſcher wie den Ka⸗ pitän; ich laſſe die Pferde wie das Schiff. Ich leugne den Zufall nicht, ich verringere ihn. Statt ihm hun⸗ dert Chancen zu laſſen, wie es alle Welt thut, benehme 33 n ich ihm neunundneunzig. Hiezu dient es mir, daß ich . dreitauſend Jahre gelebt habe.“ .„Ah.“ ſagte Laperouſe lachend unter dem durch die e Caglioſtro antwortete nicht. chall,“ fuhr lachend der Seemann fort, „da der Herr Graf von Caglioſtro, und ich begreife r das, eine ſo gute Geſellſchaft nicht verlaſſen will, ſo 4 1 n müſſen Sie mir erlauben, dieß zu thun. Verzeihen e Sie, Herr Graf von Haga, verzeihen Sie, Madame, 3 aber es hat ſieben Uhr geſchlagen, und ich habe dem n König verſprochen, um ein Viertel auf acht Uhr in en Wagen zu ſteigen. Da nun der Herr Graf von . Caglioſtro nicht Luſt hat, meine zwei Stuten zu ſehen, . o ſage er mir wenigſtens, was mir zwiſchen Verſailles e und Breſt begegnen wird. Von Breſt bis zum Pol 1 erlaſſe ich es ihm, das iſt meine Sache. Aber bei t Gott! von Verſailles nach Breſt iſt er mir ein Gut⸗ . achten ſchuldig.“ 4 Caglioſtro ſchaute Laperouſe noch einmal an, und , zwar mit einem ſo melancholiſchen Auge, mit einer K8ESBdInA — 3 5 A 5. —— = — — 8π 2 8 . gte ſich Laperouſe ehrfurchts⸗ Haga und reichte dem Mar⸗ 3 „Gott befohlen, mein lieber Laperouſe,“ ſagte der Herzog von Richelien. „Nein, Herr Herzog, auf Wiederſehen,“ entgeg⸗ nete Laperouſe.„Es iſt in der That, als ob ich fuͤr die Ewigkeit abreiste: ganz einfach eine Reiſe um die Welt, vier bis fünf Jahre Abweſenheit, nicht mehr; darum braucht man nicht von einander Abſchied zu nehmen.“. „Vier bis fünf Jahre!“ rief der Marſchall.„Ei! mein Herr, warum ſagen Sie nicht vier bis fünf Jahrhunderte? Die Tage ſind in meinem Alter Jahre, und ſo wiederhole ich: Gott befohlen!“ „Bah! fragen Sie den Wahrſager,“ erwiederte Laperouſe lachend;„er verſpricht Ihnen noch zwanzig Jahre. Nicht wahr, Herr von Caglioſtro? Ah! Graf, warum haben Sie mir nicht früher von Ihren gött⸗ lichen Tropfen geſagt? Ich hätte um jeden Preis eine Tonne auf der Afterliebe eingeſchifft. Dieß iſt der Name meines Schiffes, meine Herren. Madame, noch einen Kuß auf Ihre ſchöne Hand, ſicherlich die ſchönſte, die ich von hier bis zu meiner Ruckkehr zu ſehen be⸗ ſtimmt bin. Auf Wiederſehen.“ Und er entfernte ſich. Caglioſtro beobachtete ſtets daſſelbe Stillſchweigen von ſchlimmer Vorbedeutung. Man hörte die Tritte des Kapitäns auf den hal⸗ lenden Stufen der Freitreppe, ſeine beſtändig heitere Stimme im Hofe und ſeine letzten Grüße an die, um ihn zu ſehen, verſammelten Perſonen. Dann ſchüttelten die Pferde ihre mit Schellen be⸗ ladenen Köpfe, der Kutſchenſchlag ſchloß ſich mit einem dumpfen Geräuſch und die Räder ächzten auf dem Straßenpflaſter. 4 1 Laperouſe hatte den erſten Schritt der geheimniß⸗ vollen Reiſe gemacht, von der er nicht mehr zurück⸗ kehren ſollte........................ Jedermann horchte. —— — ͤ 35 er Als man nichts mehr hörte, fanden ſich alle Blicke wie durch eine höhere Macht auf Caglioſtro zurückgelenkt 2 Es war in dieſem Augenblicke in den Zügen dieſes 3 Menſchen eine pythiſche Erleuchtung ſichtbar, welche ie die Gäſte beben machte. 3 Ein ſeltſames Stillſchweigen dauerte einige Mi⸗ u nuten fort. Der Graf von Haga unterbrach es zuerſt: 1¹ 6„Warum haben Sie ihm nicht geantwortet, mein err?“ nf Dieſe Frage war der Ausdruck der allgemeinen 7 Bangigkeit te Caglioſtro bebte, als ob ihn die Worte des Grafen ig ſeiner inneren Betrachtung entzogen hätten. 1„Weil,“ antwortete er,„weil ich ihm eine Lüge 4⸗ oder etwas Hartes hätte ſagen müſſen.“ nie„Warum?“ 1— 3 er„Weil ich hätte zu ihm ſprechen müſſen: Herr ch von Laperouſe, der Herr Herzog von Richelien hat 5 Recht, Ihnen„Lebewohl“ und nicht„Auf Wiederſehen“ d, zu ſagen.“ „Ei! ei!“ verſetzte Richelieu erbleichend,„Herr von Caglioſtro, was des Teufels ſagen Sie da von La⸗ 2 perouſe?“ „Oh! beruhigen Sie ſich, Herr Marſchall,“ erwie⸗ derte Caglioſtro lebhaft,„nicht für Sie iſt die Weiſ⸗ „der arme La⸗ perouſe, der mir ſo eben die Hand geküßt...“ ſinter Opalfarbe, ſchräge durchſchnitten ſtänden in der Umgebung, ſpielten. 3* 36 Jeden Augenblick ſteigerte ſich das Intereſſe des Geſprächs; aus der ernſten, feierlichen, beinahe ängſt⸗ lichen Miene, mit der die Anweſenden, ſei es mit dem Blick, ſei es mit der Stimme, Caglioſtro befragten, hätte man entnehmen ſollen, es handle ſich um unfehl⸗ bare Weiſſagungen eines antiken Orakels. Unter dieſer Befangenheit der Gäſte des Herzogs erhob ſich Herr von Favras, das allgemeine Gefühl zuſammenfaſſend, machte ein Zeichen und ging auf den Fußſpitzen in die Vorzimmer, um zu horchen, ob nicht einer von den Bedienten laure. Aber das Haus des Herrn Marſchall von Richelien war, wie geſagt, ein wohlbeſtelltes Haus, und Herr von Favras fand im Vorzimmer nur einen alten In⸗ tendanten, der ſtrenge wie eine Schildwache auf einem verlorenen Poſten die Zugänge des Speiſeſaales zur feierlichen Stunde des Nachtiſches vertheidigte. Er kam zurück, ſetzte ſich nieder und bedeutete den Gäſten, ſie ſeien allein. „Wenn es ſo iſt,“ ſprach Madame Dubarry, die Verſicherung von Herrn von Favras erwiedernd, als wäre ſie laut gegeben worden,„wenn es ſo iſt, erzäh⸗ len Sie uns, was des armen Laperouſe harrt.“ „Immer zu, Herr von Caglioſtro,“ ſagten die Männer. „Ja, wir bitten Sie wenigſtens darum.“ 3 „Wohl, Herr von Laperonſe geht ab, wie er Ihnen geſagt hat, in der Abſicht, die Welt zu um⸗ ſegeln und die Reiſen von Cook, dem armen Cook, fort⸗ zuſetzen, der, wie Sie wiſſen, auf den Sandwichs⸗ inſeln ermordet worden iſt.“ „Ja! ja! wir wiſſen es,“ machten mehr alle Köpfe, als alle Stimmen. 4 „Alles weiſſagt der Unternehmung einen glück ichen Erfolg. Herr von Laperouſe iſt ein guter Seemann; überdieß hat ihm König Ludwig XVI. ſeine Reiſe ge⸗ ſchickt vorgezeichnet.“ „Ja,“ unterbrach ihn der Graf von Haga;„der 4 37 König von Frankreich iſt ein geſchickter Geograph; nicht wahr, Herr von Condorcet?“ „Ein geſchickterer Geograph, als es für einen König nöthig iſt,“ erwiederte der Marquis.„Die Kö⸗ nige ſollten Alles nur nach der Oberfläche kennen, dann ließen ſie ſich vielleicht durch die Menſchen leiten, die den Grund kennen.“ „Das iſt eine Lection, Herr Marquis,“ ſagte lächelnd der Graf von Haga. Erröthend entgegnete Condorcet: „Oh! nein, es iſt eine einfache Betrachtung, ein einfacher philoſophiſcher Satz.“ 1 „Er reist alſo ab,“ ſagte Madame Dubarry, die ſich beeiferte, jedes Privatgeſpräch abzubrechen, das von dem Wege, den das allgemeine Geſpräch genom⸗ men, hätte ablenken können. Er reist alſo ab,“ wiederholte Caglioſtro.„Glau⸗ ben Sie aber nicht, daß er, ſo eilfertig er Ihnen ge⸗ ſchienen hat, ſogleich in See geht; nein, ich ſehe ihn viel Zeit in Breſt verlieren.“ „Das iſt Schade,“ ſagte Condorcet,„es iſt die Zeit der Abfahrten. Es iſt ſogar ſchon ein wenig ſpät, Februar oder März wäre beſſer geweſen.“ „Oh! werfen Sie ihm dieſe paar Monate nicht vor, Herr von Condoreet, er lebt wenigſtens während dieſer Zeit, er lebt und hofft.“ „Ich denke, man hat ihm doch wohl gute Geſell⸗ ſchaft gegeben?“ fragte Richelieu. „Ja,“ erwiederte Caglioſtro,„derjenige, welcher das zweite Schiff befehligt, iſt ein ausgezeichneter Of⸗ fizier. Ich ſehe ihn noch jung, abenteuerlich, leider muthig.“ „Wie, leider?“ „Nun wohl! ein Jahr nachher ſuche ich dieſen Freund und ſehe ihn nicht mehr,“ ſprach Caglioſtro, ängſtlich ſein Glas befragend.„Niemand von Ihnen iſt mit Herrn von Langlé verwandt?“ „Nein.“ 38 „Niemand kennt ihn?“ „Nein.“ „Nun denn!'der Tod wird mit ihm anfangen. Ich ſehe ihn nicht mehr.“ Ein Gemurmel des Schreckens drang aus der Bruſt aller Anweſenden hervor. „Aber er... er... Laperouſe?“ fragten meh⸗ rere keuchende Stimmen. „Er ſchwimmt auf der See, er landet, er ſchifft ſich wieder ein. Ein Jahr, zwei Jahre glücklicher Schiſfahrt Man erhält Nachrichten von ihm.*) Und ann...“ „Und dann?“ „Die Jahre vergehen.“ „Nun?“ „Der Ocean iſt groß. Der Himmel iſt düſter, da und dort tauchen immer friſche Länder empor, da und dort werden Geſtalten, ſo häßlich wie die Ungeheuer des griechiſchen Archipels, ſichtbar. Sie belauern dus Schiff, das, von der Strömung fortgeriſſen, im Nebel zwiſchen den Riffen hinflieht, dann der Sturm, der Sturm, gaſt⸗ licher als das Geſtade, dann unheilvolle Feuer. Oh! Laperouſe, Laperouſe! Wenn Du mich hören könnteſt, würde ich Dir ſagen: Du ſegelſt ab wie Chriſtoph Columbus, um eine Welt zu entdecken; mißtraue un⸗ bekannten Inſeln!“ 4 Er ſchwieg. 4 Ein eiſiger Schauer durchlief die Verſammlung, während über den Tiſch noch ſeine letzten Worte vibrirten. „Warum hatten Sie ihn aber nicht gewarnt?“ rief der Graf von Haga, der wie die Anderen dem Einfluß dieſes außerordentlichen Menſchen erlag, wel⸗ cher nach ſeiner Laune alle Herzen bewegte.. „Ja, ja,“ ſprach Madame Dubarry.„Warum *) Der Offtzier, der die letzten Nachrichten, die man von. Laperouſe erhielt, überbrachte, war Herr von Leſſeps, der einzige Menſch der Expedition, der Frankreich wiederſah. 39 ihm nicht nacheilen, warum ihn nicht einholen? Das Leben eines Mannes wie Laperouſe iſt wohl die Reiſe eines Couriers werth, mein lieber Marſchall.“ Der Marſchall begriff und ſtand halb auf, um zu läuten. Caglioſtro ſtreckte den Arm aus. Der Marſchall ſank in ſeinen Lehnſtuhl zurück. „Ach! jeder Rath wäre unnütz,“ fuhr Caglioſtro fort,„der Menſch, der das Verhängniß vorherſieht, ändert das Verhängniß nicht. Herr von Laperouſe würde lachen, wenn er meine Worte gehört hätte, wie die Söhne von Priamus bei der überbrachten Weiſ⸗ ſagung von Caſſandra lachten; aber ſehen Sie, Sie lachen ſelbſt, Herr Graf von Haga, und das Lachen wird auch Ihre Gefährten anſtecken. Oh! thun Sie ſich keinen Zwang an, Herr von Condorcet, thun Sie ſich keinen Zwang an, Herr von Favras; ich habe nie einen gläubigen Zuhörer gefunden.“ „Ohl wir glauben,“ riefen Madame Dubarry und der alte Herzog von Richelieu. „Ich glaube,“ murmelte Taverney. 5„Ich auch,“ ſagte artiger Weiſe der Graf von aga. „Ja,“ ſprach Caglioſtro,„Sie glauben, Sie glau⸗ ben, weil es ſich um Herrn von Laperouſe handelt; handelte es ſich aber um Sie, ſo würden Sie nicht glauben.“ „Oh!“ „Davon bin ich feſt überzeugt.“ „Ich muß geſtehen,“ ſprach der Graf von Haga, „was mich glauben machen wird, wäre, daß Herr von Caglioſtro zu Herrn von Laperouſe geſagt hätte: 2„Hüten Sie ſich vor unbekannten Inſeln.“ Er hätte ſich davor gehütet. Das war immer eine Chance.“ „ Ich verſichere Sie, mein Herr Graf, und würde er mir auch geglaubt haben, ſehen Sie, wie furchtbar dieſe Offenbarung geweſen wäre, hätte in Gegenwart der Gefahr, beim Anblick der unbekannten Inſeln, der Unglückliche, an meine Prophezeiung glaubend, den geheimnißvollen Tod, der ihn bedroht, herannahen gefühlt, ohne ihm entfliehen zu können. Nicht Einen Tod, tauſend Tode würde er erlitten haben, denn es heißt tauſend Tode erleiden, in der Finſterniß mit der Verzweiflung an ſeiner Seite gehen. Bedenken Sie wohl, die Hoffnung, die ich ihm benommen hätte, iſt der letzte Troſt, den der Unglückliche unter dem Meſſer bewahrt, wenn ihn ſchon das Meſſer berührt, wenn ihn die Schärfe des Stahls berührt, wenn ſein Blut fließt. Erliſcht das Leben, ſo hofft der Menſch doch noch.“ „Es iſt wahr,“ ſagten mit leiſer Stimme einige Anweſende. „Ja,“ ſprach Condorcet,„der Schleier, der das Ende unſeres Lebens bedeckt, iſt das einzige wahre Gute, das Gott dem Menſchen auf der Erde ge⸗ währt hat.“ „Nun! wie dem auch ſein mag,“ ſagte der Graf von Haga,„wenn ich zufällig von einem Mann wie Sie hörte: Mißtrauen Sie dieſem oder jenem Menſchen, dieſer oder jener Sache,— ſo würde ich die Warnung für gut annehmen und dem Rathgeber danken.“ Caglioſtro ſchüttelte ſanft den Kopf und begleitete dieſe Geberde mit einem Lächeln. „In der That, Herr von Caglioſtro,“ fuhr der Graf von Haga fort,„geben Sie mir einen Wink, und ich werde Ihnen dankbar ſein.“. 4 „Sie möchten gern, daß ich Ihnen ſagte, was ich Herrn von Laperouſe nicht ſagen wollte?“ „Ja, das möchte ich.“ 3 Caglioſtro machte eine Bewegung, als ob er ſpre⸗ chen wollte; doch er hielt wieder an ſich und ſagte nur: „Oh! nein, Herr Graf, nein.“ „Ich bitte Sie inſtändig.“ Caglioſtro wandte den Kopf ab und erwiederte: „Nie! nie!“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte lächelnd der Graf,„Sie werden mich abermals ungläubig machen.“ —0e ð——— — „Die Unglänbigkeit iſt der Angſt vorzuziehen.“ „Herr von Caglioſtro,“ ſprach der Graf mit eynſtem Ton,„Sie vergeſſen Eines.“ „Was?“ fragte der Prophet voll Ehrfurcht. „Daß, wenn es Menſchen gibt, welche ohne Nach⸗ theil über ihr Geſchick im Ungewiſſen ſein können, andere dagegen vorhanden ſind, welche die Zukunſt wiſſen möchten, weil ihr Geſchick nicht nur von Gewicht und Bedeutung für ſie ſelbſt, ſondern für Millionen von Menſchen iſt.“ „Einen Befehl alſo,“ verſetzte Caglioſtro.„Nein, ich werde Nichts ohne einen Befehl thun.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Eure Majeſtät befehle, und ich werde gehorchen,“ erwiederte Caglioſtro mit leiſer Stimme. „Ich befehle Ihnen, mir mein Schickſal zu offen⸗ baren, Herr von Caglioſtro,“ ſprach der König mit einer Majeſtät voll Höflichkeit. Zu gleicher Zeit, da der Graf von Haga ſich als König behandeln ließ und ſein Incognito dadurch brach, daß er einen Befehl gab, ſtand der Herzog von Richelieu niif verbeugte ſich ehrerbietig vor dem Fürſten und agte: „Ich danke für die Chre, die der König von Schweden meinem Hauſe angethan hat: Eure Majeſtät wolle den Chrenplatz einnehmen. Von dieſem Augen⸗ blick kann er nur Ihnen gehören, Sire.“ „Bleiben wir, bleiben wir, wie wir ſind, Herr Marſchall, und verlieren wir nicht ein Wort von dem, was mir der Herr Graf von Caglioſtro ſagen wird.“ „Den Königen ſagt man die Wahrheit nicht, Sire.“ „Bahl ich bin nicht in meinem Königreich. Nehmen Sie Ihren Platz wieder ein, Herr Herzog; ſprechen ie, Herr von Caglioſtro, ich beſchwöre Sie darum.“ Caglioſtro ſchaute ſein Glas an; Kügelchen, denen ähnlich, welche den Champagner durchziehen, ſtiegen vom Boden zur Oberfläche auf, das Waſſer ſchien ſich, 42 durch ſeinen mächtigen Blick angezogen, unter ſeinem Willen zu rühren. „Sire, ſagen Sie mir nur, was Sie wiſſen wollen, ich bin bereit zu antworten,“ ſprach Caglioſtro. „Sagen Sie mir, welchen Todes ich ſterben werde.“ „Durch einen Schuß.“ Die Stirne von Guſtav ſtrahlte. „Ah! in einer Schlacht,“ ſagte er,„den Tod eines Soldaten. Ich danke Ihnen, Herr von Caglioſtro, ich danke tauſendmal. Oh! ich ſehe Schlachten vorher und Guſtav Adolph und Karl XII. haben mir gezeigt, wie man ſtirbt, wenn man König von Schweden iſt.“ Caglioſtro neigte das Haupt, ohne zu antworten. Der Graf von Haga faltete die Stirne. „Ho! ho!“ ſagte er,„wird der Schuß nicht in einer Schlacht geſchehen?“ 8 „Nein, Sire.“ „Bei einem Aufruhr, ja, das iſt auch möglich.“ „Nicht bei einem Aufruhr.“ 4 „Wo denn?“ „Auf einem Ball, Sire.“ Der König wurde träumeriſch. Caglioſtro, der aufgeſtanden war, ſetzte ſich wieder und ließ ſeinen Kopf in ſeine beiden Hände fallen, in denen er ſich begrub. Alle erbleichten um den Urheber der Prophezeiung und um den, der der Gegenſtand derſelben war. Herr von Condorcet trat näher zu dem Glaſe Waſſer, in dem der Wahrſager die ſchlimme Vorbedeu⸗ tung geleſen hatte, nahm es beim Fuß, hob es bis zu der Höhe ſeines Auges empor und prüfte ſorgfältig die glänzenden Rauten und den geheimnißvollen Inhalt. Man ſah dieſes verſtändige, aber kalt forſchende Auge von dem doppelten, feſten und flüſſigen Kryſtall die Löſung eines Problems fordern, dem ſeine Vernunft nur den Werth einer rein phyſiſchen Speculation ein⸗ räumte. α8 SUA— Der Gelehrte berechnete in der That die Tiefe, die leuchtenden Retractionen und mikroſkopiſchen Augen des Waſſers. Er fragte ſich, er, der für Alles eine Urſache haben wollte, nach der Urſache und dem Vorwand dieſer Charlatanerie, ausgeübt auf Menſchen von dem Werthe derjenigen, welche die Tafel umgaben, von einem Men⸗ ſchen, dem man ein außerordentliches Gepicht nicht abſprechen konnte. Ohne Zweifel fand er die Löſung ſeines Problems nicht, denn er hörte auf, das Glas prüfend zu betrachten, ſtellte es wieder auf den Tiſch und ſprach mitten unter dem durch die Wahrſagung von Caglioſtro hervorge⸗ brachten Erſtaunen: 4 „Nun! ich werde unſeren erhabenen Propheten auch bitten, ſeinen magiſchen Spiegel zu befragen. Leider,“ fügte er bei,„leider bin ich kein mächtiger Herr, ich befehle nicht, und mein dunkles Leben gehört nicht Millionen von Menſchen.“ „Mein Herr,“ verſetzte der Graf von Haga,„Sie befehlen im Namen der Wiſſenſchaft und Ihr Leben iſt nicht nur von Bedeutung für ein Volk, ſondern für die ganze Menſchheit.“ „Ich danke, Herr Graf; doch Ihre Anſicht über dieſen Punkt iſt vielleicht nicht die von Herrn von Caglioſtro.“ Caglioſtro erhob das Haupt, wie es ein Renner unter dem Stachel thut. „Doch, Marquis,“ ſprach er mit einem Anfang nervöſer Reizbarkeit, die man in alten Zeiten dem Einfluß des Gottes, von dem er gleichſam beſeſſen, . zugeſchrieben hätte,„doch, Sie ſind ein mächtiger Herr im Reiche der Intelligenz. Schauen Sie mir in's Geſicht; auch Sie wünſchen im Ernſt, daß ich Ihnen weiſſage?“ „Im Ernſt, Herr Graf,“ erwiederte Condorcet, „bei meiner Ehre, man kann es nicht ernſtlicher wünſchen.“ „Nun wohl! Marquis,“ ſprach Caglioſtro mit dumpfem Tone, indem er das Augenlid über ſeinen ſtarren Blick ſenkte,„Sie werden an dem Gift ſterben, das Sie in dem Ring tragen, den Sie am Finger haben. Sie werden ſterben...“ 9 „Aber wenn ich ihn wegwürfe?“ unterbrach ihn Condorcet. „Werfen Sie ihn weg.“ A„Sie geſtehen alſo, daß dieß ſehr leicht iſt.“ „„Werfen Sie ihn weg, ſage ich Ihnen.“ „Oh! ja, Marquis!“ rief Madame Dubarry,„ich bitte, werfen Sie das abſcheuliche Gift weg, werfen Sie. /es weg, und wäre es nur, um dieſen unſeligen Pro⸗ „pyheten, der uns Alle mit ſeinen Wahrſagungen betrübt, ein wenig lügen zu machen. Denn wenn Sie es weg⸗ werfen, ſo iſt es gewiß, daß Sie nicht durch dieſes vergiftet werden, und da Herr von Caglioſtro behauptet, 6 —es werde durch dieſes geſchehen, ſo wird Herr von Caglioſtro wohl oder übel gelogen haben.“. „Die Frau Gräfin hat Recht,“ ſagte der Graf 15== von Haga. ( —„Bravo, Gräfin!“ rief Richelieu.„Auf, Marquis, 6 werfen Sie das Gift weg; das wird um ſo beſſer ſein, l 21 Sals ich nun, da ich weiß, daß Sie den Tod eines „Menſchen in der Hand tragen, zittern werde, ſo oft wir mit einander trinken. Der Ring kann ſich von ſelbſt öffnen. He! he!“ 4 ſ „Und zwei Gläſer, die zuſammenſtoßen, ſind ſehr i nahe bei einander,“ ſagte Taverney.„Werfen Sie es ſ weg, Marquis, werfen Sie es weg.“ G „Dieß iſt vergeblich,“ erwiederte Caglioſtro,„Herr von Condorcet wird es nicht wegwerfen.“„ „Nein,“ ſprach der Marquis,„ich werde es nicht a von mir laſſen, doch nicht, weil ich das Geſchick unter⸗ u ſtützen will, ſondern weil Cabantis mir dieſes Giſt componirt hat, das ganz einzig, das eine Subſtanz iſt, G — die durch den Zufall ihre Tüchtigkeit erlangt hat, und 7— 2 74 A—— f 7 87 v 0„ 3 7 weil er dieſen Zufall vielleicht nie wieder finden wird; darum werde ich das Gift nicht wegwerfen. Treium⸗ phiren Sie, wenn Sie wollen, Herr von Caglioſtro.“ „Das Geſchick findet immer ſeine getreuen Agnaten, um es im Vollzug ſeiner Sprüche zu unterſtützen,“ ſprach Caglioſtro. „So werde ich durch Gift ſterben,“ ſagte der Marquis.„Wohl! es ſei. Es ſtirbt nicht Jeder, der will, durch Gift. Es iſt ein bewunderungswürdiger Tod, der Tod der Semiramisſagen; ein wenig Gift auf die Spitze meiner Zunge, und ich bin vernichtet. Das iſt nicht der Tod plus, ſondern das Leben minus, wie wir in der Algebra ſagen.“ „Es iſt nicht mein Wille, daß Sie leiden, mein Herr,“ erwiederte Caglioſtro mit kaltem Tone. Und er machte ein Zeichen, durch das er bedeutete, er wünſche hiebei ſtehen zu bleiben, wenigſtens mit Herrn von Caglioſtro. „Mein Herr,“ ſprach nun der Marquis von Favras, indem er ſich über die Tafel ausſtreckte, als wollte er Caglioſtro entgegen kommen,„wir haben nun einen Schiffbruch, einen Schuß und eine Vergiftung, die mir das Waſſer im Mund zuſammenlaufen machen. Werden Sie nicht die Güte haben, mir auch einen Tod ähn⸗ licher Art zu weiſſagen?“ „Oh! Herr Marquis,“ erwiederte Caglioſtro, der ſich unter der Ironie zu beleben anfing,„Sie hätten in der That Unrecht, wenn Sie auf dieſe Herren eifer⸗ ſüchtig wären; denn ſo wahr ich ein Edelmann bin, Sie werden etwas Beſſeres haben.“ „Etwas Beſſeres?“ rief Herr von Favras lachend, „nehmen Sie ſich in Acht, Sie machen ſich zu viel anheiſchig; etwas Beſſeres, als das Meer, das Feuer und das Gift? Das iſt ſchwierig!“ „Es bleibt der Strang, Herr Marquis,“ erwiederte Caglioſtro mit freundlichem Tone. „Der Strang... ho! ho! was ſagen Sie mir da!“ „Ich ſage Ihnen, daß Sie gehenkt werden,“ ant⸗ wortete Caglioſtro mit einer Art von prophetiſcher Wuth, über die er nicht mehr Meiſter war. „Teufel! gehenkt!“ rief die Verſammlung. „Der Herr vergißt, daß ich Edelmann bin,“ ent⸗ gegnete Favras, etwas abgekühlt;„und will er zufällig von einem Selbſtmord ſprechen, ſo ſage ich ihm zum Voraus, daß ich mich bis zum letzten Augenblick ge⸗ nugſam zu achten gedenke, um mich keines Strickes zu bedienen, ſo lange ich noch einen Degen habe.“ 56„Ich ſpreche nicht von einem Selbſtmorde, mein err.“ Di ſprechen von einer Hinrichtung?“ „Sie ſind ein Fremder, und in dieſer Eigenſchaft vezfihe ich Ihnen. 4 Aens zunwifenbeir In Frankreich köpft man die Edelleute.“ „Sie werden dieſe Angelegenheit mit Ihrem Henker abmachen,“ erwiederte Caglioſtro, Herrn von Favras unter dieſer brutalen Antwort niederſchmetternd. Es trat ein Augenblick des Zögerns in der Ver⸗ ſammlung ein. „Wiſſen Sie, daß ich jetzt zittere,“ ſagte Herr von Launay;„meine Vorgänger haben ſo traurig gewählt, daß ich Schlimmes fuͤr mich vorherſehe, wenn ich den⸗ ſelben Sack durchwühle, wie ſie.“ „Dann ſind Sie vernünftiger, als ſie, und Sie wollen die Zukunft nicht kennen; gut oder übel, ehren wir das Geheimniß Gottes.“ Oh! oh! Herr von Launay,“ ſagte Madame Dubarry,„ich hoffe, Sie werden ſo viel Muth haben, als dieſe Herren.“ „Ich hoffe es auch, Madame,“ erwiederte der Gou⸗ verneur, ſich verbeugend. Dann wandte er ſich an Caglioſtro und ſprach: „Mein Herr, ich beſchwöre Sie, beſchenken Sie mich nun auch mit meinem Horoſkop.“ 5 47 „Das iſt leicht,“ antwortete Caglioſtro,„ein Streich mit dem Beil auf den Kopf, und Alles iſt abgethan.“ Hier erſcholl ein Schrei des Schreckens im Saal. Die Herren von Richelieu und Taverney baten Caglioſtro, nicht weiter zu gehen; doch die weibliche Neugierde gewann die Oberhand. „Wenn man Sie hört, Graf, wurde das Weltall eines gewaltſamen Todes ſterben,“ ſagte Madame Du⸗ barry.„Wir ſind zu acht, und von acht ſind ſchon fünf von Ihnen zum Tod verurtheilt.“ „Ja, Sie begreifen wohl, daß dieß feſte Abſicht iſt, und daß wir darüber lachen, Madame,“ ſprach Herr von Favras der wirklich zu lachen ſuchte. „Gewiß lachen wir darüber, ob es nun wahr oder falſch iſt,“ verſetzte der Graf von Haga. „Ohl ich würde wohl auch lachen, denn ich möchte der Geſellſchaft nicht gern durch meine Feigheit Schande machen,“ ſprach Madame Dubarry.„Doch leider bin ich nur ein Weib und werde nicht einmal die Ehre haben, in Beziehung auf einen unſeligen Ausgang in Ihren Rang geſtellt zu werden. Ein Weib, das ſtirbt in ſeinem Bett. Ach! mein Tod— einer traurigen und vergeſſenen alten Frau, wird die ſchlimmſte von allen Todesarten ſein, nicht wahr, Herr von Caglioſtro?“ Indem ſte dieſe Worte ſprach, zögerte ſie; ſie gab nicht nur durch ihre Worte, ſondern auch durch ihre Miene dem Wahrſager einen Vorwand, ſte zu beruhi⸗ gen; Caglioſtro beruhigte ſie aber nicht. Die Neugierde war größer, als die Angſt, und trug den Sieg über dieſe davon. „Auf, Herr von Caglioſtro, antworten Sie mir doch!“ rief Madame Dubarry. „Was ſoll ich Ihnen antworten? Sie befragen mich nicht.“ Die Gräfin zögerte. „Aber...“ ſagte ſie. „Nun, Madame,“ ſprach Caglioſtro,„wollen Sie mich befragen? Ja oder Nein!“ 8 1— * Die Gräfin ſtrengte ſich an, um ihre Furcht zu überwinden, und rief, nachdem ſie Muth in einem Lächeln der Geſellſchaft geſchöpft hatte: „Nun wohll ja, ich wage es, ſagen Sie, wie Jeanne von Vaubernier, Gräfin Dubarry endigen wird.“ „Auf dem Blutgerüſt, Madame,“ antwortete der finſtere Prophet. „Sie ſcherzen, nicht wahr, mein Herr?“ ſtammelte die Gräfin mit einem flehenden Blick. Aber man hatte Caglioſtro auf's Aeußerſte getrieben und er ſah dieſen Blick nicht. „Und warum ſcherzen?“ fragte er. „Weil man, um das Blutgerüſte zu beſteigen, ge⸗ tödtet, gemordet, ein Verbrechen begangen haben muß, während ich aller Wahrſcheinlichkeit nach nie ein Ver⸗ brechen begehen werde. Nicht wahr, Sie ſcherzen?“ „Eil! mein Gott, ja,“ erwiederte Caglioſtro,„es iſt ein Scherz, wie Alles, was ich wahrgeſagt habe.“ Die Gräfin brach in ein Gelächter aus, das ein geſchickter Beobachter, um natürlich zu ſein, ein wenig zu ſcharf gefunden hätte. „Auf! Herr von Favras,“ ſagte ſie,„beſtellen wir unſern Trauerwagen.“ „Oh! das wäre für Sie vergeblich, Gräfin,“ ſprach Caglioſtro. „Und warum dieß, mein Herr?“ „Weil Sie auf einem Karren nach dem Schaffot fahren werden.“ „Pfui! wie abſcheulich!“ rief Madame Dubarry. „Oh! der abſcheuliche Menſch! Marſchall, wählen Sie ein andermal Gäſte von einer beſſeren Laune, oder ich komme nicht mehr zu Ihnen.“ „Entſchuldigen Sie mich, Madame. Sie, wie die Andern, haben es gewollt,“ verſetzte Caglioſtro. 1 „Ich wie die Andern; nicht wahr, Sie werden mir wenigſtens Zeit bewilligen, meinen Beichtvater zu wählen.“ trauen ſoll.“ Das Halsband der Koͤnigin. „Das wäre ganz überflüſſig, Gräfin,“ erwiederte Caglioſtro.. „Wie ſo?“ „Der Letzte, der mit einem Beichtvater das Schaffot beſteigt, wird...“ „Wird?“ fragte die ganze Verſammlung. „Wird der König von Frankreich ſein.“ Caglioſtro ſprach dieſe letzteren Worte mit einem ſo dumpfen, ſo traurigen Ton, daß er die Anweſenden wie ein Todeshauch durchzog und bis in die Tiefe des Herzens in Eis verwandelte. Es trat ein Stillſchweigen von einigen Minu⸗ ten ein. ckſchob, wie er es mit einem bittern Kelch gethan hätte. 1„ er wolle ſprechen,„ſagen Sie mir nicht, was aus mir werden wird; ich frage Sie nicht darnach.“ „Wohl! i ich frage Sie an ſeiner Stelle,“ ſprach Richelien. „Sie, Herr Marſchall,“ antwortete Caglioſtro, „beruhigen Sie ſich, Sie ſind der Einzige von uns, der in ſeinem Bette ſterben wird.“ „Der Kaffee, meine Herren,“ rief der alte Mar⸗ ſchall, entzückt über dieſe Wahrſagung.„Der Kaffee.“ Alle ſtanden auf. och ehe man in den Salon ging, näherte ſich der Graf von Haga Caglioſtro und ſprach zu ihm: „Mein Herr, ich gedenke nicht meinem Schickſal zu entfliehen, doch ſagen Sie mir, was ich miß⸗ 4 „Einem Muff, Sire,“ antwortete Caglioſtro. Herr von Haga entfernte ſich. „Und ich?“ fragte Condorcet. „Einem Pfannkuchen.“ „Gut, ich verzichte auf die Eier.“ ÜUnd er folgte dem Grafen. 1 „Und ich,“ ſprach Herr von Favras,„wovor habe ich mich zu fürchten?“ „Vor einem Brief.“ „Gut, ich danke.“ „Und ich?“ fragte Herr von Launay. „Vor der Einnahme der Baſtille.“ „Ohl nun bin ich ruhig.“ Und er entfernte ſich lachend. „Nun iſt die Reihe an mir,“ ſagte die Gräfin ganz ängſtlich. 3 „Sie, ſchöne Gräfin, mißtrauen Sie der Place Louis XV.“ „Ach!“ erwiederte Madame Dubarry,„ich habe mich ſchon eines Tags dort verirrt und ſehr darunter gelitten. An dieſem Tag hatte ich den Kopf verloren.“ „Nun, Sie werden ihn abermals verlieren, aber nicht mehr finden.“ Madame Dubarry ſtieß einen Schrei aus und entfloh zu den andern Gäſten in den Salon. Caglioſtro wollte der Geſellſchaft folgen. „Einen Augenblick Geduld,“ ſprach Richelieu, „nur mir und Taverney haben Sie Nichts geſagt, mein lieber Zauberer.“ 5*„Herr von Taverney hat mich gebeten, ihm Nichts, zu ſagen, und Sie, Herr Marſchall, haben Nichts von mir verlangt.“ „Ohl ich bitte Sie abermals,“ rief Taverney mit gefalteten Händen. „Doch könnten Sie uns nicht, um die Macht Ihres Genie's zu beweiſen, etwas ſagen, was wir zwei allein wiſſen?“ 3 51 „Was?“ fragte Caglioſtro lächelnd. 4* be 51 „Nun denn! was dieſer brave Taverney in Ver⸗ ſailles macht, ſtatt ruhig auf ſeinem ſchönen Gute Maiſon Rouge zu leben, das der König für ihn vor drei Jahren wiedererkauft hat?“. „Das iſt ganz einfach,“ antwortete Caglioſtro; „vor zehn Jahren wollte der Herr Baron ſeine Tochter, Fräulein Andrée, König Ludwig XV. geben; doch es iſt dem Herrn nicht gelungen.“ „Ho! ho!“ murrte Taverney. „Heute will der Herr ſeinen Sohn, Philipp von Taverney, Marie Antoinette geben. Fragen Sie ihn, ob ich luge.“. „Bei meiner Treue,“ rief Taverney,„der Teufel ſoll mich holen, wenn dieſer Menſch kein Zauberer iſt.“ „Ho! ho!“ verſetzte der Marſchall,„ſprich nicht ſo cavaliermäßig vom Teufel.“ „Schrecklich! ſchrecklich!“ murmelte Taverney. Und er wandte ſich um, um Caglioſtro zum letzten Mal um Diceretion anzuflehen. Doch dieſer war ver⸗ ſchwunden. „Gehen wir in den Salon, Taverney,“ ſagte der Marſchall;„man würde den Kaffee ohne uns nehmen, oder wir würden den Kaffee kalt bekommen, was noch ſchlimmer wäre.“ Und er lief in den Salon. Doch der Salon war verſchloſſen; nicht Einer von den Gäſten hatte den Muth gehabt, dem Urheber ſo düſterer Weiſſagungen noch einmal in's Geſicht zu ſchauen. Die Kerzen brannten auf den Kandelabern; der Kaffee rauchte in der Kanne; das Feuer kniſterte im Kamin. Alles vergeblich. „Meiner Treue, mein alter Freund, es ſcheint, wir werden den Kaffee unter vier Augen nehmen. Was Teufels, wohin biſt Du denn gekommen?“ ſagte Richelieu. Und er ſchaute nach allen Seiten, aber der kleine Greis hatte ſich, wie die Andern, aus dem Staube gemacht. 4* „Gleichviel,“ ſagte der Marſchall, ſpöttiſch lächelnd, wie es Voltaire gethan hätte, indem er ſeine trockenen, weißen, ganz mit Ringen beladenen Hände an einander rieb,„ich werde der einzige von allen meinen Tiſch⸗ genoſſen ſein, der in ſeinem Bette ſtirbt. He! hel in meinem Bett. Graf von Caglioſtro, ich bin kein Un⸗ gläubiger. Nicht wahr, in meinem Bett werde ich ſterben, in meinem Bett, und zwar ſo ſpät als möglich? Holla! mein Kammerdiener und meine Tropfen!“ Der Kammerdiener trat, ein Fläſchchen in der Hand, ein, und der Marſchall und er gingen in's Schlafzimmer. 2 Ende des Prologs. 2=SSAͤ—SS—,— I. Zwei unbekannte Frauen. Den Winter von 1784, dieſes Ungeheuer, das ein Sechstel von Frankreich verſchlang, konnten wir, obgleich er vor den Fenſtern ſtürmte, beim Herrn Herzog von Richelieu in dem ſo warmen und mit Wohlgerüchen geſchwängerten Speiſeſaal, wie wir waren, nicht ſehen. Etwas Rauhreif an den Scheiben, iſt der Lurus der Natur dem Lurus der Menſchen beigefügt. Der Winter hat ſeine Diamanten, ſeinen Puder und ſeine Silberſtickereien für den Reichen, der unter ſeinem Pelzwerk vergraben, oder in ſeinem Wagen verwahrt, oder in den Watten und Sammeten einer geheizten Wohnung eingeballt iſt. Jeder Froſt iſt ein Gepränge, jedes Unwetter eine Decorationsveränderung, die der Reiche durch ſeine Fenſterſcheiben von dem großen und fuigen Maſchiniſten, den man Gott nennt, ausführen ieht. In der That, wer warm hat, kann die ſchwarzen Bäume bewundern und einen Reiz in den düſtern Perſbertiden der vom Winter einbalſamirten Ebenen nden. Derjenige, welcher die ſüßen Wohlgerüche des Mittagsmahles, das ſeiner harrt, zu ſeinem Gehirn emporſteigen fühlt, kann von Zeit zu Zeit durch ein halbgeöffnetes Fenſter den ſcharfen Duft des Nordoſt⸗ winds und den eiſtgen Dunſt des Schnees, der ſeine Ideen wiedergebärt, einſchlürfen. Derjenige endlich, welcher nach einem Tag ohne Leiden, wenn Millionen von ſeinen Mitbürgern gelitten haben, unter Eiderdunen, in feinen Leintüchern, in einem warmen Bett ſich ausſtreckt, der kann, wie jener Egoiſt des Lucretius, den Voltaire verherrlicht, finden, Alles ſei gut in dieſer beſten der möglichen Welten. Derjenige aber, welcher friert, ſieht Nichts mehr von allen dieſen Herrlichkeiten der Natur, die ebenſo reich ſind in ihrem weißen Mantel als in ihrem grünen Mantel. Derjenige, welcher Hunger hat, ſucht die Erde und flieht den Himmel: den Himmel ohne Sonne und folg⸗ lich ohne Lächeln für den Unglücklichen. In der Epoche nun, zu der wir gelangt ſind, nämlich gegen die Mitte des Monats April, ſeufzten dreimalhunderttauſend Unglückliche, vor Kälte und Hunger ſterbend, in Paris allein, wo man unter dem Vorwand, keine Stadt enthalte mehr Reiche, nicht die geringſten Vorſichtsmaßregeln getroffen hatte, um es zu verhindern, daß die Armen durch die Kälte und die Noth umkämen. Seit vier Monaten trieb ein eherner Himmel die Unglücklichen der Dörfer in die Städte, wie gewöhnlich der Winier die Wölfe aus den Wäldern in die Dörfer treibt. Kein Brod mehr, kein Holz mehr. Kein Brod mehr für die Menſchen, welche die Kälte auszuſtehen hatten, kein Holz mehr, um Brod zu backen.. Alle Vorräthe, die eingebracht worden waren, hatte Paris in einem Monat aufgezehrt; der Prevot der Handelsleute, ein unvorſichtiger und unfähiger Mann, wußte nicht nach Paris, das ſeiner Fürſorge anvertraut war, zweimalhunderttauſend in einem ÜUmkreiſe von zehn Meilen um die Hauptſtadt verfügbare Klafter Holz hereinzuſchaffen. Zur Entſchuldigung gab er an: Wenn es gefror, das Eis, das die Pferde zu u ein wenig flüſſig gen 55 gehen verhindere; wen n es aufthaute, die Unzulänglich⸗ keit der Wagen und Pferde. Ludwig XVI., ſtets gut, ſtets menſchenfreundlich, ſtets zuerſt berührt von den phyſiſchen Bedürfniſſen des Volkes, deſſen ſociale Bedürfniſſe ihm eher entgingen, fing damit an, daß er zweimalhunderttauſend Livres zum Miethen von Wagen und Pferden anwies; dann nahm er die einen und die andern zwangsweiſe in Requiſition. Der Verbrauch fuhr indeſſen fort das Ankommende wegzuraffen. Man mußte die Käufer tariren. Niemand war berechtigt, vom allgemeinen Holzhof Anfangs mehr als eine Fuhre, dann mehr als eine halbe Fuhre weg⸗ zunehmen. Man ſah nun den Schweif der Käufer vor dem Thor der Holzhöfe ſich verlängern, wie er ſich ſpäter vor der Thür der Bäcker verlängern ſollte. Der König gab alles Geld ſeiner Caſſette in Al⸗ moſen aus. Er erhob drei Millionen von den Ein⸗ nahmen des Octrois, und verwendete dieſe drei Mil⸗ lionen auf die Erleichterung der Unglücklichen, wobei er erklärte, jeder Drang müſſe weichen und ſchweigen vor dem Drang der Kälte und des Hungers. Die Königin gab ihrerſeits fünfhundert Louisd'or von ihren Erſparniſſen. Man verwandelte in Zufluchts⸗ ſtätten die Klöſter, die Hoſpitäler, die öffentlichen Bau⸗ ten, und jeder Thorweg öffnete ſich auf den Befehl ſeiner Gebieter, nach dem Beiſpiel von denen der könig⸗ lichen Schlöſſer, um in die Höfe der Hotels den Armen, die ſich um ein großes Feuer kauerten, Zugang zu gewähren. Man hoffte ſo das gute Thauwetter zu erreichen. Doch der Himmel war unbeugſam! Jeden Abend breitete ſich ein kupferrother Schleier über dem Fir⸗ mament aus; das Geſtirn glänzte trocken und kalt, wie das Feuer einer Pechpfanne bei einer Beerdigung und das nächtliche Gefrieren verdichtete abermals in einen Demantſee den bleichen Schnee, den die Mittagsſonne nacht hatte. Am Tage häuften Tauſende von Arbeitern, die Hacke und die Schaufel in der Hand, den Schnee und das Eis längs den Häuſern auf, ſo daß ein doppelter, dichter, feuchter Wall die Hälfte der, der Mehrzahl nach ſchon zu engen, Straßen verſperrte. Gewichtige Wagen mit glitſchenden Rädern, wankende, jeden Au⸗ genblick niederſtürzende Pferde, zogen dieſe eiſtgen Mauern den Vorübergehenden zurück, der der dreifachen Gefahr des Fallens, des Zuſammenſtoßens und des Einſtürzens ausgeſetzt war. Bald wurden die Schnee⸗ und Eishaufen ſo groß, daß die Buden dadurch maskirt, die Durchgänge ver⸗ ſtopft waren, und daß man darauf verzichten mußte, das Eis wegzunehmen, da die Kräfte und Mittel der Fuhren nicht mehr genügten. 5 Das ohnmächtige Paris erklärte ſich für beſtegt und ließ den Winter gewähren. So vergingen Decem⸗ ber, Januar, Februar und März; zuweilen verwandelte ein Thauwetter von zwei bis drei Tagen ganz Paris, dem es an Goſſen und Abhängen gebrach, in einen Ocean. 3 In ſolchen Augenblicken konnte man ſich nur ſchwim⸗ maend durch gewiſſe Straßen durcharbeiten. Pferde ver⸗ loren ſich und ertranken. Die Carroſſen wagten ſich nicht mehr hinein; ſie hätten ſich in Schiffe verwandelt. r Seinem Charatter getreu, machte Paris Lieder auf 4 den Tod durch das Thauwetter, wie es Lieder über den 3 Tod durch den Hunger gemacht hatte. Man ging in Proceſſton nach den Hallen, um die Fiſcherweiber ihre Waaren verkaufen und ihren Kunden mit ungeheueren ledernen Stiefeln nachlaufen zu ſehen, wobei ſie Hoſen in den Stiefeln und die Röcke bis zum Gürtel aufge⸗ ſchlagen hatten; Alles lachend, geſticulirend und ſich einander in dem Sumpf, den ſie bewohnten, mit Koth beſpritzend; da aber das Thauwetter ephemer war, da das Eis undurchſichtiger und hartnäckiger folgte, da die Seen vom vorhergehenden Tag am andern Tag ſchlüpf⸗ 8* riger Kryſtall wurden, ſo erſetzten Schlitten die Wagen und fuhren, angetrieben von Schlittſchuhläufern oder 5 gezogen von ſcharf beſchlagenen Pferden, auf den Chauſ⸗ ſeen der in glatte Spiegel verwandelten Straßen. Die Seine war, mehrere Fuß tief gefroren, der Sammelplatz der Müßiggänger geworden, die ſich im Rennen, im Niederfallen durch Ausglitſchen, im Schlittſchuhlaufen, kurz in Spielen aller Art übten, und durch dieſe Gym⸗ naſtik erwärmt, ſo bald die Muͤdigkeit ſie zur Ruhe zwang, zum nächſten Feuer liefen, um den Schweiß am Gefrieren auf ihren Gliedern zu verhindern. Man ſah den Augenblick vorher, wo, da die Com⸗ munication zu Waſſer unterbrochen, da die Communi⸗ cation zu Lande unmöglich geworden, die Lebensmittel nicht mehr ankommen würden und Paris, dieſer rieſige Körper, in Ermangelung von Nahrung unterliegen müßte, wie jene Cetaceen, die, nachdem ſie ihre Cantone entvölkert, in den Polareiſen eingeſchloſſen bleiben und an Entkräftung ſterben, weil es ihnen nicht möglich geweſen iſt, wie die kleinen Fiſche, ihre Beute, durch die Spalten zu entkommen und gemäßigtere Zonen, fruchtbarere Waſſer zu erreichen. Der König verſammelte in dieſer verzweiflungs⸗ vollen Lage ſeinen Rath. Er beſchloß darin, aus Paris zu verbannen, das heißt, ſie zu bitten, nach ihren Pro⸗ vinzen zurückzukehren: die Biſchöfe, die Aebte, die Mönche, die ſich gar zu wenig um ihre Reſidenz be⸗ kümmerten; die Gouverneurs, die Intendanten der Provinzen, die aus Paris ihren Gouvernementsſitz gemacht hatten; die Magiſtrate endlich, welche die Oper und die Geſellſchaft ihren mit Lilien verzierten Amts⸗ ſtühlen vorzogen. Alle dieſe Leute machten merklich großen Aufwand an Holz in ihren reichen Hotels, alle dieſe Leute ver⸗ brauchten viele Lebensmittel in ihren ungeheuren Küchen. Man ſollte auch noch alle adeligen Gutsbeſitzer der Provinzen auffordern, ſich in ihre Schlöſſer einzuſperren. Aber Herr Lenoir, der Bolizeilieutenant, bemerkte dem König: da alle dieſe Leute nicht ſchuldig ſeien, ſo könne man ſie nicht zwingen, Paris von einem Tag auf den andern zu verlaſſen; ſie würden daher, um ſich zu ent⸗ fernen, mit einer Langſamkeit zu Werke gehen, welche theils dem böſen Willen, theils der Schwierigkeit der Wege zuzuſchreiben, und ſo müßte das Thauwetter ein⸗ treten, ehe man den Vortheil der Maßregel erlangt hätte, indeß alle möglichen Unannehmlichkeiten daraus hervorgegangen wären. 3 Das Mitleid des Königs, das die Kaſſen trocken legte, die Barmherzigkeit der Königin, die ihre Spar⸗ büchſe erſchöpfte, hatten die ſinnreiche Dankbarkeit des Volkes erregt, das durch ephemere Monumente das Andenken an die Wohlthaten heiligte, die Ludwig XVI. und die Königin den Dürftigen hatten zufließen laſſen. Wie einſt die Soldaten dem ſiegreichen Feldherrn Tro⸗ phaͤen mit den Waffen des Feindes errichteten, von dem ſie der Feldherr befreit hatte, ſo errichteten die Pariſer auf dem Schlachtfeld ſelbſt, auf dem ſie gegen den Feind kämpften, dem König und der Königin Obeliske von Schnee und Eis. Jeder trug dazu bei, der Tage⸗ löhner gab ſeine Arme, der Handwerker ſeine Induſtrie, der Künſtler ſein Talent, und die Obelisken erſtanden zierlich, kühn und ſolid an jeder Ecke der Hauptſtraßen, und der arme Schriftſteller, den die Wohlthat des Königs in ſeiner Manſarde aufgeſucht hatte, brachte die Opfergabe einer mehr noch durch das Herz als durch den Geiſt abgefaßten Inſchrift herbei. Am Ende des März trat das Thauwetter ein, aber ungleichmäßig, unvollſtändig, mit Wiederholungen des Gefrierens, welche die Noth, den Schmerz und den Hunger bei der Pariſer Bevölkerung vermehrten, wäh⸗ rend ſie zugleich die Schneemonumente aufrecht und feſt erhielten. Nie war das Elend ſo groß geweſen als in dieſer letzten Periode; Zwiſchenerſcheinungen einer ſchon lauen Sonne ließen die Nächte des Froſtes und des Nordoſt⸗ winds noch kälter erſcheinen; die großen Eislagen wa⸗ ren geſchmolzen und in die Seine abgelaufen, welche 4* 3 59 an allen Theilen austrat. Doch in den erſten Tagen des April zeigte ſich eine von den Erneuerungen der Kaͤlte, von denen wir geſprochen; die Obeliske, an denen ſchon jener Schweiß herabgelaufen war, der ihren Tod weiſſagt, die Obeliske befeſtigten ſich, halb geſchmolzen, abermals ungeſtalt und vermindert; eine ſchöne Schneelage bedeckte die Boulevards und die Quais, und man ſah wieder die Schlitten mit ihren muntern Roſſen erſcheinen. Das war herrlich auf den Boulevards und den Quais. Doch in den Straßen wurden die Kutſchen und Cabriolets der Schrecken der Fußgänger, die ſie nicht kommen hörten, die ihnen häufig durch die Eismauern verhindert, nicht auswei⸗ chen konnten, die endlich am häufigſten unter die Rä⸗ der fielen, wenn ſie fliehen wollten.. In wenigen Tagen bedeckte ſich Paris mit Ver⸗ wundeten und Sterbenden. Hier ein Bein gebrochen durch einen Fall auf dem Glatteis, dort eine Bruſt eingedrückt durch die, Gabeldeichſel eines Cabriolets, das in ſeinem raſchen Laufe, fortgeriſſen auf dem Eiſe, nicht hatte anhalten können. Da fing die Polizei an, ſich damit zu beſchäftigen, daß ſte vor den Rädern Diejenigen bewahrte, welche der Kälte, dem Hunger oder den Ueberſchwemmungen entgangen waren. Man ließ die Reichen, welche die Armen zermalmten, Bußen bezahlen. In jener Zeit, dem Reiche der Ariſtokra⸗ tie, gab es ſogar Ariſtokratie in der Art, die Pferde zu führen; ein Prinz von Geblüt fuhr mit verhängten Zügeln, und ohne: Aufgepaßt! zu rufen; ein Herzog und Pair, ein Edelmann und eine Tänzerin der Oper in geſtrecktem Trab; ein Präſident und ein Banquier im Trab; ein Petitmaitre in ſeinem Cabriolet führte ſich ſelbſt wie auf der Jagd, und der Jockey, der hinten obenſtand, rief:„Aufgepaßt!“ wenn der Herr einen Unglücklichen angehakt oder niedergeworfen hatte. Und dann raffte ſich auf, wer konnte, wie Mercier ſagt; inſofern aber der Pariſer die ſchönen Schlitten mit Schwanenhals auf dem Boulevard hineilen ſah, inſofern er in ihren Marder⸗ oder Zobelpelzen die Damen des Hofes bewunderte, welche wie Meteore auf des Eiſes glänzenden Furchen fortgezogen wurden, in⸗ ſofern die goldenen Schellen, die amhetganun und die Federbüſche der Pferde, die am Wege von allen dieſen ſchönen Dingen ſtaffelförmig aufgeſtellten Kinder belu⸗ ſtigten, vergaß der Pariſer Bürger die Sorgloſigkeit der Polizeileuté und die Brutalitäten der Kutſcher, während der Arme ſeinerſeits, wenigſtens für einen Augenblick, ſein Elend vergaß, denn in jener Zeit war er noch gewohnt, von den reichen Leuten oder von denen, die dieß zu ſein ſich den Anſchein gaben, patro⸗ nirt zu werden. Unter den von uns mitgetheilten Umſtänden ſah man acht Tage nach dem Mittagsmahle des Herrn von Richelieu zu Verfailles, in Paris bei einer ſchönen, aber kalten Sonne vier elegante Schlitten hereinfahren, welche über den verhärteten Schnee hinglitten, der den Cours⸗la⸗Reine und das Ende der Boulevards von den Champs⸗Eliſées an bedeckte. Außerhalb Paris kann der Schnee lange ſeine jungfräuliche Weiße bewahren, da die Füße des Wanderers ſelten ſind. In Paris da⸗ gegen berauben hunderttauſend Füße im Tag raſch, indem ſie ihn ſchwärzen, den glänzenden Mantel des Winters ſeiner Jungfräulichkeit. Die Schlitten, welche dumpf über die Straße hin⸗ glitten, hielten zuerſt auf dem Boulevard an, das heißt, ſobald der Koth auf den Schnee folgte. Die Sonne des Tages hatte in der That die Athmoſphäre erweicht, und das augenblickliche Aufthauen begann; wir ſagen augenblicklich, denn die Reinheit der Luft verhieß für die Nacht jenen eiſigen Nordoſtwind, der im April die erſten Blätter und die erſten Blüthen verſengt. In dem Schlitten, der voran fuhr, befanden ſich zwei Männer, in den weiten braunen Reiſerock von Tuch mit zwei Kragen gekleidet; der einzige Unterſchied, den man unter ihren Kleidern bemerkte, war der, daß 61 der eine Knöpfe und Galonen von Gold und der andere Galonen und Knöpfe von Seide hatte. Dieſe zwei Männer, gezogen von einem Rappen, deſſen Nüſtern einen dichten Rauch ausſtrömten, fuhren vor einem andern Schlitten, auf den ſie von Zeit zu Zeit ihre Blicke warfen, als überwachten ſie ihn. In dieſem zweiten Schlitten ſaßen zwei Frauen, ſo gut in Pelze eingehüllt, daß Niemand ihre Geſichter hätte ſehen können. Man dürfte ſogar beifügen, es wäre ſchwierig geweſen, zu ſagen, welchem Geſchlechte dieſe zwei Perſonen angehörten, hätte man ſie nicht an der Höhe ihres Kopfputzes erkannt, auf deſſen Gipfel ein kleiner Hut ſeine Federn ſchüttelte.— Von dem koloſſalen Gebäude dieſes mit geflochtenen Bändern durchwirkten Kopfputzes fiel eine Wolke von weißem Puder hinab, wie im Winter eine Wolke von Rauhreif von den Zweigen herabfällt, die der Nordoſt ſchüttelt. Dieſe zwei Damen, welche ſo nahe beiſammen ſaßen, daß ſich ihr Sitz gleichſam vereinigte, unter⸗ hielten ſich mit einander, ohne auf die zahlreichen Zuſchauer Achtung zu geben, die ſie auf dem Boulevard vorüberfahren ſahen. Wir haben vergeſſen, zu bemerken, daß ſie nach kurzem Zögern weiter gefahren waren. „Die Eine von ihnen, die größere und majeſtä⸗ tiſchere, drückte an ihre Lippen ein Sacktuch von feinem geſticktem Batiſt und hielt den Kopf gerade und feſt trotz des Nordoſts, der den Schlitten in ſeinem raſchen Laufe durchſchnitt. Es hatte fünf Uhr auf der Kirche Sainte⸗Croir⸗d'Antin geſchlagen, und die Nacht fing an ſich auf Paris herabzuſenken, und mit der Nacht die Kälte. In dieſem Augenblick hatten die Equipagen unge⸗ fähr die Porte Saint⸗Denis erreicht. Die Dame vom Schlitten, dieſelbe, welche ein Sacktuch vor den Mund hielt, machte den zwei Män⸗ nern der Vorhut, die ſich, den Gang des Rappen be⸗ ſchleunigend, weiter vom Schlitten der zwei Damen entfernten, ein Zeichen. Dann wandte ſich dieſelbe Dame gegen die Nachhut um, welche aus zwei andern Schlitten, jeder geführt von einem Kutſcher ohne Livree, beſtand, und ihrerſeits dem Zeichen gehorchend, das ſie verſtanden hatten, verſchwanden die zwei Kutſcher in der Rue Saint⸗Denis, in deren Tiefe ſie ſich verloren. Der Schlitten der zwei Männer gewann, wie ge⸗ ſagt, einen bedeutenden Vorſprung vor den zwei Frauen und verſchwand am Ende in den erſten Nebeln des Abends. Als der zweite Schlitten auf das Boulevard de Menilmontant kam, hielt er an; hier waren die Spa⸗ ziergänger ſelten, die Nacht hatte ſie zerſtreut; über⸗ dieß wagten ſich in dieſes abgelegene Quartier wenige Bürger ohne Stocklate der Winter die Zähne rnen und ohne Geleite, ſeitdem von drei⸗ bis viertauſend Bett⸗ lern geſchärft hatte, welche ganz ſachte in Diebe ver⸗ wandelt worden waren. Die Dame, die wir ſchon als Befehle ertheilend bezeichnet haben, berührte mit der Fingerſpitze die Schulter des Kutſchers Der Schlitten hiel „Weber,“ ſagte ſi um das Euch bekannte der den Schlitten führte. t an. e,„wie viel braucht Ihr Zeit, Cabriolet zu bringen?“ „Madame nimmt das Cabriolet?“ fragte der Kut⸗ ſcher mit einem ſcharfen deutſchen Accent. „Ja, ich werde durch die Straßen zurückkommen, um die Feuer zu ſehen. Die Straßen ſind aber noch kothiger, als die Boulevards, und man würde ſchlecht im Schlitten fahren. 1 kalt bekommen; Sie au die Dame, ſich an ihre Und dann habe ich ein wenig ch, nicht wahr, Kleine?“ ſagte Begleiterin wendend. „Ja, Madame,“ antwortete dieſe. „Ihr hört alſo, Weber, oder Ihr wißt, mit dem Cabriolet?“ „Gut, Madame.“ „Wie viel Zeit braucht Ihr?“ „Eine halbe Stunde.“ 63 „Es iſt gut. Schauen Sie auf Ihre Uhr, Kleine.“ Die jüngere von den zwei Damen ſuchte in ihrem Pelz und ſchaute dann auf ihrer Uhr mit großer Schwierigkeit nach der Stunde, denn die Nacht verfin⸗ ſterte ſich, wie geſagt, immer mehr.. „Drei Viertel auf ſechs Uhr,“ antwortete ſie. „Um drei Viertel auf ſieben Uhr alſo, Weber.“ Und, nachdem ſie dieſe Worte geſagt, ſprang die Dame leicht aus dem Schlitten, gab ihrer Freundin die Hand und fing an, ſich zu entfernen, während der Kutſcher mit Geberden ehrfurchtsvoller Verzweiflung laut genug, um von ſeiner Gebieterin gehört zu wer⸗ den, murmelte: „Unklugheit, oh! mein Gott, welche Unklugheit!“ Die zwei Frauen lachten, hüllten ſich in ihre Pelze, deren Kragen bis zur Höhe ihrer Ohren gingen, und durchſchritten die Gegenallee des Boulevard, wobei ſie ſich damit beluſtigten, daß ſie den Schnee unter ihren kleinen, mit Pelzſtiefelchen bekleideten Füßen kra⸗ chen ließen. „Sie, die Sie gute Augen haben, Andrée,“ ſagte diejenige von den Damen, welche die ältere zu ſein ſchien, und dennoch nicht über dreißig bis zweiund⸗ dreißig Jahre zählen mochte,„ſuchen Sie doch an dieſer Ecke den Namen der Straße zu leſen.“ „Rue du Pont⸗aux⸗Choux, Madame,“ antwortete die junge Frau lachend. „Welche Straße iſt das? Rue du Pont⸗aur⸗Choux? Oh! mein Gott! wir ſind verloren. Rue du Pont⸗aurx⸗ Chour! Man ſagte mir, die zweite Straße rechts. Aber Andrée, wie es hier ſo gut nach heißem Brod riecht!“ „Das iſt kein Wunder, wir ſind hier vor der Thüre eines Bäckers,“ erwiederte ihre Begleiterin. El Hdun wohl, fragen wir, wo die Rue Saint⸗ aude iſt.“ Und diejenige, welche geſprochen, machte eine Be⸗ wegung nach der Thüre. 64 „Oh! gehen Sie nicht hinein,“ ſagte raſch die andere Frau,„laſſen Sie mich.“ 1 „Die Rue Saint⸗Claude, meine niedlichen Da⸗ men,“ ſprach eine muntere Stimme,„Sie wollen wiſ⸗ ſen, wo die Rue Saint⸗Claude iſt?“ wortete die ältere von den zwei Frauen, welche ſelbſt eine ſtarke Lachluſt bewältigte. „Oh! die iſt nicht ſchwer zu finden, und überdieß 4 will ich Sie führen,“ ſagte der heitere bemehlte Junge, ſeine mageren Beine zu öffnen, an deren Ende zwei Schlappen, ſo weit wie Schiffe, hingen. „Nein, nein!“ verſetzte die ältere von den beiden Frauen, welche ohne Zweifel nicht gern mit einem ſol⸗ chen Führer getroffen werden wollte;„bezeichnen Sie uns nur die Straße, ohne ſich zu bemühen, und wir werden Ihrer Andeutung folgen.“ der Führer, indem er ſich beſcheiden zurückzog. „Ich danke,“ ſagten gleichzeitig die zwei Frauen. Und ſie enteilten, ihr Gelächter unter ihren Aer⸗ meln erſtickend, in der bezeichneten Richtung. —;— und die That mit dem Worte verbindend, fing er an, „Die erſte Straße rechts, Madame,“ erwiederte 65 II. Das Innere eines Hauſes. Boulevard, weſtlich an die Rue Saint⸗Louis ſtößt: er hat in der That mehr als eine von den Perſonen, welche in dieſer Geſchichte eine Rolle geſpielt oder ſpielen werden, ſie zu einer andern Zeit durchlaufen ſehen, nämlich zur Zeit, da der große Phyſiker Joſeph Balſamo mit ſeiner Sibylle Lorenza und ſeinem Lehrer Althotas hier wohnte. können. Aber dieſes Gebäude, deſſen hohe Fenſter, über der Mauer des Hofes, an einem Feſttage allein mit dem Wiederſchein ſeiner Candelaber und ſeiner Kronleuchter erhellt hätten, dieſes Gebäude, ſagen wir, war das ſchwärzeſte, ſtummſte und verſchloſſenſte von allen Häuſern des Quartiers. Die Thüre öffnete ſich nie; die mit ledernen Pol⸗ ſtern verſtopften Fenſter hatten auf jedem Blatte der Das Halsband der Koͤnigin. 5 Jalouſien, auf jeder Leiſte der Laden eine Staublage, von der Phyſiologen und Geologen behauptet hätten, ſie gehe auf zehn Jahre zurück. Zuweilen näherte ſich ein Müßiger, der gerade vorüberging, ein Neugieriger oder ein Nachbar dem Thorweg und betrachtete durch das weite Schloß das Innere des Gebäudes. Da erblickte er nichts als Grasbüſchel zwiſchen den Pflaſterſteinen, Schimmel und Moos auf den Plat⸗ ten. Zuweilen durchſchritt eine ungeheure Ratte, die ſouveraine Gebieterin dieſer verlaſſenen Domaine, ruhig den Hof und verſenkte ſich in den Keller, eine ſehr 4 überflüſſige Beſcheidenheit, da ſie zu ihrer unumſchränk⸗ ten Verfügung ſo bequeme Salons und Cabinets hatte, wo ſie die Katzen nicht beunruhigen konnten. War es ein Vorübergehender oder ein Neugieriger, ſo ſetzte er, nachdem er die Einſamkeit dieſes Gebäu⸗ des ſich Hegenüber beſtätigt, ſeine Wanderung fort; war es aber ein Nachbar, ſo blieb er, da er ein viel größeres Intereſſe bei dem Hotel hatte, beinahe immer lange genug auf ſeinem Beobachtungspoſten, daß ein anderer Nachbar, durch eine ähnliche Neugierde ange⸗ lockt, ſich neben ihn ſtellte, und dann knüpfte ſich ein Geſpräch an, deſſen Hauptinhalt, wenn auch nicht die Details, wir mit ziemlicher Sicherheit angeben können. „Nachbar,“ ſagte derjenige, welcher nicht hinein⸗ ſchaute, zu dem, welcher hineinſchaute,„was ſehen Sie denn in dem Hauſe des Herrn Grafen von Balſamo?“ „Nachbar,“ antwortete derjenige, welcher hinein⸗ ſchaute, dem, welcher nicht hineinſchaute,„ich ſehe die Ratte.“. „Ah! wollen Sie erlauben,“ ſagte der zweite Neu⸗ gierige. Und er ſtellte ſich ebenfalls an das Schlüſſelloch. „Sehen Sie ſie?“ fragte der des Beſitzes Verlu⸗ ſtige den im Beſitz Befindlichen. 1 „Ja,“ antwortete dieſer,„ich ſehe ſie. Ah! mein Herr, ſie iſt fett geworden.“ 3 —* Ë 8AKEn— A u 4 67 „Sie glauben?“ „Ja, ich bin deſſen ſicher.“ „Ich glaube wohl, nichts ſtört ſie.“ „Und es müſſen, was man auch ſagen mag, ſicher⸗ lich noch gute Brocken in dem Hauſe übrig ſein.“ „Gute Brocken, ſagen Sie?“ „Ahl gewiß. Herr von Balſamo iſt zu bald ver⸗ ſchwunden, um nicht etwas vergeſſen zu haben.“ „Ei! Nachbar, was ſoll man vergeſſen, wenn ein Haus halb verbrannt iſt?“ „Sie können im Ganzen Recht haben, Nachbar.“ Und nachdem man die Ratte noch einmal ange⸗ Seit dem Brand dieſes Hauſes oder eines Theils vom Hauſe war Balſamo wirklich verſchwunden, keine Wiedererſcheinung hatte ſtattgefunden und das Hotel war verlaſſen geblieben. Laſſen wir es ganz düſter und ganz feucht mit ſeinen ſchneebedeckten Terraſſen und ſeinem von den Flammen ausgezackten Dach wiedererſtehen, dieſes alte Hotel, an dem wir nicht vorübergehen wollen, ohne uns dabei wie bei einem alten Bekannten aufzuhalten; dann betrachten wir, während wir die Straßen durch⸗ ſchreiten, um von links nach rechts zu gehen, an ein durch eine große Mauer geſchloſſenes Gärtchen an⸗ ſtoßend, ein ſchmales, hohes Haus, das ſich, einem langen weißen Thurm ähnlich, von dem blaugrauen Grund des Himmels abhebt. Auf dem Firſt dieſes Hauſes ragt ein Kamin wie ein Blitzableiter empor, und gerade im Zenith dieſes Kamins wirbelt und funkelt ein glänzender Stern. Der letzte Stock des Hauſes würde ſich unbemerkt im Raume verlieren, ohne einen Lichtſtrahl, der zwei Fenſter von dreien röthet, welche die Fagade bilden. Ddie anderen Stockwerke ſind düſter und traurig. Schlafen die Miethsleute ſchon? ſparen ſie unter ihren 5* Decken ſowohl die theuren Lichter, als das in dieſem Jahre ſo ſeltene Holz? So viel iſt gewiß, daß die vier Stockwerke kein Lebenszeichen von ſich geben, während der fünfte nicht nur lebt, ſondern ſogar mit einer gewiſſen Affectation ſtrahlt. Klopfen wir an die Thüre; ſteigen wir die finſtere Treppe hinauf; ſie endigt bei dieſem fünften Stock, wo wir zu thun haben. Eine einfache an die Mauer angelehnte Leiter führt zum oberſten Stockwerk. Ein Rehfuß hängt an der Thüre; eine Strohmatte und eine hölzerne Schale zieren die Treppe. Sobald die erſte Thüre geöffnet iſt, treten wir in eine dunkle, kahle Stube ein; es iſt diejenige, deren Fenſter nicht erleuchtet iſt. Dieſe Stube dient als Vorzimmer und führt in eine andere, deren Ausſtat⸗ tung und Einzelheiten unſere ganze Aufmerkſamkeit verdient. Platten ſtatt eines getäfelten Fußbodens, plump angemalte Thüren, drei Lehnſtühle von weißem Holz mit gelbem Sammet überzogen, ein armſeliges Sopha, deſſen Kiſſen unter den Falten die Spuren einer durch das Alter erzeugten Abmagerung tragen. Zwei an der Wand hängende Portraits ziehen ſogleich die Blicke auf ſich. Ein Licht und eine Lampe, von denen das eine auf einem dreifüßigen Tiſchchen, die andere auf dem Kamin ſteht, verbinden ihre Feuer ſo, daß ſie aus dieſen zwei Portraits zwei Lichtbrenn⸗ punkte machen. Mit dem Toquet auf dem Kopfe, mit dem lan⸗ gen, bleichen Geſicht, dem matten Auge, der Krauſe am Hals empfiehlt ſich das erſtere von den Portraits durch ſeine Kundbarkeit; es iſt das heroiſch ähnliche Meleniß von Heinrich III., König von Frankreich und olen. Unten liest man eine Inſchrift mit ſchwarzen Buch⸗ ſtaben auf eine ſchlecht vergoldete Rahme gezeichnet: Henry de Valois. — ⏑— ⁸8⏑̈ EÆ*⁸ RE☛N 69 Das zweite Portrait, das in neuerer Zeit vergol⸗ det worden und ebenſo friſch in ſeinen Malereien er⸗ ſcheint, als das andere gealtert iſt, ſtellt eine junge Frau mit ſchwarzem Auge, feiner, gerader Naſe, her⸗ vorſpringenden Backenknochen und behutſamem Mund vor. Ihr Kopf iſt geſchmückt oder vielmehr ſchwer bedrückt von einem Gebäude von Haaren und ſeidenen Bändern, neben dem das Toquet von Heinrich III. das Verhältniß eines Maulwurfshaufens gegen eine Pyra⸗ mide annimmt. Unter dieſem Portrait liest man ebenfalls in ſchwarzen Buchſtaben: Jeanne de Valois. Und wenn man, nachdem man den erloſchenen Heerd, die armſeligen Vorhänge von baumwollenem Zeug des mit dergelbtem grünem Damaſt bedeckten Bettes beirachtet at wiſſen will, welche Beziehung dieſe Portraits zu den Bewohnern des fünften Stockes haben, ſo braucht man ſich nur zu einem kleinen eichenen Tiſch umzuwenden, auf welchem eine einfach gekleidete Frau, die ſich mit dem linken Ellenbogen auflehnt, mehrere verſtegelte Briefe überſteht und die Adreſſen derſelben controlirt. Dieſe junge Frau iſt das Original des Portraits. Drei Schritte von ihr, in einer halb neugierigen, halb ehrerbietigen Haltung, gekleidet wie eine Duenna von Greuze, wartet und ſchaut eine kleine alte Kam⸗ merfrau von ſechzig Jahren. „Jeanne von Valois,“ ſagte die Inſchrift. Doch wenn dieſe Dame eine Valois war, wie er⸗ trug Heinrich III., der ſyberitiſche König, der Wollüſt⸗ ling, ſelbſt nur im Gemälde, das Schauſpiel eines ſolchen Elends, wenn es ſich nicht nur um eine Perſon ſeines Geſchlechts, ſondern auch um ſeinen Namen handelte. Die Dame vom fünften Stock ſtrafte übrigens den Ur⸗ ſprung, den ſie ſich gab, perſönlich durchaus nicht Lügen. Sie hatte weiße, zarte Hände, die ſie von Zeit zu Zeit unter ihren gekreuzten Armen erwärmte. Sie hatte einen kleinen, feinen, ſchmalen Fuß, bekleidet mit einem Pantoffel von noch zierlichem Sammet, den ſie auch dadurch zu erwärmen ſuchte, daß ſie damit auf den Boden ſchlug, der ſo glänzend und kalt wie das Eis, das Paris bedeckte.“ Wenn dann der Nordoſt unter den Thüren und durch die Spalten der Fenſter pfiff, ſchüttelte die Zofe traurig die Schultern und ſchaute den Kamin ohne Feuer an. Was die Dame, die Herrin der Wohnung, betrifft, ſo zählte ſie fortwährend die Briefe und las die Adreſſen. Immer nachdem ſie eine Adreſſe geleſen, machte ſie eine Bewegung. 2 „Frau von Miſery,“ murmelte ſie,„erſte Staats⸗ dame Ihrer Majeſtät. Hier darf ich nur ſechs Louisd'or rechnen, denn man hat mir ſe eben.“ Und ſie ſtieß einen Seufzer 4 „Madame Patrirx, erſte Kammerfrau Ihrer Maje⸗ ſtät, zwei Louisd'or. „Herr d'Ormeſſon, eine Audienz. „Herr von Calonne, einen Rath. „Herr von Rohan, einen Beſuch, und wir werden darauf bedacht fein, daß er ihn uns erwiedert,“ ſagte lächelnd die junge Frau. —„Wir haben alſo von jetzt bis in acht Tagen nur acht Louisd'or ſicher,“ fuhr ſte mit demſelben ſingenden Tone fort. Und ſie richtete den Kopf auf und ſagte: „Frau Clotilde, putzen Sie doch das Licht.“ Die Alte gehorchte und ſetzte ſich wieder ernſt und aufmerkſam an ihren Platz. 5 Dieſe Art von Inquiſition, deren Gegenſtand ſie war, ſchien die junge Frau zu ermüden. 4 „Meine Liebe,“ ſagte ſie,„ſuchen Sie doch, ob nicht ein Stümpfchen von einer Wachskerze übrig iſt. Ich haſſe es, Talglichter zu brennen.“ 71 „Es iſt keines mehr vorhanden,“ erwiederte die Alte. „Sehen Sie immerhin nach.“ „Wo denn?“ „Im Vorzimmer.“ „Es iſt dort ſehr kalt.“ „Ah! hören Sie, man läutet eben,“ ſagte die junge Frau.— „Madame täuſcht ſich,“ erwiederte die alte Hart⸗ näckige. „Ich glaube es, Frau Clotilde.“ Und da ſie ſah, daß die Alte widerſtand, gab ſie nach, leicht murrend jedoch, wie es die Perſonen thun, welche aus irgend einer Urſache Geringeren Rechte über ſich eingeräumt haben, welche ihnen nicht mehr gehören ſollten. Dann ſetzte ſie ihre Berechnung fort. „Acht Louisd'’or, von denen ich drei für Quartier ſchuldig bin.“— Sie nahm die Feder und ſchrieb. „Drei Louisd'or. Fünf Herrn von La Mothe ver⸗ ſprochen, um ihm den Aufenthalt in Bar⸗ſur⸗Aube erträglich zu machen... Armer Teufel! unſere Hei⸗ rath hat ihn nicht bereichert; doch Geduld!“ Und ſie lächelte abermals, doch indem ſie ſich dieß⸗ mal in einem Spiegel betrachtete, der zwiſchen den zwei Portraits angebracht war. „Nun,“ ſprach ſie weiter,„Fahrten von Verſailles nach Paris und von Paris nach Verſailles. Fahrten einen Louisd'or.“ Und ſte ſchrieb dieſe neue Zahl zu der Colonne der Ausgaben. b„Nun Lebensunterhalt für acht Tage, einen Louis⸗ zor.“ Sie ſchrieb abermals. „Toilette, Fiacres, Geſchenke an die Portiers der Häuſer, wo ich ſollicitire: vier Louisd'or. Iſt das wohl Alles? addiren wir.“* 3 2 72 Doch mitten unter dem Addiren unterbrach ſie ſich und rief: „Man läutet, ſage ich Ihnen.“ „Nein, Madame,“ erwiederte die Alte wie erſtarrt an ihrem Platze.„Es iſt nicht hier, es iſt unten im vierten.“— „Vier, ſechs, elf, vierzehn Louisd'or: ſechs we⸗ niger als ich brauche um eine Garderobe zu erneuern und dieſes alte Thier zu bezahlen, um es entlaſſen zu können.“ Dann rief ſie plötzlich voll Zorn: „Ich ſage Ihnen, man läutet, Unglückliche.“ Dießmal, man muß es geſtehen, hätte ſich das ungelehrigſte Ohr nicht weigern können, den Ruf von Außen zu verſtehen: kräftig gezogen bebte die Klingel in ihrer Ecke und vibrirte ſo lange, daß der Schläger wenigſtens ein dutzendmal an die Wände der Glocke anſchlug. 4— Bei dieſem Geräuſch und während die Alte, end⸗ lich erweckt, nach dem Vorzimmer lief, raffte ihre Ge⸗ bieterin, behende wie ein Eichhörnchen, die auf dem Tiſche zerſtreuten Briefe und Papiere zuſammen, warf das Ganze in eine Schublade und ſetzte ſich nach einem raſchen Blick im Zimmer umher, um ſich zu verſichern, daß hier Alles in Ordnung, auf das Sopha, wo ſie die demüthige und traurige Haltung einer leidenden, aber in ihr Schickſal ergebenen Perſon annahm. Nur, bemerken wir dieß ſogleich, ruhten die Glie⸗ der allein. Thätig, unruhig, wachſam befragte das Auge den Spiegel, in dem die Eingangsthüre ſichtbar war, während das lauſchende Ohr den geringſten Ton aufzufaſſen ſich bereit hielt. Die Duenna öffnete die Thüre und man hörte ein paar Worte im Vorzimmer flüſtern. 1 Dann fragte eine friſche und liebliche, dabei aber ſehr feſte Stimme: „Wohnt hier die Frau Gräfin La Mothe?“ — „———J)u ð᷑——8 73 „Die Frau Gräfin La Mothe Valois?“ wieder⸗ holte näſelnd Clotilde. „So iſt es, meine gute Frau. Iſt Frau von La Mothe zu Hauſe?“ „Ja, Madame, ſie iſt zu leidend, um auszugehen.“ Während dieſes Geſprächs, von dem ſie kein Wort verlor, ſchaute die angebliche Kranke in den Spiegel und ſah, daß eine Frau Clotilde befragte, und daß dieſe Frau aller Wahrſcheinlichkeit nach einer hohen Claſſe der Geſellſchaft angehörte. Sie verließ ſogleich das Sopha und ging zum Lehn⸗ ſtuhl, um das Chrenmeuble der Fremden zu uͤberlaſſen, Während ſie dieſe Bewegung ausführte, konnte ſie nicht bemerken, daß ſich der weibliche Beſuch auf dem Ruheplatz umgedreht hatte, und zu einer andern Per⸗ ſon, welche im Schatten geblieben, ſagte: „Sie können eintreten, Madame, es iſt hier.“ Die Thüre ſchloß ſich wieder, und die zwei Frauen, die wir nach der Rue Saint⸗Claude haben fragen ſehen, treten in die erſte Stube der Gräfin von La Mothe Valois ein. „Wen ſoll ich der Frau Gräfin melden?“ fragte Clotilde, indem ſie neugierig, obgleich mit Reſpect, das Licht vor den Geſichtern der zwei Frauen hin⸗ und herſpazieren ließ. „Melden Sie eine Dame vom Guten Werke,“ er⸗ wiederte die Aeltere. 5 „Von Paris?“ „Nein, von Verſailles.“ Clotilde ging zu ihrer Gebieterin hinein, und die Fremden, die ihr folgten, befanden ſich in dem Zim⸗ mer, das in dem Augenblick erleuchtet wurde, wo Jeanne von Valois ſich mühſam von ihrem Stuhl er⸗ hob, um ihre zwei Gäſte ſehr höflich zu begrüßen. Clotilde rückte die zwei anderen Stühle vor und zog ſich dann in das Vorzimmer mit einer weiſen Langſamkeit zurück, welche errathen ließ, ſie würde vor der Thüre das Geſpräch verfolgen, das ſtatthaben ſollte. Jeanne von La Mothe Valois. Die erſte Sorge von Jeanne von La Mothe, als ſie ſchicklicher Weiſe die Augen aufſchlagen konnte, war, zu ſehen, mit welchen Geſichtern man es zu thun hatte. Die ältere von den beiden Frauen mochte, wie geſagt, dreißig bis zweiunddreißig Jahre alt ſein, ſie war von merkwürdiger Schönheit, obgleich eine über ihr ganzes Geſicht verbreitete Miene des Hochmuths natürlich ihrer Phyſtognomie einen Theil des Zaubers, den ſte haben konnte, benehmen mußte. So urtheilte wenigſtens Jeanne nach dem Wenigen, was ſie von den Zügen des Beſuches erblickte. Einen der Lehnſtühle dem Sopha vorziehend, hatte ſte den Lichtſtrahl, der aus der Lampe hervorſprang, dadurch von ſich fern gehalten, daß ſie in eine Ecke des Zimmers zuruͤckwich, und über ihre Stirne die taffetne Kaleſche ihres Mantels vorzog, wodurch ein Schatten auf ihr Geſicht geworfen wurde. Doch die Haltung des Kopfes war ſo ſtolz, das Auge ſo lebhaft und ſo natürlich erweitert, daß man, wäre jede Einzelheit verſchwunden, nach ihrem Ge⸗ ſammtmaße hätte erkennen müſſen, die Dame ſei von ſchöner Race und beſonders von edler Race. Ihre Gefährtin, minder ſchüchtern, ſcheinbar we⸗ nigſtens, obgleich vier bis fünf Jahre jünger, verbarg ihre wirkliche Schönheit nicht. Ein bewunderungswürdiges Geſicht hinſichtlich der Haut und der Farbe, ein Kopfputz, der die Schläfe entblößt ließ und das vollkommene Eirund der Maske hervorhob; zwei große blaue Augen, ruhig bis zur Heiterkeit, hellſehend bis zur Tiefe, ein Mund von einer lieblichen Zeichnung, dem die Natur die Offen⸗ herzigkeit, und die Erziehung und die Etiquette die Discretion gegeben hatten; eine Naſe, welche, was — 75 die Form betrifft, die der Venus von Medieis um nichts zu beneiden gehabt hätte; das iſt es, was der raſche Blick von Jeanne auffaßte. Sodann konnte die Gräfin, noch zu andern Einzelheiten überſchweifend, bei der jüngeren von den zwei Frauen wahrnehmen: eine Taille zarter und biegſamer als die ihrer Ge⸗ fährtin, eine Bruſt breiter und von reicherer Rundung als die der älteren, eine Hand endlich eben ſo fleiſchig, als die der andern Dame nervig und fein war. Jeanne von Valois machte alle dieſe Bemerkungen in einigen Secunden, das heißt, in weniger Zeit, als wir gebraucht haben, um ſie hier zu bezeichnen. Als ſodann dieſe Wahrnehmungen gemacht waren, fragte ſie ſanft, welchem glücklichen Umſtand ſie den Beſuch der Damen zu verdanken habe. Die zwei Frauen ſchauten ſich an und auf ein Zeichen der älteren ſagte die jüngere: „Madame, denn Sie ſind, glaube ich, verheirathet?“ „Ich habe die Ehre, Madame, die Frau des Herrn Brhitn von La Mothe, eines vortrefflichen Edelmanns, zu ſein. „Nun wohl, wir, Frau Gräfin, ſind die Supe⸗ riorinnen einer Stiftung zu guten Werken. Man hat uns hinſichtlich Ihrer Lage Dinge geſagt, die unſere Theilnahme erregen, und wir wollen dem zu Folge genauere Erkundigungen über Sie und über das, was Sie betrifft, einziehen.“ Jeanne wartete einen Augenblick und ſprach dann, als ſie die Zurückhaltung der älteren Frau bemerkte: „Meine Damen, Sie ſehen hier das Portrait von Heinrich III., das heißt, des Bruders meines Ahn⸗ herrn; denn ich bin wirklich aus dem Blut der Valois, wie man Ihnen vielleicht geſagt hat.“ Und ſie wartete auf eine neue Frage, indem ſie ihre Gäſte mit einer Art von ſtolzer Demuth anſchaute. „Madame,“ ſprach nun die ernſte und zugleich ſanfte Stimme der älteren von den zwei Frauen:„Madame, 76 iſt es wahr, daß Ihre Frau Mutter Verwalterin eines Hauſes genannt Fontette bei Bar⸗ſur⸗Seine geweſen iſt?“ Jeanne erröthete bei dieſer Erinnerung, erwiederte aber ſogleich, ohne ſich ſtören zu laſſen: „Das iſt Wahrheit, Madame, meine Mutter war Verwalterin eines Hauſes, genannt Fontette.“ „Ah!“ machte die Andere. „Und da Marie Joſſel, meine Mutter, von ſeltener Schönheit war,“ fuhr Jeanne fort,„ſo verliebte ſich mein Vater in ſie und heirathete ſie. Durch meinen Vater bin ich von edlem Geſchlecht, Madame, mein Vater war ein Saint⸗Remy von Valois, ein unmittel⸗ barer Abkömmling der Valois, welche regiert haben.“ „Wie ſind Sie aber zu dieſem Grad von Armuth herabgeſunken, Madame?“ fragte die ältere von den zwei Frauen. 1 „lcht bas iſt leicht zu begreifen.“ „ höre.“ „Es iſt Ihnen nicht unbekannt, daß nach der Thronbeſteigung von Heinrich IV., durch den die Krone von Frankreich vom Hauſe der Valois auf das Haus der Bourbons überging, erſtere Familie noch einige Sprößlinge hatte, welche allerdings dunkel, doch unbe⸗ ſtreitbar von dem den vier Brüdern, welche alle vier ein ſo unſeliges Ende nahmen, gemeinſchaftlichen Ge⸗ ſchlecht abſtammten.“ Die Damen machten ein Zeichen, das wie eine Beipflichtung gelten konnte. Jeanne fuhr fort: „Befürchtend, ſte könnten, trotz ihrer Dunkelheit, die neue königliche Familie in Schatten ſtellen, ver⸗ tauſchten die Sprößlinge der Valois dieſen ihren Na⸗ men mit dem Namen Remy, den ſie einem Gute ent⸗ lehnten, und man findet ſie von Ludwig XIII. an unter dieſem Namen in der Genealogie bis zum vorletzten Valois, meinem Großvater, der, da er die Monarchie befeſtigt und die ältere Linie vergeſſen ſah, ſich nicht länger eines ruhmwuͤrdigen Namens, ſeiner einzigen 77 Apanage, berauben zu müſſen glaubte. Er nahm alſo wieder den Namen Valois an und ſchleppte ihn im Schatten der Armuth in ſeiner Provinz fort, ohne daß es Jemand vom Hofe von Frankreich einfiel, es vegetire außerhalb des Strahlenkreiſes des Throns ein Ab⸗ kömmling der älteren, wenn nicht glorreichſten, doch wenigſtens unglücklichſten Könige der Monarchie.“ Jeanne unterbrach ſich bei dieſen Worten. Sie hatte einfach und mit einer Mäßigung, die man bemerkt, geſprochen. „Sie haben ohne Zweifel Ihre Beweiſe in guter Ordnung?“ fragte die ältere von den zwei Damen mit ſanftem Tone, indem ſie einen tiefen Blick auf die⸗ jenige heftete, welche ſich die Abkömmlingin der Valois nannte. 3 „Ja, Madame,“ erwiederte dieſe mit einem bittern Lächeln,„die Beweiſe fehlen mir nicht. Mein Vater hatte ſie machen laſſen und hinterließ ſte mir ſterbend in Ermangelung einer andern Erbſchaft. Doch wozu ſollen die Beweiſe einer unnützen Wahrheit, oder einer Wahrheit, die Niemand anerkennen will, dienen?“ „Ihr Vater iſt geſtorben?“ fragte die jüngere von den zwei Damen. „Ach ja.“ „In der Provinz?“ „Nein.“ „In Paris alſo?“ Ja 44 „In dieſer Wohnung?“ „Nein, Madame; mein Vater, Baron von Valois, ein Abkömmling des Bruders von Heinrich III., iſt vor Armuth und Hunger geſtorben.“ „Unmöglich!“ riefen die zwei Frauen gleichzeitig. „und nicht hier, nicht in dieſem dürftigen Winkel, nicht auf ſeinem armſeligen Bett! Nein, mein Vater iſt an der Seite der Elendeſten und Leidendſten ge⸗ forhen, Mein Vater iſt im Hotel Dien in Paris ge⸗ orben.“ 78 Die zwei Frauen ſtießen einen Schrei des Erſtau⸗ nens aus, der einem Schreckensſchrei glich. Zufrieden mit der Wirkung, die ſie durch die Kunſt hervorgebracht, mit der ſie die Periode gelenkt und die Entwicklung herbeigeführt hatte, blieb Jeanne unbe⸗ weglich, das Auge niedergeſchlagen, die Hand träge. Die ältere von den zwei Damen ſchaute ſie auf⸗ merkſam und mit Verſtand an, und da ſie in dieſem zugleich ſo einfachen und ſo natürlichen Schmerz nichts von dem fand, was die Charlatanerie und die Ge⸗ meinheit charakteriſirt, ſo nahm ſie wieder das Wort und ſprach: „Nach dem, was Sie mir ſagen, haben Sie großes Unglück erlitten, und der Tod Ihres Herrn Vaters be⸗ ſonders...“ „Oh! wenn ich Ihnen mein Leben erzählte, Ma⸗ dame, ſo würden Sie ſehen, daß der Tod meines Va⸗ ters nicht zu dem größten Unglück, das über mich er⸗ gangen, zu rechnen iſt.“ „Wie, Madame, Sie betrachten den Tod ihres Vaters als ein geringeres Unglück?“ verſetzte die Dame, voll Strenge die Stirne faltend. „Ja, Madame, und wenn ich dieß ſage, ſpreche ich als fromme Tochter; denn mein Vater iſt durch den Tod von allen Uebeln befreit worden, die ihn auf dieſer Erde heimſuchten und die ſeine unglückliche Familie fortwährend bedrücken. Mitten unter dem Schmerz, den mir ſein Tod verurſacht, gewährt es mir eine ge⸗ wiſſe Freude, denken zu können, mein Vater ſei todt, und der Abkömmling der Könige ſei nicht mehr darauf angewieſen, ſein Brod zu betteln.“ „Sein Brod zu betteln?“ „Ohl ich ſage es, ohne mich zu ſchämen, denn an unſerem Unglück iſt weder mein Vater Schuld, noch habe ich es verſchuldet.“ „Doch Ihre Frau Mutter...“ „Mit derſelben Offenherzigkeit, mit der ich Ihnen ſo eben ſagte, ich danke Gott, daß er meinen Vater 1 4 2———— 20 n8G —- 79 zu ſich gerufen, beklage ich mich über Gott, daß er meine Mutter hat leben laſſen.“. Die zwei Frauen ſchauten ſich beinahe bebend bei dieſen ſeltſamen Worten an. 4. „Wäre es eine Unbeſcheidenheit, Madame, Sie um eine ausführlichere Erzählung Ihres Unglücks zu bitten?“ ſagte die Aeltere. „Die Unbeſcheidenheit, Madame, käme von mir, da ich Ihre Ohren mit der Erzählung von Schmerzen ermüden würde, die Ihnen nur gleichgiltig ſein können.“ „Ich höre, Madame,“ erwiederte die aͤltere von den zwei Damen, an welche ihre Gefährtin ſogleich einen Blick in Form einer Ermahnung, ſie möge vorſichtig ſein, richtete. Frau von La Mothe war wirklich der gebieteriſche Ausdruck dieſer Stimme aufgefallen und ſie ſchaute die Dame voll Erſtaunen an. „Ich höre alſo,“ wiederholte dieſe mit einer minder ſtarken Betonung,„ich höre, wenn Sie zu ſprechen ſo gefällig ſein wollen.“ Und einer Bewegung des Mißbehagens, das ohne Zweifel von der Kälte herrührte, nachgebend, ſchüttelte diejenige, welche geſprochen, mit einem Beben der Schultern den Fuß, der bei der Berührung des feuchten Bodens erſtarrte. Die Jüngere ſchob ihr dann eine Art von Fuß⸗ teppich zu, der ſich unter ihrem Stuhl befand, eine Auf⸗ merkſamkeit, welche ihrerſeits ihre Gefährtin durch einen Wlict tadelte. „Behalten Sie dieſen Teppich für ſich, meine S we⸗ ſter, Sie ſind zarter, als ich.“ äir ſi c „Verzeihen Sie, Madame, ich bedaure es auf das Schmerzlichſte, daß ich Sie frieren ſehen muß; doch das Holz iſt noch um ſechs Livres theurer geworden, wodurch die Fuhre ſiebenzig Livres koſtet, und mein Vorrath iſt vor acht Tagen zu Ende gegangen.“ „Sie ſagten, Sie ſeien unglücklich, daß Sie eine Mutter haben?“ ſprach die ältere von den zwei Damen. „Ja, ich begreife, eine ſolche Blasphemie fordert eine Erläuterung, nicht wahr, Madame!“ ſagte Jeanne. „Ich werde mich erklären, da Sie es Ihrer Aeußerung nach wünſchen.“ 83 8 ältere Dame machte ein Zeichen mit dem opf. „Ich ſagte Ihnen ſchon, Madame, mein Vater habe eine Mißheirath gemacht.“ „Ja, dadurch, daß er ſeine Hausverwalterin ge⸗ heirathet.“ „Nun wohll ſtatt beſtändig ſtolz und dankbar für die Ehre zu ſein, die man ihr erwies, ſing Marie Foſſel, meine Mutter, damit an, daß ſie meinen Vater zu Grunde richtete, was übrigens keine Schwierigkeit war, indem ſie auf Koſten des Wenigen, was ihr Mann beſaß, die Gierde ihrer Bedürfniſſe befriedigte. Dann, nachdem ſie ihn dahin gebracht hatte, daß er ſein letztes Stück Land verkaufen mußte, überredete ſte ihn, nach Paris zu gehen, um die Rechte in Anſpruch zu nehmen, die ſeinem Namen gebührten. Mein Vater war leicht zu verführen, er rechnete wohl auch auf die Gerechtig⸗ keit des Königs. 8 „Außer mir hatte mein Vater noch einen Sohn und eine Tochter. Unglücklich, wie ich, vegetirt der Sohn auf den letzten Nangſtufen der Armee; die Toch⸗ ter, meine arme Schweſter, wurde am Vorabend der Abreiſe meines Vaters nach Paris vor dem Hauſe eines Pächters, ihres Pathen, abgeſetzt. „Dieſe Reiſe erſchöpfte das wenige Geld, das uns blieb. Mein Vater müdete ſich in unnützen, fruchtloſen Geſuchen ab. Kaum ſah man ihn zu Hauſe erſcheinen, wo er, das Elend zurückbringend, ebenfalls Nichts als Elend fand. Meine Mutter, die ein Opfer brauchte, erbitterte ſich gegen mich. Sie fing damit an, daß ſie mir den Theil, den ich am Mahle nahm, zum Vorwurf machte. Ich aß allmälig lieber Brod oder gar Nichts, als daß ich mich an unſern dürftigen Tiſch ſetzte; aber es gebrach meiner Mutter nicht an Vorwänden zum 3 81 Strafen: beim geringſten Fehler, bei einem Fehler, üͤber den eine andere Mutter gelächelt hätte, ſchlug mich die meinige; Nachbarn, die mir einen Dienſt zu leiſten glaubten, machten meinen Vater auf die ſchlimme Behandlung, deren Gegenſtand ich war, aufmerkſam. Mein Vater ſuchte mich gegen meine Mutter in Schutz zu nehmen, aber er bemerkte nicht, daß er durch ſeine Protektion meine Feindin von jenem Augenblick in eine ewige Stiefmutter verwandelte. Ach! ich konnte ihm keinen Rath in meinem eigenen Intereſſe geben, ich war zu jung, zu ſehr Kind. Ich vermochte mir Nichts zu erklären. Ich empfand die Wirkungen, ohne daß ich die Urſachen zu errathen ſuchte. Ich kannte den Schmerz und nicht mehr. Mein Vater wurde krank und war Anfangs ge⸗ nöthigt, das Zimmer und dann das Bett zu hüten. Da hieß man mich die Stube verlaſſen, unter dem Vorwand, meine Gegenwart ermüde ihn, und ich wiſſe nicht das Bedürfniß der Bewegung zu unterdrücken, das der Schrei der Jugend iſt. Sobald ich aus der Stube war, gehörte ich wie zuvor meiner Mutter. Sie lehrte mich eine Phraſe, wobei ich ſtets Schläge und Puͤffe bekam; wenn ich dann dieſe demüthigende Phraſe, die ich inſtinktartig durchaus nicht behalten wollte, auswendig wußte, wenn meine Augen von mei⸗ nen Thränen geröthet waren, ließ ſie mich vor die Hausthüre treten, und von der Thüre ſandte ſie mich auf den erſten Vorübergehenden, der gut ausſah, ab mit dem Befehl, ihm die erwähnte Phraſe vorzuſagen, wenn ich nicht auf den Tod geſchlagen werden wollte.“ „Ohl gräßlich! gräßlich!“ murmelte die jüngere von den zwei Damen. „Und wie lautete dieſe Phraſe?“ fragte die ältere. „Dieſe Phraſe lautete,“ fuhr Jeanne fort:„Mein Herr, haben Sie Mitleid mit einer kleinen Waiſe, welche in gerader Linie von Heinrich von Valois ab⸗ ſtammt.““ Das Halsband der Koͤnigin. 6 82 „Oh! pfui!“ rief die ältere mit einer Geberde des Ekels. „Und welche Wirkung brachte die Phraſe bei den⸗ jenigen hervor, an die ſie gerichtet war?“ fragte die altere. 1 „Die Einen hörten mich an und hatten Mitleid; die Andern erzürnten ſich und drohten mir, wieder Andere, welche noch mildherziger, als die Erſten, mach⸗ ten mich darauf aufmerkſam, daß ich große Gefahr laufe, wenn ich ſolche Worte ſpreche, die in eingenom⸗ mene Ohren fallen können. Doch ich, ich kannte nur Eine Gefahr, die, meiner Mutter ungehorſam zu ſein. Ich hatte nur Eine Furcht, die, geſchlagen zu werden.“ „Und was geſchah?“ „Oh! mein Gott, Madame, was meine Mutter hoffte; ich brachte ein wenig Geld nach Hauſe und mein Vater konnte um einige Tage die ſchreckliche Perſpective, die ſeiner harrte, hinausſchieben.“ Das Geſicht der jüngeren von den zwei Damen. zog ſich zuſammen, der älteren traten die Thränen in die Augen. „Endlich, welche Erleichterung es auch meinem Vater brachte, empörte mich dieſes häßliche Gewerbe. Eines Tages ſetzte ich mich, ſtatt den Vorübergehenden nachzulaufen und ſie mit meiner gewöhnlichen Phraſe zu verfolgen, an den Fuß eines Weichſteins, wo ich einen Theil des Tags wie vernichtet blieb. Am Abend kehrte ich mit leeren Händen zurück. Meine Mutter ſchlug mich dergeſtalt, daß ich am andern Tag krank wurde.. „Da war mein Vater, jedes Mittels beraubt, ge⸗ nöthigt, in das Hôtel Dieu abzugehen, wo er ſtarb.“ „Oh! welch eine furchtbare Geſchichte!“ murmelten die beiden Damen. „Aber was machten Sie dann, als Ihr Vater todt war?“ fragte die jüngere. „Gott hatte Mitleid mit mir. Einen Monat nach dem Tode meines armen Vaters entfernte ſich unſere nem Mann geirennt, naͤch ihrem Tod eehr verlaſſen, 83³ Mutter mit einem Soldaten, ihrem Liebhaber, aus Paris, und ließ uns, meinen Bruder und mich, im Stich.“ „Sie blieben Waiſen!“ „Oh! Madame, wir waren, im Gegenſatz zu An⸗ deren, nur Waiſen, ſo lange wir eine Mutter hatten. Die öffentliche Wohlthätigkeit adoptirte uns. Da uns aber das Betteln widerſtrebte, ſo bettelten wir nur nach Maßgabe unſerer Bedürfniſſe. Gott beſiehlt ſeinen Geſchöpfen, daß ſie zu leben ſuchen.“ Ach!“ 1 V 4 „Was ſoll ich Ihnen ſagen, Madame? Eines Tags hatte ich das Glück, einem Wagen zu begegnen, der langſam den Faubourg Saint Marcel hinauf fuhr; vier Lackeien ſtanden hintenauf, eine noch junge Frau ſaß darin; ich ſtreckte die Hand nach ihr aus; ſie befragte mich; meine Antwort und mein Name ſetzten ſie in Erſtaunen, ſie war aber ungläubig. Ich gab Adreſſe und Auskunft. Schon am andern Tag wußte ſte, daß ich nicht gelogen hatte; ſie nahm ſich meines Bruders und meiner an, brachte meinen Bruder zu einem Regiment und mich in ein Nähterinhaus. Wir waren Beide vor dem Hunger geſchützt.“ „Iſt dieſe Dame nicht Frau von Boulainvilliers?“ „Sie ſelbſt.“ „Sie iſt, glaube ich, geſtorben?“ Rsnd und ihr Tod hat mich wieder in den Abgrund geſtürzt.“ „Doch ihr Gatte lebt noch, er iſt reich.“ 1 „Ihrem Gatten habe ich alles Unglück als Mäd⸗ chen zu verdanken, wie ich meiner Mutter alles Unglück als Kind zu verdanken habe. Ich mar groß, vielleicht ſchön geworden; er bemerkte es und wollte einen Preis auf ſeine Wohlthaten ſetzen: ich weigerte mich. Mitt⸗ lerweile ſtarb Frau von Boulainvilliers, und ich, die ſie an einen braven und redlichen Militär, Herrn von La Mothe, verheirathet hatte, fand mich, da ich von mei⸗ 84 als ich es nach dem Tod meines Vaters geweſen war. „Dieß iſt meine Geſchichte, Madame; ich habe abgekürzt: die Leiden haben immer ihre Längen, mit denen man glückliche Menſchen verſchonen muß, und wären Sie auch wohlthätigen Sinnes, wie Sie es zu ſein ſcheinen, meine Damen.“ Ein langes Stillſchweigen folgte auf dieſe letzte Periode der Geſchichte der Frau von La Mothe. Die ältere von den beiden Frauen brach es zuerſt und fragte: „Und Ihr Mann, was macht er?“ „Mein Mann iſt in Garniſon in Bar⸗ſur⸗Aube, Madame; er dient bei der Gensd'armerie und wartet auch auf beſſere Zeiten.“ „Aber Sie haben bei Hofe ſollicitirt?“ „Gewiß.“ „Durch Titel nachgewieſen, mußte der Name Valois Sympathie erwecken!“ „Ich weiß nicht, Madame, welche Gefühle mein Name erwecken konnte, denn ich habe auf keines meiner Geſuche eine Antwort erhalten.“ „Sie haben jedoch die Miniſter, den König und die Königin geſehen?“ „Niemand. Ueberall vergebliche Verſuche,“ erwie⸗ derte Frau von La Mothe. „Sie können doch nicht betteln?“ „Nein, Madame, ich habe die Gewohnheit verlernt. Aber...“ „Aber was?“ „Ich kann Hungers ſterben, wie mein Vater.“ „Sie haben kein Kind?“ „Nein, Madame, und mein Mann, wenn er ſich für den Dienſt des Königs tödten läßt, wird wenigſtens ſeinerſeits ein glorreiches Ende für ſein Elend finden.“ „Können Sie, Madame, ich bedaure, auf dieſem Gegenſtand beharren zu müſſen, können Sie die rechts⸗ kräftigen Beweiſe Ihrer Genealogie liefern?“ — ſen 85 Jeanne ſtand auf, ſuchte in einem Schranke und zog einige Papiere heraus, die ſte der Dame reichte. Da ſie aber den Augenblick benützen wollte, wo dieſe Damen, um die Papiere zu unterſuchen, ſich dem Lichte nähern und ihr Geſicht ganz enthüllen würden, ließ Jeanne ihr Manöver durch die Sorgfalt errathen, mit der ſie den Docht der Lampe abſchnitt, um die Helle zu verdoppeln. Da drehte die Dame vom Guten Werke, als ob das Licht ihre Augen verletzte, der Lampe und folglich Frau von La Mothe den Rücken zu.. In dieſer Stellung durchging ſie alle Stücke, eines nach dem andern. „Das ſind aber nur Abſchriften von Urkunden und ich ſehe kein authentiſches Stück dabei,“ ſagte ſte. „Die Originalien ſind an ſicherem Orte aufbewahrt, und ich werde ſie beibringen.“ „Wenn ſich eine anſehnliche Gelegenheit bieten würde, nicht wahr?“ ſagte lächelnd die Dame. „Allerdings, Madame, eine anſehnliche Gelegenheit, wie die, welche mir die Ehre Ihres Beſuches verſchafft; doch die Documente, von denen Sie ſprechen, ſind ſo koſtbar für mich, daß...“ „Ich verſtehe, Sie können ſie nicht dem Erſten, dem Beſten übergeben.“ „Oh! Madame,“ rief die Gräfin, welche endlich das würdevolle Antlitz der Beſchützerin erſchaut hatte; „ohl! Madame, mir ſcheint, für mich ſind Sie nicht die Erſte, die Beſte.“ Und ſie öffnete ſogleich einen andern Schrank, in dem eine Geheimſchublade ſpielte, und zog die Origi⸗ nalien der Beweisſtücke heraus, welche ſorgfältig in einem alten Portefeuille, worauf das Wappen der Valois, eingeſchloſſen waren. Die Dame nahm ſte und ſprach nach einer Prüfung voll Verſtand und Aufmerkſamkeit: „Sie haben Recht, dieſe Titel ſind vollkommen in 86 Ordnung; verfehlen Sie nicht, dieſelben geeigneten Ortes zu überreichen.“ „Und was werde ich Ihrer Meinung nach dadurch erlangen, Madame?“ „Ohne Zweifel eine Penſion für Sie, ein Avance⸗ ment für Herrn von La Mothe, wenn dieſer ſich einiger⸗ maßen durch ſich ſelbſt empfiehlt.“ „Mein Mann iſt ein Muſter der Ehrenhaftigkeit, und nie hat er ſich gegen die Pflichen des Militär⸗ dienſtes verfehlt.“ „Dieß genügt, Madame,“ ſprach die Dame, während ſte die Kaleſche ganz über ihr Geſicht vorſchlug. Frau von La Mothe folgte angſtlich jeder dieſer Bewegungen. Sie ſah ſie in ihrer Taſche ſtören, aus der ſie zuerſt ein geſticktes Sacktuch zog, das ihr zum Verbergen ihres Geſichtes gedient hatte, als ſie im Schlitten die Boulevards entlang fuhr. Auf das Sacktuch folgte ein Röllchen von einem Zoll im Durchmeſſer und drei bis vier Zoll lang. Die Dame legte das Röllchen auf den Nähtiſch und ſprach: „Das Bureau vom Guten Werk bevollmächtigt mich, Madame, Ihnen, in Erwartung von Beſſerem dieſe leichte Unterſtützung anzubieten.“ „Drei⸗Livres⸗Thaler,“ dachte ſie;„das müſſen we⸗ nigſtens fünfzig oder ſogar hundert ſein. Das ſtnd hundertundfünfzig oder dreihundert Livres, die uns vom Himmel herab zufallen. Für hundert iſt es ſehr kurz, für fünfzig aber iſt es ſehr lang.“ Während ſie dieſe Beobachtungen anſtellte, waren die zwei Damen in die erſte Stube gegangen, wo Frau Clotilde auf einem Stuhl bei einem Licht ſchlief, deſſen rother, kauchiger Docht ſich in einer Lache von flüſſigem Unſchlitt erhob. Der ſcharfe, ſtinkende Geruch verſetzte der von den zwei Damen, welche das Röllchen auf den Nähtiſch 87 gelegt hatte, den Athem. Sie fuhr raſch in ihre Taſche und zog einen Flacon heraus. Doch auf den Ruf von Jeanne erwachte Frau Clotilde und ergriff mit ihren Händen den Reſt des Lichtes. Sie hielt es wie ein Leuchtfeuer über die dunklen Stufen, trotz der Einwendungen der beiden Damen, die man durch dieſe Dienſtfertigkeit zugleich vergiftete.. „Auf Wiederſehen, auf Wiederſehen, Frau Gräfin,“ riefen ſte und eilten die Treppen hinab. „Wo könnte ich die Ehre haben, Ihnen zu danken, meine Damen?“ fragte Jeanne von Valois. „Wir werden es Ihnen zu wiſſen thun,“ erwiederte die ältere von den beiden Damen, ſo raſch als möglich hinabſteigend. Und das Geräuſch ihrer Tritte verlor ſich in der Tiefe der unteren Stockwerke. Frau von Valois trat, ungeduldig, zu bewahrhei⸗ ten, ob ihre Beobachtungen richtig, wieder in ihre Wohnung ein. Während ſie aber durch die erſte Stube ſchritt, ſtieß ihr Fuß an einen Gegenſtand, der von der Strohmatte, die dazu diente, die Thüre unten zu verſtopfen, auf den Boden rollte. Sich bücken, den Gegenſtand aufheben, an die Lampe laufen, dieß war die erſte Eingebung der Gräfin von La Mothe. Es war eine runde, glatte und ziemlich einfach gulllochirte goldene Büchſe. Dieſe Büchſe enthielt einige Kügelchen von duften⸗ der Chocolade; aber ſo glatt ſte auch war, ſo hatte dieſe Büchſe doch ſichtbar einen doppelten Boden, deſſen Feder die Gräſin einige Zeit nicht finden konnte. Endlich fand ſie die Feder und ließ ſie ſpielen. Sogleich erſchien ein ernſtes, von männlicher Schönheit und gebieteriſcher Majeſtät glänzendes Frauen⸗ porträt vor ihren Augen. Ein deutſcher Kopfputz, ein herrliches, dem eines 88 Ordens ähnliches Halsband verliehen dem Porträt dieſer Phyſiognomie eine Erſtaunen erregende Seltſamkeit. Eine Chiffre, beſtehend aus den zwei in einem Lorbeerkranz verſchlungenen Buchſtaben Il und T nahm den unteren Theil der Büchſe ein. Nach der Aehnlichkeit dieſes Porträts mit dem Geſichte der jungen Dame, ihrer Wohlthäterin, ver⸗ muthete Frau von La Mothe, es ſei das Porträt einer Mutter oder einer Großmutter, und es war, was hier bemerkt werden muß, ihre erſte Bewegung, an die Treppe zu laufen, um die Damen zurückzurufen. Die Thüre vom Gang ſchloß ſich. Sie lief an's Fenſter, um die Damen zurückzurufen, da es zu ſpät war, ſie einzuholen. Doch am Ende der in die Rue Saint⸗Louis ein⸗ mündenden Rue Saint⸗Claude, war ein raſches Cabriolet der einzige Gegenſtand, den ſie erblickte. Als die Gräfin keine Hoffnung mehr hatte, ihre Zwei Beſchützerinnen zurückzurufen, betrachtete ſte aber⸗ mals die Büchſe und gelobte ſich, die ſelbe nach Verſailles zu ſchicken; dann nahm ſie die auf dem Nähtiſchchen liegen gebliebene Rolle und ſagte: „Ich täuſchte mich nicht, es ſind nur fünfzig Thaler.“ Und das ausgeleerte Papier fiel auf den Boden. „Louisd'or! Doppellouisd'or!“ rief die Gräfin. „Fünfzig Doppellouisd'or! zweitauſend vierhundert Livres!“. Und die gierigſte Freude malte ſich in ihren Augen, während Frau Clotilde ganz verblüfft beim Anblick von mehr Geld, als ſie je geſehen, mit aufgeſperrtem Mund und gefalteten Händen daſtand. „Hundert Louisd'or!“ wiederholte Frau von La Mothe... ich werde Sie wiederfinden!“ „Dieſe Damen ſind alſo ſehr reich? Oh! n n 89 IV. Belus. Frau von La Mothe täuſchte ſich nicht, wenn ſie glaubte, das Cabriolet, das ſie hatte verſchwinden ſehen, habe die wohlthätigen Damen entführt. Die zwei Damen hatten wirklich unten vor dem Hauſe ein Cabriolet gefunden, wie man es damals baute, nämlich mit hohen Rädern, leichtem Kaſten, erhabenem Spritzleder und einem bequemen Sitzchen für den Jockey, der ſich hinten hielt. Dieſes Cabriolet, beſpannt mit einem herrlichen, iriſchen Pferd mit kurzem Schweif, fleiſchigem Kreuz, und von braunrother Farbe war nach der Rue Saint⸗ Claude von demſelben Bedienten, dem Führer des Schlittens, gebracht worden, den die ältere Dame, wie oben bemerkt, Weber genannt hatte. Weber hielt das Pferd am Gebiß, als die Damen kamen, er ſuchte die Ungeduld des hitzigen Thiers zu mäßigen, das mit einem nervigen Fuß den Schnee ſchlug, der ſich ſeit der Wiederkehr der Nacht allmälig verhärtete. Sobald die beiden Damen erſchienen, ſagte Weber: „Madame, ich hatte Scipio beſtellen laſſen, der ſehr ſanft und leicht zu führen iſt; doch Scipio hat ſich geſtern Abend verrenkt; es blieb nur noch Belus und Belus iſt ſchwierig.“ „Ohl für mich, Ihr wißt das, Weber,“ erwiederte die aͤltere von den zwei Damen,„für mich iſt das ohne Belang; ich habe eine nervige Hand und bin an das Fahren gewöhnt.“ „Ich weiß, daß Madame ſehr gut fährt, aber die Wege ſind äußerſt ſchlecht. Wohin fährt Madame?“ „Nach Verſailles.“ „Ueber die Boulevards alſo?“ „Nein, Weber, es gefriert und die Boulevards wer⸗ 90 den voll Glatteis ſein. Die Straßen müſſen durch die Tauſende von Fußgängern, die den Schnee erwärmen, weniger Widerſtand bieten. Geſchwinde, Weber, ge⸗ ſchwinde!“ Weber hielt das Pferd, während die Damen be⸗ hende in das Cabriolet ſtiegen; dann ſchwang er ſich hinten auf und meldete, daß er ſeinen Sitz eingenommen. Die ältere von den beiden Damen wandte ſich nun an ihre Gefährtin und ſagte: „Was denken Sie von dieſer Gräfin, Andrée?“ Und während ſie ſo ſprach, ließ ſie dem Pferde die Zügel ſchießen und dieſes jagte wie ein Blitz um die Ecke der Rue Saint⸗Louis. Es war dieß der Augenblick, wo Frau La Mothe das Fenſter öffnete, um die beiden Damen zurückzurufen. „Madame,“ erwiederte diejenige von den zwei Frauen, welche man Andrée nannte,„ich denke, Frau von La Mothe iſt arm und unglücklich.“ „Gut erzogen, nicht wahr?“ „Ja, ohne Zweifel.“ „Sie ſind kalt in Beziehung dieſer Frau, Andrée.“ „Sie hat, wenn ich es Ihnen geſtehen ſoll, etwas Verſchmitztes in ihrer Phyſiognomie, was mir mißfällt.“ „Ohl! ich weiß, Sie ſind mißtrauiſch, Andrée, und um Ihnen zu gefallen, muß man Alles vereinigen. Ich, ich finde dieſe kleine Gräfin intereſſant und ein⸗ fach in ihrem Stolz, wie in ihrer Demuth.“ „Es iſt ſehr erfreulich für ſie, Madame, daß ſie das Glück gehabt hat, Ihnen zu gefallen.“ „Aufgepaßt!“ rief die Dame lebhaft, indem ſie ihr Pferd, das einen Laſtträger umzuwerfen in Begriff war, auf die Seite zog. „Aufgepaßt!“ ſchrie Weber mit einer Stentorſtimme. Und das Cabriolet fuhr weiter. 4 Nun hörte man die Verwünſchungen des Menſchen, der den Rädern entgangen war, und mehrere wie ein Echo brummende Stimmen gaben ihm auf der Stelle 91 die Unterſtützung eines für das Cabriolet äußerſt feind⸗ ſeligen Geſchrei's. Doch in wenigen Seeunden legte Belus zwiſchen ſeine Gebieterin und die Läſterer den ganzen Raum, der ſich von der Rue Sainte Catherine bis zur Place Baudoyer erſtreckt zurück. Hier bildet der Weg bekanntlich eine Gabel, aber die geſchickte Führerin warf ſich entſchloſſen in die Rue de la Tixeranderie, eine volkreiche, ſchmale und ſehr wenig ariſtokratiſche Straße. Trotz der ſehr wiederholten„Aufgepaßt!“ die ſie von ſich gab, trotz des Brüllens von Weber, hörte man auch nichts als wüthende Ausrufungen der Fuß⸗ änger. 3 85) das Cabriolet!... Nieder mit dem Cabriolet.“ Belus blieb unaufhaltſam, und ſeine Führerin machte ihn, unerachtet der Zartheit einer Kinderhand, raſch und beſonders geſchickt in den Lachen flüſſigen Schnees oder auf den noch gefährlicheren Eisanhäufun⸗ gen laufen, welche Goſſen und Pflaſterabſchüſſe bildeten. Es geſchah indeſſen wider alles Erwarten kein Unglück; eine glänzende Laterne ſandte ihre Strahlen voraus, und dieß war ein Luxus der Vorſicht, den die Polizei den Cabriolets jener Zeit nicht vorgeſchrie⸗ ben hatte. Es geſchah alſo kein Unglück, ſagen wir. Kein Wagen wurde angehakt, kein Weichſtein geſtreift, kein Vorübergehender berührt, es war dieß ein Wunder, und dennoch folgten ſich die Schreie und Drohungen unabläſſig. 3 Das Cabriolet fuhr mit derſelben Geſchwindigkeit und demſelben Glück durch die Rue Mederic, die Rue Saint⸗Martin und die Rue Aubry⸗la⸗Boucher. Unſere Leſer denken vielleicht, als ſich das ariſto⸗ kratiſche Gefährt den civiliſirten Quartieren genähert, werde der Haß gegen daſſelbe minder heftig geworden ſein. Aber im Gegentheil; kaum kam Belus in die Rue de la Feronnerie, als Weber, beſtändig durch das Ge⸗ 4 92 ſchrei des Pöbels verfolgt, Gruppen auf dem Wege des Cabriolets erblickte. Mehrere Perſonen machten ſogar Miene, ihm nachzulaufen, um es einzuholen. Weber wollte indeſſen ſeine Gebieterin nicht beun⸗ ruhigen. Er bemerkte, wie viel Kaltblütigkeit und Gewandtheit ſie entwickelte, wie geſchickt ſie durch alle dieſe träge oder lebendige Hinderniſſe durchſchlüpfte, die dem Pariſer Kutſcher zugleich zur Verzweiflung und zum Triumph gereichen. Feſt auf ſeinen ſtählernen Häkchen war Belus nicht einmal ausgeglitſcht, ſo ſehr wußte die Hand, die ihn führte, die Abhänge und Gefährniſſe des Ter⸗ rains für ihn vorherzuſehen. Man murrte nicht mehr um das Cabriolet her, man ſchrie; die Dame, welche die Zügel hielt, be⸗ merkte es, und da ſie dieſe Feindſeligkeit einer alltäg⸗ lichen Urſache, wie der Strenge der Zeiten oder auch der Mißſtimmung zuſchrieb, ſo beſchloß ſie, die Pruͤfung abzukürzen. Sie ſchnalzte mit der Zunge und bei dieſer Auf⸗ munterung allein bebte Belus und ging vom kurzen Trab in den geſtreckten über. Die Buben flohen, die Fußgänger warfen ſich auf die Seite. Das:„Aufgepaßt, aufgepaßt!“ hörte nicht auf. Das Cabriolet berührte beinahe das Palais⸗Royal und war an der Rue du Coq⸗Saint⸗Honoré vorüber⸗ gefahren, vor der der ſchönſte der Schneeobeliske noch ziemlich ſtolz ſeinen durch das Aufthauen verminderten Gipfel, einer Stange Gerſtenzucker ähnlich, welche die ninber durch Saugen in Spitzen verwandeln, empor reckte. 4 Dieſer Obelisk war überragt von einem prangen⸗ den Buſch, allerdings etwas verwitterter Bänder, welche eine Tafel hielten, auf die der öffentliche Schreiber des Quartiers mit großen Buchſtaben folgende Strophe gezeichnet hatte, die ſich zwiſchen zwei Laternen gaukelte: 3 93 Reine dont la beauté surpasse les appas, Pres d'un roi bienfaisant occupe ici ia place: Si ce fréle édiſice est de neige et de glace, Nos coeurs pour toi ne le sont pas.*) 4 dier ſtieß Belus zum erſten Mal auf ernſtliche Schwierigkeiten. Das Monument, das man eben be⸗ leuchtete, hatte eine Menge von Neugierigen herbei⸗ gelockt; die Neugierigen bildeten eine Maſſe und man konnte im Trab nicht durch dieſe Maſſe kommen. Belus war alſo genöthigt, im Schritt zu gehen. Aber man hatte Belus wie der Blitz herbeiſchießen ſehen, man hörte das Geſchrei, das ihn verfolgte, und das Cabriolet ſchien, obgleich es beim Anblick des Hinderniſſes angehalten hatte, die ſchlimmſte Wirkung hervorzubringen. Die Menge öffnete ſich indeſſen abermals. Aber hinter dem Obelisk kam eine andere Urſache der Zuſammenſchaarung. Die Gitter des Palais⸗Royal waren offen und im Hofe erwärmten ungeheure Gluthpfannen ein ganzes Heer von Bettlern, unter welche die Bedienten des Herrn Herzogs von Orleans Suppen in irdenen Naͤpfen austheilten. Doch die Leute, welche aßen, und die, welche ſich wärmten, ſo zahlreich ſie auch waren, waren es doch noch weniger, als diejenigen, welche ihnen beim Eſſen und Trinken zuſchauten. In Paris iſt es eine Ge⸗ wohnheit: für einen Schauſpieler, was er auch thun mag, gibt es immer einen Zuſchauer. Das Cabriolet, nachdem es das erſte Hinderniß überwunden, war daher genöthigt, beim zweiten anzu⸗ halten, wie es ein Schiff mitten in der Brandung thut. Sogleich gelangten die Schreie, die bis dahin die *) Königin, deren Schönheit alle Reize überſteigt, nimm Deinen Platz hier bei einem wohlthätigen König ein. Iſt dieſes zerbrechliche Gebäude auch von Eis und von Schnee, ſo ſind es doch unſere Herzen nicht für Dich. 94 beiden Frauen nur wie ein unbeſtimmtes, verworrenes Geſchrei gehort hatten, deutlich aus der Menge zu ihren hren. Man rief: „Nieder mit dem Cabriolet! nieder mit den Zer⸗ quetſchern.“ „Sind dieſe Schreie an uns gerichtet,“ fragte die ältere Dame ihre Gefährtin? „Ich befürchte es in der That, Madame,“ erwie⸗ derte dieſe. 1„Haben wir denn Jemand niedergefahren?“ „Niemand.“ „Nieder mit dem Cabriolet! nieder mit den Zer⸗ quetſchern.“— Der Sturm bildete ſich, das Pferd wurde am Zügel gefaßt, und Belus, der wenig Geſchmack an der Be⸗ rührung dieſer rohen Hände fand, ſtampfte und ſchäumte furchtbar. .„Zum Commiſſär! zum Commiſſär!“ rief eine Stimme. Die beiden Frauen ſchauten ſich mit dem höchſten Erſtaunen um. Alsbald wiederholten tauſend Stimmen: „Zum Commiſſär! Zum Commiſſär.“ Indeſſen kamen die neugierigen Köpfe unter dem 1 Verdeck des Cabriolets hervor. Die Commentare liefen in der Menge umher. „Ahl es ſind Frauen,“ ſagte eine Stimme. „Ja, Puppen von Soubiſes, Frauenzimmerchen von Hennin.“ „Tänzerinnen von der Oper, die ſich berechtigt glau⸗ ben, die armen Leute niederzufahren, weil ſie zehn⸗ tauſend Livres monatlich haben, um die Spitalkoſten zu bezahlen.“ Dieſe letzte Geißelung wurde mit einem wüthen⸗ den Hurrah aufgenommen. Es brachte dieß eine verſchiedenartige Wirkung auf die zwei Frauen hervor, Die Eine zog ſich 95 zitternd und bleich in den Hintergrund des Cabrio⸗ lets zurück. Die Andere ſtreckte entſchloſſen, die Stirne gefaltet und die Lippen an einander gepreßt, den Kopf vor. „Oh! Madame, was machen Sie,“ rief, dieſe zurück⸗ ziehend, ihre Gefährtin. „Zum Commiſſär! zum Commiſſär!“ riefen die Erbitterten,„man muß ſie kennen lernen!“ „Oh! Madame, wir ſind verloren,“ ſagte die jün⸗ gere von den beiden Frauen ihrer Gefährtin in's Ohr. „Muth, Andrée, Muth!“ erwiederte die Andere. „Man wird Sie ſehen, vielleicht erkennen!“ „Schauen Sie durch das Fenſterchen, ob Weber immer noch hinten auf dem Cabriolet iſt.“ „Er ſucht hinabzuſteigen, doch man belagert ihn; er vertheidigt ſich. Ach! nun kommt er.“ „Weber! Weber!“ ſagte die Dame deutſch,„macht, daß wir ausſteigen können.“ Weber gehorchte und öffnete mit Hülfe zweier Stöße mit den Schultern, durch die er die Angreifen⸗ den zurücktrieb, das Spritzleder des Cabriolets. Die zwei Frauen ſprangen leicht zu Boden. Mittlerweile fiel die Menge das Pferd und das Cabriolet an, deſſen Kaſten ſie zu zerbrechen anfing. „Aber was gibt es denn in des Himmels Namen?“ fragte die ältere Dame deutſch:„verſteht Ihr, was das bedeuten ſoll, Weber?“ „Meiner Treue, nein, Madame,“ erwiederte der Diener, dem es in dieſer Sprache viel behaglicher war, als in der franzöſtſchen, während er dahin und dorthin mächtige Fußtritte austheilte, um ſeine Herrin frei zu machen. 1 „Das ſind keine Menſchen, das ſind wilde Thiere,“ fuhr die Dame immer deutſch fort;„was werfen ſie mir denn vor?“ Alsbald antwortete eine artige Stimme, welche ſeltſam mit den Drohungen und Schmähworteu con⸗ traſtirte, deren Gegenſtand die Damen waren, im rein⸗ ſten Deutſch: 96 „Sie werfen Ihnen vor, Madame, daß Sie der Polizeiverordnung trotzen, di dieſen Morgen in Paris erſchienen iſt und bis zum Frühjahr das Fahren der Cabriolets verbietet, die ſchon bei gutem Pflaſter ge⸗ fährlich, aber tödtlich werden, wenn es gefriert und man die Räder nicht vermeiden kann.“ Die Dame wandte ſich um, um zu ſehen, woher dieſe artige Stimme mitten unter allen dieſen drohen⸗ den Stimmen käme. Sie erblickte einen jungen Offizier, der, um ſich ihr zu nähern, ſicherlich ebenſo muthig hatte kämpfen müſſen, als es Weber that, um ſich auf ſeinem Platze zu behaupten. Das liebreizende, ausgezeichnete Geſicht, die mar⸗ tialiſche Stimme des jungen Mannes geſtelen der Dame und dieſe erwiederte ſogleich deutſch: „Oh! mein Gott! mein Herr, ich wußte nichts von dieſer Verordnung, durchaus nichts.“ „Sie ſind eine Fremde, Madame?“ fragte der junge Offtzier. „Ja, mein Herr; doch ſagen Sie mir, was ſoll ich thun, man zertrümmert mein Cabriolet.“ „Sie müſſen es zertrümmern laſſen, Madame, und mittlerweile verſchwinden. Das Volk von Paris iſt wüthend gegen die Reichen, welche den Lurus im An⸗. geſicht des Elends zur Schau ſtellen, und Kraft der dieſen Morgen erlaſſenen Verordnung wird man Sie zum Commiſſär führen.“— „Oh! wie,“ rief die jüngere von den beiden Damen, „wie!“ „Dann benützen Sie die Oeffnung, die ich in der Menge machen werde, und verſchwinden Sie,“ verſetzte der junge Offizier. Dieſe Worte wurden mit einem leichten Tone ge⸗ ſprochen, der den Fremden begreiflich machte, der Offi⸗ zier habe die Commentare des Volks uüber die von den Herren von Soubiſe und Hennin unterhaltenen Mäd⸗ chen gehört. — — 97 Doch es war dieß nicht der Augenblick, um empfind⸗ lich zu ſein. „Geben Sie mir Ihren Arm bis zu einem Fiaere, mein Herr,“ ſprach die ältere von den beiden Damen mit einem Tone voll Autorität. „Ich wollte Ihr Pferd ſich bäumen laſſen, und in dem nothwendig durch dieſe Bewegung hervorgebrachten Getümmel wären Sie entflohen, denn,“ fügte der junge Mann bei, der gern die Verantwortlichkeit eines gewagten Patronats von ſich ablehnen wollte,„denn das Volk wird müde, uns eine Sprache ſprechen zu hören, die es nicht verſteht.“ „Weber,“ rief die Dame mit ſtarker Stimme,„laß Belus ſich bäumen, daß die ganze Menge erſchrickt und beiſeit geht.“ „Und dann, Madame...“ „Und dann bleibe, während wir uns entfernen.“ „Und wenn ſie den Kaſten zertrümmern?“ „Sie mögen ihn zertrümmern, was iſt daran ge⸗ legen: rette Belus, wenn Du kannſt, uund Dich beſon⸗ ders, das iſt das Einzige, was ich Dir empfehle.“ „Gut, Madame,“ erwiederte Weber. Und in demſelben Augenblick kitzelte er den reiz⸗ baren Irländer, der mitten im Hofe auſſprang und die Leidenſchaftlichſten, die ſich am Zügel und an der Gabel⸗ deichſel angeklammert hatten, niederwarf. Groß waren in dieſem Augenblick der Schrecken und die Verwirrung. „Ihren Arm, mein Herr,“ ſagte nun die Dame zu dem Offizier;„kommen Sie, Kleine,“ fügte ſie bei, indem ſie ſich an Andrée wandte. „Vorwärts, muthige Frau,“ flüſterte der Offizier. Und er bot auf der Stelle und mit einer wirklichen Bewunderung derjenigen, welche ihn darum erſuchte, ſeinen Arm. In einigen Minuten hatte er die zwei Frauen auf den nächſten Platz geführt, wo Fiacres, die Kutſcher Das Halsband der Koͤnigin. 7 98 auf ihren Sitzen ſchlafend, der Kundſchaft entgegen⸗ harrten, während ihre Pferde, das Auge halb geſchloſſen und den Kopf geſenkt, auf die magern Abendrationen warteten. . V. Straße nach Verſailles. Die beiden Damen befanden außerhalb der Angriffe der Menge. Doch es war zu befürchten, einige Neugierige, die ihnen gefolgt, dürften ſie erkennen und eine Scene erneuern, der ähnlich, welche ſo eben ſtatt⸗ gefunden und der ſie dießmal vielleicht mit mehr Schwierigkeit entkommen würden. Der junge Offizier begriff dieſe Alternative: man ſah es an der Thätigkeit, mit der er den auf ſeinem Sitz mehr geſrorenen als eingeſchlafenen Kutſcher auf⸗ zuwecken bemüht war. Es herrſchte eine ſo furchtbare Kälte, daß gegen die Gewohnheit der Kutſcher, die darin wetteifern, daß ſte einander durch alle möglichen Mittel die Kunden zu ſtehlen ſuchen, keiner von den Automedons zu vier⸗ undzwanzig Sous die Stunde ſich rührte, nicht einmal derjenige, an welchen man ſich wandte. Der Offizier nahm den Kutſcher am Kragen ſeines armſeligen Oberrocks und ſchüttelte ihn ſo gewaltig, daß er ihn ſeiner Erſtarrung entriß. „Hollah! he!“ rief ihm der junge Mann in's Ohr, als er ſah, daß er ein Lebenszeichen von ſich gab. „Hier, Herr, hier,“ ſagte der Kutſcher, noch träu⸗ mend und wie ein Trunkener auf ſeinem Sitze wankend. „Wohin wollen Sie, meine Damen?“ fragte der Offizier immer deutſch. en⸗ ſen ten 99 „Nach Verſailles,“ antwortete die ältere von den zwei Frauen in derſelben Sprache. 3 „Nach Verſailles!“ rief der Kutſcher,„Sie haben geſagt, nach Verſailles?“ „Allerdings.“ „Ohl ja wohl, nach Verſailles. Vier und eine halbe Meile, bei einem ſolchen Eis! Nein, nein, nein.“ „Man wird gut bezahlen,“ verſetzte die ältere von den Damen.: „Man wird bezahlen,“ wiederholte der Offizier franzöſiſch dem Kutſcher. „Und wie viel wird man bezahlen?“ fragte dieſer von ſeinem Bo rab, denn er ſchien kein ungeheures Vertraue ſen.„Damit iſt es nicht abgemacht, mein Off daß man nach Verſailles fährt; iſt man einmal dort, ſo muß man auch zurückkehren.“ „Einen Louisd'or, iſt das genug?“ ſagte die jüngere von den Damen, fortwährend deutſch ſprechend, zu dem Offizier. „Man bietet Dir einen Louisd'or,“ wiederholte der junge Mann. „Ein Louisd'or, das iſt nicht mehr als billig,“ brummte der Kutſcher,„denn ich laufe Gefahr, daß meine Pferde die Beine brechen.“ „Burſche! Du haſt nur ein Recht auf drei Livres für die Fahrt von hier bis zum Schloſſe der Muetten, was die Hälfte des Weges iſt. Du ſiehſt alſo, daß Du bei dieſer Berechnung, wenn man Dir die Hin⸗ und Herfahrt bezahlt, nur zwölf Livres anſprechen kannſt, und ſtatt zwölf ſollſt Du vierundzwanzig bekommen.“ „Ohl handeln Sie nicht,“ ſagte die ältere von den zwei Damen;„zwei Louisd'or, drei, zwanzig, wenn er n funf der Stelle abgeht und, ohne anzuhalten, fort⸗ ährt.“ „Ein Louisd'or genügt,“ entgegnete der junge Offizier.. Dann kehrte er zu dem Kutſcher zurück und rief ihm zu: 72 100 „Vorwärts, Burſche, von Deinem Bocke herab und öffne den Schlag.“ „Ich will zuerſt bezahlt ſein,“ verſetzte der Kutſcher. „Du willſt!“ „Das iſt mein Recht.“ Der Offizier machte eine Bewegung vorwärts. „Bezahlen wir voraus, bezahlen wir,“ ſagte die ältere von den Damen. Und ſie ſtörte raſch in ihrer Taſche. 1„Ohl mein Gott,“ ſprach ſie leiſe zu ihrer Ge⸗ fährtin,„ich habe meine Börſe nicht.“ „Wahrhaftig?“ „Und Sie, Andrée, haben Sie die Ihrige?“ Die jüngere Dame ſtörte ebenfaltgmnit derſelben Angſt. „Ich... ich, auch nicht.“ 64„Suchen Sie in allen Ihren Taſchen.“ VWVergebens,“ rief die junge Frau voll Aerger, ddenn ſie ſah den Offizier ihnen während dieſer Erörte⸗ rung mit dem Auge folgen, und der pöbelhafte Kut⸗ ſſcher öffnete ſchon den Mund, um zu lächeln, denn er wünſchte ſich Glück zu dem, was er vielleicht leiſe eine glückliche Vorſicht nannte. Die Damen ſuchten umſonſt, weder die eine, noch die andere fand einen Sou. Der Offizier ſah ſie ungeduldig werden, erröthen, erbleichen; die Lage der Dinge verwickelte ſich. Die Damen waren im Begriff, eine Kette oder irgend ein Juwel als Pfand zu geben, als der Offizier, um ihnen jeden Verdruß zu erſparen, der ihr Zartgefühl verletzt hätte, einen Lonisd'or aus der Taſche zog und ihn dem Kutſcher reichte.. Dieſer nahm den Louisd'or, beſchaute ihn, wog ihn auf der Hand, während eine von den beiden Damen dem Offizier dankte; dann öffnete er ſeinen Kutſchen⸗ hlag und die Dame ſtieg, gefolgt von ihrer Gefähr⸗ in, ein. „Und nun, Burſche,“ ſagte der junge Mann zu n ρ— N8KK=— 101 dem Kutſcher,„führe dieſe Damen und zwar tüchtig und redlich beſonders, hörſt Du?“ „Oh! Sie brauchen mir das nicht zu empfehlen, das verſteht ſich von ſelbſt.“ Während dieſes kurzen Geſprächs beriethen ſich die Damen. Sie ſahen in der That ihren Führer, ihren Be⸗ ſchützer bereit, ſte zu verlaſſen. „Madame,“ ſagte leiſe die jüngere zu ihrer Ge⸗ fährtin,„er darf ſich nicht entfernen.“ 4 „Warum das? fragen wir ihn nach ſeinem Namen und ſeiner Adreſſe: morgen ſchicken wir ihm ſeinen Louisd'or mit einem Wörtchen des Dankes, das Sie ihm ſchreiben werden.“ 4 „Nein, Madame, nein, ich flehe Sie an, behalten wir ihn; wenn der Kutſcher unredlich iſt, wenn er unter Weges Schwierigkeiten macht.... Bei einer ſolchen Witterung ſind die Wege ſchlecht; an wen könnten wir uns wenden, um Beiſtand zu verlangen?“ „Ohl! wir haben ſeine Nummer und den Buchſtaben der Regie.“ „Sehr gut, Madame, und ich leugne nicht, daß Sie ihn ſpäter kennen und lahm ſchlagen laſſen würden, mittlerweile aber kommen Sie heute Nacht nicht nach Verſailles, und was wird man dann ſagen, großer Gott!“ Die ältere von den zwei Damen dachte nach. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie. Doch ſchon verbeugte ſich der Offizier, um Abſchied zu nehmen. „Mein Herr, mein Herr,“ ſagte Andrée in deutſcher Sprache,„ein Wort, erlauben Sie nur noch ein Wort.“ „Zu Ihren Befehlen, Madame,“ erwiederte der Offizier, ſichtbar mißſtimmt, während er indeſſen in ſeiner Miene und im Ton ſeiner Stimme die äußerſte Höflichkeit beobachtete. „Mein Herr,“ fuhr Andrée fort,„nach den vielen Dienſten, die Sie uns ſchon geleiſtet, können Sie uns eine Gefälligkeit nicht abſchlagen.“ 10² „Sprechen Sie!“ „Nun denn! wir müſſen Ihnen geſtehen, wir haben bange vor dem Kutſcher, der die Unterhandlung auf eine ſo ärgerliche Weiſe angefangen hat.“ „Sie haben Unrecht, wenn Sie Beforgniſſe hegen,“ erwiederte der Offizier.„Ich weiß ſeine Nummer 107, den Buchſtaben der Regie Z. Sollte er Ihnen eine Unannehmlichkeit bereiten, ſo wenden Sie ſich an mich.“ 4„An Sie?“ entgegnete Andrée, die ſich vergaß, franzöſiſch;„wie ſollen wir uns an Sie wenden, da wir nicht einmal Ihren Namen kennen?“ Der junge Mann machte einen Schritt rückwärts. „Sie ſprechen franzöſiſch!“ rief er ganz erſtaunt, „Sie ſprechen franzöſiſch und verdammen mich ſeit einer halben Stunde, deutſch zu radebrechen! Oh! wahr⸗ haftig Madame, das iſt ſchlimm!“ 3 „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ erwiederte fran⸗ zöſiſch die andere Dame, die ihrer verblüfften Gefährtin muthig zu Hülfe kam.„Sie ſehen wohl, daß wir, ohne vielleicht Fremde zu ſein, in Paris, in einem Fiacre beſonders, unheimiſch ſind. Sie ſind genugſam Weltmann, um zu begreifen, daß wir uns nicht in einer natürlichen Stellung befinden. Uns nur zur Hälfte verbinden, hieße uns unverbindlich begegnen. Minder discret ſein, als Sie es bis jetzt geweſen ſind, hieße indiscret ſein. Wir urtheilen gut von Ihnen, mein Herr; wollen Sie nicht ſchlecht von uns urtheilen, und wenn Sie uns einen Dienſt erweiſen können, nun! ſo thun Sie es ohne Rückhalt, oder erlauben Sie uns, Ihnen zu danken und einen andern Beiſtand zu ſuchen.“ „Madame,“ antwortete der Offizier, betroffen von dem zugleich edlen und reizenden Ton der Unbekannten, „verfügen Sie über mich.“ 3 „Dann haben Sie die Gefälligkeit, zu uns einzu⸗ ſteigen.“ „In den Fiacre?“. „Und uns zu begleiten.“ 103 „Bis Verſailles?“ „Ja, mein Herr.“ Ohne etwas zu erwiedern, ſtieg der Offtzier ein, nahm Platz auf dem Vorderſitz und rief dem Kutſcher: „Vorwärts!“ zu. Sobald die Kutſchenſchläge geſchloſſen, die Mäntel⸗ chen und Pelze zu gemeinſchaftlicher Benützung gelegt waren, ſchlug der Fiacre den Weg durch die Rue Saint⸗ Thomas du Louvre ein, und fuhr dann über die Place du Carrouſſel und die Glaecis entlang. 8 Der Offizier kauerte ſich, ſeine Redingote ſorgfältig über ſeinen Schooß ausgebreitet, in eine Ecke, der älteren von den zwei Frauen gegenüber. Es herrſchte das tiefſte Stillſchweigen im Innern. Der Kutſcher, wollte er nun getreulich dem Vertrag nachkommen, oder hielt ihn die Gegenwart des Offiziers durch eine ehrerbietige Furcht im Kreiſe der Redlichkeit, der Kutſcher ließ ſeine mageren Roſſe mit Beharrlich⸗ keit auf dem ſchlüpferigen Pflaſter der Quais und des Weges der Conference laufen. Der Hauch der drei Reiſenden erwärmte indeſſen unmerklich den Fiacre. Ein zarter Froſtgeruch ver⸗ dichtete die Luft und führte nach dem Gehirn des jungen Mannes Eindrücke, welche von Augenblick zu Augenblick minder ungünſtig für ſeine Gefährtinnen wurden. „Es ſind,“ dachte er,„es ſind Frauen, die ſich bei einem Rendezvous verſpätet haben, und nun, ein wenig ſioee ein wenig beſchämt, nach Verſailles zurück⸗ ehren.“ „Warum,“ ſprach der Offizier in ſeinem Innern weiter,„warum fahren dieſe Frauen, wenn es Damen von einiger Diſtinction ſind, in einem Cabriolet, und warum fahren ſie beſonders ſelbſt?— „Ohl darauf gibt es eine Antwort. „Das Cabriolet war zu eng für drei Perſonen, und zwei Frauen werden ſich keinen Zwang anthun, um einen Lackei zu ſich ſitzen zu laſſen. „Doch weder bei der Einen noch bei der Andern 104 Geld! ein ärgerlicher Einwurf, der Ueberlegung ver⸗ dient. „Ohne Zweifel hatte der Lackei die Börſe. Das Cabriolet, das nun in Stücke gegangen ſein muß, war von einer vollkommenen Eleganz. Und das Pſerd!... wie ich mich auf Pferde verſtehe, hatte einen Werth von hundertundfünfzig Louisd'or. „Nur reiche Frauen können ein ſolches Cabriolet und ein ſolches Pferd ohne Bedauern preisgeben. Der Mangel an Geld bedeutet alſo durchaus Nichts. „Ja, doch die Manie, eine fremde Sprache zu ſprechen, wenn man Franzöſin iſt! „Gut; doch dieß beweist gerade eine ausgezeichnete Erziehung. Es iſt nicht natürlich für Abenteurerinnen, das Deutſche mit einer ganz germaniſchen Reinheit und das Franzöſiſche wie Pariſerinnen zu ſprechen. „Ueberdieß iſt eine angeborene Diſtinction bei dieſen Frauen bemerkbar. „Die Bitte der jüngeren war rührend. „Das Erſuchen der älteren war edel, gebieteriſch. „Dann, wahrhaftig,“ fuhr der junge Mann fort, während er ſeinem Degen im Fiacre eine ſolche Rich⸗ tung gab, daß er ſeine Nachbarinnen nicht beläſtigte, „ſollte man nicht glauben, es ſei gefährlich für einen Militär, zwei Stunden in einem Fiacre mit zwei hüb⸗ ſchen Frauen zuzubringen? „Hübſch und diseret,“ fügte er bei;„denn ſie reden nicht, und warten, daß ich ein Geſpräch anknüpfe.“ Die zwei Frauen dachten ohne Zweifel an den jungen Offizier, wie der junge Offizier an ſie dachte; denn in dem Augenblick, wo er ſeine Gedanken vollends abgeſchloſſen hatte, wandte ſich die eine von den beiden Damen an ihre Gefährtin und ſagte engliſch: „Meine liebe Freundin, dieſer Kutſcher führt uns wahrhaftig wie Todte; wir werden nie nach Verſailles kommen. Ich wette, unſer armer Gefährte langweilt ſich zum Sterben.“. . 105 „Unſere Unterhaltung iſt auch nicht ſehr beluſti⸗ gend,“ erwiederte lächelnd die jüngere. „Finden Sie nicht auch, daß er das Ausſehen eines durchaus anſtändigen Menſchen hat?“ „Gewiß, Madame.“ „Ueberdieß haben Sie bemerkt, daß er Marine⸗ Uniform trägt?“ „Ich verſtehe mich nicht viel auf Uniformen.“ „Wohll er trägt, wie ich Ihnen ſage, die Uniform eines Marine⸗Offiziers, und alle Offiziere der Marine ſind von gutem Haus; die Uniform ſteht ihm ſchön, und er iſt ein hübſcher Cavalier, nicht wahr?“ Die junge Frau wollte antworten und wahrſchein⸗ lich im Sinn ihrer Gefährtin überfließen, als der Offizier eine Geberde machte, die ihr den Mund ſchloß. „Verzeihen Sie, meine Damen,“ ſagte er in vor⸗ trefflichem Engliſch,„ich glaube, Ihnen bemerken zu müſſen, daß ich das Engliſche ziemlich leicht ſpreche und verſtehe; doch das Spaniſche verſtehe ich nicht, und wenn Sie deſſelben mächtig und es beliebt Ihnen, ſich in dieſer Sprache zu unterhalten, ſo ſind Sie we⸗ nigſtens ſicher, daß ich den Sinn Ihrer Worte nicht zu erfaſſen vermag.“ „Mein Herr,“ erwiederte die Dame lachend,„wir wollten nicht ſchlimm von Ihnen ſprechen, wie Sie bemerken konnten; wir thun uns auch keinen Zwang mehr an und ſprechen nun franzöſiſch, wenn wir uns etwas zu ſagen haben.“ „Ich danke für dieſe Gunſt, Madame; ſollte Sie übrigens meine Gegenwart beläſtigen...“ „Sie können das nicht vorausſetzen, mein Herr, da wir Sie gebeten haben.“ „Aufgefordert ſogar,“ ſagte die jüngere von den zwei Frauen.. „Beſchämen Sie mich nicht, Madame, und verzei⸗ hen Sie mir einen Augenblick der Unentſchiedenheit; nicht wahr, Sie kennen Paris? Paris iſt voll von Schlingen, Täuſchungen und Widerwärtigkeiten.“ 106 „Sie hielten uns alſo für?— Sagen Sie es offenherzig.“ „Der Herr hat uns ganz einfach für Schlingen gehalten.“ „Oh! meine Damen,“ erwiederte der junge Mann, 1 ſich demüthigend,„ich ſchwöre Ihnen, daß mir nichts dergleichen eingefallen iſt.“ „Verzeihen Sie, was gibt es denn? der Fiacre hält an.“ „Was iſt geſchehen?“ „Ich will nachſehen, meine Damen.“ „Ich glaube, wir werden umgeworfen, nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr,“ ſagte die jüngere Dame. Und ihre Hand ſtreckte ſich mit ungeſtümer Be⸗ wegung aus und verweilte auf der Schulter des jun⸗ gen Mannes. Der Druck dieſer Hand machte ihn beben. Durch einen ganz natürlichen Antrieb ſuchte er ſie zu faſſen, ſchon aber hatte ſich Andréel, die einer erſten Bewegung der Angſt nachgegeben, wieder in den Hintergrund des Fiacre zurückgeworfen. Der Offizier, den nun nichts mehr zurückhielt, ſprang aus dem Wagen und fand den Kutſcher be⸗ ſchäftigt, eines von ſeinen Pferden aufzuheben, das ſich in der Deichſel und den Strängen verwickelte. Man war in der Nähe der Brücke von Ssvres. Durch die Hülfe, die der Offizier dem Führer des Fiacre leiſtete, war das arme Thier bald wieder auf ſeinen Beinen. Der Kutſcher, der ſich zu einem liebenswürdigen Kunden Glück wünſchte, ließ ſeine Peitſche, ohne Zwei⸗ fel in der doppelten Abſicht, ſeine Roſſe und ſich ſelbſt wieder zu beleben, luſtig knallen. Doch man hätte glauben ſollen, die durch den offenen Schlag eindringende Kälte habe das Geſpräch vereist und die zunehmende Vertraulichkeit gefrieren gemacht, in der der junge Mann einen Reiz zu finden 107 anfing, von dem er ſich keine Rechenſchaft zu geben vermochte. Man erkundigte ſich einfach bei ihm nach dem Vorfall; er erzählte, was ſich ereignet hatte. Dieß war Alles und das Stillſchweigen laſtete abermals auf dem reiſenden Trio. Der Offizier, den dieſe warme, zitternde Hand ungemein in Anſpruch genommen hatte, wollte wenig⸗ ſtens einen Fuß im Austauſch haben. Er ſtreckte daher das Bein aus, doch ſo geſchickt er auch war, er traf nichts, oder vielmehr, wenn er etwas traf, ſo hatte er den Schmerz, das, was er vor ſich getroffen, fliehen zu ſehen. Einmal ſogar, als er am Fuß der älteren von dieſen beiden Frauen anſtreifte, ſagte dieſe mit der größten Kaltblutigfeit: „Nicht wahr, ich beenge Sie furchtbar, mein Herr? verzeihen Sie.“ Der junge Mann erröthete bis über die Ohren und wünſchte ſich Glück, daß die Nacht finſter genug war, um ſeine Röthe zu verbergen. Dann war Alles geſagt, und hier endigten die Unternehmungen. Wieder ſtumm, unbeweglich und ehrerbietig ge⸗ worden, als befände er ſich in einem Tempel, fürchtete er ſich, zu athmen, und machte ſich klein wie ein Kind. Allmählig aber und unwillkürlich bemächtigte ſich ein ſeltſamer Eindruck ſeines ganzen Geiſtes, ſeines ganzen Weſens. Er fühlte, ohne ſie zu berühren, die zwei reizenden Frauen; er ſah ſie, ohne ſte zu ſehen; nach und nach gewöhnte er ſich daran, in ihrer Nähe zu leben, und es kam ihm vor, als verſchmelze ſich ein Theilchen von ihrem Daſein mit dem ſeinigen. Um Alles in der Welt hätte er das erloſchene Geſpräch wieder an⸗ knüpfen mögen, und er wagte es nicht, denn er fürch⸗ tete die Alltäglichkeiten, er, der es beim Abgang ver⸗ achtete, nur eines von den einfachſten Worten der 108 Weltſprache anzubringen. Er beſorgte, albern oder frech vor dieſen Frauen zu erſcheinen, denen er eine Stunde zuvor viel Ehre zu erweiſen glaubte, wenn er ihnen das Almoſen eines Louisd'or und eine Artigkeit ſpende. Mit einem Wort— alle Sympathien in dieſem Leben erklären ſich durch die Verwandtſchaften der zu geeigneter Zeit in Berührung geſetzten Fluida, und ſo war es auch hier, ein mächtiger Magnetismus den Düften und der jugendlichen Wärme dieſer drei durch den Zufall zuſammengebrachten Körper entſtrömt, be⸗ herrſchte den jungen Mann, erſchloß ihm den Geiſt und erweiterte zugleich ſein Herz. So entſtehen, leben und ſterben zuweilen im Raum von einigen Augenblicken die ächteſten, wonnigſten und glühendſten Leidenſchaften. Sie haben den Zauber, weil ſie ephemer ſind, ſie haben die Stärke, weil ſie im Zaume gehalten werden. Der Offizier ſagte nicht ein einziges Wort mehr. Die Damen ſprachen leiſe unter ſich. Da indeſſen ſein Ohr beſtändig offen war, ſo faßte er Worte ohne Folge auf, welche jedoch ſeiner Einbildungs⸗ kraft einen Sinn boten. Er hörte: „Die vorgerückte Stunde... die Thore... der Vorwand für die Fahrt...“ 3 Der Fiacre hielt abermals an. Dießmal was es weder ein gefallenes Pferd, noch ein zerbrochenes Rad. Nach drei Stunden muthiger Anſtrengung hatte ſich der brave Kutſcher die Arme erwärmt, das heißt, er hatte ſeine Roſſe vor Schweiß triefen gemacht und Verſailles erreicht, deſſen lange, düſtere, öde Alleen unter dem röthlichen Schimmer einiger durch den Rauhreif weiß gewordenen Laternen wie eine doppelte Proceſſion ſchwarzer, fleiſchloſer Schat⸗ ten erſchienen. Der junge Mann begriff, daß man angelangt war. 2— ⁸—— 109 Durch welchen Zauber war ihm die Zeit ſo kurz vor⸗ gekommen? Der Kutſcher neigte ſich gegen das Vorderfenſter und ſagte: „Herr, wir ſind in Verſailles.“ „Wo ſoll er anhalten, meine Damen?“ fragte der Offizier. 2 „Auf der Place d'Armes.“ „Nach der Place d'Armes,“ rief der junge Mann dem Kutſcher zu. „Ich ſoll nach der Place d'Armes fahren?“ fragte dieſer. „Ja, da man es Dir ſagt.“ „Es wird ein kleines Trinkgeld geben?“ verſetzte grinſend der Auvergnat. „Immer zu.“ Die Peitſchenhiebe fingen wieder an. „Ich muß doch ſprechen,“ dachte der Offizier.„Ich werde für einen Dummkopf gelten, nachdem ich für einen Frechen gegolten habe.“ „Meine Damen,“ ſagte er, nicht ohne abermals zu zögern,„Sie ſind nun zu Hauſe.“ „Durch Ihren edelmüthigen Beiſtand.“ „Welche Mühe haben wir Ihnen gemacht!“ ſprach die jüngere von den beiden Damen. „Ohl ich habe das mehr als vergeſſen, Madame.“ „Und wir, mein Herr, wir werden es nicht ver⸗ geſſen. Ihr Name, wenn es gefällig wäre, mein Herr?“ „Mein Name? Oh!“ „Es iſt dieß das zweite Mal, daß man Sie darum bittet. Nehmen Sie ſich in Acht!“ „Und nicht wahr, Sie wollen uns kein Geſchenk mit einem Louisd'or machen?“ „Oh! wenn dem ſo iſt,“ verſetzte der Offizier etwas gereizt,„ich gebe nach: ich bin der Graf von Charny, dabei, wie Madame bemerkt hat, Offizier in der föniglichen Marine.“ „Charny!“ wiederholte die ältere von den beiden 110 Damen, mit dem Ton, mit dem ſie elwa geſagt hätte: „Es iſt gut, ich werde es nicht vergeſſen.“ „Georges, Georges von Charny,“ fügte der Of⸗ fizier bei. „Georges,“ murmelte die jüngere Dame. „Und Sie wohnen?“ „Hotel des Princes, Rue de Richelieu.“ Der Fiacre hielt an. Die aͤltere von den Damen öffnete ſelbſt den Schlag zu ihrer Linken, ſprang behende zur Erde und reichte ihrer Gefährtin die Hand. Der junge Mann aber, der ihnen zu folgen ſich anſchickte, rief: „Meine Damen, nehmen Sie wenigſtens meinen Arm an, Sie ſind noch nicht zu Hauſe, und die Place d'Armes iſt keine Wohnung.“ „Rühren Sie ſich nicht von der Stelle,“ ſagten gleichzeitig die zwei Frauen. „Wie, ich ſoll mich nicht rühren?“ „Nein, bleiben Sie im Fiacre.“ „Aber allein gehen, bei Nacht, bei dieſem Wetter? unmöglich!“ „Gut, nachdem Sie ſich beinahe geweigert haben, uns zu verbinden, wollen Sie uns durchaus zu ſehr verbinden,“ verſetzte mit heiterem Tone die ältere von den beiden Damen. 1 „Aber... 4 4 „Es gibt kein Aber. Seien Sie bis an's Ende ein artiger und biederer Cavalier. Ich danke Ihnen, Herr von Charny, ich danke Ihnen aus dem Grund meines Herzens, und da Sie ein artiger und biederer Cavalier ſind, wie ich Ihnen ſo eben ſagte, ſo ver⸗ langen wir nicht einmal Ihr Wort von Ihnen.“ „Mein Wort? wofür?“ „Daß Sie den Schlag ſchließen und den Kutſcher nach Paris zurückkehren heißen. Was Sie thun wer⸗ den, nicht wahr, ohne nach uns umzuſchauen.“ 111 Sie haben Recht, meine Damen, und mein Wort wäre unnütz. Kutſcher, mein Freund, kehren wir zurück.“ Und der junge Mann drückte dem Kutſcher noch einen Louisd'or in ſeine plumpe Hand. Der würdige Auvergnat bebte vor Freude. „Alle Teufel,“ ſagte er,„die Pferde mögen darüber krepiren, wenn ſie wollen.“ „Ich glaube das wohl, ſie ſind bezahlt,“ murmelte der Offizier. Der Fiaecre rollte, und er rollte raſch. Er erſtickte durch das Geräuſch der Räder einen Seufzer des jun⸗ gen Mannes, einen wollüſtigen Seufzer, denn der Syberite hatte ſich auf die noch von der Gegenwart der zwei unbekannten Schönen warme Kiſſen gelegt. Sie aber waren auf derſelben Stelle geblieben, und erſt als der Fiacre verſchwunden, wandten ſie ſich nach dem Schloß. VI. Der Befehl. In dem Augenblick, wo ſie weiter gingen, trugen heftige Windſtöße an das Ohr der Reiſenden die drei Viertel, die es in der Saint⸗Louis⸗Kirche ſchlug. „dOh! mein Gott, drei Viertel auf zwölf Uhr,“ riefen gleichzeitig die zwei Frauen. „Alle Gitter ſind geſchloſſen,“ fügte die jüngere bei. „Oh! das bekümmert mich wenig, liebe Andrée, denn wäre das Gitter auch offen geblieben, ſo würden wir doch ſicher nicht durch den Ehrenhof eingetreten ſein. Geſchwinde, geſchwinde, gehen wir durch die Reſervoirs.“ Beide wandten ſich nach der Rechten des Schloſſes. Bekanntlich iſt hier ein beſonderer Gang, der nach den Gärten führt, i 112 Man kam zu dieſem Gang. 3 „Das kleine Thor iſt geſchloſſen, Andrée,“ ſagte unruhig die ältere von den zwei Frauen. „Klopfen wir an, Madame.“ „Nein, rufen wir. Laurent muß mich erwarten, ich habe ihn benachrichtigt, ich würde vielleicht ſpät. zurückkommen.“ 4 „Nun, ſo will ich rufen.“ Andrée näherte ſich der Thüre. „Wer iſt da?“ fragte eine Stimme im Innern, die nicht einmal wartete, bis man rief. „Oh! das iſt nicht die Stimme von Laurent,“ ſprach erſchrocken die junge Frau. „In der That, nein.“ Die andere Frau näherte ſich ebenfalls. „Laurent,“ flüſterte ſie durch das Thor. Keine Antwort. „Laurent!“ wiederholte die Dame und klopfte zu⸗ gleich an. 4 „Es iſt kein Laurent hier,“ erwiederte barſch die Stimme. „Oeffnen Sie immerhin, mag es nun Laurent oder nicht Laurent ſein,“ rief Andrée mit dringlichem Tone⸗ „Ich öffne nicht.“ „Aber, mein Freund, Sie wiſſen nicht, daß uns Laurent zu öffnen pflegt.“ 43„Ich kümmere mich den Teufel um Laurent, ich habe meinen Befehl.“ 3 „Wer ſind Sie denn?“ 3 „Wer ich bin?“ „Ja.“ „Und Sie?“ fragte die Stimme. Die Frage war ein wenig brutal, doch es ließ ſich nicht feilſchen, man mußte antworten. 3 Wir find Damen vom Gefolge Ihrer Majeſtät. Wir wohnen im Schloß und mochten gern in unſere Wohnung urkteheen. 3 „Wohl! ich, meine Damen, ich bin ein Schweiger 8 113 von der erſten Compagnie Soliſchemade, und ich werde ganz das Gegentheil von Laurent thun, ich werde Sie vor der Thüre laſſen.“ „Oh!“ murmelten die zwei Frauen, von denen die eine der andern voll Zorn die Hände drückte. Dann, ſich bewältigend, ſagte ſie: „Ich begreife, daß Sie Ihre Vorſchrift beobach⸗ ten, das iſt die Pflicht eines guten Soldaten und Sie ſollen ſich nicht dagegen verfehlen. Aber ich bitte Sie, erweiſen Sie mir nur den Gefallen, Laurent, der nicht fern ſein kann, zu benachrichtigen.“ 3 „Ich kann meinen Poſten nicht verlaſſen.“ „Schicken Sie Jemand.“ „Ich habe Niemand.“ „Ich bitte inſtändig.“ „Ei! alle Wetter, Madame, ſchlafen Sie in der Stadt. Iſt das nicht eine ſchöne Geſchichte! Oh! wenn man mir das Thor der Kaſerne vor der Naſe ſchlöſſe, ich würde wohl ein Lager finden.“ ℳ „Grenadier, hören Sie,“ ſprach entſchloffen die gältere von den beiden Frauen.„Zwanzig Louisd'or für Sie, wenn Sie öffnen.“ „Und zehn Jahre Kettenſtrafe; ich danke. Acht⸗ undvierzig Livres jährlich, das iſt nicht genug. „Ich laſſe Sie zum Sergenten ernennen.“ „Ja, und der, welcher mir den Befehl gegeben hat, läßt mich erſchießen; ich danke.“* „Wer hat Ihnen denn dieſen Befehl gegeben?“ „Der König.“ „Der König!“ wiederholten die beiden Frauen er⸗ ſchrocken;„ohl wir ſind verloren.“ 4 8 Die Jüngere ſchien ganz außer ſich zu ſein. „Sagen Sie,“ fragte die Aeltere,„gibt es keine andern Thore?“ „Ohl Madame, wenn man dieſes geſchloſſen hat, hat man die anderen auch geſchloſſen.“ „Und wenn wir Laurent an dieſem Thor nicht Das Halsband der Koͤnigin. 8 ) 1 ☛ 1414 finden, welches das ſeinige iſt, wo glauben Sie, daß wir ihn finden?“ „Oh! nein, das iſt eine beſchloſſene Sache.“ „Es iſt wahr, und Sie haben Recht. Andrée, Andrée, das iſt ein furchtbarer Streich vom König.“ Die Dame betonte die letzten Worte mit einer beinahe drohenden Verachtung. Das Thor der Reſervoirs war in der Dicke einer Mauer angebracht, welche tief genug war, um aus dieſer Niſche eine Art von Vorhaus zu bilden. Eine ſteinerne Bank lief an beiden Seiten hin. Die Damen ſanken darauf in einem Zuſtand der Aufregung, der der Verzweiflung glich. Man ſah unter dem Thore einen leuchtenden Strahl; man hörte hinter dem Thor die Tritte des Schweizers, der ſein Gewehr bald aufnahm, bald niederſetzte. Jenſeits dieſes dünnen, eichenes Hinderniſſes die Rettung; dieſſeits die Schande, ein Aergerniß, beinahe der Tod. „Ohl morgen! morgen! wenn man es erfährt!“ murmelte die ältere von den beiden Frauen. „Aber Sie werden die Wahrheit ſagen?“ „Wird man es glauben?“ „Sie haben Beweiſe. Madame, der Soldat wird nicht die ganze Nacht wachen,“ ſagte die junge Frau, die in demſelben Maße Muth zu faſſen ſchien, in dem ihn ihre Gefährtin verlor;„in einer oder der andern Stunde wird man ihn ablöſen, und ſein Nachfolger iſt vielleicht gefälliger. Warten wir.“ „Ja, aber die Patrouillen werden nach Mitternacht vorüberkommen; man wird mich erwartend, mich ver⸗ bergend, außen finden: Das iſt ſchändlich! Hören Sie, Andrée, das Blut ſteigt mir zu Kopfe und erſtickt mich.“ „Ohl Muth gefaßt, Madame; Sie ſind gewöhn⸗ lich ſo ſtark, ich war vorhin noch ſo ſchwach, und nun muß ich Sie unterſtützen!“ 8 .„ Darunter ſteckt ein Komplott, Andrée, wir ſind die Spfer deſſelben. Das iſt noch nie geſchehen, nie 115 iſt dieß Thor geſchloſſen worden. Ich werde darüber ſterben, Andrée, ich ſterbe!“ Und ſie warf ſich rückwärts, als ob ſie wirklich erſtickte. In demſelben Augenblick erſchollen auf dem gegen⸗ wärtig ſo wenig betretenen dumpfen weiten Pflaſter von Verſailles Schritte. Gleichzeitig vernahm man eine Stimme, eine leichte, heitere Stimme, die Stimme eines ſingenden jungen Mannes. Er ſang eines von den manierirten Liedern, welche der Epoche angehören, die wir zu ſchildern verſuchen. Die Damen launſchten. „Dieſe Stimme!“ riefen ſie. „Ich kenne ſie,“ ſagte die ältere. „Es iſt die von...“— 8 „Er iſt es!“ ſagte Andrée der Dame in's Ohr, deren Unruhe ſich ſo ſtark geoffenbart hatte,„er iſt es, er wird uns retten.“ In dieſem Augenblicke trat ein junger Mann, in einen weiten Pelzoberrock gehüllt, in die Niſche ein, klopfte, ohne die Frauen zu ſehen, an die Thüre und rief:. „Laurent!“ „Mein Bruder!“ ſagte die ältere von den beiden Frauen, den jungen Mann an der Schulter berührend. „Die Königin!“ rief dieſer, indem er einen Schritt zurückwich und ſeinen Hut in die Hand nahm. „So! Guten Abend, mein Bruder.“*) „Guten Abend, Madame; guten Abend, meine Schweſter; Sie ſind nicht allein?“ „Nein, Fräulein Andrée von Taverney iſt bei mir.“ „Ah! ſchön! guten Abend, mein Fräulein.“ „Hoheit,“ murmelte Andrée ſich verbeugend. — Es iſt hier zur Verdeutlichung zu bemerken, daß man in Frankreich in der freundlichen Umgangsſprache Bruder und Schweſter für Schwager und Schwägerin ſagt. 85: Ueberſ. 116 „Sie gehen aus, meine Damen?“ fragte der junge Mann. „Nein.“ „Sie kommen alſo nach Hauſe?“ „Wir möchten gern zu Hauſe kommen.“ „Haben ſie Laurent nicht gerufen?“ „Doch.“ „Nun?“ „Rufen Sie Laurent ebenfalls ein wenig; und Sie werden ſehen.“ „Ja, ja, rufen Sie, Hoheit, und Sie werden ſehen.“ Der junge Mann, in dem man ohne Zweiſel den Grafen d'Artois erkannt hat, näherte ſich ebenfalls der Thüre, klopfte an und rief: „Laurent!“ „Gut! nun fängt der Spaß wieder an,“ ſprach die Stimme des Schweizers;„ich ſage Ihnen, daß ich, wenn Sie mich länger quälen, den Offizier rufen 117 „Er wollte nichts hören.“ „Dann gibt es nur ein Mittel.“ „Welches?“ „Ich werde Lärmen machen.“ „Sie werden uns compromittiren; mein lieber Karl, ich flehe Sie an.“— „Ich werde Sie nicht im Geringſten compromit⸗ tiren.“ „Ah!“— „Sie treten beiſeit, ich klopfe wie ein Tauber ich ſchreie wie ein Blinder, man wird mir am Ende öffnen und Sie gehen hinter mir hinein.“ „Verſuchen Sie es.“ Der junge Prinz rief abermals Laurent, dann klopfte er, dann machte er mit ſeinem Degengriff einen ſolchen Lärm, daß der Schweizer wüthend ſchrie: tzi„Ah! es iſt ſo. Nun wohl! ich rufe meinen Of⸗ ier.“ 1„Eil bei Gott! rufe ihn, Burſche! Das iſt es, was ich ſchon ſeit einer Viertelſtunde verlange.“ Nach einem Augenblicke hörte man Schritte jenſeits der Thüre. Die Königin und Andrée ſtellten ſich hin⸗ ter den Grafen d'Artois, bereit, den Durchgang zu be⸗ nützen, der ohne Zweifel geöffnet werden würde. Man hörte den Schweizer die ganze Urſache dieſes Lärmens erklären. „Mein Lieutenant, es ſind Damen mit einem Mann, der mich Burſche genannt hat. Sie wollen mit Gewalt herein.“ „Nun! was iſt darüber zu wundern, daß wir hihei zu kommen wünſchen, da wir aus dem Schloſſe ſind.“ „Das kann ein natürlicher Wunſch ſein, mein Herr, doch es iſt verboten,“ erwiederte der Offizier. „Verboten! Durch wen?“ „Durch den König.“ Verzeihen Sie, der König kann nicht wollen, daß ein Offizier des Schloſſes auswärts ſchläft, 118 „Mein Herr, es iſt nicht meine Sache, die Ab⸗ ſichten des Königs zu unterſuchen; ich bin nur ver⸗ pflichtet, zu thun, was mir der König beſiehlt.“ „Hören Sie, Lieutenant, öffnen Sie ein wenig die Thüre, daß wir anders als durch ein Brett ſprechen können.“ 4 „Mein Herr, ich wiederhole, daß ich den Befehl habe, das Thor geſchloſſen zu halten. Wenn Sie aber Offizier ſind, wie Sie ſagen, müſſen Sie wiſſen, was ein Befehl bedeutet.“ „Lieutenant, Sie ſprechen mit dem Oberſten eines Regiments.“ „Mein Oberſter, entſchuldigen Sie, doch mein Be⸗ fehl iſt ſehr beſtimmt.“ „Der Befehl iſt nicht für einen Prinzen gemacht. Mein Herr, ein Prinz ſchläft nicht auswärts, und ich Monſeigneur Graf d'Artois,“ erwiederte der Lieu⸗ tenant,„Gott iſt mein Zeuge, daß ich all' mein Blut für Eure Königliche Hoheit hingeben würde, doch der König hat mir die Chre erwieſen, mir, indem er mir die Bewachung dieſer Thüre anvertraute, zu ſagen, ich arrt ſähe, ich würde 119 furchtsvollen guten Abend und kehrte langſam an ſeinen Poſten zurück. Der Soldat, der mit geſchultertem Gewehr, dicht an dem Verſchlag ſtand, wagte nicht mehr zu athmen, und ſein Herz ſchlug ſo ſtark, daß der Graf d'Artois, Kawuſis ebenfalls an das Thor anlehnte, das Pulſiren ühlte. „Wir ſind verloren,“ ſagte die Königin zu ihrem Schwager, indem ſie ihn an der Hand nahm. Dieſer erwiederte nichts. „Es iſt bekannt, daß Sie ausgegangen ſind?“ fragte er. „Ach! ich weiß es nicht.“. „Vielleicht hat der König auch nur gegen mich dieſen Befehl gegeben. Der König weiß, daß ich bei Nacht ausgehe und zuweilen ſpät zurückkomme. Die Frau Gräfin d'Artois wird etwas erfahren und ſich bei Zeihar Vi ieni beklagt haben: daher dieſer tyranniſche efehl!“ „Oh! nein, nein, mein Bruder; ich danke Ihnen von ganzem Herzen für die Zartheit, mit der Sie mich zu beruhigen ſuchen, aber die Maßregel iſt meinetwegen oder vielmehr gegen mich getroffen worden.“ „Unmöglich, meine Schweſter, der König hat zu viel Achtung...“ „Mittlerweile bin ich vor der Thüre, und ein ab⸗ ſcheulicher Scandal wird aus einer ganz unſchuldigen Sache entſtehen. Ah! ich weiß wohl, ich habe einen Feind beim König.“ „Es iſt möglich, daß Sie einen Feind beim König haben, Schweſterchen. Ich aber habe eine Idee.“ „Eine Idee? laſſen Sie geſchwinde hören.“ „Eine Idee, die Ihren Feind dummer machen wird, als einen Eſel, der an ſeinen Halfter aufge⸗ henkt iſt.“ „Oh! wenn Sie uns nur von der Lächerlichkeit dieſer Lage erretten, mehr verlange ich nicht.“ „Ob ich Sie erretten werde! ich hoffe es wohl. 120 „Wer, er?“ „Ei! bei Gott! der Herr Graf von Provence.“ „Ah! Sie erkennen alſo wie ich, daß er mein Feind iſt.“ „Eil iſt er nicht der Feind von Allem, was jung, von Allem, was ſchön, von Allem dem, was lann... was er nicht kann!“ „Mein Bruder, Sie wiſſen etwas über dieſen Befehl.“ Vielleicht; doch vor Allem bleiben wir nicht unter dieſem Thor, es iſt eine Hundekälte hier. Kommen Sie mit mir, meine Schweſtern.“ „Wohin?“ „Sie werden es ſehen, an einen Ort, wo es we⸗ nigſtens minder kalt iſt. Kommen Sie, und unter Weges ſage ich Ihnen, was ich von dem Thorſchluß denke. Ah! Herr von Provence, mein theurer und un⸗ mündiger Bruder! Geben Sie mir Ihren Arm, meine Schweſter: nehmen Sie meinen andern Arm, Fräulein von Taverney, und wenden wir uns rechts.“ Man brach auf. „ und Sie ſagten alſo, Herr von Provence?“ fragte die Königin.. „Ah! ja wohl. Dieſen Abend, nach dem Mahle des Königs, kam er in das große Cabinet; der König hatte im Verlaufe des Tages viel mit dem Grafen den Haga geſprochen, und man hatte Sie nicht ge⸗ ehen.“ „Um zwei Uhr bin ich nach Paris abgefahren.“ „Ich wußte es wohl, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, liebe Schyweſter. Der König dachte eben ſo wenig an Sie, als an Harun al Raſchid und ſeinen Großvezir Giaffar, und unterhielt ſich über Geographie. Ich hörte ziemlich ungeduldig zu, denn ich hatte auch auszugehen: Ah! verzeihen Sie, wir gingen ohne 121 Zweifel nicht aus derſelben Urſache aus, ſomit hatte ich Unrecht...“ „Immerzu, immerzu.“ „Wenden wir uns links.“ „Wohin führen Sie uns denn?“ „Nur noch zwanzig Schritte. Nehmen Sie ſich in Acht, es liegt hier ein Schneehaufen. Ah! Fräulein von Taverney, wenn Sie meinen Arm loslaſſen, werden Sie fallen, das ſage ich Ihnen zum Voraus. Kurz, um auf den König zurückzukommen, er dachte nur an die Länge und Breite, als Herr von Provence zu ihm ſagte: „Ich möchte doch gern der Königin meine Ehrfurcht bezeigen.“ „Oh! oh!“ machte Marie Antoinette. „„Die Königin ſpeiſt in ihren Zimmern zu Nacht,““ erwiederte der König. „„Ah! ich glaubte ſie wäre in Paris,““ fügte mein Bruder bei. „„Nein, ſie iſt zu Hauſe,““ antwortete ruhig der König. „„Ich komme von ihrer Wohnung her, und man hat mich dort nicht empfangen,““ entgegnete der Graf von Provence. „Da ſah ich, wie der König die Stirne faltete. Er entließ uns, meinen Bruder und mich, und erkun⸗ digte ſich wohl, als wir weggegangen waren. Ludwig iſt eiferſüchtig, wie Sie wiſſen, wenn ihn gerade der Schuß ankommt; er wird Sie haben ſehen wollen, man hat ihm wohl den Eintritt verweigert, und er hat dann etwas gemuthmaßt.“ hu„Ganz richtig, Frau von Miſery hatte den Be⸗ e.“ 27 „So iſt es; und um ſich Ihrer Abweſenheit zu verſtchern, wird er die ſtrenge Verordnung erlaſſen ha⸗ ben, e uns hinarsſchließt. 6 n ab „Oh! Sie müſſen geſtehen Graf, das iſt ein ab⸗ ſcheulicher Zug.“ 8 „Ich geſtehe es, doch wir ſind an Ort und Stelle.“ 4 122 „SDieſes Haus?“ „Mißfällt Ihnen, meine Schweſter?“ „Oh!l ich ſage das nicht, es entzückt mich im Ge⸗ gentheit Doch Ihre Leute?“ 2 n?“ 3 „Nun? 1 „Wenn ſie mich ſehen.“ „Meine Schweſter, treten Sie immerhin ein, und ich bürge Ihnen dafür, daß Sie Niemand ſieht.“ „Nicht einmal der, welcher mir die Thüren öffnet?’“? fragte die Königin. „Nicht einmal der.“ „Unmöglich.“— „Wir wollen es verſuchen,“ erwiederte lachend der Graf d'Artois. Und er näherte ſeine Hand der Thüre. Die Königin hielt ſeinen Arm zurück. „Ich flehe Sie an, mein Bruder, nehmen Sie ſich in Acht.“ 4 Der Prinz drückte mit ſeiner andern Hand in eine zierlich geſchnitzte Füllung. Die Thüre öffnete ſich. Die Königin konnte eine Bewegung der Angſt nicht unterdrücken. „Treten Sie doch ein, meine Schweſter, ich be⸗ ſchwöre Sie,“ ſagte der Prinz;„Sie ſehen wohl, daß bis jetzt Niemand da iſt.“ Die Königin ſchaute Fräulein von Taverney wie eine Perſon an, die ſich der Gefahr ausſetzen will; dann trat ſie über die Schwelle mit einer von jenen bei den Frauen ſo reizenden Geberden, welche beſagen wollen: 5 „Unter der Obhut Gottes.“A., Grtee Spierel, ue. Die Thüre ſchloß ſich geräuſchkös hinter ihr. Sie befand ſich dann in einem Vorhaus von Stuck mit marmornen Unterlagen; die Platten waren eine Moſaik, Blumenſträucher vorſtellend, während auf marmornen Nandtiſchchen hundert niedrige, buſchige Roſenſtöcke ihre, um dieſe Jahreszeit ſo ſeltenen, wohl⸗ 123 riechenden Blumenblätter, aus ihren japaneſiſchen Ge⸗ fäßen regnen ließen. Eine ſanfte Wärme, ein ſüßer Duft feſſelten die Sinne ſo gut, daß die zwei Damen, als ſie in das Vorhaus kamen, nicht nur einen Theil ihrer Befürch⸗ tungen, ſondern auch einen Theil ihrer Bedenklichkeiten vergaßen. 4 „Nun iſt es gut; nun ſind wir unter Obdach, und das Obdach iſt ſogar ziemlich bequem, wenn ich es Ihnen geſtehen ſoll,“ ſagte die Königin.„Doch wäre es nicht erſprießlich, wenn Sie ſich mit Einem beſchäf⸗ tigten, mein Bruder?“ 3 „Womit?“ „Damit, daß Sie Ihre Diener entfernen.“ „Oh! das läßt ſich leicht machen.“ Ünd der Prinz ergriff ein Glöckchen, das in der Auskehlung einer Säule ſtand, und ließ es nur ein⸗ mal ertönen, dieſer einzige Anſchlag vibrirte aber ge⸗ heimnißvoll in den Tiefen der Treppe. Die zwei Frauen gaben einen ſchwachen Angſtſchrei von ſich. „Auf dieſe Art entfernen Sie Ihre Leute, mein Bruder?“ fragte die Königin;„ich hätte im Gegentheil geglaubt, Sie würden dieſelben ſo herbeirufen.“ „Läutete ich zum zweiten Mal, ſo würde allerdings Jemand kommen; da ich aber nur ein Mal geläutet habe, ſo können Sie unbeſorgt ſein, meine Schweſter, Niemand wird kommen.“ Die Königin lachte. „Sie ſind ein Mann der Vorſicht,“ ſagte ſie. „Sie können nun nicht in einem Vorhaus wohnen, meine Schweſter,“ fuhr der Prinz fort,„wollen Sie ſich die Mühe nehmen, hinaufzugehen.“ „Gehorchen wir,“ ſprach die Königin;„der Haus⸗ geiſt ſcheint mir nicht zu böswillig zu ſein.“ Und ſie ſtieg hinauf. Der Prinz ging ihr voran. Man hörte die Tritte von Keinem von ihnen, auf 6 124 den Aubuſſon⸗Teppichen, mit denen die Treppe ge⸗ mückt war. 7 erſten Stocke angelangt, ließ der Prinz ein zweites Glöckchen ertönen, bei deſſen Geräuſch die Kö⸗ nigin und Fräulein von Taverney, da ſie nicht darauf aufmerkſa acht worden waren, abermals bebten. Doch ihr Erſtaunen verdoppelte ſich, als ſie die Thüren dieſes es ſich allein öffnen ſahen. „In der That, Andrée,“ ſagte die Königin,„ich fange an zu zittern; und Sie?“ „Ich, Madame, ſo lange Eure Majeſtät vorangeht, werde ich mit Vertrau „Meine Schweſter, n das, was hier vorgeht,“ ſagte der junge Prinz:„Die Thüre Ihnen gegenüber iſt die Ihrer Wohnung. Sehen Sie? und er bezeichnete der Königin ein reizendes Plätzchen, deſſen Beſchreibung wir nicht unterlaſſen dürfen. Ein kleines Vorzimmer Roſenholz mit zwei Etagéèren von Boule, Plafond von Bouchen, Fußboden von Roſenholz ging in ein Boudoir don weißem Kaſche⸗ mir, geſtickt mit Blumen, aus der Hand gearbeitet von den geſchickteſten Stickerinnen. Die Ausſtattung dieſes Zimmers w ſerie mit kleinem Seidenſtich mit jener Kjinſt nuancirt, welche aus einer Gobelins⸗Tapete in jener Zeit ein Meiſterſtück machte. Nach dem Boudoir ein ſchönes, blaues Schlafzim⸗ 8 mer mit Spitzen und Seide von Tours geſchmuͤckt, ein 8 koſtbares Bett in einem dunklen Alkoven, ein blenden⸗ des Feuer in einem Kamin von weißem Marmor, zwölf wohlriechende Kerzen, die auf Candelabern von Clodion brannten, ein Windſchirm von laſurblauem Lack mit ſeinen goldenen Verzierungen in chineſiſchem Styl, dieß waren die Wunder, welche vor den Angen der Damen erſchienen, als ſie ſchüchtern in dieſen eleganten WMiutal eintraten. —— — 8—— —— A ——-——— 2— AK 125 Kein lebendes Weſen zeigte ſich, überall Wärme, Licht, ohne daß man in irgend einer Hinſicht die Ur⸗ ſachen von ſo vielen glücklichen Wirkungen errathen onnte. Die Königin, welche ſchon mit einer gewiſſen Zu⸗ rückhaltung in das Boudoir eingetreten war, blieb einen Augenblick auf der Schwelle des Schlafzimmers. Der Prinz entſchuldigte ſich auf eine ganz artige Weiſe über die Nothwendigkeit, die ihn antreibe, ſeine Schweſter in ein ihrer unwürdiges Vertrauen zu ziehen. Die Königin antwortete durch ein Halblächeln, das viel mehr Dinge ausdrückte, als alle Worte, die ſie hätte ausſprechen können. „Meine Schweſter,“ fügte der Graf d'Artois bei, „Sie ſehen hier meine Junggeſellenwohnung; ich komme allein herein, und zwar immer allein.“ „Beinahe immer,“ ſagte Marie Antoinette. „Nein, immer.“ „Ah!“ ſagte die Königin. „Ueberdieß,“ fuhr er fort,„überdieß finden ſich in dieſem Boudoir ein Sopha und eine Bergére, worauf ich ſehr oft, wenn mich die Nacht auf der Jagd über⸗ raſchte, ſo gut als in meinem Bett geſchlafen habe.“ „Ich begreife, daß die Frau Gräfin d'Artois zu⸗ weilen unruhig iſt,“ ſagte die Königin. „Allerdings, doch geſtehen Sie, meine Schweſter, daß die Frau Gräfin, wenn ſie über mich unruhig iſt, heute Nacht ſehr Unrecht haben wird.“ „Heute Nacht, ich leugne es nicht, doch die ande⸗ ren Nächte...“ „Meine Schweſter, wer einmal Unrecht hat, hat immer Unrecht.“ „ Faſſen wir uns kurz,“ ſagte die Königin, wäh⸗ rend ſie ſich auf ein Fauteuil ſetzte. Ich bin furchtbar müde, und Sie, meine arme Andrée?“ „Ohl! ich, ich unterliege der Müdigkeit, und wenn Eure Majeſtät mir erlaubt...“ 126 „Sie erbleichen in der That, mein Fräulein,“ rief der Graf d'Artois. „Thun Sie es, meine Liebe,“ ſprach die Königin, „ſetzen Sie ſich, legen Sie ſich ſogar nieder, der Herr Graſeh Arigis tritt uns dieſe Wohnung ab, nicht wahr, rar 2“ „Als volles Eigenthum, Madame.“ „Einen Augenblick, Graf, ein letztes Wort.“ „Nun?“ „Wenn Sie weggehen, wie ſollen wir Sie zurück⸗ rufen?“ „Sie bedürfen meiner nicht; einmal hier einquar⸗ tirt, verfügen Sie über das ganze Haus.“ „Es hat alſo noch andere Zimmer als dieſes?“ „Allerdings; es hat vor Allem ein Speiſezimmer, das ich Sie zu beſuchen einlade.“ 3„Ohne Zweifel mit einer vollkommen beſtellten Tafel?“ „Ei! gewiß, worauf Fräulein von Taverney, die mir deſſen ſehr zu bedürfen ſcheint, eine Kraftbrühe, ein Hühnerflügelchen und einen Fingerhut voll Xeres finden wird, und wo Sie, meine Schweſter, verſchie⸗ dene Sorten von den gekochten Früchten finden, die Sie ſo ſehr lieben.“ „Und dieß Alles ohne Bedienten?“ „Ohne den geringſten.“ „Wir werden ſehen. Doch hernach.“ „Hernach?“ „Ja, um in das Schloß zurückzukehren.“— „Sie dürfen gar nicht daran denken, in der Nacht zurückzukehren, da der Befehl gegeben iſt. Doch der für die Nacht gegebene Befehl fällt mit dem Eintritt des Tages; um ſechs Uhr öffnen ſich die Thore. Gehen Sie um drei Viertel auf ſechs Uhr von hier weg. Sie finden in den Schränken Mäntel von allen Farben und Formen, wenn Sie ſich verkleiden wollen; gehen Sie ins Schloß hinein, wie ich Ihnen ſage, begeben Sie ð᷑*E 127 ſich in Ihr Gemach, legen Sie ſich zu Bette und be⸗ kümmern Sie ſich nicht um das Uebrige.“ Schweſter.“ „Aber Sie müſſen doch ein Lager haben, und wir berauben Sie des Ihrigen.“ „Ohl es bleiben mir noch drei dieſem ähnliche.“ Die Königin lachte. „Und er agt, die Frau Gräfin Artois habe Un⸗ recht, wenn ſie ſich beunruhige; ich werde ſie in Kennt⸗ niß ſetzen,“ ſprach ſie mit einer reizenden Geberde der Drohung. „Dann werde ich dem König Alles ſagen,“ verſetzte der Prinz in demſelben Tone. „Er hat Recht, wir ſind von ihm abhängig.“ „Ganz und gar: das iſt demüthigend: doch was kann man machen?“ „Sich unterwerfen. Sie ſagen alſo, um morgen früh wegzugehen, um Niemand zu begegnen?“ „Einmal läuten an der Säule unten.“ „An welcher? an der rechts oder an der links?“ „Gleichviel.“ „Die Thüre wird ſich öffnen?“ „Und wieder ſchließen.“ „Ganz allein?“ „Ganz allein.“ „Ich danke. Guten Abend, mein Bruder.“ „Guten Abend, meine Schweſter.“ Der Prinz verbeugte ſich. Andrée ſchloß die Thüre hinter ihm und er verſchwand. 128 VII. Der Alkoven der Königin. Am andern Tag, oder vielmehr an demſelben Mor⸗ gen, denn unſer letztes Kapitel endigte Nachts um zwei Ühr, an demſelben Morgen, ſagen wir, klopfte Lud⸗ wig XVI. in kleinem, veilchenblauem Kleid, ohne Orden und ohne Puder, kurz ſo, wie er aus dem Bette ge⸗ kommen, an die Thüren des Vorzimmers der Königin. Eine Frau vom Dienſt öffnete dieſe Thüre ein wenig und ſagte, als ſie den König erkannte: „Sire... „Die Koͤnigin?“ fragte der König mit barſchem Ton. „Ihre Majeſtät ſchläft, Sire.“ 3 Der König machte eine Geberde, als wollte er die Frau entfernen. Doch dieſe wich nicht von der Stelle. „Nun!“ ſagte der König,„wollen Sie ſich wohl rühren? Sie ſehen, daß ich hinein will.“ Der König hatte in gewiſſen Augenblicken eine Raſchheit der Bewegung, die ſeine Feinde Brutalität nannten. „Die Königin ſchläft,“ entgegnete ſchüchtern die Frau vom Dienſt. 1 „Ich habe Ihnen geſagt, daß Sie mir Platz machen ſollen,“ erwiederte der König. 3 Und bei dieſen Worten ſchob er wirklich die Frau auf die Seite und ging vorbei. Als er vor die Thüre des Schlafzimmers kam, ſah er Frau von Miſery, die erſte Kammerfrau der Köni⸗ gin, welche die Meſſe in ihrem Gebetbuche las. bl Dleſe Dame ſtand auf, ſobald ſie den König er⸗ ickte. „Sire,“ ſprach ſie mit leiſer Stimme und unter tieſ Verneigung,„Ihre Majeſtät hat noch nicht ge⸗ rufen.“ 129 „Ahl wahrhaftig!“ verſetzte der König mit einer ſpöttiſchen Miene. „Sire, es iſt, glaube ich, kaum halb ſieben Uhr, und Ihre Majeſtät läutet nie vor ſieben Uhr.“ „Und Sie wiſſen beſtimmt, daß die Königin in ihrem Bette iſt? Sie wiſſen beſtimmt, daß ſie ſchläft?“ „Ich möchte nicht behaupten, daß Ihre Majeſtät ſchläft; aber ich weiß beſtimmt, daß ſie in ihrem Bette iſt.“ „Sie iſt dort?“ „Ja, Sire.“ Der König konnte ſich nicht mehr länger bewälti⸗ gen. Er ging gerade auf die Thüre zu und drehte den vergoldeten Knopf mit einer geräuſchvollen Haſt. Das Zimmer der Königin war dunkel, wie mitten in der Nacht; Läden und Vorhänge erhielten darin, hermetiſch geſchloſſen, die dichteſte Finſterniß. Eine in der entfernteſten Ecke des Zimmers auf einem Tiſchchen brennende Nachtlampe ließ den Alkoven der Königin völlig in Schatten getaucht und die unge⸗ heuren weißen ſeidenen Vorhänge mit goldenen Lilien hingen in wogenden Falten auf das ungeordnete Bett erab. Der König ging mit raſchen Schritten auf das Bett zu. „Ohl Frau von Miſery,“ rief die Königin,„wel⸗ chen Lärmen machen Sie... Sie haben mich nun aufgeweckt.“ Der König blieb erſtaunt ſtehen und murmelte: „Es iſt nicht Frau von Miſery.“ „Ah! Sie ſind es, Sire,“ verſetzte die Königin, indem ſie ſich erhob. „Guten Morgen, Madame,“ ſprach der König mit ſauerſüßem Tone. „Was für ein guter Wind führt Sie hierher, Sire?“ fragte die Königin.„Frau von Miſery! Frau von Miſery, öffnen Sie doch die Fenſter.“ Das Halsband der Koͤnigin. 9 130 Die Frauen traten ein und öffneten nach der Ge⸗ wohnheit, die ihnen Marie Antoinette beigebracht hatte, ſogleich Thüren und Fenſter, um die friſche Luft ein⸗ zulaſſen, welche die Königin beim Erwachen voll Wonne einſchlürfte. 1 „Sie ſchlafen mit gutem Appetit,“ ſagte der König, nachdem er ſeinen forſchenden Blick überall hatte umher⸗ laufen laſſen. „Ja, Sire, ich habe lange geleſen, und würde folglich, wenn mich Eure Majeſtät nicht geweckt hätte, noch ſchlafen.“ „Woher kommt es, daß Sie geſtern nicht empfan⸗ gen haben, Madame?“ „Empfangen, wen? Ihren Bruder, Herrn von Provence!“ verſetzte die Königin mit einer Geiſtesgegen⸗ wart, die dem Argwohn des Königs entgegentrat. „Ganz richtig, meinen Bruder; er wollte Sie be⸗ grüßen, und man hat ihn nicht eingelaſſen.“ „Nun 7 „Man ſagte ihm, Sie ſeien abweſend.“ „Hat man ihm das geſagt?“ fragte nachläſſig die Königin.„Frau von Miſery! Frau von Miſery!“ Frau von Miſery erſchien an der Thüre; ſie hielt auf einer goldenen Platte eine Anzahl an die Königin adreſſirte Briefe. 3 „Ihre Majeſtät ruft mich?“ fragte Frau von Miſery. „Ja. Hat man geſtern Herrn von Provence geſagt, ich ſei vom Schloſſe abweſend?“ Um nicht vor dem König vorüberzugehen, drehte ſich Frau von Miſery um dieſen und reichte der Kö⸗ nigin die Platte mit den Briefen. Sie hielt unter ihrem Finger einen von dieſen Briefen, deſſen Hand⸗ ſchrift die Königin erkannte. „Antworten Sie dem König, Frau von Miſery,“ fuhr Marie Antoinette mit derſelhen Nachläſſigkeit fort,„ſagen Sie Seiner Majeſtät, was man geſtern Herrn von Provence erwiedert hat, als er vor meiner 131 Thüre erſchien; ich meinerſeits erinnere mich deſſen nicht mehr.“ „Sire,“ ſagte Frau von Miſery, während die Kö⸗ nigin den Brief entſtegelte,„Monſeigneur der Graf von Provence kam geſtern, um Ihrer Majeſtät ſeinen Reſpect zu bezeigen, und ich antwortete ihm, Ihre Majeſtät empfange nicht.“ „Auf weſſen Befehl?“ „Auf Befehl der Königin.“ „„Ah!“ machte der König. Während dieſer Zeit hatte die Königin den Brief entſiegelt und folgende Zeilen geleſen: „Sie ſind geſtern von Paris zurückgekommen und um acht Uhr Abends in das Schloß eingetreten, Laurent hat Sie geſehen.“ Mit derſelben gleichgültigen Miene entſiegelte die Königin ſodann ein halbes Dutzend Billets, Briefe und Bittſchriften, welche unter ihren Eiderdunen lagen. „Nun?“ fragte ſie zum König aufſchauend, „Ich danke, Madame,“ ſagte dieſer zu der erſten Kam merfrau. Frau von Miſery entfernte ſich. 1 „Verzeihen Sie, Sire,“ ſprach die Königin,„ge⸗ ben Sie mir über einen Punkt Aufflärung.“ „Ueber welchen?“ „Steht es mir frei oder nicht frei, Herrn von Pro⸗ vence zu ſehen?“ „Ohl vollkommen frei, Madame, aber...“ „Was wollen Sie, ſein Geiſt ermüdet mich; überdieß liebt er mich nicht; es iſt wahr, ich gebe es ihm zurück. Ich erwartete ſeinen verdrießlichen Beſuch und legte mich um acht Uhr in's Bett, um dieſen Be⸗ ſuch nicht zu empfangen. Was haben Sie denn, Sire?“ „Nichts, nichts.“ „Man ſollte glauben, Sie zweifeln.“ „Aber..“ „Was, aber?“ „Aber ich glaubte Sie geſtern in Parig. 132 „Um wie viel Uhr?“ „In den Stunden, wo Sie zu Bette gegangen zu ſein behaupten.“. „Allerdings, ich bin nach Paris gefahren. Kommt man etwa nicht von Paris zurück?“ „Doch. Es hängt Alles von der Stunde ab, zu der man zurückkommt.“ „Ah, ah! Sie wollen genau die Stunde wiſſen, zu der ich von Paris zurückgekommen bin?“ „Ja.. „Das iſt ganz leicht, Sire!“ Die Königin rief: „Frau von Miſery?“ Die Kammerfrau erſchien wieder. „Wie viel Uhr war es, als ich geſtern von Paris zurückkam, Frau von Miſery?“ fragte die Königin. „Ungefähr acht Uhr, Eure Majfeſtät.“ , Ich glaube nicht,“ verſetzte der König,„Sie ziſen ſich täuſchen, Frau von Miſery, erkundigen ie ſich.“ Die Kammerfrau drehte ſich ſteif und unempfind⸗ lich nach der Thüre um und ſagte: „Madame Duval!“ „Madame!“ erwiederte eine Stimme. „Um wie viel Uhr iſt Ihre Majeſtät geſtern Abend von Paris zurückgekehrt?“ „Es mochte acht Uhr ſein,“ antwortete die zweite Kammerfrau. 4„Sie müſſen ſich täuſchen, Madame Duval,“ ſagte Frau von Miſery. 3 Madame Duval neigte ſich aus dem Fenſter des Vorzimmers und rief: „Laurent.“ „Wer iſt das, Laurent?“ fragte der König. „Der Concierge des Thores, durch das Ihre Ma⸗ jeſtät geſtern zuruͤckgekommen iſt,“ antwortete Frau von Miſexry. „Laurent,“ rief Madame Duval,„um welche 133 Stunde iſt Ihre Majeſtät geſtern Abend nach Hauſe gekommen?“ „Gegen acht Uhr,“ erwiederte der Concierge unten von der Terraſſe... Der König ließ den Kopf ſinken. Frau von Miſery entließ Madame Duval, die ſo⸗ dann Laurent entließ. Die beiden Gatten blieben allein. Ludwig XVI. ſchämte ſich und ſtrengte ſich gewaltig an, dieſe Scham zu verbergen. Aber ſtatt über den Sieg zu frohlocken, den ſie davon getragen, ſagte die Königin mit kaltem Ton zu Ludwig:— „Nun, Sire, was wünſchen Sie noch zu wiſſen?“ „Oh! nichts,“ rief der König, ſeiner Frau die Hände drückend,„nichts.“ „Aber.... .„Verzeihen Sie, Madame, ich weiß nicht recht, was mir durch den Kopf gegangen iſt. Sehen Sie meine Freude, ſie iſt ſo groß als meine Reue. Nicht wahr, Sie ſind mir nicht böſe? Schmollen Sie nicht, bei meinem Wort, ich wäre in Verzweiflung.“ Die Königin zog ihre Hand aus der des Königs zurück.. „Nun! was machen Sie, Madame?“ fragte der König. 3 „Sire,“ erwiederte Marie Antoinette,„eine Königin von Frankreich lügt nicht.“ „Nun?“ fragte der König erſtaunt. „Damit will ich ſagen, daß ich nicht geſtern Abend um acht Uhr zurückgekommen bin.“ Der König wich erſtaunt zurück. „Damit will ich ſagen, daß ich erſt dieſen Morgen um ſechs Uhr nach Hauſe gekommen bin,“ fuhr die die Königin mit derſelben Kaltblütigkeit fort. „Madame!“ .„Und daß ich ohne den Herrn Grafen d'Artois, der mir ein Aſyl angeboten und mich in ein ihm ge⸗ 134 höriges Haus einquartirt hat, wie eine Bettlerin vor der Thüre geblieben wäre.“ „Ah! Sie waren nicht nach Hauſe gekommen,“ ſagte der König mit düſterer Miene,„ich hatte alſo Recht?“ „Sire, ich bitte um Verzeihung, Sie ziehen aus dem, was ich geſagt habe, den Schluß eines Arithme⸗ tikers, aber nicht den Schluß eines galanten Mannes.“ „Inwiefern, Madame?“ „Inſofern, daß Sie, um ſich zu verſichern, ob ich früh oder ſpät nach Hauſe gekommen, nicht nöthig hatten, Befehle zu geben, ſondern nur mich aufſuchen und fragen durften:„Um welche Stunde ſind Sie zu⸗ rückgekommen, Madame?““ „Ah!“ machte der König. „Es iſt Ihnen nicht mehr erlaubt, zu zweifeln; Ihre Spione waren getäuſcht, oder beſtochen, Ihre Thore foreirt oder geöffnet, Ihre Beſorgniſſe waren bekämpft worden, Ihren Verdacht hatte man zerſtreut; ich ſah, daß Sie ſich ſchämten, daß Sie Gewalt gegen eine Frau, die in ihrem Recht, gebraucht hatten. Ich konnte fortfahren, mich an meinem Siege zu weiden. Aber ich finde Ihr Benehmen ſchmäͤhlich für einen König, unanſtändig für einen Edelmann, und will mir die Befriedigung, Ihnen das zu bemerken, nicht ver⸗ agen.“ ſ Der König ſtaubte ſein Jabot ab, wie ein Menſch, der auf eine Erwiederung ſinnt. „Oh! Sie mögen machen, was Sie wollen, mein Herr, es wird Ihnen nicht gelingen, Ihr Benehmen gegen mich zu entſchuldigen.“ 1 „Im Gegentheil, es wird mir leicht gelingen,“ verſetzte der König.„Vermuthete zufällig irgend Je⸗ mand im Schloß, Sie wären nicht nach Hauſe ge⸗ kommen? Nun wohl, wenn Jedermann wußte, Sie ſeien zurückgekehrt, ſo konnte Niemand glauben, mein Beſehl, die Thore zu ſchließen, ſei gegen Sie gerichtet. Ob man ihn den Ausſchweifungen des Herrn Gr . -— xuXN— 135 d'Arkois oder irgend eines Andern zugeſchrieben, darum bekümmere ich mich, wie Sie begreiſen, nicht.“ „Weiter, Sire!“ 3 „Ich faſſe mich kurz und ſage, wenn ich den Schein gegen Sie gerettet, Madame, habe ich Recht, und Sie haben Unrecht, Sie, die Sie nicht ſo viel für mich gethan, und wenn ich Ihnen ganz einfach eine geheime Lection geben wollte, wenn Ihnen die Lection frommt, was ich nach der Gereiztheit, die Sie gegen mich kund geben, glaube, nun, ſo habe ich abermals Recht, und ich nehme nichts von dem zurück, was ich gethan.“ Die Königin hatte die Antwort ihres erhabenen Gemahls, allmälig ſich beruhigend, angehört; nicht als wäre ſie minder aufgebracht geweſen, aber ſie wollte alle ihre Kräfte für den Kampf bewahren, der ihrer Meinung nach, ſtatt beendigt zu ſein, kaum anfing. „Sehr gut!“ ſagte ſte.„Sie entſchuldigen ſich alſo nicht, daß Sie vor der Thüre ihres Hauſes, wie Sie es der Erſten der Beſten gethan hätten, die Toch⸗ ter von Maria Thereſia, Ihre Frau, die Mutter Ihrer Kinder, haben verſchmachten laſſen. Nein, das iſt Ihrer Anſicht nach ein ganz königlicher Scherz voll attiſchen Salzes, deſſen Moral ſeinen Werth verdoppelt. In Ihren Augen iſt es alſo nur eine ganz natürliche Sache, die Königin von Frankreich gezwungen zu haben, die Nacht in dem kleinen Hauſe zuzubringen, wo der Graf d'Artois die Demoiſellen von der Oper und die galanten Frauen Ihres Hofes empfängt? Oh! das iſt nichts, nein, ein König ſchwebt über allen die⸗ ſen Erbärmlichkeiten, beſonders ein philoſophiſcher König. Und Sie ſind Philoſoph, Sire! Bemerken Sie wohl, daß Herr d'Artois hiebei die ſchöne Rolle geſpielt hat. Bemerken Sie, daß er mir einen ausge⸗ eichneten Dienſt geleiſtet. Bemerken Sie wohl, daß ich dießmal dem Himmel zu danken gehabt habe, daß mein Schwager ein ausſchweifender Menſch iſt, da ſeine Ausſchweifung meiner Schmach zum Deckmantel hedient hat, da ſeine Laſter meine Ehre geſchützt haben.“ 1 136 Der König erröthete und bewegte ſich geräuſchvoll auf ſeinem Stuhle hin und her. „Oh!“ fuhr die Königin mit einem bitteren Lächeln fort,„ich weiß wohl, daß Sie ein moraliſcher König ſind, Sire. Aber haben Sie bedacht, auf welches Re⸗ ſultat Ihre Moral hinausläuft? Niemand hat erfah⸗ ren, daß ich nicht zurückgekehrt, ſagen Sie? Und Sie ſelbſt haben mich hier geglaubt! Werden Sie ſagen, Herr von Provence, Ihr Anſtifter, er habe es geglaubt? Werden Sie ſagen, meine Frauen, die Sie dieſen Morgen auf meinen Befehl belogen, haben es geglaubt? Werden Sie ſagen, Laurent, vom Grafen d'Artois und mir erkauft, habe es geglaubt? Ah! der König hat immer Recht, doch die Königin kann auch Recht haben. Nehmen wir dieſe Gewohnheit an, wol⸗ len Sie? Sie, daß Sie mir Spione und Schweizer Wachen zuſchicken, und ich, daß ich Ihre Schweizer und Ihre Spione beſteche, und ich ſage Ihnen, ehe ein Monat vergeht, denn Sie kennen mich und wiſſen, daß ich nicht an mich halten werde, nun wohl! die Maje⸗ ſtät des Thrones und die Würde der Ehe, wir addiren das Alles eines Morgens, wie zum Beiſpiel heute, zu⸗ ſammen, und werden ſehen, was uns Beide dieß koſtet.“ Dieſe Worte hatten offenbar eine große Wirkung auf denjenigen hervorgebracht, an den ſie gerichtet waren. „Sie wiſſen,“ ſprach der König mit bebender Stimme,„Sie wiſſen, daß ich aufrichtig bin, und daß ich mein Unrecht ſtets geſtehe. Wollen Sie mir be⸗ weiſen, daß Sie Recht haben, wenn Sie von Verſailles im Schlitten mit Ihren angehörigen Cavalieren weg⸗ fahren? Eine tolle Truppe, die Sie unter den meiſten Umſtänden, unter den wir leben, gefährdet? Wollen Sie mir beweiſen, daß Sie Recht haben, wenn Sie mit ihnen in Paris verſchwinden, wie Masken auf einem Ball, und erſt in der Nacht, ärgerlich ſpät, wieder erſcheinen, während ſich meine Lampe bei der Arbeit verzehrt und alle Welt ſchläft. Sie ſprechen 137 von der Würde der Ehe, von der Majeſtät des Thro⸗ nes und Ihren Eigenſchaften als Mutter? Iſt das, was Sie gethan haben, einer Gattin, einer Königin, einer Mutter angemeſſen?“ „Ich erwiedere Ihnen hierauf zwei Worte, und ich ſage zum Voraus, ich werde ihnen noch verächt⸗ licher antworten, als ich es bis jetzt gethan habe, denn mir ſcheint in der That, daß gewiſſe Theile Ihrer An⸗ klage nur meine Verachtung verdienen. „Ich habe Verſailles im Schlitten verlaſſen, um ſchneller nach Paris zu kommen; ich bin mit Fraͤulein von Taverney weggefahren, deren Ruf, Gott ſei Dank! einer der reinſten des Hofes iſt, und habe mich nach Paris begeben, um durch mich ſelbſt zu bewahrheiten, daß der König von Frankreich, dieſer Vater der großen Familie, dieſer philoſophiſche König, dieſe moraliſche Stütze aller Gewiſſen, er, der die fremden Armen er⸗ nährt, die Bettler erwärmt und die Liebe des Volkes durch ſeine Wohlthätigfeit verdient hat, ich wollte be⸗ wahrheiten, ſage ich, daß der König Jemand von ſeiner Familie, der ſo viel als der König, einen Abkömmling⸗ von einem der Könige, welche Frankreich regiert, Hun⸗ gers ſterben, in der Vergeſſenheit verfaulen, allen An⸗ griffen des Laſters und der Dürftigkeit ausgeſetzt ließ.“ „Ich!“ verſetzte der König erſtaunt. „Ich ſtieg in eine Art von Speicher hinauf,“ fuhr die Königin fort,„und ſah ohne Feuer, ohne Licht, ohne Geld die Enkelin eines großen Fürſten; ich gab dieſem Opfer der Vergeſſenheit, der königlichen Gleich⸗ gültigkeit hundert Louisd'or. Und da ich mich, über die Nichtigkeit unſerer Größen nachdenkend, verſpätete, „ g. denn auch ich bin zuweilen Philoſoph, da es hart ge⸗ froren war und die Pferde auf dem Eiſe ſchlecht gehen, beſonders die Fiacre⸗Pferde...“ ſerüihicht ze „Die Fiacre⸗Pferde!“ rief der König.„Sie ſind im Fiacre zurückgekommen?“ „Ja, Sire, in Nro. 167.“ „Hol ho!“ murmelte der König, indem er ſein gerades rechtes, über das linke gekreuzte Bein ſchaukelte, was bei ihm das Sympton einer lebhaften Ungeduld war;„ein Fiacre!“ „Ja, und ich war noch zu glücklich, daß ich dieſen Fiacre fand,“ erwiederte die Königin. „Madame,“ unterbrach ſie der König,„Sie haben wohl gethan; Sie haben ſtets edle Eingebungen, die ſich vielleicht nur zu leicht erſchließen; daran aber iſt die Wärme des Edelmuths Schuld, durch die Sie ſich auszeichnen.“— „Ich danke, Sire,“ erwiederte die Königin mit ſpöttiſchem Ton. „Bedenken Sie wohl,“ ſuhr der König fort,„daß ich Sie nicht im Verdacht von etwas gehabt habe, was nicht vollkommen gerade und ehrlich geweſen wäre; der Schritt allein und das abenteuerliche Aus⸗ ſehen der Königin haben mir nicht gefallen; Sie haben das Gute gethan wie immer, doch indem Sie Andern Gutes erwieſen, haben Sie Mittel gefunden, Ihnen ſelbſt Schlimmes zuzufügen. Das iſt, was ich Ihnen zum Vorwurf mache. Nun habe ich eine Vergeßlichkeit Swieder gut zu machen, ich habe über dem Geſchick einer Familie von Königen zu wachen. Ich bin bereit: nennen * Sie mir dieſe Mißgeſchicke, und meine Wohlthaten werden nicht auf ſich warten laſſen.“ „Der Name Valois, Sire, iſt, denke ich, berühmt genug, daß er Ihrem Gedächtniß gegenwärtig ſein muß.“ G ghl“ rief Ludwig mit einem ſchallenden Geläch⸗ een B (Y ter,„ich weiß nun, was Sie beſchäftigt. Die kleine ase nicht wahr, eine Gräfin von... Warten Sie doch...“ X.„Von La Mothe.“ 1, „Von La Mothe, ganz richtig, ihr Mann iſt Gendarme?“ „Ja, Sire.“ 8 „Und die Frau iſt eine Intrigante. Oh! ärgern Sie ſich nicht; ſie ſetzt Himmel und Erde in Be⸗ wegung, ſie überläuft die Miniſter, ſie quält meing 139— Tanten, ſie erdrückt mich ſelbſt mit Eingaben, mit Bittſchriften, mit genealogiſchen Beweisführungen.“ „Ei! Sire, daraus geht nur hervor, daß ſie bis jetzt vergebens reclamirt hat.“ „Ich läugne es nicht.“ „Iſt ſie eine Valois oder iſt ſie keine?“ „Ich glaube wohl, daß ſie eine iſt.“ „Nun denn! eine Penſion, eine anſtändige Pen⸗ ſion für ſie, ein Regiment für ihren Mann, kurz, einen entſprechenden Hausſtand für Sprößlinge von könig⸗ lichem Stamm.“ „Ohl ſachte, Madame, ſachte! Teufel! wie raſch gehen Sie zu Werke. Die kleine Valois wird mir immerhin genug Federn ausrupfen, ohne daß Sie be⸗ müht ſind, ihr beizuſtehen. Sie hat ihren Schnabel, die kleine Valois.“ „Ohl ich befürchte nichts für Sie, Ihre Federn halten feſt.“ „Eine anſtändige Penſion, da danke ich! Wiſſen Sie, wie furchtbar ſie dieſen Winter meiner Caſſette zur Ader gelaſſen hat? Ein Regiment dieſem Gendar⸗ men, der die Speculation gemacht, eine Valois zu heirathen? Ich habe kein Regiment mehr zu vergeben, Madame, nicht einmal an diejenigen, welche es bezah⸗/ len oder verdienen. Einen Hausſtand würdig der Kö⸗ nige, von denen ſie abſtammen, dieſen Bettlern! Gehen Sie doch! während wir anderen Könige nicht einmal mehr einen reicher Privatleute würdigen Hausſtand haben! Der Herr Herzog von Orleans hat ſeine Pferde, und ſeine Maulthiere nach England geſchickt, um ſie verkaufen zu laſſen, und zwei Drittel ſeines Haushalts aufgehoben. Ich habe mein Wolſfszeug aufgegeben. Herr von Saint⸗Germain hat auch meine Haustruppen verabſchieden laſſen. Wir leben Alle, Große und Kleine, von Entbehrungen, meine Liebe.“ 3 „ Aber, Sire, Valois können nicht Hungers ſterben.“,. „Sagten Sie mir nicht, Sie haben hundert Louisd'or 140 „Ein ſchönes Almoſen!“ „Es iſt königlich.“ „Geben Sie eben ſo viel.“ „Ich/ werde mich wohl hüten. Was Sie gegeben, iſt genug für uns Beide.“ „Eins kleine Penſion alſo.“ „Keinèswegs, nichts Fires; dieſe Leute werden ihnen genu für ſich ſelbſt auspreſſen: ſie gehören zu der Familie Nagethiere. Habe ich Luſt zu geben, nun, ſo werde ich geben ohne Vorgänge, ohne Ver⸗ pflichtungen für die Zukunft. Mit einem Wort, ich werde geben, wenn ich zu viel Geld habe. Die kleine Valois, doch wahrlich, ich kann Ihnen nicht Alles er⸗ zählen, was ich von ihr weiß. Ihr gutes Herz hat ſich in der Falle fanggen laſſen, meine liebe Antoinette. Ich bitte Ihr gutes Herz um Vergebung.“ Indem er ſſo ſprach, reichte Ludwig ſeine Hand der Königin, die ſie, einer innern Bewegung nach⸗ gebend, ihren Lippen näherte. 8 Doch plötzlich ſtieß ſie ſeine Hand wieder zurück und rief: „Sie ſind/ nicht gut gegen mich. Ich grolle Ihnen.“ „Sie gryllen mir, Sie! Nun wohl! ich... ich..“ 3„Ohl ja, ſagen Sie mir, Sie ſeien mir nicht böſe, Sie, der Sie mir die Thore von Verſailles verſchließen laſſen; Sie, der Sie um halb ſieben Uhr Morgens in mein Vorzimmer kommen, der Sie meine Thüre mit Gewalt öffnen und mit wüthenden Augen bei mir eintreten.“ Der König lachte. „Nein,“ ſagte er,„ich grolle Ihnen nicht.“ „Sie grollen mir nicht, gut.“ „Was geben Sie mir, wenn ich Ihnen beweiſe, daß ich Ihnen nicht einmal grollte, als ich hierher kam.“ „Zuerſt will ich den Beweis von dem haben, was Sie ſagen.“* DOhl das iſt leicht,“ erwiederte der König,„ich habe den Beweis in der Taſche.“ 141 „Bah!“ rief die Königin neugierig, indem ſie ſich aufſetzte,„Sie haben mir etwas zu geben? Oh! dann ſind Sie wirklich ſehr liebenswürdig; doch verſtehen Sie wohl, ich glaube Ihnen nicht, wenn Sie den Be⸗ weis nicht ſogleich vorlegen. Oh! keine Ausflüchte. Ich wette, daß Sie abermals verſprechen wollen.“ Mit einem Lächeln voll Güte ſteckte der König nun ſeine Hand in ſeine Taſche, wobei er mit der Langſamkeit zu Werke ging, die das Kind für ſein Spielzeug, das Thier für ſeine Leckerbiſſen, die Frau für ihr Geſchenk vor Ungeduld zittern macht. Dann zog er aus ſeiner Taſche ein rothes, künſtlich bemodel⸗ tes und vergoldetes Etui von Maroquin. ſeh„Ein Etui!“ rief die Königin,„oh! laſſen Sie ehen.“ Der König legte das Etui auf das Bett⸗ Die Königin ergriff es raſch und zog es an ſich. Kaum hatte ſie das Etui geöffnet, als ſte, berauſcht, geblendet, ausrief: f„Oh! wie ſchön iſt das! mein Gott! wie ſchön iſt das.“ Der König fühlte etwas wie einen Schauer der Freude ſein Herz kitzeln.. „Sie finden?“ ſagte er. Die Koͤnigin war nicht im Stande, zu antworten, ſie keuchte nur. Dann zog ſie aus dem Etui ein Halsband von ſo großen, ſo reinen, ſo leuchtenden, ſo geſchickt zuſam⸗ mengeſtellten Diamanten, daß es ihr vorkam, als ſehe ſte uͤber ihre ſchönen Hände einen Fluß von Phosphor und Fammen laufen. Das Halsband wogte wie die Ringe einer Schlange, von der jede Schuppe ein Blitz geweſen wäre. „Ohl das iſt herrlich,“ ſagte die Königin, als ſie die Sprache endlich wieder fand.„Herrlich,“ wieder⸗ holte ſte mit Augen, die ſich, ſei es nun bei der Be⸗ rührung dieſer glänzenden Diamanten, ſei es, weil ſie 14² dachte, keine Frau der Erde könne ein ſolches Hals⸗ band haben, immer mehr belebten. „Sie ſind alſo zufrieden?“ fragte der König. „Begeiſtert, Sire. Sie machen mich zu glücklich.“ „Wahrhaftig?“ „Sehen Sie doch dieſe erſte Reihe, die Diamanten haben die Groͤße von Haſelnüſſen.“ „In der That.“ „Und zuſammengeſtellt! Man vermöchte ſie nicht von einander zu unterſcheiden. Wie die Stufenfolge der Größen geſchickt geordnet iſt! Wie geiſtreich ſind die Proportionen der Verſchiedenheiten zwiſchen der erſten und zweiten und der zweiten und dritten Reihe! Der Juwelier, der dieſe Diamanten verbunden und dieſes Halsband gemacht hat, iſt ein Künſtler.“ „Es ſind zwei.“ „Dann wette ich, es ſind die Herrn Böhmer und Boſſange.“ „Sie haben es errathen.“ 3 „Wahrlich, nur Sie können es wagen, ſolche Un⸗ ternehmungen zu machen. Wie ſchön iſt das, oh! Sire wie ſchön!“ „Madame,“ verſetzte der König,„nehmen Sie ſich in Acht, Sie bezahlen dieß Halsband viel zu theuer.“ „Oh!“ rief die Königin,„ohl! Sire!“ et Ünd plötzlich verdüſterte ſich, neigte ſich ihre ſchöne irne. Dieſe Veränderung in ihrem Geſicht ging ſo raſch vor ſich und verſchwand dann ſo raſch wieder, daß der König nicht einmal Zeit hatte, ſie zu bemerken. 3„Gönnen Sie mir ein Vergnügen,“ ſagte er. „Welches?* e 2 Dieſes Collier an Ihren Hals zu legen.“) 61 Die Königin hielt ihn zurück. „Nicht wahr,“ ſagte ſie,„es iſt ſehr theuer?“ „Meiner Treue, ja,“ erwiederte der König lachend, „doch, wie geſagt, Sie haben mehr dafür bezahlt, als V V Thränen befeuchtet,„oh, was Sie hier gethan haben, 143 es werth iſt, und es wird erſt an ſeinem Platze, näm⸗ lich an Ihrem Hals, ſeinen wahren Werth erlangen.“ So ſprechend näherte ſich Ludwig der Königin, er hielt in ſeinen Händen die beiden Enden des pracht⸗ vollen Halsbandes, um es mittelſt der Agraffe, die ſelbſt aus einem großen Diamant gemacht war, zu befeſtigen. „Nein, nein,“ ſagte die Königin,„keine Kinderei. Legen Sie dieſes Halsband wieder in ſein Etui, Sire.“ Und ſie ſchüttelte den Kopf. „Sie weigern ſich, mich es zuerſt an Ihnen ſehen zu laſſen.“ „Oh! Gott verhüte, daß ich Ihnen dieſe Freude verſagte, wenn ich es annehme; aber...“ „Aber...“ ſagte der König erſtaunt. „Aber weder Sie, Sire, noch irgend Jemand wird ein Collier von dieſem Preis an meinem Halſe ſehen.“ „Eis werden es nicht tragen, Madame?“ „Nie.“ „Sie ſchlagen es mir ab?“ „Ich weigere mich, mir eine Million, vielleicht anderthalb Millionen an den Hals zu hängen, denn ich ſchätze dieſes Halsband zu fünfzehnmal hunderttau⸗ ſend Livres, iſt es nicht ſo?“ „Ich läugne es nicht,“ erwiederte der König. „Ich weigere mich, an meinen Hals anderthalb Millionen zu hängen, während die Kaſſen des Königs leer ſind, während der König genöthigt iſt, ſeine Un⸗ terſtützungen abzuweiſen, und zu den Armen zu ſagen: Ich habe kein Geld mehr, Gott ſtehe Euch bei!“ „Wie, Sie ſagen das im Ernſte?“ „Sire, Herr von Sartines ſagte mir eines Tags, um fünfzehnmal hunderttauſend Livres könne man ein Linienſchiff haben, und in der That, Sire, der König von Frankreich bedarf mehr eines Linienſchiffs, als die Königin von Frankreich eines Halsbands.“ „Oh!“ rief der König entzückt und die Augen von 144 iſt erhaben... Ich danke, ich danke, Antoinette... Sie ſind eine gute Frau.“ Und um auf eine würdige Weiſe ſeiner herzlichen, bürgerlichen Kundgebung die Krone aufzuſetzen, um⸗ ſchlang er ihren Hals und küßte ſie. 2 „Oh! wie wird man Sie in Frankreich ſegnen, Madame, wenn man das Wort erfährt, das Sie ge⸗ ſprochen haben,“ rief Ludwig. Die Königin ſeufzte. „Es iſt noch Zeit,“ ſagte der König lebhaft.„Ein Seufzer des Bedauerns?“ „Nein, Sire, ein Seufzer der Erleichterung; ſchließen Sie dieſes Etui und geben Sie es dem Ju⸗ welier zurück.“ „Ich hatte ſchon meinen Zahlungstermin beſtimmt, das Geld liegt bereit; ſprechen Sie, was ſoll ich thun? Seien Sie nicht ſo uneigennützig, Madame.“ „Nein, ich habe es mir wohl überlegt. Sire, ich will dieſes Halsband entſchieden nicht haben; doch ich will etwas Anderes.“ „Teufel! meine ſechszehnmal hunderttauſend Livres werden geſchmälert.“ „Sechszehnmal hunderttauſend Livres! Ahl ah! ſo theuer war das?“ „Meiner Treue, Madame, es iſt mir das Wort entfahren, und ich nehme es nicht zurück.“ „Beruhigen Sie ſich, was ich nun von Ihnen er⸗ bitte, wird nicht ſo viel koſten.“ „Was wünſchen Sie?“ laſf„Daß Sie mich noch einmal nach Paris gehen aſſen.“ 3 „Ohl das iſt leicht, und beſonders nicht theuer „Warten Sie, warten Sie. „Teufel!“ „Nach Paris, auf die Place Vendome.“ „Teufel! Teufel!“ „Zu Herrn Mesmer.“. Der König kratzte ſich am Ohr. u 145 Sie werden ſich von einer Prinzeſſin von Geblüt begleiten laſſen. Die Königin dachte nach. „Iſt Ihnen Frau von Lamballe genehm?“ ſagte ſie. „Frau von Lamballe, gut.“ 4 „Abgemacht.“ „Ich unterzeichne.“ „Meinen Dank.“ „Und auf der Stelle,“ ſprach der König,„auf der Stelle werde ich mein Linienſchiff beſtellen, und ich taufe es: Das Halsband der Königin. Sie ſind die Pathin, Madame, dann ſchicke ich es Laperouſe.“ Der König küßte ſeiner Frau die Hand, und ver⸗ ließ ganz freudig das Gemach. VIII. . Das kleine Lever der Königin. Kaum war der König weggegangen, als die Kö⸗ nigin aufſtand und an's Fenſter trat, um die ſcharfe, eiskalte Morgenluft einzuathmen.— Derr Tag kündigte ſich glänzend und voll von jenem Reize an, den der Eintritt des Frühlings gewiſſen Apriltagen verleiht. Auf den Froſt der Nacht folgte die ſanfte Wärme einer ſchon fühlbaren Sonne. Der Wind hatte ſich ſeit dem vorhergehenden Tag von Nord zu Oſt gedreht. Das Halsband der Koͤnigin. 10 Winter, mit dieſem Schon ſah Horizont den g Anderes iſt, a tigkeit. In den Gärten ſchon gebi Unter dem Fro ecliptiſch dem Woh Gittern glitt das mehr Cis. Alles verkündi lings gegen Alles weiſſag Winters. „Wenn w uns, glaube ich, moſphär fügte ſie bei, ling tritt hervo „Eure Maje te die erſte Kammerfrau. „Nun denn, die Königin. „Um welch jeſtät ſtatthaben?“ Blieb er in dieſer Richtun man in der rräulichen Dunſt hervortr ls die vor der Sonne Aeſten und die kleinen Vögel fingen an, ldeten Knoſpen ihre zarten Klaue von denen Dante ſpricht, Lack, ſein ſchwärzliches H kaum geſchmolzenen des Veilchens, dichten, die längliche Knoſpe en Foliolen, lgeruch vorangehen. In den Baumgä es war noch nicht die aufgehäuften ir das Eis benütz e befragend. indem ſie ſi r 2“ ſtät hatte ſchon lange tie auf dem Schweizer machen! denn morgen wäre es v e Stunde ſoll die Toilette Eurer Ma⸗ 146 g, ſo war es mit dem Winter von 1784 vorbei. That am roſenfarbigen eten, der nichts fliehende Feuch⸗ fiel der Rauhreif allmälig von den frei auf die n zu ſetzen. ſt gebeugt, wie jene armen Blüthen, erhob die Aprilblume, der aupt aus dem Schooße des Schnees und unter den Blättern harten, breiten Blättern, ſchoß heimnißvollen Blüthe ihre r dem Erſchließen und furchtbaren der ge die bei ih uf den Statuen, an den nten herab; ch nicht e den dumpfen Kampf des Früh⸗ Wirkungen der Kälte; ſtehende Niederlage des ngen, a Eis in raſchen Diama Waſſer, es war aber au gt nahe bevor een wollen, müſſen wir beeilen,“ rief die Königin die Ath⸗ „Nicht wahr, Frau von Miſery,“ ch umwandte,„denn der Früh⸗ Luſt, eine Par⸗ ⸗Teich zu machen,“ erwiederte die wir werden dieſe Partie noch heute ielleicht zu ſpät,“ ſagte 4 147 „Sogleich; ich werde leicht frühſtücken und dann ausfahren.“ „Sind dieß die einzigen Befehle Eurer Majeſtät?“ „Man erkundige ſich, ob Fräulein von Taverney aufgeſtanden iſt, und ſage ihr, ich wünſche ſie zu ſprechen.“ „Fräulein von Taverney iſt ſchon im Boudoir Eurer Majeſtät,“ erwiederte die Kammerfrau. „Schon?“ fragte die Königin, die beſſer als irgend Jemand wußte, um welche Zeit ſich Andrée niederge⸗ legt hatte. ¹ „Oh! Madame, Sie wartet ſchon über zwanzig Minuten.“ „Führen Sie ſie ein.“ Andrée tratt wirklich ein, als der erſte Schlag von neun Uhr im Marmorhof ertönte. Bereits ſorgfältig angekleidet wie jede Frau des Hofes, die nicht das Recht hatte, ſich bei der Gebie⸗ terin im Negligé zu zeigen, erſchien Fräulein von Taverney lächelnd und beinahe unruhig. Die Königin lächelte auch, was Andrée beruhigte. „Genug, meine gute Miſery,“ ſprach die Königin, „ſchicken Sie mir Leonard und meinen Schneider.“ Sie folgte Frau von Miſery mit den Augen und ſagte, als die Thüre hinter ihr geſchloſſen war: „Nichts, der König war reizend; er hat gelacht und iſt entwaffnet worden.“ 4„Hat er erfahren?“ „Sie begreifen, daß man nicht lügt, wenn man nicht Unrecht hat und Königin von Frankreich iſt.“ „Es iſt wahr, Madame,“ erwiederte Andrée er⸗ röthend. „Und dennoch ſcheint es, meine liebe Andrée, daß wir ein unrecht gehabt haben.“. „in Unrecht, Madame? ohne Zweifel mehr als eines.“ „Wohl möglich; doch das erſte beſteht darin, daß wir Frau von La Mothe beklagten; der König kann 10* 148 ſie nicht leiden; ich geſtehe indeſſen, daß ſie mir ge⸗ fallen hat.“ „Oh! Eure Majeſtät iſt eine zu gute Richterin, das man ſich nicht vor Ihren Sprüchen beugen ollte.“ „Hier iſt Leonard,“ ſagte Madame Miſery, die nun wieder eintrat. Die Königin ſetzte ſich vor ihre Toilette von Ver⸗ meil, und der berühmte Friſeur begann ſeinen Dienſt. Die Königin hatte die ſchönſten Haare der Welt, und ihre Eitelkeit beſtand darin, daß ſie dieſe Haare bewundern ließ. Leonard wußte das, und ſtatt raſch zu Werke zu gehen, wie er es bei jeder Frau gethan hätte, ließ er der Königin die Zeit und das Vergnügen, ſich ſelbſt zu bewundern. An dieſem Tag war Marie Antoinette zufrieden, freudig ſogar; ſie ſtrahlte von Schönheit. Von ihrem Spiegel ging ſie zu Andrée über, der ſie die zärtlich⸗ ſten Blicke zuſandte. „Sie ſind nicht geſchmückt worden,“ ſagte die Kö⸗ nigin,„Sie, die Freie, Stolze, Sie, vor der ſich alle Welt ein wenig fürchtet, weil Sie, wie die göͤttliche Minerva, zu weiſe ſind.“ „Ich, Madame?“ ſtammelte Andrée. „Ja, ja, Sie, die unerbittlich Strenge gegen alle Unbeſonnenen des Hofes. Oh! mein Gott! wie glück⸗ lich preiſe ich Sie, daß Sie noch ein Mädchen, und beſonders, daß Sie ſich glücklich fühlen, dieß zu ſein.“ Andrée erröthete, ſuchte zu lächeln und erwiederte: „Es iſt ein Gelübde, das ich gethan habe.“ lin?“ fragte die Königin. Ich hoffe es.“. Ah!“ rief die Königin,„was fällt mir ein...“ „Was, Eure Majeſtät?“ „Daß Sie, ohne verheirathet zu ſein, doch ſe geſtern einen Herrn haben.“ 3 8 „ 11 „Und das Sie halten werden, meine ſchöne Veſta⸗ Philipp, glaube ich.“ 149 „Einen Herrn, Madame?“ „Ja, Ihren theuren Bruder. Wie heißt er... „Ja, Madame, Philipp.“ „Er iſt angekommen?“ 3 „Seit geſtern, wie Eure Majeſtät mir zu ſagen die Gnade hatte.“ „Und Sie haben ihn noch nicht geſehen? Wie ſelbſtſüchtig bin ich doch! ich entzog Sie ihm geſtern, um Sie nach Paris mitzunehmen. Das iſt in der That unverzeihlich.“ „Oh! Madame,“ erwiederte Andrée lächelnd,„ich verzeihe Ihnen von ganzem Herzen und Philipp auch.“ „Iſt das ſicher?“ „Ich ſtehe dafür.“ „Für Sie?“ „Für mich und für ihn.“ „Wie iſt er?“. „Immer ſchön und gut, Madame.“ „Wie alt iſt er nun?“ 1 „Zweiunddreißig Jahre.“ „Armer Philipp! wiſſen Sie, daß ich ihn nun bald vierzehn Jahre kenne, und daß ich ihn von dieſen vierzehn Jahren neun bis zehn nicht geſehen habe?“ „Will Eure Majeſtät die Gnade haben, ihn zu empfangen, ſo wird er glücklich ſein, Eure Majeſtät zu verſichern, daß die Abweſenheit den Gefühlen ehrfurchts⸗ voller Ergebenheit, die er für die Königin hegt, keine Eintrag gethan hat.“ „Kann ich ihn ſogleich ſehen?“— „In einer Viertelſtunde wird er zu den Füßen Eurer Majeſtät ſein, wenn es Eure Majeſtät erlaubt.“ „Gut gutl ich erlaube es, ich will es ſogar.“ Die Königin vollendete kaum, als ein lebhaftes, raſches, geräuſchvolles Weſen auf den Teppich des An⸗ kleidezimmers ſprang und ein lachendes, ſpöttiſches Geſicht in demſelben Spiegel zeigte, in dem Marie Antoinette dem ihrigen zulächelte. 150 „Mein Bruder d'Artois,“ ſagte die Königin,„Sie haben mir in der That bange gemacht.“ 1 „Einen guten Morgen Eurer Majeſtät,“ erwiederte der junge Prinz,„wie hat Eure Majeſtät die Nacht zugebracht?“ „Sehr ſchlecht; ich danke, mein Bruder.“ „Und den Morgen?“ 2 „Sehr gut.“ „Das iſt die Hauptſache. Ich vermuthete ſo eben, die Prüfung ſei glücklich überſtanden worden, denn ich begegnete dem Koͤnig, der mir köſtlich zulächelte. Das iſt das Vertrauen.“ Die Königin lachte; der Graf d'Artois, der nicht mehr wußte, lachte auch, doch aus einem ganz andern Grund. „ Aber was fällt mir ein!“ ſagte er,„ich Unbeſon⸗ nener! Ich habe Fräulein von Taverney nicht einmal befragt, wie ſie ihre Zeit angewendet.“ Die Königin ſchaute in ihren Spiegel, durch deſſen Reflexe ihr Nichts von dem, was im Zimmer geſchah, entging. Bechnard hatte ſein Werk beendigt, und von ihrem Friſtrmantel von indiſchem Mouſſelin befreit, zog die Königin ihr Morgenkleid an. Die Thüre öffnete ſich. „Ah!“ ſagte Marie Antoinette zum Grafen d'Ar⸗ tois,„wenn Sie ſich bei Andrée nach Etwas erkundigen wollen, hier iſt ſie.“ Andrée trat wirklich in demſelben Augenblick ein; ſie hielt an ihrer Hand einen ſchönen Cavalier, braun von Antlitz, mit ſchwarzen Augen, in denen ein tiefes Gepräge von Adel und Schwermuth unverkennbar, einen kräftigen Soldaten mit verſtändiger Stirne, einen Mann von ernſter Haltung, einem von jenen ſchönen Porträts Fbulich ,wie ſie Coypel und Canisboroug gemalt aben. 3 Philipp von Taverney trug einen dunkelgrauen Rock, fein mit Silber geſtickt, doch dieſes Grau ſchien 151 ſchwarz, dieſes Silber ſchien Eiſen zu ſein; die weiße Halsbinde, der mattweiße Jabot ſtachen von der dunkel⸗ farbigen Weſte ab und der Puder der Friſur hob die männliche Energie der Geſichtshaut und der Züge hervor. 4 Philipp trat, eine Hand in der ſeiner Schweſter, die andere um ſeinen Hut gerundet, vor. „Eure Majeſtät,“ ſprach Andrée, indem ſie ſich ehrerbietig verneigte,„hier iſt mein Bruder.“ Philipp verbeugte ſich ernſt und langſam. Als er den Kopf wieder erhob, hatte die Königin noch nicht aufgehört, in ihren Spiegel zu ſchauen. Sie ſah allerdings in ihrem Spiegel Alles eben ſo gut, als wenn ſie Philipp in's Geſicht geſchaut hätte. „Guten Morgen, Herr von Taverney,“ ſagte die Königin. Und ſie wandte ſich um. Sie war ſchön in jenem königlichen Glanz, der um ihren Thron her die Freunde des Königthums und die Anbeter des Weibes blendete. Sie hatte die Macht der Schönheit, und, man verzeihe uns dieſe Umkehrung des Gedankens, ſie beſaß die Schönheit der Macht. Philipp, als er ſie lächeln ſah, als er dieſes durch⸗ ſichtige, zugleich ſtolze und ſanſte Auge auf ſich geheftet fühlte, Philipp erbleichte und ließ an ſeiner ganzen Perſon die lebhafteſte Aufregung gewahr werden. „Herr von Taperney,“ fuhr die Königin fort,„es ſcheint, Ihren erſten Beſuch haben Sie uns gemacht? Meinen Dank hiefür!“ „Eure Majeſtät hat die Gnade, zu vergeſſen, daß es an mir iſt, zu danken,“ erwiederte Philipp. „Wie viel Jahre ſind vergangen, ſeitdem wir uns nicht mehr geſehen? ach! die ſchönſte Zeit des Lebens.“ „Für mich, ja, Madame; doch nicht für Eure Majeſtät, für die alle Tage ſchöne Tage ſind.“ „Sie haben alſo viel Geſchmack an Amerika ge⸗ funden, Herr von Taverney, daß Sie dort geblieben find, während alle Welt zurückkehrte.“ 152 „Madame,“ erwiederte Philipp,„Herr von Lafayette bedurfte, als er die neue Welt verließ, eines vertrauten Offiziers, dem er einen Theil vom Commando der Hülfstruppen übergeben konnte, Herr von Lafayette hat dem zu Folge mich dem General Waſhington vorge⸗ ſchlagen, der auch die Güte hatte, mich anzunehmen.“ „Es ſcheint, es kommen aus der neuen Welt, von der Sie ſprechen, viele Helden zu uns zurück,“ ſprach die Königin.. „Eure Majeſtät ſagt dieß nicht in Beziehung auf mich,“ entgegnete Philipp lächelnd. „Warum nicht?“ verſetzte die Königin. Dann ſich an den Grafen d'Artois wendend: „Betrachten Sie doch die ſchöne Miene und das martialiſche Ausſehen von Herrn von Taverney, mein Bruder.“ Als ſich Philipp ſo mit dem Grafen d'Artois, den er nicht kannte, in Berührung gebracht ſah, machte er einen Schritt gegen ihn und bat den jungen Prinzen bre eine Geberde um Erlaubniß, ihn begrüßen zu dürfen. Der Graf machte ein Zeichen mit der Hand. Phi⸗ lipp verbeugte ſich. „Ein ſchöner Offizier,“ rief der junge Prinz,„ein edler Cavalier, deſſen Bekanntſchaft zu machen ich mich glücklich ſchätze. Was ſind Ihre Abſichten bei Ihrer Rückkehr nach Frankreich?“ 4 Philipp ſchaute ſeine Schweſter an. „Sire,“ ſagte er,„das Intereſſe meiner Schweſter beherrſcht das meinige. Was ſie will, daß ich thun ſoll, werde ich thun.“. „Es iſt aber auch noch, wie ich glaube, Herr von Taverney der Vater da?“ verſetzte der Graf d'Artois. „Gleichviel,“ unterbrach ihn raſch die Königin, ges iſt mir lieber, wenn Andrée unter dem Schutze ihres Bruders und ihr Bruder unter Ihrer Protection ſteht. Herr Graf, Sie werden ſich des Herrn von Taverney annehmen. Nicht wahr, das iſt abgemacht?“ 153 Der Graf d'Artois machte ein Zeichen der Ein⸗ willigung. „Wiſſen Sie, daß uns ſehr enge Bande vereinigen?“ fuhr die Königin fort. „Sehr enge Bande! Sie... meine Schweſter! Ohl ich bitte, erzählen Sie mir das.“ „Ja, Herr Philipp von Taverney war der erſte Franzoſe, der ſich meinen Augen bot, als ich in Frank⸗ reich ankam, und ich gelobte mir aufrichtig, das Glück des erſten Franzoſen zu machen, den ich treffen würde.“ Philipp fühlte, wie ihm die Röthe zur Stirne tieg er biß ſich auf die Lippen, um unempfindlich zu eiben. Andrée ſchaute ihn an und ſenkte dann ihren Marie Antoinette erhaſchte einen von den Blicken, die der Bruder und die Schweſter mit einander wech⸗ ſelten. Wie hätte ſie errathen ſollen, was Alles ein ſolcher Blick an ſchmerzlich angehäuften Geheimniſſen verbarg. Marie Antoinette wußte Nichts von den Ereigniſſen, die wir in der erſten Abtheilung dieſer Geſchichte er⸗ zählt haben. Die Königin ſchrieb die ſichtbare Traurigkeit, die ſte wahrnahm, einer andern Urſache zu: Warum ſollte Herr von Taverney, während ſich ſo viele Leute im Jahre 1774 in die Dauphine verliebten, nicht auch ein wenig an dieſer epidemiſchen Liebe für die Tochter von Maria Thereſta gelitten haben? Nichts ließ dieſe Vermuthung als unwahrſcheinlich betrachten: nicht einmal die im Spiegel vorgenommene Inſpection der Schönheit des Mädchens, das nun Frau und Königin geworden. Marie Antoinette ſchrieb daher den Seufzer von Philipp einer vertraulichen Mittheilung dieſer Art zu, die der Bruder der Schweſter gemacht; ſie lächelte dem Bruder und liebkoste die Schweſter mit ihren freund⸗ lichſten Blicken. Sie hatte nicht ganz errathen, ſie 154 hatte ſich nicht ganz getäuſcht; und bei dieſer unſchul⸗ digen Coquetterie, in der Niemand ein Verbrechen ſieht, war die Königin ſtets Weib; ſie ſetzte ihren Ruhm darein, geliebt zu ſein. Gewiſſe Seelen haben dieſes Anſtreben zur Sympathie von Allem, was ſie umgibt. B5 ſind nicht die am wenigſten edeln Seelen dieſer elt. Ach! Du arme Königin, es wird ein Augenblick kommen, wo Du dieſes Lächeln gegen die Leute, die Dich lieben, das man Dir zum Vorwurf macht, verge⸗ bens an die Leute, die Dich nicht mehr lieben, richten wirſt! Der Graf d'Artois näherte ſich Philipp, während ſich die Königin mit Andrée über den Beſatz eines Jagdkleides berieth. „Sagen Sie mir im Ernſte,“ ſprach der Graf d'Artois,„iſt Herr von Waſhington wirklich ein großer General?“— „Ein großer Mann, ja, Monſeigneur.“ „Und welchen Effect machten die Franzoſen dort?“ „Den Effect, den die Engländer im Schwimmen machten.“ 5 „Einverſtanden; Sie ſind ein Anhänger der neuen Ideen, mein lieber Herr Philipp von Taverney. Haben Sie aber Eines wohl bedacht?“ „Was, Monſeigneur? Ich geſtehe, daß ich dort⸗ auf dem Raſen der Lager, in den Savannen am Ufer der großen Seen oft Zeit gehabt habe, über viele Dinge nachzudenken.“ „Nun denn! darüber, zum Beiſpiel, daß Sie, in⸗ dem Sie dort Krieg führten, dieß weder gegen die Indianer, noch gegen die Engländer thaten.“ 1 „Gegen wen denn, Monſeigneur?“ „Gegen uns.“ 4 „Ohl Monſeigneur, ich werde Sie nicht Lügen ſtrafen; das iſt wohl möglich.“ „Sie geſtehen...“ 155 „Ich gebe den unglücklichen Gegenſchlag eines Ereigniſſes zu, das die Monarchie gerettet hat.“ „Ja, doch ein Gegenſchlag kann tödtlich für dieje⸗ nigen ſein, die vom urſprünglichen Unfall geneſen waren.“ „Leider, Monſeigneur!“ „Darum halte ich die Siege von Herrn Waſhing⸗ ton und von Herrn von Lafayette für kein ſo großes Glück, wie man das behauptet. Das iſt Selbſiſucht, ich will es nicht in Abrede ziehen, doch glauben Sie mir, es iſt nicht Egoismus für mich allein.“ „Oh! Monſeigneur.“— „Und wiſſen Sie, warum ich Sie mit allen meinen Kräften unterſtützen werde?“ „Monſeigneur, was auch die Urſache ſein mag, ich werde Eurer Königlichen Hoheit den innigſten Dank wiſſen.“ „Mein lieber Herr von Taverney, Sie gehören nicht zu denjenigen, welche die Trompete auf unſeren Kreuzwegen heroiſtrt hat. Sie haben Ihren Dienſt muthig durchgemacht, Sie haben ſich aber nicht unab⸗ läſſig in das Mundſtück der Trompete geſteckt, man kennt Sie in Paris nicht, darum liebe ich Sie. Im andern Fall... Oh! meiner Treue... Herr von Taverney, im andern Fall... ſehen Sie, ich bin Egoiſt.“ Hienach küßte der Prinz der Königin lachend die Hand, grüßte Andröée mit einer freundlichen, viel lieb⸗ reicheren Miene, als das bei Frauen ſeine Gewohnheit war, die Thüre öffnete ſich und er verſchwand. Die Königin brach nun mit einem gewiſſen Unge⸗ ſtüm ihr Geſpräch mit Andrée ab, wandte ſich gegen Philipp um und fragte ihn: „Haben Sie Ihren Vater geſehen, mein Herr?“ „Ich fand ihn, ehe ich hierher kam, in den Vor⸗ zimmern; meine Schweſter hatte mich benachrichtigen 44 laſſen. 156 „Warum haben Sie Ihren Vater nicht zuerſt beſucht?“ „Ich ſchickte meinen Kammerdiener und mein ge⸗ ringfügiges Gepäcke zu ihm, Madame; Herr von Ta⸗ verney ſchickte mir aber den Burſchen mit dem Befehl zurück, mich zuerſt zum König oder zu Eurer Majeſtät zu begeben.“ „Und Sie haben gehorcht?“ „Ich fühlte mich glücklich, zu gehorchen, Madame; ich konnte auf dieſe Art meine Schweſter umarmen.“ „Das Wetter iſt herrlich,“ rief die Königin mit einer freudigen Bewegung.„Frau von Miſery, morgen wird der Schnee geſchmolzen ſein, ich brauche ſogleich einen Schlitten.“ Die erſte Kammerfrau ging weg, um den Befehl zu vollziehen. „Und meine Chocolade hierher,“ fügte die Köni⸗ gin bei. „Eure Majeſtät wird nicht frühſtücken!“ rief Frau von Miſery;„oh! Eure Majeſtät hat geſtern ſchon nicht zu Nacht geſpeist.“ „Sie täuſchen ſich, meine liebe Miſery, wir haben zu Nacht geſpeist. Fragen Sie Fräulein von Ta⸗ verney.“ „Und zwar ſehr gut,“ erwiederte Andrée. „Deſſen ungeachtet werde ich meine Chocolade zu mir nehmen,“ ſagte die Königin.„Geſchwinde, ge⸗ ſchwinde, meine gute Miſery: dieſe ſchöne Sonne lockt mich an. Es werden viele Leute auf dem Schweizer⸗ Teich ſein?“ „Gedenkt Eure Majeſtät Schlittſchuh zu laufen?“ fragte Philipp. „Oh! Sie werden über uns ſpotten, Herr Ameri⸗ kaner,“ rief die Königin,„Sie, die Sie die ungeheuren Seen durchlaufen haben, auf denen man mehr Meilen macht, als wir hier Schritte machen.“ 4 Madame,“ erwiederte Philipp,„hier hat Eure 157 Majeſtät ihre Luſt an der Kälte und am Weg, dort ſtirbt man daran.“ „Oh! da kommt meine Chocolade. Andrée, Sie werden eine Taſſe nehmen!“ Andrée erröthete vor Vergnügen und verbeugte ſich. „Sie ſehen, Herr von Taverney, ich bin immer dieſelbe, die Etiquette ekelt mich an, wie früher. Er⸗ innern Sie ſich der früheren Zeit, Herr Philipp, haben Sie ſich verändert?“ 1 „Nein, Madame,“ erwiederte er mit kurzem Ton, „nein, ich habe mich nicht verändert, wenigſtens nicht, was das Herz betrifft.“ „Wenn Sie daſſelbe Herz bewahrt haben, ſo dan⸗ ken wir Ihnen, da das Herz gut war, auf unſere Weiſe,“ ſprach heiter die Königin.„Eine Taſſe für Herrn von Taverney, Frau von Miſery.“ „Oh! Madame,“ rief Philipp ganz verwirrt,„Eure Majeſtät denkt nicht daran, eine ſolche Ehre einem armen, dunkeln Soldaten, wie ich!“ „Einem alten Freund!“ rief die Königin,„ſo iſt es. Dieſer Tag macht mir alle Wohlgerüche der Ju⸗ gend zu Gehirn ſteigen; dieſer Tag findet mich glücklich, frei, ſtolz und toll... Dieſer Tag erinnert mich an meine erſten Tage in meinem geliebten Trianon, an die muthwilligen Streiche, die wir, Andrée und ich, machten; dieſer Tag erinnert mich an meine Roſen, an meine Erdbeeren, an mein Eiſenkraut, an die Vögel, die ich in meinen Blumenbeeten zu beſpähen ſuchte. An Alles, bis auf meine lieben Gärtner, deren gute Geſichter immer eine neue Blume, eine ſchmackhafte Frucht bedeuteten, an Herrn von Juſſieu, an das Ori⸗ ginal Rouſſeau, der todt iſt. Dieſer Tag, ſage ich Ihnen, dieſer Tag macht mich toll. Aber was haben Sie, Andrée? Sie ſind roth. Was haben Sie, Herr Philipp? Sie ſind bleich!“ Das Geſicht der zwei jungen Leute hatte wirklich dieſe grauſame Erinnerung, in der die unbeſtimmte Geſtalt von Gilbert ſchwebte, ſchlecht ausgehalten. Aber Beide riefen bei den letzten Worten der Kö⸗ nigin ihren Muth zu Hülfe.— „Entſchuldigen Sie mich, Madame, ich habe mir den Gaumen verbrannt,“ ſagte Andrée. „unvd ich, Madame,“ ſprach Philipp,„ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß mich Eure Ma⸗ jeſtät beehrt, wie einen vornehmen Mann.“ „Gut, gut,“ unterbrach ihn Marie Antoinette, in⸗ dem ſie ſelbſt Chocolade in die Taſſe von Philipp goß, „Sie ſind ein Soldat, wie Sie geſagt haben, und als ſolcher an das Feuer gewöhnt; verbrennen Sie ſich muthig mit der Chocolade, ich habe nicht Zeit, zu warten.“ Hiebei lachte die Königin. Philipp nahm aber die Sache im Ernſt, wie es ein Landmann hätte thun können; nur was dieſer aus Verlegenheit gethan haben würde, vollbrachte er aus Heldenmuth. Die Königin verlor ihn nicht aus dem Blick: ihr Gelächter verdoppelte ſich. „Sie haben einen vollkommenen Charakter,“ ſagte ſie. Und ſie ſtand auf. Schon hatten ihr ihre Frauen einen reizenden Hut, einen Hermelinmantel und Handſchuhe gegeben. Die Toilette von Andrée war ebenſo ſchnell gemacht. Philipp nahm ſeinen Hut unter den Arm und folgte den Damen. „Herr von Taverney,“ ſagte die Königin,„Sie dürfen mich nicht verlaſſen. Ich will heute, aus Po⸗ litik, einen Amerikaner confisciren. Gehen Sie zu meiner Rechten, Herr von Taverney.“ Taverney gehorchte; Andrée trat an die Linke der Königin. Als die Königin die große Treppe hinabging, als die Trommeln den Feldmarſch raſſelten, als die Töne der Trompeten der Gardes⸗du⸗Corps und das Klirren der Gewehre, die man bereit hielt, vom Winde der Veſtibules getragen, in den Palaſt hinaufſtiegen, da 159 ſchlugen dieſes königliche Gepränge, dieſe Ehrfurcht Aller, dieſe Anbetungen, die dem Herzen der Königin gezollt wurden und unter Weges Taverney begegneten, da ſchlugen, ſagen wir, dieſe Triumphe den zuvor ſchon verwirrten Kopf von Taverney mit dem Schwindel; ein Fieberſchweiß perlte auf ſeiner Stirne; ſeine Schritte zögerten. Ohne den Wirbel der Kälte, der ſeine Augen und ſeine Lippen traf, wäre er ſicherlich ohnmächtig geworden. Es war dieß für den jungen Mann nach ſo vielen traurig im Kummer und in der Verbannung aufgezehr⸗ ten Tagen eine zu plötzliche Rückkehr zu den Freuden des Stolzes und des Herzens. Während ſich auf dem Wege der von Schönheit ſtrahlenden Königin die Stirnen beugten und die Ge⸗ wehre präſentirt wurden, blieb ein kleiner Greis, den die Befangenheit die Etiquette vergeſſen ließ, den Kopf vorgeſtreckt, das Auge auf Taverney und auf die Kö⸗ nigin geheftet, unbeweglich, ſtatt ſeinen Kopf und ſeine Blicke zu ſenken. Sobald die Königin ſich entfernte, brach der kleine Greis aus ſeiner Reihe, mit dem Spalier, das ſich um um ihn her auflöste und man ſah ihn ſo haſtig laufen, le ee ihm ſeine kleinen ſiebenzigjährigen Beine er⸗ laubten.. IX. Der Schweizer⸗Teich. Jedermann kennt das in der ſchönen Jahreszeit bläuliche, ſchillernde, im Winter weiße, runzelige Viereck, das man noch heute den Schweizerteich nennt. Eine Allee von Linden, die ihre röthlichen Arme freudig in der Sonne ausſtrecken, begränzt jedes Ufer 160 des Teiches; dieſe Allee iſt von Spaziergängern jedes Alters und jedes Rangs bevölkert, die ſich an dem Schauſpiel der Schlitten und der Schlittſchuhläufer ergötzen. Die Toiletten der Frauen bieten das glänzende Gemiſche des ein wenig beengenden Luxus vom alten Hof und der etwas launenhaften Ungezwungenheit der neuen Mode. Die hohen Coiffuren, die dunkeln Schleier, jugend⸗ liche Stirnen beſchattend, die Stoffhüte in großer Mehrheit, die Pelzmäntel und die weiten Falten der ſeidenen Kleider bilden ein wunderliches Gemenge mit den orangefarbigen Röcken, den himmelblauen Redin⸗ goten, den gelben Livreen und den großen weißen Leviten.. Die blau und rothen Bedienten durchſchneiden dieſe ganze Menge wie Klatſchroſen und Kornblumen, die der Wind zwiſchen den Aehren oder auf dem Klee wogen läßt. Zuweilen ward ein Schrei in der Verſammlung hörbar: Saint⸗Georges, der kühne Schlittſchuhläufer, hat einen ſo vollkommenen Kreis ausgeführt, daß ein Geometer, der denſelben meſſen würde, keinen merklichen Fehler fände. 4 Während die Ufer des Teiches mit einer ſolchen Anzahl von Zuſchauern bedeckt ſind, daß ſie ſich durch die Berührung erwärmen, und von fern ausſehen, wie ein buntſcheckiger Teppich, über dem ein Dunſt ſchwebt, der des Hauches, deſſen ſich die Kälte bemächtigt, bietet der Teich ſelbſt, zu einem dichten Eisſpiegel geworden, den geſchmückteſten und beſonders beweglichſten Anblick. Hier iſt es ein Schlitten, den drei ungeheures Moloſſe, nach ruſſiſcher Manier angeſpannt, uͤber das Eis hinfliegen machen. In eine Sammetdecke gekleidet, worauf Wappen geſtickt, auf dem Kopf flatternde Federn, gleichen die Hunde jenen chimäriſchen Thieren in den Teufelsſcenen von Callot oder den Hexenbildern von Goya. 161 Nachläſſig in ſeinem Schlitten ſitzend, der mit Tigerfellen ausgeſtopft iſt, neigt ſich ihr Gebieter, Herr von Lauzun, auf die Seite, um frei zu athmen, was er wahrſcheinlich nicht vermöchte, wenn er dem Strome des Windes folgen würde.. Einzelne Schlitten von beſcheidenem Ausſehen ſuchen da und dort die Abſonderung. Eine, ohne Zweifel der Kälte wegen, verlarvte Dame fährt in einem von dieſen Schlitten, während ein ſchöner Schlittſchuhläufer in einem weiten Ueberrock von Sammet mit goldenen Schnüren und Litzen ſich auf die Lehne neigt, um dem Schlitten, den er zugleich antreibt und lenkt, einen raſcheren Impuls zu geben. Die Wöͤrte werden zwiſchen der verlarvten Dame und dem Schlittſchuhläufer im Sammetüberrock im Bereiche des Hauches ausgetauſcht, und Niemand könnte dieſe Rendezvons unter dem Himmelsgewölbe im An⸗ geſichte von ganz Verſailles tadeln. Was iſt den Andern daran gelegen, was ſie ſagen, da man ſie ſieht; was iſt ihnen daran gelegen, daß man ſie ſieht, da man ſie nicht hört? Sie leben offen⸗ bar inmitten dieſer ganzen Welt ein abgeſondertes Leben; ſie ziehen durch die Menge wie Wandervögel. Wohin gehen ſie? Nach der unbekannten Welt, welche jede Seele ſucht und die man das Glück nennt. Plötz⸗ lich entſteht unter dieſen Sylphen, die mehr gleiten, als gehen, eine große Bewegung, erhebt ſich ein ge⸗ waltiger Tumult. Es iſt nämlich die Königin beim Schweizer⸗Teich erſchienen, man hat ſie erkannt und ſchickt ſich an, ihr 3 den Platz zu überlaſſen; doch durch ein Zeichen mit der Hand bedeutet ſie Jedem, er möge bleiben. Der Ruf: Es lebe die Königin! ertönt; ſtark durch die ertheilte Erlaubniß bilden die fliegenden Schlittſchuhläufer und die Schlitten, die man treibt, wie durch eine elektriſche Bewegung einen Kreis um die Stelle, wo die erhabene Fürſtin angehalten hat. Das Halsband der Koͤnigin. 11 — Die allgemeine Aufmerkſamkeit iſt auf ſie gerichtet. Die Maͤnner nähern ſich durch geſchickte Manövers; die Frauen machen ſich mit einer ehrfurchtsvollen Wohl⸗ anſtändigkeit zurecht; Jeder findet ein Mittel, ſich mit der Gruppe der Cavaliere und der hohen Offiziere zu vermiſchen, welche der Königin ihre Huldigung dar⸗ bringen. 4 Unter den Hauptperſonen, die das Publikum wahr⸗ genommen hat, iſt eine ſehr bemerkenswerthe, die, ſtatt dem allgemeinen Impuls zu folgen und der Königin entgegen zu kommen, ſobald ſie ihre Toilette und ihre Umgebung erkennt, ihren Schlitten verläßt und ſich in eine Gegenallee wirft, wo ſie mit den Leuten ihres Gefolges verſchwindet. Der Graf d'Artois, den man unter der Zahl der leichteſten und zierlichſten Schlittſchuhläufer gewahrte, durcheilte nicht zuletzt den Raum, der ihn von ſeiner Schwägerin trennte. Er küßte ihr die Hand und flüſterte ihr zugleich zu: „Sehen Sie, wie unſer Bruder, Herr von Pro⸗ vence, uns vermeidet!“ So ſprechend, deutete er mit dem Finger auf die Königliche Hoheit, die mit großen Schritten in das mit Rauhreif gefüllte Gehölze ging, um auf einem Umweg ſeinen Wagen aufzuſuchen. „Er will nicht, daß ich ihm Vorwürfe mache,“ ſagte die Königin. „Oh! was die Vorwürfe betrifft, die er erwartet, ſo 4 das meine Sache, und nicht darum fürchtet er Sie.“ „Seines Gewiſſens wegen alſo?“ ſagte die Köni⸗ gin mit ernſtem Tone. „Aus einem andern Grunde, meine Schweſter.“ „Warum denn?“ „Ich will es Ihnen ſagen. Er hat erfahren, daß Herr von Suffren, der glorreiche Sieger, dieſen Abend ankommen ſoll, und da die Nachricht wichtig iſt, ſo will er Sie dieſelbe nicht wiſſen laſſen.“ 5 8 163 Die Königin ſah um ſich her einige Neugierige, deren Ohren der Reſpekt nicht ſo ſehr entfernte, daß ſie nicht die Worte ihres Schwagers hören konnten. „Herr von Taverney,“ ſagte ſie,„haben Sie die Güte, für meinen Schlitten beſorgt zu ſein, und wenn Ihr Vater da iſt, umarmen Sie ihn: ich gebe Ihnen für eine Viertelſtunde Urlaub.“ Der junge Mann verbeugte ſich und durchſchritt die Menge, um den Befehl der Königin zu vollziehen. Auch die Menge hatte begriffen, ſie hat zuweilen wunderbare Inſtincte; ſie erweiterte den Kreis, und die Königin und der Graf d'Artois waren bequemer geſtellt. „Mein Bruder,“ ſagte nun die Königin,„ich bitte, erklären Sie mir, was mein Schwager dabei gewinnt, daß er mir die Ankunft von Herrn von Suffren nicht mittheilt?“ „Oh! meine Schweſter, iſt es denn möglich, daß Sie, Weib, Königin und Feindin, die Abſicht dieſer ſchlauen Politik nicht ſogleich auffaſſen? Herr von Suffren kommt an, Niemand weiß es bei Hofe. Herr von Suffren iſt der Held der indiſchen Meere und hat folglich auf einen prachtvollen Empfang in Verſailles Anſpruch zu machen. Herr von Suffren kommt alſo an. Dem König iſt ſeine Ankunft unbekannt; der König vernachläſſigt ihn, ohne es zu wiſſen, und folglich, ohne es zu wollen; Sie ebenſo, meine Schweſter. Während dieſer Zeit empfängt Herr von Provence, der die An⸗ kunft von Herrn von Suffren weiß, ganz im Gegentheil den ſiegreichen Seemann, lächelt ihm zu, ſchmeichelt ihm, macht Verſe auf ihn und wird, indem er ſich an den Helden Indiens anhängt, der Held Frankreichs.“ „Das iſt klar,“ ſagte die Königin. „Ich glaube wohl, bei Gott!“ „Sie vergeſſen nur Einen Punkt, mein lieber Zei⸗ tungsmann.“ 1 „Welchen?“ 1 11* 164 „Woher wiſſen Sie dieſes ganze ſchöne Project unſers lieben Bruders und Schwagers?“ „Woher ich es weiß! Das iſt ganz einfach! wie ich Alles weiß, was er thut. Da ich bemerkte, Herr von Provence mache es ſich zur Aufgabe, Alles in Erfahrung zu bringen, was ich thue, ſo bezahlte ich Leute, die mir Alles ſagen, was er thut. Ohl das kann mir dereinſt nützlich ſein, meine Schweſter,— und Ihnen auch.“ „Ich danke für Ihr Bündniß, mein Bruder; doch der König?“ „Ohl der König iſt benachrichtigt.“ „Durch Sie?“ „Nein, durch ſeinen Marineminiſter, den ich zu ihm geſchickt habe. Sie begreifen, dieß Alles geht mich Nichts an; ich bin zu leichtfertig, zu ſehr Verſchwender, zu närriſch, um mich um Dinge von dieſer Wichtigkeit zu bekümmern.“ „Und der Marineminiſter wußte auch Nichts von der Ankunſt von Herrn von Suffren in Frankreich?“ „Eil mein Gott, meine liebe Schweſter, nicht wahr, Sie haben in den vierzehn Jahren, die Sie Dauphine oder Königin von Frankreich ſind, genug Miniſter kennen gelernt, um zu wiſſen, daß eine wich⸗ tige Sache dieſen Herren ſtets unbekannt iſt. Nun denn! ich habe den unſern in Kenntniß geſetzt, und er iſt enthuſiasmirt.“. „Ich glaube es wohl.“ „Sie begreifen, meine Schweſter, das Menſch, der mir ſein Leben lang dankbar ſei und ich bedarf gerade ſeiner Dankbarkeit.“ „Wozu?“ „Um ein Anlehen zu negociren.“ 4 „Oh!“ rief die Königin lachend,„nun verderben Sie mir Ihre ſchöne Handlung.“ „Meine Schweſter,“ erwiederte der Graf d'Artois mit ernſter Miene,„Sie müſſen Geld nöthig haben, und ich ſtelle, ſo wahr ich ein Sohn von Frankreich . 165 bin, die Hälfte der Summe, die ich erhalten werde, zu Ihrer Verfügung.“ „Oh! mein Bruder,“ rief Marie Antoinette,„be⸗ halten Sie das Ganze; ich brauche, Gott ſei Dank, in dieſem Augenblicke Nichts.“ „Teufel! warten Sie nicht zu lange, um meine Zuſage in Anſpruch zu nehmen.“ „Warum dieß?“ „Weil ich, wenn Sie länger warten würden, nicht mehe im Stande ſein dürfte, mein Verſprechen zu halten.“ „Nun, in dieſem Fall werde ich es auch ſo ein⸗ richten, daß ich irgend ein Staatsgeheimniß entdecke.“ „Meine Schweſter, Sie bekommen kalt,“ verſetzte der Graf d'Artois.„Ihre Wangen werden blau, das muß ich Ihnen ſagen.“ „Hier kehrt Herr von Taverney mit meinem Schlit⸗ ten zurück.“ „Dann bedürfen Sie meiner nicht mehr?“ „Nein.“ „So jagen Sie mich fort, ich bitte Sie.“ „Warum? Bilden Sie ſich etwa ein, Sie beengen mich in irgend einer Hinſicht?“ „‚Nein; ich bin es im Gegentheil, der ſeine Frei⸗ heit nöthig hat.“ „Gott befohlen alſo.“ „Auf Wiederſehen, theure Schweſter.“ „Wann?“ „Dieſen Abend.“ „Was iſt denn dieſen Abend?“ „Es iſt nicht, aber es wird ſein.“ „Was wird denn ſein?“ „Große Geſellſchaft beim Spiel des Königs.“ „Warum dieß?“— „Weil der Herr Miniſter heute Abend Herrn von Suffren bringen wird.“ „Sehr gut. Heute Abend alſo.“ 166 Bei dieſen Worten grüßte der junge Prinz ſeine Schwägerin mit der ihm natürlichen reizenden Artig⸗ keit und verſchwand in der Menge. Taverney Vater hatte ſeinem Sohne nachgeſchaut, während er ſich von der Königin entfernte, um ſich mit dem Schlitten zu beſchäftigen. Bald aber war ſein wachſamer Blick zu der Kö⸗ nigin zurückgekehrt. Das belebte Geſpräch von Marie Antoinette mit ihrem Schwager bereitete ihm einige Unruhe, denn dieſes Geſpräch ſchnitt die ſeinem Sohn kurz zuvor von der Königin erwieſene Vertraulichkeit entzwei. Er beſchränkte ſich auch darauf, daß er Philipp eine freundliche Geberde machte, als dieſer vollends die zur Abfahrt des Schlittens unerläßlichen Vorbe⸗ reitungen traf und als der junge Mann nach der Vor⸗ ſchrift der Königin ſeinen Vater umarmen wollte, den er zehn Jahre nicht umarmt hatte, wies ihn dieſer zuruͤck und ſagte: „Später, ſpäter; komm nach deinem Dienſt zurück, dann wollen wir plaudern.“ Philipp enrfernte ſich, und der Baron ſah zu ſeiner Freude, daß der Graf d'Artois von der Königin Ab⸗ ſchied genommen hatte. Dieſe ſtieg in den Schlitten und ließ Andrée mit ſich einſteigen; als aber zwei große Heiducken erſchie⸗ nen, um den Schlitten anzutreiben, ſagte ſie: „Nein, nein, ich will nicht auf dieſe Art fahren; laufen Sie nicht Schlittſchuh, Herr von Taverney?“ „Verzeihen Sie, Madame,“ erwiederte Philipp. „Geben Sie dem Herrn Chevalier Schlittſchuhe,“ befahl die Königin. Dann wandte ſie ſich zu ihm um, und ſügte bei: „Ich weiß nicht, was mir ſagt, Sie laufen ſo gut Schlittſchuh als Saint⸗Georges.“ „Früher ſchon lief Philipp ſehr zierlich,“ ſagte Andrée.“ 197 „Und nun kennen Sie keinen Nebenbuhler mehr, nicht wahr, Herr von Taverney?“ „Madame,“ antwortete Philipp,„da Eure Majeſtät dieſes Zutrauen zu mir hat, ſo werde ich thun, was ich nur immer vermag.“ So ſprechend, hatte ſich Philipp ſchon mit Schlitt⸗ ſchrzen⸗ ſo ſcharf und einſchneidend, wie Klingen, ver⸗ ehen. Er ſtellte ſich hierauf hinter den Schlitten, gab ihm mit einer Hand den Impuls und die Fahrt begann. Man ſah nun ein ſeltſames Schauſpiel. Saint⸗Georges, der König der Gymnaſten, Saint⸗ Georges, der zierliche Mulatte, der Mann der Mode, der in allen Leibesübungen Ausgezeichnete, Saint⸗ Georges erhielt einen Nebenbuhler in dem jungen Mann, der es wagte, ſich neben ihm auf die Laufbahn zu werfen. Augenblicklich umſchwebte er auch den Schlitten der Königin mit ſo ehrerbietigen, ſo reizvollen Ver⸗ beugungen, daß nie ein auf dem Boden von Verſailles ſehr feſter Höfling verführeriſche gemacht hatte. Er beſchrieb um den Schlitten die raſcheſten und richtig⸗ ſten Kreiſen; er umſchlang ihn mit einer Reihe von wunderbar mit einander verbundenen Ringen, ſo daß die neue krumme Linie immer der Ankunft des Schlit⸗ tens zuvorkam, der ihn hinter ſich ließ, wonach er mit einem kräftigen Schlittſchuhſtoß Alles wieder gewann, was er durch den Umkreis verloren hatte. Keiner konnte, auch nur mit dem Blick, ohne be⸗ täubt und geblendet zu werden, dieſem Manöver folgen. Hierdurch angeſpannt, faßte Philipp einen verwe⸗ genen Entſchluß; er trieb den Schlitten mit einer ſo furchtbaren Geſchwindigkeit an, daß Saint⸗Georges, ſtatt ſich vor ihm zu befinden, ſeinen Kreis hinter ihm vollendete, und als die Schnelligkeit des Schlittens viele Leute Angſtſchreie ausſtoßen machte, welche die Königin hätten erſchrecken können, ſagte er: 168 „Wenn es Eure Majeſtät wünſcht, werde ich an⸗ halten oder wenigſtens langſamer fahren.“ „Ohl nein, nein,“ rief die Königin mit dem Un⸗ geſtüm, mit dem ſie bei der Arbeit, wie beim Ver⸗ gnügen zu Werke ging,„nein, ich habe keine Angſt. Schneller, wenn Sie können, Chevalier, ſchneller!“ „Oh! deſto beſſer! Ich danke für die Erlaubniß, Madame. Ich halte Sie gut, verlaſſen Sie ſich auf mich.“ Und als ſeine kräftige Hand ſich abermals am Triangel der Lehne befeſtigte, war die Bewegung ſo gewaltig, daß der ganze Schlitten zitterte. Es war als hätte er ihn mit ausgeſtrecktem Arm aufgehoben. Dann legte er ſeine zweite Hand an den Schlitten, was er bis jetzt zu thun verachtet hatte, und riß die Maſchine fort, die ein Spielzeug unter ſeinen ſtähler⸗ nen Armen geworden war. Von dieſem Augenblick an kreuzte er jeden von den Kreiſen von Saint⸗Georges durch noch größere Kreiſe; ſo daß ſich der Schlitten wie der geſchmeidigſte Menſch bewegte und ſich ſeiner ganzen Länge nach hin und her drehte, als handelte es ſich um die einfachen Sohlen, auf denen Saint⸗Georges das Eis bearbeitete. Trotz des Gewichts, trotz der Ausdehnung, hatte ſich der Schlitten der Königin zum Schlittſchuh gemacht. Er drehte ſich, er flog, er wirbelte wie ein Tänzer. Anmuthiger, ſeiner, pünktlicher in ſeinen Wen⸗ dungen, fing Saint⸗Georges an, unruhig zu werden; er lief ſchon ſeit einer Stunde Schlittſchuh. Als ihn Philipp ganz in Schweiß gebadet ſah, als er die An⸗ ſtrengungen ſeiner bebenden Kniebeugungen wahrnahm, beſchloß er, ihn durch die Ermattung niederzukämpfen. Er veränderte den Lauf, verzichtete auf die Kreiſe, die ihm die Mühe machten, den Schlitten jedesmal aufzuheben und trieb die Equipage gerade aus. Der Schlitten ſchoß raſcher als ein Pfeil fort. Saint⸗Georges hätte lihn mit einem einzigen 169 Stoße bald eingeholt, aber Philipp ergriff den Augen⸗ blick, wo der zweite Impuls den Schwung des erſten vervielfältigt; er trieb den Schlitten auf eine noch unberührte Eislage und zwar mit einer ſolchen Starr⸗ heit, daß er zurückblieb. Saint⸗Georges rannte fort, um den Schlitten ein⸗ zuholen. Aber alle ſeine Kräfte zuſammenraffend, glitt Philipp ſo fein auf der äußerſten Krümmung des Schlittſchuhs, daß er Saint⸗Georges voranfuhr und ſeine beiden Hände auf den Schlitten legte. Mit einer herculiſchen Bewegung drehte er hienach den Schlitten völlig um und trieb ihn abermals in entgegengeſetzter Richtung an, während Saint⸗Georges, durch eine äußerſte Anſtrengung fortgeriſſen, im Laufe nicht an⸗ halten konnte und, einen unwiederbringlichen Raum verlierend, ganz in der Entfernung blieb. Die Luft erſcholl von einem ſolchen Beifallsge⸗ ſchrei, daß Philipp vor Scham erröthete. Er war jedoch ſehr erſtaunt, als die Königin, nachdem ſie ſelbſt in die Hände geklatſcht hatte, ſich gegen ihn umwandte und mit dem Ausdruck einer wol⸗ lüſtigen Beklemmung zu ihm ſagte: „Oh! Herr von Taverney, nun, da mein Sieg Ihnen geblieben iſt, Gnade! Gnade! Sie würden mich tödten!“ X. Der Verſucher. Auf dieſen Befehl oder vielmehr auf dieſe Bitte der Königin zog Philipp ſeine ſtählernen Muskeln zuſammen, klammerte ſich auf ſeinen Kniebeugen feſt, und der Schlitten hielt kurz an, wie das arabiſche Pferd, das im Sande der Ebene auf ſeinen Häckſen bebt. 170 „Und nun ruhen Sie aus,“ ſagte die Königin, während ſie ganz ſchwankend aus dem Schlitten ſtieg. „Ich hätte in der That nie geglaubt, die Geſchwindig⸗ keit ſei ſo berauſchend. Sie hätten mich beinahe toll gemacht.“ Und ſie ſtützte ſich wirklich ganz wankend auf den Arm von Philipp. Ein Beben des Erſtaunens, das dieſe ganze gold⸗ betreßte, buntſcheckige Menge durchlief, verkündigte ihr, daß ſie abermals einen von den Fehlern gegen die Etiquette begangen hatte— ungeheure Fehler in den Augen der Eiferſucht und der Servilität. Ganz betäubt von dieſem Uebermaß von Ehre war Philipp zitternder und beſchämter, als wenn ihn ſeine Fürſtin öffentlich beleidigt hatte. Er ſchlug die Augen nieder; ſein Herz pochte, daß die Bruſt beinahe zerſprungen wäre. Eine ſeltſame Aufregung, ohne Zweifel von ihrer Fahrt herrührend, erfaßte auch die Königin, denn ſie zog ihren Arm ſogleich wieder zurück, nahm den von Fräulein von Taverney und forderte einen Stuhl. 4 Man brachte ihr einen kleinen Feldſtuhl. „Verzeihen Sie, Herr von Taverney,“ ſagte ſie zu Philipp. Dann fügte ſie plötzlich leiſe bei: „Mein Gott! es iſt doch ein großes Unglück, unab⸗ läſſig von Neugierigen und von albernen Menſchen um⸗ geben zu ſein.“ Die gewöhnlichen Cavaliere und die Ehrendamen hatten ihre Nähe wieder erreicht, und verſchlangen mit ihren Augen Philipp, der, um ſeine Röthe zu ver⸗ bergen, ſeine Schlittſchuhe aufſchnürte. Nachdem dieß geſchehen war, wich Philipp zurück um den Höflingen den Platz zu überlaſſen. 3 Die Königin blieb einige Augenblicke nachdenkend. Dann erhob ſie das Haupt und ſprach: 3 „Oh! ich fühle, daß ich mich erkälten würde, ich ſo unbeweglich bliebe; noch eine Fahrt.. wenn 171 Und ſie ſtieg wieder in den Schlitten. Philipp wartete auf einen Befehl, aber vergebens. Da traten zwanzig Edelleute heran. „Nein, meine Herren, ich danke Ihnen; meine Heiducken,“ ſagte ſie. Dann, als die Bedienten an ihren Poſten waren, ſprach ſie zu dieſen: „Sachte, nur ſachte.“ Und ſie ſchloß die Augen und überließ ſich einer inneren Träumerei! Der Schlitten entfernte ſich, wie es die Königin befohlen hatte, ſachte, gefolgt von einer Menge von Gierigen, Neugierigen und Eiferſüchtigen. Philipp blieb allein und wiſchte von ſeiner Stirne die Schweißtropfen. Er ſuchte mit den Augen Saint⸗Georges, um ihn über ſeine Niederlage durch irgend ein redliches Compli⸗ ment zu tröſten. Doch dieſer hatte eine Botſchaft vom Herzog von Orleans, ſeinem Protector, erhalten und war ſchon vom Schlachtfeld abgegangen.. Ein wenig traurig, ein wenig müde und beinahe ſelbſt erſchrocken über das, was vorgefallen, blieb Philipp unbeweglich an ſeinem Platz und ſchaute dem Schlitten der aeönigin nach, als er etwas ſeine Seite ſtreifen ühlte. 3 3 Er wandte ſich um und erkannte ſeinen Vater. Ganz zuſammengeſchrumpft wie eine Hoffmann'ſche Figur, ganz in Pelze gehüllt, wie ein Samojede, hatte der kleine Greis ſeinen Sohn mit dem Ellenbogen ge⸗ ſtoßen, um die Hände nicht aus ſeinem Muff thun zu müſſen, den er an ſeinem Kragen trug. Durch die Kälte oder durch die Freude erweitert, erſchien Philipp ſein Auge blitzend. 3„Du umarnſt mich nicht, mein Sohn?“ ſagte er. Er ſprach dieſe Worte mit dem Ton, den der Va⸗ ter des griechiſchen Athleten annehmen mußte, wenn er 172 dem Sohn für den Sieg dankte, den er im Circus da⸗ von getragen. „Mein lieber Vater, von ganzem Herzen,“ erwie⸗ derte Philipp. Aber es ließ ſich begreifen, daß keine Harmonie zwiſchen dem Ton der Worte und ihrer Bedeutung herrſchte. „Gut, gut, und nun, da Du mich umarmt haſt, gehe geſchwinde!“ ſagte der Baron. Und er ſchob ſeinen Sohn vorwärts. „Wohin ſoll ich denn gehen, mein Herr?“ fragte Philipp. „Dorthin bei Gott.“ „Dorthin?“ „Ja, zur Königin.“ „Oh! nein, mein Vater, ich danke.“ „Wie, nein! Wie, ich danke! Biſt Du verrückt? Du willſt nicht die Königin wieder einholen?“ „Nein, das iſt unmöglich; Sie denken nicht daran, mein Vater.“ „Wiel unmöglich, die Königin einzuholen, die Dich erwartet?“ „Die mich erwartet?“ „Ja, ja, die Königin, die nach Dir begehrt.“ „Die nach mir begehrt,“ ſprach Taverney, den Baron ſtarr anſchauend. Und er fügte kalt bei: 4 „In der That, mein Vater, ich glaube, Sie ver⸗ geſſen ſich.“ „Bei meinem Ehrenwort, das iſt zum Erſtaunen!“ rief der Greis, indem er ſich aufrichtete, und mit dem Fuße ſtampfte.„Ah! Philipp, mache mir das Ver⸗ gnügen, und ſage mir ein wenig, ob Du verrückt biſt?“ „Mein Herr,“ erwiederte der Chevalier traurig, ewaßetfeh, ich befürchte eine Gewißheit zu erlangen?“ e e 44. „ „Daß Sie meiner ſpotten, oder daß...“ „Oder daß?“ . 173 „Verzeihen Sie, mein Vater,— daß Sie närriſch werden.“ Der Greis packte ſeinen Sohn mit einer ſo ener⸗ giſchen, nervöſen Bewegung beim Arme, daß der junge Mann vor Schmerz die Stirne faltete. „Hören Sie, Herr Philipp,“ ſagte der Greis,„ich weiß wohl, Amerika iſt ein von Frankreich ſehr weit entferntes Land.“ „Ja, mein Vater, weit entfernt,“ wiederholte Philipp;„aber ich begreife nicht, was Sie damit ſagen wollen. Ich bitte, erklären Sie ſich doch.“ „Ein Land, wo es weder einen König, noch eine Königin gibt.“ „Noch Unterthanen.“ „Sehr gut! Auch keine Unterthanen, Herr Philo⸗ ſoph; ich leugne das nicht. Dieſer Punkt intereſſirt mich keineswegs und iſt mir ſehr gleichgültig; was mir aber nicht gleichgültig, was mich peinigt, was mich demüthigt, iſt, daß ich auch eine Gewißheit zu erlangen befürchte.“ „Welche, mein Vater? Ich denke, daß in jedem Falle unſere Gewißheiten ſehr von einander verſchie⸗ den ſind.“ „Die meinige iſt die, daß Du ein Einfaltspinſel biſt, mein Sohn. Und das iſt einem großen Burſchen, der gebaut wie Du, nicht erlaubt. Aber ſieh, ſieh doch dorthin!“ „Ich ſehe, mein Herr.“ „Nun! die Königin wendet ſich um, und zwar zum dritten Mal. Ja, mein Herr, die Königin hat ſich dreimal umgedreht. Und ſchau doch! ſie dreht ſich abermals um; ſie ſucht wen? den Herrn Einfalts⸗ Linſel. den Herr Puritaner, den Herrn von Amerika. 1 4 Und der kleine Greis biß, nicht mehr mit den Zähnen, ſondern mit dem Zahnfieiſch, auf den grauen hirſchledernen Handſchuh, der zwei Hände, wie die ſeinige, aufgenommen hätte. 174 „Wohl, mein Herr,“ ſprach der junge Mann, „wenn es wahr wäre, was aber nicht wahrſcheinlich iſt, daß die Königin mich ſuchte?“ „Oh!“ rief der Greis, mit dem Fuß ſtampfend, „er hat geſagt, wenn es wahr wäre! Oh! dieſer Menſch iſt nicht von meinem Blut, dieſer Menſch iſt kein Taverney.“ „Ich bin nicht von Ihrem Blut!“ murmelte Philipp. Dann ſprach er ganz leiſe und die Augen zum Himmel erhoben: „Soll ich Gott dafür danken?“ „Mein Herr, rief der Greis,„ich ſage Ihnen, daß die Königin nach Ihnen verlangt; ich ſage Ihnen, daß die Königin Sie ſucht.“ „Sie haben ein gutes Geſicht, mein Vater,“ er⸗ wiederte Philipp trocken. „Höre,“ fuhr der Greis ſanfter fort, indem er ſeine Ungeduld zu mäßigen ſuchte,„laß mich Dir erklären. Es iſt wahr, Du haſt Deine Gründe, aber ich, ich habe die Erfahrung. Sprich, Philipp, biſt Du ein Mann, oder biſt Du keiner?“ chteilien zuckte leicht die Achſeln und erwiederte nichts. Als der Greis ſah, daß er vergebens auf eine Antwort wartete, heftete er ſeine Augen, mehr aus Verachtung als aus Bedürfniß, auf ſeinen Sohn, und gewahrte nun die ganze Würde, die ganze undurch⸗ dringliche Zurückhaltung, den ganzen unerklärlichen Willen, womit dieſes Geſicht, leider! für das Gute, bewaffnet war. B 3 Er unterdrückte ſeinen Schmerz, ſtreichelte mit ſeinem Aermel ſeine rothe Naſenſpitze und ſagte mit einer Stimme, ſo ſüß, wie die von Orpheus, als er zu den theſſaliſchen Felſen ſprach: „Philipp, mein Freund, höre mich.“ „ thue ſeit einer Viertelſtunde nichts Anderes, mein Vater.“ Ei!“ erwiederte der junge Mann,„mir ſcheint, ich 175 „Oh!“ dachte der Greis,„ich will Dich von Deiner Höhe herabfallen machen, Herr Amerikaner. Du haſt wohl Deine ſchwache Seite, Koloß. Laß mich dieſe Seite mit meinen alten Klauen⸗ ziehen, und Du ſollſt ſehen.“ Dann ſprach er laut: „Du haſt Eines nicht bemerkt?“ Was?“ / „Etwas, was Deiner Naivität Ehre macht.“ „Sagen Sie es, mein Herr.“ „Es iſt ganz einfach; Du kommſt von Amerika. Du biſt in einem Augenblick abgereiſt, wo es nur noch einen König gab, und keine Königin mehr, wenn nicht etwa die Dubarry, eine wenig achtbare Majeſtät; Du kommſt zurück, Du ſiehſt eine Königin, und ſagſt zu Dir: Achten wir ſie.“ „Allerdings.“ „Armes Kind!“ rief der Greis. Und er erſtickte in ſeinem Aermel zugleich einen Huſten und ein Gelächter. „Wie!“ fragte Philipp,„Sie beklagen mich, weil ich das Königthum achte, Sie ein Taverney Maiſon Ronge. Sie einer von den guten Edelleuten Frank⸗ reichs?“ „Warte doch, ich ſpreche nicht vom Königthum, ich ſpreche von der Königin.“. „Und Sie machen einen Unterſchied?“ „Bei Gott! Was iſt das Königthum, mein Lieber? eine Krone. Teufel! das rührt man nicht an! Was iſt die Königin? eine Frau. Ohl eine Frau, das iſt etwas Anderes, das rührt man an.“ „Das rührt man an!“ rief Philipp erröthend vor Zorn und dieſes Wort mit einer ſo ſtolzen Geberde begleitend, daß ihn keine Frau, ohne ihn zu lieben, keine Königin, ohne ihn anzubeten, hätte ſehen können. „Du glaubſt das nicht? Nun!“ fuhr der kleine Greis, mit einem beinahe grimmigen Ausdruck fort, ſo viel Cynismus legte er in das Läͤcheln, das zugleich . 55 4 176⸗ auf ſeinem Geſichte hervortrat,„nun! ſo frage Herrn von Coigny, frage Herrn von Lauzun, frage Herrn von Vaudreuil.“ „Stille, ſtille, mein Vater,“ rief Philipp mit dumpfem Tone,„oder, ich werde für dieſe drei Blas⸗ phemien, da ich Sie nicht dreimal mit meinem Schwerte dafür ſchlagen kann, mich ſelbſt ſchlagen, das ſchwöre ich Ihnen, und zwar ohne Mitleid, auf der Stelle!“ Taverney machte einen Schritt rückwärts, und drehte ſich auf dem Abſatz um, wie es Richelieu ſeinen Aermel ſchüttelnd mit dreißig Jahren gethan hätte. „Oh! wahrhaftig,“ ſagte er,„das Thier iſt dumm, das Pferd iſt ein Eſel, der Adler eine Gans, der Hahn ein Kapaun. Guten Abend, Du haſt mich ergötzt. Ich hielt mich für den Ahnherrn, für den Kaſſander, und nun bin ich der Adonis, der Apollo. Guten Abend.“ Und er pirouettirte noch einmal auf ſeinen Ab⸗ ſätzen. Philipp war düſter geworden; er hielt den Greis bei der halben Wendung an und ſagte: „Nicht wahr, mein Vater, Sie haben nicht im Ernſte geſprochen? denn ein Edelmann von ſo gutem Geſchlecht wie Sie, kann unmöglich ſolchen Verleum⸗ dungen, die von den Feinden, nicht nur der Königin, ſondern auch des Königthums, ausgeſtreut worden ſind, länger Glauben beimeſſen.“ „Er zweifelt noch, der doppelte Dummkopf,“ rief Taverney. „Sie haben nicht mit mir geſprochen, wie Sie vor Gott ſprechen?“ 3 „Wahrhaftig!“ „Vor Gott, dem Sie ſich jeden Tag nähern?“? Der junge Mann hatte das von ihm ſo verächtlich abgebrochene Geſpräch wieder aufgenommen. Das war ein Sieg für den Baron. Er trat näher zu ihm und ſagte: „Mir ſcheint, ich bin ein ziemlich guter Edelmann,— mein Herr Sohn, und ich lüge nicht immer!“ V 177 Dieſes immer war ein wenig lächerlich, Philipp lachte jedoch nicht. „Mein Herr,“ ſprach er,„es iſt alſo Ihre Meinung, die Königin habe Liebhaber gehabt?“ „Eine ſchöne Neuigkeit.“ „Diejenigen, welche Sie angeführt?“ „Und Andere, was weiß ich? Befrage die Stadt und den Hof; man muß von Amerika zurückkommen, um nicht zu wiſſen, was man ſagt.“ „Und man ſagt das? gemeine Pamphletmacher?“ „Ho! ho! hältſt Du mich eiwa für einen Zeitungs⸗ ſchreiber?“ „Nein! und das iſt gerade das Unglück, daß Men⸗ ſchen wie Sie dergleichen Schändlichkeiten wieder⸗ holen, die ſich ſonſt wie die ſchädlichen Dünſte auflöſen würden, welche zuweilen die ſchönſte Sonne verdun⸗ keln. Sie und die Leute von Geſchlecht geben ſolchen Schmähungen, indem ſie dieſelben wiederholen, eine erſchreckliche Haltbarkeit. Ohl mein Herr, aus Re⸗ ligion wiederholen Sie dergleichen Dinge nicht.“ „Ich wiederhole ſie dennoch.“ „Und warum thun Sie das?“. „Ei!“ erwiederte der Greis, indem er ſich am Arm ſeines Sohnes anklammerte und ihn mit ſeinem dämoniſchen Gelächter anſchaute,„um Dir zu bewei⸗ ſen, daß ich nicht Unrecht hatte, wenn ich zu Dir ſagte: Philipp, die Königin wendet ſich um; Philipp, die Königin ſucht Dich; Philipp, die Königin begehrt nach Dir; Philipp, laufe, laufe, die Königin wartet auf Dich.“ 8*.. „Oh!“ rief der junge Mann, ſein Geſicht in ſeinen Händen verbergend,„in des Himmels Namen, mein mater. ſchweigen Sie, Sie würden mich wahnſtnnig machen.“ 4 4 „In der That, Philipp, ich begreife Dich nicht,“ ſagte der Greis.„Iſt es ein Verbrechen zu lieben? Das beweiſt, daß man Herz hat; und fühlt man nicht in den Augen dieſer Frau, in ihrer Stimme, in ihrem Das Halsband der Koͤnigin. 12 178 Gang ihr Herz? Sie liebt, liebt ſie Dich? ich weiß es nicht; einen Andern, es iſt möglich; glaube aber in dieſem Augenblick meiner alten Erfahrung, ſie liebt oder fängt an, Einen zu lieben, ſage ich Dir, doch Du biſt ein Philoſoph, ein Puritaner, ein Quäker, ein amerikaniſcher Mann; Du liebſt nicht, laß ſie alſo ſchauen, laß ſie ſich umwenden, laß ſie warten, belei⸗ dige ſte, verachte ſie, ſtoße ſie zurück, Philipp, das heißt Joſeph von Taverney.“ Nach dieſen Worten, die er mit einer derben Ironie betonte, entfloh der Greis, da er ſah, welche Wirkung er hervorgebracht, wie der Verſucher, nachdem er den erſten Rath zum Verbrechen gegeben. Philipp blieb allein, das Herz angeſchwollen, das Gehirn kochend; er dachte nicht mehr daran, daß er ſeit einer halben Stunde an dieſelbe Stelle gefeſſelt geweſen war, daß die Königin ihre Spazierfahrt been⸗ digt hatte, daß ſie zurückkam, daß ſie ihn anſchaute und ihm, aus ihrem Gefolge heraus, im Vorüberfah⸗ ren zurief: „Sie müſſen nun ausgeruht haben, Herr von Ta⸗ verney! Kommen Sie doch, nur Sie allein vermögen, eine Königin königlich ſpazieren zu führen. Treten Sie auf die Seite, meine Herren.“ Philipp lief geblendet, betäubt, trunken auf ſie zu. Indem er die Hand auf die Lehne des Schlittens legte, fühlte er ſich brennen: die Königin war nach⸗ läſſig auf ihrem Sitze zurückgeworfen; die Finger des jungen Mannes hatten die Hände von Marie Antoi⸗ nette geſtreift. — XI. Der Suffren. Gegen alle Gewohnheiten des Hofes war das Ge⸗ heimniß Ludwig XVI. und dem Grafen d'Artois getreu⸗ lich bewahrt worden.— Niemand wußte, zu welcher Stunde und wie Herr von Suffren kommen ſollte. Der König hatte ſein Spiel für den Abend ange⸗ kündigt. 8 Um ſieben Uhr trat er mit den Prinzen und Prin⸗ zeſſinnen ſeiner Familie ein. Die Königin führte Madame Royale, die erſt ſie⸗ ben Jahre alt war, bei der Hand. Die Geſellſchaft war zahlreich und glänzend. Während der Präliminarien der Verſammlung, in dem Augenblicke, wo Jedermann Platz nahm, näherte ſih he Graf dArtois ſachte der Koͤnigin und ſagte zu ihr: „Meine Schweſter, ſchauen Sie umher.“ „Nun wohl, ich ſchaue.“ „Was ſehen Sie?“ Die Königin ließ ihre Blicke im Kreiſe umher⸗ laufen, durchſuchte die Maſſen, ſondirte die leeren Räume und erwiederte, als ſte überall Freunde, überall Diener erblickte, worunter Andrée und ihr Bruder: „Ich ſehe angenehme und beſonders ſehr befreun⸗ dete Geſichter.“ t). „Schauen Sie nicht, wen wir haben, meine Schwe⸗ ſter, ſchauen Sie, wer uns fehlt.“ „Ah! es iſt meiner Treue mahr!“ rief Marie An⸗ toinette. 3 1 3 Der Graf d'Artois lachte. „Abermals abweſend,“ ſagte die Königin.„Oh! werde ich ihn immer ſo fliehen machen?“ „Nein, der Scherz währt nur lande Monſieur — 180 iſt an die Barrière von Fontainebleau abgegangen, um den Bailli von Suffren zu erwarten.“ „Dann ſehe ich nicht ein, warum Sie lachen, mein Bruder.“ „Sie ſehen nicht ein, warum ich lache?“ „Allerdings, wenn Monſieur den Bailli von Suf⸗ fren bei der Barriére erwartet, ſo iſt er feiner als Sie geweſen, denn er wird ihn zuerſt ſehen und vor Jeder⸗ mann beglückwünſchen.“ „Ah! liebe Schweſter,“ entgegnete der Prinz lachend, „Sie haben einen ſehr kleinen Begriff von unſerer Diplo⸗ matie. Es iſt wahr, Monſteur hat ſich an die Barriére von Fontainebleau begeben, um den Bailli zu erwar⸗ ten, aber wir haben Jemand, der ihn auf der Station von Villejuife erwartet.“ 3 „Wahrhaftig?“ „So daß ſich Monſieur allein an der Barrière durchkälten wird, indeß auf einen Befehl des Königs Herr von Suffren, Paris umfahrend, unmittelbar nach Verſailles kommt, wo wir ihn erwarten.“ „Das iſt vortrefflich ausgedacht.“ „Nicht ſchlecht, und ich bin ziemlich zufrieden mit mir. Machen Sie ihr Spiel, meine Schweſter.“ Es waren in dieſem Augenblick im Spielſaal wenigſtens hundert Perſonen vom höchſten Rang, Herr von Condé, Herr von Penthièvre, Herr de la Tre⸗ mouille, die Prinzeſſinnen. Der König allein bemerkte, daß der Graf d'Artois die Königin lachen machte, und um ein wenig an ihrem Complot Theil zu nehmen, ſandte er ihnen einen äußerſt bezeichnenden Blick zu. Die Nachricht von der Ankunft des Commandeur von Suffren hatte ſich, wie wir geſagt, nicht verbrei⸗ tet, und dennoch hatte man eine Art von Ahnung, die über den Geiſtern ſchwebte, nicht unterdrücken können. Man fühlte etwas Verborgenes, was erſcheinen, etwas Neues, was ſich erſchließen ſollte; es war ein unbekanntes Intereſſe, das ſich durch dieſe ganze Welt 181 verbreitete, wo das geringſte Ereigniß Wichtigkeit gewinnt, ſobald der Herr die Stirne gefaltet hat, um zu mißbilligen, oder den Mund bewegt, um zu lächeln. Der Köͤnig, der um einen Sechs⸗Livres⸗Thaler zu ſpielen pflegte, um das Spiel der Prinzen und der Herren des Hofes zu mäßigen, der König bemerkte nicht, daß er Alles, was er an Geld in der Taſche hatte, auf den Tiſch legte. Ganz ihrer Rolle ſich hingebend, ging die Königin mit Liſt zu Werke und lockte die Aufmerkſamkeit des Kreiſes durch den Eifer ab, mit dem ſie ihr Spiel betrieb. Philipp, der zu der Partie zugelaſſen war und ſeinen Platz ſeiner Schweſter gegenüber hatte, verſchlang mit allen ſeinen Sinnen zugleich den unerhörten, Stau⸗ nen erregenden Eindruck dieſer Gunſt, die ihn unver⸗ ſehens wieder erhitzte. Die Worte ſeines Vaters kamen ihm wieder in's Gedächtniß. Er fragte ſich, ob der Greis, der drei bis vier Regierungen von Favoritinnen geſehen, nicht wirklich ganz genau die Geſchichte der Zeiten und der Sitten kenne. Er fragte ſich, ob der Puritanismus, der eine Aehnlichkeit mit der religiöſen Anbetung hat, nicht eine Lächerlichkeit mehr ſei, die er aus entfernten Ländern mitgebracht. War die ſo poetiſche, ſo ſchöne, gegen ihn ſo ſchweſterliche Königin nicht im Ganzen nur eine furcht⸗ bare Coqguette, gierig, eine Leidenſchaft mehr in ihren Erinnerungen zu befeſtigen, wie ein Entomologe ein Inſect oder einen Schmetterling mehr in ſeinem Käſt⸗ chen befeſtigt, ohne ſich darum zu bekümmern, was das arme Thier leidet, deſſen Herz eine Nadel durchſticht? Und dennoch war die Königin keine gewöhnliche Frau, kein alltäglicher Charakter, ein Blick von ihr bedeutete etwas, von ihr, die nie einen Blick fallen ließ, ohne das Gewicht davon zu berechnen. „Coigny, Vaudreuil,“ wiederholte Philipp,„ha⸗ 1 182 ben die Königin geliebt, und ſind von ihr geliebt wor⸗ den. Oh! warum iſt dieſe Verleumdung ſo finſter, warum dringt nicht ein Lichtſtrahl in dieſen tiefen Ab⸗ grund, den man ein Frauenherz nennt, und der noch tiefer iſt, wenn er das Herz einer Königin iſt?“ Und als Philipp dieſe zwei Namen genugſam in ſeinem Geiſte hin und hergeworfen hatte, erblickte er am Ende des Tiſches die Herren von Coigny und Vaudreuil, die durch eine ſeltſame Laune des Zufalls, die Augen auf einen andern Punkt gerichtet, als den, wo ſich die Königin befand, ſorglos, um nicht zu ſagen vergeßlich, neben einander ſaßen.— Philipp ſagte ſich, dieſe zwei Menſchen können unmöglich geliebt haben und ſo ruhig ſein, geliebt worden ſein und ſo vergeſſen haben. Ohl wenn die Königin ihn liebte, er würde vor Glück wahnſinnig werden; wenn ſie ihn vergäße, nachdem ſie ihn geliebt, er würde ſich vor Verzweiflung tödten. Von den Herren von Coigny und Vandreuil ging er zur Königin Marie Antoinette über. Und beſtändig träumend befragte er dieſe ſo reine Stirne, dieſen ſo gebieteriſchen Mund, dieſen ſo maje⸗ ſtätiſchen Blick; er verlangte von allen den Schönhei⸗ ten dieſes Weibes die Enthüllung des Geheimniſſes der Königin. „Ohl nein! Verleumdungen, nichts als Verleum⸗ dungen alle dieſe ſchwankenden Gerüchte, die beim Volk in Umlauf zu kommen anfingen, und denen die Intereſſen, die Gehäſſigkeiten oder die Intriguen des Hofes allein ihre Haltbarkeit verliehen.“ Philipp war ſo weit in ſeinen Betrachtungen ge⸗ kommen, als es drei Viertel auf acht Uhr im Saale der Garden ſchlug. In dieſem Saale erſchollen haſtige Schritte. Der Kolben der Gewehre ſtieß auf die Platten. Ein Ge⸗ räuſch von Stimmen erregte, durch die ein wenig geöffnete Thüre eindringend, die Aufmerkſamkeit des 183 Königs, der, um beſſer zu hören, den Kopf zurückwarf, und dann der Königin ein Zeichen machte. Dieſe begriff die Andeutung und hob die Sitzung ſogleich auf. Jeder Spieler raffte, was er vor ſich hatte, zu⸗ ſammen, und wartete, um einen Entſchluß zu faſſen, bis die Königin den ihrigen errathen ließe. Die Königin ging in den großen Empfangſaal. Der König war vor ihr dahin gekommen. Ein Adjutant von Herrn von Caſtries, dem Ma⸗ rineminiſter, näherte ſich dem König und ſagte ihm ein paar Worte in's Ohr. „Gut,“ erwiederte der König,„gehen Sie.“ Dann fügte er gegen die Königin gewendet bei: „Alles geht gut.“ Jeder befragte ſeinen Nachbar mit dem Blick, denn das„Alles geht gut“ gab den ſämmtlichen Anweſenden viel zu denken. Pltzlich trat der Marſchall von Caſtries in den Saal und ſprach laut: „Geruht Seine Majeſtät den Herrn Bailli von Suffren, der von Toulon ankommt, zu empfangen?“ Bei dieſem, mit lauter, triumphirender, freudiger Stimme ausgeſprochenen Namen entſtand ein unaus⸗ ſprechlicher Tumult in der Verſammlung. „Ja, mein Herr, mit großem Vergnügen,“ ant⸗ wortete der König.. Herr von Caſtries ging hinaus. 3 Es fand beinahe eine Bewegung in Maſſe gegen die Thüre ſtatt, durch welche Herr von Caſtries ver⸗. ſchwunden war. Um die Sympathie Frankreichs für Herrn von Suffren zu erklären, um das Intereſſe begreiflich zu machen, das ein König, eine Königin, Prinzen von königlichem Geblüt in den Genuß der Erſtlinge eines Blickes von Herrn von Suffren ſetzten, werden wenige Worte genügen. Suffren iſt ein weſentlich franzöſiſcher Name, wie Turenne, wie Catinat, wie Jean Bart. — 8 184 Seit dem Kriege mit England, oder vielmehr ſeit der letzten Periode der Kämpfe, die dem Frieden vor⸗ hergegangen waren, hatte der Herr Commandant von Suffren ſieben große Seeſchlachten geliefert, ohne eine Niederlage zu erleiden; er hatte Trinquemale und Gon⸗ delour genommen, die franzöſiſchen Beſitzungen geſichert, das Meer geſäubert und den Nabob Hayder Ali ge⸗ lehrt, daß Frankreich die erſte Macht Europa's. Er hatte mit der Ausübung des Seemannsgewerbes die ganze Diplomatie eines feinen und redlichen Unter⸗ händlers, die ganze Tapferkeit und die ganze Taktik eines Soldaten, die ganze Gewohnheit eines Admini⸗ ſtrators in Verbindung gebracht. Kühn, unermüdlich, ſtolz, wenn es ſich um die Ehre der franzöſiſchen Flagge handelte, hatte er zu Waſſer und zu Land die Englän⸗ der dergeſtalt ermudet, daß es dieſe hoffärtigen See⸗ leute nie wagten, einen begonneneu Sieg zu vollen⸗ den, oder einen Angriff auf Suffren zu verſuchen, wenn der Löwe ſeine Zähne zeigte. 5 Dann, nach dem Treffen, in dem er ſein Leben mit der Sorgloſigkeit des letzten Matroſen preisgege⸗ ben, hatte man ihn menſchlich, großmuͤthig, mitleidig geſehen; es war das Muſterbild eines Seemanns, den, ein wenig vergeſſen ſeit Jean Bart und Duguagy⸗Trouin, Frankreich im Bailli von Suffren wiederfand. Wir wollen es nicht verſuchen, die geräuſchvolle Begeiſterung zu ſchildern, welche ſeine Ankunft unter den zu dieſer Geſellſchaft in Verſailles zuſammenbe⸗ rufenen Edelleuten hervorbrechen machte.. Suffren war ein Mann von ſechsundfünfzig Jah⸗ ren, ſtark, kurz, mit feurigem Auge und leichter, edler Geberde. Behende trotz ſeiner Beleibtheit, majeſtätiſch trotz ſeiner Geſchwindigkeit, trug er ſtolz ſeine Friſur oder vielmehr ſeine Mähne; wie ein Menſch, der ge⸗ wohnt iſt, aller Schwierigkeiten zu ſpotten, hatte er das Mittel gefunden, ſich in ſeiner Poſtchaiſe ankleiden und friſiren zu laſſen.. 89 3 Er trug einen blauen, goldgeſtickten Rock, eine 185 rothe Weſte und blaue Beinkleider, und hatte den mi⸗ litäriſchen Kragen beibehalten, auf dem ſich ſein mäch⸗ tiges Kinn wie die nothwendige Ergänzung ſeines koloſſalen Kopfes rundete. Als er in den Saal der Garden eintrat, ſagte Jemand ein Wort zu Herrn von Caſtries, der unge⸗ duldig auf und abging, und alsbald rief dieſer: „Herr von Suffren, meine Herren.“ Sogleich ſprangen die Garden nach ihren Mous⸗ quetons und ſtellten ſich von ſelbſt in Linie auf, als hätte es ſich um den König von Frankreich gehandelt, und ſobald der Bailli vorüber war, formirten ſie ſich in guter Ordnung zu vier und vier, gleichſam um ihm als Geleite zu dienen. Er drückte Herrn von Caſtries die Hand und ſuchte ihn zu umarmen; doch der Marineminiſter ſchob ihn ſanft zurück und ſprach: „Nein, mein Herr, nein, ich will des Glücks, Sie zu umarmen, den erſten Jemand, der deſſen wür⸗ diger iſt, als ich, nicht berauben.“ Und auf dieſe Art ſührte er Herrn von Suffren bis zu Ludwig XVI. „Herr Bailli,“ rief der König ganz ſtrahlend, ſo⸗ bald er ihn erblickte,„Seien Sie in Verſailles will⸗ kommen. Sie bringen dahin den Ruhm, Sie bringen Alles, was die Helden ihren Zeitgenoſſen auf Erden geben. Ich ſpreche nicht von der Zukunft, das iſt Ihr Eigenthum. Umarmen Sie mich, Herr Balilli.“ Herr von Suffren hatte das Knie gebengt, der König hob ihn auf und umarmte ihn ſo herzlich, daß. ein langes Beben der Freude und des Triumphes die Lanze Verſammlung durchlief. Ohne die dem König ſchuldige Achtung würden alle Anweſenden in Bravos und Beifallrufen ausge⸗ beochen ſein. Der König wandte ſich gegen die Königin und ſprach: „Madame, das iſt Herr von Suffren, der Sieger 186 von Trinquemale und Gondelour, der Schrecken un⸗ ſerer Nachbarn, der Engländer, mein Jean Bart. „Mein Herr,“ ſagte die Königin,„ich habe Ihnen kein Lob zu ſpenden. Erfahren Sie nur, daß Sie keinen Kanonenſchuß für den Ruhm Frankreichs ge⸗ than haben, ohne daß mein Herz vor Bewunderung und Dankbarkeit für Sie geſchlagen.“ Die Königin hatte kaum geendigt, als ſich ihm der Graf d'Artois mit ſeinem Sohne, dem Herzog von Angoulème, näherte und zu dieſem ſagte: „Mein Sohn, Du ſiehſt einen Helden. Schau“ ihn wohl an, das iſt etwas Seltenes.“ „Monſeigneur,“ antwortete der junge Prinz ſeinem Vater,„kürzlich las ich die großen Männer von Plutarch, aber ich ſah ſie nicht. Ich danke Ihnen, daß Sie mir Herrn von Suffren gezeigt haben.“ Es erhob ſich ein Gemurmel um den Prinzen. Der Knabe konnte wahrnehmen, daß er ein Wort ge⸗ ſagt hatte, das bleiben würde. ₰ Der König nahm Herrn von Suffren nun beim Arm und ſchickte ſich an, ihn in ſein Cabinet zu neh⸗ men, um mit ihm über ſeine Reiſe und ſeine Expedi⸗ tion zu ſprechen. Herr von Suffren leiſtete aber einen ehrfurchts⸗ vollen Widerſtand und ſprach: „Sire, wollen Sie mir erlauben, da Eure Maje⸗ ſtät ſo viel Güte für mich hat...“ 1 „DOh!“ rief der König,„Sie wünſchen, Herr von Suffren?“ „Sire, einer meiner Offiziere hat einen ſo ſchwe⸗ ren Fehler gegen die Disciplin begangen, daß id dachte, Eure Majeſtät allein könne der Richter in dieſſr Sache ſein.“ „Ohl Herr von Suffren, ich hoffte, Ihre erte dißenheerde eine Gunſt und nicht eine Beſtrafung le⸗ treffen.“ „Sire, Eure Majeſtät wird, wie ich zu ſagen zie 187 Ehre gehabt habe, Richter über das ſein, was ſie thun ſoll.“ „Ich höre.“ „Bei dem letzten Gefecht commandirte der Offtzier, von dem ich ſpreche, den Sévere.“ „Oh! das Schiff, das die Flagge ſtrich,“ ſagte der König, die Stirne faltend. „Sire, der Kapitän des Sévore hatte in der That ſeine Flagge geſtrichen,“ antwortete Herr von Suffren, „und ſchon ſchickte Sir Hugues, der engliſche Admiral, ein Boot ab, um die Priſe mit ſeinen Leuten zu be⸗ mannen; als aber der Lieutenant des Schiffes, der die Kanonen des Zwiſchendecks überwachte, wahrnahm, daß das Feuer aufhörte, und den Befehl erhielt, die Ka⸗ nonen ſchweigen zu laſſen, ſtieg er auf das Verdeck; er ſah, daß die Flagge geſtrichen und der Kapitän ſich zu ergeben bereit war. Ich bitte Eure Majeſtät um Ver⸗ zeihung, Sire, aber bei dieſem Anblick empörte ſich Alles, was er von franzöſiſchem Blut in ſich hatte. Er nahm die Flagge, die ſich im Bereiche ſeiner Hand fand, griff nach einem Hammer, befahl das Feuer wieder zu beginnen und nagelte die Flagge über den Wimpel. Durch dieſes Ereigniß, Sire, wurde der Sévère Eurer Majeſtät erhalten.“ „Ein ſchöner Zug,“ ſagte der König. „Eine wackere Handlung,“ ſprach die Königin. „Ja, Sire, ja, Madame; aber eine ſchwere Re⸗ bellion gegen die Disciplin. Es war der Befehl vom Kapitän gegeben, der Lieutenant mußte gehorchen. Ich bitte Sie um Begnadigung dieſes Offiziers, Sire, ich. bitte Sie um ſo dringender darum, als es mein Neffe iſt.“ „Ihr Neffe!“ rief der König,„und Sie haben mir nichts davon geſagt?“ 1 „Dem Konig, nein; doch ich hatte die Ehre, dem Herrn Marine⸗Miniſter meinen Bericht zu machen und erſuchte ihn dabei, Eurer Majeſtät nichts zu ſagen, bevor ich die Begnadigung des Schuldigen erlangt hätte.“ „Bewilligt! bewilligt!“ rief der König,„und ich 188 verſpreche zum Voraus meine Protection jedem Dis⸗ ciplinwidrigen, der ſo die Ehre der Flagge und des Königs von Frankreich zu rächen wiſſen wird. Sie hätten mir dieſen Offizier vorſtellen ſollen, Herr Bailli.“ „Er iſt hier,“ erwiederte Herr von Suffren,„und da Eure Majeſtät erlaubt...“ 3 Dann ſich umwendend: „Nähern Sie ſich, Herr von Charny.“ Die Königin bebte, dieſer Name erweckte in ihrem Geiſte eine Erinnerung, welche zu friſch war, um ſchon verwiſcht zu ſein. Da trennte ſich ein junger Offizier von der um Herrn von Suffren gebildeten Gruppe und erſchien plötz⸗ lich vor den Augen des Königs. Ganz begeiſtert von der Erzählung ſeiner ſchönen That, hatte die Königin ihrerſeits eine Bewegung ge⸗ macht, um dem jungen Mann entgegen zu gehen. Aber beim Namen, beim Anblick des Seemanns, den Herr von Suffren dem König vorſtellte, blieb ſie ſtehen, erbleichte und gab ein kleines Gemurmel von ſich. 3 Fräulein von Taverney erbleichte auch und ſchaute voll Angſt die Königin an. Ohne etwas zu ſehen, ohne etwas anzuſchauen, ohne daß ſein Geſicht irgend eine andere Bewegung, als die Ehrfurcht ausdrückte, verbeugte ſich Herr von Charny vor dem König, der ihm die Hand zum Kuſſe reichte, dann kehrte er beſcheiden und zitternd, unter den gierigen Blicken der Verſammlung, in den Kreis der Offiziere zurück, die ihn geräuſchvoll beglückwünſch⸗ ten und mit Schmeicheleien erdrückten. Da trat ein Augenblick des Stillſchweigens und der Aufregung ein, in dem man den König ſtrahlend, die Königin lächelnd und unentſchloſſen, und Philipp, dem die Bewegtheit der Königin nicht entgangen war, unruhig und befragend ſehen konnte. 4 „Auf! auf!“ ſagte endlich der König,„kommen Sie, Herr von Suffren, kommen Sie, daß wir plau⸗ 189 dern; ich ſterbe vor Verlangen, Sie zu hören und Ihnen zu beweiſen, wie viel ich an Sie gedacht habe.“ „Sire, ſo viel Güte...“ „Oh! Sie werden meine Karten ſehen, Herr Bailli, Sie werden jede Phaſe Ihrer Expedition zum Voraus durch meine Sorgfalt errathen ſehen. Kommen Sie, kommen Sie.“ Nachdem er hierauf, Herrn von Suffren mit ſich fortziehend, einige Schritte gemacht hatte, wandte er ſich plötzlich gegen die Königin um und ſagte: „Oh! Madame, ich laſſe, wie ſie wiſſen, ein Schiff von hundert Kanonen bauen, ich habe meine Anſicht über den Namen, den es bekommen ſoll, geändert; ſtatt es zu nennen, wie wir geſagt haben, nicht wahr, Ma⸗ dame...“ Marie Antoinette, die ſich wieder ein wenig ge⸗ faßt hatte, griff den Gedanken des Königs im Fluge auf und antwortete: 24 „Ja, ja, wir nennen es den Suffren, und ich werde mit dem Herrn Ballli die Pathin ſein.“ Bis dahin zurückgehaltene Rufe: Es lebe der König! es lebe die Königin! brachen mit Gewalt hervor. „Es lebe der Suffren!“ fügte der König mit großer Zartheit bei, denn Niemand konnte in Gegen⸗ wart des Königs ſo rufen: Es lebe Herr von Suffren! während die ängſtlichſten Beobachter der Etiquette rufen konnten:„Es lebe das Schiff Seiner Majeſtät!“ „Es lebe der Suffren!“ wiederholte die Verſamm⸗ lung voll Begeiſterung. Der König machte ein Zeichen des Dankes dafür, daß man ſeine Gedanken ſo gut begriffen, und führte den Bailli mit ſich fort.. 190 XIE Herr von Charny. Sobald der König verſchwunden, gruppirte ſich Alles, was im Saale von Prinzen und Prinzeſſinnen war, um die Königin. Der Bailli hatte ſeinem Neffen durch ein Zeichen zu warten befohlen, und nach einer Verbeugung, welche Gehorſam andeutete, war dieſer in der Gruppe, wo wir ihn geſehen, geblieben. Die Königin, welche mit Andrée mehrere bezeich⸗ nende Blicke gewechſelt hatte, verlor den jungen Mann beinahe nicht mehr aus dem Auge, und ſo oft ſie ihn anſchaute, ſagte ſie zu ſich ſelbſt: „Er iſt es, es läßt ſich nicht bezweifeln.“ Worauf Fräulein von Taverney mit einer Pan-⸗ tomime antwortete, die der Königin keinen Zweifel übrig laſſen ſollte, denn ſie bezeichnete: „Ohl mein Gott, ja, Madame; er iſt es, er iſt es ganz gewiß.“ Philipp bemerkte, wie geſagt, die Bewegtheit der Königin; er ſah ſie und fühlte, wenn nicht die Urſache, doch wenigſtens den unbeſtimmten Sinn davon. Nie täuſcht ſich derjenige, welcher liebt, über den Eindruck von derjenigen, die er liebt. Er errieth alſo, die Königin ſei von einem ſelt⸗ ſamen, geheimnißvollen, Jedermann, ſie und Andrée ausgenommen, unbekannten Ereigniß betroffen worden. Die Königin hatte wirklich die Haltung verloren und eine Zuflucht hinter ihrem Fächer geſucht, ſie, die gewöhnlich aller Welt die Augen niederſchlagen machte. Während ſich der junge Mann fragte, worauf dieſe Bewegtheit der Königin hinauslaufen würde, wäh⸗ rend er die Geſichter der Herren von Coigny und Vaudreuil zu ſondiren ſuchte, um ſich zu verſichern, ob ſie keinen Antheil an dieſem Geheimniß hätten, und er 191 ſah, daß ſie ſich ganz gleichgültig mit Herrn von Haga unterhielten, der nach Verſailles gekommen war, um ſeine Aufwartung zu machen, trat ein Mann im maje⸗ ſtätiſchen Cardinalsgewand, gefolgt von Officianten und Prälaten, in den Salon, in dem man ſich befand. Die Königin erkannte Herrn Louis von Rohan, ſie ſah ihn von einem Ende des Saals am andern, und wandte ſogleich den Kopf ab, ohne ſich nur die Mühe zu geben, das Falten ihrer Sirne zu verbergen. Der Prälat durchſchritt die ganze Verſammlung, ohne Jemand zu grüßen, und ging gerade auf die Kö⸗ nigin zu, vor der er ſich mehr als ein Weltmann, der eine Frau, denn als ein Unterthan, der eine Königin grüßt, verbeugte. Dann richtete er ein äußerſt galantes Compliment an Ihre Majeſtät, doch ſie wandte kaum den Kopf um, murmelte ein paar eiskalt ceremonielle Worte und ſetzte ihr Geſpräch mit Frau von Lamballe und Frau von Polignac fort. Der Prinz Louis ſchien den ſchlechten Empfang der Königin nicht bemerkt zu haben. Er beendigte ſeine Verbeugungen, drehte ſich ohne Haſt um und wandte ſich mit aller Anmuth eines vollkommenen Hofmanns an Mesdames, die Tanten des Königs, mit denen er ſich lange unterhielt, in Betracht daß ihm kraft des bei Hofe üblichen Schaukelſpiels hier ein ebenſo wohl⸗ wollender Empfang zu Theil wurde, als der der Kö⸗ nigin eiſig geweſen war. Der Cardinal Louis von Rohan war ein Mann in der Kraft des Alters, von impoſanter Geſtalt und edler Haltung; ſeine Züge drückten Verſtand und 8* Sanftmuth aus; er hatte einen feinen, bedachtſamen Mund und eine bewunderungswürdige Hand; ſeine etwas entblößte Stirne deutete den Mann des Vergnü⸗ gens oder den Mann der Studien an und bei dem Prinzen von Rohan fand ſich wirklich das Eine und das Andere. Er war ein Mann, dem die Frauen huldigten, 19²2 welche die Galanterie ohne Geckenhaftigkeit und ohne Geräuſch liebten; man führte ſeine Freigebigkeit an; und er hatte wirklich das Mittel gefunden, ſich mit einem Einkommen von ſechzehnmalhunderttauſend Livres für arm zu halten. Die Königin liebte ihn, weil er gelehrt war, die Königin haßte ihn im Gegentheil. Die Gründe dieſes Haſſes ſind nie genau bekannt geworden, aber ſie unterliegen zwei Arten von Com⸗ mentaren. Einmal ſollte der Prinz Louis als Botſchafter in Wien, wie man ſagte, dem König Ludwig XV. über Maria Thereſia Briefe voll Ironie geſchrieben haben, die Marie Antoinette dieſem Diplomaten nie hätte verzeihen können. Sodann, und dieß iſt menſchlicher und beſonders wahrſcheinlicher, ſollte der Botſchafter in Beziehung auf die Heirath der jungen Erzherzogin mit dem Dauphin an den König Ludwig XV., der den Brief laut bei einem Abendbrod bei Madame Dubarry vor⸗ geleſen, gewiſſe, für die Eitelkeit der damals ſehr ma⸗ gern jungen Frau feindliche beſondere Umſtände geſchrie⸗ ben haben.: Dieſe Angriffe hätten Marie Antoinette tief verletzt, die ſich nicht öffentlich als Opfer derſelben anerkennen konnte, und ſie hätte geſchworen, den Urheber früher oder ſpäter dafür zu beſtrafen. Darunter fand ſich natürlich eine ganze politiſche Intrigue. Die Botſchafterſtelle in Wien war Herrn von Breteuil zu Gunſten von Herrn von Rohan entzogen worden. Zu ſchwach, um offen gegen den Prinzen zu käm⸗ pfen, hätte Herr von Brekeuil dann das angewandt, was man in der Diplomatie Geſchicklichkeit nennt. Er hatte ſich die Abſchriften oder ſogar die Originalien des Prälaten, der damals Botſchafter in Wien, ver⸗ ſchafft, und die wirklich von dem Prälaten geleiſteten 1 — 193 Dienſte durch die Feindſeligkeiten gegen die Kaiſerlich öſtreichiſche Familie aufwägend, in der Dauphine einen Bundesgenoſſen gefunden, der entſchloſſen, eines Tags den Herrn Prinzen von Rohan zu Grunde zu richten. Dieſer Haß brütete dumpf bei Hofe fort und machte die Stellung des Cardinals ſehr ſchwierig. So oft er die Königin ſah, hatte er den eiſtgen Empfang zu ertragen, von dem wir einen Begriff ge⸗ geben haben. Doch über die Verachtung erhaben, war er nun wirklich ſtark oder riß ihn ein unwiderſtehliches Gefühl hin, ſeiner Feindin Alles zu verzeihen, verſäumte Louis von Rohan keine Gelegenheit, ſich Marie Antoinette zu nähern, und hiezu fehlte es ihm nicht an Mitteln: Louis von Rohan war Großalmoſenier des Hofes. Nie hatte er ſich beklagt, nie hatte er ſich gegen Jemand ausgeſprochen. Ein kleiner Kreis von Freun⸗ den, unter denen man den Baron von Planta, einen deutſchen Offizier, ſeinen innigen Vertrauten, auszeich⸗ nete, diente dazu, ihn über die königlichen Zurück⸗ ſtoßungen zu tröſten, wenn die Damen des Hofes, die ſich im Punkte der Strenge gegen den Cardinal nicht alle nach dem Muſter der Königin richteten, dieſes glück⸗ liche Reſultat nicht bewerkſtelligt hatten. 8 Der Cardinal war wie ein Schatten über das lachende Gemälde hingezogen, das in der Einbildungs⸗ kraft der Königin ſpielte. Kaum hatte er ſich entfernt, als ſich Marie Antoinette wieder erheiterte und zur Frau Prinzeſſin von Lamballe ſagte: „Wiſſen Sie, daß die That dieſes jungen Offtziers, des Neffen von Herrn Ballli, eine der merkwürdigſten dieſes Krieges iſt? Wie heißt er doch?“ „Herr von Charny, glaube ich,“ antwortete die Prinzeſſin. Dann ſich gegen Andrée umwendend, fragte ſie: „Iſt es nicht ſo, Fräulein von Taverney?“ „Charny, ja, Eure Hoheit,“ erwiederte Andrée. Das Halsband der Koͤnigin. 13 194 „Herr von Charny,“ fuhr die Königin fort,„muß uns dieſe Epiſode ſelbſt erzählen, ohne daß er einen einzigen Umſtand übergehen darſ. Man ſuche ihn. Iſt er noch hier?“ Ein Offizier ging eiligſt weg, um den Befehl der Königin zu vollziehen. In demſelben Augenblick, da ſie umherſchaute, ge⸗ wahrte ſie Philipp, und ungeduldig wie immer, rief ſie ihm zu: h ittre von Taverney, ſehen Sie doch nach.“ Philipp erröthete; vielleicht dachte er, er hätte dem Wunſche ſeiner Fürſtin zuvorkommen müſſen. Er ſchickte ſich alſo an, den glücklichen Offizier aufzuſuchen, den er ſeit ſeiner Vorſtellung nicht mit dem Auge ver⸗ laſſen hatte. Das Suchen war ihm daher ſehr leicht. Herr von Charny kam nach einem Augenblick zwi⸗ ſchen den zwei Boten der Königin. Der Kreis erweiterte ſich vor ihm; die Königin konnte ihn nun mit größerer Aufmerkſamkeit prüfen, als ihr dieß am Abend zuvor möglich geweſen war. Es war ein junger Mann von ſiebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, von ſchlankem, geradem Wuchs, mit breiten Schultern und vollkommenem Bein. Sein feines und zugleich ſanftes Geſicht nahm einen ſeltſamen Charakter von Energie an, ſo oft er ſein großes blaues Auge mit dem tiefen Blick erweiterte; er war, was zum Erſtaunen bei einem Mann, der kurz zuvor die Kriege in Indien mitgemacht, ebenſo weiß von Teint, als Philipp braun. Von einer bewunde⸗ rungswürdigen Zeichnung ſpielte ſein nerviger Hals in einer Binde, die minder glänzend weiß, als ſeine ſchöne Haut. Als er ſich der Gruppe näherte, in deren Mittel⸗ punkt die Königin, hatte er noch auf keine Weiſe kund⸗ gegeben, er kenne Fräulein von Taverney oder die Kö⸗ nigin ſelbſt. 4 4 Umgeben von Offizieren, die ihn befragten und 195 denen er höflich antwortete, ſchien er vergeſſen zu haben, daß er mit einem König geſprochen, daß ihn eine Kö⸗ nigin angeſchaut. Dieſe Höflichkeit, dieſe Zurückhaltung waren ganz geeignet, ihn noch viel bemerkbarer für die Königin zu machen, welche ſo zartfühlend war in Allem, was das Benehmen betraf. 1 Herr von Charny hatte nicht nur Recht, vor An⸗ dern ſein Erſtaunen bei dem ſo unerwarteten Anblick der Damen vom Fiaere zu verbergen. Es war das höchſte Maß von Klugheit und zarter Biederkeit, wo möglich ſie ſelbſt nicht wiſſen zu laſſen, daß ſie erkannt worden war. Natürlich und mit einer Schüchternheit von gutem Geſchmack gleichſam belaſtet geblieben, erhob ſich der Blick von Herrn von Charny nicht eher, als bis ihn die Königin angeredet hatte. „Herr von Charny,“ ſagte ſie,„dieſe Damen wünſchen, und es iſt dieß ein ſehr natürlicher Wunſch, da ich ihn auch hege, dieſe Damen wünſchen die Affaire des Schiffes in allen ihren Einzelnheiten zu kennen: ich bitte, erzählen Sie uns das.“ „Madame,“ erwiederte der Seemann unter einem tiefen Stillſchweigen,„ich bitte Eure Majeſtät flehent⸗ lich, nicht aus Beſcheidenheit, ſondern aus Leutſeligkeit, mich von dieſer Erzählung freizuſprechen; was ich als Lieutenant des Sévére gethan habe, gedachten zu glei⸗ cher Zeit wie ich zehn Offiziere, meine Kameraden, zu thun; ich ſchritt zuerſt zur Ausführung, das iſt mein ganzes Verdienſt. Denn was geſchehen iſt, die Wich⸗ tigkeit einer an Ihre Majeſtät gerichteten Erzählung zu geben, nie, Madame, das iſt unmöglich, und Ihr großes Herz, Ihr Königliches Herz beſonders, wird dieß begreifen.“ „Der Commandant des Sévore iſt ein braver Offizier, der an dieſem Tag den Kopf verloren hatte. Ach! Madame, Sie müßten es die Mnthſonden ſagen 196 hören, man iſt nicht alle Tage tapfer; er brauchte zehn Minuten, um ſich zu erholen; unſer Entſchluß, uns nicht zu ergeben, hat ihm die Friſt verliehen und der Muth iſt bei ihm wiedergekehrt; von dieſem Augenblick war er der Tapferſte von uns Allen; darum beſchwöre ich Eure Majeſtät, das Verdienſt meiner Handlung nicht zu übertreiben, das wäre eine Gelegenheit, den armen Offizier niederzuſchmettern, der jeden Tag das Vergeſſen einer Minute beweint.“ „Gut, gut,“ ſagte die Königin, gerührt und ſtrah⸗ lend vor Freude, da ſie das günſtige Gemurmel hörte, das die edelmüthigen Worte des jungen Offiziers um ſte her hervorgerufen hatten,„gut, Herr von Charny, Sie fnd ein redlicher Mann, als einen ſolchen kannte ich Sie.“ Bei dieſen Worten erhob der Offizier das Haupt; eine ganz jugendliche Röthe bepurpurte ſein Antlitz; ſeine Augen gingen mit einer Art von Angſt von der Königin zu Andrée über. Er befürchtete, den Anblick dieſer ſo edelmüthigen und in ihrem Edelmuth ſo ſchüch⸗ ternen Natur. Herr von Charny war in der That noch nicht beim Ende. „Denn,“ fuhr die unerſchrockene Königin fort, „denn es iſt gut, daß Sie Alles wiſſen, daß Herr von Charny, dieſer junge Offtzier, der ſich geſtern erſt aus⸗ geſchifft, dieſer Unbekannte, uns ſehr bekannt war, ehe er uns heute Abend vorgeſtellt wurde, und daß er allen Frauen bekannt zu ſein und von allen bewundert zu werden verdient.“ Man ſah, daß die Königin ſprechen, daß ſie eine Geſchichte erzählen wollte, aus der Jeder einen kleinen Scandal, ein kleines Geheimniß aufleſen konnte. Man bildete einen Kreis, man horchte, man drängte ſich zuſammen. „Meine Damen,“ ſprach die Königin,„ſtellen Sie ſich vor, daß Herr von Charny ebenſo nachſichtig gegen die Damen iſt, als unbarmherzig gegen die Engländer. 197 Man hat mir von ihm eine Geſchichte erzählt, die ihm, ich erkläre es Ihnen zum Voraus, die größte Ehre in meinem Geiſte macht.“ „Oh! Madame,“ ſtammelte der junge Offtzier. Man erräth, daß die Worte der Köͤnigin und die Ge⸗ genwart von demjenigen, an welchen ſie gerichtet waren, die Neugierde nur verdoppelten. Ein Schauer durchlief das ganze Auditorium. Die Stirne von Schweiß bedeckt, hätte Charny ein Jahr ſeines Lebens dafür gegeben, wäre er noch in Indien geweſen. „Man höre, wie ſich die Sache verhält,“ fuhr die Königin fort.„Zwei Damen von meiner Bekanntſchaft hatten ſich verſpätet und waren in ein Gedränge ge⸗ rathen. Sie liefen eine große Gefahr, Herr von Charny kam in dieſem Augenblick zufällig oder vielmehr glück⸗ licher Weiſe vorüber. Er trieb die Menge auf die Seite und nahm die zwei Damen, ohne ſie zu kennen, und obgleich es ſchwer war, ihren Rang zu unterſcheiden, unter ſeinen Schutz und begleitete ſie ſehr weit, ich glaube zwei Meilen von Paris.“ „Ach! Eure Majeſtät übertreibt,“ entgegnete lachend und beruhigt durch die Wendung, die die Er⸗ zählung genommen, Herr von Charny. „Nun, ſo ſagen wir fünf Meilen und ſprechen wir nicht mehr davon,“ unterbrach der Graf d'Artois, der ſich plötzlich in das Geſpräch miſchte. „Gut, mein Bruder,“ fuhr die Königin fort;„das Schönſte dabei aber war, daß Herr von Charny nicht einmal den Namen der zwei Damen zu erfahren ſuchte, denen er dieſen Dienſt geleiſtet hatte, daß er ſie an der Stelle, die ſte ihm bezeichneten, abſetzte, daß er ſich entfernte, ohne nur den Kopf umzuwenden, ſo daß ſie ſeinen ſchützenden Händen entkamen, ohne auch nur einen Augenblick beunruhigt worden zu ſein.“ Man ſchrie, man bewunderte. Charny wurde von zwanzig Damen zugleich mit Complimenten überſchüttet. „Nicht wahr, das iſt ſchön?“ endigte die Königin; 198 „ein Ritter von der Tafelrunde hätte es nicht beſſer gemacht.“ „Das iſt herrlich!“ rief der Chor. „Herr von Charny,“ ſprach die Königin,„der König iſt ohne Zweifel damit beſchäftigt, daß er Herrn von Suffren, Ihren Oheim, belohnt; ich, meiner⸗ ſeits, möchte gern etwas für den Neffen dieſes großen Mannes thun.“ Sie reichte ihm die Hand. Und während Charny bleich vor Freude ſeine Lippen darauf drückte, begrub ſich Philipp bleich vor Schmerz in die weiten Vorhänge des Salons. Andrée war ebenfalls erbleicht, und dennoch konnte ſie nicht errathen, was Alles ihr Bruder litt. Die Stimme des Grafen d'Artois brach dieſe Scene ab, welche ſo intereſſant für einen Beobachter geweſen wäre.— Ahl mein Bruder von Provence,“ rief er;„kom⸗ men Sie doch, mein Herr, kommen Sie; Sie haben ein ſchönes Schauſpiel verſäumt, den Empfang von Herrn von Suffren; es war in der That ein Augen⸗ blick, den die franzöſiſchen Herzen nie vergeſſen wer⸗ den. Wie, des Teufels, haben Sie was verſäumt, mein Bruder, Sie, der vorzugsweiſe pünktliche Mann!“ Monſieur preßte die Lippen zuſammen, grüßte die Königin zerſtreut und antwortete mit einer Alltags⸗ phraſe. Dann ſagte er leiſe zu Herrn von Favras, ſeinem Capitain der Garden: 3 „Wie kommt es, daß er in Verſailles iſt?“ „Ei! Monſeigneur,“ antwortete dieſer,„ich frage mich das ſeit einer Stunde und habe es noch nicht begriffen.“ 199 XIII. Die hundert Louisd'or der Königin. Nun, da wir unſere Leſer die Bekanntſchaft mit den Hauptperſonen dieſer Geſchichte haben machen oder erneuern laſſen, nachdem wir ſie ſowohl in das kleine Haus des Grafen d'Artois, als in den Palaſt von König Ludwig XVI. eingeführt, wollen wir ſie wieder in das Haus der Rue Saint⸗Claude führen, in dem die Königin von Frankreich incognito erſchienen und mit Andrée von Taverney in den vierten Stock hinauf geſtiegen war. Sobald die Königin verſchwunden war, zählte Frau von La Mothe, wie wir wiſſen, wieder und wieder freudig die hundert Louisd'or, die ihr auf eine ſo wun⸗ derbare Weiſe vom Himmel zugefallen. Fünfzig ſchöne Doppellouis von acht und vierzig Livres, die, auf dem armſeligen Tiſch ausgebreitet und in den Reflexen der Lampe ſtrahlend, durch ihre ariſto⸗ kratiſche Gegenwart Alles zu demüthigen ſchienen, was ſich an dürftigen Dingen in der elenden Dachſtube fand. Nach dem Vergnügen, zu haben, kannte Frau von La Mothe kein größeres, als das, ſehen zu laſſen. Der Beſitz war nichts für ſie, wenn er nicht Neid erregte. Es war ihr ſchon ſeit einiger Zeit widrig, ihre Kammerfrau zur Vertrauten ihres Elends zu haben; ſie beeilte ſich daher, ſie zur Vertrauten ihres Glückes zu machen. Sie rief Frau Clotilde, die im Vorzimmer ge⸗ blieben war, gab dem Licht der Lampe geſchickt eine ſolche Richtung, daß das Gold auf dem Tiſche glänzte, und ſprach: „Clotilde!“ Die Haushälterin machte einen Schritt in's Zimmer. „Kommen Sie hierher und ſchauen Sie,“ fügte Frau von La Mothe bei: „Oh! Madame!“ rief die Alte, die Hände faltend und den Hals vorſtreckend. „Sie waren beſorgt wegen Ihres Lohnes?“ ſagte die Gräfin. .„Oh! Madame, nie habe ich ein Wort hierüber eſagt. Ich fragte die Frau Gräfin nur, wann ſie mich Pnahlen könnte, und das war natürlich, da ich ſeit drei Monaten nichts erhalten hatte.“ „Glauben Sie, daß das hinreicht, um Sie zu bezahlen?“ „Jeſus! Madame, wenn ich hätte, was da liegt, ſo wäre ich reich für mein ganzes Leben.“ Frau von La Mothe ſchaute die Alte an, zuckte die Achſeln mit einer Geberde unausſprechlicher Ver⸗ achtung, und ſagte: 4 „Es iſt ein Glück, daß ſich gewiſſe Leute des Na⸗ mens erinnern, den ich führe, während ihn diejenigen, welche ſich deſſelben erinnern müßten, vergeſſen.“ „Und wozu werden Sie all' dieß Geld verwenden?“ fragte Frau Clotilde. „Zu Allem!“ „Was ich am weſentlichſten fände, Madame, wäre meiner Anſicht nach, daß Sie meine Küche einrichten würden, denn, nicht wahr, nun, da Sie Geld haben, werden Sie Gäſte bewirthen?“ „St!“ machte Frau von La Mothe,„man klopft.“ „Madame täuſcht ſich,“ entgegnete die Alte, die mit ihren Schritten ſtets ſehr ſparſam war. „Ich ſage Ihnen aber, daß man klopft.“ „Oh! ich verſpreche Madame...“ „Sehen Sie nach.“ „Ich habe nichts gehört.“ .„Ja, wie vorhin, vorhin hatten Sie auch nichts gehört: nun! wenn die zwei Damen hinweggegangen wären, ohne herein zukommen!“ 201 Dieſer Grund ſchien überzeugend für Frau Clotilde, denn ſie wandte ſich der Thüre zu. „Hören Sie?“ rief Frau von La Mothe. „Oh! es iſt wahr,“ ſagte die Alte,„ich gehe, ich gehe.“ Frau von La Mothe ſtrich eilig die fünfzig Dop⸗ pellouis vom Tiſch auf ihre Hand, warf ſie in eine Schublade, ſtieß dieſe wieder zu und murmelte: „Oh! Vorſehung noch ein hundert Louisd'or.“ Dieſe Worte wurden mit einem Ausdruck ſkeptiſcher Gierde geſprochen, der Voltaire lächeln gemacht hätte. Mittlerweile öffnete man die Thüre des Ruheplatzes und der Tritt eines Mannes wurde im erſten Zimmer hörbar. Der Unbekannte und Frau Clotilde wechſelten ein paar Worte, ohne daß die Gräfin den Sinn davon auffaſſen konnte. Dann ſchloß man die Thüre wieder, die Tritte verloren ſich auf der Treppe und die Alte kehrte, einen Brief in der Hand, zurück. „Hier!“ ſagte ſite, der Gebieterin den Brief reichend.. Die Gräſtn betrachtete aufmerkſam die Schrift, den Umſchlag und das Siegel; dann ſchaute ſte empor und fragte: „Ein Bedienter?“ „Ja, Madame.“ „Was für eine Livrée?“ 1 „Er hatte keine.“ 8 „Ein Vertrauter alſo?“ & 44 „Ja. „Ich kenne dieſes Wappen,“ ſprach Frau von La Mothe, während ſie das Siegel noch einmal anſchaute. 1aun näherte ſie dieſes Siegel der Lampe und agte: 3„Roth mit neun durchbrochenen goldenen Rauten: wer hat Roth mit neun durchbrochenen goldenen Rauten?“ 202 Sie ſuchte einen Augenblick in ihren Erinnerungen, doch vergebens. „Sehen wir immerhin den Brief an,“ murmelte ſie. Und nachdem ſie ihn ſorgfältig geöffnet, um das Siegel nicht zu zerbrechen, las fie: Madame, die Perſon, an die Sie ein Geſuch gerichtet haben, wird Sie morgen Abend beſuchen, iſt es Ihnen angenehm, Ihre Thüre für ſie zu öffnen.““ „Und das iſt Alles.“ Die Gräfin ſtrengte abermals ihr Gedächtniß an. c habe an ſo viele Perſonen geſchrieben,“ e ſie. „An alle Welt. „Iſt die Perſon, die mir antwortet, ein Mann oder eine Frau? „Die Handſchrift beſagt nichts... unbedeutend... eine wahre Secretärshandſchrift. „Dieſer Styl? ein Protectorſtyl... flach und alt.“ Dann wiederholte ſie: „„Die Perſon, an die Sie ein Geſuch gerichtet haben...““ „In dieſer Phraſe liegt die Abſicht, zu demüthigen. Es kommt gewiß von einer Frau.“ Sie fuhr fort: Wird Sie morgen Abend beſuchen, iſt es Ihnen 1141 ſagt PI Nr angenehm, Ihre Thüre für ſie zu öffnen. „Eine Frau hätte geſagt: Wird Sie morgen Abend erwarten. „Doch die Damen von geſtern, ſie ſind wohl ge⸗ kommen, und das waren vornehme Damen. „Keine Unterſchrift. „Wer hat denn Roth mit neun durchbrochenen goldenen Rauten? „Oh!“ rief die Gräfin plötzlich,„habe ich denn den Kopf verloren? die Rohan, bei Gott! 7„Ja, ich habe an Herrn von Guéménée und an Herrn von Rohan geſchrieben; der Eine von ihnen ant⸗ wortet mir, das iſt ganz einfach. 203 „Doch der Wappenſchild iſt nicht in vier Felder getheilt, der Brief iſt vom Cardinal. „Ohl der Cardinal, dieſer Galante, dieſer Weiber⸗ knecht, dieſer Ehrgeizige; er wird Frau von La Mothe behachen⸗ wenn ihm Frau von La Mothe ihre Thüre öffnet. „Gut! er mag ruhig ſein, die Thüre wird ihm geöffnet werden. „Und wann iſt das? Morgen Abend.“ Sie verſank in eine Träumerei. „Eine Dame vom Guten Werke, die hundert Louisd'or gibt, kann in einer Dachſtube empfangen werden; ſie kann auf meinem kalten Boden frieren, ſie kann leiden auf meinen Stühlen, die ſo hart wie der Roſt des heiligen Laurentius, abgeſehen vom Feuer. Aber ein Kirchenfürſt, ein Boudoirmann, ein Gebieter der Herzen! Nein, nein, die Armuth, die ein ſolcher Almoſenier beſucht, braucht mehr Luxus, als gewiſſe Reiche haben.“ Die Gräfin wandte ſich nun gegen die Haushäl⸗ deuin um, die ihr Bett vollends zurecht machte, und agte: „Frau Clotilde vergeſſen Sie nicht, mich morgen frühzeitig zu wecken.“ Um behaglicher denken zu können, bedeutete die Gräfin hienach der Alten durch ein Zeichen, ſie möge ſie allein laſſen. Frau Clotilde fachte wieder das Feuer an, das man in der Aſche begraben hatte, um der Stube ein elenderes Ausſehen zu geben, ſchloß die Thüre und zog. ſich in den Dachwinkel zurück, wo ſie ihre Lager⸗ ſtätte hatte. Jeanne von Valois wachte, ſtatt zu ſchlafen, die ganze Nacht hindurch. Sie ſchrieb mit dem Bleiſtifte beim Scheine der Nachtlampe Bemerkungen und ver⸗ ſank erſt, nachdem ſie des kommenden Tages ſicher war, gegen drei Uhr Morgens in die Ruhe des Schlummers, aus dem ſie Frau Clotilde, welche kaum mehr als 204 ſie geſchlafen hatte, mit dem erſten Dämmerlichte erweckte. Gegen acht Uhr hatte ſie ihre Toilette beendigt, die aus einem zierlichen ſeidenen Kleide und einem geſchmackvollen Kopfputz beſtand. Zugleich als vornehme Dame und als hübſche Frau chauſſirt, das Schönpfläſterchen auf dem linken Backen⸗ bein, die geſtickte Militaire am Fauſtgelenke, ließ ſie eine Art von Karren von dem Platze holen, wo man dergleichen Locomotiven fand, nämlich von der Rue du Pont⸗aux⸗Chour. Sie würde eine Sänfte vorgezogen haben, aber da hätte man eine zu fern herholen müſſen. Der Karren, ein vollendeter Stuhl, beſpannt mit einem kräftigen Auvergnaten, erhielt Befehl, die Frau Gräfin nach der Place Royale zu führen, wo unter den ſüdlichen Arcaden in dem alten Erdgeſchoß eines verlaſſenen Hotels Meiſter Fingret, Tapezierer und Decorateur, wohnte, bei dem ältere und neuere Meubles zu billigem Preis für den Verkauf und die Vermiethung zu finden waren. 7 Der Auvergnat karrte raſch ſeine Kundin von der Rue Saint⸗Claude nach der Place Royale. Zehn Minuten nach ihrem Abgang landete die Gräfin bei den Magazinen von Meiſter Fingret, wo wir ſie ſogleich in Bewunderung und Auswahl begrif⸗ fen in einer Art von Pandämonium finden, das wir zu ſtizziren ſuchen wollen. Man ſtelle ſich fünfzig Fuß lange und ungefähr dreißig Fuß breite Remiſen mit einer Höhe von ſieben⸗ zehn Fuß vor; an den Wänden allerlei Tapeten aus der Zeit der Regierung von Heinrich IV. und Ludwig XIII., an den durch die Menge der aufgehängten Gegenſtände verborgenen Decken, Kronleuchter mit Girandolen, die an ausgeſtopfte Eidechſen, Kirchenlampen und fliegender Fiſche anſtoßen. Auf dem Boden aufgehäufte Teppiche und Matten, Meubles mit gedrehten Säulen, mit abgevierten Füßen, 205 geſchnitzte Schenktiſche von Eichenholz, Wandtiſche nach der Mode von Ludwig XV. mit vergoldeten Pfoten, Sopha's mit roſa Damaſt oder Utrechter Sammet über⸗ zogen, Ruhebetten, große lederne Lehnſtühle, wie ſie Sully liebte, Schränke von Ebenholz mit Füllungen in Relief und meſſingenen Stäbchen, Tiſche von Boule mit Blättern von Schmelz oder Porzellan, Triktrake, Putztiſche mit völliger Ausrüſtung, Commoden mit ein⸗ gelegter Arbeit von Inſtrumenten oder Blumen. Lagerſtätten von Roſenholz oder von Eichenholz mit Eckenden oder mit Baldachin⸗Vorhängen von allen Formen, von allen Deſſins, von allen Stoffen ſich ver⸗ halfternd, ſich vermengend, ſich verwühlend oder ſich ſtoßend in den Halbſchatten der Remiſe. Klaviere, Spinette, Harfen, ägyptiſche Klappern mit einem Gueridon; der Hund Marlborough ausge⸗ ſtopft und mit Augen von Schmelz. Sodann Weißzeug von allen Qualitäten: Damen⸗ kleider neben Sammetröcken hängend, Degengriffe von Stahl, von Silber, von Perlmutter. Hohe Leuchter, Portraits von Ahnherren und Ahn⸗ frauen, Bilder Grau in Grau, eingerahmte Stiche, und alle die Nachahmungen von Vernet, wie ſie damals in der Mode, von jenem Vernet, zu dem die Königin ſo anmuthreich und ſo fein ſagte: —„Entſchieden ſind nur Sie allein, Herr Vernet, in Frankreich im Stande, den Regen und das ſchöne Wetter zu machen.“ XIV. Meiſter Fingret. Das iſt es, was Alles die Augen und folglich die Einbildungskraft der wenig Begüterten in den Maga⸗ 206 ziue von Meiſter Fingret auf der Place Royale ver⸗ ührte. 4 Lauter Waaren, die nicht ganz neu waren, wie es das Schild redlich ſagte, die ſich aber, vereinigt, ein⸗ ander Werth gaben und am Ende eine viel beträcht⸗ lichere Geſammtſumme herausſtellten, als es die hochmü⸗ thigſten Einkäufer verlangt haben würden. Frau von La Mothe bemerkte erſt, als ſie zu Be⸗ trachtung aller dieſer Reichthümer zugelaſſen war, was ihr in der Rue Saint⸗Claude fehlte. Es fehlte ihr ein Salon, um Sopha, Fauteuils und Bergores zu enthalten. Ein Speiſezimmer, um Schränke, Etagéren und Anrichtetiſch aufzunehmen. Ein Boudoir für die Zitzvorhänge, die Gueridons und die Feuerſchirme. Was ihr dann noch fehlte, hätte ſie Salon, Speiſezimmer und Boudoir gehabt, das war das Geld, um die Meubles zu bekommen, die ſie in dieſe neue Wohnung ſtellen ſollte. Doch mit den Tapezierern von Paris iſt jederzeit leicht eine Uebereinkunft zu treffen geweſen, und wir haben nie ſagen hören, eine hubſche und junge Frau ſei auf der Schwelle einer Thüre geſtorben, die ſie ſich öffnen zu laſſen nicht vermocht. In Paris miethet man das, was man nicht kauft, und es ſind die Meublesvermiether, die das Sprüch⸗ wort:„Sehen iſt haben,“ in Umlauf brachten. In der Hoffnung auf eine mögliche Miethe warf Frau von La Mothe, nachdem ſie Maße genommen, ihr Auge auf ein Meuble von goldgelber Seide, das ihr beim erſten Anblick gefiel. Nie aber wüuͤrde dieſes Meuble, das aus zehn Stücken beſtand, den geeigneten Raum im vierten Stocke der Rue Saint⸗Claude haben. 3 Um Alles zu ordnen, müßte man den dritten * Stock, beſtehend aus einem Vorzimmer, einem Speiſe⸗ 207 zimmer, einem kleinen Salon und einem Schlafzimmer, miethen. So daß man im dritten Stock die Almoſen der Cardinäle und im vierten die der Unterſtützungsanſtal⸗ ten in Empfang nehmen würde, das heißt im Luxus die der Leute, welche Wohlthätigkeit aus Prahlerei üben und in der Armuth die Geſchenke der mit Vorur⸗ theilen Behafteten, die es nicht lieben, denjenigen zu geben, für welche es nicht Bedürfniß iſt, zu empfangen. Nachdem die Gräfin ſo ihren Entſchluß gefaßt, wandte ſie ihre Augen nach der dunklen Seite der Re⸗ miſe, nämlich nach der Seite, wo ſich die Reichthümer am glänzendſten boten, nach der Seite der Kryſtalle, der Goldrahmen, der Spiegel.. Sie ſah hier, die Mütze in der Hand, die Miene ungeduldig und das Lächeln ein wenig verächtlich, das Geſicht eines Pariſer Bürgersmannes, der einen Schlüſſel in den zwei Zeigefingern ſeiner zwei durch die Nägel an einander befeſtigten Hände drehen ließ. Dieſer würdige Aufſeher der Gelegenheitswaaren war kein Anderer, als Herr Fingret, dem ſeine Commis den Beſuch einer ſchönen Dame gemeldet hatten. Man konnte im Hofe dieſelben Commis ſehen, kurz und eng in Bure und Camelot gekleidet, ihre kleinen Waden unter etwas lachenden Strümpfen in der Luft. Sie waren beſchäftigt, mit den älteren Meubles die minder alten zu reſtauriren, oder beſſer geſagt, Sophas, Lehnſtühle und antike Polſter zu plündern und das Roßhaar und die Federn herauszuziehen, die zum Ausſtopfen ihrer Nachfolger dienen ſollten. Der Eine krämpelte das Roßhaar, vermengte es großmüthig mit Werg und ſtopfte ein neues Geräthe damit voll. Der Andere bauchte gute Fauteuils. Der Dritte bügelte mit aromatiſchen Waſſern ge⸗ reinigte Stoffe aus.. Und mit dieſen alten Ingredienzien richtete man die 208 ſo ſchönen Meubles zurecht, welche Frau von La Mothe in dieſem Augenblick bewunderte. Da Herr Fingret bemerkte, daß ſeine Kundin die Operationen ſeiner Commis ſehen und die Gelegenheit in einem minder günſtigen Lichte anſchauen konnte, als es für ſeine Intereſſen erſprießlich war, ſo ſchloß er eine Glasthüre, die nach dem Hofe ging, aus Furcht, wie er ſagte, der Staub könnte blendend ſein für Madame...— Bei dieſem„Madame“ hielt er inne. Es war dieß eine Frage. „Die Frau Gräfin von La Mothe Valois,“ erwie⸗ derte Jeanne nachläſſig. Bei dieſem wohlklingenden Titel ſah man nun Herrn Fingret ſeine Finger löfen, den Schlüſſel in die Taſche ſtecken und ſich der Gräfin nähern. „Oh!“ ſprach er,„es iſt nichts hier, was für Ma⸗ dame taugt. Ich habe Neues, Schönes, Prächtiges. Die Frau Gräſin darf nicht denken, weil es auf der Place Royale iſt, habe das Haus von Meiſter Fingret nicht eben ſo ſchöne Meubles, als der Tapezierer des Königs. Wollen Sie gefälligſt dieß Alles laſſen, Ma⸗ dame, und ſehen wir in dem andern Magazin nach. Jeanne erröthete. Alles, was ſie hier geſehen, kam ihr ſehr ſchön vor ſo ſchön, daß ſie nicht einmal es kaufen zu können offte. Ohne Zweifel geſchmeichelt, daß ſie von Herrn Fingret ſo gut beurtheilt wurde, konnte ſie ſich der Furcht nicht erwehren, er beurtheile ſie zu gut. Sie verwünſchte ihren Stolz und bedauerte es, ſich nicht als einfache Bürgersfrau angekündigt zu haben. Doch aus jeder ſchlimmen Lage zieht ſich ein ge⸗ wandter Geiſt mit Vortheil heraus. 1 3 Nichts Neues, mein Herr,“ ſagte ſie,„ich will nichts Neues haben.“ 1 5„Madame will ohne Zweifel eine Wohnung für Freunde meubliren?“ 209 „Ganz richtig, eine Wohnung für Freunde, und Sie begreifen, daß für eine ſolche Wohnung...“ „Vortrefflich, Madame wähle,“ erwiederte Fingret, der, ſchlau wie ein Handelsmann von Paris, welcher ſeine Eitelkeit nicht darein ſetzt, daß er eher Altes, als Neues verkauft, wenn er aus dem Einen ſo viel gewin⸗ nen kann, als aus dem Andern. „Dieſes kleine goldfarbige Meuble zum Beiſpiel?“ fragte die Gräfin. „Oh! das iſt unbedeutend, es hat nur zehn Stücke.“ „Das Zimmer iſt mittelmäßig,“ entgegnete die Gräfin. „Das Meuble iſt Lan neu, wie Madame ſehen kann.“ „Nun, und eine Gelegenheitswaare?“ „Allerdings,“ verſetzte Herr Fingret lachend;„doch ſo wie es iſt, iſt es achthundert Livres werth.“ Dieſer Preis machte die Gräfin beben; wie, ſollte ſie geſtehen, die Erbin der Valois begnüge ſich mit einem Gelegenheitsmeuble, könne aber die achthundert Livres nicht bezahlen. Sie entſchloß ſich zu einer ſchlechten Laune und rief: „Es iſt nicht vom Kaufen die Rede, mein Herr. Woraus entnehmen Sie, ich wolle dergleichen alten Kram kaufen? Es handelt ſich nur um ein Miethen und dabei...“ Fingret machte ein ſaures Geſicht, denn unmerklich verlor ſeine Kundin an ihrem Werthe. Es handelte ſich nicht mehr um den Verkauf eines neuen Meuble, oder nur eines Gelegenheitsmeuble, ſondern nur um eine Miethe. 3 „Sie wünſchen dieſes ganze goldgelbe Meuble zu miethen,“ ſagte er,„für ein Jahr etwa?“ „Nein, für einen Monat. Ich habe eine Einrich⸗ tung für Jemand aus der Provinz zu treffen.“ „Das macht hundert Livres im Monat,“ ſagte Meiſter Fingret. Das Halsband der Koͤnigin. 14 * 210 „Sie ſcherzen, mein Herr, denn bei dieſer Rech⸗ nung würde mein Meuble nach Ablauf von acht Mo⸗ naten mir gehören.“ „Einverſtanden, Frau Gräfin.“ „Nun, und dann?“ „Wenn es Ihnen gehörte, würde es nicht mehr mir gehören, und folglich hätte ich mich nicht um die Auf⸗ friſchung und Wiederherſtellung zu bekümmern, lauter Dinge, welche Geld koſten.“ Frau von La Mothe dachte nach. „Hundert Livres,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„das iſt viel; doch man muß die Sache mit Vernunft betrach⸗ ten: entweder wird das in einem Monat zu theuer ſein und dann gebe ich dem Tapezierer die Meubles urück, und laſſe ihm eine große Meinung, oder ich kann in einem Monat ein neues Meuble beſtellen. Ich ge⸗ dachte fünf⸗ bis ſechshundert Livres aufzuwenden, machen wir die Sache großartig; geben wir hundert Thaler aus.“ „Ich behalte dieſes goldfarbige Meuble für einen Salon mit allen ähnlichen Vorhängen,“ ſprach ſie laut. „Gut Madame.“. „Und die Teppiche?“ „Hier ſind ſie.“ „Was werden Sie für ein anderes Zimmer geben?“ „Dieſe grünen Stühle ohne Lehne, dieſen Schrank von Eichenholz, dieſen Tiſch mit gedrehten Füßen, dieſe grünen Damaſtvorhänge.“ 3„Gut; und für ein Schlafzimmer?“ „Ein breites, ſchönes Bett, vortreffliches Bettzeug, eine Bettdecke von Sammet, roſa und mit Silber ge⸗ ſtickt, blaue Vorhänge, eine etwas gothiſche, aber reich vergoldete Kamingarnitur.“ „Toilette?“ „Mit Spitzen von Mecheln. Schauen Sie ſelbſt, Madame. Commode von äußerſt zarter, eingelegter Arbeit, ein ähnliches Nähtiſchchen, Sopha mit Stickerei, 211 ebenſo die Stühle, eleganter Kamin, kommt aus dem Schlafzimmer der Frau von Pompadour in Choiſy.“ „ Dieß Alles um welchen Preis?“ „Für einen Monat?“ „ d. „Vierhundert Livres.“ „Ah! Herr Fingret, ich bitte, halten Sie mich nicht für eine Griſette. Man blendet Leute meines Standes nicht mit Lappen. Wollen Sie gefälligſt be⸗ denken, daß vierhundert Livres monatlich, viertauſend achthundert Livres im Jahr ausmachen, und daß ich um dieſen Preis ein ganz möblirtes Hotel bekäme.“ Meiſter Fingret kratzte ſich hinter dem Ohr. „Sie verleiden mir die Place Royale,“ fuhr die Gräfſin fort. „Das brächte mich in Verzweiflung.“ „Beweiſen Sie es mir. Ich will für dieſes ganze Mobiliar nur hundert Thaler geben.“. Jeanne ſprach dieſe letzten Worte mit ſo viel würde⸗ voller Hoheit, daß der Handelsmann abermals an die Zukunft dachte. „Es ſei, Madame,“ ſagte er. „Und zwar unter einer Bedingung.“ „Unter welcher, Madame?“ „Daß dieß Alles heute Nachmittag um drei Uhr nach der Wohnung, die ich Ihnen bezeichnen werde, ge⸗ bracht und in dieſer geordnet iſt.“ „Es iſt zehn Uhr, Madame, bedenken Sie wohl, es ſchlägt eben zehn Uhr.“ „Ja oder nein.“. „Wohin ſoll es kommen?“ „Nach der Rue Saint⸗Claude, im Marais.“ „Gut, gut.“ Der Tapezier öffnete die Hofthüre und rief:„Syl⸗ vain! Landry! Remy!“ Drei von ſeinen Gehülfen eilten herbei, entzückt, einen Vorwand zu haben, um ihre Arbeit zu unter⸗ brechen, einen Vorwand, um die ſchöne Daanze zu ſehen. 212 „Die Tragbahren, meine Herren, die Handwagen.“ „Remy, Sie packen das goldgelbe Meuble auf; Sylvain, das Vorzimmer in den Wagen, während Sie, der Sie ſehr pünktlich ſind, das Schlafzimmer zu beſorgen haben.“ „Setzen wir die Rechnung auf und ich unterzeichne den Empfang, Madame, wenn es Ihnen genehm iſt.“ „Hier ſind ſechs Doppellouis und ein einfacher Louisd'or; geben Sie mir heraus.“ „Hier ſtnd zwei Sechs⸗Livres⸗Thaler, Madame.“ „Von denen ich einen dieſen Herren ſchenke, wenn das Geſchäft beenigt iſt.“ Nach dieſen Worten reichte ſte dem Tapezierer ihre Adreſſe und kehrte zu dem Schubkarren zurück, auf dem ſie gekommen war. Eine Stunde ſpäter hatte ſie die Wohnung im dritten Stock gemiethet, und es waren noch nicht zwei Stunden vergangen, als ſchon der Salon, das Vor⸗ zimmer und das Schlafzimmer gleichzeitig möblirt wurden. Der Sechs⸗Livres⸗Thaler war von den Herren Landry, Remy und Sylvain in zehn Minuten verdient. Nachdem die Wohnung ſo verwandelt war, nach⸗ dem man die Fenſterſcheiben gereinigt und die Kamine mit Feuer verſehen hatte, begab ſich Jeanne an ihre Toilette; ſie weidete ſich an dem Glück, auf einem guten Teppich zu wandeln, an der warmen Atmo⸗ ſphäre, die von den wattirten Wänden zurückſtrömte; ſie athmete mit Entzücken den Duft einiger Lackviolen ein, welche freudig ihren Stengel in japaneſiſchen Vaſen, ihren Kopf in dem lauen Dunſt des Zimmers badeten. Meiſter Fingret hatte die goldenen Arme nicht vergeſſen, welche die Kerzen tragen, und auf den bei⸗ den Seiten der Spiegel waren die Lichter mit Glas⸗ girandolen angebracht, die unter dem Feuer der Wachs⸗ lichter in allen Farben des Regenbogens ſpielen. Feuer, Blumen, Kerzen, duftende Roſen, Alles wandte Jeanne zur Verſchönerung des Paradieſes an, das ſie für Seine Excellenz beſtimmte.“— Sie war ſogar dafür beſorgt, daß die Thüre des Schlafzimmers, mit abſichtlicher Coquetterie halb ge⸗ öffnet, ein ſchönes, ſanftes, rothes Feuer erſchauen ließ, in deſſen Reflexen die Füße der Fauteuils, das Bettgeſtell und die Feuerböcke von Frau von Pompadour, Köpfe, von Chimären, worauf der reizende Fuß der Marquiſe geruht, glänzten. 3 Wieruf beſchränkte ſich die Coquetterie von Jeanne nicht. Wenn das Feuer das Innere dieſes Zimmers her⸗ vorhob, wenn die Wohlgerüche die Frau verriethen, ſo verrieth die Frau einen Reiz, eine Schönheit, einen Geiſt, einen Geſchmack, würdig einer Eminenz. Jeanne behandelte ihre Toilette mit einer Sorg⸗ falt, über die Herr von La Mothe, ihr abweſender Gatte, Rechenſchaft von ihr verlangt hätte. Die Frau war würdig der Wohnung und des von Meiſter Fingret gemietheten Mobiliars. Nachdem ſie ein nur ſehr leichtes Mahl eingenom⸗ men, um ihre ganze Geiſtesgegenwart zu beſitzen und ihre elegante Bläſſe zu bewahren, begrub ſich Jeanne in einen großen Fauteuil beim Feuer in ihrem Schlaf⸗ zimmer. Ein Buch in der Hand, einen Pantoffel auf einem Tabouret, wartete ſie, zugleich auf das Picken der Un⸗ ruhe ihrer Pendeluhr und das entfernte Geräuſch der Wagen horchend, welche ſelten die Ruhe der Einöde des Marais ſtörten. Sie wartete, die Glocke ſchlug neun Uhr, zehn Uhr, elf Uhr; Niemand kam, Niemand im Wagen, Niemand zu Fuß. Elf Uhr! das iſt doch die Stunde der galanten Prä⸗ laten, die ihren Wohlthätigkeitsſinn bei einem Vorſtadt⸗ abendbrod geſchärft, und da ſie nur zwanzigmal ihre Räder drehen zu laſſen brauchen, ſich Beifall ſpenden, daß ſie um einen ſo wohlfeilen Preis menſchenfreund⸗ lich und religiös ſind. Es ſchlug mit düſteren Tönen Mitternacht bei den Filles du Calvaire. Weder Prälat noch Wagen, die Kerzen fingen an zu erbleichen, einige überſtrömten in durchſichtigen Lachen ihre Schalen von vergoldetem Kupfer. Unter Seufzern wieder angefacht, hatte ſich das Feuer in Köohlenglut und dann in Aſche verwandelt. Es herrſchte eine afrikaniſche Hitze in den zwei Zimmern. Die alte Dienerin, die ſich aufgeputzt hatte, brummte und beklagte ihre Haube mit den anſpruchsvollen Bän⸗ dern, deren Knoten, die ſich mit ihrem Kopfe beugten, wenn ſie vor ihrer Kerze im Vorzimmer entſchlief, nicht unberührt, ſei es von den Beleckungen der Flamme, ſei es von den Angriffen des flüſſigen Wachſes, wieder in die Höhe kamen. Um halb ein Uhr ſtand Jeanne ganz wüthend von ihrem Lehnſtuhle auf, den ſte mehr als hundertmal am Abend verlaſſen hatte, um das Fenſter zu öffnen und ihre Blicke in die Tiefen der Straße zu tauchen. Das OQuartier war ruhig, wie vor der Erſchaffung der Welt. Sie ließ ſich entkleiden, ſchlug das Abendbrod aus und entließ die Alte, deren Fragen ihr läſtig zu werden anfingen. Und allein, inmitten ihrer ſeidenen Tapeten, unter ihren ſchönen Vorhängen, in ihrem vortrefflichen Bett, ſchlief ſte nicht beſſer, als am Tage vorher, denn am vorhergehenden Tage war ihre Sorgloſigkeit glücklicher, ſte entſprang aus der Hoffnung. Doch, indem ſie ſich dem ſchlimmen Geſchick ent⸗ gegen wandte, indem ſie ſich gegen daſſelbe anſtemmte, fand Jeanne eine Entſchuldigung für den Cardinal. Einmal die, daß er Cardinal, Großalmoſenier ſei, daß er tauſend Geſchäfte habe, welche beunruhi⸗ gend und folglich viel wichtiger, als irgend ein Beſuch in der Rue Saint⸗Claude. 214 —Q—Q———— Dann eine andere Entſchuldigung: Er kennt die kleine Gräfin von Valois nicht, eine ſehr tröſtliche Entſchuldigung für Jeanne. Ohl gewiß, ſie würde ſich nicht getröſtet haben, hätte Herr von Rohan ſein Wort nach einem erſten Beſuche gebrochen. Dieſer Grund, den Jeanne ſich ſelbſt gab, bedurfte eines Beweiſes, um ganz gut zu erſcheinen. Jeanne vermochte ſich nicht zu bezwingen; ſie ſprang ganz weiß in ihrem Nachtgewande aus dem Bett, zündete die Kerzen an der Nachtlampe an und betrachtete ſich lange im Spiegel. Nach der Prüfung lächelie ſie, blies die Lichter aus und legte ſich wieder zu Bette. Die Entſchuldigung war gut. XV. Der Cardinal von Rohan. Ohne ſich entmuthigen zu laſſen, begann Jeanne am andern Tage wieder die Wohnungstoilette und die Frauentoilette. Der Spiegel hatte ſie belehrt, Herr von Rohan würde kommen, hätte er nur ein wenig von ihr ſpre⸗ chen hören. Es ſchlug ſteben Uhr und das Feuer des Salons brannte in ſeiner ganzen Pracht, als ein Wagen den Abhang der Rue Saint⸗Claude herabrollte. Jeanne hatte noch nicht Zeit gehabt, ſich an das Fenſter zu ſtellen und ungeduldig zu werden. Aus dem Wagen ſtieg ein Mann in einen weiten Ueberrock gehüllt aus; ſobald die Hausthüre wieder hinter dieſem Mann geſchloſſen war, ſuhr der Wagen in eine benachbarte Gaſſe, um die Rückkehr des Gebieters zu erwarten. 216 Bald ertönte die Klingel, und das Herz von Frau von La Mothe ſchlug ſo gewaltig, daß man es hätte hören können. Aber Jeanne ſchämte ſich, daß ſie einer unver⸗ nünftigen Gemüthsbewegung nachgab, befahl ihrem Herzen Stillſchweigen und legte ſo gut als möglich eine Stickerei auf dem Tiſch, eine neue Compoſition auf dem Klavier, eine Zeitung auf der Ecke des Ka⸗ mins zurecht. 6 Nach einigen Secunden meldete Clotilde der Frau räfin: ſdi. Perſon, welche vorgeſtern geſchrieben.“ „Laßt ſte eintreten,“ erwiederte Jeanne. Ein leichter Tritt, krachende Schuhe, ein ſchöner Mann in Sammet und Seide gekleidet, den Kopf hoch⸗ tragend und in dieſem kleinen Gemach dem Anſchein nach mehr als zehn Fuß hoch, dieß war es, was Jeanne wahrnahm, als ſie ſich zum Empfang erhob. Das von der Perſon beobachtete Incognito hatte ſie unangenehm berührt. Sie beſchloß auch den ganzen Vortheil einer Frau, welche überlegt hat, zu benützen, und fragte mit einer Beehengung nicht eines Schützlings, ſondern einer Be⸗ ützerin: beunt: wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ Der Prinz ſchaute die Thüre des Salons an, vor der die Alte verſchwunden war, und antwortete: „Ich bin der Cardinal von Rohan.“— Was Frau von La Mothe, die ſich den Anſchein, gab, als erröthete ſie und als würde ſie ganz verwirrt vor lauter Demuth, mit einer Verneigung erwiederte, wie man ſie nur vor den Königen macht. Dann rückte ſie ein Fauteuil vor, und ſtatt ſich auf einen Seſſel zu ſetzen, wie es die Etiquette ver⸗ langt hätte, nahm ſie in dem großen Lehnſtuhl Platz. Als der Cardinal ſah, daß es ſich Jeder bequem machen konnte, legte er ſeinen Hut auf den Tiſch, 217 ſchaute Jeanne, die ihn ebenfalls anſchaute, in's Ge⸗ ſicht und ſagte: „Es iſt alſo wahr, Mademoiſelle...“ „Madame,“ unterbrach ihn Jeanne. „Verzeihen Sie... Ich vergaß... Es iſt alſo wahr, Madame.“ „Mein Mann nennt ſich Graf von La Mothe, Monſeigneur.“ „Richtig, richtig, Gendarme des Königs oder der Königin.“ „Ja, Monſeigneur.“ „Und Sie, Madame, Sie ſind eine geborene Valois?“ „Valois, ja, Monſeigneur.“ „Ein großer Name,“ ſprach der Cardinal, die Beine kreuzend,„ein ſeltener, erloſchener Name.“ Jeanne errieth den Zweifel des Cardinals. „Erloſchen,“ ſagte ſie,„nein, Monſeigneur, da ich ihn führe und einen Bruder habe, der Baron Valois iſt.“ „Anerkannt?“ „Es bedarf nicht der Anerkennung, Monſeigneur; mag mein Bruder reich oder arm ſein, er wird darum nicht minder das ſein, als was er geboren iſt, Baron von Valois.“ „Madame, ich bitte, erzählen Sie mir ein wenig dieſe Anerbung. Sie intereſſiren mich, ich liebe die Wappenkunſt.“.. Jeanne erzählte einfach, nachläſſig, was der Leſer ſchon weiß. Der Cardinal horchte und ſchaute. 3 Er gab ſich nicht die Mühe, ſeine Eindrücke zu. verbergen. Wozu? er glaubte weder an das Verdienſt noch an den Stand von Jeanne; er ſah ſie hübſch, arm; er ſchaute, das war genug. Jeanne, welche Alles bemerkte, errieth den ſchlim⸗ men Gedanken des zukünftigen Protectors. „Somit ſind Sie wirklich unglücklich geweſen?“ ſagte Herr von Rohan, mit gleichgültigem Weſen. „Ich beklage mich nicht, Monſeigneur.“ 218 „Man hat mir in der That die Schwierigkeiten Ihrer Lage bedeutend übertrieben.“ Er ſchaute umher. „Dieſe Wohnung iſt bequem, angenehm meublirt.“ „Für eine Griſette allerdings,“ entgegnete Jeanne hart und ungeduldig, das Treffen zu beginnen;„ja, Monſeigneur.“ Der Cardinal machte eine Bewegung. „Wie?“ ſagte er,„Sie nennen dieſe Einrichtung eine Griſetteneinrichtung?“ „Monſeigneur,“ erwiederte ſte,„ich glaube nicht, daß Sie dieſes Mobiliar eine Prinzeſſinneneinrichtung nennen können.“ „Und Sie ſind Prinzeſſin,“ ſagte er mit einer von jenen unmerklichen Ironien, welche nur die aus⸗ gezeichneten Geiſter oder die Leute von ſehr hohem Geſchlecht mit ihrer Sprache zu vermiſchen, ohne ganz und gar unverſchämt zu werden, das Geheimniß beſitzen. „Ich bin als eine Valois geboren, wie Sie als ein Rohan, das iſt Alles, was ich weiß,“ ſagte ſie. Dieſe Worte ſprach ſie mit ſo ſanfter Majeſtät des Unglücks, das ſich empört, mit ſo viel Majeſtät des Weibes, das ſich verkannt fühlt, ſie waren zu⸗ gleich ſo harmoniſch und ſo würdig, daß der Fürſt nicht dadurch verletzt, der Menſch aber bewegt wurde. „Madame,“ ſagte er,„ich vergaß, daß mein erſtes Wort eine Entſchuldigung hätte ſein ſollen. Ich ſchrieb Ihnen geſtern, ich wuͤrde hieher kommen, doch ich hatte in Verſailles beim Empfang von Herrn Suffren zu thun und mußte auf das Vergnügen, Sie zu ſehen, verzichten.“ „Monſeigneur erweiſt mir noch zu viel Ehre, daß er heute an mich gedacht hat, und der Herr Graf von La Mothe, mein Gatte, wird noch lebhafter die Ver⸗ bannung beklagen, in der ihn die Noth hält, da ihn dieſe Verbannung hindert, ſich einer ſo erhabenen Ge⸗ genwart zu erfreuen.“ 219 Das Wort Gatte erregte die Aufmerkſamkeit des Cardinals. „Sie leben allein, Madame?“ ſagte er. „Ganz allein, Monſeigneur.“ „Das iſt ſchön von Seiten einer jungen und hüb⸗ ſchen Frau.“ „Das iſt einfach, Monſeigneur, von Seiten einer Frau, die in jeder andern Geſellſchaft, als in der, von welcher ſie ihre Armuth entfernt, nicht an ihrem Platze wäre.“ Der Cardinal ſchwieg. „Es ſcheint,“ ſagte er nach einer Pauſe,„es ſcheint, die Genealogen ziehen Ihre Abſtammung nicht in Zweifel?“ „Wozu dient mir das?“ erwiederte Jeanne mit verächtlichem Tone, während ſie mit einer reizenden Ge⸗ berde die kleinen, rund gekräuſelten, gepuderten Haar⸗ locken von ihren Schläfen aufhob. 2 Der Cardinal ruckte ſein Fauteuil näher hinzu, als wollte er mit ſeinen Füßen das Feuer erreichen. „Madame,“ ſagte er,„ich möchte gern wiſſen und ich wollte wiſſen, wozu ich Ihnen nützlich ſein könnte.“ „Zu nichts, Monſeigneur.“ „Wie, zu nichts?“ „Cure Eminenz überhäuft mich mit Ehre.“ „Sprechen wir offenherziger.“ „Ich vermöchte nicht offenherziger zu ſein, als ich es bin, Monſeigneur.“ 1 „Sie beklagten ſich ſo eben,“ ſagte der Cardinal umherſchauend, als wollte er Jeanne daran erinnern, daß ſte ihr Mobiliar eine Griſetteneinrichtung genannt abe. „Ja, es iſt wahr, ich beklagte mich.“ „Nun, alſo, Madame...“ „Nun, Monſeigneur, ich ſehe, daß mir Eure Eminenz ein Almoſen ſpenden will, nicht wahr?“ „Ohl Madame...“ 220 „Nichts Anderes. Almoſen habe ich empfangen, werde aber nicht ferner empfangen.“ 14 „Was ſoll dieß bedeuten?“ „Monſeigneur, ich bin ſeit einiger Zeit genug ge⸗ denüthidt es iſt mir nicht mehr möglich, zu wider⸗ ehen.“ „Madame, Sie irren ſich. Im Unglück iſt man nicht entehrt...“ „Selbſt mit dem Namen, den ich führe, ſagen Sie, würden Sie betteln, Herr von Rohan 2“ „Ich ſpreche nicht von mir,“ erwiederte der Cardinal mit einer gewiſſen, mit Stolz gemiſchten Verlegenheit. „Monſeigneur, ich kenne nur zwei Arten, Almoſen u verlangen: im Wagen oder an einer Kirchenthüre; mit Gold und Sammet oder in Lumpen. Wohl denn! vor Kurzem erwartete ich nicht die Ehre Ihres Be⸗ ſuches; ich glaubte mich vergeſſen.“ „Ahl Sie wußten alſo, daß ich es war, der ge⸗ ſchrieben?“ „Habe ich nicht Ihr Wappen auf dem Siegel des Briefes geſehen, den Sie mir zu ſchreiben mich be⸗ ehrten?“ „Sie ſtellten ſich jedoch, als erkennten Sie mich nicht.“ „Weil Sie mir nicht die Ehre erwieſen, ſich melden zu laſſen.“. „Wohll dieſer Stolz gefällt mir,“ ſprach lebhaft der Cardinal, indem er mit wohlgefälliger Aufmerk⸗ ſamkeit die feurigen Augen, die hoffärtige Phyſiognomie von Jeanne anſchaute. „Ich ſagte alſo,“ fuhr dieſe fort,„ich ſagte, ich habe, ehe ich Sie geſehen, den Entſchluß gefaßt, den elenden Mantel, der meine Armuth verſchleiert, der die Nacktheit meines Namens bedeckt, liegen zu laſſen und in Lumpen, wie jede chriſtliche Bettlerin, um mein Brod, nicht den Stolz, ſondern die Menſchenliebe der Vorübergehenden anzuflehen.“ 221 „Ihre Mittel ſind hoffentlich noch nicht erſchöpft?“ Jeanne antwortete nicht. „Sie haben irgend ein Gut, und wäre es auch mit Hypotheken belaſtet; Familienſchmuck? Dieſes zum Beiſpiel?“ Er deutete auf eine Büchſe, mit der die weißen und zarten Finger der jungen Frau ſpielten. „Dieſes?“ ſagte ſie. „Eine originelle Büchſe, bei meinem Worte. Er⸗ lauben Sie?“ „Ah! ein Porträt.“ Er nahm ſie. Alsbald machte er eine Bewegung des Erſtaunens. „Sie kennen das Original dieſes Porträts?“ fragte Jeanne. 3 „Es iſt das von Maria Thereſia.“ „Von Maria Thereſia?“ „Ja, der Kaiſerin von Oeſtreich.“ „Wahrhaftig!“ rief Jener.„Sie glauben, Mon⸗ ſeigneur?“ Der Cardinal ſchaute noch einmal die Büchſe an und fragte dann: „Woher haben Sie das?“ „Von einer Dame, die vorgeſtern hier geweſen iſt.“ „Bei Ihnen?“ „Bei mir.“ 3 „Von einer Dame...“ Der Cardinal betrachtete die Büchſe mit neuer Aufmerkſamkeit. „Ich irre mich, Monſeigneur,“ ſagte die Gräfin, „es waren zwei Damen.“ 5 „Und eine von den zwei Damen hat Ihnen dieſe Büchſe gegeben?“ fragte der Cardinal mißtrauiſch. „Nein, ſie hat ſie mir nicht gegeben.“ „Wie kommt ſie denn in Ihre Hände?“ „Sie hat ſie bei mir vergeſſen.“ Der Cardinal blieb nachdenkend, dergeſtalt nach⸗ denkend, daß die Gräfin von Valois darüͤber beſorgt 222 ut⸗ und dachte, ſte thue wohl daran, auf ihrer Hut u ſein. 3 Dann erhob der Cardinal das Haupt, ſchaute die Gräſin aufmerkſam an und ſagte: „Und wie heißt dieſe Dame? Nicht wahr, Sie verzeihen mir, daß ich dieſe Frage an Sie richte? ich ſchäme mich deſſen und komme mir vor wie ein Richter.“ „Monſeigneur, die Frage iſt in der That ſeltſam.“ „Indiseret vielleicht; aber ſeltſam...“ „Seltſam, ich wiederhole es. Wenn ich die Dame kennte, welche die Bonbonnidre hier hat liegen laſſen...“ „Nun! „So hätte ich ſie ihr ſchon zurückgeſchickt. Ohne Zweifel iſt ihr daran gelegen, und ich möͤchte nicht gern ihren freundlichen Beſuch durch eine Unruhe von achtundvierzig Stunden belohnen.“ „Ahl Sie kennen Sie nicht...“ „Nein, ich weiß nur, daß es die Superiorin einer Stiftung zu guten Werken iſt.“ „Von hier?“ „Von Verſailles.“ „Von Verſailles... die Superiorin einer Wohl⸗ thätigkeitsanſtalt...“ „Monſeigneur, ich empfange Frauen, die Frauen demüthigen nicht eine arme Frau, indem ſie ihr Unter⸗ ſtützung bringen, und dieſe Dame, welche menſchen⸗ freundliche Mittheilungen über meine Lage in Kennt⸗ niß geſetzt hatten, legte hundert Louisd'or auf meinen Kamin, als ſie mich beſuchte.“ „Hundert Louisd'or!“ ſagte der Cardinal mit Er⸗ ſtaunen; dann, als er ſah, er könnte die Empfindlichkeit von Jeanne verletzen, denn dieſe machte wirklich eine Bewegung, fügte er bei: „Verzeihen Sie, Madame, ich wundere mich nicht, daß man Ihnen dieſe Summe gegeben hat. Sie ver⸗ dienen im Gegentheil alle Fürſorge wohlthätiger Leute, und Ihre Geburt macht es für ſie zum Geſetz, Ihnen nützlich zu ſein. Es ſetzt mich nur der Titel: Dame 223 vom guten Werke, in Erſtaunen; die Damen vom guten Werke pflegen leichtere Almoſen zu ſpenden. Könnten Sie mir nicht das Porträt dieſer Dame geben, Gräfin?“ „Das iſt ſchwierig, Monſeigneur,“ erwiederte Jeanne, um die Neugierde des Cardinals zu ſtacheln. „Wie ſchwierig, da ſte hier geweſen iſt?“ „Allerdings. Die Dame, welche ohne Zweifel nicht erkannt ſein wollte, verbarg ihr Geſicht in einer ziemlich weiten Kaleſche; überdieß war ſie in Pelze gehüllt. Doch...“ Die Gräfin gab ſich das Anſehen, als ſuche ſie. „Doch...“ wiederholte der Cardinal. „Doch glaubte ich zu ſehen... Ich behaupte nicht, Monſeigneur.“ „Was glaubten Sie zu ſehen?“ „Blaue Augen.“ „Der Mund?“ „Klein, obgleich die Lippen ein wenig dick, beſon⸗ ders die Unterlippe.“ „Von hohem oder mittlerem Wuchs?“ „Von mittlerem Wuchs.“ „Die Hände?“ „Vollkommen.“ „Der Hals?“ „Lang und dünn.“ „Die Phyſiognomie?“ „Streng und edel.“ „Der Accent?“ „Etwas gehemmt. Doch, Sie kennen vielleicht dieſe Dame, Monſeigneur?“ „Wie ſollte ich ſie kennen, Frau Gräfin?“ fragte lebhaft der Prälat. 1 „Nach der Art, wie Sie mich befragen, Monſeig⸗ neur, oder ſogar durch die Sympathie, welche alle Arbeiter guter Werke für einander hegen.“ „Nein, Madame, nein, ich kenne ſie nicht.“ „Wenn Sie jedoch irgend eine Vermuthung hätten?“ „In welcher Hinſicht?“ 224 „Etwa eine Vermuthung, die Ihnen dieſes Por⸗ trät einflößte?“ „Ah!“ erwiederte raſch der Cardinal, der befürch⸗ tete, er habe zu viel errathen laſſen,„ja, allerdings, dieſes Porträt...“ „Nun, dieſes Porträt, Monſeigneur?“ „Nun! es kommt mir immer vor, als wäre dieſes Porträt...“ „Nicht wahr, das der Kaiſerin Maria Thereſia?“ „Ich glaube, ja.“ „Somit denken Sie...“ „Ich denke, daß Sie den Beſuch von irgend einer deutſchen Dame empfangen haben, von einer von denjenigen etwa, welche eine Unterſtützungsanſtalt ge⸗ gründet..“ „In Verſailles?“ „In Verſailles, ja, Madame.“ Der Cardinal ſchwieg hienach. Doch man ſah klar, daß er noch zweifelte, und daß die Gegenwart der Büchſe im Hauſe der Gräfin ſein ganzes Mißtrauen wieder erweckt hatte. Nur war das, was Jeanne nicht völlig unterſchied, was ſie vergebens zu erklären ſuchte, der Grund des Gedankens des Cardinals, ein ſichtbar für ſie unvor⸗ theilhafter Gedanke, der in nichts weniger beſtand, als darin, daß er ſie im Verdacht hatte, ſie wolle ihm durch den Anſchein eine Falle ſtellen. Man konnte wirklich erfahren haben, welches In⸗ tereſſe der Cardinal an den Angelegenheiten der Köni⸗ gin nahm, es war dieß ein Hofgerücht, das entfernt nicht im Zuſtand eines Halbgeheimniſſes geblieben, und wir haben ſogar angeführt, wie ſehr gewiſſe Feinde ſich Mühe gaben, die Erbitterung zwiſchen der Koͤnigin und ihrem Großalmoſenier zu unterhalten. 3 Dieſes Porträt von Maria Thereſia, dieſe Büchſe, der ſie ſich gewöhnlich bediente— der Cardinal hatte ſie hundertmal in ihren Händen geſehen— wie fand ſich das in den Händen von Jeanne der Bettlerin? 225 War die Königin wirklich ſelbſt in dieſe armſelige Wohnung gekommen? Und wenn ſie gekommen, war ſte Jeanne unbekannt geblieben? aus welchem Grunde verheimlichte ſie die Ehre, die ihr zu Theil geworden? Der Prälat zweifelte. Er zweifelte ſchon am Tage vorher. Der Name Valois hatte ihn auf ſeiner Hut zu ſein gelehrt, und nun handelte es ſich nicht mehr um eine arme Frau, ſondern um eine von einer Königin, die ihre Wohl⸗ thaten perſönlich brachte, unterſtützte Prinzeſſin. 1 War Marie Antoinette in dieſem Genre mild⸗ ätig? Während der Cardinal ſo zweifelte, fühlte ſich Jeanne, die ihn nicht aus dem Blicke verlor, Jeanne, der keines von den Gefühlen des Prinzen entging, auf der Folter. Für die mit einem Hintergedanken bela⸗ ſteten Gewiſſen iſt der Zweifel derjenigen, die man gern mit der reinen Wahrheit überzeugen möchte, ein wirkliches Märtyrthum. Das Stillſchweigen war für Beide peinlich. Der Cardinal brach es durch eine neue Frage. „Und die Dame, die Ihre Wohltäterin begleitete, haben Sie dieſelbe bemerkt? Können Sie mir ſagen, wie ſte ausſah?“ „Oh! dieſe habe ich genau geſehen,“ antwortete die Gräfin,„ſie iſt groß und ſchön, hat ein entſchloſſenes Geſicht, einen herrlichen Teint, reiche Formen.“ „Und die andere Dame hat ſie nicht genannt?“ „Doch, einmal, bei ihrem Taufnamen.“ „Und ihr Taufname heißt?“ „Andrée.“ „Andrée!“ rief der Cardinal. Und er bebte. Dieſe Bewegung entging ſo wenig, als die andern der Gräfin La Mothe. Der Cardinal wußte nun, woran er ſich zu hal⸗ ten hatte, der Name Andrée benahm ihm alle ſeine Zweifel. Das Halsband der Koͤnigin. 15 Man wußte in der That, daß die Königin zwei Tage vorher mit Fräulein von Taverney in Paris geweſen. Eine gewiſſe Geſchichte von einer Verzöge⸗ rung, von einem geſchloſſenen Thor, von einem ehelichen Streit zwiſchen dem Koͤnig und der Königin war in Verſailles in Umlauf gekommen. Der Cardinal athmete. 8 Es fand ſich weder eine Falle noch ein Complot in der Rue Saint⸗Claude. Frau von La Mothe kam ihm ſchön und rein vor, wie der Engel der Unſchuld. Man mußte jedoch eine letzte Probe machen. Der Prinz war Diplomat. „Gräfin,“ ſagte er,„ich muß geſtehen, Eines wundert mich ganz beſonders.“ „Was, Monſeigneur?“ „Daß Sie ſich mit Ihrem Namen und Ihren Titeln nicht an den König gewendet haben.“ „An den König?“ „Ja.“ „Monſeigneur, ich habe zwanzig Eingaben, zwanzig Bittſchriften an den König abgeſchickt.“ „Ohne Erfolg?“ „Ohne Erfolg.“ „In Ermangelung des Königs würden alle Prinzen des Königlichen Hauſes Ihre Reclamationen angenom⸗ men haben. Der Herr Herzog von Orleans zum Bei⸗ ſpiel iſt mildthätig, und dann liebt er es oft, das zu thun, was der König nicht thut.“ „Ich habe bei Seiner Hoheit dem Herzog von Orleans anſuchen laſſen, doch vergebens.“ „Vergebens! Das ſetzt mich in Erſtaunen.“ „Warum? Iſt man nicht reich oder wird man nicht empfohlen, ſo ſieht man jedes Geſuch im Vor⸗ zimmer der Fürſten ſich verlieren.“ „Da iſt noch Monſeigneur, der Graf d'Artois. Die verſchwenderiſchen Leute verrichten zuweilen beſſere Handlungen, als die wohlthätigen Leute.“ 6 „Es war bei Monſeigneur dem Grafen 4*s 227 wie bei Seiner Hoheit dem Herzog von Orleans, wie bei Seiner Majeſtät, dem König von Frankreich.“ „Doch Mesdames, die Tanten des Königs? Oh! Gräfin, dieſe mußten Ihnen, wenn mich nicht Alles tänſcht, günſtig antworten.“ „Nein, Monſeigneur.“ 3 „Ohl ich kann nicht glauben, daß Madame Cliſa⸗ beth, die Schweſter des Königs, ein unempfindliches Herz gehabt hat.“ „Es iſt wahr, von mir erſucht, hat mir Ihre Kö⸗ nigliche Hoheit mich zu empfangen verſprochen, doch ich weiß nicht, wie es gekommen iſt, nachdem ſie mei⸗ nen Mann empfangen hatte, wollte ſie, wie dringend ich auch bat, keine Nachricht mehr von ſich geben.“ „Das iſt in der That ſeltſam,“ ſagte der Cardinal. Dann rief er plöͤtzlich und als tauchte dieſer Ge⸗ danke erſt in dieſem Augenblick in ſeinem Geiſte auf: „Aber mein Gott! wir vergeſſen...“ „Was?“ „Die Perſon, an die Sie ſich vor Allem hätten wenden müſſen.“ „An wen hätte ich mich wenden müſſen?“ „An die Gnadenſpenderin, an diejenige, welche nie eine verdiente Unterſtützung verſagt hat, an die Königin.“ „An die Königin?“ „Ja, an die Königin. Haben Sie ſie geſehen?“ „Nie,“ antwortete Jeanne mit vollkommener Ein⸗ fachheit. „Wie, Sie haben der Königin kein Geſuch über⸗ reicht?“. den Weg zu ſtellen, um bemerkt und an den Hof be⸗ rufen zu werden. Das war ein MMit. 228 „Nein, wahrhaſtig, ich bin in meinem Leben nur zweimal in Verſailles geweſen, und habe nur zwei Perſonen dort geſehen, den Herrn Doctor Lonis, der meinen unglücklichen Vater im Hotel Dien behandelt hatte, und den Herrn Baron von Taverney, dem ich empfohlen war.“ „Und was hat Ihnen Herr von Taverney geſagt? Er war ganz im Stande, Ihnen Zugang zu der Kö⸗ nigin zu verſchaffen.“ „Er hat mir geſagt, ich ſei ſehr ungeſchickt.“ „Warum?“ „Daß ich als einen Anſpruch auf das Wohlwollen des Königs eine Verwandtſchaft geltend mache, welche natürlich Seiner Majeſtät widrig ſein müſſe, da ein armer Verwandter nie gefällt.“ „Das iſt der ſelbſtſüchtige, brutale Baron,“ ſagte der Prinz. Dann überlegte er ſich wieder den Beſuch von Andrée bei der Gräfin und dachte: „Es iſt ſeltſam, der Vater weist die Bittſtellerin zurück, und die Königin führt die Tochter zu ihr. In des That, aus dieſem Widerſpruch muß etwas hervor⸗ ehen.“ 4„So wahr ich ein Edelmann bin,“ ſprach er dann, „ich bin ganz erſtaunt, daß ich ſagen höre, eine Bitt⸗ ſtellerin, eine Frau vom erſten Adel, habe weder den König noch die Königin geſehen.“ „Wenn nicht gemalt,“ ſagte Jeanne lächelnd. „Wohl denn,“ rief der Cardinal, dießmal überzeugt von der Unwiſſenheit und Aufrichtigkeit der Gräfin, „ich werde Sie, wenn es ſein muß, ſelbſt nach Verſailles führen und die Thüren für Sie öffnen machen.“ „Oh! Monſeigneur, welche Gute,“ rief die Gräfin im höchſten Maße erfreut. 4 Der Cardinal näherte ſich ihr und ſprach: „Gräſtn, binnen Kurzem muß ſich nothwendig alle Welt für Sie intereſſiren.“ 2* — „Ach! Monſeigneur,“ fagte Jeanne mit einem 229 anbetungswürdigen Seufzer,„glauben Sie das auf⸗ richtig?“ „Ohl ich bin deſſen ſicher.“ „Ich glaube, Sie ſchmeicheln mir,“ ſagte Jeanne. Und dabei ſchaute ſie ihn feſt an. Dieſe plötzliche Veränderung mußte mit Recht die Gräfin in Erſtaunen ſetzen, ſie, die der Cardinal zehn Minuten vorher mit einer ganz fürſtlichen Leichtigkeit behandelt hatte. Wie der Pfeil eines Bogenſchützen abgeſchoſſen, traf der Blick von Jeanne den Cardinal in ſein Herz oder in ſeine Sinnlichkeit. Er enthielt das Feuer des⸗ Ehrgeizes oder das des Verlangens; doch es war Feuer. Herr von Rohan, der ſich auf die Frauen verſtand, mußte ſich zugeſtehen, er habe wenige ſo verführeriſche geſehen. Ahl bei meiner Treue,“ ſagte er zu ſich ſelbſt mit dem ewigen Hintergedanken der durch die Diplo⸗ matie erzogenen Hofleute,„ah! bei meiner Treue, es wäre ein zu außerordentlicher oder zu glücklicher Fall, fände ich zugleich eine ehrliche Frau, die das Ausſehen einer Verſchmitzten hat, und in der Armuth eine all⸗ Er nahm ſie bei der Hand. „Sa c dane die Gräſin,„bei zwei Arten von Frauen, ich habe es geſagt und wiederhole es.“ „Laſſen Sie hören, bei welchen?“ 8 4 230 „Bei Frauen, die man zu ſehr liebt, und bei Frauen, die man nicht genug ſchätzt.“ „Gräftn, Gräſtin, Sie machen mich erröthen. Ich hätte der Höflichkeit gegen Sie ermangelt?“ „Gewiß.“ „Sagen Sie das nicht, es wäre entſetzlich.“ „Wahrhaftig, Monſeigneur, denn Sie können mich nicht zu ſehr lieben, und ich habe Ihnen, bis jetzt wenigſtens, nicht das Recht gegeben, mich zu wenig zu ſchätzen.“ Der Cardinal nahm die Hand von Jeanne und eerwiederte: „Oh! Gräſin, Sie ſprechen in der That, als wären Sie gegen mich aufgebracht.“ „Nein, Monſeigneur, denn Sie haben meinen orn noch nicht verdient.“ 1 2 „Und ich werde ihn nie verdienen, Madame, von dieſem Tage an, wo ich des Vergnügen gehabt habe, Sie zu ſehen und Sie kennen zu lernen.“ 3 „Oh! mein Spiegel, mein Spiegel!“ dachte Jeanne. „Und von dieſem Tage an wird Sie meine theil⸗ nehmende Sorge nicht mehr verlaſſen.“ „Oh! Monſeigneur, genug, genug,“ ſagte die Gräſin, die ihre Hand nicht aus den Händen des Car⸗ dinals zurückgezogen hatte. „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Sprechen Sie mir nicht von Ihrer Protection.“ „Gott verhüte, daß ich je das Wort Protection ausſpreche. Oh! Madame, nicht Sie würde es demu⸗ thigen, ſondern mich.“ „Dann nehmen wir Eines an, Herr Cardinal, was mir unendlich ſchmeicheln würde.“ „Wenn dem ſo iſt, ſo nehmen wir dgs Eine an.“ „Nehmen wir an, Sie haben Frau von La Mothe Valois einen Artigkeitsbeſuch gemacht. Nicht wahr?“ „Nichts weniger als dieß,“ erwiederte der galante Cardinal. 2 231 4 Und er hob die Finger von Jeanne an ſeine Lippen und drückte einen ziemlich langen Kuß darauf. Die Gräfin zog ihre Hand zurück. 4 „Oh! Höflichkeit,“ ſagte der Cardinal mit dem feinſten Geſchmack und dem größten Ernſt. Jeanne gab ihre Hand zurück, die der Cardinal dießmal ganz ehrfurchtsvoll küßte. „Ohl ſo iſt es ſehr gut, Monſeigneur.“ f Der Cardinal verbeugte ſich; die Gräfin aber fuhr ort: „Wenn ich wüßte, daß ich einen Theil, ſo ſchwach er auch ſein möchte, an dem ſo erhabenen und ſo ſehr in Anſpruch genommenen Geiſte eines Mannes, wie Sie ſind, beſaͤße, oh! ich ſchwöre Ihnen, das könnte mich ein Jahr tröſten.“ „Ein Jahr! Das iſt ſehr kurz... hoffen wir mehr, Gräfin.“ „Nunl ich ſage nicht zein,“ erwiederte ſie lächelnd. Herr Cardinal, ganz kurz war eine Vertrau⸗ lichkeit, der ſich Frau von La Mothe zum zweiten Male ſchuldig machte. Reizbar in ſeinem Stolz, hätte ſich der Cardinal darüber wundern können, aber die Dinge hatten einen Grad erreicht, daß er ſich nicht nur nicht darüber wunderte, ſondern ſogar damit, wie mit einer Gunſt, zufrieden war. „Oh! Vertrauen,“ rief er, während er noch näher auf ſie zurückte.„Das iſt gut, das iſt gut.“ „Ja, ich habe Vertrauen, Monſeigneur, denn ich fühle in Eurer Eminenz...“ „ Sie ſagten vorhin Herr, Gräfin.“ „Sie müſſen mir verzeihen, Monſeigneur, ich kenne den Hof nicht. Ich ſage alſo, ich habe Vertrauen, weil Sie im Stande ſind, einen abenteuerlichen, mu⸗ thigen Geiſt, wie der meinige, und ein ganz reines Herz zu begreifen. Trotz der Prüfungen der Armuth, trotz der Kämpfe, welche niedrige Feinde gegen mich gekämpft haben, wird Eure Eminenz in mir, das heißt in meinem Geſpräche, zu nehmen wiſſen, was Ihrer * 232 würdig iſt. Im Uebrigen wird mir Eure Eminenz Nachſicht gewähren.“ „Somit ſind wir Freunde, Madame. Das iſt unterzeichnet, beſchworen.“ „Mir iſt es ganz lieb.“ Der Cardinal ſtand auf und ging auf Frau von La Mothe zu; da er aber die Arme für einen einfachen Schwur ein wenig zu weit offen hatte, ſo vermied ihn die Gräfin leicht und geſchmeidig. „Freundſchaft zu Drei,“ ſagte ſie mit einem un⸗ nachahmlichen Ausdruck von Spott und Unſchuld. „Wie, Freundſchaft zu Drei?“ fragte der Cardinal. „Allerdings, gibt es nicht in der Welt einen armen Gensd'armen, einen Verbannten, den man den Grafen von La Mothe nennt?“ „Oh! Gräfin, welch ein beklagenswerthes Gedächt⸗ niß beſitzen Sie!“ 4 „Ich muß wohl von ihm ſprechen, da Sie nicht von ihm ſprechen.“ „Wiſſen Sie, warum ich nicht von ihm ſpreche?“ „Sagen Sie es mir.“. „Weil er immerhin ſelbſt genug ſprechen wird; glauben Sie mir, die Ehemänner vergeſſen ſich nie.“ „Und wenn er von ſich ſpricht?“ „Dann wird man von Ihnen, man wird von uns ſprechen.“ „Wie ſo?“ „Man wird zum Beiſpiel ſagen, der Herr Graf von La Mothe habe es gut oder habe es ſchlecht ge⸗ funden, daß der Herr Cardinal von Rohan drei⸗, vier⸗ oder fünfmal in der Woche Frau von La Mothe in der Rue Saint⸗Claude beſuche.“ „Aber werden Sie mir ſo viel ſagen, Herr Car⸗ dinal, drei⸗, vier⸗ oder fünfmal in der Woche?“ „Wo wäre dann die Freundſchaft, Grifens Ich ſagte fünfmal und irrte mich. Sechs⸗ oder ſiebenmal mußte ich ſagen, die Schalttage nicht zu rechnen.“ Jeanne lachte. 9 233 8 Der Cardinal bemerkte, daß ſie zum erſten Mal ſeinen Scherzen die Ehre erwies und fühlte ſich noch dadurch geſchmeichelt. Werden Sie es verhindern, daß man ſpricht?“ ſagte ſte.„Sie wiſſen wohl, daß dieß unmöglich iſt.“ „Ja,“ erwiederte er. „Und wie?“ „Ahl das iſt eine ganz einfache Sache; mit Recht oder mit Unrecht kennt mich das Volk von Paris.“ „Ohl gewiß, und zwar mit Recht, Monſeigneur.“ „Alber Sie, iſt er ſo unglücklich, nicht zu kennen.“ „Nun!“ „Stellen wir die Frage anders.“ „Stellen Sie ſie. Das heißt...“ „Wie Sie wollen. Wenn Sie zum Beiſpiel...“ „Vollenden Sie.“ „Wenn Sie ausgingen, ſtatt daß Sie mich aus⸗ gehen machten.“ „Ich ſoll in Ihr Hotel gehen, Monſeigneur?“ „Sie gingen wohl zu einem Miniſter.“ „Ein Miniſter iſt kein Mann, Monſeigneur.“ „Sie ſind anbetungswürdig. Nun wohl! es han⸗ delt ſich nicht um mein Hotel, ich habe ein Haus.“ „Ein kleines Haus,*) drücken wir uns deutlich aus.“ „Nein, ein Haus, das Ihnen gehört.“ „Oh!“ rief die Gräfin,„ein Haus, das mir gehört. Und wie dieß? Ich wußte Nichts von dieſem Haus.“ Der Cardinal, der ſich geſetzt hatte, ſtand auf. „Morgen früh um zehn Uhr werden Sie die. .Adreſſe davon erhalten.“ Die Gräfin erröthete, der Cardinal nahm artig ihre Hand. *) Mit petite maison, kleines Haus, bezeichnete man in Paris ein Haus, wie es die vornehmen Herren in abgelegenen OQuartieren für ihre geheimen Liebſchaften beſaßen. 4 234 Und dießmal war der Kuß zugleich ehrerbietig, zärtlich und kühn. Beide grüßten ſich ſodann mit dem Reſte von lächelnder Ceremonie, welche eine nahe bevorſtehende Vertraulichteit bezeichnet. „Leuchten Sie Monſeigneur,“ rief die Gräfin. Die Alte kam und leuchtete. 8 Der Prälat ging hinaus. 8 „Mir ſcheint, das iſt ein großer Schritt in der Welt gethan,“ dachte Jeanne. „Ahl ah!“ dachte der Cardinal, während er in ſeinen Wagen ſtieg,„ich habe ein doppeltes Geſchäft gemacht. Dieſe Frau beſitzt zu viel Geiſt, um nicht die Königin einzunehmen, wie ſie mich eingenommen hat.“ XVI. Mesmer und Saint⸗Martin. Es gab eine Zeit, wo Paris ganz geſchäftslos und voll Muße in Leidenſchaft für Fragen glühte, welche in unſern Tagen das Monopol der Reichen ſind, die man die Unnützen, und der Gelehrten, die man die Faullenzer nennt. Im Jahre 1782, das heißt in der Zeit, zu der wir gelangt ſind, war die Modefrage, die Frage, die oben⸗ auf ſchwamm, die in der Luft ſchwebte, die in allen ein wenig erhabenen Köpfen feſthielt, wie es die Dünſte an den Bergen thun, der Mesmerismus, eine myſtiſche Wiſſenſchaft, ſchlecht definirt durch ihre Erfinder, die, da ſie das Bedürfniß nicht fühlten, eine Entdeckung ſchon bei ihrer Geburt volksthümlich zu machen, dieſe den Namen eines Mannes, das heißt, einen ariſtokra-⸗ tiſchen Titel annehmen ließen, ſtatt eines von den aus dem Griechiſchen geſchöpften wiſſenſchaſtlichen Numtn⸗ 235 mit deren Hülfe die ſchamhafte Beſcheidenheit der modernen Gelehrten heut zu Tage jedes ſeientiviſche Element verallgemeinert. Wozu ſollte es in der That im Jahre 1784 nützen, eine Wiſſenſchaft zu demokratiſiren? Das Volk, das ſeit mehr als anderthalb Jahrhunderten von denen, die es regierten, nicht zu Rathe gezogen worden war, zählte es für Etwas im Staat? nein: das Volk war die fruchtbare Erde, die da einbrachte, es war die reiche Ernte, die man ſchnitt, der Herr der Erde aber war der König, und die Schnitter waren der Adel. Heute hat ſich Alles geändert: Frankreich gleicht einer Jahrhundert⸗Sanduhr; neunhundert Jahre hat ſie die Stunde des Königthums angegeben; die mächtige Hand des Herrn hat ſie umgedreht; Jahrhunderte hin⸗ durch wird ſie die Aera des Volks bezeichnen. Im Jahre 1784 war alſo der Name eines Mannes eine Empfehlung. Heute würde im Gegentheil der höhere Werth einem von Dingen herrührenden Namen zuerkannt werden. Doch laſſen wir heute, um den Blick auf geſtern zu werfen. Was iſt bei der Rechnung der Ewigkeit dieſe Entfernung von einem halben Jahrhundert? nicht einmal die, welche zwiſchen dem geſtrigen Tag und dem morgigen beſteht. 9 Der Doctor Mesmer war in Paris, wie es uns Marie Antoinette ſelbſt, da ſie den König um Erlaub⸗ niß bat, ihm einen Beſuch zu machen, mitgetheilt hat. Man erlaube uns alſo ein paar Worte über Doctor Mesmer zu ſagen, deſſen Name, heute nur noch im Gedächtniß einer kleinen Anzahl von Adepten, in der Zeit, die wir zu ſchildern verſuchen, in Aller Mund war. Der Doctor Mesmer hatte im Jahre 1777 aus Deutſchland, dieſem Lande der nebeligen Träume, eine ganz von Wolken und Blitzen angeſchwollene Wiſſen⸗ ſchaft gebracht. Beim Schimmer dieſer Blitze ſah der Gelehrte nichts, als die Wolken, die uͤber ſeinem Kopfe 236 ein düſteres Gewölbe bildeten; der große Haufen ſah nur die Blitze. Mesmer war in Deutſchland zuerſt mit einer Theſe über den Einfluß der Planeten aufgetreten. Er hatte zu begründen geſucht, die Himmelskörper üben mittelſt der Kraft, die ihre gegenſeitige Anziehung hervorbringt, einen Einfluß auf die belebten Körper und beſonders auf das Nervenſyſtem durch die Vermittelung eines zarten Fluidums aus, welches das ganze Weltall erfüllt. Dieſe erſte Theorie war aber ſehr abſtract. Um ſie zu begreifen, mußte man in die Wiſſenſchaft des Galilei und Newton eingeweiht ſein. Es war eine Miſchung von großen aſtronomiſchen Wahrheiten mit den aſtro⸗ logiſchen Träumereien, die, wie geſagt, nicht volks⸗ thumlich, ſondern nur ariſtokratiſch werden konnten. Denn hiezu hätte ſich die Adelskörperſchaft in eine gelehrte Geſellſchaft verwandeln müſſen. Mesmer gab daher dieſes Syſtem auf, um ſich in das der Magnete zu werfen. Die Magnete wurden in jener Zeit ſtark ſtudirt; ihre ſympathetiſchen oder antipathetiſchen Eigenſchaften machten die Mineralien ein Leben leben, das beinahe dem menſchlichen Leben ähnlich, indem ſte ihnen die zwei großen Leidenſchaften des menſchlichen Lebens, die Liebe und den Haß, verliehen. Demzufolge ſchrieb man den Magneten erſtaunliche Kräfte, Heilung der Krank⸗ heiten zu. Mesmer verband die Wirkſamkeit der Magnete mit ſeinem erſten Syſtem und verſuchte zu ſehen, was er aus dieſer Zufügung ziehen könnte. Zu ſeinem Unglück fand Mesmer, als er nach Wien kam, einen Nebenbuhler, der ſich ſchon feſtgeſtellt hatte. Dieſer Nebenbuhler hieß Hall und behauptete, Mesmer habe ihm ſein Verfahren geſtohlen. Sobald dieß Mesmer ſah, erklärte er, als ein Mann von Phan⸗ taſte, er gebe die Magnete als unnütz auf und werde nicht mehr mit dem mineraliſchen Magnetismus, ſon⸗ dern mit dem animaliſchen heilen. Dieſes Wort, als ein neues ausgeſprochen, bezeichnete 237 indeſſen keine neue Entdeckung; den Alten bekannt, bei den ägyptiſchen Einweihungen und dem griechiſchen Pythismus angewendet, hatte ſich der Magnetismus im Mittelalter im Zuſtand der Ueberlieferung erhalten; einige geſammelte Fetzen von dieſer Wiſſenſchaft hatten die Hexenmeiſter des dreizehnten, vierzehnten und fünf⸗ zehnten Jahrhunderts gebildet; Viele, die man verbrannte, bekannten ſich mitten in den Flammen zu der ſeltſamen Religion, deren Märtyrer ſie waren. Urbain Grandier war nichts Anderes, als ein Magnetiſeur. Mesmer hörte von den Wundern dieſer Wiſſenſchaft ſprechen. Joſeph Balſamo, der Held von einem unſerer Bücher, hatte eine Spur von ſeinem Durchzug in Deutſchland und beſonders in Straßburg zurückgelaſſen“ Mesmer forſchte nach dieſer Wiſſenſchaft, welche ſo zerſtreut und flatternd, wie jene Irrlichter, die des Nachts über die Teiche hinlaufen; er machte eine voll⸗ ſtändige Theorie, ein gleichförmiges Syſtem daraus, dem er den Namen Mesmerismus gab. Zu dieſem Punkte gelangt, theilte Mesmer ſein Syſtem der Akademie der Wiſſenſchaften von Paris, der königlichen Geſellſchaft von London und der Akade⸗ mie von Berlin mit; die zwei erſten antworteten nicht einmal, die dritte ſagte, er ſei ein Narr. Mesmer erinnerte ſich des griechiſchen Philoſophen, der die Bewegung leugnete und den ſein Gegner dadurch, daß er ging, in Verwirrung brachte. Er kam nach Frankreich, nahm aus den Händen des Doctor Storck. und des berühmten Augenarztes Wenzel ein Mädchen von ſiebenzehn Jahren, das mit einer Leberkrankheit und mit dem ſchwarzen Staar behaftet war, und nach einer Behandlung von drei Monaten war die Kranke geheilt, ſah die Blinde hell. Dieſe Kur hatte viele Leute überzeugt, und unter andern einen Arzt Namens Deslon: aus einem Feinde wurde nun ein Apoſtel. 238 Von dieſem Augenblick an nahm der Ruf von Mesmer immer mehr zu; die Akademie hatte ſich gegen den Neuerer erklärt, der Hof erklärte ſich für ihn: es wurden Unterhandlungen vom Miniſterium angeknüpft, um Mesmer zu veranlaſſen, die Menſch⸗ heit durch Veröffentlichung ſeiner Lehre zu bereichern. Der Doctor machte ſeinen Preis; Herr von Breteuil bot ihm im Namen des Königs eine Leibrente von zwanzigtauſend Livres und eine Beſoldung von zehn⸗ tauſend, um drei von der Regierung bezeichnete Per⸗ ſonen zur Ausübung ſeines Verfahrens zu bilden. Aber entrüſtet über die königliche Sparſamkeit ſchlug das Mesmer aus und reiste mit einigen von ſeinen Kranken nach den Heilquellen von Spaa ab. Eine unerwartete Kataſtrophe bedrohte Mesmer. Deslon, ſein Schüler, Deslon, der Beſitzer des großen Geheimniſſes, das Mesmer um dreißigtauſend Livres jährlich zu verkaufen ſich geweigert hatte, Deslon eröffnete in ſeinem Hauſe eine öffentliche Behandlung durch die Mesmer'ſche Methode. Mesmer erfuhr dieſe ſchmerzliche Kunde; er ſchrie über Diebſtahl, Verrath, Betrug; er glaubte ein Narr zu werden. Da hatte einer von ſeinen Kranken, Herr von Bergaſſe, den glücklichen Einfall, die Wiſſenſchaft des ausgezeichneten Profeſſors in geſellſchaftliche Aus⸗ beute zu verſetzen; es wurde ein Ausſchuß von hundert Perſonen mit einem Kapital von dreimalhundert und vierzigtauſend Livres unter der Bedingung gebildet, daß er ſeine Lehren den Actionären enthülle. Mesmer machte ſich zu dieſer Enthüllung anheiſchig, nahm das Kapital in Empfang und kehrte nach Paris zurück. Die Stunde war günſtig. Es gibt Augenblicke im Alter der Völker, diejenigen, welche die Epoche der Verwandlung berühren, wo die ganze Nation wie vor einem unbekannten Hinderniſſe ſtehen bleibt, zoͤgert und den Abgrund fühlt, an deſſen Rand ſie gelangt iſt, den ſie erräth, ohne ihn zu ſehen. Frankreich befand ſich in einem von dieſen Augen⸗ 4 „ 239 blicken; es bot den Anblick einer Geſellſchaft, deren Geiſt bewegt iſt; man war gleichſam in einem ſchein⸗ baren Glück erſtarrt, deſſen Ende man nur dunkel er⸗ ſchaut, wie man, am Saume eines Waldes anlangend, die Ebene durch die Zwiſchenräume der Bäume erräth. Dieſe Ruhe, welche nichts Beſtändiges, nichts Aechtes hatte, ermüdete, man ſuchte überall Aufregungen, und die Neuigkeiten, wie ſie auch beſchaffen ſein mochten, wurden gut aufgenommen. Man war zu frivol, um ſich, wie früher, mit ernſten Fragen der Regierung und des Molinismus zu beſchäftigen. Aber man ſtritt ſich über die Muſik, man nahm Partei für Gluck oder für Piecini, man paſſionirte ſich für die Muſik, man ent⸗ flammte über die Denkwürdigkeiten von Beaumarchais. Die Erſcheinung einer neuen Oper nahm mehr Phantaſien in Anſpruch, als der Friedensvertrag mit England und die Anerkennung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Kurz, es war eine von den Pe⸗ rioden, wo die Geiſter durch die Philoſophen zum Wahren, das heißt zur Entzauberung hingeführt, der Durchſichtigkeit des Möglichen müde werden, die den Grund jeder Sache erſcheinen läßt und durch einen Schritt vorwärts die Grenzen der wirklichen Welt zu überſchreiten ſucht, um in die Welt der Traͤume und Fictionen einzutreten.. In der That, wenn es bewieſen iſt, daß die ſehr klaren, ſehr durchſichtigen Wahrheiten die einzigen ſind, die ſich ſchnell volksthümlich machen, ſo iſt es nicht minder bewieſen, daß die Myſtekien eine allmächtige Anziehungskraft auf das Volk ausüben.„ Das franzöſiſche Volk wurde daher auf eine un⸗ widerſtehliche Weiſe durch das ſeltſame Geheimniß des Mesmeriſchen Fluidums hingeriſſen, das nach der Be⸗, hauptung der Aerzte den Kranken die Geſundheit, den Narren den Geiſt und den Weiſen die Narrheit verlieh, Aeberall bekümmerte man ſich um Mesmer. Was Ptbe eer gethan? an wem hatte er ſeine göttlichen under verrichtet? welchem vornehmen Mann hatte er das Geſicht oder die Kraft wieder gegeben? welcher von einer durchwachten Nacht oder vom Spiel ermatteten Dame hatte er die Nerven wieder geſchmeidig gemacht? wel⸗ ches Mädchen hatte er die Zukunft in einer magneti⸗ ſchen Kriſe vorherſehen laſſen? Die Zukunft! dieſes große Wort aller Zeiten, die⸗ ſes große Intereſſe aller Geiſter, die Löſung aller Probleme. Was war denn die Gegenwart? Ein Königthum ohne Strahlen, ein Adel ohne Gewicht, ein Land ohne Handel, ein Volk ohne Rechte, eine Geſellſchaft ohne Vertrauen. Von der auf ihrem Thronebeſorgten und vereinzelten königlichen Familie an bis zu der in ihrer Dachkammer ausgehungerten Plebejerfamilie, Armuth, Schmach, Angſt. Andere vergeſſen, um nur an ſich zu denken, an neuen, fremden, unbekannten Quellen die Sicherheit eines längeren Lebens und einer während dieſer Daſeins⸗ verlängerung unſtörbaren Geſundheit zu ſchöpfen, dem geizigen Himmel etwas zu entreißen, war das nicht der Gegenſtand eines leicht begreiflichen Anſtrebens zu dem Unbekannten, von dem Mesmer eine Falte enthüllte. Voltaire war todt, und es fand ſich in Frankreich kein einziges lautes Gelächter mehr, das Lachen von Beaumarchais ausgenommen, das noch bitterer als das des Meiſters. Rouſſeau war todt; es gab in Frank⸗ reich keine religiöſe Philoſophie mehr. Rouſſeau wollte Gott aufrecht halten, ſeitdem aber Rouſſeau nicht mehr lebte, mochte es Niemand wagen, aus Furcht, unter der Laſt erdrückt zu werden. Der Krieg war früher eine ernſte Beſchäftigung für die Franzoſen geweſen. Die Könige unterhielten auf ihre Rechnung den nationalen Heldenmuth; nun war der einzige franzöſiſche Krieg ein amerikaniſcher Krieg, um den ſich überdieß der König perſönlich nicht bekümmerte. Schlug man ſich denn nicht wirklich für die unbekannte Sache, welche die Amerikaner Unabhängig⸗ keit nennen, ein Wort, das die Franzoſen durch eine Abſtraction, die Freiheit, überſetzen. 241 Dabei hatte dieſer entfernte Krieg, dieſer Krieg nicht nur eines andern Volks, ſondern einer andern Welt, ſein Ende erreicht. War es, Alles wohlerwogen, nicht beſſer, ſich mit Mesmer, dieſem deutſchen Arzt, zu beſchäftigen, der zum zweiten Mal ſeit ſechs Jahren Frankreich leiden⸗ ſchaftlich einnahm, als mit Lord Cornwallis oder mit Herrn Waſhington, die ſo weit entfernt, daß man wahrſcheinlich niemals den Einen oder den Andern ſehen würde. Indeß man Mesmer, der anweſend war, ſehen, berühren, und was der höchſte Chrgeiz von drei Vierteln von Paris war, von ihm berührt werden konnte. Dieſer Mann alſo, der bei ſeiner Ankunft von Niemand, nicht einmal von der Königin, ſeiner Lands⸗ männin, unterſtützt worden war, während er ſogar die Leute ſeiner Heimath unterſtützte, dieſer Mann, der ohne den Doctor Deslon, welcher ihn ſeitdem verrathen, in der Dunkelheit geblieben wäre, beherrſchte wahrhaft die öffentliche Meinung und ließ weit hinter ſich den König, von dem man nie geſprochen, Herrn von La⸗ fayette, von dem man noch nicht ſprach, und Herrn von Necker, von dem man nicht mehr ſprach. Und als hätte es ſich dieſes Jahrhundert zur Auf⸗ gabe gemacht, jedem Geiſt nach ſeiner Fähigkeit, jedem Herz nach ſeiner Sympathie, jedem Körper nach ſei⸗ nen Bedürfniſſen zu geben, erhob ſich Mesmer, dem Mann des Materialismus gegenüber Saint⸗Martin, der Mann des Spiritualismus, deſſen Lehre alle Seelen getröſtet hatte, welche die Poſitivität des deutſchen Doe⸗ tors verwundete.. Man ſtelle ſich den Atheiſten mit einer Riligion milder als die Religion ſelbſt vor; man ſtelle ſich einen Republikaner voller Artigkeiten und Rückſichten für die Könige vor, einen Edelmann, liberal und zärtlich gegen das Volk; man ſtelle ſich den dreifachen Angriff dieſes mit der logiſchſten, verführeriſchſten Beredtſam⸗ Das Halsband der Koͤnigin. 16 —— 242 keit begabten Mannes gegen die Culte der Erde vor, die er wahnſinnig nennt, einzig und allein aus dem Grunde, weil ſie göͤttlich ſind. Man denke ſich endlich Epikur weiß gepudert, in geſticktem Frack, in einer Weſte mit Flittern, in Atlasbeinkleidern, mit ſeidenen Strümpfen und rothen Abſätzen, Epikur nicht mit dem Sturze der Götter zufrieden, an die er nicht glaubt, ſondern die Regierungen erſchütternd, die er wie die Culte behan⸗ delt, weil ſie nie uͤbereinſtimmen und beinahe immer nur auf das Unglück der Menſchen auslaufen; gegen das geſellſchaftliche Geſetz wirkend, das er mit dem ein⸗ zigen Worte:„es beſtraft auf gleiche Weiſe ungleiche Vergehen, es beſtraft die Wirkung, ohne die UÜrſache zu würdigen,“ entkräftet. Man denke ſich nun, dieſer Verſucher, der ſich den Titel: Der unbekannte Philoſoph gibt, vereinige, um die Menſchen in einen Kreis von verſchiedenartigen Ideen zu bannen, Alles, was die Einbildungskraft an Reizen, den Verſprechungen eines moraliſchen Para⸗ dieſes beizufügen vermag, und ſtatt zu ſagen, die Menſchen ſeien ſich gleich, was eine Albernheit iſt, erfinde er folgende Formel, welche eben dem Munde, der ſie läugnet, entſprungen zu ſein ſcheint: Alle verſtändige Menſchen ſind Könige. Und dann gebe man ſich Rechenſchaft von einer ſolchen Moral, welche plötzlich mitten in eine Geſell⸗ ſchaft ohne Hoffnungen, ohne Führer fiel, in eine Ge⸗ ſellſchaft, die ein mit Ideen, das heißt mit Klippen beſäter Archipel. Man erinnere ſich, daß in jener Zeit die Frauen zärtlich und toll, die Männer gierig nach Macht, Ehrenſtellen und Vergnügungen waren, daß die Könige die Krone hängen ließen, auf die ſich, zum erſten Mal, im Schatten verloren, ein zugleich neugieriger und drohender Blick heftete— wird man es dann noch wunderbar finden, daß ſie Proſelyten fand, dieſe Lehre, die zu den Seelen ſprach: 243 „Wählt unter Euch die erhabene Seele, doch die Seele, die erhaben durch die Liebe, durch die Leutſelig⸗ keit, durch den mächtigen Willen, ſehr zu lieben, ſehr glücklich zu machen. Hat ſich dann dieſe Seele zum Menſchen gemacht, geoffenbart, ſo beugt euch, demüthigt euch, vernichtet euch, alle ihr untergeordneten, niedri⸗ gen Seelen, um der Dictatur dieſer Seele Raum zu kaſſen, deren Aufgabe es iſt, euch wieder einzuſetzen in euer weſentliches Princip, das heißt in die Gleichheit der Leiden im Schooße der gezwungenen Ungleichheit der Fähigkeiten und Verrichtungen.“ Dem füge man bei, daß ſich der unbekannte Phi⸗ loſoph mit Myſterien umgab, daß er den Schatten wählte, um im Frieden, fern von Spähern und Schma⸗ rotzern die große ſociale Theorie zu erörtern, welche die Politik der Welt werden konnte. d „Höret mich,“ ſagte er,„getreue Seelen, gläubige Herzen, höret mich und ſuchet mich zu verſtehen, oder vielmehr, höret mich nur, wenn ihr Intereſſe und Be⸗ gierde habt, euch zu verſtehen, denn es wird euch An⸗ ſtrengung koſten, und ich gebe meine Geheimniſſe denen nicht preis, die den Schleier nicht davon abreißen werden. „Ich ſage Dinge, die ich nicht zu ſagen ſcheinen will, darum werde ich oft Anderes zu ſagen ſcheinen, als ich ſage.“ Und Saint⸗Martin hatte Recht, und er hatte wirk⸗ lich um ſein Werk die ſchweigſamen, düſteren, auf keine Ideen eiferſüchtigen Vertheidiger, ein geheimnißvolles Coenaculum, deſſen dunkle und religiöſe Myſticität Niemand durchdrang.. So arbeiteten an der Verherrlichung ſowohl der Seele als der Materie, während ſie von der Vernich⸗ tung Gottes und der Vernichtung der Religion Chriſti träumten, dieſe zwei Männer, welche in zwei Lager alle intelligenten, alle auserwählten Naturen Frankreichs vertheilt hatte. So gruppirten ſich um den Bottich von Mesmer, aus dem das Wohlergehen herworſpranz bas ganze —* Leben der Sinnlichkeit, der ganze elegante Materialis⸗ mus dieſer entarteten Nation, während ſich um das Buch der Irrthümer und der Wahrheit die frommen, wohlthätigen, liebenden, nachdem ſie Chimären genoſ⸗ ſen, nach der Verwirklichung dürſtenden Seelen ver⸗ einigten. Ob nun unter dieſen privilegirten Sphären die Ideen divergirten oder in Verwirrung geriethen, ob die daraus entſchlüpfenden Geräuſche ſich in Donner ver⸗ wandelten, wie ſich die Schimmer in Blitze verwandelt hatten, immerhin wird man den Zuſtand des Anflugs begreifen, in dem die ſubalterne Geſellſchaft, das heißt, das Bürgerthum und das Volk, was man ſpäter den dritten Stand nannte, verblieb, dieſer Stand, der nur errieth, daß man ſich mit ihm beſchäftigte, und der in ſeiner Ungeduld und in ſeiner Reſignation vor Verlangen brannte, wie Prometheus das heilige Feuer zu ſtehlen und damit eine Welt zu beleben, die die ſeinige wäre und in der er ſeine Angelegenheiten ſelbſt handhaben würde. Die Conſpirationen im Zuſtand von Unterredun⸗ gen, die Aſſociationen im Zuſtand von geſellſchaftlichen Kreiſen, die ſocialen Parteien im Zuſtand von Quadril⸗ len, nämlich der Bürgerkrieg und die Anarchie, das iſt es, was unter dem Allem dem Denker erſchien, der das zweite Leben dieſer Geſellſchaft noch nicht ſah. Ach! heute, da die Schleier zerriſſen, heute, da die Prometheus⸗Völker zehnmal durch das Feuer, das ſie ſelbſt geſtohlen, niedergeworfen worden ſind, ſagt uns, was der Denker in dem Ende dieſes ſeltſamen achtzehnten Jahrhunderts ſehen konnte, wenn nicht etwas dem Aehnliches, was nach dem Tode von Cäſar und ehe Auguſtus zur Regierung gelangte, vorfiel. Auguſtus war der Mann, der die heidniſche Welt von der chriſtlichen Welt trennte, wie Napoleon der Mann war, der die feudale Welt von der demokrati⸗ ſchen Welt trennte. Vielleicht haben wir unſere Leſer in eine Ab⸗ ſchweifung geworfen und uns nachgezogen, die ihnen 245 ein wenig lang vorkommen mußte, aber es wäre in der That ſchwierig geweſen, dieſe Epoche zu ſchildern, ohne mit der Feder die ernſten Fragen zu berühren, die das Fleiſch und das Leben derſelben ſind. Nun iſt der Verſuch gemacht, der Verſuch eines Kindes, das mit ſeinem Nagel den Roſt von einer antiken Statue abkratzen würde, um unter dieſem Roſte eine zu drei Vierteln verwiſchte Inſchrift zu leſen. Kehren wir zum äußeren Anſehen zurück. Wollten wir uns länger mit der Wirklichkeit beſchäftigen, ſo würden wir zu viel für den Romandichter, zu wenig für den Geſchichtſchreiber ſagen. —x; XVII. Der Bottich. Das Gemälde, das wir im vorhergehenden Kapitel ſowohl von der Zeit, in der man lebte, als von den Menſchen, mit denen man ſich in dieſem Augenblicke beſchäftigte, zu entwerfen geſucht haben, kann in den Augen unſerer Leſer den unerklärlichen Eifer der Pa⸗ riſer für das Schauſpiel der von Herrn Mesmer öffent⸗ lich bewerkſtelligten Kuren rechtfertigen. König Ludwig XVI., der, wenn er auch nicht ſehr begierig in Betreff der Neuigkeiten war, die in ſeiner guten Stadt Paris Aufſehen erregten, dieſelben doch wenigſtens zu würdigen wußte, hatte der Königin, un⸗ ter der Bedingung, daß ſich der erhabene Beſuch von einer Prinzeſſin begleiten laſſe, die Erlaubniß gegeben, einmal ebenfalls das zu ſehen, was die ganze Welt geſehen. Es begab ſich dieß zwei Tage nach dem Beſuch, den der Herr Cardinal von Rohan Frau von La Mothe gemacht hatte. — Das Wetter war milder geworden und ein kräftiges Aufthauen eingetreten. Eine Armee von Gaſſenkehrern, glücklich und ſtolz, mit dem Winter ein Ende zu machen, fegte mit dem Feuereifer der Soldaten, die einen Lauf⸗ graben eröffnen, in die Goſſen den letzten, ganz be⸗ ſchmutzten und in ſchwarzen Bächen hinſchmelzenden Schnee. Blau und durchſichtig beleuchtete ſich der Himmel mit den erſten Sternen, als Frau von La Mothe in eleganter Kleidung, allen Anſchein des Reichthums bietend, in einem Fiacre, den Frau Clotilde ſo neu als möglich gewählt hatte, auf der Place Vendome erſchien, wo ſie an einem Hauſe von großartigem Ausſehen, deſſen hohe Fenſter an der ganzen Facade glänzend erleuchtet waren, anhielt. Dieſes Haus war das von Doctor Mesmer. Außer dem Fiacre von Frau von La Mothe hielten viele Equipagen oder Chaiſen vor dieſem Hauſe, und außer dieſen Equipagen oder Chaiſen gingen zwei bis drei hundert Neugierige im Koth umher und warteten auf das Herauskommen der geheilten Kranken oder auf den Eintritt der zu heilenden Kranken. Dieſe— beinahe insgeſammt reich und mit Titeln verſehen— kamen in ihren mit Wappen geſchmückten Wagen an, ließen ſich von ihren Lackeien herausheben und tragen und die in Pelze gewickelten oder in Atlas⸗ mäntel gehüllten Ballen neuerer Art waren kein gerin⸗ ger Troſt für die ausgehungerten, halbnackten Unglück⸗ lichen, die vor der Thüre auf den ſchlagenden Beweis lauerten, daß Gott die Menſchen krank mache, ohne ihren Stammbaum um Rath zu fragen. War einer von dieſen Kranken mit bleicher Ge⸗ ſichtsfarbe und matten Gliedern unter dem großen Thor verſchwunden, ſo entſtand ein Gemurmel unter den Anweſenden, und es kam ſelten vor, daß dieſe neugierige und verſtändige Menge, die vor der Thüre der Ballſäle und unter den Säulenlauben der Theater, die ganze vergnügungsſüchtige Ariſtokratie ſich drängen ——— 247 ſah, was ihr Vergnügen war, nicht dieſen an einem Arm oder an einem Bein gelähmten Herzog, oder jenen Marſchall erkannte, dem die Füße den Dienſt verſag⸗ ten, weniger wegen der Strapatzen bei militäriſchen Märſchen, als wegen Erſtarrung in Folge von Halten bei den Damen der Oper oder der italieniſchen Komödie. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Menge mit ihren Forſchungen nicht bei den Männern ſtehen blieb. Auch die Frau, die man in den Armen ihrer Hei⸗ ducken, den Kopf hängend, das Auge glanzlos, wie die römiſchen Damen, die ihre Theſſalier nach dem Mahle trugen, hatte vorüberkommen ſehen, auch dieſe Dame, welche Nervenleiden unterworfen, oder durch Ausſchweifungen und Nachtwachen geſchwächt war und von den Modekomödianten oder von den kräftigen Engeln, von denen Madame Dugazon ſo wunderbare Erzählungen zu machen wußte, nicht hatte geheilt oder wieder erweckt werden können, verlangte vom Bottich von Mesmer, was ſie vergebens anderswo geſucht hatte. Und man glaube nicht, daß wir hier zu unſerem Vergnügen die Sittenverderbniß übertreiben. Man muß zugeſtehen, daß in jener Zeit eiin Wettſtreit zwi⸗ ſchen den Damen des Hofes und den Demoiſellen des Theaters ſtattfand. Die letztern nahmen den Frauen der vornehmen Welt ihre Liebhaber und ihre Männer, jene ſtahlen den Theaterfräulein ihre Kameraden und ihre ſelbſtgemachten Vetter. Einige von dieſen Damen waren eben ſo bekannt, als die Männer, und ihre Namen kreiſten in der Menge auf eine nicht minder geräuſchvolle Art, aber viele, und ohne Zweifel waren dieß nicht diejenigen, deren Namen das geringſte ärgerliche Aufſehen erregt hätte, viele entgingen an dem genannten Abend we⸗ nigſtens dem Lärmen und der Oeffentlichkeit, da ſie, das Geſicht mit einer Atlasmaske bedeckt, zu Mesmer amen. An demſelben Tage, der die Mitte des Faſchings bezeichnete, fand nämlich ein Maskenball in der Oper 248 ſtatt, und dieſe Damen gedachten die Place⸗Vendome nur zu verlaſſen, um ſich unmittelbar nach dem Palais⸗ Royale zu begeben. Mitten durch die Menge, die ſich in Klagen, in Geſpötte, in Bewunderung und beſonders in Gemurre ausließ, ſchritt die Frau Gräfin von La Mothe, eine Larve vor dem Geſicht, aufrecht und feſt, und ohne andere Spuren von ihrem Durchzug zurückzulaſſen, als die auf dem Wege oft wiederholten Worte: „Ah! dieſe muß nicht ſehr krank ſein.“ Man täuſche ſich hierin nicht, dieſe Worte ſchloſſen keineswegs die Commentare aus. Denn wenn Frau von La Mothe nicht krank war, was machte ſie bei Mesmer? Wäre die Menge, wie wir, mit den Ereigniſſen vertraut geweſen, die wir erzählt, ſo hätte ſie gefun⸗ den, nichts ſei einfacher, als dieſe Wahrheit. Frau von La Mothe hatte wirklich viel über ihre Unterredung mit dem Herrn Cardinal von Rohan und beſonders über die ganz eigenthümliche Aufmerkſamkeit nachgedacht, mit der vom Cardinal die bei ihr ver⸗ geſſene oder vielmehr verlorene Büchſe mit dem Portrait beehrt worden war. Und da in dem Namen der Eigenthümerin dieſer Büchſe die ganze Enthüllung der plötzlichen Lieb⸗ freundlichkeit des Cardinals lag, ſo hatte Frau von La Mothe zwei Mittel ausgeſonnen, um dieſen Namen zu erfahren. Zuerſt nahm ſie ihre Zuflucht zum einfacheren. Sie ging nach Fontainebleau, um ſich beim Wohlihätigtenishuͤren der deutſchen Damen zu erkun⸗ igen.. 3 Hier erhielt ſie, wie man ſich leicht denken kann, keine Auskunft. Es waren der deutſchen Damen, die in Verſailles wohnten, ſehr viele, in Folge der offenen Sympathie, welche die Königin für ihre Landsmänninnen hegte: man zählte hundertundfünfzig bis zweihundert. — 249 Alle waren ſehr wohlthätig, doch es hatte keine den Gedanken gehabt, ein Schild an das Wohlthätig⸗ keitsbüreau zu hängen. Vergebens erkundigte ſich daher Jeanne nach den zwei Damen, die ſie beſucht hatten; vergebens ſagte ſie, eine von den zwei Damen heiße Andrée. Man kannte in Verſailles keine deutſche Dame dieſes Na⸗ mens, der überdieß ſehr wenig deutſch war. Die Nachforſchungen führten alſo auf dieſer Seite kein Reſultat herbei. Herrn von Rohan unmittelbar nach dem Namen fragen, den er muthmaßte, hieß vor Allem ihn ſehen laſſen, man habe Gedanken über ihn, es hieß ferner, ſich das Vergnügen und das Verdienſt einer aller Welt zum Trotz und außer allen Möglichkeiten gemachten Entdeckung. Da aber Geheimniß in dem Schritte dieſer Da⸗ men bei Jeanne, Geheimniß in dem Erſtannen und den Verſchweigungen von Herrn von Rohan geweſen war, ſo mußte man mit Geheimniß zu dem Schlüſſel von ſo vielen Räthſeln gelangen. Es lag überdieß eine mächtige Neigung in dem Charakter von Jeanne für dieſen Kampf mit dem Un⸗ bekannten. Sie hatte in Paris ſagen hören, es habe ſeit einiger Zeit ein Mann, ein Erleuchteter, das Mittel gefunden, aus dem Körper des Menſchen die Krank⸗ heiten und Schmerzen auszutreiben, wie einſt Chriſtus die Teufel aus dem Leib der Beſeſſenen ausgetrieben. Sie wußte, daß dieſer Mann nicht nur die kör⸗ perlichen Uebel heilte, ſondern daß er auch der Seele das ſchmerzliche Geheimniß entriß, das ſie unter⸗ wühlte. Man hatte unter ſeiner allmächtigen Be⸗ ſchwörung den hartnäckigen Willen ſeiner Clienten ſich erweichen und in eine ſklaviſche Gelehrigkeit verwan⸗ deln ſehen. In dem Schlaf, der auf die Schmerzen folgte, nachdem der gelehrte Arzt die aufgeregteſte Organi⸗ 250 ſation, dadurch, daß er ſie in die völligſte Vergeſſenheit verſenkt, beſchwichtigt hatte, ſtellte ſich ſo die über die Ruhe, welche ſie dem Zauberer zu verdanken hatte, entzückte Seele ganz und gar zur Verfügung dieſes neuen Gebieters; er leitete fortan alle ihre Operationen; er lenkte alle Fäden derſelben; auch erſchien ihm jeder Gedanke dieſer dankbaren Seele übertragen durch eine Sprache, die gegen die menſchliche Sprache den Vorzug oder den Nachtheil hatte, daß ſie nie log. Mehr noch, aus dem Leib, der ihr als Gefängniß diente, auf den erſten Befehl desjenigen, der ſie für den Augenblick beherrſchte, hervortretend lief dieſe Seele in der Welt umher, vermengte ſich mit den andern Seelen, ſondirte ſie ohne Unterlaß, durchforſchte ſie unbarmherzig und ging ſo gut zu Werke, daß ſie, wie der Jagdhund, der das Wild aus dem Gebüſch heraustreibt, indem es ſich verbirgt, da es ſich hier in Sicherheit glaubt, am Ende dieſes Geheimniß aus dem Herzen herauskommen machte, wo es begraben war, daſſelbe verfolgte, einholte und ſchließlich zu den Füßen des Gebieters niederlegte— ein getreues Bild des Falken oder des wohldreſſirten Sperbers, der unter den Wolken für Rechnung des Falkners, ſeines Herrn, den Reiher, das Rebhuhn oder die ſeiner Servilität bezeichnete Lerche ſucht. Hievon die Enthüllung einer Menge wunderbarer Geheimniſſe. So fand Frau von Duras ein bei der Amme ge⸗ ſtohlenes Kind wieder, Frau von Chantonsé einen fauſt⸗ großen engliſchen Hund, für den ſie alle Kinder der Erde gegeben hätte, und Herr von Vaudreuil eine Haarlocke, für die er ſein halbes Vermögen gegeben haben würde. Dieſe Geſtändniſſe waren von Sehern oder Seherinnen in Folge von magnetiſchen Operationen des Doctor Mesmer gemacht worden. 4 Man konnte auch in dem Hauſe des berühmten Doctors die Geheimniſſe wählen, welche am meiſten 251 geeignet waren, dieſe übernatürliche Divinationsgabe zu uͤben, und Frau von La Mothe zählte wohl darauf, ſie würde, wenn ſie einer Sitzung beiwohnte, den Phönix ihrer ſeltſamen Nachforſchungen treffen und durch ſeine Vermittelung die Eigenthümerin der Büchſe entdecken, die in dieſem Augenblick den Gegenſtand der glänzendſten Beſchäftigung ihres Innern bildete. Darum begab ſie ſich in ſo großer Haſt in den Saal, wo ſich die Kranken verſammelten. Dieſer Saal— wir bitten unſre Leſer um Ver⸗ zeihung— heiſcht eine ganz beſondere Beſchreibung. Wir nehmen ſie ohne Umſchweife in Angriff. Die Wohnung theilte ſich in zwei Hauptſäle. Hatte man die Vorzimmer durchſchritten und die nothwendigen Päſſe dem Huiſſier vom Dienſt vorge⸗ zeigt, ſo wurde man in einen großen Salon eingelaſſen, deſſen Fenſter, hermetiſch verſchloſſen, das Licht und die Luft bei Tage, das Geräuſch und die Luft bei der Nacht auffingen und zurückhielten. Mitten im Salon, unter einem Kronleuchter, deſ⸗ ſen Kerzen nur eine gedämpfte und beinahe ſterbende Helle gaben, bemerkte man eine große, mittelſt eines Deckels geſchloſſene Kufe. Dieſe Kufe hatte nichts Zierliches in ihrer Form; ſie war nicht geſchmückt, keine Draperie verbarg die Nacktheit ihrer metallenen Seiten. Dieſe Kufe war es, was man den Bottich von Mesmer nannte. Welche Eigenſchaft enthielt dieſer Bottich? nichts iſt leichter zu erklären. Er war beinahe ganz angefüllt mit Waſſer, das mit ſchwefeligen Beſtandtheilen geſchwängert, und dieſes Waſſer concentrirte ſeine Miasmen unter dem Deckel, um damit wiederum methodiſch auf dem Grunde des Bottichs in umgekehrten Stellungen aufgereihte Flaſchen zu ſättigen. So fand eine Kreuzung myſteriöſer Strömungen 4 2⁵² ſtatt, deren Einfluß die Kranken ihre Heilung ver⸗ dankten. 4 An den Deckel war ein eiſerner Ring angelöthet, der eine lange Schnur hielt, deren Beſtimmung wir kennen lernen, wenn wir einen Blick auf die Kranken werfen. Dieſe, die wir ſo eben in das Hötel eintreten ſahen, ſaßen bleich und ſchmachtend in Lehnſtühlen, die um die Kufe her aufgeſtellt waren. Männer und Frauen erwarteten, mit einander ver⸗ miſcht, gleichgültig, ernſt oder unruhig, das Reſultat des Verſuches. Ein Bedienter nahm das Ende der langen am Deckel des Bottichs befeſtigten Schnur und rollte ſie ringförmig um die kranken Glieder, dergeſtalt, daß alle, durch dieſelbe Kette Gebundenen gleichzeitig die Wirkungen der im Bottich enthaltenen Elektricität empfingen. Um ſodann auf keine Weiſe die Thätigkeit der an jede Natur übertragenen thieriſchen Fluida zu unter⸗ brechen, waren die Kranken, auf die Empfehlung des Arztes dafür beſorgt, daß ſie ſich einander mit dem Ellenbogen, oder den Schultern, oder mit den Füßen berührten, ſo daß der rettende Bottich gleichzeitig allen Körpern ſeine mächtige Wärme und Wiedergeburt zu⸗ ſandte. Sie bot allerdings ein ſeltſames Schauſpiel, dieſe ärztliche Ceremonie, und man wird nicht darüber ſtaunen, daß ſie die Neugierde der Pariſer in einem ſo hohen Grade erregte. Zwanzig bis dreißig Kranke um dieſe Kufe ge⸗ reiht; ein Bedienter, ſtumm wie die Umherſitzenden und ſie mit einer Schnur umſchlingend, wie einſt Laokoon und ſeine Söhne von ihren Schlangen umwunden waren; dann dieſer Menſch ſelbſt, der ſich in aller Stille wegſchlich, nachdem er den Kranken die eiſernen Stan⸗ gen bezeichnet hatte, welche, in gewiſſe Löcher der Kufe eingefügt, der heilſamen Thätigkeit des Mesmer'ſchen 253 Fheſtuns. als mehr unmittelbar örtliche Leiter dienen ollten. Und vor Allem begann, ſobald die Sitzung eröffnet war, eine gewiſſe ſanfte und eindringliche Wärme im Saale zu kreiſen; ſie erweichte die ein wenig geſpannten Fibern der Kranken; ſie ſtieg ſtufenweiſe vom Boden zur Decke auf, und ſchwängerte ſich mit zarten Wohl⸗ gerüchen, unter deren Dunſt ſich die widerſpenſtigen Gehirne beſchwert neigten. Dann ſah man die Kranken dem ganz wollüſtigen Eindruck dieſer Atmoſphäre ſich hingeben, als plötzlich eine ſanfte, vibrirende Muſik, ausgeführt von unſicht⸗ baren Inſtrumenten und unſichtbaren Muſikern, ſich wie eine milde Flamme inmitten dieſer Wohlgerüche und dieſer Wärme verlor. Rein wie der Kryſtall, an deſſen Rand ſie ihren Urſprung nahm, traf dieſe Muſik die Nerven mit einer unwiderſtehlichen Macht. Man hätte glauben ſollen, es wäre eines von jenen unbekannten und geheimniß⸗ vollen Geräuſchen, welche ſelbſt die Thiere in Erſtaunen ſetzen und entzücken, eine Klage des Windes in den ſonoren Schneckengewinden der Felſen. Bald verbanden ſich mit den Tönen der Harmonie wohlklingende Stimmen, gruppirt wie eine Maſſe von Blumen, deren Noten, verſtreut wie Blätter, auf den Kopf der Anweſenden fielen. 4 Auf allen den Geſichtern, die das Erſtaunen An⸗ fangs belebt hatte, trat allmälig die materielle Be⸗ friedigung, der an allen ihren empfindlichen Stellen geſchmeichelt wurde, hervor. Die Seele gab nach; ſie verließ den Zufluchtsort, wo ſie ſich verbirgt, wenn ſie die Leiden des Körpers belagern, und ſrei und freudig ſich in der ganzen Organiſation verbreitend, bezähmte ſie die Materie und verwandelte ſich. Dieß war der Augenblick, wo jeder von den Kranken in ſeine Finger eine an den Deckel der Kufe angefügte eiſerne Stange genommen hatte, und dieſe Stange auf 2541 ſeins Brußt, auf ſein Herz, oder auf ſeinen Kopf, den ſpecielleren Sitz der Krankheit, richtete. Man ſtelle ſich nun die Glückſeligkeit vor, die auf allen Geſichtern an die Stelle des Leidens und der Bangigkeit trat, man denke ſich die ſelbſtſüchtige Schlaf⸗ trunkenheit dieſer abſorbirenden Befriedigungen, das von Seufzern unterbrochene Stillſchweigen, das auf der ganzen Verſammlung laſtet, und man wird die möglichſt genaue Idee von der Scene haben, die wir zwei Drittelsjahrhunderte vor dem Tage, wo ſie ſtatt⸗ fand, fkizzirt haben. Nun einige beſondere Worte über die theilnehmen⸗ den Perſonen. Vor Allem zerſtelen dieſe Perſonen in zwei Claſſen. Die einen Kranken, die ſich wenig um das beküm⸗ merten, was man den menſchlichen Reſpeet nennt,— eine von den Leuten von mittelmäßiger Lebensſtellung tief verehrte Grenze, aber ſtets überſprungen von den ſehr Großen oder ſehr Kleinen, die Einen, ſagen wir, kommen, um geheilt zu werden, und ſie ſuchten mit ganzem Herzen zu dieſem Ziel zu gelangen. Die Anderen, Skeptiker oder einfache Neugierige, an keiner Krankheit leidend, waren in das Haus von Mesmer gedrungen, wie man in ein Theater eintritt, hatten ſie ſich nun Rechenſchaft von der Wirkung geben wollen, der man in der Umgebung des Zauberbottichs theilhaftig wurde, oder war es ihre Abſicht nur, als Zuſchauer einfach dieſes neue phyſiſche Syſtem zu ſtu⸗ diren und beſchäftigten ſie ſich nur damit, daß ſie die Kranken und ſogar diejenigen anſchauten, welche au der Kur theilnahmen, während ſie ſich wohl befanden. Unter den Erſten leidenſchaftlichen Adepten von Mesmer, an ſeine Lehre vielleicht durch die Dankbar⸗ keit gebunden, bemerkte man eine junge Frau von ſchönem Wuchſe, von ſchönem Geſicht, vielleicht etwas ausſchweifend gekleidet, die der Thätigkeit des Fluidums unterworfen und ſich ſelbſt mittelſt der Stange die wahre Theilnehmer, waren nur in dieſen Salon ge⸗ 1— .“ 255 ſtärkſten Doſen auf den Kopf und den Oberleib zulen⸗ kend, ihre ſchönen Augen zu verdrehen anfing, als ob Alles in ihr ſchmachtete, während ihre Hände unter dieſem erſten Nervenkitzel bebten, den die Bemächtigung des magnetiſchen Fluidums anzeigt. Warf ſich ihr Kopf auf die Lehne des Stuhles zurück, ſo konnten die Anweſenden nach Belieben dieſe bleiche Stirne, dieſe krampfhaften Lippen und dieſen ſchönen, allmälig durch den raſcheren Strom und Rück⸗ ſtrom des Blutes gemarmorten Hals anſchauen. Unter den Anweſenden, von denen Viele ihre Augen mit Erſtaunen auf dieſe junge Frau hefteten, theilten ſich dann ein paar Köpfe, die ſich gegen einander neigten, eine ohne Zweifel ſeltſame Idee mit, welche die gegenſeitige Aufmerkſamkeit dieſer Neugie⸗ rigen verdoppelte. Unter der Zahl dieſer Neugierigen war Frau von La Mothe; nicht befürchtend, ſie dürfte erkannt wer⸗ den, oder vielleicht auch ſich nicht darum bekümmernd, daß man ſie erkenne, hielt ſie die Atlasmaske, die ſie auf ihr Geſicht geſetzt hatte, um die Menge zu durch⸗ ſchreiten, in der Hand. Durch die Art, wie ſie ſich geſtellt hatte, entging ſie übrigens beinahe allen Blicken. Sie ſtand bei der Thüre an einen Pfeiler ange⸗ lehnt, war durch eine Draperie verſchleiert, und ſah von hier aus Alles, ohne geſehen zu werden. 8 Doch unter Allem, was ſie ſah, war das, was ihr am meiſten der Aufmerkſamkeit würdig zu ſein ſchien, ohne Zweiſel das Antlitz der durch das Mesmer'ſche. Fluidum elektriſirten jungen Frau. Dieſes Geſicht war ihr in der That ſo ſehr auf⸗ gefallen, daß ſie ſeit mehreren Minuten, gefeſſelt durch eine unüberwindliche Gierde, zu ſehen und zu erfahren, an ihrem Platze blieb. „Oh!“ murmelte ſie, ohne mit den Augen von der ſchönen Kranken zu laſſen,„das iſt— es läßt ſich nicht bezweifeln— die Dame vom guten Werke, die A 25565* mich eines Abends beſucht hat, die ſeltſame Urſache den⸗ 3 Theilnahme, die mir Herr von Rohan ezeigt.“ Und feſt überzeugt, ſie täuſche ſich nicht, begierig den Zufall zu benützen, der für ſie that, was ihre Nachforſchungen nicht hatten thun können, trat ſie näher hinzu. Doch in dieſem Augenblick ſchloß die junge Con⸗ vulſionärin ihre Augen, zog ihren Mund krampfhaft uſamnen und ſchlug mit ihren beiden Händen ſchwach die Luft. Mit ihren beiden Händen, die, es muß hier be⸗ merkt werden, nicht jene feinen, zarten, wachsartig weißen Hände waren, welche Frau von La Mothe in ihrer Wohnung einige Tage zuvor bewundert hatte. Die Anſteckung der Kriſe war elektriſch bei der Mehrzahl der Kranken, das Gehirn hatte ſich geſättigt mit Geräuſchen und Wohlgerüchen. Die ganze Ner⸗ venaufreizung war angeſtrebt. Durch das Beiſpiel ihrer jungen Gefährtin fortgeriſſen, fingen bald Männer und Frauen an, Seufzer, Gemurmel, Schreie von ſich zu geben, bewegten Arme, Beine und Köpfe, und über⸗ ließen ſich frei und ohne Widerſtand dem Anfall, dem der Meiſter den Namen Kriſe gegeben hatte. In dieſem Augenblick erſchien ein Mann im Saale, ohne daß ihn Jemand hatte eintreten ſehen, ohne daß Jemand ſagen konnte, wie er eingetreten. Kam er wie Phöbus aus der Kufe hervor? War er, Apollo des Waſſers, der balſamiſche und harmo⸗ niſche Dunſt des Saales, der ſich verdichtete? So viel iſt immerhin gewiß, daß er ſich plötzlich anweſend fand, und daß ſein lila Kleid, ſanft und friſch für das Auge, und ſein ſchönes, bleiches, verſtändiges und heiteres Antlitz den ein wenig göttlichen Charakter dieſer Er⸗ ſcheinung nicht Lügen ſtraften. Er hielt in der Hand einen langen Stab, der auf den geprieſenen Bottich geſtützt, oder vielmehr ſo zu ſagen, an dieſem befeſtigt war. — A—*ð—*— —8—= NA — —„ 257 Er machte in Zeichen, die Thüren öffneten ſich, zwanzig kräftige Diener liefen herbei, ergriffen behende und geſchickt jeden von den Kranken, die auf ihren Stühlen das Gleichgewicht zu verlieren anfingen, und trugen ſie in weniger als einer Minute in den an⸗ ſtoßenden Saal. In dem Augenblick, wo dieſe Operation vorging, welche beſonders durch den Parorismus wüthender Glückſeligkeit, dem ſich die junge Convulſionärin hingab, anziehend geworden war, hörte Frau von La Mothe die mit den Neugierigen bis zu dieſem neuen, für die Kranken beſtimmten Saal vorgerückt war, einen Mann ſchreien: „Ohl ſie iſt es, ſie iſt es!“ Frau von La Mothe wollte eben dieſen Mann fragen:— „Wer, ſie?“ 3 Da erſchienen plötzlich im erſten Saal auf ein⸗ ander gelehnt, zwei Frauen, denen in einiger Entfer⸗ nung ein Mann folgte, der ganz das Ausſehen eines vertrauten Dieners hatte, obgleich er das Kleid eines Bürgers trug. Die Haltung dieſer zwei Frauen, der einen be⸗ ſonders, ſiel der Gräfin dergeſtalt auf, daß ſie einen Schritt gegen dieſelbe machte. Ein gewaltiger Schrei, der aus dem zweiten Saal und von den Lippen der Convulſionärin kam, zog in dieſem Augenblick Jedermann nach der Verzückten hin. Alsbald rief der Mann, der ſchon geſagt hatte: „Sie iſt es!“ und der ſich in der Nähe von Frau von La Mothe befand, mit dumpfem, geheimnißvollem Ton: „Aber, meine Herren, ſchauen Sie doch, es iſt die Königin!“ Bei dieſem Worte bebte Jeanne. „Die Königin!“ riefen gleichzeitig mehrere er⸗ ſchrockene und erſtaunte Stimmen. „Die Königin bei Mesmer!“ Das Halsband der Koͤnigin. 17 1 2s8 „Die Königin in einer Kriſe!“ wiederholten andere Stimmen. „Ohl das iſt unmöglich!“ ſagte der Eine. „Schauen Sie,“ erwiederte ruhig der Unbekannte, „kennen Sie die Königin, ja oder nein?“ „In der That,“ murmelten die meiſten Anweſen⸗ den,„die Aehnlichkeit iſt unglaublich.“ Frau von La Mothe hatte eine Maske, wie alle Frauen, die, wenn ſie von Mesmer weggingen, ſich auf den Ball im Opernhauſe begeben wollten. Sie konnte alſo, ohne Gefahr zu laufen, ſich er⸗ kundigen. „Mein Herr,“ fragte ſie den Mann der Aus⸗ rufungen, der einen umfangreichen Körper, ein volles, gefärbtes Geſicht und funkelnde, ſcharf beobachtende Augen hatte,„ſagen Sie nicht, die Königin ſei hier?“ „Ohl Madame, es iſt nicht zu bezweifeln,“ erwie⸗ derte der Unbekannte. „Und wo dieß?“ „Jene junge Frau, die Sie dort auf veilchen⸗ blauen Kiſſen, in einer ſo heftigen Kriſe erblicken, daß ſie ihre Entzückungen nicht mäßigen kann, iſt die Königin.“ „Aber, mein Herr, worauf gründen Sie die Idee, dieſe Frau ſei die Königin?“ „Ganz einfach darauf, Madame, daß dieſe Frau die Königin iſt,“ erwiederte unſtörbar der Anſchul⸗ digende. Und er verließ Jeanne, um die Kunde in den Gruppen zu begründen und zu verbreiten. Jeanne wandte ſich von dem faſt empörenden Schau⸗ ſpiel ab, das die Epileptiſche bot. Doch kaum hatte ſte ein paar Schritte nach der Thüre gemacht, als ſie ſich von Angeſicht zu Angeſicht den zwei Damen gegen⸗ über fand, die, bis ſie zu den Convulſionären über⸗ gehen ſollten, nicht ohne ein lebhaftes Intereſſe, den Bottich, die Stangen und den Deckel anſchauten. Kaum hatte Jeanne das Geſicht der älteren von 259 den zwei Damen geſehen, als ſie ebenfalls einen Schrei ausſtieß. „Was gibt es?“ fragte dieſe. Jeanne riß raſch die Maske ab und fragte: „Erkennen Sie mich?“ Die Dame machte eine Bewegung, beywältigte ſie aber beinahe in demſelben Angenblick wieder. „Nein,“ antwortete ſie mit einer gewiſſen Befan⸗ genheit. „Wohl, ich erkenne Sie, und will Ihnen einen Beweis hievon geben.“ Bei dieſer Anrufung preßten ſich die Damen ängſtlich an einander an. Jeanne zog aus ihrer Taſche die Büchſe und ſagte: „Sie haben das bei mir liegen laſſen.“ „Aber wenn dem ſo wäre,“ fragte die Aeltere, „warum ſind Sie ſo bewegt?“ „Ich bin erſchrocken über die Gefahr, die Eure Majeſtät hier läuft.“ 3 „Erklären Sie ſich.“ „Oh! nicht eher, als bis Sie dieſe Maske vorge⸗ nommen haben.“ 3 Und ſie reichte ihre Maske der Königin, doch dieſe zögerte, da ſie ſich unter ihrer Haube hinlänglich ver⸗ borgen glaubte. „Ich bitte, es iſt kein Augenblick zu verlieren,“ fuhr Jeanne fort. „Thun Sie es, thun Sie es, Madame,“ ſagte leiſe die zweite Frau zur Königin. Die Königin ſetzte maſchinenmäßig die Larve auf ihr Geſicht. 8 „Und nun kommen Sie,“ ſprach Jeanne. Ünd ſie zog die zwei Frauen ſo raſch fort, daß ſie erſt bei der Hausthüre, wo ſie ſich in einigen Sekunden befanden, anhielten. „Aber was iſt es denn?“ fragte die Königin athmend. „Eure Majeſtät iſt von Niemand deſchen worden?“ 1 260 „Ich glaube nicht.“ „Deſto beſſer.“ „Werden Sie uns wohl erklären.. „Für den Augenblick glaube Eure Majeſtät ihrer getreuen Dienerin, wenn dieſe ihr ſagt, ſie laufe die größte Gefahr.“ „Was für eine Gefahr iſt es denn?“ „Ich werde die Ehre haben, Ihrer Majeſtät Alles zu ſagen, geruht ſie, mir eines Tags eine Stunde Audienz zu bewilligen. Doch die Sache iſt lang; Ihre Majeſtät kann erkannt, bemerkt werden.“ Und als ſie wahrnahm, daß die Königin einige Ungeduld kundgab, ſagte ſie zu der Prinzeſſin von Lamballe: „Oh! Madame, ich flehe Sie an, verbinden Sie ſich mit mir, um Ihre Majeſtät zu bewegen, daß ſie ſich entfernt und zwar auf der Stelle entfernt.“ Die Prinzeſſin machte eine flehende Geberde. „Gehen wir, da Sie es wollen,“ ſprach die Königin. Dann wandte ſie ſich gegen Frau von La Mothe um und ſagte: „Sie haben mich um eine Audienz gebeten.“ „Ich ſtrebe nach der Ehre, Curer Majeſtät eine Erklärung über mein Benehmen zu geben.“ „Wohl, bringen Sie mir dieſe Büchſe zurück, und fragen Sie nach dem Concierge Laurent, er wird un⸗ terrichtet ſein.“ Hierauf rief ſie deutſch nach der Straße hinaus: „Kommen Sie hierher, Weber!“ Raſch näherte ſich ein Wagen, die zwei Prinzeſ⸗ ſinnen ſprangen hinein. Frau von La Mothe blieb bei der Thüre, bis ſie die Carroſſe aus dem Geſicht verloren hatte. „Oh!“ ſagte ſie ganz leiſe,„es war gut, daß ich gethan, was ich gethan, auch für die Folge... über⸗ legen wir.“ 44 261 XVIII. Mademoiſelle Oliva. Der Mann, der die angebliche Königin den Blicken der Anweſenden bezeichnet hatte, ſchlug während dieſer Zeit einem von den Zuſchauern, einem Menſchen mit gierigem Auge und abgetragenem Kleid, auf die Schul⸗ ter und ſagte zu ihm: „Für Sie, der Sie ein Journaliſt ſind, iſt dieß ein ſchöner Stoff zu einem Artikel.“ „Wie ſo?“ erwiederte der Zeitungsſchreiber. „Wollen Sie den Hauptinhalt davon?“ „Gern.“ „Hören Sie:„„Ueber die Gefahr als Unterthan eines Landes geboren zu ſein, deſſen König von der Rünigin beherrſcht wird, welche Königin die Kriſen iebt. Der Zeitungsſchreiber lachte. „Und die Baſtille?“ entgegnete er. „Bah! bah! hat man nicht die Anagramme, mit deren Hülfe man alle königliche Cenſoren vermeidet. Ich frage Sie, ob Ihnen je ein Cenſor verbieten wird, die Geſchichte des Prinzen Silon und der Prinzeſſin Etteniotna, Beherrſcherin von Narfec, zu erzählen. Nun, was ſagen Sie?“ „Oh! ja,“ rief der Zeitungsſchreiber entflammt, „die Idee iſt bewundernswürdig.“. „Und ich bitte Sie, zu glauben, daß einem Kapitel, betitelt:„Die Kriſen der Prinzeſſin Ette⸗ niotna bei dem Fakir Remſem,“ eine ſehr günſtige Aufnahme in den Salons zu Theil würde.“ „Ich glaube es wie Sie.“ „Gehen Sie und ſchreiben Sie uns das mit ihrer beſten Tinte.“ Der Journaliſt drückte dem Unbekannten die Hand. 262 „Soll ich Ihnen einige Nummern ſchicken?“ fragte er;„ich thue es mit großem Vergnügen, wenn Sie mir gefälligſt Ihren Namen ſagen wollen.“ „Gewiß, ja! Dieſer Gedanke entzückt mich, und von Ihnen ausgeführt, wird er hundert Procent ge⸗ winnen. Wie viel Eremplare laſſen Sie gewöhnlich von Ihren Pamphlets abziehen?“ „Zweitauſend.“ „Erweiſen Sie mir einen Gefallen.“ „Gern.“ „Nehmen Sie dieſe fünfzig Louisd'or und laſſen Sie ſechstauſend drucken.“ „Wie, mein Herr! oh! Sie ſind allzu gütig. Darf ich wenigſtens den Namen eines ſo großmüthigen Be⸗ ſchützers der Wiſſenſchaften kennen.“ „Sie ſollen ihn erfahren, wenn ich bei Ihnen tauſend Exemplare zu zwei Livres das Stuͤck holen laſſe— in acht Tagen, nicht wahr?“ 5„Ich werde Tag und Nacht daran arbeiten, mein err.“ „Und es ſei beluſtigend.“ „Daß ganz Paris bis zu Thränen darüber lacht... eine Perſon ausgenommen.“ „Nicht wahr, die Blut weinen wird?“ „Oh! mein Herr, wie viel Geiſt haben Sie!“ „Sie ſind ſehr gut. Ahl datiren Sie den Artikel von London.“ „Wie immer.“ „Mein Herr, ich bin Ihr Diener. Hienach entließ der dicke Unbekannte den Zei⸗ tungsſchreiber, der mit ſeinen fünfzig Louisd'or in der Taſche leicht wie ein Vogel an ſchlimmen Vorzeichen entfloh. Der Unbekannte, der allein, oder vielmehr ohne Gbfährten geblieben war, ſchaute noch einmal im Saale der Kriſen nach der jungen Frau; an die Stelle der Epoche war bei dieſer eine völlige Entkräftung getre⸗ ten, und eine Kammerfrau, beſtimmt für die Damen 9 263 in der Arbeit der Kriſe, ſchlug keuſcher Weiſe die etwas indisecreten Röcke nieder. Er bemerkte in dieſer zarten Schönheit jene feinen, wollüſtigen Züge, die edle Grazie jenes ſich hingebenden Schlummers, kehrte dann um und ſagte zu ſich ſelbſt: „Die Aehnlichkeit iſt offenbar zum Erſchrecken; Gott, der ſie geſchaffen, hatte ſeine Abſichten; er hat zum Voraus jene dort, der dieſe hier gleicht, ver⸗ urtheilt.“ In dem Augenblick, wo er dieſen drohenden Ge⸗ danken vollendete, erhob ſich die junge Frau von ihren Kiſſen und war, indem ſie ſich der Hülfe des Armes von einem ſchon aus der Ertaſe erwachten Nachbar bediente, bemüht, ein wenig Ordnung in ihre, die Geſehe des Wohlanſtands ſtark verletzende Toilette zu ringen. Sie erröthete ein wenig, als ſie ſah, welche Auf⸗ merkſamkeit ihr die Anweſenden ſchenkten, und antwor⸗ tete mit einer coquetten Höflichkeit auf die ernſten und zugleich artigen Fragen von Mesmer; dann ſtreckte ſte ihre runden Arme und ihre hübſchen Beine aus, wie eine Katze, die aus dem Schlaf erwacht, durchſchritt die drei Salons und erntete dabei, ohne einen einzigen zu verlieren, die theils ſpöttiſchen, theils begehrlichen, theils ſcheuen Blicke ein, die ihr die Anweſenden zuſandten. Was ſte aber dergeſtalt in Erſtaunen ſetzte, daß ſie darüber lächeln mußte, war der Umſtand, daß ihr, als ſie an einer in einer Ecke des Salons flüſternden Gruppe vorüberging, ſtatt meuteriſcher Blicke oder. galanter Redensarten eine Ladung ehrfurchtsvoller Verbeugungen zu Theil wurde, die kein franzöoͤſiſcher Hofmann ſteifer und ernſter hätte finden können, um die Königin zu begrüßen. Dieſe erſtaunte, ehrerbietige Gruppe war in der That von dem unermüdlichen Unbekannten zuſammen⸗ gebracht worden, der, hinter der Gruppe verborgen, zu ihr ſagte: 264 „Gleichviel, gleichviel, meine Herren, es iſt nichts⸗ deſtoweniger die Königin von Frankreich, verbeugen wir uns, verbeugen wir uns tief.“ Die kleine Perſon, der Gegenſtand von ſo viel Reſpekt, ging mit einer gewiſſen Bangigkeit durch die letzte Hausflur und kam in den Hof. Hier ſuchten ihre matten Augen einen Fiaere oder eine Sänfte; ſie fand keines von beiden; doch ungefähr nach einer Minute der Unentſchloſſenheit, als ſie ſchon ihren niedlichen Fuß auf das Pflaſter ſetzte, näherte ſich ihr ein großer Lackei und ſagte: „Der Wagen von Madame.“ 7„Ich habe keinen Wagen,“ entgegnete die junge rau „Madame iſt in einem Fiacre gekommen?“ 44 „Ja. 4 9 „Von der Rue Dauphine?“ 44 d. „Ich werde Madame nach Hauſe führen.“ „Gut, führen Sie mich,“ ſprach die kleine Perſon mit einer ſehr ungezwungenen, entſchloſſenen Miene, ohne daß ſie nur eine Minute die Unruhe behalten hatte, welche durch das Unvorhergeſehene dieſes Antrags bei jeder andern Frau verurſacht worden wäre. Der Lackei machte ein Zeichen, auf das ſogleich eine Carroſſe von gutem Ausſehen antwortete, von der die Dame aufgenommen wurde. Der Lackei hob den Fußtritt auf und rief dem Kutſcher zu: „Rue Dauphine.“ Die Pferde entfernten ſich raſch; als ſie den Pont⸗ Neuf erreicht hatte, bedauerte die kleine Dame, die viel Geſchmack an dieſer Art der Fortbewegung fand, unge⸗ mein, daß ſie nicht im Jardin des Plantes wohnte. Der Wagen hielt an. Der Fußtritt ſank nieder; ſchon ſtreckte der wohlunterrichtete Lackei die Hand aus, um von der Dame den Hauptſchlüſſel zu empfangen, mittelſt deſſen die Bewohner von dreißigtauſend Häuſern 265 in Paris, die keine Hotels waren und weder Haus⸗ meiſter noch Schweizer hatten, heimkehrten. Der Lackei öffnete alſo die Thüre, um die Finger der kleinen Dame zu ſchonen; dann in dem Augenblick, wo dieſe in den finftern Gang eindrang, grüßte er ſie und ſchloß die Thüre wieder. Die Carroſſe rollte weiter und verſchwand. „Das iſt wahrhaftig ein angenehmes Abenteuer,“ rief die junge Frau.„Es iſt ſehr galant von Herrn Mesmer. Ohl wie muͤde bin ich! Er wird dieß vor⸗ hergeſehen haben. Er iſt ein ſehr großer Arzt!“ So ſprechend, gelangte ſie zum zweiten Stockwerk des Hauſes, auf eimen Ruheplatz, der von zwei Thüren beherrſcht war. Sobald ſie geklopft hatte, öffnete ihr eine Alte. „Oh! guten Abend, Mutter; iſt das Nachteſſen bereit?“ „Ja, es wird ſogar kalt.“ „Iſt er da?“ „Nein, noch nicht; doch der Herr iſt da.“ „Welcher Heri?“ „Der, welchen Sie heute Abend nothwendig ſpre⸗ chen müſſen.“ „Ich? „Ja, Sie. Dieſe Unterredung fand in einem kleinen, mit Glasſcheiben verſehenen Vorzimmer ſtatt, das den Ruheplatz von einer großen, nach der Straße gehenden Stube trennte. Durch das Fenſterwerk ſah man deutlich die Lampe, die dieſe Stube erhellte, deren Anblick, wenn nicht befriedigend, doch wenigſtens erträglich war. Alte Vorhänge von einer gelben Seide, welche die Zeit ſtellenweiſe geadert und abgebleicht hatte, einige Stühle von grünlichem Utrechter Sammet, ein großer Schrank mit zwölf Schubladen und mit eingelegter Arbeit, ein alter gelber Sopha, das waren die Herr⸗ lichkeiten des Gemaches. 266 Sie erkannte dieſen Mann nicht, aber unſere Leſer werden ihn wohl erkennen: es war derjenige, welcher die Neugierigen in Beziehung auf die angebliche Kö⸗ nigin aufgewiegelt und die fünfzig Louisd'or für das Pamphlet gegeben hatte. Die junge Frau öffnete ungeſtüm die Glasthüre, und kam bis zum Sopha, auf dem ſie ruhig einen mehr fetten als magern Mann von gutem Ausſehen ſitzen ſah, der mit einer ſehr ſchönen weißen Hand mit einem äußerſt reichen Spitzenjabot ſpielte. Die junge Frau hatte nicht Zeit, das Geſpräch zu beginnen. Dieſer ſeltſame Menſch machte eine Art von Gruß, halb Bewegung, halb Verbeugung, heftete einen glän⸗ fden Blick voll Wohlwollen auf ſeine Wirthin und prach: „Ich weiß, um was Sie mich erſuchen wollen, doch ich werde Ihnen beſſer antworten, wenn ich Sie ſelbſt befrage. Sie ſind Mademoiſelle Oliva?“ „Ja, mein Herr.“ „Eine reizende, äußerſt nervoͤſe und für das Syſtem von Mesmer eingenommene Frau?“ „ Ich komme gerade von ihm.“ „Sehr gut! das erklärt Ihnen nicht, wie mir Ihre ſchönen Augen ſagen, warum Sie mich auf Ihrem Sopha finden, und das iſt es doch, was Sie beſonders zu wiſſen wünſchen.“ „Sie haben richtig errathen, mein Herr.“ „Wollen Sie mir den Gefallen erweiſen, ſich zu ſetzen; wenn Sie ſtehen blieben, wäre ich genöthigt, mich auch zu erheben; dann würden wir nicht bequem plaudern.“ „Sie können ſich ſchmeicheln, ſehr außerordentliche Manieren zu haben,“ erwiederte die junge Frau, die wir fortan Mademoiſelle Oliva nennen werden, da ſie auf dieſen Namen zu antworten ſich herbeiließ. „Mademoiſelle, ich habe Sie vorhin bei Mesmer geſehen und ſo gefunden, wie ich Sie wünſchte.“ 267 „Mein Herr!“ „Ohl erſchrecken Sie nicht; ich ſage Ihnen nicht, ich habe Sie reizend gefunden; nein, das würde auf Sie die Wirkung einer Liebeserklärung machen, und das iſt nicht meine Abſicht. Ich bitte, weichen Sie nicht zurück, Sie nöthigen mich, zu ſchreien, wie ein Tauber.“ „Was wollen Sie denn?“ verſetzte Oliva naiv. „Ich weiß, daß Sie gewohnt ſind, ſich ſchön nennen zu hören,“ fuhr der Unbekannte fort;„ich, der ich dieß übrigens auch denke, habe Ihnen etwas Anderes vor⸗ zuſchlagen.“ „Mein Herr, Sie ſprechen wahrhaftig in einem Ton mit mir..“ „Brauſen Sie nicht auf, ehe Sie mich gehört haben.... Iſt Jemand hier verborgen?“ „Niemand iſt hier verborgen, aber.. „Wenn Niemand hier verborgen iſt, ſo ſprechen wir ohne Scheu. Was würden Sie zu einem kleinen Bündniß zwiſchen uns ſagen?“ „Ein Bündniß... Sie ſehen wohl...“ „Sie verwechſeln abermals. Ich ſage Ihnen nicht, Bund, ſondern Bündniß. Ich ſpreche nicht von Liebe, ſondern von Geſchäften.“ „Was für Geſchäfte meinen Sie?“ fragte Oliva, deren Neugierde ſich durch ein ſichtbares Erſtaunen verrieth. „Was thun Sie den ganzen Tag?“ „Aber... „Seien Sie ohne Furcht; es fällt mir nicht ein, Sie zu tadeln; ſagen Sie mir, was Ihnen beliebt.“ „Ich thue Nichts, oder mindeſtens ſo wenig, als möglich.“ 4 „ Sie ſind träge.“ Oh!“ 4 „Sehr gut.“ „Oh! Sie ſagen, ſehr gut?“ 268 „Allerdings. Was macht es mir, daß Sie träge ſind? Gehen Sie gern ſpazieren?“ „Zum Henker! ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich nicht Ihr Liebhaber ſein will: hören Sie mich alſo ruhig an.“ „Nun denn auch zum Henker, was ſoll ich thun, um Ihre fünfzig Louisd'or zu verdienen?“ „Haben wir geſagt: fünfzig?“ 7 d. „Gut, fünfzig. Sie empfangen mich bei ſich, Sie machen mir das möglichſt freundliche Geſicht, Sie geben mir den Arm, wenn ich es wünſche, Sie erwarten mich, wo ich Sie mich zu erwarten heiße.“ „Aber ich habe einen Liebhaber, mein Herr.“ „Nun, was dann?“ „Wie, was dann?“ „Ja, jagen Sie ihn beim Teufel fort!“ „Oh! man jagt Beaufire nicht fort, wie man will.“ „Soll ich Ihnen dabei helfen?“ „Nein, ich liebe ihn.“ Oh!“ /* „Ein wenig.“ V V V V 269 „Das iſt gerade zu viel.“ „Es iſt ſo.“ „So will ich mir den Beauſire gefallen laſſen.“ „Sie ſind bequem, mein Herr.“ „Unter dem Vorbehalte der Wiedervergeltung; ſind Ihnen die Bedingungen genehm?“ 4 „Sie ſind es mir, wenn Sie mir dieſelben voll⸗ ſtändig geſagt haben.“ „Hoͤren Sie, meine Liebe, ich habe Alles geſagt, was ich für den Augenblick zu ſagen hatte.“ „Bei Ihrem Ehrenwort?“ „Bei meinem Ehrenwort. Doch Sie begreifen Eines?2..“ „Was?“ „Daß, wenn ich zufällig nöthig hätte, daß Sie wirklich meine Geliebte wären...“ 4„Ah! ſehen Sie! man hat das nie nöthigt mein err.“ „Doch es zu ſcheinen.“ „Das will ich mir auch gefallen laſſen.“ „Gut, abgemacht alſo.“ „Topp!“ „Hier iſt der erſte Monat zum Voraus.“ Er reichte ihr eine Rolle von fünfzig Louisd'or, ohne nur das Ende ihrer Finger zu berühren. Und da ſie zögerte, ließ er die Rolle in die Taſche ihres Rockes gleiten, ohne nur dieſe ſo runde und ſo beweg⸗ liche Hüfte zu ſtreifen, welche die Feinſchmecker Spaniens nicht verachtet hätten, wie er. Kaum war das Gold auf den Grund der Taſche gelangt, als ein zweimaliges Klopfen an die Hausthüre Oliva nach dem Fenſter ſpringen machte. „Guter Gott!“ rief ſie,„entfliehen Sie geſchwinde, er iſt es.“ 4 „Er. Wer?“ „Beauſtre... mein Liebhaber; rühren Sie ſich doch.“ 4„Ohl meiner Treue, mir gleichviel.“ 270 „Wie, gleichviel? er wird Sie in Stücke hauen.“ Bah!“ „Hören Sie, wie er klopft; er wird die Thüre ſprengen.“ „Laſſen Sie ihm öffnen; warum des Teufels geben Sie ihm denn keinen Hauptſchlüſſel?“ Hienach ſtreckte ſich der Unbekannte auf dem Sopha aus und ſagte leiſe: „Ich muß dieſen Burſchen ſehen und ihn beur⸗ theilen.“ Das Klopfen wurde fortgeſetzt, darunter miſchten ſich Flüche, welche noch viel höher hinaufſtiegen, als bis zum zweiten Stockwerk. „Gehen Sie, Mutter, öffnen Sie,“ ſagte Oliva ganz wüthend.„Und was Sie betrifft, mein Herr, mir gleichviel, wenn Ihnen ein Ungluück widerfährt.“ „Wie Sie ſagen, gleichviel,“ erwiederte der unem⸗ pfindliche Unbekannte, ohne ſich vom Sopha zu rühren. Oliva horchte bebend auf dem Ruheplatz. In unſerem Verlag iſt ferner erſchienen: Beliebte Damenlectüre in äußerſt elegantem und dabei ſehr billigem Gold⸗ ſchnittband mit eigens nach dem Text entworfenen Illuſtrationen in Gold: Friederike Bremer, 3 ſämmtliche Werke. 4 Bände. Mit Titelkupfer. Eleganteſter Goldſchnittband, in ächt engliſche Callioo dauerhaft gebunden, mit 8 diverſen Goldſtempeln auf beiden Seiten und Gold⸗ titel auf dem Rücken, nach eigens für dieſelben entwor⸗ fenen Zeichnungen von Maler Hohenſtein. Preis f. die 4 Bde., welche einzeln nicht abgegeben werden, nur 4 Thaler oder 6 Gulden. Inhalt der 4 Bände: 1r Bd. Die hchter des Präſidenten.(Bild: ina. Nina.(Bild: Der Präſident mit Erla Schach ſpielend.) 2r Bd. Die Nachbarn.(Bild: Der Bär.) Streit und Friede.(Bild: Madame Aſtrid.) 3r Bd. Das Haus.(Bild: Petrea, die Schlange . und der Candidat.) Familie H.(Bild: Emilie.) 4r Bd. Ein Tagebuch.(Bild: Felix und Selma.) In Dalekarlien.(Bild: Frau Ingeborg Nordevall.) 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